Bn —— Leihbibliothel deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leiß- und Teſebedingungen. 1. 0Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe binterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat: 1 Mt.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mt.— Pf. 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der Plan zu dieſer Erzählung bot ſich dem Autor ſchon vor Jahren dar, obgleich die Einzelnheiten insgeſammt von neuer Erfindung ſind. Ich theilte einem Verleger die Idee mit, Seeleute und Wilde unter Verhältniſſen, welche den großen Seen eigenthümlich wären, mit einander in Verbindung zu bringen, und übernahm ſomit gewiſſermaßen gegen denſelben die Verpflichtung, ſeiner Zeit das Gemälde auszuführen: eine Verpflichtung, deren ich mich nun hiemit — freilich ſpät und unvollſtändig— entledige. In dem Hauptcharakter dieſer Novelle wird der Leſer einen alten Freund unter neuen Umſtänden finden. Sollte es ſich erweiſen, daß die Wieder⸗Einführung dieſes alten Bekannten unter veränderten Verhältniſſen ihn in der Gunſt der Leſewelt nicht ſinken läßt, ſo wird dieß dem Verfaſſer ein um ſo größeres Vergnügen gewähren, als er an der fraglichen Perſon warmen Antheil nimmt, gleich als hätte ſie einmal unter den Lebenden gewandelt. Es iſt jedoch kein leichtes Unternehmen, denſelben Charakter mit Beibehaltung der bezeichnenden Eigenthümlichkeit in vier Werken durchzu⸗ führen, ohne Gefahr zu laufen, den Leſer durch Gleichför⸗ migkeit zu ermüden, und der gegenwärtige Verſuch iſt eben fo ſehr in Folge derartiger Beſorgniſſe, als aus irgend einem andern Grunde ſo lange verzögert worden. Freilich, in dieſem, wie in jedem andern Unternehmen, muß das Ende das Werk krönen. Der indianiſche Charakter bietet ſo wenig Mannigfal⸗ tigkeit dar, daß ich es bei der gegenwärtigen Gelegenheit vermied, allzu lange dabei zu verweilen; auch fürchte ich, die Verbindung deſſelben mit dem des Seemanns wird mehr neu als intereſſant erſcheinen. Dem Neuling mag es vielleicht als ein Anachronismus auffallen, daß ich ſchon in der Mitte des achtzehnten Jahr⸗ hunderts Schiffe auf den Ontario verſetze. In dieſer Be⸗ ziehung aber werden Thatſachen die poetiſche Licenz hinreichend VII rechtfertigen. Zwar haben ſich die in dieſen Blättern er⸗ wähnten Fahrzeuge weder auf dem Ontario noch auf einem andern Gewäſſer je befunden; aber ganz ähnliche befuhren dieſes Binnenmeer in einer noch viel früheren Zeit, und dieß mag als hinreichende Berechtigung gelten, jene in ein Werk der Poeſte einzuführen. Man erinnert ſich vielleicht nicht allgemein des bekannten Umſtandes, daß es längs der Linie der großen Seen vereinzelte Stellen gibt, welche eben ſo lange als viele der älteſten amerikaniſchen Städte bewohnt ſind, und die lange, noch ehe der größere Theil ſelbſt der ältern Staaten der Wildniß entriſſen wurde, einen gewiſſen Grad von Civiliſation aufzuweiſen vermochten. Der Ontario iſt in unſern Tagen der Schauplatz wich⸗ tiger nautiſcher Entwickelungen geweſen. Wo ſich vor einem halben Jahrhundert nur eine öde Waſſerfläche zeigte, haben Flotten manövrirt, und der Tag iſt nicht fern, wo dieſe Kette von Seen als der Sitz einer Macht und mit Allem befrachtet erſcheinen wird, deſſen die menſchliche Geſellſchaft bedarf. Ein Rückblick auf das, was dieſe weiten Räume ehedem waren, und wäre es auch nur durch die farbigen Glaͤſer der Dicht⸗ kunſt, mag vielleicht einen Beitrag zu der Vervollſtändigung VIII des Wiſſens geben, das uns allein zu einer richtigen Wür⸗ digung der wunderbaren Mittel führen kann, deren ſich die Vorſehung bedient, um dem Fortſchritt der Civiliſation über das ganze amerikaniſche Feſtland Bahn zu brechen. Im December 1839. H Erſtes Kapitel. e Raſen gebe des Altares Duft, Zum Tempel wölben ſich des Himmels Räume, Der Opferrauch ſey mir der Berge Luft, Und mein Gebet des Herzens ſtille Träume. Moore. Es tritt jedem Auge nahe, in welch enger Verbindung das Erhabene mit dem Unermeßlichen ſteht. Die tiefſten, die umfaſ⸗ ſendſten und vielleicht die reinſten Gedanken erfüllen die Phantaſie des Dichters, wenn er in die Weiten eines unbegrenzten Raumes ſchaut. Selten erblickt man zum erſtenmal die endloſe Fläche des Oceans mit Gleichgiltigkeit, und ſelbſt in der Dunkelheit der Nacht findet die Seele eine Parallele zu der Größe, die unzertrennlich von Bildern zu ſeyn ſcheint, welche die Sinne nicht in Rahmen zu faſſen vermögen. Mit ſolchen Gefühlen der Bewunderung und Ehrfurcht, den Sprößlingen des Erhabenen, blickten die verſchiedenen Perſonen, mit welchen ich die Handlung dieſer Erzählung eröffnen muß, auf die vor ihren Augen liegende Scene. Die Geſellſchaft beſtand aus zwei Männern und zwei Weibern, welche, um eine freiere Ausſicht auf ihre Umgebung zu gewinnen, einen Haufen Bäume zu erſteigen verſuchten, welche der Sturm umgeſtürzt hatte. Man nennt ſolche Stellen in jenen Gegenden Windgaſſen, und da nur an ſolchen das Licht der Sonne in die dunkeln, dunſtigen Wälder⸗ gründe zu dringen vermag, ſo bilden ſie eine Art von Oaſen in der feierlichen Dunkelheit der jungfräulichen Wälder Amerikas. Die genannte Windgaſſe lag auf einer lhupes Anſteigung, Der Pfadfinder. 3. Aufl. welche, obgleich ſie nur unbedeutend war, dem, der ihren höchſten Punkt erſtiegen hatte, eine weithin reichende Ausſicht, deren ſich Wanderer in den Wäldern nur ſelten erfreuen können, darbot. Der Umſtand, daß die Gaſſe auf einem Hügel lag, und daß die Waldlücke ſich abwärts zog, gewährte dem Auge ungewöhnliche Vortheile. Die Phyſiker haben es bis jetzt noch nicht vermocht, das Weſen der Kräfte zu ergründen, welche ſo oft Stellen auf die beſchriebene Weiſe verwüſten, und ſie haben es bald in den Wirbelwinden, welche auf dem Meere die Waſſerhoſen erzeugen, bald in plötzlichen und heftigen Durchzügen elektriſcher Ströͤmungen zu finden geglaubt. Wie dem übrigens ſey— die Erſcheinung ſelbſt iſt eine in den Wäldern wohlbekannte Thatſache. Am oberen Saume der genannten Waldlücke hatte jener uuſichtbare Einfluß Baum auf Baum in einer Weiſe aufgethürmt, daß nicht nur der männliche Theil der Geſellſchaft im Stande war, ſich etwa dreißig Fuß über den Boden zu erheben, ſondern daß auch die furchtſameren weiblichen Genoſſen ſich durch einige Nachhülfe und Ermuthigung zur Theilnahme veranlaſſen ließen. Die ungeheuern Stämme, welche die Gewalt des Sturmes zerbrochen und fortgetrieben hatte, lagen wie Strohhalme untereinander gemengt, indeß die Zweige mit den duftenden, welkenden Blättern ſich untereinander verflochten, und den Händen hinreichende Anhaltspunkte boten. Ein Baum war vollkommen entwurzelt und das untere Ende zu oberſt gekehrt, ſo daß es mit der in den Wurzelzwiſchenräumen befindlichen Erde für unſere vier Abenteurer, als ſie die gewünſchte Höhe erreicht hatten, eine Art von Gerüſte bildete. Der Leſer darf ſich bei der ihm vorgeführten Gruppe keine Leute von Stand denken. Es waren Reiſende in der Wildniß, denen man auch unter andern Verhältniſſen angeſehen haben würde, daß ihren frühern Gewohnheiten und ihrer wirklichen ge⸗ ſellſchaftlichen Stellung vieles von den Bedürfniſſen der hoͤhern Stände fremd geblieben war. In der That gehörten auch zwei 3 von der Geſellſchaft, ein Mann und ein Weib, zu den eingebornen Eigenthümer des Bodens; ſie waren Indianer aus dem bekannten Stamme der Tuscaroras. Das dritte Glied der Geſellſchaft trug die Eigenthümlichkeiten und Abzeichen eines(KNannes, der ſeine Tage auf dem Ocean zugebracht hatte und, wenn er anders auf irgend eine Stellung Anſpruch machen konnte, keine viel höhere, als die eines gemeinen Seemanns einnahm. Der weibliche Ge⸗ fährte des letzteren war ein Mädchen, aus einer nicht viel höhern Klaſſe als die ſeinige, obgleich ihre Jugend, das Anmuthige ihrer Geſichtsbildung und eine beſcheidene, aber ausdrucksvolle Miene ihr den Charakter des Verſtandes und jener Verfeinerung aufprägten, welche ſo viel zu der Hebung weiblicher Reize beiträgt. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit leuchteten in ihrem vollen blauen Auge die erhabenen Gefühle, welche das großartige Schauſpiel in ihr erzeugte, und ihr angenehmes Geſicht zeigte jenen Ausdruck des Nachdenkens, mit welchem alle tiefen Gemüthsbewegungen, obgleich gerade ſie das größte Vergnügen gewähren, die Geſichtszüge geiſt⸗ voller und gedankenreicher Perſonen beſchatten.. Und wahrlich, die Scene war hinreichend geeignet, einen tiefen Eindruck auf die Phantaſte des Beobachters zu üben. Das Auge ſtreifte gegen Weſten, in welcher Richtung allein die Ausſicht frei war, über ein Meer von Blättern, das in dem herrlich wech⸗ ſelnden, lebhaften Grün einer kräftigen Vegetation, beſchattet von den üppigen Tinten des zweiundvierzigſten Breitegrades prangte. Die Rüſter mit ihren zierlichen, hängenden Zweigen, die reichen Varietäten des Ahorns, am meiſten aber die edlen Eichen der amerikaniſchen Ur⸗ wälder, mit den breitblättrigen Linden, welche man in dieſen Ge⸗ genden unter dem Namen des Unterholzes kennt, bildeten durch die Verſchlingung ihrer Wipfel einen breiten, endloſen Blätterteppich, der ſich gegen Abend hinzog, bis er den Horizont begränzte und ſich mit den Wolken miſchte, ähnlich den Wellen des Oceans, die am Saume des Himmelsgewolbes ſich an die Wolkenmaſſen reihen. Hin und wieder geſtattete eine durch Stürme oder durch die Laune der Natur erzeugte Lücke unter dieſen rieſenhaften Waldesgliedern einem untergeordneten Baume aufwärts zu ſtreben gegen das Licht und ſein beſcheidenes Haupt nahe zu in ein gleiches Niveau mit der ihn umgebenden grünen Fläche zu bringen. Von der Art war die Birke, ein Baum, der in minder begünſtigten Gegenden ſchon einige Bedeutung hat, die Zitterpappel, einige kräftige Nuß⸗ bäume und verſchiedene andere, ſo daß das Unedle und Gemeine ganz zufällig in die Geſellſchaft des Stattlichen und Großartigen geworfen zu ſeyn ſchien. Hie und da durchbohrte der hohe gerade Stamm der Fichte die ungeheure Ebene, hoch über ſie wegragend, gleich einem großartigen Denkmal, welches die Kunſt auf einer grünen Fläche errichtete. Es war das Endloſe der Ausſicht, die faſt ununterbrochene Fläche des Grüns, was dem Ganzen den Charakter der Größe aufprägte. Die Schönheit des Anblicks zeigte ſich jedoch in den zarten Tinten, gehoben durch den Wechſel des Lichts und des Schattens, indeß die feierliche Stille die Seele mit heiliger Scheu erfüllte. „Onkel,“ ſagte das freudig erſtaunte Mädchen zu ihrem männlichen Gefährten, deſſen Armes ſie ſich mehr wie eines Be⸗ rührungspunktes, als einer Stütze bediente, da ſie ſelbſt auf ſicheren Füßen ſtand,„wie ſehr erinnert dieſer Anblick an den Ocean, der Euch ſo theuer iſt.“ „So viel, als ſich eben ein unwiſſendes Mädchen einbil⸗ den mag, Magnet,“(es war dies ein Ausdruck der Zärtlichkeit, deſſen ſich der Seemann oft als einer Anſpielung auf die perſön⸗ lichen Anziehungskräfte ſeiner Nichte bediente)„aber nur ein Kind kann eine Aehnlichkeit zwiſchen dieſer Handvoll Blätter und dem wirklichen atlantiſchen Ocean finden. Nimm alle dieſe Baumwipfel zuſammen, ſie würden nichts weiter, als einen Strauß für Neptuns Jacke geben.“ 5 „Ich denke, Eure Phantaſie verſteigt ſich, Onkel. Schaut nur, hier iſt Meile an Meile, und doch ſehen wir nichts als Blätter. Was kann uns ein Blick auf den Ocean mehr geben?“ „Mehr?“ erwiederte der Onkel, und berührte ſie in unge⸗ duldiger Bewegung mit dem Ellenbogen, da er die Arme gekreuzt und die Hände in dem Buſen eines rothlinnenen Wamſes, wie man es damals trug, verborgen hatte,„mehr, Magnet? Sage lieber, was weniger? Wo ſind denn die kräuſelnden Wellen, die blauen Waſſer, die Rollwogen, die Brandungen, die Wallfiſche, die Waſſerhoſen, und die endloſe Bewegung in dieſem Bischen Walde da, mein Kind?“ „Und wo ſind die Baumgipfel, die feſtliche Stille, die duftigen Blätter auf dem Ocean, Onkel?“ „Weg damit, Magnet! Wenn du etwas von ſolchen Dingen verſtündeſt, ſo wüßteſt du, daß grünes Waſſer dem Seemann Gift iſt. Kaum einen Grünſchnabel kann er weniger leiden.“ „Aber grüne Bäume ſind ganz andere Dinge. Horcht! Dieſer Ton iſt das Säuſeln des Windes in den Blättern.“ „Da ſollteſt du einen Nordweſt ſauſen hören, Mädchen; aber freilich, einen Wind auf dem Verdecke kannſt du dir nicht denken. Ha, wo ſind die Kühlten, die Orkane, die Paſſat⸗ und Oſtwinde und ähnliche Erſcheinungen auf dieſem Waldfleckchen hier? und was für Fiſche ſchwimmen unter dieſer zahmen Fläche?“ „Daß es hier Stürme gegeben hat, zeigt die Gegend rund um uns her hinreichend, und, wenn auch nicht Fiſche, ſo ſind doch Thiere unter dieſen Blättern.“ „Ich weiß das nicht,“ erwiederte der Onkel mit dem abſprechen⸗ den Tone eines Seemanns.„Man erzählte uns zu Albany manche Geſchichten von wilden Thieren, mit denen wir zuſammentreffen könnten, und doch haben wir nicht ſo viel geſehen, als ein See⸗ kalb erſchrecken könnte. Ich zweifle, ob eines von dieſen Landthieren ſich mit einem Aequatorhay vergleichen läßt.“ . „Seht!“ rief die Nichte, welche ſich mehr mit der Betrachtung des endloſen Waldes, als mit ihres Onkels Argumentationen be⸗ ſchäftigte,„dort ringelt ſich Rauch über den Gipfeln der B Mag der wohl aus einem Hauſe kommen?“ „Ja, ja;'s iſt das Ausſehen von'was Menſchlichem in dieſem Rauch,“ erwiederte der alte Seemann,„was mehr werth iſt, als tauſend Bäume. Ich muß ihn Arrowhead“ zeigen, der bei ſeinem Rennen wohl an einem Hafen vorbeifahren würde, ohne ihn zu erkennen. Wo Rauch iſt, da muß auch wahrſcheinlich ein Küchen⸗ raum ſeyn.“ Als er ausgeſprochen, zog er die Hand aus dem Buſen, be⸗ rührte den Indianer, welcher in der Nähe ſtand, leicht an der Schulter und deutete auf eine dünne Dunſtſäule, welche ſich in der Entfernung von ungefähr einer Meile*s langſam aus der Blätter⸗ wildniß emporſtahl und in faſt unmerklichen Nebelſtreifen in der bebenden Atmoſphäre verlor. Der Tuscarora war eine von jenen edeln Kriegergeſtalten, welche man unter den Ureinwohnern dieſes Continents vor einem Jahrhundert häufiger antraf, als dieſes gegen⸗ wärtig der Fall iſt, und ob er gleich oft genug mit den Koloniſten in Berührung geſtanden hatte, um mit ihrer Sprache und ihren Sitten vertraut zu ſeyn, ſo hatte er doch wenig oder gar nichts von der wilden Größe und der einfachen Würde eines Häuptlings verloren. Zwiſchen ihm und dem alten Seemann hatte zwar ein freundſchaftlicher, doch etwas entfernter Verkehr ſtattgefunden, denn der Indianer war zu oft mit den Officieren der verſchiedenen mili⸗ täriſchen Poſten zuſammengekommen, um nicht die ſubalterne Stel⸗ lung ſeines gegenwärtigen Reiſegefährten zu kennen. Die ruhige Zurückhaltung des Tuscarora hatte auch in der That ein ſolches Uebergewicht auf Charles Cap,*er denn ſo war der Name des * Pfeilſvitze. Es ſind durch das ganze Werk immer en * Cap bedeutet in der Schiffsſprache das eines Maſtes, das ſogenannte Eſelshaupt. äume. gliſche Meilen gemeint. dicke Holz an jedem Abſatz 7 Seemanns, geübt, daß letzterer ſelbſt in ſeiner froͤhlichſten Laune oder in ſeinen dünkelvollſten Augenblicken ſich keine Vertraulichkeit erlaubte, obſchon ihr Verkehr bereits über eine Woche anhielt. Der Anblick des aufſteigenden Rauchs jedoch hatte ihn wie die plötz⸗ liche Erſcheinung eines Segels auf der See ergriffen, und das erſtemal während ihres Zuſammenſeyns wagte er es, den Krieger auf die eben bezeichnete Weiſe zu berühren. Das ſchnelle Auge des Tuscarora warf einen raſchen Blick auf den Rauch. Dann erhob er ſich leicht auf die Zehenſpitzen und ſtand eine volle Minute mit erweiterten Nüſtern da, gleich dem Reh, das in der Luft Gefahr wittert, mit einem Blick, ahnlich dem des gut dreſſirten Hühnerhundes, der auf den Wink ſeines Herrn lauert. Dann ſenkte er die Ferſe mit einem ſchwachen, kaum vernehmbaren Ausruf in der ſanften Tonweiſe, welche einen ſo eigenthümlichen Contraſt mit dem rauhen Kriegsgeſchrei der Indianer bildet. Seine Züge waren ruhig, und ſein ſchnelles, dunkles Auge flog über das Blätterpanorama, als ob er mit einem Blick jeden Umſtand, der ihm Auskunft ertheilen konnte, erfaſſen wollte. Die lange Reiſe, welche ſie durch den breiten Gürtel der Wildniß un⸗ ternommen hatten, war, wie Onkel und Nichte wohl wußten, noth⸗ wendig mit Gefahr verbunden, obgleich ſie nicht gerade beſtimmen konnten, ob die Spuren von menſchlicher Nachbarſchaft gute oder ſchlimme Vorzeichen ſeyen. 3 „Es müſſen Oneidas oder Tuscaroras in unſerer Nähe ſeyn, Arrowhead,“ ſagte Cap, indem er ſich mit der gewöhnlichen Be⸗ nennung an ſeinen indianiſchen Gefährten wandte.„Wird es nicht gut ſeyn, Geſellſchaft mit ihnen zu machen, um ein behagliches Nachtlager in ihrem Wigwam zu gewinnen?“ „Dort kein Wigwam,“ antwortete Arrowhead in ſeiner un⸗ beweglichen Weiſe,„zu viel Baum.“ „Aber Indianer müſſen da ſeyn; vielleicht einige von Euren alten Kameraden, Meiſter Arrowhead.“ „Kein Tuscarora— k geſichtsfeuer.“ „Der Teufel iſt es!— Wohl, Magnet! Seemanns Philoſophie. Wir alten Seehunde können reden von eines Soldaten und eines Schiffers Tabakskaue, und das Soldaten⸗ gat von der Hängmatte eines Kameraden unterſcheiden, aber ich glaube nicht, daß der älteſte Admiral von ſeiner Majeſtät Flotte einen Unterſchied finden wird zwiſchen dem Rauch eines Königs und dem eines Kohlengräbers.“ Der Gedanke, in dieſem Meer von Wildniß menſchliche Weſen zu Nachbarn zu haben, hatte das Roth auf den blühenden W des ſchönen Geſchöpfes, welches ihm ein Oneida— kein Mohawk— Blaß⸗ Das überſteigt eines angen zur Seite ſtand, und den Glanz ihrer Augen noch erhoht. Doch ſchnell kehrte ſie den über⸗ raſchten Blick zu ihrem Verwandten, und da ſie beide zu oft die Kenntniſſe, wir möchten faſt ſagen, den Inſtinkt des Tuscarora bewundert hatten, ſo ſprach ſie mit Zögern: „Ein Blaßgeſichtsfeuer? Gewiß, nicht wiſſen?“. „Zehn Tage früher, Kind, würde ich darauf geſchworen haben; aber jetzt weiß ich wahrlich nicht, was ich glauben ſoll.— Ich möchte mir die Freiheit nehmen, zu fragen, warum Ihr Euch ein⸗ bildet, daß der Rauch, welchen wir ſehen, der eines Blaßgeſichts und nicht der einer Rothhaut iſt?“ „Feucht Holz,“ erwiederte der Krieger mit einer Ruhe, ähnlich der eines Pädagogen, welcher ſeinem ungelehrigen Zögling eine arithmetiſche Demonſtration klar zu machen ſucht.„Viel feucht— viel Rauch; viel Waſſer— ſchwarzer Rauch.“ 8 „Aber, Vergebung, Meiſter Arrowhead, der Rauch iſt weder ſchwarz, noch iſt deſſen viel vorhanden. So viel ich erkennen kann, iſt es ein ſo lichter und leichter Rauch, als nur je einer aus eines Kapitäns Theekeſſel ſtieg, wenn zum Brennmaterial nichts anderes als einige Schnitzel von den Ballaſtunterlagen zu finden waren.“ Onkel, das kann er doch „Zu viel Waſſer,“ entgegnete Arrowhead mit einem leichten Kopfnicken.„Tuscarora zu ſchlau, als zu machen Feuer mit Waſſer; Blaßgeſicht zu viel Buch, und brennt alles; viel Buch— wenig Wiſſen.“ „Vernünftig, ich geb' es zu,“ ſagte Cap, der eben kein Freund von Büchern war,„das iſt ein Stich auf dein Leſen, Magnet. Der Häuptling hat nach ſeiner Weiſe verſtändige Anſichten von den Dingen. Wie weit aber, Arrowhead, entfernt uns Eure Be⸗ rechnung noch von der Pfütze, welche Ihr den großen See nennt, und auf die wir nun ſchon ſo viele Tage losſteuern?“ Der Tuscarora blickte auf den Seemann mit ruhiger Ueber⸗ legenheit und ſprach: „Ontario gleich dem Himmel; eine Sonne und der große Rei⸗ ſende wird es erfahren.“ „Wohl, ich kann's nicht läugnen, daß ich ein großer Reiſender geweſen bin, aber von allen meinen Reiſen war dieſe die längſte, die am wenigſten einträgliche und die entfernteſte auf dem Lande. Wenn dieſer Friſchwaſſerbehälter ſo nahe und zu gleicher Zeit doch ſo groß ſeyn ſoll, Arrowhead, ſo ſollte man doch glauben, daß ein Paar gute Augen ihn außzufinden vermöchten; denn es hat den Anſchein, als ob man alles, was innerhalb des Raumes von dreißig Meilen liegt, von dieſem Lug-⸗aus ſollte ſehen können.“ „Sieh,“ ſagte Arrowhead, indem er einen Arm mit ruhiger Würde vor ſich ausſtreckte,„Ontario.“ „Onkel, ihr ſeyd gewöhnt, zu ſchreien,„Land hoe! aber nicht „Waſſer hot, und ſeht es deßhalb nicht,“ rief die Nichte mit Lachen, wie die Mädchen über ihre eigenen eitlen Einfälle zu thun pflegen. „Wie, Magnet! Glaubſt du, daß ich mein angeborenes Element nicht kennen würde, wenn ich es zu Geſicht bekäme?“ „Aber der Ontario iſt nicht Euer angeborenes Element, lieber Onkel, denn Ihr kommt von dem Salzwaſſer, und dieſes Waſſer iſt ſüß.“ „Das könnte allenfalls für einen jungen Schiffmann einen Unterſchied machen, aber nirgends in der Welt für einen alten. Ich würde das Waſſer kennen, wenn ich es in China zu Geſicht bekäme.“ „Ontario,“ wiederholte Arrowhead mit Begeiſterung, und deutete mit der Hand gegen Nordweſt. Cap blickte auf den Tuscarora zum erſtenmal ſeit dem Beginn ihrer Bekanntſchaft mit einem gewiſſen Anflug von Verachtung obgleich er nicht ermangelte, der Richtung von Auge und Arm des Häuptlings zu folgen, welche allem Anſchein nach auf eine leere Stelle des Himmels in kleiner Entfernung über der Blätterfläche hinwieſen. „Ja, ja; es entſpricht ganz der Erwartung, die ich mir machte, als ich die Küſte verließ, um einen Süßwaſſerteich aufzuſuchen,“ erwiederte Cap mit Achſelzucken, gleich einem Manne, der mit ſich im Reinen iſt und alle weitern Worte für unnöthig hält.— „Der Ontario mag da, oder meinetwegen in meiner Taſche ſeyn. Wohl, ich will auch annehmen, daß er Raum genug gibt, unſer Canoe auf ihm zu handhaben, wenn wir ihn erreichen. Aber, Arrowhead, wenn Blaßgeſichter in unſerer Nachbarſchaft ſind, ſo hätte ich wohl Luſt, ſie anzubreyen.“ Der Tuscarora gab durch ein ruhiges Kopfnicken ſeine Zu⸗ ſtimmung, und die ganze Geſellſchaft verließ ſchweigend die Wurzeln des umgeſtürzten Baumes. Als. ſie den Boden erreicht hatten, deutete Arrowhead ſeine Abſicht an, gegen das Feuer hin zu gehen, und ſich über die Lage deſſelben Sicherheit zu verſchaffen. Zugleich hieß er ſein Weib und die beiden andern Reiſenden zu dem Canoe, welches ſie in dem nahen Strome gelaſſen hatten, zurückkehren und ſeine Wiederkunft erwarten. „Warum, Häuptling?“ erwiederte der alte Cap.„Das möchte wohl angehen auf dem Ankergrund und in der Landweite, deren Fähre man kennt. Aber in einer ſo unbekannten Gegend, wie dieſe, halte ich es nicht für räthlich, den Lootſen ſich ſo weit vom Schiff entfernen zu laſſen, und wir wollen deßhalb, mit Eurer Erlaubniß unſere Geſellſchaft nicht trennen.“ „Was verlangt mein Bruder?“ fragte der Indianer ernſt, ohne ſich jedoch durch dieſes offen ausgeſprochene Mißtrauen beleidigt zu achten. „Eure Geſellſchaft, Meiſter Arrowhead, und nicht weiter. Ich will mit Euch gehen und dieſe Fremden ſprechen.“ Der Tuscarora willigte ohne Bedenken ein und beauftragte ſein geduldiges, unterwürfiges Weibchen, welche ſelten ihr volles, reiches, ſchwarzes Auge anders als mit dem gleichen Ausdruck der Achtung, der Furcht und der Liebe auf ihn richtete, ſich zu dem Boot zu begeben. Nun erhob aber Magnet eine Schwie⸗ rigkeit. Obgleich muthig und, da wo es galt, von ungewöhnlicher Energie, war ſie doch ein Weib, und der Gedanke, in der Mitte einer Wildniß, von deren Unabſehbarkeit ſie eben erſt ihre eigenen Sinne überzeugt hatten, von ihren beiden männlichen Beſchützern verlaſſen zu werden, wurde ihr ſo peinigend, daß ſie den Wunſch ausdrückte, ihren Onkel zu begleiten. „Die Bewegung wird mir, nachdem ich ſo lange in dem Canoe geſeſſen, gut bekommen, lieber Onkel,“ fügte ſie bei, als das Blut langſam auf die Wangen zurückkehrte, welche ungeachtet ihrer Bemühung, ruhig zu erſcheinen, erblaßt waren,„und vielleicht ſind auch Frauen bei den Fremden.“ „So komm denn, Kind. Es iſt ja nur eine Kabelslänge, und wir werden wohl eine Stunde vor Sonnenuntergang zurück ſeyn.“ In Folge dieſer Erlaubniß ſchickte ſich das Mädchen, deren wirklicher Name Mabel Dunham war, an, die Männer zu begleiten, indeß das Weib des Indianers, Dew of. June, welche zu ſehr an Gehorſam, Einſamkeit und das Düſter der Wälder gewöhnt war, um Furcht zu fühlen, geduldig ihren Weg gegen das Boot richtete. „Junithau. 12 Die drei, welche in der Windgaſſe zurückgeblieben waren, ſuchten nun ihren Weg rings um die verwickelten Irrgänge der⸗ ſelben, und gelangten in der erforderlichen Richtung an den Saum des Waldes. Einige Blicke des Auges genügten Arrowhead; aber der alte Cap berieth ſich über die Richtung des Rauches mit einem Taſchencompas, ehe er ſich dem Schatten der Bäume anvertraute. „Dieſes Steuern nach der Naſe, Magnet, mag wohl für einen Indianer gut genug ſeyn, aber ein rechter Seemann kennt die Tugend der Nadel,“ ſagte der Onkel, indeß er ſich mühte, dem leicht dahin ſchreitenden Tusrarora auf der Ferſe zu folgen. „Auf mein Wort, Amerika würde nie entdeckt worden ſeyn, wenn Columbus nichts als ſeine Naſenlöcher gehabt hätte. Freund Arrowhead, habt Ihr je eine Maſchine, wie dieſe hier, geſehen?“ Der Indianer drehte ſich um, warf einen Blick auf den Com⸗ paß, welchen Cap auf eine Weiſe hielt, daß er die Richtung ihres Weges anzeigte, und antwortete ernſt: „Ein Blaßgeſichtsauge. Der Tuscarora ſieht in ſeinen Kopf. Das Salzwaſſer(denn ſo benannte der Indianer ſeinen Gefährten) nun ganz Auge; keine Zunge.“ „Er meint, Onkel, daß wir Urſache hätten, ſtille zu ſeyn. Vielleicht traut er den Perſonen nicht, mit denen wir zuſammen⸗ zutreffen beabſichtigen.“ „Ach, es iſt dies die Gewohnheit eines Indianers, wenn er ſich bewohnten Quartieren nähert. Du ſiehſt, daß er die Pfanne ſeines Gewehrs unterſucht, und es wird wohl gut ſeyn, wenn ich bei meinen Piſtolen das Gleiche thue.“ Ohne bei dieſen Vorbereitungen Unruhe zu verrathen, da ſie während ihrer langen Reiſe durch die Wildniß an dieſelben gewöhnt worden war, hielt ſich Mabel mit einem Schritt, ſo leicht und ela⸗ ſtiſch, als der des Indianers, dicht an ihre Geſellſchafter. Während der erſten halben Meile beobachteten ſie, außer einem tiefen Schweigen, keine weitere Vorſichtsmaßregel. Als ſie ſich aber mehr der Stelle näherten, wo ſie das Feuer finden mußten, wurde eine größere Sorgfalt nöthig. Der Urwald ſtört unter den Baumkronen gewöhnlich die Aus⸗ ſicht faſt durch nichts anderes, als durch die ſchlanken, geraden Baumſtämme. Alle Vegetation hatte ſich zum Licht emporgehoben und unter dem Laubhimmel ging man wie durch ein weites natür⸗ liches Gewölbe, welches ſich auf Myriaden roher Säulen ſtützte. Dieſe Säulen oder Bäume dienen oft dazu, den Abenteurer, den Jäger oder den Feind zu verbergen, und je mehr Arrowhead mit ſchnellen Schritten ſich der Stelle nahte, wo ihn ſeine geübten, unfehlbaren Sinne den Aufenthalt der Fremden erwarten ließen, deſto leichter wurden ſeine Tritte, deſto wachſamer ſein Auge, deſto größer die Sorgfalt, ſeine Perſon zu verbergen. „Sieh, Salzwaſſer,“ ſprach er triumphirend, indem er auf eine Oeffnung zwiſchen den Bäumen deutete,„Blaßgeſichtsfeuer!“ „Bei Gott, der Burſche hat Recht,“ brummte Cap.„Da ſind ſie, ſicher genug, und verzehren ihr Mahl ſo ruhig, als ob ſie ſich in der Cajüte eines Dreideckers befänden.“ „Arrowhead hat nur halb Recht,“ flüſterte Mabel, denn dort ſind zwei Indianer und nur ein Weißer.“ „Blaßgeſichter,“ ſagte der Tuscarora, und hob zwei Finger in die Höhe:„rother Mann,“ fuhr er fort, indem er mit einem Finger zeigte. „Gut,“ erwiederte Cap,„es iſt ſchwer zu ſagen, wer Recht oder Unrecht hat. Einer iſt ganz weiß und ein feiner, anſtändiger Burſche, mit einem reſpektablen Ausſehen; der andere iſt eine ſo gute Rothhaut, als nur Farben und Natur hervorzubringen ver⸗ mögen; aber der dritte Kunde iſt halb aufgetakelt und weder Brigg noch Schooner.“ „Blaßgeſichter,“ wiederholte Arrowhead, indem er wieder zwei Finger erhob:„rother Mann,“ nur einen zeigend. „Es muß wahr ſeyn, Onkel, denn ſein Auge ſcheint nie zu irren. Aber es iſt nun dringend nothig, zu wiſſen, ob wir mit Freunden oder Feinden zuſammentreffen. Es könnten Fran⸗ zoſen ſeyn.“ „ine einzige Begrüßung wird uns bald über dieſen Umſtand in’s Klare ſetzen,“ entgegnete Cap.„Stelle dich hinter dieſen Baum, Magnet, damit ſich's die Spitzbuben nicht in den Kopf ſetzen, eine Lage zu geben, ohne zu parlamentiren. Ich will bald erfahren, unter was für einer Flagge ſie ſegeln.“ Der Onkel hatte ſeine beiden Hände in der Form eines Trom⸗ petenbechers an den Mund geſetzt und war daran, die verheißene Begrüßung zu geben, hätte nicht Arrohwead durch eine raſche Hand⸗ bewegung ſeine Abſicht vereitelt, indem er das ertemporirte Inſtru⸗ ment in Unordnung brachte. „Rother Mann, Mohikan,“ ſagte der Tuscarora;„gut; Blaß⸗ geſichter, Yengeeſe.“ „Das iſt eine Himmelspoſt,“ flüſterte Mabel, welche an der Ausſicht auf einen tödtlichen Kampf in dieſer abgelegenen Wildniß wenig Geſchmack fand.„Laßt uns mit einander auf ſie zugehen, lieber Onkel, und uns als Freunde vorſtellen.“ „Gut,“ ſagte der Tusearora,„rother Mann, kalt und klug; Blaßgeſicht, übereilt und Feuer. Laßt die Squaw gehen.“ „Was!“ rief Cap erſtaunt,„den kleinen Magnet als Lug⸗aus voranſchicken, während zwei faule Schlingel, wie Ihr und ich, ſtill⸗ liegen, um zu ſehen, was ſie für ein Land anthun wird? Ehe ich das zugebe, will ich— „Es iſt das klügſte, Onkel,“ unterbrach ihn das hochherzige Mädchen,„und ich habe nichts zu fürchten. Kein Chriſt wird auf ein Weib, welches er allein auf ſich zukommen ſieht, Feuer geben und meine Gegenwart wird als eine Bürgſchaft friedlicher Geſin⸗ nungen gelten. Laßt mich vorangehen, wie Arrowhead wünſcht, und es wird alles gut werden. Wir find bis jetzt unbemerkt geblieben, und werden die Fremden, ohn e Unruhe zu erregen, überraſchen.“ 15 „Gut,“ erwiederte Arrowhead, welcher ſeinen Beifall über Mabels Muth nicht verhehlte. „Die Sache ſieht ſo gar nicht ſeemänniſch aus,“ antwortete Cap,„aber da wir hier in den Wäldern ſind, ſo weiß ja Niemand darum. Wenn du glaubſt, Mabel—“ „Onkel, ich verſtehe. Es iſt kein Grund vorhanden, ſür mich Beſorgniſſe zu hegen. Und wäre es auch, Ihr ſeyd ja nahe genug, mich zu beſchützen.“ „Gut! aber nimm eine von den Piſtolen mit, denn—“ „Nein, ich verlaſſe mich beſſer auf meine Jugend und meine Schwäche,“ ſagte das Mädchen lächelnd, indeß eine augenblickliche Aufregung die Farbe ihrer Wangen erhöhte.„Unter chriſtlichen Männern iſt ihr Anſpruch auf Schutz des Weibes beſter Schirm. Ich verſtehe mich nicht auf Waffen, und Wünſche ihren Gebrauch nicht kennen zu lernen.“ Der Onkel ließ ſie gewähren, und nachdem ihr der Tuscarora einige Vorſichtsmaasregeln empfohlen hatte, faßte Mabel all ihren Muth zuſammen und ging allein auf die in der Nähe des Feuers ſitzende Gruppe zu. Obgleich das Herz des Mädchens ſchneller ſchlug, ſo war doch ihr Schritt feſt, und ihre Bewegungen ließen kein inneres Widerſtreben erkennen. Eine Grabesſtille herrſchte in dem Wald, denn diejenigen, welchen ſie ſich näherte, waren zu ſehr mit der Befriedigung jenes mächtigen Naturtriebes, den man Hunger nennt, beſchäftigt, als daß ſie nur einen Moment ihren Blick dem wichtigen Werke, in welchem all mit einander begriffen waren, hätten entziehen mögen. Als jedoch Mabel dem Feuer auf ungefähr hundert Fuß nahe gekommen war, trat ſie auf einen trockenen Aſt, und ſo ſchwach auch das Geräuſch war, das durch ihren leichten Tritt veranlaßt wurde, ſo war es doch hinreichend, den Indianer, welchen Arrowhead als einen Mohikan bezeichnet hatte, und ſeinen Gefährten, über deſſen Charakter man nicht hatte einig werden können, mit Gedankenſchnelle auf die Beine zu bringen. Ihr Blick fiel zuerſt auf ihre an einen Baum gelehnten Gewehre; aber beide ſtanden ſtill, ohne den Arm auszuſtrecken, als ihnen die Geſtalt des Mädchens vor die Augen trat. Der Indianer murmelte ſeinem Gefährten einige Worte zu und nahm dann, ſo ruhig als ob gar keine Unterbrechung vorgefallen wäre, den Sitz beim Mahle wieder ein. Der weiße Mann dagegen verließ das Feuer und ging Mabel entgegen. Letztere ſah, als der Fremde ſich näherte, daß ſie ſich hier wirklich an einen Mann von ihrer Farbe zu wenden hatte, obgleich ſein Anzug aus einer ſo ſonderbaren Miſchung der Trachten beider Racen beſtand, daß es wohl eines näheren Blickes bedurſte, um ſich Gewißheit zu verſchaffen. Er war von mittlerem Alter, und ſein zwar nicht ſchönes Geſicht trug den Ausdruck einer biedern Offen⸗ heit, fern von jedem Zuge der Argliſt, ſo daß ſich Mabel ſchnell überzeugen konnte, es drohe ihr hier keine Gefahr. Demungeachtet blieb ſie ſtehen, indem ſie vielleicht der Macht der Gewohnheit, vielleicht auch einem inneren Gefühle gehorchte, welches ſie verhin⸗ derte, unter Verhältniſſen, wie die ihrigen waren, ſo ohne alle Umſtände auf eine Perſon des andern Geſchlechtes zuzugehen. „Fürchten Sie nichts, junge Frau,“ ſagte der Jäger; denn als ſolchen mochte ihn ſein Anzug bezeichnen;„Sie ſind in der Wildniß mit Chriſten und Männern zuſammengetroffen, die Alle, welche zum Frieden und zur Gerechtigkeit geneigt ſind, auf eine liebevolle Weiſe zu behandeln wiſſen. Ich bin ein Mann, der wohl⸗ bekannt in dieſen Gegenden iſt, und vielleicht hat einer meiner Namen Ihr Ohr erreicht. Bei den Franzoſen und den Rothhäuten auf der andern Seite des großen See's heiße ich La longue Ca- rabine, bei den Mohikanern, deren Stamm, ſo viel von ihm noch übrig iſt, ein gutgeſinnter und aufrichtiger iſt, bin ich Hawk⸗eye, indeß die Truppen und Jäger auf dieſer Seite des Waſſers mich Pfadfinder nennen, weil es bekannt iſt, daß ich nie das eine Ende einer Fährte, mochte es die eines Mingos oder die eines meiner — 8 9 0¼ 17 Hülfe bedürftigen Freundes ſeyn, verlor, wenn ich das andere ge⸗ funden hatte.“ Er brachte dies Alles nicht in prahleriſchem Tone, wohl aber mit der treuherzigen Zuverſicht eines Mannes vor, welcher wohl wußte, daß er, mochte er unter was immer für einem Namen bekannt ſeyn, keine Urſache hatte, ſich deſſelben zu ſchämen. Der Eindruck auf Mabel war ein augenblicklicher. Sobald ſie den letzten Beinamen gehört hatte, ſchlug ſie die Hände lebhaft zuſammen und wiederholte das Wort— „Pfadfinder!“ „So nennt man mich, junges Frauenzimmer, und mancher große Herr iſt zu einem Titel gekommen, den er nicht halb ſo gut verdiente; obgleich, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, ich mir mehr darauf einbilden möchte, meinen Weg zu finden, wo kein Pfad iſt, als einen zu finden, der vor mir liegt. Aber die regulären Truppen nehmen es nicht ſo genau und wiſſen meiſt keinen Unterſchied zu machen zwiſchen einem Pfad und einer Fährte, obgleich ſie den einen vor Augen haben, und von der andern wenig mehr als der Geruch vorhanden iſt.“ „So ſeyd Ihr der Freund, den mein Vater uns entgegen zu ſenden verſprochen hat?“ „Wenn Sie Sergeant Dunhams Tochter ſind, ſo hat der große Prophet der Delawaren nie ein wahreres Wort ge⸗ ſprochen.“ „Ich bin Mabel, und dort, hinter den Bäumen verborgen, iſt mein Onkel Cap und ein Tuscarora, Namens Arrowhead. Wir hofften Euch erſt in größerer Nähe des See's zu treffen.“ „Ich wünſchte, ein beſſer geſinnter Indianer wäre euer Führer geweſen,“ ſagte der Pfadfinder;„denn ich bin kein Freund der Tuscaroras, die immer zu weit weg gewandert ſind von den Gräbern ihrer Väter, um ſich des großen Geiſtes noch zu erinnern, und Arrow⸗ head iſt ein ehrgeiziger Häuptling. Iſt Dew of June bei ihm?“ Der Pfadfinder. 3. Aufl. 2 „Sein W Geſchöpf.“ „Und ein treues Herz obendrein, was mehr iſt, als man von Arrowhead rühmen kann, wenn man ihn kennt. Nun gut! wir müſſen den Gefährten nehmen, wie ihn die Vorſehung uns gibt, indeß wir der Fährte des Lebens folgen. Ich glaube, daß man einen ſchlechteren Wegweiſer hätte finden können, als den Tuscarora, obgleich er zu viel Mingoblut hat für einen Mann, der ſtets in der Geſellſchaft der Delawaren lebt.“ „Es iſt vielleicht ein getroffen ſind.“ „In jedem Fall kein unglücklicher; denn ich habe dem Ser⸗ geanten verſprochen, ſein Kind wohlbehalten in ſeine G bringen, und wenn ich darüber zu Grunde gehen müßte. Wir hofften, euch zu treffen, ehe ihr die Waſſerfälle erreicht, wo wir unſer eigenes Canve gelaſſen haben; doch wir dachten, ihr würdet euch nicht darob grämen, wenn wir einige Meilen weiter heraufkämen, um im Nothfalle zu euern Dienſten zu ſeyn. Es iſt übrigens gut, daß wir es thaten, denn ich zweifle, ob Arrowhead der Mann iſt, durch die Strömung zu fahren.“ „Hier kommt mein Onkel und d können ſich daher jetzt vereinigen.“ Als Mabel geendet hatte, kamen Cap und Arrowhead näher, denn ſie ſahen, daß die Verhandlung freundſchaftlich war. Einige Worte genügten, ſie von dem, was das Mädchen von den Fremden erfahren hatte, in Kenntniß zu ſetzen. Sobald dies geſchehen war, begab ſich die Geſellſchaft zu den Zweien, welche ruhig bei ihrem Feuer geblieben waren. eib begleitet uns. Sie i*ſt ein demüthiges und ſanftes glücklicher Zufall, daß wir zuſammen⸗ arniſon zu er Tuscarora; unſere Parthieen 19 Zweites Kapitel. So lange nicht dein Heiligthum entweiht Und harmlos dir ſein Opfer ſtreut, Natur! Dein ärmſter Sohn, Iſt er ein Fürſt, der Erde Segen Iſt ausgeſtreut auf ſeinen Wegen, Sein Sitz ein Wolkenthron. Wilſon. Der Mohikan fuhr fort zu eſſen; der zweite weiße Mann jedoch erhob ſich, und nahm vor Mabel Dunham höflich die Mütze ab. Es war ein junger, geſunder, kräftiger Mann und trug einen Anzug, der, obgleich weniger ſtarr gewerbsmäßig als bei dem Onkel, in ihm den Schiffsmann nicht verkennen ließ. In der That ſind auch die Seeleute eine von den übrigen Menſchen ganz ver⸗ ſchiedene Klaſſe. Ihre Ideen, ihre gewöhnliche Sprache, ihr Anzug, alles iſt ſo ſtreng bezeichnend für ihren Beruf, als Meinungen, Sprache und Tracht bezeichnend ſind für den Muſelmann. Obgleich der Pfadfinder kaum mehr in der Blüthezeit des Lebens ſtand, ſo ſchloß ſich Mabel doch mit einer Feſtigkeit an ihn, welche wohl darin ihren Grund haben mochte, daß ihre Nerven auf dieſe Zu⸗ ſammenkunft vorbereitet waren; aber wenn ihre Augen denen des jungen Mannes am Feuer begegneten, ſo ſenkten ſie ſich vor dem Blicke der Bewunderung, mit welchem er, wie ſie ſah oder zu ſehen glaubte, ſie beobachtete. In der That fühlten auch beide ein gegen⸗ ſeitiges Intereſſe für einander, welches die Aehnlichkeit des Alters, der Stellung und der Neuheit ihrer Lage bei jungen offenen Ge⸗ müthern wohl zu erwecken geeignet war. „Hier,“ ſagte der Pfadfinder mit einem ehrlichen Lächeln zu Mabel,„ſind die Freunde, welche Ihr würdiger Vater Ihnen entgegenſendet. Dies iſt ein großer Delaware, der zu ſeiner Zeit ein hochgeſtellter Mann war, und viele Gefahren und Mühen geſehen hat. Er hat einen, für einen Häuptling ganz geeigneten, indianiſchen Namen, den aber eine unerfahrene Zunge nur ſchwer auszuſprechen vermag, weßhalb wir ihn auch ins Engliſche über⸗ tragen haben und ihn big Serpent“ nennen. Glauben Sie aber ja nicht, man wolle damit ſagen, daß er verrätheriſch ſey, wie dies bei den Rothhäuten jenſeits des See's der gewöhnliche Fall iſt, ſondern, daß er weiſe und ſchlau iſt, wie es einem Krieger ziemt. Arrowhead weiß, was ich meine.“ Während Pfadfinder dieſe Worte ſprach, beobachteten ſich die beiden Indianer eine Weile mit feſten Blicken. Dann trat der Tuscarora näher und redete den andern anſcheinend mit freundlichen Worten an. „Ich ſehe,“ fuhr der Pfadfinder fort,„die Begrüßung zweier Rothhäute in den Wäldern ſo gerne, Meiſter Cap, als Ihr den Gruß freundlicher Schiffe auf dem Ocean. Aber weil wir gerade vom Waſſer ſprechen— es erinnert mich dies an meinen jungen Freund da, den Jasper Weſtern, der einiges von ſolchen Dingen verſtehen muß, da er ſeine Tage auf dem Ontario zugebracht hat.“ „Freut mich, Euch zu ſehen, Freund,“ ſagte Cap, indem er dem jungen Süßwaſſerſegler herzlich die Hand drückte,„aber Ihr mögt wohl noch Manches zu lernen haben in der Schule, in die man Euch ſchickte. Dies iſt meine Nichte, Mabel. Ich nenne ſie Magnet, aus einem Grunde, von dem ſie ſich nichts träumen läßt, obgleich Ihr vielleicht Erziehung genug habt, es zu errathen; denn ich vermuthe, daß Ihr doch einigen Anſpruch darauf macht, einen Compaß zu verſtehen.“ „Der Grund iſt leicht aufzufinden,“ ſagte der junge Mann, indem er dabei unwillkührlich ſein ſcharfes, dunkles Auge auf das erroͤthende Antlitz des Mädchens richtete,„und ich fühle ſicher, daß der Schiffer, der mit Eurem Magnet ſteuert, nie ein falſches Land anthun wird.“ * Große Schlange. 21 „Ah, Ihr bedient Euch einiger unſerer Kunſtausdrücke, und mit Verſtand und Anſtand, wie ich merke, obſchon ich fürchte, daß Ihr mehr grünes als blaues Waſſer geſehen habt.“ „Es darf nicht überraſchen, daß wir einige Phraſen, die auf das Land Bezug haben, kennen, da wir es ſelten länger als auf vier und zwanzig Stunden aus dem Geſicht verlieren.“ „Das iſt Schade, Junge, recht Schade. Ein ganz kleines Stück Land muß weit reichen für einen Seefahrer, und wahrlich, ich glaube, Meiſter Weſtern, es iſt mehr oder weniger Land rund um Euern See herum.“ „Und iſt nicht mehr oder weniger Land um den Ocean herum, Onkel?“ erwiederte Magnet ſchnell, denn ſie fürchtete eine unzeitige Entwicklung des dem alten Seemann eigenthümlichen Dogmatismus, wenn man es nicht lieber Pedanterie nennen will. „Nein, Kind, es iſt mehr oder weniger Meer um das Land herum; das iſts, was ich dem Ufervolk ſagen will, junger Burſche. Man lebt, ſo gut es gehen will, mitten im Meere, ohne es zu wiſſen, eigentlich nur geduldet, möchte ich ſagen, denn das Waſſer iſt mächtiger und in viel größerer Maſſe vorhanden. Allein's iſt des Dünkels kein Ende auf dieſer Welt. Ein Kerl, der nie Salz⸗ waſſer ſah, bildet ſich oft ein, er wiſſe mehr als Einer, der das Cap Horn umſegelt hat. Nein, nein, die Erde iſt weiter nichts als eine ziemlich große Inſel, und alles Uebrige, kann man mit Wahrheit ſagen, iſt Waſſer.“. Der junge Weſtern hatte einen großen Reſpekt vor den See⸗ leuten des Oceans, nach welchem er ſich oft geſehnt; aber er hegte auch eine natürliche Verehrung gegen die breite Fläche, auf der er ſein Leben zugebracht hatte, und die in ſeinen Augen ihre eigenen Reize beſaß. „Was Ihr ſagt,“ antwortete er beſcheiden,„mag, was das atlan⸗ tiſche Meer anbelangt, wahr ſeyn; aber wir, hier oben, um den Ontario, verehren das Land.“ „Das macht, weil Ihr überall vom Land eingeſchloſſen ſeyd,“ erwiederte Cap mit herzlichem Lachen;„aber dort iſt der Pfad⸗ finder, wie man ihn nennt, mit einigen dampfenden Schüſſeln, der uns einlädt, am Mahle Theil zu nehmen, und ich will nur ge⸗ ſtehen, daß einem auf dem Meere ein Wildbraten nicht zu Geſicht kommt. Meiſter Weſtern, Höflichkeit gegen Mädchen kommt in Euren Jahren ſo leicht als das Schlaffwerden der Flaggenfall⸗ Taue, und wenn Ihr ein Auge haben wollt auf ihre Bequemlichkeit, während ich mich mit dem Pfadfinder und Euren indianiſchen Freunden zum Mahle vereinige, ſo zweifle ich nicht, daß ſie es Euch gedenken wird.“ Meiſter Cap hatte mehr geſprochen, als zu dieſer Zeit klug war. Jasper Weſtern achtete ſorgſam auf Mabels Bedürfniſſe, und lange gedachte ſie dem jungen Seemann die zarte und männliche Aufmerkſamkeit, die er ihr bei Gelegenheit dieſes erſten Zuſammen⸗ treffens bewieſen hatte. Er bereitete ihr aus einem Baumſtrunk einen Sitz, beſorgte ihr ein köſtliches Wildpretſtückchen, holte Waſſer von der Quelle, und da er ihr ganz nahe gegenüber ſaß, ſo ge⸗ wann er durch die höfliche aber freie Manier, mit der er ſeine Sorgfalt an den Tag legte, einen feſten Weg zu ihrer Achtung. Frauen wünſchen immer Huldigung zu empfangen; aber nie iſt ſie ihnen ſo angenehm und ſchmeichelhaft, als wenn ſie den Ausdruck einer männlichen Höflichkeit trägt und von einem jugendlichen Alters⸗ genoſſen dargebracht wird. Der junge Weſtern war, wie die Meiſten, welche ihre Zeit fern von der Geſellſchaft des ſanfteren Geſchlechts zugebracht haben, ernſt, einfach und zart in ſeinen Aufmerkſamkeiten, die einen reichen Erſatz für alle die conventionellen Verfeinerungen gewährten, welche Mabel vielleicht nicht einmal vermißte. Doch wir wollen die beiden unerfahrenen, argloſen jungen Leute ihren Gefühlen überlaſſen, durch die ſie ſich gegenwärtig wohl eher als durch Worte, dem Ausdruck der Gedanken, befreunden konnten, und kehren zu der Gruppe zurück, in welcher der Onkel, mit der anmaßenden Vertraulichkeit, welche ihn nie verließ, bereits eine Hauptperſon geworden war. Die Geſellſchaft hatte ſich um eine zum gemeinſchaftlichen Gebrauche aufgeſtellte Schüſſel mit Wildpretſtücken niedergelaſſen, und natürlich trug die Unterhaltung das charakteriſtiſche Gepräge der dabei betheiligten Individuen. Die Indianer waren ſtill und emſig; der Wildpret⸗Appetit der ureingebornen Amerikaner ſchien unſtillbar. Die zwei weißen Männer waren mittheilend und ge⸗ ſprächig, geſchwätzig ſogar, und beide ſtarrſinnig in ihrer Weiſe. Da jedoch die Unterhaltung, welche ſie führten, den Leſern mit manchen Thatſachen bekannt machen kann, welche zum beſſern Ver⸗ ſtändniß der nachfolgenden Erzählung beitragen, ſo wird es geeignet ſeyn, dieſelbe nicht zu übergehen. „Ich zweifle nicht, Meiſter Pfadfinder,“ begann Cap, als der Hunger des Reiſenden ſo weit beſchwichtigt war, daß er nun an⸗ fing, ſich unter den übrigen nur die ſaftigeren Stückchen auszuleſen, „daß ein Leben wie das Eurige viel Befriedigung gewähren muß. Es hat einiges von den Wechſeln und Zufällen, welche der See⸗ mann liebt; und wenn bei uns Alles Waſſer iſt, ſo iſt bei Euch Alles Land.“ „Ha, wir haben auch Waſſer auf unſern Reiſen und Märſchen,“ erwiederte ſein weißer Geſellſchafter.„Wir Gränzleute handhaben das Ruder und die Fiſchgabel faſt eben ſo oft als die Büchſe und das Waidmeſſer.“ „Ah, aber handhabt ihr auch die Braſſe und die Bugleine, das Steuerrad und die Leitleine, die Reffſeiſing und das Windreep? Das Ruder iſt ein gutes Ding, ohne Zweifel, für ein Canoe; aber wozu kann man es in einem Schiff brauchen?“ „Ich reſpektire jeden in ſeinem Beruf, und ich kann wohl glauben, daß alle die Dinge, die Ihr da erwähnt habt, zu etwas nütze ſind. Ein Mann, der, wie ich, mit ſo vielen Stämmen gelebt hat, weiß wohl einen Unterſchied zu machen unter den Gebräuchen. Der Mingo mahlt ſeine Haut anders als der Delaware, und wer einen Krieger in dem Anzug einer Squaw zu ſehen hofft, wird ſich wohl täuſchen. Ich bin zwar noch nicht beſonders alt, aber ich habe in den Wäldern gelebt, und mir einige Vertrautheit mit der Menſchen⸗ natur erworben. Auf das Wiſſen derer, die in den Städten wohnen, habe ich nie viel gehalten, denn ich habe von dorther noch keinen geſehen, der ein Auge für eine Büchſe oder eine Fährte gehabt hätte.“ „Das iſt bis auf's Garn meine Art zu räſonniren, Meiſter Pfadfinder. Durch die Straßen laufen, Sonntags in die Kirche gehen und eine Predigt anhören, das hat nie aus einem menſch⸗ lichen Weſen einen Mann gemacht. Aber ſendet den Knaben hinaus auf den weiten Ocean, wenn Ihr ſeine Augen öffnen wollt; laßt ihn fremde Völker, oder, wie ich es nenne, das Angeſicht der Natur ſehen, wenn Ihr wollt, daß er ſeinen Charakter kennen lernen ſoll. Da iſt nun mein Schwager, der Sergeant: er iſt in ſeiner Weiſe ein ſo guter Burſche, als nur je einer Zwieback ge⸗ brochen hat; aber was iſt er im Ganzen?— nichts, als ein Soldat, — ein Sergeant zwar: aber das iſt doch nur ſo eine Soldatenart, wie Ihr wohl wißt. Als er die arme Bridget, meine Schweſter, heirathen wollte, ſagte ich dem Mädchen, was er ſey, wie er von ſeinen Pflichten in Anſpruch genommen werde, und was ſie von einem ſolchen Ehemann zu hoffen habe; aber Ihr wißt ja, wie es iſt mit den Mädchen, wenn eine Liebſchaft ihren Verſtand in die Klemme bringt. Es iſt wahr, der Sergeant iſt in ſeinem Beruf geſtiegen, und man ſagt, daß er ein bedeutender Mann im Fort ſey; aber ſein armes Weib hats nicht erlebt, all das zu ſehen, denn es iſt nun ſchon an vierzehn Jahre, daß ſie todt iſt.“ „Des Soldaten Beruf iſt ein ehrenwerther Beruf, vorausgeſetzt, f daß er nur auf der Seite des Rechts kämpft,“ entgegnete der Pfadfinder,„und da die Franzoſen immer ſchlecht ſind, und Seine geheiligte Majeſtät und dieſe Kolonien immer recht handeln, ſo behaupte ich, daß der Sergeant ein eben ſo gutes Gewiſſen hat, als er einen wackeren Charakter beſitzt. Ich ſchlief nie ſüßer, als wenn ich einen Kampf mit den Mingos ausgefochten hatte, obgleich ich es mir zum Grundſatz gemacht habe, ſtets wie ein weißer Mann, und nie wie ein Indianer zu kämpfen. Der Serpent da hat ſeine Gewohnheiten, und ich die meinigen; und doch haben wir ſo manche Jahre miteinander Seite an Seite gefochten, ohne daß einer dem andern ſeine Weiſe verdachte. Ich erzähle ihm, daß es, trotz ſeiner Traditionen, doch nur einen Himmel und eine Hölle gibt, obſchon die Wege zu beiden vielfältig ſind.“ „Das iſt vernünftig, und er muß Euch glauben, obſchon ich denke, daß die Wege zur letzteren meiſt auf dem trockenen Lande liegen. Das Meer iſt, wie meine arme Schweſter zu ſagen pflegte, ein Reinigungsort, und man iſt außer den Wegen der Verſuchung, wenn man außer der Sicht des Landes iſt. Ich zweifle, ob man eben ſo viel zu Gunſten Eurer Seen da oben ſagen kann.“ „Ich will einräumen, daß Städte und Anſiedelungen zur Sünde verleiten können, aber unſere Seen ſind von den Urwäldern begränzt, und man findet jeden Tag eine Aufforderung zur Verehrung Gottes in einem ſolchen Tempel. Freilich muß ich zugeben, daß die Men⸗ ſchen, auch in der Wildniß, nicht immer dieſelben ſind, denn der Unterſchied eines Mingo und eines Delawaren liegt ſo auf flacher Hand, wie der des Mondes und der Sonne. Doch, ich bin froh, Freund Cap, daß wir uns getroffen haben, wäre es auch nur deß⸗ halb, damit Ihr dem Big Serpent erzählen könnt, daß es auch Seen gibt, in welchen ſalziges Waſſer iſt. Wir ſind, ſeit wir uns kennen, ſtets ziemlich eines Sinnes geweſen, und wenn der Mohikan nur halb ſo viel Vertrauen zu mir hätte, als ich zu ihm, ſo müßte er mir alles glauben, was ich ihm von den Gewohnheiten und Natur⸗ geſetzen der Weißen erzählt habe. Aber es hat mir immer geſchienen, als ob keine der Rothhäute den Erzählungen von den großen Salzſeen und den aufwärts gehenden Strömungen der Flüſſe einen ſo offenen Glauben ſchenkt, wie es ein ehrlicher Mann wohl haben möoͤchte.“ „Das kommt daher,“ antwortete Cap mit einem herablaſſenden Nicken,„daß Ihr in dieſen Dingen verkehrter Weiſe das Pferd beim Schwanz aufgezäumt habt. Ihr habt Euch Eure Seen und Stromſchnellen als das Schiff, und das Meer mit ſeiner Ebbe und Fluth als ein Boot gedacht. Weder Arrowhead noch der Serpent hat Urſache, das, was Ihr bezüglich der beiden genannten Punkte geſagt habt, zu bezweifeln. Ich muß übrigens geſtehen, daß es mir Schwierigkeit macht, die Erzählung von den Binnenmeeren ſo geradezu hinunter zu ſchlucken, und noch mehr, daß es hier eine See mit friſchem Waſſer geben ſoll. Ich habe deßhalb meine Reiſe eben ſo gut in der Abſicht unternommen, meine eigenen Augen und meinen Gaumen von der Wahrheit dieſer Dinge zu überzeugen, als um dem Sergeanten und Magnet gefällig zu ſeyn, obgleich der erſte meiner Schweſter Mann war, und die letztere mir wie ein eigenes Kind am Herzen liegt.“ „Ihr habt Unrecht, ſehr Unrecht, Freund Cap, daß Ihr in irgend einer Sache der Macht Gottes mißtraut,“ entgegnete Pfad⸗ finder ernſt.„Die, welche in den Anſiedelungen und Städten wohnen, mögen wohl zu beſchränkten und irrigen Meinungen über die Macht Seiner Hand kommen; wir aber, die wir unſere Zeit ſo zu ſagen, in Seiner wahren Gegenwart zubringen, ſehen die Sachen anders— ich meine nehmlich die Weißen. Eine Rothhaut hat wieder ihre eigenen Begriffe, und es iſt recht, daß es ſo iſt; wenn ſie auch nicht ganz ſo ſind, wie die eines Weißen, ſo darf uns das nicht bekümmern. Es ſind Dinge, welche in die weiſe Ordnung der göttlichen Vorſehung gehören, und zu dieſen ſind auch jene Süß⸗ und Salzwaſſerſeen zu rechnen. Ich maße mir nicht an, ſie erklären zu wollen, aber ich denke, es iſt Schuldigkeit eines Jeden, daran zu glauben. Was mich anbelangt, ſo bin ich einer von denen, welche denken, daß dieſelbe Hand, welche das Süßwaſſer gemacht hat, auch Salzwaſſer ſchaffen kann.“ „Halt da, Meiſter Pfadfinder,“ unterbrach ihn Cap, nicht ohne einige Hitze,„auf dem Wege eines gebührlichen und männlichen Glaubens werde ich keinem den Rücken kehren, ſo lange ich flott bin. Obgleich ich mehr daran gewöhnt bin, auf dem Verdecke alles rein zu halten und ein ſchönes Segel zu zeigen, als zu beten, wenn der Orkan kommt, ſo weiß ich wohl, daß wir zur Zeit nur hilf⸗ loſe Sterbliche ſind, und ich hoffe, ich zolle Verehrung, wo ich Verehrung ſchuldig bin. Was ich ſagen zu müſſen meinte— und das läßt ſich beſſer andeuten als ſagen,— war nichts weiteres, als der einfache Wink, daß ich, der ich gewöhnt bin, in großen Be⸗ hältern ſalziges Waſſer zu ſehen, es vorziehe, daſſelbe vorher zu koſten, ehe ich glauben kann, daß es friſch iſt.“ „Gott hat dem Hirſch die Salzlicke gegeben und dem Men⸗ ſchen, ſey er eine Rothhaut oder ein Weißer, die köſtliche Quelle, um an ihr ſeinen Durſt zu ſtillen. Es iſt daher unvernünftig, zu denken, daß er dem Weſten nicht habe Seen von friſchem und dem Oſten Seen von unreinem Waſſer geben können.“ Cap war, trotz ſeiner anmaßenden Starrköpfigkeit, durch den einfachen Ernſt des Pfadfinders eingeſchüchtert, obgleich ihm der Gedanke, eine Sache zu glauben, deren Unmöglichkeit er Jahre lang behauptet hatte, nicht behagte. Da er jedoch nicht geneigt war, ſeine Meinung aufzugeben, und zugleich gegen eine ſo ungewohnte Argumentation, welche obendrein die Macht der Wahrheit, des Glaubens und der Wahrſcheinlichkeit für ſich hatte, nichts auszu⸗ richten vermochte, ſo war er froh, ſich aus dieſer Sache durch eine Ausflucht retten zu können. „Nun, nun, Freund Pfadfinder,“ ſagte er,„wir wollen die Sache bewenden laſſen,„und da der Sergeant Euch uns als Lootſen für den fraglichen See geſchickt hat, ſo können wir ja das Waſſer unterſuchen, wenn wir hinkommen. Merkt Euch übrigens meine Worte— ich ſage nicht, daß es nicht auch friſches Waſſer auf der Oberfläche geben könne; ſogar der atlantiſche Ocean hat bis⸗ weile ſolches in der Nähe der Mundungen großer Flüſſe; aber verlaßt Euch darauf, ich will Euch eine Methode zeigen, das Waſſer, und wenn es manche Faden tief iſt, zu koſten, von der Ihr Euch nichts träumen werdet; und dann werden wir mehr davon erfahren.“ Der Führer ſchien zufrieden, die Sache beruhen zu laſſen, und der Gegenſtand der Unterhaltung wechſelte. „Wir bilden uns nicht zuviel auf unſere Gaben ein,“ bemerkte der Pfadfinder nach einer kurzen Pauſe, nund wiſſen wohl, daß diejenigen, welche in den Städten leben, oder in der Nähe des Meeres“— „Auf dem Meere,“ unterbrach ihn Cap. „Auf dem Meere alſo, wenn Ihr ſo wollt— manche Gelegenheiten haben, welche uns hier in unſerer Wildniß nicht aufſtoßen. Genug, wir kennen unſern Beruf, betrachten ihn als unſere natürliche Be⸗ ſtimmung und ſind nicht durch Eitelkeit und Ueppigkeit verkehrt. Meine Gaben beſchränken ſich auf den Gebrauch der Büchſe und das Er⸗ kennen der Fährte zum Zwecke der Jagd und des Kundſchaftens, und obgleich ich auch ein Ruder führen und die Gabel handhaben kann, ſo darf ich mir wenigſtens nichts darauf einbilden. In dieſer Be⸗ ziehung iſt der junge Jasper da, der ſich mit des Sergeanten Tochter unterhält, ein ganz anderer Burſche, ſo daß man von ihm ſagen kann, er athme Waſſer, wie ein Fiſch. Die Indianer und die Franzoſen des nördlichen Seeufers nennen ihn wegen ſeinen Gaben Cau⸗douce.“ Er verſteht es aber beſſer, das Ruder und das Tau handzuhaben, als Feuer auf einer Fährte anzumachen.“ „Im Grunde muß doch etwas an den Gaben ſeyn, von denen Ihr ſprecht,“ ſagte Cap.„Ich geſtehe, dieſes Feuer hier hat mein ganzes Seemannswiſſen zu Schanden gemacht, Arrowhead ſagte, der Rauch komme von einem Blaßgeſichtsfeuer, und das nenne ich mir ein Stückchen Philoſophie, welches dem Steuern an dem Rand einer Sandbank vorbei bei finſtrer Nacht nichts nachgibt.“ „Iſt kein großes Geheimniß, iſt kein großes Geheimniß,“ * Süßwaſſer. ⏑ 0. 29 erwiederte der Pfadfinder mit luſtigem Lachen, obgleich er aus gewohnter Vorſicht den allzulauten Ausbruch deſſelben unterdrückte. „Nichts iſt für uns, die wir unſere Zeit in der großen Schule der Vorſehung zubringen, leichter, als ihre Aufgaben zu lernen. Wir wären für die Fährte wie für daß Geſchäft eines Kundſchafters ſo nutzlos, wie die Murmelthierlein, wenn wir uns nicht früh die Kenntniß ſolcher Kleinigkeiten zu verſchaffen wüßten. Eau⸗douce, wie wir ihn nennen, iſt ein ſo großer Freund des Waſſers, daß er ein oder zwei feuchte Holzſtücke für unſer Feuer auflas, obſchon vollkommen trockene neben den feuchten im Ueberfluß umherlagen und Feuchtigkeit macht ſchwarzen Rauch, was meiner Meinung nach Ihr Herren von der See auch wiſſen müßt.'s iſt kein großes Geheimniß,'s iſt kein großes Geheimniß, obſchon für ſolche, welche nicht auf den Herrn und Seine mächtigen Wege, mit Demuth und Dankbarkeit achten, alles geheimnißvoll iſt.“ „Arrpwhead muß ein ſcharfes Auge haben, um einen ſo un⸗ bedeutenden Unterſchied erkennen zu können!“ „Er wär' ein armer Indianer, wenn er das nicht könnte. Nein, nein; es iſt Kriegszeit, und keine Rothhaut wagt ſich hinaus, wenn ſie nicht im vollen Beſitz ihrer Sinne iſt. Jede Haut hat ihre eigene Natur, und jede Natur hat ihre eigenen Geſetze, ſo gut als ihre eigene Haut. Es dauerte manches Jahr, bis ich mir alle dieſe höheren Zweige der Wäldererziehung angeeignet hatte; denn die Kenntniſſe der Rothhäute gehen der Natur einer weißen Haut nicht ſo leicht ein, als man ſich, wie ich vermuthe, von den Kennt⸗ niſſen der Weißen einbildet, obſchon ich von letzteren wenig beſitze, da ich meine Zeit meiſtens in den Wäldern zugebracht habe.“ „Ihr ſeyd ein braver Schüler geweſen, Meiſter Pfadfinder, wie man aus Eurer genauen Kenntniß aller dieſer Dinge merkt. Ich denke aber, es müßte für einen ordentlichen Zögling des Meeres nicht ſchwer ſeyn, dieſe Kleinigkeiten zu lernen, wenn er nur ſeinen Kopf ſo weit zuſammennehmen will, um darauf Acht zu geben.“ „Ich weiß das nicht. Der Weiße findet ſeine Schwierigkeiten, wenn er ſich die Fertigkeiten der Rothhäute aneignen will, wie der Indianer, wenn er die Wege einer weißen Haut geht. Es liegt, wie ich meine, in der Natur, daß keiner von beiden in die Weiſe des andern vollkommen eingehen kann.“ „Und doch ſagen wir Seeleute, die wir ganz um die Welt herumkommen, es gebe allenthalben nur eine Natur, beim Chi⸗ neſen dieſelbe, wie bei dem Holländer. Was mich anbelangt, ſo fühle ich mich geneigt, daſſelbe anzunehmen; denn ich habe im All⸗ gemeinen gefunden, daß alle Nationen Gold und Silber lieben, und die meiſten Männer Geſchmack an dem Taback finden.“ „Dann kennt Ihr Seefahrer die Rothhäute wenig. Habt Ihr je einen von Euern Chineſen geſehen, der ſein Sterbelied ſingen konnte, während ſein Fleiſch mit Splittern zerriſſen und mit Meſſern zerſchnitten wurde? während das Feuer rund um ſeinen nackten Körper wüthete, und der Tod ihm ins Auge ſtarrte? Könnt ihr mir einen Chineſen oder irgend einen Chriſtenmenſchen finden, der dieſes kann? Ihr werdet keinen finden mit einer Rothhautnatur, mag er noch ſo tapfer ausſehen, oder alle Bücher, die je gedruckt worden ſind, zu leſen verſtehen.“ „Nur die Wilden können einander ſolche hölliſche Streiche ſpielen, ſagte Cap, indem er ſeinen Blick unbehaglich unter den endlosſcheinenden Wölbungen des Forſtes umherſtreifen ließ.„Kein weißer Mann iſt je verurtheilt worden, ſolche Proben zu beſtehen.“ „Nein, da habt ihr mich wieder irrig verſtanden, entgegnete der Pfadfinder, indem er ſich ruhig noch ein leckeres Stückchen Wild⸗ pret als bonne bouche auslas;„denn obgleich dieſe Quälereien nur zu der Natur einer Rothhaut gehören, ſo mag doch eine weiße Haut ſie eben ſo gut zu ertragen vermögen, und wir haben oft Beiſpiele davon gehabt!“. „Zum Glück,“ ſagte Cap, indem er ſeine Stimme klar zu machen ſich mühte,„wird keiner von Seiner Majeſtät Alliirten 31 lüſtern ſeyn, ſolche verdammliche Grauſamkeiten an irgend einem von ſeiner Majeſtät loyalen Unterthanen zu verſuchen. Es iſt wohl wahr, ich habe nicht lange in der Königlichen Flotte gedient; aber ich habe gedient und das iſt ſchon etwas, und an den Kaper⸗ zügen, an der Bekriegung des Feindes in ſeinen Schiffen und Schiffsladungen habe ich vollen Antheil genommen. Aber ich glaube, es gibt keine franzöſiſchen Wilden auf dieſer Seite des Sees, und wenn ich nicht irre, ſo habt Ihr geſagt, daß der Ontario eine breite Waſſerfläche iſt?“ „Ja, er iſt breit in unſern Augen,“ erwiederte der Pfadfinder⸗ ohne ſich Mühe zu geben, das Lächeln zu verbergen, daß ſeine ſonnverbrannten Züge überflog, doch ich weiß nicht, ob ihn nicht einige für ſchmal halten. Jedenfalls iſt er nicht breit genug, den Feind abzuhalten. Der Ontario hat zwei Enden, und der Feind, welcher zu furchtſam iſt, über denſelben zu ſetzen, weiß wohl, daß er um ihn herumgehen kann.“ „Ach, da haben wir's ja, mit euern v— n Friſchwaſſerteichen!“ brummte Cap mit einem Seußzer, der laut genug war, ihn ſchnell ſeine Unvorſichtigkeit bereuen zu laſſen.„Kein Menſch hat je ge⸗ hört, daß ein Pirat oder ein Schiff geſchwind um ein Ende des atlantiſchen Oceans herumgekommen wäre!“ „Vielleicht hat der Ocean keine Enden?“ „Freilich hat er nicht; weder Enden, noch Seiten, noch Grund. Das Volk, welches feſt an einer ſeiner Küſten vor Anker liegt, hat nichts zu fürchten von den Bewohnern eines jenſeitigen Anker⸗ platzes, mögen ſie ſo wild ſeyn, als ſie wollen, wenn ſie nicht die Kunſt des Schiffsbaus beſitzen. Nein, nein! Die Leute, die an den Ufern des atlantiſchen Meeres wohnen, haben wenig für ihre Häute und ihre Scalpe zu fürchten. Da kann einer ſich doch Nachts mit der Hoffnung niederlegen, am Morgen ſein Haar noch auf dem Kopf zu finden, wenn er nicht eine Perücke trägt.“ „Hier iſt's nicht ſo. Doch ich möchte das junge Frauenzimmer dort nicht beunruhigen, und ich will deshalb nicht auf Einzelnheiten eingehen, obſchon ſie mir auf den Eau⸗douce, wie wir ihn nennen, zu hören ſcheint. Jedenfalls aber möchte, ohne die Erziehung, die ich dem Aufenthalt in den Wäldern verdanke, jetzt unter den gegen⸗ wärtigen Verhältniſſen, eine Reiſe über den zwiſchen uns und der Garniſon liegenden Grund ein gefährliches Unternehmen ſeyn. Es gibt auf dieſer Seite des Ontario ſo viele Irokeſen, als auf der andern. Der Sergeant hat alſo ſehr wohl daran gethan, Freund Cap, uns euch als Wegweiſer entgegen zu ſchicken.“ „Was? dürfen die Schurken ſo nahe an den Kanonen von einem der Werke Seiner Majeſtät kreuzen?“ „Halten ſich nicht die Raben in der Nähe eines Hirſchgerippes auf, obgleich der Vogelſteller bei der Hand iſt? Sie kommen eben, weil es in ihrer Natur liegt. Es gibt immer mehr oder weniger Weiße, welche zwiſchen den Forts und den Anſiedelungen wandern, und ſie ſind ihrer Fährte ſicher. Der Serpent iſt auf der einen und ich auf der andern Seite des Fluſſes heraufgekommen, um dieſe heraufſtreichenden Schufte auszukundſchaften, indeß Jasper, der ein kühner Schiffer iſt, den Kahn heraufbrachte. Der Sergeant hatte ihm mit Thränen im Auge Alles von ſeinem Kinde erzählt, wie ſein Herz nach ihr verlange, und wie ſanft und gehorſam ſie ſey, ſo daß ich glaube, der Junge hätte ſich lieber ganz allein in ein Mingolager geſtürzt, als die Partie ausgeſchlagen.“ „Wir danken ihm— wiy danken ihm, und wollen nun um ſeiner Bereitwilligkeit willen beſſer von ihm denken, obſchon ich im Grunde vermuthe, daß er ſich gerade keiner großen Gefahr unter⸗ zogen hat!“ „Bloß der Gefahr, von einem Hinterhalt aus erſchoſſen zu werden, während er den Kahn durch die Stromengen drängte oder bei den Krümmungen des Flußes mit auf die Wirbel gerichtetem Auge eine Wendung machte. Von allen gefährlichen Reiſen iſt, nach meinem Dafürhalten, die auf einem Fluß, der vom Gebüſche ͤ—— 8* 33 geſäumt iſt, die allergefährlichſte, und einer ſolchen hat ſich Jasper unterzogen.“ „Und warum, beim Teufel, veranlaßte mich der Sergeant⸗ einen Weg von hundert und fünfzig Meilen in dieſer ausländiſchen Manier zu machen? Gebt mir offene See und den Feind ins Geſicht, und ich will eine Partie mit ihm machen, nach ſeiner eigenen Weiſe, ſo lang als es ihm beliebt, auf Buglänge oder hinter den Enterſchotten; aber erſchoſſen zu werden wie eine Schildkröte im Schlaf, das iſt nicht nach meinem Geſchmack. Wäre es nicht um der kleinen Magnet willen, ich ginge augenblicklich an Bord, kehrte eilends nach York zurück und ließe den Ontario für ſich ſelber ſorgen, mag er nun Salzwaſſer oder Friſchwaſſer haben!“ „Das würde die Sache nicht viel verbeſſern, Freund Seemann, da der Rückweg viel länger und faſt ebenſo gefährlich iſt, als der, den wir noch zu gehen haben. Doch verlaßt Euch darauf, wir wollen Euch mit heiler Haut durchbringen, oder unſere Kopfhäute verlieren.“ Cap trug einen ſteifen mit Aalhaut umwickelten Zopf, indeß der Scheitel ſeines Kopfes faſt kahl war. Mechaniſch fuhr ſeine Hand über beide, als ob ſie ſich verſichern wolle, daß alles noch an ſeinem gehörigen Orte ſey. Er war im Grunde ein braver Mann, und hatte oft dem Tod mit Ruhe ins Auge geſehen, jedoch nie in der furchtbaren Geſtalt, in welcher er ihm durch das zwar gedrängte aber doch ſehr bezeichnende Gemälde ſeines Tiſchgenoſſen vorgeführt wurde. Es war zu ſpätz zum Rückzug, und ſo entſchloß er ſich denn, zum böſen Spiel gute Miene zu machen, obgleich er ſich nicht entbrechen konnte, einige Flüche über die Gleichgültigkeit und Unbeſonnenheit in den Bart zu brummen, mit der ſein Schwa⸗ ger, der Sergeant, ihn in dies Dilemma geführt hatte. „Ich zweifle nicht, Meiſter Pfadſinder,“ erwiederte er, als er mit ſeinen Betrachtungen zu Ende gekommen war,„daß wir den Hafen wohlbehalten erreichen werden. Wie weit können wir noch vom Fort entfernt ſeyn?“ Der Pfadſinder. 3. Aufl. 3 „Wenig mehr als fünfzehn Meilen, und zwar ſo ſchnelle Meilen, als ſie der Strom nur machen kann, wenn uns anders die Mingos ungehindert ziehen laſſen.“ „Und ich denke, daß die Wälder ſich längs dem Steuerbord und Backbord hinziehen werden, wie bisher?“ „Wie?“ „Ich meine, daß wir unſern Weg durch dieſe verwünſchten Bäume zu ſuchen haben werden?“ „Nein, nein, Ihr werdet in den Kahn gehen. Der Oswego iſt durch die Truppen von ſeinem Treibholz gereinigt worden. Wir werden ſchnell genug ſtromabwärts kommen.“ „Und was, zum Teufel wird dieſe Minks, von denen Ihr ſprecht, abhalten, auf uns zu ſchießen, wenn wir ein Vorgebirge umſegeln oder beſchäftigt ſind, von den Felſen abzuſteuern?“ „Der Herr!— Er, der ſo oft Andern aus noch größeren Schwierigkeiten geholfen hat. Oft und vielmal wäre meinem Kopf Haar, Haut, und Alles abgeſtreift worden, wenn der Herr nicht an meiner Seite gefochten hätte. Ich unterziehe mich nie einem Scharmützel, Freund Seemann, ohne an dieſen großen Ver⸗ bündeten zu denken, der im Kampfe mehr thun kann, als alle Bataillons vom Sechzigſten, ſtünden ſie auch in einer Linie.“ „Ja, ja, das mag wohl für einen Kundſchafter gut ſeyn, aber wir Seeleute lieben unſere offene See, und wenns ins Feuer geht, mögen wir unſern Kopf mit nichts Anderem behelligen, als mit dem Geſchäſt vor uns— volle Lage gegen volle Lage und keine Bäume und Felſen, das Waſſer unſicher zu machen.“ „Und auch keinen Gott, um es mit einem Wort zu ſagen. Nehmt mein Wort dafür, Meiſter Cap, daß kein Kampf ein ſchlim⸗ mer ſeyn wird, wenn Ihr den Herrn auf Eurer Seite habt. Be⸗ trachtet einmal den Kopf des Big Serpent! Ihr könnt noch der * Wieſel. · 35 ganzen Länge nach die Spur eines Meſſers an ſeinem linken Ohre erkennen, und nur eine Kugel aus dieſer meiner langen Büchſe konnte damals ſeine Kopfhaut retten; denn ſie klaffte bereits, und eine halbe Minute ſpäter wäre es um ſeine Kriegerlocke geſchehen geweſen. Wenn mir nun der Mohikan die Hand drückt, und mir zu verſtehen gibt, ich hätte mich ihm in dieſer Sache als ein Freund erwieſen, ſo ſage ich zu ihm: Nein, es war der Herr, der mich zu der einzigen Stelle führte, wo ihm dieſes Leid geſchehen konnte, und von wo aus der aufſteigende Rauch mir ſeine Noth verrieth. Freilich— als ich einmal meine Stellung genommen hatte, beendigte ich die Sache auf eigene Fauſt; denn ein Freund unter dem Tomahawk bringt einen zu einem raſchen Entſchluß und zu ſchneller That, wie dies bei mir der Fall war: ſonſt würde jetzt wohl Serpents Geiſt in dem ſeligen Lande ſeines Volkes jagen!“ „Na, na, Pfadfinder, dieſes Gewäſch iſt ſchlimmer, als vom Vorſteven bis zum Stern ſkalpirt zu werden. Wir haben nur noch wenige Stunden bis zum Untergang der Sonne, und es wird beſſer ſeyn, uns Eurer Strömung anzuvertrauen, ſo lang es noch möglich iſt. Magnet, Schätzchen, biſt du nicht bereit, auf⸗ zubrechen?“ Magnet fuhr auf, erröthete über und über, und machte ihre Vorbereitungen zur unmittelbaren Weiterreiſe. Sie hatte von der Unterhaltung der beiden keine Sylhe gehört; denn Eau⸗douce un⸗ terhielt ihr Ohr mit einer Beſchreibung des Forts, welches das Ziel ihrer Reiſe war, mit Erzählungen von ihrem Vater, den ſie ſeit ihrer Kindheit nicht mehr geſehen hatte, und mit den Sitten und Gebräuchen derer, welche die Gränzgarniſonen bewohnten. Unwillkührlich hatten ſich ihre Gedanken zu ſehr in dieſe Gegen⸗ ſtände vertieft, als daß die minder erfreulichen, welche vor ihren Rachbarn beſprochen wurden, ihr Ohr hätten erreichen können. Der Lärm des Aufbruchs machte dieſer Unterhaltung ein Ende, und in wenigen Minuten war die ganze Geſellſchaft ſammt dem wenigen Gepäcke der Kundſchafter oder Wegweiſer zum Abzuge bereit. Ehe ſie jedoch die Stelle verließen, ſammelte Pfadfinder, zur großen Verwunderung ſeiner Gefährten, eine Partie Zweige und warf ſie auf den glimmenden Reſt des Feuers. Dabei nahm er darauf Bedacht, einige feuchte Holzſtücke darunter zu mengen, um den Rauch ſo dunkel und dicht als nur möglich zu machen. „Wenn Ihr Eure Fährte verbergen könnt, Jasper,“ ſagte er, „ſo wird der Rauch auf dem Lagerplatz eher Nutzen als Schaden bringen. Wenn ein Dutzend Mingos innerhalb zehn Meilen von uns ſich befinden, ſo werden einige davon auf den Höhen oder in den Bäumen ſich aufhalten, und nach Rauch umſehen. Erblicken ſie dieſen, ſo mag er ihnen wohl bekommen; unſere Ueberbleibſel ſind ihnen gegönnt.“ „Aber kann er ſie nicht veranlaſſen, unſere Spur zu verfol⸗ gen?“ fragte Jasper, deſſen Beſorgniſſe über die Gefährlichkeit ihrer Lage ſeit ſeinem Zuſammentreffen mit Magnet bedeutend erhöht worden waren.„Wir laſſen bis zum Fluß einen breiten Pfad zurück.“ „Je breiter, deſto beſſer. Wenn wir dort ſind, ſo wird es über den Horizont eines liſtigen Mingos gehen, zu ſagen, ob der Kahn aufwärts oder abwärts gegangen iſt. Waſſer iſt das einzige in der Natur, was durchaus jede Fährte verwiſcht, und doch thut es auch das Waſſer nicht immer, wenn die Witterung ſcharf iſt. Seht Ihr nicht, Eau⸗douce, daß die Mingos, wenn ſie unſere Spur unterhalb der Fälle bemerkt haben, ſich gegen dieſen Rauch heraufziehen und daraus den natürlichen Schluß ableiten werden, diejenigen, welche ſtromaufwärts gegangen ſind, werden auch ſtromaufwärts ihre Fahrt fortgeſetzt haben? Wenn ſie etwas wiſ⸗ ſen, ſo wiſſen ſie nur, daß eine Partie von dem Fort ausge⸗ gangen iſt, und ſicher wird es den Witz eines Mingos überſteigen, ſich zu denken, daß wir nur um einer Luſtpartie willen, den 37 nämlichen Tag hieher und wieder zurück— unſere Kopfhäute in Gefahr geſetzt haben.“ „Freilich,“ verſetzte Jasper, welcher ſich beiſeits mit dem Pfad⸗ finder beſprach, während ſie ihre Richtung gegen die Windgaſſe hin einſchlugen,„ſie können nichts von des Sergeanten Tochter wiſſen, denn in Beziehung auf ſie wurde das größte Geheimniß beobachtet.“ „Und hier ſollen ſie nichts erfahren,“ erwiederte Pfadfinder, in⸗ dem er ſeinen Gefährten veranlaßte, ſorgfältig in die Spuren von Mabels kleinem Fuße zu treten,„wenn nicht dieſer alte Salzwaſſer⸗ ſiſch ſeine Nichte in der Windgaſſe herumgeführt hat, wie eine alte Hirſchgais ihr Kitzchen.“ „Ein Bock, meint ihr, Meiſter Pfadfinder.“ „Iſt er nicht ein Querkopf? Nun, ich kann wohl Kamerad⸗ aft machen mit einem Schiffer, wie ihr ſeyd, Eau⸗douce, und de nichts beſonders Conträres in unſern Gaben, obgleich ſich die ern mehr für die Seen, und die meinen für die Wälder eignen; aher mit dieſem— hört, Jasper,“ fuhr der Kundſchafter mit ſeinem gewohnten tonloſen Lachen fort,„ich meine, wir ſollten ihm doch das Gewehr viſitiren, und ihn über die Fälle ſchießen laſſen?“ Und was in der Zwiſchenzeit mit der artigen Nichte anfangen „Nun, ihr braucht deßhalb kein Leid zu widerfahren. Sie muß jedenfaͤlls auf dem Trageweg um die Fälle gehen. Aber Ihr undedich können dieſen atlantiſchen Oceansmenſchen auf die Probe ſtellette und dann werden ſich wohl alle Partieen beſſer mit ein⸗ and eſreunden. Wir wollen ausfindig machen, ob ſein Stein Feger gibt, und er mag etwas von den Streichen der Gränzleute eideu er junge Jasper lächelte, denn er war einem Scherze nicht abgenéngt um ſo weniger, als Cap's Anmaßung ihn unangenehm berührt gtte. Aber Mabels ſchönes Antlitz, ihre leichte behende Geſtalt und ihr gewinnendes Lächeln ſtellte ſich wie ein Schild zwiſchen ihrin Dukel und den beabſichtigten Verſuch. 2 „Vielleicht wird es des Sergeanten Tochter erſchrecken,“ ſagte er. „Gewiß nicht, wenn ſie etwas von des Sergeanten Geiſt in ſich hat. Sie ſieht nicht aus, als ob ſie ein zimpferliches Ding wäre, Oder laßt mich allein machen, ich will die Sache ſchon durchführen.“. „Nicht Ihr allein, Pfadfinder; ihr würdet beide mit einan⸗ der ertrinken. Wenn der Kahn über die Fälle geht, muß ich dabei ſeyn.“ „Gut, ſey es ſo. Es bleibt alſo bei der Uebereinkunft.“ Jasper nickte lächelnd ſeine Zuſtimmung, und der Gegenſtand war abgemacht, als die Geſellſchaft bei dem mehrerwähnten Kahne anlangte. Weniger Worte hatten ſchon über wichtigere Dinge zwiſchen den Partieen entſchieden. Drittes Kapitel. Eh' Pflug und Karſt auf dieſen Feldern galt, Floß voll zum Rand des Stromes Welle, Und durch den friſchen weiten Wald Erklang der Waſſer Echo helle; Der Waldſtrom brauste, Bäche ſpielten, Und in dem Schatten ſprang die Quelle. Bryant. Vie Waſſer, welche in die Südſeite des Ontario einmünden, ſind bekanntlich im Allgemeinen ſchmal, träg und tief. Doch gibt ees einige Ausnahmen von dieſer Regel, denn manche jener Flüſſe haben reißende Strömungen oder Stromſchnellen, wie man ſie in dieſen Gegenden nennt, andere haben Fälle. Unter die letzteren gehörte der Fluß, auf welchem unſere Abenteurer ihre Reiſe fort⸗ ſetzten. Der Oswego wird von dem Oneida und dem Onondago, 39 welche beide von Seen herkommen, gebildet, und ſließt etwa acht oder zehn Meilen durch ein wellenförmiges Land, bis er den Rand einer Art natürlicher Terraſſe erreicht, von dem aus er zehn bis fünfzehn Fuß tief in eine andere Ebene hinabſtürzt und durch die⸗ ſelbe in der ſtillen und ruhigen Weiſe eines tiefen Gewäſſers hin⸗ gleitet, bis er ſeinen Zoll an den weiten Behälter des Ontario entrichtet. Der Kahn, in welchem Cap und ſeine Geſellſchaft vom Fort Stanwir, der letzten militäriſchen Station an dem Mohawk, hergekommen war, lag an der Seite des Fluſſes, und nahm die ganze Geſellſchaft, mit Ausnahme des Pfadfinders, auf, welcher am Lande blieb, um das leichte Fahrzeug abzuſtoßen. „Laßt den Stern vorantreiben, Jasper,“ ſagte der Mann der Wälder zu dem jungen Schiffer des Sees, welcher Arrowhead's Ruder ergriffen und ſelber die Stellung des Steuermanns einge⸗ nommen hatte,„laßt ihn mit der Strömung abwärts gehen. Wenn einige von dieſen Teufeln, dieſen Mingos, unſere Fährte auswittern und bis zu dieſer Stelle verfolgen, ſo werden ſie zuerſt die Spuren im Schlamm unterſuchen, und bemerken ſie, daß wir das Ufer mit ſtromaufwärts gerichteter Naſe verlaſſen haben, ſo müſſen ſie natürlich zu der Vermuthung kommen, daß wir aufwärts gerudert ſeyen.“ Dieſer Anweiſung wurde Folge geleiſtet. Pfadfinder, welcher ſich in der Blüthe ſeiner Kraft und Thätigkeit befand, gab nun dem Kahn einen kräftigen Stoß, und ſprang mit einer Leichtigkeit in den Bug deſſelben, die das Gleichgewicht des Fahrzeugs nicht im mindeſten ſtörte. Als ſie die Mitte des Fluſſes, wo die Stroͤmung am ſtärkſten war, erreicht hatten, drehte ſich das Boot und begann geräuſchlos ſtromabwärts zu gleiten. Das Fahrzeug, in welchem ſich Cap und ſeine Nichte zu ihrer langen und abenteuerlichen Reiſe eingeſchifft hatten, war eines von den Rindencanoes, welche die Indianer verfertigen, und die wegen ihrer außerordentlichen Leichtigkeit, wie auch wegen der Geſchwindigkeit, mit der ſie fortgetrieben werden können, ungemein geeignet für eine Fahrt ſind, bei welcher Sandbänke, Treibholz und ühnliche Stöͤrungen ſo oft in den Weg treten. Die zwei Männer, welche die urſprüngliche Geſellſchaft ausmachten, hatten es ohne das Gepäck manche hundert Ellen weit geſchleppt, und das Gewicht deſſelben hätte wohl durch die Kraft eines einzelnen Mannes ge⸗ hoben werden mögen. Demungeachtet war es lang, für einen Kahn weit, und nur die geringere Feſtigkeit mochte in den Augen der Un⸗ gewohnten als ein Mangel erſcheinen. An dieſen Uebelſtand war man jedoch nach ein paar Stunden gewöhnt, und Mabel wie ihr Onkel hatten ſich ſo weit in ſeine Bewegungen zu finden gelernt, daß ſie nun mit vollkommener Gemüthsruhe ihre Plätze feſthielten. Auch wurden die Kräfte des Kahns durch das Gewicht der drei Wegweiſer nicht über Gebühr beſteuert, da der breite runde Bauch deſſelben hinreichend Waſſer verdrängte, ohne das Schanddeck der Oberfläche des Stromes merklich näher zu bringen. Die Arbeit daran war zierlich, die Spannen klein und mit Lederwerk befeſtigt und der ganze Bau, ſo unbedeutend und unſicher er dem Auge er⸗ ſcheinen mochte, im Stande, vielleicht nochmal ſo viel Perſonen, als ſich darin befanden, weiter zu bringen. Cap hatte einen niedrigen Querſitz in der Mitte des Kahnes und Big Serpent kauerte ſich neben ihn auf die Kniee. Arrowhead und ſein Weib ſaßen vor ihnen, da erſterer ſeinen Platz hinten im Kahn verlaſſen hatte. Mabel hatte ſich hinter ihrem Onkel halb auf ihr Gepäck zurückgelehnt, indeß der Pfadfinder und Eau⸗douce der eine im Bug, der andere im Stern, aufrecht ſtanden, und lang⸗ ſam, feſt und geräuſchlos die Ruder bewegten. Die Unterhaltung wurde mit gedämpfter Stimme geführt; denn alle fingen an die Nothwendigkeit der Vorſicht zu fühlen, da ſie ſich nun den Außen⸗ werken des Forts mehr näherten, und nicht mehr durch den Verſteck des Waldes gedeckt waren. Der Oswego war gerade auf dieſer Strecke von tiefdunkler * ——— —— 8— 8 41 Farbe, nicht beſonders breit, und der ſtille düſtere Strom verfolgte ſeine Windungen unter überhängenden Bäumen, welche an manchen Stellen das Licht des Himmels faſt ganz ausſchloßen. Hie und da kreuzte ein halbgefallener Waldrieſe nahezu die Oberfläche und machte Vorſicht nöthig, indeß am Ufer Bäume von niedrigerem Wuchſe Zweige und Blätter in das Waſſer ſenkten. Das Gemälde, welches einer unſerer Dichter ſo herrlich gezeichnet und wir als Epigraph dieſem Kapitel vorangeſtellt haben, war hier verwirklicht. Die Erde, gedüngt durch die vermoderte Vegetation von Jahrhun⸗ derten, der ſchwarze Lehmgrund, die Ufer des Stroms voll zum Ueberfließen, und ‚der friſche weite Wald“— alles erſchien hier ſo lebenswarm, wie es Bryant für die Phantaſie malte. Kurz, die ganze Scene war die einer reichen und wohlwollenden Natur, ehe ſie der Menſch unterworſen— verſchwenderiſch, wild, vielverſprechend und auch in dieſem roheſten Zuſtand nicht ohne den Reiz des Maleriſchen. Ich muß bemerken, daß der Zeitraum unſerer Ge⸗ ſchichte in das Jahr 175 fällt, in eine Zeit alſo, wo der Specu⸗ lationsgeiſt abenteuerlicher Projektanten jenen Theil des weſtlichen New⸗Yorks noch nicht in die Gränzen der Civiliſation gezogen hatte. In jener fernen Zeit gab es zwiſchen dem bewohnten Theil der Colonie New⸗York und den Gränzfeſtungen Canadas zwei große militäriſche Comunikationskanäle, deren einer durch den Champlain⸗ zuund Georgenſee, der andere durch den Mohawk, den Wood⸗Creek, den Oneida und die oben genannten Flüſſe vermittelt wurde. Längs dieſer beiden Verbindungslinien waren militäriſche Poſten aufgeſtellt. Dieſe fanden ſich übrigens ſo ſpärlich, daß von dem letzten an dem Urſorung des Mohawks gelegenen Fort bis zum Ausfluß des Oswego ſich eine unbeſetzte Strecke von hundert Meilen ausdehnte, welche Cap und Mabel nun größtentheils unter Arrowhead's Schutz zurückgelegt hatten. „Ich wünſche mir wohl bisweilen die Zeit des Friedens wieder,“ ſagte der Pfadfinder,„wo man den Wald durchſtreifen konnte, ohne es mit einem andern Feinde als den wilden Thieren und den Fiſchen zu thun zu haben. Ach, wie manchen Tag habe ich und der Serpent zwiſchen den Strömen bei Wildpret, Salmen und Forellen zugebracht, ohne an einen Mingo oder einen Scalp zu denken! Bisweilen wünſche ich, dieſe geſegneten Tage moͤchten wieder⸗ kehren, denn die Jagd auf mein eignes Geſchlecht gehört nicht zu meinen eigentlichen Gaben. Ich bin überzeugt, daß des Sergeanten Tochter mich nicht für einen ſolchen Elenden hält, der ſeine Luſt an Menſchenblut hat!“ Nach dieſer Bemerkung, welche halb fragend gemacht wurde, blickte der Pfadfinder hinter ſich; und obgleich ſelbſt der parteiiſchſte Freund ſeine ſonnverbrannten, harten Züge kaum ſchön nennen konnte, ſo fand doch Mabel ſein Lächeln, ſeinen geſunden Verſtand und die Aufrichtigkeit, die aus ſeinem ehrlichen Geſicht leuchtete, ſehr anziehend. „Ich glaube nicht, daß mein Vater einen Mann, wie ihr ihn bezeichnet, ausgeſchickt hätte, ſeine Tochter durch die Wildniß zu ge⸗ leiten,“ antwortete das Mädchen, indem ſie ſein Lächeln, ſo freimüthig als es gegeben wurde, nur mit etwas mehr Anmuth erwiederte. „Er hätte es nicht, nein, er hätte es nicht gethan. Der Sergeant iſt ein Mann von Gefühl, und wir haben zuſammen manchen Marſch gemacht und manchen Kampf ausgefochten— Schulter an Schulter, wie er es nennen würde— obgleich ich mir die Glieder immer frei gehalten habe, wenn ein Franzoſe oder Mingo in der Nähe war.“ „So ſeyd Ihr alſo der junge Freund, von dem mein Vater ſo oft in ſeinen Briefen geſprochen hat?“ „Sein junger Freund— der Sergeant iſt gegen mich um dreißig Jahre im Vortheil, ja, er iſt dreißig Jahre älter als ich, und nun eben ſo lange mein Vorgeſetzter.“ „In den Augen der Tochter wohl nicht, Freund Pfadfinder,“ warf Cap ein, deſſen Lebensgeiſter wieder rege zu werden begannen, den ind nd er⸗ 43 als er Waſſer um ſich fließen ſah.„Die dreißig Jahre, deren Ihr erwähnt, werden von den Augen eines neunzehnjährigen Mädchens ſelten als ein Vortheil betrachtet.“ Mabel erröthete, und während ſie ihr Geſicht von den im Vordertheil des Kahnes befindlichen Perſonen abwenden wollte, begegnete ſie dem bewundernden Blicke des jungen Mannes am Stern. Als letzte Zuflucht ſenkte ſie nun ihr ſanftes blaues, aus⸗ drucksvolles Auge gegen die Waſſerfläche. Gerade in dieſem Augen⸗ blick ſchwebte durch die Baumreihe ein matter, dumpfer Ton, ge⸗ tragen von einem leichten Luftſtrome, welcher kaum ein Kräuſeln auf dem Waſſer hervorbrachte. „Das klingt angenehm,“ ſagte Cap, und ſpitzte die Ohren gleich einem Hunde, der entferntes Bellen hört. „Es iſt nur der Fluß, der eine halbe Meile unter uns über einige Felſen ſtürzt.“ „Iſt ein Fall auf dem Strom?“ fragte Mabel, indem ſie noch höher erröthete. „Der Teufel! Meiſter Pfadfinder, oder Ihr, Herr Eau⸗douce,“ (denn ſo begann Cap Jaspern in der vertraulichen Weiſe der Gränz⸗ leute zu nennen), konntet Ihr dem Kahn keinen beſſern Strich geben und Euch näher an das Ufer halten? Dieſe Waſſerfälle haben gewöhnlich Stromſchnellen über ſich, und ebenſo gut könnten wir uns dem Maelſtrom“ als ihrem Saugen anvertrauen!“ „Verlaßt Euch auf uns, verlaßt Euch auf uns, Freund Cap,“ antwortete der Pfadfinder;„wir ſind zwar Friſchwaſſerſchiffer, und ich darf mir nicht einmal auf dieſes viel zu Gute thun; aber wir kennen die Strömungen und die Waſſerfälle, und während wir darüber gehen, werden wir uns Mühe geben, unſerer Erziehung keine Unehre zu machen.“ „Darübergehen!“ rief Cap.„Zum Teufel, Menſch, Ihr „ Ein Meerſtrudel zwiſchen den Klippen Norwegens in der Nähe der Felſeninſel Moskoe. 44 werdet's Euch doch nicht träumen laſſen, über einen Waſſerfall zu fahren in dieſer Nußſchale von Barke?“ „Gewiß, der Weg geht über die Fälle, und es iſt viel leichter, über dieſe wegzuſchießen, als den Kahn auszuladen, und ihn ſammt ſeinem Inhalt zu Land eine Meile Wegs herumzutragen.“ Mabel kehrte ihr erblaßtes Antlitz gegen den jungen Mann am Sterne des Kahnes, denn gerade jetzt hatte ein friſcher Luft⸗ ſtrom das Getöſe der Fälle aufs Neue zu ihren Ohren getragen. Der Ton konnte wirklich Schrecken erregen, da nunmehr ſeine Ur⸗ ſache bekannt war. 5 „Wir dachten, die Frauen und die beiden Indianer ans Land zu ſetzen,“ bemerkte Jasper ruhig,„indeß wir drei weißen Männer, die wir ans Waſſer gewöhnt ſind, das Boot ſicher darüber weg⸗ führen, denn wir ſind ſchon oft über dieſe Fälle geſchoſſen.“ „Und wir zählen auf Euern Beiſtand, Freund Seemann,“ ſagten der Pfadfinder, indem er Jaspern über die Achſel zuwinkte,„denn Ihr ſeyd des Wellenſturzes gewohnt, und wenn nicht einer auf die Ladung Acht hat, ſo möchten alle die feinen Sachen der Tochter des Sergeanten in der Flußwäſche zu Grunde gehen.“ Cap war verwirrt. Der Gedanke, über die Fälle zu fahren, erſchien ſeinen Augen vielleicht ernſthafter, als er denen, welche mit der Führung eines Bootes gänzlich unbekannt waren, vorkommen mochte; denn er kannte die Macht des Elementes und die Rath⸗ loſtgkeit des Menſchen, wenn er der Wuth deſſelben ausgeſetzt iſt. Sein Stolz empörte ſich aber gegen den Gedanken, das Boot zu verlaſſen, als er ſah, mit welcher Feſtigkeit und Ruhe die Andern darauf beſtanden, den Weg auf die bezeichnete Weiſe fortzuſetzen. Ungeachtet dieſes Gefühls und ſeiner ſowohl angebornen als erwor⸗ benen Feſtigkeit in Gefahren, würde er übrigens ſeinen Poſten wahr⸗ ſcheinlich dennoch verlaſſen haben, wenn ſeine Phantaſie nicht von den Bildern der auf Skalpe lauernden Indianer ſo ganz hingeriſſen ge⸗ weſen wäre, daß er den Kahn gewiſſermaſſen als ein Aſyl betrachtete. — l zu öter, nmt ann uft⸗ gen. Ur⸗ and ner, eg⸗ 45 „Was fängt man aber mit Magnet an?“ fragte er, als die Zuneigung zu ſeiner Nichte neue Gewiſſensſcrupel in ihm aufſteigen ließ.„Wir können ſie doch nicht ans Land ſetzen, wenn Indianer in der Nähe ſind?“ „Nein, kein Mingo wird ſich dem Trageweg nähern; denn dies iſt ein Ort, der zu offen iſt für ihre Teufeleien,“ antwortete Pfadfinder zuverſichtlich.„Natur iſt Natur, und es gehört zur Natur des Indianers, ſich da finden zu laſſen, wo er am wenigſten erwartet wird. Auf beſuchten Pfaden hat man ihn nicht zu fürchten, denn er wünſcht immer unvorbereitet zu überfallen, und die Schufte machen ſichs zur Ehrenſache, ihre Gegner auf einem oder dem andern Wege zu täuſchen. Streich ein, Eau⸗douce; wir wollen des Sergeanten Tochter am Ende jenes Baumſtrunkes landen, auf dem ſie trockenen Fußes das Ufer erreichen kann.“ Die Einlenkung geſchah, und in wenigen Minuten hatte die ganze Geſellſchaft, mit Ausnahme des Pfadfinders und der beiden Seeleute, den Kahn verlaſſen. Ungeachtet des Stolzes auf ſein Gewerbe würde jedoch Cap freudig gefolgt ſeyn, wenn er ſich nicht geſcheut hätte, in Gegenwart der beiden Friſchwaſſerſchiffer eine ſo unzweideutige Schwäche an den Tag zu legen. „Ich rufe alle zu Zeugen an,“ ſagte er⸗ als die Gelandeten ſich zum Abzuge anſchickten,„daß ich dieſe ganze Sache für weiter nichts anſehe, als für eine Kahnfahrt in den Wäldern. Es gilt keine Seemannskunſt beim Hinunterſtürzen über einen Waſſerfall, und es iſt eine Heldenthat, die der unerfahrenſte Schlingel ſo gut wie der älteſte Matroſe beſtehen kann.“ „Nein, nein, Ihr habt nicht nöthig⸗ die Oswegofälle zu ver⸗ achten, denn wenn ſie ſchon keine Niagaras, oder Geneſſees, oder Cahoos, oder Glenns, oder ſonſtige Fälle Canadas ſind, ſo ſind ſie doch immer ſtark genug für einen Neuling. Laßt des Sergeanten Tochter auf jenen Felſen ſtehen, und ſie wird ſehen, wie wir un⸗ wiſſende Hinterwäldler über eine Schwierigkeit hingehen, unter der wir nicht wegkommen können. Nun, Eau⸗douce, feſte Hand und ſicheres Auge, denn alles liegt auf Euch, da, wie ich ſehe, Meiſter Cap für nichts weiter, als für einen Paſſagier zu rechnen iſt.“ Als er geendet hatte, verließ der Kahn das Ufer. Mabel erreichte mit ſchnellem und zitterndem Schritte den ihr bezeichneten Felſen und ſprach mit ihrer Begleiterin über die Gefahr, in welche ihr Onkel ſich ſo unnöthiger Weiſe begeben hatte, indeß ihr Blick unverwandt auf der behenden und kräftigen Geſtalt von Eau⸗douce ruhete, welcher aufrecht in dem Stern des leichten Bootes ſtand und die Bewegungen deſſelben leitete. Als ſte jedoch die Stelle erreicht hatte, wo ſich ihr die Ausſicht über den Waſſerfall öffnete, ſtieß ſie einen unwillkührlichen aber unterdrückten Schrei aus und bedeckte ſich die Augen. Im nächſten Augenblick ließ ſie aber die Hände wieder ſinken, und nun ſtand das hingeriſſene Mädchen un⸗ beweglich wie eine Statue und beobachtete mit verhaltenem Athem, was vorging. Die zwei Indianer ſetzten ſich theilnahmlos auf einen Baumſtamm, kaum gegen den Strom hinblickend, indeß Arrowhead's Weib ſich Mabel näherte und auf die Bewegungen des Kahns mit demſelben Intereſſe zu achten ſchien, mit welchem die Blicke der Kinder den Sprüngen eines Gauklers folgen. Als das Boot in der Strömung war, ſank Pfadfinder auf die Kniee und fuhr fort zu rudern. Er that es doch nur langſam und in einer Weiſe, welche die Bemühungen ſeines Gefährten nicht beeinträchtigte. Letzterer ſtand noch aufrecht, und da er ſein Auge auf irgend einen Gegenſtand jenſeits des Falles gerichtet hielt, ſo war es augenſcheinlich, daß er ſorgfältig die für ihre Paſſage ge⸗ eignetſte Stelle ausſpähte. „Mehr Weſt, Junge! mehr Weſt,“ brummte Pfadfinder;„da wo ihr den Waſſerſchaum ſeht. Bringt den Gipfel der todten Eiche in eine Linie mit dem Stamm der dürren Schierlingstanne.“ Eau⸗douce gab keine Antwort; denn der Kahn war in der Mitte des Fluſſes, mit dem Schnabel gegen den Fall gekehrt, und fing —òÿ——— ⏑ 47 nun an, ſeine Bewegungen zu beſchleunigen, da die Gewalt der Strömung ſich mehrte. In dieſem Augenblicke würde Cap mit Freuden auf alle ruhmvollen Anſprüche, die er bei dieſer Unter⸗ nehmung erwerben konnte, verzichtet haben, wenn er nur mit heiler Haut hätte das Ufer erringen können. Er hörte das Geräuſch des Waſſers wie ein entferntes Donnern, welches immer lauter und deutlicher wurde, und vor ſich ſah er eine Linie den Wald durch⸗ ſchneiden, in welcher das erzürnte grüne Element ſich zu weiten und zu leuchten ſchien, als ob es eben im Begriff ſey, die Elemente ſeines Zuſammenhangs zu zerſtören. „Hinunter mit Eurem Steuer, hinunter mit Eurem Steuer, Menſch!“ rief er aus, unfähig ſeine Beängſtigung länger zu unter⸗ drücken, als der Kahn auf den Rand des Falles losglitt. „Ha ha, hinunter geht es, ſicher genug,“ antwortete Pfadfinder, indem er einen Augenblick mit ſeinem ſtillen, muntern Lachen hinter ſich blickte,„hinunter gehen wir, ſicherlich! Lüpf' den Stern, Junge, beſſer auf mit dem Stern!“ Das Uebrige ging mit der Schnelligkeit des Windes. Eau⸗ douce gab mit dem Ruder den erforderlichen Schwung, der Kahn ſchoß in das Fahrwaſſer, und auf einige Augenblicke war es Cap, als ſey er in einen Kochkeſſel geſtoßen. Er fühlte die Kahnſtzitze ſich biegen, ſah das wild bewegte, ſchaumige Waſſer in tollem Wogen an ſeiner Seite tanzen und bemerkte, daß das leichte Fahr⸗ zeug, in welchem er ſchwamm, wie eine Nußſchale umhergeſtoßen wurde. Dann entdeckte er zu ſeiner eben ſo großen Freude als Ueberraſchung, daß es unter Jaspers ſicherm Ruderſchlage quer durch das ruhige Waſſerbecken glitt, welches ſich unter dem Falle befand. Der Pfadfinder fuhr fort zu lachen, erhob ſich von ſeinen Knieen, brachte eine zinnerne Kanne nebſt einem Hornlöffel hervor und fing an, bedächtig das Waſſer, welches während ihrer Ueber⸗ fahrt in den Kahn gedrungen war, zu meſſen. „Vierzehn Löffel voll, Eau⸗ douce; vierzehn wohlgemeſſene 48 Löffel voll. Ihr müßt zugeben, daß ich Euch mit bloß zehn habe überſetzen ſehen.“. „Meiſter Cap lehnte ſo hart gegen den Strom,“ entgegnete Jasper ernſt,„daß ich Mühe hatte, dem Kahn die gehörige Rich⸗ tung zu geben. „Es mag ſeyn, es mag ſeyn; und ich zweifle nicht, daß es wirklich ſo iſt, weil Ihr es ſagt. Aber ich weiß, daß Ihr ſonſt bloß mit zehnen überfahrt.“ Cap machte ſich durch ein erſchütterndes Näuſpern Luſt, griff nach ſeinem Zopf, als ob er ſich verſichern wollte, daß ſich derſelbe noch wohlbehalten an ſeiner Stelle befinde, und blickte dann zurück, um die Gefahr zu ermeſſen, welche er eben erſtanden hatte; denn daß ſie vorüber war, wurde ihm ſchnell klar. Die größte Waſſer⸗ maſſe des Stromes hatte einen ſenkrechten Fall von ungefähr zehn bis zwölf Füßen; aber mehr gegen die Mitte hin wurde die Gewalt der Strömung ſo mächtig, daß das Waſſer unter einem Winkel von ungefähr fünfundvierzig Graden abſtieß und daſelbſt eine ſchmale Paſſage über den Felſen eröffnete. Der Kahn war über dieſen kitzlichen Weg mitten durch zerbrochene Felſenſtücke, die Strudel und die Stöße des empörten Elementes, welche jeden Unkundigen die unvermeidliche Zerſtörung eines ſo zerbrechlichen Fahrzeugs be⸗ ſorgen ließen, gegangen. Seine große Leichtigkeit hatte die Ueber⸗ fahrt begünſtigt; denn getragen vom Kamme des Waſſers, und geleitet von einem feſten Auge und einem kräftigen Arm tanzte er mit der Leichtigkeit einer Feder von einer Schaumſpitze zur andern, ſo daß kaum ſeine blanke Seite benetzt wurde. Es waren einige Felsblöcke zu vermeiden, welche eine äußerſt genaue Führung for⸗ derten; das übrige geſchah durch die Gewalt der Strömung.* Wollte man ſagen, daß Cap erſtaunt geweſen ſey, ſo würde * Der Leſer halte dieſe Schilderung nicht für bloße Fiktion, denn der Ver⸗ faſſer verſichert, einen Zweiunddreißigpfünder geſehen zu haben, der glücklich über dieſelben Fälle geführt worden iſt. ‿₰ꝙ — 12— —— S—/— .— 49 man nicht halb ſeine Gefühle ausdrücken. Er war mit Ehrfurcht erfüllt, denn der gewaltige Reſpekt, den die meiſten Seeleute vor Felſen haben, kam noch ſeiner Bewunderung für die Kühnheit zu Hilfe, mit welcher dieſes Manöver ausgeführt worden war. Er war jedoch nicht geneigt, alle ſeine Empfindungen an den Tag zu legen, um nicht zu viel zu Gunſten der Friſchwaſſer⸗ und Binnenſchifffahrt einzu⸗ räumen. Auch klärte er ſeine Kehle nicht eher durch das obenge⸗ nannte Räuſpern, als bis ſeine Zunge ſich wieder in dem gewöhn⸗ lichen Zuge der Ueberlegenheit befand. „Ich habe nichts gegen Eure Kenntniß der Stromfahrt ein⸗ zuwenden, Meiſter Eau⸗douce(denn dieſe Benennung hielt er gläubig für Jaspers Zunamen), und allem nach iſt die Kenntniß des Fahrwaſſers an einem ſolchen Platze die Hauptſache. Ich habe es mit Schaluppenführern zu thun gehabt, die ehier auch hätten herunterfahren können, wenn ſie das Fahrwaſſer gekannt hätten.“ „Es iſt nicht genug, das Fahrwaſſer zu kennen, Freund See⸗ mann,“ ſagte Pfadfinder;„es braucht Kraft und Geſchicklichkeit, den Kahn aufrecht zu halten und ihn klar von den Felſen abzu⸗ ſteuern. Es iſt außer Eau⸗douce in der ganzen Gegend kein Bootsmann, der den Oswegofall mit Sicherheit zu paſſiren im Stande wäre, obſchon hin und wider einer durchgetappt iſt. Ich kanns auch nicht, wenn nicht mit Gottes Hilfe: und man braucht Jaspers Hand und Jaspers Auge, wenn man die Fahrt trocken und ſicher machen will. Vierzehn Löffel voll ſind im Grunde auch nicht viel, obgleich ich gewünſcht hätte, es wären nur zehn ge⸗ weſen, weil des Sergeanten Tochter zugeſehen hat.“ „Und doch kanntet Ihr die Führung des Kahns, und ſagtet ihm, wie er leiten und ſtreichen ſolle.“ „Menſchliche Schwachheit, Meiſter Seemann;'s iſt etwas von der Weißhaut⸗Natur. Wäre der Serpent in dieſem Boot geweſen, ſo würde er kein Wort geſprochen und keinem Gedanken Laut gegeben haben. Ein Indianer weiß, wie er ſeine Zunge zu Der Pfadfinder. 3. Aufl. 4 meiſtern hat, aber wir weißes Volk bilden uns immer ein, wir ſeyen klüger, als unſere Kameraden. Ich bin zwar willens, mich von dieſer Schwäche zu curiren, aber es braucht Zeit, ein Unkraut auszurotten, das ſchon mehr als dreißig Jahre gewuchert hat.“ „Ich halte wenig, oder, aufrichtig zu reden, gar nichts von der ganzen Geſchichte. Es handelt ſich bei einem Wegſchießen unter der Londoner Brücke nur um eine kleine Schaumwäſche, und Hunderte von Menſchen, ja ſelbſt die empfindlichſten vornehmen Damen thun es täglich. Selbſt des Königs Majeſtät hat in höchſteigener Per⸗ ſon die Fahrt gemacht.“ „Wohl, wir brauchen keine vornehmen Damen oder Königliche Majeſtäten(Gott ſegne ſie) für unſern Kahn, wenn er über dieſe Fälle geht, denn eine Bootsbreite auf irgend eine Weiſe gefehlt, möchte leicht aus ihnen erſäufte Leichname machen. Eau⸗douce, wir werden des Sergeanten Schwager wohl noch über den Niagara führen müſſen, um ihm zu zeigen, was wir Gränzleute zu leiſten vermögen.“ „Zum Teuſel, Meiſter Pfadfinder, Ihr ſeyd gegenwärtig ſehr ſpaßhaft. Sicher iſt es unmöglich, in einem Birkenkahn über jenen mächtigen Waſſerſturz zu ſetzen.“ „Ihr ſeyd in Eurem Leben nie in einem größern Irrthum geweſen, Meiſter Cap. Nichts iſt leichter als dies, und ich habe manchen Kahn mit meinen eigenen Augen hinunter rutſchen ſehen. Wenn wir beide leben, ſo hoffe ich Euch von der Wahrheit zu überzeugen. ch. für meinen Theil, denke, das größte Schiff, das je auf dem Oxean geſegelt hat, müßte da hinunter geführt werden, ſobald es einmal in den Stromſchnellen iſt.“ Cap bemerkte den Wink nicht, welchen der Pfadfinder mit Eau⸗ douce wechſelte, und blieb eine Weile ſtill; denn in der That, er hatte nie an die Möglichkeit gedacht, den Niagara hinunterzukommen, ſo ſehr ſie auch jedem Andern in die Augen ſpringen mußte, während doch, wenn man die Sache beim Licht betrachtet, die Schwierig⸗ keit eigentlich nur in dem Hinaufkommen liegt. wir nich aut der der erte hun Ler⸗ iche ieſe hlt, wir pren n. 44 ſehr ber gum abe hen. zu das den, kau⸗ er nen, rend rig⸗ 51 Unterdeſſen hatte die Geſellſchaft die Stelle erreicht, wo Jasper ſeinen eigenen Kahn gelaſſen und im Gebüſch verſteckt hatte. Sie ſchifften ſich hier aufs Neue ein; Cap, Jasper und die Nichte in dem einen, Pfadfinder, Arrowhead und das Weib des Letzteren in dem andern Boote. Der Mohikan war bereits zu Land an den Ufern des Fluſſes weiter gegangen, indem er vorſichtig und mit der Gewandtheit ſeines Volkes auf die Zeichen eines Feindes achtete. Mabels Wangen fingen erſt wieder an zu blühen, als der Kahn ſich in der Strömung befand, auf welcher er ſanft, nur gelegentlich von Jaspers Ruder angetrieben, abwärts glitt. Sie hatte den Uebergang über den Waſſerfall mit einem Schrecken angeſehen, der ihre Zunge gebunden hielt. Doch war ihre Furcht nicht ſo groß geweſen, daß ſie der Bewunderung Eintrag gethan hätte, welche ſte der Feſtigkeit des Jünglings, der die Bewegungen leitete, zollen mußte. In der That wären auch die Gefühle eines weit weniger empfänglichen Mädchens durch die beſonnene und brave Haltung, mit welcher er das Wageſtück ausführte, erweckt worden. Er war aufrecht geblieben, ohngeachtet des Sturzes, und diejenigen, welche ſich am Ufer befanden, vermochten deutlich zu unterſcheiden, daß nur durch die zeitige Anwendung ſeiner Kraft und Gewandtheit der Kahn den nöthigen Schwung bekam, um von einem Felſen klar abzufahren, über welchen das ſprudelnde Waſſer ſich in Strahlen brach, und bald das braune Geſtein ſichtbar wer⸗ den ließ, bald es mit einem durchſichtigen Wogenguß überſchüttete, als ob ein künſtliches Triebwerk dieſes Spiel des Elements veran⸗ laßte. Die Zunge vermag nicht immer auszudrücken, was das Auge ſchaut; aber Mabel ſah, ſelbſt in jenem Augenblicke des Schreckens, genug, um ihrem Geiſte für immer die Bilder des herabſtürzenden Kahns und des unbewegten Steuermanns einzuprägen. Sie dul⸗ dete dieſe verrätheriſchen Gefühle, welche das Weib ſo eng an den Mann ketten, und denen ſich noch der Eindruck der Sicherheit, welche ihr ſein Schutz verſprach⸗ beimiſchte. Sie fühlte ſich in der 52 zerbrechlichen Barke, in welcher ſie ſich befand, das erſte Mal wieder, ſeit ſie Fort Stanwir verlaſſen hatte, ſo recht leicht und behaglich. Der andere Kahn ruderte ganz nahe an dem ihrigen, und da der Pfadfinder gerade ihr gegenüber ſaß, ſo fand vorzugsweiſe zwiſchen ihnen beiden die Unterredung Statt. Jasper ſprach ſelten, wenn er nicht angeredet wurde, und verwandte fortwährend eine Sorgfalt auf die Führung ſeines Bootes, welche wohl Jedem, der an ſeine ſonſtige zuverſichtliche und ſorgloſe Weiſe gewöhnt war, hätte auf⸗ fallen müſſen, wenn ein ſolcher Beobachter gegenwärtig geweſen wäre. „Wir kennen zu gut die Gaben der Frauen, um daran zu denken, des Sergeanten Tochter über die Fälle zu führen,“ ſagte der Pfadfinder mit einem Blick auf Mabel zu dem Onkel,„obgleich ich manche ihres Geſchlechts in dieſen Gegenden gekannt habe, welche ſich wenig aus einer ſolchen Fahrt machen würden.“ „Mabel iſt zaghaft wie ihre Mutter,“ entgegnete Cap,„und Ihr thatet wohl, Freund, ihrer Schwäche zu ſchonen. Ihr werdet Euch erinnern, daß das Kind nie auf der See geweſen iſt.“ „Nein, nein, das war leicht zu entdecken; doch bei Eurer eigenen Furchtloſigkeit hätte wohl Jeder ſehen können, wie wenig Ihr Euch aus der Sache machtet. Ich fuhr einmal mit einem ungeſchickten Burſchen hinunter, der aus dem Kahn ſprang, gerade als er den Saum berührte, und Ihr möͤgt urtheilen, was für eine Zeit er dazu gewählt hatte.“ „Was wurde aus dem armen Kerl?“ fragte Cap, welcher nicht wußte, wie er des andern Weiſe zu nehmen hatte, denn ſie war ſo trocken und einfach, daß ein Menſch, der nur ein bischen weniger ſtumpf, als der alte Seemann war, ihre Aufrichtigkeit verdächtig gefunden hätte.„Wer dieſe Stelle paſſirt hat, weiß, wie es ihm zu Muthe ſeyn mochte.“ „Es war ein armer Kerl, wie Ihr ſagt, und ein armer Gränzmann dazu, obgleich er es nur that, um uns unwiſſenden Leuten ſeine Geſchicklichkeit zu zeigen. Was aus ihm wurde? Ei 5³3 er ging köpflings die Fälle hinunter, wie es bei einem Landhaus oder Fort auch gegangen wäre“— „Wenn ſie aus einem Kahn ſpringen würden,“ unterbrach ihn Jasper lächelnd, obgleich er ſichtlich weit geneigter war, als ſein Freund, die Fahrt über die Waſſerfälle in Vergeſſenheit zu bringen. „Der Junge hat Recht,“ erwiederte Pfadfinder mit einem Lachen gegen Mabel, welcher er ſich ſo weit genähert hatte, daß die Kähne ſich hart berührten;„er hat ſicher Recht. Aber Sie haben uns noch nicht geſagt, was Sie von dem Satze halten, den wir da gemacht haben?“ „Er war gefährlich und kühn,“ ſagte Mabel,„und als ich zuſah, hätte ich wohl gewünſcht, daß er nicht verſucht worden wäre, obſchon ich jetzt, da er vorüber iſt, die Kühnheit und Feſtigkeit mit der er gemacht wurde, bewundern muß.“ „Glauben Sie übrigens ja nicht, daß wir es thaten, um uns in den Augen eines Frauenzimmers hervorzuheben. Es mag zwar jungen Leuten angenehm ſeyn, durch Handlungen, welche kühn und lobenswerth erſcheinen, ſich bei andern in eine gute Meinung zu ſetzen, aber weder Eau⸗douee noch ich ſelbſt bin von dieſer Sorte. Meine Natur, obgleich vielleicht Serpent ein beſſeres Zeug⸗ niß ablegen könnte, hat ſich hierin nicht geändert; ſie iſt eine gerade Natur und würde nicht geeignet ſeyn, mich zu einer derartigen, ungebührlichen Eitelkeit zu verleiten. Was den Jasper anbelangt, ſo würde er über die Oswego⸗Fälle lieber ohne einen Zuſchauer gehen, als vor hundert Augenpaaren. Ich kenne den Jungen aus langer Kameradſchaft, und bin ſicher, daß er kein Prahler und eitler Großthuer iſt.“ Mabel blickte den Kundſchafter mit einem Lächeln an, welches Veranlaſſung gab, die Kähne noch eine Weile länger beiſammen zu halten; denn der Anblick von Jugend und Schönheit war ſo ſelten an dieſer entfernten Gränze, daß die eben getadelten und unterdrückten Gefühle dieſes Wanderers in den Wäldern durch 54 die blühende Liebenswürdigkeit des Mädchens empfindlich berührt wurden. „Wir hielten es für's Beſte,“ fuhr Pfadfinder fort,„und es war auch das Beſte. Hätten wir den Kahn zu Land weiter gebracht, ſo wäre viel Zeit verloren gegangen, und nichts iſt ſo koſtbar, als Zeit, wenn man ſich vor den Mingos in Acht zu nehmen hat.“ „Aber wir können nun wenig mehr zu fürchten haben. Die Kähne fahren ſchnell, und zwei Stunden werden uns, wie Ihr ge⸗ ſagt habt, nach dem Fort bringen.“ „Es muß ein ſchlauer Irokeſe ſeyn, der Ihnen auch nur ein Haar Ihres Hauptes beſchädigen will; denn hier haben ſich Alle dem Sergeanten und die meiſten, denke ich, gegen Sie ſelbſt verpflichtet, jedes Ungemach von Ihnen ferne zu halten. Ha! Eau⸗douce, was iſt das an dem Fluß? dort, an der untern Umbiegung, unterhalb des Gebüſches— was ſteht dort an dem Felſen?“ 's iſt Big Serpent, Pfadfinder; er macht uns Zeichen, die ich nicht verſtehe.“ „'s iſt der Serpent, ſo wahr ich ein Weißer bin, und er wünſcht, daß wir uns mehr ſeinem Ufer nähern. Es iſt Unheil um den Weg, ſonſt würde ein Mann von ſeiner Bedächtigkeit und Feſtigkeit nie dieſe Störung veranlaſſen. Doch Muth! Wir ſind Männer, und müſſen uns bei einer Teufelei benehmen, wie es unſerer Farbe und unſerem Berufe ziemt. Ah! ich hab nie etwas Gutes aus dem Großthun kommen ſehen; und hier, gerade da ich mich unſerer Sicherheit rühme, kommt die Gefahr, die mich Lügen ſtraft.“ 8+₰ die Viertes Kapitel. Hier bietet der Natur die Kunſt die Wette Und ſchafft in ſeiner grünen Pracht den Baum; Um ſeinen Stamm ſchlingt ſich des Epheu's Kette, Und wilde Roſen glühn in ihrem Saum. Spenſer. Unter den Fällen des Oswego iſt die Strömung reißender und ungleicher als oberhalb derſelben. Es gibt Stellen, wo der Fluß mit der ſtillen Ruhe des tiefen Waſſers hinfließt, aber auch viele Sandbänke und Stromſchnellen, und damals, als noch Alles in ſeinem Naturzuſtande ſich befand, war die Durchfahrt ſtellenweiſe nicht ohne Gefahr. Zwar wurde im Allgemeinen nur wenig An⸗ ſtrengung von Seite der Kahnführer erfordert; an Stellen aber, wo die Schnelligkeit der Strömung und die vorhandenen Felſen Vorſicht verlangten, bedurſte es in der That nicht bloß der Wach⸗ ſamkeit, ſondern auch der größten Beſonnenheit, Schnelligkeit und kräftiger Arme, um die Gefahr zu vermeiden. Auf alles dieſes hatte der Mohikan geachtet, und mit Umſicht eine Stelle gewählt, wo der Fluß ruhig genug floß, um die Kähne anhalten und die Kommunikation für diejenigen, welche er zu ſprechen wünſchte, ge⸗ fahrlos einleiten zu können. Sobald der Pfadfinder die Geſtalt ſeines rothen Freundes erkannt hatte, ruderte er mit kräftigen Schlägen dem Ufer zu und veranlaßte Jaspern, ihm zu folgen. In einer Minute waren beide Kähne in dem Bereiche des überhängenden Gebüſches. Es herrſchte tiefes Stillſchweigen, welches die Einen aus Furcht, die Andern aus gewohnter Vorſicht beobachteten. Als die Reiſenden ſich dem Indianer näherten, veranlaßte er ſie durch ein Zeichen, ſtill zu halten, und hielt dann mit dem Pfadfinder eine kurze aber ernſte Beſprechung in der Sprache der Delawaren. Der Häuptling iſt nicht der Mann, der einen todten Stamm Ln 56 2 für einen Feind anſieht,“ bemerkte der weiße Mann gegen ſeinen rothen Verbündeten,„warum läßt er uns anhalten?“ „Mingos ſind in den Wäldern.“ „Das haben wir in dieſen zwei Tagen vermuthet. Weiß der Häuptling davon?“ Der Mohikan hielt ruhig einen ſteinernen Pfeifenkopf in die Höhe. „Er lag auf einer friſchen Fährte, welche gegen die Garniſon hinführt“— ſo wurden nämlich von den Gränzleuten die militäri⸗ ſchen Werke, mochten ſie Mannſchaft haben oder„ genannt. „Das kann ein Pfeifenkopf ſeyn, der einem Soldaten gehört. Viele bedienen ſich der Pfeifen der Rothhäute.“— „Sieh,“ ſagte Big Serpent, und hielt auf's denen Gegenſtand ſeinem Freunde vor Augen. Der Pfeifenkopf war mit großer Sorgfalt und Geſchicklichkeit aus Seifenſtein geſchnitten. In der Mitte befand ſich ein kleines lateiniſches Kreuz, das mit einer Genauigkeit gefertigt war, welche keinen Zweifel über ſeine Bedeutung geſtattete. „Das prophezeit Unheil und Teufelei, ſagte der Pfadfinder, welcher den damals in den engliſchen Provinzen gewöhnlichen Abſcheu gegen dieſes heilige Symbol theilte; und da man leicht Sachen mit Perſonen verwechſelt, ſo hatte ſich dieſes Grauen ſo mit den Vorurtheilen der Leute verflochten und einen ſo mächtigen Eindruck auf das moraliſche Gefühl des Volkes geübt, daß man die Spuren deſſelben noch heutigen Tages erkennen kann. „Kein Indianer, der nicht durch die ſchlauen Prieſter Canada's verkehrt iſt, würde ſich's einfallen laſſen, ein Ding wie dieſes auf ſeine Pfeife zu ſchneiden. Ich wette, der Spitzbube betet jedesmal zu dieſem Bild, wenn er mit einem Unſchuldigen zuſammen treffen und ſeine Schuftigkeit an ihm ausüben will. Iſt ſie auch friſch, Chingachgook?“ „Der Taback war noch brennend, als ich ſie fand.“ „Das wird tüchtige Arbeit geben, Häuptling. Wo iſt die Spur?“ Neue den gefun⸗ nen 57 Der Mohikaner deutete auf eine Stelle, welche keine hundert Ellen von ſeinem Standpunkt entfernt war. Die Sache begann nun ein ernſteres Ausſehen zu gewinnen. Die zwei Hauptführer beſprachen ſich einige Minuten beiſeite, ſtiegen dann am Ufer hinauf, näherten ſich dem bezeichneten Orte und unterſuchten die Fährte mit der größten Sorgfalt. Als ihre Nach⸗ forſchungen ungefähr eine Viertelſtunde gedauert hatten, kehrte der weiße Mann allein zurück, und ſein rother Freund verſchwand in dem Walde Sonſt trug das Geſicht des Pfadfinders ein Gepräge der Ein⸗ fachheit, Rechtſchaffenheit und Aufrichtigkeit, gemiſcht mit der Miene des Selbſtvertrauens, welches gewöhnlich Allen, die ſich unter ſeiner Hut befanden, Zuverſicht einflößte; aber nun warf der Ausdruck der Sorge einen Schatten über ſeine ehrlichen Züge, welcher die ganze Geſellſchaft beunruhigte. „Was gibts, Meiſter Pfadfinder?“ fragte Cap, indem ſeine gewohnte tiefe, ſtarke und zuverſichtliche Stimme zu einem ſcheuen Flüſtern ſich ermäßigte, welche ſich allerdings mehr für die. Ge⸗ fahren der Wildniß eignete.„Hat ſich der Feind zwiſchen uns und unſern Hafen gelegt?“ „Wie?“ „Haben einige von dieſen bemalten Schalksnarren Anker ge⸗ worfen vor dem Hafen, auf welchen wir losſteuern, in der Hoffnung, uns die Einfahrt abzuſchneiden?“ „Es mag ſeyn wie Ihr ſagt, Freund Cap, aber ich bin durch Eure Worte um kein Haar weiſer geworden, und in kitzlichen Zeit⸗ umſtänden wird man um ſo leichter verſtanden, je deutlicher man ſein Engliſch macht. Ich weiß nichts von Hafen und Anker, aber es liegt eine beängſtigende Mingofährte in der Nähe von hundert Ellen, und ſo friſch wie Wildpret ohne Salz. Wenn Einer von dieſen argen Teufeln vorübergekommen iſt, ſo ſind es auch ein Dutzend; und was das ſchlimmſte iſt, ſie ſind abwärts gegen die 58 Garniſon zu gegangen, und keine Seele kann um die Lichtung her⸗ umkommen, ohne daß man einigen ihrer durchbohrenden Augen in den Weg käme. Dann wirds ſicher Kugeln geben.“ „Kann nicht das beſagte Fort eine Lage geben und Alles innerhalb des Bereichs ſeiner Klüſen wegfegen?“ „Nein, die Forts ſind bei uns nicht wie die Forts in den Anſiedelungen, und zwei oder drei leichte Kanonen ſind Alles, was ſie da unten an der Mündung des Fluſſes haben. Ueberhaupt hieße auch ein Lagerfeuer auf ein Dutzend herumſtreifender Mingos geben, die ſich hinter Baumſtämmen und im Walde verbergen können, ſein Pulver verſchwenden. Wir haben nur einen, und zwar einen ſehr kitzlichen Weg. Wir ſind einmal hier; beide Kähne ſind durch das hohe Ufer und das Gebüſch vor Aller Augen verborgen, wenn uns nicht einer von jenen Strauchdieben gerade gegenüber in den Weg kommt. Hier wollen wir alſo bleiben, ohne uns der Furcht zu überlaſſen. Aber wie bringen wir die blutdürſtigen Teufel wieder über den Strom hinauf?— Ha, ich hab' es— ich hab' es. Wenn es auch nichts nützt, ſo kann es doch nichts ſchaden. Seht Ihr den breitwipfeligen Kaſtanienbaum dort, Jasper, an der letzten Stromwendung? Auf Eurer Seite, meine ich.“ „Den bei der geſtürzten Fichte?“ „Denſelben. Nehmt Stein und Feuerzeug, kriecht am Ufer hin und macht ein Feuer auf dieſe Stelle. Kann ſeyn, daß ſie der Rauch da hinauflockt. Mittlerweile bringen wir vielleicht mit der gehörigen Vorſicht die Kähne weiter hinunter und finden einen andern Schutz. Buſchwerk haben wir genug, und ein Verſteck iſt leicht in dieſer Gegend zu finden, was uns die vielen Hinterhalte beweiſen können.“ „Ich will's thun, Pfadfinder,“ ſagte Jasper und ſprang ans Ufer.„In zehn Minuten ſoll das Feuer brennen.“ „Und, Eau⸗douce, nehmt diesmal ordentlich feuchtes Holz dazu,“ flüſterte der Andere mit ſeinem eigenthümlichen herzlichen L. z1 59 Lachen.„Wenn es an Rauch fehlt, ſo muß Waſſer helfen, ihn zu verdicken.“ Der junge Mann, welcher zu wohl den Werth ſeiner Aufgabe kannte, um ſie unnöthig zu verzögern, eilte raſch dem bezeichneten Punkte zu. Mabel wagte einen leichten Einwurf wegen der Gefahr, welcher aber nicht beachtet wurde, und die Geſellſchaft bereitete ſich vor, ihre gegenwärtige Stellung unverzüglich zu verändern, da ſie von dem Orte aus, wo Jasper das Feuer anzuzünden beabſichtigte, geſehen werden konnten. Die Bewegung forderte keine Eile und wurde mit Ruhe und Vorſicht ausgeführt. Die Kähne fuhren um die Gebüſche herum und glitten mit der Strömung fort, bis ſie eine Stelle erreicht hatten, an welcher ſie von dem Kaſtanienbaum aus nicht mehr erblickt werden konnten. Hier hielten ſie an, und aller Augen richteten ſich nun auf den zurückgebliebenen Abenteurer. „Da ſteigt der Rauch auf,“ rief der Pfadfinder, als ein leichter Windſtoß eine kleine Dunſtſäule vom Land aus in die Höhe wirbelte und ſie in ſpiralförmigen Wendungen über das Bette des Fluſſes hintrieb.„Ein guter Stein, ein Stückchen Stahl und ein Haufen dürrer Blätter machen ein ſchnelles Feuer. Ich hoffe, Eau⸗dourte wird ſo viel Einſicht haben, ſich an das feuchte Holz zu erinnern, wenn uns die Liſt zu Frommen kommen ſoll.“ „Zu viel Rauch— zu viel Klugheit,“ ſagte Arrowhead in ſeiner ſententiöſen Weiſe. „Das wäre ſo wahr als die Bibel, Tuscarora, wenn die Mingos nicht wüßten, daß es Soldaten in der Nähe gibt. Die Soldaten denken aber an einem Raſtorte gemeiniglich eifriger auf ihre Mahlzeit, als an das, was klug iſt und ſie gegen Gefahr ſchützen könnte. Nein, nein! Mag der Junge immerhin ſeine Holzklötze aufhäufen, daß es einen tüchtigen Rauch ſetzt; ſie werden es der Dummheit einiger iriſcher und ſchottiſcher Tölpel zuſchreiben, welche mehr an ihre Hafergrütze und ihre Kartoffeln denken, als an ein Zuſammentreffen mit Indianern und indianiſchen Büchſen.“ „Man ſollte aber doch, nach allem was ich hierüber in den Städten gehört habe, glauben, daß die Soldaten an dieſer Gränze an die Kunſtgriffe ihrer Feinde gewöhnt und faſt ſo liſtig geworden ſeyen, als die rothen Menſchen ſelbſt,“ erwiederte Mabel. „Nicht dieſe, nicht dieſe. Erfahrung macht ſie nur wenig klüger, und ſie discuriren von ihren Wendungen, ihren Pelotons und Bataillons hier in den Wäldern ſo behaglich, als wären ſie zu Hauſe in ihren Pferchen. Eine Rothhaut hat mehr Schlauheit in ihrer Natur, als ein ganzes Regiment von der andern Seite des Waſſers. Ich nenne das Wälderſchlauheit.— Aber auf mein Wort, nun iſt's genug Rauch, und wir werden beſſer thun, uns einen andern Verſteck aufzuſuchen. Der Junge hat den ganzen Fluß in ſein Feuer geworfen, und es iſt zu beſorgen, daß die Mingos glauben, es iſt ein ganzes Regiment um den Weg.“ Während er ſo ſprach, trieb der Pfadfinder von dem Buſche weg, an dem er bisher angelegt hatte, und in einigen Minuten verbarg ihnen die Biegung des Fluſſes den Rauch und den Baum. Glücklicher Weiſe zeigte ſich auch an dem Ufer, wenige Ellen von dem Punkt, an dem ſie eben vorbeifuhren, eine kleine Bucht, in welche die Kähne unter dem Einfluß der Ruder einlenkten. Die Reiſenden hätten wohl keinen geſchickteren Platz für ihre Abſicht auffinden können. Das Gebüſch war dick und hing gegen das Waſſer hin, ſo daß es einen vollſtändigen Blätterbaldachin bildete. Im Grunde der kleinen Bucht befand ſich ein ſchmaler kieſiger Strand, wo die Mehrzahl der Geſellſchaft zu ihrer größeren Be⸗ quemlichkeit an's Land ging. Auch konnten ſie bloß von der gerade entgegengeſetzten Seite des Fluſſes aus bemerkt werden. Von dieſer Seite her war jedoch die Gefahr der Entdeckung gering, da das Geſträuch hier dichter als gewöhnlich und das Land jenſeits deſſelben ſo naß und ſumpfig war, daß man nicht ohne große Schwierigkeiten durchkommen konnte. „Das iſt ein guter Schlupfwinkel,“ ſagte der Pfadfinder, als ̃˙* — ₰. ed ————-——, ᷓ——, 61 er ſeine Stellung mit dem Blicke eines Kenners unterſucht hatte, „aber es iſt nöthig, ihn noch ſicherer zu machen. Meiſter Cap, ich verlange nichts von Euch, als Stillſchweigen und ein Ruhen⸗ laſſen aller jener Gaben, die Ihr Euch auf dem Meere erworben habt, während der Tuscarora und ich unſere Vorkehrungen für die Stunde der Gefahr treffen.“ Der Führer ging nun mit dem Indianer etwas weiter in das Gebüſch, wo ſie die ſtärkeren Stämme mehrerer Erlen und anderer Sträucher abſchnitten, dabei aber die größte Sorgfalt anwandten, um kein Geräuſch zu verurſachen. Die Enden dieſer kleinen Bäume, denn das waren ſie in der That, wurden, da das Waſſer nur eine geringe Tiefe hatte, an der äußern Seite der Kähne in den Schlamm geſteckt und im Verlaufe von zehn Minuten war ein ſehr täuſchender Schirm zwiſchen ihnen und dem Orte, woher die hauptſächlichſte Gefahr zu befürchten war, errichtet. Die beiden Arbeiter hatten viel Scharſſinn und Geſchicklichkeit bei dieſer ein⸗ fachen Anordnung entwickelt, wobei ſie durch die Form des Ufers, ſeine Einbuchtung, die Seichtigkeit des Waſſers und die Art, mit welcher dieſe Gebüſchverzweigungen gegen das Waſſer überhängen, weſentlich begünſtigt wurden. Der Pfadfinder ſah dabei vorzüglich auf gekrümmte Stämme, welche an einem Orte, wie dieſer, leicht aufzufinden waren, und da er ſie in einiger Ent⸗ fernung unter der Biegung abſchnitt und die letztere das Waſſer berühren ließ, ſo hatte das künſtliche Dickicht zwar nicht das An⸗ ſehen eines ſolchen, welches in dem Strome gewachſen war, was wohl hätte Verdacht erregen mögen, aber doch mochte es jeder, der an ihm vorbei kam, für ein Gebüſch halten, das wagrecht vom Ufer ausging, ehe es ſich aufwärts gegen das Licht richtete. Kurz, der Schirm war ſo ſcharfſinnig angeordnet und ſo kunſtreich zuſammengeſetzt, daß nur ein ungewöhnlich mißtrauiſches Auge hier ein Verſteck hätte ahnen mögen. „Das iſt der beſte Schlufwinkel, in dem ich je geſteckt habe,“ ſagte der Pfadfinder mit ſeinem ruhigen Lachen, nachdem er ſich die Außenſeite betrachtet hatte.„Die Blätter unſerer neuen Bäume berühren auf's genaueſte die des Gebüſches zu unſeren Häupten, und ſelbſt der Maler, welcher ſich kürzlich in der Garniſon befand, könnte nicht ſagen, was hier das Werk der Vorſehung und was das unſere iſt. Hſt! dort kommt Cau⸗douce gewatet. Was er doch für ein verſtändiger Junge iſt, ſeine Fährte dem Waſſer zu über⸗ laſſen! Nun wir werden bald ſehen, ob unſer Verſteck zu etwas gut iſt, oder nicht.“ Jasper war wirklich von ſeiner Verrichtung zurückgekehrt, und da er die Kähne vermißte, ſo folgerte er, daß ſie ſich unter der nächſten Wendung des Fluſſes verborgen hätten, in der ſie von dem Feuer aus nicht bemerkt werden konnten. Seine gewohnte Vorſicht hatte ihn veranlaßt, im Waſſer fortzugehen, um nicht eine Verbindung der Spuren, welche von der Geſellſchaft am Ufer zurückgeblieben waren, und des Platzes, wo er ihren neuen Zuſluchts⸗ ort vermuthete, erkennen zu laſſen. Würden dann die Canada⸗In⸗ dianer auf ihrer eigenen Fährte zurückkehren, und die Spuren, welche der Pfadfinder und Serpent bei Gelegenheit ihrer Beſprechung und Unterſuchung hinterlaſſen hatten, bemerken, ſo mußten ſie den Schlüſſel zu dieſen Bewegungen verlieren, da keine Fußſtapfen ſich dem Waſſer aufdrücken. Der junge Mann war deshalb von dieſem Punkt aus knietief im Waſſer gewatet, und machte nun langſam ſeinen Weg am Rande des Stromes abwärts, um die Stelle zu ſuchen, wo die Kähne verborgen lagen. Wenn diejenigen, welche ſich hinter dem Gebüſche befanden, ihre Augen näher gegen die Blätter brachten, ſo konnten ſie manche Stellen finden, welche ihnen einen Durchblick geſtatteten, indeß dieſer Vortheil in einiger Entfernung wieder verloren ging. Mochte dann auch ein Auge auf einige ſolcher Oeffnungen fallen, ſo wurde doch durch das Ufer und den Schatten des Gebüſches vermittelt, daß die Geſtalten und Umriſſe unſerer Flüchtlinge keiner Entdeckung 63 ausgeſetzt waren. unſere Geſellſchaft, die ſich nun in die Kähne begeben hatte und aus ihrem Verſteck hervor Jaspers Bewegungen beobachtete, erkannte bald, daß ihm die Stelle, wo Pfadfinder ſich verborgen, entging. Als er um die Krümmung des Ufers gekommen war und die Ausſicht nach dem Feuer hin verlor, hielt der junge Mann an, und begann das Ufer mit Bedacht und Vorſicht zu unterſuchen. Gelegentlich ging er wieder acht bis zehn Schritte weiter, und hielt dann einmal an, um ſein Suchen zu er⸗ neuern. Das Waſſer war viel ſeichter als gewöhnlich, und er ging an der Seite deſſelben hin, um ſich ſeinen Spaziergang zu erleichtern, wobei er der künſtlichen Plantage ſo nahe kam, daß er ſie mit ſeinen Händen hätte erreichen können. Aber er entdeckte nichts, und war eben daran, ſeinen Weg weiter fortzuſetzen, als der Pfadfinder eine Oeffnung in die Zweige machte, und ihn mit gedämpfter Stimme eintreten hieß. „Es iſt ganz gut ſo,“ ſagte der Pfadſinder lachend,„obgleich die Augen eines Blaßgeſichts von denen einer Rothhaut ſo verſchie⸗ den ſind, wie die Fernröhren unter einander. Ich wollte mit des Ser⸗ geanten Tochter ein Pulverhorn gegen einen Wampumgürtel wetten, daß ihres Vaters Regiment an unſerer Einſtedelung vorbeimarſchiren könnte, ohne je die Liſt auszufünden. Aber wenn die Mingos wirk⸗ lich, wie Jasper, in dem Bette des Fluſſes herunter kämen⸗ ſo würde ich für dieſe Anpflanzung zittern. Ueber den Fluß hinüber mag ſte wohl ihre Augen täuſchen, und in ſofern nicht ohne Nutzen ſeyn.“ „Glaubt Ihr nicht, Meiſter Pfadfinder,“ ſagte Cap,„daß es das beſte wäre, uns auf den Weg zu machen und ſo ſchnell als möglich ſtromabwärts zu ſegeln, ſo bald wir gewiß wiſſen, daß dieſe Schufte in unſerm Stern ſind? Wir Seeleute nennen eine Sternjagd eine lange Jagd.“ „Ich moͤchte mich mit des Sergeanten Tochter nicht um alles Pulyer, welches im Fort da unten liegt, von der Stelle rühren, bis wir etwas von Serpent gehört haben. Sichere Gefangenſchaft oder gewiſſer Tod würden die Folge ſeyn. Wenn ſo ein zartes Schmalthierchen wie das Mädchen, welches wir zur Fracht haben, ſich durch die Wälder finden könnte, wie ein alter Hirſch, ſo möchte es allerdings angehn, die Kähne zu verlaſſen, denn auf einem Umweg könnten wir die Garniſon noch vor Anbruch des Morgens erreichen.“ „Dann thut es,“ ſagte Mabel, raſch unter dem plötzlichen Ein⸗ fluß erweckter Energie aufſpringend.„Ich bin jung, behend, an Anſtrengung gewöhnt, und möchte es leicht meinem lieben Onkel zuvorthun. Ich will durchaus kein Hinderniß ſeyn und könnte es nicht ertragen, daß Euer aller Leben um meinetwillen gefährdet ſeyn ſollte.“ K „Nein, nein, gutes Kind! wir halten Sie keineswegs für ein Hinderniß oder eine Beläſtigung, und würden gerne uns noch einmal dieſer Gefahr unterziehen, um Ihnen und dem wackern Ser⸗ geanten einen Dienſt zu leiſten. Iſt das nicht auch Eure Meinung, Eau⸗douce?“ „Ihr einen Dienſt zu leiſten?“ rief Jasper mit Nachdruck.„Nichts ſoll mich bewegen, Mabel Dunham zu verlaſſen, bis ich ſie ſicher in ihres Vaters Armen weiß!“ „Wohl geſprochen, Junge; brav und ehrenhaft geſprochen, und ich ſtimme bei mit Herz und Hand. Nein, nein, Sie ſind nicht die erſte Ihres Geſchlechts, welche ich durch die Wälder ge⸗ leitet habe, und keine hat dabei je Schaden genommen mit Aus⸗ nahme einer einzigen. Das war freilich ein trüber Tag; aber ſeines Gleichen wird wohl nicht wieder kommen.“ Mabel blickte von einem ihrer Beſchützer auf den Andern und ihre ſchönen Augen ſchwammen in Thränen. Sie reichte jedem ihre Hand und ſprach, obgleich Anfangs mit erſtickter Stimme: „Ich thue Unrecht, Euch um meinetwillen der Gefahr auszu⸗ ſetzen. Mein theurer Vater wird es Euch danken Auch ich danke Euch— Gott vergelte es Euch; aber laßt uns hier nicht unnöthiger Weiſe — ͤ—— aft tes ſich es veg n. ein⸗ an akel es det für och ber⸗ ng, chts cher hen, ſind ge⸗ lus⸗ aber und ihre Szu⸗ h— eiſe 65 die Gefahr erwarten. Ich kann wohl gehen, und bin oft in mäd⸗ chenhafter Laune meilenweit gegangen. Warum ſollte ich es jetzt nicht können, da es mein Leben— nein, da es Euer koſtbares Leben gilt?“ „Sie iſt eine treue Taube, Jasper,“ ſagte der Pfadfinder, indem er ihre Hand ſo lange feſthielt, bis das Mädchen ſelbſt aus angeborener Beſcheidenheit die Gelegenheit erſah, ſie zurückzuziehen: „und wunderbar einnehmend! Wir ſind in den Wäldern rauh und bisweilen auch hartherzig geworden, Mabel, aber ein Anblick, wie der Ihrige, erweckt unſere jugendlichen Gefühle wieder, und thut uns wohl für den Reſt unſerer Tage. Jasper wird daſſelbe ſagen; denn wie ich in den Wäldern, ſo ſieht Jasper auf dem Ontario wenige von Ihres Gleichen, die ſein Herz zu erweichen und ihn an die Liebe ſeines Geſchlechtes zu erinnern vermöchten. Sprecht ſelbſt, Jasper, und ſagt, ob es nicht ſo iſt.“ „Ich zweifle, ob viele wie Mabel Dunham irgendwo gefunden werden können, entgegnete der junge Mann artig und mit einem Blicke voll ehrlicher Aufrichtigkeit, welcher mehr als ſeine Zunge aus⸗ drückte.„Ihr braucht nicht die Seen und Wälder herauszufordern; ich möchte lieber die Städte und Anſiedelungen darum befragen.“ „Wir würden beſſer thun, die Kähne zu verlaſſen,“ erwiederte Mabel haſtig;„denn ich fühle, es iſt nicht länger ſicher hier.“ „Ihr könnt nicht fort von hier, in keinem Fall. Wir hätten einen Marſch von mehr als zwanzig Meilen vor uns, durch Dickicht und Sümpfe, und noch obendrein in der Finſterniß. Auch gäbe unſere Geſellſchaft eine breite Fährte, und wir dürften allem nach unſern Weg in die Garniſon erkämpfen müſſen. Wir wollen auf den Mohikan warten. Nach dieſer Entſcheidung des Mannes, von dem Alle in der gegenwärtigen gefährlichen Lage Rath erwarteten, wurde nichts mehr über dieſen Gegenſtand geſprochen. Die Geſellſchaft bildete nun Gruppen. Arrowhead und ſein Weib ſaßen abgeſondert unter dem Der Pfadſinder. 3. Aufl. Gebüſche und beſprachen ſich mit leiſer Stimme, der Mann mit Ernſt, das Weib mit der unterthänigen Sanftmuth, welche die herabgewürdigte Lage des Weibes eines Wilden bezeichnete. Pfad⸗ finder und Cap hatten in einem der Kähne Platz genommen und ſchwatzten von ihren verſchiedenen Abenteuern zu Waſſer und zu Land, während Jasper und Mabel in dem andern ſaßen, wobei ihre Vertraulichkeit in einer Stunde größere Fortſchritte machte, als dieſes unter andern Umſtänden vielleicht in einem Jahre der Fall geweſen wäre. Ungeachtet ihrer bedrängten Lage verging ihnen die Zeit ſchnell und beſonders die jungen Leute waren nicht wenig verwundert, als ihnen Cap mittheilte, wie lange ſie ſich in dieſer Weiſe beſchäftigt hätten. „Wenn man rauchen könnte, Freund Pfadfinder, ſo möchte dieſer Raum behaglich genug ſeyn; denn um auch dem Teufel ſein Recht wiederfahren zu laſſen, Ihr habt die Kähne hübſch einge⸗ buchtet, und in eine Rhede gebracht, die dem Paſſatwind trotzen würde. Das einzige unbequeme iſt, daß man von ſeiner Pfeife ſoll keinen Gebrauch machen können.“ 3 „Der Tabacksgeruch würde uns verrathen, und welchen Vor⸗ theil hätten wir von allen gegen die Augen der Mingos gerichteten Vorſichtsmaßregeln, wenn Ihnen ihre Naſe ſagte, wo unſer Verſteck zu finden iſt? Nein, nein, unterdrückt Eure Begierden, unterdrückt ſie, und lernet eine Tugend von der Rothhaut, welche eine ganze Woche des Eſſens vergeſſen kann, um einen einzigen Skalp zu er⸗ beuten. Hoͤrtet Ihr nichts, Jasper?“ „Der Serpent kommt.“ „Dann laßt uns ſehen, ob die Augen des Mohikans beſſer ſind, als die eines gewiſſen Burſchen, den ſein Gewerbe auf's Waſſer führt.“ Der Mohikan folgte derſelben Richtung, welche Jasper ein⸗ geſchlagen hatte, um ſich mit ſeinen Freunden zu vereinigen: aber. ſtatt gerade aus zu gehen, drückte er ſich in der Windung des Fluſſes, „»——,. 67 welche verhinderte, daß er von höher gelegenen Punkten geſehen wurde, dicht an das Ufer, und ſuchte mit der größten Sorgfalt ein e Stellung in dem Gebüſch, welche ihm den Rückblick geſtattete, ohne daß man ihn bemerken konnte. „Der Serpent ſieht die Schufte!“ flüſterte der Pfadfinder. „So wahr ich ein Chriſt und ein Weißer bin, ſie haben angebiſſen und den Rauch umzingelt.“ Hier unterbrach ein herzliches aber ſtilles Lachen ſeine Worte, indem er zugleich mit dem Ellenbogen Cap anſtieß, und Alle ver⸗ folgten mit geſpannter Aufmerkſamkeit die lautloſen Bewegungen Chingachgook's. Der Mohikan blieb volle zehn Minuten ſo unbe⸗ weglich als der Fels, an welchem er ſtand; dann war ihm augen⸗ ſcheinlich ein Gegenſtand von Intereſſe zu Geſicht gekommen, denn er ließ einen ängſtlichen und ſcharfen Blick längſt des Stromrandes hingleiten, und bewegte ſich ſchnell abwärts, wobei er Sorge trug, daß er ſeine Fährte dem ſeichten Waſſer überließ. Er war ſichtlich in großer Haſt und Unruhe, und blickte bald hinter ſich, bald unterſuchte ſein Auge jede Stelle des Ufers, wo er ſich die Kähne verborgen denken mochte. „Ruf ihn herein,“ flüſterte Jasper, kaum fähig, ſeine Unge⸗ duld zurückzuhalten,„ruft ihn herein, ehe es zu ſpät iſt. Seht, er kommt eben an uns vorbei.“ „Nicht doch, nicht doch, Junge; es drängt nicht,“ entgegnete ſein Gefährte,„ſonſt würde der Serpent zu kriechen anfangen. Der Herr helfe uns, und lehre uns Weisheit! Aber ich glaube gar, daß Chingachgook, deſſen Augen ſo zuverläßig ſind, wie der Geruch des Hundes, uns überſieht und nicht auffindet in der Um⸗ büſchung, welche wir gemacht haben!“ Dieſer Ausbruch war unzeitig, denn die Worte waren kaum ausgeſprochen, als der Indianer, welcher bereits einige Fuß über den künſtlichen Verſteck hinausgeſchritten war, plötzlich anhielt, einen feſten und ſcharfen Blick auf die Anpflanzung warf, ſchnell n. 68 einige Schritte rückwärts machte, ſich beugte und, nachdem er das Gebüſch vorſichtig auseinander gebogen hatte, unter der Geſellſchaft erſchien. „ Die verfluchten Mingo's!“ ſagte Pfadfinder, ſobald ſein Freund nahe genug war, um ohne Gefahr angeredet werden zu können. „Irokeſen,“ erwiederte kurz der Indianer. „Gleichviel, gleichviel; Irokeſen, Teufel, Mingos, Mengwes oder Furien— alles iſt beinahe das Nämliche. Ich nenne alle Schurken Mingos. Komm hierher, Häuptling und laß uns ver⸗ nünftig mit einander reden.“ Beide begaben ſich auf die Seite und beſprachen ſich ernſthaft in der Sprache der Delawaren. Als ihr Geſpräch zu Ende war, trat Pfadfinder wieder zu den Uebrigen, und theilte ihnen Alles, was er eben erfahren hatte, mit. Der Mohikan hatte die Spur ihrer Feinde eine Strecke weit gegen das Fort hin verfolgt, bis Letztere den Rauch von Jaspers Feuer zu Geſicht bekamen, worauf ſie alsbald ihre Schritte an⸗ hielten. Da Chingachgook hiedurch in die größte Gefahr, entdeckt zu werden, gerieth, ſo wurde es für ihn nöthig, einen Verſteck auf⸗ zufinden, wo er ſich verbergen konnte, bis der Haufen vorüber war. Es war vielleicht ein Glück für ihn, daß die Wilden zu ſehr auf dieſe neue Entdeckung achteten, um auf die Spuren im Walde ihre gewöhnliche Aufmerkſamkeit zu verwenden. Kurz, ſie eilten, fünfzehn an der Zahl, raſch an ihm vorüber, indem jeder in die Fußtapfen des andern trat, und ſo wurde es Serpent unmöglich gemacht, wieder in ihr Bereich zu gelangen. Als ſie zu der Stelle gekommen waren, wo die Spuren des Pfadfinders und des Mohikans ſich mit ihrer eigenen Fährte vermiſchten, zogen ſich die Irokeſen gegen den Fluß hin, und erreichten dieſen, als Jasper gerade hinter der Biegung verſchwunden war. Die Ausſicht nach dem Rauch hin war nun frei, und die Wilden ſtürzten ſich in die Wälder, um ſich unbemerkt dem Feuer zu nähern. Chingachgook benützte dieſe ft 69 Gelegenheit, um ins Waſſer hinunter zu ſteigen und gleichfalls die Flußbiegung zu gewinnen, welche ihn gegen Entdeckung ſchützen ſollte. Ueber die Beweggründe der Irokeſen konnte der Mohikan nur aus ihren Handlungen urtheilen. Er vermuthete, daß ſie die Liſt mit dem Feuer entdeckt und ſich überzeugt hatten, es ſey nur in der Abſicht, ſie irre zu leiten, angezündet worden; denn nach einer haſtigen Unterſuchung der Stelle hatten ſie ſich getrennt, und einige davon ſich in die Wälder begeben, indeß ſechs oder acht den Fußtritten Jaspers an dem Ufer hin folgten und ſtromabwärts zu der Stelle kamen, wo die Kähne gelandet hatten. Welchen Weg ſie nun von dieſer Stelle weiter gemacht, konnte nur ver⸗ muthet werden, denn die Gefahr war zu drängend, als daß Serpent länger hätte zögern ſollen, ſich nach ſeinen Freunden umzuſehen. Aus einigen Anzeigen, die er aus ihren Geberden entnehmen konnte, hielt er es für wahrſcheinlich, daß die Feinde am Rande des Fluſſes herunterkommen würden. Er konnte dieß jedoch nicht mit Sicher⸗ heit behaupten. Als der Pfadfinder dieſe Umſtände ſeinen Gefährten mitgetheilt hatte, gewannen bei den zwei andern weißen Männern die Gefühle ihres Berufes die Oberhand, und bei Beiden entſprach die Be⸗ handlung der Frage über die Mittel des Entrinnens natürlich ihren Beſchäftigungen.. „Laßt ſchnell die Kähne frei;“ ſagte Jasper lebhaft,„die Strömung iſt ſtark, und wenn wir tüchtig rudern, werden wir bald aus dem Bereich dieſer Schurken ſeyn.“ „Und dieſe arme Blume, die kaum erſt aufblühte in den Lich⸗ tungen,— ſoll ſie in dem Walde verwelken?“ entgegnete ſein Freund, mit einer Poeſie, welche er unwillkührlich aus ſeinem langen Umgang mit den Delawaren geſchöpft hatte. „Wir müſſen alle einmal ſterben,“ antwortete der Jüngling, in⸗ dem ein kühnes Roth ſeine Wangen färbte;„Mabel und Arrowhead's Weib können ſich in den Kähnen niederlegen, indeß wir aufrecht, wie es Männern ziemt, unſere Pflicht erfüllen.“ „Ja, Ihr ſeyd ein gewandter Ruderer, aber die Bosheit eines Mingo iſt noch viel gewandter. Die Kähne ſind ſchnell, aber eine Büchſenkugel iſt ſchneller.“ „Da wir einem vertrauenden Vater unſer Wort gegeben haben, ſo iſt es Männerpflicht, uns dieſer Gefahr zu unterziehen.“— „Aber es iſt nicht unſere Pflicht, die Klugheit außer Acht zu laſſen.“ „Klugheit? Man kann ſeine Klugheit auch ſo weit treiben, den Muth darüber zu vergeſſen!“ 3 Die Gruppe ſtand an dem nahen Ufer, der Pfadfinder auf ſeine Büchſe gelehnt, deren Schaft auf dem Kiesgrunde ruhte, indeß er den Lauf derſelben, welcher bis zu ſeinen Schultern reichte, mit beiden Händen umfaßte. Als Jasper dieſen ſchweren und unver⸗ dienten Vorwurf ausſtieß, blieb das tiefe Roth auf dem Geſichte ſeines Kameraden unverändert, obgleich der junge Mann bemerkte, daß ſeine Hände das Eiſen des Gewehres mit der Feſtigkeit eines Schraubſtockes umfaßten. Weiter verrieth ſich keine Bewegung. „Ihr ſeyd jung und heißkopfig,“ erwiederte der Pfadfinder mit einer Würde, welche die Zuhörer ſeine moraliſche Ueberlegenheit deutlich fühlen ließ,„aber mein Leben war eine Reihe von Gefahren, wie dieſe, und meine Erfahrung und meine Gaben ſind von der Art, daß ſie nicht nöthig haben, ſich durch die Ungeduld eines Knaben meiſtern zu laſſen. Was den Muth anbelangt, Jasper, ſo will ich kein kränkendes, bedeutungsloſes Wort einem ähnlichen ent⸗ gegenſetzen, denn ich weiß, daß Ihr treu auf Eurem Poſten ſeyd, ſo gut Ihr es eben verſtehet; aber beachtet den Rath eines Mannes, der den Mingos ſchon in's Auge ſchaute, als Ihr noch ein Kind waret, und weiß, daß man ihre Schlauheit weit eher durch Klug⸗ heit umgeht, als durch Thorheit überliſtet.“ „Ich bitte Euch um Verzeihung, Pfadfinder,“ ſagte der reuige 1 Jasper, indem er mit Feuer nach der Hand des andern griff, welche dieſer ihm überließ⸗„ich bitte aufrichtig um Verzeihung. Es war thöricht und ſchlecht von mir, einen Mann zu beſchuldigen, von dem man weiß, daß ſein Herz in einer guten Sache ſo feſt iſt, als die Felſen am Seeufer.“ Zum erſtenmal vertiefte ſich die Röthe auf den Wangen des Pfadfinders, und die feierliche Würde, die er angenommen hatte, wich dem Ausdruck der ernſten Einfachheit, welche alle ſeine Gefühle durchdrang. Er erwiederte den Händedruck ſeines jungen Freundes ſo herzlich, als ob keine Saite einen Mißton zwiſchen ihnen hätte laut werden laſſen, und ein leichter Ernſt, der noch ſeine Augen umfangen hielt, gab dem Ausdruck natürlicher Güte Raum. „s iſt gut, Jasper,'s iſt gut,“ antwortete er lachend.„Ich trage nichts nach, und mir ſoll auch Niemand was nachtragen. Meine Natur iſt die eines Weißen, und die beſteht darin, keinen Groll im Herzen zu hegen. Es möchte übrigens ein kitzliches Werk geweſen ſeyn, dem Serpent da nur halb ſoviel zu ſagen, obſchon er ein Delaware iſt; denn jede Farbe hat ihre Weiſe.“— Eine Berührung ſeiner Schulter machte den Sprecher ſchweigen. Mabel ſtand aufrecht in dem Kahne und ihre leichte, ſchwellende Geſtalt beugte ſich vorwärts in eine Stellung des anmuthigſten Ernſtes, während ſie den Finger an die Lippen legte, mit abge⸗ wandtem Haupte ihre ausdrucksvollen Augen auf eine Oeffnung im Gebüſche richtete, und dabei mit dem Ende einer Fiſcherruthe, welche ſie in dem ausgeſtreckten Arme hielt, den Pfadfinder berührte. Letzterer beugte ſeinen Kopf gegen eine Oeffnung, welcher er abſichtlich nahe geblieben war, und flüſterte dann Jaspern zu— „Die verfluchten Mingos: Greiſt zu euern Waffen, Männer, aber verhaltet euch ſo ruhig, wie die Stämme todter Bäume!“ Jasper eilte mit lautloſen Tritten zum Kahne, und veranlaßte mit höflicher Gewalt Mabel, eine Stellung anzunehmen, durch die ihr ganzer Körper verborgen wurde, obſchon es wahrſcheinlich über 72 ſeine Macht gegangen wäre, das Mädchen zu bewegen, ihren Kopf ſo niedrig zu halten, daß ſie nicht noch einen Blick auf die Feinde hätte werfen können. Er ſtellte ſich dann in ihre Nähe und brachte das geſpannte Gewehr in Anſchlag. Arrowhead und Chingachgook krochen zu dem Verſteck und lauerten wie die Schlangen, mit bereit⸗ gehaltenen Waffen, während das Weib des erſteren den Kopf zwiſchen die Knie beugte, ihn mit ihrem Kattunkleide bedeckte, und ſich ganz ruhig und unbeweglich verhielt. Cap zog ſeine beiden Piſtolen aus dem Gürtel, ſchien aber ganz verlegen zu ſeyn, wel⸗ chem Kurs er folgen ſolle. Der Pfadfinder ſtand bewegungslos. Er hatte gleich im Anfang eine Stellung eingenommen, welche ihm geſtattete, mit gutem Erfolge durch die Blätter zu zielen, und die Bewegungen der Feinde zu überwachen. Er war zu ſtandhaft, um ſich durch dieſen kritiſchen Moment aus der Faſſung bringen zu laſſen. Es war in der That ein beengender Augenblick. Gerade, als Mabel die Schulter ihres Führers berührt hatte, zeigten ſich drei Irokeſen im Waſſer an der Biegung des Fluſſes, etwa hundert Ellen von dem Verſteck, und hielten an, um den Strom nach unten zu unterſuchen. Sie waren nackt bis zum Gürtel, für einen Feld⸗ zug gegen ihre Feinde bewaffnet und mit ihren Kriegsfarben bemalt. Sie ſchienen über den Weg, den ſie zu Verfolgung der Flüchtigen einzuſchlagen hätten, unentſchieden zu ſeyn: denn der eine deutete ſtromabwärts, der andere aufwärts und der dritte auf das entgegen⸗ geſetzte Ufer. Ihre Zweifel waren ſichtlich. 73 Fünftes Kapitel. Hier der Tod und dort der Tod Ueberall geſchäftig droht. Shelley. Es war ein athemloſer Augenblick. Die Flüchtigen konnten die Abſichten ihrer Verfolger nur aus ihren Geberden und den Zeichen errathen, welche ihnen in der Wuth der getäuſchten Er⸗ wartung entſchlüpften. Daß eine Partie bereits auf ihrer eigenen Fährte zu Land zurückgekehrt war, war faſt gewiß, und alſo der ganze Vortheil, welchen man von dem Kunſtgriff mit dem Feuer erwartet hatte, verloren. Dieſe Betrachtung war jedoch im gegen⸗ wärtigen Augenblick von geringem Belang, da die Geſellſchaft von Seite derer, welche in dem Waſſer herunterkamen, mit augenblick⸗ licher Entdeckung bedroht war. Alle dieſe Umſtände traten wie durch Anſchauung vor die Seele des Pfadfinders, welcher die Noth⸗ wendigkeit einer ſchnellen Entſcheidung erkannte und die Vorberei⸗ tungen zum Kampfe traf. Er winkte den beiden Indianern und „Jaspern, näher zu kommen, und theilte ihnen flüſternd ſeine An⸗ ſichten mit. „Wir müſſen ſchlagfertig ſeyn, wir müſſen bereit ſeyn,“ ſagte er.„Es ſind nur drei von dieſen ſcalpluſtigen Teufeln, und wir ſind fünf, von denen vier als brave Krieger für ſolch ein Schar⸗ mützel betrachtet werden können. Eau⸗douce, nehmt Ihr den Burſchen, der wie der Tod bemalt iſt, aufs Korn; dir, Chingach⸗ gook, gebe ich den Häuptling, und Ihr, Arrowhead, müßt Euer Auge auf den Jungen halten. Es darf kein Irrthum ſtattfinden; denn zwei Kugeln in den nämlichen Körper wären eine ſündhafte Verſchwendung, wenn man eine Perſon wie des Sergeanten Tochter in Gefahr weiß. Ich ſelbſt will die Reſerve bilden, wenn etwa ſo ein viertes Gewürm erſchiene, oder eine Eurer Hände ſich als 74 unſicher erprobte. Gebt aber nicht Feuer, bis ich es ſage. Wir dürfen nur im äußerſten Nothfall unſere Büchſen brauchen, da die übrigen Böſewichter den Knall hören würden. Jasper, Junge, wenn ſich eine Bewegung hinter uns, vom Ufer her, hören läßt, ſo verlaſſe ich mich auf Euch, daß Ihr mit des Sergeanten Tochter den Kahn auslaufen laßt und in Gottes Namen, ſo ſchnell Ihr könnt, der Garniſon zu treibet.“ Der Pfadfinder hatte kaum dieſe Anweiſungen gegeben, als die Annäherung der Feinde das tieſſte Stillſchweigen nöthig machte. Die Irokeſen kamen langſam den Strom herunter und hielten ſich in die Nähe des Gebüſches, welches über das Waſſer herhing, indeß das Rauſchen der Blätter und das Raſſeln der Zweige es bald zur Gewißheit machte, daß ein zweiter Trupp ſich längs dem Ufer hinbewegte und mit denen im Waſſer gleichen Schritt und gleiche Richtung hielt. Da das von den Flüchtigen künſtlich an⸗ gelegte Gebüſch in einiger Entfernung von dem wahren Ufer lag, ſo wurden ſich die beiden Haufen gerade an dem gegenüber liegen⸗ den Punkten anſichtig. Sie hielten nun an, und es erfolgte eine Beſprechung, welche ſo zu ſagen über den Häuptern der Verbor⸗ genen weg geführt wurde. In der That wurden auch unſere Rei⸗ ſenden durch nichts geſchützt, als durch die Zweige und Blätter ihrer Pflanzung, welche ſo biegſam waren, daß ſie jedem Luftſtrome nach⸗ gaben und von jedem mehr als gewöhnlichen Windſtoß weggeblaſen worden wären. Glücklicherweiſe führte die Geſichtslinie die Augen der Wilden, ſowohl derer, die im Waſſer ſtanden, als derer, welche ſich am Lande befanden, über das Gebüſch weg, deſſen Blätter dicht genug ſchienen, um jeden Verdacht zu beſeitigen. Vielleicht verhinderte bloß die Kühnheit dieſes Auswegs eine augenblickliche Entdeckung. Die Beſprechung, welche nun ſtattfand, wurde mit Ernſt, jedoch in gedämpftem Tone geführt, als ob die Sprechenden die Aufmerkſamkeit irgend eines Lauſchers vereiteln wollten. Sie geſchah in einem Dialekt, welchen ſowohl die beiden indianiſchen 75 Krieger, als auch der Pfadfinder verſtand, obſchon Jaspern nur ein Theil des Geſpräches deutlich wurde. „Die Fährte iſt durch das Waſſer weggewaſchen,“ ſagte einer von unten, welcher dem künſtlichen Verſteck der Flüchtigen ſo nahe ſtand, daß man ihn mit dem Salmenſpieß, welcher in Jaspers Kahne lag, hätte erreichen können.„Waſſer hat ſie ſo rein gewaſchen, daß der Hund eines Yengeeſe ihr nicht zu folgen wüßte.“ „Die Bleichgeſichter haben das Ufer in ihren Kähnen verlaſſen,“ antwortete der Sprecher am Ufer. „Es kann nicht ſeyn. Die Büchſen unſerer Krieger unten ſind ſicher.“ Der Pfadfinder warf Jaspern einen bedeutungsvollen Blick zu und biß die Zähne zuſammen, um den Ton ſeines Athems zu unterdrücken. „Laß meine jungen Leute um ſich blicken, als ob ihre Augen Adler ſeyen,“ ſagte der älteſte Krieger unter denen, welche im Fluß wateten.—„Wir ſind einen ganzen Mond auf dem Kriegspfad geweſen und haben nur einen Skalp gefunden. Es iſt ein Mädchen unter ihnen, und einige unſerer Tapfern brauchen Weiber.“ Glücklicher Weiſe gingen dieſe Worte für Mabel verloren: aber Jaspers Stirne furchte ſich tiefer und ſein Geſicht glühete. Die Wilden brachen nun ihre Unterhaltung ab, und unſere Verſteckten hörten die langſamen und vorſichtigen Bewegungen ihrer Feinde am Ufer und das Raſſeln des Gebüſches, welches ſie auf ihrem Wege behutſam auf die Seite bogen. Sie waren augen⸗ ſcheinlich ſchon über den Verſteck hinaus; aber das Häuflein im Waſſer hielt noch an und prüfte das Ufer mit Augen, welche aus ihren Kriegsfarben wie die Gluth aus Kohlen heraus funkelten. Nach einer Pauſe von zwei oder drei Minuten fingen auch ſte an, ſtromabwärts zu gehen, obgleich nur Schritt für Schritt, wie Menſchen, welche einen verlornen Gegenſtand ſuchen. In dieſer Weiſe kamen ſie an dem künſtlichen Schirme vorbei, und der Pfadfinder verzog ſeinen Mund zu dem herzlichen aber lautloſen Lachen, welches Natur und Gewohnheit zu einer Eigen⸗ thümlichkeit dieſes Mannes gemacht hatte. Sein Triumph war jedoch voreilig, denn der letzte des abziehenden Häufleins warf ge⸗ rade in dieſem Moment einen Blick zurück, und hielt plötzlich an. Dieſe Bewegung und ein vorſichtiges Umſchauen verrieth ihnen auf einmal zu ihrem größten Schrecken, daß einige vernachläßigte Büſche den Verdacht erregt hätten. Es war vielleicht ein Glück für die Verborgenen, daß der Krieger, welcher dieſe erſchreckenden Zeichen eines auftauchenden Verdachtes kundgab, ein Jüngling war, der erſt Achtung erwerben mußte. Er wußte, wie wichtig Beſonnenheit und Beſcheidenheit für einen Menſchen von ſeinen Jahren ſey, und fürchtete mehr als Alles das Lächerliche und die Verachtung, die die Folgen eines falſchen Lärmens waren. Ohne daher einen der Gefährten zurück⸗ zurufen, kehrte er wieder zurück, und während die Andern in dem Fluſſe weiter ſchritten, näherte er ſich vorſichtig den Büſchen, auf die er ſeine Blicke wie durch einen Zauber gebannt hielt. Einige von den Blättern, welche der Sonne am meiſten ausgeſetzt ge⸗ blieben, waren verwelkt, und dieſe leichte Abweichung von den ge⸗ wöhnlichen Geſetzen der Natur hatte das raſche Auge des Indianers auf ſich gezogen; denn die Sinne der Wilden werden durch die Uebung ſo ſcharf, daß ihnen zumal auf ihrem Kriegspfade oft die anſcheinend unbedeutendſten Dinge den Faden zu Verfolgung ihres Zieles geben. Die ſcheinbare Geringfügigkeit der Beobachtung, welche er gemacht hatte, war ein weiterer Grund für den Jüngling, ſie ſeinen Gefährten nicht mitzutheilen. Hatte ſie ihn wirklich zu einer Ent⸗ deckung geleitet, ſo war ſein Ruhm um ſo größer, wenn er deſſelben ungetheilt genoß; und war dieß nicht der Fall, ſo durfte er hoffen, dem Gelächter zu entgehen, welches die jungen Indianer ſo ſehr ſcheuen. Hier drohte jedoch die Gefahr eines Hinterhalts und eines ——————— Ueberfalls, welche jeden, auch den feurigſten Krieger der Wälder zu einer langſamen und vorſichtigen Annäherung veranlaßt; und in Folge der aus den eben genannten Umſtänden fließenden Zögerung waren die zwei Partien bereits fünfzig bis ſechzig Ellen weiter abwärts gekommen, ehe der junge Wilde der Anpflanzung Pfad⸗ finders ſo nahe gerückt war, daß er ſie mit den Händen er⸗ reichen konnte. Ungeachtet ihrer kritiſchen Lage hatte die ganze Geſellſchaft in dem Verſtecke ihre Augen feſt auf das bewegte Geſicht des jungen Irokeſen gerichtet, auf welchem ſich der Kampf ſeiner Gefühle deutlich zeichnete. Das erſte war die lebhafte Hoffnung, einen Erfolg zu erringen, wo einige der Erfahrenſten ſeines Stammes bereits irre gegangen waren, und einen Ruhm zu erwerben, wie er ſelten einem Manne von ſeinem Alter, oder einem Muthigen auf dem erſten Kriegspfade zu Theil wird: dann folgten Zweifel, da die welken Blätter ſich wieder zu erheben und in den Strömungen der Luft aufzuleben ſchienen; und endlich ließ der Argwohn einer vor⸗ handenen Gefahr die erregten Gefühle in ſeinen Zügen ihr beredtes Spiel treiben. Die durch die Hitze hervorgebrachte Veränderung des Gebüſches, deſſen Stämme im Waſſer ſtanden, war nur ſo leicht geweſen, daß der Irokeſe, als er wirklich die Hand an die Blätter legte, zu der Vermuthung kam, er habe ſich getäuſcht. Da aber Niemand bei einem ſtrengen Verdacht die naheliegenden Mittel, ſeine Zweifel zu berichtigen, verabſäumt, ſo bog der junge Krieger vorſichtig die Zweige auf die Seite, und war mit einem Tritte in dem Ver⸗ ſteck, wo die Geſtalten der darin Befindlichen wie eben ſo viele athemloſe Statuen ſeinen Blicken entgegentraten. Der dumpfe Aus⸗ ruf, das leichte Zurückfahren und das glänzende Auge des Feindes wurden kaum geſehen und gehört, als ſich der Arm Chingachgook's erhob, und der Tomahawk des Delawaren auf den nackten Schädel ſeines Gegners niederſank. Der Irokeſe erhob wüthend die Hände, 78 ſtürzte rückwärts, und fiel an einer Stelle ins Waſſer, wo der Strom den Körper wegführte, deſſen Glieder noch im Todeskampfe zuckten. Der Delaware machte einen kräftigen, aber erfolgloſen Verſuch, ſeinen Arm zu ergreifen, in der Hoffnung, ſich des Skalps zu bemächtigen; aber das blutgeſtreifte Waſſer wirbelte ſtromabwärts und führte ſeine bebende Laſt mit ſich fort. Alles dieſes geſchah in weniger als einer Minute und erſchien dem Auge ſo plötzlich und unerwartet, daß Leute, welche weniger an die Kriegsfahrten der Wälder gewöhnt waren, als der Pfad⸗ finder und ſeine Genoſſen, nicht ſogleich gewußt hätten, was beginnen. „Es iſt kein Augenblick zu verlieren,“ ſagte Jasper mit ernſter, aber gedämpfter Stimme, indem er das Gebüſch auf die Seite drückte.„Thut, was ich thue, Meiſter Cap, wenn Ihr Eure Nichte gerettet wiſſen wollt; und Sie, Mabel, legen Sie ſich der Länge nach in dem Kahne nieder.“ Er hatte dieſe Worte kaum geſprochen, als er den Bug des leichten Bootes ergriff, es, im Waſſer watend, längs dem Ufer hinſchleppte, wobei Cap ihn am Stern unterſtützte— ſich ſo nahe als möglich an das Ufer hielt, um von den Wilden nicht bemerkt zu werden, und die obere Wendung des Fluſſes zu gewinnen ſuchte, welche die Geſellſchaft mit Sicherheit vor dem Feind verbergen mochte. Des Pfadfinders Kahn lag zunächſt am Lande und mußte deßhalb zuletzt das Ufer verlaſſen. Der Delaware ſprang ans Land, und verlor ſich in den Wald, da er es für ſeine Aufgabe hielt, den Feind in dieſer Gegend zu überwachen, indeß Arrowhead ſeinen weißen Gefährten beim Flottmachen des Kahnes unterſtützte— um Jaspern folgen zu können. Alles dieſes war das Werk eines Augen⸗ blicks; als aber Pfadfinder die Strömung an der Flußwendung er⸗ reicht hatte, fühlte er plötzlich ein Leichterwerden des Gewichtes, welches er führte, und bei einem Rückblick entdeckte er, daß der Tuscarora mit ſeinem Weib ihn verlaſſen hatte. Der Gedanke an 79 Verrath blitzte in ſeiner Seele auf; aber es war keine Zeit, anzu⸗ halten. Der Klageruf, der ſich weiter unten im Fluß erhob, ver⸗ kündete, daß der weggeſchwemmte Körper des jungen Indianers bei ſeinen Freunden angelangt war. Der Knall einer Flinte folgte, und nun ſah der Wegweiſer, daß Jasper, nachdem er die Fluß⸗ beugung umrudert hatte, den Strom quer durchſchnitt und Beide, Jasper aufrecht ſtehend im Stern des Kahnes, und Cap am Bug ſitzend, das leichte Fahrzeug mit kräftigen Ruderſchlägen vorwärts trieben. Ein Blick, ein Gedanke, ein Auskunſtsmittel erfolgte raſch aufeinander in der Seele eines Mannes, der ſo ſehr an die Wechſelfälle des Gränzkriegs gewöhnt war. Er ſprang ſchnell in das Hindertheil ſeines Kahnes, drängte ihn mit einem kräftigen Stoß in die Strömung, und fing gleichfalls an, den Strom ſo weit unten zu kreuzen, daß ſeine Perſon eine Zielſcheibe für den Feind abgeben mochte, indem er wohl wußte, daß ihr eifriges Ver⸗ langen, ſich einer Kopfhaut zu verſichern, alle anderen Gefühle überwältigen würde. „Haltet Euch ober der Strömung, Jasper,“ rief der hochher⸗ zige Führer, indem er das Waſſer mit langen, feſten und kräftigen Ruderſchlägen peitſchte,„haltet Euch wohl über der Strömung und treibt gegen das Erlengebüſch auf der andern Seite zu. Be⸗ wahret vor Allem des Sergeanten Tochter und überlaßt dieſe Schufte von Mingos mir und dem Serpent.“ Jasper ſchwenkte ſein Ruder zum Zeichen, daß er ihn ver⸗ ſtanden habe, und nun ertönte Schuß auf Schuß in raſcher Folge, davon jeder auf den einzelnen Mann in dem nächſten Kahne ge⸗ „richtet war. „Ha, entladet nur Eure Büchſen, ihr Dummköpfe,“ ſagte der Pfadfinder, der in der Einſamkeit der Wälder, in welcher er ſo viele Zeit zubrachte, die Gewohnheit angenommen hatte, mit ſich ſelber zu ſprechen,„feuert nur eure Büchſen ab auf ein unſicheres Ziel, und laßt mir Zeit, auf dem Fluß eine Elle um die andere 80 zwiſchen uns zu gewinnen. Ich will euch nicht ſchmähen, wie ein Delaware oder ein Mohikan, denn meine Gaben ſind die eines weißen Mannes und nicht die eines Indianers, und das Prahlen im Kampf iſt nicht die Sache eines chriſtlichen Kriegers; aber ich kann hier ganz allein mir ſelbſt ſagen, daß ihr wenig beſſer ſeyd, als die Leute aus den Städten, welche auf die Rothkelchen in den Obſtgärten ſchießen. Nun, das war gut gemeint“— er zog ſeinen Kopf zurück, da eine Flintenkugel eine Haarlocke von ſeinen Schläfen abgeriſſen hatte—„aber das Blei, das um einen Zoll fehlt, iſt eben ſo nutzlos, als das, welches ſtets im Flintenlauf bleibt. Brav gethan, Jasper! Des Sergeanten ſüßes Kind muß gerettet werden, und wenn wir Alle unſere Kopfhäute darüber verlieren ſollten.“ Mittlerweile war der Pfadfinder in die Mitte des Fluſſes und faſt an die Seite ſeiner Feinde gerudert, indeß der andere Kahn, von Caps und Jaspers kräftigen Armen getrieben, der ihnen be⸗ zeichneten Stelle am jenſeitigen Ufer nahe gekommen war. Der alte Seemann ſpielte nun ſeine Rolle männlich, denn er war auf ſeinem eigenen Element, liebte ſeine Nichte aufrichtig, hatte eine beſondere Verehrung gegen ſeine eigene Perſon, und war des Feuers nicht ungewohnt, obgleich ſeine Erfahrnng ſich auf eine ganz andere Art des Kriegführens bezog. Einige Ruderſtreiche brachten den Kahn in das Gebüſch; Mabel eilte mit Jasper ans Land und für den Augenblick waren alle drei Flüchtlinge gerettet. Nicht ſo verhielt es ſich mit dem Pfadfinder. Seine muthige Selbſtaufopferung hatte ihn in eine ungemein gefährliche Lage ge⸗ bracht, die ſich noch dadurch verſchlimmerte, daß, als er gerade zunächſt dem Feinde vorbei trieb, der am Lande befindliche Haufen am Ufer herunter glitt, und ſich mit ſeinen in dem Waſſer ſtehen⸗ den Freunden vereinigte. Der Oswego war an dieſer Stelle ungefähr eine Kabellänge breit, und der in der Mitte befindliche Kahn nur ungefähr hundert Ellen oder eine Zielweite von den H 81 Büchſen entfernt, welche ohne Unterlaß gegen denſelben abgefeuert wurden. In dieſer verzweifelten Lage that die Feſtigkeit und Geſchick⸗ lichkeit des Pfadfinders gute Dienſte. Er wußte, daß ſeine Sicher⸗ heit nur von einer fortdauernden Bewegung abhing; denn ein feſt⸗ ſtehender Gegenſtand wäre in dieſer Entfernung faſt mit jedem Schuſſe getroffen worden. Bewegung allein war aber nicht zureichend; denn ſeine Feinde, die gewöhnt waren, den Hirſch im Sprunge zu tödten, wußten wahrſcheinlich ihr Ziel ſo wohl zu nehmen, daß ſie ihn getroffen haben würden, wenn die Bewegung eine gleichförmige war. Er ſah ſich daher veranlaßt, den Kurs des Kahnes zu wech⸗ ſeln und ſchoß einen Augenblick mit der Schnelligkeit des Pfeiles ſtromabwärts: im nächſten hielt er in dieſer Richtung an, und ſchnitt ſchräg in den Strom ein. Glücklicherweiſe konnten die Irokeſen ihre Gewehre im Waſſer nicht wieder laden, und das Gebüſch, welches überall das Ufer ſäumte, machte es ſchwierig, den Flüchtling im Geſicht zu behalten, wenn ſie ans Land ſtiegen. Unter dem Schutze dieſer Umſtände, und da die Feinde alle ihre Gewehre auf ihn ab⸗ gefeuert hatten, hatte Pfadfinder ſchnell, ſowohl abwärts als in die Quere, eine ſichernde Entfernung gewonnen, als plötzlich eine neue, wenn auch nicht unerwartete Gefahr auftauchte. Dieſe beſtand in der Erſcheinung des Haufens, welcher weiter unten im Hinterhalt gelegen hatte, um den Strom zu bewachen, und deſſen die Wilden in dem oben aufgeführten kurzen Geſpräch Erwähnung gethan. Die Zahl deſſelben betrug nicht weniger als zehn, und da ihnen alle Vortheile ihres blutigen Gewerbes bekannt waren, ſo hatten ſie ſich an einer Stelle aufgeſtellt, wo das Waſſer zwiſchen den Felſen und über die Untiefen brandete: Stellen, die man in der Sprache dieſer Gegend Stromengen nennt. Der Pfadfinder ſah wohl, daß er, wenn er in dieſe Enge einliefe, auf den Punkt zugetrieben würde, wo die Jrokeſen ſich aufgeſtellt hatten; denn die Strömung war unwiderſtehlich, die Felſen geſtatteten keinen andern Der Pfadfinder. 3. Aufl. 6 5 8² ſichern Durchgang, und ſo waren Tod oder Gefangenſchaft die ein⸗ zigen wahrſcheinlichen Reſultate eines ſolchen Verſuches. Er ſtrengte daher alle ſeine Kräfte an, um das weſtliche Ufer zu erreichen, da ſich die Feinde alle auf der Oſtſeite des Fluſſes befanden. Aber ein ſolches Unternehmen überſtieg die Kraft eines einzelnen Men⸗ ſchen, und ein Verſuch, die Strömung zu überwinden, würde die Bewegung des Kahnes auf einmal ſo weit vermindert haben, daß dadurch einem ſicheren Zielen Raum gegeben worden wäre. In dieſer Noth kam der Wegweiſer mit ſeiner gewohnten ſchnellen Beſon⸗ nenheit zu einem Entſchluß, für welchen er alsbald ſeine Vorberei⸗ tungen traf. Anſtatt ſich zu bemühen, das Fahrwaſſer zu ge⸗ winnen, ſteuerte er gegen die ſeichteſte Stelle des Stroms, und als er dieſe erreicht hatte, ergriff er ſeine Büchſe und ſein Bündel, ſprang ins Waſſer und fing an, von Felſen zu Felſen zu waten, wobei er ſeine Richtung gegen das weſtliche Ufer einſchlug. Der Kahn wirbelte in der wüthenden Strömung, pollte über einige ſchlüpfrige Steine, füllte und leerte ſich wieder, und erreichte end⸗ lich das Ufer, einige Ellen von der Stelle entfernt, wo die Indianer ſich aufgeſtellt hatten. Indeß war der Pfadfinder noch lange nicht außer Gefahr. In den erſten Minuten erhielt die Bewunderung ſeiner Schnellig⸗ keit und ſeines Muthes, dieſer bei den Indianern ſo hoch geachteten Tugenden, ſeine Verfolger regungslos. Aber der Durſt nach Rache und die Gier nach dem ſo hochgeprieſenen Siegeszeichen überwäl⸗ tigten bald dieſes vorübergehende Gefühl und weckten ſie aus ihrer Erſtarrung. Büchſe um Büchſe krachte, und die Kugeln ſausten um des Flüchtlings Haupt, daß er ſie durch das Brauſen des Waſ⸗ ſers hören konnte. Aber er ſchritt fort, gleich einem, der ein durch Zauberkraft geſchütztes Leben trägt, und obwohl das grobe Gewand des Grenzmannes mehr als einmal durchlöchert ward, ſo wurde doch nicht einmal ſeine Haut geſtreift. Da der Pfadfinder einigemal genöthigt war, bis unter die — ²—— ——, 8³ Arme im Waſſer zu waten, wobei er ſeine Büchſe ſammt dem Schieß⸗ bedarf uͤber die wüthende Strömung erhob, ſo wurde er von der Anſtrengung bald ermüdet, und er war erfreut, an einem großen Steine oder vielmehr einem kleinen Felſen, welcher ſo hoch über den Fluß hervorragte, daß ſeine obere Fläche trocken war, Halt machen zu können. Auf dieſen Stein legte er ſein Pulverhorn und ſtellte ſich ſelbſt hinter denſelben, ſo daß ſein Körper theil⸗ weiſe gedeckt wurde. Das weſtliche Ufer war nur noch fünfzig Fuß entfernt, aber die ruhige, ſchnelle, dunkle Strömung, die zwiſchen durch ſchoß, verſchaffte ihm die Ueberzeugung, daß er hier werde ſchwimmen müſſen. Die Indianer, welche nur eine Weile ihr Feuer ausſetzten, verſammelten ſich um den geſtrandeten Kahn; und da ſie dabei die Ruder fanden, ſo ſchickten ſie ſich an, über den Fluß zu ſetzen. „Pfadfinder!“ rief eine Stimme aus dem Gebüſche des weſtlichen Ufers an der Stelle, welche der angeredeten Perſon am nächſten war. „Was wollt Ihr, Jasper?“ „Seyd guten Muths;— Es ſind Freunde bei der Hand, und kein Mingo ſoll über den Fluß ſetzen, ohne für ſeine Kühnheit zu büßen. Würdet Ihr nicht beſſer thun, Eure Büchſe auf dem Felſen zu laſſen und herüber zu ſchwimmen, ehe die Schurken ſich flott machen können?“ „Ein braver Jäger läßt nie ſein Gewehr im Stich, ſo lange er Pulver in ſeinem Horn und eine Kugel in der Taſche hat. Ich habe heute den Drücker noch nicht berührt, und koͤnnte den Gedanken nicht ertragen, mit dieſem Gewürm zuſammen gekommen zu ſeyn, ohne ihm eine Erinnerung an meinen Namen zurückzulaſſen. Ein bischen Waſſer wird meinen Beinen nicht ſchaden, und ich ſehe jenen Lumpenkerl, den Arrowhead, unter den Strolchen; ich möchte Dem wohl einen Lohn, den er ſo redlich verdient hat, zuſenden. Ihr habt doch hoffentlich nicht des Sergeanten Tochter mit her⸗ unter und in die Schußweite ihrer Kugeln gebracht, Jasper?“ „Sie iſt in Sicherheit, wenigſtens für den Augenblick, obgleich Alles davon abhängt, daß wir den Fluß zwiſchen uns und dem Feinde erhalten. Sie müſſen jetzt unſere Schwäche kennen, und wenn ſie überſetzen ſollten, ſo zweifle ich nicht, daß ein Theil davon auf der andern Seite bleiben wird.“ „Dieſe Kahnfahrt betrifft Euere Gaben näher, als die meinigen, Junge, obgleich ich mein Ruder handhaben werde, wie der beſte Mingo, der je einen Salm erlegte. Wenn ſie unterhalb der Strom⸗ enge kreuzen, warum ſollten wir nicht eben ſo gut oberhalb deſſelben über das ruhige Waſſer ſetzen, und ſie durch das Hin und Her, wie im Wolfſpiel, zum Beſten haben können?“ „Weil ſie, wie ich geſagt habe, eine Partie auf dem andern Ufer laſſen werden; und dann, Pfadfinder, möchtet Ihr Mabel den Büchſen der Irokeſen blosgeben?“ „Des Sergeanten Tochter muß gerettet werden,“ entgegnete der Wegweiſer mit ruhiger Energie.„Ihr habt Recht, Jasper; ſie hat nicht die Gabe, ihren Muth dadurch zu bewähren, daß ſie ihr ſüßes Geſicht und ihren zarten Körper einer Mingobüchſe aus⸗ ſetzt. Was können wir thun? Wir müſſen eben, wenn es möglich iſt, das Ueberſetzen ein oder zwei Stunden verhindern, und dann in der Dunkelheit unſer Letztes verſuchen.“ „Ich ſtimme Euch bei, Pfadfinder, wenn es bewerkſtelligt werden kann. Aber ſind wir auch ſtark genug für dieſes Vorhaben?“ „Der Herr iſt mit uns, Junge— der Herr iſt mit uns; und es iſt unvernünftig, zu glauben, daß eine Perſon wie des Ser⸗ geanten Tochter in einer ſolchen Verlegenheit ſo ganz von der Vorſehung ſollte verlaſſen werden. Es iſt, wie ich gewiß weiß, kein Boot zwiſchen den Fällen und der Garniſon, als unſere beiden Kähne, und ich denke, es wird über die Gaben einer Rothhaut gehen, Angeſichts zweier Büchſen, wie die Eurige und die meinige, über den Fluß zu ſetzen. Ich will nicht prahlen, Jasper, aber man weiß in allan Gränzorten wohl, daß der Hirſchetödter ſelten fehlt.“ gen, eſte m⸗ ben der, ern den nete der; ſie ius⸗ lich ann eiß, iden haut ige, nan lt.⸗ 8⁵ „Eure Geſchicklichkeit iſt nahe und fern bekannt, Pfadfinder, aber eine Büchſe braucht Zeit, um geladen zu werden; auch ſeyd Ihr nicht an dem Lande und durch einen guten Verſteck geſchützt, von dem aus Ihr Euch Eurer gewohnten Vortheile bedienen könntet. Wenn Ihr unſern Kahn hättet, getrautet Ihr Euch wohl, mit trockenem Gewehr das Ufer zu erreichen?“ „Kann ein Adler fliegen?“ erwiederte der Andere mit ſeinem gewohnten Lachen, indem er im Sprechen rückwärts blickte.„Aber es würde unklug ſeyn, Euch ſelbſt auf dem Waſſer auszuſetzen, denn dieſe Spitzbuben fangen wieder an, ſich an ihr Pulver und ihre Kugeln zu erinnern.“ „Es kann auch, ohne daß ich mich in Gefahr begebe, geſchehen. Meiſter Cap iſt nach dem Kahn hinaufgegangen und wird den Zweig eines Baumes in den Fluß werfen, um die Strömung zu unterſuchen, welche von jener obern Stelle in der Richtung Eures Felſen lauft. Seht, da kommt er ſchon, wenn er gut anlangt, ſo dürft Ihr nur den Arm ausſtrecken, und der Kahn wird folgen. Jedenfalls wird ihn, wenn er an Euch vorbeigehen ſollte, der Wirbel da unten wieder heraufbringen, ſo daß ich ihn wohl er⸗ reichen kann.“. Während Jasper noch ſprach, kam der ſchwimmende Zweig näher. Er beſchleunigte ſeine Geſchwindigkeit mit der zunehmenden Schnelle der Strömung und ſchwebte ſchnell abwärts auf den Pfad⸗ finder zu, welcher ihn raſch ergriff und als ein Erfolg verſprechendes Zeichen in die Höhe hielt. Cap verſtand das Signal und überließ den Kahn mit einer Behutſamkeit und Umſicht, zu deren Beob⸗ achtung die Gewohnheit den Seemann geeignet gemacht hatte, dem Strome. Er ſchwamm in derſelben Richtung, wie der Zweig und in einer Minute wurde er von dem Pfadfinder angehalten. „Das iſt mit der Einſicht eines Grenzmannes ausgeführt, Jasper,“ ſagte der Wegweiſer lachend.„Doch Eure Gaben eignen ſich für das Waſſer, wie die meinigen für die Wälder. Nun laßt 86 dieſe ſchuftigen Mingos ihre Hahnen ſpannen und auflegen, denn dieß iſt das letztemal, daß ſie im Stande ſind, auf einen Mann außerhalb eines Verſteckes zu zielen.“ „Schiebt den Kahn gegen das Ufer, legt gegen die Strömung ein, und ſpringt hinein, wenn er abſtößt. Man hat wenig Vortheil, wenn man ſich der Gefahr ausſetzt.“ „Ich liebe es, Geſicht gegen Geſicht wie ein Mann meinen Feinden gegenüber zu ſtehen, wenn ſie mir hierin das Beiſpiel geben,“ erwiederte der Pfadfinder ſtolz.„Ich bin keine geborne Rothhaut, und es gehört mehr zu den Gaben eines weißen Mannes, offen zu fechten, als in einem Hinterhalt zu liegen.“ „Und Mabel?“ „Richtig, Junge, Ihr habt recht; des Sergeanten Tochter muß gerettet werden, und eine thörichte Ausſetzung, wie Ihr ſagt, ziemt bloß Knaben. Glaubt Ihr, daß Ihr auf Eurem Standort den Kahn auffangen könnt?“ „Daran iſt kein Zweifel, wenn Ihr ihm einen kräftigen Stoß gebt.“ Pfadfinder wandte die erforderliche Kraft an; die leichte Barke ſchoß quer über den trennenden Raum, und als ſie gegen das Land kam, wurde ſie von Jaspern ergriffen. Da die beiden Freunde nun den Kahn zu ſichern und die geeignete Stellung in einem Verſteck zu nehmen hatten, ſo blieb ihnen nur ein Augenblick, um ſich die Hände zu drücken, was mit einer Herzlichkeit geſchah, als ob ſie ſich nach langer Trennung wieder zum erſtenmal geſehen hätten. „Nun, Jasper, wir werden ſehen, ob einer von dieſen Mingos über den Oswego ſetzen kann, wenn ihm der Hirſchetödter die Zähne weist. Ihr ſeyd zwar vielleicht gewandter in der Führung des Ruders, als in dem Gebrauch der Büchſe, aber Ihr habt ein tapferes Herz und eine ſichere Hand, und das ſind ſchon Dinge, die bei einem Kampf in Betracht kommen.“ „Mabel wird mich zwiſchen ihr und ihrem Feinden finden,“ ſagte Jasper ruhig. 87 „Ja, ja, des Sergeanten Tochter muß beſchützt werden. Ich liebe Euch, Junge, um Eurer ſelbſt willen; aber ich liebe Euch noch viel mehr, weil Ihr ſo auf den Schutz dieſes ſchwachen Ge⸗ ſchöpfs bedacht ſeyd, in einem Augenblick, wo ſie Eurer ganzen Mannheit bedarf. Seht, Jasper, drei von dieſen Schurken ſind eben in den Kahn geſtiegen. Sie müſſen glauben, wir ſeyen ge⸗ flohen, ſonſt würden ſie ſo etwas ſicher nicht im Angeſicht des Hirſchetödters gewagt haben.“ Die Irokeſen ſchienen ſich nun zu einer Kreuzung des Stro⸗ mes anzuſchicken; denn da der Pfadfinder und ſeine Freunde ſich ſorgfältig verſteckt hielten, ſo fingen ihre Feinde an zu glauben, daß ſie die Flucht ergriffen hätten. Dieſen Ausweg würden auch wohl die meiſten Weißen eingeſchlagen haben; aber Mabel war unter dem Schutze von Leuten, welche zu ſehr den Krieg in den Wäldern kannten, um die Vertheidigung des einzigen Uebergangspunktes, der ihre Sicherheit gefährden konnte, zu vernachläßigen. Wie der Pfadfinder geſagt hatte, waren drei Krieger in dem Kahn, von denen zwei auf den Knieen im Anſchlag lagen, um jeden Augenblick ihrer tödtlichen Waffe ein Ziel geben zu können: der dritte ſtand aufrecht in dem Stern und lenkte das Ruder. In dieſer Weiſe verließen ſie das Ufer, nachdem ſie, ehe ſie in den Kahn traten, ihn vorſichtig ſtromaufwärts gehalten hatten, um in das vergleichungsweiſe ſtille Waſſer oberhalb der Stromenge zu kommen. Man konnte auf den erſten Blick ſehen, daß der Wilde, welcher das Boot führte, ſeine Sache gut verſtand, denn unter ſeinem langen und ſicheren Ruderſchlag flog das leichte Fahrzeug mit der Leichtigkeit einer Feder in der Luft über die glänzende Fläche. „Soll ich Feuer geben?“ fragte Jasper flüſternd, und zitternd vor Begierde, den Kampf zu beginnen. „Noch nicht, Junge, noch nicht.“ Es ſind ihrer drei, und wenn Meiſter Cap dort weiß, wie er die Schlüſſelbüchſen, die in 88 ſeinem Gürtel ſtecken, zu gebrauchen hat, ſo können wir ſie immer vo an'’s Land kommen laſſen. Wir werden dann den Kahn wieder bl. kriegen.“. ve „Aber Mabel?“—* eu „Fürchtet nichts für des Sergeanten Tochter. Sie iſt jan⸗ da wie Ihr ſagt, ſicher in dem hohlen Baum, deſſen OeffnunganFhr F klugerweiſe durch die Brombeerſtaude verbarget. Wenn es wahr⸗ r iſt, was Ihr mir über die Weiſe, wie Ihr ihre Fährte merdeckte 12 habt, erzähltet, ſo könnte das ſüße Geſchöpf wohl einen Monat we dort liegen, und alle Mingos auslachen.“ b ⸗ J „Wir find deſſen nie gewiß und ich wünſchte, wir halten ſie ten unſerem eigenen Verſteck näher gebracht.“ B „Warum, Cau⸗douce? um ihren niedlichen kleinen Kopf und S ihr klopfendes Herz den fliegenden Kugeln auszuſetzen? Nein, nein, ſel ſie bleibt beſſer, wo ſie iſt, weil ſie dort ſicherer iſt.“ 1,. er G „Wir find deſſen nicht gewiß. Wir hielten uns auch für ſicher fer hinter dem Gebüſch, und doch habt Ihr ſelbſt geſeheinz daß wir ten b entdeckt wurden—“ W „Und der junge Teufel von Mingo ſeine Neugierde büßen S mußte, wie es mir alle dieſe Schufte thun ſollen—“ de Der Pfadfinder unterbrach ſeine Worte, denn in dieſem Augen⸗ da blick ſchlug der Knall einer Büchſe an ſein Ohr. Der Indianer im— mi Sterne des Kahnes ſprang hoch in die Luft und fiel mit dem im Ruder in der Hand ins Waſſer. Ein leichtes Rauchwölkchen wir⸗ D. belte aus einem der Gebüſche auf dem öſtlichen Ufer in die Höhe, hã und verlor ſich bald in der Atmoſphäre. los „Das iſt Serpents Ziſchen!“ rief der Pfadfinder, frohlockend. „Ein kühneres und treueres Herz hat nie in der Bruſt eines Dela⸗ Ir waren geſchlagen. Es iſt mir zwar leid, daß er ſich in die Sache wa 3 gemiſcht hat; aber er konnte unſere Lage nicht kennen, er konnte iſt nicht wiſſen, wie wir ſtehen.“ Kaum hatte der Kahn ſeinen Führer verloren, ſo wurde er ge AN 19 89 von den Schnellen der Stromenge ergriffen. Gänzlich hilflos blickten die zwei in demſelben befindlichen Indianer verwirrt um ſich, vermochten es jedoch nicht, der Macht des Elementes Widerſtand eutgegenzuſetzen. Es war vielleicht ein Glück für Chingachgook, daß die Aufmerkſamkeit der meiſten Irokeſen von der Lage ihrer Freug im Boot in Anſpruch genommen wurde, ſonſt möchte ihm wohl das Entkommen zum mindeſten ſchwer, wo nicht gar unmöglich eworon ſeyn. Aber man bemerkte unter den Feinden keine weirere Sewegung als die des Verbergens in irgend einem Verſteck. Jeder u war feſt auf die beiden im Kahn befindlichen Aben⸗ teurer 2. In kürzerer Zeit, als nöthig iſt, um dieſe Begebenveiten zu erzählen, wurde das Boot in den Wirbel der Stromenge geſchleudert, wobei die Wilden ſich auf den Boden des⸗ ſelben ausgeſtreckt hatten, da dieß das einzige Mittel war, das Gleich⸗ wi. zu erhalten. Aber auch dieſer Ausweg ſchlug ihnen fehl, daun ein Stoß an einen Felſen ſtürzte das kleine Fahrzeug um, und vwe Krieger wurden in den Fluß geſchleudert. Das Waſſer iſt an ſolchen Engen ſelten tief, mit Ausnahme einzelner Stellen, wo es ſich Kanäle ausgewaſchen hat. Es blieb ihnen deßhalb von dieſem Unfall wenig zu beſorgen, obgleich ihre Waffen dabei verloren gingen. Sie waren nun genöthigt, ſich mit dem möglichſten Vortheil gegen das freundliche Ufer, bald ſchwim⸗ mend, bald watend, wie es die Umſtände erforderten, zurückzuziehen. Der Kahn ſelbſt blieb an einem Felſen in der Mitte des Stromes hängen, wodurch er für den Augenblick beiden Partien gleich nutz⸗ los wurde. „Jetzt iſts an uns, Pfadfinder,“ ſagte Jasper; als die beiden Irokeſen, während ſie durch die ſeichteſte Stelle der Stromſchnellen wateten, ihre Körper am meiſten ausſetzten.„Der obere Burſche iſt mein; Ihr kennt den untern nehmen!“ Der junge Mann war durch alle Einzelnheiten dieſer beunruhi⸗ genden Scene ſo aufgeregt worden, daß, ehe er noch ausgeſprochen 90 hatte, die Kugel aus ſeinem Rohre flog,— aber ſie war augen⸗ ſcheinlich vergeudet, denn die beiden Flüchtlinge erhoben voll Gering⸗ ſchätzung ihre Arme. Der Pfadfinder feuerte nicht. „Nein, nein, Eau⸗douce,“ erwiederte er,„ich vergieße kein Blut ohne Grund, und meine Kugel iſt wohl gepflaſtert und ſorg⸗ fältig aufgeſetzt für den Augenblick, wo ich ihrer bedarf. Ich liebe keinen Mingo, was man daraus ſehen kann, daß ich mich ſo viel in der Geſellſchaft der Delawaren, ihrer natürlichen Todfeinde, um⸗ treibe. Ich will aber nie meinen Drücker gegen einen ſolchen Schuft brauchen, wenn es nicht auf der Hand liegt, daß ſein Tod zu irgend einem guten Ziele führen wird. Der Hirſch ſprang nie⸗ mals, den meine Hand leichtfertig fällte, und wenn man viel allein mit Gott in den Wäldern lebt, ſo lernt man die Gerechtig⸗ keit ſolcher Anſichten empfinden. Ein Leben iſt hinreichend für unſere gegenwärtigen Bedürfniſſe, und es wird jetzt Gelegenheit geben, den Hirſchetödter zur Vertheidigung des Serpent zu brauchen, der eine höchſt verwegene That begangen, indem er dieſe überhand⸗ nehmenden Teufel ſo deutlich wiſſen ließ, daß er in ihrer Nachbar⸗ ſchaft ſey. So wahr ich ein armer Sünder bin, da ſchleicht ſich gerade einer von dieſen Strolchen an dem Ufer hin, wie ein Junge in der Garniſon hinter einen gefallenen Baum, wenn er auf ein Eichhörnchen ſchießen will!“ Da der Pfadfinder, während er ſprach, mit ſeinen Fingern zeigte, ſo konnte Jaspers ſchnelles Auge den Gegenſtand, auf den ſie gerichtet waren, raſch auffinden. Es war einer der jungen Krieger des Feindes, der vor Begierde brannte, ſich auszuzeichnen, und ſich von ſeiner Partie weg, gegen den Verſteck hin, in welchem Chingachgook verborgen lag, geſtohlen hatte; und da der Letztere durch die ſcheinbare Apathie ſeiner Feinde getäuſcht und überhaupt mit weiteren Vorkehrungen für ſeine Sicherheit beſchäftigt war, ſo hatte der Irokeſe augenſcheinlich eine Stellung genommen, welche ihm den Delawaren zu Geſicht brachte. Man Hnnte dieß ————— 0 91 aus ſeinen Vorkehrungen, Feuer zu geben, erkennen, denn Chin⸗ gachgook ſelbſt war denen auf dem weſtlichen Ufer des Fluſſes nicht ſichtber. Die Stromenge befand ſich an einer Krümmung des Oswego und der Bogen des öſtlichen Ufers bildete eine ſo tiefe Einbiegung, daß Chingachgook in gerader Linie ſeinen Feinden ganz nahe war, obgleich er zu Lande mehrere hundert Fuß von ihnen entfernt ſtand. Aus dieſem Grunde war auch die Entfer⸗ nung beider Partien gegen Jaspers und Pfadfinders Stellung ſo ziemlich die gleiche, und mochte nicht viel weniger als zweihundert Ellen betragen. „Der Serpent muß um den Weg ſeyn,“ ſagte der Pfadfinder, welcher keinen Augenblick ſein Auge von dem jungen Krieger ab⸗ wandte.„Er ſieht ſich auf eine ſonderbare Weiſe vor, wenn er einem ſolchen blutdürſtigen Mingoteufel geſtattet, ſo nahe zu kommen.“ „Seht,“ unterbrach ihn Jasper,„da iſt der Körper des Indianers, welchen der Delaware erſchoß. Er wurde an einen Felſen getrieben, und die Strömung hat den Kopf und das Geſicht aus dem Waſſer gedrängt.“ „Ganz wahrſcheinlich, Junge; ganz wahrſcheinlich. Menſchen⸗ natur iſt wenig beſſer als ein Stamm Treibholz, wenn das Leben, das in ihrer Bruſt geathmet hat, gewichen iſt. Dieſer Irokeſe wird Niemanden mehr ein Leides thun; aber jener ſchleichende Wilde ſteht im Begriff, ſich des Skalps meines beſten und erprobteſten Freundes—“ Der Pfadfinder unterbrach ſich plötzlich ſelbſt und erhob ſeine Büchſe, eine Waffe von ungewöhnlicher Länge, mit bewunderungs⸗ würdiger Genauigkeit und feuerte in dem Augenblick, wo ſie die nöthige Höhe krreicht hatte. Der Irokeſe auf dem entgegengeſetzten Ufer zielte eben, als ihn der verhängnißvolle Bote aus dem Laufe des Hirſchetödters ereilte. Seine Büchſe entlud ſich allerdings, aber mit der Mündung in die Luft, indeß der Mann ſelbſt in das Ge⸗ büſch ſtürzte, gewiß verwundet, wo nicht getödtet. „Dieſes ſchleichende Gewürm wollte es nicht beſſer,“ brummte der Pfadfinder, indem er ſein Gewehr ſinken ließ und wieder neu zu laden anfing.„Chingachgook und ich haben von Jugend auf in Compagnie gefochten, am Horican, am Mohawk, am Ontario und an allen andern blutigen Päſſen zwiſchen unſerm und dem fran⸗ zöſiſchen Gebiete, und ſo ein thörichter Schuft glaubt, ich werde dabei ſtehen und zuſehen, wenn mein beſter Freund in einem Hinter⸗ halt erlegt wird!“ „Wir haben dem Serpent einen ſo guten Dienſt gethan, als er uns. Dieſe Schufte ſind eingeſchüchtert und werden in ihre Verſtecke zurückgehen, zumal wenn ſie finden, daß wir ſie über den Fluß hinüber erreichen können.“ „Der Schuß iſt von keiner beſondern Bedeutung, Jasper; er will nichts beſagen. Fragt einen von dem Sechszigſten, und er wird Euch erzählen, was der Hirſchetödter thun kann, und was er gethan hat, ſelbſt wenn die Kugeln wie Hagelſteine uns um die Köpfe ſausten. Nein, dieſer iſt von keiner großen Bedeutung, und der gedankenloſe Herumſtreicher iſt ſelber Schuld daran.“ „Iſt das ein Hund oder ein Hirſch, was auf unſer Ufer zuſchwimmt?“ Der Pfadfinder fuhr auf, denn es war gewiß, daß irgend ein Gegenſtand oberhalb der Stromenge über den Fluß ſetzte, aber immer mehr durch die Gewalt der Strömung der erſteren zuge⸗ trieben wurde. Ein zweiter Blick überzeugte beide Beobachter, daß es ein Menſch und zwar ein Indianer war, obgleich er im Anfang ſo tief im Waſſer ſtack, daß man noch zweifeln mußte. Die Freunde fürchteten eine Kriegsliſt, und richteten deshalb die ſchärfſte Auf⸗ merkſamkeit auf die Bewegungen des Fremden. „Er ſtößt etwas im Schwimmen vor ſich hin, und ſein Kopf gleicht einem treibenden Buſch,“ ſagte Jasper. „s iſt eine indianiſche Teufelei, Junge, aber chriſtliche Ehr⸗ lichkeit wird alle ihre Künſte umgehen.“ Als der Mann ſich langſam näherte, begannen die Beobachter 93 die Richtigkeit ihrer erſten Eindrücke zu bezweifeln, und erſt als er zwei Drittheile des Stromes zurückgelegt hatte, wurde ihnen die Wahrheit völlig klar. „Der Big Serpent, ſo wahr ich lebe,“ rief Pfadfinder, in⸗ dem er auf ſeinen Gefährten blickte, und dabei vor Wonne über den glücklichen Kunſtgriff lachte, bis ihm die Thränen in die Augen traten.„Er hat Geſträuch um ſeinen Kopf gebunden, um ihn zu verbergen, und das Pulverhorn an die Spitze gehängt. Die Flinte liegt auf dem Stückchen Stamm, das er vor ſich hertreibt und er kömmt herüber, um ſich mit ſeinen Freunden zu vereinigen. Ach! die Zeiten, die Zeiten, wo er und ich ſolche Schwänke gemacht haben, recht unter den Zähnen der nach Blut tobenden Mingos, bei der großen Durchfahrt um den Ty herum.“ „Es kann, genau betrachtet, doch nicht der Serpent ſeyn, Pfadfinder; ich kann keinen Zug entdecken, deſſen ich mich erinnere.“ „Was Zug! wer ſieht auf die Züge bei einem Indianer?— Nein, nein Junge, ſeine Malerei iſt es, die ſpricht, und nur ein Delaware würde dieſe Farben tragen.. Dieß ſind ſeine Farben, Jasper, gerade wie Euer Fahrzeug auf dem See das Georgenkreuz trägt, und die Franzoſen ihre Tafeltücher in dem Winde flattern laſſen mit all ihren Flecken von Fiſchgräten und Wildpretſtücken. Ihr ſeht doch das Auge, Junge, und es iſt das Auge eines Häupt⸗ lings. Aber, Eau⸗douce, ſo ungeſtümm es im Kampfe und ſo glän⸗ zend es unter den Blättern blickt“— hier legte der Pfadfinder ſeinen Finger leicht, aber mit Nachdruck auf den Arm ſeines Ge⸗ fährten,„ſo habe ich es doch geſehen, wie es Thränen gleich dem Regen vergoß. Es iſt eine Seele und ein Herz unter dieſer rothen Haut, verlaßt Euch drauf, obgleich dieſe Seele und dieſes Herz Gaben haben, die von den unſrigen verſchieden ſind.“ „Niemand, der den Häuptling kennt, hat je hieran gezweifelt.“ „Ich aber weiß es,“ erwiederte der Andere ſtolz,„denn ich war in Freude und Leid ſein Gefährte, und habe in dem einen ihn als einen Mann gefunden, wie ſchwer er auch getroffen war, und in der andern als einen Häuptling, welcher weiß, daß ſelbſt die Weiber ſeines Stammes anſtändig ſind in ihrer Fröhlichkeit. Doch ſtill! Es gleicht zu ſehr den Leuten von den Anſiedelungen, ſchmeichelnde Reden in das Ohr eines Andern zu gießen, und der Serpent hat ſcharfe Sinne. Er weiß, daß ich ihn liebe, und daß ich gut von ihm ſpreche hinter ſeinem Rücken; aber ein Delaware trägt Beſcheidenheit in ſeiner innerſten Natur, obgleich er prahlen wird wie ein Sünder, wenn er an den Pfahl gebunden iſt.“ Der Serpent hatte nun das Ufer gerade Angeſichts ſeiner Kamerazden erreicht, mit deren Stellung er ſchon, ehe er das öſtliche Ufer verließ, bekannt geweſen ſeyn mußte. Als er ſich aus dem Waſſer erhob, ſchüttelte er ſich wie ein Hund und rief in ſeiner gewohnten Weiſe—„Hugh!“ Sechstes Kapitel. Ew'ger Vater, die hier wechſelnd ſich geſtalten, Sind die andre Seite nur von Dir. Thomſon. Als der Häuptling an das Land geſtiegen war, und mit dem Pfadfinder zuſammentraf, redete dieſer ihn in der Sprache der Krieger ſeines Volkes an. „War es wohl gethan, Chingachgook,“ ſagte er vorwurfsvoll, „ſich gegen ein Dutzend Mingos ganz allein in einen Hinterhalt zu legen?'s iſt zwar wahr, der Hirſchetödter fehlt ſelten, aber der Oswego iſt breit und dieſer Schuft zeigte wenig mehr als den Kopf und die Schultern über dem Gebüſch, und eine ungeübte Hand und ein unſicheres Auge hätte ihn wohl fehlen mögen. Du ſollteſt das bedacht haben, Häuptling; Du ſollteſt hieran gedacht haben.“ „Big Serpent iſt ein Mohikaniſcher Krieger, und ſieht nur die Feinde, wenn er auf ſeinem Kriegspfad iſt. Seine Väter haben ihre Feinde im Rücken angegriffen, ſeit die Waſſer zu fließen begannen.“ „Ich kenne Deine Gaben, ich kenne ſie, und habe alle Achtung vor ihnen. Kein Menſch wird mich darüber klagen hören, daß eine Rothhaut der Rothhautnatur treu bleibt; aber Klugheit ziemt einem Krieger ſo gut als Tapferkeit, und hätten nicht dieſe Irokeſen⸗ teufel auf ihre Freunde im Waſſer geſehen, ſo möchten ſie Dir wohl heiß genug auf die Fährte gekommen ſeyn.“ „Was hat der Delaware vor?“ rief Jasper, welcher in dieſem Augenblick bemerkte, daß der Häuptling plötzlich den Pfadfinder verließ und gegen den Rand des Waſſers ging, anſcheinend mit der Abſicht, wieder in den Fluß zu ſteigen.„Er wird doch nicht ſo toll ſeyn, wieder an das andere Ufer zurückzukehren, vielleicht um einer Kleinigkeit willen, die er vergeſſen hat?“ „Nein, gewiß nicht; er iſt im Grunde ſo klug als tapfer, obgleich er in ſeinem letzten Hinterhalt ſich vergeſſen hat. Hört, Jasper“— er führte den andern ein wenig auf die Seite, als man gerade den Indianer in das Waſſer ſpringen hörte:„hört, Junge; Chingachgook iſt kein Chriſt, kein weißer Mann, wie wir, ſondern ein Mohikaniſcher Häuptling, der ſeine eigenen Gaben hat und den Ueberlieferungen folgt, welche ihm die Richtſchnur ſeiner Handlungen vorſchreiben: und wer ſich zu Männern geſellt, die nicht ſo ganz von ſeiner Art ſind, thut gut, ſie der Leitung ihrer Natur und Gewohnheit zu überlaſſen. Ein Soldat des Königs flucht und trinkt, und es wird von geringem Erfolg ſeyn, es ihm abgewöhnen zu wollen; ein Gentleman liebt ſeine Leckerbiſſen, eine Dame ihren Federſchmuck, und es fruchtet nicht viel, ſich dagegen anzuſtemmen. Dazu ſind Natur und Gaben eines Indinmers weit tiefer gewurzelt, als dieſe Gewohnheiten, und ich zweifle deßhalb nicht, daß ſie ihm von dem Herrn zu einem weiſen Zwecke beſcheert wurden, obgleich weder Ihr noch ich ſeinen Rathſchlüſſen zu folgen vermögen.“ „Was ſoll das bedeuten?— Seht, der Delaware ſchwimmt auf den Köͤrper zu, der dort an dem Felſen hängt. Warum begibt er ſich in dieſe Gefahr?“ „Um der Ehre und des Ruhmes willen; wie die großen Herren ihre ruhige Heimath jenſeits des Meeres verlaſſen, wo, wie ſie ſagen, das Herz ihnen nichts zu wünſchen übrig ließ— das heißt ſolche Herzen, die mit den Lichtungen zufrieden ſeyn können— und hieher kommen, um von der Jagd zu leben und gegen die Fran⸗ zoſen zu kämpfen.“ „Ich verſtehe Euch. Euer Freund iſt hingegangen, um ſich des Skalps zu verſichern.“ „'s iſt ſeine Gabe, und er mag ſich derſelben freuen. Wir ſind weiße Männer, und können einen todten Feind nicht verſtümmeln. Aber in den Augen einer Rothhaut erſcheint dieß als ehrenhaft. Es mag Euch ſonderbar vorkommen, Cau⸗douce, aber ich habe weiße Männer von großem Namen und Charakter ebenſo merk⸗ würdige Ideen von Ehre kundgeben ſehen.“ „Ein Wilder bleibt ein Wilder, Pfadfinder, mag er in was immer für einer Geſellſchaft leben.“ „Wir haben da gut reden, Junge; aber die Ehre des Weißen ſteht gleichfalls nicht immer im Einklang mit der Vernunft und dem Willen Gottes. Ich habe in den ſtillen Wäldern draußen manchen Tag in Gedanken über dieſe Gegenſtände zugebracht, und bin nun zu der Ueberzeugung gekommen, daß die Vorſehung, welche alle Dinge regelt, keine Gaben ohne weiſen und vernünftigen Zweck ertheilt. Wären Indianer zu Nichts nütze, ſo wären keine geſchaffen worden, und ich glaube, daß am Ende auch die Stämme der Mingo’s zu irgend einem vernünſtigen und eigenthümlichen Zwecke vorhanden ſind, obſchon ich bekenne, daß die Erkenntniß deſſelben über meine Einſicht geht.“ .— ren ſie ißt ind an⸗ ſich ſind en. aft. abe erk⸗ vas ßen und ißen und lche veck ffen go's nden eine 97 „Der Serpent ſetzt ſich bei dieſem Skalpholen der größten Gefahr aus. Es kann uns den Tag verlieren.“ „Wie er es betrachtet, nicht, Jasper. Dieſer einzige Skalp gereicht ihm, nach ſeinen Begriffen vom Krieg, zu einer größeren Chre, als ein ganzes Feld voll Erſchlagener, welche ihre Haare auf dem Kopf haben. Da hat der feine junge Kapitän vom Sechszigſten bei dem letzten Gefecht, das wir mit den Franzoſen hatten, ſein Leben dem Verſuch geopfert, einen feindlichen Drei⸗ pfünder zu nehmen, wobei er ſich auch Ehre zu erwerben hoffte; dann habe ich noch einen jungen Fähndrich gekannt, der ſich in ſeine Fahne wickelte, um darin den blutigen Todesſchlaf zu ſchlafen. Mochte er ſich wohl einbilden, daß er ſo ſanfter ruhe, als auf einer Büffelshaut?“ „Ja, es iſt ein anerkanntes Verdienſt, ſeine Flagge nicht nie⸗ der zu halen.“ „Und dieß ſind Chingachgook's Farben— er wird ſie auf⸗ bewahren, um ſie ſeinen Kindeskindern zu zeigen.“— Hier unter⸗ brach ſich Pfadfinder, ſchüttelte melancholiſch den Kopf und fuhr fort.„Was ſage ich! Kein Sprößling iſt dem alten Mohikaniſchen. Stamme geblieben. Er hat keine Kinder, die er mit ſeinen Siegeszeichen erfreuen könnte; keinen Stamm, der ſeine Thaten preist. Er iſt ein einſamer Mann in dieſer Welt, und doch hält er treu an ſeiner Erziehung und ſeinen Gaben! Es liegt etwas Ehrenwerthes und Achtbares hierin, Jasper, Ihr müßt es zugeben; ja, es liegt etwas Würdiges darin.“ Hier erhob ſich unter den Irokeſen ein gewaltiges Geſchrei, welchem ſchnell das Knallen ihrer Büchſen folgte. Die Feinde wurden in ihrem Bemühen, den Delawaren von ſeinem Opfer zurückzutreiben, ſo hitzig, daß ein Dutzend derſelben in das Waſſer ſtürzten, und einige faſt auf hundert Fuß in der ſchäumenden Strömung vordrangen, als ob ſie wirklich an einen ernſtlichen Ausfall dächten. Aber Chingachgook machte ruhig weiter, da er von Der Pfadfinder. 3. Aufl. 7 98 den Geſchoſſen unverletzt geblieben war, und beendete ſeine Aufgabe mit der Gewandtheit einer langen Uebung. Dann ſchwang er ſein triefendes Siegeszeichen in der Luft und ließ ſeinen Schlacht⸗ ruf in den furchtbarſten Intonationen erſchallen. Eine Minute lang ertönten nun die Hallen des ſchweigenden Waldes und der tiefe, von dem Laufe des Stromes gebildete Einſchnitt von einem ſchrecklichen Geſchrei wieder, ſo daß Mabel in ununterdrückbarer Furcht ihr Haupt ſinken ließ, während ihr Onkel einen Augenblick ernſtlich auf Flucht bedacht war. „Das überſteigt Alles, was ich je von dieſen Elenden gehört habe,“ rief Jasper voll Entſetzen und Abſcheu, indem er ſich die Ohren zuhielt. „'s iſt ihre Muſik, Junge; ihre Trommeln und Pfeifen; ihre Trompeten und Zinken. Es iſt kein Zweifel, daß ſie dieſe Töne lieben, denn ſie erregen in ihnen ungeſtüme Gefühle und das Ver⸗ langen nach Blut,“ erwiederte Pfadfinder in vollkommener Ruhe. „Ich hielt ſie für ſchrecklicher, als ich noch ein junger Burſche war; jetzt aber ſind ſie meinen Ohren nicht mehr, als das Pfeifen des Windfängers oder der Geſang des Spottvogels, und ſtünde dieſes kreiſchende Gewürm von den Fällen an bis zur Garniſon, einer an dem andern, ſo würde es jetzt keinen Eindruck mehr auf meine Nerven machen. Ich ſage das nicht aus Prahlerei, Jasper; denn der Mann, der die Feigheit durch die Ohren eindringen läßt, hat jedenfalls ein ſchwaches Herz. Töne und Geſchrei ſind mehr geeignet, Weiber und Kinder zu beunruhigen, als einen Mann, der gewohnt iſt, die Wälder zu durchſpähen, oder dem Feinde in's Angeſicht zu ſchauen. Ich hoffe, der Serpent iſt nun zufrieden geſtellt, denn da kommt er mit dem Skalp an ſeinem Gürtel.“ Jasper wandte voll Abſcheu über das letzte Beginnen des Delawaren ſein Geſicht ab, als dieſer ans Land ſtieg. Pfadfinder aber betrachtete ſeinen Freund mit der philoſophiſchen Gleichgil⸗ tigkeit eines Mannes, deſſen Geiſt ſich gewöhnt hat, auf alle ihm 8. — —— ce. abe er cht⸗ nute der tem arer lick Fört die ihre öne Jer⸗ ihe. ar; des nde ſon, auf der; 99 außerweſentlich ſcheinenden Dinge ohne Vorurtheil zu blicken. Als der Delaware ſich tiefer in das Gebüſch begab, um ſeinen ärmlichen Kattunanzug auszuringen und ſeine Büchſe für den Dienſt in Stand zu ſetzen, warf er einen triumphirenden Blick auf ſeine Ge⸗ fährten, nach welchem jedoch alle auf ſeine vermeintliche Heldenthat Bezug habenden Gefühlsäußerungen verſchwanden. „Jasper,“ begann nun der Wegweiſer,„geht zu Meiſter Caps Station hinunter, und erſucht ihn, ſich mit uns zu vereini⸗ gen. Wir haben nur wenig Zeit zur Berathung und müſſen daher ſchnell unſern Plan entwerfen; denn es wird nicht lange anſtehen, bis dieſe Mingos neues Unheil ſpinnen.“ Der junge Mann gehorchte und in wenigen Minuten waren die Viere in der Nähe des Ufers verſammelt, um über ihre nächſten Bewegungen Rath zu ſchlagen, wobei ſie ſich jedoch vorſichtig ver⸗ bargen und ein wachſames Auge auf das Beginnen ihrer Feinde hielten. Mittlerweile hatte ſich der Tag zu ſeinem Ende geneigt und weilte noch einige Minuten zwiſchen dem ſcheidenden Lichte und einer Dunkelheit, welche tiefer als gewöhnlich zu werden verſprach. Die Sonne war bereits hinter den Horizont geſunken und die Dämmerung ging ſchon in das Dunkel der tiefen Nacht über. Die meiſte Hoffnung unſerer Geſellſchaft hing an dieſem begünſtigenden Umſtand, obgleich er auch nicht alle Gefahr beſeitigte, denn wie⸗ wohl er ihrer Flucht Vorſchub that, ſo verhehlte er auch zugleich die Bewegungen ihrer verſchmitzten Feinde. „Männer,“ begann der Pfadfinder,„der Augenblick iſt gekom⸗ men, wo wir mit Beſonnenheit unſere Plane entwerfen müſſen, um gemeinſchaftlich und nach beſter Würdigung unſerer Gaben handeln zu können. In einer Stunde werden dieſe Wälder ſo dunkel als um Mitternacht ſeyn, und wenn wir je die Garniſon erreichen wollen, ſo muß es unter dem Schutze dieſes günſtigen Umſtandes geſchehen. Was ſagt Ihr, Meiſter Cap? Denn obgleich Ihr in den Kämpfen und Rückzügen der Wälder nicht unter die Erfahrenſten gehört, ſo berechtigen Euch doch Eure Jahre, zuerſt im Rathe und in dieſer Sache zu ſprechen.“ „Und meine nahe Verwandtſchaft zu Mabel, Pfadfinder, die doch auch als Etwas anzuſchlagen iſt.“ „Ich weiß das nicht, ich weiß das nicht. Rückſicht iſt Rück⸗ ſicht, und Zuneigung iſt Zuneigung, ob ſie eine Gabe der Natur iſt, oder ob ſie aus dem eigenen Urtheil und einer freiwilligen Anhänglichkeit fließt. Ich will hier nicht von Serpent ſprechen, der für die Weiber keinen Sinn mehr hat, wohl aber von Jasper und mir; wir ſind eben ſo bereit, uns zwiſchen des Serganten Tochter und die Mingos zu ſtellen, als es ihr eigener braver Vater thun würde. Sag' ich nicht die Wahrheit, Junge?“ „Mabel kann bis zum letzten Tropfen Bluts auf mich rechnen,“ ſprach Jasper, zwar mit verhaltenem Tone, aber mit tiefem Aus⸗ druck des Gefühls. „Gut, gut,“ erwiederte der Onkel,„wir wollen über dieſen Gegenſtand nicht ſtreiten, da alle bereit ſcheinen, dem Mädchen zu dienen; und Thaten ſind beſſer als Worte. Nach meinem Gutachten können wir nichts anderes thun, als an den Bord des Kahnes gehen, ſobald es dunkel genug iſt, daß uns die feindlichen Ausluger nicht ſehen können, und gegen den Hafen rennen, ſo ſchnell es Wind und Zeit erlaubt.“— 3 „Das iſt leicht geſagt, aber nicht leicht gethan;“ entgegnete der Wegweiſer.„Wir werden in dem Fluß weit mehr Gefahren ausgeſetzt ſeyn, als wenn wir unſern Weg durch die Wälder ver⸗ folgen, und dann iſt die Stromenge des Oswego vor uns. Ich glaube nicht, daß ſelbſt Jasper einen Kahn in der Dunkelheit wohlbehalten darüber wegbringen wird. Was ſagt Ihr, Junge, da ich das Eurem Urtheil und Eurer Geſchicklichkeit überlaſſen muß?“ „Ich bin, die Benützung des Kahnes anlangend, mit Meiſter Cap Einer Meinung. Mabel iſt zu zart, um in einer Nacht, wie ——+HO 101 dieſe zu werden ſcheinet, durch Sümpfe und unter Baumwurzeln zu gehen, und dann fühle ich mein Herz immer kräftiger und mein Auge treuer, wenn ich mich auf dem Waſſer befinde.“ „Kräftig mag Euer Herz immer ſeyn, Junge, und Euer Auge erträglich treu, wenigſtens treu genug für einen, der ſo viel im hellen Sonnenſcheine und ſo wenig in den Wäldern gelebt hat. Freilich, der Ontario hat keine Bäume, ſonſt würde er eine Fläche ſeyn, die das Herz eines Jägers erfreuen könnte. Aber was Eure Meinung anbelangt, Freunde, ſo hat ſie viel für ſich und viel gegen ſich. Einmal iſt es richtig: das Waſſer hinterläßt keine Fährte—“ „Was iſt denn das Kielwaſſer anders?“ unterbrach ihn der hartnäckige und überkluge Cap. „Wie?“ „Macht nur fort,“ ſagte Jasper,„er bildet ſich ein, er ſey auf dem Meere— Waſſer hinterläßt keine Fährte—“ „Es hinterläßt keine, Eau⸗douce, wenigſtens bei uns nicht, obgleich ich mir nicht anmaße, zu ſagen, was es auf dem Meere hinterläßt. Ein Kahn iſt ſchnell und bequem, wenn er mit der Strömung ſchwimmt, und den zarten Gliedern der Sergeanten⸗ Tochter wird dieſe Bewegung gut bekommen. Anderer Seits aber hat der Fluß keine Verſtecke, als die Wolken des Himmels. Die Stromenge iſt ſogar bei Tage für einen Kahn ein kitzliches Wage⸗ ſtück; und dann iſt es zu Waſſer ſechs wohlgemeſſene Meilen von hier an bis zur Garniſon. Eine Landſpur dagegen findet man in der Dunkelheit nicht leicht auf. Es beunruhigt mich, Jasper, denn wirklich iſt hier guter Rath theuer.“ „Wenn der Serpent und ich in den Fluß ſchwimmen und den andern Kahn aufbringen könnten,“ erwiederte der junge Schiffer, ſo möchte unſer ſicherſter Weg der zu Waſſer ſeyn.“ „Ja, wenn!— Und doch ließe ſichs vielleicht thun, wenn es erſt ein wenig dunkler geworden iſt. Gut, gut, wenn ich des Ser⸗ geanten Tochter und ihre Gaben betrachte, ſo weiß ich nicht, ob 10² es nicht doch das Beſte ſeyn mag. Ja, wenn es bloß eine Partie von Männern wäre, ſo möchte es eine luſtige Hatz werden, wenn wir mit jenen ſchuftigen Burſchen ein wenig Verſteckens ſpielten. Jasper,“ fuhr der Wegweiſer fort, in deſſen Charakter keine Spur von eitlem Gepränge oder Bühneneffekt Raum fand,„wollt Ihr es unternehmen, den Kahn aufzubringen?“ „Ich will Alles unternehmen, was zu Mabels Dienſt und Schutz dienen kann, Pfadfinder.“ „Das iſt ein rechtſchaffenes Gefühl, und ich denke, es iſt Natur. Der Serpent, der bereits faſt entkleidet iſt, kann Euch helfen. So wird dieſen Teufeln wenigſtens eines der Mittel abgeſchnitten, mit denen ſie Unheil ſtiften könnten.“ Nachdem dieſer wichtige Punkt im Reinen war, bereiteten ſich die verſchiedenen Glieder der Geſellſchaft vor, ihn zur Ausführung zu bringen. Die Schatten des Abends fielen dicht über den Forſt, und als es ſo dunkel geworden war, daß man unmöglich mehr die Gegenſtände am jenſeitigen Ufer unterſcheiden konnte, war alles zu dem Verſuche bereit. Die Zeit drängte; denn die indianiſche Schlau⸗ heit konnte ſo manches Mittel erſinnen, um über einen ſo ſchmalen Strom zu ſetzen, ſo daß der Pfadfinder mit Ungeduld darauf drang, den Ort zu verlaſſen. Während Jasper und ſein Helfer, bloß mit Meſſern und dem Tomahawk des Delawaren bewaffnet, in den Strom gingen und die größte Sorgfalt anwandten, um keine ihrer Bewegungen zu verrathen, holte der Wegweiſer Mabel aus ihrem Verſtecke, hieß ſie und Cap am Ufer hin bis an den Fuß der Stromſchnellen gehen, und beſtieg ſelbſt den andern Kahn, um ihn an dieſelbe Stelle hinzubringen. Dieß war leicht bewerkſtelligt. Der Kahn wurde an das Ufer getrieben und Mabel und Cap ſtiegen ein, um ihre vorigen Sitze wieder einzunehmen. Der Pfadfinder ſtand im Stern aufrecht, und hielt bei einem Gebüſche, um zu verhüten, daß das ſchnelle Waſſer ſie nicht in die Strömung reiße. Einige Minuten geſpannter und —— 103 athemloſer Aufmerkſamkeit folgten, während welcher ſie den Erfolg des kühnen Verſuches ihrer Kameraden erwarteten. Es muß bemerkt werden, daß die zwei Abenteurer ſich ge⸗ nöthigt ſahen, über das tiefe und reißende Fahrwaſſer zu ſchwimmen, ehe ſie den Theil der Stromenge erreichen konnten, welcher ihnen das Waten geſtattete. So weit war jedoch die Unternehmung bald gediehen, und Jasper und Serpent erreichten in dem gleichen Augenblick Seite an Seite den Grund. Als ſie nun feſten Fuß gewonnen hatten, nahmen ſie ſich gegenſeitig bei der Hand und wateten langſam und mit der äußerſten Vorſicht in der Richtung fort, in welcher ſie den Kahn vermutheten. Aber die Tiefe der Finſterniß brachte ſie zu der Ueberzeugung, daß ihnen der Geſichts⸗ ſinn hier nur wenige Hilfe gewähre, und daß ihr Suchen durch jene Art von Inſtinkt geleitet werden müſſe, welche die Jäger in den Stand ſetzt, ihren Weg unter Umſtänden zu finden, wo keine Sonne und kein Stern einen Leitpunkt abgibt und wo einem Neuling in den Labyrinthen der Urwälder Alles nur wie ein Chaos erſcheinen würde. Unter ſolchen Verhältniſſen ergab ſich Jasper darein, ſich von dem Delawaren leiten zu laſſen, deſſen Gewohnheiten ihn am eheſten geeignet machten, die Führung zu übernehmen. Es war jedoch keine kleine Aufgabe, in dieſer Stunde mitten durch das brauſende Element zu waten, und alle Oertlichkeiten dem Geiſte ſo einzuprägen, daß ihnen die nöthige Erinnerung daran blieb. Als ſie ſich in der Mitte des Stromes glaubten, waren die Ufer bloß noch als dunkle Maſſen zu unterſcheiden, deren Umriſſe am Himmel kaum durch die Einſchnitte der Baumwipfel angedeutet wurden. Ein oder zweimal veränderten die Wanderer ihren Curs, weil ſie unerwartet in das tiefe Waſſer gekommen waren; denn ſie wußten, daß der Kahn an der ſeichteſten Stelle der Stromenge ſich befand. Dieß war auch überhaupt ihr einziger Leitpunkt, und Jasper und ſein Gefährte tappten nun ſchon nahezu eine Viertelſtunde im Waſſer herum, eine Zeit, welche dem jungen Mann gar kein Ende zu 40⁴ nehmen ſchien, und doch waren ſie ſcheinbar dem Gegenſtand ihres Suchens nicht näher, als ſie es im Anfang geweſen waren. Gerade, als der Delaware anhalten wollte, um ſeinem Kameraden mitzu⸗ theilen, daß ſie beſſer thun wurden, ans Land zurückzukehren und von dort aus einen neuen Verſuch zu machen, ſah er in einer Entfernung, die er mit dem Arme erreichen konnte, die Geſtalt eines Menſchen ſich im Waſſer bewegen. Jasper ſtand neben Ser⸗ pent, dem es nun auf einmal klar wurde, daß die Irokeſen die gleiche Abſicht mit ihnen hatten. „Mingo!“ wiſperte er in Jaspers Ohr—„Big Serpent wird ſeinem Bruder zeigen, wie man ſchlau iſt. 4 Der junge Schiffer warf in dieſem Moment einen Blick auf die Geſtalt, und die erſchreckende Wahrheit blitzte auch in ſeiner Seele auf. Da er die Nothwendigkeit erkannte, ſich hier ganz 4— dem Delawarenhäuptling anzuvertrauen, ſo hielt er ſich zurück, indeß ſein Freund ſich vorſichtig in der Richtung fortbewegte, in welcher die fremde Geſtalt verſchwunden war. Im nächſten Augen⸗ ꝙ ͤͤ —————2 blick wurde ſie wieder ſichtbar und bewegte ſich augenblicklich auf unſere beiden Abenteurer zu. Die Waſſer tobten in einer Weiſe, daß von dem gewoͤhnlichen Ton der Stimme nichts zu beſorgen ſtand; der Indianer wendete daher den Kopf rückwärts und ſprach haſtig:„Ueberlaſſ' dieß der Schlauheit der großen Schlange.“ „Hugh!“ rief der fremde Wilde und ſuhr in der Sprache, ſeines Volkes fort—„der Kahn iſt gefunden, aber es iſt niemand M da, mir zu helfen. Kommt, laßt uns ihn vom Felſen losmachen.“ f„Gern,“ antwortete Chingachgook, welcher den Dialekt ver⸗ 3 ſtand, führe uns,„wir wollen folgen.“ Der Fremde, welcher mitten in dem Brauſen der Waſſer die Stimme und den Accent nicht zu unterſcheiden vermochte, führte ſie in der erforderlichen Richtung, wobei die beiden letzteren ſich dicht an ſeine Ferſe hielten, und ſo erreichten alle drei ſchnell den Kahn. Der Irokeſe hielt an dem einen Ende, Chingachgook ſtellte ſich in — 105 der Mitte auf, und Jasper begab ſich zu dem andern, da es von Wichtigkeit war, daß der Fremde nicht die Anweſenheit eines Blaßgeſichts gewahr werde,— eine Entdeckung, die eben ſo gut durch die Kleidungsſtücke, welche der junge Mann noch trug, als durch das Sichtbarwerden ſeines Kopfes hätte herbeigeführt werden mögen. „Lüpft!“ ſagte der Irokeſe mit der ſeiner Race eigenthümlichen Kürze, und mit geringer Anſtrengung machten ſie den Kahn von dem Felſen los, hielten ihn einen Augenblick in der Luft, um ihn auszuleeren, und ſetzten ihn dann ſorgfältig in der geeigneten Lage auf das Waſſer. Alle drei hielten feſt, damit er nicht unter dem heftigen Drängen der Strömung ihren Händen entſchlüpfte, während der Irokeſe, welcher den Curs leitete und ſich an dem Bug des Kahnes befand, die Richtung nach dem öſtlichen Ufer, oder dem Orte, wo ſeine Freunde ſeine Rückkehr erwarteten, einſchlug. Da der Delaware und Jasper aus dem Umſtand, daß ihre eigene Erſcheinung dem Indianer ſo gar nicht aufgefallen war, abnehmen konnten, daß ſich noch mehrere Irokeſen in der Strom⸗ enge befanden, ſo fühlten ſie die Nothwendigkeit der äußerſten Vorſicht. Männer von weniger Muth und Entſchloſſenheit würden zuviel Gefahr zu laufen gefürchtet haben, wenn ſie ſich in die Mitte ihrer Feinde begeben; aber die kühnen Grenzleute kannten die Furcht nicht, waren mit Gefahren vertraut, und ſahen die Nothwendigkeit, wenigſtens die Beſitzergreifung des Fahrzeugs von Seite der Feinde zu verhindern, zu ſehr ein, um nicht mit Freuden zu Erringung dieſes Zweckes ſich ſogar noch größeren Wagniſſen zu unterziehen. Jaspern erſchien auch in der That der Beſitz oder die Zerſtörung dieſes Kahnes für Mabel ſo wichtig, daß er ſein Meſſer zog, und ſich bereit hielt, Löcher in denſelben zu ſtoßen, um ihn wenigſtens für den Augenblick unbrauchbar zu machen, wenn er und der Delaware durch irgend einen Umſtand zum leeren Rückzug genöthigt werden ſollten. Mittlerweile ſchritt der Irokeſe, welcher den Zug anführte, 106 in der Richtung ſeiner eigenen Partie, langſam durch das Waſſer und ſchleppte ſeine wiederſtrebenden Hintermänner nach. Einmal hatte Chingachgook ſchon ſeinen Tomahawk erhoben, um ihn in das Hirn ſeines vertrauenden und argwohnloſen Nachbars zu ſenken; aber die Wahrſcheinlichkeit, daß der Todesſchrei oder der ſchwimmende Körper, Lärm erregen würden, veranlaßte den behutſamen Häupt⸗ ling, ſein Vorhaben zu ändern. Im nächſten Augenblick bereute er jedoch ſeine Unentſchloſſenheit, denn plötzlich fanden ſich die drei, welche den Kahn feſthielten, von vier Andern umgeben, welche gleichfalls nach dem Fahrzeug ſpähten. Nach den gewöhnlichen kurzen charakteriſtiſchen Ausrufungen, welche ihre Zufriedenheit bezeichneten, hielten die Wilden den Kahn mit Lebhaftigkeit an; denn Alle ſchienen die Nothwenigkeit, ſich dieſer wichtigen Erwerbung zu verſichern, zu fühlen, da ſolche auf der einen Seite zur Verfolgung der Feinde, auf der andern zur Sicherung des Rückzuges dienen ſollte. Dieſer Zuwachs der Geſell⸗ ſchaft war jedoch ſo unerwartet und gab dem Feinde ein ſo voll⸗ ſtändiges Uebergewicht, daß ſich ſelbſt der Scharfſinn und die Gewandtheit des Delawaren einige Augenblicke in Verlegenheit befand. Die fünf Irokeſen, welche den Werth ihrer Sendung vollkommen erkannten, drängten gegen ihr Ufer zu, ohne zu einer Beſprechung anzuhalten; denn ihre Abſicht ging in Wahrheit dahin, die Ruder, deren ſie ſich vorläufig verſichert hatten, zu holen, und drei oder vier Krieger einzuſchiffen, ſammt allen ihren Büchſen und Pulverhörnern, deren Mangel allein ſie verhindert hatte, ſo bald es dunkel war, über den Fluß zu ſchwimmen. So erreichten nun Freunde und Feinde miteinander den Rand des öſtlichen Fahrwaſſers, wo, wie in dem weſtlichen, das Waſſer zu tief war, um durchwatet werden zu können. Hier erfolgte eine kurze Pauſe, denn es war nöthig, die Art zu beſtimmen, wie man den Kahn darüber wegbringen ſolle. Einer von den vieren, welcher eben bei dem Boot angelangt war, war ein Häuptling, und da der ₰ ,o 2.5 ☛‿ —2 ————— 7+ 107 amerikaniſche Indianer dem Verdienſt, der Erfahrung und dem Range Achtung zu zollen gewöhnt iſt, ſo verhielten ſich alle übrigen ſtille, bis der Führer geſprochen hatte. Durch dieſen Halt wurde die Gefahr einer Entdeckung für Jasper, obgleich er zur Vorſorge ſeine Mütze in den Kahn ge⸗ worfen hatte, noch vermehrt. Doch mochten ſeine Umriſſe in der Dunkelheit, da er Jacke und Hemd ausgezogen hatte, weniger Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen, und ſeine Stellung am Hintertheile des Kahnes begünſtigte gleichfalls ein Verborgenbleiben, da die Indianer mehr vorwärts blickten. Nicht ſo verhielt ſichs mit Chin⸗ gachgook, welcher ſich buchſtäblich mitten unter ſeinen tödtlichſten Feinden befand und ſich kaum bewegen konnte, ohne einen derſelben zu berühren. Er verhielt ſich jedoch ruhig, obgleich alle ſeine Sinne rege waren und er jeden Augenblick bereit ſtand, zu ent⸗ wiſchen, oder im geeigneten Moment einen Schlag zu führen. Die Gefahr einer Entdeckung wurde noch dadurch vermindert, daß er ſich ſorgfältig enthielt, auf die, welche hinter ihm waren, zurück zu blicken, und ſo wartete er mit der unüberwindlichen Geduld eines Indianers auf den Augenblick, welcher ihm zu handeln geſtattete. „Mögen alle meine jungen Leute ans Land. gehen und ihre Waffen holen, bis auf die zwei an den Enden des Boots. Dieſe mögen den Kahn über die Strömung wegbringen.“ Die Indianer gehorchten ruhig und ließen Jasper an dem Stern und den Indianer, welcher den Kahn aufgefunden hatte, an dem Bug des leichten Fahrzeuges. Chingachgook tauchte ſo tief in den Fluß, daß er Dais entdeckt zu werden, an den Andern vorbei kommen konnte. Das Pflätſchern in dem Waſſer, das Schlagen der Arme und der gegenſeitige Zuruf verkündete bald, daß die vier, welche ſich ſpäter zu der Geſellſchaft gefunden, im Schwimmen begriffen waren. Sobald der Delaware ſich hievon überzeugt hatte, erhob er ſich, nahm ſeine frühere Stellung wieder ein und dachte nun auf den Augenblick des Handelns. 108 Ein Mann von geringerer Selbſtbeherrſchung als der unſeres Kriegers würde wahrſcheinlich jetzt ſeinen beabſichtigten Streich ausgeführt haben. Aber Chingachgook wußte, daß noch mehr Irokeſen hinter ihm in der Strömung ſich befanden, und er war ein zu geübter und erfahrener Krieger, um irgend etwas unnützer⸗ weiſe zu wagen. Er ließ deshalb den Indianer am Bug des Kahnes in das tiefe Waſſer ſtoßen und nun ſchwammen alle drei in der Richtung des öſtlichen Ufers fort. Statt aber das Fahrzeug quer über die raſche Strömung treiben zu helfen, begannen Jasper und der Delaware, als ſie ſich mitten in dem kräftigſten Schuße des Waſſers befanden, in einer Weiſe zu ſchwimmen, daß dadurch die weiteren Fortſchritte in die Quere des Stromes verhindert wurden. Dieß geſchah jedoch nicht plötzlich oder in der unvor⸗ ſichtigen Manier, mit welcher ein civiliſirter Menſch den Kunſtgriff verſucht haben würde, ſondern mit Schlauheit und ſo allmälich, daß der Irokeſe am Bug zuerſt dachte, er habe blos gegen die Gewalt der Strömung anzukämpfen. Wirklich trieb auch unter dem Einfluß dieſer gegenwirkenden Operation der Kahn ſtromabwärts und ſchwamm in ungefähr einer Minute in dem ſtillen tieferen Waſſer am Fuße der Stromenge. Hier fand jedoch der Irokeſe bald, daß etwas Ungewöhnliches ſich dem Weiterkommen entge⸗ genſtemme, und als er zurückblickte, wurde es ihm klar, daß er den Grund deſſelben in den Bemühungen ſeiner Gehülfen zu ſuchen habe. Jene zweite Natur, welche in uns die Gewohnheit erzeugt, ſagte dem Irokeſen ſchnell, daß er allein mit ſeinen Feinden ſey. Mit einem raſchen Stoße durch das Waſſer fuhr er Chingach⸗ gook an die Kehle, und nun ergriffen ſich die beiden Indianer, welche ihren Poſten am Kahne verlaſſen hatten, mit der Wuth der Tiger. In der Mitte der Finſterniß und der düſteren Nacht, in einem Elemente ſchwimmend, das ſo gefährlich für einen tödtlichen Kampf ſeyn mußte, ſchienen ſie Alles mit Ausnahme ihres blutigen Haſſes und des gegenſeitigen Beſtrebens, den Sieg davon zu tragen, vergeſſen zu haben. Jasper hatte nun den Kahn, der unter den durch das Ringen, der beiden Kämpfer hervorgebrachten Wellenſtößen wie eine Feder im Winde dahin flog, völlig in ſeiner Macht. Der erſte Gedanke des Jünglings war, dem Delawaren zu Hülfe zu ſchwimmen. Dann aber zeigte ſich ihm die Wichtigkeit der Sicherung des Kahnes in ihrer vollen Gewalt, und während er auf die ſchweren Athemzüge der beiden Krieger, welche ſich an den Kehlen gefaßt hielten, horchte, trieb er ſo eilig als er es vermochte, dem weſtlichen Ufer zu. Dieſes hatte er bald erreicht und nach kurzem Suchen die zurückgebliebene Geſellſchaft, wie auch ſeine Kleider wieder aufgefunden. Wenige Worte genügten, um die Lage, in welcher er den Delawaren verlaſſen und die Art, wie er den Kahn gerettet, auseinander zu ſetzen. Als die am Ufer Befindlichen die Mittheilung Jaspers gehört hatten, trat eine tiefe Stille ein, und jeder lauſchte aufmerkſam in der eiteln Hoffnung, etwas zu vernehmen, was über den Ausgang des ſchrecklichen Kampfes, welcher im Waſſer ſtattgefunden, oder noch fortdauerte, Aufſchluß geben konnte. Aber man vernahm nichts durch das Geräuſch des brauſenden Fluſſes, und es gehörte mit zu der Politik ihrer Feinde auf dem entgegengeſetzten Ufer, eine todten⸗ gleiche Stille zu beobachten. „Nehmt dieſes Ruder, Jasper,“ ſagte Pfadfinder ruhig, ob⸗ gleich es den Uebrigen dünkte, daß ſeine Stimme melancholiſcher als gewöhnlich tönte,„und folgt mir mit Euerm Kahn.— Es iſt nicht räthlich, lange hier zu bleiben.“ „Aber der Serpent?“ „Die große Schlange iſt in den Händen ihrer eigenen Gott⸗ heit, und wir leben oder ſterben, je nach den Abſichten der Vor⸗ ſehung. Wir können ihm nicht helfen und würden zuviel wagen, wenn wir müſſig hier bleiben und wie Weiber im Unglück jammern wollten. Dieſe Finſterniß iſt koſtbar.“— Ein lauter, langer, durchdringender Schrei drang vom Ufer herüber und unterbrach die Worte des Wegweiſers. „Was bedeutet dieſer Lärm, Meiſter Pfadfinder?“ fragte Cap. Er klingt ja mehr wie das Zetergeſchrei der Teufel, als wie Töne aus den Kehlen von Menſchen und Chriſten.“ „Chriſten ſind es keine, geben ſich auch für keine aus, und wollen keine ſeyn; und wenn Ihr ſie Teufel nennt, ſo habt Ihr ſie kaum unrecht betitelt. Dieſer Schrei iſt ein Freudenruf, wie ihn die Sieger ausſtoßen. Es iſt kein Zweifel, der Körper des Serpent iſt todt oder lebendig in ihrer Gewalt.“ „Und wir—,“ rief Jasper, welcher den Schmerz einer edlen Reue fühlte, denn der Gedanke vergegenwärtigte ſich ſeinem Geiſte, daß er wohl dieſes Unglück abzuwenden vermocht hätte, wenn er ſeinen Kameraden nicht verlaſſen haben würde. „Wir können dem Häuptling nichts nützen, Junge, und müſſen dieſen Platz ſo ſchnell als möglich verlaſſen.“ „Ohne einen Verſuch zu ſeiner Befreiung?— ja ohne zu wiſſen, ob er todt oder lebendig iſt?“ „Jasper hat Recht,“ ſagte Mabel, welche zwar zu ſprechen vermochte, jedoch nur mit heiſcher und erſtickter Stimme.„Ich habe keine Furcht, Onkel, und will hier bleiben, bis ich weiß, was aus unſerem Freunde geworden iſt.“ „Das ſcheint vernünftig, Pfadfinder,“ warf Cap ein.„Ein rechter Seemann kann nicht wohl ſeinen Kameraden verlaſſen, und es freut mich, ſo richtige Grundſätze unter dieſem Friſchwaſſer⸗ Volk zu finden.“ „Fort, fort damit,“ erwiederte der ungeduldige Wegweiſer, in⸗ dem er zugleich den Kahn in den Strom drängte.„Ihr wißt nichts, darum fürchtet Ihr nichts. Aber wenn Euch Euer Leben werth iſt, ſo denkt daran, die Garniſon zu erreichen und überlaßt den Dela⸗ waren den Händen der Vorſehung. Ach! der Hirſch, der zu oft zu der Lick geht, trifft am Ende doch mit dem Jäger zuſammen!“ en 111 Siebentes Kapitel. Dieß— Yarrow— iſt der Strom, darob In ſchönem wachem Traume Die Phantaſie ſich kühn erhob— Ein Bild, verwiſcht im Schaume? O wär' des Sängers Harfe hier, Daß frohe Lieder klängen, Um aus dem ſchweren Buſen mir Die Oede zu verdrängen! Wordsworth. Die Die Scene war nicht ohne ihre erhabenen Momente. glühende, hochherzige Mabel fühlte ihr Blut durch die Adern drin⸗ gen und ihre Wangen erröthen, als der Kahn in den Strom ein⸗ lenkte, um den Platz zu verlaſſen. Die Finſterniß der Nacht hatte nachgelaſſen, da die Wolken ſich zerſtreuten; aber das überhängende Gehölz umnachtete die Ufer ſo ſehr, daß die Kähne wie in einem dunkeln Schachte, welcher ſie gegen Entdeckung ſchützte, in der Strömung hinabfuhren. Demungeachtet aber durften ſich die in den Kähnen Befindlichen keineswegs für ſicher halten, und ſelbſt Jasper, welcher für das Mädchen zu zittern begann, warf bei jedem ungewöhnlichen Tone, der von dem Walde auſſtieg, beſorgte Blicke umher. Das Ruder wurde mit Leichtigkeit und der äußerſten Sorgfalt geführt, denn der leichteſte Ton mochte in der tiefen Ruhe dieſer Stunde und dieſes Ortes den wachſamen Ohren der Irokeſen ihre Stellung verrathen. Alles dieß erhob noch die großartigen Eindrücke der Lage des Mädchens und trug dazu bei, den gegenwärtigen Augenblick zu dem aufregendſten zu machen, der Mabel je in ihrem kurzen Leben vorgekommen war. Muthig, voll Selbſtvertrauen, wie ſie war, und noch gehoben durch den Stolz, welchen ſie als die Tochter eines Soldaten fühlte, konnte man kaum von ihr ſagen, daß Furcht auf ſie einwirke, aber ihr Herz ſchlug oft ſchneller als gewöhnlich, 112 ihr ſchönes Auge ſtrahlte, unbemerkt in der Finſterniß, mit dem Ausdruck der Entſchloſſenheit, und ihre belebten Gefühle ſteigerten noch die Erhabenheit dieſer Scene und der Ereigniſſe dieſer Nacht. „ Mabel,“ ſprach Jasper mit unterdrückter Stimme, als die Kähne ſo nahe bei einander ſchwammen, daß die Hand des jungen Mannes ſie zuſammenhalten konnte.„Sie haben keine Furcht und vertrauen freimüthig unſerer Sorgfalt und unſerm guten Willen Ihren Schutz— nicht wahr?“ „Ich bin eines Soldaten Tochter, wie Ihr wißt, Jasper Weſtern, und müßte erröthen, wenn ich Furcht bekennen ſollte.“ „Verlaſſen Sie ſich auf mich— auf uns Alle. Euer Onkel, der Pfadfinder, der Delaware, wenn der arme Burſche hier wäre,— und ich ſelbſt werden eher alles wagen, ehe Ihnen ein Leides zu⸗ ſtoßen ſoll.“ „Ich glaube Euch, Jasper,“ erwiederte das Mädchen, indem ſte unwillkührlich ihre Hand in dem Waſſer ſpielen ließ.„Ich weiß, daß mein Onkel mich liebt und nie an ſich ſelber denkt, ohne zuerſt an mich gedacht zu haben; auch glaube ich, daß Ihr alle Freunde meines Vaters ſeyd und gerne ſeinem Kinde beiſteht. Aber ich bin nicht ſo ſchwach und zaghaft, als Ihr glauben mögt; denn obgleich ich nur ein Stadtmädchen und, wie die meiſten von dieſer Klaſſe, ein wenig geneigt bin, Gefahr zu ſehen, wo keine iſt, ſo verſpreche ich Euch doch, Jasper, daß keine thörichte Furcht von meiner Seite der Ausübung Eurer Pflicht in den Weg treten ſoll.“ „Des Sergeanten Tochter hat Recht, und ſie iſt werth, ein Kind des wackern Thomas Dunham zu ſeyn,“ warf der Pfadfinder ein.„Ach, mein Kind, wie oft ſpähete oder marſchirte ich mit Ihrem Vater an den Flanken oder der Nachhut des Feindes in Nächten, die dunkler waren als dieſe, und zwar unter Umſtänden wo keiner wiſſen konnte, ob ihn nicht der nächſte Augenblick in einen blutigen Hinterhalt führe. Ich war an ſeiner Seite, als er 113 in der Schulter verwundet wurde, und der wackere Kamerad wird, wenn wir zu ihm kommen, Ihnen erzählen, wie wir's anſtellten, um über den Fluß, der uns im Rücken lag, zu ſetzen, und ſeinen Skalp zu retten.“ „Er hat mir's erzählt,“ ſagte Mabel mit mehr Feuer, als in ihrer gegenwärtigen Lage klug ſeyn mochte.„Ich habe Briefe von ihm, in welchen er von Allem dieſem Erwähnung thut, und ich danke Euch von Grund meines Herzens für Eure Dienſte. Gott möge es Euch vergelten, Pfadfinder; und es gibt keine Er⸗ kenntlichkeit, die Ihr von der Tochter fordern könntet, welche ſie nicht mit Freuden für ihres Vaters Leben leiſten würde.“ „Ja, das iſt ſo die Weiſe von Euch ſanſten und reinen Ge⸗ ſchöpfen. Ich habe früher einige von Euch kennen gelernt, und von Andern gehört. Der Sergeant ſelbſt hat mir von ſeinen jüngern Tagen erzählt, von Ihrer Mutter, von der Art, wie er um ſie freite und von all den Querſtrichen und widrigen Zufällen, bis er es zuletzt durchſetzte.“ „Meine Mutter lebte nicht lange genug, um ihn für alles zu entſchädigen, was er that, ſie zu gewinnen,“ ſprach Mabel mit bebender Lippe. „So ſagt er mir. Der brave Sergeant hat gegen mich keinen Rückhalt, und da er um manches Jahr älter iſt als ich, ſo betrachtete er mich auf unſern mannigfaltigen Späherzügen als ſo eine Art von Sohn.“ „Vielleicht, Pfadſinder,“ bemerkte Jasper mit einer Unſicher⸗ heit der Stimme, welche den beabſichtigten Scherz vereitelte,„würde er erfreut ſeyn, in Euch wirklich einen ſolchen zu beſitzen?“ „Und wenn er's wäre, Eau⸗douce, läge etwas Arges darin? Er weiß, was ich auf der Fährte und als Kundſchafter bin, und hat mich oft Aug in Auge mit den Franzoſen geſehen. Ich habe bisweilen gedacht, Junge, daß wir Alle uns Weiber ſuchen ſollten, denn der Mann, der beſtändig in den Wäldern und in Berührung Der Pfadfinder. 3. Aufl. 8 11⁴ mit ſeinen Feinden oder ſeiner Beute ſteht, muß zuletzt einige Ge⸗ fühle ſeines Geſchlechts verlieren.“ „Nach den Proben, die ich davon geſehen habe,“ erwiederte Mabel,„moͤchte ich ſagen, daß die, welche viel in den Wäldern leben, auch vergeſſen, ſo manches von der Hinterliſt und den Laſtern der Städte zu lernen!“ „Es iſt nicht leicht, Mabel, immer in der Gegenwart Gottes zu weilen, und nicht die Macht ſeiner Güte zu fühlen. Ich habe den Gottesdienſt in den Garniſonen beſucht und, wie es einem braven Soldaten ziemt, verſucht, an den Gebeten Antheil zu neh⸗ men; denn, obgleich ich nicht auf der Dienſtliſte des Königs ſtehe, ſo kämpfe ich doch in ſeinen Schlachten und diene ſeiner Sache;— aber ſo ſehr ich mich auch bemühte, den Garniſonsbrauch würdig mitzumachen, ſo konnte ich mich doch nie zu den feierlichen Ge⸗ fühlen und zu der treuen Hingebung erheben, welche ich empfinde, wenn ich allein mit Gott in den Wäldern bin. Hier ſtehe ich Angeſicht in Angeſicht mit meinem Meiſter. Alles um mich iſt friſch und ſchoͤn, wie es aus Seiner Hand kömmt. Da gibt es keine ſpitzfindigen Doktrinen, um das Gefühl zu erkälten.. Nein, nein; die Wälder ſind der wahre Tempel Gottes, in welchem die Gedanken frei ſich erheben und über die Wolken dringen.“ „Ihr ſprecht die Wahrheit, Meiſter Pfadfinder,“ ſagte Cap, „und eine Wahrheit, welche alle, die viel in der Einſamkeit leben, kennen. Was iſt zum Beiſpiel der Grund, daß die Seeleute im Allgemeinen ſo religiös und gewiſſenhaft in ihrem ganzen Thun und Laſſen ſind, wenn es nicht der Umſtand iſt, daß ſie ſich ſo oft allein mit der Vorſehung befinden, und ſo wenig mit der Gott⸗ loſigkeit des Landes verkehren? Oft und vielmal bin ich auf meiner Wache geſtanden, unter dem Aequator oder auf dem ſüdlichen Ocean, wenn die Nächte leuchteten von dem Feuer des Himmels; und dieſes, meine Lieben, iſt der geeignetſte Zeitpunkt, dem ſündigen Menſchen ſeinen Zuſtand zu zeigen. Ich habe mich unter ſolchen Umſtänden 115 wieder und wieder niedergeworfen, bis die Wandtaue und Talje⸗ Reepen meines Gewiſſens mit Macht erknarrten. Ich ſtimme Euch daher bei, Meiſter Pfadfinder, und ſage, wenn Ihr einen wahr⸗ haft religiöſen Mann ſehen wollt, geht auf's Meer, oder geht in die Wälder.“ „Onkel, ich habe geglaubt, die Seeleute ſtünden im Allge⸗ meinen in dem Rufe, daß ſie wenig Achtung vor der Religion hätten?“ „Alles heilloſe Verläumdung, Mädchen! frage einmal einen Seefahrer, was ſeine wirkliche Herzensmeinung über die Bewohner des Landes, die Pfarrer und alle Uebrigen ſey, ſo wirſt du etwas ganz anderes hören. Ich kenne keine Menſchenklaſſe, welche in dieſer Beziehung mehr verläumdet wird, als die Seeleute, und aus keinem andern Grund, als weil ſie nicht zu Hauſe bleiben, um ſich zu vertheidigen und die Geiſtlichkeit zu bezahlen. Sie haben freilich nicht ſo viel Unterricht, als die auf dem Land; aber was das Weſen des Chriſtenthums anbelangt, ſo ſegeln die Seeleute die Ufermenſchen ſtets in den Grund.“ „Ich will für Alles dieß nicht einſtehen, Meiſter Cap,“ ent⸗ gegnete Pfadfinder,„obſchon einiges davon wahr ſeyn mag. Aber es bedarf nicht des Donners und des Blitzes, um mich an meinen Gott zu erinnern, und ich bin nicht der Mann, Seine Güte eher in der Verwirrung und Trübſal zu bewundern, als an einem feier⸗ lichen, ruhigen Tage, wo Seine Stimme aus dem Krachen der todten Baumzweige, oder im Geſange eines Vogels meinen Ohren wenigſtens eben ſo lieblich tönt, als wenn ich ſie in dem Aufruhr der Elemente vernehmen müßte. Wie iſt es Euch, Cau⸗douce? Ihr habt es eben ſo gut mit Gewittern zu thun, als Meiſter Cap, und müßt etwas von den Gefühlen kennen, welche im An⸗ geſicht eines Sturmes auftauchen.“ „Ich fürchte, daß ich zu jung und unerfahren bin, um viel über dieſen Gegenſtand ſagen zu können,“ erwiederte Jasper beſcheiden. 116 „Ihr fühlt aber doch etwas dabei!“ ſagte Mabel raſch.„Ihr könnt nicht— niemand kann unter ſolchen Scenen leben, ohne zu empfinden, wie ſehr er des Vertrauens auf Gott bedarf.“ „Ich will meine Erziehung nicht zu ſehr verläugnen, und deßhalb geſtehen, daß ich wohl dabei bisweilen meine Gedanken habe, aber ich fürchte, daß dieſes nicht ſo oft und ſo viel geſchieht, als es ſollte.“ „Friſch⸗Waſſer!“ erwiederte Cap nachdrücklich.„Du wirſt doch nicht zu viel von dem jungen Mann erwarten, Mabel. Ich denke, man nennt Euch bisweilen mit einem Namen, der alles dieß bezeichnet, Eau⸗de⸗vie, nicht wahr?“ „Eau⸗douce,“ entgegnete mit Ruhe Jasper, der ſich bei Gelegen⸗ heit ſeiner Fahrten auf dem See ſowohl die Kenntniß des Fran⸗ zöſiſchen, wie auch mehrere Dialekte der Indianer eigen gemacht hatte. „Es iſt der Name, den die Irokeſen mir gegeben haben, um mich von einigen meiner Gefährten zu unterſcheiden, welche einmal eine Fahrt auf dem Meere mitgemacht haben, und nun die Ohren der Land⸗ bewohner mit Geſchichten von ihren großen Salzwaſſerſeen erfüllen.“ „Und warum ſollten ſie das nicht thun? Sie thun dadurch den Wilden keinen Schaden, und wenn es auch nichts zu ihrer Civiliſation beiträgt, ſo kommen ſie dadurch doch nicht in eine noch größere Barbarei. Ja, ja, Eau⸗douce, denn das mag doch wohl den weißen Branntwein bedeuten, den man füglich genug Eau⸗deuce“ nennen kann, weil er ſo ein verteufelter Stoff iſt.“ „Die Bedeutung von Eau⸗douce iſt ſüßes Waſſer, oder Waſſer, welches getrunken werden kann; die Franzoſen nennen ſo das friſche Waſſer,“ erwiederte Jasper, welchen die von Cap gemachte Bemerkung, obgleich er Mabels Onkel war, nicht auf's ange⸗ nehmſte berührte. * Ein unüberſetzbares Wortſpiel zwiſchen dem im Engliſchen gleichlau⸗ tenden Eau⸗douce und Eau⸗deuce, von denen das letztere Teufels⸗ waſſer bedeutet. AuE& 117 „Aber wie zum Henker können ſie aus Eau⸗in⸗deuce Waſſer machen, wenn ſie unter Eau⸗de⸗vie Branntwein verſtehen? So mögen es meinetwegen die Franzoſen in dieſer Gegend halten; das iſt aber nicht der Brauch in Burdor und andern franzöſiſchen Häfen. Außerdem verſteht man bei den Seeleuten unter Eau immer Brannt⸗ wein und unter Eau⸗de⸗vie einen Branntwein von höherer Stärke. Ich verdenke Euch übrigens Eure Unwiſſenheit nicht, denn ſie iſt Eurer Stellung angemeſſen und da iſt nicht zu helfen. Wenn Ihr mich aber zurückbegleiten und eine Reiſe oder zwei auf dem Weltmeer mitmachen wollt, ſo möchte das für den Reſt Eurer Tage einen geeigneten Wendepunkt abgeben, und Mabel hier, wie auch alle andere jungen Frauensperſonen werden beſſer von Euch denken, wenn Ihr auch ſo alt werden ſolltet, als einer von den Bäumen in dieſem Forſte.“ „Nein, nein;“ unterbrach ihn der redliche und freimüthige Wegweiſer,„ich kann Euch verſichern, daß es Jaspern in dieſer Gegend nicht an Freunden ſehlt; und obgleich das Umſehen in der Welt ihm ſo gut als einem andern von Nutzen ſeyn kann, ſo ſoll doch Niemand geringer von ihm denken, ſelbſt wenn er uns nie verläßt. Eau⸗douce oder Eau⸗de⸗vie— er iſt ein braver, treu⸗ herziger Junge, und ich habe immer ſo geſund geſchlafen, wenn er auf der Wache war, als wenn ich ſelbſt aufgeweſen wäre und mich umgethan hätte; ja, und eben deßhalb noch geſunder. Des Sergeanten Tochter wird es nicht für nöthig halten, daß ein junger Burſche auf’'s Meer gehe, um eein Mann zu werden oder ſich Achtung und Anſehen zu erwerben.“ Mabel erwiederte nichts auf dieſe Berufung und blickte gegen das weſtliche Ufer, obgleich die Finſterniß auch ohne dieſe natür⸗ liche Bewegung ihr Antlitz verborgen hätte. Aber Jasper fühlte die Nothwendigkeit, hier zu ſprechen, denn der Stolz der jugend⸗ lichen Männlichkeit empörte ſich gegen den Gedanken, daß er nicht in der Lage ſey, über die Achtung ſeiner Kameraden oder das Lächeln ſeiner Altersgenoſſinnen zu gebieten. Er wollte ſich jedoch 118 keine unfreundlichen Aeußerungen gegen Mabels Onkel erlauben, und ſo mochte vielleicht ſeine Selbſtbeherrſchung noch achtungs⸗ werther erſcheinen, als ſeine Beſcheidenheit und ſein Geiſt. „Ich mache keinen Anſpruch auf Dinge, die ich nicht beſitze,“ ſprach er,„und habe nie geſagt, daß ich von dem Meere und einer Schifffahrt etwas verſtehe. Wir ſteuern auf unſern Seen nach den Sternen und dem Compaß, und fahren von einem Vor⸗ gebirge zum andern, ohne uns der Figuren und Berechnungen zu bedienen, deren wir wenig bedürfen. Wir dürfen uns aber dem⸗ ungeachtet auch etwas darauf zu Gute thun, wie ich oft von ſol⸗ chen, welche ſich Jahre lang auf dem Meere umgetrieben, gehört habe. Erſtens haben wir überall das Land am Bord und oft an dem Legerwall, und dieß macht, wie ich häufig gehört habe, kühne Segler. Unſere Winde ſind plötzlich und heftig und wir ſind keine Stunde ſicher, daß wir nicht nach einem Hafen eilen müſſen—“ „Ihr habt Eure Lothe,“ unterbrach ihn Cap. „Sie ſind von geringem Nutzen und werden ſelten ausge⸗ worfen.“ „Das Tiefloth—“ „Ich habe von einem ſolchen Ding gehört, muß aber ge⸗ ſtehen, daß ich nie eines ſah.“ „O! zum Henker!“ rief Cap mit Heftigkeit.„Ein Schiffer und kein Tiefloth! Junge, Ihr könnt keinen Anſpruch darauf machen, ſo ein Stück von einem Seemann zu ſeyn. Wer, zum Teufel, hat je von einem Schiffer gehört ohne ſein Tiefloth?“ „Ich mache keinen Anſpruch auf irgend eine beſondere Ge⸗ ſchicklichkeit, Meiſter Cap—“ „Das Schießen über die Fälle und die Stromengen ausge⸗ nommen, Jasper,“ ſagte Pfadfinder, der ihm zu Hilfe kam;„in dieſem Geſchäft müßt auch Ihr, Meiſter Cap, ihm einige Gewandt⸗ heit zugeſtehen. Nach meinem Urtheil muß jeder nach ſeinen Gaben geſchätzt oder verurtheilt werden; und wenn Meiſter Cap bei dem ⸗ 119 Hinabſchießen über die Oswegofälle zu nichts nütze iſt, ſo will ich nur daran erinnern, daß er gute Dienſte zu leiſten vermag, wenn er das Land aus dem Geſichte verloren hat. Wenn nun Jasper auch für die offene See nicht taugt, ſo vergeſſe ich dabei nicht, daß er ein treues Auge und eine ſichere Hand hat, wenn er über die Fälle ſetzt.“ „Aber Jasper taugt wohl— würde wohl für die offene See taugen, ſagte Mabel mit einer Lebhaftigkeit in ihrer hellen und ſüßen Stimme, daß Alle mitten in der Stille dieſer außerordent⸗ lichen Scene darüber erſchracken.„Ich meine, ein Mann, der hier ſo viel zu leiſten vermag, kann dort nicht untauglich ſeyn, wenn er gleich nicht ſo mit den Schiffen vertraut iſt, als mein Onkel.“ „Ja, ja, unterſtützt Euch nur gegenſeitig in Eurer Unwiſſen⸗ heit,“ erwiederte Cap mit höhniſchem Lächeln. Wir Seeleute haben immer die Mehrzahl gegen uns, wenn wir am Ufer ſind, und koͤnnen deßhalb ſelten zu unſerem Recht kommen; aber wenn es die Ver⸗ theidigung gilt, oder die Führung des Handels, da ſind wir dann doch der Gutgenug!“ 4 „Aber, Onkel, die Bewohner des Landes kommen nicht, um unſere Küſten anzugreifen. Es treffen alſo die Seeleute nur mit Seeleuten zuſammen.“ „Da hat man wieder die Ignoranz!— Wo ſind alle die Feinde, die in dieſer Gegend gelandet haben, Franzoſen und Eng⸗ länder? Ich will nur das fragen.“ „In der That, wo ſind ſie?“ rief Pfadfinder aus.„Niemand kann das beſſer ſagen, als die, welche ſich in den Wäldern aufhalten, Meiſter Cap. Ich habe oft ihre Marſchlinie verfolgt nach den Ge⸗ beinen, die im Regen bleichten; ich habe Jahre nachher ihre Spur bei Gräbern gefunden, nachdem ſie und ihr Stolz lange verſchwunden waren. Generale und Gemeine lagen durch das Land zerſtreut, als eben ſo viele Beweiſe, was der Menſch iſt, wenn ihn der Ehrgeiz und der Wunſch, mehr zu ſeyn, als ſeine Nebenmenſchen, leiter.“ 120 „Ich muß ſagen, Meiſter Pfadfinder, daß Ihr bisweilen Mei⸗ nungen äußert, die etwas merkwürdig klingen aus dem Munde eines 1 Mannes, der ſtets unter dem Gewehr lebt und ſelten die Luft anders als mit Pulverdampf gemengt athmet— eines Mannes, der kaum f 6 ſeine Hängematte verläßt, ohne einem Feind zu Leibe zu gehen.“ 1 „Wenn Ihr glaubt, daß ich mein Leben im ewigen Krieg gegen 1 mein Geſchlecht zubringe, ſo kennt Ihr weder mich noch meine Ge⸗ ſchichte. Der Mann, der in den Wäldern und an den Gränzen lebt, muß ſich den Wechſel der Dinge, die ihn umgeben, gefallen 1 laſſen. Ich bin nur ein einfacher, machtloſer Jäger, Kundſchafter.⸗ und Wegweiſer, und dafür nicht verantwortlich. Mein wahrer Beruf 1 iſt jedoch, für die Armee auf dem Marſch ſowohl, als in Friedrus⸗d zeiten, zu jagen; obgleich ich eigentlich im Dienſte eines Offtziers 1 ſtehe, der aber abweſend und in den Anſiedelungen iſt, wohin 1ih 4 ihm nie folgen werde. Nein, nein; Blutdurſt und Krieg ſind nicht meine eigentlichen Gaben, ſondern Mitleid und Friede. Dem Feinde aber blicke ich ſo gut als ein Anderer in's Geſicht, und was die 1 Mingos anbetrifft, ſo betrachte ich jeden, wie man eine Schlange 3 1 betrachtet— als ein Geſchöpf, das man unter die Ferſe tritt, ſo⸗ bald ſich eine günſtige Gelegenheit dazu darbietet.“ „Wohl, wohl; ich habe mich in Eurem Beruf geirrt, den ich 1 für ſo regelmäßig kriegeriſch hielt, als den eines Schiffs⸗Conſtabels. Da iſt nun auch mein Schwager; er iſt von ſeinem ſechszehnten Jahr an Soldat geweſen, und betrachtet ſein Gewerbe jedenfalls als eben ſo reſpektabel, wie das eines Seefahrers. Das iſt nun 5 freilich ein Punkt, über den es kaum der Mühe werth iſt, mit ihm zu ſtreiten.“ „Man hat meinen Vater gelehrt, daß es ehrenvoll ſey, die Waffen zu tragen,“ ſagte Mabel,„denn auch ſein Vater war vor ihm ⸗Soldat.“ „Ja, ja,“ fuhr der Wegweiſer fort,„die meiſten Gaben des Sergeanten ſind kriegeriſch, und er betrachtet die meiſten Dinge 121 dieſer Welt nur über ſeinen Musketenlauf. So iſt's auch einer von ſeinen Einfällen, ein Königliches Gewehr einer regelmäßigen, langläufigen Büchſe mit doppelten Viſirpunkt vorzuziehen. Aber ſolche Begriffe können wohl durch lange Gewohnheit aufkommen, und Vorurtheil iſt vielleicht der allgemeine Fehler der Menſchen⸗ natur.“ „Am Lande, das geb' ich zu,“ ſagte Cap.„Ich komme nie von einer Reiſe zurück, ohne dieſelbe Bemerkung zu machen. Als ich das letztemal eingelaufen war, fand ich in ganz York kaum inen Mann, der im Allgemeinen über die Dinge und Gegenſtände wachte wie ich. Jeder, mit dem ich zuſammentraf, ſchien ſeine Zoee gegen den Wind aufgetaljet zu haben, und wenn er ein wenig von ſeinen einſeitigen Anſichten abfiel, ſo war es gemeinig⸗ um auf dem Kiel kurz umzuvieren, und ſo dicht als möglich auf einen andern Gang anzulegen.“ „Verſteht Ihr dieß, Jasper?“ flüſterte Mabel mit Lächeln dem jungen Manne zu, der ſein eigenes Fahrzeug ganz dicht an ihrer Seite hielt. „Es iſt kein ſo großer Unterſchied zwiſchen Salz⸗ und Friſch⸗ waſſer, daß wir, die wir unſere Zeit auf denſelben zubringen, uns nicht gegenſeitig ſollten verſtehen können. Ich halte es für kein großes Verdienſt, Mabel, die Sprache unſeres Gewerbes zu verſtehen.“ „Selbſt die Religion,“ fuhr Cap fort,„liegt nicht mehr an derſelben Stelle vor Anker, wie in meinen jungen Tagen. Sie vieren und holen ſie am Lande an, wie ſie es mit andern Dingen auch machen, und es iſt kein Wunder, wenn ſie hin und wieder feſt zu ſitzen kommen. Alles ſcheint zu wechſeln, nur der Compaß nicht, und auch der hat ſeine Abweichungen.“ „Wohl,“ entgegnete Pfadfinder,„ich habe aber immer das Chriſtenthum und den Compaß für etwas ziemlich Beſtändiges gehalten.“ „Ja, wenn ſie auf dem Meere ſind, mit Ausnahme der 122 Abweichungen. Die Religion auf dem Meere iſt heute noch daſſelbe, was ſie war, als ich zum erſtenmal meine Hand in den Theerkeſſel tauchte. Niemand wird mir das beſtreiten, der die Gottesfurcht nicht aus den Augen läßt. Ich kann an Bord keinen Unterſchied zwiſchen dem heutigen Zuſtand der Religion und dem aus der Zeit, da ich noch ein junges Bürſchlein war, erkennen. So iſt es aber keineswegs am Ufer. Nehmt mein Wort dafür, Meiſter Pfadfinder es iſt ſchwer, einen Mann zu finden— ich meine auf dem Feſt⸗ lande— deſſen Anſichten über dieſen Gegenſtand noch genau die⸗ ſelben wären, wie er ſie vor vierzig Jahren hatte.“ „Und doch iſt Gott unverändert; Seine Werke ſind unverän⸗ dert; Sein heiliges Wort iſt unverändert; es muß daher auch Alles, was zum Preiſe und zur Ehre Seines Namens dient, unverän⸗ dert ſeyn.“ „Nicht am Lande. Es iſt das gerade das Miſerabelſte von dem Lande, daß es beſtändig in Bewegung iſt, obgleich es feſt aus⸗ ſieht. Wenn Ihr einen Baum pflanzt, ihn verlaßt, und nach einer dreijährigen Reiſe wieder zurückkommt, ſo findet Ihr ihn nicht wieder, wie Ihr ihn verlaſſen habt. Die Städte vergrößern ſich; neue Straßen thun ſich auf, die Kajen werden verändert; und die ganze Oberfläche der Erde erleidet einen Wechſel. Ein Schiff aber, das von einer Indienfahrt zurückkommt, iſt noch gerade ſo, wie es ausſegelte, wenn man den fehlenden Anſtrich, die Abnützung der Schiffsgeräthſchaften und die Zufälligkeiten der Fahrt abrechnet.“ „Das iſt nur zu wahr, Meiſter Cap, und daher um ſo mehr zu beklagen.„Ach! die Dinge, welche die Leute Verbeſſerungen nennen, dienen zu nichts, als das Land zu untergraben und zu ver⸗ unſtalten. Die herrlichen Werke Gottes werden täglich niederge⸗ worfen und zerſtört, und die Hand des Menſchen ſcheint erhoben zu ſeyn in Verachtung Seines mächtigen Willens. Man hat mir ge⸗ ſagt, es ſeyen Schrecken erregende Zeichen deſſen, was noch kommen 123 he, ſolle, in dem Süden und Weſten der großen Seen anzutreffen; ſel denn ich ſelbſt bin in dieſen Gegenden noch nie geweſen.“ ht„Was meint Ihr damit, Pfadfinder?“ fragte Jasper beſcheiden. ed„Ich meine die Stellen, welche die Rache des Himmels bezeich⸗ it, nete, oder die ſich vielmehr als feierliche Warnungszeichen dem er Gedankenloſen und Ueppigen in den Weg ſtellen. Man nennt ſie er die Prairien, und ich habe einen ſo wackern Delawaren, als ich ſt⸗ nur je einen kannte, erzählen hören, die Hand Gottes liege ſo je⸗ ſchwer auf ihnen, daß nicht ein Baum dort gedeihe. Ein ſolche Heimſuchung der unſchuldigen Erde muß Scheu erregen und kann n⸗ nur die Abſicht haben, zu zeigen, zu welchen ſchrecklichen Folgen s, eine unbeſonnene Zerſtörungsſucht führen mag.“ n⸗„Und doch habe ich Anſiedler geſehen, welche ſich viel von dieſen offenen Plätzen verſprachen, weil ſie ihnen die Mühe der on Lichtung erſparten. Euer Brod ſchmeckt Euch, Pfadfinder; und 1s⸗ doch kann der Waizen dazu nicht im Schatten reifen.“ ꝛer„Aber ein redlicher Wille, einfache Wünſche und die Liebe cht Gottes können's, Jasper. Selbſt Meiſter Cap wird Euch ſagen, H; daß eine baumloſe Ebene einer öden Inſel gleichen muß.“ die„Kann ſeyn,“ warf Cap ein;„indeß haben öde Inſeln auch er, ihren Nutzen, denn ſie dienen dazu die Kursberechnungen zu corri⸗ es giren. Wenn es auf meinen Geſchmack ankommt, ſo habe ich nie der etwas gegen eine Ebene wegen ihres Mangels an Bäumen einzu⸗ 2 wenden. Da einmal die Natur dem Menſchen Augen zum Umher⸗ ihr blicken und eine Sonne zum Scheinen gegeben hat, ſo kann ich, en wenn es nicht wegen des Schiffbaues oder hin und wieder wegen er⸗ Errichtung eines Hauſes wäre, in einem Baum keinen beſondern ge⸗ Nutzen entdecken, zumal, wenn keine Affen oder Früchte auf dem⸗ zu ſelben ſind.“ ge⸗ Auf dieſe Bemerkung antwortete Pfadfinder nur durch einen den leiſen Ton, welcher die Abſicht hatte, ſeine Gefährten zum Still⸗ ſchweigen zu veranlaſſen. Während die eben erwähnte wechſelnde 124 Unterhaltung mit gedämpfter Stimme geführt wurde, waren die Kähne unter den tiefen Schatten des weſtlichen Ufers langſam⸗ mit der Strömung abwärts gegangen, ohne daß man ſich der Ruder anders, als um ihnen die erforderliche Richtung und die geeignete Lage zu geben, bediente. Die Kraft des Stromes wechſelte ſo bedeutend, daß das Waſſer ſtellenweiſe ganz ſtill zu ſtehen ſchien, indeß die Geſchwindigkeit deſſelben an andern Orten mehr als zwei oder drei Meilen in der Stunde betragen mochte. Beſonders drängte es an den Stromengen mit einer Eile vorwärts, welche ein ungeübtes Auge erſchrecken konnte. Jasper war der Meinung, daß ſie mit der Strömung die Mündung des Fluſſes in zwei Stunden, von der Zeit ihrer Einſchiffung an gerechnet, erreichen dürften, und er und Pfadfinder hatten es für geeignet gehalten, die Kähne eine Zeit lang, oder wenigſtens, bis ſie über die erſten Gefahren ihres neuen Curſus hinaus waren, für ſich ſchwimmen zu laſſen. Der Dialog war in leiſe gehaltenen Tönen geführt worden; denn obgleich eine tiefe einſame Ruhe in dieſem weiten und faſt endloſen Forſte herrſchte, ſo ſprach doch die Natur mit tauſend Zungen in der beredten Sprache einer Nacht in den Wäldern. Die Luft ſeufzte durch Myriaden von Bäumen; das Waſſer rieſelte und brauſ'te ſtellenweiſe an den Ufern; dann hörte man hin und wieder das Knarren eines Zweiges oder eines Stammes, der ſich unter wogen⸗ den Bebungen an ähnlichen Gegenſtänden ſtieß. Aber alles Leben ſchwieg. Nur einmal glaubte Pfadfinder daß Geheul eines entfernten Wolfes, deren einige durch dieſe Wälder ſtreiften, zu vernehmen: dieſer Ton war jedoch ſo vorübergehend und zweifelhaft, daß ſeine Deutung wohl auf Rechnung der Einbildungkraft kommen konnte. Als er aber gegen ſeine Gefährten den Wunſch des Stillſchweigens in der eben erwähnten Weiſe ausdrückte, hatte ſein wachſames Ohr den eigenthümlichen Ton erfaßt, der durch das Zerbrechen eines trockenen Baumzweiges hervorgebracht wird, und der, wenn ihn ſeine Sinne nicht täuſchten, von dem weſtlichen Ufer herkam. Wer — h„—„— „„.——= die gſam der d die öſelte hien, zwei nders elche nung, zwei ichen alten, erſten nmen führt beiten r mit ldern. te und er das ogen⸗ Leben ernten men: ſeine onnte. eigens 5 Ohr eines n ihn Wer 125 einen ſolchen Ton öͤfters gehört hat, weiß, wie leicht ihn das Ohr erkennt und wie gut der Tritt, welcher den Zweig zerbricht, von jedem andern Geräuſch des Waldes zu unterſcheiden iſt. „Es iſt der Fußtritt eines Mannes am Ufer,“ ſagte Pfadfinder zu Jasper mit einer Stimme, die zwar nicht flüſternd, jedenfalls aber nicht laut genug war, um in einiger Entfernung gehört zu werden.„Können die verfluchten Irokeſen ſchon mit ihren Waffen und ohne ein Boot über den Fluß geſetzt haben?“ „Es kann der Delaware ſeyn. Möglich, daß er unſern Kurs an dem Ufer abwärts verfolgt, da er weiß, wo er uns zu finden hat. Laßt mich dichter ans Ufer fahren und rekognosciren.“ „Geht, Junge, aber ſeyd leicht mit dem Ruder, und in keinem Fall wagt Euch auf's Unſichere ans Ufer.“ „Iſt das klug?“ fragte Mabel mit einer Heftigkeit, welche ſie die Vorſicht, ihre ſüße Stimme zu dämpfen, vergeſſen ließ. „Sehr unklug, meine Liebe, wenn Sie ſo laut ſprechen. Ich liebe zwar ihre ſanſte und angenehme Stimme, nachdem ich ſo lange nur die der Männer gehört habe; aber ſie darf ſich im gegenwär⸗ tigen Augenblick doch nicht zu viel und zu frei vernehmen laſſen. Ihr Vater, der wackere Sergeant, wird Ihnen ſagen, daß Schweigen auf einer Fährte eine doppelte Tugend iſt. Geht, Jasper, und benehmt Euch klug in der Sache.“ Zehn drückende Minuten folgten dem Verſchwinden von Jaspers Kahn, welcher von dem des Pfadfinder ſo geräuſchlos weg glitt, daß er in der Dunkelheit verſchwunden war, ehe noch Mabel glauben konnte, der junge Mann werde wirklich ein Unternehmen wagen, welches die Phantaſie ihr mit ſo gefährlichen Farben malte. Während dieſer Zeit fuhr die Geſellſchaft fort, mit der Strömung zu ſchwimmen, ohne einen Laut, man möchte faſt ſagen, ohne einen Athemzug ſich zu geſtatten, um ja den leichteſten Ton, der vom Ufer herkäme, nicht zu überhören. Aber es herrſchte dieſelbe feierliche oder vielmehr erhabene Stille, wie früher. Nur 126 das Plätſchern des Waſſers, wenn es gegen ein leichtes Hin⸗ derniß anſtieß, und das Seufzen der Bäume unterbrach den Schlummer des Forſtes. Am Ende des erwähnten Zeitraums wurde das Knacken dürrer Zweige wieder ſchwach gehört, und es war dem Pfadfinder, als ob er den Ton gedämpfter Stimmen vernähme. „Vielleicht irre ich mich, denn die Gedanken malen einem gerne, was das Herz wünſcht; aber ich glaube, dieſe Töne gleichen der gedämpften Stimme des Delawaren.“ „Gehen die Wilden auch im Tode noch umher?“ fragte Cap. „Ja, und jagen dazu— in ihren glücklichen Jagdgründen, aber nirgends anders. Mit einer Rothhaut iſt's auf der Erde aus, ſobald der letzte Athemzug ihren Leib verlaſſen hat. Es iſt keine von ihren Gaben, bei ihrer Hütte zu weilen, wenn ihre Stunde vorüber iſt.“ Ich ſehe einen Gegenſtand auf dem Waſſer,“ flüſterte Mabel, welche ihre Augen nicht von der dunkeln Hülle abgewendet hatte, ſeit Jasper in ihr verſchwunden war. „Es iſt der Kahn,“ erwiederte Pfadſinder mit großer Erleich⸗ terung.„Es muß alles gut ſtehen, ſonſt würden wir von dem Jungen gehört haben.“ In der nächſten Minute ſchwammen die zwei Kähne, welche den Führern, erſt als ſie ſich näher kamen, ſichtbar wurden, wieder Seite an Seite, und man erkannte Jaspers Geſtalt in dem Stern ſeines Bootes. Die Figur eines zweiten Mannes ſaß in dem Bug, und da der junge Schiffer ſein Ruder in einer Weiſe regierte, daß das Geſicht ſeines Gefährten dem Pfadfinder und Mabeln unter die Augen trat, ſo erkannten beide den Delawaren. „Chingachgook— mein Bruder!“ ſagte der Pfadfinder in der Sprache des Andern mit einem Beben in ſeiner Stimme, welches die Gewalt ſeiner Gefühle verrieth—„Häuptling der Mohikaner! Mein Herz iſt hoch erfreut. Oft ſind wir mit einander durch 8 dA 28 G E& SAAͤ 24=Ng Hin⸗ den ums und men rne, der Lap. den, aus, eine unde äel, atte, eich⸗ dem elche teeder tern Bug, daß vdie der ches ner! urch 127 Blut und Streit gegangen! aber ich habe gefürchtet, es werde nie wieder geſchehen.“ „Hugh!— Die Mingos ſind Weiber!— Drei von ihren Skalpen hängen an meinem Gürtel. Sie wiſſen nicht die große Schlange der Delawaren zu treffen. Ihre Herzen haben kein Blut und ihre Gedanken ſind auf dem Rückweg über die Waſſer des großen Sees.“ „Biſt Du unter ihnen geweſen, Häuptling? und was wurde aus dem Krieger, der im Fluß war?“ „Er iſt zum Fiſch geworden und liegt auf dem Grunde mit den Aalen. Laß ſeine Brüder die Angelhaken nach ihm auswerfen. Pfadfinder, ich habe die Feinde gezählt und ihre Büchſen berührt.“ „Ah! Ich dachte, er würde verwegen ſeyn,“ rief der Weg⸗ weiſer in engliſcher Sprache.„Der waghälſige Burſche iſt mitten unter ihnen geweſen, und hat uns ihre ganze Geſchichte mitgebracht. Sprich, Chingachgook, damit ich unſern Freunden mittheilen kann, was wir ſelbſt wiſſen.“ Der Delaware erzählte nun in gelaſſener und ernſter Weiſe das Weſentliche der Entdeckungen, welche er gemacht, ſeit wir ihn zuletzt im Fluſſe mit den Feinden haben ringen ſehen. Von dem Schickſal ſeines Gegners ſprach er nicht mehr, da es gegen die Gewohnheit eines Kriegers iſt, bei mehr in's Einzelne gehenden Berichterſtattungen groß zu thun. Sobald er aus dieſem furcht⸗ baren Kampfe als Sieger hervorgegangen war, ſchwamm er gegen das öſtliche Ufer, ſtieg mit Vorſicht an's Land, und nahm ſeinen Weg unter dem Schutze der Finſterniß unentdeckt und im Grunde auch unbeargwohnt, mitten durch die Irokeſen. Einmal wurde er angerufen; da er ſich aber für Arowhead ausgab, ſo wurden keine weitern Fragen an ihn gemacht. Aus ihren Reden war ihm bald klar geworden, daß der Haufen ausdrücklich auf Mabel und ihren Onkel lauerte, über deſſen Rang ſie jedoch augenſcheinlich im Irr⸗ thum waren. Er hatte auch genug erfahren, um den Verdacht zu 128 rechtfertigen, daß Arrowhead ſie ihren Feinden verrathen habe, obgleich ein Beweggrund hiezu nicht leicht aufzufinden war, da er die Belohnung für ſeine Dienſte noch nicht empfangen hatte. Pfadfinder theilte von dieſen Nachrichten ſeinen Gefährten nicht mehr mit, als er zu Milderung ihrer Beſorgniſſe für nöthig erach⸗ tete, indem er zugleich andeutete, daß es nun Zeit ſey, ihre Kräfte zu brauchen, ehe die Irokeſen ſich von der Verwirrung erholt hätten, in welche ſie durch ihre Verluſte gerathen waren. „Wir werden ſie ohne Zweifel an der Stromenge wieder finden,“ fuhr er fort,„und dort müſſen wir an ihnen vorbei oder in ihre Hände fallen. Die Entfernung von der Garniſon iſt nur noch ge⸗ ringe, und ich habe daran gedacht, mit Mabel zu landen, ſie auf einigen Seitenwegen weiter zu geleiten und die Kähne ihrem Schickſal in den Stromſchnellen zu überlaſſen.“ „Es wird nicht gelingen, Pfadfinder,“ unterbrach ihn Jasper lebhaft.„Mabel iſt nicht ſtark genug, um in einer ſolchen Nacht durch die Wälder zu gehen. Setzt ſie in meinen Kahn, und ich will mein Leben verkieren, oder ſie über die Stromenge glücklich wegführen, ſo dunkel es auch ſeyn mag.“ „Ich zweifle nicht, daß Ihr das werdet, Junge; Niemand zweifelt an Eurem guten Willen, der Tochter des Sergeanten einen Dienſt zu leiſten; aber das Auge dor Vorſehung muß es ſeyn und nicht das Eurige, welches in einer Nacht, wie dieſe, Euch glücklich über den Stromſchuß des Oswego bringen kann.“ „Und wer wird ſie denn zu Land glücklich nach der Garniſon bringen? Iſt die Nacht am Ufer nicht ſo dunkel, als auf dem Waſſer? Oder glaubt Ihr, ich verſtehe mich weniger auf meinen Beruf, als Ihr Euch auf den Eurigen?“ „Kühn geſprochen, Junge; aber angenommen, ich verlöre meinen Weg in der Finſterniß— und ich glaube, es kann mir Niemand in Wahrheit nachſagen, daß mir das je begegnet iſt— angenommen, ich verlöre den Weg, ſo würde daraus kein anderes „— A— „—— be, er icht ich⸗ äfte ten, n,“ ihre ge⸗ auf kſal per acht ich klich nand inen und klich niſon dem einen 129 Unglück entſpringen, als daß wir die Nacht im Walde zubringen müßten; indeß eine falſche Wendung des Ruders oder ein breiteres Streichen des Kahns Euch und das junge Frauenzimmer in den Fluß werfen kann, aus dem aller Wahrſcheinlichkeit nach, des Ser⸗ geanten Tochter nicht mehr lebendig kommen wird.“ „Wir wollen das Mabel ſelbſt überlaſſen; ich bin überzeugt, daß ſie ſich in dem Kahne ſicherer fühlen wird.“ „Ich habe ein großes Vertrauen zu Euch beiden,“ antwortete das Mädchen,„und zweifle nicht, daß jeder thun wird, was er kann, um meinem Vater zu beweiſen, wie werth er ihm iſt. Aber ich bekenne, daß ich nicht gerne den Kahn verlaſſen möchte, da wir die Gewißheit haben, daß Feinde, wie wir ſie geſehen, in dem Walde ſich befinden. Doch mein Onkel mag in dieſer Sache den Ausſchlag geben.“ „Ich liebe die Wälder nicht, ſo lange man eine ſo ſchöne Bahn wie hier auf dem Fluß vor ſich hat. Außerdem, Meiſter Pfadfinder, um von den Wilden nichts zu ſagen, Ihr überſeht die Hayfiſche.“ „Hayfiſche! wer hat je von Hayfiſchen in der Wildniß gehört?“ „Ach! Hayfiſche, oder Bären oder Wölfe— es iſt gleichgültig, wie Ihr das Ding nennt. Es iſt eben etwas, was die Luſt und die Macht hat, zu beißen.“ „Hilf Herr! Menſch, fürchtet Ihr ein Geſchöpf, das in einem amerikaniſchen Forſte gefunden werden kann? Ich will zwar zugeben, daß eine Panterkatze ein ungeberdiges Thier iſt; doch was will das heißen, wenn ein geübter Jäger bei der Hand iſt? Sprecht von den Mingos und ihren Teufeleien, ſo viel Ihr wollt; aber macht mir keinen falſchen Lärm mit Euren Baren und Wölfen.“ „Ja, ja, Meiſter Pfadfinder, das iſt wohl alles gut genug für Euch, der Ihr wahrſcheinlich den Namen einer jeden Kreatur, mit der Ihr zuſammen trefft, kennt. Gewohnheit iſt ſchon Etwas, und macht einen Mann kühn, wo er ſonſt vielleicht ſchüchtern wäre. Ich habe in der Nähe des Aequators die Matroſen ſtundenlang Der Pfadfinder. 3. Aufl. 9 unter fünfzehn bis zwanzig Fuß langen Hayfiſchen herumſchwimmen ſehen, und ſie hatten dabei keine andern Gedanken, als die ein Landbewohner ſich macht, wenn er Sonntags Nachmittags unter Seines Gleichen aus der Kürchthüre geht.“ „Das iſt außerordentlich!“ rief Jasper, welcher in ſeiner Treu⸗ herzigkeit ſich jenen weſentlichen Theil ſeines Gewerbes, den man die Fähigkeit ‚ein Garn zu ſpinnen nennt, noch nicht angeeignet hatte.„Ich habe immer gehört, daß der Tod gewiß ſey, wenn man ſich in das Waſſer unter die Hayen wage.“ „Ich vergaß⸗ zu ſagen, daß die Jungen immer Spillenbäume, Kanonenſpacken oder Kuhfüße mit ſich nahmen und die Beſtien auf die Naſe ſchlugen, wenn ſie ihnen läſtig wurden. Nein, nein, ich finde kein Behagen an Bären und Wölfen, obgleich ich mir aus einem Wallſiſch ſo wenig mache, als aus einem Hering, wenn er getrock⸗ net und geſalzen iſt. Mabel und ich halten beſſer Stich in dem Kahne.“ „Mabel würde gut thun, das Fahrzeug zu wechſeln,“ fügte Jasper bei.„Das meine iſt leer, und der Pfadfinder wird zugeben, daß auf dem Waſſer mein Auge ſicherer iſt, als das ſeine.“ „Das thue ich mit Freuden, Junge. Das Waſſer gehört zu Euren Gaben, und Niemand wird in Abrede ziehen, daß Ihr ſie aufs beſte erprobt habtR. Ihr habt Recht, wenn Ihr glaubt, daß des Sergeanten Tochter in Euerem Kahne ſicherer ſey, als in dem meingen, und obgleich ich gerne ſelber in ihrer Nähe wäre, ſo liegt mir doch ihre Wohlfahrk zu ſehr am Herzen, um ſie nicht aufrichtig zu berathen. Bringt Euern Kahn dicht an unſere Seite, Jasper, damit ich Euch das, was Ihr als einen koſtbaren Schatz betrachten müßt, übergeben kann.“ „Ich betrachte es als einen ſolchen,“ erwiederte der Jüngling, welcher keinen Augenblick verlor, um dieſer Aufforderung nachzu⸗ kommen; und als Mabel von dem einen Kahn in den andern ge⸗ treten war, ſetzte ſie ſich zu dem Gepäcke, welches bisher die einzige Laſt deſſelben ausgemacht hatte. ——— 89„—„—.8. ———„ „—r— 131 Nachdem dieſe Anordnung getroffen war, trennten ſich die Kähne und fuhren in einiger Entfernung von einander, wobei man ſich vorſichtig, vhne rin Geräuſch zu errrgen, ver Ruver vr⸗ diente. Die Unterhaltung hörte nach und nach auf, und die An⸗ näherung der gefürchteten Stromenge machte auf alle einen in⸗ haltsſchweren Eindruck. Es war faſt gewiß, daß ihre Feinde ſich alle Mühe gegeben hatten, dieſen Punkt vor ihnen zu erreichen, und der Verſuch, in der tiefen Dunkelheit auf dem Strome über ihn weg zu kömmen, ſchien ſo wenig wahrſcheinlich, daß der Pfad⸗ finder der Ueberzeugung lebte, die Wilden hätten ſich an beiden Ufern vertheilt, in der Hoffnung, ſie beim Landen abzufangen. Er würde auch ſeinen früheren Vorſchlag nicht gemacht haben, wenn er es nicht ſeinen eigenen Fähigkeiten zugetraut hätte, dieſes Vorgefühl eines günſtigen Erfolgs von Seiten der Irokeſen zu einer Ver⸗ eitelung ihrer Plane zu benützen. Da aber nun die Anordnung feſt ſtand, ſo hing alles von der Geſchicklichkeit der Kahnführer ab. Denn wenn ein Fahrzeug auf einen Felſen ſtieß, ſo mußte es, wenn es nicht zertrümmert wurde, faſt nothwendig aufſitzen, und dann war man nicht bloß den Zufällen des Stromes, ſondern Mabel auch der Gewißheit ausgeſetzt, in die Hände ihrer Ver⸗ folger zu fallen. Es war daher die äußerſte Umſicht nöthig, und jeder blieb zu ſehr mit ſeinen eigenen Gedanken beſchäftigt, um ſich geneigt zu fühlen, mehr zu äußern, als was gerade die Dring⸗ lichkeit des Augenblicks erforderte. Die Kähne ſtahlen ſich ruhig vorwärts und das Brauſen der Stromenge wurde hörbar. Cap mußte aller ſeiner Tapferkeit aufbieten, um ſich auf ſeinem Sitz zu erhalten, indeß jene bedeu⸗ tungsvollen Töne immer näher kamen, wobei die Finſterniß kaum die Umriſſe des waldigen Ufers und das darüber hängende dunkle Himmels⸗Gewölbe erkennen ließ. Der Eindruck, welchen die Waſſer⸗ fälle auf ihn gemacht hatten, arbeitete noch in ſeiner Seele, und ſeine Phantaſie war nicht unthätig, die Gefahren der Stromenge 132 mit jenen des jähen Abſturzes, den er durchgemacht hatte, ſich gleich zu denken, wenn nicht der Zweifel und die Ungewißheit ſie gar noch hrigerte. SGirrin wur Jervch ver alte Scemann im Irrthum, denn die Stromenge des Oswego und ſeine Fälle ſind in ihrem Charak⸗ ter und in ihrer Heftigkeit ſehr verſchieden, da die erſtere nichts weiter als eine Stromſchnelle war, welche über Untiefen und Fel⸗ ſen geht, indeß die letzteren den Namen, den ſie trugen, wie wir eben geſehen haben, in der Wirklichkeit verdienten. Mabel mochte allerdings Beklemmung und Furcht fühlen. Aber ihre ganze Lage war ſo neu, und das Vertrauen zu ihrem Führer ſo groß, daß ſie ſich in einer Selbſtbeherrſchung erhielt, deren ſie wohl nicht mächtig geweſen wäre, wenn ſie ſich hätte klarere Vorſtellungen von der Wahrheit machen können, oder die Hilfloſigkeit des Menſchen, wenn es den Kampf gegen die Macht und Majeſtät der Natur gilt, beſſer gekannt haben würde. „Iſt das die Stelle, deren Ihr erwähnt habt?“ ſagte ſie zu Jasper, als ihr das Geräuſch des Stromſchuſſes zum erſtenmal friſch und deutlich zu Ohren kam. „Sie iſt es; und ich bitte Sie, Vertrauen zu mir zu haben. Unſere Bekanntſchaft iſt zwar noch jung, Mabel; aber wir leben hier in der Wildniß viele Tage in Einem, und es kömmt mir be⸗ reits vor, als ob ich Sie ſchon Jahre lang gekannt hätte.“ „Auch ich fühle gegen Euch nicht, wie gegen einen Fremden, Jasper. Ich habe einiges Vertrauen zu Eurer Geſchicklichkeit ſowohl, als zu Eurem guten Willen, mir einen Dienſt zu leiſten.“ „Wir werden ſehen, wir werden ſehen.— Pfadfinder peitſcht die Schnellen zu nahe am Mittelpunkt des Fluſſes; das Waſſerbette iſt gegen das öſtliche Ufer zu enger; aber ich kann mich ihm jetzt nicht verſtändlich machen. Halten Sie ſich feſt an den Kahn und befürchten Sie nichts.“ Im nächſten Augenblick hatte die raſche Stroͤmung ſie in dem Stromſchuß getrieben. Drei oder vier Minuten ſah das mehr von al en be⸗ en, keit u.⸗ ſcht ette etzt und dem 133 heiliger Scheu als von Furcht ergriffene Mädchen rund um ſich nichts als die Güſſe glänzenden Schaumes und hörte nichts, als das Brauſen der Waſſer. Zwanzigmal ſchien der Kahn von irgend einer kräuſelnden, glänzenden Welle, die man ſogar in der Dunkel⸗ heit der Nacht erkennen konnte, überſchüttet zu werden; und eben ſo oft glitt er unbeſchädigt daran vorbei, getrieben durch den kräf⸗ tigen Arm deſſen, der ſeine Bewegungen leitete. Einmal, aber auch nur einmal, ſchien Jasper ſeine Herrſchaft über die zerbrechliche Barke zu verlieren, in welchem kurzen Augenblick ſie rund herum wirbelte; aber durch eine verzweifelte Anſtrengung brachte er ſie wieder in ſeine Gewalt, gewann das verlorene Fahrwaſſer wieder und fühlte ſich bald für alle ſeine Beängſtigungen dadurch belohnt, daß er den Kahn ruhig in dem tiefen Waſſer unterhalb der Strom⸗ ſchnellen dahin ſchwimmen ſah, ohne daß dieſer von dem Elemente ſo viel eingenommen, als zu einem Trunke hätte dienen können. „Alles iſt vorüber,“ rief der junge Mann freudig.„Die Gefahr iſt vorbei, und Sie dürfen nun hoffen, noch in dieſer Nacht Ihren Vater zu umarmen.“ „Gott ſey geprieſen! Jasper; Euch verdanken wir dieſes große Glück.“ „Der Pfadfinder kann einen guten Theil des Verdienſtes in Anſpruch nehmen. Aber was iſt aus dem andern Kahn geworden?“ „Ich ſehe etwas in der Nähe auf dem Waſſer. Iſt es nicht das Boot unſerer Freunde?“ Wenige Ruderſchläge brachten Jasper an die Seite des frag⸗ lichen Gegenſtandes. Es war der andere Kahn, leer und mit auf⸗ wärts gerichtetem Kiele. Der junge Mann hatte ſich kaum über dieſen Umſtand Gewißheit verſchafft, als er anfing, ſich nach den Schwimmern umzuſehen, und zu ſeiner großen Freude entdeckte er bald Cap, welcher mit der Strömung abwärts trieb. Der alte Seemann hatte die Gefahr des Ertrinkens derjenigen, mit welcher er beim Landen von den Wilden aus bedroht war, vorgezogen. 134 Er wurde, obſchon nicht ohne Schwierigkeit, in den Kahn geholt, und damit hatte das Nachforſchen ein Ende. Jasper war nämlich überzeugt, daß der Pfadfinder in dem ſeichten Waſſer ans Ufer waten werde, um ſeine geliebte Büchſe nicht verlaſſen zu müſſen. Der Reſt der Fahrt war kurz, obgleich ſie mitten in der Dunkelheit und Ungewißheit gemacht wurde. Nach einer kleinen Weile ließ ſich ein dumpfes Getöſe vernehmen, welches zuweilen dem Rollen eines entfernten Donners und dann wieder dem Brauſen der Waſſer ähnelte. Jasper erklärte ſeinen Gefährten, daß ſie nun die Brandung des Sees hörten. Vor ihnen lagen niedrige ge⸗ krümmte Landſpitzen, von denen eine eine Bai bildete. Hier fuhr der Kahn ein und ſchoß geräuſchlos an das kieſige Ufer. Dieſer Uebergang war ſo raſch und ergreifend erfolgt, daß Mabel die Vorgänge kaum faſſen konnte. Im Laufe weniger Minuten kamen ſie an den Schildwachen vorbei; das Thor wurde geöffnet und das bewegte Mädchen fand ſich in den Armen eines Vaters, der ihr faſt ein Fremder geworden war. Achtes Kapitel. Ein Land der Lieb', ein Land voll Licht, Wo Nacht und Mond und Sonne nicht; Wo lebend raſch die Welle fließt, Ein Himmelsſtrahl das Licht ergießt. Ich ſuh das Land, und's iſt mir kaum Als wär's ein ew'ger ſtiller Traum. Der Königin Erwachen. Die Ruhe, welche der Anſtrengung folgt, iſt gewöhnlich tief und ſüß, wenn ſie mit dem Gefühle der Sicherheit verbunden iſt. Dieß war auch bei Mabel der Fall, welche ſich erſt von ihrer ärmlichen Pritſche— denn nur auf ein ſolches Lager konnte eine Sergeantentochter auf einem abgelegenen Gränzpoſten Anſpruch 135 machen— erhob, als die Garniſon ſchon lange der gewöhnlichen Aufforderung der Trommeln gehorcht und ſich zur Morgenparade verſammelt hatte. Sergeant Dunham, deſſen Geſchäft es war, den gewöhnlichen täglichen Dienſt zu beaufſichtigen, hatte bereits ſeine Morgenverrichtungen vollbracht, und begann eben an ſein Frühſtück zu denken, als ſeine Tochter ihr Zimmer verließ und in die freie Luft heraus trat, in gleichem Grade verwirrt, erfreut und dankerfüllt über die Neuheit und Sicherheit ihrer jetzigen Lage. Zu der Zeit, in welcher unſere Erzählung ſpielt, war Os⸗ wego einer der äußerſten Gränzpoſten der britiſchen Beſitzungen auf dieſem Continent. Es war noch nicht lange beſetzt und hatte in ſeiner Garniſon ein Bataillon eines urſprünglich ſchottiſchen Re⸗ giments, in das aber, ſeit ſeiner Ankunſt in dieſer Gegend, viele Amerikaner aufgenommen worden waren. Durch dieſe Neuerung wurde es dem Vater Mabels möglich gemacht, die zwar unbedeu⸗ tende aber doch verantwortliche Stelle des älteſten Sergeanten ein⸗ zunehmen. Es befanden ſich auch einige junge Offiziere, welche in den Kolonieen geboren waren, bei dem Corps. Das Fort ſelbſt war, wie die meiſten derartigen Werke, beſſer geeignet, einem An⸗ griff der Wilden zu widerſtehen, als eine regelmäßige Belagerung auszuhalten; aber die große Schwierigkeit, welche mit dem Trans⸗ port der ſchweren Artillerie und anderer Erforderniſſe verbunden war, machte die letztere ſo unwahrſcheinlich, daß die Ingenieure bei dem Entwurf der Vertheidigungswerke auf eine ſolche gar keinen Bedacht nehmen zu müſſen glaubten. Man hatte Bollwerke von Erde und Holzſtämmen, einen trockenen Graben, Palliſaden, einen Paradeplatz von beträchtlicher Ausdehnung und eine Kaſerne aus Holzſtämmen, welche zu dem doppelten Zwecke der Bewohnung⸗ und der Befeſtigung diente. Einige leichte Feldſtücke ſtanden in dem Raume des Forts, um ſchnell dahin, wo man ihrer bedurfte, geführt werden zu können, und ein oder zwei ſchwere eiſerne 136 Kanonen blickten aus den Spitzen der vorſpringenden Winkel, als eben ſo viele Ermahnungen an den Verwegenen, ihre Macht zu reſpektiren. Als Mabel die bequeme, aber vergleichungsweiſe einſame Lagerhütte, in welcher ihr Vater ſie unterbringen durfte, verlaſſen hatte und in die reine Morgenluft trat, fand ſie ſich am Fuße einer Baſtey, welche ſo einladend vor ihr lag, daß ſie ſich von hier aus einen Ueberblick über alles das, was ihr die Finſterniß der vorigen Nacht verborgen hatte, verſprach. Das Mädchen hüpfte mit eben ſo leichten Füßen als leichtem Herzen die graſige Anhöhe hinan, und befand ſich auf einmal auf einem Punkte, welcher ihr in wenigen Blicken die Ueberſicht über alle äußeren Verhältniſſe ihrer neuen Lage geſtattete. 3 Gegen Süden lag der Wald, durch welchen ſie ſo viele er⸗ müdende Tage gewandert war, und der ſie die ganze Fülle ſeiner Gefahren hatte empfinden laſſen. Er war von den Palliſaden des Forts durch einen Gürtel freien Feldes getrennt, welches haupt⸗ ſächlich deßhalb gelichtet worden war, um den kriegeriſchen Vor⸗ kehrungen Raum zu geben. Dieſes Glacis, denn als ſolches diente es in der That für den Kriegszweck, mochte ungefähr hundert Morgen betragen; aber mit ihm wich auch jede Spur von Civili⸗ ſation. Jenſeits war Alles Wald— jener dichte, endloſe Wald, welchen Mabel ſich nun aus ihren Erinnerungen mit ſeinen ver⸗ borgenen, glänzenden Seen, ſeinem dunkel r den Strome und ſeiner ganzen Welt von Natur, deutlich vor die Seele führen konnte. Als unſere Heldin ſich von dieſem Anblick abwendete, fühlte ſie auf ihren Wangen das Fächeln eines friſchen und angenehmen Lüftchens, wie ſie es, ſeit ſie die ferne Küſte verlaſſen, nicht wieder empfunden hatte. Bald zeigte ſich ihr ein neues Schauſpiel, welches, obſchon es nicht unerwartet kam, ſie dennoch nicht wenig überraſchte, und ein ſchwacher Ausruf bekundete, mit welcher Luſt ihre Augen die vor ihnen liegenden Reize verſchlangen. Gegen Norden, Oſten und Weſten 137 in jeder Richtung, kurz über die ganze Hälfte des neuen Panoramas lag eine weite Fläche wogenden Waſſers. Das Element hatte weder das glänzende Grün, welches im Allgemeinen die amerikani⸗ ſchen Gewäſſer bezeichnet, noch das tiefe Blau des Oceans; es war von einer lichten Ambrafarbe, welche kaum ſeine Durchſichtig⸗ keit beeinträchtigte. Nirgends Land, mit Ausnahme der anliegenden Küſte, welche ſich rechts und links an einem ununterbrochenen Saume von Wäldern hinzog, mit weiten Bayen und niedrigen Vorſprüngen oder Spitzen. An vielen Stellen war das Ufer felſig, und in den Höhlen deſſelben rollte das träge Waſſer hin und wieder in einem hohlen Tone, der einem entfernten Kanonen⸗ donner glich. Kein Segel glänzte auf der Oberfläche, kein Wall⸗ fiſch oder ſonſtiger Fiſch ſpielte auf dieſer Ebene und kein Zeichen menſchlichen Thuns und Treibens belohnte den anhaltendſten und ſorgfältigſten Blick auf dieſer endloſen Ausdehnung. Es war eine Scene, die auf der einen Seite die endloſen Wälder, auf der andern die weiten unbegränzten Waſſer zeigte, und die Natur ſchien eine Luſt daran gefunden zu haben, einen großartigen Effekt dadurch hervorzurufen, daß ſie ihre beiden Hauptbeſtandtheile kühn neben einander ſich heben ließ, ohne auf deren Einzelnheiten einzugehen. Das Auge flog mit Luſt und Bewunderung von dem breiten Blätter⸗ teppich zu dem noch breiteren Waſſerfelde, und von dem endloſen, ſanften Wellenſchlag des Sees zu der heiligen Ruhe, der poetiſchen Einſamkeit des Urwaldes zurück. Mabel war fern von jeder Ueberbildung, und da ſie ſo empfänglich und offen, wie nur irgend ein Mädchen mit warmem Herzen und reiner Seele war, ſo gebrach es ihr nicht ganz an dem Sinne für die Poeſie unſerer ſchönen Erde. Obgleich man nicht ſagen konnte, daß ſie überhaupt Erziehung genoſſen— denn nur wenigen ihres Geſchlechts wurde in jenen Tagen und in dieſen Gegenden viel mehr als die Anfangsgründe des engliſchen Unterrichts zu Theil— ſo hatte ſie doch ein Anſehnliches weiter gelernt, als bei Mädchen ihrer Stellung gewöhnlich war; und in Einem Betrachte wenigſtens machte ſie ihrem Lehrer keine Unehre. Die Wittwe eines Offiziers aus dem Regimente, zu welchem ihr Vater gehörte, hatte ſich nach dem Tode ihrer Mutter des Mädchens angenommen; unter der Sorgfalt dieſer Frau konnte Mabel einiger Maßen ihren Geſchmack ausbilden und ſich zu Ideen erheben, welche ihr unter andern Umſtänden wohl immer fremd geblieben wären. Ihre Stellung in der Familie war eher die einer Geſellſchafterin als die eines Dienſtboten geweſen, was man ſchon an ihrer Kleidung, ihrer Sprache, ihren Meinungen und insbeſondere an ihren Gefühlen erkennen konnte, obgleich ſie ſich vielleicht nie zu der Höhe erhoben hatte, welche geeignet war, eine Frau von Stande zu bezeichnen. Sie hatte die rauheren und wenig verfeinerten Gewohnheiten und Manieren ihrer urſprünglichen Stellung verloren, ohne jedoch ganz den Punkt erreicht zu haben, der ſie für jene Lebenslage, welche die Zufälligkeiten der Geburt und des Vermögens ihr wahrſcheinlich anwieſen, untauglich gemacht haben würde. Alle andern Eigenthümlichkeiten gehörten ihrem natürlichen Charakter an. Nach ſolchen Vorgängen wird ſich der Leſer nicht wundern, wenn er erfährt, daß Mabel das vor ihr liegende neue Schauſpiel mit einem weit höheren Genuſſe betrachtete, als ihn eine gewöhn⸗ liche Ueberraſchung zu geben vermag. Sie fühlte die allgemeinen Schönheiten, wie ſie die Meiſten gefühlt haben würden; aber ſie hatte auch einen Sinn für ihre Erhabenheit, für jene ſanfte Ein⸗ ſamkeit, jene ruhige Größe und für die beredte Ruhe, welche ſich immer über eine weite Ausſicht breitet, in der die Natur durch die Mühen und Anſtrengungen des Menſchen nicht geſtört wird.„Wie ſchön!“ rief ſie, ohne es ſelbſt zu beachten, aus, als ſie auf dem einſamen Bollwerk ſtand und ihr die Luft des Sees entgegenwehte, die ihren Körper und ihren Geiſt in gleicher Weiſe belebend durch⸗ drang.„Wie wahrhaft ſchön! und doch ſo einfach!“ 139 Dieſe Worte und der Gang ihrer Gedanken wurde durch eine leichte Berührung ihrer Schulter unterbrochen, und als ſie ſich umdrehte, fand Mabel, welche ihren Vater zu ſehen erwartete, den Pfadfinder an ihrer Seite. Er lehnte ruhig an ſeiner langen Büchſe und lachte in ſeiner ſtillen Weiſe, während er mit ausgeſtrecktem Arm über das ganze Waſſer⸗ und Landpanorama hinfuhr. „Hier haben Sie unſere beiden Domänen,“ ſagte er:„Jaspers und die meinigen. Ihm gehört der See, mir die Wälder. Der Junge thut bisweilen groß mit der Breite ſeiner Beſitzungen; aber ich ſage ihm, daß meine Bäume ein ſo großes Stück Fläche auf dieſer Erde ausmachen, als all ſein Waſſer. Nun, Mabel, Sie paſſen wohl für beide, denn ich ſehe nicht, daß die Furcht vor den Mingos oder die Nachtmärſche Ihre hübſchen Augen trüben können.“ „Ich lerne den Pfadfinder in einem ganz neuen Charakter kennen, indem er einem einfältigen Mädchen Complimente ſagt!“ „Nicht einfältig Mabel; nein, nicht im mindeſten einfältig. Des Sergeanten Tochter würde ihrem würdigen Vater Unehre machen, wenn ſie etwas thun oder ſagen würde, was man mit Recht einfältig nennen könnte.“ „Dann muß ſie ſich in Acht nehmen und trügeriſchen Schmeichelreden nicht zu viel Glauben ſchenken. Aber, Pfadfinder. ich freue mich, Euch wieder unter uns zu ſehen, denn obgleich ſich Jasper nicht viel daraus zu machen ſchien, ſo war ich doch beſorgt, daß irgend ein Unfall Euch und Euern Freund in dieſer fürchter⸗ lichen Stromenge betroffen haben möchte.“ „Der Junge kannte uns Beide, und wußte wohl, daß wir nicht ertrinken würden; denn dieß iſt ſchwerlich eine von meinen Gaben. Es wäre auch wahrlich nicht gut ſchwimmen geweſen mit einer langläufigen Büchſe in der Hand; und was dieſen Spaß anbelangt, ſo iſt der Hirſchtödter und ich zu oft ſchon durch Wilde und Fran⸗ zoſen gegangen, als daß ich mich ſo leicht hätte von ihm trennen können. Nein, nein, wir wateten an's Ufer; die Enge war, mit Ausnahme einiger kleinen Stellen, ſeicht genug dazu— und landeten mit den Waffen in den Händen. Ich gebe zwar zu, daß wir uns um der Irokeſen willen Zeit ließen; aber ſo bald dieſe ſchleichenden Vagabunden die Lichter erblickten, welche der Sergeant nach Eurem Kahn herunterſchickte, wußten wir wohl, daß ſie ſich aus dem Staub machen würden, um einer allenfallſigen Viſite von der Garniſon aus zu entgehen. So ſaßen wir denn ungefähr eine Stunde geduldig auf den Steinen und die Geſahr war vorüber. Geduld iſt für einen Waldbewohner die wichtigſte Tugend.“ „Ich freue mich, das zu hören! denn ſelbſt die Müdigkeit konnte mich kaum ſchlafen machen, wenn ich bedachte, was Euch möchte zugeſtoßen ſeyn.“ „Der Herr ſegne Ihr empfindſames kleines Herz, Mabel! aber das iſt ſo die Weiſe ſanfter Frauenzimmer. Was mich anbelangt ſo war ich froh, als ich die Laternen auf das Waſſer zukommen ſah, weil ich daraus entnehmen konnte, daß Sie in Sicherheit waren. Wir Jäger und Wegweiſer ſind zwar rauhe Burſche, aber wir haben unſere Gefühle und unſere Gedanken ſo gut, als ein General in der Armee. Wir beide, Jasper und ich, hätten uns lieber todtſchlagen laſſen, ehe Sie hätten Schaden nehmen ſollen— ja, das hätten wir.“ „Ich danke Euch, Pfadfinder, für Alles, was Ihr für mich gethan habt; aus dem Grunde meines Herzens danke ich Euch und verlaßt Euch d'rauf, daß es mein Vater erfahren ſoll. Ich habe ihm ſchon viel erzählt, aber es bleibt mir in dieſer Sache noch eine weitere Verpflichtung.“ „Pah! Mabel! der Sergeant weiß, was die Wälder ſind, und kennt auch die Weiſe der ächten Rothhäute. Es iſt nicht nöthig, ihm dieſe Dinge weitläufig zu erzählen. Nun, Sie ſind ja jetzt mit Ihrem Vater zuſammengetroffen? Finden Sie den braven alten Soldaten als ſo eine Art Perſon, wie Sie ſie zu finden erwarteten?“ „Er iſt mein theurer Vater, und hat mich aufgendmmen, wie 141 ein Soldat und Vater ſein Kind aufnehmen ſoll. Kennt Ihr ihn ſchon lange, Pfadfinder?“ „Allerdings, wenn wir wie die Leute rechnen wollen. Ich war gerade zwölf Jahre alt, als der Sergeant mich zu meiner erſten Späherſtreife mitnahm, und das iſt nun ſchon über dreißig Jahre. Wir hatten übrigens lange daran zu dauen, und da dieſes geſchah, ehe Sie geboren waren, ſo würden Sie wohl keinen Vater gehabt haben, wäre nicht die Büchſe eine von meinen natürlichen Gaben geweſen.“ „Erklärt Euch deutlicher.“ „Es iſt zu einfach für viele Worte. Wir waren in einen Hinterhalt gefallen; der Sergeant wurde ſchwer verwundet und würde wohl ſeine Kopfhaut verloren haben, hätte ich nicht aus ſo einer Art von Inſtinkt zum Gewehr gegriffen. Wir brachten ihn dann weg, und ein ſchönerer Haarkopf iſt, ſo lange das Regiment beſteht, nicht in demſelben gefunden worden, als wie ihn der Ser⸗ geant noch an dieſem geſegneten Tage herumträgt.“ „Ihr habt meines Vaters Leben gerettet, Pfadfinder,“ rief Mabel und faßte unwillkührlich, aber mit Wärme, ſeine harten, ſehnigen Hände mit den ihrigen.„Gott ſegne Euch auch hiefür, wie für Eure andern guten Handlungen!“ „Nein, ich ſagte das nicht, obgleich ich glaube, daß ich ſeinen Skalp gerettet habe. Ein Menſch kann ohne Kopfhaut leben, und ſo kann ich nicht ſagen, daß ich ſein Leben gerettet habe. Aber Jasper könnte das wohl von Ihnen behaupten, denn ohne ſein Auge und ſeinen Arm würde der Kahn nimmermehr in einer Nacht, wie die letzte, glücklich über die Stromenge gekommen ſeyn. Die Gaben des Jungen ſind für das Waſſer, während die meinigen für die Jagd und die Fährte paſſen. Er iſt dort, in der Butht, ſieht nach den Kähnen und verwendet kein Auge von ſeinem lieben kleinen Fahrzeug. In meinen Augen gibt es keinen ſchmuckeren Burſchen in dieſer Gegend, als Jasper Weſtern.“ Das erſtemal, ſeit ſie ihr Zimmer verlaſſen, blickte jetzt Mabel abwärts, um auch einen Ueberblick über den Vordergrund des merkwürdigen Gemäldes, in das ſie ſich mit ſolcher Luſt vertieft hatte, zu gewinnen. Der Oswego ergoß ſein dunkles Waſſer zwiſchen etwas erhöhten Dämmen, von denen der öſtliche ſich kühner erhob und weiter gegen Norden hervorſprang, als der weſtliche, in den See. Das Fort lag auf der Weſtſeite, und unmittelbar unter ihm befanden ſich einige Blockhäuſer, welche, da ſie nichts zur Vertheidigung des Platzes beitragen konnten, an dem Ufer hin errichtet worden waren, um die Vorräthe aufzunehmen und aufzubewahren, welche gelandet wurden, oder nach den verſchiedenen befreundeten Häfen an den Ufern des Ontario eingeſchifft werden ſollten. Dann zeigten ſich zwei niedrige, gekrümmte, kieſige Punkte, welche mit überraſchender Regelmäßigkeit durch die ſich entgegen⸗ wirkenden Kräfte der Nordwinde und der ſchnellen Strömung ge⸗ bildet waren und ſich mitten in dem Fluß zu zwei gegen die See⸗ ſtürme geſchützten Bayen geſtalteten. Die auf der Weſtſeite war am tiefſten ausgeſchnitten, und da ſie auch das meiſte Waſſer hatte, ſo konnte man ſie als einen kleinen maleriſchen Hafen betrachten. Längs des nahen Ufers, welches ſich zwiſchen der geringen Anſtei⸗ gung des Forts und dem Waſſer dieſer Bucht befand, waren die eben erwähnten rohen Gebäude errichtet. Mehrere kleine Schiffe, Nachen und Rindenkähne waren an dem Ufer aufgeſtellt, und in der Bay ſelbſt lag das kleine Fahr⸗ zeug, welchem Jasper ſeinen Ruf als Schiffer verdankte. Es mochte ungefähr vierzig Tonnen führen, war kutterartig aufgetakelt und ſo zierlich gebaut und gemalt, daß es einigermaßen das Anſehen eines Kriegsſchiffs ohne Schanzen hatte. Dabei war es ſo genau nach den Proportionen der Schönheit ſowohl als der Zweckmäßig⸗ keit aufgetakelt und geſpiert, daß ſein geputztes und ſchmuckes Ausſehen ſogar Mabel auffiel. Seine Form war bewunderungs⸗ würdig, denn ein Arbeiter von großer Geſchicklichkeit hatte auf die 143 ausdrückliche Requiſition des Offiziers, welcher es bauen ließ, den Riß dazu aus England geſchickt. Die Malerei war dunkel, kriegeriſch und nett, und die lange geißelförmige Flagge, welche es trug, bezeichnete es auf den erſten Blick als Eigenthum des Königs. Sein Name war der Scud.* „Das iſt alſo Jaspers Schiff!“ ſagte Mabel, welche den Führer des kleinen Fahrzeugs natürlich ſchnell mit dem Kutter ſelbſt in Verbindung brachte.„Gibt es noch viele andere auf dieſem See?“ „Die Franzoſen haben drei. Eines davon iſt, wie ich mir ſagen ließ, ein wirkliches Schiff, wie man ſich ihrer auf dem Meere bedient; das andere iſt eine Brigg, und das dritte ein Kutter, wie der Seud hier, und heißt ‚das Eichhörnchen’ in ihrer Sprache. Dieſer ſcheint einen natürlichen Haß gegen unſer zierliches Boot zu haben, denn Jasper geht ſelten aus, ohne daß das ,Eichhörnchen⸗ ihm auf der Ferſe iſt.“ „Und iſt Jasper der Mann, der vor einem Franzoſen davon geht, wenn er auch in der Geſtalt eines Eichhorns erſcheint, und noch dazu auf dem Waſſer?“ „Wozu nützt die Tapferkeit, wenn man es an den Mitteln fehlen läßt, ihr Nachdruck zu geben? Jasper iſt ein muthiger Junge, wie alle an dieſer Gränze wohl wiſſen; aber er hat kein Geſchütz, mit Ausnahme einer kleinen Haubitze, und dann beſteht ſeine Mannſchaft außer ihm nur noch aus zwei Leuten und einem Schiffsjungen. Ich war einmal auf einer ſeiner Fahrten mit ihm, und der Burſche wagte genug, indem er uns ſo nahe an den Feind brachte, daß die Büchſen zu ſprechen anfingen; aber die Franzoſen haben Kanonen und Geſchützpforten und zeigen ihr Geſicht nie außerhalb Frontenac, ohne etliche und zwanzig Mann am Bord zu haben, zumal das Eichhörnchen. Nein, nein; dieſer Scud iſt für den Flug gebaut, und der Major ſagt, er wolle ihn nicht * Die vom Wind gejagte Wolke. 144 durch Bemannung und Bewaffnung zum Fechten geneigt machen, damit er nicht beim Wort genommen und dem Fahrzeug die Flügel beſchnitten werden. Ich verſtehe mich wenig auf dieſe Dinge, die mit meinen Gaben in keiner Beziehung ſtehen, aber ich ſehe der Sache auf den Grund— ich ſehe ihr auf den Grund, obgleich das Jasper nicht thut.“ „Ah! da kömmt mein Onkel, wohlgemuth, trotz ſeines geſtrigen Schwimmens— um dieſen Binnenſee zu betrachten.“ Wirklich erſchien auch Cap, der bereits ſeine Annäherung durch ein Paar kräftige„Hems“ angekündigt hatte, auf der Baſtei⸗ wo er, nachdem er ſeiner Nichte und ihrem Geſellſchafter zugenickt hatte, bedachtſam ſeinen Blick über die vor ihm liegende Waſſer⸗ fläche hinſtreifen ließ. Um ſich den Ueberblick zu erleichtern, ſtieg er auf eine der alten eiſernen Kanonen, kreuzte ſeine Arme über der Bruſt, und wiegte ſeinen Körper, als ob er die Bewegung eines Schiffes fühle. Dabei, um das Gemälde vollſtändig zu machen, hatte er eine kurze Pfeife in ſeinem Munde. „Nun, Meiſter Cap,“ fragte der Pfadfinder in aller Unſchuld, denn er bemerkte nicht den Ausdruck der Verachtung, welcher ſich allmählig auf den Zügen des Anderen lagerte;„iſt das nicht eine ſchöne Waſſerfläche, die man ganz füglich ein Meer nennen könnte?“ 3 „Das iſt's alſo, was Ihr Euern See nennt?“ fragte Cap, und fuhr mit ſeiner Pfeife an dem nördlichen Horizont hin.„Ich ſage, iſt das wirklich Euer See?“ „Gewiß; und wenn das Urtheil eines Mannes, der an den Ufern von manchen andern herumgekommen iſt, etwas gilt, ſo iſt es ein recht guter See.“ „Gerade, wie ich's erwartete. Ein Teich im Umfang, und eine Luckenrinne im Geſchmack. Man reiſ't rein vergebens ins Land hinein, wenn man etwas Ausgewachſenes oder Nützliches zu ſehen hofft. Ich wußte es ja, daß es gerade ſo gehen werde.“ 145 „Was iſt es denn mit dem Ontario, Meiſter Cap? Er iſt groß, ſchoͤn anzuſehen, und angenehm genug zu trinken für die, welche kein Quellwaſſer kriegen können.“ „Nennt Ihr das groß?“ fragte Cap, indem er wieder mit der Pfeife durch die Luſt fuhr.„Ich mochte Euch doch fragen, was denn großes daran iſt? Hat nicht Jasper ſelbſt zugeſtanden, daß er nur etliche und zwanzig Stunden von einem Ufer zum andern mißt?“ „Aber, Onkel,“ fiel Mabel ein;„man ſieht doch kein Land, als hier an unſerer Küſte. Mir kömmt es gerade wie der Ocean vor.“ „Dieſes Bischen Teich wie der Ocean! Ei, Magnet, das iſt von einem Mädchen, welches wirkliche Seeleute in ihrer Familie gehabt hat, der handgreiflichſte Unſinn. Was iſt denn daran, ich bitte dich, das auch nur einen Zug vom Meere hätte?“ „Nun, hier iſt Waſſer— Waſſer— Waſſer— nichts als Waſſer, Meilen an Meilen— ſo weit das Auge ſehen kann.“ „Und iſt nicht auch Waſſer— Waſſer— Waſſer— nichts als Waſſer, Meilen an Meilen, in den Flüßen, auf denen wir gefahren ſind?— ja, und ſo weit das Auge ſehen kann, obendrein.“ „Ja, Onkel, aber die Flüße haben ihre Ufer, und Bäume an ihren Seiten hin; auch ſind ſie ſchmal.“ „Und iſt das etwa kein Ufer, worauf wir ſtehen? Nennen es die Soldaten nicht den Damm des Sees? Sind hier nicht Bäume zu Tauſenden? und ſind nicht zwanzig Stunden ſchmal genug, bei gutem Gewiſſen? Wer zum Teufel hat je von den Dämmen des Oceans gehört, wenn es nicht etwa die Dämme unter dem Waſſer ſind?“ „Aber Onkel, wir können doch nicht über den See hinüber⸗ ſehen, wie über einen Fluß?“ „Fehl geſchoſſen, Magnet. Sind nicht der Amazonenſtrom, der Orinoko und der La Plata auch Flüſſe, und kannſt du über ſie hinüberſehen? Hört, Pfadfinder, ich bin noch ſehr im Zweifel, ob dieſer Streifen Waſſer hier auch wirklich ein See iſt, denn mir Der Pfadfinder. 3. Aufl. 10 ſcheint er nur ein Fluß zu ſeyn. Ihr ſeyd hier oben in den Wäldern keineswegs beſonders bewandert in eurer Geographie, wie ich merke.“ „Dießmal habt Ihr fehlgeſchoſſen, Meiſter Cap. Es iſt ein Fluß da, und zwar ein prächtiger, an jedem Ende. Aber das, was Ihr vor Euch habt, iſt der alte Ontario, und obgleich es nicht zu meinen Gaben gehört, auf einem See zu leben, ſo gibt es doch, nach meinem Urtheil, wenig beſſere, als dieſen hier.“ „Und, Onkel, wenn wir auch am Strand zu Rockaway ſtünden, was könnten wir denn mehr ſehen als hier? Es iſt dort ein Ufer oder ein Damm auf einer Seite, und Bäume ſo gut wie hier.“ „Das iſt lauter Verkehrtheit, Magnet, und junge Mädchen ſollten von allem Widerſpruchsgeiſt klar abſteuern. Erſtens hat der Ocean Küſten und keine Dämme, mit Ausnahme der großen Dämme, der Grand Banks, ſage ich dir, die man vom Lande aus gar nicht ſieht, und du wirſt doch nicht behaupten wollen, daß dieſer Damm außer Sicht des Landes, oder gar unter dem Waſſer iſt?“ Da Mabel dieſe abſchweifende Meinung mit keinen beſonders ſtichhaltigen Gründen umzuſtoßen wußte, ſo verfolgte Cap den Ge⸗ genſtand weiter, wobei ſein Geſicht in dem Triumph eines glück⸗ lichen Wortkämpfers zu ſtrahlen anfing. „Und dann ſind jene Bäume mit dieſen Bäumen gar nicht zu vergleichen. Die Küſten des Oceans haben Meiereien, Städte, Landſitze, und in einigen Theilen der Welt Schlöſſer, Klöſter und Leuchtthürme— ja, ja— Leuchthürme ganz beſonders;— lauter Dinge, von denen man hier nicht ein einziges ſieht. Nein, nein, Meiſter Pfadfinder; ich habe nie von einem Meere gehört, an dem nicht mehr oder weniger Leuchtthürme geweſen wären, während es hier herum nicht einmal eine Feuerbake gibt.“ „Hier gibt es aber etwas Beſſeres, etwas viel Beſſeres, einen Hochwald und prächtige Bäume, einen vollendeten Tempel Gottes.“ „Ja, Euer Hochwald mag wohl gut ſeyn für einen See, aber wozu würde das Weltmeer nützen, wenn die ganze Erde 147 darum Wald wäre? Man brauchte keine Schiffe, da ſich das Bau⸗ holz flötzen ließe, und dann hätte es ein Ende mit dem Handel; was würde aber eine Welt ohne Handel ſeyn? Ich bin der Mei⸗ nung des Philoſophen, welcher ſagt, die menſchliche Natur fey für den Zweck des Handels erfunden worden. Magnet, ich bin erſtaunt, daß du nur daran denken kannſt, dieſes Waſſer ſehe aus wie See⸗ waſſer! Es iſt am Ende nicht einmal ſo ein Ding wie ein Wall⸗ ſiſch in Eurem ganzen See, Meiſter Pfadfinder?“ „Ich geſtehe, daß ich nie von einem gehört habe. Aber ich verſtehe mich nicht auf die Thiere, die im Waſſer leben, wenn es nicht die Fiſche in den Flüſſen und Bächen ſind.“ „Kein Nordkaper oder etwa ein Meerſchwein? Nicht einmal ſo ein armer Teufel von Hayfiſch?“ „Ich will's nicht auf mich nehmen, zu ſagen, daß irgend einer davon da iſt. Ich ſage Euch ja, Meiſter Cap, daß meine Gaben nicht auf dieſem Wege liegen.“ „Kein Hering, kein Sturmvogel oder ein fliegender Fiſch?“ fuhr Cap fort, welcher ſein Auge feſt auf den Weggeiſer richtete, um zu ſehen, wie weit er gehen dürfe.„Nicht einmal ſo etwas wie ein Fiſch, der fliegen kann, he?“ „Ein Fiſch, der fliegen kann? Meiſter Cap, Meiſter Cap, glaubt ja nicht, daß wir, weil wir nur Gränzleute ſind, keine Be⸗ griffe von der Natur hätten, und von dem, was ihr zu ſchaffen beliebt haben mag. Ich weiß zwar, daß es Eichhörnchen gibt, die fliegen können—“ „Ein fliegendes Eichhörnchen?— Zum Teufel, Meiſter Pfad⸗ finder, glaubt Ihr da oben, Ihr hättet einen Jungen auf ſeiner erſten Fahrt vor Euch?“ „Ich weiß nichts von Euern Fahrten, Meiſter Cap, obſchon ich glaube, daß Ihr manche gemacht habt. Aber was die Natur in den Wäldern anbelangt, ſo ſcheue ich mich nicht, jedem ins Geſicht zu ſagen, was ich geſehen habe.“ 148 „Ihr wollt mir alſo zu verſtehen geben, daß Ihr ein fliegendes Eichhörnchen geſehen habt?“ „Ich will Euch die Macht Gottes zu verſtehen geben, Meiſter Cap, und Ihr werdet wohl thun, dieß und noch manche andere derartige Dinge zu glauben, denn Ihr könnt Euch darauf verlaſſen, daß es wahr iſt.“ „Und doch, Pfadfinder,“ ſagte Mabel, mit einem ſo lieblichen Blicke, während ſie des Wegweiſers Schwäche berührte, daß er ihr von Herzen vergab—„ſcheint Ihr, die Ihr doch mit ſo großer Verehrung von der Macht der Gottheit ſprecht, daran zu zweifeln, daß ein Fiſch fliegen könne?“ „Nein, das habe ich nicht geſagt; und wenn Meiſter Cap bereit iſt, mir die Thatſache zu bezeugen, ſo will ichs gerne ver⸗ ſuchen, ſie für wahr zu halten, ſo unwahrſcheinlich ſie auch aus⸗ ſieht. Ich halte es für Jedermanns Schuldigkeit, an die Macht Gottes zu glauben, ſo ſchwer es ihm auch werden mag.“ „Und warum ſollte mein Fiſch nicht eben ſo gut Schwingen haben können, als Euer Eichhörnchen?“ fragte Cap, mit mehr Logik, als bisher ſeine Gewohnheit geweſen war. Daß Fiſche fliegen, und fliegen können, iſt eben ſo wahr, als es zweckmäßig iſt.“— „Nein, das iſt's eben, was einem das Glauben an dieſe Ge⸗ ſchichte ſo ſchwer macht,“ entgegnete der Wegweiſer.„Es ſcheint unzweckmäßig, einem Thiere, das im Waſſer lebt, Schwingen zu geben, die doch keinen Nutzen für daſſelbe haben können.“ .„Und glaubt Ihr, daß die Fiſche ſolche Eſel ſeyen, um unter dem Waſſer ſliegen zu wollen, wenn ſie einmal ſchön mit Schwingen ausgeſtattet ſind?“ „Ich verſtehe mich nicht auf dieſe Sache. Aber daß ein Fiſch in der Luft fliegen ſoll, ſcheint mir noch mehr gegen die Natur zu ſeyn, als wenn er in ſeinem eigenen Element flöge, in dem Ele⸗ mente, in welchem er geboren und groß geworden iſt, meine ich.“ „Was daß für verſchrumpfte Ideen ſind, Magnet. Der Fiſch 149 fliegt aus dem Waſſer, um ſeinen Feinden im Waſſer zu entgehen: und da habt Ihr nicht nur das Factum, ſondern auch das Zweck⸗ mäßige daran.“ „Dann will ich glauben, daß es wahr ſeyn muß,“ ſagte der Wegweiſer ruhig.„Wie lang ſind ihre Schwingen?“ „Nicht ganz ſo lang als die der Tauben vielleicht, jedenfalls aber lang genug, um damit eine freie See zu gewinnen. Was Euer Eichhörnchen anbelangt, ſo wollen wir nichts mehr darüber ſprechen, Freund Pfadfinder, denn ich denke, daß Ihr derſelben. nur als einer Zugabe zu dem Fiſch, zu Gunſten der Wälder, er⸗ wähntet. Aber was iſt das für ein Ding, das da unter dem Hügel vor Anker liegt?“ „Das iſt Jaspers Kutter, Onkel,“ ſagte das Mädchen ſchnell, „und ein ſehr zierliches Fahrzeug, wie ich denke. Es heißt ‚der Scud.““ „Ja, es mag vielleicht für einen See gut genug ſeyn; doch will es gerade nicht viel beſagen. Der Junge da hat ein ſtehendes Bogſpriet, und wer hat je vorher einen Kutter mit einem ſtehenden Bogſpriet geſehen?“ „Aber mag das auf einem See wie dieſer, nicht ſeinen guten Grund haben, Onkel?“ „Wahrſcheinlich— man muß ſich erinnern, daß dieſes nicht das Meer iſt, obgleich es ſo ausſieht.“ „Ah, Onkel, dann ſieht der Ontario Allem nach doch wie das Meer aus?“ „In deinen Augen, meine ich, und in denen des Pfadfinders; aber nicht im mindeſten in den meinigen, Magnet. Ihr könntet mich dort in der Mitte dieſes Stückchen Weihers, und zwar in der dunkelſten Nacht, die je vom Himmel fſiel, und in dem kleinſten Kahne ausſetzen— ich wollte Euch doch ſagen, daß es nur ein See iſt. Was das anbelangt, ſo würde es die Dorothy(der Name ſeines Schiffes) ſo ſchnell weg haben, als ich ſelbſt. Ich glaube nicht, daß die Brigg im äußerſten Fall mehr als ein paar kurze Streckungen machen dürfte, um den Unterſchied zwiſchen dem Ontario und dem alten atlantiſchen Ocean zu ſpüren. Ich führte ſie einmal hinab in eine von den großen ſüdamerikaniſchen Bayen, und ſie benahm ſich dabei ſo ſtöckiſch, wie ein unruhiger Bube in einer Methodiſten⸗ verſammlung. Und Jasper ſegelt dieſes Boot? Ich muß mit dem Jungen einen Kreuzzug machen, ehe ichEuch verlaſſe, nur um des Namens dieſes Dings willen; denn es ginge doch nicht wohl an, zu ſagen, ich hätte dieſen Weiher geſehen und ſey fortgegangen, ohne einen Abſtecher darauf gemacht zu haben.“ „Gut, da dürft Ihr nicht lange darauf warten,“ erwiederte Pfadfinder,„denn der Sergeant iſt im Begriff, ſich mit einer Partie einzuſchiffen und einen Poſten an den Fuſend⸗Inſeln abzulöſen; und da ich ihn ſagen hörte, daß er Mabel mitnehmen wolle, ſo könnt auch Ihr Euch der Geſellſchaft anſchließen. „Iſt das wahr, Magnet?“ „Ich glaube ſo,“ antwortete das Mädchen, mit einem ſo leichten Erröthen, daß es der Beobachtung ihrer Geſellſchafter entging, nobgleich ich ſo wenig Gelegenheit hatte, mit meinem lieben Vater zu ſprechen, daß ich es nicht mit Sicherheit behaupten kann. Doch da kömmt er, und Ihr könnt ihn ſelber fragen.“ Ungeachtet ſeines niederen Ranges war doch etwas Achtung⸗ gebietendes in der Miene und dem Charakter des Sergeanten Dunham. Seine hohe imponirende Geſtalt, ſein ernſtes und düſteres Ausſehen, die Beſtimmtheit und Entſchiedenheit ſeiner Denk⸗ und Handlungs⸗ weiſe machten ſogar auf den abſprechenden und anmaßenden Cap Cindruck, ſo daß er es nicht wagte, gegen den alten Soldaten ſich die Freiheiten zu erlauben, welche er ſich gegen ſeine übrigen Freunde herausnahm. Man konnte oft bemerken, daß der Sergeant Dunham von Seite Duncans of Lundie, des ſchottiſchen Lairds, welcher den Poſten commandirte, weit mehr Achtung genoß, als ſogar die meiſten Subalternofficiere, denn Erfahrung und erprobte Dienſte hatten in den Augen des alten Majors eben ſo viel Werth als Geburt und Vermögen. Da der Sergeant gerade nicht höher zu ſteigen hoffte, ſo reſpektirte er ſich ſelbſt und ſeine Stellung ſo weit, daß er immer in einer Weiſe handelte, welche Achtung gebot. Auch hatte die Gewohnheit immer unter ſeinen Untergebenen zu leben, deren Leiden⸗ ſchaften und Neigungen er nothwendig durch eine gewiſſe Abge⸗ ſchloſſenheit und Würde im Zaume halten mußte, ſeinem ganzen Benehmen eine Färbung gegeben, von deren Einfluß nur Wenige frei blieben. Da die Capitäne ihn freundlich und wie einen alten Kameraden behandelten, ſo wagten es die Lieutenants ſelten, ſeinen militäriſchen Anſichten zu widerſprechen, und die Fähndriche legten gegen ihn eine Art von Achtung an den Tag, welche faſt bis zur Verehrung ſtieg. Es iſt dahen kein Wunder, daß Mabels Ankün⸗ digung plötzlich dem einfachen Geſpräche, welches wir eben mitge⸗ theilt haben, ein Ende machte, obgleich man oft bemerken konnte, daß der Pfadfinder der einzige in dieſer Gränzfeſte war, welcher, ohne ein Mann von Stande zu ſeyn, es ſich erlaubte, den Ser⸗ geanten als ſeines Gleichen oder vielmehr mit der herzlichen Ver⸗ traulichkeit eines Freundes zu behandeln. „Guten Morgen, Bruder Cap,“ ſagte der Sergeant, militä⸗ riſch grüßend, als er mit ernſtem und ſtattlichem Anſtand auf das Bollwerk zu kam.„Es könnte ſcheinen, daß mein Morgendienſt mich Deiner und Mabels vergeſſen ließ; aber wir haben dafür nun eine oder zwei Stunden übrig, um bekannter zu werden. Bemerkſt du nicht, Schwager, eine große Aehnlichkeit zwiſchen dem Mädchen und derjenigen, welche wir ſchon ſo lange verloren haben?“ „Mabel iſt das Ebenbild ihrer Mutter, Sergeant, wie ich immer geſagt habe, mit einer kleinen Beimiſchung von deinem feſteren Bau; obgleich es, was das anbelangt, den Capen auch nie an Schnellkraft und Behendigkeit fehlte.“ Mabel warf einen furchtſamen Blick auf die ernſten und ſtrengen Züge ihres Vaters, die ſie ſich mit ihrem warmen Herzen während ihrer Abweſenheit immer mit dem Ausdruck der elterlichen 152 Liebe gedacht hatte; und als ſie die Aeußerung derſelben durch das Steife und Methodiſche ſeiner Manier durchblicken ſah, ſo hätte ſie gerne in ſeine Arme ſliegen und ſich nach Herzensluſt an ſeinem Buſen ausweinen mögen. Aber es war mehr Kälte, mehr Förm⸗ lichkeit und Abgeſchloſſenheit in ſeinem Aeußern, als ſie zu finden erwartet hatte, ſo daß ſie nimmer eine ſolche Freiheit ſich heraus⸗ zunehmen gewagt haben würde, ſelbſt, wenn ſie allein mit ihm geweſen wäre. „Du haſt um meinetwillen eine lange und mühſelige Reiſe unternommen, Bruder, und wir wollen verſuchen, Dir den Aufent⸗ halt unter uns angenehm zu machen.“ „Ich habe gehört, daß du wahrſcheinlich Befehl erhalten werdeſt, die Anker zu lichten, und deine Back in einen Theil der Welt zu ſchaffen, wo, wie man ſagt, tauſend Inſeln ſeyn ſollen.“ „Pfadfinder, iſt das ein Stückchen von Eurer Vergeßlichkeit?“ „Nein, nein, Sergeant, ich habe nichts vergeſſen; aber es ſchien mir nicht nöthig, Eure Abſichten vor Eurem eigenen Fleiſch und Blut ſo ſtreng zu verbergen.“ „Alle militäriſchen Bewegungen müſſen mit ſo wenig Gerede als möglich gemacht werden,“ erwiederte der Sergeant, indem er des Wegweiſers Schulter zwar freundlich, aber doch mißbilligend berührte.„Ihr habt zu viel von Eurem Leben den Franzoſen gegenüber zugebracht, um nicht den Werth des Schweigens zu kennen. Doch es macht nichts; die Sache muß doch bald bekannt werden, und es würde nicht viel nützen, wenn man es jetzt noch verſuchen wollte, ſte geheim zu halten. Wir werden in Kurzem eine Ablöſungsmannſchaft nach einem Poſten am See ſchicken, ob⸗ gleich ich damit nicht ſagen will, daß es nach den Tauſend Inſeln gehe. Ich werde wohl ſelbſt mitgehen, und in dieſem Fall habe ich die Abſicht, Mabel mitzunehmen, damit ſie mir meine Suppe koche, und ich hoffe, Schwager, Du wirſt auf einen Monat oder ſo etwas Soldatenkoſt nicht ausſchlagen.“ — bo—— —, ——— ̈&☛ ————— G N 15³ „Das wird von der Art des Marſches abhängen. Ich habe keine beſondere Freude an Wäldern und Sümpfen.“ „Wir werden in dem Scud ſegeln, und in der That, der ganze Dienſt, der uns nichts Neues iſt, kann wohl einem, der ans Waſſer gewöhnt iſt, gefallen.“ „An Salzwaſſer, willſt du ſagen, aber nicht an das Waſſer eines See's. Doch, wenn ihr Niemand habt, dieſes Stückchen Kutter da für euch zu regieren, ſo habe ich nichts dagegen, für dieſe Reiſe den Schiffer zu machen, obgleich ich die ganze Geſchichte für ver⸗ lorene Zeit halte. Wie man ſich doch ſo täuſchen kann, ein Se⸗ geln auf dieſem Weiher herum ein zzur See gehen zu heißen.“ „Jasper iſt jedenfalls im Stande, den Scud handzuhaben, Bruder Cap, und in dieſer Hinſicht kann ich gerade nicht ſagen, daß wir deiner Dienſte bedürften, obſchon uns deine Geſellſchaft Vergnügen machen wird. Du kannſt erſt nach den Anſiedlungen zurückkehren, wenn eine Partie dahin geſendet wird, und dieß wird wahrſcheinlich nicht vor unſerer Zurückkunft geſchehen.— Nun, Pfadfinder, es iſt das erſtemal, daß ich Leute auf der Fährte der Mingo's weiß, ohne daß Ihr an ihrer Spitze ſeyd.“ „Um ehrlich gegen Euch zu ſeyn, Sergeant,“ erwiederte der Wegweiſer nicht ohne einige Derbheit und eine merkliche Verän⸗ derung der Farbe ſeines ſonnverbrannten Geſichts,„ich habe dieſen Morgen nicht gefühlt, daß ſo etwas meine Gabe war. Erſtens weiß ich recht wohl, daß die Soldaten des Fünfundfünfzigſten nicht die Leute dazu ſind, die Irokeſen in den Wäldern zu erwiſchen, und die Schurken warten ſicher nicht, bis man ſie umringt, wenn ſie wiſſen, daß Jasper die Garniſon erreicht hat. Dann kann ſich ein Mann nach einem heißen Tagewerk wohl ein wenig Ruhe gönnen, ohne daß man Urſache hat, ſeinen guten Willen zu verdächtigen. Außerdem iſt der Serpent mit ihnen ausgezogen, und wenn die Schelme überhaupt zu finden ſind, ſo könnt Ihr Euch wohl auf ſeinen Haß und ſein Auge verlaſſen, von denen der eine ſtärker, 154 das andere nahezu, wo nicht ganz ſo gut als mein eigenes iſt. Er liebt die ſchleichenden Vagabunden ſo wenig als ich, und ich möchte in dieſer Beziehung ſagen, daß meine Gefühle gegen einen Mingo nichts weiter ſind, als die Gaben eines Delawaren, gepfropft auf einen chriſtlichen Stamm. Nein, nein; ich dachte, ich wolle die Ehre dieſes Tages, wenn anders Ehre zu erwerben iſt, dem jungen Fähndrich, der das Commando führt, überlaſſen. Er kann dann, wenn er nicht ſeinen Skalp verliert, mit dieſem Feldzug in den Briefen an ſeine Mutter großthun. Ich möchte übrigens einmal in meinem Leben auch den Faullenzer ſpielen.“ „Und Niemand hat ein beſſeres Recht dazu, wenn lange und treue Dienſte zu einem Urlaub berechtigen,“ entgegnete der Ser⸗ geant freundlich.„Mabel wird nicht ſchlechter von Euch denken, daß Ihr ihre Geſellſchaft der Fährte der Wilden vorzieht, und ſich obendrein freuen, Euch einen Theil ihres Frühſtücks abzutreten, wenn Ihr Luſt habt, etwas zu genießen. Du darſſt jedoch nicht glauben, Mädchen, daß es die Gewohnheit Pfadfinders iſt, die Spitzbuben um das Fort Retraite ſchlagen zu laſſen, ohne daß ſich der Knall ſeiner Büchſe dabei hören läßt.“ „Wenn ich dächte, daß ſie das glaubte, Sergeant, ſo würde ich, obgleich ich nicht viel auf Gepränge und Parade⸗Evolutionen gebe, den Hirſchetödter ſchultern, und die Garniſon verlaſſen, ehe noch ihre ſchönen Augen Zeit hätten, finſter zu blicken. Nein, nein; Mabel kennt mich beſſer, obgleich unſre Bekanntſchaft noch neu iſt; denn es hat nicht an Mingos gefehlt, um den kurzen Marſch, den wir bereits in Geſellſchaft mit einander gemacht haben, zu beleben.“ „Es würde überhaupt gewichtiger Beweismittel bedürfen, um mir, in was immer für einer Beziehung, eine üble Meinung über Euch beizubringen, geſchweige denn hinſichtlich deſſen, was Ihr da erwähnt,“ erwiederte Mabel mit aufrichtigem Ernſte, um jeden Verdacht, der in ſeiner Seele von dem Gegentheil auftauchen 155 möchte, zu beſeitigen.„Vater und Tochter, glaube ich, verdanken Euch ihr Leben, und ſeyd überzeugt, daß keines von Beiden es je vergeſſen wird.“ „Danke, danke, Mabel, von ganzem Herzen. Aber ich will von eurer beiderſeitigen Unwiſſenheit keinen Vortheil ziehen, Mädchen, und deshalb will ich ſagen, daß ich nicht glaube, die Mingos hätten Ihnen auch nur ein Haar Ihres Kopfes verletzt, wenn ihnen ihre Teufeleien und Pfiffe geglückt und Sie in ihre Hände gekommen wären. Mein Skalp, Jaspers und Caps ſeiner da, wie auch der des Serpent wären zwar ſicher in den Rauch gehängt worden; was aber des Sergeanten Tochter anbelangt, ſo glaube ich nicht, daß ihr ein Haar gekrümmt worden wäre.“ „Und warum ſollte ich annehmen, daß Feinde, von denen be⸗ kannt iſt, daß ſie weder Weiber noch Kinder ſchonen, mir mehr Mitleid erwieſen hätten, als anderen? Ich fühle, Pfadfinder, daß ich Euch mein Leben verdanke.“ „Ich ſage nein, Mabel; ſie würden nicht das Herz gehabt haben, Sie zu verletzen. Nein, nicht einmal ein hitziger Mingo⸗ teufel würde das Herz gehabt haben, ein Haar Ihres Hauptes zu krümmen. Für ſo ſchlimm ich auch dieſe Vampyre halten mag, ſo glaube ich ſie doch keiner ſolchen Verruchtheit fähig. Sie würden Sie wohl gezwungen haben, das Weib eines ihrer Häuptlinge zu werden, und das wäre Qual genug für ein junges Chriſtenmädchen; aber weiter, glaube ich, wären ſelbſt die Mingos nicht gegangen.“ „Nun, ſo verdanke ich Euch doch, daß ich dieſem großen Un⸗ glück entgangen bin,“ ſagte Mabel, indem ſie, gewiß zum großen Vergnügen des ehrlichen Pfadfinders, ſeine harte Hand freimüthig und herzlich mit der ihrigen faßte.„Es wäre ein geringeres Uebel für mich geweſen, getödtet, als das Weib eines Indianers zu werden.“ „Das iſt ihre Gabe, Sergeant,“ rief Pfadfinder, indem er ſich mit einem Vergnügen, das aus jedem Zuge ſeines ehrlichen 156 Geſichtes ſtrahlte, gegen ſeinen alten Kameraden wandte,„und die will ihren Weg haben. Ich ſage dem Serpent immer, daß das Chriſtwerden nicht einmal einen Delawaren zu einem weißen Mann machen kann; und ſo wird auch weder das Kriegsgeſchrei noch das Kampfgeheul ein Blaßgeſicht in eine Rothhaut verwandeln. Dieß iſt die Gabe eines jungen, von chriſtlichen Eltern geborenen Weibes, und die muß feſtgehalten werden.“ „Ihr habt Recht, Pfadfinder; und was Mabel Dunham an⸗ belangt, ſo iſt es gewiß, daß ſie ſie feſthalten wird. Aber es iſt Zeit, Euer Faſten zu brechen, und wenn du mir folgen willſt, Bruder Cap, ſo will ich dir zeigen, wie wir armen Soldaten hier in einer entfernten Gränzfeſte leben.“ Neuntes Kapitel. Nun, Brüder und Genoſſen meines Banns, Sagt, iſt dieß Leben Euch nicht angenehmer, Als aller Luxus? Sagt, iſt dieſer Wald Nicht freier von Gefahren, als der Hof? Hier fühlen wir die Strafe Adams nur.— Wie es Euch gefällt. Es lag keine leere Prahlerei in dem Verſprechen des Ser⸗ geanten Dunham, mit welchem wir das vorige Kapitel beſchloſſen haben. Ungeachtet der abgeſchiedenen Lage des Gränzpoſtens erfreute ſich doch ſeine Beſatzung einer Tafel, um die ſie, in manchen Be⸗ ziehungen, von Königen und Fürſten hätte beneidet werden mögen. Zur Zeit unſerer Erzählung, und auch noch ein halbes Jahrhundert ſpäter, war die ganze weite Gegend, welche man damals den Weſten nannte, und die ſeit dem Revolutionskrieg den Namen der neuen Länder führt, vergleichungsweiſe unbevölkert und verlaſſen, obſchon ſie alle lebenden Naturprodukte, welche dieſem Klima angehören, mit Ausnahme des Menſchen und der Hausthiere, in üppiger Fülle ———————,, 1—= —&☛ 2— —ñ ₰ 157 hervorbrachte. Die wenigen Indianer, welche in den Wäldern umherſtreiften, vermochten den Ueberfluß an Wild nicht ſichtlich zu vermindern, und die zerſtreuten Garniſonen wie auch die einzelnen Jäger, auf welche man hin und wieder traf, übten keinen größern Einfluß, als den einer Biene auf dem Buchweizenfeld oder den des Kolibri auf ein Blumenbeet. Die Erzählungen von der wunderbaren Menge der wilden Thiere, Vögel und Fiſche, welche insbeſondere an den Ufern der großen Seen gefunden wurden, werden durch die Erfahrung mancher noch lebenden Menſchen beſtätigt; ſonſt hätten wir Anſtand nehmen mögen, ihrer zu erwähnen. Da wir aber ſelbſt Augenzeugen von ſolch verſchwenderiſcher Fülle geweſen ſind, ſo entledigen wir uns dieſer Aufgabe mit der ganzen Zuverſicht, welche eigene Ueber⸗ zeugung zu geben vermag. Beſonders war der Oswego geeignet, die Speiſekammer eines Epicuräers immer reichlich zu verſorgen. Fiſche von verſchiedener Art wimmelten in ſeinem Strome, und der Fiſcher durfte nur ſeine Leine auswerfen, um einen Barſch oder ein anderes Glied der mit Floſſen verſehenen Zunft herauszuholen, die in eben ſo großer Menge das Waſſer bevölkerte, in welcher die Luft über den Sümpfen dieſer fruchtbaren Breite von Inſekten erfüllt war. Unter andern ſtand der Salm der Seen, eine Varie⸗ tät der wohlbekannten Art, an Leckerhaftigkeit dem des nördlichen Europa's kaum nach. Die Wälder und Waſſer wimmelten von verſchiedenen Zugvögeln, und man ſah oft Hunderte von Morgen Landes an den großen Bayen, welche in die Uſer des Sees ein⸗ ſchneiden, von Gänſen und Enten bedeckt. Hirſche, Bären, Ka⸗ ninchen, Eichhörnchen und verſchiedene andere Vierfüßler, unter denen ſich auch bisweilen das Elendthier befand, halfen die Summe der natürlichen Hilfsmittel vervollſtändigen, durch welche die ent⸗ fernten Gränzbeſatzungen ſich für ihre übrigen Entbehrungen mehr oder minder ſchadlos hielten. An einem Orte, wo Fleiſchſorten, welche anderswo unter die 158 Luxusartikel gerechnet werden, in ſolchem Uebermaße vorhanden waren, blieb Niemand von ihrem Genuſſe ausgeſchloſſen. Der Geringſte an dem Oswego ſpeiſ'te Wildpret, das den Glanz einer Pariſer Tafel ausgemacht haben würde, und es war nur ein heil⸗ ſamer Commentar über die Launen des Geſchmacks und die Ver⸗ kehrtheit der menſchlichen Begierden, daß die kräftige Diät, welche unter andern Umſtänden ein Gegenſtand des Neides und Aergers geweſen wäre, den Appetit hier bis zum Ekel überſättigte. Die gewöhnliche rauhe Nahrung der Armee, welche man wegen der Schwierigkeit des Transportes zu Rath halten mußte, ſtieg in der Achtung des gemeinen Soldaten, und er würde Wilpret, Enten, Tauben und Salme mit Freuden gelaſſen haben, um bei den An⸗ nehmlichkeiten des geräucherten Schweinfleiſches, pelziger Rüben und halbgahren Kohles zu ſchwelgen. Um auf die Tafel des Sergeanten Dunham zurückzukommen, ſo trug ſie das Gepräge des Ueberfluſſes und des Lurus der Gränze, wie ihrer Entbehrungen. Ein köſtlich gebratener Salm dampfte auf einer unzierlichen Platte, heiße Wildpretſtückchen ſandten ihre ein⸗ ladenden Düfte aus, und verſchiedene Schüſſeln kalter Speiſen, welche alle aus Wildpret beſtanden, wurden den Gäſten vorgeſetzt, um den neuangekommenen Beſuch zu ehren und des alten Soldaten Gaſtfreundlichkeit zu beweiſen. „Du ſcheinſt in dieſem Erdwinkel nicht karg gehalten zu ſeyn, Sergeant,“ ſprach Cap, nachdem er ſich in die Geheimniſſe der verſchiedenen Schüſſeln eingeweiht hatte.„Ein ſolcher Salm kann deine Schottländer wohl zufrieden ſtellen.“ „Und doch thut er's nicht, Bruder Cap; denn unter den zwei oder dreihundert Burſchen, welche wir in dieſer Garniſon haben, gibt es kaum ein halbes Dutzend, welche nicht darauf ſchwören würden, daß dieſer Fiſch ungenießbar ſey. Selbſt ſolche, die nie Wildpret koſteten, wenn ſie es nicht in ihrer Heimath aus irgend — 80 O—-— 159 einem Gehege ſtahlen, rümpfen ihre Naſen über die fetteſten Hirſch⸗ ſchlegel, welche wir hier bekommen können.“ „Ja, das iſt Chriſtennatur,“ warf Pfadfinder ein,„und ich muß ſagen, ſie gereicht ihnen nicht zur Ehre. Eine Rothhaut iſt nie unzufrieden, ſondern immer dankbar für die Nahrung, welche ſie findet, mag ſie nun fett oder mager, Hochwild oder Bär, die Bruſt eines wilden Puters oder der Flügel einer Wildgans ſeyn. Zur Schande der Weißen muß man es ſagen, daß wir ſo unzu⸗ frieden mit den Segnungen ſind, und unbedeutende Uebel als Dinge von großer Wichtigkeit betrachten.“ „Es iſt ſo, wenigſtens beim Fünfundfünfzigſten, obſchon ich von ſeinem Chriſtenthum nicht viel ſagen kann,“ erwiederte der Sergeant. „Selbſt der Major, der alte Duncan of Lundie, pflegt bisweilen zu ſagen, ein Haferkuchen ſey eine beſſere Speiſe, als der Oswego⸗ barſch, und ſeufzt dabei nach einem Stück Hochlandwaſſer, obſchon er den ganzen Ontario hat, um ſeinen Durſt zu löſchen, wenn es ihn darnach gelüſtet.“ „Hat Major Duncan Frau und Kinder?“ fragte Mabel, deren Gedanken, in ihrer neuen Lage, ſich natürlicherweiſe zuerſt auf ihr eigenes Geſchlecht richteten. „Nein, Mädchen, aber man ſagt, er habe eine Verlobte in der Heimath. Die Dame ſcheint jedoch lieber warten, als ſich den Beſchwerlichkeiten, welche mit einem Dienſt in dieſer wilden Gegend verbunden ſind, unterziehen zu wollen. Es entſpricht das freilich nicht den Begriffen, welche ich von den Pflichten eines Weibes habe, Bruder Cap. Deine Schweſter dachte anders, und wenn es Gott gefallen hätte, ſie mir zu erhalten, ſo würde ſie wohl in dieſem Augenblicke auf demſelben Lagerſtuhl ſitzen, der nun ihrer Tochter ſo gut anſteht.“ „Ich hoffe nicht, Sergeant, daß du dir Mabel je als ein Soldatenweib denken wirſt,“ erwiederte Cap ernſthaft.„Unſere Familie hat in dieſer Beziehung das Ihrige ſchon gethan, und es 160 iſt hohe Zeit, daß man ſich auch das Meer wieder in's Gedächtniß ruft.“ „Ich kann dir verſichern, Bruder, daß ich nicht daran denke, ihr einen Mann aus dem Fünfundfünfzigſten oder irgend einem andern Regiment auszuſuchen, obſchon ich glaube, daß es für das Mädchen wohl Zeit wäre, eine anſtändige Partie zu treffen.“ „Vater!“ „'s iſt keine von ihren Gaben, Sergeant, ſo offen über der⸗ artige Gegenſtände zu ſprechen,“ ſagte der Wegweiſer;„denn ich babe mich aus Erfahrung überzeugt, daß man, wenn man der Fährte von der Herzensneigung einer Jungfrau folgen will, nicht vor ihr ſeinen Gedanken Laut geben darf. Wir wollen daher, wenn's beliebt, von etwas Anderem reden.“ „Gut alſo, Bruder Cap; ich hoffe, daß dieſes Stückchen von einem kalten, geröſteten Ferkel nach deinem Sinn ſeyn wird. Ich glaube, du liebſt dieſe Speiſe.“ „Ja, ja, gib mir eine civiliſirte Koſt, wenn ich eſſen ſoll,“ erwiederte der hartnäckige Seemann.„Wildpret iſt gut genug für eure Landſchiffer, aber wir von dem Ocean lieben ein wenig das, was wir kennen.“ Hier legte der Pfadfinder Meſſer und Gabel nieder, brach in ein herzliches aber ſtilles Lachen aus, wie er es gewohnt war, und fragte dann etwas neugierig: „Vermißt Ihr nicht die Schwarte, Meiſter Cap, vermißt Ihr nicht die Schwarte?“ „Ich glaube ſelber auch, daß es in ſeiner Jacke beſſer geweſen wäre, Pfadfinder; aber ich hielt es für eine Mode in den Wäldern, die Ferkel ſo aufzutragen.“ „Nun, nun— man kann um die ganze Erde herum kommen, und doch nicht Alles wiſſen. Wenn Ihr die Haut dieſes Ferkels hättet abziehen müſſen, ſo möchtet Ihr wohl wunde Hände davon⸗ getragen haben. Das Geſchöpf iſt ein Stachelſchwein.“ N ———— 161 „Die Peſt auf mich, wenn ich es je für ein ganz natürliches Schwein gehalten habe,“ erwiederte Cap.„Aber ich dachte eben, daß ſogar ein Spanferkel hier oben in den Wäldern einige von ſeinen guten Eigenſchaften verloren haben könnte. Es ſchien mir nicht mehr als vernünftig, daß ein Friſchwaſſerſchwein nicht ganz ſo gut ſey, als ein Salzwaſſerſchwein. Ich denke aber, Sergeant, daß dir das nichts ausmacht.“ „Wenn nur das Hautabſtreifen nicht an mich kömmt, Schwa⸗ ger.— Pfadfinder, ich hoffe, Ihr fandet Mabel nicht ungehorſam auf dem Marſche?“ „Gewiß nicht. Wenn Mabel nur halb ſo zufrieden mit Jasper und Pfadfinder iſt, als der Pfadfinder und Jasper mit ihr, Ser⸗ geant, ſo werden wir wohl für den Reſt unſerer Tage Freunde bleiben.“ Während der Wegweiſer ſprach, richtete er ſeine Augen mit dem unſchuldigen Wunſche, ihre Meinung zu erfahren, auf das er⸗ röthende Mädchen; dann aber blickte er mit einem angebornen Zartgefühle, welches bewies, wie ſehr er über das niedrige Ver⸗ langen, in das Heiligthum weiblicher Gefühle einzudringen, erhaben ſey, auf ſeinen Teller und ſchien ſeine Kühnheit zu bereuen. „Nun, nun— wir müſſen uns erinnern, mein Freund, daß Weiber keine Männer ſind,“ ſprach der Sergeant,„und ihrer Natur und Erziehung Manches zu gut halten. Ein Rekrut iſt kein Veteran. Man weiß, daß es länger braucht, einen guten Soldaten, als etwas Anderes zu bilden, und ſo muß es auch mehr als ge⸗ wöhnliche Zeit brauchen, eine gute Soldatentochter zu werden.“ „Das iſt eine neue Lehre, Sergeant,“ ſagte Cap etwas hoch⸗ müthig.„Wir alten Seeleute halten eher dafür, daß man ſechs Soldaten, und dazu Capitalſoldaten, bilden könne, bis nur ein Matroſe ſeine Schule durchgemacht hat.“ 4 „Ah, Bruder Cap, ich kenne die. hohe Meinung ein wenig, welche die ſeefahrenden Leute von ſich ſelbſt haben,“ erwiederte der Der Pfadfinder. 3. Aufl. 11 162 Schwager mit einem ſo milden Lächeln, als ſich mit ſeinen ernſten Zügen vertrug,„denn ich habe manche Jahre in einer Hafen⸗ garniſon zugebracht. Wir haben früher ſchon über dieſen Gegen⸗ ſtand geſprochen, und ich fürchte, wir werden nie darüber eins werden. Wenn du aber den Unterſchied zwiſchen einem wirklichen Soldaten und einem Menſchen, der ſich ſo zu ſagen noch in ſeinem Naturzuſtande befindet, kennen lernen willſt, ſo darfſt du nur heute Nachmittag bei der Parade einen Blick auf ein Bataillon des Fünfundfünfzigſten werfen, und dann, wenn du nach York zurück⸗ kommſt, eines von den Milizregimentern, wenn es ſeine größten Anſtrengungen macht, betrachten.“ „Nun, Sergeant, da iſt in meinen Augen kein beſonderer Unterſchied, vielleicht kein größerer, als der, den du zwiſchen einer Brigg und einer Schnaue finden würdeſt. Mir kommen ſie ganz gleich vor; Scharlach und Federn, Pulver und Pfeifenerde.“ „So weit reicht allenfalls eines Seemanns Verſtand,“ erwie⸗ derte der Sergeant mit Würde;„aber vielleicht haſt du noch nicht bemerkt, daß es ein Jahr braucht, um einen rechten Soldaten nur eſſen zu lehren?“ „um ſo ſchlimmer für ihn. Die Miliz weiß ſich im Augen⸗ blick darein zu finden, wie ſie eſſen ſoll, denn ich habe oft gehört, daß ſie auf ihren Märſchen gemeiniglich Alles, was ihnen in den Wurf kommt, verſpeiſen, wenn ſie auch ſonſt nichts weiter thun.“ „Ich denke, ſie haben ihre Gaben wie andere Leute,“ be⸗ merkte der Pfadfinder, in der Abſicht, den Frieden zu erhalten, welcher augenſcheinlich durch die hartnäckige Vorliebe der beiden Sprecher für ihren Beruf gefährdet war,„und da der Menſch ſeine Gaben von der Vorſehung hat, ſo iſt es gewöhnlich frucht⸗ los, ihnen zu widerſtreben. Das Fünfundfünfzigſte, Sergeant, iſt ein ſehr verſtändiges Regiment, was das Eſſen anbelangt, wie ich wohl weiß, da ich ſo lange ſchon mit ihm umgehe; aber vielleicht 163 findet ſich's, daß es doch von dem Milizencorps in derartigen Kunſtſtücken übertroffen wird.“ „Onkel,“ ſagte Mabel,„wenn Ihr gefrühſtückt habt, ſo werde ich es Euch Dank wiſſen, wenn Ihr mich wieder auf das Boll⸗ werk hinaus begleitet. Wir haben Beide den See noch nicht halb geſehen, und es würde ſich doch ſchlecht ausnehmen, wenn ein junges Frauenzimmer am erſten Tage ihrer Ankunft ſo ganz allein um das Fort ſpazieren müßte.“. Cap verſtand Mabels Abſicht wohl. Da er aber im Grunde gegen ſeinen Schwager eine herzliche Freundſchaft hegte, ſo war er bereit, den Gegenſtand beruhen zu laſſen, bis ſie länger bei⸗ ſammen geweſen wären; denn der Gedanke, ihn ganz aufzugeben, konnte einem ſo überklugen und hartnäckigen Manne nicht in den Sinn kommen. Er begleitete daher ſeine Nichte, während Ser⸗ geant Dunham und ſein Freund Pfadfinder allein miteinander zurückblieben. Der Sergeant, welcher das Manöver ſeiner Tochter nicht ganz ſo gut verſtanden hatte, wandte ſich nach dem Abzug ſeines Gegners an ſeinen Gefährten und bemerkte mit einem Lächeln, welches nicht ohne Triumph war: „Die Armee, Pfadfinder, hat ſich noch nie in Behauptung ihre Rechte Gerechtigkeit widerfahren laſſen, und obgleich Jedem, mag er nun in einem rothen oder in einem ſchwarzen Rocke, oder gar nur in ſeinen Hemdärmeln ſtecken, Beſcheidenheit ziemt, ſo laſſe ich doch nicht gerne eine gute Gelegenheit entſchlüpfen, um zu ihren Gunſten ein Wort zu ſprechen.— Nun, mein Freund;“ er legte dabei ſeine Hand auf die des Pfadfinders und drückte ſie herz⸗ lich,„wie gefällt Euch das Mädchen?“ „Ihr habt Urſache, ſtolz auf ſie zu ſeyn, Sergeant; Ihr habt Urſache, ſtolz zu ſeyn, daß Ihr der Vater eines ſo ſchönen und wohlgeſitteten jungen Frauenzimmers ſeyd. Ich habe manche ihres Geſchlechts geſehen, und darunter Einige, die anſehnlich und ſchön waren; aber nie zuvor traf ich mit einer zuſammen, bei 164 welcher, wie ich glaube, die Vorſehung die verſchiedenen Gaben in ein ſolches Gleichgewicht gebracht hatte.“ „Und die gute Meinung— kann ich Euch verſichern, Pfad⸗ finder— iſt wechſelſeitig. Sie erzählte mir in der letzten Nacht Alles— von Eurer Beſonnenheit, Eurem Muthe, Eurer Güte— beſonders von dieſer letztern, denn Güte zählt bei Weibern mehr als die Hälfte, mein Freund— und die erſte Beſchauung ſcheint auf beiden Seiten befriedigend ausgefallen zu ſeyn. Bürſtet nur die Uniform aus und verwendet mehr Aufmerkſamkeit auf das Aeußere, Pfadfinder, und Ihr werdet das Mädchen haben, Herz und Hand.“ „Nein, nein, Sergeant, ich habe nichts von dem vergeſſen, was Ihr mir geſagt habt, und will mich keine vernünftige Mühe reuen laſſen, in Mabels Augen ſo angenehm zu erſcheinen, als ſie den meinigen geworden iſt. Dieſen Morgen, mit Sonnenaufgang, habe ich den Hirſchtödter geputzt und aufpolirt, und, nach meinem Urtheil, hat das Gewehr nie beſſer als in dieſem Augenblicke aus⸗ geſehen.“ 1 „Das iſt ſo Euren Jägerbegriffen gemäß, Pfadfinder; aber Feuerwaffen müſſen ſchimmern und funkeln in der Sonne, und ich habe nie etwas Schönes an einem damascirten Lauf erblicken können.“ „Lord Howe dachte anders, Sergeant, und der galt doch für einen guten Soldaten.“ „Sehr wahr; Seine Herrlichkeit hat alle Läufe ſeines Negi⸗ ments anlaufen laſſen; aber was kam dabei Gutes heraus? Ihr könnt ſeinen Wappenſchild in der engliſchen Kirche zu Albany hängen ſehen. Nein, nein, mein würdiger Freund, ein Soldat muß ein Soldat ſeyn und nie ſich ſchämen oder ſcheuen, die Zeichen und Symbole ſeines ehrenwerthen Gewerbes an ſich zu tragen. Habt Ihr Euch viel mit Mabel unterhalten, als Ihr in dem Kahne miteinander fuhret?“ 165 „Es gab nicht viel Gelegenheit dazu, Sergeant, und dann fand ich meine Gedanken ſo weit unter den ihrigen, daß ich mich ſcheute, viel mehr, als was in das Bereich meiner Gaben fällt, zu ſprechen.“ „Da habt Ihr theilweiſe Recht und theilweiſe Unrecht, mein Freund. Die Frauenzimmer lieben unbedeutende Discurſe, denn ſie wollen den größten Theil davon ſelber führen. Ihr wißt ja, daß ich nicht der Mann bin, der wegen jedes ſchwindligen Ge⸗ dankens ſeine Zunge ſchießen läßt, und doch gab es eine Zeit, wo Mabels Mutter nicht geringer von mir dachte, weil ich ein bis⸗ chen von meinem männlichen Ernſte abfiel. Es iſt wahr, ich war damals um zweiundzwanzig Jahre jünger, als jetzt, und obendrein ſtatt der älteſte Sergeant im Regiment zu ſeyn, war ich der jüngſte. Würde iſt allerdings empfehlend und nützlich, und ohne ſie macht man keine Fortſchritte bei den Männern; wenn Ihr aber auch von den Weibern geſchätzt werden wollt, ſo iſt es durchaus nöthig, gelegentlich ein bischen zu ihnen hinunter zu ſteigen.“ „Ach, Sergeant! ich fürchte bisweilen, daß es nicht gehen wird.“ „Warum denkt Ihr von einer Sache ſo entmuthigend, bei der ich der Meinung war, daß Beider Gemüther ſchon im Reinen ſeyen?“ „Wir ſind übereingekommen, daß ich, wenn Mabel ſich als ſolche bewähre, wie Ihr ſie mir geſchildert habt, und ſie einen rohen Jäger und Wegweiſer gerne haben könne, von meinen Wanderzügen etwas ablaſſen und den Verſuch machen ſolle, meinen Geiſt für Weib und Kind herab zu humaniſiren. Aber ſeit ich das Mädchen geſehen habe, ſind mir, ich muß es geſtehen, manche Beſorgniſſe aufgeſtiegen.“ „Was ſoll das?“ fiel der Sergeant ernſt ein.„Habe ich Euch etwa unrecht verſtanden, als Ihr ſagtet, ſie gefiele Euch? — und iſt Mabel ein Frauenzimmer, um die Erwartung zu täuſchen?“ „Ach, Sergeant, nicht Mabel iſt's, der ich mißtraue, ſondern 166 meine eigene Wenigkeit. Ich bin weiter nichts als ein armer unwiſſender Waldmann, und vielleicht doch in Wirklichkeit nicht ſv gut, als eben Ihr und ich von mir denken mögen?“ „Wenn Ihr auch an der Richtigkeit Eures Urtheils über Euch zweifeln möget, Pfadfinder, ſo muß ich bitten— zweifelt wenigſtens nicht an dem meinigen. Sollte ich etwa nicht der Mann ſeyn, eines Mannes Charakter zu beurtheilen? Gehört dieſes nicht zu meinen beſondern Dienſtverrichtungen? Habe ich mich je getäuſcht? Fragt den Major Duncan, wenn Ihr hiefür noch beſonderer Verſicherungen bedürft.“ „Aber, Sergeant, wir ſind lange Freunde geweſen, haben Dutzendmale Seite an Seite gefochten, und jeder hat dem andern manchen Dienſt erwieſen. Unter ſolchen Umſtänden kann ein Mann wohl allzu freundlich von einem andern denken, und ich fürchte, daß die Tochter einen einfachen unwiſſenden Jäger vielleicht nicht mit den wohlwollenden Blicken ihres Vaters betrachtet.“ „Still, ſtill, Pfadfinder, Ihr kennt Euch ſelbſt nicht, und mögt Euch deßhalb getroſt auf mein Urtheil verlaſſen. Einmal habt Ihr Erfahrung, und da dieſe allen Mädchen abgeht, ſo wird kein kluges junges Frauenzimmer dieſe Eigenſchaft überſehen. Dann ſeyd Ihr keiner von den Gecken, welche ſich breit machen, ſobald ſie in ein Regiment geſchmeckt haben, wohl aber ein Mann, der den Dienſt geſehen hat, und die Merkmale deſſelben an ſeiner Perſon und in ſeinem Geſichte mit herumträgt. Ich darf ſagen, daß Ihr etliche dreißig⸗ oder vierzigmale im Feuer geſtanden ſeyd, wenn ich alle die Scharmützel und Hinterhalte, die Ihr geſehen habt, in Rechnung bringe.“ „Wohl wahr, Sergeant, wohl wahr; aber was wird das helfen bei der Gewinnung des Wohlwollens eines zartherzigen jungen Frauenzimmers?“ „Es wird den Ausſchlag geben. Erfahrung im Felde iſt ſo gut für die Liebe, als für den Krieg. Ihr ſeyd ein ſo ehrenhafter ———— 167 und loyaler Unterthan, wie der König— Gott ſegne ihn!— nur immer einen haben kann.“ „Das mag alles ſeyn, das mag alles ſeyn; aber ich bin— ich fürchte— ich ſey zu roh, und zu alt, und zu wildartig, um für die Phantaſie eines ſo jungen und feinen Mädchens, wie Mabel, zu paſſen, die der Weiſe unſerer Wälder zu ungewohnt iſt, und wohl denken wird, daß die Anſiedlungen ihren Gaben und Neigungen beſſer zuſagen.“ „Das ſind wieder neue Zweifel von Euch, Freund, und ich wundre mich, daß ſie nie vorher paradirten.“ „Weil ich vielleicht nie meine eigene Werthloſigkeit ſo er⸗ kannte, bis ich Mabel ſah. Ich bin wohl mit einigen Schönen gewandert, und habe ſie durch die Wälder geführt— habe ſie in ihren Gefahren und in ihrer Heiterkeit geſehen; aber ſie ſtanden immer zu hoch über mir, um ſie anders zu betrachten, als für Wehrloſe, welche zu beſchützen und zu vertheidigen ich mich ver⸗ pflichtet erachtete. Der Fall iſt nun verſchieden. Mabel und ich, wir ſtehen uns ſo nahe, daß es mich faſt erdrückt, uns ſo un⸗ gleich finden zu müſſen. Ich wünſchte, Sergeant, daß ich um zehn Jahre jünger, ſchöner und geeigneter wäre, einem jungen, hübſchen Frauenzimmer zu gefallen.“ „Faſſet Muth, mein braver Freund, und verlaßt Euch auf einen Vater, der die Weiberart kennt. Mabel liebt Euch bereits halb, und ſo eine Bekanntſchaft von vierzehn Tagen, da unten an den Inſeln, wird die andere Hälfte vollends ganz machen. Das Mädchen hat mir das in der letzten Nacht ſelbſt geſagt.“ „Iſt's möglich, Sergeant?“ ſagte der Wegweiſer, deſſen de⸗ müthige und beſcheidene Natur zurückbebte, als er ſich ſelbſt in ſo günſtigen Farben erblickte.„Iſt's wirklich möglich? Ich bin nur ein armer Jäger, und Mabel iſt dazu gemacht, eine Offtziers⸗ frau zu werden. Glaubt Ihr, das Mädchen werde einwilligen, alle die beliebten Gebräuche der Anſiedelungen zu verlaſſen, ihre 168 Vifiten, ihre Kirchgänge, um mit einem einfachen Wegweiſer und Jäger hier oben in den Wäldern zu wohnen? Wird ſie nicht am Ende ihre alten Weiſen und einen beſſern Mann begehren?“* „Ein beſſerer Mann, Pfadfinder, dürfte ſchwer zu finden ſeyn,“ erwiederte der Vater.„Was die Stadtgebräuche aarangt, ſo werden dieſe bald in der Freiheit der Wälder vergeſſen ſeyn, und Mabel hat Muth genug, um an der Gränze zu woynen. r habe den Plan zu der Heirath nicht entworfen, ohne voryer dar⸗ über, wie ein General bei einem Feldzug, reiflich nachzudenken. Fürs Erſte dachte ich daran, Euch in das Regſ z zu bringe⸗ daß Ihr mein Nachfolger werden könut, wenn Uftumach zurückziehe was früher oder ſpäter geſchehen muß; abeiandis braucht noch Ueberlegung, Pfadſinder, denn ich glaube tanh, daß Ihr dem Dienſt gewachſen ſeyd. Nun, wenn Ihr aber auch nicht gerade ein Soldat im vollen Sinne des Wortes ſeyd, and feyd he doch ein Soldat im beſten Sinne deſſelben, und ich wehhndaß Ihr Euch des Wohlwollens aller Offiziere im Corps erfreut. So lange ich lebe, kann Mabel bei mir wohnen, und Ihr werdet immer eine Heimath haben, wenn Ihr von Euren Kundſchaftsreiſen und Mär⸗ ſchen zurückkommt.“ 3 „Ein ſchöner Gedanke, Sergeant, wenn nur das Mädchen unſern Wünſchen mit gutem Willen entgegen kommen kann. Aber ach! es ſcheint mir nicht, daß ein Menſch wie ich ihren ſchönen Augen beſonders angenehm ſeyn werde. Wenn ich jünger und ſchöner wäre, wie zum Beiſpiel der Jasper Weſtern, ſo möchte die Sache wohl ein anderes Geſicht bekommen; ja dann— in der That, möchte es ein bischen anders ausſehen.“ „Das für den Jasper Eau⸗douce und für jeden jungen Burſch innerhalb oder außerhalb des Forts!“ erwiederte der Sergeant, indem er mit den Fingern ſchnippte.„Wenn Ihr auch nicht in Wirklichkeit zu den Jungen gehört, ſo ſeht Ihr doch wie ein Junger aus, und jedenfalls beſſer als der Scudsmeiſter— 4 169 „Wie?“ ſagte Pfadfinder, indem er auf ſeinen Gefährten mit dem Ausdruck des Zweifels blickte, als ob er ſeine Meinung nicht verkanden hätte.. „Ich jage nicht gerade jünger an Tagen und Jahren, aber Ihr ſchirraͤftiger und ſehnigter aus, als Jasper oder einer von dieſen; uns es wird noch in dreißig Jahren mehr an Euch ſeyn, als an allen dieſen Burſchen zuſammen genommen. Ein gutes Gewiſſen macht einen Mann, wie Ihr, ſein ganzes Leben über zu einem Jungung“ „Jaspe ein reines Gewiſſen, als irgend ein Jüngling von meiner maſt, Sergeant; und wird ſich deßhalb wahr⸗ ſcheinlich ſo in erhalten, als nur irgend einer in den Colonien.“ „Zudem mein Freund,“ er drückte dabei die Hand des Andern—„miein erprobter, geſchworener und langjähriger Freund.“ wie un nun Freunde, faſt an zwanzig Jahre, Ser⸗ geant,— eße i Mabel geboren war.“ „Ganz rocht— ehe noch Mabel das Licht erblickte, waren wir ſchon geprüfte Freunde, und das Weibsbild wird ſich doch nicht einfallen laſſen, einen Mann auszuſchlagen, der ſchon ihres Vaters Freund war, ehe ſie zur Welt kam?“ „Wer weiß, Sergeant, wer weiß. Gleich und gleich geſellt ſich. Junge ziehen die Geſellſchaft der Jungen, und Alte die Ge⸗ ſellſchaft der Alten vor.“ „Das iſt nicht ſo bei den Weibern, Pfadfinder. Ich habe noch keinen alten Mann geſehen, der etwas gegen ein junges Weib ein⸗ zuwenden gehabt hätte. Zudem ſeyd Ihr geachtet und geſchätzt von jedem Offizier im Fort, wie ich bereits geſagt habe, und es wird ihr ſchmeicheln, einen Mann zu lieben, den alle Andern lieben.“ „Ich hoffe, daß ich keine andern Feinde habe, als die Mingos,“ erwiederte der Wegweiſer, indem er ſich die Haare niederſtrich und gedankenvoll weiter ſprach.„Ich hab's verſucht, recht zu handeln, und das muß Freunde machen, obſchon es bisweilen auch fehl ſchlägt.“ 170 „Auch muß man ſagen, daß Ihr Euch ſtets zu der beſten Geſellſchaft haltet. Der alte Duncan of Lundie freut ſich, ſo oft er Euch ſieht, und Ihr bringt oft ganze Stunden bei ihm zu. Von allen Wegweiſern ſetzt er in Euch das größte Vertrauen.“ „Ja, es ſind wohl noch Größere, als er iſt, tagelang an meiner Seite marſchirt, und haben ſich mit mir unterhalten, als ob ich ihr Bruder wäre; aber, Sergeant, ich habe mir nie etwas auf ihre Geſellſchaft eingebildet, denn ich weiß wohl, daß die Wälder oft eine Gleichheit hervorbringen, die man in den Anſiedelungen vergeblich ſuchen würde.“ „Zudem kennt man Euch als den beſten Büchſenſchützen, der je in dieſer Gegend den Drücker berührt hat.“ „Wenn Mabel um dieſer Eigenſchaft willen einen Mann lieben könnte, ſo hätte ich keine beſondere Urſache, zu verzweifeln; und doch, Sergeant, denke ich bisweilen, daß ich das eher dem Hirſche⸗ tödter, als meiner eigenen Geſchicklichkeit zuſchreiben müſſe. Er iſt gewiß ein wunderbares Gewehr und würde in den Händen eines Andern wohl dieſelben Dienſte thun.“ „Das iſt wieder die demüthige Meinung, die Ihr von Euch ſelbſt hegt, Pfadfinder; aber wir haben mit der nämlichen Waffe zu viele fehlen ſehen, und Ihr habt zu oft mit den Büchſen anderer gut getroffen, als daß ich da Eurer Meinung ſeyn könnte. Wir wollen in einem oder zwei Tagen ein Wettſchießen halten, wo Ihr Eure Geſchicklichkeit zeigen könnt, und dann mag ſich Mabel ein Urtheil über Euren wahren Charakter bilden.“ „Wird das aber auch gut ſeyn, Sergeant? Jedermann weiß, daß der Hirſchetödter ſelten fehlt. Müſſen wir daher einen der⸗ artigen Verſuch machen, wenn alle bereits vorher wiſſen, was das Reſultat ſeyn wird?“ „Still, ſtill da. Ich ſehe voraus, daß ich die Werbung für Euch zur Hälfte ſelbſt machen muß. Für einen Mann, der bei einem Gefecht immer innerhalb des Pulverdampfes ſtand, ſeyd Ihr 171 der feigherzigſte Freier, mit dem ich je zuſammengekommen bin. Erinnert Euch, daß Mabel von einem kühnen Stamme kommt, und Mabel wird eben ſo gern einen Mann bewundern, wie ehe⸗ dem ihre Mutter.“ Hier erhob ſich der Sergeant und entfernte ſich, ohne ſich zu entſchuldigen, um ſeinem Dienſte, an dem er es nie fehlen ließ, nachzukommen. Der Fuß, auf welchem der Wegweiſer mit allen in der Garniſon ſtand, ließ dieſe Freiheit als ganz natürlich erſcheinen. Der Leſer wird aus der eben mitgetheilten Unterredung eine der Abſichten entnommen haben, welche den Sergeanten veranlaßt hatten, ſeine Tochter nach der Gränzfeſte kommen zu laſſen. Ob⸗ gleich er nothwendig der Liebkoſungen und Schmeicheleien entwöhnt war, welche ihm ſein Kind während der erſten paar Jahre ſeines Wittwenſtandes ſo theuer gemacht, ſo liebte er ſie doch im Stillen auf's zärtlichſte. An das Commando und den Gehorſam gewöhnt, ohne ſelbſt gefragt zu werden oder Andere über den Grund der Befehle zu fragen, war er vielleicht zu ſehr zu der Annahme geneigt, ſeine Tochter werde den Mann, den er ihr auswähle, heirathen, obſchon er durchaus nicht beabſichtigte, ihren Wünſchen Gewalt anzuthun. In der That kannten auch nur wenige den Pfadfinder genauer, ohne ihn im Geheim für einen Mann von außerordentlichen Eigenſchaſten zu halten. Immer derſelbe, einfach, redlich, furchtlos und doch klug, zumal bei Unternehmun⸗ gen, welche in der Meinung des Tages als gerechtfertigt galten, und nie in eine Sache verſtrickt, die ihn hätte erröthen laſſen oder ihm hätte zum Vorwurf gereichen können, war es unmöglich, viel mit einem Weſen umgehen, das in ſeiner eigenthümlichen Weiſe als eine Art Adam vor dem Falle— jedoch ſicher nicht ohne Sünde— erſchien, ohne eine Achtung und Bewunderung gegen daſſelbe zu fühlen, welche ſich nicht allein auf ſeine Stellung im Leben be⸗ zog. Kein Offtzier begegnete ihm, ohne ihn wie ſeines Gleichen zu grüßen; kein Gemeiner wandte ſich an ihn anders, als mit dem Vertrauen und der Freimüthigkeit eines Kameraden. Die überraſchendſte Eigenthümlichkeit des Mannes war jedoch die gänz⸗ liche Gleichgültigkeit, mit welcher er alle Auszeichnungen, die nicht von dem perſönlichen Dienſt abhingen, betrachtete. Er zollte ſeinen Oberen Reſpekt aus Gewohnheit; man wußte aber, daß er oft ihre Mißgriffe verbeſſerte und ihre Fehler tadelte— mit einer Furchtloſigkeit, welche bewies, wie ſehr es ihm um die Wahrheit zu thun war, und mit einem geſunden natürlichen Urtheil, wie man es nie von ſeiner Erziehung erwartet haben würde. Kurz ein Zweifler an der Fähigkeit des Menſchen, ohne Unterricht zwiſchen gut und böſe unterſcheiden zu können, würde durch den Charakter dieſes außerordentlichen Bewohners der Gränze irre gemacht worden ſeyn. Seine Gefühle ſchienen die Friſche und die Natur des Waldes, in dem er einen ſo großen Theil ſeines Lebens zugebracht hatte, zu beſitzen, und kein Kaſuiſt hätte wohl die Unterſcheidungen zwiſchen Recht und Unrecht bündiger zu entwickeln vermögen. Und doch war er nicht ganz ohne Vorurtheile, welche, wenn ihrer auch nur wenige ſeyn mochten, die Farbe ſeines Charakters und ſeiner Ge⸗ wohnheiten trugen, tief wurzelten und faſt einen Theil ſeines Weſens ausmachten. Der hervorſtechendſte Zug in der moraliſchen Orga⸗ niſation des Pfadfinders war jedoch ſein ſchöner und nie fehlgrei⸗ fender Sinn für Gerechtigkeit. Dieſer edle Zug, ohne den kein Menſch wahrhaft groß genannt werden kann, übte wahrſcheinlich ſeinen unſichtbaren Einfluß auf alle, die mit ihm in Verbindung ſtanden, denn man wußte, daß der gemeine und grundſatzloſe Prahler von einer Erpedition, welche er in Pfadfinders Geſellſchaft gemacht hatte, nicht zurückkehrte, ohne die ergreifende Kraft ſolcher Geſinnungen zu fühlen, und ſich durch ſeine Sprache beſänftigen, wie durch ſein Beiſpiel beſſern zu laſſen. Wie ſich von einem Manne von ſo ausgezeichneten Eigenſchaften erwarten läßt, war auch ſeine Treue unwandelbar, wie ein Felſen. Verrath war in ſeiner Seele eine Unmöglichkeit, und wie er ſich ſelten vor einem Feinde zurückzog, ſo konnte man auf ihn bauen, daß er unter keinen Umſtänden einen Freund verließ. Die freundſchaftlichen Verbin⸗ dungen, welche ein ſolcher Charakter unterhielt, trugen das Gepräge der Gleichheit. Seine Kameraden und Vertraute, obgleich er hier mehr oder weniger durch den Zufall beſtimmt wurde, ſtunden im Allgemeinen auf einer hohen Stufe der Sittlichkeit, denn er ſchien eine inſtinktartige Unterſcheidungsgabe zu beſitzen, welche ihn, viel⸗ leicht, ohne daß er es ſelbſt wußte, veranlaßte, ſich feſt an diejenigen anzuſchließen, welche am beſten ſeine Freundſchaft zu erwiedern vermochten. Kurz, ein Forſcher in der ſittlichen Natur des Men⸗ ſchen würde von Pfadfinder geſagt haben, daß er das Muſterbild eines gerechten und reinen Mannes ſey, der, unangefochten von unregelmäßigen und ehrgeizigen Begierden, mitten in der Größe der Einſamkeit und unter den veredelnden Einflüſſen einer erhabenen Natur, nur dem Drange ſeiner Gefühle zu folgen ſich erlaubte und ſich weder durch die Reize der Civiliſation irre leiten ließ, die ſo oft zu ſchlimmer Handlungsweiſe Anlaß geben, noch je des all⸗ mächtigen Weſens vergaß, deſſen Geiſt über der Wildniß wie über den Städten wohnt. Dieß war der Mann, welchen Sergeant Dunham ſeiner Tochter zum Gatten beſtimmt hatte. Als er eine derartige Wahl traf, hatte er ſich vielleicht weniger durch die klare und richtige Wür⸗ digung der individuellen Verdienſte deſſelben, als durch ſeine eigene Zuneigung beſtimmen laſſen, obſchon niemand den Pfadfinder ſo genau, als er ſelbſt, kannte, ohne dem ehrlichen Wegweiſer den hohen Platz in ſeiner Achtung einzuräumen, welchen er durch wirkliche Vorzüge verdiente. Daß ſeine Tochter ernſte Einwen⸗ dungen gegen ſeinen Plan haben könnte, kam dem alten Soldaten gar nicht zu Sinne. Dieſe Heirath öffnete ihm auf der andern Seite die Ausſicht auf manche Vortheile, die er mit der Neige ſeiner Tage in Verbindung brachte, und die ihn hoffen ließen, den Abend ſeines Lebens unter Nachkommen zuzubringen, welche ihm durch beide Eltern gleich theuer waren. Er ſelbſt hatte ſeinem Freunde den erſten Antrag gemacht. Letzterer hatte zwar freund⸗ lich darauf geachtet, verrieth aber bald, wie der Sergeant zu finden glaubte, eine Geneigtheit, ſich ſeine eigenen Anſichten zu bilden, welche mit den Zweifeln und den Beſorgniſſen, die aus einem be⸗ ſcheidenen Mißtrauen gegen ſich ſelbſt floſſen, gleichen Schritt hielten. Zehntes Kapitel. Denk' nicht, ich lieb' ihn, weil ich für ihn bitte; Er iſt ein läppiſch Kind— zwar ſpricht er gut— Allein was ſind mir die Worte? Eine Woche verging in der gewöhnlichen Weiſe eines Gar⸗ niſonslebens. Mabel gewöhnte ſich an ihre Lage, welche ſie im Anfang nicht nur neu, ſondern auch ein wenig läſtig gefunden hatte. Die Offiziere und Soldaten machten ſich der Reihe nach allmählig mit der Anweſenheit eines jungen und blühenden Mädchens ver⸗ traut, deſſen Anmuth und Betragen das Gepräge einer beſcheidenen höheren Bildung an ſich trug, welche ſie dem Aufenthalte in der Familie ihrer Beſchützerin verdankte. Dabei ließ ſie ſich wenig beunruhigen durch die ſchlecht verhehlte Bewunderung dieſer Leute, indem ſie die Achtungsbeweiſe, welche ihr zu Theil wurden, gerne auf die Rechnung ihres Vaters ſchrieb, obſchon ſie ihr in der That mehr um ihres eigenen beſcheidenen, aber geiſtvollen Benehmens willen, als aus Ehrerbietung gegen ihren würdigen Vater gezollt wurden. Bekanntſchaften, welche in einem Urwald oder unter Umſtän⸗ den von ungewöhnlicher Aufregung gemacht werden, erreichen bald ihre Gränzen. Mabel fand den Aufenthalt einer Woche an dem Oswego hinreichend, ihr diejenigen, mit welchen ſie einen ver⸗ traulichern Umgang wünſchen konnte, und diejenigen, welche ſie 175 vermeiden mußte, zu bezeichnen. Die gewiſſermaßen neutrale Stellung, welche ihr Vater einnahm, da er kein Offizier war und doch ſo weit über dem gemeinen Soldaten ſtund, um dieſe beiden militäri⸗ ſchen Klaſſen von ihr fern zu halten, verminderte die Zahl derer, mit denen ſie ſich bekannt machen mußte, und machte ihr die Ent⸗ ſcheidung vergleichungsweiſe leicht. Doch bemerkte ſie bald, daß es ſelbſt unter denen, welche auf einen Sitz an der Tafel des Commandanten Anſpruch machen konnten, Einige gab, welche nicht abgeneigt waren, um der Neuheit einer gewandten Figur und eines artigen, gewinnenden Geſichtes willen die Hellebarde des unteroffiziers zu überſehen, und am Schluſſe der erſten zwei oder drei Tage hatte ſie ihre Bewunderer auch unter den Vornehmeren der Garniſon. Beſonders war der Quartiermeiſter, ein Soldat von mittlerem Alter, welcher ſchon mehr als einmal die Segnun⸗ gen des Eheſtandes verſucht hatte, zur Zeit aber als Wittwer lebte⸗ augenſcheinlich bemüht, mit dem Sergeanten in ein vertrauteres Verhältniß zu treten, obgleich ſie durch die Pflicht des Dienſtes oft zuſammengeführt wurden. Die Jüngeren ſeiner Kameraden er⸗ mangelten daher nicht, ihre Bemerkungen zu machen, als dieſer methodiſche Mann, der ein Schottländer war und of Muir hieß, die Quartiere ſeines Untergeordneten öfter als bisher beſuchte. Ein Gelächter oder ein Scherz zu Ehren der ‚Sergeantentochter“ machte dann gewöhnlich den Schluß ihrer Witzeleien, obgleich ‚Mabel Dunham’ bald ein Toaſt wurde, den kein Fähndrich oder Lieutenant auszubringen Anſtand nahm. Am Ende der Woche ließ Duncan of Lundie nach dem Abend⸗ verleſen den Sergeanten Dunham wegen eines Geſchäſtes rufen, das, wie es hieß, einer perſönlichen Beſprechung bedurfte. Der alte Veteran wohnte in einer beweglichen Barake, welche er, da ſte auf Rädern ſtund, nach Belieben umher ſchieben laſſen konnte, ſo daß er das einemal in dieſem, das andere Mal in jenem Theile des innern Raumes der Veſte ſein Quartier hielt. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit hatte er ſo ziemlich im Mittelpunkt des⸗ ſelben Halt gemacht, und hier fand ihn ſein Untergebener, welcher unverzüglich, und ohne lange in dem Vorzimmer warten zu müſſen, eintreten durfte. In der That war auch nur ein ſehr geringer Unterſchied in der Beſchaffenheit der Wohnungen, welche den Offizieren und denen, die der Mannſchaft angewieſen waren. Erſtere hatten nur den größeren Raum voraus, und Mabel mit ihrem Vater wohnte faſt, wo nicht ganz ſo gut, als der Kommandant des Platzes ſelbſt. „Herein, Sergeant, herein, mein guter Freund,“ ſagte der alte Lundie herzlich, als ſein Untergebener in reſpektvoller Haltung an der Thüre von einer Art Bibliothek⸗ und Schlafzimmer, in welches er eingetreten war, ſtehen blieb.„Herein, und nehmet auf dieſem Stuhl da Platz. Ich habe nach Euch geſchickt, Mann, aber nicht, um dieſen Abend von den Zahlungsliſten mit Euch zu ſprechen. Wir ſind nun ſchon ſo manches Jahr Kameraden ge⸗ weſen, und ſo eine lange Bekanntſchaft alter Burſchen mag doch für etwas gelten, zumal zwiſchen einem Major und ſeiner Or⸗ donnanz, einem Schotten und einem Yankee. Sitzt nieder, Mann, und machts Euch bequem.— Es iſt einer ſchöner Tag geweſen, Sergeant.“ „In der That, Major Duncan,“ erwiederte der andere, wel⸗ cher, obgleich er ſich darein ſchickte, Platz zu nehmen, doch viel zu erfahren war, um nicht zu wiſſen, welchen Grad von Achtung er zu beobachten habe;„ein ſehr ſchöner Tag iſt heute geweſen, Sir, und wir moͤchten wohl gerne noch mehrere ſolche in dieſer Jahres⸗ zeit ſehen.“ „Ich hoffe das, von Herzen. Die Früchte ſehen gut aus, Mann, und Ihr werdet finden, daß das Fünfundfünfzigſte faſt eben ſo gute Bauern als Soldaten bildet. Ich ſah nie beſſere Kartoffeln in Schottland, als die ſind, welche wir wahrſcheinlich von unſerem Neubruch kriegen werden.“ — 177 „Sie verſprechen einen guten Ertrag, Major Duncan, und in dieſer Hinſicht einen behaglichern Winter, als der letzte war.“ „Das Leben iſt fortſchreitend, Sergeant, in ſeinen Bequem⸗ lichkeiten ſowohl, als in dem Bedürfniß derſelben. Wir werden alt, und fangen an auf den Rückzug und an ein Ruheplätzchen zu denken. Ich fühle, daß meine Arbeitstage bald vorüber ſind.“ „Der König, Gott ſegne ihn, hat noch einen guten Diener in Euer Gnaden.“ „Kann ſeyn, Sergeant Dunham, beſonders wenn es ſich zu⸗ tragen ſollte, daß eine Oberſt⸗Lieutenantsſtelle für mich übrig bleibt.“ „Das Fünfundfünfzigſte wird ſich geehrt fühlen an dem Tage, an welchem das Patent Duncan of Lundie übertragen wird, Sir.“ „Und Duncan of Lundie wird ſich geehrt fühlen an dem Tage, an welchem er es erhält. Aber, Sergeant, wenn Ihr auch nie eine Oberſtlieutenantsſtelle hattet, ſo habt Ihr doch ein gutes Weib gehabt, und das iſt das nächſte an dem Range, um einen Mann glücklich zu machen.“ „Ich bin verheirathet geweſen, Major Duncan; aber es iſt ſchon ſo lange her, daß ich keinen Vorbehalt mehr habe vor der Liebe, welche ich für Seine Majeſtät und meine Pflicht hege.“ „Was, Mann, nicht einmal die Liebe, welche ihr gegen die rührige, kleine, rundgliedrige, roſenwangige Tochter hegt, die ich in den letzten Paar Tagen in dem Fort geſehen habe? Pfui, Sergeant! So ein alter Burſche ich bin, ſo könnte ich doch faſt das Mädchen ſelbſt lieben, und die Oberſtlieutenantsſtelle zum Teufel ſchicken.“ „Wir wiſſen Alle, wo Major Duncan's Herz iſt, und das weilt in Schottland, wo eine ſchöne Dame geneigt und bereit iſt, ihn glücklich zu machen, ſobald ſein eigenes Pflichtgefühl es ge⸗ ſtattet.“ „Ach, die Hoffnung iſt immer ein fernes Ding,“ erwiederte Der Pfadfinder. 3. Aufl. 12 178 der Obere, indeß, während er ſprach, ein Schatten von Melancholie über ſeine harten ſchottiſchen Züge glitt,„und das hübſche Schott⸗ land iſt ein fernes Land. Nun, wenn wir auch keine Heiden und kein Hafermehl in dieſer Gegend haben, ſo haben wir doch Hoch⸗ wild zu ſchießen, und Salme in einer Fülle, wie zu Berwick über dem Tweed. Iſt es wahr, Sergeant, daß die Mannſchaft ſich beklagt, weil ſie in der letzten Zeit überwildpretet und übertaubt worden ſey?“ „Seit einigen Wochen nicht, Major Duncan, denn weder Hirſche noch Voͤgel ſind in dieſer Jahreszeit ſo häufig als ſonſt. Sie fängt zwar an, ihre Bemerkungen über den Salm zu machen, aber ich denke, wir werden ohne irgend eine ernſthafte Störung wegen der Koſt durch den Sommer kommen. Nur die Schotten in dem Bataillon ſprechen mehr als klug iſt über den Mangel an Hafermehl, und murren gelegentlich über unſer Waizenbrod.“ „Ah! das iſt die menſchliche Natur, Sergeant— reine un⸗ verfälſchte ſchottiſche Menſchennatur. Ein Haferkuchen, Mann, iſt in der That ein angenehmer Biſſen, und ich ſchmachte oft ſelbſt nach einem Mund voll davon.“ „Wenn dieſes Gefühl ſo beunruhigend wird, Major Duncan — ich meine bei der Mannſchaft, Sir, denn ich möchte nicht ſo reſpektwidrig von Euer Gnaden ſprechen— aber wenn die Soldaten ſo ernſtlich nach ihrer natürlichen Nahrung ſchmachten, ſo möchte ich unterthänig empfehlen, daß etwas Habermehl für ſie eingeführt oder in dieſer Gegend bereitet würde. Man würde, meines Er⸗ achtens, dann keine Klagen mehr hören. Ein klein wenig möchte wohl für die Kur zureichen.“ „Ihr ſeyd ein Schalk, Sergeant, aber ich will gehangen ſeyn, wenn ich weiß, ob Ihr nicht recht habt. Es mag noch manche angenehmere Dinge in der Welt geben, als Hafermehl. Einmal habt Ihr eine angenehme Tochter, Dunham—“ „Das Mädchen gleicht ihrer Mutter, Major Duncan, und ———— —₰———. 179 kann ſich wohl ſehen laſſen,“ ſagte der Sergeant ſtolz.„Nirgends gedeiht etwas beſſer, als auf ächt amerikaniſchem Boden. Das Mädchen kann ſich ſehen laſſen, Sir.“ „Das kann ſie, ich ſtehe dafür. Nun, ich kann eben ſo gut auf einmal zur Sache kommen und meine Reſerve in die Fronte des Treffens bringen. Da iſt David Muir, der Quartiermeiſter, welcher geneigt iſt, Eure Tochter zu ſeinem Weib zu machen. Er hat mich eben angegangen, Euch die Sache zu eröffnen, weil er befürchtete, ſeine Würde zu compromittiren, und ich möchte dem noch beifügen, daß die Hälfte der jungen Leute im Fort Toaſte auf ſie ausbringen und von ihr reden vom Morgen bis in die Nacht.“ 3 „Es iſt eine große Ehre für ſie, Sir,“ erwiederte der Vater ſteif;„aber ich glaube, daß die Herren bald einen würdigeren Gegenſtand finden werden, um über dieſen lange zu ſprechen. Ich hoffe, ſie als das Weib eines rechtſchaffenen Mannes zu ſehen, ehe noch einige Wochen um ſind, Sir.“ „Ja, David iſt ein rechtſchaffener Mann, und das iſt, denke ich, mehr, als man von allen in des Quartiermeiſters Departement ſagen kann,“ entgegnete Lundie mit einem leichten Lächeln.„Nun denn, darf ich dem in Liebe verſtrickten jungen Mann ſagen, daß die Sache abgemacht iſt?“ „Ich danke Euer Gnaden; aber Mabel iſt einem Andern verlobt.“ „Zum Teufel, iſt's wahr? Das wird eine Stoͤrung im Fort hervorbringen. Doch um frei mit Euch zu reden, Sergeant, es thut mir nicht leid, etwas der Art zu hören; denn ich bin kein großer Bewunderer von ungleichen Verbindungen.“ „Ich denke, wie Euer Gnaden, und trage kein Verlangen darnach, meine Tochter als eine Offiziersfrau zu ſehen. Wenn ſie erreichen kann, was ihre Mutter vor ihr, ſo muß ſie als eine vernünftige Perſon zufrieden ſeyn.“ den Ihr Euch zum Schwiegerſohn auserſehen habt?“ „Und darf ich fragen, Sergeant, wer der glückliche Mann iſt, „Der Pfadfinder, Euer Gnaden.“ „Der Pfadfinder?“ „Ja, Major Duncan, und indem ich Ihnen ſeinen Namen nenne, gebe ich Ihnen ſeine ganze Geſchichte. Niemand iſt an dieſer Gränze bekannter, als mein ehrlicher, braver, treuherziger Freund.“ „Das iſt alles ſehr wahr. Iſt er aber auch ſo eine Art Perſon, die ein Mädchen von zwanzig glücklich machen kann?“ „Warum nicht, Euer Gnaden? Der Mann iſt der erſte ſeines Berufs. Es gibt keinen andern Wegweiſer oder Kundſchafter bei der Armee, der nur halb ſo viel Achtung beſäße wie der Pfad⸗ finder, oder ſie nur halb ſo gut verdiente.“ „Ganz richtig, Sergeant; aber iſt die Achtung, die ein Kund⸗ ſchafter genießt, ſo eine Art Ruf, um die Fantaſie eines Mädchens anzuſprechen?“ „Von den Fantaſien eines Mädchens zu reden, Sir, iſt, nach meiner unterthänigen Meinung, eben ſo viel, als wenn man von dem Urtheil eines Rekruten ſprechen wollte. Wenn wir uns von den Bewegungen einer tölpiſchen Rekrutenabtheilung wollten leiten laſſen, ſo würden wir das Bataillon nie in eine anſtändige Linie bringen, Major Duncan.“ „Aber Eure Tochter hat nichts Tölpiſches an ſich, denn ein anſtändigeres Mädchen von ihrer Klaſſe findet man ſelbſt in Alt⸗ england nicht. Theilt ſie über dieſen Punkt Eure Anſichten?— doch ich denke, ſie muß wohl, da Ihr mir ſagt, ſie ſey verlobt.“ „Wir haben noch nicht über dieſen Gegenſtand mit einan geſprochen, Euer Gnaden; aber ich betrachte ſie in ihrem Sun ſo gut als einverſtanden, nach mehreren kleinen Umſtänden, welche wohl nahmhaft ſeyn möchten.“ „Und was ſind das für Umſtände, Sergeant?“ fragte der 181 Major, welcher an der Sache mehr Theil zu nehmen begann, als er im Anfang gefühlt hatte.„Ich bekenne, ich bin ein wenig neugierig, etwas von dem Sinne der Weiber kennen zu lernen, da ich, wie Ihr wißt, ſelbſt ein Junggeſelle bin.“ „Euer Gnaden, wenn ich von dem Pfadfinder zu dem Mädchen ſpreche, ſo blickt ſte mir immer voll in's Geſicht, ſtimmt mit allem überein, was ich zu ſeinen Gunſten ſage, und benimmt ſich dabei auf eine freie und offene Weiſe, welche ſo viel ſagt, als ob ſie ihn ſchon halb als ihren Ehemann betrachte.“ „Hm— und dieſe Zeichen, Sergeant, glaubt Ihr, ſeyen die treuen Merkmale ihrer Gefühle?“ „Ja, Euer Gnaden, denn ſie ſind auffallend genug. Wenn ich einen Mann finde, Sir, der mir frei in's Geſicht ſieht, während er einen Offizier lobt— denn, ich bitte Euer Gnaden um Ver⸗ zeihung, die Soldaten machen bisweilen ihre Bemerkungen über die Vorgeſetzten— wenn ich einen Mann finde, der mir in die Augen ſieht, wenn er ſeinen Capitän lobt, ſo nehme ich immer an, daß der Burſche ehrlich iſt, und es auch ſo meint, wie er ſagt.“ „Iſt aber nicht ein weſentlicher Unterſchied zwiſchen dem Alter des beabſichtigten Bräutigams und dem ſeiner artigen Braut, Sergeant?“ „Ganz recht, Sir; Pfadfinder ſteht um die vierzig, und Mabel hat jede Ausſicht auf ein Glück, welches ein junges Weib mit Sicherheit durch den Beſitz eines erfahrenen Ehemannes er⸗ warten darf. Ich war ſelbſt volle vierzig Jahre alt, als ich ihre Mutter heirathete.“ „Aber wird Eure Tochter geneigt ſeyn, ein grünes Jagdhemd wie es Euer würdiger Wegweiſer trägt, mit einer Fuchsmütze, eben ſo zu bewundern, als die blanke Uniform des Fünfundfünfzigſten?“ „Vielleicht nicht, Sir; dafür wird ſie aber das Verdienſt der Selbſtverleugnung haben, welche immer ein junges Weib weiſer und beſſer macht.“ „Und Ihr befürchtet nicht, daß ſie noch als ein junges Weib Wittwe werden möchte? Immer unter wilden Thieren und noch wilderen Menſchen— man kann von Pfadfinder ſagen, daß er ſein Leben in ſeiner Hand trage.“ „Jede Kugel hat ihr beſtimmtes Ziel, Lundie,“ denn ſo ließ ſich der Major in Augenblicken der Herablaſſung, und wenn es ſich nicht um militäͤriſche Angelegenheiten handelte, gerne nennen;„und kein Mann im Fünfundfünfzigſten kann ſich von dem Unfall eines plötzlichen Todes befreit halten. In dieſer Hinſicht würde alſo Mabel bei dem Tauſche nichts gewinnen. Außerdem, Sir, um über einen ſolchen Gegenſtand von der Bruſt weg zu ſprechen, zweifle ich ſehr, ob der Pfadfinder je in einer Schlacht, oder unter den plötzlichen Wechſelfällen der Wildniß ſtirbt.“ „Und warum das, Sergeant?“ fragte der Major, indem er auf ſeinen Untergebenen mit jener Art von Ehrfurcht blickte, welche ein Schotte jener Zeit, mehr als dieß gegenwärtig der Fall iſt, vor myſteriöſen Einwirkungen hegte.„Er iſt ein Soldat, und was die Gefahr anbelangt, einer von denen, welche mehr als ge⸗ wöhnlich ausgeſetzt ſind; und, wenn er auch keine Capitulation hat, warum ſollte er da zu entrinnen hoffen dürfen, wo es andere nicht können?“ „Ich glaube nicht, daß der Pfadfinder ſein eigenes Geſchick für beſſer betrachtet als das irgend eines andern; aber der Mann wird nie durch eine Kugel ſterben. Ich habe ihn ſo oft ſein Ge⸗ wehr mit einer Faſſung handhaben ſehen, als ob es nur ein Schäfer⸗ ſtecken wäre, mitten im dichteſten Kugelregen und unter ſo manchen außerordentlichen Umſtänden, daß ich mir nicht denken kann, es ſey die Abſicht der Vorſehung, ihn je auf dieſe Weiſe fallen zu laſſen. Und doch, wenn irgend ein Mann in Seiner Majeſtät Beſitzungen einen ſolchen Tod verdient, ſo iſt's der Pfadfinder.“ „Wir können das nie wiſſen, Sergeant,“ erwiederte Lundie, mit gedankenvollem Ernſt in ſeinen Zügen;„und je weniger wir „——— ———„ 183 davon ſprechen, deſto beſſer iſt's vielleicht. Aber wird Eure Tochter — Mabel, glaube ich, nennt Ihr ſie— wird Mabel geneigt ſeyn, einen Mann zu nehmen, der im Grunde doch nur ein Anhängſel zu der Armee iſt, und nicht lieber einen aus dem Dienſt ſelbſt wählen? Es iſt keine Hoffnung zum Avanciren für den Pfadfinder vorhanden, Sergeant.“ „Er iſt bereits an der Spitze ſeines Corps, Euer Gnaden. Kurz, Mabel iſt darauf vorbereitet, und da Euer Gnaden ſich ſo⸗ weit herabgelaſſen haben, mit mir von Herrn Muir zu ſprechen, ſo hoffe ich, daß Sie die Güte haben werden, ihm zu ſagen, daß das Mädchen ſo gut als einquartirt für ihr Leben iſt.“ „Wohl, wohl, das iſt Eure eigene Sache, und nun— Ser⸗ geant Dunham!“ „Euer Gnaden,“ ſagte der andere, indem er ſich erhob, und die übliche Begrüßung gab. „Man hat Euch geſagt, daß es meine Abſicht ſey, Euch für den nächſten Monat nach den Tauſend⸗Inſeln zu ſchicken. Alle die alten Sulbalternoffiziere haben ihre Dienſttour in dieſem Quartier gehabt, wenigſtens alle, denen ich vertrauen durfte, und es kommt nun endlich die Reihe an Euch. Es iſt zwar wahr, Lieutenant Muir macht auf ſein Recht Anſpruch, aber da er Quartiermeiſter iſt, ſo liebe ich es nicht, altherkömmliche Anordnungen aufzuheben. Sind die Leute gezogen?“ „Alles iſt bereit, Euer Gnaden. Der Zug iſt vorüber, und ich hörte von dem Kahne, welcher in der letzten Nacht Botſchaft brachte, die Meldung, daß die dortige Mannſchaft bereits nach der Ablöſung ausſähe.“ „Es iſt ſo, und Ihr müßt übermorgen, wenn nicht ſchon morgen Nacht abgehen. Es wird vielleicht klug ſeyn, in der Dunkelheit zu ſegeln.“ „So denkt Jasper, Major Duncan, und ich kenne Niemand⸗ auf den man ſich in einer ſolchen Angelegenheit beſſer verlaſſen könnte, als auf den jungen Jasper Weſtern.“ „Der junge Jasper Eau⸗douce?“ ſagte Lundie, indem ſich ein leichtes Lächeln um ſeinen gewöhnlich ernſten Mund zog.„Wird dieſer junge Menſch auch von Eurer Partie ſeyn, Sergeant?“ „Euer Gnaden wird ſich erinnern, daß der Scud nie ohne ihn ausläuft.“ „Wahr, aber alle Regeln haben Ausnahmen. Habe ich nicht einen Seemann in den letzten Paar Tagen um das Fort geſehen?“ „Ohne Zweifel, Euer Gnaden. Es iſt Meiſter Cap, mein Schwager, welcher mir meine Tochter herauf brachte.“ „Warum nicht ihn für dieſen Kreuzzug in den Seud ſetzen, Sergeant, und den Jasper zurücklaſſen? Euer Schwager würde wohl gerne zur Abwechſelung einmal auf dem Friſchwaſſer kreuzen und Ihr könntet Euch mehr ſeiner Geſellſchaft erfreuen.“ „Ich habe beabſichtigt, Euer Gnaden um die Erlaubniß zu bitten, ihn mitnehmen zu dürfen; aber er muß als Volontair mit⸗ gehen. Jasper iſt ein zu braver Junge, als daß man ihn ohne Grund des Commando's entheben ſollte, Major Duncan; und ich fürchte, mein Schwager Cap verachtet das Friſchwaſſer zu ſehr, um darauf Dienſte zu thun.“ „Gut, Sergeant, ich überlaſſe das Alles Eurem eigenen Ur⸗ theil. Wenn man die Sache weiter überlegt, ſo muß Jasper ſein Commando behalten. Ihr beabſichtigt wohl, den Pfadfinder auch mitzunehmen?“ „Wenn es Euer Gnaden billigt. Es wird Dienſte geben für beide Wegweiſer, den Indianer ſowohl, als den Weißen.“ „Ich glaube, Ihr habt Recht. Nun, Sergeant, ich wünſche Euch gut Glück zu der Unternehmung, und denkt darauf, daß der Poſten zerſtört und verlaſſen werde, wenn Euer Commando zurück⸗ gezogen wird. Er wird ſeine Dienſte dann geleiſtet haben, oder wir begehen einen großen Mißgriff, denn wir ſind dort in einer zu kitzlichen Stellung, um ſie unnöthiger Weiſe zu unterhalten. Ihr könnt abtreten.“ ein ird ihn icht 12“ hein en, rde zen zu nit⸗ hne ich ehr, Ur⸗ ſein uch für ſche der ück⸗ oder r zu Ihr 185 Sergeant Dunham ſalutirte auf die übliche Weiſe, drehte ſich auf ſeinen Ferſen wie auf Spindelzapfen, und hatte faſt die Thüre hinter ſich geſchloſſen, als er plötzlich wieder zurückgerufen wurde. „Ich habe vergeſſen, Sergeant, daß die jüngern Offiziere um ein Wettſchießen angeſucht haben, und der morgende Tag iſt dazu beſtimmt. Alle Bewerber werden zugelaſſen und die Preiſe beſtehen in einem mit Silber ausgelegten Pulverhorn, einer ledernen Flaſche ditto“— er las dieſes von einem Stückchen Papier—„wie ich aus dem gewerbsmäßigen Jargon dieſer Liſte erſehe, und einem ſeidenen Damen⸗Kalaſh.* Bei dem letzteren kann der Sieger ſeine Galanterie zeigen, indem er ihn ſeiner Liebſten zum Geſchenk macht.“ „Alles ſehr angenehm, Euer Gnaden, wenigſtens für den, welchem es glückt. Darf der Pfadfinder auch Theil nehmen?“ „Ich ſehe nicht wohl ein, wie man ihn ausſchließen könnte, wenn er kommen will. Ich habe aber in der letzten Zeit bemerkt, daß er keinen Theil an ſolchen Beluſtigungen nimmt, wahrſcheinlich, weil er von ſeiner eigenen unübertroffenen Geſchicklichkeit überzeugt iſt.“ „'s iſt ſo, Major Duncan. Der ehrliche Burſche weiß, daß es keinen an der Gränze gibt, der ſich mit ihm meſſen kann, und wünſcht nicht, andere ihres Vergnügens zu berauben Ich denke, wir können uns jedenfalls auf ſein Zartgefühl verlaſſen, Sir. Es möochte vielleicht gut ſeyn, ihn ſeinen eigenen Weg gehen zu laſſen?“ „In dieſem Fall müſſen wir es, Sergeant. Ob er in Allem andern ſo guten Erfolg erlebt, werden wir ſehen. Ich wünſche Euch guten Abend, Dunham.“ „Der Sergeant zog ſich nun zurück, und überließ Duncan of Lundie ſeinen eigenen Gedanken. Daß dieſe nicht ganz unangenehm waren, konnte man an dem Lächeln bemerken, welches gelegentlich auf ſeinem Geſichte, das gewöhnlich einen harten ſoldatiſchen Aus⸗ druck zeigte, ſich lagerte, obgleich es auf Augenblicke wieder dem beſonnenen Ernſte wich. So mochte ungefähr eine halbe Stunde * Ein Kopfputz. vergangen ſeyn, als ein Pochen an der Thüre durch die Aufforderung einzutreten, beantwortet wurde. Ein Mann von mittlerem Alter in Offiziersuniform, die aber des in dieſem Stande gewöhnlichen geputz⸗ ten Anſehens entbehrte, trat ein, und wurde als Herr Muir begrüßt. „Ich komme auf Ihren Befehl, Sir, um mein Schickſal zu erfahren,“ ſagte der Quartiermeiſter mit hartem ſchottiſchem Accent, ſobald er den Sitz eingenommen hatte, der ihm angeboten worden war.„In der That, Major Duncan, dieſes Mädchen richtet in der Garniſon ſo viel Zerſtörung an, als die Franzoſen vor Ty. Ich habe nie in ſo kurzer Zeit eine ſo allgemeine Verwirrung geſehen.“ „Sie wollen mich doch ſicherlich nicht überreden, David, daß Ihr junges und unverdorbenes Herz in einer ſolchen Flamme iſt, da es erſt die Gluth einer Woche trägt? Das wäre noch ein üblerer Umſtand, als der in Schottland, wo, wie man ſagt, die innere Hitze ſo übermächtig war, daß ſie ſogar ein Loch durch Ihren koſtbaren Körper brannte, durch welches alle Mädchen hineingucken konnten, um zu ſehen, was das entzündliche Material werth ſey.“ „Sie wollen Ihre eigene Weiſe haben, Major Duncan, und Ihr Vater und Ihre Mutter wird ſie vor Ihnen gehabt haben, ſelbſt wenn der Feind im Lager war. Ich ſehe nichts ſo Beſonderes d'ran, wenn junge Leute dem Zug ihrer Neigungen und Wünſche folgen.“ „Sie ſind aber den Ihrigen ſo oſt gefolgt, David, daß man denken ſollte, ſie hätten dermalen den Reiz der Neuheit verloren. Einſchließlich jener, der nöthigen Formalitäten entbehrenden Affaire in Schottland, wo Sie noch ein junger Burſche waren, haben Sie ſich ſchon viermal verheirathet.“ „Nur dreimal, Major, ſo wahr ich hoffe, noch ein Weib zu bofommen, Ich habe noch nicht meine Zahlz; nein, nein, bloß dreimal.“ „Ich glaube, Sie rechnen die erwähnte erſte Geſchichte nicht mit,— ich meine die, wo kein Pfarrer dabei war?“ „Und warum ſollte ich, Major? Das Gericht hat entſchieden, daß es keine Heirath war, und was braucht ein Menſch weiter? 187 Das Weib zog Vortheil von einer leichten verliebten Neigung, die vielleicht eine Schwäche in meiner Sinnesart ſeyn mochte, und ver⸗ führte mich zu einem Contrakt, der als ungeſetzlich erfunden wurde.“ „Wenn ich mich recht erinnere, Muir, ſo glaubte man zu jener Zeit, daß dieſe Angelegenheit zwei Seiten hätte?“ „Es müßte ein ſehr gleichgiltiger Gegenſtand ſeyn, mein lieber Major, der nicht ſeine zwei Seiten hätte, und ich weiß von man⸗ chen, die ihrer drei hatten. Aber das arme Weib iſt todt, auch war kein Nachkomme da, und ſo hatte die Sache keine weiteren Fol⸗ gen. Dann war ich beſonders unglücklich mit meinem zweiten Weib; ich ſage zweites, Major, aus Achtung gegen Sie, und unter der Vorausſetzung, daß hier doch nur von meiner wirk ichen erſten Ver⸗ heirathung die Rede iſt; aber erſte oder zweite, ich war beſonders unglücklich mit Jeannie Graham, da ſie in dem erſten Luſtrum ſtarb, ohne mir ein Hähnchen oder Hühnchen zurückzulaſſen. Ich glaube nicht, daß, wenn Jeannie am Leben geblieben wäre, ich je einen Gedanken auf ein anderes Weib gerichtet hätte.“ „Nun ſie aber dieß nicht that, ſo hatten Sie zweimal nach ihrem Tod wieder geheirathet und gehen damit um, es zum dritten Mal zu thun.“ „Der Wahrheit kann billigerweiſe nie widerſprochen werden, Major, und ich bin immer bereit, ſie anzuerkennen. Ich glaube, Lundie, Sie ſind melancholiſch an dieſem ſchönen Abend?“ „Nein, Muir, nicht gerade melancholiſch, aber, ich geſtehe es, ein bischen in Gedanken. Ich blickte ein wenig zurück auf meine Jugendjahre, wo ich, der Lairdsſohn, und Sie, der des Pfarrers, auf unſern heimathlichen Hügeln als glückliche, ſorgloſe Knaben herumſtreiften, die ſich wenig um die Zukunft kümmerten. Dann kamen mir einige Gedanken, die ein wenig ſchmerzlicher ſind, wegen der Folgezeit, wie ſie nun geworden iſt.“ „Sicherlich, Lundie, beklagen Sie ſich nicht über den Ihnen beſchiedenen Theil? Sie haben es bis zum Major gebracht, und 188 werden bald Obriſtlieutenant werden, wenn man ſich auf Briefe verlaſſen kann, während ich blos um eine einzige Stufe höher ſtehe, als zur Zeit, wo mir Ihr geehrter Vater meine erſte Stelle ver⸗ ſchaffte, und ein armer Teufel von einem Quartiermeiſter bin.“ „Und die vier Weiber?“ „Drei, Lundie; nur drei waren geſetzlich, ſogar nach unſern eigenen liberalen und geheiligten Geſetzen.“ „Wohl denn, laſſen wir's drei ſeyn, David,“ ſagte Major Duncan, indem er unwillkührlich in die Ausſprache und den Dialekt ſeiner Jugend zurückverfiel, was auch bei gebildeten Schottländern leicht geſchieht, wenn ſie über einen Gegenſtand warm werden, der ihr Herz näher berührt.—„Sie wiſſen's, David, daß meine eigene Wahl ſchon lange getroffen iſt, und wie ich äugſtlich und in banger Hoffnung auf die glückliche Stunde gewartet, wo ich einmal das Weib, das ich ſo lange liebte, mein nennen könnte, und Sie haben hier, ohne Vermögen, Namen, Geburt oder Ver⸗ dienſt— ich meine beſonderes Verdienſt—ℳ „Nä, Nä, können Sie ſo was ſagen, Lundie? Die Muirs ſind von gutem Blut.“ „Wohl denn, alſo, ohne was anders als Blut, haben Sie vier Weiber gehabt.“ „Ich ſag' Ihnen, nur drei, Lundie. Sie werden die alte Freundſchaft ſchwächen, wenn Sie vier ſagen.“ „Laſſen wir's bei Ihrer eigenen Zahl, David; auch die iſt ſchon mehr, als Ihnen gebührt. Unſer Leben iſt ſehr verſchieden geweſen, im Punkte des Heirathens wenigſtens— Sie müſſen das zugeben, mein alter Freund.“ und wer meinen Sie wohl, iſt dabei der Gewinnende, Major, wenn wir ſo frei mit einander ſprechen wollen, als wir es thaten, wie wir noch Jungen waren?“ „Ich habe nichts zu verhehlen. Meine Tage gingen hin in verzögerter Hoffnung, während die Ihrigen in—“ —— 2218 iſern ajor alekt dern der eine und ich nte, Ver⸗ nirs 189 „Nicht realiſirter Hoffnung, ich geb' Ihnen mein Ehrenwort, Major Duncan,“ unterbrach ihn der Quartiermeiſter.„Von jedem neuen Verſuch hoffte ich einen Vortheil; aber Täuſchung ſcheint das Loos des Menſchen zu ſeyn. Ach, es iſt eine eitle Welt, Lundie, man muß es zugeben, und in nichts eitler als im Eheſtand.“ „Und doch nehmen ſie keinen Anſtand, Ihren Nacken zum fünften Mal in die Schlinge zu ſtecken?“ „Ich behaupte, daß es das vierte Mal iſt, Major Duncan,“ ſagte der Quartiermeiſter mit Beſtimmtheit; dann änderte ſich der Ausdruck ſeines Geſichtes plötzlich in den eines knabenhaften Ent⸗ zückens, und er fuhr fort:„Aber dieſe Mabel Dunham iſt eine rara avis. Unſere ſchottiſchen Mädchen ſind ſchön und angenehm, aber man muß zugeſtehen, dieſe Colonialmädchen übertreffen ſie an Liebenswürdigkeit.“ „Sie werden wohl thun, Ihre Stellung und Ihr Blut nicht aus dem Auge zu verlieren, David. Ich glaube, alle Ihre vier Weiber—“ „Ich wünſchte, mein lieber Lundie, daß Sie in Ihrer Arith⸗ metik etwas genauer wären. Drei mal eins macht drei.“ „Alle drei alſo waren, was man Frauen von Stand zu nennen pflegt?“ „Gerade ſo iſt's, Major. Drei waren Frauen von Stand, wie ich Ihnen ſage, und die Verbindungen waren angemeſſen.u „Und die vierte war die Tochter von meines Vaters Gärtner; dieſe Verbindung war nicht angemeſſen. Aber fürchten Sie nicht, daß die Verehelichung mit dem Kinde eines Unterofftziers, der noch dazu mit Ihnen bei demſelben Corps ſteht, die Folge haben wird, Ihr Anſehen bei dem Regiment zu ſchmälern?“ „Das iſt gerade mein Leben lang meine ſchwache Seite ge⸗ weſen, Major Duncan, denn ich habe immer geheirathet, ohne auf die Folgen Rückſicht zu nehmen. Jedermann hat ſeinen Fehler, und ich fürchte, der meinige iſt das Heirathen. Doch, da wir nun 190 verhandelt haben, was man die Principien der Verbindung nennen könnte, ſo möchte ich fragen, ob Sie mir die Gunſt erwieſen haben, mit dem Sergeanten über dieſe Kleinigkeit zu ſprechen?“ „Ich that es, David, beſorge aber, daß ich Ihnen wenig Hoffnung zu einem günſtigen Erfolg machen kann!“ „Ju keinem günſtigen Erfolg? Ein Offizier und Quartier⸗ meiſter obendrein, und kein günſtiger Erfolg bei eines Sergeanten Tochter?“ „Das iſt's gerade, David.“ „Und warum nicht, Lundie? Werden Sie wohl die Güte haben, mir das zu beantworten?“ „Das Mädchen iſt verlobt. Hand und Wort gegeben, die Liebe verbürgt,— nein, ich will gehangen ſeyn, wenn ich das je glaube: aber ſie iſt verlobt.“ „Wohl, das iſt ein Hinderniß, ich geb' es zu, Major, obgleich ich es nur gering anſchlage, wenn das Herz frei iſt.“ „Ganz wahr; und mir iſt es wahrſcheinlich, daß das Herz in dieſem Falle frei iſt. Der beabſichtigte Ehemann ſcheint eher die Wahl des Vaters, als die der Tochter zu ſeyn.“ „Und wer mag das ſeyn, Major?“ fragte der Quartiermeiſter, welcher die ganze Sache mit der Philoſophie und Ruhe eines erfahrenen Mannes überblickte.„Ich kann mir doch keinen paſſen⸗ den Freier denken, der mir im Wege ſtehen könnte.“ „Nein, Sie ſind der einzige paſſende Freier an der Grenze, David. Der glückliche Mann iſt Pfadfinder.“ „Pfadfinder, Major Duncan?“ „Nicht mehr und nicht weniger, David Muir. Pfadfinder iſt der Mann. Aber es mag Ihre Eiferſucht ein wenig erleichtern, wenn ich Ihnen ſage, daß mir der Handel mehr von dem Vater, als von der Tochter auszugehen ſcheint.“ „Ich dachte mir das, rief der Quartiermeiſter aus, und ſchöpfte tiefen Athem, wie einer, der eine Laſt von ſeiner Bruſt —-— nnen ben, enig tier⸗ aten züte 191 genommen fühlt.„Es iſt ganz unmöglich, daß mit meiner Er⸗ fahrung in der menſchlichen Natur—“ „Beſonders in der Weibernatur, David—“ 1 „Sie wollen Ihren Scherz haben, Lundie, und mag ſich auf den einlaſſen, wer will. Ich kann es aber nicht für möglich hal⸗ ten, daß ich mich täuſchen ſollte über die Neigungen eines jungen Frauenzimmers, welche,— ich kann mich, denke ich, wohl kühn darüber ausſprechen, da wir unter uns ſind— über den Stand des Pfadfinders hinausgehen. Was das Individuum ſelbſt anbe⸗ langt— nun, die Zeit wird's lehren.“ „Sagen Sie mir doch offen, David Muir,“ ſprach Lundie, indem er eine kurze Weile ſeinen Spaziergang unterbrach und den Andern ernſt und mit einem komiſchen Ausdruck der Ueberraſchung in's Geſicht faßte, welcher die Züge des Veteranen in einem ſpöt⸗ tiſchen Ernſte erſcheinen ließ,—„glauben Sie wirklich, daß ein Mädchen, wie die Tochter des Sergeanten Dunham, eine ernſthafte Neigung zu einem Manne von Ihren Jahren, Ihrem Ausſehen, und— Ihrer Erfahrung, möcht' ich hinzuſetzen— faſſen kann?“ „Bst, ruhig, Lundie; Sie kennen das Geſchlecht nicht, und vas iſt der Grund, warum Sie in Ihrem fünf und vierzigſten Jahre noch unverheirathet ſind.'s iſt doch'ne ſchreckliche Zeit, die Sie als Junggeſelle zugebracht haben, Ma jor!“ „Und was mag Ihr Alter ſeyn, Lieutenant Muir, wenn man eine ſo delicate Frage wagen darf?“ „Sieben und vierzig; ich will's nicht verläugnen, Lundie; und wenn ich Mabel kriege, ſo kommt gerade auf jedes Jahrzehent eine Frau. Aber nä, ich kann nicht denken, daß Sergeant Dun⸗ ham ſo niedrig geſinnt ſeyn ſollte, um ſich's träumen zu laſſen, dieſes ſüße Mädchen einem Menſchen, wie dem Pfadfinder, zu geben.“ „Er träumt ſich nichts dabei, David; der Mann iſt ſo ernſt⸗ haft, wie ein Soldat, der gepeitſcht werden ſoll.“ „Wohl, wohl, Major, wir ſind alte Freunde“— beide kamen in ihr Schottiſch oder vermieden es, je nachdem ſie im Geſpräch ihre jüngeren Tage berührten, oder davon abkamen—„und ſollten wiſſen, wie man außer dem Dienſt einen Scherz zu nehmen oder zu geben hat. Es iſt möglich, daß der würdige Mann meine Winke nicht verſtanden, oder die Sache ſich nie ſo gedacht hat. Der Unterſchied zwiſchen einer Offiziersfrau und dem Weib eines Wegweiſers iſt ſo ungeheuer, als der zwiſchen dem Alter Schott⸗ lands und dem Alter Amerikas. Auch bin ich von altem Blute, Lundie.“ „Nehmen Sie mein Wort dafür, David— Ihr Alter wird Sie in dieſer Angelegenheit nichts nützen, und was Ihr Blut an⸗ belangt, ſo iſt es nicht älter, als Ihre Knochen. Nun gut; Sie kennen des Sergeanten Antwort, und werden bemerken, daß mein Einfluß, auf den Sie ſo viel gezählt haben, Nichts für Sie thun kann. Laſſen Sie uns ein Glas mit einander leeren, alter Be⸗ kanntſchaft wegen, und dann werden Sie gut thun, ſich der Partie zu erinnern, die morgen abgehen ſoll, und Mabel Dunham, ſo gut als Sie immer können, zu vergeſſen.“ „Ach, Major! ich hab' es immer leichter gefunden, ein Weib, als ein Schätzchen zu vergeſſen. Wenn ein Paar ſo recht ordent⸗ lich verheirathet iſt, ſo iſt Alles im Reinen, bis der Tod am Ende uns Alle trennt; und es ſcheint mir höchſt unehrerbietig, die Hin⸗ geſchiedenen zu beunruhigen. Dagegen iſt den Mädchen gegenüber ſo viel Angſt, Hoffnung und Glückſeligkeit in der liebenden Erwar⸗ tung, daß die Gedanken immer rege erhalten werden.“ „Das iſt gerade auch meine Anſicht von Ihrer Lage, David; denn ich habe nie vermuthet, daß Sie noch eine weitere Glückſelig⸗ keit von Ihren Weibern erwarten. Nun, ich habe wohl ſchon von Burſchen gehört, welche ſo einfältig waren, das Glück mit ihren Weibern auch jenſeits des Grabes zu ſuchen. Ich trinke Ihnen zu, auf glückliche Fortſchritte, oder auf baldige Wiedergeneſung von dieſem Anfalle, Lieutenant, und ermahne Sie, für die Zukunft —,=—S,— S—.„ +₰½ 193 vorſichtiger zu ſeyn, da einige ſolcher heſtigen Zufälle Ihnen am Ende den Garaus machen könnten.“ „Schönen Dank, lieber Major, und baldiges Ende einer bekannten alten Freierei. Das iſt ein wahrer Bergthau, Lundie, und wärmt das Herz wie ein Strahl aus dem guten Schottland. Was die Leute, deren Sie erwähnt haben, anbelangt, ſo konnten ſie nur ein Weib gehabt haben; denn wenn Einer einmal einige gehabt hat, ſo bringen ihn die Weiber ſelbſt durch ihr Benehmen auf andere Gedanken. Ich denke, ein vernünftiger Ehemann muß zufrieden ſeyn, wenn er ſeine freie Zeit mit einem wunderlichen Weibe, welches dieſer Welt angehört, zubringen kann, und ſoll nicht wegen unerreichbarer Dinge den Kopf hängen laſſen. Ich bin Ihnen unendlich verbunden, Major Duncan, für dieſen und alle andern Freundſchaftsbeweiſe, und wenn Sie noch einen weiteren dazufügen wollten, ſo würde ich glauben, daß Sie den Spiel⸗ kameraden Ihrer Jugend nicht ganz vergeſſen hätten.“ „Wohl, David, wenn das Geſuch ein vernünftiges iſt und ſo, daß ein Vorgeſetzter es zugeſtehen kann, heraus damit.“ „Wenn Sie nur einen kleinen Dienſt für mich da unten an den Tauſend⸗Inſeln erſinnen könnten, ſo für ein Tager vierzehn. Ich denke, ein ſolcher Umſtand würde zur Zufriedenheit aller Par⸗ thieen ausfallen. Es fällt mir eben auch bei, Lundie, daß das Mädchen die einzige heirathbare Weiße an dieſer Gränze iſt.“ „Es gibt immer einen Dienſt für einen Mann in Ihrer Stellung auf einem Poſten, wenn er auch nur unbedeutend iſt; aber dort unten kann er von dem Sergeanten eben ſo gut, als von einem General⸗QOuartiermeiſter beſorgt werden, und wohl noch beſſer.“ „Aber nicht beſſer, als von einem Regiments⸗Offtzier. Es findet im Allgemeinen eine große Verſchwendung bei den Ordon⸗ nanzen ſtatt.“ „Ich will darauf denken, Muir,“ ſagte der Major lachend. Pfadfinder. 3. Aufl. 13 194 „Sie ſollen morgen meine Antwort haben. Auch wird es morgen für Sie eine ſchöne Gelegenheit geben, ſich vor der Dame zu zeigen. Sie wiſſen mit der Büchſe gut umzugehen, und es gibt Preiſe zu gewinnen. Machen Sie ſich gefaßt, Ihre Geſchicklichkeit zu entwickeln, und wer weiß, was geſchieht, ehe noch der Scud abſegelt.“ „Ich denke, die meiſten jungen Leute werden die Sicherheit ihrer Hand bei dieſem Spiele verſuchen wollen, Major?“ „Das werden ſie, und einige von den Alten auch, wenn Sie dabei erſcheinen. Um Sie in der Faſſung zu erhalten, will ich ſelbſt einen Schuß, oder zwei thun, David; und Sie wiſſen, daß ich in dieſer Beziehung einigen Ruf habe.“ „Es möochte in der That gut ſeyn. Das weibliche Herz, Major Duncan, iſt verſchiedenartig empfänglich, und bisweilen in einer Weiſe, welche nicht mit den Regeln der Philoſophie har⸗ monirt. Einige verlangen von ihrem Anbeter, daß er gegen ſie eine regelmäßige Belagerung eröffne, und capituliren bloß, wenn der Platz ſich nicht mehr länger halten kann; andere lieben es, wenn ſie im Sturm genommen werden, indeß wieder andere ſolche Drachen ſind, daß man ſie nur fangen kann, wenn man ſie in einen Hinterhalt leitet. Das erſte iſt das anſtändigſte und vielleicht das am meiſten für einen Offizier paſſende Verfahren, obſchon ich ſagen muß, daß das letztere am meiſten Vergnügen macht.“ „Eine Anſicht, welche Sie ohne Zweifel Ihrer Erfahrung verdanken. Und was iſt's mit der Sturmparthie?“ „Die mag für jüngere Leute paſſen,“ erwiederte der Quartier⸗ meiſter, indem er aufſtund, und mit den Augen zwinkerte, eine Frei⸗ heit, die er ſich oft auf Rechnung ſeiner langjährigen Vertrautheit gegen ſeinen commandirenden Offizier herausnahm; jede Periode des Lebens hat ihre Erforderniſſe, und im ſiebenundvierzigſten iſt es gerade angemeſſen, ſich ein wenig auf den Kopf zu verlaſſen. Ich wünſche recht guten Abend, Major Duncan, und Freiheit von der Gicht, mit einem ſüßen und erfriſchenden Schlafe.“ 195 „Daſſelbe Ihnen, Herr Muir, mit vielem Dank. Vergeſſen Sie den morgigen Waffengang nicht!“ Der Quartiermeiſter zog ſich zurück, und überließ es Lundie, in ſeiner Bibliothek über das, was eben vorgegangen war, ſeinen Gedanken nachzuhängen. Langjähriger Umgang hatte den Major Duncan ſo an den Lieutenant Muir und an deſſen Weiſe und Laune gewöhnt, daß das Betragen des letzteren ihm nicht ſo, wie wahr⸗ ſcheinlich dem Leſer, auffiel. In der That gehen auch, obgleich wir alle nach einem gemeinſamen Geſetze, welches man Natur nennt, handeln, die Verſchiedenheiten in den Neigungen, Urtheilsweiſen, Gefühlen und Eigenheiten der Menſchen ins Unendliche. Eilftes Kapitel. Verbiete nur dem wilden Aar den Flug, Und nimm den Hund, der nicht gelehrt, zum Jagen, Und zwing den Freien in der Selaven Zug, Und munt're Trauer auf durch frohe Sagen; Verlorne Zeit! du wirſt umſonſt dich plagen. So lehrt auch nicht Gewalt die Liebe binden; Sie dient nur da, wo ſich die Herzen finden. Spiegel für die Obrigkeit. Selten wird die Hoffnung durch einen ſo vollkommenen Genuß belohnt, als der war, welcher den jungen Leuten der Garniſon“ am folgenden Tage durch die günſtige Witterung bereitet wurde. Es gehört vielleicht mit zu der gewöhnlichen Verkehrtheit des Men⸗ ſchen, daß die Amerikaner gerne auf Dinge ihren Stolz ſetzen, denen das Urtheil einſichtsvollerer Perſonen in Wirklichkeit nur eine untergeordnete Stelle angewieſen haben würde, indeß ſie Vortheile, welche ſie in eine gleiche Höhe mit den meiſten ihrer Mitgeſchöpfe, wo nicht gar über ſie, ſtellen, überſehen oder unter ihrem Werth anſchlagen. Unter dieſe letztere gehört das Klima, 196 welches zwar im Ganzen kein vollkommenes, aber doch unendlich angenehmer und eben ſo geſund iſt, als das der meiſten Gegenden, welche ſich am lauteſten deſſelben rühmen. Die Hitze des Sommers wurde in der Zeit, von der wir ſchreiben, am Oswego wenig gefühlt, denn die Schatten des Ur⸗ waldes verminderten in Verbindung mit der erfriſchenden Seeluft den Einfluß der Sonne ſo weit, daß die Nächte immer kühl und die Tage ſelten drückend waren. Es war September, ein Monat, in welchem die ſtarken Küſtenwinde oft durch das Land hin bis zu den großen Seen dringen, ſo daß der Binnenſchiffer bisweilen den eigenthümlichen Einfluß, welcher die Winde des Meeres charakteriſirt, in der höheren Kraft ſeines Körpers, der größeren Friſche des Geiſtes und der Steigerung ſeiner moraliſchen Kräfte fühlt. Ein ſolcher Tag war der, an welchem die Garniſon ſich verſammelte, um Zeuge des von ihrem Commandanten ſcherzweiſe ſo betitelten„Waffenganges“ zu ſeyn. Lundie war ein Gelehrter, wenigſtens in militäriſchen Dingen, und that ſich etwas darauf zu gute, die Lektüre und die Gedanken der unter ſeinem Befehl ſtehenden jungen Leute auf die mehr intellektuellen Theile ihres Berufes hinzuleiten. Seine Bi⸗ bliothek war für einen Mann in ſeiner Lage gut und umfaſſend, und ſtand jedem, der von den Büchern Gebrauch zu machen wünſchte, offen. Unter die andern ſeltſamen Einfälle, welche durch ſolche Hilfsmittel ihren Weg zu der Garniſon gefunden hatten, gehoͤrte auch der Geſchmack an einer Art von Unterhaltung, welcher man gegenwärtig ſich hinzugeben anſchickte. Dabei hatten einige Chro⸗ niken aus den Zeiten des Ritterthums Anlaß gegeben, der Belu⸗ ſtigung einen Anſtrich des Paradeartigen und Romantiſchen zu ver⸗ leihen, was gerade nicht ungeeignet für den Charakter und die Gewohnheiten von Soldaten, oder für den wilden und iſolirten Poſten war, welchen dieſe Garniſon beſetzt hielt. Während man jedoch ſo ernſtlich auf das Vergnügen bedacht .— 0 0——— B,—,—— 2h X—9j Sr X2 ndlich nden, wir Ur⸗ eeluft und arken Seen ichen jeren der war des ges“ ſchen d die die Bi⸗ ſend, chte, lche örte man hro⸗ elu⸗ ver⸗ die rten icht 197 war, vernachläſſigten diejenigen, auf welchen der Dienſt ruhete, die Sicherheit der Garniſon nicht. Wer an den Bollwerken des Forts ſtand, und auf die ungeheure glänzende Waſſermaſſe, welche die Ausſicht des ganzen nördlichen Horizonts begränzte, von da aus aber auf den ſchlummernden, ſcheinbar endloſen Wald blickte, der die andere Hälfte des Panoramas ausfüllte, der hätte allerdings denken mögen, daß dieſer Ort der wahre Aufenthalt des Friedens und der Sicherheit ſey. Aber Duncan of Lundie wußte zu wohl, daß dieſe Wälder im Augenblick Hunderte auszuſchicken vermochten, deren einziger Sinn die Zerſtörung des Forts und ſeines ganzen Inhalts war, und daß gerade der trügeriſche See einen offenen Weg darbot, auf dem ſeine zwar mehr civiliſirten, aber kaum weniger hinterliſtigen Feinde, die Franzoſen, leicht nahe kommen und ihn in einem unwillkommenen und unbewachten Momente über⸗ fallen konnten. Es wurden Patrouillen unter alten wachſamen Offi⸗ zieren, Männern, welche ſich wenig um die Spiele des Tages küm⸗ merten, ausgeſchickt, um durch den Wald zu ſtreifen, und in dem Fort blieb eine ganze Compagnie ſtets unter den Waffen, mit dem Befehl, eben ſo ſehr auf der Hut zu ſeyn, als ob gemeldet worden wäre, daß ein übermächtiger Feind im Anzuge ſey. Unter dieſen Vorſichtsmaßregeln überließ ſich der Reſt der Offiziere und der Mannſchaft ohne Beſorgniß der Beſchäftigung des Morgens. Die für die Beluſtigung auserſehene Stelle war ein freier Platz, etwas weſtlich vom Fort und unmittelbar an dem Damme des Sees. Man hatte ihn von Bäumen und Strünken gelichtet, um ſich ſeiner als eines Erercierplatzes zu bedienen, da er den Vortheil hatte, im Hintergrunde von dem Waſſer und auf einer Seite durch die Feſtungswerke gedeckt zu ſeyn. Es war daher nur von zwei Seiten ein Angriff möglich, und da der freie Raum ſich weit nach Weſten und Süden hinzog, ſo mußten die Angreifer den Verſteck in den Wäldern verlaſſen, wenn ſie nahe genug kom⸗ men wollten, um wirklich gefährlich zu werden. 198 Obgleich die regelmäßige Waffe des Regiments die Muskete war, ſo brachte man bei dieſer Gelegenheit doch etliche und fünfzig Büchſen zum Vorſchein. Jeder Offtzier hatte eine, als einen Theil ſeiner Privatproviſion, zu ſeinem Vergnügen; viele gehörten den Kundſchaftern und befreundeten Indianern, deren ſich ſtets mehr oder weniger um das Fort aufhielten; und einige waren das Ei⸗ genthum des Bataillons, zum Gebrauche derjenigen beſtimmt, welche zu Ergänzung des Mundvorrathes der Jagd oblagen. Unter denen, welche eine eigene Waffe führten, waren etwa fünf oder ſechs, welche in beſonderem Rufe ſtanden und ſich durch ihre Geſchicklich⸗ keit eine Berühmtheit an der Gränze erworben hatten; zweimal ſo viel mochten für etwas mehr, als gewöhnliche Schützen gelten; dann gab es aber noch manche, die man für gewandt in faſt jeder Lage hätte halten mögen, nur nicht gerade in der, in welcher ſie ſich eben jetzt hervorthun ſollten. Die Zielweite betrug hundert Ellen; ein Auflegen des Ge⸗ wehrs war nicht üblich. Das Ziel beſtand aus einer mit den ge⸗ wöhnlichen Kreiſen verſehenen weißgemalten Scheibe, welche im Mittelpunkt das Ochſenauge hatte. Die erſten Geſchicklichkeitsver⸗ ſuche begannen mit Herausforderungen unter der unedleren Claſſe der Bewerber, um ihre Sicherheit und Gewandtheit in einem un⸗ belohnten Wetteifer zu zeigen. Es nahmen jedoch nur die gemeinen Soldaten an dieſem Spiele Theil, welches für die Zuſchauer, unter denen noch kein Offizier erſchienen war, wenig Intereſſe hatte. Die meiſten der Soldaten waren Schotten. Das Regiment war vor einer Reihe von Jahren in Stirling und deſſen Nachbar⸗ ſchaft ausgehoben worden, und nachdem es in den Colonieen an⸗ gekommen war, hatten ſich, wie dieß auch mit Sergeant Dunham der Fall war, viele Amerikaner mit demſelben vereinigt. Im All⸗ gemeinen waren die aus den Provinzen die erfahrenſten Schützen, und nach den Proben einer halben Stunde mußte der Ruhm der größten Geſchicklichkeit einem in der Colonie von New⸗York gebornen .„.„ ——„, 8 Sdͤhd——— uskete infzig Theil n den mehr 3 Ei⸗ velche enen, ſechs, klich⸗ eimal lten; jeder r ſie Ge⸗ ge⸗ im ver⸗ laſſe un⸗ inen nter nent bar⸗ an⸗ ham All⸗ zen, der nen 199 8 N Jüngling von holländiſcher Abkunft zugeſtanden werden, der den wohlklingenden Namen van Valtenburg trug, gewöhnlich aber Follock genannt wurde. Gerade als man ſich über dieſe Anſicht entſchieden hatte, erſchien der älteſte Capitän, begleitet von den meiſten Herren und Damen, in feſtlichem Aufzuge. Ein Schweif von etlich' und zwanzig Weibern geringeren Standes folgte, unter denen auch die gewandte Geſtalt, das ausdrucksvolle, blühende, lebhafte Geſicht und der zierliche Anzug Mabel Dunham's zu ſehen war. Von Frauen, welche offiziell als zur Claſſe der Damen von Stand gehörig betrachtet werden mußten, waren nur drei in dem Fort. Dieſe waren Offtziersfrauen, geſetzte ältere Damen, in deren Benehmen ſich die Einfachheit des mittleren Alters zum Theil mit ihren Begriffen von dem Uebergewicht ihres Standes, den Rechten und Pflichten der Kaſte und der Etiquette des Ranges miſchte. Die andern Frauen waren Weiber von Unterofftzieren und Gemeinen, und Mabel war im eigentlichen Sinne, wie bereits der Quartiermeiſter bemerkt hatte, die einzige ſich für den Eheſtand eignende Perſon unter ihrem Geſchlecht. Allerdings waren auch noch ein Dutzend anderer Mädchen da; ſie gehörten aber noch un⸗ ter die Kinder, und es war keine unter ihnen, welche im Alter ſo vorgerückt geweſen wäre, um einen geeigneten Gegenſtand der Be⸗ wunderung abzugeben. Um die Frauen auf eine paſſende Weiſe zu empfangen, war ein niedriges Brettergerüſt unmittelbar an dem Damm des Sees aufgeſchlagen worden. In der Nähe deſſelben waren die Preiſe an einem Pfahl aufgehängt. Man hatte Sorge getragen, daß der Vorderſitz des Gerüſtes von den drei Ladys mit ihren Kindern beſetzt wurde, indeß Mabel und die Frauen der Unteroffiziere den zweiten Platz einnahmen. Die Weiber und Töchter der Gemeinen bildeten in wildem Durcheinander die Nachhut; einige ſtanden, an⸗ dere ſaßen, wie ſie eben Platz finden konnten. Mabel, welche be⸗ reits in der Eigenſchaft einer untergeordneten Geſellſchafterin Zutritt — ſſſſſſ 200 in den Cirkel einiger Offtziersfrauen gefunden hatte, wurde von den Damen auf dem Vorderſitze, welche eine beſcheidene Selbſt⸗ achtung und höfliche, feine Sitte zu ſchätzen wußten, ſehr beachtet, obgleich ſie alle den Werth des Ranges, zumal in einer Garniſon, hoch anſchlugen. Sobald dieſer wichtige Theil des ſchauluſtigen Publikums ſei⸗ nen Platz eingenommen hatte, gab Lundie den Befehl, zur Eröff⸗ nung der Beluſtigung in der Weiſe, wie er es vorher angeordnet hatte, zu ſchreiten. Acht oder zehn der beſten Schützen der Gar⸗ niſon nahmen nun Beſitz von dem Stande und begannen nach der Reihe zu feuern. Sie beſtanden aus Offizieren und andern Leuten ohne Unterſchied, da auch die Gelegenheitsbeſuche auf dem Fort von der Mitbewerbung nicht ausgeſchloſſen waren. Man konnte von Leuten, deren Beluſtigung und behaglicher Unterhalt allein von der Geſchicklichkeit in Führung des Gewehrs abhing, erwarten, daß ſie alle hinreichend geübt waren, das Ochſenauge oder den weißen Fleck im Centrum des Zieles zu treffen. Dann folgten Andere, welche weniger ſicher waren und mit ihren Kugeln nur in den verſchiedenen Kreiſen, die das Centrum umgaben, blieben, ohne letzteres zu berühren. Nach den Regeln des Tages konnte Keiner einen zweiten Schuß thun, wenn er das erſte Mal gefehlt hatte, und der Platz⸗ adjutant, welcher den Ceremonienmeiſter oder Marſchall des Tages machte, rief die glücklicheren Abenteurer bei ihren Namen auf, ſich für einen weiteren Verſuch bereit zu halten, indem er zugleich an⸗ fündigte, daß alle diejenigen, welche das Ochſenauge gefehlt hätten, von aller weiteren Mitbewerbung ausgeſchloſſen ſeyn ſollten. Ge⸗ rade in dieſem Augenblicke erſchienen Lundie, der Quartiermeiſter und Jasper Eau⸗douce unter der Gruppe bei dem Stande, indeß der Pfadfinder gemächlich über den Platz ſchritt, ohne ſeine beliebte Büchſe bei ſich zu führen. Dieß war ein zu ungewöhnlicher Um⸗ ſtand, als daß nicht alle Gegenwärtigen daraus hätten entnehmen 201 ſollen, es geſchehe nur deßhalb, weil er ſich nicht als ein Mit⸗ bewerber um die Ehren des Tages betrachte. Alles machte dem Major Duncan Platz, welcher, als er ſich in gutgelaunter Weiſe dem Stande näherte, ſeine Stellung einnahm, ſein Gewehr ſorg⸗ los erhob und Feuer gab. Die Kugel ſehlte das erforderliche Ziel um mehrere Zolle. „Major Duncan iſt von den ferneren Verſuchen ausgeſchloſſen!“ proklamirte der Adjutant mit einer ſo ſtarken und zuverſichtlichen Stimme, daß alle älteren Offiziere und Sergeanten wohl erkannten, wie dieſer Fehlſchuß vorher verabredet war, indeß die jüngeren Herren und die Gemeinen ſich durch die augenſcheinliche Unpartei⸗ lichkeit, mit welcher die Geſetze des Spiels gehandhabt wurden, auf's Neue ermuthigt fühlten; denn nichts iſt für den Naturmen⸗ ſchen ſo anziehend, als die Verheißung ſtrenger Gerechtigkeit, und nichts ſo ſelten, als ihre wirkliche Ausübung. „Nun kömmt die Reihe an Euch, Meiſter Eau⸗douce,“ ſagte Muir,„und wenn Ihr den Major nicht überbietet, ſo werde ich ſagen, daß Eure Hand beſſer mit dem Ruder, als mit der Büchſe umzugehen weiß.“ Jaspers ſchönes Geſicht erröthete. Er ſchritt gegen den Stand zu, warf einen haſtigen Blick auf Mabel, deren zierliche Geſtalt, wie er ſich überzeugte, raſch ſich vorwärts beugte, als ob ſie auf das Reſultat begierig ſey— ließ den Lauf ſeiner Flinte, anſcheinend mit geringer Sorgfalt, auf die Fläche ſeiner Linken fallen, erhob die Mündung einen Augenblick mit außerordentlicher Fertigkeit, und feuerte. Die Kugel drang genau durch das Centrum des Ochſen⸗ auges— der beſte Schuß dieſes Morgens, da die andern das Bild nur berührt hatten. „Bray gemacht, Meiſter Jasper,“ ſagte Muir, ſo bald das Reſultat bekannt gemacht war,„und ein Schuß, der einem ältern Kopf und einem erfahreneren Auge Ehre gemacht haben würde. Doch ich denke, es war etwas Jungen⸗Glück dabei, denn Ihr waret nicht beſonders genau in dem Abſehen, das Ihr nahmt. Ihr mögt wohl ſchnell in der Bewegung ſeyn, Eau⸗douce, aber Ihr ſeyd nicht philoſophiſch, nicht wiſſenſchaftlich in der Handhabung Eures Ge⸗ wehrs. Nun, Sergeant Dunham, ich werde es Euch Dank wiſſen, wenn Ihr die Damen erſucht, etwas mehr als gewöhnlich Acht zu haben; denn ich will jetzt einen Gebrauch von der Büchſe machen, den man einen intellectuellen nennen kann. Ich geb' es zu, Jasper würde einen getödtet haben; es hätte aber beim Empfang eines ſolchen Schuſſes nicht halb ſo viel Befriedigung ſtattgefunden, als beim Empfang einer wiſſenſchaftlich abgefeuerten Ladung.“ Dieſe ganze Zeit über bereitete ſich der Quartiermeiſter auf ſeinen wiſſenſchaftlichen Verſuch vor. Er verſchob es jedoch, zu zielen, bis er ſah, daß das Auge Mabels, ebenſo wie die Blicke der übrigen weiblichen Zuſchauer, neugierig ſich auf ihn richteten. Dandie Andern ihm aus Achtung vor ſeinem Range Raum ließen. und nur der Commandant in ſeiner Nähe ſtund, ſo ſagte er zu dieſem in ſeiner familiären Weiſe: „Sie ſehen, Lundie, daß etwas zu gewinnen iſt, wenn man die weibliche Neugierde aufregt.'s iſt ein lebhaftes Gefühl um die Neugierde; und zweckmäßig geleitet mag ſie am Ende zu etwas Beſſerem führen.“ „Sehr wahr, David; aber Sie laſſen uns mit ihren Vor⸗ bereitungen zu lange warten; und da kommt der Pfadfinder, der etwas aus Ihrer größeren Erfahrung lernen möchte.“ „Wohl, Pfadfinder, Ihr könnt dabei auch einen Begriff von der Philoſophie des Schießens bekommen. Ich habe nicht die Ab⸗ ſicht, mein Licht unter den Scheffel zu ſtellen, und Ihr ſeyd immer willkommen, wenn Ihr etwas von mir lernen wollt. Habt Ihr nicht auch die Abſicht, einen Schuß zu verſuchen, Mann?“ „Warum ſollt' ich, Quartiermeiſter? Warum ſollt' ich? Ich brauche keinen von den Preiſen, und was die Ehre anbelangt, ſo habe ich deren genug gehabt, wenn es überhaupt eine Ehre iſt, 203 beſſer zu ſchießen, als Sie. Ich bin kein Weib, um einen Kalaſh zu tragen.“ „Sehr wahr; aber Ihr könntet ein Weib finden, daß in Euren Augen koſtbar genug iſt, ihn von Euch zu tragen, wie—“ „Kommen Sie, David,“ unterbrach ihn der Major,„wir möchten den Schuß oder Ihren Abzug ſehen. Der Adjutant wird ungeduldig.“ „Des Quartiermeiſters Geſchäftskreis und der des Adjutanten vertragen ſich ſelten mit einander, Lundie. Aber ich bin bereit. Steht ein wenig auf die Seite, Pfadfinder, und gebt den Damen Raum!“ Lieutenant Muir nahm nun ſeine Stellung mit einem guten Theil ſtudirter Eleganz, erhob ſeine Büchſe langſam, ſenkte ſie, erhob ſie aufs neue, wiederholte dieſes Manöver nochmals, und gab Feuer. „Gefehlt, die ganze Scheibe,“ rief der Mann, der die Treffer zu bezeichnen hatte, und wenig Geſchmack an des Quartiermeiſters läſtiger Wiſſenſchaftlichkeit fand.„Die Scheibe verfehlt.“ „Es kann nicht ſeyn,“ ſchrie Muir, und ſein Geſicht glühte ebenſo ſehr vor Entrüſtung, als vor Schaam.„Es kann nicht ſeyn, Adjutant; denn nie begegnete mir in meinem Leben eine ſolche Ungeſchicklichkeit. Ich appellire an die Damen um ein ge⸗ rechteres Urtheil!“ „Die Damen ſchloſſen ihre Augen, als Sie feuerten,“ riefen die Spötter im Regimente.„Ihre Vorbereitungen erſchreckten ſie.“ „Ich kann eine ſolche Schmähung von den Damen nicht glauben und meine Geſchicklichkeit nicht auf ſolche Weiſe verunglimpfen laſſen, erwiederte der Quartiermeiſter, der mehr und mehr in ſein Schottiſch verfiel, je wärmer ſeine Gefühle wurden.„'s iſt eine Verſchwörung, um einem verdienten Mann das zu rauben, was ihm gebührt.“ „s iſt eben ein Fehlſchuß, Muir,“ ſagte der Major lachend, „und Sie müſſen ſich in die Laune des Glückes fügen.“ „Nein, nein, Major,“ bemerkte endlich Pfadfinder,„der Quartiermeiſter iſt, ſeine Langſamkeit ausgenommen, auf eine 204 gemeſſene Entfernung ein guter Schütze, obgleich nichts Außeror⸗ dentliches für den wirklichen Dienſt. Seine Kugel hat die Jaspers bedeckt, wie man bald ſehen kann, wenn einer ſich die Mühe nehmen will, die Scheibe zu unterſuchen.“ Die Achtung vor Pfadfinders Geſchicklichkeit und vor der Schnelligkeit und Sicherheit ſeines Auges war ſo groß und all⸗ gemein, daß in dem Augenblick, als er dieſe Erklärung gab, die Zuſchauer ihren eigenen Meinungen zu mißtrauen anfingen und ein Dutzend davon gegen die Scheibe ſtürzten, um ſich über die Thatſache Gewißheit zu verſchaffen. Man fand auch wirklich, daß des Quartiermeiſters Kugel durch das von Jasper gemachte Loch, und zwar mit einer Genauigkeit gegangen war, daß es einer ſehr ſcharfen Unterſuchung bedurfte, um den Thatbeſtand außer Zweifel zu ſtellen; doch lag es am Tage, als man eine Kugel über der andern in dem Pfahle fand, an welchem die Scheibe befeſtigt war. „Ich ſagt' es ja, meine Damen, daß Sie Zeugen des Ein⸗ fluſſes der Wiſſenſchaft auf die Kunſt zu ſchießen ſeyn würden,“ ſprach der Quartiermeiſter, indem er auf das Gerüſt, welches die Frauen beſetzt hielten, zuging.„Major Duncan verlacht die Idee, daß ſich die Mathematik auf das Scheibenſchießen anwenden laſſe; aber ich ſage ihm, Philoſophie färbt, vergrößert, verbeſſert, er⸗ weitert und breitet aus Alles, was zum menſchlichen Leben gehört, ſey es nun ein Wettſchießen, oder eine Predigt. Mit einem Wort, Philoſophie iſt Philoſophie, und das iſt Alles, was man über dieſen Gegenſtand zu ſagen nöthig hat.“ „Ich denke, Sie ſchließen die Liebe von dieſem Katalog aus,“ bemerkte die Frau eines Hauptmanns, welche die Geſchichte von des Quartiermeiſters Heirathen kannte und einen weiblichen Wider⸗ willen gegen dieſen Monopoliſten ihres Geſchlechtes hatte—„mir ſcheint, daß Philoſophie wenig gemein hat mit der Liebe.“ „Sie würden das nicht ſagen, Madame, wenn Ihr Herz viele Verſuchungen erfahren hätte. Ein Mann oder eine Frau, die viele ◻☛ W — 78=0 GS NK d 205 Gelegenheit gehabt haben, ihre Sympathien auszubilden, können am beſten über ſolche Gegenſtände ſprechen; und, glauben Sie mir, von aller Liebe iſt die philoſophiſche die beſte, da ſie die vernünf⸗ tigſte iſt.“ „So empfehlen Sie wohl die Erfahrung zu Veredelung der Liebe?“ „Ihr ſchneller Geiſt hat dieſe Idee mit einem Blick erfaßt. Die glücklichſten Heirathen ſind die, wo Jugend, Schönheit und Vertrauen auf der einen Seite ſich auf den Scharfſinn, die Mäßi⸗ gung und die Klugheit der Jahre verläßt, des mittleren Alters, meine ich, Madame; denn ich will nicht in Abrede ziehen, daß es auch ſo ein Ding von einem Ehemann geben kann, das zu alt für ein Weib iſt. Hier iſt Sergeant Dunham's bezaubernde Tochter, welche ſicherlich ſolchen Gefühlen Beifall zollen wird, denn die Be⸗ ſonnenheit ihres Charakters iſt in der Garniſon bereits vollkommen anerkannt, ſo kurz auch ihr Aufenthalt unter uns ſeyn mag.“ „Sergeant Dunham's Tochter iſt kaum eine geeignete Sprecherin bei einer Unterhaltung zwiſchen Ihnen und mir, Lieutenant Muir,“ erwiederte die Capitänsfrau, die ihrer Würde nichts vergeben wollte; „doch, damit wir auf einen andern Gegenſtand kommen— dort ſchickt ſich der Pfadfinder an, ſein Glück zu verſuchen.“ „Ich proteſtire, Major Duncan, ich proteſtire“— ſchrie Muir, indem er mit erhobenen Armen, um ſeinen Worten Nachdruck zu leihen, gegen den Stand zurück eilte.—„Ich proteſtire in ſtreng⸗ ſter Form, meine Herren, daß Pfadfinder bei dieſer Unterhaltung mit ſeinem Hirſchetödter zugelaſſen werde, denn abgeſehen von ſeiner langjährigen Fertigkeit iſt dieß ein Gewehr, welches, bei einem Geſchicklichkeitsverſuch außer allem Verhältniß mit den Büchſen des Gouvernements ſteht.“ „Der Hirſchetödter iſt in der Ruhe, Quartiermeiſter,“ erwie⸗ derte Pfadfinder,„und Niemand denkt hier daran, ihn zu ſtören. Ich dachte ſelbſt nicht, heute den Drücker zu berühren; aber Sergeant Dunham überzeugte mich, daß ich ſeiner ſchönen Tochter, welche unter meinem Schutze hieher kam, keine beſondere Ehre er⸗ weiſen würde, wenn ich bei einer ſolchen Gelegenheit zurückbliebe. Ich benütze daher Jaspers Büchſe, Quartiermeiſter, wie Sie ſehen können, und die iſt nicht beſſer als die Ihrige.“ Lieutenant Muir mußte ſich zufrieden geben, und jedes Auge richtete ſich auf den Pfadfinder, als er die erforderliche Stellung einnahm. Die Haltung dieſes gefeierten Wegweiſers und Jägers war äußerſt ſchön, als er ſeine kühne Geſtalt erhob und das Ge⸗ wehr zurecht ſetzte, wobei er eine vollkommene Selbſtbeherrſchung und eine genaue Kenntniß der Kraft des menſchlichen Körpers ſo⸗ wohl, als der Waffe entwickelte. Pfadfinder war nicht, was man gewöhnlich einen ſchönen Mann nennt, obgleich ſeine Erſcheinung Vertrauen einflößte und Achtung gebot. Hoch und ſehnig, hätte man ſeine Geſtalt faſt für vollkommen halten mögen, hätte ſie nicht alles deſſen, was wie Fleiſch ausſieht, entbehrt. Eine Peit⸗ ſchenſchnur war kaum ſtarrer, oder zur Noth biegſamer, als ſeine Arme und Beine; auch waren ſeine Umriſſe zu eckigt für ein Verhältniß, welches angenehm ins Auge fallen ſoll. Doch waren ſeine Bewegungen voll natürlicher Anmuth, und das Ruhige und Geregelte derſelben gab ihm einen Ausdruck von Würde, welchem ſich gerne der unab⸗ weisbare Gedanke an ſeine Leiſtungen und ſeine perſönlichen Verdienſte anreihte. Sein ehrliches, offenes Geſicht war zu einem hellen Roth gebräunt, daß ſich wohl mit den Mühſeligkeiten und Gefahren vertrug, denen er immer ausgeſetzt war, und ſeine ſeh⸗ nigten Hände deuteten auf die Kraft und die Art des Gebrauches hin, der von den erſteifenden und verunſtaltenden Wirkungen der Arbeit ferne war. Obgleich Niemand an ihm die zierlicheren und anſprechenderen Eigenſchaften, welche auf die Neigung der Frauen gewinnend einzuwirken vermögen, entdecken konnte, ſo blickte doch, als er ſeine Büchſe erhob, kein weibliches Auge auf ihn, ohne ein geheimes Wohlgefallen an der Freiheit ſeiner Bewegungen und der „——— „„—— 207 Männlichkeit ſeines Ausſehens. Sein Zielen geſchah mit der Schnelle des Gedankens, und als der Rauch über ſeinem Haupte ſchwebte, erblickte man den Schaft der Büchſe ſchon auf der Erde, die Hand des Pfadfinders an den Lauf gelehnt, und ſein ehrliches Geſicht leuchtend von ſeinem gewöhnlichen ſtillen herzlichen Lachen. „Wenn man bei einer ſolchen Gelegenheit eine Anſpielung machen darf,“ rief Major Duncan,„ſo moͤcht' ich ſagen, daß der Pfadfinder auch die Scheibe verfehlt hat!“ „Nein, nein, Major,“ erwiederte Pfadfinder mit Zuverſicht, „das würde eine gewagte Behauptung ſeyn. Ich habe das Gewehr nicht geladen, und kann nicht ſagen, was darin war; wenn es aber geladen war, ſo werden Sie finden, daß die Kugel die des Quartiermeiſters und Jaspers tiefer hineingetrieben hat, wenn ich anders Pfadfinder heiße.“ Ein Ruf von der Scheibe her verkündete die Wahrheit dieſer Verſicherung. „Das iſt nicht alles, das iſt nicht alles, Jungen,“ rief der Wegweiſer aus, welcher nun langſam auf das von den Damen beſetzte Gerüſt zuging,„wenn Ihr die Scheibe nur im mindeſten berührt findet, ſo will ich verloren haben. Der Quartiermeiſter hat das Holz geſtreift, ihr werdet aber nicht finden, daß die letzte Kugel daſſelbe angegriffen hätte.“ „Sehr wahr, Pfadfinder, ſehr wahr,“ antwortete Muir, welcher ſich in Mabels Nähe gemacht hatte, obſchon er ſich ſcheute, ſie in Gegenwart der Offiziersfrauen anzureden.„Der Quartier⸗ meiſter hat das Holz ausgeſchnitten, und hiedurch einen Weg für Eure Kugel geöffnet, welche durch das Loch, das er gemacht hat, durchgegangen iſt.“ „Wohl, Quartiermeiſter; doch jetzt kömmts an den Nagel, und wir wollen ſehen, wer ihn tiefer hineintreiben kann, Sie, oder ich, denn obgleich ich heute nicht zu zeigen hoffte, was eine Büchſe vermag, ſo will ich doch, da ſie einmal in meiner Hand iſt, 208 Keinem, der König Georgs Beſtallung hat, den Rücken lehren. Chingachgook iſt draußen, ſonſt könnte mich der zu einigen Fein⸗ heiten der Kunſt veranlaſſen; aber was Sie anbelangt, Quartier⸗ meiſter— wenn Sie der Nagel nicht ſo zufrieden ſtellt, ſo wirds die Kartoffel thun.“ „Ihr thut dieſen Morgen gewaltig dick, Pfadfinder; aber Ihr werdet finden, daß Ihr es nicht mit einem grünen Burſchen, friſch von den Anſiedelungen und Städten weg, zu thun habt; das ver⸗ ſichere ich Euch.“ „Ich weiß das wohl, Quartiermeiſter, ich weiß das wohl, und will Ihrer Erfahrung nicht zu nahe treten. Sie haben ſchon viele Jahre an der Gränze gelebt, und ich habe von Ihnen in den Kolonien und ſelbſt unter den Indianern ſchon vor einem ganzen Menſchenalter ſprechen hören.“ „Nä, nä,“ unterbrach ihn Muir in ſeinem breiteſten Schot⸗ tiſch; das iſt'ne Ungerechtigkeit, Mann. Ich bin noch nicht ſo gar alt, nein.“ „Ich will Ihnen Gerechtigkeit widerfahren laſſen, auch wenn Sie das Beſte in dem Kartoffelverſuch weg kriegen ſollten. Sie haben für einen Soldaten ein gutes Menſchenalter an Orten ver⸗ lebt, wo die Büchſe täglich gebraucht wird, und ich weiß, Sie ſind ein geachteter und ſcharfblickender Schütze; aber doch ſind Sie kein rechter Büchſenſchütze. Was das Prahlen anbelangt, ſo hoffe ich, daß ich nicht als ein eitler Auskrämer meiner eigenen Thaten bekannt bin; aber die Gaben eines Menſchen ſind ſeine Gaben, und es hieße der Vorſehung Trotz bieten, wenn man ſie verläug⸗ nen wollte. Des Sergeanten Tochter hier ſoll zwiſchen uns Rich⸗ ter ſeyn, wenn Sie Luſt haben, ſich einem ſo artigen Richter zu unterwerfen.“ Der Pfadfinder hatte Mabel zur Schiedsrichterin gewählt, weil er ſie bewunderte, und weil der Rang in ſeinen Augen wenig oder keinen Werth hatte. Aber Lieutenant Muir ſchrack vor einer ————— 10 — 209 ſolchen Berufung in Gegenwart der Offiziersfrauen zurück. Er hätte wohl gern ſein Bild beſtändig vor den Augen und der Seele des Gegenſtandes ſeiner Hoffnungen gewünſcht; aber er war doch zu ſehr unter dem Einfluß alter Vorurtheile und vielleicht zu ſchlau, um öffentlich als ihr Verehrer aufzutreten, wenn er nicht auf einen ſicheren Erfolg hoffen durfte. Zu der Verſchwiegenheit des Majors Duncan hatte er ein volles Vertrauen und fürchtete von dieſer Seite aus keinen Verrath. Er mußte aber ſehr vorſichtig zu Werk gehen; denn wenn es ruchbar wurde, daß er von der Tochter eines Unter⸗ offiziers zurückgewieſen worden ſey, ſo mochte er bei der Bewerbung um eine andere Frau von Stande— und auf eine ſolche durfte er vernünftigerweiſe doch Anſpruch machen— wohl große Schwierig⸗ keiten finden. Aber Mabel erſchien ſo hübſch, erröthete ſo bezau⸗ bernd, lächelte ſo ſüß und war ein ſo gewinnendes Bild der Jugend, des Geiſtes, der Beſcheidenheit und Schönheit, daß er ungeachtet ſeiner Zweifel und Beſorgniſſe es für äußerſt verführeriſch fand, ſeine Perſon in ihrer ganzen Erhabenheit von der Phantaſie des Mädchens Beſitz nehmen zu laſſen, weshalb er es über ſich gewann, ſein Wort frei an ſie zu richten. „Es ſoll geſchehen nach Eurem Wunſche, Pfadfinder,“ erwie⸗ derte er, ſobald er mit ſeinen Zweifeln ins Reine gekommen war; „laßt des Sergeanten Tochter,— ſeine bezaubernde Tochter ſollte ich ſie genannt haben— Schiedsrichterin ſeyn, und ihr wollen wir beide den Preis widmen, den einer oder der andere ſicher gewinnen muß. Pfadfinder muß, wie Sie bemerken, meine Damen, eigen ge⸗ launt ſeyn, ſonſt würden wir ohne Zweifel die Ehre gehabt haben, uns dem Urtheil einer Dame aus Ihrer bezaubernden Geſellſchaft zu unterwerfen.“ Ein Aufruf an die Bewerber führte nun den Quartiermeiſter und ſeinen Gegner hinweg, und in wenigen Minuten begann der zweite Verſuch. Ein gewöhnlicher Werknagel, deſſen Kopf gefärbt war, wurde leicht in die Scheibe getrieben, und die Schützen mußten Der Pfadfinder. 3. Aufl. 14 3 210 ihn treffen, wenn ſie nicht ihren Schuß bei den weiteren Proben verlieren wollten. Niemand von denen, welche früher das Ochſen⸗ auge gefehlt hatten, wurde zugelaſſen. Es waren ungefähr ein halbes Dutzend Bewerber um die Ehre dieſes Probeſtücks. Einer oder zwei, welche bei dem erſten Schießen den gemalten Fleck nur nothdürftig berührt hatten, zogen es vor, ihren Ruf nicht aufs Spiel zu ſetzen, denn ſie fühlten, daß bei der ſchwereren Aufgabe, um die es ſich jetzt handelte, nichts für ſie zu erholen ſey. Die drei erſten Schützen fehlten, obſchon ſie der Marke ſehr nahe kamen, ohne ſie jedoch zu berühren. Der vierte in der Reihe war der Quartiermeiſter, welcher, nachdem er ſeine gewöhn⸗ lichen Stellungen durchgemacht hatte, in ſo weit glücklich ſchoß, daß ſeine Kugel ein kleines Stück von dem Kopf des Nagels trennte, und an der Seite des Punktes einſchlug. Dieß wurde als kein außerordentlicher Schuß betrachtet, obgleich er den Abenteurer wieder auf die Liſte brachte. „Sie haben Ihre Haut gerettet, Quartiermeiſter, wie man in den Anſtedelungen von den Kreaturen ſagt,“ rief Pfadfinder lachend; „aber es würde lange dauern, ein Haus mit einem Hammer zu bauen, der nicht beſſer als der Ihrige iſt. Jasper hier wird Ihnen zeigen, wie man einen Nagel treffen muß, oder der Junge hat etwas von der Feſtigkeit ſeiner Hand und der Sicherheit ſeines Auges verloren. Sie würden beſſer gethan haben, Lieutenant, wenn Sie Ihre Stellungen weniger ſoldatiſch gehalten hätten. Schießen iſt eine natürliche Gabe und muß auf eine natürliche Weiſe geübt werden. „Wir werden ſehen, Pfadfinder; ich nenne das einen recht artigen Schuß, und ich zweifle, ob das Fünfundfünfzigſte einen andern Hammer, wie Ihr es nennt, hat, der wieder gerade dahin zu treffen vermag.“ „Jasper iſt nicht im Fünfundfünfzigſten, aber da geht ſein Schlag hin.“ . 211 Als der Pfadfinder ſprach, traf Eau⸗douce's Kugel das Viereck des Nagels und trieb den Kopf deſſelben ungefähr einen Zoll tief in die Scheibe. „Nietet ihn aus, Jungen,“ ſchrie der Pfadfinder, indem er in die Fußſtapfen ſeines Freundes in dem Augenblick, als ſie frei wurden, trat.„Laßt es gut ſeyn mit einem neuen Nagel. Ich kann dieſen ſehen, obgleich die Farbe weggegangen iſt, und was ich ſehen kann, kann ich auch auf hundert Ellen treffen, und wäre es nur das Auge eines Musquitos. Habt ihr ihn ausgenietet?“ Die Flinte krachte; die Kugel flog ihren Weg und der Kopf des Nagels wurde in dem Holz begraben, bedeckt von einem Stück plattgedrückten Bleis. „Nun, Jasper, Junge,“ fuhr der Pfadfinder fort, indem er den Schaft ſeines Gewehrs zur Erde ſinken ließ, und das Geſpräch wieder aufnahm, als ob er gar nicht an ſeinen eigenen Schuß dächte. „Ihr verbeſſert Euch täglich. Noch einige Züge am Land in meiner Geſellſchaft, und der beſte Schütze an der Gränze wird ſich zu⸗ ſammennehmen müſſen, wenn er ſeinen Stand nach Euch nimmt. Der Quartiermeiſter iſt reſpectabel; aber er wird's nicht weiter bringen. Dagegen habt Ihr, Jasper, die Gabe, und könnt es eines Tages mit jedem Schützen aufnehmen.“ „Ho, ho!“ rief Muir,„Ihr nennt das Streifen eines Nagel⸗ kopfs nur reſpectabel, da es doch die Vollkommenheit der Kunſt iſt? Jeder, der nur in etwas ein verfeinertes und gebildetes Gefühl hat, weiß, daß die leichten Berührungen den Meiſter bekunden. Dagegen kommen Eure Schmidhammerſchläge nur aus dem Rohen und Un⸗ gebildeten. Wenn es beim Schießen heißt: um ein Haar gefehlt iſt ſo gut als um eine Meile gefehlt, ſo muß dieß doch noch mehr bei einem Treffer gelten, Pfadfinder, ob er nun verwundet oder tödtet.“ „Der ſicherſte Weg, dieſe Nebenbuhlerſchaft zu beruhigen, wird wohl ein anderer Verſuch ſeyn,“ bemerkte Lundie,„und das ſoll durch die Kartoffel geſchehen. Sie ſind ein Schotte, Herr Muir, 212 und möchten vielleicht beſſer fahren, wenn es ein Kuchen oder eine Diſtel wäre, aber der Gränzbrauch hat ſich für die amerikaniſche Frucht, die Kartoffel, erklärt.“ Da Major Duncan in ſeiner Weiſe einige Ungeduld kund gab, ſo hatte Muir zu viel Takt, den Fortgang der Beluſtigung noch länger durch ſeine Bemerkungen zu unterbrechen, ſondern bereitete ſich klugerweiſe für den nächſten Aufruf vor. Der Quartiermeiſter hatte zwar in der That wenig oder kein Vertrauen, daß er den nun folgenden Verſuch glücklich beſtehen werde, und würde es wohl nicht gewagt haben, ſich unter die Bewerber zu miſchen, wenn er vorausgeſehen hätte, daß er wirklich ſtattfinden würde. Aber Major Duncan, der etwas humoriſtiſch in ſeiner ruhigen, ſchottiſchen Weiſe war, hatte— ausdrücklich um ihn zu quälen— im Geheim bereits die nöthigen Vorbereitungen treffen laſſen; denn da er ſelbſt ein Laird war, ſo konnte er dem Gedanken keinen Geſchmack abgewinnen, daß ein Mann, welcher als ein Edelmann betrachtet werden wollte, ſeiner Kaſte durch Eingehung einer ungleichen Verbindung Unehre zu machen gedachte. Sobald alles eingeleitet war, wurde Muir aufgefordert, ſeinen Stand zu nehmen, und die Kartoffel zum Wurf in Bereitſchaft gehalten. Da dem Leſer die Weiſe des Kunſtſtücks, welches wir ihm vorführen werden, vielleicht neu iſt, ſo mag ein erläuterndes Wort die Sache klarer machen. Eine große Kartoffel wurde ausgewählt und Jemanden gegeben, welcher zwanzig Ellen von dem Schießſtande entfernt war. Auf das Wort„auf,“ welches von dem Schützen gegeben ward, wurde das Gewächs mit einem ſanften Stoß in die Luft geworfen, und es war nun die Aufgabe des Glücksritters, eine Kugel durch zu ſchießen, ehe es den Boden wieder erreichte. Unter hundert Verſuchen war es dem Quartiermeiſter nur ein Einzigesmal gelungen, dieſes ſchwere Kunſtſtück glücklich auszu⸗ führen. Er verſuchte es deshalb wieder mit einer Art von blinder Hoffnung, die ihm aber fehlſchlagen ſollte. Die Kartoffel wurde W W — V 213 auf die gewöhnliche Weiſe geworfen; der Schuß fiel; aber das fliegende Ziel blieb unberührt. „Rechts um— durchgefallen, Quartiermeiſter,“ ſagte Lundie, mit einem Lächeln über dieſen Erfolg:„die Ehre des ſeidenen Kalaſh wird zwiſchen Jasper Eau⸗douce und Pfadfinder liegen.“ „Und wie ſoll der Verſuch enden, Major,“ fragte der letztere. „Soll der mit den zwei Kartoffeln noch dazu kommen, oder iſt es mit Centrum und Haut abgethan?“ „Mit Centrum und Haut, wenn ein bemerklicher Unterſchied ſtattfindet; im andern Fall muß der Doppelſchuß folgen.“ „Das iſt für mich ein entſetzlicher Augenblick, Pfadfinder,“ bemerkte Jasper, und die Gewalt ſeiner Gefühle trieb alle Farbe aus ſeinem Geſichte, als er ſich gegen den Stand hinbewegte. Pfadfinder blickte ernſt auf den jungen Mann; dann bat er den Major, einen Augenblick Geduld zu haben, und führte ſeinen Freund etwas bei Seite, ſo daß die nahe Stehenden ſie nicht hören konnten. „Ihr ſcheint Euch dieſe Sache zu Herzen zu nehmen, Jasper?“ bemerkte der Jäger, indem er dem Jüngling mit feſten Blicken ins Auge ſah. „Ich muß zugeben, Pfadfinder, daß meine Gefühle ſich nie vorher ſo ſehr an den Erfolg knüpften.“ „Und verlangt Ihr ſo ſehr, mich auszuſtechen, einen alten geprüften Freund?— und das, ſo zu ſagen, auf meinem eigenen Wege? Schießen iſt meine Gabe, Junge, und keine gewöhnliche Hand kann ſich mit der meinigen meſſen.“ „Ich weiß es, ich weiß es, Pfadfinder, aber doch—“ „Aber was, Jasper, Junge?— Sprecht frei, Ihr ſprecht mit einem Freunde.“ Der junge Mann kniff ſich in die Lippen, fuhr mit der Hand über das Auge, und erröthete und erblaßte wechſelweiſe wie ein Mädchen, das ſeine Liebe geſteht. Dann drückte er des andern Hand und ſagte ruhig, und mit einer Männlichkeit, welche alle andern Gefühle überwältigte— „Ich wollte einen Arm drum geben, Pfadfinder, wenn ich dieſen Kalaſh Mabel Dunham anbieten könnte.“ Der Jäger ließ ſeine Augen zur Erde ſinken, und als er lang⸗ ſam gegen den Stand zurückging, ſchien er das, was er eben gehört hatte, tief zu erwägen. „Es kann Euch nie bei dem Doppelverſuch glücken, Jasper!“ bemerkte er plötzlich. „Deß bin ich nur zu gewiß, und eben das quält mich.“ „Was für ein Geſchöpf iſt doch der ſterbliche Menſch! Er ſehnt ſich ſchmerzlich nach Dingen, welche nicht zu ſeinen Gaben gehören, und behandelt die Wohlthaten, die ihm durch die Vorſehung zuge⸗ wieſen werden, mit Leichtfertigkeit. Macht nichts— macht nichts! Nehmt Euern Stand, Jasper, denn der Major wartet— und höͤrt, Junge,— ich muß die Haut berühren, denn ich könnte mit weniger als ſo viel mein Geſicht nicht mehr in der Garniſon zeigen.“ „Ich glaube, ich muß mich meinem Schickſal unterwerfen.“ erwiederte Jasper, wie früher bald erröthend, bald erbleichend,— „aber ich will mir Mühe geben, als ob es mein Leben gälte.“ „Was für ein Ding iſt der ſterbliche Menſch!“ wiederholte der Pfadfinder, indem er ſich zurückzog, um ſeinem Freunde Raum zum Zielen zu geben.—„Er überſieht ſeine eigenen Gaben, und trachtet nach denen von Anderen!“ Die Kartoffel wurde geworfen, Jasper feuerte und das darauf folgende Geſchrei leitete die Ankündigung ein, die Kugel ſey in das Centrum oder doch demſelben ſo nahe eingedrungen, daß der Schuß wohl als ein Centrumſchuß beurtheilt zu werden verdiente. „Das iſt ein Mitbewerber, der Eurer würdig iſt, Pfadfinder,“ rief Major Duncan vergnügt, als der Erſtere ſeinen Stand nahm, „und wir werden noch einige ſchöne Schüſſe bei dem Doppelverſuch zu ſehen bekommen.“ 4 „ 215 „Was für ein Ding iſt der ſterbliche Menſch!“ wiederholte der Jäger, welcher ſo ſehr in ſeine eigenen Betrachtungen vertieſt war, daß er kaum auf das, was um ihn vorging, zu achten ſchien, „Auf! Die Kartoffel flog, die Flinte krachte, wie man bemerkte, ge⸗ rade als der kleine, ſchwarze Ball in der Luft zu halten ſchien: denn der Schütze nahm augenſcheinlich ungewöhnliche Sorgfalt auf ſein Ziel. Dann folgte ein Blick der getäuſchten Erwartung und Ver⸗ wunderung unter denen, welche das fallende Ziel aufgefangen hatten. „Zwei Löcher auf einer Seite?“ rief der Major aus. „Die Haut, die Haut,“ war die Antwort,„nur die Haut!“ „Was iſt das, Pfadfinder? Soll Jasper Cau⸗douce die Ehre des Tages davon tragen?“ „Der Kalaſh iſt ſein,“ erwiederte der andere mit Kopfſchütteln und verließ ruhig den Stand.„Was für ein Geſchöpf iſt der ſterb⸗ liche Menſch! Nie iſt er mit ſeinen eigenen Gaben zufrieden, und trachtet immer nach dem, was ihm die Vorſehung verſagt hat!“ Da der Pfadfinder ſeine Kugel nicht durch die Mitte der Kar⸗ toffel geſchickt, ſondern nur die Haut durchſchnitten hatte, ſo wurde der Preis unmittelbar Jasper zugeſprochen. Der Kalaſh war in den Händen des letzteren, als der Quartiermeiſter herzutrat, und mit einem glatten Scheine von Herzlichkeit ſeinem glücklicheren Neben⸗ buhler Glück zu dem Siege wünſchte. „Aber nun habt Ihr den Kalaſh gewonnen, Junge, der Euch zu nichts nütze iſt,“ fügte er bei.„Ihr könnt weder ein Segel noch eine Flagge daraus machen. Ich denke, Eau⸗douce, daß es Euch nicht leid thäte, ſeinen Werth in gutem königlichem Silber in Eurer Taſche zu ſehen?“ „Er iſt für kein Geld feil, Lieutenant,“ erwiederte Jasper, deſſen Auge von dem ganzen Feuer des Glückes und der Freude ſtrahlte.„Dieſer gewonnene Kalaſh iſt mir lieber, als fünfzig neue vollſtändige Segel für den Seud!“ 216 „Ho! ho! Junge! Ihr werdet mir ſo toll, wie alle die andern. Sch habe es eben wagen wollen, Euch eine halbe Guinea für dieſe Kleinigkeit anzubieten.'s wäre doch beſſer, als doenn er in der Kajüte Eures Kutters unter den Füßen umherfährt, oder am Ende ein Kopfputz für eine Squaw wird.“. Obgleich Jasper nicht wußte, daß der ſchlaue Duartiermeiſter ihm nicht die Hälfte des wirklichen Werthes ſeiner Prämie ange⸗ „boten hatte, hörte er doch ſeinen Vorſchlag mit Gleichgültigkeit an. Er ſchüttelte verneinend den Kopf, und ging Zuf das Gerüſte zu, wo ſeine Annäherung eine kleine Bewegungf veranlaßte, da die Offiziers⸗Frauen ſammt und ſonders ſich entſ wloſſen hatten, wenn Galanterie den jungen Schiffer veranlaſſen ſollte, mit ſeinent Ge⸗ winnſt ein Geſchenk machen zu wollen, es anzunehnten. Aber Jasyers Schüchternheit nicht weniger, als ſeine Bewundern arsſtr ine Andere, würde ihn gehindert haben, nach der Ehre eines peomplimentes an diejenigen, die er ſo hoch über ſich dachte, zu ſtot en.“ „Mabel,“ ſagte er,„dieſer Preis iſt für Sie, wenn nicht—“ „Wenn nicht was, Jasper?“ antwortete das Mädchen, welche bei dem natürlichen und großmüthigen Wunſche, ihn feiner Ver⸗ legenheit zu entheben, ihre eigene Schüchternheit verlor, ighgleich Beide in einer Weiſe errötheten, welche tiefere Gefühle verrieth. „Wenn Sie ihn nicht für zu unbedeutend halten, da er von einem angeboten wird, welcher kein Recht haben mag, zu glauben, daß ſeine Gabe angenommen werde.“ „Ich nehme ſie an, Jasper; ſie ſoll mir ein Erinnerungszeichen der Gefahr, welche ich in Eurer Geſellſchaft durchgemacht habe, und der Dankbarkeit ſeyn, welche ich für Eure Sorgfalt um mich fühle— für Eure und des Pfadfinders Sorgfalt.“ „Laßt's gut ſeyn; laßt's gut ſeyn,“ rief der letztere.„Dieß iſt Jaspers Glück und Jaspers Gabe. Geben Sie ihm vollen Kredit für beides. Die Reihe kann au einem andern Tag an mich kommen, an mich und den Quartiermeiſter, der wegen des Kalaſhes — — 217 dem Jungen zu grollen ſcheint, obgleich ich nicht einſehe, zu was er ihn braucht, da er kein Weib hat.“ „Und hau Jasper Eau⸗douce ein Weib? oder habt Ihr ſelbſt ein Weib, Pſadfinder? Ich kann ihn brauchen, daß er mir ein Weib kriegen helfe, oder als ein Erinnerungszeichen, daß ich ein Weib Hatte, oper als einen Beweis, wie ſehr ich dieſes Geſchlecht bewundere, oder weil er ein Frauenſchmuck iſt, oder aus irgend einem ander“ glech achtbaren Grunde. Die Nichtreflectirenden ſind nicht vie Geachennen bei den Gedankenvollen, und es gibt, laßt's euch it et geſagt Vn, kein ſicheres Zeichen, daß ein Mann ein auter Hatte ſe erſten Gefährtin war, als wenn er ſich eilig nac, aer geeigieten Nachfolgerin umſieht. Die Liebe iſt eine ſchön Zobe ve Worſehung, und diejenigen, welche wahrhaft geliebt haven benerm. wie reichlich ſie dieſe Wohlthat genoſſen, wenn ſie ſo vals als moach wieder eine andere lieben.“ „Es mac ſeyn— es mag ſo ſeyn. Ich bin kein Praktiker in ſolenen Dingen; aber Mabel hier, des Sergeanten Tochter, wird Ihre Worte voll zu würdigen wiſſen. Kommt, Jasper! obſchon wir nichts dabei zu thun haben, ſo wollen wir doch ſehen, was andern Jungen mit ihren Buͤchſen ausrichten.“ Afadfinder und ſeine Gefährten zogen ſich zurück, denn die Beluſtigung nahm nun wieder ihren Fortgang. Die Damen jedoch waren nicht ſo ſehr von dem Schießen in Anſpruch genommen, um den Kalaſh darüber zu vernachläſſigen. Er ging von Hand zu Hand; man befühlte die Seide, krittelte an der Facon und unter⸗ ſuchte die Arbeit. Dann wagte man auch verſchiedene Meinungen zu äußern, ob es auch paſſend ſey, daß ein ſo ſchöner Putz in den Beſitz einer Unterofftzierstochter gekommen. „Ihr werdet vielleicht geneigt ſeyn, den Kalaſh zu verkaufen, Mabel, wenn Ihr ihn eine kurze Zeit beſeſſen habt?“ fragte die Kapitäntfrau,„denn tragen könnt Ihr ihn doch nie, ſollte ich denken.“ „Ich will ihn nicht tragen,“ erwiederte unſre Heldin beſcheiden, „doch möchte ich mich auch nicht von ihm trennen.“ „Sergeant Dunham verſetzt Euch freilich nicht in die Noth⸗ wendigkeit, Eure Kleider zu verkaufen, mein Kind, es iſt aber immer weggeworfenes Geld, einen Putzartikel zu behalten, den Ihr doch nie tragen könnt.“ „Ich würde mich ungerne von der Gabe eines Freundes trennen.“ „Aber der junge Mann wird um ſo beſſer von Eurer Klugheit denken, wenn der Triumph dieſes Tages vergeſſen iſt. Es iſt ein artiger und anſtändiger Kalaſh, und ſollte nicht weggeworfen werden.“ „Es iſt nicht meine Abſicht, ihn wegzuwerfen, Madame, und wenn es Ihnen gefällt, will ich ihn lieber behalten.“ „Wie Ihr wollt, Kind; Mädchen in Eurem Alter überſehen oft ihren wahren Vortheil. Doch erinnert Euch, daß er, wenn Ihr Eunch entſchließt, über ihn zu verfügen, beſtellt iſt, und daß ich ihn nicht nehmen werde, wenn Ihr ihn je einmal ſelbſt aufge⸗ ſetzt hättet.“ „Ja, Madame,“ ſagte Mabel mit möglichſt demüthiger Stimme, obgleich ihre Augen wie Diamanten funkelten und ihre Wangen ſich zu den Tinten zweier Roſen rötheten, als ſie den verlotenen Schmuck eine Minute lang über ihre wohlgeformten Schultern legte, als ob ſie verſuchen wolle, wie er ihr paſſe, und ihn dann ruhig wieder abnahm. Der Reſt der Beluſtigung bot wenig Intereſſe. Man ſchoß wohl gut, aber in keinem Vergleich mit den eben erzählten Lei⸗ ſtungen, und die Bewerber wurden bald ſich ſelbſt überlaſſen Die Damen und die meiſten Oſſtziere zogen ſich zurück, und die ibrigen Frauen folgten ihrem Beiſpiel. Mabel kehrte über die medrigen Felſenplatten, welche das Ufer des Sees bedeckten, heim und ließ den zierlichen Kalaſh auf ihrem noch zierlicheren Fingo flattern, als der Pfadfinder zu ihr traf. Er führte die Büchf bei ſich, / — 219 deren er ſich an dieſem Tage bedient hatte; aber ſein Benehmen zeigte weniger von der freien Leichtigkeit des Jägers, als gewoͤhn⸗ lich, und ſein Auge ſchien unſtet und düſter. Nach einigen nichts⸗ ſagenden Worten über die vor ihnen liegende großartige Waſſer⸗ fläche wandte er ſich, mit dem Ausdruck eines großen Anliegens in ſeinem Geſicht, gegen das Mädchen und ſprach:— „Jasper erndtete dieſen Kalaſh für Sie, Mabel, ohne ſeine Gaben ſehr anzuſtrengen.“ „Er hat ſich gut gehalten, Pfadfinder.“ „Kein Zweifel— kein Zweifel. Die Kugel ging hübſch durch die Kartoffel, und Niemand hätte mehr thun können, obgleich Andere hätten eben ſo viel leiſten mögen.“ „Aber keiner leiſtete eben ſo viel!“ rief Mabel mit einer Leb⸗ haftigkeit, welche ſie im Augenblick bereute; denn ſie ſah aus dem ſchmerzlichen Blick des Wegweiſers, wie ſehr er durch dieſe Bemer⸗ kung ſowohl, als durch das Gefühl, mit welchem ſie dieſelbe aus⸗ ſprach, gekränkt wurde. „Es iſt wahr— es iſt wahr, Mabel, Keiner leiſtete eben ſo viel; aber— doch ich ſehe keinen Grund, warum ich meine Gaben, die von der Vorſehung kommen, verläugnen ſollte— ja, ja; Keiner leiſtete dort ſo viel, aber Sie ſollen ſehen, was hier gethan werden kann. Sehen Sie die Möven, welche über unſern Köpfen fliegen?“ „Sicher, Pfadfinder; es ſind ihrer zu viele, um der Beobach⸗ tung zu entgehen.“ „Hier, wo ſie quer über einander hinfliegen, ſetzte er hinzu, indem er den Hahn ſpannte und die Büchſe erhob;„die zwei— die zwei: nun ſehen Sie!“ Das Gewehr wurde mit Gedankenſchnelle angelegt, als ge⸗ rade zwei Voͤgel in eine Linie kamen, obgleich ihre Entfernung von einander viele Ellen betragen mochte; ber Schuß fiel, und die Kugel drang durch die Körper der beiden Opfer. Die Möͤven waren kaum in den See gefallen, als der Pfadfinder ſeinen Büchſenſchaft 220 fallen ließ und in ſeiner eigenthümlichen Weiſe auflachte. Jeder Schatten von Unzufriedenheit und gekränktem Stolze hatte ſein ehrliches Geſicht verlaſſen. „Das iſt etwas, Mabel— das iſt etwas; obgleich ich Ihnen keinen Kalaſh zu geben habe. Aber fragen Sie Jaspern ſelbſt; ich will Alles Jaspern überlaſſen, denn eine wahrere Zunge und ein treueres Herz iſt nicht in Amerika.“ „Es war alſo nicht Jaspers Verdienſt, daß er den Preis ge⸗ wonnen hat?“ „Nicht doch! Er that ſein Beſtes, und traf gut. Für einen, der beſſere Waſſergaben als Landgaben hat, iſt Jasper ungemein erfahren, und man kann ſich weder auf dem Waſſer noch auf dem Land einen beſſern Rückhalt wünſchen. Aber es war mein Werk, Mabel, daß er den Kalaſh gewonnen hat, obgleich es gerade keinen Unterſchied macht— es macht keinen Unterſchied, denn das Ding iſt an die rechte Perſon gekommen.“ „Ich glaube, ich verſtehe Euch, Pfadfinder,“ ſagte Mabel mit unwillkührlichem Erröthen;„und ich betrachte nun den Kalaſh als die vereinte Gabe von Euch und Jaspern.“ „Da würden Sie dem Jungen Unrecht thun. Er gewann das Kleidungsſtück und hatte ein Recht, es wegzugeben. Ich wänſche nur, Mabel, Sie möchten glauben, daß, wenn ich es gewonnen hätte, es an dieſelbe Perſon gekommen wäre.“ „Ich will es nicht vergeſſen, Pfadfinder, und Sorge tragen, daß auch Andere Eure Geſchicklichkeit erfahren, die Ihr in meiner Gegenwart an den armen Möven erprobt habt.“ „Gott ſegne Sie, Mabel; aber es iſt an dieſer Gränze eben ſo unnöthig, meinem Schießen das Wort zu reden, als von dem Waſſer des Sees oder der Sonne am Himmel zu ſprechen. Jeder⸗ mann weiß, was ich in dieſer Beziehung leiſten kann, und Ihre Worte wären eben ſo verloren, wie das Franzöſiſche bei einem Amerikaniſchen Bären.“ 221 „Ihr denkt wohl, Jasper wiſſe, daß Ihr ihm den Vortheil verſchafft habt, welchen er auf eine ſo unſchöne Weiſe benutzt hat?“ ſagte Mabel, indem die Farbe, welche ihren Augen ſo viel Glanz verliehen hatte, allmählig ihr Geſicht verließ, das nun den Ausdruck eines gedankenvollen Ernſtes annahm. „Ich bin weit entfernt, das zu ſagen. Wir Alle vergeſſen Dinge, die wir gewußt haben, wenn wir auf unſere Wünſche ſehr erpicht ſind, Jasper weiß wohl, daß ich eine Kugel eben ſo gut durch zwei Kartoffeln ſchicken kann, als ich es eben bei dieſen Möven gethan habe, und er weiß, daß kein anderer Mann an der Gränze dieſes vermag. Aber mit dem Kalaſh vor ſeinen Augen, und der Hoffnung, ihn Ihnen zu geben, war der Junge vielleicht gerade in dieſem Augenblicke geneigt, beſſer von ſich ſelbſt zu den⸗ ken, als er hätte thun ſollen. Nein, nein; es iſt nichts Niedriges oder Verdächtiges an Jasper Eau⸗douce, denn es iſt eine natür⸗ liche Gabe aller jungen Leute, vor den Augen ſchöner, junger Frauen ſich auszeichnen zu wollen.“ „Ich will verſuchen, Alles zu vergeſſen, mit Ausnahme der Güte, welche Ihr Beide gegen ein armes, mutterloſes Mädchen gezeigt habt,“ ſagte Mabel, indem ſie ſich bemühte, Bewegungen zu unterdrücken, von denen ſie kaum einen Grund anzugeben wußte. „Glaubt mir, Pfadfinder, ich werde es nie vergeſſen, was Ihr ſchon Alles für mich gethan habt— Ihr und Jasper; und dieſer neue Beweis Eurer Achtung ſoll nicht verloren ſeyn. Hier, hier iſt eine ſilberne Buſennadel, und ich biete ſie Euch an als ein Wahrzeichen, daß ich Euch mein Leben oder meine Freiheit verdanke.“ „Was ſoll ich thun mit dieſem, Mabel?“ fragte der Jäger verlegen, als er den einfachen Zierrath in ſeiner Hand hielt.„Ich habe weder Schnalle noch Knopf an mir, denn ich trage nichts als lederne Schnüre, und zwar aus guten Hirſchhäuten. Es fällt hübſch in’'s Auge, aber es iſt weit ſchöner an der Stelle, von der es kam, als es an mir ſeyn würde.“ — 222 „Nein, macht ſie in Euer Jagdhemd; ſie wird Euch gut ſtehen. Erinnert Euch, daß es ein Zeichen unſerer Freundſchaft iſt, und ein Merkmal, daß ich Eurer und Eurer Dienſte nie vergeſſen kann.“ Mabel grüßte dann lächelnd zum Abſchied, und an dem Damme hinhüpfend, verlor ſich ihre Geſtalt bald hinter dem Walle des Forts. Zwölftes Kapitel. Siehſt du bei dem bewährten Strome nicht Dort jene Maſſe an dem Damme dunkeln; Indeß die Sterne mit erſtorbnem Licht Kaum durch das dumpfe Nebeldüſter funkeln? Byron. Einige Stunden ſpäter ſtand Mabel in tiefe Gedanken ver⸗ ſunken auf dem Bollwerke, von dem aus man den Fluß und den See überſehen konnte. Der Abend war ruhig und ſanft, und es hatte ſich die Frage aufgeworfen, ob die Mannſchaft wegen der gänzlichen Windſtille dieſe Nacht abfahren könne, oder nicht. Die Waffen und Mundvorräthe waren bereits eingeſchifft und auch Mabels Effekten an Bord; aber die kleine Anzahl Leute, welche mitſegeln ſollten, waren noch am Ufer, und es hatte nicht das Ausſehen, als ob der Kutter ſich auf den Weg machen werde. Da Jasper den Seud aus der Bay ſtromaufwärts gewunden hatte, um nach Belieben die Mündung des Fluſſes paſſiren zu können, ſo blieb das Fahrzeug dort ruhig vor einem einzelnen Anker liegen, indeß die gezogene Mannſchaft müßig am Ufer der Bay hin und her gieng, ohne zu wiſſen, ob es überhaupt zur Abfahrt kommen werde. Die Beluſtigungen des Morgens hatten eine Ruhe in der Garniſon zurückgelaſſen, welche mit der Schönheit des gegen⸗ 223 wärtigen Schauſpiels im Einklange war, und Mabel fühlte den Einfluß derſelben auf ihre Gefühle, obgleich ſie wahrſcheinlich zu wenig gewöhnt war, über ſolche Empfindungen nachzuſinnen, um den Grund derſelben zu bemerken. Alles in der Nähe erſchien lieblich und mild, während die feierliche Größe der ſchweigenden Wälder und die ſanfte Fläche des Sees das Gepräge einer Er⸗ habenheit trug, die man bei andern Scenen wohl vergebens ge⸗ ſucht haben würde. Das erſtemal fühlte Mabel den Einfluß, welchen die Städte und die Civiliſation auf ihre Gewohnheiten geübt hatten, merklich geſchwächt, und ihr warmes Herz fing an zu glauben, daß ein Leben unter den ſie umgebenden Verhältniſſen wohl ein glückliches ſeyn könnte. Wie weit jedoch die Erfahrung der letzten zehn Tage dieſer ruhigen und heiligen Abendſtunde zu Hülfe kam und zur Bildung dieſer jungen Ueberzeugung beitrug, das mag in dieſem frühen Abſchnitte unſerer Erzählung eher ver⸗ muthet, als behauptet werden. „Ein herrlicher Sonnenuntergang, Mabel,“ ſagte die kräftige Stimme ihres Onkels ſo dicht an ihrem Ohre, daß unſere Heldin davor zurückfuhr—„ein herrlicher Sonnenuntergang! Mädchen, was das Friſchwaſſer betrifft, obgleich wir auf dem Meere nur wenig davon halten würden.“ „Iſt nicht die Natur dieſelbe, am Lande oder auf dem Meere, auf einem See, wie dieſer, oder dem Ocean? Scheint die Sonne nicht überall gleich, lieber Onkel? und müſſen wir nicht mit innigem Danke die Segnungen der Vorſehungen erkennen, an dieſer entfernten Gränze ſo gut, als in unſerm Manhattan?“ „Das Maädchen iſt über einige von ihrer Mutter Büchern gekommen— obgleich ich gedacht hätte, der Sergeant würde kaum einen zweiten Marſch mit ſolchem Plunder unter ſeiner Bagage machen. Iſt nicht die Natur dieſelbe— in der That! Wie, Mabel, bildeſt du dir etwa ein, daß die Natur eines Soldaten dieſelbe ſey, wie die eines Seemannes? Du haſt Verwandte 224 in dieſen beiden Geſchäftszweigen, und mußt mir antworten können.“ „Aber, Onfel, ich meine die menſchliche Natur—“ „Ja, gerade die mein' ich, Mädchen; die menſchliche Natur eines Seemannes und die menſchliche Natur eines dieſer Burſche vom Fünfundfünfzigſten, ſelbſt deinen eigenen Vater nicht ausge⸗ nommen. Da haben ſie heute ein Wett⸗Ziel⸗Scheibenſchießen, wie ich es nennen möchte, gehalten, und was für ein ganz anderes Ding iſt das geweſen als ein Scheibenfeuer auf dem Meere. Da hätten wir unſere Breitſeite ſpringen und die Kugeln ſpielen laſſen auf einen Gegenſtand, eine halbe Meile in der größten Nähe entfernt. Und die Kartoffeln?— wenn etwa eine an Bord ſich verirrt hätte, was aber wahrſcheinlich nicht der Fall geweſen wäre, die wären wohl in des Kochs Kupferkeſſel geblieben. Es mag ein ehrenwerther Beruf ſeyn, der eines Soldaten, Mabel; aber ein erfahrner Kerl ſieht viele Thorheiten und Schwächen in einem ge⸗ wiſſen Fort. Was das Bischen See da anbelangt, ſo weißt du bereits, was ich davon denke, und ich will nichts verachten. Kein rechter Seefahrer verachtet etwas! aber ich will v—— ſeyn, wenn ich dieſen Ontario da, wie ſie ihn nennen, anders betrachte, als ſo viel Waſſer in einer Schiffslukenrinne. Nun ſieh einmal, Mabel, wenn du den Unterſchied zwiſchen dem Ocean und einem See kennen lernen willſt, ſo kann ich dir das auf einen einzigen Blick begreiflich machen. Dieß iſt was man einen Kalm“ nennen könnte, denn du ſiehſt, daß kein Wind da iſt, obgleich ich, die Wahrheit zu geſtehen, nicht glaube, daß dieſer Kalm ſo ruhig iſt als die, welche wir draußen haben—“ „Onkel, es geht ja kein Lüftchen. Die Blätter können un⸗ möglich noch unbeweglicher ſeyn, als ſie es in dieſem Augenblicke durch den ganzen Forſt ſind.“ „Blätter! was ſind Blätter, Kind? Es gibt keine Blätter auf * Windſtille. 225 dem Meere. Wenn du wiſſen willſt, ob ein todter Kalm da iſt oder nicht, ſo zünde ein gegoſſenes Licht an— die gezogenen flackern zu viel— und dann kannſt du gewiß wiſſen, ob ein Wind da iſt, oder keiner. Wenn du in einer Breite wäreſt, wo die Luft ſo ſtill iſt, daß es dir ſchwer würde, ſie ſogar durch Deine Athemzüge zu ſtören, ſo könnteſt du dir einen Begriff von einem Kalm machen. In den Kalmbreiten koͤnnen die Leute nur ganz kurz Athem holen. Nun, ſieh einmal wieder auf dieſes Waſſer. Es iſt wie Milch in der Pfanne, mit nicht mehr Bewegung, als in einem vollen Faß, ehe der Spund geſprungen iſt. Auf dem Meere iſt das Waſſer nie ſtill, mag die Luft ſo ruhig ſeyn, als ſie will.“ „Das Waſſer auf dem Meere iſt nie ſtill, Onkel Cap, nicht einmal bei einer Windſtille?“ „Gewiß nicht, mein Kind. Das Meer athmet wie ein lebendiges Weſen, und ſein Buſen hebt ſich immer, wie die Verſe⸗ macher es nennen, wenn auch gleich nicht mehr Luft da iſt, als man etwa in einem Heber finden kann. Niemand hat je das Meer ſo ſtill wie dieſen See geſehen; es hebt ſich und ſetzt ſich, als ob es Lungen hätte.“ „Aber auch dieſer See iſt nicht ganz ruhig, denn dort bemerkt Ihr den leichten Wellenſchlag am Ufer, und zeitenweiſe könnt Ihr auch die Brandung hören, die ſich an den Felſen bricht.“ „Alles v—— e Dichterei. Man kann, wenn man will, eben ſo gut eine Waſſerblaſe einen Wellenſchlag, und eine⸗ Deckenwäſche eine Brandung nennen. Nein, der Ontario⸗See iſt gegen das Atlantiſche Meer nichts weiter, als was ein Fiſcherkahn gegen ein Kriegsſchiff erſten Nanges. Uebrigens der Jasper da, das iſt ein ordentlicher Burſche, und es fehlt ihm nichts, als Unterricht, um einen Mann aus ihm zu machen.“ „Ihr haltet ihn für unwiſſend, Onkel,“ erwiederte Mabel, indem ſie ihre Locken zurecht machte, wobei ſie, ſey es weil ſie es mußte, oder weil ſie es zu müſſen glaubte, ihr Geſicht abwandte. Der Pfadfinder. 3. Aufl. 15 3 226 „Mir ſcheint Jasper Eau⸗douce mehr zu wiſſen, als die meiſten jungen Leute ſeiner Claſſe. Er hat zwar wenig geleſen, denn Bücher ſind nicht ſehr häufig in dieſer Gegend der Welt; aber er hat, wenig⸗ ſtens ſcheint es mir ſo, viel gedacht für einen ſo jungen Menſchen.“ „Er iſt unwiſſend, er iſt unwiſſend, wie es nothwendig Alle ſeyn müſſen, die auf einem ſolchen Binnenwaſſer ſegeln. Es iſt zwar wahr, er kann einen flachen Knopf machen und einen Timmer⸗ ſtich, aber er hat ſo wenig einen Begriff von dem Schauermanns⸗ Knopf und dem Rahband⸗Knopf, als du von dem Verkatten eines Ankers. Doch, Mabel, wir Beide ſind dem Jasper und dem Pfad⸗ finder in etwas verpflichtet; und ich habe daran gedacht, wie ich ihnen am beſten einen Dienſt erweiſen kann; denn ich halte die Undankbarkeit für das Laſter eines Schweins. Einige Leute ſagen, ſie ſey das Laſter eines Königs, aber ich ſage, es iſt das eines Schweines; denn bewirthe es mit deinem eigenen Mittagsmahl, ſo wird es dich zum Deſſert verſpeiſen.“ „Sehr wahr, lieber Onkel! Wir müſſen auch in der That thun, was wir können, um dieſen beiden braven Männern für die geleiſteten Dienſte unſeren Dank uszudrücken.“ „Geſprochen wie deiner Mutter Tochter, Mädchen, und auf eine Art, welche der Cap'ſchen Familie Ehre macht. Nun, es iſt mir da ein Gegendienſt eingefallen, der alle Partien zufrieden ſtellen wird, und ſobald wir von dieſer kleinen Erpedition an dem See da drunten, wo die tauſend Inſeln ſind, zurückkommen und ich mich zu der Heimreiſe anſchicke, ſo iſt es meine Abſicht, ihnen denſelben vorzuſchlagen.“ „Liebſter Onkel, das iſt recht vernünftig und billig von Euch. Darf ich fragen, was Eure Abſichten ſind?“ „Ich ſehe keinen Grund, warum ich ſie gegen dich geheim halten ſoll; nur iſt es nicht gerade nöthig, daß du deinem Vater etwas davon ſagſt, denn der Sergeant hat ſeine Vorurtheile, und könnte Schwierigkeiten in den Weg legen. Weder aus Jaspern 227 noch aus ſeinem Freund Pfadfinder kann hier herum etwas werden, und ich will ihnen daher den Vorſchlag machen, ſie mit mir an die Küſte und an Bord zu nehmen. Jasper würde ſich in vierzehn Tagen in die Oceansſchuhe finden, und eine Reiſe von zwölf Mo⸗ naten würde einen ganzen Mann aus ihm machen. Der Pfadfinder würde freilich mehr Zeit brauchen, oder vielleicht nie ganz tauglich werden; doch könnte man auch etwas aus ihm machen, einen Aus⸗ luger etwa, weil er ſo ungewöhnlich gute Augen hat.“ „Onkel, glaubt Ihr wohl, daß ſie mit Euch gleiche Anſichten haben werden?“ ſagte das Mädchen lächelnd. „Müßte ich ſie nicht für Tröpfe halten? Welches vernünftige Weſen wird ſein Weiterkommen vernachläſſigen? Wenn Jasper dieſen Weg verfolgt, ſo kann er noch als der Herr irgend eines Schiffes mit langen Rahen abſterben.“ „Und würde er darum glücklicher ſeyn, lieber Onkel? Um wie viel iſt denn der Herr eines Schiffes mit langen Rahen beſſer, als der eines Fahrzeuges mit kurzen?“ „Pah, pah! Magnet; du biſt gerade geeignet, vor irgend einer hyſteriſchen Geſellſchaft Vorleſungen über Schiffe zu halten, denn du weißt nicht einmal, von was du ſprichſt. Ueberlaß dieſe Dinge mir, und ſie werden beſſer ausfallen. Ah! da iſt der Pfad⸗ finder ſelbſt. Ich möchte ihm wohl ſo einen kleinen Wink über meine wohlwollenden Geſinnungen gegen ihn hinwerfen. Hoffnung iſt ein mächtiger Hebel für unſere Thätigkeit.“ Cap nickte mit dem Kopf und beendigte ſeine Rede, als der Jäger näher kam. Dieſes geſchah jedoch nicht mit ſeiner gewöhn⸗ lichen, freien, leichten Manier, ſondern mehr in einer Weiſe, welche andeutete, daß er etwas verwirrt, wo nicht mißtrauiſch wegen der Art ſeines Empfanges war. „Onkel und Nichte bilden eine Familienpartie,“ ſagte der Pfadfinder, als er Beiden nahe ſtand,„und ein Fremder möchte wohl nicht der willkommenſte Geſellſchafter ſeyn.“ 228 „Ihr ſeyd kein Fremder, Meiſter Pfadfinder,“ erwiederte Cap, „und Niemand kann willkommener ſeyn, als Ihr. Wir ſprachen dieſen Augenblick von Euch, und wenn Freunde von einem Ab⸗ weſenden ſprachen, ſo kann er den Inhalt ihrer Worte errathen.“ „Ich frage nicht nach Geheimniſſen, nein. Jeder Menſch hat ſeine Feinde, und ich habe die meinigen, obgleich ich weder Euch, Meiſter Cap, noch die liebliche Mabel hier unter ihre Zahl rechne. Was die Mingos anbelangt, ſo will ich davon ſchweigen, obſchon ſie keine gerechte Urſache haben, mich zu haſſen.“ „Dafür will ich einſtehen, Pfadfinder, denn ich betrachte Euch für ein gutgeſinntes und aufrichtiges Weſen. Doch gibt es eine Methode, wie Ihr der Feindſchaft gerade dieſer Mingos entgehen könnt; und wenn Ihr Euch entſchließen könntet, ſie zu ergreifen, ſo würde Niemand geneigter ſeyn, ſie Euch mitzutheilen, als ich, ohne daß mein Rath gerade maßgebend ſeyn ſoll.“ „Ich wünſche keine Feinde, Salzwaſſer,“— denn ſo fing Pfad⸗ finder an, Cap zu nennen, indem er unwillkührlich den Namen, welcher Letzterem von den Indianern in und außer dem Fort gege⸗ ben wurde, adoptirt hatte;—„ich wünſche keine Feinde, und wäre bereit, die Art ſowohl mit den Mingos als mit den Franzoſen zu vergraben; aber Ihr wißt wohl, daß es von einem größern, als wir ſind, abhängt, die Herzen ſo zu lenken, daß ein Menſch ohne Feinde bleibt.“ „Menn Ihr Euern Anker lichtet, und mich an die Küſten hinab begleitet, Freund Pfadfinder, ſo bald wir von dem kurzen Kreuzzug, zu dem wir uns anheiſchig gemacht haben, zurückkehren, ſo werdet Ihr Euch außer dem Bereich des Kriegsgeſchreies und ſicher genug vor einer indianiſchen Kugel befinden.“ „Und was ſollte ich an dem Salzwaſſer thun? Jagen in Euren Städten? Die Fährten der Leute, welche auf den Markt und wieder zurückgehen, verfolgen, und gegen Hunde und Hühner in den Hinterhalt liegen? Ihr ſeyd kein Freund meines Glückes, ——. 229 Meiſter Cap, wenn Ihr mich dem Schatten der Wälder entführen und in die Sonne des gelichteten Landes ſetzen wollt.“ „Mein Vorſchlag geht nicht dahin, Euch in den Anſiedelungen zu laſſen, ſondern Euch aufs Meer hinauszuführen, wo man allein ſagen kann, daß man frei Athem ſchöpfe. Mabel kann mir's be⸗ zeugen, daß das meine Abſicht war, ehe ich Euch noch ein Wort über dieſen Gegenſtand mittheilte.“ „Und was denkt Mabel wohl, daß bei einem ſolchen Tauſch herauskomme? Sie weiß, daß der Menſch ſeine Gaben hat, und daß es eben ſo nutzlos iſt, denen eines andern nachzuſtreben, als denen, welche von der Vorſehung kommen, zu widerſtehen. Ich bin ein Jäger und Kundſchafter, oder ein Wegweiſer, Salzwaſſer, und es liegt nicht in mir, dem Himmel Trotz zu bieten und etwas anderes werden zu wollen. Habe ich recht, Mabel, oder ſind Sie ſo ſehr Weib, daß Sie eine Natur verändert ſehen möchten?“ „Ich möͤchte keinen Wechſel in Euch ſehen, Pfadfinder,“ er⸗ wiederte Mabel mit einer herzlichen Aufrichtigkeit und Freimüthig⸗ keit, welche des Jägers Herz traf;„und ſo ſehr mein Onkel das Meer bewundert, und ſo groß auch das Gute ſeyn mag, das wir nach ſeiner Meinung demſelben verdanken, ſo wünſchte ich doch den beſten und edelſten Jäger der Wälder nicht einmal in einen Admi⸗ ral verwandelt zu ſehen. Bleibet, was Ihr ſeyd, mein wackerer Freund, und Ihr braucht nichts zu fürchten, als den Zorn Gottes.“ „Hoͤrt Ihr's, Salzwaſſer? Hört Ihr, was des Sergeanten Tochter ſagt, und ſie iſt viel zu aufrichtig, zu edelſinnig und an⸗ muthig, um anders zu denken, als ſie ſpricht. So lange ſie mit mir zufrieden iſt, wie ich bin, werde ich gewiß nicht den Gaben der Vorſehung Trotz bieten, und etwas anderes zu werden ſtreben. Ich mag in der Garniſon unnütz ſcheinen; aber wenn wir nach den Tauſend⸗Inſeln hinunter kommen, ſo gibt es vielleicht Gelegen⸗ heit, zu beweiſen, daß eine ſichere Büchſe bisweilen eine wahre Gottesſchickung iſt.“ 230 „So ſeyd Ihr alſo auch von unſerer Partie,“ ſagte Mabel, indem ſie dem Wegweiſer ſo freimüthig und ſüß zulächelte, daß er ihr bis ans Ende der Erde gefolgt wäre.„Ich werde, mit Aus⸗ nahme einer Soldatenfrau, das einzige Frauenzimmer ſeyn, und mich um ſo ſicherer fühlen, Pfadfinder, da Ihr unter unſern Be⸗ ſchützern ſeyn werdet.“ „Sie würden unter des Sergeanten Schutz ſicher genug ſeyn, auch wenn Sie nicht ſeine Verwandte wären. Alles wird auf Sie Bedacht nehmen. Ich denke, auch Ihr Oukel hier wird an einer derartigen Erpedition Vergnügen finden, wenn es an ein Segeln geht, und ſich ein Blick auf das Binnenmeer werfen läßt?“ „Euer Binnenmeer iſt von keinem Belang, Meiſter Pfadfinder, und ich erwarte nichts von ihm. Doch gebe ich zu, daß es mir angenehm ſeyn würde, den Zweck dieſes Kreuzzuges kennen zu lernen. Man will nicht gerade müßig ſeyn, und mein Schwager, der Sergeant, iſt ſo verſchloſſen wie ein Freimaurer. Weißt du, Mabel, was alles dieſes bedeutet?“ „Nicht im mindeſten, Onkel. Ich darf meinen Vater um nichts fragen, was mit ſeinem Dienſt in Verbindung ſteht, da er dieſen für kein Geſchäft der Weiber betrachtet. Alles, was ich ſagen kann, iſt, daß wir abſegeln werden, ſobald es der Wind ge⸗ ſtattet, und daß wir einen Monat ausbleiben ſollen.“ „Vielleicht kann uns Meiſter Pfadfinder einen nützlichen Wink geben, denn eine Reiſe ohne Zweck iſt nie beſonders beluſtigend für einen alten Seemann.“— 1 „Es iſt kein großes Geheimniß, Salzwaſſer, was unſern Hafen und unſern Zweck anbelangt, obgleich es verboten iſt, in der Gar⸗ niſon viel davon zu reden. Doch ich bin kein Soldat, und kann meine Zunge nach Gefallen brauchen, obgleich ich ſie, wie ich hoffe, ſo wenig als ein anderer zu einem eiteln Geſchwätz benütze. Da wir aber ſo bald abſegeln, und wir Beide von der Partie ſeyn werden, ſo kann ich wohl ſagen, wo es hingeht. Ich ſetze voraus, 231 daß Ihr wißt, es gebe ſolche Dinger, wie die Tauſend⸗Inſeln, Meiſter Cap?“ „Ja, was man hier herum ſo nennt, obgleich ich es für aus⸗ gemacht halte, daß es keine wirklichen Inſeln, nämlich ſolche, wie wir ſie auf dem Meere treffen, ſind; und daß man unter den Tau⸗ ſenden etwa zwei oder drei verſteht, wie das auch bei den Getödteten und Verwundeten nach einer großen Schlacht zu geſchehen pflegt.“ „Meine Augen ſind gut, und doch haben ſie mir oft verſagt, wenn ich es verſuchte, dieſe wirklichen Inſeln zu zählen.“ „Ja, ja, ich habe Leute gekannt, die nicht über eine gewiſſe Zahl zählen konnten. So ein rechter Landvogel kennt nicht einmal ſein eigenes Neſt, wenn er es von der See aus anthun muß, und das ſollte doch wohl ein jeder kennen. Wie vielmal habe ich die Küſte, und Häuſer und Kirchen geſehen, wo die Paſſagiere noch lange nichts anderes als Waſſer erblickten. Ich kann mir gar keine Idee davon machen, wie man auf dem friſchen Waſſer nur über⸗ haupt das Land aus dem Geſicht kriegen kann. Die Sache ſcheint mir ganz unvernünftig, ganz unmöglich.“ „Ihr kennt die Seen nicht, Meiſter Cap, ſonſt würdet Ihr das nicht ſagen. Ehe wir noch zu den Tauſend⸗Inſeln kommen, werdet Ihr andere Begriffe von dem erhalten, was die Natur in dieſer Wildniß gethan hat.“ „Ich habe meine Zweifel, ob Ihr ſo ein Ding, wie eine wirk⸗ liche Inſel, in dieſer ganzen Gegend habt. Nach meinen Begriffen kann das friſche Waſſer gar keine ächte und gerechte Inſel machen — nicht das, was ich eine Inſel nenne.“ „Wir können Euch Hunderte davon zeigen. Wenn es auch nicht gerade Tauſend ſind, ſo ſind es doch ſo viele, daß das Auge nicht alle ſehen, und die Zunge nicht alle zählen kann.“ „Und was für eine Art von Dingern mag das ſeyn?“ „Land, welches rund umher mit Waſſer umgeben iſt.“ „Gut; aber was für eine Art Land, und was für eine Art Waſſer? Ich wette, daß ſie, wenn man die Wahrheit wüßte, zu nichts als Halbinſeln, oder Vorgebirgen, oder Theilen des Feſt⸗ landes würden, obgleich das, wie ich wohl ſagen darf, Sachen find, von denen ihr wenig oder nichts verſteht.— Aber Inſeln, oder nicht Inſeln, was iſt der Zweck des Kreuzzugs, Pfadfinder?“ „Nun, da Ihr des Sergeanten Schwager ſeyd und die artige Mabel hier ſeine Tochter iſt, überhaupt auch wir alle von der Partie ſeyn werden, ſo kann es nichts ſchaden, wenn ich Euch ein Bischen einen Begriff von dem beibringe, was wir vorhaben. Da Ihr ein alter Seemann ſeyd, Meiſter Cap, ſo habt Ihr ohne Zweifel von ſo einem Hafen wie Frontenac gehört?“ „ Wet ſollte nicht? Ich will nicht gerade ſagen, daß ich in dem Hafen ſelbſt, aber doch oft auf der Höhe dieſes Platzes geweſen bin.“ „So ſteht es Euch bevor, einen bekannten Boden zu betreten, obgleich ich nicht verſtehe, wie Ihr vom Ocean aus dahin kommen konntet. Dieſe großen Seen bilden, wie Ihr wiſſen müßt, eine Kette, und das Waſſer fließt aus dem einen in den andern, bis es den Erie⸗See erreicht, der von hier aus gegen Weſten liegt, und eben ſo groß iſt, als der Ontario ſelbſt. Aus dem Erie⸗See kommt nun das Waſſer, bis es ſo eine Art niederen Bergrand erreicht, über den es weggeht—“ „Ich möchte doch wiſſen, wie zum Teufel, das geſchehen kann?“ „Leicht genug, Meiſter Cap,“ erwiederte Pfadfinder lachend, „denn es darf nur über den Hügel hinunterfallen. Hätt ich geſagt, daß es das Gebirg hinan gehe, ſo wäre das gegen die Natur ge⸗ weſen; aber wir halten es für nichts Beſonderes, daß das Waſſer einen Berg hinunter ſtürzt— ich meine nämlich das friſche Waſſer.“ „Ja, ja; aber Ihr ſprecht von Waſſer, das von einem See an der Seite des Gebirgs herabkommt. Das heißt ja geradezu, der Vernunft gegen den Stachel lecken, wenn anders die Vernunft einen Stachel hat.“ „Nun, nun, wir wollen über dieſen Punkt nicht ſtreiten; aber * 233 was ich geſehen habe, habe ich geſehen. Ob die Vernunft einen Stachel hat, kann ich nicht ſagen, aber das Gewiſſen hat einen, und dazu einen ſcharfen. Wenn das Waſſer aller dieſer Seen in den Ontario gelangt iſt, ſo fließt es durch einen Fluß nach dem Meere ab, und in der Enge, wo die Waſſermaſſe weder als Fluß, noch als See betrachtet werden kann, liegen die beſprochenen Inſeln. Frontenac iſt ein über dieſen Inſeln gelegener Poſten der Franzoſen. Letztere haben weiter unten eine Garniſon, und ſo können ſie ihre Mund⸗ und Waffenvorräthe flußaufwärts nach Frontenac bringen, und dieſelben längs der Ufer dieſes und der andern Seen weiter ſchaffen, um den Feind in Stand zu ſetzen, ſeine Teufeleien unter den Wilden zu ſpielen, und chriſtliche Kopfhäute zu gewinnen.“ „Und wird unſere Gegenwart einem ſolch ſchrecklichen Treiben vorbeugen können?“ fragte Mabel mit Theilnahme. „Vielleicht, vielleicht auch nicht, wie es die Vorſehung will. Lundie, wie man ihn nennt, der dieſe Garniſon commandirt, ſandte Mannſchaft aus, um auf einer dieſer Inſeln Poſto zu faſſen und einige der franzöſiſchen Boote abzuſchneiden. Unſere Expedition iſt nun die zweite Ablöſung. Sie haben bis jetzt noch wenig gethan, obgleich ſie zwei mit indianiſchen Gütern beladene Kähne genommen haben. Aber in der letzten Woche kam ein Bote, und brachte ſolche Zeitungen, daß der Major jetzt damit umgeht, die letzte An⸗ ſtrengung zu machen, die Schurken zu überliſten. Jasper kennt den Weg, und wir werden in guten Händen ſeyn, denn der Ser⸗ geant iſt klug, zumalen in einem Hinterhalt; ja, er iſt beides, klug und raſch.“ „Iſt das Alles?“ ſagte Cap verächtlich.„Aus den Vorberei⸗ tungen und Zurüſtungen dachte ich mir, wir hätten auch ein rechtes Stück Arbeit im Wind, und es ſey ein ehrlicher Pfennig bei die⸗ ſem Abenteuer zu gewinnen. Wahrſcheinlich theilt man ſich nicht in Eure Friſchwaſſerpriſengelder 2 „Wie?“ „Ich nehme es für ausgemacht an, daß alles, was durch dieſe Soldatenpartien und Hinterhalte, wie Ihrs nennt, gewonnen wird, dem König zufällt?“ 3 „Davon weiß ich nichts, Meiſter Cap. Ich nehme mir meinen Antheil Pulver und Blei weg, wenn uns etwas in die Hände fällt, und ſage dem König nichts davon. Andere mögen wohl beſſer dabei wegkommen, obgleich es nun auch für mich Zeit wird, an ein Haus, eine Einrichtung und eine Heimath zu denken.“ Pfadfinder wagte es nicht, als er dieſe Anſpielung auf eine Veränderung in ſeinem Leben machte, Mabel anzuſehen, und doch hätte er eine Welt darum geben mögen, zu wiſſen, ob ſie ihn ge⸗ hört, und wie dabei der Ausdruck ihres Geſichts geweſen. Aber Mabel ahnete die Natur dieſer Anſpielungen wenig, und mit völlig unbefangenem Geſichte richtete ſie ihre Augen auf den Fluß, wo eine Bewegung am Borde des Seud ſichtbar zu werden begann. „Jasper bringt den Kutter hinaus,“ bemerkte der Wegweiſer, deſſen Blick durch den Fall irgend eines ſchweren Körpers auf dem Verdecke nach derſelben Richtung geleitet wurde.„Der Junge ſieht ohne Zweifel Zeichen von Wind und wünſcht bereit zu ſeyn.“ „Nun, da werden wir wohl Gelegenheit haben, etwas von der Seefahrerkunſt zu lernen,“ erwiederte Cap mit einem höhniſchen Blick. Es liegt etwas Subtiles darin, wie man ein Fahrzeug unter Segel bringt, und man kann daran einen befahrenen Seemann ſo gut, als an etwas anderem erkennen. ˙s iſt dabei wie mit dem Zuknöpfen eines Soldatenrocks, ob einer damit oben oder unten anfängt.“ „Ich will nicht ſagen, daß man Jaspern mit den Matroſen da unten vergleichen kann,“ bemerkte Pfadfinder, deſſen aufrichtiger Seele das unwürdige Gefühl des Neides oder der Eiferſucht fremd war;„aber er iſt ein kühner Burſche, und handhabt ſeinen Kutter ſo geſchickt, als man es nur immer verlangen kann,— auf dieſem See wenigſtens. Ihr habt geſehen, daß er an den Oswego⸗Fällen 235 ſich nicht ungeſchickt benahm, wo das friſche Waſſer ohne beſondere Schwierigkeit über den Berg hinunter ſtürzt.“ Cap antwortete nur mit einem Ausruf der Unzufriedenheit; dann folgte allgemeines Schweigen. Alle auf der Baſtei betrach⸗ teten die Bewegungen des Kutters mit einer Theilnahme, welche um der Beziehung willen, in welche ſie ſelbſt zu dieſem Fahrzeug treten ſollten, natürlich war. Noch war eine todte Windſtille, und die Oberfläche des Sees erglänzte im eigentlichſten Sinne von den letzten Strahlen der Sonne. Der Scud war auf einen Kat⸗Anker gewarpt worden, welcher etwa hundert Ellen über den Punkten der Flußmündung lag, an denen der Strom den Hafen des Oswego bildete und hinreichenden Raum für die Handhabung des Fahrzeugs bot. Aber die völlige Windſtille verhinderte einen ſolchen Verſuch, und es wurde bald klar, daß das leichte Schiff nur mittelſt der Ruder durch die Paſſage gebracht werden könne. Es wurde kein Segel los gemacht, aber ſobald der Anker aus dem Grund gehoben war, ließ ſich der ſchwere Fall der Ruder vernehmen und der Kutter begann mit ſtromaufwärts gerichteter Spitze gegen die Mitte der Strömung zu fahren. Als er dieſe erreicht hatte, ließ die Thätig⸗ keit der Mannſchaft nach, und er trieb gegen den Ausfluß hin. In dem engen Paſſe ſelbſt beſchleunigte ſich ſeine Bewegung, und in weniger als fünf Minuten ſchwamm der Scud außerhalb der beiden niedern Kieseinſchnitte, an denen ſich die Wellen des Sees brachen. Da man keinen Anker auswarf, ſo fuhr das Fahrzeug fort, ſich von dem Lande zu entfernen, bis ſein dunkler Rumpf auf der glatten Fläche des Sees, eine volle Viertelmeile jenſeits des niedrigen Vorſprungs ſtill hielt, welcher die öſtliche Begränzung des Raumes bildete, den man den äußern Hafen oder den Anker⸗ platz hätte nennen können. Hier ließ der Einfluß der Strömung nach und das Fahrzeug kam zur Ruhe. „Das Schiff kommt mir ſehr ſchön vor, Onkel,“ ſagte Mabel, deren Blick ſich während dieſer Poſitionsveränderung keinen Augenblick 4 ½ 236 * von dem Kutter abgewendet hatte.„Ihr mögt vielleicht Fehler in ſeinem Ausſehen und der Art ſeiner Führung entdecken; aber in meinen unwiſſenden Augen ſind beide gleich vollkommen.“ „Ja, ja, es ſchwimmt mit der Strömung gut genug, Mädchen, und das würde ein Zimmerſpan thun. Wenn man aber auf die Feinheiten eingeht, ſo braucht ein alter Theer keine Brille, um Fehler daran zu finden.“ „Aber, Meiſter Cap,“ warf der Wegweiſer ein, welcher ſelten ein Vorurtheil über Jasper ausſprechen ließ, ohne ſich zum Wider⸗ ſpruch geneigt zu zeigen,„ich habe gehört, wie alte und erfahrene Salzwaſſerſchiffer zugeſtanden, daß der Scud ein ſo artiges Fahr⸗ zeug ſey, als nur eines auf dem Waſſer ſchwimme. Ich verſtehe mich nicht auf ſolche Dinge; man kann aber doch ſeine Begriffe von einem Schiff haben, wenn ſie auch nicht ganz vollſtändig ſind, und es würde mehr als Eures Zeugniſſes bedürfen, mich zu über⸗ reden, daß Jasper ſein Boot nicht in guter Ordnung halte.“ „Ich ſage nicht, Meiſter Pfadfinder, daß der Kutter gar nichts tauge; aber er hat ſeine Fehler, und große Fehler.“ „Und was find das für, Onkel? Wenn Jasper ſie kennen würde, ſo würde er ſie mit Vergnügen verbeſſern.“ „Was es für ſind? Ei, es ſind ihrer mehr als fünfzig; hun⸗ dert ſogar; ſehr weſentliche und in die Augen fallende Fehler.“ „So nennt ſie uns, Herr, und Pfadfinder wird ihrer gegen ſeinen Freund erwähnen.“ „Sie nennen? Es iſt keine leichte Sache, die Sterne mit Namen zu nennen, aus dem einfachen Grunde, weil ſie ſo zahlreich ſind. Sie nennen! in der That.— Ei meine artige Nichte, Miß Magnet, was hältſt du von dieſem Hauptmaſt da? Meinen unwiſ⸗ ſenden Augen erſcheint er um wenigſtens einen Fuß zu hoch getopt, und dann iſt der Wimpel falſch und— und— ja, ich will v— ſeyn, wenn da nicht eine Topſegelſeiſung losgetrieben iſt— und, es würde mich nicht einmal beſonders überraſchen, wenn dieſes dicke 237 Troß einen runden Schlag machen würde, ließe man in dieſem Augenblick den Anker los. Fehler?— in der That! kein See⸗ mann kann's nur einen Augenblick anſehen, ohne daß er fände, es ſey ſo voller Fehler, wie ein Bedienter, der ſchon ſeinen Abſchied in der Taſche hat.“ „Das mag ſehr wahr ſeyn, Onkel, obgleich es eine große Frage iſt, ob Jasper davon weiß. Ich glaube nicht, Pfadfinder, daß er ſolche Uebelſtände dulden würde, wenn man ſie ihm einmal zeigte.“ „Laſſen Sie Jasper nur ſelber für ſeinen Kutter ſorgen, Mabel. Seine Gabe liegt auf dieſem Wege, und ich ſtehe dafür, daß nie⸗ mand ihn lehren kann, wie er ihn den Händen der Frontenaker und ihrer teufliſchen Freunde, der Mingos, zu entziehen hat. Wer kümmert ſich um einen runden Schlag des Ankers, und um Troſſe, die zu hoch getopt ſind, Meiſter Cap, ſo lang das Fahrzeug gut ſegelt, und ſich klar gegen die Franzoſen hält? Ich verlaſſe mich, trotz aller Seefahrer an den Küſten, hier oben an den Seen auf Jasper, obgleich ich damit nicht ſagen will, daß ſeine Gaben auch für das Meer paſſen, da er ſich auf dieſem noch nie verſucht hat.“ Cap lächelte herablaſſend, hielt es aber nicht für nöthig, im Augenblicke ſeine Kritteleien noch weiter fortzuführen. Sein Aus⸗ ſehen und Benehmen wurde jedoch allmählig übermüthiger und hochfahrender, obgleich er bei der Behandlung von Streitpunkten, mit denen eine der Partien gänzlich unbekannt war, als ganz gleichgültig zu erſcheinen wünſchte. Inzwiſchen hatte der Kutter angefangen, in den Strömungen des Sees hin und her zu treiben, und ſeine Spitze wendete ſich, obgleich nur langſam, und nicht in einer Weiſe, die beſondere Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen konnte, nach allen Richtungen. Auf einmal aber wurde der Klüver losgemacht und aufgehißt, und das Segel blähte ſich gegen das Land zu, ob⸗ ſchon auf der Oberfläche des Waſſers noch keine Spuren des Windes zu entdecken waren. So gering übrigens dieſer Einfluß war, ſo gab ihm doch der leichte Rumpf nach, und eine Minute ſpäter ſah man den Scud ſich quer in der Strömung des Fluſſes halten, mit einer ſo leichten und gemäßigten Bewegung, daß man ſie kaum bemerken konnte. Als er durch dieſe geſetzt hatte, ſtieß er auf einen Wirbel und ſchoß gegen das Land, gerade auf die Anhöhe zu, wo das Fort ſtand. Hier ließ Jasper den Anker fallen. „Nicht tölpelig gethan,“ brummte Cap in einer Art von Selbſtgeſpräch,„nicht beſonders tölpelig, obgleich er ſein Steuer an den Steuerbord, ſtatt an den Backbord hätte ſetzen ſollen, denn ein Fahrzeug muß immer den Stern gegen das Ufer kehren, ſey es nun eine Meile vom Lande oder eine Kabelslänge. Es gewinnt dadurch ein achtſameres Ausſehen, und das Ausſehen gilt etwas auf dieſer Welt.“ „Jasper iſt ein gewandter Burſche,“ bemerkte plötzlich Ser⸗ geant Dunham, hart an ſeines Schwagers Seite,„und wir können uns bei unſern Ausflügen auf ſeine Geſchicklichkeit verlaſſen. Aber kommt, ſammt und ſonders, wir haben nur noch eine halbe Stunde Tag, um unſre Sachen zu beſorgen, und die Kähne werden ſo ſchnell für uns bereit ſeyn, als wir es für ſie ſind.“ Auf dieſe Mittheilung trennte ſich die ganze Geſellſchaft, und jedes ſuchte noch die Kleinigkeiten zuſammenzuraffen, welche es nicht bereits eingeſchifft hatte. Einige Trommelſchläge gaben den Sol⸗ daten das nöthige Signal, und in wenigen Minuten war Alles in Bewegung. 239 Dreizehntes Kapitel. Der Kobold macht den Thoren warm, Und Unheil bräut der Hexen Schwarm; Den Eſel drückt des Alpes Ritt, Und durch die Flur ſtreift Elfentritt. Cotton. Vie Einſchiffung des kleinen Häufleins ging ſchnell und ohne Verwirrung von Statten. Die ganze unter dem Befehl des Ser⸗ geanten Dunham ſtehende Macht beſtand nur aus zehn Gemeinen und zwei Unteroffizieren. Es war zwar bald bekannt, daß Herr Muir an der Expedition Antheil nehmen werde; doch wollte der Quartiermeiſter nur als Freiwilliger mitgehen und ſich dabei, wie er es mit dem Kommandanten abgemacht hatte, des Vorwandes, einiger Geſchäfte, die in ſein eigenes Departement gehörten, be⸗ dienen. Hiezu kamen noch der Pfadfinder und Cap mit Jasper und ſeinen Untergebenen, von denen einer ein Knabe war. Der männliche Theil der Geſellſchaft beſtand alſo aus nicht ganz zwanzig Perſonen und einem vierzehnjährigen Jungen, indeß das weibliche Geſchlecht durch Mabel und die Frau eines Gemeinen repräſentirt wurde. Sergeant Dunham führte ſein Commando in einem großen Kahne über, und kehrte dann zurück, um die Schlußbefehle einzu⸗ holen und nachzuſehen, ob für ſeinen Schwager und ſeine Tochter Sorge getragen werde. Nachdem er Cap das Boot gezeigt hatte, deſſen er und Mabel ſich bedienen ſollte, ging er in das Fort zu⸗ rück, um ſeine letzte Zuſammenkunft mit Lundie zu halten. Der Major befand ſich auf dem mehrerwähnten Bollwerk; doch wollen wir ihn und den Sergeanten eine Weile allein bei einander laſſen, und an das Geſtade zurückkehren. Es war ſchon ziemlich dunkel, als Mabel das Boot beſtieg, welches ſie zu dem Kutter führen ſollte. Die Oberfläche des Sees 240 war ſo glatt, daß es nicht nöthig wurde, die Kähne in den Fluß zu bringen, um ihre Fracht aufzunehmen, denn da das äußere Ufer ganz ohne Brandung und das Waſſer ſo ruhig wie in einem Teich war, ſo konnte die Einſchiffung hier geſchehen. Man bemerkte, wie Cap geſagt hatte, auf dem See nichts von dem Heben und Sinken, dem Arbeiten der weiten Lungen und der Reſpiration eines Meeres; denn der Umfang des Ontario geſtattet es nicht, daß an einer Stelle Stürme toben, während an einer andern Windſtille herrſcht, wie dieſes auf dem atlantiſchen Ocean der Fall iſt. Es gehört auch zu den gewöhnlichen Bemerkungen der Seeleute, daß das Waſſer auf allen den großen Seen des Weſten ſchneller hochgeht und ſich früher wieder legt, als auf den verſchiedenen Meeren, die ſie kennen. Als daher Mabel das Land verließ, hätte ſie aus keiner Bewegung des Waſſers, die unter ſolchen Umſtänden ſo gewöhnlich iſt, die Groͤße der Maſſe deſſelben erkennen können. Mit einem Dutzend Ruderſchlägen lag das Boot an der Seite des Kutters. Jasper hielt ſich bereit, ſeine Paſſagiere zu empfangen, und da das Verdeck des Scud nur zwei oder drei Fuß über dem Waſſer ging, ſo war es nicht ſchwierig, an Bord zu gelangen. Sobald dieß geſchehen war, zeigte der junge Mann Mabel und ihrer Ge⸗ fährtin die Bequemlichkeiten, die er für ihren Empfang vorbereitet hatte, von denen ſie auch ohne weiteres Beſitz nahmen. Das kleine Fahrzeug hatte in ſeinem untern Raume vier Kabinette, da alles zwiſchen den Decken ausdrücklich zum Zweck des Transports von Offizieren und Mannſchaft, mit ihren Weibern und Familien einge⸗ richtet war. Das erſte im Range war die ſogenannte Nebenkajüte, ein kleines Stübchen, das vier Lagerſtellen enthielt, und den Vor⸗ theil hatte, daß durch kleine Fenſter Licht und Luft eindringen konnte. Dieſes wurde gewöhnlich für die Frauen, welche ſich am Bord befanden, beſtimmt, und da Mabel und ihre Gefährtin allein waren, ſo gebrach es ihnen nicht an Raum und Bequemlichkeit. Die Hauptkajüte war größer, und erhielt ihr Licht von oben. Sie [—— —— 241 diente zum Gebrauche des Quartiermeiſters, des Sergeanten, Caps und Jaspers, da der Pfadfinder mit Ausnahme des Frauencabinets, ſich überall herum aufhielt. Die Corporale und Gemeinen hatten ihren Platz unter der großen Lucke, welche zu dieſem Zweck mit einem Deck verſehen war, während die Ruderer wie gewöhnlich im Vor⸗ derkaſtell ihr Lager aufſchlugen. Obgleich der Kutter nicht ganz fünfzig Tonnen führte, ſo war doch die Befrachtung durch die Offiziere und Mannſchaft ſo gering, daß für alle, die an Bord waren, ein weiter Raum blieb, der im Nothfalle die dreifache Anzahl zu bergen im Stande geweſen wäre. So bald Mabel von ihrem in der That recht anſtändigen und bequemen Kabinet Beſitz genommen hatte, wobei ſie ſich nicht ent⸗ halten konnte, der angenehmen Betrachtung Raum zu geben, daß ſie hiebei Manches Jaspers Gunſt zu verdanken habe— ging ſie wieder auf das Verdeck zurück. Hier war alles in augenblicklicher Bewegung. Die Soldaten liefen hin und her, um nach ihren Torniſtern und andern Effekten zu ſehen; doch ſtellte Methode und Gewohnheit die Ordnung bald wieder her, und es erfolgte nun am Bord eine tiefe Stille, welche mit dem Gedanken an das künftige Abenteuer und an die verhängnißvolle Vorbereitung in Verbin⸗ dung ſtand. Die Finſterniß fing nun an, die Gegenſtände am Ufer undeut⸗ lich zu machen. Das ganze Land bildete einen geſtaltloſen ſchwarzen Umriß an den Spitzen des Waldes und war blos von dem darüber hängenden Himmel durch das höhere Licht dieſes Gewölbes zu unterſcheiden. Bald begannen auch an dem letzteren die Sterne nach und nach mit ihrem gewöhnlichen, milden, angenehmen Lichte zu ſchimmern und brachten das Gefühl der Ruhe mit ſich, welches gewöhnlich die Nacht begleitet. Es lag etwas Beſänftigendes ſo⸗ wohl, als etwas Aufregendes in dieſer Scene, und Mabel, welche auf der Schanze ſaß, fühlte ſich lebhaft von dieſen beiden Einflüſſen ergriffen. Der Pfadfinder ſtand in ihrer Nähe, wie gewöhnlich an Der Pfadfinder. 3. Aufl. 16 ſeine lange Büchſe gelehnt, und es kam ihr ſelbſt trotz der zuneh⸗ menden Dunkelheit der Stunde vor, als ob ſie ſchärfere Linien des Nachdenkens als gewöhnlich in ſeinen rauhen Zügen entdecke. „Eine ſolche Fahrt kann Euch nichts Neues ſeyn, Pfadfinder;“ ſagte ſie,„und es überraſcht mich daher, die Leute ſo ſtill und in Gedanken vertieft zu ſehen.“ „Wir lernen dieß aus dem Krieg gegen die Indianer. Die Milizen ſa vatzen viel und handeln im Allgemeinen wenig; aber die Soldaten, welche oft mit den Mingos zuſammentreffen, lernen den Werth einer klugen Zunge ſchätzen. Eine ſchweigende Armee iſt in den Wäldern doppelt ſtark, und eine lärmende doppelt ſchwach. Wenn Zungen Soldaten machten, ſo würden auf dem Schlachtfeld gewöhnlich die Weiber die Herren des Tages ſeyn.“ „Aber wir ſind weder eine Armee, noch in den Wäldern! Man hat ſich doch in dem Seud nicht vor den Mingos zu fürchten?“ „Fragen Sie Jasper, wie er Herr dieſes Kutters geworden iſt, und Sie werden ſich dieß ſelbſt beantworten können. Niemand iſt vor einem Mingo ſicher, wenn er nicht deſſen eigentliche Natur kennt, und gerade dann muß er ſorgfältig ſeiner Kenntniß gemäß handeln. Fragen Sie nur den Jasper, wie er zu dem Commando dieſers Kutters gekommen iſt.“ „Und wie kam er dazu?“ fragte Mabel mit einem Ernſt und einer Theilnahme, welche einen angenehmen Einfluß auf ihren ein⸗ fachen und treuherzigen Gefährten übten, der nie vergnügter war, als wenn er Gelegenheit hatte, zu Gunſten eines Freundes etwas zu ſagen.„Es iſt ehrenvoll für ihn, daß er bei ſeiner Jugend dieſe Stellung erreicht hat.“ „Es iſt ſo; aber er hat ſie verdient, und wohl noch mehr. Eine Fregatte wäre nicht zu viel geweſen, um ſeinen Geiſt und ſeine Beſonnenheit zu belohnen, wenn es ſo ein Ding auf dem Ontario gäbe, was aber nicht der Fall iſt, und auch wahrſcheinlich nie der Fall ſeyn wird.“ 243 „Aber Jasper,— Ihr habt mir noch nicht erzählt, wie er zu dem Commando dieſes Schooners gekommen iſt.“ „Es iſt eine lange Geſchichte, Mabel, die Ihnen Ihr Vater, der Sergeant, beſſer ſagen kann, als ich; denn er war dabei, und ich auf Kundſchaft abweſend. Ich muß zugeben, daß Jasper kein guter Erzähler iſt, und ich habe ihn, wenn er um dieſe Sache be⸗ fragt wurde, immer nur eine ſchlechte Erzählung geben hören, obſchon jedermann weiß, daß es eine gute Sache war. Nein, nein, Jasper erzählt nicht gut; das müſſen ſeine beſten Freunde zuge⸗ ſtehen. Der Seud war nahe daran, in die Hände der Franzoſen und der Mingos zu fallen, als Jasper ihn auf eine Weiſe rettete, die nur ein ſchnell beſonnener Geiſt und ein kühnes Herz verſuchen konnte. Der Sergeant kann Ihnen die Geſchichte beſſer mittheilen, als ich, und ich wünſche, daß Sie ihn einmal fragen möchten, wenn es gerade nichts Beſſeres zu thun gibt. Was den Jasper anbelangt, ſo wird es nichts nützen, den Jungen damit zu plagen, denn er wird die Sache ganz verſtümpern, weil er durchaus keine Geſchichte zu geben weiß.“— Mabel entſchloß ſich, ihren Vater um die Mittheilung der Einzelheiten dieſes Ereigniſſes noch in derſelbigen Nacht anzugehen denn für ihre jugendliche Phantaſie konnte es wohl nichts Beſſeres zu thun geben, als auf das Lob eines Mannes zu hören, der nur ein ſchlechter Erzähler ſeiner eigenen Thaten war. „Wird der Scud bei uns bleiben, wenn wir die Inſeln erreicht haben?“ fragte ſie nach einem leichten Zögern ob der Schicklichkeit dieſer Frage;„oder werden wir dann uns ſelbſt überlaſſen ſeyn?“ „Je nachdem es kommt. Jasper läßt den Kutter nicht gerne müßig ſeyn, wenn es etwas zu thun gibt, und wir dürfen von ſeiner Seite Thätigkeit erwarten. Doch meine Gaben haben im Allgemeinen keinen Bezug auf das Waſſer und die Fahrzeuge, und wenn es nicht gerade die Stromſchnellen, die Fälle und Kähne an⸗ belangt, ſo mache ich keinen Anſpruch darauf, etwas von der Sache 244 zu verſtehen. Ich zweifle übrigens nicht, daß unter Jasper alles gut gehen wird, da er auf dem Ontario ſo gut eine Fährte finden kann, als ſie eine Delaware auf dem Land zu entdecken weiß.“ „Und unſer Delaware, Pfadfinder,— der Big Serpent— wmarum iſt er dieſe Nacht nicht bei uns?“ „Ihre Frage würde natürlicher ſeyn, wenn Sie ſagten: warum ſeyd Ihr hier, Pfadfinder?— Der Serpent iſt an ſeinem Platz, während ich nicht auf dem meinigen bin. Er iſt mit zweien oder dreien ausgezogen, um die Seeufer auszukundſchaften, und wird unten bei den Inſeln wieder zu uns ſtoßen, um uns ſeine geſammelten Nachrichten mitzutheilen. Der Sergeant iſt ein zu guter Soldat, um die Nachhut zu vergeſſen, wenn er im Angeſichte des Feindes ſteht. Es iſt tauſend Schade, Mabel, daß Ihr Vater nicht als ein General geboren wurde, wie wir da ſo einige Engländer unter uns haben, denn ich bin feſt überzeugt, daß in einer Woche kein einziger Franzoſe mehr in Kanada wäre, wenn er ſeinen eigenen Weg gehen dürfte.“ „Werden wir den Feind zu Geſicht bekommen?“ fragte Mabel lächelnd, und fühlte dabei zum erſtenmal eine leichte Furcht wegen der Gefahren dieſer Fahrt.„Werden wir wohl in ein Treffen ver⸗ wickelt werden?“ „Wenn das wäre, Mabel, ſo wird es Leute genug geben, welche bereit und willig ſind, ſich zwiſchen Sie und die Gefahr zu ſtellen. Doch Sie ſind die Tochter eines Soldaten, und haben, wie wir alle wiſſen, den Muth eines Soldaten. Laſſen Sie deßhalb die Furcht vor einem Gefecht den Schlaf nicht von Ihren ſchönen Augen ſcheuchen.“ „Ich fühle mich muthiger, Pfadſinder, hier außen in den Wäldern, als ich mich je mitten in der Weichlichkeit der Städte gefunden habe, obgleich ich es immer verſuchte, mich zu erinnern, was ich meinem lieben Vater ſchuldig ſey.“ „Nun ja, Ihre Mutter dachte vor Ihnen ebenſo.— ‚Ihr 245 1 werdet Mabel wie ihre Mutter finden, kein kreiſchendes und verzar⸗ teltes Mädchen, daß ein Mann ſeine Noth mit ihr hat; ſondern . ſie wird ihren Gatten ermuthigen und aufrichten, wenn er bei Gefahren unter der Sorge erliegen will,“ ſagte der Sergeant zu mir, ehe ich noch Ihre ſüßen Züge geſehen hatte;— ja das 1 ſagte er!“ 4 „Und warum ſollte mein Vater Euch das geſagt haben, b Pfadfinder?“ fragte das Mädchen mit einigem Ernſte.„Vielleicht glaubte er, Ihr würdet beſſer von mir denken, wenn Ihr mich nicht . für ein einfältiges, feigherziges Geſchöpf halten müßtet, wie unſer Geſchlecht ihrer ſo viele aufweist?“ Täuſchung, wenn es nicht gerade auf Koſten ſeiner Feinde im Felde ging— ja ſelbſt die Verbergung eines Gedankens, war ſo wenig im Einklang mit dem Weſen des Pfadfinders, daß er bei dieſer einfachen Frage in keine geringe Verlegenheit kam. Er fühlte aus einer Art von Inſtinkt, von dem er ſich keine Rechen⸗ ſchaft zu geben vermochte, daß es nicht geeignet ſey, die Wahrheit offen zu geſtehen; und ſie zu verbergen?— das wollte ſich nicht mit ſeinem Rechtlichkeitsgefühl und ſeinen Gewohnheiten vertragen. In dieſer Klemme nahm er unwillkührlich ſeine Zuflucht zu einem Mittelweg, welcher das, was er nicht zu ſagen wagte, zwar nicht entſchleierte, aber auch nicht geradezu verhehlte.“ „Sie müſſen wiſſen, Mabel,“ ſagte er,„daß der Sergeant und ich alte Freunde ſind, und wir in manchem harten Gefechte, an manchem blutigen Tag Seite an Seite geſtanden haben— freilich nicht Seite an Seite im eigentlichen Sinne, da ich etwas mehr in der Vorhut, wie es einem Kundſchafter ziemt, und er als ein höher geſtellter Soldat des Königs an der Spitze ſeiner Leute war.—'s iſt dann ſo die Weiſe von uns Scharmützlern, daß wir wenig an den Kampf denken, wenn die Büchſe das Ihrige gethan hat; und des Nachts an unſern Feuern, oder auf unſern Märſchen, plaudern wir von Gegenſtänden, die wir lieben, wie ihr jungen 246 Frauenzimmer euch über eure Träumereien und Meinungen unter⸗ haltet, und mit einander über eure Einfälle lacht. Nun war es natürlich, daß der Sergeant, der eine Tochter wie Sie hat, dieſe mehr als alles andere liebt, und von ihr öfter als von irgend etwas anderem ſpricht. Da ich nun weder Tochter noch Schweſter, noch Mutter noch ſonſtige Verwandte und Bekannte, mit Aus⸗ nahme der Delawaren, zu lieben habe, ſo ſtimmte ich natürlich mit ein, und ich gewann Sie lieb, Mabel, ehe ich Sie noch ge⸗ ſehen hatte— ja das that ich, Mabel, gerade deßhalb, weil wir ſo viel von Ihnen ſprachen.“ „Und nun, da Ihr mich geſehen habt,“ entgegnete das lächelnde Mädchen, deren unveränderte natürliche Weiſe bewies, wie wenig ſie an etwas mehr als an elterliche oder brüderliche Zuneigung dachte,„fanget Ihr an, die Thorheit einzuſehen, Freundſchaft mit Leuten zu ſchließen, ehe man ſie näher als nur vom Hörenſagen kennt.“ „' war nicht Freundſchaft,—'s iſt nicht Freundſchaft, Mabel, was ich für Sie fühle. Ich bin der Freund der Delawaren, und bin es von meinen Knabenjahren an geweſen; aber meine Gefühle für jene, oder für den beſten unter ihnen, ſind nicht die⸗ ſelben, welche mir der Sergeant gegen Sie einflößte, um ſo mehr, da ich Sie nun näher kennen zu lernen anfange. Bisweilen fürchte ich freilich, es ſey nicht gut für einen Mann, der einem wahrhaft männlichen Berufe folgt— ſey er nun ein Wegweiſer, ein Kund⸗ ſchafter oder ein Soldat— Freundſchaft mit Frauen, und zumal mit jungen Frauen zu ſchließen, da ſie mir den Unternehmungs⸗ geiſt zu ſchwächen und die Gefühle von den Gaben und natür⸗ lichen Beſchäftigungen abzukehren ſcheint.“ „Ihr meint doch ſicherlich nicht, Pfadfinder, daß Freund⸗ ſchaft gegen ein Mädchen, wie ich, Euch weniger kühn und weniger geneigt machen würde, mit den Franzoſen wie früher anzubinden?? ⁸ 8 8☛ 247 „Nein, nicht ſo, nicht ſo. Mit Ihnen in Gefahr, würde ich zum Beiſpiel fürchten, zu tollkühn zu werden. Aber ehe wir miteinander, ſo zu ſagen, vertraut wurden, dachte ich gerne an meine Kundſchaftszüge, meine Märſche und Auslager, meine Ge⸗ fechte und andere Abenteuer. Jetzt kümmert ſich mein Geiſt wenig mehr drum, und ich denke mehr an die Hütten, an die Abende, die man im Geſpräch hinbringen kann, an Gefühle, die nichts mit Hader und Blutvergießen zu thun haben, und an junge Frauen, ihr Lachen, ihre heiteren, ſanften Stimmen, ihre lieblichen Blicke und ihre gewinnenden Weiſen. Ich ſage dem Sergeanten bisweilen, daß er und ſeine Tochter noch einen der beſten und erfahrenſten Kundſchafter an den Gränzen verderben werden.“ „Nicht doch, Pfadfinder; ſie wollen es nur verſuchen, das, was ſchon ſo ausgezeichnet iſt, vollkommen zu machen. Ihr kennt uns nicht, wenn Ihr glaubet, daß eines von uns wünſche, Euch nur im mindeſten verändert zu ſehen. Bleibt, was Ihr gegen⸗ wärtig ſeyd, derſelbe ehrliche, aufrichtige, gewiſſenhafte, furchtloſe, einſichtsvolle und zuverläſſige Wegweiſer, und weder mein lieber Vater, noch ich werden je anders von Euch denken, als wir dieſes jetzt thun.“ Es war zu dunkel für Mabel, als daß ſie die Bewegungen in dem Geſichte ihres Zuhörers hätte bemerken können; aber ihre liebliche Geſtalt war gegen ihn gekehrt, als ſie mit ebenſoviel Feuer, als Freimüthigkeit dieſe Worte ſprach, welche zeigten, wie aufrichtig ſie gemeint, und wie wenig ihre Gedanken in Verwirrung gebracht ſeyen. Ihr Geſicht war zwar leicht geröthet; aber es zeigte den Ausdruck des Ernſtes und der Wahrheit ihrer Gefühle, ohne daß dabei ein Nerve bebte, ein Glied zitterte oder ein Puls⸗ ſchlag raſcher flog. Kurz ihr ganzes Benehmen war das eines redlichen, freimüthigen Mädchens, welches eine derartige Erklärung der Achtung und Zuneigung gegen eine Perſon des andern Ge⸗ ſchlechts ausſpricht, deren Verdienſte und Eigenſchaften ſie zu ſchätzen weiß, ohne irgend eine weitere Bewegung zu äußern, wie ſie unveränderlich das Bewußtſeyn einer Neigung, die zu zarteren Enthüllungen hätte führen können, begleitet. Der Pfadfinder war übrigens zu unerfahren, um in derartige Unterſcheidungen eingehen zu können; und ſeine Beſcheidenheit wurde durch die Geradheit und die Kraft der Worte, die er eben gehört hatte, ermuthigt. Nicht geneigt, vielleicht auch nicht fähig, weiter zu ſagen, entfernte er ſich, und blickte, an ſeine Büchſe gelehnt, eine Weile in tiefem Schweigen zu den Sternen auf. Während dieſes auf dem Kutter vorging, fand die bereits erwähnte Unterredung Lundies mit dem Sergeanten auf dem Bollwerk ſtatt. „Sind die Torniſter der Mannſchaft unterſucht worden?“ fragte Major Duncan, nachdem er einen Blick auf den geſchriebenen Rapport, der ihm von dem Sergeanten eingehändigt worden, geworfen hatte: denn es war bereits zu dunkel, um zu leſen. „Alle, Euer Gnaden, und alle ſind in Ordnung.“ „Waffen und Kriegsbedarf?“ „Alles in Richtigkeit, Major Duncan, und für den Dienſt bereit.“ „Ihr habt die Euch von mir vorgezeichneten Leute genommen, Dunham?“ „Ohne Ausnahme, Sir. Beſſere Leute können nicht in dem Regimente gefunden werden.“ „Ihr braucht auch die beſten von unſerer Mannſchaft, Sergeant. Dieſes iſt nun der dritte Verſuch, und er wurde immer unter einem von den Fähndrichen gemacht, auf die ich das größte Vertrauen ſetzte, und doch haben mir alle früheren fehlgeſchlagen. Nach ſo viel Vorbereitungen und Koſten wollte ich das Projekt doch nicht ganz aufgeben, aber dieß ſoll die letzte Bemühung ſeyn. Das Reſultat wird haupſächlich von Euch und dem Pfadfinder abhängen.“ „Auf uns beide können Sie zählen, Major Duncan. Der Auftrag, den Sie uns gegeben haben, geht nicht über unſere 249 Kräfte und unſere Erfahrung, und ich denke, er ſoll gut ausge⸗ richtet werden. Ich weiß, daß es der Pfadfinder nicht fehlen laſſen wird.“ „Darauf wird man ſich, in der That, ſicher verlaſſen lönnen. Er iſt ein außerordentlicher Mann, Dunham,— ein Mann, der mich lange in Verlegenheit geſetzt hat, der aber, da ich ihn nun kenne, ſo ſehr über meine Achtung zu gebieten hat, als irgend ein General in Seiner Majeſtät Dienſten.“ „Ich hoffte, Sir, daß Sie die projektirte Heirath mit Mabel als einen Umſtand betrachten würden, den ich wünſchen und be⸗ ſchleunigen ſollte.“ „Was das anbelangt, Sergeant, ſo wird's die Zeit lehren,“ erwiederte Lundie lächelnd, obgleich auch hier die Dunkelheit die zarteren Schattirungen des Ausdrucks verbarg;„ein Weib iſt bisweilen ſchwieriger zu leiten, als ein ganzes Regiment Sol⸗ daten. Zudem wißt Ihr auch, daß Euer Möchte⸗gern⸗Schwieger⸗ ſohn, der Quartiermeiſter, von der Partie ſeyn wird, und ich verſehe mir's von Euch, daß Ihr ihm wenigſtens ein gleiches Feld geſtatten werdet für den Verſuch, Eurer Tochter ein Lächeln abzugewinnen.“ „Ich habe Achtung vor Seinem Rang, Sir, und wenn mich auch dieſer nicht ſchon dazu veranlaßte, ſo würde der Wunſch Euer Gnaden genügen.“ „Ich danke Euch, Sergeant. Wir haben lange mit einander gedient, und müſſen uns gegenſeitig in unſern Stellungen ſchätzen. Doch, verſteht mich wohl; ich verlange für David Muir nicht weiter als freies Feld— keine Begünſtigung. In der Liebe, wie im Krieg, muß jeder ſich ſelbſt den Sieg erringen.— Seyd Ihr gewiß, daß die Rationen gehörig berechnet ſind?“ „Dafür ſtehe ich, Major Duncan; aber wenn es auch nicht wäre, ſo brauchten wir nicht Noth zu leiden, mit zwei ſolchen Jägern in unſerer Geſellſchaft, wie der Pfadfinder und Serpent.“ „Das geht nicht, Dunham,“ unterbrach ihn Lundie ſcharf; „das kommt von Eurer amerikaniſchen Geburt und Erziehung. Kein rechter Soldat verläßt ſich auf etwas anderes, als auf ſeinen Proviant⸗Commiſſär, und ich muß bitten, daß kein Angehö⸗ riger meines Regimentes zuerſt ein Beiſpiel von dem Gegentheile gibt.“ 3. „Sie haben zu befehlen, Major Duncan, und es wird ge⸗ horcht werden; und doch, wenn ich vorausſetzen dürfte, Sir—“ „Sprecht frei, Sergeant; Ihr redet mit einem Freunde.“ „Ich wollte nur ſagen, daß, wie ich finde, die Schotten Wild⸗ pret und Vögel eben ſo ſehr lieben, als Schweinefleiſch, wenn ſie ſchwer zu bekommen ſind.“ „Das mag wohl wahr ſeyn; aber Lieben oder Nichtlieben hat nichts mit dem Syſtem zu ſchaffen. Eine Armee kann ſich auf nichts verlaſſen, als auf ihre Commiſſäre. Die Unregelmäßigkeit der Provinzler hat zu oft Teufeleien in des Königs Dienſt gebracht, um da länger die Augen zu ſchließen.“ „General Braddock, Euer Gnaden, hätte ſich von dem Obriſt Waſhington ſollen rathen laſſen.“ „Weg mit Eurem Waſhington! Ihr ſeyd alle mit einander Provinzler, Mann, und jeder hält den andern, als ob Ihr von einer geſchworenen Verbindung wäret.“ „Ich glaube, Seine Majeſtät hat keine loyaleren Unterthanen, als die Amerikaner, Euer Gnaden.“ „Was das anbelangt, ſo habt Ihr, glaube ich, Recht, und ich bin vielleicht ein Bischen zu warm geworden. Ich betrachte Euch nicht als einen Provinzler, Sergeant, denn obgleich Ihr in Amerika geboren ſeyd, ſo hat doch nie ein beſſerer Soldat eine Muskete geſchultert.“ „Und Obriſt Waſhington, Euer Gnaden?“ „Nun ja,— Obriſt Waſhington mag auch ein brauchbarer Unterthan ſeyn. Er iſt das Wunderthier der Amerikaner, und ich 251 denke, ich kann ihm wohl all die Ehre widerfahren laſſen, die Ihr verlangt. Ihr zweifelt nicht an der Geſchicklichkeit dieſes Jasper Eau⸗douce?“ „Der Junge iſt erprobt und Allem gewachſen, was man von ihm verlangen kann.“ „Er führt einen franzöſiſchen Namen und hat ſeine Kindheit meiſtens in den franzöſiſchen Kolonien zugebracht;— hat er fran⸗ zöſiſches Blut in ſeinen Adern, Sergeant?“ „Nicht einen Tropfen, Euer Gnaden. Jaspers Vater war ein alter Kamerad von mir, und ſeine Mutter iſt aus einer ehr⸗ baren und loyalen Familie in unſerer Provinz.“ „Wie kam er denn ſo viel unter die Franzoſen, und woher hat er ſeinen franzöſiſchen Namen; Er ſpricht auch die Sprache der Kanadenſer, wie ich finde.“ „Das iſt leicht auseinander geſetzt, Major Duncan. Der Knabe blieb unter der Obhut eines unſerer Seeleute aus dem alten Heer, und ſo kam er zum Waſſer, wie eine Ente. Euer Gnaden weiß, daß wir an dem Ontario keine Häfen haben, die dieſen Namen verdienen, und ſo brachte er natürlich den größten Theil ſeiner Zeit auf der andern Seite des Sees zu, wo die Franzoſen ſeit fünfzig Jahren mehrere Schiffe haben. Er lernte da gelegenheitlich ihre Sprache, und erhielt ſeinen Namen von den Indianern und Kanadiern, welche wahrſcheinlich die Leute gerne nach ihren Eigen⸗ ſchaften benennen.“ „Demungeachtet iſt aber ein fränzöſiſcher Meiſter nur ein ſchlechter Lehrer für einen brittiſchen Schiffer.“ „Ich bitt' um Verzeihung; Sir; Jasper Eau⸗douce iſt von einem wirklichen engliſchen Seemann erzogen worden, von einem Manne, der unter des Königs Flagge ſegelte, und ein Befahrener genannt werden kann; er iſt in den Kolonien geboren, aber deß⸗ halb, wie ich hoffe, Major Duncan, keiner der ſchlechteſten von ſeinem Gewerbe.“ „Vielleicht nicht, Sergeant, vielleicht nicht; aber auch nicht beſſer. Außerdem hat ſich dieſer Jasper brav gehalten, als ich ihm das Commando des Seud übergab. Kein Burſche hätte ſich loyaler oder beſſer betragen können.“ „Oder tapferer, Major Duncan. Es bekümmert mich, ſehen zu müſſen, Sir, daß Sie Zweifel in Jaspers Treue ſetzen.“ „Es iſt die Pflicht eines Soldaten, dem die Obhut über einen ſo entfernten und wichtigen Poſten, wie dieſer, anvertraut iſt, nie in ſeiner Wachſamkeit zu erſchlaffen, Dunham. Wir haben mit zweien der liſtigſten Feinde, welche die Welt je hervorgebracht hat, in ihrer verſchiedenen Weiſe zu kämpfen— mit den Indianern und den Franzoſen; und es darf nichts überſehen werden, was uns in Nachtheil bringen könnte.“ „Ich hoffe, Euer Gnaden halten mich für den Mann, dem man irgend einen beſondern Grund, der einen Zweifel an Jasper rechtfertigte, anvertrauen kann, da Sie mich für geeignet halten, mir dieſes Commando zu übertragen?“ „Es iſt nicht der Zweifel an Euch, Dunham, der mich veran⸗ laßt, die Enthüllung deſſen, was mir zur Kunde gekommen iſt, zu verzögern, ſondern der Widerwille, eine üble Nachricht über einen Mann, auf den ich bisher etwas gehalten habe, in Umlauf zu bringen. Ihr müßt wohl gut von dem Pfadfinder denken, ſonſt würdet Ihr nicht wünſchen, Ihm Eure Tochter zu geben?“ „Für des Pfadfinders Ehrlichkeit ſtehe ich mit meinem Leben, Sir,“ erwiederte der Sergeant mit Feſtigkeit und nicht ohne eine Würde in ſeinem Benehmen, welche auf den Vorgeſetzten Eindruck machte.„Solch ein Mann weiß gar nicht, was falſch ſeyn heißt.“ „Ich glaube, Ihr habt Recht, Dunham; und doch hat dieſe letzte Mittheilung alle meine alten Meinungen zum Wanken gebracht. Ich habe ein anonymes Schreiben erhalten, Sergeant, welches mich anweist, gegen Jasper Weſtern oder Jasper Eau⸗douce, wie man ihn nennt, auf der Hut zu ſeyn. Es wird darin behauptet, daß 253 er von dem Feind erkauft ſey, und man gibt mir Hoffnung, daß mir eine weitere und genauere Mittheilung in Bälde zugehen werde.“ „Briefe ohne Unterſchriften verdienen im Kriege kaum beachtet zu werden.“ „Im Frieden, Dunham. Niemand kann unter gewoͤhnlichen Umſtänden von dem Schreiber eines anonymen Briefes eine ge⸗ ringere Meinung haben, als ich ſelbſt. Dieſe Handlung verräth Feigheit, Gemeinheit und Niederträchtigkeit, und iſt gewöhnlich ein Beweis der Falſchheit ſowohl, als auch anderer Laſter. Aber im Kriege iſt es nicht derſelbe Fall. Außerdem ſind mir mehrere ver⸗ dächtige Umſtände namhaft gemacht worden.“ „Sind ſie von der Art, daß eine Ordonnanz ſie hören darf, Euer Gnaden?“ „Gewiß, wenn es eine iſt, der ich ſo vertraue, wie Euch, Dunham. Es wurde zum Beiſpiel geſagt, daß die Irokeſen Eure Tochter und ihre Geſellſchaft nur deßhalb entrinnen ließen, um Jaspern bei mir in Kredit zu bringen. Es heißt dabei, daß den Herren zu Frontenae mehr daran gelegen ſey, den Seud mit dem Sergeanten Dunham und ſeiner Mannſchaft wegzunehmen und unſern Lieblingsplan zu nichte zu machen, als ein Mädchen und den Skalp ihres Onkels zu erbeuten.“. „Ich verſtehe den Wink, Sir, aber ich ſchenke ihm keinen Glauben. Jasper kann freilich nicht treu ſeyn, wenn Pfadfinder falſch iſt; aber was den letztern anbelangt, ſo möchte ich eben ſo gut Euer Gnaden mißtrauen, als ihm.“ „Es würde ſo ſcheinen, Sergeant; es würde in der That ſo ſcheinen. Aber Jasper iſt jedenfalls nicht Pfadfinder, und— ich muß geſtehen, Dunham, ich würde mehr Vertrauen in den Burſchen ſetzen, wenn er nicht Franzöſiſch ſpräche.“ „Ich verſicher' Euer Gnaden,'s iſt auch keine Recommendation in meinen Augen, aber der Junge hat es durch Zwang gelernt, und da es einmal ſo iſt, ſo ſollte man ihn, mit Eurer Gnaden — Erlaubniß, um dieſes Umſtandes willen nicht zu ſchnell verdammen. Wenn er Franzöſiſch ſpricht, ſo iſt's deßhalb, weil er es nicht wohl los werden kann.“ „'s iſt ein v—s Gewälſch, und nie hat es einem gut gethan, wenigſtens keinem britiſchen Unterthanen, denn die Franzoſen ſelbſt müſſen doch in irgend einer Sprache mit einander ſprechen!— Ich würde mehr Vertrauen in dieſen Jasper ſetzen, wenn er nichts von ihrer Sprache verſtände. Dieſer Brief hat mich ganz confus ge⸗ macht. Wenn nur noch ein anderer da wäre, dem ich den Kutter anvertrauen könnte, ſo wollte ich wohl meine Maaßregeln treffen, um ihn hier zurück zu behalten. Ich habe ſchon wegen Eures Schwagers, der von der Partie iſt, mit Euch geſprochen, Sergeant. Nicht wahr, er iſt ein Schiffer?“ „Er iſt ein wirklicher Seefahrer, Euer Gnaden, und etwas von Vorurtheilen befangen gegen das friſche Waſſer. Ich zweifle, ob er veranlaßt werden könnte, ſeinen Charakter an eine Fahrt auf dem See weg zu werfen, und ich bin überzeugt, daß er den Poſten nie finden würde.“ „Das letztere hat wahrſcheinlich ſeine Richtigkeit, und dann kennt der Mann dieſen trügeriſchen See nicht genug, um einem ſolchen Auftrag gewachſen zu ſeyn. Ihr müßt daher doppelt wach⸗ ſam ſeyn, Dunham. Ich gebe Euch unbeſchränkte Vollmacht, und ſolltet Ihr an dieſem Jasper irgend eine Verrätherei entdecken, ſo laßt ihn als Opfer der beleidigten Gerechtigkeit fallen.“ „Da er im Dienſt der Krone iſt, Euer Gnaden, ſo ſteht er unter dem Kriegsgericht—“ „Sehr wahr; dann legt ihn in Eiſen vom Kopf bis zu den Füßen, und ſendet ihn hieher, in ſeinem eigenen Kutter. Euer Schwager muß doch im Stande ſeyn, den Weg wieder zurückzu⸗ finden, wenn er ihn einmal gemacht hat?“ „Ich zweifle nicht, Major Duncan, daß wir im Stande ſeyn werden, alles zu thun, was nöthig iſt, wenn Jasper entfernt werden 255 müßte, wie Sie zum Voraus anzunehmen ſcheinen— obgleich ich denke, ich könnte mein Leben an ſeine Treue ſetzen.“ „Eure Zuverſicht gefällt mir— ſie ſpricht für den Burſchen; — aber der verwünſchte Brief! Er hat ſo das Ausſehen der Wahrheit an ſich; nein, es iſt ſo viel Wahres darin, was auf andere Gegenſtände Bezug hat.“— „Ich glaube, Euer Gnaden ſagten, es fehle die Unterſchrift des Namens; ein großes Verſehen, wenn man da auf einen Ehren⸗ mann ſchließen ſoll.“ „Ganz recht, Dunham, und nur ein Schurke, und obendrein ein feiger Schurke kann in Privatangelegenheiten einen anonymen Brief ſchreiben. Doch das iſt im Kriege anders. Da werden Nachrichten fingirt, und Liſt iſt immer zu rechtfertigen.“ „Eine männliche Kriegsliſt, Sir, wenn Sie ſo wollen; Hinter⸗ halte, Ueberraſchungen, fingirte Angriffe und auch noch Spionen; aber nie habe ich gehört, daß ein rechter Soldat den Charakter eines ehrenhaften jungen Mannes durch derartige Mittel zu unter⸗ graben beabſichtigt hätte.“ „Ich habe in dem Lauf meiner Erfahrung manches ungewöhn⸗ liche Ereigniß erlebt und manchen auf dem fahlen Pferde erwiſcht. Doch, lebt wohl, Sergeant; ich darf Euch nicht länger aufhalten. Ihr ſeyd nun gewarnt, und ich empfehle Euch unermüdete Wach⸗ ſamkeit. Ich glaube, Muir beabſichtigt, ſich in Bälde zurückzu⸗ ziehen, und wenn Ihr mit dieſer Unternehmung gut zu Stande kommt, ſo will ich meinen ganzen Einfluß aufbieten, Euch an ſeine Stelle zu bringen, auf die Ihr ſo manche Anſprüche habt.“ „Ich danke Euer Gnaden unterthänig,“ erwiederte der Ser⸗ geant ruhig, welcher ſchon ſeit zwanzig Jahren immer auf dieſe Weiſe ermuthigt worden war,„und ich hoffe, ich werde meiner Stellung nie Unehre machen, welche ſie auch immer ſeyn mag. Ich bin, was die Natur und Vorſehung aus mir gemacht hat, und ich hoffe zu Gott, daß ich mich nie über meinen Poſten beklagt habe. — 256 „Ihr habt doch die Haubitze nicht vergeſſen?“ „Jasper nahm ſie dieſen Morgen an Bord, Sir.“ „Seyd vorſichtig, und traut dieſem Manne nicht ohne Noth. Macht den Pfadfinder zu Eurem Vertrauten, er mag zu Entdeckung einer Verräͤtherei, die allenfalls im Werke ſeyn könnte, beitragen. Seine ehrliche Einfalt wird ſeinen Beobachtungen Vorſchub leiſten, wenn er ſie gehörig zu verbergen weiß. Er muß treu ſeyn.“ „Für ihn, Sir, ſtehe ich mit meinem Kopfe ein, oder mit meinem Rang im Regiment. Ich habe ihn zu oft geprüft, um an ihm zu zweifeln.“ „Von allen peinigenden Gefühlen, Dunham, iſt Mißtrauen da, wo man zum Vertrauen genöthigt iſt, das peinlichſte. Ihr habt doch darauf gedacht, daß es Euch nicht an überzähligen Flinten⸗ ſteinen gebreche?“ „Ein Sergeant iſt ein ſicherer Beſorger aller derartigen Ein⸗ zelnheiten, Euer Gnaden.“ „Wohl! Nun, ſo gebt mir Eure Hand, Dunham. Gott ſegne Euch, und laſſe es Euch wohl gelingen! Muir beabſichtigt ſich zurückzuziehen— doch, da wir gerade auf den kommen, laßt ihm gleiches Feld bei Eurer Tochter, denn dieß kann eine künftige Be⸗ werkſtelligung Eures Vorrückens erleichtern. Man wird ſich mit einer Gefährtin, wie Mabel, lieber zurückziehen, als im freudeloſen Wittwerſtand, wo man nichts als ſein Ich zu lieben hat, und noch dazu ſolch ein Ich, wie das Davids!“ „ Ich boffe, Sir, mein Kind wird eine kluge Wahl treffen, und denke, ſie hat ſich ſchon ſo ziemlich für den Pfadfinder ent⸗ ſchieden. Doch ſie ſoll freies Spiel haben, obgleich Ungehorſam ein Verbrechen iſt, das der Meuterei am nächſten ſteht.“ „Unterſucht und prüft den Kriegsbedarf ſorgfältig, ſobald Ihr ankommt; die Ausdünſtung des Sees könnte ihm ſchaden. Und nun noch einmal, lebt wohl, Sergeant. Gebt auf dieſen Jasper Acht, und in irgend einer Schwierigkeit zieht den Muir zu Rath. 257 Ich erwarte, daß Ihr heute über einen Monat ſiegreich zu⸗ rückkehrt.“ „Gott ſegne Euer Gnaden! Wenn mir etwas zuſtoßen ſollte, ſo verlaſſe ich mich auf Sie, Major Duncan, daß Sie Sorge tra⸗ gen werden für die Ehre eines alten Soldaten.“ „Verlaßt Euch auf mich, Dunham— Ihr verlaßt Euch auf einen Freund. Seyd wachſam, erinnert Euch, daß Ihr in dem Rachen des Löwen ſeyn werdet;— doch nein, nicht einmal in dem Rachen des Löwen, ſondern in dem eines verrätheriſchen Tigers, in ſeinem wahren Rachen, und außer dem Bereiche einer Unter⸗ ſtützung. Habt Ihr dieſen Morgen die Flintenſteine gezählt und unterſucht?— Und nun, lebt wohl, Dunham, lebt wohl!“ Der Sergeant nahm die dargebotene Hand ſeines Oberen mit dem gehörigen Reſpekt, und endlich trennten ſie ſich. Lundie eilte in ſeine bewegliche Wohnung, während der Andere das Fort ver⸗ ließ, an's Ufer hinabging und ein Boot beſtieg. Duncan hatte nur die Wahrheit geſagt, als er von der peini⸗ genden Eigenſchaft des Mißtrauens ſprach. Von allen Gefühlen des menſchlichen Gemüthes iſt dieſes das trüglichſte in ſeinen Wir⸗ kungen, das hinterliſtigſte in ſeiner Annäherung, und am ſchwerſten von einer edlen Seele zu beherrſchen. So lange der Zweifel da iſt, erſcheint Alles verdächtig. Wenn die Gedanken keine beſtimm⸗ ten Thatſachen haben, durch welche ihren Wanderungen ein Ziel geſetzt wird, ſo iſt es, wenn einmal dem Argwohn Zutritt geſtattet wurde, unmoͤglich, zu ſagen, zu welchen Vermuthungen er leiten und wohin ihm die Leichtgläubigkeit folgen wird. Was vorher unbe⸗ denklich ſchien, gewinnt die Farbe der Schuld, ſobald dieſer unbe⸗ queme Miethsmann ſeinen Sitz in der Seele aufgeſchlagen hat, und nichts kann geſagt oder gethan werden, ohne daß es den Färbungen und Entſtellungen des Mißtrauens und des Verdachtes unterworfen würde. Wenn dieß ſchon unter gewöhnlichen Umſtänden gilt, ſo wird es doppelt wahr, wenn es ſich dahei um eine ſchwere Pfadfinder. 3. Aufl. 17 A Verantwortlichkeit handelt, an welcher Leben und Tod hängt, wie dieß bei einem militäriſchen Befehlshaber oder einem Geſchäfts⸗ führer in irgend einer wichtigen politiſchen Angelegenheit der Fall iſt. Man darf daher nicht glauben, daß Sergeant Dunham, nach⸗ dem er ſich von ſeinem commandirenden Offtzier getrennt hatte, die erhaltenen Einſchärfungen außer Acht ließ. Er hatte zwar im Allgemeinen von Jasper eine hohe Meinung; aber zwiſchen ſein früheres Vertrauen und ſeine Dienſtobliegenheiten hatte ſich der Argwohn eingeſchlichen, und da er nun fühlte, daß Alles von ſei⸗ ner Wachſamkeit abhänge, ſo kam er an der Seite des Seud in einer Gemüthsſtimmung an, welche keinen verdächtigen Umſtand unbeachtet, und keine ungewöhnliche Bewegung des jungen Schiffers vorbeigehen ließ⸗ ohne daß ihm eine Erklärung abgefordert wurde. Dieſe Stimmung theilte ſich ſeiner ganzen Betrachtungsweiſe der Dinge mit, und ſeine Vorſicht ſowohl, als ſein Mißtrauen, trugen das Ge⸗ präge der Gewohnheiten, Meinungen und der Erziehung des Mannes. Der Anker des Scud wurde gelichtet, ſobald man das Boot mit dem Sergeanten, welcher die letzt erwartete Perſon war, vom Ufer abſtoßen ſah, und man richtete das Vordertheil des Kutters mittelſt der Ruder gegen Oſten. Einige kräftige Schläge der letz⸗ teren, wobei die Soldaten hilfreich an die Hand gingen, brachten das leichte Fahrzeug in gleiche Linie mit der nachwirkenden Strö⸗ mung des Fluſſes, und ſo kam es wieder weiter vom Laude ab. Es war jetzt gänzliche Windſtille, da der leichte Luftzug, welcher den Untergang der Sonne begleitete, wieder nachgelaſſen hatte. Die ganze Zeit über herrſchte eine ungewöhnliche Ruhe auf dem Kutter. Es ſchien, als fühlten die an Bord befindlichen Per⸗ ſonen, daß ſie in der Dunkelheit der Nacht auf ein ungewiſſes Unternehmen ausgehen ſollten: und die Wichtigkeit ihres Auftrags, die Stunde und die Art der Abfahrt verlieh ihren Bewegungen eine gewiſſe Feierlichkeit. Dieſe Gefühle wurden noch durch die Vorſchriften der Disriplin unterſtützt. Die meiſten ſchwiegen, und 4 259 diejenigen, welche ſprachen, thaten es ſelten und mit gedämpſter Stimme. In dieſer Weiſe bewegte ſich der Kutter langſam in den See hinaus, bis er dahin gelangte, wo die Strömung des Fluſſes aufhörte, und blieb dort in der Erwartung des gewöhnlichen Land⸗ windes ſtehen. Eine halbe Stunde lang lag der Seud nun ſo bewe⸗ gungslos, wie ein auf dem Waſſer ſchwimmender Stamm. Obſchon während der geringen Veränderungen, welche in der Lage des Schiffes vorgingen, eine allgemeine Ruhe herrſchte, ſo blieb doch nicht alle Mittheilung unterdrückt; denn der Sergeant führte, nach⸗ dem er ſich überzeugk hatte, daß ſeine Tochter und ihre Gefährtin ſich auf der Schanze befanden, den Pfadfinder zu der Nebenkajüte, verſicherte ſich, daß kein Horcher in der Nähe ſey, ſchloß die Thüre mit großer Vorſicht und begann mit folgenden Worten: „Es iſt nun ſchon ſo manches Jahr, mein Freund, ſeit Ihr angefangen habt, die Beſchwerlichkeiten und Gefahren der Wälder in meiner Geſellſchaft zu verſuchen.“ „Es iſt ſo, Sergeant; ja, es iſt ſo. Ich fürchte bisweilen, ich ſey zu alt für Mabel, die noch nicht geboren war, als wir ſchon als Kameraden mit einander gegen die Franzoſen fochten.“ „Seyd deßhalb ohne Furcht, Pfadfinder. Ich war faſt ſo alt, wie Ihr, als ich mein Auge auf ihre Mutter warf, und Mabel iſt ein feſtes und verſtändiges Mädchen, die mehr den Charakter als etwas Anderes beachtet. Ein Burſche, wie Jasper Eau⸗douce zum Beiſpiel, würde kein Glück bei ihr machen, obgleich er jung und hübſch iſt.“ „Denkt Jasper an's Heirathen?“ fragte der Wegweiſer mit ernſter Einfalt. „Ich hoffe nicht— wenigſtens nicht, bis er Jeden überzeugt hat, daß er wirklich geeignet ſey, ein Weib zu beſitzen.“ „Jasper iſt ein braver Junge, und hat für ſein Fach große Gaben. Er möchte wohl ſo gut als ein Anderer auf ein Weib Anſpruch machen können.“ 1 „Ich will offen gegen Euch ſeyn, Pfadfinder; ich habe Euch hieher gebracht, um gerade wegen dieſes jungen Burſchen ein Wörtchen mit Euch zu ſprechen. Major Duncan hat eine Mit⸗ theilung erhalten, welche ihm den Verdacht beibrachte, daß Jas⸗ per falſch ſey, und in dem Solde des Feindes ſtehe. Ich wünſche Eure Meinung über dieſen Gegenſtand zu hören.“ 6 „Wie?“ „Ich ſage, der Major argwöhnt, Jasper ſey ein Verräther, ein franzöſiſcher Spion, oder, was noch ſchlimmer iſt, erkauft, um uns auszuliefern. Er hat über dieſen Umſtand einen Brief erhal⸗ ten und mich beauftragt, ein wachſames Auge auf alle Bewegun⸗ gen des Jungen zu halten. Er fürchtet, daß wir mit den Fein⸗ den zuſammentreffen werden, wenn wir's am wenigſten vermuthen, und zwar durch ſeine Veranſtaltung.“ „Duncan of Lundie hat Euch dieß geſagt, Sergeant Dunham?“ „Ja, Pfadfinder; und obgleich ich nicht geneigt war, von Jaspern etwas ſo Schlimmes zu glauben, ſo regt ſich in mir doch ein Gefühl, welches mir ſagt, daß ich ihm nicht trauen dürfe. Glaubt Ihr an Ahnungen, Freund?“ „An was, Sergeant?“ „An Ahnungen, eine Art geheimen Vorgefühls zukünftiger Ereigniſſe. Die Schotten in unſerm Regiment ſind große Ver⸗ fechter ſolcher Dinge, und meine Meinung von Jasper iſt ſo ent⸗ ſchieden verändert, daß ich zu fürchten anfange, es ſey etwas Wahres in ihren Behauptungen.“ „Aber Ihr habt mit Duncan of Lundie über Jaspern ge⸗ ſprochen, und ſeine Worte haben in Euch Zweifel erregt.“ „Das iſt's nicht, nicht im mindeſten; denn während ich mit dem Major ſprach, dachte ich ganz anders, und ich gab mir alle Mühe, ihm zu beweiſen, daß er dem Jungen Unrecht thue. Aber ich finde, es hilft nichts, ſich gegen eine Ahnung zu ſträuben, und ich fürchte, daß doch etwas an dem Verdacht iſt.“ 8 261 „Ich weiß nichts von Ahnungen, Sergeant; aber ich habe Jaspern von ſeinen Knabenjahren an gekannt, und hege ein ſo großes Verrauen zu ſeiner Ehrlichkeit, als zu meiner eigenen, oder ſelbſt der des Serpent.“ „Aber der Serpent, Pfadfinder, hat ſeine Kniffe und Hinter⸗ halte im Krieg, ſo gut, als ein anderer.“ „Ja, ſie ſind ſeine natürlichen Gaben, und ſind ſo, wie die ſeines Volkes. Weder eine Rothhaut, noch ein Blaßgeſicht kann ſeine Natur verläugnen. Aber Chingachgook iſt nicht der Mann, gegen den man eine Ahnung haben kann.“ „Ich glaube das, und ich würde noch dieſen Morgen nicht übel von Jasper gedacht haben. Aber es ſcheint mir, Pfadfinder, ſeit dieſe Ahnung in mir aufgeſtiegen iſt, als ob ſich der Junge auf ſeinem Verdeck nicht mehr ſo natürlich rühre, wie er es ſonſt gewohnt iſt. Er iſt ſtill, ſchwermüthig und gedankenvoll, wie ein Mann, der etwas auf ſeinem Gewiſſen hat.“ „Jasper iſt nie laut, und er ſagt mir, daß geräuſchvolle Schiffe im Allgemeinen übelgeführte Schiffe ſeyen. Auch Meiſter Cap gibt dieß zu. Nein, nein, ich will nichts gegen Jasper glauben, bis ich es ſehe. Schickt nach Eurem Schwager, Sergeant, und laßt uns ihn über die Sache befragen; denn mit dem Verdacht gegen einen Freund im Herzen zu ſchlafen, iſt ein Schlaf mit Blei auf demſelben. Ich habe keinen Glauben an Eure Ahnungen.“ Da der Sergeant hiegegen kaum etwas einwerfen konnte, ſo fügte er ſich darein, und Cap wurde aufgefordert, ſich ihrer Be⸗ rathung anzuſchließen. Pfadfinder war geſammelter als ſein Ge⸗ fährte, und in der vollen Ueberzeugung von der Treue des ange⸗ ſchuldigten Theiles übernahm er das Geſchäft des Sprechers. „Wir haben Euch gebeten, zu uns herunter zu kommen, Mei⸗ ſter Cap,“ fing er an,„um Euch zu fragen, ob Ihr dieſen Abend nicht etwas Ungewöhnliches in den Bewegungen des Eau⸗douce be⸗ merkt habt?“ „Seine Bewegungen ſind gewöhnlich genug für das friſche Waſſer, Meiſter Pfadfinder, obgleich wir das meiſte von ſeinem Verfahren unten an der Küſte für unregelmäßig halten würden.“ „Ja, ja; wir wiſſen, daß Ihr nie mit dem Burſchen über die Art, wie ein Kutter zu handhaben iſt, einig werden könnt. Aber es iſt etwas Anderes, worüber wir Eure Meinung hören möchten.“ Der Pfadfinder ſetzte nun Cap von dem Verdacht in Kennt⸗ niß, welchen der Sergeant gegen Jasper hegte, und gab ihm die Veranlaſſung dazu an, ſo weit Major Duncan ſich darüber aus⸗ geſprochen hatte. „Wie?— der Junge ſpricht franzöſiſch?“ ſagte Cap. „Man ſagt, er ſpreche es beſſer, als es gewöhnlich geſprochen wird,“ erwiederte der Sergeant mit Ernſt,„Pfadfinder weiß, daß dieß wahr iſt.“ „Ich kann nichts dagegen ſagen, ich kann nichts dagegen ſagen,“ antwortete der Wegweiſer;„wenigſtens erzählt man ſich ſo. Aber dieſes würde nichts gegen einen Miſſiſſagua, geſchweige gegen einen Menſchen wie Jasper, beweiſen. Ich ſpreche auch die Sprache der Mingos, die ich gelernt habe, als ich ein Gefangener unter dieſem Gewürm war; wer wird mich aber deshalb für ihren Freund halten? Nicht, daß ich nach indianiſchen Begriffen ihr Feind wäre, obgleich ich zugebe, daß ich in den Augen der Chri⸗ ſten ihr Feind bin.“ „Wohl, Pfadfinder;— aber Jasper hat ſein Franzöſiſch nicht als Gefangener gelernt; er lernte es in ſeiner Kindheit, wo der Geiſt am empfänglichſten iſt und leicht bleibende, Eindrücke äuf⸗ nimmt— wo die Natur ein Vorgefühl von dem Mege hat, wel⸗ chen der Charakter wahrſcheinlich ſpäter einſchlagen wird.“ „Eine ſehr wahre Bemerkung,“ fügte Cap bei,„denn das iſt diejenige Lebenszeit, wo wir alle den Katechismus und andere mo⸗ raliſche Lehren lernen. Die Bemerkung des Sergeanten zeigt, daß er die menſchliche Natur kennt, und ich bin vollkommen ſeiner 263 Anſicht. Es iſt eine Heilloſigkeit, daß ſo ein junger Burſche auf dieſem Bischen Friſchwaſſer da oben franzöſiſch kann. Wenn es noch unten auf dem atlantiſchen Meere wäre, wo ein Seemann bisweilen Gelegenheit hat, mit einem Lootſen oder Sprachgelehrten in dieſer Sprache zu reden, ſo würde ich mir nicht ſo viel daraus machen, obſchon mir immer— ſelbſt da— einen Schiffsmaten mit Argwohn betrachten, wenn er zu viel davon verſteht. Aber hier oben, auf dem Ontario, halte ich es für einen äußerſt ver⸗ dächtigen Umſtand.“ „Aber Jasper muß mit den Leuten am andern Ufer franzö⸗ ſiſch ſprechen,“ ſagte Pfadfinder,„oder ganz ſchweigen, da man dort nur dieſe Sprache kennt.“ „Ihr wollt mir doch nicht weiß machen, Pfadfinder, daß dort drüben auf der entgegengeſetzten Kuſte Frankreich liege?“ rief Cap⸗ indem er mit ſeinem Daumen über die Schulter weg gegen Canada hinwies.„Wie, ſoll auf der einen Seite dieſes Friſchwaſſerſtrei⸗ fens York, und auf der andern Frankreich liegen?“ „Ich will Euch nur ſagen, daß hier York, und dort Ober⸗ canada iſt, und daß man auf dem erſteren engliſch, holländiſch und indianiſch, und auf dem letztern franzöſiſch und indianiſch ſpricht. Selbſt die Mingos haben manche franzöſiſche Worte in ihren Dia⸗ lekt aufgenommen, wodurch er aber gerade nicht beſſer ge⸗ worden iſt.“ „Sehr wahr;— aber was für eine Art Leute ſind dieſe Mingos, mein Freund?“ fragte der Sergeant, indem er Pfadfinders Schulter berührte, um ſeiner Bemerkung mehr Nachdruck zu geben, da die Wahrheit derſelben ſichtlich ihre Bedeutung in den Augen des Sprechers ſteigerte:„Niemand kennt ſie beſſer, als Ihr, und ich frage Euch, was iſt's für ein Menſchenſchlag?“ „Jasper iſt kein Mingo, Sergeant.“ 1 „Er ſpricht franzöſiſch, und könnte deßhalb eben ſo gut einer ſeyn. Bruder Cap, kannſt du dich nicht auf irgend eine . Bewegung in der Führung ſeines Berufs beſinnen, die auf eine Verrätherei hindeuten könnte?“ „Nicht beſtimmt, Sergeant, obgleich er die halbe Zeit über das Hinterſte zuvorderſt angegriffen hat. Es iſt wahr, daß Einer ſeiner Handlanger ein Tau gegen die Sonne aufgeſchlagen hat, was er, als ich ihn um den Grund fragte, ein Thau querlen nannte; aber ich weiß nicht, was er damit meinte, obgleich ich ſagen darf, daß die Franzoſen die Hälfte ihres laufenden Tauwerks, unrecht aufſchlagen, und es deßhalb vielleicht auch Querlen nennen. Dann ſplißte Jasper ſelbſt das Ende der Klüverfallen mit den Fußſtöcken des Tauwerks, anſtatt ſie an dem Maſt anzu⸗ bringen, wohin ſie, wenigſtens nach dem Urtheil brittiſcher Seeleute, gehören.“ „Es iſt wohl möglich, daß Jasper, der ſich ſo viel auf der andern Seite des Sees aufgehalten, bei Behandlung ſeines Fahr⸗ zeugs einige von den canadiſchen Begriffen aufgenommen hat,“ warf Pfadfinder ein;„aber das Aufgreifen eines Gedankens oder eines Wortes iſt weder Verrätherei noch Treuloſigkeit. Ich habe bisweilen ſelbſt von den Mingos eine Idee aufgefangen, und doch war mein Herz immer bei den Delawaren. Nein, nein, Jasper iſt treu, und der König könnte ihm ſeine Krone anvertrauen, eben ſo gut wie ſeinem älteſten Sohne, der, da er ſie eines Tages tragen ſoll, gewiß der letzte ſeyn wird, der ſie ihm ſtehlen möchte.“ „Schöne Reden, ſchöne Reden!“ ſagte Cap, welcher ſich erhob, um durch das Cajütenfenſter zu ſpucken, wie es bei Leuten ge⸗ wöhnlich iſt, wenn ſie die ganze Macht ihrer moraliſchen Ueber⸗ legenheit fühlen und dabei zufällig Taback kauen.„Nichts als ſchöne Reden, aber v——t wenig Logik. Einmal kann des Königs Majeſtät ſeine Krone nicht herleihen, da dieſes gegen die Geſetze des Reichs iſt, welchen zufolge er ſie immer tragen muß, damit man ſeine geheiligte Perſon erkenne, wie auch der Sheriff auf der See ſtets das ſilberne Ruder bei ſich führen muß. Dann iſt es 265 nach den Geſetzen Hochverrath, wenn Seiner Majeſtät älteſter Sohn nach der Krone trachtet oder ein Kind erzeugt, es ſey denn in einer geſetzlichen Ehe, da dadurch die Nachfolge in Unordnung kommen würde Ihr könnt alſo daraus ſehen, Freund Pfadfinder, daß man, wenn man richtig räſonniren will, die richtigen Segel beiſetzen muß. Geſetz iſt Vernunſt, und Vernunft iſt Philoſophie, und Philoſophie iſt ein beſtändiges vor Anker treiben; woraus denn folgt, daß die Kronen durch Geſetz, Vernunft und Philoſophie geregelt werden.“ „Ich verſtehe wenig von all dieſem, Meiſter Cap; aber nichts ſoll mich veranlaſſen, Jasper Weſtern für einen Verräther zu halten, bis ich mich durch meine eigenen Augen und Ohren über⸗ zeugt habe.“ „Da habt Ihr wieder Unrecht, Pfadfinder, denn es gibt einen Weg, eine Sache viel folgerichtiger zu prüfen, als durch Sehen und Hören, oder beides zuſammen, und das iſt der In⸗ dizienbeweis.“ „So mag es in den Anſiedelungen ſeyn, aber nicht hier an der Gränze.“ „Er liegt in der Natur, und dieſe herrſcht überall gleich. So iſt, Euren Sinnen zufolge, Jasper Cau⸗douce in dieſem Augen⸗ blicke auf dem Verdecke, und jeder, der da hinauf geht, kann ſich durch ſeine Augen und ſeine Ohren davon überzeugen. Sollte ſich's aber nachher herausſtellen, daß in dieſem nämlichen Augenblicke den Franzoſen eine Mittheilung gemacht wurde, die nur von Jaspern ausgehen konnte, warum ſollten wir uns nicht zu der Annahme verpflichtet fühlen, daß das Indiz wahr iſt, und daß uns unſere Sinne getäuſcht haben? Jeder Rechtsgelehrte wird Euch das Nämliche ſagen.“ „Das iſt kaum richtig,“ ſagte Pfadfinder;„auch iſt es nicht möglich, da es aller Wirklichkeit widerſpricht.“ „Es iſt noch viel mehr als möglich, mein würdiger Wegweiſer; es iſt Geſetz, ein unbedingtes Geſetz des Königreiches, und als ſolches verlangt es Achtung und Gehorſam. Ich würde meinen eigenen Bruder auf ein ſolches Zeugniß hin hängen, ohne weitere Rückſicht auf die Familie zu nehmen, Sergeant.“ „Gott weiß, wie weit dieß Alles auf Jasper anwendbar iſt, Pfadfinder, obgleich ich glaube, daß Meiſter Cap, was das Geſetz anbelangt, Recht hat; denn bei ſolchen Gelegenheiten haben Indi⸗ zien eine weit größere Bedeutung, als die Sinne. Wir müſſen ſehr auf unſerer Hut ſeyn, und dürfen nichts Verdächtiges überſehen.“ „Ich erinnere mich nun,“ fuhr Cap fort, indem er ſich wieder des Fenſters bediente,„daß, gerade als wir dieſen Abend an Bord kamen, ein Indiz ſtattfand, das äußerſt verdächtig iſt, und recht wohl einen neuen Punkt gegen dieſen jungen Menſchen ab⸗ geben mag. Jasper befeſtigte des Königs Flagge mit eigenen Händen, und während er ſich das Anſehen gab, als blicke er auf Mabel und das Soldatenweib, und die Anweiſung ertheilte, ſie da herunterzuführen und ihnen alles zu zeigen, zog er die Flagge der Union nieder.“ „Das kann ein Zufall geweſen ſeyn,“ erwiederte der Sergeant, „denn etwas Derartiges iſt mir ſelbſt ſchon begegnet; zudem führen die Fallen zu einem Flaſchenzug, und die Flagge mußte recht oder unrecht kommen, je nachdem der Junge ſie aufgehißt hatte.“ „Ein Flaſchenzug?“ rief Cap mit Unwillen, ich wünſchte, Sergeant, ich könnte dich dahin bringen, dich der geeigneten, Ausdrücke zu bedienen. Ein Flaggenfallblock iſt eben ſo wenig ein Flaſchenzug als deine Hellebarde ein Enterhaken. Es iſt zwar wahr, wenn man an dem einem Theile zieht, ſo muß der andere in die Höhe gehen, aber da Ihr mir einmal Euern Verdacht mit⸗ getheilt habt, ſo betrachte ich die Geſchichte mit der Flagge als ein Indiz, das ich nicht außer Acht laſſen will. Ich denke übrigens, daß das Abendeſſen nicht vergeſſen worden iſt, und wenn der ganze Naum voll Verräther wäre.“ 267 „Es wird dafür gehörige Sorge getragen ſeyn, Bruder Cap; aber ich rechne auf deinen Beiſtand bezüglich der Führung des Scuds, wenn etwas vorfallen ſollte, was zu Jaspers Verhaftung Anlaß gäbe.“ „Ich werde dich nicht verlaſſen, Sergeant; und in dieſem Falle kannſt du wahrſcheinlich lernen, was der Kutter wirklich zu leiſten vermag, denn bis jetzt, meine ich, müßte man das mehr errathen.“ „Wohl, was mich anbelangt,“ ſagte Pfadfinder mit einem tiefen Seufzer,“„ſo will ich die Hoffnung auf Jaspers Unſchuld feſthalten und empfehle ein offenes Verfahren, indem man den Jungen ohne weiteren Verzug ſelbſt fragt, ob er ein Verräther ſey oder nicht. Ich ſetze auf Jasper mein Vertrauen, trotz allen Ahnungen und Indiz in der Colonie.“ „Das geht nicht, erwiederte der Sergeant.„Die Verant⸗ wortlichkeit dieſes Geſchäftes liegt auf mir, und ich bitte und befehle, daß gegen Niemanden ohne mein Vorwiſſen irgend Etwas verlaute. Wir wollen Alle ein wachſames Auge haben und auf die Indizien geeignete Rückſicht nehmen.“ „Ja ja! die Indizien ſind im Grunde die Hauptſache,“ er⸗ wiederte Cap.„Ein einziges Indiz gilt für fünfzig Thatſachen. Dieß iſt, ſo viel ich weiß, daß Geſetz des Königreichs. Mancher iſt ſchon auf Indizien hin gehenkt worden.“ Die Beſprechung war nun zu Ende, und nach einer kurzen Zögerung kehrten ſie auf das Verdeck zurück, wobei jeder in der Abſicht, das Betragen des verdächtigen Jasper zu beobachten, der ſeinen Gewohnheiten und ſeinem Charakter angemeſſenen Weiſe folgte. Vierzehntes Kapitel. Gerade ſolch ein Mann, ſo ſchwach, ſo geiſtlos, So ſtumpf, ſo todt im Blick, ſo weinerlich, Hob Priams Vorhang in der Schreckensnacht, Um ihm zu ſagen, daß halb Troja brenne. Shakeſpeare. Inzwiſchen ging alles auf dem Schiffe ſeinen gewohnten Gang, Jasper ſchien mit ſeinem Fahrzeug auf den Landwind zu warten, indeß die Soldaten, welche an ein frühes Aufſtehen gewöhnt waren, bis auf den letzten Mann ihre Schlafſtätten in dem Haupt⸗ raume aufgeſucht hatten. Nur die Schiffsleute, Muir und die beiden Weiber waren noch auf dem Verdeck. Der Quartiermeiſter bemühte ſich, bei Mabel den Angenehmen zu ſpielen, während unſere Heldin ſelbſt wenig auf ſeine Bemühungen achtete, welche ſie theilweiſe der ſoldatiſchen Galanterie, theilweiſe vielleicht auch ihrem hübſchen Geſichte zuſchrieb, und ſich an den eigenthümlich⸗ keiten eines Schauſpiels und einer Lage erfreute, die ihr ſo viele Reize der Neuheit darboten. Die Segel waren aufgehißt, aber noch regte ſich kein Lüftchen und der See war ſo ruhig und eben, daß an dem Kutter nicht die mindeſte Bewegung zu erkennen war. Die Flußſtrömung hatte ihn nicht ganz auf eine Viertelmeile vom Lande abgetrieben, und da lag er nun, wie feſtgenagelt, in der ganzen Schönheit ſeiner Form und ſeines Ebenmaaßes. Der junge Jasper war auf der Schanze und ſtand nahe genug, um gelegentlich die ſtattfindende Unterhaltung zu vernehmen; doch wagte er es nicht, ſich darein zu miſchen, theils weil er ſeinen eigenen Anſprüchen zu ſehr mißtraute, theils weil er von den Obliegenheiten ſeines Dienſtes in Anſpruch genommen war. Mabels ſchönes blaues Auge folgte ſeinen Bewegungen in neugieriger Erwartung und betrachtete die kleinen Begebniſſe auf dem Fahrzeug mit einer ſolchen Aufmerkſamkeit, daß ſie die Artigkeiten 269— des Quartiermeiſters, welche er mehr als einmal an ſie richten mußte, bis ſie gehört wurden, nur mit Gleichgültigkeit hinnahm. Endlich ſchwieg ſelbſt Muir, und eine tiefe Stille herrſchte auf dem Waſſer. Da efiel plötzlich unter dem Fort eine Ruderſchaufel in ein Boot, und der Ton war auf dem Kutter ſo vernehmlich, als ob er von ſeinem eigenen Verdeck ausgegangen ſey. Dann kam ein Gemurmel, wie ein Seufzen der Nacht: das Flattern eines Segels, das Knarren des Maſtes und das Schlagen des Klüvers. Dieſen wohlbekannten Tönen folgte eine leichte Hielung des Kutters und das Blähen aller Segel. „Da kömmt der Wind, Anderſon,“ rief Jasper dem älteſten ſeiner Schiffsleute zu.„Nimm das Steuer.“ Dieſer kurzen Anweiſung wurde gehorcht, das Steuer gehoben und die Buge ſielen ab. Nach einigen Minuten hörte man das Murmeln des Waſſers unter dem Schnabel, und der Scud ſchoß in den See mit der Geſchwindigkeit von fünf Meilen in einer Stunde. Alles dieſes geſchah mit tiefem Schweigen, als Jasper auf’'s Neue den Befehl gab: „Viert die Schoten ein wenig und haltet längs dem Lande hin.“ In dieſem Augenblick erſchienen die drei Männer aus der Nebencajüte wieder auf der Schanze. „Ihr habt wohl nicht die Abſicht, Junge, unſern Nachbarn, den Franzoſen allzunahe zu kommen,“ bemerkte Muir, welcher die Gelegenheit ergriff, ein Geſpräch anzufangen.„Nun, gut! Ich ziehe Eure Klugheit nicht im mindeſten in Zweifel, denn ich liebe die Canadier ſo wenig, als Ihr ſie wahrſcheinlich liebt.“ „Ich halte am Ufer wegen des Windes, Herr Muir. Der Landwind iſt immer in der Nähe des Strandes am friſcheſten, vorausgeſetzt, daß man nicht nahe genug kömmt, um die Bäume im Lee zu haben. Wir haben die Mexico⸗Bay zu kreuzen, und dieſe wird uns bei dem gegenwärtigen Kurſe gerade genug offene See geben.“ 4 hert er NMN „Es iſt mir recht lieb, daß es nicht die Bay von Merico iſt,“ warf Cap ein,„denn dieſe iſt ein Theil der Welt, den ich in einem von Euren Binnenſchiffen lieber nicht beſuchen möchte. Hat Euer „ Kutter ein Luvſteuer, Meiſter Eau⸗douce?“ ℳ „Er geht leicht nach dem Steuer, Meiſter Cap, aber er ſieht ſo gern als ein anderes Fahrzeug nach dem Winde, wenn er einmal in lebhafter Bewegung iſt.“ „Ich hoffe, Ihr habt doch ſolche Dinge, die man Reffe heift, obgleich Ihr kaum eine Gelegenheit haben könnt, ſie zu benützen 24 Mabels leuchtendes Auge entdeckte das Lächeln, das einen Augenblick Jaspers ſchönes Geſicht überflog, obſchon Niemand anders dieſen vorübergehenden Ausdruck der Ueberraſchung und Ver⸗ Kachtung bemerkte. vr„Wir haben Reffe, und es gibt oft Gelegenheit ſie zu benützen,“ erwiederte der junge Mann mit Ruhe.„Ehe wir einlaufen, wird ſich's ſchicken, Euch die Art, wie wir ſie gebrauchen, zu zeigen; denn im Oſten bräut das Wetter etwas, und ſelbſt auf dem Meere kann der Wind nicht ſchneller umſpringen, als er auf dem Onta⸗ rioſee ſeinen Kehrum macht.“ „Nun, Ihr ſprecht wie einer, der es nicht beſſer verſteht. Ich habe den Wind auf dem atlantiſchen Meer wie ein Kutſchenrad ſich drehen ſehen, in einer Weiſe, daß die Segel ſtundenlang bebten, und das Schiff vollkommen bewegungslos ſtand, weil es nicht wußte, wohin es ſich drehen ſolle.“ „Wir haben hier freilich keine ſo plötzlichen Wechſel,“ erwiederte Jasper ſanft,„obgleich wir glauben, daß wir manchen unerwarteten Veränderungen des Windes ausgeſetzt ſind. Ich hoffe übrigens, daß wir dieſen Landwind bis zu den erſten Inſeln behalten werden, und dann wird die Gefahr, von einem Frontenae'ſchen Lug⸗aus⸗ Boote geſehen und verfolgt zu werden, weniger groß ſeyn.“ „Meint Ihr, die Franzoſen halten Spione hier außen auf dem See, Jasper?“ fragte der Pfadfinder. 2 2— 271 A 4 „Wir wiſſen, daß es ſo iſt. Letzten Montag Nachts war ſogar einer vor Oswego. Ein Rindenkahn kam bis an die öſtliche Spitze und ſetzte einen Indianer und einen Offizier ans Land. Wenn Ihr damals, wie gewöhnlich, außen geweſen wäret, ſo hätten wir, wenn nicht beide, doch gewiß einen aufgreifen können.“ Es war zu dunkel, um die Röthe zu bemerken, welche die Farbe auf den ſonneverbrannten Zügen des Wegweiſers vertiefte, denn er war ſich bewußt, daß er damals in dem Fort ſich aufgehalten hatte, um auf Mabels ſüße Stimme zu hören, als ſie ihrem Vater Balladen vorſang, und ihr in das Auge zu ſchauen, das für ihn Zauberſtrahlen ſchoß. Rechtſchaffenheit im Denken und Handeln war eine charakteriſtiſche Eigenſchaft in der Seele dieſes außeror⸗ dentlichen Mannes, und obgleich er fühlte, daß eine Art von Schmach ſeiner bei dieſer Gelegenheit ſtattgehabten Trägheit an⸗ klebe, ſo wäre ihm doch der Verſuch, ſeine Nachläßigkeit zu bemän⸗ teln oder in Abrede zu ziehen, am allerletzten eingefallen. „Ich gebe es zu, Jasper, ich gebe es zu,“ ſagte er beſcheiden. „Wäre ich in jener Nacht außen geweſen— und ich kann mich keines zureichenden Grundes erinnern, warum ich es nicht war— ſo möchte es wirklich ſo gegangen ſeyn, wie Ihr ſagt.“ „Das war an jenem Abend, Pfadfinder, den Ihr bei uns zubrachtet,“ bemerkte Mabel unſchuldig;„und gewiß iſt ein Mann, der ſo viele Zeit in den Wäldern und im Angeſicht des Feindes verlebt, zu entſchuldigen, wenn er einige Stunden einem alten Freund und ſeiner Tochter widmet.“ „Nein, nein, ich bin, ſeit ich in das Fort zurückgekommen, faſt nichts als müßig geweſen,“ erwiederte der Andere mit einem Seufzer,„und es iſt gut, daß der Junge davon ſpricht. Der Müßige bedarf des Tadels, ja er bedarf des Tadels.“ „Tadel, Pfadfinder? Ich habe nie im Traum daran gedacht, Euch etwas Unangenehmes ſagen zu wollen, und am wenigſten fällt es mir bei, Euch zu tadeln, weil ein Spion und ein oder zwei 272 Indianer uns entwiſcht ſind. Ueberhaupt halte ich, da ich nun weiß, wo Ihr wart, Eure Abweſenheit für die natürlichſte Sache von der Welt.“ „Thut nichts, Jasper, thut nichts, daß Ihr mir es geſagt habt, denn ich hab's verdient. Wir ſind Alle Menſchen und thun Alle Unrecht.“ „Das iſt unfreundlich, Pfadfinder.“ „Gebt mir Eure Hand, Junge, gebt mir Eure Hand. Nicht Ihr habt mir dieſe Lehre gegeben, ſondern mein Gewiſſen.“ „Gut, gut!“ unterbrach Cap.„Dieſer letztere Gegenſtand iſt nun zur Zufriedenheit aller Theile beigelegt. Ihr werdet uns aber vielleicht ſagen, wie es zuging, daß man Kunde von Spionen, die erſt kürzlich in unſerer Nähe waren, erhielt. Dieß ſieht einem Indiz zum Erſtaunen ähnlich.“ Als der Seemann dieſe letzte Aeußerung laut werden ließ, drückte er ſeinen Fuß leicht auf den des Sergeanten, ſtieß den Weg⸗ weiſer mit dem Ellenbogen an, und blinzelte zu gleicher Zeit mit den Augen, obgleich dieſes Zeichen in der Dunkelheit verloren ging. „Es wurde bekannt, weil der Serpent am andern Tag ihre Fährte fand, welche aus der Spur eines Soldatenſtiefels und der eines Moccaſins beſtand. Zudem hat einer unſerer Jäger am andern Morgen den Kahn gegen Frontenac rudern ſehen.“ 6 „Leitete die Spur in die Nähe der Garniſon, Jasper?“ fragte Pfadfinder in dem ſanften und demüthigen Tone eines getadelten Schulknaben;„leitete die Fährte in die Nähe der Garniſon, Junge?“ „Wir glaubten, das nicht zu finden, obgleich ſie natürlicher⸗ weiſe auch nicht über den Fluß führte. Man verfolgte ſie bis zur öſtlichen Spitze an der Mündung des Fluſſes hinab, wo man ſehen konnte, was in dem Hafen geſchah. So viel wir jedoch zu entdecken vermochten, kreuzte ſie den Fluß nicht.“ „Und warum begabt Ihr Euch nicht auf den Weg, Meiſter Jasper,“ fragte Cap,„um auf ſie Jagd zu machen? Wir hatten 273 am Dienſtag Morgen guten Wind, bei dem der Kutter wohl hätte neun Knoten ablaufen können.“ „Das mag auf dem Ocean angehen, Meiſter Cap,“ warf Pfadfinder ein,„aber hier ließe ſich das nicht machen. Das Waſſer hinterläßt keine Fährte, und einen Indianer oder einen Franzoſen mag der Teufel verfolgen.“ „Was braucht's einer Fährte, wenn man den Gegenſtand, auf den man Jagd macht, von dem Verdeck aus ſehen kann, wie dieß⸗ nach Jaspers Aeußerung, mit dem Kahne der Fall war? Bei einem guten brittiſchen Kiele in ſeinem Fahrwaſſer hätte es nichts zu ſagen, wenn es ihrer zwanzig von Euren Mingos und Fran⸗ zoſen wären. Ich wette, Meiſter Eau⸗douce, daß wir, wenn Ihr mir an jenem Dienſtag Morgen etwas von der Sache geſagt hättet, dieſe Blauſtrümpfe überholt haben würden.“ „Ich glaube wohl, Meiſter Cap, daß der Rath eines alten Seemanns, wie Ihr ſeyd, einem ſo jungen Schiffer, wie ich bin, nicht hätte ſchaden mögen, aber die Jagd auf einen Rindenkahn iſt eine lange und hoffnungsloſe.“ „Ihr hättet ihm nur hartzuſetzen und ihn ans Ufer treiben dürfen.“ „Ans Ufer, Meiſter Cap? Ihr kennt die Schifffahrt auf unſrem See nicht im mindeſten, wenn Ihr es für eine Kleinigkeit haltet, einen Rindenkahn ans Ufer zu treiben. Wenn ſich dieſe Waſſerblaſen gedrängt fühlen, ſo rudern ſie recht in des Windes Auge, und ehe Ihr's Euch verſeht, ſo befindet Ihr Euch eine Meile oder zwei todt unter ihrem Lee.“ „Ihr wollt mir doch nicht weiß machen, Meiſter Jasper, daß irgend Jemand ſo unbeſonnen ſich der Gefahr des Ertrinkens aus⸗ ſetze, um in einer dieſer Eierſchaalen in den See hineinzufahren, wenn Wind da iſt?“ „Ich habe oft bei ziemlich hoher See in einem Rindenkahn über den Ontario geſetzt. Gut gehandhabt ſind ſie die erprob⸗ teſten Fahrzeuge, die wir kennen.“ Der Pfadfinder. 3. Aufl. 18 274 Cap führte nun ſeinen Schwager und den Pfadfinder bei Seite und verſicherte, daß Jaspers Zugeſtaͤndniß bezüglich der Spionen ‚ein Indize, und zwar ‚ein gewichtiges Indiz“ ſey, das wohl eine weitere Ueberlegung und Nachforſchung verdiene, indeß ſeine Erzählung im Betreff der Kähne ſo unwahrſcheinlich klinge, daß ſie das Ausſehen habe, als wolle er ſich nur über ſeine Zuhörer luſtig machen. Jasper hatte zuverſichtlich von dem Cha⸗ rakter der zwei gelandeten Perſonen geſprochen, und dieß ſchien Cap ein ziemlich bündiger Beweis, daß jener mehr von ihnen wiſſe, als ſich aus einer bloßen Fährte erkennen laſſe. Von den Moc⸗ caſins ſagte er, daß ſie in dieſem Theile der Welt von den Weißen ſowohl, als von den Indianern getragen würden; er hätte ſelbſt ein Paar gekauft, und Stiefel machten bekanntermaßen nicht den Soldaten. Obgleich vieles von dieſer Logik dem Sergeanten gegen⸗ über verloren ging, ſo hatte ſie doch einigen Erfolg. Es kam ihm ein wenig ſonderbar vor, daß in der Nähe des Forts Spione ſoll⸗ ten entdeckt worden ſeyn, ohne daß er etwas davon wußte. Auch glaubte er, daß dieß ein Kenntnißzweig ſey, der nicht gerade in Jaspers Sphäre einſchlage. Allerdings war der Scud ein oder zweimal über den See geſchickt worden, um Mannſchaft ans Land zu ſetzen oder weiter zu ſchaffen; aber damals ſpielte Jasper, wie er wohl wußte, eine ſehr untergeordnete Rolle, und der Führer des Kutters kannte von dem Auftrage der Leute, welche er ab⸗ und zu⸗ führte, ſo wenig als ein anderer; auch ſah er nicht ein, warum Eau⸗douce allein von allen Anweſenden etwas von dem letzten Be⸗ ſuche wiſſen ſollte. Pfadfinder betrachtete übrigens die Sache von einem verſchiedenen Standpunkt. Mit ſeinem gewohnten Mißtrauen tadelte er ſich ſelbſt wegen Vernachläßigung ſeiner Pflicht, und jene Kenntniß, deren Mangel ihm bei einem Mann, der ſie beſitzen ſollte, als ein Fehler erſchien, rechnete er dem jungen Mann als Verdienſt an. Er ſah nichts Außerordentliches in der Bekanntſchaft Jaspers mit den von ihm mitgetheilten Thatſachen, während er fühlte, daß —,— 8 es ungewöhnlich, wo nicht gar entehrend für ihn ſelbſt ſey, jetzt zum erſtenmal davon zu hören. „Was die Moccaſſins anbelangt, Meiſter Cap,“ ſagte er, als eine kurze Pauſe ihn zum Sprechen veranlaßte,„ſo mögen ſie allerdings von Blaßgeſichtern ſo gut als von den Rothhäuten ge⸗ tragen werden, doch laſſen ſie nie dieſelben Fußſpuren zurück. Wer an die Wälder gewöhnt iſt, weiß wohl die Fußſtapfen eines India⸗ ners von denen eines weißen Mannes zu unterſcheiden, mögen ſie nun durch einen Stiefel oder einen Moccaſſin hervorgebracht ſeyn. Man muß mir mit einleuchtenderen Umſtänden kommen, wenn man mich glauben machen will, daß Jasper falſch ſey.“ „Ihr werdet doch zugeben, Pfadfinder, daß es eine Art Dinge auf der Welt gibt, die man Verräther nennt?“ warf Cap mit einer hochweiſen Miene ein. „Ich habe nie einen ehrlich geſinnten Mingo gekannt, das heißt, einen dem man vertrauen konnte, wenn ſich ihm eine Ver⸗ ſuchung zum Betrug darbot. Freilich Argliſt ſcheint ihre Gabe zu ſeyn, und es kommt mir bisweilen vor, als ob man ſie deßhalb mehr bedauern als verfolgen ſollte.“ „Warum dann aber nicht glauben, daß Jasper die nämliche Schwäche haben könnte? Menſch iſt Menſch, und die menſchliche Natur iſt bisweilen nur ein armes Ding, wie ich aus eigener Er⸗ fahrung weiß, ja ich kann ſagen, recht gut aus eigener Erfah⸗ rung weiß— wenigſtens, ſo weit ich von meiner eigenen menſch⸗ lichen Natur ſpreche.“ Dieß gab die Einleitung zu einer langen und wechſelnden Unterhaltung, in welcher für und wider die Wahrſcheinlichkeit von Jaspers Schuld oder Unſchuld geſprochen wurde, bis der Sergeant und ſein Schwager ſich faſt ganz in die volle Ueberzeugung von der erſteren hineinräſonnirt hatten, indeß ihr Gefährte in ſeiner Ver⸗ theidigung des Angeklagten immer derber und ſtandhafter wurde und ſich in der N Neinung, daß man Jasper mit Unrecht Verrätherei zur Laſt lege, nur noch mehr befeſtigte. Das war nun freilich ganz der gewöhnliche Lauf der Dinge; denn es gibt keinen ſicherern Weg, ſich irgend eine beſondere Anſicht zu eigen zu machen, als wenn man ihre Vertheidigung unternimmt, und zu unſeren hartnäckigſten Meinungen mögen diejenigen gerechnet werden, welche aus Erörte⸗ rungen fließen, in denen wir die Erforſchung der Wahrheit zum Vorwand nehmen, während ſie in Wirklichkeit nur zur Kräftigung unſerer Vorurtheile dienen. Mittlerweile war der Sergeant in eine Gemüthsſtimmung gerathen, welche ihn geneigt machte, jede Hand⸗ lung des jungen Schiffers mit Mißtrauen zu betrachten, und bald kam er mit ſeinem Verwandten über die Anſicht in Einklang, daß das, was Jasper von den Spionen wußte, nicht in den Kreis ſeiner regelmäßigen Pflichten gehöre, und demnach„ein Indiz“ ſey. Während dieſes in der Nähe des Hakebords verhandelt wurde, ſaß Mabel ſtill an der Kajütentreppe. Herr Muir war in den un⸗ tern Raum gegangen, um nach ſeinen eigenen Bequemlichkeiten zu ſehen, und Jasper ſtand ein wenig luvwärts mit gekreuzten Armen, indeß ſeine Augen von den Segeln nach den Wolken, von den Wolken zu den dunkeln Umriſſen des Ufers, vom Ufer zum See, und von dem See wieder zurück zu den Segeln wanderten. Auch unſere Heldin fing an, mit ihren Gedanken geheime Zwieſprache zu halten. Die Aufregung der letzten Reiſe, die Ereigniſſe, welche mit dem Tage ihrer Ankunft in dem Fort verbunden waren, das Zuſammentreffen mit einem Vater, der ihr eigentlich fremd war, die Neuheit ihrer kürzlichen Lage in der Garniſon und die gegen⸗ wärtige Reiſe—alles dieſes bildete für das Auge ihres Geiſtes eine Perſpektive, welche ihr auf Monate zurückzudeuten ſchien. Sie konnte kaum glauben, daß ſie erſt vor ſo kurzer Zeit die Stadt mit all den Gewohnheiten des civiliſirten Lebens verlaſſen habe, und ſtaunte, daß namentlich die Ereigniſſe, welche ihr während der Fahrt auf dem Oswego begegnet waren, einen ſo geringen Eindruck in ihrem Gemüthe zurückgelaſſen hätten. Da ſie zu unerfahren war⸗ die Intereſſen der Gewalthaber berühren, nur aus einer ſo trüben 277 um zu wiſſen, daß ſich häufende Ereigniſſe die Wirkung der Zeit haben, oder daß eine raſche Aufeinanderfolge neuer Zuſtände, welche uns auf Reiſen begegnen, jene faſt zu der Bedeutung wichtiger Begebenheiten erhebt, ſo forſchte ihr Gedächtniß nach Zeit und Tagen, um ſich zu überzeugen, daß ſie mit Jaspern, dem Pfadfinder und ihrem Vater wenig mehr, als ſeit vierzehn Tagen bekannt ſey. Mabel war ein Mädchen, bei welcher das Herz über die Einbil⸗ dungskraft vorherrſchte, obgleich die letztere ihr keineswegs fehlte— ſie vermochte ſich nicht leicht Rechenſchaft über die Gewalt der Gefühle zu geben, welche ſie gegen Männer hegte, die ihr kurz vorher noch fremd waren, da ſie nicht hinreichend geübt war, ihre Empfindungen zu zergliedern und daraus die Natur der erwähnten Einflüſſe ſich klar zu machen. Ihr reiner Sinn war jedoch bis jetzt frei von dem Gifte des Mißtrauens; keine Ahnung tauchte in ihr auf von den Abſichten ihrer beiden Anbeter, und der Gedanke, daß einer derſelben ein Verräther an König und Vaterland ſeyn könne, würde wohl zuletzt ihre Zuverſicht getrübt haben. Amerika zeichnete ſich zu der Zeit, von der wir ſchreiben, durch ſeine Anhänglichkeit an die deutſche Familie, welche auf dem brittiſchen Throne ſaß, aus; wie man denn überhaupt in allen Pro⸗ vinzen findet, daß die Vorzüge und Eigenſchaften, welche man in der Nähe der Macht aus Klugheit und Schmeichelei preist, in ſolcher Entfernung bei Leichtgläubigen und Unwiſſenden Theile eines poli⸗ tiſchen Glaubensbekenntniſſes werden. Dieſe Beobachtung findet man heut zu Tage in Beziehung auf die Matadore der Republik eben ſo wahr, als ſie damals in Betreff dieſer entfernten Herrſcher galt, deren Verdienſte zu erheben die Klugheit anrieth, und deren Mängel, zu enthüllen als Hochverrath betrachtet wurde. In Folge dieſer geiſtigen Abhängigkeit iſt die öffentliche Meinung ſo oft nur der Preis von Ränken, und die Welt ſieht ſich, trotz ihres Prunkens mit Kenntniſſen und Verbeſſerungen, genöthigt, in allen Punkten, welche 278 Quelle— und zwar aus einer Quelle, die den Abſichten derer dient, welche die Zügel in den Händen haben— ihre Erkenntniß zu ſchö⸗ pfen. Die Franzoſen bedrängten damals die brittiſchen Colonieen durch einen Gürtel von Feſtungen und Anſiedelungen an den Grän⸗ zen, wodurch ſie auch die Wilden in ihrem Bunde erhielten: man konnte daher kaum ſagen, ob die Liebe der Amerikaner zu den Eng⸗ ländern größer war, oder ihr Haß gegen die Franzoſen, und wer zu jenen Zeiten lebte, würde wahrſcheinlich das Bündniß, welches etliche und zwanzig Jahre ſpäter zwiſchen den cisatlantiſchen Unter⸗ thanen und den alten Nebenbuhlern der brittiſchen Krone ſtattfand, als ein Ereigniß betrachtet haben, das außer dem Kreiſe der Mög⸗ lichkeit liege. Mit einem Worte— die Anſichten werden in Pro⸗ vinzen, wie die Moden, übertrieben, und die Loyalität, welche in London zum Theil nur eine politiſche Form war, ſteigerte ſich in New⸗York zu einem Vertrauen, welches faſt hätte Berge verſetzen können. Man traf daher ſelten Unzufriedene, und Verrath zu Gunſten Frankreichs oder der Franzoſen wäre in den Augen der Provinzbewohner am allerverhaßteſten erſchienen. Mabel würde das Verbrechen, welches man Jaspern im Geheim zur Laſt legte, am wenigſten geahnt haben, und wenn Andere in ihrer Nähe die Qual des Argwohns fühlten, ſo war wenigſtens ſie von der edeln Zuverſicht einer weiblichen Seele erfüllt. Noch war kein Flüſtern zu ihr gedrungen, um das Gefühl des Vertrauens, mit welchem ſie vom Anfang an auf den jungen Schiffer geblickt hatte, zu ſtören, und ihr eigener Geiſt würde ihr gewiß zuletzt einen ſolchen Gedanken von ſelbſt zugeführt haben. Die Bilder der Vergangen⸗ heit und der Gegenwart, welche ſich ihrer thätigen Einbildungs⸗ kraft in ſo raſcher Folge darſtellten, waren daher von keinem Schatten verdüſtert, der irgend Jemanden, für den ſie Intereſſe fühlte, hätte verletzen können, und ehe ſie in dieſer ſinnenden Weiſe eine Viertelſtunde zugebracht hatte, athmete die ganze Scene um ſie her ungetrübte Wonne. — Die Jahreszeit und die Nacht waren allerdings geeignet, die Gefühle, welche Jugend, Geſundheit und Glück mit dem Reize der Neuheit zu verbinden gewohnt iſt, zu ſteigern. Das Wetter war warm, wie es ſelbſt im Sommer in dieſer Gegend nicht immer der Fall iſt, während die Luft, welche vom Lande her ſtrömte, die Kühle und den Duft der Wälder mit ſich führte. Man konnte den Wind bei weitem keinen ſteifen nennen, obwohl er kräftig genug war, den Seud luſtig vor ſich herzutreiben und vielleicht die Auf⸗ merkſamkeit in der Unſicherheit, welche mehr oder weniger das Dunkel begleitet, rege zu erhalten. Jasper ſchien dieſen Wind mit Wohlgefallen zu betrachten, wie aus dem kurzen Geſpräche, welches nun zwiſchen ihm und Mabeln ſtattfand, erhellte. „Wenn es ſo fortgeht, Eau⸗douce,“— denn ſo hatte bereits Mabel den jungen Schiffer nennen gelernt,—„ſo kann es nicht lange anſtehen, bis wir den Ort unſerer Beſtimmung erreichen.“ „Hat Ihr Vater Ihnen denſelben namhaft gemacht, Mabel?“ „Er hat mir nichts geſagt. Mein Vater iſt zu ſehr Soldat und zu wenig an ein Familienleben gewöhnt, um über ſolche Dinge mit mir zu ſprechen. Iſt es verboten, zu ſagen, wohin wir gehen?“ „Da wir in dieſer Richtung ſteuern, ſo kann es nicht weit ſeyn, denn mit ſechzig oder ſiebzig Meilen kommen wir in den S. Lorenzo, den uns die Franzoſen heiß genug machen dürſten. Auch kann keine Reiſe auf dieſem See beſonders lange dauern.“ „So ſagt mein Onkel Cap; aber mir, Jasper, ſcheint der Ontario und der Ocean ziemlich das Gleiche zu ſeyn.“ „Sie ſind alſo auf dem Ocean geweſen, während ich, der ich mich für einen Schiffer ausgebe, noch nie Salzwaſſer geſehen habe. Sie müſſen wohl einen Seemann, wie ich bin, in Ihrem Herzen recht verachten, Mabel?“ „Verachtung wohnt nicht in meinem Herzen, Jasper Eau⸗ douce. Was hätte auch ein Mädchen ohne Erfahrung und Kenntniß für ein Recht, irgend Jemanden zu verachten, geſchweige einen 4 Mann wie Ihr, der das Vertrauen des Majors beſitzt, und ein Schiff wie dieſes hier befehligt. Ich bin nie auf dem Ocean ge⸗ weſen, obgleich ich ihn geſehen habe, und ich wiederhole es, daß ich keinen Unterſchied zwiſchen dieſem See und dem atlantiſchen Meere gewahren kann.“ „Auch nicht zwiſchen denen, welche auf beiden ſegeln? Ich fürchtete, Mabel, Ihr Onkel habe ſo viel gegen uns Friſchwaſſer⸗ ſchiffer geſagt, daß Sie uns für wenig mehr, als für anmaßende Leute halten müſſen?“ „Laßt Euch das nicht kümmern, Jasper, denn ich kenne mei⸗ nen Onkel, und er ſagt, wenn wir zu York ſind, eben ſo viel gegen die, welche am Lande leben, als er hier gegen die ſagt, welche das Friſchwaſſer befahren. Nein, nein, weder mein Vater noch ich halten etwas von ſolchen Anſichten. Mein Onkel Cap möchte wohl, wenn er ſich offen ausſpräche, von einem Soldaten noch eine geringere Meinung kundgeben, als von einem Schiffer, der nie das Meer geſehen hat.“ „Aber Ihr Vater, Mabel, hat eine beſſere Meinung von einem Soldaten, als von irgend Jemand anderem. Er wird wohl wünſchen, Sie an einen Soldaten zu verheirathen?“ „Jasper Eau⸗douce!— ich, einen Soldaten heirathen?— Mein Vater ſollte das wünſchen?— Warum ſollte er das thun? Was für ein Soldat iſt denn in der Garniſon, den ich heirathen könnte, daß er wünſchen ſollte, mich zu verheirathen?“ „Man kann einen Beruf ſo ſehr lieben, daß man ſich denkt, er verdecke tauſend Unvollkommenheiten.“ „Aber man kann doch wahrſcheinlich ſeinen Beruf nicht ſo ſehr lieben, daß man alles Andere darüber überſieht. Ihr ſagt, mein Vater wünſche mich an einen Soldaten zu verheirathen, und doch iſt in Oswego keiner, dem er mich wahrſcheinlich geben möchte. Ich bin in einer unangenehmen Lage, denn während ich nicht gut genug bin, um die Frau eines Gentleman in der Garniſon zu 281 werden, halte ich mich doch— und Ihr werdet mir beiſtimmen, Jasper— für zu gut, um einen gemeinen Soldaten zu heirathen.“ Als Mabel ſo offen ſprach, erröthete ſie unwillkührlich, ob⸗ gleich dieß in der Dunkelheit von ihrem Gefährten nicht bemerkt wurde, und lächelte dabei, wie Jemand, welcher fühlt, daß der Gegenſtand, von ſo zarter Natur er auch ſeyn mochte, aufrichtig behandelt zu werden verdiene. Jasper jedoch ſchien ihre Lage von einem verſchiedenen Geſichtspunkte aus zu betrachten. „Es iſt wahr, Mabel,“ ſagte er,„Sie ſind nicht, was man im gewöhnlichen Sinne des Worts eine Dame nennt—⸗ „In keinem Sinne des Worts, Jasper,“ unterbrach ihn das edle Mädchen mit Lebhaftigkeit,„und ich hoffe, ich bin in dieſem Punkte frei von aller Eitelkeit. Die Vorſehung hat mich zu der Tochter eines Sergeanten gemacht, und ich bin zufrieden mit der Stellung, in der ich geboren bin.“ „Aber nicht alle bleiben in der Stellung, in der ſie geboren ſind, Mabel. Einige erheben ſich über dieſelbe, und einige ſinken noch tiefer. Viele Sergeanten ſind Offiziere, ſogar Generale ge⸗ worden, und warum ſollten Sergeanten⸗Töchter nicht Offtziers⸗ frauen werden können?“ „In dem Falle von Sergeant Dunhams Tochter weiß ich keinen beſſern Grund anzugeben, als daß mich wahrſcheinlich kein Offizier zu ſeinem Weibe machen will,“ erwiederte Mabel lachend. „Sie mögen ſo denken; aber es gibt einige im Fünfundfünf⸗ zigſten, die das beſſer wiſſen. Es iſt gewiß ein Offtzier in dieſem Regiment, welcher Sie zu ſeiner Frau zu machen wünſcht.“ Mit der Schnelligkeit des Blitzes eilten Mabels Gedanken über die fünf oder ſechs Subaltern⸗Offiziere des Corps weg, deren Alter und Neigungen auf einen derartigen Wunſch mochten ſchlie⸗ eicht ihren Geſinnungen Unrecht daß einen Augenblick das Gefühl ſen aufleuchtete, als ſie ſich die ßen laſſen; und wir würden viell thun, wenn wir es verſchwiegen, der Freude lebhaft in ihrem Bu Möglichkeit dachte, ſich über eine Stellung zu erheben, von der ſie, trotz ihrer vorgeblichen Zufriedenheit, fühlte, daß ſie nicht ganz mit ihrer Erziehung im Einklange ſtehe. Dieſe Bewegung ver⸗ ſchwand jedoch eben ſo ſchnell, als ſie erſchienen war, denn Mabels Gefühle waren viel zu rein und weiblich, um den Bund der CEhe von einem ſo weltlichen Geſichtspunkte aus, den bloß die Vortheile des Standes boten, zu betrachten. Dieſe vorübergehende Erregung war ein durch erkünſtelte Anſichten hervorgebrachter Laut, während die gediegenere Betrachtungsweiſe, welche zurückblieb, aus Natur und Grundſätzen floß. „Ich kenne keinen Offizier des fünfundfünfzigſten, oder irgend eines andern Regiments, von dem ich eine ſolche Thorheit ver⸗ muthen könnte. Auch glaube ich nicht, daß ich ſelbſt die Thorheit begehen könnte, einen Offizier zu heirathen.“ „Thorheit, Mabel?“ „Ja, Thorheit, Jasper. Ihr wißt ſo gut als ich, was die Welt von ſolchen Verbindungen denkt, und ich müßte beſorgen, und wohl mit Grund beſorgen, es könnte meinen Gatten einmal reuen, daß er ſich durch ein Aeußeres, an dem er Gefallen fand, verleiten ließ, die Tochter einer ſo untergeordneten Perſon, als ein Sergeant iſt, zu heirathen.“ „Ihr Gatte wird wahrſcheinlich mehr an die Tochter, als an den Vater, denken.“. Das Mädchen hatte mit einem Anflug von Laune geſprochen, obgleich auch ſichtlich ihre Gefühle an der Unterhaltung Theil nahmen. Auf Jaspers letzte Bemerkung ſchwieg ſie beinahe eine Minute und fuhr dann in einer weniger ſcherzenden Weiſe fort, in der ein aufmerkſamer Beobachter wohl einen leichten melancho⸗ liſchen Zug hätte entdecken mögen: „Vater und Kind müſſen leben, als ob ſie nur ein Herz, nur eine Gefühls⸗ und Denkweiſe hätten. Ein gemeinſchaftliches Intereſſe unter allen Verhältniſſen iſt füf Mann und Frau ſo 283 gut ein Erforderniß zu ihrem Glücke, als für die übrigen Glieder einer und derſelben Familie. Am allerwenigſten darf aber der Mann oder die Frau irgend einen ungewöhnlichen Grund haben, ſich unglücklich zu fühlen, da die Welt ohnehin deren ſo viele liefert.“ „Ich ſoll daraus wohl entnehmen, Mabel, daß Sie die Ver⸗ heirathung mit einem Offitzier bloß um deßwillen ausſchlagen würden, weil er ein Offtzier iſt?“ „Habt Ihr ein Recht, eine ſolche Frage zu ſtellen, Jasper?“ ſagte Mabel lächelnd. „Kein anderes Recht, als wie es der eifrige Wunſch, Sie glücklich zu ſehen, geben kann, und dieſes mag im Grunde gering genug ſeyn. Meine Beſorgniß hatte zugenommen, als ich zufällig kerfuhr, daß Ihr Vater die Abſicht habe, Sie zu einer Verbindung mit dem Lieutenant Muir zu bereden.“ „Mein lieber, theurer Vater kann keinen ſo lächerlichen, ſo grauſamen Gedanken hegen.“ „Wäre es denn ſo grauſam, wenn er Sie als die Frau eines Quartiermeiſters zu ſehen wünſchte?“ „Ich habe Euch geſagt, was ich über dieſen Gegenſtand denke, und kann mich darüber nicht deutlicher ausdrücken. Da ich Euch aber ſo freimüthig geantwortrt habe, Jasper, ſo habe ich wohl ein Recht, zu fragen, wie Ihr etwas von den Gedanken meines Vaters erfahren habt?“ „Daß er einen Mann für Sie ausgeſucht hat, weiß ich aus ſeinem eigenen Munde; er erzählte mir's bei Gelegenheit der häu⸗ ſigen Beſprechungen, welche ich mit ihm hielt, als er bei der Ein⸗ ſchiffung der Vorräthe die Aufſicht führte; und daß ſich Herr Muir Ihnen antragen wird, hat mir dieſer Offtzier ſelbſt mitgetheilt. Da ich nun dieſe beiden Umſtände zuſammenhielt, ſo kam ich natürlich zu der vorhin ausgeſprochenen Meinung.“ „Kann nicht mein lieber Vater, Jasper“— Mabels Geſicht glühte wie Feuer, während ſie ſprach, obgleich ihr die Werte nur langſam und wie unter einer Art unwillkührlichen Antriebs von den Lippen glitten—„kann nicht mein lieber Vater an einen andern gedächt haben? Aus dem, was Ihr mir ſagtet, folgt nicht, daß er den Herrn Muir meine.“ „Iſt es nicht nach allen Vorgängen ſehr wahrſcheinlich, Ma⸗ bel? Was bringt den Quartiermeiſter hieher? Er hat es früher nie für nöthig gefunden, die Mannſchaft, welche herunter geht, zu begleiten. Er wünſcht Sie zum Weibe zu haben, und Ihr Vater iſt damit einverſtanden. Es muß Ihnen einleuchten, Mabel, daß Herr Muir nur um Ihretwillen mitgeht?“ Mabel gab keine Antwort. Ihr weiblicher Inſtinkt hatte ihr allerdings bereits geſagt, daß ſie ein Gegenſtand von des Quartier⸗ meiſters Bewunderung ſey, obgleich ſie dieß kaum in der Ausdeh⸗ nung, welche Jasper der Sache gab, vermuthet hatte. Auch hatte ſie aus einem Geſpräch mit ihrem Vater entnommen, daß er ernſtlich daran denke, über ihre Hand zu verfügen; aber kein Grü⸗. beln hätte ſie je auf den Gedanken gebracht, daß Herr Muir der Mann ſey. Sie glaubte es auch jetzt noch nicht, obgleich ſie weit entfernt war, die Wahrheit zu ahnen. In der That betrachtete ſie die gelegentlichen Bemerkungen ihres Vaters, welche ihr aufgefallen waren, mehr für die Ergüſſe des Wunſches, ſie überhaupt verſorgt zu ſehen, als für die Ergebniſſe eines Planes, ſie mit irgend einem beſtimmten Manne zu vereinigen. Sie hielt jedoch dieſe Gedanken geheim, da die Selbſtachtung und weibliche Zurückhaltung es als unpaſſend erſcheinen ließen, ſie zum Gegenſtand einer Beſprechung mit ihrem gegenwärtigen Geſellſchafter zu machen. Um daher dem Geſpräch eine andere Richtung zu geben, fuhr ſie nach einer Pauſe, die lange genug geweſen war, um beide Theile in Verlegenheit zu ſetzen, fort:—. „Auf eines könnt Ihr Euch verlaſſen, Jasper, und dieſes iſt auch Alles, was ich Euch über den Gegenſtand noch zu ſagen wünſche, 285 — Lieutenant Muir wird, ſelbſt wenn er Oberſt wäre, nie der Gatte von Mabel Dunham ſeyn. Und nun erzählt mir von Eurer Reiſe— wann wird ſie enden?“ „Das iſt ungewiß. Wenn man einmal auf dem Waſſer iſt, ſo iſt man dem Wind und den Wellen preisgegeben. Pfadfinder wird Ihnen ſagen, daß derjenige, welcher einen Hirſch am Morgen aufjagt, nicht ſagen kann, wo er des Nachts ſchlafen wird.“ „Aber wir ſind weder auf der Hirſchjagd, noch iſt es Morgen. Pfadfinders Moral iſt alſo verloren.“ „Wir ſind freilich nicht auf der Hirſchjagd, jagen aber etwas nach, was wohl eben ſo ſchwer zu fangen iſt. Ich kann Ihnen darüber nicht mehr ſagen, als bereits geſchehen iſt; denn es iſt unſere Pflicht, den Mund geſchloſſen zu halten, ob etwas davon abhänge oder nicht. Ich fürchte jedoch, ich werde Sie nicht lange genug an dem Scud behalten, um Ihnen zeigen zu können, was er im Nothfalle zu leiſten im Stande iſt.“ „Ich halte ein Mädchen für unklug, das je einen Seemann heirathet,“ ſagte Mabel abgebrochen und faſt unwillkührlich. „Das iſt eine ſonderbare Anſicht; warum glauben Sie das?“ „Weil eines Seemannes Weib darauf rechnen kann, in ſeinem Schiff eine Nebenbuhlerin zu haben. Selbſt Onkel Cap ſagt, daß ein Schiffer nie heirathen ſollte.“ „Er meint die Salzwaſſerſchiffer,“ erwiederte Jasper mit Lachen.„Wenn er glaubt, daß die Weiber nicht gut genug für die ſeyen, welche den Ocean befahren, ſo wird er gewiß denken, ſie ſeyen für die, welche auf den Seen ſegeln, eben recht. Ich hoffe, Mabel, Sie laſſen ſich in ihren Meinungen über uns Friſch⸗ waſſermatroſen nicht ſo ganz von dem, was Meiſter Cap von uns ſagt, beſtimmen?“ „Segel, ho!“ rief auf einmal der Mann, von dem eben die Rede war,„oder Boot ho! um der Wahrheit näher zu kommen.“ Jasper eilte vorwärts. In der That ließ ſich auch etwa 286 hundert Ellen vor dem Kutter nahe an ſeinem Lee⸗Bug ein kleiner Gegenſtand bemerken. Jasper erkannte in ihm auf den erſten Blick einen Rindenkahn; denn obgleich die Finſterniß das Erkennen der Farben verhinderte, ſo konnte doch ein an die Nacht gewöhntes Auge nahe liegende Geſtalten unterſcheiden, zumal ein Auge wie Jaspers, welches zu lange mit den Begegniſſen auf dem Waſſer vertraut war, um die Umriſſe zu verkennen, welche ihn zu der eben genannten Folgerung veranlaßten. „Das kann ein Feind ſeyn,“ bemerkte der junge Mann,„und es iſt wohl räthlich, ihn zu überholen.“ „Er rudert mit aller Macht, Junge,“ erwiederte Pfadfinder, nund beabſichtigt, unſern Bug zu kreuzen und windwärts zu kom⸗ men, wo Ihr dann ebenſogut einem ausgewachſenen Bock in Schnee⸗ ſchuhen nachjagen könntet.“ „Halt bei dem Winde!“ rief Jasper dem Steuermann zu, „luv auf, ſo lang ſich das Schiff halten läßt. Nun feſt und nahe gehalten.“ Der Steuermann gehorchte, und da der Scud nun die Wellen luſtig auf die Seite warf, ſo brachten eine oder zwei Minuten den Kahn ſo weit leewärts, daß ein Entrinnen unausführbar war. Jasper ſprang nun ſelbſt ans Steuer, und durch eine geſchickte und vorſichtige Bewegung kam er dem Gegenſtand ſeiner Jagd ſo nahe, daß man ſich deſſelben durch einen Bootshaken verſichern konnte. Die zwei in dem Kahn befindlichen Perſonen verließen nun auf erhaltenen Befehl das Boot, und ſie waren kaum auf dem Verdecke des Kutters angelangt, als man in ihnen Arrowhead und ſein Weib erkannte. 287 Fünfzehntes Kapitel. Wie heißt die Perle, die kein Gold erkauft, Auf die gelehrter Stolz verachtend blickt, Die nur der Arme und Verachtete Sucht, und erhält, und ungeſucht oft findet? Sprich— und ich ſage dir, was Wahrheit iſt. Cowper. Nas Zuſammentreffen mit dem Indianer und ſeinem Weibe hatte für die Mehrzahl derer, welche Zeugen dieſes Ereigniſſes waren, nichts Ueberraſchendes. Aber Mabel und Alle, welche wußten, wie dieſer Häuptling ſich von Caps Geſellſchaft getrennt hatte, unterhielten gleichzeitig argwöhniſche Vermuthungen, die ſich weit leichter fühlen, als verfolgen und durch irgend einen Schlüſſel zur Gewißheit erheben ließen. Pfadfinder, der ſich allein mit den Gefangenen— denn als ſolche konnten ſie jetzt betrachtet werden— zu unterhalten vermochte, führte Arrowhead bei Seite, und beſprach ſich lange mit ihm über die Gründe, welche ihn veranlaßt hatten, ſich ſeinem Auftrage zu entziehen, und über die Weiſe, wie er ſich bisher beſchäftigt hatte. Der Tuscarora antwortete auf die an ihn geſtellten Fragen mit der Ruhe eines Indianers. In Betreff ſeines Entweichens waren ſeine Entſchuldigungen einfach und ſchienen hinreichend annehmbar. Als er gefunden hatte, daß die Geſellſchaft in ihrem Verſtecke entdeckt worden war, hatte er natürlich an ſeine eigene Sicherheit gedacht, welche er am beſten in den Wäldern zu finden hoffte; denn er zweifelte nicht, daß alle, welchen dieſes nicht glückte, auf der Stelle getödtet werden würden. Mit einem Worte— er hatte Reißaus genommen, um ſein Leben zu retten. „Das iſt gut,“ erwiederte Pfadfinder, indem er ſich das An⸗ ſehen gab, als ob er der Rechtfertigung des Andern Glauben beimeſſe;„mein Bruder hat ſehr weiſe gehandelt. Aber ſein Weib folgte ihm?“ „Folgen die Blaßgeſichtsweiber ihren Männern nicht? Würde Pfadfinder nicht zurückgeblickt haben, um zu ſehen, ob die, welche er liebte, komme?“ Dieſe Berufung traf den Wegweiſer gerade in der günſtigſten Gemüthsſtimmung, um ihre Kraft fühlbar zu machen; denn Mabel, ihre gewinnenden Eigenſchaften und ihre Entſchloſſenheit waren bereits zu Bildern geworden, mit denen ſich ſeine Gedanken ver⸗ trauter gemacht hatten. Obgleich der Tuscarora den Grund nicht errathen konnte, ſo ſah er doch, daß ſeine Entſchuldigung ange⸗ nommen wurde, und erwartete mit ruhiger Würde die weitere Unterſuchung. „Das iſt vernünftig und natürlich,“ erwiederte Pfadfinder in engliſcher Sprache, denn er ging unwillkührlich von der einen in die andere über, wie es ihm gerade Gefühl und Gewohnheit gebot,„es iſt natürlich, und mag ſich wohl ſo verhalten. Wahr⸗ ſcheinlich würde ein Weib dem Manne folgen, dem ſie Treue gelobt hat, und Mann und Weib ſind ein Fleiſch. Mabel würde auch dem Sergeanten gefolgt ſeyn, wenn er gegenwärtig geweſen wäre und ſich auf dieſe Weiſe zurückgezogen hätte, und ich zweifle nicht im mindeſten, daß das warmherzige Mädchen mit ihrem Gatten gegangen wäre. Eure Worte ſind ehrlich, Tuscarora“ — er ſprach dieſes wieder in der Zunge des letzteren—„Eure Worte ſind ehrlich, annehmbar und billig. Aber warum iſt mein Bruder ſo lange von dem Fort weggeblieben? Seine Freunde haben oft an ihn gedacht, aber ihn nicht wieder zu Geſicht bekommen.“ „Wenn die Damgais dem Bocke folgt, muß nicht der Bock der Gais folgen?“ antwortete der Tuscarora lächelnd, und legte dabei den Finger bedeutungsvoll auf die Schulter des Fragers. „Arrowhead's Weib folgte Arrowhead; es war daher billig, daß Arrowhead ſeinem Weibe folgte. Sie verlor den Weg und man zwang ſie, in einem fremden Wigwam zu kochen.“ 289 „Ich verſtehe Euch, Tuscarora. Das Weib fiel in die Hände der Mingos, und Ihr bliebt auf ihrer Fährte.“ „Pfadfinder kann einen Grund ſo leicht ſehen, als er das Moos der Bäume ſieht. Es iſt ſo.“ „Seit wie lange habt Ihr das Weib wieder zurückerhalten, und in welcher Weiſe iſt dieſes geſchehen?“ „Zwei Sonnen. Dew of June ließ nicht lange auf ſich warten, als ihr Gatte ihr den Pfad zuflüſterte.“ „Gut, gut, alles dieſes ſcheint mir natürlich und der Ehe angemeſſen. Aber, Tuscarora, wie erhieltet Ihr dieſen Kahn, und warum rudert Ihr dem S. Lorenzo zu, ſtatt gegen die Garniſon hin?“ „Arrowhead weiß ſein Eigenthum von dem eines andern zu unterſcheiden. Der Kahn iſt mein; ich fand ihn an dem Ufer, nahe an dem Fort.“ „Auch das klingt vernünftig; denn zu einem Kahn gehört ein Menſch, und ein Indianer gibt nicht viele Worte aus, wenn er ſich etwas aneignen will. Es iſt aber doch nicht in der Ordnung, daß wir von dem Burſchen und ſeinem Weib nichts geſehen haben, da doch der Kahn den Fluß vor uns verlaſſen haben muß.“ Dieſer Gedanke, der dem Wegweiſer plötzlich durch die Seele fuhr, wurde nun dem Indianer in der Form einer Frage vorgelegt. „Pfadfinder weiß, daß ein Krieger Scham haben kann. Der Vater würde mich nach ſeiner Tochter gefragt haben, und ich konnte ſie ihm nicht geben. Ich ſchickte Dew of June nach dem Kahne aus, und Niemand redete das Weib an. Ein Tusearoraweib wagt es nicht, mit fremden Männern zu ſprechen.“ Alles dieſes war annehmbar, auch dem Charakter und den Ge⸗ wohnheiten der Indianer gemäß. Wie gewöhnlich, hatte Arrow⸗ head die Hälfte ſeiner Belohnung zum Voraus erhalten, als er den Mohawk verließ, und es war ein Beweis von dem Bewußtſeyn gegenſeitiger Rechte, welches oft eben ſo bezeichnend für die Moral der Wilden, als die der Chriſten iſt, daß er es nicht wagte, den Der Pfadfinder. 3. Aufl. 19 Reſt anzuſprechen. In den Augen eines ſo rechtlichen Mannes, wie der Pfadfinder war, hatte Arrowhead ſich mit Zartheit und Schicklichkeit benommen, obgleich es mit ſeinem eigenen freimüthigen Weſen beſſer im Einklang geweſen wäre, zu dem Vater zu gehen und bei der einfachen Wahrheit zu bleiben; da er jedoch an die Weiſe des Indianers gewöhnt war, ſo ſah er nichts Auffallendes in dem Benehmen des Andern. „Das geht wie Waſſer, welches den Berg herunter kömmt, Arrow⸗ head,“ antwortete er nach einer kurzen Ueberlegnng,„und die Wahr⸗ heit muß ich anerkennen. Es war die Gabe einer Rothhaut, auf dieſe Weiſe zu handeln, obgleich ich nicht glaube, daß es die Gabe eines Blaßgeſichts wäre. Ihr wolltet wohl den Gram nicht ſehen, den der Vater um das Mädchen empfand?“ Arrowhead machte eine ruhige Verbeugung, als ob er dieß zugeſtehen wolle. „Mein Bruder wird mir noch eines ſagen, fuhr Pfadfinder fort,„und es wird keine Wolke mehr zwiſchen ſeinem Wigwam und dem feſten Hauſe der Yengeeſe ſtehen. Wenn er noch dieſes bischen Nebel mit dem Hauche ſeines Mundes wegblaſen kann, ſo werden ſeine Freunde auf ihn ſehen, wie er bei ſeinem eignen Feuer ſitzt, und er kann auf ſie ſehen, wie ſie ihre Waffen weglegen, und vergeſſen, daß ſie Krieger ſind. Warum war die Spitze von Arrow⸗ head's Kahn gegen den S. Lorenzo zugekehrt, wo er doch nur Feinde finden wird?“ „Warum blickt der Pfadfinder und ſeine Freunde auf denſelben Weg?“ fragte der Tuscarora ruhig.„Ein Tuscarora kann in die⸗ ſelbe Richtung, wie ein Yengeeſe ſchauen.“ „Warum, Arrowhead? Um die Wahrheit zu geſtehen, wir ſind aufs Kundſchaften aus, wie— das zu Schiff geſchehen kann,— oder mit andern Worten, wir ſind im Dienſte des Königs, und haben ein Recht, hier zu ſeyn, obgleich wir vielleicht kein Recht haben, zu ſagen, warum wir hier ſind.“ * V 291 „Arrowhead ſah den großen Kahn, und er liebt es, in das Geſicht von Eau⸗douce zu ſehen. Er ging am Abend gegen die Sonne, um ſeinen Wigwam zu ſuchen; da er aber fand, daß der junge Seemann einen andern Weg gehen wolle, ſo kehrte et um, um in dieſelbe Richtung zu ſchauen. Eau⸗douce und Arrowhead waren bei einander auf der letzten Fährte.“ „Das mag alles wahr ſeyn, Tuscarora, und Ihr ſeyd will⸗ kommen. Ihr ſollt von unſerm Wildpret eſſen, und dann müſſen wir uns trennen. Die untergehende Sonne iſt hinter uns, und wir beide bewegen uns ſchnell. Mein Bruder wird ſich zu weit von dem entfernen, was er ſucht, wenn er nicht umkehrt.“ Pfadfinder kehrte nun zu den Uebrigen zurück, und berichtete das Ergebniß ſeiner Unterſuchung. Er ſchien ſelbſt zu glauben, daß Arrowhead's Erzählung wahr ſeyn könne, obgleich er zugeſtand, daß die Klugheit Vorſicht gegen einen Menſchen fordere, der ihm mißfiel. Seine Zuhörer jedoch waren, mit Ausnahme Jaspers, wenig geneigt, ſeinen Erklärungen Glauben zu ſchenken. „Dieſer Kerl muß ſogleich in Eiſen gelegt werden, Bruder Dunham,“ ſagte Cap, als Pfadfinder ſeine Erzählung beendet hatte;„er muß dem Profos übergeben werden, wenn es einen ſolchen Beamten auf dem friſchen Waſſer gibt. Man muß ein Kriegsgericht über ihn halten laſſen, ſobald wir den Hafen erreichen.“ „Ich denke, es iſt das Klügſte, den Burſchen feſtzuhalten,“ antwortete der Sergeant.„Aber Eiſen iſt unnöthig, ſo lang er auf dem Kutter bleibt. Morgen ſoll die Sache unterſucht werden.“ Man forderte nun Arrowhead vor und verkündete ihm die Entſcheidung. Der Indianer hörte ernſt zu, und machte keine Einwürfe; im Gegentheil unterwarf er ſich mit der ruhigen und zurückhaltenden Würde, mit der die amerikaniſchen Ureingebornen ſich in ihr Schickſal zu ergeben pflegten, und blieb als ein auf⸗ merkſamer, aber ruhiger Beobachter deſſen, was vorging, ſeitwärts 292 ſtehen. Jasper ließ des Kutters Segel in den Wind, und der Seud nahm ſeinen Curs wieder auf. Es kam nun die Stunde heran, wo die Wachen ausgeſtellt wurden und man ſich wie gewöhnlich zur Ruhe begab. Der größte Theil der Mannſchaft ging nach unten, und nur Cap, der Sergeant, Jasper und zwei Matroſen blieben auf dem Verdeck. Auch Arrow⸗ head mit ſeinem Weibe blieb; jener ſtand luvwärts in ſtolzer Ab⸗ gemeſſenheit, indeß letztere in ihrer Haltung und Hingebung die demüthige Unterwürfigkeit äußerte, welche das Weib eines Indianers charakteriſirt. „Ihr werdet unten einen Platz für Euer Weib finden, Arrow⸗ head, wo meine Tochter für ihre Bedürfniſſe Sorge tragen wird,“ ſagte der Sergeant mit Güte, als er gerade im Begriff war, das Deck zu verlaſſen,„und dort iſt ein Segel, auf dem Ihr ſelbſt ſchlafen könnt.“ „Ich danke meinem Vater. Die Tuscaroras ſind nicht arm. Das Weib wird nach meinen Decken im Kahne ſehen.“ „Wie Ihr wollt, mein Freund; wir halten es für nöthig, Euch zurückzuhalten, aber nicht, Euch einzuſperren oder übel zu behandeln. Schickt Euer Weib nach den Decken in den Kahn, und Ihr ſelbſt könnt ihr folgen und uns die Ruder überliefern. Da es einige ſchläfrige Köpfe in dem Scud geben koͤnnte, Eau⸗douce,“ fügte der Sergeant leiſe bei,„ſo wird es wohl gut ſeyn, ſich der Ruder zu verſichern.“ Jasper nickte Beifall, und Arrowhead und ſein Weib, von denen man ſich keines Widerſtandes verſah, gehorchten ſtillſchweigend der Anweiſung. Als beide in dem Kahn beſchäftigt waren, hörte man einige Ausdrücke ſcharfen Tadels aus dem Munde des Indianers gegen ſein Weib, welche dieſe mit unterwürfiger Ruhe hinnahm und den begangenen Fehler dadurch zu verbeſſern ſuchte, daß ſie die Decke, welche ſie ergriffen hatte, bei Seite legte und nach einer anderen ſuchte, die mehr nach dem Sinne ihres Tyrannen war. 293 „Kommt, reicht mir die Hand; Arrowhead,“ ſagte der Ser⸗ geant, der auf dem Schanddeck ſtand und die Bewegungen der Beiden beobachtete, welche für die Ungeduld eines ſchläfrigen Man⸗ nes viel zu langſam waren;„es wird ſpät und wir Soldaten wer⸗ den bei Zeiten geweckt— da heißt es, früh ins Bett und früh heraus.“ „Arrowhead kommt,“ war die Antwort, als der Tuscarora vorwärts in den Bug ſeines Kahnes trat. Ein Schnitt mit ſeinem ſcharfen Meſſer trennte das Tau, an welchem das Boot lag: der Kutter ſchoß vorwärts, und ließ die leichte Blaſe von Barke faſt unbeweglich hinter ſich. Dieſes Ma⸗ növer war mit einer ſolchen Schnelligkeit und Geſchicklichkeit aus⸗ geführt worden, daß der Kahn auf der Leeſeite des Scud war, ehe der Sergeant die Liſt bemerkte, und ſchon in dem Kielwaſſer ſchwamm, ehe er es ſeinen Gefährten mittheilen konnte. „Hart am Lee!“ rief Jasper, und ſtach mit eigener Hand die Klüverſchote auf, worauf der Kutter ſchnell gegen den Wind fuhr und alle Segel hängen ließ, oder, wie die Seeleute ſagen, in des Windes Auge lief, bis das leichte Fahrzeug hundert Fuß wind⸗ wärts von ſeiner früheren Lage ſich befand. So ſchnell und ſicher dieſe Bewegung ausgeführt wurde, ſo war ſie doch nicht ſchneller und geſchickter als die des Tuscarora. Mit einer Einſicht, die ſeine Vertrautheit mit Fahrzeugen bekundete, hatte er das Ruder ergriffen und flog, von ſeinem Weibe unter⸗ ſtützt, auf dem Waſſer dahin. Er ſchlug ſeine Richtung nach Südweſten ein, in einer Linie alſo, welche ihn zugleich gegen den Wind und gegen das Ufer führte, und ihn ſo weit von dem Kutter luvwärts brachte, daß dadurch die Gefahr des Zuſammen⸗ ſtoßens mit dem großen Fahrzeuge vermieden wurde, wenn letzteres ſeinen zweiten Gang ausführte. Da der Scud ſchnell gegen den Wind geſchoſſen war und mit Gewalt vorangetrieben hatte, ſo wurde es für Jaspern nöthig, abzufallen, ehe das Fahrzeug ſeinen Weg . 294 ganz verlor, und das Steuer wurde kaum zwei Minuten nieder gehalten, als das lebhafte kleine Schiff back vorwärts lag, und ſo ſchnell abſtel, daß die Segel ſich für den entgegengeſetzten Gang füllen konnten. „Er wird entrinnen!“ ſagte Jasper, als er einen Blick auf die wechſelnden Stellungen und Bewegungen des Kutters und des Kahnes warf.„Der ſchlaue Schurke rudert windwärts todt, und der Seud kann ihn nimmer überholen.“ „Ihr habt einen Kahn!“ rief der Sergeant, welcher auf der Verfolgung mit der Heftigkeit eines Knaben beharrte,„wir wollen ihn ins Waſſer laſſen, und die Jagd fortſetzen!“ „Es wird vergeblich ſeyn. Wenn Pfadfinder auf dem Verdeck geweſen wäre, ſo hätte es vielleicht gehen mögen; doch damit iſt's jetzt vorbei. Bis der Kahn im Waſſer iſt, gehen drei oder vier Mi⸗ nuten herum, und dieſe Zeit iſt hinreichend für Arrowheads Zweck.“ Cap und der Sergeant ſahen die Wahrheit davon ein, die übrigens auch einem in derartigen Dingen ganz Unerfahrenen hätte einleuchten müſſen. Das Ufer war kaum eine halbe Meile entfernt, und der Kahn ſchoß bereits in deſſen Schatten, in einer Weiſe, die deutlich erkennen ließ, daß er das Land erreicht haben werde, ehe noch ſeine Verfolger die Hälfte dieſer Entfernung zurücklegen konnten. Man hätte dann allerdings ſich des Kahnes bemächtigen können; er wäre aber eine nutzloſe Priſe geweſen, da Arrowhead in den Wäldern wahrſcheinlich eher das andere Ufer unentdeckt erreichen konnte, als wenn er ſich mit dem Nachen wie⸗ der auf den See wagte, obgleich bei erſterem die körperliche An⸗ ſtrengung größer ſeyn mochte. Das Steuer des Scuds wurde, zwar nur ungerne, wieder aufgenommen; der Kutter drehte ſich auf ſei⸗ ner Hielung und kam bei dem andern Gang faſt inſtinktartig wie⸗ der in ſeinen Curs. Alles dieſes wurde von Jaspern mit der größ⸗ ten Stille vollführt; ſeine Gehilfen wußten, was Noth that, und unterſtützten ihn mit einer faſt mechaniſchen Nachahmung. Während 295 dieſe Bewegungen gemacht wurden, nahm Cap den Sergeanten an dem Knopfe, führte ihn gegen die Kajütenthüre, wo er außer dem Bereiche des Horchens war, und begann ſeinen Gedanken⸗ Vorrath abzuladen. „Höore, Bruder Dunham,“ ſagte er mit einer geheimnißvollen Miene,„das iſt ein Gegenſtand, der reifliche Ueberlegung und viele Umſicht fordert.“ „Das Leben eines Soldaten beſteht aus ſteter Ueberlegung und Umſicht, Bruder Cap. Würden wir ſie an dieſer Gränze außer Acht laſſen, ſo könnten uns bei dem erſten beſten Nicken die Hirn⸗ häute vom Kopf genommen werden. „Aber ich betrachte Arrowhead's Habhaftwerdung als ein Indiz, und ich möchte hinzuſetzen, ſein Entweichen als ein zweites. Dieſer Jasper Friſchwaſſer mag ſich in Acht nehmen.“ „Beides ſind in der That Indizien, wie du's nennſt, Schwa⸗ ger, aber ſie führen zu verſchiedenen Reſultaten. Es iſt ein Indiz gegen den Burſchen, daß der Indianer entſchlüpfte, und eines für ihn, daß er vorher feſtgenommen wurde.“ „Ja, ja, aber zwei Indizien heben ſich gegenſeitig nicht auf, wie zwei Verneinungen. Wenn du dem Rathe eines alten See⸗ mannes folgen willſt, Sergeant, ſo darfſt du keinen Augenblick verlieren, um die nöthigen Schritte für die Sicherheit des Schiffes und ſeiner Bemannung zu thun. Der Kutter gleitet nun in einer Geſchwindigkeit von ſechs Knoten durch das Waſſer, und da die Entfernungen auf dieſem Stückchen Weiher da nur gering ſind, ſo können wir uns vor Anbruch des Morgens in einem franzöſiſchen Hafen, und, ehe es Nacht wird, in einem franzüſiſchen Gefäng⸗ niſſ befinden.“ „Das wäre wohl möglich, aber wozu räthſt du mir, Schwager?“ „Nach meiner Meinung ſollte man dieſen Meiſter Friſch⸗ waſſer auf der Stelle in den Arreſt ſchicken. Laß ihn in den untern Raum bringen, gib ihm eine Wache, und übertrage das 296 Commando des Kutters mir. Zu all dieſem haſt du die Voll⸗ macht, da das Fahrzeug zu der Armee gehört, und du der com⸗ mandirende Offizier der gegenwärtigen Truppen biſt.“ Sergeant Dunham überlegte mehr als eine Stunde die Thun⸗ lichkeit dieſes Vorſchlages, denn obgleich er raſch in ſeinen Hand⸗ lungen war, wenn er ſich einmal zu etwas entſchloſſen hatte, ſo pflegte er doch nichts zu übereilen und die Klugheit nie außer Acht zu laſſen. Da er die polizeiliche Aufſicht über die Perſonen in der Gar⸗ niſon hatte, ſo war er mit den Charakteren derſelben genau bekannt geworden, und hatte ſeit langer Zeit eine gute Meinung von Jasper. Aber jenes ſchleichende Gift, der Argwohn, hatte Zutritt zu ſeiner Seele gefunden: die Liſt und die Ränke der Franzoſen wurden ſo ſehr gefürchtet, daß es kein Wunder war, wenn, zumal in Folge der vorangegangenen Warnung des Commandanten, die Erinne⸗ rung an ein jahrelanges gutes Betragen durch den Einfluß eines ſo ſcharfen und gegründet ſcheinenden Verdachts verwiſcht wurde. In dieſer Verlegenheit zog der Sergeant den Quartiermeiſter zu Rath, deſſen Anſicht, da er ſein Vorgeſetzter war, Dunham zu reſpektiren hatte, obgleich er bei dem gegenwärtigen Streifzug unabhängig von deſſen Befehlen war. Es iſt ein unglücklicher Umſtand, wenn man in zweifelhaften Fällen einen Mann zu Rathe zieht, der ſich bei dem Fragenden in Gunſt ſetzen will, denn man darf faſt mit Gewißheit darauf rechnen, daß der gefragte Theil verſuchen wird, in die Weiſe einzugehen, welche dem Andern am angenehmſten iſt. In dem gegenwärtigen Falle war es ein weite⸗ rer unglücklicher Umſtand für eine vorurtheilsfreie Betrachtung der Sache, daß nicht der Sergeant ſelbſt, ſondern Cap, die Ver⸗ hältniſſe auseinander ſetzte; denn der eifrige alte Seeman⸗ ließ ſeinen Zuhörer deutlich genug merken, auf welche Seite er den Quartiermeiſter zu lenken wünſchte. Lieutenant Muir war viel zu klug, um den Onkel und den Vater des Mädchens, welches er zu — F. 297 gewinnen hoffte und erwartete, zu beleidigen, wenn ihm der Fall auch wirklich zweifelhaft vorgekommen wäre; aber bei der Art, wie ihm die Sache vorgelegt wurde, war er ernſtlich geneigt, es für zweckmäßig zu halten, die Führung des Seud einſtweilen, als eine Vorſichtsmaßregel gegen Verrath, in Caps Hände zu legen. Dieſe Anſicht entſchied über den Sergeanten, welcher ohne Verzug die nöthigen Maßregeln treffen ließ. Ohne in weitere Erörterungen einzugehen, gab Sergeant Dunham Jaspern die einfache Erklärung, daß er es für ſeine Pflicht halte, ihm vor der Hand das Commando des Kutters zu entziehen, und es ſeinem Schwager zu übertragen. Ein natürlicher unwillkührlicher Ausbruch der Ueberraſchung, welcher dem jungen Manne entfuhr, wurde mit der ruhigen Erinnerung erwiedert, daß der Militärdienſt oft ein Geheheimhalten der Gründe fordere; das gegenwärtige Verfahren— wurde ihm weiter erklärt— gehoͤre unter dieſe Reihe, und die getroffene Anordnung ſey unvermeidlich geweſen. Obgleich Jaspers Erſtaunen ungemindert blieb, denn der Sergeant hatte abſichtlich jede Anſpielung auf ſeinen Verdacht um⸗ gangen— ſo war doch der junge Mann an militäriſchen Gehorſam gewöhnt; er verhielt ſich ruhig, und forderte noch ſelbſt die kleine Rudermannſchaft auf, für die Zukunſt Caps Befehlen zu gehor⸗ chen, bis die Sache eine andere Wendung nehmen würde. Als man ihm jedoch ſagte, die Verhältniſſe forderten es, daß nicht nur er, ſondern auch ſein erſter Gehilfe, der wegen ſeiner langen Ver⸗ trautheit mit dem See gewöhnlich der Lootſe genannt wurde, in dem untern Raume bleiben müſſe, trat eine Veränderung in ſeinen Geſichts⸗ zügen und ſeinem Benehmen ein, welche ein tiefes ſchmerzliches Gefühl bezeichnete, obgleich Jasper es ſo ſehr zu beherrſchen wußte, daß ſelbſt der argwöhniſche Cap im Zweifel blieb, was er davon denken ſolle. Wie natürlich, blieben aber, da ein Mißtrauen einmal vorhanden war, auch die ſchlimmſten Deutungen über die Sache nicht aus. 298 Sobald Jasper und der Lootſe im untern Raume waren, er⸗ hielt die Schildwache an der Lucke geheimen Befehl, auf Beide ſorgfältig Acht zu geben, keinem zu erlauben, wieder auf das Verdeck zu kommen, ohne vorher dem dermaligen Befehlshaber des Kutters Nachricht gegeben zu haben, und dann darauf zu beſtehen, daß ſie ſo bald als möglich wieder in ihren Raum zurückkehrten. Es bedurfte jedoch dieſer Vorſichtsmaßregeln nicht, da Jasper und ſein Gehilfe ſich ruhig auf ihre Streu warfen und ſie in dieſer Nacht nicht wieder verließen. „Und nun, Sergeant,“ ſagte Cap, ſobald er ſich als den Herrn des Verdecks ſah,„wirſt du die Güte haben, mir die Curſe und Entfernungen anzugeben, damit ich ſehe, ob der Schnabel des Schiffes in der rechten Richtung iſt.“ „Ich weiß nichts von beiden, Bruder Cap,“ erwiederte Dun⸗ ham, den dieſe Frage nicht wenig in Verlegenheit ſetzte.„Wir müſſen eben ſo bald als möglich die Station auf den Tauſend⸗In⸗ ſeln erreichen, wo wir landen, die dortige Mannſchaft ablöſen und weitere Inſtruction für unſere Schritte erhalten ſollen. Das ſteht, faſt Wort für Wort, in dem geſchriebenen Befehl.“ „Aber du kannſt doch eine Charte beibringen, auf der die Höhen und Entfernungen verzeichnet ſind, damit ich mich über den Weg ins Klare ſetze?“ „Ich glaube nicht, daß Jasper etwas der Art bei ſich hat.“ „Keine Charte, Sergeant Dunham?“ „Nein, nicht die Spur davon. Unſere Schiffe befahren die⸗ ſen See, ohne ſich je der Charten zu bedienen.“ „Den Teufel auch!— Das müſſen ja wahre Yahs ſeyn. Glaubſt du denn, Sergeant Dunham, ich könne eine Inſel aus Tauſenden heraus finden, ohne ihren Namen und ihre Lage zu wiſſen?— Ja, nicht einmal den Curs und die Entfernung?“ „Der Name, Bruder Cap, braucht dich nicht gerade anzu⸗ fechten, denn keine von dieſen Tauſenden hat einen, und ſo kann 299 in dieſer Hinſicht kein Mißgriff Statt finden. Was die Lage be⸗ trifft, ſo kann ich von dieſer nichts ſagen, da ich nie dort geweſen bin; doch glaube ich, daß ſie nicht von beſonderem Belang iſt, wenn wir nur den Ort ausfindig machen. Vielleicht kann aber einer von den Matroſen auf dem Verdeck uns den Weg angeben.“ „Halt, Sergeant— halt einen Augenblick, wenn's gefällig iſt, Sergeant Dunham. Wenn ich das Commando über dieſen Kutter führen ſoll, ſo muß dieß— mit Deinem Wohlnehmen— ge⸗ ſchehen, ohne daß man mit dem Koch oder Kajütenjungen rath⸗ ſchlägt. Ein Schiffsmeiſter iſt ein Schiffsmeiſter, und muß ſeiner eigenen Einſicht folgen, wenn ſie auch noch ſo unrichtig iſt. Ich denke, du kennſt den Dienſt gut genug, um einzuſehen, daß es beſſer iſt, wenn ein Commandant einen unrichtigen Weg, als wenn er gar keinen geht. Jedenfalls könnte der Lord Ober⸗Admiral nicht einmal ein Boot mit Würde commandiren, wollte er den Bootsmann alle Augenblicke um Rath fragen, wenn er ans Ufer zu gehen wünſchte. Nein, Herr! Wenn ich ſinke, ſo ſinke ich; — aber, Gott v—, wenn ich nicht nach Schiffsart und mit Würde hinunter gehen will.“ „Aber, Bruder Cap, ich wünſche nirgends anders hinunter zu gehen, als zu der Station an den Tauſend⸗Inſeln, wohin uns unſere Pflicht ruft.“ „Wohl, wohl, Sergeant! aber ehe ich bei einem Matroſen vom Vordermaſt, oder irgend einem andern, als bei einem Deck⸗ Offizier Rath einhole, ich meine einen direkten, unverholenen Rath, will ich lieber um das ganze Tauſend herumgehen und eine nach der andern unterſuchen, bis wir den rechten Hafen treffen. Aber es gibt ſo eine Art, etwas heraus zu kriegen, ohne daß man ſeine Unwiſſenheit zu Tage bringt, und ich will es ſchon ſo einleiten, daß ich aus dieſen Matroſen alles herauslocke, was ſie wiſſen, in⸗ dem ich ſie zugleich glauben mache, daß ich ſie mit den Vorräthen meiner Erfahrung überſchütte. Wir müſſen uns auf dem Meere 300 manchmal des Sehrohrs bedienen, wenn weit und breit nichts zu ſehen iſt, und das Loth auswerfen, wenn wir noch lange nicht auf den Grund kommen. Ich denke, es iſt dir von der Armee her bekannt, Sergeant, daß man Dinge, welche man zu wiſſen wünſcht, am beſten erfährt, wenn man ſich das Anſehen gibt, daß man ſie bereits vorher genau kenne. In meinen jüngeren Jahren machte ich zwei Reiſen mit einem Manne, welcher ſein Schiff durch eine ſolche Art von Belehrung, die manchmal nicht übel iſt, ziemlich gut führte.“ „Ich weiß, daß wir gegenwärtig in der rechten Richtung ſteuern,“ erwiederte der Sergeant,„aber nach einigen Stunden werden wir an ein Vorgebirg kommen, wo wir Acht geben müſſen.“ „Ich will den Mann an dem Steuer anpumpen, und du wirſt ſehen, daß er in wenigen Minuten trocken liegen wird.“ Cap und der Sergeant begaben ſich nun zu dem Steuermann, wobei Erſterer die Sicherheit und Ruhe eines Mannes, der ſich ſeiner eigenen Ueberlegenheit bewußt iſt, zur Schau trug. „Das iſt eine geſunde Luft, Junge,“ bemerkte Cap, als ob es nur ſo nebenher geſchehe, und in einer Weiſe, wie die Oberen am Borde eines Schiffes ſich bisweilen zu einem begünſtigten Unter⸗ gebenen herabzulaſſen pflegen.„Ihr habt ſie wohl alle Nacht vom Lande her in dieſer Weiſe?“ „In dieſer Jahreszeit wohl, Herr!“ erwiederte der Mann, indem er aus Achtung vor ſeinem neuen Befehlshaber und dem Verwandten des Sergeanten Dunham an den Hut griff. „Ich denke, es wird bei den Tauſend⸗Inſeln gerade ſo ſeyn? Der Wind wird wohl die gleiche Richtung halten, obgleich wir dann auf jeder Seite Land haben werden?“ „Wenn wir weiter nach Oſten kommen, wird der Wind wahr⸗ ſcheinlich umſpringen, denn dort haben wir keinen eigentlichen Landwind.“ 3 „Ja, ja; ſo iſt's mit Eurem Friſchwaſſer. Es hat immer eine 301 Tücke, die der Natur entgegen iſt. Zwar da unten an den weſt⸗ indiſchen Inſeln darf man eben ſo gut auf den Landwind als auf den Seewind rechnen; es wäre daher in dieſer Beziehung kein Unter⸗ ſchied, obgleich es in der Ordnung wäre, wenn es hier oben auf dem Fleckchen Friſchwaſſer ſich anders verhielte. Ihr kennt dem⸗ nach alles um die genannten Tanſend⸗Inſeln herum?“ „Gott ſegne Euch, Meiſter Cap, Niemand weiß alles, oder auch nur etwas über dieſe Inſeln. Sie bringen den älteſten Schiffer auf dem See in Verwirrung, und wir machen nicht einmal einen Anſpruch darauf, ihre Namen zu kennen. Ja, die meiſten von ihnen haben ſo wenig einen Namen, als ein Kind, das vor der Taufe ſtirbt.“ „Seyd Ihr ein römiſcher Katholik?“ fragte Cap ſcharf. „Weder das, noch etwas anderes. Ich bin ein Generaliſirer in Religionsſachen, und werde nie beunruhigen, was mich nicht beunruhigt.“ „Hm! ein Generaliſirer; das iſt ohne Zweifel eine von den neuen Sekten, welche das Land bedrängen,“ brummte Dunham, deſſen Großvater ein New⸗Jerſey⸗Quäker und deſſen Vater ein Presbyterianer geweſen war, indeß er ſelbſt, nach ſeinem Eintritt in das Heer, ſich der Kirche von England angeſchloſſen hatte. „Ich vermuthe, John,“ nahm Cap wieder auf,„doch ich glaube, Euer Name iſt Jack?“ „Nein, Herr! ich heiße Robert.“ „Nun alſo, Robert— es iſt faſt daſſelbe, Jack oder Bob; wir brauchen dieſe zwei Namen ohne Unterſchied. Ich ſage, Bob, iſt es ein guter Haltegrund da unten an der Station, zu der wir gehen ſollen?“ „Gott ſegne Euch, Herr! ich weiß davon nicht mehr, als einer von den Mohawkern, oder ein Soldat vom Fünfundfünßzigſten.“ „Habt Ihr dort nie geankert?“ „Nie, Herr; Meiſter Eau⸗douce legt immer ſelbſt am Ufer an.“ „Aber wenn Ihr auf die Stadt zulauft, ſo werft Ihr doch —— 302 ohne Zweifel das Loth aus; auch müßt Ihr, wie gewöhnlich, ge⸗ talgt haben.“ „Talg? und noch dazu eine Stadt? Gott ſey bei Euch, Meiſter Cap!— da iſt ſo wenig eine Stadt, als auf Euerm Kinn, und nicht halb ſo viel Talg.“ Der Sergeant lächelte ſauertöpfiſch, aber ſein Schwager be⸗ merkte dieſen Witz nicht. „Kein Kirchthurm, kein Leuchtthurm, kein Fort? Ha, es wird doch wenigſtens ſo etwas um den Weg ſeyn, was Ihr Garniſon nennt?“ „Fragt den Sergeanten Dunham, Herr, wenn Ihr das zu wiſſen wünſcht. Die ganze Garniſon iſt am Bord des Scud.“ „Welchen Kanal haltet Ihr für den geeignetſten zum Einlaufen Bob? den, welchen Ihr das letztemal fuhret, oder, oder, oder— ja, oder den andern?“. „Ich kann das nicht ſagen, denn ich weiß von keinem etwas.“ „Wie, Ihr habt doch nicht an dem Steuer geſchlafen, Burſche? Habt Ihr das?“ „Nicht am Steuer, Herr, aber unten in meiner Coje, unter der Fockgaffel. Eau⸗douce ſchickte die Soldaten und alles hin⸗ unter, den Lootſen ausgenommen, und wir wußten von dem Weg nicht mehr, als ob wir nie über denſelben gekommen wären. So hat er es immer gehalten, wir mochten gehen oder kommen, und ich könnte Euch ums Leben nicht etwas von dem Kanal oder dem Curs ſagen, nachdem wir einmal glücklich an den Inſeln angelangt waren. Niemand weiß davon, als Jasper und der Lootſe.“ „Da haſt du wieder ein Indiz, Sergeant,“ ſagte Cap, indem er ſeinen Schwager etwas bei Seite führte.„Es iſt Niemand am Bord, bei dem etwas herauszupumpen wäre, denn ſchon bei dem erſten Zug zeigt ſich die Trockenheit ihrer Ignoranz. Wie zum Teufel ſoll ich nun den Weg zu der Station finden, nach welcher unſer Auftrag geht?“ „Deine Frage, Bruder Cap, iſt wahrhaft leichter geſtellt, als 303 beantwortet. Läßt ſich denn dieß durch die Schifffahrtskunſt nicht heraus bringen? Ich glaubte, das ſey für Euch Salzwaſſerſchiffer eine Kleinig⸗ keit. Ich habe auch in der That oft geleſen, wie ſie Inſeln entdeckten.“ „Das hat ganz ſeine Richtigkeit, Bruder; und dieſe Entdeckung würde die größte von allen ſeyn, da es ſich dabei nicht um die Entdeckung einer einzigen Inſel, ſondern einer aus Tauſenden heraus handelt. Ich könnte wohl, ſo alt ich auch bin, eine einzelne Nadel auf dieſem Verdeck auffinden, aber ich zweifle, ob ich ſie aus einem Heuſchober heraus kriegte.“ „Die Schiffer auf dieſem See haben aber doch eine Methode die Plätze zu finden, welche ſie zu beſuchen wünſchen.“ „Wenn ich dich recht verſtanden habe, Sergeant, ſo liegt dieſe Station, oder dieſes Blockhaus beſonders verborgen?“ „So iſts in der That; man hat die größte Sorgfalt ange⸗ wendet, daß der Feind keine Kunde von ihrer Lage erhalte.“ „Und du erwarteſt von mir, daß ich, ein Fremder auf dieſem See, jenen Platz auffinden ſoll ohne Charte, Curs, Entfernung, Länge, Breite, Tiefe— ja, ich will v— ſeyn, nicht einmal mit dem Talg? Meinſt du denn, ein Matroſe brauche blos ſeiner Naſe nachzugehen, wie einer von Pfadfinders Hunden?“ „Nun, Schwager, vielleicht kannſt du doch von dem jungen Mann am Steuer noch etwas durch Fragen herausbringen. Ich kann kaum glauben, daß er ſo unwiſſend iſt, als er ſich anſtellt.“ „Hm! das ſieht wieder einem Indiz ähnlich. In dem gan⸗ zen Falle häufen ſich die Indizien nachgerade ſo ſehr, daß man kaum weiß, wie man der Wahrheit auf den Sprung kommen ſoll. Wir werden aber bald ſehen, wie es mit dem Wiſſen dieſes Bur⸗ ſchen beſchaffen iſt.“ Cap und der Sergeant kehrten nun zu dem Steuer zurück, und Erſterer nahm ſeine Fragen wieder auf. „Kennt Ihr vielleicht die Länge und Breite der beſprochenen Inſel, Junge?“ 304 „Was, Herr?“ „Nun die Länge oder Breite— eines, oder beide; ich mache mir zwar nichts daraus, denn ich frage blos, um zu ſehen, wie man die jungen eute hier auf dieſem Friſchwaſſerſtreifen erzieht.“ „Ich mhe mir auch nichts aus ſolchen Dingen, Herr, und weiß daher zufällig nicht, was Ihr meint.“ „Nicht was ich meine?— Wie? Ihr wißt nicht, was Breite iſt?“. „Nein, Herr!“ erwiederte der Steuermann zögernd,—„ob⸗ gleich ich glaube, daß es Franzöſiſch von den obern Seen iſt.“ „Hu— hu— hu— uh!“ ſtöhnte Cap mit einem ſchweren Athemzuge, gleich dem Tone einer zerbrochenen Orgelpfeife;„Breite, Franzöſiſch von den obern Seen! Hört, junger Mann, wißt Ihr, was Länge bedeutet?“ „Ich glaube, ich weiß das, Herr;— fünf Fuß, ſechs Zoll, die regelmäßige Höhe für einen Soldaten in des Königs Dienſt.“ „Das iſt eine Höhe nach dem Meßſtock, eine, die für dich paßt, Sergeant.— Ihr habt doch hoffentlich einige Kenntniſſe von Graden, Minuten und Secunden?“ „Ja, Herr; unter Grad verſteht man einen Vorgeſetzten, und Minuten und Secunden bedeuten die langen und kurzen Loglinien. Wir wiſſen dieſe Dinge ſo gut, als das Salzwaſſervolk.“ „Ich will v— ſeyn, Bruder Dunham, wenn ich denke, daß ſelbſt der Glaube über dieſen See weghelfen kann, ſo viel man auch davon ſpricht, daß er Berge zu verſetzen vermöge. So viel iſt wenigſtens gewiß, daß hier das Amt nicht den Verſtand gibt. Nun, mein Burſch, Ihr verſteht Euch vielleicht auf das Azimuth, das Meſſen der Entfernungen, und wie man die Punkte des Com⸗ paſſes in gehöriger Ordnung benennt?“ „Was das Erſte anbelangt, ſo weiß ich nichts davon. Die Entfernungen kennen wir Alle wohl, da wir ſie von einer Land⸗ ſpitze zur andern meſſen, und wegen des Compaſſes— da werde ich keinem Admiral von Seiner Majeſtät Flotte den Rücken kehren. 305 Nord, Nord zu Oſt, Nordnordoſt, Nordoſt zu Nord, Nordoſt; Nordoſt zu Oſt, Oſt Nord Oſt, Oſt zu Nord, Oſt—“ „Nun, das geht, das geht. Ihr werdet den Wind ganz herumbringen, wenn Ihr auf dieſe Weiſe weiter ſegelt. Ich ſehe deutlich, Sergeant,“ ſagte er, indem er den Steuernann verließ, mit gedämpfter Stimme,„daß wir von dieſem Burſchen nichts zu hoffen haben. Ich will noch zwei Stunden auf dieſem Gang halten und dann anholen und das Loth auswerfen. Wir müſſen uns dann eben nach den Umſtänden richten.“ Der Sergeant, der gewiſſermaßen, um mich eines ſelbſtge⸗ ſchaffenen Wortes zu bedienen, ein Idioſyncraniſt war, hatte nichts dagegen einzuwenden, und da der Wind, wie gewöhnlich bei fort⸗ ſchreitender Nacht, leichter wurde, und ſich der Fahrt keine unmit⸗ telbaren Hinderniſſe in den Weg legten, ſo machte ſich Dunham auf dem Verdeck aus einem Segel ein Lager, und verſiel bald in den feſten Schlaf eines Soldaten. Cap fuhr fort, auf dem Deck auf und ab zu gehen, denn er war ein Mann, deſſen eiſerner Kör⸗ per jeder Ermüdung Trotz bot: er ſchloß die ganze Nacht kein Auge. Als Sergeant Dunham erwachte, war es heller Tag. Da er ſich aber erhob und umherblickte, entfuhr ihm ein Ausruf der Ueber⸗ raſchung, der kräftiger tönte, als es bei einem Mann, der ſo oft veranlaßt wurde, ſich hören zu laſſen, gewöhnlich war. Er fand das Wetter ganz verändert; die Ausſicht war durch einen treiben⸗ den Nebel verhüllt, welcher den ſichtbaren Horizont auf einen Kreis der im Durchmeſſer etwa eine Meile haben mochte, beſchränkte. Der See tobte in ſchäumenden Wellen, während der Seud einen Beilieger machte. Eine kurze Beſprechung mit ſeinem Schwager gab ihm Aufſchluß über dieſen plötzlichen Wechſel. Caps Bericht zufolge hatte ſich der Wind gegen Mitternacht, oder als er gerade beizulegen und das Loth auszuwerfen gedachte, weil vor ihm einige Inſeln aufzutauchen begannen— gelegt, und ſich in ein todtes Wetter verwandelt. Gegen Ein Uhr fing er an Der Pfadfinder. 3te Aufl. 20 306 aus Nordoſt zu wehen und führte einen Nebelregen mit ſich; wor⸗ auf Cap gegen Nord und Weſt ſeewärts anlag, da er wußte, daß die Küſte von Neu⸗York auf der entgegengeſetzten Seite ſich befand. Gegen halb zwei Uhr beſchlug er den obern Klüver, raffte das Hauptſegel und nahm das Bonnet von dem Klüver. Um zwei Uhr mußte er hinten reffen, und um halb drei ein Schunerreff an das Segel legen und einen Beilieger machen. „Ich kann's nicht anders ſagen, Sergeant, das Boot hält ſi ſich gut,“ fügte der alte Seemann bei,„aber es bläst Zweiundvierzig⸗ Pfünder. Ich hätte mir's nicht gedacht, daß es ſolche Luftſtrömungen hier auf dieſem Fetzchen Friſchwaſſer gäbe; doch das kümmert mich ſo wenig als ein Stümpfchen Garn, denn Euer See erhält dadurch doch ein mehr natürliches Ausſehen, und“— er ſpuckte mit Ekel einen Schaumguß, welcher gerade ſein Geſicht benetzt hatte, aus dem Munde—„und wenn dieſes v— e Waſſer ſo einen angenehmen Salz⸗ geſchmack hätte, ſo könnte man ſich recht behaglich darauf fühlen.“ „Wie lange biſt du in dieſer Richtung vorwärts gefahren, Bruder Cap?“ fragte der vorſichtige Krieger—„und mit welcher Geſchwindigkeit gehen wir jetzt durch das Waſſer?“ „Nun, ſo etwa zwei oder drei Stunden. In den zwei erſten flog das Schiff wie ein Pferd. Wir haben nun ſchöne offene See, denn, um die Wahrheit zu geſtehen, ich fand an der Nachbarſchaft der genannten Inſeln wenig Geſchmack, obgleich ſie windwärts lagen, nahm daher ſelbſt das Steuer und machte mich eine oder zwei Meilen davon weg. Ich wette, ſie ſind jetzt ziemlich leewärts von uns;— ich ſage leewärts, denn wenn man auch wünſchen mag, von einer oder auch einem halben Dutzend Inſeln windwärts zu ſeyn, ſo iſt es doch, wenn einmal von Tauſenden die Rede iſt, beſſer, ſich von ihnen fern zu halten, und ſo ſchnell als möglich unter ihr Lee zu gleiten. Nein, nein; dort drüben ſind ſie im Nebel⸗ duft, und mögen da meinetwegen liegen bleiben.“ „Da das Nordufer nur fünf bis ſechs Meilen von uns liegt, 307 Bruder, und mir bekannt iſt, daß ſich dort eine weite Bucht befindet, möchte es da nicht gut ſeyn, einige von dem Schiffsvolk über unſere Lage zu Rathe zu ziehen, wenn wir nicht lieber Jasper Eau⸗ douce heraufrufen und ihn darum angehen wollen, uns wieder nach dem Oswego zurückzuführen? Wir können jetzt unmöglich die Station erreichen, da wir den Wind gerade in unſern Zähnen haben.“ „Ein Seemann hat mehrere wichtige Gründe gegen alle deine Vorſchläge, Sergeant. Einmal würde ein Zugeſtändniß der Un⸗ wiſſenheit von Seiten eines Commandanten alle Subordination auf⸗ heben. Nichts davon, Bruder; ich verſtehe dein Kopfſchütteln: aber nichts ſtört die Disciplin mehr, als das Bekenntniß, daß man ſich nicht zu rathen wiſſe. Ich habe einmal einen Schiffsmeiſter gekannt, der lieber eine Woche auf einem falſchen Curs blieb, als daß er einen Mißgriff zugeſtanden hätte, und es war überraſchend, wie ſehr er ſich dadurch in der Meinung ſeiner Leute hob, gerade weil ſie ihn nicht begreifen konnten.“ „Das mag ſich auf dem Salzwaſſer thun laſſen, Bruder Cap, aber ſchwerlich auf dieſem See. Ehe ich mein Commando an Ca⸗ nadas Ufer ſcheitern laſſe, halte ich es für meine Pflicht, Jasper aus ſeinem Verhaft heraufzunehmen—“ „Und in Frontenac ans Land zu gehen. Nein, Sergeant; der Scud iſt in guten Händen, und kann jetzt etwas von Seemanns⸗ kunſt erfahren. Wir haben ſchöne offene See, und nur ein Ver⸗ rückter würde in einer Kühlte, wie dieſe, daran denken, ſich einer Küſte zu nähern. Ich werde jede Wache vieren, und dann werden wir gegen alle Gefahr ſicher ſeyn, das Abtreiben ausgenommen, was jedoch in einem ſo leichten und niedrigen Fahrzeug wie dieſes, ohne Windfang, von keinem Belang ſeyn kann. Ueberlaß nur mir die ganze Sache, Sergeant, und ich ſtehe mit meiner Ehre dafür, daß alles gut gehen wird.“ Sergeant Dunham mußte, wohl oder übel, nachgeben. Er hatte ein großes Vertrauen zu der ſeemänniſchen Geſchicklichkeit 308 ſeines Verwandten und hoffte, er werde ſich bei dem Kutter Mühe geben, dieſe gute Meinung noch zu erhöhen. Auf der andern Seite war er, da der Verdacht, wie die Sorge, immer größer wird, je mehr man ihm Nahrung läßt— ſo beſorgt wegen Verraths, daß er jedem andern, als Jasper, gerne das Schickſal der ganzen Geſellſchaft in die Hände gegeben haben würde. Er hatte übri⸗ gens, um die Wahrheit zu geſtehen, noch einen weitern Grund. Der Auftrag, welcher ihm anvertraut war, hätte eigentlich einem Offizier überlaſſen werden ſollen, und der Umſtand, daß Major Duncan das Commando einem untergeordneten Sergeanten ge⸗ geben, hatte unter den Subalternoffizieren eine große Unzufrieden⸗ heit erregt. Wenn er nun zurückkehrte, ohne den Ort ſeiner Be⸗ ſtimmung erreicht zu haben, ſo mußte dadurch ein Schatten auf ihn fallen, der ſich nicht ſo bald verwiſcht haben würde, und die unausbleibliche Folge dieſer Maaßregel war, daß ihm der Befehl abgenommen, und ein Offizier an ſeine Stelle geſetzt wurde. Sechszehntes Kapitel. Glorreicher Spiegel, der in Windes Stillen, Wie in dem ſanftſten Hauch, der Allmacht Hand Uns zeigt, in raſchem Weh'n, in Sturmes Brüllen; Am eis'gen Pol, an Lybiens heißem Strand So dunkelwogend; Bild, ſo endlos groß, Der Ewigkeit; dich wählt zum Throne Die Gottheit; ſelbſt dein tiefer ſchlammiger Schooß Schafft Ungeheuer: dein iſt jede Zone; Und du rollſt furchtbar hin, allein und bodenlos. Byron. Mlit dem fortſchreitenden Tag erſchienen nach und nach alle, welche ſich auf dem Schiff befanden und nicht ihrer Freiheit beraubt waren, auf dem Verdecke. Die Wogen gingen noch nicht beſonders N —— K 309 hoch, woraus man ſchloß, daß der Kutter noch unter dem Lee der Inſeln liege; aber es war Allen, welche den See kannten, klar, daß ſie einen der ſchweren Herbſtſtürme, welche zu dieſer Jahreszeit in jener Gegend nicht ſelten ſind, durchzumachen haben würden. Man ſah nirgends Land, und der Horizont bot nach allen Seiten nichts als jene düſtere Leere, welche der Ausſicht auf weiten Waſſerflächen den Charakter einer geheimnißvollen Erhabenheit aufdrückt. Die Deiningen, oder wie man es am Lande nennt, die Wogen, waren kurz und kräuſelnd, und brachen ſich nothwendiger Weiſe früher als die längeren Quellen des Oceans; während das Element ſelbſt, ſtatt die ſchöne Farbe zu zeigen, welche mit den tiefen Tinten des ſüd⸗ lichen Himmels wetteifert, grün und zürnend ausſah, obgleich ihm der Glanz mangelte, den es ſonſt den Strahlen der Sonne verdankt. Die Soldaten hatten an dieſem Anblick bald genug, und es verſchwand einer nach dem andern, ſo daß außer den Matroſen zu⸗ letzt nur noch der Sergeant, Cap, Pfadfinder, der Quartiermeiſter und Mabel auf dem Verdecke waren. Es lagerte ſich ein Schatten um das Auge der letzteren, da ſie den wirklichen Stand der Dinge erfahren und es vergebens verſucht hatte, die Zurückgabe des Com⸗ mando's an Jasper zu erwirken. Auch den Pfadfinder ſchien die Ruhe und Ueberlegung einer Nacht in ſeiner Ueberzeugung von der Schuldlofigkeit des jungen Mannes befeſtigt zu haben, ſo daß er gleichfalls mit Wärme, obſchon mit demſelben ungünſtigen Erfolg, zu Gunſten ſeines Freundes ſprach. So vergingen einige Stunden, wobei der Wind allmählig immer heftiger wurde und der See ſich hob, bis die Bewegung des Kutters auch Mabel und den Quartiermeiſter zum Rückzug veran⸗ laßte. Cap vierte öfters, und es war nun klar, daß der Seud in die breiteren und tieferen Gegenden des Sees trieb, wobei die Wogen mit einer ſolchen Wuth auf ihn einſtürmten, daß ſich nur ein Fahrzeug von beſſerer Form und ſtärkerem Bau lange gegen ſie halten und Widerſtand leiſten konnte. Doch Cap machte ſich nichts aus all dieſem; denn wie der Jagdhund beim Schmettern des Hornes die Ohren ſpitzt, oder das Kriegsroß beim Wirbeln der Trommeln ſcharrt und ſchnaubt, ſo wurden bei dem Anblick dieſer ganzen Scene alle Lebensgeiſter des Mannes rege, und ſtatt der zankſüchtigen, hochmüthigen und abſprechenden Tadelſucht, die an jeder Kleinigkeit kritelte und unweſentliche Dinge übertrieb, begann er die Eigenſchaften des kühnen und erfahrenen Seemannes, der er in der That war, zu entwickeln. Die Matroſen hegten bald Achtung vor ſeiner Geſchicklichkeit, und obgleich ſie ſich über das Verſchwin⸗ den ihres früheren Befehlshabers und des Lootſen, deſſen Grund ihnen nicht mitgetheilt worden war, wunderten, ſo zollten ſie doch gerne ihrem neuen Gebieter unbedingten Gehorſam. „Dieſes Bischen Friſchwaſſer, Bruder Dunham, hat im Grunde doch einiges Leben, wie ich merke,“ rief Cap gegen Mittag, und rieb vor lauter Vergnügen die Hände, weil er nun wieder einmal ſeine Kraft gegen die der Elemente verſuchen konnte.„Der Wind ſcheint eine ehrliche, altmodiſche Kühlte zu ſeyn, und die Wellen haben eine wunderliche Aehnlichkeit mit denen des Golfſtromes. Ich liebe das, Sergeant; ich liebe das, und werde Euern See achten lernen, wenn er noch ſo vierundzwanzig Stunden in der angefan⸗ genen Weiſe fortmacht.“ „Land ho!“ rief der Mann, der in der Back aufgeſtellt war. Cap eilte vorwärts; und wirklich war durch den Nebelregen in der Entfernung einer halben Meile Land ſichtbar, auf welches der Seud lostrieb. Zuerſt wollte der alte Seemann Befehl geben, beizulegen und vom Ufer abzuvieren; aber der beſonnene Soldat . hielt ihn zurück. „Wenn wir etwas näher kommen,“ ſagte der Sergeant,„ſo erkennen vielleicht einige die Gegend. Die meiſten von uns kennen das amerikaniſche Ufer an dieſem Theile des Sees, und wir werden dadurch über unſere Stellung ins Klare kommen.“ „Sehr wahr, ſehr wahr. Wahrſcheinlich wird dieſes der Fall 311 ſeyn, und wir wollen darauf anhalten. Was iſt das dort, ein wenig vor unſerm Luvbug? Es ſieht wie ein niedriges Vorgebirge aus!“ „Die Garniſon, beim Jupiter!“ rief der Andere, deſſen geübtes Auge die Umriſſe des Forts früher erkannte, als das weniger ſcharfe ſeines Verwandten. Der Sergeant hatte ſich nicht geirrt. Es war wirklich das Fort, obgleich es in dem feinen Regen nur dunkel und unbeſtimmt, wie im Düſter des Abends oder im Morgennebel erſchien. Die niedrigen, grünen Raſenwälle, die düſtern Palliſaden, die im Regen noch dunkler erſchienen, die Dächer einiger Häuſer, die hohe ein⸗ ſame Wimpelſtange, deren Flaggenfälle mit einer Stetigkeit dem Zuge des Windes folgten, daß ſie wie unbewegliche, krumme Linien in der Luft erſchienen— alles dieſes wurde nach und nach ſichtbar, ob⸗ gleich ſich keine Spur des Lebens entdecken ließ. Selbſt die Schild⸗ wache war untergetreten, und man glaubte zuerſt, daß kein Auge die Annäherung des eigenen Schiffes entdecken würde. Aber die unabläßige Wachſamkeit einer Gränzgarniſon ſchlummerte nicht, und wahrſcheinlich machte einer der Ausluger die intereſſante Entdeckung. Bald erſchienen einige Männer auf den höhern Standorten und in Kurzem wimmelten alle Wälle in der Nähe des Sees von menſch⸗ lichen Weſen. Es war eine der Scenen, deren Großartigkeit noch insbeſondere durch den Reiz des Maleriſchen gehoben wird. Das Wüthen des Sturmes war ſo anhaltend, daß man ſich zu der Vermuthung ge⸗ neigt fühlen konnte, es gehöre zu dem beſtändigen Charakter dieſer Gegend. Das Brüllen des Windes tobte in einem fort, und das empörte Waſſer begleitete dieſe gewaltigen, dumpfen Töne mit ſeinem giſchenden Schaum, der drohenden Brandung und den ſteigenden Wogen. Der leichte Regen ließ dem Auge Alles wie in einem dünnen Nebel erſcheinen, welcher die Bilder ſanfter machte und einen ge⸗ heimnißvollen Schleier darüber warf, während die erhebenden Gefühle, welche ein Seeſturm leicht zu erregen im Stande iſt, die milderen 312 Eindrücke des Augenblicks ſteigerten. Der dunkle, unabſehbare Wald erhob ſich großartig düſter und ergreifend aus dem Nebel⸗ grau, während die einſamen eigenthümlichen und maleriſchen Bil⸗ der des Lebens, welche man bei und in dem Fort entdecken konnte, dem Auge einen Ruhepunkt boten, wenn die ſchrofferen Züge! der Natur es erdrücken wollten. 39 „Sie ſehen uns,“ ſagte der Sergeant,„und glanhen⸗Weir⸗ ſeyen wegen des Sturmes zurückgekehrt, der uns zu weit leewärts von unſerm Hafen getrieben hat. Ja, dort iſt Major Duncan⸗ ſelbſt auf dem nördlichen Bollwerk. Ich kenne ihn an ſeiner Hohe und den Offizieren, die ihn umgeben.“ „Sergeant, es wäre wohl der Mühe werth, ſich ein wenig auslachen zu laſſen, wenn wir in den Fluß kommen und einen ſichern Ankerplatz gewinnen könnten. Wir würden bei dieſer Ge⸗ legenheit auch den Meiſter Eau⸗douce ans Land ſetzen, und das Boot reinigen.“ auntf „Allerdings; aber ſo wenig ich auch von der Schifffahrt ver⸗⸗ ſtehe, ſo weiß ich doch, daß ſich das nicht thun läßt. Nichts, was auf dem See ſegelt, kann ſich windwärts gegen dieſe Kühlte wenden, und hier außen iſt bei einem Wetter, wie dieſes, kein Ankerplatz.“ „Ich weiß es, ich ſehe es, Sergeant; und ſo lieblich auch dieſer Anblick für Euch Landratten ſeyn mag, ſo müſſen wir ihm doch den Rücken kehren. Was mich anbelangt, ſo fühle ich mich nie wohler, als wenn ich gewiß bin, daß in einem rechten Unwetter das Land weit hinter mir liegt.“ Der Seud war nun ſo nahe gekommen, daß es unumgänglich nöthig wurde, ſeinen Schnabel wieder vom Lande abzuwenden, wozu denn auch die geeigneten Befehle gegeben wurden. Das untere Stagſegel wurde vorwärts losgemacht, die Gaffel herabgelaſſen, das Steuer aufgeſtellt, und das leichte Fahrzeug, das wie eine Ente mit dem Element zu ſpielen ſchien, fiel ein wenig ab, drückte ſchnell von vorn um, folgte dem Ruder, und flog bald, todt vor 2— 313 der Kühlte, über die Spitzen der Wellen hin. Während es dieſe ſchnelle Flucht machte, verſchwanden, obgleich das Land am Back⸗ vord noch ſichtbar war, das Fort und die ängſtlichen Zuſchauer⸗ gruppen auf den Wällen bald in dem Nebel. Nun folgten die nörnigen Schwenkungen, um das Vordertheil des Kutters in die Ricung des Windes zu bringen, worauf er ermattet den ſchwie⸗ riaen Weg gegen das Nordufer wieder aufnahm. Stunden vergingen nun, ohne daß eine weitere Veränderung vorgenommen wurde. Die Macht des Windes ſteigerte ſich ſo ſehr, daß endlich ſelbſt der eigenſinnige Cap zugeben mußte, es wehe nun erne tüchtige Kühlte. Gegen Sonnenuntergang vierte der Seud wieder, um in der Dunkelheit der Nacht nicht an das Nordufer getrieben zu werden, und gegen Mitternacht glaubte der dermalige Schiffsmeiſter, welcher ſich durch ſein indirektes Ausforſchen der Matroſen einige allgemeine Kenntniſſe über die Größe und die Ge⸗ * des Sees erworben hatte, daß er ſich ungefähr in der Mitte zwiſchen beiden Ufern befinde. Die Höhe und Länge der Wellen machte dieſe Vermuthung wahrſcheinlich, und wir müſſen noch bei⸗ fügen, daß Cap zu dieſer Zeit eine Achtung vor dem Friſchwaſſer zu fuͤhlen anfing, welche er vierundzwanzig Stunden früher als eine Unmöglichkeit verlacht haben würde. Eben, als der Tag zu grauen begann, wurde die Wuth des Windes ſo heftig, daß der Seemann ſich nicht mehr gegen ſie zu halten vermochte, denn die Wogen fielen in ſolchen Maſſen über das Verdeck des kleinen Fahr⸗ zeugs, daß ſie daſſelbe in ſeinem Innerſten erſchütterten und, unge⸗ achtet ſeiner Behendigkeit, unter ihrem Gewicht zu begraben drohten. Die Matroſen des Seud verſicherten, daß ſie früher nie einen ſol⸗ chen Sturm auf dem See durchgemacht hätten, was auch richtig war, denn Jasper würde, bei ſeiner genauen Kenntniß aller Flüſſe, Vorgebirge und Hafen, den Kutter lange vorher ans Ufer geführt und auf einen ſichern Ankergrund gebracht haben. Aber Cap ver⸗ ſchmähte es noch immer, den jungen Schiffer, der ſich fortwährend 314 im untern Raum befand, um Rath zu fragen, und war entſchloſſen, wie ein Seemann auf dem großen Weltmeer zu handeln. Um ein Uhr Morgens wurde das untere Stagſegel wieder an den Scud gelegt, der obere Theil des Hauptſegels niedergelaſſen und der Kutter vor den Wind gebracht. Obgleich nun die Ober⸗ fläche der Leinwand dem Winde nur einen Streifen darbot, ſo machte doch das kleine Fahrzeug ſeinem edeln Namen Ehre, denn es flog in der That acht Stunden lang wie eine Wolke dahin, bei⸗ nahe mit derſelben Geſchwindigkeit, mit welcher die Möwen, augen⸗ ſcheinlich in Furcht, in den kochenden Keſſel des Sees herunterzu⸗ fallen, über ihm wegſchoſſen. Das Aufdämmern des Tages brachte wenig Veränderung. Der Horizont blieb auf den kleinen bereits be⸗ ſchriebenen Nebelkreis beſchraͤnkt, in welchem die Elemente in chaotiſcher Verwirrung zu toben ſchienen. Während dieſer Zeit verhielten ſich die Matroſen und Paſſagiere des Kutters in gezwungener Unthätigkeit. Jasper und der Lootſe blieben unten; als aber die Bewegung des Fahrzeugs leichter wurde, ſo kamen faſt alle Uebrigen auf das Ver⸗ deck. Das Frühſtück wurde ſchweigend eingenommen, und jeder blickte dem andern ins Auge, als ob ſie ſich in dieſer ſtummen Weiſe fragen wollten, wohin dieſer Kampf der Elemente wohl noch führen werde. Cap erhielt ſich jedoch vollkommen ſeine Faſſung; ſein Auge ſtrahlte, ſein Tritt wurde feſter und ſeine ganze Haltung zuverſicht⸗ licher, als der Sturm zunahm und größere Anforderungen an ſeine Geſchicklichkeit und ſeinen Muth machte. Er ſtand mit gekreuzten Armen und mit ſeemänniſchem Inſtinkt ſeinen Körper wiegend auf der Back, indeß ſeine Augen auf die Spitzen der Wellen achteten, die ſich brachen und an dem taumelnden Kutter vorbeiſchoſſen, wo⸗ bei ſie in ihrer raſchen Bewegung ſelbſt wie zum Himmel ſteigende Wolken erſchienen. In dieſem erhabenen Augenblick gab einer der Matroſen den unerwarteten Ruf:„ein Segel!“ Der Ontario hatte ſo viel von dem wilden und einſamen Cha⸗ rakter der Wälder, daß man kaum hoffen durfte, auf ſeinem Waſſer n, 315 mit einem Schiff zuſammenzutreffen. Der Scud ſelbſt erſchien denen, welche er trug, wie ein einzelner Wanderer in der Wildniß⸗ und dieſes Zuſammentreffen glich dem zweier einſamer Jäger unter dem breiten Blättergewölbe, welches damals ſo viele Millionen Morgen des amerikaniſchen Feſtlandes bedeckte. Der eigenthümliche Wetterſtand diente dazu, das Romantiſche und faſt Uebernatürliche dieſer Begegnung zu ſteigern. Cap allein war an derartige Erſchei⸗ nungen mehr gewöhnt; aber doch bebten auch ſeine eiſernen Nerven unter den Gefühlen, welche die wilden Züge dieſer Scene erweckten. Das fremde Schiff befand ſich ungefähr zwei Kabellängen vor dem Seud, ſtand mit ſeinen Bügen quer gegen den Wind, und ſteuerte in einem Curſe, daß der letztere wahrſcheinlich in einer Entfernung von einigen Ellen daran vorbeikommen mußte. Es war vollſtändig aufgetakelt und in der ſtürmiſchen Nebelluft konnte ſelbſt das geübteſte Auge keine Unvollkommenheit in ſeinem Bau und ſeiner Takelage erkennen. Die einzige losgemachte Leinwand war das dicht gereefte große Marsſegel, und zwei kleine untere Stagſegel, das eine vorn, das andere hinten. Doch die Gewalt des Windes drängte das Fahrzeug ſo heftig, daß es ſich faſt bis an ſeine Deckbalkenenden umbeugte, wenn es nicht durch das Steigen der Wellen unter ſeinem Lee aufgerichtet wurde. Die Spieren waren alle an ihrer Stelle, und an der Bewegung, welche mit einer Geſchwindigkeit von vier Knoten in der Stunde von Statten ging, konnte man erkennen, daß es ein wenig frei ſteuerte. „Der Burſche muß ſeine Stellung gut kennen,“ ſagte Cap, als der Kutter mit einer Geſchwindigkeit, welche beinahe der des Sturmes glich, auf das Schiff zuflog,„denn er ſteht ſo kühn gegen Süden an, daß er dort ſicher einen Hafen oder Ankerplatz zu finden weiß. Kein vernünftiger Menſch würde in dieſer Weiſe frei davon fahren, ohne genau zu wiſſen, wohin er will; es müßte denn ſeyn, daß ihn der Sturm, einer Wolke gleich, vor ſich herjagte, wie dieß bei uns der Fall iſt.“ 316 „Wir haben einen Lauf gemacht, vor dem man allen Reſpekt haben muß, Kapitän,“ erwiederte der Mann, an welchen die vorige Bemerkung gerichtet war.„Dieß iſt das franzöſiſche Königsſchiff Lee-my Calm(le Montcalm), und ſegelt nach dem Niagara, wo ſein Eigner eine Garniſon und einen Hafen hat. Wir haben einen reſpektablen Lauf gemacht.“ „Ach, hol' ihn der Henker! Wie ein ächter Franzoſe rennt er augenblicklich dem Hafen zu, ſo bald er einen engliſchen Kiel ſieht.“ „Es möchte für uns gut ſeyn, wenn wir ihm folgen könnten,“ erwiederte der Mann mit zaghaftem Kopfſchütteln, denn wir kom⸗ men hier oben an dem Ende des Sees in eine Bay, und es iſt zweifelhaft, ob wir je wieder aus ihr herauskommen.“ „Pah, pah, Mann! Wir haben die offene See vor und einen guten engliſchen Boden unter uns. Wir ſind keine Johnny Cra⸗ pauds, um uns wegen eines Windſtoßes hinter eine Bergſpitze oder ein Fort zu verſtecken. Vergeßt Euer Steuer nicht, Herr!“ Dieſer Befehl wurde wegen des drohenden Näherrückens des feindlichen Schiffes gegeben. Der Scud ſchoß nun gerade auf die Kiel⸗Kinnback des Franzoſen zu, und da die Entfernung zwiſchen den beiden Fahrzeugen ſich bis auf hundert Ellen vermindert hatte, ſo war es einen Augenblick zweifelhaft, ob Raum genug vorhanden ſey, um an einander vorbei zu kommen. „An Backbord, an Backbord das Ruder, und hinten vorbei!“ rief Cap. 4 Man ſah die Schiffsmannſchaft des Franzoſen ſich windwärts verſammeln und einige Musketen anlegen, als ob ſie der Mann⸗ ſchaft des Seud befehlen wolle, ſich fern zu halten. Auch wurden noch andere Gebärden bemerkt, aber der See war zu wild und drohend, um irgend eine feindſelige Demonſtration zuzulaſſen. Aus den Mündungen der zwei oder drei leichten Kanonen am Borde des Schiffs tropfte Waſſer, und Niemand dachte daran, ſich ihrer in dieſem Sturme bedienen zu wollen. Die ſchwarzen Seiten des Fahrzeugs glänzten, wenn ſie aus einer Welle auftauchten, und ſchienen zu zürnen, während der Wind durch das Tackelwerk heulte und in den tauſend Tönen eines Schiffes herumorgelte, ſo daß man davor nicht einmal das auf den franzöſiſchen Schiffen gewöhnliche Rufen und Schreien vernehmen konnte. „Mag er ſich heiſer ſchreien,“ grollte Cap.„Wir haben jetzt kein Wetter, in dem man ſich Geheimniſſe zuflüſtern kann. An Backbord das Ruder, Herr!“ Der Mann am Steuer gehorchte, und der nächſte Wogenguß trieb den Scud ſo nahe gegen die Windvierung des Schiffes hinab, daß ſelbſt der alte Seemann einen Schritt zurückprallte und er⸗ wartete, daß, ſo bald die Wellen den Schnabel wieder in die Höhe brächten, die vorderſten Büge gerade in die Planken des Gegners treiben müßten. Dieß geſchah jodoch nicht; denn als der Kutter ſich wieder aus ſeiner geduckten Stellung, die der eines lauernden Panthers vor dem Sprunge glich, aufrichtete, ſchoß er vorwärts und im nächſten Augenblick an dem Stern des feindlichen Schiffes vorüber, wobei er gerade noch deſſen Spenkerſpier⸗Ende mit ſeiner eigenen unteren Rah klärte. Der junge Franzoſe, welcher den Montcalm befehligte, ſprang auf den Hackebord, lüpfte mit jenem zierlichen Anſtand, der auch den niedrigſten Handlungen ſeiner Landsleute eine gewiſſe Feinheit verleiht, ſeine Mütze, und winkte einen lächelnden Gruß, als der Scud vorüber ſchoß. Es lag, da die Umſtände keine andern Mit⸗ theilungen geſtatteten, eine gewiſſe Leutſeligkeit und feine Bildung in dieſem Akt der Höflichkeit, die aber bei Cap verloren ging; denn mit dem ſeinem Leute⸗Schlag eigenen Inſtinkt ſchüttelte er drohend ſeine Fauſt und brummte vor ſich hin: „Ja, ja, es iſt ein v— s Glück für euch, daß wir kein ſchweres Geſchütz hier an Bord haben, ſonſt wollte ich euch etwas zuſenden, was euch neue Kajütenfenſter nöthig machen dürfte. Er will uns zum Beſten haben, Sergeant.“ 318 „Er war höflich, Bruder Cap,“ erwiederte der andere, indem er ſeine Hand ſinken ließ, da ſein Soldatenſtolz ihn veranlaßt hatte, die militäriſche Begrüßung zu erwiedern;„er war höflich, und das iſt ſo viel, als man von einem Franzoſen erwarten kann. Was er damit wirklich meinte, kann wohl Niemand ſagen.“ „Er ſetzt ſich gewiß nicht umſonſt bei dieſem Wetter der See aus. Je nun, laſſen wir ihn einlaufen, wenn er kann, indeß wir, wie muthige engliſche Matroſen, uns auf dem Waſſer halten wollen.“ Das klang wohl ſchön; aber Cap blickte doch neidiſch auf den glänzenden ſchwarzen Rumpf des Montcalm, ſein flatterndes Segel und die verſchwimmenden Spierenkreutzungen, bis ſich ſein Bild immer mehr und mehr verwiſchte und zuletzt wie ein weſenloſer Schatten in dem Nebel verſchwand. Cap wäre gerne ſeinem Fahr⸗ waſſer gefolgt, wenn er es hätte wagen dürfen: denn die Ausſicht auf eine zweite Sturmnacht mitten auf dem wilden Waſſer, welches rund um ihn her tobte, hatte in der That wenig Tröſt⸗ liches für ihn. Sein ſeemänniſcher Stolz geſtattete ihm jedoch nicht, eine Unbehaglichkeit kund zu geben, und die ſeiner Obhut Anvertrauten verließen ſich auf ſeine Kenntniſſe und Geſchicklichkeit mit dem blinden und unbedingten Vertrauen, welches bei Unkun⸗ digen ſo gewöhnlich iſt. Es vergingen nun einige Stunden, und die Finſterniß hagasn wieder die Gefahren des Seud zu vermehren. Doch hatte ein Nachlaſſen der Kühlte Cap veranlaßt, wieder einmal in den Wind umzulenken, und der Kutter lag die ganze Nacht über, wie früher, bei, wobei er jedoch ſtets nach vorn trieb und gelegenheitlich vierte, um vom Lande abzuhalten. Wir wollen übrigens nicht bei den Ereigniſſen dieſer Nacht verweilen, da ſie ſo ziemlich dieſelben waren, wie bei anderen Kühlten;— ein Schwanken des Schiffes, ein Giſchen des Waſſers, ein Spritzen des Schaumes, und Erſchüt⸗ terungen, welche das von den Wellen hin und hergeſtoßene Fahrzeug 319 zu vernichten drohten: das unabläſſige Heulen des Windes und die Schrecken erregende Abtrift. Letztere waren am gefährlichſten; denn obgleich der Scud außerordentlich gut Luv unter ſeinem Segel hielt, und durchaus keinen Windfang hatte, ſo war er doch ſo leicht, daß ihn die ſteigenden Wogen bisweilen in reißender Schnelle in ihr Lee hinabzuwaſchen ſchienen. Wäͤhrend dieſer Nacht überließ ſich Cap einige Stunden einem geſunden Schlaf. Der Morgen dämmerte eben auf, als er ſich an der Schulter ergriffen fühlte: wie er ſich aufrichtete, ſah er den Pfadfinder an ſeiner Seite ſtehen. Während des Sturmes hatte ſich der Wegweiſer wenig auf dem Verdecke gezeigt, denn ſeine natürliche Beſcheidenheit belehrte ihn, daß die Leitung des Schiffes nur in den Bereich der Seeleute gehöre, und er war geneigt, den Führern des Seud daſſelbe Vertrauen zu ſchenken, welches er von denen, die ihm durch die Wälder folgten, erwartete. Jetzt aber hielt er eine Einmiſchung für gerechtfertigt, und vollführte dieſe in ſeiner eigenthümlichen, ehrlichen Weiſe. „Der Schlaf iſt ſüß, Meiſter Cap,“ ſagte er, als deſſen Augen ſich geöffnet hatten und er ſich in ſeine Lage zu finden begann: —„der Schlaf iſt ſüß, wie ich aus eigener Erfahrung weiß; aber das Leben iſt noch ſüßer. Seht um Euch, und ſagt mir, ob das nicht ein Augenblick iſt, wo ein Veſehishaber auf ſeinen Beinen ſeyn muß.“ „Wie, wie— Meiſter Pfadfinder?“ brummte Cap in den erſten Augenblicken des wiederkehrenden Bewußtſeyns.„Habt Ihr Euch auch auf die Seite der Murrenden geſchlagen? Auf dem Lande bewunderte ich Eure Klugheit, die Euch über die gefähr⸗ lichſten Untiefen ohne Compaß wegführte; und ſeit wir auf dem Waſſer ſind, hat mir Eure Mäßigung und Ergebung ebenſowohl gefallen, als die Zuverſicht, mit der Ihr auf Euerm eigenen Boden auftratet. Ich hätte eine ſolche Aufforderung von Euch am wenigſten erwartet.“ 320 „Was mich anbelangt, Meiſter Cap, ſo fühle ich, daß ich meine Gaben habe, welche, wie ich glaube, denen eines andern nicht ins Gehäge kommen werden. Mit Mabel Dunham mag es aber ein anderer Fall ſeyn.'s iſt wahr, ſie hat auch ihre Gaben; ſie ſind aber nicht ſo rauh wie die unſrigen, ſondern ſanft und weiblich, wie ſie ſeyn müſſen. Ich ſpreche daher mehr um ihret⸗ als um meinetwillen.“ „Ja, ja— ich fange an, zu begreifen. Das Mädchen iſt ein gutes Kind, mein werther Freund; aber ſie iſt die Tochter eines Soldaten und die Nichte eines Seemanns, und ſollte daher in einem Sturme nicht zu furchtſam oder zu zärtlich ſeyn. Läßt ſie Furcht blicken?“ „Nein, nicht doch. Mabel iſt zwar ein Weib, aber vernünftig und ſchweigſam. Ich habe ſie nicht ein Wort über unſer Handeln äußern hören, obgleich ich glaube, Meiſter Cap, daß es ihr lieber wäre, wenn Jasper wieder ſeine frühere Stelle einnähme und alles in den alten Zuſtand verſetzt würde. Das iſt ſo die menſch⸗ liche Natur.“ „Das will ich ohne Schwur glauben— s iſt ſo ganz nach der Art der Mädchen, und zumal der Dunhams. Alles iſt beſſer als ein alter Onkel, und Jedermann weiß mehr, als ein alter See⸗ mann. Das iſt menſchliche Natur, Meiſter Pfadfinder, und hol' mich der—, wenn ich der Mann bin, der, ſey es am Back⸗ oder Steuerbord, um der ganzen Menſchennatur willen, die in einem ſolchen zwanzigjährigen Naſeweis ſteckt, auch nur einen Faden ab⸗ oder angiere;— ja, auch nicht um Aller willen,“(er dämpfte hiebei ſeine Stimme ein wenig)„welche in Seiner Majeſtät fünf⸗ undfünfzigſten Regiment zu Fuß auf die Parade ziehen. Ich habe mich nicht vierzig Jahre auf dem Meer umgetrieben, um hier auf dieſem Fetzen Friſchwaſſer zu lernen, was Menſchennatur iſt.— Wie dieſe Kühlte anhält! Sie bläst in dieſem Augenblick ſo kräftig, als ob Boreas ſelber ſeine Schläuche quetſchte. Und was iſt das 321 Alles auf der Leeſeite?“(er rieb die Augen)—„Tand! ſo wahr ich Cap heiße,— und dazu Hochland!“ Der Pfadfinder gab keine unmittelbare Antwort, betrachtete aber mit Kopfſchutteln und ängſtlicher Sorge den Geſichtsausdruck ſeines Gefährten. „Land, ſo wahr als dieſes der Seud iſt!“ wiederholte Cap. „Ein Leger⸗Wall, und noch dazu in der Entfernung einer Stunde, mit einer ſo ſchönen Linie von Brandungen, als man nur eine an dem Ufer von ganz Long⸗Island finden kann!“ „Und iſt das ermuthigend oder niederſchlagend?“ fragte der Pfadfinder. „Ah! ermuthigend— niederſchlagend!—'s iſt keines von beiden. Nein, nein! ich kann nichts Ermuthigendes daran ſehen, und einen Seemann darf nichts niederſchlagen. Es ſchlägt Euch wohl auch nichts nieder in den Wäldern, mein Freund?“ „Ich will das nicht ſagen,— ich will das nicht ſagen. Wenn die Gefahr groß iſt, ſo habe ich die Gabe, ſie zu ſehen, zu er⸗ kennen, und den Verſuch zu ihrer Vermeidung zu machen, ſonſt würde wohl mein Skalp ſchon längſt in dem Wigwam eines Mingo trocknen. Auf dieſem See aber kann ich keine Spur ſehen, und muß mich daher unterwerfen, obgleich ich meine, wir ſollten uns daran erinnern, daß eine Perſon wie Mabel Dunham an Bord iſt. Doch da kommt ihr Vater, und wird ohne Zweifel um ſein Kind beſorgt ſeyn.“ „Wir ſind da, glaube ich, in einer bedenklichen Lage, Bruder Cap, ſo viel ich von den beiden Matroſen am Backbord entnehmen kann,“ ſagte der Sergeant, als er bei den Beiden angelangt war. „Sie ſagen mir, der Kutter könne kein Segel mehr führen, und die Abtrift ſey ſo ſtark, daß ſie uns in einer oder zwei Stunden ans Ufer werfen werde. Ich hoffe, daß ihre Furcht ſie täuſcht.“ Cap antwortete nicht, ſondern blickte nur mit einem kläglichen Geſicht gegen das Land, worauf er jedoch mit dem Ausdruck der Der Pfadfinder. 3. Aufl. 21 322 Entrüſtung ſich gegen den Wind kehrte, als ob er gerne mit dem Wetter Händel angefangen hätte. „Es moͤchte wohl gut ſeyn, Bruder,“ fuhr der Sergeant fort, „nach Jasper zu ſchicken, um ihn über das, was geſchehen muß, zu berathen. Hier ſind keine Franzoſen zu fürchten; und möglicher Weiſe wird uns der Junge doch vor dem Ertrinken retten.“ „Ja, ja, dieſe verwünſchten Indizien haben uns in all dieſes Ungemach geführt. Doch laßt den Burſchen kommen, laßt ihn kommen. Einige gut angebrachte Fragen werden ihm wohl die Wahrheit entlocken,— ich ſtehe dafür.“ So bald die Zuſtimmung des ſtarrköpfigen Cap erlangt war, wurde nach Jasper geſchickt. Der junge Mann erſchien ſogleich und trug in ſeiner Miene wie auch ſeinem ganzen Aeußern den Ausdruck eines gekränkten und gedemüthigten Gefühls, welchen jedoch einige der Beobachter als die Befangenheit der überführten Schuld be⸗ trachteten. So bald er auf dem Verdeck angelangt war, warf er einen ſchnellen ängſtlichen Blick um ſich, als ob er neugierig ſey, die Lage des Kutters kennen zu lernen, und dieſer Blick ſchien hin⸗ reichend zu ſeyn, ihm die ganze Gefahr derſelben zu enthüllen. Zuerſt blickte er nach Seemannsweiſe gegen den Wind und ſah ſich dann rings am Horizont um, bis ſein Auge auf dem leewärts ge⸗ legenen Hochlande haften blieb, von wo aus ihm auf einmal die traurige Wahrheit in lebendigen Zügen vors Auge trat. „Ich habe nach Euch geſchickt, Meiſter Jasper,“ ſagte Cap, indem er die Arme kreuzte, und mit der ganzen Backbord⸗Würde ſeinen Körper wiegte,„um etwas über den Hafen in unſrem Lee zu er⸗ fahren, denn wir denken, Ihr werdet Euren Unwillen nicht ſo weit treiben, daß Ihr uns Alle erſäuft ſehen möchtet, zumal die Weiber. Auch denke ich, Ihr werdet Manns genug ſeyn, uns den Kutter auf ein ſicheres Lager bringen zu helfen, bis dieſes Bischen Kühlte zu blaſen nachgelaſſen hat.“ „Ich wollte lieber zu Grunde gehen, als daß Mabel Dunham —.— 323 ein Leides geſchehen ſollte,“ antwortete der Jüngling mit ruhi⸗ gem Ernſte. „Ich wußte es— ich wußte es!“ rief der Pfadfinder, indem er Jaspern freundlich auf die Schulter klopfte.„Der Junge iſt ſo treu, wie der beſte Compaß, der je an der Gränze war oder irgend Jemanden von einer blinden Fährte half. Es iſt eine Tod⸗ ſünde, etwas anderes zu glauben.“ „Hum!“ rief Cap,„zumalen die Weiber! Als ob die in einer beſonderen Gefahr wären. Doch es macht nichts, junger Menſch; wir werden einander verſtehen, wenn wir wie ein paar ehrliche Seeleute mit einander reden. Kennt Ihr irgend einen Hafen unter unſrem Lee?“ „Nein. Es iſt eine weite Bucht an dieſem Ende des Sees; ſie iſt aber uns allen unbekannt und die Einfahrt ſchwierig.“ „Und dieſe Küſte im Lee— ſie hat nichts beſonders Einladen⸗ des, denke ich?“ „Es iſt eine Wildniß, die auf der einen Seite bis zur Mün⸗ dung des Niagara und auf der andern zum Fort Frontenac reicht. Ich habe mir ſagen laſſen, daß nördlich und weſtlich tauſend Meilen weit nichts als Wälder und Prärien ſind.“ „Gott ſey Dank! Dann können doch keine Franzoſen da ſeyn. Sind auf dem Lande dort vielleicht viele Wilde um den Weg?“ „Man findet in allen Richtungen Indianer, obgleich ſie nirgends ſehr zahlreich ſind. Man kann zufällig auf eine Partie an irgend einem Punkte des Ufers ſtoßen, aber auch Monate lang wandern, ohne einen einzigen zu ſehen.“ „Nun, was dieſe Blauſtrümpfe anbelangt, ſo müſſen wir es eben nehmen wie's kommt. Aber um offen mit Euch zu reden, Meiſter Weſtern, wenn dieſer kleine, unangenehme Vorfall mit den Franzoſen nicht dazwiſchen gekommen wäre! was würdet Ihr jetzt mit dem Kutter anfangen?“ „Ich bin ein viel jüngerer Schiffer als Ihr, Meiſter Cap.“ 324 ſagte Jasper beſcheiden,„und alſo kaum geeignet, hier eine Meinung zu äußern.“ „Ja, ja— wir wiſſen das wohl. In einem gewöhnlichen Fall vielleicht nicht. Aber das iſt ein ungewöhnlicher Fall, ein Umſtand, und dieſes Stückchen Friſchwaſſer hat ſo zu ſagen ſeine Eigenthümlichkeiten. Ihr mögt alſo, wenn man es beim Licht be⸗ trachtet, wohl geeignet ſeyn, hier Eure Anſichten auszuſprechen, und wenn es gegen Euern Vater wäre. In jedem Falle könnt Ihr ſprechen, und ich kann Eure Meinung meiner Erfahrung gemäß beurtheilen.“ „Ich denke, Herr, daß der Kutter, ehe noch Zwei Stunden vorüber ſind, vor Anker gebracht werden ſollte.“ „Vor Anker?— doch nicht hier außen auf dem See?“ „Nein, Herr, aber dort drinnen, in der Nähe des Landes.“ „Ihr wollt mir doch nicht weiß machen, Meiſter Eau⸗douce, daß Ihr bei einer ſolchen Kühlte an einem Legerwall ankern würdet?“ „Wenn ich mein Schiff retten wollte, ſo würde ich nichts anderes thun.“ „Hu, hu— u! Das iſt ein verteufelles Friſchwaſſer. Hört, junger Menſch, ich bin ein ſeefahrendes Thier geweſen, als Knabe und Mann, einundvierzig Jahre lang, und nie habe ich von ſo etwas gehört; auch wollte ich lieber alles Tauwerk über Bord werfen, ehe ich mich eines ſolchen Schuljungenſtreiches ſchuldig machen würde!“ „Wir handeln ſo hier auf dem See, wenn wir hart gedrängt werden,“ erwiederte Jasper beſcheiden.„Vielleicht könnten wir etwas Beſſeres thun, wenn man es uns gelehrt hätte.“ „Das moͤchte in der That der Fall ſeyn! Nein, niemand wird mich veranlaſſen, eine ſolche Sünde gegen meine Erziehung zu be⸗ gehen. Ich könnte ja nie wieder mein Geſicht innerhalb Sandy⸗ Hook zeigen, wenn ich mir einen ſolchen Schülerſtreich hätte zu Schulden kommen laſſen. Da hat ſogar der Pfadfinder mehr See⸗ — S —4 S 325 mannskunſt in ſeinem Leib. Ihr könnt wieder hinunter gehen, Meiſter Eau⸗douce.“ Jasper verbeugte ſich ruhig und ſchied. Als er jedoch die Leiter hinunter ſtieg, warf er, wie die Zuſchauer bemerkten, zögernd einen ängſtlichen Blick gegen den Horizont windwärts, und gegen das Geſtade im Lee, worauf er mit dem Ausdrucke ſchweren Kum⸗ mers in jedem Zuge ſeines Geſichtes verſchwand. Siebenzehntes Kapitel. Er wiederholt die oft verlachten Witze Und bietet neuem Einwurf neu die Spitze, Indeß im Wortkampf ſtets er tiefer ſinkt, Und mit dem Streiter auch der Streit ertrinkt. Cowper. Da die Soldatenfrau auf ihrem Lager krank lag, befand ſich, als Jasper zurückkehrte, nur Mabel Dunham in der äußern Kajüte, denn der Sergeant hatte ihm die Gunſt widerfahren laſſen, ſeinen ihm gebührenden Platz in dieſem Theil des Schiffes einnehmen zu dürfen. Wir würden dem Charakter unſerer Heldin zu viel Einfalt zuſchreiben, wenn wir ſagten, ſie hätte gegen den jungen Mann in Folge ſeiner Verhaftung kein Mißtrauen gefühlt, zugleich aber auch der Wärme ihres Gefühls Unrecht thun, wenn wir nicht beifügten, daß dieſes Mißtrauen nur unbedeutend und vorübergehend war. Als er jedoch ſeinen Sitz neben ihr einnahm und ſein ganzes Geſicht die deutlichen Züge ſeiner Bekümmerniß über die Lage des Kutters trug, ſchwand jede Spur von Verdacht aus ihrer Seele, und ſie erblickte in ihm nur den gekränkten Mann. „Ihr nehmt Euch dieſe Sache zu ſehr zu Herzen, Jasper!“ ſagte ſie haſtig mit jener Selbſtvergeſſenbeit, mit der die Jüngern ihres Geſchlechts ihre Gefühle zu verrathen pflegen, wenn eine lebhafte 326 und edle Theilnahme die Oberhand gewinnt.„Niemand, der Euch kennt, kann, oder wird an Eure Schuld glauben. Pfadfinder ſagt „ er ſtehe mit ſeinem Leben für Euch.“ „So betrachten Sie mich alſo nicht als einen Verräther, Mabel, wie dieß Ihr Vater zu thun ſcheint?“ erwiederte der Jüng⸗ ling mit glühenden Blicken. „Mein lieber Vater iſt ein Soldat, und muß als ein ſolcher handeln. Bei meines Vaters Tochter iſt das nicht ſo, und ich will von Euch nicht anders denken, als ich von einem Manne denken muß, der mir bereits ſo viele Dienſte erwieſen hat.“ „Mabel, ich bin nicht gewöhnt, mit Ihres Gleichen zu reden, oder alles, was ich denke und fühle, auszuſprechen. Ich habe nie eine Schweſter gehabt, und meine Mutter ſtarb als ich noch ein Kind war, ſo daß ich wenig davon weiß, was Ihr Geſchlecht am liebſten hört—“ „Mabel hätte die ganze Welt darum geben mögen, wenn ſie gewußt hätte, was dem kreiſenden Worte, bei welchem Jasper ſtecken blieb, folgen ſollte; aber das wachſame Gefühl weiblicher Schüchternheit, welches ſich nicht beſchreiben läßt, hieß ſie ihre Neugierde unterdrücken. Sie erwartete daher ſchweigend die weitere Erklärung. „Ich wollte ſagen, Mabel,“ fuhr der junge Mann nach einer Weile der peinlichſten Verlegenheit fort,„daß ich nicht an die Weiſe und die Anſichten von Ihres Gleichen gewohnt bin, und daß Sie ſich alles, was ich hinzufügen möchte, denken müſſen.“ Es fehlte nun allerdings Mabel nicht an Einbildungskraft: aber es gibt Gedanken und Gefühle, welche das weibliche Geſchlecht gerne ausgedrückt wiſſen möchte, ehe es ſeine eigenen Sympathien dagegen gibt, und ſie hatte ein dunkles Vorgefühl, daß Jaspers Gedanken gerade in dieſe Reihe gehören dürften. Sie zog es deß⸗ halb vor, mit der ihrem Geſchlechte eigenthümlichen Gewandtheit dem Geſpräche eine andere Wendung zu geben, als in dieſer läſtigen und unbefriedigenden Weiſe fortzufahren. ſa⸗ ſich we wi Euch ſagt, ther, üng⸗ lcher will nken den, nie ein am ſie per cher erde ng. ner eiſe Sie aft: icht ien ers eß⸗ heit gen 327 „Sagt mir nur Eines, Jasper, und ich werde zufrieden ſeyn,“ ſagte ſte mit einer Haſtigkeit, welche nicht bloß ihre Zuverſicht zu ſich ſelbſt, ſondern auch zu ihrem Gefährten bekundete:„habt Ihr keinen Anlaß zu dem grauſamen Verdacht, der auf Guch laſtet, gegeben?“ „Gewiß nicht, Mabel,“ antwortete Jasper, und blickte ihr dabei mit einer Offenheit und Einfalt in das volle blaue Auge, daß dadurch auch ein tiefer haftender Argwohn hätte erſchüttert werden mögen,„ſo wahr ich dereinſt auf Gnade hoffe.“ „Ich wußte es— ich hätte darauf ſchwören wollen,“ erwie⸗ derte das Mädchen mit Wärme.„Und doch iſt mein Vater ein wohlmeinender Mann.— Aber laßt Euch dieſe Sache nicht beun⸗ ruhigen, Jasper.“ „Ach, es gibt gegenwärtig ſo ganz andere Dinge, die mich beunruhigen, daß ich an dieſe kaum denke.“ „Jasper!“ „Ich möchte Sie nicht in Sorge bringen, Mabel; aber wenn nur Ihr Onkel dahin zu bringen wäre, daß er ſeine Anſichten über die Handhabung des Scud änderte. Freilich iſt er viel älter und erfahrener, als ich, ſo daß er vielleicht mit Recht mehr Vertrauen auf ſein eigenes Urtheil, als auf das meinige ſetzt.“ „Glaubt Ihr, der Kutter ſey in Gefahr?“ fragte Mabel mit Gedankenſchnelle. „Ich fürchte ſo, wenigſtens würden ihn Alle von dem See für höchſt gefährdet halten. Vielleicht ſtehen aber einem alten Seemann von dem Ocean beſondere Mittel zu Gebote, um ihn zu retten.“ „Jasper, Alle ſtimmen darüber ein, daß Ihr, was Eure Geſchicklichkeit in Führung des Seud anbelangt, volles Vertrauen verdient. Ihr kennt den See und den Kutter, und müßt daher am beſten über unſre gegenwärtige Lage urtheilen können.“ „Vielleicht, Mabel, macht mich meine Beſorgniß um Sie 328. furchtſamer als gewöhnlich. Aber, um mich frei auszuſprechen, ich kenne nur einen Weg, zu verhindern, daß der Seud nicht im Laufe der nächſten zwei oder drei Stunden ſcheitert, und Ihr Onkel weigert ſich, dieſen einzuſchlagen. Doch vielleicht verſtehe ich es nicht beſſer, denn er ſagt, der Ontario ſey nur Friſchwaſſer.“ „Ihr glaubt doch nicht, daß dieſes einen Unterſchied mache? Denkt an meinen lieben Vater, Jasper! denkt an Euch ſelbſt— an Alle, deren Leben von einem Worte abhängt, welches Ihr zur rechten Zeit ausſprecht.“ „Ich denke an Sie, Mabel, und das iſt mehr, viel mehr als alles Andere zuſammengenommen!“ erwiederte der junge Mann mit einer Kraft des Ausdrucks und einem Ernſt des Blicks, welche unendlich mehr ſagten, als ſeine Worte. Mabels Herz ſchlug heftig und ein Strahl zufriedenen Dankes leuchtete aus ihrem erröthenden Antlitz. Aber die Beunruhigung war zu lebhaft und ernſt, als daß ſie glücklichern Gedanken hätte Raum geben können. Sie verſuchte es nicht, einen dankbaren Blick zu unterdrücken, dann kehrte ſie aber ſchnell wieder zu dem Gefühle zurück, welches nunmehr natürlich die Oberhand gewann. „Man darf nicht geſtatten, daß meines Onkels Starrſinn An⸗ laß zu dieſem Unglück gebe. Geht noch einmal auf das Verdeck, und erſucht meinen Vater, in die Kajüte zu kommen.“ Während der junge Mann dieſer Bitte entſprach, horchte Mabel mit einer Furcht, die ihr bisher fremd geblieben war, auf das Heulen des Sturmes und das Schlagen der Wellen gegen den Kutter. Von Conſtitution ein wahrer Matroſe, wie die Paſſagiere diejenigen zu nennen pflegen, welchen das Waſſer nichts anhaben kann, hatte ſie bisher nicht im mindeſten an eine Gefahr gedacht und die ganze Zeit ſeit dem Beginne des Sturmes mit weiblichen Beſchäftigungen, wie ſie ihre Lage geſtattete, zugebracht: da aber nun ihre Beſorgniſſe ernſtlich geweckt waren, ſo ermangelte ſie nicht, ſich zu erinnern, daß ſie früher nie bei einem ſolchen . 9 Unwetter auf dem Waſſer geweſen ſey. Die paar Minuten, welche vergingen, bis der Sergeant erſchien, däuchten ihr eine Stunde, und als er mit Jaspern die Leiter herunterſtieg, wagte ſie kaum, Athem zu holen. Sie theilte ihrem Vater ſo ſchnell, als die Sprache ihren Gedanken folgen konnte, Jaspers Anſicht über ihre gemeinſchaftliche Lage mit und beſchwor ihn, wenn er ſie liebe, oder wenn ihm ſein eigenes Leben und das ſeiner Leute theuer ſey, gegen ihren Onkel Einrede zu thun und ihn zu veranlaſſen, daß er die Führung des Kutters wieder in die Hände ſeines eigent⸗ lichen Befehlshabers abgebe. „Jasper iſt treu, Vater,“ fügte ſie mit Ernſt hinzu,„und wenn er auch falſch wäre, ſo könnte er doch keinen Grund haben, uns, unter Gefährdung des Lebens Aller, wie auch ſeines eigenen⸗ in dieſem entfernten Theile des Sees ſcheitern zu laſſen. Ich ſetze mein Leben an ſeine Redlichkeit.“ „Ja, das iſt wohl genug für ein in Furcht geſetztes Weib,“ antwortete der phlegmatiſche Vater;„aber bei einem Manne, der das Commando für einen Feldzug übernommen hat, möchte es weder klug, noch entſchuldbar ſeyn. Jasper denkt vielleicht, daß die Möglichkeit, bei einem Näherkommen an das Ufer zu ertrinken, durch die Möglichkeit, beim Landen zu entſpringen, voll aufgewogen werde.“ „Sergeant Dunham!“ „Vater!“. Dieſe Ausrufe erklangen gleichzeitig, äußerten jedoch in ihrem Tone den Ausdruck verſchiedener Gefühle. Bei Jasper trug er vorzugsweiſe das Gepräge der Ueberraſchung, bei Mabel das des Tadels. Der alte Soldat war übrigens zu ſehr gewohnt, ſeine Untergebenen ohne Umſtände zu behandeln, als daß er hierauf geachtet hätte, und fuhr nach einer kleinen Weile des Nachdenkens, als ob nichts geſprochen worden wäre, fort: 2 „Auch iſt Bruder Cap wahrſcheinlich nicht der Mann, der ſich am Bord eines Schiffes Belehrungen gefallen läßt.“ 330 „Aber, Vater, wenn unſer Aller Leben in der größten Ge⸗ fahr iſt?“ „Um ſo ſchlimmer. Ein Schiff bei gutem Wetter zu comman⸗ diren, hat nicht viel auf ſich, aber wenn es drunter und drüber geht, zeigt ſich der gute Offtzier in ſeinem wahren Lichte. Charles Cap wird wahrſcheinlich ſchon deßhalb das Steuer nicht abgeben, weil das Schiff in Gefahr iſt. Außerdem, Jasper, Eau⸗douce, ſagt er, daß Euer Vorſchlag gar verdächtig ausſehe und mehr nach Verrath, als nach Vernunft rieche.“ „Er mag ſo denken, aber laßt ihn nach dem Lootſen ſchicken und ſeine Meinung hören. Man weiß wohl, daß ich dieſen Mann ſeit geſtern Abend nicht mehr geſehen habe.“ „Das klingt vernünftig und der Verſuch ſoll gemacht werden. Folgt mir auf das Verdeck, daß Alles ehrlich und über Bord hergehe.“ Jasper gehorchte, und Mabel nahm an der Sache ſo lebhaften Antheil, daß ſie ſich bis an die Kajütentreppe wagte, wo ihre Kleidung hinlänglich gegen die Macht des Windes und ihre Perſon gegen den Schaum der Wogen geſchützt war. Ihre Beſcheidenheit geſtattete ihr nicht, weiter zu gehen, und ſo blieb ſie hier, ein verborgener Zeuge deſſen, was vorgehen ſollte. Der Lootſe erſchien bald, und der Blick der Beängſtigung, welchen er auf die Umgebung warf, als er ſich in der freien Luft befand, war nicht zu mißverſtehen. Allerdings hatten auch ſchon einige Gerüchte über die Lage des Seud ihren Weg in den untern Raum gefunden; aber in dem gegenwärtigen Falle hatten ſie, ſtatt die Gefahr zu vergrößern, dieſe eher vermindert. Es wurde ihm geſtattet, ſich einige Minuten umzuſehen, und dann die Frage vor⸗ gelegt, was er unter dieſen Verhältniſſen für das Klügſte halte. „Ich ſehe kein Mittel, den Kutter zu retteu, als ihn vor Anker zu bringen,“ antwortete er einfach und ohne Zögern. „Was? hier außen auf dem See?“ fragte Cap, wie er es früher bei Jasper gethan hatte. N 331 „Nein, weiter innen; gerade an der äußern Linie der Bran⸗ dungen.“ Das Ergebniß dieſer Beſprechung ließ Cap keinen Zweifel, daß es zwiſchen Jasper und dem Lootſen im Geheimen abgekartet worden ſey, den Scud zu Grunde zu richten, wobei ſie wahrſchein⸗ lich zu entſpringen hofften. In Folge deſſen behandelte er die An⸗ ſicht des Letzteren mit derſelben Gleichgültigkeit, welche er gegen die des Erſteren an den Tag gelegt hatte. „Ich ſage dir, Bruder Dunham,“ erwiederte er auf die Ein⸗ wendungen des Sergeanten, welcher ihn bat, gegen dieſe von zweien ausgeſprochene übereinſtimmende Anſicht nicht taub zu bleiben, „daß kein ehrlicher Seemann eine ſolche Meinung ausſprechen kann. An einem Legerwall in einer ſolchen Kühlte zu ankern, wäre eine Tollheit, die ich gegen keinen Aſſecuranten zu verantworten wüßte, ſo lange mir nur noch ein Fetzen Segel auszuſetzen bleibt. Der allertollſte Unſinn wäre es aber, wenn ich dicht an den Brandungen vor Anker gehen wollte.“ „Ihre Majeſtät iſt der Aſſecurant des Seud, Bruder, und ich bin für das Leben der meinem Commando anvertrauten Leute ver⸗ antwortlich. Dieſe Männer kennen den Ontario⸗See beſſer, als wir, und ich glaube, daß man ihrer übereinſtimmenden Ausſage einigen Glauben ſchenken ſollte.“ „Onkel!“ rief Mabel mit Ernſt; aber eine Bewegung von Jasper veranlaßte das Mädchen, ihre Gefühle zurückzuhalten. „Wir triften ſo ſchnell gegen die Brandungen ab,“ ſagte der junge Mann,„daß über dieſen Gegenſtand wenig mehr geſagt zu werden braucht. Eine halbe Stunde wird die Sache auf eine oder die andere Weiſe ins Reine bringen. Aber ich gebe Meiſter Cap zu bedenken, daß ſelbſt der feſteſte Fuß keinen Augenblick auf dem Verdecke dieſes niedrigen Fahrzeugs ſich wird aufrecht erhalten können, wenn wir einmal in die Brandung eingetreten ſind! Ich zweifle in der That keinen Augenblick, daß das Schiff ſich füllen 33² und ſinken wird, ehe wir noch über die zweite Linie der Rollwogen wegkommen.“ „Und wie könnte uns da ein Ankern helfen?“ fragte Cap wüthend, als ob ihm Jasper eben ſo verantwortlich für die Wir⸗ kungen des Sturmes, als für die gerade ausgeſprochene Anſicht ſey. „Es würde wenigſtens nicht ſchaden,“ erwiederte Eau⸗douce, mit Sanftmuth.„Wenn wir den Schnabel des Kutters ſeewärts bringen, ſo werden wir die Abtrift vermindern; und ſollten wir (auch durch die Brandungen geſchleppt werden, ſo wird es doch mit der möglichſt geringen Gefahr geſchehen. Ich hoffe, Meiſter Cap, Ihr werdet mir und dem Lootfen geſtatten, wenigſtens die Vorbe⸗ reitungen zum Ankerwerfen zu treffen, da eine ſolche Vorſorge uns zu Gute kommen und in keinem Fall ſchaden kann.“ „Ueberholt Eure Taue, wenn Ihr wollt, und macht die Anker klar— von ganzem Herzen. Wir ſind nun einmal in einer Lage, daß an ſolchen Dingen nicht mehr viel liegt. Sergeant, auf ein Wort dahinten, wenn's gefällig iſt.“ Cap führte ſeinen Schwager aus der Gehörweite, und öffnete ihm nun ſein Herz über ihre wahre Lage mit mehr menſchlichem Gefühl in ſeiner Stimme und ſeinen Gebärden, als ſich von ihm erwarten ließ. „Das iſt eine traurige Geſchichte für die arme Mabel,“ ſagte er mit leichtem Beben und erweiterten Nüſtern.„Du und ich, wir ſind ein paar alte Geſellen und an die Nähe des Todes gewöhnt, wenn auch nicht an den Tod ſelbſt. Unſer Gewerbe hat uns für ſolche Scenen abgehärtet; aber die arme Mabel!— Sie iſt ein liebes und gutherziges Mädchen, und ich habe gehofft, ſie anſtändig verſorgt und als Mutter lieber Kinder zu ſehn, ehe mein Stünd⸗ lein kommt. Doch, es muß ſo auch recht ſeyn! Wir müſſen das Schlimme wie das Gute auf unſern Reiſen hinnehmen, und der einzige ernſtliche Kummer, den ſich ein alter Seefahrer mit Recht über ein ſolches Ereigniß machen kann, iſt, daß es auf dieſem verdammten Fetzen Friſchwaſſer ſtattfinden ſoll.“ 333 Sergeant Dunham war ein wackerer Mann, und hatte ſeinen Muth unter Umſtänden erprobt, die noch weit hoffnungsloſer ſchienen, als die gegenwärtigen. Aber bei ſolchen Gelegenheiten hatte er doch die Macht gehabt, ſeinen Feinden Widerſtand zu leiſten, während er hier von einem Gegner gedrängt wurde, zu deſſen Bekämpfung ihm die Mittel fehlten. Er war weniger für ſich, als für ſeine Tochter bekümmert; denn er fühlte etwas von dem Selbſtvertrauen, welches einen Mann, der in der Blüthe der Kraft und Geſundheit ſteht und an perſönliche Anſtrengungen in Augenblicken der Ge⸗ fahr gewöhnt iſt, ſelten verläßt. Für Mabel ſah er aber kein Mittel des Entkommens, und mit der Zärtlichkeit eines Vaters entſchloß er ſich, wenn ihr Untergang unvermeidlich ſeyn ſollte, zugleich mit ihr zu ſterben. „Glaubſt du, daß es ſo kommen müſſe?“ fragte er Cap mit. Feſtigkeit, aber mit tiefem Gefühle. „Zwanzig Minuten werden uns in die Brandungen führen; und betrachte ſelbſt, Sergeant, welche Wahrſcheinlichkeit auch der kräftigſte Mann unter uns haben kann, aus dem Keſſel dort im Lee zu entrinnen.“ Der Anblick war in der That wenig geeignet, die Hoffnung zu ermuthigen. Mittlerweile war der Seud auf eine Meile in die Nähe des Ufers gekommen, auf welches der Sturm unter einem rechten Winkel mit einer Heftigkeit blies, daß an das Prangen eines weitern Segels, um vom Legerwall abzuarbeiten, nicht zu denken war. Der beigeſetzte kleine Streifen des großen Segels, welches jedoch nur dazu diente, das Vordertheil des Scud dem Winde ſo nahe zu halten, daß die Wellen nicht über ihm zuſam⸗ menbrechen, zitterte unter den Stößen des Sturmes, unter denen die ſtarken Taue, welche die complicirte Maſchine zuſammenhielten, jeden Augenblick zu zerreißen drohten. Der Regen hatte nachge⸗ laſſen; aber die Luft war hundert Fuß über der Oberfläche des Sees mit blendendem Giſcht erfüllt, der einem funkelnden Waſſer⸗ 3³⁴4 ſtaube nicht unähnlich war, indeß über dem Ganzen die Sonne glorreich an dem wolkenloſen Himmel ſtrahlte. Jasper bemerkte dieſes Vorzeichen und erklärte, daß es ein ſchleuniges Ende des Sturmes bedeute, obgleich die nächſten Paar Stunden über ihr Schickſal entſcheiden müßten. Zwiſchen dem Kutter und dem Ufer war der Anblick noch wilder und niederſchlagender. Die Brandungen erſtreckten ſich faſt auf eine halbe Meile in den See herein, indeß das Waſſer innerhalb ihrer Linie wie weißer Schaum erſchien, und die Luft über denſelben ſo hoch mit Dunſt und Giſcht erfüllt war, daß man das jenſeitige Land nur unbe⸗ ſtimmt und wie einen Nebel erblicken konnte. Stets blieb aber ſeine ſteile Anſteigung— eine ungewöhnliche Erſcheinung an den Ufern des Ontario— und der grüne Mantel des endloſen Waldes womit es bedeckt war, zu erkennen. Während der Sergeant und Cap ſtillſchweigend auf dieſes Schauſpiel blickten, war Jasper mit ſeinen Leuten am Backbord beſchäftigt. Der junge Mann hatte kaum die Erlaubniß erhalten, ſein früheres Geſchäft wieder aufzunehmen, ſo ließ er, da er einige Soldaten zur Handreichung aufgerufen hatte, ſeine fünf oder ſechs Gehilfen antreten, und begann mit allem Ernſte eine Vorrichtung auszuführen, welche nur zu lange ſchon verzögert worden war. Auf dieſem ſchmalen Waſſerbecken werden weder die Anker in Bord geſtaut, noch die für den Dienſt beſtimmten Kabeln von den Anker⸗ ringen losgemacht, was Jasper einen großen Theil der Mühe, welche auf dem Meere nöthig geweſen wäre, erſparte. Der tägliche Anker und der Teuanker waren bald in dem Zuſtand, losgelaſſen zu werden und der auf dem Deck befindliche Theil der Ankertaue überholt, worauf dann innegehalten und nach weiterer Weiſung umgeſehen wurde. Bis jetzt hatte ſich noch nichts zum Beſſeren gekehrt; aber der Kutter trieb langſam weiter, und man gewann mit jedem Augenblick mehr Gewißheit, daß man ihn nicht um einen Zoll weiter windwärts bringen könne. 33⁵ Nach einem langen und ernſten Blick über den See gab Jasper neue Befehle, in einer Weiſe, welche bewies, wie drängend ihm der Augenblick vorkommen mochte. Zwei Wurfanker wurden auf das Verdeck gebracht, und die dicken Troſſe daran befeſtigt; dann wurden die innern Enden der Troſſe wieder um die Kronen der Anker ge⸗ ſchlungen, und Alles bereit gehalten, um ſie in dem geeigneten Augenblick über Bord zu werfen. Als Jasper mit dieſen Vorbe⸗ reitungen zu Ende war, beruhigte ſich ſeine geſchäftige Aufregung, obgleich in ſeinem Blicke noch die Sorge lagerte. Er verließ das Vor⸗ dercaſtell, wo die Wellen bei jeder Schwankung des Schiffes an Bord ſchlugen, und wo das eben erwähnte Geſchäft unter häufigen Waſſergüſſen, welche die Arbeiter ganz überſchütteten, vollführt worden war, und ging an einen trockenen Platz weiter hinten auf dem Verdeck. Hier traf er den Pfadfinder, welcher bei Mabel und dem Quartiermeiſter ſtand. Die meiſten der an Bord befindlichen Perſonen, mit Ausnahme der bereits genannten, waren in dem untern Raume, und ſuchten theilweiſe Linderung ihrer körperlichen Leiden auf ihren Betten, während andere allmählig mit ihrem Gewiſſen ins Reine zu kommen ſuchten. Es war wahrſcheinlich das erſtemal, ſeit dieſer Kiel in das klare Waſſer des Ontario getaucht hatte, daß der Ton eines Gebetes am Borde des Seud gehört wurde. „Jasper,“ begann der freundlich geſinnte Wegweiſer;„ich bin dieſen Morgen zu nichts nütze geweſen, denn meine Gaben ſind auf einem ſolchen Schiffe, wie Ihr wißt, von geringem Belang. Wenn es aber Gott gefallen ſollte, des Sergeanten Tochter lebend das Ufer erreichen zu laſſen, ſo dürfte meine Bekanntſchaft mit den Wäldern ſie wohl glücklich wieder in die Garniſon zurückbringen.“ „Es iſt eine ſchreckliche Entfernung bis dahin, Pfadfinder!“ entgegnete Mabel, denn die Geſellſchaft ſtand ſo nahe bei einander, daß alles, was irgend einer ſprach, auch von den Andern gehört werden konnte.„Ich fürchte, daß Niemand von uns das Fort lebend erreichen wird.“ „Es würde einen gefährlichen Marſch mit vielen Krümmungen abgeben, Mabel, obgleich einige Ihres Geſchlechts noch viel mehr in dieſer Wildniß durchgemacht haben. Aber Jasper, Ihr oder ich, oder wir beide müſſen dieſen Rindenkahn bemannen. Mabels Ret⸗ tung iſt nur dadurch möglich, daß wir ſie auf dieſe Weiſe durch die Brandungen bringen.“ „Ich wollte gerne Alles thun, um Mabel zu retten,“ erwie⸗ derte Jasper mit einem trüben Lächeln;„aber keine menſchliche Hand, Pfadfinder, vermag den Kahn in einer ſolchen Kühlte durch jene Brandungen zu führen. Ich verſpreche mir übrigens noch etwas vom Ankerwerfen, denn wir haben früher einmal den Seud in einer faſt eben ſo großen Gefahr auf dieſe Weiſe gerettet.“ „Wenn wir ankern müſſen,“ fragte der Sergeant,„warum geſchieht dieß nicht gleich jetzt? Jede Fußbreite, welche wir an der Abtrift verlieren, würde wahrſcheinlich unſrem Fahrzeug vor dem Anker einen Spielraum geben, wenn er jetzt ausgeworfen würde.“ Jasper näherte ſich dem Sergeanten, ergriff mit Ernſt ſeine Hand und drückte ſie auf eine Weiſe, welche ein tiefes, faſt unwider⸗ ſtehliches Gefühl verrieth. „Sergeant Dunham,“ ſagte er feierlich— Ihr ſeyd ein guter Mann, obgleich Ihr mich in dieſer Angelegenheit ſehr hart behandelt habt. Ihr liebt Eure Tochter?“ „Ihr kennt das nicht bezweifeln, Cau⸗douce,“ antwortete der Sergeant mit tonloſer Stimme. „Wollt Ihr ihr— wollt Ihr uns allen das einzig wahrſcheinliche Mittel, welches zur Rettung des Lebens noch übrig iſt, zugeſtehen?“ „Was wollt Ihr von mir, Junge? Was ſoll ich thun? Ich habe bisher immer nach meiner Einſicht gehandelt,— was verlangt Ihr aber jetzt von mir?“ „Unterſtützt mich fünf Minuten gegen Meiſter Cap, und es wird alles geſchehen ſeyn, was ein Menſch thun kann, um den „Scud zu retten.“ ein art der iche 12“ Ich ngt es den 337 Der Sergeant zögerte, denn er war zu ſehr an die Disciplin gewöhnt, um regelmäßigen Befehlen entgegen zu handeln. Auch mißfiel ihm jeder Schein von Wankelmuth, und zudem hatte er eine große Achtung vor der Seemannskunſt ſeines Verwandten. Während er ſo überlegte, kam Cap von ſeinem Platze, den er ſeit einiger Zeit an der Seite des Steuermanns eingenommen hatte, und näherte ſich der Geſellſchaft. „Meiſter Eau⸗douce,“ ſagte er, als er nahe genug war, um verſtanden zu werden;„ich komme, Euch zu fragen, ob Euch nicht in der Nähe ein Ort bekannt iſt, wo man den Kutter ans Ufer bringen könnte. Der Zeitpunkt iſt gekommen, welcher zu dieſem ſchweren Entſchluß drängt.“ Dieſer Augenblick der Unentſchloſſenheit von Seite Caps ſicherte Jaspers Sieg. Er ſah den Sergeanten an, und ein Kopfnicken verſicherte den jungen Mann, daß ihm in Allem willfahrt ſey. Er zögerte daher nicht, die Minuten, welche ſo koſtbar zu werden anfingen, zu benützen. „Soll ich das Steuer nehmen,“ fragte er Cap,„und ſehen, ob wir einen Schlupfhafen, der dort im Lee liegt, erreichen können?“ 3 „Macht es ſo, macht es ſo,“ ſagte der Andere mit einigem Räuſpern, denn er fühlte das Gewicht der Verantwortlichkeit um ſo ſchwerer auf ſeiner Schulter laſten, da er ſich ſeine Unwiſſenheit eingeſtehen mußte.„Macht es ſo, Eau⸗douce, denn, um von der Leber weg zu reden, ich ſehe nicht ein, was man Beſſeres thun könnte. Wir müſſen entweder ans Land kommen oder verſinken.“ Jasper verlangte nicht weiter. Er eilte nach hinten und hatte bald die Speichen des Steuerrads in ſeinen Händen. Der Lootſe war auf das Folgende vorbereitet und auf einen Wink ſeines jungen Gebieters wurde der Fetzen Segel, welcher noch ausgeſetzt war, geſtrichen. In dieſem Augenblick hob Jasper, der ſeine Zeit in Acht nahm, das Steuer. Der obere Theil eines Stagſegels wurde Der Pfadfinder. 3. Aufl. 22 nach vorn gelöst, und der leichte Kutter fiel ab, als ob er es fühlte, daß er wieder unter der Leitung bekannter Hände ſey, und lag bald in dem hohlen Raume zweier Wellen. Dieſer gefährliche Augenblick ging glücklich vorüber und im nächſten Moment flog das kleine Fahrzeug mit einer Geſchwindigkeit gegen die Bran⸗ dungen nieder, daß man ſeine plötzliche Vernichtung beſorgen mußte. Die Entſernungen waren nun ſo kurz geworden, daß fünf oder ſechs Minuten für alle Wünſche Jaspers genügten, und als die Buge des Seud gegen den Wind aufkamen, was ungeachtet des tobenden Waſſers mit der Anmuth einer Ente geſchah, welche ihre Richtung auf einem ſpiegelglatten Teiche verändert— ließ Jasper das Steuer wieder nieder. Ein Zeichen von ihm ſetzte Alles auf dem Backbord in Bewegung, und an jedem Bug wurde ein Wurf⸗ anker ausgeworfen. Die furchtbare Natur der Abtrift war nun ſogar Mabels Augen anſchaulich, denn die zwei dicken Troſſe liefen aus wie Bugſiertaue. Sobald man an ihnen eine leichte Span⸗ nung gewahr wurde, ließ man beide Anker gehen und gab jedem eine Kabel faſt bis zu den Betingſchlagenden. Es war kein ſchwieriges Geſchäft, den Gang eines ſo leichten Fahrzeugs mit einem ungewöhnlich guten Ankertauwerk zu hemmen; und in weniger als zehn Minuten von dem Augenblick an, wo Jasper das Steuer ergriffen hatte, lag der Scud, mit dem Schnabel ſeewärts, an zwei vorwärts geſtreckten Kabeln wie zwiſchen zwei Eiſenbalken vor Anker. „Das iſt nicht wohlgethan, Meiſter Jasper,“ rief Cap mit Aerger, ſobald er den Streich, welchen man ihm geſpielt hatte, bemerkte.„Das iſt nicht wohlgethan, Herr. Ich befehle Euch, zu kappen, und den Kutter ohne den geringſten Verzug ans Ufer zu führen.“ Es ſchien jedoch Niemand geneigt, dieſem Befehle Folge zu leiſten; denn die Rudermannſchaft wollte, ſo lange Jasper das Commando nicht abzugeben geneigt war, nur ihm gehorchen. Da nun Cap, welcher das Fahrzeug in der allergrößten Gefahr glaubte, — 0——, 2 8S— 339 ſah, daß die Mannſchaft unthätig blieb, ſo wendete er ſich ſtolz gegen Jasper und erneuerte ſeine Gegenrede. „Ihr ſeyd nicht auf den angeblichen Schlupfhafen zugeſteuert,“ fuhr er fort, nachdem er einige Schmähworte, deren Anführung wir für unnöthig halten, ausgeſtoßen hatte,„ſondern auf dieſen Vorſprung, wo jede Seele an Borde hätte erſaufen müſſen, wenn wir da das Land erreicht hätten.“ „Und Ihr wollt, daß man kappen ſolle, damit jede Seele an derſelben Stelle ans Ufer geworfen werde?“ erwiederte Jasper etwas ſarkaſtiſch. „Werft am Schnabel ein Loth über Bord, und vergewiſſert die Abtrift,“ brüllte Cap den vornſtehenden Matroſen zu. Ein Zeichen Jaspers unterſtützte dieſen Befehl, worauf augen⸗ blicklich Folge geleiſtet wurde. Alle auf dem Verdeck verſammelten ſich um die Stelle und achteten mit faſt athemloſer Theilnahme auf das Ergebniß dieſes Verſuchs. Das Blei war kaum auf dem Grunde, als ſich die Leine nach vorn dehnte, und in ungefähr zwei Minuten ſah man, daß der Kutter um ſeine Länge todt gegen den Vorſprung hin abgetriftet hatte. Jasper ſah ernſt aus, denn er wußte wohl, daß Nichts das Schiff anhalten konnte, wenn es in den Strudel der Brandungen gelangt war, deren erſte Linie ungefähr eine Kabelslänge gerade unter ſeinem Stern erſchien und verſchwand. „Verräther!“ ſchrie Cap, und ſchüttelte die Fauſt gegen den jungen Befehlshaber, wobei der ganze übrige Körper vor Wuth zitterte.„Ihr ſollt mir mit Euerm Leben dafür einſtehen!“ fügte er nach einer kurzen Pauſe hinzu.„Wenn ich an der Spitze dieſes Zuges ſtände, Sergeant, ſo ließe ich ihn an das Ende des großen Maſtes hängen, damit der Milchbart nicht entwiſchte.“ „Mäßige deine Hitze, Bruder; ich bitte dich, ſeh ein wenig gelaſſener. Jasper ſcheint in der beſten Abſicht gehandelt zu haben, und die Sachen ſtehen vielleicht nicht ſo ſchlimm, als du glaubſt.“ „Warum ſteuerte er nicht auf die Bucht zu, von der er ge⸗ ſprochen hat? Warum hat er uns hieher gebracht, todt windwärts von dieſem Vorſprung, und auf einen Fleck, wo die Brandungen nur die Hälfte der gewoͤhnlichen Weite haben, als ob er ſich nicht genug beeilen könne, um Alles an Bord zu erſäufen?“ „Ich lief, gerade weil an dieſer Stelle die Brandungen ſo ſchmal ſind, gegen das Vorgebirge,“ antwortete Jasper ſanft, ob⸗ gleich ihm bei dieſen Worten ſeines Gegners die Kehle ſchwoll. „Wollt Ihr einem alten Seemann, wie ich bin, weiß machen, daß der Kutter ſich in dieſen Brandungen halten könne?“ „Nicht doch, Herr. Ich glaube, er würde ſich füllen und ſinken, wenn er in ihre erſte Linie gelangte. Sicherlich würde er das Ufer nicht auf ſeinem Ziele erreichen, wenn er einmal drinnen wäre. Ich hoffe übrigens, ihn gegen alles das klar zu halten.“ „Mit der Abtrift einer Schiffslänge in der Minute?“ „Die Anker haben noch nicht in den Grund gebiſſen. Auch hoffe ich nicht einmal, daß ſie das Fahrzeug ganz anhalten können.“ „Auf was verlaßt Ihr Euch denn? Soll vielleicht Glaube, Hoffnung und Liebe das Fahrzeug vorn und hinten ankerfeſt machen?“ „Nein, Herr, ich verlaſſe mich auf den Unterſchlepper. Ich hielt deshalb auf das Vorgebirge ab, weil ich weiß, daß er an dieſer Stelle ſtärker iſt, als an andern Orten, und weil wir dadurch näher an das Land kommen, ohne in die Brandungen einzutreten.“ Jasper ſprach dieſe Worte mit Kraft, ohne jedoch irgend eine Empfindlichkeit blicken zu laſſen. Auch machten ſie einen augen⸗ ſcheinlichen Eindruck auf Cap, bei welchem das Gefühl der Ueber⸗ raſchung ſichtlich die Oberhand gewann. „Unterſchlepper?“ wiederholte er,„wer Teufel hat je gehört, daß ein Fahrzeug durch einen Unterſchlepper vom Stranden abge⸗ halten wurde?“ 8 „Vielleicht kömmt ſo etwas auf dem Meere nie vor, Herr,“ 341 antwortete Jasper beſcheiden;„aber wir wiſſen, daß es hier ſchon hin und wieder der Fall war.“ „Der Junge hat Recht, Bruder,“ warf der Sergeant ein; „denn obgleich ich es nicht beſonders verſtehe, ſo habe ich doch die Schiffer auf dieſem See oft von einem ſolchen Dinge reden hören. Wir werden wohl thun, Jaspern in dieſer Klemme zu vertrauen.“ Cap brummte und fluchte, mußte ſich aber doch zuletzt, wohl oder übel, zufrieden geben. Jasper gab nun auf die Frage, was er unter dem Unterſchlepper verſtehe, die gewünſchte Erklärung. Das Waſſer, welches durch den Sturm an das Ufer getrieben wurde, mußte nothwendig zur Herſtellung ſeines Gleichgewichts auf geheimen Wegen wieder in den See zurückfließen. Dieſes konnte auf der Oberfläche wegen des Sturms und der Wellen, welche es beſtändig landwärts drängten, nicht ſtattfinden, woraus denn noth⸗ wendig eine Art Ebbe in der Tiefe gebildet wurde, mittelſt der das Waſſer wieder in ſein früheres Bette abfloß. Dieſe Tiefenſtrömung hatte den Namen Unterſchlepper erhalten; und da ſie noth⸗ wendig auf den Kiel eines Fahrzeugs, das ſo tief wie der Seud im Waſſer ging, wirken mußte, ſo konnte Jasper wohl hoffen, daß dieſe Beihilfe das Zerreißen der Ankertaue verhindern werde. Mit einem Wort, die obere und die untere Strömung ſollten wechſel⸗ weiſe einander entgegen arbeiten. So einfach und ſinnreich übrigens dieſe Theorie war, ſo blieb doch noch wenig Anſchein vorhanden, aus ihr praktiſchen Nutzen ziehen zu können. Die Abtrift machte fort, obgleich ſie ſich ſicht⸗ lich verminderte, da die Ketſchen und Troſſe, mit welchen die Anker verkattet waren, ſich ausſpannten. Endlich gab der Mann am Blei den erfreulichen Bericht, daß die Anker nicht mehr weiter trieben und das Fahrzeug feſt liege. In dieſem Augenblick war die erſte Linie der Brandungen noch ungefähr hundert Fuß von dem Sterne des Scud entfernt, und ſchien ſogar noch näher zu kommen, wenn der Schaum verſchwand und auf den tobenden Wogen zurückkehrte. Jasper eilte vorwärts, warf einen Blick über die Buge und lächelte triumphirend, als er auf die Kabeln zeigte. Statt wie früher die Starrheit von Eiſenſtangen zu zeigen, beugten ſie ſich nun abwärts, und ein Seemann konnte deutlich bemerken, daß der Kutter ſich mit einer Leichtigkeit auf den Wellen hob und ſenkte, wie dieß auf einem Kanal zur Zeit der Ebbe und Fluth der Fall iſt, wenn die Macht des Windes durch den Gegendruck des Waſſers gemildert wird. „'s iſt der Unterſchlepper!“ rief Jasper voll Wonne, wobei er das Verdeck entlang gegen das Steuer flog, um es zu ſtellen und den Kutter noch leichter vor Anker zu legen.„Die Vorſehung hat uns gerade in ſeine Strömung gebracht, und wir haben keine weitere Gefahr zu befürchten.“ „Ja, ja, die Vorſehung iſt ein guter Seemann,“ grollte Cap, „und hilft oft dem Unwiſſenden aus der Noth. Unterſchlepper oder Oberſchlepper— der Wind hat nachgelaſſen, und zu gutem Glück für uns Alle hat das Schiff zugleich einen ordentlichen Haltegrund gefunden. Ah, dieſes verdammte Friſchwaſſer hat eine ganz unnatürliche Art an ſich.“ Der Menſch iſt ſelten geneigt, mit dem Glücke zu hadern, während er gewöhnlich durch das Unglück vorlaut und zänkiſch wird. Die Meiſten am Bord glaubten, daß Jaspers Kenntniſſe und Geſchicklichkeit den Schiffbruch verhindert hätten, ohne Caps Gegenreden zu berückſichtigen, deſſen Bemerkungen jetzt nur noch wenig beachtet wurden. Allerdings verging noch eine halbe Stunde der Ungewißheit und des Zweifels, während welcher das Blei die ängſtlichſte Aufmerkſamkeit in Anſpruch nahm. Dann aber bemäͤch⸗ tigte ſich ein Gefühl der Sicherheit aller Gemüther und die Er⸗ matteten gaben ſich der Ruhe hin, ohne von dem drohenden Tode zu träumen. 343 Achtzehntes Kapitel. Sie muß geformt aus Seufzern ſeyn und Thränen; Sie muß beſtehen aus Treue und Gehorſam; Sie muß geſchaffen ſeyn aus Phantaſien, Aus Leidenſchaften nur und aus Begier, Aus Sehnen nur, aus Pflicht und aus Ergebung, Aus Demuth und Geduld und Ungeduld, Aus Reinheit nur, aus Prüfung und Verehrung. Shakeſpeare. Gegen Mittag hin brach ſich der Sturm. Seine Wuth legte ſich eben ſo ſchnell, als ſie hervorgebrochen war. In weniger als zwei Stunden nach dem Abfallen des Windes war der glänzende Schaum auf der Oberfläche des Sees verſtoben, obgleich dieſer noch immer ſehr bewegt war; und in der doppelten Zeit zeigte die ganze Waſſermaſſe das gewöhnliche unruhige Wogen, auf welches der Sturm keinen Einfluß mehr übt. Die Wellen ſchlugen noch ohne Unterlaß gegen das Ufer, und die Linie der Brandungen blieb, obgleich das Auffliegen des Giſchtes nachgelaſſen hatte. Das Wogen der Fluthen war gemäßigter, und was noch von heftigerer Erregung zurückblieb, konnte als die Nachwirkung des gewichenen Sturmes betrachtet werden. Da es nicht möglich war, bei dem leichten Gegenwinde, welcher aus Oſten wehte, gegen die noch aufgeregten Wellen zu ſteuern, ſo wurde der Gedanke, an dieſem Nachmittage ſich noch auf den Weg zu machen, aufgegeben. Jasper, der nun ungehindert ſein Commando wieder aufgenommen hatte, beſchäftigte ſich mit den Ankern, welche nacheinander gelichtet wurden. Die Ketſchen, mit welchen ſie verkattet waren, wurden aufgezogen und Alles in ſegelfertigen Stand geſetzt, um, ſo bald es das Wetter geſtattete, abfahren zu können. Inzwiſchen ergiengen ſich diejenigen, welche bei der Arbeit nicht betheiligt waren, in Beluſtigungen, wie ihre eigenthümliche Lage ſie gerade geſtattete. Mabel ließ, wie es bei Leuten zu gehen pflegt, welche nicht an die Gränzen eines Schiffes gewöhnt ſind, ſehnſüchtige Blicke nach dem Ufer herübergleiten, und gar bald gab ſte den Wunſch zu erkennen, daß man, wo möglich, landen möchte. Der Pfad⸗ finder, welcher ihr nahe ſtand, verſicherte, daß nichts leichter ſey, als ihrem Anliegen zu entſprechen, da ſie einen Rindenkahn auf dem Deck hätte, mittelſt deſſen ſich die Durchfahrt durch die Brandung am beſten bewerkſtelligen laſſe. Nach den gewöhnlichen Zweifeln und Bedenklichkeiten wurde der Sergeant aufgerufen, nach deſſen Zuſtimmung ſogleich die geeigneten Anſtalten getroffen wurden, der Laune des Mädchens zu willfahren. Die Geſellſchaft, welche zu landen wünſchte, beſtand aus Sergeant Dunham, ſeiner Tochter und dem Pfadfinder. An die Bewegungen eines Kahns gewohnt, nahm Mabel ihren Sitz mit großer Feſtigkeit in der Mitte, ihr Vater ſetzte ſich in den Bug und der Wegweiſer übernahm das Geſchäft des Fährmannes, in⸗ dem er das Ruder im Stern ergriff. Man bedurfte jedoch des⸗ ſelben nur wenig, denn die Rollwogen warfen den Kahn oft mit einer Heftigkeit vorwärts, welche jede Anſtrengung, die Bewegungen deſſelben zu leiten, fruchtlos machte. Bis ſie das Ufer erreichten, bereute Mabel mehr als einmal ihre Verwegenheit; aber Pfad⸗ finder ermuthigte ſie und zeigte in der That ſo viel Selbſtbeherr⸗ ſchung, Gelaſſenheit und verſönliche Kraft, daß ſelbſt ein Weib Anſtand nehmen mußte, ihre Beſorgniß einzugeſtehen. Unſere Heldin war nicht feigherzig, und während ihr die Fahrt durch eine Brandung als etwas ganz Neues vorkommen mochte, fühlte ſte zugleich auch einen großen Theil der damit verbundenen wilden Luſt. Bisweilen wollte ihr freilich der Muth entſinken, wenn dieſe Schaumblaſe von einem Boot auf dem oberſten Kamme der ſchäumenden Brandung das Waſſer nur wie eine ſtreichende Schwalbe zu berühren ſchien; dann aber lachte ſie wieder erröthend, wenn man das Element durchſchnitten hatte und die Woge hinten 345 zu weilen ſchien, als ob ſie ſich ſchäme, in dieſem ungeſtümen Wettlauf beſiegt worden zu ſeyn. Dieſe Aufregung dauerte jedoch nur kurze Zeit; denn obgleich der Abſtand zwiſchen dem Kutter und dem Lande beträchtlich mehr als eine Viertelmeile betrug, ſo wurde er doch in einigen Minuten zurückgelegt. Als ſie ans Land geſtiegen waren, küßte der Sergeant ſeine Tochter zärtlich(denn er war ſo ſehr Soldat, daß er ſich in jeder Hinſicht auf dem Feſtlande heimiſcher fühlte, als auf dem Waſſer), ergriff dann ſein Gewehr und gab ſeine Abſicht zu erkennen, ſich eine Stunde auf der Jagd zu ergehen. „Pfadfinder wird bei dir bleiben, Mädchen, und dir vielleicht Einiges von den Ueberlieferungen dieſes Welttheils, oder von ſeinen Erfahrungen unter den Mingos erzählen.“ Pfadfinder lachte, verſprach für das Mädchen Sorge zu tragen und in wenigen Minuten hatte der Vater eine Anhöhe erſtiegen, wo er in dem Walde verſchwand. Die Zurückgebliebenen ſchlugen eine andere Richtung ein und erreichten gleichfalls nach wenigen Minuten eine kleine kahle Spitze des Vorgebirges, wo ſich dem Auge ein weites und ganz eigenthümliches Rundgemälde darbot. Mabel ſetzte ſich auf die Trümmer eines umgeſtürzten Felſens, um auszuruhen und wieder zu Athem zu kommen, während ihr Ge⸗ fährte, auf deſſen Sehnen keinerlei körperliche Anſtrengung einen Einfluß zu üben ſchien, ihr zur Seite ſtand und ſich in ſeiner eigenthümlichen, nicht anmuthloſen Weiſe auf ſeine lange Büchſe lehnte. So vergingen einige Minuten in Stillſchweigen, während welcher insbeſondere Mabel in Bewunderung des Anblicks ver⸗ loren war. Der Ort, auf dem ſie ſich befanden, lag hoch genug, um das weite Bereich des Sees zu beherrſchen, der ſich endlos gegen Nordoſt erſtreckte und, erglänzend unter den Strahlen der Nach⸗ mittagsſonne, noch die Spuren der Bewegung trug, in welche der letzte Sturm ihn verſetzt hatte. Das Land ſäumte ſeine Ränder mit einem ungeheuren Halbmonde, und verſchwand gegen Südoſt und Norden in der Ferne. So weit das Auge reichte, erblickte es nichts als Wälder, und auch nicht eine Spur von Civiliſation unterbrach die gleichförmige und hehre Groͤße der Natur. Der Sturm hatte den Scud über die Linie der Forts hinausgetrieben, mit welcher die Franzoſen damals die engliſchen Beſitzungen in Nordamerika zu umgürten. bemüht waren: denn ihre Poſten lagen, da ſie den Verbindungskanälen der großen Seen folgten, an den Ufern des Niagara, indeß unſere Aben⸗ teurer ſich um viele Stunden weſtlich von dieſer berühmten Waſſer⸗ ſtraße befanden. Der Kutter lag vor einem einzelnen Anker, außerhalb der Brandungen, und glich einem artigen, ſorgfältig gearbeiteten Spielzeuge, welches eher für einen Glasſchrank, als für den Kampf der Elemente, dem er eben erſt ausgeſetzt geweſen, beſtimmt ſchien, während der Kahn auf dem ſchmalen Strande ge⸗ rade außer dem Bereich der Wellen, die an dem Lande anſchlugen ruhte, und ſich wie ein dunkler Punkt auf den Uferſteinchen ausnahm. „Wir ſind hier ſehr fern von menſchlichen Wohnungen!“ rief Mabel, als ſich nach einem langen und ſinnenden Blick auf dieſe Scene die Haupteigenthümlichkeiten derſelben ihrer geſchäftigen und glühenden Phantaſie bemächtigt hatten.„Das heißt in der That an der Gränze ſeyn.“ „Gibt es wohl anſprechendere Scenen, als dieſe, in der Nähe des Meeres und in der Umgebung großer Städte?“ fragte Pfad⸗ finder mit ſo viel Wärme, als er nur auszudrücken vermochte. „Ich will das nicht ſagen. Man erinnert ſich dort mehr an ſeinen Nebenmenſchen, als hier, aber vielleicht auch weniger an Gott.“ „Ja, Mabel; das ſind ganz meine Gefühle. Ich weiß zwar wohl, daß ich nur ein armer unwiſſender Jäger bin. Aber Gott iſt mir in dieſer meiner Heimath. ſo nahe, als dem König in ſeinem Palaſt.“ an tt.* war Gott nem 347 „Wer kann daran zweifeln?“ erwiederte Mabel, indem ſie ihren Blick von der Ausſicht weg auf die harten aber ehrlichen Züge ihres Gefährten richtete, da der kräftige Ausdruck ſeiner Worte ſie überraſcht hatte.„Man fühlt, glaube ich, die Nähe Gottes mehr, an einer ſolchen Stelle, als wenn der Geiſt durch das Gewühl der Städte zerſtreut wird.“ „Sie ſagen da Alles, was ich ſagen könnte, Mabel, aber in einer ſo viel einfacheren Sprache, daß ich erröthen muß, wenn ich das, was ich bei ſolchen Anläſſen fühle, Andern mittheilen möchte. Ich habe vor dem Kriege die Küſten dieſes Sees durchſtreift, um Felle zu erbeuten, und bin ſchon einmal hier geweſen— nicht ge⸗ rade auf dieſer Stelle, denn wir landeten dort, wo Sie die dürre Eiche über der Gruppe von Schierlingstannen ſehen—“ „Wie, Pfadfinder? Ihr könnt Euch aller dieſer Einzelnheiten ſo genau erinnern?“ „Sie ſind unſere Straßen und Häuſer, unſere Kirchen und Paläſte. Ob ich mich ihrer erinnere?— in der That! Ich machte einmal dem Big Serpent den Vorſchlag, mit ihm nach ſechs Mo⸗ naten Mittags um zwölf Uhr an dem Fuße einer gewiſſen Fichte zuſammenzutreffen, obſchon damals jeder an dreihundert Meilen von der Stelle entfernt war. Der Baum ſtand, und ſteht noch, wenn nicht das Gericht der Vorſehung auch ihn getroffen hat, in der Mitte des Waldes, fünfzig Meilen von der nächſten Anſied⸗ lung, aber in einer Gegend, wo es ungewöhnlich viele Biber gibt.“ „Und traft Ihr ihn zur Stunde an Ort und Stelle?“ „Geht die Sonne auf und nieder? Als ich bei dem Baum anlangte, fand ich den Serpent mit zerriſſenen Beinkleidern und ſchmutzigen Moccaſſins an dem Stamme lehnend. Der Dalaware war in einen Sumpf gekommen, und hatte nicht wenig Noth gehabt, ſeinen Weg wieder herauszufindeng nber er hielt Ort und Zeit ſo genau ein, wie die Sonne, welche über die öſtlichen Berge am Morgen heraufkommt, und Abends hinter den weſtlichen untergeht. Chingachgook kennt keine Furcht, mag ſich's um einen Freund oder einen Feind handeln; er hält jedem Wort.“ „Und wo iſt der Delaware jetzt? Warum iſt er heute nicht bei uns?“ „Er ſpürt die Mingofährte aus, was ich eigentlich auch thun ſollte und aus einer großen menſchlichen Schwäche unterlaſſen habe.“ „Ihr ſcheint über alle menſchlichen Schwächen weit erhaben zu ſeyn, Pfadfinder. Ich habe noch nie einen Mann getroffen, der den Schwachheiten der Natur ſo wenig unterworfen zu ſeyn ſchien.“ „Wenn Sie damit Geſundheit und Kraft meinen, Mabel, ſo hat mich die Vorſehung allerdings gütig behandelt, obgleich ich denke, daß friſche Luft, das Jagdleben, rührige Kundſchaftsmärſche, Wäl⸗ derkoſt und der Schlaf eines guten Gewiſſens den Doktor immer ferne halten können. Im Grunde bin ich aber doch ein Menſch; ja, und ich fühle, daß ich es bisweilen recht ſehr bin.“ Mabel blickte ihn überraſcht an, und wir würden nur den Charakter ihres Geſchlechtes etwas näher bezeichnen, wenn wir hinzufügten, daß ihr ſchönes Antlitz dabei einen ziemlichen Antheil Neugierde ausdrückte, obgleich ihre Zunge rückſichtsvoller war. „Es liegt etwas Bezauberndes in dieſem Eurem wilden Leben, Pfadfinder,“ rief ſie aus, und die Glut der Begeiſterung lagerte ſich auf ihren Wangen.„Ich finde, daß ich ſchnell zu einem Gränz⸗ mädchen werde, und fange an, dieſes großartige Schweigen der Wälder zu lieben. Die Städte erſcheinen mir ſchaal, und da mein Vater den Reſt ſeiner Tage wahrſcheinlich da zubringen will, wo er ſo lange gelebt hat, ſo kann ich mich wohl in das Gefühl finden, daß ich bei ihm glücklich ſeyn werde, ohne nach dem Meeresufer zurückkehren zu wollen.“ „Die Wälder ſchweigen für den nie, der ihre Stimmen verſteht, Mabel. Ich habe ſie Tage lang allein durchwandert, ohne einen Mangel an Geſellſchaft zu fühlen; und wenn man ihre Sprache zu deuten weiß⸗ ſo fehlt es auch nicht an verſtändiger und belehrender Unterhaltung.“ 349 „Ich glaube, Ihr ſeyd glücklicher, Pfadfinder, wenn Ihr allein ſeyd, als im Gewühle Eurer Mitmenſchen.“ 3 „Ich will das nicht ſagen, ich will das nicht gerade ſagen. Ich habe eine Zeit gekannt, wo ich glaubte, daß mir Gott in meinen Wäldern genug ſey, und wo ich um nichts flehte, als um Seinen Schutz und Seine Gnade. Jetzt haben aber andere Ge⸗ fühle die Ueberhand gewonnen, und ich denke, man muß der Natur ihren Lauf laſſen. Alle andern Geſchöpfe paaren ſich, Mabel, und es iſt die Einrichtung getroffen, daß der Menſch ein Gleiches thue.“ „Und habt Ihr nie daran gedacht, Euch ein Weib zu ſuchen, Pfadfinder, und Euer Geſchick mit ihr zu theilen?“ fragte das Mädchen mit der offenen Einfalt, welche am beſten die Reinheit und Argloſigkeit des Herzens bezeichnet, und mit dem Gefühl der Theilnahme, welches dem weiblichen Geſchlecht angeboren iſt.„Mir ſcheint, es fehlt Euch nichts, als ein Heerd, zu dem Ihr von Euren Wanderungen heimkehren könnt, um das Glück Eures Lebens voll⸗ ſtändig zu machen. Wenn ich ein Mann wäre, ſo würde es meine größte Luſt ſeyn, nach Gefallen durch dieſe Wälder zu ſtreifen und über dieſen prächtigen See zu ſegeln.“ „Ich verſtehe Sie, Mabel, und Gott ſegne Sie, daß Sie an die Wohlfahrt ſo geringer Leute, wie wir ſind, denken. Es iſt wahr, wir haben unſere Vergnügungen, ſo gut als unſere Gaben; aber wir moͤchten gerne noch glücklicher ſeyn. Ja, ich glaube, wir könnten noch glücklicher ſeyn.“ „Glücklicher?— und wie das, Pfadfinder? In dieſer reinen Luft, mit dieſen kühlen ſchattigen Wäldern, durch die Ihr wandert, dieſem lieblichen See, auf dem Ihr ſegelt; dazu noch ein reines Gewiſſen und der Ueberfluß an allen leiblichen Bedürfniſſen— müſſen da die Menſchen nicht ſo vollkommen glücklich ſeyn, als es nur überhaupt bei ihrer Gebrechlichkeit möglich iſt?“ „Jedes Geſchöpf hat ſeine Gaben, Mabel, und auch die Menſcheu haben die ihrigen,“ antwortete der Wegweiſer mit einem verſtohlenen Blick auf ſeine ſchöne Gefährtin, deren Wangen er⸗ glühten und deren Augen leuchteten unter dem Feuer der Gefühle, welches die Neuheit ihrer ergreifenden Lage anfachte—„und Alles muß ihnen gehorchen. Sehen Sie jene Taube, die gerade gegen das Ufer ſich hinunter läßt, dort in einer Linie mit dem umgeſtürzten Kaſtanienbaum?“ „Gewiß, denn es iſt ja das einzige lebendige Geſchöpf⸗ welches ſich außer uns in dieſer weiten Einſamkeit blicken läßt.“ „Nicht doch, Mabel, nicht doch; die Vorſehung ſchafft kein Leben, um es ganz allein hinzubringen. Da fliegt gerade ihr Männchen auf; es hat auf einer andern Seite des Ufers Nahrung geſucht; aber es wird nicht lange von ſeiner Gefährtin getrennt bleiben.“ „Ich verſtehe Euch, Pfadfinder;“ erwiederte Mabel mit ſüßem Lächeln, obgleich ſie dabei ſo ruhig blieb, als ob ſie mit ihrem Vater ſpräche.„Aber ein Jäger kann auch in dieſer wilden Ge⸗ gend eine Gefährtin finden. Die indianiſchen Mädchen ſind, ſoviel ich weiß, zärtlich und treu, denn ſo war wenigſtens das Weib Arowhead's, obgleich ihr Gatte weit öfter die Stirne runzelte, als lächelte.“ „Das würde nimmermehr angehen, und nie etwas Gutes da⸗ bei herauskommen. Art darf nicht von Art, und Land nicht vom Lande laſſen, wenn einer ſein Glück finden will. Wenn ich freilich Jemand, wie Sie, treffen könnte, die einen Jäger zu heirathen ſich entſchlöſſe, und meine Unwiſſenheit und Rauhheit nicht verſpottete, dann würden mir ſicher alle Mühen der Vergangenheit nur wie das Spielen des jungen Hirſches und meine künftigen Tage im Glanze der Sonne erſcheinen.“ „Jemand wie ich? Ein Mädchen von meinen Jahren und meiner Unbeſonnenheit möchte kaum eine paſſende Gefährtin für den kühnſten Kundſchafter und den ſicherſten Jäger an den Gränzen abgeben.“ ———— 351 „Ach, ich fürchte, Mabel, ich habe zuviel von den Gaben der Nothhäute mit der Natur eines Blaßgeſichts verbunden! Ein ſolcher Mann ſollte ſich wohl ein Weib aus einem indianiſchen Dorfe ſuchen.“ „Gewiß, Pfadfinder,— gewiß! es iſt nicht Euer Ernſt, ein ſo unwiſſendes, ſimples, eitles und unerfahrenes Geſchöpf, wie ich bin, zum Weibe zu nehmen?“ Mabel würde noch hinzugeſetzt haben„und ein ſo junges;“ aber ein inſtinktartiges Zartgefühl unterdrückte dieſe Worte. „Und warum nicht, Mabel? Wenn Sie unwiſſend ſind, was die Gränzbräuche betrifft, ſo kennen Sie mehr angenehme Ge⸗ ſchichtchen von dem Stadtleben, als wir Alle miteinander. Was Sie unter ſimpel verſtehen, weiß ich nicht; wenn es aber ‚ſchön⸗ bedeutet, ach! dann fürchte ich, daß es kein Fehler in meinen Augen iſt. Eitel ſind Sie nicht, wie man aus der Art, mit der Sie mei⸗ nen müßigen Erzählungen von Fährten und Kundſchaftszügen zu⸗ hören, bemerken kann; und was die Erfahrung anbelangt, ſo kommt dieſe mit den Jahren. Außerdem fürchte ich, Mabel, daß. die Männer über ſolche Sachen wenig nachdenken, wenn ſie ein Weib nehmen wollen; wenigſtens geht es mir ſo.“ „Pfadfinder, Eure Worte— Eure Blicke:— ſicherlich, alles dieſes iſt nur Tändelei, nur Scherz von Euch?“ „Mir iſt es immer angenehm, in Ihrer Nähe zu ſeyn, Mabel, und ich würde in dieſer geſegneten Nacht weit geſünder ſchlafen, als ich die ganze vergangene Woche über gethan habe, wenn ich denken könnte, daß Sie an ſolchen Unterhaltungen ebenſoviel Ver⸗ gnügen fänden, als ich.“ Wir wollen nicht ſagen, daß Mabel Dunham ſich nicht ſchon vornweg für den Liebling des Wegweiſers gehalten hätte, denn das hatte ihr ſchneller weiblicher Scharfſinn bald entdeckt und vielleicht auch gelegentlich bemerkt, daß in ſeine Achtung und Freundſchaft ſich zugleich auch etwas von der männlichen Zärtlichkeit miſche, welche das ſtärkere Geſchlecht, wenn ſeine Sitten nicht ganz 352 verwildert ſind, dem zärteren hin und wieder zu zeigen geneigt iſt. Aber der Gedanke einer ernſtlichen Werbung war nie in ihrer Seele aufgetaucht. Nunmehr aber traf ſie eine Ahnung der Wahrheit, die vielleicht weniger durch die Worte, als vielmehr durch das ganze Benehmen ihres Gefährten geweckt wurde. Als Mabel mit Ernſt in das faltige, ehrliche Geſicht des Wegweiſers blickte, gewannen ihre Züge den Ausdruck der Sorge und der Bekümmerniß; dann begann ſie wieder in einer ſo gewin⸗ nenden Weiſe zu ſprechen, daß Pfadfinder, obgleich ihre Worte die Abſicht hatten, ihn zurückzuweiſen, nur noch mächtiger durch ſie angezogen wurde. „Ihr und ich ſollten einander verſtehen, Pfadfinder,“ ſagte ſie mit aufrichtigem Ernſte,„und es ſollte ſich keine Wolke zwiſchen uns legen. Ihr ſeyd zu aufrichtig und offen, als daß ich Euch nicht auch mit Aufrichtigkeit und Offenheit entgegen kommen ſollte. Ge⸗ wiß, gewiß— Ihr habt mit allem dem nichts ſagen wollen; es hat keine andere Verbindung mit Euren Gefühlen, als die der Freundſchaft, welche ein Mann von Eurem Wiſſen und Charakter für ein Mädchen wie ich natürlicherweiſe fühlen kann. „Ich glaube,'s iſt alles natürlich, Mabel; ja, das glaub' ich. Der Sergeant ſagt mir, er hätte ſolche Gefühle gegen Ihre Mutter gehegt; und ich denke, ich habe auch etwas der Art bei den jungen Leuten geſehen, welche ich von Zeit zu Zeit durch die Wildniß ge⸗ leitete. Ja, ja; ich darf ſagen,'s iſt alles natürlich genug; deßhalb kommt es auch ſo leicht, und es wird einem ſo wohl dabei ums Herz.“ „Pfadfinder, Eure Worte machen mich unruhig. Sprecht deutlicher, oder laßt uns den Gegenſtand für immer abbrechen. Ich glaube nicht,— ich kann nicht glauben, daß— daß Ihr mir wolltet zu verſtehen geben—“ die Zunge des Mädchens ſtotterte, und die jungfräuliche Schaam geſtattete ihr nicht, das, was ſie ſo gerne noch geſagt hätte, zu vollenden. Sie ſammelte jedoch ihren Muth wieder, und entſchloß ſich, ſo bald und ſo unumwunden als 353 möglich der Sache auf den Grund zu gehen. Sie fuhr daher nach einer kurzen Zögerung fort: —„Ich meine, Pfadfinder, Ihr wollt mir doch nicht zu ver⸗ ſtehen geben, daß Ihr mich im Ernſte zu Eurem Weibe haben möchtet?“ „Freilich, Mabel, das iſt's; das iſt's eben, und Sie haben die Sache in ein weit helleres Licht geſtellt, als ich mit meinen Wald⸗ gaben und meiner Gränzweiſe je fähig geweſen wäre. Der Ser⸗ geant und ich haben den Handel unter der Bedingung abgemacht, daß Sie damit einverſtanden ſeyen, und er meint, daß dieſes wahr⸗ ſcheinlich der Fall ſeyn werde, wenn ich gleich zweifle, ob ich die Eigenſchaften beſitze, einem Mädchen zu gefallen, welches den beſten Gatten in ganz Amerika verdient.“ Mabels Geſicht ging von dem Ausdruck des Unbehagens zu dem des Staunens, und dann, in noch raſcherer Folge, zu dem des Schmerzes über. „Mein Vater!“ rief ſie,„mein lieber Vater hatte den Ge⸗ danken, daß ich Euer Weib werden ſollte, Pfadfinder?“ „Ja, den hatte er, Mabel; den hatte er in der That. Er glaubte ſogar, dieſe Sache dürfte Ihnen angenehm ſeyn, und hat mich ſo lange ermuthigt, bis ich glaubte, es ſey wahr.“ „Aber Ihr,— Ihr kümmert Euch gewiß wenig darum, ob dieſe ſonderbare Hoffnung je in Erfüllung gehen wird oder nicht?“ „Wie?“ „Ich meine, Pfadfinder, daß Ihr von dieſer Angelegenheit mehr wegen meines Vaters als um eines andern Grundes willen mit mir geſprochen habt, und daß Eure Gefühle keineswegs dabei betheiligt ſind, mag nun meine Antwort ausfallen wie ſie will?“ Der Kundſchafter blickte mit Ernſt in Mabels ſchönes Antlitz, welches unter der Glut ihrer Gefühle erröthete, und man konnte den Ausdruck der Bewunderung, welche ſich in jedem Zuge ſeines ſprechenden Geſichtes verrieth, unmöglich verkennen. Der Pfadfinder. 3. Aufl. 23 354 „Ich habe mich oft glücklich gefühlt, Mabel, wenn ich in der Fülle der Geſundheit und Kraft auf einer ertragreichen Jagd durch die Wälder ſtreifte und die reine Luft der Berge athmete. Ich weiß aber jetzt, daß dieſes noch gar nichts heißen will in Vergleichung mit der Wonne, welche mir das Bewußtſeyn geben würde, daß Sie beſſer von mir als von den meiſten andern denken.“ „Beſſer von Euch?— In der That, Pfadfinder, ich denke beſſer von Euch, als von den meiſten, vielleicht als von allen andern; denn Eure Wahrheitsliebe, Ehrlichkeit, Einfachheit, Gerechtigkeit und Tapferkeit findet kaum ihres Gleichen auf Erden.“ „Ach, Mabel, wie ſüß und ermuthigend klingen dieſe Worte aus Ihrem Munde, und der Sergeant hat im Grunde doch nicht ſo ganz Unrecht gehabt, als ich fürchtete.“ „Nein, Pfadfinder; ich beſchwöre Euch bei allem, was heilig iſt, laßt in einer Sache von ſo großer Wichtigkeit kein Mißver⸗ ſtändniß zwiſchen uns Platz greifen. Wenn ich Euch auch ſchätze, achte— nein, ſogar verehre, faſt ſo ſehr, wie ich meinen theuern Vater verehre, ſo iſt es doch nicht möglich, daß ich je Euer Weib werde— daß ich——“ Der Wechſel in den Zügen ihres Gefährten war ſo plötzlich und auffallend, daß Mabel in dem Augenblick, als ſie die Wirkung ihrer Aeußerungen in Pfadfinders Geſichte las, ungeachtet des ſehnlichen Wunſches einer Verſtändigung, ihre Worte unterbrach und, weil ſie ihm nicht wehe thun wollte, ſtille ſchwieg. Es folgte nun eine lange Pauſe. Der Schatten getäuſchter Hoffnung, der ſich über die rauhen Züge des Jägers gelagert hatte, wurde immer dunkler, ſo daß Mabel faſt Angſt und Furcht empfand, während das Gefühl des Erſtickens bei dem Pfadfinder ſo mächtig wurde, daß er nach ſeiner Kehle griff, wie Einer, der gegen körperliches Leiden Hilfe ſucht. Das krampfhafte Arbeiten ſeiner Finger erfüllte das beunruhigte Mädchen mit wahrer Todesangſt. „Nein, Pfadfinder,“ fuhr Mabel haſtig fort, ſobald ſie wieder 1— über ihre Stimme gebieten konnte—„ich habe vielleicht mehr geſagt, als ich ſagen wollte; denn auf dieſer Welt ſind alle Dinge möglich, und Weiber, ſagt man, ſind in ihren Entſchließungen nicht immer am feſteſten. Ich wollte Euch nur zu verſtehen geben, daß Ihr und ich wahrſcheinlich nie von einander würden denken können, wie Mann und Weib von einander denken ſoll.“ „Ich denke nicht— ich werde nie wieder in dieſer Weiſe an Sie denken, Mabel,“ keuchte der Pfadfinder aus der zum Erſticken gepreßten Bruſt.„Nein, nein— ich werde nie, weder an Sie, noch an Jemand anders wieder in dieſer Weiſe denken.“ „Pfadfinder, lieber Pfadfinder, verſteht mich wohl! Legt nicht mehr Sinn in meine Worte, als ich ſelbſt hineinlege. Eine der⸗ artige Heirath wäre unklug, vielleicht unnatürlich!“ „Ja, unnatürlich— gegen die Natur; ich habe das auch dem Sergeanten geſagt, aber er wollte es beſſer wiſſen.“ „Pfadfinder! O das iſt ſchlimmer, als ich mir einbilden konnte. Nehmt meine Hand, vortrefflicher Pfadfinder, und laßt mich daraus erkennen, daß Ihr mich nicht haßt. Um Gotteswillen, ſeht mich nur wieder freundlich an.“ „Sie haſſen, Mabel? Sie freundlich anſehen? Wehe mir!“ „Nein, gebt mir Eure Hand, Eure kühne, treue und männ⸗ liche Hand— beide, beide Pfadfinder! denn es wird mir nicht wohl, bis ich gewiß weiß, daß wir wieder Freunde ſind, und daß dieß alles nur ein Mißverſtändniß war.“ „Mabel, ſagte der Wegweiſer, indem er einen langen und ſinnenden Blick auf das Antlitz des edeln, heftigen Mädchens warf, welches ſeine harten, ſonnverbrannten Hände zwiſchen ihren Fingern hielt, und dazu in ſeiner eigenthümlichen, lautloſen Weiſe lachte, obgleich in jeder Linie ſeines Geſichtes, das keiner Täuſchung fähig zu ſeyn ſchien, der Ausdruck des Schmerzes hervortrat, da die ent⸗ gegengeſetzteſten Gefühle ſich auf demſelben bekämpften—„Mabel! der Sergeant hatte Unrecht.“ 356 Die verhaltenen Gefühle waren nun nicht mehr zurückzu⸗ drängen, und Thränen rollten über die Wangen des Kundſchafters wie Regengüſſe. Seine Finger arbeiteten wieder krampfhaft an ſeiner Kehle, und ſeine Bruſt hob ſich, wie unter einer ſchweren Laſt, welche ſie unter verzweifelten Anſtrengungen abwerfen wollte. „Pfadfinder! Pfadfinder!“ rief Mabel laut;„Alles, nur das nicht! Sprecht mit mir, Pfadfinder, lächelt wieder; ſagt mir nur ein einziges freundliches Wörtchen, zum Beweiſe, daß Ihr mir vergeben habt.“ „Der Sergeant hatte Unrecht,“ rief der Wegweiſer, indem er mitten in ſeinem Seelenkampf ein Lachen aufſchlug, daß ſeine Ge⸗ fährtin vor dieſer unnatürlichen Miſchung von Beängſtigung und Hei⸗ terkeit zurückbebte.„Ich wußt' es, ich wußt' es, und habe es voraus⸗ geſagt; ja, der Sergeant hatte doch Unrecht, wie ich deutlich einſehe.“ „Wir können Freunde ſeyn, ohne daß wir gerade Eheleute ſind,“ fuhr Mabel fort, welche ſich in einem faſt eben ſo verwirrten Zuſtand befand, wie ihr Gefährte, und kaum wußte, was ſie ſagte. „Wir können immer Freunde ſeyn, und wollen es auch ſtets bleiben.“ „Ich dachte mir's immer, daß der Sergeant in einem Irrthum befangen ſey,“ fuhr Pfadfinder fort, als er mit gewaltiger An⸗ ſtrengung wieder Herr ſeiner Bewegungen geworden war,„denn ich bildete mir nie ein, daß meine Gaben von der Art ſeyen, um mir die Neigung eines Stadtmädchens gewinnen zu können. Er hätte beſſer gethan, wenn er unterlaſſen hätte, mir das Gegentheil aufzuſchwatzen, und es wäre vielleicht auch beſſer geweſen, wenn Sie weniger gefällig und zutraulich geweſen wären; ja, gewiß! das wäre es.“ „Wenn ich dächte, daß ein Irrthum von meiner Seite, wie unabſichtlich er auch ſeyn mochte, trügeriſche Hoffnungen in Euch erweckt habe, Pfadfinder, ſo könnte ich mir nimmer vergeben; denn glaubt mir, ich mochte lieber alles über mich ergehen laſſen, als Euch leiden ſehen.“ „Das iſt's eben, Mabel; das iſt'seeben. Dieſe Worte und Ge⸗ danken, die Sie mit ſo weicher Stimme und auf eine Weiſe aus⸗ ſprechen, wie ich ſie in den Wäldern noch nie gehört habe, haben all dieſes Unheil angerichtet. Es wird mir aber jetzt klarer, und ich fange an, den Unterſchied zwiſchen uns beſſer zu erkennen. Ich will mir Mühe geben, meine Gedanken zu zügeln, und wieder hin⸗ aus gehen in die Wälder, um dem Wilde und dem Feinde aufzu⸗ lauern. Ach, Mabel! ich bin wahrlich auf einer ganz falſchen Fährte geweſen, ſeit ich das erſtemal mit Ihnen zuſammentraf.“ „Aber Ihr werdet nun wieder auf der rechten wandeln. Bald habt Ihr dieſes alles vergeſſen, und blickt auf mich, als auf eine Freundin, die Euch ihr Leben verdankt.“ „Das mag vielleicht die Weiſe der Städter ſeyn; aber ich zweifle, ob dieß in den Wäldern eben ſo natürlich iſt. Wenn bei uns das Auge einen lieblichen Anblick trifft, ſo haftet es lang darauf, und wenn ihn die Seele aufrichtig und auf eine ſchickliche Weiſe lieb gewinnt, ſo mag ſie ſich nicht mehr davon trennen.“ „Aber Eure Liebe zu mir iſt weder ein ſchickliches Gefühl, noch mein Anblick ein lieblicher. Ihr werdet alles das vergeſſen, wenn Ihr zu ernſterer Beſinnung kommt und auf einmal einſeht, daß ich durchaus nicht zu Eurem Weibe paſſe.“ „Das habe ich auch zu dem Sergeanten geſagt, aber er wollte es beſſer wiſſen. Ich wußte wohl, daß Sie zu jung und zu ſchön ſind für einen Mann, der bereits in den mittleren Jahren ſteht und ſelbſt als Jüngling nie beſonders liebenswürdig ausge⸗ ſehen hat. Dann ſind auch Ihre Wege nicht die meinigen geweſen, und die Hütte eines Jägers würde wohl keine ſchickliche Wohnung für ein Mädchen ſeyn, welches ſo zu ſagen unter Häuptlingen erzogen wurde. Freilich, wenn ich jünger und ſchöner wäre, etwa wie Jasper Eau⸗douce— 4 „Nichts von Jasper Eau⸗douce,“ unterbrach ihn Mabel un⸗ geduldig;„wir können von etwas Anderem ſprechen.“ 358 „Jasper iſt ein tüchtiger Burſche, Mabel, ja, und ein hübſcher dazu,“ erwiederte der argloſe Wegweiſer mit einem ernſten Blick auf das Mädchen, als ob er ihren Worten nicht traue, da ſie ſich ſo geringſchätzig über ſeinen Freund äußerte.„Wäre ich nur halb ſo ſchön, als Jasper Weſtern, ſo würden meine Beſorgniſſe in dieſer Angelegenheit nicht halb ſo groß und auch wahrſcheinlich weniger begründet geweſen ſeyn.“ „Wir wollen nicht von Jasper Weſtern reden,“ wiederholte Mabel, bis zur Stirne erröthend;„er mag wohl gut genug für einen Sturm ſeyn, oder auf dem See, aber er iſt nicht gut genug hier den Gegenſtand unſeres Geſpräches zu bilden.“ „Ich fürchte, Mabel, er iſt beſſer, als der Mann, welcher einmal Ihr Gatte ſeyn wird. Zwar ſagt der Sergeant, daß aus dieſer Sache nie etwas werden könne; aber er hat einmal Unrecht gehabt, und ſo mag dieß wohl auch zum zweitenmal der Fall ſeyn.“ „Und wer wird denn wahrſcheinlich mein Gatte werden, Pfadfinder? Ihr ſprecht da von Etwas, was mich kaum weniger befremdet, als das, was eben zwiſchen uns vorgegangen iſt.“ „Ich weiß, es iſt natürlich, daß Gleiches das Gleiche ſucht, und daß ſolche, welche viel mit Offiziersſrauen umgegangen ſind, gern ſelbſt Offiziersfrauen werden möchten. Aber, Mabel, ich weiß auch, daß ich mich unverholen gegen Sie ausſprechen darf, und hoffe, daß Sie mir meine Worte nicht übel nehmen; denn da es mir nun bekannt iſt, wie ſchmerzlich derartige Täuſchungen auf unſerer Seele laſten, ſo moͤchte ich nicht einmal über das Haupt eines Mingo einen ſolchen Kummer bringen. Aber das Glück findet ſich in einem Offtzierszelte nicht häufiger, als in dem eines gemeinen Soldaten, und wenn auch die Wohnungen der Offiziere verführeriſcher ausſehen, als die übrigen Baracken, ſo fühlt ſich doch oft ein Ehepaar innerhalb der Thüren der erſteren recht unglücklich.“ „Ich zweifle nicht im mindeſten daran, Pfadſinder, und beruhte —,— die Entſcheidung auf mir, ſo würde ich Euch lieber zu irgend einer Hütte in die Wälder folgen und Euer Schickſal, möchte es nun gut oder ſchlimm ſeyn, mit Euch theilen, ehe ich das Innere der Wohnung irgend eines mir bekannten Offiziers in der Abſicht beträte, als die Frau ihres Bewohners dort zu bleiben.“ „Lundie hofft oder glaubt, es werde ſich wohl anders machen.“ „Was kümmere ich mich um Lundie? Er iſt Major vom Fünfundfünfzigſten, und mag ſeine Leute„Rechts um“ und „Marſch“ machen laſſen, ſo lange es ihm beliebt; er kann mich nicht zwingen, irgend einen, ſey er nun der erſte oder der letzte ſeines Regiments, zu heirathen. Doch, was kann Euch von Lundie's Wünſchen über dieſen Gegenſtand bekannt ſeyn?“ „Ich habe es aus Lundie's eigenem Munde. Der Sergeant ſagte ihm, daß er mich zu ſeinem Schwiegerſohne haben möchte, und der Major, mein alter und treuer Freund, ſprach mit mir über die Sache. Er machte mir unumwunden Vorſtellungen, ob es nicht edelmüthiger von mir wäre, zu Gunſten eines Offtziers zurückzutreten, als wenn ich mir Mühe gäbe, Sie in das Schickſal eines Jägers mit zu verflechten. Ich gab zu, daß er Recht haben möge— ja, ich that das; als er mir aber ſagte, daß er unter dem Offizier den Quartiermeiſter meine, ſo wollte ich nichts mehr von ſeinen Vorſchlägen wiſſen. Nein, nein, Mabel, ich kenne Davy Muir genau, und wenn er Sie auch zu einer Lady machen kann, ſo kann er Sie doch nie zu einer glücklichen Frau und ſich ſelbſt zu einem Ehrenmanne machen. Das iſt ſo meine ehrliche Meinung, ja, ja; denn ich ſehe nun deutlich, daß der Sergeant Unrecht gehabt hat.“ „Mein Vater hat ſehr Unrecht gehabt, wenn er etwas ſagte oder that, was Euch Kummer machte, Pfadfinder: und meine Achtung gegen Euch iſt ſo groß und meine Freundſchaft ſo auf⸗ richtig, daß ich, wäre es nicht um Eines willen— ich will damit ſagen, daß Niemand den Einfluß des Lieutenants Muir auf mich 360 zu fürchten hat— lieber bis zu meinem Todestage bleiben würde, wie ich bin, ehe ich um den Preis meiner Hand durch den Quar⸗ tiermeiſter eine vornehme Frau werden möchte.“ „Ich glaube nicht, daß Sie etwas ſagen, was Sie nicht fühlen?“ erwiederte Pfadfinder mit Ernſt. „Nicht in einem ſolchen Augenblicke, nicht in einer ſolchen Sache, und am allerwenigſten gegen Euch. Nein, Lieutenant Muir ſoll ſich ſeine Weiber ſuchen, wo er will— mein Name wenigſtens wird nie auf ſeiner Liſte ſtehen.“ „Ich danke Ihnen, Mabel, ich danke Ihnen dafür; denn wenn ſchon für mich die Hoffnung entſchwunden iſt, ſo könnte ich doch nie glücklich ſeyn, wenn Sie den Quartiermeiſter nähmen. Ich fürchtete, ſein Rang möchte für etwas angeſchlagen werden— und ich kenne dieſen Mann. Es iſt nicht die Eiferſucht, welche mich in dieſer Weiſe ſprechen läßt, ſondern die reine Wahrheit, denn ich kenne den Mann. Ja, wenn Ihre Neigung auf einen verdienſtvollen jungen Mann fiele, ſo einen, wie Jasper Weſtern zum Beiſpiel—“ „Warum kommt Ihr mir immer mit dieſem Jasper Eau⸗douce, Pfadfinder? Er ſteht in keiner Beziehung zu unſerer Freundſchaft; laßt uns daher von Euch ſprechen und von der Weiſe, wie Ihr den Winter hinzubringen beabſichtigt.“ „Ach!— Ich bin nur wenig werth, Mabel, wenn es nicht etwa einer Fährte oder einer Büchſe gilt; und jetzt um ſo weniger, ſeit ich des Sergeanten Mißgriff entdeckt habe.'s iſt daher nicht nöthig, von mir zu ſprechen. Es iſt mir recht angenehm geweſen, ſo lange in Ihrer Nähe zu ſeyn und mir dabei ein bischen einzu⸗ bilden, daß der Sergeant Recht habe; das iſt aber nun Alles vorbei. Ich will mit Jaspern den See hinabgehen, und dann wird es genug Beſchäftigung für uns geben, um unnütze Gedanken fern zu halten.“ 3 „Und Ihr werdet dieß vergeſſen— mich vergeſſen? Nein, ———. ˙ 26 nicht mich vergeſſen, Pfadfinder; aber Ihr werdet Eure früheren Beſchäftigungen wieder aufnehmen und aufhören, ein Mädchen für bedeutend genug zu halten, Euren Frieden zu ſtören.“ „Ich wußte früher nie etwas von ſolchen Dingen, Mabel; aber die Mädchen haben doch eine größere Bedeutung im Leben, als ich früher glauben konnte. Ja, ehe ich Sie kannte, ſchlief das neugeborne Kind nicht ſüßer, als dieß bei mir gewöhnlich der Fall war; mein Haupt lag kaum auf einer Wurzel, einem Stein oder vielleicht auf einem Felle, ſo war den Sinnen alles entſchwunden, wenn nicht etwa die Beſchäftigung des Tages in meine Träume überging; und ſo lag ich, bis der Zeitpunkt des Erwachens kam, und eben ſo gewiß, als die Schwalbe mit ihren Schwingen das Licht begrüßt, war ich in dem gewünſchten Augenblick auf den Beinen. Alles das ſchien eine Gabe zu ſeyn, und ich konnte ſelbſt mitten in einem Mingolager darauf rechnen: denn ich habe mich meiner Zeit ſelbſt bis in die Dörfer dieſer Vagabunden gewagt.“ „Alles dieſes wird wieder kommen, Pfadfinder; denn ein ſo wackerer und biederer Mann wird nimmermehr ſein Glück an einen bloßen Wahn wegwerfen. Ihr werdet wieder von Euren Jagden träumen, von dem Hirſch, den Ihr erlegt, und den Biber, den Ihr gefangen habt.“ „Ach, Mabel! ich wünſche nie wieder zu träumen. Ehe ich Sie kannte, gewährte es mir eine gewiſſe Luſt, in meinen Phan⸗ taſieen den Hunden zu folgen und der Fährte der Irokeſen nachzu⸗ ſtreichen— ja, meine Gedanken führten mich in Scharmützel und Hinterhalte, und ich fand darin das meinen Gaben entſprechende Behagen. Aber all das hat ſeinen Reiz verloren, ſeit ich mit Ihnen bekannt geworden bin. Von ſolchen rohen Dingen kömmt nichts mehr in meinen Träumen vor. So dünkte mich in der letzten Nacht, welche wir in der Garniſon zubrachten, ich hätte eine Hütte in einem Luſtwäldchen von Zuckerahorn, und an dem Fuße eines jeden Baumes ſtand eine Mabel Dunham, indeß 362 die Vögel auf den Zweigen ſtatt ihrer natürlichen Weiſen Liedchen ſangen, daß ſelbſt der Hirſch horchend ſtille hielt. Ich verſuchte es, ein Schmalthier zu ſchießen, aber der Hirſchetödter gab nicht Feuer, und die Kreatur lachte mir ſo vergnügt ins Geſicht, wie ein junges Mädchen in ihrer Heiterkeit zu thun pflegt, und dann hüpfte ſie fort, wobei ſie nach mir zurückſah, als erwarte ſie, daß ich ihr folgen werde.“ „Nichts mehr davon, Pfadfinder! Wir wollen nicht mehr über dieſe Dinge reden,“ ſagte Mabel, indem ſie die Thränen von ihren Augen wiſchte, denn die einfache und ernſte Weiſe, mit welcher dieſer rauhe Waldbewohner verrieth, wie tiefe Wurzeln ſeine Gefühle getrieben hatten, überwältigte faſt ihr edles Herz.„Wir wollen uns jetzt nach meinem Vater umſehen; er kann nicht weit weg ſeyn, denn ich hörte den Knall ſeiner Flinte ganz in der Nähe.“ „Der Sergeant hatte Unrecht,— ja, er hatte Unrecht, und es wird nichts nützen, die Taube mit dem Wolfe paaren zu wollen.“ „Hier kommt mein lieber Vater,“ unterbrach ihn Mabel. „Wir müſſen heiter und zufrieden ausſehen, Pfadfinder, wie es ſich für gute Freunde ziemt, und unſere Geheimniſſe für uns behalten.“ Es folgte nun eine Pauſe; dann hörte man ganz nahe den Fuß des Sergeanten die trockenen Zweige zertreten, bis endlich ſeine Geſtalt ſeitwärts an dem Gebüſche des Unterholzes ſichtbar wurde. Als der alte Soldat auf dem freien Platze anlangte, betrachtete er prüfend ſeine Tochter und ihren Gefährten, und ſprach in guter Laune: „Mabel, Kind, du biſt jung und leicht auf den Beinen. Sieh nach dem Vogel, den ich geſchoſſen habe, und der gerade dort bei dem Dickicht der jungen Schierlingstanne am Ufer niederfiel. Du brauchſt dir dann nicht die Mühe zu geben, wieder den Hügel her⸗ aufzukommen; denn da Jasper durch ſeine Zeichen uns die Abſicht zu erkennen gibt, ſich auf den Weg zu machen, ſo können wir nach ein Paar Minuten am Geſtade zuſammentreffen.“ Mabel gehorchte und ſprang mit den leichten Schritten der Jugend und Geſundheit den Hügel hinab. Aber ungeachtet der Leich⸗ tigkeit ihres Trittes, war doch das Herz des Mädchens ſchwer, und ſobald das Dickicht ſie der Beobachtung entzog, warf ſie ſich an dem Fuße eines Baumes nieder und weinte, als ob ihr das Herz brechen wollte. Der Sergeant betrachtete ſie, bis ſite verſchwunden war, mit dem Stolze eines Vaters, und kehrte ſich dann mit einem ſo freundlichen und vertraulichen Lächeln, als ihm ſeine Gewohn⸗ heit gegen irgend Jemand geſtatten mochte, zu dem Wegweiſer. „Sie hat die Leichtigkeit und Rührigkeit ihrer Muiter und etwas von der Kraft ihres Vaters,“ ſprach er.„Ihre Mutter war, glaube ich, nicht ganz ſo ſchön; aber die Dunhams hielt man immer für hübſch, mochten es Männer oder Weiber ſeyn. Nun, Pfadfinder, ich zweifle nicht, daß Ihr die Gelegenheit nicht ent⸗ ſchlüpfen ließt, und mit dem Mädchen offen geſprochen habt? Weiber lieben in ſolchen Dingen die Freimüthigkeit.“ „Ich glaube, Mabel und ich verſtehen einander wenigſtens, Sergeant,“ erwiederte der Andere, und ſchaute nach der entgegen⸗ geſetzten Richtung, um dem Blicke des Soldaten auszuweichen. „Um ſo beſſer. Es gibt Leute, welche glauben, daß ein Bis⸗ chen Zweifel und Ungewißheit der Liebe noch mehr Leben gebe; ich halte es aber mit der Offenheit und denke, ſie führt weit eher zu einem Verſtändniß. War Mabel überraſcht?“ „Ich fürchte, ja— Sergeant, ich fürchte, ſie war nur allzu ſehr überraſcht,— ja, das fürchte ich.“ „Gut, gut! Ueberraſchungen in der Liebe ſind, was die Hin⸗ terhalte im Krieg, und ebenſo zuläſſig, obgleich die Ueberraſchung eines Weibes nicht ſo leicht zu erkennen iſt, als die eines Feindes. Mabel lief nicht davon, mein Freund— nicht wahr?“ „Nein, Sergeant; Mabel verſuchte nicht auszuweichen; das kann ich mit gutem Gewiſſen ſagen.“ „Ich hoffe, daß das Mädchen doch nicht allzuwillig geweſen iſt? Ihre Mutter that wenigſtens einen Monat lang ſpröde und zimpferlich. Aber die Freimüthigkeit iſt im Grunde doch der beſte Empfehlungsbrief für Mann und Weib.“ „Ja, das iſt ſie, das iſt ſie; aber ein geſundes Urtheil auch.“ „Ach, nach dem darf man bei einem jungen Geſchöpf von zwanzig Jahren nicht allzuviel fragen; aber es kommt mit der Erfahrung. Ein Mißgriff von Euch oder mir zum Beiſpiel, dürfte freilich nicht ſo leicht überſehen werden; aber bei einem Mäaͤdchen von Mabels Alter darf man nicht die Fliegen ſeihen, man möchte ſonſt ein Kameel zu ſchlucken bekommen.“ Der Leſer möge nicht vergeſſen, daß Sergeant Dunham nicht eben ein Schriftkundiger war. Die Muskeln in dem Geſicht des Zuhörers zuckten, als der Sergeant ſeinen Gefühlen in dieſer Weiſe den Lauf ließ, obgleich erſterer nun wieder einen Theil jenes Stoicismus erlangt hatte, welcher ein hervorſtechender Zug in ſeinem Charakter und wahr⸗ ſcheinlich eine Folge ſeines langen Umgangs mit den Indianern war. Seine Augen erhoben und ſenkten ſich, und einmal ſchoß ein Strahl über ſeine harten Züge, als ob er im Begriff ſey, ſeinem eigenthümlichen Lachen Raum zu geben. Aber dieſer Anflug von Heiterkeit, wenn wirklich eine ſolche vorhanden war, verlor ſich ſchnell in einen Blick der Bekümmerniß. Dieſe ungewöhnliche Miſchung eines wilden und ſchmerzlichen Seelenkampfes mit der natürlichen einfachen Heiterkeit hatte Mabel am meiſten erſchreckt. Wenn während der mitgetheilten Unterredung die Bilder des Glückes und der frohen Laune in einem Gemüthe auftauchten, welches in ſeiner Einfalt und Natürlichkeit beinahe kindlich erſchien, ſo fühlte ſich das Mädchen oft zu der Annahme verſucht, daß das Herz ihres Verehrers nur leicht berührt ſey; dieſer Eindruck verwiſchte ſich aber bald, als ſie die ſchmerzlichen und tiefen Erregungen bemerkte, welche das Innerſte ſeiner Seele zu zerſchneiden ſchienen. Pfadfinder war in dieſer Beziehung wirklich ein bloßes Kind. Unerfahren in der Weiſe der Welt, fiel es ihm nicht ein, irgend einen Gedanken zu verhehlen: ſein Gemüth nahm jeden Eindruck auf und gab ihn zurück mit der Schmiegſamkeit und Rückhaltloſig⸗ keit dieſer Lebensperiode. Ein Kind konnte ſeine launige Einbil⸗ dungskraft kaum mit einer größeren Leichtigkeit einer vorübergehen⸗ den Erregung hingeben, als dieſer Mann, welcher ſo einfach in ſeinen Gefühlen, ſo ernſt, ſo gelaſſen und männlich, und ſo ſtreng in Allem war, was ſein gewöhnliches Treiben berührte. „Ihr habt Recht, Sergeant,“ antwortete der Pfadfinder;„ein Mißgriff von Eurer Seite iſt ſchon eine ernſtere Sache.“ „Ihr werdet Mabel zuletzt doch aufrichtig und ehrlich finden; laßt ihr nur ein wenig Zeit.“ „Ach, Sergeant!“ „Ein Mann von Euren Verdienſten würde auf einen Stein Eindruck machen, wenn Ihr ihm Zeit ließt, Pfadfinder.“ „Sergeant Dunham, wir ſind alte Kriegskameraden,— das heißt, wie man den Krieg eben hier in den Wäldern führt,— und wir haben uns gegenſeitig ſo viel Liebes erwieſen, daß wir wohl⸗ aufrichtig gegen einander ſeyn können.— Was hat Euch denn veranlaßt, zu glauben, daß Mabel einen ſo rohen Burſchen, wie ich bin, gerne haben könne?“ „Was?— ach eine Menge von Gründen, und dazu recht gute, mein Freund. Vielleicht die Liebesbeweiſe, von denen Ihr eben ſpracht, und die Kämpfe, die wir mit einander beſtanden; und dann ſeyd Ihr mein geſchworner und geprüfter Freund.“ „Alles dieſes klingt ganz gut, ſoweit es Euch und mich be⸗ trifft; aber es ſteht in keiner Berührung mit Eurer hübſchen Tochter. Sie denkt vielleicht, daß gerade dieſe Kämpfe das etwas ſchmuckere Ausſehen, welches ich einmal gehabt haben mag, verheer⸗ ten; und ich bin nicht darüber im Reinen, ob des Vaters Freund⸗ ſchaft beſonders geeignet iſt, einem Anbeter die Liebe eines jungen Mädchens zu verſchaffen. Gleich und gleich geſellt ſich, ſag' ich Euch, Sergeant; und meine Gaben ſind nicht ganz Mabel Dunhams Gaben.“ 366 „Das ſind wieder einige von Euren alten überbeſcheidenen Scrupeln, Pfadfinder, die Euch bei dem Mädchen nicht weiter brin⸗ gen werden. Weiber vertrauen den Männern nicht, wenn dieſe ſich ſelbſt nicht vertrauen, und halten ſich an diejenigen, welche gegen Nichts ein Mißtrauen haben. Ich gebe zwar zu, die Beſcheidenheit iſt eine Cardinaltugend für einen Recruten oder für einen jungen Lieutenant, der eben zum Regiment gekommen iſt, denn ſie hält ihn ab, einen Unteroffizier auszuzanken, ehe er weiß, ob er einen Grund dazu hat; auch weiß ich nicht gewiß, ob ſie nicht auch bei einem Kriegscommiſſär oder einem Pfarrer am Orte wäre; aber ſie iſt des Teufels, wenn ſie von einem wirklichen Soldaten oder einem Liebhaber Beſitz nimmt. Ihr dürft ſo wenig als möglich mit ihr zu thun haben, wenn ihr ein Weiberherz gewinnen wollt. Was Euren Grundſatz, daß ſich nur das Gleiche gefalle, anbelangt, ſo iſt er in ſolchen Dingen ſo unrichtig, als nur immer möglich. Wenn Gleiches das Gleiche liebte, ſo würden die Weiber einander lieben, und daſſelbe müßte auch bei den Männern der Fall ſeyn. Nein, nein; Gleiches liebt Ungleiches—“ der Sergeant hatte näm⸗ lich ſeine Schule nur in der Kaſerne und dem Lager gemacht— „und Ihr habt in dieſer Hinſicht von Mabel nichts zu fürchten. Betrachtet einmal den Lieutenant Muir; der Mann hat ſchon fünf Weiber gehabt, wie ich höre, und es ſteckt nicht mehr Beſcheidenheit in ihm, als in einer neunſchwänzigen Katze.“ „Lieutenant Muir wird nie der Gatte von Mabel Dunham ſeyn, wenn er auch ſeine Federn noch ſo ſchön fliegen läßt.“ „Das iſt eine vernünftige Bemerkung von Euch, Pfadfinder; denn ich bin damit im Reinen, daß Ihr mein Schwiegerſohn wer⸗ den ſollt. Wenn ich ſelbſt ein Offizier wäre, ſo moͤchte vielleicht Herr Muir einige Ausſicht haben. Aber die Zeit hat eine Thüre zwiſchen mich und mein Kind geſtellt, und ich wünſche nicht, daß es auch noch die eines Offizierszeltes ſeyn ſoll.“ „Sergeant, wir müſſen Mabel ihrer Neigung folgen laſſen. Sie iſt jung und leichten Herzens, und Gott verhüte, daß irgend ein Wunſch von mir auch nur das Gewicht einer Feder auf ihr immer heiteres Gemüth lege, oder das Glück ihrer Fröhlichkeit nur einen Augenblick verſtimme.“ „Habt Ihr frei mit dem Mädchen geſprochen?“ fragte der Sergeant raſch und etwas rauh. Pfadfinder war zu ehrlich, um nicht die unumwundene Wahr⸗ heit zu antworten, und doch zu ehrenhaft, um Mabel zu verrathen und ſie dem Unwillen eines Vaters auszuſetzen, von dem er wußte, daß er ſehr ſtreng in ſeinem Zorn war. „Wir haben uns offen ausgeſprochen,“ ſagte er;„und obgleich Mabel ein Mädchen iſt, welches Jeder gerne anſieht, ſo finde ich da⸗ bei doch wenig, Sergeant, was mich beſſer von mir ſelbſt denken ließe.“ „Das Mädchen hat ſich doch nicht unterſtanden, Euch zurück⸗ zuweiſen— ihres Vaters beſten Freund zurückzuweiſen?“ Pfadfinder wandte ſein Geſicht ab, um den Blick der Beküm⸗ merniß zu verbergen, die, wie er fühlte, ſeine Züge umdüſterte, fuhr jedoch mit ruhiger männlicher Stimme fort: „Mabel iſt zu gut, um irgend Jemanden zurückzuweiſen, oder ſelbſt nur gegen einen Hund harte Worte zu gebrauchen. Ich habe meinen Antrag nicht ſo geſtellt, daß er geradezu zurückgewieſen werden konnte, Sergeant.“ „Und habt Ihr erwartet, daß meine Tochter nur ſo in Eure Arme fliegen ſollte, ehe Ihr Euch vollkommen erklärt habt? Sie wäre nicht ihrer Mutter Kind geweſen, wenn ſie das gethan hätte, und ich glaube, auch nicht das meinige. Die Dunhams lieben die Offenheit ſo gut als des Königs Majeſtät, aber ſie werfen ſich nicht weg. Laßt mich die Sache für Euch abmachen, Pfadfinder, und ſie wird ſich nicht unnöthig in die Länge ziehen. Ich will dieſen Abend noch ſelbſt mit dem Mädchen reden, und Euer Name ſoll den Hauptgegenſtand des Geſpräches bilden.“ „Ich wünſchte, Ihr thätet's lieber nicht, Sergeant. Ueberlaßt 1o“ —— die Sache Mabel und mir, und ich denke, daß zuletzt noch alles recht werden ſoll. Junge Mädchen ſind wie ſcheue Vögel, und lieben es nicht ſehr, übereilt oder hart angegangen zu werden. Ueberlaßt mir und Mabel die Sache.“ „Nun, meinetwegen, aber nur unter einer Bedingung, mein Freund. Ihr müßt mir nämlich mit Eurem Ehrenwort verſprechen, daß Ihr bei der nächſten ſchicklichen Gelegenheit offen und ohne gezierte Worte mit Mabel redet.“ „Ich will ſie fragen, Sergeant— ja, ich will ſie fragen; aber Ihr müßt mir verſprechen, daß Ihr Euch nicht in unſere Angelegenheiten miſchen wollt. Ich verſpreche Euch dann, Mabel zu fragen, ob ſie mich heirathen will, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß ſie mir ins Geſicht lacht.“ Sergeant Dunham gab gerne das verlangte Verſprechen, denn er hatte ſich vollſtändig in die Ueberzeugung hinein gearbeitet, daß der Mann, den er ſo ſehr achtete und ſchätzte, auch ſeiner Tochter annehmbar erſcheinen müſſe. Er hatte ſelbſt auch eine Frau, die viel jünger als er war, geheirathet, und ſah daher nichts Unpaſſen⸗ des in der Altersungleichheit des muthmaßlichen Paares. Auch ſtand Mabels Erziehung ſo hoch über der ſeinigen, daß er den Unterſchied nicht gewahrte, welcher wirklich in dieſer Beziehung zwiſchen Vater und Kind obwaltete, denn es iſt einer der unange⸗ nehmſten Züge in dem Verkehr zwiſchen Kenntniß und Unwiſſenheit, Geſchmack und Einfalt, Bildung und Rohheit, daß die beſſern Eigen⸗ ſchaften oft nothwendig dem Urtheile derer unterworfen ſind, welche ſich von dem Vorhandenſeyn derſelben durchaus keinen Begriff machen können. Die Folge davon war, daß Sergeant Dunham nichts weniger als geeignet ſeyn konnte, die Geſinnung ſeiner Tochter zu würdigen, oder ſich eine wahrſcheinliche Vermuthung zu bilden, welche Richtung jene Gefühle einſchlagen könnten, die öfter von augenblick⸗ lichen Eindrücken und der Gewalt der Leidenſchaft abhängen, als von der Vernunſt. Der würdige Krieger hatte jedoch die Ausſichten ————— Pfadſinders nicht ſo ganz unrichtig beurtheilt, als es auf den erſten Augenblick ſcheinen mochte. Er kannte die bewährten Eigenſchaften des Mannes, ſeine Treue, ſeine Rechtſchaffenheit, ſeinen Muth, ſeine Selbſtaufopferung, ſeine Uneigennützigkeit zu genau, und die An⸗ nahme war daher nicht ſo ganz unvernünftig, daß ſolche hervor⸗ ragenden Züge einen tiefen Eindruck auf das weibliche Herz üben müßten, ſobald ſich nur eine Gelegenheit zu ihrer Entfaltung bot. Der Vater irrte alſo hauptſächlich nur darin, daß er ſich einbildete, die Tochter müſſe ſo zu ſagen aus innerer Anſchauung bereits kennen, was er durch Jahre langen Umgang als bewährt erfunden hatte. Als der Pfadfinder und ſein kriegeriſcher Freund den Hügel hinab gegen das Seeufer ſtiegen, wurde die Unterhaltung noch immer weiter geführt. Letzterer fuhr fort, dem Erſteren einzureden, daß ſeine Schüchternheit allein einem vollſtändigen Erfolge bei Mabel in dem Wege ſtehe, und daß es nur der Ausdauer bedürfe, um zum Ziele zu kommen. Pfadfinder war von Natur zu be⸗ ſcheiden und durch das Geſpräch mit Mabel auf eine zwar ſchonende, aber zu unumwundene Weiſe entmuthigt worden, um all dem, was er hoͤrte, Glauben zu ſchenken. Der Vater hatte aber ſo viele annehmlich ſcheinende Gründe bei der Hand, und der Gedanke, Mabel doch noch beſitzen zu können, enthielt ſo viel Anziehendes, daß es den Leſer nicht überraſchen darf, wenn er hört, daß dieſer Sohn der Natur Mabels Benehmen doch nicht ganz in dem Lichte betrachten zu müſſen glaubte, wie er es zu thun geneigt geweſen war. Er glaubte allerdings nicht Alles, was ihm der Sergeant ſagte; aber er fing an, zu vermuthen, daß jungfräuliche Scheu und Unbekanntſchaft mit ihren eigenen Gefühlen Mabel veranlaßt hätte, ſich auf die obenerwähnte Weiſe auszuſprechen. „Der Quartiermeiſter iſt nicht ihr Liebling,“ antwortete Pfad⸗ finder auf eine von den Bemerkungen ſeines Gefährten.„Mabel wird ihn nie anders, denn als einen Mann betrachten, der bereits vier oder fünf Weiber gehabt hat. Der Pfadfinder. 3. Aufl. 24 370 „Und das iſt mehr, als ihm gebührt. Ein Mann mag allenfalls zweimal heirathen, ohne gegen die Moral und Ehrbarkeit anzuſtoßen; aber viermal iſt ja etwas Ungeheures.“ „Ich ſollte das Heirathen zum erſtenmal ſchon für einen Um⸗ ſtand oder ein Indiz halten, wie es Meiſter Cap nennt,“ warf Pfadfinder mit ſeinem ruhigen Lachen ein, da ſeine Lebensgeiſter wieder etwas von ihrer Friſche gewonnen hatten. „Das iſt's auch, in der That, und dazu ein recht feierlicher Umſtand. Wenn nicht Mabel Euer Weib werden ſollte, ſo würde ich Euch rathen, lieber gar nicht zu heirathen. Doch da iſt das Mädchen ſelbſt, und da gilt jetzt Schweigen als Loſung.“ „Ach, Sergeant, ich fürchte, Ihr ſeyd im Irrthum.“ Neunzehntes Kapitel. — Dieß war die Stelle. Ein heitrer Landſitz, wechſelnder Um gebung voll. Milton. Mlabel wartete am Ufer, und der Kahn war bald auf dem Waſſer. Pfadſinder brachte ſeine Begleitung mit derſelben Geſchick⸗ lichkeit über die Brandung, wie er ſie hergeführt hatte; und ob⸗ gleich die Aufregung Mabels Wangen röthete und das Herz ihr oft wieder auf die Zunge zu hüpfen drohte, ſo erreichten ſie doch die Seite des Seud, ohne auch nur im mindeſten von dem Giſcht benetzt worden zu ſeyn. Der Ontario gleicht einem Manne von feurigem Tempera⸗ mente, der plötzlich aufbraust, aber auch ſchnell ſich wieder be⸗ ſänftigen läßt. Die Wellen hatten ſich gelegt, und obgleich die Brandungen, ſo weit das Auge reichte, ſich am Ufer brachen, ſo er⸗ ſchienen ſie doch dem Auge nur als glänzende Streifen, welche kamen und gingen, wie die einzelnen Wellenringe, welche ein Steinwurf auf ruhigem Waſſer hervorbringt. Die Kabel des Seud war kaum über dem Waſſer ſichtbar und Jasper hatte bereits ſeine Segel gehißt, um, ſobald der erwartete Wind vom Ufer her wehte, abfahren zu können. Die Sonne ging eben unter, als das Hauptſegel klappte und der Vorderſteven das Waſſer zu trennen begann. Der Wind ging leicht aus Süden, und der Schnabel des Schiffes wurde in der Richtung gegen das ſüdliche Ufer gehalten, da man die Abſicht hatte, ſo ſchnell als möglich oſtwärts zu kommen. Die nun folgende Nacht war ruhig, und man konnte ſich eines tiefen und ungeſtörten Schlafes erfreuen. Es erhoben ſich nur einige Schwierigkeiten wegen des Com⸗ mandos des Schiffes, welche jedoch zuletzt durch freundliche Ueber⸗ einkunft ausgeglichen wurden. Da das Mißtrauen gegen Jasper noch lange nicht beſeitigt war, ſo erhielt Cap die Oberaufſicht, während es dem jungen Manne geſtattet wurde, das Fahrzeug zu handhaben, wobei er jedoch immer der Controle und der Einrede des alten Seemannes unterworfen war. Jasper ließ ſich dieß ge⸗ fallen, damit Mabel nicht länger den Gefahren ihrer gegenwärtigen Lage ausgeſetzt bliebe: denn da der Kampf der Elemente nachge⸗ laſſen hatte, ſo wußte er wohl, daß ſie von dem Montcalm auf⸗ geſucht werden würden. Er war jedoch vorſichtig genug, ſeine Beſorgniſſe über dieſen Punkt nicht laut werden zu laſſen, da zufällig gerade die Mittel, welche ihm für das Entrinnen die geeignetſten ſchienen, in den Augen derer, welche die Macht hatten, ſeine Abſichten zu vereiteln, neue Zweifel gegen die Ehrlichkeit ſeiner Geſinnungen zu wecken im Stande ſeyn mochten. Mit andern Worten— Jasper glaubte, der höfliche, junge Franzoſe, welcher das feindliche Schiff befehligte, würde ſeinen Ankerplatz unter dem Fort am Niagara verlaſſen und, ſobald ſich der Wind gelegt hatte, wieder in den See ſtechen, um ſich über das Schickſal des Seud Gewißheit zu verſchaffen, wobei er ſich wahrſcheinlich in 372 der Mitte zwiſchen beiden Ufern hielt, um eine weitere Ausſicht zu gewinnen. Es ſchien daher Jasper am zweckmäßigſten, ſich an eine oder die andere Küſte anzuſchließen, nicht nur um ein Zu⸗ ſammentreffen zu vermeiden, ſondern auch um unbemerkt weiter zu kommen, da ſeine Segel und Spieren auf der Landſchaft im Hintergrunde undeutlicher ſich ausnehmen mußten. Er zog das ſüdliche Ufer vor, weil es auf der Luvſeite lag, und weil er glaubte, daß ihn der Feind hier am wenigſten erwarten werde, da es nothwendig in die Nähe der franzöſiſchen Anſiedelungen und zu einem der ſtärkſten Poſten führte, welchen Frankreich in dieſem Theile Amerikas beſaß.. Von all dieſem wußte jedoch Cap glücklicherweiſe nichts, und des Sergeanten Geiſt war zu ſehr mit den Einzelnheiten ſeines Auftrags beſchäftigt, als daß er in ſolche Spitzfindigkeiten ein⸗ gegangen wäre, welche eigentlich außer ſeinem Bereiche lagen. Es wurde daher nichts dagegen eingewendet, und ehe noch der Morgen anbrach, hatte ſich Jasper augenſcheinlich in aller Ruhe wieder ſein früheres Anſehen verſchafft und er erließ, als ob nichts vorgefallen ſey, ſeine Befehle, welchen auch ohne Zögerung und Ränke Folge geleiſtet wurde. Das Aufdämmern des Tages brachte Alles am Bord wieder auf das Verdeck, und nun unterſuchte man, wie es bei Reiſenden auf dem Waſſer gewöhnlich iſt, neugierig den ſich erſchließenden Horizont, wie die Bilder aus der Dunkelheit hervortraten und das werdende Licht das herrliche Rundgemälde mit immer helleren Tinten übergoß. Gegen Oſten, Weſten und Norden war nichts als Waſſer ſichtbar, welches unter den Strahlen der aufgehenden Sonne glitzerte; aber im Süden dehnte ſich ein endloſer Wald⸗ gürtel aus, welcher damals den Ontario mit ſeinem dunkeln Grün umfaßt hielt. Da zeigte ſich plötzlich vorne eine Oeffnung und dann die feſten Mauern eines ſchloßartigen Gebäudes, mit Außen⸗ werken, Baſteien, Blockhäuſern und Palliſaden, welches von einem 84 u ——:. V Vorgebirge herabblickte, das die Mündung eines breiten Stromes begränzte. Eben, als das Fort ſichtbar wurde, erhob ſich über demſelben eine leichte Wolke, und man ſah die weiße Flagge von Frankreich an einem hohen Wimpelſtocke flattern. Cap ſtieß einen Schrei aus, als er dieſen unerfreulichen An⸗ blick gewahrte, und warf ſchnell ſeinem Schwager einen argwöh⸗ niſchen Blick zu. 4 „Da hängt das ſchmutzige Tiſchtuch in der Luft, ſo wahr ich Charles Cap heiße,“ brummte Cap,„und wir halten uns an dieſes ver— Ufer, als harrten dort unſere Weiber und Kinder auf die Rückkehr von einer Indienfahrt. Hört, Jasper! ſucht Ihr eine Ladung Fröſche, daß Ihr dieſem Neu⸗Frankreich ſo nahe ſegelt?“ „Ich halte mich ans Land, Herr, weil ich hoffe, ſo an dem feindlichen Schiffe unentdeckt vorbeizukommen, denn ich glaube, es muß dort unten irgendwo in unſerm Lee ſeyn.“ „Ja, ja, das klingt nicht übel, und ich hoffe, es wird auf das herauskommen, was Ihr ſagt. Es wird doch hier kein Unter⸗ ſchleppper ſeyn?“ „Wir ſind jetzt nicht am Luv⸗Ufer,“ ſagte Jasper lächelnd, „und ich denke, Ihr werdet zugeben, Meiſter Cap, daß ein ſtarker Unterſchlepper ein gutes Kabel iſt. Wir Alle haben dieſem Unter⸗ ſchlepper des Sees unſer Leben zu verdanken.“ „Franzöſiſches Gewäſche!“ brummte Cap, ohne daß er ſich darum kümmerte, ob er von Jasper gehört werde oder nicht. „Gebt mir einen guten ehrlichen Engliſch⸗Yankee⸗Amerikaniſchen Schlepper über Bord und über das Waſſer obendrein, wenn ich ja einen Schlepper haben muß, aber nichts von Eurer kriechenden Abtrift unter der Oberfläche, wo man weder etwas ſehen, noch fühlen kann. Ich darf ſagen, daß, wenn man die Sache im rechten Licht betrachten wollte, unſer geſtriges Entkommen nichts als ein Pfiff war.“ 374 „Wir haben jetzt wenigſtens eine gute Gelegenheit, den feind⸗ lichen Poſten am Niagara zu recognosciren, Bruder; denn für dieſen muß ich das Fort halten,“ warf der Sergeant ein.„Laßt uns beim Vorüberſegeln ganz Auge ſeyn, und nicht vergeſſen, daß wir faſt im Angeſicht des Feindes ſind.“ Dieſer Rath des Sergeanten bedurfte keiner weiteren Bekräf⸗ tigung, denn das Intereſſe und die Neuheit eines von menſchlichen Weſen bewohnten Platzes hatte für die Vorbeifahrenden einen hin⸗ länglichen Reiz, um ihre geſpannteſte Aufmerkſamkeit auf dieſes Schauſpiel einer weiten aber einſamen Natur zu lenken. Der Wind war jetzt ſtark genug, um den Scud mit beträchtlicher Schnelle durch das Waſſer zu drängen, und Jasper lüpfte das Steuer, als das Fahrzeug durch die Strömung des Fluſſes fuhr, und luvte faſt in der Mündung dieſer großartigen Waſſerſtraße, oder dieſes Stromes, wie man ihn ſonſt nennt, an. Ein fernes dumpfes, ſchweres Donnern kam zwiſchen den Geſtaden herab, und verbreitete ſich in den Strö⸗ mungen der Luft wie die tieferen Töne einer ungeheuren Orgel; hin und wieder ſchien ſelbſt die Erde zu erbeben. „Das tönt wie die Brandung einer langen ununterbrochenen Küſte,“ rief Cap, als ein ungewöhnlich tiefer Ton ſein Ohr erreichte. „Ja, das iſt ſo eine Brandung, wie wir ſie in dieſer Welt⸗ gegend haben,“ antwortete Pfadfinder.„Da iſt kein Unterſchlepper, Meiſter Cap, denn alles Waſſer, welches dort an die Felſen ſchlägt, geht nicht wieder zurück. Es iſt der alte Niagara, den ihr hört, oder dieſer edle Strom hier, der über ein Gebirg hinunter ſtürzt.“ „Es wird doch Niemand die Unverſchämtheit haben, behaupten zu wollen, daß dieſer ſchöne, breite Fluß über jene Hügel hinabſtürze?“ „Ja, das thut er, Meiſter Cap, das thut er, und aus keinem andern Grunde, als weil er keine Stiegen oder keinen Weg hat, um anders hinunter zu kommen. Das iſt eine Natur, wie wir ſie hier herum haben, obſchon ich nicht ſagen will, daß Ihr 375 uns mit Eurem Meere nicht die Spitze bieten könntet. Ach, Mabel! was für eine glückliche Stunde wäre es, wenn wir an dieſem Strome ſo zehn oder fünfzehn Meilen hinaufgehen und alle die Herrlichkeiten betrachten könnten, die Gott hier geſchaffen hat.“ „Ihr habt demnach dieſe berühmten Fälle geſehen, Pfadfinder?“ fragte Mabel lebhaft. „Ja, Mabel, ich habe ſie geſehen, und war zu gleicher Zeit der Zeuge eines entſetzlichen Schauſpiels. Der Serpent und ich lagen auf Kundſchaft in der Nähe der dortigen Garniſon, und er erzählte mir, daß die Ueberlieferungen ſeines Volkes von einem mächtigen Waſſerfall in der Nachbarſchaft berichteten, wobei er mich auffor⸗ derte, von der Marſchlinie ein wenig abzuweichen, um dieſes Welt⸗ wunder zu betrachten. Ich hatte wohl ſchon manches Wunderbare darüber von den Soldaten des ſechszigſten Regiments gehört— denn dieſes iſt mein eigentliches Corps, und nicht das fünfundfünf⸗ zigſte, zu welchem ich mich ſpäter ſo lange gehalten habe—: aber im ganzen Regiment waren ſo viele arge Aufſchneider, daß ich kaum die Hälfte, von dem, was ſie ſagten, glaubte. Nun— wir gingen und obgleich wir erwarteten, durch unſer Gehör geleitet zu werden, und etwas von dem Donner zu hören hofften, denn wir heute vernahmen, ſo wurden wir doch getäuſcht, denn die Natur ſprach damals nicht in den gewaltigen Tönen dieſes Morgens. So geht es in den Wäldern, Meiſter Cap; es gibt dort Augenlicke, woo Gott in ſeiner ganzen Macht einher zu gehen ſcheint, und dann iſt wieder Alles ſo ſtille, als ob ſich Sein Geiſt in Ruhe über der Erde gelagert hätte. Nun— wir kamen plötzlich an den Strom, nicht weit ober dem Falle, und ein junger Dalaware, der in unſerer Geſellſchaft war, fand einen Rindenkahn, welchen er in die Strö⸗ mung bringen wollte, um eine Inſel zu erreichen, die gerade im Mittelpunkt des Getümmels und der Verwirrung liegt. Wir ſuch⸗ ten ihm ſeine Thorheit auszureden und ſtellten ihm die Vermeſſenheit vor, die Vorſehung verſuchen und ſich in eine Gefahr ſtürzen zu 376 wollen, die zu gar keinem Ziele führte. Aber die jungen Leute unter den Delawaren ſind wie die unter den Soldaten— wage⸗ hälſig und großthueriſch. Er beharrte trotz unſerer Einſprache auf ſeinem Sinne, und ſo mußten wir den Burſchen gehen laſſen. Es ſcheint mir, Mabel, als ob alles wirklich Große und Gewaltige eine gewiſſe ruhige Majeſtät an ſich habe, welche nichts mit der ſchaumigen und aufſprudelnden Weiſe kleinerer Dinge gemein hat, und ſo war es auch mit den dortigen Stromſchnellen. Sobald ſie den Kahn erfaßt hatten, ging es abwärts, als ob er durch die Luft herabflöge, und keine Geſchicklichkeit des jungen Delawaren vermochte der Strömung zu widerſtehen. Er wehrte ſich noch männlich um ſein Leben und brauchte das Ruder bis zum letz⸗ ten Augenblick, wie der Hirſch, der im Schwimmen die Hunde von ſich wirft. Zuerſt ſchoß er ſo ſchnell quer durch die Strömung daß wir dachten, er werde den Sieg davontragen; aber er hatte ſich in der Entfernung verrechnet, und als ihm die ſchreckliche Wahrheit klar wurde, ſo kehrte er den Schnabel ſtromaufwärts, und kämpfte auf eine Weiſe, welche furchtbar anzuſehen war. Ich hätte Mitleid mit ihm haben müſſen, und wenn er ein Mingo ge⸗ weſen wäre. Einige Augenblicke waren ſeine Anſtrengungen ſo wüthend, daß er wirklich der Gewalt des Waſſers erfolgreich wider⸗ ſtand; aber die Natur hat ihre Gränzen, und ein unſicherer Ruderſchlag warf ihn zurück; er verlor dann Fuß um Fuß, Zoll um Zoll ſein Feld, bis er an die Stelle kam, wo der Strom grün und glatt ausſieht, und ſich wie in Millionen Waſſerfäden über einen ungeheuren Felſen beugt. Da flog er wie ein Pfeil hinab, und verſchwand, wobei der Bug des Kahns gerade noch ſo weit auftauchte, daß wir ſehen konnten, was aus ihm geworden war. Ich traf einige Jahre nachher einen Mohawk, der unten vom Bette des Stromes aus die ganze Scene mitangeſehen hatte, und er ſagte mir, daß der Delaware mit Rudern in der Luft fortgemacht habe, bis er ihm in dem Waſſerſtaube der Fälle aus dem Geſicht entſchwunden ſey.* 377 „Und was wurde aus dem armen Unglücklichen?“ fragte Mabel, welche an der kunſtloſen Beredſamkeit des Sprechers war⸗ men Antheil genommen hatte. „Er ging ohne Zweifel in die glücklichen Jagdgründe ſeines Volkes; denn obgleich er ſich hier als einen Wagehals und Groß⸗ thuer erwies, ſo war er doch auch gerecht und tapfer. Ja, er ſtarb in der Thorheit dahin, aber der Maniton der Rothhäute hat Mitleid mit ſeinen Geſchöpfen, ſo gut als der Gott der Chriſten.“ In dieſem Augenblick wurde eine Kanone von dem Blockhaus in der Nähe des Forts abgefeuert, und die Kugel, welche gerade keine von den ſchweren war, pfiff über den Maſt des Kutters hin— eine Mahnung, ſich nicht näher heran zu wagen. Jasper ſtand an dem Steuer und hielt zu gleicher Zeit lächelnd ab, als ob ihn die Rohheit dieſer Begrüßung wenig kümmere. Der Seud war nun in der Strömung, und eine Drehung nach außen brachte ihn bald genug ſo weit leewärts, daß von einer Wiederholung des Schuſſes keine Gefahr zu befürchten ſtand, worauf er dann ruhig ſeinen Curs längs des Ufers fortſetzte. Als der Strom offen vor ihren Augen lag, überzeugte ſich Jasper, daß der Mont⸗ calm ſich nicht in demſelben vor Anker befand, und ein Mann, der nach dem Top hinaufgeſchickt wurde, kam mit der Nachricht zurück, daß ſich am ganzen Horizont kein Segel blicken laſſe. Man hatte nun gute Hoffnung, daß Jaspers Kunſtgriff geglückt ſey und daß der franzöſiſche Befehlshaber ſie verfehlt habe, als er bei ſeinem Vorwärtsſteuern auf die Mitte des Sees abhielt. Den ganzen Tag hing der Wind gegen Süden hin, und der Kutter ſetzte ſeinen Curs, ungefähr eine Stunde vom Lande ab, in dem vollkommen glatten Waſſer fort, wobei er ſechs oder acht Knoten in der Stunde ſegelte. Obgleich die Scene ziemlich einförmig war, und nur aus einem ununterbrochenen Wälderſaume an dem Waſſer beſtand, ſo gewährte ſie doch einiges Intereſſe und Vergnügen. Man kam an vielen 378 Vorgebirgen vorbei, wobei der Kutter durch Buchten ſegelte, welche ſich ſo tief ins Land hineinſtreckten, daß man ſie füglich Golfe nennen konnte; aber nirgends traf das Auge die Spuren der Civiliſation. Hin und wieder gaben Flüſſe, deren Zug man meilen⸗ weit in das Land hinein nach den Umriſſen der Bäume verfolgen konnte, ihren Zoll an das große Becken des Sees ab, und ſelbſt die weiten Bayen, die von Wäldern umzogen waren und mit dem Ontario nur durch ſchmale Straßen in Verbindung ſtanden, kamen und verſchwanden, ohne nur eine Spur menſchlicher Anſiedelung zu zeigen. Unter Allen am Bord blickte Pfadfinder mit dem ungetheilteſten Vergnügen auf dieſes Schauſpiel. Seine Augen hafteten an der endloſen Linie von Wäldern, und ungeachtet er ſich in Mabels Nähe ſo wohl fühlte, indem er dem Klange ihrer lieblichen Stimme zu⸗ horchte und ihr heiteres Lachen in ſeiner Seele widertönen ließ, ſo ſehnte ſich ſein Herz doch mehr als einmal an dieſem Tage, unter jenen hohen Bogen der Ahornbäume, der Eichen und Linden zu wandern, wo er ſeinen frühern Gewohnheiten gemäß allein ein dauerndes und wahres Vergnügen hoffen konnte. Cap betrachtete dieſen Anblick mit andern Augen. Mehr als einmal drückte er ſein Unbehagen aus, daß man hier keine Leuchtthürme, Kirchthürme, Feuerwarten oder Rheden mit ihren Schiffen zu Geſicht bekomme. Er verſicherte, daß auf der ganzen Welt keine derartige Küſte mehr zu finden ſey, und betheuerte allen Ernſtes gegen den Sergeanten, welchen er beiſeits nahm, daß aus dieſer Gegend nie etwas werden könne, weil die Häfen vernachläſſigt ſeyen, die Flüſſe verlaſſen und nutzlos ausſehen, und ſelbſt der Wind einen Waldgeruch mit ſich 3 führe, welcher nicht zu Gunſten ſeiner Eigenſchaften ſpreche.„ Aber die Launen der verſchiedenen Paſſagiere hielten den 3 Seud nicht in ſeinem Laufe auf. Als die Sonne ſank, war er bereits hundert Meilen auf dem Wege nach dem Oswego, wo der Sergeant einzulaufen ſich für verpflichtet hielt, um etwaige weitere ͤ:ç—ͤ—ͤ-; G Mittheilungen von Seite Major Dunhams einzuholen. In Folge deſſen fuhr Jasper fort, ſich die ganze Nacht über am Ufer zu halten, und obgleich der Wind gegen Morgen nachzulaſſen begann, ſo hielt er doch noch ſo lange an, daß man den Kutter an einen Punkt bringen konnte, der, wie ſie wußten, nur ein Paar Stunden von dem Fort entfernt war. Hier blies der Wind leicht aus Norden, und der Seud wurde ein wenig vom Lande gehalten, um genug offene See zu gewinnen, wenn derſelbe ſtärker blaſen oder nach Oſten umſpringen ſollte. Mit der Morgendämmerung hatte der Kutter die Mündung des Oswego in der Entfernung von etwa zwei Meilen gut unter ſeinem Lee, und als eben vom Fort aus die Morgenſalve abgefeuert wurde, gab Jasper Befehl, die Schoten abzuſchacken und ſich dem Hafen zu nähern. In dieſem Augenblick lenkte ein Schrei von der Back aus Aller Augen auf einen Punkt an der Oſtſeite des Aus⸗ fluſſes, und dort, gerade außer der Schußweite des leichten Ge⸗ ſchützes auf den Werken, lag mit ſo weit eingezogenen Segeln, um ſich an der Stelle zu halten, der Montealm, augenſcheinlich ihre Ankunft erwartend. Es war unmöglich, daran vorbei zu kommen, denn mit ge⸗ füllten Segeln konnte das franzöſiſche Schiff den Scud in wenigen Minuten einholen, und die Umſtände forderten einen ſchnellen Ent⸗ ſchluß. Nach einer kurzen Berathung änderte der Sergeant wieder ſeinen Plan und beſchloß nun, ſo ſchnell als möglich gegen die Station ſteuern zu laſſen, nach welcher der Scud urſprünglich be⸗ ſtimmt war, wobei er hoffte, ſein ſchnelles Fahrzeug werde den Feind ſo weit im Rücken laſſen, daß derſelbe über ihre Bewegungen keinen Aufſchluß bekäme. Der Kutter wurde in Folge dieſes Entſchluſſes ohne Verzug windwäts gehalten, und alles, was zu Beſchleunigung ſeines Laufes dienen konnte, beigeſetzt. Auf dem Fort wurden Kanonen gelöst, Flag⸗ gen ausgeſteckt und die Wälle wimmelten wieder von Menſchen— Lundie konnte jedoch ſeiner Parthie ſtatt aller Unterſtützung nur ſeine Theilnahme bieten. Auch der Montealm feuerte höhnend vier bis fünf Kanonen ab, zog einige franzöſiſche Flaggen auf, und begann bald unter einer Wolke von Segeln ſeine Jagd. Einige Stunden drängten ſich die beiden Fahrzeuge ſo ſchnell als möglich durch das Waſſer und machten gegen den Wind kurze Streckungen, augenſcheinlich in der Abſicht, den Hafen unter dem Lee zu behalten, das eine, um wo möglich in denſelben einzulaufen, das andere, um den Feind bei dieſem Verſuch abzufangen. „Um Mittag befand ſich der Rumpf des franzöſiſchen Schiffes todt leewärts, denn die Ungleichheit des Segelns in dem Winde war ſehr groß; auch lagen einige Inſeln in der Nähe, hinter welchen, nach Jaspers Ausſage, der Kutter ſeine weiteren Bewe⸗ gungen wahrſcheinlich verbergen konnte. Obgleich Cap, der Ser⸗ geant und insbeſondere Lieutenant Muir, ihren Reden zufolge, noch einen ſtarken Verdacht gegen den jungen Mann fühlten, und Front⸗ tenac nicht ferne war, ſo wurde doch ſein Rath angenommen, denn die Zeit drängte und der Quartiermeiſter bemerkte kluger Weiſe, daß Jasper ſeinen Verrath nicht vollführen könne, ohne offen in den feindlichen Hafen einzulaufen, ein Schritt, welchem ſie jeder Zeit zuvorkommen könnten, zumalen der einzige bedeutende Kreuzer der Franzoſen im gegenwärtigen Augenblick unter ihrem Lee liege und nicht in der Lage ſey, ihnen einen unmittelbaren Nachtheil zuzufügen. Da nun Jasper ſich ſelbſt überlaſſen war, zeigte er bald, was er wirklich zu leiſten vermochte. Er ſegelte luvwärts um die Inſeln, ging an ihnen vorbei, und hielt, als er wieder herauskam, breit ab, ſo daß hinter ihrem Kielwaſſer und in ihrem Lee nichts die Ausſicht hinderte. Beim Niedergang der Sonne war der Kutter wieder vor der erſten der Inſeln, welche am Ausgangspunkte des Sees liegen, und ehe es dunkel wurde, ſegelte er durch die ſchmalen Ca⸗ näle, welche zu der langgeſuchten Station führten. Um neun Uhr — 381 verlangte jedoch Cap, daß man Anker werfe, denn die Irrgänge der Inſeln wurden ſo verwickelt und undeutlich, daß er bei jeder Oeffnung fürchtete, die Geſellſchaft möchte, ehe ſie ſichs verſehe, unter den Kanonen eines franzöſiſchen Fort liegen. Jasper gab gerne ſeine Einwilligung, da es theilweiſe zu ſeiner Dienſtvorſchrift gehörte, der Station ſich nur unter Umſtänden zu nähern, welche verhinderten, daß die Mannſchaft eine genaue Kenntniß von der Lage derſelben erhielt, damit nicht etwa ein Deſerteur die kleine Garniſon dem Feinde verrathen möͤchte. Der Seud wurde in eine kleine, etwas abgelegene Bay gebracht, wo er ſelbſt am Tage nur ſchwer aufzufinden geweſen wäre und alſo die Nacht über vollſtändig geſichert war, obſchon alles, mit Ausnahme einer einzelnen Schildwache auf dem Verdeck ſich zur Ruhe begab. Cap war durch die Anſtrengung der letzten achtund⸗ vierzig Stunden ſo abgemattet, daß er in einen langen und tiefen Schlaf fiel, und erſt mit dem Grauen des Tages wieder erwachte. Er hatte jedoch ſeine Augen kaum geöffnet, als ihm ſein ſeemän⸗ niſcher Inſtinkt zu erkennen gab, daß das Fahrzeug ſich wieder durch die Inſeln wand, ohne daß jemand anders, als Jasper und der Pilot auf dem Verdecke war, die Schildwache ausgenommen, welche nicht das Mindeſte gegen dieſe Bewegungen einzuwenden hatte, da ſie allen Grund zu haben glaubte, ſie für eben ſo regelmäßig als nothwendig zu halten. „Was ſoll das, Meiſter Weſtern?“ fragte Cap mit Heftigkeit. „Wollt Ihr uns endlich nach Frontenae hinüberbringen, während wir alle unten ſchlafen, wie andere Seeleute, welche auf den Ruf der Schildwache warten?“ „Mein Befehl lautet ſo, Meiſter Cap. Major Duncan hat befohlen, ich ſolle mich der Station nie anders nähern, als wenn die Mannſchaft im untern Raume iſt, denn er wünſcht nicht, daß es mehr Lootſen in dieſem Waſſer gebe, als der König braucht.“ 382 „Hu— hu— ein ſauberes Geſchäft, wenn ich da unter dieſen Büſchen und Felſen mit nur einem Mann auf dem Verdeck hätte hinunter fahren ſollen. Der beſte Yorker Matroſe wüßte nichts aus einem ſolchen Kanale zu machen.“ „Ich habe immer gedacht, Herr,“ ſagte Jasper lächelnd,„Ihr hättet beſſer gethan, den Kutter ſo lange meinen Händen zu über⸗ laſſen, bis er glücklich an den Ort ſeiner Beſtimmung gelangt wäre.“ „Wir würden es gethan haben, Jasper; wir würden es gethan haben, wenn nicht ein Indiz eingetreten wäre. Solche Indizien oder Umſtände ſind gar ernſthafter Natur, und kein vernünftiger Mann wird darüber wegſehen.“ „Nun, Herr! ich hoffe, es hat jetzt ein Ende damit. Wir haben nicht ganz mehr eine Stunde zu fahren, wenn der Wind ſo fortmacht, und dann werdet Ihr gegen alle nur erdenklichen Umſtände geſichert ſeyn.“ „Hum!“ Cap mußte ſich beruhigen, und da alles um ihn her das An⸗ ſehen hatte, als ob es Jasper ehrlich meine, ſo gab er ſich um ſo leichter darein. Es wäre auch in der That für den empfindlichſten Indizien⸗Witterer ſchwer geweſen, ſich einzubilden, daß der Scud in der Nachbarſchaft eines ſo lange beſtehenden und an der Gränze ſo wohl bekannten Hafens, wie Frontenac war, ſich befinde. Die Inſeln waren wohl nicht gerade buchſtäblich Tauſend an der Zahl, aber immerhin doch ſo viele und unbedeutende, unter denen freilich hin und wieder eine von großerem Umfang ſich befand, daß man nicht an ein Zählen derſelben denken durfte. Jasper hatte die Straße, welche man den Hauptkanal nennen konnte, verlaſſen, und wand ſich unter einem guten, ſteifen Winde und günſtiger Strömung durch die Päſſe, welche bisweilen ſo enge wurden, daß der Raum kaum hinreichte, um die Spieren des Secud klar vor den Baͤumen vorbeizubringen, während er ein andermal durch kleine Bayen ſchoß, und ſich dann wieder zwiſchen Felſen, Wäldern und Büſchen +— NA verlor. Das Waſſer war ſo durchſichtig, daß man keines Senkbleis bedurfte, und da es ſo ziemlich eine gleiche Tiefe hatte, ſo konnte man ohne beſondere Gefahr durchkommen, obgleich der an das Meer gewöhnte Cap wegen des Anſtoßens beſtändig in Fieberangſt lag. „Ich geb' es auf, ich geb' es auf, Pfadfinder!“ rief der alte Seemann endlich aus, als das kleine Fahrzeug aus dem zwanzigſten dieſer ſchmalen Durchläſſe, durch welche es mit ſo viel Kühnheit geführt worden war, glücklich auftauchte.„Das heißt der Natur der Seemannskunſt Trotz bieten, und alle ihre Geſetze und Regeln zum T— l ſchicken!“ „Nein, nein, Salzwaſſer! Das iſt die Vollendung der Kunſt. Ihr ſeht, daß Jasper nie ſtrauchelt, ſondern wie ein Huud mit guter Naſe, den Kopf aufrecht, dahinſchießt, als ob er alles durch den Geruch erkenne. Ich ſetze mein Leben zum Pfand, daß uns der Junge zuletzt an den rechten Ort bringt, wie er es auch ſchon von Anfang an gethan haben würde, wenn man ihn hätte machen laſſen.“ „Kein Lootſe, kein Senkblei, keine Backen, keine Bojen, keine Leuchtthürme, keine—“ „Fährte,“ unterbrach ihn Pfadfinder;„denn das iſt für mich das Wunderbarſte bei der ganzen Sache. Waſſer hinterläßt keine Fährte, wie Jedermann weiß; und doch geht Jasper hier ſo kühn vorwärts, als hätte er die Abdrücke der Mocaſſins auf den Blättern ſo deutlich vor Augen, als wir die Sonne am Himmel ſehen können.“ „Gott v— mich, wenn ich glaube, daß überhaupt nur ein Compaß da iſt.“ „Legt bei, um den Klüver nieder zu halen,“ rief Jasper, der zu den Bemerkungen ſeines Kunſtverwandten nur lächelte.„Halt nieder— das Steuer an Backbord— hart Backbord— ſo— recht ſo— gemach da mit dem Steuer— leicht berührt— nun ſchnell ans Land, Junge— nein, aufwärts; da ſind einige von unſern Leuten, die es aufnehmen können.“ 384 Alles dieß ging mit einer Geſchwindigkeit vor ſich, daß die Zuſchauer kaum Zeit hatten, die verſchiedenen Schwenkungen zu bemerken, bis der Scud in den Wind geworfen war, und das große Segel killte; dann ſiel er unter Beihülfe des Ruders ein wenig ab, und legte ſich der Länge nach an eine natürliche Felſenkaje, wo er alsbald durch gute, ans Ufer laufende Taue befeſtigt wurde. Mit einem Wort, die Station war erreicht, und die Soldaten des Fünf⸗ undfünfzigſten wurden von den auf ſie harrenden Kameraden mit der Freude begrüßt, welche eine Ablöſung gewöhnlich mit ſich bringt. Mabel ſprang mit, einem Entzücken, welchem ſie unbekümmert Lauf ließ, ans Ufer, und ihr Vater hieß ſeine Leute mit einer Freudigkeit folgen, welche zeigte, wie müde er des Kutters gewor⸗ den war. Die Station, denn ſo wurde dieſer Ort gewöhnlich von den Soldaten des fünfundfünfzigſten Regiments genannt, war auch in der That geeignet, bei Leuten, welche ſo lange in einem Fahr⸗ zeug von dem Umfang des Seud eingeſperrt geweſen waren, freudige Hoffnungen zu erregen. Keine der Inſeln war hoch, ob⸗ gleich alle weit genug aus dem Waſſer hervorragten, um vollkom⸗ men geſund und ſicher zu ſeyn. Jede hatte mehr oder weniger Bäume, die größere Zahl war aber in jenen Zeiten noch mit Ur⸗ wald bedeckt. Die von den Truppen für ihren Zweck ausgewählte war klein,(ſie umfaßte ungefähr zwanzig Morgen Landes) und durch irgend einen Zufall der Wildniß vielleicht ſchon Jahrhunderte vor dem Zeitraum unſerer Erzählung theilweiſe ihrer Bäume be⸗ raubt worden, ſo daß beinahe die Hälfte derſelben aus Grasgrund beſtand. Nach der Vermuthung des Offtziers, welcher dieſe Stelle für einen militäriſchen Poſten ausgeſucht, hatte eine ſprudelnde Quelle in der Nähe frühe die Aufmerkſamkeit der Indianer auf ſich ge⸗ zogen, welche bei Gelegenheit ihrer Jagden und des Salmenfanges die Inſel häufig beſuchten, ein Umſtand, durch den der Nachwuchs niedergehalten und den Gräſern Zeit gelaſſen wurde, ſich einzuwur⸗ zeln und die Herrſchaft über den Boden zu gewinnen. Mochte 385 die übrigens die Urſache ſeyn, welche ſie wollte, die Wirkung war, daß zu dieſe Inſel ein weit ſchöneres Ausſehen als die meiſten benachbarten ße hatte, und gewiſſermaſſen ein Gepräge von Civiliſation trug, welches b, man damals in dieſen ausgedehnten Gegenden ſo ſehr vermißte. 8 Die Ufer der Station⸗Inſel waren ganz von Gebüſch umfaßt, lit und man hatte Sorge getragen, es zu erhalten, da es dem Zwecke i⸗ eines Schirms entſprach, der die Perſonen und Gegenſtände im 4 Innern verbarg. Durch dieſen Schutz ſowohl, als auch durch meh⸗ : rere Baumdickichte und verſchiedenes Unterholz begünſtigt, hatte man rt ſechs oder acht niedrige Hütten errichtet, die dem Offtzier und ſeiner 5 Mannſchaft zu Wohnungen dienten und zu Aufbewahrung der 4 Küchen⸗, Spital⸗ und andern Vorräthe benützt wurden. Dieſe 5 Hütten waren, wie gewöhnlich, aus Baumſtämmen gebaut und mit ch Rinde bedeckt, wozu das Material von abgelegeneren Orten beige⸗ 1⸗ führt worden war, damit die Spuren menſchlicher Arbeit nicht die n, Aufmerkſamkeit auf ſich ziehen möchten; und da ſie nur einige b⸗ Monate bewohnt geweſen; ſo waren ſie ſo behaglich, als derartige ⸗ Wohnungen nur immer ſeyn konnten. er Am öſtlichen Ende der Inſel befand ſich eine dichtbewaldete 1⸗ Halbinſel, mit ſo verwachſenem Unterholz, daß man, ſo lange die te Blätter an den Zweigen waren, nicht durchzuſehen vermochte. In d der Nähe des ſchmalen Streifens, der dieſes Gehölze mit der übrigen te Inſel verband, lag ein kleines Blockhaus, welches einigermaßen in wehr⸗ 5 haften Stand verſetzt worden war. Die Stämme waren ſchußfeſt, d vierkantig und mit einer Sorgfalt zuſammengefügt, daß kein Punkt e unbeſchützt blieb. Die Fenſter hatten die Geſtalt von Schießſcharten; le die Thüre war klein und ſchwer, und das Dach wie der übrige ⸗ Theil des Gebäudes aus behauenem Stammholz, welches man, um 8 den Regen abzuhalten, mit Rinde bedeckt hatte. Der untere Raum 8 enthielt, wie gewöhnlich, die Vorräthe und Lebensmittel, von welchen ⸗ die Mannſchaft den Abgang ihres Bedarſs erſetzte; der zweite Stock e diente ſowohl zu einer Wohnung als zu einer Citadelle, und das Der Pfadfinder. 3. Aufl. 25 ————— — —õÿõÿÿ 386 niedrige oberſte Gelaß war in zwei oder drei Dachkämmerchen ab⸗ getheilt, in denen für zehn oder fünfzehn Perſonen Lager aufge⸗ ſchlagen werden konnten. Alle dieſe Einrichtungen waren außeror⸗ dentlich einfach und wohlfeil; aber ſie reichten hin, die Soldaten gegen die Wirkungen eines unerwarteten Ueberfalls zu ſchützen. Da das ganze Gebäude noch lange nicht die Höhe von vierzig Fuß hatte, ſo war es bis zum Giebel durch die Wipfel der Bäume bedeckt und konnte nur von denen, welche ſich im Innern der Inſel befanden, geſehen werden; ebenſo bot ſich in dieſer Richtung von den obern Schießſcharten eine freie Ausſicht dar, obgleich auch hier mehr oder weniger Gebüſch vorhanden war, welches die untern Theile des hölzernen Thurmes verbarg. Da man bei Errichtung dieſes Blockhauſes nur die Verthei⸗ digung im Auge gehabt hatte, ſo war dafür geſorgt worden, daß es nahe genug bei einer Aushöhlung des Tuffgeſteins erbaut wurde, welches die obere feſte Schichte der Inſel ausmachte, damit man ſich aus dieſer Ciſterne für den Fall einer Belagerung das weſent⸗ lichſte Bedürfniß— das Waſſer— durch Herablaſſen von Schöpf⸗ eimern verſchaffen konnte. Um dieſes Geſchäft zu erleichtern und die Baſis des Gebäudes von oben beſtreichen zu können, ſprangen, wie es bei Blockhäuſern gewöhnlich iſt, die obern Stockwerke um mehrere Fuß über die untern vor, wobei in die hervorragenden Balkenlagen Oeffnungen gehauen waren, welche die Dienſte von Schießlochern und Fallthüren verrichten konnten, gewöhnlich aber mit Holzſtücken bedeckt wurden. Die Verbindung zwiſchen den ver⸗ ſchiedenen Stockwerken wurde durch Leitern vermittelt. Wenn wir noch hinzufügen, daß ſolche Blockhäuſer in den Garniſonen und Anſiedelungen für den Fall eines Angriffs als Citadellen, in welche man ſich zurückziehen konnte, dienten, ſo wird der Leſer ſich eine hinreichend genaue Vorſtellung von den Anordnungen machen können, welche wir ihm hier vorzuführen beabſichtigten. Den größten Vortheil für eine militäriſche Beſatzung gewährte jedoch die Lage der Inſel. Es war nicht leicht, ſie mitten aus zwanzig anderen herauszufinden, zumal da Fahrzeuge ganz nahe vorbeikommen konnten, ohne daß man dieſelbe nach den Blicken, welche die offenen Stellen zuließen, für etwas mehr, als für ein Stück von einer andern gehalten hätte. In der That waren auch die Kanäle zwiſchen den benachbarten Inſeln ſo ſchmal, daß es, ſelbſt wenn man zur genauen Ermittelung der Wahrheit einen Standort im Mittelpunkt derſelben gewählt hätte, ſchwer geweſen wäre, zu ſagen, welche Theile des Landes verbunden, und welche getrennt ſeyen. Beſonders war die kleine Bucht, deren ſich Jasper als eines Hafens bediente, ſo von Gebüſch überwölbt und von Inſeln eingeſchloſſen, daß ſelbſt das Schiffsvolk des Kutters, als einmal ge⸗ legentlich ſeine Segel niedergelaſſen waren, nach der Rückkehr von einem kurzen Fiſcherzuge den Seud in den benachbarten Kanälen vier Stunden lang ſuchen mußte. Kurz, der Ort war wunderbar geeignet für ſeine gegenwärtigen Zwecke, wobei noch die natürlichen Vortheile, welche er bot, mit ſo viel Scharfſinn verbeſſert worden waren, als Sparſamkeit und die beſchränkten Mittel eines Gränzpoſtens nur immer geſtatten mochten. Die Stunde, welche der Ankunft des Scud folgte, war voll haſtiger Aufregung. Die Mannſchaft, welche bisher im Beſitz des Poſtens war, hatte nichts Bemerkenswerthes ausgerichtet und ſehnte ſich, ihrer Abgeſchloſſenheit müde, nach Oswego zurück. Der Sergeant und der abzulöſende Offizier waren kaum mit den unbedeutenden Förmlichkeiten der Uebergabe zu Ende, als letzterer mit ſeiner ganzen Mannſchaft an den Bord des Scud eilte, worauf Jasper, der wohl gerne einen Tag auf dieſer Inſel zugebracht hätte, die Weiſung erhielt, unter Segel zu gehen, da der Wind eine raſche Fahrt ſtromaufwärts und über den See in Ausſicht ſtellte. Vor der Abreiſe hielten jedoch Lieutenant Muir, Cap und der Ser⸗ geant mit dem abgelösten Fähndrich eine geheime Beſprechung, in welcher dem letzteren der Verdacht mitgetheilt wurde, welcher ſich ich möchte Ihnen 388 gegen die Treue des jungen Schiffers erhoben hatte. Der Offtzier verſprach gehörige Vorſicht, ſchiffte ſich ein, und in weniger als drei Stunden nach ſeiner Ankunſt war der Kutter wieder in Bewegung. Mabel hatte von einer der Hütten Beſitz genommen, und traf mit weiblicher Gewandtheit und Fertigkeit nicht nur für ihre eigene, ſondern auch für ihres Vaters Bequemlichkeit die Anordnungen, welche die Umſtände geſtatteten. Zur Erleichterung der Mühe wurde in einer benachbarten Hütte eigens ein Speiſetiſch für die ganze Mannſchaft errichtet, welchen die Soldatenfrau beſchickte. Die Wohnung des Sergeanten, die beſte auf der ganzen Inſel, blieb alſo von den gewöhnlichen Obliegenheiten der Haushaltung befreit, und Mabel konnte daher ſo ſehr ihrem eigenen Geſchmack die Zügel laſſen, daß ſie das erſtemal ſeit ihrer Ankunſt an der Gränze mit einem gewiſſen Stolze auf ihre häusliche Einrichtung blickte. Sobald ſie ſich dieſer wichtigen Pflichten entledigt hatte, ſtreifte ſie auf der Inſel umher, und ſchlug einen Pfad ein, der durch einen ſchönen Baumgang zu der einzigen Stelle führte, welche nicht mit Gebüſch bedeckt war. Hier ſtand ſie, den Blick auf das durchſichtige Waſſer gerichtet, welches mit einer faſt unbewegten Fläche zu ihren Füßen lag, und ſann über die Neuheit der Lage nach, in welche ſie verſetzt war. Eine freudige und tiefe Erregung überflog ihre Seele, als ſie ſich der Scenen erinnerte, die ſie erſt jüngſt durchlebt hatte, und ſich in Vermuthungen über jene erging, welche noch im Schooße der Zukunft ſchlummerten. „Sie ſind ein ſchönes Geräthe an einer ſchönen Stelle, Miſtreß Mabel,“ ſagte David Muir, der plötzlich an ihrer Seite erſchien, „und ich moͤchte nicht darauf wetten, daß Sie nicht das Anmuthigſte von beiden ſind.“ „Ich will nicht ſagen, Herr Muir, daß Complimente, welche mir gelten, ſo ganz unwillkommen ſeyen, denn man würde mir vielleicht doch keinen Glauben ſchenken,“ antwortete Mabel;„aber bemerklich machen, daß, wenn Sie ſich herablaſſen wollten, mir anderartige Bemerkungen mitzutheilen, dieß mich zu dem Glauben veranlaſſen würde, Sie trauten mir hinlängliche ng. Fähigkeiten zu, ſolche zu verſtehen.“ raf„Ach Ihr Geiſt, ſchöne Mabel, iſt ſo blank, wie der Lauf einer ene, Soldaten⸗Muskete, und Ihre Unterhaltung iſt nur zu klug und len, weiſe für einen armen Teufel, der ſeit vier Jahren hier oben an rde den Gränzen Birkenzweige kaut, ſtatt derſelben in einer Anwendung nze theilhaftig zu werden, welche die Eigenſchaften hat, das Wiſſen zu dis befördern. Aber ich denke, es thut Ihnen nicht leid, meine Dame, ie daß Sie Ihren ſchönen Fuß wieder einmal auf feſten Boden ſetzen eit, können?“ die„Es ſcheint mir ſo, ſeit zwei Stunden, Herr Muir; aber der nze Seud ſieht, wie er da durch dieſe Oeffnungen der Bäume ſegelt, kte. ſo hübſch aus, daß ich beinahe bedauern möchte, nicht mehr zu ſie ſeinen Paſſagieren zu gehören.“ ten Mabel hörte auf zu ſprechen und ſchwenkte ihr Taſchentuch, nit um den Gruß Jaspers zu erwiedern, welcher mit unverwandten ge Augen nach ihr zurückblickte, bis die weißen Segel des Kutters um 4 en eine Spitze bogen, in deren grünem Blätterſaume ſie ſich beinahe he ganz verloren. re„Da gehen ſie hin, und ich will nicht ſagen, Freude möge ſie bt geleiten; aber möchten ſie doch glücklich wieder zurückkommen, denn 1 im ohne ſie wären wir in Gefahr den Winter auf dieſer Inſel zu⸗ bringen zu müſſen, wenn uns ſtatt deſſen nicht ein Aufenthalt in eß dem Schloß zu Quebec blüht. Jener Jasper Eau⸗douce iſt eine n, Art Landſtreicher, und es gehen in der Garniſon Gerüchte über te ihn, die ich nicht ohne Herzeleid hören kann. Ihr würdiger Vater und Ihr faſt eben ſo würdiger Onkel, haben nicht die beſte Mei⸗ je nung von ihm.“ ir„Es thut mir leid, ſo etwas zu hören, Herr Muir; doch zweifle er ich nicht, daß die Zeit alles Mißtrauen beſeitigen wird.“ „Wenn die Zeit nur das meinige beſeitigen würde,“ erwiederte g 390 der Quartiermeiſter mit einſchmeichelndem Tone,„ſo wollte ich keinen General beneiden. Ich glaube, wenn ich in der Lage wäre, mich vom Dienſt zurückziehen zu können, ſo würde der Sergeant in meine Schuhe treten.“ „Wenn mein Vater würdig iſt, in Ihre Schuhe zu treten, Herr Muir, erwiederte das Mädchen mit boshaftem Muthwillen, „ſo bin ich überzeugt, daß die Befähigungen gegenſeitig, und Sie in jeder Hinſicht würdig ſind, in die ſeinigen zu treten.“ „Der Teufel ſteckt in dem Mädchen!— Sie wollen mich doch nicht zu dem Rang eines Unterofftziers zurückſetzen, Mabel?“ „Gewiß nicht, Herr! denn ich habe gar nicht an die Armee gedacht, als Sie von Ihrem Rückzug ſprachen. Meine Gedanken waren ſelbſtſüchtiger und es ſchwebte mir gerade vor, wie ſehr Sie mich durch Ihre Erfahrung und Ihre Weisheit an meinen lieben Vater erinnern, und wie ſehr Sie geeignet wären, ſeinen Platz in einer Familie einzunehmen.“ „Als ein Bräutigam in derſelben, ſchöne Mabel, aber nicht als Vater oder natürliches Haupt. Ich ſehe, wie es mit Ihnen ſteht, und liebe Ihre ſchnellen und witzſprühenden Erwiederungen. Ich liebe den Geiſt bei jungen Frauenzimmern, wenn es nur nicht der Geiſt des Zankes iſt.— Dieſer Pfadfinder iſt ein außerordent⸗ licher Mann, Mabel, wenn man die Wahrheit von ihm ſagen will.“ „Man muß die Wahrheit oder gar nichts von ihm ſagen. Pfadfinder iſt mein Freund— ein mir ſehr werther Freund, Herr Muir, und man darf ihm in meiner Gegenwart nie etwas Uebles nachreden, ohne daß ich Einſprache dagegen thun werde.“ „Ich verſichere Sie, Mabel, daß ich ihm nichts Uebles nach⸗ reden will; aber zu gleicher Zeit muß ich doch bezweifeln, ob ſich viel Gutes zu ſeinen Gunſten ſagen läßt.“ „Er weiß wenigſtens mit der Büchſe gut umzugehen,“ erwie⸗ derte Mabel lächelnd;„das werden Sie ihm doch nicht in Abrede ziehen können?“ „Was ſeine Thaten in dieſer Beziehung anbelangt, ſo mögen Sie ihn ſo hoch ſtellen, als Ihnen beliebt; aber er iſt ſo ungebildet als ein Mohawk.“ „Er verſteht vielleicht nichts von dem Lateiniſchen; aber die Sprache der Irokeſen kennt er beſſer, als die meiſten Weißen, und dieſe iſt jedenfalls in unſerm Erdwinkel die nützlichere von beiden.“ „Wenn Lundie ſelbſt mich aufforderte, ihm zu ſagen, ob ich Ihre Perſon oder ihren Witz mehr bewundere, meine ſchöne, ſpöt⸗ tiſche Mabel, ſo wüßte ich nicht, was ich antworten ſollte. Meine Bewunderung iſt ſo ſehr zwiſchen beiden getheilt, daß ich bald der einen, bald dem andern die Palme zuerkennen muß. Ach, die ver⸗ ſtorbene Miſtreß Muir war auch ein ſolches Muſterbild.“ „Sie ſprechen von der zuletzt verſtorbenen Miſtreß Muir, Herr?“ fragte Mabel mit einem unſchuldigen Blick auf ihren Gefährten. „Ach, das iſt eine von Pfadfinders Läſterungen. Gewiß hat der Burſche es verſucht, Sie zu überreden, daß ich ſchon mehr als einmal verheirathet geweſen ſey?“ „In dieſem Falle wäre ſeine Mühe vergebens geweſen, Herr; denn Jedermann weiß, daß Sie das Unglück hatten, ſchon vier Frauen zu verlieren.“ „Nur drei, ſo wahr mein Name David Muir iſt. Die vierte iſt reiner Scandal, oder vielmehr noch in petto, wie man in Rom ſagt, ſchöne Mabel; und das bedeutet in Liebesangelegenheiten ſo viel, als im Herzen.“ „Nun, ich bin froh, daß ich nicht dieſe vierte Perſon in petto oder in etwas anderem bin, denn es wäre mir nicht angenehm, ein Scandal zu ſeyn.“ „Haben Sie deßhalb keine Furcht, meine bezaubernde Mabel, denn wenn ſie die vierte ſind, werden alle andern vergeſſen ſeyn, und Ihre wundervollen Reize und Verdienſte würden Sie auf ein⸗ mal zur erſten erheben. Sie dürfen nicht fürchten, in irgend etwas die vierte zu ſeyn.“ 392 „Es liegt ein Troſt in dieſer Verſicherung, Herr Muir,“ ſagte Mabel lachend,„was es auch ſonſt mit den andern Verſicherungen für eine Bewandtniß haben mag; denn ich geſtehe, daß ich lieber eine Schönheit des vierten Ranges, als die vierte Frau eines Mannes ſeyn möchte.“ Mit dieſen Worten entfernte ſie ſich, und überließ es dem OQuartiermeiſter, über ſeinen Erfolg nachzudenken. Mabel war zu einer ſo freimüthigen Benützung ihrer weiblichen Vertheidigungsmittel veranlaßt worden— einmal, weil ihr Verehrer in der letzten Zeit ſich auf eine Weiſe benommen hatte, daß ſie die Nothwendigkeit einer runden und ernſtlichen Abfertigung fühlte, und dann durch ſeine Sticheleien gegen Jasper und den Pfadfinder. Obgleich raſchen Geiſtes, war ſie von Natur nicht vorlaut, und nur bei der gegenwärtigen Gelegenheit hielt ſie ſich durch die Umſtände zu einer mehr als gewöhnlichen Entſchiedenheit aufgefordert. Als ſie daher ihren Geſellſchafter verlaſſen hatte, hoffte ſie endlich der Aufmerkſamkeiten enthoben zu ſeyn, welche ihr eben ſo übel ange⸗ bracht ſchienen, als ſie ihr unangenehm waren. David Muir aber dachte anders. An Körbe gewöhnt und in der Tugend der Beharrlichkeit geübt, ſah er keinen Grund, zu ver⸗ zweifeln, obgleich die halbdrohende, halbzufriedene Weiſe, mit wel⸗ cher er bei dem Rückzuge des Mädchens mit dem Kopfe nickte, ſo unheilvolle als entſchiedene Entwürfe verrathen mochte. Während er ſo mit ſich ſelbſt zu Rathe ging, näherte ſich der Pfadfinder und kam unbemerkt bis auf einige Fuß auf ihn zu. „'s wird nicht gelingen, Quartiermeiſter;'s wird nicht ge⸗ lingen;“ begann letzterer mit ſeinem tonloſen Lachen;„ſie iſt jung und lebhaft, und nur ein raſcher Fuß kann ſie einholen. Man ſagt mir, Sie ſeyen ihr Anbeter, obgleich Sie ihr nicht nachgehen.“ „Und ich höre daſſelbe von Euch, Mann, obgleich die An⸗ maßung ſo ſtark wäre, daß ich ſie kaum für wahr halten kann.“ „Ich fürchte, Sie haben Recht; ja, ja,— ich fürchte, Sie haben Recht: wenn ich überlege, was ich bin, wie wenig ich weiß und wie roh mein Leben geweſen iſt, ſo habe ich ein geringes Vertrauen auf meine Anſprüche, nur einen Augenblick an ein ſo gut erzogenes, heiteres, frohſinniges und zartes Mädchen denken zu dürfen.“ „Ihr vergeßt das ‚ſchön“;“ unterbrach ihn Muir auf eine etwas rohe Weiſe. „Ja, ſchön iſt ſie auch, fürchte ich,“ erwiederte der beſcheidene und anſpruchloſe Wegweiſer.„Ich hätte die Schönheit bei ihren übrigen Eigenſchaften mit berühren ſollen; denn das junge Reh, das eben erſt hüpfen lernt, hat in den Augen eines Jägers nicht mehr Anmuth, als Mabel in den meinigen. Ich fürchte in der That, daß alle Gedanken an ſie, welche ich in mir beherberge, eitel und anmaßend ſind.“ „Wenn Ihr vielleicht aus natürlicher Beſcheidenheit das von Euch ſelbſt glaubt, mein Freund, ſo halte ich es für meine Pflicht, um unſerer alten Kameradſchaft willen Euch zu ſagen—“ „Quartiermeiſter,“ unterbrach ihn der Andere mit einem durch⸗ dringenden Blicke,„Sie und ich haben lange mit einander hinter den Wällen des Forts gelebt, aber ſehr wenig draußen in den Wäldern, oder im Angeſichte des Feindes.“ „Garniſon oder Zelt— beides gilt, wie Ihr wißt, Pfadfinder, für einen Theil des Feldzuges. Zudem fordert mein Beruf, daß ich mich mehr in der Nähe der Magazine aufhalte, obſchon dieß ganz gegen meine Neigung iſt, wie Ihr wohl denken könnt, da Ihr ſelber die Glut des Kampfes in Euern Adern fühlt. Aber wenn Ihr gehöort hättet, was Mabel eben von Euch ſagte, ſo würdet Ihr keinen Augenblick mehr daran denken, Euch dieſer über alle Verglei⸗ chung frechen und widerſpenſtigen Dirne angenehm machen zu wollen.“ Pfadfinder blickte den Lieutenant mit Ernſt an, denn es war unmöglich, daß er nicht ein Intereſſe an Mabels Aeußerungen hätte fühlen ſollen; aber er hatte zu viel angeborne Zartheit und wahren 394 Edelmuth, um zu fragen, was Andere von ihm ſagten. Muir war jedoch durch dieſe Selbſtverläugnung und Selbſtachtung nicht zu überwältigen, denn da er es mit einem Mann von großer Wahr⸗ heitsliebe und Einfalt zu thun zu haben glaubte, ſo beſchloß er, auf ſeine Leichtgläubigkeit einzuwirken, und auf dieſe Weiſe ſich von ſeinem Nebenbuhler zu befreien. Er verfolgte daher den Gegen⸗ ſtand, ſobald er bemerkte, daß die Selbſtverläugnung ſeines Ge⸗ fährten ſtärker ſey als ſeine Neugierde. „Ihr müßt ihre Anſicht erfahren, Pfadfinder,“ fuhr er fort, „und ich glaube, Jedermann ſollte hören, was ſeine Freunde und Bekannte von ihm ſagen. Ich will es Euch daher, um Euch meine Achtung gegen Euren Charakter und Eure Gefühle zu beweiſen, in ſo kurzen Worten, als möglich mittheilen. Ihr wißt, daß Mabel mit ihren Augen ein ſchlimmes und boshaftes Spiel treibt, wenn ſie im Sinne hat, den Gefühlen eines Mannes zuzuſetzen.“ „Mir ſchienen ihre Augen immer gewinnend und ſanft, Lieu⸗ tenant Muir, obgleich ich zugeben will, daß ſie bisweilen lachen. Ja, ich habe ſie lachen ſehen, und zwar recht herzlich und mit auf⸗ richtigem Wohlwollen.“ „Wohl, das war es aber gerade. Ihre Augen lachten, ſo zu ſagen aus aller Macht, und mitten in ihrem Muthwillen brach ſie in einen Ausruf aus— ich hoffe, es wird doch Eure Empfindlich⸗ keit nicht verletzen, Pfadfinder?“ „Ich will das nicht ſagen, Quartiermeiſter; ich kann das nicht verſprechen. Es liegt mir an Mabels Meinung von mir mehr, als an der der meiſten Andern.“ „Dann werde ich Euch nichts ſagen, ſonderm die Sache bei mir behalten. Und warum ſollte auch Jemand einem andern er⸗ zählen, was ſeine Freunde über ihn ſagen, zumal wenn etwas zu ſagen iſt, was ihm nicht angenehm ſeyn, möchte, zu hören. Ich werde dem, was ich bereits mittheilte, kein Wort mehr zufügen.“ „Ich kann Sie nicht zum Reden zwingen, wenn Sie es nicht gerne thun wollen, Quartiermeiſter, und vielleicht iſt es beſſer für mich, Mabels Aeußerungen nicht zu kennen, da Sie zu glauben ſcheinen, daß ſie nicht zu meinen Gunſten ſeyen. Ach! wenn wir ſeyn könnten, was wir gerne möchten, ſtatt daß wir nur ſind, was wir ſind, ſo würde wohl ein großer Unterſchied in unſern Charak⸗ teren, unſerm Wiſſen und in unſerm äußern Erſcheinen ſtattfinden. Wir können immer roh, plump, unwiſſend und doch glücklich ſeyn, wenn wir es nur nicht wiſſen; aber es iſt hart, unſre Gebrechen im ſtärkſten Lichte ſehen zu müſſen, wenn wir gerade am wenigſten von ihnen hören möchten.“ „Das iſt eben das Rationale, wie die Franzoſen ſagen, an der Sache; und das ſagte ich auch Mabel, als ſie weglief und mich allein ließ. Ihr habt wohl geſehen, wie ſie auf und davon ging, als Ihr Euch nähertet?“ „Das war leicht bemerklich,“ ſagte Pfadfinder mit einem ſchweren Athemzuge, und umfaßte ſeinen Büchſenlauf, als ob er ſeinen Finger in das Eiſen graben wollte. „Es war mehr als bemerklich— es war augenfällig; das iſt das rechte Wort, und man würde nach ſtundenlangem Suchen kein beſſeres in dem Wörterbuche finden. Ja, Ihr ſollt es erfahren, Pfadfinder, denn ich kann Euch vernünftigerweiſe die Gunſt nicht verweigern, es Euch wiſſen zu laſſen. So hört denn— das un⸗ gezogene Ding hüpfte lieber auf dieſe Weiſe davon, als daß ſie angehört hätte, was ich zu Eurer Rechtfertigung ſagen wollte.“ „Und was hätten Sie über mich ſagen können, Quartier⸗ meiſter?“. „Ei, Ihr Mußt mich verſtehen, mein Freund; ich hing von den Umſtänden ab und konnte mich nicht unklugerweiſe in Allge⸗ meinheiten einlaſſen, aber ich bereitete mich vor, dem Einzelnen ſo zu ſagen durch Einzelnheiten zu begegnen. Wenn ſie Euch für einen wilden Menſchen, einen halben Indianer, für ſo eine Art Grenzformation hielt, ſo konnte ich ihr, wie Ihr wißt, ſagen, m, daß dieſes von dem wilden und halbindianiſchen Grenzleben her⸗ komme, welches Ihr führt, wodurch denn alle ihre Einwürfe auf einmal zum Schweigen gebracht worden wären, oder es hätte ſo eine Art Mißverſtändniß mit der Vorſehung ſtattfinden müſſen.“ „Und Ihr habt ihr das wirklich geſagt, Quartiermeiſter?“ „Ich kann nicht gerade auf die Worte ſchwören, aber die Idee war vorherrſchend in meiner Seele, wie Ihr Euch denken könnt. Das Maͤdchen war ungeduldig und wollte nicht die Haͤlfte von dem hören, was ich zu ſagen hatte, ſondern ſprang fort, wie Ihr mit Euren eigenen Augen geſehen habt, Pfadfinder, als ob ſie mit ihren Anſichten vollkommen im Reinen ſey und nichts mehr zu hören brauche. Ich fürchte, ſie iſt zu einem beſtimmten Ent⸗ ſchluß gekommen.“ „Ich fürchte das auch; Quartiermeiſter; und allem nach iſt ihr Vater irriger Meinung. Ja, ja, der Sergeant iſt in einem traurigen Irrthum befangen.“ „Nun, Mann!— was braucht Ihr da zu jammern und den guten Ruf, den Ihr Euch durch ſo viele mühevolle Jahre erworben habt, zu Schanden zu machen. Nehmt Eure Büchſe, die Ihr ſo gut zu brauchen wißt, auf die Schulter, und fort mit Euch in die Wälder; denn es lebt kein weibliches Geſchöpf, welches auch nur das Herzeleid einer Minute werth wäre, wie ich aus eigener Erfahrung weiß. Ich gebe Euch das Wort eines Mannes, welcher dieſes Geſchlecht kennt und zwei Weiber gehabt hat, daß die Weiber überhaupt eine Art Geſchöpfe ſind, die wir uns ganz anders vorſtellen, als ſie in der That ſind. Nun, wenn Ihr Mabel de⸗ müthigen wollt, ſo habt ihr hier eine ſo herrliche Gelegenheit, als ſie ein zurückgewieſener Liebhaber nur immer wünſchen kann.“ „Es wäre mein letzter Wunſch, Lieutenant, Mabel zu demüthigen.“ „Nun, Ihr werdet am Ende doch noch ſo weit kommen; denn es liegt in der menſchlichen Natur, denen Unluſt zu bereiten, welche uns Unluſt bereitet haben. Aber eine beſſere Gelegenheit hat ſich uf noch nie dargeboten, die Liebe Eurer Freunde zu gewinnen, als in dem gegenwärtigen Augenblicke, und dieß iſt das ſicherſte Mittel, die Feinde ſo weit zu bringen, daß ſie uns beneiden.“ „Quartiermeiſter, Mabel iſt nicht meine Feindin, und wenn ſie es auch wäre, ſo würde ich doch zuletzt wünſchen, ihr einen unangenehmen Augenblick zu verurſachen.“ „Ihr ſagt ſo, Pfadfinder, Ihr ſagt ſo— und ich glaube auch, daß Ihr ſo denkt; aber Vernunft und Natur ſind gegen Euch, wie Ihr zuletzt ſelbſt noch finden werdet. Ihr kennt ja das Sprüchwort: ‚„Liebſt du mich, ſo liebſt du auch all das Meinige,“ und das bedeutet rückwärts geleſen: ‚Liebſt du das Meinige nicht, ſo liebſt du auch mich nicht.: Nun hört, was Ihr zu thun die Macht habt. Ihr wißt, daß wir hier auf einem äußerſt unſicheren Poſten und ſo zu ſagen faſt in dem Rachen des Löwen ſind?“ „Sie verſtehen unter dem Löwen die Franzoſen, und unter ſeinem Rachen dieſe Inſel, Lieutenant?“ „Nur bildlich, mein Freund; denn die Franzoſen ſind keine Löwen und dieſes Eiland kein Rachen, wenn es ſich uns nicht etwa als das Rachenbein(Kinnbacken) eines Eſels erweiſen ſollte, was ich ſehr befürchte.“ Hier überließ ſich der Quartiermeiſter einem höhniſchen Lachen, welches nicht gerade eine beſondere Achtung und Bewunderung gegen die Klugheit ſeines Freundes Lundie ausdrückte, der dieſen Ort für ſeine Operationen ausgewählt hatte. „Der Ort iſt ſo gut gewählt, als nur irgend einer, auf den ich meinen Fuß geſetzt habe,“ ſagte Pfadfinder und blickte um ſich, wie man ein Gemälde zu betrachten pflegt. „Ich will das nicht in Abrede ziehen. Lundie iſt ein großer Krieger in einer kleinen Weiſe, und ſein Vater war auf dieſelbe Art ein großer Laird. Ich bin auf ſeinen Gütern geboren und folgte dem Major ſo lange, daß ich Alles verehre, was er ſpricht und thut; das iſt eben meine ſchwache Seite, wie Ihr wohl wißt, 398 Pfadfinder. Nun, mögen die Leute dieſen Poſten für den eines Eſels oder den eines Salomons halten, jedenfalls iſt ſeine Lage eine ſehr bedenkliche, wie man aus Lundie's Vorſichtsmaßregeln und Einſchärfungen deutlich erkennen kann. Es liegen auf dieſen tauſend Inſeln und in den Wäldern Wilde, welche nach dem Orte unſeres Aufenthalts ſpähen, wie Lundie aus ſichern Mittheilungen wohl weiß, und es wäre der größte Dienſt, den Ihr dem Fünf⸗ undfünfzigſten zu leiſten vermöchtet, wenn Ihr ihre Fährte auf⸗ finden und ihnen eine falſche Witterung beibringen könntet. Unglückſeligerweiſe bildet ſich Sergeant Dunham ein, daß die Gefahr ſtromaufwärts zu befürchten ſey, weil Frontenac über uns liegt, indeß uns doch die Erfahrung lehrt, daß die Indianer ſtets von einer Seite kommen, die am meiſten mit einer vernünftigen Berechnung im Widerſpruch ſteht, ſo daß wir ſie alſo eher von unten herauf erwarten dürfen. Nehmt daher Euern Kahn und fahrt ſtromabwärts durch dieſe Inſeln, damit wir doch Kunde er⸗ halten, wenn ſich uns von dieſer Seite irgend eine Gefahr näherte. Wenn Ihr Euch dann auf einige Meilen in dem See umſehen würdet, zumal auf der Yorker Seite, ſo würden Eure Berichte wohl die genaueſten und deßhalb auch die werthvollſten ſeyn.“ „Der Big Serpent liegt in dieſer Richtung auf der Spähe, und da er die Station genau kennt, ſo wird er uns ohne Zweifel zeitlich genug Nachricht geben, wenn man uns von dieſer Seite aus zu umgehen wünſcht.“ „Er iſt aber im Grunde doch nur ein Indianer, Pfadfinder, und dieß iſt eine Angelegenheit, welche die Kenntniß eines weißen Mannes fordert. Lundie wird dem Manne ewig dankbar ſeyn, welcher dazu beiträgt, daß man ſich aus dieſer kleinen Unter⸗ nehmung mit fliegenden Fahnen herauswickeln kann. Um Euch die Wahrheit zu ſagen, mein Freund, er fühlt es, daß er die Sache nie hätte verſuchen ſollen; aber er hat zu viel von des alten Lairds Starrköpfigkeit an ſich, um ſeinen Irrthum zuzugeſtehen, obſchon dieſer ſo augenfällig iſt, als der Morgenſtern.“ Der Quartiermeiſter fuhr fort, ſeinem Gefährten zuzureden, um ihn zu einem unverzüglichen Aufbruch von den Inſeln zu ver⸗ anlaſſen, wobei er ſich ſolcher Gründe bediente, wie ſie ihm der Augenblick darbot; gelegenheitlich widerſprach er ſich auch und brachte nicht ſelten ein Motiv zum Vorſchein, dem er im nächſten Augenblick gerade das entgegengeſetzte folgen ließ. So einfach auch der Pfadfinder war, ſo entgingen ihm doch dieſe Brüche in des Lieutenants Philoſophie nicht, obgleich er nicht entfernt vermuthete, daß ſie in dem Wunſche ihren Grund hatten, die Küſte von einem Anbeter Mabels zu ſäubern. Er ſetzte ſchlechten Gründen gute entgegen, widerſtand jeder Verſuchung, welche er nicht mit ſeinem Pflichtgefühl in Einklang bringen konnte, und war ſo taub als gewöhnlich gegen jede lockende Einflüſterung, die vor ſeinem Recht⸗ lichkeitsſinne nicht zu beſtehen vermochte. Er hatte allerdings von Muirs geheimen Beweggründen keine Ahnung, war aber auch eben ſo weit entfernt, ſich durch deſſen Sophiſtereien blenden zu laſſen, und das Ergebniß lief darauf hinaus, daß ſich Beide nach einer langen Zwieſprache unüberzeugt und mit gegenſeitigem Miß⸗ trauen trennten, obſchon der Argwohn des Wegweiſers, wie Alles, was mit dieſem Manne in Verbindung ſtand, das Gepräge ſeines aufrichtigen, uneigennützigen und edlen Charakters trug Eine Beſprechung, welche ſpäter zwiſchen dem Sergeanten Dunham und dem Lieutenant ſtattfand, war erfolgreicher. Nach Beendigung derſelben erhielt die Mannſchaft geheime Befehle; das Blockhaus und die Hütten wurden beſetzt, und wer an die Be⸗ wegungen der Soldaten gewöhnt war, konnte leicht entdecken, daß ein Ausflug im Werke war. In der That kam auch der Sergeant, als die Sonne eben unterging, von dem ſogenannten Hafen, wo er beſchäftigt geweſen, mit Cap und Pfadfinder in ſeine Hütte, und als er ſich an den Tiſch, welchen Mabel für ihn zierlich beſchickt, zZzæœ 400 geſetzt hatte, begann er den Vorrath ſeines Wiſſens auszu⸗ kramen. „Du wirſt wahrſcheinlich hier von einigem Nutzen ſeyn, mein Kind,“ fing der alte Soldat an,„wie dieſes gut und zu rechter Zeit angerichtete Nachteſſen bezeugen kann, und ich glaube, daß du, wenn der geeignete Augenblick kömmt, dich als den Abkömmling deren beweiſen wirſt, welche wiſſen, wie man den Feind ins Auge faſſen muß.“ „Ihr erwartet doch nicht, lieber Vater, daß ich die Johanna von Are ſpielen und die Mannſchaft ins Treffen führen ſoll?“ „Wen ſpielen, Kind? Habt Ihr je etwas von der Perſon ge⸗ hört, von welcher Mabel ſpricht, Pfadfinder?“ „Nein, Sergeant: wie ſollte ich das? ich bin unwiſſend und ohne Erziehung; und es iſt mir ein zu großes Vergnügen, auf ihre Stimme zu horchen und ihre Worte in mich aufzunehmen, als daß ich mich um Perſonen kümmern ſollte.“ „Ich kenne ſie,“ ſagte Cap,„ſie ſegelte im letzten Krieg mit Kapernbriefen von Morlaix aus, und war ein guter Kreuzer.“ Mabel erröthete, daß ſie unachtſam eine Anſpielung gemacht hatte, welche über ihres Vaters Beleſenheit ging; und vielleicht auch, von ihres Onkels Ueberklugheit gar nicht zu ſprechen, ein bischen ob Pfadfinders ſchlichtem und doch ſinnreichem Ernſte, ob⸗ gleich ſie nicht umhin konnte, über den letztern zu lächeln. „Nun, Vater, ich hoffe nicht, daß man mich zu der ſchlagfertigen Mannſchaft rechnet, und daß ich die Inſel vertheidigen helfen ſoll?“ „Und doch haben in dieſem Welttheile die Weiber oft ſolche Dinge gethan, Mädchen, wie dir unſer Freund hier, der Pfadfinder erzählen kann. Damit es dich aber nicht überraſcht, wenn du uns bei deinem morgigen Erwachen nicht mehr ſiehſt, ſo muß ich dir nur ſagen, daß wir dieſe Nacht noch abzuziehen gedenken.“ „Wir, Vater? und Ihr wollt mich und Jennie allein auf dieſer Inſel laſſen?“ „Nicht doch, meine Tochter! Wir handeln nicht ſo unmilitä⸗ u⸗ riſch. Wir werden den Lieutenant Muir, Bruder Cap, Corporal M'Nab und drei Soldaten hier laſſen, aus denen in unſerer Ab⸗ im weſenheit die Garniſon beſtehen wird. Jennie wird bei dir in dieſer Er Hütte wohnen, und Bruder Cap meine Stelle einnehmen.“ u,„Und Herr Muir?“ fragte Mabel, ohne ſelber zu wiſſen, was 1g ſie ſagte, obgleich ſie vorausſah, daß dieſe Anordnung ſie wieder ge neuen Zudringlichkeiten ausſetzen werde. „Ci, er kann dir den Hof machen, wenn du das gerne haſt, 5 Mädchen, denn er iſt ein verliebter Jüngling, und da er ſchon vier Weiber geliefert hat, ſo kann er es nicht erwarten, durch die Wahl 35 einer fünften zu zeigen, wie er ihr Andenken ehrt.“ „Der Quartiermeiſter ſagte mir,“ verſetzte Pfadfinder unſchul⸗ 4 dig,„daß das Gemüth eines Mannes, wenn es durch ſo viele Ver⸗ uf luſte durcheggt ſey, auf keine zweckmäßigere Weiſe beſänftigt werde, , als wenn man den Boden aufs Neue aufpflüge, damit keine Spur . der Vergangenheit mehr zurückbleibe.“ 1t„Ja, das iſt gerade der Unterſchied zwiſchen Pflügen und Eggen,“ erwiederte der Sergeant mit höhniſchem Lächeln.„Doch jt er mag gegen Mabel ſein Herz ausleeren, und dann wird ſeine t Freierei ein Ende haben. Ich weiß recht wohl, daß meine Toch⸗ 1 ter nie das Weib des Lieutenant Muir werden wird.“ ⸗ Er ſagte dieß in einer Weiſe, welche mit der Erklärung gleich⸗ bedeutend war, daß die fragliche Perſon nie der Gatte ſeiner Tochter 5 werden ſolle. Mabel erröthete, zitterte und ein halbes Lachen ver⸗ 4 mochte das Unbehaglichkeitsgefühl, welches ſie ergriff, nicht zu ver⸗ e hehlen. Als ſie ſich jedoch wieder gefaßt hatte, ſprach ſie mit einer heiteren Stimme, welche ihren innern Kampf vollſtändig verbarg: 8„Aber Vater, wir würden wohl beſſer thun, zu warten, bis r ſich Herr Muir erklärt, ob ihn Eure Tochter haben wolle, oder vielmehr, daß er Eure Tochter haben wolle, damit man uns nicht, f wie in der Fabel, die ſauren Trauben ins Geſicht werfe.“ Der Pfadfinder. 3. Aufl. 26 40²2 „Was iſt das für eine Fabel, Mabel?“ fragte haſtig der Pfad⸗ finder, der von dem Unterricht, welcher den Weißen gewöhnlich ertheilt wird, nicht beſonders viel genoſſen hatte;„erzählen Sie uns das in Ihrer angenehmen Weiſe, denn ſicherlich hat es der Sergeant noch nie gehört.“ Mabel erzählte die bekannte Fabel und zwar, wie ihr Verehrer gewünſcht hatte, in ihrer eigenen angenehmen Weiſe, wobei dieſer ſeine Augen unverwandt auf ihr Antlitz heftete, während ein Lächeln ſeine ehrlichen Züge überflog. „Das ſieht dem Fuchſe gleich,“ rief Pfadfinder, als ſie zu Ende war;„ja, und auch einem Mingo— ſchlau und grauſam, das iſt die Weiſe dieſer beiden ſchleichenden Thiere. Was die Trau⸗ ben anbelangt, ſo ſind ſie ſauer genug in dieſer Gegend, ſelbſt für diejenigen, welche ſie kriegen können, obgleich ich ſagen darf, daß es Zeiten und Orte gibt, wo ſie für die, welche keine bekommen, noch ſaurer ſind. So möchte ich glauben, daß mein Skalp in den Augen eines Mingo ſehr ſauer iſt.“ „Die ſauren Trauben werden an einem andern Wege wachſen, Kind, und wahrſcheinlich wird Herr Muir ſich darüber zu beſchweren haben. Du möchteſt wohl dieſen Mann nie heirathen, Mabel?“ „Gewiß nicht,“ fiel Cap ein,—„ſo einen Burſchen, der im Grunde doch nur ein halber Soldat iſt. Die Geſchichte mit dieſen Trauben da iſt in der That ein Umſtand.“ „Ich denke überhaupt gar nicht ans Heirathen, lieber Vater und lieber Onkel, und wenn es Euch beliebt, ſo wollen wir lieber weniger davon reden. Wenn ich aber überhaupt ans Heirathen dächte, ſo glaube ich kaum, daß meine Wahl auf einen Mann fallen würde, der es bereits mit drei oder vier Weibern verſucht hat.“ Der Sergeant nickte dem Wegweiſer zu, als wolle er ſagen — du ſiehſt, wie die Sachen ſtehen— und wechſelte dann aus Rückſicht für die Gefühle ſeiner Tochter den Gegenſtand der Unter⸗ haltung. RK n n n „Weder du, Bruder Cap, noch Mabel,“ fing er an,„keines von beiden, darf eine geſetzliche Autorität über die kleine Garniſon, welche ich auf der Inſel zurücklaſſe, ausüben, obſchon ihr zu einem Nath oder einem ſonſtigen Einfluß berechtigt ſeyd. Streng ge⸗ nommen wird Corporal M'Nab der commandirende Offtzier ſeyn, und ich habe mir Mühe gegeben, ihm die Würde und Wichtigkeit ſeines Amtes begreiflich zu machen, damit er dem Einfluſſe des höher geſtellten Lieutenants Muir nicht zu viel Spielraum laſſe; denn da dieſer ein Freiwilliger iſt, ſo hat er kein Recht, ſich in den Dienſt zu miſchen. Ich wünſche, daß du den Corporal unterſtützeſt, Bruder Cap, denn wenn der Quartiermeiſter einmal die Dienſt⸗ regeln dieſer Expedition durchbrochen hat, ſo möchte er eben ſo gut mir als dem M'Nab befehlen wollen.“ „Beſonders, wenn ihn in deiner Abweſenheit Mabel triftig kappt. Es verſteht ſich von ſelbſt, Sergeant, daß du Alles, was flott iſt, meiner Sorge überläſſeſt? Aus Mißverſtändniſſen zwiſchen den Befehlshabern auf dem Waſſer und dem Land ſind oft die ver⸗ henkertſten Verwirrungen hervorgegangen.“ „In einer Beziehung, ja, Bruder, obgleich im Allgemeinen der Corporal Oberbefehlshaber iſt. Die Geſchichte erzählt uns in der That, daß eine Trennung des Commandos zu Schwierigkeiten führt, und ich möchte dieſe Gefahr vermeiden. Der Corporal muß den Befehl führen; aber du kaunſt ihm freimüthig deinen Rath mittheilen, beſonders in allen Angelegenheiten, welche auf die Boote Bezug haben, von denen ich Euch eines zurücklaſſen werde, um für den Nothfall Euren Rückzug zu ſichern. Ich kenne den Corporal, er iſt ein tapferer Mann und ein guter Soldat, auf den man ſich verlaſſen kann, wenn die Santa⸗Cruz von ihm ferne gehalten wer⸗ den kann. Aber dann iſt er ein Schotte, und wird dem Einfluſſe des Quartiermeiſters nachgeben, gegen den Ihr beide, du und Mabel, auf der Hut ſeyn müßt.“ „Aber warum laßt Ihr uns zurück, lieber Vater? Ich bin ſo 404 weit mit Euch gereist, um für Eure Bequemlichkeit zu ſorgen; warum ſollte ich nicht noch weiter mit Euch gehen?“ „Du biſt ein gutes Mädchen, Mabel, und ſchlägſt ganz in die Art der Dunhams. Aber du mußt hier bleiben. Wir werden morgen, noch ehe der Tag graut, die Inſel verlaſſen, um nicht von Späheraugen entdeckt zu werden, wenn wir aus unſerm Ver⸗ ſteck herauskommen, und nehmen die zwei größten Boote mit uns. Es bleibt euch alſo noch das dritte, und ein Rindenkahn. Wir ſind im Begriff, uns in dem Kanal, deſſen ſich die Franzoſen bedienen, umzuſehen, und wollen uns etwa eine Woche lang auf die Lauer legen, um die Vorrathsboote, welche vielleicht durchfahren, und hauptſächlich mit werthvollen indianiſchen Gütern beladen ſind, auf ihrem Wege nach Frontenac abzufangen.“ „Haſt du auch deine Papiere genau angeſehen, Bruder?“ fragte Cap ängſtlich.„Es iſt dir zweifelsohne bekannt, daß das Wegnehmen eines Schiffs auf offener See als Seeräuberei ange⸗ ſehen wird, wenn dein Boot ſich nicht durch einen regelmäßigen Caperbrief als ein auf Staats⸗ oder Privatkoſten bewaffneter Kreuzer ausweiſen kann.“ „Ich habe die Ehre, von meinem Obriſten zum Sergeanten des Fünfundfünfzigſten ernannt worden zu ſeyn,“ verſetzte der Andere und richtete ſich mit Würde auf,„und das muß ſelbſt dem König von Frankreich genug ſeyn. Wo nicht, ſo habe ich Major Duncans ſchriftliche Befehle.“ „Keine Papiere alſo für einen conceſſionirten Caperzug?“ „Dieſe müſſen hinreichen, Bruder, da ich keine anderen habe. Es iſt für Seiner Majeſtät Intereſſen in dieſem Theile der Welt von der größten Wichtigkeit, daß die in Frage ſtehenden Boote weggenommen und nach Oswego geführt werden. Sie enthalten die Betttücher, Büchſen, Zierrathe, die Munition, kurz alle jene Vorräthe, mit welchen die Franzoſen ihre verwünſchten wilden Ver⸗ buͤndeten beſtechen, ihre Heilloſigkeiten auszuführen, und unſre heilige 405 Religion mit ihren Vorſchriften, die Geſetze der Humanität und Alles, was dem Menſchen hehr und theuer iſt, zu verhöhnen. Wenn wir ihnen dieſe Hilfsmittel abſchneiden, ſo werden wir ihre Plane verwirren und Zeit gewinnen; denn ſie können in dieſem Herbſt nicht wieder neue Zufuhr über das Meer her erhalten.“ „Aber Vater, bedient ſich Seine Majeſtät nicht auch der In⸗ dianer?“ fragte Mabel mit einiger Neugierde. „Gewiß, Mädchen, und König Georg hat ein Recht, ſich ihrer zu bedienen— Gott ſegne ihn! Es iſt etwas ganz anderes, ob ein Engländer oder ein Franzoſe einen Wilden benützt, wie Jedermann einſehen kann.“ „Das iſt klar genug, Bruder Dunham; aber was die Schiffs⸗ papiere betrifft, ſo will mir das doch nicht recht einleuchten.“ „Meine Ernennung zum Sergeanten durch einen Engliſchen Obriſten muß jedem Franzoſen als Vollmacht gelten; und was noch mehr iſt, ſie wird es auch.“ „Aber ich ſehe nicht ein, Vater, warum ſich die Franzoſen nicht ebenſo gut der Wilden im Krieg bedienen ſollen, als die Engländer?“ 5 „Tauſend alle Welt! Mädchen— doch du biſt vielleicht nicht fähig, das zu begreifen. Erſtlich iſt ein Engländer von Natur menſchlich und bedächtlich, während der Franzoſe von Natur wild und furchtſam iſt.“ „Und du kannſt hinzuſetzen, Bruder, daß er vom Morgen bis in die Nacht tanzt, wenn man es zuläßt.“ „Sehr wahr,“ erwiederte der Sergeant ernſthaft. „Aber Vater, ich ſehe nicht ein, daß all dieſes die Sache aͤndert. Wenn es an einem Franzoſen verwerflich iſt, daß er die Wilden durch Beſtechung zum Kampfe gegen ſeine Feinde veranlaßt, ſo muß das, wie ich meine, bei einem Engländer ebenſo Unrecht ſeyn. Ihr werdet mir beiſtimmen, Pfadfinder?“ „Vernünftiger Weiſe allerdings; und ich bin nie unter denen 406 geweſen, die ein Geſchrei gegen die Franzoſen erhoben, weil ſie das nämliche thun, was wir ſelbſt auch thun. Aber es iſt ſchlim⸗ mer, ſich mit einem Mingo einzulaſſen, als ſich mit einem Dela⸗ waren zu verbünden. Wären von dieſem gerechten Stamme noch Indianer übrig, ſo würde ich es für keine Sünde halten, ſie gegen den Feind zu ſchicken.“ „Und doch ſkalpiren und tödten ſie Jung und Alt, Weiber und Kinder.“ „Sie haben ihre Gaben, Mabel, und ſind nicht zu tadeln, wenn ſie ihnen folgen. Natur iſt Natur, obgleich ſie die verſchie⸗ denen Stämme in verſchiedener Weiſe kundgeben. Ich für meinen Theil bin ein Weißer, und beſtrebe mich, die Gefühle eines Weißen feſtzuhalten.“ „Ich kann dieß Alles nicht verſtehen,“ verſetzte Mabel.„Was für König Georg Recht iſt, ſollte, wie es mir ſcheint, auch bei König Louis Recht ſeyn.“ „Des Königs von Frankreich wirklicher Name iſt Caput,“ be⸗ merkte Cap, wobei er den Mund voll Wildpret hatte.„Ich führte einmal einen großen Gelehrten als Paſſagier auf dem Schiff— der erzählte mir, daß dieſe dreizehnten, vierzehnten und fünfzehnten Louis lauter Aufſchneider wären, und eigentlich Caput hießen, was im Franzöſiſchen Kopf bedeutet; er wollte damit ſagen, daß man ſie an den Fuß der Leiter ſtellen ſollte, bis ſie bereit wären, an dem Stricke des Henkers in die Höhe zu ſteigen.“ „Nun, der ſieht ganz ſo aus, als ſey die Skalpluſt auch eine von ſeinen natürlichen Gaben,“ bemerkte der Pfadfinder mit jenem Ausdruck von Ueberraſchung, mit welchem man einen neuen Ge⸗ danken aufnimmt,„und ich werde um ſo weniger Gewiſſensbiſſe fühlen, wenn ich gegen die Heiden kämpfe, obgleich ich nicht ſagen kann, daß ich je in dieſer Beziehung etwas Namhaftes empfun⸗ den habe.“. Alle Theile, mit Ausnahme Mabels, ſchienen, durch den Gang, welchen die Unterhaltung genommen hatte, zufrieden geſtellt, und Niemand hielt es für nöthig, den Gegenſtand weiter zu verfolgen. Die drei Männer glichen in dieſer Hinſicht freilich der großen Maſſe ihrer Mitgeſchöpfe, welche gewöhnlich mit ebenſo wenig Sachkennt⸗ niß als Gerechtigkeit über einen Charakter aburtheilen, ſo daß wir es nicht für nöthig gehalten haben würden, dieſes Geſpräch anzu⸗ führen, hingen nicht einzelne Thatſachen deſſelben mit unſrer Er⸗ zählung zuſammen und trügen nicht die entwickelten Anſichten und Meinungen ganz das Gepräge der Charaktere. Als das Nachteſſen zu Ende war, entließ der Sergeant ſeine Gäſte, und hielt dann noch ein langes und vertrauliches Geſpräch mit ſeiner Tochter. Er war wenig geeignet, zarteren Regungen Raum zu geben: aber die Neuheit ſeiner gegenwärtigen Lage er⸗ weckte Gefühle in ſeiner Seele, von denen er früher nichts erfahren hatte. Der Soldat oder der Seemann denkt, ſo lange er unter der unmittelbaren Aufſicht ſeines Obern handelt, wenig an die Ge⸗ fahren, denen er ſich ausſetzen muß; ſobald er aber die Verant⸗ wortlichkeit eines Befehlshabers fühlt, ſo beginnen alle Zufälligkeiten ſeines Unternehmens ſich mit den Wechſelfällen des Erfolgs und des Fehlſchlagens in ſeinem Geiſte zu vergeſellſchaften. Während er weniger, und vielleicht nur dann, wo dieſelbe hauptſächlich in Betrachtung kommt, an ſeine eigene Gefahr denkt, hat er lebendigere allgemeine Vorſtellungen von der Bedeutſamkeit eines Wagriſſes, und ſteht mehr unter dem Einfluß von Gefühlen, welche aus dem Zweifel entſpringen. Dieß war nun Sergeant Dunhams Fall: ſtatt vorwärts zu blicken und die Siege als ſicher zu betrachten, fing er an, ſeinem umſichtigen Charakter zufolge auch die Möglichkeit zu bedenken, daß er vielleicht auf immer von ſeinem Kinde ſcheide. Nie zuvor war ihm Mabel ſo ſchön vorgekommen, als in dieſer Nacht. Möglich, daß ſie früher nie vor ihrem Vater ſo viel gewinnende Eigenſchaften entwickelt hatte; denn Sorge um ſeinet⸗ willen beengte ihre Bruſt, und dann trafen ihre Gefühle auf eine 408 ungewöhnliche Ermuthigung von Seite derer, welche in der ernſteren Bruſt des Veteranen geweckt waren. Sie hatte ſich in der Gegen⸗ wart ihres Vaters nie recht behaglich gefühlt, da die große Ueber⸗ legenheit ihrer Erziehung eine Kluft zwiſchen beiden geſchaffen hatte, die durch die militäriſche Strenge ſeines Benehmens— eine Folge des langen und genauen Umgangs mit Leuten, welche nur durch eine unermüdete Handhabung der Disciplin in Unterwürfikeit erhalten werden konnten— noch erweitert worden war. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit jedoch, als Vater und Tochter allein beiſammen waren, wurde ihr Geſpräch vertraulicher als gewöhnlich, bis endlich das Mädchen zu ihrer großen Wonne bemerkte, daß es allmählig mehr den Ausdruck einer Herzlichkeit annahm, nach wel⸗ cher ſie ſich ſeit ihrer Ankunft ſtets in ſtiller Sehnſucht vergeblich verzehrt hatte. „Die Mutter war alſo ungefähr von meiner Größe?“ fragte Mabel, als ſie ihres Vaters Hände in den ihrigen hielt, und ihm mit thränenfeuchtem Auge ins Geſicht blickte.„Ich glaubte ſie wäre größer geweſen?“ „Das iſt die Weiſe der meiſten Kinder, welche gewöhnt wur⸗ den, an ihre Eltern mit Achtung zu denken, ſo daß ſie zuletzt dieſe für größer und ehrfurchtgebietender halten, als ſie wirklich ſind. Deine Mutter, Mabel, war dir an Größe ſo ähnlich, als nur ein Frauenzimmer dem andern ſeyn kann.“ „Und ihre Augen, Vater?“ „Ihre Augen waren auch wie die Deinigen, Kind— blau, ſanft, einladend, obgleich kaum ſo lachend.“ „Die meinen werden nie wieder lachen, theuerſter Voter, wenn Ihr bei dieſem Ausflug nicht Sorge für Euch tragt.“ „Ich danke dir, Mabel— hem— ich danke dir, Kind; aber ich muß meiner Pflicht nachkommen. Ich hätte dich wohl gerne anſtändig verheirathet ſehen mögen, ehe wir Oswego verließen; es würde mir viel leichter ums Herz ſeyn.“ ————.—— 5,—2——.—,,—, 409 „Verheirathet?— an wen, Vater?“ „Du kennſt den Mann, den ich von dir geliebt wünſche. Du kannſt zwar manche munterere und ſchöner gekleidete Männer treffen, aber keinen mit einem treueren Herzen und einer edleren Seele.“ „Keinen, Vater?“ „Ich kenne keinen. In dieſer Hinſicht wenigſtens hat Pfad⸗ finder nicht viele ſeines Gleichen.“ „Aber ich brauche überhaupt nicht zu heirathen. Ihr ſeyd ein einzelner Mann, und ich kann bei Euch bleiben und für Eure Bedürfniſſe ſorgen.“ „Gott ſegne dich, Mabel! Ich weiß, du würdeſt das thun, und ich will nicht ſagen, daß du Unrecht habeſt, denn ich glaube nicht, daß dieß der Fall iſt. Es iſt mir aber doch, als ob etwas anderes noch beſſer wäre.“ „Was kann es Beſſeres geben, als ſeine Eltern zu ehren?“ „Es iſt ebenſo gut, den Gatten zu ehren, mein liebes Kind.“ „Aber ich habe keinen Gatten, Vater.“ „Dann nimm einen, ſobald als möglich, damit du einen Gatten zu ehren habeſt. Ich kann nicht immer leben, und wenn mich die Schickſale des Krieges nicht wegraffen, ſo macht in Kurzem die Natur ihre Rechte an mich geltend. Du biſt jung und kannſt noch lange leben; daher bedarfſt du eines männlichen Beſchützers, der dich ſicher durchs Leben geleiten und im Alter für dich Sorge tragen kann, wie du es nun für mich thun willſt.“ „Und glaubt Ihr,“ ſagte Mabel, indem ſie die ſehnigen Finger ihres Vaters mit ihren kleinen Händen umfaßte und auf ſie niederblickte, als wären ſie Gegenſtände von äußerſter Wichtig⸗ keit, obgleich ſich ihre Lippen zu einem leichten Lächeln verzogen, als ihnen die Worte entglitten.—„Und glaubt Ihr, Vater, daß der Pfadfinder hiezu geeignet wäre? Iſt er nicht in zehn bis zwölf Jahren ſo alt als Ihr jetzt ſeyd?“ „Was liegt daran? Er hat ein Leben voll Mäßigkeit und 410 Thätigkeit gelebt, und man muß mehr die Leibesbeſchaffenheit, als die Jahre in Anſchlag bringen, Mädchen. Kennſt du einen, der geeigneter wäre, dein Beſchützer zu ſeyn?“ Mabel kannte keinen— wenigſtens keinen, welcher das Ver⸗ langen ausgedrückt hätte, ihr wirklich ein ſolcher zu werden, was ſonſt auch immer ihre Hoffnungen und Wünſche ſeyn mochten. „Nein, Vater, wir ſprechen nur von dem Pfadfinder,“ ant⸗ wortete ſie ausweichend.„Wenn er jünger wäre, ſo käme es mir natürlicher vor, ihn als meinen Gatten zu denken.“ „Ich ſage dir, Kind, das alles hängt von der Leibesbeſchaffenheit ab; Pfadfinder iſt jünger, als die Hälfte unſerer Subalternoffiziere.“ „Gewiß iſt er jünger als einer— als der Lieutenant Muir.“ Mabels Lachen war heiter und frohſinnig, weil ſie in dieſem Augenblick keine Sorge fühlte. „Das iſt er— jugendlich genug, um ſein Enkel zu ſeyn; und auch jünger an Jahren. Gott verhüte, daß du je eine Offiziersfrau werden ſollteſt, wenigſtens nicht eher, als bis du eines Offiziers Tochter biſt.“ „Das wird kaum zu befürchten ſeyn, wenn ich Pfadfinder heikathe,“ entgegnete das Mädchen, und blickte dem Sergeanten wieder ſchelmiſch ins Geſicht. „Vielleicht nicht durch des Königs Beſtallung, obgleich der Mann jetzt ſchon der Freund und Gefährte von Generalen iſt. Ich denke, ich könnte glücklich ſterben, wenn du ſein Weib wäreſt.“ „Vater!“ „Es iſt traurig, in den Kampf zu gehen, wenn das Bewußt⸗ ſeyn, eine Tochter ſchutzlos zurückzulaſſen, auf dem Herzen laſtet.“ „Ich wollte die ganze Welt darum geben, Euch von dieſer Laſt zu befreien, lieber Vater.“ „Du könnteſt es thun,“ verſetzte der Sergeant, mit einem zärtlichen Blicke auf ſein Kind,„obgleich ich dir dadurch keine Laſt aufbürden möchte.“— 411 Seine Stimme war tief und bebend, und Mabel hatte nie vorher einen ſolchen innigen Ausdruck der Liebe an ihrem Vater bemerkt. Der gewohnte Ernſt des Mannes lieh ſeiner Aufregung ein Intereſſe, deſſen ſie unter andern Umſtänden entbehrt haben würden, und das Herz der Tochter ſehnte ſich, das Gemüth des Vaters zu beruhigen. „Vater, ſprecht deutlich!“ rief ſie faſt convulſiviſch. „Nein, Mabel, es möchte nicht Recht ſeyn; deine Wünſche könnten mit den meinigen in Widerſpruch kommen.“ „Ich habe keine Wünſche— weiß nicht, was Ihr meink. Wollt Ihr von meiner künftigen Heirath ſprechen?“ „Wenn ich dich mit dem Pfadfinder verbunden ſehen könnte— wenn ich wüßte, daß du gelobt hätteſt, ſein Weib zu werden, ſo würde ich glauben, daß ich glücklich ſtürbe, möchte mein Schickſal ſeyn, welches es wollte. Aber ich will dir keine Verpflichtung auferlegen, Kind, und dich nicht zu etwas drängen, was dich ge⸗ reuen könnte. Küſſe mich, Mabel, und geh zu Bette.“ Hätte Sergeant Dunham von Mabeln das Verſprechen, nach welchem er wirklich ſo ſehr verlangte, gefordert, ſo würde er wahrſcheinlich auf einen Widerſtand getroffen haben, den er ſchwer zu überwinden vermocht hätte; da er aber der Natur ihren Gang ließ, ſo gewann er einen mächtigen Verbündeten, und das warm⸗ herzige, edle Mädchen war bereit, der kindlichen Zärtlichkeit mehr zuzugeſtehen, als durch Drohungen von ihr erlangt worden wäre. In dieſem ergreifenden Augenblick dachte ſie nur an ihren Vater, der im Begriff war, ſie vielleicht auf immer zu verlaſſen, und die ganze glühende Liebe für ihn, welche vielleicht eben ſo ſehr durch die Einbildungskraft, als durch etwas Anderes genährt, aber durch den abgemeſſenen Verkehr der letzten vierzehn Tage ein wenig zurück⸗ gedrängt worden war, kehrte mit einer Kraft wieder, welche durch ihr reines und tiefes Gefühl noch erhöht wurde. Ihr Vater ſchien ihr Alles in Allem, und ihn glücklich zu machen, war ſie bereit, 4¹² jedes Opfer zu bringen. Ein peinlicher, ſchneller, faſt wilder Gedankenſtrahl durchkreuzte das Gehirn des Mädchens und ihr Entſchluß wankte; als ſie ſich aber bemühte, den Anläſſen der freundlichen Hoffnung, auf welche er ſich gründete, nachzuſpüren, ſo fand ſie nichts, was ſeine Haltbarkeit unterſtützen konnte. Ihre Gedanken kehrten daher, da ſie als Weib gewöohnt war, ihre glühendſten Gefühle zu unterdrücken, wieder zu ihrem Vater und zu den Segnungen zurück, welche dem Kinde, das den Willen ſeiner Eltern erfüllt, verheißen ſind. „Vater,“ ſagte ſie gefaßt und faſt mit heiliger Ruhe,„Gott ſegnet eine gehorſame Tochter.“ „Ja, das thut er, Mabel; das Gute Buch iſt uns Bürge dafür.“. „Ich will den Mann heirathen, den Ihr mir beſtimmt.“ „Nein, nein, Mabel! du mußt ſelbſt wählen.“ „Ich habe keine Wahl— das heißt, Niemand hat mich zu einer Wahl aufgefordert, als Pfadfinder und Herr Muir, und zwiſchen dieſen wird keines von uns beiden im Anſtand bleiben. Nein, Vater, ich will den nehmen, welchen Ihr wählt.“ „Du kennſt bereits meine Wahl, liebes Kind; Niemand kann dich ſo glücklich machen, als der brave, edle Wegweiſer.“ „Gut alſo;— wenn er es wünſcht, wenn er mich wieder fragt— denn Ihr werdet doch nicht wüͤnſchen, daß ich mich ſelbſt antrage, oder daß es Jemand in meinem Namen thun ſoll?“ Das Blut ſtahl ſich während des Sprechens wieder über Mabels bleiche Wangen, da die ergreifenden und edeln Entſchließungen den Strom des Lebens nach dem Herzen gedrängt hatten;—„nein, Niemand darf ihm etwas davon ſagen; aber wenn er mich wieder aufſucht, wenn ich ihm dann Alles ſage, was ein ehrliches Mädchen dem Manne, der ſie heirathen will, ſagen muß, und er mich dann noch zu ſeinem Weibe nehmen will, ſo will ich die Seinige werden.“ „Segen über dich, Mabel, Gottes reicher Segen über dich; Er —X, —————, möge dich belohnen, wie eine fromme Tochter belohnt zu werden er verdient.“ hr„Ja, Vater, beruhigt Euch; geht mit leichtem Herzen und der vertraut auf Gott. Für mich dürft Ihr keine weitere Sorge mehr en,* haben. Nächſten Frühling— ich muß ein wenig Zeit haben, hre Vater— nächſten Frühling will ich Pfadfinder heirathen, wenn hre dieſer wackere Jäger mich dann noch begehrt.“ ind„Mabel, er liebt dich, wie ich deine Mutter liebte. Ich habe ner ihn wie ein Kind weinen ſehen, wenn er mit mir von ſeinen Gefühlen gegen dich ſprach.“ ott„Ja, ich glaube es; ich habe genug geſehen, um überzeugt ſeyn zu können, daß er beſſer von mir denkt, als ich verdiene; und rge gewiß, es lebt kein Mann, gegen den ich eine größere Verehrung. hege, als gegen Pfadfinder— Euch ſelbſt nicht ausgenommen, lieber Vater.“ 4 „So muß es ſeyn, liebes Kind, und deine Verbindung wird zu„ geſegnet ſeyn. Darf ich es nicht Pfadfindern mittheilen?“ und„Es wäre beſſer, Ihr thätet's nicht, Vater. Er ſoll von en. ſelbſt kommen; er ſoll ganz natürlich kommen, denn der Mann 3 muß das Weib ſuchen und nicht das Weib den Mann.“ Das 3 ann Lächeln, welches Mabels Züge überſtrahlte, war— wie es ſelbſt. 3 ihrem. Vater däuchte— das eines Engels, obgleich ein geübterer der Blick unter dieſer heitern Hülle etwas Wildes und Unnatürliches 1 lbſt hätte entdecken können.„Nein, nein— wir müſſen der Sache ihren Das Lauf laſſen, Vater; Ihr habt mein feierliches Verſprechen.“ iche„Das iſt hinreichend, das iſt hinreichend, Mabel!— Nun rom küſſe mich. Gott ſegne und beſchütze dich, Mädchen! Du biſt eine 1 and gute Tochter.“ icht, 3 Mabel warf ſich in ihres Vaters Arme— es war das erſte⸗ dem mal in ihrem Leben— und ſchluchzte an ſeinem Buſen wie ein noch Kind. Das Herz des ernſten Soldaten ſchmolz, und Beider 4 Thränen miſchten ſich. Aber Sergeant Dunham riß ſich bald los, Er als ſchäme er ſich, drängte ſeine Tochter ſanft von ſich, bot ihr gute Nacht und ſuchte ſein Lager auf. Mabel ging ſchluchzend in die ärmliche, für ihre Aufnahme zubereitete Ecke, und in wenigen Minuten wurde die Ruhe der Hütte nur noch durch die ſchweren Athemzüge des Veteranen unterbrochen. Zwanzigſtes Kapitel. Neben dem Stundenſtein, alt und grün, Zwiſchen dem Schutt eine Noſ ich fand, — EFine Roſe der Wildniß, friſch und ſchön, Die zeigte, daß hier ein Garten ſtand. Campbell. Es war bereits heller Tag, als Mabel erwachte. Sie hatte ruhig geſchlafen, da ſie ſich mit dem Beifall ihres Gewiſſens zu Bette gelegt und die Ermüdung ihren Schlummer verſüßt hatte; auch nicht ein Laut von Seite derjenigen, welche ſo früh ſich in Bewegung ſetzten, war im Stande geweſen, ihren Schlaf zu unter⸗ brechen. Sie ſprang auf, kleidete ſich raſch an, und bald athmete das Mädchen den Duft des Morgens in der freien Luft. Das erſtemal traten ihr die eigenthümlichen Reize und die tiefe Abge⸗ ſchiedenheit ihrer gegenwärtigen Lage recht lebhaft vor Augen. Es war einer der herrlichen Herbſttage, welche in dieſem, mehr ge⸗ ſchmähten, als gehörig gewürdigten Klima ſo gewöhnlich ſind, und der Einfluß derſelben war in jeder Beziehung aufregend und be⸗ geiſternd. Dieſer Umſtand wirkte wohlthätig auf Mabel ein, denn ihr Herz war, wie ſie ſich einbildete, ſchwer wegen der Gefahren⸗ denen ihr Vater, welchen ſie mit der Liebe eines vertrauensvollen Weibes zu lieben begann, ausgeſetzt ſeyn mochte. Aber die Inſel ſchien gänzlich verlaſſen. In der vorher⸗ gehenden Nacht hatte ihr der Lärm der Ankunft einen Anſtrich von Leben gegeben, der nun wieder völlig gewichen war; und unſre — on Heldin ließ ihren Blick faſt über jeden ſichtbaren Gegenſtand um⸗ herſtreifen, ehe ſie ein menſchliches Weſen zu Geſicht bekam, um das Gefühl gänzlicher Einſamkeit zu verſcheuchen. Endlich erblickte ſie alle Zurückgebliebenen um ein Feuer gruppirt, was das Bild eines Lagers vervollſtändigte. Die Geſtalt ihres Onkels, an den ſie am meiſten gewöhnt war, benahm ihr jedoch alle Furcht, und mit einer ihrer Lage natürlichen Neugierde betrachtete ſie ſich die Uebrigen näher. Außer Cap und dem Quartiermeiſter war noch der Corporal und die drei Soldaten dort, mit dem Weibe, welche das Frühſtück bereitete. Die Hütten waren ruhig und leer, und der niedrige thurmartig gebaute Giebel des Blockhauſes hob ſich mit maleriſcher Schönheit zum Theil verſteckt über das Gebüſch. Die Sonne überſtrahlte gerade die freieren Plätze zwiſchen den Bäumen, und das Gewölbe über ihrem Haupte prangte in dem ſanfteſten Blau. Kein Wölkchen war ſichtbar, und Alles ſchien ihr auf Frieden und Sicherheit hinzudeuten. Da Mabel bemerkte, daß alle Uebrigen mit jener wichtigen Angelegenheit der menſchlichen Natur— dem Frühſtück— beſchäftigt waren, ſo ging ſie unbeachtet gegen ein Ende der Inſel, wo Bäume und Gebüſche ſie vor Aller Augen verbargen. Hier gewann ſie, indem ſie die niedrigen Zweige auf die Seite drängte, einen Stand⸗ ort an dem Rande des Waſſers und lauſchte dem kaum bemerk⸗ lichen Zu⸗ und Abfluß der Wellchen, welche das Ufer wuſchen,— einer Art natürlichen Wiederhalls zu der Bewegung, welche fünfzig Meilen weiter oben auf dem See herrſchte. Der Anblick dieſer natürlichen Scenerie war außerordentlich ſanft und gefällig, und unſere Heldin, welche ein ſchnelles und treues Auge für alle Reize der Natur hatte, war nicht läſſig, ſich an den erhebendſten Bildern dieſer Landſchaft zu weiden. Sie betrachtete die verſchiedenen Aus⸗ ſichten, welche ihr die Oeffnungen zwiſchen den Inſeln boten, und gab ſich dem Gedanken hin, daß ſie nie etwas Lieblicheres geſehen habe. Während Mabel ſo beſchäftigt war, wurde ſie plötzlich durch 416 die Vermuthung aufgeſchreckt, ſie hätte etwas wie eine menſchliche Geſtalt unter den Gebüſchen erblickt, welche das Ufer der vor ihr liegenden Inſel ſäumten. Die Entfernung über das Waſſer betrug kaum hundert Ellen, und obgleich ſie vielleicht im Irrthum war, und ihre Fantaſie in dem Augenblick, wo ihr die Erſcheinung auf⸗ tauchte, überall umherſchweifte, ſo hielt ſte es doch kaum für möglich, daß ſie ſich getäuſcht haben könnte. Sie wußte wohl, daß ſie ihr Geſchlecht nicht gegen eine Büchſenkugel ſchützen würde, wenn ſie ein Irokeſe zu Geſicht bekommen ſollte, und zog ſich da⸗ her inſtinktartig zurück, wobei ſie Sorge trug, ſich ſo gut als möglich unter den Blättern zu verbergen, während ſie fortwährend ihre Blicke auf das gegenüber liegende Ufer heftete, in der geraume Zeit fruchtloſen Erwartung, dem fremden Gegenſtand wieder zu begegnen. Sie war eben im Begriff, das Gebüſch zu verlaſſen und zu ihrem Onkel zu eilen, um ihm ihren Verdacht mitzutheilen, als ſie auf der andern Inſel einen Erlenzweig hinter dem Saume des Gebüſches ſich erheben ſah, welcher bedeutungsvoll und, wie es ihr vorkam, als Zeichen der Freundſchaft gegen ſie herüber geſchwungen wurde. Dieß war ein athemloſer, drückender Augen⸗ blick für jemand, der ſo wenig in den Gränzkriegen erfahren war, als unſere Heldin; und doch fühlte ſie die Nothwendigkeit, ihre Faſſung zu bewahren, und mit Feſtigkeit und Umſicht zu handeln. Es gehörte zu den Eigenthümlichkeiten der gefahrvollen Lage, welcher die Amerikaniſchen Gränzbewohner blosgeſtellt waren, daß ſich die moraliſchen Eigenſchaften der Weiber in einem Grade ſteigerten, deſſen dieſe ſich unter andern Umſtänden ſelbſt nicht für fähig gehalten hätten, und Mabel wußte wohl, daß die Grenzleute in ihren Erzählungen gerne bei der Geiſtesgegenwart, dem Muth und der Tapferkeit verweilen, welche ihre Weiber und Schweſtern unter den gefährlichſten Umſtänden entfaltet hatten. Solche Erzählungen feuerten ſie zur Nachahmung an, und es kam ihr plötzlich zu Sinne, nun ſey der Augenblick gekommen, wo ſie ſich als Sergeant Dunhams ar, hre In. ge, daß ade für eute ruth nter igen une, ams 417 wahres Kind beweiſen könne. Die Bewegung des Zweiges ſchien ihr auf eine freundliche Abſicht hinzudeuten, und nach der Zögerung eines Augenblicks brach ſie gleichfalls einen Zweig ab, befeſtigte ihn an einen Stock, erhob ihn über eine Lücke in dem Gebüſch und erwiederte die Begrüßung, wobei ſie genau die Bewegungen des andern nachahmte. Dieſe ſtumme Zwieſprache dauerte auf beiden Seiten zwei oder drei Minuten, als Mabel bemerkte, daß das entgegengeſetzte Gebüſch vorſichtig bei Seite gedrückt wurde und in der Oeffnung ein menſchliches Antlitz zum Vorſchein kam. Ein zweiter, genauerer Blick überzeugte ſie, daß es das Geſicht von Dew⸗of⸗June, dem Weibe Arrowheads, war. So lange Mabel in der Geſellſchaft dieſes Geſchöpfes gewandert war, hatte ſie daſſelbe wegen ſeines ſanften Benehmens, der demüthigen Einfalt und der mit Furcht vermiſchten Liebe gegen ſeinen Gatten liebgewonnen. Ein oder zweimal war es ihr während des Laufes ihrer Reiſe vorgekommen, als ob der Tuscarora gegen ſie ſelbſt einen unerfreulichen Grad von Aufmerkſamkeit an den Tag lege; und bei ſolchen Gelegenheiten war es ihr aufgefallen, daß ſein Weib Schmerz und Bekümmerniß zu erkennen gebe. Da jedoch Mabel ihre Geſährtin für die Krän⸗ kung, welche ſie ihr in dieſer Hinſicht unabſichtlich veranlaßte, durch Güte und Aufmerkſamkeit mehr als entſchädigte, ſo bewies ihr die Indianerin ſo viel Zuneigung, daß unſere Heldin bei ihrer Tren⸗ nung der feſten Ueberzeugung lebte, ſie hätte in Dew⸗of⸗June eine Freundin verloren. Man würde vergeblich den Verſuch machen, alle Wege zu erforſchen, auf welchen das Vertrauen in das menſchliche Herz ein⸗ zieht. Das junge Tuscaroraweib hatte jedoch ein ſolches Gefühl in Mabels Seele erweckt, und die letztere fühlte ſich zu einem ge⸗ naueren Verkehr geneigt, da ſie uüͤberzeugt war, daß dieſe unge⸗ wöhnliche Erſcheinung ihr Beſtes beabſichtige. Sie zögerte nicht länger, aus dem Gebüſch herauszutreten, und freute ſich, zu ſehen, Der Pfadfinder. 3. Aufl. 27 daß ihr Vertrauen Nachahmung fand, indem Dew⸗of⸗June furchtlos aus ihrem Verſtecke herauskam. Die zwei Mädchen— denn obgleich verheirathet, war die Tuscarora doch jünger als Mabel— tauſchten nun offen die Zeichen der Freundſchaft aus, und letztere bat ihre Freundin, näher zu kommen, obgleich es ihr ſelbſt nicht deutlich war, wie dieſes ausgeführt werden könne. Aber Dew⸗of⸗June ſäumte nicht, zu zeigen, daß es in ihrer Macht ſtehe; denn nachdem ſie auf einen Augenblick verſchwunden war, erſchien ſie wieder an dem Ende eines Rindenkahns, deſſen Buge ſie in den Saum des Gebüſches gezogen hatte, und deſſen Rumpf in einer Art verſteckten Schlupfhafens lag. Mabel wollte ſie eben einladen, herüber zu kommen, als ihr Name von der Stentorſtimme ihres Onkels gerufen wurde. Sie gab dem Tuscaroramädchen einen raſchen Wink, ſich zu verbergen, eilte von dem Gebüſch weg dem freien Platze zu, woher die Stimme gekommen war, und bemerkte, wie die ganze Geſellſchaft ſich eben zum Frühſtück niedergelaſſen hatte, wobei Cap ſeinen Appetit kaum ſo weit zügelte, um ſie aufzufordern, am Mahle Theil zu nehmen. Mabel begriff ſchnell, daß dieß der günſtigſte Augenblick zu einer Beſprechung ſeyn müſſe, entſchuldigte ſich, daß ſie noch nicht zum Eſſen vorbereitet ſey, eilte nach dem Dickicht zurück und erneuerte bald wieder ihren Verkehr mit dem India⸗ nerweibe. Dew⸗of⸗June begriff ſchnell, und nach einem halben Dutzend lautloſer Ruderſchläge lag ihr Kahn in dem Verſtecke des Gebüſches der Station⸗Inſel. Eine Minute ſpäter hielt Mabel ihre Hand und führte ſie durch den Schattengang nach ihrer eigenen Hütte. Zum Glück war dieſe ſo gelegen, daß ſie von dem Feuer aus nicht geſehen werden konnte, und ſo langten beide Freundinnen unbemerkt in derſelben an. Mabel erklärte ihrem Gaſt in der Geſchwindigkeit ſo gut ſie konnte, daß ſie ihn auf eine kurze Zeit verlaſſen müſſe, führte Dew⸗of⸗June in ihr eigenes Zimmer mit der feſten Ueber⸗ zeugung, daß ſie es nicht verlaſſen würde, bis man ſie dazu — ⁷⁸ʃᷣ—.—— * u aufforderte, begab ſich dann zu dem Feuer, und nahm ihren Platz mit aller Faſſung, über die ſie zu gebieten vermochte, unter den Uebrigen ein. 1 „Wer ſpät kömmt, wird ſpät bedient, Mabel,“ ſagte ihr Onkel zwiſchen zwei Mundladungen voll gebratenen Salms; denn obgleich die Kochkunſt an dieſer entfernten Gränze ſehr ungekünſtelt ſeyn mochte, ſo waren doch die Speiſen im Allgemeinen köſtlich.„Wer ſpät kömmt, wird ſpät bedient: das iſt eine gute Regel und treibt die Schlafhauben an ihr Werk.“ „Ich bin keine Schlafhaube, Onkel; denn ich bin ſchon eine ganze Stunde auf, und habe mich auf unſrer Inſel umgeſehen.“ „Sie werden wenig daraus machen können, Miſtreß Mabel,“ verſetzte Muir,„denn es iſt von Natur nicht viel an ihr. Lundie, oder, wie man ihn in ſolcher Geſellſchaft beſſer nennen könnte, Major Duncan,“— es wurde dieß wegen des Corporals und der gemeinen Soldaten geſagt, obgleich dieſe ihr Mahl etwas abgeſondert einnahmen—„wie man ihn in ſolcher Geſellſchaft beſſer nennen könnte, Major Duncan hat die Staaten Seiner Majaſtät mit keinem Reiche vermehrt, als er von dieſer Inſel Beſitz nahm, denn ſie gleicht ganz der des berühmten Sancho an Einkünften und Ertrag. Ihr kennt doch ohne Zweifel dieſen Sancho, Meiſter Cap, und werdet oft in Euren Mußeſtunden, zumal bei einer Windſtille, oder in Augenblicken der Unthätigkeit von ihn geleſen haben?“ „Ich kenne den Ort, den Sie meinen, Quartiermeiſter; San⸗ cho's Inſel— Korallenfels, von neuer Formation und ſo ſchlechter Aufduning bei Nacht und ſtürmiſchem Wetter, daß ſich jeder Sünder davon klar zu halten wünſcht.'s iſt ein berufener Platz wegen der Kokosnüſſe und des bittern Waſſers, dieſe Sancho's Inſel.“ „Es ſoll dort nicht gut Mittag halten ſeyn,“ erwiederte Muir, und unterdrückte aus Achtung vor Mabel das Lächeln, das auf ſeinen Lippen zuckte;„auch glaube ich nicht, daß Einem zwiſchen ihren Einkünften und denen unſerers gegenwärtigen Aufenthalts die 420 Wahl beſonders ſchwer werden dürfte. Nach meinem Urtheil, Meiſter Cap, iſt unſere Sellung ſehr unmilitäriſch, und ich ſehe voraus, daß uns früher oder ſpäter eine Calamität zuſtoßen wird.“ „Es wäre zu wünſchen, daß es nicht eher geſchieht, als bis unſer Dienſt hier zu Ende iſt,“ bemerkte Mabel.„Ich trage kein Verlangen darnach, Franzöſiſch zu lernen.“ „Wir dürften uns glücklich ſchätzen, wenn es nur das, und nicht etwa das Irokeſiſche wäre. Ich habe dem Major Duncan Vorſtellungen wegen der Beſetzung dieſes Poſtens gemacht, aber einen eigenſinnigen Mann muß man ſeinen Weg gehen laſſen. Mein Hauptgrund, warum ich mich dem Zuge anſchloß, war die Abſicht, mich Eurer ſchönen Nichte nützlich und angenehm zu machen, Meiſter Cap; dann wollte ich auch einen Ueberſchlag über die Vor⸗ räthe machen, die ja eigentlich in meinen Geſchäftskreis gehören, damit keine Einreden über die Art ihrer Verwendung ſtattfinden können, wenn der Feind Mittel finden ſollte, ſie wegzunehmen.“ „Betrachten Sie die Sache ſo ernſt?“ fragte Cap, indem er vor lauter Antheil an der Antwort mit dem Kauen eines Wildpret⸗ biſſens innehielt; denn er ging wechſelweiſe wie ein moderner Ele⸗ gant von Fiſch zu Fleiſch und vom Fleiſch wieder zum Fiſche über. „Iſt die Gefahr ſo drängend?“ „Ich will das nicht gerade ſagen, möchte aber auch nicht das Gegentheil behaupten. Im Krieg iſt immer Gefahr vorhanden, und auf vorgeſchobenen Poſten mehr, als im Hauptquartier. Es darf daher keinen Augenblick überraſchen, wenn wir einen Beſuch von den Franzoſen bekommen.“ „Und was, zum Teufel, wäre in einem ſolchen Fall zu thun? Sechs Mann und zwei Weiber würden ſich bei der Vertheidigung eines Platzes, wie dieſer, erbärmlich genug ausnehmen, wenn die Franzoſen einen Ueberfall machen ſollten; denn ohne Zweifel würden ſie— ſo ächt franzöſiſch— in tüchtigen Maſſen anrücken.“ „Darauf kann man ſich verlaſſen— aufs Mindeſte mit einer 421 furchtbaren Macht. Ohne Zweifel wäre es zweckmäßig, nach den Regeln der Kriegskunſt Anſtalten zu Vertheidigung der Inſel zu treffen, obgleich es uns wahrſcheinlich an der nöthigen Mannſchaft fehlen wird, dieſen Plan auf eine Erfolg verſprechende Weiſe aus⸗ zuführen. Einmal ſollte eine Abtheilung an dem Ufer aufgeſtellt werden, um den Feind beim Landen zu beunruhigen; eine ſtarke Beſatzung ſollte augenblicklich in das Blockhaus gelegt werden, da es die Citadelle iſt, nach welcher ſich natürlich die verſchiedenen Abtheilungen zurückziehen würden, wenn ſie bei dem Vorrücken der Franzoſen Unterſtützung brauchten; um den feſten Platz ſollte ein mit Gräben verſehenes Lager gelegt werden, da es in der That ſehr unmili⸗ täriſch wäre, den Feind nahe genug zu dem Fuße der Mauern kommen zu laſſen, um ſie zu unterminiren. Spaniſche Reiter ſollten die Kavallerie im Schach halten, und was die Artillerie anbelangt, ſo ſollten unter dem Verſteck jener Wälder Redouten aufgeworfen werden. Starke Plänklerabtheilungen würden außerdem zu Verzö⸗ gerung des feindlichen Marſches außerordentlich gute Dienſte leiſten, und dieſe zerſtreuten Hütten könnten, gehörig mit Piqueten ver⸗ ſehen und von Gräben umzogen, treffliche Poſitionen zu dieſem Zweck abgeben.“ „Hu— hu— hu— uh! Quartiermeiſter. Und wer zum Teufel ſoll alle die Mannſchaft aufbringen, um einen ſolchen Plan auszuführen?“ „Der König, ohne allen Zweifel, Meiſter Cap. Es iſt ſeine Sache, und daher billig, daß er auch die Bürde trage.“ „Und wir ſind nur unſerer ſechs! Das iſt mir ein ſauberes Geſchwätz, zum Henker! Da könnte man Sie ans Ufer hinunter ſchicken, um den Feind vom Landen abzuhalten; Mabel müßte plänkeln, wenigſtens mit der Zunge; das Soldatenweib könnte die ſpaniſchen Reiter ſpielen, um die Kavallerie in Verwirrung zu bringen; der Corporal hätte das verſchanzte Lager zu commandiren; ſeine drei Mann müßten die Hütten beſetzen, und mir bliebe dann das Blockhaus. U— u— ff! Sie zeichnen gut, Lieutenant, und hätten ſollen ein Maler ſtatt eines Soldaten werden.“ „Nun, ich habe meine Dispoſitionen in dieſer Sache wiſſen⸗ ſchaftlich und ehrlich gemacht. Daß keine größere Macht da iſt, den Plan auszuführen, iſt die Schuld von Seiner Majeſtät Mini⸗ ſtern und nicht die meine.“ „Aber wenn der Feind wirklich erſchiene,“ fragte Mabel mit mehr Antheil, als ſie gezeigt haben würde, wenn ſie ſich nicht ihres Gaſtes in der Hütte erinnert hätte,„welchen Weg müßten wir dann einſchlagen?“ „Mein Rath, ſchöne Mabel, wäre ein Verſuch zu Ausführung deſſen, was Penophon mit Recht ſo berühmt machte.“ „Ich glaube, Sie meinen einen Rückzug, obgleich ich ihre Anſpielung halb errathen muß.“ 5 „Ihrem hellen, natürlichen Verſtand iſt meine Meinung nicht entgangen, mein Fräulein. Ich habe bemerkt, daß Ihr würdiger Vater dem Corporal gewiſſe Methoden angegeben hat, mit denen er dieſe Inſel zu halten hofft, im Falle die Franzoſen ihre Lage auffinden ſollten. Aber obgleich der ausgezeichnete Sergeant Ihr Vater und im Dienſte ſo gut, als irgend ein Unteroffizier iſt, ſo iſt er doch nicht der große Lord Stair, oder gar der Herzog von Marlborough. Ich will die Verdienſte des Sergeanten in ſeiner Sphäre nicht in Abrede ziehen; aber ich kann ſeine Eigenſchaften, mögen ſie auch noch ſo ausgezeichnet ſeyn, nicht höher ſchätzen, als die von Leuten, welche, wenn auch nur in geringem Grade, ſeine Vorgeſetzten ſind. Der Sergeant hat ſich mit ſeinem Herzen und nicht mit ſeinem Kopf berathen, als er ſolche Befehle erließ; aber wenn das Fort fällt, ſo wird der Vorwurf auf dem liegen, welcher es zu beſetzen befahl, und nicht auf dem, welchem die Vertheidigung obliegt. Was aber auch immer der Ausgang der letztern ſeyn mag, wenn die Franzoſen mit ihren Verbündeten landen ſollten, ſo wird doch ein guter General nie die nöthigen Vorbereitungen für den Fall eines Rückzugs vernachläßigen, und ich möchte Meiſter Cap, als dem Admiral unſrer Flotte rarhen, ein Boot in Bereit⸗ ſchaft zu halten, um die Inſel raͤumen zu können, wenn die Noth an den Mann geht. Das größte Boot, welches wir noch haben, führt ein weites Segel, und wenn man es hier herumholt und unter dieſen Büſchen vor Anker legt, ſo werden wir da einen ganz geeigneten Platz zu ſchleuniger Einſchiffung erhalten. Und dann werden Sie auch bemerken, ſchöne Mabel, daß wir kaum fünfzig Ellen zu einem Kanal haben, der zwiſchen zwei andern Inſeln und ſo verſteckt liegt, daß wir recht wohl gegen eine Entdeckung von Seiten derer, welche ſich auf dieſem Eiland befinden mögen, ge⸗ ſchützt ſind.“ „Was Sie da ſagen, iſt Alles ganz richtig, Herr Muir; aber könnten die Franzoſen nicht gerade von dieſer Gegend herkommen? Wenn ſie ſo gut für einen Rückzug iſt, ſo iſt ſie wohl eben ſo gut für den Angriff.“ „Sie werden nicht Einſicht genug für einen ſo klugen Ge⸗ danken haben,“ erwiederte Muir, wobei er verſtohlen und ein wenig unbehaglich umherſah;„es wird Ihnen an der gehörigen Klugheit mangeln. Dieſe Franzoſen ſind ein übereiltes Volk, und rücken gewöhnlich aufs Gerathewohl an; wir können alſo darauf zählen, daß ſie, wenn ſie überhaupt kommen, auf der andern Seite der Inſel landen werden.“ Die Unterhaltung ſchweifte nun verſchiedentlich ab, wobei jedoch immer die Wahrſcheinlichkeit eines Ueberfalls und die geeignetſten Mittel, ihm zu begegnen, die Hauptpunkte blieben. Mabel zollte dem Meiſten davon nur geringe Aufmerkſamkeit, obgleich ſie ſich einigermaßen überraſcht fühlte, daß Lieutenant Muir, ein Offtzier, der wegen ſeines Muthes in gutem Ruf ſtand, ſo offen das Aufgeben einer Sache empfahl, deren Vertheidigung ihr eine doppelte Pflicht ſchien, weil die Ehre ihres Vaters dabei im Spiele war. Ihr Geiſt war jedoch ſo ſehr mit ihrem Gaſte befchäftigt, daß ſie bei der erſten günſtigen Gelegenheit die Geſell⸗ ſchaft verließ und wieder in ihre Hütte eilte. Sie ſchloß die Thüre ſorgfältig, und als ſie ſah, daß der einfache Vorhang an dem ein⸗ zigen kleinen Fenſter vorgeſchoben war, führte ſie Dew⸗of⸗June, oder June, wie ſie vertraulich von denen, welche engliſch mit ihr ſprachen, genannt wurde, unter Zeichen der Liebe und des Vertrauens in das äußere Zimmer. „Es freut mich, dich zu ſehen, June,“ ſagte Mabel mit ihrer gewinnenden Stimme und ihrem ſüßeſten Lächeln.„Recht ſehr freut es mich, dich zu ſehen. Was hat dich hieher gebracht, und wie entdeckteſt du dieſe Inſel?“ „Sprich langſam,“ ſagte June, indem ſie das Lächeln mit einem gleichen erwiederte, und die kleine Hand ihrer Freundin mit der ihrigen, die kaum größer, aber durch die Arbeit abgehärtet war, drückte: „Mehr langſam— zu ſchnell.“ Mabel wiederholte ihre Fragen, wobei ſie ſich bemühte, den Sturm ihrer Gefühle zu unterdrücken, und es gelang ihr, ſich ſo deutlich auszuſprechen, daß ſie verſtanden wurde. „June, Freund,“ erwiederte das Indianerweib. „Ich glaube dir, June— von ganzem Herzen glaube ich dir. Aber was hat das mit deinem Beſuch zu ſchaffen?“ „Freund kommen, zu ſehen Freund,“ antwortete June mit einem offenen Lächeln gegen Mabel. „Es muß noch ein anderer Grund da ſeyn, June, ſonſt würdeſt du dich nicht in dieſe Gefahr begeben haben⸗ und noch dazu allein. Du biſt doch allein, June?“ „June bei dir, niemand anders. June kommen allein, Kahn rudern.“ „Ich hoffe es, ich glaube es— nein, ich weiß es. Du würdeſt mich nicht verrathen, June?“ 3 „Was verrathen?“ „Du könnteſt mich nicht betrügen, mich nicht den Franzoſen, den Irokeſen oder Arrowhead überliefern?“— June ſchüttelte ernſt ihr Haupt—„du könnteſt nicht meinen Skalp verkaufen?“ Hier legte June ihren Arm zärtlich um Mabels ſchlanken Leib, und drückte ſie mit einer Innigkeit und Liebe an ihre Bruſt, daß unſrer Heldin die Thränen ins Auge traten. Dieß war mit der liebevollen, zarten Weiſe eines Weibes geſchehen, ſo daß es kaum mehr möglich war, die Aufrichtigkeit eines jungen, offenen Geſchöpfs in Zweifel zu ziehen. Mabel erwiederte ihre Umarmung, drückte ſie dann mit der Hand etwas zurück, blickte ihr feſt ins Geſicht und fuhr mit ihren Fragen fort. „Wenn June ihrer Freundin etwas zu ſagen hat, ſo mag ſie freimüthig ſprechen. Meine Ohren ſind offen.“ „June fürchten, Arrowhead ſie tödten.“ „Aber Arrowhead wird es nie erfahren.“ Mabels Blut ſtieg ihr gegen die Schläfe, als ſie das ſagte, denn ſie fühlte, daß fie das Weib zu einem Verrath gegen ihren Gatten veranlaßte.„Das heißt, Mabel wird's ihm nicht ſagen.“ „Er begraben Tomahawk in June's Kopf.“ „Das darf nie geſchehen, liebe June; ſage lieber nichts mehr, als daß du dich dieſer Gefahr ausſetzteſt.“ „Blockhaus guter Platz zum Schlafen, guter Platz zum Bleiben.“ „Meinſt du, daß ich mein Leben retten könnte, wenn ich mich im Blockhaus aufhielte, June? Sicherlich, ſicherlich— Arrowhead wird dir kein Leid zufügen, wenn du mir das ſagſt. Er kann nicht wünſchen, daß mir ein Unglück zuſtoße, denn ich habe ihn nie beleidigt.“ „Arrowhead wünſcht nicht kränken das ſchöne Blaßgeſicht,“ erwiederte June mit abgewandtem Antlitz; und ihr Ton, obgleich ſte immer in der ſanften Stimme eines Indianermädchens ſprach, wurde tiefer, ſo daß er den Ausdruck der Melancholie und der Furcht trug;„Arrowhead lieben Blaßgeſichtsmädchen.“ Mabel erröthete unwillkührlich, und unterdrückte aus natürlichem Zartgefühl einen Augenblick ihre Fragen; aber es war nöthig, mehr zu erfahren, und da ihre Beſorgniſſe ſich immer mehr ſtei⸗ gerten, nahm ſie ihre Nachforſchungen wieder auf. „Arrowhead kann keinen Grund haben, mich zu lieben oder zu haſſen,“ ſagte ſte.„Iſt er in der Nähe?“ „Mann immer nahe bei Weib,— hier,“ ſie ihre Hand auf ihr Herz legte. „Herrliches Geſchöpf! Aber ſag' mir, June, ſoll ich heute— dieſen Morgen— jetzt— im Blockhaus ſeyn?“ „Blockhaus ſehr gut; gut für Weiber. Blockhaus kriegen nicht Skalp.“ „Ich fürchte, ich verſtehe dich nur zu gut, June. Wünſcheſt du meinen Vater zu ſehen?“ „Nicht hier—; fortgegangen.“ „Du kannſt das nicht wiſſen, voll von ſeinen Soldaten.“ „Nicht voll, fortgegangen.“— Hier hielt June vier Finger in die Höhe.—„So viel Rothröcke.“ „Und Pfadſinder? Möͤchteſt du nicht gerne den Pfadfinder ſehen? Er kann mit dir reden in der Zunge der Irokeſen.“ „Zunge mit ihm gegangen,“ ſagte June lachend;„behalten Zunge in ſein Mund.“ Es lag etwas ſo Süßes und Anſteckendes in dem kindlichen Lachen des Indianermädchens, daß ſich Mabel nicht entbrechen konnte, darin einzuſtimmen, ſo ſehr auch ihre Furcht durch Alles, was vorgegangen, erregt war. „Du ſcheinſt zu wiſſen, oder glaubſt Alles zu wiſſen, was ſich iſt, Eau⸗ bei uns zuträgt, June. Aber wenn Pfadfinder gegangen i douce kann auch franzöſiſch ſprechen.“ „Eau⸗douce auch gegangen; nur ni June dieß ſagte, lachte ſie wieder, ſagte June, indem „ June; du ſiehſt, die Inſel iſt cht Herz; das hier.“ Als blickte nach verſchiedenen ls Richtungen, als ob ſie Mabel nicht in Verwirrung bringen wollte, und legte ihre Hand auf den Buſen ihrer Freundin. Unſre Heldin hatte zwar oft von dem wunderbaren Scharf⸗ ſinn der Indianer, und von der überraſchenden Weiſe gehört, mit welcher ſie Alles auffaſſen, während ſie doch auf nichts zu achten ſcheinen; aber auf dieſe eigenthümliche Wendung ihres Geſprächs war ſie nicht vorbereitet. Sie wünſchte auf einen andern Gegen⸗ ſtand zu kommen, und da ſie zugleich ängſtlich bekümmert war, zu erfahren, wie groß die Gefahr wirklich ſeyn möchte, welche ihr be⸗ vorſtand, erhob ſie ſich von dem Feldſtuhl, auf dem ſie geſeſſen, und nahm eine Haltung an, die weniger zärtliches Vertrauen aus⸗ drückte, wodurch ſie mehr von dem zu erfahren hoffte, was ſie zu wiſſen wünſchte, und Anſpielungen, welche ſie in Verlegenheit ſetzen könnten, zu vermeiden beabſichtigte. „Du weißt, wie viel oder wie wenig du mir mittheilen darfſt, June,“ ſagte ſie;„und ich hoffe, du liebſt mich genug, um mich von dem zu unterrichten, was mir zu hören nöthig iſt. Auch mein lieber Onkel iſt auf der Inſel, und du biſt ſeine Freundin, oder ſollteſt es ſeyn, ſo gut als die meinige; und wir beide werden dein Benehmen nicht vergeſſen, wenn wir wieder nach Oswego zu⸗ rückgekehrt ſind.“ „Mag ſeyn, nie kehren zurück; wer wiſſen?“ ſie ſprach das im Tone des Zweifels, wie Jemand, der eine Vermuthung aus⸗ ſpricht, keineswegs aber mit Hohn, oder in der Abſicht, Mabel zu beunruhigen. „Nur Gott weiß, was geſchehen wird. Unſer Leben iſt in Seiner Hand. Doch ich glaube, du biſt Sein Werkzeug zu unſerer Rettung.“ Das ging über June's Begriffsvermögen, und ihr Blick drückte ihre Unwiſſenheit aus; doch war es augenſcheinlich, daß ſie nützlich zu werden wünſchte. „Blockhaus ſehr gut!“ wiederholte ſie, als ſich der Zug der 428 Unſicherheit aus ihrem Geſichte verloren hatte, und legte einen ſtarken Nachdruck auf die zwei letzten Worte. „Gut, ich verſtehe das, June, und will heute Nacht in dem⸗ ſelben ſchlafen. Natürlich darf ich aber meinem Onkel mittheilen, was du mir geſagt haſt?“ Dew⸗of⸗June war beſtürzt, und ließ eine große Unbehaglichkeit bei dieſer Frage blicken. 3 4 „Nein, nein, nein!“ antwortete ſie mit einer Haſt und einer Heftig⸗ keit, welche den Franzoſen Canada's nachgeahmt waren,„nicht gut, zu ſagen Salzwaſſer. Er viel reden und lange Zunge. Denkt Wälder lauter Waſſer, und nichts wiſſen. Sagen Arrowhead, und June ſterben.“ „Du thuſt meinem lieben Onkel Unrecht, denn es wäre ihm ſo wenig möglich, dich, als Jemand anders zu verrathen.“ „Nichts verſtehen. Salzwaſſer hat Zunge, aber nicht Augen, nicht Ohren, nicht Naſe— nichts als Zunge, Zunge, Zunge!“ Obgleich Mabel dieſer Anſicht nicht ganz beiſtimmen konnte, ſo ſah ſie doch, daß Cap nicht das Vertrauen der Indianerin be⸗ ſaß, und daß es vergeblich ſey, zu hoffen, man könne ihn zu der gegenwärtigen Beſprechung beiziehen. „Du ſcheinſt zu glauben, daß du unſere Lage ziemlich genau kenneſt, June,“ fuhr Mabel fort;„biſt du ſchon früher auf dieſer Inſel geweſen?“ „Eben gekommen.“ „Wie kannſt du denn wiſſen, daß das, was du ſagſt, wahr iſt? Mein Vater, der Pfadfinder und Eau⸗douce, alle können hier in dem Bereich meiner Stimme ſeyn, wenn ich ſie rufen will.“ „Alle gegangen,“ ſagte June mit Beſtimmtheit, zugleich aber mit gutmüthigem Lächeln. „Nein das iſt mehr, als du mit Gewißheit ſagen kannſt, da du die Inſel nicht durchſucht haſt.“ „Haben gute Augen; ſehen Boot mit Männern weggehen— ſehen Schiff mit Eau⸗douce.“ „Dann haſt du ſchon einige Zeit auf uns Acht gegeben. Ich denke jedoch, du haſt die nicht gezählt, welche zurückblieben?“ June lachte, hielt ihre vier Finger wieder in die Höhe, und zeigte dann auf ihre zwei Daumen; indem ſie mit einem Finger über die erſteren fuhr, wiederholte ſte das Wort„Nothröcke“; und während ſie die letzteren berührte, ſetzte ſie hinzu ,Salzwaſſer,⸗« „Quartiermeiſter.“ Alles dieſes traf genau zu, und in Mabel ſtiegen nun ernſtliche Zweifel auf, ob es geeignet ſey, ihren Beſuch ziehen zu laſſen, ehe ſie weitere Aufflärung erhalten hatte. Es ſtand aber ſo ſehr im Widerſpruch mit ihren Gefühlen, das Vertrauen dieſes ſanften und liebevollen Geſchöpfes zu mißbrauchen, daß Mabel den Gedanken, ihren Onkel herbeizurufen, als ihrer ſelbſt unwürdig und gegen ihre Freundin ungerecht, wieder aufgab. Dieſer Entſchluß wurde noch dadurch unterſtützt, daß man mit Sicherheit darauf zählen konnte, June werde nichts Weiteres enthüllen, ſondern ihre Zuflucht zu einem hartnäckigen Schweigen nehmen, wenn man es verſuchen würde, ſie zu zwingen. „Du glaubſt alſo, June,“ fuhr Mabel fort, ſobald ſie mit ihren Betrachtungen zu Ende war,„daß es beſſer wäre, im Block⸗ haus zu bleiben?“ „Guter Platz für Weib. Blockhaus nicht kriegen Skalp. Balken dick.“ „Du ſprichſt ſo zuverſichtlich, als ob du darin geweſen ſeyſt und ſeine Wände gemeſſen habeſt.“ June lachte, und gab ſich das Anſehen einer Wiſſenden, ohne jedoch etwas Weiteres zu ſagen. „Weiß Jemand außer dir dieſe Inſel aufzufinden? Hat ſie einer der Irokeſen geſehen?“ June's Miene wurde düſter; ſie warf ihre Augen vorſichtig um ſich, als ob ſie irgend einen Horcher befürchte. „Tuscarora überall— Oswego, hier, Frontenae, Mohawk— überall. Wenn er ſieht June, ſie tödten.“ 430 „Aber wir glaubten, daß Niemand etwas von dieſer Inſel wiſſe, und daß wir keinen Grund hätten, unſere Feinde zu fürchten, ſo lange wir uns auf derſelben befinden.“ „Viel Auge, Jrokeſen.“ „Augen können nicht alles ausrichten, June.— Dieſe Inſel fällt dem Blicke nicht leicht auf, und ſelbſt von unſern Leuten wiſſen nur wenige ſie aufzufinden.“ „Ein Mann kann reden; einige Yengeeſe ſprechen Franzöſiſch.“ Mabeln überlief es kalt. Der ganze Verdacht gegen Jasper, den ſie bisher zu nähren verſchmäht hatte, trat auf einmal mit aller Macht vor ihre Seele, und die dadurch erregten Gefühle laſteten ſo ſchwer auf ihr, daß ſie einer Ohnmacht nahe war. Sie faßte ſich jedoch wieder, und eingedenk des ihrem Vater gegebenen Ver⸗ ſprechens erhob ſie ſich, ging einigemale in der Hütte auf und nieder, und ſuchte ſich zu bereden, das Jaspers Vergehen ſte nichts angingen, obgleich ſie im innerſten Herzen wünſchte, ihn unſchuldig zu wiſſen. „Ich verſtehe, was du ſagen willſt, June,“ begann ſie wieder; „du willſt mir kund thun, daß irgend Jemand verrätheriſcher Weiſe deinen Leuten geſagt hat, wo und wie die Inſel zu finden ſey?“ June lachte, denn in ihren Augen war Kriegsliſt mehr ein Verdienſt, als ein Verbrechen. Sie war jedoch ihrem Stamme zu treu, um mehr zu ſagen, als die Umſtände gerade forderten. Ihre Abſicht war, Mabel zu retten, aber auch nur Mabel; und ſie ſah keinen hinreichenden Grund, warum ſie mehr thun ſollte. „Blaßgeſicht wiſſen nun,“ ſetzte ſie bei,„Blockhaus gut für Mädchen. Nichts mir machen aus Männer und Krieger.“ „Aber ich mache mir viel daraus, June; denn einer von dieſen Männern iſt mein Onkel, den ich liebe, und die andern ſind meine Landsleute und Freunde. Ich muß ihnen ſagen, was vor⸗ gegangen iſt.“ „Dann June getödtet werden,“ erwiederte die junge Indianerin ruhig, obgleich augenſcheinlich etwas bekümmert. ————— „Nein, ſie ſollen nicht erfahren, daß du hier geweſen biſt. Aber ſie müſſen auf ihrer Hut ſeyn, und wir können alle in das Blockhaus gehen.“ „Arrowhead wiſſen, ſehen jedes Ding, und June werden tödten, June kommen, zu ſagen jungem Blaßgeſicht Freund, und nicht zu ſagen Männer. Jeder Krieger bewachen ſein eigen Skalp. June Weib, und ſagen Weib; nicht ſagen Männer.“ Mabel wurde durch dieſe Erklärung ihrer indianiſchen Freundin in die äußerſte Noth verſetzt, denn es war nun augenſcheinlich, daß die junge Wilde einſah, ihre Mittheilungen dürften nicht weiter gehen. Es war ihr unbekannt, wie ſehr es dieſes Volk für einen Ehrenpunkt hält, ein Geheimniß zu bewahren, und noch weniger war ſie im Stande zu beurtheilen, wie weit eine Unklugkeit von ihrer Seite June blosſtellen und das Leben derſelben gefährden könne. Alle dieſe Betrachtungen blitzten durch ihre Seele, und wurden durch reiflichere Erwägung nur noch ſchmerzlicher. Auch June betrachtete die Sache augenſcheinlich ernſt, denn ſie fing an, die verſchiedenen Kleinigkeiten, welche ihr entfallen waren, aufzu⸗ leſen und ſich zum Aufbruch anzuſchicken. Der Verſuch, ſie auf⸗ zuhalten, kam Mabel nicht zu Sinne, und von ihr zu ſcheiden, nachdem ſie ſo viel gewagt hatte, um ihr zu dienen, widerſtrebte dem Billigkeitsgefühle und dem liebevollen Charakter unſrer Heldin. „June!“ ſagte ſie lebhaft, indem ſie ihren Arm um das zwar ungebildete, aber edle Weſen ſchlang,„wir ſind Freundinnen. Von mir haſt du nichts zu befürchten, denn Niemand ſoll etwas von deinem Beſuche erfahren. Könnteſt du mir aber nicht ein Zeichen geben, wenn die Gefahr heranrückt, ein Zeichen, aus dem ich er⸗ kennen kann, wann ich in das Blockhaus gehen ſoll und wie ich für mich Sorge tragen kann?“. June hielt an, denn ſte hatte ſich bereits ernſtlich zum Fort⸗ gehen angeſchickt; dann ſagte ſie ruhig:— „Bring June Taube.“ 432 „Eine Taube? Wo verde ich eine Taube finden, die ich, dir bringen könnte?“ „Nächſte Hütte; bring eine alte, June gehen zu Kahn.“ „Ich glaube, ich verſtehe dich, June; wäre es aber nicht beſſer, ich ginge mit dir nach dem Gebüſche zurück, damit du nicht mit irgend einem von den Männern zuſammentreffeſt?“ „Gehen aus zuerſt; zählen Männer eins, zwei, drei, vier, fünf, ſechs“— hier hielt June ihre Finger in die Höhe und lachte—„alle aus dem Weg— gut. Wenn nur einer, rufen ihn auf Seite. Dann ſingen und holen Taube.“ Mabel lächelte über die Beſonnenheit und den Scharfſinn des Mädchens und ſchickte ſich an, ihren Wünſchen zu entſprechen. An der Thüre hielt ſie jedoch und blickte bittend auf das indianiſche Weib zurück. „Darf ich nicht hoffen, daß du mir mehr ſageſt, June?“ fragte ſie. „Alles jetzt wiſſen; Blockhaus gut, Taube ſagen, Arrowhead tödten.“ 8 Die letzten Worte genügten, denn Mabel konnte nicht auf weitere Mittheilungen dringen, da ihre Gefährtin ſelbſt ſagte, daß die Strafe ihrer Enthüllungen wahrſcheinlich der Tod von der Hand ihres Gatten ſeyn werde. Sie öffnete die Thüre, winkte June ein Lebewohl zu und verließ die Hütte. Mabel griff zu dem einfachen, von der Indianerin angegebenen Mittel, um ſich über die Orte, wo ſich die verſchiedenen Perſonen befanden, Gewißheit zu verſchaffen, und begnügte ſich mit dem Zählen derſelben, ſtatt ſte genauer ins Auge zu faſſen, um ſie aus dem Geſicht und dem Anzug zu erkennen. Sie fand, daß drei noch bei dem Feuer ſaßen, während zwei andere, unter ihnen Herr Muir, gegen das Boot hin gegangen waren. Der ſechste war ihr Onkel, der ſich in der Nähe des Feuers mit Zurichtung von Fiſchgeräthſchaften beſchäf⸗ tigte. Die Soldatenfrau ging eben in ihre Hütte, und ſomit war man mit der ganzen Geſellſchaft im Reinen. Mabel gab ſich das Anſehen, als ob ſie etwas vergeſſen habe, kehrte in die Nähe der Hütte⸗ zurück, trillerte ein Liedchen, bückte ſich, als ob ſie etwas von dem Boden aufläſe undeilte nun der von June angegebenen Hütte zu. Dieſe war ein verfallenes Gebäude, und von den Soldaten der abgelösten Abtheilung zu einem Aufbewahrungsort für ihr zahmes Vieh umgewandelt worden. Unter Anderem enthielt es einige Dutzend Tauben, welche ſich auf einem Haufen Weizen gütlich thaten, der von einer der geplünderten Anſiedelungen auf dem Kanadaufer mitgebracht worden war. Es wurde Mabel nicht ſchwer, eine von den Tauben zu haſchen, ob gleich dieſe mit einem trommelähnlichen Geräuſch um die Hütte flatterten, und als ſie dieſelbe unter ihren Kleidern verborgen hatte, ſtahl ſie ſich mit ihrem Fange wieder nach ihrer Hütte zurück. Ein Blick durch die Thure überzeugte ſie, daß ihr Gaſt nicht mehr da ſey, und nun eilte das Mädchen haſtig dem Ufer zu, ohne daß es ihr dabei ſchwer wurde, der Beobachtung zu entgehen, da die Bäume und Büſche ſie vollkommen verbargen. Bei dem Kahne fand ſie June, welche die Taube nahm, ſie in ein von ihr ſelbſt verfertigtes Körbchen ſetzte, und mit den Worten:„Blockhaus gut,“ ſo geräuſchlos, als ſie gekommen war, aus dem Gebüſche und über die ſchmale Waſſerſtraße glitt. Mabel wartete noch eine Weile auf ein Zeichen des Abſchieds oder der Zuneigung von ihrer lan⸗ denden Freundin, aber vergebens. Die benachbarten Inſeln, ohne Ausnahme, waren ſo ſtill, als ob hier nie die erhabene Ruhe der Natur geſtört worden ſey, und nirgends ließ ſich ein Zeichen oder eine Spur entdecken, welche Mabeln hätten Aufſchluß über die Nähe der Gefahr ertheilen können, von welcher June Nachricht gegeben. Als Mabel vom Ufer zurückkehrte, fiel ihr ein kleiner Umſtand auf, der unter gewöhnlichen Verhältniſſen kaum ihre Aufmerkſamkeit ange⸗ zogen hätte, jetzt aber, da ihr Argwohn geweckt war, von ihrem unruhigen Blicke nicht unbeachtet blieb. Ein kleines Stück rothen Beuteltuchs, wie man ſich deſſen zur Verfertigung von Schiffsflaggen bedient, flatterte von dem untern Aſte eines kleinen Baumes, 28 „ Der Pfadfinder. 3. Aufl. 434 an welchem es auf eine Weiſe befeſtigt war, daß es wie ein Schiffswimpel ſich ſenken oder vom Winde hinausgeblaſen werden konnte. Da Mabels Furcht einmal rege war, ſo hätte ſelbſt June ſich nicht mit größerer Schnelligkeit Thatſachen klar zu machen vermocht, die, wie zu vermuthen ſtand, auf die Sicherheit der Geſellſchaft Bezug hatten. Ein Blick genügte ihr für die Ueberzeugung, daß dieſer Tuchſtreifen von der anliegenden Inſel aus bemerkt werden konnte, daß er der Linie zwiſchen ihrer Hütte und dem Kahne ſo nahe lag, um es außer Zweifel zu ſetzen, daß June nahe daran, wenn nicht unter demſelben habe vorbeikommen müſſen, und daß es vielleicht ein Signal fey, um denen, welche wahrſcheinlich in der Nachbarſchaft im Hinterhalt lagen, irgend eine wichtige Thatſache die mit der Art des Angriffs in Verbindung ſtand, mitzutheilen. Mabel nahm den Tuchſtreifen von dem Baume und eilte fort, kaum wiſſend, was ihr nun zunächſt obliege. June konnte falſch gegen ſie geweſen ſeyn; aber ihr Benehmen, ihre Blicke, ihre Liebe und Anhänglichkeit, die Mabel ſchon während ihrer Reiſe kennen gelernt hatte, ließen dieſen Gedanken nicht aufkommen. Dann gedachte ſie der Anſpielung auf Arrowhead's Bewunderung der Blaßgeſichts⸗ Schönheit, erinnerte ſich, wenn auch dunkel, der Blicke des Tuscarora und es wurde ihr ſchmerzlich klar, daß wenige Weiber mit Zuneigung auf diejenigen blicken können, welche ihnen die Liebe ihrer Männer entfremdet haben. Zwar waren dieſe Bilder weder beſtimmt noch deutlich, ſondern durchflogen eher die Seele unſerer Heldin in einem gewiſſen Helldunkel, als daß ſie feſten Halt in derſelben ge⸗ wonnen hätten; demungeachtet aber beſchleunigten ſie die Pulſe und die Schritte des Mädchens, ohne in ihr die raſchen und klaren Entſchlüſſe hervorzubringen, welche gewöhnlich ihren Erwägungen folgten. Sie eilte geraden Wegs nach der von der Soldatenfrau bewohnten Hütte, in der Abſicht, ſich ſchnell mit ihr nach dem Blockhaus zu begeben, da ſie niemand anders veranlaſſen konnte, 4 1 4 ihr zu folgen, als ihr ungeduldiger Schritt plötzlich durch Muirs Stimme unterbrochen wurde. „Wohin ſo ſchnell, ſchöne Mabel,“ rief er,„und warum ſo einſam? Der würdige Sergeant wird ſich über meine gute Lebensart luſtig machen, wenn er hoͤrt, daß ſeine Tochter die Morgenſtunden allein und ohne Begleitung zubringen muß, während er doch weiß, wie glühend mein Wunſch iſt, ihr Geſellſchafter und Sclave zu ſeyn, vom Anfange des Jahres an bis zu deſſen Ende.“ „Sicherlich, Herr Muir, müſſen Sie hier einiges Anſehen haben?“ ſagte Mabel, indem ſie plötzlich ihre Schritte anhielt. „Auf einen Mann von Ihrem Rang muß wenigſtens ein Cor⸗ poral hören?“ „Ich weiß das nicht, ich weiß das nicht,“ unterbrach ſie Muir, mit einer Ungeduld und einem Ausdruck von Beunruhigung, die in einem andern Augenblick Mabels Aufmerkſamkeit erregt haben würden.„Commando iſt Commando, Disciplin iſt Disciplin, und Anſehen iſt Anſehen. Ihr guter Vater würde es höchſt empfindlich aufnehmen, wenn ich ihm ins Gehege ginge und die Lorbeern, die er zu gewinnen im Begriff iſt, beſudeln oder für mich davon tragen wollte. Ich kann dem Corporal nicht befehlen, ohne zugleich auch dem Sergeanten zu befehlen. Es wird daher für mich das klügſte ſeyn, bei dieſer Unternehmung in der Dunkelheit des Privatmannes zu bleiben, und ſo verſtehen auch Alle von Lundie abwärts die Ver⸗ haltungsbefehle.“ „Ich weiß das, und es mag wohl gut ſeyn; denn ich möchte meinem lieben Vater keinen Anlaß zur Unzufriedenheit geben. Aber Ihr Anſehen könnte zu des Corporals eigenem Beſten dienen.“ „Ich will das nicht ſagen,“ erwiederte Muir in ſeiner ſchlauen ſchottiſchen Weiſe;„es würde viel eher angehen, einen Einfluß zu ſeinem Schaden auf ihn geltend zu machen. Der Menſch hat ſeine Beſonderheiten, ſchöne Mabel, und auf ein Mitgeſchöpf zu ſeinem Beſten einwirken zu wollen, iſt eine der ſchwierigſten Aufgaben der 436 menſchlichen Natur, während das Gegentheil gerade die allerleichteſte iſt. Sie werden das nicht vergeſſen, meine Theure, ſondern es ſich zu ihrer Erbauung und Belehrung ein wenig zu Gemüth führen; aber was iſt das, was Sie da um Ihren ſchlanken Finger wickeln, als ob es einer Ihrer brünſtigen Verehrer wäre?“ „Es iſt nichts, als ein Stückchen Tuch— eine Art Flagge— eine Kleinigkeit, die kaum Ihrer Aufmerkſamkeit würdig iſt in einem ſo ernſten Augenblick.— Wenn—“ „Eine Kleinigkeit? Es iſt nicht ſo geringfügig, als Sie ſich vorſt llen mögen, Miſtreß Mabel!“ Er nahm ihr das Stückchen Tuch ab und dehnte es mit beiden Armen der Länge nach aus, während ſein Geſicht ernſt und ſein Auge wachſam wurde.„Sie werden das doch nicht in dem Frühſtück gefunden haben, Mabel Dunham?“ Mabel theilte ihm einfach mit, wo und wie ſie dieſen Streifen gefunden habe. Während ſie ſprach, war das Auge des Quartier⸗ meiſters keinen Augenblick ruhig, und flog von dem Flaggentuch zu Mabels Geſicht und von da wieder zu dem Flaggentuch zurück. Es war leicht zu bemerken, daß ſein Verdacht erregt war, und er ließ Mabel nicht lange im Ungewiſſen über die Richtung deſſelben. „Wir ſind nicht in einem Theile der Welt, wo unſre Flaggen draußen in dem Winde flattern dürfen, Mabel Dunham!“ ſagte er mit einem bedeutungsvollen Kopfſchütteln. 3 „Das dachte ich auch, Herr Muir, und nahm deshalb das kleine Wimpel weg, damit es nicht ein Mittel werde, dem Feinde unſre Anweſenheit zu verrathen, ſelbſt wenn durch das Entfalten deſſelben gar nichts beabſichtigt wurde. Sollte man nicht meinen Onkel von dieſem Umſtand in Kenntniß ſitzen?“ „Ich ſehe hiefür keine Nothwendigkeit, ſchöne Mabel; denn Sie bezeichnen es ganz richtig als einen Umſtand, und Umſtände ſitzen bisweilen dem würdigen Seemann ſchwer auf. Aber dieſe Flagge, wenn man es eine ſolche nennen kann, gehört zu dem N r Fahrzeug eines Schiffers. Sie werden bemerken, daß ſie aus ſoge⸗ nanntem Beuteltuch gemacht iſt, welches blos zu derartigen Zwecken benützt wird; denn Sie wiſſen ſelbſt, daß unſere Fahnen aus Seide oder farbiger Leinwand verfertigt ſind. Sie hat auf eine über⸗ raſchende Weiſe die Länge des Scud⸗Wimpels;— und ich erin⸗ nere mich nun, daß ein Stück von eben jener Flagge abge⸗ ſchnitten war.“ Mabel fühlte ihr Herz erſtarren, aber ſie hatte genug Selbſt⸗ beherrſchung, um keine Erwiederung zu verſuchen. „Man darf die Sache nicht ſo hingehen laſſen,“ fuhr Muir fort:„und es wird im Grunde doch gut ſeyn, eine kurze Rückſprache mit Meiſter Cap zu halten; denn ein loyalerer Unterthan lebt nicht im britiſchen Reiche.“ „Ich habe mir dieſen Wink ſo ernſt betrachtet,“ verſetzte Mabel,„daß ich im Begriffe bin, mich in das Blockhaus zu begeben und die Soldatenfrau mit mir zu nehmen.“ „Ich ſehe nicht ein, zu was das gut ſeyn wird, Mabel. Das Blockhaus wird zuerſt angegriffen werden, wenn wirklich ein Ueber⸗ fall im Werke iſt. Wenn ich Ihnen in einer ſo zarten Angelegen⸗ heit rathen dürfte, ſo möchte ich Ihnen empfehlen, Ihre Zuflucht zu dem Boote zu nehmen, welches, wie Sie bemerken können, am günſtigſten liegt, um ſich in jenen entgegengeſetzten Canal zu flüchten, wo Alles, was darin iſt, in einer oder zwei Minuten zwiſchen den Inſeln verborgen wäre. Waſſer hinterläßt keine Fährte, wie Pfad⸗ finder ſagt, und es ſcheint, es ſeyen ſo viele verſchiedene Durch⸗ gänge in dieſer Gegend, daß ein Entkommen mehr als wahrſchein⸗ lich wäre. Ich bin immer der Anſicht geweſen, Lundie habe zu viel gewagt, als er einen ſo weit vorgeſchobenen und ſo ſehr ge⸗ fährdeten Poſten, wie dieſer iſt, beſetzen ließ.“ „Es iſt nun zu ſpät, es zu bereuen, Herr Muir, und wir haben jetzt nur für unſre Sicherheit zu ſorgen.“ 7 „Und für die Ehre des Königs, ſchöne Mabel. Ja, Seiner 438 Majeſtät Waffen und ſein ruhmvoller Name dürfen bei keiner Ge⸗ legenheit außer Acht gelaſſen werden.“ „Dann, meine ich, dürfte es doch am geeignetſten ſeyn, wenn wir unſere Augen nach dem Ort, der zu ihrer Aufrechthaltung ge⸗ baut worden iſt, richteten, als nach dem Boot,“ ſagte Mabel lächelnd;„und ſo bin ich, Herr Muir, für das Blockhaus, wo ich die Rückkehr meines Vaters und ſeiner Leute abwarten möchte. Es müßte ihn wohl ſehr betrüben, wenn er ſiegreich und voll Zu⸗ verſicht, daß wir unſern Pflichten ſo treu nachgekommen ſeyen, als er der ſeinigen, zurückkäme, und fände, daß wir geflohen ſind.“ „Nein, nein, ums Himmels willen, mißverſtehen Sie mich nicht, Mabel,“ unterbrach ſie Muir etwas beunruhigt;„ich bin weit ent⸗ fernt, jemand anders als den Frauen den Rath zu geben, zum Boote die Zuflucht zu nehmen. Die Obliegenheit der Männer iſt, ohne allen Zweifel, klar genug, und mein Entſchluß war von An⸗ fang an, mit dem Blockhaus zu ſtehen oder zu fallen.“ „Und glaubten Sie, Herr Muir, daß zwei Weiber dieſes ſchwere Boot auf eine Weiſe zu führen wüßten, um dem Rindenkahn eines Indianers zu entkommen?“ „Ach, meine ſchöne Mabel, die Liebe verſteht ſich ſelten auf die Logik, und die Beſorgniſſe derſelben ſind wohl geeignet, den Verſtand ein wenig in Verwirrung zu bringen. Ich ſah nur Ihre ſüße Geſtalt in dem Beſitz des Rettungsmittels, und dachte nicht, daß es Ihnen an der Fähigkeit gebricht, ſich deſſelben zu bedienen. Aber Sie werden nicht ſo grauſam ſeyn, holdes Weſen, mir die lebhafte Beſorgniß um Sie als Fehler anzurechnen?“ Makel hatte genug gehört. Ihr Geiſt war zu ſehr mit den Ereigniſſen dieſes Morgens und mit ihren Befürchtungen beſchäf⸗ tigt, als daß ſie länger bei einem Liebesgeſpräch zu verweilen ge⸗ wünſcht hätte, welches ihr auch in den ſorgenfreieſten und heiterſten Augenblicken zuwider geweſen wäre. Sie nahm daher haſtig Ab⸗ ſchied von ihrem Gefährten und beabſichtigte, ſich in die Hütte der V —— u— V Soldatenfrau zu begeben, als ſie Muir anhielt, indem er mit ſeiner Hand ihren Arm faßte. „Ein Wort noch, Mabel,“ ſagte er,„ehe Sie mich verlaſſen. Dieſe kleine Flagge hat entweder eine beſondere Bedeutung, oder nicht. Hat ſie eine, ſo dürfte es, da wir ſehen, daß ſie bereits ausgeſteckt worden iſt, wohl beſſer ſeyn, ſie wieder an ihren Ort zu hängen, während wir ſorgſam darauf achten, ob nicht eine Ant⸗ wort erfolgt, die uns der Verſchwörung auf den Sprung kommen hälfe; und hat ſie nichts zu bedeuten— ei, ſo wird auch nichts darauf folgen.“ „Sie mögen wohl Recht haben, Herr Muir, obgleich, wenn das Ganze blos zufällig iſt, die Flagge Anlaß zu Entdeckung des Poſtens geben könnte.“. Mabel ſtand ihm nicht weiter Rede, und war ihm bald aus den Augen, indem ſie der Hütte zueilte, nach welcher ſie vorhin ſchon getrachtet hatte. Der Quartiermeiſter blieb ungefähr eine Minute auf demſelben Platze und in derſelben Stellung, in welcher ihn das Mädchen ver⸗ laſſen hatte, und blickte zuerſt auf die forthüpfende Geſtalt, dann aber auf das Stückchen Tuch, welches er in der Hand hielt, indeß ſich Unſchlüſſigkeit in ſeinen Zügen ausdrückte. Sein Schwanken dau⸗ erte jedoch nicht länger, als dieſe Minute! denn er befand ſich bald unter dem Baume, wo er die Flagge wieder an einen Aſt befeſtigte, obgleich er ſie, da er die Stelle, von welcher Mabel ſie genommen, nicht kannte, von einem Eichenzweige herabflattern ließ, welcher mehr den Blicken ſolcher, die auf dem Strome ſich befanden ausgeſetzt war, während ſie von der Inſel aus weniger geſehen werden konnte. Einundzwanzigſtes Kapitel. Vorbei iſt Speiſen nun und Trank; Der Käs kommt wieder in den Schrank; Die Näpf' und Pfannen— alle rein— Schließt jetzt die Speiſekammer ein. Cotton. Als Mabel ihre Gefährtin aufſuchte, däuchte es ihr ſonderbar, daß die andern ſo gefaßt waren, während ſie ſelbſt ſich ſo bedrückt fühlte, als ob eine Verantwortlichkeit für Leben und Tod auf ihren Schultern laſtete. Es miſchte ſich allerdings auch Mißtrauen gegen June in ihre Ahnungen; aber wenn ſie der zärtlichen und natür⸗ lichen Weiſe des Indianermädchens, wie auch aller Beweiſe von Treue und Aufrichtigkeit gedachte, welche ſie in ihrem Benehmen während des traulichen Verkehrs auf ihrer gemeinſchaftlichen Reiſe an den Tag gelegt hatte, ſo verwarf ſie dieſen Gedanken mit dem Un⸗ willen einer edeln Seele, welche nicht gerne Uebels von Andern glaubt. Sie ſah jedoch, daß ſie ihre Gefährten nicht zu größerer Wachſamkeit auffordern konnte, ohne ſie in das Geheimniß ihres Geſprächs mit June einzuweihen: ferner, daß ſie ſelbſt genöthigt ſey, zumal unter ſo bedeutungsvollen Verhältniſſen, mit einer Umſicht und Bedachtſamkeit zu handeln, an welche ſie nicht gewöhnt war. Die Soldatenfrau erhielt die Weiſung, das Nöthige in das Blockhaus zu bringen, und ſich den Tag über nicht zu weit von demſelben zu entfernen. Mabel erklärte ihr den Grund nicht, ſon⸗ dern ſagte blos, daß ſie auf ihrem Spaziergang durch die Inſel einige Zeichen bemerkt habe, welche in ihr die Befürchtung erregt hätten, der Feind wiſſe mehr von der Lage der Inſel, als man bisher geglaubt, und daß ſie beide wenigſteus wohl daran thun würden, ſich bei dem leichteſten Anlaß zu einem Rückzug in das Blockhaus bereit zu halten. Es war nicht ſchwer, die Beſorgniſſe N N dieſer Perſon zu wecken, die, obgleich eine muthige Schottländerin doch keinen Anſtand nahm, auf alles zu hören, was ihre Furcht vor den Grauſamkeiten der Indianer befeſtigen konnte. Sobald Mabel ſie genug erſchreckt zu haben glaubte, um ſie vorſichtig zu machen, ließ ſie einige Winke über das Unpaſſende fallen, die Sol⸗ daten den Umfang ihrer eigenen Befürchtungen wiſſen zu laſſen. Sie that dieß in der Abſicht, Erörterungen und Fragen, welche ſie in Verlegenheit bringen könnten, abzuſchneiden, indem ſie ſich vornahm, die Vorſicht ihres Onkels, des Corporals und ſeiner Leute durch andere Mittel zu ſteigern. Unglücklicher Weiſe hätte man in der ganzen britiſchen Armee keinen unpaſſendern Mann für den Dienſt, den es hier zu erfüllen galt, finden können, als den Corporal M⸗Nab, welchem das Com⸗ mando in Sergeant Dunhams Abweſenheit übertragen war. Er war zwar entſchloſſen, raſch mit den Einzelnheiten des militäriſchen Dienſtes vertraut und an den Krieg gewöhnt, aber zugleich auch an⸗ maßend gegen die in den Provinzen Gebornen, ſtarrſinnig in Allem, was mit den engen Gränzen ſeines Berufs in Verbindung ſtand, und ſehr geneigt, ſich das britiſche Reich als den Mittelpunkt alles Ausgezeichneten auf der Welt zu denken, wobei ihm Schottland als der Herd wenigſtens aller moraliſchen Vorzüge dieſes Reiches erſchien. Kurz, er war, freilich nur in dem Maßſtab ſeines Ranges, ein Inbegriff jener Eigenſchaften, welche den nach den Colonien geſendeten Dienern der Krone ſo eigenthümlich waren, daß ſie ſich dadurch leicht von den Eingebornen dieſer Gegend unterſcheiden ließen;— oder mit andern Worten, er betrachtete die Amerikaner als Geſchöpfe, welche weit unter dem elterlichen Stamme ſtehen, und fand in allen ihren Anſichten, zumal wenn ſie vom militäri⸗ ſchen Dienſt handelten, nichts als Unverdautes und Abgeſchmacktes. Braddock ſelbſt konnte nicht abgeneigter ſeyn, von einem Provin⸗ zialen einen Rath anzunehmen, als ſein unbedeutender Nachahmer; und es war bekannt, daß er bei mehr als einer Gelegenheit gegen 442 die Weiſungen und Befehle zweier oder dreier Offiziere des Corps, welche zufällig in den Colonien geboren waren, blos aus dieſem einfachen Grunde Bedenklichkeiten erhoben hatte, wobei er jedoch mit ächt ſchottiſcher Schlauheit ſich gegen die Strafen eines wirk⸗ lichen Ungehorſams ſicher zu ſtellen wußte. Mabel hätte daher zu Ausführung ihrer Abſicht auf keinen Untauglicheren treffen können, und doch fühlte ſie, daß ſie keine Zeit verlieren dürfe, ihren Plan zur Verwirklichung zu bringen. „Mein Vater hat Euch eine große Verantwortlichkeit aufgelegt, Corporal,“ ſagte ſie, ſobald ſie M'Nab ein wenig von den Solda⸗ ten weggekriegt hatte;„denn wenn dieſe Inſel in die Hände des Feindes fällt, ſo werden nicht nur wir gefangen, ſondern wahr⸗ ſcheinlich geräth dann auch die übrige Mannſchaſt, welche mit mei⸗ nem Vater ausgezogen iſt, in Feindes Gewalt.“ „Es bedarf keiner Reiſe von Schottland bis hieher, um zu wiſſen, was man von dieſen Dingen zu halten hat;“ entgegnete M'Nab trocken.“ „Ich zweifle nicht, daß Ihr das ſo gut wißt, als ich, Herr M'Nab; aber ich fürchte, ihr alten Soldaten mochtet, da ihr an Gefahren und Kampfgetümmel gewohnt ſeyd, die Vorſicht ein wenig außer Acht laſſen, welche in einer ſo eigenthümlichen Lage, als die unſrige iſt, nöthig ſeyn dürfte.“ „Man ſagt, Schottland ſey kein erobertes Land, Mäͤdchen, aber ich denke, es muß ſich doch ein bischen anders verhalten, da wir, ſeine Kinder, ſolche Schlafmützen ſind, um uns aufheben zu laſſen, wo wir es am wenigſten erwarten.“ „Nein, nein, guter Freund, Ihr mißkennt meine Abſicht. Ein⸗ mal denke ich überhaupt gar nicht an Schottland, ſondern an dieſe Inſel; und dann fällt es mir nicht ein, Eure Wachſamkeit zu be⸗ zweifeln, wenn Ihr die Beobachtung derſelben einmal für nöthig erachtet. Aber ich fürchte ſehr, es ſey Gefahr vorhanden, gegen die Euch Euer Muth gleichgültig macht.“ ⸗ „Mein Muth, Miſtreß Dunham, iſt ohne Zweifel von recht armſeliger Beſchaffenheit, da er nur ein ſchottiſcher Muth iſt; der Eures Vaters iſt der Muth eines Yankee, und wenn er unter uns wäre, ſo würden wir ſicherlich andere Vorbereitungen zu ſehen kriegen. Ja, wohl werden die Zeiten immer ſchlimmer, wenn die Fremden Offiziersſtellen erhalten und Hellebarden führen dürfen in einem ſchottiſchen Corps.'s iſt daher auch kein Wunder, daß Schlachten verloren werden, und in den Feldzügen alles drunter und drüber geht.“ Mabel war faſt in Verzweiflung; aber die ruhige Warnung Junes haftete noch zu lebhaft in ihrer Seele, um ihr zu geſtatten, die Sache aufzugeben. Sie änderte daher ihre Operationsweiſe, da ſie noch immer die Hoffnung feſthielt, die ganze Mannſchaft zur Beſetzung des Blockhauſes zu vermögen, ohne genöthigt zu ſeyn, die Quelle zu verrathen, aus der ſie die Thatſachen, welche Wach⸗ ſamkeit nöthig machten, geſchöpft hatte. „Ihr habt ſicherlich Recht, Corporal M'Nab,“ bemerkte ſie, „denn ich habe oft von den Helden Eures Vaterlandes erzählen hören, welche die erſten in der ganzen civiliſirten Welt waren, wenn das, was man mir ſagte, wahr iſt.“ „Habt Ihr die Geſchichte von Schottland geleſen, Miſtreß Dunham?“ fragte der Corporal, und blickte das erſtemal mit einem Zuge in ſeinem harten, abſtoßenden Geſichte, der wie Lächeln ausſah, auf ſeine ſchöne Gefährtin. „Ich habe einiges davon geleſen, Corporal, aber noch viel mehr gehört. Die Dame, welche mich erzog, hatte ſchottiſches Blut in ihren Adern, und that ſich viel darauf zu Gute.“ „Ich ſtehe dafür, den Sergeant kümmerts wenig, bei dem Ruhm des Landes zu verweilen, in welchem ſein Regiment ausge⸗ hoben wurde?“ „Mein Vater hat an andere Dinge zu denken, und das Wenige, was ich weiß, erfuhr ich von der erwähnten Dame.“ ⸗ 444 „Sie wird doch nicht vergeſſen haben, Euch von Wallace zu erzählen?“— „Von ihm habe ich ziemlich viel geleſen.“ „Und von Bruce, und dem Treffen von Bannockburn?“ „Von dieſem auch, und von dem bei Culloden⸗muir.“ Die letztere dieſer Schlachten war damals noch ein neues Ereigniß und fiel in das Bereich der eigenen Erlebniſſe unſerer Heldin, deren Erinnerungen darüber aber ſo verwirrt waren, daß ſie kaum den Erfolg vorausſehen konnte, welchen dieſe Anſpielung bei ihrem Gefährten hervorbringen mochte. Sie wußte zwar, daß dort ein Sieg erfochten wurde, und hatte oft die Gäſte ihrer Be⸗ ſchützerin mit Triumph deſſelben erwähnen hören; ſie glaubte deß⸗ halb, daß dieſe Gefühle in denen eines jeden britiſchen Soldaten eine gleichgeſtimmte Saite treffen müßten. Unglücklicher Weiſe hatte aber der Corporal jenen ganzen unſeligen Tag auf der Seite des Prätendenten gefochten, und als Spur eines deutſchen Soldaten⸗ Säbels im Dienſte des Hauſes Hannover eine tiefe Narbe auf ſei⸗ nem Geſicht zurückbehalten. Bei Mabels Anſpielung vermeinte er, ſeine Wunde fange auf's Neue zu bluten an; und es iſt gewiß, daß ihm das Blut in Strömen nach dem Geſichte ſchoß, als wolle es die alte Narbe durchbrechen. „Ha!— hinweg!“ rief er heftig,„hinweg mit Euren Cullo⸗ den und Sherif⸗Muirs, junges Weib; Ihr verſteht nichts von dieſer ganzen Sache und werdet Euch nicht nur als klug, ſondern auch als beſcheiden erweiſen, wenn Ihr von Eurem eigenen Lande und ſeinen vielen Fehlern ſprecht. Ich zweifle nicht daran, daß König Georg einige loyale Unterthanen in den Colonien hat, aber es wird lange anſtehen, bis er etwas Gutes von ihnen ſieht oder hört.“ Mabel war über die Heftigkeit des Corporals nicht wenig überraſcht, da ſie ſich keine Idee davon machen konnte, wo ihn der Schuh drücke; aber ſie war entſchloſſen, die Sache nicht aufzugeben. „Ich habe immer gehört, daß die Schotten zwei von den — ——— —— guten Eigenſchaften eines Soldaten hätten,“ ſagte ſie,„nämlich Muth und Umſicht, und ich bin überzeugt, daß Corporal M'Nab dieſen Nationalruhm auſrecht erhalten wird.“ „Fragt Euren Vater, Miſtreß Dunham. Er kennt den Cor⸗ poral M'Nab und wird nicht anſtehen, Euch deſſen Verdienſte aus⸗ einander zu ſetzen. Wir ſind mit einander im Feuer geſtanden, und er iſt mein Vorgeſetzter, hat alſo eine Art amtliches Recht, ſeinen Untergeordneten Zeugniſſe zu ertheilen.“ „Mein Vater denkt gut von Euch, M'Nab, ſonſt würde er Euch nicht dieſe Inſel ſammt Allem, was darauf iſt, ſeine Tochter mit eingeſchloſſen, übergeben haben. Auch weiß ich wohl, daß er unter Anderm viel auf Eure Klugheit baut. Er erwartet, daß man beſonders auf das Blockhaus recht aufmerkſam ſey.“ „Wenn er die Ehre des Fünfundfünfzigſten hinter Holzſtämmen zu vertheidigen wünſcht, ſo hätte er das Commando ſelbſt behalten ſollen; denn, offen geſprochen, es liegt nicht in des Schottländers Blut und Anſichten, ſich aus dem Felde ſchlagen zu laſſen, noch ehe er angegriffen wird. Wir haben gute Säbel und lieben es, mit dem Feinde Zehe an Zehe zu ſtehen. Dieſe amerikaniſche Art zu fechten, welche ſo ſehr in Aufnahme kömmt, wird den Ruhm von Seiner Majeſtät Armee vernichten, wenn ſie auch nicht ihren Muth vernichtet.“ „Kein rechter Soldat verſchmäht die Vorſicht. Selbſt der Major Duncan, dem es an Tapferkeit Keiner zuvorthut, iſt be⸗ rühmt wegen ſeiner Sorgfalt für ſeine Leute.“ „Lundie hat ſeine Schwächen und vergißt den Säbel und die offenen Haiden in dieſen Baum⸗ und Büchſengefechten. Aber, Miſtreß Dunham, glaubt einem alten Soldaten, der bereits ſeine Fünfundfünfzig auf dem Rücken hat, wenn er Euch ſagt, daß es keinen ſicherern Weg gibt, den Feind zu ermuthigen, als wenn man ihn zu fürchten ſcheint, und daß es in dieſem indianiſchen Kriegsleben keine Gefahr gibt, welche nicht die Einbildungen Eurer 446 Amerikaner vermehrt oder erweitert hätten, bis ſie zuletzt in jedem Buſche einen Wilden ſahen. Wir Schotten kommen aus einer nackten Gegend, brauchen dieſe Verſtecke nicht und können auch keinen Geſchmack daran finden; und ſo werdet Ihr ſehen, Miſtreß Dunham—“ Der Corporal machte einen Luftſprung, ſiel vorwärts auf ſein Geſicht und drehte ſich dann auf den Rücken. All dieſes geſchah ſo plötzlich, daß Mabel kaum den ſcharfen Knall der Büchſe, welche eine Kugel durch ſeinen Körper geſchickt, gehört hatte. Kein Schreckensruf ertönte von den Lippen unſrer Heldin; ſie zitterte nicht einmal, denn das Ereigniß war zu raſch, zu entſetzlich und zu un⸗ erwartet, als daß ſie eine ſolche Schwäche zeigen konnte. Sie trat im Gegentheil haſtig vorwärts, um dem Gefallenen beizuſpringen. Es war noch ſo viel Leben in ihm, um aller Vorgänge bewußt zu ſeyn. Sein Geſicht zeigte den wilden Blick eines Mannes, der durch den Tod plötzlich überraſcht wird, und Mabel bildete ſich in ruhi⸗ geren Augenblicken ein, es hätte den Ausdruck der ſpäten Reue eines eigenſinnigen und hartnäckigen Sünders getragen. „Ihr müßt ſo ſchnell als möglich das Blockhaus zu erreichen ſuchen,“ flüſterte M'⸗Nab, als Mabel ſich über ihn beugte, um die letzten Worte des Sterbenden aufzufangen. Jetzt überſiel unſre Heldin das volle Bewußtſeyn ihrer Lage und der Nothwendigkeit des Handelns. Sie warf einen ſchnellen Blick auf den Körper zu ihren Füßen, und als ſie ſah, daß der Athem entſchwunden war, ergriff ſie die Flucht. In wenigen Minu⸗ ten gelangte ſte zu dem Blockhauſe, und wie ſie durch die Thüre eintreten wollte, wurde ihr dieſelbe durch Jennie, die Soldatenfrau, welche im blinden Schrecken nur an ihre eigene Sicherheit dachte, mit Gewalt vor dem Geſichte zugeſchlagen. Während Mabel ſie einzulaſſen bat, vernahm man den Knall von fünf oder ſechs Büch⸗ ſen, und der dadurch veranlaßte neue Schrecken verhinderte das innen befindliche Weib, die Querhölzer ſchnell wegzunehmen, welche * — ſie ſo geſchickt vorgelegt hatte. Nach der Zögerung einer Minute jedoch fand Mabel, daß die widerſtrebende Thür ihrem anhaltenden Drucke nachgab, worauf ſie ihren ſchlanken Körper durch die Oeff⸗ nung zwängte, ſobald ſie weit genug war, um den Durchgang zu geſtatten. Mittlerweile hatte das ſtürmiſche Klopfen ihres Herzen nachgelaſſen und Mabel gewann nun wieder die nöthige Selbſtbe⸗ herrſchung, um beſonnen zu handeln. Anſtatt den faſt krampfhaften Anſtrengungen ihrer Gefährtin, die Thüre wieder zu ſchließen, nachzugeben, hielt ſie dieſelbe ſo lange offen, um ſich zu über⸗ zeugen, daß Niemand von ihrer Partei zu ſehen ſey, der gegen⸗ wärtig zu dem Blockhauſe ſeine Zuflucht zu nehmen beabſichtigte, und geſtattete erſt dann das Verriegeln der Pforte. Ihre Anord⸗ nungen und Handlungen wurden jetzt ruhiger und beſonnener. Sie legte nur einen einzigen Querbalken vor und gab Jennie die Wei⸗ ſung, auch dieſen wegzunehmen, wenn es die Sicherheit eines Freun⸗ des fordere. Dann ſtieg ſie die Leiter hinauf in den oberen Raum, von wo aus ſie durch eine Schießſcharte die Inſel ſo weit über⸗ blicken konnte, als es das umgebende Gebüſch geſtattete. Sie er⸗ mahnte ihre Gefährtin unten, feſt und beſonnen zu ſeyn, und unter⸗ ſuchte nun die Umgebungen, ſo gut es ihre Lage zuließ. Zu ihrer großen Ueberraſchung konnte Mabel auf der ganzen Inſel keine lebende Seele, weder Freund noch Feind, entdecken. Weder ein Franzoſe, noch ein Indianer war ſichtbar, obgleich eine kleine, wirbelnde, weiße Wolke, welche vor dem Winde hertrieb, ihr ſagte, in welcher Gegend ſie ſie zu ſuchen habe. Die Schüſſe waren aus der Richtung der Inſel hergekommen, wo June zuerſt erſchienen war, obgleich Mabel nicht ermitteln konnte, ob der Feind noch auf jener Inſel ſey oder bereits auf der ihrigen gelandet habe. Sie ging nun zu der Schießſcharte, welche die Richtung, in welcher M'Nab lag, beherrſchte; aber ihr Blut erſtarrte, als ſie die drei Soldaten, augenſcheinlich entſeelt, an ſeiner Seite liegen ſah. Sie hatten ſich bei dem erſten Lärm auf einen Punkt zuſammengezogen 448 und waren faſt gleichzeitig von dem unſichtbaren Feinde, welchen der Corporal mit ſo viel Verachtung betrachtete, niedergeſchoſſen worden. Weder Cap, noch der Lieutenant Muir waren zu ſehen. Mit klopfendem Herzen unterſuchte Mabel jede Oeffnung zwiſchen den Bäumen und beſtieg ſogar den oberſten Stock oder das Dach des Blockhauſes, wo ſich ihr, ſo weit es die Verſtecke erlaubten, eine freie Ausſicht über die ganze Inſel darbot: aber mit keinem beſſern Erfolg. Sie hatte erwartet, den Körper ihres Onkels wie die der Soldaten im Graſe liegen zu ſehen, aber es zeigte ſich nichts. Als ſie ihre Augen nach der Gegend richtete, wo das Boot lag, fand ſie es noch am Ufer befeſtigt, woraus ſie denn folgerte, daß Muir durch irgend einen Zufall verhindert worden, ſeinen Rückzug dorthin zu bewerkſtelligen. Kurz, auf der ganzen Inſel herrſchte Grabesruhe, und die Körper der erſchlagenen Soldaten trugen dazu bei, die Scene ſo ſchrecklich zu machen, als ſie außerordentlich war. „Um Gottes willen, Miſtreß Mabel,“ rief das Weib von unten, denn obgleich dieſe ihre Furcht zu wenig zu beherrſchen vermochte, um zu ſchweigen, ſo übte doch die feinere Bildung unſerer Heldin, mehr noch als die Stellung ihres Vaters in dem Regiment, einen Einfluß auf die Weiſe der Anrede:„um des großen Gottes willen! Miſtreß Mabel, ſagen Sie mir, ob noch einer von unſern Freunden am Leben iſt? Es iſt mir, als höre ich ein Stöhnen, welches immer ſchwächer und ſchwächer wird, und ich fürchte, es ſeyen alle er⸗ ſchlagen worden!“ Mabel erinnerte ſich nun, daß einer der Soldaten Jennies Gatte war, und zitterte vor den unmittelbaren Folgen, wenn ſie den Tod ihres Mannes ſo plötzlich erfahren würde. Zudem gab ihr das Stöhnen noch einige Hoffnung, obgleich ſie fürchtete, es möchte von ihrem Onkel, den ſie nirgends erblicken konnte, herrühren. „Wir ſind unter Seiner heiligen Obhut, Jennie,“ antwortete ſte. „Wir müſſen auf die Vorſehung bauen, und dürfen keines von den Mit⸗ teln verabſäumen, welche ſie uns wohlwollend zu unſerem Schutze bietet. Habt auf die Thüre Acht, und öffnet ſie in keinem Fall ohne meine Anweiſung.“ „O ſagen Sie mir, Miſtreß Mabel, ob Sie nicht Sandy irgendwo ſehen? Wenn ich ihn nur könnte wiſſen laſſen, daß ich in Sicherheit bin: der gute Mann ware ruhiger, mag er nun frei oder gefangen ſeyn.“ Sandy war Jennies Gatte, und lag todt hingeſtreckt in der Richtung der Schießſcharte, durch welche Mabel eben blickte. „Sie ſagen mir nicht, ob Sie Sandy ſehen können?“ erwie⸗ derte das Weib ungeduldig ob Mabels Schweigen. „Einige von unſern Leuten ſind um M'Nabs Leiche ver⸗ ſammelt,„war die Antwort; denn es ſchien Mabel ein Frevel, unter ſo ſchrecklichen Umſtänden geradezu eine Lüge zu ſagen. „Iſt Sandy unter ihnen?“ fragte die Frau mit einer er⸗ ſchreckenden Heftigkeit. „Er wird ſicherlich dabei ſeyn, denn ich ſehe einen, zwei, drei, 4 vier, und alle in den Scharlachröcken unſeres Regiments.“ „Sandy!“ rief das Weib halb wahnſinnig;„warum ſorgſt du nicht für dich, Sandy? Komm ſogleich hieher, Mann, und theile das Schickſal deines Weibs in Wohl und Wehe. Das iſt kein Augenblick für deine einfältige Diseiplin und deine großthueriſchen Begriffe von Ehre. Sandy! Sandy!“ Mabel hörte den Balken zurückſchieben und die Thüre in ihren Angeln knarren. Erwartung, um nicht zu ſagen Schrecken, feſſelte ſie an die Schießſcharte, und bald gewahrte ſie Jennie, wie ſie durch das Gebüſch rauſchte und dieſer Gruppe des Todes zueilte. Ein Augenblick reichte hin, zu dieſem unſeligen Ort zu gelangen. Der Schlag geſchah aber zu plötzlich und unerwartet, ſo daß die 3 Aermſte in ihrem Schrecken das Ganze ſeines Gewichts nicht zu i faſſen ſchien. Ein wilder, halb wahnſinniger Gedanke an Täu⸗ ſchung verwirrte ihre Sinne, und ſie bildete ſich ein, daß die Männer mit ihrer Angſt ein Spiel trieben. Sie ergriff die Hand ihres Der Pfadfinder. 3. Aufl. 29 450 Gatten— ſie war noch warm—, und meinte ein verhaltenes Lächeln auf ſeinen Lippen zucken zu ſehen. „Warum willſt du dein Leben ſo thöricht wegwerfen, Sandy?“ rief ſie, indem ſie ihn am Arme zerrte.„Ihr werdet Alle von dieſen verfluchten Indianern ermordert werden, wenn Ihr Euch nicht wie wackere Soldaten ins Blockhaus begebt! Fort! Fort! verliert nicht die koſtbaren Augenblicke.“ In ihrer verzweifelten Anſtrengung zerrte das Weib den Körper ihres Gatten ſo, daß der Kopf ſich vollſtändig drehte, und nun enthüllten ihr ein kleines Loch in der Schläfe(die Wirkung einer eingedrungenen Büchſenkugel) und einige Tropfen Blut, welche über die Haut rieſelten, den Grund von ihres Mannes Schweigen. Als die ſchreckliche Wahrheit in ihrer ganzen Ausdehnung Jennie's Seele durchfuhr, ſchlug ſie die Hände zuſammen, ſtieß einen Schreckens⸗ ruf aus, der alle benachbarten Inſeln durchdrang und ſtürzte der Länge nach auf den Körper des Gefallenen. So ſchrecklich, ſo durchbohrend und herzergreifend aber auch dieſer Angſtruf ſeyn mochte,— er war Wohllaut gegen das Geſchrei, welches ihm ſo raſch folgte, daß ſich die Töne faſt mit einander vermengten. Der ſchreckliche Kriegsruf erſcholl aus den Verſtecken der Inſel, und etliche und zwanzig Wilde mit ihren fürchterlichen Kriegsfarben und andern Abzeichen ſtürzten wüthend hervor, um ſich der erſehn⸗ ten Skalpe zu verſichern. Arrowhead war an der Spitze; ſein Tomahawk zerſchmetterte das Gehirn der bewußtloſen Jennie, und ihr bluttriefendes Haupthaar hing kaum zwei Minuten, nachdem ſte das Blockhaus verlaſſen hatte, als Siegeszeichen an dem Gürtel ihres Mörders. Seine Gefährten waren nicht minder thätig, und M'Nab mit ſeinen Soldaten zeigte nicht länger den ruhigen An⸗ blick ſchlummernder Menſchen. Man ließ ſie in ihrem Blute liegen,— unzweideutig verſtümmelte Leichen. Alles dieſes geſchah in viel kürzerer Zeit, als zu deſſen Er⸗ zählung erfordert wurde, und Mabel war Augenzeuge davon. Sie ſtand wie gefeſſelt an einer Stelle, und blickte, wie durch Zauber gebannt, auf die ganze ſchreckliche Scene, ohne auch nur einen Augenblick an ſich ſelbſt oder ihre eigene Gefahr zu denken. Als ſie jedoch bemerkte, daß der Ort, wo die Männer gefallen waren, von Wilden wimmelte, welche über den Erfolg ihres Ueberfalls frohlockten, ſiel ihr auf einmal ein, daß Jennie die Thüre des Blockhauſes offen gelaſſen hatte. Ihr Herz ſchlug heftig, denn jene Thüre ſtand als der einzige Schirm zwiſchen ihr und dem unmittelbaren Tode, und zu der Leiter eilend, war ſie im Begriff hinunter zu ſteigen, um ſich wegen des Einganges ſicher zu ſtellen. Ihr Fuß hatte jedoch den Boden des zweiten Stocks noch nicht ganz erreicht, als ſie die Thüre in ihren Angeln knarren hörte. Sie hielt ſich für verloren. Auf ihre Kniee ſinkend, bemühte ſich das erſchreckte, aber doch muthige Mädchen, ſich zum Tode zu bereiten und ihre Gedanken zu Gott zu erheben. Die Liebe zum Leben war jedoch kräftiger als ihr Gebetsdrang, und während ſie ihre Lippen bewegte, lauſchten die argwöhniſchen Sinne auf jeden Ton von unten. Als ſie hörte, daß die Querbalken, die auf Zapfen liefen, vor die Thüre gelegt und in die Klammern eingehängt wurden, und zwar nicht nur einer, wie ſie in der Abſicht ihrem Onkel den Einlaß zu erleichtern, ſelbſt befohlen hatte, ſondern alle drei,— da ſprang ſie wieder auf ihre Füße; alle geiſtlichen Be⸗ trachtungen verſchwanden unter der Bedrängniß der Zeitlichkeit und es ſchien, als ob alle ihre Seelenkräfte ſich in dem Sinn des Gehörs concentrirt hätten. Die Gedanken ſind in einem ſo furchtbaren Augenblick nicht unthätig. Zuerſt bildete ſich Mabel ein, ihr Onkel ſey in das Blockhaus getreten, und war im Begriff, die Leiter hinunter zu ſteigen und ſich in ſeine Arme zu werfen; dann hielt ſie aber der Gedanke wieder zurück, es könnte ein Indianer ſeyn, welcher die Thüre gegen Eindringlinge verſchloſſen habe, um mit Muße plündern zu können. Die tiefe Stille unten hatte nichts mit den kühnen 452 raſtloſen Bewegungen Caps gemein, und ſchien eher auf einen Kunſt⸗ griff des Feindes zu deuten. War es ein Freund, ſo konnte es nur ihr Onkel oder der Quartiermeiſter ſeyn, denn die ſchreckliche Ueberzeugung ſtellte ſich nun unſerer Heldin dar, daß die ganze Geſellſchaft nur noch aus ihr und dieſen zweien beſtünde, wenn überhaupt letztere noch am Leben waren. Dieſe Betrachtung hielt Mabel im Schach und es herrſchte volle zwei Minuten ein athem⸗ loſes Schweigen in dem Gebäude. Während dieſer Zeit ſtand das Mädchen an dem Fuße der obern Leiter, indeß die Fallthüre, welche zu der untern führte, auf der entgegengeſetzten Seite ſich im Boden befand. Mabel war an ihren Platz feſtgebannt, denn jeden Augen⸗ blick fürchtete ſie das ſchreckliche Geſicht eines Wilden durch die Oeffnung auftauchen zu ſehen. Ihre Angſt ſteigerte ſich bald ſo ſehr, daß ſie ſich ſchon nach einem Winkel, wo ſie ſich verbergen konnte, umſah, denn jede Verzögerung der Kataſtrophe, die ihr mit allen Schrecken vor der Seele ſtand, und war es auch nur die eines Augenblicks, gewährte ihr einigen Troſt. Der Raum enthielt einige Fäſſer, und Mabel kroch hinter zwei derſelben, wobei ſie das Auge gegen jede Oeffnung brachte, durch welche ſie nach der Fall⸗ thüre ſehen konnte. Sie verſuchte aufs Neue zu beten, aber der Augenblick war zu ſchrecklich, als daß ſie hierin hätte Erleichterung finden können. Auch kam es ihr vor, als hörte ſie ein leichtes Raſcheln, wie wenn Jemand ſich bemühe, mit der äußerſten Vorſicht, die ſich eben in ihrem Uebermaße verrathen mußte, die untere Leiter heraufzuſteigen; dann folgte ein Knarren, das, wie ſie gewiß wußte, von einer der Leiterſproſſen herrührte, da dieſer Laut ſich ſogar unter ihrem leichten Gewicht zu erkennen gegeben hatte. Dieß war einer der Momente, wo man Jahre durchlebt. Leben, Tod, Ewigkeit und die ſchrecklichſten körperlichen Martern traten in kühnen Zügen aus der Flachheit des gewöhnlichen Lebens hervor, und man hätte Mabel in dieſem Augenblick für ein ſchönes bleiches Abbild ihrer ſelbſt, für eine Statue ohne Bewegung und Leben halten können. Aber trotz dieſer anſcheinenden Erſtarrung hatte es doch in ihrem kurzen Leben nie eine Zeit gegeben, wo ſie beſſer gehört, deutlicher geſehen und lebhafter gefühlt hätte. Noch war * in der Fallthüre nichts ſichtbar; aber ihre Ohren, welche durch die Aufregung ihrer Gefühle außerordentlich geſchärft waren, ver⸗ nahmen deutlich, daß Jemand nur einige Zolle unter der Oeffnung im Boden ſich befand. Bald wurde dieß auch dem Auge deutlich, 3 indem das ſchwarze Haar eines Indianers ſo langſam in der Fall⸗ thüre auftauchte, daß man die Bewegungen des Kopfes mit dem Minutenzeiger einer Uhr vergleichen konnte; dann kamen die dunkle Haut und die wilden Züge, bis das Ganze des braunen Geſichtes ſich über den Boden erhoben hatte. Das menſchliche Antlitz erſcheint in einer theilweiſen Ver⸗ hüllung ſelten zu ſeinem Vortheil, und Mabels Einbildungskraft ſteigerte noch ihre Schrecken bei dem Anblick der ſchwarzen rollen⸗ 3 den Augen und des wilden Ausdrucks, welchen das Geſicht des Indianers ſo zu ſagen Zoll für Zoll enthüllte; aber als der ganze Kopf ſich über die Flur erhoben hatte, verſicherte ein zweiter und ſchärferer Blick unſre Heldin, daß ſie das zarte, geängſtigte und doch ſchöne Antlitz June's vor ſich ſah. Zweiundzwanzigſtes Kapitel. — Mag ich ein Geiſt auch ſeyn; Dich zu betrügen oder dich zu ſchrecken Iſt meine Sendung nicht;— nein, deine Treue Zu lohnen.— „ Wordsworth. Es möchte ſchwer zu ſagen ſeyn, wer ſich am meiſten freute, als Mabel aus ihrem Verſtecke hervoreilte— ob unſere Heldin ſelbſt, da ſie in ihrem Deſuch nicht Arrowhead, ſondern deſſen Weib erkannte, oder June, da ſie bemerkte, ihr Rath ſey befolgt 454 und das Blockhaus von der Perſon, welche ſie ſo ängſtlich und faſt hoffnungslos geſucht hatte, zum Zufluchtsort gewählt worden. Sie umarmten einander, und das unverdorbene Tuscaroraweib lachte in ihren ſüßen Tönen, als ſie ſich von der Gegenwart ihrer Freundin durch ihre Sinne überzeugen konnte. „Blockhaus, gut,“ ſagte die junge Indianerin;„nicht kriegen Skalp.“ „Es iſt in der That gut, June;“ antwortete Mabel mit Schaudern, wobei ſie zugleich die Augen verhüllte, als ob ſie den Anblick des Schreckens vermeiden wolle, deſſen Zeuge ſie eben ge⸗ weſen war.„Sag' mir um Gotteswillen, ob du weißt, was aus meinem lieben Onkel geworden iſt; ich habe in allen Rich⸗ tungen nach ihm ausgeſehen; ohne etwas von ihm entdecken zu können.“. „Nicht hier in Blockhaus?“ fragte June mit einiger Neugier. „Nein, er iſts leider nicht. Ich bin ganz allein in demſelben, ſeit Jennie, das Weib, welches bei mir war, zu ihrem Manne hin⸗ auseilte, an deſſen Seite ſie ihre Unklugheit mit dem Leben büßte.“ „June wiſſen, June ſehen; ſehr ſchlimm:— Arrowhead nicht fühlen für irgend ein Weibz; nicht fühlen für ſein eigenes.“ „Ach June, dein Leben iſt doch wenigſtens ſicher!“ „Kann nicht wiſſen; Arrowhead tödten mich, wenn er Alles wiſſen.“ „Gott ſegne und ſchütze dich, June; er muß dich für deine Menſchlichkeit ſegnen und ſchützen. Sage mir, was zu thun iſt, und ob mein armer Onkel noch lebt?“ „Weiß nicht. Salzwaſſer hat Boot; kann ſeyn, gegangen auf Fluß.“ 3 „Das Boot iſt noch am Ufer, aber weder mein Onkel noch der Quartiermeiſter iſt irgendwo zu ſehen.“ „Nicht todt, ſonſt June würde ſehen. Verſteckt! Roth Mann verſtecken; keine Schande für Blaßgeſicht.“ „Die Schande kümmert mich wenig, wohl aber ob ſie eine Gelegenheit zu einem Verſteck gefunden haben. Euer Angriff war fürchterlich ſchnell, June!“ „Tuscarora!“ erwiederte die andere mit einem entzückten Lächeln über die Raſchheit ihres Gatten.„Arrowhead großer Krieger!“ 4 „Du biſt zu gut und zu zart für ſolch ein Leben, June; du kannſt bei ſolchen Scenen nicht glücklich ſeyn?“ June's Geſicht umwölkte ſich, und es kam Mabel vor, als liege etwas von dem wilden Feuer eines Häuptlings in ihrem finſtern Blick, als ſie antwortete: „Yengeeſe zu gierig, nehmen weg alle Jagdgründe; jagen ſechs Volk von Morgen bis zu Nacht; ſchlecht König, ſchlechte Leute. Blaßgeſicht ſehr ſchlecht.“ Mabel wußte, daß viel Wahres in dieſer Anſicht liege, obgleich ſie zu unterrichtet war, um nicht einzuſehen, daß der König in dieſem wie in tauſend andern Fällen wegen Handlungen getadelt wurde, von denen er wahrſcheinlich gar nichts wußte. Sie fühlte daher die Gerechtigkeit des gemachten Vorwurfs zu ſehr, um eine Erwiederung zu verſuchen, und ihre Gedanken kehrten natürlich wieder zu ihrer Lage zurück. „Und was muß ich thun, June?“ fragte ſie.„Es kann nicht lange anſtehen, bis deine Leute dieſes Gebäude angreifen.“ „Blockhaus gut— kriegen nicht Skalp.“ „Aber ſie werden bald entdecken, daß hier keine Mannſchaſt liegt, wenn ſie es nicht ſchon wiſſen. Du, du ſelbſt haſt mir die Anzahl der Leute namhaft gemacht, welche ſich auf der Inſel be⸗ fanden, und ohne Zweifel haſt du es von Arrowhead erfahren.“ „Arrowhead wiſſen,“ antwortete June, indem ſie, um die Zahl der Männer anzudeuten, ſechs Finger erhob.„Alle rothen Männer wiſſen. Vier ſchon verloren Skalp; zwei noch ſie haben.“ „Sprich nicht davon, June; der ſchreckliche Gedanke macht 456 mir das Blut in den Adern ſtarren. Deine Leute können nicht wiſſen, daß ich allein in dem Blockhaus bin, aber ſie können denken, mein Onkel und der Quartiermeiſter ſeyen bei mir, und werden Feuer um das Gebäude legen, um ſie herauszutreiben. Man hat mir geſagt, daß Feuer das Gefährlichſte für ſolche Plätze ſey.“ „Nicht verbrennen Blockhaus,“ ſagte June ruhig. „Du kannſt das nicht wiſſen, meine gute June, und ich habe kein Mittel, ſite davon abzuhalten.“ „Nicht verbrennen Blockhaus. Blockhaus gut; kriegen nicht Skalp.“ „Aber ſage mir, warum, June; ich fürchte, ſie werden es dennoch anzünden.“ „Blockhaus naß— viel Regen— grün Holz— nicht leicht brennen. Roth Mann wiſſen das— ſchön Ding— dann es nicht verbrennen, zu ſagen Yengeeſe, daß Irokeſen geweſen hier. Vater kommen zurück, fehlen Blockhaus, nicht finden. Nein, nein; Indianer viel zu ſchlau; nicht berühren etwas.“ „Ich verſtehe dich, June, und hoffe, deine Vorausſetzung wird eintreffen; denn was meinen lieben Vater anbelangt, wenn er ent⸗ rinnen ſollte— aber vielleicht iſt er ſchon todt, oder gefangen, June?“ „Nicht berühren Vater; nicht wiſſen, wohin er gegangen, Waſſer haben keine Fährte— roth Mann nicht können folgen. Nicht verbrennen Blockhaus— Blockhaus gut; nicht kriegen Skalp.“ „Glaubſt du, ich könne ſicher hier bleiben, bis mein Vater zurückkehrt?“ „Nicht weiß; Tochter ſagen am beſten, wann Vater kommen zurück.“ Mabel wurde bange bei dem Blicke, welchen June's ſchwarzes Auge ſchoß, als ſie dieſe Worte ſprach; denn die ſchreckliche Ver⸗ muthung ſtieg in ihr auf, daß ihre Gefährtin die Abſicht habe, einen Umſtand auszufinden, welcher ihren Leuten von Nutzen ſeyn könnte, indeß er zugleich zur Vernichtung ihres Vaters und ſeiner V Mannſchaft führen müßte. Sie war im Begriff, eine ausweichende Antwort zu geben, als auf einmal ein Stoß von außen an die Thüre ihre Gedanken auf die Gefahr zurückführte. „Sie kommen!“ rief ſie aus,—„vielleicht, June, iſt es mein Onkel oder der Quartiermeiſter. Ich kann ſogar Herrn Muir nicht in einem Augenblick, wie dieſer iſt, ausſchließen.“ „Warum nicht ſehen? voller Schießloch, zu ſehen.“ Mabel faßte den Wink auf, und ging zu einer der abwärts gerichteten Schießſcharten, die ſich in den Stämmen befanden, welche die Baſis des vorſpringenden Stockwerkes bildeten. Vorſichtig lüpfte ſie den Block, welcher das kleine Loch bedeckte und warf einen Blick auf das, was an der Thüre vorging. Das erblaſſende Geſicht des Mädchens ſagte ihrer Gefährtin, daß einige von ihren eigenen Leuten unten ſeyen. „Roth Mann,“ ſagte June, indem ſie warnend und zur Vorſicht auffordernd einen Finger erhob. „Es ſind ihrer vier; ſie ſehen ſchrecklich in ihrer Malerei und mit ihren blutigen Siegeszeichen aus. Arrowhead iſt unter ihnen.“ June hatte ſich in eine Ecke begeben, wo einige vorräthige Büchſen lehnten, und bereits eine derſelben in die Hand genommen, als der Name ihres Mannes ihre weiteren Bewegungen anzuhalten ſchien. Dieß währte jedoch nur einen Augenblick; dann ging ſie gerade zu auf die Schießſcharte los, und war eben daran, die Mündung des Gewehrs durchzuſtecken, als das Gefühl eines natür⸗ lichen Widerwillens Mabel veranlaßte, ihren Arm zu faſſen. „Nein, nein, nein! June,“ ſagte ſie;„beginne nichts gegen deinen Gatten, und ſollte es mich auch mein Leben koſten.“ „Nicht treffen Arrowhead,“ erwiederte June, mit einem leichten Schauder,„nicht treffen roth Mann überhaupt. Nicht ſchießen auf ſie, nur erſchrecken.“ Mabel begriff nun Junes Abſicht, und widerſetzte ſich nicht länger. Letztere ſchob die Mündung des Gewehres durch die 458 Schießſcharten, wobei ſie hinlänglich Geräuſch veranlaßte, um Auf⸗ merkſamkeit zu erregen, und drückte ab. Das Gewehr war kaum entladen, als Mabel ihrer Freundin Vorwürfe für dieſelbe Hand⸗ lung machte, welche die Abſicht hatte, ihr Dienſte zu leiſten. „Du haſt geſagt, daß du nicht feuern wolleſt,“ ſagte ſie,„und haſt jetzt vielleicht deinen eigenen Gatten getödtet.“ „Alles fortlaufen, ehe ich feuern,“ erwiederte June lachend, ging dann zu einer andern Schießſcharte, um die Bewegungen ihrer Freunde zu beobachten, und lachte noch herzlicher.„Sieh! ſuchen Verſteck— jeder Krieger. Glauben, Salzwaſſer und Quartier⸗ meiſter hier. Nehmen in Acht jetzt.“ „Gott ſey geprieſen! Und nun, June, kann ich hoffen, meine Gedanken für eine kleine Weile zum Gebet zu ſammeln, damit ich nicht wie Jennie ſterben möge— auf nichts bedacht, als auf das Leben und die Dinge dieſer Welt.“ June legte die Büchſe bei Seite, und ſetzte ſich zu Mabeln auf die Kiſte, auf welche letztere in Folge der phyſiſchen Erſchöpfung, einer natürlichen Wirkung der Freude ſowohl, als des Kummers, niedergeſunken war. Sie blickte feſt in das Geſicht unſerer Heldin, mit einem Ausdrucke, in welchem dieſe den des Ernſtes und der Bekümmerniß zu finden glaubte. „Arrowhead großer Krieger,“ ſagte das Tuscaroraweib. „Alle Mädchen des Stammes blicken viel auf ihn. Die Blaß⸗ geſichtsſchönheit hat auch Augen?“ „June!— was ſollen dieſe Worte— dieſer Blick? Was willſt du ſagen?“. „Warum du ſo Angſt, June ſchießen Arrowhead?“ „Wäre es nicht ſchrecklich geweſen, ein Weib ihren eigenen Gatten erſchlagen zu ſehen? Nein, June, lieber wäre ich ſelbſt geſtorben.“ „Ganz gewiß das Alles?“ „Das war alles, ſo wahr Gott lebt— und gewiß, das war v⸗ —õj genug. Nein, nein! es hat heute genug des Entſetzlichen gegeben; eine Handlung, wie dieſe, ſoll es nicht noch vermehren. Was für einen andern Grund konnteſt du vermuthen?“ „Nicht weiß. Armes Tuscaroramädchen ſehr thöricht. Arrow⸗ head großer Häuptling, und ſehen Alles auf ſich. Sprechen von Blaßgeſichtsſchönheit im Schlaf. Großer Häuptling lieben viele Weiber.“ „Kann ein Häuptling unter deinem Volk mehr als ein Weib beſitzen, June?“ „Haben ſo viel, als er kann erhalten. Große Jäger oft heirathen. Arrowhead jetzt nur June haben; aber er ſehen zu viel, ſprechen zu viel von Blaßgeſicht⸗Mädchen.“ Mabel wußte von dieſem Umſtand, der ſie bereits während ihrer Reiſe nicht wenig beunruhigt hatte, aber es verletzte ſie, dieſe Anſpielung, wie es jetzt geſchah, aus dem Munde von des In⸗ dianers Weibe zu vernehmen. Es war ihr zwar nicht unbekannt, daß Gewohnheiten und Anſichten in ſolchen Dingen einen großen Unterſchied machen, aber zu der widerfahrenen Kränkung, die un⸗ freiwillige Nebenbuhlerin eines Weibes zu ſeyn, geſellte ſich die Beſorgniß, daß in ihrer gegenwärtigen Lage die Eiferſucht eine zweideutige Gewährleiſtung für ihre perſönliche Sicherheit ſeyn dürf. e. Ein feſterer Blick auf June beruhigte ſie jedoch wieder⸗ denn es war leicht, in den Zügen dieſes Naturkindes den Schmerz eines gebrochenen Herzens zu leſen, während auch nicht eine Spur des Haſſes und des Verrathes darin zu erkennen war. „Du wirſt mich nicht verrathen, June?“ ſagte Mabel mit einem Händedruck, indem ſie ſich dem Zuge eines edlen Vertrauens hingab. Du wirſt keine deines eigenen Geſchlechts dem Tomahawk preisgeben?“ „Kein Tomahawk berühren dich. Arrowhead es nicht geſtatten. Wenn June muß haben Schweſterweib, liebt ſie, zu haben dich.“ „Nein, June; meine Religion und meine Gefühle, beide 460 verbieten es. Und zu dem, wenn es mir überhaupt möglich wäre, das Weib eines Indianers zu werden, ſo möchte ich nie in einem Wigwam dich von deinem Platze verdrängen.“ June antwortete nur mit einem frohen und dankbaren Blicke. Sie wußte, daß wenige, vielleicht kein Indianermädchen aus dem Kreiſe von Arrowhead's Bekanntſchaft ſich mit ihr an körperlichen Reizen vergleichen ließ, und obgleich ihr Mann ſich konnte einfallen laſſen, ein ganzes Dutzend Weiber zu nehmen, ſo kannte ſie doch außer Mabel keine, deren Einfluß ſie wirklich gefürchtet hätte. Sie nahm jedoch an der Schönheit, dem gewinnenden Benehmen, der Güte und der weiblichen Zartheit unſerer Heldin ſo lebhaſten An⸗ theil, daß derſelbe, wenn die Eiferſucht ihrer Gefühle erkälten wollte, nur neue Stärke erhielt und ſogar zu einer Haupttriebfeder wurde, welche die Indianerin veranlaßte, ſich ſo großer Gefahr auszu⸗ ſetzen, um ihre muthmaßliche Nebenbuhlerin gegen die Folgen des Angriffes zu ſichern, der, wie ſie wohl wußte, im Schilde geführt wurde. Mit einem Wort— June hatte mit dem Scharfblick eines Weibes die Liebe ihres Gatten zu Mabel entdeckt. Aber ſtatt ſich den Qualen der Eiferſucht, die ihren Haß gegen die Neben⸗ buhlerin erregt haben würde, hinzugeben, wie es vielleicht ein Weib, das weniger an die Unterwürfigkeit gegen die Rechte des Mannes gewöhnt geweſen, gethan haben würde, durchforſchte ſie die Blicke und den Charakter der Blaßgeſichtsſchönheit; und da ſie mit nichts zuſammentraf, was ihre eigenen Gefühle zurückſtieß, wohl aber mit allem, was dieſelben anſprach, ſo gewann ſie eine Bewun⸗ derung und Liebe zu dem weißen Mädchen, welche, wenn ſchon ver⸗ ſchiedener Natur, doch nicht weniger ſtark, als die zu ihrem Gatten war. Arrowhead ſelbſt hatte ſie ausgeſendet, Mabel vor der nahen⸗ den Gefahr zu warnen, obgleich er nicht wußte, daß ſein Weib ſich gegenwärtig auf der Inſel, in dem Bereich der Angreifenden befand und mit dem Gegenſtand ihrer vereinten Sorgfalt in der Citadelle verſchanzt war. Er glaubte im Gegentheil, wie June angedeutet ——— hatte, daß Cap und Muir ſich mit Mabel in dem Blockhaus auf⸗ hielten, und daß der Verſuch, ihn und ſeine Kameraden zurückzu⸗ treiben, von dieſen Männern ausgegangen ſey. „June traurig, Lily—“ denn ſo nannte die Indianerin in ihrer poetiſchen Sprache unſere Heldin;„June traurig, Lily nicht heirathen Arrowhead. Sein Wigwam groß, und ein großer Häupt⸗ ling muß haben Weiber genng, zu füllen ihn.“ „Ich danke dir, June, für dieſen Vorzug, der mit der Denk⸗ weiſe der weißen Weiber nicht im Einklang ſteht,“ erwiederte Mabel lächelnd, ungeachtet der furchtbaren Lage, in welcher ſie ſich be⸗ fand.„Aber ich werde vielleicht überhaupt nie heirathen.“ „Muß haben gut Ehemann,“ ſagte June.„Heirathen Eau⸗ douce, wenn nicht lieber Arrowhead.“ „June, das iſt kein geeignetes Geſpräch für ein Mädchen, welches kaum weiß, ob es in der nächſten Stunde noch leben wird oder nicht.„Ach, wenn es nur möglich wäre, irgend einen Wink von dem Leben und der Sicherheit meines Onkels zu bekommen!“ „June gehen ſehen.“ „Kannſt du?— willſt du?— Kannſt du dich mit Sicherheit auf der Inſel ſehen laſſen? Iſt deine Anweſenheit den Kriegern bekannt, und würde es ihnen gefallen, ein Weib mit ihnen auf dem Kriegspfade zu finden?“ Alles dieſes fragte Mabel in raſcher Aufeinanderfolge, da ſie fürchtete, die Antwort möchte nicht ausfallen, wie ſie wünſchte. Sie hielt es für etwas Ungewöhnliches, daß June an dem Zuge Theil genommen hatte und dachte ſich daher, ſo unwahrſcheinlich dieß auch ſeyn mochte, das Weib wäre heimlich in ihrem Kahne den Irokeſen gefolgt und denſelben vorausgeeilt, blos um ihr jene Mittheilung zu machen, welche wahrſcheinlich ihr Leben gerettet hatte. June ſuchte und fand in ihrer unvollkommenen Ausdrucks⸗ weiſe Mittel, dieſen Irrthum zu beſeitigen. Arrowhead, obgleich ein Häuptling, war bei ſeinem eigenen 462 Volk in Ungnade gefallen, und handelte im gegenwärtigen Augen⸗ blick in vollkommenem Einverſtändniß mit den Irekeſen. Er hatte allerdings einen Wigwam, war aber ſelten in demſelben, und wäh⸗ rend er Freundſchaft für die Engländer heuchelte, in deren Dienſte er ſcheinbar den Sommer hinbrachte, war er in Wirklichkeit für die Franzoſen thätig, wobei ihn ſein Weib auf vielen ſeiner Wan⸗ derungen, die er meiſtens im Kahne machte, begleitete. Mit einem Wort, ihre Gegenwart war kein Geheimniß, da ihr Gatte ſelten ohne ſie auszog. June theilte von dieſen Verhältniſſen Mabel ge⸗ nug mit, um ſie zu dem Wunſche zu ermuthigen, ihre Freundin möchte hinausgehen, und ſich über ihres Onkels Schickſal Gewißheit verſchaffen; ſie waren aber auch bald darüber im Reinen, daß die Indianerin im nächſten günſtigen Augenblick das Blockhaus zu dieſem Zwecke verlaſſen ſol Sie unterſuchten zuerſt von den verſchiedenen Schießſcharten aus die Inſel, ſo gut es die Lage des Blockhauſes geſtattete, und fanden, daß die Sieger ſich zu einem Gelage vorbereiteten, in welcher Abſicht ſie die Proviantvorräthe der Engländer zuſammen getragen und die Hütten geplündert hatten. Die meiſten Vorräthe waren in dem Blockhaus; aber auch außen war noch genug zu finden, um die Indianer für einen Angriff zu belohnen, der mit einer ſo geringen Gefahr begleitet war. Ein Theil derſelben hatte bereits die todten Körper auf die Seite geſchafft, und Mabel ſah, daß ihre Waffen in der Nähe des zum Mahle beſtimmten Ortes aufgeſchichtet waren. June deutete ihr durch ein Zeichen an, daß die Leichen in das Dickicht gebracht worden ſeyen, um entweder begraben zu werden oder aus dem Geſicht geſchafft zu ſeyn. Nichts von den mehr augenfälligen Gegenſtänden auf der Inſel war verändert, da die Sieger den Sergeanten bei ſeiner Zurückkunft in einen Hin⸗ terhalt zu locken wünſchten. June machte ihrer Gefährtin einen Mann auf einem Baum bemerklich, der, wie ſie ſagte, ein Lug⸗aus ſey, um in Zeiten von der Annäherung eines Bootes Nachricht zu „ ertheilen, obgleich die Abreiſe des Sergeanten erſt ſo kürzlich ge⸗ ſchehen war, daß nur ein unerwartetes Ereigniß eine ſo baldige Rückkehr deſſelben erwarten ließ. Es hatte nicht den Anſchein, als ob man einen unmittelbaren Angriff auf das Blockhaus beabſichtige; wohl aber waren, wie June ſagte, die Anzeichen vorhanden, daß es die Indianer bis zur Zurückkunft der Partie des Sergeanten im Auge behalten würden, damit nicht die Spuren eines Angriffs Pfadfinders geübten Augen einen warnenden Wink geben möchten. Des Bootes hatten ſie ſich jedoch verſichert und es in daſſelbe Ge⸗ büſch gebracht, wo die Kähne der Indianer verborgen lagen. June theilte nun ihrer Freundin die Abſicht mit, ſich zu den Ihrigen zu begeben, da der Augenblick ungemein günſtig war, das Blockhaus zu verlaſſen. Mabel fühlte einiges Mißtrauen, als ſie die Leiter hinunterſtiegen; aber im nächſten Augenblicke ſchämte ſie ſich dieſes Gefühls, weil es unbillig, gegen ihre Gefährtin und ihrer ſelbſt unwürdig war: und als ſie den Boden erreicht hatten, war das Vertrauen wieder hergeſtellt. Die Aufriegelung geſchah mit der größten Vorſicht, und als der letzte Querbalken weggenommen werden ſollte, ſtellte ſich June ſo nahe als möglich an die Stelle, wo die Thüre aufgehen mußte. Dieſer war kaum gelüpft, und die Thüre ſo weit geöffnet, daß man ſich durchdrängen konnte, als June hinausſchlüpfte, worauf Mabel unter hörbarem Herzklopfen und mit faſt krampfartiger Haſt den Riegel wieder vorſchob. Jetzt erſt fühlte ſie ſich wieder ſicher, und die beiden andern Balken wurden mit mehr Ruhe und Ueberlegung vorgelegt. Als nun die Thüre feſt geſchloſſen war, ſtieg ſie wieder in den erſten Stock hinauf, wo ſie allein einen Blick auf das, was außen vorging, werfen konnte. Lange, ſchmerzlich trübe Stunden vergingen, ohne daß Mabel etwas von June erfuhr. Sie hörte das durchdringende Geſchrei der Wilden, denn der Branntwein führte ſie bereits über die Gränzen der Vorſicht; bisweilen warf ſie durch die Schießſcharten einen 464 Blick auf die tollen Orgien, und immer riefen ihre Töne und Auf⸗ tritte, welche wohl das Blut einer jeden, die nicht erſt kürzlich Zeuge noch ſchrecklicherer Ereigniſſe geweſen, zum Erſtarren zu bringen vermocht hätten, die Nähe ihrer Feinde ins Gedächtniß. Gegen Mittag kam es ihr vor, als ſähe ſie einen Weißen auf der Inſel, obgleich ſein Anzug und ſein wildes Ausſehen ihn zuerſt als einen neu angekommenen Indianer erſcheinen ließ. Ein Blick auf ſein Geſicht jedoch, obgleich es dunkel und von der Sonne gebräunt war, ließ ihr keinen Zweifel mehr, daß ihre Vermuthung richtig ſey: eine erhebende Erſcheinung in ihrer Lage, da ſie nun einen Mann ihrer eigenen Farbe nahe wußte, deſſen Beiſtand ſie in der äußerſten Noth anrufen könnte. Ach, Mabel wußte nur wenig, wie gering der Einfluß der Weißen auf ihre wilden Verbündeten war, wenn dieſe einmal Blut gekoſtet hatten, oder wie wenig erſtere überhaupt geneigt waren, den Grauſamkeiten der Indianer Einhalt zu thun. Der Tag kam Mabel wie ein Monat vor, und die einzigen, raſcher entſchwindenden Augenblicke waren die im Gebet zugebrachten Minuten. Sie nahm von Zeit zu Zeit zu dieſem Troſte ihre Zuflucht, und fühlte ſich jedesmal darauf feſter, ruhiger und ergebener. Die Vermuthung Junes wurde ihr immer wahrſcheinlicher und ſie fing an zu glauben, daß das Blockhaus bis zur Rückkehr ihres Vaters unbeläſtigt bleiben würde, um denſelben in einen Hinterhalt zu locken, wodurch ihre Beſorgniß vor unmittelbarer Gefahr ſich min⸗ derte. Aber die Zukunft gab ihr wenig Grund zur Hoffnung und ihre Gedanken beſchäftigten ſich bereits mit der Wahrſcheinlichkeit der Gefangenſchaft. In ſolchen Augenblicken nahm Arrowhead und ſeine anſtößige Bewunderung einen großen Theil des Hintergrundes ein; denn unſre Heldin wußte wohl, daß die Indianer gewöhnlich diejenigen Gefangenen, welche ſie nicht erſchlugen, mit in ihre Dörfer nahmen, um ſie ihren Familien einzuverleiben, und daß oft Fälle vorgekommen waren, in welchen Perſonen ihres Geſchlechts -——— 89—— 8——— 2² den Reſt ihres Lebens in den Wigwams ihrer Eroberer zubringen mußten. Dieß waren die Gedanken, welche ihr bei ihren brünſtigen Gebeten ohne Unterlaß vorſchwebten. So lange es Tag blieb, war die Lage unſerer Heldin ſchon hinreichend beruhigend; als aber die Schatten des Abends allmählig die Inſel umfingen, wurde ſie füchterlich. Da die Wilden ſich des ganzen Branntweinvorrathes der Engländer bemächtigt hatten, ſo ſteigerte ſich ihre Erregung nachgerade bis zur Wuth, und ihr Lärmen und Toben gab ihnen das Anſehen, als ob ſie von böſen Gei⸗ ſtern beſeſſen ſehen. Alle Bemühungen ihres franzöſiſchen Führers, ſie im Zaume zu halten, waren fruchtlos, weßhalb dieſer ſich auch klüglich nach einem Bivouak auf einer benachbarten Inſel zurück⸗ gezogen hatte, um ſich gegen ſeine ſo ſehr zu Ausſchweifungen geneig⸗ ten Freunde ſicher zu ſtellen. Ehe jedoch dieſer Offizier ſeine Stelle verließ, war es ihm, unter Gefährdung ſeines eigenen Lebens, ge⸗ lungen, das Feuer auszulöſchen und die gewöhnlichen Mittel, es wieder anzuzünden, auf die Seite zu ſchaffen. Er hatte dieſe Bor⸗ ſichtsmaßregel angewandt, damit die Indianer das Blockhaus nicht verbrennen ſollten, deſſen Erhaltung zu Erreichung ſeiner künf⸗ tigen Plane nöthig war. Eben ſo gerne hätte er auch alle Waffen entfernt, was ſich aber nicht ausführen ließ, da die Krieger ihre Meſſer und Tomahawks mit der Beharrlichkeit von Männern feſt⸗n hielten, welche es für eine Ehrenſache erachteten, ſie nicht aus der Hand zu laſſen, ſo lange ſie noch die Fähigkeit, ſie zu führen, be⸗ ſaßen; auch wäre die Entfernung der Büchſen, ſo lange man ihnen die Waffen ließ, welche bei ſolchen Gelegenheiten gewöhnlich ge⸗ braucht wurden, ein vergebliches Unternehmen geweſen. Das Aus⸗ löſchen des Feuers bewährte ſich als die klügſte Maßregel; denn der Offizier hatte ſich kaum zurückgezogen, als einer der Krieger den Vorſchlag machte, das Blockhaus anzuzünden. Arrowhead hatte ſich gleichfalls von der betrunkenen Rotte entfernt, ſobald er bemerkte, daß ſie ihrer Sinne nicht mehr mächtig ſey, und eine Der Pfadfinder. 3. Aufl. 30 466 Hütte aufgeſucht, wo er ſich auf das Stroh warf, um die Ruhe zu ſuchen, welche ihm zwei Nächte der Schlafloſigkeit und Thätig⸗ keit nöthig gemacht hatten. Es war daher Niemand unter den Indianern, der für Mabel Sorge getragen hätte, wenn ſie über⸗ haupt etwas von ihrer Anweſenheit wußten; und der Vorſchlag des Trunkenbolds wurde von acht bis zehn eben ſo betrunkenen und viehiſchen Kerlen mit gellendem Freudengeſchrei aufgenommen. Ein fürchterlicher Augenblick für Mabel! Die Indianer be⸗ kümmerten ſich in ihrem gegenwärtigen Zuſtande wenig um die Büchſen, welche ſich noch im Blockhauſe befinden mochten. Die dunkle Erinnerung, welche ihnen noch von den lebenden Weſen, die ſich darin aufhielten, geblieben war, diente als ein weiterer Sporn für ihr Vorhaben, und da ſie von dem Getränk erſt aufgeregt, nicht betäubt waren, ſo näherten ſie ſich dem Gebäude mit dem Geheul und den Sprüngen losgelaſſener Teufel. Zuerſt verſuchten ſie es mit der Thüre, indem ſie in Maſſe gegen ſie anſprengten; aber die Feſtigkeit derſelben(ſie war ganz aus Baumſtämmen) mußte ihre Bemühung, und wären ihrer hundert geweſen, vereiteln. Mabel wußte das freilich nicht, und ihr Herz wollte ſich ſtets durch einen Hilferuf Luft machen, wenn ſie die heftigen Stöße bei jeder neuen Anſtrengung vernahm. Endlich jedoch, als ſie fand, daß die Thür allen Angriffen widerſtand, ohne erſchüttert zu werden oder nachzu⸗ geben, und nur durch das leichte Knarren in ihren ſchweren Angeln verrieth, daß ſie ein von der Wand getrennter Theil ſey, belebte ſich ihr Muth wieder und ſie ergriff den erſten günſtigen Augen⸗ blick, um durch die Oeffnung hinunter zu ſehen und wo möglich den Umfang der vorhandenen Gefahr kennen zu lernen. Ein Schweigen, welches ſie ſich nicht zu erklären vermochte, ſteigerte ihre Neugierde, denn nichts iſt für die, welche ſich der Nähe einer großen Gefahr bewußt ſind, beunruhigender, als die Unmöglichkeit ihren Gang zu verfolgen. 3 Mabel fand, daß zwei oder drei Irokeſen die Aſche durchſucht und einige glimmende Kohlen gefunden hatten, welche ſie zu einer Flamme anzublaſen ſuchten. Das Intereſſe, mit welchem ſie ihr Geſchäft betrieben, die Hoffnung des Gelingens ihrer verderblichen Abſicht und die Macht der Gewohnheit ſetzten ſie in den Stand, umſichtig und vereint zu handeln, ſo lange ſie ihren grauſamen Zweck im Auge behielten. Ein Weißer würde an dem Verſuch verzweifelt ſeyn, aus der Aſche geleſene Fünkchen zu einem Feuer anzublaſen; aber dieſen Kindern des Waldes ſtanden manche Mittel zu Gebote, von denen die Civiliſation nichts weiß. Mit Hülfe einiger trockenen Blätter, welche allein ſie zu finden wußten, brach⸗ ten ſie endlich eine Flamme zu Stande und verſccherten ſich des gewonnenen Vortheils, indem ſie dieſelbe durch einige leichte Holz⸗ ſtücke unterhielten. Als Mabel ſich über die Schießſcharte beugte, häuften die Indianer gerade Geſtreich an der Thür auf, und da ſie ſtehen blieb, um die weiteren Schritte derſelben zu beobachten, bemerkte ſie, wie die Zweige Feuer fingen und die Flamme von Aſt zu Aſt flog, bis der ganze Stoß praſſelte und ſich in glänzen⸗ der Lohe verzehrte. Die Indianer erhoben nun ein gellendes Triumphgeſchrei und kehrten zu ihren Gefährten zurück, überzeugt, daß das Werk der Zerſtörung ſeinen Anfang genommen habe. Mabel blickte fortwährend hinunter, kaum fähig, ſich von der Stelle zu bewegen— ſo mächtig war der Antheil, den ſie an dem Fort⸗ ſchreiten des Feuers nahm. Als jedoch der Holzſtoß durchaus in Glut ſtand, hoben ſich die Flammen ſo weit, daß ſie ihr die Augen ſengten und ſie zum Rückzuge zwangen. Sie hatte kaum die ent⸗ gegengeſetzte Seite des Raumes, zu der ſie ſich in ihrer Angſt ge⸗ flüchtet, erreicht, als durch die Oeffnung der Schießſcharte, welche ſie zu ſchließen vergeſſen, ein Feuerſtrahl heraufſchoß und das un⸗ ſcheinbare Gemach mit Mabel und ihrer Troſtloſigkeit beleuchtete. Unſere Heldin mußte nun natürlich denken, ihre letzte Stunde ſey gekommen, denn die Thüre, der einzige Weg zur Flucht, war mit hölliſchem Scharfſinn durch das brennende Geſtrüpp verrammt worden; 468 und zum letztenmal(wie ſie glaubte) richtete ſie ihr Gebet an ihren Schöpfer. Ihre Augen waren geſchloſſen und ihr Geiſt ſchien mehr— als eine Minute abweſend; aber die Intereſſen der Welt kämpften noch zu heftig in ihrer Seele, um ganz unterdrückt werden zu können, und als ſie unwillkührlich die Augen aufſchlug, wurde ſie nicht mehr durch den Flammenſtrom geblendet, obgleich das Holz rund um die kleine Oeffnung gloſtete und das Feuer unter dem Einfluß eines aufgeſaugten Luftſtoßes langſam aufflackerte. Eine Tonne mit Waſſer ſtand in einer Ecke, und Mabel griff mehr in⸗ ſtinktartig, als mit voller Beſinnung nach einem Gefäß, füllte es und goß es mit zitternder Hand über das Holz aus, wodurch es ihr gelang, an dieſer Stelle die Flamme zu löſchen. Sie konnte wegen des Rauches einige Minuten lang nicht hinunter ſehen; als ihr aber dieß möglich wurde, klopfte ihr Herz hoch auf vor Freude und Hoffnung, denn der brennende Holzſtoß war übereinander geſtürzt und zerſtreut und über die Holzſtämme der Thür war Waſſer ge⸗ goſſen worden, ſo daß ſie wohl noch rauchten, aber nicht brannten. „Wer iſt da?“ rief Mabel durch die Oeffnung hinunter. Welche freundliche Hand hat mir die gütige Vorſehung zum Bei⸗ ſtand geſendet?“ 1 Man hörte unten einen leichten Fußtritt und einige ſchwache Schläge an die Thüre, welche kaum die Angeln ertönen ließen. „Wer begehrt Einlaß? Seyd Ihr es, lieber, theurer Onkel?“ „Salzwaſſer nicht hier. Sanct Lorenzo ſüß Waſſer,“ war die Antwort.„Oeffne ſchnell, müſſen hinein.“ Mabels Tritt war nie leichter und ihre Bewegungen nie ſchneller und natürlicher, als wie ſie die Leiter hinunterſtieg und die Balken von der Thür nahm; doch trug ihr ganzes Benehmen das Gepräge des Ernſtes und der Haſt. Die ganze Zeit dachte ſte nur an ihre Flucht, und ſie öffnete die Thüre mit einer Eile, welche keine Vorſicht geſtattete. Ihr erſter Gedanke war, ins Freie zu eilen, damit ſie nur aus dem Blockhauſe käme, aber June ☛—727 —2 09 ☛̈——6 verhinderte dieſen Verſuch und legte, ſobald ſie eingetreten war, wieder ruhig die Riegel vor, ehe ſie auf Mabels Bemühungen, ſie zu umarmen, achtete. „Gott ſegne dich! Gott ſegne dich, June!“ rief unſre Heldin mit Feuer.„Die Vorſehung hat dich mir als Schutzengel geſendet!“ „Nicht umfaſſen ſo feſt,“ antwortete das Tuscaroraweib.„Blaß⸗ geſichtsweib ganz weinen oder ganz lachen. Laß June ſchließen Thüre.“ Mabel kam ein wenig zur Befinnung, und in wenig Minu⸗ ten befanden ſich die Beiden wieder in dem obern Raume. Sie ſaßen Hand in Hand beiſammen und die Gefühle des Mißtrauens und der Eiferſucht waren auf der einen Seite durch das Bewußt⸗ ſeyn empfangener, auf der andern durch die Erinnerung an erwie⸗ ſene Gunſt zum Schweigen gebracht. „Nun ſage mir, June,“ begann Mabel, ſobald die Umarmun⸗ gen ausgetauſcht waren,„haſt du etwas von meinem armen Onkel geſehen oder gehört?“ „Nicht weiß. Niemand ſehen ihn, Niemand hören ihn, Nie⸗ mand wiſſen etwas. Salzwaſſer in Fluß laufen, denk ich, denn ich nicht finden ihn. Ich ſchauen und ſchauen und ſchauen, aber nicht ſehen ſie; nicht einen, nicht andern, nicht wo.“ „Gott ſey gelobt! Sie müſſen entkommen ſeyn, obgleich wir nicht wiſſen, wie. Es kam mir vor, als ob ich einen Franzoſen auf der Inſel geſehen hätte, June?“ „Ja; franzöſiſch Kapitän kommen, aber auch wieder fort ſeyn. Viel Indianer auf der Inſel.“ „Oh! June, June, gibt es kein Mittel, meinen lieben Vater aus den Händen ſeiner Feinde zu retten?“ „Nicht weiß! denk, daß Krieger warten im Hinterhalt, und Yengeeſe müſſen verlieren Skalp.“ „Gewiß, gewiß, June, kannſt du, die du ſo Viel für die Tochter gethan haſt, mir nicht verweigern, auch dem Vater zu helfen?“ 470 „Nicht kennen Vater, nicht lieben Vater. June helfen eigenem Volk, helfen Arrowhead— Mann lieben Salp.“ „June, nimmer kann ich das von dir glauben. Nein, ich kann, ich will nicht glauben, daß du unſere Leute ermordet ſehen möchteſt.“ June richtete ihr dunkles Auge ruhig auf Mabel, und einen Moment wurde ihr Blick ernſt, obgleich er bald wieder den Aus⸗ druck einer ſchwermüthigen Theilnahme gewann. „Lily, Yengeeſe Mädchen?“ ſagte ſie fragweiſe. „Gewiß, und als ein Yengeeſemädchen möchte ich meine Lands⸗ leute von der Schlachtbank retten.“ 3 „Sehr gut, wenn können. June nicht Yengeeſe, June Tus⸗ carora— haben Tuscarora⸗Mann— Tuscarora⸗Herz— Tuscarora⸗ Gefühl— ganz und gar Tuscarora. Lily wird nicht gehen, und ſagen Franzoſen, daß ihr Vater wird kommen, zu gewinnen Sieg?“ „Vielleicht nicht,“ erwiederte Mabel und drückte die Hand gegen das wirre Gehirn;„vielleicht nicht; aber du dienſt mir, hilfſt mir, haſt mich gerettet, June! Warum haſt du das gethan, wenn du nur wie eine Tuscarora fühlſt?“ „Nicht allein fühlen wie Tuscarora, fühlen als Mädchen, fühlen als Weib. Lieben ſchöne Lily und in Buſen tragen.“ Mabel zerfloß in Thränen und drückte das liebevolle Geſchöpf an ihr Herz. Es dauerte eine Minute, bis ſie weiter ſprechen konnte; dann fuhr ſie aber mit mehr Ruhe und Zuſammenhang fort: „Laß mich das Schlimmſte wiſſen, June,“ ſagte ſie.„Heute Nacht thun ſich deine Leute gütlich, was haben ſie auf morgen vor?“ „Weiß nicht; fürchten, zu ſehen Arrowhead; fürchten zu fra⸗ gen; glauben, verſtecken, bis Yengeeſe kommen zurück.“ „Werden ſie keinen neuen Verſuch gegen das Blockhaus machen? Du haſt geſehen, wie fürchterlich ſie ſeyn können, wenn ſie wollen.“ „Zuviel Num. Arrowhead ſchlafen, oder nicht wagen. Franzöſiſch Kapitän ſeyn weg, oder nicht wagen. Alles gehen zu Schlafen, nun.“ „Und du glaubſt, daß ich wenigſtens für dieſe Nacht ſicher bin?“ „Zuviel Rum. Wenn Lily wie June, könnte thun viel für ihr Volk.“ „Ich bin wie du, June, wenn der Wunſch, meinen Landsleuten zu dienen, mich einem ſo muthigen Mädchen gleichſtellen kann.“ „Nein, nein, nein;“ murmelte June leiſe vor ſich hin;„nicht haben Herz, und wenn haben, June nicht laſſen dich. June's Mutter einmal gefangen, und Krieger ſeyn trunken; Mutter Alle tomahawken. So Rothhautweiber thun, wenn Leute in Gefahr und brauchen Skalp.“ „Du haſt Recht,“ erwiederte Mabel mit Schaudern, indem ſie unwillkührlich June's Hand fallen ließ.„So etwas könnte ich nicht thun. Ich habe weder die Kraft, noch den Muth, noch den Willen, meine Hände in Blut zu tauchen.“ „Denken das auch;— dann bleiben, wo du ſeyn— Blockhaus gut— nicht kriegen Skalp.“ „Du glaubſt alſo, daß ich hier ſicher ſeyn werde, wenigſtens bis mein Vater und ſeine Leute zurückkehren?“ „Wiſſen das. Nicht dürfen anrühren Blockhaus morgen. Horch! Alles nun ſtill— trinken Rum, bis Kopf fallen nieder, und ſchlafen wie Klotz.“ „Könnte ich nicht entkommen? Sind nicht einige Kähne an der Inſel?— Könnte ich nicht einen davon nehmen, und meinem Vater entgegen gehen, um ihm mitzutheilen, was hier vorgegangen iſt?“ „Wiſſen, wie zu rudern?“ fragte Inne mit einem verſtohlenen Blick auf Mabel. „Nicht ſo gut, als du vielleicht; aber gut genug, um vor Tagesanbruch deinen Leuten aus dem Geſichte zu ſeyn.“ „Was thun dann?— Nicht können rudern ſechs— zehn— acht Meilen!“ 472 „Ich weiß das nicht; ich würde viel können, um meinem Vater, dem wackern Pfadfinder und den Uebrigen einen Wink von der Gefahr zu geben, in der ſie ſich befinden.“ „Lieben Pfadfinder?“ „Wer ihn kennt, liebt ihn;— auch du müßteſt ihn lieben, wenn du ſein Herz kennen würdeſt.“ „Nicht ihn lieben, gar nicht. Zu gut Büchſe— zu gut Auge — zuviel ſchießen Irokeſen und June's Volk. Kriegen müſſen ſein Skalp, wenn können.“ „Und ich muß ihn retten, wenn ich kann, June. In dieſer Beziehung alſo ſind wir Gegnerinnen. Ich will, ſo lange ſie noch ſchlafen, einen Kahn aufſuchen, und die Inſel verlaſſen.“ „Nicht können— June dürfen nicht laſſen dich. Rufen Ar⸗ rowhead.“ 4 „June, du wirſt mich nicht verrathen; du kannſt mich nicht preisgeben, nach Allem, was du ſchon für mich gethan haſt!“ „Gerade ſo,“ erwiederte June, indem ſie die Hand rückwärts bewegte, und mit einer Wärme und einem Ernſte ſprach, die Mabel nie zuvor an ihr bemerkt hatte.„Rufen Arrowhead mit lauter Stimme. Ein Ruf von Weib wecken Krieger auf. June nicht laſſen Lily helfen Feind— nicht laſſen Indianer verletzen Lily.“ „Ich verſtehe dich, June, und fühle das Natürliche und Ge⸗ rechte deiner Gefühle; und im Grund iſt es doch beſſer, daß ich hier bleibe, denn ich habe ſehr wahrſcheinlich meine Kräfte über⸗ ſchätzt. Aber ſage mir nur noch Eines:— wenn mein Onkel in der Nacht kommt und um Einlaß bittet, ſo wirſt du mich doch die Thüre des Blockhauſes öffnen laſſen, daß er herein kann?“ „Gewiß— er gefangen hier, und June lieben Gefangenen mehr als Skalp; Skalp gut für Ehre, Gefangener gut für Ge⸗ fühl. Aber Salzwaſſer ſo gut verborgen; er ſelbſt nicht wiſſen, wo er ſeyn.“ June lachte dabei in mädchenhafter luſtiger Weiſe, denn ſie war mit Scenen der Gewalt zu vertraut, um die Eindrücke derſelben ſo r tief zu Herzen zu nehmen, daß ſie ihr Naturell geändert hätten. Es folgte nun eine lange und lebhafte Unterhaltung, in welcher ſich Mabel bemühte, ihre gegenwärtige Lage genauer kennen zu lernen, und ſich der ſchwachen Hoffnung hingab, es möchten ſich einige der Thatſachen, welche ſie auf dieſem Wege erfuhr, zu ihrem Vortheil wenden laſſen. June beantwortete ihre Fragen 1 einfach, aber mit einer Vorſicht, welche zeigte, daß ſie recht gut zwiſchen dem, was unweſentlich war, und zwiſchen dem, was die r Sicherheit oder die weiteren Schritte ihrer Freunde gefährden konnte, zu unterſcheiden wiſſe. Unſere Heldin war unfähig, ihre Gefährtin in eine Falle zu locken: ein Verſuch, deſſen Ausführung ⸗ übrigens, ſelbſt wenn ſie ſich einer ſolchen Niedrigkeit hätte ſchul⸗ dig machen wollen, auf die größten Schwierigkeiten ſtoßen mußte. t June jedoch hatte nur bei dem, was ſie enthüllen wollte, vor⸗ ſichtig zu unterſcheiden; und wir faſſen das Weſentliche ihrer Mit⸗ 3 theilung in dem Folgenden zuſammen. 1 Arrowhead ſtand ſchon lange mit den Franzoſen in Verbin⸗ r dung, obgleich dieſes die erſte Gelegenheit war, bei der er ſeine t Maske ganz ablegte. Da er, zumal bei dem Pfadfinder, Spuren des 1 Mißtrauens bemerkt hatte, ſo wagte er ſich nicht mehr unter die ⸗ Engländer, und mit indianiſcher Prahlerei wollte er nun lieber 9 ſeine Verrätherei zur Schau tragen, als ſie verbergen. Er hatte ⸗ den Kriegerhaufen bei dem Angriff auf die Inſel unter der Ober⸗ n aufſicht des bereits erwähnten Franzoſen angeführt; aber June e lehnte es ab, Auskunft darüber zu geben, ob er auch das Mittel zu Entdeckung der Lage dieſes Platzes geworden ſey, den man den n 8 Blicken des Feindes ſo ſehr entzogen gewähnt, obgleich ſie zuge⸗ . ſtand, daß ſie und ihr Gatte von der Abreiſe des Seud an den , Kutter im Auge behalten hätten, bis ſie von demſelben überholt und genommen worden ſeyen. Die Franzoſen hatten erſt in der neueſten Zeit genaue Mittheilungen über die wahre Lage der Station erhalten, und Mabel fühlte einen Stich durchs Herz, als ſie aus den verſteckten Anſpielungen der Indianerin entnehmen zu müſſen glaubte, daß dieſe Mittheilung von einem unter Duncan of Lun⸗ die ſtehenden Blaßgeſicht herrühre. Dieß war jedoch eher ange⸗ deutet, als ausgeſprochen, und ſobald Mabel Zeit hatte, über die Worte ihrer Gefährtin nachzudenken und ſich zu erinnern, wie kurz und abgemeſſen ſie in ihrer Ausdrucksweiſe war, gab ſie der Hoff⸗ nung wieder Raum, daß ſie dieſelbe unrecht verſtanden habe, und daß Jasper Weſtern ſich als vollkommen gerechtfertigt aus dieſer Sache ziehen werde. 1 June nahm keinen Anſtand, zu bekennen, daß ſie auf die Inſel geſandt worden ſey, um über die Anzahl und das Treiben derer, welche darauf geblieben waren, genaue Nachricht einzuziehen, obgleich ſie auch in ihrer naiven Weiſe verrieth, daß ſie haupt⸗ ſächlich durch den Wunſch, Mabeln zu dienen, veranlaßt worden ſey, ſich zu dieſem Geſchäft brauchen zu laſſen. In Folge ihrer und anderweitiger Mittheilungen kannte der Feind die Macht welche gegen ihn aufgebracht werden konnte, genau; auch wußten ſie, mit wie viel Mannſchaft und in welcher Abſicht Sergeant Dunham ausgezogen war, obgleich es ihnen unbekannt blieb, an welcher Stelle er die franzöſiſchen Boote zu treffen hoffte. Es wäre ein angenehmer Anblick geweſen, Zeuge zu ſeyn des lebhaften Ver⸗ langens ſowohl, mit welchem dieſe beiden redlichen Mädchen ſich über Alles, was für ihre Freunde von Folgen ſeyn mochte, Ge⸗ wißheit zu verſchaffen ſuchten; als auch der natürlichen Zartheit, mit welcher jede ſich hütete, die andere zu ungeeigneten Enthül⸗ lungen zu drängen,— der augenfälligen Vorſicht endlich, wo⸗ mit es jede vermied, etwas zu ſagen, was ihrem Volke nachtheilig werden konnte. In Beziehung ihrer Perſönlichkeit herrſchte voll⸗ kommenes Vertrauen: was ihre eigenen Leute anbelangte, treues Halten an den Ihrigen. June war eben ſo ängſtlich begierig, zu erfahren, wo der Sergeant hingegangen ſey, und wann er „—-—44—— zurückkehren werde, als Mabel in Betreff anderer Punkte; aber ſie enthielt ſich mit einem Zartgefühl, welches dem civiliſirteſten Volke Ehre gemacht hätte, jeder Frage, und verſuchte auch keinen andern Weg, welcher mittelbar einen Aufſchluß über dieſe ihr ſo wichtige Angelegenheit herbeizuführen vermochte, obgleich ſie mit faſt athem⸗ loſer Aufmerkſamkeit horchte, wenn Mabel in ihrer eigenen Er⸗ zählung einen Umſtand berührte, welcher möglicherweiſe hätte ein Licht über die Sache werfen können. In dieſer Weiſe entſchwanden ihnen die Stunden unbeachtet, denn beide waren zu ſehr betheiligt, um an Ruhe zu denken. Doch forderte gegen Morgen die Natur ihre Rechte, und Mabel ließ ſich überreden, ſich auf eines der für die Soldaten beſtimmten Stroh⸗ lager zu legen, wo ſie bald in einen tiefen Schlaf verfiel. June nahm an ihrer Seite Platz. Auf der ganzen Inſel herrſchte eine Ruhe, als ob der Bereich des Waldes nie durch menſchlichen Fuß⸗ tritt geſtört worden ſey. Als Mabel erwachte, ſtrömte das Licht der Sonne durch die Schießſcharten, und ſie fand, daß der Tag bereits beträchtlich vor⸗ gerückt ſey. June lag noch neben ihr, und ſchlief ſo ſanft, als ob ſie— ich will nicht ſagen ‚auf Daunen,“ da die höhere Cultur unſerer Tage eine ſolche Vergleichung verſchmäht— ſondern auf einer franzöſiſchen Matraze ruhe, und ſo tief, als ob ſie die Sorge gar nicht kenne. Demungeachtet weckten Mabels Bewegungen die an Wachſamkeit gewöhnte Indianerin bald, und beide verſchafften ſich nun mittelſt der bekannten Oeffnungen einen Ueberblick über das, was um ſie vorging. 476 Dreiundzwanzigſtes Kapitel. Bedarf der ew'ge Schöpfer dein, o Nacht? Den Sternenhimmel in der Bahn zu halten, Daß du nicht achteſt ſeiner Werke Pracht, Und dich erkühnſt, die Schöpfung zu entſtalten? Der Faule nur, vom Schlummer feſtaehalten, Die Glieder ſtreckend, preist mit trunknem Sinn Und blindem Wahn dein ſtygiſch düſter Walten Und nennt dich Göttin, Freudebringerin Und der Natur, der großen Mutter, Helferin. Feenkönigin. Vie Ruhe der vergangenen Nacht ſtand in keinem Widerſpruch mit den Bewegungen des Tages. Obgleich Mabel und June an allen Schießſcharten herumgingen, ſo ließ ſich doch mit Ausnahme ihrer ſelbſt, kein lebendes Weſen auf der ganzen Inſel entdecken. An der Stelle, wo M'Nab und ſeine Kameraden gekocht hatten, befand ſich ein halberloſchenes Feuer, als ob der Rauch, welcher ſich in die Höhe ringelte, die Abſicht hätte, die Abweſenden anzu⸗ locken; und rings umher waren die Hütten wieder in ihren frühern Zuſtand verſetzt worden. Mabel fuhr unwillkührlich zuſammen, als ihr Auge auf eine Gruppe von drei Männern in den Scharlach⸗ röcken des fünfundfünfzigſten Regimentes ſiel, welche in nachläſſiger Stellung im Graſe ſaßen, als ob ſie in ſorgloſer Sicherheit mit einander plauderten; aber ihr Blut erſtarrte, als ſie bei einem zweiten Blick die farbloſen Geſichter und die gläſernen Augen der Todten erkannte. Sie ſaßen ganz in der Nähe des Blockhauſes, und zwar ſo nahe, daß ſie dem erſten Blicke auffallen mußten; auch lag, da man ihre ſtarren Glieder in verſchiedene, das Leben nach⸗ ahmende Lagen gebracht hatte, eine ſo ſpöttiſche Leichtfertigkeit in ihren Stellungen und Geberden, daß ſich die Seele darüber empörte. So ſchrecklich übrigens dieſe Gruppe Jedem ſeyn möchte, der nahe genug war, um den ſchreienden Contraſt zwiſchen Schein und Weſen zu entdecken— die Täuſchung war doch mit ſo vieler Kunſt aus⸗ geführt, daß ſie einen oberflächlichen Beobachter auf eine Entſernung von hundert Ellen irre leiten konnte. Nach einer ſorgfältigen Un⸗ terſuchung der Ufer machte June ihre Gefährtin auf einen vierten Soldaten aufmerkſam, welcher, an einen Baum gelehnt, mit über⸗ hängenden Füßen am Waſſer ſaß, und eine Fiſcherruthe in der Hand hielt. Die ſkalploſen Köpfe waren mit Mützen bedeckt und alle Spuren von Blut vorſichtig von den Geſichtern gewaſchen. Mabel wurde faſt ohnmächtig bei dieſem Anblick, der nicht nur allen ihren Begriffen von Schicklichkeit zuwiderlief, ſondern auch an ſich ſo empörend und allen menſchlichen Gefühlen entgegen war. Sie ſank auf einen Stuhl und verbarg das Antlitz einige Minuten in ihrem Gewande, bis ein leiſer Ruf von June ſie wieder an die Schieß⸗ ſcharten zog. Letztere zeigte ihr nun den Körper von Jennie, welche in einer vorwärtsgebeugten Stellung, als ob ſie auf die Gruppe der Männer ſähe, in der Thüre einer Hütte zu ſtehen ſchien, indeß ihre Haube in dem Winde flatterte, und ihre Hand einen Beſen hielt. Die Entfernung war zu groß, um die Züge genau zu unterſcheiden; aber es däuchte Mabel, die Kinnlade ſey niedergedrückt, und der Mund zu einem entſetzlichen Lachen verzogen. „June! June!“ rief ſie aus,„das überſteigt Alles, was ich je von der Verrätherei und der Liſt deines Volkes gehört, oder für möglich gehalten habe.“ „Tuscarora ſehr ſchlau,“ ſagte June in einem Tone, welcher den Gebrauch, der von den Leichnamen gemacht worden, mehr zu billigen als zu verwerfen ſchien.„Soldaten thun nichts Leid nun; thun Irokeſen gut; kriegen Skalp zuerſt; nun machen Todte helfen. Dann ſie verbrennen.“ Aus dieſen Worten wurde Mabel klar, wie ſehr der Charakter ihrer Gefährtin von dem ihrigen verſchieden war, und es vergingen einige Minuten, ehe ſie dieſelbe wieder anzureden vermochte. Aber dieſe vor⸗ übergehende Anwandlung von Widerwillen war bei June verloren, denn ſie ſchickte ſich zur Bereitung ihres einfachen Frühſtücks an, wobei ihr ganzes Benehmen bewies, wie unempfindlich ſie bei Andern gegen Gefühle war, welche ſie ihre Erziehung abzulegen gelehrt hatte. Mabel genoß nur weniges, während ihre Gefährtin aß, als ob gar nichts vorgefallen ſey. Dann überließen ſie ſich wieder ihren Ge⸗ danken, oder ſetzten ihre Unterſuchungen durch die Schießſcharten fort. Unſere Heldin brannte zwar von ſieberiſchem Verlangen, ſtets an dieſen Oeffnungen zu ſeyn; aber ſie trat ſelten vor dieſelben, ohne ſich mit Widerwillen abzuwenden, obgleich ihre Angſt ſie nach einigen Minuten wieder dahin zurückführte, wenn ſie ein Geräuſch, mochte es auch nur das Rauſchen der Blätter oder das Seufzen des Windes ſeyn, vernahm. Es war in der That etwas feierlich Ergreifendes, dieſen verlaſſenen Ort von Todten in der Kleidung des Lebens und in der Stellung ſorgloſer Heiterkeit oder rohen Vergnügens bevölkert zu ſehen. Der Eindruck auf unſere Heldin war faſt derſelbe, als ob die Unholde vor ihr ihr Weſen trieben. Dieſen ganzen Tag über, der Mabeln kein Ende zu nehmen ſchien, ließ ſich weder ein Indianer noch ein Franzoſe blicken, und die Nacht ſenkte ſich allmählig über dieſe ſchweigende Maskerade mit der unabänderlichen Stetigkeit, mit welcher die Erde ihren Geſetzen folgt, ohne ſich um das kleinliche Treiben der Menſchen zu küm⸗ mern. Die Nacht war weit ruhiger, als die vorhergehende, und Mabel ſchlief mit neuer Zuverſicht, denn ſie fühlte ſich nun über⸗ zeugt, daß ſich ihr Schickſal nicht vor der Zurückkunft ihres Vaters entſcheiden würde. Er wurde jedoch ſchon am folgenden Tag er⸗ wartet. Als unſere Heldin erwachte, eilte ſie haſtig zu den Schieß⸗ ſcharten, um über den Stand des Wetters, das Ausſehen des Himmels und über die Verhältniſſe auf der Inſel Erkundigung ein⸗ zuziehen. Da ſaß noch die furchtbare Gruppe im Graſe; der Fiſcher beugte ſich noch über das Waſſer, als ob er lebhaft auf ſeinen Fang erpicht ſey, und das Geſicht Jennie's glotzte in ſchreck⸗ licher Verzerrung aus der Hütte. Aber das Wetter hatte ſich — ———— X geändert. Der Wind blies ſteif aus Süden, und obgleich hell, war die Luft doch mit den Elementen des Sturmes erfüllt. „Es wird mir immer unerträglicher, June,“ ſagte Mabel, als ſie die Oeffnung verließ.„Ich wollte lieber den Feind ſehen, als ſtets dieſe ſchreckliche Heerſchau des Todes vor Augen haben.“ „Still! da ſie kommen. June denken hören einen Schrei, wie Krieger rufen, wenn er nehmen einen Skalp.“ „Was meinſt du? Es gibt nichts mehr zu ſchlachten!— es kann nichts mehr geben!“ „Salzwaſſer!“ rief June lachend, indem ſie durch die Schieß⸗ ſcharte blickte. „Mein lieber Onkel! Gott ſey Dank! Er lebt alſo! O June, June, du wirſt ihm doch kein Leid thun laſſen?“ „June arme Squaw. Was Krieger denken von was ich ſagen? Arrowhead bringen ihn her.“ Mabel ſtand an einer Schießſcharte, und ſah deutlich genug Cap und den Quartiermeiſter in den Händen von acht oder zehn Indianern, welche jene zu dem Fuße des Blockhauſes führten; denn da ſie nunmehr gefangen waren, ſah der Feind wohl ein, daß kein Mann ſich in dieſem Gebäude befinden könne. Mabel wagte kaum zu athmen, bis der ganze Haufen unmittelbar vor der Thüre ſtand, wo ſie dann zu ihrer großen Freude bemerkte, daß der franzöſiſche Offizier unter ihnen war. Es folgte nun eine kurze Beſprechung, welche Arrowhead und der weiße Führer mit den Gefangenen hielt, worauf der Quartiermeiſter mit vernehmlicher Stimme unſerer Heldin zurief: „Schöne Mabel! Schöne Mabel,“ ſagte er,„blicken Sie aus einer Ihrer Schießſcharten auf uns herunter, und haben Sie Mit⸗ leid mit unſerer Lage. Wir ſind mit augenblicklichem Tode bedroht, wenn Sie nicht den Siegern die Thüre öffnen. Laſſen Sie ſich alſo erweichen, ſonſt tragen wir unſere Skalpe keine halbe Stunde mehr, von dieſem geſegneten Augenblick an.“ 480 Nabel kam es vor, als ob Spott und Leichtfertigkeit in dieſem Aufruf liege, ein Benehmen, welches mehr dazu diente, ihren Ent⸗ ſchluß, den Platz ſo lange als möglich zu halten, zu befeſtigen, als zu entkräften. 3 „Sprecht Ihr zu mir Onkel,“ rief ſie durch die Schießſcharte „und ſagt mir, was ich thun ſoll.“ „Gott ſey Dank! Gott ſey Dank!“ entgegnete Cap;„der Ton deiner ſüßen Stimme, Magnet, nimmt mir eine ſchwere Laſt vom Herzen; denn ich fürchtete, du habeſt das Loos der armen Jennie getheilt. Es lag mir in den letzten vierundzwanzig Stunden auf der Bruſt, als ob man eine Tonne Blockeiſen auf ſie geſtaut hätte. Du fragſt mich, was du thun ſollſt, Kind, und ich weiß nicht, was ich dir rathen ſoll, obgleich du meiner Schweſter Tochter biſt. Armes Mädchen! Alles was ich dir jetzt ſagen kann, iſt, daß ich vom Grunde meines Herzens den Tag verwünſche, an dem wir beide jemals dieſen Friſchwaſſerſtreifen geſehen haben.“ „Aber, Onkel, wenn Euer Leben in Gefahr iſt— meint Ihr, ich ſolle die Thüre öffnen?“ „Ein runder Schlag und zwei Timmerſtiche machen einen feſten Beleg; und ich würde Niemand rathen, der außer dem Bereiche dieſer Teufel iſt, etwas zu entriegeln oder aufzumachen, um in ihre Hände zu fallen. Was den Quartiermeiſter und mich anbe⸗ langt, ſo ſind wir beide ältliche Leute und für die Menſchheit von keiner beſonderen Bedeutung, wie der ehrliche Pfadfinder ſagen würde; es kann Jenem daher keinen großen Unterſchied ausmachen, ob er ſeine Zahlungsliſten in dieſem oder dem nächſten Jahr ausgleicht; und was mich anbelangt, ja, wenn ich auf hoher See an Bord wäre, ſo wüßte ich wohl, was ich zu thun hätte; aber hier oben, in dieſer wäſſrigen Wildniß, kann ich nur ſagen, daß ein gutes Stück indianiſcher Logik dazu gehören würde, mich aus einem ſolchen bischen Bollwerk, wenn ich dahinter wäre, herauszukriegen.“ „Sie werden nicht auf Alles, was Ihr Onkel ſagt, achten,“ warf Muir ein,„denn das Unglück hat ihm augenſcheinlich den Kopf verwirrt, ſo daß er nicht im Stande iſt, das, was im gegen⸗ wärtigen Augenblick noth thut, einzuſehen. Wir ſind hier in den Händen ſehr umſichtiger und achtenswerther Perſonen, wie man anerkennen muß, und wir haben wenig Urſache, irgend eine mißlie⸗ bige Gewalt zu befürchten. Die Zufälle, welche ſich ereignet haben, ſind in einem Kriege gewöhnlich, und können unſere Gefühle gegen den Feind nicht ändern, denn dieſer iſt weit entfernt, die Abſicht an den Tag zu legen, daß den Gefangenen irgend ein Leides zugefügt werde. Ich bin überzeugt, daß Meiſter Cap, ſo wenig als ich, Urſache hat, ſich zu beklagen, denn wir haben uns ſelbſt Meiſter Arrowhead ausgeliefert, der mich durch ſeine Tugenden und ſeine Mäßigung an die Römer oder Spartaner erinnert; es wird Ihnen aber bekannt ſeyn, daß die Gebräuche verſchieden ſind, und daß unſere Skalpe als geſetzliche Opfer genommen werden können, um die Manen gefallener Feinde zu ſühnen, wenn Sie ſie nicht durch Capitulation retten.“ „Ich werde beſſer thun, in dem Blockhaus zu bleiben, bis das Schickſal der Inſel entſchieden iſt,“ erwiederte Mabel.„Unſere Feinde können mich wenig bekümmern, da ſie wiſſen, daß ich ihnen keinen Schaden zufügen kann. Ich halte es daher für mein Ge⸗ ſchlecht und für mein Alter weit paſſender, hier zu bleiben.“ „Wenn es ſich hier blos um das, was für Sie paſſend iſt, handelte, Mabel, ſo würden wir Alle uns gern Ihren Wünſchen fügen; aber dieſe Herren glauben, daß das Blockhaus für ihre Ope⸗ rationen ſehr günſtig ſey, und haben daher ein großes Verlangen, es zu beſitzen. Offen geſprochen, ich und ihr Onkel ſind in einer eigenthümlichen Lage, und ich muß geſtehen, daß ich, um übeln Folgen vorzubeugen, vermöge der Macht, welche einem Offizier in Seiner Majeſtät Dienſten zuſteht, eine Verbal⸗Capitulation abge⸗ ſchloſſen habe, in welcher ich mich verpflichtete, das Blockhaus und die ganze Inſel zu übergeben. Das iſt das Loos des Krieges, und Der Pfadfinder. 3. Aufl. 31 Oeffnen Sie alſo ohne Aufſchub man muß ſich ihm unterwerfen. die Thüre, ſchöne Mabel, und vertrauen Sie ſich der Sorgfalt wie ſie Schönheit und Tugend im Unglück zu behandeln haben. Kein Höfling in Schottland iſt gefälliger und mehr mit den Geſetzen des Anſtandes vertraut, als dieſer Häuptling.“ derjenigen, welche wiſſen, welche an Mabels „Nicht verlaſſen Blockhaus;“ flüſterte June, „Blockhaus gut— Seite die Vorgänge aufmerkſam beobachtete. kriegen nicht Skalp.“ Ohne dieſe Aufmunterung hätte denn es leuchtete ihr nachgerade ein, daß es wohl das Beſte ſeyn dürfte, den Feind durch Zugeſtändniſſe zu gewinnen, ſtatt ihn durch Widerſtand zu erbittern. Muir und Cap befanden ſich in den Hän⸗ den der Indianer, welchen es bekannt war, daß ſich kein Mann in dem Gebäude aufhalte, weßhalb ſie ſich vorſtellte, die Wilden wür⸗ den aufs Neue die Thüre berennen, oder ſich mit den Aexten einen Weg durch die Stämme bahnen, wenn ein friedlicher Einlaß nun, da kein Grund mehr vorhanden war, ihre Büchſen zu fürchten, hartnäckig verweigert würde. Aber June's Worte veranlaßten ſie, inne zu halten, und ein ernſter Händedruck, ein bittender Blick ihrer Gefährtin befeſtigten ihren Entſchluß. „Nicht gefangen noch,“ flüſterte June,„laß ſie machen gefangen, ehe ſie nehmen gefangen— ſprechen groß; June ſie weiſen.“ Mabel begann nun entſchloſſener mit Muir zu ſprechen und erklärte ihm, da ihr Onkel geneigt ſchien, ſein Gewiſſen durch Schweigen zu beſchwichtigen, offen, daß es nicht ihre Abſicht ſey, das Gebäude zu übergeben. „Sie vergeſſen die Capitulation, Miſtreß Mabel,“ ſagte Muir, „die Ehre eines von Seiner Maieſtät Dienern iſt dabei betheiligt, und die Ehre Seiner Majeſtät durch dieſen Diener. Sie wiſſen, was es mit der militäriſchen Ehre für eine zarte, empfindliche Be⸗ wandtniß hat?“ „Ich weiß genug, Herr Muir, um einzuſehen, Mabel vielleicht nachgegeben, daß Sie bei —. dieſer Expedition kein Commando und deshalb auch kein Recht haben, das Blockhaus auszuliefern; und ich erinnere mich noch obendrein, von meinem Vater gehört zu haben, daß ein Gefangener für die ganze Zeit der Gefangenſchaft ſeine Machtvollkommenheit verliere.“ „Lauter Spitzſindigkeit, ſchöne Mabel,— Verrath gegen den König, Beſchimpfung ſeiner Offiziere und Schmähung ſeines Na⸗ mens. Sie werden nicht auf ihrer Abſicht beſtehen, wenn Ihr beſſeres Urtheil Muße gehabt hat, nachzudenken und auf die Ver⸗ hältniſſe und Umſtände Rückſicht zu nehmen.“ „Ja,“ ſeufzte Cap,„das iſt ein Umſtand, hol' ihn der Henker!“ „Kein Sinn, was Onkel ſagt,“ bemerkte June, welche ſich in einer Ecke des Zimmers beſchäftigte. Blockhaus gut— kriegen nicht Skalp.“ „Ich werde bleiben, wo ich bin, Herr Muir, bis Nachrichten von meinem Vater eingehen. Er wird im Laufe der nächſten zehn Tage zurückkommen.“ „Ach! Mabel; dieſe Liſt wird die Feinde nicht täuſchen, denn ſie ſind durch Mittel, welche unbegreiflich ſcheinen würden, wenn nicht ein unabweisbarer Verdacht auf einem unglücklichen jungen Mann haftete— von allen unſern Bewegungen und Planen in Kenntniß geſetzt, und wiſſen wohl, daß ehe noch die Sonne nieder⸗ geht, der würdige Sergeant mit allen ſeinen Leuten in ihrer Gewalt ſeyn wird. Geben Sie nach! Unterwerfung unter die Beſchlüſſe der Vorſehung iſt Chriſtenpflicht.“ „Herr Muir, Sie ſcheinen über die Stärke dieſes Werkes im Irrthum zu ſeyn und es für ſchwächer zu halten, als es iſt. Wollen Sie ſehen, was ich zu ſeiner Vertheidigung thun kann, wenn ich will?“ „Ich wills meinen, daß ich das ſehen möchte,“ antwortete der Quartiermeiſter, welcher immer in ſeinen ſchottiſchen Dialekt verfiel, wenn ihn etwas lebhaft anſprach. „Was halten Sie von dem? Sehen Sie auf die Schießſcharte im obern Stock.“ 48⁴ Auf dieſe Worte richteten ſich Aller Augen nach oben und erblickten die Mündung einer Büchſe, welche vorſichtig durch eine Oeffnung geſchoben wurde, denn June hatte wieder zu einem Kunſt⸗ griff Zuflucht genommen, welchen ſie ſchon einmal mit gutem Er⸗ folg angewendet hatte. Das Reſultat entſprach ganz der Erwar⸗ tung; denn kaum hatten die Indianer dieſe verhängnißvolle Waffe zu Geſicht bekommen, als ſie ſich aus dem Staube machten, und in weniger als einer Minute hatte Jeder ſeinen Verſteck aufgefun⸗ den. Der franzöſiſche Offizier blickte auf den Lauf des Gewehres, um ſich zu überzeugen, daß es nicht auf ihn gerichtet ſey, und nahm kaltblütig eine Priſe Tabak, während Cap und Muir, welche von dieſer Seite aus nichts zu befürchten hatten, ruhig ſtehen blieben. „Seyen Sie klug, meine ſchöne Mabel, ſeyen Sie klug!“ rief Muir,„und veranlaſſen ſie keinen nutzloſen Zwiſt. Im Namen aller Könige von Albion, wen haben Sie in dieſem hölzernen Thurm bei ſich eingeſchloſſen, der es ſo ſehr auf Blut abgeſehen zu haben ſcheint? Da ſteckt Zauberei dahinter, und unſere ganze Reputation hängt von dieſer Entwicklung ab.“ „Was halten Sie von dem Pfadfinder, Herr Muir, als Be⸗ ſatzung für einen ſo ſtarken Poſten?“ rief Mabel, indem ſie zu einem Doppelſinn ihre Zuflucht nahm, welchen die Umſtände ſehr entſchuldbbar machten.„Was werden ihre franzöſiſchen und in⸗ dianiſchen Kameraden von einem Ziele für Pfadfinders Büchſe halten?“ 4 „Fahren Sie glimpflich mit dem Unglück, ſchöne Mabel, und vermiſchen Sie nicht die Diener des Königs,— der Himmel ſegne ihn und das ganze königliche Haus— mit des Königs Feinden. Wenn Pfadfinder wirklich im Blockhaus iſt, ſo mag er ſprechen. Wir wollen dann unſere Unterhandlungen unmittelbar mit ihm ab⸗ machen. Er kennt uns als Freunde, und wir fürchten nichts Schlim⸗ mes von ſeiner Hand, am allerwenigſten aber ich; denn eine edle Seele iſt ganz geeignet, Nebenbuhlerſchaft in einem gewiſſen Intereſſe zu einer ſichern Grundlage der Achtung und Freundſchaft zu machen, zumal da Bewunderung des nämlichen weiblichen Ge⸗ genſtandes eine Gleichheit der Gefühle und des Geſchmackes Das Vertrauen auf Pfadfinders Freundſchaft erſtreckte jedoch nicht weiter, als auf den Quartiermeiſter und Cap; denn ſelbſt der franzöſiſche Offizier, welcher ſich bisher nicht von der Stelle gerührt hatte, ſchrack zurück bei dem Klange dieſes ge⸗ fürchteten Namens. In der That ſchien er, obgleich ein Mann von eiſernen Nerven und durch lange Jahre an die Gefahren des Indianerkriegs gewöhnt, ſich nicht den Kugeln des Hirſchetödters ausſetzen zu wollen, deſſen Ruf an der ganzen Gränze ſo wohl begründet war, als der von Marlborough in Europa; und er ver⸗ ſchmähte es nicht, gleichfalls einen Verſteck zu ſuchen, wobei er darauf beſtand, daß ihm ſeine beiden Gefangenen folgen ſollten. Mabel war zu ſehr erfreut, ihrer Feinde ledig geworden zu ſeyn, als daß ſie die Entfernung beklagt hätte, obgleich ſie Cap durch die Schießſcharte einen Kuß zuwarf und ihm einige Worte der Liebe nachrief, als er ſich zögernd und ungerne entfernte. Der Feind ſchien nun geneigt, alle Verſuche auf das Block⸗ haus für den Augenblick aufzugeben, und June, welche durch die eine Fallthüre auf das Dach geſtiegen war, wo ſie alles am beſten überſehen konnte, berichtete, daß ſich der ganze Haufen in einem abgelegenen und geſchützten Theile der Inſel zum Eſſen verſammelt hätte, wobei Cap und Muir ſo ruhig an dem Mahle theilnähmen, als ob ſie aller Sorge ledig ſeyen. Dieſe Mittheilung beruhigte Mabel, und ſie begann wieder an die Mittel zu denken, um ihre Flucht zu bewerkſtelligen, oder ihren Vater vor der Gefahr, die ſeiner wartete, zu warnen. Die Rückkehr des Sergeanten wurde dieſen Nachmittag erwartet, und ſie wußte, daß ein gewonnener oder verlorener Augenblick über ſein Schickſal entſcheiden konnte. Drei oder vier Stunden entſchwanden. Die Inſel war wieder 486 in tiefe Ruhe verſenkt. Der Tag neigte ſich, und noch hatte Mabel keinen Entſchluß gefaßt. June bereitete im unterſten Raum das frugale Mahl, und Mabel war ſelbſt auf das Dach geſtiegen, wel⸗ s mit einer Fallthüre verſehen war. Durch dieſe konnte ſie in Giebel des Gebäudes gelangen, von wo aus die Inſel die weiteſte Ausſicht bot, obgleich dieſe immer noch beſchränkt und häufig durch die Gipfel der Bäume eingeengt war. Das ängſtliche Mädchen wagte es nicht, ſich ſehen zu laſſen, denn ſie konnte nicht wiſſen, ob nicht ungezügelte Leidenſchaft einen Wilden veranlaſſen möchte, ihr eine Kugel durchs Hirn zu jagen. Sie erhob daher nur ihren Kopf über die Fallthüre, von wo aus ſie im Laufe des Nachmittags ihre Augen über die verſchiedenen Kanäle um die Inſel ſo oft die Runde machen ließ, als„Anna, Schweſter Anna,“ über die Umgebungen von Blaubarts Schloß. Die Sonne war nun wirklich untergegangen. Von den Booten hatte ſich nichts ſehen laſſen, und Mabel ſtieg aufs Dach, um den letzten Blick auszuſenden, in der Hoffnung, daß ihre Leute in der Dunkelheit ankommen ſollten, wodurch die Indianer wenigſtens verhindert würden, ihren Hinterhalt ſo gefährlich zu machen, als dieß unter andern Umſtänden der Fall geweſen wäre. Sie wurde hiedurch in den Stand geſetzt⸗ mittelſt Feuers ein ſo augenfälliges Warnungszeichen zu geben, als es eben in ihrer Macht ſtand. Ihr Auge ſtreifte achtſam um den ganzen Horizont herum, und ſie war eben im Begriff, ſich zurückzuziehen, als ſie einen neuen Gegenſtand ge⸗ wahrte, der ihre Aufmerkſamkeit feſſelte. Die Inſeln lagen ſo dicht bei einander, daß man ſechs bis acht verſchiedene Kanäle oder Waſſerſtraßen zwiſchen denſelben erblicken konnte, und in einem der verſteckteſten, faſt ganz durch das Gebüſch des Ufers verborgenen, erkannte ſie bei einem zweiten Blick einen Rindenkahn. Er enthielt außer allem Zweifel ein menſchliches Weſen. In der Ueberzeugung, daß, wenn ſie es hier mit einem Feinde zu thun habe, ein Signal nicht ſchaden, wohl aber im entgegengeſetzten Fall von gutem Nutzen ſeyn könne, ließ das Mädchen ſchnell eine kleine Flagge, welche ſie für ihren Vater gemacht hatte, gegen den Fremden we⸗ hen, wobei ſie Sorge trug, daß dieſe Bewegung von der Inſel „ aus nicht geſehen werde. Mabel wiederholte ihr Signal acht oder zehnmal vergebens, und fing ſchon an, die Hoffnung aufzugeben, daß es bemerkt würde, als auf einmal ihr Zeichen durch eine Bewegung mit dem Ruder erwiedert wurde, und der Mann ſo weit hervorkam, daß ſie in ihm Chingachgook erkennen konnte. Hier war alſo endlich ein Freund, und zwar einer, der fähig und, wie ſie nicht bezweifelte, geneigt war, ihr Beiſtand zu leiſten. Von dieſem Augenblick lebte all ihr Muth 1 wieder auf. Der Mohikaner hatte ſie geſehen, mußte ſie, da er r 1 von ihrer Theilnahme an dem Zuge wußte, erkannt haben, und that, ohne Zweifel, ſo bald es dunkel geworden war, die nöthigen Schritte zu ihrer Befreiung. Daß ihm die Anweſenheit des Fein⸗ des nicht entgangen ſeyn konnte, ließ ſich aus der großen Vorſicht, die 4 er beobachtete, abnehmen, und auf ſeine Klugheit und Geſchicklichkeit konnte ſie ſich zuverſichtlich verlaſſen. Die Hauptſchwierigkeit ſtand nun von June zu beſorgen; denn ſo anhänglich ſie auch an Mabel war, ſo hatte letztere doch zu viel von der Treue der Indianerin gegen ihr Volk geſehen, als daß ſie hoffen durfte, ſie werde einem feindlichen Indianer den Eintritt in das Blockhaus geſtatten, oder ſie ſelbſt in der Abſicht, Arrowhead's Plane zu vereiteln, entfliehen laſſen. Die halbe Stunde, welche der Entdeckung von Big Serpents Nähe folgte, war die peinlichſte in Mabels Leben. Sie ſah die Mittel zur Aus⸗ führung all ihrer Wünſche ſo ganz in der Nähe, und doch konnte ſie nicht danach greifen. Sie kannte June's Entſchloſſenheit und 5 Beſonnenheit, ungeachtet ihrer Herzensgüte und ihrer zarten weib⸗ lichen Gefühle, und kam endlich, zwar mit innerem Widerſtreben, zu der Ueberzeugung, daß es kein anderes Mittel zur Erreichung ihres Zweckes gebe, als ihre erprobte Freundin und Beſchützerin zu täuſchen. Es empörte allerdings Mabels edle Seele, eine — 8 S——=—=——— 8 ——— — — — ₰ 8 Freundin wie June zu hintergehen, aber ihres Vaters Leben ſtand auf dem Spiele; ihrer Gefährtin drohte kein unmittelbarer Nachtheil⸗ und die Gefühle und Intereſſen, welche ſie ſelbſt berührten, waren von einer Art, daß ſie wohl größere Zweifel beſeitigt haben müßten. Sobald es dunkel war, begann Mabels Herz mit erneuter Heſtigkeit zu pochen, und ſie entwarf und wechſelte ihre weiteren Plane wohl ein Dutzend mal im Laufe einer einzigen Stunde. June war immer die Ouelle ihrer größten Verlegenheit; denn ein⸗ mal ſah ſie nicht ein, wie ſie ſich die Ueberzeugung zu verſchaffen vermöge, daß Chingachgvok an der Thüre ſey, wo er, wie ſie nicht zweifelte, bald erſcheinen mußte— und dann, wie ſie ihn einlaſſen könne, ohne ihre wachſame Freundin aufmerkſam zu machen. Doch die Zeit drängte, denn der Mohikan konnte kommen und wieder fortgehen, wenn ſie nicht bereit war, ihn aufzunehmen, da es für den Delawaren gewagt geweſen wäre, lange auf der Inſel zu bleiben. Es wurde daher unbedingt nöthig, einen Entſchluß zu faſſen, ſelbſt auf die Gefahr hin, unbeſonnen zu handeln. Nach manchen Plänen, die ſich in ihrem Gehirne umhertrieben, ging daher Mabel auf ihre Gefährtin zu und ſagte zu ihr mit ſo viel Ruhe, als ſie aufzubringen vermochte: „June, fürchteſt du nicht, daß deine Leute, da ſie glauben, Pfadfinder ſey in dem Blockhauſe, kommen und aufs Neue Feuer anlegen werden?“ „Nicht denken ſolch Ding. Nicht verbrennen Blockhaus, Block⸗ haus gut; kriegen nicht Skalp.“ „June, wir können das nicht wiſſen. Sie haben ſich verſteckt, weil ſie glaubten, was ich ihnen wegen Pfadfinders ſagte.“ „Glauben erzeugen Furcht. Furcht kommen ſchnell, gehen ſchnell. Furcht machen weglauſen. Verſtand machen zurückkommen. Furcht machen Krieger thöricht, ſo gut als junges Mädchen.“ Hier lachte June in der Weiſe junger Mädchen, wenn ein poſſierlicher Einfall ihre Gedanken durchkreuzt. „Mir iſt gar nicht wohl bei der Sache, June, und ich wünſchte, du gingeſt wieder aufs Dach, um dich dort umzuſehen, ob nicht etwas gegen uns im Werke iſt; du kennſt die Zeichen deſſen, was deine Leute beabſichtigen, beſſer als ich.“ „June gehen, Lily wünſchen; aber ſehr wohl wiſſen, daß Indianer ſchlafen, warten auf Vater. Krieger eſſen, trinken, ſchlafen, alle Zeit, wenn nicht fechten und gehen auf Kriegspfad; aber dann nie ſchlafen, eſſen, trinken— nie fühlen. Krieger jetzt ſchlafen.“ „Gott gebe, daß es ſo ſeyn möge! Aber gehe hinauf, liebe June, und ſieh dich wohl um. Die Gefahr kann kommen, wenn wir es am wenigſten erwarten.“ June erhob ſich und ſchickte ſich an, auf das Dach hinauf zu ſteigen; auf der erſten Sproſſe der Leiter hielt ſie aber inne, Ma⸗ bels Herz ſchlug ſo heftig, daß ſie fürchtete, das Klopfen deſſelben möchte gehört werden, und ſie bildete ſich ein, daß eine Ahnung ihrer wahren Abſicht die Seele ihrer Freundin durchkreuze. Sie hatte zum Theil Recht; denn die Indianerin hatte wirklich ange⸗ halten, um zu überlegen, ob ſie mit dieſem Schritte nicht eine Unbeſonnenheit begehe. Einmal tauchte in ihr der Verdacht auf, daß Mabel entfliehen möchte; dieſen verwarf ſie jedoch wieder, weil ſie wußte, daß dem Blaßgeſicht keine Mittel zu Gebote ſtanden, die Inſel zu verlaſſen, und das Blockhaus war jedenfalls der ſich erſte Punkt, welchen ſie finden konnte. Dann war ihr nächſter Gedanke, Mabel könnte Zeichen von der Annäherung ihres Vaters entdeckt haben. Aber auch dieſe Vermuthung haftete nur einen Augenblick, denn June hegte gegen die Fähigkeit ihrer Freundin, derartige Zeichen zu verſtehen— Zeichen, die ihrem eigenen Scharfblicke entgangen waren— ungefähr dieſelbe Meinung, welche moderne Damen von den Vorzügen ihrer Kammermädchen zu unterhalten pflegen. Da ihr nun weiter nichts mehr beifiel, ſo fing ſie an langſam die Leiter hinauf zu ſteigen. Sie hatte eben den oberen Boden erreicht, als unſerer Heldin ein glücklicher Gedanke ſich darbot, und da ſie ihn in einer zwar haſtigen, aber natürlichen Weiſe kund gab, gewann ſie einen großen Vortheil für die Verwirklichung ihres Planes. „Ich will hinabgehen, June, und an der Thüre horchen, wäh⸗ rend du auf dem Dach biſt; wir ſind auf dieſe Weiſe oben und unten auf unſerer Hut.“ 3 June hielt dieß für eine unnöthige Vorſicht, da ſie wohl wußte, daß Niemand ohne Hilfe von innen in das Gebäude herein könne, und daß keine Gefahr von außen zu erwarten ſtehe, ohne daß ſie es vorher bemerken mußte; ſie ſchrieb daher dieſen Vor⸗ ſchlag Mabels Unwiſſenheit und Furcht zu und nahm ihn mit ſo viel Vertrauen auf, als er mit Unverfänglichkeit gemacht zu ſeyn ſchien. So wurde es nun unſrer Heldin möglich, zu der Thüre hinunter zu ſteigen, während ſich ihre Freundin nach dem Dache begab und keinen beſondern Anlaß zu haben glaubte, erſtere zu bewachen. Die Entfernung zwiſchen Beiden war jetzt zu groß⸗ um ein Geſpräch zu geſtatten, und die Eine beſchäftigte ſich drei oder vier Minuten mit Umſehen in der Gegend, ſo gut dieſes die Finſterniß erlaubte, indeß die Andere mit ſo viel Spannung an der Thür horchte, als ob alle ihre Sinne ſich in dem Ohre con⸗ centrirt hätten. June bemerkte nichts von ihrem hohen Standpunkte; die Finſterniß ließ auch in der That kaum einen Erfolg hoffen; es möchte aber nicht leicht ſeyn, das Gefühl zu beſchreiben, mit wel⸗ chem Mabel einen ſchwachen und vorſichtigen Stoß gegen die Thüre zu bemerken glaubte. Fürchtend, es möchte nicht Alles ſeyn, wie ſie wünſchte, und ängſtlich bekümmert, Chingachgook ihre Nähe anzudeuten, fing ſie an, obgleich in leiſen und bedenden Tönen, zu ſingen. Die Stille war in dieſem Augenblicke ſo tief, daß der Laut der unſichern Stimme bis zu dem Dache hinauf tönte, und eine Minute ſpäter begann June herunter zu ſteigen. Unmittelbar darauf wurde ein leichtes Pochen an der Thüre gehört. Mabel war außer ſich, denn jetzt war keine Zeit mehr zu verlieren. Die Hoffnung überwog die Furcht, und mit unſicheren Händen begann ſie die Balken wegzunehmen. Sie hörte auf der Flur über ſich June's Moccaſin; und erſt ein einzelner Balken war zurückgeſchoben, der zweite war gehoben, als die Geſtalt der Indianerin bereits zur Hälfte auf der unteren Leiter ſichtbar war. „Was thun du?“ rief June mit Heftigkeit.„Laufen weg— toll verlaſſen Blockhaus? Blockhaus gut!“ Beide legten ihre Hände an den letzten Riegel, der wahr⸗ ſcheinlich aus den Klammern gehoben worden wäre, wenn nicht ein kräftiger Druck von außen das Holz eingeklemmt hätte. Nun folgte ein kurzer Kampf, obſchon Beide zu Anwendung von Gewalt gleich abgeneigt waren. Wahrſcheinlich würde übrigens June den Sieg davon getragen haben, hätte nicht ein weiterer, noch kräfti⸗ gerer Stoß von außen das leichte Hinderniß, welches den Balken noch hielt, überwunden und die Thüre geöffnet. Man ſah nun die Geſtalt eines Mannes eintreten, und Beide eilten nach der Leiter. als ob ſie gleichbeſorgt wegen der Folgen ſeyen. Der Fremde ſchloß die Thüre und ſtieg, nachdem er ſich vorher ſorgfältig im Erdgeſchoſſe umgeſehen hatte, die Leiter hinauf. June hatte, ſo⸗ bald es dunkel geworden war, die Schießſcharten im erſten Stocke geſchloſſen und ein Licht angezündet. Beide erwarteten jetzt in dieſer düſtern Beleuchtung die Erſcheinung ihres neuen Gaſtes, deſſen vorſichtige und bedachtſame Tritte ſie auf der Leiter hören konnten. Es dürfte ſchwer zu ſagen ſeyn, welche von den Weibern am meiſten erſtaunt war, als der Fremde durch die Fallthüre hin⸗ aufſtieg und die Geſtalt des Pfadfinders vor ihren Augen ſtand. „Gott ſey geprieſen!“ rief Mabel, denn der Gedanke, daß das Blockhaus mit einer ſolchen Beſatzung unbezwinglich ſey, durch⸗ kreuzte ihre Seele.„O Pfadfinder, was iſt aus meinem Vater geworden?“ 49² „Der Sergeant iſt bis jetzt wohlbehalten und ſiegreich, ob⸗ gleich es nicht unter die Gaben des Menſchen gehört, zu ſagen, wie der Ausgang ſeyn wird. Iſt das nicht Arrowheads Weib, die ſich dort in die Ecke kauert?“ „Macht ihr keine Vorwürfe, Pfadfinder; ich verdanke ihr mein Leben und meine gegenwärtige Sicherheit. Sagt mir, wie es meinem Vater und ſeinen Leuten gegangen iſt und warum Ihr hier ſeyd; ich will Euch dann alle die ſchrecklichen Ereigniſſe erzählen, welche auf dieſer Inſel vorgefallen ſind.“ „Für das Letztere werden wenige Worte ausreichen, Mabel; denn wenn man an indianiſche Teufeleien gewöhnt iſt, ſo bedarf es keiner weitläufigen Erörterung eines ſolchen Begebniſſes. Unſer Feldzug ging, wie wir es hoffen konnten, von Statten, denn der Serpent war auf der Spähe und theilte uns mit, was das Herz nur wünſchen konnte. Wir kriegten drei Boote in einen Hinter⸗ halt, und nachdem wir die Franzoſen daraus veriagt hatten, nahmen wir von denſelben Beſitz und verſenkten ſie vorſchriftsmäßig an der tiefſten Stelle des Kanals. Die Wilden in Obercanada werden dieſen Winter mit indianiſchen Gütern nicht weit ſpringen. Auch werden Pulver und Blei unter ihnen ſeltener ſeyn, als es geſchick⸗ ten Jägern und muthigen Kriegern lieb ſeyn mag. Wir haben nicht einen Mann verloren, nicht einmal eine Haut wurde ge⸗ ſtreift, und ich denke, der Feind wird nicht beſonders gut darauf zu ſprechen ſeyn. Kurz, Mabel— es iſt gerade ſolch ein Ausflug geweſen, wie ihn Lundie liebt— viel Schaden für den Feind und wenig für uns ſelbſt.“ „Ach, Pfadfinder, ich fürchte, wenn Major Duncan die ganze traurige Geſchichte erfährt, ſo wird er Urſache haben, zu bereuen, daß er je dieſen Handel unternommen.“ „Ich weiß, was Sie meinen, ich weiß, was Sie meinen; wenn ich Ihnen aber die Umſtände geradezu erzähle, ſo werden Sie ſie beſſer verſtehen. Als der Sergeant ſeinen Strauß mit Ehren beendet hatte, ſandte er mich und den Serpent in Kähnen voraus, um euch zu ſagen, wie die Sachen abgelaufen ſeyen, und daß er mit den ſo ſehr beſchwerten Booten nicht vor Morgen eintreffen könne. Ich trennte mich dieſen Vormittag von Chingachgook und wir trafen dabei die Verabredung, daß er die eine und ich die andere Reihe von Kanälen hinauffahren ſolle, um zu ſehen, ob der Pfad ſauber ſey. Seitdem habe ich den Häuptling nicht wieder geſehen.“ Mabel erklärte ihm nun die Art, wie ſie den Mohikaner ent⸗ deckt hatte und daß ſie ihn nun in dem Blockhauſe erwarte. „Nein, nein! ein regelmäßiger Kundſchafter geht nie hinter Wände und Holzſtämme, ſo lange er in freier Luft bleiben und eine nützliche Beſchäftigung finden kann. Ich würde auch nicht gekommen ſeyn, Mabel, wenn ich nicht dem Sergeanten verſprochen hätte, Ihnen Muth zuzuſprechen und für Ihre Sicherheit zu ſorgen. Ach, ich habe dieſen Vormittag die Inſel mit ſchwerem Herzen unterſucht, und es war mir eine herbe Stunde, als ich dachte, 4 4 Sie könnten unter den Erſchlagenen ſeyn.“ „Aber welcher glückliche Zufall hat Euch verhindert, kühn auf die Inſel loszurudern, wodurch Ihr hättet in die Hände des Fein⸗ des fallen müſſen?“ „Durch einen Zufall, Mabel, wie die Vorſehung ihn ſchuf, um dem Hunde zu ſagen, wo der Hirſch zu finden iſt, und dem Hirſche, 3 wie er den Hund abwerfen ſoll. Nein, nein! dieſe Kunſtgriffe und Teufeleien mit Leichen mögen die Soldaten des Fünfundfünfzigſten und die Offiziere des Königs täuſchen, aber bei Leuten, welche ihr Leben in den Wäldern zugebracht haben, ſind ſie verloren. Ich kam in dem Kanal Angeſichts des vorgeblichen Fiſchers herunter, und ob⸗ gleich dieſes Gewürm den armen Wicht kunſtreich hingeſetzt hatte, ſo geſchah es doch nicht mit dem nöthigen Scharfſinn, um ein ge⸗ übtes Auge zu hintergehen. Er hielk die Ruthe zu hoch, denn die Leute vom Fünfundfünfzigſten haben am Oswego fiſchen gelernt, wenn ſie es vorher auch nicht konnten; und dann war der Mann auch viel zu ruhig für einen, dem nichts anbeißen will. Aber wir gehen nie blindlings auf einen Poſten zu, und ich bin einmal eine ganze Nacht vor einer Garniſon liegen geblieben, weil man die Schildwachen und die Art ihres Wachſtehens verändert hatte. Weder der Serpent noch ich laſſen ſich durch ſolche plumpe Pfiffe übertölpeln, die wahrſcheinlich mehr auf die Schotten berechnet ſind; denn obgleich dieſe in manchen Stücken ziemlich verſchlagen ſeyn mögen, ſo ſind ſie doch nichts weniger als Hexenmeiſter, wenn es ſich um indianiſche Kunſtgriffe handelt.“ „Glaubt Ihr, mein Vater und ſeine Leute könnten noch über⸗ liſtet werden?“ fragte Mabel raſch. „Nicht, wenn ichs verhindern kann, Mabel. Sie ſagen mir, der Serpent ſey auch auf der Spähe; und ſo iſt es doppelt wahr⸗ ſcheinlich, daß es uns gelingen wird, ihn von der Gefahr in Kennt⸗ niß zu ſetzen, obgleich wir nicht gewiß wiſſen, durch welchen Kanal er kommen mag.“ „Pfadfinder,“ ſagte unſere Heldin feierlich, denn die ſchrecklichen Scenen, deren Zeuge ſie geweſen, malten ihr den Tod mit den furchtbarſten Farben;„Pfadfinder, Ihr habt geſagt, daß Ihr mich liebet, und mich zu Eurem Weibe wünſchet?“ „Ich wagte es, über dieſen Gegenſtand mit Ihnen zu ſprechen, Mabel, und der Sergeant hat mir erſt kürzlich geſagt, daß Sie gegen mich gütig geſinnt ſeyen; aber ich bin nicht der Mann, das zu verfolgen, was ich liebe.“ „Hört mich, Pfadfinder— ich ſchätze Euch, ich achte Euch, ich verehre Euch— rettet meinen Vater von dieſem fürchterlichen Tode, und ich kann Euch anbeten. Hier iſt meine Hand; ich ver⸗ pflichte mich feierlich, Wort zu halten, ſobald Ihr kommt, um Eure Anſprüche auf ſie geltend zu machen.“ „Gott ſegne Sie, Mabel, Gott ſegne Sie; das iſt mehr als ich verdiene,— mehr, fürchte ich, als ich zu ſchätzen weiß. Doch bedurfte es des nicht, um mich geneigt zu machen, dem Sergean⸗ ten Dienſte zu leiſten. Wir ſind alte Kameraden, und jeder ver⸗ dankt dem andern das Leben, obgleich ich fürchte, Mabel, daß es nicht immer die beſte Empfehlung bei der Tochter iſt, des Vaters Kamerad zu ſeyn.“ „Ihr bedürft keiner andern Empfehlung, als Eurer Handlungen, Eures Muthes und Eurer Treue. Alles, was Ihr thut und ſagt, Pfadſinder, billigt meine Vernunft, und das Herz wird— nein es muß folgen.“ „Das iſt ein Glück, welches ich in dieſer Nacht nicht erwartete; aber wir ſind in Gottes Hand, und Er wird uns nach Seiner Weiſe beſchützen. Ihre Worte ſind ſüß, Mabel; aber es bedarf ihrer nicht, um mich aufzumuntern, unter den gegenwärtigen Um⸗ ſtänden allem, was in menſchlicher Kraft ſteht, aufzubieten; ſie werden aber auch in keinem Fall meinen Eifer mindern.“ „Wir verſtehen uns jetzt, Pfadfinder,“ fügte Mabel mit erſtick⸗ ter Stimme bei.„Laßt uns keinen der koſtbaren Augenblicke ver⸗ lieren, die vielleicht von unberechenbarem Werthe ſind. Können wir nicht in Euren Kahn eilen und meinem Vater entgegen gehen?“ „Ich möchte nicht hiezu rathen, da ich nicht weiß, durch welchen Kanal Ihr Vater kommen wird, denn es gibt deren mehr als zwanzig. Verlaſſen ſie ſich übrigens darauf, der Serpent wird ſich durch alle zu winden wiſſen. Nein, nein! Mein Rath iſt, hier zu bleiben. Die Stämme dieſes Blockhauſes ſind noch grün; es wird daher nicht leicht ſeyn, ſie in Brand zu ſtecken, und wenn wir nichts von Feuer zu beſorgen haben, will ich den Platz gegen einen ganzen Stamm halten. Das Irokeſenvolk ſoll mich nicht aus dieſer Feſtung herausbringen, ſo lange wir die Flamme abhalten können. Der Sergeant bivouakirt jetzt auf irgend einer Inſel, und wird erſt gegen Morgen kommen. Wenn wir das Blockhaus halten, ſo können wir ihn zeitlich warnen, durch Abſchießen von Büchſen zum Beiſpiel; und ſollte er ſich zu einem Angriff gegen die Wilden 496 entſchließen, wozu ſein Temperament ihn wahrſcheinlich veranlaſſen wird, ſo kann der Beſitz dieſes Gebäudes im Treffen von keinem geringen Belang ſeyn. Nein, nein! ich bin dafür, zu bleiben, wenn wir dem Sergeanten einen Dienſt leiſten wollen, obgleich das Entkommen für uns beide keine ſchwierige Aufgabe wäre.“ „So bleibt, bleibt, um Gottes Willen, Pfadfinder!“ flüſterte Mabel. Ich bin mit allem zufrieden, was meinen Vater retten kann!“ „Ja, das iſt Natur. Es freut mich, Sie ſo ſprechen zu hören, Mabel, denn ich geſtehe, daß ich den Sergeanten hübſch unterſtützt ſehen möchte. Wie die Sachen jetzt ſtehen, ſo hat er ſich Credit erworben; und könnte er vollends dieſe Hunde vertreiben und ſich ehrenvoll zurückziehen, nachdem er Blockhaus und Hütte in Aſche gelegt hat, ſo iſt gar kein Zweifel, daß Lundie an ihn denken und ihm auch wieder Dienſte leiſten wird. Ja, ja, Mabel, wir müſſen nicht allein das Leben des Sergeanten, ſondern auch ſeinen Ruf retten.“ „Wegen des Ueberfalls dieſer Inſel kann meinen Vater kein Vorwurf treffen.“ „Davon iſt nicht die Rede, davon iſt nicht die Rede; militaͤri⸗ ſcher Ruhm iſt ein höchſt unſicheres Ding. Ich habe die Delawaren in Bedrängniß geſehen, wo ſie ſich wackerer gehalten haben, als in Zeiten, wo ſie den Sieg davon getragen hatten. Man iſt übel daran, wenn man ſein Leben an ein Geradewohl wagt, und am allerübelſten im Krieg. Ich kenne die Anſiedelungen und die Mei⸗ nungen, welche dort im Schwunge ſind, wenig; aber hier oben ſchätzen ſelbſt die Indianer den Werth eines Kriegers nach ſeinem Glück. Für einen Soldaten iſt es immer die Hauptſache, nicht ge⸗ ſchlagen zu werden, denn ich glaube nicht, daß ſich die Leute lange bei den Betrachtungen aufhalten, wie der Tag gewonnen oder ver⸗ loren wurde. Was mich anbelangt, Mabel, ſo mache ich es mir zur Regel, im Angeſichte des Feindes ihm ſo gut zuzuſetzen, als ich —ꝙ kann, und mich mit der möglichſten Mäßigung zu benehmen, ſobald wir im Vortheile ſind. Von dem Gefühl der Mäßigung nach einer Niederlage läßt ſich nicht viel ſagen, da das Geklopftwerden ohne⸗ hin das Demüthigendſte in der ganzen Natur iſt. Die Pfarrer predigen von Demuth in den Garniſonen; aber wenn Demuth den Chriſten ausmacht, ſo müßten des Königs Truppen Heilige ſeyn, denn ſie haben bis jetzt wenig mehr in dieſem Kriege gethan, als ſich von den Franzoſen Lektionen geben laſſen, von dem Fort du Quesne an bis zum Ty.“ „Mein Vater konnte nicht ahnen, daß die Lage der Inſel dem Feinde bekannt ſey,“ erwiederte Mabel, deren Gedanken ſich mit dem wahrſcheinlichen Erfolg der neueſten Ereigniſſe für den Sergeanten beſchäftigte. „Das iſt wahr, und es iſt mir unbegreiflich, wie ſie die Fran⸗ zoſen ausgefunden haben. Der Ort iſt gut gewählt, und es iſt ſelbſt für den, welcher den Weg hieher und wieder zurück ſchon einmal gemacht hat, keine leichte Aufgabe, ihn wieder zu finden. Es iſt, wie ich fürchte, Verrätherei dabei im Spiel; ja, ja, wir müſſen verrathen worden ſeyn.“ „O Pfadfinder, wäre dieß möglich?“ „Nichts leichter, Mabel; denn Verrätherei iſt manchen Leuten ſo natürlich, als das Eſſen. Wenn ich einen Mann voll ſchoͤner Worte treffe, ſo gebe ich immer genau auf ſeine Handlungen Acht, denn wenn das Herz an der rechten Stelle ſitzt und das Gute wirklich mit Eifer ſucht, ſo begnügt man ſich im Allgemeinen, ſein Benehmen und nicht ſeine Zunge ſprechen zu laſſen.“ „Jasper Weſtern iſt keiner von dieſen,“ ſagte Mabel mit Un⸗ geſtüm.„Kein Jüngling kann aufrichtiger in ſeinem Benehmen oder weniger fähig ſeyn, die Zunge ſtatt der Thaten reden zu laſſen.“ „Jasper Weſtern? Verlaſſen Sie ſich drauf, Mabel, daß bei dem Jungen Herz und Zunge an der rechten Stelle iſt, trotz der übeln Meinung, welche Lundie, der Quartiermeiſter, der Sergeant und Der Pfadfinder. 3. Aufl. 32 498 Ihr Onkel von ihm haben; man könnte eben ſo gut glauben, daß die Sonne bei Nacht und die Sterne bei Tag ſcheinen. Nein, nein, ich ſtehe für Eau⸗douces Ehrlichkeit mit meinem eigenen Skalp, oder, wenns Noth thut, mit meiner eigenen Büchſe.“ „Gott ſegne Euch, Pfadfinder, Gott ſegne Euch!“ rief Mabel, indem ſie ihre Hand ausſtreckte, und die Eiſenfinger ihres Ge⸗ fährten mit einem Gefühle drückte, deſſen Kraft ihr ſelbſt unbewußt war.„In Eunch vereinigt ſich alles Große, alles Edle; Gott wird es Euch vergelten.“ „Ach, Mabel, ich fürchte, wenn dieß wahr wäre, ſo würde ich nicht nach einem Weibe, wie Sie ſind, trachten, ſondern die Bewerbung den Herren in der Garniſon überlaſſen, was auch Ihren Verdienſten angemeſſener wäre.“ „Wir wollen heute Nacht nichts mehr davon ſprechen,“ ant⸗ wortete Mabel mit erſtickter Stimme.„Wir müſſen jetzt mehr an unſere Freunde, als an uns ſelbſt denken, Pfadfinder. Aber es freut mich von ganzer Seele, daß Ihr Jasper für unſchuldig haltet. Laßt uns nun von andern Dingen reden.— Sollten wir nicht June frei laſſen?“ „Ich habe bereits an das Weib gedacht; denn es wäre nicht gerathen, hier innen in dem Blockhaus unſere Augen zu ſchließen, indeß die ihrigen offen ſind. Wenn wir ſie in den oberen Raum brächten, und die Leiter wegnähmen, ſo wäre ſie wenigſtens in unſern Händen.“. „Ich kann die, welche mein Leben gerettet hat, nicht ſo be⸗ handeln laſſen. Es wäre vielleicht beſſer, ſie abziehen zu laſſen, denn ich glaube, ſie liebt mich zu ſehr, um mir Schaden zuzufügen.“ „Sie kennen dieſe. Race nicht, Mabel; Sie kennen dieſe Race nicht. Es iſt zwar wahr, ſie iſt keine Vollbluts⸗Mingo; aber ſie lebt in Geſellſchaft mit dieſen Landſtreichern und muß etwas von ihren Tücken gelernt haben.— Was iſt das?“ „Es klingt wie Ruderſchlag; ein Boot kömmt den Kanal herunter.“ 499 Pfadfinder ſchloß die Fallthüre, welche zu dem untern Raum führte, um Junes Entſpringen zu verhindern, löſchte das Licht aus und ging haſtig zu einer Schießſcharte, wobei Mabel mit athem⸗ loſer Neugierde über ſeine Schultern blickte. Dieſe verſchiedenen Bewegungen nahmen eine oder zwei Minuten weg. Endlich vermochte das Auge des Kundſchafters einige Gegen⸗ ſtände in der Dunkelheit zu unterſcheiden. Zwei Boote waren vor⸗ beigerudert und ſchoſſen an einer Stelle, welche etwa fünfzig Ellen von dem Blockhaus entfernt lag— an dem gewöhnlichen Landungsplatze— auf das Ufer. Die Dunkelheit verhinderte ein genaueres Erkennen, und Pfadfinder flüſterte Mabel zu, daß die neuen Ankömmlinge eben ſo gut Feinde als Freunde ſeyn könnten, denn er glaube nicht, daß es ihrem Vater möglich geworden ſey, ſobald anzulangen. Jetzt ſah man eine Anzahl Leute das Boot verlaſſen, dann folgten drei kräftige engliſche Freudenrufe, welche es nicht mehr im Zweifel ließen, daß die erwarteten Freunde gelandet hätten. Pfadfinder ſprang gegen die Fallthüre, hob ſie auf, glitt die Leiter hinunter, und begann die Thüre mit einem Ernſte zu entriegeln, welcher bewies, wie entſcheidend ihm der Augenblick vorkam. Mabel war nachgefolgt; ſie hinderte aber mehr das Geſchäft des Mannes, als daß ſie es unterſtützt hätte: und kaum war der erſte Balken los⸗ gemacht, als ſich der Knall vieler Büchſen vernehmen ließ. Sie ſtanden noch in athemloſen Zweifel, als plötzlich das Kriegsgeſchrei der Indianer die ganze Inſel erfüllte. Die Thüre war nun offen, und Pfadfinder, wie Mabel eilten ins Freie. Alles war wieder ſtill. Als jedoch Pfadfinder eine halbe Minute aufhorchte, kam es ihm vor, als höre er ein erſticktes Aechzen in der Nähe der Boote; aber der Wind blies ſo friſch, und das Rauſchen der Blätter miſchte ſich ſo ſehr mit dem Sauſen des Windes, daß ſich keine Gewißheit darüber erlangen ließ. Mabel aber wurde von ihren Gefühlen hin⸗ geriſſen, und eilte an dem Gefährten vorüber, gegen die Boote zu. „Das geht nicht, Mabel,“ ſagte der Kundſchafter mit ernſter 500 aber leiſer Stimme, indem er ihren Arm ergriff;„das geht nim⸗ mermehr. Gewiſſer Tod wird die Folge ſeyn, ohne daß irgend Jemanden ein Nutzen daraus erwächst. Wir müſſen in das Block⸗ haus zurück.“ „Vater! mein armer, theurer, gemordeter Vater!“ ſagte das Mädchen mit wirrem Blicke, obgleich die gewohnte Vorſicht auch in dieſem ſchrecklichen Augenblick ihre Stimme dämpfte.„Pfad⸗ finder, wenn Ihr mich liebt, ſo laßt mich zu meinem theuren Vater gehen.“ „Es geht nicht, Mabel. Es iſt ſonderbar, daß Niemand ſpricht; Niemand erwiedert das Feuer von den Booten aus; und ich habe den Hirſchetödter im Blockhaus gelaſſen! Aber was würde eine Büchſe nützen, wenn ſich kein Feind ſehen läßt?“ In dieſem Augenblicke entdeckte das raſche Auge des Pfad⸗ finders, welcher, während er Mabel feſt gefaßt hielt, unabläſſig ſeine Blicke über die nächtliche Scene hinſtreifen ließ, in der Finſterniß vier oder fünf geduckte dunkle Geſtalten, die ſich an ihm vorbei zu ſtehlen ſuchten, ohne Zweifel in der Abſicht, den Rückzug nach dem Blockhaus abzuſchneiden. Er nahm daher Mabel wie ein Kind auf den Arm, und mit der ganzen Anſtrengung ſeiner Kraft gelang es ihm, in das Gebäude zurückzukommen. Die Ver⸗ folger ſchienen ihm unmittelbar auf der Ferſe zu ſeyn. Nachdem er ſeine Bürde niedergeſetzt hatte, wandte er ſich, ſchloß die Thüre und hatte eben einen Balken angelegt, als ein Stoß gegen die feſte Maſſe ſie aus ihren Angeln zu ſprengen drohte. Die andern Riegel vorzulegen, war das Werk eines Augenblicks. Mabel ſtieg nun in das erſte Stockwerk, während Pfadfinder als Schildwache unten blieb. Das Mäͤdchen war in jenem Zuſtande, in welchem der Körper, ſcheinbar ohne die Mitwirkung des Geiſtes, thätig iſt. Sie zündete nach dem Wunſche ihres Gefährten mecha⸗ niſch das Licht an, und kehrte mit demſelben in das Erdgeſchoß zurück, wo der Pfadfinder ihrer wartete. Letzterer war kaum im V Beſitze des Lichtes, als er den Ort ſorgfältig unterſuchte, um gewiß zu ſeyn, daß ſich Niemand in der Feſte verborgen hatte, was er dann aus demſelben Grunde der Reihe nach auch bei den übrigen Stockwerken that. Das Ergebniß dieſer Unterſuchung war, daß er ſich mit Mabel allein im Blockhaus befand, denn June war ent⸗ wiſcht. Sobald er ſich über dieſen wichtigen Punkt vollkommene Ueberzeugung verſchafft hatte, kehrte Pfadfinder wieder zu unſrer Heldin in das Hauptgemach zurück, ſtellte das Licht auf den Tiſch, und ſetzte ſich nieder, nachdem er zuvor das Schloß des Hirſche⸗ tödters unterſucht hatte. „Unſre ſchlimmſten Befürchtungen ſind eingetroffen!“ ſagte Mabel, welcher die Haſt und die Aufregung der letzten fünf Minu⸗ ten die Stürme eines ganzen Lebens zu enthalten ſchienen.„Mein lieber Vater iſt mit ſeinen Leuten entweder erſchlagen oder gefangen.“ „Wir können das nicht wiſſen— der Morgen wird uns Auf⸗ ſchluß geben. Ich glaube nicht, daß die Sache ſo weit im Reinen iſt, ſonſt würden wir das Siegesgeheul dieſer landſtreicheriſchen Mingos vor dem Blockhauſe hören. Wir können nur auf Eines mit Sicherheit zählen; wenn der Feind wirklich geſiegt hat, ſo wird er es nicht lange anſtehen laſſen, uns zur Uebergabe aufzu⸗ fordern. Die Squaw wird ſie in das Geheimniß unſerer Lage einweihen; und da ſie wohl wiſſen, daß der Platz nicht bei Tag in Brand geſteckt werden kann, ſo lange der Hirſchetödter fortfährt, ſeinem Rufe Ehre zu machen, ſo können wir uns darauf verlaſſen, daß ſie nicht ſäumen werden, einen Verſuch zu machen, ſo lange ſie dieß unter dem Schutze der Dunkelheit thun können.“ „Gewiß— ich höre ein Stöhnen.“ „Das iſt Einbildung, Mabel. Wenn der Geiſt, beſonders der weibliche Geiſt, beunruhigt iſt, ſo ſteigen ihm oft Dinge auf, die in der Wirklichkeit nicht vorhanden ſind. Ich habe welche gekannt, die in den Träumen Wahrheit zu finden glaubten—“— 50² „Nein, ich habe mich nicht getäuſcht; es iſt gewiß Jemand unten— ein Leidender.“ Pfadfinder mußte jetzt zugeſtehen, daß die ſcharfen Sinne Mabels ſich nicht getäuſcht hatten. Er empfahl ihr jedoch vorſorg⸗ lich, ihre Gefühle zu unterdrücken, und erinnerte ſie, daß die Wilden allen Kunſtgriffen aufzubieten gewöhnt ſeyen, um zu ihrem Zwecke zu gelangen, und daß es mehr als wahrſcheinlich ſey, man wolle ſie durch ein verſtelltes Stöhnen aus dem Blockhaus locken, oder doch zum Oeffnen der Thüre veranlaſſen.“ „Nein, nein, nein!“ ſagte Mabel haſtig: es liegt keine Argliſt in dieſen Tönen; ſie kommen aus einem leidenden Körper, wenn nicht aus einer geängſtigten Seele; ſie ſind ſchreckhaft natürlich.“ „Nun, wir werden bald ſehen, ob ein Freund da iſt, oder nicht. Verbergen Sie das Licht wieder, Mabel; ich will mit der Perſon durch die Schießſcharte ſprechen.“ Nach Pfadfinders Urtheil und Erfahrung war ſelbſt zur Aus⸗ führung dieſes einfachen Vorhabens keine geringe Vorſicht nöthig, denn er wußte, daß mancher Sorgloſe ſchon eyſchlagen wurde, weil es ihm an der nöthigen Achtſamkeit auf dasjenige gebrach, was dem Unwiſſenden als ein übertrieben vorſichtiges Schutzmittel er⸗ ſcheinen mochte. Er brachte ſeinen Mund nicht an die Schieß⸗ ſcharte ſelbſt, aber doch ſo nahe an dieſelbe, daß er verſtanden werden konnte, ohne die Stimme zu verſtärken, und die gleiche Sorgfalt beobachtete er im Betreff ſeines Ohres. „Wer iſt unten?“ fragte Pfadfinder, als alle Vorkehrungen nach ſeinem Wunſche getroffen waren.„Iſt es irgend ein Be⸗ drängter? Wenn es ein Freund iſt, ſo mag er kühn ſprechen und auf unſern Beiſtand bauen.“ „Pfadfinder;“ antwortete eine Stimme, welche beide, Mabel und der Angeredete ſogleich als die des Sergeanten erkannten— „Pfadfinder, ſagt mir doch um Gottes willen, was aus meiner Tochter geworden iſt?“ Nv w N w „Vater, ich bin hier! unverletzt ſicher! O, daß ich das Gleiche von Euch glauben dürfte!“ Ein Ausruf des Dankes, welcher jetzt folgte, wurde von beiden vernommen; er war aber deutlich mit dem Aechzen des Schmerzes vermengt. „Meine ſchlimmſten Ahnungen ſind eingetroffen!“ ſagte Mabel mit einer Art verzweifelter Ruhe.„Pfadfinder, mein Vater muß in das Blockhaus gebracht werden, mag es auch mit noch ſo viel Gefahr verbunden ſeyn.“ „Das iſt Natur, und iſt das Geſetz Gottes. Aber ruhig, Mabel; geben Sie ſich Mühe, gelaſſen zu ſeyn. Alles, was ein Menſch für den Sergeanten thun kann, ſoll geſchehen. Ich bitte Sie blos; gefaßt zu ſeyn.“ „Ich bin es, ich bin es, Pfadfinder. Ich war in meinem Leben nie ruhiger, nie geſammelter, als in dieſem Momente. Aber bedenkt, wie gefährlich jeder Augenblick werden kann. Ums Himmels willen, laßt uns ſchnell thun, was geſchehen muß.“ Pfadſinder ſtauuf über die Feſtigkeit in Mabels Stimme, und ward vielleicht ſelbſt durch die erzwungene Ruhe und Selbſtbeherr⸗ ſchung, die ſie angenommen, ein wenig getäuſcht. Indeſſen ſchien ihm keine weitere Erörterung nöthig; er ſtieg deshalb unverzüglich hinunter und begann die Thüre zu entriegeln. Dieſes geſchah mit der gewöhnlichen Vorſicht; als er aber die ſchwere Balkenmaſſe behutſam ſich in den Angeln drehen ließ, fühlte er einen Druck gegen dieſelbe, welcher ihn faſt veranlaßt hätte, die Thüre wieder zu ſchließen. Nach einem Blick durch die Spalte jedoch öffnete er ſie vollends, und der Körper des Sergeanten Dunham, welcher ſich daran lehnte, ſiel halb in das Blockhaus herein. Ein Augenblick, und Pfadfinder hatte ihn vollends hereingezogen und die Balken wieder vorgelegt, ſo daß kein Hinderniß mehr vorhanden war, dem Verwundeten ungetheilte Sougfalt u weihen. Mabel beich ſich bei dieſem erdrückenden Auftritte mit jener 4 504 ungewöhnlichen Seelenſtärke, welche ihr Geſchlecht in ſolchen er⸗ regenden Momenten zu entwickeln geeignet iſt. Sie holte das Licht, benetzte die vertrockneten Lippen ihres Vaters mit Waſſer, unter⸗ ſtützte den Pfadfinder bei Bereitung eines bequemen Strohlagers und machte aus ihren Kleidern ein Kiſſen für den Kopf des Kranken. Alles dieſes geſchah unter ernſtem Schweigen; ſelbſt Mabel vergoß keine Thräne, bis ſie die Segensgebete vernahm, welche der Ser⸗ geant für ihre Zärtlichkeit und Sorgfalt über ihr Haupt ausſprach. Bisher hatte Mabel nur Vermuthungen über den Zuſtand ihres Vaters. Pfadfinder hatte jedoch mehr Aufmerkſamkeit auf das körper⸗ liche Leiden des Sergeanten verwendet und die Ueberzeugung gewonnen, daß eine Büchſenkugel durch den Körper des verwundeten Mannes gedrungen ſey. Er war mit der Natur ſolcher Verletzungen zu gut vertraut, um nicht zu wiſſen, daß für das Aufkommen ſeines Freundes wenig oder keine Hoffnung vorhanden war. Vierundzwanzigſtes Kapitel. So trinke meiner Thränen Fluth— War' Balſam meines Herzens Blut, So möchte jeder Tropfen fließen, Dein Leiden, Aermſter, zu verſüßen. Moore. Sergeant Dunhams Augen ließen nicht ab, der Geſtalt ſeiner lieblichen Tochter zu folgen, ſo bald das Licht erſchienen war. Darauf warf er ſeinen Blick nach der Thüre des Blockhauſes, um ſich zu überzeugen, daß ſie gut verſchloſſen ſey, denn man hatte ihn in dem untern Raum gelaſſen, weil es an den Mitteln fehlte, ihn in das erſte Stockwerk zu bringen. Dann ſuchte er wieder Mabels Antlitz; denn mit dem raſchen Hinſchwinden des Lebens — —— 2 505 ſteigert ſich die Macht der Liebe, und wir würdigen das am meiſten, was, wie wir fühlen, uns auf immer entriſſen werden ſoll.“ „Gott ſey gelobt! mein Kind, du wenigſtens biſt ihren mör⸗ deriſchen Büchſen entronnen;“ ſagte er mit einer Stimme, deren Kraft ſeine Schmerzen nicht zu ſteigern ſchien.„Erzählt mir den Verlauf dieſer traurigen Geſchichte, Pfadfinder.“ „Ach, Sergeant! ſie iſt ja traurig geweſen, wie Ihr ſagt. Wir ſind verrathen worden; man muß dem Feinde die Lage der Inſel mitgetheilt haben,— das iſt nach meiner Anſicht ſo gewiß,⸗ als daß wir noch im Beſitze des Blockhauſes ſind. Aber—“ „Major Duncan hatte Recht,“ unterbrach ihn Dunham, indem er ſeine Hand auf den Arm ſeines Freundes legte. „Nicht in dem Sinne, wie Ihr meinet, Sergeant— nein, nicht aus dieſem Geſichtspunkte: nimmermehr! Wenigſtens nach meiner Anſicht nicht. Ich kenne die Schwäche der Natur— der menſchlichen Natur, meine ich— und weiß, daß keiner von uns ſich ſeiner Gaben rühmen ſollte, ſey er nun ein Weißer oder eine Rothhaut; aber ich glaube nicht, daß ein treueres Herz an den Gränzen lebt, als Jasper Weſtern.“ „Gott ſegne Euch, Gott ſegne Euch dafür, Pfadfinder!“ rief Mabel aus ganzer Seele, indeß eine Fluth von Thräuen ihrem innern Kampfe Luft machte, der eben ſo wechſelnd als ungeſtim war.„Oh, Gott ſegne Euch, Pfadfinder, er ſegne Euch! Der Brave darf nie den Braven verlaſſen— der Ehrliche muß dem Ehrlichen beiſtehen.“ Des Vaters Augen waren ängſtlich auf das Geſicht ſeiner Tochter gerichtet, bis die letztere ihr Antlitz mit dem Gewande ver⸗ hüllte, um ihre Thränen zu verbergen; dann blickte er forſchend in die harten Züge des Wegweiſers. Dieſe zeigten nur den gewöhn⸗ lichen Ausdruck der Freimüthigkeit, Einfachheit und Biederkeit; und der Sergeant bat ihn, fortzufahren. „Ihr wißt, wo der Serpent und ich Euch verlaſſen haben, Sergeant,“ nahm Pfadfinder wieder auf,„und brauche alſo nichts 506 von dem zu ſagen, was vorher geſchah. Es iſt nun zu ſpät, das Vergangene zu bereuen, doch glaube ich, daß es, wäre ich bei den Booten geblieben, nicht ſo gekommen wäre. Andere Leute mögen wohl auch gute Führer ſeyn,— ich zweifle nicht daran, daß es ſo iſt— aber die Natur theilt ihre Gaben verſchieden aus, und ſo muß es beſſere und ſchlechtere geben. Ich denke, der arme Gilbert, der meinen Platz einnahm, hat ſeinen Mißgriff büßen müſſen?“ „Er fiel an meiner Seite,“ antwortete der Sergeant mit leiſem, traurigem Tone.„Wir haben in der That Alle für unſere Mißgriffe büßen müſſen.“ „Nein, nein, Sergeant; ich hatte nicht die Abſicht, ein Urtheil über Euch zu fällen, denn nie waren Leute beſſer geführt, als die Eurigen bei dieſer Unternehmung. Nie iſt man einem Feinde ſchö⸗ ner in die Flanken gefallen, und an der Art, wie Ihr Euer Boot gegen ſeine Haubitzen führtet, hätte ſelbſt Lundie eine Lektion nehmen können.“ Das Auge des Sergeanten leuchtete, und ſein Geſicht trug ſogar den Ausdruck eines militäriſchen Triumphes, welcher jedoch ſtets der beſcheidenen Stellung, in welcher der alte Soldat thätig geweſen war, angemeſſen blieb. „Es war nicht cchlecht ausgeführt, mein Freund,“ ſagte er, „wir nahmen ihr hölzernes Bollwerk im Sturme.“ „Es war ſchön ausgeführt, Sergeant; obgleich ich fürchte, es komme am Ende drauf hinaus, daß dieſe Vagabunden ihre Haubitzen wieder kriegen. Nun, nun,— Muth gefaßt! Verſucht, alles Unan⸗ genehme zu vergeſſen, und denkt nur an die angenehme Seite der Geſchichte. Das iſt die beſte Philoſophie, und die beſte Religion obendrein. Wenn der Feind die Haubitzen wieder kriegt, ſo hat er nur das, was ihm vorhin gehörte; wir konnten's nicht ändern. Das Blockhaus aber haben ſie noch nicht und ſollen's auch nicht kriegen, wenn ſie es nicht in der Dunkelheit anzünden. Nun, Ser⸗ geant, der Serpent und ich trennten uns ungefähr zehn Meilen weiter unten im Fluß, denn wir hielten es fürs Klügſte, auch einem freundlichen Lager uns nicht ohne die gewöhnliche Vorſicht zu nähern. Was aus Chingachgook geworden, weiß ich nicht, obgleich mir Mabel ſagt, er ſey nicht ferne, und ich zweifle nicht daran, daß der wackere Delaware ſeine Schuldigkeit thut, wenn er auch unſern Augen nicht ſichtbar iſt. Merkt Euch meine Worte, Sergeant— ehe dieſe Sache abgethan iſt, werden wir in einem entſcheidenden Augenblick und auf eine Weiſe von ihm hören, welche ſeiner Klug⸗ heit und der guten Meinung, welche man von ihm hat, angemeſſen iſt. Ach, der Serpent iſt in der That ein kluger und tugendhafter Häuptling, und manchem weißen Manne wären ſeine Gaben zu wünſchen, obgleich man zugeben muß, daß ſeine Büchſe nicht ganz ſo ſicher iſt, als der Hirſchetödter. Als ich näher gegen die Inſel kam, vermißte ich den Rauch, und dieſes veranlaßte mich, auf der Hut zu ſeyn; denn ich wußte, daß die Soldaten des Fünfundfünf⸗ zigſten nicht ſchlau genug ſind, um dieſes Zeichen zu verbergen, trotz dem, was man ihnen von der Gefährlichkeit deſſelben geſagt hat. Ich wurde vorſichtiger, bis ich jenen Scheinfiſcher zu Geſicht bekam, wie ich bereits Mabeln erzählt habe, wo dann das Ganze ihrer hölliſchen Künſte ſo klar vor mir lag, als hätte ich's auf dem Papier. Ich brauche Euch nicht zu erzählen, Sergeant, daß ich zuerſt an Mabel dachte, und daß ich, ſobald ich ausfand, ſie ſey im Blockhaus, hieher kam, um mit ihr zu leben oder zu ſterben.“ Der Vater warf ſeinem Kinde einen zufriedenen Blick zu, und Mabel fühlte ein Herzweh, welches ſie in einem ſolchen Augenblicke wo ſie gewünſcht hätte, ihre ganze Sorge nur auf die Lage ihres Vaters zu verwenden, nicht für möglich gehalten hätte. Als Letz⸗ terer die Hand gegen ſie ausſtreckte, ergriff ſte dieſelbe und bedeckte ſie mit Küſſen. Dann kniete ſie an ſeiner Seite nieder und weinte, als ob ihr das Herz brechen wollte. „Mabel,“ ſagte er feſt,„der Wille des Herrn geſchehe. Es iſt vergeblich, dich, oder mich ſelbſt täuſchen zu wollen; meine 508 Stunde iſt gekommen, und es iſt mir ein Troſt, wie ein Soldat zu ſterben. Lundie wird mir Gerechtigkeit widerfahren laſſen; denn unſer Freund Pfadfinder wird ihm ſagen, was geſchehen und wie Alles ſo gekommen iſt. Du wirſt unſer letztes Geſpräch nicht ver⸗ geſſen haben?“ „Ach, Vater, auch meine Stunde iſt wahrſcheinlich gekommen!“ rief Mabel, welcher in dieſem Augenblicke der Tod als ein Bote des Troſtes erſchienen waͤre;„ich habe keine Hoffnung zu entkom⸗ men, und Pfadfinder würde beſſer thun, uns zu verlaſſen und mit den traurigen Neuigkeiten in die Garniſon zurückzukehren, ſo lange es ihm noch möglich iſt.“ „Mabel Dunham,“ ſagte Pfadfinder vorwurfsvoll, obgleich er mit Güte ihre Hand faßte,„ich habe das nicht verdient. Ich weiß, ich bin wild, roh, unbehülflich—“ „Pfadfinder!“ „Nun, nun, wir wollen es vergeſſen; Sie haben es nicht ſo gemeint, Sie könnten ſo etwas nicht denken. Es iſt jetzt nutzlos, von Flucht zu reden, denn der Sergeant kann nicht von der Stelle, und das Blockhaus muß vertheidigt werden, koſte es, was es wolle. Vielleicht erhält Lundie Nachricht von unſerm Unglück und ſchickt uns Mannſchaft, um die Belagerung aufzuheben.“ „Pfadfinder— Mabel!“ ſagte der Sergeant, welcher ſich vor Schmerzen wand, bis ihm der kalte Schweiß auf der Stirne ſtand;„kommt Beide an meine Seite. Ihr verſteht einander, hoffe ich?“ „Vater, ſprecht nicht davon. Es iſt Alles, wie Ihr es wünſcht.“ „Gott ſey Dank! Gib mir deine Hand, Mabel— hier, Pfadfinder, nehmt ſie. Ich kann nicht mehr thun, als Euch das Mädchen auf dieſe Weiſe geben. Ich weiß, Ihr werdet ihr ein liebevoller Gatte ſeyn. Verſchiebt es nicht wegen meines Todes. Vor dem Eintritt des Winters wird ein Geiſtlicher in dem Fort eintreffen! laßt Euch dann zuſammengeben. Mein Schwager, wenn 3 d G 4 7 G 6 1 t er noch am Leben iſt, wird ſich nach dem Meere zurückſehnen, und dann wird das Kind keinen Beſchützer haben. Mabel, dein Gatte iſt mein Freund geweſen, das wird dir, hoffe ich, zu einigem Troſte gereichen.“ „Ueberlaßt dieſe Sache mir, Sergeant,“ warf Pfadfinder ein; ſie iſt, wie Euer letzter Wunſch, wohlverwahrt in meinen Händen, und verlaßt Euch darauf, daß Alles gehen wird, wie es ſoll.“ „Es iſt recht ſo; ich ſetze mein ganzes Vertrauen auf dich, treuer Freund, und ermächtige dich, in allen Stücken zu handeln, wie ich es thun würde. Mabel, Kind— reiche mir das Waſſer — du wirſt dieſe Nacht nie bereuen. Gott ſegne dich, meine Tochter! Gott ſegne dich und bewahre dich unter ſeinem heiligen Schutze!“ Dieſe zärtliche Sorge machte einen unausſprechlich tiefen Ein⸗ druck auf Mabels Gefühle, und es war ihr in dieſem Augenblick, als ob ihre künftige Verbindung mit Pfadfinder eine Weihe em⸗ pfangen hätte, welche keine kirchliche Ceremonie hätte erhöhen kön⸗ nen. Aber doch lag eine Bergeslaſt auf ihrem Herzen, und ſie würde den Tod für ein Glück gehalten haben. Es folgte nun eine kurze Pauſe, worauf der Sergeant in gebrochenen Sätzen kürzlich er⸗ zählte, wie es ihm gegangen, ſeit er ſich vom Pfadfinder und dem Delawaren getrennt hatte. Der Wind war günſtiger geworden, und ſtatt, wie es im Anfang ſeine Abſicht war, auf einer Inſel zu lagern, hatte er ſich entſchloſſen, weiter zu fahren, um ſchon in der Nacht die Station zu erreichen. Ihre Annäherung würde, wie er glaubte nicht bemerkt und ein Theil des Unglücks verhütet worden ſeyn, wenn ſie nicht an der Spitze einer benachbarten Inſel auf den Grund gelaufen wären, wo ohne Zweifel der Lärm, welchen ſeine Leute beim Aufbringen des Bootes gemacht, ihre Nähe ver⸗ rathen und den Feind in den Stand geſetzt hatte, ſich zu ihrem Empfang vorzubereiten. Sie hatten ohne die mindeſte Ahnung einer Gefahr gelandet, obſchon ſie das Fehlen einer Schildwache 510 überraſchte, und ihre Waffen in den Booten gelaſſen, um zuvor ihre Torniſter und Mundvorräthe auszuſchiffen. Das feindliche Feuer war ſo nahe, daß ungeachtet der Dunkelheit faſt jeder Schuß tödtlich wurde. Alle waren gefallen, obgleich nachher zwei oder drei ſich wieder erhoben und verſchwanden. Vier oder fünf Sol⸗ daten blieben todt auf dem Platze, oder waren doch ſo verwundet, daß ſie nur noch wenige Minuten lebten; doch eilte der Feind, aus einem unbekannten Grunde, nicht wie gewöhnlich herbei, um ſich der Skalpe zu bemächtigen. Sergeant Dunham fiel mit den an⸗ dern. Mabels Stimme zu der Zeit, als ſie das Blockhaus ver⸗ laſſen hatte, war zu ſeinen Ohren gedrungen, und dieſer Ruf der Verzweiflung, der alle ſeine väterlichen Gefühle aufregte, hatte ihn in den Stand geſetzt, bis an die Thüre des Gebäudes zu kriechen, wo er ſich auf die bereits erwähnte Weiſe an dem Gebälke auf⸗ richtete. Nach dieſer einfachen Auseinanderſetzung fühlte ſich der Ser⸗ geant ſo ſchwach, daß er der Ruhe bedurfte, und ſeine Gefährten verhielten ſich, während ſie auf ſeine Pflege bedacht waren, eine Weile ſchweigend. Pfadfinder nahm dieſe Gelegenheit wahr, durch die Schießſcharten und vom Dache aus Spähungen anzuſtellen, und unterſuchte den Zuſtand der Büchſen, von denen ſich ungefähr ein Dutzend im Gebäude befanden, da ſich die Soldaten bei ihrem Ausfluge der Musketen des Regiments bedient hätten. Mabel jedoch verließ ihren Vater keinen Augenblick, und wenn ſie aus ſeinem Athmen vermuthete, er ſchlafe, ſo ſiel ſie auf ihre Kniee nieder und betete. Die halbe Stunde, welche folgte, verfloß in feierlicher Stille. Man hörte im oberen Stocke kaum den Moccaſin des Pfadfinders, und wie er hin und wieder einen Büchſenſchaft auf dem Boden auf⸗ ſtellte, denn er war geſchäftig, ſich die Ueberzeugung zu verſchaffen, daß die Ladungen und Schlöſſer der Gewehre in Ordnung ſeyen. Außer dieſem ließ ſich nichts, als das Athmen des Verwundeten vernehmen. 5 — Aber Dunhan ſchlief nicht. Er war in jenem Zuſtande, wo die Welt plötzlich ihre Reize, ihre Täuſchungen und ihre Macht ver⸗ liert und eine unbekannte Zukunft die Seele mit Ahnungen, Licht⸗ blicken und ihrer ganzen Unendlichkeit erfüllt. Er war für einen Soldaten ein ſittlicher Mann geweſen, hatte aber wenig über dieſen allerwichtigſten Lebensabſchnitt nachgedacht. Hätte der Schlachten⸗ ruf in ſeinem Ohre geklungen, ſo hätte das kriegeriſche Feuer bis zu ſeinem Ende ausdauern mögen; hier aber, in dem Schweigen des faſt unbewohnten Blockhauſes, ohne irgend einen belebenden Ton, ohne einen Aufruf, um erkünſtelte Gefühle rege zu erhalten, ohne die Hoffnung eines zu erringenden Sieges— fingen die Dinge nun an, ihm in ihren wahren Farben zu erſcheinen, und er lernte den Zuſtand des Daſeyns in ſeinem eigentlichen Werthe wür⸗ digen. Er würde Schätze für die Tröſtungen der Religion gegeben haben, und doch wußte er nicht, wo er ſie zu ſuchen habe. Er dachte an den Pfadfinder, aber er mißtraute den Kenntniſſen des⸗ ſelben. Er dachte an Mabel, aber es ſchien ihm gegen die Ord⸗ nung der Natur zu ſeyn, wenn der Erzeuger bei ſeinem Kinde einen ſolchen Beiſtand ſuchte. Dann fühlte er auch die volle Verantwort⸗ lichkeit eines Vaters und es kamen ihm einige Gewiſſensbiſſe über die Art, mit welcher er ſich ſeiner Pflichten gegen die arme Waiſe entledigt hatte. Während ſich derartige Gedanken in ſeiner Seele umhertrieben und Mabel auf die leichteſte Veränderung in ſeinem Athem achtete, vernahm letztere ein leiſes Pochen an der Thüre. Sie dachte, es möchte von Chingachgook herrühren, ſtand auf, ent⸗ fernte zwei Querbalken und fragte, den dritten in ihrer Hand, wer draußen ſey. Die Stimme ihres Onkels antwortete und bat um augenblicklichen Einlaß. Ohne die mindeſte weitere Zögerung drehte ſie den dritten Riegel zurück, und Cap trat ein. Er war kaum durch die Oeffnung geſchlüpft, als Mabel die Thüre wieder ſo feſt, wie vorher verſchloß, denn die Uebung hatte ſie mit dieſem Theile ihrer Obliegenheit vertraut gemacht. 512 Als der rauhe Seemann die Lage ſeines Schwagers erfuhr und ſich ſelbſt ſowohl als Mabel gerettet ſah, wurde er faſt zu Thränen bewegt. Sein eigenes Erſcheinen erklärte er dadurch, daß er ſorglos bewacht worden ſey, weil man glaubte, daß er und der Quartiermeiſter unter dem Einfluſſe der geiſtigen Getränke ſchliefen, welche man ihnen in der Abſicht, ſie bei dem bevorſtehenden Ge⸗ ſchäft ruhig zu erhalten, in Menge vorgeſetzt hatte. Muir ſchlief, oder ſchien zu ſchlafen, als Cap während der Unruhe des Angriffs, ſich in das Gebüſch flüchtete, wo er Pfadfinders Kahn fand und es ihm endlich gelang, das Blockhaus zu erreichen, von wo aus er ſeine Nichte zu Waſſer zu entführen beabſichtigte. Es iſt kaum nöthig, zu ſagen, daß er ſeinen Plan änderte, als er ſich von der Lage des Sergeanten und von der augenſcheinlichen Sicherheit ſeines gegenwärtigen Aufenthalts überzeugte. „Wenn es zum Schlimmſten kommt, Meiſter Pfadfinder,“ ſagte er,„ſo müſſen wir eben die Flagge ſtreichen und das wird uns einen Anſpruch auf Pardon geben. Wir ſind es unſerer Mannheit ſchuldig, uns ſo lange als thunlich zu halten; für uns ſelbſt aber haben wir die Verpflichtung, die Flagge niederzuhalen, wenn es noch Zeit iſt, anſtändige Bedingungen zu machen. Ich wünſchte, Herr Muir ſollte daſſelbe thun, als wir von dieſen Burſchen, welche Ihr Landſtreicher nennt, gefangen wurden— ja, ſie heißen mit Recht ſo, denn elendere Landſtreicher wandeln nicht auf der Erde—“ „Ihr habt ihren Charakter jetzt kennen gelernt?“ unterbrach ihn Pfadfinder, welcher immer bereit war, ebenſo gut in die Schmä⸗ hungen gegen die Mingos, als in das Lob ſeiner Freunde einzu⸗ ſtimmen.„Ja, wenn Ihr in die Hände der Delawaren gefallen wäret, ſo würdet Ihr wohl einen Unterſchied gefunden haben.“ „Ach, mir ſchienen ſie ganz von derſelben Art zu ſeyn, Hallunken hinten und vornen, natürlich Euern Freund, den Serpent aus⸗ genommen, der ein wahrer Gentleman von einem Indianer iſt. Aber als dieſe Wilden ihren Ausfall auf uns machten und den Corporal M'Nab und ſeine Leute wie die Haaſen niederſchoſſen, nahmen wir— der Quartiermeiſter und ich— unſere Zuflucht zu einer der Höhlen dieſer Inſel, von denen es viele unter den Felſen gibt— regelmäßige, geologiſche Unterhöhlungen durch das Waſſer, wie der Lieutenant ſagt— und da blieben wir eingeſtaut, wie zwei Belagerte in einem Schiffsraum, bis uns der Mangel an Nahrung heraustrieb. Man kann ſagen, die Nahrung ſey das Fundament 4 der Menſchennatur. Ich verlangte von dem Quartiermeiſter, er 3 ſolle Bedingungen machen, denn wir hätten uns auf dem Platze, 3 ſo ſchlecht er auch war, ein oder zwei Stunden vertheidigen können; t aber er lehnte es ab, weil dieſe Schurken doch nicht Wort halten 4 würden, wenn man einen von ihnen verwundete, und ſo war alſo 1 von Unterhandlungen keine Rede. Ich gab aus zwei Gründen 6 meine Einwilligung zum Streichen; einmal, da man von uns ſagen 3 konnte, wir hätten bereits geſtrichen, denn das Laufen nach unten te 3 wird ſchon im Allgemeinen für ein Aufgeben des Schiffes betrachtet, 43 4 und dann hatten wir einen Feind in unſerm Magen, deſſen Angriffe it furchbarer waren, als der Feind auf dem Verdecke. Der Hunger E iſt ein v—r Umſtand, wie jeder zugeben wird, der ſich achtundvierzig es Stunden mit ihm getragen hat.“ te,„Onkel!“ ſagte Mabel mit trauriger Stimme und bittender he Geberde,„mein armer Vater iſt ſchwer, ſchwer verwundet!“ cht„Du haſt Recht, Magnet; du haſt Recht; ich will mich zu ihm ſetzen, und mein Beſtes thun, ihn zu tröſten. Sind die Balken ach gut vorgelegt, Mädchen? denn bei einer ſolchen Gelegenheit muß da⸗ der Geiſt ruhig und ungeſtört ſeyn.“ zu⸗„Ich glaube, wir ſind vor allem ſicher, nur nicht vor dieſem len ſchweren Schlage des Schickſals.“ „Gut alſo, Magnet; gehe in den obern Stock hinauf, und ken verſuche es dich zu ſammeln, indeß der Pfadfinder über dem Verdecke us⸗ ſich umtreibt, und von dem Maſtbaumkreuzen ſeinen Lug⸗aus nimmt. iſt. Dein Vater will mir etwas anvertrauen, und es wird gut ſeyn, den Der Pfadfſinder. 3. Aufl. 33 51⁴ wenn du uns allein läſſeſt. Das ſind feierliche Scenen, und ſo unerfahrene Leute, wie ich, haben es nicht gerne, daß man alles hört, was ſie ſagen.“ Obgleich Mabel nie der Gedanke gekommen war, daß ihr Onkel an der Seite eines Sterbebettes von den Tröſtungen der Religion Gebrauch machen würde, ſo glaubte ſie doch, daß er irgend einen beſondern Grund zu dieſer Bitte habe, welcher ihr unbekannt ſey, und fügte ſich deshalb darein. Pfadfinder hatte bereits das Dach beſtiegen, um ſich in der Gegend umzuſehen und die beiden Schwäger blieben allein. Cap ſetzte ſich an die Seite des Ser⸗ geanten und ſann ernſtlich über die wichtige Pflicht nach, welche er zu erfüllen hatte. Einige Minuten herrſchte tiefes Schweigen, während welcher Zeit der Seemann den Entwurf ſeiner beabſich⸗ tigten Rede überdachte. „Ich muß ſagen, Sergeant Dunham,“ begann Cap endlich in ſeiner eigenthümlichen Weiſe,„daß in dieſem unglücklichen Zuge eine ſchlechte Führung ſtattgefunden hat, und da wir nun Gelegen⸗ heit haben, die Wahrheit— und nichts als die Wahrheit— aus⸗ zuſprechen, ſo halte ich es für meine Pflicht, dieſes unumwunden zu thun. Mit einem Wort, Sergeant— über dieſen Punkt kann es nicht wohl zwei Meinungen geben; denn obgleich ich nur ein Seemann und kein Soldat bin, ſo kann ich doch ſelbſt mehrere Fehler entdecken, deren Auffindung gerade keiner beſondern Vor⸗ ſtudien bedarf.“ „Was willſt du damit, Bruder Cap? erwiederte der Andere mit ſchwacher Stimme.„Was geſchehen iſt, iſt geſchehen; und es iſt jetzt zu ſpät, es zu ändern.“ „Sehr wahr, Bruder Dunham; aber nicht, es zu bereuen; das Gute Buch ſagt uns, daß die Reue nie zu ſpät kömmt, und ich habe immer gehört, ein Augenblick, wie der gegenwärtige, ſey der koſtbarſte zu einem ſolchen Geſchäft. Wenn du etwas auf deiner Seele haſt, Sergeant, ſo gib es los, denn du weißt, daß du dich ——,— 8— — — 2 1——— E einem Freund anvertrauſt. Du biſt meiner Schweſter Mann ge⸗ weſen und die arme kleine Magnet iſt meiner Schweſter Tochter; magſt du nun am Leben bleiben, oder ſterben, ſo werde ich dich immer wie einen Bruder betrachten. Es iſt Jammerſchade, daß du nicht mit den Booten liegen bliebſt, und einen Kahn zum Recognos⸗ ciren voraus ſchickteſt, in welchem Fall du deine Leute gerettet und dieſen Unfall von unſern Häuptern abgewendet haben würdeſt. Nun, Sergeant, wir ſind alle ſterblich— das iſt ohne Zweifel einiger Troſt, und wenn du auch vorangehſt, ſo kommt doch die Reihe bald an uns. Ja, das muß dir zum Troſte gereichen.“ „Ich weiß das Alles, Bruder Cap, und hoffe, ich bin vorbe⸗ reitet, das Schickſal eines Soldaten zu erfüllen;— aber die arme Mabel—“ „Ja, ja, das treibt ſchwer vor Anker, ich weiß es; aber du möchteſt ſie doch nicht mitnehmen, wenn du auch könnteſt, Sergeant; und ſo iſt es beſſer, ſich die Trennung ſo leicht als möglich zu machen. Mabel iſt ein gutes Mädchen, wie ehedem ihre Mutter; ſie war meine Schweſter, und ich will dafür ſorgen, daß ihre Tochter einen braven Mann bekommt, wenn wir mit dem Leben und unſern Skalpen davon kommen; denn ich denke, daß es Niemand darum zu thun ſeyn würde, in eine Familie, welche keine Skalpe hat, zu heirathen.“ „Bruder, mein Kind iſt verſprochen; ſie wird das Weib des Pfadfinders werden.“ „Nun, Bruder Dunham, Jeder hat ſeine beſonderen Begriffe und Lebensanſichten, und der Handel kann, wie mir vorkömmt, Mabel nichts weniger als angenehm ſeyn. Ich habe nichts gegen das Alter des Mannes einzuwenden, denn ich gehöre nicht zu denjenigen, welche 8 für nöthig halten, daß man ein Knabe ſey, um ein Mädchen glücklich zu machen, ſondern halte im Allgemeinen einen Fünfziger für den geeignetſten Ehemann; aber es darf kein Umſtand zwiſchen den Partieen ſtattfinden, der ſie unglücklich machen könnte. Im 516 Eheſtande ſind Umſtände des Teufels, und es kommt mir faſt als ein ſolcher vor, daß der Pfadfinder nicht ſo viele Kenntniſſe hat, als meine Nichte. Du haſt nur wenig von dem Mädchen geſehen, Sergeant, und biſt mit dem Umfang ihres Wiſſens nicht bekannt; aber ſie ſoll ihn einmal auskramen, ſie ſoll ihn dir durch und durch zeigen, und du wirſt mir beiſtimmen, daß nur wenige Schulmeiſter mit ihr Luv halten können.“ „Sie iſt ein gutes Kind, ein liebes, gutes Kind,“ flüſterte der Sergeant mit thränenfeuchtem Auge;„und es iſt mein Miß⸗ geſchick, daß ich nur ſo wenig von ihr geſehen habe.“ „Sie iſt in der That ein gutes Mädchen und weiß viel zu viel für den armen Pfadfinder, der zwar in ſeiner Weiſe ein ganz vernünftiger und erfahrener Mann iſt, aber von der Hauptſache nicht weiter verſteht, als du von der ſphäriſchen Trigonometrie, Sergeant.“ „Ach, Bruder Cap, wäre der Pfadfinder bei uns in den Boo⸗ ten geweſen, ſo hätte es wahrſcheinlich nicht dieſen traurigen Aus⸗ gang genommen.“ „Das iſt wohl möglich, denn ſein argſter Feind muß ihm nachſagen, daß er ein guter Wegweiſer iſt. Aber Sergeant, die Wahrheit zu ſagen, du haſt dieſe Expedition ziemlich auf die leichte Achſel genommen. Du hätteſt vor dem Hafen bleiben und ein Recognoscirboot ausſchicken ſollen, wie ich dir vorhin geſagt habe. Das iſt eine Sache, die du bereuen ſollteſt; und ich ſage es dir, weil man in einem ſolchen Falle die Wahrheit ſprechen muß.“ „Meine Verirrungen ſind mir theuer zu ſtehen gekommen, Bruder; und ich fürchte, die arme Mabel wird es auszubaden haben. Doch ich glaube, daß uns das Unglück nicht begegnet wäre, wenn nicht Verrath die Hand im Spiele gehabt hätte. Ich fürchte, Bruder, es iſt ein Streich von Eau⸗douce.“ „Das iſt auch meine Anſicht, denn dieſes Friſchwaſſer⸗Leben muß früher oder ſpäter die Sittlichkeit eines Jeden untergraben. 2 hm die chte ein abe. dir, nen, ben. venn ider, eben ben. V —,,— Lieutenant Muir und ich haben viel über dieſen Gegenſtand ge⸗ ſprochen, während wir da draußen in einem Stückchen Höhle lagen, und wir kamen beide zu dem Schluß, daß nur Jaspers Verrätherei uns Alle in dieſe hölliſche Klemme gebracht hat. Doch, Sergeant, es iſt beſſer, du ſammelſt deinen Geiſt und denkſt an andere Ge⸗ genſtände, denn wenn ein Fahrzeug im Begriff iſt, in einen frem⸗ den Hafen einzufahren, ſo iſt es klüger, an den Ankergrund drinnen zu denken, als ſich durch Betrachtung aller Begebniſſe während der Reiſe ſtören zu laſſen. Solche Dinge aufzuzeichnen, iſt das Log⸗ buch ausdrücklich vorhanden, und was in dieſem ſteht, bildet die Spalten, welche für oder gegen uns ſprechen.— Nun, Pfadfinder, was gibts? Iſt etwas gegen uns in dem Wind, daß Ihr die Leiter herunter kommt, wie ein Indianer in dem Kielwaſſer eines Skalps?“ Der Wegweiſer winkte mit dem Finger, zu ſchweigen und bedeutete Cap, daß er die Leiter hinauf ſteigen und ſeinen Platz an der Seite des Sergeanten Mabel einräumen ſolle.. „Wir müſſen klug, aber auch zugleich kühn ſeyn;“ ſagte er leiſe.„Dieſes Gewürm macht Ernſt mit ſeiner Abſicht, das Block⸗ haus anzuzünden, denn ſie wiſſen, daß jetzt nichts mehr zu gewinnen iſt, wenn ſie es ſtehen laſſen. Ich hörte die Stimme des Land⸗ ſtreichers Arrowhead unter ihnen, der ſie antrieb, ihre Teufelei noch in dieſer Nacht auszuführen. Wir müſſen rührig ſeyn, Salz⸗ waſſer, und thätig dazu. Zum Glück ſind vier oder fünf Tonnen mit Waſſer in dem Blockhaus, und das iſt ſchon etwas bei einer Be⸗ lagerung. Auch müßte ich mich ſehr verrechnen wenn wir nicht noch einigen Vortheil aus dem Umſtand ernten könnten, daß der ehrliche Burſche, der Serpent, in Freiheit iſt.“ Cap ließ ſich nicht zweimal auffordern, ſondern ſchlich ſich weg und war bald mit Pfadfinder in dem obern Raume, indem Mabel ſeine Stelle an dem ärmlichen Lager ihres Vaters einnahm. Pfad⸗ finder öffnete, nachdem er das Licht ſo weit verborgen hatte, daß 518 es ihn keinem verrätheriſchen Schuß ausſetzen konnte, eine Schieß⸗ ſcharte, und hielt, da er eine Aufforderung erwartete, ſein Geſicht an die Oeffnung, um ſogleich antworten zu können. Die nun folgende Stille wurde endlich durch Muirs Stimme unterbrochen. „Meiſter Pfadfinder,“ rief der Schotte,„ein Freund fordert Euch zu einer Beſprechung auf. Kommt ohne Scheu an eine der Oeffnungen, denn Ihr habt nichts zu fürchten, ſo lang Ihr mit einem Offizier des Fünfundfünfzigſten verhandelt.“ „Was begehren Sie,“ Quartiermeiſter? was wollen Sie? Ich kenne das Fünfundfünfzigſte und glaube, daß es ein braves Regi⸗ ment iſt, obgleich ich es mit dem Sechzigſten lieber zu thun habe, und am allerliebſten mit den Delawaren. Aber was verlangen Sie von mir, Quartiermeiſter? Es muß eine dringende Botſchaft ſeyn, welche Sie zu dieſer Stunde der Nacht unter die Schieß⸗ ſcharten eines Blockhauſes bringt, in deſſen Innerem, wie Sie wiſſen, der Hirſchetödter iſt.“ „O, ich weiß gewiß, daß Ihr einem Freund kein Leides thun werdet, und das iſt meine Beruhigung. Ihr ſeyd ein Mann von Verſtand und habt Euch durch Eure Tapferkeit einen ſo großen Namen an der Gränze erworben, als daß Ihr es für nöthig halten könntet, ihn durch Tollkühnheit in Ehren zu erhalten. Ihr werdet wohl einſehen, mein guter Freund, daß man, wenn Widerſtand un⸗ möglich iſt, durch eine freiwillige Unterwerfung eben ſo viel Achtung gewinnen kann, als durch ein hartnäckiges, gegen alle Kriegsregeln laufendes Ausharren. Der Feind iſt zu ſtark für uns, mein wackerer Kamerad, und ich komme, Euch zu rathen, das Blockhaus, unter der Bedingung, als Kriegsgefangener behandelt zu werden, zu übergeben.“ „Ich danke Ihnen für dieſen Rath, Quartiermeiſter, der um ſo annehmlicher iſt, da er nichts koſtet; aber ich glaube, es gehört nicht zu meinen Gaben, einen ſolchen Platz aufzugeben, ſo lange Proviant und Waſſer da iſt.“ ge „Gut, ich würde der letzte ſeyn, Pfadfinder, der gegen ein ſolches muthiges Vorhaben etwas zu erinnern hätte, wenn ich die Möoͤglichkeit ſeiner Ausführung einſehen könnte. Aber Ihr werdet wiſſen, daß Meiſter Cap gefallen iſt.“ „Ah, bewahre,“ grölzte die in Frage ſtehende Perſon durch eine andere Schießſcharte;„er iſt ſo wenig gefallen, Lieutenant, daß er vielmehr zu der Höhe dieſer Beſeſtigung geſtiegen iſt, und hat nicht im Sinn, ſeinen Kopf wieder in die Hände ſolcher Bar⸗ biere zu geben, ſo lange er es ändern kann. Ich betrachte dieſes Blockhaus als einen Umſtand und denke nicht daran, ihn von mir zu werfen.“ „Wenn das die Stimme eines Lebenden iſt,“ erwiederte Muir, „ſo freut es mich, ſie zu vernehmen; denn wir alle glaubten, der Mann, welchem ſie gehört, ſey in der letzten ſchrecklichen Verwir⸗ rung gefallen. Aber Meiſter Pfadfinder, obgleich ihr Euch der Ge⸗ ſellſchaft Eures Freundes Cap erfreut, was, wie ich aus Erfahrung weiß, großes Vergnügen gewährt, da ich zwei Tage und zwei Nächte mit ihm in einer Höhle unter der Erde zubrachte, ſo haben wir doch den Sergeanten Dunham verloren, welcher mit allen Tapfern gefallen iſt, die er in der letzten Expedition anführte. Lundie wollte es ſo haben, obſchon es vernünftiger und paſſender geweſen wäre, einem wirklichen Offizier das Commando zu über⸗ tragen. Dunham war aber demungeachtet ein braver Soldat; Ehre ſeinem Andenken! Kurz wir haben alle unſer Beſtes gethan, und mehr läßt ſich ſelbſt zu Gunſten des Prinzen Eugen, des Herzog von Marlborough oder gar des großen Grafen von Stair nicht ſagen.“ 4 „Sie ſind wieder irrig daran, Quartiermeiſter, Sie ſind wie⸗ der irrig daran,“ antwortete Pfadfinder, indem er, um der Stärke ſeiner Vertheidigungsmittel mehr Achtung zu verſchaffen, zu einer Liſt ſeine Zuflucht nahm.„Der Sergeant iſt gleichfalls wohlbehalten im Blockhaus, und daher ſo zu ſagen die ganze Familie bei einander.“ 5²20 „Gut— es freut mich das zu hören, denn wir hatten den Sergeanten zuverläſſig zu den Erſchlagenen gezählt. Aber wenn die ſchöne Mabel noch in dem Blockhaus iſt, ſo laßt ſie nur um des Himmels willen keinen Augenblick mehr darin bleiben, denn der Feind iſt im Begriff, das Gebäude der Feuerprobe zu unterwerfen. Ihr kennt die Macht dieſes fürchterlichen Elements und werdet mehr als der verſtändige, erfahrene Krieger, für welchen man Euch all⸗ gemein betrachtet, handeln, wenn Ihr einen Platz, welchen Ihr nicht vertheidigen könnt, aufgebt, als wenn Ihr den Untergang auf Euch ſelbſt und Euere Gefährten herabzieht.“ „Ich kenne die Macht des Feuers, wie Sie es nennen, Quar⸗ tiermeiſter, und brauche mir nicht erſt ſagen zu laſſen, daß es ſich auch noch zu etwas anderem, als zum Kochen des Mittageſſens be⸗ nützen läßt. Ich zweifle jedoch nicht, daß Sie auch etwas von der Macht des Hirſchetödters gehört haben, und der Mann, welcher es wagt, einen Reißbündel an dieſe Balken zu legen, ſoll etwas davon zu koſten kriegen. Was die Pfeile anbelangt, ſo gehört es nicht zu ihren Gaben, dieſes Gebäude in Brand zu ſtecken, denn wir haben keine Schindeln auf unſerm Dach, ſondern gute, kernige Klötze und grüne Rinde; außerdem Waſſer die Fülle. Auch iſt das Dach ſo flach, daß wir darauf herumgehen können, wie Sie wohl wiſſen, Ouartiermeiſter, und ſo hat es alſo von dieſer Seite keine Gefahr, ſo lange das Waſſer ausreicht. Ich bin ſriedlich genug, wenn man mich zufrieden läßt; wer es aber verſucht, dieſes Blockhaus über meinem Kopfe anzuzünden, der ſoll finden, daß ſich das Feuer in ſeinem Blute kühlen wird.“ „Das ſind unnütze und romanhafte Reden, Pfadfinder, und Ihr werdet ſie ſelbſt nicht feſthalten, wenn Ihr über die Wirklichkeit nachdenkt. Ich hoffe, Ihr werdet gegen die Loyalität und den Muth des Fünfundfünfzigſten nichts einzuwenden haben, und ich bin überzeugt, daß ein Kriegsrath ſich unverzüglich zu einer Ueber⸗ gabe entſchließen würde. Nein, nein, Pfadfinder, Tollkühnheit — —— —— iſt der Tapferkeit einer Wallace und Bruce nicht ähnlicher, als Albany am Hndſon der alten Stadt Edinburgh.“ „Da ein jeder von uns mit ſich im Reinen zu ſeyn ſcheint, ſo ſind weitere Worte fruchtlos. Wenn dieſes Gewürm in ihrer Nähe Luſt hat, ſein hölliſches Werk auszuführen, ſo ſoll es einmal anfangen. Sie können Holz, und ich Pulver verbrennen. Wenn ich ein Indianer am Pfahl wäre, ſo glaube ich, ich könnte eben ſo gut, wie die übrigen, prahlen; aber meine Natur und meine Gaben ſind die eines Weißen, und ich halte es daher lieber mit Handlungen, als mit Worten. Sie haben nun für einen Offtzier in des Königs Dienſt genug geſagt; und ſollten wir auch alle von den Flammen verzehrt werden, ſo wird Niemand von uns Ihnen einen Groll nachtragen.“ „Pfadfinder, Ihr werdet doch Mabel, die ſchöne Mabel Dun⸗ ham nicht einem ſolchen Unglück ausſetzen wollen?“ „Mabel Dunham iſt an der Seite ihres verwundeten Vaters und Gott wird für die Sicherheit eines frommen Kindes Sorge tragen. Kein Haar ſoll von ihrem Haupte fallen, ſo lange mir mein Arm und mein Auge treu bleibt. Mögen Sie immer auf die Mingos Ihr Vertrauen ſetzen, Herr Muir, ich wenigſtens thue es nicht. Sie haben dort einen ſchurkiſchen Tuscarora in ihrer Ge⸗ ſellſchaft, der Bosheit und Verſchlagenheit genug beſitzt, die Ehre eines jeden Stammes, zu dem er ſich hält, zu vernichten, obgleich er, wie ich fürchte, die Mingos hinlänglich verderbt gefunden hat. Doch kein Wort mehr; mag jede Partie nun von ihren Mitteln und Gaben Gebrauch machen.“ Während des ganzen Geſprächs hatte der Pfadfinder ſeinen Körper gedeckt gehalten, damit ihn kein verrätheriſcher Schuß durch die Schießſcharte treffe, und nun gab er Cap die Weiſung, auf das Dach zu ſteigen, um zur Begegnung des erſten Angriffes bereit zu ſeyn. Obgleich der letztere ſo ziemlich an Eile gewöhnt war, ſo fand er doch wenigſtens ſchon zehn flammende Pfeile in der Rinde ſtecken, 522 indeß die Luft von den gellenden Tönen des feindlichen Kriegsge⸗ ſchreis erfüllt wurde. Darauf folgte ein raſches Büchſenfeuer, und die Kugeln knatterten gegen die Holzſtämme, ſo daß es deutlich war, der Kampf habe in der That allen Ernſtes begonnen. Dieß waren jedoch Töne, welche weder Pfadfinder noch Cap erſchreckten, und Mabel war zuſehr in ihren Kummer vertieft, um Unruhe zu fühlen. Auch war ſie verſtändig genug, die Natur der Vertheidigungsmittel zu verſtehen und ihre Wichtigkeit zu würdigen. In dem Sergeanten jedoch weckte dieſer Lärm wieder neues Leben, und mit Wehmuth bemerkte in dieſem Augenblick ſein Kind, daß das gebrochene Auge abermals zu leuchten begann und das Blut in die erblaßten Wangen zurückkehrte, als er dieſen Aufruhr ver⸗ nahm. Mabel bemerkte jetzt zum erſtenmal, daß ſein Geiſt anfing, irre zu werden. „Leichte Compagnien vor!“ flüſterte er.„Grenadire, Feuer! Wagen ſie es, uns in unſerm Fort anzugreifen? Warum gibt die Artillerie nicht Feuer auf ſie?“ In dieſem Augenblick ließ ſich der dumpfe Knall eines ſchweren Ge⸗ ſchützes durch die Nacht vernehmen. Man hörte das Krachen des zerſplitterten Holzes, als eine ſchwere Kugel die Stämme des obern Raumes zerriß, und das ganze Blockhaus erbebte unter der Ge⸗ walt einer Bombe, welche in das Werk gedrungen war. Der Pfadfinder entging kaum dieſem ſchrecklichen Geſchoß; aber als es platzte, konnte Mabel einen Ruf des Schreckens nicht unterdrücken, da ſie alles Lebende und Lebloſe über ihrem Haupte für zerſtört hielt. Um ihr Entſetzen zu vermehren, rief ihr Vater mit wüthen⸗ der Stimme:„Zum Angriff!’“ „Mabel,“ rief Pfadfinder durch die Fallthüre herunter,„das iſt ächte Mingo⸗Arbeit;— mehr Lärm als Schaden. Die Land⸗ ſtreicher haben ſich der Haubitze, welche wir den Franzoſen abnahmen, bemächtigt, und ſie gegen das Blockhaus abgefeuert. Zum Glück haben ſie jetzt die einzige Bombe, welche wir hatten, verſchoſſen, & und es iſt nun nichts derartiges mehr zu fürchten. Es iſt dadurch zwar einige Verwirrung in die Vorräthe dieſes Stockwerks gekom⸗ men; aber Niemand iſt verletzt. Ihr Onkel iſt noch auf dem Dache, und was mich anbelangt, ſo bin ich ſchon zu oft im Kugelregen geſtanden, um mich durch ſo ein Ding, wie eine Haubitze einſchüch⸗ tern zu laſſen, und dazu noch in den Händen von Indianern.“ Mabel füſſterte ihren Dank, und verſuchte es, ihre ganze Auf⸗ merkſamkeit auf ihren Vater zu verwenden, der immer aufſtehen wollte und nur durch ſeine Schwäche davon abgehalten wurde. Während der ſchrecklichen Minuten, welche nun folgten, war ſie ſo ſehr mit der Pflege des Kranken beſchäftigt, daß ſie kaum des Ge⸗ ſchreis, das rund herum tobte, achtete. Der Aufruhr war in der That ſo groß, daß, hätten ihre Gedanken nicht eine andere Rich⸗ tung genommen, wahrſcheinlich eher Verwirrung des Verſtandes, als Entſetzen die Folge geweſen wäre. Cap entwickelte eine bewunderungswürdige Beſonnenheit. Er hatte allerdings einen großen und immer ſich ſteigernden Reſpect vor der Macht der Wilden und der Majeſtät des Friſchwaſſers; aber alle ſeine Befürchtungen vor den erſteren gingen mehr von der Scheu, ſkalpirt und gemartert zu werden, als von einer un⸗ männlichen Todesfurcht aus; da er nun, wenn auch nicht auf dem Verdeck eines Schiffes, ſo doch auf dem Verdeck eines Hauſes ſtand, und wußte, daß ein Entern nicht zu beſorgen war, ſo bewegte er ſich mit einer Furchtloſigkeit und einer tollkühnen Gefährdung ſeiner Perſon hin und her, welche der Pfadfinder, wenn er ſie bemerkt hätte, zuerſt getadelt haben würde. Statt der Gewohn⸗ heit des Indianerkriegs gemäß ſeinen Körper gedeckt zu halten, zeigte er ſich an jeder Stelle des Daches und goß rechts uud links mit jener Beharrlichkeit und Unbeſorgtheit Waſſer aus, mit welcher ein Segelſetzer ſeine Kunſt in einer Seeſchlacht ausgeübt hätte. Seine Erſcheinung war eine der Urſachen des außerordentlichen Geſchreis unter den Angreifenden, welche, nicht daran gewöhnt, 524 ihre Feinde ſo unbekümmert zu ſehen, ihre Zungen gegen ihn ſchießen ließen, wie eine Meute Hunde, welche den Fuchs im Auge haben. Er ſchien jedoch, ein durch Zauber geſchütztes Leben zu be⸗ ſitzen, denn obgleich die Kugeln von allen Seiten um ihn pfiffen und ſeine Kleider verſchiedene Male durchbohrten, ſo konnte ihm doch keine die Haut ritzen. Als die Bombe weiter unten durch die Balken drang, ließ der alte Seemann ſeinen Eimer fallen; ſchwenkte ſeinen Hut und ließ drei Hurrahs erſchallen, während welches heroi⸗ ſchen Aktes das gefährliche Geſchoß platzte. Dieſe charakteriſtiſche That rettete wahrſcheinlich ſein Leben; denn von dieſem Augenblick an ließen die Indianer nach, auf ihn zu feuern oder ihre flam⸗ menden Pfeile nach dem Blockhaus zu ſchießen, da ſie gleichzeitig und übereinſtimmend die Ueberzeugung gewannen, daß das ,Salz⸗ waſſer toll ſey; und es war ein eigenthümlicher Zug ihrer Groß⸗ muth, daß ſie nie Hand an jene legten, deren Verſtand ſie ver⸗ wirrt glaubten. Pfadfinders Benehmen war ſehr verſchieden. Was er that, geſchah mit der genaueſten Berechnung— eine Folge langjähriger Erfahrung und gewohnter Beſonnenheit. Er hielt ſich ſorgfältig aus den Linien der Schießſcharten, und der Ort, welchen er zu ſeinem Lug⸗aus gewählt hatte, war keiner Gefahr ausgeſetzt. Man wußte von dieſem berühmten Wegweiſer, daß er oft, wo nichts mehr zu hoffen war, einen glücklichen Ausweg gefunden hatte: daß er ſchon einmal am Pfahle ſtand und die Grauſamkeiten und Hohnworte des wilden indianiſchen Witzes ohne einen Klagelaut erduldete; Erzählungen von ſeinen Thaten, von ſeiner Beſonnen⸗ heit und ſeiner Kühnheit waren an der ganzen weiten Gränze, wo nur immer Menſchen wohnten und Menſchen kämpften, im Um⸗ lauf. Aber bei dieſer Gelegenheit hätte einer, der ſeine Ge⸗ ſchichte und ſeinen Charakter nicht kannte, der außerordentlichen Vorſicht und der großen Aufmerkſamkeit auf ſeine Selbſterhal⸗ tung einen unwürdigen Beweggrund unterſchieben können. Ein ſolcher Richter hätte jedoch den Mann nicht verſtanden. Der Pfad⸗ finder dachte an Mabel und an die wahrſcheinlichen Folgen, welchen das arme Mädchen ausgeſetzt wäre, wenn ihm ſelbſt ein Unfall begegnete; aber dieſer Gedanke— ſtatt ſeine gewohnte Klugheit zu ändern, ſchärfte eher ſeine geiſtigen Kräfte. Er war in der That einer von denen, welche die Furcht ſo wenig kennen, daß ſie gar nicht daran denken, was andere von ihrem Benenehmen urtheilen mögen. Aber wenn er in Augenblicken der Gefahr mit der Klug⸗ heit der Schlange handelte, ſo that er es auch mit der Einfalt eines Kindes. Während der erſten zehn Minuten des Angriffs erhob Pfad⸗ finder nie den Schaſt ſeiner Büchſe von dem Boden, als wenn er ſeine Stellung wechſelte; denn er wußte wohl, daß die feindlichen Kugeln gegen die dicken Holzſtämme des Werks vergeblich abge⸗ ſchoſſen waren; und da er bei Wegnahme der Haubitze mit thätig geweſen, ſo konnte er der feſten Ueberzeugung leben, daß die Wilden keine andere Bombe beſäßen, als diejenige, welche in dem genom⸗ menen Mörſer ſich befunden hatte. Es war daher kein Grund vorhanden, das Feuer der Angreifenden zu fürchten, wenn nicht zufällig eine Kugel durch die Oeffnung einer Schießſcharte flog. Dieß kam ein⸗ oder zweimal vor, aber die Kugeln waren unter einem Winkel eingedrungen, welcher ſie unſchädlich machte, ſo lange ſich die Indtaner in der Nähe des Blockhauſes hielten, und wenn ſie aus größerer Entfernung abgeſchoſſen wurden, ſo war kaum die Möglichkeit vorhanden, daß von Hunderten eine die Oeffnung träfe. Als aber Pfadfinder den Ton eines Moccaſintrittes und das Raſſeln von Geſtrüpp an dem Fuße des Gebäudes vernahm, ſo wurde es ihm klar, daß der Verſuch, Feuer an die Balken zu legen, erneuert werden ſolle. Er rief daher Cap vom Dache, wo in der That keine Gefahr mehr zu befürchten war, und forderte ihn auf, ſich mit ſeinem Waſſer an einer Oeffnung, welche unmittelbar über der be⸗ drohten Stelle lag, bereit zu halten. 526 Ein Mann von weniger Erfahrung, als unſer Held, möchte wohl zu haſtig einen ſo gefährlichen Verſuch zu vereiteln geſucht und zu früh zu den Hülfsmitteln, welche ihm zu Gebote ſtanden, ſeine Zuflucht genommen haben, aber nicht ſo Pfadfinder. Seine Ab⸗ ſicht war nicht blos, das Feuer zu löſchen, welches ihm wenig Beſorgniß einflößte, ſondern vielmehr, dem Feinde eine Lehre zu geben, die ihn für den Reſt der Nacht vorſichtig machen ſollte. Um das letztere Vorhaben auszuführen, wurde es nöthig, zu warten, bis das Licht des beabſichtigten Brandes ihm ein Ziel zeigte; denn er wußte wohl, daß dann eine kleine Probe ſeiner Geſchicklichkeit zu⸗ reichen würde. Er ließ daher die Irokeſen unangefochten dürres Geſtrüppe ſammeln, es am Blockhaus aufhäufen, anzünden, und ſie wieder in ihre Verſtecke zurückkehren. Cap ſollte blos ein volles Waſſerfaß unmittelbar zu der Oeffnung über der bedrohten Stelle rollen, um im geeigneten Augenblicke für den Gebrauch bereit zu ſeyn. Dieſer Augenblick war aber, nach Pfadfinders Anſicht, nicht früher vorhanden, als bis die Flamme das benachbarte Gebüſch beleuchtete und dem raſchen und geübten Auge des Wegweiſers Zeit gelaſſen hatte, die Geſtalten von drei oder vier lauernden Wilden zu ent⸗ decken, welche mit der kalten Gleichgültigkeit von Menſchen, die gewöhnt ſind, theilnahmlos auf das menſchliche Elend zu blicken, auf die Fortſchritte des Brandes achteten. Jetzt erſt ſprach er. „Seyd Ihr bereit, Freund Cap?“ fragte er.„Die Hitze fängt an, durch die Spalten zu dringen, und obgleich dieſe grünen Stämme nicht die feuerfangende Natur eines reizbaren Menſchen haben, ſo mögen ſie doch am Ende auflodern, wenn man ſie all⸗ zuſehr herausfordert. Seyd Ihr mit dem Faß bereit? Gebt Acht, daß Ihr es in die rechte Lage bringt, und daß das Waſſer nicht unnöthig verwendet wird.“ „Alles bereit!“ antwortete Cap in dem Tone, mit welchem der Matroſe auf dem Schiff eine ſolche Aufforderung zu erwiedern pflegt. „Dann wartet, bis ich Euch weitere Weiſung gebe. Man darf ſo wenig zu haſtig in einem gefährlichen Augenblick ſeyn, als tollkühn in einer Schlacht. Wartet, bis ich's Euch ſage.“ Während der Pfadfinder dieſe Anweiſungen gab, machte er ſeine eigenen Vorbereitungen, denn er ſah, daß der Augenblick des Handelns gekommen ſey. Der Hirſchtödter wurde vorſichtig gehoben, angelegt und abgefeuert. Das Ganze dauerte ungefähr eine halbe Minute, und nachdem er die Büchſe wieder hereingenommen hatte, brachte der Schütze ſein Auge an die Schießſcharte. „Eines von dieſem Gewürm weniger,“ brummte Pfadfinder in den Bart.„Ich habe dieſen Landſtreicher ſchon früher geſehen und ich kenne ihn als einen ſchonungsloſen Teufel. Nun, nun, der Mann hat nach ſeinen Gaben gehandelt. Noch einen von dieſen Schuften, und das wird gut thun für dieſe Nacht. Wenn das Tageslicht kommt, werden wir heißere Arbeit kriegen.“ Mittlerweile wurde eine andere Büchſe bereit gehalten, und als Pfadfinder zu ſprechen aufgehört hatte, fiel ein zweiter Wilder. Das war in der That hinreichend: denn die ganze Rotte, welche ſich in das Gebüſch um das Blockhaus herum verkrochen, hatte nicht Luſt, eine dritte Heimſuchung von derſelben Hand abzuwarten, und da keiner wiſſen konnte, wer dem Auge des Schützen ausgeſetzt war, ſo hüpften ſie aus ihren Verſtecken und flüchteten ſich nach verſchiedenen Richtungen, um ihre Haut in Sicherheit zu bringen. „Jetzt gießt aus, Meiſter Cap,“ ſagte Pfadfinder,„ich habe dieſen Blauſtrümpfen ein Denkzeichen gegeben; ſie werden uns in dieſer Nacht kein Feuer mehr anzünden.“ „Achtung!“ ſchrie Cap, indem er das Faß mit einer Sorg⸗ falt ausſchüttete, daß die Flammen auf einmal und vollſtändig erloſchen. So endete dieſer ſonderbare Kampf, und der Reſt der Nacht verfloß in Ruhe. Pfadfinder und Cap wachten abwechſelnd, obgleich man von keinem ſagen konnte, daß er wirklich ſchliefe. Auch ſchien der Schlaf in der That kein Bedürfniß für ſie zu ſeyn, da beide 528 an langes Wachen gewöhnt waren, und es gab Zeiten, wo der erſtere buchſtäblich gegen die Anforderungen des Hungers und Durſtes unempfindlich und gegen die Wirkungen der Ermüdung ganz abgeſtumpft ſchien.: Mabel wachte an ihres Vaters Lager und begann zu fühlen, wie oft unſer zeitliches Glück nur von Dingen abhängt, welche in der Einbildung beſtehen. Bisher hatte ſie eigentlich ohne Vater gelebt, da ihre Verbindung mit ihm eher eine geiſtige, als eine wirkliche zu nennen war. Jetzt aber, da ſie ihn verlieren ſollte, betrachtete ſie den Augenblick ſeines Todes als den Abſchnitt, welcher ihr die Welt zur Oede machte, und all ihr irdiſches Glückzerſtörte. Fünfundzwanzigſtes Kapitel. Die Nacht durch tobte heulend der Wind. Der Regen floß in Strömen nieder: Doch jetzt behaucht die Sonne lind Den Forſt und Vögel ſingen Lieder. Wordsworth. Als das Licht wiederkehrte, ſtieg Pfadfinder mit Cap auf das Dach, um den Stand der Dinge auf der Inſel zu überblicken. Dieſer Theil des Blockhauſes hatte rund herum Zinnen, welche den in der Mitte ſtehenden Perſonen einen beträchtlichen Schutz gewähr⸗ ten und den Zweck hatten, die Schützen, welche hinter ihnen lagen und darüber weg feuerten, zu decken. Unter Benützung dieſer ſchwachen Vertheidigungsmittel(denn ſie waren nicht hoch, obgleich ſo weit ſie gingen, hinreichend breit) gewannen die Beiden, die Ver⸗ ſtecke ausgenommen, eine ziemlich weite Ausſicht über die Inſel und über die meiſten Kanäle, die zu derſelben führten. Der Wind blies noch ſehr ſteif aus Süden, und an vielen Stellen ſah die Oberfläche des Stromes grün und zürnend aus, — — obgleich ſie der Wind kaum kräftig genug peitſchte, um die Wellen zum Schäumen zu bringen. Die Geſtalt der kleinen Inſel war faſt oval, und der längſte Durchmeſſer ging von Oſten nach Weſten. Wenn ein Fahrzeug ſich in den Kanälen hielt, welche das Ufer um⸗ zogen, ſo konnte daſſelbe, in Folge ihres verſchiedenen Laufes und der Richtung des Windes, an den beiden Hauptſeiten faſt mit vollen Segeln vorbeikommen. Dieß waren die Umſtände, welche Cap zuerſt gewahrte und ſeinem Gefährten auseinanderſetzte; denn die Hoffnung Beider beruhte nur auf der Möglichkeit eines Entſatzes von Oswego aus. Während ſie in dieſer Weiſe ängſtlich um ſich blickten, rief der Seemann auf einmal in ſeiner luſtigen, herzlichen Manier— „Segel! ho!“ Pfadfinder folgte ſchnell der Richtung von ſeines Gefährten Auge, und in der That— eben tauchte dort der Gegenſtand auf, welchem des alten Matroſen Ausruf galt. Der hohe Standpunkt machte es Beiden möglich, über die Niederungen verſchiedener an⸗ liegenden Inſeln wegzuſehen, und die Leinwand eines Schiffes glänzte durch das Gebüſch, welches ein mehr ſüdweſtlich gelegenes Eiland ſäumte. Das fremde Fahrzeug war unter niederem Segel, wie es die Seeleute nennen; aber die Gewalt des Windes war ſo groß, daß die weißen Umriſſe deſſelben an den Ausſchnitten des Gebüſches mit der Schnelligkeit eines Renners vorbeiflogen— ähn⸗ lich einer Wolke, die in der Luft vor dem Winde treibt. „Das kann nicht Jasper ſeyn,“ ſagte Pfadfinder niederge⸗ ſchlagen, denn er erkannte in dem vorbeieilenden Gegenſtande den Kutter ſeines Freundes nicht.„Nein, nein, der Burſche kommt zu ſpät, und jenes Schiff dort ſchicken die Franzoſen ihren Freun⸗ den, den verfluchten Mingos, zu Hilfe.“ „Dießmal habt Ihr Euch verrechnet, Freund Pfadfinder, wenn Ihr es auch nie vorher thatet,“ erwiederte Cap in einer Weiſe, welche ſelbſt unter den gegenwärtigen bedenklichen Umſtänden von Der Pfadfinder. 3. Aufl.. 34 5³⁰ ihrer Rechthaberei nichts verloren hatte.„Friſchwaſſer oder Salz⸗ waſſer— das iſt der obere Theil von des Seuds großem Segel, denn ſeine Gilling iſt ſchmäler als gewöhnlich ausgeſchnitten; und dann könnt Ihr ſehen, daß eine Schale um die Gaffel gelegt iſt; es iſt zwar gut ausgeführt, ich geb' es zu, aber doch iſt eine Schale daran.“ „Ich bekenne, daß ich nichts hievon ſehen kann,“ antwortete Pfadfinder, dem die Ausdrücke ſeines Gefährten ſpaniſch vorkamen. „Nicht? Nun, das nimmt mich Wunder, denn ich dachte, Eure Augen könnten Alles ſehen. Was mich anbelangt, ſo iſt mir nichts deutlicher, als dieſe Gilling und dieſe Schale, und ich muß ſagen, mein ehrlicher Freund, daß ich an Eurer Stelle beſorgen würde, mein Geſicht fange an, abzunehmen.“ „Wenn das wirklich Jasper iſt, ſo befürchte ich wenig mehr. Wir können dann das Blockhaus gegen die ganze Nation der Mingos auf acht oder zehn Stunden halten, und wenn Cau⸗douce unſern Rückzug deckt, ſo verzweifle ich an nichts. Gott gebe, daß der Junge nicht längs dem Ufer auf den Strand läuft und in einen Hinterhalt fällt, wie es dem Sergeanten ergangen iſt.“ „Ja, das iſt der faule Fleck. Man hätte Signale verabreden und einen Ankergrund ausbojen ſollen;— auch eine Quarantaine und ein Lazareth wären nützlich geweſen, wenn man dieſen Mingos einen Reſpekt vor dem Völkerrechte einflößen könnte. Wenn der Burſche, wie Ihr ſagt, irgendwo in der Nachbarſchaft dieſer Inſel anlegt, ſo können wir den Kutter als verloren betrachten. Aber Meiſter Pfadfinder, müſſen wir im Grunde dieſen Jasper nicht eeher für einen geheimen Verbündeten der Franzoſen, als für unſern Freund halten? Ich kenne des Sergeanten Anſicht in dieſer Be⸗ ziehung und muß ſagen, dieſe ganze Geſchichte ſieht wie Ver⸗ rath aus.“ „Wir werden es bald erfahren, Meiſter Cap, wir werden das bald erfahren, denn da kömmt der Kutter in der That aus den Inſeln heraus, und einige Minuten müſſen die Sache ins Klare bringen. Es möchte übrigens gut ſeyn, wenn wir dem Burſchen ein Zeichen geben könnten, daß er auf der Hut ſeyn ſoll. Es wäre nicht recht, ihn in die Falle laufen zu laſſen, ohne ihm bemerklich zu machen, daß eine gelegt iſt.“ Beſorgniß und Ungewißheit hinderte jedoch Beide an dem Verſuche, ein Signal zu geben. Es war auch in der That nicht leicht einzuſehen, wie dieſes geſchehen könnte, denn der Seud kam ſchäumend durch den Kanal an der Luvſeite der Inſel herunter, mit einer Geſchwindigkeit, welche zu Ausführung eines ſolchen Vorhabens kaum Zeit ließ. Auch war Niemand auf dem Verdecke ſichtbar, dem man ein Zeichen zuwinken konnte; ſelbſt das Steuer ſchien verlaſſen, obgleich der Curs des Schiffes ſo ſtetig war, als es ſich raſch vorwärts bewegte. Cap blickte in ſchweigender Verwunderung auf ein ſo unge⸗ wohntes Schauſpiel. Aber als der Scud näher kam, entdeckte ſein geübtes Auge, daß das Ruder mittelſt der Steuerreepe in Bewegung geſetzt wurde, obgleich die Perſon, welche es leitete verborgen war. Da der Kutter Schutzbretter von einiger Höhe hatte, ſo ließ ſich das Geheimniß leicht erklären, und es unterlag keinem Zweifel, daß die Mannſchaft ſich hinter denſelben befand, um gegen die feindlichen Büchſen geſchützt zu ſeyn. Dieſer Um⸗ ſtand ließ jedoch erkennen, daß nur wenige Leute am Bord ſeyn konnten, und Pfadfinder nahm dieſe Auseinanderſetzung ſeines Ge⸗ fährten mit einem bedeutungsvollen Kopfſchütteln hin. „Das beweist, daß der Serpent Oswego nicht erreicht hat,“ ſagte er,„und daß wir von der Garniſon keine Unterſtützung er⸗ warten dürfen. Ich hoffe, Lundie hat ſich's nicht in den Kopf geſetzt, dem Jungen das Commando zu nehmen, denn Jasper Weſtern würde in einer ſolchen Klemme für ein ganzes Heer gelten. Wir drei, Meiſter Cap, könnten den Krieg männlich durchführen; Ihr, als ein Seemann, müßtet den Verkehr mit dem Kutter 5³² unterhalten; Jasper kennt den See und weiß, was auf dieſem zu thun iſt, und ich habe Gaben, welche ſo gut, als die irgend eines Mingo ſind, mag ich auch in anderer Beziehung ſeyn, was ich will. Ich ſage, wir ſollten um Mabels willen einen mannhaften Kampf beſtehen.“ Das müſſen wir und das wollen wir,“ erwiederte Cap mit „D Herzlichkeit, denn er hatte, da er nun wieder das Licht der Sonne ſah, mehr Zuverſicht wegen der Sicherheit ſeines Skalps.„Ich be⸗ trachte die Ankunft des Scuds als einen Umſtand und die Möglich⸗ keit, daß dieſer verhenkerte Eau⸗douce ehrlich iſt, für einen zweiten. Jasper iſt, wie Ihr ſeht, ein kluger, junger Burſche, denn er hält ſich in einer guten Landweite und ſcheint entſchloſſen, vorher die Verhältniſſe auf der Inſel zu recognosciren, ehe er anzulegen wagt.“ „Ich hab' es! ich hab' es!“ rief Pfadfinder freudig.„Da liegt der Kahn des Serpent auf dem Decke des Kutters; der Häuptling iſt am Bord und hat ohne Zweifel einen treuen Bericht über unſere Lage erſtattet: denn ein Delaware, ungleich dem Mingo, erzählt gewiß eine Geſchichte richtig, oder ſchweigt lieber ſtill.“ Der Leſer hat bereits Pfadſinders Neigung bemerkt, von den Delawaren gut und von den Mingos übel zu denken. Für die Wahrheitsliebe der erſteren hatte er die höchſte Achtung, während er die letzteren nicht anders betrachtete, als die verſtändigeren und einſichtsvolleren Klaſſen dieſes Landes beinahe allgemein gewiſſe Schmierer zu betrachten anfangen, welche ſich bekanntlich ſo ſehr ans Lügen gewöhnt haben, daß ſie keine Wahrheit mehr heraus⸗ bringen können, auch wenn ſie ſich ernſtlich alle Mühe dazu geben. „Möglich, daß der Kahn nicht zu dem Kutter gehört,“ ſagte der krittliche Seemann;„aber Eau⸗douce hatte auch einen am Bord, als wir ausſegelten.“ „Sehr wahr, Freund Cap, aber wenn Ihr Eure Segel und Maſten an den Gillingen und Schalen erkennt, ſo läßt mich mein 533 Gränzmannswiſſen die Kähne und Fährten unterſcheiden. Wenn Ihr an einem Segel neues Tuch ſoht, ſo ſehe ich an einem Kahne friſche Rinde. Das iſt das Boot des Serpent, und vieſer wackere Burſche iſt der Garniſon zugerudert, ſo bald er ſah, daß das Blockhaus eingeſchloſſen ſey; er traf dann den Seud, erzählte die ganze Geſchichte und brachte den Kutter mit hieher, um zu ſehen, was zu thun ſey. Gott gebe, daß Jasper Weſtern noch am Bord iſt.“ „Ja, ja, es könnte nicht ſchaden; denn Verräther oder loyal, der Burſche weiß mit einem Sturm umzuſpringen, ich muß das zugeben.“ „Und mit den Waſſerfällen!“ ſagte Pfadfinder, und ſtieß ſeinen Gefährten mit dem Ellenbogen an, wobei er in ſeiner ſtillen Weiſe herzlich lachte.„Wir müſſen dem Jungen Gerechtigkeit widerfahren laſſen, und ſollte er uns alle eigenhändig ſkalpiren.“ Der Seud war nun ſo nahe, daß Cap die Erwiederung ſchuldig blieb. Die Scene war im gegenwärtigen Augenblick ſo eigenthüm⸗ lich, daß ſie eine beſondere Schilderung verdient, welche dazu dienen mag, dem Leſer einen klaren Begriff von dem Gemälde, das wir ihm zeichnen wollen, beizubringen. Der Wind blies immer noch ſehr heftig. Viele von den klei⸗ neren Bäumen beugten ihre Gipfel faſt bis zur Erde, während das Sauſen des Sturmes durch die Aeſte der Waldung dem Rollen ferner Wagen glich. Die Luft war mit Blättern angefüllt, die in dieſer ſpäten Jahreszeit ſich leicht von den Zweigen lösten und wie Schaaren von Vögeln von einer Inſel zur andern flogen. Im Uebrigen war alles ſtill wie das Grab. Daß die Wilden noch auf der Inſel weilten, ließ ſich aus den Kähnen entnehmen, welche mit den Booten des Fünfundfünfzigſten in der kleinen, als Hafen dienenden Bucht lagen, obgleich kein anderes Zeichen ihre Gegenwart verrieth. Zwar wurden ſie durch die plötzliche und unvorgeſehene Rückkehr des Kutters aufs Aeußerſte überraſcht; aber ihre gewohnte Vorſicht 534 auf einem Kriegspfad war ſo allgemein und gewiſſermaßen inſtinkt⸗ mäßig, daß auf das erſte Warnungsseichen ein jeder nach ſeinem Verſteck eilte, wie der Fuchs nach ſeinem Bau. Dieſelbe Stille herrſchte in dem Blockhauſe; denn obgleich Pfadfinder und Cap die Ausſicht nach der Waſſerſtraße beherrſchten, ſo nahmen ſie doch die nöthige Vorſicht wahr, ſich verborgen zu halten. Noch merkwürdiger war die ungewohnte Erſcheinung, daß ſich am Bord des Seud keine Spur von lebendigen Weſen blicken ließ. Da die Indianer Zeugen ſeiner ſcheinbar nicht geleiteten Bewegungen waren, ſo faßte ein Gefühl des Entſetzens unter ihnen Fuß, und einige der Kühnſten fingen an, über den Ausgang eines Unternehmens beſorgt zu werden, welches unter ſo günſtigen Anzeichen begonnen hatte. Selbſt Arrow⸗ head, der doch an den Verkehr mit den Weißen auf beiden Seiten des Sees gewöhnt war, erblickte etwas Unheilverkündendes in der Erſcheinung dieſes unbemannten Schiffes, und wäre in dieſem Au⸗ genblick wohl gerne wieder auf dem Feſtlande geweſen. Mittlerweile bewegte ſich der Kutter raſch vorwärts. Er ſegelte durch den mittleren Kanal, bald vor den Windſtößen ſich beugend, bald wieder aufrecht, wie ein Philoſoph, welcher, niedergedrückt von den Stürmen des Lebens, ſeine freie Haltung wieder gewinnt, ſobald ſie verſchwinden— und trennte die ſchäumenden Wogen unter ſeinen Bugen. Obgleich er unter ſehr kurzem Segel ging, war doch ſeine Geſchwindigkeit anſehnlich, und es verfloßen kaum zehn Minuten von der Zeit an, als ſeine Leinwand zum erſtenmal durch die ent⸗ fernten Bäume und Gebüſche glänzte, bis zu dem Augenblick, wo er unter dem Blockhauſe anlangte. Cap und Pfadfinder beugten ſich, als der Seud unter ihrem Horſte vorbeizog, vorwärts, um beſſer auf das Verdeck ſehen zu können, als zu ihrem beiderſeitigen großen Vergnügen Jasper aufſprang und einen dreifachen herzlichen Freudenruf erſchallen ließ. Ohne auf irgend eine Gefahr Rückſicht zu nehmen ſchwang ſich Cap auf die hölzerne Brüſtung und erwiederte den Gruß— Ruf um Ruf. Zum Glück rettete ihn die Klugheit —,— des Feindes; denn die Indianer lagen noch ruhig, ohne eine Büchſe abzufeuern. Auf der andern Seite behielt Pfadfinder mehr den nütz⸗ lichen Theil des Kriegszuges im Auge, ohne dem blos dramatiſchen irgend eine Aufmerkſamkeit zu ſchenken. Sobald er ſeinen Freund Jasper erblickte, rief er ihm mit einer Stentorſtimme zu: „Steht uns bei, Junge, und der Tag wird unſer ſeyn. Nehmt jene Büſche ein wenig aufs Korn, und Ihr werdet die Hallunken wie die Rebhühner aufjagen.“ Ein Theil hievon erreichte Jaspers Ohr, aber das Meiſte wurde auf den Schwingen des Windes leewärts getragen. Der Scud hatte während dieſer Worte vorbeigetrieben und im nächſten Augenblick verbarg ihn die Waldung, in welcher das Blockhaus theilweiſe verſteckt lag. Nun folgten zwei beängſtigende Minuten; aber nach dieſem kurzen Zeitraume glänzten die Segel wieder durch die Bäume, da Jasper geviert, das Segel gedreht und unter dem Lee der Inſel zu dem andern Gang aufgeholt hatte. Der Wind war, wie bereits bemerkt wurde, frei genug, um ein ſolches Manöver zuzulaſſen, und der Kutter, der die Strömung unter ſeinem Leebug hatte, wurde zu ſeinem Curſe auf eine Weiſe aufgerichtet, daß man wohl ſehen konnte, er werde ohne Schwierigkeit wieder windwärts von der Inſel kommen. Dieſe ganze Schwenkung wurde mit der größten Leichtigkeit ausgeführt und keine Schoote berührt; die Segel ſetzten ſich von ſelbſt, und nur das Ruder leitete die wunderbare Maſchine. Dieß Alles ſchien des Recognoscirens wegen zu geſchehen. Als jedoch der Seud ſeinen Gang um die ganze Inſel herum gemacht und in dem Kanale, in welchem er zuerſt ſich der Inſel genähert, ſeine Luvlage wieder eingenommen hatte, wurde das Steuer niedergelaſſen und durch den Wind gewendet. Der Ton des ſchlagenden, großen Segels, ſo dicht es auch gereeft war, glich dem Schuß einer Kanone, ſo daß Cap Angſt bekam, die Nahten möchten ſich löſen. „Seine Majeſtät gibt gute Leinwand, das muß man ihr laſſen,“ 536 brummte der alte Seemann;„auch muß man dem Jungen zuge⸗ ſtehen, daß er ſein Boot wie ein befahrener Burſche handhabt. Gott v— mich, Meiſter Pfadfinder, wenn ich, trotz allem, was man darüber ſagen mag, glaube, daß dieſer verhenkerte Meiſter Eau⸗douce ſein Gewerbe auf dieſem Fetzen Friſchwaſſer gelernt hat!“* „Ei freilich lernte ers hier. Er hat nie das Meer geſehen, und iſt zu ſeinem Beruf nirgends anders, als hier auf dem Ontario herangebildet worden. Ich habe oft geſagt, daß er eine natürliche Gabe für Schooner und Schaluppen habe, und reſpektirte ihn auch um deßwillen. Was Verrath, Lügen und alle die Laſter eines ſchwarzen Herzens anbelangt, Freund Cap, ſo iſt Jasper davon ſo frei, wie der tugendhafteſte Krieger unter den Delawaren; und wenn Ihr ein Verlangen tragt, einen ächten ehrlichen Mann zu ſehen, ſo müßt Ihr ihn unter dieſem Stamme ſuchen.“ „Da kommt er herum,“ rief der vergnügte Cap, als der Scud ſich wieder zu dem urſprünglichen Gang anſchickte:„und nun werden wir ſehen, was der Junge beabſichtigt; er kann doch nicht immer in dieſen Kanälen hin und herfahren wollen, wie ein Mädchen bei einem Jahrmarktstanz.“ Der Seud hielt jetzt ſo weit ab, daß die beiden Beobachter auf dem Blockhaus einen Augenblick fürchteten, Jasper wolle landen; und die Wilden betrachteten den Kutter aus ihren Verſtecken mit einer Art Luſt, wie ſie wohl der geduckte Tiger fühlen mag, wenn er das Opfer harmlos ſeinem Lager ſich nähern ſieht. Aber Jasper hatte nicht dieſe Abſicht. Vertraut mit dem Ufer und bekannt mit der Tiefe des Waſſers an jeder Stelle der Inſel, wußte er wohl, daß der Seud ohne Gefährde an's Ufer laufen könne: deßhalb wagte er ſich furchtlos ſo nahe, daß er beim Fahren durch die kleine Bay die 3 zwei Boote der Soldaten von den Tauen losriß, ſie in den Kanal hinausdrängte und mit ſich fortzog. Da jedoch alle Kähne an den beiden Booten Dunhams beſeſtigt waren, ſo wurden die Wilden durch dieſen kühnen und erfolgreichen Verſuch auf einmal aller ——— 8 Mittel beraubt, die Inſel anders als durch Schwimmen zu verlaſſen. Auch ſchienen ſie dieſen wichtigen Umſtand im Augenblick einzuſehen: ſie erhoben ſich insgeſammt, erfüllten die Luft mit ihrem Geſchrei und unterhielten ein unſchädliches Büchſenfeuer. Während dieſes unbedachtſamen Beginnens wurden zwei Büchſen von ihren Gegnern abgefeuert. Eine Kugel kam von dem Giebel des Bockhauſes, und ein Irokeſe ſiel, durch das Hirn getroffen, rücklings nieder. Die andere kam vom Sceud aus. Sie war aus dem Gewehre des Delawaren, aber weniger ſicher, als die ſeines Freundes, da ſie den Feind nicht erſchlug, ſondern nur auf Lebenszeit lähmte. Die Mann⸗ ſchaft des Seud jubelte und die Wilden verſchwanden wieder bis auf den letzten Mann, als ob ſie die Erde eingeſchluckt hätte.“ „Das war des Serpents Stimme,“ ſagte Pfadfinder, als die zweite Büchſe abgefeuert wurde.„Ich kenne dieſen Knall ſo gut, als ich den des Hirſchetödters kenne.'s iſt ein guter Lauf, obgleich nicht ſicherer Tod. Nun, nun, mit Chingachgook und Jasper auf dem Waſſer, und Euch und mir in dem Blockhaus, Freund Cap — da müßte es ſonderbar zugehen, wenn wir dieſe Mingoſtrolche nicht lehrten, wie man mit Verſtand ſicht.“ Dieſe ganze Zeit über war der Scud in Bewegung. Sobald Jasper das Ende der Inſel erreicht hatte, ließ er ſeine Priſen in den Wind treiben, bis ſie auf einem Punkte, eine halbe Meile lee⸗ wärts, auf den Strand liefen. Er vierte ſodann und kam, gegen die Strömung anlegend, wieder durch den andern Gang. Die auf dem Giebel des Blockhauſes konnten nun bemerken, daß etwas auf dem Verdecke des Scud in Thätigkeit war, und zu ihrem großen Vergnügen wurde, als der Kutter in gleicher Linie mit der Haupt⸗ bucht und an die Stelle kam, wo die Feinde am gehäufteſten lagen, 9 g die Haubitze, welche ſeine einzige Bewaffnung ausmachte, demaskirt, und ein Kartätſchenſchauer ziſchte in die Gebüſche. Ein Flug Wachteln hätte ſich nicht ſchneller erheben können, als dieſer uner⸗ wartete Eiſenhagel die Irokeſen aufjagte; da fiel wieder ein Wilder durch eine Kugel aus dem Hirſchetödter, indeß ein anderer in Folge einer Heimſuchung aus Chingachgooks Büchſe davon hinkte. Sie hatten jedoch im Augenblick wieder neue Verſtecke, und jeder Theil ſchien ſich zur Erneuerung des Kampfes in einer andern Weiſe vor⸗ zubereiten. Aber die Erſcheinung June's, die eine weiße Flagge trug und von dem franzöſiſchen Offizier und Muir begleitet wurde, brachte alle Hände zur Ruhe und war der Vorläufer einer weiteren Unterhandlung. Dieſe wurde ſo nahe unter dem Blockhauſe abgehalten, daß Alle, welche ſich in keinem Verſtecke befanden, der Gnade von Pfad⸗ finders nie fehlender Büchſe gänzlich preisgegeben waren. Jasper legte den Kutter quer vor Anker, und auch die Haubitze war auf die Unterhändler gerichtet, ſo daß die Belagerten und ihre Freunde, mit Ausnahme des Mannes, welcher den Zündſtock hielt, keinen Anſtand nehmen durften, ſich offen zu zeigen. Chingachgook allein blieb verſteckt, jedoch mehr aus Gewohnheit, als aus Mißtrauen. „Ihr habt geſiegt, Pfadfinder,“ rief der Quartiermeiſter aus, „und Kapitän Sanglier kommt ſelbſt, um Friedensvorſchläge zu machen. Ihr werdet einem tapferen Feinde einen ehrenvollen Rückzug nicht verweigern, weil er brav gekämpft und ſeinem Könige und ſeinem Lande ſo viel Ehre gemacht hat, als er konnte. Ihr ſeyd ſelbſt ein ſo loyaler Unterthan; um Loyalität und Treue mit einem harten Urtheil heimzuſuchen. Ich bin von Seiten des Fein⸗ des bevollmächtigt, die Räumung der Inſel, Austauſch der Ge⸗ fangenen und Rückerſtattung der Skalpe anzubieten. Da keine Bagage und Artillerie vorhanden iſt, ſo kann man kaum mehr verlangen.“ Da das Geſpräch wegen des Windes ſowohl, als der Entfer⸗ nung halber ſehr laut geführt werden mußte, ſo konnten die Worte des Sprechers ſowohl auf dem Blockhauſe, als auf dem Kutter verſtanden werden. „Was ſagt Ihr dazu, Jasper?“ rief Pfadfinder.„Ihr hört 6 - —— den Vorſchlag; ſollen wir dieſe Landſtreicher gehen laſſen, oder wollen wir ſie zeichnen, wie man die Schafe in den Anſiedelungen zeichnet, daß wir ſie ſpäter wieder erkennen können?“ „Wie geht es Mabel Dunham?“ fragte der junge Mann, mit einem Stirnrunzeln auf ſeinem ſchönen Geſichte, welches ſelbſt denen auf dem Blockhauſe nicht entging.„Wenn ein Haar ihres Hauptes berührt worden iſt, ſo ſoll es mir der ganze Stamm der Irokeſen büßen.“ „Nein, nein, ſie iſt wohlbehalten im Erdgeſchoß und pflegt einen ſterbenden Vater, wie es ihrem Geſchlechte ziemt. Wegen der Verwundung des Sergeanten dürfen wir keinen Groll hegen, denn ſie iſt die Folge eines rechtmäßigen Krieges, und was Mabel anbelangt—“ „Sie iſt hier!“ rief das Mädchen ſelbſt, welche das Dach er⸗ ſtiegen hatte, als ſie vernahm, welche Wendung die Dinge genom⸗ men hatten.„Sie iſt hier! und im Namen des Gottes, den wir alle gemeinſchaftlich anbeten, im Namen unſerer heiligen Religion — laßt kein Blutvergießen mehr ſtattfinden. Es iſt ſchon genug Blut gefloſſen; und wenn dieſe Männer gehen wollen, Pfadfinder — wenn ſie im Frieden abziehen wollen, Jasper— oh, ſo haltet keinen von ihnen zurück. Mein armer Vater nähert ſich ſeinem Ende, und es wäre beſſer, wenn er ſeinen letzten Hauch im Frieden mit der Welt ausathmen könnte. Geht, geht, Franzoſen und In⸗ dianer; wir ſind nicht länger Eure Feinde, und werden keinem von euch ein Leides zufügen.“ „Halt, halt, Magnet,“ warf Cap ein,„das klingt vielleicht religiös, oder wie ein Komoͤdienbuch; aber es klingt nicht wie ge⸗ ſunder Menſchenverſtand. Der Feind iſt bereit, die Flagge zu ſtreichen, Jasper hat, wahrſcheinlich mit Springen auf den Kabeln, quer geankert, um eine Lage geben zu können, Pfadfinders Auge und Hand ſind ſo treu, wie die Magnetnadel, und wir werden Priſengeld, Kopfgeld und Ehre obendrein gewinnen, wenn du dich die nächſte halbe Stunde nicht in unſere Angelegenheiten miſcheſt.“ 3 „Ei,“ ſagte Pfadfinder,„ich halte mich zu Mabel. Es iſt für unſern Zweck und für den Dienſt des Königs genug Blut ge⸗ floſſen; und was die Ehre anbelangt, ſo wollen wir ſie an junge Fähndriche und Rekruten überlaſſen, denn dieſe können ſie beſſer brauchen, als beſonnene, eifrige chriſtliche Männer. Die Ehre liegt im Rechthandeln, und nur ſchlechte Thaten vermögen einen zu entehren; ich halte es aber für ſchlecht, einem, und wäre es auch nur ein Mingo, das Leben zu nehmen, ohne irgend einen nützlichen Zweck; ja, ja— und ich halte es für Recht, alle Zeit auf die Stimme der Vernunft zu achten. So laſſen Sie uns alſo hören, Lieutenant Muir, was Ihre Freunde, die Franzoſen und Indianer für ſich vorzubringen haben?“ „Meine Freunde?“ ſagte Muir mit Unwillen.„Ihr werdet doch nicht des Königs Feinde meine Freunde nennen wollen, Pfad⸗ finder, weil das Geſchick des Krieges mich in ihre Hände geworfen hat? Die größten Krieger der alten und der neuen Zeit ſind ſchon Kriegsgefangene geweſen, und dort könnt Ihr Meiſter Cap fragen, ob wir nicht alles Menſchenmögliche aufboten, um dieſem Unge⸗ mach zu entfliehen.“ „Ja, ja,“ antwortete Cap trocken;„entfliehen iſt das ge⸗ eignete Wort. Wir eilten nach unten und verbargen uns ſo klug, daß wir noch zu dieſer Stunde in der Höhle ſitzen könnten, wäre uns nicht der Brodkorb zu hoch gehangen. Sie haben ſich bei dieſer Gelegenheit ſo geſchickt wie ein Fuchs eingegraben, und zum Teufel, mich nimmt's nur Wunder, wie Sie das Neſt ſo auf der Stelle zu finden wußten.“ „Und folgtet Ihr mir nicht auf dem Fuße? Es gibt im Menſchenleben Augenblicke, wo die Vernunft zum Inſtinkt hinan⸗ ſteigt—“ „Und die Menſchen in Höhlen hinabſteigen,“ unterbrach ihn — 9 Cap mit einem polterndem Lachen, in welches Pfadfinder auf ſeine ruhige Weiſe einſtimmte. Auch Jasper, obgleich noch voll Be⸗ kümmerniß wegen Mabels, konnte ſich eines Lächelns nicht erweh⸗ ren.„Man ſagt, der Teufel könne kein Matroſe werden, wenn er nicht in die Höhe ſieht und nun ſcheint mir's, er wäre auch zum Soldaten verdorben, wenn er nicht nach unten ſchaute.“ Dieſer Ausbruch von Heiterkeit, obgleich Muir nichts beſon⸗ deres Beluſtigendes darin fand, trug viel dazu bei, den Frieden aufrecht zu erhalten. Cap bildete ſich ein, er habe einen unge⸗ wöhnlich guten Witz gemacht und war daher geneigt, in der Haupt⸗ ſache nachzugeben, ſo lange ſeine Gefährten ihn auf dem Glauben ließen, daß ſie ihn für einen witzigen Kopf hielten. Nach einer kurzen Berathung wurden die Wilden insgeſammt ohne Waffen hundert Ellen von dem Blockhauſe und in der Linie der Geſchütz⸗ pforten des Seud verſammelt, indeß Pfadfinder zu der Thüre ſeiner Feſte hinunterſtieg und die Bedingungen feſtſetzte; unter welchen der Feind endlich die Inſel räumen ſolle. In Anbetracht der Verhältniſſe waren dieſe für beide Theile vortheilhaft. Die Indianer mußten, Vorſorge halber, alle ihre Waffen, ſelbſt ihre Meſſer und Tomahawks ausliefern, weil ſie an Zahl immer noch um das Vierfache überlegen waren. Der franzöſiſche Offtzier, Monſieur Sanglier, wie man ihn gewöhnlich nannte und er ſich ſelbſt zu nennen pflegte, machte Einwendungen gegen dieſen Akt, welcher wahrſcheinlich mehr als irgend ein anderer Theil des ganzen Verfahrens ein übles Licht auf ſein Commando werfen konnte; aber Pfadfinder, der Zeuge einiger Indianergemetzel geweſen war, wußte wohl, wie wenig Verpflichtungen geachtet wurden, wenn ſie mit dem Vortheil in Widerſpruch geriethen, und blieb, was die Wilden anbelangte, unerbittlich. Der zweite Punkt war faſt von gleicher Wichtigkeit; er enthielt die Beſtimmung daß Kapitän Sanglier alle Gefangenen ausliefere, die in der Höhle, zu welcher Cap und Muir ihre Zuflucht genommen hatten, bewacht wurden. 54⁴² Als dieſe Leute zum Vorſchein kamen, erwieſen ſich vier von ihnen als unverletzt; ſie waren nur niedergefallen, um ihr Leben durch einen in dem Indianerkriege gewöhnlichen Kunſtgriff zu retten; von den übrigen waren zwei ſo leicht verwundet, daß ſie wohl zum Dienſt verwendet werden konnten. Da ſie ihre Musketen mit ſich brachten, ſo ließ dieſer Zuwachs an Macht Pfadfinder wieder um ein Gutes leichter athmen; denn nachdem er die Waffen des Fein⸗ des im Blockhauſe geſammelt hatte, gab er dieſen Leuten die Wei⸗ ſung, das Gebäude zu beſetzen; und ſtellte eine regelmäßige Schild⸗ wache vor die Thüre. Die übrigen Soldaten waren todt, da die ſchwer Verwundeten ſogleich erſchlagen wurden, um ihre heißbe⸗ gehrten Skalpe nehmen zu können. Sobald Jasper den Inhalt des Vertrags erfahren hatte, und die Präliminarien ſo weit vorgeſchritten waren, daß er es wagen konnte, ſich zu entfernen, lichtete er die Anker und ſegelte zu der Stelle hinunter, wo die Boote auf den Strand gelaufen waren, nahm ſie wieder ins Schlepptau und brachte ſie mit wenigen Streckungen in den Kanal leewärts. Hier wurden die Wilden ſo⸗ gleich eingeſchifft, worauf Jasper die Kähne zum dritten Mal ins Tau nahm, vor dem Winde her lief und ſie etwa eine Meile unter dem Lee der Inſel in Freiheit ſetzte. Die Indianer hatten für jedes Boot nur ein Ruder erhalten, da der junge Schiffer wohl wußte, daß ſie, wenn ſie ſich vor dem Winde zu halten vermochten, ſchon im Laufe des Morgens das Ufer von Canada erreichen konnten. Blos Kapitän Sanglier, Arrowhead und June blieben zurück, nachdem über den Reſt ihrer Partie dieſe Verfügung getroffen worden war. Der erſtere hatte mit Lieutenant Muir, welcher in ſeinen Augen allein die mit einer Offiziersſtelle verbundenen Befähi⸗ gungen beſaß, gewiſſe Papiere zu ordnen und zu unterzeichnen, und der letztere zog es aus nur ihm bekannten Gründen vor, ſich ſeinen abziehenden Freunden, den Jrokeſen, nicht anzuſchließen. Man hatte für die Abfahrt dieſer Drei die erforderlichen Kähne zurückbehalten. —.,— Während der Seud mit den Booten im Schlepptau abwärts ſegelte, waren Cap und Pfadfinder nebſt andern geeigneten Helfern mit der Zurichtung eines Frühſtücks beſchäftigt, da die Meiſten ſchon vierundzwanzig Stunden nichts genoſſen hatten. Der kurze Zeit⸗ raum, welcher bis zur Rückkehr des Kutters verfloß, wurde nur wenig durch Geſpräche unterbrochen, obgleich Pfadfinder Muße genug fand, den Sergeanten zu beſuchen, Mabel einige freundliche Worte zu ſagen und verſchiedene Anweiſungen zu geben, welche ihm den Hingang des Sterbenden zu erleichtern ſchienen. Was Mabel an⸗ belangte, ſo beſtand er darauf, daß ſie einige Erfriſchung zu ſich nähme, und da nun kein weiterer Grund mehr vorhanden war, die Schildwache an dem Blockhaus ſtehen zu laſſen, ließ er ſie abziehen, damit die Tochter ungehindert ihres Vaters warten konnte. Nach⸗ dem dieſe Vorkehrungen getroffen waren, kehrte unſer Held wieder zu dem Feuer zurück, um welches der ganze Reſt der Geſellſchaft, Jasper mit eingeſchloſſen, verſammelt ſaß. Sechsundzwanzigſtes Kapitel. Die Sorge liegt auf ſeinen blaſſen Wangen— Ein ſchaffend Meer, jüngſt noch vom Sturm umfangen, Wo träg die Woge auf der Tiefe ſchleicht, Bis auch der letzte Ton dem Schlummer weicht. Dryden. Manner, welche an kriegeriſche Scenen, wie wir ſie beſchrieben haben, gewöhnt ſind, eignen ſich gerade nicht beſonders, auf dem Wahlplatze dem Einfluſſe zarterer Gefühle Raum zu geben. Demun⸗ geachtet weilte aber während der Begebniſſe, welche wir zu berichten im Begriffe ſind, mehr als ein Herz bei Mabel in dem Blockhauſe, und das wichtige Geſchäft der Mahlzeit wollte ſogar dem kühnſten Krieger nicht beſonders behagen, da man wußte, daß der Sergeant dem Verſcheiden nahe war. Als Pfadfinder von dem Blockhauſe zurückkehrte, traf er auf —jjj— 544 Muir, welcher ihn bei Seite führte, um eine geheime Beſprechung mit ihm zu halten. Das Benehmen des Quartiermeiſters trug das Gepräge einer übergebührlichen Höflichkeit, welche faſt immer der Argliſt als Hülle dient; denn während Phyſiognomik und Phreno⸗ logie im beſten Falle hinkende Wiſſenſchaften ſind, und vielleicht zu eben ſo vielen falſchen als richtigen Folgerungen führen, ſo halten wir es für das untrügliche Zeichen einer unredlichen Abſicht, offene Handlungen ausgenommen— wenn ein Geſicht immer lächelt, oder eine Zunge übermäßig glatt iſt. Muir hatte im Allgemeinen viel von dieſem Ausdruck an ſich, obſchon ſich einige ſcheinbare Frei⸗ müthigkeit mit demſelben verband, welche durch ſeine derbe ſchottiſche Stimme, ſeinen ſchottiſchen Aecent und ſeine ſchottiſche Ausdrucks⸗ weiſe auf eine eigenthümliche Art gehoben wurde. Er verdankte ſeine Stellung in der That einer lang an den Tag gelegten Erge⸗ benheit gegen Lundie und ſeine Familie; denn wenn auch der Major zu ſcharfblickend war, um ſich von einem Manne täuſchen zu laſſen, der ſo weit an wirklichen Kenntniſſen und Talenten unter ihm ſtand, ſo liegt es doch in der Natur der meiſten Menſchen dem Schmeichler freigebige Zugeſtändniſſe zu machen, ſelbſt wenn ſie ſeiner Aufrichtigkeit mißtrauen und ſeine Beweggründe vollkom⸗ men durchſchauen. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit verſuchten zwei Männer gegenſeitig ihre Gewandtheit, welche ſich in den Grundzügen des Charakters ſo verſchieden verhielten, als nur immer möglich. Pfadſinder war ſo einfach, als der Quartiermeiſter ver⸗ ſchlagen, ſo aufrichtig, als der andere falſch, und ſo unbefangen, als der andere ſchleichend. Beide waren beſonnen und berechnend und beide muthig, obgleich in verſchiedener Art und in verſchiede⸗ nem Grade, da ſich Muir nie einer perſönlichen Gefahr ausſetzte, wenn er nicht ſeine eigenen Zwecke dabei hatte, während der Pfad⸗ finder die Furcht unter die Vernunftſchwächen zählte, oder als ein Gefühl betrachtete, welches nur zuläßig ſey, wenn etwas Gutes dabei herauskomme. „Mein theuerſter Freund,“ begann Muir;„denn nach Eurem letzten Benehmen müßt Ihr uns Allen ſiebenundſiebenzigmal theurer ſeyn, als Ihr uns je geweſen, da Ihr Euch in dieſer kürzlichen Verhandlung ſo ſehr hervorgethan habt— es iſt zwar wahr, man wird Euch nicht zu einem Offizier machen, da dieſe Art von Be⸗ vorzugung nicht für Euren Stand paßt, und, wie ich vermuthe, auch nicht nach Eurem Wunſch iſt; aber als Wegweiſer, als Be⸗ rather, als treuer Unterthan und erfahrener Schütze hat Euer Ruf ſo zu ſagen ſeine Glanzhöhe erreicht. Ich zweifle, ob der Ober⸗ befehlshaber ſo viel Ruhm von Amerika mit fortnehmen wird, als auf Euren Theil fällt. Ihr könnt nun ruhig Euer Haupt niederlegen und Euch für den Reſt Eurer Tage gütlich thun. Heirathet, Mann — ohne Verzug, und bereitet Euch das ſchönſte Glück; denn Ihr habt keine Gelegenheit, Euch nach noch mehr Ruhm umzuſehen. Nehmt, ums Himmelswillen, Mabel Dunham an Euer Herz, und Ihr habt beides, eine gute Braut, und einen guten Namen.“ „Ei, Quartiermeiſter, das iſt ja ein ganz nagelneuer Rath aus Ihrem Munde. Man hat mir geſagt, ich hätte in Ihnen einen Nebenbuhler?“„ſ „Den hattet Ihr, Mann, und zwar einen furchtbaren, kann ich Euch ſagen— einen, der nie vergebens freite, und doch fünf⸗ mal freite. Lundie reibt mir immer Vier unter die Naſe, und ich weiſe den Angriff zurück, aber er hat keine Ahnung davon, daß die Wahrheit ſogar ſeine Arithmetik überſteigt. Ja, ja, Ihr hattet einen Nebenbuhler, Pfadfinder; das iſt aber jetzt nimmer der Fall. Ich wünſche Euch alles Glück zu Euren Fortſchritten bei Mabel, und wenn der wackere Sergeant am Leben bliebe, ſo könntet Ihr Euch noch obendrein ſicher darauf verlaſſen, daß ich bei ihm ein gutes Vorwort für Euch einlegen würde.“ „Ich erkenne ihre Freundſchaft, Quartiermeiſter, ich erkenne Ihre Freundſchaft, obgleich ich Ihres Vorworts bei Sergeant. Dunham, der mein langjähriger Freund iſt, nicht bedarf. Ich Der Pfadfinder. 3. Aufl. 35 5⁴6 glaube, wir dürfen die Sache als ſo ſicher abgemacht betrachten, wie es nur immer in Kriegszeiten möglich iſt; denn Mabel und ihr Vater ſtimmen ein, und das ganze Fünfundfünßzigſte wird es nicht ändern können. Ach! der arme Vater wird es kaum erleben, ſeinen ſo lange gehegten Herzenswunſch erfüllt zu ſehen.“ „Aber er hat den Troſt, die Gewißheit deſſelben mit in die Ewigkeit zu nehmen. Oh, es iſt eine große Beruhigung für den ſcheidenden Geiſt, Pfadfinder, mit der Ueberzeugung zu ſterben, daß die zurückbleibenden Lieben gut verſorgt ſind. Alle meine Frauen haben auf ihrem Sterbebette pflichtlich dieſes Gefühl ausgeſprochen.“ „Alle Ihre Frauen haben wahrſcheinlich dieſen Troſt gefühlt, Quartiermeiſter.“ „Pfui, Mann! Ich hätte Euch nicht für einen ſolchen Schalk gehalten. Nun, nun, Scherzworte bringen keinen Groll zwiſchen alte Freunde. Wenn ich Mabel nicht heirathen kann, ſo werdet Ihr mich doch nicht hindern wollen, ſie zu achten und gut von ihr zu ſprechen, und von Euch dazu, bei jeder thunlichen Gelegen⸗ heit und in allen Geſellſchaften. Aber Pfadfinder, Ihr werdet wohl einſehen, daß ein armer Teufel, der eine ſolche Braut ver⸗ liert, wahrſcheinlich auch einiges Troſtes bedarf?“ „Sehr wahrſcheinlich, ſehr wahrſcheinlich OQuartiermeiſter,“ er⸗ wiederte der einfache Wegweiſer.„Ich weiß, daß es mir ſelber äußerſt ſchwer fiele, Mabels Verluſt zu ertragen. Es mag wohl drückend auf Ihren Gefühlen laſten, uns verheirathet zu ſehen. Aber der Tod des Sergeanten wird die Sache wahrſcheinlich hinaus⸗ ſchieben, und Sie haben dann Zeit, ſich männlich darein zu finden.“ „Ich will dieſes Gefühl bekämpfen, ja ich will es bekämpfen, obgleich mir das Herz dabei bricht; und Ihr könnt mir an die Hand gehen, Mann, wenn Ihr mir etwas zu thun gebt. Ihr begreift, daß es mit dieſer Erpedition eine eigenthümliche Bewandt⸗ niß hat, denn ich bin hier, obgleich ein Offizier des Königs, ſo zu ſagen nur ein Freiwilliger, während eine bloße Ordonnanz das Commando geführt hat. Ich habe mich aus verſchiedenen Grün⸗ den darein gefügt, obſchon ich mit heißem Verlangen auf dieſen Auftrag gehofft habe, während ihr als kühne Streiter für die Ehre des Landes und die Rechte des Königs—“ „Quartiermeiſter,“ unterbrach ihn der Wegweiſer,„Sie fielen zu früh in die Hände des Feindes, ſo daß Sie in dieſem Betracht Ihr Gewiſſen leicht beruhigen können. Laſſen Sie ſich alſo rathen und ſprechen Sie nichts mehr davon.“ „Das iſt gerade auch meine Meinung, Pfadſinder; wir wollen Alle nichts mehr davon reden. Sergeant Dunham iſt hors do combat.“ „Wie?“ ſagte der Wegweiſer. „Nun, der Sergeant kann nicht mehr commandiren, und es würde kaum angehen, einen Corporal an die Spitze einer ſieg⸗ reichen Partie wie dieſe zu ſtellen; denn Blumen, welche in einem Garten blühen, ſterben auf einer Heide, und ich dachte eben daran, den Anſpruch an dieſe Ehre für einen Mann, der Seiner Majeſtät Patent als Lieutenant hat, geltend zu machen. Was die Mann⸗ ſchaft anbelangt, ſo darf dieſe keinen Einwurf dagegen erheben, und was Euch betrifft, mein theurer Freund— Ihr habt ſchon ſo viel Ruhm geärntet, habt obendrein Mabel und das Bewußtſeyn, Eure Pflicht gethan zu haben, was noch das koſtbarſte von Allem iſt; ich hoffe daher, daß ich eher in Euch einen Verbündeten, als einen Gegner meines Planes finden werde.“ „Was den Befehl über die Soldaten des Fünfundfünfzigſten betrifft, Lieutenant, ſo glaube ich, daß Sie ein Recht an denſelben haben, und Niemand hier wird etwas dagegen einwenden. Zwar ſind Sie ein Kriegsgefangener geweſen, und manche könnten es vielleicht nicht ertragen, einen Gefangenen an ihrer Spitze zu haben, der durch ihre Thaten befreit worden iſt; doch hier wird ſich wahr⸗ ſcheinlich Niemand Ihren Wünſchen entgegen ſtellen.“ „Das iſt's gerade, Pfadfinder; und wenn ich den Bericht von 548 unſerm Siege über die Boote, die Vertheidigung des Blockhauſes, und die Hauptoperationen, mit Einſchluß der Capitulation abfaſſen werde, ſo ſollt Ihr finden, daß ich Eure Anſprüche und Verdienſte nicht übergangen habe.“ „Still von meinen Anſprüchen und Verdienſten, Quartier⸗ meiſter! Lundie weiß, was ich in dem Walde und was ich in einem Fort bin, und der General weiß es noch beſſer, als er. Kümmern Sie ſich nicht um mich, und erzählen Sie Ihre Geſchichte; nur laſſen Sie dabei Mabels Vater Gerechtigkeit widerfahren, der in einem Sinne noch gegenwärtig der commandirende Offtzier iſt.“ Muir drückte ſeine vollkommene Zufriedenheit mit dieſer Ver⸗ handlung und ſeinen Entſchluß aus, Allen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen; dann gingen beide wieder zu der an dem Feuer ver⸗ ſammelten Gruppe zurück. Hier begann der Quartiermeiſter das erſtemal, ſeit er Oswego verlaſſen hatte, einigermaßen ſeine An⸗ ſprüche auf die Würde geltend zu machen, welche eigentlich ſeinem Range zu gebühren ſchien. Er nahm den am Leben gebliebenen Corporal bei Seite, und erklärte demſelben unumwunden, daß ee ihn für die Zukunft als einen Offtzier im activen Dienſt betrachten müſſe und dieſe Veränderung im Stande der Dinge ſeinen Unter⸗ gebenen mittheilen ſolle. Dieſer Dynaſtienwechſel wurde ohne die gewöhnlichen revolutionären Erſcheinungen bewerkſtelligt; denn da Alle des Lieutenants geſetzliche Anſprüche an das Commando kannten, ſo fühlte ſich Niemand geneigt, ſeinen Befehlen zu wider⸗ ſprechen. Lundie und der Quartiermeiſter hatten urſprünglich aus Gründen, die ihnen ſelbſt am beſten bekannt waren, eine andere Verfügung getroffen, und jetzt betrachtete es der Letztere aus eigenen Gründen für zweckmäßig, von derſelben abzugehen. Dieß mußte den Soldaten genügen, obgleich die tödtliche Verwundung des Ser⸗ geanten Dunham den Umſtand hinreichend erklärt haben würde, wenn er einer Erklärung bedurft hätte. Dieſe ganze Zeit über beſchäftigte ſich Kapitän Sanglier nur — mit ſeinem Frühſtück, und zeigte dabei die Ergebung des Philoſophen, die Ruhe eines alten Soldaten, die Freimüthigkeit und Kenntniſſe eines Franzoſen und die Gefräßigkeit eines Straußes. Dieſer Mann befand ſich ſchon an dreißig Jahre in den Kolonien und hatte Frankreich in ungefähr derſelben Stellung bei der Armee verlaſſen, welche Muir bei dem Fünfundfünfzigſten einnahm. Eine eiſerne Körperbeſchaffenheit, vollkommene Abſtumpfung der Gefühle, eine gewiſſe Gewandtheit mit den Wilden umzugehen und ein unbeug⸗ ſamer Muth, hatten ihn früh dem Oberbefehlshaber als einen Mann bzeichnet, der ſich als ein geſchickter Leiter der militäriſchen Operationen unter den alliirten Indianern verwenden ließ. In dieſer Eigenſchaft hatte er ſich den Titel eines Kapitäns erworben und mit dieſer Rangeserhöhung ſich zugleich einen Theil der Sitten und Anſichten ſeiner Verbündeten mit jener Leichtigkeit und Gefügig⸗ keit angeeignet, welche in dieſem Theil der Welt als Eigenthüm⸗ lichkeiten ſeiner Landsleute betrachtet werden. Er hatte oft die Indianerhorden in ihren Raubzügen angeführt, und ſein Benehmen entfaltete bei ſolchen Gelegenheiten gerade entgegengeſetzte Ergeb⸗ niſſe, indem er das Elend ſolcher Kriegsfahrten erleichterte und es zugleich wieder durch die ausgedehnteren Plane und größeren Hilfs⸗ quellen der Civiliſation vermehrte. Mit andern Worten— er ent⸗ warf Unternehmungen, deren Wichtigkeit und Folgen die gewöhnliche Politik der Indianer weit überragten, und ſchritt dann ein, um die ſelbſtgeſchaffenen Uebel zu mindern. Kurz er war ein Abenteurer, welchen die Umſtände in eine Lage geworfen hatten, wo die rauhen Eigenſchaften von Leuten ſeiner Klaſſe ſich im Guten wie im Schlimmen entwickeln konnten; und er war nicht der Mann, das Glück durch unzeitige Gewiſſenhaftigkeit, etwa die Folge früherer Eindrücke— zu verſcherzen, oder mit der Gunſt deſſelben zu ſpielen, indem er unnöthiger Weiſe durch muthwillige Grauſamkeit ſeinen Groll herausforderte. Doch da ſein Name unvermeidlich mit vielen von ſeinen Horden begangenen Ausſchweifungen in Verbindung — 550 gebracht wurde, ſo betrachtete man ihn allgemein in den Ameri⸗ kaniſchen Provinzen als einen Elenden, der ſeine Luſt am Blutver⸗ gießen habe und ſein größtes Glück in den Qualen der Hilfloſen und Unſchuldigen finde; und der Name Sanglier,“ welchen er ſich beigelegt hatte, oder Kieſelherz, wie man ihn gewöhnlich an den Gränzen nannte, war den Weibern und Kindern dieſer Gegend ſo furchtbar geworden; wie ſpäter die von Butler und Brandt. Das Zuſammentreffen zwiſchen Pfadfinder und Sanglier hatte einige Aehnlichkeit mit der berühmten Zuſammenkunft Wellingtons und Blüchers, welche ſo oft und ſo bezeichnend erzählt worden iſt. Es fand bei dem Feuer Statt, und beide Theile betrachteten ſich eine Weile, ohne zu ſprechen. Jeder fühlte, daß er in dem andern einen furchtbaren Feind hatte, und zugleich, daß— obſchon ſie ſich gegenſeitig mit der männlichen Freimüthigkeit von Kriegern behan⸗ deln mußten, ein großer Unterſchied zwiſchen ihren Charakteren und Intereſſen obwaltete. Der Eine diente um Geld und Beförderung, der Andere, weil ihn ſein Schickſal in die Wälder geſchleudert hatte und weil ſein Geburtsland ſeines Armes und ſeiner Erfahrung bedurfte. Der Wunſch, ſich über ſeine gegenwärtige Lage zu er⸗ heben, trübte Pfadfinders Ruhe nicht; auch hatte er nie einen ehrgeizigen Gedanken, im gewöhnlichen Sinne des Worts, gehegt, bis er mit Mabel bekannt wurde. Seit dieſer Zeit aber hatte ihm allerdings ſein geringes Selbſtvertrauen, Verehrung für ſeine Geliebte und der Wunſch, ihr eine beſſere Stellung zu verſchaffen, manche unbehagliche Augenblicke gemacht; doch die Geradheit und Einfachheit ſeines Charakters gewährte ihm bald die erforderliche Beruhigung; und er begann zu fühlen, daß das Weib, welches keinen Anſtand nahm, ihn zum Gatten zu wählen, auch kein Be⸗ denken tragen würde, ſein Loos, ſo gering es auch ſeyn mochte, zu theilen. Er achtete Sanglier als einen tapferen Krieger und beſaß viel zu viel von jener Freiſinnigkeit, welche das Ergebniß durch * Eber. 551 Erfahrung erworbenen Wiſſens iſt, um nur die Hälfte von dem zu glauben, was er zum Nachtheile ſeines Gegners gehört hatte; denn gewöhnlich ſind diejenigen, welche am wenigſten von einer Sache verſtehen, die befangenſten und unduldſamſten Beurtheiler derſelben. Doch konnte er die Selbſtſucht des Franzoſen, ſeine kaltblütigen Berechnungen und die Beweiſe nicht billigen, mit welcher er ſeiner „weißen Gaben“ vergeſſen und die rein„rothen“ ſich angeeignet hatte. Auf der andern Seite war Pfadfinder dem Kapitän Sanglier ein Räthſel, da Letzterer die Beweggründe des Andern nicht zu be⸗ greifen vermochte. Er hatte oft von der Geradheit, Gerechtigkeit und Wahrheitsliebe des Wegweiſers gehört, und dieſe hatten ihn ſchon zu großen Irrthümern verleitet, nach demſelben Grundſatze, nach welchem ein freimüthiger und offener Diplomat ſein Geheimniß weit beſſer bewahren ſoll, als der liſtige und verſchloſſene. Als ſich die beiden Helden auf die erwähnte Weiſe betrachtet hatten, berührte Monsieur Sanglier ſeine Mütze, denn das wilde Gränzleben hatte die feineren Sitten ſeiner Jugend und den Anſtrich von Bonhomie, welche den Franzoſen angeboren ſcheint, nicht ganz zerſtört. „Monsieur le Pfadfinder,“ ſagte er mit ſehr entſchiedenem Tone, obgleich mit freundlichen Lächeln;„un militaire ehren le courage et la loyauté. Sie ſprechen Irokeſiſch?“ „Ja, ich verſtehe die Sprache dieſes Gewürms, und kann damit fortkommen, wenn ſich eine Gelegenheit dazu bietet,“ erwiederte der wahrheitliebende Wegweiſer,„obgleich mir weder die Sprache noch der Stamm behagt. Wo Sie immer auf Mingoblut ſtoßen, Meiſter Kieſelherz, finden Sie einen Schurken. Nun, ich habe Sie oft geſehen, zwar nur in der Schlacht, aber ich muß geſtehen— immer im Vordertreffen. Sie müſſen die meiſten unſrer Kugeln aus eigener Anſchauung kennen?“ „Nie, Herr, Ihre eigene; une balle aus Ihrer verehrten Hand ſeyn ſicherer Tod. Sie tödten meine beſten Krieger auf einer Inſel.“ „Das kann ſeyn, das kann ſeyn; obgleich ich ſagen darf, daß ſie ſich, wenn man's genauer betrachtet, als die größten Schurken ausweiſen werden. Nehmen Sie mir's nicht übel, Herr Kieſelherz, Sie halten ſich zu einer verzweifelt ſchlechten Geſellſchaft.“ „Ja, Herr,“ antwortete der Franzoſe, welcher etwas Artiges erwiedern wollte, und da er den andern nur ſchwer verſtehen konnte, ſeine Worte für ein Compliment gehalten hatte;„Sie ſeyn zu gütig. Aber un brave immer comme ga. Was das bedeuten? ha! was dieß jeune homme thun?“ Die Hand und das Auge Kapitän Sangliers leitete den Blick Pfadfinders auf die entgegengeſetzte Seite des Feuers, wo Jasper in dieſem Augenblicke von zwei Soldaten gepackt wurde, welche ihm auf Muirs Befehl die Hände banden. „Was ſoll das heißen, he?“ rief der Wegweiſer, indem er vorwärts eilte und die zwei Untergebenen mit unwiderſtehlicher Muskelkraft zurück drückte.„Wer wagt es, ſo mit Jaspern umzugehen? Und wer erkühnt ſich, das vor meinen Augen zu thun?“ „Es geſchieht auf meinen Befehl, Pfadfinder,“ antwortete der Quartiermeiſter;„und ich werde es verantworten. Ihr werdet Euch doch nicht herausnehmen, die Geſetzlichkeit der Befehle, welche ein königlicher Offizier des Königs Soldaten gibt, zu beſtreiten?“⸗ „Ich beſtreite die Worte des Königs, wenn ich ſie aus ſeinem eigenen Mund habe, ſo bald ſie behaupten, daß Jasper eine ſolche Behandlung verdiene. Hat nicht der Junge eben die Skalpe von uns Allen gerettet? uns aus der Noth geriſſen und uns zum Siege verholfen? Nein, nein, Lieutenant; wenn das der erſte Gebrauch iſt, welchen Sie von Ihrem Anſehen machen wollen, ſo werde ich ein für allemal mich dagegen ſtemmen.“ „Das riecht ein wenig nach Inſubordination,“ antwortete Muir;„aber wir laſſen uns viel von Pfadfinder gefallen. Es iſt wahr, daß uns Jasper in dieſer Angelegenheit zu dienen ſchien; wir dürfen aber die Vergangenheit nicht außer Acht laſſen. Hat ihn nicht Major Duncan ſelbſt dem Sergeanten Dunham als ver⸗ dächtig bezeichnet, ehe wir die Garniſon verließen? Haben wir nicht genug mit unſern eigenen Augen geſehen, um überzeugt ſeyn zu dürfen, daß wir verrathen wurden? und iſt es nicht natürlich, und faſt nothwendig, dieſen jungen Menſchen für den Verräther zu halten? Ach, Pfadfinder, Ihr werdet nie ein großer Staatsmann, oder ein großer Feldherr werden, wenn Ihr ſo ſehr dem Schein vertraut. Du lieber Himmel! die Heuchelei iſt ein noch gewöhn⸗ licheres Laſter, als der Neid, der doch der Krebsſchaden der menſch⸗ lichen Natur iſt.“ Kapitän Sanglier zuckte die Achſel; dann blickte er ernſt von Jasper auf den Quartiermeiſter, und von dem Quartiermeiſter wieder auf Jasper zurück. „Ich kümmere mich wenig um Ihren Neid, oder Ihre Heuchelei, oder um Ihre ganze menſchliche Natur, erwiederte Pfadfinder. „Jasper Eau⸗douce iſt mein Freund; Jasper Eau⸗douce iſt ein muthiger Burſche, ein ehrlicher Burſche und ein loyaler Burſche; und Niemand vom Fünfundfünfzigſten ſoll Hand an ihn legen, ſo lange ich es verhindern kann— es ſey denn auf Lundie's eigenen Befehl. Sie mögen meinetwegen Macht über Ihre Soldaten haben; aber Sie haben keine über Jasper oder mich, Herr Muir.“ „Bon!“ rief Sanglier in einem Tone, an deſſen Energie die Kehle und die Naſe in gleicher Weiſe Theil nahm. „Wollt Ihr der Vernunft kein Gehör geben, Pfadfinder? Bedenkt doch unſere Vermuthungen und unſern Argwohn; auch habe ich noch ein weiteres Indiz bereit, das alle andern vermehrt und erſchwert. Betrachtet einmal dieſes Stückchen Segeltuch; dieſes fand Mabel Dunham, und noch obendrein an einem Baumaſt auf unſerer Inſel, kaum eine Stunde, ehe der Feind ſeinen Angriff machte. Wenn Ihr Euch nun die Mühe nehmen wollt, die Länge des Seudwimpels zu betrachten, ſo werdet Ihr ſelbſt ſagen müſſen, ö —=— 5 554 daß dieſer Streifen davon abgeſchnitten iſt. Ein umſtändlicherer, augenſcheinlicherer Beweis iſt nie geliefert worden.“ „Ma foi, c'est un peu trop, ceci,“ murmelte Sanglier zwi⸗ ſchen den Zähnen. „Was ſchwatzen Sie mir da von Wimpeln und Signalen, wenn ich das Herz kenne!“ fuhr Pfadfinder fort.„Jasper hat die Gabe der Ehrlichkeit, und die iſt zu ſelten, um damit ſein Spiel treiben zu dürfen, wie mit dem Gewiſſen eines Mingos. Nein, nein; die Hände weg, oder wir werden ſehen, wer ſich am wackerſten im Kampfe hält— Sie und Ihre Leute vom Fünfundfünßzigſten, oder der Serpent hier, der Hirſchetödter und Jasper mit ſeinen Boots⸗ leuten. Lieutenant Muir, Sie überſchätzen Ihre Macht eben ſo ſehr, als Sie Jaspers Treue zu gering achten.“ „Tres-bon!“ „Nun, wenn ich offen ſprechen muß, Pfadfinder, ſo muß ich's eben thun. Kapitän Sanglier hier und der brave Tuscarora da, haben mir mitgetheilt, daß dieſer unglückſelige Jüngling der Ver⸗ räther iſt. Nach einem ſolchen Zeugniß könnt Ihr mein Recht, ihn zu beſtrafen, ebenſo wenig länger beſtreiten, als die Nothwen⸗ digkeit dieſer Handlung.“ „Scélérat,“ brummte der Franzoſe. „Kapitän Sanglier iſt ein wackerer Soldat, und wird nichts gegen das Benehmen eines ehrlichen Schiffers zu ſagen wiſſen,“ warf Jasper ein.„Iſt ein Verräther hier, Kapitän Kieſelherz?“ „Ja,“ fügte Muir bei,„er ſoll ſich ausſprechen, da Ihr ſelbſt wünſcht, unglücklicher Jüngling, daß die Wahrheit bekannt werde; und ich kann Euch nur wünſchen, daß Ihr mit dem Leben davon, kommen möchtet, wenn ein Kriegsgericht über Eure Verbrechen aburtheilt. Wie iſt es, Kapitän? Sehen Sie einen Verräther unter uns, oder nicht?“ „Oui— ja, Herr— bien süre!“ „Zuviel lügen!“ rief Arrowhead mit einer Donnerſtimme, indem er in haſtiger Bewegung mit ſeinem Handrücken Muirs Bruſt berührte.„Wo meine Krieger?— wo Yengeeſe Skalp? Zu⸗ viel lügen!“ Es fehlte Muir weder an perſönlichem Muth, noch an einem gewiſſen perſönlichen Ehrgefühl. Er nahm die Berührung des Tus⸗ carora, welche nur die unwillkührliche Folge einer raſchen Geberde war, irrigerweiſe für einen Schlag: denn das Gewiſſen erwachte in ihm plötzlich, und mit einem Schritte zurück ſtreckte er die Hand nach einem Gewehr aus. Sein Geſicht war bleich vor Wuth und ſeine Züge drückten die volle Abſicht ſeines Innern aus. Aber Arrowhead war ſchneller, als er. Der Tuscarora warf einen wilden Blick um ſich, griff dann in ſeinen Gürtel, zog ein ver⸗ borgenes Meſſer aus demſelben hervor, und hatte es in einem Augenblick bis ans Heft in den Körper des Quartiermeiſters be⸗ graben. Sanglier nahm, als Muir zu ſeinen Füßen niederſtürzte und ihm mit dem ſtieren Blicke des überraſchten Todes ins Geſicht ſtarrte, eine Priſe Schnupftaback, und ſagte mit ruhiger Stimme:— „Voilà l'affaire finie; mais,“ er zuckte die Achſel,„ce n'est qu'un scélérat de moins.“ Die That war zu raſch geſchehen, um verhindert werden zu können, und als Arrowhead mit einem gellenden Schrei in das Gebüſch enteilte, waren die Weißen zu beſtürzt, um ihm zu folgen. Nur Chingachgook war gefaßter, und die Büſche hatten ſich kaum hinter dem Körper des Tuscarora geſchloſſen, als der des Delawaren ihm in raſcher Verfolgung nachrauſchte. Jasper ſprach geläufig franzöſiſch, und die Worte, wie das Benehmen Sangliers waren ihm daher aufgefallen. „Sprechen Sie, Monsieur, ſagte er engliſch,„bin ich ein Verräther?“ „Le voilà,“ antwortete der kaltblütige Franzoſe,“ das is unſer éspion— unſer agent— unſer Freund— ma— koi— wetait un grand scélérat voici.“ 556 Bei dieſen Worten beugte ſich Sanglier über den todten Körper, und griff mit der Hand in die Taſche des Quartiermeiſters, aus welcher er eine Börſe zog. Als er den Inhalt derſelben auf die Erde leerte, rollten mehrere Doppel⸗Louisd'ors gegen die Sol⸗ daten hin, welche nicht ſäumten, ſie aufzuleſen. Dann warf der Glücksritter die Börſe verächtlich weg, wendete ſich zu der Suppe, welche er mit ſo großer Sorgfalt bereitet hatte, und da er ſte nach ſeinem Geſchmack fand, ſo begann er ſein Frühſtück mit einer Gleichgiltigkeit, um welche ihn der ſtoiſchſte indianiſche Krieger hätte beneiden können. Siebenundzwanzigſtes Kapitel. Die einz'ge unwelkbare Blüth auf Erden Iſt Tugend; und ein Schatz, der nie verſiegt, Die Treue.— Cowper. Ver Leſer möge ſich einige der Begebenheiten, welche dem plötz⸗ lichen Tode des Quartiermeiſters folgten, ſelbſt ausmalen. Während ſein Körper in den Händen der Soldaten war, welche ihn anſtändig bei Seite brachten und mit einem Mantel bedeckten, nahm Chingach⸗ gook ſchweigend wieder ſeinen Platz am Feuer ein, und Sanglier und Pfadſinder bemerkten, daß ein friſcher, noch blutender Skalp an ſeinem Gürtel hing. Niemand machte eine Frage, und der Erſtere, obwohl er vollkommen überzeugt war, daß Arrowhead gefallen ſey, zeigte keine Spur von Neugierde oder Theilnahme. Er aß ruhig ſeine Suppe fort, als ob ſich nichts Ungewöhnliches während der Mahlzeit ereignet hätte. In all dieſem lag etwas von dem Stolze und der angenommenen Gleichgiltigkeit, in welchen er die Indianer nachahmte; doch mochte es noch mehr das Ergebniß eines ſturmvollen Lebens, gewohnter Selbſtbeherrſchung und der Härte ſeines Gemüthes ſeyn. Pfadfinder fühlte etwas anders bei natürliche Schwäche, und er würde Mabel ebenſo gut als irgend der Sache, obgleich er ſich im Aeußern faſt ebenſo benahm. Er liebte Muir nicht, da deſſen glatte Höflichkeit wenig mit ſeinem eigenen freimüthigen und edlen Weſen im Einklang ſtand; aber der unerwartete und gewaltſame Tod deſſelben hatte ihn, obgleich er an ähnliche Scenen gewöhnt war, ergriffen, und das Offenbarwerden ſeines Verrathes mußte ihn überraſchen. Um ſich über die Aus⸗ dehnung des letzteren Gewißheit zu verſchaffen, begann er, ſobald die Leiche entfernt war, den Kapitän über die Sache auszuforſchen, und da dieſer nach dem Tode ſeines Agenten keinen beſondern Grund hatte, ſie geheim zu halten, ſo enthüllte er während des Frühſtücks folgende Umſtände, welche dazu dienen mögen, einige untergeordnete Zwiſchenvorfälle unſerer Erzählung außzuklären. Bald nach dem Außzug des Fünfundfünfzigſten an der Gränze hatte Muir freiwillig dem Feinde ſeine Dienſte angeboten. In ſei⸗ nen Anträgen rühmte er ſich der Freundſchaft mit Lundie, welche ihm Mittel böte, ungewöhnlich genaue und wichtige Mittheilungen zu machen. Seine Bedingungen wurden angenommen; Monſieur Sanglier hielt in der Näͤhe des Forts Oswego mehrere Zuſam⸗ menkünfte mit ihm und brachte einmal eine ganze Nacht verborgen in der Garniſon zu. Arrowhead war der gewöhnliche Communi⸗ cationskanal; der anonyme Brief an Major Duncan wurde von Muir aufgeſetzt, nach Frontenac geſchickt, abgeſchrieben, und durch den Tuscarora zurückgebracht, der eben von dieſer Sendung zu⸗ rückkehrte, als ihn der Seud abfing. Es iſt kaum nöthig, beizu⸗ fügen, daß Jasper geopfert werden ſollte, um den Verrath des Quartiermeiſters zu verhüllen und allen Verdacht zu beſeitigen, daß durch letzteren die Mittheilung der Lage der Inſel an den Feind geſchehen ſey. Eine außerordentliche Belohnung, welche in ſeiner Börſe gefunden wurde, hatte ihn veranlaßt, Sergeant Dun⸗ hams Zug zu begleiten, um die Signale zum Angriff geben zu können. Die Vorliebe Muirs für das andere Geſchlecht war eine 558 eine andere, welche ſich geneigt gezeigt hätte, ſeine Hand anzu⸗ nehmen, geheirathet haben; aber ſeine Bewunderung gegen ſie war großentheils geheuchelt, um einen Vorwand zur Theilnahme an dem Zuge zu haben, ohne ſich bei dem Mißlingen deſſelben einer Verantwortlichkeit auszuſetzen oder Gefahr zu laufen, daß ihm die Begleitung wegen fehlender gewichtiger und hinreichender Gründe abgeſchlagen würde. Hievon war vieles, namentlich der mit Mabel in Verbindung ſtehende Theil, dem Kapitän Sanglier bekannt, und er ermangelte nicht, ſeine Zuhörer in das ganze Geheimniß einzu⸗ weihen, wobei er oft in ſeiner ſarkaſtiſchen Weiſe lachte, als er die verſchiedenen Kunſtgriffe des unglücklichen Quartiermeiſters enthüllte. „Touchez-là,“ ſagte der kaltblütige Parteigänger, und hielt, als er mit ſeinen Erläuterungen zu Ende war, dem Pfadſinder ſeine ſehnige Hand entgegen.„Sie ſeyn honnéte, und das is beaucoup. Wir nehmen den Spion, wie wir nehmen la médecine, für gut, mais je le déteste! touchez-là!“ „Ich nehme Ihre Hand, Kapitän, ja; denn Sie ſind ein ge⸗ ſetzmäßiger, natürlicher Feind,“ erwiederte Pfadfinder,—„und ein mannhafter obendrein; aber der Körper des Quartiermeiſters ſoll nie den engliſchen Boden entehren. Ich hatte im Sinn, ihn zu Lundie zurückzuführen, damit dieſer ſeine Dudelſäcke über ihn pfeifen laſſe; aber er ſoll nun hier liegen, an dem Ort, wo er ſeine Schurkerei geübt, und ſein Verrath ſey ſein Grabſtein. Kapitän Kieſelherz, ich will glauben, daß die Gemeinſchaft mit Verräthern zu den regelmäßigen Dienſtpflichten eines Soldaten gehört; aber ich ſage Ihnen ehrlich, daß ſie mir nicht gefällt, und daß es mir lieber iſt, Sie haben dieſe Sache auf Ihrem Gewiſſen, als ich. Welch ein arger Sünder! Verrath zu ſpinnen, rechts und links, gegen Vaterland, Freunde und Gott! Jasper, Junge, ein Wort beiſeits, nur eine Minute—“ Pfadfinder führte nun den Jüngling auf die Seite, und — 959 indem er ihm, mit Thränen in den Augen, die Hand drückte, fuhr er fort: „Ihr kennt mich, Eau⸗douce, und ich kenne Euch; dieſe Neuigkeiten haben meine Meinung von Euch nicht im Mindeſten geändert. Ich habe ihrem Gerede nie Glauben geſchenkt, obgleich es, ich gebe es zu, eine Minute bedenklich genug ausſah; ja es ſah bedenklich aus und machte auch mich bedenklich. Aber ich hatte keinen Augenblick Argwohn gegen Euch, denn ich weiß, daß Eure Gaben nicht auf dieſem Wege liegen, obſchon ich zugeſtehen muß, daß ich etwas der Art nicht hinter dem Quartiermeiſter geſucht hätte.“ „Und er war ſogar ein Offtzier ſeiner Majeſtät, Pfadfinder!“ „Es iſt nicht ſo wohl deßwegen, Jasper Weſtern, es iſt nicht gerade das. Beſtallung hin, Beſtallung her; er war von Gott beſtellt, recht zu handeln und mit ſeinen Mitgeſchöpfen ehrlich zu Werke zu gehen, und hat ſich ſchrecklich gegen dieſe Pflicht verfehlt.“. „Und dann noch ſeine vorgebliche Liebe zu Mabel, für die er auch nicht das Mindeſte fühlte!“ „Gewiß, das war ſchlecht; der Kerl muß Mingoblut in ſeinen Adern gehabt haben. Ein Menſch, der gegen ein Weib unredlich iſt, kann nur ein Miſchling ſeyn, Junge; denn der Herr hat ſie hilflos geſchaffen, damit wir ihre Liebe durch Güte und Dienſt⸗ leiſtungen gewinnen mögen. Da liegt der arme Mann, der Ser⸗ geant, auf ſeinem Sterbebette; und er hat mich mit ſeiner Tochter verlobt, und Mabel, das liebe Kind, hat ihre Zuſtimmung gegeben. Dieſes läßt mich nun fühlen, daß ich auf die Wohlfahrt Zweier zu denken, für zwei Naturen zu ſorgen und zwei Herzen zu erfreuen habe. Ach, Jasper, es kömmt mir bisweilen vor, ich ſey nicht gut genug für dieſes ſüße Geſchöpf!“ Cau⸗dauce ſchnappte nach Luft, als er zum erſtenmal dieſe Nachricht vernahm, und obgleich es ihm gelang, einige äußere 560 Zeichen ſeines Seelenkampfes zu verbergen, ſo überflog doch ſeine Wangen die Bläſſe des Todes. Er faßte ſich jedoch und antwor⸗ tete nicht nur mit Feſtigkeit, ſondern ſogar mit Kraft:— „Sagt nicht ſo, Pfadfinder; Ihr ſeyd gut genug für eine Königin.“ „Ja, ja, Junge— nach Euern Begriffen von meinen Vor⸗ zügen; das heißt, ich kann einen Hirſch tödten, oder im Nothfall auch einen Mingo, ſo gut, als irgend einer an der Gränze; oder ich kann einen Waldpfad mit ſicherem Auge verfolgen, und in den Sternen leſen, wenn andere das nicht vermögen. Kein Zweifel, kein Zweifel, Mabel wird Wildpret und Fiſche genug haben; aber wird ſie nicht Kenntniſſe, Ideen und eine angenehme Unterhal⸗ tung vermiſſen, wenn das Leben ſich ein wenig langweilig hin⸗ ſchleppt, und jedes von uns ſich in ſeinem wahren Werthe zu zeigen beginnt?“ „Wenn Ihr Euern Werth zeigt, Pfadfinder, ſo muß die größte Dame im Land mit Euch glücklich werden. In dieſer Beziehung habt Ihr keinen Grund, beſorgt zu ſeyn.“ „Nun, Jasper, ich glaube, daß es Euch Ernſt iſt— nein ich weiß es; denn es iſt natürlich und der Freundſchaft gemäß, daß man die, welche man liebt, in einem allzugünſtigen Lichte be⸗ trachtet. Ja, ja, wenn ich Euch heirathen ſollte, Junge, ſo würde ich mir keine Sorge machen, günſtig beurtheilt zu werden, denn Ihr habt Euch immer geneigt gezeigt, mich und meine Handlungen mit wohlwollenden Blicken zu betrachten. Aber ein junges Mädchen muß im Grunde doch wünſchen, einen Mann zu kriegen, der ihrem eigenen Alter und ihrer Denkweiſe näher ſteht, als einer, der ſeinen Jahren nach ihr Vater ſeyn könnte, und roh genug iſt, um ihr Furcht einzujagen. Es nimmt mich Wunder, Jasper, daß Mabel nicht lieber ein Auge auf Euch geworfen hat, ſtatt mir ihre Nei⸗ gung zuzuwenden.“. „Ein Auge auf mich werfen, Pfadfinder?“ erwiederte der 2 ͤ—:— junge Mann, indem er die Bewegung in ſeiner Stimme zu verbergen ſuchte.„Was könnte an mir wohl einem Mädchen, wie Mabel Dunham iſt, gefallen? Ich habe alle die Mängel, welche Ihr an Euch ſelbſt findet, und nichts von den Vorzügen, welche Euch ſogar die Achtung von Generalen gewonnen haben.“ „Nun, nun, es iſt alles Zufall, ſage man, was man wolle. Ich habe ein Frauenzimmer nach dem andern durch die Waͤlder ge⸗ führt, und mit ihnen in der Garniſon verkehrt, ohne gegen irgend Eine Zuneigung zu empfinden, bis ich Mabel Dunham ſah. Es iſt wahr, der arme Sergeant hat zuerſt meine Gedanken auf ſeine Tochter gelenkt, aber als wir ein wenig bekannt wurden, bedurfte es nicht vieler Worte, um mich Tag und Nacht an ſie denken zu machen. Ich bin zähe, Jasper, ich bin ſehr zähe und entſchloſſen genug, wie ihr alle wißt, und doch glaube ich, es würde mich erdrücken, wenn ich jetzt Mabel Dunham verlieren müßte.“ „Wir wollen nicht mehr davon reden, Pfadfinder,“ ſagte Jasper, indem er den Häudedruck ſeines Freundes erwiederte und ſich wieder dem Feuer zukehrte, obgleich das Letztere nur langſam und in der Weiſe eines Menſchen geſchah, dem es gleichgültig iſt, wohin er geht;—„wir wollen nicht mehr davon reden. Ihr ſeyd Mabels, und Mabel iſt Eurer würdig— Ihr liebt Mabel, und Mabel liebt Euch— Ihr Vatex hat Euch zu ihrem Gatten be⸗ ſtimmt, und Niemand hat das Recht, ſich darein zu legen. Was aber den Quartiermeiſter anbelangt, ſo war ſeine geheuchelte Liebe gegen Mabel ein noch weit ſchlechterer Streich, als ſein Verrath gegen den König.“ Mittlerweile waren ſie dem Feuer ſo nahe gekommen, daß es nöthig wurde, den Gegenſtand der Unterhaltung zu wechſeln. Zum Glück erſchien in dieſem Augenblick Cap, der in dem Blockhaus ſeinem ſterbenden Schwager Geſellſchaft geleiſtet, und von den Vorgängen ſeit der Capitulation nichts erſahren hatte, mit ernſtem und traurigem Blicke unter der Geſellſchaft. Ein großer Theil Der Pfadfinder. 3. Aufl. 36 jenes abſprechenden Weſens, welches ſelbſt ſeinem gewöhnlichen Be⸗ nehmen den Anſchein gab, als ob er alles um ſich her verachte, war verſchwunden, und ſein Aeußeres erſchien gedankenvoll, wenn nicht gedrückt. „Der Tod, meine Herren,“ begann er, als er nahe genug ge⸗ kommen war,„iſt, von der beſten Seite betrachtet, ein trauriges Ding. Da iſt nun Sergeant Dunham— ohne Zweifel ein ſehr guter Soldat— im Begriff, ſein Kabel laufen zu laſſen, und doch hält er ſich an dem beſſeren Ende deſſelben, als ob er entſchloſſen ſey, es für immer in der Klüſe zurückzuhalten— und das nur aus Liebe zu ſeiner Tochter, wie mir ſcheint. Was mich anbelangt, ſo wüuſche ich ſtets, wenn ein Freund in die Nothwendigkeit verſetzt wird, eine lange Reiſe anzutreten, daß er gut und glücklich fortkömmt.“ „Ihr werdet doch den Sergeanten nicht vor ſeiner Zeit unter der Erde haben wollen?“ antwortete Pfadfinder vorwurfsvoll. „Das Leben iſt ſüß, auch für den Betagten, und ich habe in dieſer⸗ Hinſicht Leute gekannt, welchen es am theuerſten zu ſeyn ſchien, wo es gerade am wenigſten Werth mehr hatte.“ Nichts war Caps Gedanken ferner geweſen, als der Wunſch, ſeines Schwagers Ende beſchleunigt zu ſehen. Er fühlte ſich durch die Pflicht, die letzten Stunden des Sterbenden zu erleichtern, in Verlegenheit geſetzt und wollte einfach blos ſeine Sehnſucht aus⸗ drücken, daß der Sergeant glücklich aller Zweifel und Leiden enthoben ſeyn möchte. Die falſche Deutung ſeiner Worte berührte ihn da⸗ her etwas unangenehm, und er erwiederte mit einem Anflug ſeiner eigenthümlichen Rauheit, obgleich ihm ſein Gewiſſen den Vorwurf machte, daß er ſeinen eigenen Wünſchen kein Genüge geleiſtet habe:— „Ihr ſeyd zu alt und zu verſtändig, Pfadfinder,“ ſagte er,„Je⸗ manden mit einer Welle einzuholen, wenn er, ſo zu ſagen, ſeine Gedanken auf eine trübſelige Weiſe auskramt. Sergeant Dunham iſt mein Schwager und mein Freund— das heißt ein ſo inniger Freund, als ein Soldat gegen einen Seemann ſeyn kann— und ich achte und ehre ihn demgemäß. Ich zweifle übrigens nicht, daß er gelebt hat, wie es einem Manne ziemt, und es kann daher nichts Un⸗ rechtes in dem Wunſche liegen, daß einem im Himmel gut gebettet ſeyn möge. Nun, ſelbſt die Beſten von uns müſſen ſterben, Ihr werdet's mir nicht in Abrede ziehen; und das mag uns zur Lehre dienen, damit wir uns unſerer Fülle und Kraſt nicht überheben. Wo iſt der Quartiermeiſter, Pfadfinder? Es wäre in der Ordnung, wenn er dem armen Sergeanten noch ein Lebewohl ſagte, der uns nur um ein Kleines vorangeht.“ „Ihr habt wahrer geſprochen, Meiſter Cap, als Ihr derzeit ſelbſt wißt; das darf uns jedoch nicht Wunder nehmen, denn der Meaenſch ſagt zu Zeiten oft beißende Wahrheiten, wo er es am wenigſten beabſichtigt. Demungeachtet könnt Ihr aber noch weiter gehen und ſagen, daß auch die ſchlechteſten von uns ſterben müſſen, was ebenfalls ganz richtig iſt, und eine noch heilſamere Wahrheit enthält, als wenn man ſagt, daß auch die Beſten ſterblich ſeyen. Was des Quartiermeiſters Abſchied von dem Sergeanten betrifft, ſo kann davon keine Rede ſeyn, denn Ihr werdet ſehen, daß er vorangegangen iſt, und zwar ohne daß ihm ſelbſt oder irgend einem Andern ſeine Abreiſe angekündigt worden wäre.“ „Ihr ſprecht Euch nicht ſo ganz deutlich aus, wie Ihr ſonſt zu thun pflegt, Pfadfinder. Ich weiß, daß wir alle bei ſolchen Gelegenheiten ernſtere Gedanken faſſen ſollten; aber ich ſehe nicht ein, was es für einen Nutzen hat, in Parabeln zu reden.“ „Wenn meine Worte nicht klar ſind, ſo iſt's doch der Gedanke. Kurz, Meiſter Cap— während ſich Sergeant Dunham zu einer langen Reiſe vorbereitet, langſam und bedächtlich wie es einem ge⸗ wiſſenhaften, ehrlichen Manne ziemt, ſo iſt der Quartiermeiſter vor ihm, in aller Haſt abgefahren, und obgleich es eine Sache iſt, über die mir ein beſtimmter Ausſpruch nicht zuſteht, ſo muß ich doch die Vermuthung äußern, daß die Beiden zu verſchiedene Wege gehen, um ſich je wieder zu treffen.“ 564 „Erklärt Euch deutlicher, mein Freund,“ ſagte der verwirrte Seemann und ſah ſich nach Muir um, deſſen Abweſenheit anfing ihm verdächtig zu werden.„Ich ſehe nichts von dem Quartier⸗ meiſter, aber ich halte ihn doch nicht für feige genug, um jetzt, da der Sieg errungen iſt, davon zu laufen. Wenn der Kampf erſt anfinge, ſtatt daß wir jetzt in ſeinem Kielwaſſer ſind, ſo möchte das freilich die Sache ändern.“ „Alles, was von ihm übrig iſt, liegt unter jenem Mantel dort,“ erwiederte der Wegweiſer und erzählte dann in kurzen Wor⸗ ten die Geſchichte von dem Tode des Lieutenants. „Der Stich des Tuscarora war ſo giftig, wie der der Klapperſchlange, obgleich ihm das Warnungszeichen ſehlte,“ fuhr Pfadfinder fort.„Ich habe manchen verzweifelten Kampf und viele ſolche plötzlichen Ausbrüche wilden Temperaments geſehen, aber nie kam es mir vor, daß eine Seele ſo unerwartet oder in einem für die Hoffnungen eines Sterbenden ſo ungünſtigen Augen⸗ blicke ihren Koöͤrper verließ. Sein Athem ſtockte mit einer Lüge auf den Lippen und ſein Geiſt entſchwand, ſo zu ſagen, in der Gluthitze der Verworfenheit.“ Cap horchte mit offenem Munde auf und ließ zwei oder drei gewaltige Hems vernehmen, als ober ſeinem eigenen Athem nicht traute. „Ihr führt ein unſicheres und unbequemes Leben hier zwiſchen dem Friſchwaſſer und den Wilden, Meiſter Pfadfinder,“ ſagte er; „und je früher ich es in meinen Rücken kriege, eine deſto beſſere Meinung werde ich von mir ſelber hegen. Nun, Ihr habt der Sache erwähnt, und ſo muß ich denn auch ſagen, daß der Mann, als der Feind zuerſt auf uns abhielt, mit einer Art Inſtinkt nach dem Felſenneſte eilte, der mich an einem Offizier überraſchte; aber ich folgte ihm in zu großer Haſt, um mir die ganze Sache zurecht zu legen.— Gott ſey mit uns! Gott ſey mit uns! Ein Verräther, ſagt Ihr, und bereit, ſein Vaterland zu verkaufen, und noch oben⸗ drein an einen ſchuftigen Franzoſen?“ 4 1₰ d— 565 „Alles zu verkaufen, Vaterland, Seele, Leib, Mabel und alle unſere Skalpe; und ich wette, er nahm es nicht genau damit, wer der Käufer ſey. Dießmal waren die Landsleute des Kapitän Kieſel⸗ herz die Zahlmeiſter.“ „Das ſieht ihnen ganz gleich; immer bereit, zu kaufen, wenn ſie nicht zuſchlagen können, und wenn Keines von Beiden angeht, davon zu laufen.“ Monſieur Sanglier lüpfte ſeine Mütze mit ſpöttiſchem Ernſt und erkannte das Compliment mit einem Ausdruck höflicher Ver⸗ achtung an, der jedoch bei einem ſo ſtumpfſinnigen Gegner verloren ging. Aber Pfadfinder hatte zu viel angeborne Artigkeit und zu viel Gerechtigkeitsſinn, um den Angriff unbeachtet vorübergehen zu laſſen. „Nun, nun,“ warf er ein,„ich finde da im Grunde keinen großen Unterſchied zwiſchen einem Engländer und einem Franzoſen. Ich gebe zwar zu, ſte ſprechen eine verſchiedene Sprache und leben unter verſchiedenen Königen; aber Beide ſind Menſchen und fühlen wie Menſchen, wenn ſich eine Gelegenheit dazu bietet. Wenn der Franzoſe bisweilen ſcheu iſt, ſo iſt es der Engländer auch, und was das Davonlaufen anbelangt— ei, das wird ein Menſch hin und wieder eben ſo gut thun, als ein Pferd, mag er von was immer für einem Volke ſeyn.“ Kapitän Kieſelherz, wie ihn Pfadfinder nannte, verbeugte ſich wieder; aber dießmal war ſein Lächeln freundlich und nicht ſpöttiſch, denn er fühlte, daß die Abſicht gut war, mochte auch die Art, wie ſie ausgedrückt wurde, ſeyn, welche ſie wollte. Da er aber zu ſehr Philoſoph war, um, was ein Mann wie Cap dachte oder ſagte, zu beachten, ſo vollendete er ſein Frühſtück, ohne ſeine Aufmerk⸗ ſamkeit wieder von dieſem wichtigen Geſchäfte ablenken zu laſſen. „Ich bin hauptſächlich wegen des Quartiermeiſters hergekom⸗ men,“ fuhr Cap fort, nachdem er das Benehmen des Gefangenen eine Weile betrachtet hatte.„Der Sergeant muß ſeinem Ende 566 nahe ſeyn, und ich vermuthete, er könnte wünſchen, ſeinem Amts⸗ nachfolger noch etwas vor ſeinem Hingang mitzutheilen. Es iſt aber zu ſpät, wie es ſcheint; und wie ihr ſagt, Pfadfinder, iſt der Lieutenant in Wirklichkeit ihm vorausgegangen.“ „Das iſt er, ja— obgleich auf einem ganz anderen Pfade. Was das Amt anbelangt, ſo hat jetzt, glaube ich, der Corporal ein Recht auf das Commando der noch übrigen, kleinen, geplackten — um nicht zu ſagen geſchreckten— Mannſchaft des Fünfundfünf⸗ zigſten. Doch wenn etwas gethan werden muß, ſo iſt große Wahrſcheinlichkeit vorhanden, daß ich dazu berufen bin. Ich denke aber, wir haben nur unſere Todten zu begraben und das Block⸗ haus mit den Hütten in Brand zu ſtecken, da ſie ſich wenigſtens ihrer Lage, wenn auch nicht dem Rechte nach auf dem feindlichen Gebiete befinden und nicht zum Dienſte des Feindes ſtehen bleiben dürfen. Wir werden ſie ohne Zweifel nicht wieder benützen, denn da die Franzoſen die Inſel aufzufinden wiſſen, ſo hieße das mit offenen Augen in eine Wolfsfalle greifen. Für dieſen Theil unſrer Verrichtung will ich mit Serpent ſorgen, denn wir ſind ſowohl im Rückzug, als im Angriff geübt.“ „Alles das iſt ganz recht, mein guter Freund; aber was mei⸗ nen armen Schwager anbelangt— obgleich er ein Soldat iſt— ſo können wir ihn, nach meiner Anſicht, doch nicht ohne ein Wort des Troſtes und ohne Lebewohl hinüber gehen laſſen. Es iſt in jeder Hinſicht ein unglückſeliger Handel geweſen, obgleich ſich ein ſolches Ende vorausſehen ließ, wenn man die Zeitverhältniſſe und die Beſchaffenheit dieſer Schifffahrt ins Auge faßt. Doch, wir müſſen's uns gefallen laſſen und wollen nun den Verſuch machen, dem würdigen Mann vom Ankergrunde wegzuhelfen, ohne ſeine Gienen allzuſehr anzuſpannen. Der Tod iſt im Grunde eben ein Umſtand, Meiſter Pfadfinder, und zwar ein Umſtand von ſehr all⸗ gemeinem Charakter, da wir Alle früher oder ſpäter ihm folgen müſſen.“ — — NKE& 8&ᷣ A ———— — „Ihr habt Recht, Ihr habt Recht; ich halte es daher für weiſe, immer bereit zu ſeyn. Ich habe oft gedacht, Salzwaſſer, daß derjenige der Glücklichſte ſey, welcher am wenigſten zurückzu⸗ laſſen hat, wenn die Mahnung an ihn ergeht. So bin ich zum Beiſpiel ein Jäger, Kundſchafter und Wegweiſer, und obgleich ich keinen Fuß breit Erde mein eigen nennen kann, ſo bin ich doch froher und reicher, als der große Albany⸗Patron. Der Himmel über meinem Haupte, um mich an die letzte große Jagd zu er⸗ innern, und die dürren Blätter unter meinem Fuße, ſchreite ich über die Erde hin, als ob ich ihr Herr und Beſitzer ſey; und was bedarf das Herz weiter? Ich will damit nicht ſagen, daß ich nichts liebe, was der Erde angehört; denn wie wenig es auch ſeyn mag, Mabel Dunham ausgenommen, ſo iſt mir doch Manches theuer, was ich nicht mit mir nehmen kann. Ich habe einige Hunde auf dem obern Fort, die ich ſehr werth halte, obgleich ſie für die Kriegszüge zu laut und deshalb vor der Hand von mir getrennt ſind; dann würde es mich, glaube ich, ſchwer ankommen, von dem Hirſchetödter zu ſcheiden; aber ich ſehe nicht ein, warum man ihn nicht mit mir ſollte begraben können, da wir Beide auf eine Haarsbreite die gleiche Länge— nämlich ſechs Fuß— haben; doch außer dieſem und einer Pfeife, welche mir der Serpent gab, und einigen Andenken, welche ich von Reiſenden erhielt, was man Alles in eine Taſche ſtecken und unter meinen Kopf legen kann— wenn die Reihe an mich kömmt, bin ich zu jeder Minute bereit: — und laßt Euch ſagen, Meiſter Cap, das iſt ſo etwas, was ich auch einen Umſtand nenne.“ „Gerade ſo geht es mir,“ entgegnete der Seemann, während Beide dem Blockhauſe zugingen, dabei aber zu ſehr mit ihren eigenen moraliſchen Betrachtungen beſchäftigt waren, um in dieſem Augenblicke des traurigen Auftritts zu gedenken, der ihnen bevor⸗ ſtand;—„das iſt ganz meine Gefühls⸗ und Denkweiſe. Wie oft iſt mir, wenn ich nahe am Scheitern war, der Gedanke zum 568 Troſt geworden, daß das Fahrzeug nicht mein Eigenthum ſey. Ich ſagte dann oft zu mir ſelbſt, wenn es untergeht, je nun— ſo geht mein Leben mit verloren, aber nicht mein Eigenthum, und darin liegt eine große Beruhigung. Ich habe auf meinen Reiſen durch alle Weltgegenden, vom Cap Horn bis zum Nordcap, von der Fahrt auf dieſem Friſchwaſſerſtreifen gar nicht zu reden, die Entdeckung gemacht: ein Mann, der einige Dollars beſitzt und ſie im Kaſten unter Schloß und Riegel verwahrt, darf ſicher ſeyn, daß er ſein Herz in derſelben Truhe mit eingeſchloſſen hat; und ſo trage ich faſt Alles, was ich mein eigen nennen darf, in einem Gürtel um meinen Leib herum, damit ich ſagen kann, Alles zum Leben Dienliche ſey an der rechten Stelle. Gott v— mich, Pfad⸗ finder, wenn ich einen Menſchen, der kein Herz hat, für beſſer halte, als einen Fiſch mit einem Loch in ſeiner Schwimmblaſe.“ „Ich weiß nicht, wie ſich das verhält, Meiſter Cap; aber verlaßt Euch drauf, ein Menſch ohne Gewiſſen iſt nur ein armes Geſchöpf, wie jeder zugeben wird, der mit den Mingos zu thun gehabt hat. Ich kümmere mich wenig um Dollars oder anderes Geld, wie man es in dieſer Weltgegend münzt; aber ich kann, dem⸗ nach, was ich bei andern geſehen habe, leicht glauben, daß man von einem Menſchen, welcher ſeinen Kaſten damit angefüllt hat, ſagen muß, er verſchließe ſein Herz mit in dieſelbe Kiſte. Ich war einmal während des letzten Friedens zwei Sommer auf der Jagd, wo ich ſo viel Pelzwerk ſammelte, daß ich endlich fand, die Begierde nach Beſitz erſticke meine beſten Gefühle; und ich fürchte, wenn ich Mabel heirathe, möchte mich die Gier nach ſolchen Dingen wieder übermannen, damit ich ihr das Leben behaglicher machen könne.“ „Ihr ſeyd ein Philoſoph, Pfadfinder, das iſt klar, und ich glaube, daß Ihr auch ein Chriſt ſeyd.“ „Ich dürfte nicht gut auf den Mann zu ſprechen ſeyn, der mir das letztere in Abrede zöge, Meiſter Cap. Ich bin allerdings nicht von den Herrenhutern bekehrt worden, wie ſo viele von den —— Delawaren, aber ich halte es mit dem Chriſtenthum und den weißen Gaben. Ich habe eben ſo wenig Vertrauen zu einem weißen Mann, der kein Chriſt iſt, als zu einer Rothhaut, welche nicht an ihre glücklichen Jagdgründe glaubt. In der That, wenn man einige Verſchiedenheiten in den Ueberlieferungen und einige Abän⸗ derungen über die Art, wie ſich der menſchliche Geiſt nach dem Tode beſchäftigt, abrechnet, ſo halte ich einen guten Delawaren für einen guten Chriſten, wenn er auch nie einen Herrenhuter ſah, und einen guten Chriſten, was die Natur anbelangt, für einen guten Delawaren. Der Serpent und ich, wir ſprechen oft über dieſe Gegenſtände, denn er hat ein großes Verlangen nach dem Chriſtenthume—“ „Den Teufel hat er!“ unterbrach ihn Cap.„Was will er denn in der Kirche mit all den Skalpen anfangen, die er nimmt?“ „Rennt nicht mit einer falſchen Idee durch, Freund Cap; rennt nicht mit einer falſchen Idee durch. Dieſe Dinge gehen nicht tiefer, als die Haut iſt, und hängen von der Erziehung und den natürlichen Gaben ab. Betrachtet die Menſchen um Euch her, und ſagt mir, warum Ihr hier einen rothen Krieger, dort einen ſchwarzen, an andern Orten Heere von weißen ſeht? Alles dieſes und noch viel mehr derartiges, was ich namhaft machen könnte, iſt zu beſondern Zwecken ſo eingerichtet, und es ziemt uns nicht, Thatſachen zu widerſprechen und die Wahrheit in Abrede zu ziehen. Nein, nein— jede Farbe hat ihre Gaben, ihre Geſetze und ihre Ueberlieferungen, und keine darf die andere verdammen, weil ſie ſie nicht ganz begreifen kann.“ „Ihr müßt viel geleſen haben, Pfadfinder, daß Ihr in dieſen Dingen ſo deutlich ſeht;“ erwiederte Cap, den das einfache Glau⸗ bensbekenntniß ſeines Gefährten nicht wenig geheimnißvoll anſprach. „Es iſt mir jetzt Alles ſo klar, wie der Tag, obgleich ich ſagen muß, daß mir ſolche Anſichten noch nie zu Ohren gekommen ſind. Wie heißen die, zu denen ihr gehört, mein Freund?“ „Wie?“ „Zu welcher Sekte haltet Ihr Euch? Welcher beſondern Kirche gehört Ihr an?“ „Seht um Euch, und urtheilt ſelbſt. Ich bin gegenwärtig in meiner Kirche, ich eſſe in der Kirche, ich trinke in der Kirche und ſchlafe in der Kirche. Die Erde iſt der Tempel des Herrn, und ich hoffe demüthig, daß ich ihm ſtündlich, täglich und ohne Unterlaß diene. Nein, nein,— ich will weder mein Blut noch meine Farbe verläugnen; ich bin als Chriſt geboren, und will in dieſem Glauben ſterben. Die Herrenhuter haben mir hart zugeſetzt, und einer von des Königs Geiſtlichen hat mir auch ſein Sprüchlein geſagt, ob⸗ gleich das nicht gerade die Leute ſind, welche ſich mit derartigen Dingen beſondere Mühe geben; außerdem ſprach noch ein Miſſionär aus Rom viel mit mir, als ich ihn während des letzten Friedens durch die Wälder geleitete. Aber ich hatte für Alle nur eine Ant⸗ wort: ich bin bereits ein Chriſt, und brauche weder ein Herren⸗ huter, noch ein Hochkirchlicher, noch ein Papiſt zu ſeyn. Nein, nein, ich will meine Geburt und mein Blut nicht verläugnen.“ „Ich denke, ein Wort von Euch könnte den Sergeanten leichter über die Untiefen des Todes wegbringen, Meiſter Pfadfinder. Er hat Niemand um ſich, als die arme Mabel, und die iſt, obgleich ſeine Tochter, doch nur ein Mädchen und im Grunde noch ein Kind, wie Ihr ſelber wißt.“ „Mabel iſt ſchwach an Körper, Freund Cap, aber ich glaube, daß ſie in derartigen Dingen ſtärker iſt, als die meiſten Männer. Doch Ser⸗ geant Dunham iſt mein Freund; er iſt Euer Schwager— und ſo wird es, da der Drang des Kampfes und die Wahrung unſerer Rechte vorüber iſt, geeignet ſeyn, daß wir beide zu ihm gehen und Zeugen ſeines Hingan⸗ ges ſind.— Ich bin bei manchem Sterbenden geweſen, Meiſter Cap,“ fuhr Pfadfinder fort, der ſehr geneigt war, ſich über Gegenſtände aus ſeiner Erfahrung weitläufig auszuſprechen, wobei er anhielt und ſeinen Gefährten am Rockknopf faßte,„ich ſtand ſchon manchem Sterbenden zur Seite und hörte ſeinen letzten Athemzug; denn wenn das Getümmel der Schlacht vorüber iſt, ſo muß man der Un⸗ glücklichen gedenken, und es iſt merkwürdig zu ſehen, wie verſchieden ſich die Gefühle der menſchlichen Natur in einem ſolchen feierlichen Augenblicke ausſprechen. Einige gehen dieſen Weg ſo ſtumpf und dumm, als ob ſie von Gott keine Vernunft und kein Gewiſſen erhalten hätten, indeß Andere uns freudig verlaſſen, als ob ſie einer ſchweren Bürde los würden. Ich glaube, daß der Geiſt in ſolchen Augenblicken helle ſieht, mein Freund, und daß die Thaten der Vergangenheit lebhaft in der Erinnerung auftauchen.“ „Ich wette, es iſt ſo, Pfadfinder. Ich habe ſelbſt etwas der Art bemerkt, und hoffe, dadurch nicht ſchlimmer geworden zu ſeyn. Ich erinnere mich, daß ich einmal glaubte, mein Stündlein ſey gekommen, und da überholte ich das Log mit einem Fleiße, deſſen ich mich bis zu jenem Augenblick nie für fähig gehalten hätte. Ich bin kein beſonders großer Sünder geweſen, Freund Pfadfinder, das heißt— nie in einem großen Maaßſtabe, obgleich ich der Wahrheit zu Ehren ſagen muß, daß eine beträchtliche Rechnung kleiner Dinge gegen mich ſo gut als gegen einen Andern aufgebracht werden könnte; aber nie habe ich Seeräuberei, Hochverrath, Mord⸗ brennerei oder etwas der Art begangen. Was das Schmuggeln und Aehnliches anbelangt— ei, ich bin ein Seemann, und ich denke, jeder Stand hat ſeine ſchwachen Seiten. Ich wette, Euer Gewerbe iſt auch nicht ſo ganz tadelfrei, ſo ehrbar und nützlich es auch ausſehen mag?“ „Viele von den Kundſchaftern und Wegweiſern ſind ausgemachte Schurken, und einige laſſen ſich, wie der Quartiermeiſter hier, von beiden Seiten bezahlen. Ich hoffe, ich bin keiner von dieſen, ob⸗ gleich alle Beſchäftigungen ihre Verſuchungen haben. Ich bin dreimal in meinem Leben ernſtlich geprüft worden, und einmal gab ich ein wenig nach, wenn es ſich ſchon nicht um einen Gegenſtand handelte, der meiner Anſicht nach das Gewiſſen eines Mannes in 572 ſeiner letzten Stunde beunruhigen könnte. Das erſtemal war es, als ich in den Wäldern ein Pack Felle fand, von denen ich wußte, daß ſie einem Franzoſen gehörten, der auf unſerer Seite, wo er eigentlich nichts zu thun hatte, auf der Jagd war— ſechsund⸗ zwanzig ſo ſchöne Biberhäute, als nur je eine das menſchliche Auge erfreute. Nun, das war eine ſchwere Anfechtung, denn ich glaubte, ich hätte faſt ein Recht daran, obgleich es damals Friede war. Dann erinnerte ich mich aber, daß ſolche Geſetze nicht für uns Jäger gemacht ſeyen, und es kam mir der Gedanke, daß der Mann vielleicht große Erwartungen für den nächſten Winter auf das aus den Fellen gelöste Geld baute; und ich ließ ſie, wo ſie lagen. Die meiſten von unſern Leuten ſagten zwar, ich hätte Unrecht gethan; aber die Art, wie ich die Nacht darauf ſchlief, überzeugte mich von dem Gegentheil. Die andere Anfechtung betraf eine Büchſe, welche ich gefunden hatte, die einzige in dieſem Welttheil, die ſich an Sicherheit mit dem Hirſchetödter vergleichen läßt. Wenn ich ſte nahm und verſteckte, ſo wußte ich gewiß, daß mir kein „Schütze an der ganzen Gränze mehr die Spitze zu bieten ver⸗ mochte. Ich war damals jung und keineswegs ſo geübt, als ich es ſeitdem geworden bin— und die Jugend iſt ehrgeizig und hoch⸗ ſtrebend: aber, Gott ſey Dank, ich habe dieſes Gefühl bemeiſtert, und, Freund Cap, was faſt eben ſo gut iſt— ich bemeiſterte ſpäter meinen Nebenbuhler in einem ſo ſchönen Wettſchießen, als nur je eines in der Garniſon abgehalten wurde, er mit ſeiner Büchſe, ich mit dem Hirſchetödter,— und noch dazu in der Gegen⸗ wart des Generals!“ Hier hielt der Pfadfinder an und lachte; in ſeinem Auge ſtrahlte die Luſt der Erinnerung, und eine Siegesfreude umzog ſeine ſonnverbrannten, braunen Wangen.„Nun, der dritte Kampf mit dem Teufel war der ſchwerſte von allen; ich ſtieß plötzlich auf ein Lager von ſechs Mingos, welche in den Wäldern ſchliefen und ihre Gewehre und Pulverhörner auf eine Stelle gehäuft hatten, ſo daß ———„„— ich mich derſelben, ohne einen von den Schuften zu wecken, be⸗ mächtigen konnte. Was wäre das für eine Gelegenheit für den Serpent geweſen, einen nach dem andern mit ſeinem Meſſer abzu⸗ thun, und die Sklape faſt in kürzerer Zeit an ſeinem Gürtel zu haben, als ich zur Erzählung der Geſchichte brauche. O, er iſt ein wackerer Krieger, dieſer Chingachgook, ſo ehrlich als tapfer, und ſo gut als ehrlich.“ „Und was habt Ihr in dieſer Sache gethan, Meiſter Pfad⸗ finder?“ fragte Cap, der auf den Ausgang begierig wurde;„es ſcheint mir, Ihr habt entweder ein ſehr gutes oder ein ſehr ſchlim⸗ mes Land angethan?“ „Es war gut und ſchlimm, wie Ihr es nehmen wollt;— ſchlimm, weil die Verſuchung eine verzweifelte war, und, wenn man alle Umſtände betrachtet, am Ende doch gut. Ich berührte kein Haar ihres Hauptes, denn es gehört nicht zu den Gaben eines weißen Mannes, Skalpe zu nehmen, und bemächtigte mich nicht einer einzigen ihrer Büchſen. Ich traute mir ſelbſt nicht, da ich wohl wußte, daß die Mingos nicht meine Lieblinge ſind.“ „Was die Skalpe anbelangt, ſo habt Ihr wohl recht gethan, mein würdiger Freund; aber Waffen und Munition würde Euch jedes Priſengericht in der Chriſtenheit zugeſprochen haben.“ „Das iſt wohl richtig; aber dann würden die Mingos frei ausgegangen ſeyn, denn ein weißer Mann kann einen unbewaffneten Feind, eben ſo wenig, als einen Schlafenden angreifen. Nein, nein, ich ließ mir, meiner Farbe und auch meiner Religion mehr Ge⸗ rechtigkeit widerfahren. Ich wartete, bis ſie ausgeſchlafen hatten und wieder auf ihrem Kriegspfad waren, und pfefferte dann die Hallunken tüchtig von hinten und von der Seite, ſo daß nur einer davon in ſein Dorf zurückkam, und auch dieſer erreichte ſein Wig⸗ wam hinkend. Glücklicher Weiſe war der große Delaware, wie ſich ſpäter zeigte, nur zurückgeblieben, um einem Stück Wild nach⸗ zugehen, und folgte meiner Fährte; als er wieder zu mir traf, 574 hingen die Skalpe der fünf Schurken an der Stelle, wo ſie hin gehörten, und ſo— ſeht Ihr— war bei dieſer Handlungsweiſe nichts verloren, weder was die Ehre, noch was den Vortheil anbelangt.“ Cap grunzte Beifall, obgleich man geſtehen muß, daß ihm die Unterſcheidungen in der Moral ſeines Gefährten nicht ſo ganz klar vorkamen. Beide waren während ihrer Unterhaltung auf das Blockhaus zugegangen und gelegenheitlich wieder ſtehen geblieben, je nachdem ihnen ein Gegenſtand von mehr als gewöhnlichem Intereſſe Halt gebot. Jetzt befanden ſie ſich aber ſo nahe an dem Gebäude, daß keiner daran dachte, das Geſpräch weiter zu ver⸗ folgen, und jeder bereitete ſich zu dem letzten Abſchiede von dem Sergeanten vor. Achtundzwanzigſtes Kapitel. Beeistes Feld, du meines Lebens Bild! Wie heiter blickteſt du im jungen Lenze; Wie duftete die Sommerluft ſo mild Im zarten Hauche deiner Lilienkränze. Es iſt dahin— im Winterſturm verflogen— Das Feſtgewand, das jüngſt dich noch umzogen. Spenſer. Obgleich der Soldat im Getümmel der Schlacht die Gefahr und ſelbſt den Tod mit Gleichmuth betrachtet, ſo bringt doch, wenn ſich der Hingang der Seele verzögert und Augenblicke der Ruhe und Betrachtung eintreten, der Wechſel gewöhnlich ernſtere Ge⸗ danken, Reue über die Vergangenheit, Zweifel und Ahnungen über die Zukunft mit ſich. Mancher iſt ſchon mit dem Ausdrucke des Hel⸗ denmuths auf ſeinen Lippen heimgegangen, während ſein Herz ſchwer und troſtlos war; denn wie verſchieden auch unſere Glaubensbe⸗ kenntniſſe ſeyn mögen; ob unſer Hoffen auf der Vermittelung — —.— Chriſti, auf den Verheißungen Mahomeds, oder auf irgend einer andern ausgebildeten Allegorie des Oſtens beruhe— es gibt nur eine, allen Menſchen gemeinſame Ueberzeugung, daß nämlich der Tod nur eine Uebergangsſtufe von dieſem zu einem höheren Leben ſey. Sergeant Dunham war ein tapferer Mann; aber er ſtand im Begriff, einem Lande entgegen zu gehen, in welchem ihm Ent⸗ ſchloſſenheit nichts nützen konnte; und da er ſich immer mehr und mehr von der Erde losgeriſſen fühlte, ſo nahmen ſeine Gedanken und Betrachtungen die für ſeine Lage paſſende Richtung; denn wenn es wahr iſt, daß der Tod Alles gleich macht, ſo iſt nichts wahrer, als daß er Alle zu denſelben Anſichten von der Eitelkeit des Lebens zurückführt. Pfadfinder war zwar ein Mann von ſonderbaren und eigen⸗ thümlichen Gewohnheiten und Meinungen, aber auch zugleich nach⸗ denkſam und geneigt, Alles um ſich mit einem gewiſſen Anſtrich von Philoſophie und Ernſt zu betrachten. Die Scene im Blockhaus erweckte daher in ihm nicht gerade neue Gefühle. Anders war es jedoch mit Cap. Rauh, eigenſinnig, abſprechend und heftig, war der alte Seemann wenig gewöhnt, ſelbſt auf den Tod mit jenem Ernſte zu blicken, den die Wichtigkeit eines ſolchen Augenblicks fordert: und ungeachtet alles deſſen, was vorgegangen, und trotz der Achtung, welche er gegen ſeinen Schwager hegte, trat er jetzt an des Mannes Sterbebette mit einem großen Theil jener ſtumpfen Gleichgültigkeit welche die Frucht des langen Aufenthalts in einer Schule war, die, obgleich ſie viele Lehren der erhabenſten Wahrheit gibt, im Allge⸗ meinen ihre Mahnungen an Schüler verſchwendet, welche nur wenig geneigt ſind, daraus Nutzen zu ziehen. Den erſten Beweis, daß er nicht ganz in die feierliche Stim⸗ mung eingieng, welche dieſer Moment bei den Uebrigen hervorbrachte, gab Cap dadurch, daß er eine Erzählung der Ereigniſſe begann, die den Tod Muirs und Arrowheads herbeigeführt hatten. „Beide lichteten ihre Anker in aller Eile, Bruder Dunham,“ G 576 ſchloß er,„und du haſt den Troſt, daß Andere dir auf deiner großen Reiſe vorausgegangen ſind, und noch obendrein ſolche, bei denen du keinen beſondern Grund haſt, ſie zu lieben, was mir in deiner Lage viel Vergnügen gewähren würde. Meiſter Pfadfinder, meine Mutter ſagte mir immer, daß man den Geiſt eines Sterbenden nicht niederbeugen, ſondern durch alle geeigneten und klugen Mittel aufrichten müſſe; und dieſe Neuigkeiten werden dem armen Manne eine große Erleichterung verſchaffen, wenn er anders gegen dieſe Wilden fühlt, wie ich.“ Bei dieſen Nachrichten erhob ſich June, und ſchlich ſich mit lautloſem Tritt aus dem Blockhauſe. Dunham horchte mit leerem ſtarrem Blick zu, denn das Leben löste allmählig ſo viele ſeiner Bande, daß er Arrowheads ganz vergeſſen hatte und ſich nicht mehr um Muir bekümmerte. Nur nach Eau⸗douce fragte er mit ſchwacher Stimme. Dieſer trat auf die an ihn ergangene Auffor⸗ derung heran. Der Sergeant blickte ihn mit Wohlwollen an, und der Ausdruck ſeines Auges bewies, daß er das Unrecht, welches er dem jungen Manne in Gedanken zugefügt, bereue. Die Geſellſchaft im Blockhaus beſtand nun aus dem Pfadfinder, Cap, Mabel, Jas⸗ per und dem Sterbenden. Die Tochter ausgenommen, ſtanden Alle um des Sergeanten Lager und harrten ſeiner letzten Athemzüge. Mabel kniete an ſeiner Seite, und drückte bald ſeine feuchte Hand an ihre Stirne, bald benetzte ſie die vertrockneten Lippen ihres Vaters. „Euer Schickſal wird über ein Kurzes auch das unſrige ſeyn, Sergeant;“ ſagte Pfadfinder, von dem man nicht gerade ſagen konnte, daß ihn dieſe Scene ergreife, denn er war vorher zu oft Zeuge von der Annäherung und dem Siege des Todes geweſen, obgleich er den Unterſchied zwiſchen deſſen Triumph in der Aufre⸗ gung des Schlachtgetümmels und der Ruhe des häuslichen Kreiſes ganz fühlte;—„und ich zweifle nicht daran, daß wir uns ſpäter wieder treffen werden. Es iſt zwar wahr, Arrowhead iſt ſeinen Weg gegangen; es kann aber nimmer der Weg eines guten Indianers ſeyn. Ihr habt ihn zum letztenmal geſehen, denn ſein Pfad war nicht der Pfad eines Gerechten. Das Gegentheil zu denken, wäre gegen alle Vernunft, was auch, meiner Anſicht nach, bezüglich des Lieutenants Muir der Fall iſt. So lange Ihr lebtet, habt Ihr Eure Pflicht gethan, und wenn man das von einem Manne ſagen kann, ſo mag er zur längſten Reiſe mit leichtem Herzen und rüſtigen Füßen aufbrechen.“ „Ich hoffe ſo, mein Freund; ich habe es wenigſtens verſucht, meine Pflicht zu thun.“ „Ja, ja,“ warf Cap ein,„die gute Abſicht gilt für eine halbe Schlacht; und obgleich du beſſer gethan hätteſt, auf dem See draußen zu bleiben, und ein Fahrzeug herein zu ſchicken, um zu ſehen, wie das Land liege, was allem eine ganz andere Wen⸗ dung hätte geben können— ſo zweifelt doch Niemand hier, daß du in der beſten Abſicht handelteſt, und auch wohl Niemand anderswo, wenn ich das, was ich von dieſer Welt geſehen und von einer andern geleſen habe, glauben darf.“ „Ja, es iſt ſo; ich habe alles in der beſten Abſicht gethan!“ „Vater! o mein lieber Vater!“ „Mabel iſt durch dieſen Schlag back gelegt worden, Meiſter Pfadfinder, und kann nur wenig ſagen oder thun, was ihren Vater über die Untiefen bringen könnte; wir müſſen deßhalb um ſo ernſtlicher an den Verſuch gehen, ihm einen freundlichen Abſchied zu bereiten.“ „Haſt du geſprochen, Mabel?“ fragte Dunham und richtete die Augen auf ſeine Tochter, da er bereits zu ſchwach war, ſeinen Körper zu wenden. „Ach Vater, verlaßt Euch nicht um Eurer Handlungen willen auf die göttliche Gnade und Erlöſung, ſondern vertraut all die ſegensreiche Vermittlung unſeres Heilandes!“ Der Kapellan hat uns auch etwas derartiges geſagt, Bruder. Das liebe Kind kann wohl Recht haben.“ Der Pfadfinder. 3. Aufl. ein auf 37 578 „Ja, ja, das iſt ein Glaubensſatz, ohne Zweifel. Er wird unſer Richter ſeyn und hält das Logbuch unſerer Thaten, auf denen er fußen wird am letzten Gerichte; dann wird Er ſagen, wer recht und wer unrecht gehandelt hat. Ich glaube, Mabel hat Recht; aber dann darfſt du unbeſorgt ſeyn, da du ohne Zweifel mit deiner Rechnung im Reinen biſt.“ „Onkel!— liebſter Vater: Das iſt ein eitles Blendwerk! Ach, ſetzt Eure ganze Hoffnung auf die Vermittelung unſeres hei⸗ ligen Erlöſers! Habt Ihr nicht oft genug gefühlt, wie wenig Eure Kräfte auch nur zu Vollführung der gewöhnlichſten Dinge aus⸗ reichten, und wie könnt Ihr Euch einbilden, Eure Handlungen ſeyen im Stande, eine gebrechliche und ſündige Natur ſo weit zu heben daß ſie würdig erfunden werde, der vollkommenſten Reinheit zu nahen? Die einzige Hoffnung des Menſchen beruht auf der Ver⸗ mittelung Chriſti!“ „Die Herrenhuter pflegten uns daſſelbe zu ſagen,“ ſagte Pfad⸗ finder leiſe zu Cap;„verlaßt Euch darauf, Mabel hat Recht.“ „Recht genug, Freund Pfadfinder, in den Entfernungen, aber Unrecht im Curs. Ich fürchte, das Kind macht den Sergeanten in dem Augenblick triftig, wo wir ihn in dem beſten Fahrwaſſer hatten.“ „Ueberlaßt das Mabel; überlaßt es Mabel; ſie verſteht ſich beſſer darauf, als einer von uns, und in keinem Falle bringt es Schaden.“ „Ich habe das wohl früher gehört,“ erwiederte endlich Dun⸗ ham.„Ach, Mabel! es iſt ſonderbar, daß der Vater ſich in einem ſolchen Augenblick auf ſein Kind ſtützen muß.“ „Setzt Euer Vertrauen auf Gott, Vater; ſtützt Euch auf das Erbarmen Seines heiligen Sohnes. Betet, theuerſter— theuerſter Vater; bittet um Seiken allmächtigen Beiſtand.“ „Ich bin des Betens nicht gewöhnt, Bruder. Pfadfinder— Jasper, könnt Ihr mir zu Worten helfen?“ — Cap wußte kaum, was Beten heißt, und konnte nichts darauf antworten. Pfadfinder betete oft, täglich, wo nicht ſtündlich, aber nur im Geiſte und in ſeiner einfachen Denkweiſe, ohne Beihilfe von Worten. Er war daher in dieſer Noth eben ſo nutzlos, als der Seemann, und wußte nichts zu erwiedern. Jasper würde ſich zwar mit Freuden bemüht haben, Berge in Bewegung zu ſetzen, um Mabel zu unterſtützen, aber der Beiſtand, welcher hier erbeten wurde, lag nicht in ſeinen Kräften, und er trat beſchämt zurück, wie es wohl junge, kräftige Leute zu thun pflegen, wenn man von ihnen Handlungen verlangt, bei welchen ſie ihre Schwäche und Ab⸗ hängigkeit von einer höhern Macht bekennen müſſen. „Vater!“ ſagte Mabel, indem ſie ſich die Thränen aus den Augen wiſchte und ſich zu faſſen verſuchte; denn ſie war bleich und ihre Züge bebten von innerer Bewegung.„Ich will mit Euch, für Euch, für mich und für uns alle beten. Selbſt das Gebet des Schwächſten und Niedrigſten bleibt nicht unbeachtet.“ Es lag etwas Erhabenes, etwas unendlich Rührendes in dieſem Akt kindlicher Liebe. Die ernſte, ruhige Weiſe, mit welcher das junge Weſen ſich zu der Erfüllung ihrer Pflicht vorbereitete— die Selbſtverläugnung, mit welcher ſie der Furchtſamkeit und Schüchternheit ihres Geſchlechtes vergaß, um ihren Vater in dieſem Augenblick der Prüfung aufrecht zu erhalten— die Erhabenheit des Vorſatzes, welcher ſie alle ihre Kräfte mit der Andacht und der geiſtigen Erhebung eines Weibes, dem die Liebe zum Sporne diente, auf das vor ihr liegende große Ziel verwenden ließ— und die heilige Ruhe, in welche ſich ihr Schmerz zuſammendrängte, machte ſie für dieſen Augenblick zu einem Gegenſtand der Ehrfurcht und Verehrung ihrer Gefährten. Mabel war veligiös und vernünftig, ohne Ueberſpannung und ohne Selbſtgenügſamkeit, erzogen wördens Ihr Vertrauen auf Gott war freudig und voller⸗Hoffnung, zugleich aber auch demü⸗ thig und unterwürfig. Sie war ven Kindheit auf daran gewöhnt, 580 zu der Gottheit zu beten, indem ſie ein Beiſpiel an der göttlichen Vorſchrift Chriſti nahm, der ſeine Jünger vor eitlen Wieder⸗ holungen verwarnte, und ſelbſt ein Gebet hinterließ, welches an Erhabenheit und Kürze des Ausdrucks nicht ſeines Gleichen hat, als ob es ausdrücklich die Neigung des Menſchen, ſeine irren und zufälligen Gedanken als das annehmbarſte Opfer zu betrachten, zurecht weiſen ſollte. Die Sekte, in welcher ſie erzogen worden, hatte ihre Anhänger mit einigen der ſchönſten Lieder, als den ge⸗ eignetſten Anhaltspunkten für die Andacht und das Gebet, ausge⸗ ſtattet. An dieſe Weiſe der öffentlichen und häuslichen Erbauung gewöhnt, nahm natürlich der Geiſt unſerer Heldin einen erhabenen Gedankenflug, wobei ihre Ausdrucksweiſe durch die Uebung ver⸗ beſſert, gehoben und verſchönert wurde. Kurz, Mabel erſchien in dieſem Betracht als ein Beiſpiel, welchen großen Einfluß Vertraut⸗ heit mit geeigneten Gedanken, angemeſſener Sprache, und ein an⸗ ſtändiges, würdevolles Benehmen auf die Gewohnheiten und die Redeweiſe ſelbſt derjenigen hat, von denen man annehmen kann, daß ſie nicht immer für ſolche erhebenden Eindrücke empfänglich ſind. Als ſie an dem Bette ihres Vaters knieete, bereitete das Ehr⸗ furchtsvolle ihrer Haltung und ihrer Geberden die Anweſenden auf das, was kommen ſollte, vor; und da ihr liebevolles Herz die Zunge antrieb und das Gedächtniß beiden zu Hilfe kam, ſo hätte das Opfer ihres brünſtigen Gebetes wohl Engeln zum Vorbilde dienen können. Zwar waren die Worte nicht ſelaviſch geborgt, doch trugen ſte den einfachen würdigen Ausdruck des Gottesdienſtes, deſſen ſie gewöhnt war, und erwieſen ſich wahrſcheinlich des Weſens, wel⸗ chem ſie galten, ſo würdig, als es menſchlichen Kräften möglich iſt. Sie übten einen mächtigen Eindruck auf die Zuhörer; denn es iſt merkwürdig, wie wahre Erhabenheit und Schönheit mit der Natur ſo enge verbunden ſind, daß ſie, trotz derechtheiligen Wirkungen lange gepflogener irriger Gewuhnheiten, im Allgemeinen in jedem Herzen wiederhallen. 5 „ —— O* wurde ſie ganz überzeugend, denn ſie zeigte ſich da in ihrem vollen Eifer und in ihrer ganzen Natürlichkeit. Die Schönheit der Sprache wurde beihalten, aber noch durch die einfache Gewalt der Liebe gehoben, und ihre Worte glühten von einem heiligen Feuer, wel⸗ ches ſich der Größe wahrer Beredſamkeit näherte. Wir würden einige ihrer Ausdrücke anführen, wenn wir es nicht für unpaſſend betrachteten, ſolche erhebende Gedanken einer all zu genauen Zer⸗ gliederung zu unterwerfen, weßhalb wir uns deſſen enthalten. Die Wirkung dieſes feierlichen Auftritts äußerte ſich bei den Anweſenden auf verſchiedene Weiſe. Dunham ſelbſt war bald in den Gegenſtand des Gebets verloren und fühlte jene Art von Er⸗ leichterung, welche ein Menſch empfindet, der unter einer übermäßig ſchweren Laſt an einem Abgrunde wankt, wenn er unerwartet ſeine Bürde ſich entnommen und dieſelbe auf den Schultern eines Andern ſieht, der beſſer im Stande iſt, ſie zu tragen. Cap war ſowohl überraſcht, als von Ehrfurcht ergriffen, obgleich die Erregungen in ſeiner Seele weder beſonders tief gingen, noch lange anhielten. Er wunderte ſich ein wenig über ſeine Gefühle, und machte ſich Zweifel darüber, ob ſie auch ſo männlich und heroiſch ſeyen, als ſie ſeyn ſollten; er war jedoch von den Eindrücken der Wahrheit, der Demuth, der religiöſen Unterwerfung und der menſchlichen Ab⸗ hängigkeit zu ergriffen, um mit ſeinen rauhen Einwürfen dagegen anzukämpfen. Jasper knieete mit verhülltem Geſicht Mabel gegen⸗ über und folgte ihren Worten mit dem ernſtlichen Wunſch, ihre Bitten mit den ſeinigen zu unterſtützen, wenn es ſchon zweifelhaft ſeyn mochte, ob ſeine Gedanken nicht ebenſo viel bei den ſanften, lieblichen Tönen der Beterin, als bei dem Gegenſtand ihres Gebets verweilten. Die Wirkung auf Pfudfinder bar augenfällig und ergreifend; augenfällig, weil er aufrecht und gerade Mabeln gegenüber ſtand: und die Bewegungen ſeiner Geſichtszüge verriethen wie gewöhnlich Als aber unſere Heldin die Lage des Sterbenden berührte, 582 das Schaffen ſeines Innern. Er lehnte auf ſeiner Büchſe, und ſeine ſehnigen Finger ſchienen hin und wieder den Lauf der⸗ ſelben mit aller Gewalt zerdrücken zu wollen, während er ein⸗ oder zweimal, wenn Mabels Gedanken ſich in vollſter Innigkeit ausſprachen, ſeine Augen gegen die Decke des Gemachs erhob, als ob er erwartete, daß das gefürchtete Weſen, an welches die Worte gerichtet waren, ſichtbar über ihm ſchweben werde. Dann kehrten ſeine Gefühle wieder zu dem zarten Geſchöpfe zurück, welches in heißem, aber ruhigem Gebet für einen ſterbenden Vater ihre Seele ausgoß; denn Mabels Wangen waren nicht mehr bleich, ſondern glühten von heiliger Begeiſterung, während ihre blauen Augen ſich dem Lichte in einer Weiſe zukehrten, daß das Mädchen wie ein Bild von Guido Reni erſchien. In ſolchen Augenblicken glänzte die ganze ehrliche und männliche Zuneigung Pfadfinders in ſeinen lebendigen Zügen, und der Blick, welchen er auf unſere Heldin heftete, glich dem des zärtlichſten Vaters, gegenüber dem Kinde ſeiner Liebe. Sergeant Dunham legte ſeine kraftloſe Hand auf Mabels Haupt, als ſie zu beten aufhörte und ihr Geſicht in ſeiner Bettdecke verbarg. „Gott ſegne dich, mein liebes Kind; Gott ſegne dich!“ flüſterte er.„Du haſt mir einen wahren Troſt verſchafft. O, daß auch ich beten könnte!“ „Vater! Ihr kennt das Gebet des Herrn, denn Ihr habt's ja ſelbſt mich gelehrt, als ich noch ein Kind war.“ Auf des Sergeanten Geſicht ſtrahlte ein Lächeln; denn er er⸗ innerte ſich, daß er wenigſtens dieſen Theil der elterlichen Pflicht erfüllt hatte, und die Erinnerung daran gewährte ihm in dieſem Augenblicke ein inniges Vergnügen. Erſch wieg dann einige Mi⸗ nuten, und alle Anweſenden Sptene r tterhalte ſich mit ſeinem Schöpfer. „Mabel, mein Kind,“ fprach er endlich mit einer Stiume⸗ * * welche neue Lebenskraft gewonnen zu haben ſchien—„Mabel, ich verlaſſe dich jetzt.— Der Geiſt ſcheint bei ſeinem letzten großen Gange ſogar den Körper als nichts zu betrachten.—„Ich verlaſſe dich jetzt, mein Kind! Wo iſt deine Hand?“ „Hier, liebſter Vater— hier ſind beide— o, nehmt beide!“ „Pfadfinder,“ fuhr der Sergeant fort, und taſtete nach der entgegengeſetzten Seite des Bettes, wo Jasper knieete, wobei er im Mißgriff eine der Hände des jungen Mannes faßte—„nimm ſie— ſey ihr Vater— wie ihrs für gut findet— Gotte ſegne dich— Gott ſegne Euch beide!“ Niemand wollte in dieſem ergreifenden Augenblick dem Ser⸗ geanten ſeinen Irrthum benehmen, und ſo ſtarb er, einige Minuten ſpäter, Jaspers und Mabels Hände mit den ſeinigen bedeckend. Unſere Heldin wußte nichts von dieſen Vorgängen, bis ein Ausruf von Cap ihr den Tod ihres Vaters ankündigte. Als ſie ihr Ge⸗ ſicht erhob, traf ſie auf einen Blick aus Jaspers Augen und fühlte den warmen Druck ſeiner Hand. In dieſem Augenblick war aber nur Ein Gefühl in ihr vorherrſchend; ſie zog ſich zurück, um zu weinen. Pfadfinder nahm Eau⸗douce am Arm und verließ mit ihm das Blockhaus. Die zwei Freunde gingen in tiefſtem Schweigen an dem Feuer vorbei, durch den Baumgang faſt bis zum entgegenſetzten Ufer der Inſel, wo ſie anhielten. Pfadfinder ergriff das Wort. „Es iſt alles vorbei, Jasper,“ ſagte er;„es iſt alles vorbei. Ach, der arme Sergeant Dunham hat ſeine Laufbahn beendet; und noch dazu durch die Hand eines giftigen Mingowurms. Nun, wir wiſſen nie, was unſrer wartet, und ſein Loos kann heute oder morgen das Eurige oder das meinige ſeyn.“ „Und Mabelè was ſoll aus Mabel werden, Pfadfinder?“ „Ihr habt die letzten Worte des ſterbenden Dunham gehört; er hat mir die Obhut über ſein Kind gelaſſen, Jasper; und das iſt ein feierliches Vermächtniß, ja, es iſt ein ſehr feierliches Vermäͤchtniß.“ 584 „Ein Vermächtniß, das Euch jeder gerne abnehmen würde,“ verſetzte der Jüngling mit einem bittern Lächeln. „Ich habe oft gedacht, daß es nur in ſchlechte Hände gefallen iſt. Ich bin nicht eingebildet, Jasper, und denke nicht daran, mir etwas darauf zu Gute zu thun; wenn Mabel aber geneigt iſt, alle meine Unvollkommenheiten und meine Unwiſſenheit zu überſehn, ſo wäre es Unrecht von mir, etwas dagegen einzuwenden, ſo ſehr ich auch von meiner Werthloſigkeit überzeugt ſeyn mag.“ „Niemand wird Euch tadeln, Pfadfinder, wenn Ihr Mabel Dunham heirathet, ebenſowenig, als man es Euch verargen würde, wenn Ihr einen koſtbaren Edelſtein trüget, den Euch ein Freund geſchenkt hätte.“ „Glaubt Ihr, daß man Mabeln tadeln würde, Junge?— Ich habe auch meine Bedenklichkeiten darüber gehabt, denn nicht alle Leute ſind geneigt, mich mit Euern und mit Mabels Augen zu be⸗ trachten.“ Jasper Eau⸗douce fuhr zuſammen wie Jemand, den ein plötzlicher, körperlicher Schmerz überfällt, bewahrte ſich übrigens ſeine Selbſtbeherrſchung.„Die Menſchen ſind neidiſch und ſchlimm, beſonders in den Garniſonen und ihrer Nachbarſchaft. Ich wünſche bisweilen, Jasper, daß Mabel zu Euch hätte eine Neigung gewinnen können— ja, ja, und daß Ihr eine Neigung zu ihr gefaßt hättet; denn es kömmt mir oft vor, daß ein Burſche, wie Ihr, ſie im Grunde doch glücklicher machen müßte, als ich es je im Stande bin.“ „Reden wir nicht mehr davon, Pfadſinder,“ unterbrach ihn Jasper barſch und ungeduldig—„Ihr werdet Mabels Gatte ſeyn, und es iſt nicht recht, von einem Andern in dieſer Eigenſchaft zu ſprechen. Was mich anbelangt, ſo will ich Caps Rathe folgen und es verſuchen, einen Mann aus mir zu bilden. Vielleicht kann das auf dem Salzwaſſer geſchehen.“. „Ihr, Jasper Weſtern?— aber warum die Seen, die Wälder und die Gränzen verlaſſen? und noch dazu um der Städte, der öden Wege in den Anſiedelungen und des bischen Unterſchieds willen —— 8—— in dem Geſchmack des Waſſers? Haben wir denn nicht die Salz⸗ licken, wenn Ihr Salz braucht? Und ſollte nicht ein Mann mit dem zufrieden ſeyn, was andern Geſchöpfen Gottes genügt? Ich habe auf Euch gerechnet, Jasper; ja, ich zählte auf Euch— und dachte, da nun Mabel und ich in unſerer eigenen Hütte wohnen werden, daß Ihr Euch eines Tags auch verſucht fühlen könntet, eine Gefährtin zu wählen, wo Ihr Euch dann in unſerer Nach⸗ barſchaft niederlaſſen ſolltet. Ich habe ein ſchönes Plätzchen, etwa fünfzig Meilen weſtlich von der Garniſon, für mich im Sinn, und etwa zehn Stunden ſeitwärts iſt ein ausgezeichneter Hafen, wo Ihr mit dem Kutter in der größten Muße ein⸗ und ausfahren köͤnntet. Da habe ich mir denn gerade Euch und Euer Weib vorgeſtellt, wie Ihr von dieſem Platze Beſitz nehmt, während ich und Mabel uns auf dem andern niederlaſſen. Wir hätten eine hübſche, ge⸗ geſunde Jagd dabei; und wenn der Herr überhaupt irgend eines ſeiner Geſchöpfe auf Erden zu beglücken beabſichtigt, ſo könnte niemand glücklicher ſeyn, als wir vier.“ „Ihr vergeßt, mein Freund,“ entgegnete Jasper, indem er mit erzwungenem Lächeln des Wegweiſers Hand ergriff,„daß es an der vierten Perſon fehlt, welche mir lieb und theuer ſeyn könnte; und ich zweifle ſehr, ob ich je irgend Jemand ſo lieben kann, wie ich Euch und Mabel liebe.“ „Ich danke Euch, Junge; ich danke Euch von ganzem Herzen; aber was Ihr in Beziehung auf Mabel Liebe nennt, iſt bloß Freundſchaft, und etwas ganz anderes, als was ich gegen ſie fühle. Jetzt, ſtatt wie früher ſo geſund zu ſchlafen, als die Natur um Mitternacht, träume ich jede Nacht von Mabel Dunham. Das junge Wild ſpielt vor mir, und wenn ich den Hirſchetödter erhebe, um mir einen Braten zu holen, blicken die Thiere zurück, und alle ſcheinen Mabels ſüße Züge zu tragen; dann lachen ſie mir ins Geſicht und ſehen dabei aus, als ob ſie ſagen wollten: ‚Schieß mich, wenn du kannſt.“ Oſt höre ich den Klang ihrer ſüßen Stimme in 586 dem Geſange der Vögel: und erſt in meinem letzten Schlummer kam es mir vor, ich wäre auf dem Niagara und hielte Mabel in meinen Armen, mit welcher ich lieber über den Fall hinunterſtürzte, ehe ich von ihr laſſen wollte. Die bitterſten Augenblicke, welche mir je vorkamen, waren die, wenn der Teufel oder vielleicht ein Mingo⸗ zauberer meinen Träumen die Vorſtellung beimiſchte, daß Mabel für mich durch irgend ein unerklärliches Unglück— durch den Wechſel der Dinge oder Gewalt— verloren gegangen ſey.“ „O Pfadfinder! wenn Euch das ſchon im Traume ſo bitter dünkt, wie muß es erſt dem ſeyn, welcher es in Wirklichkeit fühlt und weiß, daß alles wahr, wahr, wahr iſt? So wahr, um keinen Funken Hoffnung zurückzulaſſen— nichts zurückzulaſſen, als die Verzweiflung!“ Dieſe Worte entquollen Jasper wie die Flüßigkeit einem plötz⸗ lich geborſtenen Gefäße. Sie entglitten ſeinen Lippen unwillkühr⸗ lich, faſt unbewußt, aber mit einer Wahrheit und einer Tiefe des Gefühls, daß ſich die Aufrichtigkeit derſelben nicht bezweifeln ließ. Pfadfinder blickte ſeinen Freund in wirrer Ueberraſchung eine Minute lang an; dann tauchte ihm, ungeachtet ſeiner Einfachheit, ein Strahl der Wahrheit auf. Wir wiſſen, welche verſtärkende Beweiſe ſich in dem Geiſte häufen, ſobald er einen beſtimmten Schlüſſel zu einer unerwarteten Thatſache gefunden hat: wie ſchnell unter ſolchen Umſtänden der Flug der Gedanken iſt, und wie raſch den Vorderſätzen die richtigen Folgerungen ſich anreihen. Unſer Held war von Natur ſo zuverſichtlich, ſo gerecht und ſo geneigt, zu glauben, daß alle ſeine Freunde ihm ein gleiches Glück gönnten, wie er es ihnen wünſchte, daß bis zu dieſem unglücklichen Augen⸗ blick nie eine Ahnung von Jaspers Liebe zu Mabel in ſeiner Bruſt aufgetaucht war. Er war aber jetzt zu erfahren in den Regungen, welche eine ſolche Leidenſchaft bezeichnen; auch machten ſich die Gefühle ſeines Gefährten zu heftig und zu natürlich Luft, um den braven Wegweiſer länger im Zweifel zu laſſen. Er fühlte ſich αi—— durch dieſe Entdeckung aufs ſchmerzlichſte gedemüthigt. Jaspers Jugend, ſeine ſchmuckere Außenſeite und alle die Hauptwahrſchein⸗ lichkeiten, welche einen ſolchen Freier dem Mädchen angenehmer machen mochten, traten ihm vor das Auge. Endlich aber machte die edle Geradheit ſeiner Seele, welche ihn ſo ſehr zu ſeinem Vor⸗ theil auszeichnete, ihre Rechte geltend, und wurde noch unterſtützt durch die männliche Beſcheidenheit, mit welcher er ſich ſelbſt beur⸗ theilte, und durch ſeine gewohnte Nachgiebigkeit gegen die Rechte und Gefühle Anderer, welche einen Theil ſeines Weſens auszumachen ſchien. Er ergriff Jaspers Arm und führte ihn zu einem Baumſtrunk, auf welchen er den jungen Mann mit ſeiner unwiderſtehlichen Mus⸗ kelkraft niederdrückte und dann neben ihm ſeinen Sitz einnahm. Sobald ſich Jaspers innere Bewegung Luft gemacht hatte, fühlte er ſich durch die Heftigkeit ihres Ausdruckes beunruhigt und beſchämt. Er würde gerne alles, was er auf Erden ſein nennen konnte, darum gegeben haben, hätte er die letzten drei Minuten wieder zurückrufen können; aber er war von Natur zu freimüthig und zu ſehr daran gewöhnt, gegen ſeinen Freund offen zu verfahren, um nur einen Augenblick zu verſuchen, ſeine Gefühle zu verhehlen, oder die Erklärung, welche, wie er wußte, ihm nun abverlaugt wurde, zu umgehen. Zwar zitterte er vor den Folgen, aber er konnte es nicht über ſich gewinnen, ein zweideutiges Benehmen einzuſchlagen. „Jasper,“ begann Pfadfinder in einem ſo feierlichen Tone, daß jeder Nerve ſeines Zuhörers bebte,—„das kam ſehr unver⸗ hofft. Ihr hegt zartere Gefühle für Mabel, als ich dachte, und wenn mich nicht ein Mißgriff meiner Eitelkeit und Einbildung grauſam getäuſcht hat, ſo bedaure ich Euch, Junge, von ganzer Seele. Ja, ich weiß— glaube ich— wie der zu beklagen iſt, welcher ſein Herz an ein Weſen, wie Mabel, geſetzt hat, ohne hoffen zu dürfen, daß ſie ihn mit denſelben Augen betrachte, wie er ſie betrachtet. Dieſe Sache muß ſich aufklären, bis keine Wolke mehr zwiſchen uns ſteht, wie die Delawaren ſagen.“ 588 „Was bedarf es da einer Aufklärung, Pfadfinder? Ich liebe Mabel Dunham, und Mabel Dunham liebt mich nicht; ſie will lieber Euch zum Gatten haben, und das Klügſte, was ich thun kann, iſt, fort und auf das Salzwaſſer zu gehen und zu verſuchen Euch Beide zu vergeſſen.“— „Mich zu vergeſſen, Jasper?— das wäre eine Strafe, welche ich nicht verdiene. Aber woher wißt Ihr, daß Mabel mich lieber hat? Wie wißt Ihr das, Junge?— Mir ſcheint das ja gan unmöglich!“. „Wird ſie nicht Euer Weib werden? und würde Mabel einen Mann heirathen, den ſie nicht liebt?“ „Der Sergeant hat Ihr hart zugeſetzt— ja, ſo iſts; und einem gehorſamen Kinde mag es wohl ſchwer werden, den Wün⸗ ſchen eines ſterbenden Vaters zu widerſtehen. Habt Ihr Mabel je geſagt, daß Ihr ſie liebt, daß Ihr ſolche Gefühle gegen ſie hegt?“ „Nie, Pfadfinder! Wie konnte ich Euch ein ſolches Unrecht zufügen?“ „Ich glaube Euch, Junge; ja, ich glaube Euch und glaube auch, daß Ihr im Stande wäret, ſpurlos zu verſchwinden und aufs Salzwaſſer zu gehen. Aber das iſt nicht gerade nöthig. Mabel ſoll Alles erfahren und Ihren eigenen Weg haben; ja das ſoll ſie, und wenn mir das Herz bei dem Verſuche bräche. Ihr habt ihr alſo nie ein Wort davon geſagt, Jasper?“ „Nichts von Belang, nichts Beſtimmtes. Aber doch muß ich meine ganze Thorheit eingeſtehen, Pfadfinder, wie es meine Pflicht gegen einen ſo edeln Freund iſt, und dann wird Alles zu Ende ſeyn. Ihr wißt, wie junge Leute ſich verſtehen, oder zu verſtehen glauben, ohne ſich gerade offen auszuſprechen, und wie ſie auf hunderterlei Weiſe gegenſeitig ihre Gedanken kennen lernen, oder kennen zu lernen glauben.“ „Nein, Jasper, das weiß ich nicht,“ antwortete der Weg⸗ weiſer treuherzig; denn, die Wahrheit zu ſagen, ſeine Huldigungen hatten nie auf jene ſüße und köſtliche Ermuthigung getroffen, welche das ſtumme Merkmal der zur Liebe fortſchreitenden Zuneigung iſt. „Nein, Jasper, ich weiß nichts von all dieſem. Mabel hat mich immer freundlich behandelt und ſagte mir, was ſie zu ſagen hatte, auf die unumwundenſte Weiſe.“ „Ihr hattet aber die Wonne, ſie ſagen zu hören, daß ſie Euch liebe, Pfadfinder?“ „Ei nein, Jasper; nicht gerade mit Worten. Sie hat mir ſogar geſagt, daß wir uns nie heirathen könnten, nie heirathen ſollten; daß ſie nicht gut genug für mich ſey, obgleich ſie ver⸗ ſicherte, daß ſie mich achte und ehre. Dann ſagte mir aber der Sergeant, dieß ſey die gewöhnliche Weiſe junger und ſchüchterner Mädchen: ihre Mutter habe es zu ihrer Zeit eben ſo gemacht und ebenſo geſprochen; und ich müſſe mich begnügen, wenn ſie nur über⸗ haupt einwillige, mich zu heirathen. Ich habe daher auch geſchloſſen, daß Alles in Ordnung ſey.“ Wir wären keine treuen Erzähler, wenn wir nicht zugeſtänden, daß Jasper, ungeachtet ſeiner Freundſchaft für den glücklichen Freier und trotz der aufrichtigſten Wünſche für ſein Wohl, bei dieſen Worten ſein Herz in überſchwenglicher Wonne klopfen fühlte. Nicht als ob er in dieſem Umſtand hätte eine Hoffnung für ſich auf⸗ tauchen ſehen; es war nur das eiferſüchtige Verlangen einer unbe⸗ gränzten Liebe, welche ſich bei der Kunde entzückt fühlte, daß kein anderes Ohr die ſüßen Geſtändniſſe gehört habe, welche dem eigenen verſagt blieben. „Erzählt mir mehr von dieſer Weiſe, ohne Zunge zu ſprechen,“ fuhr der Pfadfinder fort, deſſen Geſichtszüge ernſter wurden und der nun ſeinen Gefährten mit dem Tone eines Mannes fragte, welcher einer unangenehmen Antwort entgegenſieht.„Ich kann mich mit Chingachgook auf eine ſolche Art unterhalten, und habe es auch mit ſeinem Sohne Uncas gethan, ehe er gefallen; ich wußte aber nicht, daß junge Mädchen auch in dieſer Kunſt bewandert 590 ſind; und von Mabel Dunham verſah ich michs am allerwe⸗ nigſten.“ „Es iſt nichts, Pfadfinder. Ich meine nur einen Blick, ein Lächeln, einen Wink mit dem Auge, das Zittern eines Armes oder einer Hand, wenn mich das Mädchen gelegentlich berührte; und weil ich ſchwach genug geweſen bin, ſelbſt zu zittern, wenn mich ihr Athem traf, oder ihre Kleider mich ſtreiften, ſo führten mich meine thörichten Gedanken irre. Ich habe mich nie gegen Mabel offen ausgeſprochen; und jetzt würde es mich nichts mehr nützen, da nun doch alle Hoffnung vorbei iſt.“ „Jasper,“ erwiederte Pfadfinder einfach, aber mit einer Würde, welche für den Augenblick alle weiteren Bemerkungen abſchnitt, „wir wollen über des Sergeanten Leichenbegängniß und über unſere Abreiſe von der Inſel ſprechen. Wenn hierüber die nöthigen Ver⸗ fügungen getroffen ſind, werden wir hinlänglich Zeit haben, noch ein Wort über des Sergeanten Tochter zu reden. Die Sache be⸗ darf einer reiflichen Erwägung, denn der Vater hat mir die Obhut über ſein Kind hinterlaſſen.“ Jasper war froh, von dieſem Gegenſtande abzukommen, und die Freunde trennten ſich, um den ihrer Stellung und ihrem Be⸗ rufe angemeſſenen Obliegenheiten nachzukommen. Am Nachmittag wurden die Todten beerdigt. Das Grab des Sergeanten befand ſich im Mittelpunkte des Baumganges unter dem Schatten einer hohen Rüſter. Mabel weinte bitterlich während der Beſtattung und fand in ihren Thränen Erleichterung für ihr beküm⸗ mertes Herz. Die Nacht verging ruhig: ebenſo der ganze folgende Tag: denn Jasper erklärte, daß der Wind viel zu heftig ſey, um ſich auf den See wagen zu können. Dieſer Umſtand hielt auch den Kapitän Sanglier zurück, welcher die Inſel erſt am Morgen des dritten Tages nach Dunhams Tod verließ, da das Wetter milder und der Wind günſtiger wurden. Ehe er abreiste, nahm er zum letztenmale von dem Pfadfinder in der Weiſe eines Mannes Abſchied, welcher ſich in der εα 8 A* N 591 Geſellſchaft eines ausgezeichneten Charakters befunden zu haben glaubt. Beide ſchieden unter Beweiſen gegenſeitiger Achtung, wäh⸗ rend Jeder fühlte, daß ihm der Andere ein Räthſel ſey. Neunundzwanzigſtes Kapitel. Sie dreht ſich neckiſch, daß er ſehe Das ſüße Lächeln ihrer Wangen; Doch ſpricht im Aug' ihm bittres Weh: — Da iſt das Lächeln ihr vergangen. Lalla Raoch. Vie Ereigniſſe der letzten Tage waren zu aufregend geweſen und hatten die Kräfte unſerer Heldin zu ſehr in Anſpruch genommen, als daß ſie ſich der Hilfloſigkeit des Grames hätte hingeben können. Sie trauerte um ihren Vater, und gelegentlich überlief ſie ein Schauder, wenn ſie ſich Jennie's plötzlichen Tod und alle die ſchreck⸗ lichen Scenen, deren Zeuge ſie geweſen, ins Gedächtniß zurück⸗ rief: im Ganzen aber war ſie gefaßter und weniger niedergedrückt, als dieß bei tiefem Schmerze gewöhnlich iſt. Vielleicht half das übermächtige, betäubende Seelenleiden, welches die arme June beugte und ſie beinahe vierundzwanzig Stunden beſinnungslos nie⸗ dergeworfen hatte, Mabeln ihre eigenen Gefühle beſiegen, da ſie ſich zur Tröſterin des armen Indianerweibes berufen glaubte; auch erwies ſie ihr dieſen Dienſt in der ruhigen, beſänſtigenden und ein⸗ nehmenden Weiſe, mit welcher ihr Geſchlecht bei ſolchen Gelegen⸗ heiten ſeinen Einfluß geltend macht. Der Morgen des dritten Tages war für die Abfahrt des Seud beſtimmt. Jasper hatte ſeine Vorbereitungen getroffen, die ver⸗ ſchiedenen beweglichen Gegenſtände waren eingeſchifft, und Mabel hatte von June Abſchied genommen— ein ſchmerzliches und zärt⸗ liches Lebewohl. Mit einem Worte, Alles war bereit, und mit Ausnahme der Indianerin, Pfadfinders, Jaspers und unſrer Heldin, 592 hatte die ganze Geſellſchaft die Inſel verlaſſen. Erſtere war ins Gebüſch gegangen, um zu weinen, und die drei Letzteren näherten ſich einer Stelle, wo drei Kähne lagen, von denen einer June's Eigenthum war, während die beiden übrigen die Beſtimmung hatten, die Zurückgebliebenen dem Scud zuzuführen. Pfadfinder ging voraus; als er aber näher gegen das Ufer kam, forderte er, ſtatt die Richtung nach den Booten einzuſchlagen, ſeine Gefährten auf, ihm zu folgen, worauf er ſie zu einem umgeſtürzten Baume führte, der am Rande der Lichtung und außer dem Geſichtskreiſe des Kutters lag, Hier ließ er ſich nieder und hieß Mabel auf der einen und Jasper auf der andern Seite neben ihm Platz nehmem. „Setzen Sie ſich hieher, Mabel— und Ihr, Eau⸗douce, da⸗ hin,“ begann er, ſobald er ſeinen Sitz eingenommen hatte.„Mir liegt Etwas ſchwer auf der Seele, und es iſt jetzt Zeit, es abzu⸗ ſchütteln, wenn es anders möglich iſt. Setzen Sie ſich, Mabel, und laſſen Sie mich mein Herz, wenn nicht mein Gewiſſen, erleich⸗ tern, ſo lange ich noch die Kraft habe, es zu thun.“ Es folgte nun eine Pauſe von zwei oder drei Minuten, und beide jungen Leute harrten verwundert deſſen, was kommen ſollte. Der Gedanke, daß Pfadfinder eine Laſt auf ſeinem Gewiſſen haben könne, ſchien Beiden gleich unwahrſcheinlich. „Mabel,“ fuhr unſer Held endlich fort,„wir müſſen offen mit einander reden, ehe wir wieder mit Ihrem Onkel auf dem Sceud zuſammentreffen, wo Salzwaſſer ſeit dem letzten Spaße jede Nacht geſchlafen hat, weil dieſer, wie er ſagt, der einzige Platz ſey, wo ein Mann verſichert ſeyn dürfe, ſeine Haare auf dem Kopfe zu behalten.— Aber ach, was kümmern mich jetzt dieſe Thorheiten und albernen Worte! Ich verſuche es, heiter und leichten Sinnes zu ſeyn; aber die Kraft des Menſchen kann das Waſſer nicht ſtromaufwärts fließen machen. Mabel, Sie wiſſen, daß der Sergeant vor ſeinem Scheiden die Beſtimmung getroffen n2—— 0 —— 89—— —— 6⏑ SUS 2—-ę—'9— 593 hat, daß wir uns heirathen, bei einander leben und uns gegen⸗ ſeitig lieben ſollen, ſo lange es dem Herrn gefällt, uns auf Erden zu laſſen:— ja, und auch nachher?“ Mabels Wangen hatten in der friſchen Morgenluft wieder etwas von ihrem früheren roſigen Ausſehen gewonnen; bei dieſer unerwarteten Anrede aber erbleichten ſie faſt wieder wie zu der Stunde, wo der herbſte Schmerz ihr Inneres erfaßt hatte. Doch blickte ſie Pfadfinder mit freundlichem Ernſte an und verſuchte es, ein Lächeln zu erzwingen. „Sehr wahr, mein ausgezeichneter Freund,“ entgegnete ſie; „das war der Wunſch meines armen Vaters, und ich fühle die tiefe Ueberzeugung, daß ein ganzes, Eurem Glücke und Eurem Wohlbehagen geweihtes Leben kaum im Stande iſt, Euch für Alles, was Ihr an uns gethan habt, zu belohnen.“ „Ich fürchte, Mabel, daß Mann und Weib durch ein krf⸗ tigeres Band an einander geknüpft ſeyn müſſen, als durch ſolche Gefühle. Sie haben nichts, oder doch nichts von irgend einem Belang für mich gethan, und doch neigt ſich mein ganzes Herz zu Ihnen; es dünkt mir daher wahrſcheinlich, daß dieſe Zuneigung von etwas Anderem herkömmt, als von dem Schutze der Skalpe und dem Geleite durch die Wälder.“ Mabels Wangen fingen wieder an zu glühen, und obgleich ſie ſich alle Mühe gab, zu lächeln, ſo war doch in ihrer Antwort ein leichtes Beben der Stimme nicht zu verkennen. „Wäre es nicht beſſer, wenn wir dieſe Unterhaltung auf⸗ ſchöben, Pfadfinder?“ ſagte ſte;„wir ſind nicht allein, und es heißt, es ſey nichts Unangenehmeres für einen Dritten, als Familienangelegenheiten beſprechen zu hören, welche für ihn kein Intereſſe haben.“ „Gerade, weil wir nicht allein ſind, oder vielmehr, wei Jasper bei uns iſt, Mabel, möchte ich dieſe Sache zur Sprache „bringen. Der Sergeant glaubte, daß ich ein geeigneter Lebens⸗ Der Pfadfinder. 3. Aufl. 38 594 gefährte für Sie ſeyn dürfte, und obgleich ich meine Bedenklichkeiten dabei hatte— ja, ja, ich hatte viele Bedenklichkeiten— ließ ich mich doch zuletzt bereden, und die Dinge nahmen die Ihnen be⸗ kannte Wendung. Als ſie aber Ihrem Vater verſprachen, mich zu heirathen, Mabel, und Sie mir ſo beſcheiden, ſo anmuthig Ihre Hand gaben, war ein Umſtand, wie es ihr Onkel nennt, vorhan⸗ den, von dem Sie nichts wußten, und ich halte es für billig, Ihnen denſelben mitzutheilen, ehe die Sachen ganz ins Reine gebracht ſind. Ich habe mich oft mit einem mageren Hirſch für meine Mahlzeit begnügt, wenn ich kein gutes Wildpret haben konnte, aber es iſt natürlich, daß man nicht nach dem Schlechteſten greift, wenn das Beſte zu finden iſt.“ „Ihr ſprecht in einer Weiſe, Pfadfinder, welche ich nicht ver⸗ ſtehen kann. Wenn dieſe Unterhaltung wirklich ſo nothwendig iſt, ſo hoffe ich doch, daß Ihr Euch deutlicher ausdrückt.“ „Gut alſo.— Mabel, ich habe mir Gedanken darüber ge⸗ macht, daß Sie, als Sie ſich in die Wünſche des Sergeanten fügten, wahrſcheinlich die Natur von Jasper Weſterns Gefühlen gegen Sie nicht kannten?“ „Pfadfinder!“ Mabels Wangen erbleichten nun zur Bläſſe des Todes und erglühten wieder purpurn; ihr ganzer Körper bebte. Pfadfinder hatte jedoch zu ſehr ſeinen Zweck im Auge, um dieſen ſchnellen Wechſel zu bemerken, und Eau⸗douce bedeckte ſein Geſicht mit den Händen. „Ich habe mit dem Jungen geſprochen, und wenn ich ſeine Träume, ſeine Gefühle und ſeine Wünſche mit den meinigen ver⸗ gleiche, ſo fürchte ich, wir denken über Sie zu gleich, als daß wir beide glücklich ſeyn könnten.“ „Pfadfinder, Ihr vergeßt— Ihr ſolltet Euch erinnern, daß wir verlobt ſind,“ ſagte Mabel haſtig und mit ſo leiſer Stimme, daß von Seiten der Zuhörer große Aufmerkſamkeit erfordert wurde, V— um ihre Worte zu verſtehen. In der That waren auch die paar letzten Silben dem Wegweiſer völlig entgangen und er gab dieß zu verſtehen durch ſein gewöhnliches: „Wie?“ „Ihr vergeßt, daß wir uns heirathen ſollen, und ſolche An⸗ ſpielungen ſind eben ſo ungeeignet, als ſchmerzlich.“ „Alles was recht iſt, iſt geignet, Mabel; und alles iſt recht, was zu einer billigen Ausgleichung und zu einem offenen Verſtänd⸗ niß führt, obgleich es, wie mir meine eigene Erfahrung ſagt, ſchmerzlich genug iſt, wie Sie ſich ausdrücken. Nun, Mabel, wenn Sie gewußt hätten, daß Jasper in ſolcher Weiſe an Sie denkt, ſo hätten Sie vielleicht nie eingewilligt, einen ſo alten und unan⸗ ſehnlichen Mann wie ich bin, zu heirathen?“ „Warum dieſe grauſame Prüfung, Pfadfinder? Wozu kann das alles führen? Jasper denkt nicht an ſo etwas; er ſagt nichts, er ſfühlt nichts.“ „Mabel!“ entfuhr es den Lippen des Jünglings auf eine Weiſe, welche die unbezwingliche Natur ſeiner Gefühle verrieth, obgleich er keine Silbe weiter hinzufügte. Mabel bedeckte ihr Antlitz mit den Händen, und die Beiden ſaßen da wie ein Paar Schuldige, die plötzlich auf einem Verbre⸗ chen ertappt wurden, bei welchem es ſich um das ganze Glück eines gemeinſchaftlichen Gönners handelte. In dieſem Augenblick war Jasper vielleicht ſelbſt geneigt, ſeine Leidenſchaft in Abrede zu ziehen, da er weit entfernt war, ſeinem Freunde einen Gram be⸗ reiten zu wollen, während für Mabel die unverholene Mittheilung einer Thatſache, die ſie eher im Stillen gehofft, als geglaubt hatte, ſo unerwartet kam, daß ſich auf einen Augenblick ihre Sinne verwirr⸗ ten und ſie nicht wußte, ob ſie weinen oder ſich freuen ſollte. Doch mußte ſie zuerſt ſprechen, da Jasper nicht im Stande war, etwas hervorzubringen, was unredlich oder für ſeinen Freund ſchmerzlich erſcheinen konnte.“ 596 „Pfadfinder,“ ſagte ſie,„Ihr ſprecht rauh. Weßhalb erwähnt Ihr ſolcher Dinge?“ „Nun, Mabel, wenn ich rauh ſpreche, ſo wiſſen Sie wohl, daß ich von Natur ſowohl, als auch, wie ich fürchte, aus Gewohn⸗ heit ein halber Wilder bin.“ Als er dieß ſagte, ſuchte er in ſeiner gewöhnlichen lautloſen Weiſe zu lachen, aber es gelang nicht und der Verſuch geſtaltete ſich zu einem ſeltſamen Mißton, der ihn faſt zu erſticken drohte.„Ja, ich muß wohl wild ſeyn; ich will nicht unternehmen, es in Abrede zu ziehen.“ „Theuerſter Pfadfinder! mein beſter, faſt mein einziger Freund, Ihr könnt und werdet nicht glauben, daß ich etwas der Art zu ſagen beabſichtigte!“ unterbrach ihn Mabel, indem ihr die Eile, womit ſie ihre unbeabſichtigte Kränkung wieder gut machen wollte, faſt den Athem verſagte.„Wenn Muth, Treue, Adel der Seele und des Charakters, Feſtigkeit der Grundſätze und hundert andere ausgezeichnete Eigenſchaften einem Manne Achtung, Verehrung und Liebe gewinnen können, ſo ſteht Ihr mit Euern Anſprüchen keinem andern menſchlichen Weſen nach.“ „Was für zarte und bezaubernde Stimmen ſie haben, Jasper!“ nahm der Wegweiſer, nun mit einem offenen und natürlichen La⸗ chen, wieder auf. Ja, die Natur ſcheint ſie geſchaffen zu haben, uns in die Ohren zu ſingen, wenn die Melodien der Wälder ſchweigen. Aber wir müſſen zu einem vollen Verſtändniß kommen, — ja, das müſſen wir. Ich frage ſie noch einmal, Mabel— wenn Sie gewußt hätten, daß Jasper Weſtern Sie eben ſo ſehr liebt, wie ich, oder vielleicht noch mehr, obgleich dieſes kaum möglich iſt — daß er mit Ihnen und von Ihnen in ſeinen Träumen ſpricht— daß er ſich vorſtellt, alles was ſchön und gut und tugendhaft iſt, gleiche Mabel Dunham— daß er glaubt, nie ein Glück gekannt zu haben, ehe er Sie geſehen— daß er den Boden küſſen möchte, den Ihr Fuß betreten— daß er alle Freuden ſeines Berufes vergißt, um an Sie zu denken, mit Entzücken Ihre Schönheit zu bewundern und aus —e oft die Thränen ins Auge getreten ſeyen, wenn er dachte, daß Sie 597 Ihre Stimme zu horchen— würden Sie dann eingewilligt haben, mich zu heirathen?“ Mabel hätte dieſe Frage nicht beantworten können, ſelbſt wenn ſie gewollt hätte; aber obgleich ſie ihr Geſicht mit ihren Händen verhüllte, ſo war doch die Glut des Blutſtromes zwiſchen ihren Fingern ſichtbar und ſelbſt dieſe ſchienen an dem Roth Theil zu nehmen. Die Natur behauptete jedoch ihre Macht; denn einen Augenblick lang warf das beſtürzte, faſt erſchreckte Mädchen einen ver⸗ ſtohlenen Blick auf Jasper, als ob ſie Pfadfinders Erzählung von der Art der Gefühle des jungen Mannes mißtraute, und dieſer Blick ſchloß ihr die ganze Wahrheit auf; ſie verbarg ſchnell das Geſicht wieder, als ob ſie es für immer der Beobachtung ent⸗ ziehen wolle. „Nehmen Sie ſich Zeit, nachzudenken,“ fuhr der Wegweiſer fort,„denn es iſt eine ernſte Sache, einen Mann zum Gatten an⸗ zunehmen, wenn die Gedanken und Wünſche auf einen Andern ge⸗ richtet ſind. Jasper und ich haben über dieſen Gegenſtand offen, wie zwei alte Freunde geſprochen, und obgleich ich ſtets wußte, daß wir die meiſten Dinge ſo ziemlich mit gleichem Auge betrach⸗ ten, ſo wäre es doch mir nie eingefallen, daß unſere Gedanken über einen Gegenſtand ſo gar die gleichen wären, bis wir uns gegenſeitig unſere Gefühle über Sie mittheilten. Jasper ge⸗ ſteht ein, daß er Sie von der Zeit an, als er Sie das erſtemal er⸗ blickte, für das ſüßeſte und gewinnendſte Weſen hielt, welches er je getroffen, daß der Ton ihrer Stimme wie das Brauſen der Waſ⸗ ſer in ſeinen Ohren klinge, daß ihm ſeine Segel wie Ihre im Winde flatternden Gewänder vorkämen, daß er Ihr Lächeln in ſeinen Träumen ſehe, und daß er wieder und wieder erſchreckt aufführe, weil es ihm dünkte, es wolle Sie jemand mit Gewalt dem Seud entführen, wohin ſeine Einbildungskraft Ihren Aufent⸗ halt verlegt hatte. Ja, der Junge hat ſogar zugeſtanden, daß ihm 598 Ihre Tage wahrſcheinlich mit einem Andern und nicht mit ihm hinbringen würden.“ „Jasper?“ „Es iſt feierliche Wahrheit, Mabel, und es iſt recht, daß Sie ſie erfahren. Nun ſtehen Sie auf und wählen Sie zwiſchen uns beiden. Ich glaube, Jasper liebt Sie eben ſo ſehr als ich.— Er wollte mich zwar bereden, daß ſeine Liebe heißer ſey; ich kann dieß aber nicht zugeben, weil es unmöglich iſt; ich glaube aber, daß der Junge Sie von ganzem Herzen und von ganzer Seele liebt, und er hat daher das Recht, gehört zu werden. Der Sergeant hat mich zu Ihrem Beſchützer, nicht zu Ihrem Tyrannen beſtellt. Ich habe ihm verſprochen, daß ich Ihnen Vater und Gatte ſeyn wolle, und es ſcheint mir, daß kein gefühlvoller Vater ſeinem Kinde dieſes kleine Vorrecht verſagen würde. Stehen Sie daher auf, Mabel, und ſprechen Sie Ihre Gedanken ſo unverholen aus, als ob ich der Sergeant ſelbſt wäre, der nichts anderes als Ihr Beſtes beabſichtigt.“ Mabel ließ die Hände ſinken, erhob ſich und ſtand, Angeſicht gegen Angeſicht, ihren beiden Freiern gegenüber, obgleich eine fieberiſche Glut ihre Wangen bedeckte— eher eine Wirkung der Aufregung, als der Scham. „Was wollt Ihr von mir, Pfadfinder?“ fragte ſie;„habe ich nicht bereits meinem armen Vater verſprochen, ganz nach Euren Wünſchen zu handeln?“ „Dann wünſche ich folgendes. Hier ſtehe ich, ein Mann der Wälder und von wenig Wiſſen, obgleich ich fürchte, daß mein Ehr⸗ geiz vielleicht meine Verdienſte überſteigt, und ich will mir Mühe geben, beiden Theilen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen. Für's Erſte iſt es hinſichtlich unſerer Geſinnungen für Sie zugeſtanden, daß wir beide Sie mit gleicher Innigkeit lieben; Jasper meint zwar, daß ſeine Gefühle die tieferen ſeyn müßten, aber ich kann das als ehrlicher Mann nicht zugeben, weil es mir vorkömmt, als ——— — ◻8— Q könne es unmöglich wahr ſeyn, ſonſt würde ich mich frei und offen darüber ausſprechen. In dieſer Beziehung, Mabel, wären alſo unſere beiderſeitigen Verhältniſſe die gleichen. Was mich anbelangt, ſo ſteht es mir als dem älteſten zuerſt zu, das Bischen, was zu meinen Gunſten ſpricht, ebenſo gut als das Gegentheil vorzubrin⸗ gen. An der ganzen Gränze, glaube ich, gibt es keinen, welcher mich als Jäger übertrifft. Wenn alſo Wildpret und Bärenfleiſch, oder ſelbſt Vögel und Fiſche in unſerer Hütte ſelten ſeyn ſollten, ſo müßte die Schuld davon wahrſcheinlich eher der Natur und der Vorſehung zugeſchrieben werden, als mir. Kurz, es kömmt mir vor, daß das Weib, welches mir folgt, ſich nie über Mangel an Nahrung zu bellagen haben wird. Aber ich bin ſchrecklich unwiſſend! Es iſt zwar wahr, ich ſpreche mehrere Sprachen, wie ſie eben ſind, aber ich bin weit entfernt, auch nur in meiner eigenen gründlich bewandert zu ſeyn. Dann bin ich älter als Sie, Mabel, und der Umſtand, daß ich ſo lange der Kamerad Ihres Vaters geweſen, mag gerade kein großes Verdienſt in Ihren Augen ſeyn. Auch wollte ich, ich wäre hübſcher: aber wir ſind eben, wie uns die Natur gemacht hat, und, beſondere Anläſſe ausgenommen, ſollte ſich der Menſch am allerletzten über ſein Ausſehen beklagen. Wenn ich nun Alles, Alter, Ausſehen, Kenntniſſe und Gewohnheiten in Be⸗ tracht ziehe, Mabel, ſo ſagt mir mein Gewiſſen, daß ich durchaus nicht für Sie paſſe, wenn ich nicht etwa gar Ihrer ganz unwürdig bin, und ich würde zur Stunde meine Hoffnung ſchwinden laſſen, wenn nicht etwas in meinem Herzen klopfte, was ſich ſchwer los⸗ werden läßt!“ „Pfadfinder! edler, großmüthiger Pfadfinder!“ rief unſere Heldin, indem ſie ſeine Hand faßte und mit einer Art heiliger Verehrung küßte:„Ihr thut Euch ſelbſt Unrecht— Ihr vergeßt meines armen Vaters und Eures Verſprechens— Ihr kennt mich nicht!“ „Nun— da iſt Jasper,“ fuhr der Wegweiſer fort, ohne ſich durch die Liebkoſungen des Mädchens von ſeinem Vorſatze abbringen 600 zu laſſen;„bei ihm iſt der Fall anders. Hinſichtlich der Ver⸗ ſorgung und der Liebe ſindet kein großer Unterſchied zwiſchen uns ſtatt, denn der Junge iſt mäßig, fleißig und ſorgſam. Auch iſt er ſehr unterrichtet, kann franzöſiſch, liest viele Bücher, darunter auch einige, die Sie wie ich weiß, ſelbſt gerne leſen, und kann Sie allezeit verſtehen, was vielleicht mehr iſt, als ich von mir ſelbſt ſagen kann.“ „Wozu dieß Alles,“ unterbrach ihn Mabel ungeduldig— „warum ſprecht Ihr jetzt, warum ſprecht Ihr überhaupt davon?“ „Dann hat der Junge eine Art, ſeine Gedanken auszudrücken, in der ich es, wie ich fürchte, ihm nie gleich thun kann. Wenn es etwas auf Erden gibt, was meine Zunge kühn und beredt machen kann, Mabel, ſo ſind Sie es, und doch hat Jasper bei unſern letzten Geſprächen auch in dieſem Punkte mich übertroffen, ſo daß ich mich vor mir ſekbſt ſchämen muß. Er ſagte mir, wie einfach, wie red⸗ lich und gütig Sie wären, und wie wenig Sie der Eitelkeiten der Welt achteten; denn obgleich Sie die Gattin von mehr als einem Offizier werden könnten, wie er meint, ſo hielten Sie doch feſt an Ihrem Gefühle, und zögen es vor, ſich ſelbſt und der Natur treu zu bleiben, als nach dem Rang einer Obriſtenfrau zu trachten. Er hat mir in der That das Blut ordentlich warm gemacht, als er von Ihrer Schönheit ſprach, auf die Sie gar nicht einmal zu ſehen ſchienen, und wie Sie ſo natürlich und anmuthsvoll gleich einem jungen Reh dahin ſchritten, ohne es ſelbſt zu wiſſen; dann von der Richtigkeit und Gerechtigkeit Ihrer Gedanken und der Wärme und dem Edelmuth Ihres Herzens— „Jasper!“ unterbrach ihn Mabel und ließ nun ihren Gefühlen, die um ſo unbezwinglicher zum Ausbruch kamen, je länger ſie niedergedrückt worden waren, den Zügel ſchießen; ſie fiel in die offenen Arme des jungen Mannes und weinte wie ein Kind und faſt eben ſo hilflos an ſeiner Bruſt.— Jasper! Jasper! warum habt Ihr mir das verborgen?“ Eau⸗douces Antwort war nicht ſehr verſtändlich und auch die nun folgende flüſternde Zwieſprache nicht beſonders zuſammenhaͤn⸗ gend; aber die Sprache der Liebe verſteht ſich leicht. Die nächſte Stunde entſchwand den beiden wie ſonſt einige Minuten, ſo weit nämlich die Berechnung der Zeit in Betracht kommt; und als Mabel ſich wieder faßte und ſich beſann, daß es auch noch andere Leute gebe, maß bereits ihr Onkel das Deck des Schiffes mit un⸗ geduldigen Schritten und wunderte ſich, warum Jasper den günſti⸗ gen Wind zu benützen ſäume. Zuerſt gedachte ſie jedoch des Mannes, der wahrſcheinlich dieſe unerwartete Aeußerung ihrer wahren Gefühle am ſchmerzlichſten empfand. „O Jasper!“ rief ſie im Tone des plötzlich auftauchenden Schuldbewußtſeyns—„der Pfadfinder!“ Eau⸗douce erzitterte— nicht aus unmännlicher Furcht, wohl aber in der ſchmerzlichen Ueberzeugung, ſeinen Freund tief gekränkt zu haben, und ſah nach allen Richtungen aus, ihn zu erblicken. Aber Pfadſinder hatte ſich mit einem Zartgefühl, welches dem Takte und der Bildung eines Hofmanns Ehre gemacht hätte, zurückge⸗ zogen. Die beiden Liebenden ſaßen noch einige Minuten beiſam⸗ men und harrten ſeiner Rückkehr, ohne zu wiſſen, was ſie unter ſo bezeichnenden und eigenthümlichen Umſtänden am geeignetſten thun könnten. Endlich ſahen ſie ihren Freund langſam und nachdenklich auf ſie zukommen. „Ich weiß nun, was Ihr unter dem Sprechen ohne Zunge und dem Hören ohne Ohren verſtandet, Jasper,“ ſagte er, als er dem Baume nahe genug war, um verſtanden zu werden.„Ja, ja, ich weiß es jetzt; und es iſt eine ſehr angenehme Art von Unter⸗ redung, wenn man ſie mit Mabel Dunham halten kann. Ach! ich habe es ja dem Sergeanten geſagt, daß ich nicht für Sie paſſe — daß ich zu alt, zu unwiſſend und zu wild ſey; aber er wollte es anders wiſſen.“. Jasper und Mabel ſaßen da, Miltons Gemälde von unſern 60² Stamm⸗Eltern ähnlich, als das Bewußtſeyn der Sünde zuerſt ſein Bleigewicht auf ihre Seelen legte. Sie ſprachen nicht, ſie beweg⸗ ten ſich nicht einmal, obgleich beide ſich in dieſem Augenblick ein⸗ Pildeten, ſie könnten ſich von ihrem eben erſt gefundenen Glücke trennen, um den Seelenfrieden ihres Freundes wieder herzuſtellen. Jasper war blaß wie der Tod; Mabel hatte aber die jungfräuliche Scham das Blut auf die Wangen getrieben, die in einem Rothe ſtrahlten, welches ſie kaum mit dem ihrer heiterſten und glücklich⸗ ſten Stunden vergleichen ließ. Da das Gefühl, welches bei ihrem Geſchlechte ſtets die Gewißheit der erwiederten Liebe begleitet, ſei⸗ nen weichen und zarten Schatten über ihr Antlitz warf, ſo erſchien ſie ungemein liebenswürdig. Pfadfinder blickte ſie mit einer Innig⸗ keit an, die er nicht zu verbergen ſuchte, und brach dann mit einem wilden Entzücken in ſein gewohntes Lachen aus, wie wohl Leute von geringer Bildung ihre Luſtigkeit auszudrücken pflegen. Dieſe augenblickliche Heiterkeit erſtarb aber ſchnell in den Schmerze des Bewußtſeyns, daß dieſes herrliche junge Weſen ihm für immer verloren ſey. Es bedurfte einer vollen Minute, bis ſich der ein⸗ fache edle Mann von dieſer erſchütternden Ueberzeugung erholte; dann gewann er ſeine frühere würdevolle Haltung wieder und ſprach mit Ernſt, ja beinahe mit Feierlichkeit: „Es war mir immer bekannt, Mabel, daß die Menſchen ihre Gaben haben, obſchon ich vergaß, daß es nicht zu den meinigen gehöre, den Jungen, Schönen und Unterrichteten zu gefallen. Ich hoffe, daß der Mißgriff keine allzuſchwere Sünde geweſen iſt, und wenn er es war, ſo bin ich wahrlich ſchmerzlich genug dafür geſtraft worden. Ich weiß, was Sie ſagen wollen, Mabel, aber es iſt nicht nöthig. Ich fühle es ganz, und das iſt ſo gut, als ob ich es ganz horte. Ich habe eine bittere Stunde gehabt, Mabel; ich habe eine ſehr bittere Stunde gehabt, Junge—“ „Eine Stunde?“ wiederholte Mabel, als der Wegweiſer ſich dieſes Wortes zum erſtenmal bediente, und das verrätheriſche Blut, ———— — 4 welches ihrem Herzen zuzuſtrömen angefangen hatte, fluthete wieder ungeſtüm gegen ihre Schläfe;„gewiß, es kann keine Stunde gewe⸗ ſen ſeyn, Pfadfinder?“ E „Eine Stunde?“ rief Jasper gleichzeitig;„nein, nein, mein würdiger Freund; es ſind noch keine zehn Minuten, ſeit Ihr uns verlaſſen habt!“ „Nun, es mag ſo ſeyn, obgleich es mir wie ein Tag vorkam. Ich fange übrigens an zu glauben, daß der Glückliche ſeine Zeit nach Minuten und der Elende nach Monaten zählt. Doch, reden wir nichts mehr davon; es iſt nun Alles vorbei, und viele Worte darüber machen euch nicht glücklicher, während ſie mir nur ſagen, was ich verloren habe, und wahrſcheinlich auch, wie ſehr ich ver⸗ diente, es zu verlieren. Nein, nein, Mabel, Sie brauchen mich nicht zu unterbrechen; ich gebe Alles zu, und Ihre Gegenrede, ſo gut ſie auch gemeint ſeyn mag, wird meinen Sinn nicht ändern. Nun, Jasper, ſie iſt die Eure, und obgleich es mich ſchwer an⸗ kommt, daran zu denken, ſo will ich doch glauben, daß Ihr ſie glücklicher machen werdet, als ich es vermocht hätte, denn Eure Gaben ſind beſſer dazu geeignet, obgleich ich, ſo weit ich mich kenne, mir alle Mühe gegeben haben würde, das Gleiche zu thun. Ich hätte wohl beſſer gethan, dem Sergeanten nicht zu glauben, und mich an das halten ſollen, was mir Mabel am See ſagte; denn Vernunft und Urtheilskraft mußten mir ſagen, daß ſie Recht hatte; aber es iſt ſo angenehm, das zu denken, was wir wünſchen, und man läßt ſich ſo leicht beſchwatzen, wenn man ſich ſelbſt gern überreden möchte. Aber ich habe es ſchon geſagt, was nützt all das Gerede? Es iſt zwar wahr, Mabel ſchien einzuwilligen, aber ſie that es ja nur ihrem Vater zu Gefallen— und weil ſie ſich wegen der Wilden fürchtete—“ „Pfadfinder!“ „Ich verſtehe Sie, Mabel; aber ich habe Sie nicht kränken wollen— gewiß nicht. Bisweilen iſt's mir, als möchte ich gerne 4 604 in eurer Nachbarſchaft leben, damit ich euer Glück mit anſehen könnte; es iſt aber im Grunde doch beſſer, wenn ich das Fünfund⸗ fünfzigſte ganz verlaſſe und zum Sechszigſten zurückkehre, welches ſo zu ſagen mein angebornes iſt. Vielleicht wäre es auch beſſer geweſen, wenn ich es nie verlaſſen hätte, obgleich man meiner Dienſte in dieſer Gegend mehr benöthigt war und ich einige vom Fünfundfünfzigſten aus früheren Jahren kannte— den Sergeant Dunham zum Beiſpiel, da er vordem bei einem andern Corps ſtand. Doch, Jasper, es reut mich nicht, Euch kennen gelernt zu haben—“ „Und mich, Pfadfinder?“ unterbrach ihn Mabel ungeſtüm: „bereut Ihr es, mich gekannt zu haben? Wenn ich das glauben müßte, ſo könnte ich nimmer zum Frieden mit mir ſelbſt kommen.“ .„Sie, Mabel?“ erwiederte der Wegweiſer, indem er die Hand unſerer Heldin ergriff und ihr mit argloſer Einfalt und inniger Liebe ins Antlitz blickte—„wie könnte es mir leid thun, daß ein Strahl der Sonne das Dunkel eines freudeloſen Tages einen Augenblick erleuchtete? Ich ſchmeichle mir nicht, daß ich in der nächſten Zeit ſo leichten Herzens dahin wandern, oder ſo geſund ſchlafen kann, wie ich es ſonſt gewohnt war; aber ich werde mich ſtets erinnern, wie nahe mir ein unverdientes Glück ſtand. Weit entfernt, Ihnen Vorwürfe zu machen, Mabel, tadle ich vielmehr nur mich ſelbſt, weil ich eitel genug war, auch nur einen Augenblick an die Mög⸗ lichkeit zu denken, daß ich einem ſo holden Weſen gefallen könne; denn gewiß, Sie haben mir Alles geſagt, als wir auf der Anhöhe am See darüber ſprachen, und ich hätte Ihnen damals glauben ſollen. Es iſt ja auch ganz natürlich, daß junge Mädchen ihre Neigungen beſſer kennen, als die Väter. Ach—'s iſt jetzt im Reinen— und mir bleibt nichts mehr übrig, als Euch Lebewohl zu ſagen, damit Ihr abreiſen könnt. Ich denke, Meiſter Cap wird ungeduldig ſeyn, und es iſt zu⸗befürchten, daß er ans Ufer kommt, um ſich nach uns allen umzuſehen.“ 42 „Lebewohl zu ſagen?“ rief Mabel. „Lebewohl?“ wiederholte Jasper;— es wird: doch nicht Eure Abſicht ſeyn, uns zu verlaſſen?“ „Es iſt das Beſte, Mabel; es iſt gewiß das Beſte, Eau⸗ douce, und auch das Klügſte. Wenn ich blos meinen Gefühlen folgen wollte, ſo könnte ich in eurer Geſellſchaft leben und ſterben; wenn ich aber der Vernunft Gehör gebe; ſo muß ich euch hier verlaſſen. Ihr geht nach Oswego zurück und laßt euch, ſobald ihr dort an⸗ kommt, zuſammengeben! denn alles das iſt bereits mit Meiſter Cap abgemacht, der ſich wieder nach dem Meere ſehnt; er weiß, was geſchehen muß. Ich für meinen Theil aber will wieder in meine Wälder und zu meinem Schöpfer zurückkehren. Kommen Sie, Mabel,“ fuhr der Pfadfinder fort, indem er ſich erhob und unſerer Heldin mit ernſtem Anſtand näher trat—„Küſſen Sie mich; Jasper wird mir dieſen Kuß nicht mißgönnen, denn es gilt den Abſchied.“ „O Pfadfinder!“ rief Mabel, warf ſich in die Arme des Weg⸗ weiſers und küßte ſeine Wangen wieder und wieder mit einer Un⸗ befangenheit und Wärme, welche ſie nicht an den Tag gelegt hatte, als ſie an Jaspers Bruſt ruhte.„Gott ſegne Euch, theuerſter Pfadfinder. Ihr werdet uns ſpäter beſuchen? Wir werden Euch wieder ſehen? Wenn Ihr alt ſeyd, ſo werdet Ihr zu unſerer Woh⸗ nung kommen, und ich darf dann Eure Tochter ſeyn?“ „Ja, das iſt's,“ erwiederte der Wegweiſer, nach Luft ſchnappend; ich will es verſuchen, die Sache in dieſem Licht zu betrachten. Sie ſind geeigneter, meine Tochter, als mein Weib zu ſeyn— ja, ſo iſt es. Lebt wohl, Jasper! Wir wollen nun zu dem Kahn gehen; es iſt Zeit, daß Ihr an Bord kommt.“ Pfadfinder ging ernſt und ruhig voraus, dem Ufer zu. Sobald ſie den Kahn erreicht hatten, faßte er noch einmal Mabels Hände, hielt ſie auf Armes Länge von ſſich, und blickte ihr aufmerkſam ins Antlitz, bis die ungebetenen Thränen aus ſeinen Augen quollen und über ſeine rauhen Wangen in Stroͤmen niederfloßen. 606 „Segnet mich, Pfadfinder,“ ſagte Mabel, indem ſie ehrfurchts⸗ voll ſich auf die Kniee niederließ;„ſegnet mich wenigſtens, ehe wir ſcheiden!“ Der einfache, hochherzige Mann that, wie ſie wünſchte, half ihr in den Kahn und riß ſich dann mit ſchwerem Herzen los. Che er ſich jedoch zurückzog, nahm er noch Jaspern ein wenig auf die Seite und ſprach Folgendes: „Euer Herz iſt gut und Ihr ſeyd von Natur edel, Jasper; aber wir ſind beide rauh und wild in Vergleichung mit dieſem holden Geſchöpfe. Gebt auf ſie Acht und laßt ihren zarten Charakter nie die Rauhheit der männlichen Natur fühlen. Ihr werdet ſie bald auskennen, und der Herr, der in gleicher Weiſe über dem See und den Wäldern thront, der mit Lächeln auf die Tugend und mit Zür⸗ nen auf das Laſter blickt, erhalte euch glücklich und des Glückes würdig!“ Pfadfinder winkte ſeinem Freund zum Abſchied und blieb, auf ſeine Büchſe gelehnt, ſtehen, bis der Kahn die Seite des Seud er⸗ reicht hatte. Mabel weinte, als ob ihr das Herz brechen wollte, und verwendete kein Auge von der offenen Stelle des Baumgangs, wo die Geſtalt des Pfadfinders ſichtbar war, bis der Kutter um eine Spitze beugte, welche die Ausſicht nach der Inſel ſchloß. Bei dieſem letzten Blicke war die ſehnige Figur dieſes außerordentlichen Mannes ſo bewegungslos, wie eine Statue, an dieſem einſamen Orte als Denkſtein der kürzlich hier vorgefallenen Ereigniſſe aufgeſtellt. —— —— ——jj Dreißigſtes Kapitel. O laß mich athmen bloß die Lüfte, Die deinen holden Mund umſchweben— So ſüß mir, wie der Roſe Düfte. Ob Tod ſie bringen oder Leben. Moore. Pfadfinder war an die Einſamkeit gewöhnt; aber als der Sceud völlig verſchwunden war, umdüſterte das Gefühl des Alleinſeyns ſeine Seele. Nie vorher war er ſich ſeiner vereinzelten Stellung in der Welt bewußt geworden; denn erſt jetzt hatten ſich ſeine Ge⸗ fühle allmählig in die Annehmlichkeiten und Bedürfniſſe des geſel⸗ ligen Lebens, beſonders wenn dieſe mit häuslichen Freuden in Ver⸗ bindung ſtanden, gefügt. Nun aber war alles, ſo zu ſagen in einem Nu, verſchwunden, und er blieb ohne Gefährten und ohne Hoffnung zurück. Selbſt Chingachgook hatte ihn, freilich nur für eine Weile, verlaſſen, und ſo fehlte des Freundes Nähe gerade in einem Augen⸗ blick, welchen wir den entſcheidendſten in dem Leben unſeres Helden nennen könnten. Pfadſinder ſtand noch in der zu Ende des vorigen Kapitels beſchriebenen Stellung, als der Scud ſchon längſt verſchwunden war. Seine Glieder ſchienen erſtarrt, und nur ein Mann, der gewöhnt war, ſeine Muskeln den härteſten Uebungen zu unterwerfen, ver⸗ mochte ſo lange in einem derartigen, marmorgleichen Zuſtande zu verharren. Endlich verließ er den Ort; doch ehe er ſeinen Körper bewegte, ſtieß er einen Seufzer aus, welcher ſich aus den tiefſten Tiefen ſeiner Bruſt zu heben ſchien. d Es war eine Eigenthümlichkeit dieſes außerordentlichen Mannes, daß ihm ſeine Sinne und ſeine Glieder nie ihre Dienſte verſagten, mochte der Geiſt auch noch ſo ſehr von anderweitigen Intereſſen befangen ſeyn. Auch bei der gegenwärtigen Gelegenheit blieben ihm dieſe wichtigen Hilfsmittel treu, und obgleich ſich ſeine Gedanken 608 ausſchließlich mit Mabel, ihrer Schöͤnheit, dem Vorzuge, welchen ſie Jasper gegeben, ihren Thränen und ihrem Abſchiede beſchäftigten, bewegte er ſich doch in gerader Linie der Stelle zu, wo June noch an dem Grabe ihres Gatten weilte. Die nun folgende Unterhal⸗ tung wurde in der Sprache der Tuscaroras geführt, welche Pfad⸗ finder geläufig war; da aber dieſe Zunge nur von außerordentlich gelehrten Leuten verſtanden wird, ſo geben wir eine freie Ueber⸗ ſetzung derſelben, wobei wir, ſo weit es moͤglich iſt, den Gedanken⸗ ausdruck ſowohl, als die eigenthümlichen Wendungen der ſprechen⸗ den Perſonen beibehalten wollen. June ſaß, ohne die Gegenwart des Andern zu bemerken, mit aufgelösten Haaren auf einem Stein, der bei dem Ausſchaufeln des Grabes in der Erde gefunden worden war und nun an der Stelle lag, wo Arrowhead's Körper ruhte. Sie glaubte in der That, Alle, außer ihr, hätten die Inſel verlaſſen, und der Tritt von des Pfad⸗ finders Moccaſin war zu leiſe, um ſie auf eine rauhe Weiſe zu enttäuſchen. Pfadfinder betrachtete das Weib einige Minuten mit ſtummer Aufmerkſamkeit. Der Anblick ihres Schmerzes, die Erinnerung an ihren unerſetzlichen Verluſt und der ſichtliche Ausdruck ihrer Troſt⸗ loſigkeit übten einen heilſamen Einfluß auf ſeine eigenen Gefühle. Sein Verſtand ſagte ihm, um wie viel tiefer, als bei ihm ſelbſt, die Quellen des Kummers bei einem jungen Weibe lägen, welche ihres Gatten ſo plötzlich und gewaltſam beraubt worden war. „Dew⸗of⸗June,“ ſagte er feierlich und mit einem Ernſte, wel⸗ cher die Innigkeit ſeiner Theilnahme bezeichnete;—„du biſt nicht— allein in deinem Schmerze. Wende dich, und laß dein Auge auf einen Freund blicken.“ „June hat keinen Freund mehr!“ antwortete die Indianerin. „Arrowhead iſt zu den glücklichen Jagdgründen gegangen, und nie⸗ mand iſt übrig, der für June Sorge trägt. Die Tuscaroras wer⸗ den ſie aus ihren Wigwams jagen; die Irokeſen ſind ihren Augen verhaßt und ſie mag ſie nicht anſehen. Nein! laß June ſterben über dem Grabe ihres Gatten.“ „Das geht nicht— das darf nicht ſeyn. Es iſt gegen Ver⸗ nunft und Recht. Du glaubſt an den Manitou, June?“ „Er hat ſein Geſicht vor June verborgen, weil er zornig iſt. Er hat ſie allein gelaſſen, um zu ſterben.“ „Höre auf einen Mann, der ſeit lange die Natur der Roth⸗ häute kennt, obgleich er von Geburt ein Weißer iſt und weiße Gaben beſitzt. Wenn der Manitou eines Blaßgeſichts etwas Gutes in dem Herzen eines Blaßgeſichts hervorbringen will, ſo ſchickt er ihm 8 Leiden; denn in unſrem Kummer, June, blicken wir mit ſcharfen Augen in unſer Inneres— mit den ſchärfſten, wenn es ſich um. 3 Unterſcheidung von Recht oder Unrecht handelt. Der große Geiſt will dir wohl und hat den Häuptling hinweggenommen, damit dich 5 ſeine liſtige Zunge nicht irre leite und dein Charakter nicht der einer 5 Mingo werde, wie du bereits ſchon in ihrer Geſellſchaft warſt.“ 4 „Arrowhead war ein großer Häuptling,“ erwiederte die In⸗ dianerin mit Stolz. „Er hatte ſeine Verdienſte— gewiß; doch hatte er auch ſeine 4 Fehler. Aber June, du biſt nicht verlaſſen und wirſt es auch nicht ſo bald ſeyn. Laß deinen Schmerz austoben, laß ihn der Natur gemäß austoben, und wenn die geeignete Zeit kömmt, will ich dir mehr ſagen.“ Pfadfinder ging nun zu ſeinem Kahne und verließ die Inſel. Im Verlauf des Tages vernahm June ein⸗ oder zweimal den Knuall ſeiner Büchſe, und beim Untergang der Sonne erſchien er wieder mit Vögeln, die bereits mit einem Wohlgeſchmack zubereitet waren, welcher den Appetit eines Epicuräers hätte in Verſuchung führen können. Dieſe Art von Verkehr dauerte einen Monat, während welcher Zeit June es hartnäckig verweigerte, das Grab. ihres Gatten zu verlaſſen, obgleich ſie die freundlichen Gaben ihres Beſchützers ſchweigend hinnahm. Hin und wieder ſprachen ſie mit Der Pfadfinder. 3. Aufl. 39 610 einänder, bei welchen Gelegenheiten Pfadfinder ihren Gemüths⸗ zuſtand unterſuchte; die Unterredungen waren aber ſtets kurz und ſelten. June ſchlief in einer der Hütten, wo ſie ihr Haupt ſicher niederlegen konnte, denn ſie war ſich des Schutzes eines Freundes bewußt, obgleich Pfadfinder ſich jede Nacht auf eine anliegende Inſel, auf der er ſich ſelbſt eine Wohnung gebaut hatte, zu⸗ rückzog. Mit dem Ablaufe des Monats war jedoch die Jahreszeit zu weit vorgerückt, um June's Lage angenehm zu machen. Die Baͤume hatten ihre Blätter verloren und die Nächte wurden kalt und winterlich. Es war Zeit zur Abreiſe. Da erſchien auf einmal Chingachgook wieder. Er hielt mit ſeinem Freunde eine lange und vertrauliche Unterredung auf der Inſel. June war Zeuge ihrer Bewegungen und ſah, daß ihr Be⸗ ſchützer ſehr betrübt war. Sie ſchmiegte ſich an ſeine Seite und ſuchte mit weiblicher Zartheit und weiblichem Inſtinkt ſeinen Kummer zu lindern. „Ich danke dir, June, ich danke dir!“ ſagte er;„du meinſt es gut, aber es iſt umſonſt. Doch es iſt Zeit, daß wir dieſen Ort verlaſſen. Morgen wollen wir abreiſen. Du gehſt mit uns, denn du biſt jetzt wieder zur Vernunft gekommen.“ June gab in der demüthigen Weiſe einer Indianerin ihre Zu⸗ ſtimmung und zog ſich zurück, um die ihr noch übrige Zeit bei Arrowhead's Grabe zuzubringen. Ohne Rückſicht auf Stunde und Jahreszeit, brachte ſie die ganze Herbſtnacht ihr Haupt auf keinen Pfühl. Sie ſaß in der Nähe der Stelle, welche die irdiſchen Reſte ihres Gatten barg, und betete in der Weiſe ihres Volkes für ſein Glück auf dem endloſen Pfade, den er erſt jüngſt angetreten hatte, und für ihre Wiedervereinigung in dem Lande der Gerechten. So demüthig und niedergedrückt ſie auch in den Augen des Gedanken⸗ loſen erſcheinen mochte— das Bild Gottes war in ihrer Seele, und ſie verkündete ihren göttlichen Urſprung durch die ſehnſuchts⸗ vollen Gefühle, welche die Stumpfſinnigen, die nur den äußern Anſtrich des Gemüthes tragen, überraſcht haben würden. Sie reisten am Morgen mit einander ab— Pfadfinder ernſt und umſichtig in Allem, was er that— Big Serpent dem Bei⸗ ſpiele des Gefährten in tiefem Schweigen folgend, und June demüthig, entſagend, aber von Kummer gebeugt. Sie fuhren in zwei Kähnen; der des Weibes blieb zurück. Chingachgook ruderte ſtromaufwärts voraus, und Pfadfinder folgte. Sie ſteuer⸗ ten zwei Tage weſtwärts und ſchlugen eben ſo oft ihr Nacht⸗ lager auf den Inſeln auf. Zum Glück wurde das Wetter milder und als ſie in den See gelangten, fanden ſie ihn ſo glatt und ruhig, wie einen Teich. Es war der Sommer der Indianer, die Zeit der Windſtillen; die dunſtige Atmoſphäre hatte faſt die Milde des Juni. Am Morgen des dritten Tages kamen ſie an der Mündung des Oswego vorbei, wo das Fort und die ruhige Flagge ſie ver⸗ geblich zum Landen einlud. Ohne einen Blick ſeitwärts zu werfen, ruderte Chingachgook über die dunkeln Waſſer des Stromes und Pfadfinder folgte in ſchweigender Emſigkeit. Die Wälle waren mit Zuſchauern angefüllt; aber Lundie, welcher in ihnen ſeine alten Freunde erkannte, geſtattete es nicht, ſie anzurufen. Gegen Mittag fuhr Chingachgook in eine kleine Bai ein, wo der Scud in einer Art Rhede vor Anker war. An dem Ufer befand ſich eine kleine, vor Alters entſtandene Lichtung und am Rande des Sees lag ein etwas roh behauenes, neues und vollſtändig ausgebautes Blockhaus. Der ganze Platz trug das Gepräge der Wohnlichkeit und des Ueberfluſſes der Gränze, obgleich er etwas wild und ein⸗ ſam war. Jasper ſtand am Ufer, und als Pfadfinder landete, bot er ihm zuerſt die Hand. Die Begrüßung war einfach, aber ſehr herzlich. Es wurden keine Fragen geſtellt, denn augenſcheinlich hatte Chingachgook die nöthigen Erklärungen gegeben. Pfadfinder hatte die Hand ſeines Freundes nie mit mehr Wärme gedrückt, als bei dieſer Zuſammenkunft, und lachte ſogar von ganzem Herzen, als er ihm ſagte, wie er ſo recht im Glücke zu ſitzen ſcheine. „Wo iſt ſie, Jasper, wo iſt ſie?“ flüſterte endlich der Weg⸗ weiſer, denn anfangs ſchien er ſelbſt vor der Frage zu bangen. „Sie erwartet uns im Hauſe, mein lieber Freunde, wohin, wie Ihr ſeht, June bereits vorausgeeilt iſt.“ „Mag auch ein leichter Fuß June Mabeln entgegen führen, ihr Herz wird nicht leichter dadurch. Ihr habt alſo den Geiſt⸗ lichen in der Garniſon gefunden, und die Sache iſt nun ganz im Reinen?“ „Wir ließen uns eine Woche, nachdem wir Euch verlaſſen hatten, trauen, und Meiſter Cap reiste des andern Tages ab. Ihr habt vergeſſen, nach Eurem Freund Salzwaſſer zu fragen.“ „Nicht doch, nicht doch; der Serpent hat mir Alles erzählt; und dann höre ich lieber von Mabel und ihrem Glücke ſprechen. Lachte das Kind, oder weinte ſie, als die Feierlichkeit vorüber war?“ „Sie that Beides, mein Freund; aber—— „Ja, das iſt ſo ihre Art— Thränen und Heiterkeit. Ach— ſie erſcheinen uns Leuten aus den Wäldern ſo gar liebenswürdig und ich glaube, ich würde Alles für Recht halten, was Mabel thäte. Und glaubt Ihr, Jasper, daß ſie meiner überhaupt bei dieſem freudevollen Anlaß gedachte?“ „Gewiß, Pfadfinder!— Sie denkt an Euch und ſpricht von Euch täglich, faſt ſtündlich. Niemand liebt Euch ſo, wie wir.“ „Ich weiß, daß mich wenige mehr lieben, als Ihr, Jasper. Chingachgook iſt vielleicht jetzt noch das einzige Geſchöpf, von welchem ich das ſagen kann. Nun— es führt zu nichts, länger zu zögern; es muß geſchehen, und ſo kann es denn eben ſo gut gleich geſchehen. So zeigt mir den Weg, Jasper, ich will's ver⸗ ſuchen, noch einmal in ihr ſüßes Auge zu blicken.“ Jasper ging voran und bald trafen ſie mit Mabel zuſammen. Letztere empfing ihren ehemaligen Verlobten mit hohem Erröthen,⸗ und ihre Glieder zitterten, ſo daß ſie ſich kaum aufrecht zu halten vermochte. Doch war die Art, wie ſie ihm entgegenkam, liebevoll und offen. Bei dieſem Beſuche Pfadfinders, der, obgleich letzterer in der Wohnung ſeiner Freunde ſpeiste, nicht länger als eine Stunde dauerte, hätte ein geübter Seelenkenner ein treues Bild von Mabels Gefühlen, wie auch von ihrem Benehmen gegen Pfadfinder und ihren Gatten erhalten können. Gegen den letzteren zeigte ſie, wie es bei Neuvermählten gewöhnlich iſt, noch etwas Zurückhaltung, aber der Ton ihrer Stimme war ſogar noch ſanfter als gewöhnlich: ihre Blicke waren zärtlich und ſie ſah ihn ſelten an, ohne daß die Glut ihrer Wangen Gefühle verrieth, welchen Zeit und Gewohnheit noch nicht den Stempel der vollkommenen Ruhe aufgedrückt hatten. Gegen Pfadfinder war ſie ernſt, aufrichtig, ſogar aͤngſtlich; aber ihre Stimme bebte nie; das Auge ſenkte ſich nicht, und wenn die Wangen errötheten, ſo geſchah dieß in Folge von Regungen, welche ſich mit der Beſorgniß verbinden. Endlich kam der Augenblick, wo Pfadfinder aufbrechen mußte. Chingachgook hatte bereits die Kähne verlaſſen und ſich am Saume des Waldes aufgeſtellt, wo ein Pfad ins Innere führte. Hier erwartete er ruhig die Ankunft ſeines Freundes. Sobald letzterer dieſes bemerkte, erhob er ſich feierlich und nahm Abſchied. „Ich habe bisweilen gedacht, daß das Schickſal ein wenig zu hart mit mir umgegangen ſey,“ ſagte er;„aber dieſes Weib, Ma⸗ bel, hat mich beſchämt und zur Vernunft gebracht.“ „June wird bei mir bleiben,“ unterbrach ihn raſch unſere Heldin. „Ich habe mir das auch ſo vorgeſtellt. Wenn irgend jemand ihren Schmerz heilen und ihr das Leben wieder werth machen kann, ſo ſind Sie es, Mabel, obgleich ich zweifle, daß es Ihnen gelingen wird. Das arme Geſchöpf iſt eben ſo ſehr ohne Stamm, als ohne Gatten, und es iſt nicht leicht, ſich mit dem Gefühle aus⸗ zuſöhnen, beide verloren zu haben.— Ach! warum kümmere ich mich aber um anderer Leute Elend und Heirathen, als ob ich nicht ſelber genug Leides auf dem Herzen trüge! Sagen Sie mir nichts, Mabel,— ſagt mir nichts, Jasper!— Laßt mich im Frieden und wie ein Mann meinen Weg ziehen. Ich habe euer Glück geſehen, und das iſt ſchon etwas Namhaftes; ich werde um ſo eher im Stande ſeyn, meinen Kummer zu tragen. Nein— ich will Sie nicht wieder küſſen, Mabel; ich will Sie nie wieder küſſen.— Hier iſt meine Hand, Jasper; drückt ſie, Junge, drückt ſie— ohne Um⸗ ſtände;'s iſt die Hand eines Mannes,— und nun, Mabel— da. haben Sie ſie auch;— nein, nicht ſo“— Mabel wollte ſie küſſen und in Thränen baden—„Sie müſſen das nicht thun—“ „Pfadfinder,“ fragte die junge Frau;„wann werden wir Euch wieder ſehen?“ „Ich habe auch ſchon daran gedacht— ja, ich habe daran gedacht. Wenn einmal die Zeit kömmt, wo ich Sie ganz als eine Schweſter betrachten kann, Mabel, oder als mein Kind— es iſt beſſer, wenn ich ſage, als ein Kind— denn Sie ſind jung genug, um meine Tochter ſeyn zu können; dann, verlaßt Euch darauf,— dann will ich wieder kommen, denn es würde mir das Herz erleich⸗ tern, Zeuge eures Glücks zu ſeyn. Aber wenn ich nicht kann,— lebt wohl— lebt wohl,— der Sergeant hatte Unrecht,— ja, der Sergeant hatte Unrecht!“ Dieß waren die letzten Worte, welche Jasper Weſtern und Mabel Dunham je von Pfadfinder hörten. Er entfernte ſich, da die Macht der Gefühle ihn überwältigte und befand ſich ſchnell an der Seite ſeines Freundes. Als letzterer ihn kommen ſah, lud er ſich ſeinen Pack auf und ſchlüpfte unter die Bäume, ohne zu warten, bis er angeſprochen wurde. Mabel, ihr Gatte und June, ſahen noch lange der Geſtalt des Pfadfinders nach, in der Hoffnung, daß er ihnen noch einen Wink oder einen Scheideblick zuwerfen werde; aber er ſchaute nicht zurück. Ein⸗ oder zweimal kam es ihnen vor, als ob er den Kopf ſchüttelte, wie einer, der im Schmerze ſeiner Seele erzitterte; dann fuhr er mit der Hand in die Höhe, als ob er wiſſe, daß man ihm nachſehe: aber ein Schritt, deſſen Kraft kein Kummer beugen konnte, entführte ihn bald ihren Blicken und er verlor ſich in den Tiefen des Urwaldes. Weder Jasper, noch ſeine Gattin, ſahen Pfadfinder je wieder. Sie blieben noch ein Jahr an den Ufern des Ontario; dann ließen ſie ſich durch Caps dringende Bitten veranlaſſen, zu ihm nach Newyork zu ziehen, wo Jasper ein bemittelter und geachteter Kaufmann wurde. Im Verlaufe der Zeit erhielt Mabel dreimal werthvolle Geſchenke von Pelzwerk, und ihre Gefühle ſagten ihr, woher ſie kämen, obgleich kein Name die Gaben begleitete. In ſpäterer Zeit jedoch, als ſie bereits Mutter mehrerer Kinder war, gab ſich ihr eine Veranlaſſung, das Innere des Landes zu beſuchen, und ſie befand ſich an den Ufern des Mohawks, von ihren Söhnen begleitet, deren älteſter bereits fähig war, ihr Beſchützer zu ſeyn. Bei dieſer Gelegenheit bemerkte ſie einen Mann in ſonderbarer Tracht, welcher ſie aus der Entfernung mit einer Aufmerkſamkeit betrachtete, daß ſie dadurch veranlaßt wurde, über ſein Gewerbe und ſeinen Charakter Erkundigung einzuziehen. Sie erfuhr, daß er der berühmteſte Jäger in dieſem Theil des Staates— es war nach der Revolution— und ein Mann von großer Sittenreinheit und bezeichnenden Eigenthümlichkeiten ſey, und daß man ihn in dieſem Landſtrich unter dem Namen Lederſtrumpf kenne. Etwag weiteres konnte Frau Weſtern nicht erfahren: aber jen Sli aus der Ferne und das eigenthümliche Benehmen— unbekannten Jägers machten ihr eine ſchlafloſe Nache id warfen einen web⸗ üthi ihre zwurer noch lieblichen Züge welcher müthigen Schatten über ihre aeun L mehrere Tage lang nicht verſchwand.. Auf Ad⸗ hatts der doppelte Verluſt ihr⸗s Gatten und ihres Stammes den von Pfadſinder vorausg⸗ſehenen Einfluß geübt. Sie ſtarb in Mabels Hütte an den Uern des Sees, und Jasper 616 führte ihre Leiche nach der Inſel, wo er ſie an Arrowhead's Seite beerdigte. Lundie erlebte es, ſeine alte Liebe heimzuführen, und nahm aals ein gebeugter, ſchlachtenmüder Veteran ſeinen Abſchied; aber ſein Name wurde in unſeren Tagen durch die Thaten eines jüngern Bruders berühmt, der dem ältern in ſeinem Lairdstitel nachfolgte, dieſe Würde aber bald mit der eines großen Seehelden ver⸗ tauſchte. 2330Oece- — „ 4