Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Leih- und Leſebedingungen. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht gfananahens und Rückgabe der Bucher jeden Tag 7 Übr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen B jedan Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Verſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe 1 hinterlegen, welche der deſſen Zurückgabe vo j — — zur Em⸗ Buches wird von Tages iſt zu 24 Stun n mir zurückerſtatret wird. 4. Abonnament. Daſſelbe muß voraus bezahlt beträgt; für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: auf 1 Monat: 4 er. Wf. „ werden und 6 Bücher: 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk. Pf. 32„=„— n für Hin⸗ und Zuri lickſendung enen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Auswärtige Ahonnentan hHabe der Buger auf ihre eig 3 Sch. adenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 4 defedtg Bücher(namentlich bei folchen mit Kupfern ꝛc.) muß der . Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerr riſſene, beſchmutzte, lorene oder defecte Buch ein Theil eine der Leſer zum Erſatz Des Ganzen verpflichtet. 5 „ 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ g ſelben von mir geliehen auch dafür zu ſtehen haben. 8 2. ö 2 Ednard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. von Morgens ¾ größeren Werkes, ſo iſt il J. F. Cooper's — Amerikaniſche Nomane, neu 8 aus dem Engliſchen übertragen. Dritter Band. Die Anſiedler. Stuttgart. Verlag von S. G. Lieſching. 1848. 9 Die Anſiedler an den Quellen des Susquehanna. — Ein Zeitgemälde von James Fenimore Cooper. 5 Nach der von dem Verfaſſer durchgeſehenen, verbeſſerten, mit einem neuen Vorworte und mit Noten begleiteten Ausgabe übertragen von Dr. C. Kolb. Dritte Auflage. Wildfremde Sitten ſteh'n im engen Rahmen Von Ort und Zeit freundnachbarlich beiſammen, Und malen ſich in Gegenſätzen da, Wie's nie ein ander Land und Alter ſah. Paulding. Stuttgart. Verlag von S. G. Lieſching. 18 48. Schnellpreſſendruck von J. Kreuzer in Stuttgart. Einleitung. Da ſich die gegenwärtige Schrift bereits auf dem Titel⸗ blatte als ein Zeitgemälde ankündigt, ſo wird es Denen, welche ſich die Mühe nehmen, dieſelbe zu leſen, nicht un⸗ willkommen ſeyn, zu erfahren, was von ihrem Inhalte buch⸗ ſtäbliche Wahrheit, und was die Beigabe des darſtellenden Dichters iſt. Der Verfaſſer fühlt wohl, daß er ein weit beſſeres Buch hätte zu Stande bringen können, wenn er ſich ausſchließlich auf die letztgenannte Thätigkeit beſchränkt hätte, da bei ſolchen literariſchen Erſcheinungen das freie Walten der Phantaſte immer die lebhafteſten Eindrücke hervorbringt. Aber bei der Schilderung von Scenen und vielleicht auch von Charakteren, die ihm in ſeiner Jugend vertraut geworden waren, konnte er der Verſuchung nicht widerſtehen, lieber das zu zeichnen, was er mit leiblichen Augen geſehen, als das, was vielleicht nur der geiſtige Blick geſchaut haben mochte. Ein allzuſtarres Feſthalten an der Wahrheit, ſo un⸗ erläßlich ſie auch für die Geſchichte und für Reiſebeſchreibungen iſt, zerſtört den Zauber der Poeſte; denn was dem Geiſte durch die Letztere vorgeführt werden ſoll, nimmt ſich weit beſſer in Entwickelung von Grundſätzen und Charakteren, welche ihrem Bereiche entnommen ſind— aus, als in einem allzu ängſtlichen Haften an wirklichen Vorbildern. Da New⸗York nur Einen Bezirk Otſego, und der Susquehanna nur Eine eigentliche Quelle hat, ſo kann hin⸗ ſichtlich des Schauplatzes der gegenwärtigen Erzählung kein Irrthum ſtattfinden. Seine Geſchichte, ſo weit ſie auf die Anſtedelungen der Weißen Bezug hat, läßt ſich in kurze Worte faſſen. Otſego, wie überhaupt der größte Theil des Innern der Provinz New⸗York gehörte vor dem Trennungskriege zu der Grafſchaft Albany, und fiel bei einer ſpäteren Theilung des Gebiets an Montgomery, bis es endlich in Folge der Zu⸗ nahme ſeiner Bevölkerung, kurz nach dem Frieden von 1783, zu einem eigenen Bezirke erhoben wurde. Er liegt zwiſchen den niedrigen Ausläufern des Allegany⸗Gebirges, welche die mittleren Theile des Staates New⸗York durchziehen, etwas öſtlich von einem durch den Mittelpunkt des Staates ge⸗ zogenen Meridian. Die Flüſſe von New⸗York haben ihren Ablauf entweder nach Süden in das Atlantiſche Meer oder nach Norden in den Ontario und ſeine Ausmündungen. Der Otſego⸗See iſt die Quelle des Susquehanna und liegt daher begreiflicher Weiſe in den Hochlanden. Die Geſtalt des Landes, das Klima, wie es von den Weißen getroffen wurde, und die Sitten der Anſiedler ſind in unſerer Erzählung mit einer Ausführlichkeit geſchildert, die der Autor nur mit der Lebhaftigkeit ſeiner Rückerinnerungen entſchuldigen kann. Der Name Otſego iſt gebildet aus den Worten Ot, was einen Verſammlungsort bedeutet, und Sego oder Sago, der unter den Indianern üblichen Begrüßungsformel. Einer Ueberlieferung zufolge, pflegten die benachbarten Stämme an den Ufern des Sees Zuſammenkünfte zu halten, um Verträge zu ſchließen und ihre Bündniſſe auf ſonſtige Weiſe zu kräf⸗ tigen, woraus ſich die genannte Zuſammenſtellung erklärt. Da indeß der indianiſche Agent von New⸗York ein Blockhaus an den Ufern des Sees beſaß, ſo iſt es nicht unmöglich, daß der Name ſeinen Urſprung von den Verſammlungen hat, welche dort bei ſeinen Berathungsfeuern gehalten wurden. Bei dem Ausbruche des Krieges mußte der Agent, nebſt anderen Be⸗ VII amten der Krone, den Strich verlaſſen, und ſeine unſcheinbare Wohnung ſtand bald verödet. Der Verfaſſer erinnert ſich, ſie einige Jahre nachher in der beſcheidenen Eigenſchaft eines Rauchhauſes geſehen zu haben. Im Jahre 1779 wurden Truppen gegen die vereinigten Indianer geſandt, welche ungefähr hundert Meilen weſtlich von Otſego, an den Ufern des Kayuga⸗Sees hausten. Der ganze Strich war damals eine Wildniß, weßhalb es nöthig wurde, die Bagage der Mannſchaft auf den Flüſſen fortzu⸗ ſchaffen,— allerdings ein Umweg, aber jedenfalls das Beſte, was man thun konnte. Eine Brigade zog am Mohawk auf⸗ wärts, bis ſie eine Stelle erreichte, welche den Quellen des Susquehanna am nächſten liegt, und von wo aus ein Engpaß durch den Urwald zu dem oberen Ende des Otſego führt. Die Boote und das Gepäck wurden über den„Trage⸗ platz“ gebracht, während die Truppen den See kreuzten, an dem untern Ende deſſelben landeten und ein Lager ſchlugen. Der Susquehanna, ein an ſeinem Urſprunge ſchmaler aber reißender Strom, war voll von Treibholz oder entwurzelten Bäumen, und die Truppen mußten ein neues Mittel erſinnen, um ſich ihren ferneren Marſch zu erleichtern. Der Otſego nun iſt ungefähr neun engliſche Meilen lang und wechſelt in der Breite von einer bis zu anderthalb Meilen: ſein tiefes klares Waſſer erhält von vielen hundert Quellen ſeinen Zu⸗ wachs. Unten ſind die Ufer faſt dreißig Fuß hoch, während ſte an den übrigen Stellen durch Berge, Niederungen und Vorſprünge gebildet werden. Sein Abwaſſer, oder der Sus⸗ quehanna, fließt durch einen Einſchnitt der vorerwähnten niedrigen Ufer in einer Breite von gegen zweihundert Fuß ab. Dieſer Einſchnitt wurde mit Dämmen verſehen, die Abwaſſer des Sees geſammelt und der Susquehanna in dieſer Weiſe zu einem ſtärkeren Gewäſſer umgewandelt. Als dieſe Vor⸗ kehrungen getroffen waren, ſchifften ſich die Truppen ein; der Damm wurde durchſtochen und der Otſego goß ſeinen Strom aus, auf dem die Boote alsbald luſtig abwärts fuhren. VIII Theile des Otſego lagerten, wurde ein S tion erſchoſſen. Das Grab dieſes unglück erwähnte Rauchhaus die erſte von ihm er Die in unſerer Schrift erwähnte Feldſch elterlicher Wohnung die Keller grub. Bald nach Beendigung des Kriegs beſu blieb jedoch nur wenige Stunden. Wildniß, um dieſelbe vermeſſen zu bedeutenden hältniſſe. Es iſt ein eigenthümli laſſung in einem entfernteren Landestheile an war, ſolche trotz der günſtigen Verhältniſſe, 3 der Zeit doch noch nicht ſo weit vorgerückt, General James Clinton, der Bruder von Geor damals Gouverneur von New⸗York, und der Vater von De Witt Clinton, der als Gouverneur deſſelben Staates im Jahre 1827 ſtarb— commandirte die mit dieſem Zuge beauf⸗ tragte Brigade. Während die Truppen an dem unteren oldat wegen Deſer⸗ lichen Mannes war die erſte Grabſtätte, die der Autor je geſehen, wie das vor⸗ blickte Ruine war. hlange wurde bei dieſem Anlaſſe von den Truppen zurückgelaſſen und ver⸗ ſcharrt; man fand ſie ſpäter auf, als man in des V hte Washington, mit einem Gefolge vieler ausgezeichneter Männer, platz unſerer Erzählung, dem Vernehmen nach, um zu unterſuchen, ob ſich nehmlich nicht hier eine Communication auzu Waſſer mit andern Punkten des Landes bewerkſte Im Jahr 1785 erſchien der Vater des Autors in dieſer laſſen, Strich derſelben anzukaufen gedachte. Eindruck ſte auf ihn machte, haben wir durch den Temple ſchildern laſſen. Zu Anfang des folgenden Jahres begann die Anſiedelung, und von dieſer Zeit an bis auf die gegenwärtige kam der Strich fortwährend in blühendere Ver⸗ cher Zug in dem amerikaniſchen Leben, daß es einem reichen Manne, der zu Anfang dieſes Jahrhunderts Gelegenheit hatte, Anſiedlern eine neue Nieder⸗ zubieten, möglich deren ſie ſich in ihren früheren Colonien erfreuen mochten, nach ſich zu ziehen. Obgleich die Niederlaſſung an dem Otſego 1 Jahre vor der Geburt des Autors ſtatt fand, ſo war IX für räthlich erachtet hätte, ein für ihn ſelbſt ſo wichtiges Ereigniß in der Wildniß ſtatt finden zu laſſen. Vielleicht hegte ſeine Mutter ein gegründetes Mißtrauen in die Er⸗ fahrung des Doktors Todd, der damals noch in dem Novi⸗ ciat ſeiner ärztlichen Praxis geſtanden haben mußte. Doch dem ſey wie ihm wolle, der Autor wurde noch als Kind wieder in das Thal gebracht, welchem er die erſten Eindrücke ſeiner Jugend verdankt. Er wählte auch in ſpäteren Jahren je⸗ zuweilen ſeinen Aufenthalt daſelbſt und glaubt daher für die Treue ſeines Gemaͤldes einſtehen zu können. Otſego iſt nun einer der bevölkertſten Diſtrikte von New⸗York, welcher ſeine Auswanderer ſo gut, als irgend einen der älteren, entſendet und wegen ſeines Gewerbfleißes und Unternehmungsgeiſtes in gutem Rufe ſteht. Seine Manufacturen blühen, und es iſt bemerkenswerth, daß eine der ſinnreichſten Maſchinen, welche die europäiſche Kunſt kennt, von dem Scharfſinne, welcher in dieſer abgelegenen Gegend heimiſch iſt, ihre Entſtehung ableitet. Um Mißverſtaͤndniſſen zu begegnen, wird es am Orte ſeyn, zu bemerken, daß der gegenwärtigen Erzählung kein wirkliche Begebenheiten zu Grunde liegen, und daß die buch ſtäblich wahren Thatſachen ſich nur auf die örtlichen Ver⸗ hältniſſe und die Sitten und Gebräuche der Einwohner beziehen. Die Akademie, das Gerichtshaus, das Gefängniß, das Wirths⸗ haus und die meiſten andern Staffagen der Artexiſtirten wirklich, haben aber ſeitdem andern Gebäuden von anſpruchsvollerem Charakter Platz gemacht. Bei der Schilderung des Herren⸗ hauſes erlaubten wir uns einige Freiheit, denn das eigent⸗ liche Gebäude hatte keinen„erſten und zweiten Theil.“ Es beſtand aus Ziegeln, nicht aus Steinen, und zeigte keine von den eigenthümlichen Schönheiten der„zuſammengeſetzten Ordnung,“ indem es in einer zu frühen Periode errichtet wurde, um ſich bereits aller Vortheile dieſer ſo hoch anſtrebenden Schule der Architektonik erfreuen zu können. Das Innere deſſelben iſt jedoch ganz auf Rückerinnerung hin gezeichnet, und hier trifft alles mit der Wirklichkeit zuſammen, ſogar bis auf Wolf's zertrennten Arm und den Aſchenkrug der Königin Dido. Der Verfaſſer hat bereits anderswo erklärt, daß Leder⸗ ſtrumpf's Charakter ein Gebilde iſt, welches durch Hilfs⸗ mittel, wie ſte zu Hervorbringung des Effekts nöthig waren, Wahrſcheinlichkeit gewinnt. Hätte er ihn mit noch mehr Liebe gezeichnet, ſo würden die Freunde der Poeſte nicht ſo viel Anlaß haben, gegen dieſe Arbeit Einwendungen zu machen. Das Geſammtgemälde wäre jedoch ſicher weniger treu ausgefallen, ohne wirkliche Vertreter für die meiſten übrigen Perſonen. Der große Grundbeſitzer, der auf ſeinen Ländereien wohnt und denſelben ſeinen Namen gibt, ſtatt ihn, wie es in Europa üblich iſt, von ihnen zu erhalten, kömmt in New⸗ York häufig vor. Der Arzt mit ſeiner Theorie, die er ſich durch Experimente am menſchlichen Körper eher ſchafft als verbeſſert; der fromme, ſelbſtverläugnende, thätige und ſchlecht⸗ belohnte Miſſionär; der halbgebildete, ſtreitſüchtige, neidiſche und wenig achtbare Advokat mit dem Gegengewichte eines Collegen von beſſerem Schlage und anderem Charakter; der unſtete, handeltreibende, mißvergnügte Verkäufer ſeiner„Ver⸗ Zimmermann und die meiſten übrigen Charaktere ſind Allen bekannt, die je einen„neuen“ Bezirk Nach den angeführten Umſtänden iſt es augenfällig, daß der Autor bei Abfaſſung der„Anſiedler“ mehr Ver⸗ gnügen genoſſen, als ſein Werk wohl je dem Leſer zu gewähren im Stande ſeyn wird. Er weiß, daß die Schrift zahlreiche Fehler enthält, deren er in dieſer Ausgabe auch einige zu verbeſſern bemüht war: da er ſich aber wenigſtens redlich beſtrebt hat, das Seinige zur Unterhaltung der Leſewelt beizu⸗ tragen, ſo vertraut er darum auch ruhig auf ihre wohl⸗ wollende Nachſtcht, wenn er für ſich ſelbſt irgend zuviel in Anſpruch genommen haben ſollte. Paris, im März 1832. — un Die Anſiedler. G G K E RS SE Erſtes Kapitel. Der Winter kömmt, am Jahresſchluß zu üben Sein eigenſinnig trübes Regiment Sammt allen ſeinen Nebeln, Wolken, Stürmen. Thomſon. Faſt im Herzen des Staates Neu⸗York liegt ein ausgedehnter Landſtrich, deſſen Fläche durch eine Reihe von Bergen und Thälern gebildet wird. In dieſem Gebirgslande nimmt der Delaware ſei⸗ nen Urſprung; und aus den ſilberklaren Seen, wie aus den tau⸗ ſend Quellen dieſer Gegend, ſchlängeln ſich die zahlreichen Quellen des Susquehannah durch die Thäler, bis ſie durch die Vereinigung ihrer Waſſer einen der ſtolzeſten Ströme der nordamerikaniſchen Freiſtaaten bilden. Die Berge ſind faſt allgemein bis zu den Spitzen in bebaubarem Stande, obgleich nicht ſelten an ihren Seiten Felſenpartien hervorſpringen, welchen die Gegend ihren in ſo hohem Grade romantiſchen und maleriſchen Charakter verdankt. Durch die ſchmalen, üppigen und urbar gemachten Thäler zieht ſich faſt immer ein Flüßchen oder ein Bach, während ſchöne, blühende Dörfer zerſtreut an den kleinen Seen oder an jenen Punkten der Waſſerſtrömung liegen, die ſich vortheilhaft für Manufakturen benützen laſſen. Man findet allenthalben durch die Thäler bis zu den Spitzen der Berge hinan hübſche und bequeme Meiereien mit allen Abzeichen des Wohlſtandes; und in jeder Richtung begegnet man Wegen, die von den ebenen, anmuthigen Thalgründen bis zu den höchſten und verwickeltſten Gebirgsketten hinanführen. Akade⸗ mien und niederere Bildungsanſtalten begegnen dem Auge des Die Anſiedler. 3. Aufl. 1. Fremden, der durch das unebene Gebiet ſeinen Weg ſucht, alle Paar Meilen; und in der Menge der Orte, welche der Gottes⸗ verehrung geweiht ſind, bekundet ſich eben ſo ſehr der denkende und ſittliche Charakter des Volkes, als ſich in der Mannigfaltigkeit ihrer Formen und des um dieſelbe waltenden Geiſtes die unbedingte Gewiſſensfreiheit ausſpricht. Kurz, der ganze Diſtrikt iſt der ſpre⸗ chendſte Beleg, wie viel ſich— ſelbſt in einem wenig cultivirten und rauhen Landſtriche— unter der Herrſchaft milder Geſetze thun läßt, ſobald der Einzelne für das Wohl des Ganzen, von dem er ein Theil zu ſeyn ſich bewußt iſt, ein unmittelbares Intereſſe fühlt. Den Bemühungen des Anſiedlers, die Wildniß zu lichten, folgte der unermüdliche Fleiß des Grundbeſitzers, das mit ſaurem Schweiß Errungene zu verbeſſern,— ein Umſtand, der wohl den Wunſch rege machen kann, ſeiner Zeit unter dem Raſen, den man bebaute, zu ſchlummern, oder nicht minder den im Lande geborenen Sohn zu veranlaſſen vermag, aus kindlich frommem Sinne dem Grabe des Vaters nahe zu bleiben. Vor etwa vierzig Jahren* noch war das ganze Gebiet eine Wildniß. Bald nach der durch den Frieden von 1783 anerkannten Un⸗ abhängigkeit der vereinigten Staaten richtete ſich der Unternehmungs⸗ geiſt ihrer Bürger auf eine Unterſuchung der natürlichen Vortheile ihres weitausgedehnten Gebiets. Vor dem Revolutionskriege be⸗ ſchränkten ſich die bewohnten Theile der Colonie Neu⸗York nur auf ein Zehntel ihres Geſammtumfangs. Ein ſchmaler Landgürtel, der ſich auf beiden Seiten des Hudſon hinzog— mit einem ähnlichen, der etwa 50 Meilen weit den Ufern des Mohawk folgte, nebſt den Inſeln Naſſau und Staten, und einige abgeſchloſſene Anſtedelungen auf beſonders gutem Boden längs der Flußränder, bildeten das ganze Land, welches damals nicht einmal zweimalhunderttauſend Seelen barg. In dem erwähnten kurzen Zeitraume hat ſich die Bevölkerung über fünf Breiten⸗ und ſieben Längengrade ausgedehnt, *„Die Anſiedler“ wurden im Jahre 1823 geſchrieben.„ 3 und iſt zu anderthalb Millionen Einwohnern“ angeſchwollen, die behaglich von ihrem Beſitze leben, und in Jahrhunderten nicht zu beſorgen haben, daß der Ertrag des Bodens in ein ungünſtiges Mißverhältniß mit ihren Bedürfniſſen treten könnte. Unſere Erzählung beginnt mit dem Jahre 1793, ungefähr ſieben Jahre nach dem Entſtehen einer der früheſten jener Nieder⸗ laſſungen, welche den erwähnten faſt mährchenhaften Umſchwung in der Macht und dem ganzen Zuſtande des Landes herbeiführen halfen. An einem ſchönen, kalten Dezembertage um die Zeit des Sonnenuntergangs bewegte ſich in dem beſchriebenen Diſtrikte ein Sleigh's langſam den Abhang eines Berges hinan. Der Tag war für die Jahreszeit ſchön geweſen und nur zwei oder drei große Wolken, welche in dem Lichte, das von den die Erde bedeckenden Schneemaſſen wiederſtrahlte, blendend weiß erſchienen, ſegelten in dem reinen Blau des Himmels dahin. Der Weg wand ſich längs eines Abſturzes um den Gipfel eines Felſen hin, und wurde auf der einen Seite durch über einander geſchichtete Holzſtämme geſchützt, während man auf der andern den Felſen ſo weit ausgeſprengt hatte, um dem Straßenzug die für die gewöhnliche Fuhrwerke der damaligen Zeit nöthige Breite zu geben. Aber Holzſtämme, Felſen⸗ * 1831 beſtand die Einwohnerzahl von Neu⸗York völlig aus 2 Millionen. *r Sleigh(lies Sleh) iſt der in allen Theilen der vereinigten Staaten übliche Ausdruck für eine Art von Schlitten, und rührt wahrſcheinlich aus dem Weſten Englands her, wo dieſe Bezeichnung hin und wieder gebraucht wird. Die Amerikaner machen einen Unterſchied zwiſchen Sleigh und Schlitten, denn die Läufer des Sleigh ſind mit Metall beſchlagen. Auch gibt es zwei⸗ und einſpännige Sleighs. Von letzterer Art ſind die Cutter und die Pungs oder Zweipungs, von denen die einen mit ein⸗ fachen, die andern mit Gabeldeichſeln verſehen ſind; desgleichen die Gumper, rohe, für den ſchnellen Gebrauch zuſammengezimmerte Fuhr⸗ werke in den neuen Gebieten. Viele amerikaniſche Sleighs ſind ſehr elegant, obgleich ihre Benutzung, durch das Milderwerden des Klima's in Folge der Verminderung der Urwälder allmählig mehr und mehr in Abgang kommt. ausſprengung— kurz alles, was nicht mindeſtens etliche Fuß Höhe hatte, lag unter dem Schnee begraben. Eine einzige Fährte, kaum weit genug, um den Sleigh aufzunehmen, bezeichnete den Zug der Landſtraße, die faſt mit einer ellenhohen Schneeſchichte bedeckt war. In dem um etliche hundert Fuß tiefer gelegenen Thale bemerkte man eine ſogenannte Lichtung und die gewöhnlichen Vorkehrungen zu einer neuen Niederlaſſung, welche ſich ſogar bergan bis zu einem Punkte erſtreckten, wo der Weg nach einem auf dem Gipfel des Berges liegenden Flachlande abbeugte, während weiter oben Alles Wald war. Die Atmoſphäre glitzerte, als wäre ſie mit Myriaden von Lichtkörperchen erfüllt, und die edlen Roſſe vor dem Sleigh waren faſt ganz von einer Reiſſchichte bedeckt. Man ſah den Dampf ihrer Nüſtern wie Rauch aufſteigen, und jeder im Ge⸗ ſichtskreiſe liegende Gegenſtand, wie auch die Vorkehrungen der Reiſenden ließen auf die Strenge des Winters im Gebirge ſchließen. Das trübe, tiefſchwarze Pferdegeſchirr, welches ſich allerdings ſehr von den glänzend gefirnißten unſerer Tage unterſchied, war mit ungeheuern Platten und Schnallen von Meſſing verziert, die in den flüchtigen Sonnenſtrahlen, welche ihren Weg ſchräg durch die Baumgipfel fanden, wie blankes Gold erglänzten. Gewaltige, mit Nägeln beſchlagene und durch Schabraken unterlegte Sättel trugen vier hohe viereckige Thürmchen, durch welche die ſtarken Zügel nach der Hand des Lenkers, eines Negers von ungefähr zwanzig Jahren, liefen. Sein Geſicht, das die Natur mit einem glänzenden Schwarz ausgeſtattet hatte, war jetzt ſcheckicht vor Kälte, und in ſeinen großen leuchtenden Augen glänzten Thränen— ein Zoll, welchen die ſchneidenden Fröſte dieſer Gegenden den Söhnen der afrikaniſchen Sonne nie abzupreſſen verſäumen. Demungeachtet aber lag ein lächelnder Ausdruck der Heiterkeit in ſeinem glücklichen Geſichte, welcher wohl ſeinen Grund in dem Gedanken an die nahe Heimath und an die Beluſtigungen eines Chriſtabends in einem warmen Stübchen haben mochte. 5 Der Sleigh war eines jener geräumigen, bequemen, altmodi⸗ ſchen Fuhrwerke, die eine ganze Familie in ihrem Bauche verſorgen können, obgleich er in dem gegenwärtigen Augenblicke außer dem vorerwähnten Schwarzen nur zwei Perſonen enthielt.„Die Farbe war außen beſcheiden grün, innen feurig roth, letzteres vielleicht, um in dem kalten Klima doch wenigſtens dem Auge eine Gluth vorzuführen. Große Büffelhäute, an den Rändern mit guirlanden⸗ artig geſchnittenem rothem Tuch verziert, lagen in dem Sleigh und umhüllten die Füße der Reiſenden— eines Mannes in den mittleren Jahren und eines Mädchens in der erſten Blüthe der weiblichen Entwickelung. Der erſtere war, ſoviel ſich aus den Vorkehrungen, welche er zu Ausſchließung der Kälte getroffen hatte, von kräftigen Umriſſen. Ein verſchwenderiſch mit Pelzwerk verbrämter Ueberrock umſchloß ſeinen ganzen Körper mit Ausnahme des Kopfs, welcher durch eine Marderfellmütze, mit Maroquin ausgekleidet und ſo geformt, daß ſich die Seitenklappen über die Ohren herunter⸗ ſchlagen und durch ein ſchwarzes Band unter dem Kinn zuſammen⸗ knüpfen ließen— geſchützt wurde. Der obere Theil der Mütze war mit einer Art Quaſte verziert, die aus dem Schwanze des Thieres, welches das übrige Material geliefert hatte, beſtand und nicht un⸗ zierlich hinten einige Zolle über den Nacken hinunter hing. Unter dieſer Vermummung ſah man theilweiſe ein ſchönes Männergeſicht, zumal ein Paar ausdrucksvoller, großer, blauer Augen, die einen hellen Verſtand, gemüthliche Heiterkeit und einen wohlwollenden Sinn verkündigten. Die Geſtalt ſeiner Begleiterin war buchſtäb⸗ lich in den Kleidern, welche ſie trug, begraben. Aus einem dicht mit Flanell wattirten, großen Camelotmantel, welcher dem Schnitt und der Weite nach offenbar einem männlichen Körper angehörte, ſah ein mit Pelz ausgelegter ſeidener Ueberrock hervor. Eine ungeheure, mit Daunen gefütterte, ſchwarzſeidene Kaputze verbarg Kopf und Geſicht bis auf eine kleine Oeffnung, durch welche man Athem holen konnte, obgleich hin und wieder auch ein Paar leb⸗ hafter, beerſchwarzer Augen hervorfunkelten. Aber Vater und Tochter(denn in dieſer Verwandtſchaftsbeziehung ſtanden die beiden Reiſenden) waren zu ſehr mit ihren Betrachtungen beſchäftigt, um durch den Ton ihrer Stimme eine Stille zu unter⸗ brechen, welche durch das leichte Dahingleiten des Sleigh ſelten oder nie geſtört wurde. Der Erſtere dachte an das Weib, welches ſein Kind— das einzige— zum letzten Male an ihre Bruſt gedrückt hatte, als ſie vier Jahre früher mit widerſtrebendem Herzen ihre Zuſtimmung geben mußte, der Geſellſchaft ihrer Tocher zu ent⸗ ſagen, damit ſich dieſelbe jener Vortheile der Erziehung erfreuen möchte, welche zu der Zeit nur die Stadt Neu⸗York zu geben im Stande war. Wenige Monate nachher hatte ihn der Tod dieſer treuen Genoſſin ſeiner Einſamkeit beraubt. Er liebte jedoch ſein Kind zu aufrichtig, um ſie nach der verhältnißmäßigen Wild⸗ niß, wo er wohnte, zurückzuholen, ehe die Zeit, welche zu ihrer völligen Ausbildung für nöthig erachtet wurde, abgelaufen war. Die Gedanken der Tochter waren weniger düſter, da der Wechſel und die immer neuen Reize der Landſchaft, die ſich bei jeder Wendung der Straße vor ihr aufthaten, ihren Empfindungen ein frohes Staunen beimiſchten. Der Berg, auf den ſie eben hinfuhren, war mit ungeheuren Rothtannen bedeckt, die erſt in einer Höhe von ſiebenzig bis achtzig Fuß ihre Zweige ausbreiteten, und bis zum Wipfel oft das Dop⸗ pelte dieſer Höhe maßen. Das Auge konnte ſich daher durch die zahlloſen Oeffnungen einer weiten Ausſicht erfreuen, wenn dieſe nicht durch ein fernes Hügelland oder durch einen Berggipfel jen⸗ ſeits des Thales, welchem ſie zueilten, begränzt wurde. Die dun⸗ keln Baumſtäͤmme erhoben ſich aus dem weißen Schneegrunde wie regelmäßig gebaute Säulenſchäfte, bis hoch oben die Zweige mit ihren immergrünen Nadeln eine Decke formten, die einen ſchwer⸗ müthigen Contraſt zu der erſtarrten Erde bildete. Die Reiſenden n —ꝛé—2ö—õA 2—-— 7 fühlten keinen Wind, aber die Baumwipfel wiegten ſich majeſtätiſch und entſandten einen dumpfen, klagenden Ton, der ganz im Ein⸗ klang mit der Ruhe der melancholiſchen Scene ſtand. Der Sleigh war eine Strecke weit ganz eben fortgeglitten, und der Blick des Frauenzimmers haftete ſpähend, vielleicht auch furchtſam auf den Eintiefungen des Forſtes, als ſich ein lautes und anhaltendes Geheul, ähnlich dem Bellen eines zahlreichen Rudels von Jagdhunden, vernehmen ließ, das durch die hohen Bogen des Waldgewölbes hertönte. Sobald dieſe Laute das Ohr des alten Herrn erreichten, rief er laut dem Schwarzen zu: „Halt, Aggy; der alte Hektor iſt dort; ich würde ſein Bellen unter Zehntauſenden heraus kennen. Lederſtrumpf hat an dieſem ſchönen Tage ſeine Hunde herausgeführt, und gewiß ſind ſie jetzt hinter einem Wilde her. Dort, einige Klafter vor uns, läuft eine friſche Hirſchſpur;— und nun, Beß, wenn Du Dich vor dem Feuern nicht fürchteſt, ſo verſpreche ich Dir eine herrliche Zugabe zu Deiner Chriſtfeſttafel.“ Der Schwarze hielt an und ein heiteres Grinſen überflog ſeine erſtarrten Züge, während er zugleich die Arme übereinander zu ſchlagen begann, um wieder einige Circulation nach den Finger⸗ ſpitzen hin herzuſtellen. Der alte Herr richtete ſich inzwiſchen auf, warf ſeine Verhüllung ab und ſtieg aus dem Sleigh auf eine Schneebank, welche ſeine Laſt trug, ohne zu weichen. Nach einigen Augenblicken kam er damit zu Stande, aus einer Maſſe von Schachteln und Koffern eine doppelläufige Voggfflinte hervorzuholen, und nachdem er ſich ſeiner dichten Fäuſtlinge, unter denen er ein Paar andere mit Pelz gefütterte Lederhandſchuhe trug, entledigt und das Schloß ſeines Gewehrs unterſucht hatte, ſchickte er ſich an, vorwärts zu eilen, als ſich das leichte Rauſchen eines durch das Gehölz ſtürzenden Thieres vernehmen ließ und unmittelbar darauf nur wenige Schritte nach vorn ein ſchöner Bock die Straße kreuzte. Das Auftauchen des Wildes war raſch und ſeine Flucht geſchah mit der Eile des Windes; aber der Reiſende ſchien ein zu geübter Jäger zu ſeyn, um ſich dadurch außer Faſſung bringen zu laſſen. Sobald er des Thieres anſichtig wurde, erhob er mit ſicherem Auge und ſtetiger Hand ſeine Flinte und gab Feuer. Das Thier ſchoß jedoch unerſchreckt und ſcheinbar unverletzt weiter. Ohne ſein Gewehr ſinken zu laſſen, wandte der Schütze auf's Neue die Mündung ſeinem Opfer zu und feuerte abermals. Aber auch dieſer Schuß ſchien ſeine Wirkung verfehlt zu haben. Der ganze Auftritt war mit einer Geſchwindigkeit vor ſich gegangen, welche das Mädchen in hohem Grade verwirrte, und ſie freute ſich bereits unwillkührlich über das glückliche Entkommen des Thieres, als es plötzlich wie ein Meteor wieder auftauchte, und aber⸗ mals über den Weg ſetzte, worauf ein ſcharfer, raſcher Ton, ganz verſchieden von dem runden, vollen aus der Waffe ihres Vaters, in dem ſich aber der Knall eines Feuergewehrs ebenfalls nicht verkennen ließ, an ihr Ohr ſchlug. In demſelben Augenblicke machte der Bock einen Sprung in die Höhe, und als dem erſteren Schuſſe raſch ein zweiter folgte, ſtürzte das Thier kopfüber zu Erde, wo es auf der Schneerinde einigemale überkugelte. Ein lautes Halloh erſcholl aus dem Munde des unſichtbaren Schützen, und unmittelbar darauf traten ein Paar Männer aus einem Verſteck hinter zwei Tannenſtämmen hervor, wo ſie augenſcheinlich dem Zuge des Hir⸗ ſches aufgelauert hatten. „Ha! Natty; wenn ich gewußt hätte, daß Ihr im Hinterhalt läget, ſo hätte ich meine Schüſſe ſparen können,“ rief der Reiſende, indem er ſich nach der Stelle hinbewegte, wo das Thier lag, in deſſen Nähe ihm auch der entzückte Schwarze mit dem Sleigh folgte;„aber das Bellen des alten Hektor war zu ermuthigend, um ruhig zu bleiben. Und doch bin ich nicht überzeugt, ob nicht eine meiner Kugeln den Burſchen niederwarf.“ „Nein— nein— Richter,“ entgegnete der Jäger mit einem ſtillen Kichern und jenem frohlockenden Blicke, der das Bewußtſeyn n n——— 9 einer höhern Kunſtfertigkeit verkündet,„Sie haben Ihr Pulver nur abgebrannt, um ſich an dieſem kalten Abend die Naſe zu wärmen. Glauben Sie denn, einen ausgewachſenen Bock, dem Hektor und die Slut auf der Ferſe ſind, mit dieſer Schlüſſel⸗ büchſe da zum Halten zu bringen? Es gibt ja Faſanen genug an dem Moor, und die Schneevögel fliegen um Ihr Haus, ſo daß Sie dieſelben mit Brodkrumen füttern können. Derartiges Wildpret iſt etwas für Ihre Flinte; wenn Sie's aber nach einem Bock oder einem Bärenſchinken gelüſtet, Richter, ſo müſſen Sie eine langläufige Büchſe mitnehmen und gutes Pflaſter parat halten, ſonſt werden Sie, denke ich, mehr Pulver verſchwenden, als Sie Magen füllen.“ Nach dieſen Worten fuhr der Sprecher mit der bloßen Hand unter ſeiner Naſe weg und verzog ſeinen ungeheuren Mund aber⸗ mals zu einer Art innerlichen Lachens. „Das Gewehr theilt gut aus, Natty, und hat ſeiner Zeit wohl auch einem Hirſch den Garaus gemacht,“ entgegnete der Reiſende mit einem gutgelaunten Lächeln.„Der eine Lauf war mit Poſten geladen— freilich der andere nur mit Vogeldunſt. Da ſind zwei Schüſſe, der eine durch den Hals und der andere gerade durch das Herz. Es iſt nicht ausgemacht, Natty, ob nicht einer davon von mir herrührt.“ „Nun, mag ihn erlegt haben, wer will,“ verſetzte der Jäger verdrießlich;„es handelt ſich jetzt, denke ich, nur noch darum, von wem er gegeſſen wird.“ Mit dieſen Worten zog er ein großes Meſſer aus einer ledernen Scheide, die in ſeinem Gürtel ſtack, und durchſchnitt dem Hirſche die Gurgel.„Wenn zwei Kugeln in dem Thiere ſtecken, ſo möchte ich doch fragen, ob nicht etwa auch zwei Büchſen abgefeuert wurden?— Außerdem, wer hat je ein ſo zerriſſenes Loch an dem Hals wie dieſes durch ein nicht gezogenes Gewehr machen ſehen? Sie werden mir zugeben, Richter, daß der Bock erſt bei dem letzten Schuſſe ſiel, und der kam aus einer ſicherern und jüngeren Hand, als die Ihrige und die meinige iſt. Ich für meinen Theil kann zwar, obgleich ich ein armer Mann bin, ohne dieſes Wildpret leben, aber doch mag ich nicht gerne in einem freien Lande meine gerechten Anſprüche fahren laſſen. Frei⸗ lich muß ich, was das anbelangt, leider ſehen, daß hier ſo gut wie in dem alten Land Gewalt vor Recht geht.“ Ein Zug von Verdruß und Unzufriedenheit begleitete dieſe Rede des Jägers, obgleich er es für klug hielt, den Schluß der⸗ ſelben ſo leiſe auszuſprechen, daß er ſich in ein unverſtändliches Murmeln verlor. „Nein, Natty,“ entgegnete der Reiſende, ohne ſich ſeine gute Laune trüben zu laſſen, mich wehre mich nur um der Ehre willen. Mit einigen Dollaren iſt dieſes Wildpret bezahlt, aber was kann mich dafür entſchädigen, daß mir die Ehre, einen Hirſchſchwanz auf der Mütze zu tragen, entgeht? Bedenkt nur, Natty, wie ich über den hämiſchen Hund, den Dick Jones triumphiren könnte, der bereits ſiebenmal in dieſer Saiſon gefehlt und nichts heimgebracht hat, als ein Waldhuhn und ein Paar graue Eichhörnchen.“ „Ach, das Wild wird freilich immer ſeltener, Richter, je weiter dieſe Lichtungen und Verbeſſerungen um ſich greifen,“ erwiederte der alte Jäger mit einer Art erzwungener Reſignation.„Es hat eine Zeit gegeben, wo ich dreizehn Hirſche, die Hirſchkälber nicht mitgezählt, aus der Thüre meiner Hütte ſchießen konnte! Und wenn's einen nach einer Bärenkeule oder etwas der Art gelüſtete, ſo durfte er nur eine Nacht wachen, um einen ſolchen Burſchen beim Mondſchein durch die Ritzen, welche die Baumſtämme in den Wänden ließen, zu erlegen; es hatte dabei keine Gefahr mit dem Einſchlafen, denn das Geheul der Wölfe konnte ſchon die Augen offen halten. Da iſt der alte Hektor—“ er ſtreichelte während dieſer Worte einen hohen, ſchwarz⸗ und gelbgefleckten Jagdhund mit weißem Bauch und weißen Beinen, der eben im Geleite der ſchon erwähnten Slut von einer Fährte zurückkehrte;„ſehen 82 ◻ 11 Sie, wie ihm die Wölfe die Kehle zerbiſſen haben— in jener Nacht, als ich ſie von dem Wildpret vertrieb, das ſie mir aus dem Rauchfang holen wollten. Der Hund iſt zuverläſſiger, als mancher Chriſt, denn er vergißt nie einen Freund und liebt die Hand, welche ihm ſein Brod reicht.“ Es lag etwas Eigenthümliches in dem Benehmen des Jägers, was die Aufmerkſamkeit des jungen Frauenzimmers auf ſich zog, wie ſie denn auch von dem erſten Augenblicke an, ſeit ſie ſeiner anſichtig geworden, ſein Aeußeres und ſeine Tracht mit der geſpann⸗ teſten Aufmerkſamkeit betrachtete. Er war hoch und ſo mager, daß er ſogar noch größer erſchien, als er wirklich war. Auf dem mit dünnen, ſchlichten, röthlichen Haaren bedeckten Kopfe trug er eine Fuchsmütze, die an Geſtalt der des Reiſenden ähnelte, an Eleganz aber ihr weit nachſtand. Sein Geſicht war fleiſchlos, faſt abgezehrt, aber ohne Spur von Krankheit, denn im Gegentheil deutete Alles bei ihm auf die kräftigſte und ausdauerndſte Ge⸗ ſundheit. Kälte und häufiger Aufenthalt im Wind und Wetter hatten ſeine Haut gleichförmig geröthet. Seine grauen Augen blitzten unter einem Paar zottiger Brauen hervor, in deren natür⸗ liche Farbe ſich ziemlich viel Grau gemiſcht hatte. Der magere Hals war blos und ſo roth, als ſein Geſicht, und wo er ſich an das Oberkleid anſchloß, zeigte ſich der ſchmale Streifen eines ge⸗ würfelten Hemdkragens. Eine Art Rock aus mit den Haaren ver⸗ ſehenen Hirſchfellen wurde mittelſt eines Gürtels von farbigem Wollenzeug um ſeinen Körper zuſammengehalten. An ſeinen Füßen hatte er Mocaſſins aus Hirſchhäuten, die nach der Sitte der In⸗ dianer mit Stachelſchweinſtacheln verziert waren, und an hirſch⸗ lederne Hoſen ſchloſſen ſich über den Knieen Camaſchen von dem⸗ ſelben Materiale an— eine Kleidung, welche ihm unter den An⸗ ſiedlern den Beinamen Lederſtrumpf erworben hatte. Ueber ſeine linke Schulter lief ein Riemen von Hirſchleder, an dem ein unge⸗ heures Ochſenhorn hing, welches ſo dünn ausgeſchabt war, daß man das darin enthaltene Pulver durchſcheinen ſehen konnte; das breitere Ende deſſelben enthielt einen hölzernen Boden, während das andere ſorgfältig mit einem kleinen Pfropfen verwahrt war. Vor ihm hing eine lederne Jagdtaſche, aus welcher er bei dem Schluſſe ſeiner letzten Worte ein kleines Maß hervorzog, es mit Pulver füllte, und dann ſeine Büchſe, die von dem Schneeboden an faſt bis zu der Spitze ſeiner Fuchskappe reichte, wieder zu laden begann. Der Reiſende hatte, während der Jäger in dieſer Weiſe be⸗ ſchäftigt war, die Wunden des erlegten Hirſches ſorgfältig unterſucht und rief jetzt, ohne ſich an die üble Laune des Andern zu kehren: „Es wäre mir gar zu lieb, wenn ich die Ehre, dieſes Thier erlegt zu haben, in Anſpruch nehmen könnte; und gewiß, wenn der Schuß durch den Hals aus meinem Gewehr kam, ſo kann ich es mit Recht thun, denn der durch’s Herz war unnöthig— wir nennen etwas der Art einen Act der Supererogation, Lederſtrumpf.“ „Sie mögen es mit was immer für einem gelehrten Namen belegen, Richter,“ ſagte der Jäger, indem er die Büchſe mit ſeinem linken Arm unterſtützte, einen Meſſingdeckel in ſeiner Jagdtaſche aufdrückte, ein kleines Stück gefetteten Leders herausnahm, eine Kugel darein wickelte und beides während des Sprechens mit kräf⸗ tiger Fauſt in den Gewehrlauf auf das Pulver hinunter trieb; „denn es iſt weit leichter, irgend ein Wort zu erſinnen, als einen Bock im Sprunge zu ſchießen. Aber dieſes Thier hier kam, wie ich bereits vorhin ſagte, durch eine jüngere Hand, als die meinige, zu ſeinem Ende.“ „Was ſagt Ihr dazu, mein Freund?“ rief der Reiſende, indem die Ihrige oder er ſich ſcherzend gegen Natty's Begleiter umdrehte.„Wollen wir um die Ehre looſen und dieſen Dollar aufwerfen? Das Silber iſt Euer, wenn Ihr verliert. Was ſagt Ihr dazu, mein Freund?“ „Daß ich den Hirſch ſchoß,“ ſagte der junge Mann etwas ſtolz und legte den Arm auf eine Büchſe, welche ziemlich die Form von der ſeines Gefährten hatte. 13³ „Hier ſind Zwei gegen Einen,“ ſagte der Richter mit einem Lächeln;„ausgeſtochen— überſtimmt, wie wir vor Gericht ſagen. Der Aggy da darf als Sclave nicht zeugen, und Beß iſt minder⸗ jährig— nun, ſo muß ich eben zum ſchlimmen Spiel eine gute Miene machen. Ihr verkauft mir aber doch das Wildpret? Ah, es müßte mit dem Henker hergehen, wenn ich nicht aus dem Tode dieſes Hirſches ein gutes Geſchichtchen drechſelte.“ „Ich habe hier nichts zu verkaufen,“ antwortete Lederſtrumpf, ein wenig von dem hohen Tone ſeines Begleiters annehmend; „denn ich für meinen Theil habe Thiere geſehen, die mit einem Hals⸗ ſchuß noch Tage lang ſprangen, und ich bin keiner von denen, welche irgend Jemanden das abſpannen möchten, was ihm rechtlich gebührt.“ „Ihr beharrt an dieſem kalten Abend ſehr zäh auf Eurem Rechte, Natty,“ entgegnete der Richter in unverwüſtlich heiterer Stimmung.„Aber was ſagt Ihr, junger Mann? Sind drei Dollar genug für den Bock?“ „Laßt uns zuerſt die Rechtsfrage zur gegenſeitigen Zufriedenheit abmachen,“ antwortete der Jüngling beſcheiden, aber mit Feſtigkeit und in einer Weiſe des Ausdrucks, welche weit über ſeine unſchein⸗ bare Außenſeite erhaben ſchien.„Mit wieviel Poſten hatten Sie ihr Gewehr geladen?“ „Mit fünfen, Sir,“ ſagte der Richter, durch das Benehmen des Andern etwas verblüfft.„Sind fünf nicht genug, um einen Bock wie dieſen zu erlegen?“ „Einer ſchon würde hinreichen; aber—“ er bewegte ſich nach dem Baume hin, hinter dem er hervorgetreten war—„Sie erinnern ſich, Sir, daß ſie nach dieſer Richtung abfeuerten. Hier ſtecken vier der Kugeln im Baume.“ Der Richter unterſuchte die friſchen Spuren in der Rinde der Tanne, ſchüttelte den Kopf und entgegnete mit Lachen: „Ihr liefert den Beweis gegen Euch ſelber, mein junger Advokat. Wo iſt die fünfte?“ „Hier!“ fegte der Jüngling, indem er den groben Mantel, welchen er trug, zurückſchlug und auf ein Loch in ſeinen Unterklei⸗ dern deutete, aus dem große Tropfen Blutes hervordrangen. „Guter Gott!“ rief der Richter entſetzt;„habe ich hier wegen einer werthloſen Großthuerei die Zeit vergeudet, während ein Nebenmenſch durch meine Hand leidet ohne eine Klage laut werden zu laſſen? Aber ſchnell— geſchwinde— in den Sleigh— es iſt nur eine Meile bis zum Dorf, wo man wundärztlichen Beiſtand haben kann. Alles Nöthige ſoll auf meine Koſten beſorgt werden, und Du ſollſt bei mir bleiben, bis Deine Wunde geheilt iſt— ja, und auch nachher noch— für immer!“ „Ich danke für die gute Abſicht, aber ich muß das Anerbieten ablehnen. Ich habe einen Freund, der ſich ſehr beunruhigt fühlen würde, wenn er erführe, daß ich verwundet und fern von ihm bin. Die Beſchädigung iſt nur leicht und hat keinen Knochen verletzt; aber ich denke, Sir, Sie werden mir jetzt meine Anſprüche auf das Wild gelten laſſen.“. „Gelten laſſen?“ wiederholte der bewegte Richter.„Ich gebe Dir hiemit auf immer das Recht, Hirſche, Bären und was Dir beliebt, in meinen eigenen Wäldern zu ſchießen. Lederſtrumpf war bis jetzt der einzige Mann, dem ich dieſes Privilegium ertheilte, und die Zeit iſt wohl nicht mehr ferne, wo es von Werth ſeyn wird. Aber ich will Euch den Hirſch abkaufen— da, dieſe Note wird Dich für Deinen und meinen Schuß bezahlen.“ Der alte Jäger richtete ſich während dieſer Unterredung ſtolz auf, wartete jedoch, bis der Andere ausgeredet hatte und ſprach dann vor ſich hin: „Es leben Viele, welche behaupten, daß Nathanael Bumppo's Recht, auf dieſen Bergen zu ſchießen, älter ſey, als Marmaduke Temple's Recht, es ihm zu verbieten,“ waren ſeine Worte.„Aber wenn es uͤberhaupt hierüber ein Geſetz gibt— und wer hätte je von einem gehört, welches einem Manne unterſagt, einen Hirſch zu ſchießen, ——— 15 wo es ihm beliebt?— aber wenn es überhaupt ein ſolches Geſetz gibt, ſo ſollte es vorzugsweiſe auf nicht gezogene Gewehre ange⸗ wendet werden. Niemand kann wiſſen, wohin das Blei fliegen wird, wenn man einmal en einer ſo unzuverläſſigen Waffe den Drücker berührt hat.“ Ohne auf Natty's Selbſtgeſpräch zu achten, verbeugte ſich der Jüngling in dankbarer Anerkennung des Anerbietens und verſetzte: „Entſchuldigen Sie mich, Sir; ich brauche das Wildpret.“ „Aber für dieſes könnt Ihr Euch manchen Hirſch kaufen,“ entgegnete der Richter.„Nehmt es, ich bitte“— und ſeine Stimme zu einem Flüſtern ermäßigend, fügte er bei—„es ſind hundert Dollars.“ Nur einen Augenblick ſchien der Jüngling zu ſchwanken, dann aber erglühte er ſelbſt durch das Roth, welches die Kälte ſeinen Wangen gegeben hatte, als ſchäme er ſich ſeiner vorübergehenden Schwäche, und lehnte das Anerbieten auf's Neue ab. Während dieſer Scene ſtand das Frauenzimmer auf, ſchlug, ohne auf die kalte Luft Rückſicht zu nehmen, die Mantelkappe, welche ihr Antlitz verhüllt hatte, zurück und ſprach dann mit großem Ernſte:— „Gewiß, gewiß, junger Mann— Sir— Ihr werdet meinen Vater nicht ſo ſehr kränken, daß Ihr ihm das Bewußtſeyn auf die Seele laden möchtet, einen Mann, den ſeine Hand beſchädigte, ſo im Walde zurückzulaſſen. Ich bitte Euch, kommt mit uns, und laßt Euch ärztlichen Beiſtand reichen.“ Mochte nun in dieſem Augenblicke ſeine Wunde mehr ſchmerzen, oder lag vielleicht in der Stimme und dem Weſen der ſchönen Sachwalterin ihres Vaters etwas Unwiderſtehliches— wir wiſſen es nicht; genug, das Zurückhaltende in dem Benehmen des jungen Mannes wurde durch dieſe Anrede weſentlich gemildert, und er ſtand augenſcheinlich im Zweifel, ob er ihrer Bitte entſprechen wolle oder nicht, da ihn Beides gleich ſchwer anzukommen ſchien. Der Richter— denn dieſen Titel müſſen wir ihm in Zukunft geben, da er ein ſolches Amt bekleidete— gewahrte nicht ohne lebhaften Antheil dieſen Zwieſpalt in den Gefühlen des Jünglings, er trat daher auf ihn zu, nahm ihn freundlich bei der Hand, ſchob ihn ſanft nach dem Sleigh hin und drängte ihn, einzuſteigen. „Du findeſt keine nähere Hilfe, als in Templeton,“ ſagte er, „und Natty's Hütte iſt wenigſtens drei Meilen von hier. Komm — komm, junger Freund— geh' mit uns, und laſſ' den neuen Doctor nach Deinem Arme ſehen. Natty wird die Kunde von Deinem Wohlbefinden Deinem Freunde überbringen; und wenn Du es verlangſt, ſo laſſe ich Dich morgen in Deine Heimath führen.“ Es gelang dem jungen Manne, ſeine Hand denen des Richters zu entziehen, aber den Blick vermochte er nicht von dem Mädchen zu verwenden, das, ohne der Kälte zu achten, noch immer mit unverhülltem Geſichte daſtand und durch den beredten Ausdruck ſeiner Züge die Bitte des Vaters auf's nachdrücklichſte unterſtützte. Lederſtrumpf lehnte inzwiſchen an ſeiner langen Büchſe und hatte den Kopf etwas zur Seite gedreht, wie in ernſtes Nach⸗ ſinnen vertieft, als er auf einmal— augenſcheinlich über ſeine Bedenllichkeiten beruhigt und bei einem Entſchluß angelangt— das Schweigen unterbrach. „'s iſt im Grund doch das Beſte, Du gehſt mit ihnen, Junge; denn wenn der Poſten noch drinnen iſt, ſo taugt meine alte Hand nicht mehr ſo gut, wie ehedem, dazu, in's menſchliche Fleiſch zu ſchneiden. Vor etwa dreißig Jahren, im alten Krieg, als ich unter Sir William diente, wanderte ich ſiebenzig Meilen allein durch die heulende Wildniß, mit einer Büchſenkugel in meinem Schenkel, und dann erſt ſchnitt ich ſie mit einem Taſchenmeſſer heraus. Der alte Indianer John erinnert ſich der Geſchichte noch gut. Ich traf ihn mit einer Partie Delawaren, welche einem Irokeſentrupp nachſetzten, die unten geweſen waren, und auf Scho⸗ harie fünf Scalpe geholt hatten. Ich habe bei dieſer Gelegenheit 17 einer Rothhaut einen Denkzettel gegeben, den ſie wahrſcheinlich mit in's Grab ſchleppte. Ich nahm den Burſchen— mit Ehren vor der Dame zu vermelden— von hinten auf's Korn, und als er aus ſeinem Hinterhalt auftauchte, jagte ich ihm drei gute Hirſch⸗ poſten in ſeine nackte Haut, ſo nahe bei einander, daß man alle mit einem Dollar hätte bedecken können.“ Natty dehnte nun ſeinen langen Hals aus, ſtreckte ſeinen Koͤrper und öffnete ſeinen Mund, in welchem ſich nur noch ein einziger gelber Hauer blicken ließ, während ſeine Augen, ſein Geſicht, ja ſeine ganze Geſtalt zu lachen ſchien, obgleich man keinen andern Ton vernahm, als eine Art ſtarken Ziſchens, wenn er in Tremu⸗ lationen die Luft einathmete. „Ich hatte, als ich über die Mündung des Oneida ſetzte, meine Kugelform verloren,“ fuhr er fort,„und mußte mich daher mit Hirſchpoſten behelfen; aber die Büchſe war treu und ſtreute ihren Inhalt nicht umher, wie die zweibeinigen Dinger da, Richter, die es, wie ich merke, nicht gerathen machen, mit ihrem Eigner auf die Jagd zu gehen.“ Natty's auf das Zartgefühl der jungen Dame berechnete Apologie war unnöͤthig, denn ſie war, während er ſprach, zu ſehr damit beſchäftigt, ihrem Vater in Wegräumung einigen Gepäckes zu helfen, um auf ſeine Worte achten zu können. Unfähig, dem freundlichen Drängen der Reiſenden länger zu widerſtehen, ließ ſich der Jüngling doch endlich— wiewohl noch immer mit unerklär⸗ lichem Widerſtreben— zum Einſteigen bewegen. Der Schwarze warf, unter Beihilfe ſeines Gebieters, das erlegte Wild zu dem übrigen Gepäcke, und als ſie wieder in dem Sleigh ſaßen, lud der Richter den Jäger ein, gleichfalls hereinzukommen. „Nein, nein,“ ſagte der alte Mann kopfſchüttelnd;„ich habe am Chriſtfeſtabend daheim etwas zu thun— fahrt nur mit dem Jungen zu, und laßt euern Doctor nach ſeinem Arm ſehen. Zwar braucht er nur den Poſten herauszuſchneiden, denn wenn dieß Die Anſiedler. 3. Aufl. 2 geſchehen iſt, ſo habe ich Kräuter, welche die Wunde ſchneller heilen werden, als all' ſeine fremden Schmieralien.“ Er wandte ſich um und wollte weiter, als er nach einem plötzlichen Beſinnen das Geſicht wieder der Schlittengeſellſchaft zuwandte und beifügte: „Wenn ihr unten am See den Indianer John trefft, ſo werdet ihr gut thun, ihn mitzunehmen, daß er dem Doctor an die Hand gehe; denn ſo alt er iſt, ſo verſteht er ſich doch gut auf Hieb⸗ und Schußwunden, und ich glaube eher, als nicht, daß er mit Beſen drunten iſt, um Euren Weihnachts⸗Backofen auszukehren.“ „Halt! halt!“ rief der Jüngling, den Schwarzen am Arme faſſend, als dieſer ſich anſchickte, ſeine Pferde anzutreiben;„Natty, wenn Ihr mich lieb habt, ſo ſagt nichts von dem Schuſſe— verſchweigt auch, wohin ich gehe. Merkt es Euch!“ „Verlaßt Euch auf den alten Lederſtrumpf,“ verſetzte der Jäger mit einem Blicke des Verſtändniſſes;„er hat nicht fünfzig Jahre in den Wäͤldern gelebt, ohne von den Indianern ſchweigen zu lernen— verlaßt Euch auf mich, Junge; und vergeßt mir den alten Indianer John nicht.“ „Und Natty,“ fuhr der Jüngling lebhaft fort, indem er immer noch den Schwarzen am Arme hielt,„ſobald die Kugel heraus⸗ gezogen iſt, ſo bringe ich Euch ein Viertel von dem Bock zum Chriſtfeſteſſen.“ Er wurde jetzt von dem Jäger unterbrochen, der mit aus⸗ drucksvoller Miene den Finger erhob, um ihn zum Schweigen aufzu⸗ fordern, dann langſam an dem Saume des Weges weiter gieng und ſeine Augen unabläſſig auf die Zweige einer Rothtanne geheftet hielt. Als er eine geſchickte Stellung aufgefunden, hielt er inne, ſpannte den Hahn ſeiner Büchſe, ließ ſich auf ein Knie nieder, ſtreckte den linken Arm nach ſeiner ganzen Länge unter dem Ge⸗ wehrlauf aus und begann die Mündung deſſelben langſam und in einer Linie mit dem Stamme des Baumes zu erheben. Die Augen der in dem Sleigh befindlichen Gruppen folgten natürlich 19 der Bewegung der Büchſe, und bald entdeckten ſie den Gegenſtand von Natty's Ziele. Auf einem kleinen dürren Aſte, welcher in einer Entfernung von etwa ſiebenzig Fuß über dem Boden wage⸗ recht von dem Stamme abbog, unmittelbar unter den lebendigen Zweigen des Baumes ſaß ein Vogel von jener Gattung, welche das Landvolk dieſer Gegend ohne Unterſchied mit dem Namen Faſan oder Feldhuhn belegt. Das Thier war nur wenig kleiner als ein gewöhnliches Haushuhn. Erſchreckt durch das Bellen der Hunde und die Unterhaltung in der Nähe des Baumes, den er zum Ruheort erkoren, hatte ſich der Vogel mehr gegen den Stamm hin zurückgezogen, wo er daſaß, Kopf und Hals ſo ausgereckt, daß ſie mit den Beinen nur eine gerade Linie zu bilden ſchienen. Sobald ſich der Büchſenlauf in gleicher Richtung mit dem Opfer befand, drückte Natty ab und das Feldhuhn fiel mit ſolcher Gewalt von ſeinem hohen Standpunkte herunter, daß es ganz vom Schnee begraben wurde. „Leg' dich, alter Schelm,“ rief Lederſtrumpf, Hektor mit dem Ladeſtock winkend, als dieſer nach dem Fuß des Baumes hineilen wollte,„leg' dich, ſag' ich dir!“ Der Hund gehorchte und Natty ſchickte ſich an, in aller Eile, obgleich mit der äußerſten Pünknichkeit, ſein Gewehr wieder zu laden. Als dieß geſchehen war, nahm er ſein Wild auf, zeigte der Geſellſchaft, daß dem Vogel der Kopf abgeſchoſſen war und rief: „Das iſt ein ganz leckerer Weihnachtsbraten für einen alten Mann— laßt es daher nur gut ſeyn mit dem Wildpret, Junge, und vergeßt mir den Indianer John nicht; ſeine Kräuter ſind beſſer, als alles ausländiſche Geſalbe.— Da, Richter“— er hielt den Vogel wieder in die Höhe—„glauben Sie wohl, Ihre Schlüſſelbüchſe würde auch einen Vogel von ſeiner Stange her⸗ unterholen, ohne eine Feder zu verletzen?“ Der alte Mann verzog wieder den Mund zu ſeinem eigen⸗ thümlichen Lachen, das Triumph, Heiterkeit und Ironie in gleicher Weiſe ausdruͤckte, nahm ſeine Büchſe auf die Schulter und gieng raſchen Schrittes in den Wald hinein. Bei jedem Tritte verkürzte ſich ſein Körper um einige Zolle, da die Kniee des alten Mannes im Gehen einwärts knickten; als der Sleigh ſich aber in einer Straßen⸗ biegung umwandte und der Jüngling wieder ſpähend nach ſeinem Begleiter blickte, war dieſer bereits faſt ganz durch die Baumſtämme verborgen, während ihm die Hunde ruhig auf der Ferſe folgten, und nur hin und wieder nach einer Wildſpur auf dem Boden hin⸗ ſchnupperten, als lehrte ſie ihr Inſtinkt, daß es dermalen von kei⸗ nem Nutzen ſey, ihr weitere Aufmerkſamkeit zu erweiſen. Eine abermalige Wendung des Sleigh, und Lederſtrumpf war verſchwunden Zweites Kapitel. Ein jeder Platz, vom Himmelslicht beleuchtet, Verwandelt ſich zum Glückesport dem Weiſen. Denk' ja nicht, daß der König Dich verbannt, Nein, Du den König.— Richard II. Ungefähr hundert und zwanzig Jahre vor dem Beginne un⸗ ſerer Erzählung ließ ſich ein Vorfahr Marmaduke Temple's, ein Freund und Glaubensgenoſſe des großen Gründers dieſer Colonie, in Pennſylvanien nieder. Der alte Marmaduke— denn dieſer halsbrechende Vorname war eine Art Familienprärogativ— brachte nach dieſem Aſyl der Verfolgten einen ſchönen Antheil an Gütern dieſer Welt mit, durch welche er ſich zum Herrn von vielen tauſend Acres unbewohnten Landes und zum Verſorger einer großen Anzahl mittelloſer Anſiedler machte. Er wurde wegen ſeiner Frömmigkeit ſehr geachtet und als Sectenführer ausgezeich⸗ net, ſo daß ihm ſeine Glaubensgenoſſen manche wichtige Aemter anvertrauten. Zum Glücke ſtarb er jedoch noch gerade zur rechten N.—*⁸—— 21 Zeit, um der Kunde ſeiner eigenen Verarmung zu entgehen— ein Loos, welches er mit vielen theilte, die Reichthümer in die mittleren Colonien gebracht hatten. Die Bedeutſamkeit eines Anſiedlers in dieſen Provinzen ließ ſich hauptſächlich aus der Zahl ſeiner weißen Dienſtleute und Ab⸗ hängigen und aus der Beſchaffenheit der öffentlichen Aemter, welche er verwaltete, ermeſſen. Wenn man dieſe Regel zur Leitſchnur nimmt, ſo mußte der Vorfahr unſeres Richters ein ſehr gewichtiger Mann geweſen ſeyn. Es iſt indeß bis auf den heutigen Tag nicht ohne Intereſſe, von den kurzen Berichten jener frühen Periode Einſicht zu nehmen, in denen man regelmäßig und faſt ohne Ausnahme auf der einen Seite die Reichen allmählig zur Armuth herunterſinken, auf der andern die Diener derſelben Vermögen und Reichthümer erwerben ſieht. An alle Bequemlichkeiten des Lebens gewöhnt und unfähig, die Kämpfe, welchen eine Geſellſchaft in ihrer Kindheit anheimfällt, zu beſtehen, blieb der reiche Einwanderer kaum im Stande, ſeinen Rang durch das perſönliche Uebergewicht ſeiner Erziehung und Kenntniſſe zu behaupten; ſobald er aber die Augen ſchloß, ſahen ſich ſeine trägen und ungebildeten Nachkommen genöthigt, der rührigen Thatkraft einer Klaſſe, die durch die Noth arbeiten gelernt hatte, den Vorrang einzuräumen. Dieß iſt der gewöhnliche Gang der Dinge ſogar noch in unſeren Tagen; vornehmlich war es aber das Schickſal der Reichen und Armen in den friedliebenden, wenig unternehmenden Colonien von Pennſylvanien und Neu⸗Jerſey. Marmaduke's Nachkommen hatten das gleiche Loos mit ſo vielen, die ſich lieber auf ihre vererbte Habe, als auf ihre perſön⸗ lichen Kräfte verließen; und in der dritten Generation waren ſie auf einem Punkte angelangt, unter den in einem ſo glücklichen Lande ehrbare, verſtändige und nüchterne Leute kaum herunter ſinken können. Aber derſelbe Familienſtolz, der durch ſeine ſelbſt⸗ ufriedene Indolenz ihren Fall herbeigeführt hatte, wurde nun auch zu einem Hebel, ihren Wiederaufſchwung zu bewerkſtelligen. Das frühere kränkelnde Gefühl wandelte ſich in das geſunde thatkräftige Verlangen um, ſich das Anſehen ihrer Vorfahren und wo möglich auch ihren Reichthum wieder zu gewinnen. Der Vater des Rich⸗ ters war der erſte, der ſich wieder auf der Leiter der bürgerlichen Geſellſchaft zu heben begann; eine Heirath unterſtützte ihn hierin weſentlich und gab ihm auch die Mittel, ſeinen einzigen Sohn weit beſſer erziehen zu laſſen, als es bei dem ſchlechten Zuſtand der Schulanſtalten in Peunſylvanien möglich oder in den zwei oder drei vorangehenden Generationen ſeiner Familie üblich war. Der junge Marmaduke lernte in dem Erziehungshauſe, deſſen Vortheile er dem wieder auflebenden Glücke ſeines Vaters ver⸗ dankte, einen Jüngling kennen, der mit ihm in gleichem Alter ſtand, und ſchloß mit ihm eine innige Freundſchaft. Dieß war ein glück⸗ licher Bund für unſern Richter und bahnte ihm den Weg zu ſeinem künftigen Anſehen. Edward Effingham's Familie war nicht nur ſehr reich, ſondern hatte auch einen nicht unbedeutenden politiſchen Einfluß. Sie ge⸗ hörte unter die wenigen in den Colonien, welche eine Erniedrigung ihrer Glieder darin erblickten, wenn ſie Handelsgeſchäfte betrieben, und trat deßhalb nie aus der Zurückgezogenheit ihres häuslichen Lebens hervor, als wenn es galt, in den Colonialverſammlungen zu prä⸗ ſidiren oder in Kriegszeiten die Waffen zu führen. Letzteres war von Jugend auf das Gewerbe von Edward's Vater geweſen. Unter der Krone Großbrittaniens und vor ſechzig Jahren mußte militäriſcher Rang durch einen weit längeren und beſchwerlichern Dienſt erkauft werden, als heut zu Tage. Jahre wurden ohne Murren in den niedrigeren Graden hingebracht, dagegen glaubten aber auch die in den Colonien ſtationirten Soldaten, wenn ſie ſich einmal bis zu dem Commando einer Compagnie emporgeſchwungen hatten, von den friedlichen Bewohnern des Bodens die tiefſte Verehrung fordern zu dürfen. Jeder unſerer Leſer, der über den Niagara kommit, 23 wird nicht nur die Wichtigkeit, welche jeder, ſelbſt der unbedeu⸗ tendſte Diener der Krone in ſeine Stellung legt, ſondern auch die wirkliche Achtung gewahren, welcher er ſich allſeitig— ſogar in dieſer Polargegend des königlichen Sonnenſcheins— erfreut. Mit ſolcher Achtung wurde vor nicht gar langer Zeit auch der Krieger in einem Staatenverbande behandelt, wo jetzt glücklicher Weiſe keine Spur von Krieg mehr zu ſehen iſt, wenn nicht die freie und furchtloſe Stimme des Volkes ſich für einen ſolchen entſcheidet. Als daher der Vater von Marmaduke's Freund ſich nach vierzig⸗ jähriger Dienſtzeit mit dem Range eines Majors in den Privatſtand zurückzog und ein verhältnißmäßig glänzendes Haus machte, ſo wurde er natürlich in ſeiner heimathlichen Colonie New⸗York als ein Mann von hoher Bedeutung betrachtet. Er hatte muthig und treu gedient und war daher nach allgemeinem Brauch in den Provinzen mit einer Auszeichnung behandelt und mit Aufträgen beehrt worden, die weit über ſeiner Stellung waren— und als er der Gebrechlich⸗ keit des Alters weichen mußte, trat er mit Würde ab und wies ſogar den üblichen halben Sold, wie auch jede andere Belohnung für Dienſte, die er nicht mehr länger verſehen konnte, zurück. Das Miniſterium bot ihm mehrere Civilämter an, die neben der Ehre auch materielle Vortheile eintrugen; er ſchlug ſie jedoch mit dem ritterlichen Unabhängigkeitsgefühl, welches ſein ganzes Leben über ſeinen Charakter bezeichnet hatte, unter ehrfurchtsvollem Danke aus, und bald nach dieſem Acte patriotiſcher Uneigennützig⸗ keit übte er in ſeinem eigenen Hauſe eine Handlung der Großmuth, welche, ſo wenig ſie auch der Klugheit gemäß zu ſeyn ſchien, doch in vollkommenem Einklang mit dem redlichen, wohlwollenden Sinne des Veteranen ſtand. Marmaduke’s Freund war ſein einziges Kind; und bei Gele⸗ genheit der Vermählung dieſes Sohnes mit einer Dame, welcher der Vater beſonders wohlwollte, trat ihm der Major ſein ganzes Vermögen ab, welches aus bedeutenden Capitalien, einer Wohnung in der Stadt, einem Landhauſe, einigen werthwollen Gütern in den alten Theilen der Colonie und großen Strichen unbebauten Landes in den neuen beſtand— ein Schritt, der ſeinen künftigen Unter⸗ halt ausſchließlich von der kindlichen Liebe ſeines Sohnes abhängig machte. Schon als Major Effingham die freigebigen Anerbietun⸗ gen des brittiſchen Miniſteriums ablehnte, meinten die Jäger nach Hofgunſt, von denen es auch in dieſen abgelegenen Theilen des weiten Reiches wimmelte, daß es mit ſeinem Verſtande nicht ganz richtig ſeyn müſſe; als er ſich aber gar freiwillig aller ſeiner großen Reichthümer begab, ſo folgerte Alles, daß der gute Mann kindiſch geworden ſey. Dieſen Umſtänden war es zuzuſchreiben, daß ſein Anſehen raſch dahinſchwand, und wenn er mit ſeinen Schritten ungeſtörte Zurückgezogenheit bezwecken wollte, ſo ſah er bald ſeine Abſicht erreicht. Wie auch die Welt über die Handlungsweiſe des Majors ab⸗ urtheilen mochte, den beiden Betheiligten erſchien ſie als nichts anderes, denn das Abgeben gewiſſer Gerechtſame, die der Vater weder genießen noch erweitern konnte, an einen Sohn, der durch ſeine Erziehung ſowohl, als auch vermöge ſeines Charakters zu beidem paßte. Der jüngere Effingham hatte nichts gegen die Schenkung einzuwenden, denn er fühlte, daß er ſich ſelbſt nur von einer ſchweren Laſt befreite, wenn er den Vorbehalt ſeines Vaters, die moraliſche Leitung ſeiner Handlungen zu führen, anerkannte; wie denn überhaupt zwiſchen beiden ein ſo inniges Vertrauen herrſchte, daß ihnen der ſo gehäßig gedeutete Schritt nicht anders erſchien, als wenn Einer ſein Geld aus einer Taſche in die andere ſteckt. Sobald der junge Mann in den Beſitz ſeines großen Ver⸗ mögens getreten war, gehörte es unter ſeine erſten Handlungen, ſeinen Jugendfreund aufzuſuchen und ihm den Beiſtand anzubieten, den er jetzt zu leiſten im Stande war. Der Tod von Marmuduke's Vater und die daraus erfolgende Theilung ſeines kleinen Vermögens machten dieſes Anerbieten für 2⁵ den jungen Pennſylvanier doppelt annehmbar. Er fühlte ſeine eigenen Kräfte, und ſah nicht nur die ſchönen Eigenſchaften, ſon⸗ dern auch die Mängel in dem Charakter ſeines Freundes. Effingham war von Natur indolent, zutraulich, bisweilen aber auch ungeſtüm und unbeſonnen, während Marmaduke mit einem ruhigen Gleich⸗ muth ſcharfen Verſtand, Thätigkeit und Unternehmungsgeiſt verband. Letzterem erſchien daher die ihm angebotene Compagnonſchaft als vortheilhaft für beide Partien, weßhalb er mit Freuden darauf eingieng und auch leicht über die Bedingungen mit ſeinem Freunde eins wurde. Mit Effingham's Gelde wurde ein Handlungshaus in der Hauptſtadt von Pennſylvanien etablirt, und die Leitung des Geſchäftes Marmaduke übertragen, der öffentlich als der einzige Eigenthümer genannt wurde, obgleich der Andere im Geheim hälftig an dem Gewinne des Unternehmens betheiligt war. Dieſe Ver⸗ bindung ſollte aus zwei Gründen nicht ruchbar werden, deren einen Effingham ſeinem Freunde offen zugeſtand, während er den andern tief in ſeinem Innern verbarg, da derſelbe auf nichts mehr und nichts weniger als auf dem Stolze beruhte. Der Abkömmling einer Reihe von Kriegern betrachtete nämlich ſogar eine derartige mittelbare Betheiligung bei einem Handelsgeſchäft als eine Herab⸗ würdigung. Den Hauptgrund zu Geheimhaltung derſelben bildeten aber immer die Vorurtheile des alten Majors. Es wurde bereits mitgetheilt, daß Major Effingham ruhmvoll gedient hatte. Als er einmal an der Weſtgränze von Pennſyl⸗ vanien ein Kommando gegen die verbündeten Franzoſen und In⸗ dianer hatte, wurde nicht nur ſein Ruhm, ſondern auch ſein und ſeines Truppes Leben durch die friedliche Politik dieſer Colonie ungemein gefährdet— allerdings ein Vergehen, das kein Soldat verzeiht. Er focht zu ihrem Schutze und wußte wohl, daß die milden Grundſätze dieſes Völkchens praktiſcher Chriſten von den ſchlauen und argliſtigen Feinden nicht berückſichtigt werden würden, weßhalb er auch die Kränkung um ſo tiefer empfand, denn er ſah, daß der Grund, welchen die Coloniſten für die Verweigerung ihres Beiſtandes geltend machten, nur dazu führen konnte, ſeine Mann⸗ ſchaft dem Untergange Preis zu geben, ohne daß er den Frieden zu bewahren vermochte. Es gelang zwar dem Soldaten, ſich mit einer Handvoll ſeiner Leute durch den mörderiſchen Feind zu ſchlagen, aber er vergab den Leuten, die ihn im Kampfe nicht unterſtützt und daher dieſer Gefahr ausgeſetzt hatten, nie wieder. Es half nichts, daß man ihm ſagte, ſie wären nicht Schuld daran geweſen, daß er an die Gränze geſetzt wurde; denn er ſtand ja augenſchein⸗ lich nur zu ihrem Beſten dort, und es war„ihre verfluchte Pflicht“ — ſo pflegte ſich nämlich der Major auszudrücken—„es war ihre verfluchte Pflicht, ihren Beſchützern Beiſtand zu leiſten.“ Der alte Soldat war nie ein Freund von Forx's friedlichen Schülern. Ihre geordnete Lebensweiſe und ihre Gemüthsruhe konnten nicht verfehlen, auch vortheilhaft auf ihre phyſiſchen Ver⸗ hältniſſe einzuwirken; und wenn der Veteran den rieſigen Körperbau der Coloniſten betrachtete, ſo konnte er ſich nicht enthalten, in ſei⸗ nem Blicke die tiefe Verachtung, welche er gegen ihre moraliſche Schwäche hegte, auszudrücken. Auch war er ein wenig der Mei⸗ nung zugethan, daß eine ſo ſtrenge Beobachtung von Förmlichkeiten unmöglich mit dem geſunden Kerne wahrer Religioſität vereinbar ſey.— Wir haben uns übrigens nicht zur Aufgabe geſetzt, hier das Weſen des Chriſtenthums zu erörtern, ſondern führen nur einfach Major Effingham's Anſichten auf. Da der Sohn die Anſichten ſeines Vaters über dieſe Leute kannte, ſo war es kein Wunder, daß er Anſtand nahm, ſeine Ver⸗ bindung mit einem Quäker und ſein unbedingtes Vertrauen auf deſſen Redlichkeit zuzugeſtehen.— Man hat geſehen, daß Marmaduke von Zeitgenoſſen und Freunden Penn's abſtammte. Sein Vater hatte zwar, weil er eine Ehe außer dem Schooße der Kirche, der er angehörte, einge⸗ gangen, einige Privilegien, welche an ſeinem Stamme hafteten, 27 verwirkt. Da jedoch der junge Marmaduke in einer Colonie und in einer Gemeinſchaft erzogen wurde, wo ſelbſt der gewöhnliche Verkehr zwiſchen Freunden und Verwandten die Färbung jener milden Religion trug, ſo erhielten natürlich auch ſeine Gewohn⸗ heiten und ſeine Sprache etwas von den Eigenthümlichkeiten der⸗ ſelben. Seine ſpätere Verehlichung mit einer Dame, die nicht nur dem Schooße ſeiner Kirche nicht angehörte, ſondern auch jeden Einfluß von Seiten dieſer Secte zurückwies, trug allerdings einiges dazu bei, die früheren Eindrücke zu ſchwächen; ſie verwiſchten ſich aber bis zur Stunde ſeines Todes nie ganz, und die Sprache ſei⸗ ner Jugend trat vornehmlich in Augenblicken der Wallung oder einer regen Theilnahme beſonders lebhaft hervor.— Doch wir greifen unſerer Erzählung vor. Zu der Zeit, als Marmaduke mit dem jungen Effingham in Geſchäftsverbindung trat, war er in ſeinem Aeußern noch ganz Quäker, und da es der Sohn für zu gefährlich hielt, den Vorur⸗ theilen ſeines Vaters offenen Widerpart zu halten, ſo ſollte dieſe Vereinigung für alle Nichtbetheiligten ein tiefes Geheimniß bleiben. Einige Jahre lang leitete Marmaduke den Handelsbetrieb ſei⸗ nes Hauſes mit ſo viel Scharfblick und Sachkenntniß, daß ein reicher Ertrag erzielt wurde: dann heirathete er die bereits erwähnte Dame, Eliſabeth's Mutter, und auch die Beſuche ſeines Freundes wurden allmählig häufiger. Ueberhaupt hatte es, da die Vortheile des Geſchäfts Effingham mit jedem Augenblick mehr einleuchteten, ganz den Anſchein, als ob der Schleier, welcher die wirklichen Verhältniſſe umhüllte, ſich bald lichten ſollte; aber nun begannen die Unruhen, welche dem Revolutionskriege vorangiengen, immer ernſter und drohender zu werden. In der unterwürfigſten Treue gegen das angeborne Herrſcher⸗ haus erzogen, hatte Effingham vom Beginn der Zwiſtigkeiten zwi⸗ ſchen den Coloniſten und der Krone an für die vermeintlichen heiligen Rechte ſeines Fürſten warm Partei genommen, während anderer Seits Temple durch ſeinen hellen Verſtand und ſeinen Unab⸗ hängigkeitsſinn veranlaßt wurde, ſich auf die Seite des Volkes zu ſchlagen. Beide mochten hier durch frühere Eindrücke geleitet werden; denn wenn ſich der Sohn eines tapfern und loyalen Ofſiciers in unbedingtem Gehorſam unter den Willen ſeines Herr⸗ ſchers beugte, ſo konnte der Abkömmling eines verfolgten Anhän⸗ gers von Penn nicht ohne Bitterkeit auf die unverdienten Leiden zurückblicken, die über die Häupter ſeiner Vorfahren gehäuft wor⸗ den waren. Die Meinungsverſchiedenheit der beiden Freunde hatte oft Anlaß zu unverfänglichen Wortwechſeln gegeben; aber endlich wurde die Sache doch zu ernſthaft, um ſich bei Marmaduke immer nur auf politiſche Kannegießerei zu beſchränken, um ſo weniger, da ſein ſcharfer Blick bereits jetzt ſchon einiges von den wichtigen Er⸗ eigniſſen ahnete, mit denen die Zeit ſchwanger gieng. Die Funken der Uneinigkeit flammten raſch in heller Lohe auf, und die Colo⸗ nien, oder vielmehr die Staaten— denn ſte erklärten ſich bald für ſolche— wurden für manche Jahre der Schauplatz des Kampfes und des Blutvergießens. Kurze Zeit vor der Schlacht bei Lexington übergab Effingham, der bereits ſeine Gattin verloren hatte, ſeine Papiere und Alles, was er Werthvolles beſaß, an Marmaduke zur Aufbewahkung und verließ ohne ſeinen Vater die Colonie. Kaum hatte jedoch der Krieg ernſtlich begonnen, als er in der Uniform ſeines Königs wieder zu New⸗York erſchien und in Kurzem an der Spitze einer Provincialtruppenabtheilung im Felde ſtand. Marmaduke hatte ſich inzwiſchen ganz für die Sache der Rebellion— wie man ſie da⸗ mals nannte— erklärt. Natürlich hörte nun aller Verkehr zwi⸗ ſchen den Freunden auf, da ein ſolcher von Seiten des Obriſten Effingham nicht geſucht wurde und Marmaduke ſich in der Sache mit vorſichtiger Zurückhaltung benahm. Letzterer ſah ſich bald genöthigt, die Hauptſtadt Philadelphia zu verlaſſen; er hatte jedoch Unab⸗ kes zu eleitet wyalen Herr⸗ nhaͤn⸗ Leiden wor⸗ e oft wurde r nur da n Er⸗ unken Colo⸗ bald des gham, Alles, und ) der önigs einer e ſich e da⸗ zwi⸗ riſten Sache bald edoch 29 die Vorſorge getroffen, ſeine ganze Habe, mit Einſchluß der Pa⸗ piere ſeines Freundes, aus dem Bereich der königlichen Streitkräfte zu bringen. Er fuhr fort, während des Kampfes ſeinem Vater⸗ lande in verſchiedenen Civilämtern Dienſte zu leiſten, denen er ſtets mit Eifer und Würde vorſtand. Während er ſich jedoch den ihm anvertrauten Obliegenheiten mit Aufopferung und Treue unterzog, ſchien er ſeinen eigenen Vortheil nie aus dem Geſichte zu verlieren; denn als vermöge der Confiscationsacte die Güter der Königlichgeſinnten zum Verkauf ausgeboten wurden, erſchien er in New⸗York und kaufte ſehr ausgedehnte Beſitzungen zu verhält⸗ nißmäßig ſehr niedrigen Preiſen. Es iſt wahr, daß Marmaduke durch den Ankauf von Gütern, die andern gewaltſam entriſſen worden waren, ſich dem bittern Tadel jener Secte ausſetzte, die ihre Kinder, wenn ſie dieſelben auch hin und wieder von der vollen Theilnahme an ihrem Familien⸗ verband ausſchließt, doch nie gerne der Welt ganz abtreten zu wollen ſcheint. Doch kam dieſer Makel ſeines Charakters— ſey es in Folge des glücklichen Ergebniſſes ſeiner Speculation, oder weil derartige Verſündigungen allzuhäufig wurden— bald wieder in Vergeſſenheit; und obgleich es einige gab, die— mit ihrem eigenen Looſe unzufrieden oder im Gefühle ihres perſönlichen Un⸗ werthes— gehäſſige Andeutungen über das plöͤtzliche Reichwerden des armen Quäkers fallen ließen, ſo giengen dieſe doch frühzeitig in der Anerkennung ſeiner geleiſteten Dienſte, vielleicht auch, weil er jetzt für reich galt, wieder unter. Als nach Beendigung des Krieges die Unabhängigkeit der Vereinigten Staaten anerkannt war, verwandte Temple wegen des ſchwankenden und unſicheren Zuſtandes im Handelsverkehr ſeine Aufmerkſamkeit auf Urbarmachung der von ihm erkauften Land⸗ ſtriche. Seine Geldmittel und ſein praktiſcher Blick ließen dieſe Unternehmung in einem Grade gedeihen, wie man es von dem bergigen Boden nie erwartet hatte. Der Werth ſeines Beſitzes verzehnfältigte ſich und bereits wurde er den reichſten und bedeu⸗ tendſten Männern des Landes beigezählt. Die einzige Erbin dieſer Reichthümer war die oben erwähnte Tochter, die der Vater aus dem Erziehungshauſe abgeholt hatte, damit ſie ſeinem Haushalte vorſtehe und die Stelle der nur zu lang vermißten Gebieterin erſetze. Als der Diſtrict, in welchem ſeine Beſitzungen lagen, hinrei⸗ chend bevölkert war, um für einen Bezirk gezählt zu werden, wurde Herr Temple dem in den neuen Anſiedelungen geltenden Brauche gemäß zum erſten Richter deſſelben ernannt. Ein Londoner Rechtsgelehrter wird vielleicht hierüber lachen, aber ein ſolcher Beamter war einmal nothwendig, und in Talenten und Erfahrung liegt an ſich ſchon eine Würde, die unter allen Verhältniſſen den, welcher ſich dieſer Vorzüge erfreut, unterſtützt. Marmaduke, der hinſichtlich der Klarheit des Verſtandes höher begünſtigt war, als der Richter des Königs Carl, entſchied nicht nur richtig, ſondern wußte in der Regel auch ſeine Entſcheidungen durch die triftigſten Gründe zu belegen. Ueberhaupt war es in jener Zeit eben nicht anders Landesbrauch, und der Richter Temple gehörte nicht nur nicht zu den unbedeutenderen Männern, welche in den neuen Bezirken dieſe Würde bekleideten, ſondern er wurde ſogar einſtimmig den Erſten derſelben beigezählt, ein Vorzug, den er zu verdienen ſich bewußt war. Wir ſchließen übrigens hier dieſe kurze Einleitung in unſere Geſchichte und die Charakterſchilderung einiger Hauptperſonen, da es wohl beſſer iſt, wenn wir ſie von jetzt an für ſich ſelbſt ſprechen und handeln laſſen. 31 Drittes Kapitel. Was rings um iſt, hat die Natur geſchaffen: Die Felſen, hebend ihre mooſ'’gen Häupter Gleich Schloſſeszinnen einer alten Zeit! Die ſtolzen Stämme, deren breite Aeſte Der Winterſtürme Wuth durchſchüttert! Das eiſ'ge Feld, das in der Sonne Strahl Die Weiße einer Marmorbruſt verſpottet! Doch wie der Jungfrau Ruf bekleckſt die Schmähſucht, Alſo dies Bild des Menſchen Ungeſchmack. Duo. Es vergieng eine Weile, ehe Marmaduke Temple ſich von ſei⸗ ner Beſtürzung ſoweit erholt hatte, um ſeinen neuen Begleiter näher betrachten zu können. Jetzt aber bemerkte er, daß derſelbe ein Jüngling von ungefähr zwei oder dreiundzwanzig Jahren und etwas mehr als mittlerer Größe war. Weiter ließ ſich durch den groben Mantel, welcher, gleich dem des alten Jägers, durch einen Gürtel von Wollenzeug an dem Leibe feſtgehalten wurde, nicht erkennen. Die Augen des Richters erhoben ſich, nachdem ſie einen Moment auf der ganzen Geſtalt des jungen Mannes geruht hatten, prüfend zu deſſen Antlitz, in dem ſich, als der Fremde den Sleigh beſtieg, ein Zug von Widerwill en ausgeſprochen hatte, welcher nicht nur Eliſabeths Aufmerkſamkeit auf ſich zog, ſondern auch ihre geheime Neugierde nach dem Grunde derſelben weckte. Am lebhafteſten erſchien ſeine Verlegenheit, als er ſeinem alten Be⸗ gleiter Verſchwiegenheit einſchärfte, und ſelbſt, nachdem er ſich ent⸗ ſchloſſen— oder vielmehr, ſich hatte drängen laſſen, den Reiſenden nach dem Dorfe zu folgen, zeigten ſeine Blicke keinen beſonders hohen Grad von Selbſtzufriedenheit über dieſen Schritt. Doch wurden die Linien ſeines ungewöhnlich anſprechenden Geſichts all⸗ mählig ruhig, und jetzt ſaß er ſchweigend, in tiefes Nachſinnen verſenkt, da. Der Richter blickte ihn eine Weile ernſt an und begann dann mit einem L gelten mochte: „Ich glaube, mein junger Freund, daß der Schrecken mich Euern Namen vergeſſen ließ.— Euer Geſicht iſt mir bekannt; aber ich kann mich Eueres Namens nicht entſinnen, und wenn ich mir dadurch ein ganzes Schock Hirſchſchwänze auf die Mütze ver⸗ dienen könnte.“ „Ich bin erſt ſeit drei Wochen in dieſer Gegend!“ verſetzte der Jüngling kalt,„und dem Vernehmen nach ſind Sie wohl zwei⸗ mal ſo lang abweſend geweſen.“ „Morgen werden's fünf Wochen. Aber doch muß ich Euer Geſicht ſchon geſehen haben, obgleich es mich nach dem gehabten Schrecken nicht Wunder nehmen würde, wenn Ihr mir heute Nacht im Traume vorkämet und in Leintücher gehüllt an meinem Bette auf⸗ und abſpaziertet. Was ſagſt du, Beß? Bin ich compos mentis oder nicht?— Hältſt Du mich für geeignet, in einer großen Jury den Vorſitz zu führen oder— was im gegenwärtigen Augenblicke noch dringlicher iſt— dieſen Abend die Weihnachts⸗ honeurs in der Halle von Templeton zu machen?“ „Für Beides weit geeigneter, lieber Vater,“ erwiederte eine neckiſche Stimme aus der Umhüllung des Caputzenmantels,„als einen Hirſch mit der Vogelflinte zu erlegen.“ Es erfolgte nun eine kleine Pauſe, nach welcher dieſelbe Stimme, jedoch mit ganz verſchiedenem Accente, fortfuhr: „Wir haben heute allen Grund, aus mehr als einer Rückſicht Gott dankbar zu ſeyn.“ Die Pferde hatten bald eine Stelle erreicht, wo ihnen der Inſtinct zu ſagen ſchien, daß die Reiſe bald ein Ende nehmen würde. Sie biſſen daher in die Zügel, warfen die Köpfe in die Höhe, jagten mit dem Sleigh über den ebenen Grund auf der Höhe des Berges und gelangten raſch zu dem Punkte, wo der Weg zwar plötzlich, aber in weiten Windungen thalabwärts führte. ächeln, das wohl ſeiner Vergeßlichkeit 33 hkeit Der Richter wurde aus ſeinen Betrachtungen geweckt, als er die vier Rauchſäulen, welche über ſeinen eigenen Schornſteinen mich aufſtiegen, gewahrte, und er war kaum ſeines Landhauſes im Thal aber anſichtig geworden, als er ſeiner Tochter freudig zurief: mir„Sieh', Beß, dort iſt Dein Ruheplätzchen für's ganze Leben ver⸗— und auch das Deinige, junger Mann, wenn Du bei uns wohnen willſt.“ etzte Die Augen ſeiner Zuhöͤrer begegneten ſich unwillkührlich; und vei⸗ wenn das hohe Roth, das Eliſabeth's Antlitz umflog, im Wider⸗ ſpruche mit dem kalten Ausdrucke ihrer Augen ſtand, ſo ſchien nicht uer minder das zweideutige Lächeln, das wieder um den Mund des ten Fremden ſpielte, die Wahrſcheinlichkeit von deſſen Einwilligung, icht einen Theil des Familienkreiſes zu bilden, in Abrede zu ziehen. ette Die Scene, welche ſich vor dem Auge aufthat, war übrigens groß⸗ 205 artig genug, um ſogar ein weniger menſchenfreundliches Herz, als ner das des alten Marmaduke Temple zu erwärmen. gen Die Seite des Berges, an welcher unſere Reiſenden hinunter⸗ ts⸗ fuhren, war— wenn auch nicht gerade ſenkrecht— doch ſteil genug, um große Sorgfalt nöthig zu machen, wenn man auf dem ine rauhen und engen Pfade, der ſich an dem Abſturze hinwand, nicht als verunglücken wollte. Der Neger zügelte ſeine ungeduldigen Roſſe, und Eliſabeth erhielt dadurch Zeit, eine Landſchaft näher zu be⸗ lbe trachten, die ſich unter den rührigen Händen der Menſchen ſo ſchnell verwandelt hatte, daß das Mädchen nur an den allgemeinen Umriſſen cht den Schauplatz ihrer Kinderjahre wieder erkannte, deſſen Bild ſie ſich ſo oft mit Entzücken vergegenwärtigt hatte. Unmittelbar unter ihnen lag der eine weiße Ebene, ſcheinbar ununterbrochen und ganz von Bergen en 4 umſchloſſen. Letztere waren hauptſächlich gegen den Thalgrund hin die abſchüſſig und mit Wald bedeckt. Lange Einſchnitte in das Gebirg he unterbrachen hin und wieder die Gleichförmigkeit der Umriſſe, ar während an anderen Stellen Vorſprünge in das lange und weite Schneefeld hereinragten, welches ohne Haus, Baum oder einen Die Anſiedler. 3. Aufl. 3 ſonſtigen augenfälligen Gegenſtand einer fleckenloſen Wolke ähnelte, die über der Erde lagerte. Nur einige dunkle bewegliche Punkte ließen ſich auf der ebenen Fläche unterſcheiden, die Eliſabeth's ſcharfes Auge für eben ſo viele Schlitten erkannte, welche von oder nach dem Dorfe fuhren. An dem weſtlichen Rande des Thal⸗ grundes war das Gebirg— obſchon gleich hoch— doch weniger ſchroff und hatte unregelmäßige Thaleinſchnitte, Terraſſenbildungen und Eintiefungen, welche der Cultivirung zugänglich waren. Ob⸗ gleich das Immergrün der Nadelhölzer noch auf vielen der Berge, welche auf dieſer Seite des Thales in die Höhe ſtiegen, vorherrſchend war, ſo boten doch die wellenförmigen Umriſſe des mit Buchen⸗ und Ahornwäldern bedeckten ferneren Gebirgs dem Auge einen ange⸗ nehmen Wechſel und ließen einen milderen Boden hoffen. Hin und wieder waren mitten in den Forſten der entgegengeſetzten Berge weiße Stellen zu ſehen, welche durch den Rauch, der über den Spitzen der Bäume emporwirbelte, kund thaten, daß dort Menſchen wohnten und der Feldbau ſeinen Anfang nähme. Dieſe Stellen, obgleich meiſtens nur klein und inſelartig, waren doch bisweilen durch die vereinte Bemühung von Menſchenhänden erweitert und zu einem Umfang gediehen, den man eine Anſiedelung zu nennen pflegt; wie denn überhaupt der Wechſel, welchen die ausdauernde Anſtrengung von Menſchen hervorbrachte, die ſich von dem Erfolg ihres Unternehmens ihr ganzes Glück verſprachen, ſo überraſchend ſchnell weiter griff, daß es Eliſabeth's Einbildungskraft nicht ſchwer wurde, ſich vorzuſtellen, die Veränderungen, welche die kurze Friſt von einigen Jahren in dem Ausſehen dieſes Landſtriches geſchaffen, nähmen unter ihren Augen zu, während ſie dieſelben mit ſtummer Bewunderung betrachtete. Die Gränzpunkte auf der Weſtſeite dieſer merkwürdigen Fläche, auf denen keine Pflanze Wurzel gefaßt hatte, waren weit größer und zahlreicher, als die im Oſten, und beſonders einer derſelben ſchob ſich in einer Weiſe vor, daß er auf jeder Seite ſchöne, gekrümmte Schneebuchten bildete. An ſeinem 35 äußerſten Ende breitete eine herrliche Eiche ihre Zweige aus, als wolle ſie mit ihrer Krone eine Stelle überſchatten, aus der ihre Wurzeln keine Nahrung holen durften. Sie ſtand frei und von dem Joche geſondert da, den ein Nachwuchs von Jahrhunderten den Aeſten der benachbarten Bäume aufgelegt, und ſtreckte ihre knorrigen Arme phantaſtiſch hinaus in die wilde Freiheit. Nur ein dunkler Fleck— wenige Morgen im Umfang— an dem ſüdlichen Ende dieſer ſchönen Ebene, der unmittelbar unter den Füßen un⸗ ſerer Reiſenden lag, zeigte durch ſeine gekräuſelte Oberfläche und die Dünſte, welche davon ausgiengen, daß das, was im Anfang als ebener Grund erſchienen, einer von den Bergſeen in ſeinem Winter⸗ gewande war. Ein ſchmaler Strom brach an der erwähnten offenen Stelle hervor, und ließ ſich meilenweit in ſeinem Laufe nach Süden durch den eigentlichen Thalgrund an den Schierlings⸗ tannen und Fichten, welche ſeine Ufer ſäumten, wie auch an den feuchten Dünſten erkennen, die ſich von ſeiner wärmeren Oberfläche in die kältere Atmoſphäre der Berge erhoben. Die Ufer dieſes einſamen Beckens waren an dem Ausfluſſe des Stroms oder an ſeinem ſüdlichen Ende zwar abſchüſſig, aber nicht hoch, und in derſelben Richtung fort, ſo weit das Auge reichen konnte, bildete der Boden ein ſchmales, anmuthiges Thal, in dem die Anſiedler ihre beſcheidenen Wohnungen in einer Anzahl aufgeſchlagen hatten, welche am beſten für die Vortrefflichkeit des Grundes und für die verhältnißmäßige Leichtigkeit des Verkehrs Zeugniß ablegte. Hart an dem Ufer des Sees und ſeines Dammes lag das Dorf Tem⸗ pleton. Es beſtand im Ganzen aus ungefähr fünfzig, meiſt aus Holz gebauten Häuſern, deren Architektur keinen beſonders gewählten Ge⸗ ſchmack verrieth, ſondern im Gegentheil ſchon durch das unvollendete Aeußere der Wohnungen die Raſchheit beurkundete, womit ſie aufgeführt worden waren. Dem Auge bot ſich bei dieſer Gelegenheit eine große Mannigfaltigkeit der Farben dar. Einige der Häuſer waren vorn und hinten weiß angeſtrichen, andere aber trugen dieſe koſtſpielige Farbe nur an der Vorderſeite, indem ihre weniger ehr⸗ geizigen, aber ſparſameren Beſitzer die übrigen mit einem ſchmutzigen Roth übertüncht hatten. Ein Paar hatten allmählig das Nuß⸗ braune des Alters angenommen; aber die unbeworfenen Balken, die ſich durch die zerbrochenen Fenſter in den Gelaſſen des zweiten Stockes blicken ließen, bewieſen, daß entweder der Geſchmack oder die Citelkeit ihrer Eigenthümer ſie zu einem Unternehmen veranlaßt hatte, welches ſie nicht zu vollenden im Stande waren. Die Gruppirung des Ganzen war eine Nachäffung der Straßen einer Stadt, wobei man augenſcheinlich die Anleitung eines Mannes befolgt hatte, dem es mehr um die Bedürfniſſe der Nachkommen, als um die Bequemlichkeit der gegenwärtigen Generation zu thun geweſen. Drei oder vier beſſere Gebäude, mit einem gleichförmigen Anſtrich, waren mit grünen Fenſterblenden verſehen, welche, in dieſer Jahreszeit wenigſtens, ſeltſam gegen den erkältenden Anblick des Sees, der Berge, der Wälder und des weiten Schneegefilds ab⸗ ſtachen. Vor den Thüren dieſer anſpruchsvolleren Wohnungen ſtanden einige junge Bäume, die entweder zweiglos, oder doch nur mit den ſchwachen Schößlingen einiger Sommer— wie ebenſoviele Grenadiere ausſahen, die an dem Portale eines Fürſtenbaus Wache ſtehen. In der That waren dieſe Gebäude auch der Sitz des Adels von Templeton, deſſen König Marmaduke war. Es wohnten da einige rechtskundige junge Männer, eine gleiche Anzahl guter Krämer, die unter dem Titel von Kaufleuten für die Bedürfniſſe der Gemeinde ſorgten, und ein Schüler des Aeſeulap, der ſich des ſeltenen Glückes erfreute, mehr Menſchen in die Welt, als aus der Welt gefördert zu haben. In der Mitte dieſer wunderlichen Häuſer⸗ gruppe erhob ſich der Wohnſitz des Richters, alle ſeine Nachbarn bei weitem überragend und von einem mehrere Morgen haltenden eingezäunten Baumgut umgeben. Die Bäume deſſelben ſtammten noch zum Theil von den Indianern her und bildeten deßhalb in ihrer Hinfälligkeit und mit ihren moosbewachſenen Rinden einen 37 merkwürdigen Gegenſatz zu den jugendlichen Anpflanzungen, die im Dorfe faſt über jeden Pfahlzaun blickten. Neben dieſer Zurſchau⸗ ſtellung von Kultur ſäumten zwei Reihen junger lombardiſcher Pappeln(eines erſt neuerdings in Amerika eingeführten Baumart) die Seiten eines Fußpfads, der von der nach der Straße zu lie⸗ genden Thüre des Gutes zu der Vorderthüre des Wohnhauſes führte. Das letztere war ganz unter der Leitung eines gewiſſen Richard Jones gebaut worden— eines Mannes, deſſen wir bereits erwähnten, und der ſeiner Gewandtheit in den kleineren Angelegen⸗ heiten des Haushaltes, wie auch der Bereitwilligkeit, womit er ſeine Talente in Anſpruch nehmen ließ, endlich dem Umſtande, daß er Geſchwiſterkind von Marmaduke Temple war, des Amt der Aufſicht über die untergeordneten Zweige in ſeines Vetters Hausweſen ver⸗ dankte. Richard ſprach gerne von dieſem Kinde ſeines erfinderiſchen Geiſtes, und meinte, es hätte wie eine Predigt ſeine zwei Theile, deren einen er im erſten Jahre ihres dortigen Aufenthalts in der Form eines hohen, ſchmalen, mit dem Giebel nach der Straße blickenden Blockhauſes ausgeführt hätte. Unter dieſem Obdache, denn weiter konnte man es nicht nennen, hauste die Familie an drei Jahre, nach deren Ablauf Richard mit ſeinem zweiten Theile zu Stande gekommen war. Er hatte bei dieſem ſchwierigen Unter⸗ fangen die Erfahrungen eines wandernden europäiſchen Zimmer⸗ geſellen benützt, der ihm ein Paar beſudelte architektoniſche Zeich⸗ nungen aus England vorgelegt und ſo gelehrt von Frieſen, Getä⸗ feln und zumalen von zuſammengeſetzten Ordnungen geſprochen hatte, daß er einen ſehr ungebührlichen Einfluß über Richard's Geſchmack in Allem, was zu dieſem Zweige der bildenden Künſte gehörte, geübt. Zwar gab ſich Herr Jones den Anſchein, als betrachte er Hiram Doolittle als einen bloßen Empiriker in ſeiner Kunſt, indem er deſſen Abhandlungen über Architektur nur mit einer Art nachſichtigen Lächelns Gehör ſchenkte; demungeachtet unterwarf er ſich jedoch ſtets, ſey es, weil er ſeinem Gehilfen nichts Stichhaltiges aus dem Bereich ſeines eigenen Wiſſens ent⸗ gegenzuſtellen wußte, oder weil er den Mann im Stillen bewun⸗ derte, deſſen Anſichten und Gründen. So hatten ſie gemeinſchaftlich nicht nur eine Wohnung für Marmaduke Temple errichtet, ſondern auch den Ton für den Bauſtyl der ganzen Umgegend angegeben. Herrn Doolittle's zuſammengeſetzte Ordnung war ein Gemiſch von vielen andern und wurde bald für die nützlichſte von allen gehalten, weil ſte alle Veränderungen geſtattete, welche durch die Gemäch⸗ lichkeit oder ſonſtige Umſtände gefordert wurden. Solchen An⸗ ſichten gab Richard natürlich ſeine Zuſtimmung; und wenn wett⸗ eifernde Genies, die ſich nicht nur auf die Anerkennung, ſondern auch auf das Geld ihrer Umgebung ein Monopol ſichern wollen, eines Sinnes ſind, ſo ſieht man ſie nicht ſelten auch in ernſteren Dingen den Ton angeben. In dem gegenwärtigen Falle wurde das Schloß, wie man Richter Templeton's Wohnung gemeiniglich nannte, in der einen oder der andern ſeiner zahlreichen Vollkommen⸗ heiten ein Modell für jedes anſtändigere Gebäude auf zwanzig Meilen im Umkreiſe. Das Haus ſelbſt, oder der beſte Theil von Richard's ſo betitelter Predigt, war aus Stein, groß, in's Geviert gebaut und ſehr bequem— vier Erforderniſſe, auf denen Marmaduke mit etwas mehr als ge⸗ wöhnlicher Hartnäckigkeit beſtanden hatte; alles Andere blieb gut⸗ willig Vetter Richard und ſeinem Gehilfen überlaſſen. Die beiden Künſtler fanden freilich das Material ein wenig zu feſt für das Schiff und Geſchirr ihrer Werkleute, das wenig an die Bearbeitung anderer Subſtanzen als der Weißtanne von den nahen Bergen gewöhnt war, eines Holzes, welches— wie das Sprichwort ſagt— ſo weich iſt, daß es die Jäger gewöhnlich als Kopfkiſſen brauchen; und ohne dieſen ärgerlichen Umſtand hätte uns der hochſtrebende Geſchmack der beiden Baumeiſter ſicherlich noch weit mehr zum Beſchreiben gegeben. Da ſich aber an den harten Steinmauern nichts von Verſchönerungen anbringen ließ, ſo nahm ihr äſthetiſcher ——— —— 8—H————— 39 Sinn ſeine Zuflucht zu dem Portale und zu dem Dache. Das erſtere ſollte entſchieden klaſſiſch ausfallen und das letztere ein Muſterbild der Vorzüge der zuſammengeſetzten Ordnung abgeben. Das Dach, räſonnirte Richard, iſt ein Theil des Gebäudes, den die Alten gewöhnlich zu verbergen pflegten, weil er in der Architektonik ein Auswuchs iſt, den man nur ſeines Nutzens wegen beſtehen läßt. Außerdem, fügte er ſcharfſinnig bei, iſt es ein Hauptverdienſt für ein Gebaͤude, wenn es eine Front bietet, von welcher Seite aus man es auch anſehen mag. Da ferner das gegenwärtige nach allen Himmelsgegenden dem Auge zugänglich iſt, ſo dürfen die Seiten nicht ſchmal ſeyn, um der neidiſchen Tadel⸗ ſucht der Nachbarn keinen Stoff zu bieten. Es wurde daher ent⸗ ſchieden, daß das Dach eine Platform und vier Facaden haben müſſe. Dagegen hatte freilich Marmaduke einzuwenden, daß der Schnee, welcher die Erde nicht ſelten zu einer Höhe von drei bis vier Fußen bedecke und monatelang liegen bleibe, durch ſeine Schwere nach⸗ theilig einwirken dürfte. Die Leichtigkeit, womit ſich jedoch die zuſammengeſetzte Ordnung in Alles zu fügen wußte, führte zu einem Vergleich, demgemäß die Dachränder verlängert wurden, um eine Neigung hervorzubringen, mittelſt der das erſtarrte Element in einiger Entfernung von dem Hauſe abfallen könnte. Unglück⸗ licherweiſe war jedoch bei der Bemeſſung dieſes weſentlichen Theils ein Mißgriff vorgegangen, deſſen Wirkung man, da Hiram's größter Vorzug in ſeiner Fähigkeit, den Winkelhacken handzuhaben, beſtand, erſt entdeckte, als das ſchwere Gebälk auf die vier Mauern des Gebäudes aufgeſetzt wurde, wobei denn freilich alle Welt ſah, daß, allen Regeln trotzbietend, das Dach bei weitem der augenfälligſte Theil des ganzen Gebäudes geworden war. Richard und ſein Gehilfe tröſteten ſich mit der Hoffnung, dieſer Uebelſtand werde durch die Bedeckung verſteckt werden; aber jede Schindel vermehrte das Un⸗ angenehme des Anblicks. Richard verſuchte nun, durch Malerei den Schaden zu heilen und legte eigenhändig vier verſchiedene 40 Farben auf. Die erſte war himmelblau, mit der man umſonſt das Auge täuſchen und zu dem Glauben veranlaſſen wollte, der Himmel ſelbſt hänge ſo ausdrucksvoll über Marmaduke's Wohnung; dann wurde der Verſuch mit einer ſogenannten Wolkenfarbe gemacht, die indeß nichts weiter als eine Nachahmung des Rauchs war; die dritte war eine Miſchung, welche Richard ein unſichtbares Grün be⸗ titelte— ein Experiment, das wegen des Hintergrundes nicht gelang. So wurde denn die Hoffnung, die Sache zu bemänteln, aufgegeben und die beiden Architekten boten nun ihren ganzen Erfindungsgeiſt auf, das, was ſich nicht verbergen ließ, zu verſchönern. Nach reiflicher Erwägung und einigen Verſuchen beim Mondſcheine be⸗ endigte Richard die Angelegenheit durch eine kühne Bedeckung des Ganzen mit einer Farbe, die er„Sonnenſchein“ taufte, eine wohl⸗ feile Methode, wie er ſeinem Vetter, dem Richter, verſicherte, immer ſchön Wetter über dem Kopfe zu haben. Die Platform ſowohl, als die Dachrinnen wurden mit halbbemalten Geländern umgeben, und Hiram's hoher Geiſt übte ſich in Anfertigung ver⸗ ſchiedener Urnen und Simſe, die reichlich an dieſem Theile ihrer Arbeit angebracht wurden. Richard hatte gleich anfangs den ſchlauen Einfall gehabt, die Schornſteine ſo niedrig zu halten und ſo geſchickt zu vertheilen, daß ſie zu den Ornamenten der Balu⸗ ſtraden zu gehören ſchienen; aber die Bequemlichkeit forderte, daß ſie mit dem Dache ſich erhöhten, um gegen den Rauch ſichern zu können, wodurch ſie denn zu weithin in die Augen fallenden Thürm⸗ chen angewachſen waren. Da dieſes Dach das erſte wichtige architektoniſche Werk war, das Herr Jones je unternommen, ſo hatte das Mißlingen deſſelben auch einen entſprechenden Grad von Verdruß zur Folge. Anfangs flüſterte er ſeinen Bekannten in's Ohr, der Grund davon liege in dem Umſtande, daß Hiram mit dem Winkelhacken nicht umzugehen wiſſe; aber als ſich ſein Auge allmählig an den Anblick ſeines Werkes gewöhnte, ſo gefiel es ihm immer beſſer, und ſtatt deſſen 0C——— B—— 41 Mängel zu entſchuldigen, begann er die Schönheiten des Landhauſes herauszuſtreichen. Er gewann bald Anhänger; und da Reichthum und Wohlſtand zu allen Zeiten Anbeter findet, ſo wurde das Schloß, wie bereits geſagt, ein Modell für die Nachahmung in kleinem Style. Ja, es ſtund kaum zwei Jahre an, ſo hatte Ehrn Richard das Vergnügen, von der hohen Platform aus auf drei demüthige Abbilder ſeines Meiſterſtückes herunterzuſehen.— So geht es immer mit der Mode, die ſogar den Maͤngeln und Fehlern der vor⸗ nehmen Welt Bewunderung verſchafft. Marmaduke ertrug die Unförmlichkeit ſeiner Wohnung mit großem Gleichmuth und ſuchte derſelben durch eigene Verbeſſerungen ein behagliches und den Rang ihres Beſitzers bekundendes Aeußere zu verſchaffen. Demungeachtet fehlte es aber allenthalben an der gehörigen Harmonie; denn obgleich zur Verzierung der Wieſen⸗ gründe Pappeln aus Europa verſchrieben worden waren, und all⸗ mählig in der Naͤhe des Schloſſes Weiden neben noch andern Bäumen emporſchoſſen, ſo deutete doch noch mancher Schneehaufen auf das Vorhandenſeyn eines Tannenſtumpfes, während hin und wieder die ſchwarzgebrannten Ueberreſte des Baumes, dunkeln Säulen gleich, zwanzig bis dreißig Fuß über das blendende Weiß des Schnees emporragten. An ſolchen Gegenſtänden, die man in der dortigen Gegend ‚Stubbene nennt, wimmelte es auf den freien Feldern in der Umgebung des Dorfes, auf denen nur hin und wieder eine ihrer Reize beraubte Fichte oder Schierlingstanne eine Abwechſe⸗ lung bot, deren erſtorbene Aeſte— ein Gerippe ihrer vormaligen Herrlichkeit— dürre in dem Winde raſſelten. Aber dieſe und noch viele andere ſtörende Beigaben der Scenerie wurden von der ent⸗ zückten Eliſabeth ganz überſehen, die während ihrer Fahrt an der Seite des Berges nach dem Thale hinunter für nichts ein Auge hatte, als für die Häuſergruppen, welche wie ein Teppich unter ihren Füßen lagen; für die Menge von Rauchſäulen, die von dem Thal aus gegen die Wolken wirbelten; für den übereisten See, der zwiſchen immergrünenden Bergen eingebettet und deſſen weiße Oberfläche von den in der Abendſonne ſich verlängernden Schatten rieſiger Tannen anmuthig umdüſtert war; für das dunkle Waſſer⸗ band, das ſich gegen die Mündung des Sees hinzog und ſich nach dem fernen Cheſapeake ſeinen gewundenen Weg bahnte— mit einem Worte, für die veränderten, aber doch noch wohlbekannten Tummel⸗ plätze ihrer Kinderjahre. Fünf Jahre hatten größere Wechſel hervorgebracht, als man in einem Lande, wo Zeit und Mühe den Werken der Menſchen Dauer verleiht, in einem Jahrhundert ſieht. Für den jungen Jäger und den Richter hatte die Scene wenig Neues, obgleich wohl Niemand aus den düſtern Forſten des Gebirges auftauchen und mit einemmale die herrliche Scenerie des Thales überſchauen konnte, ohne ein inneres Entzücken zu fühlen. Der erſtere ließ ſeinen Blick bewundernd von Norden nach Süden gleiten und ſenkte ſein Antlitz wieder in die Falten ſeines Mantels, während der letztere mit philanthropiſcher Luſt die Fortſchritte des Wohlſtandes, die ſich um ihn her ſichtbar machten, betrachtete. War doch alles die Folge ſeines Unternehmungsgeiſtes, und viel davon die Frucht ſeines eigenen Fleißes. Das luſtige Klingeln von Schlittengeläute lockte jedoch plötzlich die Aufmerkſamkeit der Reiſenden an, und der lebhafte Ton deſſelben ließ auf das raſche Annähern eines Sleighs ſchließen, deſſen man übrigens des Gebüſches wegen, welches die Straße ſäumte, erſt anſichtig wurde, als beide Geſpanne ganz nahe bei einander waren. Viertes Kapitel. Was ſoll's? Wem fiel das Roß? Was gibt's denn? Falſtaff. Endlich zeigte ſich durch das laubloſe Gehäge an der Seite der Straße ein großer Sleigh, der von vier Pferden— zwei Grauſchimmeln vorn und zwei pechſchwarzen Roſſen an der Deichſel eite vei Fſel 43 — gezogen wurde. Zahlloſe Schellen waren ſo dicht, als ſie nur Platz finden konnten, an den Geſchirren angebracht, und die raſche Bewegung des Geſpanns, trotz der jähen Steige, zeigte, daß es dem Lenker vorzugsweiſe um die luſtige Muſik ſeines Geläutes zu thun war. Der erſte Blick auf den Sleigh ließ den Richter die darin enthaltene Geſellſchaft, welche aus vier Männern beſtand, er⸗ kennen. Einer jener Stühle, die man gewöhnlich vor Schreibpulten braucht, war feſt an die Vorderſeite des Schlittens gebunden, und auf der Höhe dieſes improviſirten Bockes ſaß ein kleiner Mann, der in einem großen mit Pelzwerk verbrämten Mantel gehüllt, von ſeiner Geſtalt weiter nichts als ein unveränderlich rothes Geſicht blicken ließ. Die Augen dieſes Herrn waren immer aufwärts ge⸗ richtet, als ſey ihr Beſitzer unzufrieden mit der Nachbarſchaft der Erde, während ſeine Züge den Ausdruck emſiger Geſchäftigkeit trugen. Er war der Lenker des Geſpanns und trieb die feurigen Thiere mit ſurchtloſem Auge und ſicherer Hand den Abſturz entlang. Unmittelbar hinter ihm, das Geſicht den beiden andern zugekehrt, befand ſich eine hohe Geſtalt, der nicht einmal der mit einem dop⸗ pelten Kragen verſehene Mantel und eine darüber geworfene Pferde⸗ decke den Anſchein von Beleibtheit zu verleihen vermochte. Sein Geſicht ſprang unter einer wollenen Nachtmütze hervor und ſchien, als er es bei der Begegnung der beiden Sleighs Marmaduke zu⸗ wandte, von der Natur in einer Weiſe gebildet zu ſeyn, daß es die Atmoſphäre mit möglichſt geringem Widerſtande durchſchnitt. Die Augen allein ſchienen hier einiges Hinderniß zu finden, da ſie zu jeder Seite ſeines Oberkopfs in lichtblauen, glaſigten Kugeln hervorſprangen. Bläſſe war zu ſehr die Leibfarbe des Mannes, als daß ſein Antlitz ſogar durch die in Mark und Bein einſchnei⸗ dende Kälte des Abends hätte eine Veränderung erleiden können. Dieſem Herrn gegenüber ſaß eine kleine, gedrungene, viereckigte Geſtalt, von der ſich durch die Oberkleider gleichfalls nur das Ge⸗ ſicht unterſcheiden ließ, in welchem die funkelnden, ſchwarzen Augen die übrigen ernſten Züge Lügen zu ſtrafen ſchienen. Eine zierliche Perücke begränzte die Umriſſe eines angenehmen, runden Antlitzes, während— wie bei den andern Herrn— eine Mardermütze die Kopfbedeckung bildete. Das vierte Glied dieſer Geſellſchaft war ein Mann mit einem langen, ſanften Geſichte, der ſich keines an⸗ deren Schutzes gegen die Kälte erfreuete, als eines ſchwarzen, ziemlich fadenſcheinigen und etwas ins Röthliche ſpielenden Ueber⸗ rocks von nicht ſehr modernem Schnitte. Er trug einen Hut von ſehr anſtändiger Form, obgleich die Haare unter dem vielen Bürſten ausgegangen waren. Sein blaſſes Antlitz hatte einen nachdenk⸗ ſamen, etwas melancholiſchen Ausdruck und war für den Augenblick, in Folge der Kälte, leicht geröthet, wie man es wohl bei Fieber⸗ bewegungen ſieht. Der kummervolle Ausdruck in ſeinen Zügen bildete einen beſonders ſchroffen Gegenſatz zu der launigen Heiter⸗ keit ſeines Nachbars nach vorn— des Roſſebändigers. Dieſer war dem andern Sleigh kaum nahe genug gelommen, um verſtanden werden zu können, als er mit lauter Stimme ausrief: „Stelle Dich auf in dem Steinbruch— ſtelle Dich auf, Du König der Griechen; fahre in den Steinbruch, Agamemnon, oder ich werde nicht im Stande ſeyn, an Dir vorbei zu kommen. Will⸗ kommen in der Heimath, Vetter Duke— willkommen, willkom⸗ men, ſchwarzäugige Beß. Du ſiehſt, Marmaduke, daß ich Dir zu Ehren mit einer ausgeſuchten Ladung ins Feld rücke. Monſieur Le Quoi hat nur eine einzige Mütze mitgenommen, der alte Fritz ließ die Flaſche halbgeleert ſtehen und Herr Grant mußte es vor der Hand beim Studium des„erſten Theils“ ſeiner Predigt be⸗ wenden laſſen. Auch die Pferde mußten ſammt und ſonders mit— Apropos, Richter, die Schwarzen kann ich nicht mehr behalten; ich werde ſie Dir nächſtens verkaufen, denn ſie thun nicht nebenein⸗ ander gut. Ich löſe vielleicht—“ „Verkaufe meinetwegen, was Du willſt, Dick,“ unterbrach ihn die frohe Stimme des Richters,„wenn Du mir nur meine Tochter und 45 meine Ländereien läſſeſt. Ah, Fritz, Du alter Freund, ich weiß die Ehre zu ſchätzen, wenn Du, ein Siebenziger, einem Fünfundvierziger entgegen gehſt. Monſieur Le Quoi, Ihr gehorſamſter Diener. Herr Grant“— er lüpfte dabei ſeine Mütze—„ich fühle mich Ihnen ſehr verbunden für Ihre Aufmerkſamkeit. Meine Herrn, ich habe die Ehre, Ihnen meine Tochter vorzuſtellen. Ihre Namen ſind ihr bereits hinreichend bekannt.“ „Willkommen, willkommen, Richter,“ ſagte der Aeltere von der Geſellſchaft mit auffallend deutſchem Accent.„Miß Betty wird mir doch einen Kuß erlauben?“ „Mit tauſend Freuden, mein guter Sir,“ rief die weiche Stimme des Mädchens, die in der reinen Luft der Berge, trotz Richards lautem Schreien, wie ein Silberglöckchen tönte.„Ich habe immer einen Kuß für meinen alten Freund, Major Hartmann.“ Inzwiſchen hatte ſich der Herr auf dem Vorderſitze, der von Marmaduke als Monſieur Le Quoi angeredet worden, nicht ohne Mühe und unter Beihilfe des Bockes, auf den er ſeine Hand ſtützte, ſammt ſeiner Maſſe von Unterkleidern in dem Sleigh auf⸗ gerichtet und lüpfte nun mit einer höflichen Verbeugung gegen den Richter und einer tiefen gegen Eliſabeth die Mütze. „Bedecke Deinen Schädel, Franzmann, bedecke Deinen Schãa⸗ del,“ rief der Roſſebändiger, der Niemand anders als Herr Richard Jones war;„bedecke Deinen Schädel, ſonſt erfrieren Dir die Paar Locken, die noch auf demſelben vegetiren. Wäre Abſalon's Kopf ſo dünn mit Haaren beſäet geweſen, wie der Deinige, ſo könnte er heutigen Tages noch leben.“ Richard's Scherze verfehlten nie, ein Gelächter zu veranlaſſen, denn gewöhnlich erwies er ſchon in eigener Perſon ſeinem Witze dieſe Ehre, und auch diesmal begleitete er ſeine Worte mit einem herz⸗ lichen Lachen, während Monſieur Le Quoi mit einer höflichen Erwiederung dieſes Heiterkeitsausbruches ſeinen früheren Platz einnahm. Der Geiſtliche, denn ein ſolcher war das als Herr Grant bezeichnete Glied der Geſellſchaft, begruͤßte die Ankömmlinge gleich⸗ falls, zwar beſcheiden, aber herzlich, und Richard ſchickte ſich nun an, die Köpfe ſeiner Pferde der Heimath zuzuwenden. Nur der Steinbruch ſetzte ihn in den Stand, dieſe Bewegung auszuführen, ohne daß er ganz den Berg hinanfahren mußte. Eine ſehr beträchliche Eintiefung, die an jenem Theile des Berges lag, wo Richard die Geſpanne hatte Halt machen laſſen und von wo aus die Bauten des Dorfes gewöhnlich mit dem nöthigen Geſtein verſehen wurden, diente zur Ausführung dieſes Verſuches, welcher jedoch nicht ganz ſo leicht und des engen Pfades wegen mit einiger Gefahr verbunden war, um ſo mehr, da Richard mit Vieren um⸗ zuwenden hatte. Der Neger bot daher ſeine Dienſte an, um die Vorderpferde auszuſpannen— eine Maßregel, die von dem Richter ſehr ernſtlich unterſtützt, von Richard aber mit großer Verachtung abgelehnt wurde. „Warum und weßwegen, Vetter'Duke?“ rief er etwas un⸗ muthig.„Die Pferde ſind ſo ſanft wie die Lämmer. Du weißt ja, daß ich die Vordern ſelbſt eingefahren habe, und die an der Deichſel ſind meiner Peitſche zu nahe, um nicht bewältigt werden zu können. Frage nur den Monſieur Le Quoi, der doch etwas vom Kutſchieren verſtehen muß, weil er ſo oft mit mir gefahren iſt; er ſoll ſagen, ob auch nur die mindeſte Gefahr zu befürchten iſt.“ Es lag nicht in der Natur des Franzoſen, ſo zuverſichtlich aus⸗ geſprochene Erwartungen zu täuſchen, obgleich er, als Richard mit den Grauſchimmeln nach dem Steinbruch einlenkte, mit ein Paar Augen, welche ihm wie die eines Hummers aus dem Geſichte hervorſtanden, in den vor ihm liegenden Abgrund hinunter⸗ blickte. Die Geſichtsmuskeln des Deutſchen blieben ruhig, aber ſein raſcher Blick bewachte jede Bewegung. Herr Grant ſtemmte ſeine Hände an die Wände des Sleighs, um ſich für den Sprung bereit zu hal⸗ ten, aber ſeine natürliche Schüchternheit hielt ihn ab dieſen Schritt in Ausführung zu bringen, obgleich ihn die Angſt ſtark dazu drängte. —,,———,„„ 47 Inzwiſchen war es Richard durch eine plötzliche Anwendung der Peitſche gelungen, die Vorderpferde nach dem Schneedamm zu drängen, der den Steinbruch bedeckte; ſobald aber die ungeduldigen Thiere fühlten, daß ſie bei jedem Schritte tiefer einſanken, ſo wei⸗ gerten ſie ſich entſchieden, in dieſer Richtung auch nur einen Zoll weiter vorwärts zu gehen, indem ſie ſich im Gegentheil, durch das verdoppelte Rufen und Darauflosſchlagen ihres Treibers in Verwirrung gebracht, gegen die Deichſelpferde zurückbäumten, welche ihrerſeits den Sleigh hinter ſich drängten. Nur ein einziger Holzpflock lag gegen das Thal hin als Schranke an dem Wege, und dieſer war jetzt im Schnee begraben. Der Sleigh wurde leicht über ein ſchwaches Hinderniß weggeſchoben und noch ehe Richard ſich der Gefahr bewußt wurde, ragte bereits die Hälfte des Schlitten⸗ kaſtens über einem Abgrunde, der mehr als hundert Fuß ſenkrecht abfiel. Der Franzoſe, der von dem Rückſitze aus die volle Gefahr des drohenden Sturzes vor Augen hatte, ſchob unwillkührlich ſeinen Körper ſo weit vor als möglich und rief: „Ah, mon cher Monsieur Dikk! mon Dieu! que faites-vous!“ „Donner und Blitz, Richard,“ rief der deutſche Veteran in ungewöhnlicher Bewegung über die Seite des Sleighs hinausſehend; „wollen Sie denn den Schlitten ſammt den Pferden in den Abgrund werfen?“ „Lieber Herr Jones,“ ſagte der Geiſtliche,„ſeyen ſie doch klug— nehmen Sie ſich in Acht.“ „Vorwärts, ihr ſtörrigen Teufel!“ rief Richard, der ſich aus einer Vogelpedſpective von der ganzen Gefahr ſeiner Lage über⸗ zeugte und, in ungeduldiger Haſt vorwärts zu kommen, mit den Füßen an den Bock, auf dem er ſaß, trommelte,„vorwärts, ſag' ich— Vetter Duke, ich werde die Grauſchimmel auch verkaufen müſſen; ſie ſind die am ſchlechteſten eingefahrenen Pferde, die mir je vorgekommen. Monſieur Le Quaw“— Richard war zu auf⸗ geregt, um es mit der Prononciation genau zu nehmen, auf die er ſich ſonſt ein bischen zu gute that—„Monſteur Le Quaw, ich bitte, laſſen Sie mein Bein los; wenn Sie es ſo feſt anfaſſen, ſo iſt es kein Wunder, daß die Pferde zurückgehen.“ „Barmherziger Himmel!“ rief der Richter,„wir ſind Alle verloren.“ Eliſabeth ſtieß einen durchdringenden Schrei aus, und der Schwarze, der die Pferde des andern Sleighs lenkte, veränderte ſeine Farbe zu einem ſchmutzigen Weiß. In dieſem bedenklichen Augenblick ſprang der Jäger, der waͤhrend der gegenſeitigen Begrüßungen in ſtummem Schweigen da geſeſſen, aus Marmadukes Schlitten und eilte zu den wider⸗ ſpenſtigen Grauſchimmeln. Die Pferde, auf welche Richard noch immer unbarmherzig und unverſtändig lospeitſchte, drängten noch immer zurück und droheten, der Quälerei ein ſchleuniges und ſchreckliches Ende zu machen. Der Jüngling verſetzte denſelben einen kräftigen Schlag vor den Kopf, daß ſie zur Seite prallten und wieder in den früheren Weg einbogen. Der Sleigh wurde dadurch zwar ſeiner gefährlichen Lage entriſſen, ſchlug aber nichts deſto weniger um, ſo daß der Deutſche und der Geiſtliche ohne viele Umſtände, jedoch auch ohne Gefährdung ihrer Knochen, auf die Landſtraße geworfen wurden. Richard beſchrieb ein Kreis⸗ ſegment durch die Luft, von dem die Zügel die Radien bildeten, und langte in einer Entfernung von ungefähr fünzig Fußen mit in die Höhe geſtreckten Beinen auf demſelben Schneedamme an, vor dem die Pferde geſcheut hatten. Da er bei dieſer Luftfahrt, wie Ertrinkende den Strohhalm, inſtinktartig die Zügel feſt gehalten hatte, ſo entſprach er auf eine bewunderungswürdige Weiſe dem Zweck eines Ankers. Der Franzoſe, der ſich in dem Schlitten ſprungfertig gemacht hatte, kam faſt in der Stellung der Knaben, wenn ſie Laubfroſch ſpielen, gleichfalls zum Fliegen, und fuhr mit ſeinem Kopfe in den Schneedamm, wo er liegen blieb und ſeine dünnen Beine wie eine in einem Kornfelde ſtehende Vogelſcheuche 49 hoch in die Höhe reckte. Major Hartmann, der waͤhrend des ganzen Vorgangs ſeine Geiſtesgegenwart auf eine bewunderungswürdige Weiſe bewahrt hatte, war der erſte in der Geſellſchaft, der wieder auf ſeine Beine und zum Gebrauch ſeiner Stimme kam. „Der Teufel, Richard!“ rief er in halb ernſtem, halb komi⸗ ſchem Tone—„Ihr habt da eine ſaubere Methode, Euern Schlitten auszuladen!“ Es iſt zweifelhaft, ob die Lage, in welcher Herr Grant einen Augenblick nach ſeinem Umſturz verblieb, eine Folge des ſtattge⸗ habten Unfalls, oder eine freiwillig angenommene war, um ſich vor der Macht, die er verehrte, zu beugen und ihr für ſeine Rettung zu danken. Als er ſich aber von ſeinen Knieen erhob, be⸗ gann er ängſtlich und am ganzen Leibe bebend um ſich zu blicken, um ſich von dem Zuſtand ſeiner Gefährten zu überzeugen. Auch Herrn Jones' Geiſtesvermögen war in einiger Verwirrung; als ſich aber der Nebel vor ſeinen Blicken allmählig klärte, und er ge⸗ wahr wurde, daß Niemand Schaden genommen hatte, rief er mit großer Selbſtzufriedenheit aus: „Nun, wir ſind doch ordentlich davon gekommen. Es war ein glücklicher Gedanke von mir, die Zügel nicht fahren zu laſſen, ſonſt wären die wilden Teufel ſchon lange den Berg hin⸗ unter gerumpelt. Hab' ich mich nicht wacker gehalten, Duke? Im nächſten Augenblicke wäre es zu ſpät geweſen; aber ich wußte wohl den rechten Fleck, wo ich die Vorderpferde treffen mußte. Der Schlag in die rechte Seite und der plötzliche Ruck an den Zügeln brachte ſie ſchnell wieder in Ordnung; das wird mir Niemand ſtreitig machen.“* „Es hat ſich wohl mit Deinem Ruck und Deinem Wacker⸗ * Seit undenklichen Zeiten haben die Zuſchauer beim Umſchlagen eines Schlittens das Recht, zu lachen— ein Recht, deſſen ſich der Richter in ſeinem vollen Umfange bediente, ſobald er ſah, daß Niemand zu Schaden gekommen war. Die Anſiedler. 3. Aufl. 4 halten, Dick,“ ſagte der Richter.„Ohne jenen wackeren Jungen dort wäre weder von Dir, noch von Deinen— oder vielmehr von meinen Pferden ein Stück ganz geblieben. Aber wo iſt Monſieur Le Quoi?“— „Oh! mon cher juge! Mon ami!“ rief eine erſtickte Stimme; „gottlob! ich leb'; woll' Sie, liebſter Agamemnon, ſo gefällig ſeyn, ſu komm ici und ſu helf mir auf die Bein?“ Der Geiſtliche und der Neger ergriffen den mit Schnee be⸗ deckten Gallier an den Füßen und zogen ihn aus dem drei Fuß tiefen Damme heraus, aus dem ſeine Stimme wie aus einem Grabe hervorgequollen war. Herrn Le Quoi's Gedanken unmittel⸗ bar nach ſeiner Befreiung waren nicht ſehr geſammelt, und als er wieder au's Licht gelangte, ſchlug er zuerſt ſeine Augen auf, um die Entfernung ſeines Fluges zu bemeſſen; ſeine gute Laune kehrte jedoch mit der Ueberzeugung, nicht beſchädigt worden zu ſeyn, zurück, obgleich es einige Zeit dauerte, ehe er darüber in's Klare kam. „Wie, Monſieur?“ ſagte Richard, der dem Neger emſig beim Abſpannen der Vorderpferde an die Hand gieng;„ſind Sie da? Ich dachte, ich hätte Sie eben gegen die Bergſpitze hinauf fliegen ſehen.“ „Gott Dank! daß ich nicht hinunterflog in der See,“ ent⸗ gegnete der Franzoſe mit einem Geſichte, in welchem ſich ein Ge⸗ miſch von Schmerz, veranlaßt durch ein Paar ſchwere Schrammen, die er beim Durcharbeiten des Kopfs durch die Schneekruſte er⸗ halten, und dem Ausdrucke der Höflichkeit, die ſeinen ſchmiegſamen Zügen natürlich ſchien— ausſprach:„Ah mon cher Mister Dikh, was woll Sie anfang ſunächſt? Es is nichts, was Sie nicht verſuch.“ „Das Nächſte, ich ſtehe dafür, wird ſeyn, daß er fahren lernt,“ erwiederte der Richter, indem er den Hirſifk nebſt mehreren Artikeln ſeines Gepäcks aus dem eigenen Sleigh in ven Schnee warf.„Da ſind Sitze für euch alle, meine Herrn. Der Abend wird ſchneidend kalt, und die Stunde rückt heran, wo Herr Grant durch ſein Amt in Anſpruch genommen wird. Wir wollen es unſerem Freund Jones überlaſſen, unter Agamemnon's Beiſtand den Schaden wieder gut 51 zu machen, und dem warmen Feuer zueilen. Da, Dick, iſt einiges von Eliſabeth's Siebenſachen, die Du auf Deinen Schlitten werfen kannſt, wenn Du ihn wieder in gehörigen Stand geſetzt haſt; auch werde ich es Dir Dank wiſſen, wenn Du dieſen Hirſch, den ich ge⸗ ſchoſſen, mitbringſt.— Aggy! vergiß nicht, daß heute Abend der Santiclaus“ einkehrt.“ Der Schwarze grinste bei der Erwähnung des Lohnes, der ihm für ſein Schweigen über den eigentlichen Erleger des Thiers in Ausſicht geſtellt wurde, während Richard, ohne im mindeſten den Schluß von den Worten ſeines Vetters abzuwarten, ſeine Erwie⸗ derung begann: „Fahren lernen, ſagſt Du, Vetter? Gibt es einen Menſchen, der ſich beſſer auf die Leitung der Pferde verſteht, als ich? Wer ritt das Fohlen zu, das Niemand zu beſteigen wagte? Dein Kutſcher iſt zwar anmaßend genug zu behaupten, er habe es vorher ge⸗ zähmt, ehe ich es unter die Hände bekam; aber alle Welt konnte ſehen, daß es erlogen war, denn wer kennnt nicht John's Lügenzunge? Was iſt das— ein Hirſch?“— Richard verließ die Pferde und eilte zu der Stelle, wo Marmaduke das Thier abgeworfen hatte. „Wahrhaftig ein Hirſch! Ja, da ſind zwei Löcher; er hat zwei Läufe abgefeuert und ihn jedesmal getroffen. Tauſend alle Welt, wie wird jetzt Marmaduke dick thun! Er zieht bei geringeren Aus⸗ beuten ſchon die große Glocke— wie nicht erſt jetzt, da er noch vor Weihnachten einen ausgewachſenen Bock geſchoſſen! Nun iſt vollends gar kein Auskommen mehr mit ihm. Es jind indeſſen ein paar ſchlechte Schüſſe— reiner Zufall, reiner Zufall. Ich habe in meinem Leben nie zweimal nach einem Spalthüfler geſchoſſen— * Die periodiſchen Beſuche des heiligen Nicolaus oder Santiclaus blieben bei den Bewohnern New⸗York's im Schwunge, bis die Einwanderungen aus Neu⸗England auch die Sitten und Anſichten der Puritaner in dieſe Gegenden verpflanzten. Er kömmt, wie der„bon hommo do Noöl““ jeden Weihnachtsabend. entweder getroffen oder gefehlt— todt oder durchgebrannt. Ja, wenn es noch ein Bär oder eine wilde Katze geweſen wäre; da mag man wohl beide Läufe in Anwendung bringen. He, Aggy! wie weit ſtand der Richter ab, als er dieſen Bock ſchoß?“ „Ey, Maſſa Richard, mag ſeyn geweſen zehn Ruthen,“ rief der Schwarze, indem er ſich unter die Pferde beugte, als wolle er dort eine Schnalle befeſtigen, in der That aber, um das Grinſen zu verbergen, das ihm den Mund von einem Ohre bis zum andern verzog. „Zehn Ruthen?“ erwiederte der Andere.„Aggy, der Hirſch, den ich letzten Winter ſchoß, war zwanzig— ja, eher dreißig, als zwanzig entfernt. Ich moͤchte kein Thier ſchießen, das nur zehn Ruthen von mir abſteht;— außerdem, Du weißt Aggy, daß ich nur ein Mal feuerte.“ „Ja, Maſſa Richard; weiß noch. Natty Bumppo feuern das andere Gewehr. Ihr wiſſen, Sir, alle Leute ſagen, Natty ihn haben geſchoſſen.“ „Die Leute lügen, Du ſchwarzer Schlingel,“ rief Richard auf⸗ gebracht.„Ich habe in dieſen vier Jahren nicht einmal ein graues Eichhörnchen ſchießen können, ohne daß dieſer alte Schuft oder ein Anderer für ihn Anſpruch auf die Ehre gemacht hätte. Verwünſchte neidiſche Welt, in der wir leben! Immer wollen die Leute von dem Ruhme, den einer verdient, etwas abfangen, damit er in ihre gemeine Sphäre herabgezogen werde. Da tragen ſie ſich in dem Patent? mit einer Geſchichte, daß Hiram Doolittle mir zu dem * Die Ueberlaſſungen von Land geſchahen ſowohl von Seite der Krone als von Seite der vereinigten Staaten durch mit großen Siegeln verſehene Urkunden, die Patente hießen— ein Name, der denn auch den in dieſer Weiſe abgetretenen größeren Diſtrikten beigelegt wurde. Zur Zeit der engliſchen Oberherrſchaft hafteten an der Erwerbung von Grund auch Manorial⸗(grundherrliche) Rechte, weßhalb in den alten Landen noch häufig der Ausdruck„Manor““ gebraucht wird. So gibt es zum Beiſpiel in New⸗York viele Manors, obgleich alle politiſchen und Gerichtsbarkeits⸗ rechte aufgehört haben. — — ☛———— e= — & 52 5³3 Plane des St. Pauls Kirchthurmes geholfen habe, obgleich Hiram weiß, daß es nicht wahr iſt. Ich gebe zwar zu, daß ich den Riß des Paulsthurms in London dabei benützte, aber im Weſentlichen iſt er doch nur das Ergebniß meines eigenen Erfindungsgeiſtes.“ „Ich nicht wiſſen, wo er herkommen,“ ſagte der Schwarze, indem er jeden Zug von Heiterkeit in einen Ausdruck von Bewunderung umwandelte.„Aber Jedermann ſagen, er wunderbar ſchön ſey.* „Das darf man auch, Aggy,“ rief Richard, indem er von dem Hirſche wegtrat und mit der Miene eines Mannes, in dem ein neues Intereſſe geweckt worden iſt, auf den Neger zugieng.„Ich denke, ich darf ohne Ruhmredigkeit ſagen, daß es die ſchönſte und am wiſſenſchaftlichſten conſtruirte Provinzialkirche in Amerika iſt. Die Anſiedler von Connecticut ſprechen zwar viel von ihrem Verſamm⸗ lungshauſe in Weathersfield, aber ich glaube ihnen kaum die Hälfte davon, denn ſie ſind heilloſe Prahlhänſe. Kaum hat man etwas zu Stande gebracht, deſſen Werth ſie anerkennen müſſen, ſo kommen ſie gleich mit etwas dazwiſchen; und dann iſt zehn gegen eins zu wetten, daß ſie ſich die Hälfte, wo nicht gar das Ganze des Ruhms zueignen. Du erinnerſt Dich noch, Aggy, wie ich den Schild des Dragoners für den Capitän Holliſter malte; da kam denn ein Kerl, der in dem Dorf die Häuſer mit Röthel anſtrich, eines Tages zu mir und erbot ſich, mir das Haarſchwarz, das ich ſo nenne, weil es gerade wie Roßhaar ausſieht, für den Schwanz und die Mähne zu miſchen. Hintendrein geht er hin und erzählt aller Welt, daß der Schild von ihm und Squire Jones gemalt worden ſey. Wenn Marmaduke dieſen Schuft nicht aus dem Patent jagt, ſo kann er meinetwegen in Zukunft ſein Dorf mit eigenen Händen ausſchmücken.“ Richard hielt einen Augenblick inne und klärte ſeine Kehle durch ein lautes Hem, während der Neger, der die ganze Zeit über mit Zurichtung des Schlittens beſchäftigt geweſen war, ſein Geſchäft mit reſpektvollem Schweigen fortſetzte. In Gemäßheit der religiöſen Bedenklichkeiten des Richters war Aggy nur Richard's jeweiliger Sclave,“ weßhalb indeß der Gebieter naturlich mit Recht die Achtung des jungen Negers anſprechen konnte. Doch wenn irgend ein Streit zwiſchen ſeinem geſetzlichen und ſeinem eigentlichen Herrn vorfiel, ſo fühlte der Schwarze zu viel Verehrung für beide, um einer eige⸗ nen Meinung Worte zu leihen. Inzwiſchen fuhr Richard fort, den Neger zu beobachten, wie dieſer eine Schnalle nach der andern anzog, bis er mit einem Blicke nach ſeinem Gehülfen, in dem ſich einiges Schuldbewußtſeyn ausſprach, fortfuhr: „Nun, wenn der junge Mann, der in jenem Sleigh war, ein ächter Anſiedler aus Connecticut iſt, ſo wird er Jedermann erzählen, daß er meine Pferde gerettet, obgleich ich ſie mit der Peitſche und dem Zügel weit beſſer vorwärts gebracht hätte, und zwar ohne umzuwerfen, wenn er mich nur noch eine halbe Minute hätte warten laſſen, denn ein Pferd hat's nicht gerne, wenn man ihm eines auf den Kopf gibt. Es ſollte mich nicht Wunder nehmen, wenn mir durch dieſen Schlag der ganze Zug ſo verdorben wäre, daß ich die Roſſe ſammt und ſonders verkaufen müßte.“ Richard hielt inne und huſtete abermals, denn ſein Gewiſſen ſchlug ihn ſtärker wegen des Tadels über einen Mann, der ihm eben das Leben gerettet hatte. * Die Freilaſſung der Sclaven in New⸗York gieng nur allmählig vor ſich. Sobald ſich die öffentliche Meinung für dieſelbe erklärte, wurde es üblich, die Dienſte eines Selaven auf acht oder zehn Jahre unter der Bedingung zu erkaufen, daß derſelbe nach Ablauf dieſer Periode in Freiheit geſetzt werde. Dann traf das Geſetz die Verfügung, daß alle auf dem ameri⸗ kaniſchen Continent geborenen Neger nach einer beſtimmtent Friſt— die Männer im achtundzwanzigſten, die Weiber im dreiundzwanzigſten Jahre frei ſeyn ſollten. Der Eigenthümer mußte ſie ſpäter leſen und ſchreiben lernen laſſen, ehe ſie das achtzehnte Jahr errreicht hatten, und endlich wurden alle noch vorhandenen Selaven durch eine im Jahr 1826 erlaſſene Akte— alſo erſt nach Veröffentlichung der gegenwärtigen Erzählung— für Freie erklärt. Bei Leuten, welche mehr oder weniger mit Quäkern, bei denen das Selavenſyſtem ſchon viel früher abgeſchafft war, in Be⸗ rührung kamen, war die erſtere dieſer Methoden die üblichſte. 5⁵ „Wer iſt der junge Menſch, Aggy?“ fügte er bei;„ich kann mich nicht erinnern, ihn je vorher geſehen zu haben.“ Der Schwarze gedachte der Hindeutung auf den Santiclaus und erſtattete einen kurzen Bericht, wie ſie die fragliche Perſon auf dem Gipfel des Berges getroffen, wobei er es aber vermied, der zufalligen Verwundung zu erwähnen und nur beifügte, daß er glaube, der Jüngling ſey ein Fremder. Richard war mit dieſer Erklärung völlig zufrieden, denn es kam oft vor, daß Leute vom erſten Rang Fremde, die ſie im Schnee hinwaten ſahen, in ihre Schlitten nahmen. Er hörte Aggy mit großer Aufmerkſamkeit an und bemerkte ſodann: „Nun, wenn der junge Menſch nicht durch die Leute in Temple⸗ ton verderbt worden iſt, ſo läßt er ſich vielleicht beſcheiden an, und da ſeine Abſicht ohne Zweifel eine gute war, ſo will ich einige Notiz von ihm nehmen. Vielleicht iſt er ein Land⸗Jäger, Aggy— meinſt Du nicht?“ „Ei, ja, Maſſa Richard,“ entgegnete der Schwarze ein wenig verwirrt, denn ihm ſchwebte bereits die Peitſche ſeines Gebieters vor, die einen nicht geringen Schrecken in ihm weckte:—„ja, Sir, ich glaube, er ſo ſeyn.“ „Hatte er einen Pack und eine Art?“ „Nein, Sir, nur eine Büchſe.“ „Büchſe?“ rief Richard, als er die zum Entſetzen ſich ſteigernde Verwunderung des Schwarzen gewahrte.„Beim Jupiter, ſo hat er den Hirſch erlegt! Ich wußte ja, daß Marmaduke keinen Bock im Sprunge ſchießen kann. Wie war es, Aggy? Erzähle mir alles. Wie ich meinen Vetter aufziehen will! Heraus damit, Aggy— nicht wahr, der junge Menſch hat den Bock geſchoſſen und der Richter ihn gekauft? Ha, ha, ha! Nicht wahr?— und jetzt nimmt er ihn mit hinunter, um ihm das Geld auszuzahlen?“ Die Freude über dieſe Entdeckung verſetzte Richard in eine * Land-hunter, einer der Land für eine Niederlaſſung aufſucht. ſo gute Laune, daß die Furcht des Negers einigermaßen verſchwand und er ſich wied er an die Strümpfe des Santiclaus erinnern konnte. Nach einigem Räuſpern ſchickte er ſich zu der Erwiederung an: „Ihr vergeßt, daß zwei Schuß da ſeyn, Sir.“ „Lüge nicht, Du ſchwarzer Schlingel!“ rief Richard, indem er auf den Schneedamm ſtieg, um den Rücken des Negers mit ſeiner Peitſche erreichen zu können.„Sprich die Wahrheit, oder Du ſollſt mir's büßen.“ Mit dieſen Worten erhob Richards Rechte langſam den Peitſchenſtock und wichste die Schnur mit der Linken, wie es der Profoß macht, ehe er die ‚Katze’ wiſſenſchaftlich applicirt, worauf Agamemnon, nachdem er jede Seite ſeines Körpers ſeinem Herrn zugewendet, aber nicht für räthlich gefunden hatte, eine derſelben der beabſichtigten Züchtigung auszuſetzen, nachgab. Er bekannte in wenig Worten das wahre Sachverhalten, indem er zugleich Richard dringend beſchwor, ihn gegen den Unwillen des Richters in Schutz zu nehmen. „Das will ich, Junge,— das will ich,“ rief der Andere, ſich ent⸗ zückt die Hände reibend.„Sage nichts und überlaſſe es mir, meinen Vetter zu bearbeiten. Ich hätte gute Luſt, den Hirſch hier liegen zu laſſen und den alten Knaben ſelbſt heraufzuſchicken, um ihn abzuholen. Doch nein, Marmaduke ſoll mir zuvor ein Bischen dick thun, ehe ich über ihn her will. Beeile Dich, Aggy: ich muß den jungen Mann verbinden helfen. Dieſer Yankee⸗Doktor* * Der Ausdruck„Yankee“ hat in Amerika blos eine locale Bedeutung und mag wohl von der Art, wie die Indianer in Neu⸗England das Wort „English““ oder„Nengeese“ ausſprechen, ſeine Entſtehung ableiten. Da New⸗York urſprünglich eine holländiſche Provinz war, ſo kannte man ihn dort natürlich nicht, und weiter im Süden haben wahrſcheinlich die verſchiedenen Dialekte unter den Eingeborenen ſelbſt eine verſchiedene Pronunciation veranlaßt. Marmaduke und ſein Vetter, als eingeborne Pennſylvanier, waren keine Yankees in der amerikaniſchen Bedeutung des Worts. —9——— —8——— I 57 verſteht nichts von der Chirurgie— habe ich doch auch des alten Milligan's Bein halten müſſen, während er es amputirte.“ Richard ſetzte ſich nun wieder auf den Bock, der Schwarze nahm den Hinterſitz ein, und die Pferde trabten der Heimath zu. Während ſie ſo den Berg hinunter fuhren, wandte der Roſſebän⸗ diger ſein Geſicht von Zeit zu Zeit nach dem Schwarzen zurück und fuhr fort zu ſprechen, denn ungeachtet ihres kürzlichen Zer⸗ würfniſſes herrſchte doch jetzt wieder die vollkommenſte Eintracht zwiſchen Herr und Diener. „Ein neuer Beweis, daß ich mit meinen Zügeln die Pferde in das rechte Geleiſe brachte; denn ein Menſch, der in ſeinen rechten Arm geſchoſſen iſt, hat unmöglich Kraft genug, ſolche ſtörrige Teufel herumzubringen. Ich wußte es gleich anfangs, aber ich wollte gegen Marmaduke nicht ſo viele Worte darüber verlieren.— Was, Du willſt beißen, Beſtie?— Hü! Und noch der alte Natty dazu, das iſt das Beſte an der ganzen Geſchichte!— Nun, nun— Duke ſoll mir nur wieder etwas von meinem Hirſch ſagen. Feuert er da beide Läufe ab, ohne etwas anderes zu treffen als einen armen Jungen, der hinter einer Tanne ſteht; und hintendrein muß ich dem Quackſalber die Hirſchpoſten herausnehmen helfen.“ In dieſer Weiſe langte Richard im Thale an. Die Schellen klingelten und Herrn Jones' Zunge ſchwatzte, bis ſie das Dorf erreichten, wo der Roſſebändiger ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf eine gehörige Entfaltung ſeiner Kutſcherkünſte verwendete, um die Bewunderung aller gaffenden Weiber und Kinder auf ſich zu ziehen, die ſich an die Fenſter gedrängt hatten, um Zeuge der Ankunft des Richters und ſeiner Tochter zu ſeyn. Fünftes Kapitel. Der Rock Nathanaels war noch nicht fertig Und Gabriels Schuhabſatz nicht zugeſchnitten, Kein Band war da zu Peters Hutkokarde, Und Walters Dolch war in's Beſteck geroſtet. Nur Adam, Ralph und Gregor waren gut. Shakeſpeare. Der Weg, der ſich an der Seite des Berges heruntergewun⸗ den hatte, führte zu einer ſanfteren Anſteigung an dem Fuße deſſel⸗ ben, wo er unter einem rechten Winkel abbog, und auf einer ge⸗ neigten Fläche unmittelbar in das Dorf von Templeton führte. Ueber den bereits erwähnten, reißenden kleinen Strom war aus Baumſtämmen eine Brücke gebaut, die durch das Rohe ihrer Zu⸗ ſammenſetzung und durch den unnöthigen Umfang ihres Materials ebenſowohl den Ueberfluß des letzteren als den Werth, welchen hier Arbeiten von Menſchenhänden beſaßen, bekundete. Das Flüßchen, deſſen dunkle Wogen über den Kalkfels ſeines Beckens dahinſchoſſen, war nichts anderes, als eine von den vielen Quellen des Susque⸗ hannah— eines Fluſſes, zu deſſen Bewillkommnung ſelbſt der atlan⸗ tiſche Ocean einen Arm ausgeſtreckt hat. An dieſer Stelle war es, wo Herrn Jones' feuriges Geſpann die ruhigeren Roſſe unſerer Reiſenden einholte. Nur noch ein kleiner Hügel— und Eliſabeth be⸗ fand ſich auf einmal in der Mitte der unſymmetriſchen Wohnungen des Dorfes. Die Straße hatte die gehörige Breite, ungeachtet das Auge mit einem Blicke Tauſende und Zehntauſende von Morgen überſchauen konnte, die nur von den Thieren des Waldes bewohnt waren. Ihr Vater hatte es indeß ſo gewollt, weßhalb ſich auch diejenigen, welche ihm hieher gefolgt waren, darein fügten. Er⸗ hoben ſie ſich ja durch einen angelegten Weg mit reißender Schnelle zu dem Zuſtande des alten Landes, wodurch für ſie am meiſten ge⸗ wonnen war, denn ſicher deutete nichts meht auf Civiliſation, als ein 59 zugänglicher, ſtadt⸗ähnlicher Ort, ſelbſt wenn er in einer Wildniß liegt. Die Breite der Landſtraße, denn ſo nannte man ſie, mochte hundert Fuß betragen; aber dem ungeachtet war die Bahn für die Schlitten ſehr beſchränkt, da zu beiden Seiten hohe Holzhaufen aufgethürmt waren, die ſich mit jedem Tage, trotz der hohen Feuer, die man durch die Fenſter erblickte, eher zu vergrößern als zu mindern ſchienen. Der letzte Gegenſtand, auf den Eliſabeth ſah, als ſie nach ihrem Zuſammentreffen mit Richard ihre Reiſe wieder aufnahm, war die Sonne, wie ſie eben den Horizont berührte und, von dem ſchwarzen Schatten einer Tanne verdüſtert, langſam hinter die weſtlichen Berge hinunterſank. Aber noch ergoßen ſich ihre Strahlen durch die Berglücken und beleuchteten die ſchimmernde Birkendecke, bis allmählig ihre zarten, glänzenden Rinden mit den dunkleren Farben der Gebirgsſeite wetteiferten. Der Umriß jeder dunklen Tanne ließ ſich weithin bis in die Tiefe des Forſtes verfolgen, und die Felſen, zu glatt und zu ſenkrecht, um dem gefallenen Schnee eine Unterlage zu gewähren, glänzten als ob ſie dem ſcheidenden Lichte zulächelten. Aber mit jedem Schritte, den die Pferde vorwärts thaten, bemerkte Eliſabeth, daß ſie den Tag mehr hinter ſich ließ. Wie vermißte ſte ſogar die kalten, freilich aber auch glänzenden Strahlen einer Decemberſonne, als ſie in das eiſige Dunkel des Thales hinab⸗ glitten! Allerdings weilte das Licht noch auf den Spitzen der öſt⸗ lichen Berge; aber Schritt für Schritt zog es ſich mehr von der Erde nach den Wolken zurück, welche über den Abendnebeln den Horizont umgränzten. Nur der gefrorene See lag hell und unge⸗ trübt in der Thaltiefe; die Wohnungen wurden bereits ſchattenhaft und unbeſtimmt, und die Holzhauer nahmen ihre Aerte auf die Schulter, um an dem langen Winterabend ſich des behaglichen Feuers zu erfreuen, das ihrer Mühe ſeinen Brennſtoffe verdankte. Sie blieben nur ſtehen, um die vorüberziehenden Schlitten zu be⸗ trachten, vor Marmadufe ihre Mitzen zu lüften oder mit Richard ein vertrauliches Nicken zu wechſeln, und verſchwanden ſodann in ihren Haͤuſern. An jedem Fenſter ſanken hinter unſern Reiſenden die Papiervorhänge nieder, um die Flammen der heimlichen Stuben gegen den Wind zu ſchützen; und als die Pferde ihres Vaters raſch in das offene Gartenthor des Landhauſes einfuhren und ihr hinter der jungen entblätterten Pappel⸗Allee nichts als die kalten Steinmauern des Gebäudes entgegentraten, da war es Eliſabeth, als ſey die ganze liebliche Ausſicht, die ſie vom Gebirge aus ge⸗ habt, wie die Schattengeſtalt eines Traumes verſchwunden. Mar⸗ maduke hatte der früheren Gewohnheit treu, das Schlittengeſchelle von ſeinen Roſſen fern gehalten; aber Herrn Jones' Equipage, welche gerade hintendrein fuhr, ſchickte ihr luſtiges Klingeln durch jede Ritze des Gebäudes, und in einem Nu war alles im ganzen Hauſe in Bewegung. Auf einer ſteinernen Plateform von ziemlich kleinen Propor⸗ tionen hatte Richard in Vereinigung mit Hiram vier kleine hölzerne Säulen errichtet, auf denen ein Schindeldach ruhte— ein ein⸗ facher, bedeckter Eingang, welchen Herr Jones Porticus zu nennen beliebte. Zu dieſer Plateform führten fünf oder ſechs in der Eile über einander gelegte ſteinerne Stufen, die bereits in Folge der Kälte aus ihren ſymmetriſchen Lagen gewichen waren. Aber hiemit hatten die Nachtheile eines kalten Clima's oder einer oberflächlichen Conſtruktion noch kein Ende, denn mit den Stufen mußte zugleich die Plateform ſich ſenken— ein Umſtand, dem es zuzuſchreiben war, daß der obere Theil des Machwerks in der Luft ſchwebte und die Baſis der Säulen ungefähr um einen Schuh von ihrem Wider⸗ lager abſtand. Zum Glück hatte der Zimmermann, dem die Aus⸗ führung dieſes Geſchäfts übertragen war, den Himmel dieſes claſſi⸗ ſchen Eingangs ſo gut an der Seite des Hauſes befeſtigt, daß das Dach, als es von unten nicht mehr geſtützt wurde, ſogar die Säu⸗ len, welche es tragen ſollten, in der Luft ſchwebend erhielt. Das bildete allerdings einen unglücklichen Riß in Richards Säulen⸗ Ornamente; aber wie das Fenſter in Aladdin's Palaſt, ſchien er —— 2——— 61 nur vorhanden zu ſeyn, um dem fruchtbaren Genie der Baukünſtler ein neues Feld zu öffnen. Auch hier erwieſen ſich die Vortheile der zuſammengeſetzten Ordnung, und es wurde nun eine zweite Ausgabe des Säulenfußes— wie die Buchhändler ſagen, mit Zu⸗ ſätzen und Verbeſſerungen— veranſtaltet. Natürlich wurde er größer und mit geeignetem Schnitzwerk verziert; da aber die Stufen zu weichen fortfuhren, ſo mußten in dem Augenblicke, als Eliſabeth in ihres Vaters Haus zurückkehrte, ein paar Keile eingetrieben werden, um die Säulen gerade zu halten und zu verhindern, daß ſie ſich nicht vermöge ihrer Schwere von dem Dache, das ſie unter⸗ ſtützen ſollten, trennten. Aus der großen Thüre, welche von dem Porticus ins Haus führte, tauchten zwei oder drei weibliche und ein männlicher Diener auf. Letzterer hatte keine Kopfbedeckung, war aber augenſcheinlich ſorgfältiger als gewöhnlich gekleidet und zeichnete ſich durch ſeine Figur und ſeinen Anzug auf eine ſo eigenthümliche Weiſe aus, daß er wohl eine genauere Beſchreibung verdient. Er war unge⸗ fähr fünf Fuß hoch, ungemein vierſchrötig gebaut, und hatte ein paar Schultern, die einem Grenadier Ehre gemacht haben würden. Seine kleine Geſtalt wurde noch augenfälliger durch eine Vorwärts⸗ beugung ſeines Körpers, die er wohl aus keinem andern Grunde annehmen mochte, als um ſeinen Armen mehr Freiheit zu geſtatten, die auf eine eigenthümliche Weiſe hin und her pendelten, wenn ihr Beſitzer in Bewegung war. Sein Geſicht war lang, von ſchöner feuerroth gebrannter Farbe, mit einer Naſe, die, wie bei einem alten Mops, aufgeſtülpt war, einem ungeheuern Mund voll ſchöner, weißer Zähne und ein Paar blauer Augen, welche die ganze Um⸗ gebung mit gewohnter Verachtung zu betrachten ſchienen. Sein Kopf betrug ein volles Viertheil ſeiner ganzen Länge, und der Haarzopf, welcher hinten hinunter ſiel, mochte wohl eben ſo viel ausmachen. Er trug einen Rock von ſehr lichtbraunem Tuche mit Knöpfen von der Größe eines Thalers, auf denen ein„unklarer 62 Anker“ abgeprägt war. Die außerordentlich langen Schöße, von entſprechender Breite, reichten bis über die Waden hinunter. Unter dieſem Kleidungsſtück barg ſich eine Weſte und Hoſen von rothem Plüſche, freilich aber etwas beſchmutzt und abgetragen. Auf den Schuhen ſtacken große Schnallen und in denſelben weiß und blau geſtreifte Strümpfe. Dieſe wunderlich ausſehende Figur bezeichnete ſich ſelbſt als einen Eingeborenen der Grafſchaft Cornwall in der Inſel Groß⸗ britanien. Seine Knabenzeit hatte er in der Nachbarſchaft der Zinnminen und ſeine Jünglingsjahre als Kajütenjunge auf einem Schmugglerſchiff zwiſchen Falmouth und Guernſey zugebracht. Letzterem Gewerbe entnahm ihn ein königlicher Preßgang, und in Ermangelung eines Beſſeren wurde er zuerſt als der Bediente und ſpäter als der Proviantmeiſter des Kapitäns in die Kajüte ge⸗ nommen. Hier machte er ſich die Kunſt zu eigen, ein und das andere Seemanns⸗Gericht zu bereiten, und hatte dabei zugleich, wie er ſich ſelbſt rühmte, Gelegenheit die Welt zu ſehen, obſchon er in Wirklichkeit mit Ausnahme einer Fahrt nach einem oder zwei franzöſiſchen Häfen, und einem gelegentlichen Beſuch von Ports⸗ mouth, Plymouth und Deal nicht mehr von den Menſchen er⸗ blickt hatte, als wenn er auf einem Eſel nach einer ſeiner heimath⸗ lichen Minen geritten wäre. Als er jedoch nach dem Frieden von Dreiundachtzig aus dem Seedienſt entlaſſen wurde, ſo erklärte er, da er nun alle civiliſirten Theile der Erde geſehen habe, auch einmal einen Abſtecher zu den Wilden in Amerika machen zu wollen. Wir mögen ihm weder auf ſeinen kurzen Wanderungen folgen, noch unterſuchen, was die Auswanderungsluſt in ihm weckte, ſinte⸗ mal dieſelbe bekanntlich im Stande iſt, bisweilen ein zartes Stadtkind zu veranlaſſen, die Heimath mit dem Rücken anzuſehen und bei dem Gebrülle des Niagara⸗Falles anzugelangen, ehe noch die Stundenglocke auf dem Bow in London ganz in ſeinen Ohren ausgeklungen hat, ſondern fügen nur noch bei, daß er eines frühen — A B&⸗ 63 Morgens, noch ehe Eliſabeth in die Penſion gegeben wurde, ſeinen Weg in Marmaduke Temple's Haus fand, wo er in Gemäßheit der vielen Fähigkeiten, die im Verlaufe unſerer Erzählung an's Licht treten werden, unter Herr Jones das Amt eines Major⸗ Domo erhielt. Der Name dieſes Ehrenmannes war, wie er ihn ſelbſt ausſprach, Benjamin Penguillan; in Gemäßheit einer wun⸗ derbaren Geſchichte jedoch, die er ſehr gerne zu erzählen pflegte und welcher zufolge er nach Rodney's Sieg ſein Schiff durch un⸗ abläſſiges Pumpen rettete, hatte er allgemein den Spitznamen Ben Pump erhalten. An Benjamins Seite drängte ſich, als ſey ſie eiferſüchtig, ihre Stellung zu behalten, eine weibliche Figur von mittlerem Alter vor, deren buntes Kattunkleid mit dem ſcharfen Schnitte ihrer Züge, ihrer keifenden Phyſiognomie und ihrem hohen, mage⸗ ren und formloſen Körper in ſchroffem Gegenſatze ſtand. Die Zähne waren bis auf einige gelbe Ueberreſte dahin, und die Haut ihrer Naſe ſpannte ſtraff über dieſem Organ, während die Be⸗ deckung des übrigen Geſichtes in tiefen Furchen um Mund und Wangen hieng. Sie ſchnupfte ſo fleißig, daß man hätte auf die Vermuthung kommen können, ſie habe die Safranfarbe ihrer Lip⸗ pen und der benachbarten Theile nur der Tabaksdoſe zu verdanken, wäre nicht das ganze Geſicht von der gleichen Farbe geweſen. Sie war eine Jungfrau, hieß Remarkable Pittibone und ſtand dem weiblichen Theile des Geſindes in der Eigenſchaft einer Haushäl⸗ terin vor. Eliſabeth kannte ſie nicht, da die Dame erſt nach dem Tode ihrer Mutter ein Mitglied der Familie geworden war. Außer dieſen zeigten ſich noch drei oder vier andere unterge⸗ ordnete dienſtbare Geiſter, meiſt Schwarze, unter dem Hauptpor⸗ tale, deren einige von dem Ende des Gebäudes, wo der Eingang zu der Souterrainküche war, herzueilten. Dann ließ ſich auch von Richard's Hundezwinger her ein arges Getöſe vernehmen, in welchem ſich alle Arten Stimmen, von 64 dem Geheule des Wolfshundes an bis zu dem Kläffen des Dachſes unterſcheiden ließen. Herr Jones erwiederte dieſe geräuſchvolle Begrüßung mit einer wechſelnden Nachahmung aus ſeiner eigenen Kehle, worauf die Hunde, wahrſcheinlich aus Scham, übertroffen worden zu ſeyn, ihren Laͤrm einſtellten. Nur ein ſtattlicher mãch⸗ tiger Bullenbeißer, der ein mit den Buchſtaben M. T. verſehenes meſſingenes Halsband trug, hatte ſich ruhig verhalten. Er ver⸗ fügte ſich mitten in dem Lärm ſeiner Brüder majeſtätiſch an die Seite des Richters, von wo er ſich, nachdem er einige freundliche Kläpſe erhalten, an Eliſabeth wandte, welche ſich auf ihn nieder⸗ beugte, ihn küßte und ihn als ihren lieben„Old Brave“ begrüßte. Das Thier ſchien ſie zu erkennen, als ſie auf Monſteur Le Quoi und ihren Vater geſtützt, um auf dem Eiſe nicht auszugleiten, die Stufen hinan ſtieg. Er ſah ihr aufmerkſam nach, und als ſich die Thüre hinter der ganzen Geſellſchaft geſchloſſen hatte, legte er ſich in einer naheſtehenden Hundehütte nieder, als ſey er ſich bewußt, daß das Haus nunmehr einen neuen Schatz berge, den er zu bewahren habe. Eliſabeth folgte ihrem Vater, der einen Augenblick anhielt, um die flüſternde Botſchaft eines Domeſtiken zu vernehmen, nach einer großen Halle, die durch zwei auf hohen, altmodiſchen Meſ⸗ ſingleuchtern ſteckende Kerzen nur düſter erhellt war. Die Thüre ſchloß ſich, und die Geſellſchaft ſah ſich mit einem Male aus einer Atmoſphäre, die den Thermometer faſt auf Null ſtellte, in eine Wärme von über ſechzig Graden Fahrenheit verſetzt. In der Mitte der Halle ſtand ein ungeheurer Kamin, deſſen Seiten von der Hitze beinahe glühten, und von dem aus eine weite gerade Röhre den Rauch durch die Decke abführte. Ein eiſernes, mit Waſſer gefülltes Becken befand ſich in der Nähe dieſes Ofens, denn ſo mußte man ihn wohl nennen— um in dem Raume die ge⸗ hörige Feuchtigkeit zu erhalten. Die Halle war mit Teppichen belegt und mit bequemen, ſoliden Möbeln ausgeſtattet, welche zum —— h.— 2 S-Aen 6⁵ Theil aus der Stadt mitgebracht, zum Theil von den Handwer⸗ kern Templeton's verfertigt worden waren. Da ſtand ein Seiten⸗ tiſch von Mahagoni, mit Elfenbein eingelegt und mit ungeheueren blanken Meſſinghandgriffen verſehen, der unter der Laſt des Silber⸗ geſchirrs faſt zuſammenbrach. In der Nähe deſſelben befand ſich eine Reihe ungeheurer Tiſche aus wildem Kirſchbaum, als paſſende Seitenſtücke zu dem vorhin erwähnten, aus dem theuren eingeführ⸗ ten Holze gefertigten, aber einfach und ohne Verzierungen. Ge⸗ rade gegenüber war eine kleinere Tafel von lichtem gefärbtem Holze, durch das ſich die Adern des Gebirgs⸗Ahorn in ſchönen Wellen⸗ linien hinzogen. Nahe dabei in einer Ecke des Saals ſtand eine ſchwere, altmodiſche Wanduhr mit einem Meſſingzifferblatt, die in einem hohen, aus dem Wallnußbaume der Seeküſte gefertigten Kaſten eingeſchloſſen war. Ein ungeheures Kanapee oder Sopha mit hellbedrucktem, indianiſchem Kattun ausgeſchlagen, nahm faſt zwan⸗ zig Fuß an der Seitenwand der Halle ein, während gelb bemalte hölzerne Seſſel, von nicht ſehr ſicherer Hand mit ſchwarzen Linien verziert, nebſt anderen Möbelſtücken auf der entgegengeſetzten Seite aufgeſtellt waren. Ein Fahrenheit'ſcher Thermometer nebſt beigefügtem Barometer in einem Mahagoni⸗Gehäuſe hieng in einiger Entfernung von dem Ofen an der Wand und wurde von Benjamin jede halbe Stunde mit bewundernngswürdiger Genauigkeit zu Rathe gezogen. Zwei kleine gläſerne Kronleuchter waren in gleichen Entfernungen zwiſchen dem Ofen und den Thüren, welche ſich oben und unten an der Halle befanden, aufgehängt, und vergoldete Wandleuchter ſtacken in dem Schnitzwerk der zahlreichen Seitenthüren, die nach benachbarten Zimmern führten. Richard's Architektonik hatte hier Niſchen mit Spitzbögen angebracht, in deren Mitte ſich je ein Piedeſtal mit einer kleinen aus ſchwarzem Stuck geformten Büſte befand:— die Wahl des Styls, wie die der Büſten waren ganz Herrn Jones anheim gefallen. In der einen Niſche ſtand ein Homer in ſprechen⸗ der Aehnlichkeit, wie Richard verſicherte, wie jeder ſehen mußte, Die Anſiedler. 3. Aufl. 5 66 war doch das Abbild„blind.“ In einer andern befand ſich das Bild eines ſanft ausſehenden Herrn mit einem ſpitzig zulaufenden Barte, welchen Herr Jones Shakſpeare nannte. Eine dritte Ver⸗ zierung wurde durch eine Urne gebildet, welche, wie Richard zu ſagen pflegte, durch ihre Form andeutete, daß ſie den Aſchenkrug der Dido repräſentire. Eine vierte Vertiefung barg unverkennbar den alten Franklin mit ſeiner Kappe und ſeiner Brille, und in einer fünften befand ſich, gleichfalls unbeſtreitbar, Washington's würdevolles Antlitz. Eine ſechste enthielt einen Ungenannten—, „einen Mann mit offenem Hemdkragen und einem Lorbeerkranz um den Kopf,“ wie Richard zu ſagen pflegte,„der entweder Julius Cäſar oder den Doktor Fauſt vorſtellte, da er für beide Annahmen gleich gute Gründe hätte.“ Die Wände waren mit dunkeln, bleifarbigen Papiertapeten be⸗ hangen, auf denen die über Wolfe's Grabe weinende Britannia abgebildet zu ſchauen war. Der Held ſelbſt ſtand in einiger Entfer⸗ nung von der trauernden Göttin an dem Rande der Tapete. Jede Breite enthielt die gleiche Zeichnung, mit der kleinen Ausnahme, daß der eine Arm des Generals ſtets auf das Nachbarſtück hinüber⸗ lief— ein Uebelſtand, dem zwar Richard eigenhändig abzuhelfen verſuchte, wobei indeß für eine genaue Verbindung immer noch viel zu wünſchen übrig blieb. Britannia hatte daher alles Recht zu klagen, nicht nur über den Verluſt des Lebens ihres Lieb⸗ lings, ſondern auch über zahlloſe grauſame Amputationen ſeines rechten Armes. Der unglückſelige Urheber dieſer unnatürlichen Trennungen kündigte nun ſeine Ankunft in der Halle mit lautem Peitſchen⸗ knalle an. „Ei, Benjamin oder Ben Pump, iſt das die Art wie Ihr die Erbin empfangt?“ rief er.„Entſchuldige ihn, Bäschen Eliſabeth. Solche Zurüſtungen ſind freilich zu umfaſſend, um Jedermann an⸗ vertraut werden zu können; aber da ich nun hier bin, ſoll es bald ————— ————— 67 beſſer gehen. Geſchwind, mehr Lichter, Penguillan, mehr Lichter, damit wir doch gegenſeitig unſere Geſichter ſehen. Nun, Duke, ich habe Deinen Hirſch mitgebracht, was ſoll damit geſchehen, he?“ „Beim Himmel, Sqͤuire,“ begann Benjamin ſeine Erwiede⸗ rung, nachdem er zuerſt den Mund mit dem Rücken ſeiner Hand abgewiſcht hatte,„wenn Sie Ihre Aufträge etwas früher an dem Tage gegeben hätten, ſo würde wohl Alles nach Ihrem Wunſche ausgeführt worden ſeyn. Ich habe alle Hände in Bewegung ge⸗ ſetzt, und ſteckte eben die Kerzen auf, als die Sleighs zurück⸗ kamen. Sobald aber die Weibsleute die Schellen hörten, ſo gieng's mit ihnen fort, als ob ſie des Hochbootsmanns Füllen ritten, und iſt Jemand im Hauſe, der einen Haufen Weibervolk zum Halten bringen kann, wenn ſie ſich einmal vorwärts in Bewegung geſetzt haben, eh' ihr Kabel abgelaufen iſt, ſo heißt er wenig⸗ ſtens nicht Benjamin Pump. Doch müßte ſich Miß Betſy, ſeit ſie die Kinderſchuhe ausgetreten, verwandelt haben, wie ein maskirter Corſar, wenn ſie einem alten Burſchen um des unbe⸗ deutenden Umſtandes willen zürnen wollte, daß er zu wenig Lich⸗ ter angezündet hat.“ Eliſabeth und ihr Vater ſchwiegen auf Meiſter Pump's Ent⸗ ſchuldigung, denn beide wurden bei ihrem Eintritt in die Halle durch die gleichen Gefühle überwältigt. Erſtere hatte, ehe ſie in die Penſion kam, noch ein Jahr in dieſem Gebäude gewohnt, und die frühe hingeſchiedene Hausfrau wurde jetzt von beiden, dem Gatten und der Tochter, ſchmerzlich vermißt. Indeß waren bereits die Kerzen auf den Kron⸗ und Wand⸗ leuchtern aufgeſteckt worden, und das Dienſtperſonal hatte ſich ſo weit von ſeiner Ueberraſchung erholt, um ſich des Grundes, warum dieß geſchehen, zu erinnern. Das Verabſäumte wurde eiligſt nachge⸗ holt, und in einer Minute ſtrahlte die Halle im glänzendſten Lichte. Die wehmüthige Stimmung unſerer Heldin und ihres Vaters wurde durch dieſe flimmernde Unterbrechung verſcheucht und die 68 ganze Geſellſchaft begann nun die zahlloſen Ueberkleider, welche ſte zum Schutze gegen die Kälte getragen, abzulegen. Während dieſes Geſchäftes beſprach ſich Richard flüchtig mit den verſchiedenen Domeſtiken, und ließ gelegentlich gegen den Richter eine Bemerkung über den Hirſch fallen; da ſich aber in ſolchen Augenblicken ſeine wirren Worte nur wie eine Clavierbe⸗ gleitung, d. h. wie Etwas, das man hört, ohne daß man darauf achtet— ausnahmen, ſo wollen wir uns die Mühe erſparen, die⸗ ſelben hier aufzuführen. Sobald Remarkable Pettibone ihren Antheil an dem Beleuch⸗ tungsgeſchäfte ausgeführt hatte, kehrte ſte unter dem Vorwande, die abgelegten Kleider in Empfang zu nehmen, zu Eliſabeth zurück, obgleich ſie eigentlich dabei mehr von ihrer Neugierde und dem von Eiferſucht nicht freien Wunſche geleitet wurde, das Aeußere der Dame zu beaugenſcheinigen, welche ſie nunmehr ihrer Ober⸗ herrlichkeit in der Hauswirthſchaft berauben ſollte. Die Haus⸗ hälterin fühlte ſich nicht wenig betroffen, als nach Beſeitigung der Ueberſchuhe, des Mantels, des Oberkleides und der Shawle— endlich der große, ſchwarze Kapuchon abgelegt wurde und die ſchwarzen Ringeln, glänzend wie das Gefieder des Raben, das ſchöne Haupt und die gewinnnenden Züge der jungen Dame um⸗ ſpielten. Nichts konnte ſchöner und fleckenloſer ſeyn, als Eliſabeths Stirne, auf der ſich Frohſinn und Geſundheit ausdrückte. Ihre Naſe hätte man eine griechiſche nennen können, wäre nicht durch eine ſanfte Krümmung dem Antlitz an Charakter beigelegt worden, was ihm dadurch an Schönheit benommen wurde. Ihr Mund ſchien dem erſten Blicke nur für die Liebe geſchaffen; aber ſobald ſich deſſen Muskeln bewegten, ſo miſchte ſich der ganze Ausdruck frauenhafter er ſprach nicht Geſtalt war von ter Mutter, und ienen ihre Formen ziemlich voll und gerundet. Würde in das leichte Spiel weiblicher Anmuth: für das Ohr allein, ſondern auch für das Auge. Ihre etwas mehr als mittlerer Größe, ein Erbſtück ihr für ihr Alter erſch —9————ro——-„ ̈—. ͤ———.,————————,— 69 Auch die Farbe der Augen, die gewölbten Brauen und die langen ſeidenen Wimpern verdankte ſie derſelben Quelle, während der Ausdruck des Blickes von dem Vater auf ſie übergegangen war. Im ruhigen, unthätigen Zuſtande war er ſanft, wohlwollend und gewinnend, obgleich er leicht feurig werden konnte, und in ſolchen Augenblicken miſchte ſich ſogar etwas ſtrenger Ernſt in ihre Züge. Als das letzte Halstuch fiel, ſtand das Mädchen in einem reichen blauen Reitkleide da, das ihre Formen auf das anmuthigſte um⸗ ſchloß;z ihre Wangen glühten wie die Roſen— eine Glut, die durch die Hitze der Halle noch erhöht wurde; die leicht ſchwimmenden Augen verliehen ihrer gewöhnlichen Schönheit noch mehr Glanz, und jeder Zug ihres ſprechenden Antlitzes, unter dem blendenden Schimmer der zahlreichen Kerzen leuchtend, ließ Remarkable fühlen, daß ihre Macht zu Ende war. Das Geſchäft des Entkleidens hatte bei Allen gleichzeitig ſtattgefunden. Marmaduke erſchien in einem einfachen, aber hüb⸗ ſchen ſchwarzen Anzug; Monſteur Le Quoi trug einen ſchnupf⸗ tabakfarbigen Rock, eine geſtickte Weſte, Kniehoſen, ſeidene Strümpfe und— wie man allgemein glaubte— mit unächten Steinen beſetzte Schuhſchnallen. Major Hartmanns Anzug be⸗ ſtand aus einem himmelblauen Rock mit großen Metallknöpfen, einer Perücke und Stiefeln, und Herr Richard Jones hatte ſeine bewegliche kleine Figur in einem flaſchengrünen Rock mit kugel⸗ förmigen Knöpfen gehüllt, welche das Kleidungsſtück über dem wohlgerundeten Leibe zuſammenhielten, oben aber eine Oeffnung ließen, damit man die rothe Tuchweſte, unter welcher er ein mit grünem Sammt eingefaßtes, flanellenes Unterleibchen trug, ſehen konnte; ſeine Beine waren mit hirſchledernen Hoſen und hohen ſchmutzigen, weißſtulpigen Stiefeln nebſt Sporen bekleidet, obgleich der letzteren einer, in Folge der kürzlichen Angriffe auf den Schlittenbock, etwas umgedrückt war. Erſt als ſich die junge Dame aus ihren Ueberkleidern heraus⸗ 70 gewunden hatte, wurde es ihr möglich, um ſich zu blicken, und nicht nur den Haushalt, dem ſie jetzt vorſtehen ſollte, ſondern auch die Art und Weiſe, wie die häuslichen Einrichtungen getroffen waren, zu muſtern. Obgleich ſich in der Conſtruction und der Möblirung der Halle viel Unſymmetriſches vorfand, ſo konnte man doch nichts darin ſchlecht nennen. Der Boden war bis in die entfernteſten Ecken mit Teppichen belegt: die verſchieden Arten von Leuchter gehörten zwar nicht zu den modernen und geſchmack⸗ vollen, waren aber blank und entſprachen ihrem Zwecke vollkommen, indem ſie den Raum ſehr lebhaft erhellten. In Vergleichung mir der draußen herrſchenden kalten Decembernacht übte die Wärme und Helle des Saales einen eigenthümlichen Zauber. Ihr Auge hatte noch nicht Zeit gehabt, die kleinen Geſchmacksverſtöße, welche in Wahrheit vorhanden waren, in ihrer Geſondertheit zu entdecken, denn noch freifte es in Entzücken umher, als es plötzlich durch einen Anblick feſtgehalten wurde, der einen ſtarken Gegenſatz zu den lächelnden Geſtchtern und zu den zierlich gekleideten Perſonen bildete, welche ſich zu Ehren der Gebieterin von Templeton ver⸗ ſammelt hatten. In einer Ecke der Halle, unfern dem Haupteingange, ſtand der junge Jäger, unbeachtet und für den Augenblick unſtreitig vergeſſen. Aber die Zerſtreutheit des Richters, dem unter dem Einfluß einer lebhaften Gemüthsbewegung die Erinnerung an die Wunde des Fremden völlig entſchwunden war, ſchien durch die Geiſtesabwe⸗ ſenheit des Jünglings ſogar noch übertroffen zu werden. Er hatte beim Eintreten in den Saal maſchinenmäßig ſeine Mütze abge⸗ nommen, und zeigte dadurch einen Lockenkopf, der an Farbe und Glanz mit Eliſabeths Haaren wetteiferte. Nichts hätte eine größere Veränderung an ihm hervorbringen können, als dieſer einzige Akt der Beſeitigung ſeiner unſcheinbaren Fuchsmütze. Es lag viel Gewinnendes in dem Geſichte des jungen Jägers, und ſogar etwas — —₰, 2 ☛8-— ☛ Xx—— o d— 8d 2 12——— ☛ ☛ ————- 71 Edles in den abgerundeten Umriſſen ſeines Kopfes und ſeiner Stirne. Die Miene und der Ausdruck dieſes ſtolz über den rauhen und ſogar wilden Anzug, der die übrige Geſtalt verbarg— hervor⸗ ragenden Körpertheils verkündigte nicht nur Vertrautheit mit einem Glanze, den man in dieſen neuen Anſiedelungen für unübertrefflich hielt, ſondern ſchien ſogar einige Verachtung über die prunkvolle Umgebung auszudrücken. Die Hand, in der er die Mütze hielt, ruhte leicht auf Eli⸗ ſabeth's kleinem, mit Elfenbein ausgelegtem Piano— eine Stel⸗ lung, in welcher ſich weder bäuriſche Blödigkeit noch anſtößige Dreiſtigkeit ausdrückte. Nur ein einziger Finger berührte das Inſtrument, als fühle er ſich vor einem ſolchen heimiſch. Sein anderer Arm war der ganzen Länge nach ausgeſtreckt, und die Hand umfaßte den Lauf ſeiner langen Büchſe mit faſt convulſivi⸗ ſcher Kraft. Dieſe Haltung war eine unwillkührliche und beruhte augenſcheinlich auf einem Gefühl, das weit tiefer lag als eine gewöhnliche Verwunderung. Sein Aeußeres zeichnete ihn, nament⸗ lich um der unſcheinbaren Bekleidung willen, ganz vor der ge⸗ ſchäftigen Gruppe der Uebrigen aus, die ſich an dem andern Ende der Halle hin und her bewegten, um die Ankömmlinge mit Bewill⸗ kommnungsgrüßen zu empfangen, wie denn auch Eliſabeth die einzige zu ſeyn ſchien, welche ihn beachtete. Die Falten auf der Stirn des Fremden mehrten ſich, während ſich ſeine Augen langſam von einem Gegenſtand nach dem andern bewegten. Für Augen⸗ blicke überflog ſein Geſicht ein trotziger Zug, der aber dann ſchnell wieder irgend einer ſchmerzlichen Erregung Raum zu geben ſchien. Er beugte den ausgeſtreckten Arm, brachte die Hand vor ſein Geſicht und ließ den Kopf auf dieſelbe ſinken, wodurch ſeine wunderbar ſprechenden Züge bedeckt wurden. „Aber lieber Vater, wir vergeſſen ganz und gar des fremden Herrn, den wir mitgenommen haben, um ihm Beiſtand leiſten zu laſſen, und dem wir jede Aufmerkſamkeit ſchuldig ſind,“ begann Eliſabeth. meine ganze Familie väterlicher Seits hat etwas von den Kunſt⸗ 72² Aller Augen wandten ſich auf Einmal nach der Richtung, wohin die Sprecherin blickte, während der Jüngling, der jetzt etwas ſtolz ſeinen Kopf wieder erhob, antwortete: „Meine Wunde iſt nur unbedeutend, und ich glaube, daß Richter Temple gleich nach unſerer Ankunft um einen Arzt fortſchickte.“ „Gewiß,“ ſagte Marmaduke.„Ich habe eben ſo wenig den Zweck Deines Beſuches, als den Umfang meiner Verpflichtung außer Achtung gelaſſen, junger Mann.“ „Oh!“ rief Richard mit einem ſchalkhaften Seitenblicke,„Du biſt, denke ich, dem Jungen für das Wildpret verpflichtet, das Du erlegteſt, Vetter Duke. Marmaduke! Marmaduke! das iſt eine wunderliche Geſchichte mit Deinem Bock da. Hier, junger Mann, ſind zwei Dollar für den Hirſch, und Richter Templeton kann nicht weniger thun, als den Doktor bezahlen. Ich will meine Dienſte nicht in Rechnung bringen, aber Ihr ſollt deßhalb nicht ſchlechter dabei fahren. Ei, Duke, laſſ' Dir's nicht ſo zu Herzen gehen; wenn Du auch den Bock fehlteſt, ſo traf Dein Schuß doch dieſen armen Menſchen durch eine Tanne hindurch. Hierin haſt Du mich, ich geſtehe es gerne, ausgeſtochen, denn in meinem ganzen Leben habe ich nie eine ſolche Heldenthat geübt.“ „Und wirſt es auch, wie ich hoffe, nie,“ entgegnete der Rich⸗ ter,„wenn Du Dich nicht dem Kummer, den ich erduldet habe, ausſetzen willſt. Doch ſey guten Muths, mein junger Freund; die Verletzung kann nicht bedeutend ſeyn, da Du den Arm ſo frei zu bewegen vermagſt.“ „Verſchlimmere die Sache nicht, indem Du Dir herausnimmſt, etwas von der Chirurgie zu verſtehen,“ unterbrach ihn Herr Jones mit einer verächtlichen Handbewegung.„Sie iſt eine Wiſeenſchaft, die ſich nur durch die Uebung erlernen läßt. Du weißt, daß mein Großvater ein Arzt war, aber Du haſt nicht einen Tropfen me⸗ dieiniſchen Bluts in Deinen Adern. So Etwas vererbt ſich und — — 73 griffen der Heilkunſt abgefangen. Da war z. B. mein Onkel, der in der Schlacht bei Brandywine ſiel— er ſtarb ſo leicht als irgend ein anderer Mann in dem Regiment, nur weil er ſeinen Athem kunſtgerecht auszuhauchen wußte. Wenige Leute verſtehen etwas von der Theorie des Athmens.“ „Ich zweifle nicht, Dick,“ entgegnete der Richter, das Lächeln erwiedernd, welches unwillkührlich die Züge des Fremden überflog, „daß ſich Deine ganze Familie gut darauf verſtand, den Leuten zu ihrem letzten Athemzuge zu verhelfen.“ Richard hörte ihm ruhig zu, ſteckte die Hände in die Taſchen ſeines Rockes, um die Schöße vorwaͤrts zu drücken, und begann ein Liedchen zu pfeifen; aber das Verlangen, etwas zu erwiedern, überwältigte ſeine Philoſophie, und ſo rief er:„Lächle meinetwe⸗ gen ſo viel Du willſt über meine Theorie der Erbtugenden, Richter Temple; aber es gibt gewiß keinen Zweiten in unſerem Patent, der es nicht beſſer weiß. Selbſt dieſer junge Mann hier, der vielleicht nie etwas anderes, als Bären, Hirſche und Waldhühner ſah, wird gut genug unterrichtet ſeyn, um an die Fortpflanzung von Tugenden in Familien zu glauben— nicht wahr, mein Freund?“ „Ich glaube wenigſtens, daß es bei den Fehlern nicht der Fall iſt,“ verſetzte der Fremde abgebrochen, indem er ſein Auge von dem Vater nach der Tochter gleiten ließ. „Der Squire hat Recht,“ bemerkte Benjamin mit einem ſchlauen Kopfnicken gegen Richard, welches die zwiſchen ihnen beſtehende Vertraulichkeit bekundete.„Irgendwo in dem alten Lande berührt des Königs Majeſtät nur den Kropf, und das iſt doch eine Krank⸗ heit, die der geſchickteſte Doktor in der Flotte, ja, nicht einmal der Admiral zu heilen vermag; nur des Königs Majeſtät kann es, oder ein Gehenkter. Ja, der Squire hat Recht; denn wenn dem nicht ſo wäre, wie käme es denn, daß der ſiebente Sohn immer ein Doktor wird, habe er nun eine Schule durchgemacht, oder nicht? Als wir's mit den Monſchürs unter de Groſſe zu thun hatten, war ein Dokter bei uns am Bord——“ 74 „Schon gut, Benjamin,“ unterbrach ihn Eliſabeth, indem ſie ihre Augen von dem Jäger auf Monsieur le Quoi wandte, der mit der äußerſten Höflichkeit auf jedes Wort, das nach der Reihe geſprochen wurde, achtete;„Ihr könnt mir dieſe Geſchichte, wie auch überhaupt alle Eure unterhaltende Abenteuer ein andermal erzählen. Jetzt iſt es aber vor allem nöthig, daß ein Zimmer zu⸗ gerichtet werde, um dem Arme dieſes Herrn einen Verband an⸗ legen zu können.“ „Das muß unter meiner Leitung geſchehen, Baſe Eliſabeth,“ bemerkte Richard etwas hochmüthig;„der junge Mann ſoll es nicht zu büßen haben, wenn es Marmaduke beliebt, ein wenig hartnäckig zu werden. Folgt mir, mein Freund, ich will die Verletzung ſelber unterſuchen.“. „Ich denke, es iſt beſſer, wenn ich auf den Arzt warte,“ ſagte der Jäger kaltblütig;„er kann nicht mehr lange ausbleiben.“ Richard ſchwieg und ſah, ein wenig betroffen von dieſer Sprache und nicht wenig ob der Zurückweiſung gekränkt, den Fremden an. Er betrachtete die letztere als einen Akt der Feindſeligkeit, ſteckte ſeine Hände wieder in die Taſchen und gieng auf Herrn Grant zu, dem er leiſe ins Ohr flüſterte: „Denken Sie an mich, man wird ſich jetzt unter den Anſied⸗ lern erzählen, daß wir Alle ohne dieſen Burſchen da den Hals gebrochen hätten. Als ob ich nicht zu fahren verſtünde! Sie ſelbſt hätten die Pferde herumbringen können, Sir; denn nichts war leichter, da es nur eines Rucks an dem Zügel der Deichſelpferde und eines Peitſchenhiebs in die Seite eines der Grauſchimmel be⸗ durfte. Ich hoffe, mein lieber Herr, Sie haben doch bei dem Sturze, den dieſer Menſch herbeiführte, keinen Schaden genommen?“ Die Antwort des Geiſtlichen wurde durch den Eintritt des Dorfwundarztes verhindert. 75 Sechſtes Kapitel. ——— und auf den Geſimſen Die bettelhafte Reihe leerer Büchſen, Die grünen Töpfchen, Blaſen, taube Samen, Bindfadenſchnitzel, altes Hägenmark; Welch' kümmerliche Oſtentation! Shakſpeare. Doktor Elnathan Todd, denn dieß war der Name des Heil⸗ künſtlers, galt unter den Anſiedlern als ein Herr von hohen Gei⸗ ſtesgaben, wie er denn auch, was den Körper anbelangte, hinſicht⸗ lich der Höhe, von der Natur nicht ſpärlich bedacht war. Er maß genau ſechs Fuß vier Zoll, und ſeine Hände, Füße und Kniee ent⸗ ſprachen in jeder Hinſicht dieſer ſeltenen Größe, obgleich die übri⸗ gen Theile ſeines Koͤrpers für einen Mann von kleinerem Umfang berechnet zu ſeyn ſchienen. Seine Schultern waren viereckig, aber ſo nahe bei einander, daß die langen ſchlotterigen Arme aus dem Rückgrate herauszuwachſen ſchienen. Sein Hals beſaß in einem ausgezeichneten Grade die der vermeldeten Höhe entſprechende Länge und ſtützte einen kleinen kugelrunden Kopf, deſſen hintere Seite mit einem Buſche borſtiger, brauner Haare bedeckt war, während vornen ſich ein kurzes bewegliches Geſicht zeigte, das ſich alle Mühe zu geben ſchien, recht gelehrt auszuſehen. Der Doktor war der jüngſte Sohn eines Landwirths im weſtlichen Theile von Maſſachu⸗ ſetts, welcher, da er ſich in ziemlich wohlhabenden Verhältniſſen be⸗ fand, in der Lage war, dieſen Spätling ſeiner Ehe zu der vorer⸗ wähnten Höhe aufſchießen zu laſſen, ohne deſſen Wuchs durch Feld⸗ arbeit, Holzausrottungen und ſonſtige derartige Arbeiten, die ſeinen Brüdern zu Theil wurden, zu hemmen. Er verdankte dieſe Befrei⸗ ung von Arbeit einigermaßen ſeinem außerordentlichen Wachsthum, welches, indem es ihn blaß, leblos und träge machte, ſeine zartliche Mutter zu der Erklärung veranlaßte, er wäre ein kränklicher Junge, 76 der zu keiner Arbeit tauge und ſich einen leidlichen Unterhalt als Advokat, Geiſtlicher, Doktor oder durch ein ſonſtiges leichtes Ge⸗ werbe, verdienen könne. Nun war aber die große Frage, für welchen dieſer Berufe ſich der Junge wohl am Beſten eigne. Da er unterdeſſen nichts zu thun hatte, ſo ſchlingelte er in der Nachbar⸗ ſchaft herum und aß unreife Aepfel und Sauerampfer— ein Umſtand, in welchem daſſelbe ſcharfblickende Auge, welches bereits ſeine verbor⸗ genen Talente ausgeſpürt hatte, einen Fingerzeig für ſeinen künftigen Pfad durch die Mühen des Erdenlebens erkannte.„Elnathan iſt zu einem Doktor gemacht,“ raiſonnirte die Mutter; denn er ſuchte immer nach Kräutern und koſtete alles, was in der Nachbarſchaft wuchs. Dann hatte er auch eine natürliche Vorliebe für Arznei⸗ ſtoffe, denn als ſie einmal eine Parthie abführender Pillen für ihren Mann zugerichtet, und mit Ahoknzucker beſtreut hatte, kam Elna⸗ than herein und verſchluckte ſie, als ob ſie gar nichts wären, wäh⸗ rend Ichabod, ihr Gatte, auch nicht ein einziges hinunterbringen konnte, ohne ſo verzweifelte Geſichter zu ſchneiden, daß man es nicht ohne Entſetzen mit anſehen konnte. Dieſe Entdeckung gab den Ausſchlag. Elnathan wurde, als er ungefähr fünfzehn Jahre alt war, ziemlich wie ein wildes Füllen ein⸗ gefangen, herausgeſtriegelt und ſeine buſchigen Haare geſchnitten; dann erhielt er einen neuen, ſelbſtgewirkten Anzug, der mit der Rinde der Butternuß gefärbt war, und wurde, mit einem Neuen Teſtament und Webſters A⸗B⸗C⸗Buch ausgeſtattet, nach einer Schule ge⸗ ſchickt. Da der Knabe nicht ohne natürliche Anlagen und ſchon in früherer Zeit bei ihm mit Leſen, Schreiben und Rechnen ein Grund gelegt worden war, ſo zeichnete er ſich bald durch ſeine Fortſchritte aus. Die glückliche Mutter hatte die Freude, aus dem Munde des Lehrers ſelbſt zu hören, daß ihr Sohn„ein wahrer Wunderknabe ſey und die übrigen Knaben ſeiner Klaſſe weit über⸗ treffe.“ Auch meinte der Pädagog,„der Junge habe eine natür⸗ liche Anlage für die Arzneikunſt, denn es ſey ihm nicht entgangen, 77 daß er die kleineren Kinder öfter vor dem zu viel Eſſen verwarne, wie er denn auch einigemal bemerkt habe, daß Elnathan, wenn die unwiſſenden Rangen ſeinem Rath hartnäckigen Widerſt and ent⸗ gegenſetzten, eigenmündig die Schulkörbe leerte, um ſie vor den verderblichen Folgen einer Magenüberladung zu wahren.“ Bald nach dieſer tröſtlichen Erklärung von Seite des Schul⸗ monarchen wurde der Junge in das Haus eines Dorſchirurgen ver⸗ pflanzt, der ſo ziemlich mit unſerem Helden die gleiche Schule ge⸗ macht hatte. Hier ſah man ihn bisweilen ein Pferd zur Tränke führen, oder andere Tränke, blaue, gelbe und rothe anfertigen; dann ſaß er auch hin und wieder mit Ruddiman's lateiniſcher Gram⸗ matik in der Hand, oder einem Theil von Denman's Hebammen⸗ kunſt in der Taſche, unter einem. Apfelbaum;— denn ſein Lehrer hielt es für abgeſchmackt, ſeinen Zögling die Patienten regelrecht aus der Welt fördern zu lehren, ehe er wußte, wie der Menſch in die Welt gebracht würde. So verlebte er ungefähr ein Jahr, als er plötzlich in einem ſehr langen ſchwarzen Rock, wozu der Zeug in der Heimath gewoben, und in kleinen Schnürſtiefeln, die in Ermanglung von rothem Maro⸗ quin ungefärbte kalblederne Niemen hatten, vor den Leuten erſchien. Bald nachher wurde er mit einem ſtumpfen Rafirmeſſer auf's Raſiren ausgeſchickt, und ehe noch weitere drei oder vier Monate ver⸗ floſſen, ſahen ihn mehrere ältliche Damen nach dem Hauſe einer armen Frau im Dorfe eilen, während andere Perſonen augen⸗ ſcheinlich in großer Beſtürzung ab und zu giengen. Einige Knaben wurden auf ſattelloſe Pferde geſetzt und in aller Haſt nach ver⸗ ſchiedenen Richtungen ausgeſchickt. Man ſtellte verſchiedene indi⸗ rekte Fragen, wo der Wundarzt zuletzt geſehen worden, aber Alles war umſonſt, und endlich ſah man Elnathan mit einer ungemein gravitätiſchen Miene aus der Thüre treten, während ein kleiner weißköpfiger Knabe athemlos vor ihm hertrabte. Des anderen Tages zeigte er ſich im Dorfe, und ſämmtliche Bewohner waren 78 höchlich erbaut von ſeiner nun ſo würdevollen Miene. Dieſelbe Woche kaufte er ein neues Raſirmeſſer, und am darauf folgenden Sonn⸗ tag betrat er mit einem rothſeidenen Taſchentuch in der Hand und einem ungemein geſetzten Geſichte die Kirche. Am Abend machte er bei einem jungen Frauenzimmer aus der niederen Volksklaſſe, denn andere waren keine vorhanden, einen Beſuch, und nachdem er ſich eine Weile allein mit der Schönen unterhalten hatte, nannte ihn die kluge Mutter derſelben zum erſtenmal Doktor Todd. Jetzt war das Eis mit einem Male gebrochen, und von nun an wurde Elnathan aus jedem Munde nur noch mit dieſem Titel begrüßt. Er brachte noch ein Jahr unter der Leitung deſſelben Lehr⸗ herrn zu, während welcher Zeit der junge Heilkünſtler in dem Rufe ſtand, daß er immer„mit dem alten Doktor die Kranken beſuchen müſſe,“ obgleich man beide ſtets verſchiedene Wege einſchlagen ſah. Nach Ablauf dieſer Periode hatte Doktor Todd das Alter der Mündigkeit erreicht. Er machte nun einen Ausflug nach Boſton, um Arzneien einzukaufen und, wie einige wiſſen wollten, den Spi⸗ tal zu beſuchen. Wir wiſſen nicht, wie es ſich mit dem letzteren verhielt, da uns nur ſo viel bekannt iſt, daß dieſer Beſuch ein ſehr kurzer geweſen ſeyn muß, denn er kam ſchon nach vierzehn Tagen wieder zurück und brachte eine verdächtig ausſehende Büchſe mit, die gewaltig nach Schwefel roch. Sonntags darauf ließ er ſich trauen, und am folgenden Mor⸗ gen beſtieg er mit der jungen Gattin einen einſpännigen Schlit⸗ ten, der zugleich mit der vorerwähnten Büchſe, einer Kiſte voll ſelbſt gefertigter Leinwand, einem mit Papier beklebten Koffer, einem darangebundenen rothen Regenſchirm, einem Paar ganz neuen Sattelranzen und einem Verbandzeug bepackt war. Die nächſte Nachricht, die ſeine Freunde von dem neuen Ehepaar erhielten, lautete, daß ſich Doktor Todd in der Abſicht, ſeine Kunſt auszuüben, zu Templeton, im Gebiete von Neu⸗York niedergelaſſen hätte. Wie ein Juris Candidatus von London Marmaduke's Befähigung Vͤ Au w 79 zu einem Richteramte belächelt haben würde, ebenſo beluſtigend dürfte es wohl ein Graduirter von Leyden oder Edinburg finden, wenn er aus die ſer wahrhaftigen Geſchichte von Elnathans Dienſte in dem Tempel Aesculaps hört. Aber der Richter und der Ader⸗ laſſer konnten ſich damit tröſten, daß Doktor Todd mit ſeinen im Lande anſäßigen Kunſtgenoſſen ebenſowohl auf einer gleichen Höhe ſtand, als Marmaduke mit ſeinen Brüdern auf der Gerichtsbank. Zeit und Erfahrung übten Wunder an dem Heilkünſtler. Er war von Natur menſchenfreundlich, was indeß ſeinem moraliſchen Muthe durchaus keinen Eintrag that; oder mit andern Worten, er hielt das Leben ſeiner Patienten werth, und machte keine unnöthi⸗ gen Verſuche an ſolchen Gliedern der Geſellſchaft, die man als nützlich betrachtete; wenn ihm aber hin und wieder ein unglücklicher Landſtreicher in die Hände kam, ſo war er nicht abgeneigt, die Wirkungen jeder Flaſche ſeiner Sattelranzen an der Conſtitution des Patienten zu erproben. Glücklicher Weiſe waren jedoch ſeine Vorräthe klein und meiſt ziemlich unſchuldiger Natur. Mit Hülfe derſelben hatte ſich Elnathan ziemliche Erfahrung in den Wechſel⸗ fiebern erworben und konnte mit vieler Gelahrtheit von intermit⸗ tens, remittens, Tertiana, Quotidiana u. ſ. w. ſprechen. In gewiſſen Hautkrankheiten, die in den neuen Anſiedelungen vorherr⸗ ſchend ſind, galt er als unfehlbar, und das weibliche Geſchlecht in dem Patent hätte eher daran gedacht, ohne Gatten Mutter— als ohne Doktor Todds Beiſtand entbunden zu werden. Mit einem Worte, er ſtrebte auf ſo ſandigem Grunde als ein Gebäude himmelan, das die Erfahrung zum Bindemittel hatte, obgleich es auch hier hin und wieder etwas brüchig ausſah. Gelegentlich griff er auch wieder zu ſeinen Elementarſtudien, und mit der Faſſungs⸗ gabe eines erleuchteten Kopfes wußte er leicht die Praxis ſeiner Theorie anzupaſſen. Da er in der Chirurgie am wenigſten Erfahrung hatte, und dieſe auch ein Geſchäft war, über deren Erfolg der Augenſchein 80 allein belehren konnte, ſo wagte er es nicht, in dieſer Beziehung ſeine Kräfte allzuhoch anzuſchlagen; er behandelte jedoch Brandwunden mit Oelen und Salben, riß ſchadhafte Zähne mit der Wurzel aus, und hatte die Hiebwunden zahlloſer Holzfäller mit beträchtlichem Eclat wieder zuſammengenäht, bis einmal einem unglücklichen Tag⸗ löhner durch den Umſturz eines Baumes ein Bein zerbrochen wurde. Bei dieſer Gelegenheit wurden die Nerven und das moraliſche Ge⸗ fühl unſeres Helden in einer Weiſe heimgeſucht, wie er es vorher „nie erlebt hatte. In der Stunde der Noth ließ er ſich jedoch nie vergeblich ſuchen. Die meiſten Amputationen, die in dieſen neuen Niederlaſſungen gerade nicht zu den Seltenheiten gehören, wurden durch einen Praktiker vorgenommen, der ſich von Anfang an eines großen Rufes erfreute und dieſem Umſtande eine Summe von Er⸗ fahrungen zu danken hatte, die es ihm möglich machten, ſeinen Ruhm zu verdienen. Elnathan war bei einer oder zweien dieſer Operationen zugegen geweſen. Da nun bei dem gegenwärtigen Anlaſſe der erfahrenere Wundarzt nicht zu haben war, ſo ſiel dieſes Geſchäft natürlich dem Doktor Todd anheim. Er gieng dabei mit einer Art von blinder Verzweiflung ans Werk, obgleich er es nicht unterließ, in ſeinem Aeußern wenigſtens die Würde des geſchickten Arztes zu bewahren. Der Name des Patienten war Milligan, derſelbe, den wir bereits Richard nennen hörten, als er des Beiſtandes erwähnte, den er bei Gelegenheit einer Amputation dem Doktor durch Halten des Beines geleiſtet hatte. Das Glied wurde auch wirklich abgetrennt, und der Kranke überlebte die Operation. Zwei oder drei Jahre fuhr aber der arme Milligan fort, ſich zu beklagen, daß man ſein abgenommenes Bein in einem zu engen Behälter begraben hätte, ſo daß daſſelbe eingezwängt würde, denn er fühle deutlich den Schmerz aus dem begrabenen Bruchſtücke nach den geſunden Gliedern hinaufſchießen. Marmaduke meinte, der Grund werde in den Arterien und Nerven liegen; aber Richard, der die Amputation theilweiſe für ſein eigenes Werk hielt, 81 beſtritt dieſe Anſicht lebhaft, indem er zugleich erklärte, er habe ſchon oft von Leuten gehört, die aus dem Gefühl in den Zehen ihrer abgenommenen Glieder einen kommenden Regen prophezeihen konnten. Nach zwei oder drei Jahren wurde daher, ungeachtet ſich Milligan's Klagen allmählig verminderten, das Bein ausgegraben und in einem größeren Sarg wieder eingeſcharrt; und von jener Stunde an hörte man nie wieder eine Klage aus dem Munde des Amputirten. Dieſer Umſtand vermehrte das öffentliche Vertrauen zu dem Doktor Todd, deſſen Ruf mit jeder Stunde wuchs, und zum Glück für ſeine Patienten auch ſeine Erfahrung erweiterte. Aber trotz ſeiner vielſeitigen Praxis und des glücklichen Falles mit dem Beine war Herr Todd nicht wenig beängſtigt, als er in die Halle des Landhauſes trat. Sie war wie der Tag erhellt und Alles ſah, in Vergleichung mit den haſtig gebauten und ſparſam möblirten Stuben, in welche ihn ſein Beruf gewöhnlich führte, ſo gar prächtig und imponirend aus; auch waren ſo viele wohlgekleidete Perſonen mit ängſtlichen Geſichtern zugegen, daß ſeine ſonſt kräf⸗ tigen Nerven etwas in Verwirrung geriethen. Er hatte den Be⸗ dienten, der ihn in das Landhaus berief, von einer Schußwunde ſprechen hören, weßhalb er ſeine Sattelranzen auf dem Rücken durch den Schnee einherſchleppte und auf dem ganzen Herwege nur an zerriſſene Arterien, verletzte Lungen und beſchädigte Ein⸗ geweide dachte, als gienge er unmittelbar nach dem Wahlplatze einer blutigen Schlacht und nicht nach Richter Temple's fried⸗ licher Wohnung. Der erſte Gegenſtand, der beim Eintritte in die Halle ſeinem Auge begegnete, war Eliſabeth in ihrem reich mit goldenen Schnüren beſetzten Reitkleide, die ihm mit dem Ausdruck tiefer Beſorgniß in ihren Zügen entgegengieng. Die ungeheuren Knochenkniee des Arztes ſchlugen hörbar zuſammen, denn in ſeiner Verwirrung glaubte er in der Dame einen von Kugeln durchbohrten Stabs⸗ officier zu ſehen, der von dem Schlachtfelde weggeeilt ſey, um Die Anſiedier. 3. Aufl. 6 — 82 ſeine Hilfe in Anſpruch zu nehmen. Die Täuſchung war jedoch nur momentan, und ſein Auge ſchweifte raſch nach dem ernſten und würdevollen Angeſicht des Vaters, ſodann nach dem umherſtolzi⸗ renden Richard, der, um ſeinen Unmuth über die Zurückweiſung des Jägers abzukühlen, mit langen Schritten in der Halle hin und her gieng und mit ſeiner Peitſche knallte; von dieſem auf den Franzoſen, der ſeit mehreren Minuten, mit einem Stuhle für die Dame in der Hand, unbeachtet daſtand; dann auf den Major Hartmann, der ganz kaltblütig eine drei Fuß lange Pfeife an einem der Kronleuchter anzündete; dann auf Herrn Grant, der bei einem der Seitenlichter in das Leſen eines Manuſcripts vertieft war; dann auf Remarkable, die mit gekreuzten Armen daſtand und mit einem Blicke voll Bewunderung und Neid den Anzug und die Schönheit der jungen Dame muſterte; dann auf Benjamin, der mit in die Seite geſtemmten Armen ſeinen viereckigen kleinen Körper auf den geſpreizten Beinen balancirte und dabei die Gleichgültigkeit eines Mannes an den Tag legte, der mit Wunden und Blutvergießen vertraut war. Aber alle Perſonen ſchienen unverletzt, und der Operateur begann wieder frei zu athmen. Ehe er jedoch ſeine Muſterung zum zweiten Mal vornehmen konnte, trat der Richter auf ihn zu, ſchüttelte ihm freundlich die Hand und ſprach: „Du biſt willkommen, lieber Doktor; in der That ſehr will⸗ kommen. Hier iſt ein Jüngling, der Deines Beiſtandes bedarf, weil ich ſo unglücklich war, ihn heute Abend zu verwunden, als ich nach einem Hirſch geſchoſſen.“ „Du nach einem Hirſch geſchoſſen, Duke?“ unterbrach ihn Richard—„ha, ha! nach einem Hirſch geſchoſſen! Meinſt Du, man könne etwas verordnen, ohne daß man den ganzen Thatbeſtand weiß? Aber ſo geht es immer mit gewiſſen Leuten; ſie meinen, man könne einen Arzt eben ſo ungeſtraft hintergehen, als einen andern Menſchen.“ „Allerdings habe ich nach dem Hirſch geſchoſſen,“ entgegnete 8³ der Richter lächelnd,„und es iſt keineswegs ausgemacht, ob ich bei der Erlegung deſſelben nicht Beihilfe leiſtete. Sey dem aber, wie ihm wolle, der junge Mann wurde durch meine Hand verletzt, und es iſt nun Deine Sache, ihn zu curiren, und die meiner Taſche, Dich für Deine Bemühung zu belohnen.“ „Swei Sach, auf die man ſich kann verlaß ſehr gut,“ bemerkte Monſieur Le Quoi mit einer höflichen Verbeugung gegen den Richter und den Praktiker. „Danke, Monſieur,“ entgegnete der Richter;„aber wir halten den jungen Mann unnöthig auf. Remarkable, Du wirſt ſo gut ſeyn, für Leinwand und Charpie zu ſorgen.“ Dieſe Bemerkung bewirkte eine Beendigung der Complimente und veranlaßte den Arzt, einen ſpähenden Blick in der Richtung ſeines Patienten zu werfen. Der junge Jäger hatte während des eben berührten Geſprächs ſeinen Mantel abgeworfen und ſtand nun in einem einfachen Anzug von dem hellfarbigen ſelbſtgewirkten Zeuge der Gegend da, welcher augenſcheinlich noch ganz neu war. Er hatte bereits die Hand an den Kragen ſeines Rocks gelegt, um auch dieſes Kleidungsſtück abzulegen, als er plötzlich wieder inne hielt, denn ſein Blick fiel auf die bekümmerte Eliſabeth, die unbe⸗ weglich und zu ſehr von Angſt hüberwältigt daſtand, um ſeiner Bewegungen zu gewahren. Ein leichtes Roth färbte die Stirne des Jünglings. „Der Anblick von Blut könnte die Dame beunruhigen. Gehen wir daher lieber, bis die Wunde verbunden iſt, in ein anderes Zimmer.“ „Nicht doch,“ ſagte Doktor Todd, dem ſeine ganze Keckheit wieder gekommen war, ſobald er bemerkte, daß ſein Patient kein Mann von Bedeutung ſey—„die helle Beleuchtung des Saales iſt der Operation günſtig— ein Vortheil, den wir um ſo weniger aus dem Auge laſſen wollen, da man ſich deſſelben ſo ſelten zu erfreuen hat.“ 84 Während Elnathan ſo ſprach, ſteckte er eine große eiſerne Brille in ſein Geſicht, die langjähriger Gewohnheit zufolge auf i der äußerſten Spitze ſeiner Mopsnaſe ſitzen blieb und, wenn ſie- ſ 5 den Augen auch keinen weſentlichen Dienſt leiſtete, doch auch kein b Hinderniß für das Sehen bildete; denn ſeine kleinen grauen Be⸗ obachtungsorgane funkelten wie zwei Sterne, die aus einer neidi⸗ ſchen Wolkenhülle hervorblickten, über dem optiſchen Inſtrumente weg. Dieſe Bewegung blieb von allen unbeachtet, Remarkable ausgenommen, welche gegen Benjamin bemerkte: „Herr Todd iſt ein recht hübſcher Mann, der ſeine Worte gut zu ſetzen weiß. Wie prächtig ihm nur ſeine Brille ſteht! So ein Ding gibt einem doch gleich ein großartigeres Ausſehen; ich habe gute Luſt, mir ſelber auch eine anzuſchaffen.“ 5 — x⏑ 2 ——4 Die Worte des Fremden hatten Miß Temple wieder zur Beſinnung gebracht. Sie fuhr, wie aus einer tiefen Zerſtreuung auf, erröthete hoch, winkte einer jungen Weibsperſon, die ihr in der Eigenſchaft eines Kammermädchens diente, und entfernte ſich mit der Miene weiblicher Zurückhaltung. Das Feld blieb nun dem Arzte und ſeinem Patienten freige⸗ laſſen, während die übrigen noch anweſenden Perſonen ſich mit Geſichtern, welche die verſchiedenen Grade ihres Antheils aus⸗ drückten, um den letzteren ſammelten. Major Hartmann war der einzige, der auf ſeinem Sitze blieb, indem er fortfuhr, große Rauchwolken von ſich zu ſtoßen, und bald die Augen nach der Decke gleiten ließ, als ſtelle er Betrachtungen über die Ungewißheit des menſchlichen Lebens an, bald mit einem Ausdrucke, der einiges Bewußtſeyn von der Lage des jungen Mannes verrieth, nach dem Fremden hinblickte. Inzwiſchen begann Elnathan, dem eine Schußwunde etwas Nagelneues war, ſeine Vorbereitungen mit einer Sorgfalt und Feierlichkeit, wie ſie des Anlaſſes würdig waren. Benjamin hatte —,—. .—— 8⁵ ihm ein altes Hemd eingehändigt, welches er mit einer Miene, die ſowohl ſeine Geſchicklichkeit, als die Wichtigkeit der Operation bezeichnete, in mehrere lange Streifen riß. Als dieſe Einleitung getroffen war, wählte ſich Herr Todd mit großer Sorgfalt einen der Streifen aus, und händigte ihn Herrn Jones ein, indem er mit größter Kaltblütigkeit ſagte: „Da, Saquire Jones, Sie verſtehen ſich auf derartige Dinge und ſind wohl ſo gefällig, die Charpie zu zupfen. Sie muß fein und weich ſeyn, wie Sie ja ſelber wiſſen, mein lieber Sir. Nehmen Sie ſich aber in Acht, daß Sie keine Baumwolle hineinbringen; ſie möchte ſonſt die Wunde vergiften. Nur der Zettel iſt Leinwand; Sie können daher beides leicht ſondern.“ Richard übernahm dieſen Dienſt mit einem Nicken gegen ſeinen Vetter, in welchem deutlich zu leſen war:„Du ſiehſt, der Kamerad kann nichts ohne mich ausrichten,“ und begann mit großer Emſig⸗ keit auf ſeinem Knie Charpie zu zupfen. Ein Tiſch wurde nun mit Arzneiflaſchen, Salbtöpfen und verſchiedenen chirurgiſchen Inſtrumenten belegt. So oft der Doktor eines davon aus ſeinem rothen Maroquinfutteral hervorlangte, hielt er es gegen das lebhafte Licht des Kronleuchters, in deſſen Nähe er ſtand, und unterſuchte es mit der pedantiſchſten Sorgfalt. Dabei fuhr er oft mit einem rothſeidenen Taſchentuche über den blanken Stahl, als wolle er auch das mindeſte Hinderniß, das einer ſo delikaten Operation im Wege ſtehen könnte, von der polirten Oberfläche entfernen. Nachdem das ziemlich ſpärlich aus⸗ geſtattete Futteral geleert war, öffnete der Doktor ſeine Sattel⸗ ranzen und brachte verſchiedene Phiolen zum Vorſchein, die mit Flüſſigkeiten von den verſchiedenſten Farben gefüllt waren, ſtellte ſte in gebührender Ordnung an der Seite der mörderiſchen Sägen, Scheeren und Meſſer auf, nahm dann eine ganz aufrechte Stellung an, wobei er die Hand auf den Rücken legte, als wolle er die Bedeutſamkeit ſeiner Attitüde dadurch verſtärken, und blickte umher⸗ 86 was für einen Eindruck dieſe Zurſchauſtellung ſeines Kunſtapparates auf die Zuſchauer übte. „Auf mein Wort,“ bemerkte Major Hartmann mit einem ſchelmiſchen Rollen ſeiner kleinen ſchwarzen Augen, während jeder übrige Zug ſeines Geſichtes vollkommen ruhig verblieb;„Ihr habt da einen ſchönen Vorrath von Werkzeugen, und Eure Medicamente glänzen, als wären ſie beſſer für die Augen, als für die Gedärme.“ Elnathan ließ ein Hem vernehmen,— man hätte es vielleicht eben ſo gut für das Räuſpern eines Verzagten, der ſich dadurch Muth zuſprechen will, als für einen natürlichen Verſuch, die Kehle zu klären, halten können; wenn indeß das erſtere der Fall war, ſo entſprach es vollkommen ſeiner Abſicht, denn der Doktor wandte ſich jetzt mit den Worten an den deutſchen Veteran: „Sehr wahr, Herr Major, ſehr wahr; ein kluger Mann gibt ſich immer Mühe, ſeine Heilmittel dem Auge angenehm zu machen, obgleich ſie hin und wieder dem Magen nicht ſonderlich zuſagen mögen. Es gehört indeß weſentlich mit zu unſerer Kunſt, Sir“— und nun ſprach er mit der Zuverſicht eines Mannes, der über ſeinen Gegenſtand vollkommen im Klaren iſt—„den Kranken mit dem, was zu ſeinem eignen Beſten dient, zu verſöhnen, wenn ſich auch der Gaumen etwa dagegen ſträuben ſollte.“ „Gewiß, Doktor Todd hat Recht,“ ſagte Remarkable;„denn die Bibel erzählt uns von Dingen, die, wie ſüß ſie auch dem Munde ſeyn mögen, in dem Bauche grimmen.“ „Mag ſeyn, mag ſeyn,“ fiel der Richter etwas ungeduldig ein; „aber hier iſt ein Jüngling, der nicht nöthig hat, ſich in ſeinem eigenen Intereſſe täuſchen zu laſſen! Ich entnehme aus ſeinem Auge, daß ihm nichts mehr zuwider iſt, als Zögerung.“ Der Fremde hatte, ohne weiteren Beiſtand, ſeine Schulter entblöst, in der ein kleines Loch, veranlaßt durch das Eindringen eines Hirſchpoſtens, deutlich ſichtbar war. Die eindringende Kälte des Abends hatte die Blutung gehemmt, und Doktor Todd, der —— 1 „— ———— 2—.—,—2 87 einen verſtohlenen Blick auf die Wunde warf, begann nun zu glauben, daß er es keineswegs mit einem ſo ſchrecklichen Falle zu thun bekomme, als er gefürchtet hatte. So ermuthigt, näherte er ſich ſeinem Patienten und ließ ſeine Abſicht merken, den Gang, welchen das Blei genommen hatte, zu verfolgen. Remarkable nahm in ſpäteren Tagen oft Anlaß, dieſe berühmte Operation mit allen Einzelnheiten zu erzählen, und wenn ſie im Laufe der Geſchichte bei jenem Punkt anlangte, ſo pflegte ſie folgendermaßen fortzufahren: „Und dann nahm der Doktor ein langes Ding, wie eine Stricknadel, an deſſen Ende ſich ein Knopf befand, aus ſeinem Futterale; und dann ſchob er es in die Wunde; und dann machte der junge Mann ein ſchreckliches Geſicht; und dann meinte ich in Ohnmacht ſinken zu müſſen, ſo griff mich die Sache an; und dann ſtieß es der Doktor gerade durch ſeine Schulter und ſchob die Kugel auf der andern Seite heraus; und ſo curirte der Doktor Todd den jungen Mann von einer Kugel, die ihm der Richter in den Leib geſchoſſen hatte— in der That ſo leicht, wie wenn ich einen Splitter mit der Nähnadel herausnehme.“ Dieß war der Eindruck, den der ganze Vorgang auf Remar⸗ kable, und ohne Zweifel auf alle Diejenigen gemacht hatte, welche ſich gedrungen fühlten, Elnathan's Geſchicklichkeit mit einer religiöſen Verwunderung zu betrachten; die Sache verhielt ſich indeß anders. Als der Arzt verſuchte, das von Remarkable beſchriebene Inſtru⸗ ment einzubringen, wurde dieſes von dem Fremden mit Entſchieden⸗ heit, ja ſogar mit einer kleinen Beimiſchung von Verachtung abgelehnt. „Ich glaube, Herr, daß kein Sondiren nöthig iſt,“ ſagte er. „Die Kugel hat keinen Knochen verletzt und iſt gerade durch's Fleiſch gegangen; ſie ſteckt auf der andern Seite unmittelbar unter der Haut, und ich dächte, ſie ließe ſich da leicht herausſchneiden.“ „Der Herr muß das am beſten wiſſen,“ entgegnete Doktor Todd, indem er die Sonde mit der Miene eines Mannes, der ſie 88 nur der Form wegen zu Hilfe genommen hat, bei Seite legte. Dann wandte er ſich an Richard und befühlte die Charpie mit großer Bedachtſamkeit. „Prächtig gezupft, Squire Jones— ſo ziemlich die beſte, die ich je geſehen habe. Jetzt aber bedarf ich Ihres Beiſtandes, mein guter Sir: wollen Sie den Arm des Patienten halten, während ich den Einſchnitt mache. Thut mir zwar leid, daß ich Sie darin unterbrechen muß, denn es iſt Niemand im Zimmer, der Charpie ſo gut zu zupfen verſtünde, als Squire Jones.“ „So etwas verpflanzt ſich in den Familien,“ bemerkte Richard, raſch aufſtehend, um die gewünſchte Handreichung zu thun.„Mein Vater, und ſchon mein Großvater waren wegen ihrer chirurgiſchen Kenntniſſe berühmt; ſie hatten ſich nicht mit ſolchen Zufälligkeiten zu brüſten, wie Marmaduke jenesmal, da er dem Manne, der vom Pferde geſtürzt war, ſein Hüftgelenk wieder zurechtbrachte. Das war indeß, ehe Ihr in die Anſiedelung kamet, Doktor. Ja, ja, meine Vorfahren waren Männer, die alles regelmäßig anzugreifen gelernt hatten, und ihr halbes Leben auf das Studium ſolcher kleinen Fertigkeiten verwendeten; zudem war mein Groß⸗ vater ein an einer mediciniſchen Schule gebildeter Arzt, und der beſte in der Kolonie— das heißt in der ganzen Nachbarſchaft.“ „So geht es in der Welt, Squire,“ rief Benjamin,„wenn man mit Ehren und mit regelmäßig gebauten Swabbern auf ſeinen Schultern einen ehrenvollen Spaziergang über das Halbdeck zu machen denkt, ſo darf man nicht glauben, daß es da nur geſchwind durch die Kajütenfenſter gehe. Es gibt außer dem Soldatengate zwei Wege auf das Mars zu kommen, und am eheſten kommt man rückwärts, wenn man gleich vorwärts anfängt. Jedermann muß von unten auf dienen, wie aus meiner eigenen beſcheidenen Lauf⸗ bahn erhellt. Anfangs war ich nur Handlanger bei den Bram⸗ ſegeln, dann kam ich an den Klüver, bis mir endlich des Capitäns Schlüſſel übertragen wurden.“ 7—— — ir.-— ☛ 89 „Benjamin hat ganz Recht,“ fuhr Richard fort.„Ich darf wohl ſagen, daß er auf den verſchiedenen Schiffen, auf denen er dient, manche Kugel hat ausziehen ſehen. Ich denke, wir können ihn das Becken halten laſſen; denn er muß wohl an den Anblick des Bluts gewöhnt ſeyn.“ „Das bin ich auch, Squire; das bin ich auch,“ fiel der vor⸗ malige Schlüſſelbewahrer ein.„Ich habe die Doktors an mancher ſchönen Schußwunde ſich abarbeiten ſehen. So war ich einmal in einem Boot neben dem Schiff, wo ſie dem Capitän des Foody⸗Rong, einem von Munſchur Ler Quaw's Landsleuten, einen Zwölfpfünder aus dem Schenkel ſchnitten.“* „Einen Zwölfpfünder aus dem Schenkel eines menſchlichen We⸗ ſens?“ rief Herr Grant mit vieler Einfalt, indem er die Predigt, die er eben ſtudirte, ſinken ließ und ſeine Brille gegen die Stirne zurückſchob. „Ja, einen Zwölfpfünder!“ wiederholte Benjamin mit kecker Miene umherſehend.„Doch, was will das heißen? Man kann ebenſo leicht einen Vierundzwanzigpfünder aus einem menſchlichen Leibe herausſchneiden, wenn's der Doktor nur anzugreifen weiß. Da iſt Squire Jones. Fragen Sie ihn, Sir; er liest Bücher genug— fragen Sie ihn, ob ihm nie eine Stelle vorgekommen, wo über ſolche Dinge Bericht erſtattet wird.“ „Gewiß; man trifft da oft auf ſo merkwürdige Operationen, daß ſie unmöglich können ausgeführt worden ſeyn,“ bemerkte Richard.„Die Encyklopädie erwähnt noch weit unglaublichere Fälle, wie Euch ſicher bekannt ſeyn wird, Doktor Todd.“ „Allerdings; es ſteht manches Unglaubliche in den Encyklo⸗ pädien,“ entgegnete Elnathan,„obgleich ich nicht ſagen kann, daß ich je etwas Größeres, als eine Musketenkugel ausſchneiden ſah.“ * Möglich, daß der Leſer ob dieſer Erklärung Benjamin's erſtaunt; aber wer ſich eine Zeit lang in den neuen Anſtedelungen Amerika's aufgehalten hat, iſt zu ſehr daran gewöhnt, von ſolchen europäiſchen Kraftſtückchen zu hören, um ſie zu bezweifeln. 90 Während dieſes Geſprächs hatte der Wundarzt an der Schulter des jungen Jägers einen Einſchnitt in die Haut gemacht, und das Blei losgelegt. Er nahm nun eine glänzende Zange und war im Begriff, ſie auf die Wunde zu appliciren, als eine plötzliche Be⸗ wegung des Patienten Anlaß gab, daß die Kugel von ſelbſt her⸗ ausfiel. Der lange Arm und die lange Hand des Operateurs kamen ihm nun ſehr zu ſtatten, denn die letztere breitete ſich raſch aus und faßte das Blei, während eine geſchickte Bewegung der andern die Umſtehenden im Zweifel ließ, in wie weit Elnathan bei der Entfernung der Kugel ſelbſt thätig geweſen. Richard bereinigte indeſſen die Sache, indem er rief: „Prächtig, Doktor! Ich habe nie eine Kugel ſo ſchön heraus⸗ nehmen ſehen. Und Ihr, Benjamin, werdet das Gleiche ſagen müſſen.“ „Ja, was das anbelangt, ſo muß ich ſagen,“ entgegnete Benjamin,„daß er ſich wie ein ächter Schiffsdoktor benommen hat. Jetzt braucht er nichts mehr zu thun, als die Löcher mit ein Paar Pröpfen zuzuſtöpſeln, und der junge Mann kann hinſegeln, wohin ihn der Wind in dieſen Bergen bläst.“ „Ich danke Euch, Sir, für die geleiſteten Dienſte,“ ſagte der Jüngling mit einigem Stolze;„aber hier iſt ein Mann, der mich in ſeine Pflege nehmen und Ihnen, meine Herrn, jede weitere Un⸗ ruhe um meinetwillen erſparen wird.“ Die ganze Gruppe wandte ſich jetzt überraſcht um und er⸗ blickte an der Thüre der Halle die Perſon des Indianers John. +— AàA— 91 Siebentes Kapitel. Von Susquehanna's fernſter Quelle, (Wo luſtig hauſ't ein wilder Stamm,) Den Leib gehüllt in rauhe Felle— Des Waldes Hirte zu uns kam. Freneau. Ehe die Europäer, oder— um uns eines bezeichnenderen Ausdrucks zu bedienen— die Chriſten den urſprünglichen Eigenthümern ihren Boden abgenommen hatten, war der ganze Landſtrich der Staaten von Neu⸗England, wie auch derjenige, welcher nach der Mitte hin öſtlich von dem Gebirge liegt, von zwei großen indianiſchen Völker⸗ ſchaften bewohnt, die in zahlloſe kleine Stämme zerfielen. Dieſe beiden Völker, die eine verſchiedene Sprache redeten und ohne Unterlaß im Kriege miteinander lebten, hatten ſich nie miteinander vermiſchen können, bis die umſichgreifende Gewalt der Weißen einige der Stämme in einen Zuſtand von Abhängigkeit verſetzte, welche nicht nur ihre politiſche, ſondern auch— da hier nur von den Bedürfniſſen und Gewohnheiten eines wilden Stammes die Rede iſt— ihre leibliche Exiſtenz ungemein gefährdete. Die beiden großen Abtheilungen beſtanden auf der einen Seite aus den fünf, oder wie ſie nachher genannt wurden, aus den ſechs großen Na⸗ tionen, auf der andern aus den Lenni Lenapen oder Delawaren mit den zahlreichen und mächtigen Horden, welche von ihnen abſtamm⸗ ten; die Angehörigen der erſteren wurden von den Angloamerikanern allgemein Irokeſen, oder die ſechs Nationen, bisweilen auch Mingos genannt, während ihnen ihre Feinde den Namen Mengwes oder Maquas beizulegen pflegten. Sie wurden aus den Stämmen oder — wie ſie ihre Verbündeten, um ihre Bedeutſamkeit zu erhöhen, lieber nannten— aus den verſchiedenen Nationen der Mohawks, der Oneidas, der Onondagas, der Cayugas und der Senecas ge⸗ bildet, die wir hier nach ihrer Macht und Verbreitung geordnet haben. Beinahe ein Jahrhundert nach der Gründung dieſes Ver⸗ bandes wurden auch noch die Tuskaroras aufgenommen, wodurch ſich ihre Zahl bis zu ſechs vermehrte. Die Lenni Lenapen oder die Delawaren— wie ſie von den Weißen wegen des Umſtandes genannt wurden, daß ſie ihre großen Berathungsfeuer an dem Ufer des gleichnamigen Fluſſes hielten— beſtanden nebſt den eigentlichen Delawaren aus den Stämmen der Mahicannis, Mohicans oder Mohegans und der Nanticokes oder Neutigos. Die letzteren hatten ihre Wohnſitze links von der Cheſapeak⸗ bay und der Meeresküſte, während die Mohegans den Strich zwiſchen dem Hudſon und dem Meere, alſo den größten Theil von Neu⸗ England einnahmen. Natürlich wurden dieſe beiden von den Europäern zuerſt aus ihrem Beſitze vertrieben. Die Kriege mit einem Theil der letzteren ſind unter uns berühmt⸗ zum Beiſpiel die Kriege des Königs Philipp; aber die friedliebende Politik William Penn's oder Miquon's, wie er von den Einge⸗ bornen genannt wurde, erreichte ihren Zweck mit weit weniger Schwierigkeit, obgleich nicht minder ſicher. Da die Eingeborenen allmählig aus den Wohnſitzen der Mohegans verſchwanden, ſuchten einige zerſtreute Familien einen Zufluchtsort an dem Berathungs⸗ feuer des Mutterſtamms oder der Delawaren. Dieſes Volk mußte ſich von ſeinen alten Feinden, den Mingos oder Irokeſen den Schimpfnamen Weiber gefallen laſſen, nachdem letztere ihre Zuflucht zur Liſt genommen hatten, um über ihre Nebenbuhler zu ſiegen, da ſie durch öffentliche Feindſeligkeiten nicht zu ihrem Zwecke gelangt waren. Dieſer Erklärung gemäß ſollten die Delawaren die Künſte des Friedens üben und ihre Verthei⸗ digung ausſchließlich den Männern oder den kriegeriſchen Stäm⸗ men der ſechs Nationen überlaſſen. Dieß war der Stand der Dinge bis zum Ausbruch der Re⸗ volution— ein Zeitpunkt, in welchem die Lenni Lenapen förmlich ihre Unabhängigkeit anſprachen und furchtlos erklärten, daß ſie 93 wieder Männer wären. Aber bei einer ſo eigenthümlich republi⸗ kaniſchen Regierungsform, als die indianiſche, war es nicht immer leicht, ihre Angehörigen in den Banden geſetzlicher Ordnung zu halten. Mehrere kühne und berühmte Krieger der Mohegans ſuch⸗ ten, als ſie den Kampf mit den Weißen vergeblich gefunden hatten, einen Zufluchtsort bei dem Hauptſtamme, und verpflanzten in den⸗ ſelben Gefühle und Grundſätze, durch welche ſie ſich ſo lange bei ihrem eigenen Volke ausgezeichnet hatten. Dieſe Häuptlinge hiel⸗ ten den kriegeriſchen Geiſt der Delawaren einigermaßen wach und führten hin und wieder kleine Feldzüge gegen ihre alten Feinde oder gegen ſonſtige Gegner, die ihren Zorn gereizt hatten. Unter dieſen Kriegern zeichnete ſich beſonders ein Geſchlecht durch Tapferkeit und alle jene Eigenſchaften aus, die einem india⸗ niſchen Helden Berühmtheit zu verſchaffen im Stande ſind. Aber Krieg, Zeit, Krankheit und Entbehrung hatten die Glieder deſſelben gelichtet, und der einzige Ueberreſt dieſer einſt ſo gefeierten Fa⸗ milie ſtand nun in Marmaduke's Halle. Schon ſeit langer Zeit hatte er ſich den Weißen, namentlich in ihren Kriegen, angeſchloſſen und durch ſeine bisweilen ungemein wichtigen Dienſte ſich Beachtung und Auszeichnung erworben. Der Umgang mit Chriſten hatte ihn gleichfalls zum Chriſtenthum bekehrt, und in der Taufe war ihm der Name John beigelegt worden. Von ſeiner ohnehin im Laufe des Krieges ſchwer heimgeſuchten Familie und allem Anhang war er durch einen Einfall der Feinde getrennt worden, und als der letzte Ueberreſt ſeiner Nation ſeine Feuer an den Ufern des Delaware auslöſchte, blieb er allein zurück, mit dem Entſchluſſe, ſich in dem Lande be⸗ graben zu laſſen, wo ſeine Väter ſo lange gelebt und geherrſcht hatten. Er war indeß erſt ſeit wenig Monaten in dem Gebirge, das Templeton umgab, erſchienen. In der Hütte des alten Jägers ſchien er beſonders willkommen zu ſeyn, und da Lederſtrumpfs“ Gewohnheiten ziemlich die gleiche Färbung mit denen der Wilden trugen, ſo erregte ihre Verbindung keine Ueberraſchung. Sie be⸗ 94⁴ wohnten dieſelbe Hütte, aßen mit einander aus einer Schüſſel, und beſchäftigten ſich meiſtens in derſelben Weiſe. Wir haben des Taufnamens dieſes alten Häuptlings bereits erwähnt; in ſeinem Verkehr mit Natty aber, der in der Sprache der Delawaren geführt wurde, pflegte er ſich gewöhnlich Chingach⸗ gook zu nennen, was in unſere Sprache übertragen ‚die große Schlange“ bedeutet. Er hatte ſich in ſeiner Jugend dieſen Namen durch die Behendigkeit und Tapferkeit erworben, welche er in den Kriegen an den Tag legte; doch als ſich ſeine Stirne mit der Zeit zu furchen begann und er allein als der letzte von ſeiner Familie daſtand, gab ihm ſein Stamm, das heißt die wenigen Delawaren, welche noch an den Ufern ihres heimathlichen Stromes weilten, die an ſchmerzlichen Erinnerungen ſo reiche Benennung„Mohegan. Vielleicht fühlte ſich aber das Herz dieſes Waldbewohners zu tief bewegt bei dem Klange eines Namens, der ihm nur den Unter⸗ gang ſeiner Nation ins Gedächtniß rief, denn er bediente ſich des⸗ ſelben ſelten— eigentlich nie, ausgenommen bei beſonders feier⸗ lichen Anläſſen; die Anſiedler hatten jedoch, der chriſtlichen Sitte gemäß, ſeinen Taufnamen mit ſeinem Nationalnamen vereinigt, und ſo war er allgemein als John Mohegan, oder üm vertraulicheren Verkehre als Indianer John bekannt. In Folge ſeiner langen Verbindung mit den Weißen hatte Mohegan's Lebensweiſe eine Miſchung von Civiliſation und dem Urzu⸗ ſtande des Wilden angenommen, obgleich der Letztere ſicher entſchie⸗ den vorherrſchend blieb. Wie alle ſeines Volkes, welche unter den Anglo⸗Amerikanern wohnten, war er mit neuen Bedürfniſſen be⸗ kannt geworden, und ſein Anzug beſtand aus einem Gemenge ſeiner Nationaltracht und der europäiſchen Sitten. Ungeachtet der draußen herrſchenden ſchneidenden Kälte war ſeine Haut unbedeckt, aber eine Maſſe langer, ſchwarzer, grober Haare bedeckte den Kopf, die Stirne und ſogar die Wangen, ſo daß Jemand, der den Mann früher gekannt hatte, wohl auf die Vermuthung kommen konnte, —„— 95 er begünſtige dieſe Fülle, damit ſie ihm als Schleier diene, um die Scham einer edlen Seele, welche um den entſchwundenen Ruhm trauert, zu verbergen. Die Stirne, ſoweit ſie geſehen werden konnte, erſchien ſtolz, breit und edel; die Nüſtern der langen römiſch geſchnittenen Naſe dehnten ſich noch in ſeinem ſiebenundſtebzigſten Jahre mit derſel⸗ ben Freiheit aus, die man an dem Jüngling gewahrt hatte; ſein großer, zuſammengepreßter Mund beſaß viel Ausdruck, und wenn er ihn öffnete, ſo zeigte ſich eine undurchbrochene Reihe kleiner und regelmäßiger Zähne; ſein Kinn war voll, aber nicht hervor⸗ ragend, und ſein Geſicht trug den unverkennbaren Stempel ſeines Volkes in den hohen eckigen Backenknochen; ſeine Augen waren nicht groß, aber die ſchwarzen Aepfel leuchteten in den Strahlen der Kerzen, wie ein Paar Feuerkugeln, wenn er ſich ſpähend in der Halle umſah. Sobald Mohegan ſich von der den jungen Fremden umringen⸗ den Gruppe bemerkt ſah, ließ er die Decke, welche den obern Theil ſeines Körpers verhüllte, von den Schultern fallen, ſo daß ſie jetzt einen Mantel um die ungegerbte Hirſchhaut ſeiner Beinkleider bil⸗ dete, während ſie von einem Rindengürtel, der die Hüfte umfing, feſtgehalten wurde. Die Anweſenden wurden nicht wenig durch den würdevollen und bedächtigen Schritt des Indianers überraſcht, als er langſam vorwärts trat. Schultern und Oberleib waren ganz unbedeckt, eine ſilberne Medaille mit Waſhington's Bildniſſe ausgenommen, die ihm an einem hirſchledernen Riemen von dem Halſe herunter hing und zwiſchen vielen Wunden und Narben auf der hohen Bruſt ruhte. Seine Schultern waren ziemlich breit und voll; aber die Arme, obgleich ſie gerade und nicht unzierlich waren, entbehrten doch des muskulöſen Ausſehens, das der Menſch allein durch aus⸗ dauernde Arbeit gewinnt. Die Medaille war der einzige Schmuck, den er trug, obgleich ungeheure Schlitze in den faſt um zwei Zoll verlängerten Ohrläppchen augenſcheinlich darauf hindeuteten, daß 96 in früheren Tagen auch hier eine Verzierung angebracht geweſen war. In der Hand hielt er ein kleines aus Eſchenzweigen geflochtenes Körbchen, auf dem verſchiedene phantaſtiſche Figuren, in welchen ſich das Roth und Schwarz der Malerei mit dem Weiß des Holzes miſchten, angebracht waren. Als dieſer Sohn des Waldes näher kam, trat die ganze Gruppe auseinander und geſtattete ihm, den Gegenſtand ſeines Beſuches zu begrüßen. Er ſprach jedoch nicht, ſondern betrachtete nur eine Weile die Schulter des jungen Jägers, worauf er ſeinen Blick nach dem Richter gleiten ließ. Der letztere war nicht wenig betroffen über dieſe ungewöhnliche Abweichung von dem ſonſt ſo ruhigen und unter⸗ würfigen Benehmen des Indianers; er ſtreckte indeß ſeine Hand aus und ſagte: „Du biſt willkommen, John. Dieſer junge Mann hat ein großes Vertrauen zu Deiner Geſchicklichkeit, denn er ſcheint Deine Be⸗ handlung ſogar der unſeres Freundes, des Doktor Todd, vorzuziehen.“ Mohegan entgegnete nun in leidlichem Engliſch, aber in einem leiſen einförmigen Kehltone: „Die Kinder von Miquon lieben nicht den Anblick des Blutes, und doch wurde ‚der junge Adler' durch eine Hand beſchädigt, die nichts Uebles thun ſollte!“ „Mohegan! alter John!“ rief der Richter;„glaubſt Du, daß meine Hand je mit Abſicht Menſchenblut vergoß? Schäme Dich, ſchäme Dich, alter John! Deine Religion hätte Dich etwas Beſſe⸗ res lehren ſollen.“ „Der böſe Geiſt wohnt bisweilen in dem beſten Herzen,“ ver⸗ ſetzte John;„aber mein Bruder ſpricht die Wahrheit. Seine Hand hat nie wiſſentlich ein Leben geraubt,— nein, nicht einmal damals, als die Kinder des großen engliſchen Vaters die Ströme mit dem Blute ſeines Volkes rötheten.“ „Du erinnerſt Dich gewiß,“ ſagte Herr Grant mit hohem Ernſte,„des göttlichen Gebotes unſeres Erlöſers: richte 97 nicht, damit ihr nicht gerichtet werdet'“. Welcher Grund hätte den Richter Temple veranlaſſen können, dieſen jungen Mann zu be⸗ ſchädigen, einen Menſchen, den er gar nicht kennt und von dem er ſich weder einer Gunſt noch eines Nachtheils zu verſehen hat?“ John horchte achtungsvoll auf den Geiſtlichen und ſtreckte, als derſelbe ausgeſprochen hatte, ſeinen Arm aus, indem er mit Nachdruck die Worte ſprach: „Er iſt unſchuldig— mein Bruder hat nicht ſo thun wollen.“ Marmaduke ergriff die dargebotene Hand des andern mit einem Lächeln, welches zeigte, daß er ihm den Argwohn, ſo ſehr er ihn auch gekränkt haben mochte, nicht nachzutragen gedenke, während der verwundete Jüngling mit einer Theilnahme, die ſich unverkenn⸗ bar in ſeinen Zügen ausſprach, bald auf ſeinen rothen Freund, bald auf ſeinen Wirth blickte. Der Friede war indeß kaum wieder hergeſtellt, als ſich John anſchickte, das Geſchäft, um deſſen willen er gekommen, auszuführen. Doktor Todd war weit entfernt, einen Verdruß über dieſen Eingriff in ſeine Rechte an den Tag zu legen, ſondern machte dem neuen Arzte mit einer Miene Platz, welche ſeine Bereitwilligkeit ausdrückte, der Laune ſeines Patienten nach⸗ zugeben, da doch einmal der wichtigſte Theil ſeines Amtes beendigt und nichts mehr zu thun übrig war, als was ein jedes Kind hätte ausführen können. Er flüſterte dieß auch Monſieur Le Quoi mit den Worten ins Ohr: „Ein Glück, daß die Kugel ausgezogen war, ehe dieſer In⸗ dianer kam; jetzt kann jedes alte Weib die Wunde verbinden. Der junge Mann wohnt, dem Vernehmen nach, bei John und Natty Bumppo, und es iſt immer das Beſte, ſich in die Grillen eines Patienten zu fügen, ſo fern es ohne Nachtheil geſchehen kann— ich ſage ohne Nachtheil, Monſieur.“ „Certainement,“ entgegnete der Franzoſe;„Sie ſchein ſerr glücklich, Monſieur Todd, in Ihr pratique. Ich denk, die alt dame könnt ſeer wohl beendigen, was Sie ſo geſchickt angefang.“ Die Anſiedler. 3. Aufl. 7 98 3 Richard hatte übrigens im Grunde doch eine große Verehrung vor Mohegans Kenntniſſen, zumal in Behandlung äußerlicher Ver⸗ letzungen; er unterdrückte daher ſeinen Wunſch, ſich eine wichtige Betheiligung bei der Operation beizulegen und näherte ſich dem Indianer mit den Worten: „Schön, ſchön, mein lieber Mohegan, es freut mich recht, daß Du hieher kömmſt. Ich liebe einen regelmäßigen Arzt, wie den Doktor Todd, wo es gilt, ins Fleiſch zu ſchneiden, und einen Ein⸗ geborenen, wo es an das Heilen der Wunde geht. Erinnerſt Du Dich noch der Zeit, John, wo ich und Du den Knochen von Natty Bumppo's kleinen Finger einrichteten, den er beim Sturze von dem Felſen gebrochen hatte, als er es verſuchte, das auf die Klippen gefallene Rebhuhn zu holen? Es iſt mir noch immer nicht klar, ob ich oder Natty den Vogel ſchoß. Er feuerte zuerſt, und der Vogel duckte, kam aber wieder auf, als ich den Drücker rührte. Jeden⸗ 6 falls würde ich die Ehre angeſprochen haben, wenn nicht Natty 1 geſagt hätte, das Loch ſey zu groß für Schrot, und er habe aus ſeiner Büchſe nur eine einzige Kugel abgefeuert; dieß iſt aber noch kein Beweis, denn das Gewehr, welches ich damals hatte, zerſtreute ſeine Ladung nicht, und ich habe es ſchon beim Scheiben⸗ ſchießen ein Loch, gerade wie von einer Büchſenkugel, durch ein Brett bohren ſehen. Soll ich Dir helfen, John? Du weißt, ich habe einiges Geſchick zu ſolchen Dingen.“ Mohegan hörte dieſe Auseinanderſetzung ruhig an, und als Richard geſchloſſen hatte, hielt er ihm das Körbchen, in welchem ſich ſeine Arzneikräuter befanden, hin, indem er ihm durch eine 1 Handbewegung zu verſtehen gab, daß er es halten möchte. Herr Jones fügte ſich bereitwillig in dieſen Dienſt, und ſo oft er nach⸗ her von dieſem Falle ſprach, pflegte er zu ſagen:„Doktor Todd und ich ſchnitten die Kugel heraus, und ich und Indianer John verbanden die Wunde.“ Der Patient konnte allerdings unter Mohegans Händen viel ——,..— —.,y—,„— 99 eher ſo heißen, als während er unter denen des Doktors zu leiden gehabt hatte. In der That gab ihm der Indianer wenig Anlaß zu einer Geduldsprüfung, denn da derſelbe gehörig vorbereitet kam, ſo war der Verband bald angelegt; die Mittel, die er dabei an⸗ wendete, beſtanden nur aus etwas zerquetſchter Baumrinde, die mit dem Safte einiger ausgepreßter Waldpflanzen angefeuchtet war. Unter den eingebornen Bewohnern der amerikaniſchen Urwälder gab es immer zwei Klaſſen von Aerzten, von denen die einen ver⸗ mittelſt übernatürlicher Kräfte zu heilen vorgaben und daher in weit größerem Anſehen ſtanden, als durch die Erfolge ihrer Kunſt gerechtfertigt wurde, während die andern in der That mit einer großen Geſchicklichkeit in Linderung der gewöhnlichen üblen Zufälle, die dem Menſchen begegnen, begabt waren, wobei ſie ſich namentlich, wie Natty ſagte, in Heilung von Hieb⸗ und Quetſchwunden auszeichneten. Während John und Richard den Verband anlegten, durchſpähte Elnathan wißbegierig den Inhalt von Mohegans Korb, welchen Herr Jones in ſeinem Dienſteifer dem Doktor übergeben hatte, um ſelbſt das eine Ende der Bandage halten zu können. Er entdeckte darin einige Bruchſtücke von Holz und Rinde, welche er ganz kaltblütig einſteckte, wahrſcheinlich in der Abſicht, dieſe Aneignung ganz mit Stillſchweigen zu übergehen, wenn er nicht dabei dem vollen blauen Auge Marmaduke's begegnet wäre, der ſeine Bewe⸗ gungen beobachtete. Er flüſterte daher dem Richter zu: „Es kann nicht in Abrede gezogen werden, Richter Temple, daß die Wilden in den untergeordneteren Theilen der Arzneikunſt manche Kenntniſſe beſitzen. Derartige Dinge ſind durch Tradition auf ſie gekommen; und zumalen was den Krebs und die Waſſer⸗ ſcheu anbelangt, ſo haben ſie es da außerordentlich weit gebracht. Ich will dieſe Rinde mit nach Haus nehmen und ſie unterſuchen; denn obgleich ſie für die Schulter des jungen Mannes keinen Pfennig werth ſeyn kann, ſo dient ſie doch vielleicht gegen Zahn⸗ weh, Rheumatismen oder ſonſtige Beſchwerden. Der Menſch ſollte 100 ſich nie des Lernens überheben, und wäre es auch nur von einem Indianer.“ Es war ein Glück für Doktor Todd, daß ſeine Grundſätze ſo liberal waren, denn ihnen und ſeiner Praris hatte er ausſchließ⸗ lich alle ſeine Kenntniſſe zu verdanken, und auf dieſe Weiſe war er nachgerade in den Stand geſetzt worden, ſein Gewerbe als ein reſpektirter Heilkünſtler zu treiben. Der Proceß, welchem er ſpäter das entwendete Arzneimittel unterwarf, harmonirte jedoch nicht beſonders mit den gewöhnlichen Regeln der Chemie, denn ſtatt der Analyſe komponirte er vielmehr die verſchiedenen Theile von Mohe⸗ gans Speeificum, wodurch es ihm unmöglich wurde, den Baum zu erkennen, von welchem es der Indianer genommen hatte. Etwa zehn Jahre nach dieſem Ereigniß, als die Civiliſation wirklich mit reißender Schnelle um ſich gegriffen hatte, ereignete ſich in den Anſiedelungen unter dieſen wilden Bergen ein Ehrenhandel, bei welcher Gelegenheit Elnathan auf die Wunde, welche die Folge deſſelben war, eine Salbe anwandte, welche ganz wie die damals von Mohegan gebrauchte Rinde oder Wurzel roch. Abermals zehn Jahre ſpäter, als England und die Vereinigten Staaten ſich auf's Neue bekriegten und die Truppen des Weſtens von Neu⸗York in's Feld zogen, begleitete Elnathan, vermuthlich in Folge des Rufs, den er den beiden Operationen verdankte, den Nachtrab einer Mi⸗ lizenbrigade als Regimentswundarzt. Sobald Mohegan die Rinde aufgelegt hatte, überließ er bereit⸗ willig Richard die Nadel und den Faden, um die Bandagen zu⸗ ſammen zu nähen, da dieß Dinge waren, mit denen der Eingeborene nicht ſonderlich umzugehen wußte; er trat daher mit ernſter Würde zurück und wartete die Beendigung des Geſchäfts durch einen Andern ab. „Gebt mir die Scheere,“ ſagte Herr Jones, nachdem er die Bandage in jeder möglichen Richtung um das verletzte Glied ge⸗ ſchlungen und endlich mit ſeinem Geſchäfte zu Stand gekommen war;„gebt mir die Scheere, denn hier iſt ein Faden, der 101 abgeſchnitten werden muß; er könnte ſonſt unter den Verband gerathen und die Wunde entzünden. Siehſt Du, John, ich habe Charpie zwiſchen zwei Leinwandlagen angebracht; denn wenn ſchon die Rinde ſicherlich das Beſte für das Fleiſch iſt, ſo thut doch die Charpie gute Dienſte, um die Kälte von der Wunde abzuhalten. Wenn von einer Charpie etwas zu hoffen iſt, ſo iſt es von dieſer; ich habe ſie ſelbſt gezupft, und nehme es in dieſem Geſchäft mit Jedem im ganzen Patent auf. Wenn einer weiß, wie man damit umzugehen hat, ſo muß ich's wiſſen, denn mein Großvater war ein Doktor und auch mein Vater hatte eine natürliche Anlage für die Heilkunſt.“ „Hier, Sqͤuire, iſt die Scheere,“ ſagte Remarkable, indem ſie ein geſchwärztes derartiges Inſtrument aus den Falten ihres grünen Wollenmoorkleides hervorbrachte.„In der That, Sie haben die Fetzen ſo hübſch wie ein Frauenzimmer zuſammengenäht.“ „So hübſch wie ein Frauenzimmer?“ wiederholte Richard unwillig.„Was wiſſen Weiber von ſolchen Dingen? Ihr ſelber gebt mir da den Beweis für die Wahrheit meiner Worte. Wer hat je eine ſolche Scheere bei einer Wunde anwenden ſehen? Doktor Todd, wolltet Ihr ſo gut ſeyn, und mir die Scheere aus Eurem Etuis geben? Nun, junger Mann, wird es, glaube ich, gut ſeyn. Die Kugel wurde ganz hübſch herausgenommen, obgleich ich eigent⸗ lich das nicht ſagen ſollte, weil ich ſelbſt dabei die Hand im Spiel hatte; und die Wunde iſt erſtaunlich gut verbunden. Ihr werdet bald wieder geſund ſeyn. Zwar hat ohne Zweifel der Schlag, den Ihr meinem Grauſchimmel verſetztet, eine Neigung zur Entzündung zurückgelaſſen; aber es wird demungeachtet gehen; ja, es wird gehen. Ihr wart ohne Zweifel etwas verwirrt und verſteht Euch nicht auf die Behandlung der Pferde; doch vergebe ich Euch Euer Einſchreiten um der Abſicht willen, die ohne Frage eine gute war. So— jetzt wäre es recht.“ „So will ich denn, meine Herrn,“ erwiederte der Verwundete, indem er aufſtand und ſeine Kleider wieder anlegte,„nicht länger 10²2 Ihre Zeit und Geduld in Anſpruch nehmen. Es bleibt mir jetzt nichts mehr übrig, als Ihre reſpektiven Rechte auf den Hirſch in's Gleiche zu bringen, Richter Temple.“ „Ich gebe zu, daß er Dir gehört,“ ſagte Marmaduke;„auch ſtehe ich noch tiefer in Deiner Schuld, als für dieſes Stück Wild⸗ pret. Kehre indeß morgen hier ein; wir wollen ſodann dieſe und die noch wichtigere Angelegenheit in's Reine bringen. Eliſabeth“— die junge Dame war nämlich, ſobald ſie gehört hatte, daß die Wunde verbunden ſey, wieder in die Halle getreten—„Du wirſt, ehe wir in die Kirche gehen, für dieſen jungen Mann einen Imbiß beſorgen; und Aggy ſoll einen Sleigh bereit halten, um ihn zu ſeinem Freunde zu führen.“ „Aber, Sir, ich kann nicht ohne einen Theil des Hirſches gehen,“ verſetzte der Jüngling, angenſcheinlich mit ſeinen Gefühlen kämpfend.„Ich habe Ihnen bereits geſagt, daß ich das Wildpret für mich ſelber brauche.“ „Oh, auf das ſind wir gerade nicht ſehr verſeſſen,“ er⸗ wiederte Richard.„Der Richter wird Euch morgen das ganze Thier bezahlen und Remarkable kann Euch alles davon wieder mitgeben bis auf den Ziemer. So könnt Ihr Euch, meine ich, im Ganzen für einen ſehr glücklichen jungen Mann halten; Ihr habt einen Schuß erhalten, ohne dadurch zum Krüppel zu werden; Eure Wunde wurde hier in den Wäldern ſo gut, wo nicht beſſer ver⸗ bunden, als es in dem Spital von Philadelphia der Fall geweſen wäre; Ihr habt Euren Hirſch zu gutem Preiſe verkauft, und dürft doch den größten Theil deſſelben nebſt der Haut behalten. Marky, ſagt Tom, er ſoll ihm die Haut auch geben. Wenn Ihr ſte mir morgen wieder bringt, ſo zahle ich Euch einen halben Dollar oder meinetwegen auch drei Schillinge und ſechs Pence dafür; ich brauche eben eine ſolche Haut zu dem Reitkiſſen, das ich für Baſe Eliſabeth zu machen gedenke.“ „Ich danke Ihnen, Sir, für Ihre Freigebigkeit, wie ich auch dem Himmel dafür dankbar bin, daß ich nicht zu größerem Schaden 103 kam. Sie behalten ſich aber gerade jenen Theil des Thiers vor, den ich für meinen eigenen Gebrauch wünſche. Ich muß den Ziemer ſelbſt haben.“ „Muß?“ wiederholte der Richter;„Muß iſt eine harte Nuß⸗ noch härter, als das Geweihe des Bocks.“ „Ja, muß,“ entgegnete der Jüngling, indem er ſein Haupt ſtolz erhob, als wolle er den ſehen, der es wage, ſeine Rechte zu ſchmälern; er traf indeß dabei auf den erſtaunten Blick Eliſabeths, und fuhr nun mit mehr Milde fort:„das heißt, wenn ein Mann das Recht hat, Beſitz von dem zu nehmen, was er erlegte, und er durch das Geſetz in dieſem ſeinem Eigenthumsrechte geſchützt wird.“ „Das Geſetz ſchützt Dich,“ ſagte Richter Temple mit einer Miene, in der ſich Kränkung mit Ueberraſchung mengte.„Ben⸗ jamin, ſorge dafür, daß der ganze Hirſch auf den Sleigh gebracht und dieſer junge Mann nach Lederſtrumpf's Hütte geführt wird. Aber Du haſt doch wohl einen Namen, junger Mann, und ich werde Dich wieder ſehen, um den Schaden, den ich Dir zugefügt, ausgleichen zu können?“ „Ich heiße Edwards,“ entgegnete der Jäger,„Oliver Edwards. Ich bin leicht zu ſehen, denn ich wohne in der Nachbarſchaft und ſcheue mich nicht, mein Geſicht zu zeigen, da ich nie Jemanden ein Leides gethan habe.“ „Das Leid erfuhr Euch von uns,“ ſagte Eliſabeth;„und das Bewußtſeyn, daß Ihr unſern Beiſtand ablehnt, muß meinem Vater ſehr ſchmerzlich fallen. Es würde ihn freuen, Euch morgen zu ſehen.“ Der junge Mann ſah die Sprecherin an, bis ſein ernſter Blick ihr das Blut nach den Schläfen trieb; dann verbeugte er ſich, als ob er ſich jetzt erſt geſammelt hätte, ſenkte das Auge gegen den Boden und erwiederte: „So will ich denn morgen den Richter Temple beſuchen, und inzwiſchen das Anerbieten des Sleighs als ein Zeichen der Freund⸗ ſchaft annehmen.“ 104 „Freundſchaft?“ wiederholte Marmaduke.„Der Beſchädigung, die ich Euch zufügte, lag keine böſe Abſicht zu Grunde, junger Mann, und Ihr hättet einen ſolchen Gedanken nicht von ferne auf⸗ kommen laſſen ſollen.“ 1 „Vergib uns unſere Schulden, wie wir vergeben unſern Schuldigern,“ bemerkte Herr Grant;„das ſind Worte, die uns der göttliche Meiſter ſelbſt empfahl, und ſie ſollten für ſeine demüthi⸗ gen Jünger ſtets eine goldene Regel bleiben.“ Der Fremde blieb noch einen Augenblick in Gedanken verloren ſtehen; dann blickten ſeine dunkeln Augen etwas wild in der Halle umher, er verbeugte ſich tief gegen den Geiſtlichen und entfernte ſich aus dem Saale mit einer Miene, die an kein Zurückhalten denken ließ. „Sonderbar, daß ein ſo junger Menſch ſo unverſöhnliche Ge⸗ fühle in ſeinem Innern birgt,“ begann Marmaduke, als ſich die Thüre hinter dem Fremden ſchloß;„doch der Schmerz iſt noch zu neu, und das Gefühl für die ihm zugefügte Beſchädigung zu friſch, um ihn nicht aufgeregter zu laſſen, als es bei kälterer Ueber⸗ legung der Fall wäre. Ich zweifle nicht, daß man morgen, wenn er wieder herkömmt, eher mit ihm ſprechen kann.“ Eliſabeth, an welche dieſe Worte gerichtet waren, gab keine Antwort, ſondern gieng langſam und mit zur Erde geſenkten Blicken die Halle hinauf, während Richard, ſobald der Fremde verſchwunden war, laut mit ſeiner Peitſche knallte und ausrief: „Duke, ich bewundere Deine Selbſtbeherrſchung, aber ich für meinen Theil hätte wegen des Ziemers das Geſetz in Anſpruch ge⸗ nommen, ehe ich ihn dem Kerl gegeben hätte. Gehören Dir die Berge nicht eben ſo gut, als die Thäler? Sind nicht die Waͤlder Dein Eigenthum? Welches Recht hat dieſer Burſche, oder welches Recht hat Lederſtrumpf, ohne Deine Erlaubniß in Deinen Forſten zu ſchießen? Hörte ich doch von einem Gutsbeſitzer in Pennſylvanien, der einen unberufenen Jäger mit eben ſo wenig Umſtänden aus ſeinem Bann fortjagte, als ich etwa den Benjamin ——— 1v» 105 ein Stück Holz in den Kamin legen heiße. Apropos, Benjamin, ſeht, wie der Thermometer ſteht.— Wenn nun ein Mann das Recht hat, dieß auf einem Grundbeſitz von hundert Morgen zu thun, um wie viel mehr muß dieß nicht der Fall ſeyn bei dem Beſitzer eines Grundes von ſechszigtauſenden?— was ſage ich— nein von hundert⸗ tauſenden, denn ſo viele ſind es, mit Einſchluß des letzten Ankaufs. Unſer Mohegan da mag vielleicht ein Recht haben, weil er ein Eingeborener iſt; der alte Knabe thut aber mit ſeiner Büchſe wenig Schaden. Wie wird es in Frankreich gehalten, Monſieur Le Quoi? Laßt Ihr dort auch Jedermann über Eure Felder laufen und das Wild wegſchießen, ſo daß wenig oder nichts für die Jagd des Grundbeſitzers bleibt?“ „Eh diable, non, Monsieur Dikk,“ verſetzte der Franzoſe, „wir geben en France keine Freiheit, ausgenommen die Dames.“ „Ja, ja, den Damen, ich weiß es,“ verſetzte Richard;„das iſt Euer Saliſches Geſetz. Ich leſe Bücher aller Art— über Frankreich, England, Griechenland und Rom. An Duke's Stelle würde ich aber gleich morgen Placate ausſtecken, welche allen Per⸗ ſonen die Jagd auf meinen Gütern, oder jede Verſündigung an meinen Forſten verböten. In einer Stunde wollte ich ein ſolches Verbot geſchrieben haben; das müßte der Sache auf einmal ein Ziel ſetzen.“ „Richard,“ ſagte Major Hartmann kaltblütig, indem er die Aſche ſeiner Pfeife in den zu ſeiner Seite ſtehenden Spucknapf ausklopfte,„ich habe nun ſchon fünfundſtebenzig Jahre unter den Mohawks und in den Wäldern gelebt; aber man verkehrt weit leichter mit den Teufeln, als mit den Jägern. Sie fſind ſtets mit ihrer Waffe verſehen, und eine Büchſe gilt ihnen mehr als ein Verbot.“ „Iſt Marmaduke nicht ein Richter?“ rief Richard unwillig. „Was nützt es ein Richter zu ſeyn, oder einen Richter zu haben, wenn man ſich nicht an Geſetze und Verbote kehrt? Hole der Henker den Kerl! Ich hätte gute Luſt, ihn morgen, vor Squire Doolittle, gerichtlich zu belangen, weil er ſich an meinen Grau⸗ 106 ſchimmeln vergriffen! Was ſcheere ich mich um ſeine Büchſe? Ich kann auch ſchießen und habe oft und vielmal einen Dollar auf fünfzig Ruthen getroffen.“ „Aber noch weit öfter ihn verfehlt, Dick,“ ſiel der Richter heiter ein.„Doch, wenden wir uns jetzt unſerem Nachteſſen zu, das, wie ich aus Remarkable's Phyſiognomie entnehme, bereit iſt. Monſieur Le Quoi, Miß Temple hat ein Recht auf Ihren Dienſt. Willſt Du den Zug anführen, liebes Kind.“ „Ah! ma chère Demoiselle, comme je suis enchanté!“ ſagte der Franzoſe,„Il ne manque que les dames de faire une paradis de Templeton.“ Herr Grant und Mohegan blieben in der Halle, während der Reſt der Geſellſchaft ſich nach dem Speiſezimmer begab, Benjamin ausgenommen, der artigerweiſe den Nachtrab hinter dem Geiſtlichen bilden und dem Indianer die Hausthüre öffnen wollte. „John,“ begann der Geiſtliche, als die Figur des Richters Temple— des letzten der ſich Entfernenden— verſchwunden war, „morgen iſt das Feſt der Geburt unſeres göttlichen Erlöſers; die Kirche hat daher eine Dankfeier ausgeſchrieben, und alle ihre Angehörigen ſind zur Theilnahme an dem heiligen Geheimniß ein⸗ geladen. Da Du Dich nun zum Kreuze bekehrt haſt und den guten Pfad wandeln willſt, ohne Dich mehr nach dem ſchlimmen zu kehren, ſo hoffe ich Dich mit zerknirſchtem Herzen und demüthi⸗ gem Geiſte am Altare zu ſehen.“ „John wird kommen,“ ſagte der Indianer, ohne eine Ueber⸗ raſchung zu verrathen, obgleich er die Ausdrücke des Mannes der Kirche nicht ganz verſtand. „Ja,“ fuhr Herr Grant fort, indem er ſeine Hand auf die lohfarbige Schulter des betagten Häuptlings legte.„Aber es iſt nicht genug, in der Kirche zu ſeyn, Du mußt auch im Geiſte und in der Wahrheit gegenwärtig ſeyn. Der Erlöſer iſt für alle geſtorben, für den Indianer, wie für den weißen Mann; der Himmel kennt Ich iſt. N— 107 keinen Unterſchied der Farben, und auch die Erde ſoll nicht Zeuge einer Trennung ſeyn. Es iſt gut und heilſam, John, in der Feier heiliger Feſttage neue Erkenntniß und eine Stütze gegen den Wankelmuth zu holen; aber alle Formen ſind nur unnützes Räu⸗ cherwerk vor dem Heiligen, wenn ſie nicht von einem frommen und demüthigen Sinne begleitet werden.“ Der Indianer trat ein wenig zurück, richtete ſeinen Körper der ganzen Länge nach auf, erhob ſeinen rechten Arm und zeigte mit ſeinem Vorderfinger gen Himmel, worauf er die andere Hand auf die nackte Bruſt legte und mit dem Nachdruck ſprach: „Das Auge des großen Geiſtes ſchaut durch die Wolken;— Mohegans Herz iſt offen.“ „Das iſt wohl gut, John, und ich hoffe daher, daß Du in der Uebung dieſer Pflicht Heil und Troſt finden wirſt. Der große Geiſt überſieht keines ſeiner Kinder, und der Mann in den Wäl⸗ dern iſt ebenſo gut Gegenſtand ſeiner Vaterſorge, wie die Bewoh⸗ ner der Paläſte. Ich wünſche Dir gute Nacht und Gottes Segen auf Dein Haupt.“ Der Indianer ſenkte den Kopf und Beide ſchieden— der Eine, um ſeine Hütte aufzuſuchen, der Andere, um ſich der Abendtafel⸗ Geſellſchaft anzuſchließen. Während Benjamin dem ſich entfernen⸗ den Häuptling die Thüre öffnete, rief er ihm in einem Tone, der ihn ermuthigen ſollte, nach: „Der Pfarrer hat die Wahrheit geſprochen, John. Wenn man im Himmel auf die Farbe der Haut Rückſicht nähme, ſo könnte man aus den Muſterungsbüchern recht leicht ein gutes Chri⸗ ſtenkind, wie mich, ausſtreichen, weil die meinige durch das Kreuzen unter heißen Breitegraden etwas roth geworden iſt. Allerdings wäre aber dieſer verwünſchte Nordweſter im Stande, auch die Haut eines Mohren zu bleichen. Reffe Deine Decken ein, Mann, oder Dein rothes Fell wird kaum durch die Nacht ſegeln können, ohne in der Kälte Schaden zu nehmen.“ 108 Achtes Kapitel. Hier einen ſich Verbannte aller Zonen Und ſprechen friedlich in den fremdſten Lauten. Eampbell. Wir haben unſere Leſer in den Hauptperſonen dieſer Ge⸗ ſchichte bereits mit den verſchiedenen Charakteren und Nationalzügen bekannt gemacht; um jedoch die Glaubenswürdigkeit unſerer Erzählung feſt zu begründen, wollen wir in Kürze die Urſachen auseinander zu ſetzen verſuchen, die uns veranlaßen, hier ein ſo buntes Gemiſch von handelnden Perſonen zuſammen zu ſtellen. In der Zeit, welcher unſerer Geſchichte anheimfällt, begann in Europa jene Bewegung, welche nachher ſeine politiſche Inſtitu⸗ tionen bis ins Mark erſchütterte. Ludwig XVI. war enthauptet, und eine Nation, die ſonſt für die geſittetſte unter den civiliſirten Völ⸗ kern der Welt galt, hatte ihren Charakter ſo weit geändert, daß an die Stelle der Schonung, der Hochherzigkeit und des Muthes, Grauſamkeit, Hinterliſt und Wildheit getreten waren. Tauſende von Franzoſen ſahen ſich genöthigt, Schutz in fernen Ländern zu ſuchen. Unter den Vielen, welche ſich aus Frankreich und den dazu gehörigen Inſeln nach den vereinigten Staaten von Amerika flüchteten, befand ſich auch Monſteur Le Quoi. Er war dem Richter Temple durch das Haupt eines angeſehenen Handelshauſes in New⸗York, mit dem Marmaduke in einiger Verbindung ſtand und nicht ſelten gute Geſchäfte abſchloß, empfohlen worden. Bei dem erſten Zuſammentreffen mit dem Franzoſen hatte unſer Richter in ihm einen Mann von Bildung entdeckt, der in ſeiner Heimath glücklichere Tage geſehen hatte. Einige Andeutungen, die Mon⸗ ſieur Le Quoi entſchlüpften, ließen in ihm einen weſtindiſchen Pflanzer vermuthen, deren eine große Anzahl Saint Domingo und die übrigen Inſeln verlaſſen hatte, und die jetzt in den Staaten 8 48* .»ß3⁄—3ä— 109 der Union in einem Zuſtande verhältnißmäßiger Verarmung, bis⸗ weilen auch in völliger Dürftigkeit lebten. Letzteres war indeß bei Monſieur Le Quoi nicht der Fall. Er beſaß zwar, wie er ſelber zugeſtand, nur wenig, doch reichte dieſes zu, um ihm einen leidlichen Unterhalt zu verſchaffen. Marmaduke beſaß viel praktiſche Kenntniſſe, namentlich in allem, was ſich auf das Leben in den neuen Anſiedelungen bezog. Auf ſeinen Rath hatte Monſieur Le Quoi einige Einkäufe gemacht, beſtehend aus Leinwand, Spezereien, Schießpulver und Taback; eine Quantität Eiſenwaren, darunter in verhältnißmäßiger Menge Meſſer, Suppenkeſſel und dergleichen, einen tüchtigen Vorrath von Töpfergeſchirr gröbſter Qualität und in den unzierlichſten Formen: dazu ſonſtige Erforderniſſe des gewöhnlichen Lebens, worunter als Luruswaare Spiegel und Maultrommeln nicht vergeſſen waren. So eingerichtet, trat Monſieur Le Quoi hinter ſeinen Ladentiſch und wußte ſich, vermöge ſeiner wunderbaren Temperamentsſchmieg⸗ ſamkeit, in dieſe neue Stellung zu fügen, als ob er nie etwas anderes getrieben hätte. Seine Höflichkeit und Geſprächigkeit machte ihn ungemein populär, wie denn auch außerdem die Frauen bald ent⸗ deckten, daß er Geſchmack hatte. Seine Kattune waren die ſchön⸗ ſten, oder mit andern Worten die modernſten, die in der Gegend aufzufinden waren: und unmöglich konnte man gegen einen ſo höf⸗ lichen Mann lange wegen der Preiſe markten. Durch ſolche Mittel gewannen Monſieur Le Quoi's Angelegenheiten bald eine günſtige Wendung, ſo daß er von den Anſiedlern als der zweitvermöglichſte Mann in dem Patent betrachtet wurde. Der Ausdruck Patent, der in dieſen Blättern ſchon mehrere Mal vorgekommen iſt und wohl auch noch öfter gebraucht werden wird, bezeichnete den Diſtrikt, der urſprünglich dem alten Major Effingham durch ein königliches Patent übertragen worden, und der nun, nach Anwendung der Conſiskations⸗Akte, durch Kauf an Marmaduke Temple gekommen war. Man bediente ſich in den 110 neuen Theilen des Staates häufig dieſer Bezeichnung, und fügte ihr gewöhnlich auch noch den Namen des Grundbeſitzers bei, wie z. B. in dem gegenwärtigen Falle, Temple's⸗ oder Effingham's⸗Patent. Major Hartmann war der Abkömmling eines Mannes, der in Gemeinſchaft mit einer Anzahl ſeiner Landsleute und ihren Familien von den Ufern des Rheins nach denen des Mohawk ausgewandert war. Dieſe Ueberſiedelung hatte ſchon unter der Regierung der Königin Anna ſtatt gefunden, und die Abkömmlinge der urſprünglichen Auswanderer lebten nun ſehr verbreitet und friedlich an den fruchtbaren Ufern des ſchönen Fluſſes. Die Deutſchen oder Hochländer, wie man ſie nannte, um ſie von den niederländiſchen Koloniſten zu unterſcheiden, waren ein eigenthümliches Volk. Sie beſaßen den ganzen Ernſt dieſer letztern ohne ihr Phlegma, und ſtanden ihnen an Fleiß, Ehrlichkeit und Genügſamkeit nicht nach. Fritz oder Friederich Hartmann war ein Inbegriff aller Fehler, Schwächen und Vorzüge ſeines Volkes. Trotz ſeiner Wortkarg⸗ heit war er doch leidenſchaftlich, eigenſinnig und mißtrauiſch gegen Fremde, zeigte übrigens dabei einen unbeugſamen Muth, eine un⸗ beſtechliche Redlichkeit und eine treue Anhänglichkeit an ſeine Freunde. Seine einzige Wandelbarkeit beſtand darin, daß er leicht vom Ernſte zur Heiterkeit übergieng, obgleich der erſtere Zug bei weitem der vorherrſchende war. Marmaduke Temple hatte ſich ſchon in der erſten Zeit ihrer Bekanntſchaft ſeine Zuneigung erworben, wie denn auch dieſer der einzige Mann war, der, ohne deutſch ſprechen zu knnen, ſich ſein ganzes Vertrauen gewonnen. Viermal im Jahr, jedesmal zur Zeit der Sonnenwende, verließ er ſein nied⸗ riges, ſteinernes Haus an den Ufern des Mohawk, und wanderte dreißig Meilen durch die Berge nach der Thüre des Herrenhauſes in Templeton. Hier blieb er gewöhnlich eine Woche, und ſtand dabei im Rufe, einen großen Theil dieſer Zeit mit Herrn Richard Jones in luſtiger Schwelgerei zu verbringen. Aber Jedermann —„——,. 111 liebte ihn, ſelbſt Remarkable Pettibone, obgleich ſein Beſuch ihre wirthſchaftlichen Mühen vermehrte— was er ſeiner Offenheit, Auf⸗ richtigkeit und ſeiner jeweiligen Heiterkeit zu danken hatte. Er ſtattete dermalen ſeinen regelmäßigen Weihnachtsbeſuch ab und hatte ſich noch keine Stunde im Dorf befunden, als ihn Richard auf⸗ forderte, den Sleigh mit zu beſteigen, um dem Richter und ſeiner Tochter entgegen zu fahren. Ehe wir uns über den Charakter und die Stellung des Herrn Grant weiter auslaſſen, wird es nöthig ſeyn, einen Rückblick auf eine frühere Periode der kurzen Geſchichte dieſer Anſtedelung zu werfen. Es ſcheint eine Eigenthümlichkeit der menſchlichen Natur zu ſeyn, zuerſt für die Bedürfniſſe dieſer Welt zu ſorgen, ehe ſich ihre Aufmerkſamkeit auf eine andere lenkt. In den erſten paar Jahren dieſer Anſtedelungen dachte man nur wenig daran, unter den Baumſtümpfen von Temple's Patent einen förmlichen Gottesdienſt einzurichten; aber da die meiſten Bewohner aus den ſehr religiöſen Staaten Connecticut und Maſſachuſetts abſtammten, ſo begannen ſie, ſobald für die leiblichen Bedürfniſſe geſorgt war, allen Ernſtes ihre Aufmerkſamkeit darauf zu verwenden, die religiöſen Sitten und Gebräuche, an denen ihre Vorfahren ſo treulich gehangen, in's Leben zu rufen. Es ließ ſich zwar allerdings nicht leugnen, daß unter Marmaduke's Pächterſchaft eine große Meinungsver⸗ ſchiedenheit hinſichtlich der Gnadenwahl und des freien Willens herrſchte; wenn man jedoch die Verſchiedenheit der religiöſen Bil⸗ dung, welche die Einzelnen genoſſen, in's Auge faßt, ſo wird leicht begreiflich, daß es nicht wohl anders ſeyn konnte. Sobald die Niederlaſſung mit ihren Straßen und ihren Hãu⸗ ſern einigermaßen ein ſtadtartiges Anſehen gewonnen hatte, wurden die Einwohner zu einer Verſammlung eingeladen, um über die Zweck⸗ mäßigkeit der Errichtung einer Akademie zu berathen. Der Ge⸗ danke war in Richard's Kopf gewachſen, der ſich in der That ſehr geneigt fühlte, das beabſichtigte Inſtitut, wo nicht gerade zu einer 112 Univerſität, ſo doch zu einem Collegium zu ſtempeln. Er ließ zu dieſem Ende mehrere Jahre lang eine Verſammlung nach der andern abhalten. Die ſolchen Verſammlungen entſproſſenen„Be⸗ ſchlüſſe“ erſcheinen jedesmal in den Hauptſpalten einer kleinen Zei⸗ tung, die bereits jede Woche in dem Dachſtübchen eines Hauſes im Dorfe auf blaues Papier gedruckt wurde, und die der Reiſende oft in dem Spalte eines Pfahles erblicken konnte, der als Poſt⸗ amt für irgend einen Anſiedler an einer Stelle eingeſchlagen war, wo der Fußweg zu einem ſeitabgelegenen Blockhauſe in die Haupt⸗ ſtraße einlenkte. Hin und wieder mußte ein ſolcher Pfahl wohl auch eine kleine Schachtel tragen, mittelſt deren eine ſtärkere Be⸗ wohnergruppe ihre wöchentlichen literariſchen Bedürfniſſe erhielt, da dieß die Orte waren, wo der ſo betitelte Poſtreiter jedesmal ein Bündel von dieſen koſtbaren Waaren niederlegte. Dieſe pomphaften Verſammlungsbeſchlüſſe enthielten gewöhnlich eine Darlegung der Anſprüche Templeton's an die Gunſt der Univerſitätsbehörden, in⸗ dem man zugleich in Kürze den Nutzen der Erziehung auseinander⸗ ſetzte und die Vortheile hervorhob, die der Ort beſonders wegen einer geſunden Luft, des geſunden Waſſers, der Wohlfeilheit der Lebensmittel und der hohen Sittlichkeit der Bewohner für einen derartigen Zweck biete— Documente, denen ſtets die Namen Marmaduke Temple's als des Präſtdenten und Richard Jones' als des Secretärs in großer lateiniſcher Capitalſchrift beigedruckt waren. Zum Glück für den Fortgang des Unternehmens waren die Regierungsbehörden nicht gewöhnt, ſolchen Aufrufen an ihre Groß⸗ muth zu widerſtehen, wenn auch nur die mindeſte Ausſicht auf irgend eine Schenkung vorhanden war, welche das Unternehmen fördern konnte. Cventualiter entſchloß ſich daher der Richter Temple, das nöthige Land herzugeben und das erforderliche Ge⸗ bäude auf eigene Koſten errichten zu laſſen. Die Geſchicklichkeit des Herrn— oder wie er nun von dem Umſtande, daß er das Amt eines Friedensrichters bekleidete, genannt wurde— des 113 Squire Doolittle, wurde nun abermals in Anſpruch genommen und Jones' Kenntniſſe mußten aufs Neue aushelfen. Wir unterlaſſen es, hier von den bei dieſer Gelegenheit vorge⸗ legten verſchiedenen Bauriſſen zu ſprechen, da wir eine ſolche An⸗ maßung nicht zu verantworten wüßten, ſintemal eine Verſammlung der Geſellſchaft der alten und ehrenwerthen Freimaurerbrüderſchaft, an deren Spitze Richard in der Eigenſchaft eines Logenmeiſters ſtand, ohne Zweifel in ihrer Weisheit denjenigen auswählte, der ihr als der beſte erſchien. Der ſchwierige Punkt war daher bald entſchieden, und an dem bezeichneten Tage begab ſich die achtbare Brüderſchaft in ſtattlicher Prozeſſion mit kleinen ſymboliſchen Schürzen angethan, unter Entfaltung einiger Banner und geheim⸗ nißvoller Wahrzeichen, aus einer ſinnreich gewählten Dachſtube des „kühnen Dragoners“, eines von Hauptmann Holliſter bedienten Wirths⸗ hauſes, nach dem beabſichtigten Bauplatz. Hier legte Richard, umringt von mehr als der halben männlichen und der ganzen weib⸗ lichen Bevölkerung eines Umkreiſes von zehn Meilen um Templeton, mit geziemender Würde den Grundſtein. Im Laufe der folgenden Woche fand abermals eine Volksver⸗ ſammlung, wobei Schwärme des zarteren Geſchlechts nicht aus⸗ geſchloſſen waren, ſtatt, und nun ſollten Hirams Fähigkeiten in Handhabung des Winkelhakens die Probe des Experimentes be⸗ ſtehen. Es paſſte Alles prächtig zuſammen und das hölzerne Gerippe des Gebäudes wurde ohne den mindeſten Unfall aufgerichtet, ein Paar Stürze von den Pferden ausgenommen, die bei dem abendlichen Heimritte einem und dem andern Arbeiter zuſtießen. Von dieſer Zeit an ſchritt die Arbeit mit reißender Schnelle voran und wurde noch im Laufe deſſelben Sommers beendigt. Das Gebäude ſtand nun in all ſeiner Schönheit und in ſeinem Ebenmaße da— ein Stolz des Dorfes, eine Studie für junge, Ruhm anſtrebende Baukünſtler, und die Bewunderung jedes An⸗ fiedlers in dem Patent. Die Anſiedler. 3. Aufl. 8 114 Es war ein langes, ſchmales, hölzernes, weiß übertünchtes Haus, welches mehr als zur Hälfte aus Fenſtern beſtand, und wenn ſich der Beobachter nur ein wenig weſtlich ſtellte, ſo konnte er ohne ſonderliches Hinderniß, durch das Gebäude hindurch ſich des Auf⸗ gangs der Sonne erfreuen. Es bildete in der That einen ſehr unbe⸗ quemen, offenen Platz, der dem Geſtirne des Tages durchaus nie ein Hinderniß in den Weg legte. Vornen befanden ſich verſchie⸗ dene von Richard gezeichnete und von Hiram ausgeführte Holzver⸗ zierungen; aber ein Fenſter in der Mitte des zweiten Stockes, un⸗ mittelbar über der Thüre oder dem Haupteingange, bildete nebſt dem Thurme den Stolz des Gebäudes. Das Erſtere war, wie wir glauben, nach der zuſammengeſetzten Ordnung conſtruirt, denn es umfaßte eine große Menge Verzierungen und einen großen Wechſel in den Proportionen. Es beſtand aus einem Spitzbogen in dem Mittelpunkte und einer kleinen viereckigen Abtheilung an jeder Seite; das Ganze war von einer ſchweren Fichtenrahme mit tiefen und mühſamen Verzierungen umfaßt, während das Licht durch eine Menge runder Scheibchen aus grünem trübausſehendem Glaſe einſtel. Eine grün angeſtrichene Blende gewährte dem Fenſter Schutz und wahrſcheinlich wäre auch dieſe Farbe, um den Effekt des Ganzen zu heben, auf alle übrigen angewendet worden, hätte nicht der Mangel an öffentlichen Fonds, der immer bei derartigen Unter⸗ nehmungen einzutreten pflegt, die Nothwendigkeit herbeigeführt, es bei dem urſprünglichen bleifarbigen Grundanſtrich zu laſſen. Der Thurm war eine kleine Kuppel und erhob ſich in der Mitte des Daches auf vier hohen fichtenen Säulen, die der Länge nach mit Hohlkehlen verſehen und mit Schnitzwerk überladen waren. Auf den Säulencapitälern ruhte eine Kuppel, die einer umgekehrten Theetaſſe ohne Boden glich, ob der ſich ein hölzerner Schaft mit zwei eiſernen Querſtäben befand, an deren Enden die lateiniſchen Buchſtaben W. 8. 0. N. aus dem gleichen Metalle ſtacken. Ueber dem Gange ſchwebte die Nachahmung eines Thieres aus den Floſſen⸗ 115 zunftlern, das von, Richard aus Holz geſchnitzt und mit der von ihm ſo betitelten Schuppenfarbe angeſtrichen war. Nach Herrn Jones' Verſicherung hatte das Thier eine wunderbare Aehnlichkeit mit dem Lieblingsgericht der nordamerikaniſchen Epicuräer, welches ſie Seefiſch nennen, und ohne Zweifel durfte man ihm aufs Wort glauben; denn obgleich der Fiſch den Zweck eines Wetterhahns erfüllen follte, ſo bemerkte man doch, daß er den ſehnſüchtigen Blick ohne Unterlaß nach dem ſchönen Waſſerbecken richtete, das zwiſchen den Bergen von Templeton eingebettet lag. Bald nach dem Eintreffen des von der Regierung bewilligten Beitrags ſtellten die Gründer dieſer Anſtalt einen Lehrer an, der auf einem der öſtlichen Collegien einen Grad erhalten hatte und nun die lernbegierige Jugend innerhalb der Mauern des oben be⸗ ſchriebenen Gebäudes unterrichten ſollte. Der obere Theil des letztern beſtand aus einem einzigen Gemache, das zu öffentlichen Prüfungen und beſonderen Feierlichkeiten dienen ſollte, während das Erdgeſchoß zwei Zimmer barg, welche für den Zweck der beiden großen Erziehungszweige, das Erlernen des Lateiniſchen und des Engliſchen— beſtimmt waren. Die Zöglinge des einen waren nie ſehr zahlreich, obgleich man bald durch die Fenſter des Zimmers zur gro⸗ ßen Freude und zur augenſcheinlichen Erbauung der Vorübergehenden Töne wie: Nominativ, pennaa, Genitiv, penny vernehmen konnte. Nur ein einziger Arbeiter in dieſem Tempel der Minerva hat es jedoch, dem Vernehmen nach, bis zu einer Ueberſetzung des Virgil gebracht. Er trat bei einer Jahresprüfung zum ungemei⸗ nen Entzücken aller ſeiner Verwandten, einer Pachtersfamilie in der Nachbarſchaft, auf, und ſagte die ganze erſte Ecloge auswendig her, wobei er die Intonationen des Dialogs mit ungemein viel deklamatoriſchem Takt und lebhafter Wirkung auf das Auditorium beobachtete. Die Töne: »Titty-ree too patty-lee ree-coo-bans sub teg-mi-nee faa-gy Syl-ves-trem ten-oo-i moo-sam medi-taa-ris aa-ve-ny“— 116 wie ſie in dem Munde des jungen Gelehrten klangen, wurden indeß zum letzten Male in dieſem Gebäude gehört, wie es auch wahr⸗ ſcheinlich hier oder anderswo das Erſtemal in dieſer Pronunciation war. Bei dieſer Gelegenheit entdeckten die Vorſtände des Inſtituts, daß ſie der Zeit vorgegriffen hätten, und der lateiniſche Lehrer oder Inſtruktor wurde durch einen Schulmeiſter erſetzt, der dem Grundſatze getreu:„Eile mit Weile,“ den gewöhnlichen engliſchen Elementarunterricht ertheilte. Von dieſer Zeit an bis zu der Periode unſerer gegenwärtigen Geſchichte war die Academie nichts weiter, als eine gewoͤhnliche Landſchule, und das große Zimmer des Gebäudes wurde nur des Abends hin und wieder bei außerordentlichen Anläſſen als Gerichts⸗ ſaal, bisweilen aber auch zu religiöſen Conferenzen gebraucht; Nach⸗ mittags mußte es wohl auch zu einem unter Richard's Auſpicien gegebenen Balle dienen; und jeden Sonntag Morgen wurde daſelbſt der Gottesdienſt abgehalten. Kam ein reiſender Prediger der Methodiſten, Baptiſten, Uni⸗ verſaliſten oder der noch zahlreicheren Presbyterianer zufällig in die Gegend, ſo wurde er gewöhnlich eingeladen, in Templeton Gottesdienſt zu halten, wofür ſodann, ehe die Gemeinde auseinander gieng, in einen Hut für ihn eingeſammelt wurde. Wenn ſich kein regelmäßiger Geiſtlicher auffinden ließ, ſo wurde von etlichen der begabteren Mitglieder ein und das andere Gebet— aus dem Her⸗ zen, wie man es nannte— gehalten, und durch Herrn Richard Jones eine Predigt von Sterne vorgeleſen. Die Folge dieſes Mangels einer eigentlichen Seelſorge war, wie bereits oben angedeutet, eine große Meinungsverſchiedenheit in den ſchwerer begreiflichen Glaubenspunkten. Jede Secte hatte ihre Anhänger, obgleich keine regelmäßig organiſirt und disciplinirt war. Von der religiöſen Erziehung Marmaduke's iſt bereits Mel⸗ dung geſchehen; übrigens trug deſſen Vermählung keineswegs dazu bei, den unbeſtimmten Charakter ſeines Glaubens ganz zu beſeitigen. 117 Eliſabeth's Mutter, wie auch die Mutter des Richters, waren An⸗ hängerinnen der biſchöflichen Kirche geweſen; und Marmaduke's richtiger Sinn empörte ſich gegen die vertraulichen Zwiegeſpräche, welche die Häupter der Verſammlungen bei ihren nächtlichen Zu⸗ ſammenkünften mit der Gottheit pflogen; er hielt es daher, wenn auch nicht dem Weſen, ſo doch der Form nach, mit der Hochkirche. Auf der andern Seite war Richard ein ſtrenger Eiferer für die Dogmen und Ceremonien dieſer Glaubensform; wie er es denn auch einige Male, wenn an einem Sonntage ge⸗ rade die Kanzel leer ſtand, verſucht hatte, das biſchöfliche Syſtem geltend zu machen. Da aber Richard Alles gerne übertrieb und ſich gewiſſermaßen eine päpſtliche Autorität anmaßte, ſo ſah er ſich an dem zweiten Sonntage von dem größten Theile ſeiner Zu⸗ hörer verlaſſen, und am dritten Sonntage beſtand ſein ganzes Au⸗ ditorium nur noch aus Ben Pump, in dem ſich die ganze Hartnäckig⸗ keit und Rechthaberei eines orthodoxen Hochkirchlers vereinigte. Vor dem Ausbruch des Revolutionskrieges wurde die engliſche Kirche in den Colonien von einigen ihrer Anhänger in dem Mutter⸗ lande mit großem Intereſſe unterſtützt, und einige von ihren Con⸗ gregationen hatten ſich wirklich großer Fonds zu erfreuen. Aber ſobald die Unabhängigkeit der vereinigten Staaten erklärt war, erſchlaffte dieſe chriſtliche Secte, da es in ihrem Clerus an der ge⸗ hörigen Ordnung und an einem leitenden Oberhaupte fehlte. Um dieſen Nachtheil zu beſeitigen, wurden endlich fromme und begabte Geiſtliche auserleſen und nach England geſchickt, um daſelbſt die biſchöflichen Weihen zu holen, die, wie man der Anſicht iſt, nur dem Einen von dem Andern ertheilt werden können, indem man auf die⸗ ſem Weg hoffte, jene Einheit der Kirchen zu erhalten, die einem Volke von dem gleichen Stamme ziemlich war. Hier gab es jedoch uner⸗ wartete Hinderniſſe wegen der Beeidigungen, mit denen Englands Po⸗ litik ihr Grundprincip feſthalten wollte, und ſo vergieng viele Zeit, ehe ſich die engliſchen Prälaten in ihrem gewiſſenhaften Pflichtgefühl 118 herablaſſen wollten, eine ſo eifrig geſuchte Würde auf die ameri⸗ kaniſchen Sendlinge zu übertragen. Zeit, Geduld und Eifer be⸗ ſeitigten jedoch jedes Hinderniß, und die hochwürdigen Herrn der amerikaniſchen Gemeinden kehrten endlich als erſte Würdenträger der ſichtbaren Kirche zu ihren harrenden Diöceſen zurück. Nun wurden Prieſter und Diacone ordinirt und Miſſionäre ausgeſchickt, um die erlöſchende Flamme der Andacht bei denjenigen Kirchen⸗ angehörigen, die durch ihren Aufenthalt in neuen und noch un⸗ organiſirten Diſtrikten des gewöhnlichen Cultus beraubt waren, wieder anzufachen. Zu der Zahl der Letzteren gehörte Herr Grant. Er war in den Strich geſchickt worden, deſſen Hauptort Templeton war, und Marmaduke hatte ihn freundlich eingeladen, ſeinen Wohnſitz in dem Dorfe zu nehmen— ein Anſinnen, welches durch Richard's glaubenseifriges Drängen ſehr unterſtützt wurde. Man errich⸗ tete für den Geiſtlichen und ſeine Familie eine kleine beſcheidene Wohnung, und ſein Einzug in dem Dorfe hatte nur einige Tage vor dem Augenblicke ſtattgefunden, welcher ihn dem Leſer zum Er⸗ ſtenmale vorführte. Da ſeine Doktrine den meiſten Einwohnern noch ganz neu war, und zufällig ein Geiſtlicher von einem an⸗ dern Bekenntniß, der einen Zögling an die Akademie geliefert, das Feld vornweg eingenommen hatte, ſo mußte der neue Ankömmling am erſten Sonntage ſchweigend zuſehen; aber nun ſein Nebenbuhler einem Meteore gleich, die Luft mit dem Licht ſeiner Weisheit erfüllend, wieder verſchwunden war, erhielt Richard den Auftrag, der Gemeinde zu verkündigen, daß der hochwürdige Herr Grant am Vorabende des heiligen Chriſtfeſtes in dem Saale der Akademie zu Templeton öffent⸗ lichen Gottesdienſt nach dem Ritus der engliſch⸗proteſtantiſchen Kirche abhalten werde. Dieſe Ankündigung veranlaßte eine große Bewegung unter den Anhängern der verſchiedenen Secten. Einige waren neugierig, was wohl dabei herauskommen würde; andere ſpöttelten darüber; bei weitem der groͤßere Theil aber, eingedenk fül mit 119 der bereits von Richard gemachten Verſuche und der Toleranz, oder vielmehr der Lauigkeit von Marmaduke's Grundſätzen hinſichtlich des Sectenweſens, hielt es für das Beſte, zu ſchweigen. Demun⸗ geachtet blieb aber der anberaumte Abend ein Gegenſtand der geſpannteſten Neugierde, die keineswegs vermindert wurde, als man am Morgen des ereignißvollen Tages Richard und Benjamin, jeden mit einem ſchweren Bündel von Immergrün auf dem Rücken, aus dem benachbarten Walde nach der Akademie zurückkehren ſah. Man gewahrte auch, daß das würdige Paar die Thüre ſorgfältig hinter ſich verſchloß, weßhalb das, was dort vorgieng, den Dorf⸗ bewohnern ein tiefes Geheimniß blieb. Herr Jones hatte vor dem Beginne dieſes geheimnißvollen Geſchäftes dem Schulmeiſter zur großen Freude ſeiner weißköpfigen Heerde angekündigt, daß an dieſem Tage keine Schule gehalten werden könne. Marmaduke war über die Vorbereitungen brieflich unterrichtet, und dem⸗ gemäß hatte er es ſo eingerichtet, daß er und Eliſabeth noch zeitig genug ankamen, um an den Feſtlichkeiten des Abends Theil zu nehmen. Nach dieſer Abſchweifung kehren wir zu dem Gange unſerer Geſchichte zurück. Neuntes Kapitel. O Wunder! Auf dem reichbedeckten Tiſch Dampft jede Art von Fleiſch— Geflügel— Fiſch; Der Gäſte Reih' iſt nach dem Rang zu ſchauen, Indeß ſie ſich im Vorgenuß erbauen Und mit den Augen ſchon das Mahl verdauen. Heliogabaliade. Das Zimmer, nach welchem Monſieur Le Quoi Eliſabeth führte, ſtand durch die unter Dido's Aſchenkrüge beſindliche Thüre mit der Halle in Verbindung. Es war geräumig und ziemlich 120 proportionirt; aber in den Ornamenten und der Verzierung ließ ſich dieſelbe Verſchiedenheit des Geſchmacks, und die gleiche Unvoll⸗ kommenheit unterſcheiden, deren wir in der Halle wahrgenommen haben. Das Möbelwerk beſtand aus einem Dutzend grün ange⸗ ſtrichener Armſtühle, die mit demſelben Wollenmoor ausgeſchlagen waren, welchen wir bereits als den Stoff von Remarkable's Rock bezeichnet haben. Die Tiſche waren mit Tafeltüchern belegt, ſo daß man ihr Material und die Kunſtfertigkeit des Tiſchlers nicht ſehen konnte, obgleich ſich die Schwerfälligkeit der umfangreichen Conſtruction nicht verkennen ließ. Ein ungebeurer Spiegel mit vergoldeter Rahme hing an der Wand, und ein luſtiges Feuer, unterhalten von dem Holze des Zuckerahorns, flackerte auf dem Heerde. Letzteres erregte zuerſt die Aufmerkſamkeit des Richters, der, ſobald er es erblickte, Richard etwas unwillig zurief: „Wie oft habe ich verboten, in meiner Wohnung den Zucker⸗ ahorn als Brennmaterial zu verwenden? Der Anblick des Saftes, der aus dem erhitzten Holze ausſchwitzt, thut mir in der Seele weh, Richard. In der That, es ziemt dem Beſitzer ſo ausgedehnter Waldungen, wie die meinigen ſind, Acht zu haben, welch ein Bei⸗ ſpiel er den Leuten gebe, da ſie ohnehin nur zu bereitwillig ſind, die Wälder auszuhauen, als ob des Schatzes kein Ende zu finden wäre und der Forſt keine Gränze hätte. Wenn es ſo fort geht, iſt in zwanzig Jahren das Brennmaterial aufgebraucht.“ „Das Brennmaterial in dieſen Bergen aufgebraucht, Vetter Duke?“ rief Richard ſpottend.„Was du nicht für ein herrlicher Piophet biſt! Ebenſogut könnteſt Du ſagen, die Fiſche unſeres Sees würden aus Waſſermangel ſterben, weil ich Willens bin, mit dem Beginne des Frühjahrs ein Paar der Quellen durch Deichel nach dem Dorfe zu führen. Aber Du haſt immer etwas ungereimte Begriffe von ſolchen Dingen, Marmaduke.“ „Iſt es eine Ungereimtheit,“ entgegnete der Richter mit vielem Ernſte,„einen Mißbrauch zu verdammen, der dieſe Edelſteine des 121 Waldes, dieſe köſtlichen Gaben der Natur, dieſe Fundgruben des Wohlſtandes und des Reichthums, zu einem gewöhnlichen Brenn⸗ material herabwürdigt? Ich will daher, ſobald der Schnee weg iſt, Leute ausſchicken und in den Bergen nach Steinkohlen graben laſſen.“ „Steinkohlen?“ wiederholte Richard.„Und wer, zum Teufel, meinſt Du, wird nach Kohlen graben, wenn man, bis man auf einen Scheffel derſelben ſtößt, mehr Baumwurzeln findet, als man in einem Jahre verbrennen kann? Pah, pah, Marmaduke; überlaß derartige Dinge mir, als einem Manne, der einen angeborenen Takt dafür hat. Ich habe heut dieſes Feuer anzünden laſſen, da⸗ mit das Blut meines hübſchen Bäschens durch etwas Edleres erwärmt werde.“ „Nun, dieſen Grund laſſ' ich als Rechtfertigung gelten,“ ſagte der Richter.—„Aber meine Herrn, wir laſſen auf uns warten. Eliſabeth, liebes Kind, ſetze dich oben an den Tiſch; ich ſehe, Richard will mir die Mühe des Vorſchneidens erſparen, da er ſich unten hat decken laſſen.“ „Allerdings habe ich das im Sinne,“ ſagte Richard.„Hier iſt ein Truthahn zu zerlegen, und ich ſchmeichle mir, daß ich einen Truthahn, eine Gans oder etwas der Art ſo gut als einer zu tranchieren verſtehe. Herr Grant! wo iſt Herr Grant? Wollen Sie ſo gut ſeyn und das Gebet ſprechen, Sir? Ah, es iſt ſchon Alles wieder kalt. Man darf bei dieſem Wetter nur etwas vom Feuer nehmen, ſo iſt es in fünf Minuten ſchon gefroren. Herr Grant, das Tiſchgebet. ‚Für Alles, was uns Gott gnädig beſchert, wolle er uns mit aufrichtigem Danke erfüllen“. Setzen Sis ſich, ſetzen Sie ſich, meine Herrn. Willſt Du Flügel oder Bruſt, Baͤschen Eliſabeth?“ Aber Eliſabeth hatte ſich weder niedergeſetzt, noch war ſie bereit, Flügel oder Bruſt anzunehmen. Ihre lachenden Augen muſterten das Arrangement der Tafel neben der Art und der Aus⸗ 122 wahl der Speiſen, bei welchem Geſchäft ſie bald mit dem Blicke ihres Vaters zuſammentrafen, der unter einem Lächeln ſagte: „Du ſiehſt, mein Kind, wie ſehr wir Remarkable für ihre Geſchicklichkeit in der Haushaltung verpflichtet ſind; ſie hat uns in der That einen köſtlichen Imbiß aufgetiſcht, der wohl im Stande iſt, das Bellen des Magens zu beſchwichtigen.“ „Iſt nur meine Pflicht,“ verſetzte Remarkable;„indeß freut es mich, den Richter zufrieden zu ſehen. Ich fürchtete freilich, Sie möchten die Tafel etwas zu überladen finden; ich dachte aber, bei Eliſabeth's Heimkehr könnte ich nicht weniger thun, um ihr den Eintritt in's Haus recht angenehm zu machen.“ „Meine Tochter iſt nun erwachſen und von dieſem Augenblicke an Herrin in meinem Hauſe,“ entgegnete der Richter;„ich finde es daher an der Ordnung, daß jegliche Perſon, die unter meinem Dache lebt, ſie als Miß Temple anredet.“ „Wie ſie befehlen,“ rief Remarkable, ein wenig erſchrocken; „aber wer hat je ein ſo junges Frauenzimmer Miß nennen hören? Wenn der Richter noch eine Frau hätte, ſo fiele es mir nicht ein, ſie anders als Miſtreß Temple zu nennen, aber—“ „— Da ich jetzt nur noch eine Tochter habe, ſo wißt Ihr nun, wie Ihr in Zukunft mit ihr ſprechen müßt,“ ſiel ihr Mar⸗ maduke ins Wort. Da der Richter bei dieſen Worten allen Ernſtes mißvergnügt ausſah, und bei derartigen Anläſſen etwas eigenthümlich Gebiete⸗ riſches in ſeinen Mienen lag, ſo hielt es die kluge Haushälterin für das Gerathenſte, zu ſchweigen. Nun trat auch Herr Grant in's Zimmer, und die ganze Geſellſchaft hatte bald an dem Tiſche Platz genommen, Da das Arrangement der Tafel ganz in dem landesüblichen Geſchmack jener Zeit und Gegend gehalten war, ſo wollen wir es verſuchen, eine kurze Beſchreibung dieſes Feſtmahls zu geben. Das Tafelzeug beſtand aus der ſchönſten damascirten Lein⸗ wand, und Teller und Schüſſeln waren ächtes chineſiſches Porzellan 123 — ein in dieſer frühen Periode des amerikaniſchen Handels wirklich koſtbarer Luxusartikel. Die Meſſer und Gabeln, vom feinſten po⸗ lirten Stahl waren mit Heften vom reinſten Elfenbein verſehen. So weit verrieth Alles nicht nur den Reichthum, ſondern auch den Geſchmack des Richters. Was jedoch den Inhalt der verſchiedenen Schüſſeln und die Aufſtellung derſelben betraf, ſo blieben dieſe aus⸗ ſchließlich Remarkable's Weisheit überlaſſen. Vor Eliſabeth ſtand ein großer gebratener Truthan, während Richard einen gekochten Vogel derſelben Species vor ſich hatte. Im Mittelpunkt der Tafel befanden ſich ein Paar ſchwere ſilberne Aufſätze, von vier Platten umgeben, deren eine ein Fricaſſee von grauen Eichhörnchen, eine andere gebackenen Fiſch, die dritte Fiſch in Sauce und die letzte Wildpretſchnitten enthielt. Zwiſchen dieſen Gerichten und den Truthühnern ſtand auf der einen Seite eine ungeheuere Porcellan⸗ platte mit Schwarzwildpret und auf der andern eine köſtliche Schöpſenkeule. Unter dieſer Menge von Fleiſchſorten waren alle Arten von Gemüſe, welche das Land und die Jahreszeit boten, aufgeſtellt. Die vier Enden der Tafel waren mit Kuchentellern garnirt. Das eine enthielt eine mit wunderlichen Figuren hoch aufgeputzte Maſſe, welche Nußkuchen hieß; ein anderes war mit einer ſchwarz ausſehenden Subſtanz überlegt, die ihre Farbe wohl einer Beimiſchung von Latwerge verdankte, und ‚Süßkuchen“ ge⸗ nannt wurde— ein Lieblingsgericht in Remarkable's Kränzchen; das dritte beherbergte einen ſo betitelten ‚Pfefferkuchene und auf dem vierten präſentirte ſich eine Subſtanz von ziemlich verdächtiger Farbe, die von der großen Anzahl Korinthen, die allenthalben ihre bräunlichen Bäuche in die Höhe reckten, den Namen erhalten hatte. Neben dieſen Gerichten ſtanden Schalen mit einer dicken Flüſſigkeit von etwas zweideutiger Färbung, aus der kleine, ſchwarze Brocken von einer Subſtanz, die ſich nur mit ſich ſelbſt vergleichen ließ, hervorſahen— eine Compoſition, welche Remarkable ‚Eingemachtes“ nannte. Vor jedem der mit dem Boden nach oben gekehrten 124 Teller, welche den zierlich in Kreuzform gelegten Beſtecken zur Unterlage dienten, befand ſich ein anderes von ähnlichem Umfange, auf dem ſich je eine Paſtete befand, die mit dreieckigen Aepfel⸗ ſchnitzchen, Fleiſchſchnitten, Puddingmaſſe, Brombeeren und Eierrahm gefüllt waren und mit dem übrigen Arrangement ein prunkvolles Ganze bildeten. In die noch freien Stellen waren Branntwein⸗, Rum⸗, Wachholder⸗ und Weinflaſchen, nebſt einigen Krügen von CEider, und eine mit dem dampfenden Naß des„Flipe* gefüllte Bowle eingeſchoben. Ungeachtet des Umfangs der Tafel, war kaum ein Fleckchen des reichen Damaſts zu ſehen, ſo ſehr drängten ſich die Schüſſeln mit ihren verbündeten Flaſchen, Platten und Schalen. Dieſer Ueberfluß konnte jedoch nur auf Koſten der Ord⸗ nung und der Eleganz zur Schau geſtellt werden. Alle Gäſte zuſammt dem Wirthe ſchienen in dem Beſchriebenen lauter bekannte Gerichte zu finden; denn jeder begann mit einem Appetit zu eſſen, der Remarkable's Geſchmack und Geſchicklichkeit zur hohen Ehre gereichte. Zwar mochte dieß bei dem Deutſchen und bei Richard ein wenig auffallen, da ſie unmittelbar vorher, ehe ſie dem Richter entgegenfuhren, einen kräftigen Imbiß zu ſich ge⸗ nommen hatten; doch Major Hartmann war gewohnt, ſich bei ſeinen Ausflügen im Eſſen und Trinken an keine Regel zu halten, und Herr Jones betrachtete es als eine Ehrenſache, dem Gaſte in Allem, was er that, treulichen Beiſtand zu leiſten. Der Wirth ſchien es für nöthig zu halten, ſich wegen der Aufwallung, die er bei Gelegenheit der unwürdigen Verwendung des Zuckerahorns kund gegeben hatte, einigermaßen zu entſchuldigen, und als er die ganze Geſellſchaft emſig mit ihren Gabeln und Meſſern beſchäftigt ſah, bemerkte er: „Es iſt erſtaunlich, von welcher Zerſtörungswuth die Anſiedler gegen die edlen Bäume dieſer Gegend beſeſſen ſind, Monſieur Le Quoi, wie Sie ohne Zweifel ſelbſt auch bemerkt haben. So ſah * Ein Gemiſch aus Bier, Branntwein und Zucker. zur ange, pfel⸗ rahm olles ein 2, von üllte war gten und Ord⸗ enen nem hkeit chen ehe ge⸗ bei ten, in irth er rns die tigt 125 ich einmal einen Mann eine Fichte fällen, weil er eines Zaunpfahls bedurfte, wozu ein Aſt aus der Krone zugereicht haben würde; das Uebrige rollte er in eine Kluft, wo ſie jetzt verfaulen darf, obgleich ihm der Stamm auf dem Markte zu Philadelphia wohl zwanzig Dollars eingebracht haben würde.“ „Und wie, zum Teufel, ich bitte um Verzeihung, Herr Grant—“ fiel Richard ein;„aber wie, um Gottes willen, hätte der arme Mann ſein Holz in Philadelphia auf den Markt bringen können? Hätte er es etwa in die Taſche ſtecken ſollen, wie man es mit einer Handvoll Kaſtanien oder Wachholderbeeren thun könnte? Ich möchte Dich wohl mit einem Fichtenſtamme in jeder Taſche die Straße hinziehen ſehen!— Pah! pah! Vetter Duke, es gibt genug Bäume für uns Alle und bleibt noch obendrein ein anſehn⸗ liches Häufchen übrig. Stehen ſie doch, ſobald man aus den Lichtungen kommt, ſo dicht und hoch, daß man kaum weiß, woher der Wind bläst;— ich wenigſtens möchte mich nicht vermeſſen, es zu ſagen, wenn ich es nicht aus dem Laufe der Wolken entnehmen könnte, obgleich ich die Striche des Compaſſes von Grund aus kenne.“ „Ja, ja,“ rief Benjamin, der eben eingetreten war, und ſich etwas ſeitlich von dem Stuhle des Richters aufgeſtellt hatte, um gleich bei einer Bemerkung, wie die gegenwärtige, einfallen zu können;„man muß in die Höhe ſehen, Sir, in die Höhe. Die alten Matroſen ſagen, ‚ſelbſt der Teufel würde einen ſchlechten Seemann abgeben, wenn er nicht nach dem Himmel blicken dürfter. Und was den Compaß anbelangt, ſo iſt ohne dieſen ſchon vornweg an kein Steuern zu denken. So oft ich das große Mars, wie ich den Lugaus des Squires auf dem Dach nenne, aus dem Geſicht verliere und mir die Baumkronen die Ausſicht nach dem Himmel benehmen, ſo ziehe ich meinen Compaß aus der Taſche und ermeſſe darnach die Richtungen und Entfernungen, um meinen Kurs fort⸗ zuſetzen. Seit der Thurm von St. Paul ausgebaut iſt, gibt er einen guten Anhaltspunkt für die Fahrt durch die Wälder, denn als ich bei Lord Harry war—“ „Schon gut, Benjamin,“ fiel Marmaduke ein, als er bemerkte, daß ſeine Tochter einiges Mißvergnügen über die Vertraulichkeit des Majordomo an den Tag legte;„aber du vergißſt, daß eine Dame in unſerer Geſellſchaft iſt, und daß es die Frauenzimmer vorziehen, in der Unterhaltung ſelbſt das Wort zu führen.“ „Der Richter ſagt da ein wahres Wort,“ entgegnete Benjamin mit einem widerlichen Gelächter;„man darf nur der Zunge der Jungfer Remarkable Pettybone den Zügel ſchießen laſſen, und man wird im Augenblick ein Geplapper hören, wie wenn man in das Lee eines franzöſiſchen Kreuzers oder in die Nähe eines Sacks kommt, in welchen man ein Dutzend Meerkatzen gepackt hat.“ Wir können nicht ſagen, in wieweit die Haushälterin einen Beleg zu Benjamins Behauptung geliefert haben würde, wenn ſie es hätte wagen dürfen; aber der Richter warf einen ſtrengen Blick nach ihr, und da ſie unter ſolchen Umſtänden nicht gleich Rache nehmen konnte und auch ihren Aerger nicht zu unterdrücken ver⸗ mochte, ſo ſchoß ſie mit einem Ungeſtüm aus dem Zimmer, welches beinahe ein Zerwettern ihrer gebrechlichen Geſtalt befürchten ließ. Als Marmaduke merkte, daß die Aeußerung ſeines Mißfallens die gewünſchte Wirkung hervorgebracht hatte, fuhr er fort: „Richard, kannſt Du mir keine Auskunft über den jungen Menſchen geben, den ich zu verwunden das Unglück hatte? Ich fand ihn auf dem Gebirge, wo er gemeinſchaftlich mit Lederſtrumpf jagte, als ob er zu derſelben Familie gehörte; und doch iſt ein zu augenfälliger Unterſchied in ihrem ganzen Benehmen. Der Jüng⸗ ling drückt ſich ſehr gewählt aus, wie man es ſelten in dieſen Bergen hört, und es nimmt mich Wunder, wie ein Menſch in ſo armſeliger Kleidung und bei einem ſo rauhen Gewerbe dazu kommen konnte. Mohegan kennt ihn gleichfalls; er wohnt daher ohne +, Sͤd S E — ——— u—.— 127 Zweifel in Natty's Hütte. Haben Sie auf ſeine Sprache Acht gegeben, Monſieur Le Quoi?“ »Certainement, Monsieur Temple“, verſetzte der Franzoſe; „er converſir in excellent englis.“ „Mir kömmt er als kein ſolches Wunderthier vor,“ rief Richard. „Ich habe Kinder, die man früh in die Schule ſchickte, gekannt, die weit beſſer ſprachen, ehe ſie zwölf Jahre zählten. Da war Zared Coe, der Sohn des alten Nehemia, der ſich zuerſt an der Biberdammwieſe niederließ,— er ſchrieb in ſeinem vierzehnten Jahre faſt ſo ſchön, als ich ſelber; freilich habe ich ihm in den Abend⸗ ſtunden ein bischen nachgeholfen. Aber dieſer jagdliebende Herr verdiente in den Stock geſpannt zu werden, wenn er ſich je wieder unterfängt, einen Zügel in die Hand zu nehmen. Ich habe nie einen Menſchen ſo ungeſchickt mit Pferden umgehen ſehen, und ich wette, daß er in ſeinem Leben nie etwas Anderes als Ochſen getrieben hat.“ „Du thuſt, meine ich, dem jungen Mann Unrecht,“ ſagte der Richter,„denn er zeigte in kritiſchen Augenblicken viel Beſonnenheit. Biſt du nicht auch der Anſicht, Beß?“ Es lag gerade nichts in der Frage, was ein Erröthen hätte rechtfertigen können; dem ungeachtet aber erglühte Eliſabeth bis zur Schläfe, als ſte in dieſer Weiſe aus ihren Träumereien geweckt wurde. „Mir kam er ungemein gewandt und muthig vor, lieber Vater,“ antwortete ſie.„Aber vielleicht ſagt Vetter Richard, ich ſey in derartigen Dingen ſo unwiſſend, als der Gentleman ſelbſt.“ „Gentleman?“ wiederholte Richard.„Nennt man ſolche Kunden in der Penſion Gentlemen, Eliſabeth?“ „Jeder Mann hat Anſpruch auf dieſen Titel, der die Frauen mit Achtung und Anſtand zu behandeln weiß⸗“ entgegnete die junge Dame raſch und etwas ſcharf. „Das kömmt daher, weil er Anſtand nahm, vor der Erbin in ſeinen Hemdärmeln zu erſcheinen,“ rief Richard mit einem Blin⸗ zeln gegen Monſieur Le Quoi, welcher daſſelbe mit dem einen Auge erwiederte und das andere mit dem Ausdruck der Beiſtimmung der jungen Dame zuwandte.„Doch meinetwegen, mir kam er wenig⸗ ſtens nicht wie ein Gentleman vor, obgleich ich zugeben muß, daß er eine gute Büchſe führt. Er hat doch den Bock gut getroffen, Marmaduke? Ha, ha!“ „Richard,“ begann Major Hartmann, indem er ſein würdevolles Antlitz mit vielem Ernſte dem genannten Herrn zuwandte,„der Junge iſt wacker. Er hat Ihnen, mir, dem Domino Grant und dem Franzoſen das Leben gerettet, und es ſoll ihm nicht an einem Bette fehlen, um darin zu ſchlafen, ſo lange der alte Fritz Hart⸗ mann nur noch eine Schindel auf ſeinem Dache hat.“ „Das ſteht ganz in Ihrem Belieben, alter Herr,“ erwiederte Jones, indem er es verſuchte, eine gleichgültige Miene anzunehmen. „Sie können ihn ja in Ihr ſteinernes Haus mitnehmen, Major, denn ich wette darauf, der Burſche hat in ſeinem ganzen Leben nie auf etwas Beſſerem, als auf einem Holzblocke geſchlafen, wenn er nicht allenfalls in einer Hütte, wie die des Lederſtrumpf, eine Streu fand. Sie werden ihn indeß bald verwöhnt haben, denn man ſah ja, wie ihm ſchon in der kurzen Zeit, die er bei den Köpfen meiner Pferde ſtand, als ich mit ihnen in den Weg ein⸗ lenkte, der Kamm ſchwoll.“ „Nein, nein, mein alter Freund,“ rief Marmaduke,„es ſoll meine Aufgabe ſeyn, auf irgend eine Weiſe für den Jüngling zu ſorgen. Ich habe eine eigene Schuld an ihn abzutragen, abge⸗ ſehen von dem Dienſte, den er mir in der Rettung meiner Freunde erwieſen. Es wird indeß einige Mühe koſten, ihn zu der Annahme meiner Offerte zu bewegen. Es ſchien mir, er zeige einen ent⸗ ſchiedenen Widerwillen, als ich ihm für die Dauer einen Aufenthalt in dieſen Mauern anbot. Was meinſt Du, Beß?“ „In der That, lieber Vater,“ ſagte Eliſabeth, ihre ſchöne Un⸗ terlippe ein wenig aufwerfend,„ich habe die Züge des Herrn nicht ſo genau ſtudirt, um ſeine Gefühle darin leſen zu können. Es —.— — — 8d 8—,— der ig⸗ daß fen, Ues der und em art⸗ erte en. jor, ben enn eine enn den ein⸗ ſoll zu ge⸗ inde hme ent⸗ halt Un⸗ nicht Es 129 kam mir indeß ganz natürlich vor, daß die Wunde ihm Schmerz verurſachte, und deßhalb bemitleidete ich ihn; aber ich glaube“— ihr Auge glitt während dieſer Worte mit unterdrückter Neugierde nach dem Major domo—„ich glaube, lieber Vater, Benjamin kann Dir weitere Auskunft über ihn geben, denn der junge Mann iſt beſtimmt nicht in dem Dorfe geweſen, ohne daß er von Benja⸗ min geſehen worden wäre.“ „Ja, ich habe ihn ſchon früher geſehen,“ erwiederte Benja⸗ min, der nur einer geringen Ermuthigung bedurfte, um zu ſprechen. „Wenn Natty Bumppo nach einem Hirſche durch die Berge zieht, ſo ſchleppt er ihn immer in ſeinem Kielwaſſer nach wie eine Albany⸗ Schaluppe, die ein holländiſches Langboot im Schlepptau hat. Auch führt er eine gute Büchſe; ich hörte erſt letzten Dienſtag Abend Lederſtrumpf in Betty Holliſters Schenkſtube ſagen, daß der junge Mann dem Wilde ſichern Tod bringe. Wenn er übrigens nur die wilde Katze ſchießen könnte, die man kürzlich an dem Ufer des See's hat mauen hören, denn da hat der Froſt und der harte Schnee die Hirſche in Rudel zuſammengetrieben— und ſo würde er wenigſtens doch etwas thun, was nützlich wäre. So eine wilde Katze iſt ein böſer Schiffskamerad, und ſollte nie das Fahrwaſſer eines Chriſten kreuzen.“ „Wohnt er in Bumppos Hütte?“ fragte Marmaduke mit einigem Antheil. „Wang' an Wange, Herr. Am Mittwoch werden es drei Wochen, daß er ſich zum erſten Mal in Lederſtrumpfs Geſellſchaft ſehen ließ. Sie brachten einen erlegten Wolf in's Dorf, deſſen Haut ſie als Geſchenk in's Herrenhaus trugen! Dieſer Meiſter Bumppo hat eine große Geſchicklichkeit im Hautabziehen, und es gibt Leute im Dorf, welche ſagen, er habe dieſes Handwerk an Chriſtenſcalpen gelernt. Wenn das wahr wäre, und ich an dieſer Küſte das Com⸗ mando hätte, wie es bei Euer Geſtrengen der Fall iſt, ei ſo ſollte er mir dafür jetzt noch auf die Laufplanke; da ſteht ein gar hüb⸗ ſcher Pfahl vor den Blöcken, und was die Kabe anbelangt, ſo Die Anſiedler. 3. Aufl. wollte ich ihre neun Schwänze recht hübſch eigenhändig zuſammen drehen— ja, und in Ermangelung eines Beſſeren auch führen.“ „Ihr müßt nicht Allem, was Ihr über Natty hört, Glauben beimeſſen. Er hat eine Art natürliches Recht, ſich ſeinen Unter⸗ halt in dieſen Bergen zu ſuchen, und wenn die Müſſiggänger des Dorfes ihm eine Unbild zufügen wollten, wie ſie es hin und wieder bei anerkannten Landſtreichern machen, ſo werden ſie finden, daß er unter dem Schutze des ſtarken Arms der Geſetze ſteht.“ „Die Büchſe ſchützt ſie beſſer als das Geſetz,“ ſagte der Major lakoniſch. „Ich gebe nicht ſo viel für ſeine Büchſe,“ rief Richard, mit ſeinen Fingern ſchnippend.„Ben hat Recht und ich——“ Hier wurde ihm durch das Läuten einer gewöhnlichen Schiffs⸗ glocke Halt geboten, die von dem Glockenthurm der Akademie her⸗ unter bimmelte und der Gemeinde anzeigte, daß die Stunde für den Gottesdienſt gekommen ſey. „Für dieſen und jeden andern Beweis Seiner Güte“— ich bitte um Verzeihung; Herr Grant, wollen Sie ſo gefällig ſeyn und das Dankgebet ſprechen? Es iſt Zeit zum Aufbruche, da wir die ein⸗ zigen Biſchöflichen in der Gegend ſind— das heißt ich, Benja⸗ min und Eliſabeth, denn ein Halbgläubiger wie Marmaduke iſt ſo ſchlimm als ein Ketzer.“ Der Geiſtliche ſtand auf und ſprach in demuthsvoller Andacht das Gebet, worauf ſich die ganze Geſellſchaft zu dem Gange nach der Kirche— oder vielmehr nach der Akademie, anſchickte. Zehntes Kapitel. Und zum Gebet ruft Eva's ſündige Kinder In ernſten Tönen der metall'ne Mund. Scott's Bürger. Richard und Monſieur Le Quoi ſchlugen, von Ben begleitet, einen mit Schnee bedeckten Fußpfad nach der Akademie ein, wäh⸗ 131 rend der Richter, der Geiſtliche und der Major den zwar weiteren, aber betreteneren Weg durch das Dorf wählten. Der Mond war aufgegangen, und ſeine Scheibe goß ihren Lichtſtrom über die dunkeln Umriſſe der Fichten, welche das öſtliche Gebirg krönten. Der Himmel war ſo klar und hell, wie in man⸗ chen andern Gegenden zur Mittagszeit. Die Sterne blinkten in der leuchtenden Atmoſphäre, wie das letzte Flimmern eines er⸗ ſterbenden Feuers, und die Strahlen des Mondes, die ſich auf der weißen glatten Oberfläche des See's und der Felder brachen, war⸗ fen ein Licht zurück, das durch die fleckenloſe Farbe der unermeß⸗ lichen Schneemaſſen, welche die Erde bedeckten, noch erhöht wurde. Während der Sleigh ſich leicht und ſtetig durch die Haupt⸗ ſtraße bewegte, beſchäftigte ſich Eliſabeth mit Leſen der Inſchriften, die faſt über jeder Thüre angebracht waren. Mit jedem Schritte, den die Pferde vorwärts thaten, begegneten ihre Augen nicht nur neuen Gewerben, ſondern auch Namen, die ihr fremd waren. So⸗ gar die Häuſer ſchienen verändert. Das eine hatte einen neuen Anbau erhalten, das andere war friſch angeſtrichen, und ein drittes ſtand an der Stelle eines bekannten, das eben ſo ſchnell von der Erde wieder verſchwunden war, als man es aufgebaut hatte; aber alle ſchienen ſich ihrer Bewohner entledigt zu haben, denn Män⸗ ner, Weiber und Kinder ſtrömten nach der Stelle, wo ihrer ein Schaugericht aus Richard's und Benjamin's Kunſtküche harrte. Nachdem unſere Heldin die Gebäude, welche ſich allerdings in dem hellen und weichen Mondlichte ziemlich vortheilhaft ausnahmen, genugſam betrachtet hatte, wandte ſie ihre Blicke nach den ver⸗ ſchiedenen vorbeieilenden Geſtalten, ob ſie nicht irgend einen Be⸗ kannten fände. In ihre Mäntel, Capuzen, Ueberröcke und Krägen gehüllt, ſchienen ſich jedoch alle zu gleichen, und Eliſabeths Augen ſpähten um ſo mehr vergeblich, da die ſchnell dahingleitenden Per⸗ ſonen großentheils hinter den Schneehaufen, welche man vor den Häuſern aufgeſchaufelt hatte, um einen Weg zu bahnen, verborgen waren. Ein oder zweimal kam es ihr vor, als bemerkte ſie einen bekannten Gang, oder eine Figur, deren ſie ſich erinnern konnte, aber dann verlor ſie dieſelbe ſchnell wieder hinter einem jener un⸗ geheuren Holzhaufen, die faſt vor jeder Thüre lagen. Erſt als ſie von der Hauptſtraße in eine zweite einbog, welche die erſtere in einem rechten Winkel durchſchnitt und geradezu nach dem Ver⸗ ſammlungsplatz führte, traf ſie auf ein Geſicht und ein Gebäude, die ihr beide nicht fremd waren. Das Haus ſtand an einer der Hauptecken des Dorfes und be⸗ kundete ſich durch den zertretenen Weg vor dem Eingange ſowohl, als durch das Schild, das unter den vom See herkommenden Wind⸗ ſtößen mit ächzenden Tönen hin und her pendelte, als eines der beſuchteſten Wirthshäuſer in der Gegend. Das Gebäude war nur einen Stock hoch, aber die Dachfenſter, der Anſtrich, die Fenſter⸗ läden und das luſtige Feuer, das durch die Thüre ſichtbar war, gaben ihm ein behagliches Ausſehen, deſſen ſich nicht viele ſeiner Nachbarn erfreuten. Das Schild hing an einem gewöhnlichen Bier⸗ hausbalken, und ſtellte einen mit Säbel und Piſtolen bewaffneten Reiter vor, der eine Bärenmütze auf dem Kopf trug, während das Thier eben die Vorderfüße zu einer Courbette erhoben hatte. Alle dieſe Einzelheiten ließen ſich nebſt einer etwas unleſer⸗ lichen ſchwarzgemalten Inſchrift, aus der jedoch Eliſabeth, welche mit der Sache vorher ſchon vertraut war, ohne viele Mühe die Worte„zum kühnen Dragoner“ entziffern konnte, leicht im Mond⸗ lichte unterſcheiden. Als der Sleigh vorüberfuhr, traten eben ein Mann und eine Frau aus der Thüre des Hauſes. Der erſtere ſchritt in einer ſtei⸗ fen militäriſchen Haltung, welche durch ein hinkendes Bein noch auffallender gemacht wurde, einher, während die Frau ſich mit einer Miene vorwärts bewegte, die keine ſonderliche Ehrfuxcht vor dem, was ihrer wartete, ausdrückte. Die Strahlen des Mondes ſielen gerade auf ihr breites und volles Geſicht, und ließen unter 13³ der Garnitur der Haube, welche die Linien eines nicht ſo ſehr rein⸗ lichen Geſichtes mildern ſollte, ziemlich männliche Züge erkennen. Auf dem Hintertheile ihres Kopfes ſaß ein kleiner, ſchwarzer, ſei⸗ dener Hut, ohne jedoch das liebenswürdige Antlitz zu beſchatten, das ſich im Mondenlichte faſt wie eine im Weſten aufgehende Sonne ausnahm. Sie eilte mit männlichen Schritten vorwärts, um den Sleigh einzuholen; der Richter befahl daher dem Namensvetter des griechiſchen Königs, der die Zügel hielt, mit den Pferden zu halten, worauf ſich nun folgendes Geſpräch entſpann: „Wünſche Glück und guten Willkomm in der Heimath, Richter,“ rief das Weib mit hartem iriſchem Accent;„mir wenigſtens ſeyd Ihr immer willkommen. Und da iſt auch Miß Lizzy— aber was das für ein hübſches Frauenzimmer geworden iſt! Welch' ein Herz⸗ weh würde ſie nicht den jungen Männern machen, wenn wir ſo etwas wie ein Regiment im Orte hätten! Doch ſollte man nicht von ſolchen eitlen Dingen reden, wenn uns die Glocke zur Kirche ruft, da ſie Einen, ehe man ſich's verſieht, zur letzten Rechenſchaft abrufen kann. Guten Abend, Major! Soll ich Euch dieſen Abend eine Bowle Wachholderpunſch bereit halten, oder wollt ihr die erſte Nacht Eures Hierſeyns, die noch obendrein die Weihnacht iſt, in dem großen Hauſe zubringen?“ „Es freut mich, Euch zu ſehen, Frau Holliſter,“ ſagte Eliſabeth, „ich habe mich durch das ganze Dorf nach einem bekannten Ge⸗ ſichte umgeſehen und kein einziges bis auf Euch gefunden. Auch Euer Haus iſt noch das alte, während alle übrigen ſo verändert ſind, daß ich ſie nur noch an ihren Plätzen zu erkennen vermag. Ihr ſcheint auch das Schild ſehr in Ehren zu halten, das ich mei⸗ nen Vetter Richard malen ſah, und auch den Namen untenherum, über den es, wie Ihr wißt, zwiſchen Euch und ihm zum Streite kam.“ „Ah, Ihr meint den kühnen Dragoner? Und welchen Namen wollte er denn haben, da mein ſeliger Mann nie unter einem an⸗ dern bekannt war, wie mein Mann da, der Hauptmann, bezeugen 134 kann? Er machte ſich ein Vergnügen daraus, die Gäſte zu bedie⸗ nen und war immer der Vorderſte, wo es galt. Aber ach, das hat Alles ein plötzliches Ende genommen. Ich hoffe indeß, daß er Gnade gefunden hat, wenn es mir der Pfarrer Grant auch hun⸗ dert Mal in Abrede ziehen will.— Ja, ja, der Squire wollte das Schild malen, und da hielt ich es für das Beſte, das Geſicht des Verſtorbenen zu verewigen, der ſo oft Gutes und Schlimmes mit uns getheilt hatte. Freilich ſind die Augen nicht ſo groß und ſo feurig, als die ſeinen; aber Bart und Mitze gleichen ſich wie ein Ei dem andern. Doch ich will Euch nicht länger mit Schwatzen in der Kälte aufhalten, ſondern morgen nach dem Gottesdienſt einkehren und mich nach Eurem Befinden erkundigen. Es iſt un⸗ ſere Pflicht, von dem Augenblicke den beſten Gebrauch zu machen, und das Haus zu beſuchen, welches Allen offen ſteht. Gott behüte Euch und bewahre Euch vor allem Uebel. Soll ich den Genever⸗ punſch zurichten oder nicht, Major?“ 4 Auf dieſe Frage antwortete der Deutſche einfach mit ja: und nachdem noch einige Worte zwiſchen dem Richter und dem Gatten der Dame mit dem rothen Geſichte gewechſelt worden waren, bewegter ſich der Sleigh weiter. Er erreichte bald die Thüre der Akademie, wo die Geſellſchaft ausſtieg, um ſich in das Gebäude zu verfügen. Da Herr Jones und ſeine zwei Gefährten einen weit kürzeren Weg eingeſchlagen hatten, ſo waren ſie einige Minuten vor dem Sleigh an Ort und Stelle angelangt. Aber anſtatt nach dem Saale zu eilen, um ſich an dem Erſtaunen der Anſiedler zu wei⸗ den, ſpazierte Richard mit den Händen in den Taſchen ſeines Ueber⸗ rocks vor der Akademie auf und ab, als wäre er bei all den prunk⸗ vollen Vorbereitungen nicht im Mindeſten betheiligt. Die Dorfbewohner begaben ſich mit einem Anſtand und einem Ernſte, der ihnen bei ſolchen Anläſſen nie fehlte, aber auch mit einer Haſt, welche wahrſcheinlich in der Neugierde ihren Grund hatte, in das Gebäude. Nur die aus der Nachbarſchaft —.——„ 135 Herbeigekommenen zögerten noch eine Weile, um ihre blauen und weißen Decken über die Pferde zu legen, ehe ſie dem Verlangen, das Innere des Hauſes zu beaugenſcheinigen, nachgaben. Richard näherte ſich den meiſten dieſer Leute, und fragte ſie nach dem Befinden ihrer Familien. Er kannte ſogar die Namen ihrer Kin⸗ der, woraus ſich entnehmen ließ, wie vertraut er mit ihren Ver⸗ hältniſſen war, und die Art der Antworten bezeichneten ihn als den allgemeinen Liebling. Endlich trat ein Fußgänger aus dem Dorfe gleichfalls herbei, und muſterte ernſten Blickes ein neues Backſteingebäude, welches, unter den Strahlen des Vollmondes, in ſchöner Abſtufung einen langen Schatten über die Schneefelder warf. Vor der Akademie befand ſich ein großer, freier, viereckigter Platz, an deſſen Ende die neue und noch unvollendete St. Paulskirche ſtand. Das Gebäude war während des letzten Sommers auf Subſcription— wie man es nannte— errichtet worden, obgleich bei weitem die Mehrheit des Geldes aus Templeton's Kaſſe floß. Es hatte ſeine Entſtehung der Ueberzeugung von der Nothwendigkeit zu danken, einen ſchick⸗ licheren Ort, als den Saal der Akademie, für die Gottesverehrung zu beſitzen, wobei man der gemeinſamen Hoffnung lebte, daß nach Vollendung der Kirche die Entſcheidung der Frage, welchem Glaubens⸗ bekenntniſſe ſie anheimfallen ſollte, dem Volke anheimgegeben würde. Natürlich veranlaßte dieſe Ausſicht eine lebhafte Aufregung unter eini⸗ gen Sectirern, die ſich bei der Sache für weſentlich betheiligt er⸗ achteten, obgleich öffentlich nur wenig darüber geſprochen wurde. Hätte ſich der Richter Temple entſchieden für irgend eine der ver⸗ ſchiedenen Secten erklärt, ſo wäre der Streit ſchnell abgethan geweſen, da ſein Einfluß zu mächtig war, um auf Erfolg gegen ihn ankämpfen zu können. So aber enthielt er ſich jeder Einmi⸗ ſchung, indem er es ſogar entſchieden verweigerte, den Einfluß Richard's durch das Gewicht ſeines Namens zu verſtärken, trotz dem, daß dieſer dem entſprechenden Biſchof bereits die geheime lich ſchätzen, in den Schooß der proteſtantiſch⸗biſchöflichen Kirche aufgenommen zu werden. Sobald indeß die Neutralität des Rich⸗ ters öffentlich bekannt war, fand Herr Jones, daß er gegen ein ſtörriges Volk anzukämpfen hatte. Er verſuchte es daher zuvörderſt, die Bewohner des Dorfes durch Vernunftgründe für ſeine Anſicht zu gewinnen, indem er ſie in ihren Häuſern beſuchte und theolo⸗ giſche Controverſe⸗Predigten hielt, welche auch geduldig und ohne ein Wort der Erwiederung angehört wurden, ſo daß Richard am Schluſſe ſeiner Wanderung der Anſicht war, die Sache ſtehe ent⸗ ſchieden zu ſeinen Gunſten. Um daher das Eiſen zu ſchmieden. ſo lange es noch heiß wäre, ließ er durch den Templetoner Anzeiger eine Verſammlung ausſchreiben, damit die Frage mit einem Male durch die Abſtimmung bereinigt würde. Aber keine Seele erſchien; und ſo wurde einer der drückendſten Nachmittage, den Richard je erlebt hatte, in einer zu nichts führenden Diskuſſion des genannten Herrn mit Frau Holliſter verbracht, welche ſteif und feſt behaup⸗ tete, die methodiſche Kirche(zu der ſie ſelbſt gehörte) ſey die beſte, und verdiene daher am allereheſten in den Beſitz des neuen Gotteshauſes zu kommen. Richard bemerkte jetzt, daß er zu ſan⸗ guiniſch in ſeinen Hoffnungen geweſen und in den Irrthum verfallen ſey, dem ſich alle diejenigen leicht ausſetzten, welche ohne gehörige Sachkenntniß mit dieſem klugen und vorſichtigen Volke verkehrten. Er ſuchte daher ſich ſo gut als möglich zu verſtellen, um auf dieſem Wege Schritt für Schritt ſeinem Ziele näher zu kommen. Das Geſchäft der Errichtung des Gebäudes war einſtimmig Herrn Richard und Herrn Hiram Doolittle übertragen worden. Aus ihren Händen war bereits das Haus des Richters, die Aka⸗ demie und das Gefängniß hervorgegangen, und ſie allein wußten den Plan zu einem Gebäude und die Ausführung deſſelben zu leiten. Gleich anfangs hatten die beiden Architekten ihre Obliegenheiten in einer Weiſe getheilt, daß der Erſtere die Fertigung der Plane Mittheilung gemacht hatte, Kirche und Gemeinde würden ſich glück⸗ N — G E N+ſ —*⅜ —&— Q— 137 übernahm, während dem Letztern das Amt anheimfiel, den mate⸗ rielleren Theil, nämlich das Bauweſen ſelbſt, zu leiten. Richard nahm ſeines Vortheils wahr, und entſchloß ſich ganz in der Stille, als erſten entſchiedenen Schritt zur Durchführung ſeiner Wünſche, die Fenſter im römiſchen Style conſtruiren zu laſſen. Da das Gebäude in Backſteinen aufgeführt wurde, ſo konnte er ſeinen Plan verhehlen, bis der Augenblick kam, wo die Rahmen eingeſetzt werden ſollten. Nun wurde es aber in der That nöthig zu handeln. Er theilte mit großer Behutſamkeit Hiram ſeine Ab⸗ ſicht mit, ohne jedoch auf den ſpirituellen Theil derſelben einzugehen, dem er der Sache blos von Seiten der architektoniſchen Schönheit mit Waͤrme das Wort redete. Hiram hörte ihm geduldig zu, ohne ſich eine Gegenrede zu erlauben— ein Umſtand, der Herrn Jones über die wahren Anſichten ſeines Gegners hinſichtlich dieſes wichti⸗ gen Gegenſtands ganz im Unklaren ließ. Da indeß die Entwerfung des Planes ausdrücklich Richard zugewieſen war, ſo durfte natürlich keine Einſprache dagegen ſtatthaben, obgleich ihm bei der Ausfüh⸗ rung zahlloſe, unerwartete Hinderniſſe in den Weg gelegt wurden. Das erſte beſtand in der Seltenheit des rechten Materials, deſſen man für die Fenſterrahmen bedurfte, wogegen jedoch augenblicklich dadurch abgeholfen wurde, daß Richard ihre Länge um zwei Fuß verkürzte. Dann kam der Koſtenpunkt zur Sprache; aber er erin⸗ nerte Hiram an die Kaſſen ſeines Vetters, denen er als Schatz⸗ meiſter vorſtand,— eine Andeutung, die das gehörige Gewicht übte; und ſo nahm denn nach einer ſtummen und in die Länge gezogenen, wiewohl fruchtloſen Oppoſition, das Werk ſeinen Fort⸗ gang nach dem urſprünglichen Plane. Eine weitere Schwierigkeit veranlaßte der Thurm, welchen Richard nach dem Modell eines der kleineren Thürme, welche die große Londoner Kathedrale zieren, erbaut haben wollte. Die Nachahmung ſah allerdings etwas verkrüppelt aus, da man es mit den Proportionen nicht ſehr genau genommen; aber nach vielen Schwierigkeiten hatte Herr Jones endlich die Freude, einen Gegen⸗ ſtand aufgerichtet zu ſehen, der in ſeinen Umriſſen die ſchlagendſte Aehnlichkeit mit einem Eſſigfläſchchen nachwies. Hiegegen hatte man weniger einzuwenden, als gegen die Fenſter, denn die Anſiedler liebten das Neue und ihr Thurm hatte ſicherlich nicht ſeinesgleichen. So weit waren die Arbeiten des Sommers gediehen, und die ſchwierige Frage über die innere Einrichtung blieb für eine weitere Berathung ausgeſetzt. Richard ſah wohl ein, daß ſein Geheimniß verrathen wäre, ſobald er die Kanzel und den Chor zur Sprache brächte, da derartige Vorkehrungen in keiner Kirche des Landes, als in den biſchöflichen üblich waren. Er verfolgte indeß die be⸗ reits erwähnten Vortheile weiter, und nannte das Gebäude kühn St. Paulskirche— was ſich Hiram klüglich gefallen ließ, indem er ſie nur mit einem kleinen Zuſatze, zur„neuen St. Paulskirche“ umgewandelt ſehen wollte, denn er fühlte weniger Abneigung gegen den von der engliſchen Kathedrale genommenen Titel, als gegen den Namen des Heiligen. Der oben erwähnte Fußgänger, welcher ſich das Gebäude betrachtete, war Niemand anders, als der von uns ſo häufig namhaft gemachte Herr, oder Squire Doolittle. Er war ein hoher, kräftiger Mann mit ſcharfgeſchnittenen Zügen und einem Geſichte, in dem ſich förmlicher Anſtand und Verſchmitztheit aus⸗ drückten. Richard trat nebſt Monſieur Le Quoi und dem Major⸗ domo auf ihn zu. „Guten Abend, Sqire,“ ſagte Richard mit dem Kopfe nickend, ohne jedoch die Hände aus den Rocktaſchen zu ziehen. „Guten Abend, Squire,“ entgegnete Hiram, indem er ſich umwandte und gleichfalls mit dem Kopfe nickte. „Es gibt eine kalte Nacht, Herr Doolittle.“ „Allerdings etwas friſch,“ meinte Hiram—„verwünſcht friſch!“ „Ihr betrachtet unſere Kirche? Ja, ſie nimmt ſich im Mondlicht nicht übel aus. Wie prächtig die Zinnbedeckung der 139 Kuppel glänzt. Ich wette, die der andern St. Paul macht ſich in Londons Rauch nie ſo lieblich.“ „Ja das Verſammlungshaus iſt recht hübſch anzuſehen,“ ent⸗ gegnete Hiram;„ich denke Monſchür Ler Quow und Herr Pen⸗ guilliam werden das zugeben.“ „Gewiß,“ rief der höfliche Franzoſe;„es is ſerr ſchön.“ „Ich dachte mir's, daß der Monſchür ſo ſagen würde. Der letzte Syrup, den wir von Euch hatten, war ausgezeichnet gut. Es wird deſſen wohl noch mehr zu bekommen ſeyn?“ „Ah! oui; ja Sir,“ entgegnete Monſieur Le Quoi mit einem leichten Achſelzucken und einer nichtsſagenden Geberde;„es gibt noch mehr. Ich fühle mich ſerr glücklich, daß er is nach Ihr Ge⸗ ſchmack. Ich hoffe, daß Madame Dolicht ſich befind wohl?“ „Wenigſtens rührig genug,“ erwiederte Hiram.„Hat der Squire die Plane für das Innere des Hauſes noch nicht beendigt?“ „Nein— nein— nein,“ verſetzte Richard raſch, indem er jedoch zwiſchen jeder Verneinung eine bedeutungsvolle Pauſe machte; „das fordert Nachdenken. Es gibt viel Raum auszufüllen, und ich fürchte, wir werden nicht wiſſen, wie er vortheilhaft verwendet wird. Wir haben einen großen freien Platz um die Kanzel herum, die ich übrigens nicht an der Wand anzubringen beabſichtige, wie ein Schilderhaus an der Seite eines Forts.“ „In der Regel wird der Stuhl des Hülſfsgeiſtlichen unter der Kanzel angebracht,“ ſagte Hiram. Dann aber fügte er, als hätte er ſich bereits zu viel heraus genommen, bei:„Doch jedes Land hat ſeine beſondere Sitte.“ „Da haben ſie Recht,“ rief Benjamin.„So kann man zum Beiſpiel an der Küſte von Spanien und Portugal an jeder Ecke ein Nonnenkloſter ſehen, das mehr Thürme und Wetterfahnen hat, als man an Bord eines dreimaſtigen Schooners Stengen findet. Wenn man einmal eine gutgebaute Kirche will, ſo iſt es im Grunde doch am beſten, in Altengland die Modelle zu holen, und ſich * nach der dortigen Sitte zu richten. Die Paulskirche habe ich freilich nie geſehen, weil ſie von der Radeliffeſtraße und von den Docken zu entfernt liegt; aber doch weiß Jedermann, daß es das herrlichſte Gebäude der Art in der ganzen Welt iſt. Was übri⸗ gens unſere Kirche hier betrifft, ſo will ich gerade nicht ſagen, daß ſie der dortigen nachſteht, denn ich glaube nicht, daß ſie ihr an einem Ende ſo ähnlich ſieht, wie der Nordkaper einem grönländiſchen Wallfiſch; und doch iſt hier der ganze Unterſchied nur in der Größe. Monſchür Ler Quaw hier hat ſich in fremden Ländern umgeſehen, und obgleich dieß etwas Anderes iſt, als wenn man immer zu Hauſe bleibt, ſo muß er doch in Frankreich auch Kirchen geſehen haben, und ſich daher einen kleinen Begriff machen können, was eigentlich zu einer Kirche gehört. Ich frage daher den Monſchür, ob ſie nicht ein ganz hübſches kleines Ding iſt?“ „Es is ſerr geeignet für die Umſtänd,“ ſagte der Franzoſe— „ſehr viel Umſicht— aber es gibt in die katholiſche Land, daß ſie bau die— wie heißt's— a— a— a— la grande Cathé- drale— die groß Dom. Saint Paul à Londres is ſerr ſchön— très belle, très grande— was ſie nenn groß; aber Monsieur Ben, pardonnez-moi, ſie is nicht ſo viel als Notre Dame.“ „Ah, Mounshür, was ſagen Sie da!“ rief Benjamin— „die Sanct Paulskirche nicht ſo viel als ein Damm? Vielleicht glauben Sie auch, der königliche Billy ſey kein ſo gutes Schiff, als der Billy von Paris? Und doch ſchmiert er zwei ſolche aus, ſey das Wetter wie es wolle.“ Da Benjamin eine ziemlich drohende Stellung angenommen hatte, und mit ſeiner Hand, an der er ein Ueberbein, halb ſo groß als Monſieur Le Quoi's Kopf hatte, in der Luft umherſuchtelte, ſo hielt es Richard für zeitgemäß, ſein Anſehen geltend zu machen. „Still, Benjamin, ſtill!“ ſagte er,„Ihr habt Monſteur Le⸗ OQuoi nicht recht verſtanden, und vergeßt Euch.— Doch da kömmt Herr Grant. Gehen wir hinein, ehe der Gottesdienſt anfängt.“ 141 Der Franzoſe, welcher Benjamins Erwiederung in der humoriſti⸗ ſchen Weiſe des guten Tones hingenommen hatte, die kein anderes Gefühl, als das des Mitleids mit der Unwiſſenheit in ihm auf⸗ kommen ließ, verbeugte ſich zuſtimmend und folgte ſeinem Begleiter. Hiram und der Majordomo bildeten den Nachtrab. Letzterer brummte übrigens noch, als er das Bethaus betrat: „Wenn der König von Frankreich eine Reſidenz hat, die ſich mit Sankt Paul meſſen kann, ſo will ich ſie freſſen. Nein, es iſt mehr, als Fleiſch und Blut ertragen kann, wenn ein Franzoſe ſo über eine engliſche Kirche abſpricht. Squire Doolittle, ich habe einmal zwei von ihnen an einem Tage auspeitſchen helfen— hübſch gebaute, nette Fregatten mit ſtehenden Bramſegeln und neumodiſchem Geſchütz vor ihren Pforten— mein Seel, wenn ſie nur Engländer an Bord gehabt hätten, ſie hätten's mit dem Teufel aufnehmen können.“ Mit dieſen ominöſen Schlußworten im Munde trat Benjamin in die Kirche. Eilftes Kapitel. Und Thoren, nur der Spottluſt wegen hier, Ergriff der Andacht heilige Gewalt. Goldſmith. Ungeachtet Richard's und Benjamin's vereinter Bemühungen war der Raum immer nur ein äußerſt ſchmuckloſer Tempel. Roh gezimmerte und äußerſt unbequeme Bänke ſtanden in Reihen da, um die chriſtliche Verſammlung aufzunehmen, während in der Mitte der Seitenwand ein ſchlechter, unbemalter Kaſten ſtand, der die Kanzel vorſtellen ſollte. Eine Art Leſepult befand ſich an der vordern Seite dieſer Rednerbühne, und ein kleiner, mit ſchneeweißer damascirter Leinwand bedeckter Mahagonytiſch, aus dem Hauſe des Richters, ſtand ein wenig ſeitlich, um die Stelle eines Altars zu vertreten. Fichten⸗ und Tannenzweige ſtacken in den Ritzen umher, welche ſich allenthalben in dem zur Unzeit gefällten und haſtig zu⸗ ſammengeſetzten Holzwerk des Gebäudes und der Kirchenſtühle zeigten, während Guirlanden und hieroglyphiſche Bilder in üppiger Verſchwendung die rauh beworfenen braunen Wände bedeckten. Da der Raum nur durch zehn oder fünfzehn armſelige Talglichter er⸗ leuchtet war, und die Fenſter noch der Scheiben entbehrten, ſo wäre es allerdings nur ein trauriger Ort für die Feier des Chriſt⸗ abends geweſen, hätten ihm nicht die großen Feuer, die an allen Enden flackerten, durch ihr Licht, welches ſie auf das Buſchwerk und die Geſichter warfen, ein behagliches Ausſehen gegeben. Beide Geſchlechter waren durch einen Quergang unmittelbar vor der Kanzel getrennt, an deſſen Seiten die Hauptperſonen des Dorfs und der Umgegend ihre Sitze hatten. Dieſe Auszeichnung war jedoch eher die Folge eines freiwilligen Zurücktretens der ärmeren und anſpruchsloſeren Bevolkerungsklaſſe, als ein Recht, welches die vom Glücke Begünſtigteren an prechen konnten. Die eine Bank wurde von Richter Temple's Geſellſchaft, ſeine Tochter mit eingeſchloſſen, beſetzt; und mit Ausnahme des Doktor Todd ſchien Niemand geneigt zu ſeyn, ſich dem Vorwurf des Stolzes auszuſetzen, indem er nach einem der Sitze getrachtet hätte, welche buchſtäblich die höchſten des Gotteshauſes waren. Richard nahm in der Eigenſchaft eines Küſters den Platz hinter einem andern Tiſch ein, während Benjamin, nachdem er den Feuern einige Holzblöcke zugedacht hatte, ſich in ſeiner Nähe aufpflanzte, um jeden Augenblick bereit zu ſeyn, falls ſeine Beihülfe für nöthig erachtet würde. Wir kämen zu weit von unſerem Thema ab, wenn wir es verſuchen wollten eine Beſchreibung der ganzen Gemeinde zu geben, da die Anzüge eben ſo verſchieden wie die Individuen waren. Nur einzelne Artikel von mehr als gewoͤhnlicher Schönheit— vielleicht die Ueberbleibſel aus früheren Tagen— ließen ſich, neben dem groben 143 Anzug der Wälder, an den meiſten Frauen blicken. Die eine trug ein verſchoſſenes, ſeidenes Kleid, das wenigſtens ſchon drei Genera⸗ tionen durchgemacht hatte, über ſchwarzen grobwollenen Strümpfen, die andere einen Shawl, deſſen Farben ſo zahlreich waren, als die des Regenbogens, über einem ſchlecht zugeſchnittenen Kleide von rohem braunen ſelbſtgewirktem Stoffe. Mit einem Worte, jede trug einen Lieblingsſchmuck zur Schau; und ſowohl Männer als Frauen erſchienen in ihrem beſten Anzug, wozu übrigens bei beiden Geſchlechtern vorzugsweiſe die eigene Induſtrie den Stoff geliefert hatte. Ein einziger Mann kam in der Uniform eines Artilleriſten⸗ Freikorps, bei welchem er früher in den Küſtengegenden gedient hatte— wahrſcheinlich aus keinem andern Grunde, als weil ſie ſeine beſte Kleidung war. Mehrere, zumal die jüngeren Männer, trugen blaue Beinkleider mit rothtuchenen Seitenſtreifen: dieſe ge⸗ hörten zu Templetons leichter Infanterie und wollten wohl zeigen, daß ſie nicht blos Hausleinwand, ſondern auch gekaufte Kleider hätten. Auch war ein Mann in einem ſchneeweißen und mit Falten verſehenen, ſogenannten Ueberhemd zugegen, bei deſſen Anblick einen ſchon ein Froſtſchauder überlief, obgleich der dicke braune Hausrock der darunter verborgen war, den Eigenthümer gegen Kälte ſchützte. In den Geſichtern, zumal jener Hälfte der Verſammlung, welche nicht zu den eigentlichen Dorfbewohnern gehörten, ſprach ſich ein ziemlich gleichförmiger Ausdruck aus— allenthalben die gelbe Hautfarbe, die auf Anſtrengung im Wind und Wetter deutete, Anſtand und Aufmerkſamkeit, in die ſſich faſt durchgängig ein Zug von Verſchmitztheit miſchte, und im gegenwärtigen Falle die ge⸗ ſpannteſte Neugierde. Hin und wieder zeigte ſich auch ein Geſicht und ein Anzug, der hievon eine Ausnahme machte. Jener pocken⸗ narbige Mann mit der blühenden Geſichtsfarbe und den Gamaſchen an den Beinen, nebſt einem Rocke, der genau dem Beſitzer auf den Leib paßte, war ſicherlich ein engliſcher Emigrant, der ſich nach dieſem abgelegenen Erdwinkel verloren hatte. Dort die harten, farbloſen Züge mit den hohen Backenknochen, ließen auf einen ſchottiſchen Auswanderer ſchließen. Der kleine ſchwarzaugige Mann mit einem Anflug von der dunkeln Geſichtsfarbe des Spaniers, der alle Augenblicke aufſtand, um den Schönen des Dorfes Platz zu machen, war ein Sohn Erin’s, der erſt kürzlich ſein Bündel ab⸗ geworfen und ſich als Handelsmann in Templeton niedergelaſſen hatte. Kurz, die Hälfte der in Europa's Norden wohnenden Na⸗ tionen war in dieſer Verſammlung repräſentirt, obgleich ſich alle, den Engländer ausgenommen, zu der amerikaniſchen Anſiedlertracht bequemt hatten. Doch hing dieſer nicht nur hinſichtlich ſeiner Lebens⸗ weiſe und ſeines Anzugs an den Bräuchen ſeines Mutterlandes, ſondern er handhabte auch unter den Baumſtümpfen ſeinen Pflug in derſelben Weiſe, wie er es in Norfolk gethan hatte, bis ihm eine theuer erkaufte Erfahrung die Lehre gewonnen hatte, daß ein verſtändiges Volk beſſer weiß, was ihm paßt, als ein zufälliger Beobachter oder ein Fremder, der vielleicht zu vorurtheilsvoll iſt, um zu ver⸗ gleichen, oder ſich zu hoch dünkt, um etwas zu lernen. Eliſabeth entdeckte bald, daß die Augen der Verſammlung ebenſo aufmerkſam auf ihr, als auf Herrn Grant, ruhten. Eine mädchenhafte Schüchternheit geſtattete ihr daher nur, verſtohlene Blicke auf das von uns eben vorgeführte Gemälde zu werfen. Als jedoch das Stampfen mit den Füßen weniger häufig wurde, und auch das Huſten und andere kleine Einleitungen, die bei derartigen Verſammlungen der Andacht vorangehen, nachgelaſſen hatten, ſo faßte ſie ſich ein Herz, umherzuſehen. Das Geräuſch verminderte ſich mehr und mehr, bis endlich das unterdrückte Hüſteln bekundete, daß es nöthig ſey, ſich jetzt ein wenig zuſammen zu nehmen, und die tiefſte Stille herrſchte nun in dem Raume. Man hörte nur noch das Kniſtern der Feuer, die eine mächtige Hitze verbreiteten, und jedes Geſicht, jedes Auge war jetzt dem Geiſtlichen zugekehrt. In dieſem Augenblicke ließ ſich ein ſchweres Stampfen der Füße an dem Eingang vernehmen, als ob ein neuer Ankömmling ſeine 145 Bewegungsorgane von dem Schnee befreie, der nothwendig den Beinen eines Fußgängers anhaften mußte. Dann folgten lautloſe Tritte und man gewahrte Mohegan, der— von Lederſtrumpf und dem jungen Jäger begleitet— in das Gotteshaus kam. Der Indianer bewegte ſich mit feierlichem Ernſte durch den Raum, und da er neben dem Richter einen leeren Sitz bemerkte, ſo nahm er denſelben mit einer Miene ein, welche das Bewußtſeyn ſeiner eigenen Würde bekundete. Hier blieb er, die Wollendecke ſo dicht um ſich ſchlagend, daß ſie einen Theil ſeines Geſichtes verbarg, den ganzen Gottesdienſt über unbeweglich und in tiefer Aufmerkſamkeit ſitzen. Natty gieng an dem Stuhle vorbei, deſſen ſich ſein rother Gefährte ſo unumwunden bemächtigt hatte, und ſetzte ſich auf das Ende eines Holzblockes, der in der Nähe des Feuers lag, wo er, mit der Büchſe zwiſchen ſeinen Beinen, an⸗ ſcheinend nicht ſehr erfreulichen Betrachtungen nachhieng. Der Jüngling fand einen Sitz unter der Verſammlung, und das frühere Schweigen trat wieder ein. Herr Grant ſtand nun auf und begann den Gottesdienſt mit dem erhabenen Ausſpruch des Propheten: „Der Herr iſt in ſeinem heiligen Tempel, laßt die ganze Erde vor ihm ſchweigen.“ Richard's Beiſpiel war unnöthig, um die Gemeinde zu lehren, daß ſie aufſtehen ſolle, da ſchon der feierliche Ernſt des Geiſtlichen wie eine Zaubergewalt dieſe Wirkung hervor⸗ brachte. Nach einer kurzen Pauſe fuhr Herr Grant in einer ern⸗ ſten und erhebenden Mahnung fort. Man hörte nichts, als die tiefen und eindringenden Worte des Redners, wie er langſam einen Text erklärte, bis unglücklicher Weiſe Richard etwas Vergeſſenes einſiel und er auf den Zehen ſeinen Platz und das Schiff der Kirche verließ. Als der Geiſtliche im Gebete ſeine Kniee beugte, ahmte die Gemeinde in ſo weit dem Beiſpiele nach, daß ſie ihre Sitze wieder einnahm; aber keine Bewegung deſſelben konnte ſie vermögen, im Laufe dieſes Abends zum zweiten Male in Miß aufzuſtehen. Die Anſiedler. 3. Aufl. Einige thaten es wohl hin und wieder, aber bei weitem die Mehr⸗ zahl rührte ſich nicht. Sie ließ es zwar nicht an Aufmerkſamkeit fehlen, aber es war eine Art von Aufmerkſamkeit, welche die Handlung eher für ein Schauſpiel anſah, als für eine Gottes⸗ verehrung, an der man Theil nehmen müſſe. Von ſeinem Küſter verlaſſen, fuhr Herr Grant fort zu leſen, ohne daß ſich übrigens eine Antwort vernehmen ließ. Er hielt die kurzen und feierlichen Pauſen, die jeder Bitte folgten, ein, aber keine Stimme reſpon⸗ dirte dem beredten Gebet des Geiſtlichen. Eliſabeth's Lippen bewegten ſich, aber ſie brachten keine Worte hervor. An den Gottesdienſt der Kirchen in Neu⸗York gewöhnt, wurde ihr das Störende dieſes Umſtands ungemein peinlich, als auf einmal eine leiſe, ſanfte Frauenſtimme die Worte des Prieſters wiederholte:„Wir haben unterlaſſen diejenigen Dinge, welche wir hätten thun ſollen.“ Verwundert, eine Perſon ihres eigenen Geſchlechts an dieſem Orte zu finden, die ſich über die angeborne Schüchtern⸗ heit erheben konnte, wandte Miß Temple ihre Augen nach der Betenden, und bemerkte in kleiner Entfernung von ſich ſelbſt ein junges Frauenzimmer auf den Knieen, die ihr Geſicht demüthig auf ihr Gebetbuch ſenkte. Das Aeußere dieſer Fremden— denn für Eliſabeth war ſie dieß im buchſtäblichen Sinne des Wortes— war leicht und zart, ihr Anzug nett und anſtändig, und ihr Geſicht weckte, trotz ſeiner Bläſſe und Ergriffenheit, durch ſeinen angenehmen und wehmüthigen Ausdruck eine tiefe Theilnahme. Bei einer zweiten und dritten Bitte vertrat ſie gleichfalls die Stelle des Chors, als auf einmal die kräftigen Töne einer Männerſtimme von der andern Seite des Betſaales mit einſtimmten. Miß Temple erkannte im Augenblick die Stimme des jungen Jägers, und ihre Muthloſigkeit bekämpfend, vereinigte ſie ihre ſchwachen Laute mit denen der beiden andern Beter. Dieſe ganze Zeit über hatte Benjamin emſig in ſeinem Gebetbuche geblättert, aber unglücklicher Weiſe die rechte Stelle⸗ —ꝛ—,—.„—, 147 nicht finden können. Ehe jedoch der Geiſtliche zu dem Schluſſe der Beichtformel kam, erſchien Richard wieder in der Thüre, und während er ſich leichten Trittes durch den Raum hinbewegte, nahm er die Antwort mit einer Kraft auf, welche keine andere Beſorg⸗ niß verrieth, als daß ſie nicht möchte gehört werden. In ſeiner Hand trug er ein kleines, offenes Käſtchen mit den ſchwarzgemalten Zahlen, 8 und 10, auf der einen Seite, welches er, augenſchein⸗ lich als einen Fußſchemel für den Geiſtlichen, in die Kanzel ſtellte, worauf er zu ſeinem Platze zurückkehrte, und gerade noch zeitig genug daſelbſt anlangte, um mit einem volltönigen„Amen“ ein⸗ fallen zu können. Als Herr Jones mit ſeiner ſeltſamen Laſt ein⸗ trat, waren die Augen aus einem leicht erklärlichen Grunde nach den Fenſtern gerichtet; ſie kehrten ſich jedoch bald wieder in ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit dem Prediger zu, da man bereits an die Thätigkeit des„Aushelfers in allen Dingen“ gewöhnt war. Langjährige Erfahrung hatte Herrn Grant in den Stand ge⸗ ſetzt, ſein dermaliges Amt auf eine bewunderungswürdige Weiſe durchzuführen. Er kannte den Charakter ſeiner Zuhörer, die als ein noch ungebildetes Volk, welches eifrig an den Spitzfindigkeiten ihrer verſchiedenen religiöſen Anſichten hielt, die Einführung eines ſo zeit⸗ lichen Beiwerks, wie Formeln, in ihre geiſtige Gottesverehrung nicht nur mit Eiferſucht, ſodern oft ſogar mit Widerwillen betrachteten. Einen großen Theil ſeiner Kenntniſſe hatte er in dem Studium des großen Buches der Natur, das in der Welt offen vor uns da liegt gefunden, und da er wußte, wie gefährlich es ſey, mit der Un⸗ wiſſenheit zu ſtreiten, ſo bemühte er ſich durchweg, Alles einem Befehl Aehnliche zu vermeiden, wo ſeine Vernunft es für rräthlich erachtete, zu überzeugen. Seine Rechtgläubigkeit hieng nicht mit ſeinem Prieſterrocke zuſammen. Er konnte, wenn es die Umſtände erforderten, auch ohne den Beiſtand ſeines Küſters mit Glut und Andacht beten, wie man ihn auch oft einen ſehr evan⸗ geliſchen Vortrag mit der vollen Kraft ſeiner Beredtſamkeit halten 148 hörte, ohne daß ihm dabei die Mithülfe eines weißen batiſtenen Tuches zu Gebot geſtanden wͤre. In dem gegenwärtigen Falle ſah er der Menge ſeiner Zu⸗ hörerſchaft Manches nach; und als er mit ſeiner Rede zu Ende kam, war auch nicht einer in der ganzen Verſammlung, dem die Feierlichkeit nicht weniger päbſtlich und anſtößig, und weit mehr im Einklange mit ſeinen eigenen Begriffen von wahrer Andacht er⸗ ſchienen wäre, als man ihm von einem Formengottesdienſte glauben gemacht hatte. Richard erblickte in dem Geiſtlichen während des ganzen Abends einen äußerſt mächtigen Verbündeten für die Ausführung ſeiner religiöſen Entwürfe. Herr Grant hatte ſich in ſeiner Predigt be⸗ müht, die Mittelſtraße zwiſchen den myſtiſchen Doctrinen jener ſublimen Glaubensbekenntniſſe, welche ihre Bekenner ohne Unter⸗ laß in die abgeſchmackteſten Widerſprüche verwickeln, und den übli⸗ chen Vorſchriften einer ſittlichen Lebensnorm zu halten, welche unſeren Erlöſer in eine Reihe mit den Moralpredigern früherer und ſpäterer Jahrhunderte ſtellen. Er mußte allerdings über Dogmen predigen, da ſonſt der Controversſucht ſeiner Zuhörer nicht gedient geweſen, und ein Schweigen in dieſer Hinſicht für eine ſtillſchweigende Anerkennung der Oberflächlichkeit ſeines Glaubens⸗ bekenntniſſes genommen worden wäre. Wir haben bereits geſagt, daß die Anſiedler bei der Unzahl ihrer verſchiedenen Religionslehrer gewohnt waren, von jedem Glaubensbekenntniſſe beſtimmte, unter⸗ ſcheidende Lehrſätze zu verlangen, und eine Gleichgültigkeit in dieſer Hinſicht hätte auf einmal den ganzen Einfluß des Geiſtlichen ver⸗ nichtet. Aber Herr Grant verband die allgemein anerkannten Lehrbegriffe der Chriſtusreligion ſo glücklich mit den Dogmen ſeiner eigenen Kirche, daß wohl Keiner von ſeinen Gründen unbewegt blieb und nur wenige an der Neuerung Anſtoß nahmen. „Wenn wir betrachten, wie verſchieden ſich der Charakter des Menſchen unter dem Einfluß der Erziehung, der Verhältniſſe — 8N 2NK2I 2ã 824 —: 2 149 und der natürlichen und ſittlichen Anlagen entwickelt, meine lieben Zuhörer,“ ſchloß er ſeinen feierlichen Vortrag,„ſo kann es nicht überraſchen, daß Glaubensbekenntniſſe von ſo verſchiedenen Nich⸗ tungen aus einer Religion erſtehen konnten, die allerdings eine geoffenbarte iſt, deren Offenbarungen aber im Laufe der Zeit ver⸗ dunkelt wurden, um ſo mehr, da ihre Lehrſätze nach der Sitte der Länder, in denen man ſie zuerſt vortrug, häufig in Parabeln und in eine von Bildern wimmelnde Sprache gekleidet waren. In Punkten, wo die Forſcher bei aller Reinheit ihres Herzens zu verſchiedenen Anſichten gelangten, muß ſich nothwendig auch unter den Ungelehrten eine Spaltung herausſtellen. Aber zum Glücke für uns, liebe Brüder, entſpringt der Brunnen der göttlichen Liebe aus einer zu reinen Quelle, als daß er in ſeinem Laufe getrübt werden könnte. Er gibt Denen, die von ſeinem Lebenswaſſer trinken, den Frieden des Gerechten und das ewige Leben; er fließt fort durch alle Zeiten, und durchdringt die ganze Schöpfung. Wenn etwas Geheimnißvolles in einem ſolchen Walten liegt, ſo iſt es das Geheimniß der Gottheit. Eine umfaſſende Kenntniß der Natur, der Macht und der Majeſtät Gottes kann allerdings Ueberzeugung geben, aber dann iſt noch von keinem Glauben die Rede. Wenn man alſo von uns verlangt, an Lehrſätze zu glauben, welche mit den Folgerungen menſchlicher Weisheit nicht im Einklange zu ſeyn ſcheinen, ſo laßt uns nie vergeſſen, daß wir dabei nur ein Gebot befolgen, das von der unendlichen Weisheit ergangen iſt. Es muß uns genügen, daß uns ein Fingerzeig gegeben iſt, der uns den rechten Weg kennen lehrt, und der den Erdenpilger nach der Pforte weist, hinter der ſich uns das Licht des ewigen Lebens aufthut. Wenn wir nun dieſen Weiſungen folgen, ſo dürfen wir demüthig hoffen, daß die Nebel, welche die Spitzfindigkeiten der menſchlichen Vernunft geſchaffen haben, vor dem geiſtigen Lichte des Himmels verfliegen, und daß wir, wenn wir einmal unſere Prüfungszeit, unter Beihülfe der göttlichen Gnade, ſiegreich 150 überſtanden haben, die Größe Gottes ſchauen und die Seligkeit der Heiligen genießen dürfen. Alles was jetzt dunkel iſt, wird vor unſerem erweiterten Geſichtskreiſe klar werden, und Alles was ſich mit unſeren dermaligen beſchränkten Begriffen von Gnade, Gerechtigkeit und Liebe nicht vereinigen läßt, ſehen wir dort in dem hellen Lichte der Wahrheit, wo es ſich als das Ergebniß der ewigen Weisheit und als das Wirken einer allmächtigen Liebe herausſtellen wird.“ „Welch' eine ernſte Aufforderung zur Demuth, meine Brüder, kann nicht ein jeder ſchon darin finden, wenn er auf die Tage ſeiner Kindheit zurückblickt, und ſich ſeiner jugendlichen Leidenſchaften erinnert! Wie verſchieden erſcheint nicht dieſelbe Handlung elter⸗ licher Strenge in den Augen des leidenden Kindes und in denen des gereiften Mannes! Wenn der Menſch, der ſich weiſe dünkt, die wirren Sätze ſeiner weltlichen Weisheit an die Stelle einer unmittelbaren höheren Eingebung pflanzen will, ſo möge er be⸗ denken, wie beſchränkt ſein eigener ſchwacher Verſtand iſt, und er wird ſich nicht weiter überheben; ja er muß die Weisheit Gottes in dem, was theilweiſe verhüllt iſt, ebenſo gut erkennen, als in dem, was offen vor ihm da liegt. An die Stelle ſeines Vernunft⸗ ſtolzes laſſe er unterwürfige Demuth, Glauben und wahres inneres Leben treten!“ „Die Betrachtung dieſer Frage, meine Zuhörer, enthält viel Tröſtliches und hat ernſte Aufforderungen zur Demuth in ihrem Gefolge, die in reinem Sinne geübt, das Herz beſſert und den Kleinmuth des Erdenpilgers auf ſeiner Wanderſchaft verſcheucht. Es iſt ein köſtlicher Troſt, die Zweifel unſerer anmaßenden Natur an der Schwelle unſerer ewigen Heimath niederlegen zu dürfen, von wo ſie, ſobald die Thüre ſich öffnet, wie Morgennebel vor der aufſteigenden Sonne verſchwinden. O, es liegt eine heilige Lehre in der Unzulänglichkeit unſerer Kräfte, denn ſie macht uns auf viele ſchwache Seiten aufmerkſam, an denen wir von dem 151 großen Feinde unſeres Geſchlechtes angegriffen werden koͤnnen; ſie zeigt uns, daß wir am eheſten der Gefahr ausgeſetzt ſind, zu fallen, wenn unſere Eitelkeit uns eben mit dem Gefühle der Stärke einſchläfern will; ſie macht uns gebieteriſch aufmerkſam auf den eiteln Ruhm unſeres Verſtandes und läßt uns den großen Unter⸗ ſchied zwiſchen einem beſeligenden Glauben und den Auswüchſen einer ſo genannten philoſophiſchen Gotteslehre erkennen; ſie lehrt uns unſer Inneres in dem Schmelztiegel der guten Werke er⸗ kennen. Unter den guten Werken ſind aber die Früchte der Buße zu verſtehen, die ſich hauptſächlich in der Liebe äußern— nicht in jener Liebe allein, die uns veranlaßt, dem Bedürftigen zu helfen und den Leidenden zu tröſten, ſondern in der Liebe, welche alle Menſchen umfängt und uns lehrt, den Nächſten mit Milde zu beurtheilen; die den Baum der Selbſtgerechtigkeit mit der Wurzel ausrottet und uns warnt, Andere zu verdammen, ſo lange wir des eigenen Heils nicht verſichert ſind.“ „Die Nutzanwendung, welche ich aus der Beleuchtung dieſes Gegenſtandes ziehen will, meine Brüder, iſt nichts weiteres als eine ernſte Einſchärfung der Demuth. In den Hauptpunkten unſeres Glaubens iſt ein geringer Unterſchied, ſobald man nur die Haupteigenſchaften des Erlöſers anerkennt und alle Hoffnungen auf ſein göttliches Mittleramt baut. Aber Ketzereien haben von jeher den Schooß der Kirche befleckt und Spaltungen her⸗ beigeführt. Um den daraus entſpringenden Gefahren vorzu⸗ beugen und die Einheit ſeiner Jünger zu ſichern, hat Chriſtus ſeine ſichtbare Kirche gegründet und das Predigtamt eingeſetzt. Weiſe und heilige Männer, die Väter unſerer Religion, haben alle ihre Mühe aufgeboten, das, was das Dunkel der Sprache verbirgt, an's Licht zu ziehen, und die Ergebniſſe ihrer Forſchun⸗ gen und Erfahrungen wurden in der Form evangeliſcher Kirchen⸗ ordnungen auf uns fortgepflanzt. Wie heilſam dieſe ſeyn müſſen, erhellt aus dem Blicke, den wir eben in die Schwäche der menſch⸗ 152 lichen Natur gethan haben; und daß ſie förderlich für uns und alle werden mögen, die auf ihre Vorſchriften und ihre Aus⸗ übung achten, das gebe Gott in ſeiner unendlichen Weisheit.— Und nun noch u. ſ. w.“ Mit dieſer verſtändigen Hindeutung auf ſeine eigene Weiſe des Gottesdienſtes ſchloß Herr Grant ſeine Rede. Die Gemeinde hatte in tiefer Aufmerkſamkeit zugehört, obgleich die Gebete nicht mit dem gleichen Beweiſe von Achtung aufgenommen worden waren. Das letz⸗ tere entſprang jedoch keineswegs aus abſichtlicher Geringſchätzung der Liturgie, auf welche der Geiſtliche anſpielte, ſondern vielmehr aus der Gewohnheit eines Volkes, welches ſeine dermalige Exiſtenz als Nation dem doctrinellen Charakter ſeiner Vorfahren verdankte. Zwar wurden einige mißvergnügte Blicke zwiſchen Hiram und einem oder dem andern Sectenführer gewechſelt; doch theilten nur wenige dieſe Stimmung, und die Gemeinde zerſtreute ſich, nachdem Herr Grant den Segen geſprochen, ſchweigend und mit vielem Anſtande. Zwölftes Kapitel. Die Glaubensſatzungen gelehrter Kirchen Sind wohl vielleicht ein ſittlich ſchön Gebäu; Doch ſcheint's, als ob nur Gottes ſtarke Hand Den Teufel könne aus dem Herzen reißen. Duo. Während die Gemeinde den Betſaal verließ, näherte ſich Herr Grant dem Platze, wo Eliſabeth mit ihrem Vater ſaß, und ſtellte der erſteren in dem jungen Frauenzimmer, deſſen wir im vorigen Kapitel erwähnten, ſeine Tochter vor. Eliſabeth empfieng ſie ſo herzlich und offen, wie man es von den Sitten des Landes und dem Werthe, den man auf gute Geſellſchaft legte, nur erwarten konnte, und die beiden Mädchen fühlten im Augenblicke, wie noth⸗ 153 wendig ſie ſich gegenſeitig ſeyn würden. Der Richter, welchem die Tochter des Geiſtlichen gleichfalls fremd war, freute ſich ſehr, Jemanden zu finden, deſſen Geſchlecht, Gewohnheiten und Jahre ohne Zweifel viel dazu beitragen konnten, ſeinem Kinde den Aufent⸗ halt in der einſamen Heimath angenehm zu machen und ſie die Trennung von dem geſelligen Leben der Hauptſtadt verſchmerzen zu lehren, während Eliſabeth, die ſich durch die holde Anmuth und die Andacht der jugendlichen Beterin mächtig angezogen fühlte, die Verlegenheit der ſchüchternen Fremden durch die Leichtigkeit ihres eigenen Benehmens zu verſcheuchen ſuchte. So waren ſie ſchnell mit einander bekannt, und ſchon während der zehn Minuten, in welchen ſich die Leute aus der Akademie verliefen, wurden zwiſchen den jungen Mädchen Verabredungen nicht nur für den folgenden Tag getroffen, ſondern dieſe würden ſich auf den ganzen Winter er⸗ ſtreckt haben, hätte ſie nicht der Geiſtliche durch die Worte unterbrochen: „Gemach, gemach, meine liebe Miß Temple, oder Sie machen mir mein Mädchen zu zerſtreut. Sie vergeſſen, daß ſie meine Haushälterin iſt, und daß meine wirthſchaftlichen Angelegenheiten unbeſorgt bleiben müßten, wenn Luiſe nur die Hälfte der gütigen Einladungen annehmen wollte, die Sie ihr zu machen ſo gefällig ſind.“ „Und warum ſollten ſie denn nicht überhaupt unbeſorgt bleiben, Sir?“ fiel Eliſabeth ein.„Sie ſind Ihrer nur zwei, und meines Vaters Haus hat nicht nur Raum für Sie, ſondern wird auch ſeine Thüre gern öffnen, um ſolche Gäſte zu empfangen. Ge⸗ ſellſchaft iſt ein Gut, das man in dieſer Wildniß nicht um bloßer Formen willen zurückweiſen muß, und ich habe oft meinen Vater ſagen hören, daß Gaſtfreundſchaft in den neuen Landen keine Tugend ſey, da im Gegentheil der Wirth dem Gaſte für den Beſuch verpflichtet iſt.“ „Die Art, wie Richter Temple dieſe Tugend übt, dient zur Bekräftigung ſeines Ausſpruchs, aber es ſteht uns nicht zu, dar⸗ auf hin zu ſündigen. Zweifeln Sie indeß nicht daran, daß Sie uns oft 154 ſehen werden, zumalen mein Kind, da ich nicht ſelten veranlaßt ſeyn werde, die entlegeneren Theile des Landes zu beſuchen. Um übrigens auf ein ſolches Volk Einfluß zu gewinnen,“ fuhr er fort, indem er auf ein paar Nachzügler blickte, die neugierig zurückge⸗ blieben waren,„darf ein Geiſtlicher keinen Neid und Mißtrauen erwecken, was nothwendig herbeigeführt werden müßte, wenn er unter einem ſo prunkvollen Dach, wie das des Herrn Temple, wohnen würde.“ „Das Dach gefällt Ihnen alſo, Herr Grant?“ rief Richard, der inzwiſchen das Auslöſchen der Feuer befohlen und einige an⸗ dere Obliegenheiten beſorgt hatte, und nun gerade zu rechter Zeit herantrat, um noch die Schlußworte des Geiſtlichen zu vernehmen. „Es freut mich unendlich, einen Mann von Geſchmack gefunden zu haben. Mein Vetter Duke da nimmt ſich heraus, es mit allen nur erdenklichen Ekelnamen zu belegen, obgleich ich ihm immer ſage, daß er nichts von der Zimmermannskunſt verſteht, ſo erträg⸗ lich er auch als Richter ſeyn mag. Nun, Sir, ich glaube, wir können ohne Großſprecherei ſagen, daß der Gottesdienſt dieſen Abend ſo gut als einer ausgefallen iſt— wenigſtens ſo gut, als ich es je in Old⸗Trinity geſehen habe, die Orgel natürlich aus⸗ genommen. Da iſt der Schulmeiſter, der ſeinen Pſalm recht gut vorzuſingen weiß, ich that es ſonſt ſelbſt, aber in der letzten Zeit habe ich nichts als Baß geſungen, da mehr Kunſt darin liegt und ſich dabei eine ſchöne Gelegenheit bietet, die volle Kraft einer tiefen Stimme zu entwickeln. Auch Benjamin ſingt einen guten Baß, obgleich er oft mit den Worten nicht ganz zurecht kömmt. Haben Sie ihn nie das Lied:„die Bai von Biskai, oh' ſingen hören?“ „Ich glaube, er gab uns dieſen Abend einen Theil davon zum Beſten,“ ſagte Marmaduke lachend.„Er ließ wenigſtens hin und wieder einen furchtbaren Triller hören, und es ſcheint, daß Penguillan ſo vielen anderen gleicht, welche nichts üben als was ſie beſonders verſtehen, denn er war in der That wunderbar 155 auf einen Ton verſeſſen, und entwickelte dabei eine merkwuüͤrdige Selbſtzuverſicht, indem er ihn dahin brauſen ließ, wie einen Nord⸗ weſter, der über den See hinfliegt. Doch kommen Sie, meine Herren, der Weg iſt frei und der Sleigh wartet. Gute Nacht, junge Dame, und vergeſſen Sie nicht, daß Sie morgen mit Eli⸗ ſabeth unter dem korinthiſchen Dache zu Mittag ſpeiſen.“ Man trennte ſich nun, und Richard unterhielt ſich, indem ſie die Treppen hinunter ſtiegen, ganz eifrig mit Monſieur Le Quoi über den ſtattgehabten Pſalmengeſang, wobei er mit einem gewal⸗ tigen Lobſpruch auf das Lied„die Bai von Biskai, oh,“ ſchloß, da dieß natürlich mit den Leiſtungen ſeines Freundes Benjamin in enger Verbindung ſtand. Während des mitgetheilten Geſpraͤchs blieb Mohegan, den Kopf in ſeiner Wollendecke begraben, auf ſeinem Platze ſitzen, und ſchien deſſen, was um ihn vorgieng, ebenſo wenig zu gewahren, als die ſich Entfernenden die Anweſenheit des alten Häuptlings beach⸗ teten. Auch Natty verließ den Holzblock, auf den er ſich nieder⸗ gelaſſen hatten, nicht, ſondern ſtützte den Kopf auf die eine Hand, während die andere die Büchſe hielt, welche er nachläßig auf ſeinen Knieen liegen hatte. Sein Geſicht drückte Unruhe aus, und die unſtäten Blicke, die er während des Gottesdienſtes umhergleiten ließ, bekundeten deutlich, daß ſein Inneres betrübt war. Sein Verbleiben auf dem Sitze geſchah jedoch aus Achtung vor dem indianiſchen Häuptling, dem er bei allen Gelegenheiten eine hohe Verehrung zollte, obgleich ſich ihr etwas von der rauhen Sitte des Jägers beimiſchte. Der junge Begleiter dieſer zwei bejahrten Waldbewohner ſchien gleichfalls nicht ohne ſeine Kameraden aufbrechen zu wollen, und blieb vor einer der ausgelöſchten Feuerſtellen ſtehen. Der Tempel barg nur noch dieſe Gruppe, den Geiſtlichen und ſeine Tochter. Sobald ſich übrigens die Bewohner des Herrnhauſes entfernt hatten, ſtund auch John auf, ließ die Decke vom Geſichte 156 fallen, ſchüttelte die Maſſe ſchwarzer Haare von ſeiner Stirne und näherte ſich Herrn Grant, welchem er die Hand entgegenſtreckte, indem er ihn zugleich feierlich anredete: „Vater, ich danke Dir. Die Worte, die Du geſprochen haſt, ſeit der Mond aufgegangen iſt, ſind aufwärts geſtiegen, und der große Geiſt iſt erfreut. Was Du Deinen Kindern geſagt haſt, werden ſie nicht vergeſſen und gut ſeyn.“ Er hielt einen Augen⸗ blick inne; dann richtete er ſich mit der ganzen Würde eines india⸗ niſchen Häuptlings auf und fuhr fort: „Wenn Chingachgook ſo lange lebt, um der untergehenden Sonne nachzuziehen zu ſeinem Stamme, und der große Geiſt ihn über die Seen und Berge führt mit dem Athem in ſeinem Körper, ſo wird er ſeinen Leuten die Worte ſagen, die er gehört hat, und ſie werden ihm glauben, denn wer kann ſagen, daß Mohegan je gelogen?“ „Verlaſſ' Dich ganz auf die göttliche Gnade,“ erwiederte Herr Grant, dem das ſtolze Selbſtgefühl des Indianers ein wenig unpaſſend ſchien,„und ſie wird Dich nie verlaſſen. Wenn das Herz mit der Liebe zu Gott erfüllt iſt, ſo kann die Sünde keine Wurzel faſſen.— Doch Ihnen, junger Mann, bin ich nicht nur in Gemeinſchaft mit denen, welchen Sie dieſen Abend auf dem Berge das Leben gerettet, zu Danke verpflichtet, ſondern Sie ver⸗ binden mich auch auf's Neue durch Ihr anſtändiges und frommes Benehmen, durch das Sie mir während des Gottesdienſtes in einem ſehr drückenden Augenblicke zu Hilfe kamen. Es iſt ſo ſelten, in dieſen Wäldern einen Mann von Ihrem Alter und Aeußern zu finden, der mit unſerer heiligen Liturgie ſo ganz vertraut iſt, daß dieſer Umſtand auf einmal die Entfernung zwiſchen uns aufhebt und ich Sie nicht länger als einen Fremden betrachten kann. Sie ſcheinen den Gottesdienſt ganz genau zu kennen, denn ich bemerkte, daß Sie nicht einmal ein Buch hatten, obgleich der gute Herr Jones an mehreren Stellen welche auflegen ließ.“ „Es wäre ſonderbar, wenn ich mit dem Gottesdienſt unſerer — 2 ᷣ* —— * 157 Kirche nicht bekannt wäre, Sir,“ entgegnete der Jüngling;„denn ich wurde in ihrem Schooße getauft und habe nie einer andern öffentlichen Gottesverehrung beigewohnt. Ich würde mich ebenſo⸗ wenig in die Formen einer andern Confeſſion fügen können, als dieß heute Abend bei den Leuten hier herum mit der Ihrigen der Fall war.“ „Ihre Bekanntſchaft gewährt mir große Freude, mein Lieber,“ rief der Geiſtliche, indem er die Hand des Jünglings ergriff und herzlich ſchüttelte.„Sie werden jetzt mit mir nach Hauſe gehen. In der That, Sie müſſen es thun— mein Kind hat Ihnen noch für die Rettung des Lebens ihres Vaters zu danken. Ich nehme keine Entſchuldigung an. Dieſer würdige Indianer und mein Freund hier werden uns begleiten. Ach Du, mein Himmel! ich darf nicht daran denken, daß er in dieſer Gegend das Mannesalter erreichte, ohne ſogar einen Betſaal der Diſſenters“ beſuchen zu können!“ „Nein, nein, unterbrach ihn Lederſtrumpf;„ich muß zurück zu meinem Wigwam; ich habe dort etwas zu thun, was nicht unterbleiben darf, und würde auch noch ſo viel von Euren Kirchenſachen und Luſt⸗ barkeiten geſprochen. Der Junge da mag mit Ihnen gehen; er iſt daran gewöhnt, mit Geiſtlichen zu verkehren und von ſolchen Dingen zu reden; das Gleiche iſt auch der Fall bei dem alten John, der zur Zeit des alten Kriegs von den Herrnhutern bekehrt wurde. Aber ich bin nur ein einfacher, ungelehrter Mann, der ſeiner Zeit ſowohl dem König, als ſeinem Lande gegen die Franzoſen und gegen die Wilden gedient, aber ſeiner Lebtage nie in ein Buch geſehen oder auch nur einen Buchſtaben daraus gelernt hat. Ich habe nie den Nutzen ſolchen Stubenſitzens einſehen können und doch iſt mein Haupt jetzt bald kahl. Nein, da lobe ich mir das Freie. * Die Geiſtlichen der biſchöflichen Kirche in den Vereinigten Staaten nennen alle einem andern Bekenntniſſe Angehörige ‚„Diſſenters’, obgleich ſich dieſe in ihrem Lande nie als eine eigene Kirche erklärten. Habe ich doch vordem in einem einzigen Sommer meine zweihun⸗ dert Biber erlegt, das andere Wild gar nicht mitgerechnet. Wenn Sie meinen Worten nicht glauben wollen, ſo mögen Sie den Chingachgook fragen, denn dieß geſchah im Herzen des Delawaren⸗ landes, und der alte Mann weiß, daß ich keine Unwahrheit rede.“ „Ich zweifle nicht, mein Freund, daß Ihr in Eurer Jugend ſowohl ein rüſtiger Soldat, als ein geſchickter Jäger geweſen ſeyd: aber es iſt noch mehr nöthig, um Euch für das herannahende Ende vorzubereiten. Ihr habt doch wohl von dem Sprichwort gehört: „Junge können, Alte müſſen ſterben“?“ „Nein, ich bin kein ſo großer Thor, um zu hoffen, daß ich ewig leben dürfe,“ entgegnete Natty mit ſeinem ſtummen Lachen. „Auch kommt ein ſolcher Gedanken Niemand zu Sinne, der die Fährten der Wilden durch die Wälder verfolgt und die heißen Monate an den Strömen der großen Seen zugebracht hat, wie es bei mir der Fall iſt. Ich habe zwar eine kräftige Conſtitution, was ein jeder, ohne daß ich es ſelber ſage, ſehen kann, und habe zu hundert Malen aus den Fluthen des Onodaga getrunken, wenn ich an den Hirſchlicks lauerte, in einer Zeit, wo der Saſſafras dort noch ſo häufig war, als heutzutage die Klapperſchlangen an dem alten Crumhorn; aber nie habe ich gehofft, ich werde für immer aushalten. Es gibt Leute, welche die Garmans Ebenen noch als eine Wildniß kannten und dabei Gelehrte ſind, die ſich gewaltig auf Religion verſtehen; aber jetzt kann man ſich eine ganze Woche darauf umſehen und nicht einmal einen Fichtenſtumpf darauf finden, und doch war es ein Wald, der über ein halbes Jahrhundert noch in dem Boden ſteckte, nachdem die Bäume ſchon todt waren.“ „Das fällt alles der Zeit anheim, mein guter Freund,“ verſetzte Herr Grant, der an dem Wohl ſeines neuen Bekannten ein Intereſſe zu finden begann;„aber ich wünſchte, Ihr würfet auch einen Blick nach der Ewigkeit. Es iſt Eure Pflicht, die Orte öffentlicher Gottesverehrung zu beſuchen, und es machte mir ——4 459 Freude, daß ich Euch dieſen Abend hier getroffen. Würde es nicht unvernünftig von Euch ſeyn, wenn ihr auf eine mühſame Jagd ausgehen wolltet, und Euren Flintenſtein und Ladſtock zurückließet?“ „Das müßte ein Anfänger in den Wäldern ſeyn,“ unterbrach ihn Natty mit einem zweiten Lachen,„der nicht einen Ladſtock aus einem Eſchenzweig ſchnitzen oder einen paſſenden Stein in den Bergen finden könnte. Nein, nein, ich habe nie gehofft, immer zu leben; aber ich ſehe, die Zeiten ändern ſich in dieſen Bergen, und ſeit vierzehn Jahren— was ſage ich— ſeit zehn Jahren ſchon hat alles eine ganz andere Geſtalt bekommen. Doch Macht gibt Recht, und das Geſetz iſt ſtärker, als ein alter Mann, ſey er nun ein Gelehrter oder meines Gleichen. Man hält's jetzt freilich für bequemer, dem Wild an den Engpäſſen aufzulauern, als ihm mit den Hunden nachzuſetzen, was mir vordem Niemand wehren konnte. Habe ich doch nie einen Prediger in eine Anſiedelung kommen ſehen, ohne daß das Wildpret rarer geworden und das Pulver im Preiſe geſtiegen wäre; und doch geht das lange nicht ſo leicht, als das Schnitzen eines Ladſtocks oder das Einſetzen eines indianiſchen Flintenſteins.“ Der Geiſtliche bemerkte, daß er durch ſeine unglücklich ge⸗ wählte Vergleichung dem Gegner in die Hände gearbeitet hatte, und ließ daher klüglicher Weiſe von ſeiner Controverſe ab, obgleich er entſchloſſen war, ſie bei günſtigerer Gelegenheit wieder aufzu⸗ nehmen. Er wiederholte ſein Geſuch angelegentlich gegen den jungen Jäger, und dieſer, nebſt dem Indianer, willigte ein, ihn und ſeine Tochter zu der Wohnung zu begleiten, welche Herrn Jones' Sorgfalt für ihn hergeſtellt hatte. Lederſtrumpf beharrte jedoch auf ſeiner Abſicht, nach der Hütte zurückzukehren, und ſo trennten ſie ſich an der Thüre des Bethauſes. Nachdem ſie eine Weile auf der Straße, welche nach dem Dorfe führte, fortgegangen waren, bog Herr Grant, der den Zug anführte, durch ein Paar offene Schranken in einen Fußpfad ein, der nicht breiter war, als daß eine Perſon hinter der andern darauf fortkommen konnte. Der Mond ſtand ſo hoch, daß er ſeine Strahlen ſenkrecht über das Thal goß, und die ſcharf be⸗ gränzten Schatten der kleinen Geſellſchaft glitten an den filber⸗ weißen Schneedämmen wie luftige Geſtalten dahin. Trotz der vollkommenen Windſtille war die Nacht noch immer ſchneidend kalt. Der Pfad war ſo feſt getreten, daß ſich ſelbſt das zarte Mädchen, welches bei der Geſellſchaft war, mit Leichtigkeit in ſeinen Win⸗ dungen fortbewegte, obgleich ſelbſt unter ihren elaſtiſchen Tritten der hochgefrorene Schnee laut aufknarrte. Der Geiſtliche in ſeinem dunkelfarbigen Gewande, welcher das milde, wohlwollende Antlitz, in dem ſich der den Mann charak⸗ teriſirende demüthige Eifer nicht verkennen ließ, zu wiederholten Malen nach ſeinen Gefährten umwandte, bildete den Anführer dieſer vereinzelten Gruppe. Hinter ihm kam der Indianer, deſſen üppige Haare das unbedeckte Haupt umflogen, während der übrige Theil ſeines Körpers durch die Wollendecke verhüllt war. Wenn man das dunkle Geſicht mit ſeinen unbeweglichen Muskeln im Lichte des Mondes betrachtete, wie es von der Seite einſiel, ſo mochte er wohl als das Bild des reſignirten hohen Alters er⸗ ſcheinen, an dem ſich die Stürme des Winters ſeit mehr als einem halben Jahrhundert vergeblich verſucht hatten; ſobald John aber den Kopf umwandte und die Strahlen unmittelbar auf ſeine ſchwarzen feurigen Augen fielen, ſo konnte man deutlich eine ganze Geſchichte ungezügelter Leidenſchaften und eines an keine Gränzen ſich bindenden Gedankenfluges darin leſen. Miß Grant's leichte Geſtalt, welche nun folgte und wohl etwas zu luftig für die Strenge der Jahreszeit gekleidet war, bildeten einen ſchroffen Ge⸗ genſatz zu dem wilden Anzug und den unſtäten Blicken des Dela⸗ warenhäuptlings; und mehr als einmal fühlte ſich während dieſes kurzen Spazierganges der junge Jäger, welcher nicht als die unbedeutendſte Perſon in der Gruppe erſchien, veranlaßt, über die 161 menſchliche Form Vergleichungen anzuſtellen, wenn Mohegan’s Geſicht und Miß Grant's zartes Antlitz mit Augen, welche mit der ſanften Bläue des Himmels wetteiferten, ſeinen Blicken begeg⸗ neten, ſo oft eines der Beiden nach der glänzenden Scheibe, die ihren Pfad beleuchtete, aufſah. Sie kürzten ſich den Weg, welcher über die hinter den Häuſern liegenden Felder führte, durch ein Geſpräch, das, je nach dem Gegenſtande, bald flau, bald lebhaft geführt wurde. Der Geiſtliche begann die Unterhaltung. „Es iſt in der That ein ſo eigenthümlicher Umſtand,“ ſagte er,„hier in dieſem Orte einem Manne Ihres Alters zu begegnen,⸗ der ſich nie durch eitle Neugierde bewegen ließ, eine andere Kirche, als die, welcher er ſeine ſittliche Erziehung verdankt, zu beſuchen, daß ich ein ſtarkes Verlangen fühle, die Geſchichte eines ſo glücklich geregelten Lebens kennen zu lernen.— Sie müſſen eine ſehr gute Erziehung genoſſen haben, wie aus Ihrem Benehmen und Ihrer Sprache hervorzugehen ſcheint. In welchem Staate ſind Sie geboren, Herr Eduard?— denn das iſt, glaube ich, der Name, den Sie dem Richter Temple angaben.“ „In dieſem.“ „Ihrem Dialekt nach wäre ich nicht auf dieſe Vermuthung gekommen, da er in der That nichts von den Eigenthümlichkeiten aller der Landſtriche trägt, in denen ich bekannt bin. Sie haben wohl viel in den Städten gewohnt? denn kein anderer Theil dieſes Landes iſt ſo glücklich, unſere ausgezeichnete Liturgie beharrlich geübt zu ſehen.“ Der junge Jäger lächelte, als er hörte, wie der Geiſtliche ſo deutlich verrieth, aus welchem Theile des Landes er ſelber ſtammte, unterließ es jedoch, vermuthlich aus Gründen, welche mit ſeiner dermaligen Lage in Verbindung ſtanden, zu antworten. „Ich bin ungemein erfreut, Sie kennen gelernt zu haben, mein junger Freund; denn ich denke, ein edler Sinn, wie der Ihrige ohne Zweifel iſt, wird alle diejenigen Früchte bringen, die Die Anſiedler. 3. Aufl. 11 aus einer wohlbegründeten Lehre und einer die Andacht hebenden Liturgie fließen. Sie haben wahrgenommen, wie ich mich dieſen Abend in die Laune meiner Zuhörer fügen mußte. Der gute Herr Jones wünſchte, daß ich die Communionformel und in der That ſogar den ganzen Morgengottesdienſt verleſen ſollte, aber zum Glück verlangen dieß die Kirchengeſetze am Abende nicht, wie es denn überhaupt auf meine neue Gemeinde unangenehm eingewirkt haben würde. Aber ich gedenke morgen das Sakrament zu admi⸗ niſtriren. Werden Sie an der Communion Theil nehmen, mein junger Freund?“ „Ich glaube nicht, Sir,“ erwiederte der Jüngling mit einiger Verlegenheit, die ſich keineswegs verminderte, als Miß Grant plötzlich unwillkürlich ſtehen blieb und überraſcht die Augen auf ihn heftete.„Ich fürchte, daß ich nicht vorbereitet bin. Ich habe mich noch nie dem Altar genähert und möchte es auch nicht thun, ſo lange ich ſinde, daß noch ſo viel Irdiſches mein Herz gefangen hält.“ „Jeder muß ſich ſelbſt am beſten kennen,“ ſagte Herr Grant, „obgleich mich dünkt, daß ein Jüngling, der ſich nie von falſchen Lehren hat hinreißen laſſen, und der ſich ſo viele Jahre hindurch der Reinheit unſerer Liturgie erfreute, getroſt kommen dürfe. Doch iſt die Handlung zu heilig, Sir, und Niemand ſollte ſie begehen, wenn er nicht die Ueberzeugung in ſich trägt, daß es ihm völlig Ernſt damit iſt. Ich bemerkte dieſen Abend in Ihrem Benehmen gegen den Richter Temple eine Reizbarkeit, die nahe an eine der ſchlimmſten Leidenſchaften des Menſchen gränzt.— Wir wollen hier über dieſen Bach gehen; das Eis iſt, denke ich, feſt genug, um uns zu tragen.— Nimm Dich in Acht, liebes Kind, daß Du nicht ausgleiteſt.“ Bei dieſen Worten bog er in eine kleine Verſenkung des Pfades nach einem der kleinen Bäche ein, welche ihr Waſſer in den See ergoſſen, und als er ſich umwandte, um nach ſeiner Tochter zu ſehen, bemerkte er, daß der Jüngling vorgetreten war 163 und ihr den Arm gereicht hatte. Sobald ſie Alle wohlbehalten auf der andern Seite ſtanden, ſtieg er an dem Ufer wieder hinan und ſetzte ſein Geſpräch fort. „Es war nicht Recht, mein lieber Herr, es war unter keinen Umſtänden Recht, ſolche Gefühle aufkommen zu laſſen; am aller⸗ wenigſten aber in einem Falle, wo von keiner abſichtlichen Beſchä⸗ digung die Rede ſeyn konnte.“ „Es iſt etwas Gutes in den Worten meines Vaters,“ ſagte Mohegan, indem er ſtehen blieb und dadurch auch diejenigen, welche ihm nachfolgten, zum Haltmachen nöthigte;„denn ebenſo ſpricht Miquon. Der weiße Mann mag thun, wie ihm ſeine Väter geſagt haben; aber der junge Adler hat das Blut eines Delawarenhäuptlings in ſeinen Adern; es iſt roth und der Flecken, den es macht, kann nur durch das Blut eines Mingo ausgelöſcht werden.“ Herr Grant wurde durch die Unterbrechung des Indianers ſo überraſcht, daß er ſich umwandte und den Sprecher anſah. Seine milden Züge waren auf das ſtolze und wilde Antlitz des Häupt⸗ lings gerichtet und ſprachen das Entſetzen aus, welches er fühlte, als er eine ſolche Anſicht aus dem Munde eines Mannes vernahm, der ſich zu der Religion ſeines Heilandes bekannte. Er erhob die gefalteten Hände und rief: „John, John! iſt das Religion, die Du von den Herrn⸗ hutern gelernt haſt? Doch nein— ich will mir keine ſolche lieb⸗ loſe Vorausſetzung erlauben. Sie ſind fromme, ſanfte und milde Leute, und würden ſolche Leidenſchaften nicht dulden,— ‚ich aber ſage Euch, liebet Eure Feinde; ſegnet die, ſo Euch fluchen; thut Gutes denen, die Euch haſſen, und betet für die, welche Euch beleidigen und verfolgene!— Dieß iſt das Gebot Gottes, John, und wer ſich nicht Mühe gibt, demſelben nachzukommen, wird das Reich der Seligen nicht ſchauen.“ Der Indianer hörte dem Geiſtlichen mit Aufmerkſamkeit zu; 164 die ungewöhnliche Glut ſeines Auges ſänftigte ſich allmählig, und ſeine Geſichtsmuskeln nahmen die gewöhnliche Ruhe wieder an; dann aber ſchüttelte er leicht das Haupt, winkte Herrn Grant mit Würde, weiter zu gehen, und folgte ſelbſt ſchweigend nach. Die Aufregung veranlaßte den Geiſtlichen, mit ungewohnlicher Schnelle in dem tiefen Pfade fortzueilen, und der Indianer hielt, augen⸗ ſcheinlich ohne daß es ihn Anſtrengung koſtete, gleichen Schritt mit ihm; der junge Jäger aber bemerkte, als bereits ein kleiner Zwiſchenraum zwiſchen den beiden Vordern und den Folgenden lag, daß das Mädchen nicht nachzukommen vermochte, weßhalb er ihr ſeinen Beiſtand anbot. „Sie ſind ermüdet, Miß Grant,“ ſagte er.„Man gleitet auf dem Schnee leicht aus, und Sie ſind nicht im Stande, es uns Männern gleich zu thun. Ich bitte, treten Sie ein wenig auf die Seite und nehmen Sie den Beiſtand meines Armes an. Jenes Licht dort kommt, wie ich glaube, aus dem Hauſe Ihres Vaters; aber es ſcheint noch ziemlich weit entfernt zu ſeyn.“ „Ich kann noch recht gut gehen,“ erwiederte ſie mit leiſer, bebender Stimme;„aber das Benehmen des Indianers hat mich erſchreckt. Ach, ſein Auge war fürchterlich, als er es gegen den Mond erhob, während er mit meinem Vater ſprach. Doch, ich vergeſſe, Sir, daß er Ihr Freund und ſeinen Reden nach zu ſchließen, viel⸗ leicht Ihr Verwandter iſt; und doch habe ich keine Angſt vor Ihnen.“ Der junge Mann trat auf die Schneerinde, welche feſt genug war, um ſein Gewicht zu tragen und veranlaßte ſeine Gefährtin mit ſanfter Gewalt, ihm zu folgen. Er legte ihren Arm in den ſeinigen, nahm die Mütze von ſeinem Kopfe, ſo daß die dunkeln Locken in reichen Ringeln um ſeine offene Stirne wallten, und gieng mit einer Miene ſelbſtbewußten Stolzes neben ihr her, als wolle er ſie auffordern, die Gedanken in ſeinem Innerſten zu leſen.— Luiſe warf nur einen verſtohlenen Blick auf den Jüngling und ſchritt, geſtützt von ſeinem Arme, raſch und ruhig voran. 165 „Sie kennen die Eigenthümlichkeiten dieſes Volkes nur wenig, Miß Grant,“ ſagte er,„ſonſt würden Sie wiſſen, daß Rache dem Indianer als eine Tugend gilt. Man hat ſie von Kindheit auf gelehrt, es für eine Pflicht zu halten, jede Unbild zu vergelten, und nichts als die höheren Anſprüche der Gaſtfreundlichkeit kann gegen ihre Rache ſchützen, wenn die Macht dazu in ihre Hand gegeben iſt.“ „Aber Sie ſind doch nicht zu ſo unheiligen Grundſätzen er⸗ zogen worden?“ entgegnete Miß Grant, indem ſie unwillkürlich ihren Arm aus dem ſeinigen zog. „Für Ihren vortrefflichen Vater bedürfte es keiner andern Antwort, als daß ich in dem Schooß der Kirche erzogen wurde, aber gegen Sie will ich hinzufügen, daß mir die Lehre von der Vergebung tief und nachdrücklich durch das Leben ſelbſt eingeſchärft wurde. Ich glaube, daß mir in dieſer Hinſicht nur wenig vorge⸗ worfen werden kann, und ich will mir Mühe geben, auch dieſes Wenige noch zu vermindern.“ Er hatte bei dieſen Worten Halt gemacht und ihr auf's Neue ſeinen Arm angeboten, den ſie auch, ſobald er geendet, ruhig hin⸗ nahm und weiter gieng. Herr Grant und Mohegan hatten inzwi⸗ ſchen die Thüre der Pfarrwohnung erreicht, und harrten nun an der Schwelle ihrer nachkommenden Begleiter. Der erſtere war eifrig bemüht, durch ſeine Gründe die üblen Neigungen zu ver⸗ tilgen, die er eben bei dem Indianer entdeckt hatte, während der letztere in tiefer Aufmerkſamkeit zuhörte. Sobald die Dame und der junge Jäger anlangten, traten ſte in das Gebäude. Das Haus lag vom Dorfe ab in der Mitte eines Feldes, aus deſſen weißer Fläche Baumſtümpfe mit faſt zwei Fuß hohen Schnee⸗ kappen hervorragten. Kein Baum, kein Geſträuch war in der Nähe und das Haus gewährte äußerlich jenen unlieblichen Anblick, den man gewöhnlich bei den haſtig errichteten Häuſern eines neu ange⸗ bauten Landes wahrnimmt. Für den uneinladenden Eindruck der Außen⸗ ſeite boten jedoch zum Glück die ausgeſuchte Nettigkeit und die behagliche Wärme im Innern einen hinreichenden Erſatz. Sie traten in ein Gemach, das ſich ganz zu einem Wohn⸗ zimmer eignete, obgleich der große Kamin nebſt dem dabei befind⸗ lichen Küchengeräthe verrieth, daß es hin und wieder auch zu wirthſchaftlichen Zwecken dienen mußte. Die lodernde Flamme des Herdes machte das Licht, welches Luiſe aufſteckte, unnöthig, da ſie hinreichte, die ſparſame Möblirung des Zimmers gewahr werden zu laſſen. Der Boden war in der Mitte mit einem aneinander geſtickten Teppich belegt— ein Artikel, der damals im Innern des Landes häufig in Anwendung gebracht wurde und auch noch heut zu Tage nicht ſelten zu finden iſt— ſo daß nur in den Ecken des Zimmers die ungemein reinlich gehaltenen Dielen ſichtbar waren. Der Thee⸗ und Arbeitstiſch nebſt einem altmodiſchen Mahagonibücherſchrank bekundeten, daß die Inſaſſen den beſſern Ständen angehörten, obgleich die Stühle, der Speiſetiſch und das übrige Möbelwerk von der einfachſten und wohlfeilſten Art waren. An den Wänden hingen ein Paar Handzeichnungen und Stickereien, von denen die letzteren mit großer Zierlichkeit, obgleich nicht nach den beſten Muſtern, ausgeführt waren, während erſtere nach Anlage und Vollendung Vieles zu wünſchen übrig ließen. Eine der Stickereien zeigte auf einem Hintergrunde, in welchem ſich eine gothiſche Kirche blicken ließ, ein über einem Grabmal weinendes Frauenzimmer. An dem Grabmale befanden ſich nebſt den Geburts⸗ und Todestagen die Namen mehrerer Individuen, welche alle Grant hießen. Ein flüchtiger Blick darauf reichte zu, den jungen Jäger über die Familienverhältniſſe des Geiſtlichen zu belehren, denn er entnahm daraus, daß Herr Grant Wittwer war und daß das unſchuldige ſchüchterne Mädchen, welches er herbegleitet, ihre fünf Geſchwiſter überlebt hatte. Das Bewußtſeyn, wie ſehr das Glück dieſer beiden demüthigen Chriſten auf ihrer gegenſeitigen 167 Liebe und Anhänglichkeit beruhte, erhöhte den Zauber der zarten und innigen Aufmerkſamkeit, welche die Tochter dem Vater weihte. Der junge Jäger ſtellte dieſe Beobachtungen an, während die Geſellſchaft vor dem luſtigen Feuer Platz nahm, was eine Unter⸗ brechung des Geſpräches zur Folge hatte. Sobald aber Alle ſich's bequem gemacht und Luiſe das dünne verblichene Seidenkleid und den Strohhut, der allerdings mehr zu ihrem beſcheidenen edlen Antlitze, als für die rauhe Jahreszeit paßte, abgelegt und gleich⸗ falls einen Stuhl zwiſchen ihrem Vater und dem Jüngling ge⸗ nommen hatte, begann der Erſtere auf's Neue: „Ich hoffe, mein junger Freund, daß die Erziehung, welche Sie erhielten, die meiſten jener rachſüchtigen Grundſätze ausgerottet hat, welche Sie wohl Ihrer Abkunft verdanken mögen; denn wenn ich John's Ausdrücke recht verſtehe, ſo ſtrömt einiges von dem Blute des Delawarenſtammes in Ihren Adern. Ich bitte, mich nicht mißzuverſtehen, denn weder die Farbe, noch die Abkunft gibt ein Verdienſt, und ich weiß nicht, ob diejenigen, welche dem Blute nach den urſprünglichen Eigenthümern dieſes Bodens ent⸗ ſproßten, nicht das beſte Recht haben, dieſe Berge mit leichtem Ge⸗ wiſſen zu betreten.“ Mohegan wandte ſich feierlich und mit den ausdrucksvollen Geberden eines Indianers zu dem Sprecher und entgegnete: „Vater, Du haſt den Sommer Deines Lebens noch nicht zurückgelegt; Deine Glieder ſind jung. Geh' auf den höchſten Berg und blick' um Dich. Alles, was Du ſiehſt, vom Aufgang der Sonne bis zum Niedergang, von den Hauptwaſſern der großen Quelle bis dahin, wo ſich der gekrümmte Fluß“ in den Bergen verbirgt, iſt ſein. Er ſtammt aus dem Blute der Delawaren und ſein Recht iſt ſtark. Aber der Bruder von Miquon iſt gerecht. * Susquehannah heißt übertragen ‚gekrümmter Fluß,« wie überhaupt hannah oder hannock in vielen Dialekten der Eingeborenen einen Fluß bedeutet. So ſinden wir weiter ſüdlich in Virginien einen Rappehannock. 168 1 Er wird das Land in zwei Theile ſchneiden, wie es der Fluß in 3 den Niederungen thut, und wird zu dem ‚jungen Adler' ſagen, d „Kind der Delawaren, nimm es— behalte es, und ſey ein Häupt⸗ f ling in dem Lande Deiner Vätert.“. 8 „Nimmermehr,“ rief der junge Jäger mit einer Heftigkeit, d welche die geſpannte Aufmerkſamkeit plötzlich vernichtete, womit der Geiſtliche und ſeine Tochter dem Indianer zuhoͤrten.„Der f Wolf des Waldes iſt nicht gieriger auf ſeine Beute, als dieſer 3 Mann nach Gold und doch iſt ſein Schleichen nach dem Beſitz ſo b leiſe, als die Bewegung der Schlange.“ m „Gott bewahre Dich, Gott bewahre Dich, mein Sohn,“. n unterbrach ihn Herr Grant.„Solche ungeſtüme Leidenſchaftlich⸗ A keit darf man nicht aufkommen laſſen. Die zufällige Beſchädigung, L die Dir von dem Richter Temple zugefügt wurde, hat das Gefühl † 3 der Kränkung wegen Beeinträchtigung Deines Erbes geſteigert. Aber vergiß nicht, daß die eine unabſichtlich war, und die andere v. eine Wirkung des politiſchen Wechſels iſt, welcher in ſeinem Laufe ſe den Stolz von Königen demüthigte, und mächtigen Nationen den 3 Untergang gebracht hat. Wo ſind nun die Philiſter, die ſo oft die Kinder Israels ihr Joch fühlen ließen? Wo iſt die Stadt m Babylon, die in Ueppigkeit und Laſtern ſchwelgte, und ſich in ihrem Y Stolze die Königin der Völker nannte? Erinnere Dich der Bitte he in unſerer heiligen Litanei, in der wir die Allmacht anflehen— B ‚daß es ihr gefallen möge, unſern Feinden, Verläumdern und Ver⸗ S folgern zu vergeben, und ihre Herzen umzuwenden’. Das Unrecht, ein Ge das den Eingeborenen zugefügt wurde, hat Richter Temple mit ich — ff einem ganzen Volke gemein, und was Deinen Arm anbelangt, ſo ein wird er bald wieder die frühere Kraft beſitzen.“ Do „Dieſer Arm?“ wiederholte der Jüngling, indem er mit hef⸗ — tiger Aufregung im Zimmer auf und ab ſchritt.„Glauben Sie,— jur Sir, ich halte den Mann für einen Mörder?— O nein, er iſt fan zu ſchlau und zu feige zu ſolch einem Verbrechen. Aber mag übe 169 immerhin er und ſeine Tochter in ſeinem Reichthum ſchwelgen— der Tag der Vergeltung bleibt nicht aus.— Nein, nein, nein,“ fuhr er ruhiger auftretend fort—„nur Mohegan konnte auf die Vermuthung kommen, daß die Verletzung abſichtlich geſchah; doch dieſe Kleinigkeit iſt nicht werth, daß ich weiter daran denke.“ Er ſetzte ſich, ſtemmte die Arme auf ſeine Kniee und verbarg ſein Geſicht mit den Händen. „Es iſt das erbliche Ungeſtüm der Leidenſchaft eines Einge⸗ bornen, mein Kind,“ ſagte Herr Grant leiſe zu ſeiner Tochter, welche ſich entſetzt an ſeinen Arm geklammert hatte.„Er hat, wie Du hörteſt, indianiſches Blut in den Adern, und weder die Macht der Erziehung, noch die Vortheile unſerer ausgezeichneten Liturgie ſind im Stande geweſen, das Uebel mit der Wurzel aus⸗ zurotten. Doch kann Sorgfalt und Zeit noch viel für ihn thun.“ Obgleich der Geiſtliche leiſe geſprochen hatte, ſo war er doch von dem Jüngling nicht unbeachtet geblieben, denn er erhob jetzt ſein Haupt und fuhr, mit einem unbeſtimmten Lächeln in ſeinen Zügen, ruhiger fort: „Sie brauchen ſich weder durch die Wildheit meines Beneh⸗ mens noch durch die Rauheit meines Aeußern beunruhigen zu laſſen, Miß Grant. Eine Leidenſchaftlichkeit hat mich hingeriſſen, die ich hätte unterdrücken ſollen, und ich muß ſie mit Ihrem Vater dem Blute beimeſſen, das in meinen Adern fließt, obgleich ich meinem Stamme deßhalb keinen Vorwurf machen will, denn es iſt das einzige mir verbliebene Erbe, deſſen ich mich rühmen kann. Ja, ich bin ſtolz auf die Abkunft von einem Delawarenhäuptling, von einem Krieger, der der menſchlichen Natur zur Chre gereichte. Der alte Mohegan war ſein Freund und der Zeuge ſeiner Tugenden.“ Herr Grant nahm jetzt das Geſpräch auf, und als er den jungen Mann ruhiger und den betagten Häuptling aufmerkſam fand, ſo ergieng er ſich in einer weiten theologiſchen Erörterung über die Pflicht der Vergebung. Die Unterhaltung dauerte über eine Stunde, bis endlich die Gäͤſte aufſtanden und ſich auf's freundlichſte verabſchiedeten. An der Thüre trennten ſie ſich und Mohegan ſchlug den Weg nach dem Dorfe ein, während der Jüngling dem See zugieng. Der Geiſtliche blieb vor ſeinem Hauſe ſtehen und ſah der dahingleitenden Geſtalt des alten Häuptlings nach, der ſich mit einer für ſeine Jahre erſtaunlichen Geſchwindig⸗ keit in dem tiefen Pfade hinbewegte:; ſein ſchwarzes, ſtarres Haar war noch über dem durch die Wollendecke gebildeten Ballen ſichtbar, der ſich bisweilen in dem Silberlichte des Mondes kaum von dem Schnee unterſcheiden ließ. An der hintern Seite des Hauſes be⸗ fand ſich ein Fenſter, welches ſich nach dem See hin öffnete; und hier wurde Luiſe von ihrem Vater gefunden, wie ſie aufmerkſam in der Richtung der öſtlichen Berge nach irgend einem Gegenſtand blickte. Er näherte ſich ihr und bemerkte die Geſtalt des jungen Jägers in der Entfernung von einer halben Meile, wie ſie mit großen Schritten über das weite Schneefeld, welches das Eis bedeckte, gerade nach der Stelle hinſtreifte, wo, wie er wußte, Lederſtrumpf's Wohnung am Rande des Sees unter einem Felſen lag, deſſen Gipfel mit Fichten und Tannen bedeckt war. Im nächſten Augenblick verloren ſich die Umriſſe des Fremden in dem Schatten überhängender Bäume und kamen nicht wieder zum Vorſchein. „Es iſt wunderbar, wie lange ſich die Neigungen des Wilden in dieſem merkwürdigen Geſchlechte fortpflanzen,“ ſagte der gute Geiſtliche;„aber wenn er fortfährt, wie er angefangen, ſo wird er dennoch zuletzt Herr darüber werden. Erinnere mich daran, Luiſe, daß ich ihm bei ſeinem nächſten Beſuche die Predigt„gegen die Gefahren des Götzendienſtes' leihe.“ „Gewiß, lieber Vater, Sie glauben nicht, daß er je zu der Gottesverehrung ſeiner Vorfahren zurückkehrt?“ „Nein, mein Kind,“ entgegnete der Diener der Kirche, indem er ſeine Hand mit einem liebevollen Lächeln auf ihre gelben Locken wa wu Hã um das 171 legte;„ſein weißes Blut ſchon würde das verhindern; aber es gibt auch noch einen andern Götzendienſt— den unſerer Leidenſchaften.“ Dreizehntes Kapitel. So gebt mir einen Humpen doch— Die Gerſtenernte lebe hoch! Trinklied. An einer Ecke des Dorfes, wo die zwei Hauptſtraßen von Templeton ſich kreuzten, ſtand das Wirthshaus ‚zum kühnen Dra⸗ gonert. Dem urſprünglichen Plane zu Folge hätte ſich das Dorf links des kleinen Stromes, welcher das Thal durchfloß, hinziehen ſollen, ſo daß durch die Straße, welche von dem See zu der Aka⸗ demie führte, die weſtliche Grenze gebildet worden wäre. Aber Bequem⸗ lichkeit vereitelt oft die beſten Entwürfe. Das Haus des Herrn— oder wie er in Folge ſeines Commandos über das Militär des Patents genannt wurde— des Hauptmanns Holliſter, das ſchon in früheren Tagen mit der Front gerade gegen die Richtung der Hauptſtraße erbaut worden, ſchob dem Verlauf derſelben eine ſehr augenfällige Barriere in den Weg, weßhalb Reiter und nachher auch Ochſentreiber ſich eines Durchganges an dem Ende des Ge⸗ bäudes bedienten, um ſich den weſtlichen Weg abzukürzen, bis endlich die regelmäßige Landſtraße fortgeſetzt war und allmählig an beiden Seiten Hänſer entſtanden, ſo daß eine nachherige Ver⸗ beſſerung des Uebelſtandes unmöglich wurde. Dieſe Abweichung von Marmaduke's regelmäßigen Planen war von zwei weſentlichen Tolgen begleitet. Die Hauptſtraße wurde nämlich in der Hälfte ihrer Länge plötzlich genau um die Hälfte ihrer Breite geſchmälert; und der kühne Dragoner ward um ſeiner Lage willen, mit Ausnahme des Herrnhauſes, bei weitem das augenfälligſte Gebäude des Ortes. Dieſer Umſtand, durch den Charakter der Wirthsleute unter⸗ ſtützt, gab der Schenke über alle zukünftigen Concurrenten einen Vortheil, der ſich durch keine ſonſtigen Verhältniſſe mindern ließ. Das Letztere wurde zwar verſucht und dem ‚kühnen Dragoner“ gegenüber ein neues Gebäude errichtet, welches den Nebenbuhler über der Straße bei weitem überbieten ſollte. Es war ein höl⸗ zernes Haus mit den Verzierungen des im Orte üblichen architek⸗ toniſchen Styls und, was das Dach und die Baluſtraden anbe⸗ langte, eine der drei Nachahmungen des Herrenhauſes. Die oberen Fenſter waren mit ungehobelten Brettern vernagelt, um den Wind abzuhalten, denn das Gebäude war noch unvollendet, obgleich die Scheiben in den untern Gemächern und das Licht der mächtigen Feuer im Innern bekundeten, daß es bereits Einwohner barg. Das Aeußere deſſelben hatte an der Front und dem Ende, welches ſich der Straße zukehrte, einen weißen Anſtrich; aber die Hinter⸗ ſeite nebſt derjenigen, an welche ſich ein Nachbarhaus anſchmiegen ſollte, war roh mit ſpaniſchem Braun beſchmiert. Vor der Thüre ſtanden zwei hohe, oben mittelſt eines Querbalkens verbundene Poſten, zwiſchen denen ein ungeheures, mit wunderlichem Schnitz⸗ werk von Fichtenholz verſehenes und mit Freimaurer⸗Emblemen überladenes Schild hieng. Ueber den geheimnißvollen Figuren be⸗ fanden ſich mit großen Buchſtaben die Worte:„Kaffeehaus für Templeton und Gaſthaus für Reiſende“, und unten las man die Namen der Eigenthümer„Habakuk Foote und Joſua Knapp'. Dieß waren ein Paar furchtbare Rivalen für den kühnen Dra⸗ goner, wie unſere Leſer leicht begreifen werden, wenn wir beifügen, daß dieſelben volltönigen Namen ſchon über der Thüre eines im Dorfe neu errichteten Vorrathshauſes, eines Hutmacherladens und über den Thoren einer Lohgerberei ſtanden. Mochte übrigens zu viel verſucht worden ſeyn, um gut ausgeführt werden zu können, oder war der Ruf des kühnen Dragoners zu feſt begründet, um ſich ſo leicht erſchüttern zu laſſen— nicht nur der Richter Temple und 2 173 ſeine Freunde, ſondern auch die meiſten Dorfbewohner, welche nicht in den Creditbüchern der mächtigen Firma ſtanden, pflegten, ſo oft irgend eine Gelegenheit den Beſuch eines ſolchen Hauſes nothwendig machte, in dem Wirthshauſe des Capitän Holliſter einzuſprechen. Der hinkende Veteran nebſt ſeiner Ehegenoſſin war an jenem Chriſtabende kaum von der Akademie zurück nach Hauſe gekommen, als das Stampfen an der Thürſchwelle bereits die Annäherung von Gäſten verkündigte, welche wahrſcheinlich dieſen Sammelplatz aufſuchten, um ihre Bemerkungen über die Feierlichkeit, der ſie eben angewohnt, auszutauſchen. Die Gaſtſtube des kühnen Dragoners war ein geräumiges Gemach, das an drei Seiten mit Bänken ausgeſchlagen war, während die vierte zwei mächtigen Kaminen vorbehalten blieb, welche faſt die ganze Wand einnahmen und kaum noch Raum genug für ein Paar Thüren und einen kleinen Eckverſchlag ließen, der durch ein winziges Palliſadenwerk von dem übrigen Gelaſſe getrennt und reichlich mit Flaſchen und Gläſern garnirt war. An dem Eingange in dieſes Heiligthum ſaß mit würdevoller Miene Frau Holliſter, während ihr Gatte mit einem großen Pfahl, der an dem einen Ende ganz ſpitzig zugebrannt war, die Holzpflöcke des Feuers nachſchob. „Nun, lieber Sergeant,“ ſagte die Wirthin, als ſie glaubte, der Veteran habe nunmehr das Holz gehörig zurecht gelegt,„leg' Deine Schürſtange bei Seite, denn ſie iſt nicht mehr nöthig, indem es jetzt behaglich genug brennt. Auf dem Tiſche dort ſtehen noch die Gläſer und der Krug, aus denen der Doktor ſeinen Cyder und ſein Ingwerbier trank— dort, gerade bei dem Feuer. Stelle ſie in den Verſchlag, denn wir kriegen heute Abend Beſuch von dem Richter, dem Major und Herrn Jones, Benjamin Pump und die Advokaten nicht mitgerechnet. Du mußt daher das Zimmer zeitig herrichten. Setze die beiden Flipröſte auf die Kohlen, und ſage Judith, dem faulen, ſchwarzen Beeſt, daß ich ſie aus dem Haus jagen will, wenn ſie die Küche nicht rein hält. Sie kann dann zu den Herren gehen, die das Kaffeehaus halten; ich wünſche ihnen Glück zu dieſer Erwerbung.— Ach, Sergeant, man hat es doch gewiß recht gut, wenn man in ein Bethaus gehen darf, wo man ruhig ſitzen bleiben kann und nicht nöthig hat, ſo oft niederzuknieen und wieder aufzuſtehen, wie es heute Herr Grant gethan.“ „Ein Bethaus kommt einem allezeit zu ſtatten, Frau, mögen wir nun darin ſtehen oder ſitzen, oder, wie der gute Herr White⸗ field nach einem beſchwerlichen Tagemarſch zu thun pflegte, auf die Kniee niederfallen und mit aufgehobenen Händen zum Himmel zu beten, nach dem Beiſpiele Moſes, als zur Rechten und zur Linken ſeine Schaaren ſtanden,“ erwiederte Herr Holliſter, der mit aller Ruhe die Befehle ſeiner Gattin ausführte.„Ach, das war ein ſchönes Treffen, Betty, das die Israeliten damals mit den Amale⸗ kiten ſchlugen. Es ſcheint, ſie fochten in einer Ebene, denn es ſteht geſchrieben, Moſes habe die Höhen beſtiegen, um den Kampf mit anzuſehen und im Gebete zu ringen. Wenn ich mich recht auf die Sache verſtehe, ſo müſſen ſich die Israeliten hauptſächlich auf ihre Reiterei verlaſſen haben, denn wir leſen in der Schrift, daß Joſua den Feind hauptſächlich mit der Schärfe des Schwertes ſchlug, woraus ich entnehme, daß nicht nur von Reiterei, ſondern auch von wohldisciplinirten Truppen die Rede iſt. Es müſſen in der That ganz ausgeſuchte Streiter geweſen ſeyn— wahrſcheinlich Freiwillige; denn unexercirte Dragoner ſchlagen ſelten mit der Schärfe des Schwertes zu, zumalen wenn ihre Waffe nach Weiſe der Säbel gekrümmt iſt.“ „Pah, Mann! Was wirfſt Du da wegen einer ſolchen Klei⸗ nigkeit mit Schriftſtellen um dich?“ unterbrach ihn die Wirthin. „So viel wenigſtens iſt gewiß, daß der Herr mit ihnen war, denn er hielt es immer mit den Juden, ſo lange ſie nicht von ihm ab⸗ fielen. Es kommt wenig darauf an, was für Leute Joſua com⸗ mandirte, wenn er es nur im Namen des rechten Befehlshabers that. Dieſelbe verwünſchte Miliz, der Herr verzeih mir den Fluch, N d 175 die ſein Tod war, weil ſie davon lief, hätte wohl in den alten Zeiten das Feld behaupten können. Ich ſehe gar keinen vernünf⸗ tigen Grund ein, anzunehmen, daß die Leute exerciert waren.“ „Ich muß ſagen, Frau, daß ich unexercierte Truppen nicht oft habe ſo gut fechten ſehen, als es der linke Flügel in der von Dir erwähnten Zeit that. Sie hielten ſchön zuſammen und zwar ohne Trommelſchlag, was im Feuer gewiß keine Kleinigkeit iſt; auch wichen ſie nicht vom Platze, bis er fiel.— Aber die Schrift enthält keine unnöthigen Worte; und ich behaupte daher, daß eine Reiterei, welche mit der Schärfe des Schwertes zu ſchlagen weiß, eine gut disciplinirte ſeyn muß. Es iſt ſchon manche gute Predigt über weit unwichtigere Dinge, als über dieſes eine Wort gehalten worden. Wenn nicht etwas Beſonderes damit gemeint iſt, warum ſteht denn nicht geſchrieben mit dem Schwerte, ſondern mit der Schärfe des Schwertes? Nun fordert aber ein Schlag mit der Schärfe eine lange Uebung. Ach, welch eine ſchöne Anwendung wüßte nicht Herr Whitefield aus dem einzigen Worte ‚Schärfe“ zu ziehen! Was den Capitän anbelangt— wenn er nur, als er das Fußvolk ſammelte, die Gardedragoner angerufen hätte, ſie würden dem Feinde gezeigt haben, was die Schärfe eines Schwertes iſt; denn obgleich kein eigentlicher Offizier unter ihnen war, ſo glaube ich doch, ſagen zu dürfen“— der Veteran richtete ſich bei dieſem Wort hoch auf und zog mit der gravitätiſchen Miene eines Erer⸗ ciermeiſters ſeine Halsbinde feſter—„ſo glaube ich doch, ſagen zu dürfen, daß ſie von einem Manne angeführt wurden, der ſie, trotz des Hohlwegs, vorwärts zu bringen gewußt hätte.“ „Was hätte er thun ſollen?“ rief die Wirthin.„Weißſt Du nicht ſelbſt, Holliſter, daß die Beſtie, welche er ritt, nicht ſonderlich geeignet war, von einem Felſen zum andern zu ſpringen, obgleich ſie ſo rührig war, als wie ein Eichhörnchen? Doch was nützt es davon zu reden, da er ſchon ſo lange heimgegangen! Ich wollte nur, daß er es erlebt hätte, das wahre Licht zu ſehen; aber eine brave Seele, die im Kampf für die Freiheit im Sattel ſtarb, muß doch auch Gnade finden. Wenn ſie ihm und ſo manchem Tapfern, der wie er ſtarb, nur nicht einen ſo armſeligen Grabſtein geſetzt hätten! Aber das Schild iſt ſehr ähnlich und ich will es erhalten, ſo lang der Schmied noch einen Hacken machen kann, um ihn zu tragen— allen Kaffeehäuſern zwiſchen hier und Albany zum Trotze.“ Wir können nicht ſagen, auf welche Abſchweifungen dieſe Unterhaltung das würdige Paar noch geführt haben würde, wenn nicht die Männer vor der Thüre dem Abſtampfen des Schnees von ihren Füßen plötzlich ein Ende gemacht hätten und in die Wirths⸗ ſtube getreten wären. Es vergiengen zehn oder fünfzehn Minuten bis ſich die ver⸗ ſchiedenen Individuen, welche Erbauung geben oder holen wollten, vor den Feuern des kühnen Dragoners niedergelaſſen und ſo ziemlich alle Bänke der Gaſtſtube beſetzt hatten. Die behaglichſte Ecke des Zimmers nebſt einem hochlehnigen hölzernen Canapee hatte Doktor Todd mit einem ſchmutzig ausſehenden, ſchäbig⸗gentilen jungen Mann eingenommen, der fleißig Tabak ſchnupfte, einen Rock von ziemlich modiſchem Schnitte trug und oft eine große ſilberne Uhr, die an einer Haarkette hieng und mit einem ſilbernen Schlüſſel verſehen war, herauszog: er ſchien ſo ziemlich zwiſchen den Hand⸗ werkern in ſeiner Nähe und einem wirklichen Mann von Stande die Mitte zu halten. Mehrere braune Krüge mit Cyder oder Bier wurden zwiſchen die Feuerböcke geſetzt und unter den Gäſten bildeten ſich kleine Gruppen, ſodald einer einen Vortrag hielt oder die Flüſſigkeit ihre Runde machte; denn Niemand hatte ein beſonderes Glas, wie denn auch überhaupt für jede Gattung von Getränk nur ein ein⸗ ziges Gefäß für nöthig erachtet wurde; das Glas oder der Krug gieng daher von Hand zu Hand, bis die Reihe zu Ende war oder eine gewiſſe Achtung vor den Rechten des Feſtgebers die Neige des Trankes dem wieder zuſchob, welcher denſelben bezahlt hatte. uß ern, etzt ten, zu b.“ ieſe enn von ths⸗ ver⸗ lten, nlich des oktor ngen von Uhr, lüſſel dand⸗ tande iſchen kleine ihre wie mein⸗ Krug oder Neige hatte. 177 Gewohnlich wurden dabei Toaſte getrunken und hin und wieder verſuchte einer, der von Natur vorzugsweiſe mit Witz bedacht zu ſeyn vermeinte, ſeine Dankgefühle in Phraſen auszu⸗ druͤcken, wie zum Beiſpiel:„Er hoffe, daß der Feſtgeber es weiter bringen möge, als ſein Vater,“ oder„er möge leben, bis alle ſeine Freunde ihm den Tod wünſchten;“ während ſich die beſchei⸗ denern Zechgenoſſen begnügten, mit gravitätiſchem Ernſte auf„gut Glück,“ oder einen anderen gleich kurzen und inhaltsreichen Wunſch zu trinken. Stets wurde aber der invalide Wirth aufgefordert, die Sitte der königlichen Mundſchenke nachzuahmen und das Glas, welches er präſentirte, vorher zu koſten— eine Aufforderung, welcher er gewöhnlich dadurch willfahrte, daß er ⸗ſeine Lippen be⸗ netzte, nachdem er zuvor den Toaſt:„was wir hoffen“ ausgebracht hatte, bei welch' klüglichem Ausweg es dem Gutdünken der Gäſte überlaſſen blieb, den umfaſſenden Wunſch nach eigenem Sinne zu deuten. Während dieſes Treibens war die Wirthin emſig be⸗ ſchäftigt, eigenhändig die von ihren Kunden verlangten Getränke zu miſchen, wobei ſie hin und wieder einen der Dorfbewohner, welcher ſich dem Verſchlage näherte, grüßte und ſich nach dem Befinden ſeiner Familie erkundigte. Als endlich der Durſt der Gäſte einigermaßen geſtillt war, gewann das Geſpräch einen mehr allgemeinen Charakter, wie er gerade für die Stunde paßte. Der Arzt nebſt ſeinem Gefährten, einem der zwei Advokaten des Dorfes— die man am meiſten für geeignet hielt, das Wort zu führen, waren die Hauptſprecher, ob⸗ gleich ſich auch hin und wieder Herr Doolittle, welchen man nur in dem beneidenswerthen Punkte der Erziehung als Jenen nach⸗ ſtehend betrachtete, eine Bemerkung erlaubte. Ein allgemeines Stillſchweigen trat ein, als der Rechtsgelehrte folgendermaßen begann: „Dem Vernehmen nach, Doktor Todd, habt Ihr dieſen Abend eine wichtige Operation vorgenommen, indem Ihr Lederſtrumpf's Sohne einen Hirſchpoſten aus der Schulter ſchnittet?“ Die Anſiedler. 3. Aufl. 12 —õÿ—y „Sa.⸗ Sir,“ erwiederte der Andere, indem er ſeinen kleinen Kopf mit einer wichtigthuenden Miene erhob.„Ich hatte ein der⸗ artiges kleines Geſchäft bei dem Richter; doch will es nicht viel heißen. Ein anderes wäre es geweſen, wenn der Schuß durch den Körper gegangen wäre. Die Schulter iſt kein zum Leben unbe⸗ dingt nöthiger Theil, und ich denke, der junge Mann wird bald wieder geſund ſeyn. Ich wußte jedoch nicht, daß der Patient ein Sohn von Lederſtrumpf iſt, denn ich hörte nie, daß Natty ein Weib hatte.“ „Das folgt auch nicht nothwendig daraus,“ entgegnete der Andere, indem er ſich mit einem pfiffigen Blinzeln umſah.„Ich denke, Ihr wißt, daß es ſo eine Art Ding gibt, was der Juriſt einen flius nullius nennt?“ „Sagt uns das in gutem königlichem Engliſch, Mann,“ rief die Wirthin.„Für was ſoll es gut ſeyn, in einem Zimmer ehr⸗ licher Chriſtenmenſchen indianiſch zu ſprechen, und wenn es ſich auch nur um einen armen Jäger handelte, der nicht viel beſſer iſt als die Wilden ſelbſt? Doch dürfen wir hoffen, daß die Miſſionäre ſeiner Zeit die armen Teufel bekehren, wo dann wenig darauf an⸗ kömmt, von welcher Farbe ihre Haut iſt, oder ob ſie Wolle oder Haare auf dem Kopfe tragen.“ „Es iſt lateiniſch, nicht indianiſch, Frau Holliſter,“ entgeg⸗ nete der Rechtsgelehrte, indem er ſein pfiffiges Blinzeln wieder⸗ holte,—„und Doktor Todd verſteht lateiniſch,— wie wollte er ſonſt die Aufſchriften auf ſeinen Apothekerbüchſen und Schubladen leſen? Nein, nein, Frau Holliſter, der Doktor verſteht mich— nicht wahr, Doktor?“ „Hem— nun, ich vermuthe, daß ich nicht weit davon bin,“ verſetzte Elnathan, indem er ſich mühte, den Geſichtsausdruck des andern nachzuahmen.„Lateiniſch iſt eine wunderliche Sprache, meine Herren,— und ich will wetten, es iſt nicht Einer in dem Zimmer, Squire Lippet ausgenommen, welcher glauben könnte, daß ‚Far. Av. Habermehl bedeutet.“ Nun kam die Reihe, ob dieſer Zurſchauſtellung von Gelehr⸗ ſamkeit verlegen zu werden, an den Advokaten; denn obgleich er auf einer der öffentlichen Univerſitäten promovirt hatte, ſo war er doch etwas verblüfft über den von ſeinem Gefährten gebrauchten Ausdruck. Indeß war es gefährlich, in einem öffentlichen Wirths⸗ hauſe und vor ſo vielen ſeiner Clienten, den Anſchein zu gewinnen, als werde er an Gelehrſamkeit übertroffen, weßhalb er die beſte Miene zu der Sache machte und in ein ſchlaues Gelächter aus⸗ brach, als ſtecke irgend ein guter Witz darunter, der nur von dem Arzte und ihm ſelbſt verſtanden werde. Die Zuhörer wechſelten indeſſen Blicke des Beifalls, und Ausdrücke, wie:„Verſteht ſich auf Sprachen,“ und„ja wenn's Einer weiß, ſo muß es Squire Lippet wiſſen,“ ließen ſich als Zoll der Bewunderung in den verſchiedenen Theilen des Zimmers vernehmen. So ermuthigt, erhob ſich der Rechtsgelehrte von ſeinem Stuhl, wandte den Rücken dem Feuer zu, faßte die Trinkgeſellſchaft in's Auge und fuhr fort: „Nun, mag er jetzt Natty's Sohn oder der Sohn von Nie⸗ mand ſeyn— ich hoffe wenigſtens, daß der junge Mann die Sache nicht beruhen laſſen wird. Wir leben in einem Lande der Geſetze, und da moͤchte ich doch ſehen, ob das Gericht der Anſicht iſt, daß ein Mann, der hunderttauſend Morgen Landes beſitzt oder zu be⸗ ſttzen vorgibt, mehr Recht hat, auf ſeinen Nebenmenſchen zu ſchießen, als ein anderer. Was haltet Ihr davon, Doktor Todd?“ „Oh, Sir,“ entgegnete der Doktor,„ich bin, wie bereits ge⸗ ſagt, der Anſicht, daß die Verletzung keinen lebensgefährlichen Theil getroffen hat. Auch wurde die Kugel bald ausgezogen, und die Schulter, wie ich wohl behaupten darf, gut verbunden; ich glaube daher nicht, daß die Sache ſo gefährlich iſt, als ſie hätte werden können.“ „Ich berufe mich auf Euch, Squire Doolittle,“ fuhr der Advokat mit verſtärkter Stimme fort.„Ihr ſeyd eine Magiſtrats⸗ perſon, und wißt, was Rechtens und was nicht Rechtens iſt. Ich frage Euch daher, Sir, ob ein Schuß auf einen Menſchen eine Sache iſt, die man ſo gar leicht nehmen darf? Geſetzt, Sir, der junge Mann hätte Weib und Familie, und geſetzt, er wäre ein Techniker, wie Ihr ſelbſt, Sir, und geſetzt, ſeine Familie hienge wegen ihres Unterhalts nur von ihm ab; und geſetzt, die Kugel hätte ihm, ſtatt blos in's Fleiſch zu dringen, das Schulterblatt zerſchmettert, und ihn für immer zum Krüppel gemacht;— ich frage Euch alle meine Herren, geſetzt, all' dieſes wäre der Fall, müßte die Jury nicht auf eine bedeutende Entſchädigung antragen?“ Da der Schluß dieſer Fallſetzungen an die Geſellſchaft insge⸗ ſammt gerichtet war, ſo fühlte ſich anfänglich Hiram nicht berufen, eine Erwiederung zu geben; als er aber fand, daß die Augen aller Anweſenden erwartungsvoll auf ihm hafteten, ſo gedachte er ſeines richterlichen Charakters und begann daher mit dem gebührenden Grade von Bedächtigkeit und Würde: „Freilich, wenn Einer auf einen Andern ſchießt,— ich meine näͤmlich, wenn er es mit Vorſatz thut, und wenn das Gericht da⸗ von Meldung erhält, und wenn ihn eine Jury ſchuldig findet, ſo iſt es wahrſcheinlich ein Fall, der den Thäter in's Staatsgefäng⸗ niß liefert.“ „Allerdings iſt es ſo, Sir,“ erwiederte der Advokat.„Das Geſetz, meine Herren, erkennt in einem freien Lande kein Anſehen der Perſon. Es iſt eine der großen Segnungen, welche uns von unſern Vorfahren überantwortet wurden, daß alle Menſchen in den Augen des Geſetzes eben ſo gleich ſind, als ſie durch die Natur gleich geſchaffen wurden. Mögen auch einige, weiß Gott, wie, zu einem großen Vermögen gekommen ſeyn, ſo werden ſie dadurch doch nicht berechtigt, die Geſetze eher übertreten zu dürfen als der ärmſte Bürger in den Staaten. Dieß iſt meine Anſicht, meine Herren, und ich denke, wenn jemand dieſe Angelegenheit vor Ge⸗ richt bringen wollte, ſo dürfte ſich wohl ſo viel herausſtellen, daß die Salben bezahlt würden. Was meint Ihr, Doktor?“ 181 „Cy, Sir,“ erwiederte der Arzt, den dieſe Wendung des Geſprächs augenſcheinlich ein wenig beunruhigte,„ich habe das Verſprechen des Richters Temple vor Zeugen,— nicht als ob mir ſein Wort nicht eben ſo lieb wäre, als hätte ich's ſchriftlich von ihm,— aber es geſchah vor Zeugen. Laßt mich einmal ſehen— es waren Monſchier Ler Quow und Squire Jones und Major Hartmann und Jungfer Pettibone und einer oder zwei Schwarze dabei, als er ſagte, ſeine Taſche würde mich reichlich für meine Bemühungen belohnen.“ „Wurde das Verſprechen vor oder nach dem geleiſteten Dienſte gegeben?“ fragte der Advokat. „Ich weiß das nicht mehr ſo genau,“ antwortete der vorſichtige Arzt;„ſo viel iſt mir aber noch gegenwärtig, daß es geſchah, ehe ich den Verband anlegte.“ „Aber es ſcheint, daß er ſagte, ſeine Taſche würde Euch be⸗ lohnen,“ bemerkte Hiram.„Ich glaube nicht, daß das Geſetz einen Mann zur Erfüllung eines ſolchen Verſprechens anhalten kann. Vielleicht gibt er Euch ſeine Taſche mit ſechs Pencen darin und ſagt, Ihr ſollet Euch Eure Bezahlung daraus nehmen.“ „Dieß gälte in den Augen des Geſetzes nicht als eine Be⸗ lohnung,“ ſiel der Advokat ein—„nicht als ein ſo betiteltes quid pro quo. Die Taſche kann nicht als handelnd, ſondern muß als ein Theil von des Mannes eigener Perſon betrachtet werden — das heißt, in dieſem beſondern Falle. Ich bin der Anſicht, daß man auf dieſes Verſprechen ein Prozeßverfahren einleiten kann, und bin erbötig, es koſtenfrei durchzuführen, wenn der Kläger ver⸗ lieren ſollte.“ Der Arzt gab auf dieſen Vorſchlag keine Erwiederung, ob⸗ gleich man bemerkte, daß er ſeine Augen ußghergleiten ließ, als wolle er die Zeugen aufzählen, um ſeiner Zeit die Einhaltung dieſes Verſprechens fordern zu können, falls es nöthig werden ſollte. Ein ſo wichtiger Gegenſtand, als die Erhebung einer Klage gegen den Richter Temple, war indeß nicht ganz nach dem Geſchmacke der Geſellſchaft, zumal da der Punkt an einem ſo öffentlichen Platze verhandelt wurde; und es folgte nun ein allgemeines Schweigen, welches erſt durch das Aufgehen der Thüre und das Eintreten Natty's unterbrochen wurde. Der alte Jäger hatte ſeine ihm nie von der Seite kommende Gefährtin, die Büchſe, in der Hand; und obgleich die ganze Geſellſchaft, den Rechtsgelehrten ausgenommen, der ſeinen Hut ein bischen verwegen auf's Ohr eingedrückt hatte, mit unbedeckten Häuptern da ſaß, ſo gieng doch Natty auf eines der Feuer zu, ohne auch nur im Mindeſten irgend einen Theil ſeines Anzugs oder ſeines Aeußern zu verändern. Man richtete verſchiedene auf das Waidwerk Bezug habende Fragen an ihn, die er bereitwillig und mit einigem Intereſſe beantwortete; und der Wirth— Natty's alter Freund, weil beide in ihrer Jugend Soldaten geweſen,— bot ihm ein Glas Branntwein, das, wenn wir aus deſſen Aufnahme eine Folgerung ziehen dürfen, keine unwillkommene Gabe war. Als ſich der Waldbewohner gelabt hatte, ſetzte er ſich ruhig auf das Ende eines der Holzbloͤcke, die in der Nähe des Feuers lagen, und bald ſchien die durch ſeinen Eintritt veranlaßte kleine Störung vergeſſen zu ſeyn. „Das Zeugniß des Schwarzen hatte freilich keinen Werth, Sir,“ fuhr der Rechtsgelehrte fort,„da ſie ſammt und ſonders das Eigenthum des Herrn Jones ſind. Aber es gibt noch einen andern Weg, auf welchem man dem Richter Temple oder irgend einem andern Mann das Schießen auf ſeinen Nebenmenſchen ver⸗ leiden und ihn zur Zahlung der Kurkoſten veranlaſſen kann. Ich ſage, es gibt noch einen andern Weg, ohne daß man gerade vor den ‚Gerichtshof der Irrungen“ geht.“ „Die größte Irrung würde es aber ſeyn, Miſter Todd,“ rief die Wirthin,„wenn Ihr den Richter gerichtlich belangen wolltet, der da einen Beutel hat, ſo lang als eine von den Fichten auf den Bergen und mit dem ſich's gut genug umgehen läßt, wenn 183 man ſich ein bischen in ſeine Launen fügt. Richter Temple iſt ein wackerer Mann, der es gut mit den Leuten meint und nicht durch Drohungen geſchreckt zu werden braucht, um rechtlich zu handeln. Ich wüßte nichts an dem Manne auszuſetzen, als daß er zu gleich⸗ gültig in Betreff ſeines Seelenheils iſt. Er iſt weder Methodiſt, noch Papiſt, noch Presbyterianer,— nein, nichts von alle dem und ich kann nicht wohl glauben, daß er, der in dieſer Welt nicht fechten will den guten Kampf unter dem Panner einer regel⸗ mäßigen Kirche, einſt in der Muſterrolle der Erwählten gefunden werden will, wie mein Mann, der Kapitän da, ſagt— obgleich es meines Wiſſens nur einen Kapitän gab, der dieſen Namen verdiente. Ich hoffe Lederſtrumpf, Ihr ſeyd nicht ſo thöricht, dem Jungen einzureden, daß er vor dem Gerichte Hülfe ſucht; denn es wird Euch beiden einen ſchlimmen Weg bereiten, wenn ihr die Haut eines friedlichen Schafes abſtreift und eine hadernde Beſtie zum Vorſchein kommen laßt. Der Junge ſoll umſonſt ſeinen Trunk bei mir holen dürfen, bis ſeine Schulter die Büchſe wieder tragen kann.“ „Bravoz das iſt generös!“ hörte man von verſchiedenen Lippen; denn die Geſellſchaft beſtand aus lauter Leuten, bei welchen ein ſo liberales Anerbieten nicht weggeworfen war. Natty aber, ſtatt etwas von der Entrüſtung auszudrücken, die man bei ihm ver⸗ muthete, öffnete, als er auf die Verletzung ſeines jungen Gefährten anſpielen hörte, ſeinen Mund nur zu dem bekannten ſtummen Lachen, und erwiederte nach einer Weile: „Ich wußte wohl, daß der Richter nichts ausrichten würde, als er mit ſeiner Schlüſſelbüchſe aus dem Sleigh ſtieg. Ich habe erſt eine einzige Vogelflinte geſehen, mit der ſich etwas machen ließ, und zwar auf den großen Seen: es war ein franzoſiſches Gewehr, mit einem Lauf halb ſo lang als meine Büchſe, und ſchoß auf hundert Ellen eine Gans ſicher herunter; es zerfetzte aber ſein Opfer auf eine ſchreckliche Weiſe, ſo daß man es faſt zuſammenkehren mußte. Als ich mit Sir William am Fort Niagara gegen die Franzoſen marſchirte, ſo bedienten ſich alle Jäger der Büchſe— einer fürchterlichen Waffe in den Händen von Männern, welche ſie zu laden und ſicher damit zu zielen verſtehen. Der Hauptmann muß das wiſſen, denn er ſagt, er habe in Shirley's Regiment gedient; und obgleich dieſes meiſt nur mit Bajonetten focht, ſo hat er doch gewiß davon gehört, wie wir den Franzoſen und Irokeſen in den Scharmützeln jenes Krieges zu Leibe giengen. Chingachgook, was ſoviel als ‚große Schlange“ beſagen will, oder der alte John Mohegan, der ſein Nachtlager neben dem meinigen auf⸗ geſchlagen hat, war damals ein großer Krieger und focht mit uns; er kann auch ein Geſchichtchen davon erzählen, obgleich er lieber mit dem Tomahawk zuſchlug und nie mehr als ein oder zwei Mal feuerte, ohne hinzulaufen und ſich den Scalp zu holen. Ach! die Zeiten haben ſich ſeither ſchrecklich verändert. Ja Doktor; damals gab es nichts als einen Fußweg oder höchſtens einen Pfad für Packpferde am ganzen Mohawk hin, von den Jarmans⸗Ebenen an bis zu den Forts hinauf. Nun ſprechen ſie gar von einer jener breiten Straßen mit Geländern am ganzen Fluß hin. Ha, ha, zuerſt einen Weg machen und dann ihn einzäͤunen! Ich jagte vor⸗ geſtern auf den Höhen von Kaatskills in der Nähe der Anſiede⸗ lungen, und die Hunde verloren oft, wenn ſie an die Landſtraße kamen, die Witterung, weil ſo viel darauf gereist wird, obgleich ich nicht anders ſagen kann, als daß die Beſtien von ganz vor⸗ trefflicher Zucht ſind. Der alte Hektor verfolgte im Herbſt einen Hirſch über die breiteſte Stelle des Otſego und das iſt doch an⸗ derthalb Meilen, wie ich ſelbſt auf dem Eis mit Schritten abge⸗ meſſen habe, als unter Zuſtimmung der Indianer der Strich zum Erſtenmal aufgenommen wurde.“ „Es ſcheint mir ein ſchlimmes Kompliment zu ſeyn, Natty, daß Ihr Euerm Kameraden nach dem Argen ſeinen Namen gebt,“ ſagte die Wirthin;„und doch kömmt mir der alte John nichts weniger als wie eine Schlange vor. Nimrod würde wohl beſſer für den alten 185 Knaben paſſen, und wäre doch zum mindeſten ein chriſtlicher Name, da er in der Bibel vorkömmt. Der Sergeant las mir jenes Kapitel den Abend vor meiner Aufnahme in die Gemeinde vor, und es gereichte mir zu einer mächtigen Beruhigung, etwas aus dem Buch zu hören.“ „Der alte John und Chingachgook ſind zwei ganz andere Leute,“ entgegnete der Jäger, indem er in trüben Erinnerungen den Kopf ſchüttelte.—„In dem Kriege von Acht und fünfzig ſtand er in der Blüthe ſeiner Manneskraft und war wohl auch um drei Zoll höher. Wenn Ihr ihn, wie ich es that, an jenem Morgen ge⸗ ſehen hättet, als wir von unſern Mauern aus den Dieskau ſchlu⸗ gen, ſo würdet Ihr ihn wohl für die hübſcheſte Rothhaut, die Euch je vorgekommen iſt, erklärt haben. Er war nackt bis auf die Hüft⸗ und Beinkleidung, und Ihr habt ſicher nie einen Menſchen ſo ſchön be⸗ malt geſehen: die eine Seite ſeines Geſichts roth, die andere ſchwarz. Sein Kopf war glatt geſchoren, mit Ausnahme eines Haarbüſchels auf dem Scheitel, in dem er einen Buſch von Adler⸗ federn trug, ſo ſchön, als kämen ſie aus einem Pfauenſchweife. Seine Bruſt war gefärbt, ſo daß ſie wie ein Skelett mit ſeinen Rippen ausſah, denn Chingachgook hatte viel Geſchmack in ſolchen Dingen, und wenn er ſo mit ſeinem kühnen feurigen Geſichte, ſeinem Meſſer und ſeinem Tomahawk daſtand, ſo lonnte man ſich kaum einen trotzigeren Krieger vorſtellen. Er ſpielte auch ſeine Rolle wie ein Mann, denn ich ſah ihn des andern Tages mit dreizehn Scalpen an ſeinem Gürtel. Auch muß ich der großen Schlange nachſagen, daß ſie ehrlich zu Werke gieng, und nie Einem den Scalp nahm, den ſie nicht eigenhändig getödtet hatte.“ „Nun, nun,“ rief die Wirthin;„Fechten iſt Fechten, ſo wie ſo, und auch hierin gibt's verſchiedene Moden; obgleich ich nicht ſagen kann, daß ich Geſchmack daran finde, wenn man einen Körper, nachdem der Athem entwichen iſt, verſtümmelt. Auch glaube ich nicht, daß ein Chriſt ſo etwas thun darf. Ich hoffe, Sergeant, daß Du nie bei ſo argen Werken Beihilfe geleiſtet haſt?“ 186 „Meine Obliegenheit war, in Reih' und Glied zu bleiben und mit dem Bajonet und der Muskete zu kämpfen oder zu fallen,“ erwiederte der Veteran.„Ich war damals in dem Fort, und da ich ſelten meinen Platz verließ, ſo ſah ich nur wenig von den Wilden, die vorne auf den Flanken plänkelten. Ich kann mich jedoch erinnern, von der großen Schlange, wie man ihn nannte, gehört zu haben, denn er war ein berühmter Häuptling. Damals ließ ich's mir freilich wenig träumen, ihn dereinſt unter der Be⸗ nennung des alten John als Chriſten kennen zu lernen.“ „Ja, ja; er wurde von den Herrnhutern bekehrt, die immer viel auf die Delawaren hielten,“ ſagte Lederſtrumpf.„Aber hätte man ſie nur ſich ſelbſt überlaſſen, ſo gäbe es jetzt nicht ſo viel Hanthierens um die Quellen der beiden Ströme, und dieſe Berge wären gute Jagdgründe für ihren rechtmäßigen Eigenthümer, der noch nicht zu alt iſt, um eine Büchſe zu führen, und deſſen Blick ſo ſcharf iſt, als der des Fiſchadlers, wenn er——“ Er wurde durch ein neues Stampfen an der Thüre unter⸗ brochen, und unmittelbar darauf trat die Geſellſchaft aus dem Herrenhauſe ein, welcher der Indianer ſelbſt folgte. Vierzehntes Kapitel. Der Schoppen, die Halbe, die Maß, Der Humpen, der Stiefel, das Glas Und die braune Bowle— Laßt Lieder, Ihr Jungen, erſchallen— Ein Vivat der Gerſte vor Allen! Trinklied. Durch das Eintreten der neuen Gäſte wurde eine kleine Ver⸗ wirrung veranlaßt, während welcher der Rechtsgelehrte ſich un⸗ ſichtbar gemacht hatte. Die meiſten der Männer näherten ſich Marmaduke, ſchüttelten ſeine dargebotene Hand und drückten ihre 187 Freude aus,„daß der Richter wohl ſey.“ Major Hartmann, der inzwiſchen Hut und Perücke bei Seite gelegt und dafür eine warme wollene Zipfelkappe aufgeſetzt hatte, nahm ruhig auf einem Ende des Kanapee's Platz, das von dem Doktor und dem Advokaten verlaſſen worden war, worauf er ſeinen Tabaksbeutel zum Vorſchein brachte, ſich durch den Wirth eine neue Pfeife reichen ließ und bald in eine dichte Rauchwolke gehüllt da ſaß; dann wandte er den Kopf dem Schenkſtübchen zu und rief: „Betty, den Toddy“ herein!“ Inzwiſchen hatte der Richter mit den meiſten der Anweſenden Begrüßungen gewechſelt und nahm nun Platz an der Seite des Majors, während Richard ſich's in dem behaglichſten Sitze der Stube bequem machte. Monſieur Le OQuoi ließ ſich erſt zuletzt nieder, denn er wagte es nicht, von ſeinem Stuhle Beſitz zu nehmen, bis er nach unterſchiedlichem Hin⸗ und Herrücken deſſelben die Ueberzeugung gewonnen hatte, daß er keinem der Anweſenden einen Strahl Wärme entziehe. Mohegan fand ein Winkelchen an dem Ende einer Bank in der unmittelbaren Nähe des Schenkverſchlags, und als die Ruhe wieder hergeſtellt war, bemerkte der Richter ſcherzend: „Nun, Betty, ich finde, daß Ihr Eure Popularität bei jedem Wetter, gegen alle Nebenbuhler und unter allen Secten zu be⸗ haupten wißt.— Wie hat Euch die Predigt gefallen?“ „Die Predigt?“ rief die Wirthin.„Nun, ich kann nicht anders ſagen, als daß ſie ganz räſonabel war; aber die Gebete wollten mir gar nicht einleuchten. Es iſt keine Kleinigkeit für eine neunundfünfzigjährige Perſon, ſich in der Kirche ſo viel bewegen zu müſſen. Herr Grant ſcheint übrigens ein gottesfürchtiger Mann zu ſeyn, und ſein Mädchen iſt eine fromme und andächtige Dirne.— Da, John, iſt ein Krug Cyder, mit Whisky verſetzt. Ein Indianer kann Cyder trinken, wenn es ihn auch nicht dürſtet.“ „Ich muß ſagen,“ bemerkte Hiram nach gehöriger Ueberlegung, * Eine Art Punſch; irgend eine Miſchung von geiſtigen Getränken mit Waſſer. „daß die Predigt nicht übel war, und ich vermuthe faſt, daß ſie mit beträchtlichem Beifall aufgenommen wurde. Nur hätte er Manches weglaſſen und dafür etwas Anderes einſchalten können. Da es aber eine geſchriebene Rede war, ſo ließ ſich wahrſcheinlich nicht ſo leicht etwas ändern, als wenn ein Geiſtlicher aus dem Herzen predigt.“ „Ja, das iſt's eben, Richter,“ rief die Wirthin.„Wie kann ein Mann aufſtehen und predigen, wenn Alles, was er ſagen will, niedergeſchrieben iſt, und er ſich daran binden muß, wie ein Dragoner an ſeinen Tagesbefehl?“ „Schon gut, ſchon gut,“ rief Marmaduke, mit der Hand zum Stillſchweigen winkend;„es iſt genug darüber geſprochen worden. Herr Grant ſagte ja ſelbſt, es gäbe verſchiedene Meinungen über derartige Gegenſtände, und meiner Anſicht nach hat er eine ſehr verſtändige Rede gehalten.— Ah, Jotham, wie ich höre, habt Ihr Euer Anweſen an einen neuen Anſiedler verkauft und Eure Wohnung in dem Dorfe aufgeſchlagen, um eine Schule zu errichten. Habt Ihr die Zahlung in Geld oder in Papier erhalten?“ Der Angeredete ſaß unmittelbar hinter Marmadnke, und wer des Richters Beobachtungsgabe nicht kannte, hätte wohl auf die Vermuthung kommen mögen, daß der Mann ſich deſſen Aufmerk⸗ ſamkeit habe entziehen wollen. Es war eine magere, unförmliche Geſtalt von unzufriedener Miene und ungemein unbehülflichem Aeußern. Nach einem vorbereitenden Rücken und Drehen erwiederte er: „Je nun, zum Theil in klingender Münze, zum Theil in Papier und Naturalien. Der Käufer iſt ein Mann aus Pumpfret und ſchon ein bischen in das Geſchäft eingeſchoſſen. Unſerem Ab⸗ finden gemäß, zahlt er mir zehn Dollar für einen Acker gelichteten Landes, und einen Dollar über den Ankaufspreis für den Acker Waldgrund, wobei wir die Ballichkeiten einer gemeinſchaftlichen Schätzung unterwarfen. Ich wählte zu dieſem Ende den Aſa Mountagu und er den Abſalom Bement, welche ſodann die alten 189 Squire Naphtaly Green beizogen und die Gebäude zu achtzig Dollar abſchätzten. Es waren zwölf Acker ausgeholzten Landes, je zu zehn Dollaren und achtundachtzig zu einem Dollar. Das Ganze betrug alſo zwei hundert ſechsundachzig und einen halben Dollar nach Abzug der Schätzungsgebühren.“ 3 „Hm!“ ſagte Marmaduke,„was koſtete Euch der Platz?“ „Je nun, ich gab, außer dem was dem Richter zufällt, meinem Bruder Tim hundert Dollar dafür: aber jetzt ſteht ein neues Haus darauf, das mich weitere ſechzig koſtete, und an Moſes zahlte ich hundert Dollar für Ausholzung und Anbau, ſo daß mich das Ganze ungefähr auf zwei hundert und ſechzig Dollar zu ſtehen kommt. Ich habe jedoch eine ſchöne Ernte in der Scheune liegen, und da ich ſechsundzwanzig und einen halben Dollar über meine Unkoſten erhielt, ſo glaube ich, einen ſehr guten Handel gemacht zu haben.“ „Ja, aber ihr vergeßt, daß die Ernte auch ohne den Handel Euch gehörte, und daß Ihr für ſechsundzwanzig Dollar nunmehr obdachlos geworden ſeyd.“ „Was da der Richter nicht wieder weiß,“ erwiederte der Mann mit einer ſchlauen Berechnungsmiene,„bin ich doch mit einem Geſpann Roſſe und einem neuen Wagen, die unter Brüdern hun⸗ dertundfünfzig Dollar werth ſind, fünfzig Dollaren in Geld, einem guten Wechſel für weitere achtzig und einem Seitenſattel, der zu ſieben und einem halben Dollar angeſchlagen war, abgezogen. Er hatte darauf noch zwoölf Schillinge herauszubekommen, und da meinte ich, er ſolle noch die Kuh und die Melktröge nehmen und mir das Pferdegeſchirr geben. Das wollte er aber nicht— und ich durchſchaute ihn wohl, denn er dachte, ich müſſe ihm doch das Geſchirr abkaufen, ehe ich Roß und Wagen brauchen könne. Ich hatte jedoch ein Paar andere Auswege im Sinne, und da er das Fahrgeräthe doch zu nichts brauchen kann, ſo bot ich ihm Pferd und Wagen wieder zu hundert und fünfundfünfzig Dollar an. Mein Weib ſagte, daß ſie ein Butterfaß brauche, und ſo wurden wir für ein Butterfaß vollends einig.“ „Und was gedenkt Ihr dieſen Winter mit Enrer Zeit anzu⸗ fangen? Ihr wißt doch, daß Zeit Geld iſt?“ „Ei, der Schulmeiſter iſt ja bei ſeiner Mutter auf Beſuch, die, dem Vernehmen nach, an der Küſte drunten auf dem Tod liegt, und ich bin mit ihm eins geworden, die Schule zu über⸗ nehmen, bis er wieder zurückkömmt. Wenn die Zeiten aufs Früh⸗ jahr nicht ſchlimmer werden, ſo bin ich Willens, einen Kram an⸗ zufangen und vielleicht nach Geneſſee zu ziehen, wo namentlich mit einem ſolchen Geſchäfte etwas zu machen ſeyn ſoll. Kömmt übrigens das Aergſte zum Argen, ſo kann ich wieder auf meiner Profeſſion arbeiten, da ich ein gelernter Schuhmacher bin.“ Es wollte ſcheinen, als ob Marmaduke den Mann nicht hoch genug anſchlage, um ihn zum Bleiben an Ort und Stelle zu bereden, denn er ließ ſich nicht mehr weiter mit ihm ein, ſon⸗ dern wendete ſeine Aufmerkſamkeit anderen Anweſenden zu.— Nach einer kurzen Pauſe wagte es Hiram, eine Frage aufzuwerfen. „Welche Neuigkeiten bringt der Richter von dem geſetzgebenden Körper mit? Es ſcheint nicht, als ob der Kongreß in der jüngſten Sitzung viel gethan hätte. Haben vielleicht die Franzoſen in der letzten Zeit weitere Schlachten geliefert?“ „Die Franzoſen ſtehen, ſeit ſie ihren König enthauptet haben, ohne Unterlaß im Feuer,“ erwiederte der Richter.„Der Charakter der Nation ſcheint ſich ganz umgewandelt zu haben; denn ich habe während unſeres Krieges viele Franzoſen gekannt, die mir recht menſchenfreundlich und gutmüthig vorkamen; aber dieſe Jakobiner ſind ſo blutdürſtig als die Bullenbeißer.“ „Es war in York drunten ein gewiſſer Roſchamboh mit uns: ein ganz prächtiger Mann, der einen ſtattlichen Reiterzug anführte. Damals war's auch, als der Sergeant von den engliſchen Batte⸗ rieen— Gott verdamm ſie— einen Schuß in's Bein bekam.“ 2 191 „Ah! mon pauyre roi!“ flüſterte Monſieur Le Quoi. „Der Kongreß hat Geſetze erlaſſen,“ fuhr Marmaduke mit Ernſt fort,„deren das Land ſehr benöthigt war. Unter Anderem iſt es verboten worden, in gewiſſen Strömen und kleineren Seen anders als zu den geeigneten Jahreszeiten mit Stellnetzen zu fiſchen und den Hirſch zur Tragezeit zu ſchießen. Das ſind Geſetze, die jeder umſichtige Mann ſchon lange für nöthig erachtete; und ich hoffe, es wird auch noch ſo weit kommen, daß Strafen auf das unzeitige Fällen des Holzes geſetzt werden.“ Der Jäger horchte auf dieſe Mittheilung mit athemloſer Auf⸗ merkſamkeit, und als der Richter geendet hatte, lachte er laut hinaus. „Mag man da Geſetze machen, ſo viel man will, Richter,“ rief er;„aber wer wird in den langen Sommertagen die Berge und des Nachts die Seen bewachen? Wild iſt Wild, und wenn Einer welches findet, ſo darf er auch ſchießen. Ich erinnere mich ſchon ſeit vierzig Jahren her, daß dieſes Recht in den Wäldern herrſcht, und ich denke, ein altes Geſetz iſt eben ſo viel werth, als zwei neue. Nur ein unerfahrener Jäger wird eine Gaiß mit dem Kitzchen an der Seite ſchießen wollen, wenn nicht allenfalls ſeine Mokaſſins alt und ſeine Beinkleider zerriſſen ſind, denn das Fleiſch iſt zu ſolcher Zeit nicht zu genießen. Aber eine Büchſe knallt unter den Felſen am Seeufer hin oft ſo laut, daß man meint fünfzig ſeyen zumal abgeſchoßen worden;— es würde da wohl ſchwer ſeyn, zu ſagen, wo der Mann ſteht, der den Drücker be rührt hat.“ „Mit dem Anſehen des Geſetzes bewaffnet, Meiſter Bumppo,“ erwiederte der Richter ernſt,„kann eine wachſame Obrigkeit viele Uebelſtände verhindern, die bisher obgewaltet und das Wild be⸗ reits ſo ſelten gemacht haben. Ich hoffe, noch den Tag zu erleben, wo das Eigenthumsrecht des Einzelnen an ſein Wild ebenſoviel ge⸗ achtet wird, als der Anſpruch auf ſeine liegenden Gründe.“ „Dieſe Eigenthumsrechte und Anſprüche ſind lauter Neuerungen,“ 192 rief Natty,„und vor dem Geſetz ſoll Keiner dem Andern gegenüber ein Vorrecht haben. Letzten Dienſtag waren es vier⸗ zehn Tage, daß ich einen Hirſch anſchoß, der jedoch über die Schneedämme und einen Heckenzaun wegſetzte. Ich eile hinten drein; das Schloß meiner Büchſe fängt ſich in den Zweigen, daß ich es nicht gleich wieder los machen kann, und ehe ich mich's verſehe, iſt das Thier auf und davon. Nun möchte ich auch wiſſen, wer mir dieſen Bock zahlen ſoll, der noch obendrein ein ganz herrliches Thier war? Wäre der Zaun nicht da geweſen, ſo hätte ich wohl noch einmal ſchießen können, und ich habe meiner Lebtage nie auf Etwas, das nicht Flügel hatte, dreimal abgedrückt. Nein, nein, Richter; die Anſiedelungen machen das Wild ſelten, nicht die Jäger.“ „Der Hirſch iſt allerdings nicht mehr ſo häͤufig, wie zur Zeit des alten Kriegs, Bumppo,“ ſagte der Major, der aus ſeinen Tabackswolken heraus aufmerkſam zugehört hatte;„aber das Land iſt nicht geſchaffen für das Wild, ſondern für Chriſtenmenſchen.“ „Ei, Major, ich glaube, Sie ſind ein Freund des Rechtes und der Gerechtigkeit, obgleich Sie ſo oft in das große Haus gehen; aber iſt es nicht hart, wenn einem Manne ſein ehrliches Gewerbe, von dem er lebt, durch Geſetze gehemmt wird? Wenn's nach dem Rechte geht, ſo muß Einer jeden Tag der Woche im ganzen Pa⸗ tent fiſchen und jagen dürfen, wenn er Luſt dazu hat.“ „Ich verſtehe Euch, Lederſtrumpf,“ entgegnete der Major, indem er ſeine ſchwarzen Augen mit einem bedeutungsvollen Blick auf den Jäger heftete;„aber Ihr ſeyd doch ſonſt nie ſo klug ge⸗ weſen, Euch allzuſehr um das zu kümmern, was kommen könnte?“ „Vielleicht hatte ich nicht ſo viel Anlaß dazu,“ ſagte der Jäger ein wenig verdrießlich, und verſank darauf in ein Schweigen, das er geraume Zeit nicht wieder brach. „Der Richter hat vorhin von den Franzoſen erzählen wollen,“ bemerkte Hiram, da die Unterhaltung jetzt ein wenig ſtocken wollte. 193 „Ja, Sir,“ verſetzte Marmaduke;„die Jakobiner von Frank⸗ reich ſcheinen ſich von einem Akte der Zügelloſigkeit in den andern zu ſtürzen. Sie führen ihr Schlächtergewerbe unter dem Titel „Geſetzesvollſtreckung' fort; und Ihr habt wohl gehört, daß ſie der langen Liſte ihrer Gräuelthaten auch die Ermordung ihrer Köni⸗ gin beigefügt haben.“ „Les monstres;“ murmelte Monſieur Le Quoi abermals, indem er ſich plötzlich mit einem convulſiviſchen Zucken auf ſeinem Stuhl umwandte. „Die Vendée iſt verheert durch die Truppen der Republik; und die Einwohner, welche es mit dem König halten, werden zu hunderten auf einmal erſchoſſen.— Die Vendée iſt ein Diſtrikt im Süden Frankreichs, der noch mit vieler Treue an der Familie der Bourbonen hängt. Ohne Zweifel kennt ihn Monſieur Le OQuoi und kann uns denſelben genau beſchreiben.“ „Non, non, non mon cher ami,“ verſetzte der Franzoſe mit unterdrückter Stimme, aber in raſchen Worten, indem er zugleich mit der rechten Hand, wie abwehrend, geſtikulirte, und mit der linken ſeine Augen bedeckte. „In der letzten Zeit ſind viele Schlachten geſchlagen worden,“ fuhr Marmaduke fort,„und leider blieben die wüthenden Republi⸗ kaner nur zu oft Sieger. Uebrigens thut es mir nicht gerade leid, daß ſie den Engländern Toulon abnahmen, denn es iſt ein Platz, an den Letztere durchaus kein Recht hatten.“ „»Ah— ha!“ rief Monſieur Le Quoi aufſpringend und in großer Lebhaftigkeit mit beiden Armen die Luft durchſchneidend, „Ces Anglais!“ Der Franzoſe gieng unter Wiederholung dieſer Ausrufungen einige Minuten lang mit größter Haſt in der Stube auf und ab, und eilte ſodann, wie übermannt von dem Sturme ſeiner innern Erregungen, plötzlich aus dem Hauſe. Man ſah ihn durch den Schnee ſeinem Laden zuwaten und mit den Armen in der Luft Die Anſtedler. 3. Aufl. 13 194 fuchteln, als wolle er die Ehre ſeiner Nation aus dem Monde herunter holen. Seine raſche Entfernung erregte nur wenig Er⸗ ſtaunen, da die Dorfbewohner ſeine Weiſe bereits kannten; nur der Major Hartmann lachte, das erſtemal während ſeines Beſu⸗ ches, laut hinaus, erhob ſodann den Krug und bemerkte— „Der Franzmann iſt toll; aber vom Trinken gewiß nicht. Er müßte nur vor Freude trunken ſeyn.“ „Die Franzoſen ſind gute Soldaten,“ meinte Kapitän Holliſter; „ſie haben uns bei York drunten manchen guten Dienſt geleiſtet. Ich verſtehe mich zwar nicht ſonderlich auf die großen Bewegungen der Armee, aber ich glaube nicht, daß Seine Excellenz im Stande geweſen wäre, ohne ihren Beiſtand gegen den Kornwallis zu marſchiren.“ „Da haſt Du Recht, Sergeant,“ ſiel ihm ſein Weib ein; „und ich wollte nur, Du haͤtteſt Dich gleichfalls ſtets wie ſie ge⸗ halten. Prächtige Leute⸗ Scanzoſen! Ich hatte eben mit meinem Karren Halt gemachtons e Ihr vorwärts rücktet, um die Reg'ler“ zu unterſtützen, als ein Regiment von dieſen Herren vor⸗ bei marſchirte; und ſo bediente ich ſie ganz nach ihrem Gefallen. Und wie ſie auszahlten! ja, in lauter guten vollwichtigen Kronen — kein Fetzen von dem verwünſchten Papiergeld drunter. Gott vergebe mir, daß ich fluche und ſo Eitles rede; aber das muß ich den Franzoſen nachſagen, daß ſie in gutem Silber auszahlten. Sie konnten weit mit einem Glas reichen, denn ſie ließen immer noch ein Tröpfchen drinn, wenn ſie es zurückgaben. Da lobe ich mir das Geſchäft, Richter, wo man gut ausblecht, und die Leute nicht ſo gar eigen ſind.“ „Dabei kann man's allerdings auf einen grünen Zweig bringen, Frau Holliſter,“ bemerkte Marmaduke.„Aber was iſt aus Richard geworden? Sprang er doch, ſobald er ſich geſetzt hatte, wieder auf, und iſt nun ſchon ſo lange abweſend, daß ich Sorge trage, er möchte erfroren ſeyn.“ * Regulären. 195 „Haſt nichts zu fürchten, Vetter Duke,“ rief der genannte Ehrenmann in eigener Perſon.„Geſchäfte können Einen bisweilen warm halten, und wäre es der kälteſte Abend, der je das Ge⸗ birge eingeeist hat. Betty, Euer Mann ſagte mir, als wir die Kirche verließen, Eure Schweine würden ſchäͤbig. Ich habe daher ein wenig nach dem Stall geſehen und mich überzeugt, daß dem ſo iſt, weßhalb ich nach Eurem Hauſe lief, Doktor, und mir von Eurem Jungen ein Pfund Bitterſalz abwägen ließ, um es unter ihre Tränke zu miſchen. Ich wette einen Hirſchziemer gegen ein graues Eichhörnchen, daß ſie ſchon in einer Woche beſſer ſeyn werden. Und nun, Frau Holliſter, bin ich der Mann für ein Glas ziſchenden Flip's.“ „Dacht ich mir's doch, Ihr könntet eines brauchen,“ verſetzte die Wirthin;„er iſt bereits gemiſcht und bedarf nur noch des Glüh⸗ eiſens. Lieber Sergeant, will gut ſeyn und mir das Eiſen herübergeben?— Nicht das andere, das weiter im Feuer liegt. Du ſiehſt ja, daß es ſchwarz iſt.— So! jetzt iſt's recht. Seht einmal her, ob es nicht ſo roth iſt, wie eine Kirſche.“ Das Getränk wurde erhitzt, und Richard nahm es mit einer Miene hin, wie ſie wohl Leute zu zeigen pflegen, die etwas recht Kluges ausgeführt zu haben meinen, zumal wenn ſie den Brannt⸗ wein lieben. „Ah, Betty, Ihr habt eine Hand, wie gemacht zum Flip⸗ miſchen,“ rief Richard, nachdem er ſich ein bischen ausgeſchnaubt hatte.„Sogar das Eiſen gibt ihm einen Wohlgeſchmack. Da, John, trink, Menſch, trink! Ich und Du und der Doktor Todd haben dieſen Abend an der Schulter des jungen Menſchen ein Meiſterſtück geliefert. Duke, ich habe in Deiner Abweſenheit ein Lied gemacht,—'s giebt nicht alle Tage zu thun, und da hat man ſchon Zeit für ſo etwas. Ich will Dir einen Vers oder zwei vorſingen, obgleich ich mich noch nicht ganz für die Melodie ent⸗ ſchieden habe— Das Leben iſt nur eine Kette von Mühen, Wo jeder hinpilgert auf dorniger Bahn. Drum laßt in die Arme der Freude uns fliehen; Bedenkt, daß im Dornbuſche Roſen auch blühen, Nicht überall naget des Kummers Zahn! Drum fort mit den Grillen, Und fort mit den Stillen— Daß Sorgen nicht ſtreuen die ſilbernen Flocken Zu frühe in unſere dunkelen Locken. Nun, Duke, was haͤltſt Du davon? Ich habe noch einen Vers in petto, aber es fehlt mir noch die letzte Zeile, bei der es mit dem Reime nicht recht gehen will.— Was ſagſt Du zu dieſer Muſik, alter John? Iſt ſie nicht ſo gut als eines von Deinen Kriegsliedern, he?“ „Gut,“ entgegnete Mohegan, der dem Getränk der Wirthin redlich zugeſprochen und gelegentlich auch den Rundkrügen des Majors und des Richters die gebührende Achtung erzeigt hatte. „Bravo! bravo! Richard!“ rief der Major, deſſen ſchwarze Augen bereits zu ſchwimmen begannen.„Braviſſimo! Ein präch⸗ tiges Lied,— aber Natty Bumppo weiß noch ein ſchöneres. Lederſtrumpf, willſt Du nicht ſingen? Sag' an, alter Knabe, willſt Du nicht ein Waldlied ſingen?“ „Nein, nein, Major,“ erwiederte der Jäger mit einem ſchwer⸗ müthigen Kopfſchütteln.„Ich habe leben müſſen, um zu ſehen, was meine Augen in dieſen Bergen nimmer zu ſchauen hofften, und da iſt mir die Luſt zum Singen vergangen. Wenn er, der das Recht hat, hier zu gebieten, ſich genöthigt ſieht, ſeinen Durſt mit Schneewaſſer zu ſtillen, ſo ziemt es denen, die von ſeinem Eigenthume leben, ſchlecht, ſich luſtig zu machen, als ob es auf der Welt nichts gäbe als Sonnenſchein und Sommer.“ Als Lederſtrumpf ausgeſprochen hatte, ließ er ſeinen Kopf wieder auf die Kniee ſinken und verbarg ſeine harten, runzlichten Züge mit den Händen. Der ſchnelle Wechſel von der grimmigen * 197 Kälte außen zu der Hitze der Trinkſtube, in Verbindung mit der Tiefe und Häufigkeit von Richards Zügen, hatten bereits, was Heiterkeit anbelangt, das Gleichgewicht zwiſchen letzterem Ehren⸗ manne und den übrigen Gäſten hergeſtellt, und jetzt hielt er ein Paar mit dampfendem Flip gefüllte Becher dem Jäger entgegen. „Ja, luſtig muß es hergehen, alter Knabe!“ rief er.„Es iſt ein luſtiges Chriſtfeſt! Was Sonnenſchein und Sommer! Seyd Ihr blind, Lederſtrumpf, daß Ihr den Mondſchein und den Winter nicht mehr ſehen könnt? Steckt Euch eine Brille in's Geſicht und ſperrt Eure Augen auf— Fort, fort mit den Grillen, Und fort mit den Stillen— Daß Sorgen nicht ſtreuen die ſilbernen Flocken Zu frühe in unſere dunkelen Locken. Hört jetzt den alten John mekkern. Die Indianer haben im Grunde doch eine verzweifelt trübſelige Muſik, Major. Ich möchte wohl wiſſen, ob ſie nie nach Noten ſingen.“ Während Richard abwechſelnd ſang und plauderte, ließ Mo⸗ hegan einige ſchwerfällige und eintönige Laute vernehmen, die er mit einer ſanften Bewegung des Kopfes und des ganzen Koͤrpers begleitete. Es waren nur wenige Worte und zwar indianiſche, ſo daß ſie nur von ihm ſelbſt und von Natty verſtanden wurden. Ohne auf Richard zu achten, fuhr er fort, ſeine wilde melancho⸗ liſche Weiſe zu ſingen, wobei er ſich bald in die höchſten Töne verſtieg, bald wieder in die tiefen bebenden Laute übergieng, welche den Charakter der indianiſchen Muſik bezeichnen. Die Aufmerkſamkeit der Geſellſchaft war nun ſehr getheilt, da die Männer, welche früher mehr im Hintergrunde geſeſſen, ſich in kleine Gruppen ſammelten und verſchiedene Gegenſtände beſpra⸗ chen, unter denen die Behandlung ſchäbiger Schweine und Pfarrer Grant's Predigtweiſe ein Hauptthema abgaben, während Doktor Todd ſich mühte, Marmaduke die Beſchaffenheit der Verletzung 198 des jungen Jägers aus einander zu ſetzen. Mohegan fuhr fort zu fingen, wobei er vor ſich hinſtierte und ſeine Züge unter dem buſchigten Haar einen ungemein wilden Ausdruck gewannen. Sein Geſang wurde allmälig lauter und ſteigerte ſich zuletzt ſo ſehr, daß das Geſpräch aufhören mußte. Der Jäger erhob nun aber⸗ mals ſeinen Kopf und ſprach mit Wärme zu dem alten Krieger in der Sprache der Delawaren, was wir hier, dem Leſer zu lieb, in einer Uebertragung geben wollen. „Wie magſt Du von Deinen Schlachten und von den Krie⸗ gern, die Du erſchlagen, ſingen, Chingachgook, wenn der ſchlimmſte Feind in Deiner Nähe iſt, der dem jungen Adler“ ſeine Rechte vorenthält? Ich habe ſo viele Schlachten mitgekämpft, als irgend ein Krieger Deines Stammes; aber zu einer ſolchen Zeit kann ich mich nicht meiner Thaten rühmen.“ „Hawk⸗eye,““ verſetzte der Indianer, mit wankenden Tritten ſeinen Platz verlaſſend,„ich bin die große Schlange der Delawaren; ich kann die Mingo's aufſpüren, wie die Adder die Eier des Wind⸗ fängers, und ſie mit einem Schlage todt zu Boden ſtrecken, wie die Klapperſchlange. Der weiße Mann machte Chingachgook's Tomahawk ſo glänzend, wie die Waſſer des Otſego in der Abend⸗ ſonne; aber er iſt roth vom Blute der Maquas.“ „Und warum haſt Du die Mingo⸗Krieger erſchlagen? Tha⸗ teſt Du es nicht, um dieſe Jagdgründe und Seen den Kindern Deiner Väter zu erhalten? Wurden ſie nicht in der Verſamm⸗ lung dem Feuereſſer übergeben? Und rinnt nicht das Blut eines Kriegers in den Adern eines jungen Häuptlings, der laut ſprechen ſollte, während ſeine Stimme zu ſchwach iſt, um gehört zu werden?“ Dieſe Anrede des Jägers ſchien einigermaßen die verwirrten Sinne des Indianers zu ſammeln, da derſelbe nunmehr das Ge⸗ ſicht den Umſtehenden zuwandte und ſeine Blicke aufmerkſam auf * Falkenauge. —— . 199 den Richter heftete. Er ſchüttelte ſein Haupt, ſtrich ſich das Haar aus der Stirne und ließ ein Paar Augen gewahr werden, die von dem Feuer wilder Racheluſt erglühten. Der Indianer war ganz umgewandelt: ſeine Hand ſchien einen vergeblichen Verſuch zu machen, den Tomahawk hervorzuholen, der mit dem Handgriffe in ſeinem Gürtel ſtack, während ſeine Blicke allmälig wieder einen leeren Ausdruck annahmen. Richard ſtellte in dieſem Augenblick einen Becher vor ihn hin, während ſich eben ſeine Züge in das Grinſen des Blödſinns verzerrten. Er ergriff das Gefäß mit beiden Hän⸗ den, trank es, auf der Bank zurückgelehnt, bis auf die Neige aus und verſuchte ſodann, es mit der Unbeholfenheit totaler Betrun⸗ kenheit bei Seite zu ſtellen. „Kein Blutvergießen!“ rief der Jäger, als er den vorüber⸗ gehenden Ausdruck der Wildheit in den Zügen des Indianers ge⸗ wahrte.„Doch er iſt betrunken und kann keinen Schaden thun. So geht es mit allen Wilden! Gebt ihnen Branntwein und ſie machen ſich ſelbſt zu Hunden. Doch ſey's drum— die Zeit wird nichtsdeſtoweniger kommen, wo Gerechtigkeit geübt wird. Wir müſſen nur Geduld haben.“ Da Natty dieß in der Sprache der Delawaren laut werden ließ, ſo wurde er natürlich von Niemand verſtanden. Er hatte kaum ausgeſprochen, als Richard rief— „Nun, der alte John iſt zeitig fertig geworden. Gebt ihm Quartier in der Scheune, Kapitän, und laßt mich für die Bezah⸗ lung ſorgen. Ich bin heute Abend reich, zehnmal reicher als Duke mit allen ſeinen Ländereien, Kapitalbriefen, Wechſeln und Renten— Fort, fort mit allen Grillen, Und fort mit den Stillen— Daß Sorgen nicht ſtreuen die ſilbernen Flocken Zu frühe in unſere dunkelen Locken. Trink, trink, König Hiram— trink, Meiſter Thunichts“— trink, ſag' ich. Heute iſt der Chriſtabend, der bekanntermaßen nur einmal des Jahres kömmt.“ „He! he! he! der Squire iſt heute ganz muſtkaliſch,“ fing Hiram an, deſſen Züge merkwürdige Anzeichen von Erſchlaffung kund zu geben begannen.„Ich meine faſt, wir ſollten noch eine Kirche bauen, Squire?“ „Eine Kirche, Meiſter Doolittle? Nein, eine Kathedrale ſoll es werden! Biſchöfe, Prieſter, Diakone, Küſter, Sakriſtei und Chor; Orgel, Organiſt und Blasbälge! Beim Lord Harry, wie Benjamin ſagt, wir wollen an dem andern Ende noch einen Thurm anbringen und zwei Kirchen daraus machen. Was meinſt Du, Duke? Willſt Du zahlen? He, wird mein Vetter Richter mit dem Gelde herausrücken?“ „Du machſt einen ſolchen Lärm, Dick, daß ich unmöglich hören 1 kann, was Doktor Todd ſagt,“ entgegnete Marmaduke.—„Ich glaube, Du bemerkteſt, die Wunde könnte vielleicht eitern und bei dieſer kalten Witterung dem Gliede Gefahr drohen?“ „Nicht doch, Sir; das wäre ganz gegen die Natur,“ ſagte El⸗ nathan, indem er ſich zu räuſpern verſuchte.„Es iſt ganz un⸗ wahrſcheinlich, daß eine ſo gut verbundene Wunde, deren Veran⸗ laſſung ich in meiner Taſche habe, eitern ſollte. Ich denke, da der Richter im Sinne hat, den jungen Mann in ſein Haus zu nehmen, ſo könnte man mit einem einzigen Umſchlage““ vollends ausreichen.“ „Ich meine auch, daß es einer thun ſollte,“ entgegnete Mar⸗ maduke mit jenem ſchalkhaften Lächeln, welches oft ſeine Züge überflog und dabei die Perſon, der es galt, im Zweifel ließ, ob —— —— * Doolittle, Thuwenig, wird hier von dem ſpaßhaft geſtimmten Richard Doonothing, Thunichts genannt. ** Das Original enthält hier ein unüberſetzbares Wortſpiel mit dem eng⸗ liſchen charge, welches ‚Umſchlag und Rechnung“ bedeutet. —,— —,— 201 ſie es als Neckerei oder überhaupt nur als launige Stimmung nehmen ſollte. Der Wirth hatte inzwiſchen dem Indianer in einem ſeiner Nebengebäude ein Strohlager bereitet, wo John, in ſeine Wollen⸗ decke gehüllt, den Reſt der Nacht zubrachte. Mittlerweile war aber auch der Major Hartmann heiter und munter geworden. Glas folgte auf Glas und Becher auf Becher, ſo daß das Zech⸗ gelage ſich tief in die Nacht oder vielmehr in den Morgen hinein erſtreckte, bis endlich der deutſche Veteran ſeinen Wunſch aus⸗ drückte, nach dem Herrenhauſe zurückzukehren. Die Mehrzahl der Gäſte hatte ſich bereits entfernt; aber Marmaduke kannte die Ge⸗ wohnheit ſeines Freundes zu gut, um auf einen früheren Aufbruch anzutragen. Sobald jedoch dieſer Vorſchlag gemacht war, gieng der Richter bereitwillig darauf ein, und das Trio ſchickte ſich zum Abzuge an. Frau Holliſter begleitete ihre Gäſte in Perſon bis an die Thüre und machte ſie auf die ſicherſten Wege aufmerkſam. „Stützt Euch auf Miſter Jones, Major,“ ſagte ſte;„er iſt jung und ſein Beiſtand wird Euch von Nützen ſeyn. Nun, es macht mir immer Freude, Euch in dem kühnen Dragoner zu ſehen; und gewiß iſt es nichts Schlimmes, den Chriſtabend mit leichtem Herzen zu begehen, denn man kann nicht wiſſen, welche Sorgen unſerer harren. Gute Nacht, Richter; und fröhliche Weihnachten Euch allen.“ Die Herren verabſchiedeten ſich, ſo gut ſie konnten, und hielten ſich in der Mitte der Straße, wo ein ſchöner, breiter, wohlbe⸗ tretener Pfad war, ſo daß ſie leidlich genug vorwärts kamen, bis ſie an das Gartenthor des Herrenhauſes gelangten; aber bei dem Eintreten in des Richters Domänen ergaben ſich einige Schwie⸗ rigkeiten. Wir wollen uns jedoch nicht mit Aufzählung der⸗ ſelben aufhalten, ſondern nur anführen, daß man des andern Morgens einige ſehr abweichende Pfade in dem Schnee fand, und daß Marmaduke, noch ehe er die Hausthüre erreichte, ſeine Gefährten vermißte. Die genannten Pfade ſetzten ihn in den Stand, ihre Spur zu verfolgen, und ſo fand er ſie denn, bis auf die Köpfe in dem Schnee begraben, wobei Richard aus Leibes⸗ kräften ſang: Fort, fort mit den Grillen Und fort mit den Stillen— Daß Sorgen nicht ſtreuen die ſilbernen Flocken Zu frühe in unſere dunkelen Locken. Fünfzehntes Kapitel. „Wie es lag, an jenem Tag, in der Bai von Biskay, oh!“ Noch ehe die im vorigen Kapitel beſchriebene Scene im kühnen Dragoner ihren Anfang nahm, war Eliſabeth wohlbehalten nach dem Herrenhauſe zurückgeleitet worden, wo ſie nun, als die Ge⸗ bieterin deſſelben, nach Belieben ſchalten und den Abend nach ihrer Neigung verbringen konnte. Die Lichter waren meiſtens erloſchen; da jedoch Benjamin mit großer Pünktlichkeit und Vorſorglichkeit vier große Kerzen in eben ſo vielen maſſiven Meſſingleuchtern auf dem Servirtiſche der Reihe nach aufgepflanzt hatte, ſo gewann dadurch die Halle eine eigenthümliche Behaglichkeit, welche mit dem unerfreulichen Anblick des Akademieſaals in einem ſchroffen Gegenſatze ſtand. Remarkable hatte Herrn Grant's Predigt gleichfalls mitan⸗ gehört und ihre Empfindlichkeit, welche die rauhen Worte des Richters nicht wenig erhöht hatten, war durch den Einfluß des Gottes⸗ dienſtes etwas gemildert worden. Sie gedachte der Jugend Eliſa⸗ beth's, und meinte, es dürfte nicht ſchwer werden, auch unter den gegenwärtigen Verhältniſſen jene Macht zu üben, welche ſie bisher unbeſtritten beſeſſen. Der Gedanke, Jemand über ſich zu haben, gegen den ſie in der Abhängigkeit eines Dienſtboten ſtehen ſollte, 203 war ihr durchaus unerträglich und ſie hatte ſich bereits ein halb Dutzend Entwürfe gebildet, wie ſie es angreifen wolle, um ſich raſch über ihre Stellung im Hauſe Gewißheit zu verſchaffen. Aber ſo oft ſie dem dunkeln, ſtolzen Auge Eliſabeth's begegnete, die, ſinnend über die Scenen ihrer Kindheit, die Veränderung ihrer Lage und vielleicht auch über die Ergebniſſe des Tages, in dem Zimmer auf und nieder gieng, empfand die Haushälterin eine Scheu, die ihr noch kein ſterbliches Weſen einzuflößen vermocht hatte, ob⸗ gleich ſie ſich's nicht geſtehen wollte. Dieß ſchüchterte ſie ein und hielt für eine Weile ihre Zunge in Banden. Endlich entſchloß ſie ſich jedoch, das Geſpräch einzuleiten, indem ſie einen Gegenſtand wählte, der geeignet war, die Rangunterſchiede aufzuheben und ihre eigenen Fähigkeiten in einem vortheilhaften Lichte zu entfalten. „Der Pfarrer Grant hat uns heute Abend eine prächtige Rede gehalten,“ begann Remarkable.„Die biſchöflichen Geiſt⸗ lichen ſind gemeiniglich gute Redner; dafür ſchreiben ſie aber auch ihre Gedanken nieder, was ihnen ſehr zu ſtatten kommt. Ich glaube indeß nicht, daß ſie eine Predigt aus dem Herzen zu halten vermöchten, wie die Geiſtlichen des ſtehenden Gottesdienſtes.“ „Und was für ein Glaubensbekenntniß meint Ihr unter dem ſtehenden Gottesdienſt?“ fragte Miß Temple mit einiger Ueber⸗ raſchung. „Je nun, die Presbyterianer, Congregationalen, die Taufge⸗ ſinnten und noch viele andere, die bei dem Gebete nicht nieder knieen.“— „Demnach würdet Ihr alſo alle, welche die Ueberzeugung meines Vaters theilen, in die Ordnung des ſitzenden Gottesdienſtes verweiſen?“ bemerkte Eliſabeth. „Ich habe dieſe nie mit einem andern Namen als mit dem der ſogenannten Quäcker bezeichnen hören,“ entgegnete Remarkable mit einiger Unruhe.„Ich wäre wohl die letzte, ſie anders zu benennen, denn ich habe in meinem Leben nie ein unehrerbietiges 204 Wort über den Richter oder über ein Glied ſeiner Familie geäu⸗ ßert. Die Quäcker ſtehen bei mir in hoher Achtung, denn es ſind manierliche und geſcheidte Leute: aber es nimmt mich nur Wunder, wie Ihr Vater in eine engliſch⸗kirchliche Familie heirathen konnte, da dieſe Religionen himmelweit von einander verſchieden ſind. Da ſitzt man ſtill und ſpricht meiſtens nichts, während die biſchöflichen allerhand treiben, ſo daß man bisweilen meint, man ſey in einer Komödie. Ich habe einmal im Lande drunten eine ſolche Kirche beſucht—“ „Ihr habt mich da auf einen Vorzug der Liturgie dieſer Kirche aufmerkſam gemacht, der mir bisher entgangen iſt. Seyd indeß ſo gut und ſeht, ob das Feuer in meinem Zimmer brennt. Ich bin von der Reiſe ermüdet und moͤchte zu Bette gehen.“ Remarkable fühlte ſich ungemein geneigt, der jungen Gebie⸗ terin des Herrnhauſes zu ſagen, ſie möchte ſelber die Thüre auf⸗ machen und nachſehen; aber die Klugheit lehrte ſie, ihre Empfind⸗ lichkeit niederzukämpfen, und nach einer kleinen Pauſe, die ihre Würde wahren ſollte, that ſie, wie ihr geheißen worden. Die Antwort lautete befriedigend, und die junge Dame zöog ſich zurück, nachdem ſie zuvor Benjamin, welcher Holz nachlegte, und der Haushälterin gute Nacht geſagt hatte. Sobald ſich die Thüre hinter Miß Temple geſchloſſen, begann Remarkable ein etwas geheimnißvolles und zweideutiges Geſpräch, in welchem ſie ſich weder billigend noch mißbilligend über die Eigen⸗ ſchaften der Abweſenden ausließ, obgleich ſie ſich nicht entbrechen konnte, allmälig ihren ganzen Unmuth kund zu geben. Der Majordomo gab keine Antwort, ſondern machte emſig in ſeinem „Geſchäfte fort. Nachdem er damit zu Stande gekommen war, ſah er nach dem Thermometer, öffnete ſodann eine Schublade des Servirtiſches und brachte etwelche Herzſtärkungen zum Vorſchein, welche ihn, auch ohne Beihülfe des ungeheuern Feuers, das er eben angeſchürt, hätten warm halten können. Sofort holte er die 10—& 1 2 205 nöthigen Gläſer aus einem Wandſchranke bei dem Kamin, ſtellte ſie auf den Tiſch, rückte ein paar Stühle herzu, und nun ſchien Benjamin zum Erſtenmale ſeiner Gefährtin Gehör ſchenken zu wollen. „Kommt,“ rief er,„kommt, Jungfer Remarkable; legt Euch in dieſem Stuhle vor Anker:'s geht ein ſcharfer Wind draußen, kann ich Euch ſagen, gute Frau. Aber was kümmert's mich? Mag er hoch oder nieder blaſen, ſeht Ihr, das iſt Ben all' eins. Die Neger ſind hübſch in den untern Raum geſtaut und haben ein Feuer vor ſich, daß man einen Ochſen dabei braten könnte. Das Thermometer ſteht gegenwärtig auf fünfundfünfzig; aber das Ahorn⸗ holz hat vortreffliche Eigenſchaften, und ehe ich ein Glas geleert habe, wird er noch um zehn Grade geſtiegen ſeyn, ſo daß es der Squire, wenn er aus Betty Holliſter's warmer Stube heimkömmt, ſo heiß finden ſoll, wie eine Hand, die das Tackelwerk mit ſchlech⸗ tem Theer eingeſchmiert hat. Kommt, Jungfer Remarkable, legt in dieſem Stuhle bei, und ſagt mir, wie Euch die neue Erbin gefällt.“ „Je nun, nach meiner Anſicht, Herr Penguillum—— „Pump,“ unterbrach ſie Benjamin.„'s iſt heute Chriſtnacht, Jungfer Remarkable, und da ſeht Ihr, iſt es viel beſſer, wenn Ihr mich Pump nennt. Einmal iſt der Name viel kürzer, und dann habe ich im Sinne, an dieſer Flaſche hier zu pumpen, ſo lange ſie gluckert. Ihr könnt mich daher mit Fug und Recht Pump nennen.“ „Immer der Alte!“ rief Remarkable mit einem Lachen, das jedes Gelenk an ihrem Körper auflöſen zu wollen ſchien.„Ihr ſeyd ein ſpaßhafter Burſche, Benjamin, wenn Ihr's darauf anlegt. Aber was ich ſagen wollte— ich denke, daß es nun bald andere Zeiten in dem Hauſe geben wird.“ „Andere Zeiten?“ rief der Majordomo, ſeine Flaſche beäu⸗ gelnd, die mit erſtaunlicher Schnelle nur den durchſichtigen Anblick des geſchliffenen Glaſes aufzunehmen drohte.„Das macht mir nicht viel aus, Jungfer Remarkable, ſo lange ich die Schlüſſel zu den Kellern in der Taſche trage.“ „Ich will nicht gerade ſagen,“ fuhr die Haushälterin fort, „daß man in dem Hauſe nicht immer genug zu eſſen und zu trinken bekommen hätte,— ein Bischen mehr Zucker in das Glas, Ben⸗ jamin,— denn Squire Jones iſt ein trefflicher Lieferant. Aber neue Herren bringen neues Regiment und es ſollte mich nicht Wunder nehmen, wenn Ihr und ich einer etwas ungewiſſen Zu⸗ kunft entgegen ſähen.“ „Das Leben iſt etwas ſo Ungewiſſes, als das Blaſen des Windes,“ ſagte Benjamin mit einer moraliſirenden Geberde;„und nichts iſt veränderlicher als der Wind, Jungfer Remarkable, wenn man nicht zufällig in den Strich der Paſſatwinde geräth; dann geht's aber wohl einen Monat in einem fort, mit Leeſegeln auf beiden Seiten, oben und unten, und ein Kajütenjunge kann ſteuern.“ „Jedermann weiß, daß das Leben etwas Ungewiſſes iſt,“ ver⸗ ſetzte Remarkable, indem ſie ihr Geſicht der guten Laune ihres Gefährten anpaßte;„aber ich ſehe voraus, daß große Verände⸗ rungen i dem Hauſe ſtattfinden werden, und habt nur Acht, man wird Euch bald einen jungen Menſchen zum Vorgeſetzten geben⸗ wie man es eben erſt mit mir gemacht hat. Freilich iſt dieß etwas Hartes, Benjamin, wenn man ſo lange wie Ihr treue Dienſte geleiſtet hat.“ „Die Beförderung ſollte nach der Dauer der Dienſtzeit ſtatt⸗ finden,“ meinte der Majordomo;„und wenn man mir Einen vor der Naſe einſchiebt, ſo lege ich mein Amt in kürzerer Zeit nieder, als man ein Lootſenboot in eine Rehde bringen kann. Doch Squire Dickens“— ſo pflegte Benjamin Richard gewöhnlich zu nennen— „iſt ein prächtiger Herr und ſo gut, als man ſich nur einen wün⸗ ſchen kann. Seht ihr, dem will ich's dann rund heraus ſagen, daß ich auf meinen Dienſt verzichte, wenn man mir irgend einen ungeleckten Hans vorſetzen will. Ich habe vorn angefangen, att⸗ vor der, nire ün⸗ gen, inen gen, 207 Jungfer Prettybones, und mich wie ein Mann hinaufgearbeitet. Ich war ſechs Monate an Bord eines Gernſey⸗Luggers, be⸗ diente die Leeſchotten und half beim Aufhießen des Tackelwerks. Dann machte ich einige Kreuz⸗ und Querzüge, wobei ich das gleiche Geſchäft verrichtete, im Grunde aber ſegelt man dabei nur im Dunkeln herum, und man lernt weiter nichts, als wie man nach den Sternen ſteuern muß. Nun ſeht Ihr, dann lernte ich wie die Stengen geſetzt werden müſſen und wie man ein Bramſegel befeſtigt; und dann verrichtete ich die kleinen Geſchäfte in der Ka⸗ jüte, wie z. B. das Grogmiſchen für die Matroſen— bei dieſer Gelegenheit kam ich zu meiner ſeinen Zunge, die, wie Ihr oft geſehen haben mögt, ihres Gleichen ſucht. Niemand verſteht das beſſer zu beurtheilen, als Ihr.“ Remarkable erwiederte dieſes Kompliment mit einem Kopf⸗ nicken und ſchlürfte aus dem vor ihr ſtehenden Glaſe; denn hin ‚und wieder ein Schlückchen von einem ſolchen Getränke, wenn es ſtark mit Zucker verſetzt war, behagte ihr gar nicht übel. Nach dieſem kleinen Höflichkeitsaustauſche zwiſchen dem würdigen Paare nahm die Unterhaltung ihren Fortgang.. „Ihr müßt in Eurem Leben viele Erfahrungen geſammelt haben, Benjamin, denn die Schrift ſagt, diejenigen, die in Schiffen das Meer beſuchen, ſehen die Werke des Herrn.“ „Nun, was das anbelangt, ſo haben die in einer Brigg oder in einem Schooner den gleichen Vortheil, und ich könnte ſagen, ſie ſähen auch die Werke des Teufels. Die See, Jungfer Remar⸗ kable, bietet den Menſchen viele Belehrung, denn man lernt dabei die Gebräuche der Völker und die Geſtalt des Landes kennen. Was meine Perſon anbelangt, ſo bin ich freilich in Vergleichung mit Vielen, welche die Meere beſuchen, nur ein ungelehrter Mann; aber ich glaube, daß es von der Küſte des Kaps Ler Hogue bis hinunter zum Kap Finiſter kein Vorgebirg und keine Inſel gibt, von der ich nicht den Namen oder ſonſt Eines und das Andere 208 wüßte.— Nehmt doch auch genug, Jungfer„Markable, daß das Waſſer eine Farbe kriegt; hier iſt Zucker. Ihr ſeyd ein Lecker⸗ maul und habt's gern ſüß, Jungfer Prettybones.— Aber was ich ſagen wollte: nehmen wir die ganze Küſte an, ſo kenne ich ſie ſo gut, als den Weg nach dem kühnen Dragoner, beſonders aber die verteufelte Bai von Biskay. Puh! ich wollte, Ihr könntet den Wind dort pfeifen hören. Man braucht da oft zwei Leute zum Halten, daß er einem nicht das Haar von dem Kopfe bläst. Durch dieſe Bai lenſſen iſt ſo ziemlich das Nämliche, wie wenn man hier zu Lande auf der einen Seite einen Berg hinan und auf der andern hinunter klettert.“ „Was Ihr da ſaget,“ rief Remarkable.„Und ſteigt denn dort das Meer berghoch an, Benjamin?“ „Nun, ich will Euch das erzählen; aber erſt laßt uns ein Schlückchen Grog verſuchen.— Hm! ich muß geſtehen, es iſt ein ganz wackerer Stoff, den man hier zu Lande führt; aber man hat ja auch Weſtindien gerade neben Bord und braucht alſo nicht weit darnach zu ſchicken. Bei'm Lord Harry, Jungfer Remarkable, wenn Gernſey nur irgendwo zwiſchen dem Kap Hatteras und dem Bite von Logann läge, wie wohlfeil müßte nicht da der Rum ſeyn? Was die See in der Bai von Biskay anbelangt, ſo wirft ſie ge⸗ rade nicht ſonderlich hohe Wellen, wenn nicht allenfalls ein Süd⸗ weſter losbricht, wo ſie dann freilich hübſch genug umher tummeln, obgleich man eigentliche Schwellen nicht in den kleinen Meeren ſuchen darf. Da muß man bei einer weſtlichen Bö an den weſt⸗ lichen Inſeln hinauffahren, das Land auf der Backbordſeite den Schnabel nach Süden gekehrt, und unter dicht gerefftem Marsſegel beigedreht, meinetwegen kann auch das Fockſegel mit dem Fock⸗ marsſtagſegel und dem Beſahnſegel gerefft ſeyn, um wo möglich ſeewärts halten zu können. Ja, da braucht man nur zwei Wachen liegen zu bleiben, wenn man berghohe Wellen ſehen will. Ich war einmal auf der Boadiſhey⸗Fregatte dort, gute Jungfer, als 209 3 man von dem Himmel nicht weiter als einen Fetzen, vielleicht von ⸗ der Größe des Schönfahr⸗Segels, ſehen konnte. Wir lagen damals in 8 Hohlwellen, die groß genug waren, um die ganze brittiſche Flotte 33 bergen zu können.“ r„Ach! um Gotteswillen! und Ihr habt Euch nicht gefürchtet, n Benjamin? Wie habt Ihr Euch denn durchgeholfen?“ m„Gefürchtet? Wer zum Teufel, glaubt Ihr, wird ſich denn ch fürchten, wenn ihm ein bischen Salzwaſſer über dem Kopf zu⸗ er ſammenſchlägt? Und was das Durchhelfen anbelangt— je nun, er als wir genug davon hatten und unſere Verdecke hübſch abgewa⸗ ſchen waren, ſo riefen wir alle Matroſen aufV; denn ſeht Ihr, die rt Wache unten lag in ihren Hängematten, gerade als ob ſie in dem be⸗ ſten Schlafzimmer geweſen wäre; und ſo blieben wir eine geraume in Weile wach, drückten das Steuer luvwärts, ließen das Fockſegel in fallen und fingen an zu laviren. Wie wir dann wieder ſo im at Gange waren, ſo frage ich Euch, Jungfer Prettybones, meint it Ihr wohl, daß es da raſcher gieng oder nicht? Ich lüge nicht, le, wenn ich ſage, daß ich das Schiff von einer Wellenſpitze zur m andern hüpfen ſah, gerade ſo wie die mit einer Flatterhaut ver⸗ 1) ſehenen Eichhörnchen von einem Baume zum andern fliegen.“ e⸗„Was? ganz aus dem Waſſer heraus?“ rief Remarkable, in⸗ d⸗ dem ſie ihre zwei dürren Arme erhob und erſtaunt die Finger aus⸗ n, einanderſpreizte. en„Es war nicht ſo leicht aus dem Waſſer heraus zu kommen, ſt⸗ Jungfer Remarkable, denn die Sprühe flog ſo hoch, daß man en nicht ſagen konnte, was See und was Wolke war. So trieben gel wir's wohl eine Stunde lang. Der erſte Lieutenant kommandirte ⸗ das Schiff ſelbſt, und außer dem Steuermann waren vier Schie⸗ ich männer am Steuer beſchäftigt, während ſechs Matroſen von dem en Vorderkaſtell in dem Geſchützraum bei den Aufholern blieben. Aber das ch Schiff hielt ſich brav! O es war ein herrliches Fahrzeug, Jungfer ils Remarkable! Ich hätte lieber in dieſer einen Fregatte wohnen Die Anſiedler. 3. Aufl. 14 mögen als in dem beſten Hauſe von England. Wenn ich der König von England geweſen wäre, ſo hätte ich ſie über die Londoner Brücke aufholen laſſen, und ſie zu einem Pallaſt einge⸗ richtet. Und warum nicht? Wenn ein Menſch ſich ein behagliches Leben verſchaffen kann, ſo muß es Seine Majeſtät können.“ „Wohl, Benjamin,“ rief die Zuhörerin, die bei dem Bericht über die Gefahren des Majordomo ganz außer ſich gerieth;„aber was habt Ihr dabei gethan?“ „Was ich dabei gethan habe? Ei, wir thaten alle unſere Schuldigkeit, wie herzhafte Burſche. Freilich wenn die Landsleute des Monſchür Ler Quaw an Bord geweſen wären, ſo würde das Fahrzeug gewiß an dem Ufer einer der kleinen Inſeln zerſchmettert worden ſeyn; aber wir liefen an dem Lande hin, bis wir todt lee⸗ wärts von den Bergen des Piko lagen, und ich will verdammt ſeyn, wenn ich bis auf den heutigen Tag herausgebracht habe, wie wir hinkamen und ob wir über die Inſel weggeſchifft oder um ſie herumgefahren ſind. Aber wir waren einmal da, und lagen da unter leichtem Segel, lavirten hin und her, ſo daß die Fregatte hin und wieder ihre Naſe hinausſtrecken konnte, und ſahen dem Winde entgegen, bis die Kühlte aus dem letzten Loche pfiff.“ „Was das für Wundergeſchichten ſind!“ rief Remarkable, die nunmehr eine wirre Vorſtellung von dem Wüthen eines Sturms gewonnen hatte, obgleich ihr die Ausdrücke, welche Benjamin brauchte, unverſtändlich waren.„Es muß doch etwas Schreckliches ſeyn, auf dem Meere draußen, und ich finde es ſehr natürlich, daß Ihr Euch nicht mit dem Gedanken befreunden könnt, von einem ſo behaglichen Heerd, wie dieſer, weggedrängt zu werden. Zwar läge nicht beſonders viel daran, denn es gibt noch mehr Häuſer, die Einem ein anſtändiges Auskommen bieten. Als der Richter mir ſeine Wirthſchaft übergab, fiel es mir gar nicht ein, daß hier lange meines Bleibens wäre, denn ich kam ganz zufällig, ungefähr eine Woche nach Frau Temple's Tod her, um zu ſehen, wie ſich 211 die Familie befinde, und gedachte Abends wieder heimzukehren; aber das Hausweſen war in einem ſo verwirrten Zuſtande, daß ich es nicht übers Herz bringen konnte, zu gehen, ohne meine Dienſte anzubieten. Der Platz ſtund mir an, da ich als eine unverheira⸗ thete Perſon über mich verfügen konnte; und weil man meiner Hilfe benöthigt war, ſo blieb ich.“ „Und ſeyd eine ſchöne Zeit an demſelben Platze vor Anker gelegen, Jungfer Remarkable. Ich denke, die Rhede hat Euch nicht übel behagt.“ „Wie mögt Ihr auch ſo reden, Benjamin! Es iſt kein wahres Wort an Allem, was Ihr ſagt. Ich muß zwar geſtehen, daß der Richter und Squire Jones ganz ordentlich mit mir umgegangen ſind; aber ich ſehe voraus, daß ſich der Stiel bald umdrehen wird. Ich hörte zwar wohl, daß der Richter weit fortgereist ſey und daß er ſeine Tochter heimzuholen beabſichtige, aber auf ein ſolches Treiben habe ich nicht gerechnet. Ich fürchte, Benjamin, daß ſie ſich gegen uns als eine recht herriſche und häßliche Frauensper⸗ ſon erweiſen wird.“ „Häßlich?“ rief der Majordomo, indem er ſeine Augen, die ſich in ſehr verdächtiger Schläfrigkeit bereits zu ſchließen begannen, verwundernd aufriß.„Beim Lord Harry, Weibsbild, Ihr könntet eben ſo gut die Boadiſhey eine garſtige Fregatte nennen! Was zum Teufel wollt Ihr denn? Sind nicht ihre Augen ſo leuchtend wie der Morgen- und der Abendſtern; und ſind nicht ihre Haare ſo glänzend wie ein Takelwerk, das ſo eben mit Theer beſchmiert worden? Beywegt ſie ſich nicht ſo ſtattlich wie ein Schiff erſten Ranges in glattem Waſſer, das vor ſeiner Kabel tanzt? Ei, Weib, das Gallionbild der Boadishey war eine Trulle gegen ſie, und doch hörte ich den Capitän oft ſagen, es ſtelle eine große Königin vor. Und ſind Königinnen nicht immer ſchön? Meint Ihr, ein König wäre einfältig genug, ſich nicht eine ſchöne Bettgenoſſin zu wählen?“ „Redet ſittſamer, Benjamin,“ ſagte die Haushälterin,„oder ich bleibe nicht in Eurer Geſellſchaft. Ich habe nichts gegen ihr hübſches Aeußere einzuwenden, aber das behaupte ich, daß ſie ſich wahrſcheinlich nicht zum Beſten benehmen wird. Es kommt mir vor, als halte ſie ſich für zu gut, um Jemandem ein Wort zu gönnen. Nach dem, was mir Squire Jones erzählt hat, glaubte ich von ihrer Geſellſchaft ganz bezaubert werden zu müſſen; aber nun muß ich ſagen, daß ſich Lowiſe Grant viel anſtändiger zu benehmen weiß, als Betſy Temple. Sie würdigte mich gar keiner Antwort, als ich ſie fragte, wie es ihr in der Heimath wäre, da ihr die Mama fehlte.“ „Vielleicht hat ſie Euch nicht verſtanden, Jungfer Prettybones. Ihr ſprecht nicht zum Beſten, und Miß Bitſy hat ſich unter den gro⸗ ßen Londoner Damen nur an das urſprüngliche Königliche Engliſch gewöhnt; ſie ſpricht es daher ſo gut als ich ſelbſt, oder als irgend ein anderer geborener brittiſcher Unterthan. Ihr habt das Bis⸗ chen, was Ihr könnt und was Ihr in der Schule gelernt, wieder ausgeſchwitzt, während die junge Herrin alles noch gut im Ge⸗ dächtniß hat und gewiß auch fleißiger geweſen iſt, als Ihr.“ „Herrin?“ rief Remarkable.„Wollt Ihr etwa gar eine Negerin aus mir machen, Benjamin? Sie iſt nicht meine Herrin und wird es nie ſeyn. Und was meine Ausſprache anbelangt, ſo nehme ich's da mit Jedem in Neu⸗England auf. Ich bin in der Grafſchaft Eſſer geboren und erzogen, und habe immer ſagen hö⸗ ren, daß der Bayſtaat wegen ſeiner Pronunſchation berühmt iſt.“ „Ich habe von dieſer Staatbay gehört,“ verſetzte Benjamin, „kann aber nicht ſagen, daß ich je dort geweſen wäre, oder über⸗ haupt auch nur wüßte, wo ſie liegt. Sie mag einen guten Anker⸗ grund haben, und das iſt jedenfalls nicht übel, wenn man eine Weile zu bleiben denkt; was aber die Größe anbelangt, ſo kann ſie in Vergleichung mit der Bay von Biskay oder meinetwegen auch der Tor⸗Bay nicht mehr ſeyn, als eine Yolle gegen eine Kriegs⸗ ſchaluppe. Wenn Ihr indeß von der Ausſprache redet und das —ͤ—— 213 ganze Woͤrterbuch wie ein Kabel in einem Zuge ablaufen hören wollt, ſo müßt Ihr nach Wapping gehen und die Londoner hoͤren; das ſind die rechten Leute. Ich ſehe jedoch gar nicht ein, was Euch Miß Lizzy ſo groß Unrecht gethan hat, gute Jungfer Re⸗ markable. Nehmen wir daher noch ein Schlückchen von unſerm Ge⸗ bräu und vergeben und vergeſſen wir wie ehrliche Chriſtenſeelen.“ „Nein, das thue ich gewiß nicht, Benjamin. Eine ſolche Behandlung iſt mir etwas Neues, und ich laſſe ſie nicht auf mir liegen. Ich habe hundert und fünfzig Dollars im Vermögen, nebſt einem Bett und zwanzig Schafen; und da brauch ich denn nicht in einem Hauſe zu leben, wo man ein junges Frauenzimmer nicht bei ihrem Taufnamen nennen darf. Ich will ſie Betſy nennen, ſo oft es mir beliebt, denn wir leben in einem freien Lande und Niemand kann mir's wehren. Ich habe zwar den Sommer über bleiben wollen; ſo aber ziehe ich gleich morgen ab, und will da⸗ bei noch meine Zunge brauchen, wie ſie mir gewachſen iſt.“ „Was das anbelangt, Jungfer Remarkable,“ erwiederte Ben⸗ jamin,„ſo iſt Niemand hier, der Euch widerſprechen wird; denn ich bin der Anſicht, daß es eben ſo leicht iſt, einer Windsbraut mit einem Barcellona⸗Schnupftuch Einhalt zu thun, als Eure Zunge zum Schweigen zu bringen. Doch ſagt mir jetzt, Jungfer Haus⸗ hälterin, gibt es auch viele Affen an den Ufern jener Staatsbay?“ „Ihr ſeyd ſelbſt ein Affe, Herr Penguillum,“ rief die Haus⸗ hälterin wüthend;„oder ein Bär! ein ſchwarzer, viehiſcher Bär, und durchaus nicht die Perſon, bei der eine anſtändige Frauens⸗ perſon bleiben kann. Gott bewahre mich vor Eurer Geſellſchaft, und wenn ich auch noch dreißig Jahre in des Richters Haus blei⸗ ben ſollte. Ein ſolches Geſchwätz taugt allenfalls für die Küche, nicht aber für die Ausgeberin eines Hauſes, deſſen Herr ſich in der Welt ſehen laſſen darf.“ „Na, ſehe man, Jungfer Petty— Patty— Prettybones; kann ſeyn, daß ich ſo eine Art Bär bin, wie jeder empfinden ſoll, der mir 214 auf den Leib rücken will; aber hole mich der TX——, wenn ich ein Affe bin— ein Ding, das an einem fortſchnattert, ohne zu wiſſen, was es ſagt— ein Papagei, der in einem Duzend Sprachen redet, ſey es nun in der Staatsbay⸗Sprache, oder in der griechiſchen, oder in der deutſchen. Weiß er aber, was er damit ſagen will? Kannſt Du mir das beantworten, gute Jungfer? Ein Seekadet kann die Commandoworte nachſchreien, wie er ſie vom Capitän gehört hat; aber man laſſe ihn nur einmal ſelber machen, und das Schiff nach ſeinem eigenen Kopfe lenken— der Grog ſoll zu Gift in meinem Leibe werden, wenn ihn nicht ſogar die Schiffs⸗ jungen auslachen!“ „Der iſt freilich Gift in Eurem Leibe!“ entgegnete Remar⸗ kable, indem ſie in heftigem Zorne eine Kerze ergriff.„Ihr ſeyd ein trunkener Narr, und ich will das Zimmer verlaſſen, ehe ich weitere ungebührliche Worte von Euch vernehme.“ Die Haushälterin entfernte ſich mit einem Anſtande, der, ihrer Meinung nach, dem der Erbin wenig nachgab, und murmelte, als ſie die Thüre mit dem Krachen einer Muskete hinter ſich zuſchlug, die Schimpfworte,„Trunkenbold,“„Narr,“ und„Vieh,“ vor ſich hin. „Wen nennt ihr betrunken?“ rief Benjamin, indem er ſich mit einer Geberde aufrichtete, als gedenke er auf Remarkable los⸗ zufahren.„Wollt Ihr da die Dame ſpielen— Ihr, die Ihr zu nichts auf der Welt ſeyd, als zum Brummen und Splitter auf⸗ ſuchen? Wo zum Teufel hättet Ihr auch ein anſtändiges Beneh⸗ men und eine ordentliche Ausſprache lernen ſollen? In Eurer ver⸗ dammten Staatsbay? Ha, ha!“ Damit ſiel Benjamin wieder in ſeinen Stuhl zurück und machte ſich bald in einigen ominöͤſen Tonen Luſt, die eine ziemlich große Aehnlichkeit mit dem Brummen ſeines Lieblingsthieres, des Bären, hatten. Ehe er jedoch ganz— um mich eines Ausdruckes zu be⸗ dienen, der dem Della⸗erusca⸗Sentiment gewiſſer edlen Seelen unſerer Tage behagen würde— von Morpheus Armen umſchlungen N Schneehaufen, ihren Weg nach dem heimiſchen Heerde ſuchten. 215 war, ließ er laut unter abgemeſſenen Pauſen die ausdrucksvollen Worte „Affe,“„Papagei,“„Theertopf“ und„Sprachmeiſterin“ vernehmen. Wir wollen es nicht verſuchen, die Bedeutung dieſer Worte zu erklären, oder dieſelben in einen Zuſammenhang zu bringen; und der Leſer muß ſich ſchon mit unſerer Mittheilung begnügen, daß ſie mit all' der kalten Verachtung ausgeſprochen wurden, die ein Menſch möglicher Weiſe gegen einen Affen empfinden kann. Der Majordomo mochte ungefähr zwei Stunden ſchlafend ver⸗ bracht haben, als er durch den geräuſchvollen Eintritt Richard's, des Majors Hartmann und des Hausherrn geweckt wurde. Benja⸗ min ſammelte ſeine verwirrten Seelenvermögen ſo weit, um die beiden erſteren nach ihren Gemächern zu begleiten, worauf er je⸗ doch ſelbſt unſichtbar wurde und das Geſchäft, das Haus zu ſchlie⸗ ßen, dem überließ, welcher am meiſten bei einer ſolchen Sicherung betheiligt war. Schlöſſer und Riegel waren in jener frühen Zeit der Anſiedelung nur wenig im Gebrauch, und ſobald Marmaduke nach den ungeheuren Feuerſtellen ſeiner Wohnung geſehen hatte, verfügte er ſich gleichfalls nach ſeinem Schlafgemache. Wir folgen dem Beiſpiel unſerer Helden und ſchließen, nachdem wir Feuer und Licht verwahrt haben, die erſte Nacht unſerer Erzählung. Sechszehntes Kapitel. Wache.(bei Seite) Verrath, ihr Herren— Doch bleibt beiſammen. Viel Lärm um Nichts. Es war ein Glück für mehr als einen Zechgenoſſen, welche in der letzten Nacht den kühnen Dragoner verlaſſen hatten, daß die ſtrenge Kälte der Jahreszeit mit reißender Schnelle an Ge⸗ fahr verlor, waͤhrend ſie durch die verſchiedenen Irrgewinde der Dünne Wolken begannen gegen Morgen den Himmel zu überziehen und der Mond verſteckte ſich hinter einer Dunſtmaſſe, die unter dem Einfluſſe einer mildern, von dem fernen Ocean herwehenden Luft raſch gen Norden getrieben wurde. Die aufgehende Sonne wurde durch dichte, ſich ſtets mehrende Wolkenmaſſen verdunkelt, während der Südwind, der thalaufwaͤrts fegte, die untrüglichen Zeichen des Thauwetters mit ſich führte. Erſt ſpät am Morgen, als Eliſabeth die ſchwache Glut ge⸗ wahrte, welche, nachdem das Licht der Sonne bereits das entge⸗ gengeſetzte Gebirge berührt hatte, über den öſtlichen Bergen zum Vorſchein kam, wagte es die Tochter des Richters, das Haus zu verlaſſen, um durch eine Muſterung ſeiner Umgebung ihre Neugierde zu befriedigen, ehe noch die Nachtſchwärmer des Weihnachtsabends bei dem Frühſtücke erſchienen. Sie zog die Falten ihres Pelzmantels dichter an, um ſich gegen die Kälte, welche, trotz ihrer ſchnellen Abnahme, immer noch ſtreng genug war, zu ſchirmen, und war eben im Begriffe durch die Thüre einer Einzäunung zu treten, welche hinter dem Hauſe zu einem kleinen Dickicht von niederen Fichten führte, wo vor nicht gar langer Zeit Bäume von weit gewaltigerem Wuchs geſtanden hatten, als ſie durch Herrn Jones⸗ Stimme überraſcht wurde. „Frohe Weihnachten! frohe Weihnachten, Bäschen Eliſabeth!“ ſchrie er.„Aha, ich ſehe, Du biſt früh auf den Beinen; aber ich wußte es ja, daß ich Dir zuvorkommen würde. Ich war noch nie in einem Hauſe, wo ich nicht der ganzen Bewohnerſchaft, Mann, Weib oder Kind, groß oder klein, ſchwarz, weiß oder gelb, den er⸗ ſten Chriſtfeſtsgruß abgewann. Aber warte einen Augenblick, bis ich in meinen Rock geſchlüpft bin. Ich ſehe, Du willſt Dir die Verſchönerungen betrachten, und die kann Dir Niemand ſo gut er⸗ klären, als ich, da Alles nach meinem Plan angelegt worden. Es wird wohl noch eine Stunde anſtehen, ehe Duke und der Major — 217 Frau Holliſter's verwünſchte Deſtillate hinausgeſchlafen haben; und ſo will ich denn hinunterkommen und Dich begleiten.“ Eliſabeth wandte ſich um und ſah den Kopf ihres Vetters in der Nachtmütze unter dem Fenſter ſeines Schlafgemaches, denn der Eifer ſich die Ehre der erſten Begrüßung zuzueignen, hatte Herr Jones der Kälte ganz vergeſſen laſſen. Sie lachte und trat mit dem Verſprechen, auf ihn zu warten, wieder in das Haus. Nach einer Weile kam ſie mit einem Paket in der Hand, das mit mehreren großen Siegeln verſehen war, wieder zum Vorſchein, und zwar gerade zur rechten Zeit, um mit ihrem Vetter zuſammen zu treffen. „Komm Beß, komm,“ rief er, indem er einen ihrer Arme durch den ſeinigen zog,„der Schnee fängt an weich zu werden, aber uns wird er ſchon noch tragen. Riechſt Du nicht das alte Pennſylvanien in dieſem Winde? Wir haben hier ein ſchlimmes Clima, Mädchen. Geſtern Abend bei Sonnenuntergang war es kalt ge⸗ nug, um den Eifer eines Mannes zum Gefrieren zu bringen, und das iſt für mich ſo viel, als wenn das Thermometer auf Null ſteht; um neun oder zehn Uhr begann die Kälte zu brechen; um Mitternacht wurde es ganz mild; und die ganze übrige Nacht durch war es mir ſo heiß, daß ich die Wollendecke meines Bettes weg⸗ werfen mußte.— Holla, Aggy! frohe Weihnachten, Aggy!— Hörſt Du, was ich ſage, Du ſchwarzer Schlingel? Da iſt ein Dollar für Dich: und wenn die Herren aufſtehen, ehe ich zurück⸗ kehre, ſo kömmſt Du heraus und thuſt es mir zu wiſſen. So lieb Dir Dein Kopf iſt, ſorge dafür, daß mir„Duke nicht zuvorkömmt.“ Der Schwarze nahm das Geld von dem Schnee auf, ver⸗ ſprach gehörige Wachſamkeit, warf ſodann den Dollar wohl zwan⸗ zig Fuß in die Höhe, fing ihn im Herabfallen mit der Handfläche wieder auf und verfügte ſich nach der Küche, um mit ebenſo leich⸗ tem Herzen als glücklichem Geſichte ſein Geſchenk vorzuzeigen. „Nicht ſo laut, lieber Vetter,“ ſagte die junge. Dame:„Ich habe bereits nach dem Vater geſehen, der wohl noch eine Stunde ſchlafen wird; Du brauchſt daher nur die gehörige Vorſicht anzu⸗ wenden, um Dir alle Ehren des Tages zu retten.“ „Wohl; Duke iſt Dein Vater, Eliſabeth, aber ich muß doch ſagen, daß er überall, ſogar in Kleinigkeiten, der Vorderſte ſeyn will. Was mich anbelangt, ſo mache ich mir nichts aus derlei Dingen, wenn es nicht gerade gilt, einem den Vorrang abzulaufen. Etwas an und für ſich Unbedeutendes kann auf dem Wege der Concurrenz zu etwas Wichtigem werden. So iſt es mit Deinem Vater,— er hat's gern, der Erſte zu ſeyn; aber da ſtehe dann ich als Mitbewerber an ſeiner Seite.“ „Das leuchtet mir wohl ein, Vetter,“ verſetzte Eliſabeth.„Du würdeſt Dir nichts aus der Auszeichnung machen, wenn Du allein auf der Welt ſtündeſt; da es aber zufälliger Weiſe noch gar viele andere gibt,— je nun, ſo mußt Du mit ihnen allen kämpfen— auf dem Wege der Concurrenz.“ „Ganz richtig, ich ſehe, Du biſt ein geſcheutes Mädchen, Beß, das ſeiner Erziehung Ehre macht. Du haſt's übrigens nur mir zu danken, daß Du in jene Anſtalt geſchickt wurdeſt; denn als Dein Vater die Sache zur Sprache brachte, fragte ich einen um⸗ ſichtigen Freund in der Stadt brieflich um Rath, welcher gerade dieſelbe Schule empfahl, in welche Du gebracht wurdeſt. Duke war, wie gewöhnlich, anfangs etwas ſtörriſch; aber als ich ihm reinen Wein einſchenkte, ſah er ſich endlich doch genöthigt, Dich hinzuſenden.“ „Still, ſtill, von Duke’s Schwächen. Er iſt mein Vater; und wenn Du wüßteſt, was er für Dich gethan hat, während wir in Albany waren, ſo würdeſt Du Dich glimpflicher über ſeinen Charakter ausdrücken.“ „Für much?“ rief Richard, indem er einen Augenblick ſeinen Spaziergang unterbrach, um nachzudenken.„Ah, ich vermuthe, er hat mir den Plan des neuen holländiſchen Bethauſes mitgebracht? Aber daraus mache ich mir wenig: denn ein Mann, der Talent be⸗ 219 ſitzt, läßt ſich nicht gerne durch die Anſichten Anderer leiten; ſein eigenes Gehirn iſt der beſte Baukünſtler.“ „Nichts der Art,“ fuhr Eliſabeth, mit einer ſchalkhaft heraus⸗ fordernden Miene fort. „Nicht? Nun, ſo laß mich ſehen— vielleicht hat er mich zum Direktor für die neue Straßenbaucommiſſion vorgeſchlagen?“ „Möglich; aber ich meine keine ſolche Anſtellung.“ „Keine ſolche Anſtellung?“ wiederholte Herr Jones, den die Neugierde gewaltig zu ſtacheln begann.„Alſo doch eine Anſtellung! Wenn's aber eine beim Militär iſt, ſo will ich nichts davon wiſſen!“ „Nein, nein, ſie iſt nicht beim Militär,“ rief Eliſabeth, indem ſie ihm das Paket in ihrer Hand zeigte und es dann ſchnell mit neckender Miene zurückzog.„Es handelt ſich dabei um ein Amt, das Ehre und Einkommen mit einander vereinigt.“ „Ehre und Einkommen?“ erwiederte Richard in der peinlichſten Spannung.„Sage mir Naͤdchen, iſt es ein Amt, wo es Etwas zu thun gibt?“ „Du haſt's getroffen, Vetter Dick; es iſt die vollziehende Ge⸗ walt des Bezirks,— wenigſtens ſagte mein Vater ſo, als er mir dieſes Paket einhändigte, um es Dir als Chriſtgeſchenk zu über⸗ reichen.— Gewiß,“ ſagte er, ‚wenn Etwas Dick zuſagen wird, ſo iſt es die Leitung der vollziehenden Gewalt in dieſem Bezirk.“ „Leitung der vollziehenden Gewalt? Pah, Unſinn!“ rief der ungeduldige Aſpirant, indem er ihr das Paket aus der Hand riß. „Es gibt kein ſolches Amt in dem Bezirk. Ey, ey! was?— ich glaube gar, eine Beſtallung— ‚Richard Jones Esquire ernannt zum Sheriff des Bezirks.: Nun das iſt gewiß ſehr freundlich von Duke. Ich muß ſagen, Duke hat ein warmes Herz und vergißt ſeine Freunde nie. Sheriff, Ober⸗Sheriff von——! Es klingt gut; aber das Amt ſoll auch gut verſehen werden. Duke iſt im Grunde doch ein verſtändiger Mann und kennt ſeine Leute durch und durch. Ich bin ihm ſehr verbunden“— fuhr Richard fort, 220 indem er unwillkührlich mit ſeinem Rockärmel nach den Augen fuhr; „ich würde aber auch jeden Tag eben ſo viel für ihn thun, wie er ſehen ſoll, wenn es einmal Gelegenheit gibt, die Pflichten meines Amtes an ihm zu üben. Das ſoll eine Verwaltung geben, Bäschen Eliſabeth; ich ſage weiter nichts als— das ſoll eine Verwaltung geben!— Wie Einem aber doch dieſer verwünſchte Südwind die Augen naß macht!“ „Nun, ich denke, Richard,“ entgegnete das lachende Maͤdchen,„daß Du da wohl etwas zu thun finden wirſt. Ich habe dich früher oft klagen hören, daß es in dieſem neuen Landſtrich keine Geſchäfte gäbe, während es doch meinen Augen dünkt, als ob noch faſt gar nichts geſchehen ſey.“ „Nichts geſchehen?“ wiederholte Richard, indem er die Naſe aufblies und ſich mit ernſter Miene in die Bruſt warf.„Alles hängt von einer gewiſſen ſyſtematiſchen Behandlung ab, Mädchen. Ich will mich gleich dieſen Nachmittag hinſetzen und den Bezirk in ein Syſtem bringen. Begreiflich muß ich dabei Gehülfen haben. Ich theile den Bezirk in Aemter, denen ich meine Gehülfen vorſetze, — natürlich auch einen für das Dorf, welches ich das Bezirksamt nennen will. Laß ſehen:— Benjamin? Ja, Benjamin wird einen guten Gehülfen abgeben. Er iſt naturaliſirt, und würde herrlich dazu paſſen, wenn er nur reiten könnte.“ „Ja, Herr Sheriff,“ entgegnete Miß Temple;„und da er mit den Stricken umzugehen weiß, ſo wären ſeine Dienſte im Nothfalle auch auf eine andere Weiſe zu gebrauchen.“ „Nicht ſo,“ unterbrach ſie der neugeſchaffene Beamte;„ich ſchmeichle mir, daß ſich Niemand beſſer darauf verſteht, wie man einen Men⸗ ſchen hängen muß, als— das heißt— ja— o ja; Benjamin würde ausgezeichnet gut zu einem ſo unglückſeligen Dienſte paſſen, wenn er zu dem Verſuche vermocht werden könnte. Aber in dieſer Hinſicht gebe ich die Hoffnung bei ihm auf. Ich werde ihn eben A☚ 221 ſo wenig dazu bringen können, einen zu hängen, als den Rücken eines Pferdes zu beſteigen. Ich muß mir einen andern Gehülfen ſuchen.“ „Wohl, Sir, aber da nun Euer Gnaden hinreichend Muße haben, alle dieſe wichtigen Angelegenheiten ein andermal zu erwä⸗ gen, ſo bitte ich Dieſelben, zu bedenken, daß Sie Ober⸗Sheriff ſind und daher auch etwas von Ihrer Zeit der Galanterie widmen müſſen. Wo ſind die Verbeſſerungen und Verſchönerungen, welche mir gezeigt werden ſollten?“ „Wo? Ey, überall! Ich habe den Plan zu einigen neuen Straßen entworfen; und wenn ſte ausgeführt, die Bäume gefällt und zu beiden Seiten Hauſer erbaut find— wird es dann nicht eine ganz ſchöne Stadt geben? Nun, Duke iſt, trotz all ſeines Eigenſinns, eine grundgute Seele.— Ja, ja, ich muß wenigſtens vier Gehülfen haben, den Kerkermeiſter nicht mit gerechnet.“ „Ich ſehe in der Richtung unſeres Spazierganges keine Straßen,“ ſagte Eliſabeth,„wenn Du nicht die kurzen Wege durch dieſes Fichtengebüſch alſo benamſen willſt. Es kann Dir unmoͤglich Ernſt ſeyn, ſobald ſchon in dem vor uns liegenden Walde und in dieſen Sümpfen Häuſer aufführen zu laſſen?“ Unſere Straßen müſſen nach allen Himmelsgegenden laufen, Bäschen; denn was kümmern uns Baͤume, Berge, Sümpfe, wenn wir das Beſte der Nachkommenſchaft im Auge haben? Dein Vater will es ſo, und Du weißt, daß Dein Vater——“ „Dich zum Sheriff gemacht hat, Meiſter Jones,“ fiel die Dame mit einem Tone ein, der dem neugebackenen Würdenträger deutlich zu verſtehen gab, er berühre hier einen verbotenen Gegenſtand. „Ich weiß es, ich weiß es,“ erwiederte Richard;„und wenn es in meiner Macht ſtünde, ſo würde ich Duke zu einem König machen. Er hat ein gutes Herz im Leibe und würde einen herr⸗ lichen Koͤnig abgeben— das heißt wenn er einen guten Premier⸗ miniſter hätte.— Aber was gibt es da? Stimmen im Gebüſche! 222 Ich will mein Amt verlieren, wenn nicht Unheil im Werke iſt. Laß uns näher gehen und die Sache ein wenig unterſuchen.“ Während dieſes Geſprächs hatte ſich Richard mit ſeinem Bäschen ziemlich weit von dem Hauſe entfernt, und ſie waren eben in einen freien Platz hinter dem Dorfe eingetreten, der das Terrain für die beſprochenen Straßen und die künftigen Wohnungen ab⸗ geben ſollte. In der That beſtand aber das einzige ſichtbare Merkmal einer Verbeſſerung in einer nachläſſig ausgeführten Lich⸗ tung an dem Saume eines finſtern Fichtenwaldes hin, auf welcher der Nachwuchs der gleichen Baumart bereits wieder zu einer ſolchen Höhe aufgeſchoſſen war, daß das Schneefeld durch kleine immer⸗ grüne Büſche unterbrochen wurde. Das Rauſchen des Windes, der durch die Gipfel der rieſigen Bäume pfiff, verhinderte, daß die Fußtritte der Beiden gehört wurden, während die Zweige ihre Ge⸗ ſtalten verbargen. So geſchützt, näherten ſie ſich einer Stelle, wo der junge Jäger, Lederſtrumpf und der Indianerhäuptling in ernſtem Geſpräche begriffen waren. Der erſtere ſprach mit vielem Feuer und ſchien ſein Thema ſehr wichtig zu nehmen, während Natty mit mehr als gewöhnlicher Aufmerkſamkeit auf ſeine Worte horchte. Mohegan ſtand ein wenig ſeitwärts; ſein Kopf war ihm auf die Bruſt geſunken und das Haar ſiel nach vorne, ſo daß es ſeine Züge faſt ganz verbarg; ſeine Haltung drückte tiefe Niedergeſchla⸗ genheit, wo nicht Scham aus. „Laß uns gehen,“ flüſterte Eliſabeth.„Wir find hier über⸗ fluüſſig und haben kein Recht, die Geheimniſſe dieſer Leute zu behorchen.“ „Kein Recht?“ erwiederte Richard in dem gleichen Tone, aber etwas ungeduldig, indem er ihren Arm feſter faßte, um ihr Zurück⸗ treten zu verhindern.„Du vergißeſt, Bäschen, daß es meine Pflicht iſt, den Frieden des Bezirks zu wahren und Sorge zu tragen, daß die Geſetze befolgt werden. Dieſe Landſtreicher laſſen ſich häufig Uebertretungen zu Schulden kommen, obgleich ich nicht glaube, daß John Etwas heimlich verübt. Der arme Burſche! er war geſtern ——-1““ 223 Nacht ſchwer betrunken, und ſcheint auch jetzt noch nicht ganz nüch⸗ tern zu ſeyn. Laß uns näher treten und hören, was ſie ſprechen.“ Ungeachtet des Widerſtrebens der Dame ſetzte der Richter, ohne Zweifel von ſeinem Amtseifer geſpornt, ſeinen Willen durch; und beide waren bald ſo nahe, daß ſte deutlich die Worte vernehmen konnten.“ „Wir müſſen ſo oder ſo den Vogel kriegen,“ ſagte Natty. „Ich habe Zeiten geſehen, Junge, wo die wilden Truthühner nicht ſo gar ſelten in dieſem Striche waren, und jetzt muß man faſt bis in die virginiſchen Gründe gehen, wenn man einen haben will. Um einen fetten Truthahn iſt es doch etwas ganz Anderes, als um ein Rebhuhn, obgleich ich für meinen Theil einen Biberſchwanz und einen Bärenſchinken allem anderen vorziehe. Doch der Geſchmack iſt verſchieden. Ich habe dieſen Morgen meinen letzten Heller, bis auf dieſen Schilling, dem franzöſiſchen Krämer für Pulver bezahlt, und da Ihr ſelbſt nichts habt, ſo können wir nur einen einzigen Schuß d'ran ſetzen. Ich weiß, Billy Kirby iſt gleichfalls auf dem Platze und meint, der Truthahn könne ihm nicht entgehen. John hat ein ſicheres Auge für einen einzigen Schuß, und wenn mir etwas Ungewöhnliches vorkommt, ſo zittert meine Hand zuweilen, wodurch ich mein Ziel verliere. Zwar als ich im letzten Herbſt die Bärin geſchoſſen hatte, wurde ich auch noch mit ihren Jungen, ſo wüthend ſie waren, fertig, und traf aus einem Verſteck in den Bäumen heraus eines nach dem andern; aber das i*ſt etwas ganz Anderes, Herr Oliver.“ „Dieß,“— rief der junge Mann mit einem Nachdrucke aus, der wie bitterer Spott über ſeine Armuth klang, während er einen Schilling vor ſeine Augen hielt,—„dieß iſt der einzige Schatz, den ich beſitze,— dieß und meine Flinte! Jetzt bin ich in der That ganz ein Mann der Wälder geworden und muß mich hinſichtlich meines Unterhalts ausſchließlich auf die Jagd beſchränken. Kommt, Natty, wir wollen den letzten Penny an den Vogel ſetzen; mit Eurer Hand kann der Erfolg nicht fehlſchlagen.“ „Es wäre mir lieber, wenn es John thäte, Junge. Ich traue 224 mir nicht; denn weil Ihr die Sache gar ſo wichtig nehmt, ſo bin ich überzeugt, daß ich den Vogel verfehle. Den Indianern gilt eine Zeit wie die andere; ſie laſſen ſich durch nichts beunruhigen. Ich ſage, John, da iſt ein Schilling; nimm meine Büchſe und ſchieße nach dem fetten Truthahn, den ſie an dem Baumſtumpf feſtge⸗ bunden haben. Herr Oliver möchte das Thier gerne haben, und ich bin überzeugt, daß ich nichts zu leiſten vermag, wenn ich allzu haſtig bin.“ Der Indianer wandte düſter ſein Haupt um, und nachdem er ſeine Gefährten eine Weile in tiefem Schweigen betrachtet hatte, erwiederte er: „Als John jung war, flog ſeine Kugel ſo gerade, als der Strahl ſeines Auges. Die Mingoweiber ſchrieen bei dem Knalle ſeiner Büchſe. Die Mingokrieger mußten zu Weibern werden. Wann ſchoß er je zweimal? Der Adler flog über den Wolken, wenn er ſich Chingachgooks Wigwam näherte— ſeine Federn wurden der Schmuck der Weiber.— Aber ſeht,“ fuhr er fort, indem er den tiefern wehmüthigen Ton ſeiner Stimme bis zu der höchſten Höhe der Aufregung ſteigerte und ſeine beiden Hände faltete—„ſie zittern wie ein Hirſch bei dem Geheul des Wolfes. Iſt John alt? Wann war ein Mohican mit ſiebenzig Wintern ein Weib? Nein, der weiße Mann macht ihn altern— Rum iſt ſein Tomahawk.“ „Warum aber ſprichſt Du ihm zu, alter Mann,“ rief der junge Jäger.„Warum läßt ſich ein Mann von ſo edlem Weſen durch den Teufel ſo ſehr beſtricken, daß er ſich ſelbſt zum Thiere macht?“ „Thier? Iſt John ein Thier?“ verſetzte der Indianer langſ am. „Ja, Du ſagſt keine Lüge, Kind des Feuereſſers; John iſt ein Thier. Ehedem ſtieg nur wenig Rauch in dieſen Bergen auf. Der Hirſch leckte die Hand des weißen Mannes, und die Vögel ließen ſich auf ſeinem Haupte nieder. Sie kannten ihn nicht. Meine Väter kamen von den Ufern des Salzſee's. Sie flohen vor dem Rum. Sie giengen zu ihrem Großvater und lebten dort im Frieden; oder wenn 225 ſie die Streitart erhoben, ſo geſchah es, um einem Mingo den Schädel einzuſchlagen. Sie ſammelten ſich um das Berathungs⸗ feuer, und was ſie ſagten, geſchah. Damals war John ein Mann. Aber Krieger und Handelsleute mit hellen Augen folgten ihnen. Der eine brachte das lange Meſſer und der andere Rum. Es waren ihrer mehr, als Fichten auf den Bergen, und ſie löſchten das Berathungsfeuer aus und nahmen das Land in Beſitz. Der böſe Geiſt ſtack in ihren Krügen und ſie ließen ihn los. Ja— ja— Du ſagſt keine Lüge, junger Adler; John iſt ein chriſtliches Thier.“ „Vergib mir, alter Krieger,“ rief der Jüngling, ſeine Hand ergreifend;„ich ſollte der Letzte ſeyn, der Dir Vorwürfe macht. Der Fluch des Himmels treffe die Habſucht, die ein ſo edles Ge⸗ ſchlecht zerſtört hat! Vergiß nicht, John, daß ich Deiner Familie angehöre und mir dieß zu meinem größten Stolze rechne.“ Die Züge Mohegan's wurden ſanfter und er fuhr mit mehr Milde fort:. „Du biſt ein Delaware, mein Sohn; Deine Worte ſind nicht gehört worden.— John kann nicht ſchießen.“ „Ich dachte mir's wohl, daß in den Adern des Burſchen Indianerblut fließt,“ flüſterte Richard,„als ich geſtern Abend ſah, wie ungeſchickt er mit meinen Pferden umgieng. Das kömmt daher, Bäschen, weil ſie ſich nie eines Geſchirrs bedienen. Aber der arme Schlucker ſoll zwei Schüſſe auf den Truthahn haben, wenn's nöthig iſt. Ich will ihm den andern Schilling aus meiner Taſche zahlen, obgleich es vielleicht beſſer wäre, wenn ich ſelber für ihn ſchöße. Es ſcheint, die Weihnachtsbeluſtigungen haben ſchon ihren Anfang genommen, was ich aus dem Gelächter in den Büſchen dort ver⸗ muthe. Es nimmt mich übrigens Wunder, daß der Junge ſo auf den Truthahn verſeſſen iſt, obgleich ich einen ſolchen Braten auch nicht verſchmähe.“ „Halt, Vetter Richard!“ rief Eliſabeth, ihn am Arm faſſend. Iſt es nicht unzart dieſem Gentleman einen Schilling anzubieten?“ Die Anſiedler. 3. Aufl. 15 226 „Schon wieder Gentleman? Meinſt Du, eine ſolche Baſtardzucht würde einen Schilling ausſchlagen? Nein, nein, Mädchen; er wird den Schilling nehmen, und auch den Rum dazu, obſchon er ſo viel darüber moraliſirt.— Aber ich will es dem Jungen möglich machen, den Truthahn zu gewinnen, denn der Billy Kirby iſt einer der beſten Schützen in der Gegend; das heißt mit Ausnahme— des Gentlemans.“ „Wohlan denn,“ ſagte Eliſabeth, deren Willenskraft über ihre natürliche Schüchternheit den Sieg davon trug,„ſo laß mich ſprechen.“ Sie gieng mit entſchloſſener Miene vor ihrem Vetter her, und trat in den kleinen Kreis von Gebüſchen, welcher die drei Jäger umgab. Ihre Erſcheinung machte den Jüngling betroffen, ſo daß er ſich anfangs zurückziehen wollte; dann aber verbeugte er ſich gefaßt, entblöste ſein Haupt und lehnte ſich wieder an ſeine Büchſe. Weder Natty noch Mohegan verriethen irgend eine Ueberraſchung, obgleich Eliſabeth's Auftreten höchſt unerwartet war. „Ich finde,“ begann ſie,„daß die alte Chriſtfeſtsbeluſtigung des Truthahnsſchießens bei Euch noch im Schwunge iſt, und möchte wohl auch mein Glück an dem Vogel verſuchen. Welcher von Euch will dieß Geld nehmen und, nach Bezahlung der Einlage, mir ſeine Büchſe leihen?“ „Iſt dieß auch eine Beluſtigung für eine Dame?“ rief der junge Jäger mit einem Nachdruck, der nicht wohl mißverſtanden werden konnte, und einer Schnelle, welche zeigte, daß er nur ſein Gefühl zu Rathe gezogen. „Warum nicht, Sir? Wenn ſie unmenſchlich iſt, ſo fällt die Schuld nur auf Euer Geſchlecht. Aber ich habe meine Launen ſo gut, als andere. Eures Beiſtands begehre ich nicht, wohl aber den dieſes Veteranen der Wälder,“— ſie wandte ſich dabei an Natty und ließ einen Dollar in ſeine Hand fallen,—„der nicht ſo ungalant ſeyn wird, einer Dame einen Schuß aus ſeiner Büchſe zu verweigern.“ &— ☛— 227 Lederſtrumpf ließ das Geld in ſeinen Schrotbeutel fallen, er⸗ hob ſeine Büchſe, ſchüttete Zündkraut auf, und warf dann das Gewehr über ſeine Schulter, worauf er mit ſeinem gewoͤhnlichen Lachen erwiederte: „Wenn nicht Billy Kirby den Vogel vor mir gewinnt, und des Franzmanns Pulver an dieſem feuchten Morgen nicht verſagt, ſo ſollen Sie dieſen Morgen einen ſo ſchönen Truthahn todt ſehen, als nur je einer auf des Richters Tafel verſpeist wurde. An dem Mohawk und Scoharie nehmen die holländiſchen Frauen oft an ſolchen Vergnügungen Theil, und Ihr hättet nicht ſo kurz an⸗ gebunden ſeyn ſollen gegen die Dame, Junge: kommt, laßt uns gehen, denn wenn wir noch lange warten, ſo iſt der ſchönſte Vogel zum Henker.“ „Aber ich habe den Vorrang vor Euch, Natty, und will zu⸗ erſt mein eigenes Glück verſuchen. Entſchuldigen Sie, Miß Temple; ich habe einen wichtigen Grund, mir dieſen Vogel zu wünſchen, und mag deßhalb wohl ungalant erſcheinen; aber ich muß auf mein Recht Anſpruch machen.“ „Ihr mögt handeln, wie es Euch gut dünkt, Sir,“ erwiederte die Dame;„wir ſind beide Glücksjäger, und dieſer hier iſt mein Ritter. Seiner Hand und ſeinem Auge vertraue ich den Erfolg. Geht voran, Sir Lederſtrumpf; wir werden folgen.“ Natty, der an der freimüthigen Anſprache der jungen und ſchönen Eliſabeth, welche ihn mit einem ſo ſeltſamen Auftrag be⸗ ehrt hatte, Gefallen zu finden ſchien, erwiederte das heitere Lächeln der Dame mit dem ihm eigenthümlichen Ausdruck von Heiterkeit, und bewegte ſich mit langen Jägerſchritten über den Schnee hin, auf die Stelle zu, woher die Tone einer lärmenden Luſt ſchallten. Seine Begleiter folgten ihm ſchweigend, und der Jüngling warf wiederholt unruhige Blicke auf Eliſabeth, die nur durch einen Wink Richard's zurückgehalten wurde. „Mich däucht, Bäschen,“ ſagte der Letztere, ſobald die Uebri⸗ 228 gen weit genug weg waren, um ihn nicht mehr hören zu können, „Du hätteſt, wenn Du wirklich einen Truthahn wünſchteſt, nicht einen Fremden und dazu einen Menſchen, wie Lederſtrumpf, Dir aus⸗ wählen ſollen. Ich kann übrigens kaum glauben, daß es Dir Ernſt iſt, denn ich habe gegenwärtig deren fünfzig in jedem Stadium der Fette auf dem Hühnerhof, und Du kannſt Dir daher jeden, der Dir anſteht, ausſuchen. An ſechſen habe ich einen Verſuch gemacht, wie ihnen das Backſteinbrod mit——“ „Genug, Vetter Dick,“ unterbrach ihn die Dame.„Ich wünſche dieſen Vogel, und aus dieſem Grunde habe ich gerade Meiſter Lederſtrumpf damit beauftragt.“ „Haſt Du je von dem trefflichen Schuß gehört, womit ich den Wolf traf, der ein Schaaf Deines Vaters entführte, Baſe Eliſabeth?“ fragte Richard, indem er ſich unmuthig in die Bruſt warf.„Er hatte das Schaaf auf dem Rücken und den Kopf auf die andere Seite gedreht, ſonſt würde ich ihn ſicher getödtet haben; ſo aber—— „Haſt Du das Schaaf erſchoſſen— ich weiß das Alles, lieber Vetter. Aber würde es ſich auch für den Ober⸗Sheriff von—— ſchicken, an ſolchen Beluſtigungen Theil zu nehmen?“ „Sicher trauſt Du mir nicht zu, daß ich die Abſicht habe, eigenhändig zu ſchießen,“ ſagte Herr Jones.—„Doch laß uns nachfolgen und das Spektakel mit anſehen. Ein Frauenzimmer hat in dieſem neuen Lande nichts zu befürchten; zumalen die Tochter Deines Vaters, wenn ich ihr zur Seite ſtehe.“ „Meines Vaters Tochter fürchtet nichts, zumal wenn ſie von dem Vorſtande der vollziehenden Gewalt in der Grafſchaft begleitet wird.“ Sie nahm ſofort ſeinen Arm, und er führte ſie durch das Labyrinth von Büſchen zu der Stelle, wo ſich die meiſten jungen Männer des Dorfes zu einem Weihnachtswettſchießen verſammelt hatten, und wohin Natty mit ſeinen Gefährten bereits vorangegangen war. 229 Siebenzehntes Kapitel. Wie? Alles da in ſchmuckem Kleide? Ich wette,'s gibt ein Volksfeſt heute. Scott. Die alte Beluſtigung am Chriſtfeſte, nach einem Truthahn zu ſchießen, gehört zu den wenigen, die von den Anſiedlern eines neuen Landes ſelten vergeſſen werden. Sie ſteht in Verbindung mit den täglichen Beſchäftigungen eines Volkes, welches oft die Art oder Sichel bei Seite legte, wenn ein Hirſch durch den Wald jagte, wo ſie Bäume fällten; oder wenn ein Bär in ihre wenig kultivir⸗ ten Wieſengründe eindrang, um die Luft einer Lichtung zu ſchnup⸗ pern und ſich auf Kundſchaft zu legen, wie es mit dem Umſich⸗ greifen der Eindringlinge ſtehe. 4 Bei dem gegenwärtigen Anlaſſe war der herkömmliche Brauch etwas beſchleunigt worden, um ſich auch Herrn Grant's Predigt zu Nutzen machen zu können, welche für die jungen Schützen nicht weniger Reiz hatte, als ihre dermalige Beſchäftigung. Der Eigenthümer der Vögel war ein freier Neger, der ſich für dieſen Anlaß mit einer Menge von Geflügel vorgeſehen hatte, welches bewunderungswürdig geeignet war, den Appetit eines Epikuräers zu reizen und die Geſchicklichkeit der verſchiedenen, allen Alters⸗ klaſſen angehörigen Preisbewerber zu erproben. Für die jüngeren und beſcheideneren Schützen hatte er verſchiedene Vögel untergeord⸗ neten Ranges ausgeſtellt, und bereits waren mehrere Schüſſe ſehr zu dem pekuniären Vortheile des ſchwarzen Eigenthümers gefallen. Die Einrichtung des Feſtes war außerordentlich einfach und leicht verſtändlich. Der Vogel wurde mittelſt einer Schnur an den Stumpf einer großen Fichte angebunden, welcher an der dem Schützen zu⸗ gekehrten Seite mit einer Art flach gehauen war, um als Scheibe zu dienen, an der ſich die Geſchicklichkeit jedes einzelnen Individuums 230 beurtheilen ließ. Die Entfernung zwiſchen dem Stumpf und dem Schießſtand betrug hundert abgemeſſene Ellen und ein Fuß breit mehr oder weniger würde als ein Eingriff in die Rechte des Einen oder des Andern betrachtet worden ſeyn. Der Neger beſtimmte für jeden Vogel den Preis und ſetzte die Bedingungen feſt; war aber dieß einmal geſchehen, ſo blieb er durch die ſtrengen Grundſätze einer öffentlichen Gerechtigkeit, welche in der Gegend galten, genöͤthigt, jeden Luſtbezeugenden zuzulaſſen. Das Gewimmel auf dem Platze beſtand aus etlichen zwanzig oder dreißig jungen Männern, die alle mit Büchſen bewaffnet waren, und der ganzen männlichen Schuljugend des Dorfes. Die kleinen, in rauhe aber warme Kleider gehüllten Knirpſe ſchaarten ſich, die Hände in ihre Hoſentaſchen geſteckt, um die berufenſten Schützen, und horchten begierig auf das praleriſche Anrühmen der eigenen Geſchicklichkeit, die man bei früheren Gelegenheiten an den Tag gelegt hatte, in ihren kleinen Herzen die Großthaten dieſer Helden bereits zum Voraus nachahmend. Der Hauptſprecher war der von Natty ſchon erwähnte Billy Kirby. Dieſer Burſche, deſſen Beſchäftigung, wenn er arbeiten mochte, in Lichtung des Landes und Ausroden von Strünken be⸗ ſtand, war von großer Statur, und man konnte den Charakter des Mannes ſchon in ſeinem Geſichte leſen. Er war ein lärmender gedankenloſer junger Menſch, deſſen gutmüthiges Auge mit ſeiner plumpen und polternden Sprache einen ſtarken Kontraſt bildete. Er konnte wochenlang in völligem Nichtsthun von Schenke zu Schenke ſchlendern, oder für ein Mittageſſen und Branntwein kleine Geſchäfte verrichten, während er mit ſeinen Kunden um den Preis jeder Arbeit dingte und lieber faullenzte, wenn er glaubte, man trete ſeiner Unabhängigkeit zu nahe, oder man wolle ihn um einen Heller ſeines Lohnes verkürzen. War man aber einmal mit ihm eins geworden, ſo griff er nach ſeiner Art und ſeiner Büchſe, ſchlüpfte in die Riemen ſeines Tragkorbs, und marſchirte mit her⸗ — kuliſchen Schritten dem Walde zu. Hier war ſein Erſtes, ſeinen Bezirk kennen zu lernen, den er, unter jeweiligem Greifen nach ſeiner Feldflaſche, umſchritt, um die Grenzbäume durch einen Hieb ſeiner Art zu zeichnen; dann pflegte er ſich mit gar bedächtigen Mienen in den Mittelpunkt des ihm angewieſenen Platzes zu be⸗ geben, wo er ſeine überflüſſigen Kleider bei Seite legte und mit kundigem Auge einen oder zwei der nächſten Bäume maß, die, wenn er in die Höhe ſah, beinahe in die Wolken zu ragen ſchienen. Gewöhnlich wählte er einen der edelſten für ſeinen erſten Kräfte⸗ verſuch und näherte ſich ihm, ein Liedchen pfeifend, mit gleich⸗ gültiger Miene; dann ſchwang er mit ſicherer Fauſt die Art, nicht unähnlich den Begrüßungen eines Fechtmeiſters, worauf er einen leichten Hieb in die Rinde that und ſeine Entfernung abmaß. Die Pauſe, die dann folgte, war für den Wald, der ſeit Jahr⸗ hunderten dort geblüht hatte, verhängnißvoll. Den ſchweren und raſchen Hieben folgte bald das donnernde Krachen des Baumes, wenn er ſich von ſeinen eigenen letzten Verbindungsflächen loslöste, dann das Rauſchen und Knirſchen der Zweige in den Wipfeln ſeiner benachbarten Brüder, und endlich der Sturz auf den Boden, mit einer Erſchütterung, die faſt einem Erdbeben glich. Von dieſem Augenblick an ſchallten die Töne der Art ohne Unterlaß fort, während der Sturz der Bäume wie eine ferne Kanonade tönte; und das Licht des Tages drang in die Tiefe der Wälder mit der Schnelle eines Wintermorgens. Tage, Wochen, ja Monate lang konnte Billy Kirby mit dem Feuereifer ſeiner angeborenen Thatkraft und einem Erfolge, der an's Unglaubliche zu grenzen ſchien, fortarbeiten, bis er nach be⸗ endigter Fällung der Bäume mit den Lungen eines Stentors ſeinen geduldigen Ochſen rief, ſo daß die Töne wie ein Feuerlaͤrm durch die Berge ſchallten. Oft hatte man ihn an ſchönen Sommer⸗ abenden meilenweit durch das Thal von Templeton gehört, wenn das Echo der Berge ſeinen Ruf auffieng, bis derſelbe in matten 232 Lauten an den fernen Felſen, welche den See überhiengen, dahin⸗ ſtarb. War er ſodann mit dem Aufſchichten des Holzes fertig, was gleichfalls mit einer Schnelligkeit geſchah, die nur ſeiner Ge⸗ wandtheit und ſeiner herkuliſchen Kraft möͤglich war, ſo raffte der Holzfäller ſein Arbeitsgeräthe zuſammen, ſteckte die Haufen in Brand und zog unter den Flammen des geſchlagenen Waldes ab, wie der Eroberer einer Stadt, der, wenn er die Gegnerin be⸗ wältigt hat, ſeinem Siege mit der Brandfackel die Krone aufſetzt. Lange nachher konnte man ſodann Billy Kirby um die Schenken lungern ſehen, wie er die Bauernpferde ritt, bei Hahnenkämpfen den Schreier ſpielte und nicht ſelten bei Volksbeluſtigungen, wie die gegenwärtige, der Held des Tages war. Zwiſchen ihm und Lederſtrumpf hatte hinſichtlich der Kunſt⸗ fertigkeit in Handhabung der Büchſe ſeit lange eine eiferſüchtige Nebenbuhlerſchaft ſtattgefunden. Natty konnte ſich zwar einer langen Uebung rühmen, aber doch galt die allgemeine Annahme, daß der Holzhauer, was Stärke des Armes und Schärfe des Blickes anbelangte, nicht hinter ihm zurückbleibe. Die Vergleichung ihrer beiderſeitigen Fähigkeiten hatte ſich bisher auf das ſelbſt⸗ geſpendete Lob und auf Parallelen beſchränkt, aus dem Erfolg ihrer Jagdausflüge gezogen; aber jetzt ſollten ſie das Erſtemal öffentlich miteinander wetteifern. Billy Kirby war eben mit ſeinem Mäkeln über den Preis eines auserleſenen Vogels einig gewor⸗ den, als Natty und ſeine Gefährten anlangten. Der Schuß war bereits voraus zu einem Schilling,“ der höͤchſten landesüb⸗ lichen Einlage, angeſetzt worden, und ſo ſuchte denn der Schwarze * Vor der Revolution hatte jede Provinz ihre eigene Rechnungsmünze, ob⸗ ſchon in denſelben nichts als Kupfergeld geprägt wurde. In New⸗York theilte man den ſpaniſchen Dollar in acht Schillinge, die etwas über ſechs Pence engliſcher Münze(achtzehn Kreuzer oder vier Groſchen) be⸗ trugen. Gegenwärtig gilt das von der Union eingeführte Decimalſyſtem, nach welchem auch die Münzen ausgeprägt ſind. — — —— 233 ſich durch die Bedingungen des Schießens wo möglich vor Verluſt zu ſchützen. Der Truthahn war bereits an der Scheibe ange⸗ bunden, ſein Körper aber ganz von dem Schnee bedeckt, ſo daß man nichts als ſeinen rothen ſchwellenden Kopf und den langen Hals ſehen konnte. Wurde der Vogel unterhalb der Schneeober⸗ fläche verletzt, ſo blieb er das Eigenthum ſeines gegenwärtigen Beſitzers; war aber nur eine Feder an einem ſichtbaren Theile be⸗ rührt, ſo fiel das Thier als Preis dem glücklichen Schützen anheim. Der Neger, der in einer etwas gefährlichen Nachbarſchaft bei ſeinem Lieblingsvogel in dem Schnee ſaß, hatte eben dieſe Bedingungen laut verkündet, als ſich Eliſabeth mit ihrem Vetter näherte. Die lauten Ausſprüche der Heiterkeit wurden durch dieſen unerwarteten Beſuch merklich gemindert; aber nach einer kurzen Pauſe, als man in dem lächelnden Geſichte der jungen Dame ihre freundliche Theil⸗ nahme gewahrte, kehrte die Freimüthigkeit des Morgens wieder zurück, obſchon Alle ſich in der Gegenwart eines ſolchen Zuſchauers mit mehr Anſtand und weniger Ungeſtüm benahmen. „Aus dem Wege, ihr Jungen!“ rief der Holzfäller, als er auf den Schießſtand trat,—„aus dem Wege, ihr jungen Spitz⸗ buben, oder ich ſchieße Euch durch und durch. Nun, Brom, nehmt Abſchied von Eurem Truthahn.“ „Halt!“ rief der junge Jäger;„ich bin gleichfalls ein Be⸗ werber. Hier iſt mein Schilling, Brom; ich wünſche auch einen Schuß zu haben.“ „Das mögt Ihr immerhin,“ rief Kirby;„aber wie dann, wenn ich nur eine Feder jenes Puters ſtreife? Habt Ihr ſo viel Geld in Eurer Ledertaſche, daß Ihr für einen Schuß Zahlung leiſtet, der nie an Euch kommen wird?“ „Was kümmerts Euch, wie viel ich Geld in der Taſche habe?“ entgegnete der Jüngling ſtolz.„Hier iſt mein Schilling, Brom; ich mache mein Recht auf einen Schuß geltend.“ „Nur nicht gleich oben hinaus, Junge,“ ſagte der Andere, 234 indem er ruhig ſeinen Flintenſtein befeſtigte.„Man ſagt, Ihr hättet ein Loch in eurer linken Schulter; ich denke daher, Brom könnte Euch den Schuß zu dem halben Preiſe ablaſſen. Ich kann Euch ſagen, Junge, es iſt keine Kleinigkeit, jenen Vögel zu treffen— ſelbſt wenn ich Euch an die Reihe kommen ließe, was ich jedoch keineswegs im Sinne habe.“ „Thut nicht ſo dick, Billy Kirby,“ ſagte Natty, indem er den Schaft ſeiner Büchſe auf den Schnee ſtieß und ſich an den Lauf derſelben lehnte:„Ihr dürft nur einmal auf den Vogel ſchießen; und wenn der Junge auch ſein Ziel verfehlt, was mich um ſeines ſteifen und kranken Armes willen nicht Wunder nehmen ſollte, ſo kömmt doch noch ein gutes Gewehr und ein altes Auge nach Euch. Mag ſeyn, daß mein Schuß nicht mehr ſo ſicher iſt, wie vordem; aber hundert Ellen ſind eine kurze Entfernung für eine lange Büchſe.“ „Was, alter Lederſtrumpf, Ihr ſeyd auch ſchon auf den Beinen?“ rief ſein leichtfertiger Gegner.„Nun, ich lobe mir ein ehrliches Spiel. Ich habe die Vorhand vor Euch, alter Knabe; es handelt ſich alſo um einen guten Braten oder um's Leerſchlucken.“ Die Züge des Negers drückten nicht nur die ſein pecuniäres Intereſſe in's Auge faſſende Theilnahme, ſondern auch die gleiche Aufregung aus, welche in den Geſichtern aller Zuſchauer zu leſen war— nur mit ganz verſchiedenen Wünſchen für das Ergebniß. Während der Holzfäller langſam und mit ſicherer Hand die Büchſe erhob, rief ihm der Eigenthümer des Truthahn zu: „Ehrlich Spiel, Billy Kirby,— weiter zurück,— macht Platz, Jungen,— ich laſſe mich nicht betrügen,— paß auf, Puter! ſchüttle den Kopf, Du Narr! Siehſt Du nicht, daß man auf Dich zielt?“ Dieſe Nufe, welche die Abſicht hatten, die Aufmerkſamkeit des Schützen auf etwas Anderes abzulenken, verfehlten ihres Zweckes gänzlich. Die Nerven des Holzfällers waren nicht ſo leicht zu 8 122 ☛ 23⁵ erſchüttern, und er nahm alsbald ſein Ziel mit der größten Bedacht⸗ ſamkeit. Einen Augenblick herrſchte die tiefſte Stille und der Schuß fiel. Der Kopf des Truthahns duckte auf die eine Seite und ſeine Schwingen breiteten ſich für einen Augenblick aus; aber dann ſetzte er ſich ruhig wieder in ſein Bett von Schnee und ſah ſcheu umher. Mit verhaltenem Athem dauerte das Schweigen noch eine Weile fort; aber nun wurde es durch den Neger unterbrochen, welcher ein Gelächter aufſchlug und im Uebermaße ſeines Entzückens mit ſeinem Körper alle nur erdenkliche Verzerrungen vornahm und ſich im Schnee wälzte. „Brav gehalten, Puter,“ rief er, wieder aufſpringend und auf den Vogel zueilend, als wolle er ihn umarmen.„Ich ſagte ja, Du ſolleſt aufpaſſen und ihn hinter's Licht führen. Gebt noch einen Schilling, Billy, und Ihr ſollt einen zweiten Schuß haben.“ „Nein“— ſagte der junge Jäger,„die Reihe kommt jetzt an mich. Ihr habt ſchon mein Geld; tretet daher von der Scheibe weg, damit ich mein Glück verſuchen kann.“ „Ach, es iſt hinausgeworfenes Geld,“ entgegnete Lederſtrumpf. „Der Kopf und Hals eines Truthahns ſind ein gar kleines Ziel für einen lahmen Arm. Es wäre beſſer, Ihr ließet mich ſchießen; vielleicht können wir dann wegen des Vogels mit der Dame ein Abfinden treffen.“ „Der zweite Schuß gehört mir,“ entgegnete der junge Jäger. „Macht Platz, daß ich mein Ziel nehmen kann.“ Der Streit, hinſichtlich des letzten Schuſſes ließ nun nach, da ſich herausgeſtellt hatte, daß der Truthahn nothwendig ge⸗ tödtet worden wäre, wenn der Kopf deſſelben anders geſtanden hätte. Die Vorbereitungen des Jünglings veranlaßten keine beſondere Aufregung; er nahm haſtig ſein Ziel und war eben im Begriff abzudrücken, als er von Natty aufgehalten wurde. „Eure Hand zittert, Junge,“ ſagte er,„und Ihr ſeyd allzu eifrig. Kugelwunden ſind wohl im Stande, die Kraft zu mindern, und nach meinem Dafürhalten werdet Ihr nicht ſo gut als ſonſt ſchießen. Wenn Ihr feuern wollt, ſo muß es raſch geſchehen, ehe Eure unſichere Hand von dem Ziele abgleiten kann.“ „Ehrlich Spiel!“ rief der Beſitzer wieder.„Laßt einem Neger ehrlich Spiel. Welches Recht hatte Natty Bumppo, dem jungen Manne Rath zu ertheilen? Laßt ihn ſchießen. Platz gemacht!“ Der Jüngling feuerte raſch, aber der Truthahn rührte ſich nicht; und als man nach dem Merkzeichen der Kugel ſpähte, ſo ſtellte ſich's heraus, daß ſte ſogar den Baumſtumpf verfehlt hatte. Eliſabeth beobachtete den Wechſel in ſeinem Geſicht und konnte ſich eines Gefuhls von Ueberraſchung nicht erwehren, als ſie be⸗ merkte, daß ein Mann, der augenſcheinlich weit über ſeinem Ge⸗ fährten ſtand, einen unbedeutenden Verluſt ſich ſo ſehr zu Herzen nahm. Aber nun trat ihr eigener Kämpe in die Reihe. Brom's Freude über das Fehlen des zweiten Schützen, ob⸗ gleich ſie ſich nicht ſo ungeſtüm äußerte wie früher, verſchwand gänzlich, als Natty auf den Stand trat. Seine Haut bekam große braune Flecken, die ſich auf dem Ebenholzglanz der übrigen Par⸗ tien abſcheulich ausnahmen, während ſich ſeine ungeheuren Lippen allmählig an die beiden Elfenbeinreihen andrückten, die bisher, wie in Pech gefaßte Perlen, aus ſeinem Geſichte hervorgeleuchtet hatten. Seine Naſenlöcher, bei weitem der hervorragendſte Theil ſeines Geſichtes, dehnten ſich aus, bis ſie mehr als die halbe Breite deſſelben einnahmen, während ſeine braunen Knochenhände unwillkührlich in der Schneerinde wühlten, ſo ſehr hatte die Auf⸗ regung des Augenblicks ſeinen angeborenen Widerwillen gegen die Kälte beſiegt. Waͤhrend der ſchwarze Eigenthümer des Puters auf dieſe Weiſe ſeine Angſt kundgab, blieb der Mann, der dieſe außeror⸗ dentliche Aufregung veranlaßte, ſo ruhig und gefaßt, als hätte er auch nicht einen einzigen Zeugen ſeiner Geſchicklichkeit. „Ich war— gerade bevor der letzte Krieg ausbrach— — 2 ₰ 237 drunten in den holländiſchen Anſiedelungen an dem Scoharie,“ fieng Natty an, indem er ſorgfältig die Lederkapſel von dem Stahl ſeines Büchſenſchloſſes abnahm,„wo die Jungen gleichfalls ein Wettſchießen hielten, an dem ich Theil nahm. Wie riſſen da die Holländer nicht ihre Augen auf, als ich das Pulverhorn, drei Stangen Blei und ein Pfund ſo gutes Pulver, als nur je eins von der Pfanne aufblitzte, gewann! Es gieng an ein Fluchen, zu Gottes Erbarmen, und ich erfuhr nachher, daß ein betrunkener Holländer geſagt hatte, er wolle mich kalt machen, ehe ich wieder an den See zurückkehre. Aber hätte er ſeine Büchſe mit böſer Abſicht angeſetzt, ſo würde ihn Gott dafür geſtraft haben; und wäre dieß nicht der Fall geweſen und hätte er ſein Ziel verfehlt, ſo kenne ich Einen, der ihm's würde ſo gut und noch beſſer heim⸗ gegeben haben, als es von ihm gemeint war, wenn anders eine gutgeführte Büchſe in Rechnung zu bringen iſt.“ Mittlerweile hatte der alte Jäger ſeine Vorbereitungen been⸗ digt; er ſtellte den rechten Fuß rückwärts, ſtreckte ſeinen linken Arm dem Gewehrlaufe entlang, und erhob denſelben gegen den Vogel. Jedes Auge blickte raſch von dem Schützen nach dem Ziel; aber in dem Augenblick, als man den Knall der Büchſe zu vernehmen er⸗ wartete, ließ ſich nichts als das Picken des Steines vernehmen. „Abgeſchnappt! abgeſchnappt!“ jauchzte der Neger, indem er aus ſeiner zuſammengekauerten Stellung wie ein Wahnſinniger auf⸗ ſprang und vor ſeinen Vogel hineilte.„Ein Abſchnappen iſt ſo gut als ein Schuß,— Natty Bumppo's Gewehr hat geſchnappt; Natty Bumppo hat den Hahn nicht getroffen!“ „Natty Bumppo trifft einen Neger,“ ſagte der entrüſtete alte Jäger,„wenn ihr nicht aus dem Wege geht, Brom. Es iſt baarer Unſinn, Menſch, daß ein Abſchnappen für einen Schuß zählen ſoll, da das Eine nichts weiter iſt, als ein Anſchlagen an den Stahl der Pfanne, und das Andere plötzlichen Tod bringt. Packe 238 Dich alſo aus dem Wege, Burſche, damit ich Billy Kirby zeigen kann, wie man einen Weihnachtsputer ſchießt.“ „Laßt einem Neger ehrlich Spiel,“ rief der Schwarze, der entſchloſſen ſeinen Poſten behauptete und ſich in der kriechenden Weiſe ſeiner Kaſte auf das Billigkeitsgefühl der Umſtehenden berief. „Jedermann weiß, daß das Abſchnappen für einen Schuß gilt. Fragt Maſſa Jones,— fragt die Dame.“ „Gewiß,“ ſagte der Holzfäller; das iſt hier zu Land ſo der Brauch, Lederſtrumpf. Wollt Ihr noch einmal ſchießen, ſo müßt Ihr einen andern Schilling bezahlen.— Nun, ich will mein Glück wieder probiren, John; da iſt mein Geld. Ich habe den nächſten Schuß.“ „Möglich, daß Ihr die Geſetze der Wälder beſſer kennt als ich, Billy Kirby,“ erwiederte Natty ironiſch.„Ihr kamt mit den Anſied⸗ lern ins Land, einen Ochſenſtachel in Eurer Hand, und ich kam ſchon lange vor dem alten Krieg herein, die Mocaſſins an meinen Füßen und eine gute Büchſe auf meinen Schultern. Wer muß es da wohl beſſer wiſſen? Niemand ſoll mir weiß machen wollen, ein Abſchnappen ſey ſo gut, als ein Schuß, wenn einmal der Drücker berührt iſt.“ „Fragt Maſſa Jones,“ rief der um ſein Eigenthum beſorgte Neger;„er muß es wiſſen.“ Dieſe Berufung an Richard's Sachkenntniß war zu ſchmeichel⸗ haft, um unberückſichtigt zu bleiben. Er trat daher ein wenig von der Stelle vor, an welche ihn Eliſabeth's Delikateſſe gebannt hatte, und gab mit der Würde, welche die wichtige Frage und ſein eigener Rang forderte, folgende Anſicht kund: „Es ſcheint hier eine Meinungsverſchiedenheit über den Punkt obzuwalten, ob Nathanael Bumppo das Recht hat, auf Abraham Freeborn's Truthahn zu ſchießen, ohne daß beſagter Nathanael einen Schilling dafür zahlt..“ Dieſe Thatſache war zu einleuchtend, um in Abrede gezogen werden zu können, und nach einer kurzen Pauſe, während welcher das Auditorium die Einleitung verdaut haben konnte, fuhr Richard fort: 239 „Ich finde es nicht für unpaſſend, daß dieſe Frage mir zur Entſcheidung vorgelegt wird, da ich die Verpflichtung habe, über den Frieden des Diſtrikts zu wachen; und Menſchen mit tödtlichen Waffen in den Händen, ſollte man nie in einen Streit gerathen laſſen, in welchem ihre böſen Leidenſchaften die Oberhand gewinnen können. Es ſcheint, daß in dem beſtrittenen Falle weder ein mündlicher noch ein ſchriftlicher Vertrag vorliegt, weßhalb er vernünftiger Weiſe mittelſt der Analogie, das heißt durch Ver⸗ gleichung eines Dinges mit dem andern beurtheilt werden muß. Es gilt aber in Duellen, wo beide Theile ſchießen, allgemein das Abſchnappen für einen Schuß; und wenn dieß ſchon da zutrifft, wo die Gegenparthie ein Recht hat, wieder zu ſchießen, ſo ſcheint es mir eine unvernünftige Behauptung, daß ein Mann einen ganzen Tag daſtehen und auf einen Truthahn abſchnappen dürfe. Meine Meinung geht demnach dahin, daß Nathanael Bumppo ſeinen Schuß verloren hat und einen andern Schilling zahlen muß, ehe ihm das Recht eines neuen Verſuches zugeſtanden werden kann.“ Dieſe Anſicht von Seiten eines ſo bedeutenden Mannes, welche noch obendrein mit gehörigem Nachdruck ausgeſprochen wurde, brachte Alle zum Schweigen, denn die Zuſchauer hatten ſchon mit großer Wärme für die verſchiedenen Betheiligten Parthei genommen. Nur Lederſtrumpf gab ſich nicht ſo leicht zufrieden. „Ich denke, man ſollte auch Miß Eliſabeth's Gedanken hören,“ ſagte Natty.„Ich bin oft Zeuge davon geweſen, daß die Weiber ſehr guten Rath ertheilten, wenn die Indianer ſich nicht mehr zu helfen wußten. Sobald ſie erklärt, daß ich mich gefangen geben müſſe, will ich verloren haben.“ „Dann bin ich der Meinung, daß Ihr dießmal im Nachtheile ſeyd,“ verſetzte Miß Temple.„Aber ich will die Einlage zahlen, und Ihr mögt den Schuß erneuern, wenn anders Brom es nicht vorzieht, mir den Hahn für einen Dollar abzutreten. Ich will ihn bezahlen und das Leben des armen Opfers retten.“ Dieſer Vorſchlag behagte den Umſtehenden augenſcheinlich wenig, und ſelbſt der Neger hoffte ſein Thier durch eine Fortſetzung des Schießens beſſer anzubringen. Inzwiſchen hatte ſich Billy Kirby auf einen zweiten Schuß vorbereitet, und Natty verließ unmuthig den Stand, indem er vor ſich hin murmelte: „Kann man doch nie mehr einen guten Flintenſtein an den Ufern des Sees kaufen, ſeit dieſe Krämer damit das Land durch⸗ ziehen; und wenn man an den Flüſſen in den Thalgründen einen holen will, ſo iſt zehn gegen eins zu wetten, daß einem der Pflug einen Strich durch die Rechnung gemacht hat. Es iſt mir faſt, als ob mit dem Seltenerwerden des Wildes derjenige, welcher gutes Schießzeug braucht, um ſein Leben fortzubringen, zu allem Unſtern verdammt ſey. Aber ich will einen andern Stein einſetzen, denn ich weiß, Billy Kirby hat nicht das Auge für ein ſolches Ziel.“ Der Holzfäller ſchien wohl zu begreifen, daß es ſich jetzt umt ſeinen Ruf handle, und vernachläßigte kein Mittel, um ſich den Erfolg zu ſichern. Er legte die Büchſe an, zielte und zielte, ohne daß er abfeuern zu wollen ſchien. Kein Laut, nicht einmal von Brom, ließ ſich während dieſer inhaltsſchweren Bewegungen ver⸗ nehmen, bis endlich Kirby ſein Gewehr abfeuerte, aber mit eben ſo geringem Erfolg, als früher. Alsbald erſcholl das Freuden⸗ geſchrei des Negers und hallte von den Bäumen des benachbarten Waldes wieder, wie der Schlachtruf eines Indianerſtammes. Er lachte und warf den Kopf hin und her, bis ſeine ausgelaſſene Luſtigkeit erſchöpft war. Er tanzte in dem Schnee herum, ſo lange ſeine Beine ausdauern wollten, und zeigte mit einem Wort all das Ungeſtüm der Freude, welches einen gedankenloſen Neger charakteriſirt. Der Holzfäller hatte all ſeine Kunſt aufgeboten, und fühlte daher einen entſprechenden Verdruß über dieſes Fehlſchlagen. Zuerſt unterſuchte er den Vogel mit der größten Aufmerkſamkeit, und mehr als einmal behauptete er, eine ſeiner Federn geſtreift zu haben. ig, des rby hig den rch⸗ nen flug faſt, utes tern denn . um den ohne von ver⸗ eben den⸗ arten Er ſſene 7 ſo Wort deger fühlte Zuerſt mehr aben. 241 Aber die Stimme der Menge war gegen ihn, und dieſe fühlte ſich geneigt, auf den oft wiederholten Ruf des Schwarzen:„laßt einem Neger ehrlich Spiel,“ zu horchen. Als Kirby es unmöglich fand, irgend einen Anſpruch auf den Vogel geltend zu machen, wandte er ſich ſtolz an den Schwarzen und ſagte: „Halt' Deinen Rachen, Du Krähe! Wo iſt ein Mann, der einen Truthahnskopf auf hundert Ellen treffen kann? Ich war ein Narr, daß ich's verſuchte. Du haſt nicht nöthig, einen Lärm darüber aufzuſchlagen, wie eine fallende Fichte. Zeige mir den Mann, der es thun kann.“ „Nun, Billy Kirby,“ verſetzte Lederſtrumpf;„man trete nur aus dem Weg, und ich will Euch einen Mann zeigen, der vordem ſchon beſſere Schüſſe gethan hat; und das zu einer Zeit, wo er von den Indianern und wilden Beſtien gleich bedrängt wurde.“ „Vielleicht iſt Jemand da, der ein Vorrecht vor uns hat, Lederſtrumpf,“ ſagte Miß Temple.„Wenn dieß der Fall iſt, ſo wollen wir zurückſtehen.“ „Wenn Sie das in Beziehung auf mich ſagen,“ entgegnete der junge Jäger,„ſo muß ich erklären, daß ich zu keinem weiteren Verſuche geneigt bin. Mein Arm iſt noch zu ſchwach, wie ich finde.“ Eliſabeth hatte ihn aufmerkſam betrachtet, und es war ihr, als habe ein Roth ſeine Wangen überflogen, das in dem Bewußt⸗ ſeyn ſeiner Armuth begründet ſeyn mochte. Sie ſchwieg daher und hatte nichts dagegen, daß ihr eigener Kämpe ſich für den Verſuch vorbereitete. Obgleich Natty Bumppo gewiß zu hundert⸗ malen weit wichtigere Schüſſe auf ſeine Feinde oder auf ſein Wild gethan hatte, ſo bot er doch nie ſo ſehr all' ſeine Kraft auf. Er erhob ſein Gewehr zu verſchiedenen Malen— einmal, um ſein Ziel zu nehmen, das zweitemal um die Entfernung zu berechnen, und wieder einmal, da der Vogel, beunruhigt durch die todten⸗ ähnliche Stille, ſeinen Kopf raſch umwandte, um nach ſeinen Fein⸗ den zu ſehen. Aber das viertemal drückte er ab. Die Anſiedler. 3. Aufl. 16 Der Rauch, der Knall und der Eindruck des Augenblicks ver⸗ hinderte die Zuſchauer, des Ergebniſſes ſogleich gewahr zu werden; aber für Eliſabeth blieb es kein Geheimniß, als ſte ihren Ritter den Schaft ſeiner Büchſe in den Schnee ſtoßen und ſeinen Mund ſich zu dem bekannten ſtummen Lachen verziehen ſah, worauf er ganz kaltblütig ſein Gewehr auf's neue zu laden begann. Die Knaben eilten nach dem Baumſtumpfe und hoben den lebloſen Trut⸗ hahn in die Höhe, deſſen Kopf nur noch an einem Lappen hieng. „Bringt das Thier her und legt es der Dame zu Füßen,“ rief Lederſtrumpf.„Ich habe in ihrem Namen geſchoſſen und der Vogel iſt ihr Eigenthum.“. „Nun, Ihr habt Euch als einen guten Sachwalter erprobt,“ ſagte Eliſabeth—„ſo gut, Vetter Richard, daß ich Dir rathen möchte, ſeiner Fähigkeit eingedenk zu ſeyn.“ Sie hielt einen Augenblick inne, und die Heiterkeit, welche aus ihrem Geſichte ſtrahlte, machte einem feierlichen Ernſte Platz. Sie erröthete ſogar ein wenig, als ſie ſich an den jungen Jäger wandte, und mit dem Zauber weiblicher Anmuth begann: „Ich habe mein Glück nur verſucht, um Zeuge von Leder⸗ ſtrumpf's Geſchicklichkeit zu ſeyn. Wollt Ihr den Vogel als einen kleinen Erſatz dafür annehmen, daß die erhaltene Beſchädigung Euch hinderte, den Preis ſelber zu gewinnen 22 Den Ausdruck, womit der Jüngling dieſes Geſchenk annahm, wagen wir nicht zu beſchreiben. Er ſchien ſich dieſer freundlichen Begegnung zu fügen, ungeachtet eines ſtarken innern Dranges, das Gegentheil zu thun. Er verbeugte ſich und nahm das Opfer ſchweigend von ihren Füßen auf. Eliſabeth reichte dem Schwarzen ein Silberſtück als Entſchä⸗ digung für ſeinen Verluſt, was abermals ſeine Wirkung auf das Muskelſpiel des Negers nicht verfehlte, und erklärte ſodann ihrem Begleiter, daß ſie nach Hauſe zu gehen wünſche. „Warte noch ein Weilchen, Bäschen,“ rief Richard.„Es 243 walten in den Regeln bei dieſer Beluſtigung Unſicherheiten ob; die ich füglicherweiſe beſeitigen muß. Wenn Ihr morgen ein Comité an mich abſenden wollt, meine Herren, ſo werde ich eine Schieß⸗ ordnung niederſchreiben——“ Er hielt etwas unwillig inne, denn in dieſem Augenblicke wurde eine Hand vertraulich auf die Schulter des Oberſheriffs von—— gelegt. „Frohliche Weihnachten, Vetter Dick,“ ſagte Richter Temple, der ſich unbemerkt der Geſellſchaft genähert hatte.„Ich muß ein wachſames Auge auf meine Tochter haben, wenn ſich bei Dir ſolche galante Anfälle öfters wiederholen ſollten. Ich bewundere Deinen Geſchmack, daß Du eine Dame zu ſolchen Auftritten führen kannſt.“ „Ihr Eigenſinn iſt Schuld daran, Duke,“ rief der unmuthige Sheriff, der das Abgewinnen der erſten Begrüßung ebenſo ſchmerz⸗ lich empfand, als mancher Mann ein viel größeres Unglück!„aber ich muß ſagen, daß ſie auf die unverfänglichſte Weiſe von der Welt dazu gekommen iſt. Ich gieng mit ihr, um ihr die Verbeſſerungen zu zeigen; und wie ſie den erſten Ton der Feuerwaffen hörte, ſo gieng es weiter durch den Schnee, als ob ſie in einem Lager und nicht in einer Koſtſchule erſten Ranges erzogen worden wäre. Ich denke, Richter Temple, ſolche gefährliche Beluſtigungen ſollten durch ein Geſetz verboten werden. Ja, ich weiß nicht, ob ſie's nicht vielleicht ſchon ſind.“ 3 „Nun, es ziemt Dir als Sheriff des Bezirks, die Sache zu unterſuchen,“ entgegnete Marmaduke lächelnd.„Ich ſehe, daß Beß ſich ihres Auftrags entledigt hat, und will hoffen, daß er eine gütige Aufnahme fand.“ Richard ließ einen Blick auf das Paket fallen, das er in der Hand hatte, und der Unmuth über die fehlgeſchlagene erſte Gra⸗ tulation verſchwand augenblicklich. „Ah, Duke, lieber Vetter!“ ſagte er;„komm ein wenig bei Seite, ich habe Dir Etwas zu ſagen.“ 244 Marmaduke willfahrte, und der Sheriff, ihn nach einem etwas abgelegenen Gebüſche führend, fuhr fort: „Erſtlich, Duke, muß ich Dir meinen Dank abſtatten für Deine freundliche Empfehlung bei dem Gouverneur, da ohne eine ſolche, wie ich wohl weiß, ſelbſt das hervorſtechendſte Verdienſt nur wenig fruchtet. Aber wir ſind Geſchwiſterkinder— wir ſind Ge⸗ ſchwiſterkinder; und Du magſt mich verwenden wie eines Deiner Pferde— zum Reiten oder Fahren; ich bin ganz der Deine. Auf dieſen jungen Gefährten Lederſtrumpfs muß man jedoch meiner un⸗ maßgeblichen Anſicht nach, ein wachſames Auge haben. Er hegt eine ſehr gefährliche Vorliebe für Truthühner.“ „Ueberlaß ihn meiner Behandlung, Dick,“ ſagte der Nichter, „er ſoll ſo viel davon haben, daß ihm der Appetit dazu vergeht. Doch komm' zurück zu dem Schützen, ich habe etwas mit ihm zu reden.“ Achtzehntes Kapitel. Der Arme! Sie, die ihn gebar— Böt' hier er ihrem Blick ſich dar, So abgezehrt im dunkeln Haar— Sie würde nicht ihr Kind erkennen. Scott. Es that der Unterredung, welche zwiſchen dem Richter Temple und dem Jäger ſtatt finden ſollte, durchaus keinen Eintrag, daß der Erſtere ſeine Tochter beim Arme nahm und von der Stelle, wo er mit Richard geſprochen, auf den Ort zugieng, wo der Jüng⸗ ling, auf ſeine Büchſe gelehnt, ſtand und den todten Vogel zu ſeinen Füßen betrachtete. Auch die Schützengeſellſchaft ließ ſich durch des Richters Anweſenheit nicht ſtören, und ſtritt ſich laut um die Schuß⸗ bedingungen, bei denen es ſich um das Leben eines Vogels von —6 245 weit untergeordneterem Range, als der kürzlich erlegte, handelte. Lederſtrumpf und Mohegan hatten ſich zu ihrem jugendlichen Ge⸗ fährten zurückgezogen, und trotz der unmittelbaren Nachbarſchaft eines ſo großen Gedränges wurde das darauf folgende Geſpräch doch nur von den dabei Betheiligten vernommen. „Ich habe Euch eine ſchlimme Beſchädigung zugefügt, Herr Edwards“— begann der Richter: aber das plötzliche und uner⸗ klärliche Auffahren, womit der junge Mann dieſe unerwartete An⸗ rede entgegennahm, ließ ihn eine Weile inne halten. Da keine Antwort erfolgte, und die gewaltige Aufregung, die ſich in den Zügen des Jünglings ausſprach, allmählig wich, ſo fuhr Marma⸗ duke fort—„doch zum Glück ſteht es einigermaßen in meiner Macht, das was ich gethan, wieder gut zu machen. Mein Vetter Richard Jones hat eine Anſtellung erhalten, die mich für die Zu⸗ kunft ſeiner Beihülfe berauben wird, obgleich ich eben jetzt eines Mannes, der mit der Feder gut umzugehen weiß, recht ſehr bedarf. Euer Benehmen iſt mir, trotz Eures Aeußeren, ein hinreichender Bürge für Eure gute Erziehung, und ein verwundeter Arm wird Dir vor der Hand wohl keine andere Beſchäftigung erlauben“(Mar⸗ maduke verfiel nämlich, wenn er warm wurde, leicht in die vertrau⸗ liche Sprache der Freundſchaft, ohne daß er es merkte).„Mein Haus ſteht Dir offen, junger Freund, denn in dieſem neuen Lande findet der Argwohn keinen Boden, da es der böſen Begierde nur wenig Verführeriſches bietet. Leiſte mir— wenigſtens für einige Monate— Beiſtand, und Du ſollſt belohnt werden, wie es Deine Dienſte verdienen.“ Es lag weder in dem Benehmen noch in dem Anerbieten des Richters etwas, was das Widerſtreben, wir möchten faſt ſagen, den Unmuth rechtfertigen konnte, womit der Jüngling dieſe Worte an⸗ hörte. Nach einer gewaltſamen Anſtrengung, ſich zuſammen zu nehmen, erwiederte er endlich: „Ich würde Ihnen, Sir, oder einem andern Manne, gerne 246 dienen, um mich ehrlich fortzubringen, denn ich will nicht verhehlen, daß ich vielleicht in einer noch bedrängtern Lage bin, als ſich aus meinem Aeußern ſchließen läßt. Aber ich fürchte, daß ſolche neue Verbindlichkeiten mich an einem wichtigern Geſchäfte hindern könn⸗ ten, weßhalb ich Ihr Anerbieten ablehnen und mich, wie bisher, hinſichtlich meines Unterhalts auf meine Büchſe verlaſſen muß.“ Richard nahm jetzt die Gelegenheit wahr, der jungen Dame, welche ſich ein wenig in den Hintergrund gezogen hatte, zuzuflüſtern: „Siehſt Du, Bäschen Eliſabeth; das iſt der natürliche Widerwille eines Menglings, den Zuſtand der Wildheit zu verlaſſen. Ich glaube in der That, ihre Vorliebe für das Vagabundenleben iſt unabänderlich.“ „Du greifſt da zu einem unſichern Gewerbe,“ verſetzte Marma⸗ duke, der nichts von des Sheriffs Worten gehört hatte—„welches noch viel mehr Uebles mit ſich führt, als die Noth des Augenblicks. Glaube einem Mann, junger Freund, der mehr Erfahrung beſitzt als Du, wenn er Dir ſagt, daß das unſtäte Leben eines Jägers keine zeitlichen Güter bringt, und den Mann ganz und gar von einem höhern, heiligeren Ziele abführt.“ „Nein, nein, Richter,“ fiel Lederſtrumpf ein, der bis jetzt un⸗ bemerkt oder doch unbeachtet geblieben war;„Sie mögen ihn meinet⸗ wegen in Ihr Haus mitnehmen, aber Sie müſſen ihm auch die Wahrheit ſagen. Ich habe vierzig lange Jahre in den Wäldern zugebracht und fünf Jahre gelebt, ohne eine größere Lichtung zu ſehen, als eine Windgaſſe in den Bäumen; und doch möchte ich wiſſen, wo Sie einen Mann in ſeinem achtundſechzigſten Jahr finden wollen, der ein ruhigeres Leben führte, trotz der neumodiſchen Verbeſſerungen und Jagdgeſetze. Was außerdem die Ehrlichkeit, und Das, was unter ſeinen Nebenmenſchen Rechtens iſt, anbelangt, ſo geb ich dabei dem langathmigſten Prieſter in Eurem Patent kein Haar nach.“ „Du machſt eine Ausnahme, Lederſtrumpf,“ entgegnete der Nichter, indem er dem Jäger gutmüthig zunickte;„denn Du lebſt ſo mäßig, wie wenige Deines Gewerbes, und biſt ſo zäh; daß Du 247 Deinen Jahren Trotz bieten kannſt. Aber dieſer Jüngling iſt aus zu zartem Stoffe gewebt, als daß er in dem Wald zu Grunde gehen dürfte. Ich bitte Dich, ſchließe Dich meinem Haushalte an, wäre es auch nur, bis Dein Arm geheilt iſt. Meine Tochter, die demſelben vorſteht, wird Dir ſagen, daß Du willkommen biſt.“ „Gewiß,“ ſagte Eliſabeth, deren Eifer nur durch die weibliche Zurückhaltung etwas gezügelt war.—„Der Unglückliche iſt jeder Zeit willkommen, und doppelt, wenn wir uns den Vorwurf machen müſſen, daß wir ſeine Lage verſchuldet.“ „Ja,“ fügte Richard bei;„und wenn Ihr einen Truthahns⸗ braten liebt, ſo verſichere ich Euch, er findet ſich nirgends häufiger und beſſer, als in unſerm Hühnerhof.“⸗ Als Marmaduke ſich ſo kräftig unterſtützt ſah, verfolgte er ſeinen Vortheil weiter. Er ſetzte dem jungen Mann die Obliegenheiten der ihm zugedachten Stellung auseinander, und berührte ausführlich die Belohnung und alles Dasjenige, was unter Geſchäftsleuten als wichtig erſcheint. Edwards hörte in ſchwerem Seelenkampfe zu, der ſich in ſeinen Zügen nicht verkennen ließ, denn hin und wieder ſchien er den Vorſchlag begierig aufgreifen zu wollen, dann aber flog wieder der Ausdruck einer unbegreiflichen Abneigung, wie eine dunkle Wolke, welche die Nachmittagsſonne verdüſtert, über ſein Antlitz. Der Indianer, in deſſen ganzer Haltung ſich tiefe Zerknirſchung ausſprach, lauſchte auf die Worte des Richters mit einer Theil⸗ nahme, die mit jeder Minute wuchs. Er zog ſich der Gruppe all⸗ mählig näher, und als ſein ſcharfer Blick in den Zügen ſeines jungen Gefährten die entſchiedenſten Spuren der Nachgiebigkeit entdeckte, ſo änderte er plötzlich ſeine Haltung. Der Ausdruck der Scham wich von der Stirne des indianiſchen Kriegers, der jetzt mit großer Würde näher trat und alſo zu ſprechen begann: „Höre auf Deinen Vater,“ ſagte er;„ſeine Worte ſind alt. Mögen der junge Adler und der große Landhäuptling mit einander eſſen und ohne Furcht neben einander ſchlafen. Die Kinder von 248 Miquon lieben kein Blut; ſie ſind gerecht und wollen Gerechtigkeit üben. Die Sonne muß oft auf und niedergehen, ehe die Menſchen eine Familie bilden können; es iſt nicht das Werk eines Tages, ſondern vieler Monate. Die Mingos und die Delawaren ſind ge⸗ borene Feinde; ihr Blut kann ſich nie in einem Wigwam miſchen: es wird nie auf derſelben Seite fließen in der Schlacht. Was macht den Bruder von Miquon und den Adler zu Feinden? Sie ſind deſſelben Stammes: ihre Väter und Mütter ſind eins. Lerne warten, mein Sohn; Du biſt ein Delaware, und ein indianiſcher Krieger weiß ſich zu gedulden.“ Dieſe bilderreiche Anrede ſchien ein großes Gewicht für den jungen Mann zu haben, der allmählig Marmaduke's Vorſtellungen nachgab und ſich endlich deſſen Vorſchlag gefallen ließ. Es geſchah jedoch nur verſuchsweiſe, und jeder der Betheiligten ſollte den Ver⸗ trag aufheben können, wenn es ihm ſo gut dünkte. Das ſonder⸗ bare und ſchlecht verhehlte Widerſtreben des Jünglings, auf ein Anerbieten einzugehen, welches die meiſten Menſchen in ſeiner Lage für ein unverhofftes Glück gehalten hätten, erregte bei Allen, welche ihn nicht kannten, keine kleine Verwunderung, und war durchaus nicht geeignet, einen vortheilhaften Eindruck zu machen. Als die Parthien ſich trennten, wurde die Sache natürlich der Gegenſtand der Beſprechung, und wir beginnen mit einer Mittheilung der Ge⸗ danken, welche der Richter, ſeine Tochter und Richard auf ihrem langſamen Rückwege nach dem Herrenhauſe gegenſeitig austauſchten. „Ich mußte mir in der That alle Mühe geben, in meiner Ver⸗ handlung mit dieſem unbegreiflichen jungen Menſchen die heiligen Vorſchriften unſeres Erlöſers im Gedächtniß zu behalten, in denen er uns diejenigen lieben heißt, die uns verachten,“ begann Marma⸗ duke.„Ich weiß nicht, was ein Menſch von ſeinen Jahren in meinem Hauſe Schreckhaftes finden könnte— es müßte nur Deine Anweſenheit und Dein Geſicht ſeyn, Beß.“ „Nein, nein,“ verſetzte Richard mit großer Gutmüthigkeit; N 249 „Bäschen Eliſabeth iſt's nicht. Aber wann haſt Du je einen Halb⸗ wilden geſehen, Duke, der ſich mit der Civiliſation vertragen konnte? In dieſer Hinſicht ſind ſie noch ſchlimmer als die Wilden ſelbſt. Bemerkteſt Du nicht, wie er mit ſchlotternden Knieen daſtand, Eli⸗ ſabeth, und welche wilden Blicke ſeine Augen ſchoßen?“ „Ich achtete weder auf ſeine Augen noch auf ſeine Kniee, ob⸗ ſchon den erſten ein bischen Demuth wohl anſtehen würde. In der That, lieber Vater, ich glaube, Du haſt die chriſtliche Tugend der Geduld ritterlich erprobt. Seine Mienen gefielen mir ſchon lange nicht, noch ehe er einwilligte, einen Theil unſerer Familie zu bilden. In der That, wir müſſen uns durch dieſe Verbindung ſehr geehrt fühlen! In welchem Zimmer ſoll er untergebracht werden, Vater? Und an welchem Tiſche müſſen wir ihm ſeinen Nektar und ſeine Ambroſia vorſetzen?“ „Er ſpeist mit Benjamin und Remarkable,“ ſiel Herr Jones ein; denn Du kannſt doch nicht verlangen, daß der junge Mann einen Tiſch mit den Negern theile! Er iſt allerdings ein halber Indianer, aber die Eingebornen ſehen auf die Schwarzen mit großer Verachtung herunter. Nein, nein; er würde gewiß lieber Hunger ſterben, ehe er ſein Brod mit den Negern bräche.“ „Ich werde es mir zur Ehre rechnen müſſen, Dick, wenn ich ihn veranlaſſen kann, an unſerem Tiſch zu eſſen,“ ſagte Marma⸗ duke.„Es kann daher von einem ſo unwürdigen Vorſchlag, wie Du ihn machſt, keine Rede ſeyn.“ „Dann Vater,“— ſagte Eliſabeth mit einer Miene, welche ausdrücken ſollte, daß ſie ſich ihres Vaters Befehlen gegen ihren Willen füge—„dann iſt es wohl Deine Abſicht, ihn als einen Gentleman zu behandeln?“ „Allerdings, und ich hoffe, er wird ſich als einen ſolchen er⸗ weiſen. Es ſoll ihm eine Behandlung werden, wie ſie ſeiner Stel⸗ lung angemeſſen iſt, bis wir finden, daß er ſie nicht verdient.“ „Wohl, wohl, Duke,“ rief der Sheriff;„Du wirſt aber finden daß es nichts Leichtes iſt, einen Gentleman aus ihm zu machen; denn dem alten Sprüchworte zufolge, gehören drei Generationen dazu. Was mein Vater war, weiß Jedermann, mein Großvater war ein Doctor medicinae, und ſein Vater ein Doctor Diyvinitalis, deſſen Vater aus England kam. Ueber die Abkunft des Letztern konnte ich nicht in's Klare kommen; aber er war entweder ein großer Kaufmann aus London, oder ein großer Rechtsgelehrter aus der Provinz, oder der jüngſte Sohn eines Biſchofs.“ „Nun, Du haſt einen ächt amerikaniſchen Stammbaum,“ ſagte Marmaduke lachend;„er geht ſo weit, bis Du an's Waſſer kömmſt; und da man von dem, was dirüber hinausliegt, nichts mehr weiß⸗ ſo lautet von nun an Alles im Superlativ. Jedenfalls biſt Du über⸗ zeugt, Dick, daß Dein engliſcher Ahnherr ein großer Mann war, welchem Beruf er auch angehört haben mag.“ „Zuverläſſig,“ entgegnete der Andere.„Ich habe meine alte Tante oft von ihm ſprechen hören. Wir ſind von guter Familie, Richter Temple, und haben nie andere als ehrenvolle Stellen bekleidet.“— „Es wundert mich nur, daß Du Dich mit einem ſo ſpärlichen Vorrath von Adel in den alten Zeiten begnügſt, Dick. Die meiſten amerikaniſchen Genealogen beginnen ihre glaubwürdigen Berichte, nach Weiſe der Kindermährchen, mit drei Brüdern, und tragen Sorge dafür, daß einer von dieſem Triumvirat der Stammvater einer Familie wird, welche ſich durch Erdengüter auszeichnet. Aber hier bei uns ſind alle, die ſich anſtändig zu benehmen wiſſen, gleich; und Oliver Edwards ſoll in meiner Familie die gleichen Anſprüche haben, wie der Oberſheriff und der Richter.“ „Aber,'Duke, das iſt Demokratie, nicht Republikanismus. Doch ich will ſchweigen, ſorge nur, daß er in den Schranken des Geſetzes bleibt, ſonſt will ich ihm zeigen, daß die Freiheit, ſelbſt in dieſem Landſtrich, unter einem heilſamen Zwange ſteht.“ „Nun, Dick, Du wirſt ihn doch nicht aufknüpfen laſſen wollen, 251 ehe ich ihn verurtheilt habe? Aber was ſagt meine Beß zu dem neuen Hausgenoſſen? Wir müſſen natürlich auch die Damen dar⸗ über hören.“ „Ach, Vater,“ entgegnete Eliſabeth,„ich glaube, ich gleiche in dieſem Stücke einem gewiſſen Richter Temple— das heißt: ich bin nicht leicht von meiner Anſicht abzubringen. Aber, ernſthaft geſprochen,— obgleich ich die Einführung eines Halbwilden in die Familie für ein befremdendes Ereigniß halten muß, ſo werde auch ich Jeden, dem Du Deine Aufmerkſamkeit ſchenkſt, mit Achtung behandeln.“ Der Richter zog ihren Arm feſter an ſich und lächelte, wäh⸗ rend Richard durch das kleine Thor hinter dem Hauſe vorangieng, und ſeine bedenklichen Warnungen mit der gewohnten Geſchwätzig⸗ keit ausſtrömen ließ. Die Waldbewohner,— denn die drei Jäger verdienen unge⸗ achtet ihrer Charakterverſchiedenheit gar wohl dieſe Benennung,— giengen ſchweigend am Dorfe vorbei, ihres Weges. Erſt als ſie den See erreicht hatten und auf deſſen gefrorener Oberfläche nach dem Fuße des Felſen zugiengen, wo ihre Hütte ſtand, unterbrach der Jüngling die Stille.— „Wer hätte dieß vor einem Monat vorausgeſehen?“ fieng er an.„Ich habe eingewilligt, Marmaduke zu dienen— ein Haus⸗ genoſſe des größten Feindes meines Geſchlechtes zu werden! Doch was konnte ich Beſſeres thun? Die Knechtſchaft kann nicht lange dauern, und wenn der Beweggrund, der mich zu dieſer Unterwer⸗ fung veranlaßt, aufhört, ſo werde ich ſie abſchütteln, wie den Staub von meinen Füßen.“ „Iſt er ein Mingo, daß Du ihn Deinen Feind nennſt?“ fragte Mohegan.„Der Delawaren⸗Krieger ſitzt ſtill und wartet auf die Ankunft des großen Geiſtes. Er iſt kein Weib, um wie ein Kind zu weinen.“ „Ich traue der Sache nicht, John,“ ſagte Lederſtrumpf, in 252 deſſen Miene ſich die ganze Zeit über lebhafte Zweifel ausgeſprochen hatten.„Man ſpricht davon, daß es neue Geſetze im Land geben ſolle, und ich bin überzeugt, daß dieß neue Wege in die Berge zur Folge hat. Das Land hat ſich ſo verändert, daß man kaum noch die Seen und die Ströme erkennt. Ich muß ſagen, daß ich ſolchen glatten Zungen nicht traue, denn ſo oft ich ſchöne Reden aus dem Munde der Weißen vernahm, ſo hatten ſie's am eheſten auf die Ländereien der Indianer abgeſehen. Ich kann dieß nicht in Abrede ziehen, obgleich ich ſelbſt ein Weißer bin und in der Nähe von York von rechtſchaffenen Eltern geboren wurde.“ „Ich will mich fügen,“ ſagte der Jüngling.„Ich will ver⸗ geſſen, was ich bin. Erinnere mich nicht mehr daran, alter John, daß ich der Abkömmling eines Delawaren⸗Häuptlings bin, der einſt ein Herr war über dieſe edlen Berge, dieſe ſchönen Thäler und dieſes Waſſer, auf dem unſer Fuß da hingleitet. Ja, ich will ſein Vaſalle— ſein Sklave werden. Iſt es nicht eine ehrenvolle Knecht⸗ ſchaft, alter Mann?“ „Alter Mann?“ wiederholte der Indianer feierlich und blieb ſtehen, wie er gewöhnlich zu thun pflegte, wenn ihn etwas ſehr aufregte.„Ja, John iſt alt, Sohn meines Bruders. Als Mohegan jung war— wann ſah man ſeine Büchſe ruhen? Wohin konnte ſich der Hirſch verbergen, ohne daß er ihn fand? Aber John iſt alt; ſeine Hand iſt die Hand eines Weibes; ſein Tomahapk iſt eine Holzaxt; Diſteln und Geſträuch ſind ſeine Feinde— er weiß keinen andern mehr zu treffen. Hunger und Alter treffen zuſammen. Sieh', Hawkeye! als er jung war, konnte er tagelang gehen, ohne Etwas zu eſſen; aber wenn er jetzt nicht Geſtrüppe an das Feuer legt, ſo löſcht die Flamme aus. Ergreife die Hand von Miquon's Sohn, und er wird Dir helfen.“ „Ich gebe zu, daß ich nicht mehr der Mann bin, der ich war, Chingachgook,“ erwiederte Lederſtrumpf;„aber wenn's Noth thut, kann ich auch jetzt noch faſten. Als wir die Fährte der Irokeſen 253 durch die Buchenwälder verfolgten, ſcheuchten ſie das Wild vor ſich her, und ich hatte vom Montag Morgen bis Mittwoch Abend keinen Biſſen zu eſſen. Dann aber ſchoß ich an der pennſylvaniſchen Grenze einen ſo fetten Bock, wie nur je ein ſterbliches Auge einen geſehen hat. Es hätte Dir in der innerſten Seele wohl gethan, wenn Du die Delawaren hätteſt eſſen ſehen; denn ich war auf Kund⸗ ſchaft aus und hatte einem Scharmützel ihres Stammes angewohnt. Du lieber Himmel! die Indianer lagen ſtill, Junge, und warteten, bis die Vorſehung ihnen einen Braten zuführte; aber ich ſah mich nach Proviant um und machte dem Thier den Garaus, ehe es noch ein Dutzend Sprünge machen konnte. Ich war zu ſchwach und zu gierig, um auf das Fleiſch warten zu können, und verhalf mir daher zu einem tüchtigen Trunk von ſeinem Blute, während die Indianer das Fleiſch roh verzehrten. John war dabei und John weiß die Sache. Aber ich muß geſtehen, jetzt wäre mir doch ein ſolches Hungern zu viel, obgleich ich Tag meines Lebens kein ſtarker Eſſer geweſen bin.“ „Es iſt genug geſagt, meine Freunde,“ rief der Jüngling. „Ich fühle, daß das Opfer von meinen Händen allenthalben ver⸗ langt wird, und es ſoll gebracht werden. Aber ſprecht nicht weiter, ich bitte euch; die Sache fällt mir zu ſchwer auf's Herz.“ Seine Gefährten verſtummten; und bald hatten ſie die Hütte erreicht, in welche ſie eintraten, nachdem zuvor ein ſehr complieirter und ſinnreich angebrachter Riegel entfernt war, welcher ſcheinbar den Zweck hatte, das ziemlich werthloſe Eigenthum der Männer zu ſchützen. Ungeheure Schneehaufen lehnten ſich auf der einen Seite an die Holzwände dieſer abgeſchloſſenen Wohnung, während Ueber⸗ reſte von einigen Bäumen und Zweigen von Eichen und Kaſtanien, welche von den mütterlichen Stämmen durch den Wind abgeriſſen worden waren, auf der andern Seite aufgeſchichtet lagen. Eine kleine Rauchſäule ſtieg aus einem von Holzſtäben gefertigten und mit Thon verkitteten Schornſtein links des Felſen in die Höhe und 254 färbte den Schnee auf den Hügelflächen, welche— einen nicht ſehr tiefen Abgrund begrenzend,— dem gigantiſchen Wuchs der über⸗ hängenden Bäume Raum boten, wellenförmig mit ſchmutzigen Tinten. Der Reſt des Tages wurde verbracht, wie es an derartigen Tagen gemeiniglich in einem ſolchen Lande zu gehen pflegt. Die Anſiedler drängten ſich wieder nach der Akademie, um nochmals Zeugen von Herrn Grants Beredtſamkeit zu ſeyn, und auch Mohe⸗ gan gehörte unter die Zuhörer. Aber obgleich der Geiſtliche ſeine Augen feſt auf den Indianer heftete, als er die Verſammlung ein⸗ lud, näher an den Altar zu treten, ſo laſtete doch die Scham über die Verirrung der letzten Nacht zu drückend auf der Seele des alten Häuptlings, als daß er ſich hätte von der Stelle rühren können. Als die Verſammlung auseinander gieng, hatten ſich die Wolken, welche bereits den ganzen Morgen am Firmamente hin und her zogen, zu dichten Maſſen geballt, und ehe noch die Halfte der neugierigen Kirchengänger ihre verſchiedenen Wohnungen, die in den Thälern oder ſogar auf den Spitzen des Gebirgs lagen, er⸗ reicht hatten, ſchoß der Regen in Strömen nieder. Die ſtarken Ränder der Baumſtümpfe begannen ſich bloß zu legen und der Schnee ſchmolz ſchnell dahin. Die Holz⸗ und Heckenumzäunungen, welche bisher nur als lange, weiße Dammreihen, die quer durch das Thal und an den Bergen hinanliefen, erkennbar waren, ſtachen aus ihrer Umhüllung hervor, und mit jedem Augenblicke ließen ſich die ſchwarzen Stubben deutlicher unterſcheiden, ſobald die großen Schnee⸗ und Eismaſſen unter dem Einfluſſe des Thauwetters von ihren Seiten abfielen. Unter dem Schirme der warmen Halle in der behaglichen Woh⸗ nung ihres Vaters ſah Eliſabeth mit Louiſe Grant in's Freie, und betrachtete verwundert den ſchnellen Wechſel in der Natur. Selbſt das Dorf, das eben noch in dem Feſtſchmucke des gefrorenen Elements geprunkt hatte, warf widerſtrebend ſeine Maske ab, und die Häuſer zeigten ihre dunkeln Dächer und die rauchenden Kamine. Die Fichten 255 ſchüttelten den Schnee von ſich, und Alles ſchien mit faſt zauber⸗ hafter Schnelle ſeine urſprüngliche Farbe wieder anzunehmen. Neunzehntes Kapitel. „Und doch war Edwin kein gemeiner Knabe.“ . Beattie. Der Schluß des Chriſtfeſtes im Jahre ſiebenzehnhundertdreiund⸗ neunzig war ſtürmiſch, aber verhältnißmäßig warm. Als die ein⸗ brechende Nacht die Ausſicht nach dem Dorfe verdüſterte, verließ Eliſabeth das Fenſter, wo ſie mit einer Neugierde, welche durch die flüchtigen Blicke auf die Waldſchauplätze eher geſteigert als ge⸗ mildert worden war, geweilt hatte, ſo lange noch ein Lichtſtrahl die Spitzen der dunkeln Fichten ſäumte. Ihren Arm in den von Miß Grant geſchlungen, gieng die junge Dame des Herrenhauſes langſam in der Halle auf und ab, ſinnend über Scenen, die raſch an ihrer Erinnerung vorüber flogen, wobei ihre geheimſten Gedanken namentlich hin und wieder bei den ſonderbaren Begebniſſen weilten, die zu der Einführung eines Mannes in die Familie ihres Vaters Anlaß gegeben hatten, deſſen Beneh⸗ men in einem ſo ſeltſamen Contraſte mit ſeiner Lage zu ſtehen ſchien. Die anhaltende Hitze in dem Saale— denn der große Umfang deſſelben brauchte einen Tag, um ſich zu verkühlen— hatte ihren Wangen eine Röthe verliehen, die ihr nicht gewöhnlich war, wäh⸗ rend auch Louiſens milde und melancholiſche Züge unter einem leichten, roſigen Anflug erglänzten, der, dem eines Hektiſchen gleich, ihrer Schoͤnheit ein ſchmerzliches Intereſſe verlieh. Die Herren ließen ſich an dem einen Ende der Halle die treff⸗ lichen Weine des Richters Temple ſchmecken und entſandten haͤufig ihre Blicke nach den Geſtalten, die ſchweigend auf⸗ und abgiengen. Richard war luſtig, bisweilen lärmend, der Major noch nicht auf der Glanzhöhe ſeiner Heiterkeit angelangt, während Marmaduke die 256 Gegenwart ſeines geiſtlichen Gaſtes zu ſehr reſpektirte, um ſich ſelbſt der unſchuldigen Munterkeit hinzugeben, die ſeinem Charakter eigenthümlich war. So dauerte es fort, bis die Läden geſchloſſen wurden und die an den verſchiedenen Theilen der Halle aufgeſteckten Kerzen Erſatz für das ſcheidende Tageslicht leiſten mußten. Benjamins Eintreten mit einem Arm voll Holz veranlaßte die erſte Unterbrechung. „Was ſoll das, Meiſter Pump,“ ſchrie der neugebackene Sheriff. „Iſt nicht Wärme genug in Duke's beſtem Madeira, um bei dieſem Thauwetter die thieriſche Wärme zuſammen zu halten? Vergeßt nicht, alter Knabe, daß der Richter gewaltig rar thut mit ſeinem Buchen⸗ und Ahornholz, denn er fürchtet bereits jetzt, dieſer koſtbare Artikel möchte ihm ausgehen. Ha, ha, Duke; ich will zwar pflichtlich zugeben, daß Du ein wackerer und theilnehmender Verwandter biſt, aber im Grunde haſt Du doch manche Wunderlichkeiten an Dir. Fort, fort mit den Grillen, Und fort mit den Stillen!“ Die Töne ſeines Geſanges giengen allmählig in ein Summen über, während der Majordomo ſeine Laſt abwarf und ſich ſodann mit ernſter Miene an den Frager wandte: „Je nun, ſehen Sie, Squire Dickens,“ verſetzte er;„es mag wohl eine warme Breite um dieſen Tiſch hier ſeyn, aber der Stoff reicht doch nicht zu, in meinem Leibe die gehörige Temperatur zu erhalten, denn dieß vermag, außer gutem Holze oder allenfalls den Steinkohlen von Neweaſtle, nur ein ächter und gerechter Jamaica⸗ Rum. Aber, meine Herrn, wenn ich mich anders auf das Wetter verſtehe, ſo iſt es jetzt Zeit, ſich zuſammen zu drücken, die Löcher zu verſtopfen und das Feuer ein Bischen anzuſchüren. Ich denke wohl, daß ich nicht umſonſt ſiebenundzwanzig Jahre auf den Meeren herumgefahren und andere ſieben hier in den Wäldern gelebt habe.“ „Steht uns wohl eine Veränderung des Wetters bevor, Ben⸗ jamin?“ fragte der Herr des Hauſes. ter 257 „Der Wind iſt umgeſprungen, Euer Gnaden,“ entgegnete der Hausmeiſter;„und wenn der Wind ſich ändert, ſo darf man in dieſen Bergen auch auf einen Witterungswechſel zählen. Sehen Sie, meine Herren, ich war bei Rodney's Flotte an Bord— un⸗ gefähr um die Zeit, als wir dem De Graſſe, dem Landsmann von Monſchür Ler Quaw da, zu Leibe giengen; und der Wind blies nach Süden und Oſten; und ich war unten mit dem Miſchen eines Mundvoll heißen Grogs für den Marinekapitän beſchäftigt, der an demſelben Tage in der Kajüte ſpeiste; und da war es, als ob er das Feuer des Kapitäns dadurch löſchen wollte, daß er den Raum in eine Feuerſpritze verwandelte, denn als ich eben das Getränk nach öfterem Koſten ganz nach meinem Geſchmack zugerichtet hatte—(die Soldaten ſind nämlich ſchwer zufrieden zu ſtellen)— klapps ſchlug das Fockſegel gegen die Stengen, und das Schiff drehte ſich auf ſeiner Hielung wie ein Kreiſel. Es war ein Glück, daß unſer Steuer niedergelaſſen war, denn da wir deinſeten, ſo wurden wir wohl wieder frei, was nicht jedes Schiff in der Flotte thun konnte. Dann aber ſtach das unſrige durch eine Welle, daß eine gewaltige Waſſermaſſe über die Billen hereinſchlug. Ich habe in meinem Leben nie ſo viel klares Waſſer geſchluckt, als damals, denn ich ſah eben an der hintern Lucke in die Höhe.“ „Da nimmt es mich Wunder, Benjamin, daß Ihr nicht an der Waſſerſucht geſtorben ſeyd,“ ſagte Marmaduke. „Hätte wohl ſeyn können, Richter,“ entgegnete der alte Theer mit einem breiten Grinſen;„aber ich brauchte keinen Medizinkaſten, um mich zu kuriren; denn da ich dachte, mein Gebräu ſey nun nicht mehr nach dem Geſchmack eines Seemanns, und ich nicht wiſſen konnte, ob nicht eine andere Welle käme und es ſo verdürbe, daß es meinem eigenen gleichfalls nimmer zuſagte, ſo trank ich den Krug auf der Stelle aus. Dann wurden alle Hände an die Pumpen gerufen, und damals war es, als wir die Pump—— Die Anſtedler. 3. Aufl. 17 „Gut, aber das Wetter?“ unterbrach ihn Marmaduke. ſteht es mit dem Wetter draußen?“ „Je nun, wir haben den ganzen Tag Südwind gehabt, und jetzt iſt Alles ſo ruhig, als ob ſein Blaſebalg geborſten wäre; und im Norden hängt ein Streifen über dem Berg, der vor einer kurzen Weile nicht größer als meine Hand war; und dann trieben die Wolken, als ob man ein Schönfahrſegel geyete, und die Sterne kamen zum Vorſchein, wie eben ſo viele Lichter und Leuchtthürme, welche uns den Wink geben, Holz zuzulegen; und wenn ich mich anders aufs Wetter verſtehe, ſo iſt es Zeit, ein tüchtiges Feuer anzumachen, ſonſt zerſprengt der Froſt die Hälfte dieſer Porter⸗ und Weinflaſchen im Schranke, noch ehe die Morgenwache aufzieht.“ „Du biſt eine verſtändige Schildwache,“ ſagte der Richter. „So verfahre, wenigſtens für dieſe Nacht, nach Gutdünken mit den Wäldern.“ Benjamin that, wie ihm geheißen wurde; und noch ehe zwei Stunden vergiengen, erfuhr man, daß ſeine Vorſichtsmaßregeln nicht unnöthig geweſen waren. Der Südwind hatte ſich in der That ganz ausgeblaſen, und es war jene Windſtille eingetreten, welche gewöhnlich eine bedeutende Witterungsveränderung anzeigt. Lange vorher, ehe ſich die Familie zur Ruhe begab, wurde die Kälte ſchneidend ſcharf, und als Monſieur Le Quoi aufbrach, um im Mordſchein ſein eigenes Nachtquartier aufzuſuchen, ſah er ſich genöthigt, eine Wollendecke zu entlehnen, um ſeinen Körper darein zu hüllen, trotz der vielen Kleider, mit denen er ſich weislich für dieſe Gelegenheit vorgeſehen hatte. Der Geiſtliche und ſeine Tochter blieben für dieſe Nacht als Gäſte in dem Herrenhaus, und die Nach⸗ wehen der vorangegangenen Nachtſchwärmerei veranlaßten die Herren, ſich zeitig nach ihren Gemächern zurückzuziehen. Die ganze Familie war daher ſchon lange vor Mitternacht in den Federn. Eliſabeth und ihre Freundin waren noch wach, als ſie ſchon den Nordweſtwind um das Gebäude heulen hörten, und erfreuten ſich „Wie 259 des angenehmen Gefühls, das unter ſolchen Umſtänden ſtets mit einem Zimmer, in welchem das Feuer noch nicht zu glimmen auf⸗ gehört hat, verbunden iſt, zumalen, wenn ſich Vorhänge, Läden und Bettdecken vereinigen, um eine angenehme Temperatur zu unter⸗ halten. Als Eliſabeth eben ihre Augen im letzten Stadium der Schläfrigkeit noch einmal öffnete, ließ ſich aus dem Brauſen des Windes ein langes klägliches Geheul vernehmen, das für einen Hund zu wild ſchien und doch eine große Aehnlichkeit mit den Lauten dieſes treuen Thieres hatte, wenn die Nacht ſeine Wachſamkeit ſteigert und ſeiner Unruhe eine gewiſſe Feierlichkeit verleiht. Luiſe Grant drängte ſich unwillkührlich näher an die junge Erbin, welche, als ſie fand, daß ihre Gefährtin noch wache, mit leiſem Tone, als fürchte ſie mit ihrer Stimme irgend einen Zauber zu unterbrechen, zu ſprechen begann. „Dieſe fernen Laute toͤnen ſo kläglich und doch ſchön. Können es wohl die Hunde aus Lederſtrumpf's Hütte ſeyn?“ „Es ſind Wolfe, die ſich von den Bergen an den See herunter⸗ gewagt haben,“ flüſterte Luiſe,„und die nur durch die Lichter von dem Dorfe abgehalten werden. Der Hunger trieb ſie, ſo lange wir hier ſind, einmal des Nachts bis vor unſere Thüre. Das war eine ſchreckliche Nacht! Aber Richter Temple's Reichthum ge⸗ währt ihm zu viel Schutz, als daß man in ſeinem Hauſe etwas zu fürchten hätte.“ „Die Abſicht meines Vaters iſt, auch die Wälder zu zähmen,“ rief Eliſabeth, indem ſie die Decke zurückwarf und ſich im Bette aufrichtete.„Wie ſchnell iſt die Civiliſation in die Fußſtapfen einer wilden Natur getreten!“ fuhr ſie fort, indem ihre Augen nicht nur über die Bequemlichkeiten, ſondern auch über den Lurus ihres Ge⸗ maches hinflogen, während ihr Ohr auf das fern vom See her tönende Geheul horchte. Als ſie jedoch fand, daß die Furcht der Gefährtin auch ihr die Töne unheimlich machte, ſo legte ſie ſich wieder zurück und vergaß bald den Schrecken des Landſtriches in einem tiefen Schlafe. Die Mädchen wurden des andern Morgens durch das Ein⸗ treten einer Dienerin geweckt, welche das Feuer anmachen wollte. Sie ſtanden auf und beendigten die kleinen Vorbereitungen zu ihrer Toilette in der reinen und kalten Atmoſphäre, welche ſich ſogar durch Miß Temple's wohlverwahrtes Zimmer nicht ausſchließen ließ. Als Eliſabeth ſich angekleidet hatte, näherte ſie ſich einem Fenſter, zog den Vorhang auf, öffnete den Laden und verſuchte es, durch die Scheiben einen Blick auf das Dorf und den See zu werfen. Aber dicke Eisblumen bedeckten das Glas und hemmten die Aus⸗ ſicht, obgleich ſie dem Licht Zutritt geſtatteten. Sie öffnete ſodann das Fenſter, und nun trat ihrem Auge ein wahrhaft entzückender Anblick entgegen. Der See hatte ſeine fleckenloſe Schneedecke gegen eine Fläche von dunklem Eis vertauſcht, welche die Strahlen der aufgehenden Sonne gleich einem polirten Spiegel wiederſtrahlte. Die Häuſer waren in ein ähnliches Gewand gekleidet, das übrigens, ſeiner Lage wegen, wie blanker Stahl erglänzte, während ungeheure Eiszapfen, welche von jedem Dach herunter hiengen, das herrliche Licht auf⸗ fiengen und ſich es gegenſeitig zuzuwerfen ſchienen, da jeder auf der Lichtſeite in goldenen Strahlen glitzerte, welche ſich auf der andern in die Schatten eines dunkeln Hintergrundes verloren. Das anziehendſte Schauſpiel bildete jedoch der Anblick der endloſen For⸗ ſten, welche die hinter einander ſich aufthürmenden Berge bedeckten. Die rieſigen Arme der Fichten und Schierlingstannen beugten ſich unter der Wucht des Eiſes, das ſie zu tragen hatten, während ihre Spitzen ſich über die rundlichen Gipfel der Eichen, Buchen und Ahorne wie Thürme von geglättetem Silber über Domdächern von dem gleichen Material ausnahmen. Den weſtlichen Horizont begrenzte eine leuchtende Wellenlinie, als ob ſich daſelbſt gegen die Ordnung der Natur zahlloſe Sonnen erheben wollten. Im ——,— 261 Vordergrunde des Gemäldes, längs den Ufern des Sees hin und in der Nähe des Dorfes, ſchien jeder Baum mit Diamanten wie überſät. Selbſt die Seiten der Berge, wo die Strahlen der Sonne noch nicht hinreichen konnten, prunkten in einem glaſigten Gewande, das jede Abſtufung des Glanzes ſchauen ließ, von den Lichtſtreifen der erſten Sonnenſtrahlen an, bis zu dem dunkeln Nadelwerk der Tannen, das unter der Hülle von Kryſtall ſchimmerte. Mit einem Worte, die ganze Landſchaft war ein zitterndes Strahlenmeer, da See, Berge, Dorf und Wälder— jedes ſeine Lichtkörperchen, mit der ihm eigenthümlichen Farbe gemengt und nach Maßgabe ſeiner Lage und Größe wechſelnd— zurückgab. „Sehen Sie!“ rief Eliſabeth—„ſehen Sie, Luiſe; eilen Sie an's Fenſter und ſchauen Sie die wundervolle Veränderung!“ Miß Grant willfahrte, und nach einem kurzen Schweigen be⸗ merkte ſie mit leiſem Tone, als fürchte ſie ſich vor ihrer eigenen Stimme:— „Die Veränderung iſt in der That wunderbar! Ich bin ganz überraſcht, daß er ſie ſo ſchnell bewerkſtelligen konnte.“ Eliſabeth wandte ſich erſtaunt um, als ſie eine ſo ſkeptiſche Aeußerung aus dem Munde von Herrn Grant's Tochter hörte, fand aber mit einiger Ueberraſchung, daß die ſanften blauen Au⸗ gen ihrer Gefährtin, ſtatt auf dem herrlichen Naturſchauſpiele, auf der Geſtalt eines jungen Mannes weilte, der vor der Thüre draußen in ernſtem Geſpräche mit ihrem Vater begriffen war. Es bedurfte eines zweiten Blickes, ehe ſie in derſelben die Perſon des jungen Jägers in einer zwar einfachen Tracht, aber dennoch in der eines Maunes von Stande zu erkennen vermochte. „Alles ſcheint in dieſem Zauberlande an's Wunderbare zu grenzen,“ ſagte Eliſabeth;„und unter allen Wechſeln, die ſich vor un⸗ ſern Augen aufthun, iſt dieſer gewiß nicht der am wenigſten auf⸗ fallende. Die Schauſpieler ſind ſo einzig, als die Bühne.“ Miß Grant erröthete und zog den Kopf zurück. 262 „Ich bin nur ein einfaches Land mädchen, Miß Temple,“ begann ſie,„und ich fürchte, Sie werden eine ſehr unbedeutende Geſell⸗ ſchafterin an mir finden.— Ich weiß nicht, ob ich alles verſtehe, was Sie ſagen; aber ich war in der That der Meinung, Sie hätten mich auf die Veränderung bei Herrn Edwards aufmerkſam machen wollen. Iſt es nicht ſehr wunderbar, wenn wir uns ſeiner Abkunft erinnern? Es heißt, er ſey ein halber Indianer.“ „Jedenfalls ein vornehmer Wilder. Doch gehen wir hinunter, um dem Sachem ſeinen Thee zu geben:— denn ich vermuthe, daß er ein Abkömmling von König Philipp, wenn nicht gar ein Enkel von Pocahontas iſt.“ Die Damen begegneten in der Halle dem Richter Temple, der ſeine Tochter bei Seite nahm, um ihr die mit dem neuen Hausgenoſſen vorgegangene Umwandlung mitzutheilen, welche ihr jedoch nichts Neues mehr war. „Es iſt klar, daß er nicht gut auf ſeine frühere Lage zu ſprechen iſt,“ fuhr Marmaduke fort,„denn ich entnehme aus ſeinen Reden, wie aus ſeinem ganzen Weſen, daß er einſt beſſere Tage geſehen hat. Ich moͤchte faſt Richard's Anſicht über ſeine Abkunft beiſtimmen, denn es iſt nichts Ungewöhnliches, daß die indianiſchen Agenten ihren Kindern eine lobenswerthe Erziehung geben und—“ „Ganz recht, mein lieber Vater,“ unterbrach ihn Eliſabeth, indem ſie ihre Augen abwendete,„ich bin ſchon zufrieden. Doch da ich kein Wort von der Sprache der Mohawks verſtehe, ſo muß er ſich ſchon zu der unſerigen bequemen, und was ſein Betragen anbelangt, ſo überlaſſe ich es Dir, daſſelbe zu überwachen.“ „Ja; aber Beß—“ ſagte der Richter, indem er ſie ſanft zu⸗ rückhielt;„man darf ihn nicht nach ſeinem vergangenen Leben fragen. Er hat ſich ausdrücklich dieſe Gunſt erbeten. Auch iſt er vielleicht noch etwas ſauertöpfiſch wegen ſeines verwundeten Arms; da aber die Beſchädigung nur leicht zu ſeyn ſcheint, ſo läßt er ſich wohl ein andermal mittheilſamer an.“ 263 „O, lieber Vater! ich bin nicht ſonderlich mit jenem lobens⸗ werthen Durſt nach Wiſſen geplagt, den man Neugierde nennt. Ich will glauben, daß er das Kind von Korn⸗ſtalk oder Korn⸗ planter oder eines andern berühmten Häuptlings, vielleicht gar ein Sohn der großen Schlange ſelbſt iſt, und will ihn als einen ſolchen behandeln, bis er es für paſſend hält, ſich ſeinen Locken⸗ kopf abzuraſtren, ein halb Dutzend Paar meiner beſten Ohren⸗ ringe zu borgen, ſeine Büchſe auf den Rücken zu nehmen, und eben ſo plötzlich zu verſchwinden, als er zum Vorſchein gekommen iſt. So komm denn, lieber Vater, und laß uns die Pflichten der Gaſt⸗ freundſchaft nicht vergeſſen, da er doch vielleicht nur eine kurze Zeit bei uns bleiben wird.“ Richter Temple lächelte über den Scherz ſeiner Tochter, uahm ihren Arm und führte ſie nach dem Frühſtückzimmer, wo der junge Jäger bereits ſaß und durch ſein Benehmen zeigte, daß er ſich mit ſo wenig Umſtänden als möglich in der Familie heimiſch zu machen gedachte. Dieß waren die Verhältniſſe, welche die Familie des Richters Temple auf eine ſo ſeltſame Weiſe vergrößerten; und da wir den Jüngling einmal daſelbſt untergebracht haben, ſo fordert der Gang unſerer Erzählung nun, daß wir vorderhand keine weitere Notiz von dem Fleiß und der Brauchbarkeit nehmen, die er in Marma⸗ duke's Dienſten an den Tag legte, ſondern die Aufmerkſamkeit unſeres Leſers andern Gegenſtänden zuwenden. Als Major Hartmann's gewöhnliche Beſuchzeit vorüber war, nahm er für die nächſten drei Monate Abſchied. Herr Grant mußte häufig entferntere Landestheile beſuchen, weßhalb ſeine Toch⸗ ter faſt ohne Unterlaß ein Gaſt in dem Herrenhauſe war. Richard widmete ſich mit gewohnter Leidenſchaftlichkeit den Obliegenheiten ſeines Amtes; und da Marmaduke ſtets mit neuen Geſuchen um Land auf ſeinem Grund und Boden behelligt ward und daher viel zu thun hatte, ſo entſchwand der Winter raſch. Der See war 264 der Hauptbeluſtigungsort für die jungen Leute und die Damen brachten manche Stunden auf demſelben zu, indem ſie ſich von Richard in einem einſpännigen⸗Schlitten umherfahren ließen. Auch der junge Edwards geſellte ſich, wenn es der Schnee geſtattete, hin und wieder der Geſellſchaft bei, um ſich die reine Luft der Berge zu Nutzen zu machen. Die Zurückhaltung des jungen Mannes wich nach und nach; aber doch konnte es einem aufmerk⸗ ſamen Beobachter nicht entgehen, daß ihn oft bittere Augenblicke beſchlichen. Eliſabeth ſah in den folgenden drei Monaten viele große Lich⸗ tungen an den Seiten der Berge erſtehen, da verſchiedene Anſiedler daſelbſt, in der Sprache der Gegend,„ihren Pferch aufgeſchlagen hatten,“ während die zahlloſen mit Weizen und Pottaſchenfäſſern beladenen Schlitten, welche durch das Dorf fuhren, einen deutlichen Beweis lieferten, daß dieſe Arbeiten nicht ins Blaue hinein unter⸗ nommen worden waren. Mit einem Worte— die ganze Gegend zeigte das rührige Treiben einer ſich hebenden Anſiedelung, wo ſich auf den Straßen Fuhrwerke drängten, die bald Hausrath herbei⸗ führten, hin und wieder die lächelnden Geſichter von Weibern und Kindern, welche ſich in dem Reiz der Neuheit glücklich fühlten, zeigten, oder, mit den Produkten des Landes beladen, dem allge⸗ meinen Markte in Albany zufuhren— in letzterem Falle eben ſo viele Schlingen, um Auswanderungsluſtige in die wilde Gebirgs⸗ gegend zu locken, wo ſie Glück und Auskommen zu finden hofften. Das Dorf war ein lebendes Bild der Geſchäftigkeit. Mit dem Wohlſtande der Umgegend nahm auch der der Handwerksleute zu, und jeder Tag war Zeuge einer weiteren Annäherung an die Sitten und Gebräuche einer längſt beſtehenden Stadt. Der Mann, welcher das Poſtweſen verſah, ſchwatzte viel von ſeiner Station, und während des Winters ſah man ihn wohl ein oder zweimal in ſeinem Schlitten einen einzelnen Paſſagier durch die Schneehaufen nach dem Mohawk hin fahren, an welchem wöchentlich zweimal V 4 A von der Küſte aus ein regelmäßiges Fuhrwerk mit Blitzesſchnelle und unter kundigem Peitſchenknall hin und hergieng. Gegen den Frühling, zeitig genug, um den Schnee noch zu nützen, kehrten mehrere Familien, welche bei Verwandten in den alten Staaten auf Beſuch geweſen, zurück und brachten nicht ſelten ganze Haufen mit ſich, welche ſich durch ihre Vorſtellungen hatten verleiten laſſen, ihre Meiereien in Connecticut und Maſeachuſſetts zu verlaſſen und ihr Glück in den Waͤldern zu verſuchen. Dieſe ganze Zeit über war Oliver Edwards, deſſen plötzliche Erhebung in einem ſo wechſelvollen Landſtrich keine Ueberraſchung erregte, den Tag über emſig in Marmaduke's Dienſten beſchäftigt, während er die Nächte öfters in Lederſtrumpf's Hütte zubrachte. Der Verkehr unter den drei Jägern hatte allerdings etwas Ge⸗ heimnißvolles, und wurde von den Betheiligten mit lebhaftem Eifer unterhalten, obgleich Mohegan ſelten und Natty nie in das Herren⸗ haus kam. Dagegen erſah ſich Edwards jeden freien Augenblick, um ſeinen früheren Aufenthalt zu beſuchen, von dem er oft erſt ſpät in der Nacht, oder, wenn er über die gewöhnliche Schlafenszeit der Familie hinaus abgehalten wurde, mit der aufgehenden Morgenſonne über den Schnee heimkehrte. Wer um dieſe Beſuche wußte, machte ſich allerlei Vermuthungen, ohne daß man ſich jedoch darüber äußerte, Richard ausgenommen, der hin und wieder eine halblaute Bemerkung machte.— „Das darf uns nicht im Geringſten Wunder nehmen,“ konnte er ſagen.„Ein Halbwilder iſt nie von ſeiner ungeordneten Lebens⸗ weiſe abzubringen, und im Ganzen iſt er für einen Menſchen von ſeiner Abkunft viel civiliſirter, als man füglicher Weiſe erwarten durfte.“ 266 Zwanzigſtes Kapitel. Fort, zögern wir nicht länger beim Geſang, Denn mancher ſteile Pfad ſteht uns bevor. Byron. Mit dem allmähligen Eintritt des Frühlings begannen auch die ungeheuren Schneemaſſen, welche durch den Wechſel von Froſt und Thauwetter und durch wiederholte Stürme eine ungemeine Feſtigkeit erhalten hatten, dem Einfluſſe milderer Winde und einer wärmeren Sonne zu weichen. Hin und wieder ſchienen ſich ſogar die Pforten des Himmels zu öffnen und ihre milde Luft über die Erde zu ergießen, um die beſeelte und die lebloſe Natur aus ihrem Winterſchlafe zu wecken, ſo daß, wenn auch nur für wenige Stun⸗ den, dem Auge die Heiterkeit des Lenzes von jedem Felde entgegen lächelte. Dann übten aber wieder die ſchneidenden Nordwinde ihren ertödtenden Einfluß auf die Gegend, und ſchwarze düſtere Wolken, welche die Strahlen der Sonne auffiengen, ließen den Wechſel um ſo ſchmerzlicher empfinden. Dieſe Kämpfe der Natur wurden täglich häufiger, während die Erde, gleichſam das Opfer des Streites, langſam den heitern Schmuck des Winters verlor, ohne den des Frühlings zu gewinnen. Mehrere Wochen wurden in dieſer unluſtigen Weiſe zugebracht, während welcher die Einwohner des Striches allmählig die Ge⸗ ſchäfte des Winters mit den mühſameren der folgenden Jahreszeit vertauſchten. Im Dorfe drängten ſich nicht mehr fremde Gäſte; der Handel, der in den letzten Monaten die Läden belebt hatte, begann flau zu werden; die Landſtraßen verwandelten ihre glän⸗ zenden feſtgetretenen Schneerinden in einen faſt unwegſamen Koth⸗ und ließen nichts mehr von den heiteren und lärmenden Reiſenden blicken, die ſich den Winter über mit ihren Schlitten darauf ge⸗ tummelt hatten,— mit einem Worte, Alles ſchien auf eine ge⸗ 267 waltige Umwandlung hin zu deuten, welche nicht nur die Erde, ſondern auch diejenigen betraf, die aus dem Schooße derſelben die Quellen ihres Wohlſtandes ableiteten. Die jüngeren Glieder der Familie in dem Herrenhauſe, denen man auch Luiſe Grant beizählen konnte, waren keineswegs gleich⸗ gültige Zuſchauer bei dieſem langſamen und ſchwankenden Wechſeln. So lange der Schnee die Straßen im brauchbaren Stande erhielt, hatten ſie die Freuden des Winters in reichlichem Maaße genoſſen, indem ſie nicht nur Tag für Tag Ausflüge über die Berge und durch die Thäler, auf zwanzig Meilen hin, machten, ſondern auch auf dem Spiegel des gefrorenen Sees viele Gelegenheit zur Be⸗ luſtigung fanden. Richard jagte ſeine vier Pferde mit Windeseile über die eiſige Glasrinde hin, die unveränderlich jedem Thauwetter folgte. Dann fanden auch die aufregenden und gefährlichen„Kreiſel⸗ tänze“ auf dem Eiſe ſtatt. Von einem einzigen Pferde gezogene Reiber oder Handſchlitten, bei denen die Herren auf ihren Schritt⸗ ſchuhen Vorſpann leiſteten, kamen gleichfalls an die Reihe,— kurz es wurde Alles aufgeboten, was die Langeweile eines Winters in den Bergen vertreiben konnte. Eliſabeth mußte ihrem Vater ge⸗ ſtehen, daß ihr, unter Beihülfe ſeiner Bibliothek, die Jahreszeit weit angenehmer dahin ſchwinde, als ſie erwartet hatte. Da Bewegung in der freien Luft für die Familie gewiſſermaßen nö⸗ thig war, ſo bediente man ſich ſtatt anderer Lokomotiven der Sattel⸗ pferde, wenn der beſtändige Wechſel zwiſchen Froſt und Thauwetter die ſchon zur günſtigſten Jahreszeit ziemlich gefährlichen Wege für ein Räderwerk unzugänglich machte. Die Damen machten dann auf kleinen und ſicheren Thieren Ausflüge in die Berge und die ent⸗ legenſten Thäler, wo irgend der Unternehmungsgeiſt eines An⸗ ſtedlers eine Wohnung geſchaffen hatte. Bei dieſen Gelegenheiten wurden ſie, je nachdem es die Geſchäfte geſtatteten, von einem oder von einigen Herren der Familie begleitet. Der junge Edwards fand ſich ſtündlich mehr in ſeine Lage und nahm nicht ſelten mit 268 einer Sorgloſigkeit und Heiterkeit, die für eine Weile alle trübe Erinnerungen aus ſeiner Seele bannen mochte, an der Geſellſchaft Theil. Gewohnheit und der leichte Sinn der Jugend ſchienen die Oberhand uͤber die geheimen Quellen ſeiner Unruhe zu gewinnen, ob⸗ gleich es nicht an Augenblicken fehlte, wo derſelbe auffallende Ausdruck von Widerwillen ſeinen Verkehr mit Marmaduke begleitete, der ſich ihren Geſprächen in den erſten Tagen ihrer Bekanntſchaft beigemiſcht hatte. Es war am Schluſſe des Monats März, als es dem Scheriff gelang, ſein Bäschen und ihre Freundin zu überreden, ihn nach einem Hügel zu begleiten, welcher der Sage nach auf eine eigen⸗ thümliche Weiſe gegen den See überhieng. „Dann können wir auch anhalten, Bäschen Eliſabeth,“ fuhr der unermüdliche Richard fort,„und Billy Kirby's Zuckerpflanzung in Augenſchein nehmen. Er wohnt an dem öſtlichen Ende von Ranſom's Gut, und macht Zucker für Jared Ranſom. Niemand in der ganzen Gegend verſteht ſich ſo gut auf's Kochen als dieſer Kirby. Du erinnerſt Dich, Duke, daß ich ihn anfangs in unſerem eigenen Felde verwendete; und da iſt es natürlich kein Wunder, daß er ſeine Sache verſteht.“ „Billy iſt ein guter Holzfäller,“ bemerkte Benjamin, der den Zügel des Pferdes hielt, während der Sheriff aufſtieg,„und hand⸗ habt ſeine Art eben ſo gut, als ein Backmann ſeinen Merlpfriem oder ein Schneider ſein Bügeleiſen. Man ſagt ihm nach, er könne allein einen Pottaſchenkeſſel aus dem Gemäuer nehmen, obgleich ich nicht behaupten will, daß ich es mit eigenen Augen geſehen habe; aber die Leute ſagen ſo. Ich habe Zucker aus ſeiner Fabrik ge⸗ ſehen, der vielleicht nicht ſo weiß war, als ein altes Bramſegel, von dem aber meine Freundin, die Jungfer Prettybones, ſagt, er ſchmecke wie der beſte Syrup; und Sie wiſſen recht wohl, Squire Dickens, daß Jungfer Remarkable einen remarkablen Zahn für Süßigkeiten in ihrem Nußknackergeſicht ſtecken hat.“ Das laute Gelächter, welches dieſer Witz Benjamins veran⸗ 269 laßte und in welches er ſelbſt in nicht gar harmoniſchen Tönen mit einſtimmte, war bezeichnend für die Sinneseinheit, welche zwiſchen dieſem edlen Paare herrſchte. Das Treffende davon gieng jedoch für die übrige Geſellſchaft verloren, die eben die Pferde beſtiegen oder den Damen Beiſtand leiſteten. Als Alles wohlbehalten im Sattel ſaß, gieng der Zug in ſchönſter Ordnung durch das Dorf. Man machte einen Augenblick vor Monsieur le Quoi's Thüre Halt, der ſofort gleichfalls ſein Pferd beſtieg, und nachdem man die kleine Häuſergruppe hinter ſich hatte, ſchlug die Geſellſchaft eine der Hauptſtraßen ein, die ſich in der Mitte des Dorfs kreuzten. Das Eis, welches jede Nacht mit ſich führte, thauete im Laufe des Tages auf und ſo ſahen ſich die Reiter genöthigt, einzeln hinter⸗ einander an dem Saume des Weges hinzuziehen, wo der Raſen und die Feſtigkeit des Bodens den Pferden ſicher aufzutreten geſtattete. Es ließen ſich noch wenige Anzeichen von Vegetation ſchauen, und die Erde gewährte noch immer einen kalten, feuchten und uner⸗ freulichen Anblick, ob dem Einem das Blut in den Adern ſtarrte. Der Schnee lag noch ſtellenweiſe in den meiſten Lichtungen, die aus dem Gebirge ſichtbar waren, obgleich ſich auch hin und wieder ein Stück freies Feld blicken ließ, wo die weiße Decke dem Einfluſſe einer wärmeren Sonne gewichen war und das helle, liebliche Grün des jungen Weizens dazu diente, die Hoffnungen des Landwirths zu beleben. Nichts war bezeichnender, als der Gegenſatz zwiſchen der Erde und dem Himmel; denn während die Erſtere das beſchrie⸗ bene traurige Schauſpiel zeigte, verbreitete eine warme und bele⸗ bende Sonne ihre Strahlen an einem Firmament, das nur ein einziges Wölkchen blicken ließ, und durch eine Atmoſphäre, die bis an den Horizont nur wie ein blaues Meer erſchien. Richard ritt voraus, und war ſomit bei dieſer, wie bei allen andern Gelegenheiten, die keinen ungewöhnlichen Fähigkeitsauf⸗ wand erforderten, der erſte; und da er ſich nur langſam vorwärts bewegte, ſo verſuchte er zugleich, die Geſellſchaft mit den Tönen ſeiner kräftigen Stimme zu erheitern. „Dieß iſt wahres Zuckerwetter, Duke,“ rief er;„eine kalte Nacht und ein ſonniger Tag. Ich wette, der Saft läuft an dieſem warmen Morgen wie ein Milchſtrahl aus den Ahornbäumen. Es iſt Schade, Richter, daß Du die Zuckerfabrikation unter⸗Deinen Pächtern nicht wiſſenſchaftlich zu begründen ſuchſt. Es ließe ſich thun, ohne daß man Doktor Franklin's Kenntniſſe beſitzt,— ja gewiß, es gienge, Richter Temple.“ „Es mußte der erſte Gegenſtand meiner Sorgfalt ſeyn,“ er⸗ wiederte Marmaduke,„die Quellen dieſer großen Fundgrube des Wohlſtandes und des Reichthums gegen die blinde Wuth der Leute zu ſchützen. Wenn dieſer wichtige Zweck erreicht iſt, ſo wird es immer noch Zeit ſeyn, unſere Aufmerkſamkeit einer Verbeſſerung der Fabrikation dieſes Artikels zuzuwenden. Aber Du weißt ja, Nichard, daß ich unſern Zucker bereits raffiniren ließ, wodurch ich Kuchen, ſo weiß als der Schnee auf jenen Feldern dort, be⸗ kam, welche den Zuckerſtoff in ſeiner höchſten Reinheit enthielten.“ „Was Zuckerſtoff, Gerbſtoff oder ſonſt ein anderer Stoff, Richter Temple! Du haſt nie einen größern Kuchen gemacht, als allenfalls von dem Umfang einer großen Zuckerpflaume,“ entgeg⸗ nete der Sheriff.„Ich verſichere Dich, Duke, ſolche Verſuche im Kleinen ſind nicht die Bohne werth, ſondern ſie müſſen in größerem Maaßſtab geübt werden, ſo daß auch ein Nutzen dabei heraus⸗ kömmt. Wenn ich zu einem ſolchen Zwecke hundert⸗ oder meinet⸗ wegen zweimalhunderttauſend Acker Landes beſäße, wie Du, ſo ließe ich in dem Dorf eine Zuckerſiederei errichten, und lüde er⸗ fahrne Leute ein, die Sache zu leiten. Solche ſind leicht zu finden, Vetter; ja, ſie ſind nicht ſchwer zu finden,— Männer, welche die Theorie mit der Praxis vereinigen. Und dann würde ich einen Wald von jungen und kräftigen Bäumen ausleſen; und ſtatt Kuchen von der Größe eines Stückchen Kandiszuckers zu machen— Gott ☚ àN——8—& d& K verdamm mich, Duke— ſie müßten mir ſo groß werden, wie ein Heuſchober.“ „Du kaufteſt wohl auch die Ladung eines jener Schiffe, die mit China handeln,“ rief Eliſabeth;„ja, wandelteſt Deine Pottaſchen⸗ keſſel in Theetaſſen und die Boote des See's in Untertaſſen um, bükeſt Deine Krapfen in jener Kalkbrennerei und lüdeſt den ganzen Diſtrikt zu einer Theegeſellſchaft ein; ja, wie wunderbar ſind nicht die Entwürfe eines Genies! Aber in der That, Vetter, es ſcheint, die Welt iſt mit den Verſuchen des Richters Temple zufrieden und man hat daher nicht nöthig, den Zucker in Formen zu gießen, die der Großartigkeit Deiner Plane entſprechen.“ „Du magſt immerhin lachen, Baſe Eliſabeth— Du magſt immerhin lachen,“ erwiederte Richard, indem er ſich im Sattel umdrehte und mit würdevoller Miene ſeine Peitſche ſchwang;„aber ich berufe mich auf den geſunden Menſchenverſtand, den geſunden Sinn der Leute, oder, was noch wichtiger iſt, auf den Sinn des Geſchmackes, der zu den fünf natürlichen Sinnen gehört— ob ein großer Zuckerhut nicht einen beſſern Beleg für einen zweckmäßigen Betrieb abgibt, als ein ſolches Stückchen, das ein holländiſches Weib bei'm Theetrinken in den Mund ſtecken kann. Es gibt nur zwei Wege, Etwas zu thun, einen rechten und einen unrechten. Ich will zugeben, daß Du Zucker machſt und daß Du vielleicht auch Zuckerhüte machen könnteſt, aber es fragt ſich, ob Du auch den möglich beſten Zucker und die möglich beſten Hüte machſt.“ „Du haſt ganz Recht, Richard,“ bemerkte Marmaduke mit einem Ernſt in den Zügen, der deutlich bewies, wie ſehr er ſich für die Sache intereſſirte.„Es iſt wahr, daß wir Zucker fabri⸗ ziren, und die Frage ‚wie viel und in welcher Weiſe?« iſt daher ſehr am Orte. Auch hoffe ich es zu erleben, daß ganze Meiereien und Plantagen ſich dieſem Induſtriezweige widmen werden; denn bis jetzt iſt von den Eigenthümlichkeiten des Baumes ſelbſt, der Quelle von all' dieſem Reichthum, nur wenig bekannt. Wie viel mag ſich nicht durch die Behandlung deſſelben mit Haue und Pflug verbeſſern laſſen.“— „Haue und Pflug?“ rief der Sheriff aus.„Willſt Du die Wurzel eines ſolchen Ahornſtammes häckeln laſſen?“— Er deutete dabei auf einen dieſer edlen Bäume, die in jenem Landestheile ſo häufig vorkommen.„Bäume häckeln! biſt Du toll, Duke? das iſt ein Seitenſtück zum Steinkohlengraben. Ho! hol lieber Vetter— nimm doch Vernunft an und überlaß die Behandlung des Zucker⸗ ahorns mir. Unſer Monſieur Le Quoi iſt in Weſtindien geweſen und hat Zucker machen ſehen. Laß Dir erzählen, wie es dort betrieben wird und Du wirſt einen Begriff davon bekommen.— Sagen Sie, Monſteur, wie fabrizirt man den Zucker in Weſt⸗ indien? Etwa in Richter Temple's Weiſe?“ „Der Herr, an den dieſe Frage geſtellt war, ritt ein kleines Pferd von nicht ſehr feurigem Temperament und hatte dabei ſo kurze Bügel, daß ſie, da ſich das Thier eben auf einer kleinen Anſteigung des Waldpfades hinanbewegte, ſeine Kniee in eine etwas gefährliche Nachbarſchaft mit ſeinem Kinne brachten. Er hatte daher keine Gelegenheit, ſeine Antwort mit der gewöhn⸗ lichen, graziöſen Geſtikulation zu begleiten, denn der Berg war ſteil und glatt; und obgleich der Franzmann ein ſcharfes Auge in jeder Seite ſeines Geſichts ſtecken hatte, ſo ſchien dieſer Umſtand doch nicht hinzureichen, ihn gehörig auf die Hinderniſſe von Büſchen, Zweigen und gefallenen Bäumen aufmerkſam zu machen, die hin und wieder im Wege lagen. Während er mit der einen Hand beſchäftigt war, dieſe Gefahren abzuwehren, und die andere den Zügel hielt, um der ungebührlichen Eile ſeines Pferdes Einhalt zu thun, antwortete der Abkömmling Frankreichs, wie folgt: „Sucker? Sie machen Sucker in Martinique; mais— mais ce n'est pas— ein Baum;— ah— ah— wie heißt doch— je voudrais que ces chemins fussent au diable— non— was nenn Sie Stock pour le promenade?“ — „Rohr,“ verſetzte Eliſabeth, über die Verwünſchung lächelnd, welche der vorſichtige Franzoſe nur von ſich ſelbſt verſtanden glaubte. „Oui, Mademoiſelle, Rohr.“ „Ja, ja,“ rief Richard;„Rohr iſt der volksübliche Name dafür; aber in der Botanik heißt es saccharum offlcinarum; und was wir den Zucker⸗ oder Hartahorn nennen, iſt acer saccharinum. Das ſind gelehrte Namen, Monſteur, die Ihr ohne Zweifel wohl verſteht?“ „Iſt dieß griechiſch oder lateiniſch, Herr Edwards?“ flüſterte Eliſabeth dem Jüngling zu, der eben für ſte und ihre Gefährtin die Zweige eines Gebüſches aus einander bog—„oder vielleicht eine noch gelehrtere Sprache, um deren Auslegung wir uns an Sie wenden müſſen?“ Das dunkle Auge des jungen Mannes blitzte auf die Spreche⸗ rin, verlor aber ſchnell wieder ſeinen gekränkten Ausdruck. „Ich will mich dieſer Frage erinnern, Miß Temple, wenn ich meinen alten Freund Mohegan wieder beſuche; ſeine oder Leder⸗ ſtrumpf's Sprachkenntniß wird ſie wohl zu beantworten wiſſen.“ „Sie theilen alſo wirklich deren Sprachgelehrſamkeit nicht?“ „Wenigſtens nicht in ſonderlichem Umfange; aber Herrn Jo⸗ nes tiefe Gelehrſamkeit und ſelbſt Monſieur Le Quoi's höfliche Ausdrucksweiſe ſind mir geläufiger.“ „Sie ſprechen franzöſiſch?“ verſetzte die Dame raſch. „Es iſt die gewöhnliche Sprache der Irokeſen und in den Canada's,“ antwortete er lächelnd. „Aber das ſind Mingos und Eure Feinde.“ „Es wäre gut für mich, wenn ich keine ſchlimmeren hätte,“ ſagte der Jüngling, indem er mit ſeinem Pferde voranſprengte und ſo dem verfänglichen Geſpräche ein Ende machte. Richard gab ſich fortwährend alle Mühe, die Geſellſchaft zu unterhalten, bis ſie eine Waldoͤffnung auf dem Gipfel des Berges erreichten, wo die Tannen und Fichten ganz verſchwunden waren Die Anſiedler. 3. Aufl. 18 274 und ein Hain, beſtehend aus denſelben Baͤumen, welche den Gegen⸗ ſtand des Geſprächs gebildet hatten, in ſtattlichem Stolz prunkte, die Erde mit ſeinen geraden Stämmen und deren weithin reichenden Zweigen bedeckend. Alles Unterholz war weggeräumt und wahr⸗ ſcheinlich für die einfachen Siedeinrichtungen verwendet worden, ſo daß man hier eines weiten Raumes von vielen Ackern Landes an⸗ ſichtig wurde, den man recht wohl mit dem Dom eines mächtigen Tempels vergleichen konnte, wozu die Ahornſtämme die Säulen, die Wipfel, die Kapitäler und der Himmel das Gewölbe bildeten. In der Nähe der Wurzel eines jeden Baumes befand ſich ein tiefes Bohrloch, in welchem eine aus Ellern⸗ oder Sumachrinde gefertigte Röhre ſtak. Vor derſelben ſtand ein roh gehauener Trog aus Lindenholz, um den Saft aufzufangen, deſſen Abfluß durch dieſe ungemein verſchwenderiſche und kunſtloſe Vorkehrung bewirkt wurde. Als die Geſellſchaft auf dieſer Fläche anlangte, hielt ſie einen Augenblick, um die Roſſe verſchnauben zu laſſen und die Art, wie die Flüſſigkeit geſammelt wurde, zu betrachten, da die Scene Meh⸗ reren aus ihrer Mitte ganz neu war. Eine ſchöne kräftige Stimme ſtörte das Schweigen des Augenblicks und ſang unter den Zweigen der Bäume die Worte jenes unnachahmlichen Volkslieds, mit deſſen Verſen ein Reiſender, wenn er alle ſingen wollte, ſich von den Gewäſſern Connectieuts bis an die Ufer des Ontario unterhalten könnte. Die Weiſe war natürlich jene bekannte Melodie, welche anfangs die Abſicht hatte, die Amerikaner zu verſpotten: ſie iſt je⸗ doch ſeitdem ſo berühmt geworden, daß kein Landeskind mehr ihren Klingklang ohne freudige Bewegung hört. 3 „Laß immerhin den Oſten ſeyn Voll Volk, den Weſt voll Bäumen Voll Vieh die Berge aus und ein⸗ Straßab das Saumroß ſchäumen. — Fließ hin, des Holzes ſüßes Blut, Du ſollſt mir luſtig ſieden. Der Landmann wacht bei Deiner Gluth, Das Brenzeln zu verhüten. Der Ahorn iſt ein fein Geſchenk, Gibt Nahrung, Dach und Feuer; Sein Saͤftlein auf ein müd Gelenk Macht die Bewegung freier. Fließ hin u. ſ. w. Was iſt, fehlt ihm ſein Glas, der Mann— Das Weib, fehlt ihr die Taſſe? Doch was die Taſſe, was die Kann', Fehlt's an der Honigmaſſe? Fließ hin u. ſ. w.“ Während der Abſingung dieſes Gereimſels ſchlug Richard mit ſeiner Reitgerte, die er zwiſchen den Ohren ſeines Pferdes auf und ab bewegte, den Takt, und begleitete dieſes wichtige Geſchäft mit entſprechenden Beugungen ſeines Kopfes und Körpers. Gegen das Ende des Lieds konnte er ſich nicht entbrechen, den Chor mit⸗ zuſummen, und bei der letzten Wiederholung in das„Fließ hin u. ſ. w.“ ſo lärmend einzuſtimmen, daß der„Effekt“ in Beziehung auf die ohrzerreißende Wirkung, keineswegs aber in Betracht der Harmonie wunderbar gehoben wurde. „Bravo!“ brüllte der Sheriff, in der gleichen Tonart;„ein ſehr ſchönes Lied, Billy Kirby, und ſehr ſchön geſungen. Wo haſt Du den Text her, Junge? Er hat wahrſcheinlich noch mehr Verſe, und Du kannſt mir vielleicht eine Abſchrift verſchaffen.“ Der Zuckerſieder, der in einiger Entfernung von den Pferden auf ſeinem Felde beſchäftigt war, wandte gleichgültig ſeinen Kopf um und muſterte die näher kommende Geſellſchaft mit einer wunder⸗ ſamen Kaltblütigkeit. Da die einzelnen Individuen hart an ihm vorbeiritten, ſo nickte er jedem gutmüthig und vertraulich zu, ganz als wären ſie ſeines Gleichen— eine Begrüßungsweiſe, die auch den Damen zu Theil wurde, ohne daß er ſich herabließ, das hut⸗ artige Ding, welches ſeine Kopfbedeckung bildete, zu berühren. „Wie geht's, wie geht's, Sheriff?“ ſagte der Holzfäller.„Was gibt es gutes Neues im Dorfe?“ „Nicht mehr als gewöhnlich, Billy,“ verſetzte Richard.„Aber was ſoll das? Wo ſind Deine vier Keſſel, Deine Tröge und Deine eiſernen Kühlpfannen? Machſt Du jetzt Deinen Zucker in einer ſo läßigen Art? Ich meinte, Du wäreſt einer der beſten Zuckerſieder in dem Bezirk?“ „Das bin ich auch, Squire Jones,“ antwortete Billy Kirby in ſeiner Beſchäftigung fortfahrend;„ich ſtehe keinem in den Ot⸗ ſegobergen nach, was das Holzfällen, Zuckerſieden, Ziegelbrennen, Zäune ſchnitzen, Pottaſche machen, Welſchkorn häufeln und dergleichen anbelangt, obgleich ich mich am liebſten an das erſte halte, denn ich ſehe, daß mir die Art am natürlichſten geht.“ „Sie ſeyn ein Tauſendkünſtler, Meiſter Bihl,“ meinte Monſieur Le Quoi. „Hä?“ entgegnete Kirby, mit einer einfältigen Miene aufſehend, die ſich in Vergleichung mit ſeiner gigantiſchen Geſtalt und ſeinem männlichen Geſicht lächerlich ausnahm.„Ja, wenn Ihr etwas ein⸗ handeln wollt, Monſchür, ſo findet Ihr hier das ganze Jahr durch ſo guten Zucker, als nur irgendwo. Er iſt ſo frei von aller Un⸗ reinigkeit, wie die Jarmans⸗Ebenen von Baumſtümpfen, und hat den eigentlichen Ahorngeſchmack. Solchen Stoff könnte man in York für Kandis verkaufen.“ Der Franzoſe näherte ſich der Stelle, wo Kirby ſeine Zucker⸗ kuchen unter einem Rindendach geborgen hielt, und begann die Unter⸗ ſuchung des Artikels mit dem Auge eines Sachverſtändigen. Mar⸗ maduke war gleichfalls abgeſtiegen und unterwarf die Werke und die Bäume einem ſcharfen Augenſchein, wobei er ſich nicht enthalten konnte, ſeinen Unwillen über die Nachläßigkeit, mit welcher die Fabrikation betrieben wurde, auszudrücken. „Ihr habt viel Erfahrung in ſolchen Dingen, Kirby,“ ſagte er.„Wie bereitet Ihr aber Euren Zucker? Ich ſehe, daß Ihr nur zwei Keſſel habt.“ „Zwei ſind ſo gut als zweitauſend, Richter. Ich bin keiner von Eunren geleckten Zuckermachern, die für die großen Herrn kochen; aber wenn Ihr ächten ſüßen Ahorn wollt, ſo kann ich damit auf⸗ warten. Zum erſten wähle ich mir die Bäume aus und dann zapfe ich ſie an. Es heißt, man ſoll dieſes um den letzten Februar herum oder in dieſen Bergen um die Mitte des Märzes thun; aber daran kehre ich mich nicht, denn ich fange an, wenn der Saft raſch zu fließen beginnt——“ „Gut,“ unterbrach ihn Marmaduke;„aber in dieſem Falle werdet Ihr Euch durch äußere Zeichen leiten laſſen, an denen Ihr die Qualität des Baumes erkennt?“ „Je nun, Kenntniß kömmt natürlich allen Dingen zu ſtatten,“ entgegnete Kirby, indem er den Saft in ſeinen Keſſeln ſchnell um⸗ rührte.„So muß man zum Beiſpiel genau wiſſen, wann und wie man den Keſſel rührt. Derartige Dinge müſſen gelernt werden. Rom iſt nicht an einem Tage gebaut worden, ebenſowenig als Templeton, obgleich ich nicht anders ſagen kann, als daß das letztere ſchnell genug entſtanden iſt. Ich ſetze nie meine Art an einen verkümmerten Baum oder an einen, der nicht eine gute friſche Rinde hat, denn die Bäume haben ſo gut ihre Krankheiten als die Thiere: und es iſt eben ſo unklug, einen kranken Baum anzu⸗ zapfen, als einen müden Gaul zum Poſtreiten oder einen abgetrie⸗ benen Ochſen zum Holzführen zu nehmen.“ „Das iſt ganz recht; aber worin beſtehen die Zeichen der Krankheit? Wie könnt Ihr einen geſunden Baum von einem nicht geſunden unterſcheiden?“ „Wie kann der Doktor ſagen, daß einer ein Fieber hat?“ 278 fiel Richard ein.„Er unterſucht natürlich die Haut und befühlt den Puls.“— „Gewiß,“ fuhr Billy fort;„der Sqauire hat nicht weit fehl geſchoſſen. Das Ausſehen einer Sache muß das geben.— Nun, wenn der Saft hübſch abzufließen beginnt, ſo hänge ich die Keſſel über und treibe meine Hanthierung hier oben. Meinen erſten Sud koche ich hübſch ein, bis ich die Eigenſchaft des Saftes los habe; aber wenn er dann ſyrupartig zu werden anfängt, wie dieſer in dem Keſſel hier, ſo darf man nicht mehr ſtark feuern, weil ſonſt der Zucker verbrennt, und verbrannter Zucker hat einen üblen Ge⸗ ſchmack und wird auch nie recht ſüß. Dann ſchöpfe ich ihn aus einem Keſſel in den andern, bis er ſo wird, daß er an dem Löffel Faden zieht; und nun muß man beſonders vorſichtig mit der Be⸗ handlung umgehen. Es gibt eine Methode, ihn, wenn er in Körner anſchießt, dadurch abzuziehen, daß man Thon in die Pfanne wirft; aber dieß iſt nicht allenthalben üblich: Einige thun's, Andere nicht. Nun, Monſchür, wollt Ihr keinen Handel machen?“ „Ich will Sie geben, Miſter Bihl, vor ein Fund dix sous.“ „Nein, ich will Silbergeld dafür; ich nehme nie Papiergeld für meinen Zucker.— Aber weil's Ihr ſeyd, Monſchür,“ fügte Billy mit einem einſchmeichelnden Lächeln bei,„ſo will ich mir's gefallen laſſen, eine Gallone Rum und Leinwand zu zwei Hemden daran zu nehmen, wenn Ihr mir auch den Syrup abkauft. Er iſt gewiß gut; denn ich möchte weder Euch noch ſonſt Jemand be⸗ trügen. Ich nehme nie einen andern zu meinem Getränk, und er iſt zuverläßig der beſte, der je aus einer Zuckerpflanzung kam.“ „Monſteur Le OQuoi hat Euch zehn Pence angeboten,“ ſagte der junge Edwards. Der Fabrikant ſtierte den Sprecher mit großen Augen an, ohne etwas zu erwiedern. „Oui,« ſagte der Franzoſe,„ſehn Penny. Je vous remercie, Monsieur. Ahl mon Anglais! Je l'oublie toujours.“ 279 Der Holzfäller ſah unwillkührlich Einen nach dem Andern an, denn er war augenſcheinlich der Anſicht, daß man ſich auf ſeine Koſten luſtig machen wolle; dann ergriff er einen Löffel, welcher dem Keſſel zur Seite lag, und begann die Flüſſigkeit mit großer Emfſigkeit umzurühren, nahm ſodann einen Löffel voll her⸗ raus, hob ihn in die Höhe, ließ den Saft in den Keſſel zurück⸗ fließen, ſchwang den Löffel in der Luft, als wolle er den Ueberreſt abkühlen, und bot denſelben Monſieur Le Quoi mit den Worten hin: „Verſucht das, Monſchür, und Ihr werdet ſagen, daß es mehr werth iſt, als Ihr mir darauf ſchlagt. Der Syrup ſchon wäre ſo viel werth.“ Der gefällige Franzoſe nahm, nach mehreren furchtſamen Verſuchen, ſeine Lippen mit dem Löffel in Berührung zu bringen, einen guten Mund voll von der glühenden Flüſſigkeit; dann aber ſchlug er ſeine Hände über der Bruſt zuſammen, warf einen kläg⸗ lichen Blick auf die Damen, worauf— um uns Billy's eigener Worte, mit denen er nachher die Geſchichte erzählte, zu bedienen— „kein Trommelſchlägel je ſchneller ein Schaaffell bearbeitete, als ſich des Franzoſen Beine etliche Mal im Kreiſe herum abzappelten; dabei fluchte er auf franzöſiſch und ſpuckte aus, wie Ihr nie etwas geſehen habt. Aber ja, es muß ein Geſcheiterer aus dem alten Lande kommen, wenn er ſich über einen Templetoner Holzfäller luſtig machen will.“ Die unſchuldige Miene, womit Kirby ſein Keſſelrühren wieder aufnahm, würde die Zuſchauer über ſeine abſichtliche Verſchuldung von Monſieur Le Quoi's vorübergehendem Schmerze getäuſcht haben, hätte der leichtfertige Schalk dabei nicht ein ſo einfältiges Ausſehen angenommen, daß es zu erkünſtelt ausſah, um natürlich erſcheinen zu können. Sobald Monſteur Le Quoi wieder Geiſtesgegenwart genug hatte, um den Anſtand zu wahren, entſchuldigte er ſich gegen die Damen wegen einiger leidenſchaftlichen Ausdrücke, die ihm im Augenblicke der Aufregung entfallen wären, ſtieg wieder 280 auf ſein Pferd, und blieb während der ganzen übrigen Zeit im Hintergrunde des Zugs, da Kirbys Witz allem merkantiliſchen Ver⸗ kehr mit einem Mal ein Ende gemacht hatte. Inzwiſchen hatte Marmaduke das Gehölz in Augenſchein genommen, und mit großem Schmerze die üble Wirthſchaft, welche der Holzfäller mit ſeinen Lieblingsbäumen hielt, bemerkt. „Es thut mir weh, Zeuge der Vergeudung ſeyn zu müſſen, die man allenthalben in dieſer Gegend trifft,“ ſagte der Richter; „denn die Anſiedler ſpielen mit dem Segen, der ihnen zu Nutzen⸗ kommen könnte, in dem Leichtſinn eines glücklichen Spielers. Zch. kann Euch von dieſem Tadel nicht ausnehmen, Kirby, denn Ihr ſchlagt ja dieſen Bäumen fürchterliche Wunden, da doch ein kleiner Einſchnitt dieſelbe Wirkung machen würde. Ich muß Euch ernſtlicht darauf aufmerkſam machen, daß Jahrhunderte dazu gehören, bis⸗ ein Baum eine ſolche Größe erreicht, und iſt er einmal zu Grund gerichtet, ſo wird es Keiner von uns erleben, ihn durch eine Nach⸗ pflanzung erſetzt zu ſehen.“ „Ei, ich weiß nicht, Richter,“ erwiederte der Angeredete;⸗ „mir ſcheint's, es gäbe genug Bäume in dieſen Bergen. Wenn es eine Sünde iſt, ſie nieder zu hauen, dann habe ich eine ſchöne Rechnung auf dem Kerbholz. Ich habe eigenhändig über ein halb⸗ tauſend Akres in Vermont und York davon gereinigt, und ich hoffe, ſo lange zu leben, bis ich die andere Hälfte voll mache, ehe ich meine Axt aufhänge. Das Holzfällen liegt in meiner Natur, und ich wünſche mir keine andere Beſchäftigung; aber Jared Ranſom ſagt, der Zucker könnte dieſes Jahr rar werden, weil ſo viel Volk in die Anſiedelung komme, und ſo entſchloß ich mich, für dieſes Früh⸗ jahr das Gebüſch hier in die Scheere zu nehmen. Aber wie ſteht’s mit der Aſche, Richter? hält ſie ſich immer noch bei Preiſen, ſo daß ein ehrlicher Mann dabei leben kann? Ich denke mir's übrigens wohl, ſo lange ſie drüben über dem Waſſer das Fechten nicht aufgeben.“ — 88 281 „Du raiſonnirſt nicht übel, William,“ entgegnete Marmaduke. „So lange Kriege die alte Welt zerrütten, wird Amerika's Ernte wohl fortdauern.“ „Nun,'s iſt ein böſer Wind, Richter, der Niemand etwas Gutes zubläst. Die Landſchaft iſt doch gewiß in einem blühenden Stande; und obgleich ich weiß, daß Ihr große Stücke auf die Baäume haltet, und ſie hegt, als ob es Eure eigenen Kinder wären, ſo muß ich doch ſagen, ich ärgere mich allemal darüber, daß ich nicht das Recht habe, nach Willkühr damit zu verfahren; ſonſt ſns ſie mir lieb genug. Ich habe von Leuten, die aus dem alten Lande hergekommen ſind, ſagen hören, daß dort die Reichen vor iler Hausthüren und auf ihren Gütern herum große Eichen und lan ſtehen haben, von denen jeder Baum ein Faß voll Pottaſche geben würde,— und für was? Zu nichts weiter, als zum An⸗ ſehen. Ich kann einmal eine Gegend nicht in gutem Zuſtand be⸗ findlich nennen, die mit vielen Bäumen verſehen iſt. Sümpfe ſind da etwas ganz anderes, denn ſie thun dem Lande keinen Scha⸗ den; und wenn man ſie ausgräbt, ſo kann man Zäune daraus machen, die auch für größere Thiere als Schweine ſtark genug ſind.“ „Die Anſichten hierüber ſind in verſchiedenen Ländern ver⸗ ſchieden,“ ſagte Marmaduke;„aber es iſt nicht der Zierde wegen, daß ich dieſe edle Bäume im Werth halte; ich habe dabei den Nutzen vor Augen! Wir hauſen ja mit dieſen Wäldern, als ob wir in einem Jahre alles gut machen könnten, was wir darin ver⸗ derben; aber es wird eine Zeit kommen, wo das Geſetz nicht nur das darin enthaltene Wild, ſondern auch die Bäume in Schutz nimmt!“ Mit dieſer tröſtlichen Hoffnung beſtieg der Richter ſein Pferd, und die Cavalcade ſetzte ſich in Bewegung, um ihren Weg nach der von Richard ſo hoch geprieſenen Naturſchönheit zu verfolgen. Der Holzfäller blieb im Innern des Waldes zurück und fuhr fort ſein Geſchäft zu verrichten. Als ſie die Stelle erreichten, wo es wieder bergab gieng, wandte Eliſabeth den Kopf zurück, und es 282 kam ihr als ein nicht unwahres Gemälde des menſchlichen Lebens auf der erſten Stufe der Civiliſation vor, wie ſie aus der Ferne des ſchwachen Feuers unter den ungeheuren Keſſeln, des kleinen mit Tannenrinden bedeckten Obdachs und des rieſigen Mannes anſichtig wurde, der eifrig ſeinen Löffel handhabte, während die ſtattlichen 4 Bäume mit ihren Rinnen und Trögen den Hintergrund bildeten. Dem romantiſchen Charakter des ganzen geſchah kein Eintrag durch die Töne von Kirbys Stimme, welche durch die Wälder klang, als er ein anderes, nicht viel elaſſiſcheres Lied, als das frühere, zu ſingen anhub. Sie konnte noch eben folgende Worte verſtehen: Und iſt der ſtolze Wald gefallen, Laß Abend ſpät und Morgens früh Ich meine Stimme luſtig ſchallen: „Oha, ihr Ochſen, hott und hü!« Bis unſre Arbeit iſt zu Ende, Und uns ein Ziel die Nacht geſteckt, 9„ Wo uns vor Schnackenſtich die Rinde Des Wallnußbaumes ſchützend deckt. Nur zu, ihr, die ihr Land wollt lichten, Wählt euch des Berges Eichen aus, Im dürren Grund die Silberſichten, Ich mache wenig mir daraus. Einundzwanzigſtes Kapitel. Schnell! Maliſe! Nie hat deinen Fuß Beſchleunigt ein ſo drängend Muß. Scott. Die Wege um den Otſego waren, mit Ausnahme der Haupt⸗ landſtraßen, in der frühen Periode unſerer Erzählung nur wenig beſſer als Waldpfade. Die hohen Bäume, welche knapp an dem 283 Rande der Fahrleiſen ſtanden, ſchloſſen, wenn es nicht gerade Mittag war, die Strahlen der Sonne ganz aus, und die langſame Ver⸗ dunſtung, vereint mit dem Humus der hingeſtorbenen Vegetation, welcher den ganzen Strich bis zu der Tiefe mehrerer Zolle bedeckte, ließ den Huf der Pferde nicht den ſicherſten Grund finden. Rechnen wir hiezu die Unebenheiten der natürlichen Oberfläche überhaupt, und das beſtändige Wiederkehren ungeheuerer, ſchlüpfriger Wurzeln, die, da kein Sonnenſtrahl einfiel, bloß dalagen, und der Baumſtümpfe, ſo läßt ſich denken, daß der Ritt nicht nur ſchwierig, ſondern auch gefährlich war. Die Geſellſchaft ließ jedoch über dieſe zahlreichen Hinderniſſe, die ein ungewohntes Auge wohl erſchrecken konnten, keine Unruhe blicken, mochten nun die Pferde bis an die Hacken in den Schlamm einſinken oder ſonſt mit unſicherem Fuße in dem dunkeln Wege fortſchreiten. An vielen Stellen ließ ſich der Weg nur aus Einſchnitten in den Bäumen oder vielleicht an den Ueberreſten einer Fichte erkennen, welche dicht über der Erde gefällt war und in einem Umkreis von zwanzig Fußen nichts als ihre Wurzeln ſicht⸗ bar werden ließ. Derartige knapp über dem Boden abgehauene Bäume waren augenſcheinlich Fingerzeige, daß man ſich im Mittel⸗ punkte der Straße befinde. Sie waren von dem Zuckerwäldchen her einem Fußpfade gefolgt, und nun ritt der thätige Sheriff, um in eine der vorbemeldeten Straßen zu kommen, auf eine kleine Brücke zu, die ſo loſe aus auf Wiederlagern von Fichtenpflöcken ruhenden Holzſtämmen conſtruirt war, daß die Verbindungsflächen häufig durch bedenklich weite Spalten unterbrochen wurden. Als Richards Pferd an einer ſolchen klaffenden Stelle anlangte, legte es die Naſe an die Blöcke und überwand die Schwierigkeit des Uebergangs mit faſt menſchlicher Klugheit; aber das junge Vollblutroß, welches Miß Temple ritt, verſchmähte eine ſolch niedrige Haltung; denn nachdem es einige Schritte mit un⸗ gewöhnlicher Vorſicht gethan hatte und an der breiteſten Spalte angelangt war, ſetzte es, dem Zügel und der Reitgerte ſeiner furchtloſen Gebieterin gehorſam, mit der Behendigkeit eines Eichhörnchens über den gefährlichen Punkt weg. „Sachte, ſachte, mein Kind,“ rief Marmaduke, der in Richards Weiſe nachfolgte;„dieß iſt nicht der Ort für Reiter⸗Kunſtſtücke. Wenn man ohne Gefährde auf dieſen rauhen Pfaden weiter kommen will, ſo muß man die Klugheit vorwalten laſſen. Auf den Ebenen von New⸗Jerſey magſt Du allenfalls Deine Geſchicklichkeit zeigen können; aber in den Bergen des Otſego mußt Du zur Zeit noch darauf verzichten.“ „So könnte ich eben ſo gut meinen Sattel ganz an den Nagel hängen, lieber Vater,“ erwiederte die Tochter;„denn wenn ich ihn bei Seite legen ſoll, bis dieſe wilde Gegend urbar gemacht iſt, ſo dürfte mich wohl das Alter überraſchen, ehe ich eine Gelegenheit hätte, meine Reiter⸗Kunſtſtücke, wie Du ſie nennſt, zu zeigen.“ „Rede nicht alſo, mein Kind,“ entgegnete der Vater;„aber wenn Du wieder ſo verwegen über dieſe Brücke ſetzeſt, ſo wirſt Du von dem Alter nichts zu beſorgen haben, wohl aber mich in Trauer zurücklaſſen, was ich dann einzig Deinem Stolz zu danken hätte, Eliſabeth. Hätteſt Du dieſen Landſtrich im tiefen Schlafe der Natur geſehen, wie es bei mir der Fall iſt, und wäreſt Du Zeuge der raſchen Veränderung geweſen, zu welcher ihn das Bedürfniß des Menſchen weckte, ſo würdeſt Du Deine Ungeduld ein wenig zügeln, wenn Du ſchon bei Deinem Roſſe den Gebrauch des Zügels verſchmähſt.“ „Ich erinnere mich, daß ich Dich einmal von Deinem erſten Beſuch in dieſen Wäldern ſprechen hörte; aber der Eindruck iſt nur noch ſchwach und durch wirre Bilder aus meiner Kindheit verwiſcht. So wild die Gegend auch jetzt noch erſcheinen mag, ſo muß ſie doch da⸗ mals tauſendmal trübſeliger geweſen ſeyn. Willſt Du mir nicht noch einmal ſagen, lieber Vater, was Du damals von Deinem Un⸗ ternehmen dachteſt, und was Du jetzt empfindeſt?“ Während dieſer Worte, welche Eliſabeth mit zärtlicher Wärme ſprach, ritt der junge Edwards näher an die Seite des Richters und „— 12 285 heftete ſein dunkles Auge mit einem Ausdrucke auf deſſen Züge, welcher die innerſten Gedanken leſen zu wollen ſchien. „Du warſt damals jung, mein Kind, aber doch mußt Du Dich der Zeit noch erinnern, als ich Dich und Deine Mutter verließ, um dieſe unbewohnten Gebirge in Augenſchein zu nehmen,“ ſagte Mar⸗ maduke.„Doch Du kannſt die geheimen Beweggründe nicht theilen, die den Mann veranlaſſen, ſich Entbehrungen aller Art zu unter⸗ ziehen, um Reichthümer zu ſammeln. Die meinigen ſind nicht gering geweſen, aber es hat Gott gefallen, meine Bemühungen er⸗ folgreich werden zu laſſen. Wenn ich übrigens auch Kummer, Hunger und Krankheiten durchmachen mußte, um in dieſem rauhen Landſtrich eine Anſiedelung zu Stand zu bringen, ſo hatte ich doch nicht das Unglück, meine Bekümmerniſſe durch ein Fehlſchlagen meiner Abſichten vermehrt zu ſehen.“ „Hunger?“ erwiederte Eliſabeth.„Ich meinte, wir leben in einem Lande des Ueberfluſſes! Auch mit Hunger hatteſt Du zu kämpfen?“ „Es iſt ſo, mein Kind,“ verſetzte der Vater.„Freilich, wer ſich jetzt umſieht und der Produkte gewahrt, die auf jedem dieſer wilden Bergpfade ausgeführt werden, wird kaum glauben, daß erſt fünf Jahre verfloſſen ſind, ſeit die Bewohner dieſer Wälder ſich ge⸗ nöthigt ſahen, die ſpärlichen Früchte des Forſtes zu eſſen, um ihr Leben zu friſten, und mit ungeübter Hand das Wild zu jagen, um dem Hunger ihrer Familien zu wehren.“ „Ja!“ rief Richard, der ob ſeinen Bemühungen, das Lied des Holzfällers vor ſich hin zu ſummen, nur den letzten Theil dieſer Worte gehört hatte;„das war eine wahre Hungerszeit,* Bäschen * Der Autor kann die abſchweifende Einflechtung ſolcher Dialoge mit nichts anderem entſchuldigen, als daß ſie ſich auf Thatſachen beziehen. Da übrigens ſo viele Jahre ſeit dem entſchwunden ſind, ſo gibt er gerne zu, daß ſolche Anſpielungen den gerechten Anforderungen des Leſers im All⸗ gemeinen nicht entſprechen. Eines dieſer Erlebniſſe iſt in dem Beginne des gegenwärtigen Kapitels leicht berührt. Vor mehr als dreißig Jahren nämlich ſtarb eine ſehr nahe und theure Ver⸗ — — 286 Eliſabeth. Ich wurde in jenem Herbſt ſo dünne, wie eine Wieſel, und mein Geſicht bekam eine Farbe, als litte ich an einem kalten Fieber. Monsieur le Quoi fiel zuſammen, wie ein vertrockneter Kürbis, und es iſt mir faſt, als hätten Sie ſich noch nicht ganz erholt, Monsieur. Benjamin war, glaube ich, der ungebärdigſte in der ganzen Familie, denn er ſchwur Stein und Bein, daß ein ſolches Leben härter ſey, als die Verkürzung der Rationen in den Windſtillen⸗ Breiten. Der Burſche iſt gleich mit dem Schwören bei der Hand, wenn man ihn auch noch ſo wenig hungern läßt. Ich hatte damals im Sinne, Dich zu verlaſſen, Duke, um nach Pennſylvanien zu gehen und mich wieder herauszumäſten; dann meinte ich aber wieder: ey zum Henker, wir ſind ja Geſchwiſterkinder, und ſo will ich denn mit mit ihm leben und ſterben.““ „Ich werde Deine Freundlichkeit ebenſo wenig vergeſſen, als unſere Verwandtſchaft!“ entgegnete Marmaduke. „Aber, mein lieber Vater,“ rief Eliſabeth verwundert;„es war alſo Noth vorhanden? Wie ſtand es denn mit den ſchönen und fruchtbaren Thälern des Mohawk? Ließ ſich nicht von dort her dem Mangel abhelfen?“ „Es war ein Mißjahr; die Lebensmittel hatten in Europa hohe Preiſe und wurden von den Speculanten gierig aufgekauft. Die aus dem Oſten kommenden Auswanderer nahmen ihren Zug ohne Unterſchied durch das Mohawkthal und zehrten die Vorräthe wie ein Heuſchreckenſchwarm auf. Auch die Bewohner der Ebene waren in keiner viel beſſeren Lage. Sie litten ſelbſt Mangel und darbten ſich alles, was nicht gerade der höchſten Nothdurft entſprach, mit der Sparſamkeit des deutſchen Charakters am Munde ab. Den Armen gieng es dabei am härteſten. Das Wort Speculation war wandte des Autors— eine ältere Schweſter, die ihm eine zweite Mutter war— an den Folgen eines Sturzes vom Pferde, als ſie über das in unſerer Erzäͤhlung beſchriebene Gebirg ritt. Wenige Damen von ihrem Alter waren mehr gekannt und geliebt, als die bewunderungswürdige Frau, die ein Opfer der Gefahren einer Wildniß wurde. 287 damals noch unbekannt unter ihnen, und ich habe manchen kräftigen Mann ſich unter der Laſt eines Mehlſacks hinſchleppen ſehen, den er von den Mühlen des Mohawks durch die zerriſſenen Gebirgspäſſe trug, um ſeine halb verhungerten Kinder zu ſättigen; wenn er ſich dann ſeiner Hütte näherte, ſo geſchah es mit ſo leichtem Herzen, als wären die dreißig zurückgelegten Meilen gar nichts geweſen. Du darfſt nicht vergeſſen, mein Kind, daß dieß in unſerer erſten Kindheit war, als wir weder Mühlen, noch Getreide, weder Wege, noch bedeutende Lichtungen hatten. Unſer ganzer Zuwachs beſtand in Mäulern, die eſſen wollten; denn ſelbſt in jenem verhängnißvollen Augenblick war der unruhige Geiſt der Auswanderung nicht laß,— da im Gegentheil der allgemeine Mangel im Oſten die Zahl der Abenteurer noch vergrößerte.“ „Und wie, liebſter Vater, beſtandeſt Du dieſes ſchreckliche Un⸗ gemach?“ erwiederte Eliſabeth.„Auf Dir mußte jedenfalls die Ver⸗ antwortlichkeit, wenn auch nicht der Nothſtand laſten.“ „Es war ſo, Eliſabeth,“ verſetzte der Richter, indem er für einen Augenblick inne hielt, als wolle er ſich die Vergangenheit ins Gedächtniß zurückrufen.„Ich hatte in jener verhängnißvollen Zeit hunderte, die täglich nach mir um Brod aufſahen. Der Nothſtand der Familien und die düſtre Ausſicht für die Zukunft hatte den Unter⸗ nehmungsgeiſt und die Kräfte meiner Anſiedler geläͤhmt. Der Hunger trieb ſie in die Wälder, um dort Lebensmittel zu ſuchen; aber ver⸗ zweiflungsvoll, entkräftet und ohne Nahrung kehrten ſie des Abends zu den Kiſſen zurück, die kein Schlummer heimſuchen wollte. Es war eine Zeit allgemeiner Unthätigkeit. Ich kaufte Weizen aus den Kornſpeichern Pennſylvaniens, der in Albany auf Boote gebracht und den Mohawk hinabgeführt wurde; von dort aus ließ ich ihn durch Saumroſſe in die Wildniß bringen, und unter meine Leute vertheilen. Wir ſetzten Stellnetze aus, und durchwühlten die Seen und Flüße nach Fiſchen. Einmal geſchah ein wahres Wunder zu unſeren Gunſten, denn wir bemerkten, daß ungeheure Schaaren von Häringen fünfhundert Meilen in den Windungen des ungeſtümen Susque⸗ hanna aufwärts zogen und den See mit ihren Maſſen belebten. Sie wurden gefangen und mit den nöthigen Portionen Salz unter die Leute vertheilt. Von dieſem Augenblick an begann unſer Gedeihen.“* „Ja,“ rief Richard,„und ich theilte die Fiſche und das Salz aus. Als die armen Teufel kamen, um ihre Rationen in Empfang zu nehmen, mußte Benjamin, der mir dabei half, mit Stricken Schranken um mich ziehen, denn die Leute rochen ſo ſtark nach Knob⸗ lauch(ſie hatten nämlich nichts als dieſes wilde Zwiebelgewächs zu eſſen), daß die Düfte davon mich oft aus meinem Concepte brachten. Du warſt damals noch ein Kind, Beß, und weißt nichts von der Sache, denn man bot Alles auf, Euch nichts von dem Mangel fühlen zu laſſen. Jenes Jahr brachte mich ſchrecklich zurück, ſowohl in der Schweine⸗ als in der Truthühnerzucht.“ „Ja, Beß,“ fuhr der Richter in einem heitereren Tone fort, ohne die Unterbrechung ſeines Vetters zu beachten;„wer die An⸗ ſiedelungen nur vom Hörenſagen kennt, weiß wenig, mit wie viel Mühe und Entbehrung ſie bewerkſtelligt werden. So wild auch jetzt der Diſtrikt Deinen Augen vorkommen mag— Du hätteſt ihn ſehen ſollen, als ich zum erſtenmal dieſe Berge beſuchte. Ich ver⸗ ließ meine Geſellſchaft an dem Morgen nach meiner Ankunft in der Nähe des Ortes, wo jetzt die Meiereien des Kirchenthales ſtehen, und ritt, einem von den Hirſchen gebahnten Pfade folgend, auf den Gipfel des Berges, welchen ich ſeitdem den Viſionsberg nenne, denn der Anblick, der ſich dort vor meinen Augen aufthat, erſchien mir nur wie das Gebilde eines Traumes. Das Feuer hatte auf dem Gipfel aufgeräumt und die Ausſicht großentheils freigegeben. Die Blätter waren abgefallen und ich beſtieg einen Baum, wo ich wohl eine Stunde ſitzen blieb und in die ſchweigende Wildniß hinausſchaute. Nicht eine Oeffnung war in dem endloſen Urwalde zu ſehen, die Stelle ausgenommen, wo der See wie ein Spiegel da lag. Das * Alles dieſes gründet ſich buchſtäblich auf Thatſachen. 289 Waſſer war von Myriaden wilder Zugvögel bedeckt, und während ich ſo auf meinem Buchenaſte ritt, ſah ich eine Bärin mit ihren Jungen an das Ufer hinunter ſteigen, um ihren Durſt zu ſtillen. Ich hatte während meiner Reiſe manchen Hirſch durch die Wälder 3 gleiten ſehen; aber nirgends konnte ich die Spur eines Menſchen entdecken, ſelbſt nicht von meinem erhöhten Standpunkt aus. Es 1 gab noch keine der Lichtungen, der Hütten, der gewundenen Wege, 2 die man jetzt antrifft— nichts als Berge auf Berge und das Thal 1 mit ſtruppigem Reiswerk erfüllt, dem nur hin und wieder ein Baum, welcher ungerne ſeine verblichenen Blätter fallen ließ, einiges Leben mittheilte. Selbſt der Susquehanna war damals noch von den hohen und dichten Urwäldern verborgen.“ „Und Du warſt allein?“ fragte Eliſabeth.„Brachteſt Du vielleicht die ganze Nacht in dieſem einſamen Zuſtande zu?“ „„Nicht doch, mein Kind,“ antwortete der Vater.„Nachdem ⸗ ich mir die Landſchaft ungefähr eine Stunde mit dem gemiſchten 1 Gefühl der Freude und der Einſamkeit betrachtet hatte, verließ ich 7 meine Vogelſtange und gieng wieder den Berg hinab. Ich ließ mein n Pferd an den Zweigen weiden, die es erreichen konnte, während ich 5 die Ufer des Sees und die Gegend unterſuchte, wo jetzt Templeton r ſteht. Wo jetzt meine Wohnung liegt, befand ſich eine Fichte von , ungewöhnlicher Größe. Eine Windlichtung hatte ſich von da aus bis n an den See hin Bahn gebrochen, und meinem Auge ſtellten ſich n nur wenige Hinderniſſe in den Weg. Unter den Zweigen jenes r Baumes nahm ich mein Mahl ein und war eben damit fertig ge⸗ n worden, als ich in der Nähe des öſtlichen Seeufers, unter dem Berge, e Rauch aufſteigen ſah. Dieß war die einzige Spur von der Nähe eines l Menſchen, welche ich bisher entdeckt hatte. Ich brach mir mühſam . Bahn bis zu der Stelle, wo das Feuer brannte, und fand daſelbſt e eine rauhe Blockhütte an dem Fuße eines Felſens, in welcher ſich auch Spuren des Bewohntſeyns vorfanden, obgleich ich keinen Inſaſſen ſehen konnte.“ Die Anſiedler. 3. Aufl. 19 290 „Es war Lederſtrumpfs Hütte,“ ſagte Edwards raſch. „Ganz recht; ich hielt ſie jedoch anfangs für eine Indianerwoh⸗ nung. Aber während ich mich noch an der Stelle befand, kam Natty, wankend unter der Laſt eines Bockes, den er geſchoſſen hatte, zurück. Damals begann unſere Bekanntſchaft: früher hatte ich nie gehört, daß die Wälder von einem ſolchen Weſen bewohnt würden. Er machte ſeinen Rindenkahn los und ruderte mich nach dem untern Theil des Sees hin zu der Stelle, wo ich mein Pferd ange⸗ bunden hatte, indem er mich zugleich auf einen Ort aufmerkſam machte, wo das Thier bis zum Morgen eine ſpärliche Waide finden konnte. Sodann kehrte ich zurück und brachte die Nacht in der Hütte des Jägers zu.“ Miß Temple war von der geſpannten Aufmerkſamkeit, welche der junge Jäger dieſen Worten lieh, ſo betroffen, daß ſie ihre Frage wieder aufzunehmen vergaß. Der junge Jäger aber ſetzte das Geſpräch fort, indem er fragte: „Und wie entledigte ſich Lederſtrumpf der Obliegenheiten eines Wirthes, Sir?“ „Je nun, einfach aber freundlich, bis ſpät in die Nacht hinein. Als er jedoch meinen Namen und meine Abſicht erfuhr, minderte ſich ſeine Zutraulichkeit ſichtlich, oder verſchwand, wie ich lieber ſagen möchte, ganz und gar. Er betrachtete, glaube ich, die Ueberſtedelung von Auswanderern als einen Eingriff in ſeine Rechte, denn er zeigte ſich ſehr unzufrieden über unſere Maßregeln— freilich nur in ſeiner verwirrten und zweideutigen Weiſe. Ich verſtand ſeine Einwürfe nicht ganz, aber ich vermuthete, daß ſie ſich hauptſächlich auf eine Störung ſeiner Jagd bezog.“ „Hatten Sie damals den Grund und Boden ſchon angekauft oder war es blos Ihre Abſicht, ihn als Kaufliebhaber zu beaugen⸗ ſcheinigen?“ fragte Edwards etwas abgebrochen. „Es war ſchon ſeit mehreren Jahren mein Eigenthum und ich unterſuchte den See, weil ich dort eine Anſiedelung zu gründen gedachte. N 291 Natty behandelte mich, nachdem er den Zweck meiner Reiſe erfahren, zwar gaſtfreundlich, aber mit Kälte. Demungeachtet aber überließ er mir jene Nacht ſeine eigene Bärenhaut, und des andern Morgens vereinigte ich mich wieder mit meinen Begleitern.“ „Sprach er nichts von den Rechten der Indianer, Sir? Leder⸗ ſtrumpf iſt ſtets geneigt, das Recht der Weißen auf den Beſitz dieſer Gegend zu beſtreiten.“ „Ich erinnere mich, daß er dieſen Gegenſtand zur Sprache brachte; aber ich begriff ihn nicht ganz und habe daher vergeſſen, was er ſagte. Sind doch die Anſprüche der Indianer ſeit dem Schluſſe des alten Krieges erloſchen; und wenn dieß auch nicht der Fall wäre, ſo habe ich die Patente des königlichen Gouverneurs, beſtätigt durch eine Akte unſerer eigenen Geſetzgebung, ſo daß kein Gerichtshof des Landes meine Rechte beanſtanden kann.“ „Ohne Zweifel iſt Ihr Anſpruch ebenſo geſetzlich, als gerecht, Sir,“ erwiederte der Jüngling kalt, indem er ſein Pferd zügelte und ſchweigend zurückblieb, bis die Unterhaltung einen andern Ge⸗ genſtand berührte. Es war ſelten, daß Herr Jones ein Geſpräch ſo lange fortgehen ließ, ohne ſich ſelbſt auch darein zu miſchen. Wahrſcheinlich gehörte er damals gleichfalls zu Richter Temple's Begleitung, denn er griff die gelegentliche Pauſe, welche durch den Rückzug des jungen Edwards veranlaßt wurde, begierig auf, um die Unterhaltung fort zu führen, und das, was weiter geſchehen, in ſeiner eigenen Weiſe zu erzählen. Da jedoch ſeine Schilderungen nicht ſo intereſſant waren als die des Richters, ſo unterlaſſen wir es, ſie zu Papier zu bringen. Bald war die Stelle erreicht, wo die verheißene Merkwürdig⸗ keit zu ſehen war. Es war eine jener maleriſchen und eigenthüm⸗ lichen Naturſcenen, die dem Otſego eigen ſind; um ſich jedoch ihrer ganzen Schönheit erfreuen zu können, hätte die eiſige Ver⸗ oͤdung durch die Weichheit einer Sommerlandſchaft erſetzt werden müſſen. Marmaduke hatte ſeiner Tochter vorausgeſagt, die Starrheit 292 des Winters werde den Eindruck der Partie ſtören; und nachdem man ſie nur flüchtigen Blickes betrachtet hatte, kehrte die Geſellſchaft wieder nach Hauſe zurück, vollkommen überzeugt, daß die Schönheit derſelben wohl die Mühe eines zweiten Ritts zu einer günſtigeren Jahreszeit lohnen dürfte. „Der Frühling iſt in Amerika die trübſeligſte Zeit des Jahres,“ ſagte der Richter;„und dieß gilt namentlich hier von den Bergen. Der Winter ſcheint ſich in dieſe Verſchanzungen gleichſam wie in eine Citadelle ſeines Herrſchergebietes zurück zu ziehen, aus der er ſich nur nach einer langen Belagerung, in welcher bisweilen jede Partei den Sieg davonzutragen ſcheint, austreiben läßt.“ „Eine ſehr paſſende Vergleichung, Richter Temple,“ bemerkte der Sheriff;„und die Garniſon unter Jack Froſts Commando macht verzweifelte Sortiers— Sie wiſſen, was man unter Sortiers ver⸗ ſteht, Monsieur; Ausfälle in unſerer Sprache— und treibt bis⸗ weilen den General Lenz und ſeine Truppen wieder nach dem Käſtenlande zurück.“ „Ja, Sir,“ entgegnete der Franzoſe, deſſen hervorragende Augen die unſicheren Tritte des Thieres, welches er ritt, bewachten, indem es einen gar gefährlichen Weg über Baumwurzeln, Löcher, Holzbrücken und Moräſte, was den Inbegriff der Landſtraße bildete, zu gehen hatte—„Je vous entends; die Küſtenland is gefror für der halb Jahr.“ Monsieur Le Quoi’s Irrthum wurde von dem Scheriff nicht beachtet; und der Reſt der Geſellſchaft begann bereits den Einfluß der veränderlichen Jahreszeit zu fühlen, denn die kälter werdende Luft that kund, daß eine anhaltend milde Witterung ſobald noch nicht zu erwarten ſey. Ein gedankenvolles Schweigen folgte der heiteren Unterhaltung, welche während des ganzen Spazierritts ſtattgefunden hatte, da ſich jetzt von allen Strichen her Wolken am Himmel aufzuthürmen begannen, die in raſcher Bewegung forttrieben, ohne daß man gerade den Einfluß eines Windes verſpüren konnte. Während ſie über eine der gelichteten Anhöhen ritten, die auf 293 ihrem Wege lag, machte der Richter Temple ſeine Tochter darauf aufmerkſam, daß ein Sturm herannahe. Schneegeſtöber verdüſterten bereits das Gebirg, welches die Nordgrenze des Sees bildete, und die behagliche Wärme, welche den Umlauf des Blutes beſchleunigt hatte, wich bereits dem erkältenden Einfluß eines bevorſtehenden Nordweſters. Die ganze Geſellſchaft beeilte ſich nun, ſo gut ſie konnte, um nach dem Dorfe zu kommen, obgleich die ſchlechten Wege ſie nicht ſelten nöthigten, die Ungeduld der Thiere zu zügeln, da dieſelben oft über Stellen führten, wo man nur Schritt reiten konnte. Richard, dem Monsieur Le Quoi folgte, war fortwährend der Vorderſte; nach ihnen kam Eliſabeth, welche durch die Zurückhaltung angeſteckt zu ſeyn ſchien, die ſich in dem Benehmen des jungen Edwards ausſprach, ſeit derſelbe ſein Geſpräch mit ihrem Vater ſo raſch abgebrochen hatte. Marmaduke ritt hinter ſeiner Tochter, indem er ihr oft wohlmeinende Winke über die Behandlung ihres Pferdes gab. Vielleicht war es Miß Grant's augenſcheinliche Be⸗ dürftigkeit eines Beiſtandes, was den jungen Mann veranlaßte, während des Ritts durch den trübſeligen dunkeln Wald, wo kaum ein Sonnen⸗ ſtrahl durchdringen konnte und wo ſelbſt der Tag durch den düſtern, unabſehbaren Forſt verdunkelt wurde— an ihrer Seite zu bleiben. Der Wind hatte die Stelle, auf der ſich unſere Geſellſchaft bewegte, noch nicht erreicht; aber die Todtenſtille, die oft einem Sturme vor⸗ an geht, machte ihre Lage noch beklemmender, als wenn derſelbe bereits zu wüthen angefangen hätte. Plötzlich hörte man die Stimme des jungen Edwards in jenen erſchreckenden Tönen rufen, welche Einen in der tiefſten Seele erſchüttern und das Blut der Hörer gerinnen machen: „Ein Baum! ein Baum! die Peitſche— den Sporn— ſo lieb Euch Euer Leben iſt!— ein Baum! ein Baum!“ „Ein Baum! ein Baum!“ wiederholte Richard, und verſetzte ſeinem Pferde einen Schlag, welcher das beunruhigte Thier zu einem faſt ruthenweiten Sprung veranlaßte, während der Koth und das Waſſer wie unter einer Windsbraut in die Luft ſpritzten. „Ein Baum! ein Baum!“ ſchrie der Franzoſe, indem er ſeinen Körper gegen den Hals ſeines Pferdes vorbeugte, die Augen ſchloß, und die Rippen ſeines Thieres mit den Ferſen bearbeitete, bis daſſelbe mit bewundrungswürdiger Eile dem des Sheriffs nachfolgte. Eliſabeth zügelte ihr Roß und ſah, zwar unruhig, aber ohne die Urſache der Gefahr zu ahnen, auf, indem ſie auf die krachenden Töne horchte, welche die Stille des Waldes unterbrachen. Aber im nächſten Augenblick ergriff der Richter den Zügel ihres Pferdes und rief: „Gott beſchütze mein Kind!“ Sie fühlte ſich fortgeriſſen von der kräftigen Gewalt ſeines Armes. Alle bückten ſich gegen die Sattelköpfe vor, als dem Rauſchen der Zweige ein Ton, ähnlich dem Sauſen des Windes, folgte. Dann vernahm man ein donnerndes Getöſe und verſpürte eine Erſchütterung, unter der die Erde erbebte, denn eine der edelſten Ruinen des Ur⸗ waldes war gerade über ihren Weg gefallen. Ein Blick war hinreichend um den Richter Temple zu über⸗ zeugen, daß ſeine Tochter und alle ſeine Vordermänner in Sicher⸗ heit waren; und nun ſah er in wahrer Todesangſt zurück, um das Schickſal der Uebrigen zu erfahren. Der junge Edwards befand ſich auf der andern Seite des Baumes: er hatte ſich ſo weit wie möglich im Sattel zurückgelehnt, und ſeine linke Hand hielt gewalt⸗ am den Zügel, während ſeine Rechte den von Miß Grant's Thier gefaßt hatte, ſo daß der Kopf deſſelben ganz gegen den Leib hinunter gezerrt war. Beide Pferde zitterten vor Schrecken und ſchnaubten furchtbar. Luiſe ſelbſt hatte die Riemen losgelaſſen, und ſaß, die Hände vor das Geſicht gedrückt und gegen den Sattel vorgebeugt in einer Haltung da, in welcher ſich die Verzweiflung auf eine ſelt⸗ ſame Weiſe mit Ergebung gepaart hatte. „Es iſt Euch doch nichts geſchehen?“ rief der Richter, zuerſt das furchtbare Schweigen unterbrechend. 295 „Gott ſey Dank, nein,“ antwortete der Jüngling;„hätte aber der Baum Aeſte gehabt, ſo wären wir verloren geweſen.“ Er hatte kaum ausgeſprochen, als Luiſe im Sattel zu wanken begann, und ohne die Beihülfe ſeines Armes wäre ſie nothwendig zur Erde geſunken. Sie hatte jedoch außer dem Schrecken keinen weitern Schaden genommen, und unter Eliſabeths Beiſtand kam ſie bald wieder zu ſich. Man zögerte eine kleine Weile, bis ſie ſich ganz erholt hatte; und nun wurde ſie wieder in den Sattel geſetzt, worauf ſie, zu beiden Seiten von dem Richter Temple und Herrn Edwards unterſtützt, der Geſellſchaft langſam folgte. „Der plötzliche Umſturz eines Baumes iſt das gefährlichſte Be⸗ gebniß in den Wäldern,“ ſagte Marmaduke,„da man es nie vor⸗ ausſehen kann. Es kömmt vor, ohne daß ein Lüftchen geht, und ohne irgend eine erkennbare Urſache, gegen welche man auf der Hut ſeyn könnte.“ „Der Grund eines ſolchen Umſturzes liegt nahe genug, Richter Temple,“ ſagte der Sheriff.„Der Baum iſt alt und in Folge der Kälte morſch geworden; und wenn dann der Schwerpunkt über die Baſis hinausfällt, ſo muß er ſtürzen. Ich möchte wiſſen, ob es ein zwingenderes Argument gibt, als eine mathematiſche Gewißheit. Ich ſtudirte Mathe——“ „Ganz recht, Richard,“ unterbrach ihn Marmaduke;„Deine Begründung iſt richtig, und wenn mich mein Gedächtniß nicht trügt, ſo wurde ſie von mir ſelbſt bei einer früheren Gelegenheit aufgeſtellt. Aber wie kann man ſich gegen die Gefahr ſchützen? Kannſt Du durch die Wälder gehen, um die Baſen abzumeſſen und die Schwer⸗ punkte der Eichen zu berechnen? Beantworte mir das, Freund Jones, und ich will Dir zugeſtehen, daß Du dem Land einen großen Dienſt erwieſen haſt.“ „Das ſoll ich Dir beantworten, Freund Temple?“ erwiederte Richard.„Ein Mann von Bildung kann Dir alles beantworten. Stürzt etwa ein anderer Baum in dieſer Weiſe, als ein morſcher? 296 Nimm Dich in Acht, der Wurzel eines mürben Baumes nahe zu kommen, und Du wirſt ſicher genug ſeyn.“ „Da dürften wir nur ganz aus den Wäldern wegbleiben,“ ver⸗ ſetzte Marmaduke.„Aber zum Glücke räumen die Winde mit ſo gefährlichen Ruinen auf, wenn ihnen durch die Lichtungen der Zugang gebahnt wird. Ein Sturz wie der gegenwärtige gehört zu den Seltenheiten.“ Luiſe hatte ſich inzwiſchen ſo weit erholt, daß die Geſellſchaft einen ſchärferen Schritt einhalten konnte. Aber lange ehe ſie die Heimath erreichten, wurden ſie von dem Sturm überholt, und als ſie an der Thüre des Herrenhauſes abſtiegen, waren die ſchwarzen Federn auf Miß Temples Hut von einer Maſſe Schuees geknickt und die Röcke der Herren mit dem gleichen Material eingepudert. Während Edwards Luiſen vom Pferde half, ergriff das warm⸗ „herzige Mädchen ſeine Hand mit Feuer und flüſterte: „Jetzt, Herr Edwards, verdanken Euch Vater und Tochter das Leben.“ Es folgte bald ein heftiger Nordweſt⸗Orkan, und noch ehe die Sonne untergieng, war jede Spur des Frühlings wieder verwiſcht. Der See, die Berge, der Wald und die Felder lagen abermals unter einer bedeutenden Schneehülle vergraben. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. Männer, Knaben, Mädchen Fliehn aus dem öden Dorf; und wilde Schaaren Ziehn durch das Thal, gejagt von ſüßem Wahnſinn. Somerville. Von nun an bis zum Schluſſe des Aprils bildete die Witterung eine ununterbrochene Reihe raſcher Wechſel. Den einen Tag ſchienen ſich die ſanften Lüfte des Frühlings durch das Thal zu ſtehlen und in Vereinigung mit einer belebenden Sonne die ſchlummernden Kräfte — S 98*— 297 der Pflanzenwelt zu wecken, während am andern wieder rauhe Nord⸗ ſtürme über den See wegfegten und jede Spur vernichteten, welche ihre ſanften Gegner zurückgelaſſen hatten. Demungeachtet aber ver⸗ ſchwand der Schnee nach und nach, und in allen Richtungen ſah man grüne Weizenfelder mit ihren dunkeln verkohlten Stümpfen⸗ welche erſt im vergangenen Jahre noch einigen der ſtolzeſten Bäume des Waldes zur Unterlage gedient hatten. Wo immer ſich ein Pflug anwenden ließ, war dieſes nützliche Werkzeug in Bewegung, und der Rauch der Zuckerſiedereien erhob ſich nicht länger über den Ahorngehölzen. Der See hatte den blanken Schmuck eines Eis⸗ feldes verloren, denn obgleich noch eine dunkle, düſtere Rinde ſeine Waſſer verbarg, ſo konnte, da keine Strömungen vorhanden waren, kein Eisgang eintreten, und das erſtarrte Element erhielt ſich noch lange in jenem poröſen Zuſtande, der kaum Kraft genug beſaß, den Zuſammenhang ſeiner Theile zu erhalten. Man ſah große Schaaren wilder Gänſe über den Landſtrich hinziehen, die eine Zeit lang ob dem Spiegel des Sees ſchwebten, augenſcheinlich, um einen Ruhe⸗ platz zu ſuchen; und wenn ſie ſich dann von der kalten Decke ab⸗ geſtoßen fanden, ſo flogen ſie gen Norden, die Luft mit ſchrillem Geſchrei erfüllend, als wollten ſie ihren Klagen über das langſame Wirken der Natur Luft machen. Eine Woche lang blieb dieſe ſchwarze Hülle des Otſego in dem ungeſtörten Beſitz zweier Adler, die ſich auf dem Mittelpunkt deſſelben niedergelaſſen hatten und von da ihr unbeſtrittenes Territorium be⸗ trachteten. Während der Anweſenheit dieſer Luftmonarchen vermieden die Zugvögelſchwärme den See und bogen in die Berge ein, augen⸗ ſcheinlich den Schutz der Wälder aufſuchend, während die weißen, kahlen Köpfe der nunmehrigen Bewohner des Sees mit einem Blicke der Verachtung in die Höhe ſchauten. Aber die Zeit kam, wo auch dieſe Könige der Vögel aus ihrem Beſitz vertrieben werden ſollten. Eine Oeffnung an der untern Seite der Waſſerfläche, wo die Stroͤmung des Fluſſes, ſelbſt zu der kälteſten Jahreszeit, die Bildung von Eis verhindert hatte, griff allmählig um ſich, und die friſchen Südwinde, die ungehindert das Thal durchſtrichen, übten ihre Wirkung. Leichte Wogen begannen ſich über dem Rande des Eisfeldes zu kräuſeln und bildeten einen Saum von Kriſtallen, der ſich allmählig weiter gegen Norden zurückzog. Schritt für Schritt mehrte ſich die Macht der Winde und der Wellen, ſo daß es den letztern nach einem Kampfe von einigen Stunden gelang, das ganze Feld in Bewegung zu ſetzen, und nun verſchwand es vor den Augen mit einer Schnelligkeit, die ebenſo zauberartig war, als der veränderte Anblick der ganzen Landſchaft, welche durch dieſe Austreibung der zögernden Winter⸗ reſte veranlaßt wurde. Als die letzte Schichte des bewegten Eiſes in der Entfernung entſchwand, erhoben ſich die Adler mit weiten Schwingen bis über die Wolken, während die Wellen ihre kleinen Schneekappen in die Luft ſtießen, als jubelten ſie über ihre Be⸗ freiung von einer fünfmonatlichen Knechtſchaft. Am folgenden Morgen wurde Eliſabeth durch die erfreulichen Töne der Hausſchwalben, die ſich zwitſchernd um die kleinen Neſter vor ihren Fenſtern herum neckten, und durch die Rufe Richard's geweckt, die ebenſo ermuthigend waren, als die eben genannten Merkmale einer eintretenden Frühlingswitterung. „Aufgewacht! aufgewacht! meine ſchoͤnen Damen! die Möven ſchweben bereits über dem See, und der ganze Himmel wimmelt von Tauben. Ihr könnt Euch eine ganze Stunde umſehen, ehe Ihr ein Loch findet, das Einem einen Blick nach der Sonne ge⸗ ſtattet. Aufgewacht! aufgewacht! ihr Siebenſchläferinnen! Benjamin hat ſchon die Munition hergerichtet, und wir erwarten nur unſer Frühſtück, um in den Bergen eine Taubenjagd anzuſtellen.“ Dieſem muntern Aufruf ließ ſich nicht widerſtehen, und in wenigen Minuten zeigten ſich Miß Temple und ihre Freundin im Geſellſchaftszimmer. Die Thüren des Gemaches waren offen, und die milde, balſamiſche Luft eines heitern Frühlingsmorgens durch⸗ ſächelte den Raum, wo die unabläſſige Sorgfalt des Majordomo ſo — ⏑☛— R——— 2 ε— K&—— 299 lange eine künſtliche Wärme unterhalten hatte. Die in Jagdkleidern gehüllten Herren harrten ungeduldig des Morgenimbißes, und Herr Jones, der alle Augenblicke nach der untern Thüre gieng, rief: „Sieh, Bäschen Eliſabeth! Sieh, Duke! Die Taubenſchläge des Südens haben ſich geöffnet. Die Schaaren werden mit jedem Augenblicke dichter. Hier iſt ein Schwarm, von dem das Auge kein Ende abſehen kann— Mundvorrath genug, um die Armee eines erxes für einen Monat verproviantiren zu können, und hinreichend Federn, um die Betten des ganzen Bezirks zu füllen. Terxes war nämlich ein griechiſcher König, Herr Edwards,— nein, er war ein Türke oder ein Perſer, der Griechenland erobern wollte, gerade in derſelben Weiſe, wie dieſe gefiederten kleinen Schelme über unſere Weizenfelder herfallen. Beeile Dich, Beß, ich ſehne mich darnach, ein wenig unter ſie zu pfeffern.“ 4 Marmaduke und der junge Edwards ſchienen den gleichen Wunſch zu hegen, denn es war ein erheiternder Anblick für einen Jäger, und die Damen entließen die Partie, bald nachdem ſie ein haſtiges Früh⸗ ſtück eingenommen hatte. Wenn die Luft von Tauben wimmelte, ſo ſchien das ganze Dorf, Männer, Weiber und Kinder, in einer gleichen Bewegung zu ſeyn. Man ſah jede Art von Feuerwaffen, von der franzöſiſchen Entenflinte mit ihrem faſt ſechs Fuß langen Lauf bis zu der gewöhnlichen Reiter⸗ piſtole, in den Händen der Männer und Knaben, von denen letztere zum Theil auch mit Bogen aus Wallnußſchößlingen und Armbrüſten bewaffnet waren. Die Häuſer und die Anzeichen eines rührigen Lebens im Dorfe trieben die Vögel aus ihrer geraden Flugrichtung gegen die Berge, an deren Seiten ſie ſich in ſo dichten Maſſen häuften, daß man nicht ſagen konnte, was wunderbarer war— die Schnelle ihrer Bewegung oder das Unglaubliche ihrer Anzahl. Wir haben bereits geſagt, daß die Landſtraße quer über die geneigte Ebene lief, welche von dem Gebirge gegen die Ufer dess Susquehanna abfiel, und zu beiden Seiten befand ſich eine in früheren Tagen gehauene, viele Acker breite Lichtung. Ueber dieſer Lichtung, auf dem öſtlichen Gebirge und längs des gefährlichen Pfades, der nach demſelben hinaufführte, hatten ſich die verſchiedenen Jagd⸗ liebhaber aufgeſtellt, und in wenigen Minuten begann der Angriff. Unter den Jägern zeigte ſich auch die hohe und hagere Geſtalt Lederſtrumpf's, der, die Büchſe im Arm und die Hunde an der Ferſe, über das Feld gieng. Die letzteren ſchnupperten hin und wieder nach den todten oder verwundeten Vögeln, die herunter zu ſtürzen an⸗ ftengen, und kauerten ſich dann zu den Füßen ihres Herrn, als ob ſie ſeine Gefühle über dieſes verſchwenderiſche und unwaidmänniſche Verfahren theilten. So oft ein Schwarm von mehr als gewöhnlicher Anzahl über die Lichtung hinwegflog und das Feld wie eine Wolke beſchattete, knatterten ganze Salven von Feuergewehren in der Ebene, und was dieſem Ungewitter entkam, wurde von den Bergen aus mit vereinzelten Schüſſen begrüßt, ſo daß der Tod allenthalben auf die armen Flüchtlinge lauerte. Pfeile und Wurſgeſchoſſe aller Art ver⸗ fehlten nicht ihres Zieles in den Maſſen, und dabei war ihr Flug ſo niedrig, daß man ſie von den Seiten des Gebirgs aus mit langen Stangen zu Boden ſchlagen konnte. Inzwiſchen war Herr Jones, der die gemeinen und gewöhnlichen Zerſtörungsmittel ſeiner Jagdgenoſſen verſchmähte, unter Benjamin's Beihülfe beſchäftigt, Vorbereitungen zu einem verhängnißvolleren Angriff zu machen. Unter den Ueberbleibſeln alter militäriſcher Streifzüge, die man hin und wieder noch in den verſchiedenen Be⸗ zirken des weſtlichen Theils von New⸗York antrifft, hatte man bei der Anlegung Templetons eine kleine Feldſchlange aufgefunden, welche eine pfündige Kugel ſchoß. Vermuthlich war ſie von einer Truppen⸗ abtheilung der Weißen bei Gelegenheit ihrer Einfälle in die india⸗ niſchen Dörfer zurückgelaſſen worden, ſey es nun, daß ſie durch die Noth dazu gezwungen wurden, oder daß es zu beläſtigend war, ein 301 ſolches Kriegswerkzeug durch die Wälder zu ſchleppen. Man hatte dieſe Miniaturkanone vom Noſt befreit, ſie auf kleine Näder geſetzt und für den Dieuſt brauchbar gemacht. Schon ſeit mehreren Jahren diente ſie in dieſen Bergen als das einzige Organ für die Ver⸗ kündigung außerordentlicher und erfreulicher Ereigniſſe. Am Morgen des vierten Juli“ hörte man ſie durch die Thäler hallen, und ſo⸗ gar Capitain Holliſter, der in der Gegend für derartige Dinge als die höchſte Autorität galt, verſicherte, daß ſie, in Anbetracht ihrer Dimenſionen, ein durchaus nicht verächtliches Salutationsgeſchütz ſey. Sie hatte allerdings durch die geleiſteten Dienſte etwas Noth gelitten, ſo daß hinſichtlich der Weite zwiſchen der Mündung und dem Zündloche nur ein ganz unbedeutender Unterſchied ſtatt fand. Dem ungeachtet aber hatte der großartige Richard die Wichtigkeit eines ſolchen Werkzeuges— um den Tod auf ſeine hurtigen Feinde zu ſchleudern, eingeſehen. Die Feldſchlange wurde durch ein Pferd nach der Stelle geführt, welche der Sheriff für beſonders paſſend zur Aufpflanzung einer derartigen Batterie hielt, und Meiſter Pump ſchickte ſich an, das Geſchütz zu laden. Die Patronen enthielten etliche Händevoll Entenſchrot, und der Majordomo verkündigte bald, daß das Stück für den Dienſt in Stand geſetzt ſey. Der Anblick eines ſolchen Werkzeugs verſammelte alle müßigen Zuſchauer, meiſtens Knaben, welche die Luft mit Jubelgeſchrei erfüllten— auf dem Platze. Die Röhre wurde nach oben gerichtet, und Richard, der eine glühende Kohle mit einer Feuerzange hielt, ſetzte ſich geduldig auf einen Baumſtumpf, um das Auftauchen eines Schwarms zu erwarten, der ſeiner Beachtung würdig wäre. Die Anzahl der Vögel war ſo ungeheuer, daß das Knatterfeuer der Gewehre, die Pfeilſchüſſe und das Geſchrei der Knaben keine andere Wirkung hervorbrachten, als kleine Schwärme von den Maſſen abzuſondern, ſo daß letztere ihren Zug durch das Thal fortſetzten, als * Am vierten Juli 1776 erklärte der Congreß die vereinigten Colonien für einen unabhängigen und ſouverainen Staat. 30² ob die ganze geſiederte Zunft keinen andern Paß hätte. Niemand nahm ſich ſo viel Mühe, die Opfer zu ſammeln, die in bunter Verwirrung das Feld bedeckten. Lederſtrumpf war ein ſchweigender Beobachter aller dieſer Vor⸗ gänge; als er jedoch die Kanone richten ſah, ſo konnte er ſeine Gefühle nicht länger zurückhalten. „Das hat man von dieſen Anſiedelungen!“ ſagte er.„Ich habe die Tauben vierzig Jahre lang hier durchziehen ſehen, und Niemand ließ ſichs einfallen, ſie zu ſtören oder zu beſchädigen, bis Ihr mit Euren Lichtungen gekommen ſeyd. Ich ſah ihr Erſcheinen in den Wäldern immer gern, denn ſie leiſteten Einem Geſellſchaft und ſind ſo harmlos wie die Glasſchlangen. Aber nun muß ich mit Schmerz dieſe ſchrecklichen Dinger durch die Luft pfeifen hören, ohne einen weiteren Grund, als um der Dorfbrut ein Spectakel zu geben. Schon gut! der Herr wird nicht geduldig zuſehen, wenn man ſeine Geſchöpfe für nichts und wieder nichts mordet; und dieſen Tauben wird ihr Recht wiederfahren, wie auch noch manchen Andern. Der Herr Oliver iſt eben ſo ſchlimm, als die Uebrigen, denn er ſchießt auf die unſchuldigen Thiere, als ob es Mingokrieger wären.“ Unter den Schützen befand ſich auch Billy Kirby, der alle Augenblicke ſeine alte Muskete lud, und ſie, ohne aufzuſehen, jubelnd in die Luft abſchoß, ſo daß ihm hin und wieder ſeine Opfer ſogar auf den Kopf fielen. Er hörte Natty's Worte und übernahm die Erwiederung derſelben: „Was, alter Lederſtrumpf,“ rief er;„Ihr brummt über den Tod einiger Tauben?— Wenn Ihr, wie ich, Euren Weizen zwei oder dreimal hättet ausſäen müſſen, ſo wäret Ihr nicht ſo übermäßig zartfühlend gegen dieſe Teufel— hurrah! hurrah, Jungen! Pfeffert tüchtig drauf los! Das iſt beſſer, als auf den Kopf und Hals eines Truthahns zu ſchießen, alter Knabe.“ „Für Euch, Billy Kirby,“ verſetzte der alte Jäger unmuthig, „und für Alle, welche nicht wiſſen, wie man eine Kugel aufſetzt, und 303 wie man ſie nach einem richtigen Ziele wieder aus dem Laufe bringt! Aber es iſt etwas Heilloſes, in dieſer verſchwenderiſchen Weiſe auf die Schwärme zu ſchießen, und Niemand thut es, der einen einzelnen Vogel herunter langen kann. Wenn es einen nach Taubenfleiſch gelüſtet— je nun, ſie ſind wie alle anderen Creaturen zur Speiſe des Menſchen beſtimmt; dann muß man aber nicht zwanzig tödten, wenn man nur eine einzige eſſen will. Brauche ich etwas der Art, ſo gehe ich in die Wälder, bis ich finde, was mir anſteht, und ſchieße ſie dann von den Zweigen herunter, ohne die Feder einer andern zu berühren, ſäßen auch ihrer hundert auf dem Baume. So was könntet Ihr freilich nicht, Billy Kirby— nein Ihr könntet's nicht, und wenn Ihr's auch verſuchtet.“ „Was ſchwatzſt Du da, Du alter Strohhalm! Du ſaftloſer Stumpf!“ rief der Holzfäller.„Ihr ſeyd ja ungemein patzig ge⸗ worden, ſeit dem letzten Truthahnſchießen. Doch wenn Ihr ſo auf einen einzelnen Schuß verſeſſen ſeyd, da kömmt gerade eine ganz allein angeflogen.“ Das Feuer an den entfernteren Stellen des Feldes hatte eine einzelne Taube von dem Schwarm, zu welchem ſie gehörte, getrennt und ſie näherte ſich nun, geängſtigt von dem unabläßigen Knallen der Musketen, der Stelle, wo die Beiden ſtanden, wobei ſie bald auf die eine, bald auf die andere Seite zuſchoß und die Luft mit der Schnelligkeit des Blitzes durchſchnitt, was ein Geräuſch, nicht un⸗ ähnlich dem Sauſen einer Kugel, veranlaßte. Unglücklicher Weiſe ſah der Holzfäller, ungeachtet ſeiner prahleriſchen Zunge, den Vogel nicht eher, bis es zu ſpät war, denſelben bei ſeiner Annäherung aufs Korn zu nehmen, und ſo berührte er den Drücker in demſelben Augenblick, als das Thier unmittelbar über ſeinem Kopfe wegflog. Die Taube enteilte mit ihrer gewöhnlichen Schnelligkeit. Natty ließ in Folge dieſer Herausforderung ſeine Büchſe ſinken, und wartete einen Augenblick, bis das erſchreckte Opfer in einer Linie mit ſeinem Auge war und ſich in der Nähe des Seeufers 304 niedergelaſſen hatte; erſt als ſie ſich wieder erhob, feuerte er. Vielleicht war es Zufall, vielleicht Geſchicklichkeit, vielleicht aber Beides zugleich — genug, die Taube überpurzelte in der Luft und ſiel mit einem zerbrochenen Flügel in den See herunter. Auf den Knall der Büchſe ſprangen die Hunde auf, und in wenigen Minuten legte Slut den Vogel noch lebend vor die Füße ſeines Herrn. Dieſe Heldenthat Lederſtrumpfs ward mit großer Schnellig⸗ keit über das ganze Feld hin kund, und die Schützen verſammelten ſich, um ſich von der Wahrheit der Sache zu überzeugen. „Was?“ ſagte der junge Edwards. Ihr habt alſo wirklich mit einer einzigen Kugel den Flügel einer Taube getroffen?“ „Habe ich nicht früher ſchon Seeflunder im Augenblicke des Untertauchens geſchoſſen?“ erwiederte der Jäger.„Iſt es doch zehnmal beſſer, nur das zu tödten, was man braucht, ohne ſein Pulver und Blei zu verſchwenden, als in dieſer heilloſen Weiſe auf Gottes Geſchöpfe zu feuern. Doch ich bin wegen eines einzigen Vogels herausgekommen; und Ihr wißt den Grund, warum ich dieſes kleine Wild liebe, Herr Oliver. Da ich nun habe, was ich brauche, ſo kann ich heimgehen: denn die verſchwenderiſche Weiſe, die ihr alle anwendet, iſt nicht nach meinem Geſchmack, indem alles ſeinen Nutzen hat und nicht darum geſchaffen iſt, um zerſtört zu werden.“ „Du haſt Recht, Lederſtrumpf,“ rief Marmaduke;„und ich glaube, es iſt nachgerade Zeit, dieſer Verheerung ein Ziel zu ſtecken.“ „Stecken Sie vorerſt Ihren Lichtungen ein Ziel: ſind die Wälder nicht ebenſo gute Werke Gottes als die Tauben? Man darf ſie be⸗ nutzen, aber nicht verheeren. Hat der Wald nicht die Beſtimmung, Thiere und Vögel zu beherbergen? Und wenn der Menſch ihres Fleiſches, ihrer Haut und ihrer Federn bedarf, ſo hat er Gelegenheit, ſich's zu holen. Doch ich will mit meinem Braten nach meiner Hütte gehen, denn ich möchte keines von dieſen harmloſen Thieren anrühren, die hier den Boden bedecken und mit ihren Augen ſo 5 305 kläglich zu mir aufſehen, als fehlte ihnen bloß die Zunge, um ihre Gedanken auszuſprechen.“ Nach dieſen Worten warf Lederſtrumpf den Riemen ſeiner Büchſe über die Schulter und ſchritt, von ſeinen Hunden begleitet, mit großer Vorſicht über die Lichtung, um auf keines der verwundeten Thiere, die auf ſeinem Wege lagen, zu treten. Er erreichte bald das Gebüſch an dem Saume des Sees und war den Blicken entſchwunden. Welchen Eindruck Natty's Predigt auch auf den Richter gemacht haben mochte— an Richard war ſie gänzlich verloren. Er benützte den Zuſammenlauf der Schützen, um ſeinen umfaſſenderen Vernich⸗ tungsplan auszuführen. Die Musketenträger ſtellten ſich zu jeder Seite ſeines groben Geſchützapparats in Schlachtordnung auf, um das Signal zum Abbrennen zu erwarten. „Gebt Acht, Jungen,“ ſagte Benjamin, der bei dieſer Gelegen⸗ heit den Adjutanten vorſtellte;„gebt Acht, meine Lieben, und wenn Squire Dickens das Feuerſignal gibt, ſo ſeht zu, daß ihr gleich⸗ falls eine tüchtige volle Lage losbrennen laßt. Aber feuert niedrig, Jungen, und ihr dürft ſicher ſeyn, daß das Wetter gehörig in ihre Planken einſchlägt.“ „Niedrig feuern?“ ſchrie Kirby.„Da höre man doch den alten Narren! Wenn wir niedrig feuern, ſo treffen wir die Baumſtümpfe, aber keinen Schwanz von einer Taube.“ „Was verſteht Ihr davon, Ihr Schlingel,“ entgegnete Ben⸗ jamin mit einer ſehr unziemlichen Hitze für einen Officier vor der Schlacht.„Was verſteht Ihr davon, Ihr Seekalb? Bin ich nicht fünf Jahre am Bord der Boadiſhey geweſen? Und gehörte es nicht zum Schießreglement, niedrig zu feuern, um den Rumpf unſerer Feinde zu treffen? Gebt auf Eure Gewehre Acht, Jungen, und parirt Ordre.“ Das laute Gelächter der Musketenträger wurde durch Richard's gebieteriſche Stimme zum Schweigen gebracht, der jetzt auf ſeine Signale zu achten befahl. Die Anſiedler. 3. Aufl. 20 306 Einige Millionen Tauben mochten dieſen Morgen bereits über das Thal von Templeton geſtrichen ſeyn, aber nichts glich dem Schwarm, den man jetzt herannahen ſah. Er dehnte ſich von dem einen Gebirg bis zu dem andern wie eine feſte blaue Maſſe aus, und das Auge ſchaute vergeblich nach den Hügeln im Süden, um das Ende deſſelben abſehen zu können. Die vordere Seite dieſer lebendigen Saͤule war durch eine nur ſchwach gezähnelte Linie be⸗ zeichnet— ſo regelmäßig und gleichförmig war der Zug. Selbſt Marmaduke vergaß bei dem Näherrücken deſſelben Lederſtrumpf's Warnung, und ſetzte, gemeinſchaftlich mit den Uebrigen, ſeine Muskete an. „Feuer!“ rief der Sheriff, indem er mit einer Kohle das Zünd⸗ pulver der Kanone berührte. Da die Hälfte von Benjamins Patrone durch das Zündloch heraus⸗ fuhr, ſo gieng die Musketenſalve dem Knall der Feldſchlange voran. In Folge des vereinigten Kleingewehrfeuers flog die vordere Reihe des Schwarms in die Höhe, während in demſelben Augenblick Myriaden nachfolgender Tauben mit einer ſolchen Schnelligkeit nach⸗ rauſchten, daß, ſobald die weiße Rauchſäule aus der Mündung der kleinen Kanone aufgeflogen war, eine gehäufte Maſſe über der Schußlinie hinglitt. Der Knall der Feldſchlange hallte durch die Berge wieder und erſtarb im Norden, wie ein ferner Donner, während die ganze Schaar der beunruhigten Vögel ſich für einen Augenblick in einen ungeord⸗ neten Klumpen zuſammenzudrängen ſchien. Die Luft war von den unregelmäßigen Zügen angefüllt; Schichte ſtrich über Schichte hin, weit über die Wipfel der höchſten Fichten hinaus, und keine wagte über den gefährlichen Paß vorzudringen, als plötzlich einige Führer der geſiederten Zunft quer über das Thal ſchoßen und ihren Flug gerade über dem Dorfe weg nahmen, worauf hunderttauſende ihrem Beiſpiel folgten, indem ſie die öſtliche Seite der Ebene ihren Ver⸗ folgern und deren Schlachtopfern überließen. 307 „Victoria!“ jauchzte Richard.„Victoria! wir haben den Feind aus dem Felde geſchlagen!“ „Nicht doch, Dick,“ entgegnete Marmaduke.„Iſt doch das ganze Feld voll davon, und wohin ich ſchaue, ſehe ich nichts als die Augen der unſchuldigen Opfer, die entſetzt ihre Köpfe in die Höhe ſtrecken. Mehr als die Hälfte der Gefallenen iſt noch am Leben und ich glaube, es iſt Zeit, der Beluſtigung ein Ende zu machen, wenn es anders eine Beluſtigung iſt.“ „Freilich iſt es eine, und dazu eine ausgezeichnete!“ rief der Sheriff.„Etliche tauſend dieſer blauröckigen Burſche liegen hier auf dem Grunde, ſo daß jedes alte Weib im Dorf ſich Paſteten daraus machen kann, wenn ſie nur will.“ „Nun, wir haben die Vögel glücklich von dieſer Seite des Thales weggeſchreckt,“ entgegnete Marmaduke,„und die Schläch⸗ terei muß nothwendig ein Ende haben. Jungen, ich zahle ſechs Pence für das Hundert Taubenköpfe. Geht alſo ans Werk und bringt ſie ins Dorf.“ Dieſe Verheißung hatte die gewünſchte Wirkung; denn jeder der anweſenden Knirpſe bemühte ſich emſig, den verwundeten Vögeln die Hälſe abzudrehen. Der Richter verfügte ſich mit jener Art von Gefühl nach ſeiner Wohnung, das wohl ſchon mancher vor ihm empfunden hat, wenn er, ſobald die Aufregung des Augenblicks vorüber iſt, die Entdeckung macht, daß er ſeine Luſt nur um den Preis des Unglücks Anderer gebüßt hat. Ganze Pferdlaſten ge⸗ tödteter Tauben wurden weggeſchafft, und nach dieſem erſten Haupt⸗ angriff blieb für den Reſt dieſer Jahreszeit die Taubenjagd nur noch ein Geſchäft für einige Müßiggänger. Richard rühmte ſich jedoch noch manches Jahr nachher ſeiner mit der Feldſchlange ge⸗ übten Heldenthat und Benjamin verſicherte dabei mit vieler Würde, er glaube, ſie hätten an jenem Tage beinahe ſo viele Tauben ge⸗ tödtet, als Rodney, bei Gelegenheit ſeines denkwürdigen Sieges, Franzoſen. 308 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Helft, Leute helft; hier haͤngt ein Fiſch im Netze, wie eines armen Mannes Recht vor dem Gericht. Perikles von Tyrus. Es gieng nun mit dem Vorrücken der Jahreszeit ſo ſchnell, als der Eintritt derſelben zögernd und langwierig geweſen war. Eine gleichförmige Milde bezeichnete die Tage, während die allerdings noch kühlen Nächte wenigſtens keinen Reif mehr brachten. Der Windfänger ließ ſeine melancholiſchen Töne an dem Ufer des Sees vernehmen, und Sümpfe und Wieſen entſandten die Muſik ihrer tauſend Bewohner. Das Laub der einheimiſchen Pappel zitterte in den Wäͤldern; die Seiten der Berge begannen ihre braune Farbe zu verlieren, indem ſie dieſelbe mit dem lieblichen Grün der Laub⸗ hölzer vertauſchten, in welche ſich das dunkle Immergrün der Fichte und Tanne miſchte; und ſelbſt die Knospen der trägeren Eiche ſchwellten ſich, die Ankunft des Sommers verkündend. Die luſtige Bachſtelze, das geſellige Rothkehlchen, der emſige kleine Zaunkönig belebten die Felder mit ihrer Gegenwart und ihren Geſängen, wäh⸗ rend der hochfliegende Fiſchadler bereits über den Waſſern des Otſego ſchwebte und mit angeborener Gefräßigkeit auf das Auf⸗ tauchen ſeiner Beute lauerte. Die Bewohner des Sees waren weit und breit berühmt, ſowohl um ihrer Menge als um ihrer Qualität willen, und das Eis war kaum verſchwunden, als zahlloſe kleine Boote von den Ufern glitten, aus denen der Fiſcher ſeine Angelſchnur in die innerſten Winkel ihrer tiefſten Hühlen warf, um die unvorſichtigen Thiere mit jeder Art Köder, welche menſchlicher Scharffinn erfunden, zu berücken. Aber der langſame, obgleich ſichere Verſuch mit Schnur und Angel ſagte der Ungeduld der verſchwenderiſchen Anſiedler nuͤr wenig zu. Man nahm ſeine Zuflucht zu verheerenderen Hilfsmitteln; und als die — J——+—— ketze, richt. als Eine ings Der Sees hrer e in arbe aub⸗ ichte Fiche ſtige önig väh⸗ des Auf⸗ vohl war tten, hrer Art Aber agte MNan die 309 HFahrszeit eintrat, zu welcher das Fiſchen mit Netzen durch das von dem Richter Temple erwirkte Geſetz erlaubt war, ſo erklärte der Sheriff ſeine Abſicht, in der nächſten dunkeln Nacht eine ſolche Beluſtigung in Perſon zu leiten. „Du ſollſt auch dabei ſeyn, Bäschen Eliſabeth,“ fügte er bei, als er ſein Vorhaben kund that,„und auch Miß Grant nebſt Herrn Edwards. Da will ich Euch zeigen, was fiſchen heißt,— denn das Zupfen, Zupfen und Zupfen, wie es Duke beim Forellenfang thut, kann ich nicht ſo nennen. Was will das heißen, wenn man Stunden lang in der glühenden Sonne, oder vielleicht an den kälteſten Winter⸗ tagen unter etlichen Büſchen vor einem Loch im Eiſe ſitzt, wobei Einem noch obendrein all dieſe Kreuzigung des Fleiſches nicht einen einzigen Fiſch einträgt. Nein, nein,— gebt mir ein gutes, fünfzig oder ſechzig Klafter langes Netz mit etlichen luſtigen Burſchen zu Gehülfen und Benjamin ans Steuer, und ihr werdet ſehen, daß wir ſie zu Tauſenden herausholen. Das nenne ich fiſchen.“ „Ach, Dick,“ rief Marmaduke,„Du weißt nicht, welch ein Vergnügen es iſt, die Angelſchnur ſpielen zu laſſen, ſonſt giengeſt Du ſparſamer mit dieſen Thieren um. Wie oft mußte ich nicht mitanſehen, daß Du, wenn Du eine Nachtpartie auf dem See leiteteſt, Fragmente genug zurückließeſt, um ein Dutzend ausge⸗ hungerter Familien damit ſättigen zu können.“ „Ich will darüber nicht mit Dir ſtreiten, Richter Temple. Ich lade die Geſellſchaft ein, mich dieſe Nacht zu begleiten, und dann ſoll ſie zwiſchen uns beiden entſcheiden.“ Richard war während des ganzen Nachmittags beſchäftigt, für ſein Vorhaben die geeigneten Vorkehrungen zu treffen. Sobald das Licht der untergehenden Sonne verſchwunden war und die Schatten des neuen Mondes über die Erde fielen, ſetzten ſich die Fiſcher in ein Boot, um nach einer Stelle an dem weſtlichen Ufer des Sees zu fahren, die etwas mehr als eine halbe Meile vom Dorfe ent⸗ legen war. Da das Geſtade auf dieſer Seite gelichtet und der —mm 319 Boden gut und trocken war, ſo zog Marmaduke— mit ſeiner Tochter, ihrer Freundin und dem jungen Edwards— einen Spazier⸗ gang durch das hohe Gras vor, und ſo begaben ſie ſich denn nach der Ausmündungs⸗Stelle der ſchönen Waſſerfläche, wobei ſie das dunkle, über den See hinfahrende Boot im Auge behielten, bis ſich daſſelbe beim Eintritt in die weſtlichen Berge ihren Blicken entzog. Die Entfernung zu Lande bis zu dem beſtimmten Zuſammen⸗ kunftsorte betrug eine Meile. „Es iſt Zeit, daß wir uns beeilen,“ bemerkte Marmaduke. „Der Mond wird hinunter ſeyn, bis wir an Ort und Stelle an⸗ langen, und Dick hat dann vielleicht ſein bewunderungswürdiges Herausholen ſchon begonnen.“ Der Abend war warm, und nach dem langen und trübſeligen Winter, der kaum erſt Abſchied genommen hatte, wahrhaft entzückend. Die jüngeren Glieder der Geſellſchaft folgten, begeiſtert von der ſchönen Naturſcene und dem gehofften Vergnügen, dem Richter auf dem Fuße, als er ſie die Ufer des Otſego entlang durch die Güter der Dörfler führte. „Seht!“ rief der junge Edwards,„ſie zünden bereits ihr Feuer an; es glimmt für einen Augenblick auf und ſtirbt wieder hin, wie das Licht eines Leuchtkäfers.“ „Jetzt lodert es auf,“ rief Eliſabeth.„Man kann die Geſtalten daran erkennen. O, ich wollte meine Juwelen gegen Remarkable's goldene Halsſchnur wetten, daß mein ungeduldiger Vetter Dick bei Anzündung dieſer hellen Flamme thätig geweſen iſt;— und ſeht! es geht ſchon wieder zuſammen, wie die meiſten ſeiner glänzenden Entwürfe.“ „Du haſt's getroffen, Beß,“ verſetzte der Vater;„er hat einen Arm voll dürren Reiſes zugelegt, das zwar ſchnell aufbrennt, aber eben ſo ſchnell wieder erlöſcht. Doch hatte es wenigſtens das Gute, daß ſie beſſern Brennſtoff finden konnten, denn ihr Feuer beginnt mit einer ſtätigeren Flamme zu lodern; es gleicht jetzt einer 22 ſeiner azier⸗ nach e das bis licken men⸗ duke. an⸗ diges ligen kend. der auf züter feuer wie alten ble's bei eht! nden inen aber ute, innt iner 311 Fiſchersfeuerwarte; ſteh nur, in welchen ſchönen Lichtkreiſen es ſich in dem Waſſer abſpiegelt!“ Der Anblick des Feuers veranlaßte die Fußgänger zu größerer Eile, denn ſelbſt die Damen brannten vor Begierde, Zeuge des wunderbaren Fiſchzugs zu ſeyn. Endlich langten ſie an dem Rand des Ufers an, der gegen den Punkt, wo der Fiſcher gelandet hatte, abfiel. Die Mondſichel war hinter die Spitzen der weſtlichen Fichten hinabgeſunken, die Mehrzahl der Sterne durch Wolken verdüſtert, und ſo war nirgends ein anderes Licht ſichtbar, als dasjenige, welches von dem Feuer ausgieng. Marmadukes Wunſche gemäß machten ſie jetzt ein wenig Halt, um die unten Befindlichen zu muſtern und auf deren Unterhaltung zu horchen, ehe ſie ſelbſt hinabſtiegen. Die ganze Gruppe war— mit Ausnahme Richard's und Benja⸗ min's— um das Feuer verſammelt. Der Erſtere ſaß auf der Wurzel einesmorſchen Baumſtumpfes, die man als Brennmaterial herbei geſchafft hatte, und der Letztere ſtand mit in die Seite geſtemmten Armen ſo nahe an der Flamme, daß der Rauch hin und wieder ſeine gravitätiſchen Züge verdunkelte, wenn dieſer, dem Nachtwinde, welcher ſanft über das Waſſer her wehte, gehorſam, den Holzſtoß umwirbelte. „Je nun, ſehen Sie, Squire,“ ſagte der Majordomo:„Sie mögen einen Seeſiſch, der zwanzig oder dreißig Pfund wiegt, einen gewichtigen Fang nennen; wer aber ſchon einen ſchaufelnaſigen Haifiſch herausgeholt hat, dem muß er im Grunde doch nur als eine Armſeligkeit vorkommen.“ „Ich weiß nicht, Benjamin,“ entgegnete der Sheriff;„aber das Heraufziehen von tauſend Otſegobarſchen, die Hechte, Karpfen, Plattköpfe, Lachsforellen und Saugfiſche gar nicht mit gezählt,— laßt Euch ſagen, ſo etwas iſt gar keine üble Fiſcherei. Es mag allerdings eine Luſt ſeyn, einen Hai zu ſpießen; aber für was iſt er gut, wenn man ihn hat? Dagegen ſind die von mir genannten Fiſche lauter Arten, die man auf eine königliche Tafel bringen könnte.“ 312 „Nun, Squire,“ verſetzte Benjamin;„man muß vor allen Dingen die Philoſophie einer Sache los haben. Wäre es vernünftiger Weiſe nur denkbar, daß ein ſolcher Fiſch in dieſem Weiher da leben und gefangen werden könnte, wo es kaum tief genug iſt, um darin zu erſaufen? Betrachten Sie dagegen den weiten Ocean; da weiß doch Jedermann— das heißt Jedermann, der zur See geweſen iſt, daß er Wallſiſche und Meerſchweine enthält, welche ſo lang ſind, als eine der Fichten auf dem Berge.“ „Gemach, gemach, Benjamin,“ ſagte der Sheriff, der die Ehre und Glaubwürdigkeit ſeines Günſtlings retten zu wollen ſchien. „Bedenkt, daß einige der Fichten zweihundert Fuß und drüber meſſen.“ „Zweihundert oder zweitauſend, das iſt all eins,“ rief Benjamin mit einer Miene, welche deutlich bekundete, daß er nicht geneigt war, ſich ſo leicht von ſeiner ausgeſprochenen Behauptung abbringen zu laſſen.„Bin ich nicht ſelbſt auf dem Meere geweſeng und habe es mit meinen eigenen Augen geſehen? Ich ſagte, daß es Wallfiſche gäbe, ſo lang, als eine von jenen Fichten dort; und was ich einmal geſagt habe, dabei bleibe ich.“ Während dieſer Zwieſprache, welche augenſcheinlich nur der Schluß einer viel längeren Erörterung war, ſah man Billy Kirby's rieſige Geſtalt ſich an der Seite des Feuers ausrecken, wo er nach⸗ läßig mit einem Holzſplitter ſeine Zähne ausſtocherte und gelegentlich, voll Mißtrauen gegen Benjamins Behauptungen, den Kopf ſchüttelte. „Ich bin der Anſicht,“ begann der Holzfäller,„daß in dieſem See Waſſer genug iſt, um den größten Wallfiſch, der je aufgefunden wurde, darin ſchwimmen zu laſſen; und was die Fichten anbelangt, ſo ſollte ich doch meinen, daß ich etwas von ihnen verſtehen muß. Ich habe manche niedergehauen, die ſechzigmal länger war als der Stiel meiner Art, und ich glaube, Benny, wenn die alte Fichte, die in der Eintiefung des Viſionsbergs gerade über dem Dorfe ſteht— Ihr könnt den Baum dort ſehen, denn der Mond beleuchtet eben noch ſeine Spitze— nun ja, ich glaube, wenn jene Fichte in dem 313 tiefſten Theil des Sees ſtünde, ſo wäre doch noch genug Waſſer vor⸗ handen, daß das größte Schiff, das je für eine Flotte gebaut wurde, darüber wegfahren könnte, ohne ihre oberen Zweige zu berühren.“ „Habt Ihr je ein Schiff geſehen, Meiſter Kirby,“ rief der Hausmeiſter;„habt Ihr je ein Schiff geſehen? oder überhaupt nur ein Fahrzeug, das größer iſt, als die auf dieſem Friſchwaſſerfetzen üblichen Kalknachen und Holzboote?“ „Ja, das hab' ich,“ verſetzte der Holzfäller ſtolz;„ich kann's mit Wahrheit behaupten.“ „Habt Ihr je ein brittiſches Schiff geſehen, Meiſter Kirby? Ein engliſches Linienſchiff, Junge? Wo hättet Ihr wohl ein regel⸗ mäßig gebautes Schiff ſehen können mit Hinterſteven und Bruſtholz, mit Kielgang und Schanddeck, mit Luftplanken, Lukken, Leibhölzern, einem Halbdeck, einer Back und einem ganzen Verdeck?— Sagt mir das, Mann, wenn Ihr könnt, wo Ihr je ein voll aufgetackeltes, regelmäßig gebautes, mit Decken verſehenes Fahrzeug geſehen habt?“ Die ganze Geſellſchaft war nicht wenig erſtaunt über den raſchen Fluß dieſer Frage, und ſelbſt Richard bemerkte ſpäter, es ſey tauſend Schade, daß Benjamin nicht leſen könne, ſonſt hätte er gewiß einen trefflichen Officier der brittiſchen Marine abgegeben; man dürfe ſich übrigens nicht wundern, daß die Engländer den Franzoſen zur See ſo ſehr überlegen ſeyen, da ſogar ein Matroſe die verſchiedenen Theile eines Schiffes ſo genau kenne. Aber Billy Kirby ließ ſich nicht einſchüchtern, am allerwenigſten aber durch die kategoriſchen Behauptungen eines Ausländers. Er war, während der Mojordomo mit großer Zungengeläufigkeit ſeine Fragen ſtellte, aufgeſtanden und hatte ſeinen Rücken dem Feuer zu⸗ gekehrt; als Benjamin geendet hatte, gab er gegen alle Erwar⸗ tung nachfolgende kräftige Erwiederung: „Wo? Je nun, auf dem Nordſtrom, und vielleicht auch auf dem Champlain. Da gibt es Schaluppen, Burſche, die dem ſtol⸗ zeſten Schiffe von König Georgs Flotte zu ſchaffen machen würden. 314 Sie führen Maſten von neunzig Fuß Höhe— gute ſolide Fichten⸗ ſtämme, deren ich mehr als einen in dem Vermontſtaate geſchlagen habe. Ich wollte, ich wäre auf einem derſelben Kapitain, und Ihr wäret auf dem Brodtiſch, von dem Ihr ſo viel ſchwazt, und wir wollten bald ſehen, was guter Yankeeſchlag iſt, und ob ſich eine Vermonter Haut nicht ebenſo dick erweist als eine engliſche.“ Das Echo der jenſeitigen Berge, welche mehr als eine halbe Meile von dem Standpunkte der Fiſcher entfernt lagen, hallte das mißtönige Gelächter wieder, in welches Benjamin bei dieſer Heraus⸗ forderung ausbrach, und die Wälder, welche ihre Seiten bedeckten, ſchienen, dem Lärm nach zu ſchließen, der aus ihrem Schatten her⸗ vordrang, voll neckender Dämone zu ſeyn. „Wir wollen hinunter ſteigen,“ flüſterte Marmaduke,„ſonſt gibt es bald böſes Blut unter ihnen. Benjamin iſt ein unver⸗ ſchämter Prahler, und Kirby, trotz ſeiner Gutmüthigkeit, ein rück⸗ ſichtsloſer Sohn des Waldes, dem ein einziger Amerikaner mehr gilt als ſechs Engländer. Mich wundert's, daß Dick ſich ſo ſtill verhält, wo die Sache ſich doch ſo ganz auf die Spitze ſtellen will.“ Die Erſcheinung des Richters Temple und der Damen veran⸗ laßte, wenn auch nicht eine Beſchwichtigung, ſo doch einen Aufſchub der Feindſeligkeiten. Herrn Jones' Anweiſungen gehorſam, ſchickten ſich die Fiſcher an, ihr im Hintergrunde befindliches Boot in's Waſſer zu laſſen, indem ſie zugleich die Netze auf einer kleinen Platform an dem Stern deſſelben befeſtigten. Richard verwies den Fußgängern ihr ſpätes Erſcheinen; und dem ſtürmiſchen Zanke folgte nun eine Ruhe, ähnlich der, welche über der ſchönen Waſſerfläche herrſchte, die jetzt ihrer beſten Schätze beraubt werden ſollte. Die Nacht war allmählig ſo dunkel geworden, daß Alles, was nicht durch das Licht des Feuers erhellt wurde, nicht nur unbeſtimmt, ſondern in den meiſten Fällen völlig unſichtbar blieb. Auf eine kleine Entfernung ſah man das Waſſer von der Helle der Flamme chten⸗ lagen Ihr d wir eine halbe 2 das raus⸗ ckten, her⸗ ſonſt nver⸗ rück⸗ mehr ſtill iill.“ ran⸗ ſcchub ſcher ſſen, dem ihr uhe, jetzt was imt, eine nme 315 erglänzen und da und dort in röthlichen Strahlen erzittern, aber hundert Fuß vom Ufer ab lag ein Gürtel von undurchdringlicher Finſterniß. Hin und wieder blinkte ein Sternlein durch die Wolken⸗ riſſe, und in dem Dorfe ſah man den matten Schimmer der Lichter, als lägen ſie in unermeßlicher Ferne. Bisweilen, wenn die Flamme höher aufſchlug, oder der Himmel ſich etwas klärte, ließen ſich die wellenförmigen Umriſſe des auf der andern Seite des Sees liegenden Gebirgs erkennen; aber der weite und dichte Schatten, welchen es auf das Waſſer warf, erhöhte dann auch in dieſer Richtung die Finſterniß um das Dreifache. Benjamin Pump ſpielte jedesmal die Rolle des Steuermanns und Netzauswerfers auf Richards Boot, wenn es nicht der Sheriff für paſſend erachtete, in Perſon das Geſchäft zu leiten. Billy Kirby und ein anderer junger Menſch, der jedoch kaum halb ſo ſtark als der erſtere war, handhabten die Ruder. Die übrigen Gehülfen waren an den Schlepptauen aufgeſtellt. Als ſich Alles in Ordnung befand, gab Richard das Signal zum Ausfahren. Eliſabeth beobachtete die Bewegung des Boots, als es vom Ufer abſtieß; aber bald verſchwand es in der Finſterniß, ſo daß ſich die Mannöver deſſelben nur noch durch das Ohr unterſcheiden ließen. Alles verhielt ſich ſtille, damit man, wie Richard ſich aus⸗ drückte, ‚„den Barſch nicht erſchrecke, welcher dem ſeichten Waſſer zuſchwämme und ſich dem Lichte nähere, wenn er nicht durch den Lärm der Fiſcher geſtört werde.“ Man hörte nur hin und wieder Benjamin's heiſere Stimme durch das Dunkel, wenn er mit gebieteriſchen Tönen rief,„das Backbordruder,“„das Steuerbordruder,“„etwas zurück, ihr Jungen,“ oder andere für die richtige Aufſtellung ſeines Netzes nöthige Be⸗ fehle gab. Ueber dieſen Vorkehrungen vergieng eine geraume⸗Weile; denn Benjamin that ſich auf ſeine Geſchicklichkeit im Netzwerfen etwas zu gute, wie denn überhaupt der Erfolg einer ſolchen Fiſcherei hauptſächlich davon abhängt, daß ſie mit Umſicht angeſtellt wird. 316 Endlich hörte man ein lautes Plätſchern im Waſſer, und die rauhe Stimme des Majordomo verkündigte, daß das Boot auf dem Rück⸗ wege begriffen ſey. Richard ergriff einen Feuerbrand und eilte zu einer Stelle, welche ſich eben ſo weit über dem Mittelgrunde des Fiſchergrundes befand, als die, von welcher das Boot abgefahren war, unter demſelben lag. „Rudert auf den Squire zu, Jungen,“ ſagte Benjamin,„und wir werden ſehen, was in dieſem Weiher wächſt.“ Statt der fallenden Netze horte man jetzt die raſchen Ruder⸗ ſchläge und das Rauſchen des nachſchleppenden Taues. Nun ſchoß das Boot in den Lichtkreis und in wenigen Augenblicken trieb es an das Ufer. Mehrere geſchäftige Hände waren ausgeſtreckt, um die Leine zu faſſen, und da beide Tauenden gleich gut bemannt waren, ſo begannen die Fiſcher langſam zu ziehen, während Richard im Mittelpunkte ſtand und bald rechts, bald links Befehle ertheilte, in der Anſtrengung nachzulaſſen oder ſie zu erhöhen, wie es gerade erforderlich war. Marmaduke und ſeine Begleiter ſtanden in der Nähe des Sheriffs und freuten ſich auf das Reſultat des ganzen Unternehmens, welches langſam ſeinem Ende entgegen gieng. Es gab verſchiedene Anſichten über den Erfolg, da das Netz den Einen federleicht, den Andern zentnerſchwer vorkam. Die Taue hatten indeß eine Länge von mehreren hundert Fußen, weßhalb ſich der Sheriff an dieſe Widerſprüche nicht ſonderlich kehrte, indem er zuerſt ſelbſt an den Enden einen Ruck verſuchen wollte, um ſich ſeine Anſicht bilden zu können. „Cy, Benjamin,“ rief er, als dieß geſchehen war,„Ihr habt das Netz ſchlecht ausgeworfen. Ich kann es mit meinem kleinen Finger bewegen. Das Tau gibt unter meiner Hand nach.“ „Meinen Sie vielleicht, wir müßten einen Wallfiſch bringen, Squire?“ antwortete der Majordomo.„Wenn das Netz leer iſt, ſo muß der Teufel in Geſtalt eines Fiſches im See ſtecken, denn — 317 ich warf es ſo ſchön, als nur je ein Tackelwerk über dem Halbdeck eines Flaggenſchiffs ausgeſpannt wurde.“ Aber Richard entdeckte bald ſeinen Irrthum, als er Billy Kirby im Waſſer ſtehen ſah, wie er ſich unter einem Winkel von fünf und vierzig Graden gegen das Ufer rückwärts neigte und ſeine ganze Rieſenkraft aufbot, um ſich in dieſer Stellung zu erhalten. Er ſchwieg daher und begab ſich zu den Leuten an dem andern Ende des Taues. „Ich ſehe die Stäbe,“ ſchrie Herr Jones.„Zieht Euch mehr nach innen, Jungen, und weg damit. Ans Land mit dem Boot! ans Land!“ Auf dieſen freudigen Ruf ſtrengte Eliſabeth ihre Augen an und ſah die Enden der beiden Netzſtangen aus der Dunkelheit auf⸗ tauchen, während ſich die Männer eng an einander anſchloßen und das Netz einen tiefen Sack bildete. Die Anſtrengungen der Fiſcher mußten vermehrt werden, und man hörte Richard's Stimme, welche dieſelben ermuthigte, ihre äußerſte Kraft aufzubieten. „Nun iſt es Zeit, Jungen,“ rief er;„macht, daß Ihr die Enden ans Land bringt, dann entkömmt uns nichts mehr— heran, heran!“ „D'rauf los!“ jauchzte Benjamin.„Hurrah! Ho— a hoy, ho— a hoy, ho— a!“ „Heran,“ brüllte Kirby, welcher ſich in einer Weiſe anſtrengte, daß Denen hinter ihm nichts zu thun blieb, als das ſchlaffe Tau in ihren Händen in die Höhe zu halten. „Die Stange angezogen!“ rief der Majordomo. „Die Stange angezogen!“ wiederholte Kirby an dem andern Ende. Die Männer am Ufer eilten an den Rand des Waſſers, ergriffen die obern und untern Tauenden und begannen mit großem Eifer zu ziehen. Die Zuſchauer wurden jetzt eines tiefeinſchneidenden Halbkreiſes anſichtig, welcher durch das unten mit Blei beſchwerte Stellnetz gebildet wurde, und da derſelbe raſch in ſeinem Umfange abnahm und der Sack des Netzes zum Vorſchein kam, ſo erkannte 318 man aus dem Plätſchern im Waſſer die Unruhe der darin enthal⸗ tenen Gefangenen. „Zieht an, Jungen!“ brüllte Richard.„Ich ſehe, wie die Beeſter Sprünge machen, um ſich in Freiheit zu ſetzen. Zieht an! es iſt ein Fang, der der Mühe lohnt.“ Man ſah nun Fiſche der verſchiedenſten Art in die Maſchen des Netzes verſtrickt, als es durch die Hände der Arbeiter lief; und auf eine kleine Entfernung vom Ufer wimmelte Alles von den Be⸗ wegungen der beunruhigten Opfer. Hunderte von weißen Seiten zeigten ſich auf der Oberfläche und erglänzten im Lichte des Feuers, ver⸗ ſchwanden aber eben ſo ſchnell wieder, um andern Platz zu machen, wenn die Fiſche, durch den Lärm erſchreckt, nach unten ſchoßen und vergeblich ſich zu befreien ſuchten. „Hurrah!“ rief Richard.„Noch ein Paar kräftige Züge und wir haben den Fang geborgen!“ „Luſtig, ihr Jungen, luſtig!“ rief Benjamin.„Ich ſehe eine Salmforelle, an der ſich zwanzig Mann ſatt eſſen könnten.“ „Weg mit dir, du Gewürm!“ ſagte Billy Kirby, indem er eine Föhre aus den Maſchen löste, und dieſelbe verächtlich in den See zurückwarf.„Zieht, Jungen! zieht! hier giebts Fiſche von allen Arten; und Gott ſoll mich holen, wenn wir nicht tauſend Barſche im Garn haben.“ Durch dieſen Anblick über die Grenzen der Klugheit geſteigert und der Jahreszeit uneingedenk, ſprang der Holzfäller ins Waſſer, und begann die widerſtrebenden Thiere in ihrem heim iſchen Element vor ſich her zu treiben. „Zieht herzhaft! zieht Jungen!“ rief Marmaduke, der Auf⸗ regung des Augenblicks nachgebend, indem er ſelbſt Hand anlegte, und durch ſeine Beihülfe die Zugkraft weſentlich vermehrte. Edwards hatte ſchon vorher ein Gleiches gethan, denn der Anblick der un⸗ geheuern Fiſchmaſſen, die langſam gegen das kieſige Ufer herrollten, 319 wirkte zu verlockend, als daß er nicht hätte die Damen im Stiche laſſen und ſich den Fiſchern anſchließen ſollen. Das Netz wurde mit großer Sorgfalt an's Land gebracht; und nach vieler Mühe hatte man die Unzahl von Opfern in einem Loche des Ufers geborgen, wo man ſie ihr kurzes Leben in dem neuen, todtbringenden Elemente verenden ließ. Selbſt Eliſabeth und Luiſe freuten ſich ungemein über den Anblick von faſt zwei tauſend Gefangenen, die aus der Tiefe des Sees geholt und zu ihren Füßen niedergelegt waren. Aber ſobald die Gefühle des Augenblicks ſich beſchwichtigt hatten, hob Marmaduke einen Barſch, der ungefähr zwei Pfund wiegen mochte, auf, betrach⸗ tete ihn eine Weile mit wehmüthigem Nachdenken, und wandte ſich ſodann mit den Worten an ſeine Tochter: „Es iſt im Grunde doch eine ſchreckliche Vergeudung der aus⸗ erleſenſten Geſchenke Gottes. Dieſe Fiſche, Beß, welche Du in ſolchen Haufen vor Dir liegen ſiehſt, und die man bis morgen Abend ſogar auf dem ſchlechteſten Tiſch verſchmähen wird, haben einen Wohlgeſchmack, der ſie in andern Ländern ſogar auf den Tafeln der Fürſten und der leckerſten Epikuräer zu einem Luxus⸗ artikel machen würde. Die ganze Welt kann keinen beſſeren Fiſch aufweiſen als den Otſego⸗Barſch; er vereinigt den Wohlgeſchmack der Alſe mit dem feſten Fleiſch des Salmen.“ „Aber gewiß, lieber Vater,“ rief Eliſabeth,„müſſen ſie ein großer Segen für das Land ſeyn, namentlich für den Armen.“ „Die Armen ſind immer verſchwenderiſch, mein Kind, ſobald Ueberfluß vorhanden iſt; ſie denken ſelten auf den kommenden Morgen. Doch wenn für eine ſolche Vernichtung der Thiere eine Entſchuldigung aufgefunden werden kann, ſo iſt es bei dem Fang dieſes Barſches der Fall. Den Winter über ſind ſie bekanntlich vor unſern Nachſtellungen durch das Eis geſchützt, denn ſie beißen an keine Angel; und während der heißen Monate laſſen ſie ſich nicht ſehen. Vermuthlich ziehen ſie ſich in dieſer Jahreszeit nach 320 dem kühleren Waſſer in der Tiefe des Sees zurück, und ſo hat man nur im Frühjahr und im Herbſt ein Paar Tage, an denen man ihnen mit den Netzen beikommen kaun. Aber wie andere Schätze der Wildniß, fangen ſie bereits an, vor der Vergeudungswuth des Menſchen zu verſchwinden.“ „Verſchwinden, Duke? Ja wohl da— verſchwinden!“ rief der Sheriff.„Wenn man das hier ein Verſchwinden heißen kann, ſo weiß ich nicht, wie viele Du eigentlich möchteſt. D doch ihrer wenigſtens ein gutes Tauſend, dann etliche hundert Saugfiſche und was weiß ich, wie viel von der andern Brut. Aber ſo treibſt Du's immer, Marmaduke. Zuerſt ſind's die Bäume, dann das Wild, dann der Zuckerahorn, und endlich kömmſt Du auch auf dieſes Capitel. Das eine mal ſchwatzeſt Du von Kanälen durch ein Land, wo man alle halbe Meilen einen Fluß oder einen See hat— aus keinem andern Grunde, als weil das Waſſer nicht gerade den Weg läuft, welchen Du haben möchteſt; und ein ander mal ſprichſt Du von Kohlenminen, obgleich Jeder, der ein ſo gutes Auge wie ich hat— ich ſage wer ein gutes Auge hat, Holz ſehen kann, als man in London in fünfz brennen vermöchte. Iſt's nicht ſo, Benjamin?“ „Cy, wenn Sie auf das kommen, Squire,“ entgegnete der Hausmeiſter;„London iſt kein kleiner Ort. Wenn man es ſtrecken wollte, wie eine an einem Fluß liegende Stadt, ſo könnte man wohl den ganzen See damit einfaſſen. Damit will ich freilich nicht ſagen, daß die Wälder, die wir ſehen, nicht weit reichen könnten, ſintemal man in London faſt nichts als Steinkohlen brennt.“ „Nun wir gerade von den Kohlen ſprechen, Richter Temple,“ fiel der Sheriff ein,„ſo habe ich Dir etwas ſehr Wichtiges mit⸗ zutheilen, was ich jedoch bis auf morgen verſchieben will. Ich weiß, daß Du den öſtlichen Theil des Patents zu beſuchen gedenkſt, und da will ich Dich begleiten, um Dich nach einer Stelle zu führen, wo ſich allenfalls einige Deiner Pläne verwirklichen laſſen. Ich a liegt — mehr . ig Jahren zu ver⸗ man man chätze h des den!“ eißen liegt ndert Aber dann auf urch See rade mal utes rehr ver⸗ 321 ſchweige jetzt darüber, weil wir Zuhörer haben; aber ich bin dieſen Abend hinter ein Geheimniß gekommen, Duke, das weit folgereicher für Dich werden kann, als Dein ganzes Beſitzthum zuſammengenommen.“ Marmaduke lachte über dieſe wichtige Mittheilung, da er ſchon viele ähnliche hatte anhören müſſen; und der Sheriff begab ſich mit einer ungemein wichtigen Miene, als bemitleide er ſeinen Vetter wegen ſolchen Mangels an Zuverſicht zu ſeinem großartigen Pro⸗ jecten— an das vor ihm liegende Geſchäft. Da der Fiſchzug ein äußerſt mühſamer geweſen, ſo befahl er dem einen Theile der Mannſchaft, die Fiſche auf Haufen zu werfen, um ſie ſodann ver⸗ theilen zu können, während ein anderer unter Benjamin's Leitung Vorbereitung zu einem zweiten Fange traf. Vierundzwanzigſtes Kapitel. Indeß vom Rande— ſchrecklich war es Allen— Drei Schiffer mit dem rüſt'gen Bootsmann fallen. Falconer. Während die Fiſcher ſich anſchickten, die Beute gleichförmig zu vertheilen, entfernte ſich Eliſabeth mit ihrer Freundin von der Gruppe, um ein wenig an dem Ufer des Sees entlang zu gehen. Nachdem ſie eine Stelle erreicht hatten, wohin ſich ſelbſt das hellſte Licht der Flamme nicht mehr verbreitete, wandten ſie ſich um und machten einen Augenblick Halt, um das geſchäftige Treiben der Fiſcher und das tiefe Dunkel zu betrachten, welches, wie die Nacht der Vergeſſenheit, die ganze übrige Schöpfung zu umhüllen ſchien. „Dieß iſt in der That ein Gegenſtand für den Pinſel!“ rief Eliſabeth.„Betrachten Sie nur die Züge jenes Holzfällers, wie er triumphirend meinem Vetter, dem Sheriff, einen ungewöhnlich großen Fiſch ſeſehte und ſehen Sie, Luiſe, wie ſchön und Die Anſiedler. 3. Aufl. 21 würdevoll mein Vater ſich bei dem Lichte des Feuers ausnimmt, vor welchem er dem Spiel der Zerſtörung zuſieht. Er ſcheint melan⸗ choliſch, als fürchte er bereits jetzt einen Tag der Wiedervergeltung, welcher der Stunde einer ſolchen Vergeudung folgen wird. Glauben Sie nicht, daß es ein hübſches Gemälde geben würde, Luiſe?“ „Sie wiſſen wohl, daß ich mich auf Etwas der Art nicht gut verſtehe, Miß Temple.“ „Nennen Sie mich bei meinem Taufnamen,“ unterbrach ſie Eliſabeth.„Hier iſt kein Ort für ſolche Förmlichkeiten.“ „Wohlan denn,“ verſetzte Luiſe ſchüchtern,„wenn ich meine Meinung äußern darf, ſo glaube ich allerdings, daß die Scene ſehr maleriſch iſt. Die ſelbſtſüchtige Wichtigthuerei jenes Kirby mit ſeinem Fiſch würde einen artigen Contraſt bilden mit dem— dem— Aus⸗ druck von Herrn Edwards' Geſicht. Ich weiß nicht, wie ich es nennen ſoll, aber es iſt— es— iſt— ein— ach, Sie wiſſen wohl, was ich ſagen will, liebe Eliſabeth.“ „Sie trauen mir da zu viel zu, Miß Grant,“ erwiederte die Erbin.„Ich kann keine Gedanken errathen und verſtehe mich ebenſo wenig auf den Ausdruck von Geſichtern.“ Es lag keine Härte, nicht einmal Kälte in dem Tone dieſer Worte, aber doch ſetzte er der Unterhaltung ein Ziel, und die beiden Mädchen entferten ſich Arm in Arm und in tiefem Schweigen noch weiter von der Geſellſchaft. Eliſabeth unterbrach die läſtige, ſtumme Scene zuerſt wieder, vielleicht weil ſie fühlte, daß ihre letzten Worte übel gedeutet werden könnten, vielleicht aber auch, weil eben ein neuer Gegenſtand ihrem Auge auffiel. „Es ſcheint, unſere Partie beſchäftigt ſich nicht allein mit dem Fiſchfang,“ begann ſie wieder.„Dort drüben auf der andern Seite des Sees zünden gleichfalls Fiſcher ein Feuer an. Es kömmt mir vor, als wäre es gerade vor Lederſtrumpf's Hütte.“ Durch die Dunkelheit, welche das öſtliche Gebirg verhüllte, ſchimmerte ein kleines unſicheres Licht, das ſich von Zeit zu Zeit —.————.——.— umt, lan⸗ ing, ben gut ſie eine ſehr nem us⸗ es ſſen die nſo eſer den och me orte ein dem eite nir lte, eit 323 den Blicken entzog und um ſein Daſeyn zu kämpfen ſchien. Die Mäͤdchen ſahen, wie es ſich an dem Ufer abwärts bewegte, als ob es von Menſchenhänden getragen würde. Nach einer Weile breitete ſich die Flamme allmählig aus und wurde heller, bis ſie die Gröͤße eines Menſchenkopfs erreichte, und nun fuhr ſie ſtätig fort zu leuch⸗ ten, wie eine feurige Kugel. Das Zauberartige dieſer Erſcheinung, unmittelbar unter dem Gebirge und an dieſem abgelegenen und einſamen Platze, verlieh der Schönheit des Anblicks ein doppeltes Intereſſe. Das Feuer hatte keine Aehnlichkeit mit dem großen und unſtäten Lichte des ihrigen, war heller und glänzender, und blieb ſich hinſichtlich des Umfanges immer gleich. Es gibt Augenblicke, in denen ſelbſt der gebildetſte Geiſt mehr oder weniger den nachtheiligen Eindrücken unterworfen iſt, welche noch aus den Tagen der Kinderzeit ſtammen, und Eliſabeth lächelte über ihre eigene Schwäche, als ſie ſich der müßigen Mährchen erin⸗ nerte, welche auf Lederſtrumpf's Koſten unter den Dorfbewohnern im Umlaufe waren. Aehnliche Gedanken bemächtigten ſich auch ihrer Gefährtin, denn Luiſe drängte ſich in demſelben Augenblicke näher an ihre Freundin und ſprach mit unterdrückter Stimme, während ſie einen furchtſamen Blick durch die Büſche und Bäume, welche vor ihnen gegen das Ufer überhiengen, gleiten ließ. „Haben Sie je von dem ſeltſamen Treiben dieſes Natty ſprechen hoͤren, Miß Temple? Man ſagt, er ſey in ſeiner Jugend ein india⸗ niſcher Krieger geweſen oder habe doch, was das Nämliche iſt, in Verbindung mit den Wilden gelebt; auch meint man, er habe wäh⸗ rend der alten Kriege an vielen ihrer Einfälle Theil genommen.“ „Das wäre nicht ganz unwahrſcheinlich,“ verſetzte Eliſabeth; „denn viele außer ihm haben das Gleiche gethan.“ „Wohl; aber iſt die Vorſicht, womit er ſeine Hütte verwahrt, nicht ſeltſam? Er verläßt ſie nie, ohne ſie auf eine merkwürdige Weiſe zu verriegeln; und wenn hin und wieder Kinder oder ſogar Männer aus dem Dorfe in derſelben Schutz gegen die Stürme ſuchten, ſo ſoll er ſie ſchon mit Drohungen fortgejagt haben. Etwas der Art iſt doch ſonderbar in dieſem Lande.“ „Jedenfalls nicht ſehr gaſtfreundlich; aber wir müſſen nicht ver⸗ geſſen, welchen Widerwillen er gegen die Gebräuche des civilifirten Lebens hegt. Sie hörten vor einigen Tagen meinen Vater ſagen, wie freundlich er ihn bei ſeinem erſten Beſuche aufgenommen hat.“ Eliſabeth hielt inne und lächelte mit einem Ausdrucke eigen⸗ thümlicher Schalkhaftigkeit, obgleich die Dunkelheit ihre Gefährtin den Sinn derſelben nicht errathen ließ; dann fuhr ſie fort:„Außer⸗ dem nimmt er auch die Beſuche des Herrn Edwards an, der, wie wir beide wiſſen, nichts weniger als ein Wilder iſt.“ Luiſe gab hierauf keine Erwiederung, ſondern blickte fortwäh⸗ rend auf den Gegenſtand, der dieſe Bemerkung veranlaßt hatte. Außer der hellen, zirkelrunden Flamme wurde nun eine ſchwächere ſichtbar, die jedoch gleichfalls ein lebhaftes Licht verbreitete und an dem obern Ende dieſelbe Breite hatte, wie die erſtere, nach unten hin aber ſich zu einer mehrere Fuß langen Spitze ausdehnte. Zwiſchen beiden befand ſich ein dunkler Raum; das neue Licht ſtand unter dem andern, und das Ganze bildete eine Erſcheinung, die einem umgekehrten Ausrufungszeichen nicht unähnlich ſah. Die Mädchen entdeckten jedoch bald, daß die letztere weiter nichts als der Reflex der erſteren im Waſſer war, und daß der Gegenſtand, was es auch immer ſeyn mochte, ſich über den See weg bewegte, denn er ſchien um mehrere Fuße von deſſen Oberfläche abzuſtehen und gerade auf fie zuzukommen. Die Bewegung gieng erſtaunlich ſchnell von ſtatten; denn die Damen hatten ſich kaum über die Wirklichkeit derſelben Gewißheit verſchafft, als ſie gewahr wurden, daß das Licht ſeine regelmäßige Geſtalt verlor, und ſich in eine wehende Flamme umwandelte, welche immer größer wurde, je näher ſie herankam. fürme twas ver⸗ ſirten agen, hat.“ igen⸗ hrtin ußer⸗ wie wäh⸗ hatte. chere und nach hnte. ſtand die Die 3 als tand, egte, tehen nlich die rden, eine näher 325 „Die Sache kömmt mir übernatürlich vor!“ flüſterte Luiſe, in⸗ dem ſie ſich anſchickte, den Rückweg zu der Geſellſchaft anzutreten. „Ein ſchöner Anblick!“ rief Eliſabeth. Sie konnten nun deutlich eine helle, wehende Flamme unter⸗ ſcheiden, welche anmuthig über den See hinglitt, und ihr Licht in einer Weiſe auf das Waſſer warf, die daſſelbe merklich er⸗ hellte, obgleich die Dunkelheit der Luft einen ſo ſtarken Gegenſatz bildete, daß es das Ausſehen hatte, als lodere das Feuer unter einem ungeheuern ſchwarzen Schornſtein. Dieſe Täuſchung verlor ſich jedoch allmählig, und die Strahlen beleuchteten nachgerade die Atmoſphäre nach vornen, während ſie den Hintergrund in einem undurchdringlicheren Dunkel als je ließen. „Ho! Natty, ho! ſeyd Ihrs?“ rief der Sheriff.„Ruder' heran, alter Knabe, und ich will Euren Tiſch mit Fiſchen verſorgen, deren ſich die Tafel des Gouverneurs nicht ſchämen dürfte.“ Das Licht veränderte ſchnell ſeine Richtung, und ein langes a leicht gebautes Boot hob ſich aus der Dunkelheit, während der rothe Schein des Feuers auf die verwitterten Züge Lederſtrumpf's fiel, der aufrecht in dem gebrechlichen Fahrzeug ſtand und mit dem Anſtande eines erfahrenen Schiffers eine lange Fiſchgabel hand⸗ habte, welche er an der Mitte des Stiels hielt und bald mit dem einen, bald mit dem andern Ende in das Waſſer tauchte, um den kleinen Rindenkahn auf dem Waſſer vorwärts zu treiben. An dem andern Ende des Fahrzeugs unterſchied man die unbeſtimmten Umriſſe einer andern Geſtalt, welche die Bewegungen deſſelben lenkte und das Ruder mit der Leichtigkeit eines Mannes handhabte, welcher fühlte, daß es nicht eben nöthig war, ſich beſonders anzuſtrengen. Lederſtrumpf ſchlug mit ſeiner Gabel leicht gegen den kurzen Pfahl, der einem aus alten eiſernen Reifen gebildeten Roſt zur Stütze diente, und da das darauf brennende Fichtenholzfeuer nun hoch aufloderte, ſo ließen die Strahlen deſſelben für einen Augenblick die dunkeln Züge und die ſchwarzen glänzenden Augen Mohegans erkennen. Das Boot glitt längs des Ufers hin, bis es gerade dem Fiſcher⸗ grunde gegenüber zu ſtehen kam, wo es abermals ſeine Richtung änderte und ſich mit einer anmuthigen und doch ſo ſchnellen Bewe⸗ gung dem Lande näherte, als wäre es ein lebendes Weſen. Die Waſſerfläche kräuſelte ſich kaum vor dem dahinziehenden Kahne, und lautlos ſchoß das leichte Fahrzeug faſt um die Hälfte ſeiner Länge an dem kieſigen Ufer auf, wobei Natty um einige Schritte von dem Bug zurücktrat, um die Landung zu erleichtern. „Kommt heran!“ ſagte Marmaduke;„kommt heran, Lederſtrumpf, und beladet Euer Boot mit Barſchen. Es wäre eine Schmach, die Thiere mit der Gabel anzugreifen, während ſo viel der Opfer hier liegen, welche zu Grunde gehen müſſen, weil es an Menſchen fehlt, zu verzehren.“ „Nein, nein, Richter,“ entgegnete Natty, indem er über das ſchmale Kriegsgeſtade hin ſchritt und zu der kleinen Grasfläche hinan ſtieg, wo die Fiſche aufgehäuft lagen;„ich eſſe nichts von einem ſolchen verſchwenderiſchen Fang. Ich brauche meine Gabel, wenn'’s mich nach einem Aal oder einer Forelle gelüſtet, aber ich möchte keinen Theil an einer ſo fündhaften Art zu fiſchen haben, und wenn man mir die beſte Büchſe, die je aus dem alten Land kam, dafür geben wollte. Wenn ſie noch Pelzwerk hätten, wie ein Biber, oder wenn man ihre Häute gerben könnte, wie die des Hirſches, ſo ließe es ſich noch allenfalls entſchuldigen, wenn man ſie zu tauſenden wegfängt; da ſie aber Gott zur Speiſe für den Menſchen und zu nichts anderem beſtimmt hat, ſo nenne ich es eine ſündige Verwüſtung, wenn man mehr fängt als man eſſen kann.“ „Ihr ſprecht mir aus dem Herzen; denn für dieß mal, alter Jäͤger, bin ich ganz Eurer Anſicht, und es wäre mir nichts lieber, als wenn wir den Sheriff auch bekehren könnten. Ein Fang mit einem halb ſo großen Netze würde das ganze Dorf für eine Woche mit Fiſchen verſehen.“ Dieſe Uebereinſtimmung der Geſinnungen ſchien nicht nach ſcher⸗ tung hewe⸗ Die ihne, einer vritte mpf, nach, pfer chen das äche von bel, ich ben, and ein des nan den es n.“ lter der, mit che ach 327 Lederſtrumpfs Geſchmack zu ſeyn, denn er ſchüttelte zweifelnd den Kopf und antwortete: „Nein, nein; unſere Anſichten ſind nicht eins, Richter, ſonſt würden Sie nicht gute Jagdgründe in Waiden voll Baumſtümpfe verwandeln; auch iſt Ihr Fiſchen und Jagen durchaus nicht in der Regel. Was mich anbelangt, ſo ſchmeckt mir das Fleiſch eines Thieres, das mir möglicher Weiſe entkommen kann, viel beſſer, und aus dieſem Grunde brauche ich immer nur eine einzige Kugel, wäre es ſelbſt auf einen Vogel oder auf ein Eichhörnchen. Es iſt zudem noch eine Erſparniß des Bleis; denn wenn man zu ſchießen verſteht, ſo reicht ein einziges Stück hin, wenn ſich's anders nicht um Thiere handelt, die ein beſonder zähes Leben haben.“ Der Sheriff horchte mit großer Entrüſtung auf dieſe Worte, und nachdem er die Theilung beendigt hatte, indem er eigenhändig eine ungemein große Forelle quer über vier auf einander folgende Haufen legte, wie es ſeine ſchwankenden Begriffe von Gerechtigkeit zu fordern ſchienen, machte er ſeinem Unmuth in Worten Luft. „In der That eine ſaubere Verbindung, wenn ſich der Richter Temple, der Herr und Beſitzer des ganzen Landſtrichs, mit Natha⸗ nael Bumppo, einem geſetzloſen Squatter und Jäger von Profeſſion vereinigt, um das Jagdbare des Bezirks zu ſchützen! Doch gleichviel, „Duke! wenn ich fiſchen will, ſo fiſche ich. Drum fort, Jungen, einen weiteren Zug! Wir wollen morgen unſere Wagen und Karren heraus ſchicken, um die Beute heim zu holen.“ Marmaduke ſchien einzuſehen, daß alle Einreden den Willen des Sheriffs nicht zu brechen im Stande war. Er verließ daher das Feuer, und begab ſich nach dem Orte, wo der Kahn der Jäger lag und wohin die Damen, vereint mit Oliver Edwards, bereits vorangegangen waren. Die Maͤdchen hatten ſich durch ihre Neugierde nach dem Orte locken laſſen, während ſich der Jüngling aus einem ganz anderen Beweggrunde dahin verfügte. Eliſabeth unterſuchte die leichten Eſchenbretter nebſt der dünnen Rindendecke des Kahns und bewunderte die zwar einfache, aber zierliche Conſtruction deſſelben, obgleich ſte nicht wenig erſtaunt war, daß ein menſchliches Weſen ſo wagehalſig ſeyn konnte, ſein Leben einem ſo zerbrechlichen Fahrzeuge anzu⸗ vertrauen. Der Jüngling machte ſie daher auf die leichte Schwimm⸗ fähigkeit des Nachens aufmerkſam, um welcher willen er bei zweck⸗ mäßiger Leitung durchaus nicht gefährlich war, indem er ihr zugleich in lebhaften Farben eine Schilderung des Fiſchens mit der Gabel gab. Dieß verſcheuchte mit einemmale alle ihre Befürchtungen, und ſie wünſchte, nun auch einer ſolchen Beluſtigung anzuwohnen. Sie hatte es eben gewagt, ihrem Vater den Vorſchlag zu machen, einen derartigen Verſuch anſtellen zu laſſen, indem ſie zugleich über ihren eigenen Wunſch lachte und ihn eine Frauenzimmergrille nannte. „Rede nicht ſo, Beß,“ entgegnete der Richter;„denn ich habe es gern, daß Du über die eitle Furcht eines thörichten Mädchens erhaben biſt. Dieſe Kähne ſind für Leute, welche Kraft mit Ge⸗ ſchicklichkeit verbinden, die ſicherſten Fahrzeuge. Ich bin über den Oneida an einer Stelle, wo er am breiteſten iſt, in einem viel kleineren Nachen als dieſer, übergefahren.“ „Und ich über den Ontario,“ fiel Lederſtrumpf ein,„wobei ich noch obendrein Weiber in dem Kahne hatte. Aber die Frauen der Delawaren ſind des Ruderns gewöhnt und leiſten gute Dienſte in einem derartigen Fahrzeug. Wenn die junge Dame zuſehen will, wie ein alter Mann eine Forelle für ſein Frühſtück ſpießt, ſo macht es mir Freude, ſie in mein Schifflein aufzunehmen. John wird das Nämliche ſagen, denn er hat den Kahn neu ge⸗ zimmert und er wurde erſt geſtern ins Waſſer gelaſſen. Solche Arbeit gefällt mir beſſer, als das Korbflechten und andere ähnliche kleine Handthierungen der Indianer.“ Natty ließ jetzt ſein bezeichnendes Lachen vernehmen, indem er zugleich den Schluß ſeiner Einladung mit einem freundlichen Kopfnicken begleitete. Aber nun trat Mohegan mit der eigenthümlichen derte ) ſte alſig nzu⸗ mm⸗ veck⸗ leich abel gen, nen. hen, über inte. jabe hens Ge⸗ den viel obei uen nſte then eßt, nen. ge⸗ lche iche dem hen hen 329 Anmuth eines Indianers heran, ergriff Eliſabeths weiche, weiße Hand mit ſeinen dunkeln, runzligen Fingern und ſagte: „Komm, Enkelin von Miquon, und John wird ſich freuen. Vertraue dem Indianer; ſein Kopf iſt alt, und da ſeine Hand nicht mehr ſo ſicher iſt wie ſonſt, ſo wird der junge Adler gehen, und Acht haben, daß ſeine Schweſter keinen Schaden nimmt.“ „Herr Edwards,“ ſagte Eliſabeth leicht errothend,„Ihr Freund Mohegan hat für Sie ein Verſprechen gegeben. Werden Sie der Ihnen auferlegten Verpflichtung nachkommen?“ „Mit meinem Leben, wenn es nöthig wäre, Miß Temple,“ rief der Jüngling.„Das Schauſpiel iſt wohl ein bischen Angſt werth, denn wirkliche Gefahr iſt keine vorhanden. Ich werde übrigens Sie und Miß Grant begleiten, um Sie zu ermuthigen.“ „Mich?“ rief Luiſe.„Nein, nicht mich, Herr Edwards. Aber gewiß, es iſt nicht Ihr Ernſt, ſich einem ſo leichten Kahne anzu⸗ vertrauen?“ „Nun, ſo trete ich allein ein, denn alle meine Beſorgniſſe ſind verſchwunden,“ ſagte Eliſabeth, indem ſie in das Boot hüpfte und den Sitz einnahm, welchen ihr der Indianer angewieſen hatte. „Herr Edwards, Sie können zurück bleiben, denn drei Perſonen ſcheinen mir genug für eine ſolche Eierſchale.“ 3 „Sie ſoll auch noch den vierten tragen,“ rief der junge Mann, indem er mit einem Ungeſtüm in das leichte Fahrzeug ſprang, daß es unter ihm zuſammenbrechen zu wollen ſchien.„Verzeihen Sie, Miß Temple, daß ich dieſen achtbaren Charons nicht geſtatte, ſie ohne Ihren Genius in das Reich der Schatten zu führen.“ „Iſt dieſer Genius ein guter oder ein böſer Geiſt?“ fragte Eliſabeth. „Für Sie ein guter.“ „Und für die Meinigen?“ fügte die Jungfrau mit einer Miene bei, in welcher ſich Empfindlichkeit auf eine ſeltſame Weiſe mit Zufriedenheit paarte. Aber die Bewegung des Kahns führte ihre 330 Gedanken in eine neue Richtung und gab glücklicher Weiſe dem jungen Mann einen Grund an die Hand, den Gegenſtand des Geſprächs zu wechſeln. Es kam Eliſabeth vor, als glitte ſte unter dem Einfluſſe einer magiſchen Gewalt über das Waſſer hin, ſo leicht und anmuthig lenkte Mohegan ſeine kleine Barke. Eine ſchwache Bewegung mit der Fiſchgabel deutete den Weg an, welchen Lederſtrumpf zu gehen wünſchte, und die Geſellſchaft beobachtete ein tiefes Schweigen, da eine ſolche Vorſicht für den Erfolg ihrer Fiſcherei nöthig war. An der Stelle, wo ſie ſich gegenwärtig befanden, war das Waſſer ziemlich ſeicht, ganz im Gegenſatz von jenen Theilen, wo das Ge⸗ birge faſt ſenkrecht von dem Ufer abſtieg. Dort hätten die größten Schiffe liegen und ihre Raaen in den Fichten verwickeln können, während hier nur etliche Binſen ihre Spitzen über die ſanft ſich kräuſelnden Waſſer des Sees erhoben und in der leichten Nachtluft flüſternde Töne verbreiteten. Nur an ſolchen ſeichten Stellen war der Barſch zu finden, oder konnte überhaupt das Netz mit Erfolg ausgeworfen werden. Eliſabeth ſah tauſende dieſer Fiſche in dem warmen Waſſer des Ufers hinſchwimmen, denn das helle Licht ihrer Feuerpfanne ſchloß ihnen die Geheimniſſe des Sees in einer Weiſe auf, als wäre die klare Flüſſigkeit des Otſego nur eine andere Atmoſphäre. Jeden Augenblick erwartete ſie, Lederſtrumpf's über der Waſſerfläche ſchwebende Gabel auf die unter ihr ſich drängenden Schwärme niederfahren zu ſehen, wo kein Stoß fehlſchlagen zu können ſchien und wo, wie ihr Vater bereits geſagt hatte, eine Beute zu holen war, deren ſich keine fürſtliche Tafel ſchämen durfte. Aber Natty hatte ſeine eigenthümlichen Gewohnheiten und, wie es den Anſchein hatte, auch ſeinen eigenthümlichen Geſchmack. Seine hohe Geſtalt und ſeine aufrechte Haltung ſetzte ihn in den Stand, viel weiter zu ſehen, als Diejenigen, welche in dem Kahne ſaßen, und er wandte ſeinen Kopf bedächtig nach allen Richtungen, wobei er häufig dem des einer uthig mit gehen „ da war. aſſer Ge⸗ ßten nnen, ſich tluft war folg aſſer unne als äre. äche rme hien olen atty hein ſtalt zͤu ndte ufig 331 ſeinen Körper vorbeugte und ſeine Augen anſtrengte, als wollten ſie die ganze Waſſermaſſe, welche in dem Bereich ihrer Flamme lag, durchdringen. Endlich ſchien ſein Spähen mit Erfolg belohnt zu werden, denn mit ſeiner Gabel von dem Ufer weg deutend, ſagte er mit flüſternder Stimme: „Fahre etwas ſeewärts, John; ich ſehe da einen Burſchen, der ſchon ſeine Schule durchgelaufen hat. Es iſt ſelten, daß man ein ſolches Thier im ſeichten Waſſer findet, wo ihn die Gabel erreichen kann.“ Mohegan gab durch eine Handbewegung ſeine Zuſtimmung zu erkennen, und im nächſten Augenblicke befand ſich der Kahn jenſeits des Bereichs der Barſche in einem Waſſer von beinahe zwanzig Fuß Tiefe. Man legte einige Stücke Holz auf die Roſt⸗ pfanne, und das Feuer erleuchtete die Umgebung bis auf den Grund. Eliſabeth ſah jetzt einen Fiſch von ungewöͤhnlicher Größe, der über einigen kleinen Stücken von Grundholz ſchwebte; das Thier war in dieſer Entfernung nur durch eine leichte Bewegung ſeiner Floſſen und ſeines Schwanzes zu erkennen. Dieſe ungewöhnliche Enthüllung der Geheimniſſe des Sees ſchien die Neugierde ſowohl der Erbin des Landes, als des Herrn dieſes Gewäſſers zu erregen, denn die Lachsforelle gab bald ihre Aufmerkſamkeit durch ein Heben ihres Kopfes und ihres Körpers in einem Winkel von einigen Graden zu erkennen, worauf ſie wieder ihre horizontale Lage einnahm. „Bſt! Bſt!“ begann Natty mit unterdrückter Stimme bei dem leiſen Geräuſch, welches Eliſabeth veranlaßte, als ſie ſich neugierig über die Seite des Kahnes bog;„es iſt ein ſcheues Thier und noch weit außer dem Bereich einer Gabel. Meine Stange iſt nur vierzehn Fuß lang, und die Creatur liegt gute achtzehn unter der Oberfläche des Waſſers; aber ich wills verſuchen; es iſt ein Zehnpfünder.“ Während Lederſtrumpf ſo ſprach, zielte er und gab ſeiner Waffe die erforderliche Richtung. Eliſabeth ſah die glänzenden polirten Spitzen langſam und lautlos in das Waſſer tauchen: ſie ſchienen jedoch, 332 in Folge der Strahlenbrechung, nicht nach dem Fiſche hinzuführen — und es war ihr, als müſſe das erwartete Opfer ſie gleich⸗ falls ſehen, denn ſein Schwanz und ſeine Floßen bewegten ſich ſtärker, obgleich das Thier ſich nicht von der Stelle rührte. Im nächſten Augenblick beugte ſich Nattys Leib ganz gegen den Waſſerſpiegel, und der Griff ſeiner Gabel verſchwand in dem See. Der lange, dunkle Strahl der hinabgleitenden Waffe und der kleine Wirbel, welcher dem raſchen Wurfe folgte, ließen ſich leicht unter⸗ ſcheiden; aber erſt als die Stange vermöge ihrer eigenen Holz⸗ leichtigkeit wieder aus dem Waſſer auftauchte und Lederſtrumf, der ſie faßte, die Spitzen in die Höhe hielt, wurde Eliſabeth der Wirkung dieſes Beginnens gewahr. Ein großer Fiſch hieng an dem mit Widerhaken verſehenen Stahle und war bald aus ſeiner geſpießten Lage auf den Boden des Kahnes abgeſchüttelt. „Das reicht zu für uns, John,“ ſagte Natty, indem er ſeine Beute an einer der Floſſen aufhob und ſie im Lichte des Feuers vorzeigte.„Für heute wäre unſer Tagewerk vollendet.“ Der Indianer machte wieder eine Handbewegung, und ant⸗ wortete mit einem nachdrücklichen— „Gut.“ Eliſabeth wurde aus ihrer— durch dieſe Scene und das Schauen auf den Grund des Sees veranlaßten Verzückung durch Benjamins heiſere Stimme und das Schlagen der Ruder geweckt, da ſich jetzt das ſchwerere Boot der anderen Fiſcher, welche ihr Netz hinter ſich herſchleppten, der Stelle näherte, wo der Kahn lag. „Zieht Euch zurück, zieht Euch zurück, Meiſter Bumppo,“ rief Benjamin.„Euer Feuer erſchreckt die Fiſche, die, wenn ſie das Netz ſehen, einen ſicheren Ankergrund ſuchen. Ein Fiſch iſt ſo klug als ein Pferd und vielleicht noch klüger, wenn er etwas Unheim⸗ liches im Waſſer wittert, in dem er groß geworden iſt; zieht Euch zurück, Meiſter Bumppo, zieht Euch zurück, ſage ich, und macht Platz für unſer Stellnetz.“ führen gleich⸗ n ſich Im n den See. kleine unter⸗ Holz⸗ f, der irkung n mit ießten ſeine feuers ant⸗ hauen mins jetzt r ſich vrief das klug heim⸗ Euch nacht 333 Mohegan lenkte den kleinen Kahn nach einer Stelle, wo ſie die Bewegungen der Fiſcher mitanſehen konnten, ohne dieſelben zu ſtören, und ließ ihn daſelbſt Halt machen, wo er, wie ein fanta⸗ ſtiſches, in der Luft, ſchwebendes Fahrzeug, liegen blieb. Unter der Bemannung des Boots ſchien nicht die beſte Harmonie zu herrſchen, denn Benjamin ſchrie viel, und zwar mit einer Stimme, in welcher ſich der Unmuth des Ehrenmannes nicht verkennen ließ. „An den Backbord das Ruder, Meiſter Kirby,“ rief der alte Seemann;„Backbord, ſo gut ihr könnt! Es würde den älteſten General in der brittiſchen Flotte in Verlegenheit bringen, ein Netz hübſch auszuwerfen, wenn das Kielwaſſer wie ein Korkzieher hinter einem herkömmt. Steuerbord, Burſche! an's Steuerbord das Ruder — wollt Ihr?“ „Hört, Meiſter Pump,“ ſagte Kirby trotzig, indem er zu rudern aufhörte;„ich verlange eine höfliche Sprache und eine manierliche Behandlung, wie es zwiſchen Mann und Mann recht und billig iſt. Wenn Ihr hott wollt, ſo ſagt’s, und ich fahre hott, um des Allgemeinen willen; aber ich bin's nicht gewohnt, mich commandiren zu laſſen, wie das unvernünftige Vieh.“ „Wer iſt ein unvernünftiges Vieh?“ entgegnete Benjamin, indem er ſein abſtoßendes Geſicht zornig dem Lichte des Kahnes zuwandte, von wo aus man in jedem ſeiner Züge den Ausdruck des Unmuthes zu unterſcheiden vermochte.„Wenn Ihr mir ſo kommt, und die Richtung des Boots beſtimmen wollt, ſo hol Cuch der Henker; Ihr würdet mir ein ſchönes Steuern zu Wege bringen. Wir brauchen nur noch das Netz in den Sternſchoten zu heben, und die Sache iſt im Reinen. Ich frage Euch noch einmal, ob Ihr noch um ein paar Faden weiter rudern wollt? Wenn ich aber wieder ein ſolches Wallroß, wie Ihr ſeyd, an Bord nehme, ſo ſoll mich alle Welt einen Schiffseſel nennen.“ Wahrſcheinlich durch die Ausſicht einer baldigen Beendigung ſeines Geſchäfts ermuthigt, nahm der Holzfäller ſeine Ruder wieder 334 auf und führte mit demſelben einen ſo kräftigen Schlag ins Waſſer, daß das Boot nicht nur von dem Netze, ſondern auch in demſelben Augenblicke von dem Majordomo befreit wurde. Benjamin hatte ſich hinten an der kleinen Platform, wo das noch nicht ausgeſteckte Netz lag, aufgeſtellt, und der gewaltige, durch den kräftigen Arm des Holzfällers veranlaßte Ruck, hatte jenen Ehrenmann vollkommen aus dem Gleichgewicht gebracht. Die beiderſeitigen Lichter ließen dieſen Vorfall ſowohl im Kahn, als an der Küſte gewahr werden, und der ſchwere Sturz in's Waſſer zog Aller Augen nach dem Majordomo, den man einen Augenblick auf der Oberfläche zappeln ſah. Ein lautes Gelächter erſcholl, zu welchem Kirbys Lungen keinen kleinen Theil beitrugen, und hallte an den öſtlichen Bergen wieder, bis es in der Ferne unter den Felſen und Wäldern dahin⸗ ſtarb. Man ſah den Körper des Hausmeiſters langſam verſchwinden— als aber die durch ſeinen Fall veranlaßten Wellenſchläge ruhig wurden, und das Waſſer über ſeinem Kopfe eine ununterbrochene Ebene bildete, bemächtigten ſich der Zuſchauer ganz andere Gefühle. „Wie gehts Euch, Benjamin?“ brüllte Richard von dem Ufer aus. „Der dumme Teufel kann nicht ſchwimmen!“ rief Kirby, in⸗ dem er aufſtand und die Kleider bei Seite zu werfen begann. „Rudert darauf los, Mohegan!“ ſagt der junge Edwards.„Das Licht wird zeigen, wo er iſt; ich will dann nach ihm hinunter.“ „O, rettet ihn, um Gotteswillen rettet ihn!“ rief Eliſabeth, indem ſie entſetzt ihren Kopf über den Rand des Kahnes beugte. Einige kräftige und gewandte Schläge von Mohegan's Ruder brachten den Kahn raſch zu der Stelle, wo der Hausmeiſter ins Waſſer gefallen war, und ein lauter Schrei von Lederſtrumpf kündigte an, daß er den Körper ſah. „Haltet mit dem Boote, bis ich untergetaucht habe,“ rief Edwards wieder. „Gemach, Junge; gemach,“ ſagte Natty.„Ich will den Burſchen in der halben Zeit mit meiner Gabel herauf geholt ———. Jaſſer, ſelben hatte ſteckte Arm nmen ließen erden, dem ſah. ngen ergen ahin⸗ n— uhig hene ihle. aus. 335 haben; und ſo geht es, ohne daß Jemand ſein Leben in Gefahr ſetzt.“ Benjamins Körper lag zur Hälfte auf dem Grund, während ſeine Hände krampfhaft einige Binſenſtümpfe gefaßt hielten. Eliſabeth überlief es eiskalt, als ſie die Geſtalt eines Mitmenſchen ſo unter den Waſſermaſſen ausgeſtreckt ſah, denn ſeine Bewegungen ſchienen nur noch von den Wellen herzurühren, während ſein Geſicht und ſeine Hände im Scheine des Lichtes und durch das Waſſer ange⸗ ſehen, bereits die Farbe des Todes zeigten. In demſelben Augenblicke bemerkte man, wie ſich die Zinken von Nattys Gabel dem Kopfe des Verunglückten näherten und raſch in die Haare ſeines Zopfes und in den Kragen ſeines Rockes eindrangen. Der Körper wurde nun langſam in die Höhe gezogen, und die geiſterbleichen Züge traten an die Oberfläche. Die An⸗ kunft von Benjamin’'s Naſenlöchern in ihrer eigenen Atmoſphäre wurde durch ein Schnauben verkündet, das einem Meerſchweine Ehre gemacht hätte. Natty hielt den Majordomo eine kleine Weile mit dem Kopf über dem Waſſer ſchwebend, und inzwiſchen öffneten ſich deſſen Augen langſam, wobei er um ſich ſtierte, als ſey er in einem neuen, nie geſehenen Lan de angelangt. 3 Da Alles zugleich handelte und ſprach, ſo wurde dieſe Rettung in weit kürzerer Zeit bewerkſtelligt, als wir zu ihrer Erzählung gebraucht haben. In einem Nu befand ſich das Boot an der Seite der Gabel, das ſofort Benjamin aufnahm und raſch dem Ufer zu ruderte. Kirby brachte unter Richard's Beiſtand, der in der Angſt um ſeinen Lieblingsgehülfen demſelben in's Waſſer entgegen ge⸗ ſprungen war, den beſinnungsloſen Hausmeiſter an's Geſtade und ſetzte ihn ans Feuer, während der Sheriff jene Belebungsmittel anordnete, welche man damals bei Ertrunkenen für die erprobteſten hielt. „Lauft, Billy,“ rief er,„lauft ins Dorf und holt den vor der Thüre liegenden Rumkrug, in welchem ich den Weineſſig angeſetzt habe. Sputet Euch, Junge, und haltet Euch nicht damit auf, den 336 Eſſig in ein anderes Gefä ein Päckchen Taback und— und laßt Euch von Remarkable etwas Salz und einen ihrer Flanell⸗ unterröcke geben;— und ſagt zu Doktor Todd, er ſolle ſeine Lanzette ſchicken und ſelbſt heraus kommen; und— ha! Duke was machſt Du? Willſt Du einen Mann, der voll Waſſer iſt, umbringen, daß Du ihm Num gibſt? Hilf mir ſeine Hand öffnen, daß ich ſie reiben kann.“ Während dieſer ganzen Zeit ſaß Benjamin ſt biſſenem Mund und krampf ß zu füllen; und nehmt bei Herrn Le Qoi ein halb Duzend Pfeifen mit; arr mit ver⸗ haft geſchloſſenen Händen da, in denen ſich noch Reſte der Binſen befanden, welche er in der Verwirrung des Augenblicks ergriffen und wie ein ächter Seemann ſo feſt ge⸗ halten hatte, daß ſein Körper nicht wieder an die Oberfläche auf⸗ tauchen konnte. Seine Augen ſtanden jedoch offen und ſtierten gräßlich auf die Gruppe um das Feuer, während ſeine Lungen wie Schmiedeblaſebälge arbeiteten, als wollten ſie ſich für die Minute einer unfreiwilligen Unthätigkeit ſchadlos halten. Die gewaltſam zu⸗ ſammengepreßten Lippen nöthigten die Luft, durch die Naſenlöcher ihren Aus⸗ und Eingang zu nehmen, was denn auch mit einem ſo gewaltſamen Schnauben geſchah, daß nichts als die übermäßige Auf⸗ regung des Sheriffs ſeine voreilige Anordnung rechtfertigen konnte. Die Flaſche, welche Marmaduke an die Lippen des Hausmeiſters brachte, wirkte wie ein Zauber. Sein Mund öffnete ſich inſtinkt⸗ artig. Seine Hände ließen die Binſen fallen und griffen nach dem Glaſe, ſeine Augen erhoben ſich aus ihrem horizontalen Stieren zu dem Himmel,— und der ganze Mann ſchien für den Augenblick in einem neuen Gefühle verloren zu ſeyn. Zum Unglück für Benjamins Liebhaberei war nach einem dieſer Züge, ebenſo gut als nach ſeinem Untertauchen, ein neues Athmen nöthig, und ſo mußte er endlich die Flaſche fahren laſſen. „Ei, Benjamin!“ rief der Sheriff;„ Wie kann ein Menſch, der ſchor das iſt ja etwas Schreck⸗ liches! n ſo viele Ertrunkene hat e Qoi — und anell⸗ ſeine was ngen, chh ſie ver⸗ denen rung ge⸗ auf⸗ erten wie nute zu⸗ cher 1 ſo luf⸗ nte. ters nkt⸗ dem ren lick für gut ſo 337 behandeln ſehen, ſo thöricht verfahren? Schüttet Ihr jetzt, der Ihr halb voll Waſſer ſeyd, den Rum hinunter——“ „Um mich ganz voll Grog zu machen,“ fiel ihm der Major⸗ domo ins Wort, indem ſeine Züge mit erſtaunlicher Schmiegſamkeit wieder ihre natürliche Form annahmen.„Aber ſehen Sie, Squire, ich hielt meine Lucken verſchloſſen, ſo daß nur wenig Waſſer in meinen Unterraum gelangte. Hört Meiſter Kirby! Ich habe den größten Theil meines Lebens auf dem Salzwaſſer zugebracht und auch die Schifffahrt auf ſolchen Weihern mitangeſehen, und ſo kann ich Euch denn nachrühmen, daß Ihr der ungeſchickteſte Tölpel ſeyd, der ſich je auf einem Bootsdoſt breit machte. Mag meinetwegen mit Euch fahren, wer will, aber ich will verdammt ſeyn, wenn ich je wieder in Eurer Geſellſchaft das Ufer dieſes Sees beſuche. Ich will Euch ſagen warum: weil Ihr ebenſo gern einen Menſchen ins Waſſer werft, als einen dieſer Fiſche, und nicht ſo viel Verſtand habt, einem ehrlichen Chriſtenmenſchen, wenn er driftig wird, auch nur ein Stückchen Seil zuzuwerfen.— Natty Bumppo, gebt mir Eure Hand. Man ſagt Euch zwar nach, Ihr wäret ein Indianer und Scalpirer; Ihr habt mir aber einen guten Dienſt geleiſtet und dürft mich daher als einen Freund betrachten, obgleich es matroſen⸗ mäßiger geweſen wäre, wenn Ihr mir ein Tauende zugeworfen oder mich mit einem laufenden Knoten gefaßt hättet, ſtatt einen alten Seemann an ſeiner Kopftaljereepe zu harpuniren. Doch ich denke, Ihr ſeyds gewohnt, die Leute bei den Haaren zu nehmen, und da es zu meinem Beſten, nicht aber zu meinem Nachtheil geſchah, ſo mache ich mir nicht gerade allzuviel daraus.“ Marmaduke kam einer Antwort zuvor, indem er fortan mit einer Würde und Umſicht, welche die Einwendungen ſeines Vetters mit einem Mal zum Schweigen brachten, die weitere Leitung der Fiſcherexpedition übernahm, Benjamin zu Land nach dem Dorfe zurückſchickte, und das Netz in einer Weiſe an's Land holen ließ, daß die Fiſche alle ungefährdet entkamen. Die Anſiedler. 3. Aufl. 22 Die Vertheilung der Beute gieng in der gewöhnlichen Weiſe vor ſich, indem man Einen aus der Geſellſchaft aufſtellte, der mit abgewandtem Geſichte denjenigen namhaft machen mußte, welchem dieſer oder jener Haufe gehören ſollte. Billy Kirby ſtreckte ſich an der Seite des Feuers der Länge nach auf dem Graſe aus, um bis zum Morgen das Netz und die Fiſche zu bewachen; die Uebrigen aber ſchifften ſi ch in dem Kahne ein, um nach dem Dorf zurückzukehren. Die ſich Entfernenden bemerkten noch, wie der Holzfäller über den Kohlen ſein Nachteſſen kochte, und als ſich das Boot dem Ufer näherte, zeigte ſich die Flamme aus Mohegan's Kahne wieder unter dem Dunkel der öſtlichen Berge. Plötzlich hörte ſie auf, ſich zu be⸗ wegen, und nun ſlogen die Feuerbrände in die Luft, worauf ſich Alles in ſo tiefe Dunkelheit hüllte, als ſie die Nacht in Vereinigung mit dem Wald und dem Gebirge nur immer herbeiführen konnte. Eliſabeth's Gedanken wanderten von dem Jüngling, der ein Dach von Shawlen über ſie und Luiſe ausgebreitet hielt, zu dem Jäger und dem indianiſchen Krieger, und ein Verlangen erwachte in ihr, die Hütte zu beſuchen, wo Menſchen von ſo verſchiedenen Gewohnheiten und Temperamenten ſich zuſammengefunden hatten. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Schwatz uns nicht ſtets von dieſen Berg' und Thälern, Du alter Thor, denn Niemand horcht auf Mähren Aus Deiner Kinderzeit, womit Du quälſt Der Hörer Ohr.— Drum raſch! zur Sache! Duo. Herr Jones ſtand des folgenden Morgens mit der Sonne auf, ließ ſein und Marmeduke's Pferd ſatteln, und verfügte ſich mit ungewöhnlich wichtiger Miene in das Schlafgemach des Richters. Die Thüre war nicht verſchloſſen, und Richard trat mit einer — 8 dA ——— 2· 2A 339 Freimüthigkeit ein, welche nicht nur das gute Einvernehmen mit dem Vetter, ſondern auch die gewohnte Weiſe des Sheriffs charak⸗ teriſirte.— „Nun, Duke zu Pferde,“ rief er,„und ich will Dir aus⸗ einander ſetzen, was ich geſtern Abend mit meinen Andeutungen meinte. David ſagt in ſeinen Pſalmen— nein, es war Salomo; doch das iſt gleichgültig, er gehörte zur Familie— Salomo ſagt, Alles hat ſeine Zeit; und nach meiner unmaßgeblichen Anſicht iſt eine Fiſcherpartie kein geeigneter Moment, um wichtige Angelegen⸗ heiten zu beſprechen.— Ha, was ſoll das? Was zum Teufel fehlt Dir, Marmaduke? Biſt Du nicht wohl? Laß mich Deinen Puls fühlen. Du weißſt, mein Großvater war—“ „Dem Körper nach befinde ich mich ganz wohl, Richard,“ fiel der Richter ein, indem er ſeinen Vetter zurückſchob, welcher eben im Begriff war, dem Doktor Todd ins Handwerk zu greifen;„aber mein Gemüth iſt leidend. Als ich in der letzten Nacht zurückkam, fand ich unter andern Briefen auch dieſen vor.“ Der Sheriff nahm den Brief auf, ohne jedoch ſeine Augen auf das Schreiben zu richten, denn er betrachtete fortwährend das Aeußere des Richters mit großem Erſtaunen. Von dem Antlitz ſeines Vetters wanderte ſein Blick nach dem Tiſche, wo mehrere Briefe, Pakete und Zeitungen lagen, und dann in dem Zimmer umher. Auf dem Bette war der Eindruck eines menſchlichen Körpers ſichtbar, ohne daß jedoch die Decke zurückgeſchlagen geweſen waͤre; und Alles verkündete, daß der Bewohner des Gemachs eine ſchlafloſe Nacht zugebracht hatte. Die Kerzen waren bis in die Leuchter nieder⸗ gebrannt und augenſcheinlich von ſelbſt erloſchen. Marmaduke hatte ſeine Vorhänge aufgezogen und die Fenſter geöffnet, um die balſa⸗ miſche Luft eindringen zu laſſen, aber ſeine blaſſen Wangen, ſeine bebenden Lippen und ſeine eingeſunkenen Augen zeigten ſo gar nicht die gewöhnliche männliche und heitere Ruhe des Richters, daß der Sheriff mit jedem Augenblicke beſtürzter wurde. Endlich fand Richard Zeit, ſeine Blicke auf den Brief zu werfen, den er noch immer uneröffnet und zuſammengeballt in ſeiner Hand hielt. „Was, ein zu Schiff angekommener Brief?“ rief er,„und von England? Ha, Duke! der mag in der That wichtige Neuigkeiten enthalten.“ „Lies ihn,“ verſetzte Marmaduke, in heftiger Aufregung durch das Zimmer auf⸗ und abſchreitend. Richard war gewöhnt, laut zu denken, und daher nicht im Stande einen Brief zu leſen, ohne einem Theile des Inhalts Worte zu leihen. Wir legen daher dem Leſer das, was in dieſer Weiſe von dem Briefe veröffentlicht wurde, nebſt den gelegentlichen Be⸗ merkungen des Sheriffs vor. „London den zwölften Februar ſiebzehnhundertdreiundneunzig“ — Was zum Teufel, das hat lange gebraucht! Aber der Wind iſt, bis auf die letzten vierzehn Tage, ſechs Wochen lang nord⸗ weſtlich geweſen.“ „Sir, Ihre verehrlichen Schreiben vom 10. Auguſt, 23. Sep⸗ tember und 1. December habe ich zur rechten Zeit erhalten und das erſte umgehend beantwortet. Seit dem Empfang des letzteren habe ich—“ hier folgte ein langer Satz, welchen der Sheriff unbe⸗ ſtimmt vor ſich hin murmelte.„Es thut mir leid, Ihnen ſagen zu müſſen, daß— hum, das iſt allerdings ſchlimm— ‚hoffe aber, daß es die gütige Vorſehung für paſſend gehalten hate— hum, hum, hum; ſcheint ein religiöſer Mann zu ſeyn, Duke; wahr⸗ ſcheinlich ein Biſchöflicher; hum, hum— ‚Schiff abgeſegelt von Fal⸗ mouth, ungefähr am 1. September des vorigen Jahrs und’,—— hum, hum, hum. ‚Wenn etwas von dieſer verdrüßlichen Sache verlauten ſollte, ſo werde ich nicht ermangelne— hum, hum; in der That ein ſehr gutherziger Mann für einen Rechtsgelehrten— skann jedoch nichts weiteres mittheilen⸗— hum, hum. ‚Der National⸗ convente— hum, hum— ‚unglückliche Louise— hum, hum— „Beiſpiel Eures Washington— gewiß ein ſehr verſtändiger Mann, —— 341 imer und keiner von jenen verrückten Democraten. Hum, hum— unſere tapfere Flotte— hum, hum— ‚unter unſerem ausgezeichneten von Monarchen— ja, mag ein guter Mann ſeyn, dieſer Koͤnig Georg; eiten hat aber ſchlechte Rathgeber. Hum, hum— ‚ſchließe mit den Verſicherungen meiner vollkommenen Hochachtung:— hum, hum. durch ‚Andreas Holt!— Andreas Holt?— ein ſehr verſtändiger theil⸗ nehmender Mann, dieſer Andreas Holt,— ſchreibt aber ſchlimme t im Botſchaft. Was willſt Du zunächſt thun, Vetter?“ Jorte„Was kann ich thun, Richard, als die Zeit und die Führung Veiſe des Himmels abzuwarten? Da iſt ein anderer Brief aus Connec⸗ Be⸗ ticut, welcher übrigens nur eine Beſtätigung des früheren enthält. Nur Eines tröſtet mich bei dieſen Neuigkeiten aus England, daß er nzig: nämlich mein letztes Schreiben erhalten haben muß, ehe das Schiff Wind abſegelte.“ nord⸗„Das iſt freilich ſchlimm genug; ſehr ſchlimm, Duke, und macht alle meine Plane, an dem Hauſe Flügel anzubringen, zu Waſſer. Ich habe Vorkehrungen zu einem Ausritt getroffen, um Sep⸗ das Dir etwas ungemein Wichtiges mitzutheilen. Es liegen Dir immer habe Minen im Kopf—“ inbe⸗„Rede mir jetzt nichts von Minen,“ ſiel ihm der Richter ins agen Wort;„denn ich habe ohne Verzug eine heilige Pflicht zu erfüllen. aber, Ich muß dieſen Tag mit Schreiben zubringen, und Du wirſt mir hum, helfen, Richard. Ich mag Oliver nicht von einem ſo wichtigen ahr⸗ Geheimniß Einſicht nehmen laſſen.“ Fal⸗„Nein, nein, Duke,“ rief der Sheriff, dem Richter die Hand — drückend;„ich ſtehe ganz zu Deinen Dienſten. Wir ſind Geſchwiſter⸗ Sache kinder, und Blut iſt im Grunde doch der beſte Mörtel, der die 3 in Freundſchaft zuſammenhält. Meinetwegen; es hat keine Eile mit 5— der Silbermine; denn morgen iſt ſo gut wie heute. Ich denke, onal⸗ wir werden heute den Dirky Van brauchen?“ Marmaduke bejahete dieſe indirekte Frage, und der Sheriff ſtand von ſeinem beabſichtigten Ausritte ab, begab ſich in das n— kann, 342 Frühſtückzimmer und entſandte ſogleich einen Boten, um Dirck Van der School her zu beſcheiden. Das Dorf Templeton durfte ſich des Beiſtandes von nur zwei Rechtsgelehrten erfreuen, von denen wir den Einen unſern Leſern bereits in der Wirthsſtube zum kühnen Dragoner vorgeführt haben; der Andere war der von Richard vertraulicher Weiſe als Dirck oder Dirky Van namhaft gemachte Gentleman. Große Gutmüthigkeit, ziemliche Gewandtheit in ſeinem Fach und, ſo weit dieß bei einem Advokaten möglich iſt, ein beträchtlicher Grad von Ehrlichkeit waren die Hauptzüge in dem Charakter dieſes Mannes, welcher unter den Anſtedlern als Squire Van der School bekannt war und bisweilen auch durch den ſchmeichelhaften, obgleich anomalen Titel des„Hollän⸗ ders“ oder des„ehrlichen Advokaten“ bezeichnet wurde. Wir wünſchen jedoch nicht, unſerem Leſer einen falſchen Begriff von irgend einem unſerer Charaktere beizubringen und ſehen uns daher veranlaßt, beizufügen, daß das Adjectiv in Herrn Van der School's Standes⸗ bezeichnung in unmittelbarer Beziehung zu ſeinem Subſtantiv ge⸗ meint war. Wir dürfen unſern orthodoxen Freunden nicht ſagen, daß alles Verdienſt in der Welt nur beziehungsweiſe ein ſolches iſt; und wenn wir irgend einem Charakter Eigenſchaften zuſchreiben, ſo iſt dieß ſo zu verſtehen, daß man dabei auch die Umſtände ins Auge zu faſſen hat. Den Reſt des Tages über blieb der Richter mit ſeinem Vetter und ſeinem Rechtsfreunde eingeſchloſſen, und Niemand hatte Zutritt ins Zimmer als ſeine Tochter. Marmaduke hatte die tiefe Betrübniß, die ihn augenſcheinlich bedrängte, einigermaßen auch Eliſabeth mit⸗ getheilt, denn ein kummervoller Blick beſchattete ihre ſchönen Züge, und die Schwungkraft ihres lebensvollen Geiſtes war merklich ge⸗ lähmt. Der junge Edwards, der mit Verwunderung Zeuge der plötzlichen Veränderung bei den Hauptgliedern der Familie war, bemerkte ſogar, wie ſich einmal eine Thräne über Miß Temple's Van zwei eſern aben; oder gkeit, einem varen den deilen llän⸗ ſchen inem laßt, ndes⸗ ge⸗ agen, iſt; n, ſo Auge etter ttritt pniß, mit⸗ üge, ge⸗ der war, ple's 343 Wangen ſtahl und ihre leuchtenden Augen mit einer Weichheit übergoß, welche gewöhnlich bei ihr nicht zu finden war. „Haben Sie ſchlimme Nachrichten erhalten, Miß Temple?“ fragte er mit einer Theilnahme, welche Luiſe Grant veranlaßte, mit einer Raſchheit, über welche ſie ſelbſt erröthete, ihr Antlitz von ihrer Arbeit zu erheben.„Ich wurde gerne Ihrem Vater meine Dienſte anbieten, wenn er, wie ich vermuthe, an irgend einem fernen Orte eines Agenten bedarf, ſobald ich hoffen dürfte, daß es zu Ihrer Beruhigung beitrüge.“ „Wir haben allerdings ſchlimme Kunde vernommen,“ verſetzte Eliſabeth,„und mein Vater wird wohl für eine Weile die Heimath verlaſſen müſſen, wenn ich ihn nicht überreden kann, das Geſchäft meinem Vetter Richard anzuvertrauen, obgleich auch ſeiner Abreiſe aus dem Bezirke dermalen Hinderniſſe im Weg ſtehen dürften.“ Der Jüngling ſchwieg eine Weile und das Blut ſtieg langſam nach ſeinen Schläfen, während er fortfuhr: „Wenn das Geſchäft von der Art wäare, daß ich es ausführen könnte——“ „Es iſt ein ſolches, daß es nur Jemandem, den wir kennen— nämlich Einem von den Unſrigen anvertraut werden kann.“ „Ich hoffe, daß Sie mich kennen, Miß Temple,“ fügte er mit einer Wärme bei, die er ſelten an Tag legte, die aber doch bei ihren früheren Mittheilungen nicht ganz ohne Vorgang war.„Habe ich fünf Monate unter Ihrem Dache geweilt, um nur als ein Fremder betrachtet werden zu können?“ Eliſabeth war gleichfalls mit ihrer Nadel beſchäftigt, und ſie beugte ihr Haupt zur Seite, indem ſie that, als ob ſie ihr Nähzeug ordne; aber ihre Hand bebte, ihr Antlitz erglühte, und ihre Augen verloren ihre Feuchtigkeit in einem Ausdrucke ununterdrückbarer Theilnahme, als ſie erwiederte: „Aber wie viel wiſſen wir von Ihnen, Herr Edwards?“ „Wie viel?“ wiederholte der Jüngling, indem er von der 344 Sprecherin auf Luiſens mildes Antlitz blickte, auf welchem ſich gleichfalls Neugierde abmalte.„Wie viel? Bin ich nicht lange genug ihr Hausgenoſſe geweſen, daß man mich wohl hätte kennen lernen können?“ Eliſabeth's Haupt richtete ſich langſam aus ihrer erkünſtelten Haltung auf, und der Blick der Verwirrung, der ſich ſo lebhaft mit dem Ausdrucke der Theilnahme gemiſcht hatte, gieng in ein Lächeln über. „Wir kennen Sie allerdings, Sir: Sie nennen ſich Oliver Edwards und haben, dem Vernehmen nach, meiner Freundin Miß Grant mitgetheilt, daß Sie ein Eingeborener wären——“ „Eliſabeth!“ rief Luiſe, bis über die Schläfe erröthend, und wie Eſpenlaub bebend;„Sie haben mich nicht recht verſtanden, liebe Miß Temple; ich— ich— es war nur eine Vermuthung von mir. Außerdem— wenn Herr Edwards auch mit den(Ein⸗ geborenen verwandt iſt, warum ſollten wir ihm dieß zum Vorwurf machen? Worin ſind wir beſſer? Wenigſtens ich, die ich nur das Kind eines armen heimathloſen Geiſtlichen bin.“ Eliſabeth ſchüttelte mit einem zweifelnden Lächeln ihren Kopf, ohne jedoch etwas zu erwiedern, bis ſie des wehmüthigen Ausdrucks gewahrte, der, bei dem Gedanken an die Armuth und die Mühen ihres Vaters, das Antlitz ihrer Gefährtin überflog; dann fuhr ſie fort: „Nein, Luiſe; Ihre Demuth führt Sie zu weit. Die Tochter eines Dieners der Kirche ſteht hoch genug, um Niemand über ſich anzuerkennen. Weder ich noch Herr Edwards kann ſich ganz zu Ihres Gleichen zählen, wenn er nicht—“ fügte ſie abermals lächelnd bei—„im Geheimen ein König iſt.“ „Ein treuer Diener des Königs der Könige, Miß Temple, iſt Niemand auf Erden untergeordnet,“ ſagte Luiſe;„aber doch gibt es einen Unterſchied der Stände, und ich bin nur das Kind eines armen und freundloſen Mannes, das auf keine andere Auszeichnung Anſpruch machen kann. Warum ſollte ich mich alſo erhaben über 345 ſich Herrn Edwards fühlen— weil— weil— er in einem ſehr ent⸗ ange fernten Grade mit John Mohegan verwandt iſt?“ inen Bedeutungsvolle Blicke wurden zwiſchen der Erbin und dem jungen Mann gewechſelt, als Luiſe, indem ſie ſeine Abſtammung ver⸗ lten theidigte, ihr Widerſtreben an Tag legte, ihn mit dem alten Krieger haft in eine nähere Verbindung zu bringen; aber weder ſie noch er ein erlaubten ſich auch nur ein Lächeln über die Einfalt der Predigers⸗ tochter.— iver„Wohl erwogen, muß ich zugeſtehen, daß meine Stellung hier Miß im Hauſe etwas Zweideutiges hat,“ begann Edwards,„obwohl ich ſagen darf, daß ſie mit meinem Blute erkauft wurde.“ und„Und noch obendrein mit dem Blute eines der eingebornen den, Herrn dieſes Bodens?“ rief Eliſabeth, welche augenſcheinlich ſeiner ung Abſtammung von den Ureingebornen nur wenig Glauben ſchenkte. in⸗„Sind die Merkmale meiner Abkunft ſo offen in meinem vurf Aeußeren abgedrückt? Meine Haut iſt dunkel, aber nicht ſonderlich das roth— nicht mehr als gewöhnlich.“ „Doch, doch— gerade im gegenwärtigen Augenblick.“ opf,„Ich bin überzeugt, Miß Temple,“ rief Luiſe, daß Sie Herrn ucks Edwards noch nicht genau ins Auge gefaßt haben. Seine Augen hen ſind nicht ſo ſchwarz wie Mohegan's— nicht einmal ſo wie Ihre ort: eigenen; und ebenſo wenig iſt dieß bei ſeinem Haare der Fall.“ hter„Sehr möglich; ich könnte alſo auf eine gleiche Abkunft An⸗ ſich ſpruch machen. Auch würde es mir zu einem großen Troſte gereichen, zu wenn ich es thun dürfte, denn ich geſtehe, es berührt mich ſchmerzlich, elnd wenn ich den alten Mohegan in dieſen Gegenden umher ſtreifen ſehe, wie den Geiſt eines ihrer alten Beſitzer, und wenn ich dabei iſt bedenke, wie wenig ſtatthaft meine Eigenthumsrechte ſind.“ gibt„Wirklich?“ rief der Jüngling mit einer Heftigkeit, ob der nes die Damen erſchracken. ung„Allerdings,“ erwiederte Eliſabeth, als ſie ſich in einer kleinen ber Weile von ihrer Ueberraſchung erholt hatte.„Aber was kann ich 346 thun? Was kann mein Vater thun? Wenn wir auch dem alten Manne eine Heimath und ein anſtändiges Auskommen anböten, ſo würde er es ſchon um ſeiner Gewohnheit willen ausſchlagen. Auch könnten wir, wenn wir einen ſo thörichten Wunſch hegten, dieſe Lichtungen und Meiereien nicht wieder in Jagdgründe ver⸗ wandeln, wie es Lederſtrumpf ſo gerne zu ſehen wünſchte.“ „Sie haben Recht, Miß Temple. Was wäre da wohl zu thun? Aber doch gibt es eines, was Sie gewiß thun können und wollen, wenn Sie Herrin dieſer ſchönen Thäler geworden ſind:— verwenden Sie ihren Reichthum zum Wohle der Armen und Noth⸗ leidenden;— weiter können ſie in der That nicht thun.“ „Und damit iſt ſchon viel geſchehen,“ entgegnete Luiſe, indem jetzt die Reihe des Lächelns an ihr war.„Aber zweifelsohne wird ſich Jemand einſtellen, der ihr die Leitung ſolcher Angelegenheiten abnimmt.“ „Es fällt mir nicht ein, dem Eheſtande abſagen zu wollen wie ein thörichtes Mädchen, das gleichwohl vom Morgen bis in die Nacht an nichts Anderes denkt; aber ich bin hier eine Nonne, ohne das Gelübde der Eheloſigkeit abgelegt zu haben; wie ſollte ich in dieſen öden Wäldern einen Gatten finden?“ „Hier iſt Keiner, Miß Temple,“ ſagte Edwards raſch,„der ſich vermeſſen dürfte, um Ihre Hand zu werben, und ich bin über⸗ zeugt, daß Sie zuwarren, bis Sie von einem Ihres Gleichen aufge⸗ ſucht werden— oder ſterben, wie Sie gelebt haben, geliebt und geachtet von allen, welche Sie kennen.“ Der junge Mann ſchien zu glauben, er habe alles geſagt, was die Galanterie forderte, denn er ſtand auf, nahm ſeinen Hut und eilte aus dem Gemache. Luiſe mochte denken, daß er mehr als nöthig geſagt, denn ſie ſeufzte mit einem ſo leiſen Athemzuge, daß ſie es wohl kaum gewahrte, und beugte ihr Antlitz wieder über ihre Arbeit. Möglich, daß Miß Temple noch mehr zu hören ge⸗ wünſcht hätte, denn ihre Augen hafteten noch eine geraume Weile ilten zen, gen. tten, ver⸗ zu und oth⸗ dem vird iten llen bis eine wie der ber⸗ fge⸗ und was und als ige, ber ge⸗ 347 auf der Thüre, durch welche der junge Mann verſchwunden war, und wandten ſich ſodann raſch auf ihre Gefährtin. Das nun fol⸗ gende lange Stillſchweigen bewies, wie ſehr die Unterhaltung zweier Maͤdchen unter achtzehn Jahren durch die Gegenwart eines Jüng⸗ lings von dreiundzwanzig belebt werden kann. Die erſte Perſon, welcher Herr Edwards begegnete, als er aus dem Hauſe ſtürzte, war der kleine viereckiggebaute Rechtsge⸗ lehrte, mit einem großen Aktenbündel unter dem Arm und einer grünen Brille mit Seitengläſern auf der Naſe, als wolle er durch dieſe ſcharfe Bewaffnung des Auges ſeine Fähigkeit, die Hinterliſt eines Gegners aufzuſpüren, multipliciren. Herr Van der School war ein Mann von Bildung, aber langſamer Faſſungsgabe, der den Colliſionen mit ſeinen lebhafteren und fähigeren Collegen, welche den Grund zu ihrem praktiſchen Takte an den öſtlichen Gerichtshöfen gelegt und die Verſchlagenheit mit der Muttermilch eingeſogen hatten, ſeine Vorſicht in Reden und Thun verdankte. Die Behutſamkeit dieſes Herrn ſprach ſich in letzterer Hinſicht als pedantiſche Methodik und Pünktlichkeit aus⸗ wobei freilich auch ziemlich viel Schüchternheit mit einfloß, während er in ſeinen Reden ſo ſehr den parenthetiſchen Styl beobachtete, daß ſeine Zuhörer oft lange ſuchen mußten, bis ſie den Sinn ſeiner Worte fanden. „Guten Morgen, Herr Van der School,“ ſagte Edwards. „Es ſcheint, wir haben heute einen rührigen Tag in dem Herrenhauſe.“ „Guten Morgen, Herr Edwards,(wenn dies wirklich Ihr Name iſt,[denn da Sie fremd ſind, ſo haben wir kein anderes Zeugniß für die Thatſache, als Ihre eigene Ausſagel wie ich auch bereits dem Richter Temple zu verſtehen gegeben); guten Morgen, Sir. Augenſcheinlich iſt's ein rühriger Tag(aber einem Mann von Ihrer Klugheit braucht man nicht zu ſagen Iſintemal Sie ohne Zweifel ſelbſt ſchon dieſe Entdeckung gemacht habenl], daß der Schein oft trügt) in dem Hauſe droben.“ 348 „Haben Sie wichtige Papiere, welche abgeſchrieben werden müſſen? Iſt man in irgend einer Weiſe meines Beiſtandes benöthigt?“ „Da ſind wohl Papiere(wie Sie ohne Zweifel(denn ihre Augen ſind jung! an der Außenſeite ſehen), welche copirt werden ſollten.“— „Nun ſo will ich Sie auf Ihre Schreibſtube begleiten und mir das Nöthigſte herausgeben laſſen. Wenn es Eile hat, ſo ſoll es bis auf den Abend gefertigt ſeyn.“ „Es wird mich immer freuen, Sir, Sie in meinem Geſchäfts⸗ lokal zu ſehen,(wie nicht mehr als billig lnicht als ob es mir lieber wäre, einen Mann wenn Sie(wie Sie nicht wollen) in Ihrer eigenen Wohnung, welche[um mich höflicher auszudrücken] ein Schloß iſt, zu empfangen, ſintemal mir jeder Platz gelegen kömmt]; aber die Papiere ſind mir im Vertrauen übergeben(als ſolche dürfen ſie natürlich von Niemand geleſen werden), und wenn es nicht(in Folge eines feierlichen Befehls von Seite des Richters Temple) angeordnet wird, ſo ſind ſie für alle Augen unſichtbar— diejenigen ausgenommen, welche durch Obliegenheiten(ich meine geſetzlich übertragene Obliegenheiten) dazu berechtigt ſind.“ „Nun, Sir, wie ich bemerke, bedarf man meiner Dienſte nicht, und ſo wünſche ich Ihnen abermals guten Morgen. Ich bitte jedoch, nicht zu vergeſſen, daß ich gegenwärtig ganz müßig bin, weshalb es mir lieb wäre, wenn Sie dem Richter Temple bedeu⸗ teten, daß ich mich anheiſchig machte, ſeine Aufträge in irgend einem Theile der Welt zu beſorgen, wenn— wenn— er nicht allzuweit von Templeton liegt.“ „Ich will ihm dies eröffnen, Sir, in Ihrem Namen(mit Ihren eigenen Ausdrücken) als Ihr Agent. Guten Morgen, Sir— aber halten Sie, Herr Edwards(wenn Sie ſo heißen) nur einen Augen⸗ blick. Wünſchen Sie, daß ich Ihr Anerbieten vorbringe, in Maß⸗ gabe eines zu ſchließenden Contrakts(in Folge deſſen[durch zu bezahlende Vorſchüſſe] eine Verbindlichkeit eingegangen wird,) oder erden gt?“ ihre erden mir ll es äfts⸗ ieber hrer hloß aber irfen t(in ple) nigen lich icht, bitte bin, deu⸗ gend nicht hren aber gen⸗ Naß⸗ zu oder 349 als eine Dienſtleiſtung, für welche(nach ſpäter erfolgender Ueber⸗ einkunft unter den Partien) nach Löſung der Bedingungen Entſchä⸗ digung gereicht würde 24 „Mir gleichgültig, mir gleichgültig,“ verſetzte Edwards.„Er ſcheint in Sorgen zu ſeyn, und ich möchte ihm Beiſtand leiſten.“ „Der Beweggrund iſt gut, Sir(dem Anſcheine nach[welcher freilich oft trügtl ſo viel mir vorkömmt) und gereicht Ihnen zur Ehre. Ich will Ihres Wunſches erwähnen, junger Gentleman(denn ein ſolcher ſcheinen Sie zu ſeyn) und werde(ſo Gott will) nicht ermangeln, Ihnen um fünf Uhr post meridiem des gegenwärtigen Tages die Antwort mittheilen, wenn Sie mir Gelegenheit dazu geben.“ Das Ungewiſſe in Olivers Stellung und Charakter hatte ihn für den Rechtsgelehrten zu einem Gegenſtand beſonderen Argwohns gemacht, weshalb auch der Jüngling viel zu ſehr an ſolche zweideutige und behutſame Reden gewöhnt war, um ſich durch das vorſtehende Geſpräch ärgern zu laſſen. Er ſah wohl ein, daß der Rechtsge⸗ lehrte die Abſicht hatte, die Natur ſeines Geſchäfts ſogar vor dem Privatſecretäre des Richters Temple geheim zu halten, und wußte zu gut, wie ſchwierig es war, den Sinn von Herrn Van der School's Worten zu begreifen, ſelbſt wenn dieſer Ehrenmann ſich Mühe gab, recht deutlich zu ſeyn, um nicht jeden Gedanken an irgend einen Aufſchluß aufzugeben, zumal er ſah, daß der Anwalt ſich Mühe gab, Alles zu vermeiden, was zu einem verfänglichen Eramen führen konnte. Sie trennten ſich an der Hausthüre des Advokaten, und Letzterer verfügte ſich mit wichtigthuender Eile nach ſeinem Schreibzimmer, indem er die Papiere mit ſeinem rechten Arme ſo feſt an ſich drückte, als gewärtige er in jedem Augenblicke, daß man ihm dieſelben entreißen wolle. Die Leſer müſſen bereits bemerkt haben, daß der Jüngling ein ungewöhnliches und tief gewurzeltes Vorurtheil gegen den Cha⸗ rakter des Richters hegte; aber in Folge irgend einer Gegenwirkung waren ſeine Gefühle jetzt mehr die einer innigen Theilnahme an 350 dem dermaligen Zuſtande ſeines Gönners und an der Urſache ſeiner geheimen Unruhe. Er ſah dem Rechtsgelehrten nach, bis ſich die Thüre hinter demſelben und dem geheimnißvollen Packete geſchloſſen hatte, worauf er langſam nach ſeiner Wohnung zurückkehrte und ſeine Neugierde in den gewöhnlichen Obliegenheiten ſeines Dienſtes zu vergeſſen ſuchte. Als der Richter wieder in dem Kreiſe ſeiner Familie erſchien, lagerte ein wehmüthiger Schatten über ſeinen ſonſt heiteren Zügen, welcher viele Tage nicht von ſeiner Stirne weichen wollte; aber das zauberartige Fortſchreiten der Jahreszeit weckte ihn aus ſeiner jeweiligen Apathie, und mit dem Sommer kehrte auch ſein Lächeln wieder. Die heißen Tage und das öftere Eintreten erfriſchender Regen⸗ ſchauer hatten in unglaublich kurzer Zeit den Wuchs der Pflanzen vollendet, welche der zögernde Frühling ſo lange in der Knospe zurückgehalten hatte, und die Wälder prunkten in jeder Abſchattung von Grün, um derenwillen die amerikaniſchen Wälder ſo berühmt find. Die Stümpfe der gelichteten Wälder waren bereits unter dem Weizen verborgen, der unter jedem Sommerlüftchen in ſeinem ſammtartig ſchillernden Farbenwechſel dahin wogte. So lange der Kummer des Richters anhielt, vermied es Herr Jones rückſichtsvoll, die Aufmerkſamkeit ſeines Vetters auf eine Angelegenheit zu wenden, die mit jeder Stunde mehr an dem Herzen des Sheriffs nagte und die wohl von großer Wichtigkeit ſeyn mochte, wenn wir anders eine Folgerung aus ſeinem häufigen Ver⸗ kehr mit dem Manne ziehen dürfen, der dem Leſer in der Wirths⸗ ſtube zum kühnen Dragoner unter dem Namen Jotham vorge⸗ führt wurde.— Endlich wagte es der Sheriff wieder auf den Gegenſtand an⸗ zuſpielen, und eines Abends, im Beginne des Juli, gab ihm Mar⸗ maduke das Verſprechen, ihn des andern Morgens auf dem er⸗ ſehnten Ausfluge zu begleiten. 351 Sechsundzwanzigſtes Kapitel. So ſprich, mein lieber Vater; deine Worte Sind mir wie milde Lüfte aus dem Weſten. Milman. Es war ein milder, ſanfter Morgen, als Marmaduke und Richard ihre Pferde beſtiegen, um einen Ausflug vorzunehmen, mit dem ſich die Gedanken des Letztern ſchon geraume Zeit faſt aus⸗ ſchließlich beſchäftigt hatten. In demſelben Augenblick erſchienen auch Eliſabeth und Luiſe, für einen Spaziergang angekleidet, in der Halle. Die Kopfbedeckung der Predigerstochter beſtand aus einem niedlichen, kleinen Hut von grüner Seide, unter dem ihre beſcheidenen Augen mit der ſchmachtenden Weichheit, welche ihr ganzes Aeußere charakteriſirte, hervorleuchteten; aber Miß Temple ſchritt durch die weiten Gemächer ihres Vaters mit dem Tritte der Gebieterin, indem ſie den Strohhut, welcher die glänzenden, ihre Marmor⸗ ſtirne üppig umſpielenden Locken bedecken ſollte, an einem ſeiner Bänder in der Hand trug. „Wie? haſt Du im Sinn, einen Spaziergang zu machen, Beß?“ rief der Richter, einen Augenblick ſein Roß zügelnd, um mit väter⸗ licher Freude die weibliche Schönheit und Anmuth ſeines Kindes zu betrachten.„Vergiß aber nicht, liebe Tochter, daß der Juli ein heißer Monat iſt, und wage Dich nur ſo weit, daß Du vor Mittag wieder zu Hauſe ſeyn kannſt. Wo iſt Dein Sonnenſchirm, Mädchen? Es iſt um Deine weiße Stirne geſchehen, wenn Du Dich nicht ſorgfältig gegen unſere Sonne und unſern Südwind verwahrſt.“ „Ich werde dann nur um ſo beſſer zu meiner Verwandtſchaft paſſen,“ erwiederte Miß Temple lächelnd.„Vetter Richard hat ein ſo roſiges Ausſehen, daß ihn eine Dame darum beneiden könnte; und ſo iſt dermalen die Aehnlichkeit zwiſchen uns ſo unbedeutend, 352 daß kein Fremder glauben würde, wir ſtammten von zwei Schweſtern ab.“ „Nur ſtehſt Du um einen Grad entfernter, Baſe Eliſabeth,“ verſetzte der Sheriff.„Doch beeile Dich, Richter Temple; Zeit und Fluth warten auf Niemand, und wenn Du Dir von mir rathen läßt, Vetter, ſo kannſt Du ihr von heut über zwölf Monate aus ihrem Cameelhaarſhawl einen Sonnenſchirm machen und denſelben mit gediegenem Silber beſchlagen laſſen. Für mich will ich nichts, „Duke; Du haſt Dich immer freundlich gegen mich erwieſen; und zudem geht ja, wenn mein Stündlein ſchlägt, all mein Eigenthum auf Beß über; es iſt daher gleichgültig, wer es über kurz oder lang hinterläßt, ich oder Du. Aber wir haben eine Tagreiſe vor uns, Vetter; mache alſo, daß Du vorwärts kömmſt, oder ſteige wieder ab und ſage es mit einem mal, daß Du nicht gehen willſt.“ „Geduld, Geduld, Dick,“ erwiederte der Richter, indem er ſich abermal an ſeine Tochter wandte.„Wenn Du das Gebirg beſuchen willſt, Liebe, ſo verliere Dich ja nicht zu tief in den Wald; denn obgleich man es oft ungeſtraft thun kann, ſo iſt es doch bisweilen gefährlich.“ „In dieſer Jahreszeit wohl nicht, lieber Vater,“ ſagte Eliſabeth, „denn ich will nur geſtehen, daß ich und Luiſe im Sinne haben, ein bischen unter den Bergen umher zu ſtreifen.“ „Im Winter iſt's freilich minder räthlich, meine Liebe; aber doch könnte es gefährlich werden, wenn Du Dich zu weit wagſt. Wenn Du aber auch wagehalſig biſt, Eliſabeth, ſo gleichſt Du doch zu ſehr Deiner Mutter, um nicht auch klug zu ſeyn.“ Die Augen des Vaters wandten ſich nur mit Widerſtreben von ſeiner Tochter ab und Richter und Sheriff ritten langſam durch den Thorweg, um bald hinter den Gebäuden des Dorfes zu verſchwinden. Wäͤhrend dieſes kurzen Geſprächs ſtand der junge Edwards, aufmerkſam horchend, mit einer Fiſcherruthe in der Hand, in der Nähe, denn auch ihn hatte der ſchöne Tag veranlaßt, das Haus zu verlaſſen, um der freien Luft zu genießen. Als die Reiter ſich entfernt hatten, näherte er ſich den jungen Mädchen, welche eben nach der Straße einbogen; und er war eben im Begriff, ſie anzu⸗ reden, als Luiſe Halt machte und haſtig ſagte: „Herr Edwards will mit uns ſprechen, Eliſabeth.“ Miß Temple hielt gleichfalls und wandte ſich an den Jüngling — zwar höflich, aber mit einer leichten Kälte in ihrem Weſen, welche die Freimüthigkeit, womit er herangetreten war, merklich zügelte. „Es ſcheint ihrem Vater mißfällig zu ſeyn, daß Sie ohne Geleite in die Berge gehen, Miß Temple. Wenn ich Ihnen meinen Schutz anbieten darf——“ „Hat mein Vater Herrn Edwards auserſehen, mir das, was ihm mißfällig iſt, zu bedeuten?“ fiel ihm die Dame ins Wort. „Gütiger Himmel! Sie verkennen meine Meinung. Ich hätte ſtatt Mißfallen Beunruhigung ſagen ſollen. Ich bin ſein Diener, Fräulein, und folglich auch der Ihrige. Wenn Sie nichts dawider haben, ſo wiederhole ich daher, daß ich meine Angelruthe mit einer Vogelflinte vertauſchen und, falls Sie das Gebirg beſuchen, in Ihrer Nähe bleiben will.“ „Ich bin Ihnen ſehr verbunden, Herr Edwards; aber wo keine Gefahr iſt, bedarf es auch keines Schutzes. Zum Glücke iſt es nicht nöthig, daß man unter dieſen freien Bergen im Geleite einer Leibgarde einher wandelte, und ſollte es je der Fall ſeyn, ſo iſt auch hiefür geſorgt. Komm her, Brave— Brave, mein wackrer Brave!“ Der ungeheure Bullenbeißer, deſſen wir bereits erwähnt, er⸗ ſchien vor ſeiner Hütte und gähnte und reckte ſich in träger Schläf⸗ rigkeit. Aber als ſeine Gebieterin abermals rief—„komm, lieber Brave; Du haſt vordem Deinem Herrn treue Dienſte geleiſtet; laß einmal ſehen, wie Du Deine Pflicht bei ſeiner Tochter erfüllſt—“ ſo wedelte der Hund mit dem Schwanze, als verſtehe er die Worte, Die Anſiedler. 3. Aufl. 23 354 ſchritt ſtattlich an ihre Seite hin, ſetzte ſich nieder und ſah zu ihrem Antlitz mit einem Verſtande auf, der dem, welcher aus den liebens⸗ würdigen Zügen ſeiner Herrin blitzte, nur wenig nachzugeben ſchien. Sie nahm ihren Spaziergang wieder auf, machte aber nach einigen Schritten abermals Halt, und fügte in einem verſöhnlichen Tone bei: „Sie können uns gleichwohl einen Dienſt leiſten, der Ihnen, wie ich vermuthe, angenehmer ſeyn dürfte, Herr Edwards— wenn Sie uns nämlich ein Paar von Ihren Lieblingsbarſchen für die Mittagstafel beſorgen.“ Sie gieng weiter, ohne zurück zu blicken und zu ſehen, wie der Jüngling dieſe Zurückweiſung aufnahm; dagegen wandte ſich, noch ehe ſie das Thor erreichten, Luiſens Kopf mehrere male um. „Ich fürchte, Eliſabeth,“ begann ſie,„daß wir Herrn Oliver gekränkt haben. Er ſteht noch immer an ſeine Angelruthe gelehnt, wo wir ihn verlaſſen haben. Er mag uns wohl für ſtolz halten.“ „Dann hat er Recht,“ rief Miß Temple, wie aus einem tiefen Traume erwachend;„dann hat er vollkommen Recht. Wir ſind zu ſtolz, um von einem jungen Mann in einer ſo zweideutigen Lage derartige Aufmerkſamkeiten anzunehmen.— Ja wohl!— ihn zum Begleiter unſerer geheimſten Spaziergänge zu machen! Es iſt Stolz Luiſe, aber es iſt der Stolz eines Weibes.“ Es ſtund mehrere Minuten an, ehe Oliver ſich aus der ge⸗ dankenvollen Stellung erhob, in welcher ihn Luiſe zuletzt geſehen hatte; aber als er es endlich that, murmelte er raſch und unzu⸗ ſammenhängend etwas vor ſich hin, warf ſeine Angelruthe über die Schulter und ſchritt mit der ſtolzen Haltung eines Kaiſers die Allee hinab durch das Thor und auf einer der Straßen des Dorfes weiter, bis er das Seeufer erreichte. Es lagen dort Boote für den Gebrauch des Richters Temple und ſeiner Familie. Der junge Mann warf ſich in einen leichten Nachen, ergriff das Ruder und trieb ſein Fahrzeug mit kräftigen Armen über den See hin, auf — 8 x& ³K&ᷣ 8NR 355 Lederſtrumpfs Hütte zu. Nachdem er eine Weile gerudert hatte, wurden ſeine Gedanken weniger bitter; und als er die Büſche, die vor Natty's Wohnung das Ufer ſäumten, an ſich vorbei gleiten ſah, wie wenn ihnen die Bewegung angehörte, die doch nur durch ſeine Anſtrengung herbei geführt wurde, ſo fühlte er ſein Gemüth ab⸗ gekühlt, obgleich ſein Körper noch erhitzt war. Leicht möglich, daß der wahre Grund, welcher Miß Temple bei ihrem Benehmen ge⸗ leitet, einem Manne von Oliver's Erziehung und Bildung nicht entgieng; und wenn dieß der Fall war, ſo mußte Eliſabeth eher in ſeiner Achtung ſteigen als fallen. Er nahm nun das Ruder aus dem Waſſer, und das Boot ſchoß feſt auf das Land, wo es ſich leicht in den von ihm ſelbſt hervor⸗ gerufenen Wellen bewegte, während der junge Mann, nachdem er ſich zuvor ſpähend in jeder Richtung umgeſehen hatte, eine kleine Pfeife an den Mund brachte und einen langen gellenden Ton ver⸗ nehmen ließ, welchen das Echo der Felſen bei der Hütte weit hin wieder⸗ hallte. Auf dieſe Störung eilten Nattys Hunde aus ihren Rinden⸗ hütten und begannen ein langes, klägliches Geheul, indem ſie wie toll in dem Bereiche der hirſchledernen Riemen, womit ſie ange⸗ bunden waren, auf und ab rannten. „Ruhig, ruhig, Hector,“ ſagte Oliver, indem er ſeine Pfeife abermals an den Mund ſetzte und einen noch ſchrilleren Ton als vorhin hervorlockte. Es erfolgte keine Erwiederung, da die Hunde bei dem Klange ſeiner Stimme wieder in ihre Hütten zurückge⸗ krochen waren. Edwards zog das Boot auf's Ufer, ſtieg das Geſtade hinan und näherte ſich der Hütte. Die Riegel waren bald entfernt, und nachdem er eingetreten, ſchloß er die Thüre hinter ſich ab. Alles war ſo ſtill an dieſem abgelegenen Orte, als ob hier nie der Fuß eines Menſchen die Wildniß betreten hätte. Die Töne von Hämmern, welche unabläßig im Dorfe in Bewegung waren, ließen ſich nur ſchwach über den See herüber vernehmen; und die Hunde hatten ſich in 356 ihr Quartier verkrochen, zufrieden geſtellt, daß niemand Fremdes ſich dem verbotenen Grunde genähert hatte. Es vergieng eine Viertelſtunde, ehe der Jüngling wieder zum Vorſchein kam, worauf er die Thüre verriegelte und die Hunde liebkoste. Letztere kamen auf die wohlbekannten Töne hervor, und Slut hüpfte an Oliver hinauf, als bäte ſie ihn, ſie aus ihrer Gefangenſchaft zu befreien. Aber der alte Hector erhob ſeine Naſe in den leichten Luftſtrom und begann ein langes Geheul, das man wohl auf eine Meile hätte hören können. „Ha! witterſt Du Etwas, alter Waldveteran?“ rief Edwards. „Iſt's ein Thier, ſo iſt es ein kühnes; meinſt Du aber einen Menſchen damit, ſo iſt es ein unverſchämter Burſche.“ Er kletterte über den Wipfel einer an der Seite niedergefallenen Fichte nach einem kleinen Hügel, welcher im Süden die Hütte be⸗ ſchützte, und gewahrte der leibhaftigen Geſtalt Hiram Doolittle's, wie er mit einer für einen Architekten ganz ungewöhnlichen Ge⸗ ſchwindigkeit in den Büſchen verſchwand. „Was kann der Kerl hier wollen?“ murmelte Edwards.„Er hat nichts in dieſer Gegend zu ſchaffen, wenn ihn nicht allenfalls die Neugierde hieher führt, die in dieſen Wäldern endemiſch iſt. Dafür ſoll ihm aber gethan werden, obſchon ihn vielleicht die Hunde durch ſein häßliches Geſicht abgeſchreckt, paſſiren laſſen.“ Der Jüngling wandte ſich während dieſes Selbſtgeſprächs wieder nach der Thüre und ſchloß ſie vollends ab, indem er eine kleine Kette durch einen Ring zog und ſie daſelbſt durch ein Vor⸗ legſchloß befeſtigte. f „Er iſt ein Zungendreſcher,“ fuhr er fort,„und kennt vielleicht Mittel, wie man unrechtmäßiger Weiſe in eines Andern Haus kömmt.“ Augenſcheinlich ſehr zufrieden mit dieſer Vorkehrung, be⸗ ſchwichtigte der Jüngling die Hunde, worauf er wieder an das Ufer hinabſtieg, den Nachen vom Stapel ließ, das Ruder aufnahm und in den See ſtach. —yny— 359 fühlte, es ſey an ihm, die Unterhaltung zu erneuern, mit der Miene eines Menſchen, der nicht weiß, was er ſagt: „Wie ſchön, wie ruhig und glänzend dieſer See iſt! Habt ihr ihn je ſo ſpiegelglatt geſehen, wie in dieſem Augenblick, Natty?“ „Ich kenne den Otſego ſeit fünfundvierzig Jahren,“ entgegnete Lederſtrumpf,„und muß ihm nachrühmen, daß es im ganzen Lande kein klareres Waſſer und keinen beſſeren Fiſchgrund gibt. Ja, ja; ich war einmal im alleinigen Beſitz deſſelben, und das waren herrliche Zeiten. Wild gab es, ſo viel das Herz nur wünſchen mochte, und Niemand kam mir ins Gehege, wenn nicht hin und wieder die Delawaren wegen einer Jagdpartie über die Berge kamen oder ein ſpitzbübiſcher Irokeſe ſich auf die Lauer legte. Weiter im Weſten waren ein Paar Franzoſen, die ſich in den Ebenen nieder⸗ gelaſſen und Indianerinnen geheirathet hatten, und bisweilen kam auch Einer oder der Andere von den Schotten und Engländern in dem Kirſchenthale an den See, wo ſie meinen Kahn borgten, um einen Barſch oder eine Lachsforelle heraus zu holen; aber im Ganzen war's ein angenehmer Ort, an dem ich nur wenig beun⸗ ruhigt wurde. John kann's bezeugen, denn er war oft bei mir.“ Mohegan wandte bei dieſer Berufung ſein dunkles Geſicht um, machte eine bejahende Handbewegung und erwiederte in der Sprache der Delawaren: „Das Land gehörte meinem Volk; wir gaben es im Rathe meinem Bruder— dem Feuereſſer; und was die Delawaren geben, bleibt ſo lange, als die Waſſer rinnen. Hawk⸗eye rauchte bei dieſer Berathung, denn wir liebten ihn.“ „Nein, nein, John,“ verſetzte Natty;„ich war kein Häuptling, denn ich wußte nichts von einer Schule, und hatte eine weiße Haut. Aber es war damals ein herrlicher Jagdgrund, Junge, und würde es noch heutigen Tages ſeyn, wenn nicht Marmaduke Temple's Geld und die krummen Wege des Geſetzes geweſen wären.“ „Es muß in der That eine wehmüthige Luſt geweſen ſeyn,“ 4 360 ſene Edwards, während ſein Auge an dem Ufer hin nach den Bergen wanderte, wo die Lichtungen, prangend in goldenem Aehren⸗ ſchmucke, die Wälder mit Spuren des Lebens beſeelten,„über jene Berge und dieſe herrliche Waſſerfläche zu ſtreifen, ohne eine lebende Seele zu treffen, mit der man ſprechen oder ſeine Freude theilen konnte.“ „Was bedurfte es auch deſſen, um das Herz zu erheben?“ entgegnete Lederſtrumpf.„Ja, ja; wenn die Berge ſich mit Laub zu bedecken begannen und das Eis des Sees ſchmolz, ſo war es ein zweites Paradies. Ich bin dreiundfünfzig Jahre durch die Waͤlder gewandert und habe ſie ſeit mehr als vierzig zu meiner Heimath erkoren, aber ich muß ſagen, daß mir nur ein Ort beſſer gefallen hat— und zwar nicht nur wegen der Augenweide allein— nein, auch wegen der Jagd und der Fiſcherei.“ „Und wo war das?“ fragte Edwards. „Wo? Ei, auf den Cattskills. Ich pflegte oft nach Wolfs⸗ und Bärenhäuten in die Berge hinauf zu gehen, und einmal zahlten ſie mich auch, einem wohlgenährten Panther abzupaſſen, was mich gleichfalls zu manchem Streifzug dahin veranlaßte. Dort iſt ein Plätzchen in den Bergen, zu dem ich gerne hinanklomm, wenn mich's gelüſtete, das Treiben der Welt zu ſehen, und ich fand daſelbſt reichen Erſatz für ein zerkratztes Schienbein oder einen zerriſſenen Mokaſſin. Ihr kennt die Cattskills, Junge, denn Ihr müßt ſie zu Eurer Linken geſehen haben, als Ihr von York ſtromaufwärts kamt; ſie ſehen ſo blau aus, wie ein Stück des klaren Himmels, und die Wolken ſchweben auf ihren Spitzen wie der Rauch, der ſich bei dem Berathungsfeuer über dem Kopfe eines Indianer⸗ häuptlings kräuſelt. Im Hintergrunde liegen die Hochſpitze und der Rundgiebel, wie Vater und Mutter unter ihren Kindern, über die ſie weit weg ſehen. Aber der Ort, den ich meine, befindet ſich in der Nähe des Fluſſes, wo eine der Reihen ein wenig gegen die übrigen vorſpringt und wo die Felſen hin und wieder um tauſend 361 Fuß abfallen: es geht dabei ſo auf und ab, daß man, wenn man auf einer Kante ſteht, auf den thörichten Gedanken kommen könnte, es wäre möglich, von einer Spitze aus zur anderen auf feſten Grund zu ſpringen!“ „Und was ſaht ihr von dort oben aus?“ fragte Edwards. „Die Schöpfung,“ entgegnete Natty, indem er das Ende ſeiner Ruthe ins Waſſer tauchte und mit der andern Hand einen Kreis um ſich beſchrieb;„die ganze Schöpfung, Junge. Ich war auf jenem Berge, als im letzten Kriege Vaughan'Sopus verbrannte, und ſah die Schiffe ſo deutlich aus den Hochlanden herauskommen, wie ich jenen Kalknachen in den Susquehanna hinein rudern ſehe, obgleich ſie zwanzigmal weiter von mir entfernt waren, als dieſer. Der Fluß lag ſiebenzig Meilen weit, meinen Augen ſichtbar, wie ein Hobelſpan gekräuſelt zu meinen Füßen, obgleich ich acht gute Meilen bis zu ſeinen Ufern zu gehen hatte. Ich ſah die Berge in den Hamſſhirepatenten, die Hochlande des Flußes und alle Werke der Hand Gottes oder des Menſchen, ſo weit das Auge reichen konnte— und Ihr wißt, daß die Indianer mir wegen meines ſcharfen Geſichtes einen beſonderen Namen gaben, Junge. Von der Plateform auf der Spitze jenes Berges habe ich oft den Platz aufgefunden, wo Albany ſteht; und als die königlichen Truppen „Sopus niederbrannten, kam mir der Rauch ſo nahe vor, daß ich meinte, ich könne das Schreien der Weiber höͤren.“ „Um einer ſo glorreichen Ausſicht willen konnte man ſich allerdings einiger Mühe unterziehen.“ „Ich denke wohl, daß ich den Ort empfehlen kann, denn ge⸗ wiß erfreut es das Auge, wenn man faſt eine Meile in der Luft oben iſt und die Häuſer und Meiereien der Menſchen zu ſeinen Füßen hat, während die Flüſſe nur wie ſchmale Bänder, und Berge, größer als der Viſionsberg, nur wie Schober von grünem Graſe ausſehen. Als ich erſtmals in die Wälder kam, um darin zu leben, machte ich mir wohl auch hin und wieder abſonderliche Gedanken, 362 venn ich mich ſo einſam fühlte; aber dann pflegte ich in die Catts⸗ Dhus zu gehen und einige Tage auf jenem Berge zuzubringen, um mir das menſchliche Treiben zu betrachten. Es ſind jedoch etliche Jahre vergangen, ſeit ich mich nicht wieder von einer ſolchen Sehn⸗ ſucht heimgeſucht fühlte, und zudem bin ich auch zu alt geworden für jene ſchroffen Klippen. Es gibt aber einen Platz, nur ein paar Meilen hinter demſelben Berge, dem ich in der letzten Zeit einen noch beſſeren Geſchmack abgewann, denn er iſt mehr mit Bäumen bedeckt und daher natürlicher.“ „Und wo war das?“ fragte Edwards, deſſen Neugierde durch die einfache Beſchreibung des Jägers lebhaft aufgeregt war. „Es gibt einen Fall in den Bergen, wo die Waſſer von zwei kleinen, ziemlich nahe bei einander gelegenen Teichen ihre Dämme durchbrechen und über die Felſen ins Thal hinunter ſtürzen. Der Strom wäre vielleicht gerade kräftig genug, um eine Mühle zu treiben, wenn ein ſolches unnützes Ding in der Wildniß nöthig wäre. Aber die Hand, welche dieſen ‚Waſſerſprung' ſchuf, hat nie eine Mühle gemacht. Die klare Flüſſigkeit krümmt und windet ſich unter den Felſen fort— zuerſt ſo langſam wie ein Forellenbach, dann raſcher und raſcher, wie ein gehetztes Thier, bis ſie zu einer Stelle kömmt, wo ſich das Gebirg in der Weiſe eines geſpaltenen Hirſchhufs theilt und eine tiefe Höhle bildet, in welche ſie hinunter ſtürzt. Das Waſſer prallt zum erſten Male faſt um zweihundert Fuß weiter unten auf und ſieht, noch ehe es den Boden berührt, wie eine Wolke treibenden Schnees aus; von hier aus ſammelt ſich's wieder zu einem neuen Sturze, und ſprudelt vielleicht fünfzig Fuß weit in einem flachen Felsbeete fort, ehe es eine weitere hundert Fuß hohe Cascade bildet, und nun ſtürmt es von Geſims zu Geſims, bald da hin, bald dort hin, voll Verlangen, der Felskluft zu ent⸗ kommen, bis es endlich in der Ebene anlangt.“ „Ich habe früher nie Etwas von dieſer Stelle gehört; auch iſt ihrer in keinem Buche erwähnt.“ —— 363 „Ich habe Tag meines Lebens nie in einem Buche geleſen,“ entgegnete Lederſtrumpf;„und wie ſollte ein Mann, der nur in den Städten gelebt hat, etwas von den Wundern der Wälder wiſſen? Nein, nein, Junge; jener kleine Waldſtrom ſpielte unter den Bergen ſeit der Schöpfung der Erde, und kein Dutzend weißer Menſchen hat ihn je geſehen. Der Fels bildet zu beiden Seiten des Falles, wie ein Gemäuer, eine Halbrundung, und in einer Weite von fünfzig Fußen von dem Boden ab ſteht ein Geſims über dem andern; ſaß ich dann an dem Fuße des erſten Aufpralls, ſo ſahen meine Hunde nicht größer als Kaninchen aus, wenn ſie in die Höhlen hinter dem Waſſerguße hinunter liefen. Meiner Anſicht nach, Junge, iſt dieß der ſchönſte Anblick, dem ich je in den Wäldern begegnet bin, und ich darf wohl ſagen, daß Niemand weiß, wie oft ſich die Hand Gottes in einer Wildniß blicken läßt, wenn er nicht ein Menſchenalter darin zugebracht hat.“ „Was wird aus dem Waſſer? In welcher Richtung läuft es? Zahlt es dem Delaware ſeinen Tribut?“ „Wie?“ fragte Natty. „Fließt das Gewäſſer in den Delaware?“ „Nein, nein; es iſt ein Tropfen für den alten Hudſon und hat eine luſtige Zeit, bis er ſich durch das Gebirge Bahn gebrochen. Ich habe manche lange Stunde auf einem Felsvorſprunge geſeſſen, Junge, und während ich die an mir vorbeiſchießenden Waſſerblaſen betrachtete, machte ich mir ſo meine Gedanken, wie lange es wohl anſtehen dürfte, ehe dieſes Waſſer, welches für die Wildniß gemacht zu ſeyn ſcheint, den Kiel eines Schiffes beſpühlt und mit den Wogen des Salzwaſſers umher treibt. Die Stelle iſt ſehr geeignet, einen Menſchen feierlich zu ſtimmen. Man kann gerade in das Thal hinunter ſehen, das öſtlich von der Hochſpitze liegt und wo im Herbſt tauſend und aber tauſend Morgen Waldes in ihren, gleich zehn⸗ tauſend Regenbogen wechſelnden Farben die Seiten der tiefen Ge⸗ birgseinſchnitte bekleiden. Das iſt ein Schauſpiel, wo die Hand 364 s Menſchen noch nicht in die Ordnung der göttlichen Vorſehung hgsgrifen hat.“ „Ihr werdet ganz zum Dichter, Lederſtrumpf,“ rief der Jüngling. „Wie?“ fragte Natty. „Die Rückerinnerung an jene Scene hat Euer Blut erwärmt, alter Mann. Wie viele Jahre iſt es, ſeit Ihr den Ort zum letzten Mal geſehen?“ Der Jäger gab keine Antwort, ſondern neigte ſein Ohr gegen die Waſſerfläche, eine Stellung, in welcher er mit verhaltenem Athem verblieb und mit großer Spannung aufhorchte, als vernehme er entfernte Töne. Endlich richtete er den Kopf wieder auf und ſagte: „Hätte ich die Hunde nicht eigenhändig mit friſchen, ſtarken hirſchledernen Riemen angebunden, ſo wollte ich auf die Bibel ſchwören, daß ich den alten Hector auf dem Gebirge bellen hörte.“ „Nicht möglich!“ entgegnete Edwards.„Es iſt noch keine Sihrar⸗ daß ich ihn in ſeiner Hütte ſah.“ nzwiſchen hatte ſich auch Mohegan's Aufmerkſamkeit den Tou zugewendet; aber obgleich der Jüngling mit ſtummer Acht⸗ ſamkeit aufhorchte, ſo konnte er doch nichts als das Brüllen einiger Rinder auf den weſtlichen Bergen unterſcheiden. Er ſah den alten Mann an, während Natty, die Hand an's Ohr gehalten, um die Schallfläche zu vergrößern, da ſaß, und Mohegan, mit vorwärts gebeugtem Körper und bis zur Höhe ſeines Geſichtes ausgerecktem Arme den Zeigefinger erhob, um Stille zu gebieten. Endlich lachte Edwards laut hinaus über die Aufmerkſamkeit ſeiner beiden Be⸗ gleiter auf die— wie es ihm dünkte— erträumten Töne. „Lacht, wie Ihr wollt, Junge,“ ſagte Lederſtrumpf;„die Hunde ſind draußen und jagen einem Hirſch nach. In einer ſolchen Sache trügt mein Ohr nicht. Ich wollte es mich ein Biberfell koſten laſſen, wenn es anders wäre. Nicht, als ob ich mich um das Geſetz kümmerte, aber das Wildpret iſt gegenwärtig ſchlecht, und die dummen Teufel 365 rennen ſich für nichts und wieder nichts das Fleiſch von den Beinen ab. Hört Ihr ſie noch immer nicht?“ Edwards fuhr auf, als ein deutlicher Ton an ſein Ohr ſchlug, der urſprünglich durch dazwiſchen liegende Berge gedämpft ſchien, dann aber in wirrem Echo von den Felſen wiedertönte, an denen die Hunde vorbei jagten. Endlich erhob ſich ein tieſes und hohles Bellen, das gerade aus dem unmittelbar am Seeufer gelegenen Forſte hervor brach. Der Wechſel dieſer Laute folgte ſich mit wunderbarer Schnelligkeit, und während die Augen des jungen Mannes an dem Saume des Waſſers hinſtreiften, weckte ein Rauſchen in dem nahe liegenden Ellern⸗ und Hartriegelgebüſch ſeine Auf⸗ merkſamkeit. Im nächſten Augenblick wurde ein edler Bock ſicht⸗ bar, der ſich in den Wellen des Sees begrub. Ein lautes Geheul folgte, worauf Hector und die Slut durch die Oeffnung im Gebüſche ſchoſſen und gleichfalls in den See ſtürzten, die breite Bruſt muthig dem Waſſer preisgebend. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Oft ſucht die Spur er in bewegter Fluth Zu bergen, kühlend das erhitzte Blut. Thomſon. „Ich wußt' es ja— ich wußt' es ja!“ rief Natty, als er des Hirſches und der Hunde anſichtig wurde.„Der Bock iſt ihnen durch den Wind gelaufen, und da konnten ſich die armen Schelme nicht mehr halten. Aber ich muß ihnen dieſe Gelüſte vertreiben, ſonſt bringen ſte mich in Ungelegenheiten. Herein! Herein!— An's Land mit Euch, ihr Schufte! an's Land mit Euch— wollt Ihr? — Laß ab, alter Hector, oder ich will dir das Fell mit dem Lad⸗ ſtock hecheln, wenn ich über dich komme.“ Die Hunde erkannten die Stimme ihres Herrn, und nachdem 366 ſie in einem Kreiſe herumgeſchwommen waren, als gäben ſie nur un⸗ gerne eine Jagd auf, die ſie nicht fortzuſetzen wagten, kehrten ſie ans Land zurück, wo ſie die Luft mit ihrem Heulen erfüllten. Inzwiſchen war der geängſtigte Hirſch weit über die Hälfte der zwiſchen dem Ufer und den Booten liegenden Entfernung in den See hinein geſchwommen, ehe ihm ſein Schrecken geſtattete, die neue Gefahr zu bemerken. Aber bei dem Klange von Natty's Stimme hielt er an, und ſchien einige Augenblicke Willens zu ſeyn, zurück zu eilen und den Hunden Trotz zu bieten. Der Rückzug in dieſer Richtung war ihm jedoch wirkſam abgeſchnitten, weßhalb er eine Wendung machte und ſchräg nach dem Mittelpunkte des Sees ſchwamm, um am weſtlichen Ufer an's Land zu kommen. Als der Bock an den Fiſchern vorbei ſchwamm und dabei die Naſe hoch in die Luft hob, während ſein ſchlanker Hals das Waſſer, wie der Schnabel einer Galeere, kräuſelnd vor ſich her trieb, begann Leder⸗ ſtrumpf in ſeinem Kahne unruhig zu werden „Welch ein edles Geſchöpf!“ rief er.„Seht nur das herrliche Geweih! man könnte alle ſeine Kleider an den Stangen deſſelben aufhängen! Laßt ſehen— der Juli iſt der letzte Monat, und das Fleiſch kann nicht mehr ſo gar übel ſeyn.“ Während dieſer Worte hatte Natty mechaniſch das innere Ende des Taues, welches ſtatt der Kabel diente, an einer Ruder be⸗ feſtigt, und nun ſprang er plötzlich auf, warf die Boje weg und rief: „Streich aus, John! drauf los! das Thier iſt ein Narr, daß es einen Menſchen in dieſer Weiſe in Verſuchung führt.“ Mohegan warf die Bindſeile von Edwards Boot aus dem Kahn, und mit einem Ruderſchlage ſchoß das leichte Rindenfahr⸗ zeug, einem Meteore ähnlich, über das Waſſer hin. „Halt!“ rief Edwards.„Denkt an das Geſetz, meine alten Freunde. Man kann uns vom Dorfe aus ſehen, und ich weiß, daß Richter Temple entſchloſſen iſt, unnachſichtlich gegen Alle zu ver⸗ fahren, welche ein Thier außer der Zeit erlegen.“ Die Vorſtellung kam jedoch zu ſpät. Der Kahn war bereits weit von dem Boote entfernt, und die beiden Jäger folgten zu emſig ihrer Beute, um auf die Stimme des Warnenden zu hören. Der Bock befand ſich nur etwa fünfzig Ellen von ſeinen Ver⸗ folgern, ſchnitt rüſtig durch das Waſſer und ſchnaubte gewaltig vor Angſt und Anſtrengung, während das Canoe über die Wogen hin zu tanzen ſchien, wie es auf den Wellen ſich hob und ſenkte. Lederſtrumpf erhob ſeine Büchſe, verſah die Pfanne mit neuem Zünd⸗ pulver und ſtand zweifelhaft da, ob er auf ſein Opfer Feuer geben ſolle oder nicht. „Was meinſt Du, John— ſoll ich, oder ſoll ich nicht?“ be⸗ gann er.„Doch nein, das wäre ein gar zu armſeliger Vortheil über das dumme Ding, es hat ſeinem eigenen Naturtrieb zufolge, welchem der See ein Spiel iſt, ſeine Zuflucht zu dem Waſſer ge⸗ nommen; rudre alſo wacker darauf los, John. Wir wollen den Bock eine Möglichkeit des Entrinnens laſſen; wir können ihn fangen, obgleich er ſich winden wird wie eine Schlange.“ Der Indianer lachte über den Einfall ſeines Freundes, fuhr jedoch fort, den Kahn mit einer Schnelligkeit anzutreiben, die eher eine Folge ſeiner Geſchicklichkeit als ſeiner Kraft war. Die beiden Alten bedienten ſich bei dieſer Gelegenheit der Sprache der Dela⸗ waren. „Hugh!“ rief Mohegan.„Der Hirſch wendet den Kopf. Hawk⸗eye, halte Deinen Speer bereit.“ Natty gieng nie aus, ohne alle ſeine Vorräthe mit zu nehmen, die ihm möglicher Weiſe bei ſeinem Gewerbe förderlich werden konnten. Von der Büchſe trennte er ſich nie; und ſelbſt wenn er nur zu einer Angelfiſcherei ausgieng, ſo verſah er den Kahn unab⸗ änderlich mit allem Zugehör, bis auf den Feuerroſt hinaus. Dieſe Vorſicht war dem Jäger, der durch ſeine Jagdzüge oft weit über die Grenzen ſeines gewöhnlichen Bezirkes hinaus geführt wurde, zur Gewohnheit geworden. Einige Jahre vor dem Zeitpunkte unſerer Erzählung hatte Lederſtrumpf mit ſeiner Büchſe und ſeinen Hunden die Hütte an den Ufern des Otſego verlaſſen, um etliche Tage in den Bergen zu jagen; aber ehe er zurückkehrte, hatte er die Gewäſſer des Ontario geſehen. Ehedem kamen ein, zwei oder dreihundert Meilen bei ſeiner kräftigen Muskulatur, die jetzt aller⸗ dings durch das Alter etwas Noth gelitten hatte, nicht in Betracht. Der Jäger befolgte Mohegan's Rath, und ſchickte ſich an, die mit Widerhacken verſehene Waffe in den Nacken des Bocks zu ſtoßen. „Mehr links, John!“ rief er;„mehr links! Noch einen Ruder⸗ ſchlag, und ich habe ihn!“ Mit dieſen Worten erhob er den Speer und ließ ihn wie einen Pfeil dahin fliegen. In dieſem Augenblicke machte der Bock eine Wendung, daß der Schaft, deſſen Eiſen nur das Geweih ſtreifte, an ihm vorbei ſauste und ſich, ohne Schaden gebracht zu haben, in dem See begrub. Halt inne!“ rief Natty, als der Kahn über die Stelle glitt, 17 19 wo der Speer hineingefallen war;„halt inne, John! Der Schaft tauchte bald wieder aus dem See auf, und der Jäger ergriff denſelben, während der Indianer den leichten Kahn umwendete, um die Jagd zu erneuern. Aber dieſe Zögerung ſetzte den Bock ſehr in Vortheil, wie denn auch Edwards dadurch Zeit gewann, ſich dem Schauplatze der Handlung zu nähern. „Laßt ab, Natty; laßt ab!“ rief ihm der Jüngling zu. „Gedenkt, daß es außer der Zeit iſt.“ Inzwiſchen war jedoch der Kahn bereits dem Orte nahe ge⸗ kommen, wo der Hirſch ritterlich mit dem Waſſer kämpfte und bald mit dem Rücken über die Oberfläche auftauchte, bald wieder unter⸗ ſank, je nachdem die Wellen ſich vor ſeiner Bruſt brachen. „Hurrah!“ ſchrie Edwards, bei dem Anblick über die Grenzen der Klugheit entflammt.„Gebt auf ſein Laviren acht! Rudert mehr rechts, Mohegan, mehr rechts; ich kann ihm dann das Tau über das Geweih werfen.“ nen che er der ler⸗ cht. mit 1. der⸗ wie Bock ifte, ben, glitt, der Kahn ſetzte Zeit zu. e ge⸗ bald inter⸗ enzen mehr über Begeiſterung, und die träge Ruhe, mit welcher ſeine betagte Geſtalt bisher in dem Kahn geſeſſen, wandelte ſich nun in die rührigſte Thätigkeit um. Der Kahn drehte ſich bei jeder Bewegung des gehetzten Thiers wie eine auf einem Wirbel ſchwimmende Blaſe, und ſo oft das Jagdmanöver einen geraden Curs geſtattete, ſchoß das kleine Rindenfahrzeug mit einer Schnelligkeit dahin, die den Hirſch veranlaßte, ſein Heil in neuen Wendungen zu ſuchen. Dieſe ſtets wechſelnde Bewegung auf einem ſo kleinen Raume ſetzte den Jüngling auch in den Stand, in der Nähe ſeiner Gefährten zu bleiben. Mehr als zwanzig mal glitten Wild und Verfolger an ihm vorbei, ſo daß er faſt mit dem Ruder darnach hätte langen können, bis es ihm räthlich ſchien, ruhig liegen zu bleiben und die Gelegenheit zu er⸗ lauſchen, in ſo weit einen Beiſtand anzubieten, daß das erlegte Thier in ſeinem größeren Fahrzeuge untergebracht würde. Er brauchte indeß nicht lange zu warten; denn kaum hatte er dieſen Entſchluß gefaßt und ſich im Boote aufgerichtet, als er den Hirſch muthig auf ſich zukommen ſah, augenſcheinlich in der Abſicht, das Land in einiger Entfernung von den Hunden, die noch immer an dem Ufer bellten und heulten, zu erreichen. Edwards griff nach der Fangleine ſeines Nachens, drehte eine Schleife, und warf dieſelbe aus Leibeskräften und zwar ſo glücklich aus, daß ſie ſich in dem einen Geweihe des Bocks verfieng. Einen Augenblick lang wurde der Nachen durch das Waſſer hingeſchleppt; aber im nächſten gewann der Kahn einen Vorſprung und Natty, der ſich tief niederbeugte, ſtieß ſein Meſſer durch die Kehle des Thiers, deſſen Blut nunmehr das Waſſer färbte. Der Hirſch verendete nach kurzem Kampfe, und inzwiſchen brachten die Jäger ihre Boote zuſammen, welche ſie an einander banden; dann zog Lederſtrumpf den entſeelten Hirſch aus dem Waſſer und legte ihn in dem Kahne nieder. Er befühlte die Rippen und die ver⸗ ſchiedenen andern Theile der Beute, erhob dann ſeinen Kopf und lachte in ſeiner eigenthümlichen Weiſe— Die Anſiedler. 3. Aufl. 24 370 „Ich gebe nicht ſo viel für Marmaduke's Geſetz,“ ſagte er⸗ „Ein ſolcher Anblick erwärmt einem das Blut, alter John, denn ich habe ſeit Jahren keinen Bock mehr auf dem See erlegt. Es iſt ein herrliches Wildpret, Junge, und ich kenne Leute, welche ſich den Ziemer dieſes Thieres trefflich ſchmecken laſſen werden, trotz aller Geſetze im Lande.“ Den Indianer hatten ſeine Jahre und vielleicht auch das Un⸗ glück ſeines Stammes längſt gebeugt; aber dieſe belebende und auf⸗ regende Jagd ließ einen Sonnenblick über ſeine ſchwärzlichen Züge fliegen, welcher denſelben lange fremd geweſen war. Augenſcheinlich erfreuten bei dieſer Jagd den alten Mann mehr die Erinnerungen an die Thätigkeit ſeiner Jugend, als etwaige Ausſichten auf die Vor⸗ theile, die daraus erzielt wurden. Seine von der ungewöhnlichen Anſtrengung bereits zitternden Hände befühlten jedoch die Beute, und er lächelte mit beifälligem Kopfnicken, indem er in der kurzen und nachdrücklichen Weiſe ſeines Volkes ſprach: „Gut!“ „Ich fürchte, Natty,“ begann Edwards, als die Hitze des Augen⸗ blicks vorüber war und ſein Blut ruhiger zu fließen anfieng,„daß wir uns ſammt und ſonders eine Geſetzesübertretung haben zu Schulden kommen laſſen. Behalten wir indeſſen die Sache für uns, da Niemand in der Nähe iſt, welcher uns verrathen könnte. Wie kamen aber dieſe Hunde ins Freie? Ich ſah ſie doch erſt vor Kurzem noch gut ange⸗ bunden, wie ich mich ſelbſt durch Unterſuchung der Stränge und Knoten überzeugte, als ich vor der Hütte Halt machte.“ „Die Witterung eines ſolchen Thieres wirkte zu kräftig auf die armen Tröpfe,“ verſetzte Natty.„Seht, Junge, die Lederriemen hängen ihnen noch von dem Halſe. Rudere an’'s Land, John; ich will ſie herbei rufen, damit ich klarer in der Sache ſehe.“ Als aber der alte Jäger an's Land ſtieg und die Riemenreſte an dem Hals der Hunde unterſuchte, wechſelte der Ausdruck ſeines Geſichtes, und er ſchüttelte bedenklich den Kopf. — „Da iſt ein Meſſer mit im Spiele geweſen,“ begann er.„Dieſer Riemen iſt weder zerriſſen noch durch den Hund abgebiſſen. Nein, nein— ich fürchte der Fehler liegt nicht an Hector.“ „Iſt das Leder durchſchnitten?“ rief Edwards. „Nein, nein— ich will das nicht gerade ſagen, Junge; aber hier iſt ein Merkzeichen, das weder durch einen Riß noch durch einen Biß gemacht werden kann.“ „Sollte es der ſchuftige Zimmermann gewagt haben— „Der nimmt ſich freilich Alles heraus, wo keine Gefahr dabei iſt,“ erwiederte Natty.„Er iſt ein neugieriger Kerl, der ſich gern in anderer Leute Sachen miſcht. Er wird übrigens gut thun, ſich meinem Wigwam nicht all zu viel zu nahen.“ Inzwiſchen hatte Mohegan mit indianiſcher Umſicht die Stelle unterſucht, wo der Riemen getrennt worden war. Nach genauer Beſichtigung erklärte er in der Sprache der Delawaren: „Es iſt ein Meſſerſchnitt— eine ſcharfe Klinge und ein langer Handgriff. Der Mann fürchtete ſich vor den Hunden.“ „Woraus ſchließeſt Du das, Mohegan?“ rief Edwards.„Du haſt es nicht geſehen und kannſt daher unmöglich mit ſolcher Be⸗ ſtimmtheit ſprechen.“ „Höre, mein Sohn,“ verſetzte der Krieger,„das Meſſer war ſcharf, denn der Schnitt iſt glatt;— der Handgriff war lang, denn eines Mannes Arm würde von dieſem Schnitt nicht bis zu jenem reichen, der den Riemen nicht durchſchnitt;— und ein Feigling that's, ſonſt würde er das Lederwerk am Hals der Hunde abge⸗ ſchnitten haben.“ „Bei meinem Leben,“ rief Natty,„John iſt auf dem rechten Sprunge. Es war der Zimmermann, der den Felſen hinter der Hundehütte erſtieg und die Thiere durch ein an einem Stocke be⸗ feſtigtes Meſſer los ließ. Sollte es nicht ein Leichtes ſeyn, ſo etwas zu thun, wenn ein Menſch ſchlimme Abſichten hat?“ „Aber was hätte ihn dazu veranlaſſen können?“ fragte Edwards. 1 „Wer hat ihm etwas zu Leide gethan, daß er zwei alte Männer wie Euch, beunruhigen ſollte?“ „Ich finde immer, daß es ſchwer iſt, Junge, die Abſichten der Menſchen zu errathen, ſeit die Anſtedler ihre neuen Moden in's Land gebracht haben. Sollte übrigens ſeine Neugier nicht ſchon hinreichen? Vielleicht verlangt ihn, nach dem Treiben anderer Leute zu ſehen, da er ſich ohnehin gerne in Alles miſcht.“ „Euer Verdacht iſt begründet. Gebt mir den Kahn; ich bin jung und kräftig, und komme vielleicht noch zeitig genug, um ihm ſein Handwerk zu legen. Verhüte der Himmel, daß wir der Will⸗ kühr eines ſolchen Menſchen anheim fallen ſollten!“ Dieſer Vorſchlag wurde angenommen, der Hirſch aus dem Kahne in das Boot gebracht, und in weniger als fünf Minuten glitt das leichte Rindenfahrzeug über den Spiegel des Sees hin. Bald aber entſchwand es hinter den Landſpitzen und ſchoß an's Ufer. Mohegan folgte langſam mit dem Boote, während Natty, die Hunde an der Ferſe und die Büchſe auf der Schulter, das Gebirg erſtieg, um zu Land nach ſeiner Hütte zurückzukehren. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Wer weiß es, was die Jungfrau fühlt, Allein im Augenblick der Schrecken— Ob Irrſinn ihr Gehirn durchwühlt, Ob Himmelsmächte Kräfte wecken Wo eig'ne nimmermehr erklecken. Scott. Wäͤhrend dieſe Jagd auf dem See vorfiel, ſetzten Miß Temple und Luiſe Grant ihren Spaziergang ins Gebirge fort. Man hielt bei ſolchen Ausflügen männliche Begleitung für unnöthig, denn man wußte wohl, daß Niemand ein achtbares Frauenzimmer verunglimpfen würde. Nachdem ſo die Verlegenheit, welche eine Folge der letzten — Beſprechung mit Edwards geweſen, ſich gelegt hatte, ergiengen ſich die Mädchen in einer ihrem Charakter entſprechenden, harmloſen und heiteren Unterhaltung. Der Pfad führte ſie in nur kurzer Entfernung über Leder⸗ ſtrumpfs Hütte hin, bei welcher Gelegenheit ſie auf eine Stelle trafen, von der aus ſich ihnen eine Vogelperſpective über dieſen abgeſchiedenen Ort aufthat. In Folge eines ſo natürlichen als mächtigen Gefühls hatte es keine der beiden Freundinnen je gewagt, in ihren häufigen, ver⸗ traulichen Geſprächen nur eine Silbe über die zweideutige Stellung zu äußern, in welcher der junge Mann, der nun in ſo inniger Ver⸗ bindung mit ihnen ſtand, gefunden worden war. Mochte es auch dem Richter Temple klug gedünkt haben, um ſeinetwillen Nachfragen anzuſtellen— jedenfalls hatte er es für paſſend erfunden, das Er⸗ gebniß derſelben für ſich zu behalten, obgleich es wiederum kein un⸗ gewöhnliches Ereigniß war, wohlerzogene junge Leute aus den öſt⸗ lichen Staaten in jeder Stellung, welche ein Auskommen verſprach, zu finden, ſo daß die augenſcheinliche Armuth des mit Kenntniſſen gut ausgeſtatteten Jünglings zu ſolch einer Zeit und in einem ſolchen Landſtriche kein beſonderes Aufſehen erregen konnte. Nicht ganz derſelbe Fall war es jedoch hinſichtlich ſeiner Erziehung und Abkunft; aber Edwards hatte ſich hier durch ſein abgemeſſenes, hin und wieder ſogar barſches Benehmen gegen zudringliche Fragen ſo wirkſam geſchützt, daß der Richter, als ſich ſeine Sitten mit der Zeit zu mildern ſchienen,(wenn ihm dieſer Umſtand überhaupt auf⸗ fiel,) recht wohl auf die Vermuthung kommen konnte, es ſey dies das Ergebniß der Verhältniſſe, in welchen der junge Mann in der letzten Zeit gelebt hatte. Das Weib hat aber in ſolchen Dingen immer ein ſchärferes Auge als der Mann, und was der Vater in ſeiner Zerſtreutheit überſah, entgieng den Blicken der Tochter nicht. In tauſend kleinen Artigkeiten, wie ſie der Verkehr unter gebildeten Ständen mit ſich führt, hatte ſie früh entdeckt, daß dieſer Boden 374 Edwards nicht fremd war, obgleich die Früchte einer feineren Er⸗ ziehung durch harte Seiten getrübt wurden, die ſie als ungeſtüme Ausbrüche wilder Leidenſchaftlichkeit betrachtete. Es iſt wahrſcheinlich nicht nöthig, dem Leſer zu bemerken, daß Luiſe Grant bei ihrem Urtheile nicht den Maaßſtab der Welt zur Richtſchnur wählte. Dem ungeachtet machte ſich aber das ſanfte Mädchen doch ihre Ge⸗ danken über die Sache und baute darauf, wie Andere, ihre Schlüſſe. „Ich wollte alle meine anderen Geheimniſſe darum geben, Luiſe,“ rief Miß Temple mit einem Blicke kindlicher Einfalt, wie er ſich nur ſelten in ihren geiſtreichen Zügen ausdrückte, indem ſie lächelid ihre dunkeln Locken aus der Stirne ſchüttelte,„wenn ich wüßte, was dieſe rohen Holzpflöcke ſchon gehört und mitangeſehen haben.“ Sie ſahen in dieſem Augenblick nach der abgeſchiedenen Hütte hinunter, und Miß Grant erhob ihr ſchönes, blaues Auge, während ſie antwortete: „Ich bin überzeugt, daß ſie nichts zum Nachtheile des Herrn Edwards ausſagen würden.“ „Vielleicht nicht; aber ſie könnten uns wenigſtens ſagen, wer er iſt.“ „Ei, liebe Miß Temple, das wiſſen wir ja bereits. Ich habe Ihren Vetter Alles ſo gründlich auseinander ſetzen hören—“ „Das Haupt der vollziehenden Gewalt?— ja, der kann freilich Alles erklären. Sein Scharfſinn wird dieſer Tage noch den Stein der Weiſen auffinden. Aber wie lautete ſeine Anſicht?“ „Seine Anſicht?“ wiederholte Luiſe, mit einem Blick der Ver⸗ wunderung.„Je nun, mir ſchien Alles befriedigend, und ich glaubte nicht anders, als daß es ſich wirklich ſo verhielte. Er ſagte, Natty Bumppo habe den größten Theil ſeines Lebens in den Wäldern und unter den Indianern zugebracht, wovon die Folge geweſen, daß er eine vertraute Bekanntſchaft mit dem alten John, dem Dela⸗ waren⸗Häuptling anknüpfte.“ „In der That, das iſt eine Erzählung ganz in Vetter Dickons Weiſe. Aber was weiter?“ „Ich glaube, er leitete die Freundſchaft der Beiden von einer Schlacht ab, in welcher Lederſtrumpf John's Leben rettete.“ „Nichts iſt leichter möglich,“ verſetzte Eliſabeth etwas unge⸗ duldig.„Aber wie gehört all dieß zur Sache?“ „Ach, Eliſabeth, Sie müſſen Geduld tragen mit meiner Un⸗ wiſſenheit; Sie ſollen dann Alles hören, was ich noch im Gedächt⸗ niß behalten habe, denn ich habe keine weitere Quelle, als das, was zwiſchen dem Sheriff und meinem Vater bei ihrer letzen Zu⸗ ſammenkunft geſprochen wurde. Er ſagte noch weiter, es wäre bei den Königen von England üblich geweſen, Leute von Stand, bisweilen auch Officiere aus der Armee, als Agenten unter die verſchiedenen Indianerſtämme zu ſchicken und dieſe Sendlinge hätten nicht ſelten die Hälfte ihres Lebens in der Wildniß zugebracht.“ „Mit wunderbarer geſchichtlicher Genauigkeit erzählt; und ſchloß er hiemit ſeine Geſchichte?“ „O, nein!— er ſagte dann, dieſe Agenten hätten ſelten ge⸗ heirathet; und— und— ſie müſſen ſchlimme Menſchen geweſen ſeyn, Eliſabeth! Aber ich kann Sie verſichern, daß er ſo ſagte.“ „Gleichviel,“ entgegnete Miß Temple, indem ſie erröthete und laͤchelte, aber nur ſo leicht, daß ihre Gefährtin weder des einen noch des andern gewahr werden konnte.„Uebergehen Sie das.“ „Nun, dann erzählte er, ſie hätten ſich's oft zur Ehrenſache gemacht, ihre Kinder gut zu erziehen und dieſelben nach England, ja ſogar auf Hochſchulen zu ſchicken. Und von einem ſolchen Um⸗ ſtand leitete er die Bildung ab, welche Herr Edwards genoſſen; denn er gibt zu, daß derſelbe faſt ſo viel wiſſe, als Ihr Vater— der meinige— oder gar er ſelbſt.“ „Eine wundervolle Steigerung der Gelehrſamkeitsgrade! Und ſo machte er wohl Mohegan zu dem Großoheim oder Großvater von Oliver Edwards?“ —— 376 „Sie haben das wohl von ihm ſelbſt gehört?“ erwiederte Luiſe. „Etwas Aehnliches wohl zum öftern, nur nicht gerade über dieſen Gegenſtand. Sie wiſſen, meine Liebe, daß Herr Jones für Alles gleich eine Theorie bereit hat. Weiß er aber auch zu er⸗ klären, warum dieſe Hütte die einzige Wohnung im Umkreiſe von fünfzig Meilen iſt, deren Thüre ſich nicht Jedem öffnet, der auf die Klinke drücken will?“ „Ich habe ihn nie über dieſen Gegenſtand ſprechen hören,“ antwortete die Tochter des Geiſtlichen;„aber ich denke, es kommt daher, weil ſie arm und daher ganz natürlich ſehr beſorgt ſind, ihr kleines, ehrlich erworbenes Eigenthum zu erhalten. Es iſt bisweilen gefährlich, reich zu ſeyn, Miß Temple; aber Sie können nicht wiſſen, was es heißt, wenn man ſo recht arm iſt.“ „Dies wird auch bei Ihnen nicht der Fall ſeyn, Luiſe? We⸗ nigſtens hoffe ich, daß in dieſem Lande des Ueberfluſſes kein Diener der Kirche völligen Mangel zu leiden hat.“ „Wo Vertrauen zum Schöpfer iſt, kann keine wirkliche Noth Platz greifen,“ erwiederte die Andere in leiſem und ergebungsvollem Tone;„aber doch gibt es Entbehrungen, die das Herz ſchwer ankommen.“ 5 „Sie reden doch nicht von ſich ſelbſt?“ rief Eliſabeth haſtig. „Nein, nein, meine Liebe; Sie können unmöglich das Elend er⸗ fahren haben, das mit der Armuth begleitet iſt!“ „Ach, Miß Temple! Sie kennen, wie mir ſcheint, die Müh⸗ ſeligkeiten dieſes Lebens wenig. Mein Vater hat viele Jahre als Miſſionär in dieſen neuen Landen zugebracht, wo ſeine Gemeinde ſo arm war, daß es uns oft an trockenem Brode gebrach, ohne daß wir im Stande geweſen wären, welches zu kaufen; und betteln wollte er nicht, weil er ſeinen heiligen Beruf nicht entehren mochte. Aber wie oft habe ich ihn ſein Haus verlaſſen ſehen, während ſeine kranken und hungrigen Angehörigen bei ſeiner Entfernung fühlten, daß ſie ihren einzigen Erdenfreund verloren; und doch that er dieß, weil er ſeine Pflicht wegen häuslichen Nothſtandes nicht verabſäumen mochte. Ach, wie ſchwer muß es ſeyn, Anderen Troſt zu bringen, wenn das eigene Herz vor Kummer brechen will!“ „Aber es iſt jetzt doch Alles vorüber! Ihres Vaters Ein⸗ kommen muß nun ſeinen Bedürfniſſen entſprechen, es muß— es ſoll——“ „Ja,“ entgegnete Luiſe, indem ſie das Haupt ſinken ließ, um die Thränen zu verbergen, die trotz ihres ergebungsvollen Sinnes ihren Augen entſtrömten;„denn es iſt Niemand übrig geblieben, den er zu ernähren hätte, als ich.“ Die Wendung, welche das Geſpräch genommen, hatte alle anderen Gedanken, außer denen einer heiligen Rührung, aus den Ge⸗ müthern der jungen Mädchen verſcheucht, und Eliſabeth ſchloß ihre Freundin in ihre Arme, als dieſe ihrem Schmerz durch ein hör⸗ bares Schluchzen Luft machte. Nachdem ſich dieſer Gefühlsaus⸗ bruch beſchwichtigt hatte, erhob Luiſe ihr ſanftes Antlitz, und ſie ſetzten ſchweigend ihren Spaziergang fort. Sie hatten indeſſen die Spitze des Berges erreicht, wo ſie die Straße verließen und unter dem Schatten der ſtattlichen Bäume weiter giengen. Der Tag war warm, und die Mädchen vertieften ſich immer mehr in den Wald, da die belebende Kühle des Dickichts in einem angenehmen Gegenſatze zu der Hitze ſtand, welcher ſie beim Berganſteigen ausgeſetzt geweſen waren. Die Unterhaltung beſchränkte ſich— als geſchehe es in Folge wechſelſei⸗ tiger Uebereinkunft— ganz auf das, was ihnen ihr Spaziergang bot, und jede hohe Fichte, jedes Gebüſch, oder allenfalls eine Blume entlockte ihnen irgend einen einfachen Ausdruck der Be⸗ wunderung. In dieſer Weiſe wandelten ſie am Felſenrande hin, indem ſie gelegentlich Blicke nach der ruhigen Fläche des Otſego warfen, oder inne hielten, um auf das Raſſeln der Räder und die Schläge ——— 378 der Hämmer zu horchen, die vom Thale herauf tönten und einige Merkzeichen menſchlichen Treibens unter die Scenen der Natur miſchten, als Eliſabeth plötzlich mit dem Aufrufe zuſammenfuhr— „Horch! ich höre ein Kind auf dieſem Berge ſchreien. Iſt etwa eine Lichtung in der Nähe?, oder ſollte ſich vielleicht ein Kleines von ſeinen Aeltern verirrt haben?“ „So etwas kömmt oft vor!“ verſetzte Luiſe.„Wir wollen den Tönen nachgehen. Vielleicht iſt's ein Wanderer, der in den Bergen verſchmachtet.“ Durch dieſen Gedanken angetrieben, folgten die Mädchen mit raſchen und ungeduldigen Schritten den dumpfen und klaͤglichen Tönen, die aus dem Walde hervor drangen. Mehr als einmal ſtand die voraneilende Eliſabeth im Begriffe, auszurufen, ſie ſehe den Nothleidenden, als plötzlich Luiſe ihren Arm erfaßte und mit dem Ausrufe hinter ſich wies— „Sehen Sie Ihren Hund an!“ Brave war, ſeit ihn die Stimme ſeiner jungen Gebieterin aus der Hütte gelockt hatte, bis auf dieſen Augenblick nicht von ihrer Seite gewichen. Sein vorgerücktes Alter hatte ihn ſchon längſt aller Rührigkeit beraubt; und wenn die beiden Mädchen Halt machten, um die Landſchaft zu betrachten, oder ihre Blumen⸗ ſträuße zu vergrößern, ſo pflegte ſich der mächtige Bullenbeißer auf die Erde zu legen, indem er mit halb geſchloſſenen Augen und einer Trägheit in ſeinem ganzen Weſen, welche übel zu dem Charakter eines Beſchützers paßte, ihre Bewegungen beobachtete. Als aber Miß Temple bei Luiſens Ausruf ſich umwandte, be⸗ merkte ſie, daß der Hund ſeine Augen ſcharf auf irgend einen fernen Gegenſtand heftete, während er den Kopf zur Erde ſenkte und ſeine Haare, ſey es nun aus Furcht oder Zorn ſich ſträub⸗ ten. Wahrſcheinlich war das Letztere der Fall, denn er ließ ein dumpfes Knurren vernehmen, wobei er hin und wieder in einer Weiſe, welche ſeine Gebieterin erſchreckt haben würde, wenn ſie nicht die guten Eigenſchaften des Thieres gekannt hätte— die Zähne zeigte. „Brave!“ rief ſte ihm zu.„Sei ruhig, Brave! Was ſiehſt du, alter Burſch?“ Bei dem Ton ihrer Stimme mehrte ſich augenſcheinlich die Wuth des Bullenbeißers, ſtatt ſich zu mindern. Er eilte vor die Damen hin, legte ſich ſeiner Gebieterin zu Füßen, heulte noch lauter als vorher und machte hin und wieder ſeinem Zorne durch ein kurzes, biſſiges Bellen Luft. „Was mag er wohl ſehen?“ ſagte Eliſabeth. Da Miß Temple keine Antwort von ihrer Gefährtin erhielt, ſo wandte ſie den Kopf herum und erblickte Luiſe, die mit leichen⸗ blaſſem Geſichte daſtand und unter krampfhaftem Zittern ihres Armes mit dem Finger in die Höhe deutete. Eliſabeth's raſches Auge folgte der von ihrer Freundin angedeuteten Richtung und gewahrte der ſtolzen Stirne und der funkelnden Augen eines weib⸗ lichen Panthers, welcher, zum Sprunge fertig, grimmige Blicke nach ihnen ſchoß. „Laß uns fliehen,“ rief Eliſabeth, indem ſie Luiſens Arm griff, deren Körper gleich ſchmelzendem Schnee zuſammenbrach. Es lag nicht der mindeſte Zug in Eliſabeth Temple's Cha⸗ rakter, der ſie hätte veranlaſſen können, eine Freundin in einer ſolchen Noth zu verlaſſen. Sie ſiel neben der lebloſen Luiſe auf ihre Knie nieder und lüftete in inſtinktartiger Schnelle diejenigen Theile des Anzugs ihrer Gefährtin, welche dem Athmen Eintrag thun konnten, indem ſie zugleich ihre einzige Sicherheitswache, den Hund, durch die Töne ihrer Stimme zu ermuthigen ſuchte. „Halte dich wacker, Brave!“ rief ſie in bebenden Lauten. „Muth, Muth, guter Brave!“ Ein junger Panther, der bisher Eliſabeths Blicken entgangen war, kugelte nun aus den Zweigen eines Geſträuchs herunter, das in dem Schatten der dem alten Thiere zum Sitze dienenden Buche 380 wuchs. Das unerfahrene Geſchöpf näherte ſich dem Hunde, in⸗ dem es die Gebärden und Töne ſeiner Mutter nachahmte, aber auf eine ſeltſame Weiſe das Spielen eines Kätzchens mit der Wildheit ſeiner Race vereinigte. Es ſtellte ſich auf ſeine Hinter⸗ beine und zerkratzte mit den Vorderpfoten die Rinde eines Baumes in katzenartiger Poſſierlichkeit; dann peitſchte es ſich ſelber mit dem Schwanze, heulte, und ſcharrte die Erde auf, wobei es ver⸗ ſuchte, den gleichen Grimm an den Tag zu legen, der ſeine Mut⸗ ter ſo ſchrecklich machte. Die ganze Zeit über ſtand Brave feſt und furchtlos da, den kurzen Schwanz in die Höhe gereckt, und den Körper gegen ſeine Hinterbeine zurückgezogen, während ſeine Augen unabläſſig die Bewegungen der beiden Beſtien beobachteten. Das Junge kam ſpielend mit jedem Sprunge dem Hunde näher, und das Heulen der drei Thiere wurde mit jedem Augenblicke ſchrecklicher, bis der junge Panther ſich überpurzelte, und gerade vor dem Bullenbeißer niederfiel. Es war ein Augenblick des fürchterlichſten Kampfes und Geheuls, der aber eben ſo bald endete, als er begonnen hatte, denn unnitttelbar darauf ſah man das junge Thier aus Brave's Rachen in die Luft wirbeln und mit ſolcher Gewalt gegen einen Baum ſliegen, daß es völlig beſinnungslos wieder zur Erde fiel. Eliſabeth war Zeugin des kurzen Kampfes, und das Blut ſchoß ihr ob dem Muthe des Hundes wärmer durch die Adern, als ſie auf einmal die Geſtalt der alten Pantherin in die Luft ſchießen und aus einer zwanzig Fuß weiten Entfernung von dem Buchenaſte auf den Rücken des Bullenbeißers niederſtürzen ſah. Keine Worte vermögen den wüthenden Kampf zu ſchildern, der jetzt folgte. Es war ein wirres Balgen auf den trockenen Blättern, be⸗ gleitet von lautem und ſchrecklichem Geheule. Miß Temple blieb, mit ihrem Körper über Luiſe gebeugt, auf den Knieen liegen und heftete ihre Augen mit einer entſetzenvollen, aber doch ſo geſpannten — K&—————* —— Theilnahme auf die Thiere, daß ſie faſt ob dem Ausgange des Kampfes ihre eigene Sicherheit vergaß. Die Sprünge der Waldbewohnerin waren ſo raſch und lebhaft, daß ihre bewegliche Geſtalt faſt ohne Unterlaß in der Luft zu ſchweben ſchien, während der edle Hund bei jeder neuen Wendung ſeinem Feinde wacker Stand hielt. Wenn der Panther ſein Hauptziel, die Schulter des Bullenbeißers erreicht hatte, ſo ſchüttelte der alte Brave ſeinen wüthen⸗ den Gegner ſtets wie eine Feder ab, obgleich ſeine Haut an vie⸗ len Stellen zerriſſen war und er bereits aus einem Dutzend Wunden blutete; er richtete ſich auf ſeine Hinterbeine auf und begann auf's Neue mit offenem Nachen und furchtloſen Augen das ſchreckliche Ringen. Aber das Alter und ein gemächliches Leben waren keine geeigneten Vorbereitungen für einen ſolchen Kampf, und der edle Bullenbeißer zeigte in Allem, ſeinen Muth ausgenommen, keine Spur mehr von dem, was er vordem geweſen. Ein höherer Sprung als die früheren brachte die gewandte und wüthende Beſtie weit aus dem Bereich des Hundes, der ihr mit einer verzweifeln⸗ den aber vergeblichen Anſtrengung nachzuſetzen ſuchte, und nun ſtürzte ſie abermals aus einer günſtigeren Lage auf den Rücken ihres alten Feindes nieder. Sie vermochte ſich nur einen einzigen Augenblick zu halten, da der Hund in krampfhaftem Ringen ſeine äußerſten Kräfte aufbot. Aber Eliſabeth ſah jetzt, als Brave ſeine Zähne wieder in die Seite der Gegnerin ſchlug, daß das Meſſing⸗ Halsband, welches während des ganzen Ringens blank geweſen, ſich mit Blut färbte, und unmittelbar darauf ſank ſein Körper ſchwerfällig zur Erde, wo er ſich aunsreckte und hilflos liegen blieb. Es folgten nun mehrere gewaltſame Anſtrengungen von Seiten der wilden Katze, ſich dem Gebiſſe des Hundes zu entwin⸗ den, die jedoch fruchtlos blieben, bis ſich der Bullenbeißer auf den Rücken legte und ſeine Zähne losließen, worauf kurze Zuckungen und die darauf folgende Stille den Tod des armen Brave verkündigten. 382 Eliſabeth war nun ganz der Gewalt der Beſtie preisgegeben. Man ſagt, es liege etwas in dem Antlitz von Gottes Ebenbilde, was den Muth aller untergeordneten Geſchöpfe einſchüchtere; und es konnte ſcheinen, daß eine ſolche Gewalt auch in dem gegenwärtigen Augenblicke das drohende Aeußerſte verzögerte. Die Augen des Ungeheuers und des knieenden Mädchens begegneten ſich für einen Moment, worauf das Erſtere den Kopf ſenkte, um den gefallenen Feind zu unterſuchen und das Junge zu beriechen. Sobald es jedoch des Letzteren anſichtig wurde, ſchoſſen ſeine Augen neue Glutblitze; es peitſchte ſich die Seiten wüthend mit dem Schweife und ſeine Krallen traten zolllang aus den breiten Tatzen hervor. Miß Temple wollte oder konnte ſich nicht von der Stelle be⸗ wegen. Ihre Hände waren zum Gebet gefaltet, aber ihre Augen ruhten dabei unabläſſig auf ihrem ſchrecklichen Feinde; ihre Wangen glichen an Weiße dem Marmor und ihre Lippen waren vor Ent⸗ ſetzen leicht geöffnet. Der Augenblick eines ſchrecklichen Endes ſchien nun gekommen zu ſeyn, und Eliſabeths ſchöne Geſtalt ergab ſich bereits demüthig in dieſes herbe Aeußerſte, als ein Rauſchen von Blättern hinter ihrem Rücken eher ihr Ohr zu necken, als wirkliche Hoffnung zu erwecken ſchien. „Bst! Bst!“ ließ ſich eine Stimme vernehmen.„Bücken Sie ſich tiefer; Ihr Hut verbirgt mir den Kopf der Beſtie.“ Es war mehr ein Nachgeben gegen die gebieteriſche Macht der Natur, als eine Willfährigkeit gegen dieſe unerwartete Auf⸗ forderung, was unſere Heldin veranlaßte, das Haupt auf ihre Bruſt ſinken zu laſſen, als ſie auf einmal den Knall einer Büchſe, das Pfeifen der Kugel und das wüthende Heulen der Beſtie ver⸗ nahm, welche ſich auf der Erde überkugelte, in ihr eigenes Fleiſch die Zähne ſchlug und, ſo weit ihre Pfoten reichten, Aeſte und Zweige zerriß. Im nächſten Augenblick eilte Lederſtrumpf auf Eliſabeth zu, während er laut ſeinem Hunde zurief: —* S— 383 „Herein, Hector! komm herein, alter Narr! Solch ein Thier hat ein zähes Leben und könnte wohl wieder aufſpringen.“ Natty blieb furchtlos vor den Frauenzimmern ſtehen, ohne ſich durch die gewaltigen Sätze und den drohenden Anblick der ver⸗ wundeten Pantherin einſchüchtern zu laſſen, an der verſchiedene Merkmale die Rückkehr ihrer Kraft und Wildheit verkündeten. Erſt als er ſeine Büchſe wieder geladen hatte, näherte er ſich dem wü⸗ thenden Ungethüm, hielt die Mündung ſeines Gewehrs dicht vor deſſen Kopf und im Nu war jede Spur des Lebens aus dem Thier vertilgt. Der Tod ihres ſchrecklichen Feindes erſchien Eliſabeth wie eine Auferſtehung aus ihrem eigenen Grabe. Es lag eine Schwung⸗ kraft in dem Geiſte unſerer Heldin, welche ſich unter dem Drang der augenblicklichen Gefahr hob, und je näher dieſe war, deſto mehr hatte ihre Natur gekämpft, um ihr muthig in's Auge zu ſchauen. Dem ungeachtet war ſie ein Weib. Wäre ſie in dieſer äußerſten Noth ſich ſelbſt überlaſſen geweſen, ſo hätte ſie wahrſcheinlich alle ihre Seelenkräfte aufgeboten, um die geeigneten Maßregeln zum Schutze ihrer Perſon zu treffen; aber mit dem Hemmgewichte einer beſin⸗ nungsloſen Freundin war an eine Flucht nicht zu denken.— Un⸗ geachtet des furchtbaren Anblicks ihrer Feindin hatte doch Eliſabeth die Augen nie vor den wüthenden Blicken derſelben abgewendet; und noch lange nach dieſem Ereigniß kehrten ihre Gedanken oft zu den Gefühlen jenes Augenblicks zurück, oder wurde die ſanfte Ruhe ihres nächtlichen Schlummers getrübt, wenn ihre rege Phantaſie die un⸗ bedeutendſten Bewegungen des Ungethüms herauf beſchwor, wie ſie dieſes in dem Moment, als Eliſabeth ganz in ſeine Macht gegeben zu ſeyn ſchien, an den Tag legte. Wir überlaſſen es dem Leſer, ſich auszumalen, wie Luiſe wieder zu ſich kam, und wie die beiden Mädchen ſich in glühendem Danke gegen ihren Retter vereinigten. Das Erſtere wurde durch etwas Waſſer bewerkſtelligt, welches Lederſtrumpf aus einer der tauſend 384 Quellen auf den Bergen in ſeiner Mütze herbei brachte, und das Letztere geſchah mit vieler Wärme, wie ſie ſich von Eliſabeths Charakter erwarten ließ. Natty nahm die ungeſtümen Dankesäußerungen voll Gutmüthigkeit und Nachſicht mit ihrer gegenwärtigen Aufre⸗ gung, aber auch mit einer Sorgloſigkeit hin, welche zeigte, wie wenig er ſich auf den geleiſteten Dienſt zu gute that. „Nun, nun,“ ſagte er,„laſſen Sie das gut ſeyn; thun Sie mir den Gefallen und ſprechen Sie nicht mehr davon— wir können ein ander Mal darüber reden. Kommen Sie, wir wollen auf die Straße zurückkehren, denn Sie haben genug Schreck ausgeſtanden, um die Sehnſucht nach dem väterlichen Hauſe rege zu machen.“ Mit dieſen Worten führte er die Beiden ſo ſchnell, als es Luiſens Schwäche geſtattete, nach der Straße. Als ſie daſelbſt an⸗ langten, trennten ſich die Damen von ihrem Führer, indem ſie er⸗ klärten, ſie könnten jetzt recht wohl ohne ſeinen Beiſtand den Rück⸗ weg finden, da ſie ſich durch den Anblick des Dorfes ermuthigt fühlten, das im Hintergrunde des klaren Sees und des ſich dahin ſchlängelnden Stromes mit ſeinen hundert weiß getünchten Ziegel⸗ ſchornſteinen wie ein Gemälde vor ihren Füßen lag. 4 Wir brauchen dem Leſer die Art der Gefühle nicht aus⸗ einander zu ſetzen, die nach der Rettung von einem ſo ſchrecklichen Tode, mit dem ſie bedroht geweſen, in den Gemüthern der beiden jungen, edelſinnigen und wohlerzogenen Mädchen lebendig waren, als ſie ſchweigend an der Seite des Gebirges hin ihres Weges zogen; und eben ſo wenig wollen wir den demüthigen Dank ſchildern, den ſie gegen ihren Schöpfer ausdrückten, der ſie in der äußerſten Noth nicht verlaſſen hatte. Auch mag der Leſer ſich ſelber ausmalen, wie oft ſie ſich gegenſeitig die Hände drackten, wenn die Gewißheit ihrer dermaligen Sicherheit gleich heilendem Balſam ihre geängſtigten Seelen beruhigte, ſo oft ihre Gedanken zu der eben erlebten, ent⸗ ſetzlichen Scene zurückkehrten. Lederſtrumpf blieb auf dem Berge und ſah den ſich entfernenden —,„. n—9—— Geſtalten nach, bis ſie in einer Wendung des Pfades verſchwanden, worauf er ſeinen Hunden pfiff, die Büchſe über die Schulter warf und in den Wald zurückkehrte. „Es war allerdings ein ſchauerlicher Anblick für die beiden jungen Geſchöpfe,“ ſprach Natty, als er zu dem erlegten Thiere zurückkehrte;„und es hätte wohl eine ältere Frauensperſon mit Entſetzen erfüllen können, wenn ſie eine Pantherin mit einem todten Jungen an der Seite ſo ganz in ihrer Nähe geſehen hätte. Ich möchte übrigens wiſſen, ob ich dem Gewürm ſchon mit dem erſten Schuſſe den Garaus gemacht haben würde, wenn ich, ſtatt auf den Schädel, auf das Auge gezielt hätte; aber dieſe Beſtien haben ein zähes Leben, und der Schuß war gut, wenn man bedenkt, daß ich nichts als den Kopf und die Schwanzſpitze ſehen konnte. Ha! wer kömmt dort durch den Wald?“ „Wie geht’s, Natty?“ begann Herr Doolittle, indem er aus dem Gebüſche trat, und zwar mit einer Geſchwindigkeit, welche durch den Anblick der in ſeiner Richtung niedergelaſſenen Büchſe ſehr beſchleunigt wurde.„Was? Ihr pflegt an dieſem warmen Tage der Jagd? Seht Euch vor, alter Mann, daß Euch nicht das Geſetz zu faſſen kriegt.“ „Das Geſetz, Squire? Ich bin ſeit vierzig Jahren in gutem Einvernehmen mit dem Geſetz geweſen,“ entgegnete Natty;„denn was hat ein Mann, der in der Wildniß lebt, mit den Wegen des Geſetzes zu ſchaffen?“ „Vielleicht nicht viel,“ erwiederte Hiram;„aber Ihr handelt bisweilen mit Wildpret. Es iſt Euch hoffentlich nicht unbekannt, Lederſtrumpf, daß ein Antrag durchgegangen iſt, vermöge deſſen Jedermann, der zwiſchen dem Januar und Auguſt einen Hirſch ſchießt, fünf Pfund alten Fußes, oder zwölf Dollar und fünfzig Cents nach dem Decimalſyſtem Strafe zahlen muß. Der Richter ſieht darauf, daß dem Geſetz Achtung verſchafft werde.“ „Ich will's glauben,“ verſetzte der alte Jäger.„Von einem Die Anſiedler. 3. Aufl. 25 386 Manne, der ſo in dem Lande haushält, läßt ſich nicht nur dieß⸗ ſondern alles Andere erwarten.“ „Das Geſetz gilt ohne Ausnahme, und der Richter iſt Willens, es durchzuführen— fünf Pfund Strafe. Es iſt mir, als hätte ich Eure Hunde dieſen Morgen auf der Spur eines ſolchen Thieres geſehen. Ich weiß nicht, Lederſtrumpf— aber der Umſtand könnte Euch in Verdrüßlichkeiten bringen.“ „Das iſt ſo ihre Art und Weiſe,“ entgegnete Natty unbe⸗ kümmert.„Und wie viel fällt von der Strafe auf den Angeber, Squire?“ „Wie viel?“ wiederholte Hiram, der ſich unter dem ehrlichen, aber ſcharfen Blick des Jägers ziemlich unbehaglich fühlte:— „Der Angeber erhält, glaube ich, die Hälfte;— ja,'s wird die Hälfte ſeyn. Aber Ihr habt Blut an Eurem Aermel, Mann— Ihr habt doch nicht dieſen Morgen etwas geſchoſſen?“ „Allerdings,“ erwiederte der Jäger mit einem bedeutſamen Kopfnicken;„und es war kein übler Schuß, den ich gethan habe.“ „H-e-m!“ räuſperte ſich die Magiſtratsperſon.„Und wo iſt das Wild? Ich denke,'s wird ein guter Braten ſeyn, denn Eure Hunde ſind nicht von der Art, daß ſie Aas jagten.“ „Sie jagen Alles, was ich ihnen anweiſe, Squire,“ rief Natty mit ſeinem gewohnten Lachen;„und werden auch Euch faſſen, wenn ich ſie's heiße. Heran, heran, Hector! herein, Slut— da her, ihr Jungen— hier herein!“ „O, ich habe immer den Charakter Eurer Hunde rühmen hören,“ verſetzte Herr Doolittle, indem er ſeine Beine fleißiger brauchte, als die Hunde um ihn her ſchnupperten.„Und wo iſt das Wild, Lederſtrumpf?“ Während dieſes Geſprächs waren die Beiden raſch voran ge⸗ ſchritten, und Natty ließ nunmehr ſeine Büchſe von der Schulter gleiten, zeigte mit dem Ende derſelben durch das Gebüſch und ant⸗ wortete— „Dort liegt eines. Was haltet Ihr von einem ſolchen Braten?“ „Was?“ rief Hiram.„Das iſt ja der Hund des Richters, der alte Brave! Seht Euch vor, Lederſtrumpf, und macht den Richter nicht zu Eurem Feinde. Ich hoffe nicht, daß das Thier durch Euch zu Schaden gekommen iſt?“ „Sperrt die Augen auf, Meiſter Doolittle,“ erwiederte Natty, indem er ſein Meſſer aus dem Gürtel zog und es einige Male auf ſeinen hirſchledernen Hoſen hin und her zog.„Sieht dieſer Hals hier aus, als ob ich mein Meſſer daran verſucht hätte?“ „Er iſt ſchrecklich zerriſſen! eine fürchterliche Wunde! So etwas kann kein Meſſer thun. Aber woher mag das rühren?“ „Von den Panthern hinter Euch, Squire.“ „Panthern?“ wiederholte Hiram, indem er ſich mit einer Be⸗ hendigkeit, die einem Tanzmeiſter Ehre gemacht haben würde, auf dem Abſatz umdrehte. „Seyd ruhig, Mann,“ ſagte Natty;„da ſind zwei ſolcher heilloſen Beſtien: aber der Hund hat der einen den Garaus gemacht, und den Rachen der andern habe ich für immer geſchloſſen. Ihr braucht Euch daher nicht zu fürchten, Squire; ſie können Euch nicht mehr beißen.“ „Und wo iſt der Hirſch?“ rief Hiram, mit wirren Blicken um ſich ſehend. „Welcher Hirſch?“ entgegnete Natty. „Ei, iſt nicht von Wildpret die Rede geweſen, und habt Ihr nicht einen Bock geſchoſſen?“ „Warum nicht gar! Iſt das nicht durch das Geſetz verboten?“ erwiederte der alte Jäger.„Oder gibt es vielleicht auch ein Geſetz, welches das Erlegen eines Panthers verbietet?“ „Nein; es ſteht ſogar ein Preis auf den Scalpen;— aber — ſind denn Eure Hunde auf Panther dreſſirt, Natty?“ „Auf Alles; ich habe Euch ja vorhin geſagt, daß ſie ſogar auf den Mann gehen. Heran, heran, Jungen——* „Ja, ja, ich entſinne mich. Nun ich muß ſagen, Ihr habt ſeltſame Hunde— ich bin ganz erſtaunt.“ Natty hatte ſich inzwiſchen auf die Erde geſetzt, den grimmigen Kopf des todten Feindes in ſeinen Schooß gelegt und ſchickte ſich nunmehr an, mit geübter Hand einen Zirkelſchnitt um die Ohren zu machen, welche er in einer Weiſe von dem Schädel des Thieres riß, daß über das Geſchöpf, von welchem ſie kamen, kein Zweifel mehr obwalten konnte; dann entgegnete er: „Wie ſo, Squire? Habt Ihr nie zuvor den Scalp eines Panthers geſehen? Nun, Ihr ſeyd eine Magiſtratsperſon, und ich wünſche, daß Ihr mir ein Certificat für die Belohnung ausſtellt.“ „Die Belohnung?“ wiederholte Hiram, indem er die Ohren einen Augenblick mit der Fingerſpitze betaſtete, als wiſſe er nicht, wie er ſich weiter zu benehmen habe.„Nun ja, wir wollen in Eure Hütte hinunter gehen, wo ich Euch beeidigen und die Anwei⸗ ſung ausſtellen kann. Ihr habt doch vermuthlich eine Bibel? Zwar verlangt das Geſetz nichts weiter als die vier Evangelien und das Gebet des Herrn.“ „In meiner Wohnung finden ſich keine Bücher,“ ſagte Natty kaltblütig;„und daher auch keine ſolche Bibel, wie Ihr ſie für nöthig erachtet.“ „O, es gibt nur eine Art von Bibel, die vor dem Geſetze gilt,“ erwiederte die Magiſtratsperſon,„und die Eurige wird den Dienſt ſo gut als eine andere thun. Kommt, das Aas iſt nichts werth, wir wollen hinunter gehen, damit ich Euch den Eid abnehmen kann.“ „Sachte, ſachte, Squire,“ entgegnete der Jäger, indem er be⸗ dächtig ſeine Siegeszeichen von der Erde aufhub und die Büchſe auf die Schulter warf.„Wozu bedarf es überhaupt eines Eides in einer Sache, die Ihr mit eigenen Augen angeſehen habt? Setzt Ihr denn ein Mißtrauen in Euch ſelbſt, daß ein anderer Mann —2 etwas beſchwören ſoll, deſſen Wahrheit Ihr bezeugen könnt? Ihr habt geſehen, daß ich den Beſtien die Schädelhäute abzog, und wenn ein Eid erforderlich iſt, ſo will ich ihn vor dem Richter Temple ſchwören.“. „Aber wir haben hier weder Feder, noch Papier; wir werden daher doch in die Hütte gehen müſſen, denn wie kann ich ſonſt die Anweiſung ſchreiben?“ Natty lachte der ſchlauen Magiſtratsperſon abermals auf ſeine eigenthümliche Weiſe in's Geſicht, und ſprach: „Ei, was ſollte ich mit ſolch gelehrtem Zeug anfangen? Ich brauche weder Feder noch Papier, da ich ſie nicht zu benützen weiß, und führe deßhalb auch nichts dergleichen. Nein, nein, ich will die Scalpe in's Dorf bringen, Squire, und dann könnt Ihr die An⸗ weiſung aus einem Eurer Geſetzbücher herausnehmen; ſte wird in dieſem Falle nur um ſo beſſer ſeyn.— Hole der Henker das Leder an dem Hals des Hundes; es wird den alten Narren noch erdroſſeln. Könnt Ihr mir ein Meſſer leihen, Squire?“ Hiram, dem beſonders viel daran gelegen zu ſeyn ſchien, mit ſeinem Gefährten in gutem Einvernehmen zu bleiben, willfahrte dem Verlangen. Natty ſchnitt den Riemen an dem Halſe des Hundes durch, und als er das Werkzeug dem Eigenthümer wieder einhändigte, bemerkte er leichthin— „Ein gutes Stückchen Stahl, das gewiß ſeiner Zeit ſchon mehr derartiges Leder durchſchnitten hat?“ „Ihr wollt damit doch nicht ſagen, daß ich Eure Hunde los⸗ gelaſſen hätte?“ rief Hiram, den das Bewußtſeyn ſeiner Schuld alle Vorſicht vergeſſen ließ. „Die Hunde losgelaſſen?“ entgegnete der Jäger.„Das hab' ich ſelbſt gethan. Ich laſſe ſie immer los, ehe ich die Hütte verlaſſe.“ Das nicht zu bewältigende Erſtaunen, womit Herr Doolittle dieſe Unwahrheit vernahm, würde an ſich ſchon ſeine Mitwirkung an der Befreiung der Hunde verrathen haben, wenn Natty einer weiteren Beſtätigung bedurft hätte, und die ruhige Mäßigung des alten Mannes machte nun einem offenen Zornausbruche Platz. „Seht Euch vor, Meiſter Doolittle,“ ſagte er, indem er den Schaft ſeiner Flinte ungeſtüm auf den Boden ſtieß.„Ich weiß nicht, was es in dem Wigwam eines armen Mannes, wie ich bin, gibt, daß ein Burſche, wie Ihr, ſich ſo darnach ſehnen kann. Ich ſage Euch aber unverholen, Ihr ſollt nie mit meiner Einwilligung einen Fuß unter das Dach meiner Hütte ſetzen, und wenn Ihr fortfahrt, ſo um ſie herum zu lungern, wie Ihr in der letzten Zeit gethan habt, ſo könnte Euch eine Behandlung blühen, die Euch wenig behagen wird.“ „Und ich ſage Euch, Meiſter Bumppo,“ entgegnete Hiram, indem er eilig den Rückzug antrat,„daß es mir bekannt iſt, wie Ihr das Geſetz übertreten habt. Ich bin eine Magiſtratsperſon, und will es Euch fühlen laſſen, ehe Ihr noch um einen Tag älter werdet.“ „Ich ſcheere mich nicht ſo viel um Euch und um Euer Geſetz,“ rief Natty, indem er nach dem Friedensrichter mit den Fingern ſchnippte.„Fort mit Dir, Du Gewürm, ehe mich der Teufel ver⸗ ſucht, Dir Deinen Lohn zu geben! Sieh Dich vor, daß ich Dich nicht für eine Eule nehme und niederſchieße, wenn Du je wieder Deine Glotzaugen in den Wäldern blicken läſſeſt.“ Es liegt immer etwas Gebieteriſches in einem gerechten Zorne, und Hiram blieb nicht ſtehen, um den Grimm des alten Jägers auf die Spitze zu treiben. Sobald der Aufdringling verſchwunden war, kehrte Natty zu der Hütte zurück, wo er eine Grabesruhe antraf. Er legte ſeine Hunde an, pochte an die Thüre und fragte, als Edwards öffnete, ob Alles in Ordnung ſey. „Alles,“ entgegnete der Jüngling.„Man hat zwar verſucht, das Schloß zu öffnen, aber der Naſeweis mußte es wohl bleiben laſſen, weil es zu ſtark für ihn war.“ — A. ——— 2— „Ich kenne jetzt den Kerl,“ erwiederte Natty;„hoffentlich wird er ſich aber in den nächſten Tagen nicht in den Bereich meiner Büchſe wagen——“ Was Lederſtrumpf grollend noch weiter vor ſich hin murmelte, wurde unhörbar, da der Jäger die Thüre der Hütte laut hinter ſich zuſchlug. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Man ſagt, er habe eine Maſſe Schätze. Timon von Athen. Als Marmaduke Temple und ſein Vetter ihre Straße ritten, war das Herz des Vaters noch zu lebhaft von den edelſten Ge⸗ fühlen unſerer Natur ergriffen, um ihn ſogleich zu einer Unterhaltung geneigt zu machen, und in Richards Miene lag eine Wichtigkeit, die dem Sheriff nicht geſtattet haben würde, ein Geſpräch anzu⸗ knüpfen, das nicht im Zuſammenhang mit der Großartigkeit ſeiner Entwürfe geſtanden hätte. Die beiden Reiter ſprengten daher wohl eine Meile in tiefem Schweigen dahin. Endlich wich der weiche Ausdruck der väterlichen Liebe aus den ſchönen Zügen des Richters und machte allmählig der gutmüthigen Heiterkeit Platz, welche gewöhnlich auf Temple's Antlitz lagerte. „Nun, Dickon,“ ſagte er,„da ich mich ſo weit herangelaſſen habe, mich unbedingt Deiner Führung anheim zu ſtellen, ſo denke ich wohl, daß der Augenblick gekommen iſt, welcher mich zu weiterem Vertrauen berechtigt. Warum und weßwegen machen wir in ſo feierlicher Weiſe dieſen Ritt?“ Der Sheriff ließ ein lautes Hem vernehmen, das weit in den Wald hinein klang, und ſeine Blicke auf die nach vorn liegenden Gegenſtände heftend, einem Manne ähnlich, welcher tief in die Zu⸗ kunft ſchaut, erwiederte er: „Es hat ſtets,— ich moͤchte ſagen, von unſerer Geburt an, — einen Punkt gegeben, über den wir nicht einig werden konnten, Richter Temple. Nicht als ob ich Dich für die Fügungen der Natur verantwortlich machen wollte; denn ein Mann kann um an⸗ geborener Fehler willen eben ſo wenig verdammt werden, als man angeborene Vorzüge, die er vielleicht beſitzt, auf ſeine eigene Rech⸗ nung zu ſchreiben berechtigt iſt: aber über einen Punkt ſind wir ſo zu ſagen von unſerer Geburt an, die, wie Du weißſt, nur zwei Tage von einander fällt, verſchiedener Anſicht.“ „Ich bin in der That neugierig, Richard, zu erfahren, welcher dieſer eine Punkt ſeyn kann; denn meiner Anſicht nach findet bei uns faſt durchgängig eine weſentliche Meinungsverſchiedenheit ſtatt, und ſo oft——“ „Bloß Folgen davon, Vetter,“ unterbrach ihn der Sheriff; „denn alle unſere kleinen Streitigkeiten ſtammen aus derſelben Quelle, nämlich aus unſern Anſichten über das allgemeine Bereich des Genies.“ „Ueber was, Dick?“ „Ich meine doch deutlich genug geſprochen zu haben, Richter Temple; wenigſtens ſollte es mir an einem faßlichen Ausdruck nicht gebrechen, denn mein Vater, der mich meine Mutterſprache lehrte, verſtand——“ „Griechiſch und lateiniſch,“ fiel ihm Marmaduke in's Wort. „Ich kenne wohl die Sprachfertigkeit Deiner Familie, Dick. Aber komm einmal zur Sache. Wohin gedenkſt Du mich heute zu führen?“ „Wenn einer Sache ihr Recht wiederfahren ſoll, Sir, ſo muß es dem Erzähler erlaubt ſeyn, ſich ſeiner eigenen Weiſe zu bedienen,“ fuhr der Sheriff fort.„Du biſt der Meinung, Richter Temple, Natur und Erziehung können einen Menſchen nur in einer beſtimmten Richtung zu etwas Rechtem machen, während ich behaupte, daß das Genie die Stelle der Gelehrſamkeit vertritt, und daß es Leute gibt, die in Allem und Jedem etwas zu leiſten im Stande ſind.“ „Unter die vermuthlich auch Du gehörſt,“ entgegnete Marma⸗ duke lächelnd. . ——— „Bleibe mir mit Deinen Anzüglichkeiten vom Leibe, Vetter, denn ich will nicht von mir ſelbſt ſprechen. Aber es gibt drei Männer in unſerem Patent, welche von der Natur mit Gaben ver⸗ ſehen ſind, die ich mit dem Ausdrucke„univerſell“ bezeichnen möchte, obgleich ſich dieſelben nur unter dem Einfluß ihrer verſchiedenen Stellungen entwickeln können.“ „Da ſind wir alſo beſſer daran, als ich geglaubt hätte. Und aus welchen Ehrenmännern beſteht dieſes Kleeblatt?“ „Je nun, Vetter, der eine iſt Hiram Doolittle, bekanntlich ein Zimmermann ſeines Zeichens, und ich brauche nur auf das Dorf zu weiſen, um ſeine Verdienſte ins Klare zu ſtellen. Dann iſt er auch eine Magiſtratsperſon und dürfte in dieſer Eigenſchaft wohl Manchen beſchämen, der eine weit beſſere Schule genoſſen hat.“ „Gut, das wäre einmal Einer,“ ſagte Marmaduke mit der Miene eines Mannes, welcher nicht geneigt iſt, ſich über den be⸗ ſprochenen Punkt in einen Streit einzulaſſen. „Der andere iſt Jotham Riddel.“ „Wer?“ „Jotham Riddel.“ „Was, dieſer unzufriedene, linkiſche, faule, ſpeculirende Tropf? Er, der ſeinen Aufenthalt alle drei Jahre, ſeine Liegenſchaften alle ſechs Monate, und ſein Gewerbe mit jeder Jahreszeit wechſelt? Geſtern ein Bauer, heute ein Schuhmacher und morgen ein Schul⸗ meiſter? Dieſer Inbegriff all des unſtäten und verderblichen Trei⸗ bens, all der verderblichen Lieblingsneigungen der Anſiedler, ohne eine einzige ihrer guten Eigenſchaften, welche den ſchlimmen das Gleichgewicht hielte? Nein, Richard, der iſt zu ſchlecht ſogar für —— aber wer iſt der Dritte?“ „Da der Dritte nicht gewohnt iſt, ſolche Aeußerungen über ſeinen Charakter anzuhören, Richter Temple, ſo werde ich ſeinen Namen verſchweigen.“ „Das Ganze wäre alſo, Dick, daß das Trio, zu welchem auch 394 Du, und zwar als Hauptperſon gehörſt, irgend eine wichtige Ent⸗ deckung gemacht hat?“ „Ich habe nicht geſagt, daß ich mich dazu zähle, Richter Temple. Wie ich ſchon vorhin bemerkte, ſo will ich mein Ich dabei gar nicht ins Spiel bringen. Allerdings iſt aber eine Entdeckung gemacht worden, bei welcher Du weſentlich betheiligt biſt.“ „Weiter— ich bin ganz Ohr.“ „Nein, nein, Duke; ich gebe zwar zu, daß Du ſchlimm genug biſt, aber doch nicht ſo gar ſchlimm, als Du Dich da geben willſt, ſonſt müßten Deine Ohren noch ein Bedeutendes größer werden.“ Der Sheriff lachte herzlich über dieſen faden Witz, was ihn in eine ſo gute Laune verſetzte, daß er ſich heranließ, ſeinen ge⸗ duldigen Vetter mit folgender Auseinanderſetzung zu erfreuen: „Du weißſt, daß in Deinem Bezirk ein Mann wohnt, der unter dem Namen Natty Bumppo bekannt iſt. Derſelbe hat, ſo viel ich erfahren konnte, ſeit mehr als vierzig Jahren hier gelebt — und zwar allein, bis auf die neueſte Zeit, in welcher er ſich eine ſonderbare Genoſſenſchaft zulegte.“ „Zum Theil ſehr wahr, und Alles ſehr wahrſcheinlich,“ ent⸗ gegnete der Richter. „Buchſtäbliche Wahrheit, Vetter. Gut; in den letzten paar Monaten geſellten ſich zu ihm ein alter Indianerhäuptling, der Letzte oder einer der Letzten ſeines Stammes, die in dieſen Landes⸗ theilen aufzufinden ſind, und ein junger Mann, dem Vernehmen nach der Sohn irgend eines indianiſchen Agenten von einer Wilden.“ „Wer ſagt das?“ rief Marmaduke mit einer Theilnahme, die er früher nicht an den Tag gelegt hatte. „Wer? Je nun, der geſunde Menſchenverſtand— das Gerücht — alle Welt. Aber laſſ' mich ausreden. Dieſer Jüngling hat recht hübſche Talente— ja, er beſitzt das, was ich recht hübſche Talente nenne— wurde gut erzogen! trieb ſich in leidlicher Ge⸗ ſellſchaft um und weiß ſich zu benehmen, wenn er will. Nun, cr — Richter Temple, kannſt Du mir wohl ſagen, was drei ſolche Männer wie den Indianer John, Natty Bumppo und Oliver Edwards zu⸗ ſammengebracht hat?“ Marmaduke ſah ſeinen Vetter augenſcheinlich erſtaunt an und erwiederte ſchnell— „Du haſt unverhofft einen Gegenſtand berührt, Richard, der meinen Geiſt ſchon oft beſchäftigte. Aber weißſt Du irgend Etwas von dieſem Geheimniß, oder ſind es bloß ungare Vermuthungen eines—“ „Nichts Ungares, Duke, nichts Ungares; Thatſachen, unläug⸗ bare Thatſachen. Du weißſt, daß es Minen in dieſen Bergen gibt; ich habe Dich oft ſagen hören, Du glaubeſt an ihre Exiſtenz.“ „Ich folgerte es aus Analogien, Richard, ohne daß ich irgend eine Sicherheit für das Factum hätte.“ „Du haſt davon reden hoͤren und Erzproben geſehen— Du kannſt das nicht in Abrede ziehen. Und was deine ſogenannten Analogiefolgerungen betrifft— wenn es in Südamerika Minen gibt, warum ſollte es nicht auch in Nordamerika dergleichen geben?“ „Nein, nein, ich gedenke nichts in Abrede zu ziehen, Vetter. Ich habe allerdings manches Gerücht über das Vorhandenſeyn von Minen in dieſen Bergen vernommen, und glaube, auch Proben der köſt⸗ lichen Metalle, die hier herum gefunden wurden, geſehen zu haben. Es würde mich daher nicht Wunder nehmen, wenn ich erführe, daß man Zinn, Silber, oder was ich noch für weit folgenreicher halte, gute Steinkohlen——“ „Zum Henker mit Deinen Steinkohlen!“ rief der Sheriff: „wer braucht denn Steinkohlen in dieſen Wäldern? Nein, nein; Silber, Duke— Silber iſt das Einzige, was uns Noth thut, und Silber müſſen wir auffinden. Aber höre mich jetzt an: ich brauche Dir nicht erſt zu ſagen, daß die Eingebornen ſchon ſeit langer Zeit Gold und Silber zu verwenden wußten. Wer anders wird nun am beſten die Fundorte anzugeben wiſſen, wenn es nicht die ur⸗ ſprünglichen Bewohner des Landes ſind? Ich habe die beſten Gründe 396 für die Annahme, daß ſowohl Mohegan als Lederſtrumpf ſeit vielen Jahren von dem Vorhandenſeyn einer Mine in dieſem Gebirg un⸗ terrichtet ſind.“ Der Sheriff hatte jetzt ſeinen Vetter an einer empfindlichen Stelle berührt, und Marmaduke horchte bald aufmerkſamer auf den Sprecher, der nach einer Pauſe, während welcher er ſich über die Wirkung dieſer außerordentlichen Enthüllung Gewißheit verſchaffen wollte, fortfuhr— „Ja Vetter, ich habe meine Gründe, die Du zur geeigneten Zeit erfahren ſollſt.“ „Keine Zeit eignet ſich beſſer dafür, als der gegenwärtige Augenblick.“ „Schon gut; ſo horche auf,“ fuhr Richard fort, indem er vor⸗ ſichtig umher blickte, um ſich zu überzeugen, daß kein Horcher in dem Wald verborgen ſey, obgleich die beiden Reiter keinen Augen⸗ blick Halt machten.„Ich habe Mohegan und Lederſtrumpf mit meinen eigenen Augen— und meine Augen ſind ſo gut als die irgend eines andern Menſchen— ich ſage, ich habe beide mit Karſt und Spaten den Berg hinauf gehen und wieder herunterkommen ſehen; und Andere waren Zeugen, wie ſie in der Dunkelheit auf eine ganz geheimnißvolle Weiſe Gegenſtände nach ihrer Hütte ſchafften. Nennſt Du das nicht eine ſehr wichtige Thatſache?“ Der Richter antwortete nicht; aber ſeine Stirne war gedan⸗ kenvoll gerunzelt, wie man es immer an ihm bemerkte, wenn er ſich für etwas lebhaft intereſſirte, und ſeine Augen ruhten in ge⸗ ſpannter Erwartung auf den Lippen ſeines Vetters. Richard fuhr fort— „Es war Erz. Nun frage ich Dich, Duke, ob Du mir ſagen kannſt, wer dieſer Oliver Edwards iſt, den Du ſeit Weihnachten in Deinem Hauſe beherbergſt?“ 3 Marmaduke erhob abermals ſeine Augen, und antwortete nur mit einer ſtummen, verneinenden Kopfbewegung. „Daß er ein Halbblut iſt, wiſſen wir, denn Mohegan trägt — — ————— — kein Bedenken, ihn öffentlich ſeinen Verwandten zu nennen; und daß er eine gute Erziehung genoſſen hat, iſt gleichfalls bekannt. Was aber ſein Geſchäft in dieſer Gegend anbelangt— erinnerſt Du Dich noch, daß ungefähr einen Monat, ehe dieſer junge Mann unter uns erſchien, Natty mehrere Tage von Hauſe abweſend war? Du kannſt es nicht vergeſſen haben, denn Du fragteſt nach ihm, weil Du einiges Wildpret für das Abſchiedsmahl brauchteſt, ehe Du Beß zu holen giengſt. Er war damals nirgends aufzufinden. Der alte John bewohnte die Hütte allein, und als Natty wieder kam, ſah man, obgleich er des Nachts einrückte, wie er einen jener Schlitten, in denen man das Korn zur Mühle führt, nachzog, und mit großer Sorgfalt etwas herausnahm, was er unter ſeinen Bärenhäuten verſteckte. Nun frage ich Dich, Richter Temple, was konnte einen Mann wie Lederſtrumpf veranlaſſen, einen Schlitten zu machen, und eine Laſt über dieſe Berge nach ſich zu ſchleppen, wenn er weiter nichts, als ſeine Büchſe und ſeinen Schießbedarf bei ſich hatte?“ „Man bedient ſich oft ſolcher Schlitten zum Heimſchaffen der Jagdbeute, und Du ſagſt, er ſey mehrere Tage abweſend geweſen.“ „Wie hätte er jagen können, da ſeine Büchſe zum Ausbeſſern im Dorfe war? Nein, nein, daß er ſich an einem ganz ungewöhn⸗ lichen Orte befand, iſt gewiß; daß er irgend ein Geheimniß mit ſich zurück brachte, iſt noch gewiſſer; und daß er ſeit der Zeit keiner Seele erlaubt hat, ſich ſeiner Hütte zu nähern, iſt das Gewiſſeſte.“ „Er war nie ein Freund von zudringlichen Beſuchen.“ „Ich weiß das,“ unterbrach ihn Richard;„aber hat er ſie auch auf ſo unfreundliche Weiſe von ſeiner Hütte fortgetrieben? Vierzehn Tage nach ſeiner Rückkehr tritt dieſer Edwards auf. Sie bringen ganze Tage in den Bergen zu, angeblich um zu jagen, in der That aber, um Nachforſchungen anzuſtellen. Wegen des ſtrengen Winters konnten ſie damals nicht graben, und er machte ſich einen glücklichen Zufall zu Nutze, um in ein ordentliches Quartier 398 zu kommen. Aber ſelbſt jetzt bringt er die Hälfte ſeiner Zeit in jener Hütte zu— wenigſtens vergeht keine Nacht, ohne daß er ein paar Stunden dort iſt. Sie ſchmelzen, Duke, ſie ſchmelzen, und werden reich dabei, während Du arm wirſt.“ „Wie viel von dieſer Mittheilung kömmt auf Deine eigene Rechnung, und wie viel haſt Du von Andern?— ich möchte gern den Weizen von der Spreu ſichten.“ „Ein Theil davon beruht auf eigener Wahrnehmung, denn ich ſah den Schlitten, obgleich derſelbe ein paar Tage nachher zuſammen geſchlagen und verbrannt wurde. Ich habe Dir auch ferner geſagt, daß ich den alten Mann mit ſeinen Spaten und Karſten bemerkte. In der Nacht, als Natty mit ſeinem Schlitten ankam, begegnete ihm Hiram, bei Gelegenheit eines Ganges in's Gebirg, und da Hiram ein gutmüthiger Burſche iſt, ſo erbot er ſich ganz dienſt⸗ fertig, dem alten Manne bei ſeiner Laſt zu helfen, denn er hatte ſchwer den Berg hinan zu ziehen. Natty wollte aber durchaus nichts davon wiſſen, und wies das Anerbieten in einer Weiſe zurück, daß der Squire erklärte, er habe im Sinne gehabt, ihm den Frieden aufzukündigen. Seit der Schnee gegangen und hauptſächlich ſeit der Grund aufgethaut iſt, haben wir ſtets ein wachſames Auge auf den Alten gehabt, wobei uns Jotham gute Dienſte leiſtete.“ Marmaduke wollten Richard's Verbündete in dieſer Angelegenheit nicht ſonderlich zuſagen: er kannte ſie aber als ſchlaue und gewandte Leute, und da zuverläßig irgend etwas Geheimnißvolles nicht nur in der Verbindung des jungen Edwards mit den beiden Jägern, ſondern auch in dem lag, was ſein Vetter eben berichtet hatte, ſo begann er, ſich die Umſtände ſorgfältiger zu erwägen. Bei weiterem Nachdenken erinnerte er ſich verſchiedener Vorfälle, welche den Argwohn be⸗ kräftigen halfen, und da Richard's Folgerungen mit einer ſeiner Schwächen zuſammen trafen, ſo gab er ſich deſto bereitwilliger ihrem Eindrucke hin. Temple's zu allen Zeiten umfaſſender Geiſt hatte ſich in Folge ſeiner eigenthümlichen Stellung dem Hange hinge⸗ geben, in allen Speculationen auf Verbeſſerungen von Grund und Boden ſich ſchon die ferne Zukunft zu vergegenwärtigen. Wo an⸗ dere Leute nichts als Wildniß gewahr werden konnten, ſah ſein Auge bereits Städte, Fabriken, Brücken, Canäle, Minen und alle anderen Hilfsquellen eines alten Landes, obgleich ſein geſunder Verſtand ihn einigermaßen verhinderte, ſolchen ſanguiniſchen Erwar⸗ tungen Worte zu leihen. Da der Sheriff ſeinem Vetter hinreichend Zeit ließ, über das Gehörte nachzudenken, ſo wurde es dem Letzteren mit jedem Augen⸗ blicke wahrſcheinlicher, daß nur irgend ein geldverheißendes Aben⸗ teuer das bindende Glied in der Kette ſey, welche Oliver Edwards in Lederſtrumpf’s Hütte geführt hatte. Marmaduke war aber zu ſehr gewöhnt, einen Gegenſtand aus verſchiedenen Geſichtspunkten zu betrachten, als daß ihm die möglichen Einwürfe hätten entgehen ſollen, weßhalb er vor ſich hin murmelte— „Es kann unmöglich ſo ſeyn, denn der junge Menſch wäre ſonſt wohl nicht an den äußerſten Rand der Armuth getrieben worden.“ „Gibt es wohl einen augenfälligeren Grund, nach Geld zu graben, als die Armuth?“ rief der Sheriff. „Außerdem verdankt Oliver ſeiner Erziehung eine gewiſſe Würde des Charakters, welche ſich nicht mit einem ſo heimlichen Treiben verträgt.“ „Könnte ein unwiſſender Tropf wohl Metall ſchmelzen?“ fuhr Richard fort. „Beß ſagte mir, er habe den letzten Schilling ausgegeben, als ich ihn in unſere Wohnung nahm.“ „Für das andere hat er Werkzeuge gekauft. Und würde er überhaupt ſeinen letzten Heller für einen Schuß auf einen Truthahn ausgegeben haben, wenn er nicht gewußt hätte, wo er mehr holen kann?“ „Sollte es möglich ſeyn, daß ich ſo lange zum Beſten gehalten worden wäre? Sein Benehmen iſtzuweilen roh gegen mich geweſen; aber 400 ich ſchrieb es dem Umſtande zu, daß er wähnt, durch mich beein⸗ trächtigt zu ſeyn, und daß er ſich in die Veränderungen, welche die Zeit mit ſich führt, nicht recht zu finden weiß.“ „Hat man Dich nicht Dein ganzes Leben über zum Beſten ge⸗ halten, Duke? und kann er ſich nicht ſchlauer Weiſe anſtellen, als wiſſe er nichts von den Verhältniſſen der Zeit, nur um ſeinen wahren Charakter zu verbergen?“ „Wenn er es auf Täuſchung abgeſehen hätte, ſo würde er wohl ſeine Kenntniſſe verborgen haben und in der Maske eines untergeordneten Menſchen aufgetreten ſeyn.“ „So etwas geht nicht ſo leicht. Ich könnte ebenſo gut einen Verſuch mit dem Fliegen machen, als einen Pinſel ſpielen. Kennt⸗ niſſe laſſen ſich nicht verbergen, wie ein Licht unter einem Scheffel.“ „Richard,“ ſagte der Richter, an ſeinen Vetter gewendet,„es gibt viele Gründe gegen die Wahrheit meiner Vermuthungen, aber Du haſt einen Verdacht in mir geweckt, den ich zur Gewißheit bringen muß. Doch wohin jetzt unſere Wanderung?“ „Jotham, der in meinem und Hirams Auftrage ſich im Ge⸗ birge viel aufgehalten, hat eine Entdeckung gemacht, welche er zur Zeit noch nicht mittheilen will, da er, wie er ſagt, durch einen Eid ge⸗ bunden iſt. Nur ſo viel iſt gewiß, daß er weiß, wo das Erz liegt, und daß er zu graben angefangen hat. Ich wollte ohne Dein Vor⸗ wiſſen nicht darauf eingehen, Duke, weil das Land Dein Eigenthum iſt. Und nun kennſt Du den Zweck unſeres Rittes. Ich nenne dieß eine Gegenmine— Ha! ha!“ „Und wo wäre die erſehnte Stelle?“ fragte der Richter mit halb ſcherzender, halb ernſter Miene. „Nicht mehr weit; und wenn wir ſie beſucht haben, will ich Dir auch einen von den Plätzen zeigen, den wir vor einer Woche aufgefunden, und wo ſeit ſechs Monaten unſere Jäger ihr Weſen getrieben haben.“ Die beiden Reiter fuhren fort, den Gegenſtand zu beſprechen, V 4, B während ihre Pferde über die Baumzweige und den unebenen Boden des Gebirgs weiter trabten. Sie erreichten bald das Ziel ihrer Reiſe und fanden daſelbſt Jotham bis an den Hals in einem Loche ſtecken, welches er ausgegraben hatte. Marmaduke fragte den Minirer umſtändlich über die Gründe aus, welche denſelben veranlaßt hatten, gerade in dieſer Gegend das koſtbare Metall aufzuſuchen; aber der Kerl entfaltete eine be⸗ harrliche Geheimnißthuerei in ſeinen Antworten. Er behauptete, aus gewichtigen Gründen zu handeln, und fragte den Richter mit einem Ernſte, welcher bewies, wie feſt ſein Glaube war, wie viel ihm von dem Gewinne zu Theil werden ſollte, wenn ſeine Bemü⸗ hungen zu einem Erfolge führten. Nachdem der Richter eine Stunde an der Stelle verweilt, das Geſtein unterſucht und nach den gewöhnlichen Anzeigen, welche die Nähe von Erz verkünden, geſpäht hatte, ließ er ſich von ſeinem Vetter nach der Stelle führen, wo das geheimnißvolle Triumvirat ſeine Grabverſuche angeſtellt hatte. Der von Jotham ausgewählte Ort lag an der Rückſeite des Berges, welcher gegen Lederſtrumpfs Hütte überhieng; und der von Natty und ſeinen Gefährten gewählte Platz befand ſich auf der andern Seite deſſelben Berges, aber oberhalb des Fahrwegs und natürlich in einer Richtung, derjenigen ganz entgegen geſetzt, welchen die Damen für ihren Spaziergang eingeſchlagen hatten. „Wir können uns jetzt ohne Störung der Stelle nähern,“ ſagte Richard, während ſie abſtiegen und ihre Pferde anbanden;„denn ich habe, ehe wir von Hauſe weggiengen, John und Lederſtrumpf in ihrem Kahne fiſchen ſehen, und Oliver iſt in derſelben Abſicht ausgezogen. Vielleicht thun ſie's aber blos zum Scheine, um unſere Augen zu verblenden; wir wollen uns daher beeilen, denn es wäre doch gerade nichts Angenehmes, wenn ſie hier uns überraſchten.“ „Wie? auf meinem eigenen Grund und Boden?“ verſetzte Marmaduke ernſt.„Wenn es ſo iſt, wie Du vermutheſt, ſo ſollen ſie mir den Grund angeben, warum ſie hier gegraben haben.“ Die Anſiedler. 3. Aufl. 26 „St,“ entgegnete Richard, indem er einen Finger an ſeine Lippen legte und einen ſehr mühſamen Abhang hinab zu einer Art natürlicher Höhle in dem Felſen, welche einem Feuerplatze nicht unähnlich war— vorangieng. An der Vorderſeite dieſer Höhle lag ein Haufen Erde, welche augenſcheinlich aus dem Innern heraus⸗ geſchafft worden und zum Theil noch friſch war. Eine Unterſuchung des Aeußern brachte den Richter nicht ins Klare, ob er es hier mit einem Naturſpiele oder einem Werke von Menſchenhand aus irgend einer früheren Periode zu thun habe. Das Innere aber ließ keinen Zweifel, daß es ſeine Geſtaltung menſchlicher Bemühung verdankte, denn an dem weichen, bleifarbigen Fels, der ſich den Fortſchritten der Minirer in den Weg gelegt hatte, waren noch die Spuren der Eiſenwerkzeuge zu entdecken. Das Ganze bildete eine ungefähr zwanzig Fuß weite und faſt noch einmal ſo tiefe Höhle. Die Hohe war weit beträchtlicher als dieß gewöhnlich bei einem ſolchen Verſuche der Fall iſt, was aber augenſcheinlich Wirkung des Zufalls war, da der Fels oben dachförmig überhieng und um viele Fuß gegen die Baſis vorſprang. Unmittelbar vor dieſer Felſenniſche befand ſich eine kleine, theils durch die Natur, theils durch die von den Arbeitern ſorglos herausgeworfene Erde gebildete Terraſſe. Vor derſelben fiel das Gebirg ſteil ab, ſo daß die klippenreichen Seiten⸗ zugänge ſchwierig und ſogar etwas gefährlich waren. Der ganze Schauplatz war wild, roh und augenſcheinlich unvollendet; und als ſich der Sheriff in dem Gebüſch umſah, fand er die Werkzeuge vor, welche bei der Arbeit benützt worden waren. Als Nichard glaubte, ſein Vetter habe die Stelle hinreichend unterſucht, fragte er feierlich: „Biſt Du jetzt befriedigt, Richter Temple?“ „Ich habe mich allerdings überzeugt, daß hier etwas Geheimniß⸗ volles und Seltſames vorgeht. Es iſt ein ſchlau gewählter, ab⸗ gelegener Ort; aber doch ſehe ich keine Spur von Erz.“ „Du wirſt doch nicht meinen, Vetter, daß man Gold und Silber wie Kieſelſteine auf der Oberfläche der Erde findet— Dollars und Dimes,“ bereits ausgeprägt, daß man ſie nur auszu⸗ geben braucht? Nein, nein— der Schatz muß erſt geſucht werden, ehe man ihn benützen kann. Aber laß ſie nur graben; ich will ſchon entgegen miniren.“ Der Richter beſichtigte ſich die Stelle genau und notirte in ſeinem Gedenkbuch Merkmale, welche es ihm möglich machten, dieſelbe auch ohne Richard aufzufinden; dann kehrten ſie zu ihren Pferden zurück. Als ſie die Landſtraße erreicht hatten, trennten ſie ſich— der Sheriff, um vierundzwanzig„gute und getreue Männer“ aufzubieten, die am nächſten Montage, an welchem Marmaduke Gerichtsſitzung hielt, als Gehilfen der Obrigkeit functioniren ſollten; der Richter, um nach Hauſe zurückzukehren, wobei er ſich mit ernſtlichen Ge⸗ danken über das, was er im Laufe des Morgens geſehen und gehört hatte, beſchäftigte. Als das Pferd des Letzteren an die Stelle gelangte, wo ſich die Landſtraße gegen das Thal ſenkte, ließ Marmaduke ſein Auge auf derſelben Scene ruhen, welche zehn Minuten vorher ſo bern⸗ higend auf die Gefühle ſeiner Tochter und ihrer Freundin, nach⸗ dem ſie aus dem Walde aufgetaucht, gewirkt hatten; aber die Ge⸗ genſtände ſchwebten nur wirre vor ſeinen Blicken. Er ließ ſeinem ſichern Thiere die Zügel, und geſtattete demſelben, nach Belieben weiter zu traben, während er folgendermaßen mit ſich ſelber ſprach— „Es mag doch mehr hinter dieſer Sache ſtecken, als ich an⸗ fangs dachte.— Ich habe meinen Gefühlen die Herrſchaft über die Vernunft eingeräumt, indem ich einem Unbekannten in dieſer Weiſe Eingang in mein Haus geſtattete;— doch wir leben in einem Lande, wo man Argwohn nicht aufkommen laſſen darf. Ich will Lederſtrumpf rufen laſſen, und einige offene Fragen werden dieſem alten, einfachen Manne wohl die Wahrheit entlocken.“ * Der zehnte Theil eines Dollars, oder zehn Cents. 404 In dieſem Augenblicke wurde der Richter Eliſabeth's und Luiſen's anſichtig, die in kurzer Entfernung langſam den Berg hinab⸗ ſtiegen. Er drückte ſeinem Roß die Sporen in die Seite, ritt auf ſie zu, ſaß ab, und führte ſein Pferd auf dem engen Pfade am Zügel. Während der bewegte Vater auf die lebendige Schilderung horchte, welche ihm ſeine Tochter von ihrer kürzlichen Gefahr und ihrem unverhofften Entrinnen gab, wichen alle Gedanken an Minen, Herrenrechte und Verhöre vor der Aufregung des Augenblicks, und wenn ihm jetzt Natty's Bild vor das geiſtige Auge trat, ſo war es nicht das eines geſetzloſen, diebiſchen Squatters, ſondern das des Retters ſeines Kindes. Dreißigſtes Kapitel. Der Richter ſpricht es; dem Geſetz ſein Recht! Kaufmann von Venedig. Remarkable Pettibone, welche, in Betracht der Ruhe und Behaglichfeit ihrer Stellung, die ihrem Stolze beigebrachte Wunde bereits verſchmerzt hatte und ſich noch immer in der Familie des Richters Temple befand, wurde nun beauftragt, Luiſe nach der be⸗ ſcheidenen Wohnung, welche Richards bereits„die Rectorei“ benamst hatte, zu führen, wo ſie bald in den Armen ihres Vaters lag. Inzwiſchen blieben Marmaduke und ſeine Tochter mehr als eine Stunde im Zimmer eingeſchloſſen, und wir wollen uns keinen Eingriff in das Heiligthum elterlicher Liebe geſtatten, indem wir etwa das dort ſtatthabende Geſpräch mittheilten.— Sobald ſich der Vorhang vor dem Leſer wieder aufthut, ſieht er den Richter mit einem wehmüthig zärtlichen Zug über ſeinem Geſichte im Zimmer auf und abgehen, während ſeine Tochter mit gerötheten Wangen und Augen, welche in Kryſtall zu ſchwimmen ſchienen, auf ein Canapee zurückgelehnt ſitzt. ——⏑— 405 „Das war Hilfe in der Noth! ja, gewiß, das war Hilfe in der Noth, mein Kind!“ rief der Richter.„Du haſt alſo Deine Freundin nicht verlaſſen wollen, meine wackere Beß?“ „Ich glaube allerdings, ſtandhaft ausgehalten zu haben,“ verſetzte Eliſabeth,„wenn ich gleich ſehr zweifle, ob mir die Flucht etwas genützt haben würde, ſelbſt wenn ich ſo viel Muth gehabt hätte, dieſen Ausweg einzuſchlagen. Aber ich dachte nicht einmal daran.“ „An was dachteſt Du denn, meine Liebe? Womit beſchäf⸗ tigten ſich Deine Gedanken vorzugsweiſe in jenem ſchrecklichen Augenblick?“ „Mit dem Thiere! mit dem Thiere!“ rief Eliſabeth, das Ant⸗ litz mit ihrer Hand bedeckend.„Oh! ich ſah nichts, ich dachte an nichts, als an das Thier. Ich verſuchte zu beten; aber das Ent⸗ ſetzen hatte mich zu ſehr ergriffen— die Gefahr lag zu nahe vor meinen Augen.“ „Nun, Gottlob! Du biſt gerettet, und wir wollen nicht mehr bei einer ſo unangenehmen Scene verweilen. Ich hätte mir's nicht gedacht, daß noch ein ſolches Thier in unſern Forſten hauste; aber wenn ſie der Hunger treibt, ſo verlieren ſie ſich oft weit von ihren gewohnten Schlupfwinkeln und——“ Ein lautes Pochen an der Thüre unterbrach hier die Rede des Richters; und auf das entſprechende„Herein“ that ſich die Thuͤre auf und ließ Benjamin erkennen, deſſen verlegenes Geſicht bekundete, daß er fühlte, er komme mit einer ſehr ungelegenen Meldung. „Squire Doolittle iſt unten,“ begann der Majordomo.„Er letzt ſich im Hofe bei einem Glas und hat Etwas auf dem Herzen, das er von ſich ſtauen will. Ich ſagte ihm zwar: ‚Mann,“ ſagte ich, ‚wollt Ihr mit Klagen an Bord kommen, ſagte ich, ‚wenn der Richter eben erſt ſein eigenes Kind, ſo zu ſagen, aus dem Rachen des Löwen gerettet hat? Aber der verdammte Kerl hat auch kein Bischen Manier— ebenſo wenig, als ob er einer von den Guineas in der Küche drunten wäre; und da er immer näher 406 und näher an's Haus heran ſegelte, ſo konnte ich nichts Beſſeres thun, als Euer Gnaden wiſſen zu laſſen, daß der Kunde vor Anker liegt.“ „Er hat wohl ein wichtiges Anliegen,“ entgegnete Marmaduke; „wahrſcheinlich etwas auf ſein Amt Bezügliches, da nächſtens Ge⸗ richtsſitzung gehalten wird.“ „Ja, ja, es iſt ſo, Sir,“ rief Benjamin.„Es handelt ſich dabei um eine Klage gegen den alten Lederſtrumpf, der aber, nach meiner Anſicht, jedenfalls der beſſere Mann von den zweien iſt. Meiſter Bumppo iſt von gutem Schrot und Korn, und weiß mit einem Spieß umzugehen, als ob er an Bord einer Capitainsbarke er⸗ zogen oder mit einem Bootshacken in der Hand geboren worden wäre.“ „Gegen Lederſtrumpf?“ rief Eliſabeth, ſich aus ihrer geneigten Lage aufrichtend. „Beruhige Dich, mein Kind! ohne Zweifel eine Kleinigkeit. Ich glaube, ich habe bereits von ſeinem Anliegen gehört. Verlaß Dich d'rauf, Beß, ich will dafür ſorgen, daß Dein Kämpe keine Gefahr läuft. Führt Herrn Doolittle ein, Benjamin.“ Miß Temple ſchien ſich bei dieſer Verſicherung zu beruhigen; ihre dunkeln Augen blieben aber feſt auf die Perſon des Architekten gerichtet, als dieſer unmittelbar von der Erlaubniß Gebrauch machte und eintrat. Hiram's Ungeduld ſchien, ſo bald er im Zimmer war, zu ver⸗ ſchwinden. Er grüßte den Richter und ſeine Tochter, nahm den Stuhl, auf welchen Marmaduke deutete, blieb eine Minute ſitzen, wobei er ſich ſein ſtruppiges, ſchwarzes Haar mit einer Würde, welche ſeiner amtlichen Stelle Ehre machen ſollte, niederſtrich, und begann endlich— „Dem Vernehmen nach iſt Miß Temple auf dem Gebirg in eine gefährliche Nähe mit den Panthern gekommen.“ Marmaduke machte nur eine leichte, bejahende Kopfbewegung, ohne zu ſprechen. „Ich glaube, es ſteht eine geſetzliche Belohnung auf den Scalpen,“ 407 fuhr Hiram fort,„und in dieſem Falle hat Lederſtrumpf ein gutes Geſchäft dabei gemacht.“ „Ich werde Sorge tragen, daß ihm ſeine Belohnung zu Theil werde,“ erwiederte der Richter. „Ja, ja; ich kann mir's wohl denken. Niemand in der Gegend zweifelt an des Richters Großmuth. Darf ich wohl fragen, ob der Sheriff hinſichtlich des Leſepultes oder des Diaconus⸗Standes unter der Kanzel zu einem Entſchluß gekommen iſt?“ „Mein Vetter hat in der letzten Zeit nichts über dieſen Gegen⸗ ſtand geſprochen,“ verſetzte Marmaduke. „So viel ich ſchließen kann, werden wir dießmal eine ziemlich langweilige Gerichtsſitzung haben. Jotham Riddel und der Mann, welcher ſein Anweſen kaufte, ſind, wie ich höre, eins ge⸗ worden, ihren Streit durch Schiedsrichter ſchlichten zu laſſen, und ſo werden, glaube ich, nicht mehr als zwei Civilſachen auf die Tagesordnung kommen.“ „Ich freue mich deß,“ ſagte der Richter;„denn nichts thut mir weher, als wenn ich ſehe, daß die Leute ihre Zeit und ihr Geld in unvortheilhaften Streitigkeiten vor dem Gericht verſchwenden. Ich hoffe, es wird ſich ſo verhalten, wie Ihr ſagt.“ „Ich denke wohl, daß es durch die Schiedsmänner ausgeglichen wird,“ fügte Hiram mit einer Miene bei, welche zwiſchen Zweifel und Gewißheit die Mitte hielt, die aber Richter Temple für das letztere nehmen zu müſſen glaubte.„Ich vermuthe, daß ich ſelbſt in dem Falle beigezogen werde; denn Jotham ſagte mir, er wolle mich nehmen. Der Gegenpart hat’s dem Anſchein nach auf den Capitän Holliſter abgeſehen, und wir beide ſind ſchon halbwegs eins geworden, Squire Jones als den Dritten zu wählen.“ „Werden vielleicht Verbrecher vor Gericht geſtellt?“ fragte Marmaduke. „Wir haben die Falſchmünzer vorzunehmen,“ antwortete die Magiſtratsperſon.„Da ſie auf der That ertappt wurden, ſo wird 408 vermuthlich das Verdict gegen ſie lauten, in welchem Falle es wahrſcheinlich iſt, daß es ihnen an den Hals geht.“ „Ah, dieſe Leute habe ich ganz vergeſſen. Hoffentlich gibt's nichts Weiteres?“ „Je nun, am letzten Unabhängigkeitsfeſt ſind Feindſeligkeiten vorgefallen; aber ich weiß nicht gewiß, ob das Geſetz einſchreiten wird. Es ſoll ſich dabei nur von Schimpfworten handeln, denn ich habe nichts davon gehört, daß es zu Thätlichkeiten gekommen ſey. Man ſpricht auch davon, daß auf der Weſtſeite des Patents von einigen Squattern ein und der andere Hirſch außer der Zeit geſchoſſen worden ſey.“. „Man ſoll jedenfalls eine Klage gegen ſie einreichen,“ rief der Richter.„Ich bin entſchloſſen, bei allen ſolchen Uebertretungen das Geſetz buchſtäblich in Vollzug zu ſetzen.“ „Nun, ja; ich dachte mir's, daß es dem Richter ſo genehm ſeyn würde. Ich bin zum Theil ſelbſt wegen einer derartigen Angelegenheit hier.“. „Ihr?“ rief Marmaduke, der jetzt mit einem Mal einſah, wie ganz er ſich durch die Schlauheit des Andern hatte fangen laſſen. „Und was habt Ihr vorzubringen, Sir?“ „Ich glaube, Natty Bumppo hat im gegenwärtigen Augen⸗ blicke einen erlegten Hirſch in ſeiner Hütte, und komme hauptſächlich deshalb her, um eine Vollmacht zur Hausdurchſuchung zu holen.“ „Ihr glaubt nur, Sir? Wißt Ihr nicht, daß das Geſetz einen Eid für die Thatſache fordert, ehe ich eine Urkunde ausſtellen kann? Müßige Eingriffe in das Hausrecht eines Bürgers, auf einen leichten Verdacht hin, ſind nicht ſtatthaft.“ „Ich meine faſt, ich könnte es ſelbſt beſchwören,“ erwiederte der unerſchütterliche Hiram.„Auch iſt Jotham auf der Straße und wartet nur, um in derſelben Sache eine Angabe zu vereiden.“ „Dann fertige die Vollmacht ſelbſt aus. Warum behelligſt Du mich mit der Sache, Doolittle, da Du der Friedensrichter biſt?“ „—-2 h—— „Je nun, ich meinte, weil es die erſte derartige Klage iſt, und weil ich wiſſe, wie das Herz des Richters an ſolchen Dingen hängt, ſo ſey es am beſten, wenn ich das Document hier ausfertigen ließe. Zudem bin ich viel in den Wäldern, wegen des Bauholzes, und möchte mir daher Lederſtrumpf nicht gerne zum Feinde machen. Nun hat aber der Richter ein Gewicht in der Graſſchaft, das ihn aller Beſorgniſſe überhebt.“ 1 Miß Temple wandte ihr Antlitz nach dem hartnäckigen Bau⸗ künſtler und fragte— „Was hätte wohl ein ehrlicher Mann von dem alten Leder⸗ ſtrumpf zu beſorgen?“ „Ei, Miß, es iſt nicht ſchwerer, die Büchſe auf eine Magi⸗ ſtratsperſon abzudrücken, als auf einen Panther. Wenn übrigens der Richter die Vollmacht nicht geben will, ſo muß ich freilich heimgehen und ſie ſelbſt ausfertigen.“ „Ich habe Euch mit Eurem Geſuche nicht abgewieſen, Sir,“ verſetzte Marmaduke, dem es mit einem Mal klar wurde, daß ſein Ruf der Unparteilichkeit auf dem Spiele ſtand.„Geht auf mein Arbeitszimmer, Herr Doolittle; ich will nachkommen und den Befehl unterzeichnen.“ Richter Temple beſchwichtigte die Gegenreden, welche Eliſabeth nach Hiram's Entfernung vorbringen wollte, dadurch, daß er die Hand auf ihren Mund legte und ſagte— „Die Sache klingt ſchlimmer als ſie wirklich iſt, mein Kind. Vermuthlich hat Lederſtrumpf einen Hirſch geſchoſſen, denn die Jagdzeit iſt nicht mehr ferne und wie Du ſelber ſagſt, war er mit ſeinen Hunden aus, als er Dir in einem ſo gelegenen Augenblick Hilfe brachte. Aber was iſt's auch, wenn man ſeine Hütte unter⸗ f. ſucht und das Thier darin findet, da Du ja die Strafe aus Deinem eigenen Beutel zahlen kannſt, Beß. Ich ſehe wohl, dieſe Harpye will ſich durch nichts als durch die dreizehnthalb Dollars beſchwich⸗ 410 tigen laſſen, und ſicherlich iſt mein Ruf als Richter mehr werth als dieſe Kleinigkeit.“ Eliſabeth ließ ſich durch dieſe Verſicherung vollkommen beru⸗ higen, und ihr Vater entfernte ſich, um das Hiram gegebene Ver⸗ ſprechen zu erfüllen. Als Richter Marmaduke nach Vollziehung dieſer unangenehmen Pflicht ſein Arbeitszimmer verließ, traf er auf Oliver Edwards, der mit weiten Schritten und einem ſehr aufgeregten Geſichte den Kiesweg vor dem Herrenhauſe herauf kam. Sobald der Jüngling des Richters anſichtig wurde, trat er auf ihn zu, und rief ihm mit einer Wärme, die er ſelten gegen Marmaduke an den Tag legte, entgegen: „Ich wünſche Ihnen Glück, aus dem Grunde meines Herzens wünſche ich Ihnen Glück, Richter Temple. Schon ein Augenblick ¹ des Zurückſchauens auf ein ſolches Loos wäre entſetzlich geweſen! Ich habe eben die Hütte verlaſſen, wo der alte Natty, nachdem er mir ſeine Scalpe gezeigt, gelegentlich auch der Rettung der Damen erwähnte. In der That, Sir, meine Worte vermögen nicht die 4 Hälfte von dem auszudrücken, was ich“— der Jüngling hielt einen Augenblick inne, als erinnere er ſich plötzlich, daß er vorgezeich⸗ nete Grenzen überſchreite, und ſchloß mit großer Verlegenheit 2 —„was ich bei dieſer Gefahr für Miß Grant und— Ihre Tochter fühlte, Sir.“ Marmaduke's Herz fühlte ſich jedoch zu weich geſtimmt, um ſich bei Kleinigkeiten aufzuhalten, und ohne die Verwirrung des 3 Andern zu beachten, entgegnete er— „Ich danke Dir, ich danke Dir, Oliver; Du haſt Recht— ſchon der Gedanke an ein ſo entſetzliches Ende wäre unerträglich geweſen. Doch komm mit zu Beß, denn Luiſe iſt bereits in die Rectorei zurückgekehrt.“ Der junge Mann eilte voran, warf die Thüre auf, an welcher ſeine Haſt dem Richter kaum den Vortritt geſtattete, und befand ſich im Nu in Eliſabeths Zimmer. Die abgemeſſene Kälte, welche ſich ſo oft in den Verkehr der Erbin mit Edwards miſchte, war jetzt ganz verſchwunden, und die Drei ergiengen ſich zwei Stunden lang in der freien und ungezwungenen Weiſe alter und geſchätzter Freunde. Richter Temple dachte nicht mehr an den Argwohn, den er während ſeines Morgenrittes gefaßt, und die jungen Leute plau⸗ derten, lachten oder wurden traurig, je nachdem es der Augenblick mit ſich führte. Endlich griff Edwards— bereits zum dritten Mal — nach dem Hute, und verließ das Herrenhaus, um in gleich freund⸗ licher Abſicht die Rectorei zu beſuchen. Inzwiſchen gieng bei der Hütte ein Auftritt vor, der alle wohlwollen⸗ den Abſichten zu Gunſten Lederſtrumpf's völlig vereitelte, und mit einem Male die Harmonie zwiſchen dem Richter und dem Jüngling zerſtörte. Sobald Hiram Doolittle die Viſitationsvollmacht in der Taſche hatte, war es ſein erſtes Geſchäft, einen geeigneten Vollſtrecker derſelben aufzuſuchen. Der Sheriff war abweſend, um in Perſon das Amt des Gerichtsboten zu verſehen; ſein im Dorfe wohnender Gehilfe beſuchte in der gleichen Abſicht die verſchiedenen Theile der Niederlaſſung; und der regelmäßige Conſtable des Fleckens hatte ſeine Stellung dem Beweggrunde des Mitleids zu danken, da er an einem Beine gelähmt war. Hiram beabſichtigte, den Bevoll⸗ mächtigten als Zuſchauer zu begleiten, ohne ſich jedoch ſehr darnach zu ſehnen, förmlich an dem Treffen Theil zu nehmen. Außerdem war es Sonnabend, und die Sonne warf bereits die Schatten der Fichten gegen Oſten. Die gewiſſenhafte Magiſtratsperſon wollte ihre Seele nicht mit der Sünde belaſten, ein ſolches Geſchäft am Sonntag vorzunehmen, und am Montag waren das Wildpret und alle Spuren des erlegten Hirſches wahrſcheinlich ſchon längſt verborgen und zernichtet. Da traf glücklicherweiſe ſein Auge auf die umherſchlendernde Geſtalt Billy Kirby's, und der für ähnliche Anläſſe ſtets gefaßte Hiram ſah mit einem Male einen Ausweg. Der in die Sache mitverflochtene Jotham, welcher in Folge der Aufforderung ſeines Beſchützers das Gebirg verlaſſen hatte 41² aber unglücklicher Weiſe Hiram's Nervenſchwäche theilte, wurde beauftragt, den Holzfäller nach der Wohnung des Friedensrichters zu beſcheiden. Als Billy erſchien, wurde er— freilich nachdem er ſich bereits ge⸗ ſetzt hatte— höflich eingeladen, einen Stuhl zu nehmen und mit ſo viel Achtung behandelt, als befände er ſich ſeines Gleichen gegenüber. „Richter Temple iſt feſt entſchloſſen, dem Jagdgeſetz Kraft zu geben,“ begann Hiram, nachdem die Höflichkeitspräliminarien vorüber waren;„und da wegen eines erlegten Hirſches eine Klage einge⸗ reicht worden iſt, ſo hat er einen Hausdurchſuchungsbefehl ausgefertigt, und mich rufen laſſen, damit ich einen Vollſtrecker deſſelben aus⸗ findig mache.“ Kirby, der keinen Begriff davon hatte, daß er von der Be⸗ „rathung einer Sache, in welcher er verwendet werden ſollte, aus⸗ geſchloſſen bleiben könnte, warf ſeinen buſchigen Kopf nachdenkend in die Höhe und begann nach kurzem Beſinnen einige Fragen zu ſtellen. „Iſt denn der Sheriff nicht zu haben?“ „Er läßt ſich nicht auffinden.“ „Und ſein Gehilfe?“ „Beide befinden ſich an der Grenze des Patents.“ „Aber ich ſah erſt vor einer Stunde noch den Conſtable durch den Flecken hinken.“ „Ja, ja,“ entgegnete Hiram mit einem beſchwatzenden Lächeln und einem ſchlauen Kopfnicken.„Aber für dieſes Geſchäft braucht man einen Mann, keinen Krüppel.“ „Ei,“ erwiederte Kirby lachend;„glaubt Ihr, der Burſche werde Widerſtand leiſten?“ „Er iſt zu Zeiten etwas händelſüchtig, und hält ſich für den beſten Ringer im Bezirk.“ „Ich hörte ihn einmal dick thun,“ fügte Jotham bei,„daß es zwiſchen den Mohawk⸗Ebenen und der pennſylvaniſchen Grenze keinen Mann gäͤbe, der ſich im Fauſtkampf mit ihm meſſen könne.“ n & 413 „Meint er?“ rief Kirby, indem er ſeinen rieſigen Koͤrper wie ein in ſeinem Lager ſich ſtreckender Löwe vom Sitze aufrichtete. „Ich ſchätze wohl, daß er nie die Knöchel einer Vermonter Fauſt auf ſeinem Rückgrat gefühlt hat. Aber von wem iſt die Rede?“ „Je nun,“ ſagte Jotham,„es iſt——“ „Es iſt gegen das Geſetz, einen Namen zu nennen,“ fiel Hiram ein,„ſo lange Ihr Euch nicht zum Dienſt verpflichtet habt. Ihr ſeyd ganz der Mann, es mit ihm aufzunehmen, Bill; und wenn Ihr ein Stück Geld verdienen wollt, ſo ſollt Ihr in einer Minute ſpeciell beauftragt ſeyn.“ „Und wie iſt's mit dem Stück Geld?“ verſetzte Kirby, indem er ſeine breite Hand auf die Blätter eines Statutenbuchs legte, welches Hiram aufgeſchlagen hatte, um ſeinem Amte einen würde⸗ volleren Anſtrich zu verleihen. Der Holzfäller warf in ſeiner rauhen Weiſe die Blätter hin und her, als ob er ſich über eine Sache beſinne, in welcher er allerdings bereits einen Entſchluß ge⸗ faßt hatte, und fügte bei:„Wird es einen auch für ein Loch im Kopfe ſchadlos halten?“ „Ihr werdet damit zufrieden ſeyn,“ erklaͤrte Hiram. „Ei, zum Henker mit dem Gelde,“ entgegnete Kirby abermals lachend.„Der Kerl hält ſich alſo für den beſten Ringer im Ge⸗ birge. Wie viel Zoll mißt er?“ „Er iſt höher als Ihr,“ erwiederte Jotham,„und einer der größten——“ „Schwätzer,“ wollte er beifügen, aber Kirby's Ungeduld ließ ihm keine Zeit. Der Holzfäller zeigte dabei nichts Rohes oder gar Wildes in ſeinem Aeußern, ſondern einfach den Ausdruck einer gut⸗ müthigen Eitelkeit. Er that ſich augenſcheinlich etwas auf ſeine phyſiſchen Kräfte zu gute, wie es bei Allen der Fall iſt, welche ſich auf nichts Beſſeres etwas einbilden können, weshalb er ſeine breite Hand mit nach unten gekehrter Fläche ausreckte und, ſeine eigenen Knochen und Muskeln betrachtend, erwiederte: 414 „Nun, ſo lest mir die Eidesformel vor. Ich will ſchwören, und Ihr ſollt ſehen, daß ich der Mann dazu bin, meinen Eid zu halten.“ Hiram ließ dem Holzfäller keine Zeit, ſeine Geſinnung zu ändern, weßhalb auch die Beeidigung unverzüglich vorgenommen wurde. Sobald dieſe Einleitung getroffen war, verließen die drei Ehrenmänner das Haus und begaben ſich auf dem nächſten Wege nach der Hütte. Sie hatten bereits das Ufer des Sees erreicht und wollten eben von der Landſtraße abbiegen, als es Kirby einfiel, daß er nun wohl zu einer Mitwiſſenſchafft berechtigt ſey, weßhalb er ſeine Frage nach dem Namen des Geſetzesübertreters wiederholte. „Wohin, wohin, Squire?“ rief der zähe Holzfäller.„Ich meinte, Ihr brauchtet mich für ein Haus und nicht für die Wälder. Dieſe Seite des Sees iſt auf ſechs Meilen hin unbewohnt, wenn man nicht Lederſtrumpf und den alten John für Anſiedler zählt. Nennt mir einmal den Namen des Burſchen, und ich ſtehe Euch dafür, daß ich Euch auf einem weit geradern Pfade, als dieſer iſt, nach ſeiner Lichtung führe, denn ich kenne jeden Schößling, der auf zwei Meilen im Umkreiſe von Templeton wächst.“ „Wir ſind auf dem rechten Wege,“ verſetzte Hiram, indem er vor ſich hin deutete und ſeine Schritte beſchleunigte, als fürchte er, Kirby moͤchte ihn verlaſſen,„und Bumppo iſt der Mann, den wir ſuchen.“ Kirby blieb ſtehen und ſah erſtaunt einen nach dem andern von ſeinen Begleitern an; dann brach er in ein lautes Lachen aus und rief— „Was? der Lederſtrumpf? Er mag meinetwegen mit ſeinem Zielen und ſeiner Büchſe dick thun, und zwar mit Recht, denn ſeit ich ihn die Taube ſchießen ſah, muß ich zugeben, daß ich nicht an ihn hin kann; was aber das Ringen anbelangt— ei, zum Henker, da nehme ich den Kerl zwiſchen meine Finger und meinen Daumen, und binde ihn mir als ein Barcellonahalstuch um. Der Mann zählt ſeine ſiebenzig und iſt wegen ſeiner Stärke nie in ſonderlichem Rufe geweſen!“ „Er iſt ein argliſtiger Menſch, wie alle Jäger, und dabei ſtärker, als er ausſieht,“ ſagte Hiram.„Zudem hat er eine Büchſe.“ ☛ — ⏑——— 415 „Ich ſcheere mich nicht ſo viel um ſeine Büchſe,“ rief Billy; „denn er wird mir eben ſo wenig damit thun, als er vor mir durch⸗ gehen wird. Er iſt ein harmloſer, alter Burſche, und ich geſtehe offen, ich meine, er habe ſo gut das Recht einen Hirſch zu ſchießen, als irgend ein Mann im ganzen Patent. Er zieht davon ſeinen Unterhalt, und wir wohnen in einem freien Lande, wo es Jedem ge⸗ ſtattet ſeyn muß, dem gewählten Berufe zu folgen.“ „Dieſem Grundſatze zufolge müßte Jeder das Recht haben, Hirſche zu ſchießen,“ meinte Jotham. „Ich ſage Euch, es iſt ſein Beruf,“ entgegnete Kirby;„und für Leute, wie er, iſt das Geſetz nicht gemacht worden.“ „Das Geſetz gilt für Alle,“ bemerkte Hiram, der nun zu be⸗ fürchten begann, der gefährliche Auftrag möchte jetzt, ungeachtet der von ihm getroffenen ſchlauen Einleitung, auf ſeine eigene Schulter zurückfallen;„und auf Meineid iſt in demſelben mit be⸗ ſonderer Strenge Bedacht genommen.“ „Ei, daß Dich, Squire Doolittle,“ ſagte der unbekümmerte Holzfäller;„ich kümmere mich keinen Zimmerſpan um Euch und Eure Meineide. Aber da wir einmal ſo weit ſind, ſo will ich vollends hinunter gehen, und mit dem alten Mann ſprechen. Viel⸗ leicht verzehren wir ein Stückchen von dem Wildpret mit einander.“ „Mir auch recht; es iſt mir lieber, wenn die Sache friedlich abläuft,“ erwiederte die Magiſtratsperſon.„Ich bin kein Freund von Streitigkeiten, und ziehe ein kluges Benehmen ſtets zornigem Aufbrauſen vor.“ Da das Kleeblatt jetzt ſchneller gieng, ſo war die Hutte bald erreicht. Demungeachtet hielt es aber Hiram für räthlich, hinter dem Wipfel einer gefallenen Fichte Halt zu machen, welche gleichſam eine Barriere bildete, um die nach dem Dorf gekehrte Seite von Natty's Wohnung gegen Zudringliche zu ſchützen. Dieſe Zögerung war aber wenig nach Kirby's Geſchmack, der durch die an den Mund gelegte Hand ein lautes Halloh erſchallen 416 ließ, in Folge deſſen die Hunde aus ihrer Hütte ſtürzten, und faſt in demſelben Augenblicke das beinahe kahle Haupt Lederſtrumpf's in der Thüre ſichtbar wurde. „Leg dich, alter Narr,“ rief der Jäger.„Meinſt du, es ſeyen noch mehr Panther in der Nähe?“ „Ha, Lederſtrumpf! Ich habe ein Geſchäft an Euch zu beſtellen,“ rief Kirby.„Der gute Magiſtrat des Fleckens hat Euch ein Brieflein geſchrieben und mich dafür als Poſtreiter gedungen.“ „Was wollt Ihr von mir, Billy Kirby?“ verſetzte Natty, indem er über ſeine Schwelle ſchritt, und zum Schutze gegen die Strahlen der untergehenden Sonne ſeine Hand über die Augen hielt, um ſich ſeinen Beſuch näher zu betrachten.„Ich habe kein Land zu lichten und der Himmel weiß, ich würde lieber ſechs Bäume ſetzen als einen einzigen niederſchlagen laſſen. Leg' dich, Hector, ſage ich; marſch in deine Hütte.“ „Wirklich, alter Knabe?“ rief Billy.„Nun um ſo beſſer für mich. Doch jetzt zu meinem Auftrag. Hier iſt ein Brief an Euch, Lederſtrumpf. Wenn Ihr ihn leſen könnt, ſo iſt's rechk; im andern Falle iſt hier Squire Doolittle zur Hand, der Euch den Inhalt mittheilen kann. Ich glaube, es handelte ſich um weiter nichts, als daß Ihr den zwanzigſten Juni mit dem erſten Auguſt verwechſelt habt.“ Inzwiſchen hatte Natty Hiram's ſchlotterige Geſtalt entdeckt, die ſich unter dem Schutze eines hohen Baumſtumpfes aufgepflanzt hatte, und das Freundliche in ſeinem Benehmen machte augenblicklich dem entſchiedenſten Ausdrucke des Mißtrauens und Unwillens Platz. Er ſteckte den Kopf durch die Thüre ſeiner Hütte, ſprach einige leiſe Worte, und indem er ſich wieder umwendete, fuhr er fort— „Ich habe nichts mit Euch zu verkehren; packt Euch alſo fort, ehe mich der Böſe in Verſuchung führt, Euch ein Leides anzuthun. Wir haben keine Feindſeligkeiten mit einander, Billy Kirby, und weßhalb wollt Ihr einen alten Mann beunruhigen, der Euch nie beleidigt hat?“ Kirby brach ſich durch die Fichtenwipfel Bahn, und näherte ſich dem Jäger bis auf einige Fuße, worauf er ſich mit großer Ruhe auf das Ende eines Baumſtammes ſetzte und Hectors Naſe zu unterſuchen begann, mit dem er auf freundſchaftlichem Fuße ſtand, da er ihn oft in den Wäldern getroffen und hin und wieder aus ſeinem eigenen Brodkorbe gefüttert hatte. „Ihr habt's mir im Schießen zuvor gethan, und ich ſchäme mich nicht, es zu geſtehen,“ ſagte der Holzfäller.„Auch bin ich Euch nicht im mindeſten deshalb böſe, Natty, obgleich es den An⸗ ſchein hat, als hättet Ihr einmal zu oft geſchoſſen, denn es geht das Gerede, als hättet Ihr einen Bock erlegt.“ „Ich habe heute meine Büchſe nur zweimal abgefeuert, und jeder dieſer Schüſſe galt dem Panther,“ entgegnete Lederſtrumpf. „Seht, hier ſind die Scalpe. Ich wollte eben damit zu dem Richter gehen und das Schußgeld in Anſpruch nehmen.“ Natty hielt während dieſer Worte Kirby die Ohren der beiden Thiere hin, mit welchen dieſer fortwährend ſorglos ſpielte, indem er ſie den Hunden zeigke⸗ und über deren Bewegungen lachte, als ſie das ungewöhnliche Wild beſchnupperten. Jetzt wagte es auch Hiram, durch das Beiſpiel des ſtellver⸗ tretenden Conſtable ermuthigt, näher zu treten, worauf er alsbald mit der Autoritätsmiene, welche ſeiner Stellung gebührte, das Wort nahm. Das Erſte, was er that, beſtand in einer Vorleſung der Voll⸗ macht, wobei er Sorge trug, den weſentlichſten Theilen derſelben den gebührenden Nachdruck zu geben, bis er endlich in ſehr lautem und beſtimmtem Tone mit dem Namen des Richters ſchloß. „Hat Marmaduke Temple ſeinen Namen unter dieſen Fetzen Papier geſetzt?“ fragte Natty mit Kopfſchütteln.—„Gut, gut; dieſer Mann liebt die neuen Wege, ſeine Verbeſſerungen und ſeine Die Anſiedler. 3. Aufl. 7 418 Ländereien mehr als ſein eigen Fleiſch und Blut. Ich will's jedoch das Maͤdchen nicht entgelten laſſen: ihr Auge gleicht dem eines aus⸗ gewachſenen Rehs! Das arme Ding; ſie hat ihren Vater nicht ſelbſt gewählt, und kann's daher nicht ändern. Ich verſtehe mich wenig auf' Geſetz, Meiſter Doolittle; was ſoll jetzt geſchehen, nun Ihr mir Euren Auftrag verleſen habt?“ „O, es iſt nichts als eine Förmlichkeit, Natty,“ ſagte Hiram, der eine freundliche Miene anzunehmen bemüht war.„Laßt uns hineingehen und die Sache vernünftig beſprechen. Ich darf wohl ſagen, daß ſich das Geld leicht wird finden laſſen, und aus dem, was vorgegangen, ſchließe ich theilweiſe ſogar, daß der Richter Temple es ſelbſt bezahlen wird.“ Der alte Jäger hatte von Anfang an die Bewegungen ſeiner drei Gäſte mit ſcharfem Auge bewacht und ſeine Stellung gerade außerhalb der Schwelle ſeiner Hütte auf eine ſo entſchloſſene Weiſe genommen, daß man wohl ſehen konnte, es werde nicht leicht ſeyn, ihn von ſeinem Poſten zu vertreiben. Sobald Hiram näher trat, als erwarte er, daß ſein Vorſchlag angenommen ſey, erhob Natty ſeine Hand, und winkte ihm, ſich entfernt zu halten. „Habe ich Euch nicht mehr als einmal geſagt, Ihr ſolltet mich nicht in Verſuchung führen?“ ſagte er.„Ich beunruhige keinen Menſchen, warum kann das Geſetz nicht mich in Ruhe laſſen? Zurück! zurück! und ſagt Eurem Richter, daß er ſeine Belohnung behalten könne; aber ich dulde es einmal nicht, daß er ſeine ver⸗ derblichen Moden auch in meiner Hütte zur Ausübung bringe.“ Dieſes Anerbieten ſchien jedoch Hiram's Neugierde, ſtatt ſie zu beſchwichtigen— nur noch mehr zu entflammen, und Kirby rief— „Nun, das iſt ehrlich, Squire; er ſchenkt dem Bezirk ſeine For⸗ derung, und dafür ſoll ihm der Bezirk die Strafe erlaſſen. So was heiße ich einmal einen rechtlichen Handel, der auf der Stelle abgemacht werden ſollte. Mir gefällt ein raſches Verfahren, wenn's dabei in einer ehrlichen Weiſe zugeht.“ „Ich verlange Eingang in dieſes Haus,“ erklärte Hiram, der nun alle Würde, welche ihm zu Gebot ſtand, aufbot.„Ich verlange es im Namen des Volks, kraft dieſer Vollmacht und meines Amtes, und rufe dieſen Friedensbeamten zum Zeugen auf.“ „Zurück, zurück, Squire! und führt mich nicht in Verſuchung,“ rief Lederſtrumpf, indem er ihm allen Ernſtes zum Rückzuge winkte. „Wenn Ihr Euch wehrt, ſo geſchieht es auf Eure Gefahr,“ fuhr Hiram fort.—„Billy! Jotham! heran, ich bedarf Eures Zeugniſſes.“ 5 Hiram hatte das gemäßigte, aber entſchiedene Benehmen Natty's für Nachgiebigkeit genommen und bereits einen Fuß auf die Schwelle geſetzt, als er ſich unerwartet an den Schultern gefaßt fühlte und ebenſobald über den kleinen damm in der Richtung des Sees auf zwanzig Fuß weit hinwirbelte. Das Plötzliche dieſer Bewegung und die uner⸗ wartete Kraftentwickelung von Seite Natty's hatten bei den Ein⸗ dringlingen eine vorübergehende Beſtürzung hervorgerufen, welche Alle zum Schweigen brachte; aber im nächſten Augenblicke brach Billy Kirby in ein ſchallendes Gelächter aus, das aus der Tiefe ſeines Herzens zu quellen ſchien. „Brav gemacht, alter Stumpf!“ ſchrie er.„Der Squire kannte Euch beſſer als ich. Kommt her, kommt her— da iſt ein grüner Platz; fechtet es aus wie Männer, während Jotham und ich Acht haben, daß es ehrlich dabei zugeht.“ „William Kirby, ich befehle Euch, Eure Pflicht zu thun,“ rief Hiram von dem Damme aus, hinter dem er lag.„Ergreift dieſen Mann! ich befehle Euch im Namen des Volkes, ihn feſt zu nehmen!“ Lederſtrumpf aber nahm nun eine drohendere Haltung an; er hatte die Büchſe in ſeiner Hand und die Mündung derſelben auf den Holzfäller gerichtet. „Zurück, ſag' ich,“ rief Natty.„Ihr wißt, daß ich gut ziele, Billy Kirby; ich verlange Euer Blut nicht, aber das Eurige und 420 das meinige muß dieſen Raſen färben, ehe Ihr einen Fuß in die Hütte ſetzt.“ So lange die Sache von keinem Belange zu ſeyn ſchien, war der Holzfäller geneigt, es mit der ſchwächeren Parthei zu halten: ſobald aber Feuerwaffen zum Vorſchein kamen, erſchien ſein Be⸗ nehmen gänzlich umgeändert. Er richtete ſeine ſtämmige Geſtalt von dem Baumſtamme auf, und trat dem Jäger mit den Worten entgegen— „Ich bin nicht als Euer Feind hieher gekommen, aber ich be⸗ kümmere mich um das hohle Stück Eiſen in Eurer Hand ſo wenig als um meinen Artſtiel;— gebt daher eine geſetzliche Ordre, Squire, und wir wollen bald ſehen, wer von uns beiden den Kür⸗ zeren ziehen wird!“ Aber da war keine Magiſtratsperſon mehr zu ſehen! In dem Augenblicke, als die Büchſe zum Vorſchein kam, hatten ſich Hiram und Jotham unſichtbar gemacht. Da der Holzfäller keine Antwort bekam, ſo blickte er überraſcht zurück und bemerkte alsbald die fliehenden Geſtalten, wie ſie mit einer Schnelligkeit dem Dorfe zueilten, die nicht nur die Geſchwindigkeit einer Büchſenkugel, ſondern auch ihre mögliche Flugweite in Betracht gezogen zu haben ſchien. „Ihr habt die Tröpfe zum Kuckuk gejagt,“ ſagte Kirby, mit einem Zuge tiefer Verachtung in ſeinem breiten Geſichte,„aber mich werdet Ihr nicht ſo leicht los. Weg alſo mit Eurem Gewehr, Meiſter Bumppo, oder es gibt eine Unannehmlichkeit zwiſchen uns.“ Natty ließ ſeine Büchſe ſinken und erwiederte— „Ich wünſche Euch kein Leid zuzufügen, Billy Kirby; aber ich laſſe Euch ſelbſt urtheilen, ob die Hütte eines alten Mannes dazu vorhanden iſt, um ſich von ſolchem Gewürm niedertreten zu laſſen. Ich will den Bock nicht gegen Euch verläugnen, Kirby, und wenn Ihr wollt, ſo könnt Ihr die Haut mitnehmen und ſie als Zeugniß gegen mich aufweiſen. Das Schußgeld für den Panther wird die Schuld bezahlen, und das muß Jedermann zufrieden ſtellen.“ „Allerdings, allerdings,“ rief Kirby, von deſſen offener Stirne bei dieſem freiwilligen Erbieten jeder Schatten von Mißvergnügen verſchwand;„werft die Haut heraus, ſo muß ſich das Geſetz zu⸗ frieden geben.“ Natty gieng in ſeine Hütte und erſchien bald mit dem genannten Zeugniſſe, worauf ſich der Holzfäller in ſo gutem Einvernehmen von dem Jäger trennte, als ob nichts vorgefallen wäre. Während Kirby am Rande des Sees dahin gieng, brach er noch oft in ein lautes Lachen aus, wenn er an Hirams Burzelbaum dachte, wie er denn überhaupt das Ganze als einen Kapitalſpaß betrachtete. Aber lange ſchon, ehe Billy das Dorf erreichte, hatte ſich das Gerücht von ſeiner Gefahr, von Natty's Mißachtung des Ge⸗ ſetzes und von Hiram's Niederlage verbreitet. Man ſprach allgemein davon, den Sheriff aufzubieten, ließ Winke hinſichtlich einer Zu⸗ ſammenberufung der bewaffneten Macht fallen, um die Beleidigung des Geſetzes zu ahnden, und viele Bürger hatten ſich verſam⸗ melt, um die weiteren Schritte zu berathen. Billys Ankunft mit der Haut, welche jeden Grund zur Hausdurchſuchung beſeitigte, änderte jedoch die Sachlage weſentlich. Es handelt ſich nur noch von dem Einzuge der Strafe und einer Wahrung der Würde des Volks — Punkte, welche, der allgemeinen Anſicht zu Folge, ebenſo wohl am künſtigen Montag als am Samſtag Abend beigelegt werden konnten, zumal da ein großer Theil der Anſiedler den letzteren als eine geheiligte Zeit betrachtete. Dem gemäß erlitten alle weiteren Schritte einen ſechsunddreißigſtündigen Aufſchub. 42² Einunddreißigſtes Kapitel. Und wagteſt Du, dem Leu'n In ſeinem Neſt zu dräu'n, Dem Douglas in ſeiner Halle? Marmion. Die eben erwähnte Aufregung hatte ſich bereits wieder gelegt: die kleinen Gruppen der Dorfbewohner begannen ſich zu zerſtreuen, um nach ihren Wohnungen zurück zu kehren und mit der ernſten Miene von Leuten, welche ihre politiſchen Gefühle auch in ihrem Aeußern zur Schau tragen wollen, die Thüren hinter ſich abzuſchließen, als Oliver Edwards auf ſeinem Heimwege von Herrn Grant's Wohnung dem jungen Rechtsgelehrten begegnete, welcher dem Leſer bereits als Herr Lippet bekannt iſt. Die Charaktere und Anſichten der Beiden hatten nur wenig Aehnlichkeit; ſie gehörten jedoch der intel⸗ ligenteren Claſſe einer ſehr kleinen Gemeinde an, weßhalb ſie ſich natürlich nicht fremd waren, und da ihr Zuſammentreffen in einer Weiſe geſchah, wo Schweigen als Unhöflichkeit erſchienen wäre, ſo entſpann ſich unter ihnen folgendes Geſpräch:— „Ein ſchöner Abend, Herr Edwards,“ begann der Rechtsgelehrte, bei dem es wenigſtens ſehr zweifelhaft war, ob ihm dieſer Anlaß ungelegen komme;„aber das lange Ausbleiben des Regens iſt ein ſchlimmer Umſtand. Ein übles Klima, das unſrige, denn wir haben entweder Dürre oder Ueberſchwemmungen. Wahrſcheinlich ſind Sie an eine gleichförmigere Temperatur gewohnt?“ „Ich bin in dieſem Staate geboren,“ entgegnete Edwards kalt. „Nun, ich habe oft über dieſen Punkt ſtreiten hören; aber das Naturaliſtren wird einem ſo leicht gemacht, daß wenig daran liegt, wo Einer geboren iſt. Ich bin neugierig, welchen Weg der Richter in der Geſchichte mit Natty Bumppo einzuſchlagen gedenkt.“ „Mit Natty Bumppo?“ wiederholte Edwards.„Was wollen Sie damit ſagen?“ „— „Ei, haben Sie noch nichts davon gehört?“ rief der Andere, mit einer ſo natürlich angenommenen Ueberraſchung, daß Edwards völlig dadurch getäuſcht wurde.„Ja, das kann ſchlimm ausfallen. Es ſcheint, der alte Mann iſt in den Bergen geweſen und hat dieſen Morgen einen Hirſch geſchoſſen. Sie wiſſen, daß etwas der Art in den Augen des Richters ein Hauptvergehen iſt.“ „Wirklich!“ entgegnete Edwards, indem er ſein Geſicht ab⸗ wandte, um die Glut zu verbergen, die ſeine ſonnverbrannten Wangen überflog.„Je nun, wenn es nichts weiter iſt, ſo muß er eben die Strafe bezahlen.“ „Sie beträgt fünf Pfund klingender Münze,“ erwiederte der Rechtsgelehrte.„Kann Natty wohl auf einmal ſo viel Geld auf⸗ bringen?“ „Ob er es kann?“ rief der Jüngling.„Ich bin nicht reich, Herr Lippet— im Gegentheil, ich bin arm, und habe meinen Gehalt für einen Zweck, der mir nahe am Herzen liegt, aufgeſpart; aber ehe man dieſen alten Mann nur eine Stunde ins Gefängniß ſpexrt, wollte ich lieber den letzten Heller hergeben, um es zu verhindern! Außerdem hat er zwei Panther erlegt, und das Schußgeld dafür wird die Strafe bei weitem überſteigen.“ „Ja, ja,“ verſetztender Rechtsgelehrte, indem er mit dem Aus⸗ drucke ungekünſtelter Freude ſeine Hände rieb;„wir werden es durchführen; ich ſehe klar ein, wir werden es durchführen.“ „Was durchführen, Sir? Ich muß um eine Erklärung bitten.“ „Ei nun, der erlegte Bock iſt eine Kleinigkeit in Vergleichung mit dem, was dieſen Abend ſtatt gefunden hat,“ fuhr Herr Lippet mit einer Zutraulichkeit fort, welche den Jüngling unwillkührlich beſtach, ſo wenig er den Mann ſonſt liebte.„Es ſcheint, daß das Factum klagbar und ein Eid darauf abgelegt worden iſt, das Wildpret befinde ſich wahrſcheinlich in der Hütte. Das Geſetz hat ſich auch für ſolche Fälle vorgeſehen, und der Richter Temple erließ eine Vollmacht zur Hausdurchſuchung——“ 424 „Zur Hausdurchſuchung?“ echoete Edwards mit entſetzter Stimme und mit einem Geſichte, welches er abermals abwenden mußte, um deſſen Bläſſe zu verbergen.„Und was entdeckte man, was hat man geſehen?“ „Nichts, als des alten Bumppo's Büchſe, und das iſt ſchon ein Anblick, welcher den meiſten Leuten in den Wäldern die Neugierde vertreiben kann.“ „Wirklich, wirklich?“ frohlockte Edwards, in ein convulſiviſches Lachen ausbrechend.„So hat ſie alſo der alte Held zurückgeſchlagen! — Schlug er ſie wirklich zurück, Sir?“ Der Rechtsgelehrte heftete ſeine Augen erſtaunt auf den Jüng⸗ ling; und als ſeine Verwunderung den Gedanken Raum gab, welche in ſeinem Geiſte gemeiniglich die vorherrſchenden waren, verſetzte er: „Ich muß Ihnen ſagen, Sir, daß da durchaus kein Grund zum Lachen vorhanden iſt. Die vierzig Dollar Schußgeld und Ihr ſechsmonatlicher Gehalt-werden wohl ziemlich zuſammen gehen, ehe ſich dieſer Handel in's Reine bringen läßt. Ein Angriff auf eine Magiſtratsperſon, wenn ſie in Vollziehung ihrer Pflicht begriffen iſt, und eine gleichzeitige Bedrohung des Conſtable mit Feuerwaffen ſind gar ernſte Händel, die ſowohl mit Geldſtrafe als mit Gefängniß gebüßt werden.“ „Gefängniß?“ wiederholte Oliver.„Lederſtrumpf und Ge⸗ fängniß? Nein, nein, Sir, es würde den alten Mann ins Grab bringen. Nimmermehr wird man den Lederſtrumpf einſperren.“ „Nun, Herr Edwards,“ entgegnete Lippet, indem er jetzt alle Zurückhaltung fallen ließ,„man hält Sie für einen Gelehrten, aber wenn Sie mir ſagen können, wie man eine Jury verhindern kann, in einem ſolchen Falle, wo der Beweis ſo ſonnenklar iſt, das Schuldig auszuſprechen, ſo will ich zugeben, daß Sie mehr von dem Geſetze verſtehen, als ich, obgleich ich meine licentiam practicandi ſchon ſeit drei Jahren in der Taſche trage.“ Inzwiſchen hatte Edwards' Vernunft die Oberhand über ſeine —-————.—õ —— ☚ 22 N — —.— Gefühle gewonnen, und als er die wirklichen Schwierigkeiten des Falles einzuſehen begann, lieh er den Worten des Advokaten ein aufmerkſameres Ohr. Die nicht unterdrückbare Aufregung, welche der Jüngling im erſten Augenblick der Ueberraſchung an den Tag gelegt hatte, war ganz verſchwunden, und obgleich er noch immer von dem Gehörten ſehr ergriffen zu ſeyn ſchien, ſo gelang es ihm doch, mit der größten Achtſamkeit auf den Rath des Andern zu horchen. Oliver entdeckte, ungeachtet ſeines verwirrten Gemüthszuſtandes, bald, daß ſich die meiſten Entwürfe des Advokaten auf eine Liſt begrün⸗ deten, deren Ausführung ſo viel Zeit erforderte, als weder ſein Charakter noch die Umſtände zuläſſig machten. Er gab jedoch Herrn Lippet zu verſtehen, er werde für den Fall, daß die Sache vor Gericht komme, ſeine Zuflucht zu ihm nehmen— eine Zuſiche⸗ rung, die den Rechtsgelehrten vollkommen zufrieden ſtellte; und ſo trennten ſie ſich, indem der Eine mit bedächtigen Schritten die Richtung nach einem kleinen Gebäude einſchlug, ob deſſen Thüre ſich ein hölzernes Schild mit den Worten„Cheſter Lippet, Rechts⸗ gelehrter“ befand, und der Andere eiligen Fußes dem Herrenhauſe zugieng. Wir verlaſſen vorderhand den Advokaten, und wenden die Aufmerkſamkeit des Leſers ſeinem Clienten zu. Als Edwards in die Hausflur trat, wo die ungeheueren Thüren ſich dem Durchzug einer milden Abendluft geöffnet hatten, traf er Benjamin mit einer ſeiner häuslichen Verrichtungen beſchäftigt, und fragte denſelben raſch, wo der Richter Temple ſey. „Der Richter iſt eben mit Meiſter Doolittle, dem Zimmermann, auf ſeine Amtsſtube gegangen; aber Miß»Lizzi iſt dort im Wohn⸗ zimmer. Ich ſage Ihnen, Herr Oliver, das hätte einen ſchlimmen Handel mit den Panthern abſetzen können. Ich ſagte es letzten Winter oft, daß eine ſolche Beſtie in den Bergen ſeyn müßte, denn ich hörte ſie eines Herbſtabends, als ich im Nachen nach dem Fiſcher⸗ grund hinunter fuhr, an dem Seeufer heulen. Wäre das Thier in das offene Waſſer heraus gekommen, wo man ſehen kann, wie und 4²6 wo man mit ſeinem Fahrzeug arbeitet, ſo hätte ich wohl mit ihm angebunden; aber ſo unter den Bäumen aufwärts zu ſehen, das kömmt mir gerade vor, als wenn man auf dem Deck eines Schiffes ſteht und nach dem Mars eines andern Fahrzeugs ſchaut. Man kann da kein Tau von dem andern unterſcheiden——“ „Schon gut,“ ſiel ihm Edward ins Wort.„Ich muß Miß Temple ſehen.“ „Das ſollen Sie, Sir,“ verſetzte der Hausmeiſter;„ſie iſt in dieſem Zimmer. Barmherziger Himmel, Herr Edwards, welch ein Verluſt wäre dieß für den Richter geweſen! der Teufel ſoll mich holen, wenn ich weiß, wo er eine andere ſolche Tochter hätte her⸗ nehmen wollen— ich meine nämlich eine erwachſene. Ich ſage Ihnen, Sir, dieſer Meiſter Bumppo iſt ein Ehrenmann, und ſcheint trefflich mit Feuerwaffen und Bootshacken umſpringen zu können. Ich bin ſein Freund, Herr Oliver, und will mich gegen ihn und Sie als einen ſolchen erweiſen.“ „Wir bedürfen vielleicht Eurer Freundſchaft, braver Mann,“ rief Edwards, indem er convulſiviſch ſeine Hände drückte.„Wir bedürfen vielleicht Eurer Freundſchaft, und in dieſem Falle werden wir ſicher auf Euch Bedacht nehmen.“ Ohne die aufrichtige Entgegnung, welche Benjamin hervor⸗ bringen wollte, abzuwarten, entwand der Jüngling ſeine Hand dem kräftigen Drucke des Hausmeiſters und trat in das Zimmer. Eliſabeth war allein und ſaß noch immer auf denſelben Sopha zurückgelehnt, wo wir ſie zuletzt geſehen haben. Eine Hand, welche an Geſtalt und Farbe in was immer für einem Kunſtgebilde nicht ihres Gleichen hatte, verhüllte ihre Augen, während die Jungfrau ſelbſt in tiefe Betrachtung verſunken ſchien. Betroffen von der Haltung und Liebenswürdigkeit der Geſtalt, die jetzt ſeinem Auge entgegen trat, zügelte der junge Mann ſeine Ungeduld, ſo daß er nur leiſe und achtungsvoll näher trat. „Miß Temple— Miß Temple,“ begann er;„ich hoffe, daß ich nicht ſtöre; aber ich muß Sie ſprechen, wäre es auch nur auf einen Augenblick.“ Eliſabeth erhob ihr Antlitz und ließ ihre ſchwarzen, in Thränen ſchwimmenden Augen gewahr werden. „Ah, ſind Sie's, Edwards,“ verſetzte ſie mit einer Anmuth in ihrer Stimme und einer Weichheit in ihren Mienen, welche ſich dem Verkehre mit ihrem Vater oft beimiſchten, die aber dem jungen Manne gegenüber ſo neu waren, daß es ihm alle Nerven durchfuhr. „Wie haben Sie unſere arme Luiſe verlaſſen?“ „Glücklich und von Dank erfüllt, in den Armen ihres Vaters,“ entgegnete Oliver.„Ich habe nie einen ſo ſchoͤnen Gefühlsausbruch geſehen, als den, welchen ſie an den Tag legte, während ich es wagte, ihr meine Freude über ihr glückliches Entkommen auszudrücken. Miß Temple, als ich zuerſt Ihre ſchreckliche Lage ſchildern hörte, waren meine Empfindungen zu gewaltig, um ſich ausſprechen zu laſſen, und ich fand erſt wieder Worte, nachdem mir der Spaziergang zu Herrn Grants Wohnung Zeit gelaſſen hatte, mich zu ſammeln. Ich glaube— ich glaube, ich habe mich dort beſſer benommen, denn ſogar Miß Grant weinte, als ich ihr meine Theilnahme ausdrückte.“ Eliſabeth ſchwieg einen Augenblick, und bedeckte abermals die Augen mit ihrer Hand. Dieſe Erregung war jedoch nur vorüber⸗ gehend; ſie erhob ihr Antlitz aufs Neue und fuhr lächelnd fort— „Ihr Freund Lederſtrumpf iſt nun auch der meinige geworden, Edwards, und ich dachte eben daran, wie ich ihm am beſten einen Dienſt leiſten könnte. Vielleicht ſind Sie, der Sie ſo gut mit ſeinen Gewohnheiten und Bedürfniſſen bekannt ſind, im Stande mir zu ſagen——“ „O, gewiß—“ rief der Jüngling mit einem Ungeſtüm, ob dem die Dame erſchrack—„gewiß bin ichs im Stande, und Gott möge Ihren guten Willen belohnen. Natty iſt ſo unklug geweſen, des Geſetzes zu vergeſſen und heute einen Hirſch zu tödten; und ich glaube ſogar, daß ich gleichfalls bei der Strafe betheiligt bin, 428 da ich bei dem ganzen Vorgange ſein Mitſchuldiger war. Bei Ihrem Vater iſt eine Klage vorgebracht worden, und er hat eine Vollmacht zu Durchſuchung——“ „Ich weiß Alles,“ unterbrach ihn Eliſabeth;„ich weiß Alles. Der geſetzlichen Form mußte Genüge geſchehen. Die Durchſuchung des Hauſes war nothwendig, um den Hirſch auffinden und die Strafe erkennen zu können. Aber ich muß Ihnen eine frühere Frage zu⸗ rück geben. Haben Sie ſo lange in unſerer Familie gelebt, nur um uns nicht zu kennen? Sehen Sie mich an, Oliver Edwards. Er⸗ ſcheint Ihnen mein Aeußeres wie das einer Perſon, welche zugeben würde, daß ein Mann, der ihr eben erſt das Leben gerettet hat, für eine ſo kleine Summe, als dieſe Strafe iſt, in einem Gefäng⸗ niß ſchmachte? Nein, nein, Sir; mein Vater iſt nicht allein Richter, ſondern auch Menſch und Chriſt. Die Sache iſt bereits vorher zwiſchen uns beſprochen worden, und es ſoll dem alten Manne kein Leides geſchehen.“ „Welch eine Laſt von Beſorgniſſen wälzen Sie durch dieſe Er⸗ klärung von meiner Bruſt!“ rief Edwards.„Er ſoll alſo nicht wieder beunruhigt werden? Ihr Vater will ihn beſchützen? Ich habe Ihre Verſicherung, Miß Temple, und muß es daher glauben.“ „Sie ſollen ſeine eigene haben, Herr Edwards,“ entgegnete Eliſabeth,„denn da kömmt er eben.“ Aber das Aeußere Marmaduke's, als er in das Zimmer trat, ſtund ganz im Gegenſatze zu den ſchmeichelhaften Hoffnungen ſeiner Tochter. Seine Stirne war tief gefurcht und ſeine Miene verſtört. Weder Eliſabeth noch der Jüngling ſprachen; ſie ließen den Richter etliche Male im Zimmer auf und ab gehen, worauf er anfieng— „Unſere Pläne ſind vereitelt, Mädchen! Lederſtrumpf's Starr⸗ ſinn hat den ganzen Unwillen des Geſetzes auf ſein Haupt herab gerufen, und es ſteht jetzt außer meiner Macht ihn abzuwenden.“ „Wie ſo? In welcher Weiſe?“ rief Eliſabeth.„Die Geld⸗ ſtrafe iſt für nichts anzuſchlagen; gewiß—— „Ich erwartete nicht— ich konnte nicht vorausſetzen, daß ein alter, freundloſer Mann wie er, es wagen würde, den Beamten der Gerechtigkeit Widerſtand entgegen zu halten,“ fiel ihr der Richter ins Wort.„Ich hoffte, daß er ſich der Strafe unterwerfen würde, und mit Bezahlung der Strafe wäre dem Geſetz Genüge geſchehen; jetzt aber hat er ſeine ganze Strenge zu befahren.“ „Und welche Strafe könnte über ihn erkannt werden, Sir?“ fragte Edwards, der ſich bemühte, Feſtigkeit in den Ton ſeiner Stimme zu bringen. Marmaduke wandte ſich raſch nach der Stelle um, nach welcher ſich der Jüngling zurückgezogen hatte, und rief: „Ah, Sie hier? Ich habe Ihrer nicht wahrgenommen. Ich weiß nicht, was das Ende ſeyn wird, Sir; denn ein Richter kann nicht entſcheiden, bis er die Zeugen verhört und die Jury ihr Verdict ausgeſprochen hat. Jedenfalls können Sie übrigens ver⸗ ſichert ſeyn, Herr Edwards, daß geſchehen wird, was das Geſetz heiſcht, wenn ich auch eine augenblickliche Schwäche an den Tag gelegt haben mag, weil der unglückliche Mann meiner Tochter einen ſo ausgezeichneten Dienſt erwieſen hat.“ „Niemand bezweifelt, meines Wiſſens, den Gerechtigkeitsſinn des Richters Temple,“ entgegnete Edwards bitter;„aber reden wir ruhig von der Sache. Werden nicht die Jahre, die Gewohnheiten und insbeſondere die Unwiſſenheit meines alten Freundes ihm gegen dieſe Anklage Schutz verleihen?“ „Wie wäre das möglich? Dieſe Einreden mögen ſeine Schuld vielleicht mindern, aber können ſie dieſelbe austilgen? Läßt ſich überhaupt ein geſelliger Verband denken, junger Mann, wo man den Dienern der Gerechtigkeit mit bewaffneter Fauſt entgegen tritt? Sollte ich nur deßhalb die Wildniß gezähmt haben?“ „Wenn Sie die Beſtien gezähmt haben würden, welche ſo kürzlich noch Miß Temple's Leben bedrohten, Sir, ſo moͤchten Ihre Argumente allenfalls beſſer am Ort ſeyn.“ 430 „Edwards!“ rief Eliſabeth—— „Ruhig, mein Kind,“ unterbrach ſie der Vater.„Der junge Mann iſt ungerecht, ohne daß ich ihm Anlaß dazu gegeben hätte. Ich will Nachſicht mit Deinen Worten haben, Oliver, denn ich weiß, daß Du ein Freund Natty's biſt, und nur deßhalb hat Dich Dein Eifer für ihn zu weit geführt.“ „Ja, er iſt mein Freund,“ rief Edwards,„und ich bin ſtolz auf dieſen Titel. Er iſt zwar einfach, ungelehrt, ſogar unwiſſend, und man könnte ihm vielleicht Vorurtheile zur Laſt legen, obgleich ich fühle, daß ſeine Anſicht von der Welt nur zu richtig iſt. Aber er hat ein Herz, Richter Temple, das für tauſend Fehler Erſatz leiſtet; er kennt ſeine Freunde und verläßt ſie nie, und wenn es auch nur ſeine Hunde wären.“ „Das iſt allerdings ein lobenswerther Charakter, Herr Ed⸗ wards,“ entgegnete der Richter mit Milde,„ich bin aber nie ſo glücklich geweſen, ſeine Achtung zu gewinnen, denn gegen mich war er immer zurückſtoßend, was ich ihm übrigens, als die Grille eines alten Mannes, nachgeſehen habe. Auch ſoll er, wenn ich ihm als ſein Richter entgegen treten muß, wegen ſeines früheren Benehmens nichts von mir zu befahren haben, ebenſo wenig als ſeine kürzlich geleiſteten Dienſte ſein Verbrechen mildern können.“ „Verbrechen?“ wiederholte Edwards.„Iſt es ein Verbrechen, einen lauernden Spürhund von ſeiner Thüre zu treiben? Ver⸗ brechen! O nein, Sir, wenn in dieſer Sache ein Verbrechen vorgefallen iſt, ſo kömmt es nicht auf ſeine Rechnung.“ „Auf weſſen ſonſt, Sir?“ fragte Richter Temple, indem er den aufgeregten Jüngling mit ſeiner gewohnten Ruhe in's Auge faßte. Dieſe Frage war mehr, als der junge Mann ertragen konnte, Bisher hatten ſeine Gefühle mehr in der Tiefe ſeiner Seele ge⸗ tobt, aber nun kam der Vulkan zum Ausbruch. „Auf weſſen? und das mir,“ rief er.„Frage Dein eigenes Gewiſſen, Richter Temple. Gehe hinaus zu dieſer Thüre und -—=—=ͤͤ— ———. betrachte das Thal, den ruhigen See, dieſe ſchattigen Berge, und frage dann Dein eigenes Herz, wenn Du eines haſt: woher kamen dieſe Reichthümer, dieſes Thal, dieſe Berge, und warum bin ich ihr Beſitzer? Ich ſollte meinen, die Geſtalten Mohegan's und Lederſtrumpfs, die verarmt und verlaſſen durch das Land ziehen, ſollten Dir allein ſchon den Anblick verleiden.“ Marmaduke hörte dieſen leidenſchaftlichen Ausbruch Anfangs mit hohem Erſtaunen an; als der Jüngling aber geendet hatte, winkte er ſeiner ungeduldigen Tochter, zu ſchweigen, und erwiederte: „Oliver Edwards, Du vergißſt, vor wem Du ſtehſt. Ich habe gehört, junger Mann, daß Du Anſprüche auf die Abkunft von den eingebornen Eigenthümern dieſes Bodens gründeſt; aber ſicherlich kann Dich die Erziehung, die Du erhalten, nichts nützen, wenn ſie Dich nicht gelehrt hat, die Berechtigung der Weißen anzuerkennen. Dieſe Ländereien ſind mein Eigenthum durch die Abtretung Deiner Vorfahren, wenn es anders mit Deiner angeblichen Abkunft ſeine Richtigkeit hat, und ich rufe den Himmel zum Zeugen auf für den Gebrauch, den ich davon gemacht habe. Nach einer ſolchen Sprache müſſen wir uns trennen. Ich habe Dir zu lange Schutz in meinem Hauſe gegeben; aber jetzt iſt die Zeit da, wo Du es verlaſſen mußſt. Komm auf mein Zimmer und ich will Dir auszahlen, was ich Dir noch ſchulde; auch ſoll Dein dermaliges Ungeſtüm Deinem Glücke nicht im Wege ſtehen, wenn Du auf den Rath eines Mannes hören willſt, der um ſo viele Jahre älter iſt, als Du.“ Das nicht zu bewältigende Gefühl, welches einen ſo leidenſchaft⸗ lichen Ausbruch des Jünglings herbeigeführt hatte, war entſchwunden, und er ſah Marmaduke's ſich entfernender Geſtalt mit einer Leerheit in den Blicken nach, welche die Abweſenheit ſeines Geiſtes bekundete. Endlich faßte er ſich und langſam im Zimmer umherblickend, be⸗ merkte er Eliſabeth, welche noch immer mit geſenktem Haupte auf dem Sopha ſaß und ihr Antlitz mit den Händen bedeckt hielt. „Miß Temple,“ begann er, denn in ſeinem Benehmen zeigte 43²2 ſich keine Spur mehr von der frühern Wildheit—„Miß Temple, ich habe mich vergeſſen; ich habe Ihrer vergeſſen. Sie haben den Entſchluß Ihres Vaters vernommen, und ich verlaſſe noch dieſen Abend das Haus. Von Ihnen aber wenigſtens möchte ich in Frieden ſcheiden.“ Eliſabeth erhob langſam ihr Antlitz, über das ſich ein flüch⸗ tiger Ausdruck der Trauer hinſtahl; als ſie aber ihren Sitz verließ, leuchteten ihre Augen wieder von dem gewöhnlichen Feuer; ihre Wange brannte, und ihre ganze Haltung ſchien einem anderen Weſen anzugehören. „Ich vergebe Ihnen, Edwards, und mein Vater wird Ihnen gleichfalls vergeben,“ ſagte ſie, als ſie die Thüre erreicht hatte. „Sie kennen uns noch nicht, aber die Zeit wird wohl kommen, wo Sie Ihre Anſichten wechſeln werden.“ „Ueber Sie? Niemals!“ unterbrach ſie der Jüngling.„Ich—“ „Ich will ſprechen, Sir, und nicht hören. Es liegt etwas in dieſer Sache, was ich nicht begreife; aber ſagen Sie Lederſtrumpf, daß er in meinem Vater nicht bloß den Richter, ſondern in uns Beiden auch Freunde vor ſich hat. Beunruhigen Sie den alten Mann nicht unnöthiger Weiſe durch eine Erzählung des eben ſtattgehabten Vor⸗ gangs. Er hat die gerechteſten Anſprüche an uns, und ſie ſollen durch das, was Sie geſprochen, nicht gemindert werden. Herr Edwards, ich wünſche Ihnen Glück und wärmere Freunde.“ Der Jüngling wollte noch reden, aber ſie verſchwand ſo ſchnell durch die Thüre, daß er, als er in die Hausflur trat, nirgends mehr etwas von ihr erblicken konnte. Er blieb einen Augenblick wie betäubt ſtehen; dann ſtürzte er aus dem Hauſe und ſchlug, ſtatt Marmaduke auf ſein Zimmer zu folgen, unmittelbar den Weg nach der Hütte der Jäger ein. — Zweiunddr eißigſtes Kapitel. Die Erde maß er und die Bahn der Sterne, Der Monden Lauf, auf unbegrenzte Ferne. Pope. Richard kehrte erſt in der Nacht des ſolgenden Tages von der Erfüllung ſeiner amtlichen Obliegenheit zurück. Es war ein Theil ſeines Geſchäftes geweſen, die Verhaftung einer Falſchmünzer⸗ bande zu beaufſichtigen, welche ſelbſt in jener frühen Periode ſich in die Wälder begraben hatte, um daſelbſt ihr ſchlechtes Geld aus⸗ zuprägen und es nachher von einem Ende der Union bis zum an⸗ dern in Umlauf zu ſetzen. Dieſe Amtsreiſe war erfolgreich geweſen, und der Sheriff zog ungefähr um Mitternacht an der Spitze einer bewaffneten Macht von Gerichtshelfern und Conſtablen, welche vier gebundene Uebelthäter in ihrer Mitte hatte, im Dorfe ein. An dem Thore des Herrenhauſes trennte man ſich, nachdem Herr Jones ſeine Beiſtände beauftragt hatte, ihre Gefangenen in das Bezirks⸗ gefängniß abzuliefern, worauf der Sheriff mit einer Art von Selbſt⸗ zufriedenheit, wie ſie ein Mann von ſeinem Schlage wohl empfinden mag, wenn er einmal etwas wirklich ſehr Verſtändiges ausgeführt hat, den Kiesweg hinanſchritt. „Holla! Aggy!“ ſchrie Richard, als er die Thüre erreichte— „Wo biſt Du, Du ſchwarzer Schlingel? Soll ich denn im Freien übernachten? Holla! Aggy! Brave! Brave! Ho, ho, wo biſt Du hin gekommen, Brave? Er iſt nicht auf ſeinem Poſten! Alle Welt ſchläft; nur ich armer Teufel muß die Augen offen halten, damit Andere ſicher ſchlummern mögen. Brave! Brave! Nun, ſo träge auch der Hund geworden iſt, ſo muß ich ihm doch nachſagen, daß ich jetzt zum erſtenmal ſehe, wie er Jemand zur Nachtzeit der Thüre nahe kommen läßt, ohne ihn zu beſchnuppern, um ausfindig zu machen, ob er ein ehrlicher Mann ſey oder nicht. Seine Naſe Die Anſiedler. 3. Aufl. 28 434 führte ihn dabei faſt ſo ſicher, als mich mein Auge. Hollah! Agamemnon! wo biſt Du? Ah! da kömmt der Hund endlich.“ Der Sheriff war inzwiſchen abgeſtiegen, und ſah auch eine Geſtalt, welche er für Brave hielt, langſam aus der Hütte kriechen, als ſich dieſelbe plötzlich zu ſeinem großen Erſtaunen, ſtatt auf vier Beine, auf zwei aufrichtete, und er im Sternenlichte den krauſen Kopf und das ſchwarze Geſicht des Negers unterſcheiden konnte. „Ha! was zum Teufel, machſt Du hier, Du ſchwarzer Schuft?“ rief er.„Iſt's in dieſer warmen Nacht für Dein Guineablut im Hauſe nicht heiß genug, ſondern mußt Du auch noch den armen Hund vertreiben, um in ſeinem Stroh zu ſchlafen?“ Unterdeſſen war der Burſche ganz wach geworden, und ver⸗ ſuchte es nun, heulend ſeinem Herrn zu antworten:— „O! Maſſa Richard! Maſſa Richard! ſolch ein Ding! ſolch ein Ding! Ich nie denken, es konnt ſeyn! Nie denken, er ſterben! Ach Gott! Iſt nicht begraben— ihn aufgehoben, bis Maſſa Richard zurück ſeyn— ein Grab gegeben—— Hier gewannen die Gefühle des Negers vollſtändig die Ober⸗ hand, und ſtatt die Urſachen ſeines Schmerzes deutlich aus einander zu ſetzen, heulte er nur laut hinaus. „Wie? was? begraben? Grab? Tod?“ rief Richard, mit einem Zittern in ſeiner Stimme.„Doch nichts Ernſtliches? Hoffent⸗ lich iſt Benjamin nichts begegnet? Ich weiß, er hatte eine belegte Zunge; aber ich gab ihm——“ „8! ſchlimmer als das!“ ſchluchzte der Neger.„Ach Gott! Miß Lizzy und Miß Grant— ſpazieren gehen— Berg— armer Brave! Umbringen ein jung Panther— Ach Gott! ach Gott!— Natty Bumppo— Hals abbeißen— kommen und ſehen, Maſſa Richard— hier er ſeyn— hier er ſeyn.“ Da dieß Alles dem Sheriff völlig unerklärlich war, ſo mußte er ſich ſchon gedulden, bis der Schwarze eine Laterne aus der Küche geholt hatte; und nun folgte er Aggy zu der Hundehütte, wo er 2 — ⏑ᷣ den armen Brave mit Blut befleckt, ſteif und kalt, aber anſtändig mit dem Mantel des Negers bedeckt, liegen ſah. Er war im Be⸗ griffe, weitere Erklärungen zu verlangen; aber der Schmerz des Schwarzen, der bei ſeiner freiwillig übernommenen Todtenwache eingeſchlafen war, brach auf's Neue los, ſo daß von ſeiner Seite aus nichts der Art zu erwarten ſtand. Zum Glück öffnete ſich in dieſem Augenblicke die Hauptthüre des Hauſes, und auf der Schwelle zeigte ſich die derbe Geſtalt Benjamins, der ſein Licht in einer Weiſe in die Höhe hielt, welche ſeine Züge grotesk beleuchtete. Richard warf den Zügel dem Schwarzen zu, befahl demſelben nach dem Pferde zu ſehen, und trat in die Hausflur. „Was iſt's mit dem todten Hunde?“ rief er.„Wo iſt Miß Temple?“ Benjamin machte eine ſeiner plumpen Geberden, indem er mit dem Daumen ſeiner linken Hand über die rechte Schulter deu⸗ tete, und antwortete:— „Wohl aufgehoben.“ „Und wo iſt Richter Temple?“ „In ſeiner Koje.“ „Aber erklärt mir, warum iſt Brave todt und warum benimmt ſich Aggy ſo ungeberdig?“ „Ei, das iſt alles dort aufgeſchrieben, Squire,“ ſagte Ben⸗ jamin, indem er auf eine Schiefertafel deutete, welche neben einem Branntweinkruge, einer kurzen, noch brennenden Pfeife und einem Gebetbuche lag.. Es gehörte unter anderem auch zu Richards Liebhabereien, über alles was vorfiel, ein Regiſter zu führen; und ſein Tagebuch, das ſo ziemlich die Form und Einrichtung eines Schifflogs hatte, enthielt nicht nur Begebniſſe, die ihn ſelbſt berührten, ſondern auch Wetter⸗ beobachtungen und alles Andere, was ſich in der Familie oder wohl auch im Dorfe zutrug. Seitdem ihm das Amt des Sheriffs über⸗ tragen war, in Folge deſſen er häufig von Hauſe abweſend ſeyn 436 mußte, hatte er Benjamin den Auftrag ertheilt, alles Denkwürdige auf einer Schiefertafel zu notiren, um es ſodann nach ſeiner Heim⸗ kehr regelmäßig, nebſt den geeigneten Bemerkungen über Zeit, Art und Weiſe und noch anderen kleinen Einzelnheiten, dem Tagebuche einzuverleiben. Gegen ſolche Dienſte fand von Benjamins Seite aller⸗ dings ein weſentlicher Einwurf ſtatt, den nur Richards Genie zu beſeitigen vermochte. Der Hausmeiſter konnte nämlich nichts leſen, als ſein Gebetbuch, und auch dieſes nur theilweiſe und nicht ohne Beihilfe vielen Buchſtabirens; und was das Schreiben anbelangte, ſo hatte er nie mit der Feder einen Buchſtaben gemalt. Dieſer Umſtand würde den Ehrenmann in den Augen der meiſten Menſchen für immer zur Führung eines Tagebuchs verdorben haben; aber Richard erfand eine Art hieroglyphiſcher Zeichenſchrift, welche alle gewöhnlichen Begebenheiten des Tages— als da waren: die Rich⸗ tung des Windes, ob die Sonne ſchien oder ob es regnete, die Stunden und ſo weiter— umfaßte; kam dann etwas Außerordent⸗ liches vor, ſo mußte der Sheriff dieß dem Scharfſinn des Major⸗ domo überlaſſen, nachdem er ihm zuvor allgemeine Anleitungen darüber gegeben hatte. Der Leſer wird nun wohl begreifen, warum Benjamin, ſtatt direkt auf des Sheriffs Frage zu antworten, nach der Tafel deutete, auf welcher der Tagesbericht verzeichnet war. Nachdem Herr Jones ein Glas Branntwein getrunken, holte er ſein eigenes Tagebuch aus einem Verſtecke hervor, ſetzte ſich an den Tiſch, und ſchickte ſich an, den Inhalt der Schiefertafel auf's Papier zu übertragen, zu gleicher Zeit aber auch ſeine eigene Neu⸗ gierde zu befriedigen. Benjamin legte vertraulich die eine Hand auf die Lehne des Stuhls, auf welchem der Sheriff ſaß, während er die andere frei ließ, um den Zeigefinger, welcher eben ſo krumm war, als ſeine Charaktere, benützen zu können, wenn es galt, den Sinn derſelben zu erklären. Die erſte Chiffre, welche der Sheriff betrachtete, war das Bild eines Compaſſes, welches zu permanentem Gebrauche am Ende der Schiefertafel eingegraben war. Die Haupt⸗ „— 437 gegenden waren deutlich darauf angemerkt, und die übrigen Ab⸗ theilungen in einer Weiſe gemacht, daß Niemand, der einmal ein Schiff geſteuert, darüber in Irrthum gerathen konnte. „Ah!“ ſagte der Sheriff, indem er ſich's in ſeinem Stuhle bequem machte;„ich ſehe, wir hatten die ganze letzte Nacht Süd⸗ oſtwind; ich dachte, er würde uns Regen zublaſen.“ „Zum Henker, Sir;'s iſt kein Tropfen gefallen,“ entgegnete Benjamin.„Ich glaube, die Luckenrinnen über Deck ſind leer, denn in den letzten drei Wochen iſt in der Gegend nicht ſo viel Waſſer heruntergekommen, um den Kahn des Indianers John ſchwimmen zu machen, und der iſt doch ſo leicht, daß er mit einem Zoll Nichts, ſtatt Waſſers davon fahren könnte.“ „Gut, aber hat der Wind nicht dieſen Morgen umgeſchlagen? An dem Orte wenigſtens, wo ich war, fand ein Wechſel ſtatt.“ „Freilich, Squire; aber habe ich nicht das Umſchlagen des Windes gelogt?“ „Ich ſehe nichts; wo? Benjamin—— „Ei der tauſend!“ fiel der Hausmeiſter etwas ungeduldig ein, „iſt da nicht ein Zeichen gegen Oſt und zu Nord halb⸗Nord, mit ſo einer Art Bild, wie eine aufgehende Sonne, an dem Ende des⸗ ſelben, um anzuzeigen, daß es in der Morgenwache ſtatt fand?“ „Ja, ja, das iſt ſehr verſtändlich; aber wo iſt denn der Wechſel angedeutet?“ „Wo? Ei ſehen Sie denn nicht hier dieſen Theekeſſel mit einem Strich, der von dem Hahn aus gerade— nu, vielleicht auch ein bischen krumm— gegen Weſt und zu Süd⸗halb⸗Süd läuft? Das iſt mein Zeichen für ein Umſchlagen des Windes. Nun, ſehen Sie dieſen Schweinskopf, den Sie für mich an der Seite des Compaſſes angebracht haben——“ „Ja, ja— den Boreas— ich ſehe es. Ihr habt Linien von ſeinem Munde aus gezogen, die ſich von dem einen Eurer Zeichen bis zu dem andern erſtrecken.“ 1 „Das iſt nicht meine Schuld, Squire Dickens, ſondern die Eures verwünſchten Klimas. Der Wind hat heute nach all dieſen Marken geblaſen, und da gieng's ganz um den Compaß herum, mit Aus⸗ nahme eines kleinen iriſchen Orkans gegen Mittag, den Sie rechts aufgezeichnet finden werden. Ich habe im Canal einmal einen Südweſter erlebt, der drei Wochen fort blies und von einem ſo klaren Regen begleitet war, daß Sie hätten Geſicht und Hände damit waſchen können, ohne ſich die Mühe nehmen zu müſſen, Waſſer über Bord zu holen.“ „Ganz recht, Benjamin,“ entgegnete der Sheriff, indem er das Factum in das Journal eintrug;„ich glaube, ich habe Deinen Ge⸗ danken aufgefaßt. Ah! da iſt eine Wolke über der aufgehenden Sonne— ihr hattet wohl am Morgen Nebel?“ „Ja, ja, Sir,“ antwortete Benjamin. „Richtig! es iſt Sonntag, und hier ſind die Zeichen für die Länge der Predigt, eins, zwei, drei, vier— was? Hat Herr Grant vierzig Minuten gepredigt?“ „So etwas der Art; es war eine gute halbe Stunde nach meinem eigenen Glas, und dann gieng Zeit verloren mit dem Um⸗ drehen; auch gab ich ein bischen zu für die Abtrift, da ich nicht ganz gewiß hierüber war.“ „Benjamin, das wäre ſo lang, als wenn ein Presbyterianer gepredigt hätte. Ihr könnt doch nicht zehn Minuten gebraucht haben, um das Glas umzudrehen?“ „Je nun, ſehen Sie, Squire, der Pfarrer war ſehr feierlich, und ich hatte eben meine Augen geſchloſſen, um beſſer über ſeine Worte nachdenken zu können, wie man ja auch die Nachtlichter mit Schirmen verſieht; um Alles behaglich zu machen, und als ich ſie wieder öffnete, fand ich, daß die Verſammlung im Heimgehen begriffen war. Ich ſchloß alſo, die zehen Minuten würden die Abtrift decken, nachdem das Glas aus war. Es war nur ſo etwas, wie ein Katzenſchlaf.“ „Aha! Meiſter Benjamin, Ihr ſeyd alſo eingenickt! Doch ich 439 will einem orthodoxen Geiſtlichen nicht die Schmach anthun, dies niederzuſchreiben.“ Richard notirte deßhalb neun und zwanzig Minuten in ſeinem Tagebuche, und fuhr ſodann fort: „Was iſt denn das, was da neben zehn Uhr Vormittags ſteht? Ein Vollmond! Habt Ihr bei Tag einen Mond geſehen? Es iſt mir wohl früher ſolch ein Ereigniß zu Ohren gekommen, doch— ehl was iſt das nebenan? ein Stundenglas?“ „Das?“ entgegnete Benjamin, indem er kaltblütig über des Sheriffs Schulter ſah und mit ſpaßhafter Geberde den Tabak im Munde hin und her rollte;„je nun, das iſt eine kleine Bemerkung, die mich ſelber angeht. Es ſoll nämlich nicht den Mond, ſondern Betty Holliſter's Geſicht vorſtellen, Squire; denn ſehen Sie, ich hörte ſo etwas, als hätte ſie eine neue Ladung Jamaicarum fluß⸗ aufwärts erhalten, und ſo ſprach ich denn dieſen Morgen bei ihr an— zehn Uhr ſteht alſo da? ja, um dieſe Zeit muß es geweſen ſeyn, denn ich war auf dem Gang nach der Kirche begriffen und verſuchte ein Glas; ich habe es in's Log eingetragen, damit es mir nicht entfalle, es wie ein ehrlicher Mann zu bezahlen.“ „So, das iſt's alſo?“ ſagte der Sheriff, etwas unwillig über dieſe Einſchwärzung in ſeine Notizentafel;„und konntet Ihr kein beſſeres Glas machen als dieſes? Es ſteht ja aus wie ein Todtenkopf mit einem Stundenglaſe.“ „Ei, da mir der Stoff behagte, Squire,“ verſetzte der Haus⸗ meiſter,„ſo kehrte ich auf dem Heimwege wieder ein und nahm noch ein Glas zu mir, welches ich auf dem Boden des erſten an⸗ kreidete, und ſo hat das Ding dieſe Geſtalt erhalten. Ich bin aber heute Abend wieder dort geweſen und habe alle drei zumal bezahlt, weßhalb Euer Gnaden wohl mit dem Wiſcher darüber fahren mag.“ „Für ſolche Notizen will ich Euch eine eigene Schiefertafel kaufen, Benjamin,“ entgegnete der Sheriff,„ich mag im Journal keine derartigen Aufzeichnungen haben.“ „Sie brauchen ſich nicht zu bemühen, Squire, Sie brauchen ſich nicht zu bemühen; denn da ich mit der Weibsperſon wahr⸗ ſcheinlich noch oft in Verkehr treten werde, ſo lange nämlich dieſes Feſt anhält, ſo habe ich mit Betty einen Borgvertrag eingegangen; ſie macht ihre Zeichen an die Innenſeite ihrer Schenkverſchlags⸗ thüre, und ich führe die Controlle mit dieſem Kerbholz da.“ Bei dieſen Worten brachte Benjamin ein Stück Holz zum Vorſchein, an dem fünf ſehr tiefe Kerben eingeſchnitten waren. Der Sheriff blickte einen Moment auf dieſes ſinnreiche Contobuch, und fuhr dann fort: „Was haben wir hier? Samstag Nachmittag zwei Uhr— ei, das iſt ja ein ganzes Familiengelage! Zwei Weingläſer auf der Seite!“ „Die bedeuten zwei Frauenzimmer; das eine ſtellt Miß Lizzy vor, und das andere iſt des Pfarrers Tochter.“ „Baſe Eliſabeth und Miß Grant?“ rief der Sheriff verwundert. „Was haben denn dieſe mit meinem Tagebuch zu thun?“ „Sie hatten genug zu thun, um dem Rachen des Panthers da zu entrinnen,“ ſagte der unerſchütterliche Hausmeiſter.„Dieſes Ding hier, ſehen Sie, Squire, das vielleicht wie eine Ratte ausſieht, iſt die Beſtie, und das andere da, mit aufwärts gekehrtem Kiele, iſt der arme alte Brave, der ſo nobel ſtarb, wie ein Admiral, welcher für König und Vaterland ſicht; und dieß hier iſt—— „Eine Vogelſcheuche,“ unterbrach ihn Richard. „Ci, es ſieht vielleicht etwas wild aus,“ fuhr der Hausmeiſter fort,„aber nach meinem Urtheile, Squire, iſt es das beſte Bild, das ich je gemacht habe, weil es dem Mann am meiſten ähnlich ſieht;— es iſt Natty Bumppo, welcher den Panther hier erſchoß, der den Hund dort todt biß, und wahrſcheinlich die jungen Damen da gefreſſen oder ſonſt getödtet haben würde.“ „Und was zum Teufel ſoll all dieß heißen?“ rief Richard ungeduldig. 1 „Was es heißen ſoll?“ wiederholte Benjamin.„Es iſt ſo wahr als das Log der Boadiſhey——“ Er wurde hier durch den Sheriff unterbrochen, welcher jetzt einige direkte Fragen an ihn ſtellte und auf dieſem Wege hin⸗ reichend verſtändliche Antworten erhielt, um ſich eine ziemlich richtige Vorſtellung von dem Thatbeſtande machen zu können. Als das Erſtaunen und— wir müſſen Richard Gerechtigkeit widerfahren laſſen, auch die Erſchütterung, welche durch dieſe Erzählung geweckt worden, einigermaßen nachließen, wandte der Sheriff ſeine Augen abermals auf die Tafel, wo ihm noch weitere unerklärliche Hiero⸗ glyphen entgegen traten. „Was haben wir noch? Zwei boxende Männer? Hat ein Friedensbruch ſtatt gefunden? Ja, ſo geht'’s, wenn ich dem Flecken nur einen Augenblick den Rücken zukehre——“ „Das iſt der Richter und der junge Herr Edwards,“ fiel ihm der Hausmeiſter ganz cavaliermäßig in's Wort. „Wie? Duke im Kampf mit Oliver? Was Teufels iſt denn in euch alle gefahren? Hat ſich doch in den letzten ſechs und dreißig Stunden mehr zugetragen, als in den verwichenen ſechs Monaten zuſammengenommen!“ „Ja, ſo iſt's in der That, Squire,“ entgegnete der Major⸗ domo.„Ich habe einmal ein ſchmuckes Jagdſchiff geſehen, und ein Gefecht auf ſeinem Hintertheile, das nicht ſo viel in ſein Logbuch brachte, als ich hier auf dieſer Schiefertafel habe. Es kam jedoch dieß Mal nicht zu Thätlichkeiten: ſie haben nur ein bischen das Maul gegen einander gebraucht.“ „Nur fort! nur fort!“ rief Richard.„Es war wegen der Minen— ja, ja, ich ſehe es, ich ſehe es; hier iſt ein Mann mit einer Haue auf ſeiner Schulter. Ihr hörtet alſo alles mit an, Benjamin?“ „Ich weiß nicht, was ſie für Mienen dabei machten, Squire,“ erwiederte der Hausmeiſter,„aber ſo viel kann ich ſagen, daß ſie ſich ſehr offen gegen einander ausſprachen. Ich habe allerdings ein Stückchen davon mit angehört, denn die Fenſter ſtanden offen, und ich befand mich ganz in der Nähe. Aber das hier iſt keine Haue, ſondern ein Anker, den ein Mann auf der Schulter trägt; der andere Hacken läuft auf dem Rücken herunter, freilich etwas zu nahe; und das bedeutet, daß der Junge in die See geſtochen und ſeinen Hafen mit dem Rücken angeſehen hat.“ „So? Hat alſo Edwards das Haus verlaſſen?“ „Ja.* Richard fuhr in dieſer Weiſe fort, und nach einem langen und ausführlichen Verhör gelang es ihm, alles aus Benjamin heraus zu holen— nicht nur das, was derſelbe von der ſtattgehabten Zwiſtigkeit wußte, ſondern auch den Verſuch, Natty's Hütte zu viſi⸗ tiren, und Hiram's Niederlage. Der Sheriff war kaum im Beſitz dieſer Thatſachen, welche Benjamin mit aller möglichen Rückſicht für Lederſtrumpf berichtete, als Erſterer ſeinen Hut aufnahm und, nachdem er dem erſtaunten Hausmeiſter befohlen hatte, die Thüren zu ſchließen und zu Bette zu gehen— das Haus verließ. Richard war ſchon eine Weile verſchwunden, als Benjamin noch immer, mit in die Seite geſtemmten Armen und die Augen feſt auf die Thüre gerichtet, daſtand; endlich erholte er ſich jedoch einigermaßen von ſeiner Verblüffung und ſchickte ſich an, den er⸗ haltenen Befehlen nachzukommen. Es iſt bereits geſagt worden, daß das Bezirksgericht, über welches Marmaduke Temple den Vorſitz führte, am folgenden Morgen ſeine regelmäßige, periodiſche Sitzung abhalten ſollte. Richards Begleiter waren Gerichtsdiener, welche ſowohl ihr durch die Sitzungen nöthig gewordener Dienſt, als auch der Gefangenen⸗ Transport nach dem Dorfe gebracht hatte, und der Sheriff kannte ihre Gewohnheiten zu gut, um nicht überzeugt zu ſeyn, daß er die meiſten, wo nicht alle die von ihnen, in dem Reſtaurationszimmer des Gefängniſſes finden würde, wo ſie die Eigenſchaften des kerker⸗ — —3— d — 8d 4⁴43 meiſterlichen Branntweins beſprachen. Er nahm daher ſeinen Weg durch die ſchweigſamen Straßen des Dorfes unmittelbar nach dem kleinen und unſicheren Gebäude, welches alle Schuldner, nebſt einigen Ver⸗ brechern des Bezirks barg, und wo für unkluge Prozeßkrämer Recht geſprochen wurde, die einfältig genug waren, zwei Dollars weg⸗ zuwerfen, um von ihren Nachbarn Einen zu erhalten. Die An⸗ kunft von vier Uebelthätern unter der Bewachung von einem Dutzend Polizeibeamten war damals in Templeton ein Ereigniß, und als der Sheriff bei dem Gefängniſſe anlangte, entdeckte er aus allen Merkmalen, daß ſeine Untergebenen im Sinne hatten, die Nacht durchzuzechen. Der Wink des Sheriffs brachte zwei ſeiner Gehilfen an die Thüre, welche ihrer Seits ſechs oder ſieben der Conſtablen aus⸗ wählten. Mit dieſer Macht verſehen, gieng Richard durch das Dorf voran auf das Seeufer zu, ohne daß die Stille der nächtlichen Wanderung durch andere Töne, als durch das Bellen eines oder des andern, durch die gemeſſenen Schritte der Polizeimannſchaft beun⸗ ruhigten Kettenhundes oder durch das leiſe Gemurmel des Häufleins unterbrochen wurde, welches einige behutſame Fragen und Ant⸗ worten hinſichtlich des Zwecks ſeiner Expedition wechſelte. Als ſie die kleine hölzerne Brücke, die über den Susquehannah führte, hinter ſich hatten, bogen ſie von der Straße ab und nach dem Felde ein, welches der Schauplatz des Sieges über die Tauben geweſen war. Von hier aus folgten ſie ihrem Führer in das niedrige Fichten⸗ und Kaſtaniengebüſch, welches längs der Seeufer, wo der Pflug die Bäume noch nicht verdrängt hatte, aufſchoß, und bald betraten ſie den Wald ſelbſt. Hier machte Richard Halt und ſammelte ſeine Schaar um ſich. „Ich habe euern Beiſtand aufgeboten, meine Freunde,“ begann er leiſe,„um Nathanael Bumppo, gemeiniglich Lederſtrumpf genannt, zu verhaften. Er hat eine Magiſtratsperſon thätlich mißhandelt und ſich der Vollziehung eines Hausdurchſuchungsbefehls widerſetzt, 444 wobei er das Leben eines Conſtable mit ſeiner Büchſe bedrohte. Mit einem Worte, meine Freunde, er hat das Beiſpiel einer Auf⸗ lehnung gegen die Geſetze gegeben und iſt ſomit gewiſſermaßen vogelfrei. Da noch außerdem der Verdacht anderer Vergehen gegen Privatrechte auf ihm laſtet, ſo erachte ich es für meine Pflicht, kraft meines Amts als Sheriff, beſagten Bumppo noch in dieſer Nacht feſt zu nehmen und in das Bezirksgefängniß zu bringen, damit er gegenwärtig ſey, für dieſe ſchweren Anklagen in der mor⸗ genden Sitzung Rede zu ſtehen. Um dieß zu vollziehen, meine Freunde und Mitbürger, bedarf es des Muthes und der Vorſicht— des Muthes, damit ihr euch nicht durch was immer für geſetzloſe Verſuche dieſes Mannes, der uns vielleicht mit ſeiner Büchſe Widerſtand leiſtet, einſchüchtern laßt; und der Klugheit, die hier beſonders in Vorſicht beſtehen muß, damit er nicht unſerem plötz⸗ lichen Angriff entrinne; auch ſind noch weitere gute Gründe vor⸗ handen, deren ich hier nicht zu erwähnen brauche. Ihr werdet daher ſeine Hütte umzingeln und auf meinen lauten Ruf ‚„vorwärts⸗ vordringen, ſeine Wohnung mit Gewalt öffnen und ihn zum Ge⸗ fangenen machen, noch ehe der Verbrecher zur Ueberlegung Zeit findet. Vertheilt Euch daher zu dieſem Zwecke, während ich mit einem Gehilfen an's Ufer hinunterſteige, um dieſen Punkt zu bewachen. Ich werde mich unter dem Damme vor der Hütte aufſtellen, wohin alle Mittheilungen an mich perſönlich zu ergehen haben.“ Dieſe Rede, welche Richard auf dem Herwege ausſtudirt, hatte die Wirkung aller ähnlichen rhetoriſchen Productionen— nämlich die, ſeinen Streitern die Gefahr des Unternehmens recht leb⸗ haft zu Gemüthe zu führen. Die Männer vertheilten ſich, indem ſich die einen tiefer in den Wald zogen, um ohne Aufſehen an ihre Poſten zu gelangen, und die andern vorwärts ſchritten, aber ſo langſam, daß der Zug recht wohl Ordnung halten konnte; über⸗ haupt waren alle Vorkehrungen ſo getroffen, daß man den Angriff eines Hundes abſchlagen oder aber einer Büchſenkugel ausweichen konnte. Es war ein Augenblick der ängſtlichſten Erwartung und des geſpannteſten Intereſſes. Sobald der Sheriff glaubte, es ſey nun Zeit genug ver⸗ floſſen, um es der Executionsmannſchaft möglich zu machen, die angewieſenen Poſten einzunehmen, unterbrach ſeine Stimme das Schweigen des Waldes, indem er das Loſungswort brüllte. Die Töne ſpielten unter den Bogen der Bäume in hohlen Cadenzen hin; als aber der letzte Laut vor dem Ohr verklungen war, ließ ſich ſtatt des erwarteten Hundegeheuls nichts anderes vernehmen, als das Krachen einknickender, trockener Baumzweige unter den Füßen der vorrückenden Polizeibeamten. Doch auch dieſes hörte, wie in Folge allgemeiner Uebereinkunft, bald auf, und nun gewannen bei dem Sheriff Neugierde und Ungeduld ſo vollſtändig die Oberhand über die Klugheit, daß Richard den Damm hinan eilte und in einem Augenblick auf dem kleinen, gelichteten Grunde vor der Stelle ſtand, wo Natty ſo lange gelebt hatte. Aber zu ſeinem größten Erſtaunen ſah er ſtatt einer Hütte nichts als rauchende Trümmer. Das Erecutionsperſonal ſammelte ſich allmälig um den Aſchen⸗ haufen und die glimmenden Holzblöcke, während eine ſchwache Flamme im Mittelpunkt des Brandplatzes, die noch Nahrung genug fand, um ihr zögerndes Leben zu friſten, ein bleiches Licht um ſich goß, wenn ſie in den vorübergehenden Strömungen der Luft auf⸗ flackerte und bald die erſtaunt ſich anſehenden Geſichter ſchauen ließ, bald dieſelben wieder in nächtliche Dunkelheit begrub. Keine Stimme erhob ſich, um zu fragen oder Verwunderung auszudrücken. Der Uebergang von der Aufregung zur Täuſchung war zu ge⸗ waltig, um Worten Raum zu geben, und ſelbſt Richard verlor den Gebrauch eines Organs, das ihm nur ſelten den Dienſt verſagte. Die ganze Gruppe war noch in voller Verwunderung, als eine hohe Geſtalt aus dem Dunkel in den Kreis trat und die heiße Aſche nebſt den hinſterbenden Funken mit dem Fuße niederdrückte: ſie ſtand mit abgenommener Mütze über dem Lichte und ließ das 446 unbedeckte Haupt und die verwitterten Züge Lederſtrumpfs unter⸗ ſcheiden. Er ſah einen Augenblick auf die ihn umgebenden ſchat⸗ tenhaften Figuren mit einem Geſichte, in welchem ſich eher Kum⸗ mer als Unwillen ausſprach, und begann ſodann: „Was wollt ihr von dem alten hülfloſen Manne? Ihr habt die Geſchöpfe Gottes aus der Wildniß vertrieben, wohin ſie der Wille Seiner Vorſehung verſetzt hat, und die Beunruhigungen und Teufeleien des Geſetzes in eine Gegend gebracht, wo ſeit Menſchengedenken nie ein Menſch den andern beunruhigte. Ihr habt mich, der ich vierzig lange Jahre der mir beſchiedenen Zeit an dieſem Orte ver⸗ lebte, um Haus und Obdach gebracht, die ich in Brand ſteckte, damit nicht eure verderbenbringenden Tritte und Moden meine Hütte befleckten. Ja, ihr habt mich gezwungen, dieſe Holzblöcke anzuzünden, unter denen ich faſt ein halbes Jahrhundert die Gaben des Himmels genoſſen und meinen Trunk aus der klaren Quelle geholt habe, und nun traure ich ob der Aſche unter meinen Füßen, wie ein Mann weint und trauert um die Kinder ſeines Leibes. Ihr habt das Herz eines alten Mannes, der euch und den Eurigen nie etwas zu Leide gethan, mit bitteren Gefühlen gegen ſein Ge⸗ ſchlecht erfüllt, und zwar zu einer Zeit, wo ſeine Gedanken einer beſſeren Welt zugekehrt ſeyn ſollten; ihr habt ihn zu dem Wunſche getrieben, daß er zu den Thieren des Waldes gehören möͤchte, die ſich doch nie an dem Blute ihres eigenen Geſchlechtes letzen, und nun er zurückkehrt, um den letzten Brand von ſeiner Hütte zu ſehen, ehe er ſich vollends in Aſche verzehrt, folgt ihr ihm zur Mitter⸗ nachtsſtunde, wie hungrige Hunde der Spur eines abgehetzten und ſterbenden Hirſches. Was wollt ihr von mir? Hier bin ich — Ciner gegen viele. Ich komme, um zu trauern, nicht um zu kämpfen; und wenn es einmal Gottes Wille iſt, ſo verfahrt mit mir nach Eurem Gefallen.“ Als der alte Mann geendet hatte, ſah er die Gruppe ernſt an, während die aufzuckende Flamme ein mattes Licht auf ſein faſt kahles Haupt warf. Die Verfolger traten unwillkührlich von dem Brandplatze in die Dunkelheit zurück, und ließen dem alten Mann einen freien Ausweg zur Flucht in das Gebüſch, wo ein Nach⸗ ſetzen im Finſtern fruchtlos geweſen wäre. Natty ſchien dieſes Vorkheils nicht zu achten, denn er betrachtete jedes Individuum des Kreiſes der Reihe nach, als wolle er ſehen, wer der erſte ſey, der Hand an ihn legte. Nach einer kurzen Pauſe begann Richard ſeine verwirrten Fähigkeiten wieder zu ſammeln; er trat vor, entſchuldigte ſich mit ſeiner Pflicht und nahm den Alten ge⸗ fangen. Die Uebrigen ſchloſſen ſich an ihn an, nahmen Natty in ihre Mitte, und ſo ſchlug der Zug, von dem Sheriff angeführt, die Richtung nach dem Dorfe ein. Auf dem Wege wurden verſchiedene Fragen an den Gefange⸗ nen geſtellt, warum er ſeine Hütte verbrannt, und wohin ſich Mohegan zurückgezogen habe, denen jedoch Natty ein beharrliches Stillſchweigen entgegenſetzte. Endlich erreichte der Sheriff mit ſeinem Gefolge, ermüdet von den Geſchäften des Tages und von der ſpäten nächtlichen Thätigkeit, das Dorf, wo ſie ſich nach ihren verſchiedenen Nachtquartieren zerſtreuten, nachdem ſie zuvor den alten und anſcheinend freundloſen Lederſtrumpf im Gefängniſſe untergebracht hatten. Dreiunddreißigſtes Kapitel. Den Stock herbei! Du ſtörr'ger alter Schuft, achtbarer Prahler, Wir wollen dich belehren. ear. Die langen Tage und der frühe Aufgang der Sonne im Juli ließen den Neugierigen Zeit, ſich zu verſammeln, ehe noch die kleine Glocke der Akademie die Stunde ankündigte, wo Gericht über die Uebelthäter gehalten und die Strafe über die Schuldigen ausge⸗ ſprochen urden ſollte. Vom frühen Grauen des Morgens an 448 drängten ſich auf den Landſtraßen und Wahlpfaden, die an der Seite des Gebirgs ſich nach Templeton hinunterſchlängelten, Gruppen von Reitern und Fußgängern, welche dem Hafen der Gerechtigkeit zuſteuerten. Hier ſah man einen gut gekleideten Grundbeſitzer auf einem glatten dünnſchwänzigen Pferde die Landſtraße einhertraben, das rothe Geſicht auf eine Weiſe in die Luft geworfen, welche ſagte:„ich habe mein Land bezahlt und bekümmere mich um kei⸗ nen Menſchen,“ während ſeine Bruſt von dem Stolze des Bewußt⸗ ſeyns, zu der großen Jury zu gehören, ſchwoll. An ſeiner Seite ritt ein Gefährte, der ſich wohl ebenſo unabhängig fühlen mochte, aber, was Beſitzthum und Anſehen betraf, doch unter dem Erſteren ſtand. Er war ein berüchtigter Prozeßkrämer— ein Mann, deſſen Namen jedesmal auf dem Gerichtskalender erſchien— der ſein auf den vielfältigen Wegen der veränderlichen Gewohnheiten eines Anſiedlers erworbenes Vermögen den Harpyen der Gerichts⸗ höfe in den Rachen warf, und der ſich eben bemühte, dem Großge⸗ ſchworenen ſein Recht in einer Sache, die heute zur Entſcheidung kommen ſollte, recht klar auseinander zu ſetzen. An der Seite dieſer beiden befand ſich ein Fußgänger mit einem geſtreiften Kittel über ſeinem Hemde und ſeinem beſten Wollenhut über einem ſonnverbrannten Geſichte, der eben aus ſeinem Schlupfwinkel in den Wäldern mittelſt eines Fußpfades herausgekommen war und mit den Andern gleichen Schritt zu halten ſuchte, da er im Sinne hatte, als Mitglied der kleinen Jury die Zwiſtigkeiten ſeiner Nach⸗ barn mit anzuhören und ſchlichten zu helfen. Man konnte an dieſem Morgen wohl fünfzig ähnliche Gruppen von Landleuten ſehen, welche ſich in gleicher Abſicht dem Hauptorte zu bewegten. Um zehn Uhr waren die Straßen des Dorfes mit geſchäftigen Geſichtern erfüllt. Einige ſprachen von ihren Privatangelegen⸗ heiten, Andere horchten auf einen populären, politiſchen Sprecher, und noch Andere begafften die ausgelegten Vorräthe, bewunderten die Schönheiten derſelben, oder unterſuchten Sicheln, Aexte und er 81 258E KS NV2 andere Artikel, welche ihre Neugierde erregten. Unter dem Ge⸗ dränge befanden ſich auch einige Weiber, welche meiſt Kinder bei ſich hatten und ihren bäuriſchen Herren und Gebietern in trägem,⸗ ſchlenderndem Gange folgten. Beſonders fiel ein junges Paar in den Flitterwochen des Eheſtandes auf; ſie giengen in achtungsvoller Entfernung neben einander her, während der Jüngling die ſchüch⸗ ternen Schritte ſeiner jungen Frau durch galantes Anbieten eines Daumens leitete. Bei dem erſten Schlage der Glocke trat Richard aus der Thüre des kühnen Dragoners, ein in der Scheide ſteckendes Schwert in der Hand, welches, ſeiner Ausſage nach, einer ſeiner Vorfahren bei Cromwell's Siegen geführt hatte, und gebot in gebieteriſchem Tone, für den Gerichtshof Platz zu machen. Dem Befehle wurde augenblickliche, wenn auch nicht ſelaviſche Folge geleiſtet, und die Zuſchauer nickten vertraulich den Mitgliedern der vorüberziehenden Proceſſion zu. Eine Abtheilung von Conſtablen mit ihren Amts⸗ ſtäben folgte dem Sheriff, und unmittelbar darauf erſchien Mar⸗ maduke mit vier einfachen, ernſt ausſehenden Grundeigenthümern, ſeinen Beiſitzern auf der Gerichtsbank. Die untergeordneten Richter unterſcheiden ſich von dem beſſeren Theile der Zuſchauer in nichts, als in der Gravität, welche ſie heute mehr als gewoͤhnlich zur Schau trugen; auch hatte einer derſelben eine altmodiſche, militäriſche Uniform mit zwei ſilbernen Epauletten, die nicht halb ſo groß als ein Paar moderner Achſelquaſten waren, und mit Schößen, die kaum die Mitte der Oberſchenkel erreichten, angelegt. Dieſer Gentle⸗ man war ein Oberſter der Miliz, dazu Mitglied des Kriegsgerichts, welcher ſo viel Muße gefunden hatte, ſich einen Augenblick ſeinen militäriſchen Obliegenheiten zu entziehen, um den Verhandlungen eines Civilgerichtshofes beizuwohnen; eine ſo wunderliche Erſcheinung erregte jedoch weder Aufmerkſamkeit noch Bemerkungen. Drei oder vier reinlich raſirte Rechtsgelehrte folgten ſo demüthig wie Lämmer, welche zur Schlachtbank gehen: einer oder zwei davon Die Anſiedler. 3. Aufl. 29 450 hatten es verſucht, ſich durch Brillen eine gelehrte Würde zu geben. Den Schluß der Proceſſion bildete eine weitere Abtheilung von Conſtablen, und die Menge folgte derſelben nach der Halle, wo der Gerichtshof ſeine Sitzung hielt. Das Gebäude beſtand aus einer Grundlage von viereckigtem Zimmerholz, hin und wieder durch kleine, vergitterte Fenſter durch⸗ brochen, aus welchen einige nachdenkliche Geſichter auf das Ge⸗ dränge niederſahen. Unter den Gefangenen befanden ſich die ſchuldbewußten, eingeſchüchterten Falſchm ünzer und unſer ehrlicher Lederſtrumpf. Die Kerker unterſchieden ſich, dem Aeußern nach, von den Gemächern der Schuldner nur durch den kleineren Um⸗ fang der Licht⸗Oeffnungen, die größere Stärke der Eiſengitter und die Köpfe von Kloben, welche als Schutz gegen den ungeſetzlichen Gebrauch von ſchneidenden Inſtrumenten in das Holz eingetrieben waren. Der obere Stock war Rahmenarbeit, regelmäßig mit Dielen bedeckt und enthielt ein einziges Gemach, das für die Zwecke des Gerichtshofs anſtändig decorirt war. Eine Bank erhob ſich auf einer ſchmalen Plateform bis auf Mannshoöͤhe über dem Boden und zog ſich, vorn durch ein Geländer geſtützt, durch die ganze Raumbreite. Im Mittelpunkt befand ſich ein roher Armſtuhl zum Gebrauche des präſidirenden Richters. Weiter vorn auf dem Boden des Zimmers ſtand ein großer mit grünem Wollenzeug überzogener und von Bänken umgebener Tiſch, und an jeder ſeiner Seiten waren Reihen ſich erhöhender Sitze für die Geſchworenen angebracht. Jede einzelne dieſer Abtheilungen umgab ein Gitter. Der übrige Theil des Gemachs war freier Raum zum Gebrauche der Zuſchauer. Als die Richter ſich geſetzt, die Advokaten an dem Tiſche Platz genommen und der Lärmen und das Scharren mit den Füßen in der Area ſich gelegt hatte, wurden die üblichen Proclamationen erlaſſen, die Geſchworenen beeidigt, die Klagen vorgebracht, und der Gerichtshof ſchritt zur Tagesordnung. —,— 11 — Wir wollen den Leſer nicht mit einer Beſchreibung der ver⸗ fänglichen Diskuſſionen, welche die erſten zwei Stunden ausfüllten, ermüden. Richter Temple hatte, Kraft ſeines Amtes, den Ge⸗ ſchworenen die Nothwendigkeit einer ſchleunigen Abfertigung an's Herz gelegt, indem er ihnen, aus Rüchſichten der Menſchlichkeit, zuerſt die Gefangenen im Kerker zur Beachtung empfahl. Dem⸗ gemäß verkündete, nach Abfluß der eben erwähnten Zeit, der Ruf eines Gerichtsdieners:„für die große Jury Platz zu machen,“ den Eintritt dieſer Körperſchaft. Die gewöhnlichen Förmlichkeiten wur⸗ den beobachtet, worauf der Obmann zwei Klagſchriften auf die Gerichtsbank legte, von denen dem Richter zuerſt der Name Na⸗ thanael Bumppo's in's Auge fiel. Im Saale herrſchte tiefe Stille, indem nur von der Seite der Gerichtsbank aus ein kurzes Flüſtern mit dem Sheriff ſtattfand, welcher ſofort ſeiner Dienſt⸗ mannſchaft ein Zeichen gab. Ein paar Minuten nachher wurde das Schweigen durch eine allgemeine Bewegung unter den Zuhörern unterbrochen, und unmittelbar darauf wurde Lederſtrumpf von zwei Conſtablen in die Angeklagtenſchranke geführt. Das Geſumme legte ſich; das Volk drang wieder in den geöffneten Raum, und bald trat auf's Neue eine ſo tiefe Stille ein, daß man die ſchweren Athemzüge des Gefangenen vernehmen konnte.— Natty trug ſeine hirſchledernen Kleider, jedoch ohne den Rock, deſſen Stelle nur durch ein Hemd von grober Leinwand, das oben loſe mittelſt einer Hirſchſehne ſchloß und den rothen Hals unter den wetterbraunen Zügen des Mannes ſchauen ließ, vertreten wurde. Es war das erſte Mal, daß er die Schwelle eines Gerichtshofs überſchritten hatte, und in ſeine perſönlichen Gefühle ſchien ſich ein bedeutender Grad von Neugierde zu miſchen. Er erhob ſeine Augen zu der Gerichtsbank und von da nach der Geſchworenen⸗ Loge, der Schranke und dem Gedränge außerhalb derſelben, wo er allenthalben auf Blicke traf, die feſt auf ihn geheftet waren. Er betrachtete ſodann ſich ſelbſt, als ſuche er hier die Urſache dieſer 452 ungewöhnlichen Aufmerkſamkeit, ſah ſich noch einmal in der Ver⸗ ſammlung um, und öffnete dann den Mund zu ſeinem ſtummen und bezeichnenden Lachen. „Gefangener, nehmt Eure Mütze ab,“ ſagte Richter Temple. Der Befehl wurde vielleicht nicht gehört, jedenfalls aber nicht beachtet. „Nathanael Bumppo, man ſteht hier nicht mit bedecktem Haupte,“ wiederholte der Richter. Natty fuhr bei dem Klange ſeines Namens zuſammen, erhob dann ſein Geſicht ernſt gegen die Gerichtsbank und ſagte: „Wie?“ Herr Lippet ſtand von ſeinem Sitze am Tiſche auf und flüſterte dem Gefangenen etwas in's Ohr, worauf Natty beifällig nickte und ſeine hirſchlederne Kopfbedeckung abnahm. „Herr Diſtriktsanwalt,“ fuhr der Richter fort,„der Gefangene iſt bereit. Wir harren der Anklage.“ Das Amt eines öffentlichen Anklägers war Dirck Van der School übertragen, der ſeine Brille aufſetzte und einen bedächtigen Blick auf ſeine Collegen vor den Schranken warf, worauf er, über ſeine Brillengläſer wegſehend, die Anklage laut zu verleſen begann. Sie betraf den Angriff auf die Perſon Hiram Doolittle's und war in der veralteten Sprache ſolcher Inſtrumente abgefaßt, wobei beſonders Bedacht darauf genommen war, in der Schrift auch nicht eine einzige Benennung der verſchiedenen im Geſetz er⸗ wähnten Angriffswaffen auszulaſſen. Sobald dieß geſchehen, nahm Herr Van der School ſeine Brille ab, verwahrte ſie im Futterale und ſteckte ſie in die Taſche, augenſcheinlich um ſich das Vergnügen zu verſchaffen, ſie wieder herausholen und auf ſeine Naſe ſetzen zu können. Nachdem dieſes Manöver ein oder zwei Mal wiederholt worden, händigte er die Klagſchrift Herrn Lippet ein, und zwar mit einer Miene, welche deutlich ausdrückte:„finde mir da einen Fehler auf, wenn du kannſt.“ Natty horchte auf die Anklage mit großer Aufmerkſamkeit, wobei er ſich mit einem Ernſte, welcher ſeine tiefe Theilnahme ver⸗ rieth, gegen den Verleſer vorbeugte— und als dieſer fertig war, richtete er ſich mit einem tiefen Seufzer ſeiner ganzen Länge nach auf. Aller Augen waren dem Gefangenen zugekehrt, von deſſen Stimme man ver⸗ geblich erwartete, ſie würde das Schweigen in der Halle unterbrechen⸗ „Ihr habt gehört, was man vor der großen Jury gegen Euch vorgebracht hat, Nathanael Bumppo,“ ſagte der Richter;„was habt Ihr gegen die Klage geltend zu machen?“ Der alte Mann ließ nachdenkend ſeinen Kopf ſinken, erhob ihn aber bald wieder und lachte, ehe er antwortete: „Ich kann nicht in Abrede ziehen, daß ich mit dem Menſchen ein bischen rauh umgegangen bin; aber daß ich von all den Dingen, von welchen der Herr da geſprochen hat, hätte Gebrauch machen wollen, iſt in ſeinen Hals hinein gelogen. Ich bin in meinem Alter kein ſonderlicher Ringer mehr; aber als ich unter den Schot⸗ tiſchirländern war— wartet ein wenig— es muß wohl um das erſte Jahr des alten Krieges geweſen ſeyn— 3 „Herr Lippet, wenn Ihr der Advokat des Gefangenen ſeyd,“ fiel Richter Temple ein,„ſo belehrt Euren Clienten über das, was von ihm verlangt wird. Andernfalls wird ihm der Gerichtshof einen Rechtsbeiſtand zuweiſen.“ Durch dieſen Aufruf in dem Studium der Klagſchrift unter⸗ brochen, ſtand der Rechtsgelehrte auf, beſprach ſich eine Weile leiſe mit dem Jäger und erklärte ſodann gegen den Gerichtshof, daß ſie bereit ſeyen fortzufahren. „Seyd Ihr ſchuldig, oder nicht ſchuldig?“ fragte der Richter. „Ich kann mit gutem Gewiſſen ſagen, daß ich nicht ſchuldig bin,“ verſetzte Natty;„denn es kann von keiner Schuld die Rede ſeyn, wenn man thut, was Recht iſt; und ich hätte mich lieber auf der Stelle umbringen laſſen, ehe ich ihm erlaubt haben würde, in jenem Augenblick ſeinen Fuß in meine Thüre zu ſetzen.“ 1 454 Richard richtete ſich bei dieſer Erklärung auf, und heftete einen Blick auf Hiram, den dieſer mit einer leichten Bewegung ſeiner Augenbraunen erwiederte. „Fahrt in der Sache fort, Herr Diſtriktsanwalt,“ ſprach der Richter.„Sekretair, tragt die Erklärung des Angeklagten ein.“ Nach einer kurzen Anrede von Seiten Herrn Van der Schools wurde Hiram vor die Schranken gefordert, um ſein Zeugniß ab⸗ zulegen. Es war vielleicht buchſtäblich wahr, aber mit all jener captatio benevolentiae verklauſulirt, welche ſich in Sätzen, wie „keine ſchlimme Abſicht,“„Pflichtgefühl als obrigkeitliche Perſon,“ und„Augenzeuge, wie der Conſtable in der Ausübung ſeines Amtes gehemmt wurde,“ ausdrücken ließ. Als dieß geſchehen war und der Diſtriktsanwalt auf keinem weiteren Verhöre beſtand, erhob ſich Herr Lippet mit inquiſitoriſcher Miene und ſtellte folgende Fragen: „Seyd Ihr ein Conſtable dieſes Bezirks, Sir?“ „Nein, Sir,“ verſetzte Hiram;„ich bin bloß ein Friedens⸗ richter.“ „Ich frage Euch, Herr Doolittle, im Angeſichte dieſes Gerichts⸗ hofes, bei Eurem Gewiſſen und Eurer Geſetzeskenntniß, ob Ihr ein Recht hattet, in die Wohnung dieſes Mannes zu dringen?“ „Herr!“ räuſperte ſich Hiram, in deſſen Innerem ſich ein heftiger Kampf zwiſchen ſeiner Rachſucht und der Achtung ſeines Rufs als Geſetzmann erhob;„ich glaube— daß in— das heißt — dem ſtrengen Recht nach— unter der Vorausſetzung— viel⸗ leicht kein eigentliches— geſetzliches Recht vorhanden war;— aber wie die Sache lag— und Billy nicht vorwärts wollte— ſo dachte ich, ich dürfe mich wohl darein legen.“ „Ich frage Euch noch einmal, Sir,“ fuhr der Rechtsgelehrte, ſeinen Vortheil verfolgend, fort,„ob dieſer alte— dieſer freund⸗ loſe alte Mann Euch wiederholt das Eintreten verbot oder nicht?“ „Je nun, ich muß geſtehen,“ ſagte Hiram,„daß er gewaltig widerhaarig war— nicht, was ich freundlich nenne; während er — * 455 doch ſah, daß ich bloß als Nachbar kam, der in das Haus eines Andern gehen will.“ „Ah, Ihr geſteht alſo zu, daß das Ganze nur als ein Be⸗ ſuch von Eurer Seite gemeint war, ohne daß eine geſetzliche Autorität dabei in's Spiel kam? Bemerken Sie ſich die Worte des Zeugen, meine Herren: ‚er kam blos als Nachbar, der in das Haus eines Andern gehen will'. Ich frage Euch nun, Sir, hat Nathanael Bumppo Euch nicht wiederholt den Eintritt verboten?“ „Es ſind einige Worte zwiſchen uns gewechſelt worden,“ ent⸗ gegnete Hiram,„aber ich las ihm meine Vollmacht ausdrücklich vor.“ „Ich wiederhole meine Frage: Hat er Euch nicht ausdrück⸗ lich geſagt, Ihr ſolltet ſeine Wohnung nicht betreten?“ „Es iſt zu einem ziemlichen Wortwechſel gekommen, aber ich habe die Vollmacht in der Taſche; ſollte vielleicht der Gerichtshof Einſicht davon nehmen wollen?“ „Zeuge,“ unterbrach Richter Temple,„beantwortet die Frage: hat Euch der Beklagte den Eintritt in ſeine Hütte verboten oder nicht?“ „Je nun, ich dächte——“ „Wir wollen eine unumwundene Antwort,“ fuhr der Richter mit Ernſt fort. „Ja, er that es.“. „Und verſuchtet Ihr, nach dieſem Verbot einzudringen?“ „Ja, aber ich hatte die Vollmacht in meiner Hand.“ „Fahrt fort in Eurem Verhör, Herr Lippet.“ Da jedoch der Anwalt ſah, daß der Eindruck zu Gunſten ſei⸗ nes Clienten war, ſo winkte er nur ſtolz mit der Hand, als wolle er die Einſicht der Jury nicht ſo weit in Zweifel ziehen, um eine fernere Vertheidigung für nöthig zu erachten, und verſetzte: „Nicht doch, Sir; ich überlaſſe das Weitere Euren Gnaden; mein Amt iſt hier zu Ende.“ „Herr Diſtriktsanwalt,“ ſagte der Richter,„habt Ihr noch etwas beizufügen?“ 456 Herr Van der School entfernte ſeine Brille, legte ſie zuſam⸗ men, ſetzte ſie abermals auf ſeine Naſe, betrachtete die andere Klagſchrift, die er in Händen hatte, und erwiederte ſodann, über die Gläſer ſeines optiſchen Werkzeugs nach der Schranke ſehend:— „Ich ſtehe, mit dem Wohlnehmen des Gerichtshofs, von einer weiteren Verfolgung der Sache ab.“ Richter Temple ſtand auf und faßte die Anklage zuſammen. „Meine Herren Geſchworenen,“ fuhr er fort,„Ihr habt den Zeugen vernommen, und ich will Euch nicht lange aufhalten. Wenn einem Diener des Geſetzes in Ausübung eines Befehls Widerſtand geleiſtet wird, ſo hat er ein unbezweifeltes Recht, jeden Bürger zu einem Beiſtand aufzufordern; und der Act einer ſolchen Beihülfe ſteht gleichfalls unter dem Schutze des Geſetzes. Ich ſtelle es daher Eurem Ermeſſen anheim, meine Herren, in wie weit, dem abgelegten Zeugniß zufolge, der Zeuge in einer ſolchen Eigenſchaft betrachtet werden kann, und überlaſſe den Fall, trotz ſeiner mangel⸗ haften Form, um ſo eher Eurer Entſcheidung, weil noch ein anderer Punkt klagbar geworden iſt, welcher den unglücklichen Gefangenen eines weit ſchwereren Vergehens beſchuldigt.“ Der Ton von Marmaduke's Stimme war ſanft und gewin⸗ nend, und da ſeine Anſichten mit ſo augenſcheinlicher Unparteilichkeit ausgeſprochen waren, ſo ermangelten ſie nicht, auf die Jury den geeigneten Eindruck zu üben. Die ernſtausſehenden Grundbeſitzer, welche dieſes Tribunal bildeten, ſteckten, ohne die Loge zu ver⸗ laſſen, auf einige Minuten die Köpfe zuſammen, worauf der Ob⸗ mann aufſtand, und nach pflichtlicher Beobachtung der Formen des Gerichtshofs erklärte, daß der Angeklagte„nicht ſchuldig“ ſey. „Ihr ſeyd von dieſer Anklage entbunden, Nathanael Bumppo,“ ſagte der Richter. „Wie?“ fragte Natty. „Man hat Euch hinſichtlich des Angriffs auf Herrn Doolittle für nicht ſchuldig erklärt.“ „Nein, nein, ich will nicht in Abrede ziehen, daß ich ihn etwas rauh an den Schultern anfaßte,“ entgegnete Natty, indem er mit großer Einfalt um ſich blickte,„und daß ich—— „Ihr ſeyd frei geſprochen,“ fiel ihm der Richter in's Wort, „und es iſt in der Sache nichts mehr zu ſagen oder zu thun.“ Ein Lichtblick der Freude zuckte über die Züge des alten Mannes, der nun den Fall begriff; er ſetzte haſtig ſeine Mütze wieder auf den Kopf, warf die Schranke ſeines kleinen Gefängniſſes auf und ſprach nicht ohne Innigkeit: „Nun, ich muß es Ihnen nachrühmen, Richter Temple, daß das Geſetz nicht ſo hart gegen mich geweſen iſt, als ich fürchtete. Ich hoffe, Gott wird Sie für die Freundlichkeit ſegnen, die Sie mir heute erwieſen haben.“ Aber der Stab des Conſtable verhinderte ſeine Entfernung, und Herr Lippet flüſterte ihm einige Worte ins Ohr, worauf der alte Jäger auf ſeinen früheren Sitz zurückſank, ſeine Mütze abnahm, und mit einer Miene, in der ſich Schmerz und Ergebung aus⸗ ſprachen, die Reſte ſeiner dünnen grauen Locken niederſtrich. „Herr Diſtriktsanwalt,“ ſagte Richter Temple, indem er that, als ſey er mit den Akten beſchäftigt,„ſchreitet zu der zweiten Anklage.“ Herr Van der School gab ſich große Mühe, daß ja kein Theil der Vorſtellung, welche er jetzt verlas, ſeinen Zuhoͤrern ent⸗ gehen möchte. Er beſchuldigte den Gefangenen des Widerſtandes gegen den Vollzug einer gerichtlichen Hausdurchſuchungs⸗Vollmacht durch Gewalt der Waffen, unter denen er, nach Maßgabe ſeines weit⸗ ſchweifigen Gerichtsſtyls, nebſt vielen andern auch den Gebrauch der Büchſe angab. Hier handelte es ſich in der That um eine ernſtere An⸗ ſchuldigung, als die einer gewöhnlichen Balgerei, weßhalb denn auch die Zuhörer eine entſprechende Theilnahme an dem Reſultate derſelben an den Tag legten. Der Gefangene wurde nach der üblichen Form abermals aufgefordert, ſeine Einreden vorzubringen, und ihm 458 zu dieſem Ende von Herrn Lippet die Antworten zugeflüſtert. Aber die Gefühle des alten Jägers waren durch einige Ausdrücke der Klagſchrift gekränkt worden, und alle Vorſicht vergeſſend, rief er: „Das iſt eine gottloſe Lüge; ich verlange nach keines Men⸗ ſchen Blut. Selbſt die ſpitzbübiſchen Irokeſen würden mir nicht nachſagen, daß ich je nach eines Menſchen Blut gedürſtet hätte. Ich habe als Soldat, der ſeinen Schöpfer und ſeine Vorgeſetzten ehrt, gefochten, aber nie meine Büchſe auf jemand Anderes abge⸗ drückt, als auf einen Krieger, der wach und auf den Beinen war. Niemand kann mir nachſagen, daß ich auch nur einen Mingo in ſeinem Schlafe getödtet hätte. Ich glaube, es gibt hier Leute, welche meinen, es gäbe in der Wildniß keinen Gott!“ „Nehmt auf Eure Einrede Bedacht, Bumppo,“ ſagte der Richter.„Ihr hört, daß Ihr angeſchuldigt ſeyd, Eure Büchſe gegen einen Diener der Gerechtigkeit gebraucht zu haben. Seyd Ihr ſchuldig, oder nicht ſchuldig?“ Natty's gereizte Gefühle hatten ſich inzwiſchen vertobt, und er ruhte einen Augenblick nachſinnend auf der Schranke, worauf er mit ſeinem ſchweigſamen Lachen das Geſicht erhob, und mit einem Winke nach der Stelle, wo der Holzfäller ſtand, entgegnete: „Glaubt Ihr wohl, Billy Kirby würde dort ſtehen, wenn ich von der Büchſe Gebrauch gemacht hätte?“ „Ihr zieht es alſo in Abrede,“ ſagte Herr Lippet;„Ihr er⸗ klärt Euch für nicht ſchuldig?“ „Gewiß,“ entgegnete Natty.„Billy weiß, daß ich gar nicht ſchoß: Billy, erinnert Ihr Euch noch des Truthahns vom letzten Winter? Ja, das war kein ſch hlechtes Schießen; aber es geht nicht mehr ſo gut, als es ſonſt zu gehen pflegte.“ „Tragt die Erklärung, nicht ſchuldig, ein,“ ſagte Richter Temple, tief ergriffen von der Einfalt des Gefangenen. Hiram wurde abermals beeidigt, um in der zweiten Anklage Zeugniß abzulegen. Da er ſeinen früheren Irrthum eingeſehen — — hatte, ſo gieng er jetzt vorſichtiger zu Werke und berichtete mit großer Beſtimmtheit und einer, für einen ſolchen Mann erſtaun⸗ lichen Zierlichkeit den Verdacht, der gegen den Jäger vorgelegen, die Anklage, die Erlaſſung der Vollmacht und Kirby's Beeidigung, was alles, wie er verſicherte, in gehöriger Form Rechtens ge⸗ ſchehen ſey. Er fügte ſodann bei, wie der Conſtable aufgenommen worden, und erklärte ausdrücklich, daß Natty auf ihn angelegt und ihn todt zu ſchießen gedroht habe, wenn er es verſuche, ſeinen Auftrag zu vollziehen. All dieß wurde durch Jotham beſtätigt, der ganz genau daſſelbe berichtete, was die Magiſtratsperſon. Herr Lippet leitete ein liſtiges Kreuz⸗ und Querverhör zwiſchen dieſen beiden Zeugen ein, was er geraume Zeit fortführte, aber endlich aufgeben mußte, weil durchaus kein Vortheil dadurch zu erringen war. Endlich forderte der Diſtriktsanwalt den Holzfäller vor die Schranken. Billy erſtattete einen ungemein verwirrten Bericht über den ganzen Vorgang, obgleich er augenſcheinlich die Wahrheit zu ſagen beabſichtigte, bis ihm Herr Van der School durch einige directe Fragen Beihilfe leiſtete: „Aus dieſen Papieren erhellt, daß Ihr geſetzlich Eingang in die Hütte verlangtet: Ihr habt Euch daher wohl durch Furcht vor ſeiner Büchſe und ſeinen Drohungen abhalten laſſen?“ „Ich habe mich nicht ſo viel darum bekümmert,“ verſetzte Billy, mit den Fingern ſchnippend.„Ich müßte ein armer Tropf ſeyn, wenn ich mich von dem alten Lederſtrumpf einſchüchtern laſſen ſollte.“ „Aber wie ich Euch verſtand, ſo ſagtet Ihr(ich beziehe mich dabei auf Eure früheren Worte lwie ſie nämlich vor dem Gerichts⸗ hof geſprochen wurden!, in dem Beginne Eurer Ausſage), Ihr hättet geglaubt, er wolle auf Euch ſchießen.“ „Freilich glaubte ich das; und Euch wäre es wohl eben ſo gegangen, Squire, wenn Ihr geſehen hättet, wie der Burſche 460 ſein nie fehlendes Büchſenrohr herunterließ und über dem Gewehre weg blinzelte. Ich dachte mir's indeß wohl, daß er mir bloß einen Dunſt vormachen wollte, und ſo war ich im Augenblick im Reinen; und Lederſtrumpf gab mir dann die Haut, womit die Sache abgethan war.“ „Ah, Billy,“ ſagte Natty kopfſchüttelnd,„es war ein glück⸗ licher Gedanke von mir, die Haut herauszuwerfen, ſonſt hätte es zum Blutvergießen kommen können, und gewiß, wäre es das Eurige geweſen— es hätte mir für die kurze Friſt meines Lebens keine Ruhe mehr gelaſſen.“ „Nun, Lederſtrumpf,“ entgegnete Billy, indem er dem Ge⸗ fangenen mit einer Freimüthigkeit und Vertraulichkeit Blicke zuwarf, die ſich durchaus nichts aus der Anweſenheit des Gerichtshofs zu machen ſchienen,„da Ihr gerade von der Sache ſprecht, ſo iſt es wohl möglich, daß Ihr——⸗ „Weiter in Eurem Verhör, Herr Diſtriktsanwalt.“ Der aufgerufene Herr, welcher die Vertraulichkeit zwiſchen dem Zeugen und dem Gefangenen mit augenſcheinlichem Mißfallen angeſehen hatte, kündigte dem Gerichtshofe an, daß er fertig ſey. „Ihr ließt Euch alſo nicht einſchüchtern, Meiſter Kirby?“ nahm der Rechtsbeiſtand des Gefangenen das Wort. „Ich? Nicht im Geringſten,“ antwortete Billy, indem er mit augenſcheinlicher Selbſtzufriedenheit ſeinen rieſenmäßigen Muskelbau betrachtete;„ich bin nicht ſo leicht in's Bockshorn zu jagen.“ „Ihr ſeht wie ein unerſchrockener Mann aus; wo ſeyd Ihr geboren?“ „Im Vermontſtaate;'s iſt ein gebirgiges Land, hat aber einen guten Boden und hübſche Buchen⸗ und Ahornwälder.“ „Das habe ich auch ſchon gehört,“ entgegnete Herr Lippet zutraulich.„Ihr habt wohl in dieſem Lande auch Schießen gelernt?“ „Ich bin der zweitbeſte Schütze in dieſem Bezirk; denn ſeit ich Natty Bumppo die Taube ſchießen ſah, räume ich ihm gerne den Vorrang ein.“ Lederſtrumpf erhob ſeinen Kopf, lachte wieder und ſagte, plötzlich ſeine runzlichte Hand ausſtreckend: „Ihr ſeyd noch jung, Billy, und habt nicht mitgemacht, was ich mitgemacht habe; aber da iſt meine Hand— ich trage Euch keinen Groll nach.“ Herr Lippet ließ dieſen verſöhnlichen Verkehr geſchehen und ſchwieg klüglicher Weiſe, während der Geiſt des Friedens ſolcher⸗ geſtalt ſeinen Einfluß über die beiden übte— aber der Richter machte ſein Anſehen geltend. „Dieß iſt ein ungeeigneter Platz für ſolch eine Zwieſprache,“ ſagte er.„Fahrt fort, dieſen Zeugen zu verhören, Herr Lippet, oder ich werde Euch zur Ordnung bieten.“ Der Anwalt fuhr auf, als ob er ſich keiner Unziemlichkeit be⸗ wußt ſey, und ſprach weiter— „Ihr habt alſo die Sache mit Natty ganz freundſchaftlich an und Stelle ausgeglichen, nicht wahr?“ „Er gab mir die Haut— und was ſollte ich mich weiter mit dem alten Mann in Händel einlaſſen?— Ich für meinen Theil ſehe darin nichts ſo Arges, wenn man einen Bock ſchießt.“ „Und Ihr ſchiedet als Freunde? und Ihr würdet nie daran gedacht haben, die Angelegenheit vor den Gerichtshof zu bringen, wenn Ihr nicht vorgefordert worden wäret?“ „Ich glaube nicht, daß ich's gethan hätte; er gab mir die Haut und ich hatte nichts gegen den Alten, obgleich Squire Doo⸗ little ein wenig ſchimpfirt wurde.“ „Ich bin fertig, Sir,“ ſagte Herr Lippet, der wahrſcheinlich auf den Beiſtand des Richters baute, als er ſich mit der Miene eines Mannes, der ſeines Erfolges gewiß iſt, niederſetzte. Nun erhob ſich Herr Van der School abermals, um die Ge⸗ ſchworenen folgendermaßen anzureden— — Or 462 „Meine Herrn Geſchworenen, ich hätte eigentlich das Verhör, welches der Anwalt des Gefangenen führte(da derſelbe Fragen ſtellte, welche dem Verhörten die Worte in den Mund legten), unterbrechen ſollen, wenn ich nicht die feſte Ueberzeugung hegte, daß das Geſetz des Landes über was immer für einen Vortheil (ich meine geſetzlichen Vortheil), der ſich durch Liſt erringen läßt, erhaben iſt. Der Beiſtand des Gefangenen, meine Herren, hat ſich die Mühe gegeben, Euch(im Gegenſatz zu Eurem eigenen geſunden Menſchenverſtand) zu dem Glauben zu bereden, daß das Richten einer Büchſe auf einen Conſtable(mag er nun ein per⸗ manenter oder jeweiliger ſeyn) eine ganz unſchuldige Sache ſey, und daß die Geſellſchaft(ich meine das Geſammtwohl, meine Herren) nicht im Mindeſten dadurch gefährdet werde. Mögt Ihr mir aber Eure Aufmerkſamkeit leihen, während wir die Einzeln⸗ heiten dieſes hochgefährlichen Verbrechens betrachten.“ Hier begünſtigte Herr Van der School die Jury mit einem Auszug aus dem Zeugenbericht, den er in einer Weiſe vorbrachte, welche geeignet war, die geiſtigen Fähigkeiten ſeiner Zuhörer in eine gänzliche Verwirrung zu bringen. Nach dieſer Auseinander⸗ ſetzung ſchloß er, wie folgt: 5 „Und nun, meine Herren, nachdem ich klar dargethan habe, welch eines ſchweren Vergehens dieſer unglückliche Mann ſich ſchuldig gemacht hat(unglücklich, ſowohl in Anbetracht ſeiner Un⸗ wiſſenheit als ſeiner Schuld) überlaſſe ich die Sache Eurer eigenen Gewiſſenhaftigkeit— nicht im Mindeſten zweifelnd, daß Ihr die Wichtigkeit(trotz dem, daß der Anwalt des Gefangenen ſohne Zweifel ſich verlaſſend auf Euer früheres Verdict] ſo zuverſichtlich einem günſtigen Ausgang entgegen zu ſehen ſcheint) der Beſtrafung des Verbrechers einſehen und die Würde des Geſetzes wahren werdet.“ Die Reihe kam jetzt an den Richter, ſich ſeiner Obliegenheit zu entledigen. Sie beſtand in einer kurzen, verſtändlichen Zuſam⸗ menfaſſung der Zeugenausſagen, wobei er auf den Kunſtgriff, wel⸗ /I rhör, agen ten), egte, theil laͤßt, hat enen das per⸗ ſey, eine Ihr eln⸗ nem chte, in der⸗ abe, ſich Un⸗ nen die hne lich ung et.“ heit m⸗ el⸗ chen ſich der Anwalt des Gefangenen erlaubt, aufmerkſam machte, und die Thatſachen in ein ſo augenfälliges Licht ſtellte, daß nicht wohl mehr ein Mißverſtändniß ſtatt finden konnte. „Wir leben, meine Herren,“ ſchloß er,„an den Grenzen des geſellſchaftlichen Verbandes, und es wird daher doppelt nothwendig, die Diener des Geſetzes zu unterſtützen. Wenn Ihr den Zeugen, wie ſie die Handlung des Gefangenen darſtellten, Glauben beimeßt, ſo iſt es Eure Pflicht, das Schuldig über ihn auszuſprechen; wenn Ihr aber der Anſicht ſeyd, daß der alte Mann, der heute vor Euch erſcheint, dem Conſtable kein Leides zu thun gedachte, ſondern mehr unter dem Einfluſſe der Gewohnheit, als von einem böſen Willen geleitet, handelte, ſo iſt es zwar auch Eures Amtes, über ihn zu richten, aber es mit Milde zu thun.“ Wie früher verließ die Jury ihre Loge nicht, ſondern nach einer kurzen Berathung ſtand der Obmann abermals auf und er⸗ klärte, der Gefangene ſey„ſchuldig.“ Dieſer Ausſpruch erregte nur wenig Ueberraſchung in dem Gerichtsſaale, da die Zeugenausſagen, die wir großentheils über⸗ gangen haben, zu klar und beſtimmt waren, um nicht volle Be⸗ achtung zu verdienen. Die Richter ſchienen eine ſolche Wendung vorausgeſehen zu haben, denn auch unter ihnen fand— gleich⸗ zeitig mit der Jury— eine Berathung ſtatt, und die voran⸗ gehenden Bewegungen auf der Gerichtsbank verkündigten die Publication des Urtheils. „Nathanael Bumppo,“ begann der Richter, indem er nach Nennung des Namens die übliche Pauſe eintreten ließ. Der alte Jäger, der bisher, den Kopf auf die Schranke ge⸗ lehnt, dageſeſſen, erhob ſich jetzt und erwiederte alsbald in mili⸗ täriſchem Tone— „Hier!“ Der Richter winkte mit der Hand zum Schweigen, und fuhr fort— „Bei Fällung des Urtheils hat ſich der Gerichtshof eben ſo 464 ſehr durch die Rückſicht auf Eure Geſetzesunkenntniß, als durch die dringende Ueberzeugung leiten laſſen, wie wichtig es ſey, ein Ver⸗ brechen, wie Ihr Euch deſſelben ſchuldig gemacht habt, zu be⸗ ſtrafen. Er hat Euch daher, in Anbetracht Eurer Jahre, die geſetzliche Strafe des Auspeitſchens auf dem bloßen Rücken in Gnaden erlaſſen; da aber die Würde des Geſetzes eine offene Zur⸗ ſchauſtellung der Folgen Eures Verbrechens fordert, ſo iſt verord⸗ net worden, daß Ihr von dieſem Zimmer aus nach dem öffentlichen Stock geführt und daſelbſt auf eine Stunde eingeſperrt werden ſollt; daß Ihr eine Strafe von hundert Dollars bezahlt, daß Ihr in dem Gefängniß des Bezirks eine dreißigtägige Haft zu erſtehen habt; und daß ferner die Zeit Eurer Haft nicht früher erloſchen ſeyn ſollte, bis die beſagte Strafe bezahlt iſt. Ich halte mich da⸗ her für verpflichtet, Nathangel Bumppo——“ „Und wo ſollte ich das Geld hernehmen?“ fiel ihm Leder⸗ ſtrumpf haſtig ins Wort;„wo ſoll ich das Geld hernehmen? Ihr zieht das Schußgeld für die Panther zurück, weil ich einem Hirſch den Hals abgeſchnitten; und wie ſoll ein alter Mann ſo viel Gold oder Silber in den Wäldern finden? Nein, nein, Richter; bedenken Sie ſich eines Beſſern und reden Sie nicht davon, mich für den kurzen Reſt meines Lebens in ein Gefängniß einzuſperren.“ „Wenn Ihr etwas gegen den Urtheilsſpruch vorzubringen habt, ſo wird Euch der Gerichtshof anhören,“ verſetzte der Richter mit Milde. „Ich habe genug dagegen vorzubringen,“ rief Natty, während ſeine Finger, convulſiviſch zuckend, in die Schranken griffen.„Wo ſoll ich Geld hernehmen? Laßt mich in die Wälder und auf die Berge, deren reine Luft ich zu athmen gewohnt bin, und trotz meiner ſiebenzig Jahre will ich mich Tag und Nacht abmühen, bis ich die Summe abbezahlt habe, ehe noch der Herbſt vorüber iſt, wenn Ihr anders noch genug Wild übrig gelaſſen habt. Ja, ja,— Ihr ſeyd wohl vernünftig genug, um einzuſehen, wie ſchändlich es wäre, einen alten Mann einzuſperren, der ſeine Tage dort zugebracht hat, wo er, ſo zu ſagen, immer in die Fenſter des Himmels ſehen konnte.“ „Ich muß mich durch das Geſetz leiten laſſen—— „Reden Sie mir nicht von dem Geſetz, Marmaduke Temple,“ unterbrach ihn der Jäger.„Kümmerte ſich das Thier des Waldes auch um Euere Geſetze, als es nach dem Blute Ihres eigenen Kindes hungerte und dürſtete? Sie knieete vor ihrem Gott um eine größere Gunſt, als ich jetzt erbitte, und Er erhörte ſie; und wenn Sie jetzt zu meinem Flehen nein ſagen, glauben Sie, Er werde es nicht mit anhören?“ „Meine perſönlichen Gefühle dürfen nichts gemein haben 1 41 mit—— „Hören Sie mich, Marmaduke Temple,“ fiel ihm der alte Mann mit wehmüthigem Ernſt in's Wort,„und Sie hören die Stimme der Vernunft. Ich habe dieſe Berge durchwandert, als Sie noch nicht Richter, ſondern ein Kind in den Armen Ihrer Mutter waren; und ich fühle es, daß ich ein Recht habe, ſie wieder zu durchſtreifen, ehe ich ſterbe. Haben Sie der Zeit ver⸗ geſſen, als Sie an das Seeufer kamen, wo noch kein Gefängniß da war, um ehrliche Leute hineinzuſperren? und habe ich Ihnen nicht meine eigene Bärenhaut zum Kiſſen überlaſſen und mit dem beſten Stück eines edlen Bocks Ihren Hunger geſtillt? Ja, ja, damals hielten Sie es für keine Sünde, einen Hirſch zu todten! Ich that dieß, obgleich ich keinen Grund hatte, Sie zu lieben, denn Sie haben denen, die mich liebten und ſchützten, nur Leides angethan. Und nun wollen Sie mir meine Freundlichkeit damit bezahlen, daß Sie mich in Ihre Kerker ſchließen? Hundert Dollars! woher ſollte ich das Geld nehmen? Nein, nein, man ſagt Ihnen wohl Schlimmes nach, Marmaduke Temple, aber Sie können nicht ſo ſchlecht ſeyn, um zu wünſchen, daß ein alter Mann im Gefäng⸗ niß ſterbe, weil er ſich um ſein Recht wehrte. Kommt, guter Freund, laßt mich gehen; ich bin lange genug unter dieſem Ge⸗ Die Anſiedler. 3. Aufl. 30 dränge geweſen und ſehne mich wieder nach den Wäldern. Sie haben nichts von mir zu beſorgen, Richter— gewiß, Sie haben nichts von mir zu beſorgen; denn ſo lange es noch Biber genug an den Strömen gibt, oder die Hirſchhaut noch einen Schilling gilt, ſoll die Strafe bis auf den letzten Penny bezahlt werden. Wo ſeyd Ihr, Jungen, kommt, kommt, meine Hunde! Wir haben eine ſaure Arbeit für unſere Jahre; aber ſie ſoll gethan werden— ja, ja, ich habe es verſprochen, und ſo ſoll es geſchehen!“ Es iſt unnöthig, zu ſagen, daß Lederſtrumpfs Bewegung ſo⸗ gleich durch den Conſtable gehemmt wurde; aber ehe er noch Zeit hatte, zu ſprechen, zog ein lebhaftes Geräuſch und ein lautes „Hem!“ aller Augen an das Ende des Gemaches. Es war Benjamin gelungen, ſich einen Weg durch die Volks⸗ maſſen zu bohren, und man ſah ihn jetzt ſeinen kurzen Körper mit einem Fuße in einem Fenſter und mit dem andern auf der Ge⸗ ſchworenenloge balanciren. Zum Erſtaunen des Gerichtshofes ſchickte ſich der Hausmeiſter augenſcheinlich an, zu ſprechen. Nach einigen vergeblichen Anſtrengungen brachte er aus ſeiner Taſche einen kleinen Beutel zum Vorſchein, und nun erſt fand er Laute. „Wenn es Euer Gnaden genehm iſt,“ begann er,„dem armen Teufel einen neuen Kreuzzug gegen die Beſtien zu geſtatten, ſo iſt hier eine Kleinigkeit, welche die Gefahr deſſelben ein bischen vermindern wird, denn es ſind gerade fünfunddreißig ſpaniſche Thaler darin; und ich wünſchte aus dem Grunde meines Herzens, um des alten Knaben willen, daß es ächte und gerechte britiſche Guineen wären. Das iſt aber leider nicht der Fall, und wenn Squire Dickens ſo gut ſeyn will, dieſes Stückchen Rechenholz zu überzählen und ſo viel aus dem Beutel zu nehmen, als zur Tilgung der Striche erforderlich iſt, ſo mag er den Reſt aufbe⸗ wahren, bis Lederſtrumpf mit beſagten Bibern handgemein wird, oder meinetwegen auch für immer— er braucht mir keinen Dank dafür zu ſagen.“ Nach dieſen Worten ſtreckte Benjamin mit der einen Hand ben das Kerbholz hinaus, auf dem ſein Schuldregiſter im kühnen Dra⸗ ng goner verzeichnet war, während er mit der andern ſeinen Beutel ing mit Dollars anbot. Das Erſtaunen über dieſe ſonderbare Unter⸗ eit. brechung veranlaßte ein tiefes Schweigen in dem Zimmer, welches ben nur durch den Sheriff unterbrochen wurde, der mit ſeinem Schwerte auf den Tiſch ſchlug und rief: „Stille!“ ſo⸗„Man muß der Sache ein Ende machen,“ warf der Richter ein, och der ſeine Gefühle zu bezwingen ſuchte.„Conſtable, führt den Ge⸗ tes fangenen nach dem Stock. Secretär, an was kömmt jetzt die Reihe?“ Natty ſchien ſich in ſein Geſchick zu fügen, denn er ſenkte den ks⸗ Kopf auf die Bruſt und folgte dem Conſtable ſchweigend aus dem nit Gerichtsſaale. Die Zuſchauer machten dem Gefangenen Platz, und ̃e⸗ ſobald man ihn die äußere Thüre verlaſſen ſah, ſtürmte das Volk 5 nach, um die Schmach des alten Jägers mit anzuſehen. vhe— . Vierunddreißigſtes Kapitel. en, Ha! Hal Seht! er trägt grauſame Strumpfbänder⸗ gen Lear. che Die altherkömmlichen öffentlichen Züchtigungen waren zu der 18, Zeit unſerer Erzählung unter dem Volke von Newyork noch in vollem che Schwange, da das Auspeitſchen und der damit verbündete Stock nn noch nicht dem ſchonenden Strafverfahren der öffentlichen Ge⸗ zu fängniſſe gewichen waren. Die Orte, wo ſolche Züchtigungen geübt 85 5 wurden, befanden ſich unmittelbar vor dem Gefängnißgebäude, als e Warnungszeichen für die Uebelthäter der Anſiedelung. n. Natty folgte den Conſtablen nach dem Strafplatze, indem er ſein Haupt unterwürfig unter eine Macht beugte, der er nicht widerſtehen konnte; die Menge bildete einen Kreis um ſeine Perſon 468 und ließ in ihren Mienen die geſpannteſte Neugierde blicken. Ein Conſtable hob den oberen Theil des Stocks in die Höhe, und deutete mit dem Finger auf die Löcher, in welche der alte Mann ſeine Füße legen ſollte. Ohne die mindeſte Einwendung gegen die Strafe zu machen, ſetzte ſich Lederſtrumpf ruhig auf die Erde und ließ nicht einmal einen Laut vernehmen, als man ſeine Glieder in die Oeffnung ſteckte, obgleich er einen Schmerzensblick um ſich warf, als ſuche er jenes Mitgefühl, das die menſchliche Natur unter Leiden ſtets zu fordern ſcheint. Wenn er aber auch keine Aeußerung von Mitleid gewahr werden konnte, ſo entdeckte er doch nirgends gefühlloſe Freude, und eben ſo wenig widerfuhren ihm die bei ſolchen Gelegenheiten üblichen Kränkungen durch Schimpfworte. Der Pöbel, wenn wir ihn ſo nennen können, zeigte keinen anderen Charakter, als den einer das Geſetz achtenden Aufmerkſamkeit. Der Conſtable war eben im Begriff, die obere Planke nieder⸗ zulaſſen, als Benjamin, der ſich dicht an die Seite des Gefangenen gedrängt hatte, mit rauher Stimme zu ſprechen begann, als wenn er irgend einen Anlaß ſuche, um Streit anzufangen. „Wo zum Henker iſt es denn Brauch, Meiſter Conſtable, einem Mann ſolche hölzerne Strümpfe anzulegen? Sie hindern ihn nicht, ſeinen Grog zu trinken; und eben ſo wenig leidet ſein Rücken dabei Noth. Für was ſoll denn dieſes Ding gut ſeyn?“ „Ich vollziehe nur den Spruch des Gerichts, Herr Penguillum, und vermuthlich iſt ein geſetzlicher Grund dafür vorhanden.“ „Ja, ja, man führt bei dergleichen immer das Geſetz im Munde; aber was ſoll dabei herauskommen, frage ich? Weh thut's nicht, und das Ganze iſt weiter nichts, als daß es einen Mann für die Dauer zweier Gläſer an den Ferſen feſt hält.“ „Wie, es thäte nicht weh, Benny Pumpp?“ verſetzte Natty, die Augen mit einem kläglichen Geſicht zu dem Hausmeiſter auf⸗ richtend—„es thäte nicht weh, einen einundſiebenzigjährigen Mann wie einen Bären den Anſiedlern zur Schau hinzuſtellen? Es ſollte nicht wehe thun, wenn man einen alten Soldaten, der den Krieg von Sechsundfünfzig mitgemacht und ſechsundſiebenzig Male dem Feinde gegenüber geſtanden hat, an einen ſolchen Ort ſteckt, wo die Jungen mit Fingern auf ihn weiſen und ſagen können, ich habe es ſelbſt mit angeſehen, wie er dem Bezirk zu einem Spectakel diente? Es ſollte nicht weh thun, das Ehrgefühl eines Mannes, der ſich keines Unrechtes bewußt iſt, ſo zu kränken, daß man ihn wie eine Beſtie des Waldes behandelt?“ Benjamin ſtierte wild um ſich, und hätte er nur ein einziges Geſicht finden können, in welchem ſich Hohn ausgeſprochen hätte, ſo würde er ſicher alsbald mit dem Eigenthümer deſſelben Streit ange⸗ fangen haben; da er aber überall nur auf nüchterne und hin und wieder ſogar auf bedauernde Blicke traf, ſo ſetzte er ſich ganz be⸗ dächtig an der Seite des Jägers nieder, ſteckte ſeine Füße in die beiden leeren Löcher des Stocks und ſagte: „Nun, laßt herab, Meiſter Conſtable; laßt herab, ſag' ich Euch! Wenn es hierum ſo eine Art von Mann gibt, der einen Bären zu ſehen wünſcht, ſo ſoll er herkommen: der Teufel hole ihn, er wird deren zwei finden, und darunter vielleicht einen, der eben ſo gut beißen kann, als brummen.“ „Aber ich habe keinen Befehl, Euch in den Stock zu ſperren, Herr Pump,“ rief der Conſtable.„Geht heraus und hindert mich nicht an meiner Pflicht.“ „So erhaltet Ihr jetzt meinen Befehl, und was habt Ihr Euch weiter um meine Füße zu bekümmern? Schließt den Deckel zu, ſage ich, und laßt mich den Mann ſehen, der das Maul darüber verzieht.“ „Nun, es geſchieht Niemand ein Leides damit, wenn man einen Menſchen einſperrt, der ſelber in den Pferch will,“ entgegnete der Conſtable lachend, und ſchloß den Stock über Beiden. Es war ein Glück, daß dieß ſchnell ausgeführt wurde, denn als die Geſammtmaſſe der Zuſchauer Benjamin in ſeiner neuen Lage erblickte, regte ſich unter ihr eine Neigung zur Heiterkeit, welche nur Wenige zu unterdrücken der Mühe werth achteten. Der Haus⸗ meiſter kämpfte ſich gewaltig ab, ſeine Freiheit wieder zu erlangen, augenſcheinlich in der Abſicht, mit den zunächſt Stehenden einen Kampf zu beginnen; der Schlüſſel war aber bereits umgedreht und daher alle ſeine Anſtrengung vergeblich. „Hört, Meiſter Conſtable,“ rief er;„thut mir Eure Fußſchellen für einen Augenblick auf, damit ich dieſen Hallunken zeigen kann, wer es iſt, über den ſie ſich luſtig machen.“ „Nein, nein, Ihr wolltet hinein, und ſo müßt Ihr ausharren,“ entgegnete der Gerichtsdiener,„bis die Zeit um iſt, welche der Richter für den Gefangenen beſtimmt hat.“ Als Benjamin fand, daß ſein Sträuben und ſeine Drohungen nichts fruchteten, ſo bewies er Verſtand genug, ſich die Ergebung ſeines Gefährten zum Muſter dienen zu laſſen, weßhalb er ſich an Natty's Seite ganz ruhig verhielt, obgleich er nicht umhin konnte, in ſeine harten Züge einen Ausdruck von Verachtung zu legen, welcher zeigte, daß ſein Zorn einem andern Gefühle gewichen war. Sobald ſich die ungeſtüme Aufregung des Hausmeiſters einigermaßen gelegt hatte, wandte er ſich an ſeinen Mitgefangenen, und mit einer Theil⸗ nahme, welche recht wohl mit einer ſchlimmeren Ausführung verſöhnen konnte, verſuchte er ſich in dem menſchenfreundlichen Amte des Tröſters. „Im Grund genommen hat die Sache nicht viel auf ſich, Meiſter Bumppo,“ ſagte er.„Ich habe an Bord der Boadishey ganz prächtige Leute mit den Ferſen feſt liegen ſehen, und zwar für weiter nichts, als weil ſie vielleicht vergeſſen hatten, daß ſie ihre Portion ſchon getrunken hatten, als ihnen ein Glas Grog in den Weg kam. Die Sache kömmt mir nicht anders vor, als wenn man vor zwei Ankern reitet und in einem ſtillen Waſſer, wo man noch Raum genug hat, die Klüſen zu fegen, auf das Eintreten der Fluth oder auf günſtigen Wind wartet. Ich habe, wie geſagt, manchen Mann um einen ſolchen Rechnungsfehler an Bug und Stern vor Anker liegen ſehen, wo er nicht einmal ſeine Breitſeite 1 L d umdrehen konnte, und vielleicht noch obendrein mit einem Stopfer vor der Zunge in der Form eines quer unter der Naſe weggezo⸗ genen Pumpſtocks, ganz wie eine Backſpier längs dem Geländer des Hackebords.“. Der Jäger wußte augenſcheinlich ſeinem Gefährten Dank für die freundliche Abſicht, obgleich er deſſen Worte nicht verſtand; er ver⸗ ſuchte daher zu lächeln, erhob ſein demüthiges Antlitz und fragte: „Wie?“ „Ich ſage, es iſt weiter nichts als eine kleine Bö, die bald ausgeblaſen hat,“ fuhr Benjamin fort.„Eurem langen Kiele muß es ohnehin nichts ausmachen, obgleich ſie, bei meinem etwas ziemlich kurzen Untergebälk, meine Hielung in einer Weiſe auf⸗ geholt haben, daß das Fahrzeug ziemlich ſchräg ſteht. Aber was kümmere ich mich darum, Meiſter Bumppo, ob das Schiff ein bischen am Anker zerrt? Es iſt ja nur für eine Hundewache, und hole mich der Teufel, wenn es nicht mit Euch ſegelt, ſobald Ihr nach den beſagten Bibern kreuzt. Ich verſtehe mich nicht ſonderlich auf das kleine Gewehr, da ich etwas zu niedrig aufgetackelt bin, um über die Hängematte wegzuſehen, und nur bei der Munitionskammer angeſtellt war; aber ſeht, ich kann das Wild tragen und auch vielleicht bei den Schlingen Hand anlegen; und wenn Ihr Euch nur halbwegs ſo auf Euer Geſchäft verſteht, wie auf die Führung der Bootshacken, ſo wird unſere Kreuzfahrt bald vorüber ſeyn. Ich habe dieſen Morgen mit Squire Dickens die Raaen ins Kreuz gebracht und will ihm ſagen laſſen, daß er meinen Namen aus den Büchern ausſtreichen ſoll, bis unſer Kreuzen vorüber iſt.“ „Ihr ſeyd an den Aufenthalt unter Menſchen gewöhnt, Benny,“ ſagte Lederſtrumpf traurig,„und das Leben in den Wäldern würde Euch ſchwer ankommen, wenn——“ „Nicht im Geringſten— nicht im Geringſten!“ rief der Haus⸗ meiſter.„Ich bin keiner von jenen Schönwetter⸗Kunden, Meiſter Bumppo, die bloß im glatten Waſſer fahren. Wenn ich einen 472 Freund finde, ſeht Ihr, ſo bleibe ich bei ihm liegen. So gibt es zum Beiſpiel keinen beſſeren Mann, als Squire Dickens, und ich halte eben ſo viel auf ihn, als auf Frau Holliſters neues Jamaicatönnchen—“ Der Hausmeiſter hielt inne, wandte ſein unſchoͤnes Geſicht dem Jäger zu, betrachtete denſelben mit einem ſchelmiſchen Blinzeln und verzog die Muskeln ſeiner harten Züge zu einem freundlichen Grinſen, bis die weißen Zähne zum Vorſchein kamen, worauf er leiſer beifügte— „Ich ſage Euch, Meiſter Lederſtrumpf, er iſt friſcher und lieb⸗ licher, als der Holländer, den ſie von Guernſey heraufbringen. Aber wir wollen hinüberſchicken und bei dem Weibsbild ein Schlückchen holen laſſen, denn ich fühle mich in dieſen Strümpfen ſo beengt, daß ich glaube, es iſt Etwas nöthig, um in meinem Obergeſtelle einzuheizen.“ Natty ſeufzte und ſah auf die Menge, welche ſich allmählig zu zerſtreuen begann und bereits ſehr abgenommen hatte, da die Uebrigen ihren Geſchäften nachgegangen waren. Er warf Benjamin einen ernſten Blick zu, ohne etwas zu erwiedern; eine tiefwurzelnde Beklommenheit ſchien jedes andere Gefühl aufzuzehren und ein ſchwermüthiges Düſter über ſeine Züge zu werfen, in denen ſich der innere Kampf des Mannes ausſprach. Der Hausmeiſter war geneigt, dem alten Grundſatze zufolge Natty's Schweigen als Zuſtimmung zu betrachten und demgemäß zu handeln, als Hiram Doolittle, von Jotham begleitet, aus dem Haufen auftauchte und quer über den freien Platz gieng. Die Magiſtratsperſon näherte ſich dem Ende des Stocks, wo Benjamin ſaß, und pflanzte ſich in ſicherer Entfernung dem Angeſichte Leder⸗ ſtrumpf's gegenüber auf. Die ſcharfen Blicke, welche Natty nach Hiram ſchoß, ſchienen den Ehrenmann für einen Augenblick einzu⸗ ſchüchtern und in eine Verlegenheit zu ſetzen, die ihm ſonſt fremd war. Als er ſich jedoch einigermaßen geſammelt hatte, ſah er nach ——— dem Himmel auf, und dann nach der dunſtigen Atmoſphäre, worauf er, als ſey er nur zufällig mit einem Freunde zuſammen getroffen, in ſeiner förmlichen und zögernden Weiſe zu ſprechen begann:— „Der Regen iſt in der letzten Zeit ſelten geweſen; ich denke, wir werden eine lange Dürre behalten.“ Benjamin war eben mit Aufknüpfen ſeines Geldbeutels be⸗ ſchäftigt und bemerkte die Annäherung der Magiſtratsperſon nicht, während Natty, ohne zu antworten, ſein Geſicht, in welchem jede Muskel Abſcheu ausdrückte, abwandte. Durch dieſe Aeußerung des Widerwillens eher ermuthigt als eingeſchüchtert fuhr Hiram nach einer kurzen Pauſe fort:— „Die Wolken ſehen aus, als ob ſie kein Waſſer enthielten, und die Erde klafft in ſchrecklichen Spalten. So viel ich von der Sache verſtehe, wird die Ernte in dieſem Sommer ſchmal ausfallen, wenn wir nicht bald Regen bekommen.“ Die Miene, womit Herr Doolittle dieſe Prophezeihung gab, war von der Art, wie man ſie bei einem ſolchen Schlag Menſchen findet— jeſuitiſch, kalt, gefühllos, ſelbſtſüchtig, und ſchien dem Manne, den er ſo grauſam verletzt hatte, zu ſagen:„ich habe mich in den Schranken des Geſetzes gehalten.“ Dieß war zu viel für den Zwang, den ſich der alte Jäger bisher aufgelegt hatte, denn jetzt brach dieſer in einen Glutſtrom des Unwillens aus. „Warum ſollte Regen aus den Wolken fallen,“ rief er,„da Ihr Thränen preßt aus den Augen der Alten, Armen und Kranken? Weg mit Dir!— weiche von hinnen! Du magſt nach dem Eben⸗ bilde Gottes geſchaffen ſeyn, aber der Satan wohnt in Deinem Herzen. Fort, ſage ich, fort! Mein Herz iſt voll Leides und Dein Anblick gießt Galle hinein.“ Benjamin hörte jetzt mit Geldzählen auf und erhob in dem⸗ ſelben Augenblicke ſeinen Kopf, als ſich Hiram, der bei den Worten des Jäͤgers ſeiner Vorſicht vergeſſen hatte, unglücklicher Weiſe in das Bereich des Hausmeiſters wagte, welcher alsbald mit eherner Fauſt den Friedensrichter bei einem Beine faßte und denſelben in die Höhe wirbelte, noch ehe er Zeit hatte, ſich zu beſinnen oder von den Kräften, die er wirklich beſaß, Gebrauch zu machen. Ben⸗ jamins Kopf, Schulter und Arme waren gehörig proportionirt, obgleich der übrige Theil ſeines Körpers urſprünglich für einen andern Mann berechnet zu ſeyn ſchien, und er übte ſeine Leibes⸗ kräfte bei dem gegenwärtigen Anlaſſe mit vieler Umſicht. Da er von vorn herein ſeinen Gegner bedeutend in Nachtheil gebracht hatte, ſo endigte der Kampf bald damit, daß ſich die Magiſtrats⸗ perſon in einer ähnlichen Stellung mit ſeiner eigenen befand, und die beiden Streiter männlich einander gegenüber ſaßen. „Ihr ſeyd mir ein ſauberer Vetter, das kann ich Euch ſagen, Meiſter Thu⸗nur⸗wenig,“ brüllte der Hausmeiſter;„ja, Ihr ſeyd mir ein ſauberer Vetter. Ich kenne Euch wohl, Ihr mit Euren Gut⸗ wetterſprüchen in's Angeſicht des Squire Dickens, während Ihr ihm nur den Rücken kehrt, um bei allen alten Weibern des Fleckens über ihn zu raiſonniren. Iſt es nicht genug für einen Chriſten⸗ menſchen, mag er auch noch ſo wenig Böſes in ſeinem Herzen tragen, einen ehrlichen alten Kerl in dieſer neumodiſchen Weiſe an den Ferſen zu halten? Müßt Ihr auch noch an dem armen Teufel ſo hart vorbeiſchiffen, als ob Ihr ihn vor ſeinen Ankern in den Grund ſegeln wolltet? Aber ich habe manche ſchöne Rechnung gegen Euren Namen in's Logbuch eingetragen, Meiſter; und nun iſt die Zeit gekommen, die Sache auf einmal mit Euch in's Reine zu bringen. Braßt Euch alſo, Ihr Schlingel, braßt Euch, und wir wollen ſehen, wer über den andern Herr wird!“ „Jotham!“ ſchrie die erſchreckte Magiſtratsperſon—„Jotham! ruft die Conſtablen herbei. Herr Penguillum, ich gebiete Frieden — ich befehle Euch, den Frieden zu halten.“ „Es hat ſchon längſt mehr Frieden als Liebe zwiſchen uns obgewaltet, Meiſter,“ rief der Majordomo, indem er etliche ſehr unzweideutige, feindſelige Demonſtrationen machte.„Nehmt Euch ₰0☛ œ ———— 8 £ u—* dv—N S 5 2— zuſammen; braßt Euch! Wie ſchmeckt dieſes Bischen von einem Schmiedehammer?“ „Legt Hand an mich, wenn Ihr das Herz habt!“ rief Hiram, ſo gut es ihm unter dem Griffe, womit der Hausmeiſter ſeine Kehle umfaßte, möglich war,—„legt Hand an mich, wenn Ihr das Herz habt!“ „Wenn das kein Handanlegen iſt, Meiſter, ſo weiß ich nicht, was Ihr darunter verſteht,“ brüllte Benjamin. Wir ſehen uns in die unangenehme Nothwendigkeit verſetzt, zu berichten, daß die Handlungen des Majordomo jetzt ſehr gewalt⸗ thätig wurden, denn er ließ ſeinen Schmiedehammer mächtig auf dem Amboße von Herrn Doolittle's Geſicht arbeiten; und der Platz wurde im Augenblick ein Schauſpiel des Schreckens und der Ver⸗ wirrung. Die Menge ſchloß einen engen Kreis um den Stock, während einige nach dem Gerichtsſaale eilten, um Lärm zu machen, und einige der Jüngern einen Wettlauf begannen, um zu ſehen, wer ſo glücklich ſeyn würde, der Gattin des unglücklichen Friedens⸗ richters zuerſt die kritiſche Lage ihres Mannes mitzutheilen. Benjamin arbeitete emſig und mit großer Geſchicklichkeit fort, indem er die eine Hand dazu benützte, ſeinen Gegner aufrecht zu erhalten, während er mit der andern forthämmerte, denn er hätte es unter ſeiner Würde gehalten, nach einem gefallenen Feinde einen Schlag zu führen. In Folge dieſer bedächtigen Vorkehrung hatte er Mittel gefunden, Hiram's Geſicht ganz aus ſeiner Form zu klopfen, als es endlich Richard gelang, ſich durch das Gedränge einen Weg nach dem Kampfplatz zu bahnen. Der Sheriff erklärte nachher, daß ihm, abgeſehen von der Kränkung, welche ihm, als dem Bewahrer des Friedens, durch eine ſolche Handlung in der Graf⸗ ſchaft widerfahren, in ſeinem Leben nie Etwas ſo weh gethan habe, als daß er Zeuge dieſes Einigkeitsbruchs zwiſchen ſeinen Günſtlingen ſeyn mußte. Hiram war gewiſſermaßen ſeiner Eitelkeit nothwendig geworden, und den Hausmeiſter— ſo ſonderbar es auch ſcheinen 476 mag— liebte er wirklich. Letzteres ſprach ſich auch in den Worten aus, welche ihm dieſe Scene erſtmals entlockte: „Squire Doolittle! Squire Doolittle! muß ich mich nicht ſchämen, einen Mann von Eurem Amt und Charakter ſo weit ſich vergeſſen zu ſehen, daß er den Frieden bricht, den Gerichtshof beleidigt und den armen Benjamin in dieſer Weiſe mißhandelt!“ Bei dem Tone von Herrn Jones' Stimme hielt der Haus⸗ meiſter in. ſeinem Geſchäft inne, und ließ Hiram Gelegenheit, ſein zerwettertes Geſicht dem Vermittler zuzukehren. Durch die Anweſenheit des Sheriffs ermuthigt, nahm Doolittle abermals die Zuflucht zu ſeinen Lungen. „Das Geſetz muß ob dieſer Verunglimpfung einſchreiten!“ rief er verzweifelt;„das Geſetz ſoll mir Genugthuung dafür ver⸗ ſchaffen! Ich fordere Sie auf, Herr Sheriff, dieſen Mann zu er⸗ greifen und verlange, daß Sie ihn in's Gefängniß bringen.“ Inzwiſchen hatte ſich Richard über den wahren Thatbeſtand unterrichtet, weßhalb er ſich mit vorwurfsvollem Tone an den Hausmeiſter wandte: „Benjamin,“ begann er,„wie ſeyd Ihr in den Stock gekommen? Ich habe immer geglaubt, Ihr wäret ſo mild und lenkſam wie ein Lamm, und aus keinem anderen Grunde ſtandet Ihr ſo hoch in meiner Achtung. Benjamin! Benjamin! Ihr habt durch dieſes ſchamloſe Benehmen nicht nur Euch ſelbſt, ſondern auch Euren Freunden Schande gemacht. Gott ſteh' uns bei, Herr Doolittle, es ſcheint, er hat Euch Euer Geſicht ganz auf die eine Seite geſchlagen.“ Hiram hatte ſich unterdeß auf die Beine geholfen, und ſobald er ſich außer dem Bereiche des Hausmeiſters befand, brach er ungeſtüm los und erklärte, daß er Rache verlange. Die Beleidigung war zu offen vorgegangen, um ohne Beachtung bleiben zu können, und der Sheriff, eingedenk der Unpartheilichkeit, welche ſein Vetter in der kürzlichen Verhandlung gegen Lederſtrumpf an den Tag gelegt hatte, ſah die peinliche Nothwendigkeit ein, ſeinen Majordomo in's — — Gefängniß zu ſtecken. Die zu Natty's öffentlicher Ausſtellung im Stocke beſtimmte Stunde war inzwiſchen abgelaufen, und als Ben⸗ jamin hörte, daß ſie, wenigſtens für die erſte Nacht, in dem gleichen Gelaſſe eingeſperrt werden ſollten, ſo ließ er ſich die Maßregel ohne beſondere Widerrede gefallen, wie er denn auch nicht einmal Bürgſchaft zu leiſten ſich erbot, obgleich er, als ihn der Sheriff an der Spitze der ihn umgebenden Conſtablen nach dem Gefängniſſe führte, folgende Vorſtellung laut werden ließ:— „Ich mache mir wenig daraus, mit Meiſter Bumppo eine Nacht oder ſo etwas ſeine Koje zu theilen, Squire Dickens; denn ich betrachte ihn als einen ehrlichen Mann, der ganz geſchickt mit dem Bootshacken und der Büchſe umzugehen weiß. Ich behaupte aber, daß es gegen alle Vernunft und alles Chriſtenthum iſt, wenn man ſagt, ein Mann verdiene etwas Schlechteres als eine doppelte Portion Rum dafür, daß er jenem Zimmermann das Geſicht auf eine Seite geklopft hat, wie Sie es nennen. Wenn es einen Blutſauger im Lande gibt, ſo iſt es Niemand anders, als dieſer Kerl. Ja, ich kenne ihn, und wenn der Spitzbube nicht von Holz iſt, ſo wird er von mir erzählen können. Was liegt denn ſo mächtig Arges darin, Sqauire, daß Sie ſich die Sache ſo zu Herzen nehmen? Sehen Sie, es gieng gerade dabei zu, wie in einer andern Schlacht: Breitſeite an Breitſeite, nur daß ich dabei vor Anker lag, wie es uns auch einmal in Port Praya gieng, als der Souverain über uns kam; aber wir haben ihm ſeine Souverainetät verleidet, ehe er wieder ausfuhr.“ Richard hielt es nicht ſeiner Würde gemäß, auf dieſe Anrede etwas zu erwiedern und ſobald ſeine Gefangenen ſicher in einem der äußern Kerker untergebracht und ſeinem Befehle gemäß die Riegel vorgeſchoben waren, entfernte er ſich. Benjamin plauderte während des Nachmittags oft mit den Vorübergehenden durch das Eiſengitter; ſein Gefährte jedoch durch⸗ ſchritt den engen Raum mit raſchen ungeduldigen Tritten, wobei er niedergeſchlagen den Kopf auf die Bruſt herunter ſinken ließ; nur hin und wieder erhob er denſelben auf Augenblicke nach den Müßiggängern am Fenſter, und dann mochte wohl ein Ausdruck der kindiſchen Vergeßlichkeit des Alters ſeine Züge überfliegen, welcher übrigens ſchnell wieder einer tiefen Beklommenheit Platz machte. In der abendlichen Dämmerung bemerkte man Edwards in ernſter Zwieſprache mit ſeinem Freunde an dem Fenſter; und er mochte dem alten Jäger wohl Worte des Troſtes gebracht haben, denn ſobald er ſich entfernt hatte, warf ſich Natty auf ſein Lager und war bald in tiefen Schlaf verſunken. Die neugierigen Zuſchauer hatten endlich auch die Redſeligkeit des Majordomo, der mit der Hälſfte ſeiner Bekanntſchaft auf gute Kameradſchaft getrunken, erſchöpft, und als Natty nicht länger in Bewegung war, und Billy Kirby, welcher der letzte an dem Fenſter geweſen, um acht Uhr ſich nach dem Templetoner Kaffeehauſe zurückgezogen hatte, erhob ſich der alte Jäger noch einmal, um eine Decke vor die Oeffnung zu hängen, worauf ſich die Gefangenen zur Ruhe begaben. Fünfunddreißigſtes Kapitel. Um die Verfolger zu vermeiden, Drückt ſchwer der Sporn der Thiere Seiten, Nicht umgeſchaut, bis der Gefahr Wir Viere ledig ſind und baar! Hudibras. Mit der eintretenden Dämmerung begannen die Geſchworenen, die Zeugen und die übrigen Glieder des Gerichtshofs ſich zu zer⸗ ſtreuen, und noch vor neun Uhr herrſchte Ruhe im Dorfe: die Straßen waren beinahe verödet. Um dieſe Stunde giengen Richter Temple und ſeine Tochter, denen Luiſe Grant in kurzer Entfernung folgte, unter dem leichten Schatten der jungen Pappeln langſam die Allee hinab, wobei ſie ſich in nachſtehendem Geſpräche unterhielten:— * — — 479 „Du kannſt am beſten ſein verletztes Gemüth beruhigen,“ ſagte Marmaduke;„doch wird es immerhin gefährlich ſeyn, die Natur ſeines Vergehens zu berühren, da die Heiligkeit der Geſetze be⸗ achtet werden muß.“ „O Vater!“ rief die ungeduldige Eliſabeth;„unmöglich können Geſetze vollkommen ſeyn, welche einen Mann, wie Lederſtrumpf, wegen eines Vergehens, das mir ſo verzeihlich erſcheint, zu einer ſo ſtrengen Strafe verdammen.“ „Du redeſt, wie Du es verſtehſt, Eliſabeth,“ verſetzte ihr Vater.„Die Geſellſchaft kann ohne einen heilſamen Zwang nicht beſtehen, und ein ſolcher Zwang iſt unmöglich handzuhaben, wenn die Perſonen Derjenigen, welche ihn ausüben, nicht geſchützt und geachtet werden. Und wie ſehr müßte es nicht meinem Ruf als Richter ſchaden, wenn man mir nachſagen könnte, ich hätte einen überwieſenen Verbrecher entſchlüpfen laſſen, weil er das Leben meines Kindes rettete?“ „Ich ſehe— ich erkenne die Schwierigkeit Deiner Stellung, lieber Vater,“ entgegnete die Tochter;„aber bei einem Vergehen, wie das des armen Natty war, kann ich den Vollſtrecker des Ge⸗ ſetzes nicht von dem Menſchen trennen. „Du ſprichſt wie ein Weib, Kind. Es handelte ſich nicht um den Angriff auf Hiram Doolittle, ſondern um die Drohung, auf einen Conſtable zu ſchießen, welcher in der Vollziehung eines——“ „Gleichviel, ob es das eine oder das andere iſt,“ fiel ihm Miß Temple mit einer Logik in's Wort, die ihre Schlüſſe mehr von dem Gefühle als von dem Verſtande borgte;„ich kenne Natty's Unſchuld, und in dieſer Ueberzeugung muß ich Alle, die ihn unter⸗ drücken, für ungerecht halten.“ „Sein Richter gehört auch darunter;— Deinen Vater alſo gleichfalls, Eliſabeth?“ „Ach Vater! ſtelle keine ſolche Fragen an mich. Nenne mir lieber Deinen Auftrag, und laß mich eilen, ihn zu vollziehen.“ 4 480 Der Richter hielt einen Augenblick inne, lächelte ſeinem Kinde zärtlich zu, und ließ dann ſeine Hand auf ihre Schulter fallen, indem er entgegnete: „Du magſt in manchen Stücken Recht haben, Beß, aber Dein Herz hat zu viel Einfluß auf Deinen Verſtand. Doch höre jetzt: in dieſem Taſchenbuch ſind zweihundert Dollars. Geh' zu dem Gefangenen— Du haſt nichts dabei zu befürchten— gib dem Schließer dieſe Karte, und wenn Du Bumppo ſiehſt, ſo ſage dem armen, alten Manne alles, was Du willſt. Laß die Gefühle Dei⸗ nes warmen Herzens ſprechen, aber vergiß nicht, Eliſabeth, daß die Geſetze allein uns aus dem Zuſtand der Wildheit reißen konn⸗ ten— daß er ſich eines Verbrechens ſchuldig gemacht hat, und 33 ſein Richter Dein Vater iſt.“ Miß Temple erwiederte nichts, ſondern drückte nur die Hand, welche das Taſchenbuch hielt, an ihre Bruſt, nahm ſodann ihre Freundin beim Arm und trat mit ihr aus dem Thore in die Hauptſtraße des Dorfes. Als ſie ihren Spaziergang ſchweigend an der Häuſerreihe, wo das abendliche Dunkel bereits ihre Geſtalten verbarg, fort⸗ ſetzten, hörten ſie keinen weiteren Laut, als den langſamen Tritt eines Jochs Ochſen nebſt dem Raſſeln eines Karren, der ſich in gleicher Richtung mit ihnen die Straße entlang hinbewegte. Die Umriſſe des Treibers, der verdroſſen an der Seite ſeines Viehs hinſchlenderte, als ſey er von der Arbeit des Tages ermüdet, ließen ſich kaum noch in den Schatten der Nacht unterſcheiden. An der Ecke, wo das Gefängniß ſtand, wurden die Damen für einen Augenblick durch die Ochſen aufgehalten, welche nach der Seite des Gebäudes einbogen und ein Bund Heu, das ſie geduldig an ihrem Halſe trugen, als Belohnung für ihre Mühe erhielten. All dieß war ſo natürlich und gewöhnlich, daß es Eliſabeth nicht ein⸗ fiel, einen zweiten Blick auf das Geſpann zu werfen, bis ſie den Treiber leiſe mit ſeinem Vieh ſprechen hörte: „Gib Acht, Schecke; gib Acht, Alter,— willſt Du?“ Wer in einem neuen Lande wohnt, iſt mit der Sprache, welche man gegen Ochſen braucht, zu bekannt, um eine ſolche Anrede nicht befremdend finden zu müßen; aber es lag auch etwas in der Stimme, was Miß Temple auffiel. Als ſie um die Ecke bog, mußte ſie ſich nothwendig dem Manne nähern, und ihr ſcharfes Auge ließ ſie in demſelben Oliver Edwards unter der groben Hülle eines Ochſen⸗ treibers erkennen. Ihre Blicke begegneten ſich in demſelben Mo⸗ ment, auch war ungeachtet der Dunkelheit und Eliſabeths Mantel die Erkennung wechſelſeitig. „Miß Temple“—„Herr Edwards,“ lautete es gleichzeitig, obgleich ein Gefühl, das beide zu theilen ſchienen, die Worte faſt unhörbar machte. „Iſt's möglich,“ rief Edwards nach einem Augenblicke des Zweifels,„daß ich Sie in der Nähe des Gefängniſſes ſehe? Doch Sie gehen wohl in die Rectorei; ich bitte um Verzeihung.— Miß Grant, glaube ich? Ich hatte Sie anfangs nicht erkannt.“ Der Seufzer, welcher Luiſen entfuhr, war ſo leiſe, daß er nur von Eliſabeth gehört wurde, welche raſch erwiederte: „Wir ſind nicht nur in der Nähe des Gefängniſſes, Herr Edwards, ſondern wünſchen ſogar hinein zu gehen. Wir wollen Lederſtrumpf zeigen, daß wir ſeiner Dienſte nicht vergeſſen haben und daß mein Vater, wenn er gerecht ſeyn mußte, auch dankbar iſt. Sie ſind wohl zu einem ähnlichen Zwecke hier, aber ich muß Sie bitten, daß Sie mir auf zehn Minuten den Vortritt erlau⸗ ben. Gute Nacht, Sir; ich— ich— bedaure von Herzen, Herr Edwards, Sie zu einem ſolchen Geſchäfte erniedrigt zu ſehen; aber gewiß, mein Vater würde——“ „Ich füge mich gerne Ihrem Wunſche, Fräulein,“ fiel ihr der Jüngling kalt in's Wort.„Darf ich bitten, daß Sie meiner Anweſenheit nicht erwähnen?“ „Verlaſſen Sie ſich darauf,“ verſetzte Eliſabeth, indem ſie die Die Anſiedler. 3. Aufl. 31 482 Verbeugung des jungen Mannes durch ein leiſes Kopfnicken er⸗ wiederte und die ſäumige Luiſe vorwärts drängte. Als ſie jedoch in das Gebäude eingetreten waren, fand Luiſe Zeit zu flüſtern: „Würde es nicht beſſer ſeyn, einen Theil ihres Geldes Oliver anzubieten? Die Hälfte davon reicht zu, Bumppo's Strafe zu zahlen— und er iſt ſo wenig an Mangel und Anſtrengungen ge⸗ wöhnt. Ich bin überzeugt, mein Vater ſelbſt würde einen großen Theil ſeines kleinen Einkommens darauf verwenden, ihm eine würdigere Stellung zu verſchaffen.“ Das unwillkührliche Lächeln, welches Eliſabeth's Züge über⸗ flog, trug zugleich den Ausdruck eines tiefen und herzlichen Mit⸗ leidens. Sie erwiederte jedoch nichts, da das Erſcheinen des Schließers die Gedanken beider Mädchen dem Zwecke ihres Be⸗ ſuches zuwandte. Man nahm es in dem neuen Lande mit den Formen nicht ſehr genau, und da es bekannt war, daß der alte Jäger den Damen das Leben gerettet hatte, weßhalb ſie wohl eine beſondere Theil⸗ nahme für den Gefangenen hegen mußten, ſo fand der Schließer an dem Geſuche, in das Gefängniß eingelaſſen zu werden, nichts Befremdendes, wie denn auch ſchon Richter Temple's Karte jeden Einwurf, wenn ein ſolcher hätte verſucht werden wollen, zum Schweigen gebracht haben würde: er gieng daher ohne Zögern nach dem Gemache der Gefangenen voran. Sobald der Schlüſſel in das Schloß geſteckt wurde, ließ Benjamins rauhe Stimme die Frage vernehmen: „Oho! wer kömmt da?“ „Ein Beſuch, den Ihr gerne ſehen werdet,“ verſetzte der Schließer.„Was habt Ihr mit dem Schloß angefangen, daß es nicht aufgehen will?“ „Sachte, ſachte, Meiſter,“ rief der Majordomo;„ich habe eben einen Nagel als Stopfer über die Klinge eingeſchlagen, ſeht Ihr, damit nicht Meiſter Thu⸗nur⸗wenig hereinrennen und zu e zt einem andern Kampf anſegeln kann, denn meiner Berechnung nach werde ich ohnehin bald ein armer Teufel ſeyn, da man mir meine Spanier abmelken wird, als ob ich den Schuft gepeitſcht hätte. Haltet mit Eurem Schiff im Winde und legt ein wenig bei; die Paſſage ſoll bald gelichtet ſeyn.“ Die Schläge eines Hammers bewieſen, daß es der Haus⸗ meiſter ernſtlich meinte, und in kurzer Zeit gab das Schloß nach, worauf ſich die Thüre aufthat. Benjamin war augenſcheinlich emſig darauf bedacht geweſen, von dem Gelde, das er ſchon als verfallen betrachtete, ſo viel als möglich in ſeinem eigenen Intereſſe zu retten, denn er hatte wäh⸗ rend des Nachmittags und Abends ſeinem Lieblingsfaſſe im kühnen Dragoner ſo wacker zugeſprochen, daß er ſich jetzt in jenem Zu⸗ ſtande befand, welchen die Matroſen⸗Poeſie mit dem Ausdruck „halb über See“ bezeichnet und was in ehrlichem Deutſch„halb betrunken“ bedeutet. Der alte Theer ließ ſich durch die Wirkun⸗ gen des Branntweins nicht leicht aus dem Gleichgewicht bringen, denn ſeinem eigenen Ausdrucke nach war er„zu niedrig aufge⸗ tackelt, um nicht in allen Wettern Segel führen zu können;“ dem⸗ ungeachtet konnte jedoch über ſeine dermalige Stimmung, welche er ſelbſt eine„ſtaubige“ nannte, kein Zweifel obwalten. Sobald er bemerkte, wer die Beſuchenden waren, zog er ſich nach der Seite des Gemachs zurück, wo ſeine Streu lag, und ohne ſich durch die Anweſenheit ſeiner jungen Gebieterin ſtören zu laſſen, ſetzte er ſich, indem er eine ganz nüchterne Miene annahm, auf derſelben nieder und drückte ſeinen Rücken feſt gegen die Wand. „Wenn Ihr meine Schlöſſer in dieſer Weiſe zu verderben ge⸗ denkt, Herr Pump,“ begann der Schließer,„ſo will ich Euch einen Stopfer, wie Ihr es nennt, an die Beine legen, der Euch das Aufſtehen von Eurem Bette verleiden ſoll.“ „Warum ſo, Meiſter?“ brummte Benjamin.„Ich habe heute ſchon, mit den Ferſen vor Anker liegend, eine Bö ausgehalten, 484 und brauche keine zweite. Was iſt's denn Arges, wenn ich daſſelbe thue, was Ihr? Laßt außen Eure Riegel weg, und ich verſpreche Euch, daß Ihr auch innen keine Hemmkette finden ſollt.“ „Ich muß um neun Uhr abſchließen,“ ſagte der Kerkermeiſter, „und jetzt ſind's zwei und vierzig Minuten über acht.“ Er ſtellte die kleine Kerze auf einen rohen Fichtentiſch, und entfernte ſich. „Lederſtrumpf,“ begann Eliſabeth, ſobald ſich der Schlüſſel im Schloſſe wieder umgedreht hatte;„mein guter Freund Leder⸗ ſtrumpf! Die Gefühle des Dankes führen mich zu Euch. Ach, hättet Ihr Euch doch der Hausdurchſuchung unterworfen, würdiger, alter Mann; denn da das Erlegen eines Hirſches nur eine Kleinig⸗ keit iſt, ſo wäre Alles gut abgelaufen——“ „Der Hausdurchſuchung unterworfen?“ ſiel ihr Natty in's Wort, indem er das auf ſeinen Knieen ruhende Geſicht erhob, ohne jedoch den Winkel, wo er ſich niedergeſetzt hatte, zu verlaſſen oder aufzuſtehen.„Meinen Sie denn, Frauenzimmerchen, ich würde ein ſolches Gewürm in meine Hütte laſſen? Nein, nein,— ich haͤtte damals nicht einmal Ihrem eigenen ſüßen Antlitz die Thüre geöffnet. Jetzt können ſie meinetwegen unter den Kohlen und in der Aſche ſuchen; ſie werden nichts weiter finden, als einen Haufen, wie man ihn bei jeder Potaſchenbrennerei in den Bergen findet.“ Der alte Mann ließ ſein Geſicht wieder auf die Hand ſinken, und ſchien in tiefe Schwermuth verloren. „Die Hütte kann wieder hergeſtellt und beſſer gebaut werden, als ſie früher war,“ verſetzte Miß Temple;„auch werde ich, ſo⸗ bald Eure Haft zu Ende iſt, Sorge dafür tragen, daß es geſchehe.“ „Kann man Todte in's Leben zurückrufen, Kind?“ entgegnete Natty bekümmert.„Kann man zu dem Orte gehen, wo man Vater, Mutter und Kinder hingelegt hat, um ihre Aſche zu ſam⸗ meln, und ſie wieder zu Männern und Weibern machen, wie früher? Sie wiſſen nicht, was es heißt, das Haupt mehr als vierzig Jahre unter dem Schutze derſelben Holzſtämme niederzulegen, und den größten Theil ſeines Lebens dieſelben Dinge um ſich zu haben. Sie ſind noch jung, mein Kind, aber Sie gehören unter die köſtlichſten Geſchöpfe Gottes. Ich habe für Sie eine Hoffnung gehegt, aber jetzt iſt Alles vorbei; der neueſte Vorgang, zu dem Uebrigen gelegt, wird ihm für immer jeden Gedanken daran ver⸗ treiben.“ Miß Temple mußte das, was der alte Mann ſagen wollte, beſſer verſtanden haben, als die übrigen Zuhörer, denn während Luiſe unſchuldig und voll Mitleids über den Kummer des Jägers an ihrer Seite ſtand, wandte ſie das Geſicht ab, um die Glut ihrer Wangen zu verbergen. Doch dieſe Bewegung, gleich dem Gefühle, welches dieſelbe hervorgerufen hatte, währte nur einen Augenblick. „Es gibt andere und ſogar beſſere Holzſtämme,“ fuhr ſie fort,„und ſie ſollen für Euch, meinen alten Beſchützer, herbei⸗ geſchafft werden. Eure Haft wird nicht lange dauern, und noch ehe ſie abgelaufen iſt, ſoll ein Haus für Euch daſtehen, wo Ihr den Reſt Eures harmloſen Lebens in Ruhe und Ueberfluß zu⸗ bringen könnt.“ „Haus? Ruhe und Ueberfluß?“ wiederholte Natty langſam. „Nun, Sie meinen es gut, Sie meinen es gut, und es thut mir recht leid, daß es nicht ſeyn kann; aber er hat geſehen, wie man mich zum Geſpötte der Menge in den Stock ſteckte——“ „Zum Teufel mit Eurem Stock,“ rief Benjamin, indem er mit ſeiner Flaſche, aus welcher er wiederholt tiefe Züge gethan hatte, in der Luft herum fſuchtelte, während er mit der andern Hand Ge⸗ berden der Verachtung machte;„wer kümmert ſich um ſolche hölzerne Strümpfe? Dieſes Bein da, ſeht Ihr, iſt auch eine Stunde lang wie ein Klüverbaum an ſeinem Ende in der Klemme geweſen, und iſt es deßhalb ſchlechter geworden, he? Kannſt Du mir ſagen, um was es ſchlechter geworden iſt, he?“ 486 „Ich glaube, Ihr vergeßt, Herr Pump, wer zugegen iſt,“ be⸗ merkte Eliſabeth. 3„Sie vergeſſen, Miß Lizzi?“ verſetzte der Hausmeiſter.„Soll mich der Teufel holen, wenn ich das thue. Sie vergißt man nicht ſo leicht, wie die gute Prettybones in dem großen Haus dort. Ich ſage Euch, alter Scharfſchütze, ſie mag wohl hübſche Knochen* haben, aber von ihrem Fleiſch kann nicht viel die Rede ſeyn, denn ſeht Ihr, ihr Aeußeres iſt ſo ziemlich das eines Skelets, welches von jemand anders einen Rock geborgt hat. Was die Haut ihres Geſichtes anbelangt, ſo hat ſie ganz die Farbe eines neuen Top⸗ ſegels mit ſteif angelegtem Bolzentau, gut paſſend an der Leick, aber alles ſchlaff und ſchlotterig im inneren Zeug.“ „Stille— ich befehle Euch zu ſchweigen,“ entgegnete Eliſabeth. „Gut, gut, Fräulein,“ erwiederte der Hausmeiſter;„aber das Trinkéen werden Sie mir doch nicht wehren wollen?“ „Es handelt ſich jetzt nicht davon, was aus Andern werden wird,“ ſagte Miß Temple, zu dem Jäger gewendet;„ich wünſche mit Euch von Eurer, eigenen Zukunft zu ſprechen, Natty. Es ſoll mein Geſchäft ſeyn, Sorge zu tragen, daß Ihr den Reſt Eurer Tage in Ruhe und Ueberfluß zubringen könnt.“ „Ruhe upd Ueberfluß?“ wiederholte Lederſtrumpf abermals. „Welche Ruh hat ein alter Mann zu erwarten, der meilenweit über ein offenes Feld gehen muß, ehe er einen Schatten finden kann, der ihn gegen die ſengende Sonne ſchützt? Und wie mögen Sie von Ueberfluß ſprechen, wo man einen Tag ausſeyn kann, ohne auf einen Bock zu ſtoßen, oder etwas Größeres zu ſehen, als ein Wieſel, oder allenfalls einen verirrten Fuchs? Ach! ſogar die Biber werden mir ſauer werden, die ich brauche, um die Strafe zu bezahlen; denn ich muß faſt hundert Meilen, bis an die pennſylvaniſche Grenze hinauf wandern, um welche zu treffen, da hier herum nichts der * Wortſpiel mit dem von Benjamin verketzerten Namen der alten Jungfer, welcher zu deutſch„hübſche Knochen“ heißt! —*˙— Art zu finden iſt. Nein, nein— Eure Verbeſſerungen und Lich⸗ tungen haben dieſe ſchlauen Thiere aus dem Lande getrieben, und ſtatt der Biberdämme, welche, nach der Anordnung der Vorſehung, der Inſtinct dieſer Thiere ſchuf, führt Ihr das Waſſer mit Euren Mühldämmen durch die Niederungen, als ob der Menſch das Recht hätte, den Tropfen in ſeinem Laufe zu hemmen, den ihm Gottes Wille angewieſen hat.— Benny, wenn Ihr nicht ablaßt, Eure Hand ſo oft zum Mund zu führen, ſo werdet Ihr nicht zum Auf⸗ bruch bereit ſeyn, wenn die Zeit kömmt.“ „Hört, Meiſter Bumppo,“ ſagte der Majordomo,„kümmert Euch nicht um Ben. Wenn die Wache ruſt, ſo ſtellt mich auf meine Beine und gebt mir die Höhe und Weite des Ortes an, wohin Ihr ſteuern wollt; ich ſteh' Euch dafür, ich ſegle dann mit dem Beſten von Euch um die Wette.“ „Die Zeit iſt bereits gekommen,“ verſetzte der Jäger aufhorchend; „ich höre, wie ſich die Hörner der Ochſen an der Gefängnißwand reiben.“ 3 „Wohlan, Steuermann, ſo gebt Befehl und wir lichten die Anker,“ entgegnete Benjamin. „Sie werden uns nicht verrathen, Miß Temple?“ ſprach Natty, indem er Eliſabeth ehrlich in's Geſicht ſah—„Sie werden einen alten Mann nicht verrathen, der ſich ſehnt, die reine Luft des Himmels zu athmen? Ich habe keine böſe Abſicht dabei; und wenn das Geſetz ſagt, ich müſſe hundert Dollars bezahlen, ſo will ich die Jahreszeit dazu benützen, um die Summe abzutragen. Dieſer gute Mann wird mir helfen.“ „Ihr mögt die Biber fangen,“ verſetzte Benjamin, indem er mit dem Arm in der Luft herum fuchtelte,„und wenn ich ſie wieder ſpringen laſſe, ſo dürft Ihr mich ein Kalb nennen, weiter ſage ich nichts.“ „Was führt Ihr im Schilde?“ rief Eliſabeth verwundert. „Ihr müßt dreißig Tage hier bleiben; und was das Geld für Eure Strafe anbelangt, ſo habe ich es hier im Beutel. Nehmt es— Ihr könnt gleich morgen die Zahlung leiſten; aber geduldet Euch den Monat über, der Euch geſprochen iſt. Ich werde Euch oft mit meiner Freundin beſuchen, und wir wollen mit eigenen Händen Kleider für Euch machen. Gewiß, gewiß, es ſoll Euch Nichts abgehen.“ „Wollt Ihr das wirklich, meine Kinder?“ entgegnete Natty, indem er freundlich auf die Beiden zugieng und Eliſabeths Hand ergriff.„Wollt Ihr Euch wirklich eines alten Mannes annehmen, der weiter nichts gethan hat, als daß er das Thier ſchoß, was ihm doch keine Mühe koſtete? Ich glaube, die Sinnesart vererbt ſich nicht mit dem Blute, denn Sie ſcheinen einen erwieſenen Ge⸗ fallen nicht zu vergeſſen. Doch Eure kleinen Finger würden wohl ſchwerlich viel mit einer Hirſchhaut anzufangen wiſſen, und in den Sehnen möchtet Ihr wohl auch einen ungewohnten Faden finden. Aber wenn er es nicht mitangehört hat, ſo ſoll er es durch mich erfahren, damit er, gleich mir, ſehe, es gäbe Jemanden, der einer Gefaͤlligkeit eingedenk iſt.“ „Sagt ihm nichts!“ rief Eliſabeth haſtig.„Wenn Ihr mich liebt, wenn Ihr meine Gefühle achtet, ſo ſagt ihm nichts. Ich wollte nur von Euch ſprechen, und nur um Euretwillen handle ich ſo. Ich bedaure von Herzen, Lederſtrumpf, daß das Geſetz eine ſo lange Haft über Euch verhängt hat; im Grunde iſt es aber nur ein kurzer Monat und——“ „Ein Monat?“ rief Natty, den Mund zu ſeinem gewöhnlichen Lachen verziehend;„nein, keinen Tag, keine Nacht, keine Stunde bleibe ich mehr, Mädchen. Wenn mich auch Richter Temple ver⸗ urtheilt hat, ſo kann er mich doch nicht feſthalten, ohne einen beſſeren Kerker als dieſen. Ich wurde einmal in der Nähe des alten Fron⸗ tenak von den Franzoſen gefangen, und ſie ſteckten unſerer Zwei⸗ undſechszig in ein Blockhaus; aber für Leute, die mit dem Holze umzugehen wußten, war es ein Leichtes, ſich einen Weg durch einen Fichtenblock zu bahnen.“ Der Jäger hielt inne, ſah ſich vorſichtig im Gemache um, lachte dann wieder, und ſchob den Hausmeiſter ſachte von ſeiner Stelle, worauf er die Betttücher hinwegräumte und auf ein Loch zeigte, das erſt kürzlich mit Hammer und Meiſel in das Gebälke gehauen worden war. „Es bedarf nur noch eines Fußſtoßes, um den Weg frei zu machen, und dann——“ „Fort! ja, fort!“ rief Benjamin, aus ſeinem Stumpffſinn er⸗ wachend;„gut, hier iſt's offen. Ja, ja, Ihr fangt ſie und ich be⸗ wahre ſie auf, um ſie an die Hutmacher zu verkaufen.“ „Ich fürchte, der Burſche wird mir viel Mühe machen,“ ſagte Natty.„Er wird ſich nicht leicht durch die Berge fortbringen, wenn man uns bald auf die Spur kommen ſollte, denn er iſt in keinem der Flucht förderlichen Zuſtande.“ „Flucht?“ wiederholte der Hausmeiſter.„Was Flucht! wir ſtreichen ſeitwärts und ſchlagen los!“ „Ruhe!“ befahl Eliſabeth. „Ja, ja, Fräulein.“ „Gewiß, Ihr könnt nicht im Sinne haben, uns zu verlaſſen, Lederſtrumpf,“ fuhr Miß Temple fort.„Ich bitte Euch, bedenkt, daß Ihr dann ganz auf die Wälder verwieſen ſeyd, und daß das Alter mit raſchen Schritten herannaht. Geduldet Euch für eine kleine Weile; Ihr könnt dann offen und mit Ehre dieſes Haus wieder verlaſſen.“ „Gibt es hier Biber zu fangen, Mädchen?“ „Das nicht; aber hier iſt Geld, um die Strafe zu bezahlen; und in einem Monat ſeyd Ihr frei. Seht, es iſt Gold.“ „Gold?“ entgegnete Natty mit einer Art kindiſcher Neugierde. „Es iſt lange her, ſeit ich das letzte Goldſtück geſehen habe. Wir kriegten hin und wieder im alten Krieg ſo einen blanken Joſeph, doch kamen ſie auch nicht häufiger vor, als dermalen die Bären. Ich erinnere mich eines Mannes aus Dieskau's Armee, der auf ——. 490 dem Schlachtfeld geblieben war, und ein Dutzend ſolcher glänzenden Dinge in ſeinem Hemd eingenäht hatte. Ich ſelbſt habe mich nicht damit befaßt, obgleich ich ſie mit eigenen Augen ausſchneiden ſah— ſie waren größer und glänzender als dieſe hier.“ „Es ſind engliſche Guineen, die Euch gehören,“ erwiederte Eliſabeth.„Betrachtet Sie als den Anfang deſſen, was für Euch gethan werden ſoll.“ „Was? mir wollt Ihr dieſen Schatz geben?“ verſetzte Natty mit einem ernſten Blick auf die Jungfrau. „Je nun, habt Ihr nicht mein Leben gerettet und mich dem Rachen des reißenden Thieres entriſſen?“ rief Eliſabeth, indem ſie ihre Augen mit der Hand bedeckte, als ſchwäbe noch jetzt der gräß⸗ liche Anblick vor ihr. Der Jäger nahm das Geld und drehte es eine Weile, Stück für Stück, in ſeiner Hand um, wobei er laut mit ſich ſelber ſprach— „Im Kirſchenthale ſoll es eine Büchſe geben, welche auf hundert Ruthen noch ſicher trifft. Ich habe in meinem Leben manches gute Gewehr geſehen, aber keines, das mit einem ſolchen zu vergleichen wäre. Hundert Ruthen ſicheres Ziel iſt eine treffliche Waffe! Doch meinetwegen— ich bin alt, und der Hirſchetödter wird mich wohl noch aushalten. Da, Kind, nehmen Sie Ihr Gold zurück. Es iſt jetzt an der Zeit; ich höre ihn mit dem Vieh ſprechen und muß mich auf den Weg machen. Sie werden nichts ausplaudern, Mädchen — nicht wahr; Sie werden nichts ausplaudern?“ „Ausplaudern?“ wiederholte Eliſabeth.„Doch nehmt das Geld, alter Mann; nehmt das Geld, ſelbſt wenn Ihr in die Berge geht.“ „Nein, nein,“ entgegnete Natty mit einem freundlichen Kopf⸗ ſchütteln,„ich möchte Sie nicht berauben, und wenn ich zwanzig Büchſen dafür haben könnte. Sie können aber etwas für mich thun, da ich niemand Anders dazu habe.“ „Und das wäre? Sprecht.“ — 491 „Je nun, es handelt ſich dabei nur um den Einkauf von einer icht Büchſe Pulver, die zwei Silberdollars koſten wird. Benny Pump hat ſchon das Geld dafür hergerichtet; aber wir dürfen uns nicht in den Flecken wagen, es zu holen. Niemand führt es, als der Franzoſe— es iſt vom beſten und gerade ſo, wie es für eine uch Büchſe paßt. Wollen Sie mir es beſorgen, Mädchen— ſprechen Sie, wollen Sie mir es beſorgen?“ „Ihr dürft gar nicht fragen— ich will es Euch ſelbſt brin⸗ f) gen, Lederſtrumpf, und wenn ich Euch einen ganzen Tag lang ein durch die Wälder aufſuchen müßte. Wo und wie werde ich Euch te aber finden?“ i5⸗„Wo?“ entgegnete Natty nach einem kurzen Nachdenken— „morgen auf dem Viſionsberg; ich will Sie, wenn die Sonne ück über unſern Häuptern ſteht, auf dem Gipfel des Viſionsberges er⸗ warten, Kind. Sehen Sie aber zu, daß es fein gekörnt iſt; Sie ert werden es an dem Glanz und an dem Preiſe erkennen.“ ute„Ich will es thun,“ verſetzte Eliſabeth mit Feſtigkeit. zen Natty ſetzte ſich jetzt, ſteckte ſeine Füße in das Loch und vch bahnte ſich durch eine leichte Anſtrengung einen Durchgang nach yl der Straße. Die Damen hörten das Heu raſſeln und begriffen Fs jetzt wohl den Grund, warum Edwards dermalen den Ochſen⸗ Ä uß treiber ſpielte. en„Kommt, Benny,“ ſagte der Jäger;„es wird heute nicht 2 mehr finſterer, denn in einer Stunde geht der Mond auf.“ 43„Halt!“ rief Eliſabeth;„es darf nicht heißen, daß Ihr in — Beiſeyn der Tochter des Richters flüchtig geworden ſeyed. Verziehet noch mit der Ausführung Eures Planes, Lederſtrumpf, bis wir f⸗ 6 uns entfernt haben.“ 3 Natty wollte eben antworten, als der Schall ſich nähernder 1 Fußtritte die Ankunft des Schließers verkündigte und den erſteren belehrte, daß für den Augenblick an eine weitere Verfolgung ſeiner Entwürfe nicht zu denken ſey. Er hatte kaum Zeit, ſeine Füße 492 zurückzuziehen und das Loch mit den Betttüchern zu verhüllen, über welche Benjamin ganz gelegen hinſtolperte, als der Schlüſſel ſich umdrehte und die Thüre des Gefängniſſes ſich aufthat. „Iſt es Miß Temple jetzt gefällig?“ ſprach der höfliche Kerkermeiſter;—„die gewohnte Stunde zum Abſchließen hat geſchlagen.“ „Ich werde Euch folgen,“ entgegnete Eliſabeth.„Gute Nacht, Lederſtrumpf.“ „Es iſt ein feines Korn, Mädchen, und ich denke, es ſoll das Blei weiter führen als gewöhnlich. Ich werde alt, und kann dem Wild nicht mehr mit ſo raſchen Schritten folgen, als ich ſonſt zu thun pflegte.“ Miß Temple winkte ihm zu ſchweigen und folgte Luiſen und dem Schließer aus dem Gelaſſe. Der Mann drehte den Schlüſſel nur ein Mal um und bemerkte, er würde zurückkehren und ſeine Gefangenen beſſer verwahren, ſobald er den Damen auf die Straße geleuchtet. Sie trennten ſich demgemäß an der Thüre des Ge⸗ bäudes, worauf ſich der Kerkermeiſter wieder zu ſeinen Gefängniſſen begab und die Damen mit klopfendem Herzen der Ecke zu giengen. „Da Lederſtrumpf das Geld nicht nehmen will,“ flüſterte Luiſe, „ſo könnte man Alles Herrn Edwards geben, und auch——“ „Bſt!“ unterbrach ſie Eliſabeth;„ich höre das Heu rauſchen. Sie bewerkſtelligen in dieſem Augenblicke ihre Flucht. Ach, ſie werden entdeckt werden!“ Sie waren inzwiſchen an die Ecke gekommen, wo Edwards und Natty eben beſchäftigt waren, den faſt hülfloſen Körper Ben⸗ jamins durchzuziehen. Sie hatten die Ochſen umgewendet und die Köpfe derſelben der Straße zugekehrt, damit ſie für ihre Operationen Raum gewännen. „Wirf das Heu auf den Karren,“ ſagte Edwards,„ſonſt kom⸗ men ſie der Art, wie es geſchehen iſt, auf die Spur. Raſch, daß man es nicht bemerkt!“ —— Natty hatte eben dieſen Auftrag vollzogen, als das Licht des Gefängnißwärters durch das Loch ſchien, und ſich von innen eine Stimme vernehmen ließ, welche den Gefangenen rief. „Was iſt jetzt zu thun?“ fragte Edwards.„Dieſer be⸗ trunkene Kerl wird unſere Entdeckung herbeiführen, und wir haben keinen Augenblick zu verlieren.“ „Wer iſt betrunken, Du Schlingel?“ brummte der Hausmeiſter. „Sie ſind ausgebrochen! ſie ſind ausgebrochen!“ ſchrieen fünf oder ſechs Stimmen von innen. „Wir müſſen ihn zurücklaſſen,“ meinte Edwards. „Das wäre nicht freundlich, Junge,“ entgegnete Natty;„er hat mit mir die Schmach des Stockes getheilt und ſehr viel Gefühl gegen mich bewieſen.“ In dieſem Augenblick hörte man zwei oder drei Männer aus der Thüre des kühnen Dragoners kommen, unter denen ſich Billy Kirby's Stimme bemerklich machte. „Der Mond iſt noch nicht aufgegangen,“ rief der Holzfäller; „es iſt aber doch eine ſchöne Nacht. Wer hat mit mir einen Weg? Horcht! was gibt's im Gefängniß für einen Lärm? Wir wollen hingehen und ſehen, was los iſt. „Wir ſind verloren, wenn wir dieſen Mann nicht im Stiche laſſen,“ erklärte Edwards. In dieſem Augenblick trat Eliſabeth näher und flüſterte raſch— „Legt ihn auf den Karren und treibt die Ochſen an. Nie⸗ mand wird euch anhalten.“ „Wie ſchnell doch Weiber beſonnen ſind,“ rief der Jüngling. Der Vorſchlag wurde auf's eiligſte ausgeführt. Man ſetzte den Hausmeiſter auf das Heu, gab ihm eine Geißel in die Hand, um das Vieh anzutreiben, und bedeutete ihm, daß er ſich ruhig verhalten ſolle, worauf ſich die Ochſen in Bewegung ſetzten. So⸗ bald dieß geſchehen war, ſchlichen ſich Edwards und der Jäger eine Strecke weit an den Häuſern hin, und verſchwanden endlich 494 durch ein Gäßchen, das hinter die Gebäude führte. Die Ochſen trabten rüſtig vorwärts, und alsbald erſcholl der Lärm der Ver⸗ folger auf der Straße. Die Damen beeilten ihre Schritte, um dem Gedränge von Conſtablen und Müßiggängern zu entgehen, welche zum Theil fluchend, zum Theil lachend über den Pfiff der Ge⸗ fangenen heranzogen. Aus dem Lärm ließ ſich vor allem Billy Kirby's Stimme deutlich unterſcheiden, der laut ſchrie und unter Fluchen betheuerte, er wolle die Flüchtlinge bald wieder haben und Natty in der einen und Benjamin in der andern Taſche zurückbringen. „Vertheilt Euch, Leute,“ rief er, als er an den Damen vor⸗ bei kam und ſeine ſchweren Tritte, wie die von einem ganzen Dutzend, durch die Straße hallten.„Vertheilt Euch— den Bergen zu! In einer Viertelſtunde haben ſie das Gebirg erreicht, und dann ſind ſie nur noch mit der Büchſe einzuholen.“ Dieſer Ruf wurde von zwanzig Stimmen wiederholt, denn nicht nur das Gefängniß, ſondern auch die Wirthshäuſer hatten ihre Haufen entſandt, theils um im Ernſte an der Verfolgung Theil zu nehmen, theils um ſich an dem Vorfalle zu beluſtigen. An dem Außenthore vor ihres Vaters Wohnung angelangt, bemerkte Eliſabeth, daß der Holzfäller bei dem Karren Halt machte, und ſie gab Benjamin verloren. Als jedoch die beiden Mädchen den Kiesweg hinaneilten, wurden ſie auf einmal zweier Geſtalten anſichtig, die ſich vorſichtig, aber raſch unter dem Schatten der Bäume hinſchlichen, und in denen ſie, ſobald letztere ihren Pfad kreuzten, Edwards und den Jäger erkannten. „Miß Temple,“ rief der Jüngling,„ich werde Sie vielleicht nie wieder ſehen. Erlauben Sie mir, Ihnen für alle Ihre Güte zu danken. Ach, Sie wiſſen nicht— Sie können unmöglich wiſſen, welche Beweggründe mich leiteten.“ „Flieht! Flieht,“ rief Eliſabeth:—„das ganze Dorf iſt in Bewegung! Man darf uns in einem ſolchen Augenblick und auf dieſer Stelle nicht beiſammen treffen.“ V 8 „Nein, ich muß ſprechen, und wäre auch die Entdeckung gewiß.“ „Der Rückzug nach der Brücke iſt euch bereits abgeſchnitten. Noch ehe ihr den Wald erreichen könnt, ſind euch die Verfolger auf den Ferſen, wenn— wenn—“ „Sprechen Sie aus,“ rief der Jüngling;„Ihr Rath hat mich ſchon einmal gerettet; ich will ihm folgen bis zum Tode.“ „Die Straße iſt jetzt ſtill und leer,“ fuhr Eliſabeth nach einer kurzen Pauſe fort;„benützt den Weg nach dem See, wo ihr das Boot meines Vaters finden werdet. Von dort aus könnt ihr das Gebirge in jeder Richtung erreichen.“ „Aber Richter Temple könnte die Benützung ſeines Fahrzeugs übel nehmen.“ „Seine Tochter wird es zu verantworten wiſſen, Sir.“ Der Jüngling flüſterte noch einiges, was nur von Eliſabeth gehört wurde, und wandte ſich dann ab, um ihrem Rath Folge zu leiſten. Als ſie im Begriffe waren, ſich zu trennen, näherte ſich Natty den Frauenzimmern und ſprach: „Vergeßt mir die Pulverbüchſe nicht, Kinder. Ich und die Hunde werden alt, und ſo bedarf ich der beſten Munition für die Biber, welche ich zu ſchießen habe.“ „Kommt, Natty,“ rief Edwards ungedu ldig. „Ich komme ſchon, Junge; ich komme ſchon. Gott ſegne euch beide, denn ihr meint es gut mit einem alten Mann.“ Die Damen klieben ſtehen, bis ſie die ſich entfernenden Ge⸗ ſtalten aus dem Geſichte verloren hatten, und begaben ſich ſodann unmittelbar in das Herrenhaus. Während dieſer Scene hatte Kirby den Karren eingeholt: es war ſein eigener, der von Edwards ohne die Erlaubniß des Be⸗ ſitzrs von dem Platze, wo die geduldigen Ochſen gewöhnlich Abends ſtanden und der Befehle ihres Herrn harrten— weggetrieben worden war. 3 „Ei der tauſend— mein Vieh!“ rief er.„Wie kommt ihr 496 von dem Ende der Brücke, wo ich euch gelaſſen habe, hieher, ihr dummen Beſtien?“ „Vorwärts!“ brummte Benjamin, indem er auf's Gerathwohl mit der Geißel ausholte und dabei die Schulter des Andern traf. „Wer zum Teufel ſeyd ihr?“ rief Billy, indem er ſich über⸗ raſcht umwandte, aber nicht im Stande war, in der Dunkelheit das derbe Geſicht zu erkennen, welches über die Seitenleitern des Karrens heraus ſah. „Wer ich bin? Ich bin der Steuermann dieſes Fahrzeugs, wie Ihr ſeht, und laſſe ein hübſches Kielwaſſer hinter mir. Ja, ja, ich komme von der Brücke her und habe die hölzernen Strümpfe umſegelt. Das nenne ich ſchöne Steuermannsarbeit, Junge. Vorwärts!“ „Laßt Eure Peitſche ruhen, Herr Benny Pump,“ ſagte der Holzfäller,„oder ich will Euch die Fläche meiner Hand zeigen und Eure Ohren damit bearbeiten. Wo wollt Ihr hin mit meinem Geſpann?“ „Geſpann?“ „Ja mit meinem Karren und mit meinen Ochſen.“ „Ei, Ihr müßt wiſſen, Meiſter Kirby, daß Lederſtrumpf und ich— das heißt Benny Pump— Ihr kennt Benn?— wohl, Benny und ich— nein, ich und Benny; hol mich der Teufel, wenn ich weiß, wie es iſt, aber einer von uns ſoll nach einer Ladung von Biberhäuten ausfahren, ſeht Ihr, und ſo haben wir den Karren gepreßt, um ſie heimzuſchiffen. Ich ſage Euch, Meiſter Kirby, Ihr führt ein erbärmliches Ruder— Ihr handhabt ein Ruder, Junge, faſt wie eine Kuh eine Muskete, oder wie ein Frauenzimmer einen Mehlpfriem.“ Billy war über den Zuſtand des Hausmeiſters bald im Klaren und gieng eine Weile nachſinnend neben dem Karren her, worauf er Benjamin, der auf das Heu zurückfiel und bald eingeſchlafen war, die Geißel aus der Hand nahm, und ſein Vieh die Straße und ohl, ufel, einer wir eiſter ein ein aren rauf lafen raße hinab über die Brücke nach einer Lichtung im Gebirge trieb, wo er des nächſten Tages arbeiten ſollte, ohne auf ſeinem Wege durch etwas Anderes als durch einige haſtige Fragen von Seiten der hin⸗ und herziehenden Conſtablen unterbrochen zu werden. Eliſabeth ſtand wohl eine Stunde an dem Fenſter ihres Zim⸗ mers, wo ſie die Fackeln der Nachſetzenden an den Seiten des Gebirges hinziehen ſah und das Rufen und den Laͤrm der Ver⸗ folger hörte. Nach Abfluß dieſer Zeit kehrte jedoch die letzte Abtheilung, müde und ohne etwas ausgerichtet zu haben, zurück und das Dorf wurde wieder ſo ruhig, als es bei ihrem Gang nach dem Gefängniß geweſen war. Sechsunddreißigſtes Kapitel. „Ich könnte weinen—“ ſang in wildem Ton Der Häuptling des Oneidas—„doch der Sohn Des tapfern Vaters darf die Todtenklage Nicht ſo entweihn, wie ſehr der Schmerz auch nage.“ Gertrude v. Wyoming. Des andern Morgens in aller Frühe begaben ſich Eliſabeth und Luiſe beſprochener Maßen nach Monsieur Le Quoi's Laden, um ſich, der gegen Lederſtrumpf eingegangenen Verpflichtung zu ent⸗ ledigen. Die Leute giengen bereits an die Geſchäfte des Tages, obſchon es noch zu frühe für ein eigentliches Gedränge war, weß⸗ halb die Damen in dem Laden Niemand als den höflichen Franzoſen, Billy Kirby, einen weiblichen Kunden und den Jungen vorfanden, welcher das Amt eines Helfers oder Commis verſah. Monsieur Le Quoi durchlas eben mit augenſcheinlichem Entzücken ein Packet Briefe, während der Holzfäller, die eine Hand in ſeiner Bruſt, die andere in der Taſche ſeiner Jacke, mit einer Art unter dem rechten Arme daſtand und mit gutmüthiger Theilnahme den freudigen Bewegungen des Franzoſen zuſah. Das freimüthige Die Anſiedler. 3. Aufl. 32 — Benehmen, welches in den neuen Anſiedelungen herrſchte, glich gemeiniglich alle Rangunterſchiede, und damit auch häufig die An⸗ ſprüche der Erziehung und des überlegenen Wiſſens aus. Die Damen traten, von dem Eigenthümer des Etabliſſements unbe⸗ merkt, ein, als dieſer eben zu Kirby ſagte: „Ah, Monsieur Bihl, dieſe Brief machen mich zu der glück⸗ lichſte Menſch. A! ma chère France! Ich werde Dich wiederſehen.“ „Ich nehme Antheil an allem, Monsieur, was zu Ihrem Glücke beiträgt,“ begann Eliſabeth,„hoffe übrigens, daß wir Sie nicht ganz verlieren werden.“ Der höfliche Kaufmann erzählte nun Eliſabeth ſchnell in franzöſiſcher Sprache, daß er Hoffnung habe, in ſein Vaterland zurückkehren zu dürfen. Die Gewohnheit hatte jedoch die Manieren dieſes ſchmiegſamen Mannes ſo weit verändert, daß er fortfuhr, den Holzfäller zu bedienen, welcher etwas Taback begehrte, während er den Frauenzimmern mittheilte, welcher glückliche Wechſel in dem Charakter ſeiner Landsleute ſtattgefunden hätte. 3 Der Inhalt ſeines Berichtes lief darauf hinaus, daß Herr Le Quoi, der mehr aus Schrecken, als weil er den Gewalthabern von Frankreich verdächtig geworden, ſein Vaterland verlaſſen, endlich eine Zuſicherung erwirkt hatte, daß man von ſeiner Rückkehr nach Weſtindien keine Notiz nehmen würde, und der Franzoſe, welcher ſich mit ſo viel Ergebung in die Rolle eines Landkrämers gefügt hatte, war nun im Begriffe, aus ſeiner Dunkelheit wieder zu der Höhe, welche er früher in der Geſellſchaft eingenommen, aufzutauchen. Wir übergehen die Höflichkeiten, welche bei dieſer Gelegenheit gegenſeitig ausgetauſcht wurden, und erlauben uns auch nicht, zu wiederholen, wie oft der entzückte Franzoſe ſeinen Schmerz ausdrückte, daß er in Zukunft einer ſo angenehmen Geſellſchaft, wie der von Miß Temple, entbehren müſſe. Eliſabeth benützte während des Geſprächs eine Gelegenheit, um ſich von dem Knaben, welcher Jonathan hieß⸗ das Pulver auswiegen zu laſſen. Ehe ſie ſich jedoch trennten, erbat X8 A8 ſich Monsieur Le Quoi, welcher noch nicht genug geſagt zu haben vermeinen mochte, die Ehre einer Privatunterredung mit der Erbin, was er mit einer Feierlichkeit in ſeiner Miene that, welche be⸗ kundete, daß er etwas höchſt Wichtiges auf dem Herzen hatte. Nachdem ihn Eliſabeth zu dieſem Ende auf eine günſtigere Ge⸗ legenheit verwieſen hatte, verließ ſie den Laden, in dem jetzt, wie gewöhnlich, die Landleute einzuſprechen begannen und auch mit der gleichen Aufmerkſamkeit und bienseance wie früher empfangen wurden. Eliſabeth und Luiſe ſetzten ihren Spaziergang bis an die Brücke in tiefem Schweigen fort; als ſte aber an derſelben anlangten, machte die Letztere Halt und ſchien etwas ſagen zu wollen, ohne jedoch den Muth dazu gewinnen zu können. „Sind Sie unwohl, Luiſe?“ fragte Miß Temple.„Wir werden dann wohl beſſer thun, wenn wir umkehren und eine andere Gelegen⸗ heit ſuchen, um den Wünſchen des alten Mannes zu entſprechen.“ „Ich bin nicht unwohl, aber ich fürchte mich. Ach, ich kann nie, nie wieder auf dieſen Berg gehen, wenn wir nicht noch eine weitere Begleitung haben. Ich fühle mich nicht ſtark genug dazu— nein, ich kann unmöglich weiter.“ Dieß war eine unerwartete Erklärung für Eliſabeth, welche, ob⸗ gleich die eitle Beſorgniß vor einer Gefahr, welche nicht mehr exiſtirte, ihr fremd war, dennoch das etwas Unweibliche in ihrem Vorhaben recht wohl fühlte. Sie blieb eine Weile in tiefem Nachdenken ſtehen; in dem Bewußtſeyn aber, daß es jetzt Zeit zum Handeln und nicht zum Ueberlegen ſey, mühte ſie ſich, ihre Unſchlüſſigkeit abzuwerfen, und erwiederte mit Feſtigkeit: „Wohlan denn, ſo muß ich es allein unternehmen. Ich kann mich Niemand als Ihnen anvertrauen, da ſonſt der alte Leder⸗ ſtrumpf entdeckt würde. Warten Sie an dem Saume dieſer Wälder auf mich, damit man mich wenigſtens nicht allein in die Berge gehen ſieht. Ich möchte Bemerkungen vermeiden, Luiſe, wenn— wenn— Wollen Sie auf mich warten, meine Liebe?“ 500 „Im Angeſichte des Dorfes ein ganzes Jahr, Miß Temple,“ entgegnete die geängſtigte Luiſe,„aber ich bitte, verlangen Sie nicht von mir, daß ich mit auf den Berg gehen ſoll.“ Eliſabeth fand, daß ihre Gefährtin in der That außer Stand war, weiter zu gehen, weßhalb ſie dieſelbe an einer Stelle in der Nähe der Straße, wo man das Dorf im Geſicht hatte, ohne daß die Harrende von den Vorbeigehenden bemerkt werden konnte— verließ und nun ihren Weg allein fortſetzte.— Sie ſtieg den in unſerer Erzählung mehrfach berührten Pfad mit elaſtiſchen und feſten Tritten hinan, beſorgend, daß die Zögerung in Herrn Le Quoi's Laden und die zum Erreichen des Gipfels erforderliche Zeit ſie ver⸗ hindern möchte, zur beſtimmten Stunde einzutreffen. Gelegentlich, wenn ſie an einer Oeffnung des Gebüſches vorbeikam, machte ſie Halt, um Athem zu holen, oder vielleicht auf einen Augenblick die Reize der Landſchaft zu betrachten. Die lange Dürre hatte jedoch das grüne Gewand des Thales in ein düſteres Braun verwandelt, und obgleich die Oertlichkeiten die gleichen waren, ſo fehlte ihnen doch jetzt der liebliche und erfreuliche Anblick des Frühſommers. Selbſt der Himmel ſchien die Trockenheit der Erde zu theilen, denn die Sonne war durch einen Dunſt in der Atmoſphäre verhüllt, welcher wie dünner Rauch, ohne eine Spur von Feuchtigkeit, ausſah, wenn anders ein ſolcher denkbar iſt. Das blaue Firmament war kaum ſichtbar und blickte nur ſtellenweiſe durch den Nebel, ſo daß man von dort aus Maſſen wogender Dünſte an dem Horizont ſich ſam⸗ meln ſah, als mühe ſich die Natur, ihre Waſſer zu vereinen, um dem Menſchen Hilfe zu bringen. Selbſt die Luft, welche Eliſabeth einathmete, war heiß und trocken, und als ſie die Stelle erreichte, wo ſie die Straße verlaſſen mußte, fühlte ſie ſich faſt zum Er⸗ ſticken beengt. Sie eilte jedoch, ohne ſich daran zu kehren, um nur ihren Auftrag auszurichten, indem ihr nichts als die Täuſchung und Hilfloſigkeit des alten Jägers vor Augen ſchwebten, wenn ſie ihm nicht ihren Beiſtand leiſtete. Auf dem Gipfel des— von dem Richter ſogenannten— Viſionsberges befand ſich eine kleine Lichtung, von welcher aus man das ganze Dorf und das Thal überſehen konnte. Hier mußte ſie, ihrer Anſicht nach, den Jäger treffen, und dahin lenkte ſte auch ihre Schritte ſo haſtig, als es die ſteile Anſteigung und die Hinderniſſe eines Forſtes im Zuſtande der Natur nur geſtatten mochten. Unzählige Felſenbruchſtücke, gefallene Baumſtämme und Zweige legten ſich ihr in den Weg; aber ihre Entſchloſſenheit überwand alle Hinderniſſe, und ihrer Uhr zu Folge war ſie ſogar um einige Minuten früher, als beſtimmt worden— an Ort und Stelle. Nachdem Miß Temple eine Weile auf einem Holzſtamme aus⸗ geruht hatte, warf ſie ihre Blicke umher, um ihren alten Freund zu ſuchen; aber er war augenſcheinlich nicht in der Lichtung. Sie ſtand daher auf, gieng am Saume des Waldes herum und unter⸗ ſuchte jedes Plätzchen, wo ſich Natty möglicherweiſe um ſeiner Sicherheit willen verborgen haben konnte. Ihr Spähen war jedoch vergeblich, und nachdem ſie nicht nur ihren Körper, ſondern auch ihre Vermuthungen erſchöpft hatte, um ſich den Grund von der Säumniß des Jägers zu erklären, wagte ſie es, an dieſem ein⸗ ſamen Orte ihre Stimme laut werden zu laſſen.„Natty! Leder⸗ ſtrumpf! alter Mann!“ rief ſie nach allen Richtungen, aber ohne eine andere Antwort zu erhalten, als das Echo ihrer eigenen hellen Töne, welches der ausgetrocknete Wald zurückwarf. Eliſabeth näherte ſich jetzt einer Kante des Gipfels, wo ſich als Antwort auf ihren Ruf ein leichter Laut, ähnlich dem Geräuſch, wenn man bei ſtarkem Ausathmen die Hand vor den Mund hält, vernehmen ließ. Sie zweifelte keinen Augenblick, daß Natty hier ihrer warte und ihr durch dieſes Zeichen den Ort andeuten wolle, wo er zu finden wäre, weshalb ſie um ungefähr hundert Fuß hin⸗ unter ſtieg, bis ſie eine kleine natürliche Terraſſe erreichte, wo auf dem ſpärlichen Boden einige Bäume in den Spalten des Felſens Wurzel gefaßt hatten. Sie trat bis an den Rand der Plateform 50² vor und blickte über den ſenkrechten Abſturz an der Vorderſeite, als ganz in ihrer Nähe ein Rauſchen des dürren Laubes ihren Augen eine ganz andere Richtung gab. Unſere Heldin erſchrak ob dem Gegenſtande, der ſich jetzt ihren Blicken darbot; aber ein Moment reichte zu, ſie ihre Faſſung wieder gewinnen zu laſſen, und ſie trat feſten Blickes, nicht ganz ohne Neugierde, der Stelle näher. Mohegan ſaß auf dem Stamme einer gefallenen Eiche, das lohfarbene Geſicht der Jungfrau zugekehrt und die Augen mit einer wilden Glut auf ihr Antlitz geheftet, die ein weniger entſchloſſenes Frauenzimmer entſetzt haben müßte. Die Decke war von ſeiner Schulter gefallen und lag in Falten um ihn her, ſo daß Bruſt, Arme und ſein ganzer Oberkörper bloß waren. Waſhingtons Me⸗ daille hieng an ſeinem Halſe— ein Merkmal der Auszeichnung, das er, wie Eliſabeth wohl wußte, nur bei beſonders wichtigen und feierlichen Anläſſen zur Schau trug. Das ganze Aeußere des betagten Häuptlings war jedoch ſtudirter, als gewöhnlich, und theilweiſe wirklich ſchrecklich. Das lange ſchwarze Haar war ge⸗ flochten und zurückgeſchlagen, ſo daß ſich die hohe Stirne frei über den durchbohrenden Augen entfaltete. In den ungeheuren Schlitzen ſeiner Ohren ſtaken, der indianiſchen Sitte gemäß, rohe Verzierungen von Silber, Perlen und Igelſtacheln. Ein großes Büſchel aus ähnlichem Material hieng von ſeinem Naſenknorpel auf die Lippen herab und ruhte auf ſeinem Kinne. Rothe Striche liefen quer über ſeine runzliche Stirne, während eine ähnliche Malerei mit Abänderungen, wie ſie die Laune oder das Herkommen eingehen mochte, ſeine Wangen bedeckte. Ein Gleiches war auch mit ſeinem Körper der Fall, und das Ganze zeigte einen indiani⸗ ſchen Krieger, der ſich zu einem Ereigniß von mehr als gewöhn⸗ licher Wichtigkeit vorbereitet hat. „John! würdiger John! wie geht es Euch?“ begann Eliſa⸗ beth, als ſie näher trat.„Ihr ſeyd in dem Dorfe recht fremd geworden. Ihr habt mir einen Weidenkorb verſprochen, für den ich Euch ſchon ſeit langer Zeit ein Kattunhemd bereit halte.“ Der Indianer ſah das Mädchen eine Weile ſtarr an, ohne zu antworten, dann ſchüttelte er den Kopf und erwiederte in tiefen Kehllauten— „John's Hand kann keine Köoͤrbe mehr machen; er braucht kein Hemd.“ „Wenn er's aber braucht, ſo weiß er, wo eines zu finden iſt,“ verſetzte Miß Temple.„In der That, alter John, es iſt mir, als hättet Ihr ein natürliches Recht von uns zu fordern, was Ihr nur immer wünſcht.“ „Tochter,“ entgegnete der Indianer,„höre mich:— Sechs Mal zehn heiße Sommer ſind vorüber gegangen, ſeit John jung war— ſchlank wie eine Fichte, gerade wie Hawk⸗eye's Kugel, ſtark wie ein Büffel und ſchnell wie die Pantherkatze. Er war ſtark und ein Krieger, wie der junge Adler. Wenn ſein Stamm mehrere Sonnen die Fährte der Maquas verfolgte, ſo fand Chin⸗ gachgook's Auge den Eindruck ihrer Mokaſſins. Wenn das Volk ein Feſt feierte und ſich freute bei dem Zählen der Scalpe ſeiner Feinde, ſo hiengen ſie an dem Gürtel der großen Schlange. Wenn die Weiber weinten, weil kein Fleiſch da war für ihre Kinder, ſo war er der erſte auf der Jagd, ſeine Kugel war ſchneller, als der Hirſch.— Tochter, damals ſchlug Chingachgook ſeinen To⸗ mahawk in die Bäume, um den Trägern anzudeuten, wo ſie ihn und die Mingos finden konnten— aber er machte keine Koͤrbe.“ „Jene Zeiten ſind vorbei, alter Krieger,“ entgegnete Eliſa⸗ beth.„Euer Volk iſt ſeitdem verſchwunden, und ſtatt Eure Feinde zu jagen, habt Ihr gelernt, Gott zu fürchten und in Frieden zu leben.“ „Tritt hierher, Tochter, wo Du den großen Quell, die Wig⸗ wams Deines Vaters und das Land an dem gekrümmten Fluſſe ſehen kannſt. John war jung, als ſein Stamm die Strecke von dort an, wo der blaue Berg über dem Waſſer ſteht, bis dahin, —— 504 wo ſich der Susquehanna unter den Baumen verbirgt, in der Be⸗ ve rathung wegſchenkte. Dieſes Alles— ſammt allem, was darauf wächſt, un was darüber geht und was ſich darauf nährt, gaben ſie dem Feuer⸗ an eſſer— denn ſie liebten ihn. Er war ſtark und ſie waren Weiber; vo er half ihnen. Kein Delaware ſchoß einen Hirſch, der in ſeinen Wäldern lief, oder fieng einen Vogel, der über ſein Land flog, ha denn ſie gehörten ſein. Hat John im Frieden gelebt: Tochter, G ſeit John jung war, hat er den weißen Mann von Frontedee herab kommen ſehen, bis nach Albany, um mit ſeinen weißen Al Brüdern zu kämpfen. War das Gottesfurcht? Er hat geſehen, Fr wie ſeine engliſchen und amerikaniſchen Väter um dieſes Landes willen die Tomahawks gegenſeitig in ihren Gehirnen begruben. lel Heißt das Gott fürchten und in Frieden leben? Er hat geſehen, 5 wie das Land dem Feuereſſer und ſeinen Kindern und dem Kinde gr ſeines Kindes entriſſen und ein neuer Häuptling über das Land B geſetzt wurde. Lebten ſie, die das thaten, im Frieden? Haben ſie Ar Gott gefürchtet?“ „Das iſt ſo Brauch bei den Weißen, John. Kämpfen die de Delawaren nicht auch, und tauſchen ſie nicht ihr Land aus für lic Pulver, Decken und andere Waaren?“ ihr Der Indianer wendete aufs Neue ſeine dunkeln Augen auf wi ſeine Gefährtin und ließ ſie ſo ſpähend auf ihr haften, daß ſie ſich S etwas beunruhigt fühlte. „Wo ſind die Decken und Waaren, welche das Recht des Feuereſſers abkauften?“ verſetzte er mit wärmerem Tone;„ſind ſie bei ihm in ſeinem Wigwam? Hat man zu ihm geſagt: ‚Bruder da verkaufe uns Dein Land und nimm dieſes Gold, dieſes Silber, dieſe Decken, dieſe Büchſen oder etwa dieſen Rum? Nein! ſie ent⸗ w riſſen es ihm, wie man einem Feinde den Sealp entreißt; und ſie H. thaten es, ohne hinter ſich zu ſehen, ob er lebte oder ſtarb. Leben ju ſolche Menſchen im Frieden oder fürchten ſie den großen Geiſt?“ al „Ihr verſteht die Verhältniſſe nicht,“ erwiederte Eliſabeth, 505 verlegener, als ſie ſogar ſich ſelbſt zugeſtehen mochte.„Wenn Ihr unſere Geſetze und Gebräuche beſſer kenntet, ſo würdet Ihr ganz anders von unſern Handlungen urtheilen. Glaubt nichts Schlimmes von meinem Vater, Mohegan, denn er iſt gerecht und gut.“ „Der Bruder von Miquon iſt gut und will das Rechte. Ich habe es dem jungen Adler geſagt, daß der Bruder von Miquon Gerechtigkeit uden wird.⸗ „WDen nennt Ihr den jungen Adler?“ verſetzte Eliſabeth, ihr Antlitz von dem Geſicht des Indianers abwendend, als ſie dieſe Frage ſtellte;„woher kömmt er und worauf gründen ſich ſeine Rechte?“ „Hat meine Tochter ſo lange mit ihm unter einem Dache ge⸗ lebt, um dieß zu fragen?“ entgegnete der Indianer behutſam. „Das Alter macht das Blut erſtarren, wie die Winterfröſte die große Quelle bedecken; aber die Jugend erhält die Ströme des Bluts offen, wie die Sonne zur Zeit der Blüthen. Der junge Adler hat Augen; hatte er keine Zunge?“ Die Hindeutung des alten Kriegers auf die Liebenswürdigkeit des Jünglings verlor nichts von ihrem Nachdruck durch dieſe bild⸗ liche Sprache, denn die Jungfrau bedeckte das brennende Roth ihrer Wangen mit den Händen, bis ihre dunklen Augen dieſe Glut wiederzuſtrahlen ſchienen; aber nach einem kurzen Kampfe mit der Scham, lächelte ſie, als ſey ſie nicht geneigt, ſeinen Worten eine ernſte Bedeutung unterzulegen, und erwiederte ſcherzend: „Wenigſtens nicht, um mich zur Herrin ſeiner Geheimniſſe zu machen. Er iſt zu ſehr Delaware, um ſeine innerſten Ge⸗ danken einem Weibe anzuvertrauen.“ „Tochter, der große Geiſt machte Deinen Vater mit einer weißen Haut und mich mit einer rothen, aber in unſerer beider Herzen hat er Blut gegoſſen: es floß ſchnell und warm, als es jung war, aber jetzt, im Alter, iſt es träge und kalt. Gibt es außer der Haut noch eine Verſchiedenheit? Nein. Einſt hatte John ein Weib. Sie war die Mutter von ſo viel Söhnen“— er hob 506 dabei drei Finger ſeiner Hand in die Höhe—„und ſie hatte Töchter, welche die jungen Delawaren glücklich gemacht haben würden. Sie war ſanft, Tochter, und was ich ihr ſagte, das that ſie. Ihr habt andere Gebräuche; aber glaubſt Du wohl, daß John das Weib ſeiner Jugend— die Mutter ſeiner Kinder nicht liebte?“ „Und was iſt aus Eurer Familie, Eurem Weibe und Euren Kindern geworden, John?“ fragte Eliſabeth, tief ergriffen von den Worten des Indianers. „Wo iſt das Eis hingekommen, das den großen Quell be⸗ deckte? Es iſt zerſchmolzen und zu Waſſer geworden. John hat gelebt, bis ſein ganzes Volk hingegangen war in das Land der Geiſter; ſeine Zeit iſt gekommen und er iſt bereit.“ Mohegan ließ den Kopf auf ſeine Decke ſinken und verſtummte. Miß Temple wußte nicht, was ſie ſagen ſollte. Sie wünſchte die trüben Gedanken des alten Kriegers zu zerſtreuen; aber ſowohl in ſeinem Kummer, als in ſeiner Entſchiedenheit lag eine ſolche Würde, daß ſie nicht zu ſprechen wagte. Nach einer langen Pauſe begann ſie jedoch das Geſpräch auf's Neue, indem ſie fragte: „Wo iſt Lederſtrumpf, John? Seinem Wunſche gemäß habe ich dieſe Büchſe Pulver hergebracht, aber er läßt ſich nirgends blicken. Wollt Ihr ſie in Verwahrung nehmen und darauf bedacht ſeyn, daß ſie abgeliefert wird?“ Der Indianer erhob langſam ſeinen Kopf und ſah mit ernſtem Blicke auf die Gabe, welche ſie in ſeine Hand legte. „Dieß iſt der große Feind meiner Nation. Wann hätten die Weißen ohne ihn je die Delawaren vertreiben können? Tochter, der große Geiſt hat Cure Väter gelehrt, Gewehre und Pulver zu machen, um die Indianer damit aus ihrem Lande zu vertilgen; und bald wird keine Rothhaut mehr in dieſen Bezirken weilen. Wenn John dahin geht, ſo verläßt die letzte dieſe Berge, und ſeine Familie iſt ausgeſtorben.“ ben das ohl, nder tren von be⸗ hat der mte. die vohl che auſe jabe ends acht ſtem die hter, r zu gen; ilen. und Der alte Krieger ſtreckte ſeinen Körper vorwärts, legte einen Ellenbogen auf ſeine Knie und ſchien Abſchied zu nehmen von den Gegenſtänden des Thales, welche noch durch die dunſtige Atmoſphäre ſichtbar waren, obgleich ſich die Luft mit jedem Augenblick um Miß Temple zu verdicken ſchien, wie ſie denn auch fühlte, daß ihr das Athmen immer ſchwerer wurde. Das Auge Mohegans ver⸗ änderte allmählig den Ausdruck des Schmerzes zu einem wilden Blicke, den man beinahe für den der Begeiſterung eines Sehers hätte halten können, als er fortfuhr: „Aber er wird gehen zu dem Lande, wo ſeine Väter weilen. Das Wild wird in eben ſo großer Menge da ſeyn, wie der Fiſch in den Seen. Kein Weib wird um Nahrung weinen und kein Mingo je dahin kommen. Die Kinder werden jagen und alle ge⸗ rechten rothen Männer wie Brüder zuſammen leben.“ „John, das iſt nicht der Himmel eines Chriſten!“ rief Miß Temple.„Ihr ſinkt zurück in den Aberglauben Eurer Vorfahren.“ „Väter! Söhne!“ ſprach Mohegan mit Feſtigkeit—„alle dahin!— alle dahin!— Ich habe keinen Sohn als den jungen Adler, und in ſeinen Adern fließt das Blut eines weißen Mannes.“ „Sagt mir, John,“ entgegnete Eliſabeth, die ſeine Gedanken auf andere Gegenſtände zu lenken wünſchte, indem ſie zugleich der Macht der Neugierde nachgab;„wer iſt dieſer Herr Edwards? Warum liebt ihr ihn ſo, und woher kömmt er?“ Der Indianer fuhr bei dieſer Frage, welche augenſcheinlich ſeine Gedanken nach der Erde zurückführte, zuſammen. Er ergriff die Hand des Mädchens, zog ſie an ſeiner Seite nieder und deutete auf das Land unter ihnen.— „Sieh, Tochter,“ ſagte er, ihre Blicke gen Norden lenkend; „ſo weit Dein junges Auge ſehen kann, war es das Land ſeines——“ In dieſem Augenblicke rollten ungeheuere Rauchmaſſen über ihren Köpfen weg und verhüllten in kreiſelnden Wirbeln die Aus⸗ ſicht nach dem Gebirge. Erſchrocken ob dieſer Erſcheinung ſprang 508 Miß Temple auf ihre Füße, und wandte ihre Augen nach dem Gipfel des Berges, den ſie gleichfalls mit einer dichten Rauchwolke bedeckt ſah, während ſich ein heulender Ton, ähnlich dem Brauſen des Windes, in dem Forſt über ihr vernehmen ließ. „Was bedeutet das, John?“ rief ſie.„Wir ſind von Rauch eingehüllt, und ich fühle eine Hitze, ähnlich der Glut eines Ofens.“ Ehe der Indianer antworten konnte, ließ ſich das Rufen einer Stimme durch die Wälder vernehmen. „John! Wo biſt Du, alter Mohegan? Der Wald ſteht in Feuer, und Du haſt nur noch eine Minute Zeit zur Flucht!“ Der Häuptling legte die Hand vor ſeinen Mund, und brachte mit den Lippen denſelben Ton hervor, welcher Eliſabeth nach der Stelle gelockt hatte, als plötzlich ein ſchneller haſtiger Schritt durch das Gebüſch und Unterholz rauſchte und unmittelbar darauf Edwards mit entſetzten Zügen an ihre Seite trat. Siebenunddreißigſtes Kapitel. Die Liebe herrſcht ob Hof und Feld und Hain. Lied des letzten Minſtrels. „Es wäre in der That traurig geweſen, Dich auf eine ſolche Weiſe zu verlieren, mein alter Freund,“ rief Oliver, ſobald er ſo weit zu Athem gekommen war, um ſprechen zu können.„Auf und fort! Vielleicht iſt es jetzt ſchon zu ſpät. Die Flammen ziehen ſich im Kreiſe um die Felſenſpitze, und wenn wir hier nicht durchkönnen, bleibt uns kein anderer Ausweg als über den Abſturz hinunter. Auf! Auf! Schüttle Deine Schlaffheit ab, John. Der Augenblick iſt drängend.“ Mohegan deutete auf Eliſabeth, welche, ſobald ſie die Töne von Edwards Stimme erkannt, der Gefahr vergeſſend ſich hinter einen Felſen⸗ vorſprung zurückgezogen hatte, und ſprach mit neu erwachendem Leben— „Rette ſie— laß John ſterben.“ dem wolke auſen Nauch ens.“ einer ht in rachte h der durch vards Hain. 3. ſolche d er „Auf ich im bleibt Auf! end.“ e von elſen⸗ en— „Sie? wen meinſt Du?“ rief der Jüngling, indem er ſich raſch nach der von dem Indianer augedeuteten Stelle umwandte;— als er aber Eliſabeths Geſtalt ſah, in deren Haltung ſich ſowohl der Schreck als auch ein Mißbehagen ausdrückte, mit dem jungen Manne an einem ſolchen Orte zuſammen zu treffen, fühlte er ſich vor Entſetzen faſt der Sprache beraubt. „Miß Temple!“ rief er, als er wieder Worte fand,„Sie hier? Ach, daß Ihnen ein ſolcher Tod vorbehalten ſeyn mußte!“ „Nein, nein, nein— kein Tod, hoffe ich, für irgend Jemand von uns, Herr Edwards,“ verſetzte ſie, indem ſie ſich bemühte, ruhig zu ſprechen.„Es iſt nur Rauch vorhanden, kein Feuer, das uns beſchädigen könnte. Verſuchen wir's zu fliehen.“ „Nehmen Sie meinen Arm,“ entgegnete Edwards;„es muß irgendwo noch eine Lücke ſeyn, um uns durchzuhelfen. Aber ſind Sie auch der Anſtrengung gewachſen?“ „Gewiß. Doch ich glaube nicht, daß die Gefahr ſo groß iſt, Herr Edwards. Führen Sie mich nach der Richtung, wo Sie herkamen.“ „Ich will— ich will,“ rief der Jüngling mit einer Art ver⸗ zweifelter Entſchloſſenheit.„Ja, ja— dort iſt keine Gefahr, ich habe Sie unnöthig beunruhigt.“ „Aber ſollen wir den Indianer verlaſſen?— Können wir ihn, wie er ſagt, ſterben laſſen?“ Ein Ausdruck ſchmerzlicher Erregung flog über das Geſicht des jungen Mannes; er hielt an und warf einen wehmüthigen Blick auf Mohegan zurück, ohne jedoch ſeine Gefährtin loszulaſſen, die er mit gewaltigen Schritten vorwärts zog, um in der Richtung, in welcher er hergekommen, einen Weg durch den Flammenkreis zu ſuchen. „Nehmen Sie keine Rückſicht auf ihn,“ ſprach er mit der Ruhe der Verzweiflung;„er iſt an die Wälder und an ſolche Scenen gewöhnt, und entkömmt vielleicht auf den Berg— über den Felſen— oder bleibt auch wohl, wo er iſt, ohne daß ſeine Sicherheit gefährdet würde.“ 510 „Sie waren eben erſt noch anderer Anſicht, Edwards!— Laſſen Sie ihn nicht dort, um eines ſolchen Todes zu ſterben,“ rief Eliſabeth und heftete dabei auf das Antlitz des Jünglings einen Blick, welcher die Geſundheit der Sinne ihres Führers zu bezweifeln ſchien. „Ein Indianer und verbrennen! Wer hat je gehört, daß ein Indianer im Feuer geſtorben wäre? Ein Indianer kann nicht ver⸗ brennen— der Gedanke iſt lächerlich. Eilen Sie, eilen Sie, Miß Temple— der Rauch könnte Ihnen gefährlich werden.“ „Edwards! Ihr Blick— Ihr Auge erſchreckt mich! Sagen Sie mir aufrichtig, iſt die Gefahr größer, als ſie ſcheint? Und wenn es das Aeußerſte wäre— ich bin darauf gefaßt.“ „Wenn wir jene Felſenſpitze erreichen können, ehe ſich die Feuermaſſe ihrer bemächtigt, ſo ſind wir geborgen, Miß Temple!“ rief der junge Mann mit einer Stimme, welche alle Schranken ſeiner erzwungenen Faſſung niederbrach.„Fliehen Sie, was Sie können— es gilt Ihr Leben!“ Der Ort, wo Miß Temple den Indianer getroffen, war, wie bereits geſagt, eine jener Felſenplateformen, welche in den Gebirgen dieſer Gegend eine Art von Terraſſen formiren und nach vorn tief und ſenkrecht abſchießen. Sie bildeten nahe zu einen natürlichen Kreis⸗ bogen, deſſen Enden ſich in weniger ſteilen Anſteigungen mit dem Ge⸗ birge vereinigten. Ueber eine derſelben war Edwards herabgekommen und eben dahin drängte er Eliſabeth mit verzweifelter Haſt zurück. Ungeheure Wolken weißen Rauches umlagerten die Spitze des Berges und verbargen das Umſichgreifen des wüthenden Elements; aber ein praſſelnder Ton zog die Augen der an Edwards Seite über den Grund hinfliehenden Miß Temple gegen die Grenzen des Rauches, wo ſie bereits die wehenden Flammen dem Dunſtgewölke voran ſchießen ſah, bald hoch in die Luft auflodernd, bald wieder zur Erde ſinkend, wo ſie jeden Strunk und jedes Geſträuch, das ihrem glühenden Hauche nahe kam, zu verzehren ſchienen. Dieſer 1— rief Blick, hien. 6 ein ver⸗ Miß bagen Und h die ple!“ anken Sie „wie birgen n tief Kreis⸗ Ge⸗ mmen zurück. ße des nents; Seite en des ewoͤlke wieder „ das Dieſer Anblick ſteigerte die beiden Flüchtlinge zu gedoppelter Kraftanſtren⸗ gung; aber unglücklicher Weiſe lag ein Haufen alter dürrer Baum⸗ wipfel quer über ihrem Wege, und in demſelben Augenblicke, als ſte ſich ſchon gerettet glaubten, warfen die warmen Luftſtrömungen eine doppelte Flammenzunge nach dem Holzſtoße, welcher mit der Berührung auch Feuer fieng, und als ſie den Ort erreichten, fanden ſie ſich den Weg durch eine praſſelnde Lohe, ähnlich der in einem hell auflodernden Ofen, verſperrt. Sie bebten zurück und flüchteten ſich nach einer Felſenſpitze, von wo aus ſie betäubt in die Flammen blickten, welche raſch weiter griffen und bald die ganze Seite des Berges in ein wogendes Feuermeer verwandelten. Eliſa⸗ beth's leichter und luftiger Anzug machte es ſogar gefährlich, ſich nur in die Nähe des wüthenden Elements zu wagen, und dieſelben fliegenden Gewänder, welche ihrer Geſtalt ſo viel Weichheit und Anmuth verliehen, ſchienen nun beſtimmt zu ſeyn, die Werkzeuge ihrer Vernichtung zu werden. Die Dorfbewohner pflegten auf dieſem Berge ihr Brenn⸗ und Bauholz zu holen, wobei ſie jedoch immer nur die Stämme nahmen und Wipfel und Zweige zurückließen, um an Ort und Stelle zu ver⸗ wittern. Der Berg war daher mit Maſſen ſolchen leichten Brenn⸗ ſtoffs bedeckt, der unter der ſengenden Sonne der letzten zwei Monate bei der leichteſten Berührung mit Feuer entzündet werden konnte. In der That ſchien es auch in einzelnen Fällen der Berührung gar nicht zu bedürfen, denn es war, als ob die Flammen von Haufen zu Haufen ſchößen, wie das fabelhafte Feuer, welches die vernachläßigte Flamme des heidniſchen Tempels wieder anzündete. Der Anblick war ebenſo ſchön als ſchrecklich, und Edwards ſchaute mit Eliſabeth auf die fortſchreitende Verheerung unter einem ſeltſamen Gemiſche von Entſetzen und Theilnahme. Erſterer erwachte jedoch bald wieder zu neuen Kraftanſtrengungen und zog ſeine Ge⸗ fährtin an dem Saume des Rauches vorbei, wobei er oft, aber ſtets erfolglos, in den dichten Wolken einen Durchgang ſuchte. Sie 512 hatten in dieſer Weiſe einen Halbkreis um den obern Theil der Terraſſe beſchrieben, bis ſie, an dem andern Ende derſelben ange⸗ langt, zu der ſchrecklichen Ueberzeugung kamen, daß ſie vollſtändig von dem Feuer umgeben ſeyen. So lange noch ein einzelner Paß⸗ auf oder abwärts im Gebirge, unerſpäht war, durfte man doch noch hoffen; ſobald aber jedes Entkommen durchaus unmoͤglich erſchien, erfaßten Eliſabeth die Schrecken ihrer Lage eben ſo ſehr, als ſie bisher die Gefahr leicht zu nehmen geneigt geweſen war. „Dieſer Berg traͤgt die Beſtimmung, mir verderblich zu werden!“ flüſterte ſie;„wir werden hier unſer Grab finden!“ „Sprechen Sie nicht ſo, Miß Temple; noch iſt die Hoffnung nicht verloren,“ entgegnete der Jüngling in dem gleichen Tone, obgleich der ſtarre Ausdruck ſeines Auges dieſen Worten wider⸗ ſprach.„Wir wollen zu der Spitze des Felſens zurückkehren; dort iſt— dort muß noch eine Stelle ſeyn, wo wir hinabſteigen können.“ „So führen Sie mich hin,“ rief Eliſabeth.„Wir wollen nichts unverſucht laſſen.“ Sie wartete die Antwort nicht ab, ſondern flog dem Rande des Abſturzes zu, während ſie in unterdrücktem, krampfhaftem Schluchzen vor ſich hinmurmelte: „Mein Vater! mein Vater, mein unglücklicher Vater!“ Edwards war im Augenblick an ihrer Seite und ſah ſich in den Spalten der Klippen faſt die Augen aus, um eine Oeffnung zu erſpähen, welche die Flucht hätte erleichtern können. Aber ſchon die obere Fläche des Felſens war ſo glatt, daß ſie dem Fuß kaum ſicher auf⸗ zutreten geſtattete; wie viel weniger war nun daran zu denken, die ſchwachen Vorſprünge zu benützen, um etwa hundert Fuß hinab⸗ ſteigen zu können! Edwards ſah bald ein, daß auch hier nichts zu hoffen war, und mit einer Art fieberiſcher Verzweiflung, die ihn zu er⸗ neuter Thätigkeit drängte, ſchritt er zu einem weiteren Verſuche. „Es bleibt uns nichts übrig, Miß Temple,“ ſagte er,„als Sie von hier aus auf den unten liegenden Felſen hinabzulaſſen. der inge⸗ ndig Paß⸗ doch glich ſehr, r. den!“ nung Tone, ider⸗ dort ien.“ ollen 2 des chzen ch in nung in die auf⸗ enken, inab⸗ Hoffen u er⸗ ſuche. „als aſſen. Wenn Natty hier wäre, oder wenn nur dieſer Indianer aus ſeiner Erſtarrung aufgeweckt werden könnte, ſo würde ihr Scharfſinn und ihre lange Erfahrung leicht Wege finden; ich bin jedoch für den gegenwärtigen Augenblick in allem Andern, nur nicht in meinem Muthe, wie ein Kind. Wo finde ich einen Ausweg? Mein Anzug iſt ſo leicht und ungenügend;— doch Mohegan's Decke! Wir müſ⸗ ſen es verſuchen— wir müſſen es verſuchen— was es auch ſey, alles iſt beſſer, als Sie das Opfer eines ſolchen Todes werden zu ſehen!“ „Und was ſoll aus Ihnen werden?“ verſetzte Eliſabeth.„Nein, weder Sie noch John ſollen meiner Rettung zum Opfer fallen!“ Er hörte ſie nicht, ſondern war bereits an Mohegan's Seite, der ſich ohne Widerrede die Decke nehmen ließ, indem er dabei mit indianiſcher Würde und Faſſung ſeinen Sitz beibehielt, obgleich ſeine eigene Lage gefährlicher als die der Andern war. Die Decke wurde in Streifen geſchnitten, und die Bruchſtücke an einander ge⸗ knüpft, wobei auch noch die Linnenjacke des Jünglings und Eliſa⸗ beths leichter Mouſſelin⸗Shawl Beihülfe leiſten mußten. Die Leine wurde mit Blitzesſchnelligkeit über den Feſen hinabgeworfen; aber ſie reichte nicht zur Hälfte zu, um den Boden zu berühren. „Es geht nicht— es geht nicht!“ rief Eliſabeth.„Für mich iſt keine Hoffnung! Das Feuer greift zwar langſam, aber ſicher um ſich. Sehen Sie, es verzehrt ſogar den Boden vor ſich her.“ Hätten ſich die Flammen an dieſer Stelle nur halb ſo ſchnell verbreitet, als es an andern Theilen des Berges der Fall war, wo ſie von Buſch zu Baum lecken konnten, ſo wäre unſer peinliches Geſchäft bereits geendet, da die Eingeſchloſſenen ihnen ſchon längſt hätten zum Raube werden müſſen. Aber die Eigenthümlichkeit ihrer Lage gewährte Eliſabeth und ihrem Gefährten ſo viel Auf⸗ ſchub, daß ſie die erwähnten Verſuche noch machen konnten. Die dünne Erdrinde, welche den Felſen bedeckte, barg nur einige welke Kräuter, und die meiſten Bäume, die in den Spalten Wurzel gefaßt hatten, waren in Folge der heißen Temperatur, Die Anſiedler. 3. Aufl. 33 514 welche mehrere Sommer zuvor ſtattgefunden, bereits hingeſtorben. Die einzigen noch erkennbaren Lebensäußerungen daran beſtanden aus etlichen dürren und welken Blättern, während die übrigen bloß todte Rumpfe von Fichten, Eichen und Ahornbäumen waren. Ein beſſeres Material zur Nahrung für das Feuer hätte nicht aufgefun⸗ den werden können, wenn es mit den Flammen in Berührung ge⸗ kommen wäre; der Boden entbehrte jedoch ganz und gar des Ge⸗ büſches, durch welches das zerſtörende Element, einem Waldſtrome gleich, den übrigen Berg entlang fortgepflanzt wurde. Neben dieſem Mangel an Brennſtoff brach auch eine der großen Quellen, von denen es in dieſem Bezirke wimmelte, über dem Abhange hervor, die, nachdem ſie eine Weile träg auf dem ebenen Lande fortgefloſſen, die Moosdecke des Felſens befeuchtete und um die Baſis des kleinen Kegels rann, welcher die Spitze des Berges bildete; ſie rieſelte unter dem Rauchgewölke in der Nähe eines Endes der Terraſſe vorbei, und fand ihren Weg nach dem See durch die geheimen Canäle der Erde, ohne von Fels zu Fels zu ſtürzen. In naſſen Jahreszeiten bildete ſie wohl hin und wieder ein Bächlein, aber in trockenen Sommern ließ ſie ſich nur an dem mooſigen, ſumpfigen Grunde erkennen, welcher die Nähe von Waſſer anzeigte. Als das Feuer dieſe Barriere erreichte, mußte es inne halten, bis eine Con⸗ centration der Hitze die Feuchtigkeit überwand, einer Armee gleich, die nur das Heranrücken ihres Nachtrabs erwartet, um den Weg der Zerſtörung weiter zu gehen. Der verhängnißvolle Augenblick ſchien nun gekommen zu ſeyn, denn die ziſchenden Dämpfe der Quelle waren beinahe erſchöpft und das Moos der Felſen kräuſelte ſich bereits unter der ſengenden Hitze, während die Rindenreſte, welche noch an den todten Bäumen hingen, ſich von ihren Stämmen zu trennen begannen und als ge⸗ rollte Maſſen zur Erde fielen. Die Luft ſchien unter den Hitze⸗ ſtrahlen zu beben und mit den vertrockneten Zweigen ihr Spiel zu treiben. Hin und wieder fegten dunkle Rauchwolken über der kleinen 515 Terraſſe weg und erhöhten, während ſie das Auge trübten, die Empfänglichkeit der übrigen Sinne für die Schrecken der Scene. In ſolchen Augenblicken vereinigte ſich das Rauſchen der Flammen — das Praſſeln des wüthenden Elements mit dem Kniſtern der fallenden Zweige, auch hin und wieder mit dem donnernden Wieder⸗ halle irgend eines geſtürzten Baumes, um die Angſt der dem Tode Verfallenen zu ſteigern. Von den Dreien war jedoch der Jüngling augenſcheinlich der Aufgeregteſte. Eliſabeth hatte die Hoffnung des Entkommens ganz aufgegeben und ſah dem Ausgang mit jener ge⸗ faßten Ruhe entgegen, welche man nicht ſelten ſogar bei den Zar⸗ teſten ihres Geſchlechtes in der Lage eines unabwendbaren Uebels antrifft, während Mohegan, der ſich der Gefahr am nächſten befand, mit der durch nichts zu bewältigenden Reſignation eines indianiſchen Kriegers ſeinen Sitz beibehielt. Ein oder zweimal wandte ſich das Auge des betagten Häuptlings, das gewöhnlich in der Richtung der fernen Berge hinſtierte, nach dem jungen Paare, welches zu einem ſo frühen Tode verurtheilt zu ſeyn ſchien, und ein leichter Zug von Mitleid durchlief ſeine gefaßten Züge; dann aber kehrte er wieder zu ſeinen Bergen zurück, als blicke er bereits in den Schooß der Zukunft, Meiſt ſang er dabei eine Art von Todtenlied in der Sprache der Delawaren und in den tiefen eigenthümlichen Kehllauten ſeines Volkes: „In einem ſolchen Augenblicke, Herr Edwards, hat aller Erden⸗ unterſchied ein Ende,“ flüſterte Eliſabeth.„Ueberreden Sie John, näher zu kommen, damit wir zuſammen ſterben können.“ „Unmöglich— er wird ſich nicht von der Stelle bewegen,“ verſetzte dap Jüngling in den gleichen, grauſig leiſen Tönen.„Er betrachtet dies als den glücklichſten Augenblick ſeines Lebens. Sie⸗ benzig Winter ſind über ihn hingegangen, und in der letzten Zeit hat er ſchnell abgenommen; auch erhielt er bei jener unglücklichen Jagd auf dem See eine Verletzung. Ach, Miß Temple! das war in der That eine unglückliche Jagd; ſie hat, wie ich fürchte, auch dieſe entſetzliche Scene herbeigeführt.“ 5¹6 Auf Eliſabeths Antlitz ſtrahlte ein Himmelslächeln, während ſie ſprach: „Warum erwähnen Sie jetzt dieſer Kleinigkeit? In ſolchen Augenblicken iſt das Herz todt für alle irdiſchen Gefühle.“ „Wenn etwas den Menſchen mit einem ſolchen Tode verſöhnen kann,“ rief der Jüngling,„ſo iſt es der Gedanke, ihn in ſolcher Geſellſchaft zu erleiden!“ „Reden Sie nicht ſo, Edwards, reden Sie nicht ſo,“ unterbrach ihn Miß Temple.„Ich kenne meinen Unwerth, und Sie ſelbſt thun ſich Unrecht. Wir müſſen ſterben; ja— ja— wir müſſen ſterben — es iſt der Wille Gottes, und deßhalb unſere Pflicht, uns dem⸗ ſelben wie gehorſame Kinder zu unterwerfen.“ „Sterben!“ lautete der Entſetzensruf des Jünglings.„Nein — nein— es muß noch Hoffnung da ſeyn— Sie wenigſtens ſollen— dürfen nicht ſterben.“ „Wie wäre es zu ändern?“ fragte Eliſabeth, indem ſie mit der Ruhe der Verklärung auf das Feuer zeigte.„Sehen Sie! Die Flamme überſchreitet die Grenzlinie des feuchten Grundes; ſie kömmt langſam, aber ſicher näher. Ah! dort! der Baum! der Baum lo⸗ dert bereits auf!“ Sie hatte nur zu wahr geſprochen. Die ſengende Hitze war endlich Herr geworden über die widerſtrebende Quelle, und das Feuer ſtahl ſich langſam auf dem halbtrockenen Mooſe fort, wäh⸗ rend eine abgeſtorbene Fichte mit der Berührung einer Flammen⸗ zunge, die ſich nur einen Moment um den Stamm des Baumes ſchlängelte, unter dem Einfluſſe des Windes hoch aufloderte. All dies war das Werk eines Augenblicks. Die Flammen tanzten längs dem vertrockneten Stamme wie raſch ſich folgende Blitze hin, und unmittelbar darauf wüthete eine lebende Feuerſäule auf der Terraſſe. Sie ſchoß von Baum zu Baum, und die Seene näherte ſich ihrem Ende. Der Stamm, auf welchem Mohegan ſaß, brannte bereits an ſeinem fernen Ende und der Indianer ſchien ganz von Feuer umgeben. Er bewegte ſich nicht. Sein ſchutzloſer Körper mochte wohl ſchwer leiden, aber die Seelenſtärke des Mannes überwand allen Schmerz. Man konnte ſogar mitten in dieſem Graus ſeine Stimme noch hören. Eliſabeth wandte das Auge von dem ſchrecklichen Aublicke ab und ſah nach dem Thale hinunter. Die Hitze erzeugte wüthende Wirbelwinde, und in dem nämlichen Augenblicke fegten ſie die Rauch⸗ wolke weg, welche das Thal überhing, um das friedliche Dorf unter ihren Füßen ſchauen zu laſſen. „Mein Vater!— mein Vater!“ ſchrie Eliſabeth.„Ach— warum konnte mir dies nicht erſpart werden!— Doch, ich ergebe mich.“ Die Entfernung war nicht weit genug, um nicht die Geſtalt des Richters Temple unterſcheiden zu laſſen, der auf einem ſeiner Güter ſtand, und, augenſcheinlich nichts von der Gefahr ſeines Kin⸗ des ahnend, den brennenden Berg betrachtete. Dieſer Anblick war noch peinlicher, als die ſo nahe Gefahr, und Eliſabeth wandte ſich wieder nach dem Berge um. „Meine ungezügelte Hitze iſt an all' dieſem Schuld,“ rief Ed⸗ wards verzweifelt.„Hätte ich nur die Hälfte Ihrer himmliſchen Ergebung beſeſſen, Miß Temple, ſo wäre vielleicht noch alles gut gegangen.“ 3 „Nichts mehr davon— nichts mehr davon!“ verſetzte ſie. „Wozu ſoll es nützen? Wir müſſen ſterben, Edwards, wir müſſen ſterben— und ſo wollen wir es denn als Chriſten thun. Doch — nein— Sie können vielleicht noch entkommen. Ihr Anzug iſt Ihnen nicht ſo hinderlich als mir der meinige. Fliehen Sie! Ver⸗ laſſen Sie mich— doch halt! Sie werden meinen Vater ſehen— meinen armen kinderloſen Vater! Sagen Sie ihm dann, Edwards, — ſagen Sie ihm alles, was ſeinen Kummer beſchwichtigen kann. Erzählen Sie ihm, daß ich glücklich und gefaßt ſtarb, daß ich zu meiner lieben Mutter gegangen bin, daß die Stunden des Erden⸗ lebens nichts ſind, wenn ſie in die Wagſchaale der Ewigkeit fallen. Sagen Sie ihm, daß wir uns wiederſehen werden. Und ſagen Sie 518 ihm,“ fuhr ſie fort, indem ſie ihre Stimme, die ſich mit ihren Ge⸗ fühlen geſteigert hatte, dämpfte, als ſey ſie ſich ihrer irdiſchen Schwäche bewußt, wie innig, wie unausſprechlich innig meine Liebe zu ihm geweſen ſey— zu innig vielleicht, um nicht meiner Liebe zu Gott Eintrag zu thun!“ Der Jüngling horchte auf die rührenden Laute, jedoch ohne ſich von der Stelle zu bewegen. Endlich fand er ſelbſt die Sprache wieder und entgegnete: „Sie wollen mir gebieten, Sie zu verlaſſen— Sie am Rande des Grabes zu verlaſſen? Ach, Miß Temple! wie wenig haben Sie mich gekannt!“ Er ſank jetzt vor ihr auf die Kniee nieder und umfaßte ihr fliegendes Gewand mit ſeinen Armen, als wolle er daſſelbe gegen die Gier der Flammen ſchützen. „Ich wurde voll Verzweiflung in die Wälder getrieben, aber Ihre Geſellſchaft hat den Löwen in mir gezähmt. Wenn ich meine Zeit in einer entwürdigenden Stellung verbrachte, ſo war es der Zauber Ihrer Perſon, der mich dazu veranlaßte. Wenn ich meines Namens und meiner Familie vergaß, ſo trat Ihre Geſtalt an die Stelle der Erinnerung; und wenn ich den Rückblick auf erlittenes Unrecht aus meiner Seele bannte, ſo waren Sie es, die mich Ver⸗ gebung lehrte. Nein— nein— theuerſte Eliſabeth, ich kann mit Ihnen ſterben, aber nimmermehr Sie verlaſſen!“ Eliſabeth antwortete nicht und ſtand regungslos. Es war klar, daß ihre Gedanken nicht mehr auf der Erde weilten. Die Erinnerung an ihren Vater und der Schmerz des Scheidens waren durch ein heiliges Gefühl gemildert, welches ſie über die Erden⸗ dinge erhob, und die Schwäche ihres Geſchlechts ſchwand hin vor dem Blicke in die nahe Ewigkeit. Noch einmal wurde ſie jedoch Weib, als ſie dieſe Worte hörte. Sie kämpfte gegen ihre Gefühle und lächelte, denn ſie glaubte jetzt den letzten Reſt zeitlicher Feſſeln abgeſtreift zu haben, als plötzlich die Welt mit all ihren Reizen ⁰ 8&—3y, +— N E* 8 auf's neue in den durchbohrenden Tönen einer menſchlichen Stimme zu ihrem Herzen drang. „Mädchen, wo biſt Du, Mädchen? Erfreue das Herz eines alten Mannes, wenn Du noch den Lebenden angehörſt!“ „Horch!“ ſagte Eliſabeth;„das iſt Lederſtrumpf! Er ſucht mich!“ „Es iſt Natty!“ jauchzte Edwards.„Wir können vielleicht noch gerettet werden!“. Eine weite, im Kreiſe umher aufblitzende Flamme überſtrahlte für einen Augenblick ſogar das Feuer der Wälder, und ein lauter Knall folgte. „Das iſt die Büchſe! das iſt das Pulver!“ rief dieſelbe Stimme, augenſcheinlich in größerer Nähe.„Ach, es iſt die Büchſe, und das koſtbare Kind iſt verloren!“ Im nächſten Augenblick tauchte Natty aus den Dämpfen der Quelle auf und wurde auf der Terraſſe ſichtbar: er hatte keine Mütze, das Haar ſeines Hauptes war verſengt, ſein gewürfeltes Hemd ſchwarz und voll Löcher— und ſein rothes Geſicht erſchien in Folge der Hitze dunkler als je. Achtunddreißigſtes Kapitel. Selbſt aus dem Schattenreiche kehrt 5 Des Vaters ſchreckenvoll Geſpenſt. Gertrude von Wyoming. Eine Stunde lang, nachdem Luiſe Grant von Miß Temple in der bereits erwähnten Lage verlaſſen worden war, harrte ſie in ſieberiſcher Angſt auf die Rückkehr ihrer Freundin. Als jedoch nach Ablauf dieſer Zeit Eliſabeth nicht wieder erſchien, nahmen Luiſens Be⸗ ſorgniſſe in einem Grade zu, der ihre aufgeregte Phantaſie jede Gefahr, die der Wald bergen mochte— die wirkliche ausgenommen — heraufbeſchwören ließ. Der Himmel hatte ſich allmählig umdüſtert, 5²⁰ und ungeheure Rauchwolken ergoßen ſich über das Thal; Luiſens Gedanken kehrten jedoch immer zu den wilden Thieren zurück, ohne daß ſie ſich etwas von der wahren Sachlage träumen ließ. Sie hatte ſich längs des Saumes der niedrigen Fichten und Kaſtanien an der Außenſeite des Forſtes und unmittelbar über dem Winkel auf⸗ geſtellt, wo die Straße von der geraden Richtung nach dem Dorfe abbog und ſich ſeitwärts bergan zog. Sie konnte daher nicht nur das Thal, ſondern auch den Weg unter ihr überblicken. Die wenigen Vorübergehenden, deren ſie anſichtig wurde, waren in ernſte Ge⸗ ſpräche vertieft und erhoben ihre Augen häufig nach dem Berge, bis ſie endlich auch Leute ihre Höfe verlaſſen und gleichfalls in die Höhe ſchauen ſah. Beunruhigt durch ſolche ungewöhnliche Be⸗ wegungen, und unſchlüſſig, ihren Poſten zu verlaſſen, obgleich ſie ſich auch fürchtete zu bleiben, wurde das Mädchen durch die dumpfen knarrenden, aber vorſichtigen Tritte eines Mannes aufgeſchreckt, der durch das Gebüſch herankam. Sie wollte eben fliehen, als Natty aus dem Verſteck auftauchte und an ihre Seite trat. Der alte Mann lachte, während er ihr freundlich die vor Furcht bebende Hand ſchüttelte. „Ich freue mich, Sie hier zu treffen, mein Kind,“ begann er, „denn der Rücken des Berges ſteht in Flammen, und es würde ge⸗ fährlich ſeyn, jetzt hinauf zu gehen, bis das Feuer darüber hinweg⸗ geleckt und das todte Holz aufgezehrt hat. Ich traf da oben einen einfältigen Mann— einen Cameraden von dem Schufte, welcher mich in all dieſe Ungelegenheiten gebracht hat— der auf der Oſt⸗ ſeite nach Erz gräbt. Ich ſagte ihm, die unachtſamen Wichte, welche einen erfahrenen Jäger nach Einbruch der Dunkelheit in den Waͤldern zu fangen gedachten, hätten ihre Holzfackeln in's Ge⸗ büſch geworfen und es würde wie Werg aufbrennen; er ſollte daher den Berg verlaſſen. Er war jedoch ſo auf ſein Geſchäft erpicht, daß ihn keine Gewalt von der Stelle zu bringen vermochte. Wenn er nicht verbrannt iſt und ſich in dem von ihm ſelbſt aufgeworfenen Grabe 1 N. 8S8 8 N 8 8ᷣ& begraben hat, ſo muß er eine Salamandernatur haben. Ei der Tauſend, was fehlt dem Kinde! Sie geberden ſich ja ſo ſcheu, als ob Sie noch mehr Panther ſähen! Ich wollte es wären deren noch etliche vorhanden; ich koͤnnte damit meine Schuld ſchneller abbezahlen als mit den Bibern. Aber wo iſt das gute Kind eines ſchlimmen Vaters? Hat ſie vergeſſen, was ſie einem alten Mann verſprochen?“ „Auf dem Berg! auf dem Berg!“ ſchrie Luiſe entſetzt.„Sie ſucht Euch auf dem Berge!“ Natty bebte bei dieſer unerwarteten Nachricht um etliche Schritt zurück. „Herr, Gott im Himmel, ſey ihr gnädig! Sie iſt auf dem Viſionsberge, der im gegenwärtigen Augenblick nur ein Flammen⸗ meer bildet. Kind, wenn Sie die Arme lieben und einen Freund zu finden hoffen, wann er Ihnen am meiſten Noth thut, ſo eilen Sie in das Dorf und machen Sie Lärm. Eine gehörige Anzahl Men⸗ ſchen vermag das Feuer vielleicht zu bekämpfen, und ſo bleibt doch noch eine Hoffnung. Fliegen Sie! Ich bitte fliegen Sie! Sie dürfen ſich nicht einmal Zeit laſſen, Athem zu ſchöpfen.“ Lederſtrumpf hatte kaum dieſe Einſchärfung erlaſſen, als er im Gebüſche verſchwand, und Luiſe ſah ihn letztmals, wie er den Berg hinan eilte, und zwar mit einer Haſt, wie ſie nur Männern zu Gebote ſteht, die an derartige Anſtrengungen gewöhnt ſind. „Hab' ich Sie gefunden?“ rief der alte Mann, als er ſich durch den Rauch Bahn gebrochen.„Gott ſey gelobt, daß ich Sie gefunden habe! Doch folgen Sie mir; jetzt iſt keine Zeit zum Schwatzen.“ „Aber mein Anzug!“ entgegnete Eliſabeth.„Ich darf mich darin der Flamme nicht weiter nähern.“ „Ich dachte wohl an dieſe luftigen Dinger,“ rief Natty, indem er die Falten einer hirſchledernen Decke löste, die er um den Arm geſchlungen trug, und das Mädchen auf eine Weiſe darein hüllte, daß ihre ganze Perſon geſchützt war.„Jetzt folgen Sie mir; unſer Aller Leben ſteht auf dem Spiele!“ 52² „Aber John! was ſoll aus John werden?“ rief Edwards. „Können wir den alten Krieger dem ſichern Tode preisgeben?“ Die Augen Natty's folgten der Richtung von Edwards Finger und erblickten den Indianer, der noch immer wie früher daſaß⸗ obſchon ſich bereits die Erde unter ſeinen Füßen im Feuer ver⸗ zehrte. Der Jäger näherte ſich unverzüglich der Stelle und ſagte in der Sprache der Delawaren— „Auf und fort, Chingachgook! Willſt Du hier bleiben und verbrennen, wie ein Mingo am Pfahle? Die Herrenhuter haben Dich hoffentlich etwas Beſſeres gelehrt. Gott ſteh' mir bei, das Pulver iſt zwiſchen ſeinen Beinen losgegangen und hat die Haut ſeines Rückens geröſtet. Willſt Du kommen, frage ich? Willſt Du folgen?“ „Warum ſollte Mohegan gehen?“ erwiederte der Indianer düſter.„Er hat die Tage eines Adlers gelebt und ſein Auge wird trübe. Er ſieht in das Thal, er ſieht auf das Waſſer, er ſieht in die Jagdgründe— aber er ſieht keinen Delawaren. Jeder hat eine weiße Haut. Meine Väter rufen aus dem fernen Lande: komm! Meine Weiber, meine jungen Krieger, mein Stamm— alles ruft: komm! Der große Geiſt ſagt: komm! Laßt Mo⸗ hegan ſterben.“ „Aber Du vergißſt Deinen Freund—“ rief Edwards. „Es iſt nutzlos, zu einem Indianer zu ſprechen, wenn er den Tod vor Augen hat, Junge,“ unterbrach ihn Natty, indem er die Streifen der Decke ergriff und mit wunderbarer Gewandtheit den leidenden Häuptling auf ſeinen eigenen Rücken band. Dann wandte er ſich um, und mit einer Kraſt, die nicht allein ſeinen Jahren, ſon⸗ dern auch ſeiner Bürde Trotz zu bieten ſchien, gieng er in derſelben Richtung, in welcher er hergekommen war, voran. Kaum hatten ſie die Terraſſe verlaſſen, als einer der abgeſtorbenen Bäume, der ſchon ſeit einer Minute gewankt, über die Stelle, wo ſie eben geſtanden hatten, ſtürzte und die Luft mit ſeinen Funken erfüllte. Ein ſolches Ereigniß war ſchon im Stande, die Schritte der Entweichenden zu beſchleunigen, welche jetzt Lederſtrumpf mit einer Haſt, wie ſie der Augenblick erforderte, folgten. „Tretet auf den weichen Grund,“ rief er, als ſie von dem Gewölke ſo umhüllt waren, daß ihnen der Geſichtsſinn nur wenig fruchtete;„und haltet Euch in dem weißen Rauche. Schling' dieß Fell feſt um ſie, Junge; ſie iſt ein Schatz, wie ſo leicht nicht wie⸗ der einer gefunden wird.“ Der Anweiſung des Jägers gehorſam folgten die Beiden ſeinen Tritten, und obgleich der enge Pfad, welcher die Windungen der OQuelle andeutete, durch brennende Stämme und fallende Zweige führte, ſo fanden ſie doch glücklich einen Ausweg. Nur ein durch lange Gewohnheit mit den Wäldern vertrauter Mann konnte dieſe Richtung durch einen Rauch auffinden, in welchem kaum das Athmen möglich und der Sinn des Geſichts faſt nutzlos war. Natty's Erfahrung brachte ſte jedoch zu einer Oeffnung in dem Felſen, wo ſie mit geringer Mühe zu einer andern Terraſſe gelangten und in einer leidlich reinen Atmoſphäre wieder auftauchten. Edwards' und Eliſabeth's Empfindungen, als ſie dieſen Ort erreichten, laſſen ſich wohl fühlen, aber nicht ſo leicht beſchreiben. Niemand ſchien jedoch entzückter, als ihr Führer, der— immer noch mit Mohegan auf dem Rücken— ſich umwandte und mit ſeinem eigenthümlichen Lachen ſprach:„Ich wußte, daß es des Fran⸗ zoſen Pulver war, Mädchen, denn es gieng Alles mit einemmale los, während das grobe Korn wohl eine Minute lang fort ſprüht. Die Irokeſen hatten nicht das beſte Pulver, als ich unter Sir William gegen die Canadaſtämme zu Felde zog. Hab' ich Euch die Geſchichte ſchon erzäht, Junge?— ich meine das Scharmützel mit——“ „Um Gottes willen, erzählt mir jetzt nichts, Natty, bis wir ganz in Sicherheit ſind. Wo gehen wir zunächſt hin?“ „Ei wohin ſonſt, als auf dieſe Felſenplateform über der Höhle; Ihr werdet dort ſicher genug ſeyn. Oder wenn Ihr allenfalls Luſt habt, ſo können wir auch hinein gehen.“ 524 Der junge Mann fuhr zuſammen, und eine heftige Bewegung ſchien ſein Inneres zu durchkreuzen; dann ſah er ſich ängſtlich um und fragte raſch: „Droht uns auf dem Felſen keine Gefahr? Kann uns das Feuer dort nicht erreichen?“ „Kann der Junge nicht ſehen?“ verſetzte Natty mit der Ruhe eines Mannes, der an Gefahren, wie die eben beſtandene, gewöhnt war.„Hättet ihr noch zehn Minuten oben gezögert, ſo wäret ihr Beide jetzt zu Aſche gebrannt; aber hier könnt ihr bleiben bis an den jüngſten Tag, ohne daß euch das Feuer etwas anhaben wird, es ſey denn, daß die Felſen ebenſo gut Feuer fiengen, als das Holz.“ Nach dieſer augenfällig wahren Verſicherung begaben ſie ſich nach der Stelle, wo Natty ſeine Laſt ablegte, indem er den In⸗ dianer auf den Boden ſetzte und mit dem Rücken an ein Felſenſtück lehnte. Eliſabeth ſank zuſammen und bedeckte ihr Geſicht mit den Händen, während ihr Herz unter einem Drang widerſtreitender Gefühle ſchwoll. „Laſſen Sie ſich bewegen, Miß Temple, etwas Stärkendes zu ſich zu nehmen,“ begann Edwards achtungsvoll;„Sie möchten ſonſt erliegen.“ „O, laſſen Sie mich,“ entgegnete ſie, die ſtrahlenden Augen für einen Moment zu dem jungen Manne erhebend;„ich empfinde zu viel, um es in Worten ausdrücken zu können! Mein Herz iſt voll Dankes, Oliver, für dieſe wunderbare Rettung, zuvörderſt gegen Gott, dann gegen Sie.“ Edwards trat an den Rand des Felſens und rief: „Benjamin! wo ſeyd Ihr, Benjamin?“ Eine heiſere Stimme, die aus den Eingeweiden der Erde zu kommen ſchien, erwiederte: „Hier, Meiſter, und zwar in dieſes Stück Höhle geſtaut, wo es ſo heiß iſt, wie in des Kochs Keſſel. Ich bin dieſer Koje herz⸗ lich müde, ſehen Sie, und wenn jener Lederſtrumpf noch viel zu um das uhe hnt ihr den es lz.“ ſich In⸗ ſtück den nder 3 zu hten igen finde z iſt derſt e zu wo herz⸗ überholen hat, ehe er nach beſagten Bibern ausſegelt, ſo will ich lieber in meine Docke zurückkehren und meine Quarantaine aus⸗ halten, bis dem Geſetz ſein Recht geſchehen und der Reſt meiner Spanier alle iſt.“ „Bringt ein Glas Quellwaſſer herauf,“ fuhr Edwards fort, „und miſcht etwas Wein darunter; aber ich bitte, beeilt Euch.“ „Ich verſtehe mich wenig auf Euer ſchwaches Getränk, Herr Oliver,“ erwiederte der Hausmeiſter, deſſen Stimme gerade aus der Höhle heraufkam,„und der Jamaica hielt nicht länger aus, als zum Abſchiedskuſſe von Billy Kirby, wie er mich in der letzten Nacht, da ich mich eurer Jagd anſchloß, längs der Landſtraße vor Anker legte. Aber hier iſt etwas Rothes, das vielleicht einem ſchwachen Magen aufhilft. Jener Meiſter Kirby gehört zwar nicht unter die Beſten, wenn ſich's um die Führung eines Boots handelt, aber er lavirt ſeinen Karren ſo gut durch die Bäum⸗ ſtümpfe, als ein Londoner Lootſe die Kohlenſchiffe durch den Pool.“ Der Hausmeiſter war während dieſer Worte herangeſtiegen und zeigte ſich bald auf dem Felſen mit der gewünſchten Herz⸗ ſtärkung; in ſeinem Aeußern ließen ſich jedoch die Spuren ſeiner kürzlichen Schwelgerei nicht verkennen. Eliſabeth nahm aus Edward's Hand den angebotenen Trank, worauf ſie ihm durch einen Wink bedeutete, er möchte ſie wieder allein laſſen. Der Jüngling entſprach ihrem Wunſche, und als er ſich von ihr abwandte, bemerkte er, wie liebevoll Natty ohne Unterlaß um Mohegans Perſon beſchäftigt war. Der Blick des alten Jägers begegnete dem ſeinigen. „Seine Zeit iſt gekommen, Junge,“ ſprach er bekümmert;„ich ſehe es in ſeinen Augen. Wenn ein Indianer den Blick immer auf eine Stelle heftet, ſo will er damit ſagen, daß er in dieſer Richtung zu gehen gedenkt; und was ſich dieſe eigenſinnigen Men⸗ ſchen in den Kopf ſetzen, daß führen ſie auch ſicherlich aus.“ 5²26 Die raſche Annäherung von Fußtritten verhinderte eine Antwort und zum Erſtaunen der ganzen Geſellſchaft ſah man Herrn Grant an der Seite des Berges hinan klimmen, eifrig bemüht, den Ort zu erreichen, wo ſie ſtanden. Oliver ſprang ihm bei, und durch ihre vereinten Anſtrengungen gelang es bald, dem würdigen Geiſt⸗ lichen wohlbehalten in ihre Mitte zu helfen. „Wie kömmt es, daß wir Sie hier ſehen?“ rief Edwards. „Iſt denn jetzt wohl eine Zeit, den Berg zu beſuchen?“ Die haſtigen und frommen Dankgebete des Geiſtlichen waren bald beendet, und als es ihm gelungen war, ſeine verwirrten Sinne zu ſammeln, verſetzte er: „Ich hörte, daß man mein Kind am Gebirge geſehen habe, und als das Feuer auf dem Gipfel ausbrach, trieb mich meine Unruhe in's Freie, wo ich Luiſe in Todesängſten um Miß Temple fand. Ich bin an dieſen gefährlichen Ort gekommen, um ſie auf⸗ zuſuchen, und ich glaube, ohne den Schutz Gottes und ohne Natty's Hunde wäre ich wohl in den Flammen umgekommen.“ „Ja, den Hunden darf man nachgehen; denn wenn irgendwo noch eine Oeffnung da iſt, ſo werden ſie ſolche ſicher auswittern,“ entgegnete Natty.„Dem Hunde iſt die Naſe, was die Vernunft dem Menſchen.“ 4 „Ich machte es ſo, und ſie führten mich an dieſe Stelle; aber Gott ſey gelobt, daß ich euch alle wohl und ſicher ſehe.“ „Ei nein,“ erwiederte der Jäger;„wir ſind zwar ſicher, aber was das Wohlſeyn betrifft, ſo läßt ſich das auf John nicht an⸗ wenden, wenn Sie nicht allenfalls einen Abſchied vom Irdiſchen darunter verſtehen.“ „Der Mann hat Recht,“ ſagte der Geiſtliche mit der heiligen Würde, mit welcher er ſich Sterbenden zu nähern pflegte;—„ich bin ſchon ſo oft an Todtenbetten geweſen, um nicht zu ſehen, daß der große Sieger über das Leben Hand an dieſen alten Krieger gelegt hat. O, wie tröſtlich iſt es, zu wiſſen, daß er den liebenden ,——„—+2——,— ant Ort irch iſt⸗ rds. ren rten abe, eine ple uf⸗ y's wo inft Arm der Gnade nicht zurückgewieſen hat in der Stunde der Kraft und der weltlichen Verſuchung! Der Abkömmling eines heidniſchen Stammes iſt in Wahrheit wie ein Brand aus dem Feuer gerettet worden.“ „Nein, nein,“ verſetzte Natty, der allein mit ihm an der Seite des ſterbenden Kriegers ſtand,„das Feuer iſt's nicht, was ihm zu Herzen gieng, denn um deſſen willen rührt ſich ein Indianer nicht, es müßte denn das Feuer ſeyn, was die böſen Gedanken von beinahe achtzig Jahren verzehren ſoll; aber ſeine Natur erliegt einer Jagd, die ſchon zu lange gedauert hat. Nieder mit Dir, Hektor! nieder mit Dir! ſage ich.— Fleiſch iſt nicht Eiſen, daß ein Menſch ewig leben kann, zumal wenn er ſieht, daß all die Seinigen in ein fernes Land getrieben worden ſind und er allein zurückgeblieben iſt, um zu klagen, ohne daß ihm Jemand Geſellſchaft leiſtete.“ „John,“ ſprach der Geiſtliche mit Zartheit,„hörſt Du mich? Wünſcheſt Du in dieſem Augenblicke der Prüfung die vorgeſchrie⸗ benen Kirchengebete zu hören?“ Der Indianer wandte das geſpenſtiſche Antlitz dem Sprecher zu und heftete ſeine dunkeln Augen feſt, aber mit leerem Ausdruck auf denſelben. Er ſchien ihn nicht zu erkennen; dann bewegte er ſein Haupt langſam wieder nach dem Thale und begann in den tiefen Kehllauten der Delawaren zu ſingen, wobei ſich im Verlaufe ſeines Liedes die Worte immer beſtimmter und beſtimmter ver⸗ nehmen ließen: „Ich will kommen! Ich will kommen! In's Land der Ge⸗ rechten will ich kommen! Ich hab' die Maquas erſchlagen! Ich habe die Maquas erſchlagen! und der große Geiſt ruft ſeinem Sohne. Ich will kommen! Ich will kommen! In's Land der Gerechten will ich kommen!“ „Was ſagt er, Lederſtrumpf?“ fragte der Geiſtliche mit war⸗ mer Theilnahme.„Singt er das Lob des Erlöſers?“ „Nein, nein,— er ſpricht jetzt von ſeinem eigenen Ruhme,“ antwortete Natty, indem er ſich trauernd von ſeinem ſterbenden 528 Freunde abwandte;„und er hat ein Recht dazu, denn ich weiß, daß jedes ſeiner Worte wahr iſt.“ „Möge Gott eine ſolche Selbſtgerechtigkeit ferne von ſeinem Herzen halten! Demuth und Reue beſiegeln den Bund der Chriſten⸗ heit, und wenn dieſe Gefühle nicht tief in der Seele wurzeln, ſo iſt alle Hoffnung eitel. Wie kann er ſich ſelbſt rühmen, wenn Seele und Leib ſich vereinigen ſollen, den Schöpfer zu preiſen? John, Du haſt den Segen des Evangeliums erfahren und biſt aus einer Menge von Sündern und Heiden berufen worden— wie ich nicht zweifle— zu weiſen und gnädigen Zwecken. Fühlſt Du jetzt, was es iſt, gerechtfertigt zu ſeyn durch den Tod unſeres Heilandes: fühlſt Du, wie ſehr uns die Zuverſicht auf gute Werke im Stiche läßt, die aus dem Stolz und dem eitlen Ruhme des Menſchen entſpringen?“ Der Indianer antwortete nicht auf die Worte des Fragers, und ſprach mit leiſer aber beſtimmter Stimme: „Wer kann ſagen, daß die Maquas Mohegan's Rücken geſehen haben? Welcher Feind, der Vertrauen in ihn ſetzte, hat nicht den Morgen wiedergeſehen? Welcher Mingo, dem er nachſetzte, ſang je das Siegeslied? Hat Mohegan je gelogen? Nein, die Wahr⸗ heit lebte in ihm, und nichts Anderes konnte aus ſeinem Munde kommen. In ſeiner Jugend war er ein Krieger, und ſeine Mokas⸗ ſins trieften von Blut. In ſeinem Alter war er weiſe; ſeine Worte am Berathungsfeuer wurden nicht vom Winde verweht.“ „Ach, er hat nun in ſeinem Geſange die eitlen Ueberreſte des Heidenthums aufgegeben!“ rief der gute Geiſtliche.„Was ſpricht er jetzt? Erkennt er ſeinen verlorenen Zuſtand?“ „Ach Gott, Mann,“ entgegnete Natty,„er weiß ſo gut als Sie oder ich, daß ſein Ende nahe iſt; aber weit entfernt, ſeinen Zuſtand für einen verlorenen zu halten, glaubt er vielmehr, dadurch viel zu gewinnen. Er iſt alt und ſteif, und Ihr habt das Wild ſo ſelten und ſcheu gemacht, daß ſogar beſſerxe Schützen, als er, es ſchwer finden, ihr Leben fortzubringen. Er hofft jetzt, an einen Ort zu gehen, wo es immer gute Jagdgründe gibt, wo kein ſchlechter oder ungerechter Indianer hinkömmt, und wo er ſeinen ganzen Stamm wieder antrifft. Ein Mann, deſſen Hände kaum noch Körbe flechten können, verliert nichts durch den Tod; und wenn von einem Verluſte die Rede iſt, ſo iſt er auf meiner Seite. Ach, wenn er heimgegangen iſt, wird mir wenig mehr übrig blei⸗ ben, als ihm zu folgen.“ „Sein Beiſpiel und Ende, das, wie ich demüthig hoffe, noch herrlich ſeyn wird,“ erwiederte Herr Grant,„ſollte Euren Geiſt auf die Betrachtung eines anderen Lebens führen. Ich fühle jedoch, daß es meine Pflicht iſt, dem hinſcheidenden Geiſte den Weg zu ebnen.— Der Augenblick iſt da, John, wo der Rückblick auf Deine Hingabe an die Vermittlung Deines Erlöſers Balſam in Deine Seele bringen muß. Verlaß Dich nicht auf die Wirkungen Deines früheren Lebens, ſondern lege die Laſt Deiner Sünden zu Seinen Füßen nieder, um Dir die ſegensvolle Gewißheit zu erkaufen, daß er Dich, ſeiner Verheißung gemäß, nicht verlaſſen werde.“ „Was Sie da ſagen, iſt wohl wahr und auf die Worte des Evangeliums gegründet,“ verſetzte Natty;„Sie werden aber nichts mit dem Indianer anfangen können. Er hat ſeit dem Kriege keinen Herrnhuterprieſter mehr geſehen, und es iſt ſchwer, einen Indianer abzuhalten, auf ſeine urſprünglichen Wege zurückzukehren. Es wird daher beſſer ſeyn, den alten Mann in Frieden hinſcheiden zu laſſen. Er iſt jetzt glücklich; ich leſe es in ſeinem Auge; und das iſt mehr, als ſich von dem Häuptling ſagen ließ, ſeit die Delawaren von den Quellen ihres Fluſſes aufbrachen und nach Weſten zogen. Ach! das iſt eine ſchmerzlich lange Zeit, und wir haben ſeitdem viele trübe Tage mit einander geſehen.“ „Hawk⸗eye!“ ſprach Mohegan, die letzten Lebensreſte zuſammen⸗ faſſend.„Hawk⸗eye! höre auf die Worte Deines Bruders.“ „Ja, John,“ verſetzte der Jäger in engliſcher Sprache, indem Die Anſiedler. 3. Aufl. 34 5³⁰ er ſich, tief ergriffen von dieſem Ausrufe, über ihn niederbeugte; „wir ſind Brüder geweſen— Brüder in einem engeren Sinne, als es die Sprache der Indianer gewöhnlich verſteht. Was willſt Du von mir, Chingachgook?“. „Hawk⸗eye! Meine Väter rufen mich in die Jagdgründe der Seligen. Der Pfad iſt offen, und die Augen Mohegan's werden wieder jung. Ich blicke umher— aber ich ſehe keine weißen Häute; dort ſind nur gerechte und brave Indianer. Leb' wohl, Hawk⸗eye!— Du wirſt mit dem Feuereſſer und dem jungen Adler in den Himmel der Weißen gehen; mich aber zieht es zu meinen Vätern. Laß den Bogen, den Tomahawk, die Pfeife und den Gürtel Mohegan’'s in ſein Grab legen; denn er wird wie ein Krieger auf dem Kriegs⸗ pfade zur Nachtzeit aufbrechen und darf ſich dann nicht aufhalten, um ſie zu ſuchen.“ „Was ſagt er, Nathanael?“ rief Herr Grant angelegentlich und mit augenſcheinlicher Beklemmung.„Beruft er ſich auf die Verheißungen unſeres göttlichen Mittlers? Und ſucht er ſein Heil in dem Fels der Zeiten?“ Obgleich der Glaube des Jägers keineswegs ein klarer war, ſo waren die Früchte ſeines früheren Unterrichts doch in der Wild⸗ niß nicht ganz verloren gegangen. Er glaubte an einen einzigen Gott und einen einzigen Himmel, und ſobald ihm das überwältigende Gefühl, welches ihn bei dem Abſchied von ſeinem alten Freunde ergriff und ſich in jeder Muskel ſeines verwitterten Geſichtes aus⸗ drückte— zu reden geſtattete, verſetzte er: „Nein— nein— er vertraut nur auf den großen Geiſt der Wilden und auf ſeine eigenen guten Handlungen. Er glaubt, wie Alle ſeines Volkes, daß er nun wieder jung werde und jage und glücklich ſey, bis an das Ende der Ewigkeit. Es iſt faſt das Gleiche, wie bei den Leuten von anderen Farben, Pfarrer. Ich kann mir zwar nicht denken, daß ich dieſe Hunde und mein Gewehr in einer andern Welt wieder treffen werde, aber doch überwältigen mich hin und wieder bei dem Gedanken, ſie für immer verlaſſen zu müſſen, bittere Gefühle, und ich klammere mich deßhalb begieriger an das Leben an, als es ſich wohl für einen Siebenziger ziemen mag.“ „Möge Gottes Barmherzigkeit einen ſolchen Tod von den⸗ jenigen abwenden, welche mit dem Zeichen des Kreuzes beſiegelt ſind!“ rief der Geiſtliche in heiligem Eifer.„John—“ Die Macht der Elemente gebot ihm jedoch, inne zu halten. Während das eben Mitgetheilte ſtattfand, hatten ſich ohne Unterlaß ſchwere düſtere Wolken an dem Horizont aufgethürmt, und die ehr⸗ furchtgebietende Stille, die jetzt in der Luft herrſchte, verkündigte eine Kriſis in dem Stand der Atmoſphäre. Die Flammen, welche noch immer an der Seite des Berges fortwütheten, wirbelten nicht länger in den ſelbſt erzeugten, wechſelnden Luftſtrömungen, ſondern loderten hoch und ſtetig gen Himmel. Es lag ſogar in den Ver⸗ heerungen des feindſeligen Elementes eine Ruhe, als ſehe es vor⸗ aus, daß eine Hand, größer als ſeine eigene verderbenbringende Gewalt, im Begriffe ſey, ſeinen Fortſchritt zu hemmen. Die Rauchmaſſen, welche über dem Thale lagen, begannen aufzuſteigen und ſich raſch zu zerſtreuen, und Blitze durchzuckten die über den weſtlichen Bergen hängenden Wolken. Während Herr Grant noch ſprach, fuhr ein leuchtender Strahl durch das Dunkel, den ganzen gegenüberliegenden Kimm beleuchtend, und unmittelbar darauf folgte ein lautes Donnergekrache, welches ſchwer über die Berge hinrollte und die Erde in ihren Grundfeſten zu erſchüttern ſchien. Mohegan richtete ſich auf, als nehme er dieß für ein zu ſeinem Abſcheiden gegebenes Zeichen, und ſtreckte ſeine abgemagerten Arme gen Weſten. Auf ſeinem dunkeln Geſichte leuchtete ein Blick der Freude, der ſich jedoch allmählig in eine ausdrucksloſe Starrheit auflöste; ſeine Muskeln erſchlafften, als er ſeine ruhende Stellung wieder ein⸗ nahm— ein leichtes Zucken ſpielte leiſe um ſeine Lippen und ſein Arm ſank langſam an der Seite nieder. Der Körper des todten Kriegers lag an den Felſen gelehnt, die gläſernen Augen weit 5³² offen und auf die fernen Berge geheftet, als ob die verlaſſene Hülle dem Fluge des Geiſtes nach ſeinem neuen Aufenhalt nachſchaue. Herr Grant war mit ſtummem Entſetzen Zeuge dieſer Scene; als aber der letzte Wiederhall des Donners dahin ſtarb, ſchlug er mit frommem Eifer ſeine Hände zuſammen und ſprach in den vollen, reichen Tönen eines überzeugten Glaubens: 5„O, Herr! wie unerforſchlich ſind Deine Gerichte und wie unergründlich Deine Wege! Ich weiß, daß mein Erlöſer lebt und daß er wiederkommen wird am Tage des Gerichtes. Mögen auch die Würmer dieſen Körper zerſtören, ſo werde ich doch in meinem Fleiſche Gott ſchauen: ja, dieſe meine Augen werden ihn ſehen, der meine Zuverſicht hienieden war.“ Als der Geiſtliche ſein Gebet geſchloſſen, ließ er das Haupt demüthig auf die Bruſt ſinken, und in ſeinem ganzen Weſen ſprach ſich das erge⸗ bungsvolle Vertrauen aus, dem ſeine Begeiſterung Worte geliehen hatte. Sobald Herr Grant von der Leiche zurückgetreten war, näherte ſich der Jäger ſeinem verblichenen Freunde, ergriff deſſen welke Hand und ſah ihm eine Weile ſtumm und nachdrücklich in das er⸗ ſtarrte Geſicht; dann machte er ſeinen Gefühlen Luft, indem er mit der wehmüthigen Stimme eines Tiefergriffenen alſo begann: „Rothe Haut oder weiße— es iſt jetzt Alles vorüber! Er wird einen gerechten Richter finden, der ſich nicht an Geſetze bin⸗ det, welche die Menſchen gemacht haben. Nun, jetzt braucht nur noch Einer zu ſterben, und die Welt ſteht dann mir und meinen Hunden offen. Freilich muß der Menſch harren, bis es Gott ge⸗ fällt, aber ich fange an, des Lebens müde zu werden. Die Bäume, die ich kenne, werden niedergeſchlagen und es wird mir ſchwer, ein Geſicht zu finden, mit dem ich in jüngeren Tagen vertraut war.“ Jetzt begannen große Tropfen Regen zu fallen und den dürren Fels zu befeuchten, während das ganze Gewitter ſich mit reißender Schnelle der Stelle näherte. Die Leiche des Indianers wurde haſtig nach der Höhle hinunter geſchafft, und die Hunde folgten winſelnd, denn ſie vermißten den Blick, mit dem der Häuptling ſtets ihre Begrüßungen hingenommen hatte. Edwards entſchuldigte ſich haſtig und verwirrt gegen Eliſa⸗ beth, daß er ſie nicht an denſelben Ort, der jetzt vorne vollſtändig mit Holzpflöcken und Baumrinden geſchloſſen war, mitnehmen könne, indem er unverſtändlich etwas von deſſen Dunkelheit und von der Unannehmlichkeit, ſich mit einer Leiche in demſelben Raum zu be⸗ finden, ſprach. Miß Temple fand jedoch unter dem Felſenvorſprunge einen zureichenden Schutz gegen die Regengüſſe. Aber lange, ehe das Gewitter vorüber war, ließen ſich von unten Stimmen hören, welche laut nach Eliſabeth riefen, und bald erſchienen Männer, welche die hinſterbenden Funken des Gebüſches niederſchlugen, wäh⸗ rend ſie ſich vorſichtig durch die noch nicht ganz erlöſchten Brand⸗ ſtellen arbeiteten. Sobald der Regen nachließ, führte Oliver Eliſabeth nach der Straße, wo er ſich von ihr trennte. Ehe ſie jedoch ſchieden, er⸗ faßte er die Gelegenheit, mit einer Wärme, welche ſich das Mäd⸗ chen jetzt recht wohl zu deuten wußte, zu ſprechen: „Der Augenblick des Geheimniſſes iſt vorüber, Miß Temple. Morgen um dieſe Zeit werde ich einen Schleier entfernen, den ich ſo lange um mich und meine Angelegenheiten zu hüllen ſchwach genug war. Doch wer hat nicht in ſeiner Jugend, wenn ihm Lei⸗ denſchaften im Innern wühlen, ſeine romanhaften und thörichten Schwächen? Gott behüte Sie! Ich höre die Stimme Ihres Va⸗ ters; er kommt den Weg herauf und ich möchte jetzt nicht aufge⸗ halten werden. Gott ſey Dank, daß Sie gerettet ſind; dieſer Ge⸗ danke allein wälzt die Laſt einer Welt von meiner Seele.“ Er wartete nicht auf Antwort, ſondern enteilte in den Wald. Obgleich Eliſabeth die Stimmé ihres Vaters rufen hörte, ſo blieb ſie doch ſtehen, bis der junge Mann unter den rauchenden Bäumen verborgen war; dann wandte ſie ſich um, und im Nu lag ſie in den Armen ihres vor Angſt halb wahnſinnigen Erzeugers. 5³⁴ Man hatte auf den Ruf, daß die Verlorene gefunden ſey, einen Wagen herbeigeſchafft, von welchem Miß Temple alsbald Gebrauch machte, und die Leute kehrten nach dem Dorfe zurück, zwar naß und ſchmutzig, aber neu belebt durch den Gedanken, daß die Tochter ihres Grundherrn einem ſo frühen und ſchrecklichen Ende entronnen ſey.* Neununddreißigſtes Kapitel. Selictar! laß des Häuptlings Schwert erblinken! Tambourgil! ruf' zum Schlachtſignal die Zinken! Ihr Berge, Zeugen unſ'res Landes hie, Ihr ſeht uns ſiegreich wieder oder nie! Byron. Die ſchweren Gewitterſchauer, welche den Tag über fielen, thaten dem Fortſchreiten der Flammen vollſtändig Einhalt, obgleich man auch in der Nacht noch an verſchiedenen Stellen des Berges, wo beſonders viel Brennmaterial aufgehäuft war, glimmende Feuer bemerken konnte. Des andern Morgens ſah man die Wälder viele Meilen weit ſchwarz und rauchend, und nirgends mehr auch nur eine Spur von Gebüſch oder abgeſtorbenem Holze; die Fichten und * Die Wahrſcheinlichkeit eines Waldbrandes, wie der hier beſchriebene, iſt in Zweifel gezogen worden. Der Verfaſſer weiß hierauf nichts zu er⸗ wiedern, als daß er einmal in einem andern Theile von Neu⸗York ein ſolches Feuer mit anſah, welches einen Mann zwang, ſeinen Wagen und ſeine Pferde auf der Straße ſtehen zu laſſen, wo dieſe auch ihren Unter⸗ gang fanden. Um über die Möglichkeit eines ſolchen Ereigniſſes ein rich⸗ tiges Urtheil zu fällen, muß man die Wirkungen einer langen Dürre in dieſem Klima und die Menge todten Holzes mit in Rechnung bringen, welche ſich in einem Forſte, wie der hier erwähnte, vorfand. Die Wald⸗ brände in Amerika ſind oft ſo wüthend, daß ihr Einfluß auf die Luft⸗ ſtrömung fünfzig Meilen weit fühlbar wird, und gewöhnlich werden ihnen auch Häuſer, Scheunen und Zäune, welche ſie in ihrem Laufe berühren, zum Raube. Tannen aber erhoben noch ihre ſtolzen Häupter auf den Bergen, und auch die kleineren Bäume des Forſtes zeigten noch einigermaßen Merkmale von Leben und Vegetation. Das tauſendzüngige Gerücht war nach ſeiner Weiſe geſchäftig geweſen, Eliſabeth's wundervolles Entkommen noch auszuſchmücken, und es gieng allgemein die Rede, daß Mohegan wirklich den Flam⸗ men zum Raub geworden ſey. Man ließ ſich dieſen Glauben um ſo weniger nehmen, als zu gleicher Zeit die ſchreckliche Nachricht im Dorfe auskam, Jotham Riddel, der Minirer, ſey in ſeinem Loche halb erſtickt und auf eine Weiſe verbrannt gefunden worden, daß für ſein Leben wenig zu hoffen ſey. Die Ereigniſſe der letzten paar Tage waren wohl geeignet, die allgemeine Aufmerkſamkeit rege zu erhalten, um ſo mehr, als die verurtheilten Falſchmünzer ſich den Wink Natty's zu Nutzen gemacht, die Nacht nach dem Brande gleichfalls ihr Holzgefängniß durchbrochen und ihr Heil in den Wäldern geſucht hatten. Solche Neuigkeiten, im Verein mit Jotham's Schickſal und den Uebertrei⸗ bungen, die man ſich von dem, was ſich auf dem Berge begeben, erzählte, waren wohl im Stande, die öffentliche Meinung dafür zu ſtimmen, daß es zweckmäßig ſeyn möchte, diejenigen Flüchtlinge, welche noch zu erreichen wären, aufzugreifen. Man ſprach von der Höhle als dem geheimen Aufenthaltsorte der Schuldigen, und da man die wirren Gerüchte von Erzen und Metallen mit den Falſchmünzern in Verbindung brachte, ſo wähnte die geſchäftige Phantaſie des Volkes dort den Inbegriff alles Verruchten, was den Frieden der Geſellſchaft ſtören konnte, zu finden. Während ſich der große Haufen in dieſem Zuſtande der Aufregung befand, verlauteten auch Winke, daß Edwards und Lederſtrumpf den Wald in Brand geſteckt hätten, und daß daher ſie allein für den Schaden verant⸗ wortlich wären. Dieſe Beſchuldigung, welche hauptſächlich durch Leute in Umlauf geſetzt wurde, die durch ihre eigene Unachtſamkeit das Unglück herbeigeführt hatten, fand bald allgemeinen Glauben, 536 und es war nur eine Stimme, daß man verſuchen müſſe, die Ver⸗ brecher zur Strafe zu ziehen. Richard blieb nicht taub bei ſolchen Bewegungen, und noch deſſelben Nachmittags ſchickte er ſich allen Ernſtes an, ſein Amt zu verſehen. Mehrere kräftige junge Männer wurden auserleſen und ge⸗ heimnißvoll bei Seite genommen, um, zwar Angeſichts der ganzen Dorfbevölkerung, aber außer dem Bereiche von deren Ohren die Aufträge des Sheriffs zu erhalten. Dienſteifrig und mit einer Geſchäftigkeit, als ob das Schickſal einer Welt von ihrer Thätig⸗ keit abhienge, eilten dieſe Jünglinge in die Berge, indem ſie zugleich ſo geheimnißvoll thaten, als ſeyen ſie mit der allerwichtigſten Staatsangelegenheit betraut worden. Punkt zwölf Uhr wirbelte eine Trommel vor dem kühnen Dra⸗ goner, und Richard erſchien in der Begleitung des Capitäns Holli⸗ ſter, welcher ſich in ſeiner Uniform als Commandant der Temple⸗ toner leichten Infanterie präſentirte, um von Letzterem im Intereſſe der Geſetzeswahrung ein Aufgebot des Landſturms zu verlangen. Es fehlt uns hier an Raum, um die Reden mitzutheilen, welche bei dieſer Gelegenheit von den genannten beiden Ehrenmännern ge⸗ halten wurden; ſie ſind aber aufbewahrt in den Spalten der klei⸗ nen blauen Zeitung, welche noch an Ort und Stelle zu finden iſt, und ſollen der Geſetzeskunde des Einen und der militäriſchen Präciſion des Andern viel Ehre machen. Man hatte vorläufig bereits Alles angeordnet, und da der rothröckige Tambour fort⸗ fuhr, ſeinen Wirbel zu ſchlagen, ſo traten bald ungefähr fünf⸗ undzwanzig Soldaten auf, welche ſich ſofort in Schlachtordnung ſtellten. Dieſes Corps beſtand aus Freiwilligen und war von einem Manne commandirt, welcher die erſten fünfunddreißig Jahre ſeines Lebens in Feldlagern und Garniſonen zugebracht hatte; es galt daher als das non plus ultra von militäriſcher Zucht auf viele Meilen im Umkreiſe, wie denn auch der einſichtsvollere Theil der — Templetoner Gemeinde keinen Anſtand nahm, es hinſichtlich ſeiner Tüchtigkeit allen Truppen in der bekannten Welt gleichzuſtellen, — was aber phyſiſche Begabung betraf, ihm hoch vor allen den Vorzug einzuräumen. Gegen dieſe Verſicherung erhoben ſich nur drei Stimmen und eine Meinung, welch letztere Marmaduke ange⸗ hörte, der es jedoch nicht für nöthig erachtete, ſie zu veröffentlichen. Von den Stimmen ertönte eine— und zwar eine ſehr laute— aus dem Munde der Gattin des Commandeurs, die ihrem Gemahl oft Vorwürfe machte, daß er ſich herablaſſe, eine ſolch unregel⸗ mäßige Soldatenbande anzuführen, nachdem er in den letzten Kriegsjahren die ehrenvolle Stellung eines Sergeantmajors in dem ſchmucken Corps der virginiſchen Reiterei ausgefüllt hatte. Dann ſprach ſich der Geiſt des Widerſpruchs, ſo oft die Com⸗ pagnie Parade hielt, auch bei Meiſter Pump aus, und zwar ſtets in den beſcheidenen Ausdrücken, wie ſie ein Eingeborner der Inſel unſerer Vorfahren liebt, wenn er ſich herabläßt, die Gewohn⸗ heiten und Charaktere ihrer unſtäteren Nachkommen zu preiſen. „Möglich,“ konnte er ſagen,„daß ſie etwas vom Laden und Abfeuern verſtehen; aber was das Handhaben eines Schiffes an⸗ belangt— ei, eine Corperalswache der Boadishey⸗Matroſen würde ſie auf eine Weiſe aus der Schanze ſchlagen, daß ſie ſich gefangen geben müßten, ehe das Stundenglas zur Hälfte abgelaufen wäre.“ Da nun Niemand vorhanden war, der dieſe Behauptung Lügen ſtrafen konnte, ſo wurde den Matroſen der Boadicea an ihrem Werthe nichts benommen. Der dritte Ungläubige war Monſteur Le Quoi, welcher übri⸗ gens nur dem Sheriff in's Ohr flüſterte: das Corps ſey eines der ſchönſten, welche er je geſehen habe— die Musketiere des Bon Louis ausgenommen. Da jedoch Frau Holliſter glaubte, es habe dermalen ſo ziemlich das Anſehen eines wirklichen Dienſtes, weßhalb ſie ſich emſig mit gewiſſen Vorbereitungen beſchäftigte, um ſelbſt auch ihr Schäflein 538 zu ſcheeren— da ferner Benjamin abweſend und Monſieur Le Quoi zu glücklich war, um an irgend Etwas einen Mangel zu finden, ſo entgieng das Corps an dieſem wichtigen Tage, wo es gewiß des Selbſtvertrauens mehr als bei irgend einer Gelegenheit bedurfte, der Tadelſucht ſowohl als der Vergleichung. Marmaduke hatte ſich, dem Vernehmen nach, wieder mit Herrn Van der School eingeſchloſſen, und ſo erlitten die Truppenbewegungen von dieſer Seite aus keine Unterbrechung. Punkt zwei Uhr ſchulterte das Corps die Gewehre— eine Bewegung, welche auf dem andern Flügel zunächſt dem Veteranen ihren Anfang nahm und ſich ſo mit großer Regelmäßigkeit nach dem linken fortpflanzte. Sobald jeder ſeine Muskete in die geeignete Lage gebracht hatte, er⸗ ſchallten die Commandoworte„links um“ und„vorwärts Marſch.“ Da dieſes Manöver ungeübte Truppen mit einem Male dem Feinde entgegen führen ſollte, ſo kann man ſich denken, daß es nicht mit der gehörigen Genauigkeit ausgeführt wurde; ſobald aber die Muſik den begeiſternden Yankeemarſch zu ſpielen anfing und Richard, von Herrn Doolittle begleitet, kühn die Straße hinab den Truppen vorangieng, begann auch der Zug— den Capitain Holliſter an der Spitze, welcher den mit einem niedrigen Eckenhut verſehenen Kopf noch einmal ſo hoch trug und einen ſchrecklichen Dragoner⸗ ſäbel vor ſich ausſtreckte, während eine ungeheure ſtählerne Scheide kriegeriſch genug hinter ſeinen Ferſen nachklirrte. Es war ein etwas ſchwieriges Geſchäft, alle Pelotone(es waren ihrer ſechs) dahin zu bringen, daß ſie in die gleiche Richtung blickten; doch fanden ſich die Truppen, als ſie endlich den Verhau der Brücke erreichten, in ziemlich guter Ordnung. In dieſer Weiſe marſchirten ſie den Berg hinan, und es fand keine weitere Veränderung in der Vertheilung der Streitkräfte ſtatt, als daß der Sheriff und der Friedensrichter, denen ob der Anſtrengung der Athem ausgehen wollte, allmälig hinter den Nachtrab geriethen. Wir halten es für unnöthig, die weiteren Bewegungen näher zu detailiren, und -—————B W—— begnügen uns mit der Angabe, daß die zurückkehrenden Kundſchafter die Meldung brachten, die Flüchtlinge hätten Wind von dem An⸗ griffe erhalten; aber weit entfernt, ſich zurückzuziehen, wie man doch hätte vermuthen ſollen, ſeyen ſie augenſcheinlich im Begriffe, ſich zu einem verzweifelten Widerſtande zu befeſtigen. Dieſe Nach⸗ richt brachte einen weſentlichen Wechſel nicht nur in die Plane der Führer, ſondern auch in die Geſichter der Soldateska. Die Krie⸗ ger warfen ſich gegenſeitig bedenkliche Blicke zu, und Richard fing an, ſich mit Hiram bei Seite zu berathen. So ſtanden die Sachen, als Billy Kirby, die Art unter ſei⸗ nem Arme und ſeinem Geſpanne eben ſo weit voraus, als dieß bei Capitain Holliſter, ſeinen Truppen gegenüber, der Fall war, auf der Straße einher kam. Der Holzfäller war über dieſe militäriſche Parade nicht wenig verwundert, aber der Sheriff ließ ihn nicht lange im Unklaren, indem er ihn, eingedenk, wie vortheilhaft eine ſolche Verſtärkung ſeyn dürſte, zum Beiſtand in Vollſtreckung des Geſetzes aufforderte. Billy hatte vor Herrn Jones zu viele Ach⸗ tung, um etwas dagegen einzuwenden, und es wurde ſofort be⸗ ſchloſſen, daß er, ehe man zum Aeußerſten ſchritte, die Garniſon zur Uebergabe auffordern ſolle. Die Truppen theilten ſich jetzt, indem die eine Hälfte unter der Anführung des Capitain's über den Viſionsberg marſchirte, um ſich der Höhle von der linken Seite zu nähern, während die andere unter dem Befehle des Lieutenants rechts gegen den feindlichen Poſten vorrückte. Herr Jones und Doktor Todd— denn natürlich gehörte auch der Wundarzt dazu — wählten ihren Standpunkt auf der Felſenplateform unmittelbar über den Häuptern der Belagerten, jedoch ſo, daß ſie von denſelben nicht geſehen werden konnten. Hiram hielt eine ſolche Nähe für gefährlich, und begleitete daher Billy Kirby an der Seite des Berges hin, aber nur bis auf eine ſichere Entfernung von der Feſtung, wo er hinter einem Baume Schutz ſuchte. Wunderbar war es, welch einen richtigen Blick die meiſten Soldaten bei dieſer 540 Gelegenheit entfalteten, indem ſie gar geſchickt irgend einen Gegen⸗ ſtand in die Zeile zwiſchen ſich und den Feind zu bringen wußten, denn die zwei einzigen Belagerer, welche ſich den Augen der Geg⸗ ner preisgaben, waren Capitain Holliſter auf der einen und der Holzfäller auf der andern Seite. Der Veteran ſtand kühn und beharrlich, den ſchweren Säbel erhoben, im Vordergrunde und faßte den Feind kühn in's Auge, während die ungeheure Geſtalt Billy's in größter Ruhe, die Hände in ſeinen Bruſttaſchen und die Axt unter ſeinem rechten Arme, Fronte machte. Bis jetzt war noch kein Wort zwiſchen den kriegführenden Mächten gewechſelt worden. Die Belagerten hatten einen Haufen ſchwarzer Holzſtämme und Baumzweige zuſammengetragen und daraus eine Art Bollwerk ge⸗ bildet, in welchem vor dem Eingange der Höhle ein kleiner zirkel⸗ förmiger Verhau angebracht war. Da der Boden in jeder Richtung um den Platz ſteil, abſchüſſig und ſchlüpfrig, und auf der einen Seite hinter den Werken Benjamin, auf der andern Natty aufge⸗ geſtellt war, ſo konnte man dieſe Vertheidigungsmaßregeln durchaus nicht verächtlich nennen, namentlich da die Vorderſeite durch ihre ſchwer zugängliche Lage ſchon hinreichend Schutz hatte. Kirby hatte inzwiſchen ſeine Befehle erhalten; er klomm ganz ruhig und mit einer Nachläſſigkeit, als gehe er ſeinem gewöhnlichen Geſchäfte nach, den Berg hinan. Als er ſich den Werken ungefähr bis auf hundert Fuß genähert hatte, ſah er Lederſtrumpf's gefürchtete lange Büchſe über der Böſchung zum Vorſchein kommen und hörte ihn laut rufen: „Zurück, Billy Kirby, zurück! ich möchte Euch nicht gerne ein Leides thun; wenn aber Einer von Euern Leuten nur um einen Schritt näher kommt, ſo fließt Blut zwiſchen uns. Gott möge dem verzeihen, der uns zuerſt dazu nöthigt; aber es muß ſeyn.“ „Pah, alter Knabe,“ verſetzte Billy gutmüthig,„ſeyd nicht rappelköpfig, ſondern hört, was man Euch zu ſagen hat. Ich habe bei der Sache nichts zu ſchaffen, und will nur ſehen, daß es ehrlich dabei zugehe; auch kümmere ich mich keinen Zimmerſpan darum, wer den Sieg davon trägt; aber Squire Doolittle, der hinter jener Buche ſteht, hat mich erſucht, mitzugehen und Euch aufzufordern, daß ihr Euch dem Geſetz fügen ſollt— das iſt alles.“ „Ich ſehe das Gewürm! Ich ſehe ſeine Kleider,“ rief der entrüſtete Natty;„und wenn er nur ſo viel Fleiſch zeigt, daß ich eine Büchſenkugel, dreißig auf's Pfund, darin begraben kann, ſo ſoll er meine Hand fühlen. Packt Euch fort, Billy, ſage ich Euch; Ihr wißt, wie ich ziele, und ich habe keinen Groll gegen Euch.“ „Ihr überſchätzt Eure Geſchicklichkeit,“ entgegnete der Andere, indem er hinter eine in der Nähe ſtehende Fichte trat,„wenn Ihr glaubt, einen Mann durch einen dreifußdicken Baum treffen zu können. Ich bin im Stande, dieſen Stamm in weniger als zehn Minuten Euch auf den Kopf zu ſtürzen; deßhalb ſeyd höflich— ich will nichts weiter, als was recht iſt.“ Natty's Züge waren umwölkt, und man konnte wohl ſehen, daß es ihm mit der Sache Ernſt war; doch konnte man eben ſo wenig verkennen, wie er nur ungerne Menſchenblut vergoß. Er antwortete daher auf die Prahlerei des Holzfällers: „Ich weiß, daß Ihr dieſen Baum hinfallen laſſen könnt, wohin Ihr wollt, Billy Kirby; wenn Ihr aber bei ſolch einem Geſchäfte eine Hand oder einen Arm zeigt, ſo wird es Knochen einzurichten und Blut zu ſtillen geben. Wenn Ihr bloß in die Höhle wollt, ſo wartet noch zwei Stunden, und es ſoll Euch kein Hinderniß in den Weg gelegt werden, aber jetzt darf es durchaus nicht ge⸗ ſchehen. Es liegt bereits eine Leiche auf dieſem kalten Felſen, und da iſt noch ein Anderer, von dem man kaum ſagen kann, wie lange es mit ihm dauern wird; wollt Ihr jedoch herein kommen, ſo wird es Todte innen und außen geben.“ Der Holzfäller trat furchtlos aus ſeinem Verſtecke hervor und rief: „Das nenne ich ehrlich, und was ehrlich iſt, iſt recht. Er 54⁴² verlangt, daß Ihr noch zwei Stunden zuwartet, und das iſt nichts Unbilliges. Iſt einer im Unrecht, ſo mag er allenfalls nachgeben, wenn man ihm nur nicht zu ſtark zuſetzt; thut man aber dieß, ſo geht's wie mit einem ſtörrigen Ochſen— je mehr man darauf losſchlägt, deſto weniger iſt mit ihm auszurichten.“ Die etwas ſchroffen Begriffe von Unabhängigkeit, welche Billy hiedurch an den Tag legte, paßten weder für das Dringliche des Falles, noch ſagten ſie der Ungeduld des Sheriffs zu, der vor Sehnſucht brannte, die Geheimniſſe der Höhle zu erforſchen. Er unter⸗ brach daher dieſe freundliche Zwieſprache durch ſeine eigene Stimme. „Ich befehle Euch, Nathanael Bumppo, Eure Perſon dem Geſetze zu übergeben. Und ich befehle Euch, meine Herrn, mir in Ausübung meiner Pflicht Beihilfe zu leiſten. Benjamin Pen⸗ quillan, ich arretire Euch und gebiete Euch kraft dieſes Verhaft⸗ befehls, mir in das Gefängniß des Bezirks zu folgen.“ „Ich würde Ihnen folgen, Squire Dickens,“ verſetzte Ben⸗ jamin, die Pfeife aus ſeinem Mund nehmend(denn während des ganzen Auftritts hatte der Ermajordomo in größter Ruhe fortge⸗ raucht);„ja, ich würde hinter Eurem Kielwaſſer drein ſegeln bis an das Ende der Welt, wenn es ein ſolches gäbe, was aber nicht der Fall iſt wegen ihrer Rundung. Vielleicht, Meiſter Holliſter, wißt Ihr das nicht, weil Ihr Euer ganzes Leben auf dem Lande zuge⸗ bracht habt: ſeht alſo—— „Ergebt Euch!“ unterbrach ihn der Veteran mit einer Stimme, ob der jeder Hörer erſchrak, und die auch in der That zur Folge hatte, daß ſeine eigenen Truppen um einige Schritte zurückbebten; „ergebt Euch, Benjamin Penquillan, oder erwartet keinen Pardon.“ „Zum Teufel mit Eurem Pardon!“ entgegnete Benjamin, indem er von dem Holzblocke, auf welchem er ſaß, aufſtand und über den Lauf der Feldſchlange wegſchielte, welche in der Nacht auf den Berg gebracht worden und nun ihm zur Bedienung anver⸗ traut war, um mittelſt derſelben die Werke zu vertheidigen.„Seht Euch vor, Herr oder Capitän. Es iſt mir zwar zweifelhaft, ob Ihr den Namen eines anderen Taues kennet, als deſſen, an dem Ihr einſt hängen werdet, dem ungeachtet habt Ihr aber durchaus nicht nöthig, ſo zu ſchreien, als ob Ihr einen tauben Mann auf einer Topſegelraa anbreytet. Ihr moͤgt vielleicht glauben, meinen wahren Namen auf Eurem Schafsfelle zu haben; aber welcher brittiſche Matroſe, der in dieſen Seen ſegelt, würde ſich nicht die Mühe nehmen, für den Nothfall eine falſche Flagge an ſeinem Stern auszuſtecken? Wenn Ihr mich Penquillan heißt, ſo nennt Ihr mich bei dem Namen des Mannes, auf deſſen Grund und Bo⸗ den ich das Tageslicht anthat. Dieſer Mann war ein Gentleman, und das iſt mehr, als je mein ärgſter Feind Einem von der Familie des Benjamin Stubbs nachſagen wird.“ „Gebt mir den Haftbefehl herüber und ich will ein Alias bei⸗ ſetzen,“ rief Hiram aus ſeinem Verſtecke heraus. „Setzt ein Aas bei, und Ihr habt Euch ſelbſt darin abconter⸗ feyt, Meiſter Thunurwenig,“ brüllte Benjamin, indem er mit großer Beharrlichkeit über das kleine Eiſenrohr wegſchielte. „Ich gebe Euch nur noch einen Augenblick Bedenkzeit,“ rief Richard.„Benjamin! Benjamin! Einen ſolchen Dank hätte ich von Euch nicht erwartet.“ „Ich ſage Ihnen, Richard Jones,“ entgegnete Natty, der des Sheriffs Einfluß über ſeinen Kameraden fürchtete,„daß wir Pulver genug in der Hoͤhle haben, um den Fels, auf dem Sie ſtehen, in die Luft zu ſprengen, wenn gleich die Büchſe, welche das Mädchen brachte, verloren gieng. Ich will mein Dach abdecken, wenn Sie uns nicht im Frieden laſſen.“ „Es iſt unter der Würde meines Amtes, weiter mit den Ge⸗ fangenen zu parlamentiren,“ bemerkte der Sheriff gegen ſeine Ge⸗ fährten, worauf beide ſich mit ſo großer Haſt zurückzogen, daß Capitain Holliſter dieſelbe irriger Weiſe für das Zeichen zum An⸗ griff hielt. 544 „Das Bajonett gefällt!“ brüllte der Veteran.„Marſch!“ Obgleich ein ſolches Signal zu erwarten ſtand, ſo überraſchte es doch die Belagerten ein wenig, und der Veteran näherte ſich den Verſchanzungen mit dem Rufe:„Muth, meine braven Jungen! gebt keinen Pardon, wenn ſie ſich nicht ergeben!“ Dabei führte er einen wüthenden Hieb mit ſeinem Säbel, der nothwendig den Hausmeiſter in zwei Hälften getheilt haben müßte, wenn nicht zum Glück die Mündung der Feldſchlange dieſem Aeußerſten vor⸗ gebeugt hätte. Dieſe gieng in demſelben Augenblicke, als Benjamin mit ſeiner Pfeife in die Nähe des Zündloches kam, los und ſchleu⸗ derte fünf oder ſechs Dutzend Büchſenkugeln faſt ſenkrecht in die Luft. Die Phyſik lehrt uns, daß die Atmoſphäre kein Blei zu tragen im Stande iſt, weßhalb zwei Pfund dieſes Metalls in der Form von Kugeln, dreißig auf's Pfund, nach einer in der Luft beſchriebenen Parabel wieder zur Erde zurückkehrten und die Baum⸗ zweige unmittelbar über den Häuptern der Truppen, welche hinter ihrem Capitain Poſto gefaßt hatten, durchraſſelten. Bei dem Er⸗ folg eines Angriffs, der von unregelmäßigen Soldaten gemacht wird, hängt viel von der Richtung ab, welche man ihrer erſten Bewegung gibt. In dem gegenwärtigen Falle war es eine rück⸗ gängige, und das Bellen der Feldſchlange war kaum eine Minute unter den Felſen und Grotten verhallt, als ſich die Streitkräfte des ganzen linken Flügels auf den tapfern Arm des Veteranen beſchränkt ſahen. Benjamin hatte von dem Zurückprallen ſeines Geſchützes eine ſchwere Contuſion erhalten, in deren Folge der Exrhausmeiſter eine Weile beſinnungslos auf der Erde lag. Ca⸗ pitain Holliſter benützte dieſen Umſtand, um über die Böſchung zu klimmen und auf der Baſtei feſten Fuß zu faſſen— denn ſo mochte man allenfalls die mit der Höhle verbundenen Feſtungstheile benennen. Sobald der Veteran ſich innerhalb der feindlichen Werke befand, trat er an den Rand derſelben, ſchwang ſeinen Säbel über dem Kopfe und brüllte—„Bictoria! Heran, meine braven Jungen! Die Werke ſind unſer.“ All dieß war vollkommen militäriſch, und als tapferer Offizier war er gewiſſermaßen verpflichtet, ſeiner Mannſchaft ein ſolches Beiſpiel zu geben; aber eben dieſer Ruf war die unglückliche Ur⸗ ſache, die den Befehlshaber von der Glanzhöhe ſeines Triumphes ſtürzte. Natty, der bisher ein wachſames Auge auf den Holzfäller und den unmittelbar vor ihm ſtehenden Feind gehabt, wandte ſich bei dieſem Lärm um und erſchrack nicht wenig, als er ſeinen Ka⸗ meraden auf der Erde liegen und den Veteranen innerhalb des Bollwerks ſtehen ſah, der fort und fort Victoria rief. Die Mün⸗ dung der langen Büchſe wandte ſich augenblicklich nach dem Capi⸗ tain. Es war ein Augenblick, in dem das Leben des alten Kriegers in großer Gefahr ſtand; aber das Ziel war für Lederſtrumpf ſo⸗ wohl zu groß, als zu nahe, weßhalb er, ſtatt den Drücker zu be⸗ rühren, den Kolben ſeines Gewehres gegen den Feind brauchte, und ihn mittelſt eines mächtigen Rucks weit ſchneller aus den Wer⸗ ken hinausſpedirte, als er hereingekommen war. Capitain Holliſter langte ganz vorne wieder auf dem Boden an, und die ſteile und ſchlüpfrige Seite des Berges ſchien unter ſeinen Füßen nachzugeben. Es erfolgte daher jetzt eine höchſt ſchnelle und unregelmäßige Be⸗ wegung, die wohl im Stande war, den alten Soldaten ganz außer Faſſung zu bringen. Im Verlaufe derſelben kam es ihm vor, als ſitze er zu Pferde und ſprenge durch die feindlichen Reihen. Dabei erſchienen ihm natürlich die Bäume als feindliche Infanterie, weß⸗ halb er nach jedem, dem er begegnete, einen Hieb führte, und als er eben eine halbverbrannte Fichte in der Weiſe„des heiligen Georg“ zeichnen wollte, langte er auf dem Fahrwege und, zu ſei⸗ nem nicht geringen Erſtaunen, unmittelbar vor den Füßen ſeiner eigenen Ehehälfte an. Sobald Frau Holliſter, welche ſich im Ge⸗ leite von wenigſtens zwanzig neugierigen Knaben mit ihrem ge⸗ wöhnlichen Gehſtabe in der einen und einem leeren Sacke in der Die Anſiedler. 3. Aufl. 35 546 anderen Hand, den Berg herauf gearbeitet hatte, dieſe Heldenthat ihres Gatten gewahrte, gewann der Unwille nicht allein über ihre Frömmigkeit, ſondern auch über ihre Philoſophie die Ober⸗ hand. „Zum Henker, Sergeant! Du fliehſt?“ rief ſie.„Mußte ich's erleben, einen meiner Männer dem Feind, und noch obendrein einem ſolchen Feinde den Rücken kehren zu ſehen? Ich erzähle eben den Jungen da, die mich begleiten, von der Belagerung der Stadt York, wie Du dabei verwundet wurdeſt und wie Du Dich damals ſo wacker gehalten; und nun muß ich Zeuge ſeyn, wie Du ſchon nach dem erſten Schuß Reißaus nimmſt. Ja, da darf ich wohl meinen Sack wegwerfen; denn wenn's an's Plündern geht, ſo kömmt es natürlich nicht an das Weib eines ſolchen Kerl's, wie Du biſt. Man ſagt noch obendrein, es ſey mächtig viel Gold und Silber an dem Platze— der Herr vergebe mir, daß ich mein Herz an ſo weltliche Dinge hänge, aber was man in der Schlacht abfangen kann, iſt nach dem Ausſpruche der Schrift das gerechte Eigenthum des Siegers.“ „Ich hätte Reißaus genommen?“ rief der verwunderte Ve⸗ teran.„Wo iſt mein Pferd? Es iſt unter mir erſchoſſen worden. Ich——“ „Iſt der Menſch toll?“ unterbrach ihn ſein Weib.„Der Teu⸗ fel mag wohl Dein Gaul geweſen ſeyn, Sergeant, denn Du biſt ja nichts als ein ſchäbiger Capitain der Miliz. Ja, wenn der rechte Capitain hier wäre! Da hätteſt Du einen andern Weg reiten müſſen, wenn Du's anders Deinem Führer nachgethan hätteſt!“ Während ſich das würdige Ehepaar in dieſer Weiſe über die Ereigniſſe verbreitete, begann die Schlacht über ihnen heftig er als je zu wüthen. Sobald Lederſtrumpf ſah, daß ſein Feind, wie Ben⸗ jamin ſich ausgedrückt haben würde, mit vollen Segeln davonſteuerte, richtete er ſeine Aufmerkſamkeit wieder auf den rechten Flügel der Belagerer. Es wäre für Kirby's kräftigen Körper ein leichtes ——6— 5⁴7 geweſen, die Gelegenheit zur Erſteigung der Baſtei zu benützen, und ſeine Rieſenkräfte hätten wohl die beiden Vertheidiger dem Vetera⸗ nen nachſchicken können: Feindſeligkeit ſchien jedoch eine Leidenſchaft zu ſeyn, die dem Holzfäller in dem gegenwärtigen Augenblick am allerwenigſten zu Sinne kam, denn er jauchzte mit einer Stimme, welche ſogar der fliehende linke Flügel hörte: „Hurrah! Hurrah! Brav gehalten, Capitain! Nur fortgemacht! Wie er ſeinen Buſchhaken handhabt! er macht ſich nichts aus einem Schößling!“ Mit ſolchen und anderen ermuthigenden Ausrufen begleitete er den fliehenden Veteranen, bis er ſich endlich, ganz hingenommen von ſeiner Heiterkeit, auf den Boden ſetzte, vor Freude mit den Füßen auf die Erde ſtampfte und ein ſchallendes Gelächter nach dem andern preisgab. Natty ſtand dieſe ganze Zeit über in drohender Haltung, die Büchſe auf der Baſtei aufgelegt, da, und bewachte mit raſchem und vorſichtigem Auge jede, auch die geringſte Bewe⸗ gung der Angreifenden. Unglücklicher Weiſe führten Kirby's Rufe Hiram's unüberwindliche Neugierde in die Verſuchung, hinter dem Verſteck hervorzuſehen, um ſich die Schlachtverhältniſſe zu betrach⸗ ten. Er vollzog dieſes Manöver zwar mit großer Behutſamkeit; indem er aber ſeine Fronte deckte, gab er, wie mancher beſſere Befehlshaber, die hintere Seite den Angriffen des Feindes preis. Herrn Doolittles anatomiſche Verhältniſſe gehörten jener Claſſe ſeiner Landsleute an, denen die Bildungskraft der Natur alle ge⸗ krümmten Linien verſagt hat. Alles an ihm war entweder gerade oder eckig. Aber ſein Schneider war eine Frau, welche, trotz einem Regimentskünſtler, nach Regeln arbeitete, denen zu Folge ſie bei der ganzen menſchlichen Species die gleiche Formation annahm. Als ſich daher Herr Doolittle in der erwähnten Weiſe vorwärts beugte, kam ein Stückchen loſen Zeugs hinter dem Baume zum Vorſchein, auf welches ſich Natty's Büchſe mit Blitzesſchnelle richtete. Ein weniger erfahrener Mann würde auf das fliegende 548 Gewand gezielt haben, welches feſtonartig halb zur Erde hinunter hieng; Lederſtrumpf kannte jedoch ſowohl den Mann, als deſſen weiblichen Schneider zu gut, und als ſich der raſche Knall der Büchſe vernehmen ließ, ſah Kirby, der das ganze Manöver in athemloſer Erwartung beobachtet hatte, die Rinde von der Buche fliegen und zu gleicher Zeit das Kleid in einiger Entfernung über den loſen Falten aufwärts fahren. Nie wurde eine Batterie ſchnel⸗ ler demaskirt, als Hiram nach dieſer Begrüßung aus ſeinem Ver⸗ ſtecke hervortrat. Er bewegte ſich mit großer Beſtimmtheit zwei oder drei Schritte vorwärts, legte ſeine Hand auf den verletzten Theil, ſtreckte die an⸗ dere mit drohender Geberde gegen Natty aus und rief laut: „Der Teufel geſegne es Euch! das ſoll Euch nicht ſo leicht hingehen. Ich will klagbar gegen Euch werden durch alle Inſtanzen.“ Eine ſolch herzbrechende Verwünſchung aus dem Munde eines Beamten, wie Squire Doolittle, in Vereinigung mit der Furcht⸗ loſigkeit, womit der Mann hervorgetreten, und vielleicht auch mit der Zuverſicht, daß Natty's Büchſe noch nicht wieder geladen ſeyn konnte— ermuthigte die hinten ſtehenden Truppen, welche jetzt laut zu ſchreien begannen und eine volle Salve nach den Baum⸗ wipfeln entſandten, wo ihre Kugeln mit dem Inhalte der Feld⸗ ſchlange Cameradſchaft machen konnten. Durch ihr eigenes Geſchrei angefeuert, ſtürmte die Mannſchaft bald allen Ernſtes vorwärts, und Billy Kirby, welcher denken mochte, der Spaß, ſo gut er auch ſey, führe doch zu weit, war eben im Begriff, die Werke zu erſtei⸗ gen, als Richter Temple von der andern Seite erſchien und rief: „Ruhe und Frieden! Warum wollt Ihr hier Blut vergießen? Reicht das Geſetz nicht hin, ſich ſelbſt Schutz zu verleihen, daß man, wie in Krieg und Aufruhr, Bewaffnete verſammelt, um die Gerechtigkeit handzuhaben?“ „Es iſt der Landſturm,“ ſchrie der Sheriff von einem fernen Felſen,„der——“ „Sag' lieber ein Teufelsſturm. Ich gebiete Frieden!“ „Halt! Kein Blutvergießen!“ rief eine Stimme von der Spitze des Viſionsberges herab.„Um Gottes Willen— Halt! ſchießt nicht mehr! Wir geben nach! Ihr könnt in die Höhle gehen!“ Das Erſtaunen brachte jetzt die gewünſchte Wirkung hervor. Natty, der ſein Gewehr wieder geladen hatte, ſetzte ſich ruhig auf die Baumſtämme und ließ den Kopf auf ſeine Hand ſinken, während die leichte Infanterie ihre militäriſchen Bewegungen einſtellte und in größter Spannung den Ausgang abwartete. In weniger als einer Minute ſtürzte Edwards den Berg her⸗ unter, und Major Hartmann folgte ihm mit einer für ſeine Jahre überraſchenden Schnelligkeit. Sie hatten bald die Terraſſe erreicht, von wo aus der Jüngling in die Höhle vorangieng, während die Außenſtehenden ſtumm und verwundert nachblickten. Vierzigſtes Kapitel. Ich verſtumme. Wart Ihr der Doktor, und ich kannt' Euch nicht? Shakſpeare. Während der fünf oder ſechs Minuten, welche zwiſchen dem Wiedererſcheinen des Jünglings und des Majors verfloſſen, hatten der Richter Temple, der Sheriff und die meiſten der Freiwilligen die Terraſſe erſtiegen, wo die Letzteren ſich in Vermuthungen über das, was jetzt kommen möchte, ergiengen und die verſchiedenen Dienſte, die ſie im Kampfe geleiſtet, zu erzählen begannen. Aber die Rückkehr der Friedensſtifter aus der Höhle ſchloß Jedem den Mund. Sie brachten auf einem rohen, mit ungegerbten Hirſch⸗ häuten bedeckten Stuhle die Geſtalt eines Greiſen zum Vorſchein, welchen ſie ſorgfältig und achtungsvoll in der Verſammlung nieder⸗ ſetzten. Sein Haupt war von langen, weichen, ſilbernen Locken bedeckt. Der ungemein ſaubere und reinliche Anzug beſtand aus 550 Stoffen, wie ſie nur die vermoͤglichſten Claſſen zu tragen pflegen, obgleich er jetzt abgetragen und geflickt war, und ſeine Füße ſtacken in einem paar Mocaſſins, ſo ſchön, als ſie nur der indianiſche Kunſtfleiß zu ſchaffen vermochte. Die Züge ſeines Antlitzes waren ernſt und würdevoll, obgleich das ausdrucksloſe Auge, welches ſich der Reihe nach die umherſtehenden Geſichter betrachtete, nur zu deutlich bekundete, die Periode ſey gekommen, wo das Alter die geiſtigen Schwächen der Kindheit wiederbringt. Natty folgte den Trägern dieſer unerwarteten Erſcheinung, lehnte ſich, in Mitten ſeiner Verfolger und etwas hinter dem Stuhle auf ſeine Büchſe und legte dabei eine Furchtloſigkeit an den Tag, welche zeigte, daß jetzt wichtigere Intereſſen, als die ihn ſelbſt be⸗ rührenden, zur Entſcheidung kommen ſollten. Major Hartmann ſtand mit unbedecktem Haupte an der Seite des alten Mannes, und in ſeinen Augen, die ſonſt nur von Fröhlichkeit und Heiterkeit ſtrahlten, ſprach ſich jetzt die ganze Seele des Veteranen aus. Ed⸗ wards ließ die eine Hand mit zärtlicher Vertraulichkeit auf dem Stuhle ruhen, während ſein Herz von Bewegungen ſchwoll, die er nicht auszuſprechen vermochte. Die geſpannteſte Erwartung herrſchte in der Mitte der ſtum⸗ men Zuſchauer. Endlich verſuchte es der abgelebte Fremde, nach⸗ dem er die Anweſenden mit leeren Blicken betrachtet, von ſeinem Sitze aufzuſtehen, und ein ſchwaches Lächeln— der Ausdruck der Höflichkeit— flog über ſeine verfallenen Züge, als er mit hohler, bebender Stimme ſprach: „Iſt es gefällig, Platz zu nehmen, meine Herrn? Der Kriegs⸗ rath wird ſogleich beginnen. Jeder, der den guten und tugend⸗ haften König liebt, wünſcht, daß dieſe Colonieen ihre Treue be⸗ wahrten. Setzen Sie ſich, ſetzen Sie ſich— ich bitte, meine Herrn. Die Truppen brauchen für heute nicht weiter zu marſchiren.“ „Das iſt das Irrereden des Wahnſinns,“ ſagte Marmaduke. „Wer erklärt uns dieſe Scene?“ ——9 Kᷣ——— „Nicht doch, Sir,“ entgegnete Edwards mit Feſtigkeit;„es iſt nur die Hinfälligkeit der Natur, und uns bleibt allein noch übrig, zu zeigen, wer für dieſen bedauernswürdigen Zuſtand verantwort⸗ lich iſt.“ „Wollen die Herren mit uns ſpeiſen, mein Sohn?“ fragte der alte Fremde, indem er ſich der Stimme zuwandte, die er kannte und liebte.„Laß ein geeignetes Mahl für die Officiere Seiner Majeſtät bereiten, Du weißt, es ſteht uns immer das beſte Wildpret zu Gebot.“ „Wer iſt dieſer Mann?“ fragte Marmaduke haſtig, denn mit dem Antheile, welchen er an dem Auftritte nahm, ſchien ſich eine Ahnung der Wahrheit zu verbinden. „Dieſer Mann?“ erwiederte Edwards ruhig, obgleich ſich ſeine Stimme im Verlaufe der Rede ſteigerte;„dieſer Mann, Sir, den Sie in Höhlen verſteckt und alles deſſen beraubt ſehen, was das Leben wünſchenswerth machen kann, war einſt der Gefährte und Rathgeber derjenigen, welche dieſes Land beherrſchten. Der Mann, den Sie hier ſchwach und hilflos ſehen, war einſt ein ſo braver und furchtloſer Krieger, daß ſelbſt die unerſchrockenen Eingebornen ihm den Namen des Feuereſſers gaben. Der Mann, den Sie hier abdachlos ſehen, war einſt der Beſitzer großer Reichthümer— ja⸗ Richter Temple, und noch dazu der rechtmäßige Eigenthümer des Bodens, auf dem wir ſtehen. Dieſer Mann war der Vater von—“ „So iſt er alſo“— rief Marmaduke in heftiger Bewegung— „ſo iſt er alſo der verloren geglaubte Major Effingham?“ „Ja wohl verloren,“ entgegnete der Jüngling, einen durchboh⸗ renden Blick auf den Richter heftend. „Und Sie? Und Sie?“ fuhr der Richter kaum verſtändlich fort. „Ich bin ſein Enkel.“ Eine tiefe Pauſe erfolgte. Aller Augen hafteten an den Sprechern, und ſelbſt der alte Deutſche ſchien den Ausgang in höchſter Spannung abzuwarten. Aber der Augenblick der Erregung war bald vorüber. Marmaduke erhob ſein Haupt, das— nicht 55² aus Scham, ſondern in demüthigem Danke— auf die Bruſt ge⸗ ſunken war, und große Thränen fielen über ſein ſchönes Geſicht, wäh⸗ rend er die Hand des Jünglings mit vieler Wärme ergriff und ſprach: „Oliver, ich vergebe Dir all Deine Härte— all Deinen Argwohn. Ich vergebe Dir alles, nur nicht, daß Du dieſen Greis an einem ſolchen Orte weilen ließeſt, während nicht bloß meine Wohnung, ſondern mein ganzes Vermögen Dir und ihm zu Ge⸗ bote geſtanden wären.“ „Er iſt treu wie Stahl!“ rief Major Hartmann.„Hab' ich's Dir nicht geſagt, Junge, daß Marmaduke Temple keiner von Denen ſey, die einen Freund zur Zeit der Noth verlaſſen?“ „Es iſt wahr, Richter Temple, daß meine Anſichten über Sie durch das, was mir dieſer würdige Mann erzählt hat, zum Wanken gebracht worden ſind. Da es mir unmöglich war, meinen Groß⸗ vater dahin zurück zu bringen, woher ihn die Liebe dieſes alten Mannes geführt hat, ohne eine Entdeckung befürchten zu müſſen, ſo begab ich mich an den Mohawk, um einen ſeiner früheren Kame⸗ raden aufzuſuchen, auf deſſen Gerechtigkeitsſinn ich vertraute. Er iſt Ihr Freund, Richter Temple; wenn aber das, was er ſagt, wahr iſt, ſo haben mein Vater und ich Sie zu hart beurtheilt.“ „Sie nennen Ihren Vater?“ entgegnete Marmaduke gefühl⸗ voll.„Iſt er wirklich mit dem Packetboot verunglückt?“ „Ja. Er hatte mich nach mehrjährigen, fruchtloſen Bewerbungen und in beziehungsweiſer Armuth, in Neuſchottland zurückgelaſſen,— um ſich eine Entſchädigung für ſeine Verluſte auszuwirken, die end⸗ lich auch von der britiſchen Krone bewilligt wurde. Nachdem er ein Jahr in England verbracht, kehrte er auf ſeinem Wege nach Weſtindien, wo er eine Statthalterſtelle übernehmen ſollte, nach Halifax zurück, um den Ort aufzuſuchen, wo mein Großvater ſeit dem Kriege geweilt hatte— um uns Beide mit ſich zu nehmen.“ „Aber Du?“ verſetzte Marmaduke mit warmer Theilnahme. „Ich glaubte, Du wäreſt mit ihm umgekommen.“ Der junge Mann erröthete, als er der verwunderten Geſichter der Umſtehenden gewahr wurde, gab jedoch keine Antwort. Mar⸗ maduke wandte ſich jetzt an Capitain Holliſter, der ſich eben wieder ſeiner Mannſchaft angeſchloſſen hatte und ſprach: „Führe Deine Soldaten wieder zurück und entlaſſe ſie. Der Eifer des Sheriffs hat ihn über die Grenzen ſeiner amtlichen Wirk⸗ ſamkeit hinaus geführt. Doktor Todd, ich werde es Euch Dank wiſſen, wenn Ihr nach der Beſchädigung ſeht, welche Hiram Doolittle bei dieſer unangenehmen Geſchichte davon getragen hat. Richard, Du wirſt mich verbinden, wenn Du den Wagen heraufſchickſt. Ben⸗ jamin, Ihr kehrt zu Eurem Dienſt in meiner Familie zurück.“ So ungelegen auch dieſe Befehle den meiſten Anweſenden kamen, ſo bewirkte doch die Beſorgniß, den heilſamen Zwang des Geſetzes zu weit getrieben zu haben, und die gewohnte Achtung vor den Geboten des Richters ſchleunigen Gehorſam. Als ſie ſich entfernt hatten und der Fels nur noch im Beſitz Derjenigen war, für welche die Entwicklung der Sache einen beſondern Werth hatte, deutete Marmaduke auf den alten Major Effingham und ſagte zu deſſen Enkel: „Wäre es nicht beſſer, Deinen Großvater dem Luftzuge zu entnehmen, bis mein Wagen ankömmt?“ „Verzeihung, Sir; die Luft thut ihm gut, und er hat ſich ſtets an ihr gelabt, ſo oft keine Entdeckung zu beſorgen war. Ich weiß nicht, wie ich mich zu benehmen habe, Richter Temple; darf ich— kann ich zugeben, daß der Major Effingham in Ihr Haus ziehe?“ „Das magſt Du ſelbſt beurtheilen,“ entgegnete Marmaduke. „Dein Vater war mein Jugendfreund. Er vertraute mir ſein Ver⸗ mögen an. Als wir uns trennten, ſetzte er eine ſo große Zuverſicht in mich, daß er weder Empfangſchein noch ſonſtige Sicherheit von mir nehmen wollte, ſelbſt wenn ich Zeit oder Gelegenheit gehabt hätte, letztere zu leiſten.— Du mußt hievon wohl gehört haben?“ 554 „Allerdings, Sir,“ verſetzte Edwards, oder vielmehr Effingham, wie wir ihn jetzt nennen müſſen. „Wir hatten verſchiedene politiſche Anſichten. Siegte die Sache Amerika's, ſo wußte Niemand von unſerer Uebereinkunft, und Dei⸗ nes Vaters Vertrauen war mir heilig; blieb aber die Herrſchaft der Krone beſtehen, ſo mußte es ein Leichtes ſeyn, einem ſo loyalen Unterthanen, als Obriſt Efſingham war, ſein Eigenthum zurück⸗ zuerſtatten.— Iſt dies nicht klar?“ „Die Einleitung iſt gut, Sir,“ entgegnete der Jüngling mit demſelben ungläubigen Blicke wie früher. „Höre ihn vollends an, höre ihn vollends an, junger Menſch,“ ſagte der Deutſche.„Es iſt kein Haar auf dem Kopfe des Richters, das es nicht ehrlich meinte.“ „Wir alle kennen den Ausgang des Kampfes,“ fuhr Marmaduke fort, ohne die Worte der Beiden zu beachten.„Dein Großvater blieb in Connecticut, wo ihn Dein Vater mit den Mitteln verſah, die für einen anſtändigen Unterhalt nöthig waren. Ich weiß dies, obgleich ich ſelbſt in unſern glücklichſten Tagen nie einen Verkehr mit ihm hatte. Dein Vater zog mit den Truppen ab, um ſeine Anſprüche an die Krone zu verfolgen. Jedenfalls muß ſein Verluſt groß geweſen ſeyn, denn ſeine Liegenſchaften fielen dem Fiscus anheim, und ich wurde ihr geſetzlicher Käufer. War es etwa ein unnatürlicher Wunſch, daß der rechtmäßigen Wiedererwerbung der⸗ ſelben von ſeiner Seite kein Hinderniß im Wege ſtehen möchte?“ „Es war überhaupt keines vorhanden, als die Schwierigkeit, für ſo viele Anſprüche zu ſorgen.“ „Aber ein unüberwindlicher Riegel wäre vorgeſchoben worden, wenn ich der Welt verkündigt hätte, daß ich dieſen Grundbeſitz, welcher durch die Zeit und meinen Fleiß um das Hundertfache in ſeinem Werth geſtiegen iſt, nur als ein mir anvertrautes Gut be⸗ trachte. Es kann Dir nicht fremd ſeyn, daß ich Deinen Vater unmittelbar nach dem Kriege mit beträchtlichen Summen verſah.“ — z0— —9 4z* „Das thaten Sie bis——“ „Meine Briefe unerbrochen zurückkamen. Dein Vater hatte viel von Deinem Charakter, Oliver. Er war bisweilen ungeſtüm und vorſchnell.“ Der Richter fuhr jetzt in dem Tone der Selbſt⸗ rüge fort.„Vielleicht liegt der Fehler an mir, der ich zu viel rechnete und zu weit in die Zukunft blickte. Es war gewiß eine herbe Prüfung für mich, den Mann, den ich am meiſten liebte, ſieben Jahre übel von mir denken zu laſſen, um mir ſeiner Zeit eine ehrliche Rückerſtattung möglich zu machen. Hätte er übrigens meine letzten Briefe geöffnet, ſo würdeſt Du die ganze Wahrheit erfahren haben. Diejenigen, welche ich nach England ſchickte, hat er, wie mir mein Agent mittheilt, geleſen. Er hat vor ſeinem Tode noch Alles erfahren und iſt als mein Freund geſtorben; ich glaubte jedoch, Dich habe ein gleich trauriges Verhängniß ereilt.“ „Unſere Armuth geſtattete uns nicht, die Ueberfahrt für zwei Perſonen zu bezahlen,“ verſetzte der Jüngling mit jener ungewöhn⸗ lichen Bewegung, die er immer an den Tag legte, ſo oft er den herabgekommenen Zuſtand ſeiner Familie berühren mußte.„Ich blieb in der Provinz, um ſeine Rückkehr zu erwarten, und als die traurige Nachricht, daß er mir für immer entriſſen ſey, an mich gelangte, war ich faſt von allen Geldmitteln entblößt.“ „Und wie brachteſt Du Dich fort, Junge?“ fragte Marmaduke mit bebender Stimme. „Ich lenkte meinen Wanderſtab hieher, um meinen Großvater aufzuſuchen, denn ich wußte, daß mit dem halben Solde meines Vaters auch ſeine Hülfsquellen verſtegt waren. Als ich ſeine Wohnung auſſuchte, erfuhr ich, daß er ſie heimlich verlaſſen hatte, obgleich mir der Miethling, der um dieſer Armuth willen aus ſeinen Dienſten getreten war, auf mein dringendes Flehen bedeutete, er glaube, ein alter Mann, der früher ſein Diener geweſen, habe ihn mit ſich fort genommen. Das konnte niemand Anders als Natty geweſen ſeyn, denn mein Vater hat oft—— 4 556 „War Natty ein Diener Deines Großvaters?“ rief der Richter. „Wie? und das wußten Sie nicht?“ entgegnete der Jüngling in augenſcheinlicher Ueberraſchung. „Wie hätte ich es wiſſen ſollen? ich traf nie mit dem Major zuſammen, und auch Bumppo's Name wurde nie in meiner Gegen⸗ wart erwähnt. Ich kannte ihn nur als einen Jäger, der in den Wäldern lebte. Solche Leute kommen einem zu oft vor, als daß ſie größere Aufmerkſamkeit erregen ſollten.“ „Er wurde in der Familie meines Großvaters erzogen, diente ihm viele Jahre in ſeinen Feldzügen im Weſten, wo er eine Vor⸗ liebe für die Wälder faßte, und blieb dann hier als eine Art von locum tenens in dem Lande, welches aus Veranlaſſung des alten Mohegans meinem Großvater, weil er demſelben einmal das Leben gerettet, von den Delawaren überlaſſen worden war. Letztere hatten ihn auch als Ehrenmitglied ihrem Stamme zugezählt.“ „Daher rührt alſo Dein indianiſches Blut?“ „Nicht anders,“ erwiederte Edwards lächelnd.„Major Effing⸗ ham wurde von Mohegan, welcher damals der größte Mann ſeiner Nation war, an Sohnesſtatt angenommen, und mein Vater, wel⸗ cher dieſe Leute einmal in ſeiner Jugend beſuchte, erhielt von ihnen den Namen des Adlers— um der Form ſeines Geſichtes willen, wie ich mir ſagen ließ. Sie haben ſeinen Titel auch auf mich aus⸗ gedehnt. Ich habe keine anderen indianiſchen Ahnen, obgleich es in meinem Leben Stunden gegeben hat, Richter Temple, wo ich wünſchte, meine Abſtammung und Erziehung dieſem Volke zu verdanken.“ „Fahre weiter in Deiner Erzählung,“ ſagte Marmaduke. „Ich habe nicht mehr viel mitzutheilen, Sir. Ich verfügte mich nach dem See, wo Natty, wie ich oft gehört hatte, wohnte, und fand, daß dieſer im Geheim für ſeinen alten Herrn Sorge trug; denn nicht einmal er konnte es ertragen, einen Mann, auf den ehedem ein ganzes Volk mit Achtung geblickt, der Welt in ſeiner Armuth und Geiſtesſchwäche zu zeigen.“ „Und was begannſt Du?“ „Ich? Je nun, ich gab mein letztes Geld aus, um eine Büchſe zu kaufen, hüllte mich in ein grobes Gewand und bildete mich an Lederſtrumpfs Seite zum Jäger. Das Uebrige iſt Ihnen bekannt, Richter Temple.“ „Und warum wollte man nichts von dem alten Fritz Hartmann?“ ſprach der Deutſche vorwurfsvoll.„Haſt Du nie den Namen des alten Fritz Hartmann aus dem Munde Deines Vaters gehört, Junge?“ „Ich mag wohl Unrecht gethan haben, meine Herrn,“ ent⸗ gegnete der Jüngling;„aber ich beſaß zu viel Stolz, um unſer Unglück zur Schau zu ſtellen, das auch an dem heutigen Tage gegen meinen Willen an's Licht gefördert wurde. Ich hatte Pläne, die viel⸗ leicht träumeriſch waren; ich gedachte aber immer, meinen Großvater, wenn er den Herbſt erleben ſollte, nach New⸗York mitzunehmen, wo noch einige entfernte Verwandte leben, die wohl im Laufe der Zeit vergeſſen haben müſſen, daß er Tory war. Aber er ſchwindet raſch dahin,“ fuhr er wehmüthig fort,„und wird bald an der Seite des alten Mohegan ausruhen.“ Die Luft war rein, der Tag ſchön, und ſo blieb die Geſell⸗ ſchaft auf dem Felſen, bis man die Räder von Richter Temples Wagen an der Seite des Berges herauf raſſeln hörte. Die Unter⸗ haltung wurde in der Zwiſchenzeit mit lebhaftem Intereſſe fortge⸗ führt, und jeder Augenblick warf auf irgend eine zweideutige Hand⸗ lung ein günſtigeres Licht, ſo daß der Widerwille des Jünglings gegen Marmaduke ſichtlich ſchwächer wurde. Er hatte nicht länger etwas gegen die Entfernung ſeines Großvaters einzuwenden, der eine kindiſche Freude an den Tag legte, als er ſich wieder einmal in einem Wagen ſitzen ſah. In der weiten Halle des Herrnhauſes angelangt, ließ der Greis ſeine Augen langſam über die Ausſtat⸗ tung des Raumes hingleiten und durch das peinliche Irrereden, worin er den Umſtehenden ohne Unterlaß irgend eine nutzloſe Höf⸗ lichkeit anbot, ſchien für Momente ein und der andere Lichtblick 558 des Geiſtes ſeine Züge zu überfliegen. Die Anſtrengung und die Veränderung ſeiner Lage hatten bald eine ſolche Erſchöpfung zur Folge, daß man ihn zu Bette bringen mußte, wo er viele Stunden liegen blieb, zwar erfreut über die neue Bequemlichkeit, die ſich ihm jetzt darbot, aber auch ein ſchmerzliches Bild der menſchlichen Natur, in welchem ſich deutlich ausſprach, daß die thieriſchen Nei⸗ gungen fortwähren, ſelbſt wenn der edlere Theil unſeres Weſens entſchwunden iſt. Effingham verließ ſeinen Großvater nicht, bis derſelbe zur Ruhe gebracht war, worauf Natty an ſeiner Seite Platz nahm. Dann erſt entſprach er den Aufforderungen des Richters, ihm in das Bibliothekzimmer zu folgen, wo der Letztere nebſt Major Hart⸗ mann ſeiner harrte. „Lies dieſes Papier, Oliver,“ begann Marmaduke, als der Jüngling eingetreten war,„und Du wirſt finden, daß es mir nicht entfernt zu Sinne kam, Deiner Familie bei meinen Lebzeiten Un⸗ recht zu thun, der ich mir's im Gegentheil zur Aufgabe machte, Sorge zu tragen, daß ihr auch nach meinem Tode noch Gerech⸗ tigkeit widerfahre.“ Der Jüngling nahm das Blatt, und der erſte Blick ſagte ihm, daß es das Teſtament des Richters ſey. Trotz ſeiner Aufregung entgieng es ihm doch nicht, daß das Datum genau mit der Zeit zuſammentraf, da er an Marmaduke jene ungewöhnliche Gemüths⸗ beſchwerung wahrgenommen hatte. Während des Leſens begannen ſeine Augen feucht zu werden, und die Hand, welche das Document hielt, zitterte heftig. Das Teſtament begann mit den gewöhnlichen Förmlichkeiten, die durch den Scharfſinn des Herrn Van der School noch weit⸗ läufig ausgeſponnen waren; nach der Einleitung ließ ſich jedoch Marmaduke's Styl nicht verkennen. Er berichtete in klarer, be⸗ ſtimmter, männlicher und ſogar beredter Sprache ſeine Verbindlich⸗ keiten gegen den Oberſten Effingham, die Natur ihrer Verbindung und die Umſtände, durch welche ſte getrennt worden. Er gieng ſodann auf die Gründe ſeines langen Schweigens über, ohne dabei der großen Summen zu vergeſſen, die er ſeinem Freunde zuge⸗ ſchickt, aber in den uneröffneten Briefen wieder zurück erhalten hatte. Ferner ſprach er von ſeinen Bemühungen, den Großvater, der auf eine räthſelhafte Weiſe verſchwunden, aufzuſuchen, und von ſeinen Beſorgniſſen, der nächſte Erbe der ihm anvertrauten Güter möchte mit ſeinem Vater in den Wellen des Oceans um⸗ gekommen ſeyn. Nach einer kurzen, deutlichen Nebeneinanderſtellung der Ereigniſſe, deren Zuſammenhang der Leſer jetzt herausfinden wird, waren die Summen aufgeführt, welche Obriſt Effingham ſeinem Freunde auvertraut hatte. Dann kam eine Theilung von Marmaduke's ganzem Beſitzthum in zwei gleiche Hälften, deren Vollzug an be⸗ ſtimmte verantwortliche Curatoren verwieſen war. Vermöge der⸗ ſelben ſollte der eine Theil an ſeine Tochter, der andere an Oliver Effingham, früher Major in der brittiſchen Armee, ſeinen Sohn Eduard Effingham und den Sohn dieſes Letzteren oder deren Nach⸗ kommen fallen. Dieſes Teſtament ſollte bis 1810 in Kraft blei⸗ ben: wenn in dieſer Friſt Niemand erſchien oder, nach hinreichen⸗ der Veröffentlichung, aufgefunden werden könnte, um genannte Hälfte in rechtmäßigen Anſpruch zu nehmen, ſo ſollte eine gewiſſe Summe im Betrag der Capital⸗ und Zinſenſchuld an den geſetz⸗ lichen Erben der Effingham'ſchen Familie ausbezahlt werden, und die Geſammtmaſſe des Grundbeſitzes ſeiner Tochter oder ihren Erben verbleiben. Thränen entſielen den Augen des jungen Mannes, während er dieſes unzweifelhafte Zeugniß von Marmaduke's Redlichkeit las, und ſein wirrer Blick haftete noch immer auf dem Papiere, als eine Stimme, bei deren Tönen ihm jeder Nerv bebte, in ſeiner Nähe ſprach: „Zweifeln Sie noch immer an uns, Oliver?“ 560 „An Ihnen habe ich nie gezweifelt,“ rief der Jüngling, indem er ſich aufraffte und auf Eliſabeth zueilte, um ihre Hand zu ergreifen.„Nein, mein Glaube an Sie hat keinen Augenblick gewankt.“ „Und mein Vater——“ „Gottes Segen über ihn!“ „Ich danke Dir, mein Sohn,“ verſetzte der Richter, indem er den warmen Händedruck des Jünglings erwiederte.„Wir waren jedoch beide auf einem Irrwege; Du biſt zu haſtig geweſen und ich war zu langſam. Die eine Hälfte meines Beſitzthums iſt Dein Eigenthum, ſobald es auf Dich übertragen werden kann, und wenn mich meine Ahnungen nicht trügen, ſo vermuthe ich, daß ihr die andere wohl auch bald folgen wird.“ Er nahm die Hand, welche er noch immer feſthielt, und ver⸗ einigte ſie mit der ſeiner Tochter, worauf er dem Major nach der Thüre winkte. „Ich will Dir was ſagen, Mädel!“ ſprach jetzt der alte Deutſche gut gelaunt.„Wenn ich noch wäre, was ich war, als ich mit ſeinem Großvater an den Seen Dienſte leiſtete, ſo ſollte mir der träge Hund da den Preis nicht ſo mir nichts dir nichts vor der Naſe wegſchnappen.“ „Komm, komm, alter Fritz,“ ſagte der Richter;„Du biſt ſie⸗ benzig, nicht ſiebenzehn. Richard hat für uns in der Halle eine Bowle Eierpunſch parat.“ „Richard? Ei, der Teufel!“ rief der Andere, aus dem Zim⸗ mer eilend:„der macht ſeinen Punſch für die Pferde. Ich muß es dem Sheriff eigenhändig zeigen. Zum Teufel, er wäre im Stande, ihn mit Yankeeſyrup zu zuckern!“ Marmaduke lächelte, nickte dem jungen Paare freundlich zu und ſchloß die Thüre hinter ſich; wenn indeß der geneigte Leſer glaubt, daß wir, ihm zu Gefallen, ſie wieder öffnen werden, ſo iſt er im Irrthume. —— — Das tète-Aà-tète währte eine geraume Zeit; wie lange? kön⸗ nen wir nicht ſagen, denn es iſt uns nur bekannt, daß es um ſechs Uhr Abends durch die Ankunft Monſieur Le Quoi's unterbrochen wurde, welcher, der Uebereinkunft des vorangehenden Tages zu Folge, ſich bei Miß Temple eine Audienz erbat. Er wurde vorgelaſſen, und trug ſofort der Dame in den zierlichſten Ausdrücken die Hand an, wobei er es nicht unterließ, auf ſeine einflußreichen amis, ſei⸗ nen père, ſeine moͤre und ſeine Sucre-plantage aufmerkſam zu machen. Eliſabeth mußte wohl bereits irgend eine bindende Ver⸗ pflichtung gegen Oliver eingegangen haben, denn ſie lehnte das zarte Anerbieten zwar in höflichen, aber doch vielleicht in entſchie⸗ deneren Ausdrücken ab, als es geſtellt worden war. Der Franzoſe begab ſich nun zu dem Deutſchen und dem She⸗ riff in die Halle, wo er eingeladen wurde, an dem Tiſche Platz zu nehmen, und mit Beihilfe des Weins und Eierpunſches hatte man dem gefälligen Monſieur Le Quoi den Zweck ſeines Beſuches bald entlockt. Es war augenſcheinlich, daß er ſeinen Antrag nur als ein Compliment betrachtet hatte, welches ein Mann von Erziehung einer Dame an einem ſo abgelegenen Ort vor ſeiner Abreiſe gleich⸗ ſam ſchuldig war, und daß ſeine Gefühle nur wenig oder gar nicht dabei in's Spiel kamen. Nach etlichen Libationen überredete das neckiſche Paar den heitern Franzoſen, daß es eine nicht zu entſchul⸗ digende Parteilichkeit wäre, wenn er dieſe Höflichkeit nur der einen Dame erwieſe und ſie nicht auch auf die andere ausdehnte, weßhalb Monſieur Le Quoi ſich auch um neun Uhr nach der Rectorei ver⸗ fügte, um Miß Grant ein ähnliches Anerbieten zu machen, welches jedoch keinen beſſern Erfolg als das erſte hatte. Als er um zehn Uhr nach dem Herrenhauſe zurückkehrte, ſaßen der Major und Richard noch immer an dem Tiſche. Sie ſuchten nun den Gallier, wie ihn der Sheriff nannte, zu bewegen, daß er den Verſuch bei Remarkable Pettibone machen ſolle. Aber trotz der Weinlaune des alſo Bedrängten waren doch die zwei Stunden, Die Anſiedler. 3. Aufl. 36 welche die loſen Vögel auf ihre Demonſtrationen verwandten, ver⸗ lorene Zeit, denn er lehnte ihren Rath mit einer Hartnäckigkeit ab, die für einen ſo höflichen Mann wahrhaft erſtaunlich war. Als Benjamin Monſieur Le Quoi nach der Thüre leuchtete, ſagte er beim Scheiden: „Mon schür, wenn Sie neben Miſtres Prettibones beigelegt hätten, wie Squire Dickens Sie zu bereden ſuchte, ſo müßte Sie, nach meiner Anſicht, der Teufel geritten haben, denn ſehen Sie, Sie würden Mühe gehabt haben, wieder klar von ihr abzukommen. Freilich Miß Lizzy, und des Pfarrers Töchterlein ſind ein paar zierliche Schifflein, die man wohl im Winde neben ſich her laufen laſſen kann, aber Miſtreß Remarkable hat ſo etwas von einer Ga⸗ leere an ſich; wenn Sie dieſe einmal ins Schlepptau nehmen, ſo wird ſie ſich nicht ſo leicht wieder abſchütteln laſſen.“ Einundvierzigſtes Kapitel. Ja, weiter denn!— Wir wollen nicht Ob Froher den, dem's Herze bricht⸗ Verlaſſen. Jene Flotte Iſt luſtig toll, Gelächters voll— Doch bei dem Nachen hier Verweilt des Sängers Lied. Der Herr der Inſeln. Der Gang unſerer Erzählung hat uns durch den Sommer geführt, und nachdem wir beinahe den Kreislauf eines Jahres durch⸗ gemacht haben, müſſen wir unſern Bericht in dem herrlichen Mo⸗ nat October ſchließen. Manche wichtige Ereigniſſe haben ſich jedoch in der Zwiſchenzeit zugetragen, von denen wir einige nicht über⸗ gehen dürfen. Die zwei Hauptbegebniſſe waren die Vermählung Oliver's mit Eliſabeth und der Tod des Majors Effingham. Beides fand in der erſten Hälfte des Septembers ſtatt, und der letztere war von der erſteren nur durch ein paar Tage getrennt. Der alte Mann ſchwand dahin wie ein erlöſchendes Licht; und obgleich ſein Verſcheiden die Familie in Trauer verſetzte, ſo konnte es doch nach einem ſolchen Lebensabend keinen Anlaß zu einem nachhaltigen Schmerze geben. Marmaduke ließ ſichs vorzugsweiſe angelegen ſeyn, ſeine Stel⸗ lung als Obrigkeit mit ſeinen natürlichen Gefühlen gegen die Ver⸗ brecher in Einklang zu bringen, weßhalb den Tag nach dem Brande Natty und Benjamin wieder in das Gefängniß wandern mußten, und dort verblieben ſie gutwillig bei guter Koſt und ſonſtiger Be⸗ quemlichkeit, bis ein Expreſſer von Albany mit einem Pardon des Gouverneurs für Lederſtrumpf zurückkehrte. In der Zwiſchenzeit wurden auch die geeigneten Mittel angewendet, um Hiram wegen des Angriffs auf ſeine Perſon zu beſchwichtigen, und an dem gleichen Tage erſchienen die beiden Cameraden wieder in der Geſellſchaft, ohne daß man ſie wegen ihrer Verhaftung ſcheel angeſehen hätte. Herr Doolittle begann zu entdecken, daß weder ſeine architek⸗ toniſchen, noch ſeine Geſetzeskenntniſſe länger dem wachſenden Reich⸗ thum und der zunehmenden Einſicht der Anſiedler entſprachen; und nachdem er den letzten Heller, der ſich auf dem Wege des Vergleichs erzielen ließ, eingezogen hatte, brach er, um uns des Provincial⸗ ausdrucks zu bedienen,„ſein Zelt ab,“ um ſich weiter nach dem Weſten zu begeben, wo er nun ſein techniſches und juridiſches Wiſ⸗ ſen durch das Land verbreitete, wie denn auch noch bis auf den heutigen Tag Spuren von Beiden in der Richtung ſeiner Wan⸗ derung zu entdecken ſind. Der arme Jotham, der ſeine Thorheit mit dem Leben büßen mußte, bekannte noch vor ſeinem Tode, daß die Gründe für ſeine Annahme des Vorhandenſeyns einer Mine von den Lippen einer Wahrſagerin ſtammten, welche mittelſt eines Zauberſpiegels ver⸗ borgene Schätze in der Erde entdecken zu koͤnnen vorgab. Dieſer Aberglaube war in den neuen Anſiedelungen häufig, und als die 564 erſte Ueberraſchung vorüber war, kam die Sache bei dem beſſeren Theile der Gemeinde bald in Vergeſſenheit. Während jedoch die Entwickelung des Ganzen jeden noch weilenden Verdacht über das Thun und Treiben der drei Jäger aus Richard's Bruſt verbannte, diente ſie ihm zugleich als eine nachdrückliche Lehre— ein Umſtand, der für die Zukunft ſeinem Vetter ſehr zu ſtatten kam, indem ſich Richard fortan hütete, denſelben mit ſeinen abenteuerlichen Planen allzuſehr zu beläſtigen. Wir müſſen dabei noch bemerken, daß Richard vor Austrag der Sache ſeinen damaligen Entwurf mit der großten Zuverſicht als einen keineswegs träumeriſchen“ bezeichnet hatte, und das Entgegenhalten dieſes einziges Wortes genügte, ihm für die nächſten zehn Jahre bei jeder Gelegenheit die Lippen zu ſchließen. Monſieur Le Quoi, den wir unſern Leſern vorgeführt haben, weil ein Gemälde jenes Landes ohne die Darſtellung eines ſolchen Cha⸗ rakters nicht treu ſeyn würde, fand die Inſel Martinique und ſeine sucre-plantage im Beſitz der Engländer. Marmaduke und ſeine Familie wurden jedoch bald durch die Nachricht erfreut, daß er in ſein Büreau nach Paris zurückgekehrt ſey, von wo aus ſpäter jähr⸗ liche Bulletins über das Glück der Franzoſen, nebſt Verſicherungen fortwährender Dankbarkeit gegen ſeine Freunde in Amerika— einliefen. Nach dieſer kurzen Abſchweifung müſſen wir zum Gange unſe⸗ rer Erzählung zurückkehren. Der Leſer denke ſich einen unſerer mildeſten Oktobermorgen— freilich ſetze ich dabei einen amerikaniſchen Leſer voraus— wenn die Sonne wie ein Ball von ſilberglänzendem Feuer am Himmel ſteht, und die elaſtiſche Luft dem Athmenden Kraft und Leben in alle Gefäße gießt;— dabei ein Wetter, weder zu warm noch zu kalt, ſondern von jener glücklichen Temperatur, welche das Blut in raſcheren Strömen kreiſen läßt, ohne die Erſchlaffung des Frühlings mit ſich zu führen. An einem ſolchen Morgen, ungefähr um die Mitte des Monats, war es, als Oliver in die Halle trat, wo Eliſabeth ihre gewöhnlichen Tagesbefehle erließ— um die Dame zu bitten, ihn auf einem kurzen Spaziergange nach dem Seeufer zu begleiten. Die zarte Schwermuth in dem Benehmen ihres Gatten ſiel Eliſabeth auf; ſie verließ daher ſogleich ihre häuslichen Geſchäfte, warf einen leich⸗ ten Shawl über ihre Schulter, verbarg ihre rabenſchwarzen Locken unter einem Strohhut, nahm ſeinen Arm und überließ ſich, ohne eine Frage zu ſtellen, ſeiner Führung. Sie giengen über die Brücken und hatten bereits von der Landſtraße ab nach dem See eingebogen, ehe ein Wort gewechſelt wurde. Eliſabeth erkannte aus den ein⸗ geſchlagenen Richtungen den Zweck des Spaziergangs, und achtete die Gefühle ihres Gatten zu ſehr, um eine unzeitige Unterhaltung einleiten zu wollen. Als ſie jedoch in den offenen Feldern anlangten und ihr Auge über den lieblichen See ſtreifte, wo bereits die wilden Zugvögel von den nördlichen Gewäſſern ſcheidend, eine wärmere Sonne ſuchten, oder wo ſie weilten, um in dem ſpiegelklarem Waſſer des Otſego und an den Seiten des Gebirgs zu ſpielen, die ſich— als geſchähe es ihrem jungen Eheſtande zu Ehren— in die tauſend heiteren Farben des Herbſtes gekleidet hatten, da konnte das ſchwel⸗ lende Herz der jungen Gattin den Ausbruch ihrer Gefühle nicht länger zurückhalten. „Das iſt keine Zeit zum Schweigen, Oliver,“ ſagte ſie, indem ſie ſich zärtlicher an ſeinen Arm anſchmiegte.„Jede Creatur ſcheint ſich zum Preiſe des Schöpfers zu erheben; warum ſollten wir, die wir für ſo Vieles dankbar zu ſeyn Urſache haben, ſtumm bleiben?“ „So ſprich!“ entgegnete ihr Gatte lächelnd;„ich liebe den Ton Deiner Stimme. Du wirſt Dir denken können, weßhalb ich Dich hieher führe, denn ich habe Dir meine Plane mitgetheilt: wie gefallen ſie Dir?“ „Ich muß mich zuvor durch den Augenſchein überzeugen,“ verſetzte die junge Frau.„Ich habe mich jedoch ebenfalls mit Entwürfen getragen, und ich glaube, es iſt jetzt Zeit, damit her⸗ vorzutreten.“ 566 „Du? Ah, vermuthlich etwas im Intereſſe meines alten Freun⸗ des Natty?“ „Für Natty wird allerdings geſorgt werden; aber wir haben noch andere Freunde außer Lederſtrumpf, die unſerer Dienſte be⸗ dürfen. Haſt Du Luiſens und ihres Vaters vergeſſen?“ „Nicht doch; habe ich dem guten Geiſtlichen nicht eine der beſten Meiereien des Bezirks gegeben? Was Luiſe anbelangt, ſo möͤchte ich ſie immer in unſerer Nähe haben.“ „Wirklich?“ erwiederte Eliſabeth, ihre Lippen leicht zuſammen drückend.„Aber die arme Luiſe hat wohl andere Abſichten; ſie wünſcht vielleicht meinem Beiſpiele zu folgen und zu heirathen.“ „Das glaube ich kaum,“ erwiederte Effingham nach einem kurzen Nachdenken.„Ich wüßte in der That nicht, wer in dieſer Gegend für ſie paſſen könnte.“ „Vielleicht in dieſer Gegend nicht; es gibt aber noch andere Orte und andere Kirchen als die neue Sanct Paulskirche.“ „Kirchen, Eliſabeth? Unmöglich kannſt Du Herrn Grant zu verlieren wünſchen; denn ungeachtet ſeiner Einfachheit iſt er ein vortrefflicher Mann: ich werde nie einen zweiten finden, der nur halb ſo viel Achtung vor meiner Rechtgläubigkeit hätte. Willſt Du mich etwa von einem Heiligen zu einem gemeinen Sünder herab demüthigen?“ „Es muß ſeyn, mein Lieber,“ entgegnete die Dame mit einem halb unterdrückten Lächeln,„und ſollteſt Du dabei von einem Engel zu einem gewöhnlichen Menſchen herabſinken.“ „Aber Du vergißt die Meierei?“ „Er kann ſie nach dem Beiſpiele Anderer verpachten. Außer⸗ dem— wäre es wirklich Dein Wunſch, daß ſich ein Geiſtlicher mit Feldarbeit abgäbe?“ „Und wohin ſollte er gehen? Du vergiſſeſt Luiſen.“ „Nein, ich vergeſſe Luiſen nicht,“ verſetzte Eliſabeth, abermals ihre ſchönen Lippen zuſammen drückend.„Du weißt, Effingham, daß mein Vater Dir ſagte, ich hätte ihn beherrſcht und ich würde auch Dich beherrſchen. Ich bin nun im Begriffe, von meiner Ge⸗ walt Gebrauch zu machen.“ „Du ſollſt ganz Deinen Willen haben, liebe Eliſabeth, nur nicht da, wo es auf unſer Aller Unkoſten und auf Unkoſten Dei⸗ ner Freundin geſchieht.“ „Wie kannſt Du wiſſen, daß ich meine Freundin dadurch zu beeinträchtigen wünſche?“ ſprach die Dame, indem ſie ihre Augen mit einem ſpähenden Blick auf das Antlitz ihres Gatten heftete, ohne jedoch etwas Anderes als den unverdächtigen Ausdruck des Bedauerns darin zu finden. „Wie ich das wiſſen kann? Je nun, iſt es nicht natürlich, daß ſie uns ſehr vermiſſen würde?“ „Es iſt unſere Pflicht, gegen unſere natürlichen Gefühle anzu⸗ kämpfen,“ erwiederte die Dame;„auch glaube ich, daß wenig Ur⸗ ſache vorhanden iſt, zu beſorgen, Luiſens Geiſt werde ſich nicht dar⸗ ein zu finden wiſſen.“ „Nun, und Dein Plan?“ „Höre, und Du ſollſt alles erfahren. Mein Vater hat für Herrn Grant eine Stelle in einer der Städte am Hudſon ausge⸗ wirkt, wo er mehr nach ſeiner Gemächlichkeit leben kann und nicht durch dieſe Wälder zu wandern braucht; wo er im Stande iſt, den Abend ſeines Lebens in Ruhe und Bequemlichkeit zu verbringen, und wo vielleicht ſeine Tochter Geſellſchaft und Verbindungen trifft, die für ihre Jahre und ihren Charakter paſſen.“ „Beß, Du ſetzeſt mich in Erſtaunen! Ich hätte ſolche Schritte von Dir nicht erwartet.“ „Oh, meine Schritte gehen weiter, als Du Dir denken magſt,“ ſagte Eliſabeth mit einem ſchalkhaften Lächeln.„Es iſt aber ein⸗ mal mein Wille, und ſo kömmt es Dir zu, Dich zu unterwerfen — vorderhand wenigſtens.“ Effingham lachte; als ſie ſich aber dem Ende ihres Spazier⸗ gangs näherten, brachen ſie den Gegenſtand ab. Der Ort, an dem ſie jetzt anlangten, war der kleine, ebene Grund, wo Lederſtrumpfs Hütte ſo lange geſtanden hatte. Eliſa⸗ beth fand den Schutt hinweggeräumt und mit ſchönen Raſen be⸗ legt, der unter dem Einfluſſe der häufigen Regenſchauer ſo ſchön, wie die ganze umliegende Gegend ergrünte, faſt als hätte ein neuer Frühling das ganze Land heimgeſucht. Der Platz war mit einer kreisförmigen Mauer umgeben, in welcher ſich eine kleine Thüre befand; in der Nähe der letzteren lehnte, zur großen Ueberraſchung des jungen Paares, Nattys Büchſe. Hector und die Slut ruhten zu ihrer Seite in dem Graſe, als wüßten ſte, daß ſie ſich trotz der vorgefallenen Veränderungen an einem Orte befänden, mit dem ſie vertraut waren. Der Jäger ſelbſt lag auf der Erde hingeſtreckt vor einem Grabſteine von weißem Marmor und drückte mit ſeinen Händen das lange Gras bei Seite, welches bereits aus dem üppi⸗ gen Boden an der Baſis deſſelben aufgeſchoſſen war, augenſchein⸗ lich, um die Inſchrift frei zu machen. An der Seite dieſes Stei⸗ nes, der nur aus einer einfachen Platte beſtand, befand ſich ein reiches, mit einem Aſchenkruge geziertes Denkmal mit eingehauenen Ornamenten. Oliver und Eliſabeth näherten ſich mit leichten Tritten den Gräbern, ſo daß ſie von dem alten Jäger nicht gehört wurden, deſſen ſonnverbrannte Züge Spuren innerer Aufregung zeigten und deſſen Augen blinzelten, als ob irgend Etwas die Schärfe ihrer Sehkraft hemme. Nach einer Weile erhob ſich Natty langſam vom Boden und ſprach laut: „Nun, nun, ich denke wohl, daß Alles recht iſt! Es muß doch nichts Uebles um's Leſen ſeyn; ſo aber weiß ich mir nichts aus der Sache zu machen, obgleich die Pfeife, der Tomahawk und die Mokaſſins nicht übel— gar nicht übel ſind, um ſo mehr, da der Mann, welcher ſie ausmeiſſelte, dieſe Gegenſtände wahrſcheinlich nie — N+—* 5*˙——DV— N N 1 3 — geſehen hat. Ach! da liegen ſie Seite an Seite, und ihnen iſt wohl! Aber wer wird einſt da ſeyn, um meine Gebeine in die Erde zu legen, wann meine Zeit kömmt?“ „Wenn dieſe unglückliche Stunde eintritt, Natty, ſo wird es Euch an Freunden nicht fehlen, die Euch dieſen letzten Dienſt leiſten,“ ſprach Oliver, etwas ergriffen von dem Selbſtgeſpräch des Jägers. Der alte Mann wandte ſich um, ohne eine Ueberraſchung an den Tag zu legen, denn er hatte ſich in dieſer Beziehung ganz nach den Gewohnheiten der Indianer gebildet, und während er mit der Hand unter ſeiner Naſe wegfuhr, ſchien er zugleich jede Spur von Kummer weg zu wiſchen. „Ihr ſeyd gekommen, um die Gräber zu beſuchen, Kinder— nicht wahr?“ ſagte er.„Nun, nun, es iſt ein heilſamer Anblick für Alt und Jung.“ „Ich hoffe, ſie ſind nach Eurem Geſchmack,“ verſetzte Effing⸗ ham.„Niemand hat ein beſſeres Recht, in der Sache zu Rathe gezogen zu werden, als Ihr.“ 1 „Je nun, da ich nicht ſonderlich an den Anblick ſchöner Gräber gewohnt bin,“ entgegnete der alte Mann,„ſo kommt mein Geſchmack wenig in Betracht. Sie haben doch den Kopf des Majors nach Weſten und den von Mohegan nach Oſten legen laſſen?“ „Es iſt Eurem Wunſche gemäß ſo gehalten worden.“ „Dann iſt's recht,“ erwiederte der Jäger;„ſie meinten, ſie hätten verſchiedene Wege zu gehen, Kinder, obgleich es Einen gibt, der über Allen ſteht, der ſeiner Zeit die Gerechten zuſammen brin⸗ gen wird, der auch die Haut des Mohren bleichen und ihn auf Eine Höhe mit Fürſten ſtellen kann.“ „Es iſt kein Grund vorhanden, dieß zu bezweifeln,“ verſetzte Eliſabeth, die ihren frühern entſchiedenen Ton in einen weichen, wehmüthigen umgewandelt hatte.„Ich lebe der zuverſichtlichen Hoffnung, daß wir uns alle wieder ſehen und glücklich ſeyn werden.“ „Werden wir das, werden wir das, Kind?“ rief der Jäger, 570 mit ungewöhnlicher Wärme. Ja, es liegt ein Troſt in dieſem Ge⸗ danken. Doch ehe ich gehe, moͤchte ich wohl wiſſen, was dieſe Grabſteine den Leuten, welche, wie die Tauben im Frühjahr, dieſes Land bedecken, von dem alten Delawaren und von dem wackerſten, weißen Manne, der je dieſe Berge betreten hat, erzählen.“ Effingham und Eliſabeth waren über die ungewöhnliche Feier⸗ lichkeit in Lederſtrumpfs Benehmen überraſcht; da ſie jedoch den Grund davon nur in der Nähe der Freundesgräber ſuchten, ſo trat der junge Mann alsbald an das Denkmal und las laut: „Dem Andenken Oliver Effingham's vormaligen Majors im Sechzigſten Infanterie⸗Regiment Seiner Majeſtät des Königs von Großbrittannien. Er war ein Krieger von erprobter Tapferkeit, der mit ritterlicher Treue an ſeinem König hing, ein Mann von dem biederſten Charakter und ein wahrer Chriſt. Den Morgen ſeines Lebens verbrachte er in Ehre, Reichthum und Macht; aber der Abend wurde durch Armuth, Mangel und Krankheit getrübt, die ihm nur durch die zarte Sorgfalt ſeines alten treuen, aufrichtigen Freundes und Dieners, des Nathangel Bumppo, erträglich gemacht wurden. Um die Tugenden des Herrn zu ehren und ihren Dank gegen den Diener bleibend auszudrücken, errichteten dieſes Denkmal Die Hinterbliebenen.““ Lederſtrumpf fuhr zuſammen, als er ſeinen eigenen Namen nennen hörte, und ein freudiges Lächeln überflog ſeine runzligten Züge. „Und das ſteht wirklich hier, Junge?“ fragte er.„Ihr habt alſo den Namen des alten Mannes an der Seite ſeines Herrn in den Stein gegraben? Gott ſegne Euch, meine Kinder! Es war ein freundlicher Gedanke, und er thut dem Herzen um ſo wohler, je näher die letzte Stunde rückt.“ Eliſabeth wandte ſich von den Sprechern ab, und Effingham begann mit erſtickter Stimme: „Er ſteht hier in einfachem Marmor; er ſollte aber mit goldener Schrift eingegraben ſeyn!“ „Zeigt mir den Namen, Junge,“ verſetzte Natty mit kindiſcher Neugierde;„laßt mich ſehen, wo meinem Namen ſolche Ehre wieder⸗ fahren iſt. Es iſt ein edelmüthiges Geſchenk für einen Mann, der keinen ſeines Namens und ſeiner Familie zurück läßt in einem Lande, wo er ſo lange geweilt hat.“ Effingham führte ſeine Finger an die Stelle, und Natty folgte mit tiefem Intereſſe bis ans Ende, worauf er ſich von dem Grabe erhob und ſprach: „S wird wohl recht ſeyn, und jedenfalls iſt's ein freundlicher Gedanke! Doch was habt Ihr über die Rothhaut ſchreiben laſſen?“ „Ihr ſollt es hören: „Dieſer Stein gilt dem Gedächtniß eines Indianerhäupt⸗ lings aus dem Stamme der Delawaren, bekannt unter den verſchiedenen Namen: John Mohegan; Mohican und Chin⸗ gagook——““ „Gach, Junge;— gachgook; Chingachgook, was in unſerer Sprache große Schlange bedeutet. Der Name muß recht dahin, denn ein indianiſcher Name trägt immer eine Bedeutung in ſich.“ „Es ſoll geändert werden.“ ‚Er war der letzte ſeines Volkes, der fortfuhr, dieſes Land zu bewohnen; und man kann von ihm ſagen, daß ſeine Fehler die eines Indianers, und ſeine Tugenden die eines Menſchen waren.“ „Ihr habt nie ein wahreres Wort geſprochen, Herr Oliver. Ach! wenn Ihr ihn gekannt hättet, wenn Ihr ihn, wie ich, in ſeiner Jugend und zur Zeit jener Schlacht gekannt hättet, als der alte Herr, der an ſeiner Seite ruht, ihm das Leben rettete, nach⸗ dem die Diebe, die Irokeſen, ihn bereits an den Pfahl gebunden hatten, ſo würdet Ihr daſſelbe und noch mehr ſagen. Ich ſchnitt mit eigener Hand ſeine Riemen durch und gab ihm mein Meſſer 572 und meinen Tomahawk, denn die Büchſe war von jeher meine Lieblingswaffe. Nun ſchlug er wieder um ſich wie ein Mann. Als er von dieſem Zuge heimkehrte, traf ich ihn mit eilf Mingoſcalpen an ſeinem Gürtel. Sie brauchen nicht zu ſchaudern, Madame Effingham, denn ſie kamen alle von geſchorenen Köpfen und von Kriegern. Wenn ich aber jetzt dieſe Berge betrachte, wo ich ſonſt hin und wieder zwanzig Rauchſäulen von den Lagern der Dela⸗ waren über den Baumwipfeln aufſteigen ſah, ſo erfüllt es mein Herz mit Trauer, denken zu müſſen, daß von ihnen allen auch nicht eine Rothhaut übrig geblieben iſt. Höchſtens trifft man noch einen betrunkenen Landſtreicher von den Oneidas, oder Etliche von den Yankeesindianern, welche, dem Vernehmen nach, von der Meeresküſte herauffkommen, und die, wie mir ſcheint, eigentlich zu keinen von Gottes Geſchöpfen gehören, da ſie weder Fleiſch noch Fiſch ſind— weder Weiße noch Wilde. Doch ſey's d'rum. Die Zeit iſt endlich gekommen und ich muß gehen.“ „Gehen?“ wiederholte Edwards.„Und wohin wolltet Ihr gehen?“ Lederſtrumpf, der, ohne es zu wiſſen, vieles von den Eigen⸗ ſchaften der Indianer angenommen hatte, obgleich er ſich den Delawaren gegenüber ſtets als ein civiliſtrtes Weſen betrachtete, wandte ſein Geſicht ab, um die Bewegung ſeiner Muskeln zu ver⸗ bergen, indem er ſich zugleich bückte, um einen großen Pack hinter dem Grabe hervorzuholen, den er ganz bedächtig auf ſeine Schul⸗ tern legte.“ „Gehen?“ rief Eliſabeth, indem ſie ihm raſch an die Seite trat.„Ihr ſolltet Euch als einzelner Mann nicht mehr ſo weit in die Wälder wagen; es iſt in der That nicht klug. Er hat wohl im Sinne, Effingham, irgend einen weiten Jagdzug zu machen?“ „Was meine Frau Euch ſagt, iſt wahr, Lederſtrumpf,“ ſprach Edwards.„Ihr habt's ja durchaus nicht nöthig, Euch jetzt noch ſolchen Mühſeligkeiten auszuſetzen. Werft daher Euren Pack ab und beſchränkt Eure Jagd auf die Berge in unſerer Nähe, wenn Ihr ja nicht zu Hauſe bleiben mögt.“ „Mühſeligkeiten? Es iſt eine Luſt, Kinder, und die größte, die mir noch dieſſeits des Grabes blüht.“ „Nein, nein; Ihr dürft nicht ſo weit fort,“ rief Eliſabeth ihre zarte, weiße Hand auf ſeinen hirſchledernen Pack legend.— „Es iſt, wie ich ſagte! ich fühle ſeinen Feldkeſſel und ſeine Pulver⸗ büchſe. Wir dürfen nicht zugeben, daß er ſoweit von uns fort⸗ zieht, Oliver; bedenke, wie ſchnell Mohegan dahin ſtarb.“ „Ich wußte wohl, daß das Scheiden ſchwer werden dürfte, Kinder; ich wußte es wohl,“ entgegnete Natty.„Ich wollte daher nur noch nach den Gräbern ſehen und dachte, wenn ich Euch das Andenken zurückließe, welches mir der Major gab, als wir uns das erſte Mal in den Wäldern trennten, ſo würdet Ihr mir es nicht übel nehmen, denn Ihr wißt ja, daß das Herz des alten Mannes bei Euch zurückbleibt, mag auch ſein Körper hingehen, wohin er will.“ „Dem liegt etwas Ungewöhnliches zu Grunde!“ rief der Jüngling. „Wohin gedenkt Ihr zu gehen, Natty?“ Der Jäger trat ihm zutraulich und mit einer Miene näher, als denke er, Gründe vorzubringen, die jeden weiteren Einwurf beſchwichtigen müßten, indem er antwortete: „Ey nun, Junge, ich habe gehört, daß es an den großen Seen die beſte und ausgedehnteſte Jagd gibt, ohne daß man auf einen andern Weißen, als auf meines Gleichen träfe. Ich bin's müde, in Lichtungen zu leben, wo der Hammer von Sonnenaufgang bis zum Sonnenuntergang in meinen Ohren tönt. Ich hänge zwar ſehr an Euch, Kinder— wenn'’'s nicht wahr wäre, ſo würde ich's nicht ſagen— ich ſehne mich aber, wieder in die Wälder zu gehen.“ „In die Wälder?“ wiederholte Eliſabeth im Uebermaße ihres Gefühls.„Nennt Ihr dieſe endloſen Forſten keine Wälder?“ „Ach Kind! das iſt nichts für einen Mann, der an die Wild⸗ 574 niß gewöhnt iſt. Ich habe keine behagliche Stunde mehr gehabt, ſeit Ihr Vater ſeine Anſiedler hieher führte; ich konnte aber nicht weit gehen, ſo lange noch Leben in dem Körper war, der hier unter dem Raſen liegt. Doch jetzt iſt er heimgegangen; auch Chingachgook iſt dahin, und ihr Beide ſeyd jung und glücklich. Ja, den vergangenen Monat hat Heiterkeit in dem großen Hauſe geherrſcht, und ich dächte, es wäre jetzt Zeit, auch mir für den Reſt meiner Tage zu einem bischen Behaglichkeit zu verhelfen. Ja wohl da, Wälder! wie kann ich das Wälder nennen, Madame Effingham, wo ich mich jeden Tag meines Lebens in den Lich⸗ tungen verliere?“ „Wenn Euch noch etwas zu Eurer Bequemlichkeit fehlt, ſo nennt es, Lederſtrumpf; wenn es beizuſchaffen iſt, ſo ſollt Ihr es haben.“ „Ich weiß, daß Ihr es gut mit mir meint, Junge, und auch von Ihnen bin ich's überzeugt, Madame; aber Eure Wege ſind nicht meine Wege. Es geht uns da ganz wie den Todten hier, welche zu ihren Lebzeiten glaubten, der Eine müſſe nach Oſten, der Andere nach dem Weſten gehen, um ſeinen Himmel zu finden; am Ende treffen ſie aber doch wieder zuſammen, und ſo wird es auch bei uns gehen, Kinder. Ja, macht fort, wie Ihr angefangen habt, und wir werden uns endlich in dem Lande der Gerechten wiederſehen.“ „Das kömmt ſo neu, ſo unerwartet,“ ſagte Eliſabeth in faſt athemloſer Aufregung.„Ich dachte, Ihr hättet im Sinne, bei uns zu leben und zu ſterben, Natty!“ „Worte verfangen hier nichts,“ rief Effingham.„Vierzig⸗ jährige Gewohnheiten laſſen ſich nicht durch die Verbindung eines Tages umwandeln. Ich kenne Euch zu gut, um weiter in Euch zu dringen, Natty; wollt Ihr uns aber nicht geſtatten, daß wir Euch auf einem der fernen Berge eine Hütte bauen laſſen, wo wir Euch hin und wieder beſuchen und erfahren können, ob Euch nichts abgeht?“ —— —--— —₰ „Habt keine Sorge um Lederſtrumpf, Kinder; ich bin in Gottes Hand, der mich wohl zu einem glücklichen Ende führen wird. Ich verkenne Eure gute Abſicht nicht; doch unſere Weiſen paſſen nicht zuſammen. Ich liebe die Wälder und ihr habt Freude an der Geſellſchaft der Menſchen; ich eſſe und trinke, wenn mich hungert oder dürſtet, und ihr habt dafür beſtimmte Stunden und Regeln. Ja, ja, Junge, Ihr überfüttert aus purem Wohlmeinen ſogar die Hunde, und ein Jagdhund muß mager ſeyn, wenn er gut laufen ſoll. Das geringſte von Gottes Geſchöpfen hat eine Beſtimmung, und ich bin für die Wildniß geſchaffen; wenn Ihr mich alſo liebt, ſo laßt mich hinziehen, wohin meine Seele verlangt.“ Dieſe Berufung war entſcheidend, und kein Wort der Bitte wurde mehr geſprochen, um ihn zum Bleiben zu veranlaſſen. Eliſabeth ſenkte zwar ihr Haupt auf ihre Bruſt, während ihr Gatte einige Thränen in ſeinem Auge zerdrückte und mit Händen, die ihm faſt den Dienſt verſagten, ſein Taſchenbuch hervorzog, aus dem er ein Päckchen Banknoten nahm und ſie dem Jäger überreichte. „So nehmt dieß,“ ſagte er,„ſo nehmt wenigſtens dieß. Verwahrt ſie wohl auf Euerm Körper— ſie werden Euch in der Stunde der Noth gute Dienſte thun.“ Der alte Mann nahm das Papier und betrachtete es mit neugierigen Augen. „Das iſt alſo von dem neumodiſchen Geld, das ſie in Albany aus Papier machen? Aber dem, der es nicht zu leſen verſteht, kann es von keinem ſonderlichen Werth ſeyn. Nein, nein, Junge— ſteckt es nur wieder zu Euch, denn mir würde es nichts nützen. Ehe der Franzoſe abreiste, hab' ich ſeinen Pulvervorrath an mich gebracht, und wo ich hingehe, ſoll, dem Vernehmen nach, das Blei wachſen; ich brauche daher nichts weiter, als Kugelpflaſter, und dazu habe ich von jeher Leder genommen. Madam Effingham, laſſen Sie einen alten Mann Ihre Hand küſſen. Gottes beſter Segen möge Sie und die Ihrigen begleiten.“ „Laßt mich noch einmal Euch bitten, hier zu bleiben!“ rief Eliſabeth.„Geht nicht fort, Lederſtrumpf; bringt mich nicht in Sorge wegen des Mannes, der mir zweimal das Leben rettete und der denen, welche ich liebe, ſo treue Dienſte geleiſtet hat. Wenn Ihr's nicht um Euretwillen thun wollt, ſo bleibt wenigſtens um meinetwillen. Die ſchrecklichen Träume, welche noch immer meine Nächte beunruhigen, werden mir Euch zeigen, ſterbend in Kummer und Armuth, an der Seite der ſchrecklichen Thiere, die Ihr getödtet habt. Meine Einbildungskraft wird mir hinſichtlich Eures Schickſals alle Uebel, welche Krankheit, Mangel und Ein⸗ ſamkeit möglicher Weiſe begleiten können, heraufbeſchwören. Bleibt bei uns, alter Mann— wenn nicht um Eurer ſelbſt, ſo doch um unſeretwillen.“ „Solche Gedanken und ſo bittere Träume, Madame Effingham,“ erwiederte der Jäger feierlich,„werden eine unſchuldige Perſon nicht lange beunruhigen und mit Gottes Beiſtand bald verſchwin⸗ den. Kömmt Euch noch allenfalls ſo eine Pantherkatze im Schlaf vor Augen, ſo geſchieht es nicht wegen mir, ſondern deßhalb, um Sie auf die Macht zu verweiſen, die es mir möglich machte, Sie zu retten. Vertrauen Sie auf Gott, Madame, und auf Ihren braven Gatten, ſo können die Gedanken an einen alten Mann, wie ich bin, weder lange noch ſchmerzlich ſeyn. Ich will beten, daß der Herr Ihrer gedenke— der Herr, der ſowohl über den Lichtungen als über der Wildniß waltet— und Sie nebſt allem, was zu Ihnen gehört, ſegne, von nun an bis zu dem großen Tage, wo ſich weiße und rothe Häute vor ſeinem Richterſtuhle treffen, und wo das Geſetz der Gerechtigkeit, nicht das der Ge⸗ walt gilt.“ Eliſabeth erhob das Haupt und bot ihm ihre farbloſe Wange zum Kuſſe, die er auch, mit abgenommener Mitze, achtungsvoll berührte. Dann ergriff der Jüngling mit krampfhafter Gluth ſeine Hand, ohne daß er zu ſprechen vermochte. Der Jäger zog — —— „ n,“ ſon in⸗ laf um Sie ſren inn, ten, den lem, oßen uhle Ge⸗ ange Bvoll Zluth zog ſeinen Gürtel feſter an und traf ſeine Vorbereitungen zur Abreiſe, obgleich man nicht verkennen konnte, daß auch ihm der Abſchied drückend wurde. Ein oder zwei Mal verſuchte er zu ſprechen, aber die Laute blieben ihm in der Kehle ſtecken. Endlich warf er ſeine Büchſe auf die Schultern und rief mit lauter Jägerſtimme, die weithin durch die Wälder hallte: „Herein, herein, Jungen!— fort, fort, Hunde!— Ihr werdet müde Füße kriegen, ehe ihr an dem Ziele unſerer Reiſe anlangt!“ Die Hunde ſprangen bei dieſem Ruf von der Erde auf, beſchnupperten die Gräber und das ſchweigende Paar, als wüßten fie, was ihnen nunmehr bevorſtehe, und folgten dann gehorſam ihrem Herrn auf der Ferſe. Eine kurze Pauſe war eingetreten, während welcher ſogar der Jüngling ſein Geſicht an dem Grabſteine ſeines Großvaters verbarg. Sobald jedoch der Stolz des Mannes die Gefühle der Natur bewältigt hatte, wandte er ſich, um ſeine Bitten zu erneuern, bemerkte aber alsbald, daß er und ſeine Gattin allein an der Grabesſtätte waren. „Er iſt fort,“ rief Effingham. Eliſabeth erhob ihr Antlitz und ſah den alten Jäger an dem Nande des Waldes ſtehen, wie er noch einen Moment zurückblickte. Sobald er wahrnahm, daß man ihm nachſchaute, fuhr er ſich mit der rauhen Hand haſtig über die Augen und winkte ein Lebewohl, worauf er auf's Neue ſeinen Hunden rief, die ſich an ſeine Füße ſchmiegten, und in dem Forſte verſchwand. Es war das letzte Mal, daß ſie Lederſtrumpf geſehen hatten, obgleich Richter Temple nach ihm ſpähen ließ und ſogar in eigener Perſon an den Nachforſchungen Theil nahm. Er war weiter nach Weſten gezogen— der erſte jener Anſtedler, welche der Volks⸗ wanderung den Weg guer durch unſer Feſtland zeigten. Die Anſiedler. 3. Aufl. In demſelben Verlage ſind ferner erſchienen: Die deutſche Proſa Mosheim bis auf unſere Tage. Eine Muſterſammlung mit Rückſicht auf höhere Lehr⸗Anſtalten herausgegeben von Guſtav Schwab. Zwei Theile. Ein Werk, für das der Name des Herrn Verfaſſers, wie hier, einſteht, das ſich gleich dem erſten Blicke als ein Führer in das reiche Gebiet der Deutſchen klaſſiſchen Literatur ankündigt, bedarf keiner beſondern Empfehlung, um ſo weniger, als ihm ein früheres, die fünf Bücher deutſcher Lieder und Gedichte,⸗ für das Feld der Poeſie voran⸗ gegangen und einem ſo großen Kreiſe von Beſitzern lieb geworden iſt. In ſeltener Reichhaltigkeit gibt es ein Bild der Entwicklung der deutſchen Proſa von der Feſtſtellung der heutigen Sprachformen an bis herab auf die Gegen⸗ wart— ein Bild, das keinen irgend berühmten und einflußreichen Namen ver⸗ miſſen laſſen wird, deſſen Erzeugniſſe auch für die heutige Zeit von größerer Bedeutung geblieben ſind. In ſtetem Hinblicke auf eine, wenn auch ſchon gereiftere Jugend blieb es ein Hauptaugenmerk, nicht allein überall das Eigenthümlichſte und Beſte— aus dem Schatze einzelner Schriftſteller wahre Perlen— zu geben, ſondern wo immer möglich auch den ſittlichen Grundton, der durch die Geſammt⸗Literatur der Deutſchen geht, hörbar durchklingen zu laſſen: ſo ſollte, ohne Zwang, der Eindruck des Ganzen der eines„weltlichen Erbauungsbuches“ ſeyn— der deutſchen Jugend, wie Erwachſenen ein Werk dargeboten werden, das mit vollem Rechte ein Chorus deutſchen Lebens und Sinnes genannt werden dürfte und den ganzen Reichthum unſerer von keiner andern übertroffenen Literatur wie in einem treuen Spiegel vorüberführte. Die äußere Form betreffend, ſo finden ſich in unſerm Buche, das von hunvertundſechzig Schriftſtellern über 220 Mittheilungen enthalten wird, alle Erſcheinungsweiſen deutſcher Proſa in einer Mannigfaltigkeit, wie ſie die chronologiſche Folge der Verfaſſer am natürlichſten hervorbrachte; das hohe Intereſſe der darin behandelten Stoffe aber, die zugleich eine große Zahl der wichtigſten Fragen des Lebens, der Kunſt und der Wiſſenſchaft einſchließen, wird aus einer nähern Durchſicht der Inhalts⸗Verzeichniſſe, wie des Buches ſelbſt, zu der wir Eltern, Erzieher und Vorſteher von Lehr⸗ Anſtalten einladen, am beſten hervorleuchten. Preis für 95 Bogen auf feinem Velin in zwei Theilen 3 Thlr.— fl. 4. 48 kr.; für Lehr⸗Anſtalten bei Abnahme von 10 Exemplaren und gegen baare Zahlung um ein Bedeutendes weniger. Zur Erleichterung der Anſchaffung iſt das Ganze auch in 6 Abtheilungen 5 ½ Thlr.— 48 kr.— in beliebigen Zwiſchenräumen zu beziehen. * Leipzig, Weidmann'ſche Buchhandlung. Dritte Auflage, 1848.