* * 5 1 8 L 7 2 0 1— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.. Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Aeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtatret wird. 5 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt worden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Büchen: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Wi.— Pf. „ 3 2——— 5, Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bucher auf ihre eigenen Koſten und Gefah 6. Schadenersatz. Für beſchmutzt defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit e Ladenpreis e werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt y=— —.----- Cooper's ſaäaͤmmtliche Werke. Zehntes bis zwölftes Bändchen. „ Der Letzte der Mohikaner. Viertes bis ſechſtes Bändchen. Dritte verbeſſerte Aufla gLe. Frankfurt am Main, 1834. Gedruckt und verlegt von Johann David Sauerländer. Der Letzte de r Mohikanerv. Eine Erzählung aus dem Jahre 1757. Von Eodper. Aus dem Engliſchen ü berſetzt von Heinrich Döring. Viertes bis ſechſtes Bändchen. Dritte verbeſſerte Auflage. Frankfurt am Main, 1834. Gedruckt und verlegt von Johann David Sauerläder „Sey mir nicht abhold meiner Farbe wegen, Der Schattentracht des beißen Sonnenſtrahls. Erſtes Kapitel. ———— Je nun, etwas der Art! Ein ehrenwerther Mörder, wenn Ihr wollt; Aus Haß geſchahb's nicht— nur der Ehre wegen, Othello. Die blutige und unmenſchliche Scene, die wir im vori⸗ gen Kapitel mehr flüchtig erwähnt, als umſtändlich ge⸗ ſchildert haben, führt in der Geſchichte der nordameri⸗ kaniſchen Kolonieen den wohlverdienten Namen des Ge⸗ metzels von William Henry.⸗ Der Ruf des franzöſtſchen Generals hatte ſchon durch ein früheres Ereigniß ähn⸗ licher Art gelitten, und dieſer Fleck konnte ſelbſt durch deſſen frühzeitigen ruhmvollen Tod nicht gänzlich vertilgt werden. Die Zeit hat ihn jetzt etwas verwiſcht; aber Tauſende, denen es bekannt iſt, daß Montcalm auf den Ebenen von Abraham den Heldentod ſtarb, wiſſen viel⸗ leicht nicht, daß ihm jener moraliſche Nuth fehlte, ohne den es keine wahre Größe gibt. Mehrere Seiten ließen ſich hier füllen, um an dieſem berühmten Beiſpiel die Mängel menſchlicher Vollkommenheit darzuthun, und zu zeigen, wie leicht edelmüthige Geſinnungen, Höͤflichkeit und ritterlicher Muth unter der Gewalt eines mißver⸗ ſtandenen Egoismus ihren Einfluß verlieren, und ſo der — — — Welt einen Mann zeigen, deſſen Grundſätze faſt in allen Fällen einer ſelbſtſüchtigen Politik untergeordnet waren. Aber eine ſolche Aufgabe würde die Gränzen und den Zweck dieſer Darſtellung überſchreiten, und da die Ge⸗ ſchichte, wie die Liebe, ihre Helden ſo gern mit einem eingebildeten Glanze umgibt, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß Ludwig von St. Veran in den Augen der Nachwelt nur als der tapfere Vertheidiger ſeines Vaterlandes gilt, während ſeine empörende Fühlloſigkeit an den Ufern des Oswego und des Horican vergeſſen wird. Allein dieſer Gegenſtand würde zu weit fuͤhren, und wir halten uns daher, wie ſchon geſagt, in den Gränzen, die wir uns ſelbſt geſteckt haben. Der dritte Tag nach der übergabe des Forts neigte ſich ſeinem Ende entgegen. Indeß müſſen uns unſere Leſer doch noch ein Mal in die Nähe des heiligen Sees folgen. Als wir ihn zuletzt erblickten, war die Gegend rings umher mit Gegenſtänden der Gewaltthätigkeit und Empörung angefüllt. Jetzt herrſchde dort eine wahre Todesſtille. Die mit Blut befleckten Sieger hatten ſich entfernt, und die Stelle ihres Lagers, deſſen Verſchan⸗ zungen zerſtört waren, bezeichneten nur noch einige von den Kriegern erbaute Hütten. Die Feſtung⸗ ſelbſt lag in rauchenden Ruinen begraben; halb verbrannte Balken, überreſte von Kanonen und anderem Geſchütz, eingefal⸗ lenes Gemäuer lag in grauſer Verwirrung durch einander. Auch die Jahreszeit ſchien ſich furchtbar verändert zu haben. Die erwärmenden Sonnenſtrahlen hatten durch eine undurchdringliche Dunſtmaſſe ihre Kraft ver⸗ loren, und Hunderte von lehloſen menſchlichen Geſtalten, — — welche die glühende Hitze des Auguſts gebräunt hatte, erſtarrten nun völlig bei dem heftigen Winde, der faſt Novemberkälte mit ſich führte. Die Nebelgewölke, welche man über die Berge nach Norden hatte ziehen ſehen, wurden nun von der Wuth eines Orkans in einem lan⸗ gen, ſchwarzen Streif nach Süden zu getrieben. Die Gewäſſer des Horican wogten ungeſtüm, als wollten ſie den unreinen Wellenſchaum an den Strand werfen. Eine gewiſſe Klarheit war dem See zwar noch geblie⸗ ben; es ſpiegelte ſich aber blos das düſtere Gewölk in ihm, das den ganzen Himmel umzog. Die liebliche, feuchte Atmoſphäre, welche den rauhen und wilden Cha⸗ rakter dieſer Gegend ſonſt milderte, war verſchwunden, und der Nordwind brauſte mit ſolchem Ungeſtüm über die Waſſerſtäche, daß weder dem Auge, noch der Ein⸗ bildungskraft ein Punkt blieb, auf dem ſie mit Vergnü⸗ gen hätten weilen mögen. Von dieſem heftigen Winde war das cchöne Grün der Ebene ſo ausgedörrt, als ob ein verzehrendes Feuer darüber hingegangen wäre. Doch ſah man hie und da noch ein grünes Plätzchen gleichſam die künftige Frucht⸗ barkeit eines Bodens verkünden, der unlängſt mit Blut gedüngt worden war. Die ganze Landſchaft, bei einem heitern Himmel und angenehmer Wärme ſo anziehend, glich nun einem Sinnbild des Lebens, in welchem die Gegenſtände mit grellen, aber wahren Farben hervor⸗ treten, ohne durch irgend einen Schatten gemildert zu werden. Wenn man aber vor der Gewalt der heftigen Wind⸗ ſtöße jene einzelnen grünen Stellen, welche unverfehrt ——— — —— — — 8ͤ— geblieben waren, kaum unterſcheiden konnte, ſo traten deſto deutlicher die kahlen Berge und Felſen hervor, welche ſich auf der Ebene erhoben; und umſonſt ſpähte das Auge an den unbegränzten Himmelsgewölbe nach einem freundlicheren Anblick, da die dunklen Wolken und Dünſte das liebliche Blau verhüllten. Das Wehen des Windes war ungleich, indem er bald dicht am Boßen hinſtrich, als wolle er ſein dum⸗ pfes Stöhnen dem Ohr der Todten zuflüſtern, bald mit durchdringendem Geheul ſich in die höhern Regionen der Luft erhob, und in dem Walde die Zweige der Bäu⸗ me zerbrach und mit deren Blättern die Erde bedeckte. Einige hungrige hiaben ſah man mit dieſem wüthenden Orkan gleichſam im Kampfe begriffen; allein, wenn ſie über das grüne Waldmeer herüber waren, ließen ſie ſich auf dem Platze nieder, wo die Todten lagen und wo es ihnen nicht atz Nahrung fehlte. „MNit einem Worte, es war ein Schauplatz der Ode und Verwüſtung, und es ſchien, als hätte der Arm des Todes alle Menſchen, welche ſich dieſem verhängniß⸗ vollen Orte genähert, erreicht. Jetzt zum erſten Male, ſeit die Vollbringer jener Gräulthaten dieſe Gegend verlaſſen hatten, wagten ſich wieder menſchliche Weſen in ihre Nähe. Am Abend des Tages, von dem wir hier ſprechen, etwa eine Stunde vor Sonnenuntergang, näherten ſich fünf Männer auf dem Pfade, welcher durch den Wald an das Ufer des Hudſon führte, der zerſtörten Feſtung. Anfangs war ihr Schritt langſam und vorſichtig, als nä⸗ herten ſie ſich mit Widerwillen dieſer traurigen Gegend, oder als fürchteten ſie eine Wiederholung der hier ſtatt⸗ gefundenen Gräulſcene. Ein junger Menſch ging den übrigen mit der Vor⸗ ſicht und Gewandtheit eines Eingeborenen voran, beſtieg jeden Hügel, um die Gegend zu rekognosciren, und be⸗ zeichnete durch Gebärden ſeinen Gefährten den Weg, den er für den ſicherſten hielt. Die, welche ihm folgten, ließen es ebenfalls an Vorſicht und Wachſamkeit nicht fehlen. Einer derſelben, ebenfalls ein Indianer, hielt ſich etwas ſeitwärts, unverwandt ſeine Blicke auf die benachbarte Waldgränze heftend. Sein Auge ſchien da⸗ ran gewöhnt, in dem leiſeſten Zeichen eine herannahende Gefahr zu erkennen. Die drei Andern waren Weiße, und der Stoff und die Farbe ihrer Kleider war ihrem gefahrvollen Unternehmen angemeſſen, welches darin be⸗ ſtand, einer zahlreichen ſich aurückziehenden Armee auf dem Fuße zu folgen. 8 Verſchieden nach dem Charakter eines Jeden war der Eindruck, den das Schickfal, das ſich mit jedem Schritte ihren Augen darbot, auf den kleinen Trupp machte. Der Vorderſte warf einen verſtohlenen Blick auf die verſtümmelten Schlachtopfer, die er auf ſeinem Gange über die Ebene traf. Offenbar wollte er die na⸗ türlichen Gefühle, die dieſer Anblick in ihm aufregte, nicht merken laſſen; allein er war noch zu jung und unerfahren, um ihren mächtigen Einfluß unterdrücken zu können. Sein Gefährte war indeß weit erhaben über eine ſolche Schwäche. Er ſchien durch jahrelange Gewohnheit mit Scenen dieſer Art vertraut geworden zu ſeyn. Dies bewies der feſte Schritt und die ruhige — 10— Miene, womit er durch die Haufen von Leichnamen hinging. Die Gefühle, welche dieſer Auftritt in dem Gemüth der drei Weißen zurückließ, waren ebenfalls verſchiedener Art; doch ſchien der Schmerz und die Trauer vorherr⸗ ſchend. Der Eine, deſſen graue Haare und Runzeln des Geſichts, ſo wie ſein kriegeriſches Anſehn, wiewohl er die einfache Kleidung eines Waidmanns trug, einen Mann verkündeten, der die furchtbarſten Kriegesſcenen längſt aus Erfahrung kannte, ſchämte ſich nicht zu ſeuf⸗ zen, als ein ſo naseehan ſchrecklicher Anblick ihm vor die Augen trat. Der junge Mann, der neben ihm ging, ſchauderte vor Entſetzen, ſchien aber ſeine Gefühle aus Schonung für ſeinen Begleiter zu unterdrücken. Unter allen ſchien allein der Letzte, der gleichſam den Nachtrab bildete, ohne Scheu und Züruckhaltung ſeine Empfin⸗ dungen laut werden zu laſſen. Er betrachtete den furcht⸗ barſten Anblick mit ſtarrem Auge, keine ſeiner Muskeln verzog ſich; aber er brach in Fluͤche und Verwünſchun⸗ gen aus, und verrieth auf dieſe Weiſe den Abſcheu, wo⸗ mit ihn dies Blutbad erfüllte. Der Leſer wird ohne Zweifel in dieſen Perſonen, die beiden Mohikaner und ihren weißen Freund, den Kundſchafter, nebſt Munro und Heyward erkannt haben. Es war wirklich der Vater, der ſeine Kinder ſuchte, begleitet von dem Jüngling, der ſich ſo lebhaft für ſeine Familie intereſſirte, und jenen drei wackern Waldbewoh⸗ nern, die in den bereits erzählten A uhennen ſo viele Beweiſe von Muth und Treue gegebe hatten. Als Unkas, der voranging, die Mitte der Ebene — 11— erreicht hatte, erhob er ein Geſchrei, welches ſeine Ge⸗ fährten ſogleich um ihn verſammelte. Der junge Krie⸗ ger betrachtete eine Gruppe von Weibern, welche die Wilden niedergemetzelt hatten. Die Leichname waren faſt ſchon in Fäulniß übergegangen. Munro und Hey⸗ ward unterzogen ſich gleichwohl dem furchtbaren Geſchäft, die, mehr oder minder verſtümmelten Todten näher in Augenſchein zu nehmen, um zu ſehen, oͤb nicht vielleicht die ämſig Geſuchten darunter wären. Der Vater und der Liebende fühlten ſich einiger Maaßen getröſtet, als ſie Cora und Aliy nicht fanden. Auch entdeckten ſie un⸗ ter den wenigen Kleidungsſtücken, welche die Mörder ihren Schlachtopfern gelaſſen hatten, nichts, was den Schweſtern gehört hatte. Demungeachtet empfanden ſie die Qual einer Ungewißheit, die faſt ſo weinlich war, wie die ſchrecklichſte Gewißheit. In ein düſteres Schweigen verſunken, ſtanden ſie vor dem Haufen der Todten, als ſich ihnen der Kundſchafter näherte. Sein Geſicht er⸗ röthete vor Zorn, da er die Leichname betrachtete, und zum erſten Male, ſeit ſie die Ebene betraten, redete er die Übrigen laut und deutlich an. „Ich habe mehr, als ein Schlachtfeld geſehen,“ ſagte er,„und habe die blutigen Spuren oft Meilen weit ver⸗ folgt; aber nie ſah ich die Hand des Teufels ſo ſichtbar im Spiel, wie hier. Rache iſt ein angebornes Gefühl der Indianer, und wer mich kennt, der weiß, daß nicht ein Tropfen ihres Bluts in meinen Adern rinnt; aber ſo viel will ich ſagen— hier im Angeſicht des Himmels und im Schutze des Herrn, der auch in dieſer heulenden Wildniß ſeine Macht verkündet— kommen die Franzo⸗ “——— ſen, die dieſem Gemetzel kaltblütig zugeſehen, mir auf Schußweite in den Wurf, ſo ſteht hier Einer, der ſeine Büchſe nicht aus der Hand legen wird, ſo lange noch ein Stein Funken gibt und das Pulver zündet! Ich überlaſſe die Streitart und das Meſſer denen, die ein natürliches Geſchick beſitzen, damit umzugehen.— Was ſagſt du dazu, Chingachgook?“ fügte er in delawariſcher Sprache hinzu,„werden ſich die rothen Huronen dieſer That vor ihren Weibern rühmen, wenn der tiefe Schnee kommt?“ 8 4 Ein Strahl von Rache erhellte die dunkeln Züge des Mohikaner⸗Hauptlings. Er szog ſein Meſſer halb aus der Scheide, dann aber ſein Auge von dem Anblick deſſelben hinwegwendend, wurde ſein Geſicht wieder ſo ruhig, als ob es den Einfluß oder die Aufregung der Leidenſchaft nie gekannt hahe. „Montealm! Montcalm!“ fuhr der tief entrüſtete Kundſchafter lebhaft fort, indem er ſich keinen Zwang auferlegte,„man ſagt, es komme dereinſt eine Zeit, wo alle Thaten, die man auf Erden vollbracht, mit einem Blicke überſehen werden ſollen und zwar von Augen, 4 denen keine ſterhliche Schwäche mehr anklebt. Wehe dem Elenden, der dann Rechenſchaft ablegen muß, was auf dieſer Ebene geſchehen iſt! Ha, ſo wahr ich vom Blut der Weißen ſtamme, dort liegt unter den Todten eine rothe Hant, der man den Schopf abgezogen hat! Betracht' ihn genauer, Chingachgook! Es iſt vielleicht einer von denen, die wir vermiſſen, und in dieſem Falle ſollte er begraben werden, wie es einem tapfern Krieger geziemet. Ich leſ' es in deinen Augen: ein Hurone muß — 13— dafür büßen, ehe der Wind den Geruch des Bluts ver⸗ weht hat!“ Chingachgook näaherte ſich dem verſtümmelten Leich⸗ nam, und ihn umwendend, erkannte er die unterſchei⸗ denden Zeichen einer der ſechs verbündeten Stämme oder Nationen, wie man ſie nannte. Sie waren, ob⸗ gleich ſie in den Reihen der Engländer fochten, die Todfeinde ſeines Volks; daher ſtieß ihn der Mohikaner verächtlich mit dem Fuße fort, ihn mit der Gleichgültig⸗ keit verlaſſend, als ob es das Aas eines Thieres gewe⸗ ſen wäre. Der Kundſchafter begriff recht gut dieſe Hand⸗ lung, und verfolgte bedächtig ſeinen Weg, während er fortfuhr, ſeine Erbitterung gegen den franzöſiſchen Ge⸗ neral auszulaſſen. 7 „Nur der unendlichen Weisheit und unumſchränkten Allmacht,“ ſagte er,„Fommt es zu, eine ſolche Men⸗ ſchenmenge von der 5 zu vertilgen; denn nur Gott weiß, wann es Noth thut zu richten. Wo aber iſt das Weſen, das ein ejnziges Geſchöpf zu erſetzen vermag, dem es das Leben raubte? Ich halte es ſchon für eine Sünde, einen zweiten Rehbock zu ſchießen, eh' ich den erſten gegeſſen /habe— es müßte denn ſeyn, daß ich auf einem weiten Wege begriffen wäre oder lang im Hinterhalt liegen müßte. Es iſt etwas ganz Anderes auf dem Schlachtfelde, dem Feinde gerade gegenüber. Da gilt es zu ſterben mit der Büchſe oder Streitagt in der Hand, je nachdem einer eine weiße oder rothe Haut hat. Komnr, Unkas! Laß die Raben auf dieſen Mingo herabflattern. Ich weiß aus Erfahrung, daß dieſe Thiere das Fleiſch eines Oneidas vorzüglich lieben. — “ — 112— Laſſen wir ſie daher ihren natürlichen Appetit befrie⸗ digen!“ „Hugh!“ rief der junge Mohikaner, auf die Spitze der Fußzehen tretend, und die Augen feſt auf den ge⸗ rade gegenüberliegenden Waldſaum heftend. Dieſer Aus⸗ ruf verſcheuchte den Raben, der ſich anderswo eine Beute ſuchte. „Was gibt es?“ fragte der Kundſchafter leiſe, ſich wie ein Panther bückend, der auf ſeinen Raub losſtür⸗ zen will.„Gott gebe, daß es ſo ein franzöſiſcher Nach⸗ zügler iſt, der umherſchleicht, die Leichname zu plündern. Ich glaube, mein Hirſchtödter würde heute ſein Ziel nicht verfehlen!“ 7 Unkas ſprang, ohne eine Antwort darauf zu geben, von dem Patze hinweg, und einen Augenblick ſpäter ſah man, daß er aus einem Gebüſch den Überreſt von Co⸗ ra’s grünem Schleier hexvorzog und ihn triumphirend über ſeinem Kopfe ſchwang. Dieſe Bewegung und ein abermaliges Geſchrei des jungen Mohikaners lockten die Übrigen ſchnell herbei „Mein Kind!“ rief Munro mit lebhafter Beſorgniß, „gebt mir mein Kind wieder!“ „ unkas will es verſuchen,“ war die einfache und kurze Antwort des Mohikaners. Dieſe Verſtcherung machte auf den beunruhigten Va⸗ ter keinen Eindruck; er ergriff das Stück von Cora's Schleier, und während er es krampfhaft in die Hand preßte, war ſein ſtarrer Blick auf die Gebüſche geheftet, in der Furcht und Hoffnung, ein ſchreckliches Geheimniß bald enthüllt zu ſehen.. „Hier ſind keine Todten,“ ſagte Heyward mit einer hohlen Stimme, welche die Angſt faſt erſtickt hatte; „der Sturm ſcheint ſich nicht nach dieſer Seite gewendet zu haben.“ „Das iſt ſo klar, wie der Himmel über uns,“ er⸗ wiederte der kaltblütige, unerſchütterliche Kundſchafter. „Aber entweder ſie ſelbſt, oder diejenigen, die ſie ent⸗ führten, müſſen durch dies Gebüſch gekommen ſeyn; denn ich g mich recht gut, daß gerade ſolch ein Schleier ein Ge icht bedeckte, das Jedermann nur mit Wohlgefallen betrachtete. Unkas, du haſt Recht, das Mädchen mit den dunkeln Locken iſt offenbar hier gewe⸗ ſen und in den Wald geflohen wie ein ſcheues Reh. Warum ſollte auch, wer noch fliehen kann, ſtehen blei⸗ ben, um ſich tödten zu laſſen? Wir wollen die Spuren ſuchen, die ſie zurückließ, und wir finden ſie ſicher; denn ich mögte faſt behaupten, daß das Auge eines Indianers die Spuren ſieht, die ein Vogel auf ſeinem Fluge in der Luft zurückläßt.“ Der junge Mohikaßter ſtürzte bet dieſer Aufforderung fort, und kaum hatte der Kundſchafter jene Worte ge⸗ ſprochen, als dieſer an dem Saum des Waldes ein aber⸗ maliges Freudengeſchrei erhob. Nachdem die Üübrigen den Platz erreichten, brachte Unkas ihnen ein anderes Stück des nämlichen Schleiers, das an einer niedrigen Buche gehangen hatte.. „Sachte! ſachte!“ rief der Kundſchafter, ſeine lange Büchſe dem ungeduldigen Heyward entgegenhaltend, der im Begriff ſtand, fortzueilen.„Wir wiſſen nun, was wir zu thun haben; aber wir können uns auch von dem , —— —— 3 — — — 16— Wege verlieren, den wir ein Mal eingeſchlagen haben. Ein unvorſichtiger Schritt kann uns Stundenlang zu ſchaffen machen. Wir ſind auf der Fährte, das wenig⸗ ſtens läßt ſich nicht läugnen.“ „Der Himmel ſegne Euch, würdiger Mann!“ rief der beunruhigte Vater.„Aber wohin ſind ſie geflohen? Wo ſind meine Kinder?“ „Der Weg, den ſie eingeſchlagen haben, hängt von mancherlei Umſtänden ab,“ ſagte Hawk⸗eye.„Sind ſie allein gegangen, ſo können ſie, ſtatt gerad' aus, irgend einen Umweg gemacht haben, und in dieſem Falle nicht weiter, als ein Dutzend Meilen von uns entfernt ſeyn. Haben aber die Huronen oder Indianer, welche mit den Franzoſen verbündet ſind, Hand an ſie gelegt, ſo befin⸗ den ſie ſich wahrſcheinlich ſchon an den Gränzen von Kanada. Doch was thut das?“ fuhr er fort, als er in den Zügen Munro's und Heyward's die durch die ge⸗ täuſchte Hoffnung wachſende Beſorgniß wahrnahm;„die beiden Mohikaner und ich, wir ſtehen hier an dem einen Ende der Fährte, und wir finden das andere, wenn es auch hundert Meilen von hier entfernt wäre!— Sachte, Unkas, ſachte! Du biſt ſo ungeduldig, als ob du in den Kolonien geboreu wäreſt! Du vergißt, daß zarte Füße keine ſehr tiefen Spuren zuruͤcklaſſen.“ „Hugh!“ rief Chingachgook, der ſich damit beſchäf⸗ tigt hatte, eine Offnung zu unterſuchen, welche durch das niedere Gebuüſch, das den Wald begränzte, gemacht worden war. Er richtete ſich jetzt empor und deutete mit der Hand auf die Erde Seine Stellung und Miene —— — 2 Sn ͤ die 17— war die eines Menſchen, der eine widerliche Schlange erblickt. „ Hier iſt die deutliche Spur eines Männerfußes!“ rief Heyward, ſich niederbückend, um die bezeichnete Stelle näher zu betrachten.„Er iſt am Rande dieſer Pfütze hergekommen, das ſieht man deutlich. Sie ſind offenbar gefangen!“ 3 „Das iſt beſſer, als wenn ſie in den Wäͤldern um⸗ herirren und Hungers ſterben!“ erwiederte der Kund ſchafter.„Um ſo weniger verlieren wir ihre Spur. Ich wollte fünfzig Bieberfelle gegen fünfzig Kieſel wetten, daß die Mohikaner und ich die Hütten dieſer Schurken finden, ehe ein Monat vergeht. Bücke dich, Unkas, und ſieh ein Mal, was du aus dieſem Halbſtiefel machen kannſt; denn es iſt offenbar die Spur von einem Halb⸗ ſtiefel und nicht von einem Schuh.“ Der junge Mohikaner bückte ſich nieder, und die zerſtreuten Blätter von dem Platze wegräumend, unter⸗ ſuchte er ihn mit der Genauigkeit, womit heut zu Tage ein Handelsmann einen verdächtigen Schuldbrief betrach⸗ tet. Endlich ſtand er/ wieder auf, und ſchien befriedigt durch den Erfolg ſeiner Unterſuchung. „Nun,“ fragte der Kundſchafter,„was meinſt du? Haſt du etwas daraus machen können?“ „Es iſt le Renard Subtil.“ „Schon wieder dieſer herumſtreifende Teufel! Den werden wir nicht los, bis mein Hirſchtödter ein Wort im Vertrauen mit ihm geſprochen hat!“ Heyward räumte ungern und zögernd die Wahrheit dieſer Nachricht ein und ſuchte ſich durch Zweifel zu troͤſten. 10— 12. 2 — — — 18— „Ein Halbſtiefel ſieht dem andern doch ſo ähnlich; hier findet wahrſcheinlich ein Irrthum Statt.“ „Ein Halbſtiefel dem andern ähnlich!“ ſagte Hawk⸗ eye,„das iſt eben ſo viel, als wenn man ſagen wollte, alle Füße ſeyen einander gleich, und doch wiſſen wir alle, daß einige lang, andere kurz, einige breit, andere ſchmal ſind; daß die Fußſpanne bald höher, bald niedri⸗ ger iſt, daß der Eine auswärts, der Andere einwärts geht. Die Halbſtiefel ſind einander ſo wenig gleich, als die Bücher, wenn gleich diejenigen, die in dieſen leſen, nicht immer im Stande ſind, jene zu unterſcheiden. So iſt es Alles außs beſte eingerichtet, damit Jedem ſeine natürlichen Vorzüge hleiben.— Laß mich hinzu, Unkas! Bücher oder Halbſtiefel— vier Augen ſehen immer beſ⸗ ſer, als zwei!“ Der Kundſchafter bückte ſich nun ebenfalls, um die Spur genau zu betrachten. „Du haſt Recht, Unkas,“ ſagte er, ſich ſogleich wie⸗ der aufrichtend,„es iſt die Spur, die wir oft geſehen haben, als wir Jagd auf ihn machten. Der Burſche ſäuft ſtets, wenn ſich ihm eine Gelegenheit dazu darbie⸗ tet. Die Säufer unter euch Indianern treten immer feſter auf, ais der Wilde im Naturzuſtande; das iſt ein Mal die Art der Trunkenbolde, mag ihre Haut roth oder weiß ſeyn. Es iſt gerade die rechte Länge und Breite. Sieh' auch hin, Chingachgook; du haſt mehr als ein Mal die Spuren dieſes Schurken gemeſſen, als wir ihn vom Felſen Gleen bis an die Heilquellen ver⸗ folgten.“ Chingachgook kniete nieder, und nach kurzer Unter⸗ —.— ͤͤ — — 19— ſuchung wieder aufſtehend, ſprach er mit ruhiger und ernſter Miene, doch in einem fremden Dialekt das Wort Magua aus. „Ja, das iſt eine ausgemachte Sache,“ ſagte Hawk⸗ eye,„das junge Frauenzimmer mit den ſchwarzen Haa⸗ ren und Magua ſind hier vorbeigekommen.“ „Und Alix?“ fragte Heyward beſtürzt. „Von ihr haben wir noch keine Spuren bemerkt,“ erwiederte der Kundſchafter, die Bäume, das Gebüſch und den Boden aufmerkſam unterſuchend.—„Aber was iſt das hier? Unkas, hol' ein Mal, was da an dem Dornſtrauch hängt!“ Der junge Indianer gehorchte ſogleich. Als er aber ſeinen Fund dem Kundſchafter eingehändigt hatte, hielt ihn dieſer hoch empor, und lachte dabei, wie es ſeine Art war, von ganzem Herzen. „Es iſt das Spielzeug, die Pfeife unſeres Sän⸗ gers!“ rief er aus.„Er iſt alſo hier geweſen, und da hätten wir ja nun keine Spur, der ein Prieſter folgen könnte. Junkas, uche die Spuren eines Schuhs, der lang und breit genug iſt, um eine ſechs Fuß zwei Zoll hohe, ſchwanbende Fleiſchmaſſe aufrecht zu erhalten. Nun habe ich einige Hoffnung, daß aus dem Burſchen noch was werden kann, da er das Spielwerk weggeworfen hat und wahrſcheinlich Willens iſt, ſich auf ein nützliche⸗ res Gewerbe zu legen.“ „Wenigſtens hat er treu auf ſeinem Poſten ausge⸗ halten,“ ſagte Heyward,„und Cora und Alix haben doch einen Freund bei ſich.“ „Ja,“ entgegnete Hawk⸗eye, indem er ſeine Büchſe 2* —.— —— — 20— ſinken ließ und ſich mit ſichtbarer Verachtung darauf ſtützte,„an Singen wird er's nicht fehlen laſſen! Aber kann er einen Rehbock zu ihrem Mittagsmahl ſchießen? Kann er ſeinen Weg am Moos der Buchen erkennen? Kann er einem Huronen, der ſie überfällt, den Hals abſchneiden? Verſteht er nichts von alle dem, ſo iſt der erſte beſte Spottvogel, der ihm in den Weg kommt, ge⸗ ſchickter, als er. Nun, Unkas, findeſt du etwas, das der Spur eines ſolchen Fußes gleicht?“ „Hier iſt eine Spur von einem Menſchenfuße, der einen Schuh getragen zu haben ſcheint,“ ſagte Heyward, der freudig dieſe Gelegenheit ergriff, um ein Geſpräch, das David nachtheilig war, abzuͤbrechen, da er ihm von Herzen Dank wußte, daß er die beiden Schweſtern nicht verlaſſen hatte.„Könnte dies wohl der Fuß unſeres Freundes ſeyn?“ „Berühren Sie die Blätter mit größerer Vorſicht, wenn Sie nicht die ganze Spur verderhen wollen. Das da? Das iſt die Spur eines Fußes, aber von dem Mädchen mit dem ſchwarzen Haar, und ſte iſt klein ge⸗ nug für einen ſo artigen Wuchs. Die Ferſe des Sän⸗ gers würde dieſe Spur ganz bedecken.“ „Wo? Laßt mich die Spur von dem Fußtritt mei⸗ ner Tochter ſehen!“ rief Munro, ſich raſch durch die Gebüſche drängend und niederkniend, um den halbver⸗ löſchten Eindruck im Sande näher zu betrachten. Ob⸗ gleich der Schritt, der dieſe Spur zurückgelaſſen hatte, leicht und raſch geweſen war, ſo konnte man dieſelbe doch noch deutlich erblicken. Des greiſen Kriegers Augen verdunkelten ſich, als er ſie betrachtete, und als er wie⸗ der aufſtand, bemerkte Heyward, daß Munro die Spur vom Fußtritt ſeiner Tochter mit Thränen benetzt hatte. Um ſeinen Schmerz, der jeden Augenblick gewaltſam auszubrechen drohte, durch Zerſtreuung zu mildern und die Gedanken des Greiſes von ſeinem Kummer abzu⸗ lenken, wandte ſi ich Duncan zu dem Kundſchafter und) ſagte: „Da wir nun ſo untrügliche Spuren gefunden 34 ben, ſo wollen wir uns augenblicklich auf den Weg ma⸗ chen. Unter ſolchen Umſtänden dünkt den Gefangenen jede Minute ein Jahrhundert.“ 4 „Nicht immer ereilt der Huͤnd, der am ſchnellſten läuft, den fliehenden Hirſch,“ entgegnete Hawk⸗eye, ohne ſein Auge von den entdeckten Spuren hinwegzuwenden; „wir wiſſen, daß der umherſchleichende Hurone hier vor⸗ beigegangen iſt, und eben ſo das Mädchen mit dem ſchwarzen Haar und der Sänger.— Aber was iſt aus dem Frauenzimmer mit dem blonden Haar und blauen Augen geworden? Wenn auch kleiner und nicht ſo mu⸗ thig, als ihre Schweſter, iſt ſie doch lieblich anzuſchauen und angenehm in ihrem Geſpräch. Hat ſie keinen Freund, der ihrer gedenkt?“ „Gott mög' es verhüten, daß es ihr je daran fehle!“ ſagte Duncan.„Aber ſind wir denn nicht hier, um ſie zu ſuchen? Was mich anlangt, ſo will ich meine Nachforſchung nicht aufgeben, bis ich ſie gefunden habe.“ „In dieſem Falle müſſen wir verſchiedene Wege ein⸗ ſchlagen,“ ſagte der Kundſchafter;„denn hier iſt ſie offenbar nicht geweſen. So leicht auch ihr Fußtritt ſeyn mag, eine Spur hätten wir doch finden müſſen.“ “ —— — 22— Heyward trat einige Schritte zurück; er ſchien nie⸗ dergeſchlagen und ſein ganzer Muth in dieſem Augen⸗ blicke erloſchen. Ohne darauf zu achten, fuhr der⸗Kund⸗ ſchafter fort, nachdem er einen Augenblick machgeſon⸗ nen hatte: „Es gibt kein weibliches Weſen in dieſer Wildniß, deſſen Fuß eine ſolche Spur zurücklaſſen kann. Sie rührt nothwendig von dem Mädchen mit dem ſchwarzen Haar oder von ihrer Schweſter her. Daß Erſteres hier geweſen iſt, wiſſen wir; wo aber ſind die Zeichen von der Anweſenheit der Andern?— Indeß wollen wir dieſe Spuren verfolgen, und finden wir keine andern mehr, ſo⸗ gehen wir zurück in die Ebene und ſchlagen einen andern Weg ein. Vorwärts, Unkas! Hefte dein Auge’ſtets auf die dürren Blätter! Ich will die Gebüſche unterſuchen. Vorwärts, Freunde! Die Sonne ſinkt „ſchon hinter die Berge hinab.“ I „Gibt es denn nichts für pnic zu thun?“ fragte Heyward. „Sie,“ ſagte Hawk⸗eye, den ſich mit ſeinen zwei rothen Freunden ſchon in Bewegung geſetzt hatte,„Sie gehen hinter uns her, und, wenn Sie Spuren entdecken, ſo hüten Sie ſich, nichts daran zu verderben.“ Sie waren kaum eine kleine Strecke gegangen, als die beiden Indianer ſtehen blieben und einige Zeichen auf dem Boden aufmerkſam betrachteten. Vater und Sohn ſprachen laut und lebhaft mit einander, ihr Auge bald auf den Gegenſtand ihres Geſprächs heftend, bald freudige Blicke mit einander wechſelnd. „Sie haben ſicher den kleinen Fuß gefunden!“ rief — 23— der Kundſchafter, und lief zu ihnen, ohne daran zu denken, was er ſich ſelbſt bei der allgemeinen Nach⸗ forſchung zur Pflicht gemacht hatte.„Was gibt’s da? Auf dieſer Stelle hatdman im Hinterhalt gelegen! Bei der beſten Flinte, die es in den Gränzlanden gibt, hier ſind Pferde geweſen, die den einen Vorder⸗ und Hinter⸗ fuß zugleich aufheben. Nun iſt das ganze Geheimniß enthüllt, und die Sache ſo klar, wie der Nordſtern um Mitternacht. Ja, ſie ſind zu Pferde geweſen. An der Tanne hier iſt der Boden vo den angebundenen Pfer⸗ den zerſtampft, und dort iſt der große Pfad, der ſich nördlich nach Kanada Hnzieht.“ X8. „Aber wir haben noch keine Spur von Alix— von der jüngern Miß Munro,“ ſagte Duncan. „Nein,“ erciiederte der Kundſchafter,„es müßte uns denn das glänzende Spielwerk dazu verhelfen, das Unkas dort ſo eben von der Erde aufhebt. Gib her, Junge, daß wir es unterſuchen können. Heyybard erkannte ſogleich ein Geſchmeide, das Lehnhe trug, und mit dem treuen Gedächtniſle eines Liebenden erinnerte er ſich, an jenem unglücklichen Mor⸗ gem, wo das Gemetzel Statt fand, es an ihrem Halſe geſehen zu haben. Er nahm das theure Kleinod und⸗ indem er ſeinen Gefährten den Fund meldete, verbarg er es an ſeinem klopfenden Herzen mit einer Haſtigkeit, daß der Kundſchafter in dem Wahn, jener habe es fal⸗ len laſſen, ſich bückte, um es zu ſuchen. „Ach!“ ſeufzte Hawk⸗eye, der vergeblich mit dem Kolben ſeiner Büchſe die durren Blätter weggeräumt hatte,„das iſt ein ſicheres Zeichen des Alters, wenn — 24— das Geſicht abzunehmen anfängt. So ein glänzendes Geſchmeide nicht zu finden! Nun gleichviel! Seh' ich doch wenigſtens noch ſo gut, um mit dieſer Büchſe mein Ziel zu treffen, und mehr braucht es nicht, um jeden Streit zwiſchen mir und den Mingos beizulegen. Aber ich hätte doch das Ding gerne gefunden, wär's auch nur, um es der Eigenthümerin wiederzugeben; das würde die zwei Enden einer langen Fährte ſchön an ein⸗ ander knüpfen— denn jetzt liegt ſchon der St. Lorenzo⸗ ſtrom, vielleicht auch gar die großen Seen zwiſchen uns und ihnen. „Um ſo mehr haben wir Urſache, uns nicht länger aufzuhalten,“ entgegnete Heyward.„Laßt uns ſogleich unſern Weg fortſetzen.“ I „Junges Blut und heißes Blut, ſagt man, iſt ſo ziemlich eins und daſſelbe,“ erwiederte der Kundſchafter. „Wir ſind nicht hier, um auf eine Eichhörnchenjagd zu gehen oder ein Wild in den Horikan zu treiben. Tage und Nächte müſſen wir unterwegs bleiben und Wild⸗ niſſe durchkreuzen, die ſelten ein menſchlicher Fuß be⸗ tritt, und wo alle Bücherweisheit nichts hilft. Ein In⸗ dianer macht ſich nie an ein ſolches Unternehmen, ohne vor ſeinem Verſammlungsfeuer geraucht zu haben, und obgleich ich vom Blut der Weißen ſtamme, ſo billige ich dennoch ihre Gebräuche in dieſem Falle, da ſie uns Zeit zum Nachdenken laſſen. Wir wollen daher zurückge⸗ hen und unſer Feuer unter den Ruinen des alten Forts anzünden. Dann ſind wir morgen mit Tagesanbruch friſch und munter, und ſo im Stande, unſer Unterneh⸗ 71————— men wie Mäͤnner auszuführen und nicht wie geſchwätzige Weiber oder ungeduldige Knaben. Heyward ſah ſogleich an dem Benehmen des Kund⸗ ſchafters, daß jede Einwendung vergeblich ſeyn würde. Munro war wieder in jenen Zuſtand der Gefühlloſigkeit verſunken, aus dem er ſich ſeit ſeinem letzten Unglück ſelten und nur augenblicklich durch einen neuen und leb⸗ haften Eindruck aufrütteln ließ. Aus der Noth eine Tu⸗ gend machend, ergriff Duncan den Arm des greiſen Krie⸗ gers und folgte dem Kundſchafter und den beiden India⸗ nern, die bereits den Pfad eingeſchlagen hatten, der ſie wieder nach der Ebene führte. G Zweites Kapitel. Salarino. Nun, ich bin ſicher, wenn der Schein verfällt, ſo wirſt Du ſein Fleiſch nicht nehmen; wozu wär' es gut! Shylock. Fiſche damit zu angeln. Sättigt es ſonſt Nie⸗ mand, ſo fättigt es doch meine Rache. Shakſpeare's Kaufmann von Venedig. Die Abendſchatten hatten die ſchauerliche Ode der Ruinen von William Henry noch vermehrt, als die Rei⸗ ſenden dort anlangten. Der Kundſchafter und ſeine Ge⸗ fährten trafen ſogleich die nöthigen Vorkehrungen, um hier zu übernachten. Aber ihre ernſte und nachdenkende Miene verrieth nur zu deutlich, daß die furchtbare Scene, — 26— die ſie mit eignen Augen angeſehn, einen tiefen, bleiben⸗ den Eindruck auf ſie gemacht hatte. Einige Balken wur⸗ den gegen eine vom Rauch geſchwärzte Mauer gelehnt; Unkas bedeckte ſie mit Zweigen, und deutete, als er mit ſeiner Arbeit fertig war, auf die einfache Hütte. Hey⸗ ward, der dieſe ſtumme Gebärdenſprache verſtand, drang in Munro, einzutreten und ſich einige Ruhe zu gönnen. Den Greis mit ſeinem Kummer allein laſſend, trat Dun⸗ can ſogleich wieder an die freie Luft; denn er war zu aufgeregt, um ſelbſt die Ruhe zu genießen, die er ſo eben ſeinem alten Freunde empfohlen hatte. Während Hawk⸗eye und die Indianer ihr Feuer an⸗ zündeten und ihre Abendmahlzeit verzehrten, die, höchſt frugal, aus gedörrtem Bärenfleiſche beſtand, ſtieg Hey⸗ ward auf die Trümmer einer der Baſtionen, die auf die Waſſferfläche des Horican hinausſahen. Der Wind hatte ſich gelegt, und die Wogen bewegten ſich an dem Sand⸗ ufer zu ſeinen Füßen regelmäßiger und minder ungeſtüm. Die Wolken zertheilten ſich, als wären ſie ihres ungeſtü⸗ men Ziehens müde, und wahrend die dichtern ſich am Horizont in ſchwarzen Maſſen ſammelten, floh das leich⸗ tere Gewölk noch über die Fluthen des See's und über die Gipfel der Berge hin, wie ein Zug verſcheuchter Vö⸗ gel, die noch immer in der Nähe ihrer Neſter umher⸗ flattern. Hie und da kämpfte ein funkelnder Stern mit dem Nebel, der noch die Luft füllte, und brach dann plötzlich mit ſeinem Lichte durch das düſtere Gewölk des Himmels. Auf den benachbarten Bergen ruhte bereits undurchdringliche Finſterniß, und die Ebene glich einem großen verlaſſenen Beinhauſe, deſſen zahlreiche Bewohner — 27— in dem tiefen Schlummer ruhten, den auch das leiſeſte Flüſtern nicht unterbricht. Dieſe Scene, die mit dem Vergangenen in ſo ſchauer⸗ lichem Einklange ſtand, betrachtete Duncan eine Weile. Seine Augen ſtreiften unter den Trümmern umher, auf welchen der Kundſchafter und ſeine Gefährten um das angezündete Feuer ſaßen. Bald aber wandten ſie ſich nach dem matten Licht, welches noch den Himmel er⸗ hellte, und ruhten dann lange auf der düſteren Dunkel⸗ heit, welche nach der Seite hin, wo die Todten lagen, ſeinen Geſichtskreis beſchränkte. Bald dünkte es ihm, als drängen von dieſer Gegend her unerklärliche Töne zu ihm herüber, ſo leiſ und un⸗ beſtimmt, daß er darüber völlig im Dunkel und ungewiß blieb, ob er ſich nicht täuſche. Er ſchämte ſich der Un⸗ ruhe, die ihn bei dieſen ſeltſamen Klängen ergriff, und um ſich zu zerſtreuen, blickte er wieder nach dem See hin, die funkelnden Sterne betrachtend, die ſich in den Wellen ſpiegelten. Doch abermals vernahm ſein lauſchen⸗ des Ohr die nämlichen Töne, als ob ſie ihn vor irgend einer verborgenen Gefahr warnen wollten. Endlich ſchien ein leiſes Geräuſch deutlich das Herannahen von Schrit⸗ ten zu verkündigen. Nicht länger im Stande, ſeine Un⸗ ruhe zu beherrſchen, rief Duncan leiſe den Kundſchafter, und bat ihn, ſeinen Platz zu verlaſſen und zu ihm zu kommen. Hawk⸗eye nahm ſeine Büchſe unter den Arm, und näherte ſich dem Major mit einer ſorgloſen und ru⸗ higen Miene, daß man wohl ſah, er glaube ſich hier in völliger Sicherheit zu befinden.. „Horcht,“ ſagte Duncan, als der Kundſchafter ſich — — ruhig an ſeine Seite geſtellt hatte,„ich höre da halblaute Töne auf der Ebene; man ſollte daraus ſchließen, Mont⸗ calm habe ſeine Eroberung noch nicht gänzlich verlaſſen.“ „Dann ſind Ohren beſſer, als Augen,“ antwortete der kaltblütige Kundſchafter, der gerade ein Stück Bären⸗ fleiſch mit den Zähnen zermalmte, und daher undeutlich und ſchwer ſprach, wie Jemand, der den Mund voll hat. „Ich hab' ihn ſelbſt mit ſeinem ganzen Heere in den Ty gehen ſehen; denn, wenn dieſe Franzoſen einen Sieg da⸗ von getragen haben, ſo feiern ſie ihn gern daheim durch einen Tanz oder irgend eine andere Luſtbarkeit.“ „Das weiß ich nicht; aber ein Indianer ſchlaͤft ſel⸗ ten während des Kriegs, und ein Hurone kann, um zu plündern, zurückgeblieben ſeyn, auch nachdem ſeine Lands⸗ leute ſich bereits entfernt haben. Ich dächte, wir löſchten das Feuer aus, und gäben genau auf Alles Acht. Horcht! Hört Ihr das Geräuſch nicht, das ich meine?“ „Ein Indianer ſchleicht ſelten unter Todten umher. Obgleich ſtets bereit zu tödten und nicht bedenklich über die Art und Weiſe, wie es geſchieht, begnügt er ſich doch gewöhnlich mit der Kopfhaut ſeines Feindes, falls ſein Blut nicht zu ſehr erhitzt iſt und ihn völlig wüthend macht. Iſt aber der Geiſt vom Körper getrennt, ſo vergißt er ſeine Feindſchaft und läßt den Todten ruhen. Da ich ge⸗ rade vom Geiſte ſpreche, Major, glauben Sie, daß die rothen Häute und wir Weißen dereinſt in das nämliche Paradies kommen?“ „Ohne Zweifel, ohne Zweifel.— Aber es kam mir ſo vor, als hört ich den nämlichen Ton wieder; oder war es vielleicht ein Rauſchen in den Blättern der Buche dort?“ — 29— „Was mich betrifft,“ fuhr Hawk⸗eye fort, ſein Ge⸗ ſicht einen Augenblick gleichgültig nach der Seile wendend, nach welcher Heyward wies, ſo glaub' ich: das Paradies iſt zur Glückſeligkeit beſtimmt, und jeder Menſch wird ſie dort nach ſeinen Anlagen und Neigungen auf verſchiedene Weiſe genießen. Ich denke daher, die rothen Häute ha⸗ ben nicht ſo ganz Unrecht, wenn ſie glauben, es gäbe dort ſchöne Wälder voll Wildpret, wie es all' ihre Traditionen melden. Und was dies betrifft, ſo würd' es, denk' ich, einem Weißen, deſſen Blut unvermiſcht iſt, eben nicht zur Schande gereichen, wenn er zum Zeitvertreib— „Hört Ihr's? Abermals!“ unterbrach ihn Duncan. „Ja, ja, mag es Nahrung im überfluſſe geben, oder mag ſte fehlen, die Wölfe ſind immer auf den Beinen,“ entgegnete der Kundſchafter,„Es würde Einem ordent⸗ lich die Wahl ſchwer werden unter den Häuten der Sa⸗ tansbrut, wenn's hell wäre, und man zu dem Spaß Zeit hätte! Aber um wieder auf das Leben jenſeits zu kom⸗ men, Major. Ich habe Prediger in den Kolonien gehört, die ſagten, der Himmel ſey ein Aufenthalt der Ruhe. Aber die Begriffe der Menſchen von Glückſeligkeit ſind ſehr verſchieden. Ich meines Theils— bei aller Achtung für den Willen der Vorſehung— würde mich eben nicht ſehr glücklich fühlen in den Wohnungen der Ruhe, von denen jene Geiſtlichen predigen; denn ich habe von Natur einen Hang zur Bewegung und zur Jagd.“ Duncan, der nun nach der Erklaͤrung des Kundſchaf⸗ ters zu wiſſen glaubte, wo das Gerauſch herrühre, ſchenkte jetzt dem Gegenſtande, für den ſich Hawk⸗eye ſo ſehr in⸗ tereſſirte, etwas mehr Aufmerkſamkeit.— — 30— „Es iſt ſchwer,“ ſagte er,„ſich von den Gefühlen Rechenſchaft zu geben, die den Menſchen bei dieſem letz⸗ ten großen Wechſel ergreifen.“ „Es wäre in der That ein furchtbarer Wechſel für einen Mann, der den größten Theil ſeines Lebens unter freiem Himmel zugebracht,“ erwiederte der Kundſchafter, „für einen Mann, der ſo oft an den heißen Quellen des Hudſon gefrühſtuͤckt hat, und aus ſeinem Schlummer ge⸗ weckt ward durch das Geheul der Mohaker. Aber es iſt ein Troſt, zu wiſſen, daß wir einem barmherzigen Herrn dienen. Zwar thut dies jeder auf ſeine eigene Weiſe, und wir ſind durch unermeßliche, öde Strecken von ihm getrennt; aber— doch was war das?“ „Iſt es nicht das Geräuſch der Wölfe, die, wie Ihr vorhin ſagtet, ihrer Beute nachgehen?“ fragte Heyward. Hawk⸗eye ſchüttelte den Kopf, und gab Duncan einen Wink, ihm an einen Ort zu folgen, den das Feuer nicht erhellte. Als der Kundſchafter dieſe Vorſichtsmaaßregel getroffen hatte, horchte er mit der geſpannteſten Aufmerk⸗ ſamkeit, ob der leiſe Ton, der ſo unverhofft zu ſeinen Ohren gedrungen war, ſich nicht wiederholen werde. Al⸗ lein vergeblich war ſein Horchen, und einige Augenblicke darauf flüſterte er Duncan zu: „Wir müſſen Unkas rufen; er beſitzt die Organe eines Indianers, und hört leicht, was wir nicht zu hören vermögen. Ich, als Weißer, kann meine Natur nicht verleugnen.“ Der junge Mohikaner, der am Feuer ſitzend in leiſem Geſprach mit ſeinem Vater begriffen war, fuhr zuſam⸗ men, als er den Ruf einer Eule hörte, und ſogleich auf⸗ — 31— ſpringend, blickte er nach verſchiedenen Seiten, um ſich zu überzeugen, woher der Ruf komme. Der Kundſchaf⸗ ter wiederholte ihn, und nun ſah Duncan, daß Unkas ſich vorſichtig dem Orte näherte, wo ſie ſtanden. Hawk⸗eye erklärte ihm in der delawariſchen Sprache mit wenig Worten ſeine Wünſche, und als Unkas ſie ver⸗ nommen hatte, warf er ſich mit dem Geſichte auf den Raſen, und blieb, wie es Heyward ſchien, eine Zeitlang ruhig und bewegungslos liegen. Verwundert über dieſe Stellung des jungen Kriegers, und neugierig, auf welche Art er die verlangten Erkundigungen einzöge, näherte ſich Heyward ihm auf einige Schritte und beugte ſich über den dunkeln Gegenſtand hin, den er für den ausgeſtreck⸗ ten Körper des Mohikaners hielt. Allein Unkas war ver⸗ ſchwunden und was er erblickte, war nur der Schatten von einigen Trümmern. „Was iſt aus dem jungen Mohikaner geworden?“ fragte er den Kundſchafter, als er wieder bei ihm war; „dort ſah ich ihn niederfallen, und ich könnte darauf ſchwören, daß er nicht wieder aufgeſtanden iſt!“ „Pſt! ſprechen Sie leiſer; denn wir wiſſen nicht, was für Ohren uns belauſchen, und die Mingos ſind eine auf⸗ merkſame Race. Unkas iſt fortgekrochen, und befindet ſich jetzt auf der Ebene, und wenn ſich dort irgend ein Magua blicken läßt, ſo wird er ſehen, daß er Jemand vor ſich hat, der es mit ihm aufnehmen kann.“ „Ihr glaubt alſo, Montcalm habe nicht alle ſeine Indianer mitgenommen? Wir wollen unſre Gefährten zuſammenrufen und die Waffen ergreifen. Wir ſind unſrer fünfe, und nie hat Einem darunter der Feind Schrecken eingeflößt.“ „Sprechen Sie kein Wort mit ihnen, wenn Ihnen Ihr Leben lieb iſt!— Sehen Sie dort Chingachgook bei dem Feuer ſitzen? Er hat völlig das Anſehn eines gro⸗ ßen indianiſchen Häuptlings. Wenn ein Paar Burſche in dem Dunkel umherſchleichen, ſo werden ſie es an ſeinen Zügen durchaus nicht merken, daß wir hier das Heran⸗ nahen einer Gefahr vermuthen.“ „Aber ihn können Sie entdecken, nd dann iſt ſein Tod gewiß. Man kann ſeine Geſtalt bei dem hellen Feuer zu deutlich ſehen, und er wird ſicher das erſte Opfer, das durch einen aus dem Dunkel abgeſendeten Pfeil oder durch eine Kugel fällt.“ „Die Wahrheit dieſer Worte läßt ſich nicht leugnen,“ erwiederte der Kundſchafter, deſſen Geſicht eine nicht ge⸗ wöhnliche Unruhe verrieth;„aber was iſt zu thun? Eine einzige perdachtige Bewegung von unſrer Seite kann einen Angriff herbeiführen, ehe wir noch zum Widerſtande gerüſtet ſind. Er weiß bereits durch das Signal, das ich Unkas gegeben habe, daß etwas Ungewöhnliches vor⸗ geht. Nun will ich ihn durch ein zweites Zeichen darauf aufmerkſam machen, daß die Mingos in unſrer Nähe ſind. Seine indianiſche Natur wird ihn dann ſchon leh⸗ ren, was er zu thun hat.“ Der Kundſchafter legte nun ſeinen Finger an den Mund und ließ einen leiſen, ziſchenden Ton hören, bei welchem Duncan zuſammenfuhr, weil er eine Schlange zu hören glaubte. Chingachgook hatte den Kopf auf die Hand geſtützt und ſchien in Gedanken verſunken. Als —6—— ——j—- A8à.᷑ 82 — ⏑— ——,—— — 33— er den warnenden Ton des Thiers vernahm, deſſen Na⸗ men er führte, richtete er ſich empor, und ſeine ſchwar⸗ zen Augen blickten lebhaft und keck nach allen Seiten um⸗ her. Dieſe plötzliche, vielleicht unwillkürliche Bewegung war das einzige Merkmaal von Überraſchung oder Unruhe. Er griff nicht nach ſeiner Büchſe, die ihm zur Hand lag; ja er ſchien ſie kaum zu bemerken. Eben ſo ließ er die Streitaxt, die er Bequemlichkeits halber aus dem Gürtel losgemacht hatte, wieder zu Boden ſinken, wie Jemand, deſſen körperliche Kräfte völlig erſchöpft ſind. Mit vieler Schlauheit ſeine frühere Stellung wieder annehmend, ſtützte er den Kopf jedoch auf die andere Hand, um, wie es ſchien, ſeinen Arm ausruhen zu laſſen, und wartete nun den Erfolg mit einer Ruhe und Faſſung ab, deren Niemand als ein Indianer fähig geweſen wäre. Allein Heyward bemerkte, daß, während der Mohi⸗ kaner⸗Häuptling zu ſchlummern ſchien, ſein Kopf ſich ein wenig ſeitwärts neigte, um ſeinen Gehörorganen zu Hülfe zu kommen. Auch ſtreiften ſeine lebhaften Blicke an jedem Gegenſtand vorüber, den ſein Auge erreichen konnte. „Sehen Sie den edlen Krieger!“ flüſterte Hawk⸗eye, Duncan's Arm drückend.„Er weiß, daß die geringſte Bewegung unſre Vorſicht vereiteln und uns ohne Gnade dieſer Satansbrut—“ Hier unterbrach ihn der Blitz und Knall einer Mus⸗ kete. Feuerfunken füllten die Luft an dem Platze, auf welchen ſich Heyward's Augen noch voll Verwunderung hefteten. Ein zweiter Blick ſagte ihm, daß Chingachgvok in dieſem Moment der Beſtürzung verſchwunden ſey. Indeſſen hatte der Kundſchafter ſeine Vüchſſe geſpannt und, 10— 12. ſich ſchußfertig haltend, erwartete er ungeduldig den Augen⸗ blick, wo ſich ihm ein Feind zeigen würde. Aber mit dem vergeblichen Verſuche, Chingachgook nach dem Leben zu trachten, ſchien der Angriff beendigt zu ſeyn. Einige Male glaubten die beiden Horchenden ein entferntes Rau⸗. ſchen in den Gebüſchen zu hören; aber Hawk⸗eye's Auge erkannte bald einen Trupp fliehender Wölfe, welche ohne Zweifel der Schuß verſcheucht hatte. In Ungewißheit und Ungeduld verfloſſen abermals einige Minuten, als man etwas im Waſſer plätſchern und gleich darauf einen zweiten Flintenſchuß hörte. „Dort geht Unkas!“ ſagte der Kundſchafter.„Der Junge hat eine treffliche Büchſe. Ich kenne ihren Knall ſo gut, wie ein Vater die Stimme ſeines Kindes kennt; denn ich habe ſie lange ſelbſt gebraucht, eh' ich eine beſ⸗ ſere bekam.“ „Was ſoll das alles heißen?“ fragte Duncan.„Man lauert uns auf, wie es ſcheint, und hat uns den Tod geſchworen.“ „Jener erſte Schuß beweiſ't, daß man nichts Gutes gegen uns im Schilde führte, und dieſer Indianer hier kann beweiſen, daß ihm nichts Schlimmes widerfahren iſt,“ erwiederte der Kundſchafter, kaltblütig ſeine Büchſe unter den Arm nehmend, als er Chingachgook unweit des Feuers wieder zum Vorſchein kommen ſah. „Nun, wie ſteht es?“ ſagte er, indem er auf ihn zuging.„Greifen uns die Mingos ernſtlich an, oder iſt es nur ſo ein Gewürm, das ſich im Rücken eines Heers aufhält, um irgend einem Todten ſeine Kopfhaut zu ſteh⸗ 2E — 35— len und ſich dann unter ihren Weibern des Siegs über die bleichen Geſichter zu rühmen?“ Chingachgook verfügte ſich wieder ruhig an ſeinen Platz, und ertheilte keine Antwort, bis er einen Feuer⸗ brand unterſucht, den die Kugel, die ihm galt, getroffen hatte. Dann hob er einen Finger empor, und ſagte in engliſcher Sprache blos das Wort: „Einer!“ „Das dacht' ich,“ erwiederte Hawk⸗eye, indem er ſich neben ihn ſetzte;„und da er ſich im See verſteckt hatte, ehe Unkas ſeine Büchſe abfeuern konnte, ſo iſt es nur zu wahrſcheinlich, der Schurke iſt entkommen, um ſeine Lüge überall auszuſprengen, daß er zwei Mohika⸗ nern und einem weißen Jäger aufgelauert habe— denn die zwei Offiziere kann man bei dergleichen Scharmützeln kaum in Anſchlag bringen.— Nun, er mag gehen! Es gibt unter jeder Nation rechtſchaffene Leute, wenn ſie auch unter den Maguas, Gott weiß, ſelten ſind, und da kann denn wohl ein wackrer Mann auftreten, der den Schurken über ſeine unvernünftigen Prahlereien zur Rede ſtellt. Aber das Blei dieſes Spitzbuben hat dir um die Ohren gepfiffen, Chingachgook!“ Ruhig und mit gleichgültigem Blick den Feuerbrand betrachtend, den die Kugel getroffen hatte, nahm Chin⸗ gachgook wieder ſeine frühere Stellung an. Seine Kalt⸗ blütigkeit ſchien durch ein ſolches Ereigniß nicht geſtört werden zu können. In dieſem Augenblicke kam Unkas zurück, und ſetzte ſich mit derſelben Ruhe und Gleichgül⸗ tigkeit, wie ſein Vater, an's Feuer. Alle dieſe Bewegungen entgingen Heyward nicht, der 3* — ſie mit Neugier und Verwunderung betrachtete. Es ſchien ihm, als hätten die Waldbewohner gewiſſe geheime Zeichen, durch die ſie ſich unter einander verſtändlich machten, wiewohl er dieſelben, trotz ſeiner Aufmerkſam⸗ keit, nicht entdecken konnte. Statt eines weitläuftigen und geſchwätzigen Berichts über dasjenige, was ſich in der Ebene zugetragen, wie ihn vielleicht ein junger Euro⸗ päer mitgetheilt und übertrieben haben würde, ſchien der junge Krieger ſich damit zu begnügen, ſeine Thaten für ſich ſprechen zu laſſen. Wirklich war auch hier weder der Ort, noch die Zeit, die ein Indianer gewählt haben würde, ſich ſeiner Thaten zu rühmen, und wahrſcheinlich wäre der Gegenſtand gar nicht zur Sprache gekommen, wenn nicht Heyward durch ſeine Fragen dazu die Veran⸗ laſſung gegeben hätte. „Was iſt aus unſerm Feinde geworden, Unkas?“ fragte er;„wir hörten den Knall deiner Büchſe, und hoffentlich haſt du ſie nicht umſonſt abgefeuert?“ Der junge Mohikaner hob eine Falte ſeines Jagd⸗ kleides auf, und zeigte mit vieler Ruhe das Haarbüſchel, das er als Siegeszeichen an ſeinem Gürtel befeſtigt hatte. Chingachgook legte ſeine Hand an die Kopfhaut, und betrachtete ſie einen Augenblick mit vieler Aufmerkſamkeit; dann ließ er ſie plötzlich fahren, wäͤhrend ſich in ſeinen kräftigen Geſichtszügen tiefe Verachtung malte, und rief: „Hugh! Oneida!“ „Ein Oneida!“ wiederholte der Kundſchafter, deſſen lebhafter Antheil faſt in die Fühlloſigkeit ſeiner rothen Gefährten überzugehen ſchien, der aber nun mit unge⸗ wöhnlichem Ernſt näher trat, um das blutige Sieges⸗ ——,——— ₰-=ͤ& A — 37— pfand zu betrachten.„Bei Gott, wenn die Oneidas uns auflauern, während wir den Huronen nachgehen, ſo ſind wir auf beiden Seiten von Teufeln umringt. Nun, für die Augen eines Weißen iſt zwiſchen dieſer Kopfhaut und der irgend eines andern Indianers kein Unterſchied, und gleichwohl behauptet Chingachgook, ſie gehöre dem Kopfe eines Mingos. Ja, er nennt ſogar den Stamm des armen Teufels mit ſo völliger Gewißheit, als ob die Haut ein Buch und jedes Haar darauf ein Buchſtabe wäre. Mit welchem Rechte können ſich die Weißen ihrer Gelehrſamkeit rühmen, wenn ein Wilder eine Sprache leſen kann, die ſelbſt dem Klügſten unter ihnen genug zu ſchaffen machen mögte!— Was ſagſt du, Unkas? Zu welcher Nation gehörte der Schurke?“ Unkas hob ſein Auge empor, und dem Kundſchafter in's Geſicht blickend, antwortete er mit ſeiner ſanften, melodiſchen Stimme: „Oneida!“ „Abermals Oneida!“ rief Hawk⸗eye.„Was ein In⸗ dianer ſagt, iſt gewöhnlich wahr; aber wenn ſeine Worte von einem Andern ſeines Volks beſtätigt werden, kann man feſt darauf bauen, wie auf ein Evangelium!“ „Der arme Teufel hat uns irriger Weiſe für Fran⸗ zoſen gehalten!“ ſagte Heyward;„einem Freunde hätte er nicht nach dem Leben getrachtet.“ „Einen Mohikaner, bemalt mit den Farben ſeiner Nation, für einen Huronen zu halten,“ entgegnete der Kundſchafter,„das wäre eben ſo viel, als die weißen Röcke von Montcalm's Grenadieren mit den rothen Jacken der Engländer verwechſeln! Nein, nein! Die Schlange 2 — 38— wußte wohl, was ſie that, und es herrſcht eben kein großer Irrthum in dieſer Sache; denn die Liebe zwiſchen einem Delawarer und einem Mingo iſt nicht groß,— gleichviel, für wen ihre Stämme in einem Streit mit den Weißen fechten. Was das betrifft, ſo würde ich, wenn gleich die Oneidas Sr. Majeſtät dem Könige von England dienen, mich eben nicht lange beſonnen haben, die Satansbrut mit meinem Hirſchtödter aus dem Wege zu räumen.“ „Das wäre eine Verletzung unſerer Verträge gewe⸗ ſen und zugleich eine Eures Charakters un würdige Handlung.“ „Es iſt allerdings der Argliſt der Weißen gelungen, dieſe Stämme ſo zu verwirren, daß man nicht mehr weiß, wer Freund und wer Feind iſt. So ziehen denn die Huronen und die Oneidas, welche dieſelbe Sprache reden und gleichſam ein Volk ausmachen, einander die Kopfhäute ab, und die Delawarer ſind unter ſich ſelbſt uneins. Einige ſind bei ihrem großen Verſammlungs⸗ feuer an ihrem Fluſſe geblieben, und kämpfen für dieſelbe Sache, wie die Mingos, während der größere Theil, von natürlichem Haſſe gegen dieſe getrieben, ſich nach Ka⸗ nada begeben hat. So iſt Alles in die äußerſte Verwir⸗ rung gerathen— und doch liegt es nicht in der Natur einer rothen Haut, mit jedem Windſtoß ihre Geſinnungen zu ändern— und gleicht denn die Freundſchaft zwiſchen einem Mohikaner und einem Mingo ſo ziemlich der zwiſchen einem Weißen und einer Schlange.“ „Ich bedaure, Euch ſo ſprechen zu hören; denn ich glaubte, die Eingebornen, die in unſrem Bezirk wohnen, — 89— hätten uns zu gerecht und zu liberal gefunden, als daß ſie in unſren Streitigkeiten nicht völlig mit uns überein⸗ ſtimmen ſollten.“ „Nun,“ ſagte der Kundſchafter,„ich halte es für natürlich, daß man ſeine eigenen Streitigkeiten fremden vorzieht. Was mich betrifft, ſo lieb' ich Gerechtigkeit, und deßhalb— nun, ich will nicht ſagen: ich haſſe einen Mingo, denn dies würde ſich weder für meine Farbe, noch für meine Religion ſchicken; aber ich wiederhol es, die Dunkelheit der Nacht iſt allein daran Schuld, wenn mein Hirſchtödter dieſen herumſchleichenden Oneida nicht getroffen hat.“ „Hierauf wandte der ehrliche, aber unverſöhnliche Waidmann, dem die Stärke ſeiner Beweiſe zu genügen, und der Eindruck, den ſte auf Heyward machten, gleich⸗ gültig zu ſeyn ſchien, ſeinen Kopf nach einer andern Seite, als wolle er dies Geſpräch abbrechen. Duncan begab ſich wieder auf den Wall. Er war zu wenig be⸗ kannt mit der Art, wie man in den Wäldern Krieg führte, um ſich an einem Orte beruhigt zu fühlen, wo ſo leicht ein ähnlicher Angriff abermals Statt finden konnte. Nicht ſo der Kundſchafter und die Mohikaner. Ihre Sinnwerkzeuge, durch lange übung geſchärft, ſetzten ſie bald in Stand, die Gefahr zu entdecken und zugleich zu der Überzeugung zu gelangen, daß jetzt nichts mehr zu fürchten ſey. Keiner von allen Dreien ſchien den ge⸗ ringſten Zweifel zu hegen, daß ſie ſich in völliger Sicher⸗ heit befänden. Dies bewieſen ihre Vorkehrungen, über dasjenige, was nun weiter zu thun ſey, ſich gemeinſchaft⸗ lich zu berathen. Die Verwirrung der Nationen, ja ſelbſt der Stämme, auf welche Hawk⸗eye angeſpielt, hatte in dieſer Periode ihren höchſten Grad erreicht. Das mächtige Band der Sprache und demnach einer gemeinſchaftlichen Abkunft war zerriſſen, und dies hatte zur Folge, daß die Dela⸗ warer und die Mingos(mit welchem Namen man die ſechs verbündeten Nationen bezeichnete) in denſelben Rei⸗ hen kämpften, während die letztern den Huronen feind⸗ lich gegenüber ſtanden, obgleich man beide für Spröß⸗ linge eines Stammes hielt. Die Delawarer waren ſelbſt unter ſich verwirrt. Die Liebe zu dem Boden, der das Eigenthum ihrer Väter geweſen war, bewog zwar den Fürſten der Mohikaner, mit einem kleinen Haufen De⸗ lawarer, die im Fort Eduard dienten, unter den Fahnen des Königs von England zurückzubleiben; doch wußte man, daß bei weitem der größere Theil der Nation ſich zu Montcalm's Partei geſchlagen hatte und für ihn focht. Der Leſer hat wahrſcheinlich aus dem Fortgange dieſer Erzählung geſehen, daß die Delawarer oder Lenapes dar⸗ auf Anſpruch machten, der Stamm des zahlreichen Volks zu ſeyn, das ehemals den größten Theil der öſtlichen und nördlichen Staaten von Nordamerika beſaß, und von dem die Völkerſchaft der Mohikaner einer der älteſten und an⸗ geſehenſten Zweige war. 3 Völlig bekannt mit den verſchiedenen kleinlichen und verwickelten Intereſſen, welche Freunde gegen Freunde bewaffnet hatten und als geborene Feinde neben einan⸗ der kämpfen ließen, beſchloſſen der Kundſchafter und ſeine Gefährten, nun die Maaßregeln zu erwägen, nach denen ſie ihre Bewegungen unter ſo vielen mit einander ent⸗ („—2 — ⏑ ☛ u u n — ⁸α½ 41— zweiten Stämmen einrichten wollten. Duncan kannte die indianiſchen Gebräuche ziemlich genau, und es war ihm daher nichts Neues, daß die beiden Mohikaner und ſelbſt Hawk⸗eye mit vielem Ernſte und einer gewiſſen Feierlich⸗ keit ihren Sitz unter einer Rauchwolke des wieder ange⸗ zündeten Feuers einnahmen. Er ſtellte ſich ſo, daß er dieſe Scene betrachten konnte; aber er lieh zugleich dem geringſten Geräuſch, das ſich auf der Ebene hören ließ, ein aufmerkſames Ohr, und wartete den Erfolg der Be⸗ rathung ſo geduldig ab, als es ihm ſeine Lage erlaubte. Nach einem kurzen Schweigen zündete Chingachgook eine Pfeife an, deren Kopf mit ſeltſamen Verzierungen aus einem weichen Steine geſchnitzt und deren Rohr von gewöhnlichem Holz war. Nachdem er einige Züge daraus gethan, gab er ſie dem Kundſchafter. Auf dieſe Weiſe hatte die Pfeife drei Mal in der Geſellſchaft die Runde gemacht, wäahrend das tiefſte Schweigen herrſchte und Niemand daran zu denken ſchien, den Mund zu öff⸗ nen. Endlich trug Chingachgook, als der älteſte und an⸗ geſehenſte, in wenigen Worten, aber mit Ruhe und Würde den Gegenſtand der Berathung vor. Der Kundſchafter abtwortete, und Chingachgvok machte einige Einwendun⸗ gen, die jener zu widerlegen ſuchte. Nur Unkas beobach⸗ tete fortwährend ein ehrerbietiges Schweigen, bis ihn Hawk⸗eye um ſeine Meinung fragte. Heyward ſchloß aus den Gebärden der Sprechenden, daß Vater und Sohn einer Meinung waren, während der Weiße auf einer andern zu beharren ſchien. Der Wortwechſel wurde allmählich lebhafter, da keiner ſeine Anſicht aufgeben wollte. Aber ungeachtet der zunehmenden Wärme dieſes v freundſchaftlichen Streits hätte jede chriſtliche Verſamm⸗ lung, die Synoden nicht ausgenommen, bei denen ſich blos die Diener der Kirche einfinden, ein heilſames Muſter nehmen können an der Mäßigung und Höflichkeit der Streitenden. Was Unkas ſprach, ward mit eben der Aufmerkſamkeit angehört, wie die Worte ſeines Vaters, welche eine gereiftere Erfahrung verriethen; und Nie⸗ mand kam aus Ungeduld den Worten eines Andern zu⸗ vor, Jeder nahm ſich vielmehr einige Minuten Zeit, um über das Geſagte und über die Antwort, die er darauf ertheilen wollte, ſchweigend nachzudenken. Ddie Sprache der Mohikaner begleiteten ſo natürliche und ausdrucksvolle Gebärden, daß Heyward leicht den Faden ihres Geſprächs verfolgen konnte. Dunkler blie⸗ ben ihm die Worte des Kundſchafters, weil er, aus Stolz auf ſeine Farbe, ſich des kalten und lebloſen Vor⸗ trags bediente, der alle Klaſſen von engliſchen Amerika⸗ nern charakteriſirt, falls ſie nicht leidenſchaftlich aufgeregt werden. Die Indianer wiederholten mehrfach die Schil⸗ derung der verſchiedenen Merkmaale, nach denen man ſich bei einer Reiſe durch die Wälder richte, und es ging daraus deutlich hervor, daß ſie die Verfolgung zu Lande fortſetzen wollten. Der Kundſchafter dagegen wies zu wiederholten Malen nach der Gegend des Horican, und ſchien dadurch anzudeuten, er ſey der Meinung, die Reiſe zu Waſſer zu machen. Indeß ſchien er der nachgebende Theil zu ſeyn, und die Sache war auf dem Punkte, gegen ihn entſchieden zu werden, als er plötzlich aufſtand und, ſeine kalte Gleich⸗ gültigkeit abſchüttelnd, mit einem Male anfing, ſich aller -““ 43— Künſte der indianiſchen Beredſamkeit zu bedienen. Sei⸗ nen Arm emporhebend, bezeichnete er den Lauf der Sonne von Oſten nach Weſten, und wiederholte dies Zeichen für jeden Tag, der zu ihrer Reiſe nöthig war. Dann beſchrieb er auf der Erde, durch eine lange krumme Linie, die Hinderniſſe, welche Berge und Flüſſe ihnen in den Weg ſtellen könnten. Das Alter und die Schwäche Munros’s, der jetzt ſchlummerte, ſuchte er ebenfalls durch Gebärden auf's täuſchendſte anſchaulich zu machen. Daß er Duncan's phyſiſche Kraft, ſo viele Schwierigkeiten zu überwinden, in Zweifel zog, merkte der Major, als er den Kundſchafter den Arm ausſtrecken ſah und ihn das „Wort„offene Hand“ ausſprechen hörte— ein Zuname, den Duncan wegen ſeiner Freigebigkeit von allen Stäm⸗ men befreundeter Indianer erhalten hatte; er ahmte hierauf die leichte Bewegung eines Kahns nach, und ging ſodann, um den Kontraſt hervorzuheben, mit dem lang⸗ ſamen und ſchwankenden Schritte eines Ermüdeten um⸗ her. Zum Schluß deutete er auf die Kopfhaut des Oneida, und wollte dadurch offenbar zu erkennen geben, wie nö⸗ thig es ſey, raſch aufzubrechen, und zwar ſo, daß keine Spur des Weges zurückbliebe. Die Mohikaner hörten ihm mit vielem Ernſte zu, und man las in ihren Geſichtszügen deutlich den Ein⸗ druck, den die Rede des Kundſchafters auf ſie machte. Nach und nach immer mehr überzeugt, begleiteten ſie ſeine letzten Worte mit dem Ausruf, der bei den Wil⸗ den ein Zeichen der Einwilligung oder des Beifalls iſt. Kurz, Unkas und ſein Vater bekehrten ſich zu Hawk⸗eye's Meinung, und entſagten ihrer bisher verfochtenen Anſicht — — 44— mit ſo argloſer Aufrichtigkeit, daß ſie, wenn ſie Repräͤ⸗ ſentanten eines großen civiliſirten Volks geweſen waͤren, ſicher ihren politiſchen Ruf verloren hätten, weil ſie ver⸗ nünftigen Gründen nachgaben. Als der Entſchluß gefaßt war, ſchien der ganze Streit vergeſſen, und man beſchäftigte ſich allein mit dem Reſul⸗ tat der Berathung. Ohne umherzublicken und ſeinen Triumph in den Augen der Anweſenden zu leſen, ſtreckte ſich Hawk⸗eye vor dem allmählich erlöſchenden Feuer auf den Boden, wo ihn bald der Schlummer umfing. So gewiſſer Maaßen ſich ſelbſt überlaſſen, ergriffen die Mohikaner, deren Zeit bisher faſt gänzlich dem In⸗ tereſſe und den Angelegenheiten Anderer gewidmet gewe⸗ ſen war, den Augenblick, um ſich mit ſich ſelbſt zu beſchäfti⸗ gen. Chingachgook, der jetzt das ernſte und ſtrenge Be⸗ nehmen eines indianiſchen Häuptlings ablegte, ſprach mit ſeinem Sohne ſanft und mit väterlicher Zärtlichkeit. Un⸗ kas erwiederte dieſelbe, und ehe noch das tiefe Athem⸗ holen des Kundſchafters verkündete, daß er ſchlummere, war eine völlige Veränderung in dem Betragen ſeiner Gefährten eingetreten. Es iſt unmöglich, den Wohllaut ihrer Sprache zu ſchildern, als ſie ſich ſo der Fröhlichkeit und den Ergie⸗ ßungen ihrer gegenſeitigen Zärtlichkeit überließen. Ihre Stimmen, beſonders die des Jünglings, hatten einen ſeltenen Umfang, von dem tiefſten Baſſe bis zu Tönen von faſt weiblicher Sanftheit. Die Augen des Vaters folgten den anmuthigen Bewegungen ſeines Sohns mit ſichtbarem Vergnügen, und er lächelte wohlgefällig bei den Antworten, die ihm Unkas gab. Der Eindruck die⸗ unu anunu nd 2dn +—— A&.— 45— ſer ſanften und natürlichen Gefühle hatte den Ausdruck von Wildheit, der in Chingachgook's Zügen lag, völlig verbannt, und das Bild des Todes, das auf ſeine Bruſt gemalt war, ſchien eher auf eine ſcherzhafte Vermum⸗ mung zu deuten, als den Wunſch auszudrücken, es mög⸗ ten ihm Tod und Verwüſtung auf dem Fuße nachfolgen. Als ſie ſich eine Stunde lang dieſen beſſern Gefüh⸗ len hingegeben hatten, gab Chingachgook plötzlich den Wunſch zu erkennen, daß er ſchlafen wolle. Den Kopf in die Decke hüllend, die er auf den Schultern trug, ſtreckte er ſich auf der Erde aus. Unkas unterdrückte jetzt ſeine laute Fröhlichkeit, und, nachdem er die Koh⸗ len zuſammengeſchürt, um die Füße ſeines Vaters leicht zu erwärmen, ſuchte auch er ſich ein Lager unter den Trümmern. Heyward, dem das Sicherheitsgefühl dieſer Wald⸗ bewohner neues Vertrauen einflößte, folgte bald ihrem Beiſpiel, und die Nacht war noch nicht zur Hälfte vor⸗ über, als bereits Alle, die unter den Ruinen von Wil⸗ liam Henry ein Obdach geſucht hatten, ſo feſt ſchlummer⸗ ten, als die Schlachtopfer, deren Gebeine auf der Ebene rings umher bleichten. Drittes Kapitel. — Albanien, es hefte ſich mein Aug Auf dich, du finſtre Amme rauher Wilden! Ritter Harold's Pilgerſchaft. Der Himmel war noch mit Sternen beſäet, als Hawk⸗eye die Schläfer weckte. Ihre Mäntel abwerfend, waren Munro und Heyward ſchon auf den Beinen, als am Eingange des rohen Daches, unter dem ſie die Nacht zugebracht hatten, der Ruf des Kundſchafters er⸗ ſcholl. Sie traten heraus, und fanden Hawk⸗eye ihrer wartend. Er grüßte ſie blos mit einer ausdrucksvollen Gebärde, die ihnen zu ſchweigen befahl. „Sprechen Sie Ihre Gebete in Gedanken,“ flüſterte er ihnen zu;„denn derjenige, an den ſie gerichtet ſind, kennt alle Sprachen, die des Herzens ſowohl, als die des Mundes. Sprechen Sie nicht eine Sylbe; denn es iſt ein ſeltner Fall, daß die Stimme eines Weißen in den Wäldern den rechten Ton zu treffen weiß— das haben wir an dem Beiſpiel des armen Teufels, des Sängers, geſehen. Kommen Sie,“ fuhr er fort, indem er ſich einer zerſtörten Baſtion näherte,„wir wollen hier in den Graben hinunterſteigen. Nehmen Sie ſich nur in Acht, daß Sie ſich nicht an den Steinen und Trüm⸗ mern ſtoßen.“ — 47— Seine Gefährten gehorchten, wiewohl für einen un⸗ ter ihnen die Gründe aller dieſer außerordentlichen Vor⸗ ſichtsmaaßregeln noch ein Geheimniß waren. Als ſie in dem Graben, der das Fort von drei Seiten umgab, ei⸗ nige Schritte weiter thaten, fanden ſie ihn beinahe völlig angefüllt mit Trümmern, die den Weg hemmten. Durch Vorſicht und Geduld gelang es ihnen indeß, dem Kund⸗ ſchafter zu folgen, bis ſie endlich das ſandige Ufer des Horican erreichten. „Dies iſt eine Fährte, die blos der Geruch verfol⸗ gen kann,“ ſagte Hawk⸗eye, der mit Zufriedenheit auf den ſchwierigen Pfad zurückblickte.„Das Gras iſt ein verrätheriſcher Teppich für den Fliehenden; doch auf Holz und Stein bleibt keine Spur von einem Stiefel zurück. Hätten Sie Ihre ſchweren Stiefel angehabt, ſo hätten wir allerdings nicht ganz ohne Sorge ſeyn kön⸗ nen; aber mit einer gehörig zugerichteten Hirſchhaut un⸗ ter den Füßen kann man ſich im Allgemeinen den Felſen ganz ſicher anvertrauen.— Rudre etwas näher dem Ufer zu, Unkas! In dem Sande dort bleibt eben ſo leicht ein Eindruck zurück, als in der Butter der Hol⸗ länder in ihren Kolonien am Mohawk. Sachte, Junge, ſachte! Der Kahn darf nicht an's Ufer ſtoßen; ſonſt wüßten ja die Schelme, wo wir uns eingeſchifft haben.“ Der Jüngling beobachtete dieſe Vorſicht, und der Kundſchafter holte aus den Trümmern ein Brett, legte es von dem Ufer aus auf den Kahn, und gab den beiden Offizieren einen Wink, hineinzuſteigen. Hawk⸗eye folgte ihnen, nachdem er ſich zuvor verſichert hatte, daß ſie ſie keine Spur zurückließen, wofür er ſich ſehr zu fürch⸗ ten ſchien. Er warf hierauf das Brett unter die Trüm⸗ mer zurück, die bis zum Ufer zerſtreut umher lagen. Heyward beobachtete ein fortwährendes Schweigen, bis der Kahn, von den Indianern mit Vorſicht gerudert, ſich in einiger Entfernung vor dem Fort befand, mitten in dem dunkeln Schatten, den die öſtlichen Berge auf die klare Fläche des Sees warfen. Er wandte ſich nun an Hawk⸗eye, und fragte: „Weßhalb hatten wir denn nöthig, ſchleunig und ſo ins geheim aufzubrechen?“ „Könnte das Blut eines Oneida eine ſo reine Waſ⸗ ſerfläche färben, wie die, über welche wir hier hinweg⸗ fahren,“ entgegnete der Kundſchafter,„ſo würden Ihre eigenen Augen Ihnen die Frage beantworten, die Sie an mich richten. Haben Sie ſchon das ſchleichende Un⸗ geziefer vergeſſen, das Unkas geſtern Abend mit ſeiner Büchſe traf?“ ⸗ „Keineswegs. Aber es hieß doch, er ſey allein ge⸗ weſen, und ein Todter iſt nicht zu fürchten.“ „Allerdings war er allein, als der Schuß geſchah. Aber ein Indianer, deſſen Stamm ſo viele Krieger zählt, braucht ſelten beſorgt zu ſeyn, daß ſein Blut allein fließt. Ohne den Todesſchrei einiger ſeiner Feinde geht es dabei nicht leicht ab.“ „Aber unſere Gegenwart, das Anſehen des Obriſt Munro würden uns einen hinlänglichen Schutz gegen unſere Verbündeten gewähren, beſonders in einem Falle, wo es ſich um einen Elenden handelt, der ſein Schick⸗ ſal nur zu gerecht verdient hat. Ich will hoffen, daß „ — 49 nicht eine ſo ungegründete Furcht Euch bewog, von dem geraden Wege, den wir verfolgen müſſen, abzu⸗ weichen?“ „Meinen Sie, die Kugel dieſes Schurken wäre ſeit⸗ wärts gegangen, wenn Seine Majeſtät der König von England ihr im Wege geſtanden hätte?“ erwiederte der Kundſchafter.„Warum hat der Franzoſe, der Oberge⸗ neral von Kanada iſt, nicht die Streitärte der Huronen verſcharren laſſen, wenn ein Wort von einem Weißen ſo großen Einfluß auf die Natur eines Indianers aus⸗ üben kann?“ Heyward's Antwort wurde durch einen tiefen und ſchweren Seufzer Munro's unterbrochen. Er ſchwieg einen Augenblick, aus Achtung vor dem Kummer ſeines bejahrten Freundes, und antwortete dann in feierlichem Tone: „Der Marquis von Montcalm kann allein mit Gott dieſen Handel ausgleichen.“ „Nun, jetzt iſt wieder Vernunft in Ihren Worten; denn ſie gründen ſich auf Religion und Ehre. Es iſt ein großer Unterſchied, ein Regiment von Weißröcken zwiſchen Wilde und Gefangene werfen, oder einen wü⸗ thenden Indianer durch ſchmeichelnde Worte und durch die Anrede„mein Sohn“ vergeſſen machen, daß er ein Meſſer und eine Büchſe trägt. Nein, nein,“ fuhr der Kundſchafter fort, nach dem Ufer von William Henry zurückblickend, das allmählich in der Dämmerung ver⸗ ſchwand, und dabei, wie es ſeine Art war, leiſe lachend, „Sie müſſen unſere Spuren auf dem Waſſer ſuchen, und wenn die Satansbrut nicht mit den Fiſchen einen 10— 12. 4 — 59— Freundſchaftsbund ſchließt, und von ihnen erfährt, wer an dieſem Morgen über den See ruderte, ſo liegt der Horican in ſeiner ganzen Länge hinter uns, ehe ſie ſich entſchloſſen haben, welchen Weg ſie einſchlagen wollen.“ „Mit Feinden vor uns und Feinden im Rücken ſcheint unſerer Reiſe viele Gefahr zu drohen!“ „Gefahr!“ wiederholte Hawk⸗eye ruhig;„Gefahr iſt im Grunde nicht vorhanden. Mit wachſamem Ohr und gutem Auge können wir den Schurken immer einige Stunden weit voraus ſeyn. Und müſſen wir je zu der Büchſe unſere Zuflucht nehmen, ſo ſind wir hier ja un⸗ ſerer drei, die ſich ſo gut auf's Zielen verſtehen, wie der beſte Schütze in den Gränzlanden. Nein, von Ge⸗ fahr iſt nicht die Rede. Ich will gerade nicht ſagen, daß es unmöglich ſey, in die Klemme zu kommen(wie Ihr es nennt) oder daß ein Scharmützel Statt finden könnte; aber wir können uns überall leicht verbergen, und an Schießpulver fehlt es uns auch nicht.“ Wahrſcheinlich betrachtete Heyward, der ſich durch ſeinen Muth ausgezeichnet hatte, die Gefahr aus einem andern Geſichtspunkte, als der Kundſchafter; denn ſtatt dieſem etwas zu erwiedern, blieb er ſchweigend ſitzen, während der Kahn eine Strecke von mehreren Meilen auf dem See zurücklegte. à Der Tag war ſo eben angebrochen, als ſie in der Gegend, wo der Horican enger wird, durch eine Menge kleiner Eilande ſchnell, aber vorſichtig hindurchfuhren. Auf dieſem Wege hatte ſich Montcalm mit ſeiner Armee zurückgezogen, und er konnte vielleicht hier einen Trupp — 51— von ſeinen Indianern zurückgelaſſen haben, theils um ſeinen Nachtrab zu decken, theils die Nachzügler zu ſammeln. Die Reiſenden näherten ſich daher dieſer Durchfahrt mit der größten Vorſicht, und beobachteten das tiefſte Schweigen. 3 Chingachgook legte das Ruder hin, während Unkas und der Kundſchafter das leichte Fahrzeug durch die zahlreichen Kanäle zwiſchen den Inſeln hindurchtrieben, wo auf jeder plötzlich ein verſteckter Feind hervorbrechen konnte. Chingachgook's Augen rollten, inzwiſchen der Kahn ſich leicht fortbewegte, raſtlos von Inſel zu Inſel, von Buſch zu Buſch; ja ſein Blick ſchien ſogar zum Gipfel der Felſen, die ſich am Seeufer erhoben, hin⸗ aufzureichen und bis in's Innere der Waͤlder zu dringen. Heyward, den dies Schauſpiel zwiefach anzog, theils wegen der Naturſchönheiten der Gegend, theils wegen der Beſorgniſſe, die ihm ſeine Lage natürlich einflößte, fing beinahe an zu glauben, daß ſeine Furcht ziemlich ungegründet geweſen ſey, als die Ruder auf ein von Chingachgook gegebenes Zeichen plötzlich ſtill hielten. „Hugh!“ rief Unkas faſt in demſelben Augenblicke, wo ſein Vater einen leichten Schlag auf den Bord des Kahns that, um auf die Nähe einer Gefahr aufmerkſam zu machen. „Was gibt es?“ fragte der Kundſchafter;„der See iſt ſo klar und ruhig, als ob nie ein Wind darauf ge⸗ weht hätte, und ich kann eine Strecke von mehreren Neilen überblicken, ohne daß ſich mir nur ein ſchwarzer Punkt im Waſſeer zeigt.“ 4* ä Der Indianer hob bedaͤchtig ſein Ruder empor, auf den Punkt hindeutend, wohin ſich fortwährend ſeine Blicke hefteten. Duncan's Auge verfolgte dieſe Rich⸗ tung. In einiger Entfernung lag eine kleine, waldige Inſel, die aber ſo ſtill und friedlich ſchien, als habe nie der Fuß eines Menſcheu ihre Einſamkeit geſtört. „Ich ſehe nichts, als Land und Waſſer,“ ſagte Hey⸗ ward,„und es iſt eine reizende Landſchaft.“ „Pſt!“ unterbrach ihn der Kundſchafter.„Ja, Chin⸗ gachgook, du thuſt nie etwas ohne Grund. Es iſt blos ein Schatten; aber der Schatten iſt nicht natuͤrlich. Sehen Sie den leichten Nebel, Major, der über dem Eiland emporſteigt? Einen eigentlichen Nebel kann man's nicht nennen, es iſt mehr der Streif eines dunnen Gewölks.“ „Es ſind die Dünſte, die aus dem Waſſer ſteigen.“ „So wuͤrde ein Kind ſprechen. Sehen Sie nicht, daß dieſer ſogenannte Dunſt nach unten zu ſchwärzer iſt, und daß er aus dem Dickicht am Ende der Inſel herkommt? Es iſt offenbar der Rauch eines Feuers, und zwar eines Feuers, das nahe daran iſt zu er⸗ löſchen.“ „Nun, laßt uns an der Inſel landen, damit wir unſerem Zweifel und unſerer Unruhe ein Ende maghen,“ entgegnete Duncan.„Das müßte ein kleiner Haufe ſeyn, der ſich auf ſolch einer unbedeutenden Inſel ver⸗ bergen könnte.“ „Wenn Sie die Liſt der Indianer nach demjenigen, was Sie daruber in Büchern finden, oder auch nur mit 2 — 53— dem Scharfſinn eines Weißen beurtheilen, ſo werden Sie oft auf Irrthümer gerathen, die Ihnen leicht das Leben koſten können,“ verſetzte Hawk⸗eye, mit Aufmerk⸗ ſamkeit die Merkmaale betrachtend, welche die Nähe der Feinde zu verkünden ſchienen.„Iſt es mir vergönnt,“ fuhr er fort,„meine Meinung zu ſagen, ſo bleiben uns nur zwei Auswege übrig: entweder wir kehren um, und geben jeden Gedanken an eine Verfolgung der Huronen auf— 1, „Nimmermehr!“ unterbrach ihn Heyward, lauter ſprechend, als es die Umſtände füglich erlaubten. „Gut, gut!“ entgegnete der Kundſchafter, ihm ſchnell einen Wink gebend, ſeinen Eifer zu mäßigen.„Ich bin derſelben Meinung; aber ich glaubte es meiner Erfah⸗ rung ſchuldig zu ſeyn, Ihnen die zwei möglichen Fälle mitzutheilen. So müſſen wir denn weiter vorwärts ru⸗ dern und, wenn Franzoſen oder Indianer hier irgendwo verborgen ſind, zuſehen, wie wir am beſten durch dieſe Kanäle hindurchkommen.— Iſt das vernünftig geſpro⸗ chen, Chingachgook?“ Der Indianer gab keine Antwort, ſondern ruderte raſch vorwärts; und da jetzt an ihm die Reihe war, den Kahn zu lenken, ſo gab er durch dieſe Bewegung deutlich genug ſeinen Entſchluß zu erkennen. Die Übri⸗ gen unterſtützten ihn mit ihren Rudern ſo kräftig, daß ſie in wenigen Minuten einen Punkt erreichten, von welchem man die Ausſicht auf das bisher verborgene nördliche Ufer der Inſel hatte. „Ich habe mich nicht geirrt!“ flüſterte der Kund⸗ ſchafter,„da ſind ſie! Jetzt ſieht man den Rauch ganz — 54— deutlich und, was mehr iſt, zwei Kaͤhne. Die Schur⸗ ken haben noch nicht aus dem Rauch hervorgeguckt, ſonſt hätten wir ſchon ihr verdammtes Kriegsgeheul gehört. Vorwärts, Freunde! Friſch zugerudert! Wir ſind ſchon weit von ihnen weg, und eine Kugel kann uns faſt nicht mehr erreichen.“ Er wurde durch einen Flintenſchuß unterbrochen. Die Kugel fiel in geringer Entfernung vom Kahn in's Waſſer, und ein furchtbares Geheul, das ſich zu gleicher Zeit auf der Inſel hören ließ, verkündete ihnen, daß ſie entdeckt ſeyen. In demſelben Augenblicke ſtürzten meh⸗ rere Wilden nach den Kähnen, die zu ſchleuniger Ver⸗ folgung die Wellen durchſchnitten. Dieſe furchtbaren Zeichen eines nahen Kampfs brachten keine Veränderung in den Geſichtszügen des Kundſchafters und der beiden Mohikaner hervor. Sie behaupteten, ſo viel Duncan bemerken konnte, ihre vorige Ruhe; doch ſetzten ſie die Ruder eifriger in Bewegung, und die kleine Barke ſchien nun leicht wie ein Vogel dahinzufliegen. „Halte ſie in dieſer. Weite, Chingachgook,“ ſagte Hawk⸗eye, ruhig über die Schulter des Mohikaners blickend, während dieſer ämſig fortruderte.„Halte ſie in dieſer Weite! Denn vie Huronen haben nie ein Ge⸗ wehr gehabt, deſſen Schuß ſo weit reichte, und auf mei⸗ nen Hirſchtödter kann ich rechnen.“ Als der Kundſchafter ſich überzeugt hatte, daß die Mohikaner ohne ihn den Kahn in gehöriger Entfernung erhalten konnten, legte er bedachtig das Ruder hin, und ergriff ſeine Büchſe. Drei Mal ſtemmte er den Kolben an die Schulter, und eben ſo oft ließ er ihn wieder — Ir⸗ 3 3 2 1 5 ſinken, um ſeinen Gefahrten zu ſagen, ſie ſollten die Feinde noch etwas näher herbeikommen laſſen. End⸗ lich, nachdem er die Entfernung mit dem Auge genau abgemeſſen, ſchien er zufrieden, und ſeine linke Hand unter den Lauf des Gewehrs bringend, wollte er eben abfeuern, als ein plötzlicher Ausruf von Unkas ihn aber⸗ mals davon abhielt. 3 „Was gibt's, Junge?“ fragte Hawk⸗eye.„Du haft einem Huronen durch dein„Hugh!“ das Leben gerettet. Was veranlaßt dich zu ſchreien?“ Unkas wies ſchweigend auf das öſtliche Felſenufer, wo eben ein anderes Kriegsfahrzeug abſtieß, und gerade auf ſie zu ſegelte. Jetzt war ihre Lage offenbar höchſt gefährlich, und kaum bedarf es der Worte, dies zu be⸗ kräftigen. Der Kundſchafter legte ſogleich ſeine Büchſe weg, und ergriff das Ruder, während Chingachgook den Kahn mehr dem weſtlichen Ufer zuſteuerte, um ſich von dieſen neuen Feinden ſo weit, wie möglich, entfernt zu halten. Dieſe aber erinnerten ſie an ihre Gegenwart durch das wilde Geheul, das ſie ausſtießen. Selbſt Munro wurde durch dieſe beunruhigende Scene aus der Betäubung geweckt, worin er durch ſein Unglück verſun⸗ ken war. „Wir wollen uns bemuhen, jene Felſen dort am Ufer zu erreichen, um daſelbſt die Wilden zu erwarten,“ ſprach Munro mit der unerſchrockenen Miene eines er⸗ fahrenen Kriegers.„Gott möge mich und einen jeden, der es gut mit mir meint, davor bewahren, jemals bei jenen Ludwigsrittern auf Treu⸗ und Glauben zu rechnen!“ . „Wer im Kriege mit den Indianern Gluͤck haben will,“ ſagte Hawk⸗eye,„der muß ſich nicht ſo ſtolz dünken, die Erfahrung eines Eingeborenen zu verachten. — Weiter dem Lande zu, Chingachgook! Wir umſeg⸗ len die Schurken, wenn ſie nicht vielleicht ſo ſteuern, daß ſie uns auf eine andere Weiſe in Verlegenheit bringen.“ Hawko⸗eye hatte ſich nicht geirrt. Als die Huronen ſahen, daß die gerade Linie, die ſie verfolgten, ſie weit hinter dem Kahn zurückließ, den ſie einholen wollten, be⸗ ſchrieben ſie allmählich eine ſchiefere; und bald ruderten die beiden Kahne in paralleler Richtung etwa zweihun⸗ dert Ruthen weit von einander. Die Bewegung der leichten Fahrzeuge war ſo ſchnell, daß die kräuſelnden Wellen lebhaft vor ihnen hertanzten, und jeder Kahn ſuchte dem andern den Vorſprung abzugewinnen. Die⸗ ſer Umſtand ſetzte ein fortwährendes Rudern voraus, und war wahrſcheinlich die Urſache, warum die Huronen nicht ſogleich Feuer gaben. Die Anſtrengungen der Flüchtlinge waren indeß zu groß, um lange dauern zu können; auch war die Zahl der Verfolger bei weitem größer, als die ihrige. Duncan bemerkte nicht ohne Un⸗ ruhe, daß der Kundſchafter ängſtlich umherblickte, als ſähe er ſich nach einem neuen Mittel um, ihre Flucht zu beſchleunigen. „Steure noch ein wenig weiter von der Sonne weg, Chingachgook!“ ſagte Hawk⸗eye;„denn, wie ich ſehe, legt einer der Schurken das Ruder bei Seite, wahrſcheinlich, um nach ſeiner Büchſe zu greifen. Ein einziges Glied, das von dem Schuß getroffen würde, könnte uns unſere Schaͤdel koſten.— Noch etwas weiter von der Sonne weg, Chingachgook! Wir wollen dieſe Inſel zwiſchen ihnen und uns in der Mitte laſſen.“ Dieſes Hülfsmittel war nicht ohne Nutzen. Eine lange mit Wald bewachſene Inſel lag vor ihnen, und während ſie an der linken Seite derſelben hinruderten, waren die Huronen, die ſich auf derſelben Linie halten wollten, genöthigt, an der rechten Seite des Eilandes hinzuſchiffen. Der Kundſchafter und ſeine Gefährten überſahen dieſen Vortheil nicht; denn kaum waren ſie durch die Gebüſche dem Auge ihrer Verfolger entzogen, als ſie ihre Anſtrengung verdoppelten, ſo groß dieſelbe auch bereits geweſen war. Die beiden Kahne langten endlich an der nördlichen Spitze der Inſel an, wie zwei Renner, die dem Ziel nahe ſind; aber die Flücht⸗ linge hatten einen bedeutenden Vorſprung vor den Huro⸗ nen, die in einiger Entfernung zurückblieben. „Du haſt gezeigt, daß du dich auf die Verfertigung eines Kahns von Birkenholz verſtehſt, Unkas; ſonſt haͤtteſt du nicht unter den Kähnen, die die Huronen bei William Henry zurückließen, gerade dieſen gewählt.“ So ſprach der Kundſchafter lächelnd und beinahe mehr erfreut über den Vorzug ſeines Kahns, als über die Ausſicht, die ſich jetzt zeigte, den Wilden zu entrinnen. „Die Schurken rudern jetzt mit aller Kraft, und wir müſſen unſere Schädel, ſtatt mit Pulver und Blei, mit glatten Stücken Holz vertheidigen.“ „Sie machen ſich fertig, Feuer zu geben!“ rief Heyward,„ und ſie werden ſchwerlich ihr Ziel verfehlen, da ſie ſich mit uns in einer Linie befinden.“ „Legen Sie ſich auf dem Boden des Kahns nieder,“ erwiederte der Kundſchafter,„Sie, Major, und der Obriſt!⸗ Heyward antwortete lächelnd:„Wir würden als Offiziere ein ſchlechtes Beiſpiel geben, wenn wir uns in dem Augenblicke verſteckten, wo die Wilden ihre Gewehre abfeuern.“ „Du lieber Gott, das iſt nun der Muth eines Weißen!“ rief der Kundſchafter.„Aber, wie ſo manche andere Begriffe derſelben, iſt auch er nicht auf Vernunft gegründet. Glauben Sie, daß Chingachgook, Unkas oder ſelbſt ich Bedenken tragen würden, uns bei einem Schar⸗ mützel zu verſtecken, wo es gar nichts nützen könnte, wenn wir uns ſehen ließen? Wozu haben denn die Franzoſen ihre Verſchanzungen bei Quebeck aufgeführt, wenn man ſtets im Freien fechten muß?“ „Das mag Alles wahr ſeyn, mein Freund,“ erwie⸗ derte Heyward;„aber unſre Gebräuche erlauben uns nicht, Eurem Rathe zu folgen.“ Eine Salve der Huronen unterbrach das Geſpräch, und als die Kugeln um ihre Ohren ſausten, bemerkte Duncan, daß Unkas den Kopf wandte, um ſich nach ihm und Munro umzuſehen. Ungeachtet der Nähe des Fein⸗ des und der Gefahr, die ihm perſönlich drohte, glaubte Duncan in den Zügen des jungen Kriegers keine andere Empfindung zu leſen, als Erſtaunen darüber, daß Men⸗ ſchen ſich freiwillig und unnütz der Gefahr ausſetzten. Chingachgook kannte wahrſcheinlich die Begriffe der Wei⸗ ßen in dieſer Hinſicht beſſer; denn, ohne nur einen Seiten⸗ blick zu thun, war er fortwährend und ausſchließlich mit der Lenkung des Kahns beſchäftigt. Eine Kugel, welche ſein Ruder traf, entriß es ſeinen Händen und ſchleuderte es einige Fuß weit in die Wellen. Die Huronen ließen ein Freudengeſchrei erſchallen und waren ſogleich beſchäf⸗ tigt, ihre Flinten wieder zu laden. Unkas beſchrieb mit ſeinem Ruder einen Halbkreis im Waſſer, wodurch der Kahn ſich dem Ruder ſeines Vaters wieder näherte. Dieſer zog es aus dem See empor, und indem er es im Trinmph über ſeinem Haupte ſchwang, ſtieß er das Kriegsgeſchrei der Mohikaner aus, und bot dann ſeine ganze Stärke und Gewandtheit auf, die Bewegung des Kahns zu beſchleunigen. Der laute Ruf: le gros Serpent! la longue Ca- rabine! le Cerf agile! ließ ſich aus den Kähnen der Wilden hören, und ſchien ſie zu eifriger Verfolgung zu ermuntern. Der Kundſchafter, mit der rechten Hand fortwährend rudernd, ergriff mit der linken ſeinen Hirſch⸗ tödter und ſchwang ihn den Feinden entgegen triumphi⸗ rend über den Kopf. Die Wilden beantworteten dieſen Hohn erſt durch ein wildes Geheul und dann durch eine zweite Gewehrſalve. Die Kugeln fielen, mit Ausnahme einer, welche den Boden des Kahns durchbohrte, iws Waſſer. In dieſem bedenklichen Augenblicke zeigte ſich durchaus keine Veränderung in den Geſichtszügen der Mohikaner, welche weder Furcht noch Hoffnung aus⸗ drückten. Der Kundſchafter aber wandte ſich zu Heyward und ſagte lächelnd: „Die Schurken haben das Knallen ihrer Buchſen gern; aber man findet unter den Mingos kein Auge, das in einem Kahn, der auf den Wellen tanzt, richtig zu — 69— zielen verſtände. Um laden und ſchießen zu können, haben die dummen Teufel einen ihrer Mannſchaft vom Rudern wegnehmen müſſen; und auf's Geringſte gerechnet, nähern wir uns ihnen auf drei Fuß, ehe ſie zwei zurücklegen.“ Duncan war nicht völlig ſo ruhig wie ſeine Gefähr⸗ ten, weil er vielleicht die Geſchwindigkeit der beiden Kähne nicht ſo gut berechnen konnte. Doch ſah er mit Vergnügen, daß ſie durch ihre Anſtrengungen und Ge⸗ wandtheit den Feinden wirklich einen Vorſprung abge⸗ wonnen hatten. Als die letztern abermals ihre Gewehre abfeuerten, traf eine Kugel das Ruder des Kundſchafters, ohne ihn jedoch zu verletzen. „Das nenne ich einen Schuß!“ ſagte Hawk⸗eye, die leichte Vertiefung, welche die Kugel in dem Ruder zurückgelaſſen hatte, aufmerkſam betrachtend.„Nicht durch die Haut eines Kindes wäre dieſe Kugel gedrungen, viel weniger durch die Haut von Leuten, die durch Strapazen abgehärtet ſind. Major, wollen Sie einſtweilen wohl dies Ruder zur Hand nehmen? Ich mögte meinen Hirſch⸗ todter auch ein Mal ein Paar Worte mitſprechen laſſen!“ Während Heyward das Ruder nahm und ſich des⸗ ſelben mit einem Eifer bediente, der ſeinen Mangel an Üübung zum Theil erſetzte, hatte der Kundſchafter ſeine Büchſe ergriffen, und nachdem er ſie geladen, zielte er auf einen Huronen, der ſich ſo eben ſchußfertig machte. Kaum war das Gewehr abgefeuert, als der Wilde, in den Kahn zurückſinkend, ſein eignes in's Waſſer fallen ließ. Zwar raffte er ſich ſogleich wieder auf; allein ſeine Bewegungen und Gebärden waren wild und verſtört. In dieſem Augenblicke verließen ſeine Gefährten, ſich — um ihn verſammelnd, die Ruder, und die drei Käͤhne blieben auf einem Haufen ſtehen. Chingachgook und Unkas benutzten dieſe augenblick⸗ liche Ruhe, um Athem zu ſchöpfen; Duncan aber war unabläſſig mit Rudern beſchäftigt. Vater und Sohn war⸗ fen ſich ruhige, aber forſchende Blicke zu, um zu ſehen, ob das Gewehrfeuer der Huronen einen von beiden ver⸗ wundet habe; denn ſie wußten nur zu gut, daß man in ſolchem Augenblicke ſich durch keine Klagen oder Ausru⸗ fungen des Schmerzes verrathen durfte. Einige Tropfen Blut liefen von Chingachgook's Schulter hinab, und als er ſah, daß ſeines Sohns Auge ſich darauf heftete, ſchöpfte er Waſſer in die hohle Hand, um die Wunde damit aus⸗ zuwaſchen, und begnügte ſich, ihn auf dieſe Weiſe zu überzeugen, daß die Kugel nur die Haut geritzt habe. „Sachte, ſachte, Major!“ rief der Kundſchafter, der indeß ſeine Büchſe wieder geladen hatte.„Wir ſind ſchon ein wenig zu weit entfernt, als daß eine Kugel die Schurken erreichen könnte, und Sie ſehen, daß ſie ſich jetzt berathſchlagen. Wir wollen ſie bis auf Schußweite herankommen laſſen; mein Auge trügt ſich in dergleichen Fällen nie. Ich will ſie bis an's Ende des Horican her⸗ umführen, und wir wollen uns ſtets in ſolcher Entfer⸗ nung von ihnen halten, daß ich Ihnen dafür ſtehen kann, nicht eine ihrer Kugeln ſoll uns wirklich Schaden thun. Füͤr einen leichten Streifſchuß kann ich freilich nicht ſtehen; dafür aber ſoll mein Hirſchtödter in drei Tempos zwei der Schurken niederſtrecken. „Wir vergeſſen, was uns zunächſt am Herzen liegen muß,“ entgegnete Heyward, emſig fortrudernd.„Um — ——ſ— des Himmels willen, laßt uns dieſen Vortheil nutzen, und dem Feinde mehr aus dem Geſichte kommen!⸗ „Gebt mir meine Kinder!“ rief Munro mit erſtick⸗ ter Stimme;„treibt nicht länger euer Spiel mit der Ver⸗ zweiflung eines Vaters! Gebt mir meine Kinder wieder!“ Durch eine lange Gewohnheit, die Befehle ſeiner Obern zu achten, hatte der Kundſchafter die Tugend des Gehorſams gelernt. Einen Blick auf die feindlichen Kähne werfend, legte er ſeine Büchſe hin, und löſte den vom Rudern ermüdeten Duncan ab. Hawk⸗eye's Kräfte, welche keiner Erſchöpfung fähig zu ſeyn ſchienen, wurden ver⸗ ſtärkt durch die beiden Mohikaner, und in wenigen Mit⸗ nuten waren ſie und die Huronen ſo weit von einander entfernt, daß Duncan wieder freier Athem ſchöpfte. Der See dehnte ſich jetzt mehr aus, und das Ufer, von dem ſie nicht ſehr weit entfernt waren, begränzten, wie früherhin, hohe und ſteile Berge. Aber die wenigen Inſeln, die ſich hier befanden, waren leicht zu vermeiden. Die Ruderſchläge wurden allmählich abgemeſſener und regelmäßiger, während die Ruderer, denen vor Kurzem eine ſo große Gefahr gedroht hatte, eine Kaltblütigkeit verriethen, als ob ſie von einer fröhlichen Waſſerfahrt heimkehrten. Statt längs dem weſtlichen Ufer hinzufahren, an welchem ſie an's Land ſteigen mußten, lenkte der ſchlaue Mohikaner den Lauf des Kahns den Bergen zu, hinter welche Montcalm, wie man wußte, ſeine Armee in die furchtbare Feſtung Ticonderoga geführt hatte. Es war zwar kein eigentlicher Grund zu dieſer außerordentlichen Worſichtsmaaßregel vorhanden; denn die Huronen hatten, ☛&* 2 SnA—, ᷣ₰—— — — 63— wie es ſchien, die Verfolgung aufgegeben. Demungeachtet ſteuerte der Mohikaner mehrere Stunden lang in dieſer Richtung fort, bis das kleine Fahrzeug endlich in einer kleinen Bucht am nördlichen Seeſtrande anlangte. Hier ſtiegen die Reiſenden an's Land, und der Kahn wurde an's Ufer gezogen. Hawk⸗eye und Heyward begaben ſich auf eine benachbarte Anhöhe, und der Erſtere betrachtete mehrere Minuten lang ſchweigend die klare Waſeerfläche des Sees. Endlich machte er Heyward auf einen ſchwar⸗ zen Punkt aufmerkſam, der ſich in der Entfernung von mehreren Meilen in der Nähe eines Vorgebirges zeigte. „Sehen Sie es?“ fragte der Kundſchafter.„Wofür würden Sie wohl, nach Ihrer Erfahrung als Weißer, jenen Punkt halten, geſetzt Sie müßten Ihren Weg durch dieſe Waſſerwüſte allein zurücklegen?“ „In dieſer Entfernung wurd' ich ihn ſeiner Größe nach für einen Waſſervogel halten, wenn es überhaupt ein lebendes Weſen iſt.“ „Es iſt ein Kahn von guter Birkenrinde, und auf ihm befinden ſich wilde und verſchlagene Mingos. Hat gleich die Vorſehung den Bewohnern der Wälder beſſere Augen verliehen, als den Leuten in den Kolonien, die dieſem Mangel durch Erfindungen mancherlei Art abhelfen können, ſo ſieht doch kein menſchliches Auge ſcharf genug, um all die Gefahren zu bemerken, die uns jetzt umringen. Die Schurken dort thun ſo, als dächten ſie an nichts, als an ihr Abendmahl; aber ſo wie Dunkelheit eintritt, werden ſie auf unſrer Fährte ſeyn, wie die beſten Spürhunde. Wir müſſen ſie irre führen, oder unſere Verfolgung des Renard Subtil mißlingt uns. Dieſe Seen ſind bisweilen — 62— von Nutzen, beſonders, wenn das Wild ſich in's Waſſer ſtuͤrzt,“ fuhr er fort, mit flüchtiger Unruhe umherblickend; „aber ſie verbergen Niemanden, es müßten denn die Fiſche ſeyn. Gott weiß, was aus dem Lande werden würde, wenn die Kolonien der Weißen ſich je über die Flüſſe hinausdehnen ſollten. Jagd und Krieg würden ihren ganzen Reiz verlieren.“ „Laßt uns ohne wichtige Urſache keinen Augenblick zoͤgern.“* „Der Rauch gefällt mir nicht, den Sie dort längs dem Felſen hinter dem Kahn emporſteigen ſehen,“ unter⸗ brach ihn der Kundſchafter, ſich ſeinen eigenen Gedanken überlaſſend.„Ich ſetze mein Leben zum Pfande, daß ihn noch andere Augen, als die unſrigen, ſehen und zugleich wiſſen, was er bedeutet. Aber Worte machen die Sache um kein Haarbreit beſſer, und es iſt Zeit zu handeln.“ Hawk⸗eye ſtieg, in tiefes Nachdenken verſunken, von der Anhöhe herab und begab ſich an's Ufer, wo er ſeinen Gefährten in delawariſcher Sprache den Erfolg ſeiner Beobachtungen mittheilte. Es erfolgte nun eine kurze, aber ernſtliche Berathung, und als ſie zu Ende war, machte man ſich ſogleich an die Ausführung deſſen, was man beſchloſſen hatte. Der Kahn wurde zuf den Schultern fortgetragen, und die Reiſenden hüteten ſich, als ſie den Wald betra⸗ ten, ſehr ſorgfältig, deutliche Spuren ihres Weges zurück⸗ zulaſſen. Sie erreichten bald einen Gießbach, den ſie durchſchritten, und befanden ſich nun in der Nähe eines kahlen Felſens von bedeutendem Umfange. Hier konn⸗ ten die Spuren ihrer Schritte von ihren etwanigen Ver⸗ — ————„ 65— folgern nicht bemerkt werden, und ſie kehrten von da wieder nach dem Gießbach zurück, wobei ſie ſich der Vor⸗ ſicht bedienten, rückwärts zu gehen. Die Fluth des Gieß⸗ hachs, der ſich hier zu einem kleinen Fluſſe erweiterte, vermogte den Kahn zu tragen; und bis zur Mündung hinabfahrend, erreichten ſie wieder den See. Durch einen vorſpringenden Felſen konnten ſie hier von dem Vor⸗ gebirge aus, wo ſie den Kahn der Huronen erblickt hat⸗ ten, nicht geſehen werden; auch war das Ufer des Sees eine Strecke weit mit dichten und tief herabhängenden Gebüſchen bedeckt. Dieſe Vortheile benutzend, fuhren ſie ſchweigend am Strande hin, bis der Kundſchafter äußerte, er halte es für rathſam, abermals zu landen. Als die Dämmerung einbrach, beſtiegen ſi de ihren Kahn wisder, ſchnell vorwärts rudernd, um das weſtliche Ufer zu erreichen. Obgleich daſſelbe von hohen Bergen begränzt war, die dicht zuſammen gedrängt zu ſeyn ſchie⸗ nen, ſo entdeckte doch Chingachgool's geübtes Auge einen kleinen Hafen, in welchen er den Kahn mit der Gewandt⸗ heit und Vorſicht eines erfahrenen Schiffers ſteuerte. Nachdem das leichte Fahrzeug wieder an's Ufer gezogen nnd eine Strecke weit in den Wald getragen worden war, verbarg man es dort ſorgfältig unter einem Haufen von Strauchwerk. Die Reiſenden nahmen ihre Waffen und ihr Gepäck, und der Kundſchafter kündigte Heyward und Munro'n an: er und die Indianer ſeyen nun bereit, die Nachforſchungen zu beginnen. Viertes Kapitel. „Wenn Ihr einen Mann dort findet, ſo ſoll er den Tod eines Flohs ſterben. Die luſtigen Weiber von Windſor. Die Reiſenden waren an der Gränze eines Land⸗ ſtrichs angelangt, der ſelbſt bis auf dieſen Tag den Be⸗ wohnern der vereinigten Staaten von Nordamerika we⸗ niger bekannt iſt, als die arabiſchen Wüſten oder die Sandſteppen der Tartarei. Es war der rauhe und un⸗ fruchtbare Diſtrikt, wo ſich die dem Champlain zinsbaren Flüſſe von dem Hudſon, dem Mohawk und dem St. Lo⸗ renzoſtrom trennen. Seit der Zeit, in welcher ſich die erzählte Geſchichte zutrug, hat der Unternehmungsgeiſt des Landes daſſelbe mit einem Gürtel reicher und blühen⸗ der Kolonien umgeben; aber ſelbſt heut zu Tage dringen nur der Jäger oder der Wilde, ſo viel man weiß, in den rauhen und öden Bezirk dieſer Gegend. Da Hawk⸗eye und die Mohikaner gleichwohl mehr als ein Mal die Berge und Thäler dieſer weiten Wildniß durchſtrichen hatten, ſo trugen ſie kein Bedenken, ſich in den Wald zu vertiefen, wie Menſchen, die gewöhnt ſind. Entbehrungen zu ertragen und den Kampf mit mannich⸗ fachen Hinderniſſen muthig zu beſtehen. Mehrere Stun⸗ den lang ſetzten ſie ihren beſchwerlichen Weg fort, indem — 67— ſie ſich bald der Leitung eines Sterns überließen, bald den Lauf eines Gießbachs verfolgten. Endlich machte der Kundſchafter Halt, und nach einer kurzen Berathung mit den Indianern wurde Feuer angezündet, und man traf die gewöhnlichen Vorkehrungen, die Nacht an dem Orte, wo man ſich eben befand, zuzubringen. Die Zuverſicht ihrer erfahrenern Begleiter flößte auch Munro'n und Heyward Vertrauen ein; ſie begaben ſich, wie jene, zur Ruhe, und entſchlummerten ohne Furcht, wenn auch nicht ohne Beſorgniß. Der Nebel hatte ſich zerſtreut, und die Sonne beleuchtete mit ihrem Strahlenglanze den Wald, als die Wanderer am andern Tage ihre Reiſe fortſetzten. Nachdem Hawk⸗eye, der ſtets voranging, einige Mei⸗ len zurückgelegt hatte, fing er an, langſamer und auf⸗ merkſamer vorwärts zu ſchreiten. Ofters blieb er ſtehen, um die Bäume genau zu betrachten; auch ging er über beinen Bach, ohne die Schnelligkeit ſeines Laufs, die Tiefe und Farbe ſeiner Fluth zu unterſuchen. Seinem eignen Urtheil nicht trauend, fragte er öfters Chingach⸗ gook um ſeine Meinung, und beſprach ſich ſehr ernſt und angelegentlich mit ihm. Wäͤhrend einer dieſer Unterre⸗ dungen bemerkte Heyward, daß Unkas ſchweigend, doch mit ſichtbarem Antheil zuhörte, ohne ſich irgend eine Be⸗ merkung zu erlauben. Er fuhlte ſich ſtark verſucht, ſich an den jungen Indianer mit der Frage zu wenden, wie weit ſte noch von dem Ziel ihrer Reiſe entfernt wären. Allein die ruhige Miene und das ganze Benehmen des Eingebornen ließ ihn glauben, daß derſelbe ſich auf die Einſicht und den Scharfſinn Chingachgook's und des Kund⸗ . 5* — 68— ſchafters gäͤnzlich verlaſſen werde. Endlich wandte ſich Hawk⸗eye ſelbſt an den Major, und erklärte ihm die Verlegenheit, in der er ſich befand. „Als ich bemerkt hatte,“ ſagte er,„daß die Spuren der Huronen nach Norden hin führten, brauchte es kei⸗ nen jahrelangen Verſtand, um daraus zu ſchließen, ſie würden den Weg in die Thäler einſchlagen und zwiſchen den Gewäſſern des Hudſon und des Horican Halt machen, bis ſie zu den Quellen der Ströme von Kanada und von da in das Herz des von den Franzoſen beſetzten Lan⸗ des gelangten. Hier ſind wir aber nicht weit vom Sca⸗ voon, und noch haben wir nicht eine einzige Spur gefun⸗ den. Die menſchliche Natur iſt ſchwach und dem Irr⸗ thum unterworfen. Wir ſind am Ende nicht auf der rechten Fährte.“ „Der Himmel ſchütze uns vor einem ſolchen Irr⸗ thum!“ rief Duncan.„Wir wollen. wieder umkehren und die Gegend ſorgfältiger unterſuchen. Weiß Unkas in dieſer Verlegenheit uns keinen Rath zu ertheilen?“ Der junge Mohikaner warf einen raſchen Blick auf ſeinen Vater, dann aber wieder ſeine ruhige und zurück⸗ haltende Miene annehmend, beobachtete er ſein früheres Schweigen. Chingachgook, der den Blick bemerkt hatte, gab ihm mit der Hand einen Wink, daß er ſprechen möge. Kaum war dieſe Erlaubniß ertheilt, ſo leuchtete plötzlich auf ſeinem ernſten Antlitz der Blitz des Scharf⸗ ſinns und der Freude. Leicht wie ein Hirſch forteilend, erklimmte er eine kleine Anhöhe, die in einiger Entfer⸗ nung vor ihnen emporſtieg, und blieb dort mit triumphi⸗ render Miene an einer Stelle ſtehn, wo der Tritt eines — 69— Thiers die Erde aufgewühlt zu haben ſchien. Aller Augen hefteten ſich auf ihn, aufmerkſam jeder ſeiner Bewegun⸗ gen folgend; denn ſie glaubten in ſeinem heitern, zufrie⸗ denen Blick ein für ſie günſtiges Reſultat zu leſen. „Das ſind ihre Spuren!“ rief der Kundſchafter, der ſich der Stelle genähert hatte.„Der Junge hat für ſein Alter ein ſcharfes Auge und einen ungemeinen Verſtand.“ „Es iſt doch ſonderbar,“ murmelte Duncan vor ſich hin,„daß er uns ſeine Entdeckung nicht früher mitge⸗ theilt hat.“ „Man hätte ſich noch viel mehr darüber wundern müſſen,“ ſagte Hawk⸗eye,„wenn er geſprochen, ohne daß man es ihn geheißen hätte. Nein, nein! Die Jüng⸗ linge unter euch Weißen, die ihre ganze Kenntniß aus Büchern ſchöpfen, mögen ſich zwar einbilden, ihr Wiſſen laufe ihren Vätern voran, wie ihre Beine; aber der junge Indianer, bei dem dies Wiſſen blos auf Erfah⸗ rung deruht, lernt den Werth der Jahre ſchätzen und achtet das Alter.“ „Seht!“ ſagte Unkas, auf die Spuren verſchiedener Füͤße nach Norden und Süden zu deutend,„das Mäd⸗ chen mit dem dunklen Haar iſt nach der Seite der Kälte zu gegangen.“ „Nie fand ein Spürhund eine ſchönere Fährte!“ rief der Kundſchafter, indem er in der Richtung der bemerk⸗ ten Spuren ſich wieder auf den Weg machte.„Wir ha⸗ hen von großem Glück zu ſagen— von großem Glück— und dürfen nur unſerer Naſe nachgehen.— Ahl da ſind ja wieder die Tritte von den zwei Thieren, die einen ſo wunderlichen Gang haben. Dieſer Huront reiſt wie 70 ein General unter den Weißen! Er iſt toll und mit Blindheit geſchlagen. Sieh doch ein Mal zu, Chingach⸗ gook,“ fuhr er fort, indem er ſich lachend umdrehte, „ſieh doch ein Mal, ob du keine Spur von Wagentaäͤdern findeſt; wir ſehen am Ende bald den Narren in einer Kutſche einherfahren— während ihm die beſten Augen im Lande dicht auf den Ferſen ſind.“ Des Kundſchafters Muth und Fröhlichkeit, ſo wie der unerwartete Erfolg, der eine Nachſetzung begleitete, wegen der ſie bereits vierzig Meilen zurückgelegt hat⸗ ten, trug viel dazu bei, Heyward und Munro'n neue Hoffnung einzuflößen. Sie gingen mit ſchnellen Schrit⸗ ten vorwaͤrts, und ſo zuverſichtlich, wie Reiſende auf einer breiten Landſtraße. Unterbrach ein Felſen, ein Bach, ein ungewöhnlich harter Boden die Spur, welche ſie verfolgten, ſo gelang es dem geübten Auge des Kund⸗ ſchafters leicht, ſie wieder zu entdecken, und ſelten wa⸗ ren ſie genöthigt, ſtehen zu bleiben. Sehr erleichtert ward ihre Reiſe auch durch die erlangte Üüberzeugung, daß Magua für gut befunden habe, durch die Thäler zu reiſen— ein Umſtand, der ihnen über die Rich⸗ tung, welche ſie einſchlagen mußten, keinen Zweifel mehr übrig ließ. Der ſchlaue Hurone hatte übrigens die Kunſtgriffe nicht verabſaumt, deren ſich die Indianer zu bedienen pflegen, wenn ſie ſich vor einem Feinde zurückziehen. Haufig ſtießen die Reiſenden auf falſche, abſichtlich ge⸗ machte Spuren, ſo oft ein Bach oder die Beſchaffenheit des Bodens dergleichen erlaubte. Aber Maguag's Verfol⸗ ger ließen ſich dadurch nur ſelten täuſchen, oder entdeck⸗ — 8 ——„ 8 18 — 21— ten wenigſtens ihren Irrthum bald, ehe ſie dieſen trüge⸗ riſchen Spuren eine bedeutende Strecke gefolgt waren. Gegen die Mitte des Nachmittags waren ſie über den Scavoon gegangen, und nahmen nun ihre Richtung der untergehenden Sonne entgegen. Nachdem ſie von einer Anhöhe in eine Schlucht hinabgeſtiegen waren, durch die ein kleiner Bach hinglitt, gelangten ſie an eine Stelle, wo le Renard offenbar mit ſeinen Gefangenen Halt ge⸗ macht hatte. Erloſchene Feuerbrände lagen um eine Quelle umher; hie und da ſah man zerſtreute Überreſte eines Damhirſches, und an dem Graſe und den Gebü⸗ ſchen wieſen ſich unverkennbare Merkmaale, daß die Pferde hier geweidet hatten. In einiger Entfernung bemerkte Heyward ein kleines Gebüſch, neben welchem das Gras niedergedrückt war, und nicht ohne Rührung betrachtete er den Platz, wo, wie er ſich vorſtellte, Alix und Cora geruht hatten. Wenn ſich indeß auch von Menſchen ſo⸗ wohl als von Thieren überall Spuren zeigten, ſo hörten dieſelben dennoch plötzlich wieder auf, und ließen die Rei⸗ ſenden abermals in Ungewißheit. Zwar war es leicht, die Spuren der Pferde zu ver⸗ folgen; aber ſie ſchienen ohne Führer umhergelaufen und nur ihrem natürlichen Inſtinkt gefolgt zu ſeyn. Endlich entdeckte Unkas eine Spur, die ganz friſch zu ſeyn ſchien. Eh er ſie indeß verfolgte, machte er ſeine Gefährten mit dieſer Entdeckung bekannt, und während ſie ſich noch über den ſonderbaren uUmſtand beſprachen, erſchien der junge Indianer mit den beiden Pferden, deren Sättel und Schabracken zerriſſen und beſchmutzt waren, als hätten ſie mehrere Tage lang allein umhergeſtreift⸗ 72— „Was bedeutet das?“ ſagte Duncan, erbleichend und rings umherblickend, als fürchte er, die Büſche und Ge⸗ ſträuche würden ihm jetzt irgend ein furchtbares Geheim⸗ niß enthüllen. „Das bedeutet,“ erwiederte der Kundſchafter,„daß unſere Reiſe ſich zu Ende neigt, und daß wir uns in friedlichem Lande befinden. Wäre man dem Schurken nahe auf den Leib gerückt, und hätten die jungen Frauen⸗ zimmer keine Pferde gehabt, um ihm ſchnell genug zu folgen, ſo wär' es leicht möglich geweſen, daß er ihre Kopfhäute mitgenommen hätte. Da ihm aber kein Feind auf dem Fuße nachfolgte, und er ſo gute Pferde hatte, als dieſe hier, ſo ſteh' ich dafür, daß er ihnen kein Haar gekrümmt hat. Ich errathe Ihre Gedanken, Major, und es iſt eine Schande für unſere Farbe, daß Sie Urſache haben, ſo zu denken; wer aber glaubt, daß ſelbſt ein Mingo ein weibliches Weſen, das in ſeiner Gewalt iſt, mißhandeln könnte, es ſey denn, daß er ihr einen leichten Hieb mit der Streitaxt verſetzte, der kennt weder die Natur der Indianer, noch die Waldge⸗ ſetze. Nein! nein! Ich habe gehört, daß die mit den Franzoſen befreundeten Indianer in dieſe Wälder her⸗ üͤbergekommen wären, um hier die Hirſche zu jagen, und wir können nicht ſehr weit von ihrem Lager ent⸗ fernt ſeyn. Und warum ſollten ſie nicht hieher kom⸗ men? Jeden Tag hört man Morgens und Abends in dieſen Bergen den Donner der Kanonen von Ty; denn die Franzoſen errichten neue Batterien zwiſchen den Provinzen des Königs und Kanada.— Übrigens ſind nun zwar die beiden Pferde hier; aber die Huronen — 73— ſind fort. Wir müſſen durchaus ihre Spuren zü ent⸗ decken ſuchen.“ Hawk⸗eye und die Mohikaner machten ſich nun ernſt⸗ lich an dies Geſchäft. Ein Kreis von einigen hundert Fuß ward um den Platz gezogen, wo le Renard Subtil Halt gemacht hatte, und jeder begann nun die Unterſu⸗ chung eines Abſchnitts deſſelben. Sie blieb indeß frucht⸗ los. Es gab zwar unzählige Fußtritte; allein ſie ſchienen von Leuten herzurühren, die ohne die Abſicht, ſich zu entfernen, hin und her gegangen waren. Endlich machte der Kundſchafter mit ſeinen Gefährten abermals die Runde um den Platz, und kehrte dann zu Heyward und Munro zurück, ohne durch dieſe Unterſuchung um ein Haarbreit klüger geworden zu ſeyn. „Bei dieſer Liſt muß der Teufel ſein Spiel gehabt haben!“ rief Hawk⸗eye, als er die beſturzten Blicke ſei⸗ ner Gefährten bemerkte.„Chingachgook, wir müſſen noch ein Mal von der kleinen Quelle an den Boden Zoll für Zoll unterſuchen. Dieſer Hurone ſoll ſich nicht gegen ſeine Landsleute rühmen durfen, er habe einen Fuß, der keine Spur zurückläßt.“ 4 So ſprechend, ging er ſeinen Gefährten mit gutem Beiſpiel voran, und begann die Unterſuchung mit er⸗ neutem Eifer. Kein Blatt blieb unangerührt, die dür⸗ ren Zweige, die Steine wurden weggeräumt; denn man wußte, daß die Liſt und Geduld der Indianer öfters ſo weit ging, bei jedem Schritte wieder ſtehen zu bleiben, um erſt den, welchen ſie bereits gethan, zu verbergen. Demungeachtet gelangten ſie trotz aller Mühe und Sorg⸗ falt zu keiner Entdeckung. — 271— Unkas, der mit jener ihm eigenthümlicher Lebhaftig⸗ keit ſein Geſchäft zuerſt vollendet hatte, gerieth auf den Gedanken, einen kleinen Damm von Steinen und Erde über den Bach zu ziehen, welcher aus der früher erwähn⸗ ten Quelle entſprang. Er hemmte dadurch den Ablauf des Waſſers, das ſich nun einen andern Weg ſuchen mußte. Sobald das ſchmale Bette unter dem Damm trocken war, bückte er ſich mit neugierigem Auge darüber hin, um es zu unterſuchen. Ein Schrei des Frohlockens verkündete, daß er etwas entdeckt habe. Die Übrigen verſammelten ſich ſogleich um ihn, während er ihnen auf dem feinen und feuchten Sande die Spuren eines Halb⸗ ſtiefels zeigte. „Der Junge macht ſeinem Volke Ehre,“ rief Hawk⸗eye, indem er die Spuren mit einer Bewunderung betrachtete, die der Naturforſcher den Zähnen eines Mammuth oder dem Geripp eines Kraken ſchenken würde.„Den Huro⸗ nen wird er ein Dorn im Auge ſeyn!“ fügte er hinzu. „Das ſind aber nicht die Fußtritte eines Indianers. Die Ferſe iſt zu ſehr aufgedrückt, und die Zehen vorn ſo vier⸗ eckigt.— Geh', Unkas, und hole mir das Maaß vom Fuße des Sängers. Du findeſt eine herrliche Spur da⸗ von an dem Fuße jenes Felſens.“ 8 Während der Jüngling ſich ſeines Auftrags entle⸗ digte, betrachteten der Kundſchafter und Chingachgook mit vieler Aufmerkſamkeit die Spuren. Der junge In⸗ dianer war indeß zurückgekommen, und die Maaße paß⸗ ten ſo vollkommen zuſammen, daß Hawk⸗eye mit großer Zuverſicht erklarte, die Spuren rührten von David's Fuße her. „Jetzt iſt mir die ganze Sache ſo klar,“ ſagte er⸗ — 75— tips Kunſtgriffe mit angeſehen. Da der Sänger ein Mann iſt, den man blos mit der Kehle und mit den Beinen brauchen kann, ſo hat man ihm aber⸗ mals Haibſtiefel angezogen und ihn vorausgehen laſſen. Diejenigen aber, die ihm folgten, haben die Vorſicht ge⸗ braucht, ihre Füße in ſeine Fußſtapfen zu ſetzen.“ „Aber,“ ſagte Duncan,„ich ſehe keine Spur von...“ „Von den beiden jungen Frauenzimmern?“ unter⸗ brach ihn der Kundſchafter.„Der Schurke wird ſchon Mittel gefunden haben, ſie ſo weit zu tragen, bis er außer aller Beſorgniß war, daß ihm Jemand auf dem Mein Leben wollt' ich darum wetten, Fuße nachfolge. 2 daß wir ihre kleinen, netten Füße finden, ehe wir noch weit gegangen ſind.“— Die ganze Geſellſchaft folgte nun dem Laufe des Baches, in deſſen Belts ſich fortwährend die nämlichen Spuren zeigten. Das Waſſer trat bald wieder herein, und ſie ſahen ſich daher genöthigt, langs den beiden Ufern des Baches hinzugehen, um die Stelle zu entdecken, wo der Hurone ſich aus dem Waſſer wieder auf das Land begeben hatte. lber eine halbe Meile hatten ſie auf dieſe Weiſe zu⸗ ruͤckgelegt, als ſie an eine Stelle kamen, wo der Bach am Fuße eines großen kahlen Felſens einen Winkel bil⸗ dete. Hier machten ſie Halt, um näher zu unterſuchen, ob der Hurone über dieſe Anhöhe hinweggegangen oder im Bache fortgewatet war. Wirklich gelang es Unkas ſcharfem Auge bald, auf einem Büſchel Moos die Fußſtapfen eines Indianers zu entdecken, der wahrſcheinlich aus Unachtſamkeit darauf ge⸗ „als hält' ich le Sub treten hatte. Die Fußſpitze war gegen ein nahes Gebuͤſch gerichtet; und Unkas, der ſogleich darauf zueilte, fand dort alle Spuren ſo friſch und deutlich, als jene waren, die ſie zu der Quelle geführt hatten. Ein abermaliges Freudengeſchrei verkündete dieſe Entdeckung ſeinen Ge⸗ fährten, und machte jeder weitern Berathung ein Ende. „Ja, ja,“ ſagte der Kundſchafter, als ſich die Ubri⸗ gen an der Stelle verſammelt hatten;„das iſt mit in⸗ dianiſcher Klugheit ausgeführt, und den Augen eines Wei⸗ ßen waͤr' es offenbar entgangen.“ „Wollen wir unſern Weg fortſetzen?“ fragte Hey⸗ ward. „Gemach! gemach!“ entgegnete Hawk⸗eye.„Den Weg wiſſen wir nun; aber es iſt rathſam, die Sache gründlich zu unterſuchen. Das iſt mein Grundſatz, Ma⸗ jor; man muß nie verſäumen, in dem Buche leſen zu lernen, das die Vorſehung vor uns aufſchlägt, und das mehr iſt, als alle Eure Bücher. Jetzt iſt mir Alles klar, eins ausgenommen: wie nämlich der Schurke die beiden Frauenzimmer den ganzen Bach herunter von der Quelle bis an den Felſen gebracht haben mag; denn auch ein Hurone iſt zu ſtolz, als daß er ſie gezwungen haben ſollte, mit ihren Füßen das Waſſer zu berühren. „Könnte dies hier etwa das Räthſel löſen? ſagte Heyward, auf die Üüberreſte einer Tragbahre deutend, welche, wie es ſchien, aus friſch abgeſchnittenen Zweigen verfertigt worden war, die man durch Weiden mit einan⸗ der verbunden hatte. Sie lag jetzt nachläͤſſig hingeworfen am Eingange des Waldes. „Jetzt iſt Alles klar!“ rief Hawk⸗eye freudig.„Aber ich wollte wetten, ſie haben lange zugebracht mit der Verfertigung dieſer Tragbahre.— Nun, hier haben wir drei Paar Halbſtiefel und zwei Paar kleine Füße⸗ Iſt es nicht erſtaunlich, daß ſchwache Geſchöpfe auf ſo kleinen Füben dieſe weite Reiſe machen konnten? Unkas, gib mir deinen Riemen; ich will ein Mal die Länge des kleinſten Jußes meſſen. Beim Himmel, das iſt der Fuß eines Kindes, und die beiden Frauenzimmer ſind doch ſchlank, ſchön gewachſen. In der That, das kann Nie⸗ mand beſtreiten, daß die Vorſehung mitunter ihre Gaben parteiiſch vertheilt, wenn es auch aus weiſen Gründen geſchieht.“ „Die zarten Gliedmaaßen meiner Töchter koͤnnen ſolche Beſchwerden nicht ertragen!“ rief Munro, mit väterlicher Zärtlichkeit die Spuren der Tritte betrachtend. „Wir werden ſie in irgend einem Winkel dieſer Wildniß völlig müd' und erſchöpft antreffen.“ „Das haben wir nicht zu befürchten,“ erwiederte der Kundſchafter, langſam den Kopf ſchüttelnd.„Man ſieht, dies iſt ein feſter und gerader Schritt, wenn er auch leicht und nur kurz iſt. Sehen Sie, die Ferſe hat kaum den Boden berührt, und dort hat das junge Frauenzimmer mit dem ſchwarzen Haar einen Sprung gemacht von einer Wurzel zur andern. Nein! nein! Meiner Anſicht nach war keine von beiden in Gefahr, aus Mangel an Kraften auf dem Wege zu unterliegen. Dem Sänger ſcheinen freilich ſeine Füße geſchmerzt zu haben; er ſcheint müde geworden zu ſeyn. Sehen Sie wohl, dort iſt er ausgeglitſcht; ſein Gang iſt unſicher und ſchwankend geweſen, als wär' er auf Schlittſchuhen gegangen. Ja, ja, ein Menſch, der an nichts als ſeine Kehle denkt, kann ſeine Beine nicht gehörig in Ordnung erhalten.“ Durch dergleichen Schlüſſe errieth der erfahrene Kundſchafter die Wahrheit mit einer Zuverſicht und Beſtimmtheit, als ob er ſelbſt ein Zeuge aller jener Vorfälle geweſen wäre, die ſich ſein Scharfſinn ſo leicht erklärte. Seine Gefährten, welche dadurch wieder neue Hoffnung ſchöpften und ſich durch eine Reihe ſo einfa⸗ cher und natürlicher Schlüſſe ermuthigt fühlten, ſetzten die Reiſe fort, nachdem ſte einen kurzen Halt gemacht hatten, um ein leichtes Mahl einzunehmen. Als ſie damit fertig waren, warf der Kundſchafter einen Blick nach der untergehenden Sonne, und trieb⸗ ſeine Begleiter mit einer ſolchen Schnelligkeit fort, daß Heyward und Munro all' ihre Kräfte aufbieten mußten, um mit ihm gleichen Schritt zu halten. Ihr Weg lief längs dem bereits erwaͤhnten Bache hin, und da die Huronen keine weitere Vorſichtsmaaß⸗ regeln angewandt hatten, um den ihrigen zu verbergen, ſo wurde der Marſch ihrer Verfolger durch die Zögerun⸗ gen, welche die Ungewißheit verurſacht, nicht mehr auf⸗ gehalten. Eh' indeß eine Stunde verfloſſen war, fing Hawk⸗eye allmählich an langſamer zu gehen; auch wandte er den Kopf bald rechts, bald links, als beſorge er irgend eine nahe Gefahr. Endlich blieb er ſtehn, und wartete, bis die ganze Geſellſchaft ihn eingeholt hatte. „Ich wittere die Huronen,“ ſagte er, ſich zu den Mohikanern wendend.„Dort ſchimmert der Himmel 1 — 759— durch die Baumgipfel, und wir kommen am Ende dem Lager der Schurken zu nahe. Chingachgook, ſteig' auf die Anhöhe rechts, und du, Unkas, magſt dich auf der linken halten, welche längs dem Bache hinläuft, während ich die Spur verfolge. Wer etwas bemerkt, benachrich⸗ tige die Andern davon, indem er drei Mal wie eine Krähe krächzt. Ich habe ſo eben mehrere dieſer Vögel über der abgeſtorbenen Eiche dort flattern ſehen, und das iſt abermals ein Zeichen, daß wir uns in der Nähe eines indianiſchen Lagers befinden.“ Die Mohikaner entfernten ſich, ohne es für nöthig zu erachten, ihm eine Antwort zu geben, und während jeder von ihnen ſeinen beſondern Weg einſchlug, ſetzte Hawk⸗eye mit den beiden Offizieren den ſeinigen fort. Heyward verdoppelte ſeine Schritte, um ſeinen Führer einzuholen; denn er brannte vor Ungeduld, die Feinde zu erblicken, die er mit ſo vieler Müh' und Anſtrengung verfolgt hatte. Sein Gefährte ſagte ihm, er möge ſich an den von dichten Gebüſchen umgebenen Waldſaum zurücziehen und ihn daſelbſt erwarten. Duncan ge⸗ horchte, und befand ſich bald auf einer kleinen Anhöhe, von wo er eine Ausſicht hatte, die ihm eben ſo außer⸗ ordentlich als neu vorkam. Auf einer ſehr beträchtlichen Strecke waren alle Bäume gefällt, und die Helle des milden Sommer⸗ abends, die ſich über dieſe große Lichtung verbreitete, bildete einen ſchönen Kontraſt mit dem Halbdunkel des Waldes. Nicht weit von dem Platze, wo Duncan ſtand, erweiterte ſich der Bach zu einem kleinen See, der in einem zwiſchen zwei Bergen eingeengten Thale fortlief. 80— Aus dieſem geräumigen Becken floß das Waſſer mil ſo ſanftem und regelmäßigem Falle ab, daß hier weniger die Natur, als Menſchenhände gewaltet zu haben ſchie⸗ nen. Hunderte von Wohnungen, aus Erde aufgerichtet, erhoben ſich an den Ufern dieſes Sees, ja ſelbſt aus der Waſſerfläche emporſteigend, als habe die Fluth ihre ge⸗ wöhnlichen Gränzen überſchritten. Die abgerundeten Dächer, welche einen kräftigen Schutz gegen unfreund⸗ liche Witterung gewährten, ließen auf mehr Kunſtfleiß und Vorſicht ſchließen, als die Eingebornen auf ihre ge⸗ wöhnlichen Wohnungen zu wenden pflegten, am wenigſten auf diejenigen, die ihnen während der Jagd und des Fiſchfangs zu einſtweiligem Obdache dienten. Kurz das ganze Dorf oder die kleine Stadt, wie man es nennen konnte, verrieth mehr Kunſt und Nettigkeit, als die Weißen gewohnt waren bei den Indianern zu finden. Der Ort ſchien indeß öd und verlaſſen; wenigſtens glaubte Duncan dies im erſten Augenblicke. Bald aber dünkte es ihm, als ſäh' er mehrere Menſchen auf ſich zu komimen, die auf allen Vieren gingen und etwas Schweres, vielleicht ein ihm unbekanntes Kriegswerkzeug, hinter ſich her ſchleppten. In demſelben Augenblicke ſchauten mehrere ſchwärzliche Köpfe aus ihren Wohnun⸗ gen hervor, und bald ſchien der Platz belebt durch eine Menge von Woſen, welche aber ſo ſchnell von Hütte zu Hütte fortſchlüpſten, daß Heyward nicht unterſcheiden konnte, womit ſie ſich beſchäftigten oder was ſie beab⸗ ſichtigten... Beunruhigt durch dieſe verdächtigen und unerklär⸗ lichen Bewegungen, war er eben im Begriff, das Ge⸗ 5 —,———oe— ½ ⏑⏑ 2—D —— -— AG— ſchrei einer Krähe nachzuahmen, um ſeine Gefährten her⸗ beizurufen, als ein Rauſchen in dem Gebüſch ſeine Auf⸗ merkſambeit auf's Neue feſſelte. Der junge Mann erſchrack und prallte einige Schritte zurück, als er in geringer Entfernung einen fremden Indianer erblickte. Sich augenblicklich faſſend, unter⸗ drückte er das Lärmſignal, das ihm vielleicht hätte ver⸗ derblich werden können, und blieb unbeweglich hinter einem Gebuſch ſtehen, die Bewegungen des Fremden auf⸗ merkſam betrachtend. Der erſte beobachtende Blick reichte hin, um Duncan zu überzeugen, daß er nicht bemerkt worden ſey. Der Indianer ſchien, gleich ihm, beſchaftigt, die niedern Dorf⸗ hütten und die Bewegungen ihrer Bewohner zu betrach⸗ ten. Das Geſicht deſſelben war auf groteske Weiſe be⸗ malt, und der Ausdruck ſeiner Züge daher ſchwer zu erkennen; doch ſchienen ſie eher den Charakter der Me⸗ lancholie, als der Wildheit zu tragen. Sein Haupt war, wie gewöhnlich, kahl geſchoren, außer auf dem Scheitel, wo drei oder vier verblichene Falkenfedern an dem Haarbüſchel befeſtigt waren. Ein abgetragener Mantel von Kalicot bedeckte kaum zur Hälfte ſeinen Körper; der untere Theil deſſelben hatte keine andere Bekleidung, als ein gewöhnliches Hemd. Seine Schenkel waren nackt und von Dornen zerriſſen, die Füße aber mit einem Paar Halbſtiefel von gutem Bärenfell bedeckt. Kurz, das Außere dieſes Individuums war elend und armſelig. Duncan betrachtete noch neugierig ſeinen Nachbar, als der Kundſchafter ſich ſtill und vorſichtig an ſeine Seite ſchlich. 10— 12. 6 — 82— „Ihr ſeht,“ flüſterte der Major ihm zu,„wir haben ihre Niederlaſſungen oder ihr Lager erreicht, und dort ſteht ein Wilder, deſſen Stellung uns wohl in unſerem Wege hinderlich ſeyn wird.“ Hawk⸗eye ſtutzte, und hob geräuſchlos ſeine Büchſe empor, mit ſeinen Augen die Richtung verfolgend, welche Duncan's Finger andeutete. Er reckte ſeinen Hals aus, um den verdächtigen Fremdling näher zu betrachten, ließ aber bald darauf ſein Gewehr wieder ſinken und ſagte: „Das iſt kein Hurone; auch gehört er zu keinem von den kanadiſchen Stämmen. An ſeinen Kleidern aber können Sie ſehen, daß der Schurke einen Weißen geplündert hat. Ja, ja, Montcalm hat die Wälder von allen Schurken gereinigt, und eine mörderiſche Rotte um ſich verſammelt.— Können Sie ſehen, wo er ſeine Büchſe oder ſeinen Bogen hingelegt hat?“ „Er ſcheint keine Waffen zu führen,“ entgegnete Heyward,„und überhaupt keine blutigen Abſichten zu hegen. Wenn er nicht etwa ſeinen Gefährten, die dort am Seeufer herumkriechen, ein Lärmſignal gibt, ſo, glaub' ich, haben wir nichts von ihm zu befürchten.“ Der Kundſchafter wandte ſich um und betrachtete Heyward augenblicklich mit ſtarrer Verwunderung; dann öffnete er den Mund weit und brach in ein herzliches Gelächter aus, deſſen Ton er aber, durch häufige Gefah⸗ ren belehrt, auf eigenthümliche Weiſe zu unterdrücken wußte. „Seine Gefäͤhrten, die am Seeufer herumkriechen!“ ſagte er, des Majors Worte wiederholend.„Das lernt man, wenn man Jahrelang in der Schule ſitzt und in — 83— den Büchern lieſet, ohne jemals die Kolonien der Wei⸗ ßen verlaſſen zu haben!— Der Schurke hat lange Beine, ihm iſt nicht zu trauen. Behalten Sie ihn mit Ihrer Büchſe im Auge; ich will mich durch das Gebüſch hinten an ihn heranſchleichen und mich ſeiner bemächtigen. Aber geben Sie in keinem Falle Feuer!“ Hawk⸗eye hatte ſchon das Gebüſch erreicht, das ihn halb verbarg, als Heyward, ſeine Arme nach ihm aus⸗ ſtreckend, rief: „Aber wenn ich Euch in Gefahr ſehe, darf ich nicht einen Schuß thun?“ Der Kundſchafter betrachtete ihn einen Augenblick wie Jemand, der nicht recht weiß, wie er die an ihn gerichtete Frage nehmen ſoll; dann aber nickte er mit dem Kopfe und ſagte lächelnd: „In dieſem Falle, Major, Pelotonfeuer!“ Gleich darauf verbargen ihn die Gebüſche. Duncan wartete einige Augenblicke mit ängſtlicher Ungeduld, ob ſich ſein Gefährte nicht bald zeigen werde. Endlich ſah er, daß Hawk⸗eye wie eine Schlange hinter dem ein⸗ herkroch, den er zu ſeinem Gefangenen machen wollte. Als er nur noch wenige Schritte von dem Indianer ent⸗ fernt war, ſtand er ſtill und langſam auf. In dieſem Augenblicke ließ ſich ein plötzliches Geräuſch vom See her hören, und Duncan, der ſein Auge raſch dahin⸗ wandte, ſah Hunderte von Weſen, deren Umriſſe er nur dunkel erkennen konnte, ſich in die Fluthen hin⸗ abſtürzen. Seine Büchſe ergreifend, heftete er die Blicke wie⸗ der auf den Indianer. Statt Unruhe zu verrathen, 6* reckte dieſer den Hals nach dem See hin, die Bewegun⸗ gen der Wilden mit einer Art von einfältiger Neugier betrachtend. Indeß hatte der Kundſchafter drohend die Hand gegen ihn aufgehoben, ließ ſie aber ohne ſichtba⸗ ren Grund wieder ſinken, während er ſich einem aber⸗ maligen Anfalle ſeines heimlichen Gelächters hingab. Endlich, ſtatt ſein Schlachtopfer bei der Kehle zu packen, gab er ihm einen leichten Schlag auf die Schulter, und rief laut: „He da, guter Freund, wollt Ihr die Biber ſingen lehren?“ „Warum nicht?“ antwortete jener ſchnell.„Warum ſollte das Weſen, das ihnen die Kräfte gab, ihre Fähig⸗ keiten ſo gut zu gebrauchen, ihnen die Stimme verſagen um ſein Lob zu ſingen?“ — 85— Fuͤnftes Kapitel. Grund. Sind Alle beiſammen? Quitte. Ja, und hier iſt ein höchſt ſchicklicher Platz für unſere Probe. Shakſpeare's Sommernachtstraum. Der Leſer kann ſich Heyward's Uberraſchung beſſer vorſtellen, als wir ſie zu beſchreiben vermögten. Sein Lager von furchtbaren Indianern hatte ſich plötzlich in eine Geſellſchaft von Bibern verwandelt; ſein See war nichts mehr als ein Teich, den dieſe fleißigen und erfin⸗ dungsreichen Thiere ſich nach und nach gebildet hatten; ſein Waſſerfall wurde zu einer Schleuſe, von eben die⸗ ſen Bibern angelegt, und in dem Wilden, den er als einen verdächtigen Feind betrachtet hatte, erkannte er ſeinen alten Freund David wieder, den Meiſter im Pſalmgeſange. Die unerwartete Erſcheinung des Letztern flößte dem jungen Manne eine ſo lebendige Hoffnung ein, die beiden Schweſtern bald wieder zu ſehen, daß er, ohne ſich einen Augenblick zu beſinnen, aus ſeinem Verſteck hervortrat und den beiden Hauptſchauſpielern dieſer Scene entgegeneilte. Des Kundſchafters Anfall von Luſtigkeit war noch nicht völlig vorüber, als Duacan zu ihm kam. Indem er ohne weitere Umſtände David auf den Ferſen herum⸗ drehte und ihn von oben bis unten betrachtete, bekräf⸗ tigte er es mehr als ein Mal: die Art, wie er aufge⸗ — 86— putzt ſey, mache dem Geſchmack der Huronen große Ehre. Hierauf ergriff er David's Hand, drückte ſie mit einer Kraft, die dieſem Thränen auspreßte, und wünſchte ihm zu ſeinem neuen Amte Glück. „Ihr waret alſo eben im Begriff, die Biber im Geſange zu unterrichten?“ ſagte er.„Nun, die ſchlauen Thiere verſtehen ſchon etwas von Eurem Handwerk; denn, wie Ihr geſehen haben werdet, ſchlugen ſie den Takt mit dem Schwanze. Zeit war es indeß, daß ſie untertauchten; denn ich hatte große Luſt, ihnen mit mei⸗ nem Hirſchtödter den Ton anzugeben. Ich habe Leute genug gekannt, die leſen und ſchreiben konnten, und gleichwohl nicht den Verſtand eines Bibers beſaßen; aber was das Singen betrifft, ſo ſind dieſe Thiere ſtumm ge⸗ boren.— Was haltet Ihr von dieſer Melodie?“ Bei dieſen Worten ahmte er das Geſchrei einer Krahe nach, wahrend David beide Hände vor die Ohren hielt, und Heyward, obgleich er wußte, daß dies das verabredete Signal war, doch nicht umhin konnte, gen Himmel zu blicken, ob ſich nicht ein Vogel ſe⸗ hen ließe. „Seht,“ fuhr der Kundſchafter lachend fort, indem er auf die beiden Mohikaner deutete, welche, ſo wie ſie den Schall vernommen hatten, von verſchiedenen Seiten herbeieilten,„das iſt eine Muſik, die ihre natürliche Kraft hat; ſie bringt zwei gute Büchſen an meine Seite, der Meſſer und Streitäxte nicht zu gedenken. Aber, wie wir ſehen, iſt Euch nichts Schlimmes widerfahren! Sagt uns jetzt vor Allem, was aus den beiden Frauenzimmern geworden iſt?“ — 87— „Sie ſind von den Heiden gefangen worden,“ ent⸗ gegnete der Kundſchafter,„aber, wenn auch in ihrem Gemüth beunruhigt, dem Körper nach in völliger Sicherheit.“ „Beide?“ fragte Heyward, der kaum zu athmen vermogte. „Beide,“ wiederholte David.„Obgleich unſere Reiſe ſehr beſchwerlich, und unſere Nahrung eben nicht reichlich war, ſo haben wir doch wenig Urſache gehabt, uns zu beklagen, ausgenommen über die Gewalt, die man unſerem Willen anthat, indem man uns als Ge⸗ fangene in ein fernes Land führte.“ „Der Himmel ſegne Euch für dieſe Troſtesworte!“ rief Munro zitternd, in der heftigſten Bewegung.„So werd ich alſo meine Kinder ſo ſchuldlos und engelrein wieder empfangen, als ich ſie verlor 20 „Ich weiß nicht, ob der Augenblick ihrer Befreiung ſo nahe iſt,“ entgegnete David ernſt.„Der Anführer dieſer Wilden iſt von einem böſen Geiſt beſeſſen, den allein die Allmacht des Himmels bändigen kann. Alles hab' ich bei ihm verſucht; aber weder die Harmonie der Töne, noch die Kraft der Worte ſchienen ſeine Seele zu rühren.“ „Wo iſt der Schurke?“ unterbrach ihn der Kund⸗ ſchafter haſtig. „Er jagt heute das Elenthier mit ſeinen jungen Kriegern, und morgen, wie ich gehört habe, ſollen wir uns tiefer in die Wälder begeben und uns den Grän⸗ zen von Kanada nähern. Die ältere der beiden Schwe⸗ ſtern iſt zu einem benachbarten Volksſtamme gebracht worden, deſſen Wohnungen jenſeits des großen, ſchwar⸗ zen Felſen liegen, den Ihr dort ſeht. Die jüngere ver⸗ weilt bei den Weibern der Huronen, zwei kleine Mei⸗ len von hier, auf einer Ebene, wo das Feuer das Ge⸗ ſchäft der Axt verſehen hat, um die Bäume wegzu⸗ räumen.“ „Alix! meine edle Alix!“ murmelte Heyward.„Dir iſt alſo ſogar der Troſt geraubt, in der Näahe deiner Schweſter zu ſeyn!“ „Dieſer Troſt iſt ihr allerdings geraubt,“ ſagte Da⸗ vid;„aber die Tröſtungen des Gebets und des from⸗ men Geſanges, dies ſüße Labſal für ein bekümmertes Gemüth, hat ſie keineswegs entbehrt.“ „Hat ſie denn Gefühl für Muſek?“ „Ja, für die ernſtere und feierliche, wiewohl ich ge⸗ ſtehen muß, daß trotz meiner Bemühungen, ſie zu zer⸗ ſtreuen, das gute Mädchen häufiger weint, als lächelt. In ſolchen Augenblicken brech' ich die Melodie des hei⸗ ligen Geſanges ab; aber es gibt manche glücklichere Mo⸗ mente, wo ich mich getröſtet fühle, wenn ich ſehe, wie die Wilden ſich um mich verſammeln, um die himm⸗ liſche Barmherzigkeit von mir anflehen zu hören.“ „Wie kommt es aber, daß man Euch ſo allein und unbewacht umhergehen läßt?“ fragte Heyward. David ſuchte ſeinen Zügen einen Ausdruck von be⸗ ſcheidener Demuth zu geben, eh' er antwortete. „Gering iſt das Verdienſt eines ſolchen Wurms. wie ich bin,“ ſagte er;„aber wenn auch die Macht des Pſalmgeſangs während der furchtbaren Begebenheit auf dem blutigen Felde, über das wir gegangen ſind, unter⸗ — 89— druͤckt ward, ſo hat dieſer Geſang ſelbſt auf die Heiden ſeinen Einfluß wieder erlangt, und daher darf ich kom⸗ men und gehen, wie es mir beliebt.“ Der Kundſchafter lachte, und indem er mit aus⸗ drucksvoller Miene auf ſeine Stirn deutete, warf er dem Major einen Blick zu und machte ſeine Gedan⸗ ken vielleicht noch deutlicher durch die nachfolgenden Worte: „Die Indianer thun nie Jemanden, dem es hier fehlt, etwas zu Leide.— Aber ſagt mir,“ fuhr er fort, indem er ſich zu David wandte,„da der Weg ſo offen vor Euch da lag, warum ſeyd Ihr nicht auf Eurer eige⸗ nen Spur zurückgegangen? Sie iſt nicht ſo undeutlich, als die eines Eichhorns. Warum gingt Ihr nicht nach Fort Edward, um dieſe Nachrichten zu über⸗ bringen?“ Der Kundſchafter, der blos an ſeine eiſerne Natur und ſeine Gewandtheit dachte, vergaß wahrſcheinlich, daß er David eine Aufgabe zumuthete, welche dieſer ſchwer⸗ lich vollbringen konnte. Aber der Pſalmſänger be⸗ gnügte ſich, ihm mit ſeiner gewöhnlichen Demuth zu antworten: „Hätte mein Herz ſich auch erfreut, die Wohnun⸗ gen der Chriſten wiederzuſehen, ſo wäre doch mein Fuß den zarten Geſchöpfen, die mir zur Obhut übergeben wurden, eher bis in die abgöttiſche Provinz der Jeſui⸗ ten gefolgt, als daß ich einen Schritt rückwärts gethan hätte, während ſie in Gefangenſchaft und Trübſal ſchmachten.“ David's figürliche Sprache war zwar nicht allen ſei⸗ nen Zuhörern verſtändlich; allein ſeine ehrliche Miene, der feſte und treuherzige Ausdruck ſeines Blicks ver⸗ bannten jeden Argwohn, daß ſeine Worte vielleicht täu⸗ ſchen könnten. Unkas näherte ſich und betrachtete ihn mit wohlgefälligem Lächeln, während ſein Vater durch den bei den Indianern gewöhnlichen Ausruf des Beifalls ſeine Zufriedenheit an den Tag legte. „Nie hat es der Herr gewollt,“ ſagte der Kund⸗ ſchafter,„daß der Menſch alle Sorgfalt einzig auf ſeine Kehle wenden und darüber ſeine andern und edlern Fähigkeiten vernachläſſigen ſollte! Aber dieſer Burſche da iſt irgend einem einfältigen Weibe in die Hände ge⸗ fallen, während er unter dem blauen Himmel mitten unter den Schönheiten des Waldes an ſeiner Erziehung hätte arbeiten ſollen. Hier, Freund, habt Ihr ein Spielzeug wieder, womit ich das Feuer anzünden wollte; da Ihr aber ſo viel darauf haltet, ſo nehmt es und blaſet wacker darauf!“ David empfing ſein Inſtrument mit jenem Aus⸗ druck von Freude, den er mit dem ehrwürdigen Beruf, welchen er übte, verträglich hielt. Nachdem er der Pfeife einige Töne entlockt und, mit dem Laut ſeiner eignen Stimme ſie begleitend, ſich überzeugt hatte, daß ſein Lieblingsinſtrument nichts von ſeinem Klange ver⸗ loren habe, zog er das oft erwähnte Büchlein aus der Taſche, ämſig darin blätternd, um einen recht langen Lobgeſang aufzuſuchen. Heyward verhinderte indeß dieſe fromme Abſicht durch Fragen über Fragen in Betreff der Gefangenen. Er erkundigte ſich nach ihrer früͤhern und jetzigen Lage und that dies mit ſo mächtigem, dringendem Antheile, daß David den Antworten kaum ausweichen konnte. Mit ſehnſüchtigen Augen betrachtete er ſein Inſtrument, ohne ſich deſſelben, wie er wünſchte, bedienen zu kön⸗ nen. Denn auch Munro beſtürmte ihn mit Fragen, und ſelbſt Hawk⸗eye erkundigte ſich nach mehrern einzel⸗ nen Umſtänden, den Sänger unermüdlich ausforſchend, ſo wie ſich ihm nur eine ſchickliche Gelegenheit darbot. Auf dieſe Weiſe, wiewohl mit häufigen Pauſen, welche David mit gewiſſen droͤhenden Tönen ſeines Inſtru⸗ ments ausfüllte, erfuhren ſie endlich die einzelnen Um⸗ ſtände, die ihnen bei Ausführung ihres großen Unter⸗ nehmens, die beiden Schweſtern zu befreien, von Nutzen ſeyn konnten. David's Erzählung war einfach und enthielt nur wenige Thatſachen. Magua hatte ſich auf dem Berge ſo lange aufgehalten, bis das Gemetzel auf der Ebene aufgehört und eine günſtige Gelegenheit ſich ihm darge⸗ boten hatte, ſeinen bisherigen Platz zu verlaſſen. Gegen Mittag war er hinabgeſtiegen und hatte weſtlich vom Horican den Weg nach Kanada eingeſchlagen. Der ſchlaue Hurone war mit dieſem Pfade genau bekannt, und da er wußte, daß ihm hier keine unmittelbare Ge⸗ fahr, verfolgt zu werden, drohe, ſo beeilte er ſich in ſeinem Marſche nicht ſonderlich. Nach David's unge⸗ ſchmücktem Bericht ſchien es, daß man ſeine Gegenwart mehr geduldet, als gewünſcht hatte, wenn gleich Magua ſelbſt nicht ganz frei von der abergläubiſchen Verehrung war, womit die Indianer ein Weſen betrachten, deſſen Verſtand, wie ſie glauben, der große Geiſt verwirrt — 92— hat. Nachts waren die größten Vorſichtsmaaßregeln ge⸗ troffen worden, um die Gefangenen theils vor dem feuchten Thau der Wälder zu ſchützen, theils ihrer Flucht vorzubeugen. An der Quelle ließ man die Pferde frei umhergehen, und ungeachtet der Entfernung und Länge ihres Weges, nahm man zu den bereits erwähnten Kunſtgriffen ſeine Zuflucht, um jede Spur, die zu ihrem Verſteck führen könnte, zu vertilgen. Bei der Ankunft im Lager der Huronen hatte Magua, zufolge einer Politik, die ein Wilder ſelten aus der Acht läßt, ſeine Gefangenen getrennt. Cora war zu einem nomadiſchen Volksſtamme geſchickt worden, der in einem benach⸗ barten Thale wohnte; aber David kannte die Geſchichte und die Gebräuche der Indianer zu wenig, um über. den Namen oder Charakter dieſes Stamms genügende Auskunft geben zu können. Er wußte nur, daß dieſe Indianer an dem Feldzuge, der vor Kurzem gegen William Henry unternommen worden, keinen Antheil genommen hatten, daß ſie, wie die Huronen, Bundes⸗ genoſſen Montealm's waren, und in freundſchaftlichem, doch behutſamem Verkehr mit dem kriegeriſchen und wilden Volke ſtanden, in deren unangenehme Nachbar⸗ ſchaft ſie der Zufall geführt hatte. Die Mohikaner und der Kundſchafter hörten dieſer abgebrochenen und unvollſtändigen Erzählung mit einem Intereſſe zu, das in jedem Augenblicke ſichtbar wuchs; und als David eine nähere Schilderung der indiani⸗ ſchen Völkerſchaft, zu der Cora gebracht worden war, liefern wollte, unterbrach ihn Hawk⸗eye durch die Frage: 93— „Habt Ihr ihre Meſſer genau betrachtet? Waren ſie von engliſcher oder franzöſiſcher Fabrik?“ „Meine Gedanken weilten nicht bei dergleichen Tand; ich theilte vielmehr die Betrübniß der beiden Frauenzimmer und bemühte mich, ſie zu tröſten.“ „Es kann eine Zeit kommen, wo Euch das Meſſer— eines Wilden nicht ein ſo verächtlicher Tand ſcheinen mögte,“ entgegnete der Kundſchafter, in deſſen Zügen ſich tiefe Verachtung ſpiegelte.„Haben ſie ihr Korn⸗ feſt gefeiert? Könnt Ihr uns etwas von ihren Totems ſagen?“ „An Korn hat es uns nicht gefehlt; es war, Gott ſey Dank! im überfluſſe vorhanden. Korn, in Milch gekocht, iſt lieblich für den Mund und heilſam für den Magen. Was Ihr mit dem Totem meint, weiß ich nicht. Iſt es etwas, was auf die indianiſche Muſik Bezug hat, ſo darf man's bei ihnen nicht ſuchen. Denn nie vereinigen ſie ihre Stimmen zu einem Lobgeſang; es ſcheint, ſie ſind unter allen ruchloſen Götzendienern die ruchloſeſten.“ „Ihr verläumdet die Natur eines Indianers!“ ſagte der Kundſchafter.„Selbſt die Mingos verehren nur den wahren lebendigen Gott. Zur Schande meiner Farbe ſag' ich's, es iſt eine ſchändliche Lüge von den Weißen, wenn ſie behaupten, die Krieger der Wälder beugten ihr Knie vor den Bildern, die ſie ſelbſt ge⸗ ſchnitzt haben. Zwar ſuchen ſie mit dem Teufel in Frieden zu leben— und wer wollte das nicht, da man nie über ihn Meiſter werden kann?— aber ſie flehen demungeachtet doch blos den großen Geiſt um Hülfe und Beiſtand an.“ „Das mag ſeyn,“ verſetzte David;„aber ich habe geſehen, daß ſie ſich den Körper mit wunderlichen und ſeltſamen Figuren bemalen. Ihre Sorgfalt dabei ſo wie die Bewunderung, womit ſie dieſelben betrachten, ſchmeckt etwas nach geiſtlichem Stolze. Vorzüglich ſah ich eine Figur, die ein ekelhaftes, unreines Thier vorſtellte.“ „War es eine Schlange?“ fragte der Kundſchafter lebhaft. „Nicht ſo eigentlich. Es hatte viel Ähnlichkeit mit einer Landſchildkröte.“ „Hugh!“ riefen die beiden aufmerkſamen Mohika⸗ ner in einem Athem, während der Kundſchafter mit der Miene eines Menſchen, der eine wichtige, aber nicht eben angenehme Entdeckung gemacht hat, den Kopf ſchüttelte. Hierauf ſprach Chingachgook in delawariſcher Sprache mit einer Ruhe und Würde, welche ſelbſt die Aufmerkſamkeit derer, die ihn nicht verſtanden, rege machte. Seine Ge⸗ bärden waren ausdrucksvoll und mitunter ſelbſt energiſch, Ein Mal hob er den rechten Arm empor, und als er ihn langſam wieder ſinken ließ, ſchob er die Falten ſeines Mantels hinweg und ließ den einen Finger auf der Bruſt ruhen, als wollte er dadurch ſeine Worte bekräftigen. Duncan's Augen folgten dieſer Bewegung mit vieler Aufmerkſamkeit, und er ſah auf ſeiner Bruſt das eben erwähnte Thier in ſchwachen Umriſſen mit blauer Farbe gemalt. Alles, was er von der gewaltſamen Trennung der zahlreichen Stämme der Delawarer gehört hatte, trat ihm jetzt vor die Seele, und er erwartete den Augenblick, wo er füglich ſprechen konnte, mit einer Ungeduld, die ihm durch das Intereſſe, das er an den Worten Chin⸗ gachgook's nahm, faſt unerträglich wurde. Der Kund⸗ ſchafter kam ihm indeß zuvor, und wandte ſich, als der Mohikaner⸗Häuptling ausgeredet hatte, in engliſcher Sprache an den Major: „Wir haben da etwas entdeckt, das uns zum Nutzen oder zum Schaden gereichen kann, wie es der Himmel fügt. Chingachgook ſtammt aus dem älteſten Blute der Delawarer, und er iſt das Oberhaupt ihrer Schildkröten. Daß einige aus dieſem Stamme ſich unter dem Volke be⸗ finden, von dem der Sänger ſpricht, daran läßt ſich nach dem, was er geſagt hat, nicht zweifeln. Und hätte er nur die Hälfte ſeines Athems, den er verſchwendete, um aus ſeiner Kehle eine Trompete zu machen, für ein Paar kluge Fragen aufgeſpart, ſo hätten wir nun erfah⸗ ren können, wie groß die Anzahl der Krieger von dieſem Stamme iſt. Es iſt auf jeden Fall ein gefährlicher Pfad, auf dem wir uns befinden; denn ein Freund, der ſein Geſicht von uns hinweggewendet hat, iſt oft ſchlimmer und blutdürſtiger, als der Feind, dem es geradezu um unſern Schädel zu thun iſt.“ „Erklärt Euch!“ ſagte Duncan. „Es iſt eine lange und traurige Geſchichte,“ ant⸗ wortete der Kundſchafter,„an die ich nicht gerne denken mag; denn nicht zu leugnen iſt es, daß das Übel vorzüg⸗ lich von den Weißen herrührt. Die Sache endete damit, daß Bruder gegen Bruder die Streitaxt emporhob, und — 96— daß die Mingos und die Delawarer auf einem Pfade neben einander wandelten.“ „ Und ihr vermuthet, Tora befinde ſich gegenwaͤrtig bei einem Stamme der letztern Nation?“ Der Kundſchafter nickte blos mit dem Kopfe, als Zeichen der Bejahung, und ſchien das Geſpräch über einen ihm läſtigen Gegenſtand abbrechen zu wollen. Der unge⸗ duldige Duncan entwarf nun mehrere Pläne zur Be⸗ freiung der Schweſtern, wie ſte ihm die Verzweiflung eingab. Munro ſchien ſich aus ſeiner Betäubung aufzu⸗ raffen und horchte den ausſchweifenden Projekten des jungen Mannes mit einer Achtung und ſichtbaren Theil⸗ nahme zu, welche ſein Alter und ſein weißes Haar dem⸗ ſelben in jedem andern Falle verſagt haben würde. Aber der Kundſchafter, ruhig abwartend, bis die erſte Hitze des Liebenden etwas nachließ, fand Mittel, ihn zu über⸗ zeugen, wie thöricht Ubereilung in einer Sache ſey, welche vor Allem kaltblütige Überlegung und Entſchloſſenheit verlange. „Es iſt am beſten,“ ſagte er,„wir laſſen den Saͤn⸗ ger gehen, damit er ſich wieder zu den Indianern ver⸗ füge und die beiden Frauenzimmer benachrichtige, daß wir uns in der Nähe befinden. Auf ein ihm gegebenes Zei⸗ chen mag er dann wieder hieher kommen, damit wir uns weiter mit ihm beſprechen. Ihr könnt doch wohl, guter Freund,“ fuhr er fort, indem er ſich zu David wandte, „das Geſchrei einer Krähe von dem Rufe eines Kuckucks unterſcheiden?“ „Der Kuckuck iſt ein lieblicher Vogel,“ erwiederte David.„Sein Ton hat etwas Sanftes und Schwermuͤ⸗ — 97— thiges; er iſt nicht unangenehm, wenn er gleich nur zwei Noten hat.“ „Nun, wenn Euch dieſer Ton gefällt,“ ſagte der Kundſchafter,„ſo ſoll er Euer Signal ſeyn. Merkt Euch alſo: hört Ihr den Kuckuck drei Mal rufen, ſo begebt Ihr Euch in den Wald und zwar an⸗ den Ort, wo Ihr den Vogel gehört zu haben glaubt.“ „Halt!“ unterbrach ihn Heyward.„Ich begleite David.“ „Sie?“ rief Hawk⸗eye erſtaunt.„ Sind Sie es müde, die Sonne auf⸗ und untergehen zu ſehn 2 „David iſt ein lebendiger Beweis, daß auch die Hu⸗ ronen barmherzig ſeyn können.“ „Ihm leiſtet ſeine Kehle Dienſte, die kein Menſch, der bei Sinnen iſt, der ſeinigen zumuthen würde.“ „O ich kann die Rolle eines Narren, eines Wahn⸗ ſinnigen, eines Helden ſpielen, wenn es mir nur gelingt, die Geliebte aus einer ſolchen Gefangenſchaft zu befreien. Keinen Einwurf weiter! Ich bin entſchloſſen.“ Hawk⸗eye betrachtete den jungen Mann einen Augen⸗ blick mit ſtummer Verwunderung. Dunean aber, der ſich aus Achtung vor der Einſicht und Erfahrung des Kund⸗ ſchafters bisher unbedingt ſeinem Willen unterworfen hatte, nahm jetzt den Stolz und die Miene eines Men⸗ ſchen an, der gewohnt iſt zu befehlen. Er winkte mit der Hand, zum Zeichen, daß er auf keine weitere Vorſtel⸗ lung hören werde, und fuhr dann in gemäßigterem Tone fort: „Ihr kennt alle Mittel, mich unkenntlich zu machen. Verändert mein ganzes Außere, bemalt mich, wenn es 10— 12. 7 — 98— Euch gut dünkt, macht einen Narren aus mir oder was Ihr ſonſt irgend wollt.“ „Es ziemt mir nicht zu ſagen,“ verſetzte der Kund⸗ ſchafter, unzufrieden den Kopf ſchüttelnd,„ob der, den die mächtige Hand der Vorſehung ſchuf, nöthig habe, eine Veränderung zu erleiden.— Wenn Ihr Eure Truppen⸗ abtheilungen in's Feld ſchickt, ſo braucht Ihr die Vorſicht, daß Ihr ihnen eine Parole gebt und gewiſſe Sammelplätze bezeichnet, damit die, welche auf Eurer Seite fechten, ſich erkennen und wiſſen, wo ſie ihre Freunde zu ſuchen ha⸗ ben. Daher.... 4 „Hört mich an,“ unterbrach ihn Duncan.„Ihr habt ſo eben von David, der die Gefangenen ſo treu be⸗ gleitete, gehört, daß die Indianer, bei denen ſie ſich be⸗ finden, zu zwei verſchiedenen Stämmen, wo nicht zu zwei verſchiedenen Nationen gehören. Bei der Völkerſchaft, welche Ihr für einen Zweig der Delawarer haltet, befin⸗ det ſich das Frauenzimmer mit dem ſchwarzen Haar; ihre jüngere Schweſter iſt offenbar in den Händen unſerer erklärten Feinde, der Huronen. Meiner Jugend und meinem Range nach muß ich den ſchwereren und gefahr⸗ vollern Theil unſers Unternehmens beſtehen, und wäh⸗ rend Ihr mit Euren Freunden wegen der Befreiung der Einen unterhandelt, will ich die Andere retten oder ſterben!“ Der erwachte Muth des jungen Kriegers glühte in ſeinem Auge und gab ſeinem ganzen Weſen etwas Ach⸗ tunggebietendes, dem man nicht widerſtehen konnte. Hawk⸗ eye, der die Schlauheit und Liſt der Indianer zu gut kannte, um die Gefahr eines ſolchen Unternehmens zu überſehen, wußte gleichwohl nicht recht, wie er dieſen —— 8 — 399— ploͤtzlichen Entſchluß bekämpfen ſollte. Vielleicht lag et⸗ was in dieſem Plane, das ſeiner eigenen kühnen Natur und geheimen Neigung zu gewagten Unternehmungen be⸗ hagte. Die letztere hatte ohnedies durch tägliche Erfah⸗ rung einen ſolchen Grad erreicht, daß die Gefahr gewiſſer Maaßen ein nothwendiger Lebensgenuß für ihn geworden war. Statt daher gegen Heyward's Projekt weitere Ein⸗ wendungen zu machen, veränderte er plötzlich ſein Be⸗ nehmen, und zeigte ſich willig, ihm bei der Ausführung ſeiner Pläne behülflich zu ſeyn. „Nun,“ ſagte er mit gutmüthigem Lächeln,„wenn ſich ein Rehbock in's Waſſer ſtuͤrzen will, ſo muß man ſich ihm entgegenſtellen, und nicht ihm von hinten nach⸗ ſetzen. Chingachgook hat in ſeiner Taſche ſo viele Farben, als die Frau eines Artillerieoffiziers, der die Natur mit ihren Bergen und Wäldern auf ein Stück Papier hin⸗ kritzelt und den blauen Himmel dicht darüber malt, ſo daß Ihr ihn mit dem Finger erreichen könnt.— Chingach⸗ gook verſteht ſich auf's Malen. Setzen Sie ſich auf den Baumſtamm dort, und mit meinem Leben ſteh' ich Ihnen dafür, daß er bald einen ſo natürlichen Narren aus Ihnen gemacht haben wird, als Sie nur irgend wünſchen können.“ Duncan ſetzte ſich, und der Mohikaner, der dieſem Geſpräch mit großer Aufmerkſamkeit zugehört hatte, machte ſich ſogleich an die Arbeit. Lange geübt in einer Kunſt, welche faſt alle Wilde verſtehen, gab er mit großer Ge⸗ wandtheit und Schnelligkeit Heyward's Geſichtszügen jenen ſeltſamen Schatten, den die Eingebornen als das Zeichen einer friedlichen und froͤhlichen Gemüthsart zu betrachten pflegen. Jede Linie, welche auf kriegeriſche Abſichten 7* “ hätte deuten können, wurde ſorgſam vermieden, und durch mehrere phantaſtiſche Züge der Krieger zuletzt gänzlich in einen Poſſenreißer verwandelt. Leute dieſer Gattung waren unter den Indianern keine ungewöhnliche Erſchei⸗ nung, und da Duncan ſchon hinlänglich unkenntlich war durch die Kleidung, die er bei ſeiner Abreiſe von Fort Edward angelegt hatte, ſo war allerdings einiger Grund vorhanden, daß man ihn bei ſeiner vollkommenen Kennt⸗ niß der franzöſiſchen Sprache für einen Gaukler von Ticonderoga halten konnte, der unter den verbündeten Volksſtämmen umherſtreifte. Als Chingachgook ſeine Malerei vollendet hatte, em⸗ pfing Heyward von dem Kundſchafter mehrere freund⸗ ſchaftliche Rathſchläge, wie er ſich unter den Huronen zu verhalten habe. Signale wurden verabredet, ſo wie der Ort, wo ſie im Falle eines glücklichen Erfolgs wie⸗ der zuſammentreffen wollten. Der Abſchied Munro's von ſeinem jungen Freunde war trüb' und ſchmerzlich; doch fügte ſich der Obriſt, wie es ſchien, mit einer Gleichguͤltigkeit darein, deren ſein herzlicher, liebreicher Charakter in einer minder nieder⸗ geſchlagenen Stimmung kaum fähig geweſen wäre. Der Kundſchafter führte Heyward bei Seite und theilte ihm ſeine Abſicht mit, Munro unter Chingachgook's Schutz in irgend einem ſichern Verſteck zurückzulaſſen, während er und Unkas nähere Erkundigungen einziehen wollten über den Volksſtamm, den ſie aus guten Gründen für Dela⸗ warer hielten. Seine bereits ertheilten Vorſi chtsmaaß⸗ regeln dem Major nochmals wiederholend, ſagte er in —.,— — — 101— feierlichem Tone und mit einer Wärme des Gefühls, von welcher Duncan tief gerührt ward, zuletzt die Worte: „Und nun ſegne Sie Gott! Sie haben einen Muth gezeigt, der mir gefallt. Dies iſt der Jugend eigen, be⸗ ſonders, wenn ſie ein warmes Blut und ein entſchloſſe⸗ nes Herz hat. Aber glauben Sie dem Rathe eines er⸗ fahrenen Mannes. Was ich Ihnen geſagt habe, iſt nur die reine Wahrheit. Ihre ganze Entſchloſſenheit werden Sie zeigen müſſen und mehr Scharfſinn, als man in den Büchern finden kann, wenn Sie die Kniffe eines Mingo vereiteln und über ſeinen Muth den Sieg davon tragen wollen! Gott ſchütze Sie! Sollten die Huronen aus Ihrer Kopfhaut ein Siegeszeichen machen wollen, ſo verlaſſen Sie ſich auf das Verſprechen eines Mannes, der zwei tapfere Krieger zur Seite hat! Die Schurken ſollen ihr Siegeszeichen mit ſo vielen Todten bezahlen, als ſie Haare daran gefunden haben. Ich wiederhol es, möge die Vorſehung Ihr redliches und ehrenwerthes Un⸗ ternehmen ſegnen. Aber denken Sie ſtets daran, daß, um dieſe Schurken zu betrügen, man zu Kunſtgriffen ſeine Zuflſtcht nehmen muß, die nicht ganz in der Natur eines Weißen liegen.“ Duncan ſchüttelte ſeinem würdigen Gefährten die Hand, und empfahl den Obriſt abermals ſeiner Sorgfalt. Die Wünſche eines glücklichen Erfolgs dieſer Unterneh⸗ mung erwiedernd, gab er David einen Wink und ent⸗ fernte ſich mit ihm, indeß der Kundſchafter dem hochher⸗ zigen jungen Manne einige Augenblicke mit ſichtbarer Bewunderung nachſah. Dann trat er kopfſchüttelnd, als zweifle er, ihn je wiederzuſehen, zu ſeinen Begleitern, und verſchwand mit ihnen in dem dichten Gebüſch des Waldes. Der Weg, welchen Heyward und David einſchlugen, lief üher die Lichtung hin, dicht an den Ufern des Biber⸗ teichs. Als Duncan ſich allein ſah mit einem Manne, der ſo wenig zum Beiſtande in einer dringenden Gefahr geeignet war, fing er an, die Schwierigkeiten ſeines Un⸗ ternehmens lebhaft zu fühlen. Das verſchwindende Ta⸗ geslicht vermehrte die Dunkelheit der ringsumher ſich weit ausbreitenden Wildniß, und ſelbſt die Ruhe und Stille, welche in den kleinen Hütten herrſchte, die doch ſo reichlich bevölkert waren, hatte etwas Schauerliches. Als er auf dieſe bewunderungswürdigen Gebäude einen Blick warf und die erſtaunlichen Vorſichtsmaaßregeln be⸗ wunderte, welche überall ſichtbar waren, drang ſich ihm der Gedanke auf, daß ſelbſt die Thiere in dieſer öden Wildniß einen Inſtinkt beſäßen, der ſich faſt mit der menſchlichen Vernunft meſſen könne. Nicht ohne Beſorg⸗ niß dachte er daher an den ungleichen Kampf, der ihm bevorſtand, und dem er ſo tollkühn entgegenging. Dann aber trat wieder das Bild der Alir, ihr Ungluck, ihre Gefahr lebhaft vor ſeine Seele, und jede Gefahr, der er ſelbſt ausgeſetzt ſeyn konnte, war verſchwunden. Er munterte David durch ſein Beiſpiel und ſeine Worte auf, und ging raſch vorwärts im leichten und kräftigen Schritte der Jugend und des Muths. Nachdem ſie faſt einen Halbkreis um den Teich be⸗ ſchrieben hatten, verließen ſie ihn und ſtiegen auf eine bleine Anhöhe, dort eine Zeitlang ihren Weg fortſetzend. In einer halben Stunde erreichten ſie eine andere Lich⸗ —Q— — 103— tung, in deren Naͤhe, wie es ſchien, ebenfalls Biber ge⸗ wohnt, aber dieſelbe durch irgend einen Zufall verlaſſen hatten, um ſie mit der vortheilhaftern Stelle zu vertau⸗ ſchen, welche ſie jetzt behaupteten. Ein ſehr natürliches Gefühl war die Urſache, daß Duncan einen Augenblick ſtehen blieb, eh' er den Schutz des Waldes verkieß. Er glich einem Menſchen, der zu einer bevorſtehenden ge⸗ waltſamen Anſtrengung alle ſeine Kräfte ſammelt; und benutzte jenen kurzen Aufenthalt, um ſich umzuſehen, ſo viel es ein raſcher Blick erlaubte. An dem andern Ende der Lichtung, nah' an einer Stelle, wo ſich ein Gießbach über einige Felſenſtücke hin⸗ abſtürzte, erblickte man fünfzig bis ſechszig Hütten, die höchſt einfach aus Baumſtämmen, Zweigen, Reiſig und Erde errichtet waren. Sie ſtanden unordentlich durch einander und konnten ihrer Bauart nach weder auf Schönheit noch auf äußere Reinlichkeit Anſpruch machen. In den beiden letztern Eigenſchaften ſtanden ſie den Woh⸗ nungen der Biber, welche Duncan ſo eben geſehen hatte, ſo weit nach, daß er über dieſen Anblick noch mehr über⸗ raſcht war, als früherhin. Sein Erſtaunen vermehrte ſich, als er in dem däm⸗ mernden Zwielichte zwanzig bis dreißig Geſtalten erblickte, die ſich aus dem hohen Graſe, das vor den Wohnungen der Wilden wuchs, abwechſelnd aufrichteten und wieder verſchwanden, als ob ſie in die Erde geſunken wären. Dieſe ſeltſamen Figuren, die er nur augenblicklich und in dunkeln Umriſſen erblickte, glichen mehr düſtern Ge⸗ ſpenſtern oder übernatürlichen Weſen, als Geſchöpfen von Fleiſch und Bein. Ein hagerer nackter Körper ließ ſich — 1⁰4— einen Augenblick ſehen, ſchwang die Arme mit wunder⸗ lichen Gebärden in der Luft und verſchwand. Plötzlich aber zeigte er ſich wieder an einer entferntern Stelle, oder es erſchien ein anderer, deſſen Anſehen eben ſo ge⸗ heimnißvoll war. David, welcher bemerkte, daß ſein Begleiter ſtill ſtand, folgte der Richtung ſeines Blicks, und rief Hey⸗ ward's Beſinnung einiger Maaßen zurück, indem er ihn anredete. „Es gibt hier,“ ſagte er,„vielen fruchtbaren Boden, „der leider unangebaut iſt, und ich kann, ohne den ſündi⸗ gen Sauerteig der Eigenliebe, wohl ſagen, daß ich ſeit meinem kurzen Aufenthalt unter dieſen Heiden viel gu⸗ ten Saamen ausgeſtreut habe, der aber leider auf Steine gefallen iſt.“ „Dieſe Volksſtämme beſchäftigen ſich mehr mit der Jagd, als mit Arbeiten, wie ſie die Menſchen in unſern Kolonien vornehmen,“ erwiederte Heyward, noch immer ſein Auge auf die Gegenſtände heftend, welche ſeine Ver⸗ wunderung erregten. „Es iſt mehr Freude, als Arbeit für den Geiſt, die Stimme zu einem Lobgeſange zu erheben; aber dieſe Burſche mißbrauchen die Gaben des Himmels. Selten habe ich Leute gefunden, welche die Natur freigebiger mit Anlagen zu einem guten Pſalmgeſange ausgeſtattet hätte, und gleichwohl gibt es keinen unter ihnen, der dies Ta⸗ lent nicht vernachläſſigte. Drei Abende nach einander hab' ich mich hieher begeben, habe die Buben um mich verſammelt, um ſie dahin zu bringen, daß ſie das hei⸗ lige Lied wiederholen ſollten, das ich ihnen vorſang. Aber meine Bemühungen waren vergebens, und ich hörte nichts als ein gellendes Geheul ohne allen Akkord, das mir bis ins Innerſte der Seele drang und meine Ohren auf furchtbare Weiſe beleidigte.“ „Von wem ſprecht Ihr?“ fragte Duncan. „Von wem anders, als den Teufelskindern, die ihre koſtbare Zeit mit ſo kindiſchen Spielen vergeuden! Ach! den heilſamen Zwang einer ſtrengen Erziehung kennt man unter dieſen ſich ſelbſt überlaſſenen Volke faſt gar nicht. In einem Lande, wo ſo viele Birken wachſen, ſieht man gleichwohl keine Ruthe; und es iſt in meinen Augen kein Wunder, wenn die koſtbaren Wohlthaten der Vorſehung hier zu ſo mißtönenden Lauten gemißbraucht werden.“ So ſprechend, hielt David die Hände vor die Ohren, um nicht das gellende Geſchrei der Kinder zu hören, welches jetzt im ganzen Walde wiederhallte. Duncan aber verzog ſeine Lippe zu einem Lächeln über die aber⸗ gläubiſchen Bilder, welche ihm augenblicklich ſeine Phan⸗ taſie vorgeſpiegelt hatte, und ſagte dann mit feſtem Tone: „Wir wollen vorwärts gehen!“ Ohne die ſchützenden Decken von ſeinen Ohren zu ent⸗ fernen, gehorchte der Meiſter im Geſange, und Beide gin⸗ gen nun keck auf„die Zelte der Philiſter“ zu, wie David die Wohnungen der Wilden zuweilen zu nennen pflegte. Sechstes Kapitel. Zwar ward dem Wild mit gutem Grund Das Jagdrecht zuerkannt; Der Hirſch war weit, eh' man den Hund Erſt hetzt', den Bogen ſpannt'. Doch hielt man dieſes nicht vonnöthen Bei'm Fuchs, und pflegt ihn gleich zu tödten. Die Jungfran vom See. Es gehoͤrt zu den ſeltenen Fällen, wenn man die Lager der Eingebornen, wie die der beſſer unterrichteten Weißen, von bewaffneten Kriegern bewacht findet. Von der Annaherung einer jeden Gefahr unterrichtet, während ſie noch fern iſt, verläßt ſich der Indianer im Allgemei⸗ nen auf die Kenntniß der Merkmaale, die ſich in den Wäldern zeigen, ſo wie auf die langen und ſchwierigen Wege, welche ihn von denen trennen, die er zu fürchten hat. Der Feind, dem es durch ein glückliches Zuſam⸗ mentreffen von Umſtänden gelingt, die Wachſamkeit der Kundſchafter zu täuſchen, findet ſelten Schildwachen, wenn er ſich den Wohnungen der Wilden nähert. Abge⸗ ſehn von dieſem allgemeinen Gebrauche, kannten die mit den Franzoſen verbündeten Volksſtämme die Wichtigkeit des eben errungenen Sieges zu gut, um eine unmittel⸗ bare Gefahr von Seiten der feindlichen Nationen zu fürchten, welche der Krone Britanniens ergeben waren. Als Duncan und David ſich daher mitten unter den Kindern befanden, die, wie unlängſt erwähnt, mit ihren Spielen beſchäftigt waren, hatte Niemand die geringſte Ahnung von ihrem Herannahen. Kaum aber waren ſie bemerkt worden, als die ganze Bande von Kindern wie aus einer Kehle ein ſeltſames, gellendes Geſchrei aus⸗ ſtieß, und gleichſam durch Zauberei ihren Augen entſchwand. Die dunkle Farbe der nackten Körper vermiſchte ſich zu die⸗ ſer Tageszeit ſo ſeltſam mit der Farbe des welken Graſes, daß es Anfangs wirklich ſchien, als habe die Erde den gan⸗ zen kleinen Trupp verſchlungen. Nachdem aber Duncan's Überraſchung ihm erlaubte, genauer auf die Stelle hinzu⸗ blicken, begegnete ſein Blick überall in dem Graſe ſchwar⸗ zen, lebhaft rollenden Augen, die ſich ſcharf auf ihn hefteten. Für Heyward war die Neugierde der Kinder keine ermunternde Vorbedeutung, und er hätte in dieſem Au⸗ genblicke gerne wieder den Rückweg angetreten; allein es war zu ſpät, ſelbſt um Unentſchloſſenheit blicken zu laſſen. 3 Das gellende Geſchrei der Kinder hatte in der nächſten Hütte ein Dutzend Krieger vor die Thür gelockt, wo ſie in einer düſtern und wilden Gruppe ſtehen blieben, das Herannahen der neuen Ankömmlinge ruhig erwartend. David, der einiger Maaßen gewöhnt war an dergleichen Auftritte, ging voran mit einer Feſtigkeit, die nur ein unge⸗ wöhnliches Hinderniß hätte ſtören können, und betrat die Hütte. Es war dies das hauptſächlichſte Gebäude des ſo⸗ genannten Dorfs, doch ebenfalls aus Baumrinde und Zwei⸗ gen erbaut. Hier fanden die Berathungen und öffentlichen Zuſammenkünfte der Völkerſchaft während ihres einſtweili⸗ gen Aufenthalts an den Gränzen der engliſchenProvinsStatt. — 108— Duncan ward es ſchwer, den Schein von Gleichgül⸗ tigkeit anzunehmen, der unter dieſen Umſtänden ſo un⸗ umgänglich nöthig war. Er ſchritt zwiſchen den kräftigen und rieſenmäßigen Geſtalten der Wilden hindurch, welche ſich an der Thüre zuſammengedrängt hatten. Der Ge⸗ danke, daß ſein Leben von ſeiner Geiſtesgegenwart ab⸗ hänge, und das Beiſpiel ſeines Führers, dem er auf dem Fuße nachfolgte, gab ihm indeß ſeine Faſſung wieder. Sein Blut hatte einen Augenblick geſtockt, als er ſich in der Nähe ſeiner wilden und unverſöhnlichen Feinde be⸗ fand; aber es gelang ihm, ſeine innere Bewegung zu un⸗ terdrücken, und er kam bis in den Mittelpunkt der Hütte, ohne irgend eine Schwäche zu verrathen. Nach David's Beiſpiel ging er auf ein Bündel von wohlriechenden Zwei⸗ gen zu, das ſich in einem Winkel der Hütte befand, und ſetzte ſich dort ſchweigend nieder. Sobald der neue Ankömmling eingetreten war, bega⸗ ben ſich diejenigen Wilden, welche an dem Eingang geſtan⸗ den hatten, ſogleich wieder in die Hütte und verſammel⸗ ten ſich um Heyward; doch ſchienen ſie geduldig den Augenblick zu erwarten, wo die Würde des Fremden ih⸗ nen zu ſprechen erlaubte. Bei weitem der größere Theil hatte ſich mit ſcheinbarer Gleichgültigkeit an die Baum⸗ ſtämme gelehnt, welche das ſchwankende Gebäude ſtützten, während drei oder vier der ausgezeichnetſten nnd älteſten Anführer ſich, ihren Gebräuchen gemäß, etwas entfernt von den Übrigen niedergeſetzt hatten. Eine Fackel brannte in der Hütte, abwechſelnd einen rothen Schein auf die Züge der einzelnen Indianer wer⸗ fend, je nachdem der Luftzug die Flamme nach der einen — 1⁰9— oder der andern Seite trieb. Duncan benutzte dies Licht, um, wo möglich, in den Mienen der Wilden den Empfang zu leſen, der ihm zu Theil werden ſollte. Allein die kalte Argliſt und Verſtellungsgabe dieſes Volksſtam⸗ mes machte es ihm unmöglich, über dieſen Punkt zu ir⸗ gend einer Gewißheit zu gelangen. Die Anführer, welche ihm gegenüber ſtanden, hefte⸗ ten kaum einen Blick auf ihn. Sie ſenkten ihr Auge zu Boden mit einer Miene, die man für ein Zeichen der Achtung halten, doch eben ſo gut als Mißtrauen ausle⸗ gen konnte. Weniger zurückhaltend waren diejenigen Indianer, welche im Schatten ſtanden. Duncan be⸗ merkte bald, daß ſie durchdringende, neugierige Blicke auf ihn hefteten. Keine Bewegung oder Gebärde, nicht die leiſeſte Veränderung ſeines Geſichtes entging ihrer Aufmerkſamkeit; und dies genaue Beobachten veranlaßte ſie zu irgend einem Schluſſe. Endlich trat ein Mann, deſſen Haar faſt ergraut war, deſſen nervigte Glieder und feſter Tritt aber be⸗ wieſen, daß er noch völlig in der Kraft des männlichen Alters ſtehe, aus einem Winkel der Hütte hervor, wo er wahrſcheinlich ſeine geheime Beobachtungen angeſtellt hatte. Er redete Heyward in der Sprache der Wyan⸗ dots oder Huronen an. Sie war dem Major zwar un⸗ verſtändlich; indeß glaubte er, nach den Gebärden, womit der Indianer ſeine Worte begleitete, eher Ausdrücke der Artigkeit, als des Zorns zu erkennen. Heyward ſchüt⸗ telte den Kopf, und ſuchte dem Wilden deutlich zu ma⸗ chen, daß er dieſe Sprache nicht verſtehe. „Spricht keiner von meinen Brüdern Franzöſiſch — 119— oder Engliſch,“ fragte er, die Umſtehenden der Reihe nach anblickend, in der Hoſſnung, daß einer antwor⸗ ten werde. Obgleich ſich mehr als ein Kopf nach ihm umwandte, als wolle er den Sinn ſeiner Worte faſſen, ſo erhielt Duncan doch keine Antwort. „Es ſollte mir leid thun, wenn ich glauben müßte,“ fuhr er in franzöſiſcher Sprache fort, ſehr langſam re⸗ dend, weil er dadurch eher verſtanden zu werden hoffte, „unter dieſer tapfern und weiſen Nation befände ſich Niemand, der die Sprache verſteht, deren ſich der große Monarch bedient, wenn er mit ſeinen Kindern ſpricht⸗ Schwer würd' es ſein Herz drücken, wenn er denken müßte, ſeine rothen Krieger zollten ihm ſo wenig Achtung.“ Eine lange Pauſe erfolgte. Jedes Geſicht war ernſt, beine Bewegung, kein Winken des Auges verrieth den Eindruck, den dieſe Bemerkung gemacht hatte. Duncan, welcher wohl wußte, daß Schweigen unter den India⸗ nern fuͤr eine Tugend gilt, fügte ſich gern dieſer Sitte⸗ um inzwiſchen ſeine Gedanken zu ſammeln. Endlich richtete derſelbe Krieger, der ihn vorhin an⸗ geredet hatte, in dem franzöſiſchen Patois, das in Ka⸗ nada gebräuchlich iſt, an Heyward die trockene Frage: „Wenn der große Vater zu ſeinem Volke ſpricht, bedient er ſich der Sprache der Huronen 2 „Er macht unter ſeinen Kindern keinen Unterſchied und redet mit allen in derſelben Sprache, gleichviel, ob die Farbe ihrer Haut roth, ſchwarz oder weiß iſt,“ er⸗ — 111— wiederte Duncan;„aber er ſchätzt beſonders ſeine tapfern Huronen.“ „Aber wie wird er ſprechen,“ fuhr der ſchlaue Häuptling fort,„wenn man ihm die Kopfhäute zeigen wird, die ſich vor fünf Nächten noch auf den Schädeln der Yengeeſe*) befanden?“ „Die Yengeeſe waren ſeine Feinde,“ ſagte Duncan, unwillkürlich ſchaudernd,„und ohne Zweifel wird er ſprechen: das iſt wacker, meine Huronen ſind tapfer.“ „Unſer Vater von Kanada denkt nicht ſo. Anſtatt vorwärts zu ſchauen und ſeine Indianer zu belohnen, wendet er ſich rückwärts. Er ſieht die todten Yengeeſe, aber keinen Huronen. Was bedeutet dies?“ „Ein großer Anführer, wie er, hat mehr Gedan⸗ ken, als Sprache. Er wendet die Augen rückwaͤrts, um zu ſehen, ob ihm kein Feind auf der Spur nachfolgt.“ „Der Kahn eines todten Kriegers kann nicht mehr auf dem Horican ſchwimmen,“ entgegnete der Wilde mit düſterem Blicke.„Sein Ohr iſt offen für die De⸗ lawarer, die nicht unſere Freunde ſind, und ſte füllen es mit Lügen.“ „Das kann nicht ſeyn. Seht! er hat mir, da ich mich auf die Heilkunde verſtehe, befohlen, zu ſeinen Kindern, den rothen Huronen der großen Seen, zu gehn und ſie zu fragen, ob irgend einer unter ihnen krank iſt.“ Ein abermaliges langes Schweigen erfolgte bei die⸗ fer Erklärung, welche Duncan uͤber ſeinen Stand und Ebarakter gab. Jedes Auge heftete ſich zugleich, als ob — *) Engländer. es ſich von der Wahrheit oder Falſchheit ſeiner Worte überzeugen wollte, ſo ſcharf und durchdringend auf ihn, daß ihm für den Erfolg dieſer Ausforſchung in der That bange ward. Endlich nahm der Hurone wieder das Wort. „Bemalen die ſchlauen Männer von Kanada ihre Haut?“ ſagte er kalt.„Wir haben gehört, ſie rühmten ſich, daß ihr Geſicht bleich ſey.“ „Wenn ein indianiſcher Anführer zu ſeinen Vätern, den Weißen, kommt,“ erwiederte Duncan mit großer Feſtigkeit,„ſo legt er ſeine Büffelhaut ab, um das Hemd anzunehmen, das ihm dargeboten wird. Meine indiani⸗ ſchen Brüder haben mir dieſe Malerei gegeben, und ich trage ſie ihnen zu Ehren.“ Ein leiſes Gemurmel des Beifalls verkündete, daß dies Kompliment von den Indianern günſtig aufgenom⸗ men worden ſey. Der altliche Häuptling gab durch eine Gebärde ſeine Zufriedenheit zu erkennen, und die meiſten ſeiner Kameraden ſtreckten die eine Hand empor, mit lautem Ausruf dem Redner Beifall zollend. Duncan fing an leichter zu athmen, als er von der Laſt dieſes peinlichen Verhörs befreit zu ſeyn glaubte; und da er zur Unterſtützung ſeines unſchuldigen Betrugs ſchon eine einfache und wahrſcheinliche Geſchichte in Bereitſchaft hatte, ſo fühlte er ſich von neuer Hoffnung belebt, daß ſein Unternehmen gelingen werde. Nach einem Schweigen von einigen Minuten ſtand ein anderer Krieger auf, der erſt darüber nachgedacht zu haben ſchien, wie er die Worte des Fremden gehörig beantworten ſollte. Seine Gebärde verkündete, daß er bereit ſey zu ſprechen. Kaum aber hatte er ſeine Lippen ͤ ͤ——. — 113—„ geöffnet, als ſich ein dumpfer, aber fürchterlicher Ton vom Walde her hören ließ. Gleich darauf folgte ein gellendes, durchdringendes Geſchrei, das eine Zeitlang fortwährte und dem kläglichen Geheul eines Wol⸗ fes glich. Dieſe plötzliche und furchtbare Unterbrechung veran⸗ laßte Duncan, ſchnell von ſeinem Sitz aufzuſpringen; ſo tief war der Eindruck, den das widerliche Geſchrei auf ihn gemacht hatte. In demſelben Augenblicke ſtürz⸗ ten alle Krieger zur Hütte hinaus, und die Luft erfüllte ein lautes Jauchzen, welches faſt die ſchrecklichen Laute übertönte, die Heyward noch dann und wann vom Walde her erſchallen hörte. Unfähig, ſich länger zu bezwingen, und voll Neugier, zu erfahren, was draußen vorgehe, begab ſich auch der Major aus der Hütte, und befand ſich plötzlich mitten unter einer verworrenen Gruppe, die aus Allem zu beſtehen ſchien, was im Lager Leben hatte. Männer, Weiber und Kin⸗ der; der Bejahrte, der Gebrechliche, der Starke: Alles war hier beiſammen. Einige ſtießen ein triumphirendes Geſchrei aus, während Andere mit gräßlicher Freude in die Hände klopften; aber Alle drückten ihre wilde Luſt über irgend ein unerwartetes Ereigniß aus. Obgleich Anfangs von dem Lärm betäubt, fand Heyward doch hald die Auflöſung des Räthſels in der folgenden Scene. Der Himmel war noch hell genug, um zwiſchen den Bäumen mehrere Pfade zu bemerken, die ſich am Ende der Lichtung in der Tiefe des Waldes verloren. Auf einem dieſer Wege näherte ſich eine lange Reihe von Kriegern, welche langſam den Wohnungen zuſchritten. 8 10—12. Derjenige, welcher den Zug anführte, trug einen kurzen Rock, an welchem, wie man nachher ſah, mehrere Kopf⸗ häute befeſtigt waren. Die furchtbaren Töne, welche Heyward gehört hatte⸗ waren das, was die Weißen das Todesgeſchrei genannt haben würden, und die öftere Wiederholung dieſes Ge⸗ ſchreies ſollte dem Volksſtamme die Zahl der getödteten Feinde verkündigen. Heyward, dem dieſer Gebrauch der Indianer bekannt war, erklärte ſich leicht den ſonderbaren Vorfall, und da er jetzt wußte, daß die Unterbrechung durch das unerwartete Heimkehren eines Trupps von Kriegern veranlaßt worden war, die einen Streifzug unternommen hatten, ſo ward er wieder ruhig, ja er wünſchte ſich Glück zu dieſem Ereigniſſe, das wahrſchein⸗ lich die allgemeine Aufmerkſamkeit von ihm ablenkte. Als die Krieger ſich einige hundert Schritte weit von den Wohnungen befanden, machten ſie Halt. Ihr Klag⸗ geheul und Jauchzen, welches das Gewinſel der Sterben⸗ den und die Freude der Sieger ausdrücken ſollte, hatte gänzlich aufgehört. Einer aus ihrem Trupp rief jetzt mit lauter Stimme die Todten an, obgleich dieſe ſeine Worte eben ſo wenig hören konnten, als das furchtbare Geheul, das früher angeſtimmt worden war. Schwer würd' es ſeyn, einen Begriff zu geben von dem wilden Entzücken und der ausgelaſſenen Freude, womit die Nach⸗ richt des Sieges empfangen ward. Das ganze Lager verwandelte ſich plötzlich in einen Schauplatz der Ver⸗ wirrung und des Aufrufes.. Die Krieger zogen ihre Meſſer, und ſie hoch empor⸗ ſchwingend, ſtellten ſie ſich in zwei Linien auf, welche 8—* — u.5= von dem Platze, wo die Sieger Halt gemacht hatten, bis zu der Hütte, aus welcher Duncan ſo eben trat, eine Gaſſe bildeten. Die Weiber ergriffen Keulen, Ärte, die erſte beſte Waffe, die ihnen in die Hände fiel, und beeilten ſich Antheil zu nehmen an der grauſamen Be⸗ luſtigung, welche hier Statt finden ſollte. Selbſt die Kinder wollten nicht davon ausgeſchloſſen ſeyn. Knaben, welche kaum die Streitaxt ſchwingen konnten, riſſen ſie ihren Vätern aus dem Gürtel und ſchlichen ſich in die Reihen, dem Beiſpiel ihrer wilden Ältern folgend. Hohe Haufen von Reiſig waren in der Lichtung ge⸗ ſammelt worden, und ein altes Weib beſchäftigte ſich da⸗ mit, jene Bündel anzuzünden, damit dem Schauſpiel, das jetzt vor ſich gehen ſollte, die nöthige Helle nicht fehle. Als die Flamme emporloderte, verſchlang ſie das wenige Tageslicht, das noch übrig war, und die Gegen⸗ ſtände traten dadurch nur um ſo deutlicher und furcht⸗ barer hervor. Dieſer Platz bot jetzt ein auffallendes Gemälde dae, deſſen Rahmen eine finſtre Gruppe hoher Fichten bildete. Im Hintergrunde befanden ſich die eben angekom⸗ menen Krieger, und einige Schritte von ihnen ſtanden zwei Menſchen, welche, von den übrigen abgeſondert, be⸗ ſtimmt zu ſeyn ſchienen, eine Hauptrolle in dem Schau⸗ ſpiele zu ſpielen, welches jetzt vor ſich gehen ſollte. Das Licht war nicht hell genug, um in der Entfernung ihre Züge deutlich unterſcheiden zu koͤnnen; doch ſah Heyward an ihrer Haltung ganz gut, daß ihre Gefühle ſehr ver⸗ ſchieden ſeyn mußten. Während der Eine aufrecht ſtand, mit entſchloſſener Miene bereit, ſeinem Schickſal als 8* 8 Held entgegenzugehen, ſenkte der Andere den Kopf auf die Bruſt, als würde er von Schreck gelähmt oder von Schaam niedergebeugt. Der edle Duncan fühlte einen mächtigen Antrieb, dem Erſtern ſeine Bewunderung und ſein Mitleid zu zollen, wenn ſich ihm auch keine Gelegenheit darbot, dies Gefühl blicken zu laſſen. Er konnte kein Auge von ihm abwenden, er verfolgte jede ſeiner Bewegungen; und als er ſeinen regelmäßigen und kraftigen Körperbau, die Gewandtheit ſeiner Glieder betrachtete, überredete er ſich, wenn es ja in der Macht des Menſchen ſtehe, durch einen großherzigen Entſchluß einer dringenden Gefahr zu entgehen, ſo könnte es dem jungen Gefangenen viel⸗ leicht gelingen, unverſehrt durch die Reihen der wüthen⸗ den Krieger zu laufen, welche ihm nach dem Leben trachteten. Unmerklich hatte ſich Duncan den dunkeln Linien der Huronen genähert; ſein Antheil an den un⸗ glücklichen Gefangenen war ſo groß, daß er kaum zu athmen vermogte, In dieſem Augenblicke ertönte ein allgemeines Ge⸗ ſchrei, welches das Signal zu dem Laufe gab. Eine tiefe Stille hatte eine Zeitlang geherrſcht, die nun durch ein ſo hölliſches Geheul unterbrochen ward, wie es bisher noch nicht gehört worden war. Das eine der beiden Schlachtopfer blieb bewegungslos ſtehen, während das andere ſogleich mit der Schnelligkeit und Gewandtheit eines Hirſches ſeinen Lauf begann. Statt aber, indem er in die von den Kriegern gebildete Gaſſe trat, in die⸗ ſem gefährlichen Deſilé fortzulaufen, wie man erwartet hatte, ſprang er, ehe man Zeit hatte, nur einen einzigen — m= Streich auf ihn zu führen, über die Köpfe mehrerer Kinder hinaus und lief auf einem weniger gefahrvollen Wege fort, während ihn die Huronen bald aus dem Ge⸗ ſicht verloren. Aber ihr Geſchrei und ihre Verwünſchun⸗ gen tönten ihm nach; die Reihen der Krieger löſ'ten ſich auf, und jeder rannte in wilder Verwirrung bald nach dieſer, bald nach jener Seite. Der Platz wurde durch die brennenden Reiſigbündel von einem röthlichen, ſchauerlichen Lichte erhellt. Er glich einer unheiligen, verwünſchten Stätte, wo böſe Geiſter ihr Weſen treiben. Die Geſtalten der im Hin⸗ tergrunde befindlichen Wilden glichen Geſpenſtern, die raſch vorüberglitten und ſich wie Wahnſinnige gehärde⸗ ten. In ſchroffern Zügen malte ſich die Wildheit derer, welche nahe an dem Feuer vorübereilten, das ſeinen Schein auf ihre düſtern und widerlichen Züge warf. Es iſt leicht begreiflich, daß unter einem ſolchen Haufen rachſüchtiger Feinde der Flüchtling kaum Zeit hatte, Athem zu holen. Ein einziges Mal glaubte er eine Stelle erreicht zu haben, wo er in den Wald entſchlüpfen konnte. Aber es gelang ihm nicht, und er wurde in die Mitte ſeiner unbarmherzigen Verfolger wieder zurückge⸗ trieben. Sich umwendend wie ein Hirſch, der den Jä⸗ ger vor ſich erblickt, ſprang er über einen brennenden Reiſighaufen, und ſchnell wie ein Pfeil durch eine Gruppe von Weibern ſchießend, erreichte er das andere Ende der Lichtung. Allein auch dort ſtieß er auf Huronen, und wandte ſich nun nach einem Platze, den der Schein des Feuers nur halb erleuchtete. Er verſchwand hier, und da Heyward ihn eine Zeitlang nicht wieder erblickte, ſo — 118— glaubte er, der rüſtige und beherzte Jüngling ſey den Streichen ſeiner Feinde unterlegen. Man konnte jetzt nichts unterſcheiden, als einen ver⸗ worrenen Haufen menſchlicher Geſtalten, die unordent⸗ lich durch einander liefen. Blinkende Meſſer, furchtbare Keulen und andere Waffen wurden in der Luft geſchwun⸗ gen, woraus Heyward ſchloß, der tödtliche Streich ſey noch nicht gefallen. Die furchtbare Wirkung dieſer Scene wurde noch vermehrt durch das durchdringende Geſchrei der Weiber und das gellende Geheul der Krieger. Dann und wann erblickte Heyward im Dunkel eine flüchtige Geſtalt, welche über irgend ein in ihrem Wege befind⸗ lichen Hinderniß hinwegzuſpringen ſchien, und hoffte mehr, als daß er's glaubte, der Gefangene ſey noch im Beſitze ſeiner erſtaunlichen Gewandtheit und ſeiner Kräfte, welche keiner Erſchöpfung fähig zu ſeyn ſchienen. Plötzlich ſtürmte die Menge rückwärts und naͤherte ſich dem Platze, wo der Major ſtand. Einige im Nach⸗ trab befindliche Wilde warfen, um ſich Bahn zu machen, mehrere Weiber und Kinder zu Boden, und während dieſer Verwirrung erblickte Heyward abermals den Ge⸗ fangenen. Aber menſchliche Kräfte konnten nicht lange mehr eine ſo ſchreckliche Probe aushalten; der Unglück⸗ liche ſchien dies ſelbſt zu fühlen. Die augenblickliche Ver⸗ wirrung benutzend, ſtürzte er durch eine Gruppe von Kriegern und machte, wie es Duncan ſchien, den letz⸗ ten verzweifelten Verſuch, den Wald zu gewinnen. Als ob er gewußt hätte, daß er von Heyward nichts zu befürchten habe, eilte der Flüchtling ſo dicht an ihm vor⸗ über, daß er ihn am Armel ſtreifte. — 119— Ein ſchlanker Hurone von kräftigem Körperbau folgte ihm auf den Ferſen nach, mit aufgehobener Streitaxt und eben im Begriff, ihm den Todesſtreich zu verſetzen, als Duncan, der den Gefangenen in der außerſten Ge⸗ fahr erblickte, unwillkürlich dem Huronen einen Fuß vorſtreckte, und dieſer dicht hinter dem Flüchtling zu Boden ſiel. Letzterer benutzte dieſen Vortheil, und Dun⸗ can einen Blick zuwerfend, verdoppelte er ſeine Schnel⸗ ligkeit und verſchwand wie ein Meteor. Heyward ſuchte ihn uͤberall mit den Augen, und war erſtaunt, als er ihn bald darauf ruhig an einem mit verſchiedenen Far⸗ ben bemalten Pfoſten bei der Thüre der vornehmſten Hütte ſtehen ſah. 3 Aus Beſorgniß, die Hülfe, welche er dem Gefange⸗ nen geleiſtet, mögte bemerkt worden ſeyn, und ihm ſelbſt dadurch Gefahr drohen, verließ Duncan ſeinen bisherigen Platz und miſchte ſich unter den Haufen der Wilden, welche ſich um die Wohnungen zuſammendrängten, jene Unzufriedenheit verrathend, womit eine verſammelte Volksmenge die Hinrichtung eines Verbrechers aufgeſcho⸗ ben ſieht. Neugierde oder vielleicht ein edleres Gefühl trieb ihn an, ſich dem Gefangenen zu nähern. Heyward ſah, daß der Flüchtling einen Arm um den Pfoſten ge⸗ ſchlungen hatte. Sichtbar erſchöpft von großer Anſtrengung⸗ vermogte er kaum zu athmen; doch erlaubte der Stolz ihm nicht, ſein Leiden durch irgend ein außeres Zeichen zu verrathen. Zufolge eines heiligen, ſeit undenklichen Zeiten beſtehenden Gebrauchs war ſeine Perſon jetzt geſchützt, bis der Volksſtamm nach gemeinſchaftlicher Be⸗ rathung ſein Loos entſchieden hatte. Allein nach den — 120— Geſinnungen zu ſchließen, welche die Menge rings um⸗ her äußerte, war das Reſultat jener Berathung nicht ſchwer vorauszuſehen. Es gab in der Sprache der Huronen keinen verächt⸗ lichen Ausdruck, kein erniedrigendes Beiwort, welches die Weiber nicht gegen den Unglücklichen ausgeſtoßen hätten, dem es gelungen war, ſich ihrer Wuth zu ent⸗ ziehen. Sie warfen ihm die Anſtrengungen vor, die er gemacht, um ihnen zu entfliehen, und riefen ihm mit bitterm Spott zu: ſeine Füße ſeyen mehr werth, als ſeine Hände, und man hätte ihm Flügel geben ſollen, weil er weder mit einem Pfeil, noch mit einem Meſſer umzugehen wiſſe. Auf alle dieſe Schmähungen gab der Gefangene keine Antwort, und begnügte ſich eine Hal⸗ tung zu beobachten, in welcher ſich Würde mit Verach⸗ tung ſeltſam miſchte. Nicht⸗minder erbittert über ſeine Faſſung als über ſein früheres Glück, gingen ihre Schimpfreden allmählich in ein furchtbares und durch⸗ dringendes Geheul über. In dieſem Augenblicke bahnte ſich die Alte, welche das Feuer angezundet hatte, einen Weg durch die Menge und trat vor den Gefangenen hin. Ihre Runzeln und welken Züge, der Schmutz, der ſie bedeckte, gaben ihr das Anſehn einer Hexe. Sie warf ihr leichtes Gewand zurück, und ihren langen, hagern Arm dem Gefangenen entgegenſtreckend, redete ſie ihn in der Sprache der Le⸗ napes oder Delawarer an, um ſicher zu ſeyn, daß ſie von ihm verſtanden würde. „Höre mich, Delawarer!“ ſagte ſie, mit ſpöttiſchem Lächeln ihm ein Schnippchen ſchlagend,„deine Nation — 121— iſt ein Geſchlecht von Weibern, und die Hacke ſchickt ſich beſſer für eure Hände, als die Flinte. Eure Weiber ſind die Mütter von Rehen; würde ein Bär, eine wilde Katze oder eine Schlange unter euch geboren, ſo würdet ihr die Flucht ergreifen. Die Töchter der Huronen werden dir einen Weiberrock machen, und wir wollen uns nach einem Manne für dich umſehen!“ Dieſer Einfall wurde von wildem Gelächter beglei⸗ tet, und man konnte die ſanften Töne der jungen Frauen und Mädchen, trotz der ſchreienden und ſchmetternden Stimme des alten, boshaften Weibes, deutlich unter⸗ ſcheiden. Allein der Fremdling ſchien erhaben über der⸗ gleichen Schmähungen. Sein Haupt blieb unbeweglich, und man hätte ſchließen können, er glaube ſich allein, wenn nicht ſein ſtolzer Blick ſich dann und wann auf die Krieger geheftet hätte, welche düſter ſchweigend hinter den Weibern ſtanden. 2 Wüthend über die Selbſtbeherrſchung und Ruhe des Gefangenen, ſtemmte die Alte ihre Hände in die Seite, und eine trotzige Stellung annehmend, brach ſie in einen abermaligen Strom von Schimpfreden aus, welche auf dem Papier wiederzugeben ein vergeblicher Verſuch ſeyn würde. Allein vergebens ſtrengte ſie ihren Athem an. Denn obgleich ſie ſich in der Kunſt zu ſchimpfen unter ihrer Nation einen gewiſſen Ruf erworben hatte, ſo half es ihr dennoch nichts, ihre Wuth bis zu einem Grade zu ſteigern, daß ihr der Schaum vor den Mund trat. Der Fremde ſtand bewegungslos, ohne nur einen Mus⸗ kel zu rühren. Die Entrüſtung der Alten uͤber dieſe Gleichgültigkeit ſchien allmählich auch auf andere Zuſchauer überzugehen. Ein Jüngling, kaum dem Knabenalter entwachſen, kam der Hexe zu Hülfe und ſtieß zahlreiche Drohungen gegen den Gefangenen aus, indem er zugleich die Streitaxt über ſeinem Kopfe ſchwang. Der Gefangene wandte den Kopf nach ihm und warf ihm einen Blick der tief⸗ ſten Verachtung zu. Dann aber nahm er wieder die ruhige, ſtolze Haltung an, die er bisher behauptet hatte. Aber dieſe Bewegung und veränderte Stellung des Frem⸗ den hatte Duncan vergönnt, ſein Auge genauer auf ihn zu heften, und groß war ſein Erſtaunen, als er in dem Gefangenen den jungen Mohikaner Unkas wieder erkannte. Heyward konnte vor Uberraſchung kaum athmen, und ſchaudernd vor der gefährlichen Lage, in der ſich ſein Freund befand, ſchlug der Major die Augen nieder, aus Furcht, daß irgend ein Blick das Loos des Gefange⸗ nen beſchleunigen mögte. Zu einer ſolchen Furcht war indeß für den Augenblick kein Grund vorhanden. Jetzt bahnte ſich ein Krieger ſtürmiſch den Weg durch die er⸗ bikterte Menge. Weiber und Kinder auf die Seite drän⸗ gend, nahm er Unkas bei'm Arm und führte ihn in die große, zu Berathſchlagungen beſtimmte Hütte. Dahin begaben ſich nun alle Häuptlinge, ſo wie die ausgezeich⸗ netſten Krieger der Nation; und Heyward, von Beſorg⸗ niß über das Schickſal ſeines Freundes angetrieben, fand Mittel, ſich ebenfalls hineinzuſchleichen, ohne ſich auf eine Art bemerklich zu machen, welche für ihn hätte gefährlich werden können. Einige Zeit verging, ehe die Huronen nach dem Nange und dem Einfluſſe, den ſie in ihrem Volksſtamm —,,o-9ʒgESEA — 123— genoſſen, ſich geordnet hatten. Dieſe Ordnung war der⸗ jenigen ähnlich, welche bei Heyward's Eintreten beobach⸗ tet worden war. Die bejahrten und ausgezeichneten Anführer nahmen die Mitte des Gemachs ein, welche der Schein einer großen Fackel heller als die übrigen Theile erleuchtete. Die jungen Leute und die Krieger von niedrigerem Range ſaßen hinter ihnen im Kreiſe umher. Sie bildeten den düſtern Hintergrund des Ge⸗ mäldes durch ihre ſchwärzlichen, ſcharf hervorſtechenden Züge. Mitten im Gemache, unmittelbar unter einer Offnung, die als Rauchfang diente und durch die man zwei oder drei Sterne blinken ſah, ſtand Unkas, der ſeine frühere Faſſung und ſtolze Ruhe behauptete. Dies Benehmen entging ſeinen Siegern nicht, die ihn öfters mit Augen betrachteten, welche nichts von ihrer Wildheit verloren hatten, in denen man aber deutlich die Bewun⸗ derung las, die ſein Muth ihnen einſlößte. Anders verhielt es ſich mit dem Jüngling, den Hey⸗ ward neben Unkas bemerkt hatte, und der ebenfalls dazu verurtheilt geweſen war, zwiſchen den Reihen der wü⸗ thenden Wilden hindurchzulaufen. Statt ſein Heil in der Flucht zu ſuchen, war er während der allgemeinen Verwirrung ruhig ſtehen geblieben, wie eine Bildſäule der Demuth oder Schaam. Obgleich Niemand daran gedacht hatte ihn zu bewachen, ſo war er, ſtatt in das zur gemeinſchaftlichen Berathung beſtimmte Gemach hin⸗ eingeführt zu werden, ſelbſt eingetreten, als ob ihn ein Verhängniß, dem er nicht widerſtehen konnte, dahin zöge. Heyward benutzte die erſte Gelegenheit, die ſich ihm darbot, um dem Jüngling in's Geſicht zu ſehen. Doch — 124— that er es mit geheimer Furcht, daß er abermalszeinen Freund entdecken mögte. Allein er ſah einen völlig frem⸗ den Menſchen vor ſich, der— was ihm noch unerklärlicher dünkte— nach den Farben, womit er ſeinen Körper bemalt hatte, ein huroniſcher Krieger zu ſeyn ſchien. Statt ſich indeß unter ſeine Landsleute zu miſchen, hatte er ſich allein in einen Winkel geſetzt, das Haupt auf die Bruſt geſenkt, und ſich zuſammengekauert, als ob er ſo wenig Raum, wie möglich, einzunehmen wünſche. Als jeder Einzelne den ihm gebührenden Platz ein⸗ genommen hatte, herrſchte eine allgemeine Stille in der Verſammlung, bis der früher erwähnte Häuptling mit weißem Haar Unkas in delawariſcher Sprache folgender Maaßen anredete:— „Delawarer, biſt du gleich aus einer Nation von Weibern, ſo haſt du dich doch als ein Mann gezeigt. Ich würde dir gern einige Nahrungsmittel anbieten; aber wer mit einem Huronen ißt, wird ſein Freund. Ruh' in Frieden aus bis zu Sonnenaufgang; dann ſollſt du dein Urtheil vernehmen.“ „Sieben Nächte und eben ſo viele Tage hab' ich ge⸗ faſtet, als ich den Spuren der Huronen nachging,“ ent⸗ gegnete Unkas kaltblütig.„Die Kinder der Lenapes wiſſen auf dem Pfade der Gerechtigkeit zu wandeln, ohne ſtille zu ſtehn, um zu eſſen.“ „Zwei meiner Krieger verfolgen noch deinen Gefäͤhr⸗ ten,“ erwiederte der greiſe Häuptling, der ſich den Schein gab, als ob er die Prahlerei des Gefangenen nicht gehört habe.„Wenn ſie zurückgekehrt ſind, wirſt du aus dem Munde dieſer weiſen Männer vernehmen ob du leben ſollſt oder ſterben.“ „Hat der Hurone keine Ohren 2“ ſagte Unkas halb verächtlich.„Zwei Mal ſchon, ſeit er euer Gefangener iſt, hat der Delawarer den Knall einer wohlbekannten Flinte gehört. Eure beiden Krieger werden nie wieder⸗ kehren.“ Ein kurzes und tiefes Schweigen erfolgte auf dieſe kecke Erklärung. Duncan ſah leicht ein, daß Unkas auf den Hirſchtödter des Kundſchafters anſpielte, und ſtreckte daher den Kopf vor, um den Eindruck, den die Worte ſeines Freundes auf die Gemüther der Wilden machten, in ihren Geſichtern zu leſen. Aber der Häuptling be⸗ gnügte ſich mit der einfachen Außerung: „Wenn die Lenapes ſo erfahren und geſchickt ſind, warum iſt einer ihrer tapferſten Krieger hier?“ „Er folgte den Schritten eines Feigen, der die Flucht ergriff,“ entgegnete Unkas,„und fiel dadurch in eine Schlinge. Auch den Biber, ſo ſchlau er iſt, kann man fangen.“ So ſprechend, deutete Unkas auf den Huronen, der ſich einſam in einen Winkel gedrückt hatte; doch würdigte er ihn nur durch einen verächtlichen Blick ſeiner Auf⸗ merkſamkeit. Die Worte des jungen Mohikaners, ſeine Mienen und Gebärden machten auf die Zuhörer einen tiefen Eindruck. Jedes Auge wandte ſich nach dem Hu⸗ ronen hin, auf den er gedeutet hatte, und ein dumpfes Gemurmel verbreitete ſich. Dieſe drohenden Töne dran⸗ gen bis zu der äußern Thuͤr der Hütte, wo ein Haufen von Weibern und Kindern ſo dicht an einander gedrängt — — ſtand, daß auch nicht eine Linie Zwiſchenraum unaus⸗ gefüllt blieb. In kurzen und abgebrochenen Sätzen theilten ſich indeß die älteſten Häuptlinge gegenſeitig ihre Meinung mit. Kein Wort ward geſprochen, das nicht die aus⸗ drucksvollſten Gebärden begleiteten. Eine lange und feier⸗ liche Stille trat abermals ein. Sie war, wie alle An⸗ weſenden wußten, der ernſte Vorbote des wichtigen Ur⸗ theilsſpruchs, der jetzt gefällt werden ſollte. Die im Hintergrunde befindlichen Huronen ſtellten ſich auf die Fußſpitzen, um ihre Neugierde zu befriedigen, und ſelbſt der Schuldige, der auf einen Augenblick ſeine Schande vergaß, hob unruhig den Kopf empor, um einen Blick auf die düſtere Verſammlung der Häuptlinge zu werfen. In dieſem Augenblicke trat die mehrfach erwähnte Alte, welche Unkas mit ſo vielen Schmähungen überhäuft hatte, in den Kreis und begann, eine brennende Fackel in der Hand tragend, eine Art von Tanz aufzuführen, wobei ſie undeutliche Worte vor ſich hin murmelte, die für eine Beſchwörung gelten konnten. Obgleich ſie ſich in die Verſammlung eingedrängt hatte, ſo ſchien doch Niemand geneigt, ſie zur Hütte hinauszuweiſen. Als ſie ſich Unkas näaͤherte, hielt ſie ihm die Fackel auf eine ſolche Art entgegen, daß ihr rother Schein auf ſeine Geſtalt ſiel und jeder Zug, ſo wie die geringſte Bewegung, die ſich in ſeinem Antlitz ausdrücken mogte, ſichtbar ward. Aber der Mohikaner behielt ſein ruhiges und ſtolzes Benehmen, auch dieſe neue Prüfung ſtandhaft ertragend. Sein Auge, das die widrigen Züge der Alten keines Blicks wuͤrdigte, war feſt und unveränderlich in 2 5 Gͤ ASͤ(ͤ S e 8 die Ferne gerichtet. Zufrieden mit ihrer Ausforſchung, und mit einer leiſen Außerung von Vergnügen, begab ſich die Fackelträgerin von ihm hinweg zu ihrem Lands⸗ mann, dem ſie eine ähnliche Prüfung zugedacht hatte. Der junge Hurone war zart und ſchön gebaut; die anmuthigen Formen ſeines Körpers konnten ſeine weni⸗ gen Kleidungsſtücke nicht verbergen, überdies erhellte der Schein der Fackel jedes einzelne Glied und Gelenk. Aber Duncan wandte ſich mit Abſcheu hinweg, als er ſah, daß der Fremdling an ſeinem ganzen Körper vor Furcht zitterte. Die Alte ſtimmte bei dieſem Anblick ein dumpfes, klagendes Geheul an; aber der Häuptling ſtreckte ſeine Hand aus und ſchob ſie ſanft zurück. 3 „Schwankes Rohr,“ ſagte er, ſich zu dem jungen Huronen wendend, den er in ſeiner Mutterſprache an⸗ redete,„obgleich der große Geiſt dir eine Geſtalt gegeben hat, welche lieblich anzuſchauen iſt, ſo wäre es beſſer, du wärſt nie geboren worden. Deine Zunge läßt ſich im Dorfe laut vernehmen, aber ſie ſchweigt im Kampfe. Keiner meiner jungen Leute treibt die Streitaxt tiefer in den Kriegspfahl, keiner ſchlägt damit ſchwächer auf die Yengeeſe. Der Feind kennt die Geſtalt deines Rückens, aber nie hat er die Farbe deiner Augen geſehen. Drei Mal haben die Feinde dir zugerufen, dich ihnen zu nã⸗ hern: und eben ſo oft biſt du ihnen die Antwort ſchuldig geblieben. Dein Name wird nie mehr unter deiner Nation erwähnt werden— er iſt bereits vergeſſen.“ Als der Häuptling langſam dieſe Worte ſprach, zwiſchen jedem Satze eine Pauſe machend, richtete der Schuldige, aus Achtung vor dem Alter und Range des Greiſes, ſein Antlitz empor. Schaam, Furcht, Entſetzen und Stolz malten ſich ſprechend in ſeinen Zügen. Sein Auge, krampfhaft zuſammengepreßt, heftete ſich ſtarr auf die Krieger, deren Lob er wenigſtens im letzten Augen⸗ blicke ſeines Lebens noch verdienen wollte. Der Stolz ſchien unter den mannichfachen Gefühlen, von denen er bewegt ward, die Oberhand zu behalten. Er ſtand auf, und ſeine Bruſt entblöſend, ſah er ohne Zittern auf das blinkende Todesmeſſer, das ſein unerbitterlicher Richter in der Hand hielt; und als es ſich langſam in ſein Herz ſenkte, lächelte er, als freue er ſich, den Tod nicht ſo furchtbar zu finden, wie er erwartet hatte. Endlich fiel er bewegungslos neben Unkas nieder, der noch immer ſeine ruhige, ſtolze Haltung behauptete. Die Alte ſtieß ein lautes, klägliches Geheul aus und warf die Fackel auf die Erde. Sie erloſch und ver⸗ breitete rings umher in der Hütte tiefe Finſterniß. Alle Anweſenden ſtürzten hinaus, wie aufgeſtörte Geiſter, und Duncan glaubte mit dem noch zuckenden Schlachtopfer eines indianiſchen Urtheilsſpruchs allein in der Hütte zu⸗ rückgeblieben zu ſeyn. s. Siebentes Kapitel. Der Weiſe ſprach's, und aus einander ging Schnell die Verſammlung auf der Fürſten Wink. Homer's Iliade, nach Pope's Ueberſetzung. Ein einziger Augenblick reichte hin, um Heyward zu überzeugen, daß er ſich geirrt habe, als er allein in der Nähe des getödteten Huronen zu ſeyn glaubte. Er fühlte, daß ſeinen Arm eine Hand ſanft drückte, und erkannte Unkas Stimme, der ihm zuflüſterte: „Die Huronen ſind Hunde. Der Anblick des Bluts eines Feigen kann nie einen Krieger zittern machen. Der Graukopf und Chingachgook ſind in Sicherheit, und Hawk⸗ eye's Büchſe ſchläft nicht. Geh' hinaus! Unkas und die Dfene Hand“ müſſen einander jetzt fremd ſcheinen. Kein Wort weiter!“ 1 Heyward hätte gern mehr erfahren; allein ſein Freund drängte ihn mit ſanfter Gewalt nach der Thüre hin und erinnerte ihn an die Gefahren, denen ſie ſich beide aus⸗ ſetzten, wenn man ihre Verbindung entdeckte. Langſam und widerſtrebend fügte ſich Heyward in die Nothwendigkeit; er verließ die Hütte und miſchte ſich unter das draußen befindliche Gewühl. Die erlöſchenden Feuer warfen nur noch ein düſtres, zweifelhaftes Licht auf die Geſtalten, welche ſchweigend hin⸗ und hergingen 10— 12. 9 — 130— oder in einzelnen Gruppen beiſammen ſtanden. Dann und wann verbreitete indeß die augenblicklich auflodernde Flamme eine flüchtige Helle bis in das Innere der Hütte, wo man Unkas noch in ſeiner frühern Stellung und zu ſeinen Füßen den Körper des todten Huronen erblickte. Einige Krieger traten jetzt hinein und trugen den Leichnam in den benachbarten Wald. Duncan aber ging, in der Hoffnung, einige Spuren zu entdecken, um derent⸗ willen er ſich ſolchen Gefahren ausgeſetzt hatte, in ver⸗ ſchiedene Hütten. In keiner richtete man eine Frage an ihn, ja man ſchien ihn kaum zu bemerken. Die Stim⸗ mung, in welcher ſich jetzt die ganze Völkerſchaft befand, hätte von ihm leicht benutzt werden können, um zu ent⸗ fliehen und zu ſeinen Begleitern zurückzukehren; allein ein ſolcher Gedanke war ſeiner Seele fremd. Außer der beſtändigen Unruhe, die ihn in Betreff des Schickſals der Alix ergriff, ward ſelbſt Unkas Geſchick ein neuer, wenn auch nicht ſo mächtiger Beweggrund für ihn, in der Nähe der Huronen zu bleiben. Er ſtreifte daher eine Zeitlang von Hütte zu Hütte, ger den ganzen Umkreis des Dorfs durchwandert hatte. 4 Allein ſeine Nachforſchungen blieben ohne Erfolg, und er kehrte wieder zu der Hütte zurück, wo die Berathung Statt gefunden hatte. Dort hoffte er David zu treffen, von ihm nähere Auskunft zu erhalten und ſo der Unge⸗ wißheit, die ihm immer läſtiger ward, ein Ende zu machen. Als er an der Thüre des Gemachs ankam, das Ge⸗ richtsſaal und Hinrichtungsplatz zugleich geweſen war, ſah er, daß der allgemeine Aufruhr, welcher früher Statt fand, ſich gänzlich gelegt hatte. Die Krieger hatten ſich —₰— — 143— „Nein!“ ſagte Magua, als er ſich überzeugt hatte, 8 daß der Gefangene nicht verwundet worden ſey,„die Sonne ſoll ſeine Schande beleuchten, die Weiber ſollen ſein Fleiſch zucken ſehn; oder unſre Rache iſt nur ein Kinderſpiel. Geht! Führt ihn hin, wo Stille herrſcht. Wir wollen ſehn, ob ein Delawarer dieſe Nacht ſchlafen und am andern Morgen ſterben kann.“ Die jungen Krieger, denen die Bewachung des Ge⸗ fangenen oblag, banden ſogleich ſeine Arme mit Baſt⸗ ſtricken und führten ihn zur Hütte hinaus, während ſie ein düſteres, unheildrohendes Schweigen beobachteten. Un⸗ kas ging mit feſtem Schritte einher; als er aber an den Eingang der Thüre gelangte, blieb er einen Augenblick ſtehen, und ſich umwendend, heftete er einen ſtolzen und forſchenden Blick auf den Kreis ſeiner Feinde. Duncan glaubte in dieſem Blick zu leſen, der junge Mohikaner habe noch nicht alle Hoffnung aufgegeben. Magua, zufrieden mit dem Erfolg, vielleicht auch zu ſehr mit ſeinen geheimen Plänen beſchäftigt, ſchien keine weitere Nachforſchungen anſtellen zu wollen. Er ſchüt⸗ telte ſeinen Mantel, und ihn über die Bruſt werfend, verließ er ebenfalls den Ort, ohne weiter von einem Ge⸗ genſtande zu ſprechen, der für den, welcher an ſeiner Seite ſaß, leicht hätte gefährlich werden können. Trotz ſeiner immer mehr wachſenden Erbitterung, ſei⸗ ner natürlichen Standhaftigkeit und ſeiner lebhaften Be⸗ ſorgniß für Unkas, fühlte ſich Heyward doch ſehr erleich⸗ tert durch die Entfernung eines ſo liſtigen und gefährli⸗ chen Feindes. Die Gährung, welche durch Magua s Rede entſtanden war, hatte ſich allmählich gelegt. Die Krieger nahmen ihre Sitze ein, und Rauchwolken füllten wiederum die Hütte. Faſt eine halbe Stunde lang wurde keine Sylbe geſprochen, und kaum bewegte ſich ein Auge. Es herrſchte eine ernſte, nachdenkende Stille, wie ſie nach einer Scene der Gewaltthätigkeit und Unruhe gewöhnlich bei dieſen Geſchöpfen folgt, in denen mit dem heftigſten Ungeſtüm zugleich die ſtrengſte Selbſtbeherrſchung verbun⸗ den iſt. Als der Häuptling, der Duncan's Hülfe angeſprochen, ſeine Pfeife ausgeraucht hatte, machte er endlich Anſtal⸗ ten zum Aufbruche. Ein Wink mit dem Finger gab dem vorgeblichen Arzt zu verſtehen, daß er ihm folgen ſollte; und als Duncan die dichten Rauchwolken hinter ſich hatte, war er in mehr als einer Hinſicht von Herzen froh, daß er endlich wieder ein Mal die reine und erfriſchende Luft des kühlen Sommerabends einathmen konnte. Statt aber den Weg zwiſchen den Hütten einzuſchla⸗ gen, in denen Heyward bereits vergebliche Nachforſchun⸗ gen angeſtellt hatte, wandte ſich ſein Begleiter ſeitwärts, grade auf den Abhang eines nahen Berges zugehend, deſ⸗ ſen Gipfel das Lager der Huronen beherrſchte. Der Fuß dieſes Berges war von ſo dichtem Geſträuch umgeben, daß die beiden Wanderer ihren Weg auf einem ſchmalen, gekrümmten Pfade fortſetzen mußten. Die Knaben hatten ihre Spiele in der Lichtung wie⸗ der begonnen und bemühten ſich, in zwei Reihen geſtellt, den Lauf nach dem Pfoſten und die dabei Statt gefundene Verfolgung mimiſch darzuſtellen. Um ihre Spiele der Wirklichkeit ſo aͤhnlich, wie möglich, zu machen, hatte einer der Keckſten einige Feuerbrände, die bisher noch dem —— 3 v—— — 15— Verbrennen entgangen waren, in einen Haufen Strauch⸗ holz geworfen. Der Schein dieſes Feuers erleuchtete den Pfad, auf welchem Duncan mit dem Häuptling wandelte, und die Landſchaft erhielt dadurch einen noch ſchauerlichern und wildern Charakter. In einiger Entfernung von ih⸗ nen erhob ſich ein kahler Felſen, und ſie waren eben im Begriff, einen offnen Raſenplatz, der ſie noch von der ſchroffen Anhöhe trennte, zu betreten, als von neuem Holz auf das Feuer geworfen ward und die emporlodernden Flammen ſelbſt dieſen entfernten Fleck erhellten. Die weiße Felſenwand warf den Widerſchein des Lichts zurück, und plötzlich zeigte ſich den Blicken der Wanderer in eini⸗ ger Entfernung ein dunkles Weſen von wunderlichem Ausſehn. Der Indianer ſtand ſtill, als getraue er ſich nicht, weiter zu gehn. Er wartete, bis ſein Begleiter ſich ihm näherte. Ein großer ſchwarzer Klumpen, der Anfangs ganz ſtill gelegen zu haben ſchien, fing jetzt an, ſich auf eine Weiſe zu bewegen, welche Duncan durchaus uner⸗ klärlich war. Bei dem wieder auflodernden Feuer zeigte ſich indeß der Gegenſtand deutlicher, und Heyward er⸗ kannte bald an der raſtlos wechſelnden Stellung, an dem Schwanken von einer Seite zur andern, wodurch der obere Theil der Geſtalt in ſteter Bewegung blieb, wäh⸗ rend ſie doch zu ſitzen ſchien, einen Bären, der zwar laut und grimmig brummte, auch einige Male ſeine feurig rollenden Augäpfel zeigte, außerdem aber kein Zeichen einer feindſeligen Geſinnung verrieth. Der Hurone we⸗ nigſtens ſchien von ſeinen friedlichen Abſichten überzeugt; 10— 12. 10 — 146— denn nachdem er das Thier aufmerkſam beobachtet hatte, ſetzte er ruhig ſeinen Weg fort. Duncan wußte, daß die Indianer dieſe Thiere häͤufig zähmen, und demgemäß glaubend, irgend ein ſolcher Lieb⸗ ling des Stammes habe den Weg nach dieſem Dickicht eingeſchlagen, um ſich ſein Futter zu ſuchen, folgte er dem Beiſpiel ſeines Begleiters, und Beide gingen an dem Bären vorüber, der ihnen kein Hinderniß in den Weg legte. Obgleich ihr Weg ſie ſehr dicht an dem Thier vor⸗ beiführte, ſo verrieth doch der Hurone, der ſich Anfangs mit ſo vieler Vorſicht von der wahren Beſchaffenheit die⸗ ſes ſonderbaren Ereigniſſes zu überzeugen geſucht hatte, jetzt nicht die mindeſte Unruhe. Heyward dagegen konnte nicht umhin, ſich öfters umzublicken, um ſich gegen einen Angriff im Rücken zu ſichern. Es war ihm keineswegs wohl zu Muth, als er bemerkte, daß das Thier ſich auf dem Wege fortwälzte, ihnen auf dem Fuße nachfolgend. Eben wollte er den Indianer darauf aufmerkſam machen, als dieſer eine Thüre von Baumrinde öffnete, welche in eine im Innern des Berges befindliche Höhle führte. Der Häuptling trat hinein, und Duncan folgte ihm nach, ſehr erfreut, durch dieſen Zufluchtsort einer mög⸗ lichen Gefahr entgehen zu können. Als er aber die leichte Thüre wieder hinter ſich zuſchließen wollte, riß ihm der Bär, deſſen zottige Geſtalt ſogleich den Eingang verdun⸗ kelte, dieſelbe aus der Hand. Sie befanden ſich nun in einem engen, dunkeln Gange, den die Felſenkluft bildete. Ohne dem Thier gerade in die Klauen zu laufen, war keine Rückkehr denkbar. Aus der Noth eine Tugend — 3 ————— machend, eilte der junge Mann daher ſchnell vorwaͤrts, um ſo nah', wie möglich, hinter ſeinem Führer zu bleiben. Der Bär brummte mehrere Male dicht hinter den Ferſen des Majors und legte ſogar ein oder zwei Mal ſeine un⸗ förmlichen Tatzen auf Heyward's Schultern, als wollte er ſein weiteres Vordringen in die Höhle verhindern. Wie lange Heyward's Rerven im Stande geweſen wären, eine ſo außerordentliche Lage zu ertragen, läßt ſich ſchwer beſtimmen; denn glücklicher Weiſe wurde er bald daraus erlöſ't. Die Wanderer waren dem Schimmer eines ſchwachen Lichts nachgegangen, und ſie erreichten jetzt den Ort, von wo die Helle ausging. Eine große Felſenhöhle war künſtlich in mehrere Ge⸗ mächer getheilt worden, deren Scheidewände aus Steinen, Aſten und Baumrinde beſtanden. Durch oben ange⸗ brachte Offnungen fiel das Tageslicht hinein, während bei Nacht Feuer und Fackeln die Stelle der Sonne ver⸗ traten. Hieher hatten die Huronen ihre beſten Sachen geſchafft, beſonders diejenigen, welche ein Gemeingut der Nation waren, und hieher, wie es ſich jetzt zeigte, hatte man auch die kranke Frau gebracht, die man für das Opfer einer übernatürlichen Macht hielt; denn man glaubte, es werde dem böſen Geiſte, der ſie plage, ſchwe⸗ rer fallen, durch die Steinmauer zu ihr zu dringen, als durch die Laubdächer der Hütten. Das Gemach, welches Duncan und ſein Führer zuerſt betraten, war ihr einge⸗ räumt worden, und der Letztere näherte ſich ihrem Lager, welches eine Gruppe von Weibern umgab, unter denen Heyward mit Erſtaunen ſeinen vermißten Freund David bemerkte. 10* Ein einziger Blick überzeugte den vorgeblichen Arzt, daß die Kranke ſich in einem Zuſtande befinde, der ihm keine Hoffnung ließ, Talente glänzen zu laſſen, die er nicht beſaß. Sie lag da, von einer Lähmung befallen, in einem völlig bewußtloſen Zuſtande, ohne irgend eine Empfindung von dem zu haben, was um ſie her vorging. Glücklicher Weiſe ſchien ſie daher auch keinen Schmerz zu fühlen. Heyward war es nichts weniger als unange⸗ nehm, daß ſeine Beſchwörungen einem Weſen gelten ſoll⸗ ten, welches bereits zu krank war, als daß es an dem glücklichen oder unglücklichen Erfolg irgend einen Antheil hätte nehmen können. Bei dem Anblick der Kranken verſchwanden die leichten Gewiſſensbiſſe wieder, die durch ſeinen beabſichtigten Betrug in ihm rege geworden wa⸗ ren, und eilig begann er ſeine Gedanken zu ſammeln, um ſeine Rolle mit gehöriger Klugheit zu ſpielen, als er ſah, daß ein Anderer ihm in ſeinen ärztlichen Bemühungen zuvorkam und erſt noch einen Verſuch machen wollte, durch die Macht der Töne auf den Geſundheitszuſtand der Kranken zu wirken. David, der ſchon, als Duncan und ſein Begleiter eintraten, im Begriff geweſen war, einen Geſang anzu⸗ ſtimmen, blies, nachdem er einen Augenblick gewartet, einen Ton auf ſeinem Inſtrument und begann eine Hymne, die gewiß Wunder gethan haben würde, wenn zu der Wirkſamkeit des Mittels nichts als der feſte Glaube erforderlich geweſen wäre. Er konnte das Lied ruhig zu Ende ſingen; denn die Indianer ehrten ſeine Geiſtesſchwäche, die ihn, nach ihrer Anſicht, unter den un⸗ mittelbaren Schutz des Himmels ſtellte. Doch auch Dun⸗ —y —y — 149— can kam dieſer Aufſchub zu gelegen, als daß er ihn durch die leiſeſte Unterbrechung hätte verkürzen ſollen. Eben erklangen die letzten hinſterbenden Töne des Geſangs in ſeinen Ohren, als er erſchrocken auf die Seite fuhr; denn er hörte dieſelben Töne von einer Stimme, die wie aus einem Grabe emporſcholl und nichts von menſch⸗ lichem Laut zu haben ſchien, wiederholen. Sich raſch umwendend, erblickte er das zottige Unthier in dem dun⸗ kelſten Winkel der Höhle. Dort ſaß der Bär auf ſeinen Hintertatzen, den Körper nach Art dieſer Thiere hin und her wiegend. Mit leiſem Brummen wiederholte er in dieſer Stellung Töne, wo nicht Worte, die mit der Me⸗ lodie des Sängers eine flüchtige Ahnlichkeit hatten. Der Eindruck, den dies ſonderbare Echo auf David machte, läßt ſich leichter vorſtellen, als beſchreiben. Seine Augen öffneten ſich weit, als traue er ihnen nicht, und ſein Mund, obgleich eben ſo weit geöffnet, verſtummte augenblicklich vor Verwunderung. Von einem Gefühl er⸗ griffen, das der Furcht ziemlich nahe kam, ſo gern er es auch für Bewunderung ausgegeben hätte, vergaß er einen klug ausgedachten Plan, Heyward eine wichtige Nachricht mitzutheilen, beinahe gänzlich; endlich rief er laut: „Sie erwartet Sie! Sie iſt hier!“ Nach dieſen Worten verließ er eilig die Höhle. Achtes Kapitel. Snug. Habt Ibr ſchon die Rolle des Löwen ausge⸗ ſchrieben? Ich bitt' Euch, wenn es geſchehen iſt, gebt ſie mir; denn ich lerne ſchwer aus⸗ wendig. Quince. Ihr könnt ſie extemporiren; denn es iſt 3 nichts, als Brüllen. Sommernachtstraum. Es lag eine ſeltſame Miſchung des Lächerlichen und Erhabenen in der eben Statt gefundenen Scene. Der Bär ſchwankte noch immer von einer Seite zur andern, dem Anſchein nach unermüdlich in ſeinen Bewegungen. Allein ſeine Verſuche, David's Melodie nachzuahmen, hörten auf, ſeit dieſer das Feld geräumt hatte. Darid's Worte an Heyward waren in ſeiner Mutterſprache ge⸗ ſprochen worden, und dem Letztern ſchien irgend ein ver⸗ borgener Sinn darin zu liegen, den er aber, ungeachtet er in allen Winkeln der Höhle umherblickte, nicht zu ent⸗ ziffern vermogte. Aus ſeiner Ungewißheit riß ihn indeß bald der Häuptling, der, an das Lager der Kranken tre⸗ tend, den dort verſammelten Weibern, die ſich neugierig hinzudrängten, um die Gaukeleien des Fremden mit an⸗ zuſehn, einen Wink gab, ſich ſogleich zu entfernen. Wenn auch ungern, leiſteten ſie ihm dennoch Gehorſam, und als das letzte dumpfe Echo von dem Zuſchließen der am Ein⸗ gang befindlichen Thüre durch den langen Felſengang ver⸗ v klungen war, ſagte der Indianer, auf ſeine beſinnungs⸗ loſe Tochter deutend, zu Heyward: „Jetzt zeige mein Bruder ſeine Macht So auf die unzweideutigſte Art aufgefordert, ſich den Functionen ſeines vorgeblichen Gewerbes zu unterziehen, war Duncan beſorgt, daß der geringſte Verzug gefährliche Folgen für ihn haben könne. Er ſammelte daher raſch ſeine Gedanken, um jene Zauberformeln und wunderlichen Ge⸗ bräuche nachzuahmen, unter welchen die indianiſchen Be⸗ ſchwörer ihre wirkliche Unwiſſenheit und Ohnmacht zu ver⸗ bergen pflegen. Sehr wahrſcheinlich würde er bei dem ver⸗ wirrten Zuſtande ſeiner Gedanken nur zu bald einen Fehler begangen haben, der Verdacht erregt und vielleicht Gefahr für ihn herbeigeführt hatte. Allein als er eben mit ſeinen Beſchwörungen den Anfang gemacht hatte, unterbrach ihn ein grimmiges Brummen des vierfußigen Geſellſchafters. Er wiederholte ſeine Verrichtungen zum zweiten und dritten Male; aber eben ſo oft fand dieſelbe unerklärliche Störung Statt, und jedes Mal auf eine wildere und ungeſtümere Weiſe⸗ „Die Gelehrten ſind argwöhniſch,“ ſagte der Hurone; „ich gehe. Bruder, das Weib hier iſt die Frau eines meiner tapferſten jungen Krieger. Behandle ſie gut. Stille!“ fügte er hinzu, indem er dem mißvergnügten Thier winkte, ſich ruhig zu verhalten,„ich gehe ſchon!“ Der Häuptling hielt augenblicklich Wort, und Duncan befand ſich nun allein in dieſer wilden, unfreundlichen Höhle mit der hülfloſen Kranken und dem grimmigen, gefährlichen Thiere. Der Bar horchte, mit dem jenen Thieren eigen⸗ thümlichen Scharfſinne, auf die Tritte des Indianers, die ſich immer mehr entfernten, bis das verhallende Echo ver⸗ 14 kündete, daß auch er die Höhle verlaſſen habe. Jetzt kam das Thier watſchelnd auf Duncan zu geſchritten und ſetzte ſich vor ihm in einer natürlichen Stellung aufrecht wie ein Menſch nieder. Der junge Mann ſah ſich ängſtlich um, ob er nicht irgendwo eine Waffe fände, um ſich mit Muth und Entſchloſſenheit gegen einen Angriff zu vertheidigen, den er ernſtlich zu beſorgen anfing.. Allein das Thier ſchien plötzlich ſeine Geſinnungen gänzlich geändert zu haben. Statt ſein unzufriedenes Brummen fortzuſetzen oder ſonſt ein Zeichen des Unwil⸗ lens zu verrathen, ſchüttelte er ſeilten zottigen Körper ſo heftig, als ob es von einem ſeltſamen, innern Krampfe ergriffen würde. Die unförmlichen ſchweren Tatzen tapp⸗ ten plump an der grinſenden Schnauze umher, und wãh⸗ rend Heyward mit mißtrauiſchem Blick dieſe Bewegun⸗ gen beobachtete, fiel der furchtbare Bärenkopf auf die Seite, und an ſeiner Stelle erſchien das ehrliche, kecke Geſicht des Kundſchafters, der auf ſeine eigenthümliche Art von ganzem Herzen lachte. „Pſt!“ ſagte der vorſichtige Waidmann und unter⸗ drückte den Schrei der UÜberraſchung, der Duncan's Lip⸗ pen entſchlüpfen wollte.„Die Schurken ſind nicht weit von hier, und vernehmen ſie irgend einen Ton, der nicht zu Ihren Zaubereien gehört, ſo haben Sie die ganze Maſſe auf dem Halſe!“ „Sagt mir erſt, was die Mummerei zu bedeuten hat,“ entgegnete Heyward.„Wie habt Ihr es gewagt, Euch auf ein ſo gefährliches Unternehmen einzulaſſen?“ „ Ach! der Zufall thut oft mehr, als Nachdenken und Uberlegung,“ erwiederte der Kundſchafter.„Da indeß jede Geſchichte ihren Anfang haben muß, ſo will ich Ih⸗ nen das Ganze in der Ordnung erzählen, wie ſich's zu⸗ getragen hat. Als Sie fort waren, verbarg ich den Kommandanten und Chingachgook in einer alten Biber⸗ hütte, wo ſie ſicherer vor den Huronen ſind, als ſelbſt in der Garniſon von Edward; denn die Indianer, welche von Euch weit nach Nordweſt hin wohnen und noch nicht mit vielen Handelsleuten in genauer Verbindung ſtehen, hegen noch immer große Verehrung vor den Bibern. Hierauf ſind wir, Unkas und ich, verabredeter Maaßen aufgebro⸗ chen, um das andere Lager auszukundſchaften.— Haben Sie den Jungen geſehen?“ „Zu meinem großen Kummer. Er iſt gefangen und verurtheilt worden, mit Aufgang der Sonne zu ſterben.“ „Es hat mir wohl geahnt, daß dies ſein Schickſal ſeyn würde,“ entgegnete der Kundſchafter in einem we⸗ niger zuverſichtlichen Tone. Bald aber gewann ſeine Stimme ihre natürliche Feſtigkeit wieder.„Sein Miß⸗ geſchick,“ fuhr er fort,„iſt der eigentliche Grund, weß⸗ halb Sie mich hier ſehen; denn nie können wir zugeben, daß ſolch ein Burſche in den Händen der Huronen bleibt. Wie ſich die Schurken freuen würden, wenn ſie das „Springende Elenthier“ und die„Longue Tarabine,“ wie ſie mich nennen, an einen Pfahl binden könnten! Weßhalb ſie mir den Namen gegeben haben, iſt mir ſtets unbegreiflich geweſen; denn zwiſchen meinem Hirſchtödter und einer von Euren ächten kanadiſchen Büchſen iſt nicht mehr Ahnlichkeit, als zwiſchen einem Stücke Thon und einem Feuerſteine.“ „Bleibt hei Eurer Erzählung,“ ſagte Heyward un⸗ ———y — 154— geduldig;„wir wiſſen nicht, wie bald die Huronen zu⸗ rückkehren.“ „Seyn Sie deßhalb unbeſorgt. Einem Beſchwörer muß eben ſo gut Zeit gelaſſen werden, als einem in den Kolonien herumziehenden Prieſter. Wir ſind ſo ſicher vor jeder Unterbrechung, als ein Miſſionär, wenn er ſeine zwei Stunden lange Predigt anfängt.— Nun gut! Unkas und ich ſtießen auf eine rückkehrende Partei der Schurken. Der Junge war aber für einen Kundſchafter viel zu hitzig; indeß, da er nun ein Mal heißes Blut hat, will ich ihm gerade nicht deßhalb Vorwürfe machen. Kurz, am Ende lief einer der Huronen wie eine Memme davon, und lockte ihn fliehend in einen Hinterhalt.“ „Und theuer hat er dieſe Schwäche bezahlt!“ rief Duncan. 3 Der Kundſchafter fuhr mit der Hand auf eine aus⸗ drucksvolle Weiſe um die Kehle herum und nickte, als wollt' er ſagen:„Ich verſtehe, was Sie meinen!“ Hierauf fuhr er in einer lautern, wiewohl kaum ver⸗ ſtändlichern Sprache fort: „Nach dem Verluſt des wackern Jungen ging ich, wie Sie leicht denken können, den Huronen zu Leibe⸗ Mit zwei oder drei von ihren Kundſchaftern kam es zu einem Scharmützel; das hatte aber nicht viel zu bedeuten. So wie ich die Satansbrut mit meiner Büchſe getödtet hatte, kam ich ſo ziemlich nah' an die Wohnungen heran, ohne daß mir etwas Beſonderes zugeſtoßen wäre. Welch ein größeres Glück konnte mir nun widerfahren, als daß ich gerade an die Stelle gelangte, wo einer der berühm⸗ teſten Beſchwörer ſich, wie ich wohl merkte, verkleidete, — 155— um dem Satan ein Haupttreffen zu liefern. Doch wa⸗ rum ſollte ich das Glück nennen, was mir jetzt offenbar als eine beſondere Fügung der Vorſehung erſcheint?— Ein Schlag auf den Kopf betäubte den liſtigen Betrüger auf einige Zeit, und um allen Lärm zu vermeiden, ließ ich ihm ein Stückchen Wallnuß zu ſeinem Abendmahl zurück, und zwiſchen ein Paar jungen Bäumen ihn auf⸗ hängend, ſtreifte ich ihm ſeinen ſchönen Balg vom Leibe, und beſchloß ſelbſt die Rolle des Bären zu ſpielen, um auf dieſe Weiſe unſer Vorhaben zu fördern.“ „Und Ihr habt ſie vortrefflich geſpielt! Eure Nach⸗ ahmung hätte das Thier ſelbſt beſchämt.“ „Du lieber Gott, Major,“ erwiederte der geſchmei⸗ chelte Waidmann,„Jemand, der ſo lange, wie ich, in der Wildniß ſtudirt hat, müßte ja ein erbärmlicher Schü⸗ ler ſeyn, wenn er nicht die Bewegungen und das Weſen eines Bären nachahmen könnte. Wär' es nur eine wilde Katze oder ein völlig ausgewachſener Wolf gewe⸗ ſen, da hätten Sie eine Darſtellung ſehen ſollen, die Ihrer Aufmerkſamkeit noch werther geweſen wäre! Aber den Gang und die Manieren eines ſolchen dummen Viehs nachzuahmen, iſt eben nichts Außerordentliches, wiewohl auch die Rolle des Bären ſchlecht geſpielt wer⸗ den kann. Denn es iſt, wie jeder weiß, viel leichter zu übertreiben, als gerade das richtige Maaß zu treffen.— Aber wir haben noch viel zu thun. Wo iſt denn das junge Frauenzimmer?“ „Das weiß der Himmel! Jede Hütte im Dorf habe ich durchſpäht, ohne gleichwohl die mindeſte Spur zu ent⸗ decken, daß ſie ſich noch im Lager der Huronen befindet.“ — 156— „Sie hörten ja aber, was der Sänger zu Ihnen fagte, als er fortlief:„Sie erwartet Sie! Sie iſt hier!“ „Ich bin am Ende auf den Gedanken gekommen, er habe das unglückliche Weib hier gemeint.“ „Der Einfaltspinſel war erſchrocken, und hat ſich deßhalb nicht deutlich ausgedrückt. Gewiß liegt ein tie⸗ ferer Sinn hinter ſeinen Worten verborgen; denn hier ſind ſo viel Wände, daß ganze Kolonien dazwiſchen lie⸗ gen könnten. Aber ein Bär muß ſich auf's Klettern ver⸗ ſtehen. Ich will ein Mal hinüberſchauen. Wie leicht könnten Honigtöpfe zwiſchen dieſen Felſen verſteckt wor⸗ den ſeyn, und ich bin ein Thier, das, wie Sie wiſſen, dergleichen Süßigkeiten liebt.“ Seinen Einfall ſelbſt belachend, ſah ſich der Kund⸗ ſchafter um, und indem er die plumpen, linkiſchen Be⸗ wegungen des Thiers, das er vorſtellte, nachahmte, klet⸗ terte er die Wand hinauf. Kaum war er indeß oben, ſo winkte er dem Major ſtill zu ſfeyn und ſtieg ſogleich wieder hinab. „Sie iſt hier!“ flüſterte er,„und Sie werden ſie finden, wenn Sie durch dieſe Thür gehen. Gern hätt⸗ ich dem armen Mädchen irgend ein tröſtendes Wort ge⸗ fagt; aber bei dem Anblick eines ſolchen Ungeheuers hätte ſie leicht die Beſinnung verlieren können. Zwar was das betrifft, Major, Sie mit Ihrer Malerei ſehen eben auch nicht reizend aus!“ Duacan war bereits aufgeſprungen, um der Thür zuzueilen. Als er aber dieſe niederſchlagenden Worte hörte, blieb er ſtehen und fragte mit ſchmerzlichem Tone: „Iſt mein Anblick denn wirklich ſo zurückſchreckend?“ — 155— . „Gerade nicht ſo, daß ein Wolf ſich vor Ihnen fürchten oder ein Regiment der königlichen Amerikaner die Flucht ergreifen würde,“ entgegnete der Kundſchafter trocken.„Aber es gab doch eine Zeit, wo, ohne Ihnen zu ſchmeicheln, Ihr Außeres einnehmender war. Die Weiber der Huronen würden an Ihrem buntſcheckigten Geſichte wenig auszuſetzen haben; aber die jungen Frauen⸗ zimmer von weißem Blute ſehen ihre eigene Farbe lieber. Sehen Sie,“ fügte er hinzu, indem er auf eine Stelle wies, wo das Waſſer, aus einer Felſenſpalte hervor⸗ tröpfelnd, ſich in einem kleinen kryſtallhellen Becken ſam⸗ melte.„Mit leichter Mühe können Sie ſich hier von der Malerei befreien, womit Chingachgook Sie geſchmückt hat; und wenn Sie wieder zurückkommen, ſoll meine Hand verſuchen, Sie wieder von Neuem auf's ſchönſte zu malen. Es iſt eben ſo gewöhnlich, daß ein Beſchwö⸗ rer ſeine Malerei ändert, als daß ein junger Stutzer in den Kolonien einen andern Rock anzieht.“ Oer bedächtige Waidmann brauchte eben nicht nach Gründen zu ſuchen, um ſeinem Vorſchlage Eingang zu verſchaffen. Er ſprach noch, als Duncan zu dem Waſſer eilte, um ſich zu waſchen. In einem Augenblick war je⸗ des zurückſchreckende oder widerwärtige Merkmaal ver⸗ tilgt, und es zeigten ſich wieder die feinen, wohlgebilde⸗ ten Züge, womit die Natur den Jüngling ausgeſtattet hatte. Auf dieſe Weiſe zu einem Zuſammentreffen mit ſeiner Geliebten vorbereitet, nahm er eilig Abſchied von ſei⸗ nem Begleiter und verſchwand durch die bezeichnete Thüre. Der Kundſchafter ſah ihm mit zufriedener Miene nach und freundlich mit dem Kopfe nickend, murmelte er — 158— ſeine guten Wünſche. Hierauf machte er ſich ſehr kalt⸗ blütig an eine Unterſuchung des Speiſegewölbes der Hu⸗ ronen; denn die Höhle, obgleich zu mancherlei Zwecken dienend, war auch beſonders dazu beſtimmt, die Mund⸗ vorräthe der Nation aufzubewahren. Duncan hatte jetzt keinen andern Führer als den fernen Schimmer eines Lichtes, der dem Liebenden jedoch den Dienſt eines Polarſterns leiſtete. Seiner Leitung ſich überlaſſend, erreichte er den Hafen ſeiner Hoffnun⸗ gen, der in nichts Anderm beſtand, als in einer andern Abtheilung der Höhle, beſtimmt, einer ſo wichtigen Ge⸗ fangenen, als die Tochter des Kommandanten von William Henry war, zum ſichern Gewahrſam zu dienen. Den Boden bedeckte gänzlich die in dieſer unglücklichen Feſtung gemachte Beute, und mitten unter den zerſtreut umher liegenden Sachen fand er Alix, bleich, zitternd und erſchrocken, doch nichts deſto weniger liebenswürdig. Sie war durch David von Duncan's Ankunft unter den Hu⸗ ronen benachrichtigt worden. „Duncan!“ rief ſie, faſt erſchreckt über den Ton ihrer eigenen Stimme. „Alix!“ antwortete der Major, ſorglos über Koffer, Kaſten, Waffen und ähnliche Dinge hinwegſpringend, bis er ſich an ihrer Seite befand. „Ich wußte, daß Sie mich nicht verlaſſen würden, Duncan,“ ſagte Alix, ihn zärtlich anblickend, während ein freudiger Hoffnungsſtrahl augenblicklich ihr bekümmertes Antlitz erhellte.„Ich ſehe aber Niemand bei Ihnen, und ſo dankbar ich es auch erkenne, daß Sie ſich meiner erin⸗ nern, ſo wünſchte ich doch, ſie wären nicht ganz allein.“ —— —2 ͤͤ———·——. f — 159— Duncan ſah, daß ſie zitterte und nicht länger im Stande war, ſich aufrecht zu erhalten. Er nöthigte ſie daher mit Freundlichkeit, ſich niederzuſetzen, und erzählte ihr nun in aller Kürze die vorgefallenen Ereigniſſe, welche unſere Leſer bereits kennen. Alix hörte ihm mit lebhaf⸗ tem Intereſſe zu, und obgleich der Major den Gram des bekümmerten Vaters nur flüchtig berührte, um das kindliche Gefühl der Tochter nicht ſo ſchmerzlich zu ver⸗ wunden, ſo rollten doch die Thränen von ihrer Wange ſo reichlich herab, als hätte ſie noch nie eine vergoſſen. Der erſte heftige Ausbruch ihrer Empfindungen legte ſich indeß allmählich durch Duncan's beſänftigende Lieb⸗ koſungen, und ſie hörte dem Ende ſeiner Erzählung, wo nicht mit Ruhe, doch mit ununterbrochener Aufmerk⸗ ſamkeit zu. „Und nun, Alix,“ fuhr er fort,„ſollen Sie ſehen, wie viel wir noch von Ihnen erwarten. Mit Hülfe un⸗ ſeres erfahrenen und ſchätzbaren Freundes, des Kund⸗ ſchafters, kann es uns noch gelingen, dieſem wilden Volke zu entrinnen. Aber Sie müſſen Ihre ganze Standhaf⸗ tigkeit aufbieten— müſſen ſich mit all' Ihrem Muthe waffnen. Denken Sie daran, daß Sie den Armen Ih⸗ res ehrwürdigen Vaters entgegeneilen und daß ſein gan⸗ zes Glück, wie Ihr eignes, nur auf den von Ihnen ge⸗ forderten Anſtrengungen beruht.“ „Was ſollte ich nicht für einen Vater thun, der ſo viel für mich gethan hat!“ „Und für mich!“ fuhr der Jüngling fort, ihre Hand, die er zwiſchen der ſeinigen hielt, ſanft drückend. Der Blick voll Unſchuld und Überraſchung, den ſie — 160— auf Heyward heftete, überzeugte ihn von der Nothwen⸗ digkeit, ſich deutlicher zu erklaren. „Es iſt weder der Ort, noch die Zeit, um Sie mit meinen eigennützigen Wünſchen bekannt zu machen, liebe Alix,“ fügte er hinzu;„aber welches Herz, das ſo be⸗ drückt iſt, wie das meinige, würde ſich nicht Erleichte⸗ rung zu ſchaffen ſuchen? Das Unglück, ſagt man, ſey das mächtigſte aller Bande; die Leiden, die wir gemein⸗ ſchaftlich um Ihrentwegen erduldeten, werden mich der Mühe überheben, mich noch deutlicher gegen Ihren Vater zu erklären.“ „Und meine theure Cora, Duncan— nicht wahr, Cora iſt nicht vergeſſen worden?“ „Vergeſſen? Nein! Sie iſt bedauert worden mit einer Theilnahme, wie ſie ſelten einem Mädchen ward. Ihr ehrwürdiger Vater macht keinen Unterſchied zwiſchen ſeinen Kindern; ich aber, Alix— zürnen Sie mir nicht, wenn die Vorzüge Ihrer Schweſter einiger Maaßen ver⸗ dunkelt wurden durch—„ „Dann kennen Sie ihren Werth nicht!“ unterbrach ihn Alix, ihre Hand der ſeinigen entziehend.„Sie ſpricht von Ihnen nie anders, als von ihrem theuerſten Freunde.“ „Das will ich von ganzem Herzen glauben,“ erwie⸗ derte Duncan ſchnell,„ja ich wünſchte ihr ſelbſt noch einen höhern Platz einzuräumen; aber, Alix, darf ich hof⸗ fen, daß mit Einwilligung Ihres Vaters uns noch ein näheres und ſchöneres Band vereint?“ Das Maädchen zitterte heftig und ſchien einen Augen⸗ blick, ihr Geſicht abwendend, überwältigt zu werden von &—& ———1———— 1 8 8M⁸ ☛ι — 161— den zarten Empfindungen, für die das weibliche Geſchlecht ſo empfänglich iſt. Schnell aber dieſe Gefühle unter⸗ drückend, gewann ſie ihre vorige Faſſung wieder. „Heyward,“ ſagte ſie, mit dem rührendſten Aus⸗ druck der Unſchuld und des Vertrauens ihm in's Auge blickend,„gönnen Sie mir erſt das Wiederſehn meines ehrwürdigen Vaters, laſſen Sie mich ſeine Einwilligung vernehmen. Bis dahin bitt' ich Sie, nicht weiter in mich zu dringen.“ „Iſt mir's gleich nicht erlaubt, mehr zu ſagen, ſo konnt' ich doch auch nicht weniger,“ war der Jüngling im Begriff zu antworten, als ein leichter Schlag auf die Schulter ihn unterbrach. Er wandte ſich raſch um, die Urſache dieſer Störung zu erfahren, und erblickte die düſtre Geſtalt und das boshafte Antlitz Magug's: Das hohle, innerliche Lachen des Wilden klang dem Major in dieſem Augenblicke wie das hölliſche Hohngelächter eines Dämons. Wäre er dem Drange ſeines Gefühls ſogleich gefolgt, ſo würde er dem Huronen entgegengeſtürzt ſeyn und in einem Kampfe auf Tod und Leben ſein ganzes Glück auf's Spiel geſetzt haben. Da er aber gänzlich unbewaffnet war und nicht wußte, ob nicht mehrere Hu⸗ ronen in der Nähe wären, ſo entſagte er einem Gedan⸗ ken, den ihm nur die Verzweiflung eingegeben hatte. Er that dies um ſo mehr, da er auch für die Sicher⸗ heit eines Weſens, das ihm jetzt theurer war, als je, Sorge tragen mußte. „Was iſt dein Begehr?“ fragte Alix, demüthig ihre Arme über die Bruſt kreuzend, während ſie ſich bemühte, die Beſorgniß für Heyward unter dem kalten, zurückſtoßen⸗ 10— 12. 11 ——— — — 162— den Weſen zu verbergen, mit welchem ſie ihres Siegers Beſuche zu empfangen pflegte. Der frohlockende Wilde hatte indeß wieder ſeine fin⸗ ſtere Miene angenommen; doch zog er ſich behutſam zu⸗ rück vor den drohenden Blicken des Majors. Nachdem er einige Minuten lang ſein Auge auf die Gefangenen geheftet hatte, trat er auf die Seite und legte einen Baumſtamm vor eine andere Thür, als die, durch welche Duncan gekommen war. Der letztere ſah nun ein, auf welche Art er überrumpelt worden war. Er hielt ſich für unwiederbringlich verloren, und Alix an ſeine Bruſt ziehend, ſtand er bereit, ein Schickſal zu erdulden, das ihm in einer ſolchen Umgebung kaum beklagenswerth ſchien. Allein Magua beabſichtigte keine unmittelbare Ge⸗ waltthätigkeit; er ſchien nur darauf bedacht, Maaßregeln zu treffen, durch die er ſich ſeines neuen Gefangenen verſichern könnte. Auch warf er keinen zweiten Blick auf die mitten in der Höhle bewegungslos daſtehenden Geſtalten, bis er jeden Weg, durch den geheimen Aus⸗ gang, deſſen er ſich ſelbſt bedient, zu entkommen, gänzlich abgeſchnitten hatte. Heyward, der alle ſeine Bewegun⸗ gen ſorgfältig beobachtete, blieb feſt und ruhig ſtehen, die zarte Geſtalt der Alix an ſeine Bruſt drückend. Denn ſowohl ſein Stolz, als die geringe Hoffnung eines gün⸗ ſtigen Erfolgs hielt ihn ab, einen ſo oft überliſteten und getäuſchten Feind um Gnade zu bitten. Als Magua glaubte, den Gefangenen ſey nun jeder Ausweg zur Flucht abgeſchnitten, wandte er ſich zu ihnen und ſagte in eng⸗ liſcher Sprache: — 163— „Die bleichen Geſichter überliſten den ſchlauen Biber; aber die Rothhäute verſtehen die Yengeeſe zu fangen.“ „Möge mich das Schlimmſte treffen, Hurone!“ rief Heyward empört, in dieſem Augenblicke vergeſſend, daß ſein Geſchick mit dem eines andern theuern Weſens auf's in⸗ nigſte verflochten war.„Ich verachte dich und deine Rache!“ „Wird der weiße Mann am Pfahle auch noch ſo ſprechen?⸗ ſagte Magua, während das grinſende Lä⸗ cheln, womit er dieſe Worte begleitete, andeutete, daß er an Heyward's Standhaftigkeit zweifle. „Hier, ganz allein mit dir,“ fuhr der unerſchrockene Duncan fort,„oder in Gegenwart deiner ganzen verſam⸗ melten Nation!⸗ „Le Renard Subtil iſt ein großer Häuptling,“ ent⸗ gegnete der Indianer. ⸗Er wird ſeine jungen Krieger herbeirufen, damit ſie ſehen, wie ſtandhaft ein bleiches Geſicht die Martern erdulden kann.⸗ So ſprechend, wandte er ſich hinweg, und ging auf die Thüre zu, durch welche Duncan gekommen war; al⸗ lein er blieb einen Augenblick ſtehen, als ein leiſes, dro⸗ hendes Brummen ſich hören ließ. Die Geſtalt des Bä⸗ ren zeigte ſich jetzt in der Thür, wo ſie ſich niederſetzte, mit ihrer gewöhnlichen Unruhe von einer Seite zur an⸗ dern ſchwankend. Gleich dem Vater des kranken Weibes betrachtete Magua das Thier aufmerkſam, als ob er über deſſen wirkliche Beſchaffenheit zu einer feſten Ueberzeu⸗ gung gelangen wollte. Allein erhaben über den gemei⸗ nen Aberglauben ſeines Stammes, war er, ſo wie er die bekannte Vermummung eines Beſchwörers erkannte, im Begriff, mit kalter Verachtung bei ihm vorbeizugehen. 11* — 164— Doch ein lautes und drohenderes Brummen bewog ihn, abermals ſtehen zu bleiben. Plötzlich ſchien er indeß ent⸗ ſchloſſen, ſich nicht länger aufhalten laſſen zu wollen, und ſchritt muthig vorwärts. Der Bär zog ſich langſam vor ihm zurück bis an den engen Durchgang, und indem er ſich hier auf ſeine Hinterbeine ſtellte, hieb er, nach Art dieſer Thiere, mit den Vordertatzen in der Luft herum. „Narr!“ rief der Häuptling in huroniſcher Sprache, „geh', treibe mit Kindern und Weibern deine Späße, und laſſe verſtändige Männer in Ruhe.⸗ Er that abermals einen Schritt vorwärts, um an dem vermeintlichen Gaukler vorüberzugehen, während er es nicht ein Mal der Mühe werth hielt, eine drohende Be⸗ wegung zu machen, als ob er nach dem ſcharfen Meſſer oder der blinkenden Streitaxt greifen wolle, die an ſei⸗ nem Gürtel befeſtigt waren. Plötzlich aber ſtreckte die Beſtie ihre Arme oder vielmehr Beine aus und umſchlang ihn mit der eigenthümlichen Kraft dieſer Thiere. Mit geſpannter Aufmerkſamkeit und lebhaftem An⸗ theil hatte Dunçan allen dieſen Bewegungen des Kund⸗ ſchafters zugeſehen. Zuerſt ließ er Alix los; dann aber einen ledernen Riemen ergreifend, mit welchem irgend ein Bündel zugeknüpft geweſen war, ſtürzte er auf Ma⸗ gug, den Hawk⸗eye umklammert hielt. Er umſchlang die Arme und Beine des Huronen zwanzigfach mit dem Riemen, wodurch es Magua unmöglich ward, irgend eine Bewegung zu machen. Als er völlig feſtgebunden war, ließ Hawk⸗eye ihn los, und Duncan legte ſeinen Feind, der üch in der hülfloſeſten Lage befand, auf den Rücken, Nicht der leiſeſte Laut war dem Huronen während dieſes unerwarteten Angriffs entſchlüpft. Er hatte indeß alle ſeine Kräfte zum Widerſtande aufgeboten, bis er ſich endlich überzeugte, er habe es mit einem Gegner zu thun, der ihm an Muskelkraft weit überlegen war. Erſt als der Kundſchafter, um ihm mit einem Mal eine Auf⸗ klärung über ſein Verfahren zu geben, die zottigen Kinn⸗ backen des Thiers auf die Seite ſchob und dem Huro⸗ nen ſein eignes rauhes und ernſtes Antlitz zeigte, konnte dieſer den Schrei der Ueberraſchung nicht unterdrücken, und ließ ziemlich laut ſein gewöhnliches:„Hugh!⸗ erſchallen. „Aha! Haſt du wieder die Sprache bekommen?⸗ ſagte der unerſchütterliche Sieger.„Nun, damit du dich ihrer nicht etwa zu unſerm Verderben bedienſt, ſo will ich mir die Freiheit nehmen, dir den Mund zu ſtopfen.⸗ Da keine Zeit zu verlieren war, ſo machte ſich der Kundſchafter ſogleich an's Werk, ſeinen Feind zu kne⸗ beln. Nach dieſer nöthigen Vorſichtsmaaßregel war von dem verſchlagenen Indianer nichts mehr zu fürchten. „⸗Wie iſt denn der Schurke hier hereingekommen?⸗ fragte der bedächtige Kundſchafter, als er ſein Geſchäft vollbracht hatte. ⸗Es iſt Niemand in das andere Gemach gekommen, ſeit Ihr, Major, mich verlaſſen habt.⸗ Duncan zeigte ihm die Thür, durch welche der In⸗ dianer eingetreten war. Sie war aber jetzt zu feſt ver⸗ rammelt, um durch dieſelbe ſogleich entſchlüpfen zu koͤnnen. „Bringt das Mädchen her!⸗ fuhr ſein Freund fort, — 166— „wir müſſen durch den andern Ausgang in den Wald zu entkommen ſuchen.“ „Das iſt unmöglich!“ ſagte Heyward.„Der Schreck hat ihre Glieder gelähmt; ſie liegt hülflos da. Alix! meine ſüße, meine einzige Alix! ermanne dich! Der Augenblick zur Flucht iſt da!— Es iſt vergebens! Sie hört mich; aber ſie iſt außer Stande, uns zu folgen. Geht, mein edler, würdiger Freund, rettet Euch, und überlaßt mich meinem Schickſal!⸗ „Jede Spur hat ihr Ende, und jedes Unglück gibt uns eine gute Lehre,“ erwiederte der Kundſchafter. „Da wickeln Sie ſie in dieſe indianiſchen Decken ein, doch ſo, daß man nichts von ihrer Geſtalt ſehe. Auch den Fuß hier! Er würde ſie verrathen; denn es gibt hier in der Wildniß keinen, der ihm gleicht. Verhüllen Sie jedes Glied. So!— Nun raſch ſie auf den Arm genommen und mir nachgefolgt! Das Uebrige iſt meine Sache.“ Duncan gehorchte, wie man aus den Worten ſeines Gefährten abnehmen kann, auf's pünktlichſte, und kaum hatte dieſer ausgeredet, ſo nahm er die leichte Geſtalt der Alir in ſeinen Arm und folgte dem Kundſchafter durch das Gemach der Kranken, die ſie noch eben ſo allein, wie früherhin, fanden, nach dem Felſeneingange. Vor der kleinen Thür von Baumrinde hörten ſie das Gemurmel mehrerer Stimmen. Es verkündete ihnen, daß die Freunde und Verwandten des kranken Weibes ſich hier verſammelt hatten, geduldig wartend, bis man ihnen vergönnen mögte einzutreten. „Wenn ich meine Lippen offnete, um zu ſprechen,“ — 167— flüſterte Haw⸗keye,„ſo würde mich mein Engliſch verra⸗ then, das die wahre Sprache einer weißen Haut iſt, und die Schurken würden ſogleich merken, daß ſich ein Feind unter ihnen befinde. Sprechen Sie daher Ihr Kauderwälſch, Major, und ſagen Sie ihnen, wir hätten den böſen Geiſt in die Höhle eingeſperrt, und wollten das Weib in die Wälder tragen, um ſtärkende Wurzeln für ſie zu ſuchen. All' Ihre Klugheit müſſen Sie auf⸗ bieten; denn es iſt ein ſchwieriges Unternehmen. Die Thür öffnete ſich jetzt etwas, als wenn Jemand von außen horchen wollte, was inwendig vorgehe. Der Kundſchafter ward dadurch genöthigt, mit ſeinen Anwei⸗ ſungen inne zu halten. Ein zorniges Brummen ſchreckte den Horcher zurück, und der Kundſchafter, der mit kräf⸗ tiger Hand die Rindendecke aufriß, trat aus dem Gange, im Gehen die Rolle des Bären fortſpielend. Duncan folgte ihm auf dem Fuß nach, und ſah ſich bald von etwa zwanzig beſorgten Freunden und Verwandten der kranken Frau umringt. Sie wichen ein wenig zurück und ließen den Vater und einen andern, der der Mann des Weibes zu ſeyn ſchien, näher vortreten. „Hat mein Bruder den böſen Geiſt ausgetrieben?“ fragte der Erſtere.„Was trägt er in ſeinen Armen?“ „Dein Kind!“ erwiederte Duncan ernſt und feier⸗ lich,„die Krankheit hat die Arme verlaſſen und iſt in die Felſenhöhle eingeſchloſſen. Ich will das Weib eine Strecke weit tragen, um ſie zu ſtärken gegen alle ferne⸗ ren Anfälle ihres Uebels. Sie ſoll wieder in der Hütte des jungen Mannes ſeyn, wenn die Sonne wiederkommt.“ — 168— Der Vater überſetzte den Inhalt der Rede des Fremd⸗ lings in die Huronen⸗Sprache, und ein leiſes Gemurmel verkündete die Zufriedenheit, womit dieſe Nachricht auf⸗ genommen ward. Der Häuptling ſelbſt gab Duncan ei⸗ nen Wink mit der Hand, ſich weiter zu entfernen, und ſagte dann mit feſter Stimme und ſtolzem Weſen: „Geh'! Ich bin ein Mann. Ich will mich in die Höhle begeben und mit dem böſen Geiſte kämpfen.“ Heyward gehorchte mit Vergnügen, und war ſchon an der kleinen Gruppe vorübergegangen, als dieſe beun⸗ ruhigenden Worte ihn wiederum nöthigten ſtehen zu bleiben. „Iſt mein Bruder nicht bei Sinnen?“ rief er.„Iſt er grauſam gegen ſich ſelbſt? Er wird die Krankheit dort treffen, und ſie wird in ihn fahren oder, wenn er ſie heraustreibt, ſeine Tochter im Walde verfolgen.— Nein, wartet hier draußen, und zeigt ſich der Geiſt, ſo ſchlagt ihn mit Keulen nieder. Er iſt ſehr ſchlau, und wird ſich in den Berg begeben, wenn er ſieht, daß hier ſo viele bereit ſtehen, um mit ihm zu kämpfen.“ Dieſe ſeltſame Warnung war von dem beſten Erfolg begleitet. Der Vater und der Gatte des Weibes gaben ihren Entſchluß auf, die Höhle zu betreten. Sie rüſte⸗ ten ſich, ihre ganze Rache an dem vermeintlichen Quäl⸗ geiſte der armen Verwandten auszulaſſen. Zu ähnlichem Zweck brachten Weiber und Kinder Aeſte von den Gebü⸗ ſchen oder ſchleppten Felsſtücke herbei. Die falſchen Be⸗ ſchwörer benutzten dieſen günſtigen Augenblick und entfern⸗ fernten ſich ſchnell. Hawk⸗ eye hatte bei dieſem Plan zwar ſehr viel auf — 169— die Macht des Aberglaubens gerechnet, der unter den Indianern herrſchte; allein er wußte zugleich recht gut, daß die Klügern unter den Häuptlingen dieſen Aberglau⸗ ben eigentlich mehr duldeten, als ſelbſt theilten. Er fühlte daher, wie koſtbar die Zeit in dieſer dringenden Noth ſey. Denn wenn auch die Feinde durch ihre Leicht⸗ gläubigkeit ſeine Plane begünſtigt hatten, ſo wußte er recht gut, daß der geringſte Argwohn, der ſich in der Seele eines Indianers regte, für ihn die verderblichſten Fol⸗ gen haben konnte. Er ſchlug daher einen abgelegenen Pfad ein, um nicht an den Wohnungen vorübergehen zu müſſen. Die Krieger-waren noch in einiger Entfernung zu ſehen; ſie eilten bei dem matten Schein des erlö⸗ ſchenden Feuers von Hütte zu Hütte. Dagegen hatten die Kinder ihre Spiele eingeſtellt und ſich auf ihre Lager von Fellen begeben. Die Ruhe und Stille der Nacht hatte über den Aufruhr und die Gahrung dieſes durch ſo viele Ereigniſſe merkwürdigen Abends die Ober⸗ hand gewonnen. Der Einfluß der freien Luft äußerte ſeine wohlthä⸗ tige Wirkung auf Alix, die ſich bald erholte. Einer Er⸗ klärung desjenigen, was ſich ereignet hatte, bedurfte ſie nicht, da ihre Schwäche mehr eine Folge der Erſchöpfung ihrer phyſiſchen Kräfte, als ein Mangel an Beſinnung geweſen war. „Ich will einen Verſuch machen zu gehen,“ ſagte ſie, als ſie den Wald erreicht hatten;„ich habe mich nun wirklich wieder erholt,“ fügte ſie hinzu, erröthend, daß ſie nicht früher im Stande geweſen war, Duncan's Arm zu verlaſſen. „Nein, Alix, Sie ſind noch zu ſchwach,“ entgegnete der Jüngling. Das Maädchen ſträubte ſich ſanft und war bemüht, ſich aus ſeinen Armen loszuwinden. Heyward ſah ſich daher, wiewohl ungern, genöthigt, ſeine theure Laſt nie⸗ derzuſetzen. Dem Repräſentanten des Baren waren ohne Zweifel die wonnigen Empfindungen gänzlich unbe⸗ kannt, die den Liebenden, als er die Geliebte in ſeinen Armen trug, durchglühten. Eben ſo wenig mogte er viel⸗ leicht das Gefühl der Schaam begreifen, von welchem Alix, als ſie raſch vorwärts ſchritten, ihre Bruſt beklommen fühlte. Als Hawk⸗eye ſich indeß in gehöriger Entfernung von dem Lager der Huronen befand, machte er Halt, um von einem Gegenſtande zu ſprechen, den er beſſer kannte. „Dieſer Pfad,“ ſagte er, wird Sie zu dem Bache führen. Gehen Sie ſein nördliches Ufer entlang, bis Sie zu einem Waſſerfalle kommen. Dort ſteigen Sie den Berg rechts hinauf, und Sie werden die Feuer des an⸗ dern Volks erblicken. Zu ihm müſſen Sie ſich wenden und dieſe Leute um Schutz bitten. Sind ſie wirkliche Delawarer, ſo wird dieſe Bitte nicht vergeblich ſeyn. Mit dem jungen Mädchen noch weiter zu fliehen, iſt un⸗ möglich. Die Huronen würden unſrer Spur nachgehen, und würden Herren unſerer Kopfhäute, ehe wir noch ein Dutzend Meilen zurückgelegt hätten. Gehen Sie; die Vor. ſehung verleihe Ihnen Ihren Schutz.“ „Und Ihr?“ fragte Heyward erſtaunt,„wir tren⸗ nen uns doch nicht hier?“ „Die Huronen haben den Stolz der 2 Delawarer, der Letzte von dem Hohen Blute der Mohikaner iſt in ihrer Gewalt,“ verſetzte der Kundſchafter.„Ich will hingehn und will mein Möglichſtes thun, meinen jungen Freund zu retten. Hätten ſie ihre Kopfhaut genommen, Major, ſo hätte es ſo vielen Schurken das Leben gekoſtet, als Haare darauf wachſen; wird aber Unkas zum Pfahle hinausgeführt, ſo ſollen die Indianer ſehen, daß auch ein Mann von unvermiſchtem Blut zu ſterben weiß.“ Ohne ſich im geringſten durch den Vorzug gekränkt zu fühlen, den der freimüthige Waidmann einem Men⸗ ſchen gab, der gewiſſer Maaßen ſein angenommenes Kind genannt werden konnte, ſuchte Duncan alle möglichen Grunde hervor, um ihn von einem ſo verzweifelten Ent⸗ ſchluſſe abzubringen. Alix unterſtützte ihn hierin; ſie und Heyward vereinigten ihre Bitten, einen Plan aufzuge⸗ ben, der mit ſo vieler Gefahr verbunden und deſſen Gelingen ſo zweifelhaft war. Fruchtlos aber verſchwen⸗ deten ſie ihre Beredſamkeit. Der Kundſchafter hörte ſie aufmerkſam, doch ungeduldig an, und ſetzte endlich dem Geſpräch dadurch ein Ziel, daß er in einem Tone ant⸗ wortete, der Alix ſogleich zum Schweigen brachte, während er Heyward überzeugte, daß jede weitere Ein⸗ wendung fruchtlos ſeyn würde. „Ich habe gehört,“ ſagte er,„es gäbe in der Ju⸗ gend ein Gefühl, das den Mann feſter an das Weib kettet, als ein Vater an ſeinem Sohne hängen kann. Das mag wahr ſeyn. Was mich betrifft, ſo bin ich ſel⸗ ten an Orten geweſen, wo ich Weiber von meiner Farbe traf; indeß in den Kolonien mag die Natur der Menſchen allerdings ſo beſchaffen ſeyn. Sie haben Ihr Leben, ha⸗ ben Alles, was Ihnen irgend theuer iſt, daran gewagt, dies junge Mädchen zu retten, und ich glaube, dem Al⸗ len liegt am Ende eine ſolche Neigung zum Grunde. Was mich betrifft, ſo hab ich Unkas gelehrt, wie er mit einer Büchſe umgehen muß, und reichlich hat er mir meine Mühe vergolten. Ich hab' in manchem Schar⸗ mützel an ſeiner Seite gekämpft, und ſo lange ich den Knall ſeiner Büchſe mit dem einen Ohr und den von Chin⸗ gachgook's Gewehr mit dem andern hören konnte, wußte ich, daß kein Feind mir im Rücken war. Winter und Sommer, Nachts und bei Tage haben wir mit einander die Wildniß durchzogen, haben aus einer Schüſſel mit einander gegeſſen, und während der Eine ſchlief, wachte der Andere für ihn; und ehe Jemand ſagen ſoll: Unkas wurde zum Marterpfahl geführt, während ich nicht weit war— wir haben alle, wie verſchieden auch die Farbe der Haut ſeyn mag, nur ein Weſen, das uns alle re⸗ giert, und dieſes Weſen ruf' ich zum Zeugen an— ehe der Mohikaner ſterben ſoll, weil er keinen Freund hat, eher ſoll Treu' und Glauben überall auf der Erde wei⸗ chen und mein„Hirſchtödter“ ein ſo unſchädliches Spiel⸗ werk werden, als das Inſtrument des Sängers.“ Duncan ließ den Arm des Kundſchafters los, und dieſer kehrte ſogleich um, mit feſtem Schritt nach den Hütten zurückeilend. Nachdem ſie ihrem Freunde noch eine Zeitlang nachgeſehen, verloren ſie ihn in der Dun⸗ kelheit aus den Augen. Der glückliche und dennoch be⸗ trübte Heyward ſetzte nun mit ſeiner Gebieterin den Weg nach dem fernen Lager der Delawarer fort. Neuͤntes Kapitel. Grund. Laßt mich doch auch den Löwen ſvielen. Sommernachtstraum. Hawk⸗eye ſah, trotz ſeines kecken Entſchluſſes, doch alle die Gefahren und Schwierigkeiten ein, denen er ent⸗ gegen ging. Auf ſeinem Rückwege nach dem Lager bot er ſeinen angebornen und durch manche Erfahrungen ge⸗ prüften Scharfſinn auf, ein Mittel zu erſinnen, auf welche Weiſe er die Liſt und Wachſamkeit ſeiner Feinde, die der ſeinigen, wie er wohl wußte, in keiner Hinſicht nachſtand, täuſchen könnte. Nur der Farbe ſeiner Haut dankten Magua und der Beſchwörer das Leben; denn un⸗ fehlbar würden ſie als das erſte Opfer für ſeine Sicher⸗ heit gefallen ſeyn, wenn der Kundſchafter nicht eine ſolche That, ſo ſehr ſie auch mit der Handlungsweiſe eines India⸗ ners übereinſtimmen mogte, eines Mannes höchſt unwür⸗ dig gehalten hätte, der ſich rühmte, von unvermiſchtem Blute abzuſtammen. Demzufolge verließ er ſich auf die Zweige und Riemen, mit denen er ſeine Gefangenen feſtgebunden hatte, und ſetzte ſeinen Weg in gerader Richtung nach den Hütten fort. Als er ſich ihm näherte, ſchritt er langſamer und vorſichtiger vorwärts. Kein Zeichen, das ihm gefährlich oder nützlich werden kounte, entging ſeinem Auge. Et⸗ — 174— was entfernt von den übrigen ſtand eine einzelne, ver⸗ fallene Hütte, welche, halb vollendet, von den Erbauern wieder verlaſſen worden zu ſeyn ſchien, denen es vielleicht an dem nöthigen Baumaterial oder an Waſſer gefehlt haben mogte. Dennoch ſchien ſie nicht unbewohnt zu ſeyn, wie ein ſchwaches Licht verrieth, das durch die Ritzen der Wände ſchimmerte. Dorthin begab ſich der Kundſchafter, wie ein kluger Feldherr, der erſt die Vor⸗ poſten des Feindes rekognoscirt, ehe er einen Angriff unternimmt. Nachdem er wieder den Gang und das Weſen des Thiers, das er vorſtellte, angenommen hatte, kroch Hawk⸗ eye zu einer kleinen Oeffnung, die ihm vergönnte, das Innere der Hütte zu betrachten. Er entdeckte bald, daß es die Wohnung David's war. Der treue Singmeiſter hatte ſich hierher mit all ſeinen Sorgen und Angſten und ſeiner demüthigen Ergebung in die Beſchlüſſe der Vorſehung zurückgezogen. Gerade in dem Augenblicke, wo der Kundſchafter ſeine unbeholfene Geſtalt erblickte, war der Sänger in tiefes Nachdenken verſunken über die ſeltſame Erſcheinung des Bären in der Höhle. So feſt auch David überzeugt war, daß die alten Wunder wirklich Statt gefunden hätten, ſo bezweifelte er doch eine unmittelbare übernatürliche Einwirkung in den ſittlichen Zuſtand der jetzigen Welt. Mit andern Worten, während er feſt glaubte, daß Bileam's Eſel geſprochen habe, konnte er doch hinſichtlich des Singens eines Bä⸗ ren einige Zweifel nicht unterdrücken. Und doch war dies eine Thatſache, für die das Zeugniß ſeines eignen Ohrs unwiderleglich ſprach! In ſeiner Miene, wie in ſeinem ganzen Benehmen lag etwas, das Verlegenheit auszudrücken ſchien. Der Kundſchafter glaubte auf eine gänzliche Zerrüttung ſeines Gemüthszuſtandes ſchließen zu müſſen. Den Kopf auf ſeinen Arm geſtützt, ſaß David in einer ſchwermüthigen, nachdenkenden Stellung auf einem Bündel Reisholz, aus dem er von Zeit zu Zeit einige Zweige herauszog, um ſein Feuer zu unterhalten. Sein bereits geſchilderter Anzug hatte keine Veränderung erlitten, außer daß er ſeinen kahlen Kopf mit dem dreieckigen Hute bedeckt hatte, der wahrſcheinlich nicht anziehend genug geweſen war, die Raubgier irgend eines Huronen zu reizen. Hawkseye erinnerte ſich der Eile, womit David ſei⸗ nen Platz an dem Lager des kranken Weibes verlaſſen und ſich aus der Höhle geflüchtet hatte; dies ließ ihn den Gegenſtand der Betrachtungen, in die der Sänger ver⸗ ſunken war, halb und halb errathen. Er machte zuerſt die Runde um die Hütte, um ſich zu überzeugen, daß ſie ganz allein ſtehe; und da er vermuthete, daß der Gemüthszuſtand ihres Bewohners wahrſcheinlich jeden Beſuch von ihm entfernen würde, ſo wagte er es, durch die niedre Thür zu David hineinzutreten. Der Kund⸗ ſchafter ſetzte ſich ihm gegenüber auf die Hinterfüße, und faſt eine Minute lang ſahen Beide einander ſchweigend und unverwandt an. Endlich hatte doch bald die uner⸗ wartete, ſeltſame Störung, wenn nicht über David's Philoſophie, doch über ſeinen Glauben und ſeine kaltblütige Ruhe geſtegt. Er griff nach ſeinem Inſtrument und ſtanv in großer Verwirrung auf, um eine Art von mu⸗ ſikaliſchem Exorcismus zu verſuchen. — 176— „Schwarzes, geheimnißvolles Unthier!“ rief er, wäh⸗ rend er mit zitternder Hand ſeine Brille auf der Naſe befeſtigte und dann die geprieſene Pſalmenüberſetzung, ſein unfehlbares Troſtmittel in allen Nöthen, hervorſuchte: ich kenne weder deine Natur, noch deine Abſicht; führſt du aber gegen die Perſon und die Freiheit eines der demüthigſten Diener der Kirche etwas Böſes im Schilde, ſo höre auf die begeiſterte Sprache des Jüng⸗ lings aus Iſrael, und gehe reuevoll in dich.“ Der Bär ſchüttelte ſeinen zottigen Leib auf eine un⸗ begreifliche Weiſe, und gleich darauf erſcholl eine bekannte Stimme: „Steckt Euer Spielzeug wieder in die Taſche und hört auf zu ſchreien! Fünf Worte deutliches und ver⸗ nehmliches Engliſch ſind jetzt mehr werth, als wenn du eine Stunde lang dein Geſchwätz fortſetzteſt.“ „Wer biſt du?“ fragte David, der ſich völlig außer Stande befand, ſein anfängliches Vorhaben auszuführen, und beinahe nach Luft ſchnappte. „Ein Menſch, wie du ſelbſt, und zwar einer, in deſſen Adern eben ſo wenig ein Tropfen Bärenblut rollt, als in deinen eigenen. Haſe du denn ſchon ſo bald ver⸗ geſſen, wer dir das alberne Inſtrument gab, das du da in der Hand hältſt?“ „Wär' es möglich?“ rief David, freier Athem ſcho⸗ vfend, als ihm allmählich ein Licht in der Sache aufzu⸗ gehen ſchien.„Gar manche wunderbare Dinge hab' ich während meines Aufenthalts bei den Heiden erlebt; aber ſo was iſt mir noch nicht vorgekommen!“ „Kommt her!“ fuhr Hawk⸗eye fort, indem er ſein „ 4 α☛ ⏑—‿ ehrliches Geſicht entlarvte, um ſeinen ungläubigen Ge⸗ fährten völlig zu beruhigen.„Die Haut, die Ihr hier ſeht, iſt zwar nicht ſo weiß, als die der Frauenzimmer; allein ſie hat keine andere Röthe, als die, welche ſie den Stürmen und der Sonne verdankt. Doch laßt uns jetzt an unſer Geſchäft gehen.“ „Sagt mir zuerſt, wie es dem Mädchen geht und dem tapfern jungen Manne, der ſie ſo muthig aufſuchte,“ unterbrach ihn David. „Ei, ſie ſind glücklicher Weiſe vor den Streitäxten der Schurken gerettet. Könnt Ihr mich aber wohl auf Unkas Spur bringen?“ „Der junge Burſche iſt gefangen, und ſein Tod, fürcht' ich, ſchon beſchloſſen. Schade drum, daß ein jun⸗ ger Menſch von ſo ſchönen Anlagen ſo in ſeiner Unwiſ⸗ ſenheit ſterben ſoll. Ich habe eine ſo ſchöne Hymne ge⸗ wählt—“ „Könnt Ihr mich wohl zu ihm führen?“ unterbrach ihn der Kundſchafter. „Das hat eben keine großen Schwierigkeiten,“ ſagte David;„aber ich fürchte, Eure Gegenwart wird ſein un⸗ glückliches Geſchick eher verſchlimmern, als mildern.“ „Keine Einwendung mehr! Zeigt mir den Weg!“ verſetzte Hawk⸗eye, der wiederum ſein Geſicht bedeckte und, dem Sänger vorangehend, die Hütte verließ. Unterwegs erzählte David dem Kundſchafter, daß er bereits Unkas beſucht, ohne daß ihm Jemand ein Hinder⸗ niß in den Weg gelegt habe. Dieſe Freiheit dankte er theils ſeiner vermeintlichen Geiſtesſchwäche, theils dem Umſtande, daß er mit einem der Wächter bekannt war, 10— 12. 1² — 178— den, weil er etwas Engliſch verſtand, David ſich zum Gegenſtande einer religiöſen Bekehrung auserſehen hatte. Ob der Hurone übrigens einen deutlichen Begriff von den Abſichten ſeines neuen Freundes hatte, möge hier un⸗ entſchieden bleiben. Allein eine ausſchließliche Aufmer⸗ ſamkeit iſt für einen Wilden eben ſo ſchmeichelhaft, als für ein Weſen von höherer Bildung, und ſo war der eben erwähnte Erfolg ſehr natürlich herbeigeführt wor⸗ den. Es iſt unnöthig, die Gewandtheit zu ſchildern, wo⸗ mit der ſchlaue Kundſchafter dem offenherzigen David dieſe Umſtände entlockte. Eben ſo wenig wollen wir uns bei den Verhaltungsregeln aufhalten, als er von Allem, was er zu wiſſen wünſchte, völlig unterrichtet war. Dem Leſer wird im Fortgange der Erzählung das Ganze voll⸗ kommen deutlich werden. Die Hütte, in welcher Unkas bewacht ward, ſtand gerade in der Mitte des Dorfes, und dieſe Lage machte es ſchwieriger, als bei jeder andern, ſich unbemerkt ihr zu nähern oder ſie zu verlaſſen. Allein es lag auch gar nicht in dem Plan des Kundſchafters, ſich verſtohlen hinein⸗ zuſchleichen. Er verließ ſich vielmehr auf ſeine Verklei⸗ dung, ſo wie auf die Gewandtheit, ſeinen angenommenen Charakter zu behaupten, und ſchlug daher den geraden Weg nach der Hütte ein. Die nächtliche Stunde begünſtigte ihn indeß mehr, als alle Vorſichtsmaaßregeln, die er hätte ergreifen können. Die Knaben lagen ſchon in tiefem Schlafe, die Huronen und ihre Weiber hatten ſich in ihre Hütten begeben, um der Ruhe zu genießen. Nur vier oder fünf Krieger ver⸗ weilten am Eingange vor Unkas Gefängniſſe und ſchie⸗ 4 1 — 179— n nen das Benehmen ihres Gefangenen von Zeit zu Zeit . ſcharf zu beobachten. n Als ſie David und ſeinen Begleiter in der wohlbe⸗ 2 kannten Mummerei ihres angeſehenſten Beſchwörers er⸗ 4 blickten, ließen ſie ſogleich den Eingang frei; doch ſchie⸗ 8 N nen ſie nicht Luſt zu haben, ſich ganz zu entfernen. Ein r ſolcher Beſuch verhieß ihnen ein ungewöhnliches und ge⸗ 2 heimnißvolles Poſſenſpiel, und feſſelte ſie daher an den 3 Platz. Da der Kundſchafter ſich nicht in der Sprache 8 d der Huronen auszudrücken wußte, ſo war er genöthigt, 4 8 David allein reden zu laſſen. Dieſer rechtfertigte, trotz 2 ſeiner Einfalt, das ihm geſchenkte Vertrauen. Er be⸗ m folgte pünktlich die empfangenen Vorſchriften und über⸗ 5„ traf in dieſer Hinſicht ſelbſt die kühnſten Erwartungen ſeines Lehrers. d„Die Delawarer ſind Weiber!“ rief er, ſich an den te Wilden wendend, der einige Kenntniß von der Sprache r hatte, in der er redete.„Die Yengeeſe, meine thörich⸗ ar ten Landsleute, haben ihnen geſagt, ſie ſollten die Streit⸗ n⸗ axt ergreifen und damit gegen ihre Väter in Kanada ei⸗ ziehen; und ſie haben ihr Geſchlecht vergeſſen. Wünſcht en mein Bruder zu hören, wie Le Cerf agile um den Wei⸗ en berrock bittet? Will er ihn am Pfahl vor den Huronen weinen ſehn?“ ls Der Ausruf:„Hugh!“, in einem beifallgebenden n. Tone ausgeſtoßen, bewies die Freude, womit der Wilde en ein ſolches Zeichen von Schwäche an einem ſo verhaßten m 1 und doch gefürchteten Feinde erblicken würde. r⸗„Laßt ihn auf die Seite treten, und der weiſe Mann wird den Hund anblaſen! Sag' es meinen Brüdern.“ 3 12* — 180— Dieſe Worte David's erklärte der Hurone ſeinen Gefährten, die ihrerſeits gleichfalls zufrieden zu ſeyn ſchienen mit einem Vorſchlage, der ihren wilden Gemü⸗ thern inſofern willkommen war, als ihre Grauſamkeit ſich dabei einen höhern Genuß verſprach. Sie entfern ten ſich ein wenig von dem Eingange, und gaben dem vorgeblichen Beſchwörer einen Wink, daß er hineintreten möge. Der Bär blieb indeß ruhig ſitzen und ſetzte ſein Brummen fort. „Der weiſe Mann fürchtet,“ ſagte David,„ſein Hauch werde ſeine Brüder berühren und ihnen gleich⸗ falls ihren Muth nehmen. Sie müſſen weiter zurück⸗ treten.“ Die Huronen, die einen ſolchen Unfall für das größte Meßgeſchick gehalten haben würden, das ſie jemals tref⸗ fen könnte, traten ſogleich zurück und ſtellten ſich ſo, daß ſie zwar nichts hören konnten, jedoch den Eingang der Hütte im Auge behielten. Jetzt verließ der Kund⸗ ſchafter, als glaube er ſie nun vor allen nachtheiligen Folgen geſichert, ſeinen Platz und begab ſich langſam in die Hütte. Dunkelheit und Stille herrſchte darin; denn ſie ward nur von dem Gefangenen bewohnt und matt erhellt durch ein Paar halb erloſchene Feuerbrände, die zur Zu⸗ bereitung einiger Speiſen gedient hatten. Unkas ſtand in einer fernen Ecke, mit dem Rücken an die Wand gelehnt. Seine Hände und Füße waren mit ſtarken und ſchmerzhaften Banden auf's feſteſte zu⸗ ſammengeſchnürt. Als der junge Mohikaner den furcht⸗ baren Gegenſtand erblickte, würdigte er das Thier kaum *— 181— eines Blicks. Der Kundſchafter, welcher David an der Thür zurückgelaſſen hatte, hielt es für rathſam, ſeine Verkleidung ſo lange beizubehalten, bis er gewiß war, daß ſie unbemerkt wären. Statt zu ſprechen, bemühte er ſich, die wunderlichen Gebärden des Thiers, das er vorſtellte, nachzuahmen. Der junge Mohikaner glaubte Anfangs, ſeine Feinde hätten, um ihn zu beunruhigen, einen wirklichen Bären hereingelaſſen. Allein mehrere Mängel, die ſich der Kundſchafter in ſeinen nachgemach⸗ ten Bewegungen zu Schulden kommen ließ, verriethen Unkas, daß hier ein Betrug obwalte. Hätte Hawk⸗eye ahnen können, daß der gewandtere Unkas ſeine Darſtel⸗ lung für ſo mangelhaft hielt, ſo würde er wahrſcheinlich ihm zum Trotz ſeine Rolle noch länger fortgeſpielt haben. Allein der verächtliche Ausdruck in dem Auge des jungen Mohikaners ließ ſich noch auf manche andere Weiſe deu⸗ ten, und ſo ward dem Kundſchafter die demüthigende Schaam einer ſolchen Entdeckung erſpart. Als daher David das verabredete Zeichen gegeben hatte, begann Hawk⸗eye, Statt ſeines bisherigen Barengebrummes, leiſe wie eine Schlange zu ziſchen. Der junge Mohikaner hatte ſich mit dem Rücken an die Wand gelehnt und ſeine Augen geſchloſſen, als ob er einem ſo widerlichen und verächt⸗ lichen Gegenſtande keine Aufmerkſamkeit mehr ſchenken wolle. Kaum aber vernahm er das Schlangengeziſch, als er ſich aufrichtete und rings umherblickte. Als ſein Auge dem zottigen Unthier begegnete, blieb es, wie durch einen Zauber, feſt darauf geheftet. Dieſelben Toͤne wie⸗ derholten ſich, und ſchienen aus dem Rachen des Thiers zu kommen. Des Jünglings Augen ſtreiften abermals in dem ganzen innern Raum der Hütte umher, und als ſie ſich wieder auf den Bären hefteten, ſtieß er in einem leiſen, unterdrückten Tone den Ausruf: „Hugh!“ aus. „Zerſchneide ſeine Bande!“ ſagte der Kundſchafter zu dem eben hereintretenden David. Der Sänger gehorchte, und Unkas fühlte ſeine Glie⸗ der von jedem Zwange befreit. In demſelben Augenblick raſſelte die dürre Haut des Bären mit großer Heftigkeit, und gleich darauf zeigte ſich der Kundſchafter in ſeiner eigenthümlichen Geſtalt. Der junge Mohikaner ſchien ohne alle Erklärung die Art des Wageſtücks zu begrei⸗ 3 fen, das ſein Freund unternommen hatte; aber er verrieth weder durch Worte noch durch Mienen irgend ein Stau⸗. nen oder eine Überraſchung. Der Kundſchafter hatte durch Auflöſung einiger Riemen ſich leicht von ſeinem zottigen Gewande befreit. Er zog jetzt ein langes, blinkendes Meſſer hervor und gab es Unkas in die Hände. „Die rothen Huronen ſtehen draußen,“ ſagte er,„wir wollen uns bereit halten.“ Bei dieſen Worten legte er ſeinen Finger bedeutungs⸗ voll auf eine ähnliche Waffe, die er, wie jenes Meſſer, dem an dieſem Abend gezeigten tapfern Benehmen gegen ſeine Feinde verdankte. „Wir wollen gehn!“ ſagte Unkas. „Wohin?“ „Zu den Schildkröten; ſie ſind die Kinder meiner Großväter. — „Ei, Junge!“ ſagte der Kundſchafter in engliſcher Sprache, deren er ſich gewöhnlich zu bedienen pflegte, her gte, — — 183— wenn er nicht ganz einig mit ſich ſelbſt war.„Daß das⸗ ſelbe Blut in deinen Adern fließt, das glaub' ich zwar; aber Zeit und Entfernung haben etwas ſeine Farbe ver⸗ ändert. Was ſollen wir denn mit den Mingos vor der Thür machen? Es ſind ihrer ſechs, und der Sänger iſt ſo gut als gar nicht zu rechnen.“ „Die Huronen ſind Prahler!“ entgegnete Unkas mit verächtlicher Miene. Ihr Sinnbild iſt ein Elenthier, und ſie kriechen wie eine Schnecke. Die Delawarer ſind Kinder der Schildkröte, und doch laufen ſie ſchneller, als der Hirſch.“ „Ja, Junge, was du da ſagſt, iſt alles wahr,“ ver⸗ ſetzte Hawk⸗eye,„und ich zweifle gar nicht, daß du, wenn's drauf ankommt, ſchneller läufſt, als die ganze Nation, und, wenn's einen Wettlauf von zwei Meilen gilt, ſchon das andere Dorf erreicht und dich völlig er⸗ holt haſt, ehe man nur einen von all den Schurken zu Geſichte bekommt. Aber die Arme der weißen Männer ſind ſtärker, als ihre Beine; und ich ſelbſt, zum Beiſpiel, getraue mir, ſo gut als irgend einer, einem Huronen den Schädel einzuſchlagen, aber im Laufen mögten die Schur⸗ ken mich doch wohl übertreffen.“ Unkas hatte ſich indeſſen der Thüre genähert, und war im Begriff voranzugehen. Er kehrte aber wieder um und begab ſich in den Hintergrund der Hütte. Der Kundſchafter war zu ſehr mit ſeinen eignen Gedanken beſchäftigt, um dieſe Bewegung zu bemerken. Er fuhr daher, mehr mit ſich ſelbſt, als mit ſeinem Gefährten ſprechend, fort:„Am Ende iſt's aber doch unbillig, die Freiheit eines Menſchen von den Fahigkeiten ahhängig zu 8* — 184— machen, die die Natur einem Andern verliehen hat. Du thuſt alſo doch wohl am beſten, wenn du dich auf's Lau⸗ fen legſt, Unkas. Ich will mich wieder in mein Bären⸗ fell hüllen, und ſehen, wie ich durch Liſt davon komme, da ich mich auf meine Beine nicht mehr verlaſſen kann.“ Unkas gab keine Antwort. Ruhig die Arme über einander ſchlagend, legte er ſich mit dem Rücken an einen der Pfoſten, welche die Hütte ſtützten. „Nun,“ ſagte der Kundſchafter, der ihn mit Ver⸗ wunderung erblickte,„was ſoll dies Zögern? Ich habe noch Zeit genug; denn die Schurken machen ſicher zuerſt Jagd auf dich.“ „Unkas will hier bleiben,“ war die ruhige Antwort des Jünglings. „Weßhalb?“ „Um mit ſeines Vaters Bruder zu kämpfen und zu ſterben mit dem Freunde der Delawarer. „Ei, Junge!“ erwiederte Hawk⸗eye, Unkas Hand zwiſchen ſeinen Eiſenfingern gewaltig preſſend.„Mich hier im Stiche zu laſſen wäre eher wie ein Mingo ge⸗ handelt, als wie ein Mohikaner. Aber ich glaubte dir den Vorſchlag machen zu können, da die Jugend gewöhn⸗ lich ſehr am Leben hängt.— Nun, was ſich im Kriege nicht mit offner Gewalt ausrichten läßt, muß durch Liſt erreicht werden. Hülle dich in dieſes Fell— ich zweifle nicht, daß du die Rolle eines Bären ſo gut ſpielen kannſt, wie ich ſelbſt.“ 3 Wenn auch Unkas über ihre beiderſeitige Geſchicklich⸗ keit in dieſer Hinſicht andrer Meinung ſeyn mogte, ſo verrieth doch ſein ernſtes Antlitz nicht das Bewußtſeyn — 185— ſeiner egnen Überlegenheit. Er hüllte ſich ſchweigend in die Berenhaut, ruhig die Vorſchriften abwartend, die ſein erfahrener Freund ihm für ſein ferneres Benehmen erthellen würde. „Nun, Freund,“ ſagte Hawk⸗eye, indem er ſich zu David wandte,„ein Tauſch unſrer Kleider müßte Euch ſehr willkommen ſeyn; denn Ihr ſeyd doch nicht recht ge⸗ wöhnt an die Kleidung, mit der man ſich in der Wildniß behilft. Hier nehmt meinen Jagdrock und meine Mütze und gebt mir dafür Eure Decke und Euren Hut; auch das Buch und die Brille ſo wie Euer Inſtrument müßt Ihr mir anvertrauen. Treffen wir uns in beſſern Zei⸗ ten wieder, ſo erhaltet Ihr Alles ehrlich zurück, und noch dazu von großem Dank begleitet.“ David trennte ſich von den genannten Dingen mit einer Bereitwilligkeit, die ſeiner Freigebigkeit große Ehre gemacht haben würde, hätte er nicht in mancher Hinſicht bei dem Tauſche gewonnen. Hawk⸗eye legte ſogleich die geborgten Kleider an, und als er ſein ſcharf umherſpähendes Auge durch die Brille verdeckt hatte, und der dreieckige Hut auf ſeinem Kopfe ſaß, konnte er wohl für den Sänger gehalten wer⸗ den, da ihre Geſtalten einander nicht ganz unähnlich wa⸗ ren. Nach dieſen Vorbereitungen wandte ſich der Kund⸗ ſchafter zu David, ihm beim Abſchiede noch einige Ver⸗ haltungsregeln ertheilend. „Seyd Ihr von Natur ſehr feige?“ fragte er auf eine etwas derbe Weiſe, um eine klare Einſicht von der Sache und ihrem muthmaaßlichen Erfolg zu haben, ehe er ſeine Anweiſungen ertheilte. — 186— „All' mein Streben iſt friedlich, und mein Gemüty, wie ich demüthig glaube, nur erfüllt von Lieb' und Sanft⸗ muth!“ entgegnete David, etwas empfindlich über dieſen Zweifel an ſeinem Muth;„aber Niemand kann ſigen, daß ich, ſelbſt in den größten Nöthen, das Vertrauen auf Gott den Herrn verloren hätte.“ „Die größte Gefahr,“ ſagte der Kundſchafter,„wird Euch in dem Augenblick drohen, wo die Wilden merken, daß ſie betrogen ſind. Schlagen ſie Euch da nicht den Schädel ein, ſo ſchützt Euch nachher Eure Geiſtesſchwäche, und Ihr könnt mit Grund hoffen, ruhig in Eurem Bette zu ſterben. Wenn Ihr hier bleibt, ſo ſetzt Euch in den Schatten und ſpielt Unkas Rolle ſo lange fort, bis die Huronen den Betrug entdecken. In dieſem Augenblick droht Euch, wie geſagt, die größte Gefahr.— Ihr habt nun die Wahl, ob Ihr mit uns laufen oder hier blei⸗ ben wollt.“ „So iſt es,“ entgegnete David ſtandhaft;„ich will ſtatt des jungen Mohikaners hier bleihen. Er hat wacker und edelmüthig für mich gekämpft, und ich will daher dies und, wenn es ſeyn muß, noch mehr für ſein Be⸗ ſtes thun.“ „Das iſt wie ein Mann geſprochen,“ ſagte Hawk⸗eye, „wie Einer, der bei einer beſſern Erziehung wohl noch größerer Dinge fähig geweſen wäre. Senkt Euern Kopf und zieht die Beine zurück; ihre Beſchaffenheit mögte die Wahrheit zu früh an den Tag bringen. Schweigt, ſo lang' Ihr könnt; ſeyd Ihr aber endlich genöthigt zu re⸗ den, ſo iſt's am beſten, Ihr brecht gleich in Euer Jauch⸗ zen aus, um die Schurken daran zu erinnern, daß Ihr — 187— für Eure Handlungen nicht ſo verantwortlich ſeyd, wie irgend ein Anderer. Sollten ſie Euch indeß dennoch die Koyfhaut nehmen— wiewohl ich hoff und glaube, daß dies nicht der Fall ſeyn wird— ſo ſeyd verſichert, daß Unkas und ich dieſe That nicht vergeſſen und Euch ſo rächen werden, wie es Kriegern und treuen Freunden zukömmt.“ „Halt!“ rief David, als er ſah, daß ſie ihn mit die⸗ ſer Verſicherung verlaſſen wollten.„Ich bin ein unwür⸗ diger und demüthiger Schüler von Einem, deſſen Lehre die verdammenswerthen Grundſätze der Rache nicht pre⸗ digt. Sterb⸗ ich daher, ſo bringt meinen Manen kein ſolches Opfer. Verzeiht vielmehr meinen Mördern, und wenn Ihr Euch etwa ihrer erinnert, ſo betet zum Him⸗ mel, daß er ihren Geiſt erleuchte und ſie zur ewigen Seeligkeit führe.“ Der Kundſchafter blieb zögernd ſtehen und ſchien tief nachzuſinnen. „Dieſe Grundſätze,“ ſagte er,„ſind durchaus ver⸗ ſchieden von denen, die man in den Wäldern befolgt; „aber ſie ſind doch ſo ſchön und edel, daß man wohl dar⸗ über nachdenken ſollte.“ 5 Mit einem tiefen Seufzer, dem letzten vielleicht, den die Sehnſucht nach ſeinem längſt verlaſſenen frühern Stande ihm auspreßte, fügte er hinzu:„Es iſt mein herzlicher Wunſch, daß ich, ein Mann, der keinen unrei⸗ nen Blutstropfen in ſich trägt, auch nach jenen Grund⸗ ſätzen handeln könnte; aber es iſt mit einem Indianer nicht immer ſo leicht auszukommen, als mit einem Mit⸗ chriſten. Gott behut Euch, Freund! überleg' ich die Sache genau, ſo ſeyd Ihr, glaub' ich, gerade nicht auf einer falſchen Spur, wenn Ihr die Ewigkeit ſtets im Auge behaltet. Indeß hängt auch viel von den Natur⸗ gaben ab, die dieſer oder jener empfangen hat, ſo wie von der Stärke der Verſuchung.“ So ſprechend, kehrte der Kundſchafter wieder um und ſchüttelte David herzlich die Hand. Nach dieſer Freundſchaftsverſicherung verließ er, von dem neuen Re⸗ präſentanten des Bären begleitet, ſogleich die Hütte. Sobald ſie von den Huronen erblickt werden konn⸗ ten, richtete der Kundſchafter ſeine lange Geſtalt in die Höhe, um die ſteife Haltung anzunehmen, welche Dapid eigen war. Zugleich ſtreckte er ſeinen Arm aus, als ob er den Takt ſchlüge, und ſuchte eine Art von Pſalmge⸗ ſang anzuſtimmen. Zum Glück hatte er es mit Ohren zu thun, die nur wenig gewöhnt waren an die ſüße Har⸗ monie der Töne, ſonſt würde ſein keckes Unternehmen gewiß einen ſehr mißlichen Erfolg gehabt haben, und ſeine verunglückten Bemühungen hätten ihn nur zu bald verrathen müſſen. Sie waren genöthigt, dicht an einer dunkeln Gruppe von Wilden vorüberzuſchreiten. Je näher ſie kamen, deſto ſtärker erſcholl Hawk⸗eye's Stimme. Als ſte ſich ihnen endlich bis auf wenige Schritte genähert hatten, ſtreckte der Hurone, der Engliſch ſprach, den Arm aus und hielt den vermeintlichen Singmeiſter an. „Der Hund von einem Delawarer!“ ſagte er, ſich verbeugend und in der Dunkelheit dem Andern neugierig die Huronen ihn ächzen hoͤren?“ in’s Geſicht blickend.„Iſt er nun furchtſam? Werden — — 189— Der Bär brummte in dieſem Augenblicke ſo grimmig und zugleich ſo natürlich, daß der Indianer einige Schritte zurücktrat, als wolle er ſich erſt überzeugen, ob der Ge⸗ genſtand, der ſich vor ihm her wälzte, nicht ein wirk⸗ licher Bär und kein nachgeahmtes Thier ſey⸗ Der Kund⸗ ſchafter befürchtete, ſeine Sprache mögte ihn dieſen ſchlauen Feinden verrathen. Er benutzte daher mit Ver⸗ gnügen dieſe Unterbrechung zu einer abermaligen muſi⸗ kaliſchen Bemühung und ſtimmte einen Geſang an, der in jeder gebildetern Geſellſchaft ein furchtbares Gebrüll genannt worden wäre. Auf ſeine gegenwärtigen Zuhörer brachte er indeß nur die Wirkung hervor, daß ihre Ehr⸗ furcht, die ſie ſtets gegen diejenigen hegen⸗ welche An⸗ fällen des Wahnſinns unterworfen ſind, dadurch noch um einige Grade erhöht ward. Die kleine Gruppe von In⸗ dianern zog ſich zurück und ließ den vermeinten Beſchwö⸗ rer und ſeinen begeiſterten Gefährten ungehindert por⸗ überziehen. 3„ Unkas und der Kundſchafter mußten in der That ihren ganzen Muth und all' ihre Seelenſtärke aufbieten, um in dem langſamen, feierlichen Schritte, den ſie ein Mal angenommen hatten, ihren Weg fortzuſetzen. Denn ſie wurden bald gewahr, daß die Neugier der Wächter uber ihre Furcht geſiegt hatte und daß ſie ſich der Hütte näherten, um ſich von dem Erfolge der Bezauberung zu überzeugen. Leicht konnten ſie durch irgend eine unvor⸗ ſichtige Gebärde oder ungeduldige Bewegung, welche David machte, verrathen werden, und der Kundſchafter bedurfte durchaus einige Zeit, um völlig geſichert zu ſeyn. Er hatte es für rathſam gehalten, ſeinen lauten Geſang und Unkas das andere Gewehr hinreichte.„Gelingt es — 190— fortzuſetzen, der aus mehrern Hütten einige Neugierige an die Thür gelockt hatte. Ja, ein oder zwei Mal ſchritt ſogar ein Krieger von düſterm Anſehn quer über ihren Pfad. Aberglauben oder Wachſamkeit mogte ihn veran⸗ laßt haben, ſein Lager zu verlaſſen. Indeß ließ er ſie, bei näherer Betrachtung, ruhig ziehen, und die Dunkel⸗ heit der Nacht begünſtigte ihr kühnes Unternehmen. Sie befanden ſich ſchon in einiger Entfernung von den Hütten und eilten dem Schutz der Wälder zu, als ſie aus dem Innern der Hütte, in welcher Unkas ver⸗ haftet geweſen war, ein lautes und anhaltendes Geſchrei vernahmen. Der Mohikaner ſprang ſogleich auf ſeine Füße und ſchüttelte ſein zottiges Fell, als wolle das Thier, welches er vorſtellte, eine verzweifelte Kraftan⸗ ſtrengung machen. „Halt!“ ſagte der Kundſchafter, indem er ſeinen Freund bei der Schulter faßte.„Laß ſie nur noch ein Mal ſchreien! Das war nichts als ihre Verwun⸗ derung!“ Kaum waren ſie indeß einige Schritte weiter gegan⸗ gen, als ein furchtbares Geſchrei die Luft erfüllte und ſich bald durch das ganze Dorf verbreitete. Unkas warf ſogleich ſein Bärenfell ab und ſchritt in ſeiner ſchlanken, wohlgebildeten Geſtalt vorwärts. Hawk⸗eye gab ihm einen leichten Schlag aut die Schulter und eilte voran. „Nun mögen die Teufel immerhin unſere Spur fin⸗ den!“ ſagte der Kundſchafter, indem er zwei Büchſen mit allem erforderlichen Zubehör aus einem Gebüſch hervorzog, ſeinen„Hirſchtödter“ um den Kopf ſchwang — 191— ihnen, unſere Spur zu finden, ſo ſoll es wenigſtens zweien das Leben koſten!“. Ihre Büchſen vor ſich auf den Arm werfend, wie Jäger auf dem Anſtand, eilten ſie raſch vorwärts und begruben ſich bald in den dichten Schatten des Waldes. Zehntes Kapitel. Antonius.————— Ich will mir's merken. Spricht Cäſar: Thue dies, ſo ſoll's geſchehen. Julius Cäſar. Die Ungeduld der Wilden, welche, wie wir geſehen haben, ſich noch in der Nähe von Unkas Gefängniß auf⸗ hielten, hatte über ihre Furcht vor dem Hauche des Be⸗ ſchwörers den Sieg davon getragen. Sie ſchlichen vor⸗ ſichtig und mit klopfendem Herzen an eine Spalte der Wand, durch welche ein ſchwacher Schimmer des Feuers fiel. Einige Minuten lang hielten ſie David's Geſtalt für die ihres Gefangenen, bis das eintraf, was Hawk⸗eye richtig vorhergeſehen hatte. Der Sänger, des Krumm⸗ ſitzens und Anziehens der Glieder ſeines langen Körpers müde, ſtreckte allmählich ſeine Beine immer weiter vor ſich, bis endlich einer ſeiner unförmlichen Füße mit den glühenden Kohlen des Feuers in Berührung kam und ſie auf die Seite ſchob. — 192— Anfangs glaubten die Huronen, der Delawarer ſey durch die Macht der Zauberei verwandelt worden; als aber David, der ſich unbemerkt glaubte, ſeinen Kopf em⸗ porhob und ſich nun, ſtatt der finſtern und ſtolzen Züge ihres Gefangenen, ſein einfaches, demüthiges Geſicht zeigte, ſo war ſelbſt die Leichtgläubigkeit eines Indianers nicht hinreichend, um noch länger in Zweifel zu bleiben. Sie ſtürzten alle in die Hütte hinein, bemächtigten ſich ohne weitere Umſtände des Gefangenen und entdeck⸗ ten bald den Betrug. Jetzt erſcholl das erſte Geſchrei, das die Flüchtlinge vernommen hatten, und in den wil⸗ deſten Gebärden drückten die Huronen ihre Wuth und ihren Durſt nach Rache aus. David, ſo feſt entſchloſſen er auch war, die Flucht ſeiner Freunde ſo lang, wie möglich, geheim zu halten, mußte doch jetzt glauben, daß ſein letztes Stündlein ge⸗ ſchlagen habe. Man hatte ihn ſeines Buchs und ſeines Inſtruments beraubt. Er mußte ſich daher auf ſein Ge⸗ dächtniß verlaſſen, das ihn indeß ſelten täuſchte. So er⸗ hob er nun laut ſeine Stimme und ſang den erſten Vers eines Sterbeliedes, durch den er ſich den Übergang in jene Welt ſo ſanft, wie möglich, zu machen ſuchte. Dieſer Geſang erinnerte die Indianer noch gerade zur rechten Zeit an ſeine Geiſtesſchwäche, und wieder hinaus in's Freie ſtürzend, brachten ſie auf die ſchon beſchriehene Weiſe das ganze Dorf in Aufruhr. Ein indianiſcher Krieger kämpft eben ſo, wie er ſchläft, ohne durch irgend ein Vertheidigungsmittel ge⸗ ſchützt zu ſeyn. Kaum war daher das Lärmgeſchrei er⸗ ſchollen, als ſchon zweihundert Huronen auf den Beinen ——, 8 0 8—4 S —— ——9 ☛ 0 S „A e — 193— waren, bereit zur Schlacht oder Verfolgung, wie es nun eben die Umſtände verlangten. Die Entweichung des Ge⸗ fangenen war bald allgemein bekannt, und die ganze Völkerſchaft verſammelte ſich um die Hütte, in welcher gewöhnlich die Berathungen Statt fanden. Ungeduldig erwartete man hier die Anordnungen, welche die Häupt⸗ linge bei dieſem ſeltſamen Ereigniſſe treffen würden. Ein ſo außerordentlicher Fall, der ihre ganze Klugheit in Anſpruch nahm, ließ bald Magua's Gegenwart ſchmerz⸗ lich vermiſſen. Man rief ſeinen Namen, und jeder blickte verwundert umher, als er ſich nicht zeigte. Es wurden daher Boten nach ſeiner Hütte geſandt, um ihn herbeizuholen. Indeß waren einige der behendeſten und gewandte⸗ ſten jungen Leute ausgeſchickt worden, um in der Lich⸗ tung die Runde zu machen und den Wald zu durchſtrei⸗ fen, ob vielleicht von ihren verdächtigen Nachbarn, den Delawarern, ein überfall zu beſorgen wäre. Weiber und Kinder ſah man hin und her laufen, und bald zeigte ſich die wildeſte, gränzenloſeſte Verwirrung in dem gan⸗ zen Lager. Das Getümmel beruhigte ſich indeß allmäh⸗ lich, und kaum waren einige Minuten vergangen, als die älteſten und angeſehenſten Häuptlinge ſich bereits in der Hütte verſammelt hatten, um ſich dort unter einander zu berathſchlagen. Das Geſchrei vieler Stimmen verkündete bald die Rückkehr mehrerer ausgeſandten Krieger. Von ihnen ließ ſich einige Auskunft und Aufklärung dieſer ſeltſamen Begebenheit hoffen. Die außerhalb der Hütte befindliche Menge machte Platz und ließ einige Krieger eintreten. In ihrer Mitte roicte man jenen unglücklichen Be⸗ 2. 13 —— ſchwörer, den der — 194— Kundſchafter ſo lange in der peinlich⸗ ſten Lage zurückgelaſſen hatte. 1 Dieſer Mann ſtand nicht bei allen Huronen in glei⸗ chem Anſehn. Einige hielten ihn fuͤr einen Betrüger, während andere ſeiner Macht unbedingten Glauben bei⸗ maaßen. Demungeachtet hörten ihm jetzt alle mit der geſpannteſten Aufmerkſamkeit zu. Als er mit ſeiner Ge⸗ ſchichte zu Ende war, trat der Vater des kranken Wei⸗ bes vor und berichtete ebenfalls mit wenigen Worten, was er von der Sache wußte. Dieſe beiden Berichte gaben ihnen einen richtigen Fingerzeig für ihre weitern Nachforſchungen, und mit der eigenthümlichen Bedächtig⸗ keit und Schlauheit der Wilden machten ſie ſich nun an ihr Geſchäft. Statt in verwirrtem und unordentlichem Gedränge nach der Höhle zu eilen, hielt man es für rathſam, zehn der klügſten und entſchloſſenſten Häuptlinge zu wählen. Dieſe entfernten ſich, da keine Zeit zu verlieren war, ſogleich, ohne ein Wort zu ſprechen. An dem Eingange machten die jüngern Männer, welche vorausgingen, den it von Kriegern, aͤltern Platz, und mit der Entſchloſſenhei die bereit ſind, ſich für das allgemeine Beſte aufzuopfern, betrat nun der ganze Trupp den niedern, dunkeln Fel⸗ ſengang. Läugnen läßt ſich indeß nicht, daß einige dar⸗ unter nicht geringe Beſorgniß hegten, wie die Macht heſchaffen ſeyn mögte, mit der ſie zu kämpfen haben würden. Dunkelheit und Stille herrſchte in dem außern Ge⸗ mach der Höhle. Das Weib lag noch in ihrer frühern Stellung auf dem Lager, obgleich mehrere der Anweſen⸗ den ſo eben verſichert hatten, daß ſie die Kranke von 4 4 — 195— dem vermeintlichen Arzte der weißen Männer hätten in den Wald tragen ſehen. Dies ſtand in offenbarem Wi⸗ derſpruche mit der Erzählung des Vaters, und Aller Augen hefteten ſich daher auf ihn. Gekränkt durch die⸗ ſen ſtummen Vorwurf und durch ein unbegreifliches Er⸗ eigniß beunruhigt, näherte ſich der Häuptling dem Lager, und ſich darüber hinbeugend, betrachtete er mit ungläu⸗ bigen Blicken die Geſichtszüge der Kranken. Sie war bereits verſchieden. Die Gefühle der Natur gewannen einen Augenblich die Oberhand, und der greiſe Krieger hielt die Hände vor's Geſicht, mit einer Gebärde, welche die Heftigkeit ſeines Schmerzes verrieth. Endlich ermannte er ſich wieder, und auf den Leichnam deutend, wandte er ſich zu ſeinen Begleitern und ſagte in der Sprache ſeines Volks: „Das Weib meines jungen Mannes hat uns verlaſ⸗ ſen! Der große Geiſt zürnt ſeinen Kindern.“ Dieſe Trauerkunde wurde mit feierlichem Schweigen vernommen. Es entſtand eine kurze Pauſe, welche einer der ältern Indianer ſo eben unterbrechen wollte, als ein Gegenſtand von dunklem Ausſehn aus einem Nebenge⸗ mache hereingerollt kam. Die Indianer kannten die Natur der Weſen, mit denen ſie es hier zu thun hat⸗ ten, zu wenig, um nicht bei dieſer unerwarteten Erſchei⸗ nung etwas erſchrocken zurückzuweichen. Aller Augen hefteten ſich auf den Gegenſtand, der, als er dem Lichte nahe genug gekommen war, ſich auf eine furchtbare Art in die Höhe richtete. Jetzt zeigten ſich deutlich die ver⸗ zerrten und grimmigen Geſichtszüge Maguag's. Ein allge⸗ meiner Ausruf des Erſtaunens folgte dieſer Entdeckung. — 13½ — 196— Sobald man ſah, in welcher Lage ſich der Häupt⸗ ling befand, beeilte man ſich, ihn von ſeinem Knebel zu befreien und die Riemen, mit denen ſeine Glieder ge⸗ feſſelt waren, zu zerſchneiden. Er ſtand auf und ſchüt⸗ telte ſich wie ein Löwe, der von ſeinem Lager aufſpringt. Ohne ein Wort zu ſprechen, faßte er krampfhaft den Griff ſeines Meſſers, und ſein ſpähendes Auge irrte im Kreiſe der Anweſenden umher, als ſuche er Jemand, den er zuerſt ſeiner Rache opfern wolle. Unkas und der Kundſchafter, ja ſelbſt David hatte von Glück zu ſagen, daß Magua's Arm ſie in dieſem Au⸗ genblicke nicht erreichen konnte. Der Tod hätte ſie in dieſem Moment ſicher ereilt, und ſelbſt die Hoffnung, ſie mit ausgeſuchten Martern langſam zu tödten, hätte den aufgebrachten Häuptling, dem die Wuth kaum zu ſpre⸗ chen erlaubte, ſchwerlich bewogen, ihr Schickſal aufzu⸗ ſchieben. Da Magua indeß nur überall befreundete Ge⸗ ſichter ſah, ſo knirſchte er mit den Zähnen, als würden eiſerne Raspeln an einander gerieben, und ſchlang ſeinen Ingrimm, den er an Niemand auslaſſen konnte, in ſich hinein. Den Anweſenden, welche kein Auge von ihm ver⸗ wandten, entgingen nicht dieſe Merkmaale ſeines heftigen Zorns, und Niemand ſprach ein Wort, um nicht ſeine faſt an Wahnſinn gränzende Leidenſchaft noch mehr zu reizen. Endlich unterbrach der älteſte Häuptling das Stillſchweigen. „Mein Freund hat einen Feind gefunden!“ ſagte er.„Iſt er in der Nähe, damit die Huronen Rache an ihm nehmen können?“ „Laßt den Delawarer ſterben!“ rief Magua mit einer Donnerſtimme. upt⸗ l zu ge⸗ ngt. den im den hatte Au⸗ e in 3, ſie den ſpre⸗ ufzu⸗ Ge⸗ ürden ſeinen inein. n ver⸗ ftigen ne faſt reizen. beigen. ſagte che an a mit — 197— Es erfolgte abermals ein langes, ausdrucksvolles Schweigen, das, wie früherhin, mit gehöriger Vorſicht von demſelben Judividuum unterbrochen ward. „Der Mohikaner iſt flink auf den Füßen, und ſpringt weit,⸗ ſagte er;„aber meine jungen Männer ſind ihm auf der Spur.“ „Iſt er fort?“ fragte Magua, in ſo tiefen Guttu⸗ raltönen, daß ſie aus der Tiefe ſeiner Bruſt zu kommen ſchienen. „Ein böſer Geiſt iſt unter uns geweſen, und der Delawarer hat unſer Auge geblendet.“ Ein böſer Geiſt?“ wiederholte der Andere mit bit⸗ term Spott.„Ja, der Geiſt, der ſchon ſo vielen Hu⸗ ronen das Leben geraubt hat; der Geiſt, der meine jun⸗ gen Männer an dem herabſtürzenden Fluſſe tödtete, der ihre Kopfhäute an der Heilquelle nahm, und der jetzt die Arme des Le Renard Subtil gebunden hat.“ „Von wem ſpricht mein Freund?“ „Von dem Hunde, der unter einer weißen Haut den Muth und die Schlauheit eines Huronen hat— von La Longue Carabine.“ Der gefürchtete Name machte auf die Zuhörer den gewöhnlichen Eindruck. Als ſie aber nach einiger Zeit wieder ihre Faſſung gewonnen hatten, und die Krieger ſich daran erinnerten, daß ihr kuͤhner und furchtbarer Feind mitten in ihrem Lager geweſen war, um ihnen dieſe Schmach anzuthun, verwandelte ſich ihr Erſtaunen in eine furchtbare Wuth, und die wilden Leidenſchaften, die ſo eben in Magua's Bruſt getobt hatten, ergriffen nun plötzlich ſeine Gefährten. Wahrend Einige ergrimmt — 198— mit den Zähnen knirſchten, brachen Andere in ein wil⸗ des Geheul aus oder hieben auch wohl, wie Wahnſin⸗ nige, in der Luft umher, als ob der Gegenſtand ihrer Rache wirklich ihre Streiche fühlen könne. Allein dieſer plötzliche Ausbruch ihrer Leidenſchaft ging bald wieder vorüber, und ſie behaupteten nun wie⸗ der das ruhige, finſtere und zurückhaltende Weſen, das ihnen in Augenblicken der Unthätigkeit ſtets eigen war. An Magua, der indeß Zeit gehabt hatte, reiflich über die Sache nachzudenken, nahm man ebenfalls eine Ver⸗ änderung des Benehmens wahr. Seine Miene ſchien zu verrathen, er wiſſe jetzt vollkommen, wie eine ſo ernſte Angelegenheit beurtheilt und behandelt werden müſſe. „Laßt uns zu meinem Volke gehen,“ ſagte er,„es erwartet uns.“ Seine Gefährten gaben ſchweigend ihre Einwilligung, und der ganze Trupp der Wilden verließ die Höhle, ſich nach der Hütte verfügend, wo die Berathſchlagungen ge⸗ halten wurden. Nachdem ſie ihre Sitze eingenommen hatten, hefteten ſich Aller Augen auf Magua, der dies für einen Wink hielt, daß man die Erzählung der ſtatt⸗ gefundenen Ereigniſſe aus ſeinem Munde erwarte. Er ſtand daher auf und berichtete ſein Abentheuer, ohne Entſtellung oder Uebertreibung, völlig der Wahrheit gemäß. Jetzt lag der ganze Betrug, den Duncan und der Kundſchafter ausgeſonnen hatten, völlig klar vor Augen, und ſelbſt die Abergläubigſten des Stammes blieben nicht länger in Zweifel, auf welche Art ſich Al⸗ les zugetragen habe. Daß man ſie auf die ſchimpflichſte und empörendſte — 199— Weiſe hintergangen, waͤr Jedem einleuchtend; und als Magua ſeine Erzählung geendigt und wieder ſeinen Sitz eingenommen hatte, ſahen alle anweſenden Krieger ein⸗ ander an, eben ſo erſtaunt über die unbegreifliche Keck⸗ heit ihrer Feinde, als über den glücklichen Erfolg der⸗ ſelben. Aber vor Allem beſchäftigte ſie jetzt der Gedanke, auf welche Weiſe ſie ſich rächen könnten. Es machte ſich abermals eine Anzahl von Kriegern auf, um die Spur der Flüchtlinge zu verfolgen. Unter⸗ deſſen ließen ſich's die Häuptlinge ſehr angelegen ſeyn, gegenſeitig ihre Meinung und ihren Rath auszuwechſeln. Die älteren Krieger brachten verſchiedene Maaßregeln in Vorſchlag, welche von Magua ſchweigend und ehrfurchts⸗ voll angehört wurden. Dieſer liſtige Wilde hatte nun ſeine ganze Verſchlagenheit und Selbſtbeherrſchung wie⸗ der erlangt, und verfolgte mit der ihm eignen Ge⸗ wandtheit und Vorſicht ſeinen Plan. Er hörte erſt die Vorſchläge und Meinungen der übrigen an, eh' er mit ſeinen eignen Anſichten über dieſe Angelegenheit hervor⸗ trat. Dieſe erhielten noch ein größeres Gewicht, als einige der ausgeſandten Boten wieder zurückkehrten und meldeten, daß ſie die Spuren der Flüchtlinge entdeckt, und daß dieſe, aller Wahrſcheinlichkeit nach, in dem be⸗ nachbarten Lager der Delawarer Schutz geſucht hätten. Magua, der ſich durch dieſe wichtige Nachricht in offen⸗ barem Vortheile befand, eroͤffnete nun ſeinen Gefährten ſeine Anſchläge. Er that dies mit einer ſo ſchlauen Be⸗ redtſamkeit, daß man einſtimmig und ohne irgend einen Widerſpruch ihm beipflichtete. Seine Meinungen und An⸗ ſichten waren in Kurzem folgende. 2 1 — 200— Wir haben bereits früher erwähnt, daß man, einer Vorſichtsmaaßregel gemäß, von der nur ſelten abgewi⸗ chen wurde, die beiden Schweſtern, ſo wie ſie im Lager der Huronen angekommen waren, von einander getrennt hatte. Zeitig genug hatte Magua eingeſehen, daß, wenn er Alix in ſeiner Gewalt behielte, dies das ſicherſte Mit⸗ tel ſey, auch eine gewiſſe Herrſchaft über Cora zu behaup⸗ ten. Als ſie daher von einander geſchieden wurden, be⸗ hielt er die Erſtere bei ſich, während er die, an deren Beſitz ihm am meiſten gelegen war, der Obhut der Bun⸗ desgenoſſen übergab. Dieſe Anordnung, die nur für eine Zeit lang dauern ſollte, war getroffen worden, theils um der Eigenliebe der Delawarer zu ſchmeicheln, theils um ſich einer unwiderruflichen Maaßregel der indianiſchen Politik zu bequemen. Indeß er fortwährend von dem Gefühl der Rache verzehrt ward, das in der Bruſt eines Indianers ſelten ſchlummert, hatte Magua ſein bleibenderes perſönliches Intereſſe nicht aus dem Auge verloren. Eine lange und ſchmerzliche Buße mußte die Irrthümer und Treu⸗ loſigkeiten wieder gut machen, die er in ſeiner Ju⸗ gend begangen hatte. Dann erſt konnte er hoffen, wieder das volle Vertrauen ſeines alten Volks zu gewinnen; denn ohne Vertrauen iſt es nicht möglich, bei einem indiani⸗ ſchen Stamme Anſehen oder Gewalt zu erlangen. In dieſer ſchwierigen und verwickelten Lage hatte der ſchlaue Hurone kein Mittel verabſäumt, ſeinen Ein⸗ fluß zu vergrößern. Aber unter allen hatte keins einen günſtigern Erfolg gehabt, als das Beſtreben, ſich bei den mächtigen und gefäͤhrlichen Nachbarn ſeines Volks in — 201— Gunſt zu ſetzen. Allen Erwartungen ſeiner Klugheit hatte das Reſultat dieſes Strebens entſprochen; denn ſelbſt die Huronen ſind nicht frei von dieſer herrſchenden Neigung unſrer Natur, nach der Jeder ſeine Anlagen ſo hoch anzuſchlagen pflegt, als ſie von Andern geſchätzt werden. Während er allgemeinen Rückſichten dies ſcheinbare Opfer brachte, verlor doch Magua nie ſeinen eigenen Vortheil aus dem Auge. Seine Pläne waren vereitelt worden durch die unerwarteten Ereigniſſe, die ihm auf ein Mal alle ſeine Gefangenen entriſſen hatten, und er ſah ſich jetzt in die Nothwendigkeit verſetzt, den Beiſtand derer in Anſpruch zu nehmen, die er ſich vermöge ſeiner Politik zu verbinden geſucht hatte. Von mehreren Häuptlingen war der Vorſchlag ge⸗ macht worden, auf eine liſtige und verrätheriſche Weiſe die Delawarer in ihrem Lager zu überfallen, dasſelbe in Beſitz zu nehmen und ſich ihrer Gefangenen wieder zu bemächtigen. Denn alle ſtimmten darin überein, ihre Ehre und ihr Intereſſe, ſo wie die Ruhe und Glückſeligkeit ihrer erſchlagenen Landsleute erheiſche dringennd, daß ei⸗ nige Opfer ihrer Rache fallen müßten. Allein Magua'n ward es nicht ſchwer, einen Plan zu verwerfen, deſſen Ausführung ſo mißlich, und deſſen Erfolg ſo zweifelhaft war. Indem er dieſe, ſo wie die damit verbundene Gefahr ihnen mit ſeiner eigenthümlichen Gewandtheit aus einander ſetzte, bahnte er ſich einen Weg, um mit ſeinen eignen Rathſchlägen hervorzutreten.B Er begann damit, daß er der Eigenliebe ſeiner Zuhö⸗ rer ſchmeichelte— ein jederzeit unfehlbares Mittel, deren — 202— Aufmerkſamkeit zu feſſeln. Hierauf machte er mehrere Fälle nahmhaft, bei welchen die Huronen, um ſich für rächen, Muth und Tapfer⸗ keit bewieſen hatten, und ging dann zu einer Lobeserhe⸗ beſtehe. Die Vortheile eines klugen, vorſichtigen Beneh⸗ mens wurden auf's deutlichſte hervorgehoben, um ihnen zu zeigen, wie ſolches in ihrer gegenwärtigen Lage anzu⸗ wenden ſey, um ſicher ihr Ziel zu erreichen. Auf der einen Seite, ſagte er, wäre ihr großer bleicher Vater, tion, als ſie ſelbſt, die eine andere Sprache, ein ver⸗ ſchiedenes Intereſſe habe, ihnen nicht hold ſey, und jeden Vorwand ergreifen werde, ſie um die Gunſt des weißen Häuptlings zu bringen. Dann ſprach er von ihren Be⸗ dürfniſſen, von dem Lohn, auf den ſie wegen ihrer gelei⸗ ſteten Dienſte mit Recht Anſpruch machen könnten, von der Entfernung, in der ſie ſich jetzt von ihren eignen Jagd⸗ gehegen und Wohnörtern befänden, und von der Nothwen⸗ digkeit, in einer ſo kritiſchen Lage mehr die Klugheit, als die Leidenſchaft um Rath zu fragen. Er bemerkte, daß ihm wegen ſeiner Mäßigung der Beifall der ältern Männer zu Theil ward, während mehrere der ungeſtü⸗ meren, aber doch durch ihren Rang ausgezeichneten — 2099— Krieger nur mit geſenktem Blick ſeinen politiſchen Ent⸗ würfen zuhörten. Er kehrte daher ſchlau wieder zu dem Gegenſtande zurück, der ihnen, wie er glaubte, der liebſte war. Ohne Rückhalt von den Früchten ſprechend, die ſie einer ſolchen Klugheit verdanken würden und die, ſeiner zuverſichtlichen Behauptung nach, in einem vollſtändigen Siege über ihre Feinde beſtehen müßten, gab er ſogar dunkel zu verſtehen: man könne, bei gehöriger Behut⸗ ſamkeit, die errungenen Vortheile ſo weit verfolgen, daß die Vernichtung Aller, die ſie zu haſſen Urſache hätten, unfehlbar eintreten müſſe. Kurz, durch eine äußerſt ge⸗ ſchickte Miſchung des Kriegeriſchen und Liſtigen ſchmeichelte er beiden Parteien, einer jeden Ausſichten und Hoffnun⸗ gen eröffnend, während doch eigentlich Niemand deutlich begriff, was er bezweckte. Der Redner oder Staatsmann, dem es gelingt, die Gemüther in eine ſolche Stimmung zu verſetzen, darf ſich ſtets der Liebe und Achtung ſeiner Zeitgenoſſen verſichert halten, wie auch immer das Urtheil der Nachwelt über ihn ausfallen möge. Alle fühlten, daß Magua ſeine Ge⸗ danken mehr angedeutet, als wirklich ausgeſprochen habe, und Jeder ſchmeichelte ſich damit, daß, was er nicht deutlich geſagt, ſeinen eignen Wünſchen und Anſichten entſprechen werde. Unter dieſem glücklichen Zuſammentreffen der Um⸗ ſtände war es nicht überraſchend, daß Magua's Beredtſam⸗ keit den Sieg davon trug. Der ganze Stamm erklärte ſich bereit, mit Bedachtſamkeit und Überlegung zu Werke zu gehen, und die Leitung des ganzen Unternehmens — 294— ward einſtimmig dem Häuptling übertragen, der ihnen ſo verſtändige Maaßregeln an die Hand gegeben habe. Magua hatte nun das große Ziel erreicht, nach dem ſein verſchlagener und unternehmender Geiſt ſtrebte. Er hatte nicht nur die Achtung und das Anſehn wiederge⸗ wonnen, worin er früher bei ſeinem Volke ſtand; auch die Leitung aller Angelegenheiten war ihm übertragen worden. Er war in der That ihr Regent, und ſo lang⸗ er im Stande war, ſich ſeine Popularität zu erhalten, konnte die Herrſchaft beines Monarchen despotiſcher ſeyn, beſonders während der Zeit, in welcher der Stamm ſich in einem feindlichen Lande aufhielt. Er verwandelte da⸗ her die Mien des Rathgebers, unter der er ſich zu die⸗ ſer Höhe emporgeſchwungen, in den gravitätiſchen Blick und in das ernſte Weſen eines Gewalthabers, das ihm erforderlich ſchien, um die Würde des ihm übertragenen Amts zu behaupten. Es wurden nach allen Seiten hin Läufer ausgeſandt, um Nachrichten einzuziehen. Man ſchickte Kundſchafter ab, um das Lager der Delawarer zu rekognosciren, und entließ die Krieger in ihre Huͤtten, mit der Außerung, daß ſich bald eine Gelegenheit zeigen werde, wo ihre Dienſte in Anſpruch genommen werden dürften. Den Weibern und Kindern ward geboten, ſich zurückzuziehen und ſich ſtill und ruhig zu verhalten. Als alle dieſe verſchiedenen Anordnungen getroffen waren, ging Magua im Dorfe umher, hie und da in eine Hütte tretend und einzelnen Bewohnern, von denen er glaubte, daß eine ſolche Aufmerkſamkeit für ſie ſchmei⸗ chelhaft ſeyn könnte, ſeinen Beſuch abſtattend. Er be⸗ — — „Schmach brütet und auf neues Unheil ſinnt. 205— ſtärkte ſeine Freunde in dem Zutrauen, das ſie ihm geſchenkt, ermunterte den Schwankenden und ſtellte Alle zufrieden. Hierauf begab er ſich in ſeine eigene Wohnung. Das Weib, das der Huronen⸗Häuptling zurückgelaſſen hatte, als er von ſeinem Volke vertrieben ward, war indeß ge⸗ ſtorben. Kinder hatte er nicht; er bewohnte daher ſeine Hütte allein, ohne irgend einen Gefährten. Es war dies das halbverfallene, abgelegene Gebäude, in welchem der Kundſchafter unſern Freund David gefunden hatte. Ma⸗ gua hatte ihn zwar um ſich gelitten, doch faſt immer mit jener verächtlichen Gleichgültigkeit behandelt, welche aus dem Gefühl ſeiner Überlegenheit entſprang. Hierher hatte ſich der Huronen⸗Hauptling zurückge⸗ zogen, nachdem es ihm gelungen war, durch ſchlaue Ge⸗ wandtheit ſeine Entwürfe durchzuſetzen. Während An⸗ dere ſchliefen, kannte er weder, noch ſuchte er Ruhe. Wer ihn vielleicht aus Neugier in ſeiner Einſamkeit be⸗ lauſcht hätte, würde den neherwählten Häupiling von der Stunde an, in welcher er ſich hieher begab, bis zu dem Augenblicke, wo die Krieger, der erhaltenen Weiſung ge⸗ mäß, ſich wieder verſammeln ſollten, einſam in einem Winkel ſeiner Hütte haben ſitzen ſehen, uͤber kühne Pläne für die Zukunft nachſinnend. Dann und wann, wenn ein Zugwind durch die Spalten der Hütte wehte und das halb erlöſchende Feuer wieder anfachte, wurde die Geſtalt des finſtern Einſiedlers von einem ungewiſſen, flackernden Schein erhellt, und die Einbildungskraft hätte ihn in ſolchen Augenblicken für den Fürſten der Finſter⸗ niß halten können, wie er über die vermeintlich erduldete ————— — 206— Lange vor Anbruch des Morgens trat indeß ein Krie⸗ . Endlich hatten 2 er ſeine Büchſe und die übrigen zum Kriege unentbehrlichen Waffen trug, vbgleich die Malerei bei allen auf friedliche Abſichten deu⸗ tete. Still und unbemerkt waren dieſe Männer, deren Außeres wild und furchtbar war, eingetreten. Einige ſetzten ſich in einem Winkel nieder; andere blieben, wie lebloſe Bildſäulen, in tiefem Schweigen ſtehen, bis der danze auserwählte Trupp ſich verſammelt hatte. eerließen ſie das Lager ſtern ähnlich, als einer Waffenthaten einen tr erwerben will. Magua ſchlug nicht den Pfad ein, welcher gerade nach dem Lager der Delawarer führte. Er zog es vor, mit „ mehr vorübergleitenden Geſpen⸗ Kriegerſchaar, die ſich durch kuͤhne üglichen und vergänglichen Ruhm — 207 geben hatte, daß er dem Außern nach einem Fuchſe aͤhn⸗ lich war, eben ſo hatte einer der Häuptlinge des Trupps zu ſeinem beſondern Sinnbilde oder„Totem“ die Geſtalt des Bibers erwählt. An einem Orte, der von einer ſo zahlreichen Schaar ſeiner eingebildeten Verwandten be⸗ wohnt war, vorüberzugehen, ohne ihnen einen Beweis ſeiner Achtung zu geben, wäre eine höchſt unehrenvolle Handlung geweſen. Daher blieb der Häuptling ſtehen und redete die Biber mit ſo freundlichen und liebreichen Worten an, als ſpräch' er zu verſtändigen Weſen. Er nannte ſie ſeine Vettern und gab ihnen zu verſtehen, nur ſeinem Einfluſſe hätten ſie es zu danben, wenn ſie bisher ungeſtört und ungekränkt geblieben wären, da die India⸗ ner, durch gewinnſüchtige Handelsleute aufgefordert, ih⸗ nen ſonſt nachgeſtellt und ſie getödtet haben würden. Er zu verſtehen, es würde für ihren Verwandten ſehr vor⸗ theilhaft ſeyn, wenn ſte ihm einen Theil ihrer Klugheit, durch welche ſie ſo berühmt wären, einflößen mögten. faͤnden ſte dies Benehmen höchſt ſchicklich und völlig an ſeinem Orte. Ein oder zwei Mal ließen ſich einige Bi⸗ berköpfe auf der Oberfläche des Waſſers blicken, worüber der Hurone große Freude bezeigte, weil er daraus ſchloß, ſeine Worte wären nicht vergeblich geweſen. In dem Augenblicke, wo er ſeine Rede geendet hatte, ſtreckte ein 1 . großer Biber den Kopf aus der Thüre einer halb verfal⸗ lenen Hütte hervor, die man für unbewohnt gehalten hatte. Ein höchſt günſtiges Omen ſchien dieſer unge⸗ wöhnliche Beweis von Vertrauen dem erfreuten Redner, und obgleich der Biber ſich etwas ſchnell zuruͤckzog, em⸗ pfing er doch reichliche Dankſagungen und Lobſprüche. Nachdem Magua dem Krieger hinlängliche Muße ge⸗ gönnt zu haben glaubte, ſeine Familienanhänglichkeit aus⸗ zudrücken, gab er ein Zeichen zur Fortſetzung der Reiſe. Als der ganze Trupp der Indianer wieder aufgebrochen war und ſeinen Weg mit einem ſo leiſen Schritte fort⸗ geſetzt hatte, daß er einem europäiſchen Ohr kaum hörbar geweſen wäre, ſtreckte der ehrwürdig ausſehende Biber abermals den Kopf zu ſeiner Wohnung heraus. Hätte einer der Huronen ſich umgeſehen, ſo würde er wahrge⸗ nommen haben, daß das Thier ihren Bewegungen mit einer Aufmerkſamkeit und Theilnahme folge, die man faſt hätte fur Vernunft halten können. Wirklich verrieth das ganze Benehmen des Thiers ſo viel Bedachtſamkeit und Einſicht, daß ſelbſt der erfahrenſte Beobachter nicht recht gewußt haben würde, wie er ſich die Handlungs⸗ weiſe des Bibers erklären ſolle. Erſt in dem Augenblicke, wo der Trupp im Walde verſchwand, würde ſich das Räthſel gelöſt haben; denn in dieſem Moment kroch das ganze Thier aus der Hütte hervor, und indem er das Fell von ſeinem Kopfe abſtreifte, kamen Chingachgook's ernſte und lauſchende Geſichtszüge zum Vorſchein. —— Eilftes Kapitel. „Ich bitt' Euch, ſeyd kurz; denn Ihr ſeht ja wohl, daß ich mit Geſchäften überhäuft bin.“ Viel Lärm um nichts. Der Stamm oder vielmehr der halbe Stamm der Delawarer, den wir ſchon mehrfach erwähnt haben, und deſſen gegenwärtiges Lager in der Nähe des Dorfes lag, welches die Huronen zu ihrem einſtweiligen Aufenthalte gewählt hatten, zählte ungefähr eben ſo viel Krieger, als das eben genannte Volk. Gleich andern benachbar⸗ ten Stämmen hatten ſie ſich zwar dem Zuge Montcalm's angeſchloſſen und mehrere ernſtliche und beſchwerliche Einfälle in die Jagdreviere der Mohaker gewagt; allein die bei den Eingebornen ſo gewöhnliche und geheimniß⸗ volle Zurückhaltung hatte ſie bewogen, ihren Beiſtand ge⸗ rade in dem Augenblicke zu verſagen, wo man denſelben am nöthigſten gebraucht hätte. Von den Franzoſen ward dieſer unerwartete Abfall ihrer Bundesgenoſſen auf verſchiedene Art erklart. Ziem⸗ lich allgemein war indeß die Anſicht, daß die Delawarer, aus ehrfurchtsvoller Achtung vor einem alten Bündniſſe, vermöge deſſen ſie in Allem, was ihre Vertheidigung im Kriege anbetraf, ſich ganzlich auf die Irokeſen verließen, einen Widerwillen fühlten, gegen ihre frühern Beſchützer in'’s Feld zu ziehn. Was den Stamm ſelbſt betrifft, ſo 10— 12. 14 — 210— hatte er ſich damit begnügt, durch ſeine Abgeſandten dem General Montcalm mit indianiſchem Lakonismus ſagen zu laſſen: ihre Streitäxte wären zu ſtumpf, und ſie brauch⸗ ten Zeit, um ſie wieder zu ſchärfen. Der ſtaatskluge Kommandant von Kanada hielt es indeß für rathſamer, ſich lieber einen unthätigen lauen Freund zu erhalten, als durch unzeitige und übel angebrachte Strenge ihn in einen erklärten Feind umzuſchaffen. An dem Morgen, an welchem Magua ſeinen ſchwei⸗ gend einherziehenden Trupp von den Wohnungen der Bi⸗ ber auf die ſchon beſchriebene Weiſe in den Wald führte, beleuchteten die Strahlen der Sonne, als ſie über dem Lager der Delawarer aufging, ein ſo geſchäftiges Volk, als ob bereits der Mittag herangenaht wäre. Die Wei⸗ ber eilten von Hütte zu Hütte, einige mit der Zuberei⸗ tung des Frühſtücks beſchäftigt, andere mit häuslichen Einrichtungen mancherlei Art. Der größere Theil aber ſtand fluſternd neben einander und unterhiet ſich mit ſeinen Freundinnen und Bekannten. Die einzelnen Krie⸗ gergruppen ſchienen mehr in Gedanken vertieft, als im Geſpräch begriffen, und wurden ja einige Worte gewech⸗ ſelt, ſo verrieth das Benehmen dieſer Männer, daß ſie ihre Außerungen zuvor ſorgfältig überlegt hatten. Ob⸗ gleich man zwiſchen den Hütten mancherlei Jagdgeräthe in großer Menge liegen ſah, ſo machte doch keiner Anſtal⸗ ten zum Aufbruche. Hie und da betrachtete auch wohl ein Krieger ſeine Waffen mit einer Aufmerkſamkeit, wie ſie ſelten Statt findet, wenn man nicht gegen einen an⸗ dern Feind, als gegen die Thiere des Waldes ausziehn will. Von Zeit zu Zeit hefteten ſich auch die Blicke einer — 211— ganzen Gruppe auf eine große Hütte, welche im Mittel⸗ punkte des Lagers ſtand, als ob in ihr der Gegenſtand all ihrer Gedanken und Geſpräche verborgen ſey. Während dies vorging, ließ ſich plötzlich an dem äu⸗ ßerſten Ende des Felſengrundes, auf dem das Dorf er⸗ baut war, ein Mann ſehen. Er war unbewaffnet, und die Malerei ſeines Geſichts ſchien eher berechnet, den na⸗ türlichen Ernſt und die Wildheit ſeiner Züge zu mäßigen. Als er ſich den Delawarern ſo weit genähert, daß er von Allen geſehen werden konnte, blieb er ſtehen und machte ein Friedens⸗ und Freundſchaftszeichen, indem er den Arm zum Himmel emporſtreckte und dann bedeutungsvoll ſeine Hand auf die Bruſt legte. Ein leiſes Gemurmel des Willkommens von Seiten der Dorfbewohner beantwortete dieſen Gruß, und ahnliche Freundſchaftsäußerungen for⸗ derten ihn auf, näher zu treten. Die dunkle Geſtalt verließ nun den Rand der von der Natur gebildeten Felſenterraſſe, auf der ſie eine Weile ge⸗ ſtanden und einen auffallenden Kontraſt mit dem fernen Horizont dargeboten hatte, den eine ſanfte Morgenröthe umfloß. Langſam und mit feierlichem Anſtande näherte ſich der Fremdling den Hütten, und während dies geſchah, hörte man nichts, als das Geklirr der leichten ſilbernen Zierrathen, die er um den Hals und die Arme trug, und das Klingeln der kleinen Glöckchen, welche ſeine Halbſtie⸗ fel von Hirſchleder ſchmückten. Die Manner, an denen er vorüberging, wurden mit wiederholten höflichen Gebär⸗ den von ihm begrüßt, während er den Weibern nicht die mindeſte Aufmerkſamkeit zollte, als halte er es bei ſeinem jetzigen Vorhaben fuͤr überflüſſig, ſich um ihre Gunſt zu he⸗ 14*— werben. Nachdem er die Gruppe erreicht hatte, in welcher ſich die angeſehenſten Häuptlinge befanden, wie ihr ſtolzes, würdevolles Anſehn verrieth, blieb der Fremde ſtehn, und die Delawarer erkannten nun in der leichten, hohen Ge⸗ ſtalt den ihnen wohlbekannten Häuptling Le Renard Subtil. Er wurde ſchweigend und feierlich empfangen. Die in der erſten Reihe ſtehenden Krieger traten auf die Seite, um demjenigen Platz zu machen, der für ihren vorzüglich⸗ ſten Redner galt und ſich in allen Sprachen der nord⸗ amerikaniſchen Wilden auszudrücken wußte. „ Der weiſe Hurone iſt willkommen!“ ſagte der De⸗ lawarer in der Sprache der Maguas;„er iſt genaht, um ſeinen„Suc⸗ca⸗tuſch“ mit ſeinen Bruͤdern von den See'n zu eſſen!“ „Er iſt genaht!“ wiederholte Magug, ſich mit der Würde eines orientaliſchen Monarchen verneigend. Der Häuptling ſtreckte den Arm aus, und dem Hu⸗ ronen die Hand drückend, begrüßten ſie ſich abermals durch gegenſeitige Freundſchaftsbezeugungen. Hierauf lud der Delawarer ſeinen Gaſt ein, ſich in die Hütte zu be⸗ geben und das Morgenmahl mit ihm zu theilen. Die Einladung ward angenommen, und beide Krie⸗ ger verließen, in Begleitung von vier alten Männern, die übrigen Delawarer, welche vor Neugierde brannten, die Urſache eines ſo ungewöhnlichen Beſuchs zu erfahren, doch demungeachtet weder durch eine Miene, noch durch ein Wort die geringſte Ungeduld verriethen. Die Unterhaltung waͤhrend des kurzen Mahls war un⸗ gemein einſylbig und beſchränkte ſich blos auf die Exeig⸗ niſſe der Jagd, welche Magua vor Kurzem angeſtellt — 213— hatte. Es wäre für den Feinſten und Gebildetſten eine ſchwierige Aufgabe geweſen, ſich in dem Grade, als es hier der Fall war, das Anſehn zu geben, als hielten ſie dieſen Beſuch für ein ganz gewöhnliches Ereigniß, unge⸗ achtet Jeder in ſeinem Innern vollkommen überzeugt war, es liege dieſem Zuſammentreffen irgend eine geheime und noch dazu äußerſt wichtige Triebfeder zum Grunde. Als die Eßluſt befriedigt war, räumten die Weiber die höl⸗ zernen Schüſſeln und Kürbisflaſchen hinweg, und es ent⸗ ſtand nun zwiſchen beiden Theilen ein Wettkampf in witzi⸗ gen Redensarten, bei welchem ſie ihre ganze Klugheit und all' ihren Scharfſinn aufboten. „Hat ſich das Antlitz meines großen Vaters von Ka⸗ nada wieder zu ſeinen Kindern, den Huronen, gewandt?“ fragte der Redner der Delawarer. „Wenn war es je anders?“ entgegnete Magua;„er nennt mein Volk nur ſein vielgeliebtes!“ Der Delawarer gab gravitätiſch durch eine Verbeu⸗ gung zu erkennen, daß er einer Behauptung beipflichte, veren Unrichtigkeit ihm gleichwohl bekannt war. „Die Streitäxte Eurer Krieger,“ fuhr er fort,„ſind ſehr roth geweſen?““ „So iſt es! Aber jetzt ſind ſie glänzend und ſtumpf; denn die Yengeeſe ſind todt, und die Delawarer unſre Nachbarn.“ Der Andere erwiederte dies Kompliment, das auf friedliche Geſinnungen ſchließen ließ, nur durch eine an⸗ muthige Bewegung der Hand und ſchwieg. Hierauf fragte Magua, als würd' er erſt durch die Anſpielung auf das Gemetzel daran erinnert: „Iſt meine Gefangene vielleicht meinen Brüdern läſtig?“ 4 „Sie iſt uns willkommen.“ „Der Weg zoiſchen den Huronen und den Dela⸗ warern iſt nur kurz und iſt offen. Beläſtigt ſie meinen Bruder, ſo möge er ſie zu meinen Weibern ſenden.“ „Sie iſt uns willkommen,“ wiederholte der Häupt⸗ ling der letztern Nation abermals mit beſonderm Nachdruck. Magua, etwas aus ſeiner Faſſung gebracht, ſchwieg einige Augenblicke; doch nahm er eine Miene an, als ſey ihm die Verweigerung ſeines Wunſches, Cora wie⸗ der in ſeine Gewalt zu bekommen, völlig gleichgültig. „Laſſen meine jungen Männer den Delawarern Raum genug, um auf den Bergen jagen zu können?“ fuhr er fort. „Die Lenapes ſind Herren über ihre eigenen Berge,“ entgegnete der Andere etwas ſtolz. „So iſt es! Die Gerechtigkeit leitete die rothen⸗ Häute. Warum ſollten ſie die Streitäxte ſchleifen und die Meſſer ſchärfen, um gegen einander zu kampfen? Gibt es nicht bleiche Geſichter, die Beider Feinde ſind?“ „Gut!“ riefen zwei oder drei ſeiner Zuhörer zugleich. Magua wartete ein wenig, bis der Eindruck, den ſeine Worte auf die Gemüther der Delawarer gemacht hatten, etwas milder geworden war; dann fuhr er fort: „Haben nicht fremde Füße dieſe Wälder betreten? Haben meine Brüder nicht die Spur von weißen Män⸗ nern entdeckt?“ 1 „Laßt meinen Vater von Kanada kommen,“ erwie⸗ ern ben, die er den Häuptlingen von niedrigerem Range ver⸗ — 215— derte der Andere ausweichend;„ſeine Kinder ſind bereit zu ſeinem Empfange.“ „Wenn der große Häuptling kommt, ſo geſchieht es, um mit den Indianern in ihren Hütten zu rauchen. Die Huronen ſagen ebenfalls: er iſt willkommen. Die Yen⸗ geeſe haben lange Arme und Beine, die nie mude wer⸗ den. Meinen jungen Mannern hat es geträumt, ſie er⸗ blickten die Spur der Yengeeſe dicht am Lager der De⸗ lawarer.“ „Sie werden die Lenapes nicht ſchlafend finden.“ „Das iſt gut! Der Krieger, deſſen Auge offen iſt, kann ſeinen Feind ſehen,“ ſagte Magua, der dem Ge⸗ ſpräch eine andere Wendung zu geben ſuchte, da es ihm nicht gelang, die Vorſicht ſeines Gegners zu überliſten. „Ich habe meinem Bruder Geſchenke mitgebracht. Seine Nation wollte nicht mit uns den Kriegespfad wandeln, weil ſie es nicht für rathſam hielt; aber ihre Freunde haben nicht vergeſſen, wo ſie wohnt.“ Als er auf dieſe Weiſe ſeine freigebigen Abſichten kund gethan, ſtand der ſchlaue Häuptling auf und brei⸗ tete feierlich vor den geblendeten Augen ſeiner Wirthe die mitgebrachten Geſchenke aus. Sie beſtanden größten Theils in Geſchmeide von geringem Werthe, welches den bei William Henry erſchlagenen und beraubten Weibern gehört hatte. In der Art, wie der ſchlaue Hurone die⸗ ſen glänzenden Tand vertheilte, bewies er viele Gewandt⸗ heit. Diejenigen Zierrathen, welche den meiſten Werth hatten, überreichte er den beiden ausgezeichnetſten Krie⸗ gern, von denen der eine ſein Wirth war. Andere Ga⸗ ———— 216— ehrte, begleitete er mit ſo wohlangebrachten und ange⸗ meſſenen Schmeicheleien, daß Niemand ſich darüber be⸗ klagen durfte, minder gut bedacht worden zu ſeyn. Mit einem Wort, er wußte ihre Habgier und Eitelkeit auf eine ſolche Weiſe zu befriedigen, daß er leicht in den Augen der Beſchenkten den günſtigen Eindruck leſen konnte, den ſeine Freigebigkeit und ſein geſchickt einge⸗ miſchtes Lob auf ſie gemacht hatten. Dieſer politiſche Kunſtgriff Magua's war ſo gut be⸗ rechnet, daß ein unmittelbares Reſultat nicht ausblieb. Die Delawarer verwandelten den düſtern Ernſt ihrer Züge in einen freundlichern Ausdruck, und beſonders wiederholte der Wirth, nachdem er ſeinen reichlichen An⸗ theil eine Weile mit ſichtbarem Vergnügen betrachtet hatte, mit großem Nachdruck die Worte: „Mein Bruder iſt ein weiſer Häuptling. Er iſt willkommen!“ „Die Huronen ſind Freunde der Delawarer,“ ent⸗ gegnete Magua.„Warum ſollten ſie es nicht ſeyn? Die⸗ ſelbe Sonne färbt ihre Haut, und die gerechten Männer beider Stämme werden nach ihrem Tode in denſelben Wäldern und Bergen jagen. Die rothen Häute ſollten Freunde ſeyn und mit offenem Auge auf die Weißen blicken. Hat mein Bruder nicht die Spur von Spionen in den Waldern geſehen?“ Der Delawarer, deſſen Name im Engliſchen„Hart⸗ herz“ bedeutete, eine Benennung, welche die Franzoſen in„le-coeur-dur“ überſetzt hatten, vergaß die Hart⸗ näckigkeit, mit der er ſonſt auf einem ein Mal gefaßten Vorſatze beharrte, und der er wahrſcheinlich einen ſo bezeichnenden Namen verdankte. Seine Züge erheiterten ſich ſichtbar, und er ließ ſich jetzt herab, eine beſtimmtere Antwort zu geben. „Es ſind fremde Halbſtiefel um mein Lager herum geweſen. Man hat ihre Spur bis in meine Hutten hin⸗ ein verfolgt.“ „Hat mein Bruder die Hunde wieder fortgejagt?“ fragte Magua, ohne die frühere zweideutige Antwort des Häuptlings zu berückſichtigen. „Das würde nicht angehn. Der Fremde iſt ſtets willkommen bei den Kindern der Lenapes.“ „Der Fremde, aber nicht der Spion!“ „Brauchen denn die Yengeeſe ihre Weiber zu Spio⸗ nen? Sagte nicht der Huronen⸗Häuptling, er habe in der Schlacht Weiber gefangen genommen?“ „Er hat keine Lüge geſagt. Die Yengeeſe haben ihre Kundſchafter ausgeſchickt. Sie waren in meinen Hütten; aber dort hieß ſie keiner willkommen. Daher flüchteten ſie ſich zu den Delawarern. Denn, ſagen ſie, die Delawarer ſind unſere Freunde; ihr Gemüth hat ſich abgewandt von ihrem Vater in Kanada!“ Dieſe geſchickte Wendung ließ den tiefſten Eindruck zurück, und ſelbſt in einem gebildetern geſellſchaftlichen Zuſtande würde Magua ſich dadurch den Ruf eines ge⸗ ſchickten Diplomaten erworben haben. Seine Wirthe wußten recht gut, daß die neuerliche Abtrünnigkeit ihres Stammes ihnen von Seiten der Franzoſen viele Vor⸗ würfe zugezogen hatte, und ſie fühlten, daß dies Beneh⸗ men die Letztern ſtets mit Argwohn und Mißtrauen gegen ſte erfüllen müßte. Daß ihnen aber ein ſolcher Umſtand in ihrer gegenwärtigen Lage bei allen ihren künftigen Unternehmungen nur zum Schaden gereichen konnte, dazu bedurfte es keiner großen Einſicht, keines tiefen Nach⸗ denkens. Denn ihre gewöhnlichen Wohnplätze, ihre Jagdgehege, Hunderte von ihren Weibern und Kindern, ſelbſt ein großer Theil ihrer ſtreitfähigen Männer befan⸗ den ſich alle innerhalb der Gränzen des franzöſiſchen Ge⸗ biets. Man nahm daher Magua's beunruhigende Auße⸗ rung, wie er es ſelbſt beabſichtigte, mit ſichtbarer Miß⸗ billigung, wo nicht mit Beſorgniß auf. „Mein Vater von Kanada möge mir in's Antlitz blicken,“ ſagte Le⸗Coeur⸗dur;„er wird keine Verände⸗ rung darin wahrnehmen. Meine jungen Manner ſind freilich nicht mitgewandelt auf dem Pfade des Kriegs; ſie hatten Träume, welche ihnen ſagten, daß ſie es nicht thun ſollten. Aber demungeachtet lieben und verehren ſie den großen weiſen Häuptling.“ „Wird er das glauben, wenn er vernimmt, daß ſein argſter Feind in dem Lager ſeiner Kinder genährt wird? wenn man ihm ſagt, ein blutiger Yengee rauche mit Euch an Eurem Feuer? wenn er erfährt, daß das bleiche Geſicht, das ſo viele ſeiner Freunde getödtet hat, bei den Delawarern ein⸗ und ausgeht?— Geh'!— Mein großer Vater von Kanada iſt kein Thor!“ „Wer iſt der Yengee, den die Delawarer fürchten?“ erwiederte der Andere;„wer hat meine jungen Männer getödtet? wer iſt der Todfeind meines großen Vaters?“ „La Longue Carabine!“ Die Delawarer Krieger fuhren erſchrocken empor bei dieſem wohlbekannten Namen, und jetzt erſt ſchienen ſie, wie ihre Beſtürzung verrieth, zu erfahren, daß ein Mann, der ſich den mit den Franzoſen verbündeten in⸗ dianiſchen Volksſtämmen ſo furchtbar gemacht hatte, ſich in ihrer Gewalt befinde. „Was meint mein Bruder damit?“ fragte Le⸗Coeur⸗ dur in einem beſtürzten Tone, der mit der gewöhnlichen Ruhe und Gleichgültigkeit ſeines Geſchlechts einen auf⸗ fallenden Kontraſt bildete. „Ein Hurone lügt nie,“ entgegnete Magua, indem er den Kopf an die Wand der Hütte lehnte und ſein leichtes Gewand über die von der Sonne gebräunte Bruſt zog.„Die Delawarer mögen ihre Gefangenen zählen; ſie werden einen darunter finden, deſſen Haut weder roth, noch bleich iſt.“ 4* Ein langes Schweigen folgte auf dieſe Worte. Der Häuptling zog ſeine Gefährten auf die Seite, um ſich mit ihnen allein zu beſprechen; und Boten wurden abge⸗ ſchickt, um noch einige der angeſehenſten Häuptlinge des Stammes zuſammen zu berufen. Bald langten die Krieger nach einander an, und jedem Eintretenden ward ſogleich die wichtige Nachricht verkündet, welche Magua ſo eben mitgetheilt hatte. Sie ward mit Staunen und mit dem gewöhnlichen Ausrufe „Hugh!“ aufgenommen, der in leiſen und tiefen Gut⸗ turaltönen erſcholl. Die Neuigkeit flog von Munde zu Munde, und verbreitete Aufruhr und Bewegung im gan⸗ zen Lager. Die Weiber verließen ihre Arbeit, um einige Worte zu erhaſchen, welche den Kriegern ent⸗ ſchlüpften. Die Knaben eilten von ihren Spielen, und furchtlos ſich zwiſchen ihre Vaͤter drängend, blickten ſie —. 220 dieſelben voll neugieriger Verwunderung an, als ihr Staunen über die Kühnheit eines ſo verhaßten Feindes ſich in kurzen Ausrufungen Luft machte. Mit einem Worte, alle Geſchäfte ruhten augenblicklich, und jeder ſchien blos daran zu denken, auf ſeine eigenthümliche Weiſe ſeinen Gefühlen freien Lauf zu laſſen. Als ſich die erſte Aufregung ein wenig gelegt hatte, vereinigten ſich die Älteren zu einer Berathſchlagung über die Maaßregeln, welche die ſo verwickelten und ſchwieri⸗ gen Umſtände nöthig machten, um die Ehre und Sicher⸗ heit des Stammes aufrecht zu erhalten. Magua war mitten in dieſer allgemeinen Bewegung nicht nur ruhig ſitzen geblieben, ſondern hatte auch ſogar ſeine frühere Stellung beibehalten. Er lehnte ſich noch immer nachläſſig an eine Wand der Hütte, ſo völlig be⸗ wegungslos, als ob ihm der Erfolg der Berathungen durchaus gleichgültig ſey. Seinem umherſpähenden Auge entging gleichwohl nicht das leiſeſte Zeichen, das die Ab⸗ ſichten und Geſinnungen ſeiner Wirthe verrieth. Er kannte genau den Charakter des Volks, mit dem er es hier zu thun hatte, und ſah daher jede Maaßregel, die ſte zu nehmen beſchloſſen, voraus: ja man könnte faſt ſagen, er kannte ihre Entſchlüſſe, ehe ſie ſich deren noch ſelbſt bewußt waren. Ddie Berathſchlagung der Delawarer dauerte nur kurze Zeit, und als ſie zu Ende war, verkündete eine allgemeine Bewegung, daß unmittelbar eine feierliche Ver⸗ ſammlung des ganzen Volksſtammes Statt finden werde. Da eine ſolche äußerſt ſelten und nur in beſonders wichti⸗ gen Fällen zuſammenberufen ward, ſo ſah der verſchmitzte — 221— Hurone, der bisher immer allein geſeſſen und einen ſtummen, aber aufmerkſamen Beobachter abgegeben hatte, daß jetzt der Augenblick gekommen ſey, wo ſeine Ent⸗ würfe gelingen oder ſcheitern mußten. Er verließ daher die Hütte und begab ſich ſchweigend nach dem vor dem Lager befindlichen Platze. Hier kamen die Krieger be⸗ reits nach und nach zuſammen. Eine halbe Stunde mogte etwa vergangen ſeyn, ehe Alle, die zum Stamme gehörten, Weiber und Kinder nicht ausgenommen, ſich dort eingefunden hatteu. An dieſem Verzug waren die wichtigen Vorkehrungen Schuld, die man bei einer ſo feierlichen und ungewöhnlichen Ver⸗ ſammlung für nöthig erachtete. Als aber die Sonne ſich über die Gipfel des Berges erhob, an deſſen Abhange die Delaͤwarer ihr Lager aufgeſchlagen hatten, waren die meiſten Sitze bereits eingenommen worden; und als die erſten glänzenden Strahlen durch die dunkeln Um⸗ riſſe der Bäume ſchimmerten, welche die Höhe bekränz⸗ ten, fielen ſie auf eine mit der ernſteſten Aufmerkſam⸗ keit und regſten Theilnahme erfüllte Volksmenge, deren Zahl ſich etwa über tauſend Seelen belaufen mogte. In einer ſolchen ernſten Verſammlung der Wilden findet nie der Fall Statt, daß irgend Jemand, nach Aus⸗ zeichnung begierig, zuerſt das Wort nimmt und dadurch die Ubrigen zu einer übereilten und vielleicht unüberlegten Erorterung des Gegenſtandes verleitet, damit er ihnen den Rang ablaufe und ſeine eignen Talente entſchieden geltend mache. Wer ſich eine ſo anmaßende Handlungs⸗ weiſe zu Schulden kommen ließe, würde für immer alles Vertrauen verlieren. Blos Alter und Erfahrung köon⸗ nen dazu berechtigen, den Gegenſtand der Verſammlung dem Volke vorzutragen; und ſo lange nicht Jemand, mit dieſen Erforderniſſen ausgerüſtet, es für gut findet den Anfang zu machen, würden weder abgelegte Beweiſe der Tapferkeit, noch natürliche Talente, noch ſelbſt ein ſchon gegründeter Ruf als Redner die geringſte Unterbre⸗ chung entſchuldigen konnen. In dem gegenwärtigen Falle beobachtete ſelbſt der be⸗ jahrte Krieger, dem es erlaubt geweſen wäre, die Be⸗ rathungen zu eröffnen, ein tiefes Schweigen. Er ſchien gleichſam niedergedrückt durch die Wichtigkeit des Gegen⸗ ſtandes. Die Stille, welche ſtets den Berathungen der Indianer vorangeht, hatte ſchon länger, als gewöhnlich, gedauert; demungeachtet erlaubte ſich auch nicht der kleinſte Knabe, irgend ein Zeichen der Ungeduld oder Verwunderung zu erkennen zu geben. Nur dann und wann blickte ein Auge vom Boden empor und heftete ſich auf eine abgeſonderte Hütte, die ſich von den übri⸗ gen Wohnungen nur dadurch unterſchied, daß ſie ſorg⸗ fältiger gedeckt war, um ſie gegen die Witterung zu ſchützen. Endlich vernahm man ein dumpfes Murmeln, wie es ſich öfters in einer verſammelten Volksmenge hören läßt, und Alle ſtanden, wie von einem gemeinſchaftlichen Beweggrunde angetrieben, plötzlich auf. Die Thür der eben erwähnten Hütte öffnete ſich in dieſem Augenblicke, und drei Männer traten heraus, langſam dem Bera⸗ thungsplatze ſich nähernd. Alle drei waren hoch bejahrt und älter, als irgend einer der Anweſenden. Der in der Mitte gehenoe Greis aber, den die beiden andern im Gehen unterſtützten, war von einem ſo hohen Alter, wie — 223— es nur ſelten ein Menſch erreicht. Eine Laſt von mehr als hundert Jahren drückte ſeine Geſtalt nieder, die einſt ſchlank und gerade, wie eine Ceder, geweſen war. Ver⸗ ſchwunden war der leichte, elaſtiſche Schritt eines India⸗ ners; mühſam ſchleppte er ſeine Füße Zoll für Zoll über den Boden hinweg. Einen auffallenden Kontraſt bildete ſein dunkles, von Furchen bedecktes Geſicht mit dem langen, weißen Haar, das in langen Locken über ſeine Schultern herabfloß. Die Fülle dieſes Haars be⸗ wies, daß vielleicht ſchon mehrere Generationen unterge⸗ gangen waren, ſeit er zum letzten Male ſein Haupt ge⸗ ſchoren hatte. Der Anzug dieſes Patriarchen— denn ſo konnte er wohl hinſichtlich ſeines hohen Alters, ſeiner zabhlreichen Verwandtſchaft und ſeines Einfluſſes auf ſein Volk mit Recht genannt werden— war reich und Ehrfurcht ge⸗ bietend, wiewohl er zugleich völlig mit der einfachen Tracht ſeines Stammes übereinſtimmte. Sein Kleid be⸗ ſtand aus den koſtbarſten Thierfellen, von denen man aber das Pelzwerk abgeſchoren hatte, um darauf in Hiero⸗ glypben die kriegeriſchen Thaten einzugraben, durch die er ſich in frühern Jahren ausgezeichnet hatte. Münzen von Silber, eine oder zwei ſogar von Gold, zierten ſeine Bruſt. Es waren Geſchenke, die er während ſei⸗ nes langen Lebens verſchiedenen chriſtlichen Potentaten verdankte. Reife von demſelben koſtbaren Metalle um⸗ ſchloſſen ſeine Arme und Beine, und ſein Haupt, auf deſſen ganzer Oberfläche das Haar ungehindert wuchs, da er ſchon längſt dem Kriegsdienſte entſagt hatte, umgab ein ſilbernes Diadem, geſchmückt mit einigen mehr oder minder funkelnden Zierrathen. drei Straußfedern von glänzend ſchwarzer Farbe hervor, die von ſeinem Scheitel herabhingen und mit den ſchnee⸗ weißen Locken einen auffallenden Kontraſt bildeten. Seine Streitaxt ſtarrte faſt von Silber, und der Griff ſeines Meſſers glänzte wie ein Horn von gediegenem Golde. Sobald ſich die erſte Aufregung und Freude über die unerwartete Erſcheinung dieſes allgemein verehrten Man⸗ nes etwas gelegt hatte, flüſterte Einer dem Andern den Namen„Tamenund“ zu. Schon öfters hatte Magua die Weisheit und Gerechtigkeit dieſes Delawarers rühmen hören. Sein Ruf ging ſo weit, daß man glaubte, er genöſſe das ſeltene Glück, mit dem großen Geiſte in ge⸗ heimer Verbindung zu ſtehen, wodurch ſein Name ſogar, nur mit einer geringen Abänderung, als der eines ver⸗ meintlichen Schutzheiligen einer beträchtlichen Landes⸗ ſtrecke*), bis auf die weißen Eroberer ſeines Gebiets gekommen iſt. Der Huronen⸗Häuptling entfernte ſich daher eilig aus dem Gedränge, und ſtellte ſich auf einen Platz, der ihm vergönnte, die Züge des Mannes naher zu betrachten, der wahrſcheinlich einen nicht geringen Einfluß auf das Gelingen ſeines Vorhabens hatte. Die Augen des Greiſes waren geſchloſſen, als ſeyen ſie müde, noch länger das eigennützige Treiben der menſch⸗ lichen Leidenſchaften mit anzuſehen. Die Farbe ſeiner Haut war verſchieden von der der andern Indianer; ſie ſchien glänzender und ſchwärzer zu ſeyn. Das Letztere *) St. Tammany. Dieſe blitzten zwiſchen — 225— rührte von den feinen durch einander laufenden Linien und mannigfachen Figuren her, die auf ſeinem Körper vermittelſt des Tättowirens eingegraben waren. Ungeach⸗ tet der Hurone ſich dem Greiſe ganz nahe geſtellt hatte und ihn ſtumm und aufmerkſam betrachtete, ging Tame⸗ nund an ihm vorüber, ohne ihn zu beachten. Auf ſeine ehrwürdigen Gefährten gelehnt, verfügte er ſich nach dem Platze, auf welchem ſich das Volk verſammelt hatte. Dort nahm er mit der würdevollen Haltung eines Monarchen und dem liebevollen, gütigen Weſen eines Vaters ſeinen Sitz ein. Nichts übertraf die Achtung und Liebe, womit dieſer Mann, der bereits einer andern Welt anzugehören ſchien, von ſeinem Volke aufgenommen ward. Es trat eine ehr⸗ furchtsvolle Pauſe ein, worauf ſich die angeſehenſten Häuptlinge dem Patriarchen näherten. Sie ergriffen ſeine Hand und legten ſie auf ihren Kopf, als wollten ſie ihn um ſeinen Segen bitten. Die jüngern Männer begnügten ſich mit der Berührung ſeines Kleides, oder ſuchten wenigſtens ſo nah, wie möglich, an ihn heranzu⸗ treten, um nur mit einem ſo bejahrten, weiſen und tapfern Krieger dieſelbe Luft einzuathmen. Aber dieſe Freiheit nahmen ſich nur die ausgezeichnetſten unter den jüngern Kriegern; die übrigen begnügten ſich mit dem Glücke, das Antlitz eines ſo geliebten und verehrten Man⸗ nes betrachten zu können. Als dem Patriarchen dieſe Huldigung dargebracht worden war, nahmen die Häupt⸗ linge wieder ihre Plätze ein. In der Verſammlung herrſchte eine tiefe, ehrfurchts⸗ volle Stille. Sie ward unterbrochen durch das Aufſte⸗ 10— 12. 15 — 226— hen von ein Paar jüngern Kriegern, denen einer der be⸗ jahrten Begleiter des Greiſes einige Worte zugeflüſtert hatte. Sie verließen die Verſammlung und begaben ſich nach der Hütte, welche, wie früher bemerkt worden, dieſen Morgen der Gegenſtand der allgemeinen Auf⸗ merkſamkeit geweſen war. In wenigen Minuten er⸗ ſchienen ſie wieder, und mit ihnen die Fremdlinge, welche die Veranlaſſung zu all dieſen feierlichen Vor⸗ kehrungen waren, und jetzt zu dem Richterſtuhle hinge⸗ führt wurden. Die Menge machte ſogleich Platz, eine doppelte Reihe bildend, durch welche die abgeſchickten Krieger mit ihren Begleitern in das Innere des Raums eintraten. Hierauf ſchloß ſich die Reihe wieder, und die Gefangenen befanden ſich mitten in einem weiten Kreiſe, den die ganze Volkerſchaft bildete. Auf⸗ er⸗ nge, Vor⸗ nge⸗ eine kten ums und eiten Zwölftes Kapitel. Als ſeinen Sitz nun einnahm Jedermann, Da redete Achill den König an. Homer's Iliade, nach Pope's Ueberſetzung. An der Spitze der Gefangenen befand ſich Cora, die ihren Arm mit inniger Zärtlichkeit und Liebe um ihre Schweſter Alix geſchlungen hatte. Trotz des drohenden und furchtbaren Anblicks der Wilden, welche ſie von allen Seiten umgaben, empfand ſie keine Furcht; aber ihr Auge war fortwaͤhrend auf die bleichen, verſtörten Züge der Alix geheftet. Dicht an ihrer Seite ſtand Heyward, der in dieſem Augenblicke banger Ungewißheit ſich mit ſo lebhafter Theil⸗ nahme zu beiden Schweſtern hingezogen fühlte, daß ſein Herz keinen Unterſchied zwiſchen ihnen zu kennen und der ſo innig Geliebten kaum einen Vorzug einzuräumen ſchien. Hawk⸗eye hatte ſich ein wenig mehr hinterwärts geſtellt, aus Achtung vor dem Range ſeiner Gefährten, den er auch in ihrer gegenwärtigen, gleich bedrängten Lage nicht vergaß. Unkas befand ſich nicht unter ihnen. Als wieder eine vollkommene Stille eingetreten war, erhob ſich nach einer langen und feierlichen Pauſe einer der bejahrten Häuptlinge, welche neben dem Patriar⸗ chen ihren Sitz eingenommen hatten. Er fragte in ſehr verſtaͤndlichem Engliſch mit lauter Stimme: 15*½ — 228— „Welcher von meinen Gefangenen iſt La Longue Carabine?“ Weder Duncan, noch der Kundſchafter ertheilten eine Antwort. Jener ließ jedoch ſeine Blicke in der düſter ſchweigenden Verſammlung umherſtreifen, und fuhr einen Schritt zurück, als ſein Auge Magug's bos⸗ haftem Geſichte begegnete. Daß ihre Vorladung vor die verſammelte Nation das Werk dieſes verſchmitzten Wil⸗ den ſey, war dem Major ſogleich klar, und er beſchloß Alles aufzubieten, um der Ausführung ſeiner verderb⸗ lichen Anſchläge Hinderniſſe in den Weg zu legen. Erſt vor Kurzem war er ein Zeuge geweſen von der ſchnellen Gerechtigkeitspflege der Indianer. Er mußte daher be⸗ ſorgen, daß ſeinem Gefährten ein ähnliches Schickſal zu Theil werden könnte. Die bedenkliche Lage, in der er ſich befand, ließ ihm nur wenig Zeit zum Nach⸗ denken, und er entſchloß ſich daher, ohne den Einflü⸗ ſterungen der Furcht Gehör zu geben, ſeinen Freund zu beſchützen, wie groß auch immer die Gefahr ſeyn möge, der er ſich ſelbſt dabei ausſetze. Eh' er indeß Zeit hatte zu ſprechen, wurde ſchon dieſelbe Frage in lauterem und deutlicherem Tone wiederholt. „Gebt uns Waffen,“ erwiederte der junge Mann ſtolz,„und laßt uns in die Wälder gehn; unſre Tha⸗ ten ſollen dann für uns ſppechen.“ Das iſt der Krieger, deſſen Namen bis zu unſern Ohren gedrungen iſt!“ ſagte der Häuptling, indem er Duncan mit jener neugierigen Theilnahme betrach⸗ tete, die uns ergreift, wenn wir zum erſten Male ei⸗ nen Menſchen erblicken, der ſich durch Verdienſt oder — 229— Zufall, durch Tugend oder Verbrechen einen Namen erwarb.„Was führte den weißen Mann in das Lager der Delawarer?“ „Die Noth. Ich bin gekommen, um Nahrung, Ob⸗ dach und Freunde zu ſuchen.“ „Das kann nicht ſeyn. Die Wälder ſind voll von Wild; das Haupt eines Kriegers hat kein anderes Ob⸗ dach nöthig, als einen wolkenloſen Himmel; und die Delawarer ſind nicht die Freunde, ſondern die Feinde der Yengeeſe. Geh'! Dein Mund hat geſprochen, während dein Herz nichts ſagte.“ Duncan ſchwieg, weil er nicht recht wußte, was er antworten ſolle; aber der Kundſchafter, der Allem, was geſprochen worden war, mit Aufmerkſamkeit zuge⸗ hört hatte, trat keck vor, und nahm es auf ſich, ihnen die verlangte Aufklärung zu geben. „Wenn ich nicht antwortete, als Ihr La Longue Carabine rieft,“ ſagte er,„ſo geſchah das weder aus Schaam, noch aus Furcht; denn ein redlicher Mann kennt weder die eine, noch die andere. Aber ich geſtehe den Mingos nun ein Mal nicht das Recht zu, Einem, den ſeine Freunde wegen ſeiner guten Eigenſchaften in dieſer Hinſicht ſchon beſſer bedacht haben, einen andern Namen beizulegen; dann überhaupt iſt auch der ganze Name nur eine Lüge, weil mein„Hirſchtödter“ ein ächtes gezogenes Gewehr und kein Karabiner iſt. Ich bin aber der Mann, der von ſeinen Verwandten den Na⸗ men Nathaniel erhielt, und von den Delawarern, die am Ufer des gleichnamigen Fluſſes wohnen, die ſchmei⸗ — 230— chelhafte Benennung Hawk⸗eye.*) Die Irokeſen aber haben ſich, ohne von mir, den's doch am meiſten an⸗ geht, eine Vollmacht dazu erhalten zu haben, gar her⸗ ausgenommen, mich die„Lange Büchſe“ zu nennen.“ Die Augen aller Anweſenden, die ſich bisher ernſt auf Duncan geheftet hatten, richteten ſich nun auf die kräftige, eiſenfeſte Geſtalt des Mannes, der einen ſo rühmlichen Namen für ſich in Anſpruch nahm. Es war eben nichts Ungewöhnliches, daß ſich zwei Perſonen um die Ehre ſtritten, einen ſolchen Namen zu führen; denn Betrüger, wenn auch ſelten, waren nicht gänzlich unbekannt unter den Eingebornen. Aber es lag den Delawarern, die gerecht und ſtreng zu Werke gehen wollten, weſentlich daran, die Wahrheit zu erfahren. Einige der ältern Männer ſprachen heimlich mit einan⸗ der, und das Reſultat dieſer Berathung ſchien dar⸗ auf hiuauszugehen, daß ſie ihren Gaſt darüber befra⸗ gen wollten. „Mein Bruder hat geſagt, eine Schlange ſey in mein Lager gekrochen,“ ſagte der Häuptling zu Magua; „wer iſt es?“ „Der Hurone wies auf den Kundſchafter, verharrte aber in ſeinem Stillſchweigen. „Will ein weiſer Delawarer dem Bellen eines Wolfes trauen?“ rief Heyward, hiedurch noch mehr in dem Glauben beſtärkt, daß ſein alter Feind böſe Ab⸗ ſichten hege.„Ein Hund lügt niemals; wann aber hat je ein Wolf die Wahrheit geredet?“ *) Farkennuge. —— 2 AæÆ= — — h dͤ—— ᷣ 2 2 — Maguag's Augen funkelten; allein plötzlich ſich erin⸗ nernd, wie nothwendig es ſey, ſeine Geiſtesgegenwart zu behaupten, wandte er ſich mit ſtiller Verachtung hin⸗ weg, überzeugt, daß es dem Scharfſinne der Indianer gelingen werde, der Sache auf den Grund zu kommen. Er hatte ſich hierin nicht geirrt; denn nach einer aber⸗ maligen kurzen Berathung wandte ſich der bedächtige Delawarer wieder zu ihm, und theilte ihm in den vor⸗ ſichtigſten Ausdrücken den Beſchluß der Häuptlinge mit. „Mein Bruder iſt ein Lügner genannt worden,“ ſagte er,„und ſeine Freunde ſind darüber entrüſtet. Sie wollen zeigen, daß er die Wahrheit geſprochen. Gebt meinen Gefangenen Gewehre, und ſie werden be⸗ weiſen, welcher von ihnen der rechte Mann iſt.“ Magua ſah ein, daß man nur aus Mißtrauen ge⸗ gen ihn zu dieſem Ausrunftsmittel ſeine Zuflucht nähme. Er ſtellte ſich daher, als erblicke er darin eine ihm er⸗ wieſene Huldigung, und gab durch eine Gebärde ſei⸗ nen Beifall zu erkennen. Denn er war ſehr zufrieden damit, daß ſeine Glaubwürdigkeit durch einen ſo guten Schützen, als der Kundſchafter war, erwieſen werden ſolle. Die befreundeten Gegner empfingen ſogleich die Gewehre, nebſt der Weiſung, über die Köpfe der im Kreiſe umherſtehenden Menge hinweg, nach einem irde⸗ nen Gefäße zu ſchießen, das zufällig, etwa funfzig Schritte von ihrem Standpunkte entfernt, auf einem abgehauenen Baumſtamme lag. Heyward lächelte bei ſich ſelbſt, als er daran dachte, mit dem Kundſchafter einen ſolchen Wettkampf zu be⸗ — 232— ſtehen; gleichwohl beſchloß er, die Täuſchung nicht zu enthüllen, bis er Magua's Abſichten völlig kenne. Er nahm daher ſeine Büchſe, zielte drei Mal mit der größten Sorgfalt und gab Feuer. Die Kugel ſchlug nur einige Zoll weit von dem Gefäße in den Stamm, und ein all⸗ gemeines Freudengeſchrei verkündete, daß dieſer Probe⸗ ſchuß von einer ſehr großen Geſchicklichkeit in dem Ge⸗ brauche ſeiner Waffe zeuge. Selbſt Hawk⸗eye nickte mit dem Kopfe, als wollt' er ſagen, der Schuß ſey beſſer ausgefallen, als er erwartet habe. Statt aber ſich anzuſchicken, ſeinem glücklichen Vorgänger den Preis ſtreitig zu machen, blieb er länger als eine Minute auf ſeine Büchſe gelehnt ſtehen, wie Jemand, der in tiefes Nachdenken verſunken iſt. Aus dieſer Träume⸗ rei riß ihn jedoch bald einer der jungen Indianer, der die Gewehre herbeigeſchafft hatte. Ihm auf die Schulter klopfend, ſagte er in ſehr ſchlechtem Engliſch zu ihm: „Kann es das bleiche Geſicht beſſer machen?“ „Ja, Hurone!“ rief der Kundſchafter, und hob ſeine Büchſe mit der rechten Hand in die Höhe, während er ſie, ſein Auge auf Magua richtend, mit einer Ge⸗ wandtheit in die Luft ſchwang, als ob es ein leichtes Rohr geweſen wäre.„Ja, Hurone, jetzt könnt' ich dich niederſchießen, ohne daß mich irgend eine Macht daran hindern ſollte. Dem Falken, der in der Luft ſchwebt, iſt die Taube unter ihm nicht ſicherer, als du mir in dieſem Augenblicke biſt, wenn ich dir eine Kugel durch's Herz jagen wollte.— Warum thu' ich's nicht? Warum? Weil es mir meine Farbe verbietet, und ich dadurch b über arme ſchuldloſe Weſen nur neues Unglück verhän⸗ gen würde. Wenn du ſolch ein Weſen, wie Gott, kennſt, ſo dank' ihm dafür von Grund deines Herzens; denn du haſt in der That Urſache dazu!“ 3 Des Kundſchafters Antlitz, von dunkler Röthe glü⸗ hend, ſeine von Zorn flammenden Augen und ſeine hohe Geſtalt erfüllten die Seele ſeiner Zuhörer mit geheimem Grauen. Die Delawarer holten, vor geſpannter Er⸗ wartung, kaum Athem. Nur Magua blieb, obwohl er der Mäßigung ſeines Feindes nicht ganz traute, mitten unter der ihn umgebenden Menge ſo ruhig und be⸗ wegungslos ſtehen, als wär' er an dem Boden feſt⸗ gewachſen. „Beſſer machen!“ wiederholte der Delawarer, wel⸗ cher dicht neben dem Kundechafter ſtand. „Was beſſer machen, Narr? Was?“ rief Hawk⸗eye, noch immer ſeine Büchſe entrüſtet über dem Kopf ſchwin⸗ gend, ohne jedoch ſein Auge auf Magua zu heften. „Iſt der weiße Mann wirklich der Krieger, der er zu ſeyn vorgibt,“ ſagte der bejahrte Häuptling,„ſo möge er näher an's Ziel treffen.“ Der Kundſchafter brach, zum Zeichen ſeiner Ver⸗ achtung, in ein ſo lautes Gelächter aus, daß Duncan zuſammenfuhr, weil er übernatürliche Töne zu hören glaubte. Er ließ in dieſem Augenblick ſein Gewehr ſchnell in die ausgeſtreckte linke Hand herabſinken, und dieſe Erſchütterung bewirkte, daß es von ſelbſt losging. Der Schuß traf das Gefäß, und zerſchmetterte es, daß die Stücke in der Luft umherflogen und auf allen Sei⸗ ten des Baumſtammes zerſtreut niederfielen. Faſt in — ů— — 234— demſelben Moment hörte man ein anderes Geräuſch; es rührte von der Büchſe her, welche der Kundſchafter ver⸗ ächtlich auf die Erde geworfen hatte. Das Gefühl ungetheilter Bewunderung wurde allge⸗ mein rege bei dieſem außerordentlichen Auftritte. Bald aber verbreitete ſich ein leiſes Gemurmel unter der Menge, das ſich allmählich in ein Geſchrei verwandelte und deut⸗ lich bewies, daß die Zuſchauer über den Schuß ſehr ver⸗ ſchiedener Meinung waren; denn während Einige ihre Zufriedenheit über eine ſolche beiſpielloſe Geſchicklichkeit aus⸗ drückten, war bei weitem der größere Theil der Anwe⸗ ſenden geneigt, dieſen Schuß für das Spiel des Zufalls zu halten. Heyward ſäumte nicht, eine Meinung zu be⸗ kräftigen, die ſeine eigenen Anſprüche begünſtigte. „Es war nichts, als Zufall!“ rief er.„Niemand kann ſchießen, ohne zu zielen.“ „Zufall!“ wiederholte der gereizte Waidmann, der ſich's nun ein Mal vorgenommen hatte, hartnäckig und um jeden Preis zu beweiſen, daß er wirklich der ſey, für den er ſich ausgegeben habe, wodurch alle heimlichen Winke, die ihm Duncan gab, in dieſen Betrug mit ein⸗ zugehen, für ihn verloren waren.„Iſt jener lügneriſche Hurone auch der Meinung, daß es ein Zufall war? Gebt ihm gleichfalls ein Gewehr und ſtellt uns einander gegenüber, ohne irgend eine Deckung oder ſonſtigen Vor⸗ theil; dann möge die Vorſehung und unſer eignes Auge die Sache zwiſchen uns entſcheiden. Ihnen, Major, thu ich dieſen Vorſchlag nicht; denn unſer Blut iſt von einer Farbe, und wir dienen einem Herrn.“ „Daß der Hurone ein Lügner iſt, das iſt voͤllig klar,“ — 235— entgegnete Heyward kaltblütig.„Ihr hörtet ja ſelbſt, daß er behauptete, Ihr wäret La Longue Carabine!“ Es iſt ſchwer zu beſtimmen, wohin den hartnäckigen Kundſchafter, der nun ein Mal beweiſen wollte, daß er wirklich der wahre Mann ſey, ſein Ungeſtüm und ſeine Heftigkeit zuletzt geführt haben würden, wäre nicht der bejahrte Delawarer abermals als Vermittler dazwiſchen getreten. „Der Falke, der aus den Wolken niederſchießt,“ ſagte er,„kann wieder dahin zurückkehren, wenn er will. — Gebt ihnen die Gewehre.“ Dies Mal griff der Kundſchafter haſtig nach ſeiner Büchſe; aber Magua, wiewohl er mit mißtrauiſchem Blick alle Bewegungen des Schützen beobachtete, hatte jetzt keine Urſache zur Beſorgniß. „So wollen wir denn hier vor dem verſammelten Stamme der Delawarer zeigen, wer der beſte Schütze iſt!“ rief der Kundſchafter, indem er mit dem Finger, der ſchon ſo manchen tödtlichen Schuß gethan, auf den Kolben ſeiner Buchſe klopfte.„Sie ſehen doch die Kür⸗ bisflaſche an jenem Baume dort, Major? Sind Sie ein ſo guter Schütze, wie wir ihn hier in den Gränzlanden brauchen, ſo wollen wir ein Mal ſehen, ob Sie dieſe Kürbisflaſche ſpalten können!“ Duncan faßte den Gegenſtand in's Auge, und machte ſich bereit zu einem abermaligen Probeſchuſſe. Die Fla⸗ ſche war eins der kleinen Trinkgeſchirre, deren ſich die Indianer gewöhnlich bedienen. Sie hing weit über hun⸗ dert Schritte von ihnen an einem Riemen von Hirſchleder an dem dorren Aſte einer kleinen Fichte. — 236— So ſeltſam iſt das Gefuhl unſerer Eigenliebe be⸗ ſchaffen, daß der junge Soldat, ſo gleichgültig ihm auch das Urtheil ſeiner wilden Schiedsrichter war, doch über dem Wunſche, den Andern zu übertreffen, die erſte Ver⸗ anlaſſung zu dieſem Wettkampfe vergaß. Daß ſeine Ge⸗ ſchicklichkeit nichts weniger als zu verachten war, haben wir bereits oben geſehen; und er beſchloß, nun Alles auf⸗ zubieten, um ſich von ſeiner glänzendſten Seite zu zeigen. Er hätte nicht ſorgfältiger zielen können, wenn ſein Leben von dieſem Schuſſe abgehangen hätte. Endlich drückte er ab, und drei oder vier junge Indianer, die ſogleich nach dem Ziel hingerannt waren, verkündeten mit großem Geſchrei, die Kugel habe den Baum getroffen, und zwar ein wenig nach der Seite zu, auf welcher die Kürbisfla⸗ ſche hing. Ein allgemeines Freudengeſchrei erſcholl in dieſem Augenblicke, und die Krieger hefteten ihr Auge forſchend auf Duncan's Gegner. „Das iſt gut genug für die königlichen Amerikaner!“ ſagte Hawk⸗eye, auf ſeine eigene ſtille Weiſe herzlich lachend.„Wenn indeß meine Büchſe öfters ſo weit das Ziel verfehlt hätte, ſo liefe mancher Marder, deſſen Pelz jetzt in einer Damenmuffe ſteckt, noch luſtig in den Wäl⸗ dern umher. Und wie mancher blutdürſtige Mingo, der ſchon ſeine Rechnung mit der Welt abgeſchloſſen hat, würde noch heute die Gränzprovinzen durch ſeine Räube⸗ reien beunruhigen! Ich will hoffen, das Weib, dem die Flaſche gehört, hat deren noch mehrere in ihrer Hutte; denn dieſe hier wird wohl ſchwerlich Waſſer mehr halten!“ Während der Kundſchafter ſo ſprach, hatte er Pul⸗ ver auf die Zündpfanne geſchuttet und den Hahn ge⸗ — 237— ſpannt. Als er damit fertig war, ſetzte er einen Fuß zurück und hob langſam das Gewehr in die Höhe. Dieſe Bewegung geſchah mit einer feſten und ſicheren Hand, ohne im geringſten von der Linie abzuweichen. Als die Büchſe wagerecht lag, ließ er ſie, ohne nur im geringſten zu zittern oder zu ſchwanken, einen Augen⸗ blick ſo feſt und unbeweglich ruhen, daß es ſchien, als wären Mann und Waffe aus Stein gehauen. Nach dieſer augenblicklichen Pauſe aber fuhr plötzlich ein hel⸗ ler und glänzender Feuerſtrahl aus der Büchſe. Allein die mißmuthigen Blicke der jungen Indianer, welche ſogleich an den Fuß des Baums geeilt waren, verrie⸗ then, daß ſie nirgends eine Spur von der Kugel gefun⸗ den hätten. „Geh'!“ ſagte der alte Häuptling zu dem Kundſchaf⸗ ter mit einem verächtlichen Tone;„du biſt ein Wolf in der Haut eines Hundes. Ich will mit der„Langen Büchſe“ der Yengeeſe ſprechen.“ „Ach! Hätt' ich nur das Gewehr, dem ich den Na⸗ men, welchen Ihr mir ſo eben gabt, verdanke, ſo wollt' ich mich anheiſchig machen, den Riemen abzuſchießen und die Flaſche herunterzuwerfen, ſtatt ſie zu durchboh⸗ ren!“ verſetzte Hawk⸗eye, den das Benehmen des Häupt⸗ lings nicht in ſeiner gewöhnlichen Kaltblütigkeit zu ſtören ſchien.„Ihr Narren! Wenn Ihr die Kugel finden wollt, die ein Schütze aus dieſen Wäldern abgeſchoſſen hat, ſo müßt Ihr in's Ziel hineinſehen und nicht um dasſelbe herumſuchen!“ Die jungen Indianer verſtanden ſogleich, was er meinte; denn er hatte dies Mal in der Delawarer⸗Sprache — 238— geſprochen. Sie riſſen die Flaſche vom Baum herab, und hoben ſie unter allgemeinem Freudengeſchrei hoch empor. In dem Boden derſelben erblickte man deutlich ein Loch, das die Kugel, welche in die Mitte des obern Theils der Flaſche hineingefahren war, darin zurückge⸗ laſſen hatte. Das vorhin angeſtimmte Freudengeſchrei verſtärkte ſich bei dieſem Anblick, der die Erwartungen Aller übertraf. Der ſtreitige Punkt war nun entſchie⸗ den, und Hawkeye ſah ſeine Anſprüche auf ſeinen ge⸗ fährlichen Ruf allgemein anerkannt. Während man bis⸗ her Heyward voll Neugier und Bewunderung angeblickt hatte, heftete ſich nun jedes Auge auf die kräftige Ge⸗ ſtalt des Kundſchafters. Er ward der Hauptgegenſtand der Aufmerkſamkeit aller Anweſenden, die ihn mit na⸗ 4 türlicher Einfalt anſtaunten. Kaum hatte ſich indeß die Bewegung, welche hiedurch entſtand, ein wenig gelegt, ſo ſetzte der bejahrte Häuptling ſein früheres Verhör wie⸗ der fort. „Warum haſt du meine Ohren verſtopfen wollen?“ ſagte er, indem er ſich zu Duncan wandte.„Glaubſt du, die Delawarer ſind Narren, die nicht im Stande ſind, den jungen Panther von einer Katze zu unter⸗ ſcheiden?“ „Sie werden gleichwohl bald finden, daß der Hu⸗ rone ein betrügeriſcher Lockvogel iſt,“ erwiederte Dun⸗ can, der ſich der bildlichen Sprache der Eingebornen zu bedienen ſuchte. „Es iſt gut. Wir werden erfahren, wer die Ohren der Menſchen zu ſchließen vermag. Bruder!“ fuhr der — 239— Häuptling, mit einem Blick auf Magua, fort,„die De⸗ lawarer hören.“ Bei dieſer unmittelbar an ihn gerichteten Aufforde⸗ rung erhob ſich der Hurone, und mit feierlichem An⸗ ſtande mitten in den Kreis tretend, ſtellte er ſich dem Gefangenen gegenüber, und ſchien bereit, ſeine Rede zu beginnen. Eh' er indeß den Mund öffuete, glitten ſeine Augen langſam an den ernſten Geſichtern hin, die ihn umgaben, als ſänne er auf Ausdrücke, die der Faſſungs⸗ kraft ſeiner Zuhörer angemeſſen wären. Mit ehrerbie⸗ tiger Scheu betrachtete er den Kundſchafter, während er Duncan einen Blick des unverſöhnlichſten Haſſes zu⸗ warf. Die zitternde Alix ſchien er kaum zu beachten; dagegen hefteten ſich ſeine Augen auf die ſtolze, kühne und dennoch ſo liebenswürdige Geſtalt Cora's mit einem Ausdrucke, der ſich ſchwer beſchreiben ließe. Hierauf be⸗ gann er, von ſeinen ſchwarzen, unheilbringenden Entwür⸗ fen erfüllt, in der kanadiſchen Sprache zu reden, die, wie er wußte, der bei weitem größere Theil ſeiner Zu⸗ hörer verſtand. „Der Geiſt, der die Menſchen ſchuf, gab ihnen ver⸗ ſchiedene Farben,“ hub der verſchmitzte Hurone an. „Einige ſind ſchwärzer, als der träge Bär. Dieſe,“ ſagte er,„ſollen Sklaven ſeyn; er beſtimmte ſie, wie den Biber, zu fortwährender Arbeit. Wenn der Südwind weht, könnt ihr ſie längs den Ufern des großen Salz⸗ waſſers lauter, als den brüllenden Büffel, ächzen und ſtöhnen hören. An jenem Geſtade ſieht man die großen Fahrzeuge kommen und gehen, welche ganze Heerden von ihnen bringen und mit ſich nehmen. Andern gab —— der große Geiſt ein bleicheres Geſicht, als das Fell des Hermelins in den Wäldern; dieſe beſtimmte er zu Han⸗ delsleuten und gab ihnen Hunde zu Weibern und Wölfe zu ihren Sklaven. Dieſem Volke gab er die Natur einer Taube; Flügel, die nie ermüden; Junge, zahlreicher, als die Blätter der Bäume; und eine Gefräßigkeit, die ganze Erde zu verſchlingen. Er gab ihnen eine Sprache, gleich dem falſchen Geheul der wilden Katze; das Herz eines Kaninchens; die Klugheit des Schweins(aber nicht die des Fuchſes), und Arme, länger als die Beine des Elenthiers. Mit ſeiner Zunge verſtopft er die Ohren der Indianer; ſein Herz lehrt ihn, Krieger zu bezahlen, um für ihn zu kämpfen; ſeine Klugheit gibt ihm die Mittel an die Hand, alle Güter der Erde an ſich zu reißen, und ſein Arm umſchlingt das ganze Land von dem Geſtade des Salzwaſſers bis zu den Inſeln der großen See'n. Seine Gefräßigkeit macht ihn krank. Gott gab ihm genug, und dennoch fehlt ihm Alles. So ſind die bleichen Geſichter. „Noch Andere ſchuf der große Geiſt mit einer Haut, glänzender und röther, als jene Sonne,“ fuhr Magua fort, mit einer ausdrucksvollen Gebärde auf den matt leuchtenden Himmelskörper deutend, deſſen Strahlen durch die am Horizont aufgethürmten Nebelmaſſen ver⸗ geblich durchzudringen ſuchten;„und dieſe ſchuf er ſich zu ſeinem Wohlgefallen. Ihnen gab er dieſe Inſel, wie er ſie geſchaffen hatte, bedeckt mit Bäumen und voll von Wild. Der Wind bahnte ihnen Lichtungen im Walde, wo ſie wohnen konnten; die Sonne und der Regen brachte ihr Korn zur Reife, und der Schnee erinnerte —*——-—— „oö ☚—— ſte daran, dankbar zu ſeyn. Was bedurften ſie breiter Wege, um darauf reiſen zu können? Ihr Auge drang durch die Berge hindurch. Sie lagen im Schatten, wenn die Biber arbeiteten, und ſahen ihnen zu. Winde kühl⸗ ten ſie im Sommer, und Waͤrme verliehen ihnen die Felle, in die ſie ſich im Winter hüllten. Kämpften ſie unter einander, ſo wollten ſie dadurch nur zeigen, daß ſie Männer wären. Sie waren tapfer, ſie waren gerecht, ſie waren glücklich.“ Hier machte der Redner eine Pauſe und blickte um⸗ her, um ſich zu überzeugen, ob ſeine Worte den Antheil ſeiner Zuhörer rege gemacht hätten. Er ſah Aller Augen feſt auf ihn geheftet; die emporgehobenen Häupter und weit geöffneten Naſenlöcher ſchienen den Eifer zu bewei⸗ ſen, von welchem ſich jeder Einzelne beſeelt fühlte, ſo wie den Wunſch, das ſeinem ganzen Geſchlechte zugefügte Unrecht wieder gut zu machen. „Wenn der große Geiſt ſeinen rothen Kindern ver⸗ ſchiedene Sprachen gab,“ fuhr er mit leiſer, faſt ſchwer⸗ müthiger Stimme fort,„ſo geſchah es, damit alle Thiere ſie verſtehen könnten. Einigen wies er mitten in dem Schnee bei ihrem Vetter, dem Bären, ihre Wohnungen an; Andern dicht an der untergehenden Sonne, auf dem Wege, der nach den glücklichen Jagdgefilden führt; noch Andere verſetzte er in die Länder, welche um die großen See'n herumliegen. Aber ſeinen größten und geliebteſten Kindern räumte er den Strand des Salzſees ein. Iſt meinen Brüdern wohl der Name dieſes begünſtigten Vol⸗ kes bekannt?“ 10— 12. 16 — 242 „Es waren die Lenapes!“ riefen zwanzig Stimmen in einem Athem. „Es waren die Lenni⸗Lenapes,“ erwiederte Magua, indem er ſein Haupt neigte, gleichſam aus Ehrfurcht vor ihrer ehemaligen Größe.„Es waren die Stämme der Lenapes! Die Sonne ſtieg aus einem Waſſer empor, das ſalzig war, und ging unter in einem Waſſer, das ſüß war, und verbarg ſich nimmer ihren Augen. Aber warum ſollte ich, ein Hurone aus den Wäldern, einem weiſen Volke ſeine eigenen Sagen erzählen? Warum ſollt' ich ſie erinnern an die Schmach, die ſie erduldet, an ihre alte Größe, an ihre Thaten, an ihren Ruhm, an ihr Glück,— an ihre Verluſte, ihre Niederlagen, ihr Elend? Gibt es keinen unter ihnen, der das alles ſelbſt mitangeſehen, und der weiß, daß es wahr iſt? Ich bin zu Ende.— Mein Mund iſt ſtumm; aber meine Ohren ſind offen.“ Als der Redner plötzlich ſchwieg, hefteten ſich, gleichſam von einem Gefühle angetrieben, Aller Augen auf den ehrwürdigen Tamenund. Seit der Patriarch ſeinen Sitz eingenommen, war kein Laut ſeinen Lippen entflohen, ja er hatte kaum ein Zeichen des Lebens ver⸗ rathen. Von Altersſchwäche niedergebeugt, war er wäh⸗ rend des ganzen Auftritts, in welchem der Kundſchafter ſeine Geſchicklichkeit ſo unwiderleglich dargethan, be⸗ wegungslos ſitzen geblieben, an dem, was um ihn her vorging, kaum Antheil nehmend. Erſt als Magua den Ton ſeiner Stimme ſteigerte, um dem Inhalt ſeiner Rede mehr Gewicht zu geben, ſchien er wieder zum Bewußtſeyn zurückzukehren, und ließ einige Zeichen von 4ᷣ E. 8 — 243— Theilnahme blicken. Ein Paar Mal hob er ſogar ſein Haupt empor, als ob er beſſer hören wolle. Als aber der ſchlaue Hurone den Namen ſeiner Nation ausſprach, ſchlug der Greis die Augenlieder empor und warf einen kalten und gefühlloſen Blick auf die Menge. Der Aus⸗ druck ſeiner Züge hatte in dieſem Augenblicke etwas Ge⸗ ſpenſterartiges. Er verſuchte aufzuſtehen, was ihm mit Hülfe ſeiner Begleiter gelang, und nahm nun eine wür⸗ dige, Ehrfurcht gebietende Stellung an, wiewohl ſeine Glieder vor Altersſchwäche zitterten und ſeine Kniee wankten. „Wer ſpricht von den Kindern der Lenapes?“ ſagte er in leiſen und dumpfen Gutturaltönen, welche bei der athemloſen Stille der Verſammlung faſt ſchauerlich klan⸗ gen.„Wer ſpricht von Dingen, die nicht mehr ſind? Wird nicht aus dem Ei ein Wurm— aus dem Wurm eine Fliege— und kommt die Fliege nicht um? Warum den Delawarern von einem Glück erzählen, das dahin iſt? Laßt uns vielmehr Manitto für das danken, was uns blieb.“ „Es iſt ein Wyandot,“ ſagte Magua, indem er der von der Natur gebildeten Felſenterraſſe, auf welcher der Andere ſtand, näher trat—„ein Freund Tamenund's.“ „Ein Freund!“ wiederholte der Weiſe, um deſſen Stirn ſich eine düſtere Wolke zog, die ſeinen Zügen zum Theil jene finſtere Strenge wiedergab, welche in ſeinem Mannsalter auf ſeinem Antlitz gethront hatte.„Sind die Mingos die Beherrſcher der Erde? Was führt einen Huronen her?“ 16* — —ÿõÿ— — 244— „Gerechtigkeit! Seine Gefangenen ſind bei ſeinen Brüdern, und er kommt, ſie zurückzufordern.“ Tamenund wandte ſein Haupt nach einem Greiſe, der ihm zur Seite ſtand, und hörte der kurzen Antwort zu, die ihm derſelbe gab. Dann ſein Auge wieder auf den heftend, der ſeine Gerechtigkeit anflehte, ſagte er mit leiſer, zögernder Stimme, nachdem er ihn einen Au⸗ genblick betrachtet: „Gerechtigkeit iſt das Geſetz des großen Manitto. Meine Kinder, gebt dem Fremden Speiſe! Dann, Hu⸗ rone, nimm, was dir gehört, und verlaß uns.“ Der Patriarch nahm, nachdem er dies feierliche Ur⸗ theil geſprochen, ſeinen Sitz wieder ein, und ſchloß ſeine Augen, als verweile er lieber bei den Bildern, die ihm ſeine gereifte Erfahrung in ſeinem Innern vorſpiegelte, als bei den ſichtbaren Gegenſtänden der Welt. Gegen ſolch einen Ausſpruch zu murren, geſchweige ſich wider denſelben aufzulehnen, war kein Delawarer kühn genug. Kaum waren dieſe Worte geſprochen, als ſchon vier oder füunf der jüngern Krieger ſich hinter Heyward und den Kundſchafter geſchlichen und deren Arme ſo geſchickt und ſchnell mit Riemen umſchlungen hatten, daß keiner von beiden ſich bewegen konnte. Duncan war zu tief ver⸗ ſunken in dem Anblick der ihm ſo theuren und ſeinem Schutze anvertrauten Alix, die ſich in einem faſt bewußt⸗ loſen Zuſtande befand. Daher merkte er ihren Plan erſt, als ſie ihn bereits ausgeführt hatten. Der Kund⸗ ſchafter aber, der die, wenn gleich feindlichen, Stämme der Delawarer als eine Gattung höherer Weſen betrach⸗ teie, ſetzte der ihm zugefügten Gewalt keinen Widerſtand enkgegen. Vielleicht hätte er ſich nicht ſo ruhig in ſein Schickſal gefügt, wenn er das vorhergehende Geſpräch verſtanden hätte. Allein er war der Sprache, in der es geführt ward, nicht ganz mächtig. Magua warf erſt einen triumphirenden Blick auf die Verſammlung, ehe er zur weitern Ausführung ſeiner Pläne ſchritt. Er ſah ein, daß die maͤnnlichen Gefange⸗ nen nicht im Stande waren, irgend einen Widerſtand zu leiſten. Daher heftete er ſein Auge auf Cora, nach de⸗ ren Beſitz er am meiſten ſtrebte. Sie betrachtete ihn indeß mit einem ſo ruhigen und feſten Blicke, daß er in ſeinem Entſchluſſe wankend zu werden ſchien. Er erin⸗ nerte ſich aber in dieſem Augenblicke eines Kunſtgriffs, den er ſchon früher angewandt hatte, und auf Alix zu⸗ gehend, hob er ſie auf ſeine Arme, wäͤhrend er Heyward ein Zeichen gab, ihm zu folgen, und der Menge winkte, Platz zu machen. Cora indeß, ſtatt, wie er erwartete, dem Triebe der ſchweſterlichen Liebe zu folgen und ihn demgemäß zu begleiten, warf ſich zu den Füßen des Patriarchen nieder und rief mit lauter Stimme: „Gerechter und ehrwürdiger Delawarer! Deine Weisheit und Macht flehen wir an und bitten dich um deinen Schutz. Höre nicht auf jenes argliſtige und ge⸗ wiſſenloſe Ungeheuer, das dein Ohr mit Lügen vergiftett um ſeinen Blutdurſt zu befriedigen. Du, der du ſo lange auf der Erde gelebt und das Böſe dieſer Wel⸗ kennen gelernt haſt, du ſollteſt wiſſen, wie man die Lei, den des Unglücklichen mildern kann.“ Die Augen des alten Mannes öffneten ſich langſam und hefteten ſich auf die Verſammlung. Als der rüh⸗ — 246— rende Ton der Flehenden in ſein Ohr drang, fiel ſein Blick auf Cora und blieb auf ihrer Geſtalt feſt und un⸗ beweglich ruhen. Sie hatte ſich auf ihre Kniee geworfen und ihre gefalteten Hände an ihren Buſen gedrückt. So lag ſie, an Schönheit ein Muſter ihres Geſchlechts, zu den Füßen des Greiſes und blickte zu ſeinem hagern, aber majeſtätiſchen Antlitz empor. Tamenund's Züge gewannen allmählich wieder Leben; ſeine ſcheinbare Fühl⸗ loſigkeit wich der Bewunderung, und ſein Geſicht erhellte ein Schimmer jenes jugendlichen Feuers, welches er hun⸗ dert Jahre früher ſo oft unter den Stämmen der Dela⸗ warer anzufachen gewußt hatte. Von keiner fremden Hand unterſtützt und, wie es ſchien, ohne Anſtrengung, ſtand er auf und fragte mit einem feſten Tone, der die Anweſenden in Staunen ſetzte: „Wer biſt du?“ „Ein Weib, und zwar von einem verhaßten Ge⸗ ſchlechte, wenn du willſt— eine Yengee; aber zugleich ein Geſchöpf, das dich nie beleidigt hat, noch deinem Volke je etwas zu Leide thun kann, und das jetzt deinen Beiſtand anruft.“ „Sagt mir doch, meine Kinder,“ fuhr der Patriarch mit ſchwacher Stimme fort, ſich zu den Umſtehenden wen⸗ dend, obgleich ſeine Augen ſich fortwährend auf Cora hef⸗ teten—„wo haben ſich die Delawarer gelagert?“ „Zwiſchen den Bergen der Irokeſen, jenſeits der klaren Quellen des Horican.“ „So mancher heiße Sommer iſt gekommen und wieder gegangen,“ fuhr der Weiſe fort,„ſeit ich das Waſſer meines eigenen Fluſſes getrunken habe. Die Kin⸗ — 2 2 1sS 247— der des Miquon*) ſind die gerechteſten unter den wei ßen Männern; aber ſie waren durſtig und nahmen daher den Fluß für ſich ſelbſt. Folgen ſie uns dann bis ſo weit nach?“ „Wir folgen Niemand nach, wir begehren nichts!“ entgegnete Cora lebhaft.„Wider Willen ſind wir als Gefangene hier zu euch gebracht worden, und unſere Bitte beſteht nur darin, daß es uns vergönnt ſey, in Frieden zu den Unſrigen zurückzukehren. Biſt du nicht Tamenund— der Vater— der Richter— ja, ich mögte kaſt ſagen, der Prophet dieſes Volks?“ „Ich bin Tamenund, der viele Tage des Lebens ge⸗ ſehen hat.“ „Sieben Jahre iſt es nun her, daß einer von dei⸗ nem Volk ſich an den Gränzen dieſer Provinzen in der Gewalt eines weißen Häuptlings befand. Er ſagte, er ſtamme aus dem Blute des guten und gerechten Tame⸗ nund. Geh', ſagte der weiße Häuptling, ich ſchenke dir, um deines Stammvaters willen, die Freiheit. Entſinnſt du dich wohl, wie dieſer engliſche Krieger hieß 2“ „Ich erinnere mich,“ erwiederte der Patriarch, der, wie es im höhern Alter gewöhnlich der Fall iſt, zwiſchen ſeinen verſchiedenen Lebensjahren keinen Unterſchied zu machen wußte, daß ich als ein fröhlicher Knabe einſt auf dem Sande des Seeufers ſtand und einen großen Kahn erblickte, mit Flügeln, weißer, als die des Schwans, und breiter, als die von mehreren Adlern zuſammen. Der Kahn kam von Sonnenaufgang her“— 5) William Penn. —— ———ÿ 218— „Nein, nein,“ unterbrach ihn Cora,„ich ſpreche nicht von einer ſo lange vergangenen Zeit; ich rede von einer Wohlthat, die einer der Meinigen einem deines Geſchlechts noch vor Kurzem erwieſen hat, von einer Wohlthat, die ſo neu iſt, daß ſie wohl noch in dem Ge⸗ dächtniß des jüngſten Kriegers lebt.“ „War es etwa damals, als die Yengeeſe und die Hollander um die Jagdreviere der Delawarer kämpften? Damals war Tamenund ein Häuptling, und legte zum erſten Male den Bogen ab, um ſich der blinkenden Waffe der bleichen Geſichter“— „Auch damals war es nicht!“ unterbrach ihn Cora. „um viele Jahre ſpäter! Ich rede von Dingen, die ſich erſt geſtern zugetragen haben. Gewiß, gewiß, du haſt es nicht vergeſſen!“ „Noch geſtern,“ erwiederte der Greis, mit einem rührenden Pathos ſeiner hohlen Stimme,„noch geſtern waren die Kinder der Lenapes Herren der Welt; die Fiſche des Salzſees, die Vögel, die Thiere und die Mingos in den Wäldern erkannten ſie als Fürſten an.“ Cora ſenkte ihr Haupt, augenblicklich von ſchmerz⸗ lichen Empfindungen überwältigt; dann aber hob ſie ihr ſtolzes Antlitz wieder empor, und ihr glänzendes Auge öffnend, nahm ſie wiederum das Wort mit einem Tone, der faſt ſo ergreifend war, als die geiſterartige Stimme des Patriarchen: „Sage mir, iſt Tamenund Vater?“ Der Greis blickte mit einem freundlichen Lächeln in ſeinen halb erloſchenen Geſichtszügen von ſeinem erhöh⸗ — 249— ten Sitze auf ſie herab, und während ſeine Augen lang⸗ ſam über die Verſammlung hinglitten, antwortete er: „Vater einer Nation!“ „Ich verlange nichts für mich. Wie auf dich und die Deinigen, ehrwürdiger Häuptling,“ fuhr ſie fort, in⸗ dem ſie die Hände krampfhaft an ihr Herz preßte und ihr Haupt ſo tief ſinken ließ, daß die ſchwarzen und glänzenden Locken, welche verwirrt über ihre Schultern herabfielen, faſt gänzlich ihre glühenden Wangen bedeck⸗ ten—„ſo iſt der Fluch, der auf meinen Vorfahren la⸗ ſtete, ſchwer auf ihr Kind gefallen. Dort aber ſteht Eine, welche bis jetzt noch nie der Zorn des Himmels in ſeiner ganzen Schwere traf. Sie iſt die Tochter eines alten, ſchwachen Mannes, deſſen Leben ſich zu Ende neigt; ſie hat viele, ſehr viele, die ſie lieben, deren ganze Wonne ſie iſt, und ſie iſt zu gut, ihr Leben iſt zu koſtbar, als daß es das Opfer jenes Elenden werden ſoll be⸗ „Ich weiß, daß die bleichen Geſichter ein ſtolzes und gieriges Geſchlecht ſind. Nicht nur die Herren der Erde wollen ſie ſeyn; ſelbſt der Geringſte unter ihnen dünkt ſich beſſer, als die Weiſen unter den rothen Männern. Die Hunde und Krähen ihrer Stämme,“ fuhr der ernſte alte Häuptling fort, ohne zu bemerken, wie tief er das Gefühl ſeiner Zuhörerin verletzte, deren Haupt ſich bei dieſer Rede beſchämt zu Boden ſenkte,„würden ein Gebell und Krächzen erheben, ehe ſie Weiber in ihre Hütten führten, deren Blut nicht ſo weiß wie Schnee wäre. Aber ſie mögen nicht zu laut prahlen im Ange⸗ ſicht Manitto's! Von Sonnenaufgang her kamen ſie in das Land, und leicht könnten ſie genöthigt ſeyn, es bei — 250— Sonnenuntergang wieder zu verlaſſen. Oft ſah ich, wie die Heuſchrecken die Bäume von ihren Blättern entblöß⸗ ten; aber die Zeit der Blüthen kehrte ſtets wieder!“ „So iſt's!“ verſetzte Cora mit einem tiefen Seufzer, als erwache ſie aus einer dumpfen Betäubung. Indem ſie ihr Haupt empor richtete, ſielen die Haare, welche es bisher verdeckt hatten, zurück, und ihr Auge ſtrahlte nun von einem Feuer, das mit der Todtenbläſſe ihres Ge⸗ ſichts einen auffallenden Kontraſt bildete.—„Aber warum es ſo iſt, das dürfen wir nicht erforſchen. Es iſt aber noch einer von deinem eigenen Volke da, der noch nicht vor dich geführt worden iſt. Höre ihn, eh' du den Huronen im Triumphe fortziehen läſſeſt.“ Tamenund warf einen ungewiſſen Blick umher. Ei⸗ ner ſeiner Begleiter, der dies bemerkte, nahm das Wort, und ſagte: „Es iſt eine Schlange— eine rothe Haut im Solde der Yengeeſe. Wir bewahren ihn für die Marter auf.“ „Er komme!“ ſprach der Weiſe. Hierauf ſank Tamenund wieder auf ſeinen Sitz zu⸗ rück, und es herrſchte, während die jungen Indianer ſeinen Befehl ausrichteten, eine ſo tiefe Stille, daß man deutlich im nahen Walde das Rauſchen der Blätter ver⸗ nehmen konnte, welche der leichte Morgenwind ſanft bewegte. —-— 251— Dreizehntes Kapitel. — „Schlagt Ihr mir's ab, pfui dann auf ſolch Geſetz! Venedig's Rathſchluß hat dann keine Macht. Ich ſuche Recht; antwortet! ſoll mir's werden?“ Shakeſpeare. Mehrere Minuten lang dauerte die Stille fort, ohne von irgend einem menſchlichen Laut unterbrochen zu wer⸗ den. Endlich theilte ſich die wogende Menge, und als ſie ſich wieder ſchloß, ſtand Unkas da, umgeben von einem zahlloſen Kreiſe von Menſchen. Während ſich bisher je⸗ des Auge auf den Weiſen geheftet hatte, um in deſſen Zügen ſeine Gedanken zu leſen, richtete ſich nun jeder Blick mit ſtummer Bewunderung auf die hohe und an⸗ muthige Geſtalt des Jünglings. Aber weder die Menge, die ihn umgab, noch die ausſchließliche Aufmerkſamkeit, welche er auf ſich gezo⸗ gen hatte, ſchienen den jungen Mohikaner auch nur im geringſten einzuſchüchtern und ihm ſeine früher bewieſene Standhaftigkeit zu rauben. Mit ſcharfen Blicken rings umherſpähend, ertrug er mit gleicher Ruhe den unver⸗ kennbaren Ausdruck feindlicher Geſinnung, den er in den Geſichtern der Häuptlinge las, und das neugierige An⸗ gaffen der ſtaunenden Kinder. Endlich fiel ſein Auge, das bisher kühn und ſtolz in der ganzen Verſammlung umhergeirrt war, auf Tamenund, und heftete ſich ſo feſt auf ihn, als ſeyen alle übrigen Gegenſtände ver⸗ ſchwunden. Er näherte ſih langſam und mit geräuſch⸗ löſem Schritt dem erhöhten Sitze, den der Weiſe ein⸗ nahm, und trat dicht vor ſeinen Seſſel hin. Der Greis, den er mit ſcharfem Blick betrachtete, ſchien ihn nicht zu bemerken, bis endlich einer der Häuptlinge den Patriarchen von der Ankunft des Gefangenen benach⸗ richtigte. In welcher Sprache redet der Gefangene zu Ma⸗ nitto?“ fragte Tamenund, ohne die Augen zu öffnen. „In der Sprache ſeiner Väter,“ entgegnete Unkas, „in der Sprache der Delawarer.“ Ein leiſes drohendes Gemurmel ſchien ſich bei dieſer plötzlichen und unerwarteten Außerung unter der Menge zu verbreiten. Es waren Tone, dem dumpfen Gebrüll eines Löwen vergleichbar, das, gewöhnlich in dem Au⸗ genblicke des gereizten Zorns ausgeſtoßen, die Größe ſeiner ſpätern Wuth verkündet. Der Eindruck, den dies Gemurmel auf Tamenund machte, war, wenn er ſich bei ihm auch auf andere Weiſe als bei den Übrigen äußerte, doch nicht minder ſtark. Er bedeckte mit der Hand die Augen, als ob er ihnen einen Anblick entziehen wolle, der ſeinem Geſchlechte zur Schande gereichte, und in leiſen, tiefen Gutturaltönen wiederholte er die eben ge⸗ hörten Worte: „Ein Delawarer! Ich hab' es erleben müſſen, daß die Stämme der Lenapes von ihren Berathungsfeuern vertrieben und zwiſchen den Bergen der Irokeſen zer⸗ ſtreut wurden, wie ein Rudel verſcheuchter Hirſche! Ge⸗ ſehen hab' ich's, wie die Axte eines fremden Volks in den Thälern die Waldungen niederſchlugen, welche von —„ .„„„.——,/, *98ͤ2sͤ — 253— den Stürmen des Himmels verſchont worden waren! Die wilden Thiere, welche auf den Bergen umherlau⸗ fen, die Vögel, die über die Bäume hinwegfliegen, hab' ich gefangen geſehen in den Hütten der Menſchen; aber nie ſah ich noch einen Delawarer, der ſich ſo weit ernie⸗ drigte, wie eine giftige Schlange in das Lager ſeiner Nation zu kriechen!“ „Die betrügeriſchen Singvögel haben ihre Schnäbel geöffnet,“ entgegnete Unkas in dem ſanfteſten Tone ſei⸗ ner melodiſchen Stimme,„und Tamenund hat ihren Geſang gehört.“ Der Weiſe fuhr zuſammen und beugte ſein Haupt ſeitwärts, als wolle er den verhallenden Tönen einer entfernten Melodie lauſchen, „Träumt Tamenund?“ rief er.„Welch' eine Stim⸗ me dringt zu ſeinem Ohr? Haben die Winter uns wie⸗ der verlaſſen? Wird der Sommer zurückkehren zu den Kindern der Lenapes?“ Dieſen unzuſammenhängenden Worten des Delawa⸗ rer Propheten folgte eine feierliche und ehrerbietige Stille. Sein Volk war der Meinung, er ſey in einer jener geheimnißvollen Unterhaltungen begriffen, die er, dem allgemeinen Glauben nach, mit höheren Weſen zu haben pflegte. Alle warteten daher ehrfurchtsvoll das Reſultat der ihm gewordenen Offenbarung ab. Nach einer langen Pauſe wagte es indeß einer der älteſten Häuptlinge, welcher bemerkte, daß der Gegenſtand ihrer Verſammlung dem Gedächtniſſe des Greiſes völlig ent⸗ ſchwunden ſey, ihn wieder an den vor ihm ſtehenden Gefangenen zu erinnern. 4 — 254— „Der falſche Delawarer zittert, die Worte zu hören, die Tamenund ausſprechen wird,“ ſagte er.„Es iſt ein Hurone, der zu heulen anfängt, wenn die Yengeeſe eine Spur zeigen.“ „Und ihr,“ entgegnete Unkas, mit finſterem Blicke umherſehend.„Ihr ſeyd Hunde, die winſeln, wenn euch die Franzoſen den Abfall von ihrem Wilde vorwerfen.“ „Zwanzig Meſſer blinkten bei dieſer beißenden Ant⸗ wort in der Luft, und eben ſo viel Krieger ſprangen auf von ihren Sitzen. Allein der Ausbruch ihres Zorns wurde durch den Wink eines Häuptlings unterdrückt, und die Ruhe, wenigſtens dem äußern Anſchein nach, wieder hergeſtellt. Dies würde wahrſcheinlich größere Schwierigkeiten gehabt haben, wenn nicht Tamenund durch eine Bewegung verrathen hätt, daß er wieder das Wort nehmen wolle. „Delawarer,“ ſagte der Weiſe,„du biſt deines Namens kaum würdig. Seit vielen Wintern hat mein Volk den Anblick einer ſtrahlenden Sonne entbehrt; und der Krieger, der ſeinen Stamm verläßt, wenn ihn Wolken umhüllen, iſt ein doppelter Verräther. Das Geſetz Manitto's iſt gerecht. So iſt es; und ſo lange die Ströme fließen, und die Blüthen der Bäume her⸗ verbrechen und wieder verwelken— ſo muß es ſeyn. Er iſt euer, meine Kinder; verfahrt auf gerechte Weiſe mit ihm.“ Nicht ein Glied hatte ſich gerührt, und jeder ſchien den Athem angehalten zu haben, bis die letzte Sylbe dieſes Urtheils von den Lippen Tamenund's enflohen war. Jetzt aber erſcholl in der ganzen Verſammlung ein ein⸗ — ———r————— — 255— ſtimmiges Geſchrei der Rache, der furchtbare Vorbote ihrer wilden und blutigen Abſichten. Mitten unter die⸗ ſem ſchrecklichen, lang anhaltenden Geheul verkündete ein Häuptling mit lauter Stimme: der Gefangene ſey verurtheilt, die ſchreckliche Feuertortur zu erdulden. Der Kreis löſ'te ſich auf, und der Jubel einer barbari⸗ ſchen Freude miſchte ſich in den Lärm und Aufruhr, den die gräßlichen Zurüſtungen verurſachten. Heyward rang in faſt wahnſinniger Verzweiflung mit ſeinen Hütern, während der Kundſchafter mit einem Ausdrucke ernſtli⸗ cher Beſorgniß ängſtlich umherblickte, und Cora ſich aber⸗ mals Tamenund zu Füßen warf, um noch ein Mal ſeine Gnade anzuflehen. Nur dem jungen Mohikaner war während dieſes erſchütternden Auftritts ſeine Faſſung und Heiterkeit ge⸗ blieben. Unerſchrocken blickte Unkas auf die Vorkehrun⸗ gen zu ſeinem Tode, und als die Henker nahten, um ſich ſeiner zu bemächtigen, erwartete er ſie in einer feſten und aufrechten Stellung. Einer unter ihnen, der, wo möglich, ſeine Gefährten noch an Wildheit und Grauſam⸗ keit übertraf, faßte das Jagdkleid des jungen Kriegers, und mit einem einzigen Griff es ihm vom Leibe reißend, ſtürzte er mit einem unſinnigen Freudengeſchrei auf ſein Opfer los, um es zum Marterpfahl hinzuſchleppen. Allein in dem Augenblicke, wo der Wilde alles menſch⸗ liche Gefühl zu verleugnen ſchien, hielt er plötzlich mit ſeinem barbariſchen Vorhaben inne, als hätte ſich ein übernatürliches Weſen zwiſchen ihn und Unkas geſtellt und ſich zum Vertheidiger des Letztern aufgeworfen. Die Augäpfel des Delawarers traten aus ihren Hoͤhlen her⸗ ——— vor; er öffnete den Mund, ohne einen Laut von ſich zu geben, und ſein ganzes Weſen drückte das höchſte Er⸗ ſtaunen aus. Langſam und nicht ohne Anſtrengung ſeine rechte Hand emporhebend, deutete er mit dem Finger auf die Bruſt des Gefangenen. Die Menge drängte ſich verwundert hinzu, und in Aller Augen war dieſelbe Uberraſchung zu leſen, als ſie auf Unkas Bruſt das Bild einer kleinen Schildkröte erblickten, die mit einer glänzend blauen Farbe ſehr künſtlich tättowirt war. Der junge Mohikaner genoß mit ruhigem Lächeln einen Augenblick ſeines Triumphs. Dann aber wies er, mit ſtolz emporgehobenem Arm, die Menge zurück, und mit dem Anſtande eines Königs vor die Nation tretend, ſprach er mit lauter Stimme, die das Gemurmel, wel⸗ ches ſich rings umher hören ließ, übertönte: „Männer der Lem⸗Lenapes! Mein Geſchlecht träͤgt die Erde. Euer ſchwacher Stamm ruht auf meiner Schaale. Welches Feuer, das ein Delawarer anzünden kann, ware wohl im Stande, das Kind meiner Vater zu verbrennen?“ fügte er hinzu, ſtolz auf das einfache Wappen zeigend, das ſeine Bruſt ſchmückte.„Das Blut, das aus einer ſolchen Quelle entſprang, würde eure Flamme verlöſchen. Mein Geſchlecht iſt der Großvater von Nationen!“ „Wer biſt du?“ fragte Tamenund, ſich von ſeinem Sitze erhebend und mehr erſchüttert durch die Tone, die in ſein Ohr drangen, als ergriffen durch die Worte des Gefangenen. „Unkas, der Sohn Chingachgook's!“ entgegnete der Gefangene beſcheiden, ſich von dem Volke hinwegwen⸗ — 257— dend und ſein Haupt ehrfurchtsvoll vor der Würde und dem hohen Alter Tamenund's verneigend,„ein Sohn des großen Unamis.“*) „Tamenund's Stunde iſt nahe!“ rief der Weiſe. „Der Tag hat ſich endlich der Nacht genähert. Ich danke dir, Manitto, daß einer hier iſt, der meine Stelle am Berathungsfeuer ausfüllen kann. Unkas, der Sohn von Unkas, iſt gefunden. Die Augen des ſterben⸗ den Adlers mögen noch ein Mal nach der aufgehenden Sonne blicken!“ Mit leiſem, aber ſtolzem Schritt trat der Jüngling auf die Erhöhung hinauf, wo ihn die ganze Verſamm⸗ lung, von Neugier und Verwunderung erfüllt, ſehen konnte. Während Tamenund ihn lange mit ausgeſtreck⸗ tem Arm vor ſich hielt, ſchien er nicht müde zu wer⸗ den, den kleinſten Zug ſeines edeln und wohlgebildeten Geſichts genau zu betrachten. Man ſah deutlich, daß die⸗ ſer Anblick ihm die glücklichen Tage ſeiner eigenen Ju⸗ gendzeit wieder in Erinnerung brachte. „Iſt Tamenund noch ein Knabe?“ rief der Prophet endlich mit Begeiſterung aus.„Hat es mir nur ge⸗ träumt, daß ſo viele Winter über meinem Haupte da⸗ hingegangen ſind; daß mein Volk, gleich dem Flugſande, nach allen Winden hin zerſtreut ward; daß die Yengeeſe zahlreicher als die Blätter der Bäume, das Land über⸗ ſchwemmt haben? Tamenund's Pfeil erreicht nicht mehr das junge Reh; ſein Arm iſt vertrocknet, wie der Zweig *) Schildkröte. 10— 12. 17 258— der abſterbenden Eiche; eine Schnecke würde ihn an Schnelligkeit übertreffen: und doch ſteht Unkas vor ihm, wie damals, als ſie gegen die bleichen Geſichter zu Felde zogen. Unkas, der Panther ſeines Stammes, der älteſte Sohn der Lenapes, der weiſeſte Fürſt der Mohikaner! Sagt mir, ihr Delawarer, hat Tamenund hundert Win⸗ ter hindurch geſchlafen?“ Das tiefe Schweigen, welches auf dieſe Worte folgte, bewies, mit welcher ehrfurchtsvollen Scheu das Volk die Worte des Patriarchen angehört hatte. Niemand wagte zu antworten, Alle horchten mit geſpannter Erwartung, was der Greis noch ſagen werde. Unkas aber ſah ihn an mit der Zärtlichkeit und Verehrung eines geliebten Sohns, und ſeines eigenen hohen und anerkannten Ran⸗ ges ſich bewußt, wagte er Folgendes zu erwiedern: „Vier Krieger ſeines Geſchlechts haben gelebt und ſind geſtorben, ſeit Tamenund's Freund ſein Volk zur Schlacht führte. Das Blut der Schildkröte hat in den Adern vieler Hauptlinge gerollt; aber ſie kehrten alle ſchon in die Erde zurück, von der ſie ſtammen, außer Chingachgook und ſein Sohn.“ „Das iſt wahr, das iſt wahr!“ erwiederte der Weiſe, dem ein Strahl der Erinnerung plötzlich ſeine lieblichen Traumgebilde zerſtörte und die wahren Be⸗ gebenheiten ſeiner Nation in's Gedächtniß zurückrief. „Unſere weiſen Männer haben oft geſagt, es befän⸗ den ſich noch zwei Männer von dem unvermiſchten Ge⸗ ſchlechte in den Bergen der Yengeeſe; warum ſind ihre Sitze an dem Berathungsfeuer der Delawarer ſo lange leer geblieben?“ ————S— 1 — 259— Bei dieſen Worten richtete der junge Mann den Kopf empor, den er bisher aus Ehrfurcht noch immer geſenkt hatte. Um ein für alle Mal die Grundſätze zu erläutern, denen ſeine Familie in ihren Handlungen ge⸗ folgt war, ſprach er mit lauter Stimme, ſo daß er von der ganzen Verſammlung gehört werden konnte: „Einſt ſchliefen wir da, wo wir die Wellen des Salzſee's in ihrer Wuth toben hören konnten. Damals waren wir Fürſten und Herren des Landes. Als ſich aber am Ufer jedes Baches ein bleiches Geſicht zeigte, da folgten wir dem Hirſche nach dem Fluſſe unſerer Nation. Die Delawarer waren weggezogen; nur noch eine kleine Zahl von Kriegern blieb zurück, um aus dem Strome, den ſie liebten, trinken zu können. Da ſpra⸗ chen meine Väter: Hier wollen wir jagen! Die Ge⸗ wäſſer des Fluſſes ergießen ſich in den Saizſee; gehen wir nach der untergehenden Sonne zu, ſo finden wir Ströme, die in die großen Seen von ſüßem Waſſer fließen! Da würde ein Mohikaner bald ſterben, wie die Fiſche, wenn ſie ſich in den klaren Quellen befinden. Wenn Manitto bereit iſt, und ſpricht: Kommt! ſo wol⸗ len wir dem Fluſſe bis zum Meere folgen und unſer Eigenthum wieder in Beſitz nehmen. Das, Delawarer, iſt der Glauben der Kinder der Schildkröte! Unſer Auge heftet ſich ſtets auf die aufgehende, nicht auf die unter⸗ gehende Sonne! Wir wiſſen, woher ſie kommt; aber nicht, wohin ſie geht. Ich habe genug geſagt.“ Die Männer der Lenapes hörten ſeinen Worten mit all der Achtung zu, welche der Aberglaube einzu⸗ flößen vermag, und ſelbſt die bildliche Sprache, in der 17* — 260— ſich der junge Mohikaner ausdrückte, hatte eien geheimen Reiz für ſie. Unkas ſelbſt beobachtete mit ſcharfem Auge den Eindruck, den ſeine kurze Erklärung auf ſie machte⸗ und legte allmählich das ſtolze Weſen wieder ab, als er bemerkte, daß ſeine Worte die Verſammlung befriedigt hatten. Während ſeine Blicke über die ſchweigende Menge hinglitten, welche Tamenund's erhöhten Sitz um⸗ gab, fiel ſein Auge zum erſten Male auf den Kundſchaf⸗ ter, der noch gefeſſelt war. Unkas bahnte ſich ſogleich einen Weg durch das Gedränge, und ſchnell zu ſeinem Freunde hineilend, zerſchnitt er deſſen Bande mit einem Meſſer, und winkte der Menge, ihm Platz zu machen. Die ernſten und aufmerkſamen Indianer gehorchten ſchweigend, und bildeten wieder einen ähnlichen Kreis, wie früherhin, als der Jüngling unter ihnen erſchien. Unkas ergriff des Kundſchafters Hand und führte ihn zu den Füßen Tamenund's. „Vater,“ ſagte er,„wende dein Auge auf dies bleiche Geſicht; es iſt ein gerechter Mann und ein Freund der Delawarer.“ 5 „Iſt er ein Sohn des Miquon?“ „Nein; aber ein Krieger, bekannt unter den Yen⸗ geeſe und gefürchtet von den Maguas.“ „Welchen Namen erwarb er ſich durch ſeine Tha⸗ ten?“ „Wir nennen ihn Hawk⸗eye,“ entgegnete Unkas, ſeh der Benennung der Delawarer bedienend;„denn nie tauſchte ihn ſein Auge. Den Mingos iſt er noch bekann⸗ 4 — 261— ter geworden, weil mehrere ihrer Krieger durch ihn der Tod ereilte; ſie nennen ihn daher die„Lange Büchſe.“ „La Longue Carabine!“ rief Tamenund, ſeine Augen öffnend und den Kundſchafter mit finſterem Blick be⸗ trachtend.„Mein Sohn hat nicht wohlgethan, ihn Freund zu nennen!“ „Ich nenne den ſo, der ſich mir als folcher gezeigt hat,“ entgegnete der junge Häuptling mit vieler Ruhe und Entſchloſſenheit.„Wenn Unkas den Delawarern willkommen iſt, ſo befindet ſich auch Hawk⸗eye unter Freunden.“ „Das bleiche Geſicht hat meine jungen Krieger ge⸗ tödtet; ſein Name iſt berühmt worden durch die Streiche, die er gegen die Lenapes geführt hat.“ „Wenn ein Mingo das einem Delawarer heimlich zugefluſtert hat, ſo beweiſ't es nur, daß er ein betrüge⸗ riſcher Singvogel iſt,“ ſagte der Kundſchafter, welcher glaubte, ſich gegen ſo kränkende Beſchuldigungen recht⸗ fertigen zu müſſen. Er redete in der Sprache des Man⸗ nes, dem ſeine Worte galten, und bediente ſich der in⸗ dianiſchen Metaphern nur inſofern, als dies mit ſei⸗ nen eigenen Begriffen übereinſtimmte.„Daß ich die Maguas getödtet habe,“ fuhr er fort,„das kann ich, und wenn es an ihrem eigenen Berathungsfeuer wäre, nicht leugnen. Aber meiner Vernunft und meinen Ge⸗ ſinnungen zuwider iſt die Beſchuldigung, daß ich je wiſ⸗ ſentlich einem Delawarer etwas zu Leide gethan habe. Allen, die zu dieſer Nalion gehören, bin ich im Ge⸗ gentheil ſtets freundſchaftlich zugethan geweſen.“ Ein leiſes Gemurmel, das jetzt unter den Kriegern entſtand, ſchien zu verkünden, daß dieſe Äußerung mit Beifall aufgenommen ward. Zugleich blickten ſie ſich an, wie Menſchen, welche ihren Irrthum einzuſehen an⸗ fangen. „Wo iſt der Hurone?“ fragte Tamenund.„Hat er meine Ohren verſchloſſen?“ Magua, deſſen Gefühle während dieſer Scene, in welcher Unkas einen ſolchen Triumph genoß, ſich leichter vorſtellen, als beſchreiben laſſen, trat bei dieſem Ausruf kühn vor den Patriarcheu hin, und ſagte: „Der gerechte Tamenund wird nicht behalten wollen, was ein Hurone ihm geliehen hat.“ „Sage mir, Sohn meines Bruders,“ ſprach der Weiſe, indem er ſein Auge von Le Subtil's finſterem Antlitz abwandte, und mit ſichtbarem Vergnügen die offenen Züge des jungen Mohikaners betrachtete.„Hat der Fremdling über dich das Recht eines Siegers?“ „Er hat keins. Der Panther kann wohl in die Schlingen fallen, welche ihm von Weibern gelegt ſind; allein er iſt ſtark, und weiß ſich wieder daraus zu be⸗ freien.“ „Über La Longue Carabine?“ „Er verlacht die Mingos. Geh'! Hurone, und frag' deine Weiber, ob ſie die Farbe eines Bären kennen.“ „Über den Fremden und das weiße Mädchen, die zuſammen in mein Lager kamen?“ „Sie können frei und ungehindert reiſen.“ 4 „Und über das Weib, das der Hurone bei meinen Kriegern ließ?2“ Unkas ſchwieg. en — 263— „Und über das Weib, das der Mingo in mein Lager gebracht hat?“ wiederholte Tamenund in ernſtem Tone. „Sie iſt mein!“ rief Magua, indem er ſeine Hand triumphirend gegen Unkas ausſtreckte.„Mohikaner, du weißt, daß ſie mein iſt.“ „Mein Sohn ſchweigt?“ ſagte Tamenund in ſchmerz⸗ lichem Tone, während er die Gefühle des Jünglings in ſeinem abgewandtem Geſichte zu leſen ſuchte. „Es iſt ſo!“ antwortete Unkas leiſe. Eine kurze bedeutungsvolle Pauſe trat ein. Man ſah deutlich, daß die Menge nur mit Widerwillen die Gerechtigkeit der Anſprüche des Mingo anerkannte. End⸗ lich ſagte Tamenund, von dem die Entſcheidung abhing, mit feſter Stimme: „Geh', Hurone!“ „Wie er gekommen iſt?“ fragte der verſchmitzte Magua,„oder mit gefüllten Händen, die er der Treue der Delawarer verdankt? Le Renard Subtil's Hütte ſteht leer. Mach' ihn ſtark, daß er ſein Eigenthum wie⸗ der erlange.“ Der Greis ſann einen Augenblick nach; dann wandte er das Haupt zu einem ſeiner ehrwürdigen Begleiter und fragte: „Sind meine Ohren offen?“ „Es iſt Wahrheit.“ „Iſt dieſer Mingo ein Häuptling?“ „Der erſte ſeiner Nation.“ „Mädchen, was willſt du? Ein großer Krieger nimmt dich zum Weibe. Dein Geſchlecht wird nie er⸗ löſchen.“ 264— „Tauſend Mal beſſer, es erliſcht,“ rief Cora ſchau⸗ dernd⸗„als daß ich eine ſolche Herabwürdigung er⸗ ulde.“ „Hurone, ihr Geiſt iſt in den Zelten ihrer Väter. Ein Mädchen, das mit Widerwillen in eine Hütte ein⸗ zieht, führt Unglück mit herein.“ „Sie ſpricht mit der Zunge ihres Volks,“ entgeg⸗ nete Magua, einen höhniſchen Blick auf ſein Opfer wer⸗ fend.„Sie ſtammt aus einem Geſchlecht von Kaufleu⸗ ten, und will mit einem freundlichen Blick Handel trei⸗ hen. Will Tamenund nicht entſcheiden?“ „Was willſt du?“ „Magua will nichts von hier mitnehmen, als was er hierher gebracht hat.“ „So ziehe fort mit deinem Eigenthum. Der große Manitto will nicht, daß ein Delawarer ungerecht ſey.“ Magua ging auf ſeine Gefangene zu, und faßte ſie mit ſtarker Hand bei'm Arm. Die Delawarer wichen zurück, und Cora ſchien ſich in ihr Schickſal zu ergeben, als wäre ſie überzeugt, jede weitere Gegenvorſtellung würde fruchtlos ſeyn. „Halt! Halt!“ rief Duncan, hervorſpringend.„Sey barmherzig, Hurone! Du ſollſt durch ihr Löſegeld rei⸗ cher werden, als es je einer deines Stammes war.“ „Magua iſt eine rothe Haut; er bedarf des Tands der bleichen Geſichter nicht.“ „Gold, Silber, Pulver, Blei— alles, was ein Krieger irgend braucht, ſoll im Überfluß in deiner Hütte ſeyn, wie es ſich für den größten Häuptling ſchickt.“ 5 „Le Subtil iſt ſehr ſtark,“ rief Magua, indem er Cora's Arm, den ſeine Hand feſt umklammert hielt, hef⸗ tig ſchüttelte;„er hat nun ſeine Genugthuung.“ „Allmächtiger Regierer der Welt!“ rief Heyward, verzweiflungsvoll die Hände ringend,„kannſt du dies ge⸗ ſchehen laſſen? Dich, gerechter Tamenund, fleh' ich an; ſey barmherzig!“ „Die Worte des Delawarers ſind geſprochen,“ ent⸗ gegnete der Weiſe, indem er ſeine Augen ſchloß und, von geiſtiger und körperlicher Anſtrengung erſchöpft, auf ſei⸗ nen Sitz zurückſank;„Männer ſprechen nicht zwei Mal.“ „Daß ein Häuptling nicht ſeine Zeit damit verliert, dasjenige, was er ein Mal geſagt, ſpäterhin zu wider⸗ rufen, das iſt weiſe und vernünftig,“ ſagte Hawk⸗eye, Duncan einen Wink gebend, zu ſchweigen;„aber die Klug⸗ heit verlangt auch von jedem Krieger, daß er zuvor Alles reiflich in Erwägung ziehe, ehe er dem Kopfe ſeines Ge⸗ fangenen mit der Streitaxt einen Hieb verſetzt.— Hu⸗ rone, ich liebe dich nicht, und mögt' auch eben nicht be⸗ haupten, daß irgend ein Mingo je viel Gutes von mir empfangen habe. Du kannſt daher leicht denken, daß, wenn dieſer Krieg nicht bald zu Ende geht, noch mancher von deinen Kriegern mir in den Wäldern begegnen wird. überlege ein Mal, was dir lieber wäre: eine Gefangene, wie dies Mädchen hier, in dein Lager zu führen, oder einen Mann, wie ich, der gewiß von deiner ganzen Na⸗ tion freudig empfangen werden mögte, wenn ſie ihn un⸗ bewaffnet und unſchädlich erblickte.“ „Will die Lange Büchſe ſein Leben für das Weib — 266— hergeben?“ ſagte Magua, der ſchon im Begriff war, ſich mit ſeinem Schlachtopfer zu entfernen. „Nicht doch, nicht doch! So iſt es gerade nicht ge⸗ meint,“ entgegnete Hawk⸗eye, vorſichtig etwas zurück⸗ tretend, als er ſah, mit welcher Begierde Magua dieſem Vorſchlage zu horchen ſchien.„Das wäre ein ungleicher Tauſch! Wer würde wohl einen Krieger, der in ſeinen beſten Jahren und in voller Manneskraft daſteht, für das ſchönſte Frauenzimmer in den ganzen Gränzlanden hin⸗ geben? Indeß wollt' ich mich wohl dazu verſtehen, von jetzt an bis— wenigſtens ſechs Wochen, eh' die Blätter von den Bäumen fallen, mich in die Winterquartiere zu begeben, unter der Bedingung, daß du dem jungen Mäd⸗ chen die Freiheit ſchenkſt.“ Ein kaltes, verächtliches Kopfſchütteln war Magua's Antwort, und ungeduldig winkt' er der Menge, ihm Platz zu machen. „Wohlan denn,“ fügte der Kundſchafter mit der nachdenkenden Miene eines Mannes hinzu, der noch nicht zu einem feſten Entſchluſſe gelangt iſt,„ich will den„Hirſchtödter“ noch in den Kauf geben. Glaube mir's, als einem erfahrenen Jäger, wenn ich dir ſage, daß das Gewehr in den ganzen Gränzprovinzen ſeines Gleichen nicht hat.“ Magua würdigte ihn keiner Antwort, und ſuchte ſich eine Bahn zu machen durch's Gedränge. „Vielleicht,“ fuhr der Kundſchafter fort, deſſen ver⸗ ſtellte Kaltblütigkeit immer geringer ward, je gleichgülti⸗ ger ſich der Andere bei dem angebotenen Tauſch benahm, „vielleicht könnten wir doch noch Handels einig werden, — 267— wenn ich mich anheiſchig machte, eure jungen Krieger zu unterrichten, wie ſie dieſe Büchſe mit wahrem Nutzen gebrauchen können.“ Le Renard befahl mit vieler Heftigkeit den Delawa⸗ rern, welche in der Hoffnung, daß er dieſem Vorſchlage Gehör geben werde, eine undurchdringliche Mauer um ihn gebildet hatten, auf der Stelle Platz zu machen. Seine drohenden Blicke verriethen, daß er ſonſt noch ein Mal zu dem unfehlbaren Richterausſpruche ihres Prophe⸗ ten ſeine Zuflucht nehmen werde. „Was ein Mal beſchloſſen iſt, muß früher oder ſpä⸗ ter auch in Erfüllung gehen,“ ſagte der Kundſchafter mit einem traurigen, niedergeſchlagenen Blicke zu Unkas. „Der Schurke kennt ſeinen Vortheil und will ihn nicht fahren laſſen! Gott ſey mit dir, Junge! Du haſt nun unter deinen natürlichen Verwandten Freunde gefunden, und hoffentlich werden ſie dir ſo treu ſeyn, als einige, die du getroffen haſt und in deren Adern kein Tropfen indianiſchen Bluts floß. Was mich anlangt, ſterben muß ich ja doch ein Mal, gleichviel, ob früher oder ſpäter! Glücklicher Weiſe wird es nur wenige geben, die eine Todtenklage um mich anſtimmen. UÜberdies wär' es wahr⸗ ſcheinlich den Schurken doch noch am Ende gelungen, mir meine Kopfhaut abzuziehn; und ein oder zwei Tage wer⸗ den keinen weſentlichen Unterſchied in der Zeitrechnung der Ewigkeit machen.— Gott ſegne dich!“ fuhr der rauhe Waidmann fort, ſein Geſicht abwendend, doch gleich darauf wieder den Jüngling mit einem traurigen Blick betrachtend.„Ich hab' euch beide, dich, Unkas, und deinen Vater, recht von Herzen geliebt, wenn die Farbe — 268— e unſerer Haut auch nicht ganz dieſelbe iſt, und die Gaben, die ſ uns die Natur verlieh, etwas verſchieden ſind. Sage Chingachgook, daß ich auch in der größten Noth ſtets ſei⸗ ner gedacht habe; und auch du erinnere dich zuweilen meiner, wenn du auf einer guten Spur biſt, und ſey überzeugt, Junge— mag es nun einen oder zwei Him⸗ mel geben— es gibt doch gewiß einen Pfad in jener Welt, auf welchem rechtſchaffene Leute einander wieder finden. Du wirſt die Büchſe an dem Orte wieder fin⸗ den, wo wir ſie verborgen haben. Nimm ſie und trage ſie zu meinem Andenken; und höre, Junge, da die Grundſätze deiner Erziehung dir nicht verbieten, Rache zu üben, ſo übe ſie reichlich an den Mingos. Dies wird dir den Schmerz über meinen Tod erleichtern und dein Gemüth beruhigen.— Hurone, ich nehme deinen Vor⸗ ſchlag an. Gib dem Madchen die Freiheit. Ich bin dein Gefangener.“ Ein unterdrücktes, doch deutliches Beifallsgemurmel ließ ſich bei dieſem edelmüthigen Anerbieten in der gan⸗ zen Verſammlung hören, und kein Delawarer war ſo wild und roh, daß die mannliche Standhaftigkeit, wo⸗ mit der Kundſchafter ſich aufzuopfern bereit war, ihn nicht gerührt hätte. Magua ſtand ſtill und ſchien einen Augenblick zu ſchwanken. Aber eine ſonderbare Miſchung von Wildheit und Bewunderung lag in dem Blick, den er jetzt auf Cora heftete, und ſein Entſchluß ſtand unwi⸗ ₰‿₰= — ——— ‿ 4 — ☛—8 2 S= SO dS—ꝛ, O A—„H derruflich feſt. Sein verächtliches Kopfſchütteln bewies, daß er den Antrag verwerfe. G „Le Renard Subtil iſt ein großer Häuptling,“ ſagte —— — 269— er mit ruhigem, feſten Tone;„er andert ſich nie in ſeinen Geſinnungen. Komm,“ fügte er hinzu, ſeine Hand vertraulich auf die Schulter der Gefangenen legend, um ſie zum Fortgehen zu bewegen.„Ein Huronen⸗Krieger iſt kein Schwätzer; wir wollen gehen.“ Das Mädchen trat ſcheu zurück; ihr Auge funkelte und ihre Wangen überzog eine glühende Röthe bei dieſer unwürdigen Behandlung. „Ich bin deine Gefangene,“ ſagte ſie mit vieler Kalt⸗ blütigkeit,„und wenn es Zeit ſeyn wird, will ich dir fol⸗ gen, und ging ich ſelbſt dem Tode entgegen. Großmü⸗ thiger Mann,“ fügte ſie hinzu, indem ſie ſich zu Hawk⸗eye wandte,„von Grund meiner Seele dank' ich Euch. Euer Anerbieten iſt vergeblich; auch hätt' ich's nicht annehmen können. Aber Ihr könnt mir noch einen größern Dienſt leiſten, als ſelbſt, wenn Eure edle Abſicht in Erfüllung gegangen wäre. Seht dieſe Unglückliche, welche der Schmerz zu Boden drückt! Verlaßt ſie nicht, bis Ihr ſie ſicher zu den Wohnungen cüviliſirter Menſchen gebracht habt. Kein Wort davon,“ fuhr ſie fort, die harte Hand des Kundſchafters ergreifend,„daß ihr Vater Euch da⸗ für belohnen wird— ein Mann, wie Ihr, iſt über jede Belohnung der Menſchen erhaben— aber er wird Euch danken und Euch ſegnen. Und glaubt: der Segen eines rechtſchaffenen Greiſes hat in den Augen des Himmels eine wunderbare Kraft. Wollte Gott, ſein Mund könnte mir ihn in dieſem Augenblicke ertheilen!“ Ihre Stimme zitterte, ſie ſchwieg einen Augenblick; dann aber Duncan ſich nähernd, der ihre ohnmächtige Schweſter in ſeinen Armen hielt, fuhr ſie fort mit halb — 270— unterdrückter Stimme, die durch die Gefühle, welche ihre Bruſt bewegten, den rührendſten Ausdruck erhielt: „Ich habe nicht nöthig, Sie zu bitten, über den Schatz zu wachen, den Sie bald beſitzen werden. Sie lieben meine Schweſter, Heyward, und Ihre Liebe würde Ih⸗ nen alle Fehler verdecken, wenn ſie wirklich deren hätte. Sie iſt ſo gut, ſo ſanft, ſo liebevoll, wie es irgend eine Sterbliche ſeyn kann; es haftet ſo wenig ein Flecken auf ihrer Seele, als auf ihrem Körper. Sie iſt ſchön— o wie überaus ſchön!“ Bei dieſen Worten legte ſie ihre eigene ſchöne, doch nicht ſo glänzend weiße Hand mit ſchwermüthiger Zärtlichkeit auf die Alabaſter⸗Stirne ih⸗ rer Schweſter, und indem ſie die goldnen Locken, welche von Alix Schläfen herabſielen, mit den Fingern theilte, fügte ſie hinzu:„Und gleichwohl iſt ihre Seele ſo rein und makellos, wie ihre Haut. Ich könnte noch viel ſa⸗ gen, vielleicht mehr, als die kalte Vernunft billigen würde— allein ich will Sie und mich ſelbſt ſchonen.“ Ihre Stimme wurde leiſer und kaum hörbar. Üüber das Geſicht ihrer Schweſter ſich hinbeugend, drückte ſie einen glühenden Kuß auf ihre Lippen; dann richtete ſie ſich wieder empor, und mit todtenbleichem Antlitz, doch ohne eine Thräne zu vergießen, wandte ſie ſich zu dem Wilden und ſprach mit ruhiger Faſſung und Würde: „Ich bin bereit, dir zu folgen!“ „Ja, geh'!“ rief Duncan, indem er Alix den Armen einer jungen Indianerin anpertraute,„gel', Magua, gehl! Dieſen Delawarern verbieten ihre Geſetze, dich zurückzu⸗ halten— ich aber habe keine ſolche Verpflichtung. Gehr, boshaftes Ungeheuer! Was zögerſt du noch?“ —— ,Q—᷑—;:—Q—:·——:——4 4.— b — 271— Schwer ließe ſich der Ausdruck in Magua's Zügen beſchreiben, mit welchem er dieſe Drohung, ihm zu fol⸗ gen, vernahm. Anfangs erhellte ſein Geſicht ein Strahl von wilder, unverhehlter Freude; allein bald verrieth ſeine Miene wieder die gewöhnliche argliſtige Kälte. „Die Wälder ſind offen,“ war ſeine Antwort,„die Offene Hand kann folgen.“ „Halt!“ ſchrie Hawk⸗eye, indem er Duncan's Arm ergriff und ihn mit Gewalt zurückhielt.„Sie kennen die Argliſt des Satans nicht. Er würde Sie in einen Hinterhalt locken, und Ihr Tod—“ „ Hurone,“ unterbrach ihn Unkas, der, den ſtrengen Gebräuchen ſeines Volks gemäß, bisher einen ſtummen, aber aufmerkſamen Zuſchauer abgegeben hatte,„Hurone, die Gerechtigkeit der Delawarer kommt von Manitto. Sieh' nach der Sonne; ſie ſteht jetzt zwiſchen den obern Zweigen jener Schierlingstanne. Dein Weg iſt kurz und offen. Iſt ſie bis unter die Bäume herabgeſtiegen, werden Krieger deine Spur verfolgen.“ „Ich höre eine Krähe krächzen!“ rief Magua, in ein Hohngelächter ausbrechend.„Platz da!“ fuhr er fort, indem er mit der Hand die Menge, die ſich nur langſam zurückzog, hinwegdrängte, um ſich einen Weg zu bahnen. „Wo ſind die Weiberröcke der Delawarer? Laßt ſie ihre Pfeile und Gewehre zu den Wyandots ſchicken; ſie ſollen dafür Wildpret zu eſſen bekommen und das Korn behacken. Hunde, Kaninchen, Diebe— ich ſpeie euch an!“ Düſter ſchweigend hörte die Verſammlung dieſe Spottreden Magua's, und mit dieſem Hohn im Munde eilte er triumphirend und von ſeiner Gefangenen, die — 272— ihm ohne Widerſtand folgte, begleitet, dem Walde zu, geſchützt durch die unverbrüchlichen Geſetze der indiani⸗ ſchen Gaſtfreundſchaft. Vierzehntes Kapitel. Fluellen. Die Buben und den Troß umbringen!'s iſt ausdrücklich gegen das Kriegsrecht. Es iſt ein ſo ausgemachtes Stück Schelmerei, verſteht Ihr mich? als in der Welt nur vorkommen kann. Shakeſpeare's König Heinrich der Fünfte. So lange Magua und ſein Schlachtopfer noch ſicht⸗ bar waren, blieb die Menge unbeweglich auf ihrer Stelle, als hätte ſie dort irgend ein Zauber feſtgebannt, der den Huronen ſchützte. Kaum aber war er verſchwunden, als Alles in heftigem Aufruhr und von wilder Leidenſchaft bewegt durch einander lief. Unkas, der auf dem erhöh⸗ ten Platze, den er eingenommen hatte, unbeweglich ſte⸗ hen geblieben war und Cora's Geſtalt mit den Augen ſo lange verfolgt hatte, bis die Farben ihres Gewandes mit dem Laube des Waldes verſchmolzen, ſtieg jetzt herab, und ſchweigend durch die Menge hindurchſchreitend, be⸗ gab er ſich in die Hütte, aus der er vor Kurzem erſt herausgetreten war. 3 Einige der bedaͤchtigern und ernſtern Krieger hatten im Vorübergehen die Augen des jungen Häuptlings vor Zorn blitzen ſehen. Sie folgten ihm daher nach dem Orte, den er zur Erwäaͤgung fernerer Maaßregeln ge⸗ wählt hatte. Hierauf wurden Tamenund und Alix hin⸗ weggebracht, und man gebot den Weibern und Kindern, aus einander zu gehen. Bald glich das Lager einem un⸗ ruhigen Bienenſchwarm, der nur das Erſcheinen ſeiner Königin erwartet, um nnter ihrer Anführung einen fer⸗ nen Ausflug zu wagen. Endlich trat aus Unkas Hütte ein junger Krieger, der ſich mit bedächtigem, abgemeſſenem Schritt einer aus den Felſenſpalten hervorgewachſenen Zwergtanne naͤherte, die Rinde von ihrem Stamme ablöſ'te und dann, ohne ein Wort zu ſprechen, wieder dahin zurückkehrte, woher er gekommen war. Ein anderer, der bald darauf er⸗ ſchien, hieb die Äſte des Baumes ab und ließ den Stamm nackt und kahl ſtehen. Endlich kam ein dritter und be⸗ malte den Pfoſten mit dunkelrothen Streifen. Dieſe ſinnbildlichen Zeichen, welche auf ein feindliches Vorha⸗ ben der Häupter der Nation deuteten, wurden von den draußen befindlichen Männern mit düſterem Schweigen aufgenommen. Endlich erſchien der Mohikaner ſelbſt, der alle ſeine Kleider, bis auf den Gürtel und die Bein⸗ bekleidung, abgelegt hatte. Eine drohende Wolke von ſchwarzer Farbe bedeckte die eine Seite ſeines wohlge⸗ bildeten Geſichts. Unkas naherte ſich langſam und mit würdigem An⸗ ſtande dem Baumſtamm, und indem er ihn mit abgemeſ⸗ ſenem, taktmäßigem Schritt umkreiſ'te, ſtimmte er einen wilden und regelloſen Kriegsgeſang an. Die Töne hatten mitunter etwas ſo Schwermüthiges 10— 12. 1 18 — 274— und Klagendes, daß ſie ſelbſt den Geſang der Vögel übertrafen, während ſie durch plötzliche Übergänge wie⸗ der eine ſolche Tiefe und Stärke erhielten, daß die Zu⸗ hörer ſchauderten. Der Geſang beſtand nur in wenigen, oft wiederholten Worten; er begann mit einer Art von Hymne oder Anrufung der Gottheit, verkündete hierauf die Abſichten des Kriegers, und ſchloß mit dem Be⸗ kenntniſſe, daß ſein ganzes Vertrauen auf dem großen Geiſt beruhe. Wenn es überhaupt möglich iſt, die aus⸗ drucksvolle und melodiſche Sprache, deren ſich Unkas be⸗ diente, wiederzugeben, ſo wäre der Inhalt jenes Geſangs etwa folgender: Manitto! Manitto! Manitto! Du biſt groß— du biſt gut— du biſt weiſe— Manitto! Manitto! Du biſt gerecht! An dem Himmel, im Gewölk, ach:! da ſeh' ich Viele Flecken— viele dunkle— viele rothe— An dem Himmel, ach! da ſeh' ich Viele Wolken. In den Wäldern, in der Luft, ach! da hör' ich Das Geſchrei, das lange Geheul und das Toben— In den Wäldern, ach! da hör' ich Das laute Kriegsgeſchrei! Manitto! Manitto: Manitto! Ich bin ſchwach— du biſt ſtark— ich bin langſam— Manitto! Manitto! Verleihe mir Hülfe. — 275— Am Schluſſe jedes Verſes, wenn man es ſo nennen kann, hielt Unkas den letzten Ton länger, als gewöhnlich, aus, der dadurch dem durch die vorhergehenden Worte ausgedrückten Gefühl auf eigenthümliche Weiſe entſprack. Der Ton nach der erſten Strophe war feierlich und follte den Gedanken der Ehrfurcht ausdrücken; der zweite war ſtärker und faſt beunruhigend, und in dem dritten hörte man das furchtbare Schlachtgeſchrei, das, von den Lippen des jungen Kriegers tönend, eine Miſchung der verſchie⸗ denartigſten Töne enthielt, welche in einem Treffen un⸗ ſer Ohr berühren. Der letzte Ton hatte, gleich dem er⸗ ſten, etwas Sanftes, Flehendes. Drei Mal wiederholte der junge Mohikaner dieſen Geſang, und eben ſo oft machte er tanzend die Runde um den Baumſtamm. Als er zum erſten Male den Stamm umkreiſt hatte, folgte ein ernſter und ſehr geachteter Häuptling der Le⸗ napes ſeinem Beiſpiel und ſtimmte ebenfalls einen Ge⸗ ſang an, der der Melodie nach dem frühern ähnlich, den Worten nach aber von ihm verſchieden war. Allmählich ſchloß ſich ein Krieger nach dem andern dieſem Tanz an, bis zuletzt alle, die eines gewiſſen Rufs oder Anſehens genoſſen, daran Theil nahmen. Das Schauſpiel erhielt bald einen noch furchtbarern Charakter, als die tiefen Gutturaltöne mehrerer Stimmen durch einander erſchol⸗ len, und die Gebärden und Blicke der Häuptlinge immer drohender und wilder wurden. Jetzt hieb Unkas mit ſei⸗ ner Streitaxt tief in den Baumſtamm, und erhob ein Geſchrei, das für ſein eigenes Schlachtgeheul gelten konnte. Dieſe Handlung zeigte an, daß er in dem beſchloſſenen Zuge den Oberbefehl uübernehme. 18* Es war ein Signal, das alle ſchlummernden Leiden⸗ ſchaften der Nation weckte. Hunderte von Jünglingen, die bisher wegen ihres Alters nicht Theil zu nehmen gewagt hatten, ſtürzten nun wie Wahnſinnige auf den Baumſtamm los, der ihren Feind vorſtellen ſollte, hie⸗ ben einen Splitter nach dem andern herunter, bis nichts mehr übrig blieb, als die Wurzeln, welche in der Erde verborgen waren. Wahrend dieſes Tumults wurden an den abgehauenen Stücken des Baumſtamms alle Gräuel des Krieges, wie es ſchien, mit eben der Wuth ausge⸗ übt, als ob ſie die lebenden Opfer iyrer Grauſamkeit vor ſich gehabt hätten. Einige wurden ſcalpirt, andye mit der ſcharfen Axt zerhauen, noch andere empfingen zahlloſe Stiche von dem Todesmeſſer. Kurz, nach der Begeiſterung und wilden Freude in allen Geſichtern konnte man nicht zweifeln, daß die beſchloſſene Unternehmung ein Nationalkrieg ſey. Unkas war, ſo wie er den Hieb auf den Baumſtamm gethan, aus dem Kreiſe herausgetreten, und einen Blick nach der Sonne richtend, bemerkte er, daß ſie gerade den Punkt erreicht habe, wo die Friſt, die man Magua bewilligt, zu Ende ging. Ein lauter Ruf, von einer ausdrucksvollen Gebärde begleitet, verkündete dies ſo⸗ gleich der verſammelten Menge, welche mit wildem Froh⸗ locken die nachgeahmte Kampfſcene verließ, um die nö⸗ thigen Vorkehrungen zu treffen, dieſelbe in der Wirklich⸗ keit zu wiederholen. In einem Augenblicke ſchien das Lager eine ganz andere Geſtalt anzunehmen. Die Krieger, die bereits 4 gewaffnet und bemalt waren, verriethen einen Ernſt 1 riedenheit aus, da kein ſtre und eine Ruhe, als ob ſie keiner Leidenſchaft faͤhig wa⸗ ren. Die Weiber dagegen eilten aus den Hütten und ihr Freuden⸗ und Jammergeſchrei tönte ſo verworren durch einander, daß man ſchwerlich hätte entſcheiden kön⸗ nen, welches Gefühl eigentlich bei ihnen das vorherr⸗ ſchende ſey. Keine dieſer Frauen war indeß unthätig. Einige trugen ihre beſten Sachen, andere beeilten ſich, ihre Kinder oder alte und ſchwache Perſonen in Sicher⸗ heit zu bringen, und ſchlugen deßhalb den Weg nach dem Walde ein, der ſich gleich einem reichen, grünen Tep⸗ pich an dem Abhange des Berges ausbreitete. Dorthin begab ſich auch Tamenund, mit ruhiger Faſſung, nach einem kurzen und rührenden Geſpräch mit Unkas, von dem ſich der Weiſe mit dem Schmerze eines Vaters trennte, der einen längſt verlorenen Sohn wieder gefunden hat. Indeß war Alix von Duncan an einen ſichern Ort gebracht worden, und der Blick des Majors, als er dem Kundſchafter entgegentrat, bewies, wie ſehnlich er den bevorſtehenden Kampf erwarte. Allein Hawk⸗eye war ſchon zu bekannt mit dem Schlachtgeſange und der ſtürmiſchen Bewegung der Ein⸗ gebornen bei einer ſolchen Gelegenheit, als daß er an dem Schauſpiel, welches ſich ihm darbot, einen lebhaften Antheil hätte nehmen ſollen. Nur zuweilen warf er einen Blick auf die Krieger, welche ſich bereit zeigten, Unkas in den Kampf zu folgen. Er ſchien ihre Anzahl und Tüchtigkeit zu muſtern, und dies fiel zu ſeiner Zu⸗ itbarer Mann von der gan⸗ zen Nation zurückblieb. Er ſandte jetzt einen indiani⸗ ſchen Knaben ab, um den„Hirſchtödter“ und Unkas — 278— Büchſe von dem Platze am Saum des Waldes zu holen, wo ſie dieſe Waffen, als ſie ſich dem Lager der Dela⸗ warer näherten, aus Vorſicht verſteckt hatten. Dieſe Maaßregel hatte auf einem doppelten Grunde beruht. Wurden ſtee gefangen, ſo blieben ihre Waffen vor einem ahnlichen Schickſal bewahrt; auch konnten ſie ſich, ohne Mißtrauen zu erregen, unter die Fremden miſchen, wenn ſie als nothleidende Flüchtlinge auftraten, und nicht als bewaffnete Männer, die ſich vertheidigen und ſich ſelbſt ihren Unterhalt verſchaffen konnten. Daß der Kundſchaf⸗ ker einen Andern wählte, um ſeine ſo hoch geprieſene Büchſe zu holen, war ein Beweis ſeiner gewöhnlichen Klugheit und Vorſicht. Er wußte wohl, daß Magua nicht ohne Begleitung gekommen ſeyn würde, und daß laängs des Waldſaums Spione die Bewegungen ihrer neuen Feinde auszuſpähen ſuchten. Den Wald zu be⸗ treten, würde daher ein gefährliches Unternehmen gewe⸗ ſen ſeyn, das eben ſo gut ihm, als jedem andern Krie⸗ ger leicht das Leben koſten konnte. Aber für ein Kind konnte nur erſt dann Gefahr vorhanden ſeyn, wenn es die verborgenen Sachen wirklich ſchon gefunden hatte. Als Heyward zu ihm trat, wartete der Kundſchafter kaltblütig den Erfolg ſeines Verſuchs ab. Der Knabe, der die gehörigen Anweiſungen erhal⸗ ten hatte, beſaß viele Gewandtheit, und eilte, von Stolz uͤber das ihm geſchenkte Vertrauen erfüllt und geſpornt von jugendlichem Ehrgeiz, ſorglos am Rande der Lichtung hin, nicht eher den Wald betretend, als bis er ſich nahe an der Stelle befand, wo die Gewehre verborgen wa⸗ ren. Bald verſchwand er hinter dem Laub der Gebüſche —„ und glitt nun wie eine Schlange nach dem erſehnten Schatze hin. Er fand ihn bald, und gleich darauf wie⸗ der zum Vorſchein kommend, flog er, ſchnell wie ein Pfeil, in jeder Hand eins der Gewehre tragend, über den ſchmalen, offenen Raum, der den Wald von der Felſenanhöhe, auf der das Dorf lag, trennte. Schon hatte er den Abhang erreicht, und wollte mit unglaub⸗ licher Behendigkeit den Felſen hinanklimmen, als ein Schuß vom Walde her bewies, wie richtig der Kund⸗ ſchafter geurtheilt habe. Der Knabe beantwortete ihn mit einem Ausruf der Verachtung; allein von einer an⸗ dern Seite des Waldes her wurde ihm eine zweite Ku⸗ gel nachgeſandt. Glücklicher Weiſe aber hatte er bereits die Felſenanhöhe erreicht, und indem er die Gewehre im Triumph emporhielt, brachte er dieſelben mit dem Stolze eines Siegers dem berühmten Jäger, der ihm ei⸗ nen ſo ehrenvollen Auftrag ertheilt hatte. Trotz des lebhaften Antheils, den der Kundſchafter an dem Schickſal des Knaben genommen hatte, ver⸗ drängte doch die Freude, ſeinen„Hirſchtödter“ wieder bekommen zu haben, für einen Augenblick jeden andern Gedanken aus ſeiner Seele. Mit einem Kennerblick unterſuchte er auf's ſorgfältigſte das Gewehr, öffnete und ſchloß die Zündpfanne wohl zehn bis fünfzehn Mal und prüfte jeden andern wichtigen Theil des Schloſſes. Hierauf wandte er ſich zu dem Knaben und fragte mit vieler Theilnahme, ob er etwa Schaden genommen habe? Der Bube ſah ihm ſtolz in's Geſicht, ohne eine Antwort tzu geben. „Ei, ich ſehe, Junge, die Schurken haben dir den — 280— Arm geſtreift,“ fuhr Hawk⸗eye fort, das verwundete Glied des Knaben, der keinen Schmerz verrieth, empor⸗ hebend. Von einer der ihm nachgeſandten Kugeln hatte er eine tiefe Fleiſchwunde davongetragen.„Nun, ein Paar zerquetſchte Erlenblätter werden dich ſo ſchnell wie⸗ der heilen, als ob Zauberei dabei im Spiel wäre. In⸗ deß will ich die Wunde mit einem Tuch verbinden. Du haſt das Kriegshandwerk früh begonnen, mein wackerer Burſche, und ſcheinſt mir beſtimmt, eine tüchtige Anzahl ehrenvoller Narben mit in's Grab zu nehmen. Kenn' ich doch manche junge Krieger, die ſich in mehr als einem Gefecht ausgezeichnet haben, ohne gleichwohl ſolch ein ehrenvolles Zeichen, als dieſes hier, aufweiſen zu können. Geh',“ fügte er hinzu, als er den Arm des Knaben verbunden hatte,„du wirſt dich dereinſt zum Häuptling emporſchwingen!“ Der Knabe entfernte ſich, ſtolzer auf das Blut, das aus ſeiner Wunde floß, als der eitelſte Hofmann auf ſein buntes Ordensband ſeyn kann. Er trat wieder zu ſeinen Geſpielen und ward ein Gegenſtand ihrer Bewun⸗ derung und ihres Neides. Allein in einer Zeit, wo ſo viele ernſtere und wich⸗ tigere Pflichten die Aufmerkſamkeit der Krieger in An⸗ ſpruch nahmen, wurde dieſer einzelne Zug jugendlicher Standhaftigkeit weniger beachtet und hervorgehoben, als es in ruhigern Augenblicken unſtreitig der Fall geweſen ſeyn würde. Er hatte indeß doch dazu gedient, die Dela⸗ warer mit der Stellung und den Abſichten ihrer Feinde bekannt zu machen, und man ſchickte nun eine Abthei⸗ lung von Kriegern ab, um die lauernden Feinde aus — 281— ihrem Hinterhalte zu verjagen. Dieſer Trupp war einem ſolchen Unternehmen mehr gewachſen, als der ſchwache, wenn gleich muthige Knabe. Allein die Huronen hatten ſich, ſobald ſie ſahen, daß ſie entdeckt waren, ſchon größ⸗ tentheils zurückgezogen. Sie wurden nun von den Dela⸗ warern bis in einiger Entfernung von ihrem Lager ver⸗ folgt. Hier machte man Halt, aus Beſorgniß, in einen Hinterhalt gelockt zu werden, um erſt die weitern Befehle abzuwarten. Da beide Parteien ſich ſo viel, wie mög⸗ lich, verborgen hielten, ſo wurden die Wälder bald wieder ſo ſtill und ruhig, wie es nur an einem freundlichen Sommermorgen und in der tiefen Einſamkeit der Fall ſeyn kann. Indeſſen verſammelte Unkas, der ſeine Ungeduld unter ſcheinbarer Ruhe verbarg, alle Häuptlinge, einem jeden eine beſtimmte Zahl von ſtreitbaren Männern zu⸗ theilend. Er ſtellte ihnen Hawk⸗eye als einen bewähr⸗ ten Krieger vor, den er ſtets ſeines Zutrauens würdig gefunden habe. Als er ſah, daß ſein Freund von Allen günſtig aufgenommen ward, übertrug er ihm den Befehl über zwanzig Krieger, die ſich mit ihm an Muth und Entſchloſſenheit meſſen konnten. Er erklärte hierauf den Delawarern, welchen Rang Heyward unter den Truppen der Yengeeſe bekleide, und wollte ihm die Anführung einer gleichen Zahl von Kriegern vertrauen. Allein Dun⸗ can wies dies Anerbieten zurück und wünſchte als Frei⸗ williger an Hawk⸗eye's Seite fechten zu dürfen. Nach⸗ dem dieſe Anordnungen getroffen worden, ernannte der junge Mohikaner mehrere Häuptlinge der Eingebornen zu wichtigen Poſten, und da die Zeit drängte, ſo gab er das Zeichen zum Aufbruch. Mehr als zweihundert Krie⸗ ger ſetzten ſich nun freudig, doch ſchweigend, in Bewegung. Sie betraten ohne Hinderniſſe den Wald, und gin⸗ gen eine Weile in demſelben fort. Nirgends zeigte ſich ein lebendiges Weſen, deſſen Anblick verdächtig geweſen wäre, oder das ihnen irgend eine Auskunft hätte geben können. Endlich ſtießen ſie auf den Verſteck, in welchem ſich ihre eigenen Kundſchafter verborgen hatten. Es wurde Halt gemacht, und die Häuptlinge verſammelten ſich vor der Fronte, um ſich leiſe mit einander zu bera⸗ then. Mehrere Operationspläne wurden bei dieſer Ge⸗ legenheit vorgeſchlagen; doch entſprach keiner derſelben den Wünſchen ihres feurigen Anführers. Hätte Unkas allein auf die Stimme ſeiner Leidenſchaft gehört, ſo würde er keinen Augenblick gezögert haben, ſeine Gefähr⸗ ten zum Angriff zu führen; der Ausgang des Kampfes hätte dann auf einer augenblicklichen Entſcheidung be⸗ ruht. Allein die Gebräuche und herkömmlichen Meinun⸗ gen ſeiner Landsleute wären dadurch zu ſehr verletzt worden. Unkas war daher genöthigt, ſich einem Zwange zu unterwerfen, der ihm in ſeiner jetzigen Gemüthsſtim⸗ mung doppelt läſtig war. Er mußte Rathſchläge und Vorſichtsmaaßregeln anhören, die ſein feuriger Geiſt un⸗ willig verwarf, wenn er ſich Cora's Gefahr und Magua's Übermuth lebhaft vorſtellte. Mehrere Minuten lang hatte die Berathung ſchon gedauert, ohne zu einem beſtimmten Ziel zu führen, als ſie von der feindlichen Seite her einen einzelnen Mann erblickten. Die Eile, mit der er ſich ihnen nahte, brachte ſie auf den Gedanken, es könne wohl ein Abgeſandter ſeyn, der ihnen friedliche Botſchaften brächte. Als der Fremdling ſich indeß dem Dickicht, in welchem die Be⸗ rathſchlagung Statt fand, bis auf etwa zweihundert Schritte genähert hatte, ſtand er plötzlich ſtill, und ſchien unſchlüſſig, welchen Weg er nehmen ſolle. Aller Augen hefteten ſich jetzt auf Unkas, als wollten ſie ihn fragen, was unter ſo bewandten Umſtänden zu thun ſey. „Hawk⸗eye,“ ſagte der junge Häuptling mit leiſer Stimme,„er darf nie wieder mit den Huronen ſprechen.“ „Sein Stündlein iſt gekommen!“ verſetzte der Kund⸗ ſchafter mit lakoniſcher Kürze. Zugleich ſteckte er den langen Lauf ſeiner Büchſe durch das Gebüſch und zielte nach dem Fremdling. Statt aber abzudrücken, ließ er plötzlich das Gewehr zu Boden ſinken und brach in ſein eigenthümliches Gelächter aus. „Ich hielt den Kerl für einen Mingo, ſo wahr ich ein armer Sünder bin,“ ſagte Hawk⸗eye;„als ich mir aber die ſchicklichſte Stelle ausſuchte, wo ich ihm eine Kugel beihringen könnte— kannſt du dir's denken, Un⸗ kas— da kriegt' ich des Muſikers Inſtrument zu Ge⸗ ſicht, und kurz, es iſt Niemand anders, als David, deſ⸗ ſen Tod Niemand etwas nützen kann, dagegen er uns vielleicht bei unſerem Vorhaben einen guten Dienſt lei⸗ ſtet, falls er ſich noch auf was anderes, als auf Geſang verſteht. Haben die Töne nicht ganz ihre Kraft verloren, ſo will ich mit dem ehrlichen Burſchen bald ein Geſpräch anknüpfen, und zwar mit einer Stimme, die ihm an⸗ muthiger klingen ſoll, als die Sprache meines Hirſch⸗ tödters.“ Bei dieſen Worten legte Hawk⸗eye ſeine Büchſe bei — 284— Seite, und durch die Gebüſche zu David ſo weit hin⸗ kriechend, daß dieſer ihn hören konnte, fing er an, jenen Geſang zu wiederholen, der ihn bei ſeiner Flucht aus dem Lager der Huronen geſchützt hatte. David's feines und geübtes Ohr konnte ſich nicht leicht täuſchen, und offen geſtanden, wär' es auch für jeden Andern als Hawk⸗eye, eine ſchwierige Aufgabe geweſen, ahnliche Töne hervorzubringen. Da der Sänger ſie nun ſchon ein Mal gehört hatte, ſo merkte er leicht, von wem ſie kamen. Der arme Schelm ſchien dadurch aus einer großen Verlegenheit geriſſen zu werden; denn er lief ſchnell nach dem Orte hin, von wo er die Töne ſchallen hörte— ein Unternehmen, das ihm minder ſchwer ward, als wenn er einer donnernden Batterie entgegen gegan⸗ gen wäre. Bald entdeckte er nun den verborgenen Sän⸗ ger, der ſo wohlklingende Verſe erſchallen ließ. „Es nimmt mich nur Wunder, was die Huronen davon denken werden!“ ſagte der Kundſchafter lachend, indem er ſeinen Gefährten bei'm Arm faßke und ihn ſchnell hinter die Fronte führte.„Liegen die Schurken hier in der Nähe, ſo daß ſie uns hören können, ſo wer⸗ den ſie ſagen, ſtatt eines Verrückten ſind nun zwei da. Allein hier befinden wir uns in völliger Sicherheit,“ fügte er hinzu, auf Unkas und ſeine Kampfgenoſſen deu⸗ tend.„Jetzt erzählt uns, was die Mingos gegen uns im Schilde führen, und zwar in gutem, deutlichen Eng⸗ liſch und ohne alles Gequak.“ David ſah ſich verwundert um, als ſein Blick auf die Verſammlung der finſtern, wildausſehenden Häupt⸗ linge fiel. Allein er faßte neuen Muth, als er einige — 285— bekannte Geſichter entdeckte, und ſammelte ſeine Beſin⸗ nungskraft in ſo weit, daß er eine verſtändliche Antwort zu geben vermogte. „Die Heiden ſind in großer Anzahl ausgezogen,“ ſagte er,„und ich fürchte, ſie haben ſchlimme Abſichten. Denn vor einer Stunde erſcholl in ihrem Dorfe ein ſolches Geheul und ruchloſes Jubelgeſchrei, daß ich wahr⸗ lich davon gelaufen bin, um bei den Delawarern Frieden zu ſuchen.“ „Eure Ohren würden bei dem Tauſche eben nichts gewonnen haben, wenn Ihr Euch etwas mehr heeilt hättet,“ entgegnete der Kundſchafter ziemlich trocken. „Doch dem ſey, wie ihm wolle! Wo ſind die Huronen?“ „Sie liegen zwiſchen hier und ihrem Dorfe im Walde verſteckt, und ihre Anzahl iſt ſo groß, daß ich Euch rathen würde, ſogleich wieder umzukehren,“ Unkas warf einen ſtolzen Blick auf die Reihe von Bäumen, hinter denen ſeine Leute verborgen lagen, und fragte dann nach Magua. „Er iſt bei ihnen,“ war David's Antwort.„Er brachte das junge Mädchen mit, das ſich bei den Dela⸗ warern aufhielt, und hat es in der Höhle zurückgelaſſen, während er ſich ſelbſt wie ein wüthender Wolf an die Spitze ſeiner Wilden ſtellte.“ „Er hat ſie in der Höhle gelaſſen?“ unterbrach ihn Heyward. um Glück wiſſen wir, wo ſie liegt. Gibt es nicht Mittel, ſie ſogleich zu befreien?“ Unkas blickte den Kundſchafter ernſt an und fragte: „Was meint Hawk⸗eye dazu?“ „Gib mix zwanzig Mann, mit Büchſen bewaffnet, — 2986— ſo will ich rechts den Fluß entlang hinziehen, und wenn ich bei den Biberhütten vorbeikomme, Chingachgook und den Obriſt mitnehmen. Dann ſoll dir bald ein Kriegs⸗ geſchrei von dorther zu Ohren dringen, das man bei die⸗ ſem Winde wohl eine Meile weit hören wird. Hierauf greifſt du ſie in der Fronte an, Unkas, und treibſt ſie zurück; und wenn ſie uns dann in den Schuß kommen, ſo verlaß dich auf das Wort eines alten Gränzjägers, daß ſie ſich krümmen und biegen ſollen, wie ein Bogen von Eſchenholz. Wir nehmen hierauf das Dorf ein, befreien das Mädchen aus der, Höhle, und bringen die ganze Sache mit den Huronen vollends zu Ende, ſey es nun, nach Art der Weißen, mit einem einzigen Schlage und Siege, oder auf indianiſche Manier durch⸗Liſt und Kunſtgriffe. Das iſt freilich ein ſehr gelehrter Plan, Major; allein durch Muth und Ausdauer läßt er ſich wohl zu Stande bringen.“ „Er gefällt mir ſehr wohl,“ rief Duncan, als er ſah, daß der Kundſchafter vorzüglich die Befreiung Co⸗ ra's im Auge hatte;„er gefällt mir ſehr wohl. Wir wollen ſogleich an's Werk gehn.“ Nach einer kurzen Berathung war der Plan ſo weit zur Reife gediehen, daß er ausgeführt werden konnte. Die einzelnen Trupps empfingen nun ihre Verhaltungs⸗ befehle, und nachdem man noch verſchiedene Signale verabredet hatte, trennten ſich die Häuptlinge, um ſich auf ihre angewieſenen Poſten zu begeben. ——— Fünfzehntes Kapitel. Die Peſt ſoll ſich verbreiten, ringsumher Die Leichenfeuer ſich vermehren, bis Der große König ohne Löſegeld Zurück nach Chryſa, ihrer Heimath, hin Das Mädchen, das ſchwarzäugige, geſendet. Homer's Iliade nach Pope's Ueberſetzung. Während der Zeit, daß Unkas dieſe Vertheilung ſeiner Streitkräfte anordnete, herrſchte in den Wäldern eine ſolche Stille und, mit Ausnahme der zur Berathung verſammelten Häuptlinge, eine ſo tiefe Einſamkeit, als ob das weite Gehölz eben erſt aus den Händen des Schöpfers hervorgegangen waͤre. Das Auge konnte nach allen Richtungen hin durch die Zwiſchenräume der dich⸗ en Laubgewölbe ſchweifen, ohne irgend einen Gegenſtand zu erblicken, der nicht zu der Landſchaft gehörte und mit dem Frieden, der auf ihr ruhte, im Einklange ſtand. Nur dann und wann hörte man einen Vogel in den Gipfeln der Birken flattern, oder ein Eichhörnchen ließ eine Nuß fallen. Dies Geräuſch feſſelte zwar die Auf⸗ merkſamkeit des ganzen Trupps augenblicklich; allein wenn dieſe zufällige Unterbrechung der Stille vorüber war, hörten die Krieger nur das Säuſeln des Windes, — 288— der über den Gipfeln der Bäume dahinſtrich, welche wellenförmig auf und nieder wogten. Der Wald, in dem ſie ſich befanden, dehnte ſich über eine ungeheure Strecke Landes aus, und ward nur dann und wann durch einen Strom oder See unterbrochen. Faſt ſchien es, als ſey in dieſen Theil der Wildniß, der zwiſchen den Delawarern und ihren Feinden lag, noch nie ein menſchlicher Fuß gekommen— ſo tief war das Schwei⸗ gen, das auf ihm ruhte. Allein Hawk⸗eye, dem die Hauptleitung des Unternehmens oblag, kannte den Cha⸗ rakter derjenigen, gegen die er in den Kampf zog, zu gut, um ſich durch dieſe trügeriſche Ruhe täuſchen zu laſſen. Als er ſeinen kleinen Trupp wieder um ſich ver⸗ ſammelt ſah, warf er ſeinen„Hirſchtödter“ in den gekrummten Arm, und gab ſeinen Begleitern ſchweigend einen Wink, ihm zu folgen. Er führte ſie wieder eine ganze Strecke rückwärts bis zu dem Bette eines kleinen Bachs, den ſie früherhin durchwatet hatten. Hier machte er Halt, und wartete, bis ſeine ernſten und aufmerkſa⸗ men Krieger dicht an ihn herangekommen waren. Dann fragte er in delawariſcher Sprache:— „Weiß einer von meinen jungen Mannern wohl, wohin dies Waſſer uns führen wird?“ Ein Delawarer hielt die Hand empor, und zwei Finger ſpreizend, machte er die Art bemerklich, wie ſie ſich am Gelenk vereinigten. „Che die Sonne ihren Lauf vollendet hat,“ ſprach er,„wird das kleine Waſſer in dem großen ſeyn. Dann aber,“ fügte er hinzu, nach der Richtung des Orts, den — 289— er bezeichnet hatte, hindeutend,„werden die beiden zu⸗ ſammen groß genug ſeyn für die Biber.“ „Das dacht' ich wohl,“ verſetzte der Kundſchafter, indem er nach dem Zwiſchenraum zwiſchen den Baum⸗ gipfeln blickte,„nach der Richtung, die das Waſſer nimmt, und nach der Lage der Berge zu ſchließen. Kommt, Freunde! Wir wollen, von dem Ufer des Baches gedeckt, unſern Weg fortſetzen, bis ſich uns eine Spur der Huronen zeigt.“ Seine Gefährten gaben durch den gewöhnlichen kur⸗ zen Ausruf ihre Zuſtimmung zu erkennen. Da ſie aber ſahen, daß ihr Führer im Begriff war, ſelbſt voranzu⸗ gehen, machten einer oder zwei von ihnen ein Zeichen, daß nicht alles ſo wäre, wie es ſeyn ſollte. Hawk⸗eye verſtand dieſen Wink, und indem er ſich umwandte, be⸗ merkte er, daß der Singmeiſter ſeinem Trupp bis hie⸗ her gefolgt war. „Wißt Ihr wohl, Freund,“ ſagte der Kundſchafter ernſt und vielleicht ein wenig ſtolz auf das ihm über⸗ tragene ehrenvolle Kommando,„daß dieſ's eine Streif⸗ partie iſt, die auf ein gefahrvolles Unternehmen aus⸗ zieht, und unter der Leitung eines Mannes ſteht, der, obſchon vielleicht ein Anderer es mit größerem Rechte ſagen könnte, doch nicht eben Willens iſt, ſie müſſig zu laſſen? Ehe fünf, höchſtens aber ehe dreißig Minu⸗ ten vergangen ſind, gehen wir vielleicht ſchon über den Körper eines Huronen, ſey er nun lebendig oder todt, hinweg.“ „Obgleich ich Eure Abſichten nicht deutlich kenne,“ 10—12. 19 — 290— entgegnete David, flüchtig erröthend, während in ſeinen ruhigen, ausdrucksloſen Augen ein ungewöhnliches Feuer glühte,„ſo haben mich Eure Krieger doch an die Kin⸗ der Jakob's erinnert, als ſie zum Kampf auszogen gegen die Sichemiten, weil ihr König ruchloſer Weiſe eine Jungfrau von dem auserwählten Volke Gottes zum Weibe begehrte. Nun bin ich weit und breit herumge⸗ reiſ't mit dem Mädchen, das Ihr ſucht, und habe Freud⸗ und Leid mit ihr getheilt; und wenn ich auch nicht ein Kriegsmann bin, mit gegürteten Lenden und ſcharfem Sehwte mögt' ich doch gern zu ihrer Rettung et⸗ was beikragen.“ Der Kundſchafter ſchien unſchlüſſig, als erwäge er die Folgen, welche eine ſo ſonderbare Begleitung nach ſich ziehen könnte. ₰ 7 „Ihr wißt ja aber mit keiner Waffe umzugehen,“ antwortete er endlich;„Ihr habt keine Büchſe, und glaubt mir nur, daß die Mingos uns keinen unſerer ausgetheiltten Hiebe ſchuldig bleiben werden.“ „Bin ich auch nicht ein prahlender und blutdürſtiger Goliath,“ verſetzte David, eine Schleuder unter ſeinem buntfarbigen, ſeltſamen Gewande hervorziehend,„ſo habe ich doch das Beiſpiel des iſraelitiſchen Knaben nicht vergeſſen. In meiner Jugend übt' ich mich öfters mit dieſem Kriegswerkzeug, und habe vielleicht noch nicht alles verlernt.“ „Hm!“ ſagte der Kundſchafter, den ledernen Rie⸗ men und Beutel mit kaltem, verächtlichem Blick betrach⸗ tend,„das Ding wäre vielleicht zu gebrauchen, wenn wir uns blos gegen Pfeile oder ſelbſt gegen Meſſer zu vertheidigen hätten; aber ein jeder dieſer Mingos iſt von den Franzoſen mit einem guten gezogenen Gewehr verſehen worden. Da Ihr indeß ein Mal die Gabe zu haben ſcheint, mitten durch's Feuer unverletzt hindurch⸗ gehen zu können, und da Ihr bisher ſo glücklich geweſen ſeyd— Aber Sie haben ja Ihren Hahn geſpannt, Ma⸗ jor? Ein einziger Schuß zur Unzeit konnte uns zwan⸗ zig Schädel koſten, ohne daß es uns irgend etwas nützte. — Saͤnger, Ihr könnt mit uns gehen, viellei wir Euch beim Kriegsgeſchrei brauchen.“ „Ich dank' Euch, Freund,“ entgegnete David, der nach dem Beiſpiel ſeines königlichen Namensvetters ſei⸗ nen Beutel mit Kieſelſteinen aus dem Bache füllte. „DOboleich ich kein heftiges Verlangen in mir verſpüre, Jemand zu tödten, ſo wäre meine Seele doch betrübt geweſen, wenn Ihr mich zurückgeſchickt hättet.“ „Erinnert Euch,“ ſagte der Kundſchafter, bedeutungs⸗ voll auf die Stelle an ſeinem Kopfe zeigend, an welcher David von ſeiner frühern Wunde noch nicht ganz geheilt war,„erinnert Euch, daß es hier gilt zu fechten und nicht zu muſceiren. Bevor das allgemeine Kriegsgeſchrei erſchallt, darf hier kein anderer Laut gehört werden, als der Knall einer Büchſe.“ David nickte mit dem Kopfe, und gab daburch zu erkennen, daß er ſich den vorgeſchriebenen Bedingungen unterwerfe. Hawk⸗eye muſterte mit einem ſcharfen Blick ſeine Gefährten, und gab dann ein Zeichen zum Aufbruche. Eine Meile lang ſetzten ſie ihren Weg in dem Bette 19* S 2 2 — 292 des Baches fort. Obgleich ſeine ſteilen Ufer und das dichte Gebüſch, das ſie umgab, die Wanderer hinlänglich verbarg, und ſie deßhalb keine Gefahr zu beſorgen hat⸗ ten, ſo wurde doch keine Vorſichtsmaaßregel verabſäumt, deren ſich die Indianer bei ihren Angriffen bedienen. Auf jeder Seite ging oder kroch vielmehr ein Krieger an dem Rande des Gebüſches hin, beſtändig das Auge auf den Wald heftend und durch das Laub hindurchblik⸗ kend, ſobald ſich eine Lücke zeigte. Auch machte jedes Mal nach Verlauf weniger Minuten der ganze Trupp Halt, und lauſchte mit einer Schärfe der Organe, die dem, der Gnicht ſo im Naturſtande lebte, unbegreiflich wäre, ob ſich nicht irgend ein feindlicher Ton hören laſſe. Ihr Marſch ward indeß nicht geſtört, und ſie er⸗ reichten endlich die Stelle, wo ſich das kleinere Waſſer in das größere ergoß, ohne daß ſie irgend eine Ahnung hatten, bemerkt worden zu ſeyn. Der Kundſchafter machte nun abermals Halt, um die Gegend zu re⸗ kognosciren und danach ſeine ferneren Maaßregeln zu richten. „Wir bekommen wahrſcheinlich einen guten Tag zum Kampf,“ ſagte er in engliſcher Sprache zu Heyward, indem er nach den Wolken hinaufblickte, die in breiten Maſſen am Himmel vorüberzogen,„Ein ſtarker Son⸗ nenſchein und eine blinkende Flinte ſind eben nicht gün⸗ ſtig, um gut zu zielen. Alles kommt uns zu ſtatten: der Wind weht von ihnen her, und führt uns nicht nur jeden Ton von ihnen zu, ſondern wir haben auch den großen Vortheil, daß der Rauch hieher getrieben wird, wodurch wir nach jedem Schuſſe wieder frei vor uns — 293— ſehen können.— Aber hier iſt's mit unſerer Deckung zu Ende. Die Biber haben ſchon ſeit Jahrhunderten dieſen Theil des Fluſſes in Beſitz genommen, und zwi⸗ ſchen dem Fleck, wo ſie noch Nahrung finden, und ihren Dämmen zeigen ſich zwar abgeſtorbene Stämme in Menge, aber nur noch ein Paar belaubte Bäume.“ Mit dieſen wenigen Worten hatte Hawk⸗eye wirk⸗ lich keine üble Beſchreibung der Ausſicht gegeben, die ſich ihnen jetzt zeigte. Der Lauf des Baches war ſehr unregelmäßig, bald breiter, bald wieder ſchmäler. Zu⸗ weilen rauſchte das Waſſer zwiſchen engen Felſenſpalten dahin, wäyrend es an andern Orten ſich in tiefen Thä⸗ lern ausbreitete und kleine Waſſerflächen bildete, welche Teiche genannt werden konnten. Längs den Ufern ſah man überall vertrocknete Überreſte von abgeſtorbenen Bäumen, in allen Stufen der Verwitterung, von denen an, welche der Wind ächzend auf ihren morſchen Stäm⸗ men bewegt, bis zu denen, welche erſt vor Kurzem der ſchützenden Rinde beraubt worden waren, in der auf ſo geheimnißvolle Weiſe der, Grundſtoff ihres Lebens ver⸗ borgen liegt. Eine kleine Anzahl mit Moos bedeckter Stämme lag zerſtreut zwiſchen ihnen umher, gleich Denk⸗ mälern einer frühern, längſt untergegangenen Generation. Der Kundſchafter betrachtete die ganze Landſchaft und alle ihre kleinen Einzelheiten mit ſo vieler Aufmerk⸗ ſamkeit, als ihnen wahrſcheinlich früher noch nie gewid⸗ met worden war. Er wußte, daß das Lager der Huro⸗ nen nur noch eine kleine halbe Meile weiter am Bache hinauf lag, und mit der charakteriſtiſchen Beſorgniß, die Jemand bei einer verborgenen Gefahr empfindet, ſchien 8 — 294— er ſehr unruhig, daß er noch nicht die geringſte Spur von ſeinen Feinden entdecken konnte. * Ein oder zwei Mal fühlte er ſich ſchon verſucht, ſei⸗ en Gefährten das Zeichen zum Angriff zu geben und einen Verſuch zu machen, ob das Dorf nicht durch einen überfall zu nehmen ſey. Allein ſeine Erfahrung erinnerte ihn bald wieder, wie gefährlich ein ſo fruchtloſes Un⸗ ternehmen werden könnte. Mit der geſpannteſten Auf⸗ merkſamkeit und in der peinlichſten Erwartung lauſchte er, ob ſich nicht von der Seite her, wo er Unkas ver⸗ laſſen hatte, irgend ein feindlicher Laut hören ließe. Allein er hörte nichts, als des Pfeifen des Windes, der ſich in der Tiefe des Waldes in einzelnen Stößen erhob und einen Gewitterſturm verkündete. Ungeduld ſiegte endlich über ſeine Vernunft, Seine und um die Sache raſch zur Entſcheidung zu bringen, beſchloß er, ſeine Schaar offen zu zeigen und mit ihr vorſichtig, doch entſchloſſen, den Weg ſtromaufwärts fortzuſetzen. Der Kundſchafter hatte hinter einem dichten Gebü⸗ ſche verborgen geſtanden, als er ſeine Betrachtungen an⸗ ſtellte. Kaum aber hatten ſeine Gefährten, die noch in der Schlucht verſteckt lagen, durch welche ſich das klei⸗ nere Waſſer in das größere ergoß, ſeinen leiſen, doch deutlichen Ruf vernommen, als ſie, wie dunkle Geſpen⸗ ſter, leiſ' aws Ufer ſtiegen und ſich um ihn verſam⸗ melten. Er bezeichnete ihnen die Richtung, in der ſie ihren Weg verfolgen ſollten, und während er ſelbſt vor⸗ anging, folgte ihm die kleine Schaar nach. Der Eine ging dicht hinter dem Andern, ſo genau in deſſen Fuß⸗ ſtapfen tretend, daß, etwa mit Ausnahme Heyward's — 295— und David's, die Spur nur die eines einzigen Mannes zu ſeyn ſchien. Kaum waren ſie indeß einige Schritte aus dem Ver⸗ ſteck hervorgekommen, als hinter ihnen von einem Duz⸗ zend Büchſen ſich eine Salve hören ließ. Ein Delawa⸗ rer ſprang hoch in die Luft, wie ein verwundeter Hirſch, und ſtürzte der Länge nach todt zu Boden. „Ich hab' es wohl gefürchtet, daß eine ſolche Teu⸗ felei dahinter ſteckte,“ rief der Kundſchafter auf Eng⸗ liſch. Dann aber fügte er mit Gedankenſchnelle in ſei⸗ ner angenommenen Sprache ſogleich hinzu:„Sucht euch zu decken, Freunde, und gebt Feuer!“ Der Trupp zerſtreute ſich bei dieſen Worten, und ehe ſich noch Heyward von ſeiner überraſchung ganz wieder erholt hatte, ſah er, daß er mit David ganz allein geblieben war. Glücklicher Weiſe hatten ſich die Huronen ſchon zurückgezogen; es war daher für den Augenblick nichts mehr zu befürchten. Allein dieſe Ruhe dauerte nicht lange; denn Hawk⸗eye ging mit ſeinem Beiſpiel den übrigen voran, und ſeine Büchſe abfeu⸗ ernd, folgte er dem Feind, wie er allmählich zurückwich, von Baum zu Baum ſpringend, auf dem Fuße nach. Dieſer plötzliche Angriff ſchien von einer ſehr gerin⸗ gen Anzahl Huronen unternommen worden zu ſeyn. Allein ſie vergrößerte ſich, je näher ſie auf ihrem Rück⸗ zuge dem Haupttrupp kam, und ihr Feuer war endlich beinahe, wo nicht völlig, ſo ſtark, als das, welches die vorrückenden Delawarer unterhielten. Heyward warf ſich mitten unter die Kämpfenden und feuerte, ihr vorſichtiges Benehmen nachahmend, einen Schuß nach — 296— dem andern ab. Die Hitze des Gefechts nahm zu, und beide Parteien blieben auf demſelben Platze ſtehen. Nur wenige Krieger wurden auf beiden Seiten verwundet, da ſie ſich ſo viel, wie möglich, hinter den Bäumen ver⸗ bargen und nur bei'm Zielen einen Theil ihres Kör⸗ pers blos gaben. Allein Hawk⸗eye's und ſeiner Ge⸗ fährten Lage wurde nach und nach immer ungünſtiger. Der bedächtige Kundſchafter ſah die Gefahr ein, in der er ſchwebte; aber er wußte nicht, wie er ihr abhelfen könnte. Sich zurückzuziehen ſchien noch gefährlicher, als ſeinen Poſten zu behaupten, und gleichwohl bemerkte er, daß der Feind, der in jedem Augenblicke neue Verſtär⸗ kung erhielt, ſich bereits üͤber den einen Flügel ſeines kleinen Trupps ausbreitete, ſo daß es den Delawarern ſehr ſchwer wurde, ſich gegen ſeine Schüſſe zu decken. Ihr Feuer war darüber beinahe gänzlich zum Schweigen gebracht worden. In dieſem bedenklichen Augenblicke, wo ſie ſich faſt durch den ganzen feindlichen Stamm von allen Seiten eingeſchloſſen glaubten und ihr Ver⸗ derben vor Augen ſahen, ertönte plötzlich Kriegsgeſchrei und Waffengeklirr in den Laubgewölben des Waldes von der Gegend her, wo Unkas ſtand. Es war ein tiefes Thal, das gewiſſer Maaßen unterhalb des Platzes lag, auf welchem der Kunoſchafter und ſeine Gefährten kämpften. Dieſer Angriff verfehlte ſeine Wirkung nicht, und befreite ſie aus ihrer drückenden Lage. Hawk⸗eye's über⸗ fall ſchien von dem Feinde vorausgeſehen worden zu ſeyn, und war deßhalb fehlgeſchlagen. Dagegen hatten ſich wieder die Huronen in der Anzahl ſeiner Krieger — 297— und in ſeinem Plane getäuſcht, und daher eine zu ge⸗ ringe Anzahl von ſtreitbaren Männern zurückgelaſſen, welche dem Angriff des jungen Mohikaners nicht wider⸗ ſtehen konnte. Was dieſe Vermuthung wahrſcheinlich machte, war, daß das Gefecht im Walde ſich ſehr ſchnell nach dem Dorfe hinzog. Auch verminderte ſich die An⸗ zahl der Huronen ſehr bald; denn ein großer Theil lief ihren bedrängten Kameraden zu Hülfe, um nicht einen Poſten aufzugeben, der, wie es ſich bald auswies, der Hauptpunkt ihrer Vertheidigung war. Durch ſeine Stimme, wie durch ſein Beiſpiel ſeine Gefährten ermunternd, befahl ihnen Hawk⸗eye ſogleich, ſich nun auf den Feind zu werfen. Bei einer ſo unausgebildeten Kriegskunſt beſtand dieſer Angriff jedoch nur darin, daß man fortwährend, von Baum zu Baum ſpringend, um gedeckt zu ſeyn, ſich dem Feinde näherte. Dieſ's Manöver wurde ſogleich ausgeführt, und hatte Anfangs den günſtigſten Erfolg. Die Huronen waren genöthigt, ſich zurückzuziehen, und der Kampf zog ſich bald von der Lichtung des Waldes, auf welcher er begonnen hatte, nach einem Oickicht hin, das den Angegriffenen Schutz gewährte. Das Gefecht erneuerte ſich hier mit großer Hartnäckigkeit; keine Par⸗ tei wich, und es war höchſt zweifelhaft, für wen ſich das Glück der Waffen entſcheiden werde. Die Delawa⸗ rer hatten noch keinen Krieger verloren; aber ihr Blut floß, ihrer ungünſtigen Stellung wegen, reichlich aus mancher Wunde. In dieſer bedenklichen Lage gelang es Hawk⸗eye'n, hin⸗ ter denſelben Baum zu ſchlüpfen, der bereits Heyward — 298— Schutz gewährte. Auf der rechten Seite dieſes Baumes befand ſich der größere Theil ſeiner Krieger in einer mäßigen Entfernung, ſo daß ſie ſeinen Ruf hören konn⸗ ten. Sie unterhielten von dieſem Punkte aus ein ſchnel⸗ les, wenn gleich fruchtloſes Feuer auf ihre durch das Dickicht gedeckten Feinde.. „Sie ſind noch ein junger Mann, Major,“ ſagte der Kundſchafter, indem er den Kolben ſeines Hirſch⸗ tödters auf die Erde ſtellte und, von ſeinen Anſtren⸗ gungen ermüdet, ſich auf den Lauf ſtützte.„Sie haben vielleicht künftig noch ein Mal Gelegenheit, gegen dieſe Teufel von Mingos ein Truppencorps anzuführen. Da haben Sie nun die ganze Philoſophie von einem india⸗ niſchen Gefecht vor Augen. Sie beſteht vorzüglich in einer feſten Hand, in einem ſcharfen und richtigen Blick und in einer guten Deckung. Geſetzt, Sie hätten eine Kompagnie von Ihren königlichen Amerikanern hier; was würden Sie jetzt mit ihnen anfangen?“ „Ich würde ſie mit dem Bajonett auf die Feinde losgehen laſſen.“. „Nun, nach den Grundſätzen der Weißen hat das ſeine vollkommene Richtigkeit; aber hier in der Wildniß muß man auch darauf Rückſicht nehmen, wie viel Men⸗ ſchenleben man ſparen kann. Nein, Pferde,“ fuhr der Kundſchafter nachſinnend fort, indem er den Kopf ſchüt⸗ telte,„Pferde, ich ſchäme mich's zu ſagen, müſſen frü⸗ her oder ſpäter in dieſen Scharmützeln den Ausſchlag geben. Die Thiere ſind beſſer, als die Menſchen, und zu Pferde muſſen wir uns endlich ſetzen. Wenn ſo ein beſchlagener Huf den Schritten einer Rothhaut folgt, — 299— und die Büchſe des Schurken ein Mal abgeſchoſſen iſt, ſo bleibt er ſchwerlich ſtehn, um abermals zu laden.“ „Das iſt ein Gegenſtand, den wir wohl beſſer ein anderes Mal abhandelten,“ ſagte Heyward;„ſollen wir angreifen?“ „Ich ſehe gar nicht ein,“ erwiederte der Kundſcpaf⸗ ter mit ſanftem Tone,„warum man die Zeit, in der man ein wenig ausruht, um friſchen Athem zu ſchöpfen, nicht zu nützlichen Betrachtungen verwenden ſollte?— Ein raſcher Angriff iſt eine Maaßregel, die mir nicht gefällt; man kann ſtets darauf rechnen, daß ein Paar Schädel dabei verloren gehen. Und gleichwohl,“ fügte er hinzu, den Kopf ſeitwärts biegend, um das ferne Kampfgetöſe deutlicher zu vernehmen,„wollen wir Un⸗ kas beiſtehen, ſo müſſen wir uns erſt die Schurken hier vom Halſe ſchaffen.“ Bei dieſen Worten wandte er ſich raͤſch und ent⸗ ſchloſſen von Heyward hinweg und rief ſeinen Indianern in ihrer eigenen Sprache zu. Dieſen Zuruf beant, wortete ein Geſchrei, und auf ein gegebenes Zeichen machte jeder Krieger ſchnell eine Bewegung um den Baum, hinter welchem er ſtand. Bei'm Anblick ſo vie⸗ ler dunkler Geſtalten, die auf ein Mal zum Vorſchein kamen, beeilten ſich die Huronen eine Salve zu geben, die aber, zu ſchnell abgefeuert, ihre Wirkung verfehlte. Nun ſtürzten die Delawarer, ohne nur einen Augenblick zu verlieren, in langen Sätzen auf das Dickicht zu, wie Panther, die auf ihren Raub hervorſchießen. Hawk⸗ eye befand ſich an der Spitze, und indem er ſeine furchtbare Büchſe in der Luft ſchwang, flößte er ſeinen — 300— Gefährten durch ſein Beiſpiel neuen Muth ein. Einige der ältern und verſtändigern Huronen hatten ſich indeß nicht täuſchen laſſen durch den Kunſtgriff, den ihre Feinde anwandten, um ſie zum Abfeuern ihrer Ge⸗ wehre zu bewegen. Dieſe gaben nun ein tödtliches Feuer, und der Kundſchafter ſah, wie er gefürchtet hatte, drei ſeiner Gefährten zu Boden ſtürzen. Allein ihr ungeſtümer Angriff konnte durch dieſen Verluſt nicht aufgehalten werden. Die Delawarer drangen mit ihrer angeborenen Wildheit in das Dickicht und vertilgten in ihrem wüthenden Anlauf Alles, was ſich ihnen wi⸗ derſetzte. Das Handgemenge dauerte nur einen Augenblick; die Huronen ergriffen ſchnell die Flucht, bis ſie das ent⸗ gegengeſetzte Ende des Dickichts erreicht hatten. Hier wandten ſie ſich wieder um und ſchienen, mit der Er⸗ bitterung wilder Thiere, die man aus ihren Höhlen aufgejagt hat, abermals entſchloſſen, ſich zu vertheidi⸗ gen. In dieſem kritiſchen Augenblicke, wo der Sieg wieder zweifelhaft zu werden anfing, ließ ſich hinter den Huronen der Knall einer Büchſe hören, und von einigen auf der Lichtung gelegenen Biberhütten kam eine Kugel dahergepfiffen. Von eben dort her erklang gleich darauf das wilde, Grauſen erregende Kriegsgeheul. „Da ſpricht Chingachgook!“ rief der Kundſchafter, das Geſchrei mit ſeiner Stentorſtimme erwiedernd;„ſie ſind nun von vorn und im Rücken eingeſchloſſen.“ Dieſer plötzliche Angriff verfehlte nicht ſeine Wir⸗ kung auf die Huronen. Sie konnten ſich von keiner — 301— Seite mehr decken, und brachen muthlos in ein ver⸗ zweiflungsvolles Klagegeſchrei aus. Ohne an einen wei⸗ tern Widerſtand zu denken, eilten ſie zerſtreut über die Lichtung hin und ſuchten ihr Heil in der Flucht. Meh⸗ rere fielen bei dieſem Verſuche, ſich zu retten, von den Kugeln und Streichen der Delawarer. Wir wollen uns nicht dabei verweilen, das Zuſam⸗ mentreffen des Kundſchafters und Chingachgook's oder das rührende Wiederſehen Duncan's und des beſorgten Vaters ſeiner Geliebten zu ſchildern. Einige raſch ge⸗ wechſelte Worte reichten zu einer gegenſeitigen Erklä⸗ rung des Zuſtandes der Dinge hin, und nachdem der Kundſchafter Chingachgook ſeiner Schaar vorgeſtellt hatte, übertrug er das Kommando dem Mohikaner⸗Häuptling. Mit der feierlichen Würde, die den Befehlen eines eingeborenen Kriegers ſtets Nachdruck und Gewicht gibt, nahm Chingachgook den Poſten an, zu welchem ihn ſeine Geburt und ſeine Erfahrung noch beſonders berech⸗ tigten. Den Schritten des Kundſchafters folgend, führte er ſeine Krieger durch das Dickicht zurück. Fan⸗ den ſie den Leichnam eines Kameraden, ſo verſcharr⸗ ten ſie ihn unter das Laub, während ſie die gefalle⸗ nen Huronen ſcalpirten. Endlich hatten ſie eine Stelle erreicht, wo Chingachgook für gut fand, Halt zu machen. Die Krieger, von dem hartnäckigen Kampfe er⸗ ſchöpft, befanden ſich auf einer kleinen Ebene, welche mit einzelnen Bäumen bedeckt war, hinter denen ſie ſich verbergen konnten. An dem Fuße eines ziemlich ſteilen Abhangs breitete ſich vor ihren Augen ein enges, düſteres und waldiges Thal mehrere Meilen weit aus. In dieſer dichten Waldung war Unkas noch mit der Hauptmacht der Huronen im Kampfe begriffen. Der Mohikaner und ſeine Freunde begaben ſich an den Abhang, mit geübtem Ohr dem Gange des Gefechts lauſchend. Einige Vögel flatterten über dem dichtbelaub⸗ ten Schooſe des Thals, als ob ſie aus ihren einſamen Neſtern aufgeſcheucht worden ſeyen; und über den Bäumen erhob ſich eine leichte Dunſtwolke, welche bereits mit der Atmoſphäre zu verſchmelzen ſchien und die Stelle bezeichnete, wo der Kampf am heftigſten ge⸗ weſen war. „Das Gefecht zieht ſich am Abhange zu uns herauf,“ ſagte Heyward, auf einen Fleck deutend, wo ſich eben wieder ein ſtarkes Gewehrfeuer hören ließ.„Wir ſind zu ſehr im Mittelpunkt ihrer Linie, um etwas ausrichten zu können.“ „Sie werden ſich nach der Schlucht wenden, wo ſie von dem dichtern Walde gedeckt ſind,“ ſagte Hawk⸗eye. „Da können wir ſie denn gerade in der Flanke faſſen.— Chingachgook, es iſt bald Zeit, daß du das Kriegsge⸗ ſchrei erhebſt und deine jungen Krieger zum Kampfe führſt. Ich will dieſem Scharmützel mit Leuten von mei⸗ ner eigenen Farbe beiwohnen. Du kennſt mich, Mohika⸗ ner! Nicht einer von allen Huronen ſoll dir im Rücken die Anhöhe erklimmen, ohne daß mein Hirſchtödter ein Wort mit ihm gewechſelt hat.“ Der indianiſche Häuptling zögerte noch einen Augen⸗ blick, um den Gang des Kampfs zu beobachten. Das Ge⸗ fecht ſchien ſich jetzt immer mehr zu nähern— ein Zei⸗ V — 303— chen, daß die Delawarer ſiegten. Chingachgook verließ 2 den Ort nicht eher, als bis mehrere Kugeln, wie ein⸗ zelne Hagelkörner vor dem Ausbruche eines Gewitters, auf dem dürren Laube niederprallten. Dies überzeugte ihn von der Annäherung ſeiner Freunde, welche die feind⸗ lichen Krieger vor ſich hertrieben. Hawk⸗eye und ſeine Gefährten zogen ſich hinter ein Gebüſch zurück, das ſie vollkommen verbarg, und erwarteten hier die weiteren Ereigniſſe mit einer Ruhe, die bei ſolch einem Auftritte nur die Gewohnheit geben kann. Bald darauf hallte der Knall der Büchſen nicht mehr in den Laubgewölben des Waldes wieder; es ſchien, als würden die Gewehre im Freien abgeſchoſſen. Dann und wann zeigte ſich ein Krieger, der, bis zum Saum des Waldes zurückgetrieben, ſich nun wieder zu ſeinen Ge⸗ fährten auf der Lichtung geſellte, wo ſie den letzten Wi⸗ derſtand bieten mußten. Allmählich ſammelten ſich meh⸗ rere derſelben, und endlich hatte ſich eine lange Reihe dunkler Geſtalten an der Gränze des Waldes aufgeſtellt, bereit, wie es ſchien, zum letzten und hartnäckigſten Kam⸗ pfe. Duncan fing an, ungeduldig zu werden und ängſt⸗ liche Blicke nach der Gegend hin zu ſenden, wo Chingach⸗ gook verborgen war. Der Häuptling, auf einem Felſen ſitzend, ſah dem Kampfe mit ſo vieler Ruhe zu, als ob er blos als Zuſchauer da geweſen wäre. „Jetzt iſt es Zeit, daß der Delawarer losſchlagt!“ ſagte Duncan. „Nein, noch nicht!“ erwiederte der Kundſchafter. „Sobald er die Nähe ſeiner Freunde wittert, wird er ſich ihnen ſchon zu erkennen geben. Sehen Sie wohl, — 304— wie die Schurken ſich da unter jener Fichtengruppe zu⸗ ſammen drängen? Bei'm Himmel, ich glaube, ein Weib könnte in einen ſolchen Knäuel von dunkeln Häuten eine Kugel hineinbringen!“ In dieſem Augenblick erſcholl das Kriegsgeſchrei, Chingachgook und ſein Haufe gab Feuer, und ein Dutzend Huronen ſtuͤrzten zu Boden. Ein einzelner Kriegsruf vom Walde her beantwortete das Triumphgeſchrei, wel⸗ ches jetzt erfolgte, und die Luft füllte ein Geheul, als ob tauſend Kehlen ihre ganze Kraft anſtrengten. Die Hu⸗ ronen wichen beſtürzt von dem Centrum ihrer Schlacht⸗ linie zurück, und durch die dadurch entſtandene Lücke brach Unkas in Begleitung von mehr als hundert Krie⸗ gern aus dem Walde hervor. Mit ſeinen Händen bald rechts, bald links winkend, zeigte der junge Häuptling ſeinen Gefährten den Feind, zu deſſen Verfolgung ſie ſich ſogleich anſchickten. Der Kampf war jetzt getheilt; die beiden Flügel der durchbro⸗ chenen Huronen⸗Linie warfen ſich wieder in den Wald, um dort Schutz zu ſuchen, und die ſiegreichen Krieger der Lenapes folgten ihnen auf dem Fuße nach. Einige Minuten mogten verfloſſen ſeyn, als ſich ſchon das Ge⸗ tümmel nach verſchiedenen Richtungen hin entfernte, wäh⸗ rend die einzelnen Töne, welche in dem Laubgewölbe wie⸗ derhallten, allmahlich immer ſchwächer und undeutlicher wurden. Eine kleine Anzahl von Huronen hatte es indeß verſchmäht, in dem dichten Walde Schutz zu ſuchen. Wie eng eingeſchloſſene Löwen, zogen ſie ſich langſam und ſchweigend längs der Anhöhe zurück, welche Chingachgook mit ſeiner Schaar ſo eben verlaſſen hatte, um nähern 2 [ △ a d8un— Antheil am Gefecht nehmen zu können. Sehr deutlich war in dieſem Trupp Magua zu erkennen, der ſich von den Übrigen durch ſeine grimmigen, wilden Geſichtszüge und durch die gebieteriſche Haltung unterſchied, die er noch immer behauptete. In ſeinem Eifer, die Verfolgung der Huronen zu beſchleunigen, war Unkas beinahe ganz allein zurückge⸗ blieben; allein in dem Augenblicke, wo er Magua's Ge⸗ ſtalt erblickte, war jede andere Rückſicht vergeſſen. Er erhob ſein Schlachtgeſchrei, das ſechs oder ſieben Krie⸗ ger wieder um ihn verſammelte, und ſtürzte dem Feinde entgegen, ohne ſich durch deſſen überlegene Zahl zurück⸗ ſchrecken zu laſſen. Als Le Renard dies ſah, blieb er ſte⸗ hen, ihn mit heimlicher Freude erwartend. Schon dachte er, daß die übereilte Hitze des ungeſtümen jungen Hel⸗ den ihn ganz in ſeine Gewalt gegeben habe. Da ließ ſich ein neues Geſchrei hören, und La Longue Carabine eilte mit ſeinen weißen Kampfgefährten zu ſeiner Be⸗ freiung herbei. Der Hurone wandte ſich ſogleich um und begann, den Abhang hinaufklimmend, eilig den Rückzug. Unkas hatte keine Zeit zu Begrüßungen und Gluck⸗ wünſchen, und die Ankunft ſeiner Freunde kaum bemer⸗ kend, ſetzte er mit Windesſchnelle die Verfolgung fort. Vergebens rief ihm Hawk⸗eye zu, ſich nicht ſo tollkuhn bloszuſtellen. Der junge Mohikaner bot dem heftigſten Feuer feiner Feinde Trotz, und nöthigte ſie bald, mit derſelben Eile zu fliehen, mit welcher er ſie verfolgte. Dieſe Jagd war glücklicher Weiſe nicht von langer Dauer, und die Weißen waren ſowohl hinſichtlich der 10— 12. 20 — 306— Entfernung, als des Terrains im Vortheil; ſonſt würde ihnen der Delawarer weit vorgeeilt und das Opfer ſei⸗ ner Tollkühnheit geworden ſeyn. Eh' indeß ein ſo un⸗ glückliches Ereigniß eintreten konnte, hatten die Verfol⸗ ger und Verfolgten faſt zu gleicher Zeit das Dorf Wyan⸗ dot erreicht. Von neuem Muthe beſeelt durch den Anblick ihrer Wohnungen und von dem langen Lauf erſchöpft, mach⸗ ten die Huronen hier wiederum Halt und kämpften in der Nähe ihrer Berathungshütte mit wüthender Ver⸗ zweiflung. Der Beginn und Ausgang des Kampfs folg⸗ ten ſo ſchnell auf einander, wie das Toben und die Ver⸗ heerung des raſenden Wirbelwindes. Die Streitaxt des jungen Mohikaners Unkas, Hawk⸗eye's Streiche und ſelbſt Munro's noch immer kräftiger Arm waren in die⸗ ſem flüchtigen Augenblicke ſo thätig, daß bald der Boden mit den Leichnamen ihrer Feinde bedeckt war. Indeß entging Magua, trotz ſeiner Kühnheit und ſo ſehr er ſein Leben ausſetzte, doch allen Angriffen ſeiner Feinde. Es war, als ob er unter jenem ſchützenden Zauber ſtände, der, wie uns die alten Dichterſagen melden, über den begünſtigten Helden bei ihren abenteuerlichen Unterneh⸗ mungen waltete. Mit einem Geheul, das die Größe ſeiner Wuth und ſeiner fehlgeſchlagenen Hoffnungen ver⸗ rieth, eilte der verſchmitzte Häuptling, nachdem er alle ſeine Gefährten hatte fallen ſehen, vom Schlachtfelde, nur von zweien ſeiner noch am Leben gebliebenen Freunde begleitet, und ließ die Delawarer ruhig die Trophäen ihres errungenen Sieges ſammeln. Allein Unkas, der ihn im Kampfgewühl vergeblich zu — 307— treffen geſucht hatte, ſtürzte ihm nach, und Hawk⸗eye, Duncan und David folgten ſeinem Beiſpiel. Alles, was der Kundſchafter thun konnte, beſtand darin, daß er die Mündung ſeiner Büchſe ſtets etwas vor ſeinen Freund hielt, ihn dadurch wie mit einem Zauberſchilde deckend. Ein Mal ſchien es zwar, als wolle Magua umkeh⸗ ren und den letzten Verſuch machen, ſich wegen der er⸗ littenen Niederlage zu rächen; allein er gab dieſen Ent⸗ ſchluß in dem Augenblicke, wo er ihn gefaßt, wieder auf, ſprang in ein dichtes Gebüſch, in welches ſeine Sieger ihm folgten, und verſchwand plötzlich in dem Eingang der Höhle, die unſern Leſern bereits bekannt iſt. Der Kundſchafter, der nur aus Rückſicht für Unkas nicht Feuer gegeben hatte, brach jetzt in ein Freudengeſchrei aus, als er ſah, daß ihre Beute ihnen nun nicht mehr entgehen könne. Er ſtürzte ſich mit ſeinen Begleitern in den langen und engen Gang der Höhle, und be⸗ merkte noch einen Schimmer von den Geſtalten der flie⸗ henden Huronen. Als ſie durch die Fel'engänge und un⸗ terirdiſchen Gemächer der Höhle eilten, hörten ſie von fern das Geſchrei und Wehklagen von hundert Weibern und Kindern. Der Ort glich, bei dem düſtern und un⸗ gewiſſen Lichte, dem Schattenreich der Hölle, in welchem Schaaren verdammter Geiſter und wilder Dämonen durch einander wogten. Noch immer heftete Unkas ſein Auge ſo feſt auf Magua, als ob dieſer Gegenſtand der einzige Zweck ſei⸗ nes Lebens ſey. Auch Heyward und der Kundſchafter drängten ſich dicht an den Huronen, von einem gleichen, wenn auch nicht ſo heftigen Gefühl getrieben. Allein der 20* — — 308— Weg in dieſer dunkeln Höhle wurde immer mühſamer und beſchwerlicher, und nur ſelten und undeutlich zeigten ſich ihnen die Geſtalten der fliehenden Krieger. Ein Mal glaubten ſie ihre Spur ſchon ganz verloren zu ha⸗ ben, als ſie am Ende eines ſchmalen Durchgangs, der auf den Berg hinauf zu führen ſchien, ein weißes, flat⸗ terndes Gewand erblickten. „Es iſt Cora!“ rief Duncan, mit einem Tone, in welchem ſich Schrecken und Freude ſeltſam miſchten. „Cora! Eora!“ wiederholte Unkas, wie ein Hirſch weiter ſpringend. „Es iſt das Mädchen!“ frohlockte der Kundſchafter. „Nur Muth! Wir kommen, wir kommen!“ Der Anblick der Gefangenen hatte ihren Eifer auf's Neue beſeelt, und die Verfolgung ward ſogleich fortge⸗ ſetzt; allein ihr Weg wurde jetzt rauh, uneben und an einigen Stellen faſt ungangbar. Unkas warf ſeine Büchſe weg und eilte mit unbedachtſamer Haſt vorwärts. Hey⸗ ward folgte ſeinem Beiſpiel; allein bald ſahen ſie ein, wie unbeſonnen ſie gehandelt hatten. Es geſchah ein Schuß, den die fliehenden Huronen längs des Felſengan⸗ ges herunterthaten, und die Kugel brachte dem jungen Mohikaner eine leichte Wunde bei. „Wir müſfen dicht an ſie heran!“ ſagte Hawk⸗eye, mit einem gewaltigen Satze an ſeinen Freunden vorüber⸗ ſpringend;„die Schurken ſchießen in dieſer Nähe uns ſonſt alle nieder, und ſeht! ſie halten das Mädchen ſo, daß ſie ſelbſt durch ſie gedeckt ſind.“ Ohne auf dieſe Worte zu achten oder vielmehr ohne ſie zu hören, folgten die Gefährten des Kundſchafters — 399— ſeinem Beiſpiel. Mit unglaublicher Anſtrengung naͤher⸗ ten ſie ſich den Flüchtlingen ſo weit, daß ſie ſehen konn⸗ ten, wie Cora von zwei Kriegern fortgeſchleppt ward, in⸗ deß Magua ihnen den Weg bezeichnete, den ſie einſchla⸗ gen ſollten. In dieſem Augenblicke ſah man die Geſtal⸗ ten von allen vieren deutlich am Ausgange der Höhle; doch verſchwanden ſie gleich darauf gänzlich. Faſt wahnſinnig über ihre fehlgeſchlagene Hoffnung, verdoppelten Unkas und Heyward ihre Anſtrengungen, die alle menſchliche Kräfte zu überſteigen ſchienen. Sie er⸗ reichten den Ausgang der Höhle noch zeitig genug, um wahrnehmen zu können, welchen Weg die Flüchtlinge ein⸗ geſchlagen hatten. Ihr Pfad lief den Gipfel des Berges hinan, und dieſen zu erklimmen, war mühſam und mit mancher Gefahr verbunden. Der Kundſchafter ließ ſeine Gefährten bei ſich vor⸗ beieilen, vielleicht, weil ihn ſeine Büchſe am Laufen hin⸗ derte, vielleicht auch, weil er an der Gefangenen nicht ſo warmen Antheil nahm, als ſeine Freunde. Unkas und Heyward dagegen waren wieder vorausgeeilt. Sie ſetz⸗ ten in unglaublich kurzer Zeit über Felſen und Abgründe und bekaͤmpften Hinderniſſe und Schwierigkeiten, die man zu einer andern Zeit und in einer andern Lage für un⸗ überwindlich gehalten hatte. Allein ihre Anſtrengungen wurden belohnt, als ſie ſahen, daß ſie ſich den Huronen, die durch Cora in ihrer Flucht aufgehalten wurden, be⸗ deutend naͤherten. „Steh', Hund von einem Wyandot!“ ſchrie Unkas, indem er ſeine blinkende Streitart gegen Magua ſchwang; „ein Delawarer, Madchen, gebietet dir zu ſtehn!“ — — 310— „Ich will nicht weiter gehn,“ rief Cora, plötzlich an einer Felſenklippe ſtehen bleibend, die in geringer Entfer⸗ nung von dem GWipfel des Berges über einen tiefen Ab⸗ grund hinabhing.„Tödte mich, wenn du willſt, verhaß⸗ ter Hurone! Ich gehe keinen Schritt weiter.“ Die beiden Huronen, welche das Mädchen begleiteten, ſchwangen mit jener ruchloſen Freude, welche, wie man glaubt, die Teuſel empfinden, wenn ſie Unheil ſtiften kön⸗ nen, ſogleich ihre Streitäxte; allein Magua hielt ihren emporgehobenen Arm zurück. Er entriß ihnen die Waf⸗ fen und ſchleuderte ſie über den Felſen hinab. Hierauf zog er ſein Meſſer und wandte ſich zu ſeiner Gefangenen, wahrend der heftige Kampf widerſtrebender Leidenſchaf⸗ ten ſich deutlich auf ſeinem Geſichte malte. „Weib,“ ſagte er,„wähle! Le Subtil's Hütte oder den Tod von ſeinem Meſſer.“ Cora würdigte ihn keines Blicks. Auf ihre Kniee fallend, während eine dunkle Röthe ihr Geſicht überzog, ſtreckte ſie die Arme zum Himmel empor, und ſagte mit einem ſanften Tone, von feſtem Vertrauen erfüllt: „Ich ſtehe in deiner Hand! Mach' es mit mir nach deinem Wohlgefallen.“ „Weib!“ wiederholte Magua mit rauher Stimme, während er ſich vergeblich bemühte, einen Blick aus ih⸗ rem heitern, ſtrahlenden Auge zu erhaſchen,„wähle!“ Allein Cora ſchien ſeinen Aufruf weder zu hören, noch zu beachten. Krampfhaft zuckte jede Fiber an dem Körper des Huronen, und mit wilder Gebärde hob er ſeinen Arm empor, den er jedoch gleich wieder ſinken ließ, wie Jemand, der nicht weiß, welchen Entſchluß er -uSͤ— — 83 1 —-& ͤͤ— G — 311— ergreifen ſoll. Noch ein Mal im Kampfe mit ſich ſelbſt, zuckte er wieder den blinkenden Stahl. Aber in die⸗ ſem Augenblicke erſcholl ein durchdringendes Geſchrei, und Unkas, in Verzweiflung von einer furchtbaren Höhe herabſpringend, ſtürzte auf den Felſenrand. Magua trat erſchrocken einen Schritt zurück, und einer ſeiner Beglei⸗ ter ſtieß, dieſen Augenblick benutzend, ſein Meſſer in des Mädchens Buſen. Der Hurone ſtürzte ſich, wie ein Tiger, auf den Vollbringer dieſer ſchrecklichen That los, der bereits die Flucht ergriff; allein der herabſtürzende Unkas trennte die unnatürlichen Gegner. Magua, der dadurch in ſei⸗ nem Vorhaben geſtört ward, und deſſen ganze Wuth der Anblick des vollbrachten Mordes reizte, ſtieß ſein Meſſer in den Rücken des am Boden liegenden Delawarers, und ſtimmte, als er dieſe feige That begangen, ein höl⸗ liſches Jubelgeſchrei an. Unkas aber erhob ſich wieder von ſeinem Falle, und gleich dem verwundeten Panther, der auf ſeinen Feind losſtürzt, ſtreckte er Cora's Mor⸗ der mit einem Streiche nieder, mit der letzten, äußer⸗ ſten Anſtrengung ſeiner ſchwindenden Kräfte. Dann warf er Magua einen finſtern, aber feſten Blick zu, und der Ausdruck ſeines Auges verrieth, was er thun würde, wenn ihn nicht ſeine Kräfte gänzlich verlaſſen hätten. Der Hurone ergriff den zu jedem Widerſtande unfähi⸗ gen Mohikaner und ſtieß ihm drei Mal ſein Meſſer in die Bruſt, bis ſein Opfer leblos zu ſeinen Füßen nieder⸗ ſank, noch immer einen Blick des unauslöſchlichſten Haſ⸗ ſes auf ſeinen Feind heftend. „Barmherzigkeit! Barmherzigkeit! Hurone!“ rief — 312— Heyward von der Höhe herab, während Schreck und Entſetzen den Ton ſeiner Stimme faſt erſtickten.„Zeige Barmherzigkeit, und ſie ſoll dir gleichfalls werden!“ Magua ſchleuderte ſein blutiges Meſſer dem flehen⸗ den Jünglinge entgegen, und ſtieß ein gräßliches Freu⸗ dengeſchrei aus, daß es bis zu den Ohren der Kämpfer drang, die tauſend Fuß unter ihnen noch im Thal das Gefecht fortſetzten. Ein Ruf des Entſetzens entfloh den Lippen des Kundſchafters, deſſen hohe Geſtalt ſch jetzt über die gefahrvollen Felſenklippen bewegte, mit ſo küh⸗ nem und entſchloſſenem Schritt, als hielte ihn eine un⸗ ſichtbare Gewalt in der Luft ſchwebend. Als er aber den blutigen Schauplatz erreicht hatte, fand er nur noch die Leichen der Gemordeten. Nachdem er ſie mit einem einzigen Blicke betrachtet hatte, wandte er ſich erbittert nach den Felſenklippen und Klüften der Bergwand, welche ſich vor ihm aufthürmte. Auf ihrem Gipfel, dicht am Rande der ſchwindlichten Höhe, zeigte ſich eine Geſtalt, welche in einer drohen⸗ den Stellung die Arme emporhob. Ohne ihn näher zu betrachten, richtete Hawk⸗eye bereits ſeine Büchſe, um auf den Fremdling zu zielen; allein ein Felsſtück, das einem der Flüchtlinge, welche den Berg hinabeilten, auf den Kopf geſchleudert ward, ließ ihn die treuherzigen Züge David's erkennen, deſſen Geſicht vor Zorn glühte. Jetzt trat Magua aus einer Felſenkluft hervor, und ge⸗ laſſen über den Leichnam ſeines letzten Gefährten hinweg⸗ ſchreitend, ſprang er über einen weiten Riß in dem Ge⸗ ſtein, und erklimmte den Felſen bis zu einer Stelle, wo ihn David's Arm nicht mehr erreichen konnte. Er hatte — 313— nur noch einen Sprung zu machen, um den untern Rand des Abgrunds zu erreichen, wo ihm keine Gefahr mehr drohte. Eh' er indeß ſprang, blieb er einen Augenblick ſtehn, und drohend ſeine Hand gegen den Kundſchafter emporhebend, rief er mit lauter Stimme: „Die bleichen Geſichter ſind Hunde, die Delawarer Weiber! Magua läßt ſie auf dem Felſen den Krahen zur Beute!“ Mit heißerem Gelächter nahm er einen furchtbaren Anlauf; allein er ſprang zu kurz, und wäre in die gräß⸗ liche Tiefe hinabgeſtürzt, hätt' er nicht einen Strauch am Rande des Felſens, den er erreichen wollte, mit den Hän⸗ den gefaßt und ſich daran feſt geklammert. Wie ein wil⸗ des Raubthier, das im Begriff iſt, auf ſeine Beute los⸗ zuſtürzen, hatte ſich Hawk⸗eye's Geſtalt zuſammengekrümmt. Seine Glieder zitterten ſo heftig, daß die Mündung ſei⸗ ner ſchon emporgehobenen Büchſe hin und her ſchwankte, wie ein Blatt, das der Wind bewegt. Statt ſich durch fruchtloſe Anſtrengungen zu erſchöpfen, ließ der verſchmitzte Magua ſeinen Körper, ſo lang er ſeine Arme auszuſtrek⸗ ken vermogte, hinabgleiten, und gelangte endlich auf einen Abſatz, wo ſeine Füße einen Augenblick ruhen konnten. Nun nahm er alle ſeine Kräfte zuſammen, um den Ver⸗ ſuch zu erneuern, und es gelang ihm, den Rand der Berg⸗ wand mühſam emporzuklimmen. Jetzt, wo der Körper ſeines Feindes am meiſten zuſammengezogen war, erhob ſich das ſchwankende Gewehr des Kundſchafters zu ſeiner Schulter. Die Felſen rings umber konnten nicht unbe⸗ weglicher ſeyn, als die Büchſe in dem Augenblicke lag, — — 314— wo ſie abgefeuert ward. Die Arme des Huronen er⸗ ſchlafften, und ſein Körper ſank ein wenig zurück, wäh⸗ rend er ſich noch mit den Knieen an den Felſen klam⸗ merte. Er ſchoß einen wüthenden Blick auf ſeinen Feind, trotzig die Hand gegen ihn emporhebend. Allein er war nicht im Stande, ſich länger feſt zu halten, und im näch⸗ ſten Augenblicke ſtürzte ſeine düſtere Geſtalt mit dem Kopfe voran, über das am Fuß des Felſens befindliche Geſträuch in die furchtbare Tiefe hinab, die ſein Grab werden ſollte. Sechszehntes Kapitel. Sie fochten tapfer; in dem Kampfgewühl Sah man der Muſelmänner Leichen. Sie ſiegten endlich— doch Bozzaris fiel, Starr lag er da und ohne Lebenszeichen. Doch ſahn ſie, als ihr Ruf die Luft durchbebte, Daß ſanft ein Lächeln ſeine Lipp' umſchwebte, Als ihre Tapferkeit den Sieg errang; Dann aber ſchloſſen ſeine Augenlieder, Kaum halb eröffnet, ſich ſo ruhig wieder, Wie Blumen bei der Sonne Untergang. Halleck. Der Aufgang der Sonne bot dem Stamm der Lena⸗ pes eine Scene der Trauer und des Schmerzes dar. Das Kampfgetöſe hatte aufgehört, und durch die Ver⸗ V — 315— nichtung einer ganzen Völkerſchaft hatten ſie ihren alten Groll in vollem Maaße geſättigt, und ſich wegen der neuerlichen Schmach, die ſie von den Mingos erlitten, blutig gerächt. Die trübe, ſchwärzliche Atmoſphäre, welche die Stelle umgab, wo ſich die Huronen gelagert hatten, verrieth hinlänglich das unglückliche Geſchick dieſes wan⸗ dernden Stammes; und Hunderte von Raben, welche auf dem nackten Felſen umherflatterten oder krächzend über die unermeßlichen Wälder dahinzogen, bezeichneten den Ort, wo der unglückliche Kampf Statt gefunden hatte. Kurz, jedes Auge, das nur im geringſten mit der Art und Weiſe, wie man in den Gränzprovinzen Krieg zu führen pflegt, vertraut geweſen wäre, würde die untrüglichen Merkmaale der Schreckniſſe erkannt ha⸗ ben, welche eine indianiſche Rache begleiten. Die aufgehende Sonne fand noch die Lenapes in Thränen. Kein Siegesruf, kein Triumphgeſang ließ ſich hören. Der letzte Nachzügler hatte bereits das Schlacht⸗ feld verlaſſen, um nur die ſchrecklichen Abzeichen ſeines blutigen Berufs von ſich zu werfen und ſeine Klagen mit der Trauer ſeiner Landsleute zu vermiſchen. Der Stolz und die Freude hatten der Niedergeſchlagenheit Platz gemacht, und den heftigſten Ausbrüchen menſch⸗ licher Leidenſchaft folgten nun die lebhafteſten Äußerun⸗ gen des Schmerzes. Die Hütten ſtanden verlaſſen; allein Alle, welche der Tod verſchont, hatten ſich an einem nahgelegenen Orte verſammelt, und bildeten dort, in düſterem, feier⸗ lichen Schweigen, einen weiten Kreis von ernſten Ge⸗ ſichtern. Sie theilten alle daſſelbe Gefuͤhl, ſo verſchieden 3 216 — ſie auch an Alter, Rang und Geſchlecht waren. Jedes Auge heftete ſich auf die Mitte dieſes großen Kreiſes, in welcher ſich die Gegenſtände befanden, welche auf eine ſo allgemeine Theilnahme Anſpruch machten. Sechs Delawarer Mädchen, deren langes, ſchwarzes Haar in reichen Locken über ihren Buſen nachläſſig her⸗ abfloß, ſtanden, von den Ubrigen abgeſondert, faſt be⸗ wegungslos da. Sie gaben kein anderes Zeichen des Lebens von ſich, als daß ſie von Zeit zu Zeit duftende Kräuter und Waldblumen auf eine Tragbahre ſtreuten, die aus wohlriechenden Zweigen geflochten und mit einem Leichentuch von indianiſchem Zeuge bedeckt war. Auf dieſer Bahr lagen die Üüberreſte der muthigen, hochherzi⸗ gen und edelmüthigen Cora. Mehrere Decken von dem⸗ ſelben einfachen Stoffe verhüllten ihren Körper, und ent⸗ zogen ihr Antlitz für immer dem Auge der Menſchen. Der troſtloſe Munro ſaß zu ihren Füßen; ſein ehrwür⸗ diges Haupt beugte ſich faſt zur Erde, aber auf ſeiner Stirn, die nur theilweiſe von den grauen Locken bedeckt ward, welche über ſeine Schläfe herabfielen, konnte man deutlich den Ausdruck des tiefſten Schmerzes leſen. Ne⸗ ben ihm ſtand David mit entblöſ'tem Haupte, welches von den Strahlen der Sonne beſchienen ward, und heftete ſein bekummertes Auge bald auf das kleine Buch, das ſo viele ſchwülſtige, doch heilige Glaubenslehren enthielt, bald auf Munro, dem er Troſt und Beruhigung einzu⸗ flͤßen wünſchte. Nicht weit davon hatte ſich Heyward an einen Baum gelehnt und ſuchte vergeblich die Aus⸗ brüche eines Schmerzes zu bekämpfen, unter dem ſeine männliche Standhaftigkeit faſt erlag. — 317— Aber ſo traurig und ſchwermüthig man ſich auch dieſe Gruppe vorſtellen mag, ſo war der Anblick einer andern, die ſich ihr gegenüber in demſelben Kreiſe befand, noch bei weitem rührender. Dort ſaß Unkas, als wenn er noch am Leben wäre, mit dem prachtvollſten Schmucke geziert, den nur der Reichthum ſeines Stammes hatte zuſammenbringen können. Sein Haupt ſchmückten reiche Federn, und der übrige Theil ſeines Körpers war mit Gürteln, Halsgeſchmeide, Armbändern und Medaillen bedeckt. Aber mit dieſem eitlen Prunk, der ſeinen hohen Rang bezeichnen ſollte, bildeten ſeine erloſchenen Augen und ſeine ſtarren, ausdrucksloſen Züge einen furchtbaren Kontraſt. Gerade vor dem Leichnam ſaß Chingachgook, unbe⸗ waffnet und ohne eine Verzierung oder Auszeichnung irgend einer Art, die glänzend blaue Schildkröte ausge⸗ nommen, die mit unvertilgbaren Zügen auf ſeiner nack⸗ ten Bruſt eingegraben war. Während der ganzen langen Zeit, daß das Volk ſich auf dieſe Weiſe hier verſammelt hatte, blieben die Augen des Mohikaner⸗Kriegers düſter auf dem kalten, lebloſen Antlitz ſeines Sohnes ruhen. Sein Blick war ſo ſtarr und ſeine ganze Geſtalt ſo re⸗ gungslos, daß ein Fremder nur an den krampfhaften Zuckungen, die ſein innerer Schmerz dem Vater aus⸗ preßte, und an der Ruhe des Todes, welche ſich fur immer auf den Zügen des Sohnes gelagert, zu unter⸗ ſcheiden vermogt hätte, welcher von beiden nicht mehr zu den Lebenden gehöre. Nicht weit davon lehnte ſich der Kundſchafter in ei⸗ ner nachdenkenden Stellung auf ſein Gewehr, indeß — 318— Tamenund in geringer Entfernung auf einem erhöhten Platze ſaß, von wo aus er auf ſein Volk herabblicken konnte, das in Schmerz und Trauer verſunken war. Gerade an dem innern Rande des Kreiſes ſtand ein Soldat, welcher die Uniform eines fremden Volkes trug, und außerhalb deſſelben befand ſich ſein Schlachtroß, um⸗ geben von einer zahlreichen berittnen Dienerſchaft, die zu einer weiten Reiſe gerüſtet ſchien. An der Uniform des Fremdlings erkannte man einen Offizier von hohem Range in Dienſten des Statthalters von Kanada. Er ſchien als Friedensbotſchafter gekommen zu ſeyn; allein der wilde Ungeſtüm ſeiner Bundesgenoſſen hatte ſeine Sendung vergeblich gemacht, und düſter und ſchweigend betrachtete er nun die unglücklichen Folgen eines Kam⸗ pfes, zu deſſen Verhütung er zu ſpät gekommen war. Die Sonne hatte bereits den vierten Theil ihrer Bahn durchlaufen, und noch immer herrſchte unter der verſammelten Menge das ununterbrochene Schweigen, das ſie ſchon ſeit Tagesanbruch beobachtet hatte. Man hörte keinen Ton, als hie und da einen halb unterdrück⸗ ten Seufzer, und kein Glied hatte ſich wahrend dieſer langen, ſchmerzlichen Zeit bewegt, mit Ausnahme der rührenden Opfer, welche die jungen Madchen von Zeit zu Zeit dem Andenken der entſchlafenen Jungfrau dar⸗ gebracht hatten. Einen ſolchen Anſchein gänzlicher Ge⸗ fühlloſigkeit konnte nur die Geduld und Selbſtbeherr⸗ ſchung, die den Indianern eigenthümlich iſt, hervorbrin⸗ gen. Die düſtern, regungsloſen Geſtalten ſchienen in lebloſe Bildſäulen verwandelt worden zu ſeyn. Endlich ſtreckte Tamenund den Arm aus, und in⸗ — 319— dem er ſich auf die Schultern ſeiner Begleiter ſtützte, hob er ſich ſo matt und erſchöpft empor, als habe ſich ſeit dem Augenblick, wo er zu ſeinem Volke geſprochen, und dem, in welchem er jetzt auf ſeinem erhöhten Platze ſchwankte, noch ein Jahrhundert mehr auf ſein Haupt gewälzt.— „Männer der Lenapes!“ ſagte er mit hohler, pro⸗ phetiſcher Stimme,„Manitto's Antlitz hat ſich hinter einer Wolke verborgen, ſeine Augen haben ſich von euch abgewandt, ſeine Ohren ſind verſchloſſen, ſein Mund gibt euch keine Antwort. Ihr ſeht ihn nicht, doch ſein Gericht trifft euch. Offnet eure Herzen und bewahret euren Geiſt vor der Lüge. Männer der Lenapes, Ma⸗ nitto's Antlitz hat ſich hinter einer Wolke verborgen!“ Auf dieſe einfache und doch ſo furchtbare Anrede erfolgte ein tiefes und ſchauerliches Schweigen von Sei⸗ ten der verſammelten Menge. Es ſchien, als habe der große Geiſt, den ſie anbeteten, ſelbſt und ohne ſich menſch⸗ licher Organe zu bedienen, dieſe Worte geſprochen. Je⸗ der ſtand ſo ſtarr und unbeweglich da, daß ſelbſt der lebloſe Unkas ein lebendiges Weſen zu ſeyn ſchien, wenn man ihn mit der Menge verglich, die, von Demuth und Ehrfurcht erfüllt, ihr Auge zu Boden ſenkte. Allmählich erhob ſich indeſſen ein Gemurmel mehrerer Stimmen, das ſich in eine Art von Trauergeſang zu Ehren der Todten verwandelte. Es waren weibliche Stimmen, de⸗ ren Töne ſanft und klagend die Luft durchbebten; doch waren die Worte nicht durch einen regelmäßigen Zuſam⸗ menhang verbunden. Wenn die eine Stimme aufhörte, fuhr die andere in dem Lobgeſange oder Klageliede, wie — man es nennen mogte, fort, ihre Empfindungen auf eine Weiſe auszuſprechen, die ihrem Gefühle und den Um⸗ ſtänden angemeſſen war. Zuweilen ward die Sängerin durch laute Ausbrüche des Schmerzes unterbrochen. In ſolchen Augenblicken riſſen die jungen Mädchen, welche um Cora's Bahre umherſtanden, die darauf geworfenen Blumen und Kräuter herab und zerpflückten ſie zum Zeichen ihrer tiefen Betrübniß. Sobald aber dieſe hefti⸗ gen Ausbrüche ſich wieder milderten, wurden die Sinn⸗ bilder der Seelenreinheit und Lieblichkeit der Entſchlafe⸗ nen wieder auf die Bahre geſtreut, begleitet von allen Außerungen der innigſten Theilnahme. Eine Üüberſetzung ihrer Worte würde, trotz der häufigen Unterbrechungen und Ausbrüche des Schmerzes, doch einen regelmäßigen Zuſammenhang gehabt und im Allgemeinen eine richtige Gedankenfolge verrathen haben. Ein junges Maͤdchen, durch ihren Rang und ihre Eigenſchaften von ihren Geſpielen ausgezeichnet, ruhmte zuerſt beſcheiden die Vorzüge des gefallenen Kriegers, und ſchmückte ihre Rede mit jenen orientaliſchen Bildern aus, die den Indianern wahrſcheinlich von den äußerſten, entgegengeſetzten Enden des Kontinents zugekommen ſind, und die vielleicht ein Glied in der Kette ausmachen, welche die alte Geſchichte beider Welttheile mit einander verknüpft. Sie nannte ihn den Panther ſeines Stam⸗ mes, und ſchilderte ihn als Einen, deſſen Fuß nie eine Spur auf dem Thau zurückgelaſſen hätte, deſſen Sprung gleich dem des jungen Reh's, deſſen Auge leuchtender, als ein Stern in dunkler Nacht, und deſſen Stimme in der Schlacht lauter geweſen ſey, als Manitto's Donner. —— — — 321— Sie erinnerte ihn an die Mutter, die ihn geboren, und pries beſonders das Glück, welches dieſe durch den Beſitz eines ſolchen Sohnes genoſſen haben müſſe. Sie bat ihn, ſeiner Mutter, wenn er ihr in der Welt der Geiſter begegne, zu ſagen, daß die Delawarer Mädchen auf dem Grabe ihres Kindes Thränen vergoſſen und ſie glücklich geprieſen hätten. In noch ſanftern und ſchmelzendern Tönen und mit der angebornen Zartheit nnd Sittſamkeit des weiblichen Geſchlechts gedachten die Sängerinnen, welche nun folg⸗ ten, des fremden Mädchens, das faſt zu gleicher Zeit mit dem jungen Helden der Erde entnommen worden ſey, wodurch ſich der Wille des großen Geiſtes zu deut⸗ lich ausgeſprochen habe, um mißverſtanden zu werden. Sie ermahnten ihn, liebreich gegen ſie zu ſeyn und ihre Unwiſſenheit in den Künſten und Verrichtungen zu ent⸗ ſchuldigen, die ein Krieger, wie er, zu ſeiner Gemäch⸗ lichkeit nöthig habe. Hierauf wurde ihre hohe Schönheit, ihr Muth und ihre Entſchloſſenheit rühmend hervorgeho⸗ ben, ohne dabei irgend eine Spur von Neid zu verra⸗ then, und auf eine ſolche Weiſe, wie Engel, dem ge⸗ wöhnlichen Glauben nach, ein Wohlgefallen an Weſen finden, welche mit noch höhern Eigenſchaften, als ſie, begabt ſind. Dieſe Vorzüge, fügten ſie hinzu, wurden einen reichlichen Erſatz gewahren für die kleinen Unvoll⸗ kommenheiten und Mangel ihrer Erziehung. Diejenigen, welche jetzt an die Reihe kamen, wand⸗ ten ſich mit dem ſanften Ton der Zaͤrtlichkeit und Liebe an die Entſchlupmerte ſelbſt mit der Aufforderung, fröhlichen Muths zu ſeyn und hinſichtlich ihrer künftigen 10— 12. 21 — 322— Wohlfahrt keine Beſorgniß zu hegen. Ein Jäger, ſagten ſie, würde ihr Gefährte ſeyn und für ihre kleinſten Bedürfniſſe Sorge tragen; zugleich würde ihr ein Krie⸗ ger zur Seite ſtehn, ſie in jeglicher Gefahr beſchützend. Sie gaben ihr das Verſprechen, ihr Pfad werde anmu⸗ thig, und ihre Bürde leicht ſeyn. Sie baten ſie, ſich nicht fruchtloſem Kummer zu überlaſſen, daß ſie von ihren Jugendfreundinnen geſchieden ſey und von den Gegenden, wo ihre Väter gewohnt hätten. Die ſeligen Gefilde der Lenapes, verſicherten ſie, hätten eben ſo liebliche Thäler, ſo klare Ströme und ſo ſüßduftende Blumen, als der Himmel der bleichen Geſichter. Sie befahlen ihr, ſorg⸗ fältig zu achten auf alle Bedürfniſſe ihres Gefahrten, und nie den Unterſchied zu vergeſſen, den Manitto ſo weis⸗ lich zwiſchen ihnen beſtimmt habe. Ihr Geſang erhob ſich jetzt in ſtärkern Tönen, und mit vereinter Stimme prieſen ſie die Gemüthsart des Mohikaners. Sie ſchilderten ihn als männlich, edel und großmüthig; alles, wie es einem Krieger zieme und wie es ein Mädchen liebe. Ihre Gedanken in die zar⸗ teſten und ausgeſuchteſten Bilder hüllend, gaben ſie zu verſtehn, daß, ſo kurz auch die Zeit ſeines Weilens auf der Erde geweſen ſey, ihre feine Beobachtungsgabe ihnen doch ſeine wahre Geſinnung und Herzensneigung entdeckt hätte: die Delawarer Mädchen hatten keine Gnade vor ſeinen Augen gefunden. Er ſtammte aus einem Ge⸗ ſchlecht, das einſt an dem Ufer des Salzſee's geherrſcht hatte, und durch eigene Neigung war er zu dem Volke zurückgeführt worden, das bei den Gräbern ſeiner Väter wohnte., Warum hüätte eine ſolche Vorliebe nicht be⸗ — 323— günſtigt werden ſollen? Daß ein reineres und edleres Blut in ihren Adern rollte, als in dem übrigen Theil ihres Volks, ließ ſich leicht wahrnehmen; daß ſie allen Anſtrengungen und Gefahren gewachſen war, hatte ihr Benehmen in den Wäͤldern bewieſen, und nun, fügten ſie hinzu, habe ſie„der Weiſe der Erde“ an einen Ort verſetzt, wo ſie in Gemeinſchaft mit gleichartigen, ver⸗ wandten Geiſtern ewig glücklich ſeyn könnte. 1 Sie änderten nun Ton und Gegenſtand, und ſpiel⸗ ten auf die Jungfrau an, welche in der nahegelegenen Hütte weinte. Sie verglichen ſie mit Schneeflocken, da ſie eben ſo rein, ſo weiß, ſo glänzend, und eben ſo, wie jene, dem Schickſal ausgeſetzt ſey, in der Sommerhitze zu ſchmelzen oder bei dem Winterfroſte zu erfrieren. Sie läugneten nicht, daß Alix in den Augen des Häupt⸗ lings, deſſen Haut und deſſen Schmerz dem ihrigen ſo gleich ſey, gar manche Reize beſitze; doch ſchienen ſie ihr, wenn ſie dies auch nicht deutlich ausdrückten, nicht die Vorzüge einzuräumen, die ſie dem Mädchen, das ſie be⸗ trauerten, zugeſtanden. Gleichwohl verſagten ſie ihr nicht das Lob, zu welchem ihre ſeltene Schönheit ſie berechti⸗ gen konnte. Sie verglichen ihre Locken mit den üppigen Reben des Weinſtocks, ihr Auge mit dem blauen Him⸗ melsgewölbe, und die zarte Röthe ihrer Wangen dünkte ihnen lieblicher, als das fleckenloſe Gewölk, welches die Strahlen der Morgenſonne mit ihrem roſigen Schimmer beleuchten. 4 Während dieſer und ähnlicher Klagen hörte man keinen andern Ton, als das leiſe Gemurmel des Geſan⸗ ges, das nur durch jene lauten Ausbrüche des Schmerzes 21* — unterbrochen ward, die gleichſam einen Chor dazu bilde⸗ ten. Die Delawarer horchten ſo aufmerkſam, als ob ſte durch einen Zauber gefeſſelt würden, und ihr tiefer, auf⸗ richtiger Antheil an dieſer Scene verrieth ſich in den wechſelnden Gefüylen, welche ihre ausdrucksvollen Ge⸗ ſichter belebten. Selbſt David ſchien mit Vergnügen dem Klange ſo ſanfter Stimmen ſein Ohr zu leihen, und lange zuvor, eh' der Geſang zu Ende war, bemerkte man an ſeinem lebhaften Blicke, wie ſehr ſeine Seele von dieſen Tönen ergriffen ſey. Der Kundſchafter, der unter allen anweſenden Wei⸗ ßen der einzige war, der die Sprache der Delawarer verſtand, richtete den Kopf ein wenig empor, um dem Geſange der Mädchen zu horchen und ihre Worte beſſer verſtehen zu können. Als ſie aber von den Ausſichten ſprachen, welche die Zukunft Unkas und Cora darbot, ſchüttelte er den Kopf, wie Jemand, der ihren irrigen Glauben einſah, und blieb mit geſenktem Haupt ruhig ſtehen, bis die Ceremonie— wenn anders eine Hand⸗ lung ſo genannt werden kann, in der ſich die Gefühle ſo deutlich und unumwunden ausſprachen— ihr Ende erreichte. Heyward und Munro verſtanden glücklicher Weiſe den Sinn der wilden Worte, welche durch die Luft tönten, nicht; ſonſt würden ſie vielleicht dem Aus⸗ bruch ihres Schmerzes nicht haben widerſtehen konnen. Chingachgook allein bezeugte nicht die Aufmerkſam⸗ keit und lebhafte Theilnahme, welche die Eingebornen an den Tag legten. Sein Blick heftete ſich fortwährend ſtarr auf einen und denſelben Gegenſtand, und ſowohl bei den wildeſten Ausbrüchen des Schmerzes, als bei — 325— den rährendſten Stellen des Geſanges blieb ſein Geſicht unveränderlich, ohne nur eine Muskel zu bewegen. Die kalten, lebloſen Überreſte ſeines Sohns waren ſein Alles, und jeder ſeiner Sinne, der des Geſichts ausgenommen, ſchien erſtarrt. Es war, als verweilten ſeine Augen zum letzten Male auf den geliebten Zügen, die er nun bald nie wieder ſehen ſollte. Als die Leichenfeierlichkeiten ſo weit gediehen waren, trat ein Krieger von ernſtem, finſterem Weſen, der ſich durch manche Waffenthaten, vorzüglich in dem letzten Kampfe, ausgezeichnet hatte, langſam aus der Menge hervor und näherte ſich dem Todten. „Warum haſt du uns verlaſſen, Stolz der Waga⸗ nachki?“ ſagte er, indem er ſich zu Unkas wandte, als könnte deſſen Ohr ſeine Stimme noch vernehmen.„Dein Leben glich der Sonne, wenn ſie zwiſchen den Bäumen auf uns niederſcheint; dein Ruhm war glänzender, als ihr Mittagsſtrahl. Du biſt dahingegangen, junger Krie⸗ ger; aber Hunderte von Wyandots räumen dir die Dor⸗ nengebüſche von dem Pfade hinweg, der in's Land der Geiſter führt. Wer, wenn er dich in der Schlacht ge⸗ ſehn, hätte wohl geglaubt, daß du ſterben könnteſt? Wer hat je, vor dir, Uttawa'n den Weg zum Kampfe gezeigt? Wie Schwingen des Adlers waren deine Füße, dein Arm ſchwerer, als die fallenden Äſte der Fichte, und deine Stimme glich der Stimme Manitto's, wenn er aus den Wolken zu uns redet. Uttawa's Stimme iſt ſchwach,“ fügte er hinzu, ſchwermüthig ringsumher blickend,„und ſein Herz ſehr bedruckt. Stolz der Waganachki, warum haſt du uns verlaſſen?“ Ihm folgten mehrere Andern in gehöriger Reihen⸗ folge, bis der größte Theil der angeſehenſten Krieger der Nation dem Andenken des gefallenen Häuptlings ſein Todtenopfer dargebracht hatte. Hierauf trat wie⸗ der in der ganzen Verſammlung eine tiefe, lautloſe Stille ein. Jetzt hörte man einen leiſen, dumpfen Ton, der von der gedämpften Begleitung einer fernen Muſik herzu⸗ rühren ſchien. Allein er veränderte ſich nun ſolcher Ge⸗ ſtalt, daß man ihn nur undeutlich vernahm und nicht genau beſtimmen konnte, woher er eigentlich kam und was er ausdrücken ſolle. Indeß verſtärkte er ſich all⸗ mählich durch andere Töne, bis man zuerſt ſchmerzliche Ausrufungen, dann aber einzelne Worte unterſchied. Chingachgool's zitternde Lippen verriethen, daß er es ſey, der jetzt ſeinen Todtengeſang anſtimmen wolle. Zwar wandte ſich kein Auge nach ihm, und Niemand zeigte nur das geringſte Zeichen von Ungeduld; doch ſah man deutlich, daß die Anweſenden ihre Häupter er⸗ hoben, um den Tönen mit einer Aufmerkſamkeit zu lau⸗ ſchen, die ſie bisher nur Tamenund's Worten gezollt hatten. Allein ſie horchten vergebens. Die Töne waren und blieben kaum vernehmbar, bis ſie endlich, wie von einem vorüberſäuſelnden Luftzuge verweht, gänzlich ver⸗ ſtummten. Chingachgook's Lippen ſchloſſen ſich wieder, und er blieb bewegungslos, mit ſtarrem Auge ſitzen, wie ein Geſchöpf, hervorgegangen aus der Hand des All⸗ mächtigen, eh' es eine Seele empfing. Die Delawarer ſchloſſen aus dieſem Benehmen, daß dem unglücklichen Vater noch die Faſſung fehle, um eine ſo außerordent⸗ — 327— liche Geiſtesanſtrengung ertragen zu können. Ihre Auf⸗ merkſamkeit richtete ſich daher auf einen andern Gegen⸗ ſtand, und mit dem ihnen angebornen Zartgefühl be⸗ ſchäftigten ſie ſich nur mit der Beerdigung des fremden Mädchens. Einer der ältern Häuptlinge gab den Weibern ein Zeichen, und ſie begaben ſich hierauf nach dem Theil des Kreiſes, in welchem Cora's Leiche ruhte. Die Mädchen erhoben die Bahre auf ihre Schultern, und mit langſamen, abgemeſſenen Schritten ſich fortbewe⸗ gend, ſtimmten ſie in ſanften, leiſen Tönen wiederum einen Klagegeſang zu Ehren der Entſchlummerten an. David hatte alle dieſe Ceremonien, die ihm ſo heid⸗ niſch ſchienen, mit aufmerkſamem Auge betrachtet, und beugte jetzt ſein Haupt über die Schulter ſeines Freundes. „Sie tragen jetzt die Überreſte deines Kindes fort,“ ſagte er zu Munro;„wollen wir ihnen nicht folgen, und Sorge haben, daß die Verſtorbene auf chriſtliche Weiſe beerdigt werde?“ Munro fuhr zuſammen, als wären die Poſaunen des jüngſten Gerichts erklungen. Er warf einen unru⸗ higen, beſorgten Blick umher, und ſtand dann auf, dem einfachen Leichenzuge mit der Haltung eines Soldaten folgend, aber mit dem Herzen eines Vaters, den ſein Schmerz tief beugte. Seine Freunde begleiteten ihn, von einem Schmerz durchdrungen, der zu ſtark war, um nur Mitgefühl genannt werden zu können, und ſelbſt der junge Franzoſe ſchloß ſich dem Leichenzuge an, innig gerührt, wie es ſchien, von dem frühzeitigen traurigen Schickſal eines ſo liebenswürdigen Mädchens. Als aber die letzten Weiber des Stamms die ihnen in dem Ge⸗ folge angewieſenen Plätze eingenommen und ſich mit demſelben entfernt hatten, ſchloſſen die Männer der Lena⸗ ves wieder den Kreis und ſtellten ſich ſo ſchweigend, däſter und regungslos, wie früherhin, um Unkas umher. Der Ort, den man zu Cora's Grabe gewählt hatte, war ein kleiner Hügel, auf dem eine Gruppe von jun⸗ gen und kräftigen Fichten ſtand, deren Schatten ein ſchwermüthiges Dunkel bildete. Als der Zug dort ange⸗ langt war, ſetzten die Mädchen die Bahre nieder und warteten mit der eigenthümlichen Geduld und Schüch⸗ ternheit der Indianerinnen, daß die bei dieſem Verluſte vorzugsweiſe Betheiligten ihnen ein Zeichen ihrer Zufrie⸗ denheit mit den getroffenen Vorkehrungen geben mögten. Endlich ſagte der Kundſchafter, der allein ihre Gebräuche kannte, in delawariſcher Sprache: „Meine Töchter haben alles gut veranſtaltet; die weißen Mäͤnner danken ihnen.“ Befriedigt durch dieſes belobende Zeugniß legten nun die Mädchen Cora's Leiche in eine Art von offenen Sarg, der aus Birkenrinde, nicht ohne eine gewiſſe Zierlichkeit, verfertigt worden war, und ſenkten ihn in ſeine letzte, dunkle Wohnung hinab. Ihre gewöhnlichen Ceremonien begannen nun wieder auf die früher be⸗ ſchriebene, einfache und ſchweigende Weiſe. Sie bedeck⸗ ten die friſch aufgeworfene Erde mit Blättern, und Zweigen und blieben, nachdem ſie dieſe traurige Pflicht erfüllt, ſtehen, ungewiß, wie es ſchien, was ſie weiter 2 2 1 82 — 329— thun ſollten. Der Kundſchafter nahm abermals das Wort und ſagte: „Meine jungen Weiber haben genug gethan. Der Geiſt eines bleichen Geſichts bedarf weder der Kleidung, noch der Nahrung; denn er iſt mit Allem verſehen, was er im Himmel der Weißen braucht. Aber da ſeh' ich,“ fügte er hinzu, einen Blick auf David heftend, der eben ſein Buch aufgeſchlagen hatte, um einen heiligen Geſang anzuſtimmen,„daß Jemand zugegen iſt, der die chriſtli⸗ chen Gebräuche beſſer kennt, als ich. Er ſcheint eben ſprechen zu wollen.“ Die Mädchen traten beſcheiden auf die Seite, und während ſie bisher die Hauptrollen in dieſem Schauſpiel geſpielt, zeigten ſie ſich jetzt als ruhige und aufmerkſame Zuſchauerinnen. Während David ſeine frommen Ge⸗ fühle ausſtrömen ließ, verriethen ſie weder durch Blicke, noch durch Bewegungen Ungeduld oder Verwunderung; ſie höͤrten vielmehr dem Geſange ſo andächtig zu, als hätten ſie den Inhalt deſſelben vollkommen verſtanden; den Schmerz, die Hoffnung und Ergebung, die er ein⸗ flößen ſollte, ſchienen ſie wirklich mitzufühlen. Aufgeregt durch die Scene, der er ſo eben beige⸗ wohnt, vielleicht auch von innerer Rührung durchdrun⸗ gen, übertraf der Sänger dies Mal alle ſeine gewöhnli⸗ chen Leiſtungen. Selbſt durch den Vergleich mit den ſanften Tonen der Mädchen ſchien ſeine Stimme nichts zu verlieren, und ſeine geregelten Melodieen hatten we⸗ nigſtens in den Ohren derjenigen, an die ſie zunächſt gerichtet waren, noch den Vorzug einer größern Ver⸗ ſtandlichkeit. Mit ernſter, feierlicher Stimme, wie er ihn begonnen hatte, beſchloß David ſeinen heiligen Geſang. — 330— Als aber der letzte Ton deſſelben in den Ohren ſei⸗ ner Zuhörer verklungen war, ſah man an den unruhi⸗ gen, ängſtlichen Blicken der Menge und an der allge⸗ meinen Bewegung, welche ſie mühſam unterdrückte, daß man von dem Vater der Verſtorbenen einige Außerun⸗ gen erwarte. Munro ſchien zu fühlen, daß der Augen⸗ blick da ſey, wo ihm eine Anſtrengung bevorſtand, die vielleicht die größte war, deren die menſchliche Natur fähig iſt. Er entblöſ'te ſeine grauen Locken, und betrach⸗ tete die ſchüchterne und ruhige Menge, die ihn umgab, mit feſtem Blick und ruhiger Faſſung. Hierauf winkte er dem Kundſchafter und ſprach: „Sagt dieſen guten Maͤdchen, ein ſchwacher, hinfäl⸗ liger Greis, deſſen Herz gebrochen ſey, danke ihnen für ihre bewieſene Güte und Liebe. Belohnen werde ſie da⸗ für das hohe Weſen, das wir alle, wenn gleich unter verſchiedenen Namen, anbeten. Die Zeit ſey nicht mehr fern, wo wir alle, ohne Unterſchied des Geſchlechts, des Standes oder der Farbe, uns um ſeinen Thron verſam⸗ meln würden.“ Der Kundſchafter horchte aufmerkſam dem Greiſe zu, der dieſe Worte mit zitternder Stimme ſprach, und als Munro geendet, ſchüttelte Hawk⸗eye den Kopf und äußerte: er zweifle an dem guten Erfolg einer ſolchen Rede. „Ihnen ſo was zu ſagen,“ verſetzte er,„heiße ge⸗ rade ſo viel, als wenn ich ihnen ſagen wollte, der Schnee käme nicht im Winter, und die Sonne ſcheine nie wär⸗ mer, als wenn die Blätter von den Bäumen gefallen ſind.“ Er wandte ſich hierauf zu den Nädchen, ihnen Mun⸗ — 331— ro's Dankbarkeit in Worten ausdrückend, die er den Begriffen und der Faſſungskraft ſeiner Zuhörerinnen am angemeſſenſten hielt. Des Greiſes Haupt hatte ſich wie⸗ der auf ſeine Bruſt hinabgeſenkt, und die Schwermuth⸗ die er früher gezeigt, ſchien ſich ſeiner wieder zu bemäch⸗ tigen, als der junge Franzoſe es wagte, ſeinen Arm zu ergreifen. Nachdem es ihm gelungen war, die Aufmerk⸗ ſamkeit des trauernden Greiſes rege zu machen, wies er auf einen Trupp junger Indianer, die ſich eben mit einer leichten, doch wohlverwahrten Sänfte nahten, und deutete hierauf mit einer ausdrucksvollen Gebärde nach der Sonne. „Ich verſtehe Sie, Sir,“ ſagte Munro, mit dem Ton erzwungener Faſſung;„ich verſtehe Sie. Es iſt des Himmels Wille, und ich unterwerfe mich ihm. Cora, mein Kind! wenn die Gebete eines zu Boden gedrückten Vaters etwas vermögen, wie glücklich wirſt du dann ſeyn! Kommt, meine Freunde,“ fügte er hinzu, ſich be⸗ mühend, den Schmerz, den man in ſeinen erloſchenen Geſichtszügen las, unter einer ſcheinbaren Faſſung zu verbergen.„Unſere Pflichten hier ſind erfüllt; laßt uns aufbrechen.“ Heyward folgte willig einer Aufforderung, die ihn von einem Orte entfernte, wo, wie er fühlte, ſeine Standhaftigkeit ihn jeden Augenblick zu verlaſſen drohte. Während ſeine Gefährten die Pferde beſtiegen, benutzte er die Gelegenheit, dem Kundſchafter die Hand zu drük⸗ ken und ihn an das Verſprechen zu erinnern, daß ſie ſich einander in den Kantonirungen der engliſchen Armee wieder treffen wollten. Dann ſich ſchnell in den Sattel ſchwingend, ſpornte er ſein Pferd und ritt neben der Sänfte her, aus der ein leiſes unterdrücktes Schluchzen hervor⸗ drang, das ihm die Gegenwart der lieblichen Alix ver⸗ rieth. Auf dieſe Weiſe entfernten ſich alle Weißen, an deren Spitze ſich Munro mit geſenktem Haupte befand. In duͤſterem Schweigen ritten Heyward und David ihm zur Seite, begleitet von dem Abgeſandten Montealm's und von deſſen Gefolge. Bald waren ſie, mit Ausnahme Hawk⸗eye's, der ſich nicht in ihrem Zuge befand, in dem Dunkel der dichten Walder begraben, welche ſich in die⸗ ſer Gegend ausbreiten. 2* Allein das Band, welches die gemeinſchaftlich erdul⸗ deten Trübſale und eine gleiche Stimmung des Gefühls um die einfachen Waldbewohner und die Fremden ge⸗ ſchlungen hatte, ſo kurz auch der Aufenthalt der Letztern in ihrer Mitte geweſen war, konnte nicht ſo leicht zer⸗ reißen. Noch viele Jahre ſpäter verkürzte die Erzählung von dem weißen Maädchen und dem jungen Mohikaner den Delawarern in langen Winternächten oder auf er⸗ müdenden Zügen die Zeit, und in den Herzen ihrer Jünglinge und tapfern Krieger ward dadurch der Durſt nach Rache gegen ihre natürlichen Feinde lebendig erhalten. Aber auch diejenigen, welche nur eine untergeord⸗ nete Rolle bei dieſen wichtigen Ereigniſſen geſpielt, leb⸗ ten noch lange in der Exrinnerung fort. Durch den Kund⸗ ſchafter, der noch mehrere Jahre eine Art von Verbin⸗ dung zwiſchen der civiliſirten Welt und den Delawarern unterhielt, erfuhren die Letztern, daß„der Graukopf,“ ſeinem Gram unterliegend, kurze Zeit nachher zu ſeinen Vätern verſammelt worden ſey, und daß die„Offene — 333— Hand“ ſeine ihn überlebende Tochter weit hinweg nach den Wohnungen der bleichen Geſichter geführt habe, wo ihre Thraͤnen, nachdem ſie eine lange Zeit gefloſſen, ſich in jenes liebliche Lächeln verwandelt hatten, das ſo gut zu ihrem fröhlichen Charakter paßte. Allein dieſe Ereigniſſe gehören einer ſpatern Periode an, als derjenigen, in welcher unſre Erzählung ſpielt. Verlaſſen von allen Gefährlen, deren Farbe der ſeinigen gleich war, kehrte Hawk⸗eye an den Ort zurück, wohin ihn ſein Gefuͤhl mit unwiderſtehlicher Macht hinzog. Er kam noch gerade zur rechten Zeit, um Unkas Züge zum letzten Male betrachten zu können. Denn die Delawarer ſtanden bereits im Begriff, den Todten in ſeine letzte Hülle von Thierfellen zu kleiden. Sie hielten einen Au⸗ genblick inne, um dem Kundſchafter noch ein Mal den Anblick ſeines dahingeſchiedenen Freundes zu gönnen, und als Hawk⸗eye ſich abwandte, wurde der Körper des Jünglings eingewickelt, um nie wieder entwickelt zu werden. Hierauf begann ein feierlicher Leichenzug, wie der frühere, und die ganze Nation verſammelte ſich um das einſtweilige Grab ihres Häuptlings; denn ihren Ge⸗ bräuchen gemäß ſollten ſeine Gebeine dereinſt noch an⸗ ter denen ſeines eigenen Volkes beſtattet werden. Von einem und demſelben Gefühl angetrieben, ſetzte ſich die ganze Verſammlung zugleich in Bewegung. Als ſie auf dem Begräbnißplatze angelangt war, herrſchte wiederum die bereits geſchilderte ununterbrochene Stille, während man dem Haupt⸗Leidtragenden eben die Ehr⸗ furcht zollte, welche früherhin Munro'n zu Theil geworden war, Man hegrub den Leichnam in einer halb ſitzenden, — 334— halb liegenden Stellung. Das Geſicht des Todten war der aufgehenden Sonne zugekehrt worden; ſeine Waffen, ſeine Jagdgeräthe lagen ihm zur Seite, damit er ſich ihrer auf ſeiner letzten Wanderung bedienen könne. In dem Sarge, worin der Körper lag, war eine Offnung angebracht worden, damit der Geiſt wieder, wenn es nöthig wäre, zu ſeiner irdiſchen Hülle zurückkehren könne. Das Behältniß, das die Uberreſte des Jünglings ver⸗ ſchloß, wurde übrigens mit dem angeborenen Scharfſinn der Eingebornen ſo feſt verwahrt und zugedeckt, daß es völlig geſichert war gegen die Angriffe und Verwüſtun⸗ gen der Raubthiere. Als man mit dieſen Anordnungen fertig war, rich⸗ teten ſich Aller Augen wieder auf Chingachgook. Er hatte noch nicht geſprochen, und doch erwartete man bei einer ſo feierlichen Gelegenheit einige Worte des Troſtes und der Belehrung aus dem Munde eines ſo berühmten Häuptlings. Der finſtere, ganz in ſich ſelbſt verſunkene Krieger richtete ſich empor, als er den Wunſch des Volks vernahm, und blickte mit ernſtem Antlitz umher. Seine krampfhaft zuſammengepreßten Lippen öffneten ſich, und zum erſten Male während der ganzen langen Feierlichkeit ſprach er mit deutlichem, feſtem Tone: „Warum trauern meine Brüder?“ ſagte er, die niedergeſchlagenen Krieger ringsumher betrachtend.„Wa⸗ rum weinen meine Töoöchter? Weil ein Jüngling zu den glückſeligen Jagdgefilden nh teinamn iſt? Weil ein Häuptling ſeine Laufbahn mit Ehren vollendet hat? Er war gut; er war gehorſam; er war tapfer: wer kann das leugnen? Manitto bedurfte eines ſolchen —— * Kriegers, darum rief er ihn zu ſich. Was mich betrifft, den Sohn und den Vater von Unkas, ſo bin ich nur eine verdorrte Fichte auf einer Lichtung des Waldes, welche von dem Feuer der bleichen Geſichter verheert ward. Mein Stamm hat die Ufer des Salzſee's und die Berge der Delawarer verlaſſen. Aber wer kann ſagen, die Schlange ſeines Stammes habe ſeine Klughelt vergeſſen? Ich bin allein—“ „Nein! Nein!“ rief Hawk⸗eye, der bisher einen mitleidigen Blick auf das finſtere Antlitz ſeines Freundes geheftet, doch den Zwang, den er ſich mit Hülfe ſeiner Philoſophie auferlegt, nicht länger ertragen konnte. „Nein, Chingachgook, du biſt nicht allein! Mag immer⸗ hin unſre Farbe verſchieden ſeyn, ſo ſtellte uns Gott doch auf einen Pfad, den wir mit einander wandeln ſollen. Ich habe keine Verwandte und, ich kann auch wohi, wie du, ſagen, kein Volk. Unkas war dein Sohn und eine rothe Haut von Geburt; und es kann auch wohl ſeyn, daß dein Blut näher— doch wenn ich je den Jungen vergeſſe, der ſo oft im Kriege an meiner Seite kämpfte, an meiner Seite ſchlief zur Zeit des Friedens— wenn ich ihn je vergeſſe, ſo möge mich auch der vergeſſen, der uns alle ſchuf, ſo verſchieden auch unſre Farben und die Gaben ſeyn mögen, die uns die Natur verliehen hat. Der Junge hat uns auf eine Zeit lang verlaſſen; aber, Chingachgook, du biſt nicht allein!“— Der Mohikaner ergriff hie Hand, die ihm Hawk⸗eye, von ſeinen Empfindungen hingeriſſen, über den friſchen Grabeshügel entgegen ſtreckte, und die beiden rüſtigen und unerſchrockenen Waldbewohner beugten ihre Häupter — 336— darüber hin, während heiße Thränen ihrem Aug' ent⸗ ſtrömten und die Erde benetzten, welche Unkas Ge⸗ beine umſchloß. Die feierliche Stille, welche bei dem Anblick dieſer rührenden Scene unter den Anweſenden herrſchte, unter⸗ brach Tamenund, der jetzt ſeine Stimme erhob, um das Volk zu entlaſſen: „Es iſt genug!“ ſprach er.„Geht, Kinder der Le⸗ napes! Manitto's Zorn iſt noch nicht vorüber. Warum ſollte Tamenund noch länger hier weilen? Die bleichen Geſichter ſind die Herren der Erde, und die Zeit der rothen Maͤnner iſt noch nicht wieder zurückgekehrt. Meine Tage haben ſchon zu lange gewährt. Am Morgen ſah er Unamis Söhne in ihrer Kraft und glucklich, und ehe die Nacht einbrach, mußt' ich es erleben, den letzten* Krieger aus dem weiſen Geſchlechte der Mohikaner zu erblicken.— 4 6