122 —-.--.--.—.—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahn me und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines jedem Tag 5 Pf. bezahlt. den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennerhune eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurüch wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: geliehenen Buches Die Zeit eines Tages iſt zu 2. wird von Stun rſtatte für wöchentlich 2 2 Büc her: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Nk— Pf. 1 Mk. 50 Ff. 2 Mk. „—— Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der ähe auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene un nd defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mir Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſ der einſer zum Erſatz d Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. be iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ¼ öf—„—·—˖— 1 — Cooper's ſfaͤmmtliche Werke. Neunundſiebenzig bis einundachtzigſtes Bändchen. Der 4 Scharfrichter von Bern 3 4 od er das Winzerfeſt. 4 F 1 Viertes bis ſechſtes Bändchen. ——1 Frankfurt am Main, 1833. Gedruckt und verlegt von Johann David Sauerländer. De r Scharfrichter von Bern * oder das Winzerfeßt. Von Fenimore Coope r. * Aus dem Engliſchen uberſetzt. cF 2 2 Zweiter Thetl. 33 —— Frankfurt am Main, 1833. Gedruckt und verlegt von Johann David Sauerländer. Erſtes Kapitel. Schnell, gute Audrey, kommt, ich hole Euch eure Geißen, Audrey; und wie, Audrey⸗ Bin ich der Mann noch? Kann mein einfaches Geſicht euch noch gefallen? Wie ihr's wollt. 21 * Waͤhrend die Spiele, wie wir erzahlten, auf dem groſ⸗ ſen Platze vor ſich gingen, zehrten Maſo, Pippo, Kon⸗ rad und die übrigen, welche in die mit der Geſchichte des Hundes verbundene kleine Störung verwickelt waren, in den Mauern des Wachthauſes an ihrem Arger. Ve⸗ vay hat mehrere Plätze und die verſchiedenen Zuge wie⸗ derholten ihre Darſtellungen nun auf den kleineren Rau⸗ men. An einem der letztern ſteht das Rathhaus und das Gefängniß. Die genannten Ruheſtörer waren gra⸗ 9. dezu, in Folge des Befehls des Dieners, der mit der 3 Erhaltung des Friedens beauftragt worden, in das Gefäng⸗ niß gebracht worden. Durch einen Akt der Gnade jedoch, welcher dem Tage nicht minder, als der Art des Ver⸗ gehens ganz angemeſſen war, erhielten die Gefangenen die Erlaubniß, ſich in einen Theil des Gebäudes zu be⸗ geben, welcher den Platz überſah, und waren folglich nicht von aller Theilnahme an den Freuden des Feſtes ausgeſchloſſen. Dieſe Gunſt war ihnen unter der Bedin⸗ 8 —— — ——— E ——— — — 6— gung zugeſtanden worden, daß die Parteien ihr Hadern aufgaben und ſich auch ſonſt ſo betrügen, daß ſie einem Feſte, bei welchem der Stolz eines jeden Vevayers ſo ſehr betheiligt war, keine üble Nachrede zuzögen. Alle Gefangenen, die Schuldigen wie die Unſchuldigen, gingen dieſe Bedingung gern ein, denn ſie befanden ſich in einem zeitlichen Gewahrſam, das keinen gründlichen Rechtsbe⸗ weis des Falles zuließ, und es gibt keinen wirkſamern Ausgleicher, als gemeinſchaftliches Mißgeſchick. Maſo's Zorn, obgleich raſch und ungeſtümm— die Wirkung eines ſüdlichen Temperaments— war ſchnell in eine Ruhe übergegangen, welche wahrſcheinlich ſeiner Erziehung und ſeinen Grundſätzen beizurechnen war, worin er über ſeinen ausſchweifenden Gegner weit erhaben war. Verachtung trat daher bald an die Stelle des Zorns, und obgleich der Seemann zu ſehr an rauhe Berührun⸗ gen mit Leuten von der Klaſſe des Pilgers gewöhnt war, um ſich wegen des Vorgefallenen zu ſchämen, bemühte er ſich doch, den Vorfall zu vergeſſen, der eine jener moraliſchen Störungen war, mit welchen er ſich kaum minder vertraut gemacht hatte, als er daran gewöhnt war, phyſiſchen Kämpfen der Elemente, wie den auf dem Leman, in welchem er ſich ſo weſentliche Verdienſte erworben, zu begegnen. „Gib mir deine Hand, Konrad!“ ſagte er mit dem offenen Vergeſſen, das wohl die Ausſöhnung von Leuten charakteriſirt, welche inmitten der ſtürmiſchen, aber zu⸗ weilen veredelnden Scenen von Wagniſſen und Ungebun⸗ denheit ihr Leben hinbringen.„Du haſt deine Launen und Gewohnheiten und ich habe die meinigen. Wenn du ———, dieſen Buß⸗ und Gebete⸗Handel nach deinem Sinne findeſt, ſo folge mit Gott dem Gewerke und überlaß es mir und meinem Hunde, auf andere Weiſe zu leben.“ „Du hätteſt wohl bedenken ſollen, welche Gründe wir Pilger haben, die Hunde des Bergs zu ſchätzen,“ antwortete Konrad,„und wie leicht es mein Blut auf⸗ regen mußte, ein anderes Thier das verzehren zu ſehen, was für den alten Uberto beſtimmt war. Du biſt die Seiten des St. Bernhard nie empor geklettert, mit den Sünden eines ganzen Kirchſprengels, von deinen eigenen nicht zu ſprechen, belaſtet, und kannſt daher den Werth dieſer Thiere nicht kennen, welche ſo oft zwiſchen uns und einem Schneegrab ſtehen.“ Il Maledetto lachte wild und murmelte etwas zwi⸗ ſchen ſeinen Zähnen; denn in vollkommener Übereinſtim⸗ mung mit der freien Ungebundenheit ſeines Lebens, war in ſeinem Weſen eine ſorgloſe Ehrlichkeit, welche ihn die Heuchelei, als der kühnen Eigenſchaften des Mannes unwürdig, verachten ließ. „Halte es, wie du willſt, frommer Konrad,“ ſagte er ſpöttiſch,—„wenn nur Friede zwiſchen uns herrſcht. Ich bin, wie du weißt, ein Italiener, und obgleich wir Südländer uns gelegentlich an denen zu rächen ſuchen, die uns beleidigen, ſo geſchieht es doch ſelten, daß wir jemand Gewalt anthun, nachdem wir ihm die Hand des Friedens gereicht haben— ich hoffe, ihr Deutſchen ſeyd nicht weniger ehrlich?“ „Moge die heilige Jungfrau gegen jedes Ave, das ich geſchworen habe zu beten, taub ſeyn, und die guten Väter von Loretto die Abſolution verweigern, wenn ich —— ———y — ferner daran denke. Es war nur ein Kehlengriff und ich bin an dieſem Theile des Leibes nicht ſo zäͤrtlich, daß ich fürchte, er ſey der Vorläufer eines noch engern Gur⸗ geldruckes. Haſt du je von einem Kirchendiener gehört, der auf dieſe Art geſtorben wäre?“ „Die Leute kommen oft beſſer durch, als ſie verdie⸗ nen,“ erwiderte Maſo trocken.„Nun, das Glück, oder die Heiligen, oder Calvin, oder welche ſonſtige Macht euerm Geſchmacke anſteht, guten Freunde, haben end⸗ lich unſere Häupter unter ein Dach gebracht,— eine Ehre, die den meiſten von uns ſelten widerfährt, wenn ich nach dem Außern und nach einiger Kenntniß der man⸗ nigfaltigen Lebensweiſe, die wir führen, urtheilen darf. Du wirſt eine treffliche Gelegenheit haben, Policinello von ſeinen mühſeligen Sprüngen ausruhen zu laſſen, Pippo, ſo lange ſein Herr zum erſten Mal ſeit vielen Tagen, ich wollte darauf ſchwören, durch ein Fenſter friſche Luft einathmet.“ Es ward dem Neapolitaner nicht ſchwer, über die⸗ ſen Ausfall zu lachen; denn er hatte einen Charakter, der alles heiter hinnahm, obgleich er nichts unter der Leitung eines Grundſatzes oder der Achtung für die Rechte Anderer that. „Wäre dies Neapel mit ſeinem milden Himmel und ſeinem heißen Vulkan,“ ſagte er, über die Anſpielung lächelnd,„ſo würde niemand weniger nach einem Dache fragen, als ich.“ „Du biſt unter dem Bogen irgend eines herzoglichen Thorwegs geboren,“ erwiderte Maſo mit einer Art ſorg⸗ loſen Spottes, der ſeine Freunde ſo oft traf, wie ſeine 4 9— Feinde;„und du wirſt wahrſcheinlich in einem Armen⸗ ſpital ſterben und wirſt gewiß vom Leichenkarren in eine der gewöhnlichen Höhlen deines Campo Santo*) unter eine ſaubere Chriſtengeſellſchaft geſchoben werden, wo Arme und Beine blindlings wie Stallſtroh hingeworfen werden und wo der Weiſeſte unter euch beim Klange der letzten Trompete in Verlegenheit ſeyn wird, ſeine Glie⸗ der von denen ſeines Nachbarn zu unterſcheiden.“ „Bin ich ein Hund, daß ich ſo enden ſoll?“ fragte Pippo wild:—„oder daß ich meine Gebeine nicht von denen irgend eines ketzeriſchen Schurken erkennen ſollte, der vielleicht mein Nachbar ſeyn wird?“ „Wir haben einen Streit wegen Hunden gehabt, laßt uns keinen zweiten anfangen,“ erwiderte il Male⸗ detto ſpöttiſch:—„Prinzen und Edle,“ rief er mit an⸗ genommener Würde—„wir ſind hier, ſo lange es de⸗ ren Belieben iſt, die in Vevay herrſchen, in ſicherm Ge⸗ wahrſam und das Klügſte wird ſeyn, die Zeit ſo fried⸗ lich untereinander, und ſo heiter hinzubringen, als un⸗ ſere Lage es nur immer erlaubt. Der fromme Konrad ſoll alle Ehren eines Kardinals empfangen, Pippo ſoll das Handpferd bei ſeiner Leichenbeſtattung nicht fehlen, und was dieſe würdigen Waadtländer angeht, die ohne Zweifel gewichtige Leute in ihrer Art ſind, ſo ſollen ſie Landvögte werden, von Bern abgeſendet, um zwiſchen den vier Mauern unſeres Pallaſtes zu herrſchen. Das Leben iſt blos eine ernſtere Art Mummerei, ihr Herrn, und das zweite ſeiner köſtlichſten Geheimniſſe iſt, andere *) Kirchhof. Ueberſetzer. —§— ——,— — — 10— uns für das halten zu laſſen, was wir zu ſcheinen wün⸗ ſchen— denn das erſte iſt ohne Frage die Kunſt, uns ſelbſt zu täuſchen. Jetzt hat ſich jeder nur einzubilden, er ſey die Perſon, die ich oben genannt habe, und der ſchwerſte Theil des Werkes iſt vollbracht.“ „Du haſt vergeſſen, deinen eigenen Charakter anzu⸗ geben,“ rief Pippo, der zu ſehr an Poſſenreißerei ge⸗ wöhnt war, um nicht Freude an Maſo's Einfall zu ha⸗ ben, und der mit Neapolitaniſchem Leichtſinn ſeinen Zorn in dem Augenblick vergaß, wo er ihm Luft gemacht hatte. „Ich werde das weiſe Publikum darſtellen und da ich ganz in der Stimmung bin, mich zum Beſten haben zu laſſen, ſo iſt der Scherz vollkommen. Alle Händel bei Seite, ihr Herrn, und ihr werdet ſehen, mit welchen offenen Augen und aufgeſperrter Gurgel ich bereit bin, alle eure Philoſophie zu bewundern und zu verſchlingen.“ Dieſem Scherz folgte ein herzliches Gelächter, wel⸗ ches ſelten verfehlt, ein augenblickliches freundliches Ver⸗ hältniß herzuſtellen. Die Waadtländer, welche die durſti⸗ gen Neigungen von Gebirgsbewohnern hatten, beſtellten Wein und ihre Wächter, die ihre Einkerkerung mehr als eine zeitliche Sicherheitsmasregel, denn als etwas Bedeutſames anſahen, willfahrten dem Wunſche. Nach kurzer Zeit machte dieſe kleine Gruppe von Weltkindern aus der Noth eine Tugend, und riefen phyſiſche Reiz⸗ mittel zu Hülfe, um ihre Einſamkeit zu erheitern. Wäh⸗ rend ſie mit dem Getränke, das gut und wohlfeil und folglich doppelt angenehm war, ihre Kehlen wuſchen, be⸗ gann der wahre Charakter der verſchiedenen Perſonen ſich in grelleren Farbenzügen auszuprägen. 05—+— — ,— — 11— Die drei Waadtländer, welche der unterſten Klaſſe angehörten, wurden wirr und geiſtesträg, aber lauter und ungeſtümmer in ihren Reden, indem jeder die wach⸗ ſende Schwäche des Verſtandes durch heftigere phyſiſche Beweiſe der Thorheit ausgleichen zu wollen ſchien. Konrad, der Pilger, warf die Maske gänzlich bei Seite, ſofern freilich ein ſo dünner Schleier, wie er ihn gewöhnlich trug, wenn er nicht unter den Augen ſeiner Brotherrn war, einen ſolchen Namen verdiente, und zeigte ſich als der Ruchloſe, der er wahrhaft war— eine ſtarke Miſchung von feigem Aberglauben(denn we⸗ nige befaſſen ſich mit dem Aberglauben, ohne ſich mehr oder weniger in deſſen Netze zu verſtricken), von gemei⸗ ner Verſchlagenheit und der verworfenſten und plump⸗ ſten Sinnlichkeit und Laſterhaftigkeit! Die Erfindungs⸗ kraft und der Witz Pippo's, zu allen Zeiten behende und treffend, gewannen immer mehr an Stärke, aber der Strom animaliſcher Geiſter, welche der Becher löſ'te, riß jede Schranke der Zurückhaltung nieder und er öff⸗ nete ſeinen Mund kaum, ohne die Gedanken eines Man⸗ nes zu verrathen, der in Betrügereien und allen andern böſen Anſchlägen gegen die Rechte ſeiner Mitmenſchen lange geübt war. Auf Maſo brachte der Wein eine Wir⸗ kung hervor, die beinahe charakteriſtiſch genannt werden dürfte, und deren nahere Schilderung mit der Moral unſerer Erzählung einigermaßen zuſammenhängt. Freiwillig und mit ſichtbarer Sorgloſigkeit hatte il Maledetto dem kreiſenden Becher zugeſprochen. Er war lange mit den Sitten dieſer wilden und rohen Genoſſen⸗ ſchaft bekannt und ein eigenes Gefühl, welches Leute die⸗ — 8 ——— — — 12— ſer Klaſſe Ehre zu nennen belieben und welches vielleicht den Namen ſo gut als die Hälfte der Grundſätze ver⸗ dient, welche man unter der gleichen Benennung auf⸗ führt, hinderte ihn, ſich der gemeinſchaftlichen Gefahr, welche der Wein ihren Sinneskräften drohte, zu entzie⸗ hen und machte, daß er ſeinen vollen Theil an dem be⸗ rauſchenden Getränke genoß, wie der Becher von einem dampfenden Munde zum andern ging. Auch liebte er den Wein und fand ſeinen Ouft lieblich und freute ſich des wohlthuenden Einfluſſes mit der ganzen Hingebung eines Mannes, der den Zufall zu benutzen wußte, wel⸗ cher eine ſolche edle Flüſſigkeit ihm zu Gebot ſtellte. Uberdies hatte er auch ſeine Abſichten, wenn er ſeine Genoſſen zu entlarven wünſchte und er glaubte, der Au⸗ genblick ſey einem ſolchen Vorhaben günſtig. Zu allen dieſen Beweggründen kam noch, daß Maſo ſeine beſon⸗ dere Urſache hatte, darüber unbehaglich zu ſeyn, daß er ſich in den Händen der Behörden ſah, und es lag ihm nicht viel daran, einen Zuſtand der Dinge herbeizufüh⸗ ren, welcher veranlaſſen konnte, daß man in allen nur eine Schaar gemeiner Bacchus⸗Diener erblickte. Aber Maſo gab ſich der allgemeinen Stimmung in einer, ihm eigenen Weiſe hin. Sein Auge wurde noch glänzender als gewöhnlich, ſein Geſicht färbte ſich und ſeine Stimme wurde tief, während er bei vollem Be⸗ wußtſeyn blieb. Seine Vernunft wankte nicht, wie die der Leute um ihn her, ſondern ſtrahlte in der Aufregung hell empor, als ſähe ſie die Gefahr, welche ihr drohte, und die größere Nothwendigkeit, auf der Hut zu ſeyn. Obgleich in einem ſüdlichen Klima geboren, war er froſtig — 13— und kalt, wenn ihn nichts erregte, und ſolche Tempera⸗ mente erhalten durch Reizmittel, unter welchen Männer von ſchwächerer Körperbeſchaffenheit unterliegen, eher ihre Spannkraft, als ſie ihre Lebensgeiſter verlieren. Er hatte ſein Leben inmitten großer Wagniſſe und in Sce⸗ nen der Gefahr hingebracht, wie ſie einem ſolchen Cha⸗ rakter zuſagen, und es forderte wahrſcheinlich entweder eine ſtarke Triebfeder der Gefahr, wie die des Sturmes auf dem Leman, oder einen Anreiz anderer Art, um die verborgenen Eigenſchaften ſeines Geiſtes aufzurufen, welche ihn ſo ſehr geeignet machten zu gebieten, während andere am geneigteſten waren, zu gehorchen. Er war daher ohne Furcht für ſich, indem er ſeine Genoſſen er⸗ munterte, und zeigte ſich freigebig mit ſeiner Börſe, welche jedoch nicht hinreichend geſpickt ſchien, um großen Anforderungen zu entſprechen, indem er Becher auf Becher beſtellte, um die Stelle derer einzunehmen, welche ſo ſchnall bis zur Neige geleert waren. Auf dieſe Weiſe verſtrichen einige Stunden ſehr raſch, da die, welche mit der Bewachung der muntern Geſellſchaft in dem Rath⸗ hauſe beauftragt waren, mit den Feſtlichkeiten außerhalb des Gefängniſſes bei weitem beſchäftigter waren, als mit denen innerhalb deſſelben. „Du führſt ein ganz luſtiges Leben, braver Pippo,“ rief Konrad mit ſchwimmenden Augen, indem er auf eine Bemerkung des Poſſenreißers antwortete.„Du biſt nur ein Lachgeſicht im beſten Fall, und wirſt zähnbleckend und andere zähnblecken machend durch die Welt gehen. Dein Policinello iſt ein prachtiger Burſche und ich. komme nie 8 ————— — — 14— mit einem deines Gewerbes zuſammen, ohne müde Beine und wunde Füße bei ſeinen Thorheiten zu vergeſſen.“ „Corpo di Bacco!— Ich wollte, dem wäre ſo⸗ Aber du haſt es bei weitem beſſer, ſelbſt was Vergnü⸗ gungen betrifft, ehrenwerther Pilger, obgleich es dem, der dich ſieht, anders ſcheinen möchte. Der Unterſchied unter uns, frommer Konrad, iſt genau dieſer— du lachſt dir ins Fäuſtchen, ohne munter zu ſcheinen, wäh⸗ rend ich gähne, daß mir die Kinnbacken reißen möchten, und doch vor Kurzweil zu berſten ſcheine. So ein oft vorgebrachter Spaß iſt ein ſchlechter Genoſſe und wird am Ende ſo düſter wie ein Todtenlied. Wein kann nur ein Mal getrunken werden, und Lachen wird nicht im⸗ mer derſelben Tollheit folgen. Cospetto! Ich gäbe den Verdienſt eines ganzen Jahres für ein Paar neue Späße, wie ſie friſch aus dem Witze eines Menſchen kommen, der nie einen Poſſenreißer geſehen hat, und welche nicht fa⸗ denſcheinig geworden ſind, indem ſie ſich an dem Gehirn aller Spaßmacher Europa's abgerieben haben.“ „Es lebte in der alten Zeit ein weiſer Mann, von dem einer von euch wahrſcheinlich gehört haben wird,“ bemerkte Maſo,„und welcher ſagte, es gebe nichts Neues unter der Sonne.“ „Wer das ſagte, hat dieſen Wein nie gekoſtet, der ſo neu iſt, als lief er eben aus der Kelter,“ verſetzte der Pilger.„Schurke, glaubſt du, wir ſeyen in ſolchen Sachen ſo unerfahren, daß du es wagſt, Leuten unſerer Art eine Kanne ſolcher Hefen zu bringen? Gehe und ſiehe zu, daß du uns bei der nächſten mehr Gerechtigkeit widerfahren läßt.“ „Der Wein iſt derſelbe, der Euch anfangs ſo ſehr gemundet hat, aber es iſt der Trunkenheit eigen, daß ſie den Gaumen ändert, und darin, wie in allen andern Punkten, hatte Salomon recht,“ bemerkte il Maledetto kalt.—„Nein, Freund, du wirſt deinen Wein kaum wieder Leuten bringen, die nicht wiſſen, wie ſie ihn ge⸗ hörig ehren ſollen.“ Maſo ſchob den Burſchen, der ſie bedient hatte, aus dem Gemach und befahl ihm, indem er ihm eine kleine Münze in die Hand ſchlüpfen ließ, nicht mehr zu kom⸗ men. Der Wein hatte ſo viel Unheil angeſtiftet, als es zu ſeinen Zwecken paßte und er wollte nun fernerer Aus⸗ ſchweifung Einhalt thun. „Da kommen die vermummten— Götter und Göt⸗ tinnen, Schäferinnen und ihre Burſche und alle die an⸗ dern Scherze, um uns in Laune zu erhalten. Man muß dieſen Vevayern Gerechtigkeit widerfahren laſſen, ſie hal⸗ ten uns gut; denn ihr ſeht, ſie ſchicken uns ihre Schau⸗ ſpieler, um unſere Einſamkeit zu erheitern.“ „Wein! Wein! neu oder alt— bring' uns Wein!“ brüllten Konrad, Pippo und ihre Trinkgenoſſen, welche viel zu trunken waren, um die Liſt Maſo's, ihre Wün⸗ ſche zu vereiteln, zu entdecken, obgleich ſie eben trunken genug waren, um zu glauben, was er von der Aufmerk⸗ ſamkeit der Behörden gegen ſie geſagt habe, ſey nicht nur wahr, ſondern verdient. „Ei, Pippo!, ſchämſt du dich, in deiner eigenen Kunſt übertroffen zu werden, daß du in dem Augenblick nach Wein brüllſt, wo die Schauſpieler den Platz betre⸗ ten, um ihre Geſchicklichkeit zu zeigen?“ rief der See⸗ — 16— mann.„Wahrlich, wir werden eine geringe Meinung von deinem Verdienſt haben, wenn du dich fürchteſt, einige Waadtländer in deine Kunſt pfuſchen zu ſehen— und du, ein Neapolitaniſcher Poſſenreißer!“ Pippo ſchwor Zecher⸗Eide, er nehme es mit den Geſchickteſten in der Schweiz auf, denn er habe nicht nur auf allen Straßen und Plätzen Italiens geſpielt, ſondern ſich auch in den Häuſern vor Fürſten und Kardinälen ſehen laſſen und ihm ſey auf keiner der beiden Seiten der Alpen jemand überlegen. Maſo nutzte dieſen Vor⸗ theil geſchickt, und indem er Pippo's Eitelkeit neue Nah⸗ rung gab, glückte es ihm, ihn des Weines vergeſſen zu laſſen und mit den Übrigen an das Fenſter zu ziehn. Die Züge hatten bei ihrem Umgang in der Stadt jetzt den Platz vor dem Rathhaus erreicht, wo die ver⸗ ſchiedenen Opfer und Tänze wiederholt wurden, wie ſie im Allgemeinen dem Leſer bereits erzählt worden ſind. Man ſah die Diener der Abtei, die Winzer, die Schäfer und Schäferinnen, Flora, Ceres, Pallas und Bachus und alle die Übrigen mit ihrem mannigfachen Gefolge und im Prunk dahergetragen, wie es ihrem hohen Cha⸗ rakter zuſtand. Silen rollte von ſeinem Eſel— zu der größten Freude von tauſend jubelnden Troßbuben und zum unendlichen Arger der Gefangenen an den Fenſtern, indem letztere einem Vorübergehenden bemerkten, dies ſey keine Kunſtdarſtellung, ſondern der Halbgott ſey ſchmählich unter dem Einfluſſe zu vielen Weines, den er ſich ſelbſt zu Ehren getrunken habe. Wir übergehen die Einzelnheiten dieſer Scenen, welche ſich alle, die einem öffentlichen Feſte beigewohnt haber die 1 die 2 geme ſter drige als l gleich gehen heidn Hoch holde word kenn Das das bega Gehe fühle behr wöhlt Geã tern Lobe gene zum Unbe zen kaun 7 — 17— haben, nun leicht denken werden; auch iſt es nicht nöthig, die verſchiedenen witzigen Einfälle mitzutheilen, welche die Begeiſterung der heißen Weine Vevay's und die all⸗ gemeine Erregung der Gruppe entlockte, welche die Fen⸗ ſter des Gefangniſſes beſetzt hatte. Wer je Zeuge nie⸗ drigen Humors war, welchen Getränke eher ſchwächen als beleben, wird deſſen Charakter kennen, und wer der⸗ gleichen noch nicht gehört hat, wird durch dieſes über⸗ gehen kaum etwas verlieren. Endlich ſah man den Schluß der verſchiedenen, der heidniſchen Mythologie entlehnten Allegorien und der Hochzeitszug erſchien auf dem Platze. Die ſanfte und holde Chriſtine war an dieſem Tage nirgends geſehen worden, ohne durch ihre Jugend, Schönheit und unver⸗ kennbare Unſchuld die allgemeine Theilnahme zu erregen. Das Murmeln des Beifalls begleitete ihre Schritte und das Madchen, das ſich an ſeine Lage mehr gewöhnte, begann wahrſcheinlich zum erſten Mal, ſeit ſie mit dem Geheimniß ihrer Abkunft bekannt geworden, etwas zu fühlen, das jener Sicherheit glich, welche eine unent⸗ behrliche Begleiterin des Glückes iſt. Lange daran ge⸗ wöhnt, in ſich nur eine von der öffentlichen Meinung Geächtete zu ſehen, und in der, den Abſichten ihrer El⸗ tern angemeſſenen Zurückgezogenheit erzogen, konnten die Lobeserhebungen, welche ihr Ohr erreichten, ihr nur an⸗ genehm ſeyn und ſie ſtrömten ihr warm und erhebend zum Herzen, obgleich das Gefühl der Beſorgniß und der Unbehaglichkeit ſo lange darin gewohnt hatte. Den gan⸗ zen Tag hindurch bis zu dieſem Augenblicke hatte ſie es kaum gewagt, ihre Blicke auf ihren Pnſtigen Gatten zu 79— 81. — 18— wenden, auf ihn, der nach ihrer einfachen und hochher⸗ zigen Anſicht dem Vorurtheil getrotzt hatte, um ihrem Werthe Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen; als aber der bisher unterdrückte Beifall auf dem Platze vor dem Rath⸗ haus in lauten Ausrufungen ſich kund that, umfloß eine glänzende Röthe ihre Wangen und ſie ſah mit beſcheide⸗ nem Stolz auf ihren Gefährten, als wollte ſie ſagen, ſeine großmüthige Wahl bliebe nicht ganz unbelohnt. Der Jubel der Menge entſprach dem Gefühle und nie näher⸗ ten ſich Verlobte unter ſcheinbar glücklicheren Ausſichten dem Altar. Der Einfluß der Unſchuld und Schönheit iſt allge⸗ mein. Selbſt die ſittenloſen und halbberauſchten Gefan⸗ genen erhoben ihre Stimmen zum Preis der holden Chri⸗ ſtine. Der Eine pries ihre Beſcheidenheit, der Andere erhob ihre perſönliche Erſcheinung, und Alle vereinigten ſich mit der Menge im Jubelruf zu ihrer Ehre. Das Blut des Braͤutigams begann ſich zu beleben, und als der Zug auf dem offenen Platze vor dem Gebäude, un⸗ mittelbar unter den Fenſtern, welche Maſo und ſeine Ge⸗ noſſen einnahmen, Halt gemacht hatte, blickte er in dem Frohlocken eines gemeinen Geiſtes umher, der ſein Ver⸗ gnügen in dem Beifall anderer findet, und nach dieſem wohl ſein Urtheil bildet. „Hier iſt eine große und ſchöne festa!“ ſagte der gluckſende Pippo, ⸗und eine ſehr willige Braut. San Gennaro ſegne dich, bella sposina, und den würdigen Mann, welcher der Stängel einer ſo ſchönen Roſe iſt. Schickt uns Wein, großmuthiger Bräutigam und glück⸗ her⸗ rem der ath⸗ eine eide⸗ gen, Der iher⸗ chten allge⸗ efan⸗ Chri⸗ ndere tigten Das d als un⸗ 2 Ge⸗ dem Ver⸗ deſem te der San rdigen ſe iſt. glück⸗ — 19— liche Braut, damit wir auf deine und der deinigen Ge⸗ ſundheit trinken können.“ Chriſtine wurde bleich und blickte heimlich umher, denn die unter der Laſt des Mißfallens der Welt leben, wenden Anſpielungen auf die wunden Punkte ihrer Geſchichte die empfindlichſte Aufmerkſamkeit zu. Das Gefühl theilte ſich dem Bräutigam mit, welcher mißtrauiſche Blicke auf die Menge warf, um ſich zu vergewiſſern, ob das Ge⸗ heimniß der Herkunft ſeiner Braut nicht entdeckt wor⸗ den ſey. „Eine ſchönere festa ehrte nie einen italieniſchen Corſo,“ fuhr der Neapolitaner fort, deſſen Kopf ſeinen Phantaſien folgte, ohne ſich um die Beſorgniſſe und Wünſche Anderer zu bekümmern.—„Ein prachtiger Putz und eine holde Braut! Schickt uns Wein, felicissimi sposi, damit wir auf euern ewigen Ruhm und euer Glück trinken! Glücklich der Vater, der dich Tochter nennt, bella sposa, und hochgeehrt die Mutter, welche ein ſo vortreffliches Kind gebar! Scellerati, die ihr euch hier drängt, warum tragt ihr die würdigen Eltern nicht auf euern Armen, damit Alle die Wurzeln eines ſo reichen Zweiges ſehen und ehren. Schickt uns Wein, buona gente, ſchickt uns Becher frohlichen Weines!⸗ Das Schreien und die bildliche Speache Pippo's zog die Aufmerkſamkeit der Menge an, welche überdies durch das Sprachgemiſch, in welchem er ſeine Aufforderungen hören ließ, ergötzt wurde. Die unbedeutendſten Kleinig⸗ keiten werden häufig, indem ſie den Gefühlen des Volks eine neue Richtung geben, die Urſachen ernſter Ereig⸗ niſſe. Die Menge, welche dem Hochzeitszuge folgte, 2* hatte angefangen, der Wiederholung derſelben Feierlich⸗ keiten uberdrüſſig zu werden und überließ ſich nun gern dem Zwiſchenſpiele der Glückwünſchungen und Forderun⸗ gen des halbberauſchten Italieners. „Komm ſelbſt heraus und ſpiele den Vater der glück⸗ lichen Braut, würdiger und ehrenfeſter Fremdling,“ rief einer aus dem Haufen ſpottweiſe.—„Ein ſo treffliches Beiſpiel wird ſich auf deine Kindeskinder vererben und deinen Nachkommen Segen bringen.⸗ Ein jubelndes Gelachter belohnte dieſe Abfertigung. Sie feuerte den witzfertigen Neapolitaner an, eine raſche und paſſende Antwort hören zu laſſen. „Mein Segen über die erröthende Roſe!“ antwor⸗ tete er ohne Zaudern.„Es gibt ſchlechtere Väter als Pippo; denn wer da lebt, um Andere lachen zu machen, macht ſich um die Menſchen ſehr verdient; ſeht dagegen zum Beiſpiel ſo einen medico, welcher von den Choliken und Rheumatismen und andern ſchlechten Krankheiten lebt, deren Feind er zu ſeyn behauptet, obgleich— San Gennaro ſey es geklagt!— niemand ſo einfältig iſt, nicht einzuſehen, daß der ſchurkiſche Doctor und die ſchur⸗ kiſche Krankheit einander ſo gut in die Hand ſpielen, wie Policinello und der Affe.⸗ „Weißt du einen ſchlechteren zu nennen, als du biſt?⸗ rief jener aus dem Haufen. „Ein Dutzend und du ſollſt mit einbegriffen ſeyn. Mein Segen über die ſchone Braut; dreimal glücklich iſt ſie, die ein Recht hat, auf den Segen eines Mannes Anſpruch zu machen, der ein ſo ehrliches Leben geführt hat, wie Pippo. Sprech' ich nicht die Wahrheit, ſigligiola?⸗ lich⸗ gern run⸗ lück⸗ rief iches und ung, iſche vor⸗ als hen, egen iken iten San iſt, hur⸗ wie du eyn. iſt mes hat, Chriſtine bemerkte, daß die Hand ihres Verlobten, ſich der ihrigen kalt entwandte, und ſie fühlte das Er⸗ ſtarren ihres Blutes, welches gewöhnlich großer und de⸗ müthigender Scham folgt. Dennoch kämpfte ſie die Schwäche nieder, indem ſie auf die Gerechtigkeit Ande⸗ rer ein Vertrauen ſetzte, das gewöhnlich den Schuldloſe⸗ ſten am tiefſten inne wohnt. Sie folgte dem Zuge auf ſeinem Umgang mit einem Schritte, deſſen Beben man für nichts anderes, als für die ihrer Lage ſo natürliche Verlegenheit nahm. In dieſem Augenblicke, wo der bunte Zug an dem Rathhauſe vorbei kam, und das Muſikchor die Luft er⸗ füllte, während eine allgemeine Bewegung die Menge weiter drängte, wurde in dem Gebäude ein Lärmruf ge⸗ hört. Ihm folgte unmittelbar jenes Hinſtrömen von Körpern zu der Stelle, das in einem großen Gedränge eine plötzliche und allgemeine Theilnahme an einem neuen und außerordentlichen Begebniß andeutet. Die Menge wurde zurückgetrieben und zerſtreute ſich, der Zug war verſchwunden und es zeigte ſich eine unge⸗ wöhnliche Thätigkeit und Heimlichkeit unter den Bedien⸗ ſtigten des Städtchens, ehe die Wenigen, welche auf dem Platze blieben, ſich die Urſache dieſer Störung allmählig zuflüſterten. Das Gerücht verbreitete ſich, einer der Ge⸗ fangenen, ein athletiſcher italieniſcher Seemann, habe die Aufmerkſamkeit der andern Wachter des Ortes, welche bei dem Feſte beſchäftigt geweſen, benutzt, um die ein⸗ zige Schildwache niederzuwerfen und ſeine Flucht zu be⸗ werkſtelligen, wobei ihm alle die Trunkenbolde, die noch laufen konnten, gefolgt waren. Das Entweichen einiger geſetzloſer Troßbuben aus ihrem Gewahrſam war kein Ereigniß, das die Aufmerk⸗ ſamkeit der Neugierigen lange von den Unterhaltungen des Tages abziehen konnte, vorzüglich als man hörte, daß ihre Haft ohnehin mit der untergehenden Sonne geendigt haben würde. Als aber der Vorfall Herrn Peter Hof⸗ meiſter berichtet wurde, ſtieß der zürnende Landvogt fünf⸗ zig ſchwere Flüche über die Unverſchämtheit der Schur⸗ ken, über die Sorgloſigkeit der Wachehabenden und zu Ehren der guten Sache der Gerechtigkeit im Allgemeinen aus. Nach dieſem wurde augenblicklich befohlen, die Ent⸗ laufenen ſollten eingefangen werden. Als dieſer weſent⸗ liche Theil der Sache abgethan war, ordnete er ferner an, ſie ſollten ſofort vor ihn geführt werden, ſelbſt wenn er in die ernſteſten der Feierlichkeiten des Tages vertieft ware. Wenn Peter im Zorne ſprach, war es nicht mög⸗ lich, daß man ſeine Stimme überhörte und der Befehl war kaum aus ſeinem Munde, als ſich auch ſchon ein Dutzend waadtländiſche Diebsfanger in vollem Ernſt und mit der beſtmöglichen Abſicht, ihren Zweck zu erreichen, an das Werk begaben. Mittlerweile gingen die Spiele ihren Gang und mit dem fortrückenden Tag und der herannahenden Stunde, die für das Feſtmahl feſtgeſetzt war, ſammelte ſich das gute Volk abermals auf dem großen Platze, um die Endſcenen mit anzuſehen und bei der Einſegnung des Hochzeitpaares gegenwärtig zu ſeyn, welcher Segen, als die letzte und wichtigſte Ceremonie dieſes begebnißreichen Tages, über Jacques Colis und Chriſtine von dem wirklichen Diener des Altars ausge⸗ ſprochen werden ſollte. f 3 aus erk⸗ des daß digt Hof⸗ unf⸗ chur⸗ d zu einen Ent⸗ eſent⸗ erner wenn rtieft mög⸗ Zefehl n ein t und richen, Spiele d der geſetzt f dem nd bei nſeyn, emonie is und ausge⸗ Zweites Kapitel. Ei freilich: Jetzt laßt eure Weisheit los. Roſalind. Die Mittagsſtunde war vorüber, als die Bühne ſich zum zweiten Male mit den Vornehmen füllte. Die Menge war wieder um den freien Raum des Platzes geſchaart und der Landvogt und ſeine Freunde nahmen abermals die Ehrenplätze in der Mitte der langen Eſtrade ein. Zug nach Zug begann jetzt wieder zu erſcheinen, denn alle hatten den Umgang durch die Stadt gemacht und je⸗ der hatte ſeine Geſänge und Tänze ſo oft wiederholt, daß die Schauſpieler der Sache überdrüßig wurden. Doch beſiegte, als die verſchiedenen Abtheilungen wieder An⸗ geſichts des Landvogts und des Kerns nicht allein ihres, ſondern auch ſo vieler andern Länder kamen, der Stolz die Müdigkeit, und die Geſänge und Tänze wurden mit dem nothwendigen Anſchein von gutem Willen und Eifer durchgeführt. Peter Hofmeiſter und verſchiedene andere Angeſehene des Kantons waren bei ihren Beifallsbezei⸗ gungen, wozu dieſe Wiederholung der Spiele ſie veran⸗ laßte, vorzüglich laut, denn durch einen Prozeſſ, welchen man leicht begreifen wird, waren die, welche während der Abweſenheit der Züge in den Schenken und Buden geſchmaußt und dem Becher zugeſprochen hatten, mehr — * ————— —— — 21— als geeignet, die Mängel der Schauſpieler durch die Wärme und den überſchwang ihrer erregten Phantaſie zu erſez⸗ zen. Beſonders war der Landvogt, wie es ſeinem hohen Amte und ſeinem ausgeprägten Charakter ziemte, unge⸗ wöhnlich geſprächig und entſchieden, ſowohl in Hinſicht des Tadels als auch des Lobes, das er den verſchiedenen Darſtellungen angedeihen ließ, ſeine eigene Befähigung, über den Gegenſtand abzuſprechen, ſo wenig in Anſchlag bringend, als wäre er ein gewöhnlicher Lohnrecenſent der neueſten Zeit, der mehr die Breite als die Beſchaf⸗ fenheit ſeiner Bemerkungen und das feſtgeſetzte Honorar für die Zeile in das Auge faßt. Wahrlich die Vergleichung würde in noch mehren Rückſichten als denen der Kennt⸗ niſſe, Stich halten, denn ſeine Sprache war ungewöhnlich zänkiſch und anmaßend, ſein Ton gebieteriſch und ſeine Triebfeder eher die Begierde, ſeine eigene Befähigung geltend zu machen, als der Wunſch, die Vorzüge Anderer hervorzuheben. Seine Crörterungen richteten ſich noch häufiger als früher an Signor Grimaldi, für welchen in ſeinem Herzen plötzlich ein noch lebhafteres Wohlwol⸗ len erwachſen war, als er bisher in ſo hohem Grade an den Tag gelegt hatte und das bereits eine ſo große Auf⸗ merkſamkeit auf dieſen freundlichen aber beſcheidenen Fremdling gezogen hatte. Dennoch verfehlte er niemals, alle die, welche ſich innerhalb des Bereichs eines ver⸗ nünftigen Gebrauchs ſeiner Stimme befanden, zu zwin⸗ gen, auf ſeine Orakel zu hören. „Die, welche jetzt vorübergekommen ſind, Bruder Melchior,“ ſagte der Landvogt, den Freiherrn von Willa⸗ ding in dem brüderlichen Style der Bürgerſchaft anre⸗ ———„»„—„—.,„———r,„»———,,———J———,,—, irme rſez⸗ ohen unge⸗ ſicht enen ung, chlag iſent ſchaf⸗ vorar hung ennt⸗ nlich ſeine gung derer noch lchen lol⸗ de an Auf⸗ enen nals, ver⸗ zin⸗ ruder Villa⸗ anre⸗ — 25— dend, während ſein Auge ſich auf den Genueſer richtete, deſſen Bewunderung für ſeine Bekanntſchaft mit heidni⸗ ſcher Weisheit er eigentlich rege zu machen beabſichtigte —„ſind nur Schäfer und Schäferinnen unſerer Berge, und keine der Götter und Halbgötter, welche erſtere man bei dieſem Feſte daran erkennt, daß ſie auf anderer Men⸗ ſchen Schultern getragen werden, die letzteren aber daran, daß ſie auf Eſeln reiten oder andere ihren Bedürfniſſen angemeſſene Bequemlichkeiten haben. Ah, hier kommen die höhern Klaſſen der Vermummten in Perſon— dieſes artige Geſchöpf hier iſt eigentlich Mariette Marron, aus dieſem Lande, eine ſo dralle Dirne, wie es nur eine in der Waadt gibt und ſo frech— aber es liegt nichts daran. Sie iſt jetzt die Prieſterin der Flora und ich ſchwöre Euch, es gibt kein Horn in allen unſern Thälern, das den Felſen ein lauteres Echo entlockt, als eben dieſe Prie⸗ ſterin blos mit ihrer Kehle hervorbringen wird! Jene dort auf dem Throne iſt Flora ſelbſt, ein zierliches jun⸗ ges Mädchen, die Tochter eines gutſtehenden Vevayers, der ihr all den Putz ſelbſt angeſchafft hat, ohne der Ge⸗ ſellſchaft einen Heller in Rechnung zu bringen. Ich ſchwöre euch, jede Blume, die ſie an ſich hat, iſt in ihren eigenen Gärten gepflückt worden!⸗ „Du behandelſt die Poeſie dieſer Feierlichkeiten mit ſo wenig Achtung, gutes Peterchen, daß die Göttin und ihr Gefolge unter deiner Zunge in wenig mehr als Winzerinnen und Milchmädchen zuſammenſchrumpfen.“ „Um des Himmels willen, Freund Melchior,“ unter⸗ brach ihn der erfreute Genueſer,—„beraube uns ja des Glückes der maleriſchen Bemerkungen des würdigen — 26— Landvogts nicht. So ein Heide mag in ſeiner Art ſo übel nicht ſeyn, aber gewiß wird er nicht ſchlechter durch einige Erläuterungen und Bemerkungen, welche einem Doctor von Padua Ehre machen würden. Ich bitte Euch, fahrt fort, gelehrter Peter, damit uns Fremden nichts von den Feinheiten dieſer Darſtellungen entgeht.“ „Du ſiehſt,“ fuhr der behagliche Landvogt mit ei⸗ nem triumphirenden Blicke fort, ⸗daß eine kleine Erläu⸗ terung einer guten Sache nicht ſchaden kann, wenn ſie vauch den Geſetzen ſelbſt gälte. Ha, dort iſt Ceres und ihr Geleite— und ein ſchöner Zug, für wahr! Dies ſind die Schnitter und Schnitterinnen, welche den Über⸗ fluß unſeres Waadtlandes darſtellen, Signor Grimaldi, welches, um die Wahrheit zu ſagen, ein reiches Land und der Allegorie wuͤrdig iſt. Dieſe Burſche, mit den an ihre untern Theile geſchnallten Stühlen und mit den Eimern, ſind Küher und alle die andern ſind mehr oder weniger bei der Sennerei betheiligt. Ceres war eine Per⸗ ſon von großer Wichtigkeit bei den Alten, ohne alle Frage, wie man auch an der Art ſieht, in welcher ſie von den Erzeugniſſen des Bodens umgeben iſt. Es gibt kein halt⸗ ares Anſehen, Herr von Willading, das ſich nicht gehö⸗ rig auf ausgedehnten Güterbeſitz ſtützt. Ihr ſeht, die Göttin ſitzt auf einem Throne, deſſen Verzierungen ſämmtlich der Erde entnommen ſind; eine Weizengarbe krönt den Himmel; volle Ähren der edlen Frucht ſind ihre Juwelen und ihr Scepter iſt die Sichel. Das ſind nur Allegorien, Signor Grimaldi, aber es ſind Anſpie⸗ lungen, welche bei dem Klugen geſunde Gedanken zu erzeugen im Stande ſind. Es gibt keine Wiſſenſchaft, ſo irch nem uch, chts ei⸗ läu⸗ ſie und Dies ber⸗ aldi, Land den den oder Per⸗ age, den halt⸗ ehö⸗ die ngen garbe ſind ſind iſpie⸗ n zu chaft, — 27— die nicht etwas aus unſern Spielen lernen kann, Poli⸗ tik, Religion und Geſetzeskunde— für den Verſtändigen und Scharfſinnigen alles daſſelbe!“ „Ein ſcharfſinniger Gelehrte könnte ſelbſt einen Be⸗ weiß für die Bürgerſchaft in einer Allegorie finden, die minder klar iſt,“ erwiderte der entzückte Genueſer.— „Aber Ihr habt das Inſtrument überſehen, Signor Land⸗ vogt, das Ceres in der andern Hand halt und das von den Früchten der Erde bis zum Überſtrömen angefüllt iſt;— ich meine jenes, das mit dem Horne eines Stiers ſo viel Ähnlichkeit hat.⸗ „Dies iſt ohne Zweifel eine der Geräthſchaften der Alten; vielleicht ein Melkeimer zum Gebrauche der Göt⸗ ter und Göttinnen, denn dieſe alten Göttinnen waren keine ſchlechten Hausweiber und ſuchten ein Verdienſt in der Oekonomie, und Ceres hier ſchämt ſich, wie man ſieht, einer nützlichen Beſchäftigung durchaus nicht. Bei meiner Treue, dieſe Sache iſt nicht ohne eine ſehr lo⸗ benswerthe Rückſicht auf die Moral veranſtaltet worden. Aber unſer Sennervolk iſt im Begriffe, eines ſeiner Lie⸗ der hören zu laſſen.⸗ Peterchen hielt nun mit ſeiner klaſſiſchen Weisheit inne, während das Gefolge ſich ordnete und zu ſingen begann. Die anſteckende und wilde Melodie des Kuhrei⸗ hens erſcholl auf dem Platze und nahm bald die unge⸗ theilte und entzückte Aufmerkſamkeit aller Hörer in An⸗ ſpruch, zu denen man, die Wahrheit zu ſagen, alle zäh⸗ len konnte, die innerhalb der Grenzen der Stadt waren, denn da die Menge in den Geſang der regelmäßigeren Künſtler einſtimmte, ergriff eine Art muſtkaliſcher Begei⸗ —yyy————— ☛ —— ſterung alle Anweſenden die der Waadt und deren Thä⸗ lern angehörten. Der herriſche aber wohlmeinende Land⸗ vogt war zwar gewöhnlich eiferſuͤchtig auf ſeine Berner Abſtammung und hielt aus Grundſatz auf die Nothwen⸗ digkeit, das Übergewicht des großen Kantons durch alle gewöhnlichen Beachtungen der Würde und Zurückhaltung zu erhalten; allein jetzt gab er der allgemeinen Erregung nach und ſang mit den übrigen, wobei ihm ein Paar Lungen zu ſtatten kamen, welche die Natur bewunderns⸗ würdig ausgeſtattet hatte, um den Chor des Alpenliedes abzugeben. Dieſer Herablaſſung des Berner Abgeordneten wurde ſpäter oft mit Bewunderung erwähnt, indem die Einfachen und Gläubigen Peterchens Begeiſterung ei⸗ ner edeln Theilnahme an ihrem Glücke und Wohlergehen zuſchrieben, die Aufmerkſamen und Tieferblickenden aber den muſikaliſchen Exceß einem früheren Exceß anderer Art beimaßen, in welchem die Weine der benachbarten zotes nicht geringe Anſprüche auf ihren Theil an dem Verdienſte hatten. Die, welche dem Landvogt am näch⸗ ſten waren, ergötzten ſich heimlich ungemein über ſeine linkiſchen Verſuche, leutſelig zu ſeyn, und eine ſchöne und witzige Waadtlanderin verglich ſie mit den Poſſen eines der berühmten Thiere, welche noch immer in der Stadt, die einen ſo großen Theil der Schweiz beherrſchte, ge⸗ halten werden und von welchen in der That nach der ge⸗ wöhnlichen Anſicht die Stadt und der Kanton ihren Na⸗ men abgeleitet haben; denn während das Anſehen von Bern ſo gebieteriſch und ſo ſchwer auf ſeinen unterwor⸗ fenen Ländern laſtete, hatten die Bewohner der letztern⸗ wie gewöhnlich in ſolchen Fällen, ihre große Freude Thä⸗ and⸗ rner wen⸗ alle tung gung Paar erns⸗ edes neten ndem g ei⸗ gehen aber derer arten dem näch⸗ ſeine und eines Stadt, „ ge⸗ r ge⸗ Na⸗ von rwor⸗ ztern⸗ reude — 29.— daran, eine ohnmächtige Rache zu üben, indem ſie die ergötzlichſten Spöttereien, welche ſie gegen ihre Gebie⸗ ter erfinden konnten, in Umlauf ſetzten. Ungeachtet dieſer und ahnlicher Ausſtellungen gegen ſeine Leiſtung, ſpielte der Landvogt ſeine Rolle bei dieſer Gelegenheit zu ſeiner völligen Zufriedenheit und nahm ſeinen Sitz wie⸗ der mit dem Bewußtſeyn ein, mindeſtens den Beifall des Volkes verdient zu haben, weil er mit ſo viel Eifer und der Hoffnung in deſſen Beluſtigungen eingegangen war, dieſe Gnadenhandlung möchte das Mittel werden, füͤnf⸗ zig oder hundert andre Handlungen, welche gewiß nicht den gleichen melodiſchen und freundlichen Charakter hat⸗ ten, in Vergeſſenheit zu bringen. Als dies vollbracht war, hielt ſich der Landvogt ziem⸗ lich ruhig, bis Bacchus und ſein Gefolge wieder auf den Platz kamen. Bei der Erſcheinung des lachenden Schelms, der auf dem Faſſe ritt, begann er ſeine Abhandlungen von neuem und mit einer Zuverſicht, welche alle fühlen, die da im Begriffe ſind, einen Gegenſtand zu behandeln, mit welchem ſie ſich vertraut zu machen Gelegenheit hatten. „Dies iſt der Gott des guten Saftes,“ ſagte Pe⸗ terchen, ſtets zu jedem ſprechend, der hören wollte, ob⸗ gleich er aus einem Inſtinkt der Achtung vorzüglich Sig⸗ nor Grimaldi mit ſeinen Bemerkungen begünſtigen wollte, —„wie man ſogleich an ſeinem Sitze ſieht, und ſein Gefolge tanzt, um zu zeigen, daß der Wein das Herz erfreut;— dort iſt die Kelter in Bewegung, den Saft ausdrückend, und jener ungeheure Büſchel ſoll die Traube vorſtellen, welche die Boten Joſua's aus Canaan zurück⸗ brachten, als ſie dahin geſendet worden, das Land zu — 30— erſpähen; eine Geſchichte, die ihr Italiener, wie ich nicht zweifle, an den Fingern herzuerzählen wißt.⸗ Gaetano Grimaldi ſah ein wenig verlegen auf, denn obgleich er in der Kenntniß der heidniſchen Mythologie ſehr bewandert war, ſo war er als Papiſt und als Laie mit der Bibel eben nicht allzu vertraut. Anfangs glaubte er, der Landvogt habe in ſeiner Erklärung der Mytho⸗ logie nur einen kleinen Mißgriff gemacht; als er aber ſein Gedächtniß ein wenig in Anſpruch nahm, gewahrte er einige matte Strahlen der Wahrheit, wodurch er ſei⸗ nen Ruhm als Gelehrter rettete, und was er weſentlich dem Umſtande dankte, daß er einige berühmte Gemälde geſehen hatte, welche dieſen Gegenſtand darſtellten, eine Art Unterricht in der Bibel, die unter denen ziemlich gemein iſt, welche die katholiſchen Länder in dem an⸗ dern Welttheile bewohnen. „Die Geſchichte von der kieſenhaften Traube iſt Euch gewiß nicht entgangen, Signore!“ rief Peterchen, über das ſichtbare Zaudern des Italieners erſtaunt.„Sie iſt eine der ſchönſten Erzählungen in dem heiligen Buche. Ha!— ſo wahr ich lebe— da koömmt der Eſel ohne ſeinen Reiter!— Was iſt aus dem Lümmel, Antoine Giraud, geworden?— Der Schurke iſt abgeſtiegen, um in irgend einer Bude einen friſchen Zug zu thun, nach⸗ dem er ſeinen Schlauch bis auf die Neige geleert hatte! Das iſt Nachläßigkeit! ein nüchterner Mann, oder we⸗ nigſtens einer von ſtärkerem Kopfe hätte zu der Rolle genommen werden müſſen;— denn, Ihr müßt wiſſen, dies iſt ein Charakter, der es wenigſtens mit einer Ga⸗ lone aufnehmen muß, indem die Proben allein hinreichen, e ich denn logie Laie aubte ytho⸗ aber ahrte r ſei⸗ ntlich nälde eine mlich n an⸗ Euch über ie iſt zwuche. ohne toine „ um nach⸗ atte! we⸗ Rolle iiſſen, Ga⸗ ichen, einen gewöhnlichen Trinker aus dem Gleichgewicht zu bringen.“ Die Zunge des Landvogts blieb unausgeſetzt im Gange, während das Gefolge des Bacchus ſeine Lieder ſang und den übrigen Förmlichkeiten Genüge that, und als der Zug verſchwand, nahm ſie einen lautern Ton an, wie»der rollende Strom, der da murmelnd fließt und fließt für immer,“ wieder zu den Ohren klingt, nachdem irgend ein zufälliges Getoſe aufgehört hat. „Jetzt dürfen wir die ſchöne Braut und ihre Braut⸗ lungfern erwarten,“ fuhr Peterchen fort, ſeinen Freun⸗ den winkend, wie ein alter Galan wohl gewöhnt iſt, mit ſeiner Bewunderung gegen das ſchöne Geſchlecht Prunk zu treiben:—„die feierliche Einſegnung wird hier vor den Behörden ſtattfinden, und dieſen frohen Tag paſſend ſchließen. Ha! mein guter alter Freund Melchior, keiner von uns beiden iſt der Mann, der er war, ſonſt würden dieſe hüpfenden Dirnchen ihre Sprünge nicht ohne Beihülfe unſerer Arme abthun. Jetzt nehmt Euch zuſammen, Freunde! denn dies iſt keine Komödie, fondern eine wirkliche Heirath, und es iſt paſſend, daß wir eine ernſtere Miene annehmen.— Nun, was be⸗ deutet dieſe Bewegung unter den Dienern?⸗ Peterchen hatte ſich unterbrochen, denn grade in die⸗ fem Augenblicke kamen die Diebsfanger zumal auf den Platz, in ihrer Mitte ein Häuflein Menſchen geleitend, welche die Miene von Gefangenen zu ſehr zur Schau trugen, als daß man ſie für honette Leute hätte nehmen können. Der Landvogt war vornehmlich ein vollziehen⸗ — 32— der Beamte; er gehörte zu den Leuten, die da glauben, das Erlaſſen eines Geſetzes ſey ein Gegenſtand von weit geringerem Belang als deſſen gehörige Vollſtreckung. In der That trieb er ſeinen Lieblingsgrundſatz ſo weit, daß er zuweilen keinen Anſtand nahm, in den verſchiedenen Verfü⸗ gungen des großen Rathes Dunkelheiten des Ausdrucks anzunehmen, die nur in ſeinem eignen Gehirn exiſtirten, welche aber, um ihm Gerechtigkeit widerfahren zu laſ⸗ ſen, ihm ziemlich gelegen kamen, um diejenigen Ausle⸗ gungen hineintragen zu können, welche ihm im Einklang mit ſeinen Pflichten ſchienen. Die Vornahme eines Rechts⸗ handels begünſtigte den Fortgang der Feierlichkeiten eben nicht, da Peterchen an der Beſtrafung von Schurken, namentlich ſolcher, die durch ihr unverbeſſerliches Elend und ihre Armuth einen ewigen Vorwurf gegen die Wir⸗ kung des Berner Syſtems abzugeben ſchienen, ein ähn⸗ liches Wohlgefallen hatte, wie alte Kutſcher, dem Sprich⸗ worte nach, an dem Knallen der Peitſche behalten ſollen. Bei der gegenwärtigen Gelegenheit waren jedoch alle ſeine richterlichen Gefühle nicht völlig rege, da die Ver⸗ brecher, obgleich weit entfernt, dem vom Glücke begün⸗ ſtigteren Theile ihrer Mitgeſchöpfe anzugehören, nicht ganz erbärmlich genug ausſahen, um alle jene Mächte amtlicher Vorwürfe und Strenge zu wecken, welche in des Landvogts ſittlichem Temperamente ſchlummernd la⸗ gen, jederzeit bereit, das Recht des Stärkern gegen die Neuerungen des Schwächern und Unglücklichen zu ver⸗ theidigen. Der Leſer wird ſogleich geahnt haben, daß die Gefangenen Maſo und ſeine Gefährten waren, die im Entweichen aus dem Gewahrſam glücklicher geweſen wa⸗ uben, weit .In aß er erfü⸗ rucks rten, t laſ⸗ usle⸗ klang echts⸗ eben rken, Elend Wir⸗ ähn⸗ prich— ollen. alle Ver⸗ egün⸗ nicht ſkächte che in id la⸗ n die ver⸗ ß die ie im n wa⸗ 33— ren, als in den Mitteln, ſich einer zweiten Verhaftung zu entziehen. „Wer ſind dieſe Leute, die es gewagt haben, an die⸗ ſem Tage allgemeinen Glückes und Ergötzens an der herrſchenden Gewalt zu freveln?“ fragte der Landvogt ſtreng, als die Schooskinder des Geſetzes und ihre Ge⸗ fangenen nun vor ihm ſtanden.„Wißt ihr nicht, Schur⸗ ken, daß heute Vevay ein hohes, beinahe religiöſes Feſt denn als ein ſolches würde es wenigſtens von den Alten angeſehen werden— feiert und daß ein Ver⸗ brechen ein doppeltes Verbrechen wird, wenn es entwe⸗ der in Gegenwart hoher Perſonen, bei einer feierlichen und ehrwürdigen Gelegenheit wie dieſe, oder gegen die Behörden begangen wird;— wobei letzteres ſtets das ſchwerſte und größte von allen iſt?⸗ „Wir ſind keine ſonderliche Gelehrte, hochedler Land⸗ vogt, wie Ihr wohl leicht an unſrer äußern Erſcheinung ſeht und dürfen ein glimpfliches Urtheil erwarten,“ ank⸗ wortete Maſo. ⸗Unſer ganzes Vergehen war ein heiſer aber kurzer Streit wegen eines Hundes, worin Hände die Rolle der Vernunft geſpielt haben und der außer uns ſelbſt wohl niemand großen Harm verurſacht hätte, wäre es das Belieben der ſtädtiſchen Behörden geweſen, uns den Hader auf unſere Art ausmachen zu laſſen. Wie Ihr richtig geſagt habt, iſt dieſes ein heiteres Feſt und wir halten es für hart, daß wir allein in Vevay wegen eines ſo unbedeutenden Handels von der Freude der Üübrigen ausgeſchloſſen und abgeſchnitten ſeyn ſollen.⸗ „Es iſt wahrlich Vernunft in dem Geſellen,“ ſagte Peterchen leiſe.„Was liegt Bern an einem Hunde 79— 81. 3 ——yy—O —— — 44—. mehr oder weniger und eine öffentliche Luſtbarkeit darf, wenn ſie ihrem Zwecke entſprechen ſoll, die Niedrigſten aus dem Volke nicht ausſchließen. Laßt die Leute in Gottes Namen gehen und ſeht zu, daß alle Hunde von dem Platze weggejagt werden, damit ſich dieſe Albern⸗ heit nicht widerholt.⸗ „Mit Erlaubniß, dies ſind die Männer, welche, nach⸗ dem ſie ihren Hüther niedergeworfen, den Behörden entſprungen ſind,“ bemerkte der Diener demüthig. „Was iſt das? Sagteſt du nicht, Burſche, es ſey alles nur wegen des Hundes?⸗ „Ich ſprach von der Urſache unſerer Verhaftung. Es iſt wahr, daß wir, überdrüßig, Gefängnißluft zu ath⸗ men, und ein wenig von Wein erhitzt, das Gewahrſam ohne Erlaubniß verlaſſen haben; allein wir hoffen, dieſer kleine luſtige Einfall wird in Betracht der auſſerordent⸗ lichen Gelegenheit überſehen werden.“⸗ „Schurke, deine Vertheidigung erhöht das Verge⸗ hen. Ein Verbrechen, das bei einer öffentlichen Gele⸗ genheit begangen wird, wird ein außerordentliches Ver⸗ brechen und fordert eine außerordentliche Strafe, die ich Euch ſofort angedeihen laſſen werde. Ihr habt gegen die Behörde gefrevelt und dies iſt eine unverzeihliche Sünde in jeder bürgerlichen Geſellſchaft. Kommt näher, Freunde, denn ich habe es gern, daß meine Gründe von denen gehört und verſtanden werden, die meine Entſchei⸗ dungen treffen können, und es iſt dies ein günſtiger Augenblick, den Vevayern eine kurze Lection zu geben— laßt die Braut und den Bräutigam warten— kommt darf, igſten te in e von lbern⸗ nach⸗ örden es ſey ftung. u ath⸗ hrſam dieſer rdent⸗ Verge⸗ Gele⸗ „Ver⸗ die ich gegen eihliche näher, de von ntſchei⸗ nſtiger ben— kommt 35— näher, alle, damit ihr deſto beſſer hört, was ich euch zu ſagen habe.“ Die Menge drangte ſie um den Fuß der Eſtrade und Peterchen nahm mit einer belehrenden Miene ſeine Rede wieder auf. „Der Zweck aller Herrſchaft iſt, Mittel zu ihrer Er⸗ haltung zu ſuchen,“ fuhr der Landvogt fort;—„denn wenn ſie nicht beſtehen kann, muß ſie zu Boden fallen; und ihr ſeyd hinreichend unterrichtet, um zu wiſſen, daß, wenn etwas werthlos wird, es auch ſeine Achtung ver⸗ liert. So iſt die Regierung da, um ſich ſelbſt zu ſchüz⸗ zen; denn ohne dieſe Gewalt könnte ſie nicht Regie⸗ rung bleiben, und es lebt wohl kein Menſch, der nicht bereit wäre zuzugeben, daß ſelbſt eine ſchlechte Regierung beſſer iſt als gar keine. Unſere Regierung iſt aber vor⸗ zugsweiſe eine gute, da ſie bei jeder Gelegenheit die größte Sorgfalt anwendet, ſich in Achtung zu erhalten und wer ſich ſebſt achtet, darf gewiß ſeyn, in den Augen Anderergeachtet zu werden. Ohne dieſe Sicherheit würden wir dem zügelloſen Roſſe ähnlich, oder wir würden die Opfer der Verwirrung und der Geſetzloſigkeit, ja, und verdammenswerther religioſer Spaltungen. Ihr ſeht ſonach, meine Freunde, daß ihr nur zwiſchen der Regie⸗ rung von Bern und gar keiner Regierung zu wählen habt; denn wenn nur zwei Dinge da ſind, und das eine wird weggenommen, ſo ſinkt die Zahl um die Hälfte; und da der große Kanton ſeinen Antheil an der Staats⸗ einrichtung behalten wird, ſo bleibt die Waadt, wenn die Hälfte wegfällt, nackt wie meine Hand hier. Fragt euch ſelbſt, ob ihr eine Regierung habt außer dieſer? Ihr 3* wißt, dies iſt nicht der Fall. Wärt ihr daher von Bern getrennt, ſo hättet ihr augenſcheinlich gar keine. Ihr dort, Diener! Ihr habt ein Schwert an Eurer Seite, das ein gutes Bild unſerer Herrſchaft iſt; zieht es und hal⸗ tet es empor, damit Alle es ſehen. Ihr bemerkt, meine Freunde, daß der Mann ein Schwert hat; aber er hat nur Ein Schwert. Legt es zu Euern Füßen, Diener! Ihr bemerkt, Freunde, daß, wenn er nur Ein Schwert hat, und dieſes Schwert bei Seite legt, ihm ferner gar kein Schwert bleibt! Dieſe Waffe ſtellt unſere Regie⸗ rung vor, die, legt man ſie bei Seite, keine Regierung iſt und unſere Hand wehrlos läßt.“ Dieſer glücklichen Vergleichung folgte ein Murmeln des Beifalls, denn Peterchens Vortrag hatte alle Eigen⸗ ſchaften einer dem Volke zuſagenden Theorie, nämlich eine kühne Behauptung, eine kurze Erklarung und eine praktiſche Erläuterung. Von der letztern ſprach man be⸗ ſonders lange hernach noch in der Waadt als einer Dar⸗ legung, die nicht weit hinter dem wohlbekannten Urtheile Salomons zurückgeblieben wäre, der zu demſelben ſcharf⸗ ſchneidigen Schwert ſeine Zuflucht genommen hatte, um einen faſt eben ſo verwickelten Punkt zu löſen, wie der vom Land⸗ vogt aufgeſtellte. Als ſich der Beifall ein wenig gelegt hatte, ſetzte der warm gewordene Peter ſeine Rede fort, welche die zufäͤllige und verallgemeinernde Logik der mei⸗ ſten Vorträge hatte, welche im Intreſſe der Dinge, wie ſie ſind, gehalten werden, ohne eine beſondere Rückſicht auf die Dinge, wie ſie ſeyn ſollen, zu nehmen. „Was koömmt dabei heraus, daß man die Menge le⸗ ſen und ſchreiben lehrt?⸗ fragte er.„Hätte Franz Kauf⸗ Bern dort, das hal⸗ neine r hat ener! zwert r gar Regie⸗ erung rmeln Ligen⸗ imlich deine un be⸗ Dar⸗ rtheile ſcharf⸗ reinen Land⸗ gelegt e fort, r mei⸗ e, wie ückſicht nge le⸗ Kauf⸗ 2 34 mann nicht ſchreiben können, hätte er wohl ſeines Herrn Hand nachahmen können und würde er ſeinen Kopf ver⸗ loren haben, weil er eines andern Mannes Namen für ſeinen eignen nahm? Ein wenig Nachdenken zeigt Euch, daß dies nicht der Fall geweſen ware. Was die andere Kunſt betrifft, ſo ſagt nur— könnte das Volk ſchlechte Bücher leſen, wenn es das Alphabeth nie gelernt hätte 2 Wenn jemand hier iſt, der das Gegentheil ſagen kann, ſo erſuche ich ihn, kühn heraus zu ſprechen, denn wir haben keine Inquiſition in der Waadt, ſondern fordern Beweiſe. Wie ihr alle wißt, iſt dies eine väterliche Re⸗ gierung und eine milde Regierung; aber es iſt keine Re⸗ gierung, die am Leſen und Schreiben Gefallen hat,— am Leſen, das zu dem Gebrauch ſchlechter Bücher führt, und am Schreiben, das falſche Unterſchriften veranlaßt. Meine Mitbürger,— denn wir ſind alle gleich, gewiſſe Verſchiedenheiten ausgenommen, welche man jetzt nicht zu nennen braucht— die Regierung iſt zu Euerm beſten da und daher hält ſie auf ſich ſelbſt und muß auf ſich ſelbſt halten, und es als ihre erſte Pflicht betrachten, ſich und ihre Beamten in jedem Falle zu ſchützen, ob⸗ gleich ſie vielleicht zufällig eine ſcheinbare Ungerechtigkeit begeht.— Burſche, kannſt du leſen?⸗ „Leidlich, hochedler Landvogt,“ erwiderte Maſo.„Es gibt Leute, denen das Durchleſen eines Buches weniger Mühe macht als mir.⸗ „Ich verſichere Euch, er meint ein gutes Buch; denn wenn es ſich von einem ſchlechten handelt, ſchwöre ich, der Schelm bricht ſich Weg durch daſſelbe, wie ein wil⸗ der Eber. Das kömmt von der Erziehung der Unwiſ⸗ — 39 ſenden. Es gibt keine ſicherere Art, eine Gemeine zu verderben und ihr die ſchlechteſten Kunſtgriffe einzupragen, als wenn man die Unwiſſenden erzieht. Der Erleuchtete kann das Wiſſen ertragen, denn ſtarke Speiſen ſchaden dem Magen nicht, der daran gewöhnt iſt, aber ſie ſind Nieswurz für den Schlechtgenährten. Die Erziehung iſt eine Waffe, denn das Wiſſen iſt eine Gewalt, und der unwiſſende Menſch iſt nur ein Kind und wenn man ihm Wiſſen gibt, ſo heißt das, eine geladene Büchſe in die Hand eines Kindes geben. Was ſoll der Unwiſſende mit dem Wiſſen anfangen? Er wird es eben ſo wahr⸗ ſcheinlich, wie alles andere, verkehrt brauchen. Die Ge⸗ lehrſamkeit iſt eine kitzliche Sache; Feſtus hat uns ge⸗ ſagt, ſie habe ſelbſt den weiſen und erfahrnen Paul wahn⸗ witzig gemacht— was wird ſie alſo erſt bei euern graſ⸗ ſen Ignoranten für Unheil anrichten. Wie heißt du, Gefangener?⸗ „Tommaſo Santi; zuweilen von meinen Freunden San Tommaſo, von meinen Feinden Il Maledetto und von meinen Bekannten Maſo genannt.“ „Du haſt eine furchtbare Menge von Alias, das ſichere Zeichen eines Spitzbuben. Du haſt eingeſtanden, daß du leſen kannſt—⸗ „Nein, Signor Landvogt, ich kann nicht zugeben, ge⸗ ſagt zu haben—“ „Bei Calvins Glauben, du haſt es vor dieſer ehren⸗ werthen Geſellſchaft bekannt! Willſt du der Gerechtig⸗ keit ins Geſicht deine eigenen Worte abläugnen? Du kannſt leſen— ich ſehe es dir im Geſicht an, und ich wollte überdies ſchwören, daß du auch etwas von dem — e zu agen, htete aden ſind hung und man ſe in ſende vahr⸗ Ge⸗ s ge⸗ vahn⸗ graſ⸗ t du, unden „ und „das inden, n, ge⸗ ehren⸗ echtig⸗ Du nd ich n dem — 39— Gänſekiel haſt munkeln hören, wenn du die Wahrheit ehrlich ſagen wollteſt. Signor Grimaldi, ich weiß nicht, wie es bei Euch jenſeits der Alpen iſt, aber unſere größte Noth ſchreibt ſich von ſolchen gut unterrichteten Schurken her, welche die Gelehrſamkeit auf betrügeriſche Weiſe aufleſen und dann einen verbrecheriſchen Gebrauch davon machen, ohne an die Bedürfniſſe und Rechte des Publikums zu denken.“ „Wir haben unſere Beſchwerden, wie es wohl über⸗ all der Fall iſt, wo man den Menſchen mit ſeiner Selbſt⸗ ſucht und ſeinen Leidenſchaften findet, Signor Landvogt; aber handeln wir nicht unfein gegen jene ſchöne Braut, indem wir Männern dieſer Art den Vortritt laſſen? Wäre es nicht beſſer, die beſcheidene Chriſtine, glücklich in Hymens Banden, zu entlaſſen, ehe wir uns tiefer in die Frage über dieſe Gefangenen einlaſſen 2⸗ Zur Verwunderung aller, die des Landvogts Hart⸗ näckigkeit kannten, welche ſich gewöhnlich im⸗ Geſpräche ſteigerte, ſtatt nachgiebiger zu werden, ſtimmte Peterchen in dieſen Vorſchlag mit einer Gefälligkeit und einem ſichtbaren Wohlwollen, welche er ſelten gegen irgend eine Meinung an den Tag legte, für deren rechtmäßigen Va⸗ ter er ſich nicht betrachtete; obgleich er, wie viele An⸗ dere, welche dieſen ehrenvollen Namen tragen, zuweilen den Kindern anderer Leute die Vorrechte der Vater⸗ ſchaft einräumen mußte. Er hatte jedoch während ihres kurzen Verkehrs ſtets ungewöhnliche Ehrerbietung ge⸗ gen den Italiener bewieſen, und dieſe war bei keiner Gelegenheit unzweideutiger, als in der Bereitwilligkeit, mit welcher er den gegebenen Wink aufnahm. Die Ge⸗ 40 fangenen und die Diebsfänger erhielten Befehl, bei Seite zu treten, aber doch ſo nahe zu bleiben, daß er ſie in dem Auge behielt, während einige Diener der Abtei an⸗ gewieſen wurden, dem Zuge, der dieſe Anordnungen mit ſtiller Verwunderung ſah, wiſſen zu laſſen, daß er nun herannahen könne. Drittes Kapitel. Geh', Klüg'rer, deinen ſchwachen Sinn vermeſſen Und Gottes Vorſicht gleicher Art zu meſſen; Nenn' Unvollkommenheit, was dir ſo ſcheint; Sag', hier zu wenig, dort zu viel ſich eint; Zerſtöre Lebendes nur nach Behagen Und nenn' Gott ungerecht, wenn Menſchen Klagen. Pope. Es iſt unnöthig, die Charaktere, welche die verſchie⸗ denen Rollen in dem Zuge der Dorfhochzeit übernommen hatten, nochmals aufzuzählen. Alle waren bei dem Schluſſe der Feierlichkeiten gegenwärtig, wie ſie fruͤher am Tage aufgetreten waren und da die letzten geſetzlichen Formen nun in Gegenwart des Landvogts vorgenommen werden ſollten, ehe die feierlicheren Gebrauche der Kirche ſtatt fänden, ſo war die ganze Neugierde der Menge wach, welche die Linie deren durchbrach, welche die Schranken bewachten und ſich mit der ſtärkeren Theilnahme, welche ite in an⸗ nit nun gen. hie⸗ nen uſſe age nen den tatt ach, ken lche die Wirklichkeit bekanntlich vor der Dichtung beſitzt, um den Fuß der Eſtrade drängte. Während des Tages hatte man tauſend Fragen über die Braut gehort, deren Schönheit und Ausſehen alles ſo ſehr übertraf, was man bei einem Mädchen erwartete, welche ſich entſchließen konnte, eine ſolche Rolle bei einer ſo öffentlichen Gele⸗ genheit zu übernehmen, und deren beſcheidenes Beneh⸗ men ſo ſehr im Widerſpruche mit ihrer gegenwärtigen Lage ſtand. Niemand kannte jedoch ihre Geſchichte, und wenn dies der Fall war, wollte ſie niemand enthüllen; und da die Neugierde durch das Geheimnißvolle ſo unge⸗ mein geſpannt war, zeugte das Herzuſtrömen der Menge nur von der Gewalt, welche die durch tauſend Vermu⸗ thungen des Geruchtes unterſtützte Erwartung über den Geiſt der Müſſigen erlangen kann. Welcher Art immer die Muthmaßungen geweſen ſeyn mogten, welche auf Koſten der armen Chriſtine an⸗ geſtellt wurden— und es fehlte ihnen weder an Man⸗ nigfaltigkeit noch an Bosheit ſo ſahen ſich die Meiſten doch genöthigt, das Beſcheidene ihres Weſens und das hold Liebliche ihrer milden und ungemeinen Schönheit zu preiſen. Manche wollten freilich das erſtere, das bei weitem zu vorſtechend, oder zu übertrieben genannt wurde, um natürlich zu ſeyn, der Kunſt anheim rech⸗ nen. Auch blieb die gewöhnliche Menge allgemeiner Bemerkungen über die glückliche Geſchmacks⸗Verſchieden⸗ heit und über die preißenswerthe Nothwendigkeit nicht aus, die jeden in den Stand ſetzt, ſich auf ſeine Weiſe zu ergötzen. Allein dieſe waren nichts mehr, als die moraliſchen Blattern, welche gewöhnlich das menſchliche — 42— Lob entſtellen. Die Theilnahme und das Mitgefühl der wel — Maſſe ſprach mächtig und unwiderſtehlich zu Gunſten des Aug unbekannten Mädchens— Empfindungen, welche ſich un⸗ Sch zweideutig darthaten, als ſie der Bühne näher kam und ihn ſchüchtern durch eine gedrängte Menſchengaſſe ging, wo und alle ſich eifrig vorſchoben, um ſie näher zu betrachten. 1 und Der Landvogt hätte unter gewöhnlichen Umſtänden ſelt die Verletzung der Vorſchriften, welche zur Aufrechthal⸗ 1 und tung der Ordnung gegeben worden, ſehr übel genommen, ver denn es war ihm vollkommen ernſt mit ſeinen Anſichten, Gr. ſo abgeſchmackt viele derſelben waren und, gleich vielen tig 3 6 ehrlichen Leuten, welche die Wirkungen, die ſie durch ge⸗ ihr zwungene Auslegungen ihrer Grundſätze erzielen wollen, un aufheben, ließ er ſich wohl verleiten, ſeine Strenge zu ha⸗ übertreiben. In dieſem Augenblick jedoch ſah er es nicht dig ungern, daß die Menge ſich im Bereiche ſeiner Stimme gle befand. Die Gelegenheit war höchſtens nur halb⸗amtlich we und er befand ſich ſo ſehr unter dem Einfluß des heißen ihr Côte⸗Weines, daß er vor Begierde brannte, ſeine Blu⸗ ſie men der Beredtſamkeit und ſeine Weisheitsvorräthe noch hi freigebiger zu ſpenden. Er blickte daher auf das Heran⸗ re dringen mit einer Miene vollkommen guter Laune— ei eine Eröffnung ſeiner Zuſtimmung, welche zu noch gröſ⸗ ka ſern überſchreitungen der Schranken ermuthigte, bis der lie von den Hauptperſonen, die in dieſer Schlußſcene auf⸗ A G traten, eingenommene Raum nicht mehr größer war, als ch ihre Bewegungen und ihre Bequemlichkeit durchaus for⸗ S derten. In dieſer Lage der Dinge wurde zu der Feier⸗ d lichkeit geſchritten. h Der ſanfte Strom der Hoffnung und des Glictes 9 43— welcher in der milden Bruſt der Braut von dem erſten Augenblicke ihres Auftretens auf dieſem ungewöhnlichen Schauplatz bis zu jenem, in welchem Pippo's Geſchrei ihn getrübt hatte, allmählig geſtiegen war, ſank nun nach und nach wieder unter einem Gefühle der Beſorgniß, und ſie betrat jetzt den Platz mit einer geheimen und ſeltſamen Angſt in dem Herzen, die ihre Unerfahrenheit und ihre ganze Unbekanntheit mit dem Leben furchtbar vermehren halfen. Ihre Einbildungskraft erhöhte die Gründe der Unruhe zu einer vorbereiteten und beabſich⸗ tigten Beleidigung. Chriſtine, mit der Schmach, die auf ihrer Famitie laſtete, vollkommen bekannt, hatte in dieſe ungewoͤhnliche Art, ihre Lage zu ändern, nur aus leb⸗ hafter Beſorgniß gewilligt, jede andere würde nothwen⸗ dig zur Entdeckung ihrer Herkunft führen. Dieſe, ob⸗ gleich übertriebene und in der That grundloſe Furcht, war die Folge ihres neuerlichen zu vielen Brütens über ihre Lage und jener kränklichen Empfindlichkeit, welcher ſich die Reinſten und Unſchuldigſten leider am öfterſten hinzugeben pflegen. Das Geheimniß wünſchte, wie be⸗ reits bemerkt worden, ihr Bräutigam, der mit der Liſt eines habſuchtigen Geiſtes den kleinen Kreis ſeiner Be⸗ kannten irre zu führen und ſeine Habſucht um den mög⸗ lich wohlfeilſten Preis für ſich zu befriedigen gehofft hatte. Aber es gibt einen Punkt der Selbſterniedrigung, wel⸗ cher das vollkommene Bewußtſeyn des Rechts ſelbſt den Schüchternſten ſelten überſchreiten läßt. Als die Braut durch die gedrängte Menſchengaſſe ging, wurde ihr Auge heiterer und ihr Fuß ſicherer— denn der Stolz der Rechtlichkeit beſiegte die gewöhnliche mädchenhafte Em⸗ pfindlichkeit ihres Geſchlechtes und gab ihr in dem Au⸗ genblick die größte Stärke, in welchem die Mehrzahl der Frauen ihre Schwäche wohl am erſten verrathen hatten. Sie hatte eben dieſe erzwungene aber achtungswerthe Ruhe erlangt, als der Landvogt, der Menge ein Zeichen gebend, zu ſchweigen und ruhig zu bleiben, ſich in einer Weeiſſe, welche würdevoll ſeyn ſollte, und auch bei der Menge für einen ſehr erfolgreichen Verſuch in ſeiner Art galt, erhob, um das vorzunehmende Geſchaft durch eine kurze Anrede einzuleiten. Der Leſer darf über die Zungenfertigkeit des guten Peterchens nicht ſtaunen, denn es war ſchon ſpat am Tage und ſeine häufigen Li⸗ bationen wahrend der Feierlichkeiten würde ihn zu einem noch höhern Fluge der Beredſamkeit emvorgehoben haben, wenn die Gelegenheit und die Geſellſchaft einer ſolchen Darlegung ſeiner Befähigungen ganz angepaßt gewe⸗ ſen wäre. „Wir haben einen freudigen Tag gehabt, meine Freunde,“ ſagte er;„einen Tag, deſſen ausgezeichnete Feier jeden von uns an unſere Abhängigkeit von der Vorſehung, unſere gebrechlichen und fündenvollen Neigun⸗ gen und beſonders an unſere Pflichten gegen den Nath von Bern erinnern muß. In den Sinnbildern des Reichthums und Überfluſſes ſehen wir die Güte der Na⸗ tur, die ein Geſchenk des Himmels iſt; in den verſchie⸗ denen kleinen Verſehen, welche vielleicht unvermeidlich bei einigen der feineren Theile der Darſtellungen began⸗ gen wurden— und ich mochte hier beſonders die bethörte Trunkenheit Antoine Giraud's, des Mannes, der es un⸗ verſchämter Weiſe über ſich nahm, die Rolle des Silen —————= 3. zu ſpielen, als einen paſſenden Gegenſtand für Eure Aufmerkſamkeit anführen, denn ſie iſt für alle dem Trunk ergebene Schurken ſehr lehrreich— koönnen wir unſere eigenen großen Unvollkommenheiten ſehen, wahrend wir in der Ordnung des Ganzen, in den vollkommnen Gehorſam der Untergeordneten, ein Gegenſtück zu der Schönheit einer wachſamen und ſtrengen Polizei und eines gutge⸗ regelten Staatshaushalts finden. Ihr ſeht ſonach, daß das Feſt, obgleich es ein heidniſches Auſſere hat, eine chriſtliche Moral enthält; Gott gebe, daß wir alle das erſere vergeſſen und das letztere gedenken, wie es unſern verſchiedenen Charakteren und unſerm gemeinſamen Va⸗ terlande angemeſſen iſt. Und nun, da wir mit den Gott⸗ heiten und ihren Sagen— mit Ausnahme dieſes Schur⸗ ken Silen, deſſen ſchlechtes Betragen wahrlich nicht ganz leicht zu überſehen iſt— fertig ſind, wollen wir auch ſterblichen Angelegenheiten einige Aufmerkſamkeit zuwen⸗ den. Die Ehe ſteht vor Gott und Menſchen in Ehren, und obgleich ich nie Muße hatte, ſelbſt in dieſen heiligen Stand zu treten, was mannigfachen Gründen, beſonders aber dem Umſtande zuzuſchreiben iſt, daß ich gleichſam dem Staate vermählt bin, gegen welchen wir alle eben ſo große, und ſelbſt größere Pflichten haben, als das treueſte Weib gegen ihren Gatten, ſo dürft Ihr doch nicht annehmen, ich hätte keine hohe Verehrung vor dem Eheſtand. Weit entfernt davon, habe ich keinem Theile der Feſtlichkeiten dieſes Tags freudiger entgegen geſehen, als dem der Hochzeit, welche wir nun aufgefordert ſind, auf eine der Wichtigkeit des Gegenſtandes entſprechende — 46— Weiſe zu vollziehen. Laßt den Bräutigam und die Braut vortreten, damit Alle das glückliche Paar näher ſehen.⸗ Auf das Geheiß des Landvogts führte Jacques Co⸗ lis Chriſtinen auf eine kleine, für ihre Aufnahme be⸗ ſtimmte Brettererhöhung, wo beide von den Zuſchauern vollſtändiger als bisher geſehen werden konnten. Die Unruhe und Erregung, welche einer ſo öffentlichen Aus⸗ ſtellung folgten, erhöhten die Röthe auf den ſanften Wangen der Braut, und ein neues und noch weniger zweideutiges Murmeln des Beifalls ließ ſich in der Ver⸗ ſammlung hören. Der Anblick der Jugend, der Un⸗ ſchuld, der weiblichen Anmuth erregte im höchſten Grade ſelbſt der Rohen und Gefühlloſen Theilnahme und die Mehrzahl der Anweſenden begann mit den Beſorgniſſen des Mädchens Mitleid zu fühlen und ihre Hoffnungen zu theilen. „Vortrefflich!“ fuhr der vergnügte Peter Hofmeiſter fort, der nie halb ſo glücklich war, als wenn er amtlich für das Glück anderer ſorgen konnte. Dies verſpricht eine glückliche Ehe. Ein rechtlicher, fleißiger, ſparſamer und thätiger Bräutigam und eine ſchöne, hingebende Braut jagen die Unzufriedenheit aus Jedermann's Schorn⸗ ſtein. Da das nun zunächſt vorzunehmende gerichtlich und bindend iſt, ſo muß der gehörige Ernſt und Anſtand beachtet werden. Laßt den Notar vortreten— nicht den, der ſeine Rolle mit ſo vieler Kunſt geſpielt hat, ſondern jenen löblichen und wackern Mann, der mit dieſen ach⸗ tungswerthen Pflichten von Amtswegen beauftragt iſt— und wir wollen den Kontract hören. Ich empfehle die geziemende Stille, meine Freunde, denn es handelt ſich ☚ ——z7 Braut en.⸗ Co⸗ e be⸗ ern Die Aus⸗ nften niger Ver⸗ Un⸗ Brade d die niſſen en zu eiſter ntlich pricht amer bende horn⸗ htlich ſtand den, ndern mach⸗ ſt— le die t ſich hier von den echten Geſetzen und einer wirklichen Hei⸗ rath,— eine ernſte Angelegenheit, die in keinem Falle mit Leichtſinn behandelt werden darf, indem einige jetzt in der Eile ausgeſprochene Worte ein ganzes ſpäteres Leben bereut werden können.“ Alles war nun den Wünſchen des Landvogts gemäß und mit dem größten äuſſern Anſtand angeordnet. Ein wirklicher und. bevollmächtigter Notar las den Heiraths⸗ Kontract laut ab,— eine Urkunde, in welcher die bür⸗ gerlichen Verhaltniſſe und gegenſeitigen Zugeſtändniſſe des Brautpaars enthalten waren und der nur der Un⸗ terſchriften noch bedurfte, um rechtliche Kraft zu haben. Dieſe Urkunde forderte natürlich, daß die wirklichen Na⸗ men der betheiligten Perſonen, ihr Alter, ihre Herkunft und alle jene Thatſachen, welche nothwendig ſind, um ihre Identität herzuſtellen und die Rechte der Nachfolge zu ſichern, beſtimmt angegeben wurden, ſo daß ſie in der entfernteſten Zeit gültig war, wenn je die Nothwendig⸗ keit eintreten ſollte, ſich auf ſie als einen Beweis zu be⸗ rufen. Die geſpannteſte Aufmerkſamkeit herrſchte in der ganzen Verſammlung, als dieſe Einzelnheiten vorgeleſen wurden und Adelheid war bei dieſem zarten Theile der Verhandlungen, als das unterdrückte, aber doch noch hör⸗ bare Athmen Sigismunds ihr Ohr erreichte, in der größten Angſt, es möchte ſich etwas begeben, das ſeine Gefühle rauh berührte. Aber es ſchien, als ſey der Notar im Geheimniß. Die Einzelnheiten hinſichtlich der Braut waren ſo künſtlich angeordnet, daß ſie, obgleich vollkommen bindend vor dem Geſetze, der Beachtung der argloſen Zuhorer ſo geſchickt entzogen wurden, daß dem — 48— Punkte, welcher bei der Bekanntmachung am meiſten be⸗ ſorgen ließ, nicht die geringſte Aufmerkſamkeit gewidmet wurde. Sigismund athmete freier, als der Notar ſich dem Ende ſeiner Aufgabe näherte, und Adelheid hörte den ſchweren Athem, den er am Schluſſe mit der Freude deſſen verhauchte, der ſich verſichert hat, einer drohenden Gefahr entgangen zu ſeyn. Chriſtine ſelbſt ſchien heite⸗ rer, obſchon ihre Unerfahrenheit ſie in einem hohen Grade hinderte, alles das vorherzuſehen, was die größere Übung Sigismunds ihn fürchten ließ. „Dies iſt ganz in der Rehel und fehlen jetzt nur noch die Unterſchriften des betheiligten Paars und ihrer Verwandten,“ bemerkte der Landvogt.—„Eine glück. liche Ehe iſt, wie ein wohlgeordneter Staat, ein Vorge ſchmack der Freuden und des Friedens des Himmels; während ein unzufriedener Hausſtand und ein unruhiges Volk zumal den Strafen und Qualen der Hölle verglichen werden können. Laßt die Verwandten des Paares vor⸗ treten und ſich bereit halten, ihre Namen zu unterzeich⸗ nen, wenn Braut und Brautigam dieſer Pflicht genug⸗ gethan haben werden.“ Einige der Verwandten und Bekannten des Jacques Colis kamen aus dem Gedränge hervor und ſtellten ſich. an die Seite des Bräutigams, der ſofort ſeinen Namen unterſchrieb, als harre er ungeduldig ſeines Glückes. Eine allgemeine Stille trat ein, denn Alle waren neu⸗ gierig zu ſehen, wer Anſpruch auf die Verwandtſchaft machen würde. Mehrere Minuten verſtrichen, ohne daß irgend jemand aufgetreten wäre. Sigismunds Athem wur gab wille fluſt Glu genl Und und ſein dru⸗ Sch löſt ein liche die nen plöt dief wa aus ter zur ver zu ein ner en be⸗ vidmet ar ſich hoͤrte Freude henden heite⸗ hohen rößere t nur ihrer glück⸗ Borge⸗ mels; ihiges lichen vor⸗ zeich⸗ genug⸗ cques n ſich amen ückes. neu⸗ ſchaft 2 daß lthem — 49— wurde ſchwerer; er ſchien erſticken zu wollen und dann gab er einem großmüthigen Gefühle Raum und ſtand auf. „Um der Liebe Gottes willen— um deiner ſelbſt willen— um meinetwillen! ſey nicht zu raſch!“— flüſterte die erſchreckte Adelheid, denn ſie ſah die heiße Glut, die auf ſeiner Stirne brannte. „Ich kann die arme Chriſtine in einem ſolchen Au⸗ genblicke nicht der Verachtung der Welt preis geben! Und wenn ich vor Scham ſterbe, muß ich hervortreten und mich zu erkennen geben.“ Die Hand des Fräuleins von Willading wurde auf ſeinen Arm gelegt und er gab dieſer ſtummen aber aus⸗ drucksvollen Bitte nach, denn jetzt eben ſah er, daß ſeine Schweſter von ihrer verzweiflungsvollen Einſamkeit er⸗ löſt werden ſollte. Die Maſſe that ſich auseinander und ein anſtändiges Paar, in die Tracht kleiner aber behäg⸗ licher Gutsbeſitzer gekleidet, ging unſichern Schrittes auf die Braut zu. Chriſtinens Augen füllten ſich mit Thrä⸗ nen, denn Schrecken und Furcht vor der Schmach wichen plötzlich der Freude. Die, welche vortraten, um ihr in dieſem Augenblicke der Prüfung zu Hülfe zu kommen, waren ihr Vater und ihre Mutter. Das achtungswerth ausſehende Paar ſchritt langſam an die Seite ihrer Toch⸗ ter und erſt, als ſich der Vater zur Rechten, die Mutter zur Linken des Madchens geſtellt hatten, wagten ſie es, verſtohlene und demuthige Blicke auf die Verſammlung zu werfen. „Es iſt ohne Zweifel ſchmerzlich für die Eltern, von einem ſo ſchönen und pflichtergebenen Kinde ſich zu tren⸗ nen,“ begann das ſtumpfe Peterchen wieder, der in einer 79— 81. 4 — 50— Erregung des Gefühls ſelten mehr ſah als deſſen alltäg⸗ lichen und gewöhnlichen Charakter.„Die Natur treibt ſie dahin, und die Beſtimmungen des Heiraths⸗Kon⸗ tractes und der Fortgang unſerer Feierlichkeiten dort⸗ hin. Ich habe oft ſelbſt Schwachheiten dieſer Art, in⸗ dem die gefühlvollſten Herzen ſolchen Anwandlungen am meiſten ausgeſetzt ſind. Aber meine Kinder ſind das Publikum, welches nicht viel von dem, was ich das De⸗ tail der Empfindung nennen möchte, zuläßt, ſonſt wäre ich, bei der Seele Calvins, nur ein unbedeutender Land⸗ vogt für Bern!— Du biſt der Vater dieſes ſchönen und erröthenden Mädchens, und du ihre Mutter?⸗ „So iſt's!“ verſetzte Balthaſar ſanft. „Du biſt, nach deiner Sprache, nicht aus Vevay oder der Umgegend?⸗ „»Aus dem großen Kanton, mein Herr,“ antwortete Balthaſar deutſch, denn dieſe kleinen Bezirke haben faſt eben ſo viele Sprachen, als ſich Gebietsabtheilungen da finden. ⸗Wir ſind fremd in der Waadt.⸗ „»Du haſt nicht übel daran gethan, deine Tochter mit einem Vevayer zu verheirathen, beſonders da es un⸗ ter dem Schutz der berühmten und freigebigen Abtei ge⸗ ſchieht. Ich bin überzeugt, daß dein Kind durch dieſe Einwilligung in die Wünſche derer, welche dieſen Feſt⸗ lichkeiten vorſtehen, nicht ärmer werden wird,⸗ „Sie wird nicht ohne Mitgift in das Haus ihres Gatten gehen,“ erwiderte der Vater, von geheimem Stolze erröthend; denn wenn die Wechſelfälle des Lebens jemanden ſo wenige Quellen der Freude ließen, mußten ihm die, welche er beſaß, doppelt theuer ſeyn. — 5— „Das iſt gut! ein ſehr würdiges Paar! Und ich zweifle nicht, daß Euer Sprößling ein tüchtiger Geſelle werde. Monſieur le Notaire, ruft die Namen dieſer guten Leute hier laut aus, damit ſie ihre Unterſchrift mit dem gebührenden Pomp beiſetzen.⸗ „Dies iſt anders vorgeſchrieben,“ antwortete haſtig der Mann von dem Gänſekiel, welcher nothwendig in das Geheimniß von Chriſtinens Herkunft eingeweiht und nicht ſchlecht bezahlt war, um nichts auszuplaudern.„Es würde die Ordnung und Regelmäßigkeit des Verfahrens durchaus vernichten.⸗ „»Wie es beliebt; denn ich möchte nicht gegen die Form verſtoßen wiſſen, vor allem aber keine Unordnung haben. Aber um des Himmels willen, laßt uns dieſe Schreibereien fertig machen, denn ich höre, es ſeyen An⸗ zeichen da, denen zufolge unſere Braten leicht anbrennen könnten. Kannſt du ſchreiben, guter Mann?⸗ „Leidlich, mein Herr, aber doch ſo, daß das, was ich will, vor dem Geſetze bindet.⸗ „Gebt der Braut die Feder, Herr Notar, und laßt uns den glücklichen Augenblick nicht länger hinausſchieben.⸗ Hier wandte der Landvogt den Kopf und flüſterte einem Bedienten zu, in die Küche zu laufen und zu ſehen, wie es mit dem Mahl ſtehe. Chriſtine nahm mit zittern⸗ der Hand und blaſſer Wange die Feder und war im Be⸗ griff, ihren Namen zu ſchreiben, als ein plötzlicher Ruf im Gedränge die Aufmerkſamkeit aller Anweſenden auf einen neuen Gegenſtand des Intereſſe's zog. ⸗Wer wagt es, ſo unanſtändig dieſen ernſten Auf⸗ 4 82 trutt zu unterbrechen, und das zwar Angeſichts ſolcher Perſonen?⸗ fragte der Landvogt ſtreng. Pippo, der mit den übrigen Gefangenen durch das Gedränge der Menge nothwendig in dem Raum nahe der Eſtrade eingeſchloſſen war, taumelte nun hervor, nahm ſeine Mütze mit einer tiefen Verbeugung ab und ſtellte ſich demüthig Peterchen's Augen dar. „Ich bin's, beruhmter und edler Statthalter,“ er⸗ widerte der verſchmitzte Neapolitaner, dem von dem Safte, welchen er verſchlungen hatte, eben noch genug geblieben war, um ihn kühn zu machen, ohne ſeine Beobachtungskraft zu ſchwächen.„Ich bin's,— Pippo, ein Künſtler von wenig Anſprüchen, aber ein ſehr ehr⸗ licher Mann, hoffe ich, und, wie ich weiß, ein großer Verehrer der Geſetze und ein treuer Freund der Ordnung.“ „Laßt den guten Mann offen zu uns reden. Ein Mann von dieſen Grundſätzen hat ein Recht auf unſer Gehör. Wir leben in einer Zeit verdammenswerther Neuerungen und der ſchändlichſten Verſuche, Altar, Staat und deren Diener zu vernichten, und die Geſinnungen ſolcher Leute ſind wie Thau auf das verdörrte Gras.“ Der Leſer darf aus der Sprache des Landvogts nicht folgern, die Waadt habe am Vorabend irgend einer groſ⸗ ſen politiſchen Erſchutterung geſtanden; ſondern es war damals, wie jetzt, da die Regierung an ſich eine Uſur⸗ pation und auf den falſchen Ausſchluß⸗Grundſatz gegrün⸗ det war, ganz gewöhnlich, uͤber die moraliſchen Wehen verletzten Rechtes laut zu klagen, da dieſelbe Gier nach Beſitz, dieſelbe Selbſtſucht, das obgleich mit Unrecht Er⸗ langte feſtzuhalten und dieſelbe Keckheit im Verfechten von Grundſätzen, nicht ohne die Abſicht, der Welt einen blauen Dunſt vorzumachen, vor einem Jahrhundert eben ſo gut wie heut zu Tag, in der chriſtlichen Welt herrſch⸗ ten. Der liſtige Pippo ſah, daß der Köder ſeine Wir⸗ kung gethan hatte und fuhr mit einer noch ehrfurchtsvol⸗ leren und loyaleren Miene fort: Obgleich ein Fremdling, berühmter Statthalter, fühlte ich doch das größte Vergnügen an dieſen köſtlichen und muntern Feſtlichkeiten. Ihr Ruhm wird ſich weit und breit ausdehnen und man wird das kommende Jahr kaum von etwas anderm reden, als von Vevay und ſei⸗ nem Feſte. Aber eine große Verunglimpfung hängt über euern achtungswerthen Häuptern, welche abzuwenden in meiner Gewalt ſteht, und San Gennaro verhüte es, daß ich, ein Fremder, der in Eurer Stadt ſo gut aufgenom⸗ men wurde, zaudern ſollte, meine Stimme wegen irgend einer Bedenklichkeit, ob es ſich zieme, zu erheben. Ohne Zweifel, großer Statthalter, glaubt Euere Eccellenza, dieſer würdige Vevayer ſey im Begriff, ein ehrbares Mädchen zu heirathen, deren Name mit denen der Feier⸗ lichkeiten und Eurer Stadt vor der ſtolzeſten Geſellſchaft in Europa mit Anſtand genannt werden kann?⸗ „Was heißt das, Burſche? Das Mädchen iſt ſchön, und ziemlich beſcheiden, wenigſtens dem Anſehen nach, und wenn du ſonſt irgend etwas weißt, ſo flüſtere dein Geheimniß in die Ohren des Bräutigams oder ihrer Verwandten und ſtöre nicht in dieſer rohen Weiſe unſere Harmonie mit deinem Rabengekrächze, wenn wir uns eben anſchicken, das Hochzeitslied zu Ehren des glücklichen Paares anzuſtimmen. Solche übertriebene Umſtändlich⸗ — 352— keiten ſind der Fluch des Eheſtandes, meine Freunde, und ich bin ſehr gewillt, dieſen Schurken, trotz aller ſei⸗ ner Anhänglichkeit an die Ordnung, welche leicht Unord⸗ nung hervorbringen kann, einen oder zwei Monate für ſeine Bemühungen in das Vevayer Verlies zu ſchicken.“ Pippo gerieth in Angſt, denn, eben trunken genug, um keck zu ſeyn, hatte er nicht alle ſeine Geiſteskräfte vollkommen zur Hand und ſein gewöhnlicher Scharfſinn ließ ihn ein wenig im Stich. Da er aber gewöhnt war, der öffentlichen Meinung zu trotzen und das Mißlingen ſeiner Darſtellungen dadurch vergeſſen zu machen, daß er der Geduld und Leichtgläubigkeit ſeiner Zuhörerſchaft noch mehr aufbürdete, beſchloß er beharrlich zu ſeyn, dieſes für den wahrſcheinlichſten Weg haltend, ſich den gedrohten Folgen ſeiner Unklugheit zu entziehen. „Ich bitte tauſendmal um Verzeihung, großer Land⸗ vogt,“ antwortete er. Nur der glühende Wunſch, Eu⸗ rer hohen Ehre und dem Ruhme des Winzerfeſtes Ge⸗ rechtigkeit wiederfahren zu laſſen, hat mich ſo weit ge⸗ führt, aber—“ „Sage grade heraus, was du willſt, Schurke, und laß die Umſchweife.⸗ „Ich habe nichts zu ſagen, Signore, als daß der Vater dieſer erhabenen Braut, welche im Begriffe iſt, Vevay zu ehren, indem ſie ihre Vermählung zu einer Feier macht, welche alle in der Stadt mit anſehen und begünſtigen, der öffentliche Scharfrichter von Bern iſt— ein Elender, der kürzlich beinahe den Untergang von mehr Chriſten veranlaßt hätte, als das Geſetz verdammt hat, und der bei dem Himmel hinreichend in Ungnade — 55— ſteht, um das Schickſal von Gomorrah über Cure Stadt zu bringen.⸗ Pippo taumelte ſeinem Platze unter den Gefangenen zu, als hätte er ſich eines wichtigen Auftrags erledigt und war ſofort vor den Blicken verſchwunden. Die Un⸗ terbrechung war ſo raſch und unerwartet gekommen und der Italiener ſtieß ſeine Worte mit ſolchem Ungeſtümm heraus, daß, obgleich mehrere Anweſende, als es zu ſpat war, ſeine Abſicht gewahrten, niemand hinreichende Gei⸗ ſtesgegenwart hatte, ihm zuvorzukommen. Ein Mur⸗ meln durchlief die Menge, die ſich wie eine mächtige, von einem dahin braußenden Wirbelwind gehobene Waſ⸗ ſerfläche bewegte und dann wieder ſtill und ruhig ward. Unter allen Anweſenden zeigte der Landvogt am wenig⸗ ſten Staunen oder Unruhe, denn für ihn war ſelbſt der letzte Diener des Geſetzes ein Gegenſtand, wenn auch nicht grade der Achtung, doch des amtlichen Wohlwollens eher als der Schande. „Was thut das?⸗ antwortete er, als hätte er eine weit wichtigere Mittheilung erwartet.„Was thut das, wenn es auch wahr wäre? Höre, Freund,— biſt du wirklich der bekannte Balthaſar, deſſen Familie ſich um den Kanton durch ſo viele Rechts⸗Vollſtreckungen ver⸗ dient gemacht hat?⸗ Balthaſar ſah, daß ſein Geheimniß verrathen war und daß es klüger ſey, einfach die Wahrheit zuzugeſte⸗ hen, als zu Ausflüchten und Läugnen ſeine Zuflucht zu nehmen. Er war überdies von Natur ein grader, wahr⸗ heitsliebender Mann und fühlte tief in ſeinem Herzen die Ungerechtigkeit, deren Opfer er durch die gefühlloſen — 56— Einrichtungen der bürgerlichen Geſellſchaft war. Sein Haupt erhebend, blickte er mit Feſtigkeit um ſich, denn auch er war unglücklicherweiſe daran gewöhnt, in Gegen⸗ wart der Menge zu handeln und beantwortete die Frage des Landvogts mit dem gewöhnlichen milden Tone ſeiner Stimme, aber mit Ruhe. „Herr Landvogt, ich bin durch Vererbung der letzte Vollſtrecker des Geſetzes.“ „Bei meinem Amte! ich liebe dieſen Titel!— er iſt gut!— der letzte Vollſtrecker des Geſetzes!— Wenn Schurken unrecht thun und unzufriedene Geiſter Ver⸗ ſchwörungen anzetteln, muß eine Hand da ſeyn, welche ihren böſen Werken den letzten Streich verſetzt— und warum nicht du ſo gut wie ein Anderer? Hört, ihr Leute, ſperrt jenen Italiener eine Woche oder zwei bei Brod und Waſſer ein, weil er es gewagt hat, mit der Zeit und Gutmüthigkeit des Publikums auf eine ſo un⸗ verſchämte Weiſe ſein Spiel zu treiben. Und dieſes wur⸗ dige Weib iſt deine Gattin, ehrlicher Balthaſar, und die⸗ ſes ſchöne Mädchen dein Kind— haſt du mehrere von ſo trefflicher Art?⸗ „Gott hat mich mit Nachkommenſchaft geſegnet, mein Herr!“ „Ja, Gott hat dich geſegnet!— und ein großer Segen iſt es, wie ich aus bitterer Erfahrung weiß— das heißt, da ich ſelbſt ein Junggeſelle bin, begreife ich das Unglück, kinderlos zu ſeyn— ich will nicht mehr ſagen. Zeichne den Kontrakt, ehrlicher Balthaſar, mit deinem Weibe und Kinde, damit dieſe Angelegenheit zu Ende gebracht wird.“ — 57— Die Familie des Geächteten war im Begriff, dieſem Befehle zu folgen, als Jacques Colis plötzlich die Zeichen eines Hochzeiters abwarf, den Kontrakt in Stücke riß und öffentlich erklärte, er habe ſeine Abſicht geändert und werde eines Scharfrichters Tochter nicht zum Weibe nehmen. Die öffentliche Stimmung wird gewöhnlich durch jede offene Erklärung zu Gunſten des herrſchenden Vorurtheils gewonnen und nachdem eine kurze Pauſe des Staunens vorüber war, wurde der Entſchluß des Bräutigams mit ſtürmiſchem Beifall aufgenommen, dem unmittelbar ein allgemeines, rohes und höhnendes Ge⸗ lächter folgte. Die Menge drängte ſich in noch dichtern Schaaren gegen die Schranken heran und ſtellte dem Durchgang eines Jeden in allen Richtungen eine undurch⸗ dringliche Mauer entgegen; eine Todesſtille folgte nun, als wenn alle Anweſenden athemlos den Ausgang des ſonderbaren Auftrittes erwarteten. Das Beginnen des Bräutigams war ſo unerwartet und überraſchend, daß die am meiſten dabei Betheiligten anfangs die Größe der Schmach nicht begriffen, welche ſo öffentlich auf ſie gehäuft wurde. Die unſchuldige und argloſe Chriſtine ſtand da, der kalten Statue einer Ve⸗ ſtalin ähnlich, die Feder erhoben, bereit, ihren unbefleck⸗ ten Namen unter den Kontrakt zu ſetzen, unſchlüſſig und zweifelhaft, während ihr erſtaunter Blick der Erregung der Menge folgte, wie der erſchreckte Vogel, bevor er auffliegt, auf die Bewegung der Blätter des Gebüſches ſieht. Aber es war nicht möglich, der Wahrheit zu ent⸗ rinnen. Die Gewißheit des niederdrückenden Charakters derſelben ſtellte ſich zu bald ein und während die Ruhe der geſpannten Neugierde der augenblicklichen Erregung der Zuſchauer folgte, ſtand Chriſtine da, ein ſchönes, aber ſchmerzvolles Bild verwundeten weiblichen Gefühls und jungfräulicher Scham. Auch ihre Eltern waren durch das Raſche des unerwarteten Schlags betäubt, und es dauerte lange, bis ſie die Faſſung wieder gewannen, welche nöthig war, um einer ſo unverſchuldeten und gro⸗ ben Beleidigung entgegen zu treten. „Dies iſt ungewöhnlich!“ bemerkte der Landvogt trocken, indem er zuerſt die lange und peinliche Stille unterbrach. „Es iſt thieriſch!“ fiel Signor Grimaldi mit Wärme ein.„Wenn der Bräutigam nicht getäuſcht wurde, iſt es durchaus nicht zu entſchuldigen!“ „Eure Erfahrung, Signore, hat ſogleich die rechten Punkte in einem ſehr verwickelten Falle hervorgehoben, und ich werde ohne Zeitverluſt der Sache auf den Grund gehen.“ Sigismund ſetzte ſich wieder und ſeine Hand löſ'te ſich vom Schwertgriff, den ſie inſtinktmäßig gefaßt hatte, als er dieſe Erklärung der Abſichten des Landvogts hörte. „Um deiner armen Schweſter willen, laß ab!“ flüſterte die erſchreckte Adelheid.„Alles wird noch gut gehen— alles muß ſich fügen— es iſt unmöglich, daß eines ſo lieblichen und unſchuldigen Weſens Ehre lange ungerächt bleibt.“ Der junge Mann lächelte gräßlich, wenigſtens ſchien es ſeiner Freundin ſo; aber er behielt den Schein der Faſſung. Mittlerweile wandte Peterchen, der heimlich einen zweiten Boten an die Küche geſendet hatte, ſeine ing es, hls ren und nen, gro⸗ vogt tille rme iſt hten ben, rund löſ'te datte, örte. ab!⸗ ) gut daß lange ſchien n der imlich ſeine — 59— ernſte Aufmerkſamkeit auf die eben entſtandene Gchwir⸗ rigkeit. „Ich bin lange von dem Rathe mit ehrenvollen pfüch⸗ ten beauftragt worden,“ ſagte er,„aber nie, bis auf den heutigen Tag, wurde ich in Anſpruch genommen, über ein häusliches Mißverſtändniß zu entſcheiden, bevor die Betheiligten wirklich getraut waren. Es iſt dies eine ſchwere Unterbrechung der Feierlichkeiten der Abtei und eine Beſchimpfung des Notars und der Zuſchauer, und verdient genaue Unterſuchung. Beſtehſt du wirklich dar⸗ auf, eine Hochzeitsfeier auf eine ſo ungewöhnliche Art zu endigen, Herr Bräutigam?⸗ Jacques Colis war ein wenig von ſeinem erſten Un⸗ geſtümm zurückgekommen, welcher ihn zu dem übereilten und unüberlegten Schritte verleitet hatte, eine Urkunde zu zerſtören, die er geſetzlich vollzogen; aber dieſem Laut⸗ werden des Gefühls folgte der ſtarre und feſte Entſchluß, auf jede Gefahr hin bei der Weigerung zu verharren. „Ich werde die Tochter eines Mannes nicht eheligen, der von den Menſchen ausgeſtoßen und von allen geflo⸗ hen wird,“ antwortete er mürriſch. „Allerdings iſt die Achtbarkeit der Eltern nach einer guten Mitgabe die erſte Rückſicht bei der Wahl eines Weibes,“ erwiderte der Landvogt:„aber ein Mann von deinen Jahren kam nicht hierher, ohne ſich vorher nach der Herkunft des Mädchens erkundigt zu haben, die er heirathen will.“ „Man hatte mir geſchworen, das Geheimniß zu be⸗ wahren. Das Mädchen erhält eine ſchöne Mitgift und das Verſprechen wurde mir feierlich gegeben, daß ihre — 60— Herkunft nie bekannt werden ſolle. Die Familie Colis wird in der Waadt geachtet und ich will mir nicht nach⸗ ſagen laſſen, das Blut des Scharfrichters des Kantons habe ſich mit einem ſo guten Geblüte, wie das unſrige vermiſcht.“ „Und doch warſt du nicht abgeneigt, ſo lange die Sache unbekannt war? Dein Einwand geht weniger auf die Thatſache, als auf deren öffentliche Bekanntma⸗ chung.“ „Ohne die Beihülfe von Pergamenten und Zungen, Monſieur le Bailli, wären wir alle gleich an Geburt. Fragt den edeln Freiherrn von Willading, der dort an Eurer Seite ſitzt, warum er beſſer iſt als ein Anderer! Er wird Euch ſagen, er ſtamme aus einem alten und ehrenvollen Geſchlechte; wäre er aber als Kind aus ſei⸗ nem Schloſſe gebracht, und unter einem falſchen Namen verborgen worden und hätte niemand erfahren, wer er iſt,— wer dächte wohl um der Thaten ſeiner Vorfah⸗ ren willen an ihn? Wie der Herr von Willading in ei⸗ nem ſolchen Falle in dem Anſehen der Welt verloren hätte, ſo hat Chriſtine gewonnen; wie ſich aber die öf⸗ fentliche Meinung dem Freiherrn zuwenden würde, wenn man die Wahrheit bekannt machte, ſo wendet ſie ſich von Balthaſars Tochter ab, ſobald man in ihr die Tochter des Scharfrichters erkennt. Ich hätte das Mädchen ge⸗ heirathet, wie ſie war, allein Ihr verzeiht, Monſieur le Bailli, wenn ich ſage, daß ich ſie nicht heirathen werde, wie ſie iſt.⸗ Ein Gemurmel des Beifalls folgte dieſer hörbaren nnd ſchnellfertigen Vertheidigung, denn wenn der Wider⸗ lis nch⸗ ons eige die ger ma⸗ gen, urt. an rer! und ſei⸗ men r er rfah⸗ n ei⸗ loren. e öf⸗ wenn von ſchter n ge⸗ iſieur athen baren Lider⸗ — 61— wille lebhaft rege und bitter iſt, begnügen ſich die Men⸗ ſchen leicht mit zweifelhafter Moral und einem ſchwachen Beweiſe. „Der Burſche iſt nicht ohne Verſtand,“ bemerkte der verblüffte Landvogt, indem er den Kopf ſchüttelte. „Ich wollte, er wäre im Disputiren weniger erfahren, oder das Geheimniß wäre beſſer bewahrt worden. Es iſt ſo klar, wie die Sonne am Himmel, Freund Melchior, daß du, wenn man dich nicht als das Kind deines Va⸗ ters gekannt hatte, nimmermehr der Erbe deines Schloſ⸗ ſes und der Läandereien geworden wäarſt— ja, bei dem heiligen Lukas, nicht einmal die Rechte der Bürgerſchaft wären auf dich gekommen.“ „Zu Genua haben wir die Sitte, beide Parteien zu hören,“ erwiderte Signor Grimaldi ernſt, um uns erſt zu verſichern, daß wir der Sache auf den wahren Grund ſehen. Wenn ein anderer auf Signor von Willadings Ehren und Namen Anſprüche machte, würdet Ihr ſchwer⸗ lich ſeinem Geſuche willfahren, ohne vorher Euern Freund hier betreffs ſeiner Rechte auf dieſelben zu fragen.“ „Immer beſſer! das heiße ich Gerechtigkeit, während das von dem Bräutigam Vorgebrachte nur ein Schluß war. Höre, Balthaſar, und du, gutes Weib, ſeine Gat⸗ tin— und auch du, hübſche Chriſtine— was habt ihr ſämmtlich auf den nicht unvernünftigen Beweis des Jacques Colis zu antworten?“ Balthaſar, welcher durch die Natur ſeines Amtes und durch ſeine übrigen männlichen Obliegenheiten ſehr daran gewöhnt war, herben Beiſpielen des öffentlichen Haſſes entgegen zu treten, gewann ſehr bald ſeine ge⸗ wöhnliche äußere Ruhe wieder, obgleich er eines Vaters Kummer und eines Vaters gerechte Erbitterung fuͤhlte, als er dieſe offene Unbild gegen ein ſo liebliches und ed⸗ les Weſen, wie ſein Kind, ſah. Aber der Schlag hatte Margarethe, die treue und vieljährige Genoſſin ſeines Schickſals, weit ſchwerer getroffen. Balthaſar's Weib war über den Morgen ihres Lebens hinaus, aber ſie hatte noch die Geſtalt und einen Theil der perſönlichen Schönheit, welche ſie in ihrer Jugend zu einem Weibe von ungewöhnlich anziehendem Auſſern gemacht hatte. Als die Worte, welche die Schmach ihrer Tochter ver⸗ kündigten, zuerſt ihr Ohr trafen, überzog eine Todes⸗ bläſſe ihr Antlitz. Mehrere Minuten ſtand ſie da, einem Weſen ähnlicher, das von allem, was das Leben theuer und werth macht, den letzten Abſchied genommen hat, als einem ſolchen, das einer der ſtärkſten Leiden⸗ ſchaften des menſchlichen Herzens, der gekränkten Mut⸗ terliebe, zur Beute geworden war. Dann ſchlich das Blut ihr langſam in die Wangen zurück und als der Landvogt ſeine Frage ſtellte, glühte ihr ganzes Geſicht von dem Sturm der Gefühle, der ihre Wünſche zu ver⸗ nichten ſchien, indem er ſie der Sprache beraubte. „Du kannſt ihm antworten, Balthaſar,“ ſagte ſie heiſer, ihrem Gatten winkend, Muth zu faſſen;„du biſt an ſo viele Menſchen und an ihre Verachtung ge⸗ wöhnt.— Du biſt ein Mann und kannſt uns Recht ver⸗ ſchaffen.“ „Herr Landvogt,“ ſagte der Scharfrichter, der ſel⸗ ten das ſanfte Benehmen aufgab, welches ihn charakteri⸗ ſirte,—„es iſt viel Wahrheit in dem, was Jaeques Colit habe Land ſchon Lebe beral ſame kleid ſonſt was nem den, ſie v harr tel, ſen, Land Wil liege Vor Sch ſere woll Nach welc die aller — 63— Colis vorbrachte, aber alle Anweſenden werden geſehen haben, daß nicht an uns, ſondern an jenem herzloſen Landſtreicher die Schuld lag. Der Elende trachtete mir ſchon bei unſerer unglücklichen Reiſe hierher nach dem Leben, und, nicht zufrieden, meine Kinder ihres Vaters berauben zu wollen, ſtrebt er jetzt, mich noch grau⸗ ſamer zu beleidigen. Ich bin zu dem Amte, das ich be⸗ Pleide, geboren, wie Ihr wohl wißt, Herr Hofmeiſter, ſonſt würde ich es wohl nie geſucht haben; aber auf dem, was das Geſetz will, beſtehen die Menſchen als auf ei⸗ nem Rechte. Das Mädchen kann nie aufgefordert wer⸗ den, ein Haupt von den Schultern zu trennen und da ſie von Kindheit auf die Verachtung kennt, welche aller harrt, die meinem Geſchlechte entſtammen, ſuchte ich Mit⸗ tel, ſie wenigſtens von einem Theil des Fluches zu erlö⸗ ſen, der ſich auf uns vererbt hat.“ „Ich weiß nicht, ob dies geſetzlich iſt,“ fiel der Landvogt raſch ein.„Was iſt Eure Anſicht, Herr von Willading? Kann jemand in Bern ſeinen ererbten Ob⸗ liegenheiten ſich eben ſo wenig entziehen, als er erbliche Vorrechte an ſich reiſſen kann? Die Frage hat ihre großen Schwierigkeiten; Neuerung führt zu Neuerung und un⸗ ſere geheiligten Gebräuche müſſen beobachtet werden, wollen wir den Fluch des Wechſels von uns abwenden!“ „Balthaſar hat richtig bemerkt, daß ein Weib das Nachrichter-Amt nicht ausüben kann.“ „Sehr wahr, aber ein Weib mag ſolche gebären, welche dies können. Dies iſt eine ſpitzfindige Frage fuͤr die Rechtsgelehrten und ſie muß unterſucht werden; von allen verdammlichen Vergehen wende der Himmel das — 64— von mir ab, einen Wechſel zu wünſchen. Wenn jemals ein Wechſel kommen ſoll, warum etwas feſtes beſtimmen. Der Wechſel iſt eine unverzeihliche Sünde in der Poli⸗ tik, Signor Grimaldi, denn was man oft wechſelt, wird mit der Zeit werthlos, wenn es auch nur Geld ware.“ „Die Mutter wünſcht etwas zu ſagen,“ fiel der Ge⸗ nueſer ein, deſſen raſcher aber eindringender Blick den Ausdruck der Züge der geächteten Familie genau beachtet hatte, wahrend der Landvogt in ſeiner gewöhnlichen weit⸗ ſchweifigen Weiſe ſich über den Vorfall im Allgemeinen ausſprach, und die Wehen des Gefühls entdeckte, welche die Bruſt der braven Margarethe hoben, ſo daß man ſah, ſie geſtalteten ſich zur Sprache. „Haſt du etwas zu ſagen, gutes Weib?“ fragte Pe⸗ ter, der ganz geneigt war, in allen Streitfäallen, wenn ſie nicht zufällig die Obergewalt des großen Kantons be⸗ trafen, beide Parteien zu hören.„Die Wahrheit zu ſagen, die Gründe des Jacques Colis ſind hörbar und verſtan⸗ dig und werden wahrſcheinlich ſchwer gegen dich in die Wagſchaale fallen.“ Die Röthe entſchwand langſam aus dem Antlitz der Mutter und ſie wandte ſich mit einem Liebe und Schutz verheißenden Blicke zu ihrem Kinde, welcher eine gänz⸗ liche Sammlung aller ihrer Empfindungen in dem mach⸗ tigen Gefühle der Mutterliebe ausſprach. „Ob ich etwas zu ſagen habe?“ widerholte Mar⸗ garethe langſam, feſt auf die neugierige und fühlloſe Menge blickend, die, ihrem Heishunger nach dem Neuen ſich überlaſſend und durch ihre Vorurtheile aufgeregt, immer noch gegen die Hellebarden der Diener andrang.— mals men. Poli⸗ wird e.n Ge⸗ den achtet weit⸗ einen velche man e Pe⸗ wenn 1s be⸗ ſagen, rſtan⸗ in die tz der Schutz ganz⸗ mach⸗ Mar⸗ ühlloſe Neuen geregt, ang.— — 65— „Ob eine Mutter etwas zur Vertheidigung ihres be⸗ leidigten und geſchändeten Kindes zu ſagen hat? Warum habt Ihr mich nicht auch gefragt, Herr Hofmeiſter, ob ich menſchlich fühle? Ich weiß es, wir ſtammen aus geächteten Geſchlechtern, Balthaſar und ich— aber wie ihr, ſtolzer Landvogt, und die Vornehmen alle an deiner Seite, ſtammen auch wir von Gott. Das Urtheil und die Macht der Menſchen haben uns von Anfang her nie⸗ dergedrückt und wir ſind an der Welt Verachtung und an der Welt Ungerechtigkeit gewöhnt!“ „Sprich nicht ſo, gutes Weib, denn es wird nicht mehr gefordert, als durch das Geſetz geheiligt iſt. Du ſprichſt jetzt gegen dein eigenes Beſte und ich unterbreche dich aus reinem Mitleid. Es würde ſchimpflich für mich ſeyn, hier zu ſitzen und das Geſetz durch eine böſe Zunge ver⸗ unehren zu laſſen.“ „Ich verſtehe nichts von den Spitzfindigkeiten eurer Geſetze, aber ich kenne ihre Grauſamkeit und ihre Härte in Bezug auf mich und die Meinigen. Alle Andern tre⸗ ten mit Hoffnungen in die Welt, aber wir ſind von Anfang her zermalmt worden. Das kann gewiß nicht gerecht ſeyn, was jede Hoffnung zerſtört. Selbſt der Sünder braucht, Dank der Barmherzigkeit des Sohnes Gottes, nicht zu verzweifeln! aber wir, die unter euern Geſetzen auf die Welt kamen, haben wenig in dem Leben zu hoffen, als Schande und die Verachtung der Menſchen.“ „Nein, du irrſt gänzlich in der Sache, Frau! Dieſe Vorrechte wurden deiner Familie anfangs als Belohnung für verdienſtvolle Handlungen, wie ich nicht zweifle, ver⸗ 79— 81. 5 liehen und es galt lange für einträglich, verwalten.“ von denen, welchen wir entſtammen, r genug waren, dieſes Amt freiwillig über Zukunft anheim gegeben iſt, um das Le wart auszugleichen— die Macht hat, „Wie? du ſtellſt die Lehre von der Zweifel? Wir werden dich bald die Re ſchaft beſtreiten hören!“ „Herr Landvogt, ich weiß nichts Nachdenkens und des Grames; und ich genug zwiſchen der Erhaltung wohl verd obwohl auch dieſe ſchwer zu ertragende verdienten Unterdrückung der Nachkom die Zeit wird kommen, wo eine furch des ſo bittern Unrechts eintreten wird.“ Der Schmerz um deine hübſche T „—‿ garethe, läßt dich ſo heftig ſprechen.“ dieſes Amt zu „Ich ſage nicht, daß in der finſrern Zeit, als Un⸗ terdrückung durch das Land ſchritt und die Beſten Bar⸗ baren waren, wie heutzutage die Schlechteſten, manche oh und grauſam ſich zu nehmen; aber ich läugne, daß irgend jemand außer ihm, der das Weltall auf ſeinen Händen trägt, und dem eine endloſe iden der Gegen⸗ dem Sohne zu ſagen, er ſolle der Erbe des Unrechts ſeines Vaters ſeyn.“ Abſtammung in chte der Bürger⸗ von den feinen Unterſcheidungen eurer Bürgerrechte und will nichts, weder dafür noch dagegen, ſagen. Aber ein ganzes Leben der Schmach und Bitterkeit wird wohl zu einem Leben des ſehe Unterſchied ienter Vorrechte, Mißbräuche mit ſich bringen können und mit ſich bringen, und der un⸗ men wegen der Vergehen der Vorfahren. Darin iſt wenig von der Ge⸗ rechtigkeit zu ſehen, welche von dem Himmel ſtammt und tbare Vergeltung 1 ochter, gute Mar⸗ Ira⸗ Maͤ ihre von nich Frel ihre ihre dern nicht für und teten eine Geb Ber. nach und ten ſal l Sigt den, ſie v ten zu Un⸗ Jar⸗ iche ſam ten; das loſe gen⸗ zu a. g in inen eder der des chied ichte, mit un⸗ der Ge⸗ und ltung Mar⸗ — 67— „Iſt nicht die Tochter eines Scharfrichters und der Frau eines Scharfrichters ihr Kind ſo gut, wie das ſchöne Mädchen, welche neben dir ſitzt, das Kind des Edeln an ihrer Seite iſt? Soll ich ſie weniger lieben, weil ſie von einer grauſamen Welt verachtet wird? Hatte ich nicht dieſelben Schmerzen bei ihrer Geburt, dieſelbe Freude an ihrem Kindeslächeln, dieſelben Hoffnungen in ihrem jugendlichen Erblühen und daſſelbe Bangen um ihre Zukunft, als ich einwilligte, ihr Schickſal einem an⸗ dern anzuvertrauen, wie jene, die dieſes glücklichere aber nicht ſchönere Mädchen gebar? Hat Gott zwei Naturen — zwei Verlangen nach der Mutter— zwei Wünſche für unſerer Kinder Wohl geſchaffen— die des Reichen und Geehrten, und die des Unterdrückten und Verach⸗ teten?⸗ 3 „Still, gute Margarethe, du ſiehſt die Sache von einer ungewöhnlichen Seite an. Sind unſere geehrten Gebräuche— unſere feierlichen Edikte— das Geſetz von Bern— und unſer Entſchluß zu regieren, und zwar nachdrücklich und gehörig, nichts?“ „Ich fürchte, dies alles iſt ſtärker, als das Recht, und wird fortdauern, wenn die Thränen der Unterdrück⸗ ten längſt erſchöpft ſind, wenn ihr und der ihrigen Schick⸗ ſal längſt verg eſſen ſeyn wird.“ „Dein Kind iſt ſchön und beſcheiden,“ bemerkte⸗ Signor Grimaldi—„und wird noch einen Jüngling fin den, der dieſe Unbill mehr als ausgleichen wird. Der ſie verworfen hat, war ihrer Treue nicht würdig.“ Margarethe wandte ihren Blick, der in dem erwach⸗ ten Gefühle glühte, auf ihre blaſſe und noch regungsloſe 5* — 68— Tochter. Der Ausdruck ihres Auges ſänftigte ſich und ſie nahm ihr Kind an ihre Bruſt, wie die Taube ihr Junges ſchützt. Alle ihre aufgeregten Empfindungen ſchienen ſich in dem Gefühle der Liebe aufzulöſen. „Mein Kind iſt ſchön, Herr Landvogt,“ fuhr ſie fort, ohne der Unterbrechung zu achten;„aber ſie iſt mehr als ſchön, ſie iſt gut! Chriſtine iſt lieb und ge⸗ horſam und nicht für eine Welt würde ſie einem andern weh thun, wie ihr heute weh gethan wurde. Sind wir auch gebeugt und von den Menſchen verachtet, Landvogt, ſo haben wir doch unſere Gedanken, und unſere Wunſche, und unſere Hoffnungen, und das Gedachtniß und alle die Gefühle der Glücklicheren; und wenn ich mein Ge⸗ hirn auf die Folter ſpannte, um über die Gerechtigkeit eines Schickſals zu ſinnen, das Alle meines Geſchlechtes verdammt hat, mit ſeinesgleichen wenig andern Verkehr zu haben, als einen blutigen, und wenn die Bitterkeit in meinem Herzen anſchwoll, daß es faſt brechen wollte, und ich daran war, der Vorſehung zu fluchen und zu ſterben, ſtand dieſes ſanfte, liebevolle Mädchen mir zur Seite, um das Feuer zu zerdrücken, das mich verzehrte, und die Bande des Lebens enger zu knüpfen, bis ihre Liebe und ihre Unſchuld mich geneigt machten, das Leben ſelbſt unter einer ſchwereren Laſt, als dieſe zu tragen. Ihr ſtammt aus einem geehrten Geſchlecht, Landvogt, und verſteht wenig von unſern meiſten Leiden, aber Ihr ſeyd ein Mann und müßt wiſſen, was es heißt, in einem andern gekränkt zu ſeyn und zwar in einem, das euch 7 theurer iſt als euer eigenes Fleiſch „Deine Worte ſind ſtark, gute Margarethe,“ fiel und ihr gen ſte iſt ge⸗ dern wir vogt, ſche, alle Ge⸗ gkeit chtes rkehr erkeit ollte, id zu r zur ehrte, ihre Leben agen. vvogt, Ihr einem euch fiel dch Landvogt wieder ein, der eine Unbehaglichkeit fühlte, von welcher er gern befreit geweſen ware.„Himmel, wer kann irgend etwas mehr lieben als ſein eigenes Fleiſch? Überdieß ſollteſt du dich erinnern, daß ich ein Jung⸗ geſelle bin, und Junggeſellen fühlen wohl natürlich mehr für ihr eigenes Fleiſch, als für das Anderer. Stelle dich zur Seite und laß den Zug vorüber, damit wir zu dem Mahle kommen, das unſrer wartet. Wenn Jaques Colli nichts von dem Mädchen wiſſen will, ſo kann ich ihn nicht zwingen. Verdopple die Morgengabe, gutes Weib, und trotz des Beiles und des Schwertes, die du in deinem Wappen führſt, wirſt du einen Gatten für dein Kind wählen können, wie du ihn nur willſt. Laßt die Hellebardiere dieſen wackern Leuten hier Platz machen, welche mindeſtens Vollſtrecker des Geſetzes ſind, und geſchützt werden müſſen, wie wir ſelbſt.⸗ Die Diener traten vor und die Menge machte wil⸗ lig Raum; das nutzloſe Geleite der Dorfhochzeit und der Zug Hymens, das Lächerliche fühlend, das ſich in doppel⸗ tem Grade an die Thorheit knüpft, wenn es ihr miß⸗ lingt, auch nur ihre Abgeſchmacktheiten durchzuſetzen, war nach wenigen Minuten verſchwunden. Viertes Kapitel. Das weinend Blut im Frauenherzen War nimmer dir bekannt, Noch träuft' auf deine Wunden Balſam e Von güt'ger Frauenhand. Burns. Ein großer Theil der Neugierigen folgte den verle⸗ genen Vermummten, als ſie den Platz verließen, wäh⸗ rend andere die Speiſetiſche an den verſchiedenen zu dieſem wichtigen Geſchäfte des Tages gewählten Plätzen aufſuchten. Die meiſten derer, welche die Eſtrade inne gehabt hatten, verließen dieſelbe nun und nach wenigen Minuten war die lebende Tapete von Köpfen um die kleine Arena vor dem Landvogt zu einigen Hunderten herabgeſchmolzen, deren beſſeres Gefuhl ſtärker war, als ihre Eigenliebe. Vielleicht iſt dieſe Vertheilung der Menge ungefähr in demſelben Verhältniſſe, das man in ſolchen Fällen, in welcher die Selbſtſucht nach der einen, das Gefühl oder die Theilnahme mit dem Gekränkten aber nach der andern Richtung zieht, gewöhnlich bei allen Menſchenmaſſen findet, welche ſich als Zuſchauer bei einer allgemeinen Darlegung von Intreſſen einfinden, bei wel⸗ chen ſie nicht perſönlich betheiligt ſind. Der Landvogt nebſt ſeinen ihn zunachſt umgebenden Freunden, die Gefangenen, die Familie des Scharfrich⸗ ters und eine hinreichende Anzahl von Wächtern waren rle⸗ däh⸗ zu tzen nne igen die rten als enge chen das aber illen iner wel⸗ nden rich⸗ aren unter den Zurückbleibenden. Die Schwierigkeiten, welche ſich im Gefolge der aufgeworfenen Frage zeigten, und die Gewißheit, daß in Betreff der Gaſtronomie vor ſei⸗ nem Erſcheinen nichts Weſentliches vorgenommen wer⸗ den könne, hatten des geſchäftigen Peterchens Eifer, zum Tiſche zu kommen, etwas gemäßigt. Wir würden ſei⸗ nem Herzen unrecht thun, wenn wir nicht auch hinzu⸗ ſetzten, daß er beunruhigende Gewiſſensſcrupel hatte, welche ihm ſagten, die Welt ſey mit der Familie Bal⸗ thaſars hart umgegangen. Auch über die Geſellſchaft des Maſo war noch zu entſcheiden und er mußte ſeinen Ruf als ein grader ſo wie als ein feſter Richter behaupten. Als die Menge ſich verlaufen hatte, kam er mit ſeinen Freunden von der Eſtrade herab und miſchte ſich unter die wenigen, welche den noch bewachten Raum vor de Bühne einnahmen. Balthaſar hatte ſeinen Platz an dem Tiſche des No⸗ tars nicht verlaſſen, denn er bangte, in Geſellſchaft ſei⸗ ner Frau und Tochter den Beleidigungen entgegen zu treten, denen er ſich nun, da man ihn kannte, ausgeſetzt glaubte, wenn er ſich unter die Menge miſchte, und er wartete einen günſtigen Augenblick ab, um ſich unbeach⸗ tet zu entfernen. Margarethe hielt Chriſtinen noch feſt umſchlungen, als fürchte ſie eine fernere Krankung ihrer theuern Tochter. Der treuloſe Bräutigam hatte die erſte Gelegenheit wahrgenommen, ſich zu entfernen, und wurde waͤhrend der übrigen Feſtestage nicht mehr zu Veva y geſehen. 1 Peterchen war: einen flüchtigen Blick auf dieſe Gruppe, als er die Eſtrade verließ, wandte ſich dann zu den Diebs 2— fängern und gab ihnen ein Zeichen, mit ihren Gefange⸗ nen vorzutreten. „Deine böſe Zunge hat eine der anziehendſten Sce⸗ nen des heutigen Feſtes geſtört, Schurke,“ bemerkte der Landvogt, Pippo mit einem gewiſſen richterlichen Tadel in ſeiner Stimme anredend.„Ich werde wohl thun, dich nach Bern zu ſchicken, und zur Strafe für dein Ra⸗ bengekrächze einen Monat denen zuzugeſellen, welche die Straßen der Stadt kehren. Was haſt du, um aller deiner römiſchen Heiligen und Götzen willen, gegen das Glück dieſer ehrlichen Leute, daß du auf dieſe unziem⸗ liche Weiſe kommen und es vernichten mußt?⸗ „Nichts, Eccellenza, als die Liebe zur Wahrheit und ein gerechter Schauder vor dem Blutmann veranlaßte meine Mittheilung!⸗ „Daß du und alle, die dir gleichen, einen Schauder vor den Dienern des Geſetzes haben, kann ich begreifen; und es iſt mehr als wahrſcheinlich, daß dein Mißfallen ſich auch auf mich ausdehnt, denn ich bin im Begriffe, ein gerechtes Urtheil über dich und deine Genoſſen aus⸗ zuſprechen, weil ihr den Frieden dieſes Tages geſtört und vornehmlich des großen Verbrechens einer Gewalt⸗ thatigkeit gegen unſere Diener euch ſchuldig gemacht habt.“ „Wollt Ihr mir einen Augenblick Gehör geben?⸗ fragte der Genueſer leiſe. „Eine Stunde, edler Gaetano, wenn Ihr wollt.“ Die Beiden unterhielten ſich nun einige Minuten bei Seite. Wahrend des kurzen Geſprächs blickte Signor Grimaldi einige Mal auf den ruhigen und offenbar reu⸗ vollen Maſo und deutete auf den Leman, ſo daß die Beobachter ahnen konnten, wovon es ſich handle. Das Geſicht des Herrn Hofmeiſters verlor ſeine richterliche Strenge und nahm, während er lauſchte, den Ausdruck mäßiger Theilnahme an und bald folgte eine entſchieden verzeihende Muskelerſchlaffung. Als der Genueſer ſchwieg, gab dieſer ſeine willige Zuſtimmung zu dem Gehörten durch eine Verbeugung zu erkennen und kehrte zu den Gefangenen zurück. „Wie ich eben geſagt habe,“ begann er wieder— „es iſt jetzt meine Pflicht, über dieſe Männer und ihr Benehmen ein Endurtheil zu fallen. Erſtlich ſind ſie Fremde und als ſolche nicht nur mit unſern Geſetzen unbekannt, ſondern haben auch ein Recht auf unſere Gaſtfreundſchaft; ſodann ſind ſie für ihr eigentliches Ver⸗ gehen hinreichend geſtraft worden, indem ſie von den Freuden des Tages ausgeſchloſſen wurden; und was das Verbrechen betrifft, das ſie gegen uns, in der Per⸗ ſon unſerer Diener, begangen haben, ſo iſt daſſelbe wil⸗ lig vergeben, denn Vergebung iſt eine edle Eigenſchaft und der vaterlichen Form unſerer Regierung angemeſ⸗ ſen. Geht daher in Gottes Namen, alle, ſo viel eurer ſind, und vergeßt hinfort nicht, beſonnener zu ſeyn. Sig⸗ nore, und von Willading— wollen wir uns zum Mahle begeben?⸗ Die beiden alten Freunde waren, in geheimem und ernſtem Geſpräche begriffen, ſchon vorangegangen und der Landvogt mußte ſich einen andern Begleiter ſuchen. Er ſah in dieſem Augenblick niemanden als Sigismund, welcher, ſeit er die Bühne verlaſſen hatte, ſeiner großen phyſiſchen Energie und ſeiner gewöhnlichen moraliſchen Thatkraft ungeachtet, in einer Stellung vollkommener Un⸗ entſchiedenheit und Hülfloſigkeit daſtand. Mit der Nicht⸗ achtung der Förmlichkeit, welche ein Gefühl der Herab⸗ laſſung andeutet, nahm der Landvogt den Arm des jun⸗ gen Kriegers und zog ihn von der Stelle weg, das Wi⸗ derſtreben des andern nicht beachtend, und es überſe⸗ hend, daß zu Folge des allgemeinen Aufbruchs— denn wenige wollten ihre Theilnahme anders als in Geſellſchaft der Vornehmen und Adeligen an den Tag legen— Adel⸗ heid allein mit der Familie Balthaſars zurückblieb. „Das Amt eines Scharfrichters, Herr Sigismund,“ begann der achtloſe Landvogt, zu voll von ſeinen Ge⸗ danken, und ſein Recht, dieſelben in Gegenwart dieſes Jungeren und Untergeordneteren auszuſprechen, viel zu ſehr fühlend, als daß er die Verwirrung des jungen Mannes beachtet hätte— eiſt im beſten Falle nur eine widrige Sache; obgleich wir Leute von Rang und An⸗ ſehen klug und in unſerm eigenen Intreſſe den Schein vor dem Volke annehmen müſſen, als betrachteten wir es anders. Du haſt bei der Zucht deiner Soldaten oft Gelegenheit gehabt zu bemerken, daß den Dingen eine falſche Färbung gegeben werden muß, damit die, welche füur den Staat ſehr nothwendig ſind, nicht glauben, der Staat ſey eben ſo nothwendig für ſie. Was denkſt du, Hauptmann Sigismund, als ein Mann, der noch ſeine Hoffnungen und Ausſichten in Betreff des ſanfteren Ge⸗ ſchlechtes hat, von dieſem Benehmen des Jaques Colis? — Iſt es zu billigen oder muß es verdammt werden?⸗ „Ich halte ihn fuͤr einen herzloſen, feilen Böſewicht.“ Die unterdruckte Kraft, mit welcher dieſe unerwar⸗ Un⸗ cht⸗ ab⸗ un⸗ Wi⸗ rſe⸗ enn haft del⸗ nd,“ Ge eſes l zu igen eine An⸗ hein wir oft eine elche der du, ſeine Ge⸗ dlis? en 22 icht.⸗ war⸗ teten Worte ausgeſtoßen wurden, machte, daß der Land⸗ vogt ſtill ſtand und in ſeines Gefährten Antlitz aufblickte, als wollte er um den Grund derſelhen fragen. Hier war aber alles ſchon wieder ruhig, denn der junge Mann war zu lange daran gewöhnt, ſich zu beherrſchen, wenn die wunde Stelle ſeiner Herkunft berührt wurde, wie ſo häufig geſchah, um eine augenblickliche Schwache lange vorwalten zu laſſen. „Nun, dies iſt die Anſicht deiner Jahre,“ hob Pe⸗ terchen wieder an.»Du biſt in einem Alter, wo man ein hübſches Geſicht und ein ſanftes Auge höher anſchlägt als ſelbſt Gold. Allein nach dem dreißigſten Jahre ſetzen wir unſere intereſſirten Brillen auf und ſehen keinen Ge⸗ genſtand für ſehr bewundernswürdig an, wenn er nicht zugleich ſehr ergiebig iſt. Da haben wir Melchior von Willadings Tochter, ein Weib, die eine Stadt in Brand ſtecken kann, denn ſie hat Verſtand, und Ländereien und Schönheit und dabei iſt ſie von gutem Geblüt;— was dünkt dir zum Beiſpiel von ihrem Werthe?⸗ „Sie verdient alles das Glück, das jegliche menſch⸗ liche Vortrefflichkeit verleihen müßte!⸗ „Hm— du biſt den dreißigen näher, als ich ge⸗ glaubt hätte, Herr Sigismund! Aber dieſen Balthaſar betreffend, ſo darfſt du nicht aus einigen Gnadenworten, die ich fallen ließ, ſofort ſchließen, daß mein Widerwil⸗ len gegen den Wicht geringer ſey, als der deinige oder jedes andern ehrlichen Mannes; allein es würde für einen Landvogt unziemlich und unklug ſeyn, den letzten Diener der Beſchlüſſe des Geſetzes vor den Augen des Volkes zu verlaſſen. Es gibt Regungen und Gefühle, welche uns allen angeboren ſind und zu dieſen müſſen Hoch⸗ achtung und Verehrung gegen den Mann von guter und edler Geburt, und Haß und Verachtung gegen den, der von den Menſchen verdammt iſt, gerechnet werden. Dies ſind Gefühle, welche der menſchlichen Natur ſelbſt angehören und Gott verhüte, daß ich, ein Mann, der bereits über die poetiſchen Jahre hinaus iſt, wirklich eine Empfin⸗ dung hegen ſollte, welche nicht ſtreng menſchlich wäre.⸗ „Gehören ſie nicht vielmehr Mißbrauchen— unſern Vorurtheilen an?⸗ „Der Unterſchied iſt, in praktiſcher Hinſicht, nicht weſentlich, junger Mann. Was durch Zucht und Ge⸗ wohnheit dem Gemüthe gehörig eingepragt iſt, wird ſtär⸗ ker als der Inſtinkt oder ſelbſt einer der Sinne. Wenn ſich dir etwas Häßliches oder Übelriechendes nahert, ſo darfſt du nur deine Augen wegwenden, oder deine Naſe zuhalten, und du biſt der Unannehmlichkeit los; aber ich habe nie ein Mittel entdeckt, ein Vorurtheil zu ſchwachen, das einmal in dem Geiſte feſte Wurzel geſchlagen hatte. Du kannſt hinſehen, wohin du willſt und die widrigen Düfte der Einbildungskraft durch alle nur möglichen Mittel ausſchließen; aber wenn ein Menſch wirklich von der öffentlichen Meinung verdammt iſt, kann er eben ſo gut die Gerechtigkeit vom Himmel herabrufen, als er Hoffnung hat, bei den Menſchen Erbarmen zu finden. Das hat mich meine Erfahrung als öffentlicher Beamte gelehrt.⸗ „Ich darf hoffen, daß dies nicht die geſetzlichen Leh⸗ ren unſers alten Kantons ſind,“ erwiderte der Jüng⸗ och⸗ und von ſind ren iber fin⸗ 2 ſern licht Ge⸗ tär⸗ benn „ ſo Naſe ich hen, atte. igen chen von n ſo s er den. amte Leh⸗ Eüng⸗ — 2— ling, ſein Gefühl beſtegend, obgleich es ihn eine mächtige Anſtrengung koſtete. „Davon ſind wir ſo fern, wie Baſel von Cairo. Wir kennen ſo ſchimpfliche Lehren nicht. Ich fordere die Welt auf, einen Staat anzugeben, in welchem eine ſchönere Gattung Grundſätze gelten, als die unſrigen, und wir ſind auch bemüht, unſer Thun mit unſern An⸗ ſichten, ſo oft dies mit Sicherheit geſchehen kann, in Über⸗ einſtimmung zu bringen. Nein, in dieſer Hinſicht iſt Bern ein Muſter von einem Staat, und ſagt eben ſo ſelten⸗ das Eine und thut das Andere, als irgend eine Regie⸗ rung in der Welt. Was ich dir hier ſage, junger Mann, ſage ich dir in der Vertraulichkeit eines Feſtes, in welchem einige Poſſen vorgekommen ſind, um das Vertrauen zu erſchließen und die Zunge zu löſen. Wir lehren laut und offen die größte Wahrhaftigkeit und Gleichheit vor dem Geſetze, die Rechte der Bürgerſchaft ausgenommen, und nehmen die heilige, himmliſche, unumwundene Ge⸗ rechtigkeit zu unſerer Führerin in allem, wo es ſich von Theorie handelt. Himmel! Wenn du etwas nach Grundſätzen behandelt ſehen willſt, ſo komm vor den Rath oder das Gericht des Kantons und du wirſt eine Weisheit hören, und einen Scharfblick in der Rechts⸗ verdreherei gewahren, welche ſelbſt Salomon geehrt ha⸗ ben würden.“ „Und deſſen ungeachtet iſt das Vorurtheil ein allge⸗ meiner Gebieter.“ „Wie ſoll das anders ſeyn? Iſt ein Menſch nicht ein Menſch? Wird er ſich nicht auf etwas ſtützen, wie etwas auf ihn drückte? Wachſt der Baum nicht, wie die Zweige gebogen werden? Nein, während ich die Gerechtigkeit anbete, Herr Sigismund, wie es einem Landvogt ziemt, geſtehe ich, geiſtig betrachtet, Vorurtheil und Partheilichkeit zu. Jenes Mädchen, die hübſche Chriſtine, hat etwas von ihrer Huld in meinen Augen, wie gewiß auch in den deinigen, verloren, als es be⸗ bkannt wurde, daß ſie Balthaſars Kind ſey. Das Mäd⸗ chen iſt hübſch und beſcheiden und einnehmend in ihrer Art; aber es iſt— ich kann dir nicht ſagen was— aber es iſt ein gewiſſes widriges Etwas— ein Fleck— ein Anflug— eine Farbe— ein— ein— ein— das ihre Herkunft den Augenblick zeigte, als ich hörte, wer ihr Vater ſey— war es nicht ſo bei dir?⸗ „Als ihre Herkunft dargethan war, aber nicht vorher.⸗ „Ei, freilich, ich meine es nicht anders. Aber man ſieht einen Gegenſtand darum nicht ſchlechter, weil man ihn vollſtändig ſieht, obgleich man ihn falſch ſehen kann, wenn eine falſche Hülle ſeine Häßlichkeit verbirgt. Um⸗ ſtandliche Erörterung iſt der Philoſophie unentbehrlich. Die Unwiſſenheit iſt eine Maske, welche die kleinen Ein⸗ zelnheiten verhullt, die zur Erkenntniß nothwendig ſind. Ein Mohr kann in einer Maske für einen Chriſten gel⸗ ten, aber ſtreift ihm die Hülle ab, ſo ſieht man die wahre Farbe der Haut. Haſt du zum Beiſpiel nicht in allem, was ſich auf weibliche Anmuth und Vollkommenheit be⸗ zieht, den oſſenbaren Unterſchied zwiſchen der Tochter Melchior von Willadings und der Tochter dieſes Baltha⸗ ſars bemerkt?⸗ „Ich ſah die Verſchiedenheit zwiſchen einem Mäd⸗ chen von höchſt edler und glücklicher Abſtammung und einem höchſt jammervoll geachteten Madchen!“ „Nein, das Fräulein von Willading iſt ſchöner.“ „Die Natur war gewiß ſehr gütig gegen die Erbin von Willading, Herr Landvogt, die kaum um ihrer weib⸗ lichen Anmuth und Herzengüte willen minder anziehend, als ſie in den Zufälligkeiten der Geburt und des Standes glüͤcklich iſt.⸗ „Ich wußte, daß du im Ge pyeimen die Meinung der übrigen Welt theileſt!“ rief Peterchen triumphirend, denn er glaubte, die Wärme ſeines Begleiters ſey eine ſich ſträubende, halb verhehlte Beiſtimmung zu ſeinen Ge⸗ danken. Hier endigte das Geſpräch, denn da die ernſte Unterhaltung zwiſchen Melchior und dem Signor Gri⸗ maldt geſchloſſen war, eilte der Landvogt, ſeine wichtigeren Gäſte einzuholen und Sigismund ward von einer Erör⸗ terung erlöſt, welche jedes Gefühl ſeines Herzens em⸗ pörte, während er ſogar die eckle Erſcheinung des Man⸗ nes haßte, der das Werkzeug ſeiner Qual war. 3 Die Trennung des Frauleins von Willading von ihrem Vater war vorhergeſehen und daher vorläufig das Nöthige angeordnet worden, da man wußte, daß die Männer zu dieſer Stunde dem Feſtmahle beiwohnen würden. Sie war daher bei Chriſtine und deren Mutter geblieben, ohne eine ungewöhnliche Aufmerkſamkeit ſelbſt derer auf ihr Thun zu ziehen, welche Gegenſtände ihrer Theilnahme waren, eines Gefühls, das bei ihren Jahren und ihrem Geſchles chte ſo natürlich war. Ein Diener, in der Livree ihres Vaters, blieb in ihrer Nähe, ein „Beſchützer, der in den überfüllten Straßen der Stadt nicht nur für ihre Sicherheit ſorgen, ſondern auch die, deren Beſinriungsrraft den A we ga welche dieſe Gelegenheit veranlaßte, zu weichen anfing, zu der Achtung zwingen konnte, welche ihrem Stande gebührte. Unter dieſen Umſtänden nahte das Geehrtere und, in den Augen der Ununterrichteten, Glücklichere dieſer Mädchen dem Andern, als die Neugier ſo weit befriedigt war, daß Balthaſars Familie faſt allein in dem Mittelpunkt des Platzes blieb. „Findet ſich hier kein freundliches Dach, das dich aufnimmt?“ fragte die Erbin von Willading die Mutter der blaſſen und kaum ihrer ſelbſt bewußten Chriſtine: „du würdeſt beſſer thun, für dein harmloſes und tief gekränktes Kind irgend ein Obdach zu ſuchen. Wenn einer der mir Angehörigen dir zu Dienſten ſeyn kann, ſo bitte ich dich, ſo frei zu ſchalten, als wären ſie deine eigenen Diener.“ Margarethe hatte nie vorher mit einem weiblichen Weſen hoͤhern Ranges geſprochen. Die Wohlhabenheit der Familie ihres Vaters ſowohl als ihres Mannes, hat⸗ ten Alles geboten, was zur Ausbildung, wie ihr Stand ſie forderte, nöthig war und vielleicht war es, in Hin⸗ ſicht der außerlichen Bildung, für ſie von Gewinn gewe⸗ ſen, daß ſie von dem Umgang mit Frauen ihres Standes, wegen der Vorurtheile derſelben größtentheils ausgeſchloſ ſen war. Wie man oft bei denen ſindet, welche die Ge⸗ ſinnung einer beſſern Menſchenklaſſe haben, ohne die her⸗ kömmlichen Formen derſelben zu kennen, hatte ihr Auſ⸗ ſeres etwas Übertriebenes, wie wir es nennen mochten, während es zu gleicher Zeit von Gemeinheit und Rohheit die, dieſe tung nter ugen dem daß des dich tter ine: tief Lenn ann, deine ichen nheit hat⸗ tand Hin⸗ ewe⸗ ides, hloſ⸗ Ge⸗ her⸗ Auſ⸗ hten, hheit — 81— vollkommen frei war. Adelheids freundliche Worte wirk⸗ ten ſanftigend auf ihr Herz und ſie blickte lange und ernſt, ohne zu antworten, auf die ſchöne Sprecherin. „Wer und was biſt du, die glauben kann, eines Scharfrichters Tochter könne eine Beleidigung angethan werden, die unverdient iſt und die Dienſte deiner Leute anbieteſt, als ob ſelbſt die Knechte es nicht verweigerten, ihres Herrn Geheis zu erfüllen, wenn es ſich von einer Wohlthat gegen uns handelt?“ „Ich bin Adelheid von Willading, die Tochter des Freiherrn dieſes Namens, und mein Herz gebietet mir, den grauſamen Streich, welcher das Gefühl der armen Chriſtine getroffen hat, nach Kräften zu lindern. Laß meine Leute Mittel ſuchen, dein Kind an irgend einen andern Ort zu bringen.“ Margarethe ſchloß ihre Tochter noch feſter an ihr Herz, während ſie mit der einen Hand über ihre Stirne fuhr, als wollte ſie einen halb ſchlummernden Gedanken aufwecken. „Ich habe von dir gehört, Fräulein!— Man ſagt, du ſeyſt gütig gegen die Bedrückten und freundlich gegen die Unglücklichen— deines Vaters Schloß ſey eine geehrte und gaſtfreie Wohnung, welche die ſelten gerne verlaſſen, die ſie betreten. Aber haſt du die Folgen deiner Groß⸗ muth gegen ein Geſchlecht wohl erwogen, das von den Menſchen geächtet iſt und geächtet war, von Geſchlecht zu Geſchlecht— von dem an, der ſich zuerſt mit grau⸗ ſamem Herzen und gierigem Golddurſt zu dem blutigen Amte hergab, bis zu dem, deſſen Muth der widrigen Pflicht kaun ewachſen iſt? Haſt du dieß hag. oder 79— — 82— haſt du dich unvorſichtig einer raſchen, jugendlichen Auf⸗ wallung überlaſſen?“ „Ich habe das Alles bedacht,“ ſagte Adelheid eifrig; —„wie groß auch die Ungerechtigkeit Anderer ſeyn mag, von mir haſt du keine zu fürchten.“ Margarethe überließ die regungsloſe Geſtalt ihrer Tochter der Stütze des Vaters und näherte ſich mit einem Blicke ernſter und zufriedener Theilnahme der erröthen⸗ den aber noch gefaßten Adelheid. Sie nahm die Hand der letzteren und ſagte mit einem forſchenden und prü⸗ fenden Blicke langſam, als berathe ſie eher mit ſich, als daß ſie mit Jemand ſpräche— „Das fängt an begreiflich zu werden!“ murmelte ſie:—„es iſt noch Dankbarkeit und achtbares Gefühl in der Welt. Ich kann begreifen, warum wir dieſem ſchönen Weſen nicht zuwider ſind; ſie hat einen Sinn für Gerechtigkeit, der ſtärker iſt als ihre Vorurtheile. Wir haben ihr Dienſte erwieſen, und ſie ſchämt ſich der Quelle nicht, aus welcher ſie kamen!“ Adelheids Herz ſchlug raſch und ſtürmiſch; und einen Augenblick glaubte ſie ihren Gefühlen nicht mehr gebieten zu können. Aber die wohlthuende Üüberzeugung, daß Sigis⸗ mund ſelbſt in ſeinen geheiligteſten und vertrauteſten Mit⸗ theilungen gegen ſeine Mutter der Ehre und des Zart⸗ gefühls nicht vergeſſen habe, kam ihr zu Hülfe und machte ſie einen Augenblick glücklich; denn nichts iſt dem reinen Gemüthe ſo ſchmerzlich, als von denen, die man liebt, glauben zu müſſen, ſie hätten unwürdig gehandelt; und nichts ſo angenehm, als die Gewißheit, daß ſie die Ach⸗ Auf⸗ rig; nag, hrer nem hen⸗ dand prü⸗ als nelte fühl eſem Sinn eile. der inen heten igis⸗ Mit⸗ zart⸗ achte inen lieebt, und Ach⸗ — 83— tung verdienen, welche wir uns veranlaßt ſahen, ihnen edel und vertrauensvoll zu ſchenken. „Du läßt mir nur Gerechtigkeit widerfahren,“ erwi⸗ derte Adelheid, welche dieſe ſchmeichelhafte und, wie es ſchien, unwillkührliche Außerung mit Freuden hörte.— „Wir ſind gewiß— gewiß, wir ſind wahrhaft dankbar; aber hätten wir auch keinen Grund zu den geheiligten Verpflichtungen der Dankbarkeit, ſo würden wer, glaube ich, doch gerecht ſeyn. Willſt du mir jetzt nicht erlauben, daß meine Leute euch Hülfe leiſten?“ „Es iſt nicht nothwendig, Fräulein. Sende deine Diener hinweg, denn ihre Gegenwart wird nur uner⸗ freuliche Beachtung unſerer Schritte veranlaſſen. Die Stadt iſt jetzt mit dem Feſtmahle beſchaftigt und da wir die Nothwendigkeit einer Zuflucht für die Verfolgten und Verſtoßenen nicht blind überſehen haben, wollen wir die Gelegenheit wahrnehmen, uns unbemerkt zu entfer⸗ nen. Was dich angeht—“ „Ich möchte in einem ſo ernſten Augenblicke dieſer Unſchuldigen nahe ſeyn,“ fügte Adelheid würdevoll und mit jener ſichtbaren Theilnahme, welche faſt immer einen Widerhall findet, hinzu. „Der Himmel ſegne dich— der Himmel ſegne dich, liebliches Mädchen! Und der Himmel wird dich ſegnen, denn ſelten bleibt in dieſem Leben das Unrecht ungeſtraft und ſelten das Gute ohne ſeinen Lohn. Sende deine Diener weg, oder wenn du ihre Gegenwart für nöthig hältſt, ſo laß ſie unbemerkt in der Nähe, während du auf unſern Weg achteſt; und wenn die Augen Aller auf 6* — 84— ihre Vergnügungen gerichtet ſind, magſt du folgen. Der Himmel ſegne dich— ja, der Himmel wird es!“ Margarethe führte ihre Tochter jetzt in eine der am wenigſten beſuchten Gaſſen. Balthaſar begleitete ſie ſchweigend und einer der Diener Adelheids folgte ihren Schritten von Ferne. Als ſie in dem Hauſe waren, kehrte der Diener zurück, um ſeiner Gebieterin, welche ſich mit den hundert Kleinigkeiten zu beſchäftigen ſchien, die erfun⸗ den waren, um die Menge zu ergötzen, die Wohnung zu zeigen. Als die Erbin von Willading ihre Leute, mit dem Befehle jedoch, bei der Hand zu ſeyn, entlaſſen hatte, fand ſie bald Mittel, in das kleine Haus zu treten, in welches die geächtete Familie ſich geflüchtet hatte und wurde, da man ſie erwartet hatte, ſogleich in das Ge⸗ mach geführt, in welchem Chriſtine und ihre Mutter Schutz gefunden hatten. Die Theilnahme der jungen und gefühlvollen Adel⸗ heid war für ein Mädchen von Chriſtinens Charakter von hohem Werthe.— Sie weinten mit einander, denn die Schwäche ihres Geſchlechtes trug den Sieg über den Stolz der erſtern davon, als ſie des Zwanges der Beob⸗ achtung der Welt ſich überhoben ſah, und ſie ließ dem Strome des Gefühls, der trotz ihres Beſtrebens, ihn zu gewältigen, ſeine Schranken durchbrach, freien Lauf. Margarethe war die einzige Zuſchauerin dieſer ſtummen aber verſtändlichen Mittheilung zwiſchen den zwei jungen und reinen Gemüthern und ſie war tief ergriffen von die⸗ ſem unerwarteten Mitleiden einer ſo Geehrten, und, wie man allgemein glaubte, ſo Glücklichen. „Du fühlſt, wie unrecht man uns thut,“ ſagte ſie, — 85— 4 als der erſte Andrang der Gefühle ſich ein wenig gelegt hatte.„Du kannſt alſo glauben, das Kind eines Scharf⸗ richters ſey wie das Kind jedes Andern und dürfe nicht von den Menſchen verfolgt werden, wie das Junge des Wolfes?“ „Mutter, ſie iſt die Tochter des Freiherrn von Willading,“ ſagte Chriſtine;„würde ſie hierher gekom⸗ men ſeyn, wenn ſie uns nicht bemitleidete?“ „Ja, ſie kann Mitleid mit uns fühlen— und doch finde ich es hart, bemitleidet zu werden! Sigismund hat uns von ihrer Güte erzählt und ſie mag wirklich Ge⸗ fühl für das Unglück haben!“ Dieſe Anſpielung auf ihren Sohn lockte eine flam⸗ mende Röthe auf ihre Wangen, während eine Kälte, der des Todes gleichend, in ihrem Herzen war. Jene rief die raſche und unwiderſtehliche Erregung des weiblichen Zartgefühles hervor; die letztere kam von der Erſchütte⸗ rung, welcher ſie nicht entgehen konnte, als dieſes leben⸗ dige, ſprechende Bild von Sigismunds naher Verwandt⸗ ſchaft mit der Familie eines Scharfrichters ſich ihr dar⸗ ſtellte. Sie würde minder berührt worden ſeyn, hätte Margarethe von ihrem Sohne weniger vertraulich oder mit einer größern Entfernung geſprochen, welche ſie, ohne über deren Angemeſſenheit weiter nachzudenken, zwiſchen dem jungen Manne und ſeiner Familie ange⸗ nommen hatte. „Mutter!“ rief Chriſtine tadelnd und überraſcht, als wäre eine große Unbeſcheidenheit gedankenlos began⸗ gen worden. „Es thut nichts, Kind— es thut nichts. Ich las — 86— heute in Sigismunds funkelndem Auge, daß unſer Ge⸗ heimniß nicht mehr länger bewahrt werden wird. Der herrliche Junge muß mehr Kraft zeigen als ſeine Vor⸗ fahren; er muß für immer ein Land verlaſſen, in welchem er, ſchon ehe er geboren worden, verdammt war.“ „Ich will nicht in Abrede ſtellen, daß Eure Verbin⸗ dung mit Monſieur Sigismund mir bekannt iſt!“ ſagte Adelheid, alle ihre Entſchloſſenheit zuſammennehmend, um ein Geſtändniß abzulegen, welche die Familie Baltha⸗ ſars plötzlich zu ihrer Vertrauten machte.„Du biſt mit der ſchweren Schuld der Dankbarkeit bekannt, welche wir deinem Sohne ſchulden, und es erklärt den Grund der Theilnahme, welche ich nun für Euer Unglück fühle.⸗ Margarethens ſcharfes Auge forſchte in den purpur⸗ übergoſſenen Zügen Adelheids eher beſorgt als triumphi⸗ rend— ein Gefühl, welches das Mädchen am meiſten fürchtete, und als ſie ihren Blick weggewendet hatte, wurde Chriſtinens Mutter nachdenkend und in ſich ver⸗ tieft. Dieſer bedeutſame Verkehr erzeugte ein tiefes und unbehagliches Schweigen, welches jedes gern gebrochen hätte, wenn durch die Raſchheit und Stärke ihrer Ge⸗ danken nicht Aller Zungen unwiderſtehlich gebunden ge⸗ weſen wären. „Wir wiſſen, daß dir Sigismund nützlich geweſen iſt,“ bemerkte Margarethe, welche ihren edeln Gaſt ſtets eher mit jener Vertraulichkeit anredete, die ihrem Alter anſtand als mit der Achtung, welche Adelheid von denen zu genießen gewöhnt war, die von niedrigerem Range waren als ſie.„Der brave Junge hat davon geſprochen, obgleich er beſcheiden davon geſprochen hat.“ E Ge⸗ Der Vor⸗ chem bin⸗ ſagte rend, ltha⸗ mit elche rund hle.⸗ rpur⸗ nphi⸗ eiſten zatte, ver⸗ 3 und ochen Ge⸗ 1 ge⸗ veſen ſtets Alter denen Range ochen, —— „Er hat jedes Recht, ſich und ſeinen Mittheilungen gegen die Glieder ſeiner Familie Gerechtigkeit widerfah⸗ ren zu laſſen. Ohne ſeine Hülfe wäre mein Vater kin⸗ derlos geweſen; und das Kind ohne ſeinen muthigen Beiſtand vaterlos. Zweimal ſtand er zwiſchen uns und dem Tode.“ „Ich habe davon gehört,“ erwiderte Margarethe, ihr durchdringendes Auge wieder auf die vielſagenden Züge Adelheids heftend, die immer glänzten und glühten, wenn des Muthes und der Selbſtverläugnung deſſen ge⸗ dacht wurde, den ſie heimlich liebte.„Was du von der Innigkeit unſeres armen Sohnes zu den Seinigen ſagſt, ſo ſtehen traurige Verhältniſſe zwiſchen uns und unſern Wünſchen. Wenn Sigismund dir geſagt hat, von wem er abſtammt, ſo hat er dir auch wahrſcheinlich ge⸗ ſagt, wie er in der Welt für das, was er nicht iſt, gilt.“ „Ich glaube, er hat mir nichts verhehlt, das er wußte und für geeignet hielt, mir mitzutheilen,“ antwor⸗ tete Adelheid, ihrze Augen vor dem aufmerkſamen, har⸗ renden Blick Margarethens ſenkend.„Er hat offen ge⸗ ſprochen, und——⸗ „Du wollteſt ſagen—“ „Ehrenvoll und wie es einem Krieger ziemt,“ fuhr Adelheid feſt fort. „Er hat wohl gethan! dies nimmt mindeſtens Eine Laſt von meinem Herzen. Nein, Gott hat uns dieſes Geſchick auferlegt und es würde mich geſchmerzt haben, wenn es mein Sohn an Grundſätzen in einer Sache — 88— hätte mangeln laſſen, in welcher ſie, vor allen andern, an nothwendig ſind. Du blickſt erſtaunt, Fräulein?“ ſeh „Dieſe Geſinnungen in deiner Lage ſetzen mich eben der ſo ſehr in Erſtaunen, als ſie mich erfreuen. Wenn irgend die etwas einige Nachläſſigkeit in der Art, die gewöhnlichen er Bande des Lebens zu betrachten, entſchuldigen könnte, ſo ſte wäre es-gewiß der Umſtand, ſich ohne alles Verſchulden W als die Zielſcheibe des Haſſes und der Ungerechtigkeit Si hingeſtellt zu ſehen, und doch treffe ich hier, wo man 6 mit Grund einen Groll gegen das Schickſal erwarten konnte, Geſinnungen, welche einen Thron ehren würden.“ the „Du denkſt wie Leute, die daran gewöhnt ſind, ihre ver Mitmenſchen mehr vermittelſt der Phantaſte, als der He Wirklichkeit zu betrachten. Dies iſt das Gemälde der ſch Jugend, der Unerfahrenheit und der Unſchuld, aber es als iſt nicht das Bild des Lebens. Nicht das Wohlergehen, ſon⸗ dü dern das Mißgeſchick züchtigt, indem es zeigt, daß wir wah⸗ rer Glückſeligkeit nicht fähig ſind und indem es die Lehre net gibt, ſich auf eine Macht zu ſtützen, welche größer iſt als ſie jede andere auf Erden. Wir fallen vor der Verſuchung des Heo Glückes, während wir im Unglück uns erheben. Wenn du, unſchuldiges Weſen, glaubſt, edle und gerechte Ge⸗ th ſinnungen gehörten nur dem Glücklichen an, ſo vertrau⸗ vo teſt du einem falſchen Führer. Es gibt Übel, welche das we Fleiſch nicht ertragen kann, es iſt wahr; allein, fern von he dieſen überwältigenden Entbehrniſſen, ſind wir am ſtärk⸗ Ge ſten im Recht, wenn wir am wenigſten von Eitelkeit lic und Ehrgeiz verſucht ſind. Mehr hungernde Bettler ent⸗ de halten ſich, die Brodkruſte zu ſtehlen, um welche ſie bit⸗ Ge ten, als üppige Schlemmer ſich den Leckerbiſſen verſagen — 89— an welchem ſie ſterben. Die unter der Ruthe leben, ſehen und fürchten die Hand, welche ſie hält; die in dem Glanz der Welt ſchwelgen, glauben zuletzt, ſie ver⸗ dienten die kurzwährenden Auszeichnungen, deren ſie ſich erfreuen. Wenn du in die Tiefen des Elends hinab⸗ ſteigſt, haſt du nichts zu fürchten als den Zorn Gottes. Wenn du über andere erhoben biſt, mußt du für deine Sicherheit bangen.“ „So pflegt die Welt die Dinge nicht zu betrachten.“ „Weil die Welt von denen beherrſcht iſt, deren Vor⸗ theil es fordert, ihren Untergebenen die Wahrheit zu verkehren, und nicht von denen, deren Pflicht Hand in Hand mit ihrem Recht geht. Aber wir wollen davon ſchweigen, Fräulein; dieſe hier leidet eben jetzt zu ſehr, als daß man die Wahrheit zu offen vor ihr ausſprechen dürfte.“ „Biſt du wohl und eher im Stand, deine Freundin⸗ nen zu hören, liebe Chriſtine?“ fragte Adelheid, indem ſie mit der Zärtlichkeit einer liebevollen Schweſter die Hand des verſchmähten und verlaſſenen Mädchens nahm. Bis jetzt hatte die Arme nur die wenigen mitge⸗ theilten Worte, welche eine milde Misbilligung der Un⸗ vorſichtigkeit ihrer Mutter enthielten, geſprochen. Dies wenige war mit trocknen Lippen und gebrochener Stimme hervorgebracht worden, während eine Todtenbläſſe ihre Geſichtszüge bedeckte und ihr ganzes Antlitz die ſchmerz⸗ liche Qual ihres Innern verrieth. Allein dieſe Beweiſe der Theilnahme von einem Mädchen ihres Alters und Geſchlechts, von deren Vorzügen ſie gewohnt war, ſo glühende Schilderungen von dem feurigen Sigismund zu — 90— hören, und von deren Aufrichtigkeit ſie ein feiner und raſcher Inſtinkt überzeugt, der junge und unſchuldige Weſen ſo ſchnell vereinigt, brachten einen raſchen, unge⸗ meinen Wechſel in ihrer Seele hervor. Der Schmerz, der in ihrem Innern verſchloſſen kämpfte, ſtrömte nun frei aus ihren Augen und ſie warf ſich ſchluchzend und weinend in einem Andrange ſanften, aber überwaltigen⸗ den Gefühls an die Bruſt ihrer neugefundenen Freundin. Die erfahrne Margarethe lächelte über dieſen offenen Ausdruck des Wohlwollens von Seiten Adelheids, obgleich ſelbſt dieſe freudige Miene ſtreng und geregelt bei der Vielgeprüften war. Nach wenigen Minuten verließ ſie das Zimmer, indem ſie glaubte, ein ſolches Zuſammen⸗ ſeyn mit einem ſo reinen und unerfahrenen Gemüthe, ein für ihre Tochter ſo ungewöhnliches Zuſammenſeyn, würde eher eine glückliche Wirkung hervorbringen, wenn ſie ſich ſelbſt überlaſſen wären, als wenn ihre Gegenwart ihnen Zwang auflegte. Die beiden Mädchen weinten lange nach Margare⸗ thens Weggehen miteinander. Dieſer Verkehr, welchen der Kummer gleichſam verklärte und einerſeits durch eine vertrauensvolle Offenheit, und auf der andern durch großmüthiges Mitleiden inniger machte, war Urſache, daß beide in dieſer kurzen Zeit gleichſam Monate in einer nahen und innigen Vertraulichkeit miteinander verlebten. Vertrauen iſt nicht immer das Ergebniß der Zeit. Es gibt Seelen, die ſich mit einer Art Verwandtſchaft, welche der Anziehungskraft gleichartiger Stoffe gleicht, mit einer Raſchheit und Innigkeit begegnen, welche nur reinerem Stoffe angehört, aus welchem ſie beſtehen. — 9— Wenn aber dieſe Anziehung des geiſtigen Theils des Da⸗ ſeyns durch die Gefühle gehoben wird, die durch ein ſo zartes Intreſſe, wie das, welches die Herzen der beiden Mädchen für einen gemeinſchaftlichen Gegenſtand hegten, erwärmt wurden, iſt ihre Kraft nicht nur ſtärker, ſon⸗ dern macht ſich auch raſcher bemerkbar. So viel wußte bereits jede von der andern Charakter, ihrem Leben, ihren Hoffnungen(natürlich Adelheids heiligſtes Geheim⸗ niß ausgenommen, das Sigismund als ein zu heiliges Pfand betrachtete, um es ſelbſt mit einer Schweſter zu theilen), daß das Zuſammentreffen unter keinen Umſtän⸗ den das von Fremden hätte ſeyn können, und ihre ge⸗ genſeitige Bekanntſchaft half noch mehr, die Schranken jener Formen niederzubrechen, welche für ihr Verlangen nach einem freiern Austauſch der Gefühle und Gedan⸗ ken ſo läſtig waren. Adelheid beſaß zu viel geiſtigen Takt, um zu der alltäglichen Sprache des Troſtes ihre Zuflucht zu nehmen. Als ſie redete,— wie es denn bei ihrem höhern Range und ihrer minder bedrängten Lage natürlich war, daß ſie das Geſpräch begann,— geſchah es in allgemeinen aber freundlichen Andeutungen. „Du gehſt morgen mit uns nach Italien,“ ſagte ſie, ihre Augen trocknend:—„Mein Vater verläßt in Ge⸗ ſellſchaft des Signor Grimaldi mit Tagesanbruch Blonay⸗ und du willſt uns begleiten?“ „Wohin du willſt— wohin es ſey, mit dir— wo⸗ hin es ſey, meine Schande zu verbergen.“ Das Blut ſtieg in Adelheids Antlitz und ſelbſt ihre Miene ſchien den Augen des kunſtloſen und unerfahrnen Mäͤdchens würdevoll, als ſie antwortete: ————— ——— — „Schande iſt ein Ausdruck, welcher der Gemeinheit und Feilheit, der Schlechtigkeit und Treuloſigkeit beige⸗ legt werden muß,“ ſagte ſie mit weiblicher und kräftiger Entrüſtung—„aber nicht dir, Liebe!⸗ „O, verdamme ihn nicht,“ flüſterte Chriſtine, ihr Geſicht mit ihrer Hand bedeckend.„Er hat ſich nicht gewachſen gefunden, die Bürde unſerer Erniedrigung zu tragen und man muß eher bedauernd als mit Haß von ihm reden.“ Adelheid ſchwieg; aber ſie betrachtete das arme, zit⸗ ternde Mädchen, deren Haupt in wehmüthiger Beküm⸗ merniß auf ihre Bruſt geſenkt war. „Haſt du ihn naher gekannt?“ fragte ſie leiſe, eher dem Gange ihrer Gedanken folgend, als über die Art der geſtellten Frage nachdenkend:—„Ich hatte gehofft, dieſe Weigerung werde keinen andern Schmerz erzeugen, als die unvermeidliche Kränkung, welche, fürchte ich, der Schwache unſeres Geſchlechtes und unſern Gewohnheiten angehört.“ „Du weißt nicht, wie hoch der Verachtete es an⸗ ſchlägt, vorgezogen zu werden— wie werth der Gedanke, ſich geliebt zu wiſſen, denen wird, welche außerhalb des engen Kreiſes ihrer Verwandten gewöhnt waren, nur Widerwillen und Verachtung zu finden! Du biſt immer gekannt, geliebt, glücklich geweſen! Du kannſt nicht wiſ⸗ ſen, wie wohl es dem Verachteten thut, auch nur ſchein⸗ bar vorgezogen zu werden.“ „Nein, ſage nicht ſo, ich bitte dich,“ verſetzte Adel⸗ heid raſch und mit bangem Herzklopfen:—„Es iſt we⸗ nig in dieſem Leben, an dem nicht etwas auszuſetzen 3 nheit eige⸗ tiger ihr nicht g zu von zit⸗ büm⸗ eher Art pofft, ggen, der eiten an⸗ anke, des nur mer wiſ⸗ hein⸗ ldel⸗ we⸗ —O—QOQ—˖——Q—Q—QO.——BB— — 9232— wäre. Wir ſind nicht immer, was wir ſcheinen; und wenn wir es wären und wenn wir noch unglücklicher wären, als irgend etwas, das Laſter ausgenommen, uns machen kann, ſo gibt es einen andern Zuſtand des Da⸗ ſeyns, in welchem Gerechtigkeit— die reine, unver⸗ fälſchte Gerechtigkeit— geübt werden wird.“ „Ich will mit dir nach Italien gehen,“ antwortete Chriſtine, ruhig und entſchloſſen ausſehend, während eine Glut frommer Hoffnung auf ihren Wangen erblühte:— „Wenn alles vorüber iſt, wollen wir miteinander in eine glücklichere Welt gehen!“ Adelheid ſchloß das zarte und tief erſchütterte Mäd⸗ chen an ihre Bruſt. Wieder weinten ſie mit einander, aber es waren mildere, ſüßere Thränen, als die frühern. Fünftes Kapitel. Ich zeig' den beſten Quell euch, pflück' euch Beeren. Der Sturm. Der Tag, welcher dem Winzerfeſte folgte, dämmerte klar und wolkenlos über dem Leman. Hunderte der ge⸗ nügſamen und mit der Zeit haushälteriſchen Schweizer hatten die Stadt ſchon vor dem Frühlicht verlaſſen und viele Fremde drängten ſich in die Boote, als die Sonne glänzend und anmuthig über die abgerundeten und lächeln⸗ — 94 den Gipfel der benachbarten Côtes heraufkam. In die⸗ ſer frühen Stunde war alles in dem felſen⸗thronenden Blonay und umher rege und in Bewegung. Diener lie⸗ fen mit haſtiger Miene von Gemach zu Gemach, vom Hof auf die Terraſſe und vom Gang in den Thurm. Die Arbeiter auf den nahen Feldern lehnten ſich, in ſtau⸗ nender Aufmerkſamkeit die Reiſevorbereitungen ihrer Oberen beachtend, auf ihre Ackergeräthſchaften. Denn obgleich unſere Erzählung nicht in die ſtreng lehensherr⸗ liche Zeit fällt, ſo fanden doch die Begebniſſe, welche wir zu ſchildern unternommen haben, lange vor dem Ein⸗ tritt jener großen politiſchen Ereigniſſe ſtatt, welche ſeit⸗ dem den geſellſchaftlichen Zuſtand Europa's ſo weſentlich geändert haben. Die Schweiz war damals ein ſelbſt für die angrenzenden Völker verſchloſſenes Land, und der jetzige vorgerückte Zuſtand der Straßen und Gaſthäuſer war nicht allein dieſen Gebirgsbewohnern, ſondern auch dem übrigen Theil des Erdballs, welchen man in jener Zeit bei weitem geeigneter den ausſchließlich civiliſirten nen⸗ nen konnte, als heut zu Tag, gänzlich unbekannt. Selbſt Pferde wurden bei Reiſen über die Alpen nicht oft ge⸗ braucht, ſondern der Wanderer bediente ſich des ſicherer gehenden Maulthieres nicht minder, wie der mehr geübte Säumer und Schleichhandler, welche dieſe rauhen Pfade beſuchten. Allerdings hatte man, wie in den übrigen Theilen Europa's, ſo auch in den ebenern Gegenden⸗ Straßen, wenn ja irgend ein Theil der wogenden Ober⸗ fläche dieſes Landes den Namen Ebene verdient; war man aber einmal in dem Gebirge, ſo konnte man ſich, mit Ausnahme ſehr unkünſtlicher Wagenſpuren in den — 95— engen und ſchluchtenartigen Thälern, nur dem Hufe an⸗ vertrauen oder dieſen wirklich gebrauchen. So war denn auch der lange Zug von Reiſenden, der die Thore von Blonay verließ, als der Nebel ſich auf den weiten, angeſchwemmten Rhone⸗Wieſen regte, durchaus beritten. Ein Kurier, von einem bepackten Maulthier begleitet, war ſchon in der Nacht abgegangen, um für die Bequemlichkeit derer, die da folgten, zu ſor⸗ gen und gewandte junge Gebirgsbewohner waren in ein⸗ zelnen Zwiſchenräumen, mit verſchiedenen auf die Be⸗ haglichkeit der Reiſenden berechneten Befehlen abgegangen. Als der Reiterzug aus dem Bogen des großen Tho⸗ res kam, hörte man das lebhafte, aufregende Horn, auf welchem die Weiſe eines Abſchiedsliedes geblaſen wurde— der Sitte gemäß ein Zeichen der herzlichen Wünſche für die Scheidenden. Der Zug folgte einem ſich windenden und maleriſchen Reitpfad, der zwiſchen Alpenwieſen, Laub⸗ werk, Felſen und Weiler bequem an das Ufer des Leman herabführte. Roger von Blonay und ſeine beiden Haupt⸗ gäſte ritten voran, der erſtere auf einem Kriegsroſſe, das er Jahre vorher als Krieger geritten hatte, und die beiden andern auf Thieren, welche für die Berge zuge⸗ ritten und an deren Wege gewöhnt waren. Adelheid und Chriſtine kamen zunächſt, in der beſcheidenen Zurückhal⸗ tung ihres Geſchlechtes für ſich reitend. Ihr Geſpräch war leiſe und innig. Einige Diener folgten und dann kamen Sigismund an der Seite von Signor Grimaldi's Freund, und einer aus dem Hauſe des Herrn von Blo⸗ nay, der mit dem Freiherrn zurückkehren ſollte, wenn er ſeinen Gäſten die Ehre erwieſen, ſie bis nach Ville⸗ — 96— neuve zu begleiten. Den Nachtrab bildeten Maulthier⸗ treiber, die Dienerſchaft und die Führer der Thiere, welche das Gepäcke trugen. Alle die erſtern, welche die Alpen zu überſchreiten beabſichtigten, trugen die Feuer⸗ gewehre jener Periode an ihren Sattelbögen und jeder hatte ſeinen Degen, ſein couteau de chasse, oder ſeine Waffe von mehr kriegeriſcher Form, der Art an ſich be⸗ feſtigt, daß man ſah, man betrachte ſie für Waffen, zu deren Gebrauch ſich möglicherweiſe Gelegenheit bieten möchte. Da die Abreiſe von Blonay keine jener Abſchieds⸗ ſcenen darbot, welche gewöhnlich den Reiſenden wehmü⸗ thig ſtimmen, ſo war die Mehrzahl der Geſellſchaft, als ſie in die reine und erheiternde Morgenluft hinaustraten, in der Stimmung, ſich der Lieblichkeit der Landſchaft zu erfreuen und der Heiterkeit und Freude ſich hinzugeben, welche ein ſo prachtvolles Schauſpiel bei allen erwecken kann, welche für die Schönheiten der Natur Sinn haben. Adelheid zeigte mit Freuden ihrer Freundin die ver⸗ ſchiedenen Gegenſtände, die ſich ihrem Auge darboten, um ſo Chriſtinens Gedanken von ihrem Kummer abzu⸗ ziehen, welchen die Trauer um den Verluſt ihrer Mut⸗ ter noch erhöhte, von welcher ſie ſich jetzt zum erſten Male in ihrem Leben wirklich getrennt ſah, da ihr Ver⸗ kehr während der Jahre, die ſie unter einem fremden Dache hinbrachte, zwar geheim, aber doch ununterbrochen war. Chriſtine bot den liebevollen Abſichten ihrer neuen Freundin dankbar die Hand und war bemüht, an allem, was ſie ſah, Freude zu finden, obgleich es eine Freude war, wie der Trauernde und Bekümmerte ſie zuläßt, —-— 97— die geheimen Urſachen ſeines Wehes vorſichtig zurück⸗ haltend. „Jene Burg, der wir entgegenziehen, iſt Ch atelard,“ ſagte die Erbin von Willading der Tochter Balthaſars in dem Verfolge ihrer freundlichen Abſicht;—„ein faſt eben ſo altes und angeſehenes Schloß, wie das, welches wir eben verlaſſen haben, obgleich es nicht ſo lange der Aufenthalt einer und derſelben Familie war; denn die von Blonay bewohnen ſeit tauſend Jahren denſelben Fel⸗ ſen und waren ſtets wegen ihrer Biederkeit und ihres Muthes berühmt.“ „Gewiß, wenn etwas im Leben ſeine täglichen Übel ausgleichen kann,“ bemerkte Chriſtine mit mildem Schmerze und vielleicht mit der Wunderlichkeit des Kum⸗ mers—„ſo muß es der Umſtand ſeyn, von ſolchen ab⸗ zuſtammen, welche unter den Großen und Gluücklichen ſtets gekannt und geehrt waren! Selbſt Tugend, See⸗ lenadel und große Thaten erfreuen ſich kaum einer Ach⸗ tung, wie wir ſie für den Herrn von Blonay fühlen, deſſen Familie, wie du eben geſagt haſt, tauſend Jahre auf dem Felſen droben wohnt.“ Adelheid ſchwieg. Sie würdigte das Gefühl, wel⸗ ches ihre Freundin ſo natürlich zu einem Gedanken, wie dieſer, geführt hatte, und fühlte die Schwierigkeit, in eine ſo tiefe Wunde, wie die, ihrer Freundin beige⸗ brachte war, Balſam zu träufeln. „Wir dürfen die nicht immer für die glücklichſten halten, welche die Welt am meiſten ehrt,“ antwortete ſie endlich;„die Achtung, an welche wir gewöhnt ſind wird endlich ein Bedürfniß, ohne darum eine Quelle des — 98— Glückes zu ſeyn; und die Gefahr, ſie einzubüßen, kömmt der Freude, ſie zu beſitzen, mehr als gleich.“ „Du wirſt mindeſtens zugeben, daß verachtet und geſcheut zu werden, ein Fluch iſt, mit welchem uns nichts ausſöhnen kann.“ „Wir wollen jetzt von andern Dingen ſprechen, Liebe. Es mag lange währen, ehe eine von uns dieſe große Scene von Fels und Waſſer, braunen Bergen und leuch⸗ tenden Gletſchern wieder ſieht; wir wollen uns nicht un⸗ dankbar gegen das Glück zeigen, welches ſich uns darbie⸗ tet, indem wir uns über das grämen, was unmöglich iſt.“ Chriſtine fügte ſich ruhig der freundlichen Abſicht ihrer neuen Freundin und ſie ritten ſchweigend und den gewundenen Pfad verfolgend, weiter, bis die ganze Ge⸗ ſellſchaft den langen aber angenehmen Weg den Berg herab hinter ſich hatte und die große Straße betrat, welche von den Wellen des See's beinahe beſpült wird. Wir haben bereits in früheren Blättern unſeres Werkes auf die außerordentlichen Schönheiten des Weges an die⸗ ſem Ende des Lemans hingedeutet. Nachdem der Reiter⸗ zug die Höhe des milden und geſunden Montreux er⸗ reicht hatte, führte der Weg unter einem Laubgewölbe von Nußbäumen wieder nieder zu dem Thore von Chillon und den Rand des See's ſtreifend, erreichte man zur Stunde, welche für das Frühſtück beſtimmt war, Ville⸗ neuve. Alle ſtiegen hier ab und erfriſchten ſich einſtwei⸗ len, worauf Roger von Blonay und ſeine Leute, nach vielfachem Austauſche warmer und wohlgemeinter Wün⸗ ſche, den letzten Abſchied nahmen. Die Sonne war in den tiefen Thälern kaum ſicht⸗ 5 —,— „ S SD ͤSAS — 99— bar, als die, welche auf den St. Bernhard reiſen woll⸗ ten, ſchon wieder im Sattel waren. Die Straße ver⸗ ließ natürlich jetzt das Seeufer und durchſchnitt jene breiten, angeſchwemmten Niederungen, welche während dreitauſend Jahren durch das Beſpülen der Rhone, und wenn man geologiſchen Vermuthungen und alten über⸗ lieferungen Glauben beimeſſen darf, durch gewiſſe heftige Naturerſchütterungen gebildet worden ſind. Mehrere Stunden ritten unſere Reiſenden inmitten ſolcher reichen Fruchtbarkeit und einer ſolchen Üppigkeit des Pflanzen⸗ lebens, daß ihr Weg mehr Ahnlichkeit mit einem Aus⸗ flug in die weiten Ebenen der Lombardei, als einer Reiſe inmitten der gewöhnlichen Schweizerſcenerie hatte; ob⸗ gleich, der grenzenloſen Ausdehnung des Gartens Ita⸗ liens unähnlich, die Ausſicht auf jeder Seite durch ſenk⸗ rechte Felſenwälle begrenzt war, welche ſich in den Him⸗ mel emporthürmten, und nur eine oder zwei Stunden von einander getrennt waren, eine Entfernung, welche ſich, nach dem Auge zu ſchließen, zu Meilen ausdehnte,— eine Folge der Größe des Masſtabs, in welchem die Na⸗ tur dieſe ungeheuern Maſſen aufgerichtet hat. Spät am Mittag führte die berühmte Brücke von St. Maurice Melchior von Willading und ſeinen ehrwürdigen Freund über die ſchäumende Rhone. Hier betraten ſie Wallis, damals, ſo wie Genf, ein zugewandter Ort und nicht zur Eidgenoſſenſchaft gehörig, und alles, was ſich dem Blicke darbot, Belebtes wie Unbelebtes, nahm jene Miſchung des Großen, des Unfruchtbaren, des Üppigen und des Abſtoßenden an, um deswillen dieſes Land ſo allgemein bekannt iſt. Adelheid ſchauerte unwillkührlich 7* — 100— — denn ihre Phantaſie war durch das Gerücht ſelbſt auf mehr gefaßt, als die Wirklichkeit Grund gegeben haben würde zu erwarten,— als das Thor von St. Maurice ſich in ſeinen Angeln bewegte, und die Geſellſchaft im wörtlichen Sinne in dieſes wilde, öde und doch ſo roman⸗ tiſche Land einſchloß. Wie man jedoch der Rhone ent⸗ lang zog, ſtaunte ſie und jeder ihrer Gefährten, dem die Scene neu war, unaufhörlich über irgend etwas Mißhel⸗ liges, auf das ſie nicht gefaßt waren und das bald Be⸗ wunderung, bald Abſcheu, bald Ausrufungen des Ent⸗ zückens, bald die Kälte getäuſchter Erwartung erzeugte. Die Berge waren allum öde und ohne den belebenden Schmuck der ſonnigen Weideplätze, aber das Thal war faſt überall reich und ergiebig. An einer Stelle war ein Waſſerſack, eines jener Waſſerbehälter, welche die Glet⸗ ſcher auf den Höhen der Felſen bilden, ausgebrochen und hatte, mit Ungeſtümm niederſtürzend, jede Spur der Bebauung mit ſich fortgeriſſen und weite Flächen der Wieſen mit chaotiſch zerſtreuuetem Getrümmer bedeckt⸗ Furchtbare Oden und die lachendſte Fruchtbarkeit berühr⸗ ten ſich unmittelbar: grüne Plätze, die zufällig eine gluͤck⸗ liche Bildung des Bodens begünſtigt hatte, traten, wie Oaſen in der Wüſte, inmitten einer Unfruchtbarkeit her⸗ vor, welche der Anſtrengung und Kunſt des Menſchen ein Jahrhundert lang Trotz bieten würde. Dieſe Troſt⸗ loſigkeit zu pollenden, ſaß mitten in dieſem ſchrecklichen Gemäalde der Dürftigkeit ein Cretin mit ſeinen halb⸗ menſchlichen Abzeichen, der lallenden Zunge, dem ſtum⸗ pfen Geiſte und den entwurdigenden Gelüſten. Aus dieſem Gürtel des vernichteten Pflanzenlebens heraustre⸗ S& 8 2Sͤ— ,2⁸ — 8H2 — 8A&ᷣ SS tend, wurde die Scene wieder ſo freundlich, wie es die Phantaſte nur wünſchen, das Auge nur verlangen konnte. In den Strahlen der Sonne funkelnd, ſprangen Bäche von Fels zu Fels; das Thal wurde grün und lieblich; die Berge zeigten mannigfaltige und ſchöne Formen und glückliche, lächelnde Geſichter erſchienen, deren Friſche und Regelmäßigkeit vielleicht in keinem andern Theil der Schweiz wieder zu finden war. Kurz, Wallis war da⸗ mals, wie jetzt, ein Land entgegengeſetzter Extreme, wo aber vielleicht das Abſtoßende und Unwirthliche vorherrſchte. Ungeachtet der kleinen Strecke, welche die Reiſenden zurückgelegt hatten, brach die Nacht ein, als ſie Mar⸗ tigny erreichten, wo vorläufig alle Anordnungen für ihre Aufnahme während der Stunden des Schlafs getroffen worden waren. Man ſorgte, der Geſellſchaft zeitig den Genuß der Ruhe zu verſchaffen, um ſie für die Mühen des folgenden Tages zu ſtärken. Martigny liegt an dem Punkte, wo das große Rhone⸗ thal ſeine nach Süden laufende Richtung ändert und ſich weſtlich wendet, und von hier gehen drei der berühmten Bergwege aus, welche zu eben ſo vielen Wegen der obern Alpen führen. Hier beginnen die zwei Wege des groſ⸗ ſen und kleinen St. Bernhard, welche beide nach Ita⸗ lien führen, und der des Col⸗de⸗Balme, welcher über einen Alpenſporn nach Savoyen in das berühmte Cha⸗ mouny⸗Thal leitet. Es war die Abſicht des Freiherrn von Willading und ſeines Freundes, den erſtern dieſer Wege einzuſchlagen, wie ſchon öfter in dieſen Blättern bemerkt worden iſt, da die Hauptſtadt Piemonts ihr Ziel war. Der Weg über den großen St. Bernhard, obgleich — 102— durch ſein altes und gaſtfreies Kloſter, dem höchſten be⸗ wohnten Punkte in Europa, ſo lange bekannt und in die⸗ ſer ſpätern Zeit als übergangspunkt eines ſiegreichen Heeres ſo berühmt, iſt hinſichtlich der Größe ſeiner Sce⸗ nerie nur ein Alpenpaß zweiter Klaſſe. Der Aufſtieg, noch heut zu Tag ſo kunſtlos, iſt lang und verhältniß⸗ maͤßig ohne Gefahr und im Allgemeinen auch ziemlich grade, da ſich hier keine ſehr hohe Steilen, wie die des Gemmi, der Grimſel, und vieler andern Päſſe in der Schweiz und Italien, darbieten, den Nacken oder col des Berges ausgenommen, wo man den Fels auf den rauhen und großen Stufen, die auf den Wegen der Al⸗ pen und Apenninen ſo häufig vorkommen, buchſtäblich erklimmen muß. Das Miühſelige dieſes Weges liegt daher eher in ſeiner Länge und der Nothwendigkeit un⸗ ablaſſiger Eile, als in einer übermäßigen Anſtrengung beim Hinaufſteigen; und den Ruhm, welchen der große Feldherr unſeres Jahrhunderts ſich erworben hat, indem er eine Armee über dieſen Berg führte, erlangte er eher durch die militariſchen Combinationen, in welchen dieſer Zug beſonders hervortrat, durch die Kühnheit des Ge⸗ dankens und das Geheimniß und die Schnelligkeit, mit welcher ein ſo ausgedehnter Plan ausgeführt wurde, als durch die phyſiſchen Schwierigkeiten, welche zu beſiegen waren. In letzterer Hinſicht wurde der Übergang über den St. Bernhard in unſern Wildniſſen häufig übertrof⸗ fen, denn Armeen haben oft Länder mit großen Strö⸗ men, ſchwierigen Gebirgen und ununterbrochenen Waͤl⸗ dern wochenlang durchzogen, wo die bloße körperliche Anſtrengung jedes einzelnen Tages größer war, als die bei dieſer Gelegenheit von Napoleons Heere ausgeſtande⸗ nen Mühſeligkeiten. Wir ſchätzen jede That nach der Größe ihrer Erfolge, ſo daß ein vollkommen unpar⸗ teiiſches Urtheil über deren Verdienſt ſehr ſelten iſt; denn der Sieg oder die Niederlage, welche, wie einfach oder blutlos ſie ſeyn mögen, die Intreſſen der civiliſir⸗ ten Geſellſchaft erſchüttern oder ſicher ſtellen, werden immer bei der Welt für ein Begebniß größerer Wichtig⸗ keit gelten, als die glücklichſten Combinationen des Ge⸗ dankens oder der Tapferkeit, welche nur auf die Wohl⸗ fahrt eines fernen und unbekannten Volkes abzielen. Erwägen wir dieſe Wahrheit wohl, ſo werden wir ein⸗ ſehen, wie wichtig es ſey, daß eine Nation Vertrauen zu ſich ſelbſt, ausgedehnte Macht und eine ihren Mitteln angemeſſene Einheit beſitze; denn kleine und getrennte Staaten vergeuden ihre Kraft in Thaten, welche für das allgemeine Intreſſe zu wenig Bedeutung haben und ver⸗ ſchleudern ihre geiſtigen Mittel nicht minder als ihre Schätze und ihr Blut, um Intreſſen zu unterſtützen, welche bei niemand auſſerhalb ihres eigenen Grenzpfah⸗ les Theilnahme erwecken. Die Nation, welche wegen geringerer Bevölkerung, Armuth der Mittel, ſchlechter Leitung und des Widerſtandes der öffentlichen Meinung ſich nicht in dem Beſitze eines gerecht erworbenen Ruhms erhalten kann, entbehrt eines der erſten und unerläßlich⸗ ſten Elemente ihrer Größe; denn der Ruhm mehrt ſich, wie der Reichthum, und wird größtentheils da gefunden, wo ſich ſeine Fruchte bereits angehäuft haben. Wir er⸗ kennen, neben andern Folgerungen, aus dieſer Thatſache die Wichtigkeit, ſich an eine Männlichkeit der Denkweiſe — 104— zu gewöhnen, welche uns in den Stand ſetzt, über das Verdienſt und Unverdienſt deſſen, was bei uns geſchieht, zu entſcheiden und jene Abhängigkeit von Andern abzuſchüt⸗ teln, welcher viele unter uns den anmaßlichen Titel der Achtung vor Wiſſenſchaft und Geſchmack geben, die aber in Wahrheit ſo viel echte Beſcheidenheit und Schüchtern⸗ heit hat, wie der Diener wohl zeigt, wenn er mit der Berühmtheit ſeines Herrn prunkt. Dieſe kleine Abſchweifung hat uns verleitet, die Be⸗ gebenheiten der Erzählung einen Augenblick zu überſe⸗ hen. Wenige, die die Mittel beſitzen, wagen ſich in der ſpäten Jahreszeit, in welcher unſere Geſellſchaft Martigny erreichte, in die ſtürmiſchen Regionen der höhern Alpen, ohne ſich einen oder mehrere paſſende Führer zu neh⸗ men. Die Dienſte dieſer Menſchen ſind in vielfacher Hinſicht von Nutzen, beſonders aber darin, daß ſie den Rath geben, zu welchem eine lange Bekanntſchaft mit den Zeichen des Himmels, den Veränderungen der Luft und der Richtung der Winde ſie befähigt. Der Freiherr von Willading und ſein Freund ſandten ſogleich einen Boten nach einem Gebirgsbewohner, Namens Pierre Dumont, der ſeiner Treue wegen vortheilhaft bekannt war und in dem Rufe ſtand, mit allen den Schwierig⸗ keiten des Auf⸗ und Niederſteigens beſſer bekannt zu ſeyn, als irgend ein anderer, welcher die Thäler dieſes Theils der Alpen bereiſ't. Heut zu Tag, wo Hunderte aus bloßer Neugierde zum Kloſter hinauf ſteigen, eignet ſich jeder Landmann von hinreichender Starke und Er⸗ fahrung zum Führer, und die kleine Bewohnerſchaft des untern Wallis findet in dem Durchzug der Müßigen — — — 195— und Reichen eine ſo ergiebige Quelle des Einkommens, daß ſie veranlaßt wurde, alles nach ſehr nützlichen und billigen Beſtimmungen zu regel; allein zur Zeit unſerer Erzählung war dieſer Pierre Dumont der einzige Mann, der durch ein glückliches Zuſammentreffen von Umſtän⸗ den einen Namen unter den reichen Fremden erlangt hatte und von dieſer Klaſſe Reiſender gar geſucht war. Es dauerte nicht lange, ſo trat er in das gemeinſchaft⸗ liche Gaſtzimmer des Wirthshauſes— ein geſunder, blü⸗ hender, kräftiger Sechziger, deſſen ganzes Ausſehen eine dauernde Geſundheit und Kraft verkündigte, der aber mit einer kleinen und beinahe unbemerklichen Schwie⸗ rigkeit Athem holte. „Du biſt Pierre Dumont?⸗ fragte der Freiherr, die offenen Züge und die wohlgebildete Geſtalt des Wal⸗ liſers mit Zufriedenheit betrachtend.„Mehr als ein Rei⸗ ſender hat deiner in dem Fremdenbuche hier gedacht.⸗ Der ſtämmige Gebirgsbewohner richtete ſich ſtolz empor und war bemüht, ſich für das Kompliment nach Art ſeiner wohlgemeinten aber derben Höflichkeit erkennt⸗ lich zu zeigen; denn die Verfeinerung hatte ihre Liſt und ihren Trug damals noch nicht über die Thäler des Schweizerlandes ausgedehnt. „Sie haben mir Ehre angethan, Monſieur,⸗ ſagte er:— ⸗mein Glück hat es gewollt, daß ich mit vielen braven Edelleuten und ſchönen Damen— und zweimal mit Fürſten— den Col paſſirte.(Obgleich ein tüchtiger Republikaner, war Pierre doch nicht gegen weltlichen Rang unempfindlich.) Die frommen Möoͤnche kennen mich gar wohl, und wer das Hospiz betritt, wird darum nicht — 106— ſchlechter aufgenommen, weil er in meinem Geleite kommt. Ich werde mich freuen, eine ſo ſchöne Geſellſchaft aus unſerm kalten Wallis in die ſonnigen Thäler Italiens zu führen, denn, um die Wahrheit zu ſagen, die Natur hat uns, was unſere Behaglichkeit betrifft, auf die ſchlimme Seite der Alpen geſetzt, obgleich wir in Gegenſtänden von größerer Wichtigkeit unſere Vortheile ſelbſt über die haben, welche Turin und Mailand bewohnen.⸗ „Was kann der Walliſer vor dem Lombarden und Piemonteſer voraus haben?⸗ fragte Signor Grimaldi raſch, wie jemand, der neugierig iſt, die Antwort zu hören.„Ein Reiſender muß ſich in Allem zu unterrich⸗ ten ſuchen und hier höre ich wirklich von einer neuen Entdeckung.⸗ „Freiheit, Signore! Wir ſind unſere eignen Herrn; wir ſind es geweſen, ſeit unſere Väter die Schlöſſer der Adeligen zerſtört und ihre Tyrannen gezwungen haben, ihresgleichen zu werden. Ich denke jedesmal daran, wenn ich in die warmen Ebenen Italiens komme, und kehre um dieſes Gedankes willen zufriedener in meine Hütte zurück.“ „Geſprochen wie ein Schweizer, obgleich es nur die Sprache des Inſaſſen eines zugewandten Ortes iſt,“ ſagte Melchior von Willading mit Innigkeit.„Dies iſt der Geiſt, Gaetano, der unſere Alpler ſchirmt und ſie in⸗ mitten ihrer Felſen und ihres Eiſes glücklicher macht, als deine Genueſer an ihrer ſüdlich⸗warmen Bucht.“ „Das Wort Freiheit, Melchior, wird mehr gebraucht als verſtanden und mehr mißbraucht als gebraucht,“ erwiderte Signor Grimaldi ernſt.„Ein Land, welchem der Him⸗ —,— —— — 107— mel ſein Antlitz ſo mißfällig zugewendet hat, wie dieſem, muß nothwendig irgend einen Troſt haben, wie das Scheinbild iſt, deſſen ſich der ehrliche Pierre ſo ſehr zu erfreuen ſcheint.— Aber, Signor Pierre, haben viele Reiſende in der letzten Zeit den Weg über den Berg zurückgelegt und was denkſt du von unſern Ausſichten, den Verſuch zu machen? Wir hören manchmal düſtere Geſchichten von deinen Alpenpfaden, die in jenes Ita⸗ lien führen, das dir ſo werthlos vorkömmt.“ „Vergebung, edler Signore, wenn die Freimüthig⸗ keit eines Gebirgsbewohners mich zu weit führte. Ich ſchätze Piemont darum nicht, gering, weil ich unſer Wal⸗ lis mehr liebe. Ein Land kann vortrefflich ſeyn, ob⸗ gleich ein anderes vielleicht beſſer iſt.— Eure Frage angehend, ſo haben Reiſende von Namen den Berg in der letzten Zeit nicht beſucht, aber die gewöhnliche Zahl von Landſtreichern und Abentheuern blieb nicht aus. Der Duft der Kloſterküche kitzelt die Naſen dieſer Schurken ſchon hier im Thale, obgleich wir zwölf gute Stunden zu gehen haben, um von dieſem zu jener zu kommen.“ Signor Grimaldi wartete, bis Adelheid und Chri⸗ ſtine, welche ſich zum Schlafengehen anſchickten, wegge⸗ gangen waren und ſetzte dann ſeine Fragen fort. „Du haſt nicht von dem Wetter geſprochen?“ „Wir ſind in einem der unſicherſten und verräthe⸗ riſcheſten Monate der guten Jahreszeit, Meſſieurs. Der Winter hebt in den obern Alpen an und in einem Mo⸗ nat, in welchem die Fröſte, wie beunruhigte Vögel, die nicht wiſſen, wo ſie ſich niederlaſſen ſollen, umherflattern, — 108— kann man kaum ſagen, ob man ſeines Mantels bedarf oder nicht.“ „San Francesco! Glaubſt du, ich ſcherze mit dir wegen eines dichtern oder dünnern Rockes, Freund? Meine Worte zielen auf Lawinen und Felſenſtürze— auf Wirbelwinde und Stürme.“ Pierre lachte und ſchüttelte den Kopf, obgleich er, wie es ſein Geſchäft forderte, unbeſtimmt antwortete. „Dies ſind italieniſche Anſichten von unſern Ber⸗ gen, Signore!“ ſagte er.„Sie ſind ein wenig phan⸗ taſtiſch. Unſer Paß wird nicht ſo oft ſelbſt beim Schmel⸗ zen des Schnees von Lawinen heimgeſucht, als manche andere. Hättet Ihr vom See aus auf die Bergſpitzen geſehen, ſo würdet Ihr gefunden haben, daß ſie, die grauen Gletſcher ausgenommen, noch alle braun und nackt ſind. Der Schnee muß vom Himmel fallen, ehe er in Lawinen fallen kann und wir ſind, denke ich, noch einige Tage vom wahren Winter entfernt.“ „Deine Berechnungen ſind ſehr genau, Freund,“ er⸗ widerte der Genueſer, dem es jedoch nicht unangenehm war, den Führer mit ſo großer Zuverſicht von dem Wetter ſprechen zu hören,—„und wir ſind dir dem⸗ gemäß dankbar verpflichtet. Wie iſt's mit den Reiſen⸗ den, deren du gedacht haſt? Gibt es Räuber auf un⸗ ſerm Wege?“ „Nan weiß, daß ſolche Schurken die Gegend be⸗ unruhigen, aber im Allgemeinen iſt im Verhaͤltniß zu der Gefahr zu wenig zu gewinnen. Reiche Reiſende ſind keine Alletagsſchau in unſern Bergen; und Ihr — 109— wißt wohl, Signore, daß für ſolche Freibeuter zu wenige ſo gut, wie zu viele auf einem Pfade ſeyn können.“ Der Italiener war aus Gewohnheit in allen ſolchen Gegenſtänden mißtrauiſch und er warf einen raſchen, argwöhniſchen Blick auf den Führer. Aber das freie, offene Geſicht Pierre's entfernte jeden Zweifel an ſeiner Ehrlichkeit, um nichts von dem Einfluß eines wohlbe⸗ gründeten Rufes zu ſagen. „Aber du haſt von gewiſſen Landſtreichern geſprochen, welche uns vorangegangen ſind?“ „In Betreff deſſen könnten die Sachen beſſer ſte⸗ hen,“ antwortete der offenherzige Gebirgsbewohner, in⸗ dem er ſeinen Kopf in eine ſo natürlich ausgedrückte Stellung des Nachdenkens ſenkte, daß dieſe das Gewicht ſeiner Worte vermehrte.„Viele von ſchlechtem Ausſe⸗ hen ſind ohne Frage heute bergauf gezogen; ein Neapo⸗ litaner zum Beiſpiel, Namens Pippo, der nichts weni⸗ ger als ein Heiliger iſt— ein gewiſſer Pilger, der in dem Hospiz dem Himmel näher ſeyn mag, als er es in ſeiner Todesſtunde ſeyn wird— der heilige Petrus bitte für mich, wenn ich dem Manne unrecht thue!— und einige deſſelben Gelichters mehr. Auch iſt ein An⸗ derer in größter Eile hinaufgeſtiegen, und wie man hört, mit gutem Grunde, denn er hat ſich durch eine Albern⸗ heit bei dem Winzerfeſte allen Spaßvögeln von Vevay preisgegeben— ein gewiſſer Jaques Colis.“ Mehrere in der Näͤhe des Redenden widerholten den Namen. „Derſelbe, Meſſieurs. Es ſcheint, der Sieur Co⸗ lis habe bei dem öffentlichen Feſte gern ein Mädchen — 110— heirathen wollen, und als deren Herkunft bekannt wurde, war ſeine Braut keine andere, als die Tochter Baltha⸗ ſars, des Scharfrichters von Bern.⸗ Ein allgemeines Schweigen verrieth die Verlegenheit der meiſten Hörer. „Und dieſe Geſchichte hat bereits dieſe Schlucht er⸗ reicht?“ fragte Sigismund in einem ſo ernſten und feſten Tone, daß Pierre zurückbebte, waͤhrend die zwei alten Edelleute ihr Auge wegwandten und nicht zu be⸗ merken ſchienen, was vorging. „Das Gerücht hat einen leichtern Fuß als ein Maul⸗ thier, junger Offizier,“ antwortete der wackere Führer. „Dieſe Geſchichte, wie Ihr es nennt, wird eher über die Berge gewandert ſeyn, als die, welche ſie mitbrach⸗ ten— obgleich ich nie begriffen habe, wie ein ſolches Wunder vor ſich gehen konnte— aber es iſt ſo; das Gerücht geht ſchneller als die Zunge, die es verbreitet und wenn einige Unwahrheit dazu kommt, um ihm fort⸗ zuhelfen, ſo iſt der Wind ſelbſt kaum raſcher. Der gute Jaques Colis beabſichtigte, ſeiner Geſchichte den Rang abzulaufen— aber ich ſetze mein Leben dagegen, daß er, obgleich er flink genug war, dem Spotte zu Vepay zu entlaufen, ſie bereits mit allen den Zuſätzen in dem Wirthshaus zu Turin, wenn er dieſe Stadt ſelbſt er⸗ reicht, ſicher eingebracht findet.“ „Mehr gingen nicht über den Berg?⸗ fiel ihm Sig⸗ nor Grimaldi ein, der an Sigismunds hochathmender Bruſt ſah, daß es Zeit war, das Geſpräch abzubrechen. „O ja, Signore— ein Anderer noch, und Einer, der mir weniger gefällt, als Alle. Einer Eurer Lands⸗ tha⸗ heit er⸗ und wei be⸗ aul⸗ rer. ber ach⸗ hes das itet rt⸗ ute ung aß day em er⸗ ig⸗ er en. e. leute, der unverſchämt genug iſt, ſich ſelbſt il Maledetto zu nennen.⸗ „Maſo?⸗ „Derſelbe.⸗ „Der ehrliche, muthige Maſo und ſein trefflicher Hund?“ „Signore, Ihr ſchildert den Menſchen in eiigen Punkten ſo gut, daß ich mich wundere, daß Ihr ihn in andern ſo wenig kennt. An Thätigkeit und Muth hat Maſo ſeines Gleichen nicht auf der Straße und das Thier ſteht um derſelben Eigenſchaften willen nur unſern Klo⸗ ſterhunden nach; wenn Ihr aber von ſeines Herrn Ehr⸗ lichkeit ſprecht, ſo ſprecht Ihr von etwas, worin ihm die Welt wenig Zutrauen ſchenkt, und ſetzt das Thier ſehr herab, das in dieſer Beziehung bei weitem den Vorzug hat.“ „Dies mag wohl wahr ſeyn,“ erwiderte Signor Grimaldi, ſich beſorgt an ſeine Reiſegenoſſen wendend: —„Der Menſch iſt ein ſeltſames Gemiſch von Gutem und Böſem; ſeine Handlungen ſind, wenn er ſeinen natürlichen Trieben überlaſſen iſt, ſo verſchieden von dem, wozu Berechnung ſie macht, daß man kaum für einen Mann von Maſo's Charakter einſtehen kann. Wir wiſ⸗ ſen, daß er ein ſehr thäͤtiger Freund iſt und ſolch ein Mann gibt leicht einen ſehr gefährlichen Feind ab! Seine Eigenſchaften ſind ihm nicht knapp zugemeſſen worden. Und dennoch ſpricht ein mächtiger Umſtand zu unſern Gunſten; denn wer einem Mitgeſchöpf ein Mal den größ⸗ ten Dienſt erzeigt hat, hegt eine Art väterlichen Gefühls gegen den, den er gerettet und wird ſich wahrſcheinlich ner Gattung leben, die ihm ein dankbares Andenken ſchulden.“ Melchior von Willading ſprach ſich in demſelben Geiſte aus und der Führer, der ſah, daß man ihn nicht ferner bedurfte, entfernte ſich. Bald darauf begaben ſich die Reiſenden zur Ruhe. Sechſtes Kapitel. Das zitternd Jahr iſt jetzt noch nicht geſichert, Der Winter ruft am Schluß noch oft den Sturm, Vereiſ't den blaſſen Morgen und läßt Schnee Den ſchönen Tag entſtellen. Thomſon. Das Horn Pierre Dumont's wurde mit der Däm⸗ merung unter den Fenſtern des Wirthshauſes von Mar⸗ tigny laut. Nun zeigten ſich ſchlaftrunkne Diener, wider⸗ willige Maulthiere wurden geſattelt, und das Gepäcke aufgeladen. Einige Minuten ſpäter war die kleine Kara⸗ wane verſammelt— denn dieſen Namen konnte man dem berittenen Zuge geben— und man ſetzte ſich in Bewegung, die Alpen zu überſteigen. Die Reiſenden verließen jetzt das Rhonethal, um ſich inmitten jener nebelumwogten wirren Gebirgsmaſſen zu begraben, welche den Hintergrund des Gemäldes bil⸗ deten, das ſie vom Schloſſe Blonay und dem Leman den wohlthuenden Gedanken nicht rauben, daß einige ſei⸗ —+—-—-—- 8 12 ☛ —————4j——+₰ —/·— ſei⸗ nken jeiſte erner he. — 113— aus geſehen hatten. Sie kamen bald in eine Thalſchlucht und, dem Laufe eines brauſenden Bergſtromes folgend, erreichten ſie allmählig und durch viele Windungen die rauhen, hochgelegenen Triften, wo die Einwohner ſich, vorzüglich durch Sennerei, einen knappen Lebensunter⸗ halt verſchaffen. Wenige Stunden über Martigny trennten ſich die Wege wieder und der eine wandte ſich links, dem hohen Thale entgegen, das ſeitdem in den Erzählungen dieſer wilden Gegend durch die Bildung eines kleinen Sees an einem Gletſcher berühmt geworden iſt, welcher, auf ſeine Grundlage zu ſehr drückend, ſeinen Eiswall durch⸗ brach und aus einer Entfernung von mehreren Stunden in einem Waſſerberg der Rhone zuſtrömte, auf ſeinem Wege jede Spur des Anbaues vernichtend und an man⸗ chen Orten die Gegend faſt unkenntlich machend. Nun wurde die glänzende Kuppe von Vélan ſichtbar und ob⸗ gleich dem Auge hier viel näher als von Vevay aus, war ſie doch noch eine ferne ſchimmernde Maſſe, groß in ihrer geheimnißvollen Einſamkeit, auf welcher das Auge gern verweilte, wie es die reinen und fleckenloſen Säume einer ſchläfrigen Wolke betrachtet. Es iſt ſchon geſagt worden, daß, mit Ausnahme gelegentlicher Anhöhen und Schluchten, der Aufſteig des großen St. Bernhard nirgends ſehr ſteil iſt, als an der Stelle, wo der letzte Felſenwall überſtiegen werden muß. Der Weg führt, im Gegentheil, manchmal Stundenlang durch ziemlich ebene Thäler, obgleich die allgemeine Rich⸗ tung nothwendig aufwärts geht, und größtentheils durch eine Gegend, welche den Anbau zuläßt, obgleich die Ma⸗ 79— 81. 8 — 114— gerkeit des Bodens und die Kürze der günſtigen Jahres⸗ zeit die Mühen des Landbebauers nur knapp belohnt. In dieſer Hinſicht unterſcheidet er ſich von den meiſten andern Alpenpäſſen; wenn er aber der Abwechſelung, der Wildheit und Erhabenheit des Splugen, des St. Gott⸗ hard, des Gemmi und des Simplon auch entbehrt, bie⸗ tet er doch einen prachtvollen Anblick dar und der Rei⸗ ſende ſieht ſich gleichſam unbemerkt in einer Höhe, welche ſtufenweiſe alles ändert, was er mit den Dingen in der untern Welt gewöhnlich in Verbindung ſetzt. Wie am vorigen Tag ritten Melchior von Willading und Signor Grimaldi von dem Augenblicke, wo ſie das Wirthshaus verließen, bis zum erſten Halte, in Geſell⸗ ſchaft. Dieſe alten Freunde hatten ſich vieles in vertraulichem Geſpräche vieles mitzutheilen, an deſſen freier Beſprechung die Gegenwart Roger von Blonay's und die Zudringlichkeit des Landvogts ſie bisher gehindert hatte. Beide hatten auch über Adelheid, ihre Hoffnungen und ihr künftiges Glück reif nachgedacht, und ſich geäuſſert wie zwei alte Adlige jener Zeit, welche nicht ohne lebhaftes Gefuhl für ihresgleichen waren, während ſie zu viel Erfahrung hatten, um die Welt und ihre Bande zu überſehen, über einen ſo zarten Gegenſtand ſich ausſprechen konnten. „Mich überkam ein Gefuhl des Schmerzes und wenn ich es bei ſeinem rechten Namen nennen ſoll, des Nei⸗ des,“— bemerkte der Genueſer im Verfolge eines Ge⸗ genſtandes, welcher ihre Zeit und ihre Gedanken am meiſten in Anſpruch nahm, während die Zügel ihrer Maulthiere los niederhingen—„mich überkam ein Gefühl des Schmerzes, als ich das ſchöne Weſen zuerſt — 115— ſah, das dich Vater nennt, Melchior. Gott hat in man⸗ chen Dingen, welche die Menſchen glücklich machen, mich gnädig bedacht; aber er hat meine Ehe unſelig gemacht, wenn nicht in ihrer Knospe, doch in ihrer Frucht. Dein Kind iſt gehorſam und liebevoll, wie nur ein Vater es wünſchen kann; und doch muß dieſe ungewöhnliche Nei⸗ gung deine ſchönen und gerechten Hoffnungen für ihre Wohlfahrt trüben, wenn nicht vernichten! Dies iſt keine gewöhnliche Sache, welcher einige Drohungen mit Ein⸗ ſperren und ein Wechſel des Aufenthaltes abhelfen, ſon⸗ dern eine eingewurzelte Leidenſchaft, welche nur zu feſt auf Achtung gegründet iſt. Bei San Francesco! Mir kömmt es manchmal vor, als thäteſt du am beſten, die Heirath zuzugeben.“ „Wenn es der Zufall fügt, daß wir mit dem flüch⸗ tenden Jacques Colis zu Turin zuſammen treffen, möchte er uns einen andern Rath geben,“ antwortete der alte Freiherr trocken. „Dies ſtellt ſich unſern Wünſchen furchtbar entge⸗ gen! Wäre der Jüngling nur nicht eines Scharfrichters Sohn! Du würdeſt gewiß nichts einzuwenden haben, Melchior, waͤre er blos der Sohn eines Knechtes oder irgend eines gewöhnlichen Dieners deiner Familie.“ „Es wäre weit beſſer, er ſtammte von jemand unſe⸗ res Standes ab, Gaetano. Ich laſſe mich nicht viel über die Lehren dieſer oder jener politiſchen Partei aus; aber ich fühle und denke in dieſer Sache wie der Vater eines einzigen Kindes. Alle unſere Gewohnheiten und Anſich⸗ ten, in denen wir aufgewachſen ſind, mein Freund, bil⸗ den eben ſo viele Beſtandtheile unſeres Glückes, ſie mö⸗ 8* — 116— gen nun albern oder weiſe, gerecht oder unbillig ſeyn, und obgleich ich meinen Mitgeſchöpfen gern ihr Recht widerfahren laſſen würde, muß ich doch wünſchen, die Neuerung eher mit jedem andern, als mit meiner Toch⸗ anzufangen. Mögen die, welche der Philoſophie und Ge⸗ rechtigkeit und den Menſchenrechten ſo lebhaft das Wort reden, anfangen, uns mit gutem Beiſpiel voranzugehen.“ „Das iſt der Stein des Anſtoßes, an welchem tau⸗ ſend der beſten Plane für die Verbeſſerung der Welt zerſchellen, ehrlicher Melchior. Könnten wir mit Anderer Hände arbeiten, mit Anderer Seufzer Opfer bringen, und mit Anderer Schätzen bezahlen, ſo würde unſeres Fleißes, unſerer Uneigennützigkeit und unſerer Freigebig⸗ keit kein Ende ſeyn— und doch ware es ein Jammer, wenn ein ſo holdes Mädchen und ein ſo edler Jüngling nicht unter Ein Joch kämen.“ „Es würde in der That für eine Tochter aus dem Hauſe von Willading ein Joch ſein,“ verſetzte der ern⸗ ſtere Vater mit Nachdruck.„Ich habe dieſen Gegenſtand von jeder Seite, die mir ziemt, betrachtet, Gaetano, und obgleich ich einen Mann, der mein Leben gerettet hat, nicht rauh verletzen möchte, indem ich ihn in einem Augenblicke, wo ſelbſt Fremde ſich zu gemeinſchaftlicher Hülfe und Unterſtützung vereinigen, aus meiner Geſell⸗ ſchaft ſtoße, ſo müſſen wir zu Turin uns doch für immer trennen.“ „Ich kann dir weder beiſtimmen, noch dich tadeln, guter Melchior! Es war eine traurige Scene, als Bal⸗ thaſars Tochter in Gegenwart von ſo vielen Tauſenden verſchmäht wurde.“ ———————— — 117— „Ich betrachte ſie als eine glückliche und gütige War⸗ nung vor einem Abgrund, in welchen eine thörige Zärt⸗ lichkeit uns beide führte, mein Freund!“ „Du magſt recht haben; und doch wünſche ich, du waͤrſt in einem größern Irrthum, als je eine Chriſten⸗ ſeele war. Es ſind dies rauhe Berge hier, Melchior, und ſind ſie überſchritten, laͤßt es ſich ſo einrichten, daß der junge Mann die Schweiz für immer vergißt. Er kann ein Genueſer werden; ſiehſt du, wenn dies geſchieht, nicht die Mittel, einen Theil der jetzigen Schwierigkeiten zu beſiegen?“ „Iſt die Erbin meines Hauſes eine Landſtreicherin, Signor Grimaldi, daß ſie ihr Vaterland und ihre Ge⸗ burt vergeſſen ſoll?“ 4 „Ich bin kinderlos, obgleich ich einen Sohn habe; und wenn der Wille und die Mittel da ſind, kann auch der Erfolg nicht fehlen. Sprechen wir davon unter der wärmern italieniſchen Sonne, welche, wie es heißt, die Herzen erweicht.“ 8 „Die Herzen der Jugendlichen und Verliebten, guter Gaetano; aber wenn ſtie ſich nicht in der neuern Zeit bedeu⸗ tend geändert hat, verbärtet ſie wohl die der Alten, ſo wie jede Sonne, die ich kenne,“ erwiderte der Freiherr kopfſchüttelnd, aber es überſtieg ſeine Krafte weit, über ſeinen Scherz zu lächeln, während er von einem ſo pein⸗ lichen Gegenſtand redete:—„Du weißt, daß ich hierin nur an das Wohl meiner Tochter denke, nicht an mich, und es würde ſich mit der Ehre eines Freiherrn von einem alten Hauſe ſchlecht vertragen, der Großvater von — 118— Kindern zu werden, welche von einer Scharfrichterfamilie abſtammen.“ Es wurde Signor Grimaldi leichter zu lächeln, als ſeinem Freunde; denn, da er daran gewöhnt war, in die Tiefen des menſchlichen Gefühls niederzuſteigen, entdeckte er ſehr ſchnell das Gemiſch von Triebfedern, welche ihren lange geltenden Einfluß auf das Herz ſeines wirklich gutgeſinnten Freundes ſtill ausübten. „So lange du von der Klugheit, die Anſichten der Menſchen zu ehren, und von der Gefahr redeſt, durch das Anſtreben wider den Strom derſelben, deiner Tochter Glück zu zertrümmern, ſtimme ich dir vollkommen bei; mir aber ſcheint es möglich, die Sache ſo zu ſtellen, daß die Welt glaubt, Alles ſey in der Regel und folg⸗ lich ſchicklich. Wenn wir uns ſelbſt bewältigen können, Melchior, fürchte ich keine große Schwierigkeit, Andere zu blenden.“ Das Haupt des Berners ſank auf ſeine Bruſt und er ritt eine große Strecke in dieſer Stellung, über den Weg nachdenkend, den er am paſſendſten einſchlagen könnte, und mit den verwirrenden Gedanken kämpfend, die ſeinen graden, aber von Vorurtheilen befangenen Geiſt beunruhigten. Da ſein Freund die Natur dieſes innern Kampfes kannte, hörte er auf zu ſprechen und ein langes Schweigen folgte dieſem Geſpräche. Anders war es bei denen, welche folgten. Obgleich lange daran gewöhnt, auf ihre heimathlichen Berge aus der Entfernung zu blicken, war es das erſte Mal, daß Adel⸗ heid und ihre Gefährtin wirklich in ihre Schluchten ein⸗ drangen und ihre gebrochenen und wechſelnden Höhen bereiſten. Der Weg auf den St. Bernhard hatte daher den ganzen Reiz der Neuheit und ihre jungen und war⸗ men Herzen waren bald dem Nachdenken über ihr un⸗ glückliches Loos entriſſen und der Bewunderung der erhabenen Werke der Natur geöffnet. Beſonders entdeckte Adelheids gebildeter Geſchmack ſchnell jene Schönheiten höherer Art, welche dem weniger Unterrichteten leicht entgehen, und ſie fand ein erhöhtes Vergnügen darin, die einfache und ſtaunende Chriſtine darauf hinzuweiſen, welche dieſen ihren erſten Unterricht in jener großen Ver⸗ einigung mit der Natur erhielt, die ſo viele unverfälſchte Freuden gewährt, mit Dankbarkeit und einer Schnellig⸗ keit der Auffaſſung, welche ihre Lehrerin reichlich belohnte. Sigismund hörte aufmerkſam und entzückt der Unter⸗ haltung zu, obgleich Jemand, der die Berge zu oft über⸗ ſchritten und ſie auf ihrer wärmern und ſonnigern Seite ſo lange geſehen hatte, ſelbſt von einer ſo geſchickten und anziehenden Lehrerin wenig lernen konnte. Wie ſie höher ſtiegen, wurde die Luft reiner und mit der Feuchtigkeit ihrer untern Strömungen weniger getränkt, während ſie die Farben und das Ausſehen jedes Gegenſtandes, der ſich dem Auge darbot, veränderte. Eine ausgedehnte Bergſeite wärmte ſich in der Sonne, welche auf den geründeten Erhöhungen hundert lange Streifen von Getraidefeldern in jeder Abſtufung der Grüne beleuch⸗ tete, dem zarteſten Sammt vergleichbar, welchen der Zu⸗ fall in den mannigfaltigſten Lagen dem Lichte darbietet; während die Schatten von dieſem Lichtpunkte des Gemäl⸗ des in dunkelrothen und braunen Abſtufungen abliefen, bis die„Colonne de vigueur“ in dem tiefen Schwarz — 129— erreicht wurde, das die überhängenden Zweige eines Lerchen⸗ waldes in die Tiefe der Schluchten warfen, in welche das Auge nur mühſam eindrang. Dieß waren die Schön⸗ heiten, bei welchen Adelheid am liebſten verweitte, denn dieſe Reize ziehen ſtets den echten Bewunderer der Na⸗ tur am erſten an, wenn er ſich über die niedrigen und weniger reinen Luftſchichten in die Regionen ſtrahlenderen Lichtes und Glanzes erhoben ſieht. So hebt ſich die körperliche wie die geiſtige Sehekraft über die Unreinig⸗ keiten, welche dieſer niedern Welt ankleben und wir erreichen, wie wir emporſteigen, einen Theil jener flecken⸗ loſen und erhabenen Empfindung, durch welche wir den Wahrheiten der Schöpfung näher gebracht werden; ein poetiſches Bild der größern und reinern Wenne, welche wir fühlen, wie wir geiſtig uns von der Erde entfernen, und dem Himmel naͤher kommen. Die Geſellſchaft ruhte mehrere Stunden, wie gewöhn⸗ lich, in dem kleinen Gebirgdorf Liddes. Reiſende pflegen in der neuern Zeit häufig mittels der Fuhrwerke, welche auf dieſem Theile des Weges anwendbar ſind, an dem⸗ ſelben Tag den Berg zu beſteigen und nach Martigny zuruckzukehren. Beſonders iſt der Rückweg, wenn man das eben genannte Dorf erreicht hat, ſchnell zurückgelegt. Allein in der Zeit, in welche unſere Erzählung fällt, war etwas der Art, wenn es ja vorkam, eine große Selten⸗ heit. Die Ermüdung, welche ein Ritt von ſo vielen Stunden erzeugte, zwang unſere Geſellſchaft, viel länger, als dieß jetzt der Fall iſt, in dem Wirthshaus zu bleiben; und das Höchſte, was ſie hoffen konnten, war, das Hos⸗ 1221— piz zu erreichen, ehe die letzten Strahlen der Sonne die glanzende Kuppe des Velan zu beleuchten aufhörte⸗ Auch fand hier ein unerwarteter Aufenthalt durch Chriſtine ſtatt, welche ſich, bald nachdem man das Wirths⸗ haus erreicht hatte, mit Sigismund entfernte und nicht eher wieder zur Geſellſchaft zurückkam, als bis die Un⸗ geduld des Führers ſich mehr denn ein Mal in ſolchen Klagen kund gethan hatte, wie Jemand in ſeiner Lage ſich dergleichen wohl erlauben darf. Adelheid ſah, als ihre Freundin endlich wieder zu ihnen kam, mit Kummer, daß ſie bitterlich geweint hatte; da ſie aber zu zart füͤhlte, um eine Erklärung über einen Gegenſtand, wel⸗ chen Bruder und Schweſter ſichtbar ihr nicht anzuver⸗ trauen wünſchten, herbeiführen zu wollen, ließ ſie nur den Bedienten wiſſen, daß ſie zur Abreiſe bereit ſeyen, ohne über die Veränderung in Chriſtinens Ausſehen oder die unerwartete Verzögerung, welche ſie verurſacht hatte, die geringſte Bemerkung zu machen. Pierre murmelte ein dankſagendes Ave, daß der lange Halt geendigt war. Er bekreuzigte ſich dann mit der einen Hand und mit der andern ſchwang er unter einem Haufen gaffender Buben und geifernden Cretins ſeine Peitſche, um denen, die er führte, Naum zu machen. Die Geſellſchaft, welche ihm folgte, war im Ganzen von verſchiedener Gemüthsſtimmung. Wenn Reiſende das Gaſthaus zu oft hungrig und zur Unzufriedenheit geſtimmt erreichen, ſo verlaſſen ſie daſſelbe gewöhnlich gut gelaunt und glücklich. Die Erhohlung, welche mittels der Speiſe⸗ kammer und des Ausruhens der muden Glieder bewirkt wird, theilt ſich gewöhnlich dem Geiſte mit, und es muß — 122 eine mürriſche Laune oder eine außerordentlich ſchlechte Koſt ſeyn, welche die Rückkehr zu einem ruhigen Zuſtande des Geiſtes verhindern. Die Geſellſchaft, welche Pierre anführte, machte beine Ausnahme von der Regel. Die zwei alten Herrn hatten den Gegenſtand ihrer Morgen⸗ unterhaltung ſo weit vergeſſen, daß ſie ſcherzhaft zu wer⸗ den anfingen und es dauerte nicht lange, ſo zeigten ſich ſelbſt ihre ſchönen Reiſegefährtinnen geſtimmt, trotz des ſchweren Kummers, der auf beiden ſo unaufhörlich und drückend laſtete, über ihre muntern Einfälle zu lachen. Kurz, die Wunderlichkeit unſerer Gefühle iſt ſo groß und es iſt ſo ſchwer, immer glücklich, ſo gut wie immer trau⸗ rig zu ſeyn, daß die ſehr zufriedene Wirthin, welcher ein ſehr unbedeutendes Eſſen reichlich vergütet worden war, als ſie auf ihrer ſchmutzigen Hausſchwelle ihre Dankſa⸗ gungsknixe machte, keinen Anſtand nahm, zu behaupten, eine fröhlichere Geſellſchaft habe nie ihr Haus verlaſſen. „Wir werden in den Fäſſern der guten Anguſtiner heute Abend unſere Rache fuͤr das ſauere Getrank dieſes Wirthshauſes ſuchen; iſt es nicht ſo, ehrlicher Pierre? fragte der Genueſer, ſich in dem Sattel zurecht ſetzend, während ſie ſich aus den Steinen, Krümmungen, vor⸗ ſpringenden Dachern, und dem Schmutz des Dorfes wie⸗ der in die angenehmen Windungen des gewöhnlichen We⸗ ges verſetzt ſahen.—„Unſer Freund, der Schlüſſelmeiſter, weiß von unſerm Beſuche und da wir bereits mit einan⸗ der Angenehmes und Unangenehmes verſucht haben, er⸗ warte ich von ſeiner Freundſchaft einige Vergeltung für das ſpärliche Mahl, das uns eben zu Theil ward.“ „Vater Pavier iſt ein gaſtfreundlicher und frohſen⸗ — 123— niger Geiſtlicher, Signore, und jeder Maulthiertreiber, Führer, oder Pilger, der über den Col kömmt, betet zu den Heiligen, daß ſie die Kloſterſchlüſſel recht lange in ſeinen Händen laſſen. Ich wünſchte, wir ſtiegen die rauhen Stufen in dieſem Augenblicke ſchon hinan, auf welchen wir den letzten Fels des Berges zu erklimmen haben, Meſſieurs, und der ganze übrige Weg wäre ſo glücklich überſtanden, wie der, den wir ohne weiteren Unfall zu⸗ rückgelegt haben.“ „Fürchteſt du auf Schwierigkeiten zu ſtoßen, Freund?“ fragte der Italiener, indem er ſich auf ſeinen Sattel⸗ bogen vorlehnte; denn ſeinem lebendigen Auge war der prufende Blick nicht entgangen, den der Fuhrer ringsum auf den Himmel geworfen hatte. „Schwierigkeit iſt etwas, das von einem Gebirgs⸗ bewohner nicht leicht zugegeben wird, Signore, und ich bin einer der Letzten, welche daran denken, oder es fürch⸗ ten. Dennoch ſind wir am Ende der guten Jahreszeit und dieſe Berge ſind hoch und rauh, und die, welche uns folgen, ſind zarte Blumen für eine ſtürmiſche Heide. Mühen ſind ſtets angenehmer in der Erinnerung als in der Erwartung— ich meine nicht mehr, wenn ich das meine.“ Pierre blieb ſtehen, als er zu ſprechen aufhörte. Er ſtand auf einer kleinen Erhöhung des Weges, wo er, wenn er zurückblickte, die Offnung der Berge überſehen konnte, welche die Lage des Rhonethals andeutet. Er blickte lange und kundigen Auges hin, dann wandte er ſich und ſetzte ſeinen Weg mit dem geſchäftigen Weſen eines Mannes fort, der eher geneigt iſt zu handeln, als — 12²4— über die Zukunft zu gruͤbeln. Ohne die wenigen, ihm eben entſchlüpften Worte hätte die natürliche Eile keine Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen, auch bemerkte ſie Nie⸗ mand als Signor Grimaldi, welcher ſelbſt wenig Wichtig⸗ keit auf das Ganze gelegt hätte, wenn der Führer bei ſeinem gewöhnlichen Schritte geblieben wäre. Wie es in den Alpen gewöhnlich iſt, ging der Fuͤh⸗ rer unſerer Reiſenden zu Fuß und gab ſo der ganzen Geſellſchaft den Schritt an, welchen er für Menſchen und Thiere räthlich erachtete. Bisher war Pierre ziem⸗ lich gemächlich gegangen und hatte die Nachfolgenden ge⸗ nöthigt, dieſelbe Mäſſigung zu beobachten; jetzt griff ſein Fuß aber merklich raſcher aus, und häufig ſo raſch, daß die Maulthiere ſich in einen leichten Trab ſetzen mußten, wenn ſie in ihrer Reihe bleiben wollten. Alles das wurde jedoch von der Mehrzahl der Geſellſchaft der Art des Bodens zugeſchrieben; denn wenn man Liddes hinter ſich hat, kommt eine lange Strecke Wegs, welche man in den obern Alpen vergleichungsweiſe eben nennen kann. Auch glaubte man dieſe Eile doppelt nothwendig, um die in dem Wirthshauſe verlorne Zeit wieder einzubringen; denn die Sonne neigte ſich ſchon der weſtlichen Grenze des beſchränkten Himmels über ihnen zu und die Luft verkündigte, wenn nicht einen raſchen Wechſel des Wet⸗ ters, doch das ſchleunige Herannahen des Abends. „Wir wandern auf einem ſehr alten Pfade,“ be⸗ merkte Signor Grimaldi, als ſeine Gedanken vom Nachdenken über die Eile des Führers zu den Umſtänden ihrer jetzigen Lage zurückkehrten,—„Einen ſehr ehrwür⸗ digen Pfad möchte ich ihn nennen, aus Achtung vor den 85: -—— 2—-AG FE — 8— 8 verdienten Geiſtlichen, welche ſo viel thun, ſeine Ge⸗ fahren zu mindern, und wegen ſeines großen Alterthums. Die Geſchichte nennt manche Feldherrn, welche ihn be⸗ nutzt haben, denn er war lange die gewöhnliche Straße für die, welche zwiſchen dem Norden und dem Süden reiſten, ſey es nun in feindſeligen oder freundlichen Ab⸗ ſichten. Zu Kaiſer Auguſt's Zeit führte er meiſtens die römiſchen Legionen nach Helvetien und Gallien; Cecin⸗ na's Schaaren eilten durch dieſe Schluchten dem Angriffe Otto's entgegen und die Lombarden machten fünfhundert Jahre ſpäter denſelben Gebrauch davon. Ich erinnere mich gehört zu haben, eine Schaar unglaubiger See⸗ räuber ſey vom mittelländiſchen Meere dieſes Weges ge⸗ kommen und habe ſich, in der Abſicht zu plündern, der Brücke von St. Maurice bemächtigt. Da wir nicht die erſten ſind, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß wir auch nicht die letzten ſeyn werden, welche ſich, ihrem Zweck, ſey er nun Liebe oder Haß, folgend, dieſen Regionen der obern Luft anvertrauen.⸗ „Signore, bemerkte Pierre ehrerbietig, als der Ge⸗ nueſer ſchwieg,„wenn Eure Excellenz weniger gelehrt, und mehr in jenen bekannten Worten reden wollte, welche ſich bei einer raſchen Bewegung ſagen laſſen, ſo möchte es der Zeit und der großen Nothwendigkeit, Eile anzuwenden, angemeſſener ſeyn.“ „Fürchteſt du Gefahr? Haben wir uns verſpätet? Rede, denn Verheimlichung mißfällt mir.“ „Gefahr hat einen ausgedehnten Sinn in dem Munde eines Gebirgsbewohners, Signore; denn was Sicherheit auf dieſem Pfade iſt, könnte tiefer unten in — 126— den Thaͤlern für beunruhigend angeſehen werden; ich ſage es daher nicht. Aber die Sonne berührt die Fel⸗ ſen, wie Ihr ſeht, und wir nähern uns Stellen, wo uns der Fehltritt eines Maulthiers theuer zu ſtehen kommen könnte. Ich wünſche, daß alle, ſo lange es möglich iſt, das Tageslicht eifrig benützen,“ Der Genueſer antwortete nicht, aber er trieb ſein Maulthier wieder zu einem Schritte an, welcher mit den Wünſchen Pierre's mehr in übereinſtimmung war. Die Übrigen folgten von ſelbſt dieſer Bewegung und die ganze Geſellſchaft war nun wieder in einem leichten Trab, der jedoch nicht einmal hinreichend ſtark war, um es den langen, ungeduldigen und raſchen Schritten Pier⸗ re's gleich zu thun, der ſeiner Jahre ungeachtet mit einer Leichtigkeit, welche ihn keine Anſtrengung koſtete, dahin eilte. Bisher war die Hitze nicht gering geweſen und ihre ganze Kraft wurde in dieſer reinern Atmosphäre wäh⸗ rend der Zeit gefuhlt, wo die Sonnenſtrahlen in das Thal fielen; ſobald ſie aber von einem neidiſchen braunen Berggipfel aufgefangen wurden, folgte ihrem belebenden Einfluß eine Kühle, welche hinreichend bewieß, wie noth⸗ wendig die Gegenwart jenes Lichtkörpers zur Behäglich, keit derer ſey, welche in einer ſo großen Höhe leben. Der weibliche Theil der Geſellſchaft ſuchte, ſobald dem ſtrahlenden Lichte der gewöhnliche Schatten folgte, ihre Mäntel; und es währte nicht lange, ſo hüllten ſich die bejahrteren Männer in ihre Obergewänder, ſich mit der gebräuchlichen Vorſicht gegen die Wirkung der Abendluft ſchützend. Der Leſer darf jedoch nicht glauben, daß alle dieſe — 127— kleinen Vorfälle auf dem Weg ſich in einer ſo kurzen Zeit begeben hätten, wie die, welche wir zu ihrer Erzäh⸗ lung brauchten. Eine lange Strecke Wegs war zurückge⸗ legt, ehe Signor Grimaldi und ſein Freund ſich in ihre Mäntel hüllten und man war nach und nach an ver⸗ ſchiedenen Dörfern und Weilern vorübergekommen. Der übergang von der Waͤrme des Tages zur Kühle des Abends war auch von dem entſprechenden Wechſel in“ dem Ausſehen der Gegenſtände begleitet, an welcher ſie vorüberkamen. St. Pierre, eine Gruppe von Hütten mit Steindächern, welche alle Merkmale der unwirthlichen Gegend an ſich trugen, für welche ſie gebaut worden, war das letzte Dorf; weiter oben, an der Brücke von Hudri zeigte ſich noch ein Weiler, aus einigen traurigen Wohnungen beſtehend und gleichſam das Verbindungs⸗ glied zwiſchen den Wohnungen der Menſchen und den Höhlen der Thiere abgebend. Das Pflanzenleben war ſchon lange magerer und magerer geworden und verlor ſich nun ſchnell in auffallendern Spuren der Unfrucht⸗ barkeit, wie die Schatten eines Gemäldes durch ihre verſchiedenen Farbenübergänge in dem Dunkel des Hin⸗ tergrundes verſchmelzen. Die Lerchen und Cedern wur⸗ den allmahlig kleiner und ſeltener, bis der ſich ſträubende und zurückgehaltene Baum zum Buſch wurde und dieſer endlich in der Geſtalt eines Büſchels blaſſen Grüns ver⸗ ſchwand, der wie Mors en einer Felſenritze hing. Selbſt das Berggras, um deßwillen die Schweiz mit ſo vielem Recht berühmt iſt, wurde dünn und ſtarr, und als die Reiſenden das runde Becken am Juße der Vélan⸗Kuppe erreichten, das man La Plaine de Prou nennt, ſah man — 128— in der günſtigſten Zeit des Jahres, und dann nur an vereinzelten Stellen zwiſchen den Felſen, hinreichende Nahrung für den Unterhalt einer kleinen Heerde wag⸗ halſiger, benagender und hungriger Ziegen. Das eben genannte Becken iſt eine Offnung zwiſchen hohen Felsklippen und faſt ganz von nackten und rauhen Felſen umgeben. Immer auf einer geneigten Flache empor gehend, führte der Weg durch die Mitte des Bek⸗ kens und verſchwand in einer engen Schlucht um den Gipfel einer überhängenden Klippe. Pierre zeigte auf dieſen Paß als den gefährlichſten auf dieſer Seite des Col, indem zur Zeit des ſchmelzenden Schnees häufig Lawinen von ſeiner Höhe niederrollten. In dieſem Au⸗ genblicke war jedoch kein Grund vorhanden, dieſe wohl⸗ bekannte Alpen⸗Erſcheinung zu fürchten; denn mit Aus⸗ nahme des Mont⸗Volan lag alles über ihnen und rund um ſie in demſelben düſtern, öden Gewande. Es würde in der That der Einbildungskraft nicht leicht ſeyn, ſich ein ſprechenderes Bild der Verödung zu denken als das, welchem die Blicke unſerer Reiſenden begegneten, als ſie dem Waſſer, das durch die Mitte des unwirthlichen Tha⸗ les rieſelte, das ſichere Merkmal der allgemeinen Rich⸗ tung ihres Weges, folgend, den Mittelpunkt des Thal⸗ beckens erreichten. Es war nun die Zeit der erſten Dämmerung; aber die düſtere Färbung der geſtreiften und durch die Eiſen⸗ farbe, mit welcher die Zeit ihre Seiten bekleidet hatte, ehrwürdig ausſehenden Felſen, und die Tiefe des Bek⸗ kens verbreitete ein ſchwermüthiges Dunkel, welches das Grau der Dämmerſunde weit übertraf. Andrerſeits ———————,———— ruhte das Licht glänzend und glorreich auf dem ſchneeigen Gipfel des Vélan, noch viele tauſend Fuß über ihnen, obgleich vollkommen ſichtbar und anſcheinend ganz nahe; während reiche Strahlenlichter der untergehenden Sonne auf mehreren der braunen natürlichen Zinnen der Alpen glänzten, welche in erhabener Verwirrung dem ewigen Kampfe der Stürme ausgeſetzt, in ſchwindelnder Höhe vor ihnen lagen. Das blaue, alles überragende Gewölbe hatte jenes Ausſehen ferner Glorie und großer Ruhe, das dem Auge deſſen, der die hohen Thäler und die ein⸗ gebetteten Seen der Schweiz bereiſ't, ſo oft begegnet und ſeinen Geiſt ſo mächtig ergreift. Der Gletſcher von Valſorey ſtieg von der obern Region faſt bis zum Rande des Thals herab, klar und funkelnd, und ſein unterer Saum von dem Getrümmer der überhangenden Felſen geſtreift und beſchmutzt, als ſey er dem Looſe alles deſſen verfallen, was auf Erden iſt— nämlich ihre Unreinig⸗ keiten theilen zu müſſen. Es war nun keine menſchliche Wohnung mehr zwi⸗ ſchen dem Punkte, welchen die Reiſenden jetzt erreicht hatten und dem Kloſter, obgleich der ſpätere Unterneh⸗ mungsgeiſt, in dieſer Zeit der Neugier und Raſtloſig⸗ keit, es veranlaßte, daß man eine Art Wirthshaus an der eben beſchriebenen Stelle in der Hoffnung erbaute, von denen einen ſpärlichen Gewinn zu ziehen, welche nicht mehr zeitig genug anlangten, um an der Gaſtfreund⸗ ſchaft der Mönche Theil zu nehmen. Die Kälte der Luft ſtieg ſchneller als der natürliche Wechſel der Stunde zu rechtfertigen ſchien und es gab Augenblicke, wo der träge Ton des Windes ihr Ohr traf, obleich kein Luft⸗ 79— 81.. — 130— hauch das verwelkte und faſt einſame Grasblatt zu ihren Füßen regte. Ein oder zwei Mal trieben große dunkle Wolken an der Offnung über ihnen hin, ſchwerbeflügelten Geiern ähnlich, die, ehe ſie auf ihre Beute niederſtürzen, in dem Luftraume dahin ſegeln. 1 Siebentes Kapitel. —xq́;— Fort, durch die Schlucht hin, Und redet nicht, daß nicht ein Wort, ein Hauch Den Winterſchnee weckt, der da hinreicht, Heere Zu überwält'gen, wie wir Tag und Nacht ſie Von Klipp' zu Klippe, los geſchaart, ſich winden Geſeh'n, zu ſiegen bei Marengo. Italien. Pierre Dumont hielt in der Mitte der öden, kleinen Ebene, während er denen, die er führte, ein Zeichen gab, ihren Aufſteig fortzuſetzen. Als die Maulthiere an ihm vorüberkamen, erhielt jedes einen Schlag oder einen Stoß von dem ungeduldigen Führer, der es nicht für nöthig zu halten ſchien, mit den armen Thieren viele Umſtande zu machen, und ſeine Zuflucht zu dieſem ein⸗ fachen Mittel genommen hatte, der Geſellſchaft einen all⸗ gemeinen und raſcheren Impuls zu geben. Die Aus⸗ kunft war ſo naturlich und ſo in übereinſtimmung mit der Gewohnheit der Maulthiertreiber und anderer Leute — 131— dieſer Klaſſe, daß die Mehrzahl der Reiſenden keinen Verdacht ſchöpften und ihren Weg fortſetzten, entweder über die neuen und tiefen Erregungen, welche ihre jetzige Lage ſo natürlich erweckte, nachdenkend, oder ſich derſel⸗ ben freuend, oder leichthin, in der Weiſe der Gedanken⸗ loſen und Gleichgültigen ſich unterhaltend. Nur Signor Grimaldi, deſſen Aufmerkſamkeit bereits durch früheres Mißtrauen geſchärft war, fiel die Haſt auf. Als alle vorüber waren, wandte er ſich in ſeinem Sattel und warf einen ſcheinbar ſorgloſen Blick zurück. Aber der Blick war in Wahrheit ſcharf und angeſtrengt. Pierre betrachtete den Himmel ernſt; in der einen Hand hielt er ſeinen Hut; die offene Flache der andern war ausge⸗ ſtreckt. Auf letztere fiel etwas glitzerndes, worauf der Führer ſeinen Platz augenblicklich wieder vorne nahm. Als er jedoch an dem Italiener vorbeikam und deſſen forſchendem Blicke begegnete, ließ er ihn einen ſo ganz vereisten Schneetropfen ſehen, daß die natürliche Wärme ſeiner Haut ihn noch nicht zum Schmelzen hatte bringen können. Pierre's Auge ſchien ſeinem Vertrauten Schwei⸗ gen aufzulegen und die ſtumme Mittheilung entging der Beobachtung der übrigen Reiſenden. Auch war glück⸗ licherweiſe eben in dieſem Augenblicke die Aufmerkſam⸗ keit durch den Ruf eines der Maulthiertreiber, deren drei zum Beiſtande des Führers angenommen worden waren, auf einen andern Gegenſtand gerichtet. Er zeigte auf eine Gruppe, welche, wie ſie, dem Col entgegen zog. Sie beſtand nur aus einem einzelnen Reiſenden, der auf einem Maulthiere ſaß und einem Fußgänger; kein Führer oder anderer Reiſender war in ihrer Geſellſchaft. Ihre 9* — 1³32— Bewegungen waren raſch und man hatte ſie nicht länger als eine Minute geſehen, als ſie ſchon wieder an einer Biegung der Felſen verſchwanden, welche das Thal an der Seite des Kloſters faſt verſchloſſen, und wo grade die Stelle war, welche bereits, als zur Zeit des ſchmel⸗ zenden Schnees Gefahr drohend, bezeichnet wurde. „Kennſt du den Charakter und den Zweck der Rei⸗ ſenden vor uns?⸗ fragte der Freiherr von Willading de Führer. Der Letztere ſann nach. Es war augenſcheinlich, daß er nicht erwartete, grade auf dieſem Theile des We⸗ ges auf Fremde zu ſtoßen. „Wir können von denen, die vom Kloſter kommen, wenig wiſſen, obgleich wohl wenige in dieſer ſpaten Stunde ein ſo ſicheres Dach verlaſſen,“ antwortete er, —„ehe ich aber jene Reiſenden mit meinen eigenen Augen ſah, hätte ich geſchworen, daß auſſer uns niemand auf dieſer Seite des Col denſelben Weg ginge. Der Zeit nach müſſen alle andere bereits angekommen ſeyn.“ „Es ſind Dörfler von St. Pierre, die mit Vor⸗ rathen bergauf gehen,“ bemerkte einer der Maulthier⸗ treiber.„Niemand, der nach Jtalien geht, hat ſeit Pippo und ſeiner Geſellſchaft Liddes verlaſſen, und dieſe müſ⸗ ſen jetzt lange im Hospiz ſeyn. Habt Ihr nicht einen Hund bei ihnen geſehen?— es war einer der Hunde der Auguſtiner.“ „Wohl habe ich den Hund beachtet und um ſeines Ausſehens willen habe ich geſprochen,“ verſetzte der Frei⸗ herr.—„Das Thier ſieht wie ein alter Bekannter aus, Gaetano, denn wenn ich recht ſah, glich es unſerm be⸗ — 133— währten Freund Nettuno; und er, an deſſen Ferſen er ſich ſo dicht anſchloß, hatte ſehr das Ausſehen unſers al— ten Bekannten vom Leman, des kühnen und dienſtberei⸗ ten Maſo.“ „Der für ſeine großen Dienſte unbelohnt geblieben iſt,“ antwortete der Genueſer gedankenvoll.„Die auſſer⸗ ordentliche Weigerung dieſes Mannes, unſer Geld an⸗ zunehmen, iſt eben ſo wunderbar wie ſein ganzes übrige ungewöhnliche und unerklärliche Benehmen. Ich wollte, er wäre weniger hartnäckig oder weniger ſtolz geweſen, denn die unbelohnte Wohlthat laſtet ſchwer auf meinem Herzen.“ „Du haſt unrecht. Ich übertrug dieſe Sache heim— lich unſerm jungen Freund Sigismund, während uns Roger von Blonay und der gute Landvogt begrüßten; aber dein Landsmann behandelte ſein Durchkommen leicht hin, wie ein Seemann wohl von überſtandener Gefahr ſpricht und wollte von keinem Anerbieten unſeres Schutzes oder Goldes hören. Ich war daher über das, was du ziemlich richtig Hartnäckigkeit genannt haſt, eher unzu⸗ frieden als erſtaunt.“ „Sage denen, die dich ſchicken, ſprach er zu mir,“ fügte Sigismund hinzu,„ſie möchten den Heiligen oder unſrer lieben Frauen oder Bruder Luther, wie es ihrem Sinn am beſten anſteht, danken, aber ſie thäten beſſer, zu vergeſſen, daß ſo ein Menſecn in der Welt lebt wie Maſo. Seine Bekanntſchaft kann ihnen weder Ehre noch Vortheil bringen. Sage beſonders Signor Gri⸗ maldi, wenn ihr auf eurer Reiſe nach Italien ſeyd und wir für immer geſchieden ſind, dies als in meinem Auf⸗ trag. So ſagte er zu mir bei der Zuſammenkunft, welche ich mit dem wackern Burſchen nach ſeiner Befreiung aus der Haft hatte.“ „Die Antwort war für einen Mann ſeines Stan⸗ des auffallend, und mehr noch der beſondere Auftrag an mich. Ich bemerkte, daß ſein Auge während unſerer überfahrt über den See oft und mit beſonderer Bedeu⸗ tung auf mir ruhte, und bis auf dieſe Stunde war ich nicht im Stande, mir die Urſache zu erklären.“ „Iſt der Signore von Genua?“ fragte der Führer; „oder ſteht er vielleicht auf irgend eine Weiſe mit der Regierung in Verbindung?“ „Ich gehöre dieſem Freiſtaat und dieſer Stadt an und bin auch bei der Regierung ein wenig betheiligt,⸗ antwortete der Italiener, und ein leichtes Lächeln kräu⸗ ſelte ſeine Lippen, als er ſeinem Freunde einen Blick zuwarf. „Es iſt nicht nöthig, wegen Maſo's Bekanntſchaft mit Euern Zügen noch einen Zweifel zu hegen,“ erwi⸗ derte Pierre lachend;„denn es lebt wohl kein Mann in Italien, der mehr Gelegenheiten gehabt hat, die Be⸗ hörden kennen zu lernen; aber dieſes Geplauder häͤlt uns auf. Treibe die Thiere voran, Etienne— preſto! — preſto!⸗ 3 Die Maulthiertreiber antworteten auf dieſe Auffor⸗ derung mit einem ihrer gedehnten Rufe, die einige Ahn⸗ lichkeit mit dem Raſſeln haben, dem wohlbekannten Zei⸗ chen der giftigen Schlange dieſes Landes, wenn ſie den Reiſenden ermahnen möchte, ſich raſch zu bewegen, und welche gewiß dieſelbe ſchreckliche Wirkung auf die Ner⸗ —, S—————— ,— — 1— ————-————,V———.——O—A — 135— ven des Maulthiers haben, wie das Zeichen der Schlange wohl auf den Menſchen hervorbringt. Dieſe Unterbrechung machte dem Geſpräch ein Ende und alle ritten vorwärts über das eben vorgefallene nach ihrer verſchiedenen Weiſe nachdenkend. Nach wenigen Minuten bog die Geſellſchaft um den bezeichneten Felſen und verließ das Thal oder das öde Becken, welches ſie in der letzten halben Stunde durchzogen hatten, worauf ſie durch eine Schlucht in eine Gegend traten, welche einer enge rohen Anhäufung alles Materials glich, aus welchem die Grundlagen der Erde urſprünglich gebildet wurden. Alle Vegetation hatte aufgehört, oder wenn ja unter dem Schutze eines Steins ein Grasblatt horvorblickte, war es ſo ärmlich und zeigte ſich ſo ſelten, daß es in dieſem erhabenen Gemälde chaotiſcher Verwirrung unbemerkt blieb. Eiſenfarbne, geſtreifte, nackte und troſtloſe Felſen erhoben ſich rings um ſie her und ſelbſt jener ſchneeige Leuchtthurm, der glühende Gipfel des Velan, der ſo lange glänzend und erfreuend auf ihren Pfad ſchaute, war ihren Blicken jetzt ganz entzogen. Pierre Dumont zeigt bald darauf eine Stelle an dem ſichtbaren Gipfel des Berges, wo eine Schlucht zwiſchen den benachbarten Felsſpitzen den Himmel darüber ſehen ließ. Dies, ſagte er denen, die er führte, ſey der Col, durch deſſen Off⸗ nung man dieſen Alpenſtock zuletzt überſchreite. Das Licht, das noch ruhig an dieſem Theil des Himmels herrſchte, ſtand mit den düſtern Schatten der untern Päſſe in erhabenem Kontraſt, und Alles begrüßte die⸗ ſen erſten Blick auf das Ende ihrer Tagesmühen als einen Vorboten der Ruhe und, wir möchten ſagen, der Sicherheit; denn obgleich außer Signor Grimaldi nie⸗ mand die Unbehaglichkeit Pierre's bemerkt hatte, ſo konnte man doch in einer ſo ſpäten Stunde, inmitten einer ſo wild und ſchrecklich öͤden Scene, und gleichſam von dem menſchlichen Verkehre abgeſchnitten, ſich eines demüthi⸗ genden Gefühls der Abhaͤngigkeit des Menſchen von der großen und ewigen Vorſehung Gottes nicht erwehren. Die Maulthiere wurden wieder gezwungen, ihren Schritt zu beſchleunigen und der Gedanke an Erfriſchung und Ruhe, welche man von der Gaſtfreundſchaft des Kloſters erwartete, überſchlich die Reiſenden allgemein und wohlthuend. Der Tag floh ſchnell aus den Schluch⸗ ten und Klüften, durch welche ſie ritten, und der Wunſch, weiter zu kommen, hemmte jedes Geſpräch. Die unge⸗ meine Reinheit der Luft gab den Gegenſtänden beſtimmte Umriſſe und ließ ſie genau und nahe erblicken, und nur die Gebirgsbewohner und Sigismund, die an die Täu⸗ ſchung(denn wirklich nimmt die Wahrheit dieſen Cha⸗ rakter bei denen an, die mit dem Falſchen vertraut ge⸗ worden ſind) gewöhnt waren und die Größe des Mas⸗ ſtabs verſtanden, nach welchem die Natur ihre Macht auf den Alpen entwickelt, konnten die Entfernung berechnen, welche ſie noch von ihrem Ziele trennte. Noch mehr als eine Stunde mühſamen und ſteinigen Aufſteigens war zu überwinden und doch hatten Adelheid und Chriſtine ſich einen leiſen Ausruf der Freude entſchlüpfen laſſen, als Pierre auf den Flecken blauen Himmels zwiſchen den grauen Klippen droben zeigte und ihnen zuerſt kund that, er bezeichne die Lage des Kloſters. Da und dort ent⸗ deckte man nun auch unter dem Schatten der überhän⸗ ͤͤO Oͤ G½S AͤS — 137— genden Felſen kleine Flächen, welche der Schnee des letzten Winters noch bedeckte, der der Kraft der Sonne wahrſcheinlich widerſtand, bis der Winter wieder kam,— ein neues ſicheres Zeichen, daß ſie eine Höhe erreicht hatten, welche weit über die der gewöhnlichen Wohnungen der Menſchen hinausging. Die Scharfe der Luft deutete gleichfalls an, wo ſie ſich befanden, denn alle die Reiſenden hatten gehört, die Auguſtiner wohn⸗ ten in ewiger Kälte, eine Sage, die faſt buchſtablich wahr iſt. Die Eile der Geſellſchaft war den ganzen Tag über nicht ſo groß geweſen, als ſie jetzt wurde. In dieſer Beziehung gleicht der gewöhnliche Wanderer wohl dem, der auf der Heerſtraße des Lebens reiſ't und ſich genö⸗ thigt ſieht, durch einen verſpäteten und ſchlechtbelohnten Fleiß im Alter die Unachtſamkeiten und Nachläßigkei⸗ ten der Jugend gut zu machen, wodurch das Ende ſei⸗ ner Mühen leicht und nützlich hätte werden können. Dieſe ihre größere Eile fuhr fort zu ſteigen, ſtatt ſich zu ver⸗ mindern, denn Pierre Dumonts Auge blieb an den Him⸗ mel geheftet und jeder Augenblick ſchien neue Beweg⸗ gründe zu angeſtrengter Thätigkeit mit ſich zu bringen. Die müden Thiere zeigten weniger Eifer als der Füh⸗ rer, und die, welche ſie ritten, ſingen an über das un⸗ vernünftige der Haſt zu murren, mit welcher ſie auf dem ſchmalen, holprigen und ſteinigen Pfade vorange⸗ drängt wurden, wo die Thiere nicht immer mit der no⸗ thigen Raſchheit Fuß faſſen konnten, während ein Dun⸗ bel, das tiefer war als das, welches die Schatten der Felſen warfen, auf ihren Weg fiel und die Luft ſich ſo plötzlich mit Schnee füllte, als wären alle ihre Beſtand⸗ theile durch Anwendung eines raſchen, chemiſchen Pro⸗ zeſſes gebildet und verdichtet worden. Der Wechſel war ſo unerwartet und doch ſo voll⸗ ſtändig, daß die ganze Geſellſchaft ihre Maulthiere an— hielt und auf die Millionen Flocken, welche auf ſie nie⸗ derfielen, eher mit Staunen und Bewunderung als mit Furcht blickte. Ein Ruf von Pierre weckte ſie zuerſt aus ihrer Verzückung und rief ſie zu einem Gefühl von dem wahren Stande der Dinge zurück. Er ſtand auf einem Felsſtück, von der Geſellſchaft bereits um mehr als fünfzig Schritte getrennt, weiß von Schnee und den Reiſenden ungeſtüm zuwinkend, heran zu kommen. „Um der gebenedeiten Jungfrau willen, treibt die Thiere an!“ rief er, denn Pierre war, wie die meiſten Bewohner von Wallis, ein Katholik und daran gewöhnt, ſeiner himmliſchen Vermittlerin dann am eifrigſten zu gedenken, wenn er von einer nahen Gefahr am meiſten bedroht war;—„treibt ſie zur Eile an, wenn euch euer Leben lieb iſt. Dies iſt jetzt keine Zeit, die Berge an⸗ zuſtaunen, welche in ihrer Art ganz ſchön ſind und die prachtvollſten und größten zumal, die man kennt⸗(kein Schweizer ſetzt je im Ernſt ſein ihm ſo werthes Land herab oder verliert ſeine hohe Verehrung für deſſen Natur),„die aber für unſere Lage beſſer die aärmſte Ebene wären, als das, was ſie wirklich ſind. Treibt die Maulthiere alſo an, um der Liebe der gebenedeiten Jungfrau willen!⸗ „Du verräthſt unnöthige, und für jemand, der ſeine Faſſung nicht ſo leicht verlieren ſollte, unkluge Beſorg⸗ niſſe bei dem Anblick einiger Schneeflocken, Freund — 139— Pierre,“ bemerkte Signor Grimaldi, als ſich die Maul⸗ thiere dem Führer näherten, und nahm etwas von der Ironie des Kriegers an, der durch Vertrautheit mit der Gefahr ſeine Nerven geſtählt hat. Selbſt wir Italiener, obgleich minder, als ihr Gebirgsleute, an die Kälte gewöhnt, erſchrecken bei dem Wechſel nicht ſo ſehr wie du, ein geübter St. Bernhardsführer.“ „Tadelt mich, wie ihr wollt, Signore,“ ſagte Pierre, ſich umwendend und ſeinen Weg mit geſteigerter Haſt verfolgend, obgleich es ihm nicht ganz gelang, ſeine Em⸗ pfindlichkeit über eine Beſchuldigung, von welcher er wußte, daß ſie unverdient war, zu verbergen;„aber be⸗ eilt euern Schritt; bis ihr mit der Gegend, in welcher ihr reiſ't, beſſer bekannt ſeyd, gehen euere Worte als leerer Schall an meinen Ohren vorüber. Es han⸗ delt ſich hier nicht von der Kleinigkeit eines neuen Man⸗ tels, mit dem der Schnee uns bekleidet, oder von Bal⸗ len, welche die Kinder zum Scherze in eine Maſſe zu⸗ ſammenrollen, ſondern von einer Sache, von welcher Leben und Tod abhängt. Ihr ſeyd hoch in der Luft, Signore, in der Gegend der Stürme, wo die Winde zuweilen mit einem Ungeſtümm toben, als ob hölliſche Teufel daher ſaußten, um ſich abzukühlen, und wo die ſtärkſten Glieder und die feſteſten Herzen nur zu oft ihre Schwäche einſehen und bekennen müſſen.⸗ Der alte Mann hatte aus Achtung vor dem Italiener ſeine gebleichten Locken entblößt, als er dieſe nachdrück⸗ liche Zurechtweiſung ausſprach und als er ſchwieg, ging er ſtolz weiter, als verſchmähe er es, ein Haupt zu be⸗ — 140— decken, das bereits ſo vielen Stürmen in dem Gebirg getrotzt hatte. „Bedecke dich, guter Pierre, ich bitte dich,“ drängte der Genueſer in einem Ton der Reue:„ich habe die übereilung eines Knaben gezeigt, und eine Art übereilung, welche meinen Jahren ſchlecht anſteht. Du biſt am beſten im Stand, die Lage, in welcher wir uns befinden, zu beurtheilen und deiner Leitung allein überlaſſen wir uns.“ Pierre nahm die Abbitte mit einer ſtolzen aber ehr⸗ furchtsvollen Verbeugung hin, während er ſtets mit un⸗ ausgeſetztem Eifer den Weg aufwäͤrts verfolgte. Zehn düſtre und ängſtliche Minuten folgten. Wah⸗ rend dieſer Zeit kam der fallende Schnee ſchneller und in feineren Flocken und dann und wann gewahrte man betruͤbende Anzeichen, daß die Winde ſich anſchickten los⸗ zubrechen. In der Höhe, in welcher die Reiſenden ſich jetzt befanden, entſcheiden Erſcheinungen, auf welche man gewöhnlich wenig Gewicht legt, über Leben und Tod. Das Entweichen der Warme aus dem menſchlichen Kör⸗ per iſt in einer Höhe von ſechs bis ſieben tauſend Fuß über der Meeresfläche, und in einer Breite von ſechs und fünfzig Graden, unter den günſtigſten Umſtänden häufig an ſich ſelbſt eine Quelle von Ungemach; hier kamen aber noch wichtige Gründe dazu, die Gefahr zu erhöhen. Schon die Abweſenheit der Sonnenſtrahlen ließ eine ſchauernde Kühle zurück und einige Stunden der Nacht mußten, ſelbſt in der Mitte des Sommers, Kälte mit ſich bringen. So kömmt es, daß Unwetter, welche an ſich von geringem Belange ſind, den menſch⸗ lichen Körper, wegen ſeiner verminderten Kraft zu wi⸗ dirg gte die ten 8.“ an S⸗ — 141— derſtehen, mächtig ergreifen und wenn man die That⸗ ſache hinzufügt, daß die Elemente in ihrem Wirken bei weitem ungeſtümmer in den obern, als in den untern Regionen der Erde ſind, wird der Leſer die Gründe der Beſorgniß Pierre's beſſer verſtehen, als er ſie wahrſchein⸗ lich ſelbſt verſtand, obgleich des wackern Führers lange und herbe Erfahrung recht gut an die Stelle der Theorie treten konnte. 4 Der Menſch iſt in Gefahren ſelten geſprächig. Die Furchtſamen ziehen ſich in ſich ſelbſt zuruck und überlaſ⸗ ſen ſich einer quälenden Phantaſie, welche die Gründe der Unruhe vermehrt und die Mittel dey Sicherheit ver mindert, während die Geiſtesſtarken ihre Kraft ſammeln und auf den ihre Thätigkeit anſprechenden Punkt zuſam⸗ mendrängen. Dieſer Art waren die Wirkungen in dem gegenwärtigen Falle auf die, welche Pierre folgten. Ein allgemeines und tiefes Schweigen herrſchte unter der Geſellſchaft, indem jeder einzelne ihre Lage in den Far ben ſah, welche ſeiner beſondern Stimmung und ſeinem eigenthümlichen Charakter am angepaßteſten war. Die Manner waren ohne Ausnahme ernſt und eifrig bemüht, die Maulthiere vorwärts zu treiben; Adelheid wurde blaß, aber ſie behielt durch die bloße Kraft des Charak ters ihre Ruhe; Chriſtine zitterte und bangte, obgleich Sigismunds Gegenwart und ihr Vertrauen auf ihn ſie tröſtete; während die Begleiterinnen der Erbin von Wil⸗ lading ihre Häupter bedeckten und ihrer Herrin mit dem blinden Vertrauen folgten, das Leute ihrer Art in ern⸗ ſten Bedrängniſſen wohl gegen ihre Obern zu zeigen pflegen. Zehn Minuten reichten vollkommen hin, allem um ſie her eine andere Geſtalt zu geben. Der Schnee konnte auf den eiſengleichen und ſenkrechten Flächen der Berge nicht haften, aber die Klüfte und Schluchten und Thäͤler wurden weiß wie die Kuppe des Vélan. Immer noch ſetzte Pierre ſchweigend ſeinen Weg aufwärts fort, ſo daß er eine Art banger Hoffnung bei denen lebendig er⸗ hielt, welche ſeiner Einſicht und Treue ſich ſo hoffnungs⸗ los vertrauten. Sie wünſchten zu glauben, der Schnee ſey blos eine jener gewöhnlichen Erſcheinungen, welche man in dieſer Jahreszeit auf den Höhen der Alpen er⸗ warten müſſe, und welche nur als Vorboten der bekann⸗ ten Strenge des herannahenden Winters angeſehen wer⸗ den könnten. Der Führer ſelbſt war offenbar geneigt, keine Zeit mit Erläuterungen zu verlieren, und da die geheime Aufregung ſich dem ganzen Zuge mittheilte, hatte er keinen Grund mehr, ſich über die Langſamkeit ihrer Bewegungen zu beklagen. Sigismund blieb in der Nähe ſeiner Schweſter und Adelheids, beſorgt, daß ihre Maul⸗ thiere nicht zurückblieben, während die übrigen Männer bei den Thieren, welche das weibliche Gefolge trugen, daſſelbe unerläßliche Amt übernehmen mußten. In die⸗ ſer Weiſe verſtrichen die wenigen düſtern Minuten, welche dem Verſchwinden des Tages unmittelbar voran gingen. Der Himmel war nicht mehr zu ſehen. In dieſer Rich⸗ tung ſah das Auge nur eine endloſe Folge fallender Flok⸗ ken und es wurde allgemach ſchwer, auch nur die Felſen⸗ wälle zu unterſcheiden, welche die wilde Schlucht begränz⸗ ten, in der ſie ritten. Man wußte jedoch, daß ſie in keiner großen Entfernung von dem Pfade waren, der wel nie nut um nnte erge päler noch „ ſo er⸗ ngs⸗ hnee elche er⸗ ann⸗ wer⸗ eigt, die hatte hrer Kähe aul⸗ nner gen, die⸗ elche gen. tich⸗ llok⸗ ſen⸗ anz⸗ e in der — — 143— zuweilen ihre Seiten ſtreifte. Dann durchſchnitten ſie wieder rauhe, ſteinigte Berghaiden, wenn ein ſolcher Name ja Flächen beigelegt werden kann, die keine An⸗ deutung und keine Hoffnung einer Vegetation zeigen. Die Spuren der Thiere, welche ihnen vorangegangen waren, wurden immer weniger deutlich, obgleich der rie⸗ ſelnde Bach, der von den Gletſchern herab kam, und an dem ſie ſchon ſtundenlang aufwärts gezogen waren, gele⸗ gentlich geſehen wurde, wenn ſie ihn im Verfolge ihres ſich windenden Pfades überſchritten. Obgleich Pierre noch gewiß war, daß er der rechten Richtung folge, ſo wußte er doch allein, daß man ſich auf jenen Führer nicht mehr verlaſſen konnte, denn als ſie ſich dem Gipfel des Berges mehr näherten, wurde der Bach allmählig ſchwächer und ſeichter, indem er ſich in zwanzig kleine Wäſſerchen theilte, die aus den großen Schneemaſſen, welche auf den verſchiedenen Felſenkuppen oben lagen, niederſpülten. Bis jetzt war es noch windſtill geblieben. Da Mi— nute um Minute verſtrich, ohne einen Wechſel in dieſer Hinſicht herbeizuführen, wagte der Führer es endlich, auf dieſen Umſtand hinzudeuten und ſeine Gefährten auf⸗ zumuntern, indem er ihnen Gründe anführte, welche hof⸗ fen ließen, man würde das Kloſter noch ohne ein bedeu⸗ tendes Ungemach erreichen. Gleichſam dieſer Anſicht Hohn ſprechend, begannen die Schneeflocken in der Luft zu wirbeln, wahrend dieſe Worte auf ſeinen Lippen wa⸗ ren, und ein Windſtoß kam durch die Schlucht, welcher dem Schutze der Mäntel und Überkleider Trotz bot. Un⸗ geachtet ſeiner Entſchloſſenheit und Erfahrung ließ ſich der ſtarkmüthige Pierre einen Ausruf der Verzweiflung entſchlüpfen und blieb plötzlich ſtehen, als könnte er die Furcht nicht länger verhehlen, welche ſich in der letzten endloſen und mühſeligen Stunde in ſeiner Bruſt geſam⸗ melt hatte. Sigismund und die meiſten Männer der Geſellſchaft waren kurz vorher abgeſtiegen, um ſich durch die Bewegung gegen die Kalte zu ſchützen. Der junge Mann war oft über die Berge gekommen und der Aus⸗ ruf hatte ſein Ohr kaum erreicht, ſo war er auch ſchon an Pierre's Seite. „Wie weit ſind wir noch vom Kloſter?“ fragte er haſtig. 3 „Wir haben noch mehr als eine Stunde ſteilen und ſteinigen Wegs zu ſteigen, Monſieur le Capitaine,“ er⸗ widerte der troſtloſe Pierre in einem Tone, der vielleicht mehr ſagte, als ſeine Worte. „Dies iſt kein Augenblick, wo man unſchlüſſig ſeyn darf. Sey eingedenk, daß du nicht der Führer einer Geſellſchaft Maulthiertreiber mit ihren Saumthieren biſt, ſondern daß ſolche bei uns ſind, die an dergleichen Un⸗ gemach nicht gewöhnt und ſchwachen Körpers ſind. Wie weit iſt die Entfernung des letzten Dorfes, durch das wir kamen?“— „Verdoppelt die zum Kloſter!“ Sigismund wandte ſich um, und heftete ſein Auge auf die zwei alten Edelleute, als erwarte er ihren Rath oder Befehl. „Es dürfte in der That beſſer ſeyn zurückzukehren,“ bemerkte Signor Grimaldi, wie man wohl einen halb⸗ gefaßten Entſchluß laut werden läßt.—„Der Wind — 145— wird allgemach ſchneidend ſcharf und die Nacht rückt ſtark 2. = heran. Was meinſt du, Melchior? denn ich bin mit zten Monſieur Sigismund der Anſicht, daß nicht viel Zeit zu am⸗ verlieren ſey.“ der„Ihr werdet verzeihen, Signor,“ fiel der Führer urch raſch ein.„Nicht für die Schätze von Einſiedeln und inge Loretto möchte ich es unternehmen, die Ebene des Vélan lus⸗ eine Stunde ſpäter zu überſchreiten. Der Wind wird chon eine hölliſche Gewalt in dieſem Becken haben, das bald kochen wird wie ein Topf, während wir hier von Zeit zu e er Zeit den Schutz der Felſen haben. Das geringſte Ver⸗ ſehen auf der offenen Ebene könnte uns eine Stunde oder und 3 mehr irre führen und wir würden lange Zeit brauchen, er⸗ eehe wir die Richtung wieder finden. Auch die Thiere eicht gehen raſcher und ſicherer im Dunkeln bergan, als bergab, und erreichen wir das Dorf, ſo iſt dort für Vornehme ſeyn kein Unterkommen, während die braven Mönche alles iner haben, was nur ein König begehren kann.“ biſt,„Wer dieſen wilden Felſen entrinnt, braucht nicht Un⸗ ſehr wähleriſch in Hinſicht ſeines Mahles zu ſeyn, ehr⸗ Wie licher Pierre, ſofern er nur unter Dach und Fach iſt. das Kannſt du verſprechen, daß wir ungefährdet und zur ge⸗ hörigen Zeit in dem Kloſter eintreffen?“ „Signore, wir ſind in Gottes Händen. Ich bin Auge überzeugt, daß die frommen Auguſtiner für alle beten, Rath die in dieſem Augenblick auf dem Gebirge ſind; aber es i*ſt hier keine Minute zu perlieren. Ich verlange nicht en,“ mehr, als daß keiner ſeinen Gefährten aus dem Auge zalb⸗ läßt und daß jeder ſeine äußerſte Kraft anwende. Wir Lind ſind nicht weit von dem Zufluchtshauſe, und wenn der 79— 81. 10 Wind zum Sturme anwächſt, wie es, um die Gefahr nicht länger zu verbergen, in dieſem Monat wohl oft der Fall iſt, ſuchen wir dort für einige Stunden Schutz.“ Dieſe Nachricht kam ſehr gelegen, denn die Gewiß⸗ heit, daß in erreichbarer Entfernung ein ſicherer Zu⸗ fluchtsort ſey, machte eine ſo erheiternde Wirkung auf die Reiſenden, wie ſie wohl der Seemann empfindet, der die Gefahr einer Kühlte durch die zufällige Lage eines ſichern Hafens in Lee*) vermindert glaubt. Pierre wie⸗ derholte nochmals ſeine Ermahnung, ſo nahe als mög⸗ lich beiſammen zu bleiben und rieth allen, welche die un⸗ glückliche Wirkung der Kälte auf ihre Glieder fühlten, den Sattel zu verlaſſen und ſich zu bemühen, den Kreis⸗ lauf des Blutes durch Bewegung wieder herzuſtellen; dann ſetzte er ſeinen Weg fort. Aber ſelbſt die in dieſer kurzen Beſprechung hinge⸗ brachte Zeit hatte die Lage der Dinge merklich verſchlim⸗ mert. Der Wind, der bisher keine ſichere Richtung ge⸗ habt hatte, da er eine wilde Strömung der obern Luft war, welche dadurch von ihrem eigentlichen Wege abge⸗ wendet worden, daß ſie auf die rauhen Klippen und Schluchten der Alpen ſtieß, umkreiſ'te ſie jetzt wirbelnd, bald das Emporklimmen fördernd, indem er ſie von hin⸗ ten fortzuſchieben ſchien, bald ihnen wieder mit einem Ungeſtümm entgegen dringend, welches das Weiterſchrei⸗ ten wirklich unmöglich machte. Die Kälte vermehrte ſich plötzlich bedeutend und die Kräftigſten der Geſellſchaft be⸗ —ʒ—ʒ—— *) In der Gegend, nach welcher der Wind hinweht. Ueberſetzer. — 147— gannen, den betäubenden Einfluß der eiſigen Luftſtröme in einer Weiſe zu empfinden, welche ernſtliche Beſorg⸗ niſſe erregte. Jede Vorſicht, welche die zartlichſte Sorg⸗ falt erſinnen konnte, wurde angewandt, um den weib⸗ lichen Theil der Geſellſchaft zu ſchützen; allein obgleich Adelheid, die allein noch hinreichende Beſonnenheit hatte, um von ihren Gefühlen Rechenſchaft zu geben, die Ge⸗ fahr durch den Wunſch minderte, ihre Begleiterinnen nicht nutzlos in Schrecken zu verſetzen, konnte ſie doch ſich ſelbſt die ſchreckliche Wahrheit nicht verbergen, daß die Wärme mit einer Schnelligkeit aus ihrem Körper entwich, welche es ihr unmöglich machte, ſich noch lange aufrecht zu erhalten. Ihrer geiſtigen überlegenheit uber die ihrer Begleiterinnen ſich bewußt— eine überlegen⸗ heit, welche in ſolchen Augenblicken höher angeſchlagen werden muß, als körperliche Kraft— hielt ſie nach eini⸗ gen Minuten ſtummen Duldens ihr Maulthier an und rief Sigismund, nach dem Zuſtand ſeiner Schweſter und ihrer Mädchen zu ſehen, welche alle ſeit einiger Zeit nichts geſprochen hatten. Dieſe beunruhigende Aufforderung geſchah in einem Augenblicke, wo der Sturm neue Kraft zu ſammeln ſchien und wo es durchaus unmöglich war, auch nur die beſchneite Erde zwanzig Schritte von der Stelle zu un⸗ terſcheiden, wo die Geſellſchaft ſich in eine zitternde Gruppe geſammelt hatte. Der junge Krieger ſchlug die Oberkleider und Mäntel auseinander, in welche Chriſtine eingehüllt war und das halb bewußtloſe Mädchen ſank auf ſeine Schulter, wie ein ſchläfriges Kind, das in den Armen eines ihm lieben Weſens einzuſchlafen wünſcht. 10* — 148— „Chriſtine— meine Schweſter!— meine arme, meine unglückliche— meine engelgleiche Schweſter!“ flüſterte Sigismund, zum Glück für ſein Geheimniß, mit einer Stimme, die nur Adelheid's Ohr erreichte.„Wache auf, Chriſtine! Um der Liebe unſerer trefflichen und zärtlichen Mutter willen, raffe dich auf! Erwache, Chri⸗ ſtine! um Gottes willen, erwache!“ „Erwache, theuerſte Chriſtine!“ rief Adelheid, vom Sattel eilend, und das lächelnde, aber betäubte Mädchen an ihren Buſen ſchließend.„Gott wende das Unglück von mir ab, mir ſagen zu müſſen, dein Verluſt konne meinem Wunſche, dich inmitten dieſer rauhen und un⸗ wirthlichen Felſen zu führen, zugeſchrieben werden! Chri⸗ ſtine, wenn du mich liebſt oder bemitleideſt— erwache!“ „Seht nach den Mädchen!“ ſagte Pierre haſtig, da er ahnte, daß eine jener Gebirgs⸗Kataſtrophen ganz nahe bevorſtehe, deren er in dem Verlaufe ſeines Lebens einige von furchtbaren Folgen mit angeſehen hatte.„Seht nach allen den Frauen, denn wer jetzt ſchläft, ſtirbt!“ Die Maulthiertreiber befreiten die zwei Dienerinnen von ihren Obergewäandern und man überzeugte ſich ſo⸗ gleich, daß ſie in drohender Gefahr ſeyen und die eine bereits alles Bewußtſeyn verloren habe. Dem zeitigen Gebrauch der Flaſche Pierre's und den Bemühungen der Maulthiertreiber gelang es, ſofern das Leben wieder zu⸗ rückzurufen, als die Gründe zu unmittelbaren Beſorgniſ⸗ ſen entfernt wurden, obgleich es dem Ununterrichtetſten unter ihnen nicht entgehen konnte, daß eine halbe Stunde länger in dieſer Lage wahrſcheinlich das unglückliche Werk vollendet hätte, das ſo thätig und wirkſam begonnen wor⸗ — 149— den. Den Schrecken dieſer UÜberzeugung zu erhöhen, fühlte jedes Mitglied der Geſellſchaft, ſelbſt die Maul⸗ thiertreiber nicht ausgenommen, ſchmerzlich das Entwei⸗ chen jener Lebenswärme, deren gänzliche Flucht Tod war. In dieſer Noth ſtiegen alle ab. Sie fühlten, wie gefährlich ihre Lage war, daß nur Entſchloſſenheit ſie retten konnte, und daß jede Minute Zeit von der größ⸗ ten Wichtigkeit war. Jede der Frauen, Adelheid einge⸗ ſchloſſen, wurde von zwei Männern in die Mitte genom⸗ men und auf dieſe Weiſe geſtützt, worauf Pierre laut und mit kräftiger Stimme alle weiter ziehen hieß. Einer der Maulthiertreiber erhielt den Auftrag, die Thiere nach⸗ zutreiben. Das Vorſchreiten von Reiſenden, die ſo ſchwach waren wie Adelheid und ihre Gefährtinnen, auf einem Steinpfad von ſehr unebener Fläche und an einem ſteilen Aufſteig, wo der Schnee die Füße bedeckte und der Sturm in die Geſichter ſchnitt, war natürlich lang⸗ ſam und äußerſt mühſelig. Doch erhöhte die Anſtren⸗ gung die Lebhaftigkeit des Blutumlaufs und für eine kurze Zeit ſchien es, als ob die, welche am meiſten lit⸗ ten, gerettet werden könnten. Pierre, der mit der Aus⸗ dauer eines Gebirgsbewohners und der Treue eines Schweizers ſeinen Poſten behauptete, ermuthigte ſie durch ſeine Stimme und fuhr fort, die Hoffnung rege zu er⸗ halten, das Zufluchtshaus ſey zur Hand. In dieſem Augenblick, wo es der Kraftanſtrengung am meiſten bedurfte, und wo augenſcheinlich alle die Wichtigkeit derſelben fühlten und am geneigteſten waren, ſich derſelben zu unterziehen, verließ der Maulthiertrei⸗ ber, welcher den Zug der Thiere nachzutreihen beauf⸗ — 150— tragt war, ſeinen Poſten, indem er es lieber darauf wagen wollte, den Berg hinab zu ſteigen und das Dorf zu erreichen, als nutzlos und in einem ſo langſamen Schritte ſich zu dem Kloſter emporzuarbeiten. Der Mann war ein Fremdling in dem Lande, der zufällig für dieſe Reiſe angenommen worden, und mit Pierre durch keine jener Bande verknüpft war, welche die beſten Pfänder unbeſtechlicher Treue ſind, wenn die Selbſtſucht gegen unſere Schwäche ſtark andrängt. Die müden Thiere, die des Treibens baar und der Anſtrengung abgeneigt waren, ſtanden erſt ſtill, dann wandten ſie ſich ſeitwärts, um die ſcharfe Luft und den Aufſteig zu vermeiden, und irrten bald fern von dem Pfade, den einzuhalten ſo weſentlich nothwendig war. Sobald Pierre von dieſem Umſtande unterrichtet war, befahl er ſofort, die verlaufenen Thiere ohne Zau⸗ dern und auf jede Gefahr hin herbei zu treiben. Erſtarrt, betäubt und unfähig, weiter als einige Schritte zu ſehen, ward es den Leuten nicht leicht, dieſem beſchwerlichen Auftrage nachzukommen. Eines aus der Geſellſchaft nach dem andern ſchloß ſich den Suchenden an, denn alle Hab⸗ ſchaften der Reiſenden waren auf den Thieren; und nach einem kurzen Zaudern, zu welchem ſich eine Aufregung geſellte, die das Blut beleben und ſelbſt die Kräfte der Frauen erwecken half, wurden alle Maulthiere glücklich wieder gefunden. Sie wurden nun aneinander gebunden, der Kopf des nachfolgenden an den Schweif des vorher⸗ gehenden, wie es bei den Zügen dieſer Thiere gewöhn⸗ lich iſt und Pierre ſchickte ſich an, den Weg fortzuſetzen. Als er aber den Pfad ſuchte, war er nicht zu finden. Bͤa Eͤ n — auf orf nen ann ieſe eine nder ggen ere, eigt rts, und ſo htet zau⸗ ert, hen, chen nach Hab⸗ nach ung der klich den, her⸗ öhn⸗ zen. den. — 151— Man forſchte nach jeder Seite, aber niemand konnte die geringſte Spur entdecken. Rauhe, zertrümmerte Felſen⸗ ſtücke waren alles, womit die ſorgfältigſte Nachforſchung belohnt ward; und nachdem einige köſtliche Minuten fruchtlos vergeudet waren, ſammelten ſich alle, wie auf gemeinſchaftliche Verabredung um den Führer, um ſeinen Rath zu hören. Die Wahrheit war nicht länger zu ver⸗ heimlichen— die Geſellſchaft hatte ſich verirrt. Achtes Kapitel. Laßt keinen frechen Spötter tadeln Der Schöpfung Weisheit, als ſey etwas da, Das nutzlos oder nicht zu hohen Zwecken. Thomſon. So lange wir die Kraft haben zu kämpfen, iſt die Hoffnung das letzte Gefühl, das den menſchlichen Geiſt verläßt. Der Menſch iſt mit jedem Grade von Muth begabt, von der ruhigen Kraft des Nachdenkens, die durch phyſiſche Tüchtigkeit noch wirkſamer gemacht wird, bis zur tollen übereilung des ſorgloſen Geiſtes, von der Entſchloſſenheit, die um ſo gewichtiger und achtungswerther wird, je größer die Gelegenheit iſt, ſie zu bethätigen, bis zu den fürchterlichen und ſchlechtgeleiteten Kräften der Verzweiflung. Aber keine Feder gibt dem Leſer ein rich⸗ tiges Bild von der Kälte, die das Herz durchſchauert, wenn der Zufall uns plötzlich und unvorbereitet der Hülfsquellen beraubt, denen wir zu vertrauen gewöhnt waren. Der Seemann ohne ſeinen Cours oder Compaß verliert ſeine Kühnheit und Beſonnenheit, obſchon die augenblickliche Gefahr dadurch nicht vergrößert wird; der Soldat wird fliehen, wenn man ihn ſeiner Waffen be⸗ raubt und der Jäger unſerer ausgedehnten Waldungen, der ſeine Landmarken verloren hat, wird aus dem küh⸗ nen und entſchloſſenen Feind der Bewohner derſelben in einen ängſtlichen, zaghaften Flüchtling umgewandelt, der bange nach Mitteln umſchaut, ſich zurückzuziehen. Kurz, wenn die gewöhnlichen Ideenverbindungen des Geiſtes rauh und plötzlich geſtört werden, müſſen wir fühlen, daß die Vernunft, welche uns ſo weit über die Thiere erhebt, daß ſie den Menſchen zu ihrem Herrn und Ge⸗ bieter macht, eine minder ſchätzbare Eigenſchaft wird, als der Inſtinkt, ſobald das verbindende Glied in ihrer Kette von Urſachen und Wirkungen zerriſſen iſt. Nur eine natürliche Folge ſeiner größern Erfahrung ließ Pierre Dumont die Schrecken ihrer gegenwärtigen Lage weit beſſer einſehen, als irgend einen ſeiner Ge⸗ fährten. Es war zwar noch hell genug, um ihn in den Stand zu ſetzen, ſeinen Weg über die Felſen und Steine zu ſuchen, allein er hatte Erfahrung genug, um zu wiſ⸗ ſen, daß weniger Gefahr dabei ſey, auf derſelben Stelle zu bleiben, als umherzutappen; denn während nur Eine Richtung gegen die Zufluht führte, entfernten alle übri⸗ gen ſie nur weiter von dem Orte, welcher nun ihre ein⸗ zige Hoffnung war. Andererſeits ſchienen wenige Minu⸗ ten dieſer bittern Kälte und dieſes ſcharfen Windes hin⸗ reichend, den Lebensſtrom des ſchwächern Theiles derer, die ſeiner Sorgfalt anvertraut waren, zu erſtarren. „Weißt du einen Rath zu geben?⸗ fragte Melchior von Willading, indem er Adelheid an ſeine Bruſt ſchloß und ſeinen weiten Mantel um ſie ſchlug, und ſo mit der Zärtlichkeit eines Vaters ihr einen Theil der ſchwa⸗ chen Wärme mittheilte, welche ſein bejahrter Körper noch einſchloß.—„»Fällt dir nichts ein, das in dieſer ſchrecklichen Noth gethan werden könnte?⸗ „Wenn die guten Mönche thätig geweſen ſind“— verſetzte der Führer zögernd— eich fürchte nur, die Hunde ſind in dieſer Jahreszeit noch nicht auf die Wege eingeübt.⸗ „Iſt es alſo dahin gekommen! Hängt unſer Leben wirklich von dieſer Thiere unzuverläſſiger Klugheit ab?⸗ „Mein Herr, ich würde die Jungfrau und ihren heiligen Sohn ſegnen, wenn dem ſo wäre! Aber ich fürchte, dieſer Sturm kam ſo raſch und unerwartet, daß wir auf ihre Hülfe nicht rechnen können.“ Melchior ſeufzte. Er ſchloß ſein Kind enger an ſein Herz, während der kräftige Sigismund ſeine hinfällige Schweſter ſchirmte, wie der Vogel ſeine Jungen mit ſei⸗ nen Schwingen bedeckt. „Zaudern iſt ſicherer Tod,“ ſagte Signor Grimaldi. „Ich habe von Maulthiertreibern gehört, die ſich genö⸗ thigt ſahen, ihre Thiere zu tödten, um in ihrer Haut Schutz und Wärme zu finden.“ „Die Wahl iſt ſchrecklich,“ fiel Sigismund ein. „Iſt die Rückkehr unmöglich? Da der Weg ſtets bergab führt, müßten wir das Dorf unten bald erreichen.“ — 154— „Die Zeit, welche wir dazu brauchten, könnte ver⸗ hängnißvoll werden,“ antwortete Pierre.„Ich kenne nur eine Auskunft, die uns noch bleibt. Wenn die Ge⸗ ſellſchaft beiſammen bleiben und meinem Rufe antworten will, werde ich noch einmal den Weg aufzuſpüren ſuchen.“ Dieſer Vorſchlag wurde freudig angenommen, denn Thatkraft und Hoffnung gehen Hand in Hand, und der Führer war im Begriff, die Gruppe zu verlaſſen, als er Sigismunds ſtarke Hand an ſeinem Arme fühlte. „Ich werde dich begleiten,“ ſagte der Krieger feſt. „Ihr laßt mir nicht Gerechtigkeit widerfahren, jun⸗ ger Mann,“ antwortete Pierre in einem vorwurfsvollen Tone.„Wenn ich verworfen genug geweſen wäre, mein übernommenes Amt zu verlaſſen, ſo würden dieſe Glie⸗ der und dieſe Kraft hingereicht haben, mich wohlbehalten den Berg hinab zu bringen; aber obſchon der Froſt einen Alpenführer eben ſo gut ſchütteln mag, wie einen andern Menſchen, wird er doch den letzten Tropfen ſeines Her⸗ zens denen weihen, welchen er dient.“ „Vergib, braver alter Mann— vergib! und dennoch werde ich dich begleiten; das Suchen von zweien ver⸗ ſpricht den gewünſchten Erfolg eher, als wenn du allein gehſt.⸗ Der gekränkte Pierre, dem des jungen Mannes Muth eben ſo ſehr gefiel, als ihm deſſen Argwohn miß⸗ fallen hatte, nahm die Abbitte offen hin. Er ſtreckte ſeine Hand aus und vergaß der Gefühle, die, ſelbſt in⸗ mitten der Stürme dieſes wilden Gebirgs, durch ein ſol⸗ ches Mißtrauen an ſeiner Chrlichkeit geweckt worden waren. Als dem immer brennenden, obgleich gedämpften ——— „ A&& ͤ S 8S=— A&& e— dA n ͤ=ͤ=12 1 ☛— der⸗ nne Ge⸗ ten n.“ enn der als feſt. un⸗ llen nein lie⸗ lten nen ern der⸗ loch ver⸗ lein nes niß⸗ eckte in⸗ ſol⸗ den ften — 155— Vulkan der menſchlichen Leidenſchaft dieſer kurze Aus⸗ bruch zugeſtanden worden, verließen ſie die Geſellſchaft mit einander, um einen letzten Verſuch zu machen, den Weg aufzufinden. Der Schnee war jetzt mehrere Zoll hoch und da der Weg höchſtens nur ein Saumpfad war, den man am Tage kaum vor dem Getrümmer der Felsſchluchten un⸗ terſchied, würde das Unternehmen ganz hoffnungslos ge⸗ weſen ſeyn, hätte Pierre nicht gewußt, daß es noch möglich ſey, irgend eine Spur der vielen Maulthiere aufzufinden, welche täglich den Berg auf und niedergin⸗ gen. Der Führer rief den Maulthiertreibern zu, welche auf ſeinen Ruf jede Minute antworteten, denn ſo lange ſie ſich gegenſeitig hören konnten, war keine Beſorgniß zu hegen, daß ſie gänzlich getrennt würden. Aber bei dem dumpfen Brüllen des Windes und dem ſteten To⸗ ben des Sturmes war es weder räthlich noch möglich, ſich weit zu entfernen. Sie ſtiegen mehrere Felſenhöcker auf und ab und kamen an einen rieſelnden Bach, allein von der Spur des Pfades war nichts zu gewahren. Mit der abnehmenden Wärme ſeines Körpers begann Pierre's Herz muthlos zu werden und der kräftige alte Mann, den ſeine Verantwortlichkeit überwältigte, und deſſen umſchweifende Gedanken ſich wider ſeinen Willen denen zuwandten, welche er in ſeiner Hütte am Fuße des Ge⸗ birgs zuruckgelaſſen hatte, überließ ſich zuletzt ganz ſeinem Schmerze, rang die Hände, weinte und rief Gott laut um Beiſtand an. Dieſer ſchreckliche Beweis ihrer äußer⸗ ſten Noth regte Sigismunds Gefühle auf, bis ſie faſt zum Wahnſinn geſteigert waren. Seine große phyſiſche — 156— Kraft hielt ihn noch aufrecht und in einem Anfall tollen Ungeſtümms ſtürzte er vorwärts in den Wirbel von Schnee und Hagel, als ſey er entſchloſſen, alle der Vor⸗ ſehung Gottes zu überlaſſen und verſchwand vor den Au⸗ gen ſeines Gefährten. Dieſer Vorfall brachte den Füh⸗ rer wieder zu ſich. Er rief dem gedankenloſen jungen Manne eifrig zurückzukehren, keine Antwort erfolgte und Pierre eilte zu der regungsloſen und vor Froſt zittern⸗ den Geſellſchaft zurück, um alle ihre Stimmen zu verei⸗ nigen, damit Sigismund ſie höre. Ruf erſcholl auf Ruf, aber nur das rauhe Brüllen des Sturmes antwortete ihren Stimmen.— „Sigismund! Sigismund!“ rief einer nach dem an⸗ dern, in eiliger und banger Reihenfolge. „Der edle Knabe iſt unwiederbringlich verloren!“ rief Signor Grimaldi in Verzweiflung, denn die Dienſte, welche der Jüngling ihm bereits geleiſtet hatte, und ſeine männlichen Eigenſchaften hatten ihn ſeinem Herzen un⸗ merklich theurer und theurer gemacht.—„ Er wird eines elenden Todes ſterben, und den Troſt nicht haben, das Schickſal ſeiner Leidensgenoſſen zu theilen.“ Ein Ruf Sigismunds wirbelte vorüber, als ſey der Ton dem Sturme einverleibt. „Ewiger Beherrſcher der Welt, das iſt nur deine Barmherzigkeit!“ rief Melchior von Willading aus,— „er hat den Pfad gefunden!“ „Und Preis dir, Maria— Mutter des Herrn!“ murmelte der Italiener. In dieſem Augenblicke kam ein Hund ſpringend und bellend durch den Schnee. Er ſchnüffelte ſogleich wim⸗ 6 — 157— mernd an den froſterſtarrten Reiſenden. Die Ausrufung der Freude und des Staunens waren kaum aus ihrem Munde, als Sigismund, von einem Andern begleitet, zur Geſellſchaft trat. „Ehre und Dank den guten Auguſtinern!“ rief der frohe Führer:—„Dies iſt der dritte Dienſt dieſer Art, den ich ihnen ſchulde.“ „Ich wollte, es wäre wahr, ehrlicher Pierre,“ ant⸗ wortete der Fremde.„Aber Maſo und Nettuno ſind in einem Sturme, wie dieſer, ſchlechte Stellvertreter der Knechte und Thiere des St. Bernhard. Ich bin ein Rei⸗ ſender und verirrt, wie ihr, und meine Gegenwart bringt wenig andern Troſt, als den, welcher bekanntlich die Frucht der Geſellſchaft im Unglück iſt. Die Heiligen ha⸗ ben mich zum zweiten Male in eure Geſellſchaft gebracht, während es ſich um Leben oder Tod handelt.“ Maſo machte dieſe letzte Bemerkung, als er, ſich der Gruppe nähernd, im Stande war, bei dem ſchwachen Lichtſchein ſich zu überzeugen, mit wem er hier zuſammen⸗ traf.. „Wenn du uns ſo nützlich werden kannſt, wie du es ſchon geweſen biſt,“ antwortete der Genueſer,„ſo wird es um ſo beſſer für uns Alle ſeyn, dich eingeſchloſ⸗ ſen; beſinne dich ſchnell auf deine Hülfsmittel, und du ſollſt einen gleichen Theil an Allem haben, was eine frei⸗ gebige Vorſehung mir gegeben hat.“ Il Maledetto hörte ſelten die Stimme des Signor Grimaldi ohne eine Art Theilnahme und Neugierde, welche, wie bereits erwähnt, dem letztern ſelbſt oft auf⸗ gefallen war, welche er aber dem ganz natürlichen Um⸗ ſtande beimaß, daß ſeine Perſon einem Manne bekannt ſeyn müſſe, der ſich ſelbſt einen Eingebornen von Genua genannt hatte. Auch in dieſem ſchrecklichen Augenblick war dieſe Theilnahme bemerklich, und der Greis, der dies für ein günſtiges Zeichen nahm, erneuerte die bereits zurückgewieſenen Anerbietungen reicher Belohnung, um einen Eifer anzufeuern, der, wie er mit ziemlichem Grund erwartete, durch die Hoffnung einer weſentlichen Vergeltuug am erſten geweckt werden konnte. „Wenn es ſich hier darum handelte, edler Signore,“ antwortete Maſo,„ein Schiff zu lenken, oder ein Fahr⸗ zeug, von welchem Bau oder von welcher Takelaſche es ſeyn mag, zu handhaben, in Kühlte, Bö, Orkan oder Windſtille bei Brandungen,— ſo würde meine Geſchick⸗ lichkeit und Erfahrung wohl in Anſchlag zu bringen ſeyn; aber wenn man den Unterſchied unſerer Kraft und Kühn⸗ heit bei Seite ſetzt, iſt ſelbſt dieſe Lilie, welche die Kälte zu verderben droht, nicht hülfloſer, als ich es in dieſem Augenblicke bin. Ich bin nicht beſſer daran, als ihr ſelbſt, Signori, und obgleich vielleicht mit dem Bergſteigen ver⸗ trauter, muß ich wegen meiner Rettung der Gunſt der Heiligen vertrauen, oder mein Leben wird im Schnee endigen, ſtatt in der Widerſee*) eines Strandes, wie es bis jetzt immer mein Loos zu werden ſchien.“ „Aber der Hund— dein trefflicher Hund!“ „Ach, Eccellenza, Nettuno iſt hier nur ein unnützes *) Die Welle oder See, die, nachdem ſie gegen das ufer oder die Klippe geſchlagen, wieder ſeewärts zurück rollt. Ueberſ. — 159— nnt Thier! Gott hat ihm einen dichteren Mantel und ein nua wärmeres Kleid gegeben, als uns Chriſten, aber ſelbſt blick dieſer Vortheil wird ſich bald als ein Unglück für meinen der Freund bewähren. Das lange Haar, das er trägt, wird eits bald von Eiszapfen ſtarren und ſeine Bewegungen auf⸗ um halten, wenn der Schnee tiefer wird. Die Hunde des hem St. Bernhard ſind glatter, haben geſtreckte Glieder, eine hen beſſere Witterung und ſind überdies auf die Wege abge⸗ richtet.“ Je,“ Ein furchtbarer Ruf Sigismunds unterbrach Maſo; ahr⸗ als der junge Mann bemerkt hatte, daß ſein zufälliges es Zuſammentreffen mit dem Seemann keine unmittelbare der. Vortheile zu verſprechen ſchien, hatte er, von Pierre und hick⸗ einem ſeiner Gehülfen begleitet, ſeine Nachforſchungen yn; ſogleich erneuert. Der Führer und der Maulthiertreiber ihn⸗ erwiderten den Ruf und dann ſah man Alle, mit einem alte großen Hunde voran, durch den Schnee daher eilen. Net⸗ ſem tuno, der ſich mit ſeinem buſchigen Schweif zwiſchen den lbſt, Beinen niedergekauert hatte, bellte, ſchien mit neuem Muth ver⸗ ſich zu erheben und ſprang dann mit ſichtbarer Freude der und Wohlwollen auf den Rücken ſeines alten Gegners dnee Uberto. e es Der Hund von St. Bernhard war allein. Aber ſeine Miene und alle ſeine Bewegungen waren die eines Thie⸗ res, deſſen Bewußtſeyn ſo hoch geſteigert war, als die tzes Grenzen, welche die Natur dem Verſtande eines Thieres geſetzt hat, nur erlauben. Er lief von Einem zu dem nfer Andern, rieb ſeine glatte und feiſte Seite an den Glie⸗ vück dern eines Jeden, wedelte mit dem Schweife und gab die gewöhnlichen Zeichen, welche Thiere ſeiner Gattung — 160— ſehen laſſen, wenn ihr Inſtinkt am regſten iſt. Glücklicher⸗ weiſe hatte er einen guten Dolmetſcher ſeines Willens in dem Führer, der den Charakter und, wenn man ſich ſo ausdrücken darf, die Abſichten des Thieres kannte und fühlte, daß kein Augenblick zu verlieren war, wenn die ſchwächern Mitglieder der Geſellſchaft erhalten werden ſollten, und daher die andern bat, die nöthigen Anſtalten zu beſchleunigen, um von dieſem glücklichen Zufalle Nutzen zu ziehen. Die Frauen wurden wie vorher geführt, die Maulthiere an einander gebunden und Pierre ſtellte ſich an die Spitze, rief dem Hunde freudig zu und ermuthigte ihn, den Weg zu zeigen. „Iſt es auch klug, ſich der Leitung dieſes Thieres ſo unbedingt anzuvertrauen?“ fragte Signor Grimaldi ein wenig zweifelhaft, als er die Anſtalten bemerkte, von welcher bei der zunehmenden Dunkelheit und der geſtei⸗ gerten Kälte, wie ſelbſt ein ſo wenig wie er an die Berge Gewöhnter einſah, das Leben der ganzen Geſell⸗ ſchaft abhing. „Vertraut immerhin dem alten Uberto, Signor,“ antwortete Pierre weitereilend, denn an ein ferneres Zaudern war nicht zu denken—„vertraut immerhin der Treue und der Klugheit des Hundes. Die Knechte des Kloſters richten dieſe Thiere ſo ab, daß ſie die Pfade kennen und verfolgen, ſelbſt wenn der Schnee ſie klafter⸗ hoch bedeckt. Gott hat ihnen, wie es mir oft ſchien, ganz beſonders zu dieſem Zweck kühnen Muth, lange Glieder und kurzes Haar gegeben, und ſie wenden dieſe Gaben edel an. Ich bin mit ihrer ganzen Weiſe bekannt, denn wir Führer lernen gewöhnlich die Wege des St. Bern⸗ her⸗ 3 in ) ſo und die den lten tzen die ſcch igte eres aldi von ſtei⸗ die ſell⸗ or,“ eres der des fade fter⸗ ganz eder aben denn ern⸗ — 161— hard kennen, indem wir zuerſt den Schlüſſelmeiſtern des Kloſters dienen und manchen Tag bin ich mit einem Paar dieſer Thiere, welche zu dieſem Zwecke abgerichtet wurden, dieſe Felſen auf⸗ und niedergeſtiegen. Überto's Vater und Mutter waren meine Lieblingsgefährten und ihr Sohn wird einen alten Freund der Familie ſchwerlich täuſchen.“ Die Reiſenden folgten ihrem neuen Führer mit mehr Vertrauen, obſchon blindlings. Uberto ſchien ſeinen Dienſt mit der Beſonnenheit und Stetigkeit zu verrichten, der ſeinen Jahren angemeſſen war und welche die Umſtände, in denen ſie ſich befanden, freilich ſehr nothwendig mach⸗ ten. Statt voraus zu ſpringen und ſich aus den Augen zu verlieren, wie dies wahrſcheinlich bei einem jüngern Thiere der Fall geweſen wäre, hielt das edle und halb⸗ denkende Thier einen Schritt, welcher zu dem langſamen Gange derer, welche die Frauen führten, paßte und ſtand gelegentlich ſtill, um zurück zu ſchauen, als wollte er ſich verſichern, daß Niemand verloren ſey. Die Hunde des St. Bernhard werden, oder wie man vielleicht richtiger ſagt, wurden— denn die alte Race, behauptet man, ſey ausgegangen— wegen ihrer Größe, ihrer Stärke und der Kürze ihrer Haare gewählt, wie ſo eben von Pierre angegeben worden; die erſtere war nothwendig, wenn ſie die Hülfe leiſten ſollten, welche man oft von ihnen forderte, ſo wie um den Mühſeligkeiten des Gebirgs gewachſen zu ſeyn, und die beiden letztern, damit ſie durch den Schnee waten und deſſen Einfluß widerſtehen konnten. Ihre Zucht machte ſie mit den Menſchen bekannt und flößte ihnen Anhänglichkeit gegen 79— 81. 11 dieſelben ein; ſie wurden gelehrt, die Wege zu kennen und denſelben bei jeder Gelegenheit zu folgen, ausgenom⸗ men wenn ein höherer Grad ihres Inſtinkts in Anſpruch genommen ward, und diejenigen aufzuſpüren, welche von Lawinen verſchüttet waren, und bei dem Ausgraben der⸗ ſelben behülflich zu ſeyn. In allen dieſen Pflichten war Uberto ſo lange geübt, daß er allgemein als das klügſte und treuſte Thier des Berges bekannt war. Pierre folgte ſeinen Tritten mit deſto größerer Zuverſicht, da er mit dem Charakter des Hundes vollkommen bekannt war. Als er daher das Thier ſich in einem rechten Winkel von der bisher eingehaltenen Richtung abwenden ſah, ahmte der Führer, als er die Stelle erreichte, ſeinem Beiſpiel nach, ſcharrte erſt den Schnee auseinander, um ſich von der Wahrheit zu überzeugen und verkündete dann denen, die ihm folgten, freudig, der verlorne Pfad ſey wieder⸗ gefunden. Dieſe Nachricht klang wie Rettung vom Tode, obgleich die Gebirgsbewohner wohl wußten, daß noch mehr als eine Stunde peinlicher und mühevoller werden⸗ der Anſtrengung nöthig war, um das Hospiz zu erreichen. Das erſtarrte Blut der zarten Weſen, welche faſt in den ſchrecklichen Schlaf, der der Vorbote des Todes iſt, ver⸗ ſanken, rollte wieder lebendig in ihren Adern, als ſie den Freuderuf hörten, welchen alle männlichen Reiſegenoſſen unwillkührlich bei dieſer erfreulichen Nachricht hören ließen. Die Bewegung wurde nun ſchneller, obgleich unge⸗ mein ſchwierig wegen des ſteten Tobens des Sturmes und wegen des Einfluſſes der beißenden Kälte, der auch die Stärkſten in der Geſellſchaft nur mit Mühe wider⸗ ſtanden. Sigismund ſeufzte, als er ſich dachte, wie Adel⸗ nen om⸗ ruch von der⸗ war gſte lgte mit var. von mte piel von nen, der⸗ de, och den⸗ hen. den der⸗ den ſen een. ge⸗ nes uch er⸗ el⸗ — 163— heid und ſeine Schweſter einem Wetter ausgeſetzt ſeyen, welches die kräftigſte Geſtalt und das kühnſte Herz unter ihnen erſchütterte. Er umſchlang die letztere mit ſeinem Arm, ſie eher entlang tragend als führend, denn der junge Krieger hatte hinlängliche Kenntniß von den Ort⸗ lichkeiten des Berges, um, zu wiſſen, daß ſie noch in einer furchtbaren Entfernung von dem Col ſich befanden und daß Chriſtinens Kraft der Aufgabe, denſelben ohne Stütze zu erreichen, durchaus nicht gewachſen war. Nettuno hielt ſich an Uberto's Seite und Pierre ſprach dann und wann zu den Hunden, um eine Tren⸗ nung zu verhüten, da die Dunkelheit ſo zugenommen hatte, daß man nur die nächſten Gegenſtände erkannte⸗ und der Pfad ohne ſtetes Suchen nicht mehr zu unter⸗ ſcheiden war. So oft Überto's Name genannt wurde, ſtand das Thier ſtill, wedelte mit ſeinem Schweife oder gab ein anderes Zeichen des Verſtändniſſes, als wollte er die Geſellſchaft ſeiner Klugheit und Treue verſichern. Nach einem dieſer kurzen Halte weigerte ſich der alte Uberto und ſein Gefährte wider alles Erwarten, weiter zu gehen. Der Führer, die zwei Edeln und zuletzt der ganze Zug umgaben ſie und kein Ruf, keine Ermuthigung der Gebirgsbewohner konnte die Hunde bewegen, den Platz zu verlaſſen. „Haben wir uns noch einmal verirrt?“ fragte der Freiherr von Willading, Adelheid feſter an ſein klopfen⸗ des Herz drückend:—„hat Gott uns nun verlaſſen? — meine Tochter— mein geliebtes Kind!“ Dieſer rührende Ausruf wurde durch ein Geheul von Uberto beantwortet, der toll dahin ſprang und ver⸗ 11* — 164— ſchwand. Nettuno folgte, wild und laut bellend. Pierre zögerte nicht zu folgen und Sigismund, der glaubte, der Führer wolle die Flucht der Hunde hindern, war ihm ſchnell auf den Ferſen. Maſo bewegte ſich mit größerer Beſonnenheit weiter. „Nettuno laßt dieſen Laut nicht hören, wenn er blos Hagel und Schnee und Wind in den Nüſtern hat;“ ſagte der bedachtſame Italiener.„Wir ſind entweder einer Geſellſchaft Reiſender nahe, denn ich weiß, daß ſolche auf dem Gebirge ſind—“ „Gott bewahre! weißt du das gewiß?⸗ fragte Sig⸗ nore Grimaldi, der bemerkte, daß der Andere plötzlich eingehalten hatte. „Ich weiß, daß andere da waren, Signore,“ er⸗ widerte der Seemann langſam, als ob er jedes Wort genau überlegte.„Ha, hier kommt das treue Thier und Pierre und der Hauptmann mit ihren Nachrichten, mö⸗ gen ſie nun gut oder ſchlimm ſeyn.“ Die zwei eben genannten traten zu der Geſellſchaft, als Maſo zu reden aufhörte. Sie unterrichteten die zit⸗ ternden Reiſenden, daß die ſo ſehr erſehnte Zuflucht in der Nähe ſey und daß nur die Dunkelheit und der trei⸗ bende Schnee es verhindere, ſie zu ſehen. „Es war ein glücklicher Gedanke— ein Gedanke, der von dem heiligen Auguſtinus ſelbſt kam,— daß die frommen Mönche dieſen Zufluchtsort erbauten!“ rief der frohe Pierre, der es nicht für nöthig erachtete, die Größe der Gefahr, in welcher ſie geſchwebt hatten, länger zu verhehlen.„Ich möchte es nicht verbürgen, daß ich ſelbſt ſo viel Kraft beſeſſen hatte, jetzt noch das Hospiz zu er⸗ erre der ihm erer blos t5* eder daß Sig⸗ zlich er⸗ Vort und mö⸗ aft, zit⸗ t in rei⸗ nke, die der öße zu elbſt — 165— reichen. Ihr gehört der Mutter⸗Kirche an, Signore, da Ihr ein Italiener ſeyd?⸗ „Ich bin eines ihrer unwürdigen Kinder!“ verſetzte der Genueſer. „Dieſe unverdiente Gunſt muß der Fürbitte des hei⸗ ligen Auguſtinus oder einem Gelübde zugeſchrieben wer⸗ den, welches ich machte, unſrer Frauen von Einſiedeln ein Opfer zu ſchicken, denn ich habe nie vorher gehört, daß ein St. Bernhards⸗Hund Reiſende in die Zuflucht geführt hätte! Ihr Geſchäft beſteht darin, die Erfrornen anfzuſuchen und die Reiſenden die Pfade entlang zum Hospiz zu führen. Selbſt Uberto hatte ſeine Zweifel, wie Ihr ſeht; aber das Gelübde wirkte, oder, ich weiß nicht— vielleicht hat es auch die Fürbitte gethan.⸗ Signor Grimaldi wünſchte zu ſehr, Adelheid und, die Wahrheit zu ſagen, ſich ſelbſt unter Obdach zu brin⸗ gen, ſtatt die Zeit mit der Beſprechung des zwiſtigen Punktes zu vergeuden, welches der beiden Mittel, die gleich rechtgläubig waren, am wirkſamſten zu ihrer Ret⸗ tung beigetragen habe. Er folgte mit den übrigen ſchwei⸗ gend dem frommen und vertrauenvollen Pierre, unge⸗ ſäumt hinter dem gläubigen Führer herſchreitend. Der letztere hatte die Zuflucht, wie man dieſe Orte auf den Alpen⸗Päſſen mit Recht nennt, ſelbſt noch nicht geſehen, aber die Art des Bodens hatte ihn von deren Nähe überzeugt. Als er ſich einmal ſeines Standpunktes ver⸗ gewiſſert hatte, ſtellten ſich alle die Ortlichkeiten umher ſeinem Geiſte ſo vertraut dar, wie der Seemann in der dunkelſten Nacht es nur mit jedem Tau in dem Irrge⸗ winde ſeiner Takelaſche ſeyn kann, oder, um uns einer — 166— gangbareren Vergleichung zu bedienen, wie ſich jeder in den Windungen ſeiner Wohnung zurecht findet. Als die zerbrochene Kette der Gedankenverbindung wieder herge⸗ ſtellt und verbunden war, wurde ſeinem Geiſte wieder alles klar, und als der alte Mann diesmal von dem Pfade abging, ſchritt er dem Punkte, den er ſuchte, ſo grade entgegen, als leuchtete die Mittagsſonne ſeinen Schritten. Man ſtieg auf einem rauhen aber kurzen Seitenpfad nieder, dann empor und das lange erſehnte Ziel war erreicht. Wir werden nicht bei den Empfindungen verweilen, mit welchen die Reiſenden dieſen Ort, der immerhin mindeſtens Sicherheit bot, betraten. Demuth und Er⸗ gebung in Gottes Vorſehung waren die vorherrſchenden Empfindungen aller, ſelbſt der rohen Maulthiertreiber; während die beinahe erſchöpften Frauen eben im Stande waren, leiſe ihre Dankbarkeit gegen die ewige Allmacht auszuſprechen welche ſie ſo unerwartet gerettet hatte. Man ſah die Zuflucht nicht, bis Pierre ſeine Hand auf das jetzt vom Schnee weihße Dach legte, und mit lautem, warmem und frommen Dankgebet die Beſtimmung des Gebäudes nannte. „Tretet ein und danket Gott!“ ſagte er.„Eine hoffnungsloſe halbe Stunde mehr hätte den Stolz des Stärkſten unter uns gedemüthigt— tretet ein und dan⸗ ket Gott!“ Wie alle Gebaude dieſer Gegend war auch dieſes ganz von Stein, ſelbſt das Dach nicht ausgenommen und glich einem gewölbten Keller. Es war jedoch ganz trocken, da die Reinheit der Atmosphäre und die gänzliche Ab⸗ in die ge⸗ der dem ſo nen zen nte en, hin Er⸗ den er; nde icht tte. auf m, des ine des an⸗ ſes nd en, lb⸗ — 162— weſenheit lockeren Grundes das Anhäufen von Feuchtig⸗ keiten verhinderte und bot denen, die ſich dahin flüchteten, nur den nackten Schutz ſeiner Wände. Aber ein Obdach war in einer ſolchen Nacht alles, was man wünſchen konnte, und dieſes fand ſich hier. Das Gebäude beſtand blos aus vier Mauern und dem Dache und hatte nur einen Ausgang; allein es war hinreichend geräumig, um eine noch einmal ſo zahlreiche Geſellſchaft aufzunehmen, als die war, welche es jetzt erreicht hatte. Der Übergang aus der beißenden Kälte und den ſchneidenden Winden des Gebirgs zu dem Schutze dieſes kunſtloſen Gebäudes war ſo groß, daß er eine gewiſſe allgemeine Empfindung von Wärme erzeugte. Der Ge⸗ winn, welchen dieſer Wechſel der Gefühle brachte, wurde durch die Anwendung von Reibung und Stärkmitteln unter Pierre's Leitung verſtändig erhöht. Überto trug einen kleinen Vorrath der letztern an ſeinem Halsband befeſtigt und noch war keine halbe Stunde verfloſſen, ſo waren Adelheid und Chriſtine Seite an Seite ſanft ent⸗ ſchlafen, in eine Fülle der unbenutzten Kleider einge⸗ hüllt, zu ihren Haupten die Sättel und Schabracken der Maulthiere als Kiſſen. Die Thiere wurden in die Zu⸗ flucht gebracht und da keine Reiſegeſellſchaft den St. Bernhard beſtieg, ohne das nöthige Futter für ihre Saumthiere mitzunehmen, indem dieſe unfruchtbare Ge⸗ gend dergleichen nicht hervorbrachte und ſelbſt das Brenn⸗ holz Stundenweit auf dem Rücken der Maulthiere her⸗ beigebracht werden mußte, ſo fanden auch dieſe gedhldi⸗ gen und muthvollen Thiere nach den Mühen und Wider⸗ wärtigkeiten des Tages eine Erquickung. Die Gegenwart — 168— ſo vieler lebenden Geſchöpfe in einem ſo beſchränkten Raum half die Wärme erhöhen und nachdem alle an dem magern Mahle, für welches die Vorſicht des Füh⸗ rers geſorgt hatte, Theil genommen, ſank die ganze Ge⸗ ſellſchaft in tiefen Schlaf. Neuntes Kapitel. Seit' an Seite liegen Sie drinnen, trauervoll geſchaart. Rogers. Der Schlummer der Müden iſt ſüß. Als Adelheid ſpäter in einem Palaſt wohnte, auf Flaumen ſchlief und ſich die reichen Stoffe eines freundlicheren Klima's über ihr wölbten, hörte man ſie oft ſagen, ſie habe nie einer lieblicheren Ruhe genoſſen, als die ſie in der Zuflucht des St. Bernhard gefunden. So leicht, natürlich und erquickend, ſo ungeſtört durch jene Träume von Abgrün⸗ den und Schneeſtürzen, welche ſpäter ihren Schlaf über⸗ ſchlichen, war ihr Schlummer geweſen, daß ſie am fol⸗ genden Morgen zuerſt die Augen öffnete und wie ein Kind erwachte, das ſich einer ruhigen und geſunden Ruhe erfreut hatte. Ihre Bewegungen weckten Chriſtine. Sie warfen die Mäntel und Obergewänder, welche ſie bedeck⸗ ten, bei Seite und ſchauten mit der Verwirrung umher, in welche die Neuheit ihrer Lage ſie verſetzen mußte. bten an üh⸗ Ge⸗ rt. eid und ber ner icht und ün⸗ her⸗ fol⸗ ein uhe Sie eck⸗ her, — 169— Alle ihre Reiſegefährten ſchliefen noch. Ohne Geräuſch ſtanden ſie auf, ſchritten an den faſt regungsloſen Schlä⸗ fern, den ruhigen Maulthieren, welche ſich am Eingange des Gebäudes hingeſtreckt hatten, vorüber und verließen die Hütte. Draußen umgab ſie der Winter; allein, wie dies in den Alpen, zu welcher Jahreszeit es auch ſeyn mag, gewöhnlich iſt, der Charakter der Größe und Erhaben⸗ heit herrſchte auch hier vor. Der junge Tag war um die Kuppen über ihnen wach, während die Schatten der Nacht noch auf den Thälern lagen, eine Landſchaft bil⸗ dend, wie jenes meiſterhafte und poetiſche Gemälde der untern Welt, welches Guido in dem berühmten Fresco „Aurora⸗ hinterlaſſen hat. Die Schluchten und Thäler waren mit Schnee bedeckt, aber die Seiten der ſchroffen Berge lagen nackt in ihrer ewigen graubraunen Farbe da. Die kleine Erhöhung, auf welcher die Zuflucht ſtand, war auch beinahe nackt, da der Wind die kleinen Schneetheilchen in die Schlucht des Weges getrieben hatte. Die Morgenluft iſt in dieſer großen Höhe ſelbſt mitten im Sommer ſcharf und die ſchauernden Mädchen zogen ihre Mäntel um ſich, obgleich ſie die reine, elaſti⸗ ſche, begeiſternde Luft mit Vergnügen einathmeten. Der Sturm war ganz vorüber, und der reine, ſaphirfarbne Himmel ſtand in lieblichem Kontraſt mit den Schatten unten und hob ihre Gedanken natürlich zu jenem Ge⸗ wölbe empor, das in einem Frieden und einer Glorie prangte, welche dem gewöhnlichen Bilde ſo ſehr entſpra⸗ chen, das wir uns von dem Aufenthalte der Seligen machen. Adelheid drückte Chriſtinens Hand und ſie knie⸗ ten miteinander nieder und beugten das Haupt an einem Felſen. Ein ſo inbrünſtiges, reines und herzliches Gebet, wie es arme Sterblichen nur darbringen können, ſtieg aus dieſen frommen und unſchuldigen Herzen zu Gott empor. Als dieſe allgemeine und in ihrer eigenthümlichen Lage beſonders gebotene Pflicht erfüllt war, fühlten ſich die holden Mädchen muthiger. Einer ſchweren und ge⸗ bieteriſchen Verpflichtung uüberhoben, wagten ſie es mit mehr Zuverſicht, um ſich zu blicken. Ein zweites Ge⸗ bäude, von derſelben Form und auch aus Stein aufge⸗ führt, wie jenes, in welchem ihre Gefährten noch ſchlie⸗ fen, ſtand auf demſelben Felsaufwurf und ihr erſtes Nachforſchen nahm natürlich dieſe Richtung. Der Ein⸗ gang zu dieſer Hütte war eine Offnung, die eher einem Fenſter als einer Thüre glich. Sie ſchritten vorſichtig zur Stelle und ſahen ſchüchtern, wie der Haſe umlugt, ehe er ſich aus ſeinem Lager wagt, in das düſtere, höh⸗ lenartige Gemach. Vier menſchliche Geſtalten, die Rücken gegen die Wände gekehrt, ruhten tief in dem Gewölbe. Auch ſie ſchliefen feſt, denn die neugierigen aber er⸗ ſchreckten Mädchen blickten lange auf ſie und gingen dann weg, ohne ſie zu wecken. „⸗Wir waren in dieſer ſchrecklichen Nacht nicht allein auf dem Gebirge,“ flüſterte Adelheid, die zitternde Chri⸗ ſtine ſanft von der Offnung wegdrängend:—„du ſiehſt, daß andere Reiſende in unſerer Nähe geruht haben, nach⸗ dem ſie wahrſcheinlich Mühſeligkeiten und Gefahren gleich den unſrigen überſtanden.⸗ Chriſtine ſchmiegte ſich enger an die Seite ihrer er⸗ — 171— fahrneren Freundin, wie das Täubchen ſich an die Mut⸗ ter ſchmiegt, wenn es ſich zum erſten Male aus dem Neſte wagt, und ſie kehrten in die Zuflucht, welche ſie verlaſſen hatten, zurück, denn die Kälte war noch groß genug, um deren Schutz behaglich zu machen. An der Thüre trafen ſie Pierre, denn der rührige alte Mann war erwacht, ſowie das erſte Licht ſein Auge berührte. ⸗Wir ſind nicht allein hier,“ ſagte Adelheid, auf das andere ſteinbedeckte Dach deutend— ⸗auch in jenem Gebäude ſchlafen Reiſende.⸗ „Sie werden lange ſchlafen, Fräulein,⸗ antwortete der Führer, den Kopf feierlich ſchüttelnd.—„Zwei von ihnen ſchlummern bereits ein ganzes Jahr und der dritte, den Ihr ſaht, ruht dort ſeit dem Schneeſturz in den letz⸗ ten Tagen des April.⸗ Adelheid trat erſchreckt einen Schritt zurück, denn die Worte waren zu klar, um mißverſtanden zu werden. Nachdem ſie einen Blick auf ihre holde Freundin gewor⸗ fen hatte, fragte ſie, ob die, welche ſie geſehen, wirklich die Leichen von Reiſenden wären, welche auf dem Ge⸗ birg umgekommen. „So iſt's, Fräulein,⸗ erwiderte Pierre.„Dieſe Hütte iſt für die Lebendigen, jene für die Todten. So nahe ſind beide einander, wenn der Menſch im Winter auf dieſen wilden Felſen reiſ't! Ich habe Leute, welche eine kurze und unruhige Nacht hier zubrachten, vor dem Ende des nächſten Tages in jenem Haus einen Schlaf beginnen ſehen, der nicht nur tief genug iſt, ſondern ewig dauern wird. Einer der drei, die Ihr dort eben ſaht, war ein Führer wie ich; ein Schneeſturz begrub ihn an — 172— der Stelle, wo der Pfad die Ebene des Velan unter uns verläßt. Der zweite iſt ein Pilger, der in der klar⸗ ſten Nacht, die je den St. Bernhard umglänzte, ſtarb, blos weil er einen Becher zu viel getrunken hatte, um ſich Muth zu machen. Der Dritte iſt ein armer Winzer, der aus Piemont in unſere Schweizerthäler kam, um Arbeit zu ſuchen und welchen der Tod in einem unzeitigen Schlaf überraſchte, dem er ſo unklug war, ſich beim Anbruch der Nacht zu überlaſſen. Ich ſelbſt fand ſeine Leiche, nachdem wir den Tag vorber in Freundſchaft zu Aoſta mit einander getrunken hatten, an dieſem nackten Fel⸗ ſen, und mit meinen Händen legte ich ihn an die Seite der andern.⸗ „Und ein ſolches Begräbniß erhalten Chriſten in dieſer unwirthlichen Gegend?“ „Was ſagt Ihr, Fräulein!— es iſt das Loos der Armen und Unbekannten. Die, welche Verwandte und Freunde haben, werden geſucht und gefunden; denen, die da ſterben, ohne daß man ihre Abkunft kennt, ergeht es, wie Ihr geſehen habt. Der Spaden iſt auf dieſen Felſen nicht zu brauchen; und dann iſt es beſſer, die Leiche wird da ausgeſtellt, wo man ſie ſehen und zurück⸗ fordern kann, als wenn ſie verſcharrt würde. Die guten Väter droben und alle Angeſehenen werden in die Tha⸗ ler, wo Erde iſt, gebracht und anſtändig begraben, wäh⸗ rend Arme und Fremde in dieſes Gewölbe kommen, das eine beſſere Wohnung iſt, als viele von ihnen während ihrer Lebzeit kannten. Ach, es ſchlummern drei Chriſten dort, die alle vor kurzer Zeit noch heiter und thätig, wie irgend einer, auf der Erde wandelten.“ — 173— „Es ſind vier dort.“ Pierre ſah erſtaunt auf, er ſann ein wenig nach und fuhr in ſeiner Beſchäftigung fort. „Dann iſt ein anderer zu Grunde gegangen. Die Zeit wird kommen, wo auch mein Blut erſtarrt. Dies iſt ein Loos, deſſen jeder Führer eingedenk ſeyn muß, denn es harrt ſeiner zu einer Stunde und in einer Jahreszeit, die er nicht kennt.“ Adelheid brach das Geſpräch ab. Sie erinnerte ſich gehoört zu haben, daß die ſcharfe Bergluft die Verweſung verhindert, welche gewöhnlich mit dem Bilde des Todes vergeſellſchaftet iſt, und der Gebrauch verlor etwas von ſeinem Schrecklichen in dieſem Gedanken. Mittlerweile erwachten die übrigen Glieder der Ge⸗ ſellſchaft und ſammelten ſich vor der Zuflucht. Die Maul⸗ thiere wurden herausgeführt und geſattelt, das Gepäcke aufgeladen und Pierre forderte die Reiſenden auf, auf⸗ zuſteigen, als Uberto und Nettuno mit einander in der beſten Eintracht den Pfad herabſprangen. Die Bewe⸗ gungen der Hunde waren der Art, daß die Aufmerkſam⸗ keit Pierre's und der Maulthiertreiber rege ward, die ausſagten, man werde bald einige Knechte des Kloſters ſehen. Der Erfolg zeigte, wie vertraut der Führer mit ſeinem Amte war, denn er hatte ſeine Vermuthung kaum ausgeſprochen, ſo ſah man Leute aus der Kluft am Gipfel des Berges durch den Schnee den Pfad herab⸗ kommen, der zur Zuflucht führte. Vater Favier war an ihrer Spitze. Die Erklarungen waren kurz und natürlich. Nach⸗ dem Uberto die Reiſenden in die Zuflucht geführt und — 174— den größten Theil der Nacht in ihrer Geſellſchaft hinge⸗ bracht hatte, war er gegen Morgen, ſtets von ſeinem Freunde Nettuno begleitet, in das Kloſter zurückgekehrt. Hier gab er den Mönchen durch Zeichen, welche ſie, mit den Gewohnheiten des Hundes bekannt, ſofort zu deu⸗ ten wußten, zu verſtehen, daß Reifende auf dem Berge wären. Der gute Schlüſſelmeiſter wußte, daß die Ge⸗ ſellſchaft des Freiherrn von Willading im Begriff war, über den Col zu reiſen, denn er war nach Haus geeilt, um zu ihrem Empfange bereit zu ſeyn; und da er die Wahrſcheinlichkeit vorſoah, daß der Sturm der vergan⸗ genen Nacht ſie überraſcht habe, ſtellte er ſich ſogleich an die Spitze der Knechte, welche zu ihrem Beiſtande auf⸗ brachen. Auch die kleine Flaſche mit der Stärkung war nicht mehr an Uberto's Halsband und ſo blieb kein Zwei⸗ fel, daß deren Inhalt gebraucht worden, und da nichts wahrſcheinlicher war, als daß die Reiſenden eine Unter⸗ kunft geſucht haben würden, lenkten ſie ihre Schritte ganz natürlich der Zuflucht zu. Der würdige Geiſtliche gab dieſe Erläuterung mit thränenfeuchten Augen und unterbrach ſich mehrmals, um ein Dankgebet zum Himmel zu ſchicken. Er ging von einem Reiſenden zu den andern, ſelbſt die Maulthier⸗ treiber nicht vernachläßigend, und befühlte ihre Glieder, beſonders aber ihre Ohren, um zu ſehen, ob ſie dem Einfluſſe der Kälte ganz entgangen waren, und fühlte ſich nicht eher glücklich, als bis er ſich durch den Augen⸗ ſchein überzeugt hatte, daß die ſchreckliche Gefahr, in welcher ſie geſchwebt, keine ſchlimmen Folgen zu haben ſcheine. — 175— ⸗Wir ſind daran gewöhnt, viele Vorfälle dieſer Art zu erleben,“ ſagte er lächelnd, als er die Unterſuchung zu ſeiner Zufriedenheit beendigt hatte—„und die übung hat unſer Auge in ſolchen Dingen geſchärft. Die heilige Jungfrau ſey geprieſen und ihr heiliger Sohn, daß ihr alle dieſe Nacht ſo gut überſtanden habt. In der Klo⸗ ſterküche wird ein gutes Frühſtück bereitet und wenn eine fromme Pflicht vollbracht iſt, ſteigen wir alle hinauf, uns deſſen zu erfreuen. Das kleine Gebäude dort iſt die letzte irdiſche Wohnung derer, welche auf dieſer Seite des Berges zu Grunde gehen und deren UÜberbleibſel niemand in Anſpruch nimmt. Keiner unſerer Geiſtlichen geht an dieſer Stelle vorüber, ohne für ihre Seelen zu beten. Kniet darum mit mir nieder, die ihr dem Him⸗ mel ſo vielen Dank ſchuldig ſeyd und vereinigt eure Ge⸗ bete mit dem meinigen.“— Vater Pavier kniete auf die Felſen und alle katho⸗ liſchen Glieder der Geſellſchaft vereinigten ſich mit ihm im Gebete für die Verſtorbenen. Der Freiherr von Willading, ſeine Tochter und ihre Dienerſchaft ſtanden derweilen und zwar die Männer unbedeckten Hauptes, denn obſchon ihr Glaubensbekenntniß eine ſolche Ver⸗ mittlung als nutzlos verwarf, fühlten ſie doch das feier⸗ liche und den hohen Charakter dieſes Augenblickes. Der Geiſtliche erhob ſich mit emem Antlitz, heiter und glän⸗ zend wie die Morgenſonne, welche grade in dieſem Augen⸗ blicke üͤber den Gipfeln der Alpen erſchien, ihre bele⸗ bende und milde Wärme auf die andächtige Gruppe, die braunen Hütten und die Bergſeite werfend. „Ihr ſeyd eine Ketzerin,“ ſagte er freundlich zu — 176— Adelheid, welcher er die Theilnahme weihte, die ihre Jugend und Schönheit und die große Gefahr, in welcher ſie vor wenigen Tagen gemeinſchaftlich geſchwebt, ſehr natürlich erzeugte.„Ihr ſeyd eine reuloſe Ketzerin, al⸗ lein wir wollen Euch nicht verſtoßen; Eurer Hartnäckig⸗ keit und Sünden ungeachtet ſeht Ihr, daß die Heiligen ſich auch über verſtockte Sünder erbarmen, ſonſt waret Ihr und alle, die bei Euch ſind, gewiß verloren geweſen.“ Die Art, wie er dieſe Worte ſagte, zwangen Adel⸗ heid ein Laͤcheln ab, welches ſeine Anklagen als freund⸗ liche und ſcherzhafte Vorwürfe aufnahm. Als Pfand des Friedens zwiſchen ihnen bot ſie dem Mönche die Hand mit der Bitte, er möchte ihr in den Sattel helfen. „Habt Ihr auf die Thiere acht gegeben?“ ſagte Signor Grimaldi, auf die Hunde deutend, die ernſt vor der Offnung des Todtenhauſes ſaßen, den Rachen geöff⸗ net und die Augen feſt auf das Fenſter oder den Ein⸗ gang geheftet.„Eure St. Bernhards⸗Hunde, Vater, ſcheinen ahgerichtet, den Menſchen auf alle Weiſe, le bendig oder todt, zu dienen.“ „Ihre ruhige Stellung und ihre ernſte Aufmerkſam⸗ keit ſcheint in der That eine ſolche Bemerkung zu recht⸗ fertigen! Habt ihr je ſchon Uberto ſich ſo benehmen ge⸗ ſehen?“ fragte der Auguſtiner die Kloſterknechte, denn das Thun dieſer Thiere war ein Gegenſtand des Nach⸗ denkens und der Theilnahme aller auf dem St. Bernhard. „Man hat mir geſagt, eine andere friſche Leiche ſey in dem Hauſe aufgeſtellt worden, ſeit ich zum letzten Male den Berg nieder kam,“ bemerkte Pierre, der ru⸗ hig ein Maulthier ſo zu ſtellen bemüht war, daß Adel⸗ — 177— heid bequem aufſteigen konnte:—„die Hunde wittern den Todten. Dies hat ihn auch in der letzten Nacht an die Zuflucht geführt; der Himmel ſey für die Gnade geprießen.“ Dies wurde mit der Gleichgültigkeit geſagt, welche Folge der Gewohnheit iſt, denn die Sitte, die Leichen unbeerdigt zu laſſen, hatte keinen Einfluß auf die Ge⸗ fühle des Führers; aber es fiel denen, die vom Kloſter herabgekommen waren, darum nicht weniger auf. „Du warſt ſelbſt der letzte, der herab ſtieg,“ ſagte einer der Knechte;„auch ſind keine heraufgekommen, als die, welche nun im Kloſter in Sicherheit ſind und nach dem Sturm der letzten Nacht der Ruhe pflegen.“ „Wie kannſt du dieſen eiteln Unſinn vorbringen, Henry, wenn eine neue Leiche in dem Hauſe iſt? Die⸗ ſes Fräulein hat ſie eben erſt gezaͤhlt und es ſind deren vier; drei waren es, als ich ſie dem Piemonteſiſchen Edeln zeigte, welchen ich an dem Tage, den du meinſt, von Aoſta herüberführte.“ „Seht darnach,“ ſagte der Geiſtliche, ſich raſch von Adelheid wegwendend, welcher er im Begriffe war, in den Sattel zu helfen.. Die Manner traten in das düſtere Gewölbe, aus welchem ſie bald zurück kamen und eine Leiche trugen, welche ſie in die offene Luft mit dem Rücken an die Wand des Gebäudes niederſetzten. Ein Mantel hing ihr über Kopf und Geſicht, als wäre er ſo gelegt, um die Kälte abzuhalten. „Dieſer iſt in der letzten Nacht zu Grund gegan⸗ gen, indem er das Todtenhaus für die Zuflucht nahm,“ 79— 81. 12 rief der Geiſtliche.„Maria und ihr heiliger Sohn mo⸗ gen ſeiner Seele beiſtehen!“ „Iſt denn der Unglückliche wirklich todt?⸗ fragte der Genueſer mit weltlicherer Sorgfalt und mit größerer übung in der Erforſchung von Thatſachen. Die Erfror⸗ nen ſchlafen lange, ehe die Lebensſtröme zu laufen auf⸗ hören.“ Der Auguſtiner befahl ſeinen Begleitern, den Man⸗ tel zu entfernen, obgleich er wenig Hoffnung hegte, daß die Annahme des Andern gegründet ſey. Als das Tuch weg war, zeigten ſich dem Auge die eingefallenen und bleichen Züge eines Mannes, in welchem das Leben un⸗ zweifelhaft erloſchen war. Unähnlich den meiſten, die gewöhnlich durch eine allmäahlige Erſtarrung und eine langſam ſich ſteigernde Bewußtloſigkeit in den langen Schlaf des Todes verſinken, war in dem Geſicht des Fremden ein Ausdruck des Schmerzes, welcher anzukün⸗ digen ſchien, daß ſein Todeskampf herb geweſen und er auf eine ſchmerzenvolle Weiſe aus dem Leben geſchie⸗ den ſey. Ein Schrei Chriſtinens unterbrach das ſchau⸗ rige Hinſtarren der Reiſenden und gab ihren Blicken eine andere Richtung. Sie hing an Adelheids Hals und ihre Arme zuckten, ſo feſt klammerte ſie ſich an die Freundin an. „Er iſt's! er iſt's!“ murmelte das erſchreckte und halb wahnwitzige Maͤdchen, ihr bleiches Geſicht an dem Buſen Adelheids bergend.—„O Gott!— er iſt's!“ „Von wem ſprichſt du, Liebe?“ fragte die verwun⸗ derte, obgleich nicht minder erſchreckte Adelheid, die glaubte, die geſchwächten Nerven des armen Nädchens ſeyen durch moͤ⸗ e der zerer fror⸗ auf⸗ Nan⸗ daß Tuch und un⸗ die eine ngen des kkün⸗ d er chie⸗ hau⸗ icken und die und dem 77 vun⸗ ubte, durch den Schauer des Anblicks ergriffen worden—„er iſt ein Reiſender, wie wir, und fand unglücklicherweiſe in demſelben Sturme den Tod, dem wir durch die Güte der Vorſehung entgangen ſind. Du ſollteſt nicht ſo zit⸗ tern, denn ſo ſchrecklich es auch iſt,— er iſt in einem Zuſtande, zu welchem wir alle kommen müſſen.⸗ „So bald! ſo bald! ſo plötzlich!— Ach, er iſt's!⸗ Adelheid, welche die Heftigkeit der Gefühle Chriſti⸗ nens beunruhigte, wußte ſie durchaus nicht zu deuten, als die ſchlaffe Hand und die ſterbende Stimme ihr zeig⸗ ten, daß ihre Freundin ohnmächtig geworden. Sigis⸗ mund war einer der erſten, der zum Beiſtande ſeiner Schweſter herbeieilte, die durch Anwendung der gewöhn⸗ lichen Mittel bald wieder zu ſich gebracht wurde. Um ſie vollkommen wieder herzuſtellen, wurde ſie zu einem etwas entlegenen Felſen getragen, wohin, wie man an⸗ nehmen konnte, keiner der Manner, mit Ausnahme ih⸗ res Bruders kam. Der Letztere blieb nur einen Augen⸗ blick, denn eine Bewegung in der Gruppe an dem Tod⸗ tenhaus veranlaßte ihn, dahin zu gehen. Cr kehrte lang⸗ ſam, gedankenvoll und düſter zurück. „»Die Gefühle unſerer armen Chriſtine waren er⸗ ſchüttert und ſie iſt zu ſehr angegriffen, um die Mühſe⸗ ligkeiten einer Reiſe auszuhalten,“ bemerkte Adelheid, nachdem ſie mitgetheilt hatte, daß die arme Leidende wieder zu ſich gekommen;„haſt du ſie je ſo geſehen?⸗ „Kein Engel könnte ruhiger und glücklicher ſeyn, als meine Schweſter vor dieſer letzten Beſchimpfung war;— du ſcheinſt die traurige Wahrheit noch nicht zu wiſſen?⸗ Adelheid ſah ihn erſtaunt an. — 180— „Der Todte iſt der Mann, welcher beabſichtigte, der Herr des Glückes meiner Schweſter zu werden und die Wunden an ſeinem Körper laſſen wenig Zweifel übrig, daß er ermordet worden.⸗ Chriſtinens Erregung bedurfte keiner weitern Erklä⸗ rung. ⸗Ermordet!⸗ widerholte Adelheid leiſe. „Die ſchreckliche Wahrheit läßt keinen Zweifel mehr zu. Dein Vater und unſere Freunde ſind jetzt beſchäf⸗ tigt, alle Thatſachen ſicher zu ſtellen, die ſpater zur Ent⸗ deckung der Thäter führen können.⸗ „Sigismund!⸗ „Was willſt du, Adelheid?⸗ „Du fühlteſt Widerwillen gegen dieſen Ungluüͤcklichen?⸗ „Ich läugne es nicht! Konnte ein Bruder anders fühlen?⸗ „Aber jetzt— jetzt, da Gott ihn ſo furchtbar heim⸗ geſucht hat?⸗ „Von ganzem Herzen vergebe ich ihm! Waren wir in Italien zuſammengetroffen, wohin er, wie ich wußte, gehen wollte— aber das iſt thörig.⸗ „Schlimmer als dies, Sigismund!⸗ „Aus meiner tiefſten Seele verzeihe ich ihm. Ich hielt ihn nimmer ihrer würdig, deren einfaches Gefuhl durch die erſten Zeichen ſeiner angeblichen Theilnahme gewon⸗ nen worden; aber ich konnte ihm kein ſo grauſames und plötzliches Ende wünſchen. Möge Gott ihm Gnade ſchen⸗ ken, wie ich ihm verzeihe!“ Mit frommer Freude empfing Adelheid den ſtummen Druck ſeiner Hand. Sie trennten ſich jetzt und er begab — 181— ſich zu der Gruppe, welche ſich um die Leiche geſammelt hatte, und ſie ging wieder zu Chriſtine. Signor Gri⸗ maldi nahm jedoch Sigismund ſofort in Anſpruch und drängte ihn, unmittelbar mit den Frauen nach dem Klo⸗ ſter abzugehen, indem er verſprach, die übrigen Reiſen⸗ den ſollten folgen, ſobald die jetzige traurige Pflicht been⸗ digt wäre. Da Sigismund nicht wünſchte, an dem, was jetzt vorging, Theil zu nehmen, und Grund vorhanden war, zu glauben, ſeiner Schweſter werde durch die Ent⸗ fernung von dieſer Stelle großer Schmerz erſpart, fügte er ſich freudig dem Vorſchlag. Augenblicklich geſchahen Schritte, ihn ins Werk zu ſetzen. Dem Wunſche ihres Bruders gehorſam, beſtieg Chri⸗ ſtine ruhig und ohne Weigern ihr Maulthier; aber ihr todtengleiches Geſicht und ihr ſtarres Auge verriethen die Heftigkeit des Schlags, der ſie getroffen. Während des ganzen Rittes zu dem Kloſter ſprach ſie nicht, und da alle ihren Schmerz theilten und verſtanden, hätte der kleine Zug nicht düſterer und ſtummer ſeyn können, wenn ſie die Leiche des Erſchlagenen mit ſich geführt hätten. Nach einer Stunde erreichten ſie den lange geſuchten und ſo ſehnlich erwarteten Ort der Ruhe. Während dieſe Anordnung fur den ſchwächeren Theil der Geſellſchaft getroffen wurde, fand eine verſchiedene Scene in der Nähe der Gebäude ſtatt, welche bereits ſo paſſend die Häuſer der Todten und Lebendigen ge⸗ nannt wurden. Da innerhalb mehrerer Meilen von der Wohnung der Auguſtiner dieſſeits und jenſeits des Ber⸗ ges keine menſchliche Wohnung war und die Wege im Sommer ſehr beſucht waren, übten die Mönche eine — 182— Art Gerichtsbarkeit in ſolchen Fällen aus, die eine ſchnelle Handhabung der Gerechtigkeit oder eine unerläßliche Ach⸗ tung vor jenen Formen forderten, welche ſpäter vor den regelmäßigen Behörden wichtig werden konnten. Es war daher nicht ſobald bekannt, daß Grund zu der Vermu⸗ thung vorhanden ſey, eine Gewaltthat ſey hier begangen worden, als der gute Auguſtiner die nöthigen Schritte that, alle die Umſtände glaubwürdig zu machen, welche genau hergeſtellt werden konnten. Die Gewißheit, daß die Leiche des Jacques Colis, eines kleinen aber vermögenden Gutsbeſitzers in der Waadt ſey, unterlag keinem Zweifel. Dieſe Thatſache konnten nicht nur mehrere Reiſende bekräftigen, ſondern er war auch einem der Maulthiertreiber bekannt, von dem er ein Maulthier geliehen hatte, das zu Aoſta ſte⸗ hen bleiben ſollte, und man wird ſich auch erinnern, daß er zu Martigny von Pierre geſehen worden war, wäh⸗ rend er ſeine Anſtalten traf, über das Gebirg zu gehen. Von dem Maulthiere waren nur ſolche Spuren, die eben ſo gut den Thieren zugeſchrieben werden konnten, welche noch des Aufbruchs gewärtig harrten. Die Art, wie der Unglückliche geendet, unterlag keinem Zweifel. Sein Körper hatte mehrere Wunden und ein Meſſer, von der Form, wie Reiſende der untern Klaſſen ſie zu tragen pflegten, war in ſeinem Rücken ſtecken geblieben, ſo daß es unmöglich war, ſein Ende einem Selbſtmord beizumeſ⸗ ſen. Auch die Kleider zeigten Spuren eines Kampfes, denn ſie waren zerriſſen und beſchmutzt, doch war nichts weggekommen. Man fand Gold in den Taſchen, nicht — 183— elle in Fülle, aber doch hinreichend, den erſten Gedanken, lch⸗ als habe hier eine Beraubung ſtatt gefunden, zu ſchwächen. den„Das iſt ſeltſam,“ bemerkte der gute Auguſtiner, var als er den letzten Umſtand gewahrte: ⸗die Schlacken, nu⸗ welche ſo viele Seelen zur Verdammniß führen, ſind gen unbeachtet geblieben, während Chriſten⸗Blut vergoſſen itte wurde! Dies ſcheint eher eine That der Rache als der che Habſucht. Laßt uns nun unterſuchen, ob Spuren zu ſin⸗ den ſind, wo dieſe Trauerſcene vor ſich gegangen iſt.⸗ 3 Das Suchen war ohne Erfolg. Da die ganze Um⸗ lis, gegend aus eiſenfarbnen Felſen und deren Geſchütt be⸗ der ſteht, würde es in der That nicht leicht geweſen ſeyn, iche den Zug eines Heeres nach ſeinen Fußtapfen anzugeben. ern Blutflecken waren jedoch nirgends zu entdecken, ausge⸗ von nommen da, wo die Leiche gefunden worden war. Das ſte⸗ Haus ſelbſt bot kein Zeichen der Blutſcene, von welcher daß es Zeuge geweſen war. Zwar lagen die Gebeine derje⸗ äh⸗ nigen, die lange vorher geſtorben waren, zerbrochen und hen. zerſtreut auf den Steinen; da aber die Neugierigen ge⸗ ſo wöhnt waren, anzuhalten und manchmal einzutreten und lche die irdiſchen Überreſte zu unterſuchen, ſo war der jetzige wie Zuſtand derſelben weder neu noch auffallend. zein Das Innere des Todtenhauſes war dunkel und in der dieſer Hinſicht mindeſtens ſeiner hehren Beſtimmung an⸗ gen gepaßt. Während dieſes letztern Theils der Unterſuchung daß ſtanden der Mönch und die zwei Edeln, welche dem Vor⸗ neſ⸗ fall ein lebhaftes Intreſſe zu widmen anfingen, vor dem fes, Fenſter, und blickten hinein auf die düſtere, aber lehr⸗ chts reiche Scene. Eine Leiche ſtand ſo, daß einige Strahlen iicht des Morgenlichtes grade auf ſie fiel, ſo daß man ſie viel — 184— deutlicher ſehen konnte, als die andern, obgleich auch dieſe eine dunkle und verſchrumpfte Mumie war, welche kaum eine Spur deſſen, was ſie geweſen, zeigte. Wie die an⸗ dern, deren Körpertheile noch zuſammenhingen, war ſie in der Stellung eines Sitzenden, den Kopf vorwärts geſenkt, an die Mauer gelehnt worden. Das Licht fiel eben auf das geſchwärzte, runzlichte Geſicht. Es war ein gräßliches Todesgrinſen, die Züge durch die Einwirkung der Luft verzerrt und der ganze Anblick ein abſtoßender aber heilſamer Mahner an das gemeinſchaftliche Loos. „Dies iſt die Leiche des armen Winzers,“ bemerkte der Mönch, mehr an dieſes Schauſpiel gewöhnt, als ſeine Gefährten, welche vor dem Anblick zuruckbebten;—„er ſchlief unklug auf jenem nackten Felſen und ſein Schlaf wurde der Schlaf des Todes. Für ſeine Seele wurden viele Meſſen geleſen; auf ſeine irdiſchen Überreſte aber machte Niemand Anſpruch. Aber— was iſt das, Pierre? du kamſt neulich hier vorüber— wie viele Leichen waren bei deinem letzten Beſuche hier?“ „Drei, hochwuͤrdiger Herr; und doch ſprachen die Fräulein von vier. Ich ſah mich nach der vierten um, als ich in dem Gebäude war, doch ſah ich keine neue, als die des armen Jacques Colis.“ „Komm hierher und ſage mir, ob nicht zwei in der fernen Ecke zu ſeyn ſcheinen— dort, wo die Leiche dei⸗ nes alten Kameraden, des Führers, aus Achtung vor ſeinem Berufe, ihren Platz hatte? gewiß iſt ihre Stellung wenigſtens verändert.“ Pierre zog ſeine Mütze ehrerbietig ab, trat näher, — ‿ — 3 xæͤ— — & ͤ S —— — 185— und beugte ſich in die Offnung vor, ſo daß er das äußere Licht vor ſeinen Augen ausſchloß. „Vater!“ ſagte er, erſtaunt zurücktretend,„dort iſt wahrlich noch eine dritte, obgleich ich ſie überſah, als wir in dem Innern waren.“ „Dies muß unterſucht werden! das Verbrechen mag größer ſeyn, als wir geglaubt haben.“ Die Knechte des Kloſters und Pierre, deſſen lange Dienſte ihn mit den Kloſterbewohnern vertraut gemacht hatten, traten jetzt in das Gebäude, waͤhrend die drauſ⸗ ſen den Ausgang ungeduldig erwarteten. Ein Schrei im Innern bereitete die letztern auf einen neuen Schreckens⸗ gegenſtand vor, als Pierre und ſeine Gefährten raſch wieder erſchienen und einen Lebenden in die offene Luft herausſchleppten. Als er an das Licht kam, ſahen die, welche ihn kannten, die ſanfte Miene, die demüthige Hal⸗ tung und den unbehaglichen, mißtrauiſchen Blick Balthaſars. Das erſte Gefühl der Zuſchauer war das unverhal⸗ tenen Erſtaunens; aber düſterer Verdacht folgte. Der Freiherr, die zwei Genueſer, der Geiſtliche— Alle waren Zeugen des Vorfalls auf dem großen Platze zu Vevay geweſen. Die Perſon des Scharfrichters war ihnen auf der Seefahrt und bei dem eben erwähnten Vorfall ſo bekannt geworden, daß hinſichtlich ſeiner Identität nicht der geringſte Zweifel entſtehen konnte und wenn man die Begebniſſe des Morgens daran knüpfte, konnte man über die Urſache des Mordes nicht mehr ſehr ungewiß ſeyn. Wir wollen uns nicht mit den Einzelnheiten der Unterſuchung aufhalten. Sie war kurz, bedachtſam und hatte den Charakter einer blos der Form wegen einge⸗ — 186— leiteten Sicherſtellung der Thatſachen, da in Bezug auf dieſe kein Zweifel obwalten konnte. Als ſie geſchloſſen war, beſtiegen die zwei Edeln ihre Maulthiere. Vater Favier ſchritt voran und die ganze Geſellſchaft zog, Bal⸗ thaſar als Gefangnen mit ſich führend, der Höhe des Paſſes entgegen, die Leiche des Jacques Colis da, wo ſo viele menſchliche Körper vor ihm ſich in Luft auflös⸗ ten, ihrer letzten Ruhe überlaſſend, bis die, welche im Leben Theilnahme für ihn gefühlt hatten, es geeignet fänden, ſeine Überreſte zurückzufordern. Der Aufſteig zwiſchen der Zuflucht und dem Gipfel des St. Bernhard iſt bei weitem beſchwerlicher als an einem andern Theile des Weges. Das Ende des Kloſters, über dem nördlichen Scheitel des Paſſes hängend und einer Maſſe des eiſenfarbenen und düſtern Felſen glei⸗ chend, welcher der ganzen Gegend ein ſo wildes und unwirthliches Anſehen gibt, wurde bald ſichtbar. Die letzte Anhöhe war ſo ſteil, daß ſie eine Art von Treppe bildete, welche die ächzenden Maulthiere mit Noth erſtie⸗ gen. Als dieſe Mühe überſtanden war, befand man ſich auf dem höchſten Punkte des Paſſes. Die nächſte Minute führte ſie an das Thor des Kloſters. — 187— Zehntes Kapitel. — und wäreſt du nicht dabei geweſen, Ein Burſche, den ſich die Natur erlas Und auserkohr, die Schandthat zu vollbringen, Nie wär' der Mord in meinen Sinn gekommen. Shakſpeare. Die Ankunft von Sigismunds Geſellſchaft in dem Hospiz fiel über eine Stunde früber, als die der übrigen Reiſenden. Sie wurde mit der Gaſtfreiheit empfangen, welche damals Alle in dieſem berühmten Kloſter fanden; denn die Beſuche der Neugierigen und Rohen hatte das Wohlwollen der Mönche noch nicht abgeſtumpft, welche, größtentheils gewöhnt, die Niedriggebornen und Unwiſſen⸗ den zu bewirthen, ſich ſtets glücklich fühlten, die Einför⸗ migkeit ihres einſamen Lebens durch Verkehr mit Gäſten aus den höhern Ständen zu erheitern. Der gute Schlüſ⸗ ſelmeiſter hatte Alles zu ihrer Aufnahme vorbereitet; denn ſelbſt auf der wilden Kuppe des St. Bernhard be⸗ handelt man uns darum nicht ſchlechter, wenn wir den Schimmer jenes Ranges und jener Wichtigkeit beſitzen, deren man in der Welt drunten ſich erfreut. Obgleich ein mildes chriſtliches Wohlwollen Allen entgegen kam, ſo fand die Erbin von Willading— ein zwiſchen den Alpen und dem Jura allgemein bekannter und geehrter — 188— Name— jene Beweiſe von„empressement“ und Ehr⸗ erbietung, welche trotz der herkömmlichen Formen den geheimen Gedanken verrieth und ihr mehr als die Worte des Willkomms ſagten, daß die einſamen Auguſtiner es nicht ungern ſahen, ein ſo ſchönes und ſo edles Weſen ihrer Gattung in ihren traurigen Mauern zu empfangen. Alles das machte jedoch keinen Eindruck auf Sigis⸗ mund. Er war mit den Erlebniſſen des Morgens zu beſchäftigt, um auf etwas Anderes zu achten und als er Adelheid und ſeine Schweſter der Sorgfalt ihrer Frauen übergeben hatte, ging er ins Freie, um die Ankunft der Üübrigen zu erwarten. Wie bereits erwähnt worden, fällt die Gründung des ehrwürdigen Kloſters des St. Bernhard in eine ſehr frühe Periode des Chriſtenthums. Es ſteht auf dem Scheitel des Abhangs, der den letzten ſteilen Aufſteig bildet, wenn man den Col herauf kommt. Das Gebaude iſt hoch, ſchmal, aber ausgedehnt und kaſernenartig aus dem eiſenfarbenen Stein dieſer Gegend gebaut, das Dach gegen Wallis gewendet und die Vorderſeite in der Rich⸗ tung der Schlucht ſich hinziehend, in welcher es liegt. Unmittelbar vor ſeinem Hauptthor ſteigt der Fels in einem mißgeſtalteten Hügel empor, über welchen der Weg nach Italien führt. Dies iſt der höchſte Punkt des Paſſes, ſo wie das Gebäude ſelbſt die höchſte Wohnung in Europa iſt. An dieſer Stelle mag die Entfernung von Fels zu Fels dieſſeits und jenſeits der Schlucht hundert Schritte betragen, und die wilden und röthlichen Zacken ſteigen auf jeder Seite mehr denn tauſend Fuß empor. Dieſe ſind jedoch nur Zwerge gegen ihre Schweſtern⸗ —— Zacken, deren mehrere, vom Kloſter aus völlig ſichtbar, die Höhe des ewigen Schnees erreichen. Wenn man dieſen Punkt der Straße erreicht, fängt der Weg an, ſich allmählich zu ſenken und der Abfluß einer Schneebank vor dem Kloſterthor, welche der größten Hitze des letzten Sommers getrotzt hatte, lief theils in das Rhonethal, theils nach Piemont, und die Waſſer trafen ſich nach einem langen, irren Laufe durch Frankreichs und Italiens Ebenen, wieder in dem gemeinſamen Becken des Mittel⸗ meers. Vom Kloſter an den Weg verfolgend, ſieht man zu ſeiner Rechten den Fuß der Felſen, zur Linken einen kleinen See, der faſt die ganze Thalhöhle der Schlucht ausfüllt; er verſchwindet dann zwiſchen natürlichen Felſen⸗ Paliſaden an dem andern Ende des Col. Hier iſt der Punkt, wo das überflüſſige Waſſer des Sees ſeinen Ab⸗ fluß hat und in einem lärmenden kleinen Bache raſch auf der ſonnigen Seite der Alpen niederſteigt. Auf die ita⸗ jeniſche Grenze ſtößt man am Rande des Sees, einen ſtarken Flintenſchuß von dem Kloſter und nicht fern von der Stelle, wo die Römer einen Tempel zu Ehren Jupi⸗ ters, als des Lenkers der Stürme, gebaut hatten.*) Das iſt der Umriß der Anſicht, welche ſich Sigis⸗ mund darbot, als er das Gebaude verließ, um die Zeit bis zur Ankunft der übrigen Reiſegeſellſchaft zu verbrin⸗ gen. Es war noch ſehr fruͤh am Tage, obgleich die hohe Lage *) Die Ebene, auf welcher dieſer uralte Tempel wahr⸗ ſcheinlich ſchon ſtand, als die Römer dieſe Pfade noch nicht betraten, heißt noch jetzt Plan de Jupiter. Ueberſetzer. — 190— des Kloſters ſchon ſeit einer Stunde die Strahlen der Sonne hier erglänzen ließ. Er hatte von einem Knechte der Auguſtiner gehört, daß einige Reiſende der gewöhn⸗ lichen Art, deren in der ſchönen Jahreszeit haufig Hun⸗ derte zu gleicher Zeit in den Schlafſälen die Nacht hin⸗ brachten, eben in dem Speiſeſaal der Landleute frühſtück⸗ ten, und wollte die Fragen vermeiden, zu welchen ſie ihre Neugierde reizen könnte, wenn ſie von dem gehört hätten, was ſich tiefer unten am Berge begeben. Einer der Monche liebkoſ'te vier oder fünf ungeheure Hunde, welche um das Kloſter ſprangen und laut bellten, wäh⸗ rend der alte Uberto mit einem Ernſt und einer Würde unter ihnen herum ging, wie dieſe ſeinen Jahren wohl anſtand. Als der Auguſtiner den Gaſt bemerkte, verließ er die Hunde, lüftete ſeine morgenländiſch ausſehende Mütze und brachte ihm den Morgengruß dar. Sigis⸗ mund erwiderte die offene Freundlichkeit des Mönchs, der nicht älter war als er ſelbſt, auf paſſende Weiſe. Dieſe Zerſtreuung kam Sigismund erwünſcht und ſich freundlich beſprechend, ſchritten ſie am Ufer des See's auf dem Pfad entlang, der über den Col führt. „Ihr ſteht dieſem menſchenfreundlichen Amte noch nicht lange vor, Vater?“ bemerkte der Krieger, nachdem ſie ſich vertraulich genähert hatten.„Dies wird einer der erſten Winter ſeyn, die Ihr auf Euerm wohlthäti⸗ gen Poſten hinbringt?“ 3 „Er wird der achte ſeyn, den ich als Novize und als Ordensbruder hier zubringe. Wir werden an dieſe Lebensart früh gewöhnt, obgleich keine Übung einen von uns in den Stand ſetzt, der Wirkung zu widerſtehen, der chte hn⸗ un⸗ din⸗ ück⸗ ſie ört ner de, ah⸗ rde ohl ließ nde gis⸗ hs, iſe. ſich auf och em ner iti⸗ ind eſe don — 191— welche die feine Luft und die ſcharfe Kälte viele Winter nacheinander auf die Lunge ausüben. Wir gehen, wenn es die Gelegenheit möglich macht, nach Martigny hinab und athmen eine dem Menſchen mehr zuſagende Luft. Ihr hattet die vergangene Nacht einen wilden Sturm drunten?“ „So wild, daß wir Gott danken, daß er überſtan⸗ den iſt und wir noch von eurer Gaſtfreundſchaft Gebrauch machen können. Sind viele außer uns auf dem Berge, oder kamen Reiſende aus Italien?“ „Wir beherbergten nur die, welche jetzt in dem Speiſeſaal ſind, und von Aoſta kam niemand herauf. Die Jahreszeit zum Reiſen iſt vorüber. In dieſem Mo⸗ nate ſehen wir nur ſolche, die ſehr eilen oder ihre Gründe haben, dem Weiter zu vertrauen. Im Sommer beher⸗ bergen wir zuweilen tauſend Gäſte.“ „Die, welche ihr aufnehmt, haben Urſache, dankbar zu ſeyn, hochwürdiger Auguſtiner; denn wahrlich, dies ſcheint keine Gegend, welche Uberfluß an ihren Früch⸗ ten hat.“ Sigismund und der Mönch blickten rund um auf die ungeheuern Maſſen rauher nackter Felſen und lächelten, als ihre Augen ſich begegneten. „Die Natur gibt im wörtlichen Sinne nichts hier,“ antwortete der Auguſtiner;„ſelbſt das Holz, das uns wärmt, wird ſtundenweit auf dem Rücken von Maulthie⸗ ren herbeigeſchafft und Ihr werdet leicht einſehen, daß dieſes unter allem andern Nothwendigen am wenigſten entbehrt werden kann. Glücklicherweiſe haben wir einige unſerer alten Stiftungen, die einſt reich waren, und—“ — 192— Der junge Mönch hielt inne. „Ihr wolltet ſagen, Vater, daß die, welche reich genug ſind, um ſich dankbar zu erweiſen, nicht immer der Bedürfniſſe derer vergeſſen, welche dieſelbe Gaſtfrei⸗ heit finden, ohne dieſelben Mittel zu haben, ihre Achtung vor der Anſtalt an den Tag legen zu können.“ Der Auguſtiner verbeugte ſich und gab dem Geſpräch eine andere Wendung, indem er Sigismund die Gren⸗ zen Italiens und die Lage des alten Tempels zeigte, die ſie indeſſen erreicht hatten. Ein Thier ſtrich die Felſen entlang und zog ihre Aufmerkſamkeit auf ſich. „Iſt's wohl eine Gemſe?“ rief Sigismund, dem der Eifer des Jägers das Blut in Wallung ſetzte.„Ich wollte, ich hätte Waffen.“ „Es iſt ein Hund, obgleich nicht von unſerer Ge⸗ birgs⸗Rage. Die Kloſterhunde haben ſich ungaſtfreund⸗ lich benommen und das arme Thier mußte ſich in dieſe einſamen Klüfte flüchten, um ſeinen Herrn zu erwarten, welcher wahrſcheinlich zu der Geſellſchaft im Speiſeſaal gehört. Seht, ſie kommen— das Nahen ihrer Fuß⸗ tritte hat das vorſichtige Thier aus ſeinem Schlupfwinkel gelockt.“ Sigismund ſah, daß wirklich drei Fußgänger das Kloſter verließen und den Pfad nach Italien einſchlugen. Ein plötzlicher und ſchmerzlicher Verdacht ſtieg in ihm auf. Das Thier war Nettuno, der wahrſcheinlich von den Hunden gezwungen worden war, wie der Mönch ver⸗ muthet hatte, eine Zuflucht in jener Ode zu ſuchen, und einer derer, die herannahten, war nach Gang und Wuchs niemand anderes als ſein Herr. kame lichke noch ſeine eeich mer frei⸗ ung räch ren⸗ die lſen dem Ich Ge⸗ nd⸗ ieſe ten, ſaal zuß⸗ nkel das hen. ihm von ber⸗ und chs — 193— „Ihr wißt, Vater,“ ſagte er langſam, denn er ſchwankte ſchmerzlich zwiſchen dem Widerwillen, Maſo eines ſolchen Verbrechens anzuklagen und dem Schauer ob des Jacques Colis Schickſal—„daß am Berge ein Mord begangen wurde?“ Der Mönch bejahte es ruhig. Jemand, der an jenem Wege und in jener Zeit lebte, wurde durch einen ſo oft vorkommenden Vorfall nicht leicht aufgeregt. Sigismund erzählte ſeinem Gefährten eilig alle ihm bekannten Um⸗ ſtande und die Art, wie er zuerſt mit dem Italiener zu⸗ ſammen gekommen, und den allgemeinen Eindruck, den ſein Weſen auf ihn gemacht habe. „Hier kommt und geht jeder ungefragt,“ verſetzte der Auguſtiner, als der andere geendigt hatte;„unſer Kloſter iſt eine wohlthätige Anſtalt und wir beten für die Sünder, ohne uns um die Größe ihrer Verbrechen zu bekümmern. Doch haben wir Vollmachten und ſonderlich die Pflicht, den Pfad rein zu halten, damit unſere Ab⸗ ſichten nicht vernichtet werden. Ich überlaſſe es Euch, zu thun, was Ihr in einer ſo mißlichen Sache für klug und paſſend haltet.“ Sigismund ſchwieg; als aber die Fußgänger naher kamen, ſtand ſein Entſchluß ſchnell feſt. Die Verbind⸗ lichkeiten, welche er gegen Maſo hatte, machten ihn nur noch entſchloſſener, denn ein gewiſſes Mißtrauen gegen ſeine Kraft, das, was er als Pflicht anſah, zu vollbrin⸗ gen, ward dadurch in ihm rege. Selbſt die neuern Be⸗ gebniſſe, bei denen ſeine Schweſter ſo ſehr gekränkt ward hatten ihren Antheil an dem Entſchluſſe eines Mannes, der ſo feſt gewillt war, grade zu handeln. Er ſtellte ſich 79— 81. 13 — 194— in die Mitte des Wegs und erwartete die Ankunft der Drei, während der Mönch ruhig an ſeiner Seite ſtand. Erſt, als ſie ganz nahe waren, entdeckte der junge Mann, daß Pippo und Conrad die Gefährten des Maledetto waren. Ihr mehrfaches Zuſammentreffen hatte ihn mit den beiden letztern ſo genau bekannt gemacht, daß er ſie auf den erſten Blick erkannte, und Sigismund fing an, das Unternehmen, an das er ſich gewagt, für ernſter zu halten, als er anfangs geglaubt hatte. Wenn man ihm Widerſtand zu leiſten im Sinn hatte, waren drei gegen einen. „Buon giorno, Signor capitano,“ rief Maſo, mit ſeiner Mütze grüßend, als er den andern nahe genug war.„Wir treffen oft zuſammen und bei jedem Wet⸗ ter; bei Tag und bei Nacht; zu Land und zu Waſſer; im Thal und auf den Bergen; in der Stadt und auf dieſen nackten Felſen, wie es der Vorſehung gefällt. Da häufige Wechſelfalle die Charaktere der Menſchen erpro⸗ ben, werden wir einander noch genau kennen lernen!“ „Du haſt recht geſprochen, Maſo, obgleich ich fürchte, du biſt ein Menſch, mit dem man häufiger zuſammen⸗ trifft, als man ihn leicht begreift.“ „Signore, ich bin amphibienartig, wie Nettuno hier, theils der Erde, theils dem Meere angehörig. Ich bin, wie es die Gelehrten nennen, noch unklaſſifizirt. Ein ſchöner Tag lohnt für die ſchlimme Nacht und das Hin⸗ abſteigen nach Italien wird heiterer ſeyn als das Herauf⸗ kommen. Soll ich dem ehrlichen Giacomd zu Aoſta auf⸗ tragen, für die edle Geſellſchaft das Nachteſſen bereit zu halten und die Schlafſtätten einzurichten? Ihr werdet die Herberge ſo ſpät erreichen, daß die Jugend und der and. ann, detto mit e ſie an, r zu ihm nen. mit enug Wet⸗ ſſer; auf Da pro⸗ 115 rchte, men⸗ hier, bin, Ein Hin⸗ rauf⸗ auf⸗ it zu erdet und — 195 Schönheit kaum an etwas anderes denken wird als an ihre Kiſſen.“ „Maſo, ich glaubte, du ſeyſt bei unſrer Geſellſchaft, als ich die Zuflucht dieſen Morgen verließ.⸗ „Bei San Thomaſo, Signore, ich hatte dieſelbe Anſicht in Betreff Eurer.“ „Du warſt früh auf, wie es ſcheint, ſonſt haͤtteſt du nicht ſo lange vor mir hier ſeyn können?“ „Seht, braver Signor Sigismondo, denn ich weiß, daß Ihr brav ſeyd und im Waſſer ein kaum minder ent⸗ ſchloſſener Schwimmer, als der wackere Nettuno hier— ich bin ein Reiſender und meine Zeit, die den größern Theil meiner Habe ausmacht, iſt mir knapp zugemeſſen. Wir Seethiere ſind manchmal arm und manchmal reich, wie der Wind eben weht, und in der letzten Zeit mußte ich mit böſen Kühlten und trüben Wellen kämpfen. Ei⸗ nem ſolchen Manne bringt eine fleißige Stunde am Mor⸗ gen oft ein freudigeres Mahl und eine ſanftere Ruhe zur Abendzeit. Ich verließ euch alle in der Zuflucht in geſundem Schlafe, ſelbſt die Maulthiere“— Maſo lachte über ſeinen Einfall, die Thiere in die Geſellſchaft mit⸗ einzuſchließen—„und erreichte das Kloſter, als eben der erſte Sonnenſtrahl jene weiße Kuppe mit ſeinem Purpurlicht betupfte.“ „Da du uns ſo früh verlaſſen haſt, iſt es dir wohl unbekannt geblieben, daß der Körper eines Ermordeten in dem Todtenhaus gefunden worden— in dem Gebäude, in deſſen Nähe wir ſchliefen— und daß es der Körper eines Bekannten iſt?“ Sigismund ſprach feſt und entſchloſſen, als wolle er 13* — 196— ſich allmählig ſeinem Ziele nähern, während er zumal den andern fühlen ließ, daß er Ernſt mache. Maſo fuhr zuſammen. Er machte eine Bewegung, welche die Ab⸗ ſicht, ſeinen Weg zu verfolgen, ſo unzweideutig ausdrückte, daß der junge Mann ſeine Hand erhob, um ihn zurück⸗ zudrängen. Aber Gewalt war unnöthig, denn der See⸗ mann faßte ſich augenblicklich und ſchien geneigter, das Fernere zu hören. „Wo ein Verbrechen begangen wurde, Maſo, muß auch ein Verbrecher geweſen ſeyn!“ „Der Biſchof von Sion könnte die Wahrheit einem Sünder nicht einleuchtender machen als Ihr, Signor Sigismondo! Euer Benehmen veranlaßt mich zu fragen, was dies mich angeht?“ „Es iſt ein Mord begangen worden, Maſo, und man ſucht den Mörder. Der Todte wurde in der Nähe des Platzes gefunden, wo du die Nacht zugebracht haſt. Ich will den unſeligen Verdacht nicht verhehlen, der ſo natürlich iſt.“ „Diamine! Wo habt Ihr denn die Nacht hinge⸗ bracht, braver Capitano, wenn ich ſo kühn ſeyn darf, einem Vornehmeren eine Frage vorzulegen? Wo hat der edle Freiherr von Willading geruht und ſeine ſchöne Tochter und ein Edlerer und Höherer, als er— und Pierre der Führer, und— ei, und unſere Freunde, die Maulthiere?“ Maſo lachte wieder ſorglos, als er zum zweiten Mal der geduldigen Thiere gedachte. Sigismund mißfiel ſein Leichtſinn, den er für gezwungen und unnatür⸗ lich hielt. ſie wi ſch wit wo dee mi Ge wa Me Pf züg Pi beh ſeit gen Köf leie Mo hin von ten kon Rij es ben wut terf zumal fuhr Ab⸗ ückte, trück⸗ See⸗ „das muß einem ignor agen, und Nähe haſt. r ſo inge⸗ darf, t der chöne und „die eiten Pßfiel atür⸗ — 197— „Dieſe Anſicht mag dir genügen, Unglücklicher, aber ſie wird andern nicht genügen. Du warſt allein, und wir reiſ'ten in Geſellſchaft; nach deinem Auſſern zu ſchließen, hat dich das Glück wenig begünſtigt, während wir in dieſer Hinſicht zufriedener ſeyn können; und du wollteſt und willſt noch eilig abreiſen, während die Ent⸗ deckung der Frevelthat von uns allein herrührt. Du mußt in das Kloſter zurückkehren, damit dieſer ernſte Gegenſtand wenigſtens unterſucht wird.“ Il Maledetto ſchien unruhig. Ein oder zwei Mal warf er ſein Auge auf die rieſige Geſtalt des jungen Mannes, und dann wandte er es nachdenkend auf den Pfad. Obgleich Sigismund das Spiel ſeiner Geſichts⸗ züge genau beachtete und auch von Zeit zu Zeit auf Pippo's und des Pilgers Bewegungen aufmerkſam war, behielt er doch eine vollkommene auſſere Ruhe. Feſt in ſeinem Entſchluß, in ſeinem mannhaften Berufe an un⸗ gewöhnliche Anſtrengungen gewöhnt und ſeiner großen Körperkraft ſich bewußt, war er der Mann nicht, der leicht den Muth verlor. Das Benehmen der Gefährten Maſo's war freilich der Art, daß es ſeine Beſorgniſſe binſichtlich ihrer nicht vermehrte, denn bei der Nachricht von dem Morde traten ſie vor ihm zurück, als ſchauder⸗ ten ſie vor der Hand, welche die That vollbracht haben konnte. Sie beriethen ſich leiſe und gaben dann im Rücken des Italieners Sigismund Zeichen, daß ſie, wenn es nöthig wäre, zu ſeinem Beiſtande bereit wären. Er bemerkte dieſes Zeichen mit Freuden, denn obgleich er wußte, daß ſie Schelmen waren, kannte er doch den Un⸗ terſchied zwiſchen kecker Laſterhaftigkeit und gewöhnlicher — 198— Schurkerei hinreichend, um zu glauben, ſie würden we⸗ nigſtens in dieſem Falle nicht falſch handeln. „Du wirſt in das Kloſter zurückkehren, Maſo,“ hob der junge Krieger wieder an, der gern einen Streit mit einem Menſchen vermeiden wollte, der ſich ihm und de⸗ nen, die er liebte, ſo nutzlich erwieſen hatte, obgleich er entſchloſſen war, ſich deſſen zu erledigen, was er für eine gebieteriſche Pflicht erachtete.„Dieſer Pilger und ſein Freund werden uns Geſellſchaft leiſten, damit alle, wenn wir den Berg verlaſſen, ohne Vorwurf und Verdacht von hier ſcheiden.“ „Signor Sigismondo, der Vorſchlag iſt gut; er hat einen Anſtrich von Vernunft, ich gebe es zu; aber er iſt unglücklicherweiſe nicht im Einklang mit meinen Intreſ⸗ ſen. Ich habe einen mißlichen Auftrag übernommen, und bereits zu viel Zeit unterwegs verloren, um ohne guten Grund noch mehr zu vergeuden. Ich habe großes Mit⸗ leid mit dem armen Jacques Colis—“ „Ha— du kennſt alſo den Namen des Unglück⸗ lichen— deine unſelige Zunge hat dich verrathen, Maſo!“ Maſo war abermals unruhig. Seine Zuge verrie⸗ then es, denn er blickte wild, wie jemand, der in einer wichtigen Sache ſich eines großen Verſehens ſchuldig ge⸗ macht hat. Sein olivenfarbenes Geſicht wurde bleich und Sigismund glaubte, er ſchlage das Auge vor ſeinem feſten Blicke nieder. Die Erregung war aber vorüber⸗ gehend und ſich ſchüttelnd, als wolle er eine Schwäche abwerfen, nahm er wieder ſein natürliches und gefaßtes Weſen an. we⸗ hob t mit d de⸗ ich er eine ſein wenn dacht r hat er iſt ntreſ⸗ und guten Mit⸗ glück⸗ then, errie⸗ einer g ge⸗ bleich inem über⸗ väche aßtes — 199— „Du antworteſt nicht?“ „Signore, ich habe geantwortet. Meine Geſchäfte ſind dringend nnd mein Beſuch in dem Kloſter des San Bernardo iſt abgethan. Mein Weg führt nach Aoſta und ich werde mich freuen, Eure Aufträge an Giacomo auszurichten. Ich darf nur einen Schritt thun, ſo bin ich im Bereiche des Hauſes Savoyen und mit Eurer Erlaubniß, Signor Capitano, will ich ihn jetzt thun.“ Maſo ſchritt ein wenig ſeitwärts, in der Abſicht, an Sigismund vorüber zu kommen, als Pippo und Konrad ſich von hinten auf ihn warfen, und ſeine Arme mit ihrer ganzen Kraft an ſeine Seiten drückten. Das Ge⸗ ſicht des Italieners wurde ſchwarzgelb und er lächelte mit dem Haß und der Verachtung eines wild Ergrimm⸗ ten. All ſeine Kraft ſammelnd, raffte er ſich plötzlich mit der Starke und dem Muthe eines Löwen auf und rief— „Nettuno!“ Der Kampf war kurz aber ungeſtümm. Als er en⸗ digte, lag Pippo blutend mit zerſchelltem Kopfe an dem Felſen und der Pilger keuchte neben ihm, von dem Thiere ſchrecklich gepackt. Maſo ſelbſt ſtand entſchloſſen da, obgleich blaß und zürnend, wie einer, der alle ſeine phyſiſchen und geiſtigen Kräfte geſammelt hat, um einem ſolchen Begebniß entgegen zu treten. „Bin ich ein wildes Thier, daß man den Abſchaum der Erde auf mich hetzt?⸗ rief er: ⸗willſt du mir etwas anhaben, Signor Sigismondo, ſo erhebe deinen eignen Arm, aber ſchlage nicht mit den Händen dieſer elenden Würmer; du wirſt einen Mann in mir finden, der an Kraft und Muth wenigſtens deiner nicht unwürdig iſt.⸗ — 2890 „Der Angriff auf dich geſchah nicht auf mein Geheiß noch auf meinen Wunſch, Maſo,“ erwiderte Sigismund erröthend.„Ich halte mich für ſtark genug, dich feſtzu⸗ halten und, wenn nicht, ſo kommen dort Helfer, denen Widerſtand zu leiſten du kaum für klug halten wirſt.⸗ Sobald der Kampf begann, war der Auguſtiner auf einen Fels getreten, wo er ein Zeichen gab, das alle Hunde aus dem Kloſter rief. Dieſe mächtigen Thiere kamen nun in einem Haufen daher, durch ihren Inſtinkt belehrt, daß hier ein Streit vorgehe. Nettuno ließ den Pilger augenblicklich los und ſtand bedrängt da, zu treu, um ſeinen Herrn in der Noth zu verlaſſen und der Kräfte, die ihm entgegen ſtanden zu bewußt, um einen ſo ungleichen Kampf zu wünſchen. Glücklicherweiſe be⸗ wies ſich des alten Uberto's Freundſchaft als der Schutz des edeln Thieres. Als die jüngern Hunde ihren Alt⸗ vater zum Frieden geſtimmt ſahen, ließen ſie von ihrem Angriff ab, wenigſtens eine zweite Aufforderung erwar⸗ tend. Mittlerweile hatte Maſo Zeit um ſich zu ſchauen und weniger unter dem Einfluß der überraſchung und der Leidenſchaft als dies bisher der Fall war, ſeinen Entſchluß zu faſſen. „Signore,“ ſagte er,„da es Euch ſo beliebt, will ich zu den Auguſtinern zurückkehren. Aber ich verlange als eine Folge einfacher Gerechtigkeit, daß, wenn man mich wie ein Raubthier mit Hunden hetzt, alle, welche in derſelben Lage wie ich befunden worden, demſelben Urtheil unterworfen werden. Dieſer Pilger und der Neapolitaner kamen geſtern den Berg herauf, wie ich, und ich begehre, daß ſie verhaftet werden, bis auch ſie Auskunft von ſich geben können. Es wird nicht das erſte Mal ſeyn, daß wir Bewohner deſſelben Gefängniſſes ſind.⸗ Konrad bekreuzigte ſich in Unterwurfigkeit und weder er noch Pippo erhoben einen Einwand gegen die Maß⸗ regel. Jeder geſtand im Gegentheil frei zu, es ſey nicht mehr als billig. „Wir ſind arme Reiſende, welche bereits viele Wi⸗ derwaͤrtigkeiten betroffen haben und wohl ſind wir be⸗ drangt, das Ziel unſerer Wanderſchaft zu erreichen,⸗ ſagte der Pilger;—„damit aber Gerechtigkeit geübt werde, unterwerfen wir uns ohne Murren. Ich bin jedoch mit den Sünden Vieler, außer meinen eigenen, beladen und der heitige Petrus weiß, daß die letztern nicht klein ſind. Dieſer fromme Mönch wird Sorge tragen, daß in der Kloſterkirche für die, welche mich auf die Pilgerſchaft ſendeten, Meſſen geleſen werden; iſt dies gebührend vollbracht, din ich ein Kind in Euern Hän⸗ den.“ Der gute Auguſtiner gab die Bereitwilligkeit des Kloſters, für alle, die deſſen bedürftig, zu beten, unter dem einzigen Vorbehalt zu erkennen, daß ſie Chriſten ſeyen. Durch dieſes freundſchaftliche Einverſtändniß war der Friede unter ihnen nun hergeſtellt und man ſchlug ſofort den Weg ein, welcher in das Kloſter zurückführte. Als man das Gebäude erreicht hatte, wurde Maſo mit den zwei Reiſenden, die man in ſeiner Geſellſchaft ge⸗ funden hatte, in einem der Gemächer des feſten Baues verwahrt, bis die Rückkehr des Schlüſſelmeiſters ſie in den Stand ſetzen würde, ihre Unſchuld darzuthun. 202 Sigismund ging, mit ſich in Betracht der Rolle, die er bei dieſem Vorgang geſpielt hatte, zufrieden, in die Kirche, wo in dieſer frühen Stunde mehrere Mönche für die Seelen der Lebenden und Verſtorbenen ihre Meſ⸗ ſen laſen. Hier empfing er einige Zeilen von Signor Grimaldi, welche ihn von der Verhaftung ſeines Vaters und den traurigen Verdachtsgründen benachrichtigten, welche mit dem Vorfall in ſo natürlicher Verbindung ſtanden. Es iſt nicht nöthig, den tiefen Schrecken zu ſchildern, mit welchem ihn dieſe Nachricht erfüllte. Nach wenigen Minuten bittern Schmerzes dachte er der Dring⸗ lichkeit, ſeine Schweſter ſobald als möglich mit der Wahr⸗ heit bekannt zu machen. Jeden Augenblick konnte die Geſellſchaft von der Zuflucht anlangen, und durch Zö⸗ gern vermehrte er nur die Gefahr, Chriſtinen durch einen Andern von dem ſchrecklichen Vorfall unterrichtet zu ſe⸗ hen. Sobald er daher ſich hinreichend gefaßt hatte, ſuchte er Adelheid zu ſprechen. Fräulein von Willading erſchrack ber dem erſten Blick, den ſie auf ihn warf, vor den bleichen Zügen und der zerſtörten Miene des jungen Kriegers. „Du haſt dich von dieſem unerwarteten Schlage un⸗ gewöhnlich ergreifen laſſen, Sigismund,“ ſagte ſie lachelnd und ihm ihre Hand bietend, denn ſie fühlte, daß die Umſtände der Art waren, daß kalte und herzloſe Formen dem Gefühle und der Innigkeit weichen mußten.„Deine Schweſter iſt ruhig, wenn nicht glücklich.“ „Sie kennt das Schlimmſte nicht— ſie muß noch den fürchterlichſten Theil der Wahrheit erfahren. Adel⸗ heid, ſie haben jemanden bei den Leichen im Todtenhauſe — 203— gefunden und führen ihn jetzt als den Mörder des armen Jacques Colis hierher!“ „Noch einen?“ rief Adelheid, vor Schrecken bleich werdend;„wir ſcheinen von Mördern umgeben zu ſeyn!“ „Nein— es kann nicht wahr ſeyn! Zu gut kenne ich meines armen Vaters milde Gemüthsart,— ſeine gewöhnliche Zaͤrtlichkeit gegen alle, die um ihn ſind, ſei⸗ nen Schrecken vor dem Anblick des Blutes, ſelbſt bei ſeinem verhaßten Geſchaͤft!“ „Sigismund, dein Vater!“ Der junge Mann ſeufzte. Er bedeckte das Geſicht mit ſeinen Händen, und ſank auf einen Stuhl. Die fürchterliche Wahrheit fing an mit allen ihren Urſachen und Folgen vor Adelheid aufzudämmern. Auch ſie ſank auf ihren Sitz zurück und blickte lange in ſtummem Schrecken auf die krampfhaft erregte Geſtalt Sigismunds. Es ſchien ihr, als wenn die Vorſehung, um eines großen aber verborgenen Zweckes willen ſie alle mit mehr als der doppelten Summe ihres Zornes heimſuchen wolle und daß eine Familie, welche ſo viele Geſchlechter hin⸗ durch geächtet geweſen, jetzt den Gipfel ihres Elendes erreichen ſollte. Doch ihr treues Herz blieb daſſelbe. Im Gegentheil, ihr lange gehegter und geheimer Vorſatz erſtarkte noch durch dieſen plötzlichen Anruf an ihre edeln und hochherzigen Gefühle, und nie war ihr Ent⸗ ſchluß, ſich, ihr Leben und alle ihre ſo ſehr beneideten Hoffnungen zu opfern, um ihn für die unverdienten Kränkungen zu tröſten, ſo feſt und ſtark, wie in dieſem Augenblicke der Prüfung. Nach kurzer Zeit gewann Sigismund ſo viel Gewalt — 204— über ſich, daß er im Stande war, das Vorgefallene zu erzählen. Sie beſprachen ſich nun über die geeigneteſten Mittel, Chriſtine mit dem bekannt zu machen, was ſie durchaus erfahren mußte. „Sage ihr die einfache Wahrheit,“ fügte Sigismund hinzu:„ſie kann nicht lange verborgen bleiben und es iſt am beſten, wenn ſie unterrichtet iſt, aber ſage ihr auch, daß ich von unſeres Vaters Unſchuld feſt über⸗ zeugt bin. Gott hat ihn aus einem ſeiner unerforſch⸗ lichen Zwecke, welche dem menſchlichen Scharfblicke troz⸗ zen, zum gemeinen Scharfrichter gemacht; aber ſein Fluch hat ſich nicht ſo weit erſtreckt. Glaube mir, theuerſte Adelheid, eine ſo ſanfte, taubengleiche Natur ward nimmer geſchaffen, wie die des armen Balthaſars — des verachteten und verfolgten Balthaſars. Ich habe meine Mutter oft von den Schreckens⸗ und Leidens⸗ Nächten erzahlen hören, die dem Tage vorangingen, an welchem er die Pflichten ſeines Amtes erfüllen mußte, und oft habe ich dieſe bewundernswürdige Frau, deren Geiſt unſer unverdientes Loos viel ſtandhafter erträgt, ſagen hören, ſie habe häufig gebetet, er und alle die Ihrigen möchten lieber ſterben, als daß ein ſo ſanfter und harmloſer Mann wieder den ſchrecklichen Kampf kämpfen ſollte, den ſie mitangeſehen.“ „Es iſt ein Ungluck, daß er grade in einem ſo un⸗ ſeligen Augenblick hier ſeyn muß! Welcher unglückliche Beweggrund mag deinen Vater zu einer ſo ungewöhnli⸗ chen Zeit hierher geführt haben?⸗ „Chriſtine wird dir ſagen, daß ſie ihn in dem Klo⸗ ſter zu ſehen erwartete. Wir ſind ein geächtetes Ge⸗ 205— ſchlecht, Fraulein von Willading, aber wir fühlen menſch⸗ lich. „Theurer Sigismund—⸗ „Ich fühle, daß ich ungerecht bin und kann nur um Verzeihung bitten. Aber es gibt Augenblicke ſo hef⸗ tiger Erregung, daß ich oft nahe daran bin, alle Ge⸗ ſchöpfe meiner Gattung als gemeinſame Feinde anzuſe⸗ hen und zu behandeln. Chriſtine iſt die einzige Tochter, und du ſelbſt, geliebte Adelheid, gut, gehorſam und in⸗ nig, wie ich dich kenne, biſt dem Freiherrn von Willa⸗ ding nicht theurer, als es meine Schweſter uns iſt. Ihre Eltern haben ſie deiner großmüthigen Güte überlaſſen, weil ſie glaubten, es ſey zu Chriſtinens Glück; aber die Trennung zerriß ihre Herzen. Du wußteſt es nicht, aber Chriſtine ſagte hier am Berge zu Liddes, ihrer Mutter das letzte Lebewohl, und ſie kamen überein, daß ihr Vater, bis ſie den Col ſicher überſchritten, in ihrer Nähe bleiben und zu Aoſta von ihr Abſchied nehmen ſollte. Fräulein von Willading, Ihr reiſ't in Stolz, um⸗ geben von vielen Beſchützern, welche ſich geehrt fühlen, Euch einen Dienſt zu erweiſen; aber der Gedehmüthigte und Verfolgte darf ſeinen innigſten Gefühlen nur ver⸗ ſtohlen und unbeachtet Raum geben. Balthaſar's Liebe und Zärtlichkeit würde bei dem großen Haufen für Spott gelten. So iſt der Menſch in ſeinen Anſichten und Grundſätzen, wenn das Unrecht die Stelle des Rechtes einnimmt.⸗ Adelheid ſah, daß der Augenblick eindringendern Troſt nicht begünſtigte und enthielt ſich daher jeder Er⸗ widerung. Sie freute ſich jedoch, die Anweſenheit des — 206— Scharfrichters ſo befriedigend gerechtfertiget zu ſehen, obgleich die allgemeine Schwäche der menſchlichen Natur, welche oft ſo raſch unſere edelſten Gefühle verkehrt, und die ſchreckliche Wahrſcheinlichkeit, daß Balthaſar, der durch die gezwungene Trennung von ſeiner Tochter tief ergriffen war, bei dem zufälligen Zuſammentreffen mit dem Manne, welcher ſie veranlaßt, einem ungeſtümmen Triebe des Widerwillens und der Nache ſein Ohr gelie⸗ hen habe, nicht alle Beſorgniſſe von ihr entfernten. Sie ſah auch, daß Sigismund, trotz ſeines allgemeinen Ver⸗ trauens in die Grundſatze ſeines Vaters, ein Begebniß dieſer Art peinlich ahnte, und wahrend er mit der größ⸗ ten Zuverſicht von der Unſchuld des Angeklagten ſprach, dem Schlimmſten entgegen ſah. Die Unterredung war bald geendigt und ſie ſchieden, indem jedes beſtrebt war, wahrſcheinliche Gründe für das Vorgefallene zu erſinnen. Bald darauf langte die Geſellſchaft von der Zuflucht an. Die nöthigen Erläuterungen und eine ausführliche Erzählung alles deſſen, was ſich begeben hatte, folgten nun. Der Prior des Kloſters und die zwei alten Edeln pflogen Rath und beſprachen ruhig und bedächtig die Schritte, welche der Vorfall nothig machte. Das Ergebniß wurde erſt mehrere Stunden ſpäter bekannt; man kündigte allgemein im Kloſter an, eine ernſte und geſetzliche Unterſuchung aller Thatſachen werde möglichſt bald ſtatt finden. Der Col des St. Bernhard liegt, wie bereits ge⸗ ſagt worden, innerhalb der Grenzen des jetzigen Kan⸗ tons Wallis, damals eines zugewandten Ortes. Das Verbrechen ſiel demnach der Gerichtsbarkeit dieſes Kantons hen, tur, und der tief mit nen lie⸗ Sie ger⸗ niß öß⸗ ach, war var, nen. ucht iche zten deln die iter eine erde ge⸗ dan⸗ Das ons — 207— anheim, da Wallis aber in dieſer Weiſe mit der Schweiz verbündet war, beſtand ein ſo inniges Verhältniß zwiſchen beiden, daß ſelten in den Bezirken des einen Kantons ein wichtiges Verfahren gegen einen Bürger des Andern eingeleitet ward, ohne auf die Gefühle und Rechte der Heimath des Angeſchuldigten die größte Rückſicht zu neh⸗ men. Man ſandte daher Boten nach Vevay, um die Behörden jenes Ortes von einer Angelegenheit in Kennt⸗ niß zu ſetzen, welche die Verhaftung eines Dieners des großen Kantons(denn ein ſolcher war Balthaſar) zur Folge und einem Waadtländer das Leben gekoſtet hatte. Andrerſeits ging eine ähnliche Mittheilung nach Sion (beide Städte lagen in gleicher Entfernung von dem Kloſter) mit ſo dringenden Einladungen an die Behörden, ſich zu beeilen, wie man ſie für nöthig erachtete, um eine unmittelbare Unterſuchung zu veranlaſſen. Melchior von Willading ſetzte in einem Brief an ſeinen Freund, den Landvogt, die Unmöglichkeit, in einer ſo ſpäten Jah⸗ reszeit mit Adelheid zurückzukehren, die Wichtigkeit der Anweſenheit dieſes Beamten, und alle die Umſtände aus⸗ einander, welche der Verwirklichung ſeiner Wünſche zu ſtatten kommen konnten, während der Vorſtand des Klo⸗ ſters es übernahm, der Regierung ſeiner Republik Vor⸗ ſtellungen zu gleichem Zwecke zu machen. Die Rechts⸗ pflege wurde in jener Zeit nicht ſo frei und offen gehand⸗ habt, wie in unſern Tagen, und die in der alten Welt damit Beauftragten üben jetzt noch eine Behutſamkeit, welche wir nicht gewöhnt ſind, ihnen zugemuthet zu ſehen. Ihr Verfahren war in Dunkelheit gehüllt, indem man die blinde Göttin weit öfter durch ihre Ausſprüche als — 298= durch ihre Grundſatze kennen lernte, und das Geheim⸗ niß wurde damals als eine wichtige Stütze der Nacht angeſehen. Mit dieſer kurzen Auseinanderſetzung verlegen wir die Zeit der Handlung auf den dritten Tag nach der Ankunft der Reiſenden im Kloſter und verweiſen, in Betreff deſſen, was er brachte, die Leſer auf das fol gende Kapitel. Eilfes Kapitel. Alsbald zeigt ſich ein Mann, gar nett und zierlich, Voll Stolz, Geſchäftigkeit mehr als gebührlich, Der kalt bei Leidensſcenen ſich erweißt⸗ Den Eile kommen, Eile gehen heißt; Gebieth'riſch drängt die Menge er zurück, Und Leben trägt und Tod er in dem Blick. Crabbe. Für die, welche auf dem großen St. Bernhard ſter⸗ ben, iſt eine andere Todtenkapelle ganz nahe bei vem Kloſter ſelbſt. Am Ende des in dem vorigen Kapitel bemerkten Tages, gegen Anbruch der Nacht, ſchritt Si⸗ gismund auf den Felſen, auf welchem dieſes kleine Ge⸗ bäude ſteht, in den Gedanken vertieft dahin, welche ſeine Geſchichte und die neuern Begebniſſe in ihm her⸗ vorriefen. Der Schnee, welcher während des letzten Sturmes gefallen, war ganz verſchwunden und nur jene eim⸗ acht wir der in fol lich, 2 — 289— luftigen Zinnen, welche die höhern Kuppen der Alpen bilden, glänzten in ſeinem Schimmer. Die Dämmerung herrſchte bereits in den untern Thälern, aber die ganze obere Region erglühte von dem zauberiſchen Glanze der letzten Strahlen der Sonne. Die Luft war kühl, denn in dieſer Stunde und Jahreszeit brachte der Abend bei jedem Stande des Wetters, ſtets eine ſehr fühlbare Kälte in das Felſenthal des St. Bernhardkloſters, wo inmitten des Sommers während der Nacht die Fröſte herrſchten. Doch war der Wind, obgleich ſtark, balſamiſch und mild, da er über die warmen Ebenen der Lombardei wehte, und mit der Feuchtigkeit des Adriatiſchen und des Mit⸗ telländiſchen Meeres geſchwangert, die Gebirge erreichte. Als der junge Mann ſich umwandte und dieſer Luftſtrom ſein Geſicht berührte, überkam ſeinen Geiſt ein Hoff⸗ nungs⸗ und Heimaths⸗Gefühl. Er hatte den größern Theil ſeines Lebens in dem ſonnigen Lande verbracht, woher er wehte, und es gab Augenblicke, in welchen die freundlichen Erinnerungen, die ſein Wohlgeruch in ihm weckte, ihn in Vergeſſen wiegten. Als er ſich aber wie⸗ der nach Norden wenden mußte und ſein Auge auf die neblichten, ſchneeumhüllten Gebirge richtete, welche ſeine Heimath bezeichneten, ſchienen die rauhen und zerriſſenen Felſenwände, die ſtarren Gletſcher, die tiefen, kluftarti⸗ gen Thäler und Schluchten das Bild ſeines ſtürmiſchen, freudloſen und unfruchtbaren Lebens zu ſeyn und ihn eine Laufbahn vorher ſehen zu laſſen, welche, obgleich nicht ohne Züge von Größe, doch alles Belebenden und Tröſtenden baar ſeyn ſollte. Alles in dem Kloſter war ſtill. Die tiefe Einſam⸗ 79— 81. 14 — 210— keit des Berges inmitten der wildeſten natürlichen Pracht hatte etwas Ehrfurchtgebietendes. Wenige Reiſende waren ſeit dem Sturme eingetroffen und hatten zum Glücke für die, welche unter den eigenthümlichen Verhältniſſen, in welchen ſie ſich befanden, ſo ſehr wünſchten, allein zu ſeyn, ohne Zögern ihre verſchiedenen Wege verfolgt. So waren jetzt nur die auf dem Col, welche ein Intreſſe an der wichtigen Unterſuchung hatten, die ſofort ſtatt finden ſollte. Eine Gerichtsperſon aus Sion in der Amtsklei⸗ dung von Wallis erſchien an einem Fenſter, ein Zeichen, daß die regelmäßigen Behorden des Landes Kenntniß von dem Morde genommen hatten; da ſie aber wieder zurück⸗ trat, blieb der junge Mann allem äußern Anſcheine nach, in dem alleinigen Beſitz des Paſſes. Auch die Hunde waren eingeſperrt worden und die frommen Mönche waren mit der Vesperandacht beſchäftigt. Sigismund wandte ſein Auge zu dem Gemache em⸗ vor, in welchem Adelheid und ſeine Schweſter wohnten; wie aber der feierliche Augenblick, welcher über ſo vieles entſcheiden ſollte, näher rückte, zogen auch ſie ſich zurück und brachen jeden Verkehr, ſelbſt den der Augen, mit allem ab, was ihre frommen und reinen Gemüther von den raſtloſen und ganz Gott zugewandten Betrachtungen ablenken konnte. Bis jetzt hatte ihn zuweilen ein ant⸗ wortender und freundlicher Blick von einem oder dem andern der zwei edeln und liebevollen Mädchen beglückt, welchen er ſo innig und doch mit ſo verſchiedenen Gefüh⸗ len zugethan war. Es ſchien, als ob auch ſie zuletzt ihn ſeiner einſamen und hoffnungsloſen Lage überlaſſen hät⸗ ten. Der junge Mann fühlte jedoch, daß dieſer vorüber⸗ gehende Gedanke ſchwach und unmännlich war; er ſetzte daher ſeinen Gang fort und ſtatt wie vorher umzukeh⸗ ren, ging er langſam weiter und blieb erſt ſtehen, als er die Thüre der kleinen Todtenkapelle erreicht hatte. Dem Gebäude tiefer unten am Wege unahnlich, iſt das Leichenhaus des Kloſters in zwei Abtheilungen ge⸗ theilt, die Außere und, wenn man ſo ſagen darf, die Innere, obwohl beide dem Wetter ausgeſetzt ſind. Die erſtere enthielt Haufen einzelner menſchlichen Glieder, vom Winde gebleicht, der durch die Fenſter eindringt, während die letztere zur Aufbewahrung derer beſtimmt iſt, deren Außeres wenigſtens noch kenntlichere Spuren ihrer Perſönlichkeit darbietet. Jene zeigte, wie gewöhn⸗ lich, eine Menge losgetrennter und untereinander gewor⸗ fener Bruchſtücke, wo die Üüberbleibſel von Jung und Alt, der beiden Geſchlechter, der Kühnen und Schwachen, ohne Unterſchied gemiſcht waren— ein ſprechender Vor⸗ wurf gegen den Stolz der Menſchen; während ſich an die Wände der letztern gegen zwanzig geſchwärzte und verſchrumpfte Menſchengeſtalten lehnten, um zu zeigen, wie erſchreckend und abſtoßend die menſchliche Geſtalt wird, wenn ſie des edeln Funkens beraubt iſt, welcher ſie ihrem göttlichen Schöpfer ähnlich macht. An einer Tafel lehnte in der Mitte einer Gruppe ſchwarzer und verzerrter Unglücksgefahrten alles, was von Jacques Colis übrig war; denn wegen der herannahenden Unter⸗ ſuchung hatte man es für nöthig erachtet, ihn aus dem untern Leichenhaus herauf zu bringen. Die Leiche hatte zufallig eine ſolche Stellung, daß das ſcheidende Licht auf das Antlitz fiel; die Kleider, welche der Ermordete im 14* 212 Leben getragen hatte, waren ſeine einzige Hülle. Sigis⸗ mund blickte lange auf ſeine bleichen Zuge. Sie waren noch von dem Krampfe verzerrt, welchen die Trennung der Seele vom Körper erzeugt hatte. Jedes Gefühl des Widerwillens loͤſ'te ſich in Mitleid mit dem Looſe auf, das einen Mann ſo plötzlich getroffen hatte, in welchem Leidenſchaften, Habſucht und das verwickelte Getriebe dieſes Zuſtandes des Daſeyns ſo machtig thatig waren. Dann kam die bittere Beſorgniß, ſein Vater möchte in einem Augenblicke raſchen Zornes, depei durch die viel⸗ fachen Kränkungen, welche ihn und die Seinigen ſo hart getroffen, wirklich das Werkzeug geweſen ſeyn, wodurch dieſer fürchterliche und plötzliche Wechſel herbeigeführt worden. Von dem Gedanken tief gebeugt, wandte der junge Mann ſich um und ſchritt dem Scheitel des Ab⸗ hangs entgegen. Stimmen, die an ſein Ohr ſchlugen, riefen ihn in die Wirklichkeit zuruͤck. Ein Zug Maulthiere kletterte die letzte Höhe heran, wo der Weg das gebrochene, ſteile Ausſehen einer Treppe annimmt. Es war noch hell genug, um die Geſtalten und die allgemeine Erſcheinung der Reiſenden zu erken⸗ nen. Sigismund ſah alsbald, daß es der Landvogt von Vevay und ſeine Leute waren, auf deren Ankunft man allein noch gewartet hatte, um zu der förmlichen Unter⸗ ſuchung zu ſchreiten. „Schönen guten Abend, Herr Sigismund, und freundlichen Gruß,“ rief Peterchen, ſobald ſein müdes Thier, das unter ſeiner ſchweren Bürde oft anhielt, ihn ſo weit gebracht hatte, daß man ihn hoͤren konnte.„Ich hoffte nicht, dich ſobald wieder zu ſehen, und noch weni⸗ ger, meine Augen auf dieſes fromme Kſoſter zu werfen, denn obgleich du wohl zurückkehren konnteſt, ſo hätte doch nur ein Wunder“— hier winkte der Landvogt, denn er war einer jener Proteſtanten, deren Glaubens⸗ bekenntniß ſich in jenen Seitenhieben auf die Anſichten und Gebräuche Roms am meiſten kund that—„nur ein Wunder, ſage ich, und zwar das Wunder eines ſol⸗ chen Heiligen, deſſen Gebeine ſeit den letzten zehn tau⸗ ſend Jahren vertrocknet ſind, bis jede Spur unſeres ſchwachen Fleiſches gänzlich verſchwunden iſt, könnte das alte St. Bernhardhaus an die Ufer des Lemans nieder⸗ ſchaffen. Ich habe viele gekannt, welche die Waadt ver⸗ ließen, um uͤber die Alpen zu gehen und zurückkamen, den Winter in Vevay zu verbringen; aber ich habe noch nie gehört, daß Steine, die nach Maurer⸗Art auf einan⸗ der gelegt wurden, ohne menſchliche Hülfe ſich fortbe⸗ wegt häatten. Man ſagt, die Steine ſeyen abſonderlich hartherzig, aber die Heiligen und Wunder⸗Krämer haben Mittel gefunden, ſie zu rühren.“ Peterchen kicherte über ſeinen Scherz, wie wohl Manner in Würden ſich deſſen freuen, was ausſchließlich aus ihrem Witze hervorgeht, und er winkte ſeinem Ge⸗ folge umher, als lüde er daſſelbe ein, auf den Naſen⸗ ſtüber zu achten, den er den Papiſten auf ihrem eigenen Grund und Boden gegeben. Als die Höhe des Col er⸗ reicht war, hielt er ſein Maulthier an und ſetzte ſeine Anrede fort, denn der Mangel an Luft hatte ſeinen Witz gleichſam in der Knospe erſtickt. „Ein ſchlechter Handel, Herr Sigismund, ein durch⸗ aus ſchlechter Handel!, Er zog mich in einer bitzlichen 214— Jahreszeit von Haus weg und hielt unerwartet Herrn von Willading auf ſeiner Reiſe über das Gebirg auf und dies zwar in einem Augenblicke, wo jeder eilen muß, über die Alpen zu kommen. Wie bekömmt der ſchönen Adelheid die ſcharfe Luft des Col?“ „Gottlob, Herr Landvogt, das körperliche Befinden dieſes trefflichen jungen Fräuleins war nie beſſer.“ „Gottlob, fürwahr! Sie iſt eine zarte Blume, welche die Fröſte des St. Bernhards raſch hinraffen könnten! Und der edle Genueſer, der ſo einfach beſchei⸗ den reiſ't, zur Schande der Eiteln und Mußigen— ich hoffe, er vermißt die Sonne nicht in unſern Felſen?“ „Er iſt ein Italiener und muß über uns und unſer Klima nach ſeinem Charakter urtheilen; in Betreff ſeiner Geſundheit ſcheint er zufrieden.“ „Gut, das iſt tröſtlich! Herr Sigismund, wäre die Wahrheit bekannt,“ erwiderte Peterchen, ſich auf ſeinem Maulthiere vorbeugend, ſo weit eine gewiſſe Fülle des Körpers es erlaubte, und dann ſich wieder plötzlich unterbrecheny—„aber ein Staatsgeheimniß iſt ein Staatsgeheimniß, und ſollte dem am wenigſten ent⸗ ſchlüpfen, der in dem höchſten Sinne des Wortes ein Kind des Staates iſt. Meine Liebe und Freundſchaft für Melchior von Willading iſt groß und edler Art; aber ich würde dieſen Paß nicht beſucht haben, wenn es nicht unſerm Gaſt, dem Genueſer, zu Ehren geſchehen wäre. Der edle Fremdling ſollte nicht mit einer übeln Anſicht von unſerer Gaſtfreundſchaft die Berge niederſteigen. Iſt der edle Gerichtsherr von Sion ſchon auf dem Col?“ „Er iſt ſeit dieſem Abend hier, mein Herr, und un⸗ terhält ſich jetzt mit denen, die Ihr eben genannt habt, über Gegenſtände, welche mit der Urſache unſer Aller Anweſenheit zuſammenhängen.“ „Er iſt ein trefflicher Beamte und ſtammt, wie wir, Herr Sigismund, aus dem reinen deutſchen Stamm, der ein Grundſtein für Verdienſte iſt, obgleich dieſe Worte in einem andern Munde paſſender wären. Kam er glücklich herauf?“ „Ich hörte nicht, daß er über den Weg klagte.“ „Gut. Wenn der Staatsdiener reiſ't, um Recht zu üben, darf er billig ſchönes Wetter verlangen. So ſind denn alle wohl— der edle Genueſer, der wackere Mel⸗ chior, und der würdige Gerichtsherr. Und Jacques Colis?“ „Ihr kennt ſein unglückliches Loos, Herr Landvogt,“ verſetzte Sigismund kurz, denn das Pflegma des Man⸗ nes bei einer ſein Gefühl ſo nahe berührenden Angele⸗ genheit kränkte ihn ein wenig. „Wenn ich es nicht kennte, Herr Steinbach, glaubt Ihr, daß ich hier wäre, ſtatt mein warmes Bett auf dem großen Platz zu Vevay bereit halten zu laſſen? Der arme Jacques Colis! Nun, er hat den Feſtlichkeiten der Abtei einen böſen Streich geſpielt, indem er ſich wei⸗ gerte, des Scharfrichters Tochter zu heirathen; aber ich glaube nicht, daß er das Schickſal verdient hat, das ihn getroffen.“ „Gott verhüte, daß irgend jemand, den ſeine Treu⸗ loſigkeit gekränkt hat, glauben ſollte, ſeine Schwachheit verdiene eine ſo ſchwere Strafe!“ „Du ſprichſt, wie ein gefühlvoller Jüngling, ein ſehr gefühlvoller Jüngling,— ja, und wie ein Chriſt, — 216— Herr Sigismund,“ antwortete Peterchen,„und ich trete deinen Worten bei. Eines Mädchens Hand ausſchlagen und ermordet werden, ſind ſehr verſchiedene Vergehen und ſollten nicht vermiſcht werden. Haben dieſe Auguſ⸗ tiner wohl Kirſchwaſſer in ihrem Keller? Es iſt ein ſaurer Weg in ihre Behauſung herauf, und ſtarke An⸗ ſtrengungen fordern ſtarkes Getränk. Nun, wenn ſie nicht damit verſehen ſind, muſſen wir mit ihren andern Getränken vorlieb nehmen. Herr Sigismund, ſey ſo gut und gib mir deinen Arm.“ Der Landvogt ſtieg jetzt mit ſteifen Gliedern ab, nahm des Andern Arm und ging langſam dem Gebäude entgegen. „Es iſt ſündhaft, Groll zu hegen, und doppelt ſund⸗ haft, gegen die Todten Groll zu hegen. Daher bitte ich zu bemerken, daß ich das neuliche Benehmen des Todten bei unſerm öffentlichen Feſte ganzlich vergeſſen habe, wie es einem unpartheiiſchen und graden Richter ziemt. Armer Jacques Colis! Ach, der Tod iſt immer furchter⸗ lich, aber es iſt zehnfach fürchterlich, ſo ſchnell, gleich⸗ ſam im Fluge, zu ſterben, und zwar noch auf einem Wege, wo man mit ſo viel körperlichem Schmerz einen Fuß vor den andern ſetzen muß. Dies iſt der neunte Be⸗ ſuch, den ich den Auguſtinern mache und ich kann den frommen Möonchen über ihre Wege keine Höflichkeit ſa⸗ gen, ſo gut ich ihnen bin.— Iſt der würdige Schlüſſel⸗ meiſter wieder im Kloſter?“ „Ja, und er war ſehr thätig, die gewohnlichen Nach⸗ forſchungen anzuſtellen.“ „Thätigkeit iſt ein ſtarker Zug in ſeinem Charakter — 217— und, Herr Steinbach, wer ſein Leben auf dem Gebirge hinbringt, muß wohl ſo ſeyn.— Der edle Genueſer und mein alter Freund Melchior und ſeine reizende Tochter und der unpartheiiſche Gerichtsherr, alle ſind, ſagſt du, friſch und wohl?“ „Herr Landvogt, ſie dürfen Gott danken, daß der letzte Sturm und die innern Beunruhigungen ihnen nicht geſchadet haben.“ „Nun— ich wollte, dieſe Auguſtiner hatten Kir⸗ ſchenwaſſer!“ Peterchen trat in das Kloſter, wo nur ſeine Ge⸗ genwart noch fehlte, um das Verhör zu beginnen. Die Maulthiere wurden eingeſtellt, die Führer in dem Ge⸗ bäude, wie gewöhnlich, aufgenommen und dann die Vor⸗ bereitungen zu den lange verzoͤgerten Unterſuchungen begonnen. Es iſt bereits geſagt worden, daß die Stiftung die⸗ ſes Kloſters ſich aus ſehr alter Zeit herſchrieb. Es wurde im Jahr 962 von Bernhard du Menthon, Kano⸗ nikus zu Aoſta in Piemont, in der doppelten Abſicht ge⸗ gründet, körperlichen Beiſtand und geiſtigen Troſt zu ge⸗ wahren. Der Gedanke, eine geiſtliche Gemeine inmitten wilder Felſen und auf dem höchſten Punkte, den des Menſchen Fuß betritt, zu gründen, war der chriſtlichen Selbſtverläugnung und wohlwollenden Menſchenliebe wur⸗ dig. Der Verſuch ſcheint in einem Grade gelungen zu ſeyn, welcher ſeiner edeln Abſicht angemeſſen iſt; denn Jahrhunderte ſind dahin gegangen, die Bildung hat tau⸗ fend Wechſel erfahren, Reiche entſtanden und verſchwan⸗ den, Throne wurden geſtürzt und eine Hälfte der Welt entwildert— während dieſes fromm geſtiftete Gebäude in ſeiner einfachen Nützlichkeit noch da ſteht, wo es zu⸗ erſt errichtet wurde, eine Zuflucht der Reiſenden, ein Schutz der Armen. Die Kloſtergebäude ſind nothwendig ſehr ausgedehnt; da aber alle andern Baumaterialien auf dem Rücken der Maulthiere hierher geſchafft werden mußten, wurde es größtentheils aus den weißgrauen Steinen erbaut, welche man in den nahen Felſen brach. Die Zellen der Mönche, die langen Gänge, die Speiſeſäle, den ver⸗ ſchiedenen Klaſſen von Reiſenden und der großen Zahl der Gäſte angemeſſen, ſodann die der Mönche und Knechte, die Wohnzimmer von mannigfacher Größe und Einrichtung und eine ziemlich alte Kirche von ange⸗ meſſener Größe bildeten damals wie jetzt die innern Räume. Hier herrſchte kein Luxus, einige Bequemlich⸗ keit zu Gunſten derer, bei welchen Mildthatigkeit zur Gewohnheit ward, und viel von jener einfachen Gaſtfrei⸗ heit, welche den perſönlichen Bedürfniſſen und den An⸗ forderungen des Lebens bereitet wird. Üüberdies zeich⸗ nen ſich das Gebaude, der Tiſch und die Gemeine durch eine ſtrenge, mönchiſche Selbſtverläugnung aus, welche ihren Charakter durftiger und herber Einfachheit von der unwandelbaren Nacktheit alles deſſen angenommen zu ha⸗ ben ſcheint, dem das Auge in dieſer Region der Kälte und der Unfruchtbarkeit begegnet. Wir wollen uns nicht aufhalten, viel von den kleinen Artigkeiten und formreichen Verſicherungen gegenſeitiger Achtung und Freundſchaft zu erzählen, welche zwiſchen aude 3 zu⸗ ein hnt; icken urde daut, der ver⸗ oßen nche röße nge⸗ nern li ch⸗ zur rei⸗ An⸗ ich⸗ Irch lche der ha⸗ ilte ten ger 219 dem Landvogt von Vevay und dem Prior des St. Bern⸗ hardskloſters bei ihrer jetzigen Zuſammenkunft gewech⸗ ſelt wurden. Peterchen war in dem Kloſter gekannt, und, obgleich ein Proteſtant und zwar einer, der ſich nicht enthielt, ſeine Scherze oder ſeine Witz zeleien gegen Rom und deſſen Heerde nach Gutdünken geltend zu ma⸗ chen, ziemlich geachtet. Bei allen ihren Sammlungen für das Kloſter hatte der wohlmeinende Berner ſich als einen mildthatigen Mann gezeigt, der das Wohl der Menſchheit gern förderte, ob er gleich die Sache ſeines Erzfeindes, des Pabſtes, unterſtützte. Der Schlüſſel⸗ meiſter wurde immer, nicht nur in ſeiner Ballei, ſon⸗ dern auch in ſeinem„chäteau“ herzlich empfangen und trotz der zahlloſen kleinen Scharmützel uber Anſichten und Gebräuche begegneten ſie ſich ſtets freundlich, und ſchie⸗ den gewöhnlich in Frieden. Dieſes Gefühl der Freund⸗ ſchaft und des Wohlwollens erſtreckte ſich über den Prior und die ganze Gemeine; denn zu einer gewiſſen Innig⸗ keit des Charakters des Landvogts kam ein gegenſeitiges Intreſſe, das gute Benehmen aufrecht zu erhalten. Zur Zeit unſerer Erzählung waren die reichen Beſitzungen, welche den Mönchen des St. Bernhard früher vermacht worden waren, von den verſchiedenen Regierungen, be⸗ ſonders von Sardinien, eingezogen worden, und ſie ſa⸗ hen ſich, wie jetzt, genöthigt, die Milde und Freigebig⸗ keit der Reichern anzuſprechen, um die ſteten Anforde⸗ rungen der Reiſenden befriedigen zu können; und man glaubte, die Freigebigkeit Peterchens durch ſeine Scherze wohlfeil zu erkaufen, während er auf der andern Seite perſönlich ſo oft in das Kloſter kam, oder ſeine Freunde 220 dahin empfahl, daß er ſich huͤtete, den bleinen Hader zu einem Streite gedeihen zu laſſen. „Willkommen nochmals, Herr Landvogt, und zum zehnten Male willkommen!“ fuhr der Prior fort, als er Peters Hand nahm und ihn zu ſeinem Beſuchzimmer führte:—„du biſt ſtets ein willkommener Gaſt auf dem Gebirge, denn wir wiſſen, daß wir mindeſtens einen Freund beherbergen.“ „Und einen Ketzer,“ fügte Peterchen hinzu, aus ab⸗ len Kraͤften lachend, obgleich er dieſen Spaß bereits zehnmal widerholt hatte.„Wir ſind oft zuſammen ge⸗ kommen und ich hoffe, wir kommen auch am Ende zu⸗ ſammen, wenn all unſer Haſchen nach weltlichen Intreſ⸗ ſen vorüber iſt und zwar da, wo ehrliche Leute zuſam⸗ menkommen, trotz Pabſt, Luther, Buͤchern, Predigten, Ave's oder Teufeln! Dieſer Gedanke erheitert mich⸗ ſo oft ich dir die Hand biete,“ ſagte er, die des N Mönchs mit herzlichem Wohlwollen ſchüttelnd:„denn ich möchte nicht glauben, Vater Michael, daß wir, wenn es an die letzte lange Reiſe geht, immer auf verſchiedenen Wegen reiſen werden. Wenn du es für paſſend haltſt, kannſt du ein wenig im Fegfeuer verweilen, das ein Aufenthalt deiner Erfindung iſt und dir daher anſtehen muß; ich aber hoffe meinen Weg grade in den Himmel fortzu⸗ ſetzen, ein armer und unglücklicher Sünder, wie ich bin.“ Peterchen redete in dem zuverſichtlichen Tone deſ⸗ ſen, der ſeine Anſichten gegen Geringere auszuſprechen pflegt, welche es entweder nicht wagten, oder nicht für klug hielten, ſein Orakel zu beſtreiten; er ſchloß mit einem neuen lauten Lachen, von welchem das gewölbte Gem gutm mild liche ten fern Ver nicht gew Pete ſeyn auf nur Ind tigke ſeine den nen gew Wo er war kleit reit Eſſe war von aben ken der zu d zum als er mmer f dem einen s al⸗ ereits n ge⸗ e zu⸗ atreſ⸗ iſam⸗ gten, ch, ſo ͤnchs böchte n die zegen annſt tthalt ; ich rtzu⸗ bin.“ deſ⸗ echen für mit öͤlbte 221— Gemach des Priors widerhallte. Vater Michael nahm Alles gutmüthig hin und antwortete auf alles in ſeiner gewohnten milden und wohlwollenden Weiſe, denn er war ein Geiſt⸗ licher von Gelehrſamkeit, tiefem Nachdenken und geprüf⸗ ten Anſichten. Die Gemeine, der er vorſtand, war ſo ferne weltlich in ihrem Zwecke, als die Moͤnche in ſtetem Verkehr mit den Menſchen blieben, und er würde jetzt nicht zum erſten Mal mit einem dieſer ſelbſtzufriedenen, gewichtigen, wohlmeinenden Weſen, unter welcher Klaſſe Peterchen ſo ſichtlich hervorſtach, zuſammen gekommen ſeyn, wäre dies auch der erſte Beſuch des Landvogts auf dem Col geweſen. So aber kannte der Prior nicht nur die Gattung, ſondern auch das vor ihm ſtehende Individuum und war ganz geneigt, die laute Scherzhaf⸗ tigkeit ſeines Gaſtes walten zu laſſen. Als Peterchen ſeine überflüßigen Kleider abgelegt, ſich ſeiner einleiten⸗ den Scherze erledigt, die Begrüßungen der verſchiede⸗ nen Mönche beendigt und drei oder vier Novizen, welche gewöhnlich auf dem Berge ſind, mit einigen paſſenden Worten des Wiedererkennens empfangen hatte, erklarte er ſich bereit, eine Erfriſchung zu ſich zu nehmen. Man war darauf vorbereitet und der Prior führte ihn in einen kleinern Speiſeſaal, wo ein hinreichendes Abendmahl be⸗ reit war, da der Landvogt allgemein als ein tüchtiger Eſſer bekannt war.— „Du wirſt nicht ſo gut daran ſeyn, wie in deinem warmen und heitern Vevay, das mit dem größten Theil von Italien an Lieblichkeit und Ergiebigkeit wetteifert; aber du wirſt wenigſtens deine eignen heißen Weine trin⸗ ken,“ bemerkte der Prior, als ſie den Gang entlang — 222— gingen,„und wackre Freunde harren deiner, um dein Mahl und deine Geſellſchaft zu theilen.“ „Haſt du auch einen Tropfen Kirſchwaſſer in deinem Keller, Vater Michael?“ „Wir haben nicht nur dieſen, ſondern auch den Freiherrn von Willading und einen edeln Genueſer, der ihn begleitet; ſie ſind bereit, ſich zu Tiſch zu ſetzen, ſo⸗ bald du erſcheinſt.“ „Einen edeln Genueſer?“ „Einen italieniſchen Edelmann, ganz gewiß; ich glaube, man nannte ihn einen Genueſer.“ Peterchen ſtand ſtill, legte einen Finger an die Naſe und machte ein geheimnißvolles Geſicht; aber er ſchwieg, denn aus dem offen einfachen Geſicht des Mönchs ſah er, daß der Andere nicht ahnte, was er meine. „Ich wette mein Amt als Landvogt gegen das dei⸗ nes würdigen Schlüſſelmeiſters, daß er genau das iſt, was er ſcheint— das heißt, ein Genueſer.“ „Die Gefahr würde nicht groß ſeyn, denn er hat ſich bereits ſelbſt als ſolchen angegeben. Wir ſtellen hier keine Fragen, und wer oder was er auch ſeyn mag, er iſt willkommen, wenn er eintritt, und kann in Frieden wei⸗ ter ziehen.“ „Ja, das iſt gut genug für einen Auguſtiner auf dem Gipfel der Alpen— hat er Gefolge?“ „Einen Diener und einen Fremden; der letztere iſt jedoch nach Italien abgereiſ't, als der edle Genueſer ſich entſchloſſen, hier zu bleiben, bis das Verhör vorüber wäre. Man ſprach von wichtigen Geſchäften, welche ford bleit gleie ſter, hätte nueſ zum ihr des weif Frei Aus auf und ben. nicht nun terh ſeine Ger ner Prie Gre liche die ſchle halb 223— forderten, daß eine Nachricht wegen des längern Aus⸗ bleibens an andere geſchickt werde.“ Peterchen ſah den Prior wieder feſt an und lächelte, gleichſam aus Mitleiden über deſſen Unwiſſenheit. „Sieh, guter Prior, ſo ſehr ich dich und dein Klo⸗ ſter, und Melchior von Willading und ſeine Tochter liebe, hätte ich mir doch dieſe Reiſe erſpart, wenn der Ge⸗ nueſer nicht wäre. Frage jedoch nicht; die paſſende Zeit zum Sprechen wird kommen und Gott verhüte, daß ich ihr vorgreife! Du wirſt dann ſehen, wie ein Landvogt des großen Kantons ſich ſeiner Pflichten zu entledigen weiß. Jetzt verlaſſen wir uns auf deine Klugheit. Der Fremde iſt in Eile nach Italien gegangen, damit ſein Ausbleiben kein Aufſehen errege! Gut, jeder hält es auf der Reiſe, wie es ihm beliebt; ich reiſe gern ſicher und geehrt, obgleich andere einen andern Geſchmack ha⸗ ben. Nicht viel davon geſprochen, guter Michael— nicht einmal einen unklugen Wink des Auges:— und nun in Gottes Namen dein Glas Kirſchwaſſer!“ Sie waren am Thore des Speiſeſaals und die Un⸗ terhaltung endigte hier. Als ſie eintraten, fand Peterchen ſeinen Freund, den Freiherrn, Signor Grimaldi, den Gerichtsherrn von Sion, einen ernſten, gewichtigen Die⸗ ner der Gerechtigkeit deutſcher Abkunft, wie er und der Prior, der aber durch einen langen Aufenthalt an den Grenzen Italiens einige Eigenthümlichkeiten des ſüd⸗ lichen Charakters angenommen hatte. Sigismund und die übrigen Reiſenden waren von dieſem Mahle ausge⸗ ſchloſſen, welchem die Abſicht der klugen Mönche einen halb amtlichen Charakter geben wollte. Das Zuſammentreffen zwiſchen Peterchen und denen, die er ſo kurz erſt zu Vevay verlaſſen hatte, zeichnete ſich nicht durch ein ungewöhnliches Aufbieten von Ar⸗ tigkeiten aus; aber das zwiſchen dem Landvogt und dem Gerichtsherrn, welcher die Regierung eines befreunde⸗ ten Nachbarſtaates repräſentirte, war nicht ohne eine Fülle politiſcher und diplomatiſcher Höflichkeiten. Ma⸗ nigfache Nachfragen wegen perſönlichen und öffentlichen Angelegenheiten wurden ausgetauſcht, und einer ſchien den andern überbieten zu wollen, ſein Intreſſe an den kleinſten Einzelnheiten hinſichtlich ſolcher Punkte darzu⸗ legen, für welche ein Fremder Intreſſe zu bezeigen für geeignet hielt. Obgleich die Entfernung zwiſchen den zwei Städten fünfzehn Meilen betrug, wurde jeder Fuß des Bodens von dem einen oder dem andern bereiſ't, entweder um ſeine Schönheiten zu preißen, oder hin⸗ ſichtlich deſſen, was ſeine Intreſſen betraf, Fragen zu ſtellen. „Wir ſind beide deutſchen Stammes, mein Freund,“ ſchloß der Landvogt, als ſich die Geſellſchaft, nachdem alle Höflichkeiten und Komplimente erſchöpft waren, an die Tafel ſetzte,„obgleich uns das Schickſal in verſchie⸗ dene Gegenden ſetzte. Ich ſchwöre dir, dein deutſch klingt mir wie Muſik in den Ohren. Du haſt deine Sprache wunderbar rein erhalten, obgleich du gezwungen biſt, ſo viel mit den Baſtarden der Römer, Celten und Burgun⸗ der zu verkehren, deren du ſo viele in dieſem Bezirke deines Landes haſt. Es iſt wunderſam zu bemerken“— denn Peterchen vereinigte mit den andern rohen Ele⸗ menten ſeines Charakters auch etwas von einem Alter⸗ enen, hnete Ar⸗ dem unde⸗ eine Ma⸗ ichen ſcchien den arzu⸗ für den Fuß eiſ't, hin⸗ n zu nd,“ dem an ſchie⸗ lingt rache ſo — 225— thümler—„daß, ſo oft ein vielbetretener Pfad ein Land durchſchneidet, deſſen Bewohner etwas vom Blute und von den Meinungen derer in ſich aufnehmen, die es be⸗ reiſen, wie der Same der Wicke durch den Wind zer⸗ ſtreut wird und aufgeht. Der St. Bernhard hier war ſeit der Zeit der Römer ein beſuchter Paß und du wirſt eben ſo viele Stämme unter denen, welche die Wegſeite bewohnen, antreffen, als es Dörfer gibt zwiſchen Vevay und dem Kloſter. So iſt's nicht bei euch im obern Wal⸗ lis; dort hat ſich die reine Race erhalten, wie ſie von der andern Seite des Rheins kam, und geehrt und ge⸗ ſchirmt mag ſie noch ein Jahrtauſend fortdauern.“ Es gibt wenige Völker, welche vor ſich ſelbſt ſo her⸗ abgewürdigt ſind, daß ſie auf ihren Urſprung und eigen⸗ thümlichen Charakter nicht ſtolz wären. Die Gewohn⸗ heit, uns ſelbſt, unſere Triebfedern, und ſelbſt unſer Thun von der günſtigen Seite zu ſehen, erzeugt Selbſt⸗ ſchätzung; und dieſe Schwäche, auf Völkerſchaften über⸗ tragen, wird gewöhnlich der Grund eines etwas trüge⸗ riſchen Masſtabs des Verdienſtes bei den Bewohnern ganzer Länder. Der Gerichtsherr, Melchior von Willa⸗ ding und der Prior, welche alle demſelben Volke ent⸗ ſtammten, nahmen die Bemerkung wohlgefällig hin, den jeder fühlte ſich geehrt, von ſolchen Vorfahren abzuſtam men, während es dem feinern und geſittetern Italiener gelang, ein Laͤcheln zu unterdrücken, das bei einer ſolchen Gelegenheit wohl um den Mund eines Mannes ſpielen mußte, deſſen Stammbaum durch eine lange Reihe an⸗ geſehener und politiſch bedeutender Ahnen bis zu Römi⸗ ſchen Conſuln und Patriziern, und durch dieſe wieder 19— 81. 15 ſehr wahrſcheinlich zu den verſchlagenen und geiſtvollen Griechen hinaufſtieg, ein Stamm, der ſich durch ſeine Geſittung auszeichnete, als dieſe Patriarchen des Nor⸗ dens noch in den Tiefen des Barbarismus begraben lagen. Als dieſe kleine Scene der National⸗Eitelkeit ſchloß, nahm das Geſpräch eine allgemeinere Wendung. Es fiel jedoch während des Mahles nichts vor, aus dem man hätte ſchließen können, einer der Anweſenden denke an den Gegenſtand, der ſie hier zuſammengeführt hatte. Als aber die Dämmerung der Nacht gewichen und das Abendmahl voruber war, lud der Prior ſeine Gäſte ein, ihre Aufmerkſamkeit dem vorzunehmenden Verhöre zu⸗ zuwenden, und bat, von ihrem freundlichen Hader, ihren Scherzen und ihren Spitzfindigkeiten, in welche Peter⸗ chen, Melchior und der Gerichtsherr mit innigem Be⸗ hagen eingegangen waren, zu einer Frage überzugehen, welche über Leben und Tod eines ihrer Mitgeſchöpfe entſcheiden ſollte. Während des Mahls waren die Untergeordneten des Kloſters mit den vorher anbefohlenen Vorkehrungen beſchäftigt, und als Vater Michael aufſtand, und ſeinen Gäſten meldete, daß ihre Gegenwart anderswo noth⸗ woendig ſey, folgten ſie ihm an einen Ort, welcher zu ihrer Aufnahme vollkommen hergerichtet war. 8 Zwölftes Kapitel. dem enke— Ward je eine Erzäͤhlung atte. Mit ſo beſcheid'nem Adel vorgebracht? das 4 Home. r⸗ Schicklichkeits⸗ und andere Rückſichten, welche mit ren den religiöſen, um nicht zu ſagen, mit den abergläubiſchen eter⸗ Anſichten der meiſten Gefangenen natürlich zuſammen⸗ Be⸗ hingen, hatten die Mönche veranlaßt, die Kloſterkirche hen, zum Gerichtsſaal zu wählen. Dieſer geweihte Theil des opfe Gebäudes war hinreichend geräumig, um alle die zu faſ⸗ ſen, welche ſich in ihren Mauern zu ſammeln pflegten. eten Er war, wie die meiſten katholiſchen Kirchen, ausgeziert igen 1 und hatte einen Hauptaltar und zwei kleinere, welche inen geſchätzten Heiligen geweiht waren. Eine große Lampe oth⸗ erleuchtete die Kirche, aber der Hochaltar lag in zweifel⸗ zu haftem Lichte und ließ der Phantaſie Spielraum, dieſen Theil der Kapelle zu bevölkern und auszuſchmücken. In⸗ nerhalb des Chorgitters ſtand eine Tafel, an welcher Etwas durch rin großte Leichentuch verhüllt war. Unter Zwecken ds Schlüſſelmeiſters diente, der bei dieſer Ge⸗ iedenhe s Amt des Schreibers übernommen hatte. In ſeiner nahmen die Richter ihre Plätze. Eine Gruppe Frauen rimt ſich im Schatten eines der Seitenaltäre. 15* aneinander. Unterdrückte Seufzer und krampfhafte Be⸗ wegungen waren zuweilen in dieſer kleinen Gruppe zart⸗ fühlender und warmherziger Weſen zu gewahren und verriethen die Heftigkeit der Erregung, welche ſie gern verbergen wollten. Die Mönche und Novizen reihten ſich auf der einen Seite; den Hintergrund des Ganzen bil⸗ deten die Führer und Maulthiertreiber, während Sigis⸗ munds ſchöne Geſtalt, ernſt und regungslos wie eine Sta⸗ tue, auf den Stufen des Altars ſtand, welcher den Frauen gegenüber lag. Er beachtete jeden kleinſten Theil der Verhandlung mit der Feſtigkeit, welche die Frucht herber übung in der Beherrſchung ſeiner ſelbſt war, und mit dem feſten Entſchluß, auf das Haupt ſeines Vaters keine neue Schmach häufen zu laſſen. Als die kleine, durch den Eintritt der Geſellſchaft aus dem Speiſeſaal entſtandene Verwirrung beſeitigt war, gab der Prior einem der Gerichtsdiener ein Zeichen. Der Mann verſchwand und kehrte bald mit einem der Ge⸗ fangenen zurück, da das Verhör ſich über Alle erſtrecken ſollte, welche durch die Vorſicht der Mönche feſtgenommen worden waren. Balthaſar(denn dieſer war es) näherte ſich in ſeiner gewöhnlichen ſanften Weiſe dem Tiſche. Seine Glieder waren ungefeſſelt, ſein Außeres ruhig, obgleich die ſchnellen, unruhigen Bewegungen ſeines Au⸗ ges und der Ausdruck ſeiner blaſſen Geſichtszüge, ſo oft ein unterdrückter Seufzer aus der Gruppe der Frauen ſein Ohr erreichte, den innern Kampf verriethen, den er zu beſtehen hatte, um gefaßt zu ſcheinen. Als er ſeinen Richtern gegenüber ſtand, neigte ſich Vater Michael vor dem Gerichtsherrn, denn obgleich die Andern aus Höf⸗ — ₰ρ & o ——— H2 2 2 2(¶ Be⸗ art⸗ und gern ſich bil⸗ gis⸗ Sta⸗ auen der rber mit beine ſchaft war, Der Ge⸗ ecken imen herte iſche. ihig, Au⸗ o oft auen en er einen vor — 229— lichkeit zur Theilnahme an dem Verhöre zugelaſſen wor⸗ den waren, gehörte das eigentliche Recht, in einer Sache dieſer Art innerhalb der Grenzen von Wallis einzuſchrei⸗ ten, dieſem Beamten allein. „Du heißt Balthaſar?⸗ begann der Richter ſofort, einen Blick auf ein Blatt vor ihm werfend. Eine einfache Verneigung des Kopfes war die Ant⸗ wort. „Und du biſt der Scharfrichter des Kantons Bern?⸗ Eine ähnliche ſtumme Antwort erfolgte. „Das Amt iſt erblich in deiner Familie, und war es ſeit Jahrhunderten?⸗ Balthaſar richtete ſich empor und athmete ſchwer, wie Jemand, deſſen Herz bedrängt iſt, der aber ſeine Gefühle niederkämpfen wollte, ehe er antwortete. „Mein Herr,“ ſagte er mit Kraft, ⸗zufolge des Rathſchluſſes Gottes war es ſo.“ „Guter Balthaſar, du legſt zuviel Nachdruck auf deine Worte,⸗ fiel der Landvogt ein.»Alles, was zur Regie⸗ rung gehört, iſt ehrenwerth und darf nicht als ein Unglück angeſehen werden. Erbliche Anſprüche, die durch Zeit und Gebrauch ehrwürdig werden, haben einen doppelten Werth in der Welt, denn das Verdienſt des Vorfahren ſtützt ſo das des Nachkommen. Wir haben unſere bürger⸗ ſchaftlichen Rechte und du deine Scharfrichter⸗Rechte. Es gab eine Zeit, wo deine Väter mit ihrem Vorrechte zufrieden waren.“ Balthaſar verbeugte ſich unterwürfig und ſchien jede andere Antwort für unnütz zu halten. Sigismunds Finger zuckten an dem Griffe ſeines Schwerdtes und ein Seuf⸗ * — 230— zer, welcher, wie der junge Mann wohl wußte, ſich der Bruſt ſeiner Mutter entrang, wurde in der Gruppe der Frauen gehört. „Die Bemerkung des würdigen und ehrenwerthen Landvogts iſt richtig, begann der Walliſer wieder;„was zum Staate gehört, iſt zum Beſten des Staates und Alles, was die Behaglichkeit und Sicherheit der Men⸗ ſchen fördert, iſt ehrenvoll. Schäme dich daher deines Amtes nicht, Balthaſar, welches man, da es nothwendig⸗ nicht gradezu verdammen darf, ſondern antworte wahr und offen auf die Fragen, die ich dir ſtellen werde. Du haſt eine Tochter?⸗ „Darin wenigſtens bin ich geſegnet!⸗ Der Nachdruck, mit welchem er ſprach, brachte eine plötzliche Bewegung unter den Richtern hervor. Sie ſahen ſich erſtaunt an, denn ſie erwarteten offenbar einen ſolchen Ausdruck des Gefühls bei dem Manne nicht, der gleichſam in ſteter Fehde mit ſeinen Mitgeſchöpfen lebte. „Du ſprichſt recht,“ erwiderte der Gerichtsherr, der ſeinen Ernſt wieder annahm;„denn ſie ſoll ſchön und holdſelig ſeyn. Du warſt im Begriffe, deine Tochter zu verehelichen?“ Balthaſar bejahte dies mit einer neuen Verbeugung. „Haſt du je einen Vevayer, Namens Jacques Colis gekannt?⸗ „Ja, mein Herr, er ſollte mein Sohn werden!⸗ Der Gerichtsherr war abermals überraſcht, denn die Feſtigkeit der Antwort zeugte von Unſchuld, und er er⸗ forſchte die Geſichtszüge des Gefangenen ſcharf. Er fand offenbare Unbefangenheit, wo er Hinterliſt erwartet hatte — — 231— und wie Alle, die mit dem Laſter genaue Bekanntſchaft gemacht haben, wurde er mißtrauiſcher. Die Einfachheit eines Mannes, der wirklich nichts zu verhehlen hatte, jenem Scheine der Feſtigkeit, welche Unſchuld heucheln will, ſo unähnlich, ſetzte ſeinen Scharfblick in Verlegen⸗ heit, obgleich er mit den meiſten Kunſtgriffen der Ver⸗ brecher bekannt war. „Dieſer Jacques Colis ſollte deine Tochter heirathen?⸗ fragte der Gerichtsherr, der um ſo vorſichtiger wurde, je mehr Beweiſe der Verſchlagenheit er in dem Ange⸗ klagten zu entdecken glaubte. „Es war ſo zwiſchen uns beſchloſſen.⸗ „Liebte er dein Kind?⸗ Die Musbeln von Balthaſars Mund bewegten ſich krampfhaft und das Zucken der Lippen ließ fürchten, er möchte ſeine Faſſung verlieren. »Mein Herr, ich glaubte es.⸗ „Dennoch weigerte er ſich, ſein Wort zu halten?⸗ „So iſt's.⸗ Der tiefe Nachdruck, mit welchem er dieſe Antwort gab, beunruhigte ſelbſt Margarethe und zum erſten Male in ihrem Leben zitterte ſie, die gehäufte Laſt der Schmach könnte wirklich die Grundſätze ihres Gatten bewältigt haben. „Du fühlteſt Groll über ſein Benehmen und die öffentliche Schmach, die er dir und den deinigen anthat?⸗ „Mein Herr, ich bin ein Menſch. Als Jacques Colis meine Tochter verſchmähte, zerſtörte er eine zarte Pflanze in dem Mädchen und füllte eines Vaters Herz mit Bit⸗ terkeit.⸗ 232— „Du haſt eine Erziehung erhalten, die über deinem vd Stand iſt, Balthaſar!⸗ de „Wir ſind eine Scharfrichter⸗Familie, aber wir ſind de nicht die rohe Horde, für welche man uns hält. Bern eh hat mich zu dem gemacht, was ich bin, nicht mein Wunſch ur oder meine Armuth.⸗ ge „Das Amt iſt ehrenvoll, wie alle, die vom Staate re ausgehen,“ wiederholte der Andere, mit der Leichtigkeit, od mit welcher man fertige Phraſen herſagt:„das Amt iſt al ehrenvoll für Jemand deiner Herkunft. Gott weiſt Jedem ei ſeine Stelle auf Erden an und ſetzt ſeine Pflichten feſt. d Als Jacques Colis deiner Tochter Hand ausſchlug, ver⸗ in ließ er ſeine Heimath, um deiner Rache zu entgehen?⸗ d „Lebte Jacques Colis, ſo würde er eine ſo ſchlechte d Lüge nicht ausſtoßen!⸗ f „Ich kannte ſeinen biedern und edlen Charakter!⸗ a rief Margarethe mit Nachdruck:»Gott vergebe mir, daß 1 ſi ich je daran zweifelte!⸗ 4 Die Richter warfen forſchende Blicke auf die halb n in Dunkel gehüllte Frauengruppe, aber das Verhör ging d doch ſeinen Gang fort. I „Du weißt alſo, daß Jacques Colis todt iſt?⸗. G „Wie kann ich daran zweifeln, mein Herr, da ich ſ ſeine blutige Leiche ſah?⸗ „Balthaſar, du ſcheinſt geſonnen, das Verhör zu fördern— aus welchem Grunde jedoch, iſt Ihm, der in die Tiefen der Herzen ſchaut, beſſer bekannt, als mir. Ich gehe daher ſofort zu den weſentlichen Thatſachen über. Du biſt ein geborner Verner, in Bern anſaäſſig; der Scharfrichter dieſes Kantons— an ſich ein ehren⸗ — 233— volles Amt, obgleich die Unwiſſenheit und die Vorurtheile der Menſchen dies nicht ganz ſo annehmen.— Du haſt deine Tochter mit einem wohlhabenden Waadtländer ver⸗ ehelichen wollen. Der Bräutigam wies dein Kind zurück, und zwar im Angeſicht von Tauſenden, welche nach Vevay gekommen waren, dem Winzerfeſte beizuwohnen; er ver⸗ reiſte, um dir, oder ſeinem Gefühle, oder dem Leumund, oder was du willſt, aus dem Wege zu gehen; er wurde auf dieſem Berge ermordet; ſeine Leiche wurde mit einem Meſſer in der friſchen Wunde gefunden, und du, der auf ſeinem Heimwege ſeyn ſollte, brachteſt die Nacht in der Nähe des Ermordeten zu. Deine Vernunft wird dich die Verbindung ſehen laſſen, in welcher dieſe verſchie⸗ denen Begebniſſe uns erſcheinen und du wirſt nun aufge⸗ fordert, das zu erklären, was uns verdächtig ſcheint, dir aber ganz klar ſeyn mag. Rede offen, aber rede wahr, ſo du Gott fürchteſt!⸗ Balthaſar zauderte und ſchien ſeine Gedanken zu ſam⸗ meln. Er hatte ſeinen Kopf nachdenkend geſenkt und dann blickte er dem Fragenden feſt in das Auge und ant⸗ wortete. Seine Miene war ruhig, und der Ton, in wel⸗ chem er ſprach, war, wenn nicht der eines wirklich Un⸗ ſchuldigen, doch der eines Menſchen, der die Maske eines ſolchen wohl anzunehmen wußte. 3 „Mein Herr,“ ſagte er, ich habe den Verdacht vor⸗ hergeſehen, der in dieſen unſeligen Verhältniſſen auf mich fallen würde; allein daran gewöhnt, der Vorſehung zu vertrauen, werde ich die Wahrheit ohne Furcht ſagen. Ich wußte nichts von der Abſicht des Jacques Colis, abzureiſen. Er zog heimlich ſeines Wegs und wenn Ihr — 234— mir die Gerechtigkeit widerfahren laſſen wollt, ein wenig nachzudenken, ſo werdet Ihr einſehen, daß ich wohl der Letzte geweſen wäre, den er mit ſeinem Reiſeplan bekannt gemacht hätte. Ich beſtieg den St. Bernhard, von einer Kette gezogen, welche ſchwer zu brechen iſt, wie Euch Euer Herz ſagen wird, wenn Ihr Vater ſeyd. Meine Tochter wollte nach Italien, und reiſte mit gütigen und biedern Menſchen, welche ſich nicht ſchämten, mit eines Scharfrichters Tochter Mitleid zu haben und die Wunde zu heilen wünſchten, welche ihr ſo herb beigebracht worden.⸗ „Dies iſt wahr,“ rief der Freiherr von Willading; „Balthaſar ſpricht hier die reine Wahrheit.⸗ „Das iſt bekannt und zugeſtanden; das Verbrechen iſt nicht immer das Ergebniß kalten Vorbedachts, ſondern auch des Schreckens, plötzlicher Erregung, zorniger Ge⸗ müthsſtimmung, grimmer Verſuchung und einer günſtigen Gelegenheit. Du wußteſt alſo nichts von Jacques Colis Abreiſe, als du Vevay verließeſt— haſt du nichts von ihm unterwegs gehört?⸗ Balthaſar erblaßte. Es entſtand ein ſichtbarer Kampf in ſeiner Bruſt, als fürchtete er, ein Zugeſtändniß zu machen, das ihm zum Nachtheil gereichen konnte; einen Blick jedoch auf die Führer werfend, nahm er wieder ſeine gewöhnliche Faſſung an und erwiderte feſt: »Ich hörte von ihm. Pierre Dumont erfuhr die Schmach meines Kindes und erzählte mir, ohne zu wiſ⸗ ſen, daß ich der gekränkte Vater ſey, wie der Unglück⸗ liche ſich dem Geſpötte ſeiner Kameraden entzogen habe. Ich wußte daher, daß wir auf demſelben Wege waren.⸗ ⸗Und doch verharrteſt du— 2⸗ ———— — 235— „In was, mein Herr? Sollte ich meine Tochter verlaſſen, weil Einer, der ſich bereits falſch gegen ſie be⸗ wieſen hatte, in meinem Wege ſtand?⸗ „Du haſt recht geantwortet, Balthaſar,“ fiel Mar⸗ garethe ein:„du haſt geantwortet, wie es dir ziemte. Unſrer ſind wenige und wir ſind uns Alles. Du durfteſt unſer Kind nicht vergeſſen, weil es Andern beliebte, ſie zu verachten.⸗ Signor Grimaldi beugte ſich zu dem Walliſer und flüſterte ihm zu: „Dies ſcheint natürlich,“ bemerkte er:„rechtfertigt es nicht die Erſcheinung des Vaters auf dem Wege, den der Ermordete eingeſchlagen hatte?⸗ „Wir fragen nicht nach der Möglichkeit und Wahr⸗ ſcheinlichkeit ſolch eines Beweggrunds, Signore; das Rache⸗ gefühl kann in einem Hader ſich zur Grauſamkeit geſtei⸗ gert haben; wer an Blut gewöhnt iſt, läßt ſeinen Leiden⸗ ſchaften und Gewohnheiten leicht Spielraum.⸗ Dieſe Anſicht hatte viel Wahrſcheinliches und der edle Genueſer zog ſich mißgeſtimmt wieder zurück. Der Gerichtsherr berieth ſich mit denen, die ihn umgaben, und ließ dann Balthaſars Gattin vortreten, um ſie dem Gatten gegenüber zu ſtellen. Margarethe gehorchte. Ihr Gang war langſam und ihr ganzes Weſen zeigte, daß ſie der harten Nothwendigkeit ſich fügte. „Du biſt des Scharfrichters Frau?⸗ „Und eines Scharfrichters Tochter!⸗ „Margarethe iſt eine gutgeſinnte und gefühlvolle Frau⸗“ ſiel Peterchen ein;„ſie begreift, daß ein Amt im Staate in den Augen der Vernunft nie Schande bringen kann, — 2365— und ſucht keinen Theil ihrer Geſchichte oder ihrer Her⸗ kunft zu verheimlichen.⸗ Der Strahl, der aus dem Auge von Balthaſars Gattin flammte, war verſengend; aber der eitle Landvogt war von ſeiner Weisheit viel zu ſehr eingenommen, um an deren Wirkung zu denken. „ Und eines Scharfrichters Tochter,“ fuhr der Fra⸗ gende fort;„warum biſt du hier?⸗ „Weil ich Frau und Mutter bin! Als Mutter erſtieg ich den Berg, als Frau kam ich in das Kloſter herauf, bei dem Verhöre gegenwärtig zu ſeyn. Man will behaup⸗ ten, es klebe Blut an Balthaſars Händen und ich bin hier, die Lüge zu widerlegen.⸗ „Und dennoch haſt du raſch deine Verbindung mit einer Scharfrichter⸗Familie bekannt!— Die daran ge⸗ wöhnt ſind, ihre Mitmenſchen ſterben zu ſehen, möchten weniger Eifer haben, einer einfachen gerichtlichen Unter⸗ ſuchung entgegen zu gehen.⸗ „Mein Herr, ich verſtehe deine Worte. Die Vor⸗ ſehung hat uns eine ſchwere Laſt aufgebürdet, aber bis jetzt hatten die, welchen wir dienen mußten, die Höflich⸗ keit, uns freundliche Worte hören zu laſſen! Du haſt von Blut geſprochen; das von Balthaſar, von den Sei⸗ nigen und den Meinigen vergoſſene laſtet auf dem Ge⸗ wiſſen derer, welche befahlen, daß es fließe. Die da wider ihren Willen Werkzeuge deiner Gerechtigkeit waren, ſind vor Gott unſchuldig.⸗ 4 „Dies iſt eine ſeltſame Sprache für Leute deines Standes! Sprichſt und denkſt auch du, Balthaſar, in dieſer Sache wie dein Weib?“ —— — 237— „Die Natur hat dem Manne ein rauheres Gefühl gegeben, mein Herr. Ich ward zu meinem Amte gebo⸗ ren, ward gelehrt, es für recht, wenn nicht für ehrenvoll zu halten, und habe ſchwer gekämpft, meine Pflichten ohne Murren zu vollſtrecken. Nicht ſo die arme Mar⸗ garethe. Sie iſt Mutter und lebt in ihren Kindern; ſie hat die, welche ihrem Herzen ſo nahe iſt, öffentlich be⸗ ſchimpfen geſehen und fühlte wie eine Mutter.“ „und du, der du Vater biſt, was fühlteſt du bei der Kränkung?“ Balthaſar war von Natur ſanft und, wie er eben ſagte, man hatte ihn zur Ausübung ſeines Amtes erzo⸗ gen; aber er war für zärtliche Gefühle empfänglich. Die Frage berührte eine empfindliche Stelle und es kämpfte heftig in ihm; da er aber daran gewöhnt war, vor dem öffentlichen Auge ſich zu beherrſchen, und es ihm nicht an männlichem Stolze fehlte, gelang es ihm durch eine mächtige Anſtrengung, den Schmerz niederzukämpfen, der auf ſeiner Bruſt laſtete. „Schmerz um meines ſchuldloſen Kindes willen; Schmerz um deſſen willen, der ſeine Treue gebrochen; Schmerz um derer willen, welche dieſe bittere Kränkung verſchuldet haben.“ „Der Nann iſt daran gewöhnt, den Verbrechern Vergebung predigen zu hören und wendet jetzt ſeinen Unterricht geſchickt an,“ flüſterte der bedächtige Richter ſeinen Nachbarn zu.„Wir müſſen ihn durch andere Mittel prüfen. Vielleicht ſind ſeine Nerven nicht ſo feſt, als ſeine Antworten raſch ſind.“ Den Gerichtsdienern winkend, erwartete der Walliſer — 238— jetzt ruhig die Wirkung eines neuen Verſuches ab. Das Leichentuch wurde weggenommen und man ſah die Leiche des Jacques Colis. Er ſaß wie im Leben, an dem Tiſche vor dem Hochaltar. „Die Unſchuldigen fürchten die nicht, deren Seele den Körper verlaſſen hat,“ fuhr der Gerichtsherr fort, „aber Gott regt oft das Gewiſſen der Schuldigen mäch⸗ tig auf, wenn ſie das Werk ihrer grauſamen Hände vor ſich ſehen müſſen. Tretet hin und betrachtet den Todten, Bal⸗ thaſar, du und dein Weib, damit wir beurtheilen können, wie ihr auf den Ermordeten und Unglücklichen ſchaut!“ Ein unnützerer Verſuch hätte wohl nicht bei einem Manne gemacht werden können, der das Amt eines Scharfrichters verwaltete; denn lange Vertrautheit mit Scenen dieſer Art hatte das Gefühl des Schreckens ab⸗ geſtumpft, den ein Neuling wohl fühlen mußte. War es nun dieſem Umſtande oder ſeiner Unſchuld zuzuſchrei⸗ ben— Balthaſar ſchritt unerſchüttert zur Leiche und ſtand lange da, die bleichen Züge mit großer Ruhe be⸗ trachtend. Er machte, ſeinem Charakter zufolge, den Gefühlen, die ihn überſtrömten, nicht durch Worte Luft, obgleich es ſchien, als ob ein Strahl von Kummer über ſein Antlitz flöge. Nicht ſo Margarethe. Sie nahm die Hand des Todten und heiße Thränen floſſen über ihre Wangen nieder, als ſie auf ſeine veränderten und eingefallenen Züge blickte. „Armer Jacques Colis!“ ſagte ſie, allen Anweſenden vernehmbar:„du hatteſt deine Fehler, wie alle vom Weibe Gebornen! Aber dies haſt du nicht verdient! Ge⸗ wiß hat die Mutter, die dich gebar, und in deinem Kin⸗ — —— — —— — 239— deslächeln lebte— die dich auf ihrem Knie ſchaukelte und dich an ihrem Buſen pflegte, dein ſchreckliches und raſches Ende nicht geahnt! Wohl ihr, daß ſie die Frucht aller ihrer Liebe, ihrer Sorgen, ihrer Schmerzen nicht kannte; ſonſt würde ſie bitter über ihm geweint haben, der damals ihre Freude war, und mit Gram würde ſie auf dein heiterſtes Lächeln geblickt haben! Wir leben in einer gräßlichen Welt, Balthaſar; in einer Welt, in wel⸗ cher die Schlechten triumphiren! Deine Hand, welche das geringſte Geſchöpf, das Gottes Wille geſchaffen, nicht mit Willen kränken würde, ſoll gemordet, und dein Herz— dein treffliches Herz— ſoll ſich allmählig in der Aus⸗ übung deines verfluchten Dienſtes verhärtet haben! Der Richterſtuhl iſt dem Verderbten und Ränkevollen anheim gefallen; das Erbarmen wurde den Hartherzigen zum Gelächter und die Hand deſſen, der mit ſeines Gleichen gern in Frieden lebte, muß das Schwert des Todes führen! Das kömmt daher, daß die Selbſtſucht und Liſt der Menſchen Gottes Abſichten durchkreuzt! Wir wollen weiſer ſeyn, als Er, der das Weltall ſchuf und zeigen die Schwache der Thoren! Geht! geht, ihr Stolzen und Großen der Erde— wenn wir getödtet haben, geſchah es auf euer Geheiß; aber nichts der Art laſtet auf un⸗ ſern Gewiſſen! Die That war das Werk der Raubſüch⸗ tigen und Grauſamen— ſie iſt keine That der Rache!“ „Wie erfahren wir, daß du die Wahrheit ſprichſt?“ fragte der Gerichtsherr, der ſich dem Altar genähert hatte, um genau zu beachten, welchen Eindruck der An⸗ blick auf Balthaſar und ſein Weib mache. „Deine Frage ſetzt mich nicht in Erſtaunen, mein — 240— Herr, denn nichts kommt den Geehrten und Glücklichen ſchneller in den Sinn, als der Gedanke, einen Frevel zu ahnden. Nicht ſo der Verachtete. Die Rache würde uns nicht helfen können. Würde ſie uns in der Achtung der Menſchen heben? Könnten wir unſere unglückliche Lage vergeſſen? Würde man uns nach der That im geringſten höher ſchätzen als vor derſelben?“ „Dies mag wahr ſeyn, aber der Zornige überlegt nicht. Dich trifft kein Verdacht, Margarethe, den aus⸗ genommen, daß du die Wahrheit nach der vollbrachten That von deinem Manne gehört haben könnteſt; aber dein Verſtand wird dir ſagen, daß nichts wahrſcheinlicher iſt, als daß ein heißer Streit wegen des Geſchehenen Balthaſar, der an den Anblick des Blutes gewöhnt iſt, verleitet haben kann, dieſe That zu begehen.“ „Das iſt deine geprieſene Gerechtigkeit! deine Geſetze ſollen deiner Bedrückung zur Stütze werden! Wüßteſt du, wie mühſam Balthaſars Vater ihn das Schwert führen lehrte, wie viele lange und bange Be⸗ ſuche zwiſchen unſern beiderſeitigen Vätern gewechſelt wurden, um den Jüngling zu ſeinem ſchrecklichen Be⸗ rufe vorzubereiten, du würdeſt ihn nicht für ſo abgehär⸗ tet halten. Gott hat ihn zu ſeinem Amte nicht befähigt, wie er viele von höhern und mannigfachen Anſprüchen nicht zu den Stellen befahigt hat, welche ihnen kraft ihrer Geburt anheim fielen. Wäre ich es geweſen, Ge⸗ richtsherr, ſo hätte dein Verdacht ein vernünftiges An⸗ ſehen. Ich bin mit ſtarken und ungeſtümmen Gefühlen ausgeſtattet und die Vernunft mußte oft der Leidenſchaft weichen, obgleich die Zurechtweiſungen, welche ich mein ——·ÿ— —. —— .„——„ — —— ganzes Leben hindurch täglich erhielt, allen Stolz, der je in mir wohnte, gezähmt haben.⸗ „Deine Tochter iſt hier anweſend.⸗ Margarethe zeigte auf die Gruppe der Frauen. „Die Prüfung iſt hart,“ ſagte der Richter, welcher Regungen des Gewiſſens zu fühlen anfing, die bei Leuten ſeiner Art ſelten ſind: aber euer künftiger Frieden heiſcht ſie eben ſo ſehr, als die Gerechtigkeit ſelbſt, damit die Wahrheit bekannt werde. Ich bin genöthigt, deine Tochter zur Leiche vorſchreiten zu heißen.“ Margarethe hörte dieſen unerwarteten Befehl mit kaltem Ernſte. Zu tief verwundet, um zu klagen, aber für das Benehmen ihres Kindes bange, ging ſie zu den Frauen, ſchloß Chriſtine an ihr Herz und führte ſie ſchweigend vor. Sie ſtellte ſie dem Gerichtsherrn mit einer ſo ruhigen Würde vor, daß dieſer einige Verlegen⸗ heit fühlte. „Dies iſt Balthaſars Kind!“ ſagte ſie. Dann fal⸗ tete ſie ihre Arme über einander und trat einen Schritt zurück, eine aufmerkſame Beobachterin deſſen, was vorging. Der Richter betrachtete das holde blaſſe Antlitz des zitternden Mädchens mit einer Theilnahme, welche er ſelten für ein Weſen gefühlt hatte, das vor ihm in der Ausübung ſeiner unbeugſamen Pflichten erſchienen war. Er ſprach freundlich, ſelbſt aufmunternd zu ihr, indem er ſich abſichtlich zwiſchen ſie und den Todten ſtellte, und für einen Augenblick ihren Augen den ſchrecklichen An⸗ blick verhüllte, damit ſie Zeit hätte, Muth zu faſſen. 79— 81. 16 — 242— Margarethe ſegnete ihn in ihrem Herzen für dieſe kleine Gnade und war ruhiger. „Du warſt mit Jacques Colis verlobt?⸗ fragte der Richter mit einer Sanftheit des Tones, die im grellſten Widerſpruche mit ſeinen frühern ſtrengen Fragen ſtand. Chriſtine konnte nur mit einem Kopfnicken ant⸗ worten. „Deine Hochzeit ſollte am Schluſſe des Winzerfeſtes ſtatt finden— es iſt unſere herbe Pflicht, da zu ver⸗ wunden, wo wir zu heilen wünſchten— aber dein Ver⸗ lobter weigerte ſich, ſein Wort einzulöſen?⸗ „Das Herz iſt ſchwach und bebt zuweilen vor ſeinen beſten Vorſätzen zurück,“ ſagte Chriſtine leiſe. ⸗Er war nur ein Menſch und konnte dem Hohne aller um ihn her nicht widerſtehen.⸗ Der Gerichtsherr war von ihrem holden und lieb⸗ lichen Weſen ſo entzückt, daß er ſich vorlehnte, um zu lauſchen, damit ſeinem Ohre keine Sylbe deſſen ent⸗ ging, was ſie flüſterte. „Du ſprichſt alſo Jacques Colis von jeder falſchen Abſicht frei?⸗ „Er war nicht ſo ſtark, als er ſelbſt glaubte, mein Herr; er hatte die Kraft nicht, unſere Schmach zu thei⸗ len, die roh und zu grell enthüllt ward.“ „Du ſelbſt hatteſt ungezwungen in den Bund gewil⸗ ligt und wollteſt ſein Weib werden?“ Der flehende Blick und der ſchwere Athem Chriſti⸗ neas machten keinen Eindruck auf das abgeſtumpfte Ge⸗ fuhl eines peinlichen Richters. „War der Jüngling dir theuer?“ wiederholte er, 213— ohne zu fühlen, daß er das weibliche Zartgefühl ſchwer verwunde. Chriſtine bebte. Sie war nicht gewöhnt, Gefühle, welche ſie für die heiligſten ihres kurzen und unſchuldi⸗ gen Daſeyns hielt, ſo rauh berührt zu ſehen; da ſie aber glaubte, die Rettung ihres Vaters hänge von ihrer Offenheit und Wahrhaftigkeit ab, ſetzte eine Anſtrengung, die faſt übermenſchlich war, ſie in den Stand zu ant⸗ worten. Die helle Glut, welche ihr Geſicht übergoß, verkündigte die Gewalt jenes Gefühls, das bei ihrem Geſchlechte inſtinktmäßig wird, und kleidete ihre Züge in den Glanz jungfräulicher Scham. „Ich war nicht daran gewöhnt, Worte des Lobes zu hören, mein Herr,— und ſie tönen ſo wohlthuend in das Ohr des Verachteten! Ich fühlte, wie ein Mädchen den Vorzug eines Jünglings aufnimmt, der ihr nicht unangenehm iſt. Ich glaubte, er liebe mich— und— was wollt Ihr mehr, mein Herr?“ „Niemand konnte dich haſſen, unſchuldiges, gekränk⸗ tes Kind!“ ſagte Signor Grimaldi leiſe. „Ihr vergeßt, daß ich Balthaſars Tochter bin, mein Herr! Man ſi eht niemand aus unſerm Geſchlechte günſtig an.“ „Du wenigſtens mußt eine Ausnahme ſeyn.“ „Davon abgeſehen,“ fuhr der Gerichtsherr fort, „möchte ich wiſſen, ob deine Eltern Groll über das Miß⸗ verhalten deines Verlobten empfanden; ob etwas in dei⸗ nem Beiſeyn geſagt wurde, das ein Licht auf dieſe un⸗ glückliche Geſchichte werfen könnte?“ 1 Der Walliſer Beamte wendete ſeinen Kopf ſeit⸗ 16* — 244— wärts, denn er begegnete dem überraſchten und mißbilli⸗ genden Blicke des Genueſers, deſſen Auge eines hoch⸗ herzigen Mannes Anſicht ausſprach, als er ein Kind ſo über einen Gegenſtand fragen hörte, der über ihres Va⸗ ters Leben entſcheiden konnte. Aber der Blick und das Ungeeignete der Frage entgingen Chriſtinens Beachtung. Mit kindlicher Zuverſicht baute ſie auf die Unſchuld ihres Vaters, und weit entfernt, ſich gekränkt zu fühlen, freute ſie ſich mit der Einfachheit und dem Vertrauen der Unſchuld, etwas ſagen zu können, das ihn in den Augen der Richter rechtfertigte. „Mein Herr,“ antwortete ſie eifrig, und das Blut, welches die weibliche Schwache auf ihre Wange getrieben hatte, umdunkelte und erwärmte ſelbſt ihre Schläfe mit einem heiligeren Gefühl:—„Mein Herr, wir weinten miteinander, als wir allein waren; wir beteten für un⸗ ſere Feinde, wie für uns ſelbſt, aber nichts wurde gegen den armen Jacques geäußert— nicht ein Laut!“ „Geweint und gebetet!“ wiederholte der Richter, vom Kind auf den Vater blickend, gleichſam als hätte er nicht recht gehört. „Ich ſagte beides, mein Herr; wenn das erſte eine Schwäche war, ſo war das letzte eine Pflicht!“ „Eine ſeltſame Sprache in dem Munde einer Scharf⸗ richters Tochter!⸗ Chriſtine ſchien einen Augenblick nicht zu verſtehen, was er meine; aber dann ließ ſie ihre Hand über ihr ſchönes Antlitz gleiten und fuhr fort: „Ich glaube, ich verſtehe, was Ihr ſagen wollt, mein Herr,“ ſagte ſie,„die Welt häͤlt uns für gefühl⸗ —— — 245— los und hoffnungslos. Wir ſind in den Augen Anderer, was wir ſcheinen, weil es das Geſetz ſo will, aber in dem Herzen ſind wir wie alle um uns her, mein Herr — mit dem Unterſchiede, daß wir, da wir unſere Er⸗ niedrigung bei den Menſchen kennen, uns inniger und liebevoller an Gott anſchlieſſen. Ihr könnt uns ver⸗ dammen, euch zu Dienſten zu ſeyn und euer Mißfallen zu tragen, aber ihr könnt uns nicht unſer Vertrauen auf die Gerechtigkeit des Himmels rauben. Darin we⸗ nigſtens ſind wir den ſtolzeſten Edeln des Kantons gleich.“ „Laſſen wir es dabei bewenden,“ ſagte der Prior mit glänzenden Augen, zwiſchen das Mädchen und den Richter tretend:„du weißt, Herr Bourrit, daß wir noch andere Gefangene haben.“ Der Gerichtsherr, der bemerkte, daß Chriſtinens unſchuldige und biedere Rede ſelbſt über ſein durch Ge⸗ wohnheit verhärtetes Gefühl ſiegte, war nicht abgeneigt, dem Verhöre eine andere Richtung zu geben. Man hieß daher Balthaſars Familie zurücktreten und befahl den Dienern, Pippo und Konrad vorzuführen. 246— Dreizehntes Kapitel. — und wenn du ſo nun ſtehſt Als Angeklagter vorm Gericht der blinden Gerechtigkeit, wer hört dein Wort dann? Cotton. Der Poſſenreißer und der Pilger erſchienen, obgleich ihr Auſſeres wohl Mißtrauen einflößen konnte, mit der Zuverſicht und der Ruhe der Unſchuld vor den Richtern. Ihr Verhör war kurz, denn ihre Auskunft über ihr Thun war klar und zuſammenhängend. Auch trugen Ein⸗ zelnheiten, welche den Mönchen bekannt waren, mit dazu bei, die Üüberzeugung herbeizuführen, daß ſie an dem Morde keinen Theil gehabt. Sie hatten das Thal unten einige Stunden vor der Ankunft des Jacques Colis verlaſſen und müde und matt, wie gewöhnlich alle, die dieſen langen und beſchwerlichen Weg herauf kamen, kurz nach dem Ausbruch des Sturmes das Kloſter erreicht. Wah⸗ rend der Zeit, welche man auf die Ankunft des Land⸗ vogts und des Gerichtsherrn warten mußte, waren von den Ortsbehörden Masregeln getroffen worden, auch die unbedeutendſten Thatſachen feſtzuſtellen, welche auf die Spur der Wayrheit leiten konnten, und auch die Ergeb⸗ niſſe dieſer Nachforſchungen waren den beiden Wanderern günſtig geweſen, deren landſtreicheriſcher Charakter ſie ſonſt ſehr mit Grund in Verdacht haͤtte bringen können. — 247— Der zungenfertige Pippo war der Hauptſprecher in dem kurzen Verhöre und er gab ſeine Antworten mit großer Freimüthigkeit, welche unter dieſen Umſtänden ihm und ſeinem Gefährten trefflich zu ſtatten kam. Der Poſſenreißer hatte, ſo ſehr er an Liſt und Trug gewöhnt war, geſunden Verſtand genug, um die mißliche Lage, in welcher er ſich befand, einzuſehen und zu begreifen, daß es klüger ſey, aufrichtig zu ſeyn, als ſeinen Zweck durch irgend einen ſeiner gewöhnlichen Ränke erreichen zu wollen. Er antwortete daher dem Richter mit einer Einfachheit, welche ſein gewöhnliches Thun nicht erwar⸗ ten ließ, und mit einem Ausdruck von Gefühl, welcher ſeinem Herzen Ehre machte. „Dieſe Freimüthigkeit kömmt dir zu gut,“ ſetzte der Gerichtsh err hinzu, als er ſeine Fragen beinahe er⸗ ſchöpft und die Antworten ihn überzeugt hatten, den zu⸗ fälligen Umſtand abgerechnet, daß ſie mit dem Ermorde⸗ ten auf demſelben Wege reißten, ſey kein Verdachtsgrund vorhanden:„ſie hat viel dazu beigetragen, mich von dei⸗ ner Unſchuld zu überzeugen, und iſt im Allgemeinen der beſte Schirm für die, welche keine Verbrechen begangen haben. Ich wundere mich nur, daß jemand deines Cha⸗ rakters ſo viel Verſtand gehabt hat, ſie zu zeigen.“ „Erlaubt mir, Euch zu ſagen, Signor Caſtellano, oder Podeſta, oder welches Eurer Eccellenza eigentlicher Titel ſeyn mag, daß Ihr Pippo den Verſtand nicht zu⸗ traut, den er wirklich hat. Es iſt wahr, ich lebe davon, Staub in der Leute Augen zu ſtreuen und andere glau⸗ ben zu machen, Schwarz ſey Weiß; aber die Natur hat uns allen eine Einſicht in unſere Intreſſen gegeben und — 248— die meinige reicht weit genug, um Euch zu lehren, wann die Wahrheit beſſer iſt als die Lüge.“ „Hätten doch alle dieſelbe Einſicht und denſelben gu⸗ ten Willen, davon Gebrauch zu machen.“ „Ich habe die Anmaßung nicht, einen ſo erfahrenen und weiſen Mann, wie die Eccellenza, etwas lehren zu wollen; wenn aber ein niederer Mann in dieſer ehren⸗ werthen Geſellſchaft frei ſprechen dürfte, würde er ſagen, es ſey nicht gewöhnlich eine Thatſache anzutreffen, ohne zu ſinden, daß ſie die nahe Nachbarin einer Lüge iſt. Die gelten für die Weiſeſten und Tugendhafteſten, welche dieſe beiden ſo künſtlich zu miſchen wiſſen, daß das Schmackhafte den nützlichen Eingang verſchafft, wie man 6 bittern Arzneien Süßigkeiten beifügt. Dies iſt wenigſtens die Anſicht eines armen Straßen⸗Poſſenreißers, der keine beſſern Anſprüche auf Verdienſt hat, als daß er ſeine Kunſt auf dem Molo und in der Toledo der bellis- sima Napoli gelernt hat, die, wie jedermann weiß, ein auf die Erde gefallenes Stückchen Himmel iſt!“ Der Eifer, mit welchem Pippo das herkömmliche Lob auf die Schönheit der alten Parthenope vorbrachte, war ſo natürlich und charakteriſtiſch, daß er dem Richter, 1 trotz der ernſten Pflicht, der er eben oblag, ein Lächeln abnöthigte und des Sprechers Unſchuld noch mehr zu erhärten ſchien. Der Richter widerholte nun ſeinen Nachbarn bedächtig die Geſchichte des Poſſenreißers und des Pilgers, deren Inhalt folgender war. Pippo gab unbefangen das Zechgelag zu Vevay zu und führte die Feſtlichkeiten des Tages und die bekannte Gebrechlichkeit des Fleiſches als die zwei wirkenden Ur⸗ — 249— ſachen auf. Konrad jedoch behauptete die Reinheit ſei⸗ nes Wandels und den geheiligten Charakter ſeines Be⸗ rufs und rechtfertigte die Geſellſchaft, in welcher er war, mit der rückſichtswerthen Entſchuldigung der Nothwen⸗ digkeit und mit der der Demüthigungen, welchen eine Pilgerſchaft mit Recht dem unterwirft, der ſie unter⸗ nimmt. Sie hatten am Abend des feſtlichen Tages Ve⸗ vay miteinander verlaſſen, und von dieſer Zeit an bis zu dem Augenblick ihrer Ankunft in dem Kloſter ihre Füße wacker gebraucht, um den Col zu überſchreiten, ehe der Schnee käme und den Weg gefährlich machte. Sie waren zu Martigny, zu Liddes und St. Pierre al⸗ lein und in den rechten Stunden eifrig dem Hoſpiz zu⸗ wandernd geſehen worden; und ohbgleich natürlich ihr Thun mehrere Stunden nach ihrem Abgang von dem letztern Orte allein Ihm bekannt war, deſſen allſehendes Auge zumal die Schluchten der Alpen und die beſuchteren Pfade überſchaut, ſo war doch ihre Ankunft in der Woh⸗ nung der Mönche zeitig genug, um glauben zu laſſen, kein Theil der zwiſchenliegenden Zeit ſey unterwegs ver⸗ geudet worden. So weit war ihre Auskunft über ſich ſelbſt und ihr Thun deutlich, während andrerſeits nicht eine einzige Thatſache vorhanden war, welche ſie mehr verdächtigte, als alle, welche zufällig in dem Augenblick, wo das Verbrechen begangen wurde, auf dem Berge waren. „Die Unſchuld dieſer zwei Menſchen ſcheint o klar und ihre Bereitwilligkeit zu erſcheinen und auf unſere Fragen zu antworten, ſpricht ſo ſehr zu ihren Gunſten,“ bemerkte der erfahrne Richter,„daß ich es nicht für — 250— billig erachte, ſie länger hier zu halten. Beſonders hat der Pilger einen wichtigen Auftrag; ich höre, er thut für andere und ſich zumal Buße und es geziemt uns, die wir Rechtgläubige und Verehrer der Kirche ſind, kaum, ihrer Abreiſe Hinderniſſe in den Weg zu legen. Ich ſchlage daher vor, ihm wenigſtens zu geſtatten, ſeine Reiſe fort⸗ zuſetzen.“ „Da wir dem Schluſſe der Unterſuchung nahe ſind,“ fiel Signor Grimaldi ernſt ein,„ſcheint es mir, indem ich mich jedoch einer beſſern Anſicht und längerer Erfah⸗ rung gebührend füge, geeignet, daß Alle bleiben, uns ſelbſt nicht ausgenommen, bis wir der Wahrheit näher auf den Grund gekommen ſind.“ Pippo und der Pilger erklärten ſich auf dieſen Vor⸗ ſchlag willig und bereit, bis zum nächſten Morgen in dem Kloſter zu bleiben. Dieſes kleine Zugeſtändniß hatte jedoch kein großes Verdienſt, denn die ſpäte Zeit machte es un⸗ klug, ſofort abzureiſen und man ſchloß damit, daß man ihnen befahl abzutreten und ihnen bemerkte, wenn ſie nicht wieder vorgefordert würden, könnten ſie mit dem Wiedererſcheinen des Tages abreiſen. Maſo war der nächſte und letzte, der zum Verhöre kam. Il Maledetto erſchien mit vollkommener Feſtigkeit und Entſchloſſenheit. Er war von Nettuno begleitet, da die Kloſterhunde während der Nacht eingeſperrt worden. Der Hund pflegte in der letzten Zeit bei Tag in dem Geklüft umherzuſtreifen und Abends in das Kloſter zu⸗ rückzukehren, um ſich Nahrung zu ſuchen, da der öde St. Bernhardsberg zum Unterhalt von Menſchen und Thieren durchaus nichts bot, als was die Freigebigkeit 4 — 251— der Mönche reichte, daher kein Thier, die Gemſe und den Lämmergeier ausgenommen, die Region ewigen Schnee's beſuchte. In ſeinem Herrn jedoch fand Net⸗ tuno einen treuen Freund, der ſeine Mahlzeit ſtets mit ihm theilte, denn das treue Thier durfte ſeine periodi⸗ ſchen Beſuche in dem zeitlichen Gewahrſam, in welchem ſich Maſo befand, abſtatten. Der Gerichtsherr wartete einen Augenblick, bis die kleine Bewegung, die durch den Eintritt des Gefangenen veranlaßt worden, ſich gelegt hatte, und ſetzte dann ſein Verhör fort. „Du biſt ein Genueſer und heißt Tomaſo Santi?“ fragte er, auf ſeine Notizen blickend. „Unter dieſem Namen bin ich allgemein bekannt, Signor.“ „Du biſt ein Seemann, und, wie ich höre, ein muthi⸗ ger und geſchickter. Warum haſt du dir den häͤßlichen Beinamen il Maledetto gegeben?“ 3 „Die Menſchen nennen mich ſo. Es iſt ein Unglück, aber kein Verbrechen, verflucht zu ſeyn.“ „Wer ſo bereit iſt, über ſein Loos zu ſpotten, ſollte nicht erſtaunt ſeyn, wenn andere glauben, er verdiene ſein Schickſal. Wir haben einige Kunde von dir in Wal⸗ lis; man ſagt, du ſeyſt ein Schleichhändler.“ „Dies kann Wallis und ſeine Regierung nicht beun⸗ ruhigen, da alle in dieſem freien Lande ungefragt kom⸗ men und gehen.“ „Es iſt wahr, wir ahmen unſern Nachbarn nicht in allen ihren Aufſichtsmasregeln nach; aber wir ſehen die Zauch nicht gern ſo oft, welche die Geſetze befreundeter — 252— Staaten bei Seite ſetzen. Warum reiſeſt du auf dieſer Straße?“ „Signore, wenn ch bin, was ihr ſagt, ſo iſt der Grund meines Hierſeyns deutlich genug. Wahrſcheinlich geſchieht es darum, weil die Lombarden und Piemonte⸗ ſer gegen den Fremden härter verfahren, als ihr in den Bergen.“ „Deine Habſeligkeiten ſind unterſucht worden und enthalten nichts, das einen Verdacht erregt. Allem An⸗ ſchein nach kannſt du dich eines großen Antheils an den Gütern des Lebens nicht rühmen, Maſo; trotz dem jedoch haftet der Name auf dir.“ „Nun, Signore, das iſt gewöhnlich die Laune der Welt. Wenn man eine Eigenſchaft in einem Manne zu finden glaubt, ſo kann er gewiß ſeyn, daß man ihm mehr als ſeinen Antheil daran beimißt, mag es nun für oder gegen ſein Intreſſe ſeyn. Des reichen Mannes Gulden wird von den Zungen des Pöbels leicht in eine Zechine umgeprägt, während der Arme ſich glücklich ſchätzen kann, wenn er die Münze einer Silbermark für ein Loth des beſſern Metalls erhält. Selbſt der arme Nettuno findet es ſchwer, hier in dem Kloſter ſein Leben zu friſten, weil einiger Unterſchied in Fell und Inſtinkt ihm einen böſen Namen bei den Hunden des St. Bernhard gemacht hat.“ „Deine Antwort ſtimmt mit deinem Charakter überein; du ſollſt mehr Witz als Chrlichkeit beſitzen. Maſo, und man ſchildert dich als einen Mann, der einen verzweifelten Entſchluß faſſen und im Nothfall ausfüh⸗ ren kann.“ „Ich bin, wie der Himmel es bei meiner Geburt — 253— wollte, Signor Caſtellano, und wie der Wechſel eines ſehr geſchäftigen Lebens dem Werke ſein letztes Siegel aufdrückte. Daß es mir im Nothfall nicht an männlichen Eigenſchaften fehlt, werden dieſe edeln Reiſenden vielleicht gern bezeugen, wenn ſie einiger Thätigkeit eingedenk ſeyn wollen, die ich auf dem Leman gezeigt haben mag, als ſie neulich dieſes gefährliche Waſſer beſchifften.“ Obgleich dies ganz gleichgültig geſagt wurde, ſo war doch der Anruf an die Erinnerung und Dankbarkeit derer, denen er nützlich geworden, zu beſtimmt, um über⸗ hört zu werden, und Melchior von Willading, der fromme Schlüſſelmeiſter und Signor Grimaldi zeugten alle zu Gunſten des Gefangenen und gaben offen zu, daß ohne ſeine Beſonnenheit und Geſchicklichkeit der Winkelried und alle, welche er enthielt, ohne Rettung verloren ge⸗ weſen wären. Sigismund war mit einer ſo kalten Dar⸗ legung ſeiner Gefühle nicht zufrieden. Er dankte nicht nur das Leben ſeines Vaters und ſein eignes dem Muthe Maſo's, ſondern auch das einer ihm theurern als alle; einer, deren Rettung ſeiner jugendlichen Phantaſie ein Dienſt ſchien, welcher jedes Verbrechen beinahe aufwog, und ſeine Dankbarkeit war demgemäß. „Ich will Angeſichts dieſes und jeden Gerichtes dein Verdienſt, Maſo, kräftiger bezeugen,“ ſagte er, die Hand des Italieners faſſend.„Jemand, der ſo viel Kühnheit und eine ſo große Liebe zu ſeinen Mitmenſchen zeigte, kann ſchwerlich heimlich und wie ein Feigling morden. Du kannſt in dieſer Noth auf mein Zeugniß bauen— wenn du dieſes Verbrechens ſchuldig biſt, wer kann hof⸗ fen, unſchuldig zu ſeyn!“ — 254— Maſo erwiderte den freundlichen Händedruck, bis ihre Finger in einander verwachſen ſchienen. Auch ſein Auge zeigte, daß er nicht ohne kräftiges, natürliches Mit⸗ gefühl war, obgleich Erziehung und Gewohnheit es ſei⸗ ner rechten Richtung entfremdet haben mochten. Trotz ſeiner Anſtrengung, die Schwäche zu unterdrücken, brach eine Thräne aus ſeinem Auge und rollte die ſonnver⸗ brannte Wange herab, wie ein einſames Bäͤchchen durch eine öde, rauhe Wüſte rieſelt. „Das iſt freimüthig und wie es einem Soldaten ziemt, Signore,“ ſagte er,„und ich nehme es auf, wie es geboten wird, in Liebe und Innigkeit. Aber wir wollen auf den Vorfall auf dem See nicht mehr Gewicht legen, als er verdient. Dem ſcharfblickenden Gerichts⸗ herrn braucht man nicht erſt zu ſagen, daß ich euch nicht nützlich werden und euer Leben retten konnte, ohne mein eigenes zu retten, und wenn ich den Ausdruck ſeines Auges recht verſtehe, iſt er im Begriff zu ſagen, wir zeigten, wie das wilde Land hier, in welchem uns der Zufall zuſammenführte, unſere Stellen reicher Frucht⸗ barkeit abwechſelnd mit vielen unfruchtbaren Felſen und derjenige, der heute eine gute That vollbringe, könnte ſich vergeſſen und ſich morgen eines Frevels ſchuldig machen.“ „Du gibſt allen, die dich hören, Grund zu be⸗ dauern, daß deine Lebensbahn dir und der Welt nicht gedeihlicher ward,“ antwortete der Richter;„wer ſo richtig denkt und eine ſo klare Einſicht in ſeinen Charak⸗ ter hat, irrt weniger aus Unwiſſenheit als aus Leicht⸗ ſinn.“ ———n — „Hier thut Ihr mir Unrecht, Signor Caſtellano, und meßt den Geſetzen mehr bei, als ſie verdienen. Ich läugne es nicht, daß die Gerechtigkeit— oder was man Gerechtigkeit nennt— und ich einigermaßen Bekannte ſind. Ich habe manches Gefängniß bewohnt, ehe ich das betrat, welches mir die frommen Mönche anwieſen, und ich habe jede Stufe der Laufbahn eines Taugenichts ken⸗ nen gelernt, von dem an, der bei ſeinem erſten Ver⸗ gehen noch bebt und ſchwere Traume hat und glaubt, jeder Stein ſeiner Zelle habe ein Auge, das ihn anklage, bis zu dem, der nicht ſobald einen Frevel begangen hat, als er ihn auch ſchon in dem Wunſche vergißt, Mittel zu finden, einen neuen zu begehen; und ich rufe den Himmel zum Zeugen auf, daß durch die, welche ſich Die⸗ ner der Gerechtigkeit nennen, mehr geſchieht, dem Neu⸗ ling auf der Bahn des Laſters vorwarts zu helfen, als durch deſſen eigene natürliche Gebrechlichkeit, durch den Mangel an Grundſätzen oder die Gewalt ſeiner Leiden⸗ ſchaften. Laßt den Richter eines Vaters Milde fühlen, gebt den Geſetzen jene reine Gerechtigkeit, die keine Ränke verdrehen, und laßt die Geſellſchaft werden, was ſie zu ſeyn Anſprüche macht, eine Vereinigung zu gegen⸗ ſeitiger Unterſtützung, und ich ſetze mein Leben daran, Euer Amt, Herr Nichter, wird den größten Theil ſeiner Laſt und ſeine ganze Bedrückung verlieren.“ „Dieſe Sprache iſt kühn und grundlos zumal. Laß uns wiſſen, Maſo, wie du Vevay verlaſſen, welchen Weg du genommen, wann du die verſchiedenen Dörfer durch⸗ zogen haſt und warum man dich allein in der Nähe der Zuflucht gefunden hal; ſodann, warum du die, mit wel⸗ 256— chen du die Nacht hinbrachteſt, ſo früh und ſo heimlich verlaſſen haſt?“ Der Italiener hörte aufmerkſam auf dieſe verſchie⸗ denen Fragen; als der Richter ſie vorgelegt, begann er ſie ernſt und ruhig zu beantworten. Die Geſchichte ſei⸗ ner Abreiſe von Vevay, ſein Erſcheinen zu St. Maurice, Martigny, Liddes und St. Pierre ſtimmte vollkommen mit den Nachrichten überein, welche die Behörden geſam⸗ melt hatten. Er hatte die letzte Wohnung allein und zu Fuß, ungefähr eine Stunde vor dem einſamen Reiter, verlaſſen, der, wie man nun wußte, Jacques Colis war; man hatte ihn denſelben Weg einſchlagen ſehen und er gab zu, daß ihn der letztere eingeholt, als er eben das obere Ende der Ebene des Vélan erreicht hatte, wo ſie, obgleich in einer bedeutenden Entfernung und bei zweifel⸗ haftem Lichte, von den Reiſenden in Pierre's Geleite geſehen worden waren. So weit war die Auskunft, welche Maſo von ſich gab, in vollkommenem Einklang mit dem, was dem Rich⸗ ter bereits bekannt war; nach der Wendung um den in einem frühern Kapitel erwähnten Felſen jedoch war alles in Dunkel gehüllt, mit Ausnahme der Vorfälle, welche in unſerer Erzählung berichtet worden ſind. Der Ita⸗ liener fügte im Verlaufe ſeiner Auseinanderſetzung noch zu, er habe ſich bald von ſeinem Gefährten getrennt, da dieſer, ungeduldig und in dem Wunſche, das Kloſter vor Anbruch der Nacht zu erreichen, ſein Maulthier zu gröſ⸗ ſerer Eile gedrängt habe, waͤhrend er ſelbſt ſich ein wenig vom Wege entfernte, um auszuruhen und einige Vorbe⸗ ———— ————’— reitungen zu machen, die er für nöthig erachtete, ehe er ſich dem Kloſter näherte. Dieſe ganze kurze Geſchichte wurde mit derſelben Faſſung vorgebracht, wie ſie eben Pippo und der Pilger gezeigt hatten, und keiner der Anweſenden konnte die geringſte Unwahrſcheinlichkeit oder den entfernteſten Wi⸗ derſpruch in der Erzählung auffinden. Das Zuſammen⸗ treffen mit den andern Reiſenden während des Sturmes ſchrieb Maſo dem Umſtande, daß ſie, während er geruht, an ihm vorbeigekommen, und ſeiner größern Eile zu, als er ſich wieder auf den Weg gemacht, zwei Angaben, welche eben ſo viel Wahrſcheinliches hatten, als ſeine übrigen Ausſagen. Er hatte die Zuflucht bei dem erſten Dämmerſtrahl verlaſſen, weil er ſich verſpätet und die Abſicht hatte, Aoſta am Abend zu erreichen, eine An⸗ ſtrengung, die nothwendig war, um den Zeitverluſt ein⸗ zubringen. „Dies mag wahr ſeyn,“ begann der Richter wie⸗ der;„aber wie rechtfertigſt du deine Armuth? Aus der Unterſuchung deiner Habe geht hervor, daß deine Lage wenig beſſer, als die eines Bettlers iſt. Selbſt deine Börſe iſt leer, obgleich es bekannt iſt, daß du mit den Einkünften aller der Staaten, wo Eingangszölle ſind, ein glückliches und verzweifelteſt Spiel treibſt?“ „Wer am höchſten ſpielt, Signore, wird am leich⸗ teſten ausgebeutelt. Was iſt Neues oder Unerwartetes darin, daß ein Schleichhändler um ſeinen Erwerb kommt?“ „Dies iſt eher wahrſcheinlich, als überzeugend. Man hat dich als einen Menſchen bezeichnet, der Arbeiten der Genfer Juweliere in die Nachbarſtaaten zu ſchmuggeln 79— 81. 17 — 258— pflegt und man weiß, daß du aus dem Hauptquartiere dieſer Künſtler kommſt. Dein Verluſt muß ungewöhn⸗ lich geweſen ſeyn, daß du ſo ganz entblößt biſt. Ich fürchte ſehr, ein unergiebiger Verſuch in deinem gewöhn⸗ lichen Gewerbe habe dich angeſpornt, den Verluſt durch den Mord dieſes unglücklichen Mannes zu erſetzen, der mit Gold und auch, wie es ſcheint, mit einem werthvol⸗ len Vorrath von Kleinodien verſehen, ſeine Heimath ver⸗ ließ. Die Einzelnheiten ſind genau in dieſem geſchrie⸗ benen Verzeichniſſe ſeiner Habſeligkeiten erwähnt, welches der ehrenwerthe Landvogt von ſeinen Verwandten mit⸗ gebracht hat.“ Maſo ſtand ſchweigend, und in ſich verloren da. Er bat dann, daß auſſer den vornehmen Reiſenden, den Mönchen und den Richtern alle die Kirche verlaſſen möch⸗ ten. Dieſe Bitte wurde bewilligt, da man erwartete, er werde ein wichtiges Bekenntniß ablegen, wie dies in ge⸗ wiſſem Grade auch wirklich der Fall war. „Wenn ich mich der Beſchuldigung der Armuth ent⸗ ledige, Signor Caſtellano,“ fragte er, als die Unterge⸗ ordneteren die Kirche verlaſſen hatten—„werdet Ihr mich dann von der Anklage des Mordes freiſprechen?“ „Dies nicht; aber du wirſt einen der Hauptgründe der Verſuchung entfernen, und dabei kannſt du nur ge⸗ winnen, denn wir wiſſen, daß Jacques Colis beraubt und ermordet worden iſt.“ Maſo ſchien abermals mit ſich zu Rath zu gehen, wie wohl jemand nachdenkt, ehe er einen Schritt thut, von dem ſeine Zukunft abhängen kann. Sich aber, wie ein Mann von raſcher Thalkraft, plötzlich entſcheidend, ₰ ₰ rief er Nettuno, ſetzte ſich auf die Stufen eines der Seitenaltäre und begann mit Beſonnenheit und großem Ernſte ſein Geheimniß zu enthüllen. Einen Theil der langen, zottigen Haare des Hundes zurücklegend, zeigte il Maledetto den aufmerkſamen und neugierigen Zu⸗ ſchauern, daß ein Ledergürtel ſinnreich um den Leib des Thieres, zunächſt ſeiner Haut, angebracht war. Er war ſo geſchickt verborgen, daß er den Blicken aller derer gänzlich entzogen war, welche nicht genauer nachforſchten, ein Unternehmen, das Nettuno, nach den ſauern Blik⸗ ken, die er der Mehrzahl der Anweſenden zuwarf und nach der Art, wie er ſeine Zahne wieß, einem Frem⸗ den nicht ſo leicht erlaubte. Der Gürtel wurde geöffnet, und Maſo ließ einen glänzenden Halsſchmuck von koſt⸗ baren Steinen, in welchen Rubinen und Smaragde mit andern Edelſteinen von Werty wetteiferten, nicht ohne die Koketterie eines Juwelenhändlers im grellen Lichte der Lampe ſpielen. „Hier ſeht ihr die Frucht eines Lebens voll Gefah⸗ ren und Wagniſſen, Herr Richter,“ ſagte er:„Wenn meine Börſe leer iſt, ſo ſind die jüdiſchen Kalviniſten von Genf daran ſchuld, welche mir den letzten Heller für das Kleinod abnahmen.“ „Dies iſt ein Schmuck von ſeltener Schönheit und ungemeinem Werthe, den man hier in dem Beſitze eines Mannes deiner Art ſieht,“ rief der genügſame Walliſer. „Signore, er koſtet hundert Dublonen reinen Gol⸗ des und vollen Gewichts und um den Gewinn von fünf⸗ zig Dublonen bin ich beſtimmt worden, ihn für einen jungen Mailänder zu kaufen, der die Gebieterin ſeines 17* — 260— Herzens durch das Geſchenk zu gewinnen hofft. Meine Geſchäfte ſtanden in Folge mehrfacher Beſchlagnahme und Verluſte ſchlecht und ich unternahm den Ankauf in der Hoffnung eines ſchnellen und großen Gewinns. Da hier nichts gegen die Geſetze von Wallis anſtößt, wird man mich meine Freimüthigkeit nicht bereuen laſſen, Herr Richter. Wer im Beſitze dieſes Schmuckes iſt, wird doch wohl um der Kleinigkeit willen, die Jacques Colis bei ſich getragen haben mag, kein Blut vergießen.“ „Du haſt mehr,“ bemerkte der Richter;„laß uns alles ſehen, was du haſt.“ „Nicht eine Nadel, nicht einen werthloſen Granat habe ich weiter.“ „Nein, ich ſehe den Gürtel unter dem Haar des Hundes.“ Maſo war überraſcht oder ſpielte die Rolle des Er⸗ ſtaunten trefflich. Nettuno lag ſo, daß ſein Herr den Gürtel bequem löſen konnte, und da der letzte die Ab⸗ ſicht hatte, ihn wieder zu befeſtigen, war das Thier ru⸗ hig in derſelben Lage geblieben, ein Umſtand, der den Gerichtsherrn in den Stand ſetzte, den eben erwähnten Gegenſtand zu entdecken. „Signore,“ ſagte der Schleichhändler erblaſſend aber bemüht, leichthin von einer Entdeckung zu ſprechen, welche alle andern Anweſenden ſichtbar als ſehr bedeutend an⸗ ſahen—„es ſcheint, der Hund, der gewöhnt iſt, der⸗ gleichen kleine Dienſte für ſeinen Herrn zu übernehmen, iſt durch den glücklichen Erfolg verſucht worden, ein Geſchäft auf ſeine eigene Rechnung einzugehen. Bei mei⸗ — 261— nem Schutzheiligen und der Jungfrau! ich weis nichts von dieſem zweiten Kaufe!“ „Scherze nicht, ſondern löſe den Gürtel, ſonſt laß ich dein Thier binden, damit es durch andere geſchieht,“ befahl der Gerichtsherr ernſt. Der Italiener fügte ſich, aber mit einem Widerwil⸗ len, der zu ſeinem Nachtheil allzu ſichtbar war. Als er den Gürtel gelößt hatte, reichte er ihn mürriſch dem Walliſer. Dieſer zerſchnitt das Tuch und legte zehn bis fünfzehn verſchiedene Gegenſtände von Werth auf den Tiſch. Die Zuſchauer ſammelten ſich neugierig um den Platz, waährend der Richter eifrig in dem geſchriebenen Verzeichniſſe der Habe des Ermordeten nachſah. „Ein Brillantring mit einem Smaragd von Werth, die Faſſung von getriebener Arbeit und ſchwer,“ las der Walliſer. „Danke Gott, er iſt nicht hier,“ rief der Sig⸗ nor Grimaldi.„Man darf wiünſchen, dieſer wackere Seemann möchte unſchuldig an dieſer blutigen That ſeyn!“ Der Gerichtsherr glaubte, er ſey einem Geheimniß auf der Spur, das ihn in Verlegenheit zu ſetzen anfing, und da wenige ſo wahrhaft menſchlich fühlen, daß ſie das Wohl eines Andern dem Gelingen ihrer Abſichten vorziehen, hörte er ſowohl die erſten als auch die letzten Worte mit einem mürriſchen Blicke. „Ein Kreuz von Türkiß, zwei Zoll lang, mit Per⸗ len von geringem Werthe dazwiſchen,“ fuhr der Rich⸗ ter fort. 8 Sigismund ſeufzte und wandte ſich von dem Tiſch weg. „Leider entſpricht dies hier der Beſchreibung zu gut,“ ſagte Signor Grimaldi langſam und mit ſichtbarem Schmerze. „Laßt es meſſen,“ begehrte der Gefangene. Dies geſchah und das Maß entſprach dem angege⸗ benen vollkommen. „Armbänder mit Rubinen, die Steine unterlegt, ſechs an der Zahl,“ fuhr der methodiſche Richter fort, deſſen Augen jetzt triumphirend glänzten. „Dieſe fehlen,“ rief Melchior von Willading, der, wie alle andere, die auf dem Schiffe waren, das lebhafte Intreſſe an Maſo's Schickſal nahm.„Juwelen dieſer Art ſind nicht hier.“ „Laß hören, was folgt, Herr Bourrit,“ fiel Peter⸗ chen ein, ſich der ſiegreichen Parthei zuneigend,„laß uns das folgende hören, ich bitte!“ 5 „Eine Amethyſtnadel, der Stein aus unſern Ber⸗ gen, unterlegt, und von der Größe des achten Theils eines Zolles; die Form oval.“ Sie lag auf dem Tiſche, es blieb kein Zweifel. Alle übrigen Stücke, vorzüglich Ringe mit Steinen von ge⸗ ringerm Werthe, wie Jaspis, Türkiſſe und Topaſe wur⸗ den verglichen und entſprachen der Vergleichung des Ju⸗ weliers vollkommen, welcher ſie am Abend des Feſtes Jacques Colis verkauft hatte, als dieſer, mit der An⸗ ſchläglichkeit eines Schweizers, ſein Geld auf dieſe Art anlegte, um ſo die Koſten ſeiner beabſichtigten Reiſe zu vermindern. „Es iſt ein Rechtsgrundſatz, Unglücklicher,“ bemerkte der Gerichtsherr, die Brille abnehmend, welcher, um das —,.— — 8 — Verzeichniß zu leſen, aufgeſetzt hatte,„daß geraubte Ge⸗ genſtände gegen den zeugen, in deſſen Beſitz ſie gefunden werden, wenn er keine hinreichende Auskunft geben kann, wie er in den Beſitz derſelben gekommen. Was haſt du in dieſer Hinſicht vorzubringen?“ „Keine Sylbe, Signore! Ich muß euch und alle andere auf den Hund verweiſen, der allein über dieſen Tand Auskunft geben kann. Es iſt klar, daß man mich in Wallis wenig kennt, denn Maſo gibt ſich nicht mit ſo unbedeutenden Kleinigkeiten ab, wie dieſe.“ „Die Ausflucht wird dir nichts helfen, Maſo; du ſcherzeſt, wo es ſich um Leben und Tod handelt. Willſt du dein Verbrechen bekennen, ehe wir zum Außerſten ſchreiten?“ „Es iſt wahr, ich bin lange in offenem Zwiſte mit dem Geſetze geweſen, Signor Caſtellano, wenn Ihr es ſo wollt; aber ich bin an dieſes Mannes Tod ſo un⸗ ſchuldig, wie der edle Freiherr von Willading. Ich ge⸗ ſtehe auch offen, daß die Genueſer Behörden mich wegen eines geheimen Verſtändniſſes im Auge haben, in welchem die Republik mit ihren alten Feinden, den Savoyarden, ſteht; aber es handelt ſich dabei von Gewinn, nicht von Blut. Ich habe wohl auch getödtet, Signore, aber es geſchah im ehrlichen Kampfe, die Sache mag gerecht oder ungerecht geweſen ſeyn.“ „Es liegt bereits genug gegen dich vor, um den Ge⸗ brauch der Folter zu rechtfertigen, um das Übrige zu erfahren.“ „Nun ich ſehe keine Nothwendigkeit dazu,“ bemerkte der Landvogt.„Dort iſt der Todte, hier ſind ſeine Hab⸗ — 264— ſeligkeiten, und da ſteht der Schuldige. Wie mir dünkt, fehlen nur noch die Formen, um ſogleich das Beil in Anwendung zu bringen.“ „Unter allen ſündigen Vergehen gegen Gott und die Menſchen,“ begann der Walliſer wieder wie jemand, der im Begriff iſt, ein Urtheil auszuſprechen—„iſt das, welches eine lebendige Seele, unvorbereitet, ohne Beicht und Abſolution, mit allen ihren Sünden auf ihr, in einen andern Zuſtand und in die hehre Gegenwart des all⸗ mächtigen Richters fördert, das ſchwerſte und darf von dem Geſetz nie überſehen werden. Du haſt nicht viel zu deiner Entſchuldigung, Thomaſo Santi, denn deine Erziehung war weit über deine Lage und du haſt deiner Vernunft und dem entgegen, was dir in der Jugend gelehrt wurde, ein laſterhaftes und wüſtes Leben geführt. Du haſt daher nicht viel zu hoffen, denn der Staat, dem ich diene, liebt vor allem die Gerechtigkeit in ihrer gan⸗ zen Reinheit.“ „Wacker geſprochen, Herr Bourrit,“ rief der Land⸗ vogt,„und auf eine Weiſe, welche die Reue wie einen Dolch in des Verbrechers Seele ſchleudern muß. Was man in Wallis denkt und ſpricht, hallt in der Waadt zurück und ich wünſchte nicht, daß irgend jemand, der mir werth iſt, in deinen Schühen ſtände, Maſo, für die Ehren des Kaiſers.“ „Signori, ihr habt beide geſprochen und ihr ſpracht wie Männer, die das Glück von Kindheit auf begün⸗ ſtigte. Es wird denen, die im Glücke leben, leicht, in allem, was ſich auf Gold bezieht, ehrlich zu ſeyn, ob⸗ gleich ich— bei dem Lichte in der gebenedeiten Jung⸗ —-—— 4 ☛⁸—— 6õ 1 frau Maria Antlitz!— glaube, das Gold wird mehr von denen, die viel haben, als von den arbeitſamen und abgehärteten Armen erſehnt. Ich bin mit dem, was die Menſchen Gerechtigkeit nennen, nicht ganz unbekannt und weiß ihre Beſchlüſſe nach Verdienſt zu ehren und zu würdigen. Die Gerechtigkeit, Signori, iſt des Schwa⸗ chen Geiſel und des Starken Schwert; ſie iſt für den einen ein Bruſt⸗ und Rückenſchild, und eine Waffe, die der andere pariren muß. Kurz, ſie iſt ein Wort von hoher Bedeutung auf der Zunge, und von ſehr ungleicher Anwendung durch die That.“ „Wir überhören deine Sprache in Erwägung des Zuſtandes, in welchen dich deine Verbrechen geführt ha⸗ ben, unglücklicher Mann, obgleich ſie deine Vergehungen noch erſchwert, da ſie beweißt, daß du zumal gegen dich und uns geſündigt haſt. Wir müſſen es dabei bewen⸗ den laſſen; der Scharfrichter und die übrigen Reiſenden können frei gegeben werden; den Italiener übergeben wir den Ketten.“ Maſo hörte den Befehl ohne Uuruhe, obgleich er einen heftigen Kampf mit ſich zu kämpfen ſchien. Er ſchritt in der Kirche raſch auf und ab und murmelte etwas zwiſchen ſeinen Zähnen. Seine Worte waren nicht verſtändlich, obgleich ihr Sinn augenſcheinlich ſehr bedeutungsvoll war. Endlich ſtand er plötzlich ſtill, wie jemand, der ſeinen Entſchluß gefaßt hat. „Dieſe Sache wird ernſthaft,“ ſagte er;„ſie läßt kein ferneres Zaudern zu. Signor Grimaldi, heißt Alle die Kirche verlaſſen, in deren Verſchwiegenheit Ihr nicht das vollkommenſte Vertrauen ſetzt.“ * „Ich ſehe niemand, dem ich mißtrauen antwortete der überraſchte Genueſer. „Dann will ich ſprechen!“ müßte,“ Vierzehntes Kapitel. Dein Laut iſt uns wie Wind in ſtillen Wäldern. Shhelley. Maſo hatte während des ganzen vorhergehenden Auf⸗ trittes, trotz der Gewichtigkeit der Thatſachen, die ſich gegen ihn hauften, viel von jener feſten Selbſtbeherrſchung und Beurtheilungskraft behauptet, welche die Früchte eines mit Gefahren vertrauten irren Lebens und viel⸗ facher Wagniſſe waren. Zu dieſen Urſachen der Beſonnen⸗ heit darf man noch die eiſengleichen Nerven rechnen, welche ihm die Natur gegeben hatte. Dieſe letztern wur⸗ den nicht leicht erregt, ſo mißlich auch die Lage ſeyn mochte, in welcher er war. Dennoch hatte er die Farbe gewechſelt und ſeine Züge hatten jenen gedankenvollen und unſichern Ausdruck, welcher anzeigte, daß er ſich in einer Lage befand, welche alle Vorſicht und Geiſteskraft in Anſpruch nahm. Sein Entſchluß ſchien aber feſt zu ſtehen, als der die oben erwahnten Worte hören ließ und er wartete nur auf das Weggehen einiger Bedienſtigten, um ſeinen Vorſatz ins Werk zu ſetzen. Als die Thüre geſchloſſen, und nur die Richter, Sigismund, Balthaſar und die Gruppe der Frauen an dem Seiten⸗Altare zu — — — 267— ſehen waren, wandte er ſich mit einem ungemein ehr⸗ erbietigen Ausdruck ausſchließlich an Signor Grimaldi, als wenn das Urtheil, das über ſein Schickſal entſcheiden ſollte, lediglich von deſſen Willen abhing. „Signore,“ ſagte er,„es fanden viele geheime Deutungen zwiſchen uns ſtatt, und ich brauche wohl nicht zu bemerken, daß Ihr mir bekannt ſeyd.“ „Ich habe bereits einen Landsmann in dir erkannt,“ verſetzte der Genueſer kalt;„es iſt jedoch vergeblich, zu glauben, daß dieſer Umſtand einem Mörder zu gut kom⸗ men könne. Wenn etwas mich bewegen könnte, die Stimme der Gerechtigkeit zu vergeſſen, ſo würde die Erinnerung des großen Dienſtes, den du uns auf dem Leman erzeigt, dir am erſten zu ſtatten kommen. Wie die Dinge ſtehen, fürchte ich, haſt du nichts von mir zu erwarten.“ Maſo ſchwieg. Er ſah dem Andern feſt in das Ge⸗ ſicht, als wollte er ihm in der Seele leſen, obgleich er bemüht war, den Ausdruck einer hohen Ehrfurcht beizu⸗ behalten. „Signore, das Glück lächelte Euch hold bei Eurer Geburt. Ihr kamt zur Welt als der Erbe eines mäch⸗ tigen Hauſes, in welchem Gold in größerer Fülle ſich findet, als Jammer in eines armen Mannes Strohhütte und Ihr habt nicht durch Erfahrung lernen können, wie hart es iſt, die Sehnſucht nach jenen Freuden, welche das elende Metall verſchafft, zu unterdrücken, während wir Andere in deſſen Überfluß ſchwelgen ſehen.“ „Dieſe Ausrede kann dir nicht frommen, Unglück⸗ licher, ſonſt würde es um die menſchlichen Satzungen geſchehen ſeyn; der Unterſchied, von welchem du ſprichſt, — 268— iſt die einfache Folge der Eigenthumsrechte; und ſelbſt der Barbar gibt die heilige Pflicht zu, das zu achten, was einem Andern gehört.“ „Ein Wort von jemand Eures Gleichen, edler Si⸗ gnore, würde mir den Weg nach Piemont öffnen,“ fuhr Maſo unerſchütterlich fort:„bin ich jenſeits der Gren⸗ zen, ſo werde ich beſorgt ſeyn, den Felſen von Wallis nicht mehr zur Laſt zu fallen. Ich verlange nur, was durch mich gerettet worden iſt— das Leben.“ Signor Grimaldi ſchüttelte den Kopf, obgleich man bemerken konnte, daß er die verlangte Einſprache ungern ablehnte. Er und der alte Melchior von Willading ſahen ſich an; Alle, welche dieſen ſtummen Blick bemerkten, verſtanden, daß er ſagen ſollte, jeder betrachte die Pflicht gegen Gott für eine höhere Verbindlichkeit als die Dank⸗ barkeit für einen ihnen erwieſenen Dienſt. „Fordere Geld oder was du ſonſt willſt, aber ver⸗ lange nicht von mir, daß ich die Gerechtigkeit hemmen helfe. Gern hätte ich dir den zwanzigfachen Werth jenes elenden Tandes gegeben, um deßwillen du ſo unbeſonnen gemordet haſt, Maſo; aber ich kann kein Theilnehmer deines Verbrechens werden, indem ich Jacques Ver⸗ wandten die Sühne verweigere. Es iſt zu ſpät; ich kann dir nun nicht helfen, ſelbſt wenn ich wollte.“ „Du hörſt die Antwort dieſes edeln Herrn,“ ſagte der Gerichtsherr:„ſie iſt weiſe und paſſend und du überſchätzeſt ſeinen und aller Anweſenden Einfluß, wenn du glaubſt, die Geſetze könnten nach Belieben bei Seite geſetzt werden. Wärſt du ſelbſt ein Edelmann, oder der — 268— Sohn eines Fürſten, ſo müßte das Recht in Wallis ſei⸗ nen Lauf haben.“ Maſo lachelte wild, und doch war der Ausdruck ſeines glänzenden Auges ſo ironiſch, daß er ſeinen Rich⸗ ter in Unbehaglichkeit verſetzte. Auch Signor Grimaldi bemerkte die kühne, zuverſichtliche Miene mißtrauiſch, denn ſein Geiſt war innerlich durch einen Gegenſtand beunruhigt, der ſeinen Gedanken ſelten lange fremd war. „Wenn du mehr meinſt, als du ſagteſt,“ rief der Letztere,„ſo rede deutlich, um der gebenedeiten Jung⸗ frau willen!“ „Signor Melchior,“ fuhr Maſo zu dem Freiherrn gewendet fort,„ich war Euch und Eurer Tochter auf der See nützlich.“ „Wohl warſt du das, Maſo, wir geben es beide gern zu, und wär' es in Bern,— aber die Geſetze ſind fur Alle ohne Ausnahme, für die Reichen und für die Armen, für die, welche Freunde haben und für die, welche keine haben.“ „Ich habe von dieſer That auf der See gehört,“ ſiel Peterchen ein,„und wenn der Ruf nicht lügt— was, dem Himmel ſey es geklagt, der Ruf wohl manch⸗ mal thut, nur daß er denen, die in hohen Amtern ſtehen, immer ihr Recht angedeihen laßt— ſo haſt du dich in jener Sache wie ein braver und geſchickter Seemann be⸗ nommen, Maſo: aber der ehrenwerthe Gerichtsherr hat richtig bemerkt, daß die Gerechtigkeit allem Andern vor⸗ geht. Die Gerechtigkeit wird blind dargeſtellt, um darzu⸗ thun, daß ſie ſich nicht an Perſonen kehrt, und wärſt du der Schultheis, der Spruch muß erfolgen. Denke daher — 270— reif über alles Vorgefallene nach und du wirſt die Un⸗ möglichkeit deiner Unſchuld einſehen. Erſtlich haſt du den Weg verlaſſen, während du vor Jacques Colis voraus warſt, und haſt ihn wieder betreten, als es zu deinen Pla⸗ nen paßte; dann nahmſt du ihm um des Goldes willen ſein Leben—“ „Allein dadurch wird das als wahr angenommen, Herr Landvogt, was bis jetzt nur Muthmaßung iſt,“ un⸗ terbrach ihn il Maledetto.„Ich verließ den Weg, um Nettuno den Gürtel umzubinden, wo mich kein neugie⸗ riges Auge beachten konnte; und das Gold, von dem Ihr redet, angehend— würde wohl der Beſitzer eines Halsſchmuckes von dieſem Werthe ſeine Seele an einen Tand ſetzen, wie der des Jacques Colis iſt?“ Maſo ſprach mit einer Wegwerfung, die ſeine Sache nicht förderte; denn ſie hinterließ bei ſeinen Zuhörern den Eindruck, als wiege er die Sittlichkeit und Unſitt⸗ lichkeit ſeiner Handlungen einfach nach ihrem Erfolge ab. „Es iſt Zeit, der Sache ein Ende zu machen,“ ſagte Signor Grimaldi, der gedankenvoll und wehmüthig den Andern zugehört hatte:„du haſt mir etwas Beſonderes zu ſagen, Maſo; wenn du aber nichts anderes anzu⸗ ſprechen haſt, als unſer gemeinſchaftliches Vaterland, ſo bedaure ich, dir ſagen zu müſſen, daß»ies dir nicht aus dieſer Noth hilft.“ „Signore, die Stimme des Dogen von Genua erhebt ſich nicht oft fruchtlos, wenn er ſie zu Gunſten eines Andern hören laſſen will.“ Bei dieſer plötzlichen Verkündigung des Ranges des Reiſenden fuhren die Mönche und der Gerichtsherr er⸗ 6 8 82 —,— ſtaunt auf, und ein leiſes Murmeln der Verwunderung wurde in der Kirche gehört. Peterchens Lächeln und die Ruhe des Freiherrn von Willading zeigten jedoch, daß ſie wenigſtens nichts Neues erfuhren. Der Landvogt flüſterte dem Prior bedeutungsvoll zu und von dieſem Augenblicke an nahm ſein Betragen gegen den Genueſer noch mehr von dem Charakter förmlichen und amtlichen Reſpektes an. Signor Grimaldi blieb jedoch würdevoll gefaßt, wie Jemand, der daran gewöhnt iſt, ſich ehrerbie⸗ tig behandelt zu ſehen, obgleich ſein Weſen den geringen Grad von Zwang verlor, welchen ihm die Beachtung des zeitlichen Charakters, den er angenommen, aufgelegt hatte. „Die Stimme des Dogen von Genua darf nur zu Gunſten des Unſchuldigen Fürſprache einlegen,“ erwiderte er, den ſtrengen Blick auf das Geſicht des Angeklagten feſſelnd. Abermals ſchien il Maledetto mit einem Geheimniß zu kämpfen, das auf ſeiner Zunge ſchwebte. „Sprich,“ fuhr der Fürſt von Genua fort, denn dieſer hohe Beamte war es wirklich, der unbekannt und in der Hoffnung reiſte, ſeinen alten Freund bei dem Feſte zu Vevay zu finden;„ſprich, Maſo, wenn du etwas Be⸗ deutendes zu deinen Gunſten vorzubringen haſt, denn die Zeit dräaͤngt und der Anblick eines Mannes, dem ich ſo viel verdanke, und der ſich in einer ſo traurigen Lage befindet, ohne daß ich ihm zu helfen im Stande bin, wird mir peinlich.“ 1 „Signor Doge, Ihr könnt, obgleich taub gegen die Stimme des Mitleids, nicht taub gegen die der Natur ſeyn. 8 Das Geſicht des Dogen wurde dunkel, ſeine Lippen bebten faſt krampfhaft. „Weg mit dem Geheimniß, Mann des Blutes!“ ſagte er mit Kraft:„was willſt du?“ „Ich bitte Eure Eccellenza, ruhig zu ſeyn. Die Noth zwingt mich zu reden; denn, wie Ihr ſeht— ich ſtehe zwiſchen dieſer Offenbarung und dem Block— ich bin Bartolo Contini!“ Der Seufzer, der den zuſammengepreßten Lippen des Dogen ſich entrang, die Art, wie er auf ſeinen Stuhl ſank und die Todesfarbe, welche ſeine alten Züge bedeckte, bis ſie bleicher waren, als ſelbſt die des unglücklichen Opfers der Gewaltthätigkeit, rief alle Anweſende in Staunen und Schrecken zu ſeinem Sitze. Der Fürſt gab den ſich um ihn Drängenden ein Zeichen, Raum zu machen und blickte Maſo mit Augen an, welche aus ihren Höhlen brechen zu wollen ſchienen. „Du, Bartolomeo?“ rief er heiſer, als hätte der Schreck ſeine Zunge gelähmt. „Ich bin Bartolo und kein Anderer! Wer durch ein buntes Leben geht, hat Gelegenheit viele Namen zu er⸗ halten. Selbſt Eure Hoheit reiſ't zuweilen unter einer Wolke.“ Der Doge fuhr fort, den Redenden mit dem ſtarren Blicke anzuſchauen, der auf einem Weſen nicht⸗irdiſcher Art zu haften ſchien. „Melchior,“ ſagte er langſam, ſeine Augen nach und nach von der einen zu der andern der Geſtalten wendend, welche vor ſeinen Augen ſchwammen— denn Sigismund war, in lebhafter Beſorgniß um den alten Mal ſind der wie iſt 4 jene geba unſe glüc ſind unſe gute nam Blic Geſt wele noch „ein hier ſes Ger der 7 ein er⸗ iner rren cher nach lten denn alten — 273— Mann, an Maſo's Seite getreten—„Melchior, wir ſind nur ſchwache und elende Geſchöpfe in der Hand deſſen, der auf die Stolzeſten und Glücklichſten unter uns ſüht. wie wir auf den Wurm, der ſich auf der Erde windet. Wa iſt Hoffnung, was Ehre, und unſere innigſte Liebe in jenem großen Kreiſe von Begebenheiten, welche die Zeit gebährt? ſind wir ſtolz, ſo rächt ſich das Schickſal an unſerem Hochmuth durch ſeine Verhöhnung; ſind wir glücklich, ſo iſt's die Ruhe, die dem Sturm vorangeht; ſind wir groß, ſo führt uns dies nur zu Schritten, welche unſern Fall rechtfertigen; ſind wir geehrt, ſo wird unſer gute Name trotz aller unſerer Sorgfalt geſchändet.“ „Wer ſein Vertrauen in den Sohn der heiligen Jungfrau ſetzt, darf nimmer verzweifeln!“ ſagte der würdige Schlüſſelmeiſter leiſe, faſt zu Thränen gerührt durch den Kummer deſſen, den er achten gelernt hatte. „Laß das Glück der Welt entfliehen oder wechſeln, wie es will, ſeine erhebende Liebe überlebt die Zeit!“ Signor Grimaldi— denn dies war der Familien⸗ name des Dogen von ⸗Genua— wandte ſeinen ſtarren Blick auf den Auguſtiner, kehrte ihn aber ſchnell den Geſtalten und Geſichtern Maſo's und Sigismunds zu, welche noch vor ihm ſtanden und ſeine Gedanken mehr noch als ſeine Augen einnahmen. „Ja, es gibt eine Gewalt“— begann er wieder, „ein hohes und wohlthätiges Weſen, das unſere Looſe hier vertheilt und das, wenn wir mit den Unbilden die⸗ ſes Lebens beladen, zu dem andern übergehen, uns Gerechtigkeit widerfahren läßt. Sage mir, Melchior, der du meine Jugend gekannt, in meinem Herzen gele 79— 81. — 274— ſen haſt, wenn es offen dalag wie der Tag, wodurch habe ich dieſe Strafe verdient? Hier ſteht Balthaſar— der Sprößling einer Scharfrichter⸗Familie— ein Mann, den die öffentliche Meinung verdammt— den das Vor⸗ urtheil mit Haß umgibt— auf den die Menſchen mit Fingern deuten und den die Hunde bellend verfolgen— Balthaſar iſt der Vater jenes edeln Jünglings, deſſen Geſtalt ſo vollendet, deſſen Geiſt ſo adlig, deſſen Leben ſo rein iſt; während ich, der letzte eines Stammes, deſ⸗ ſen Alter ſich in der Dunkelheit der Zeit verliert, der Reichſte meines Landes, der Auserkohrene unter Meines⸗ gleichen, verflucht bin, einen Geachteten, einen gemeinen Räuber, einen Mörder zur einzigen Stütze meines Ge⸗ ſchlechtes— dieſen Maledetto, dieſen Verfluchten zum Sohne zu haben.⸗ Ein allgemeines Erſtaunen ergriff die Zuhbrer, da ſelbſt der Freiherr von Willading die wirkliche Urſache des Kummers ſeines Freundes nicht geahnt hatte. Maſo allein blieb unerſchültert; während der alte Vater die ganze Gewalt ſeines Schmerzes verrieth, zeigte der Sohn nichts von jenem Mitgefühle, von dem ſelbſt ein Leben wie das ſeinige, wie man erwarten durfte, nicht jede Spur in dem Herzen eines Kindes vertilgt haben konnte. Er blieb kalt, geſammelt, umſichtig und Herr jeder ſeiner Handlungen. „Ich kann es nicht glauben,“ rief der Doge, deſſen Seele ſich bei dieſer gefühlloſen Ruhe mehr noch als bei der Schmach, eines ſolchen Sohnes Vater zu ſeyn, em⸗ pörte;—„du biſt der nicht, der zu ſeyn du vorgibſt; du lügſt, damit mein natürliches Gefühl zwiſchen dich ———— =.„— und den Richtſtuhl trete! Beweiſe die Wahrheit, oder ich überlaſſe dich deinem Schickſale.“ „Signor, ich hätte Euch gerne dieſe unglückliche Scene erſpart, aber Ihr wolltet nicht. Dieſer Siegel⸗ ring, Euer Geſchenk, und mir gegeben in einer Fähr⸗ lichkeit wie dieſe mein Schirm zu werden, wird Euch beweiſen, daß ich Euer Sohn bin. Es iſt mir überdieß leicht, durch hundert Zeugen, die in Genua leben, die Wahrheit meiner Worte darzuthun.“ Signor Grimaldi ſtreckte eine Hand aus, die wie eine Espe zitterte, um den Reif, ein Kleinod von ge⸗ ringem Werthe, aber ein Siegelring, den er wirklich als Erkennungszeichen zwiſchen ihm und ſeinem Kinde, wenn das letztere ein plötzlicher Unfall treffen ſollte, ge⸗ ſendet hatte, zu empfangen. Er ſeufzte, als er auf die wohlbekannte Embleme blickte, denn es war kein Zwei⸗ fel, daß es ſein Ring ſey. „Maſo— Bartolo— Gaetano, denn dies, unglück⸗ licher Burſche, iſt dein rechter Name— du kannſt nicht wiſſen, wie bitter der Schmerz iſt, den ein unwürdiges Kind ſeinem Vater bringt, ſonſt würde dein Leben ein anderes geweſen ſeyn. O, Gaetano! Gaetano! Welche Hoffnungen kann ein Vater auf dich bauen? Welch eine Liebe kann er für dich fühlen! Ich ſah dich zum letzten Mal einen lächelnden unſchuldigen Cherub in den Armen deiner Amme und ich finde dich mit verderbter Seele, den reinen Quell deines Gemüthes getrübt, deine Geſtalt mit dem Stempel des Laſters bezeichnet und deine Hände mit Blut gefärbt; frühzeitig alt an Körper und mit ei⸗ 18* nem Geiſt, der bereits mit dem hölliſchen Makel d Verdammten behaftet iſt.⸗ „Signore, Ihr findet mich, wie ein wildes ſtürmi⸗ ſches Leben es wollte. Die Welt und ich ſind viele Jahre handgemein geweſen und indem ich mit den Geſetzen ſpiele, räche ich mich an dem Mißbrauch derſelben“— erwiderte il Maledetto eifrig, denn ſein Geiſt raffte ſich empor.„Du ſetzeſt mir hart zu, oder Vater — oder was du willſt— und ich mich meiner Abſtammung unwürdig zeigen, vergälte ich nicht gleiches mit gleichem. Vergleiche dein Leben mit dem meinigen und laß es, wenn du willſt, beim Schmettern der Trom⸗ peten verkündigen, wer am meiſten Grund hat, ſtolz zu ſeyn, und zu frohlocken. Du wurdeſt in den Hoffnungen und Ehren unſeres Geſchlechtes erzogen; deine Jugend verſtrich dir im luſtigen Waffengewerbe, wie du es woll⸗ teſt; als du des Wechſels müde warſt, und deine Freu⸗ den enger begränzen wollteſt, ſahſt du dich nach einem Mädchen um, das die Mutter deines Erben werden ſollte; du wandteſt dein ſehnendes Auge auf eine Ju⸗ gendliche, Schöne und Edle, deren Liebe, deren Wort aber feierlich, unwideruflich eines Andern waren.“ Der Doge ſchauderte und verhüllte ſeine Augen; aber er unterbrach Maſo heftig. „Ihr Verwandter war ihrer Liebe unwürdig,“ rief er;„er war ein Geächter, wenig beſſer als du, un⸗ glücklicher Burſche! „Es thut nichts, Signore; Gott hat Euch nicht zu ihrem Richter geſetzt. Indem Ihr ihre Familie durch Euern größern Reichthum in Verſuchung führtet, habt Ihr —-———, ———„— — 277— zwei Herzen vernichtet und die Hoffnungen Eurer Mit⸗ menſchen zerſtört. In ihr wurde ein Engel geopfert, mild, und rein, wie dieſes ſchöne Weſen, das jetzt ſo athemlos meinen Worten lauſcht; in ihm ein ſtolzer un⸗ gezähmter Geiſt, welcher der Schonung um ſo mehr be⸗ durfte, da er ſich eben ſo wohl zum Guten wie zum Schlimmen wenden konnte. Ehe Euer Sohn geboren ward, verzweifelte Euer unglücklicher Nebenbuhler, der ſo arm an Hoffnung als an Schätzen war, und die Mut⸗ ter Eures Kindes fiel als ein Opfer ihres raſtloſen Kum⸗ mers über ihre Treuloſigkeit und ſeine Verirrungen.“ „Deine Muttter war getäuſcht, Gaetano; ſie kannte nie den wahren Charakter ihres Vetters, ſonſt hätte ſich eine Seele, wie die ihrige, mit Abſcheu von dem Elen⸗ den gewendet.“ „Signore, es thut nichts,“ fuhr il Maledetto mit rauher Beharrlichkeit und einer Kälte fort, welche die Bezeichnung, die ſeinem Geiſte eben beigelegt worden war, und ihn mit einem hölliſchen Makel behaftet, dar⸗ ſtellte, wohl zu verdienen ſchien:„ſie liebte ihn mit eines Weibes Herzen; und mit eines Weibes Unbefangenheit und Zuverſicht ſchrieb ſie ſeinen Fall der Verzweiflung um ihren Verluſt zu.“ „O, Melchior! Melchior! Dies iſt ſchrecklich wahr!“ ſeufzte der Doge. „Es iſt ſo wahr, Signore, daß es auf meiner Mut⸗ ter Grab geſchrieben werden ſollte. Wir ſind Kinder ei⸗ nes feurigen Klima's; die Leidenſchaften gluhen in un⸗ ſerm Italien, wie die heiße Sonne, die dort flammt. Wenn die Verzweiflung den getäuſchten Liebhaber zu — 278— Handlungen trieb, welche ihn zum Geächteten machten, ſo war der Schritt zur Rache kurz. Euer Kind wurde geraubt, Euern Augen verborgen und unter Umſtänden in die Welt geſchleudert, welche nicht zweifeln ließen, daß es in Bitterkeit leben, und in der Verachtung, wenn nicht unter den Verwünſchungen ſeiner Mitmenſchen ſter⸗ ben würde. Alles dies, Signor Grimaldi, iſt die Frucht Eurer Irrthümer. Hättet Ihr die Liebe eines unſchuldi⸗ gen Mädchens geachtet, ſo möchten die traurigen Folgen weder Euch noch mich getroffen haben.“ „Iſt dieſes Mannes Geſchichte wahr?“ fragte der Freiherr, der mehr als einmal gewillt geweſen war, der rauhen Zunge des Redenden Einhalt zu thun. „Ich ſtelle ſie nicht in Abrede— ich kann es nicht; ich ſah mein Thun nie vorher in dieſem verbrecheriſchen Lichte und doch ſcheint alles ſchrecklich wahr.“ Il Maledetto lachte. Die um ihn waren, glaubten, dieſe unzeitliche Luſtigkeit gleiche dem Hohne eines Teufels. „So fahren die Menſchen fort zu ſündigen, wahrend ſie das Verdienſt der Unſchuld in Anſpruch nehmen!⸗ fügte er hinzu.„Laßt die Großen der Erde nur die Hälfte der Sorgfalt, welche ſie jetzt zeigen, Vergehen gegen ſie zu ſtrafen, aufbieten, ſie zu verhüten, und was jetzt Gerechtigkeit heißt, wird nicht länger der Vorwand ſeyn, der Wenige in den Stand ſetzt, auf Koſten der übrigen zu leben. Was mich betrifft, ſo bin ich ein Be⸗ weis, was edles Geblüt und erhabene Abſtammung an ſich vermögen. Da ich als Kind geraubt wurde, konnte die Natur frei auf meinen Charakter wirken, welcher, ich geſtehe es, mehr zu wilden Abentheuern und mann⸗ ze⸗ ate in⸗ haften Wagniſſen, als zu den Freuden der Marmorſäle hinneigt. Mein edler Vater, wäre dieſer Geiſt für einen Senator oder Dogen zugeſtutzt worden, möchte es Genua ſchlecht ergehen.⸗ „Unglücklicher,“ rief der entrüſtete Prior,„iſt dies die Sprache eines Kindes gegen ſeinen Vater? Vergißt du, daß Jacques Colis Blut an deinen Händen klebt?“ „Frommer Auguſtiner, die Aufrichtigkeit, mit wel⸗ cher ich meine allgemeine Gebrechlichkeit eingeſtanden habe, ſollte mir Zutrauen erwecken, wenn ich von beſon⸗ dern Anklagen ſpreche. Bei den Hoffnungen und der Frömmigkeit des hochwürdigen Kanonikus von Aoſta, deinem Schutzheiligen und Stifter, ich bin ſchuldlos an dieſem Verbrechen. Fragt Nettuno ſo viel Ihr wollt, oder wendet die Sache ſo vielfach als das Herkommen es erlaubt und laßt den Schein ſich noch ſo ſehr geltend machen— ich ſchwöre Euch, ich bin unſchuldig. Wenn Ihr glaubt, die Furcht vor Strafe bewege mich, eine Unwahrheit zu ſagen, ſo thut Ihr, bei dieſem heiligen Zeichen(er bekreuzigte ſich andächtig) meinem Muthe und meiner Gottesfurcht unrecht. Der einzige Sohn des regierenden Dogen von Genua hat von des Scharf⸗ richters Beil nichts zu fürchten!“ Abermals lachte Maſo. Es war die faſt in Muth⸗ willen übergehende Zuverſicht eines Menſchen, der die Welt kannte und zu kühn war, um auch nur den Schein zu achten, ſofern es ſeiner Laune nicht zuſagte. Ein Mann, der ſein Leben geführt hatte, konnte nicht erſt ſo ſpät erfahren, das die Blindheit der Gerechtigkeit öfter Verblendung gegen die Fehler der Vornehmen, als jene Unparteilichkeit andeute, auf welche dieſes Sinnbild hin⸗ weißt. Der Gerichtsherr, der Prior, der Landvogt, der Schlüſſelmeiſter und der Freiherr von Willading blickten einander wie betaäubt an. Des Dogen geiſtiger Kampf bildete mit der herzloſen und grauſamen Gefühlloſigkeit des Sohnes einen ſo furchtbaren Kontraſt, daß der An⸗ blick ihr Blut ſtarren machte. Dieſes Gefühl theilte ſich um ſo eher allen mit, je allgemeiner die Üüberzeugung war, daß man den herzloſen Verbrecher entſchlüpfen laſſen müſſe. Es war in der That kein Beiſpiel da, daß man den Sohn eines Fürſten zum Richtſtuhl geführt hätte, ſofern es nicht wegen eines Verbrechens geſchehen wäre, das mit der Erhaltung der Intreſſen des Vaters zuſammenhing. Vieles wurde in Grundſätzen und Denk⸗ ſprüchen von der Reinheit und Nothwendigkeit ſtrenger Unparteilichkeit in der Verwaltung der Gerechtigkeit vor⸗ gebracht, aber keiner der Anweſenden hatte ſein Alter und ſeine Erfahrung erreicht, ohne einige Einſicht in das wirkliche Lebensgetriebe erhalten zu haben, welche ſie lehrte, die Strafloſigkeit Maſo's vorherzuſehen. Einem künſtlichen und morſchen Gebaude würde zu viel Gewalt angethan worden ſeyn, wenn man erfahren hätte, daß der Sohn eines Fürſten nicht beſſer ſey, als der Geringſte und die zaudernden Gefühle des Vaters dienten gewiß zuletzt dem Verbrecher zum Schilde. Die Verlegenheit und Ungewißheit, in welcher man ſich befand, wurde gluͤcklicherweiſe, aber ganz unerwartet, durch Balthaſar's Dazwiſchentreten aufgehoben. Der Scharfrichter war bis zu dieſem Augenblicke ein ſchwei⸗ gender aufmerkſamer Zuhörer geweſen; jetzt drängte er ——— ſich aber in den Kreis, ſchaute in ſeiner ruhigen Weiſe von einem auf den andern und ſprach mit der Zuverſicht, welche die Gewißheit, Bedeutendes mitzutheilen zu haben, wohl dem Schwächſten Angeſichts derjenigen gibt, welchen ſie gewöhnlich mit Achtung begegnen. „Die abgebrochene Geſchichte Maſo's,“ ſagte er, „zieht einen Schleier von meinen Augen, der ſie faſt dreißig Jahre umhüllte. Iſt es wahr, erhabener Doge, daß ein Sohn Eures edeln Stammes durch die rach⸗ ſüchtige Feindſchaft Eures Nebenbuhlers geraubt und Eurer Liebe vorenthalten wurde?“ „Wahr! ach, zu wahr! hätte es doch der gebenedei⸗ ten Jungfrau, die ſeine Mutter ſo liebte, gefallen, ihn in den Himmel aufzunehmen, ehe der Fluch ihn und mich traf.“ „Verzeiht, edler Fürſt, wenn ich Euch in einem ſo ſchmerzlichen Augenblick mit Fragen läſtig falle. Es ge⸗ ſchieht jedoch in Euerm Intreſſe. Geſtattet nur die Frage, in welchem Jahre Euch dieſer Unfall traf?“ Signor Grimaldi gab ſeinem Freunde ein Zeichen, es zu übernehmen, auf dieſe ungewöhnlichen Fragen zu antworten, während er ſein ehrwürdiges Antlitz in ſeinen Mantel hüllte, um ſeinen Schmerz vor den Neugierigen zu verbergen. Melchior von Willading betrachtete den Scharfrichter erſtaunt und wollte einen Augenblick Fra⸗ gen, die ihm zudringlich ſchienen, zurückweiſen; aber der Ernſt der Züge und das ſanfte, beſcheidene Weſen Bal⸗ thaſar's beſiegten ſeinen Widerwillen. „Das Kind wurde im Herbſt des Jahres 1693 ge⸗ raubt,“ antwortete er, da ſeine frühern Unterhaltungen 282— mit ſeinem Freunde ihn mit allen wichtigen Thatſachen der Geſchichte bekannt gemacht hatten. „Und ſein Alter?“ „Es war beinahe ein Jahr alt.“ „Könnt Ihr mir ſagen, was aus dem ruchloſen Edelmann wurde, der dieſen ſchändlichen Raub be⸗ ging?“ „Das Schickſal des Signor Pantaleone Serrani iſt nie genau bekannt geworden, obgleich das Gerücht ging, er ſey in Euerm Streite in unſerer Schweiz gefallen. Daß er todt iſt, unterliegt keinem Zweifel.“ „Und ſeine Perſon, edler Freiherr— nur eine Schilderung ſeiner Perſon fehlt noch, um das volle Mit⸗ tagslicht auf das zu werfen, was ſo lange in Nacht ver⸗ hüllt war.“ „Ich kannte den unglücklichen Signor Pantaleone in früher Jugend ſehr genau. Er mag in der erwähnten Zeit zwanzig Jahre alt geweſen ſeyn, die Geſtalt ein⸗ nehmend und von mittler Höhe, die Züge hatten den italieniſchen Umriß, das dunkle Auge, die braune Haut, das glänzende Haar des Himmelsſtriches. Mehr kann ich nicht ſagen, ausgenommen, daß er in einer unſerer Fehden in der Lombardei einen Finger verloren hatte.“ „Dies reicht hin,“ erwiderte der aufmerkſame Bal⸗ thaſar.„Laßt Euern Kummer fahren, fürſtlicher Doge, und bereitet Euer Herz zu einer neuen Freude. Statt der Vater dieſes wilden Freibeuters zu ſeyn, gibt Got⸗ tes Gnade Euch endlich Euern wirklichen Sohn in Si⸗ gismund zurück, einem Kinde, das eines jeden Vaters Herz erfreuen muß, und wär' er ein Kaiſer!“ ——— hen — 283 Die Anweſenden hörten dieſe Erklarung mit dem größten Erſtaunen. Ein Schreckensruf entfuhr Marga⸗ rethens Lippen, die ſich der Gruppe in der Mitte der Kirche zitternd und angſtvoll näherte, als wenn das Grab ihr das Liebſte raubte. „Was höre ich?“ rief die Mutter, deren Gefühl zuerſt rege ward.„Kann es wahr ſeyn, Balthaſar? Soll ich in der That keinen Sohn haben? Ich weiß, du kannſt nicht mit den Gefühlen einer Mutter ſpielen, oder dieſen ſchwer getroffenen Edeln ſo mißleiten. Sag es noch einmal, damit ich die Wahrheit erfahre— Sigis⸗ mund—“ „Iſt nicht unſer Kind,“ antwortete der Scharfrich⸗ ter mit einem Ausdruck der Wahrheit in ſeinem Weſen, der die Überzeugung mit ſich brachte:„Unſer Sohn ſtarb in den glücklichen Jahren der Kindheit und um dein Gefühl zu ſchonen, nahm ich ohne dein Vorwiſſen dieſen Knaben an ſeiner Statt an.“ Margarethe näherte ſich dem jungen Manne. Sie blickte ihm nachdenklich in das glühende, erregte Antlitz, in welchem der Schmerz, ſich ſo unerwartet einer Fa⸗ milie, die er ſtets für die ſeinige gehalten, entriſſen zu ſehen, furchtbar mit einer wilden und unerklärlichen Freude kampfte, plötzlich einer Laſt überhoben zu ſeyn, unter welcher er ſo lange geſeufzt hatte. Dieſen letztern Ausdruck mit eiferſüchtiger Liebe deutend, ließ ſie ihr Antlitz auf ihre Bruſt ſinken und begab ſich ſchweigend zu den Frauen zurück, um zu weinen. Indeſſen bemächtigte ſich der verſchiedenen Anweſen⸗ den ein raſches und ſtürmiſches Erſtaunen, das ſich nach ihren mannigfaltigen Charakteren und nach dem Mas des Intreſſes, welches jedes an der W Jahrheit oder Un⸗ wahrheit des eben Mitgetheilten nahm, verſchieden ge⸗ ſtaltete. Der Doge hielt mit einer Beharrlichkeit, welche ſeinem frühern Schmerze gemaß war, an der Hoffnung feſt, ſo unwahrſcheinlich ſie war, während Sigismund wie außer ſich daſtand. Sein Auge ging von dem ein⸗ fachen und wohlmeinenden, aber erniedrigten Manne, den er für ſeinen Vater gehalten hatte, zu dem ehrwürdigen und Achtung gebietenden Edeln, welcher ſich ihm jetzt ſo unerwartet in dieſem geheiligten Charakter darſtellte. „Nargarethens Seufzer erreichten ſein Ohr und riefen ihn zuerſt zur Beſinnung zurück. Mit ihnen verſchmolz der neue Gram Chriſtinens, der zu Muth war, als hätte der grauſame Tod ihr nun einen Bruder geraubt. End⸗ lich die ſich ſträuhende Erregung derjenigen, deren Theil⸗ nahme an ihm ein zartlicheres und höheres Recht hatte! „Das iſt ſo wunderbar!“ ſagte der bebende Doge, der bange war, die nächſte Sylbe, die er hören würde, möchte die glückliche Täuſchung zerſtören,„ſo ſelt⸗ ſam unwahrſcheinlich, daß meine Vernunft nicht glauben will, wäͤhrend mein Herz ſich ſehnt zu glauben. Es iſt nicht genug, Balthaſar, daß du uns dieſe unerwartete Kunde mittheilſt; wir müſſen Beweiſe haben. Gib nur die Hälfte des Beweiſes, der nöthig iſt, eine Thatſache geſetzlich zu begründen, und ich will dich zum Reichſten deines Standes in der Chriſtenheit machen. Und du, Sigismund, komm näher an mein Herz, edler Jüng⸗ ling,“ ſetzte er mit ausgebreiteten Armen hinzu,—„da⸗ mit ich dich ſegne, ſo lange ich hoffen darf— daß ich ein genb nied ſank köſtl ſiche nes beha ließ Hoff ſtarl aller ter liche hing man des heil und dir nie den Sol voll Wo dig ten, — einen Schlag der Pulſe eines Vaters— einen Au⸗ genblick der Wonne eines Vaters fühle!“ Sigismund kniete vor dem ehrwürdigen Fürſten nieder und während deſſen Haupt auf ſeine Schulter ſank, miſchten ſich ihre Thränen. Aber ſelbſt in dieſem köſtlichen Augenblicke überkam ſie ein Gefühl der Un⸗ ſicherheit, als könnte die große Freude über ein ſo rei⸗ nes Glück nicht währen. Maſo blickte mit kaltem Miß⸗ behagen auf dieſe Scene. Sein abgewendetes Geſicht ließ ein ſtärkeres Gefühl gewahren, als das vereitelter Hoffnung, obgleich die Gewalt natürlichen Mitgefühls ſo ſtark war, daß ſie Beweiſe ihrer Kraft aus den Augen aller übrigen Anweſenden lockte. „Segen dir, Segen dir, mein Kind, mein vielgelieb⸗ ter Sohn!“ murmelte der Doge, ſich der unwahrſchein⸗ lichen Erzählung Balthaſars einen köſtlichen Augenblick hingebend und die Wangen Sigismunds küſſend, wie man ein lächelndes Kind liebkoßt—„möoge der Herr des Himmels und der Erde, ſein einziger Sohn und die heilige unbefleckte Jungfrau dich vereinigt ſegnen, jetzt und in Zukunft, wer du auch ſeyn magſt. Ich danke dir einen koſtbaren Augenblick des Glückes, wie ich ihn nie vorher empfand. Ein Kind zu finden, reicht hin, denſelben zu erzeugen, aber zu glauben, daß du dieſer Sohn biſt, grenzt an die Freuden des Paradieſes!’“ Sigismund küßte inbruͤnſtig die Hand, welche liebe⸗ voll auf ſeinem Haupte lag, wahrend der Greis dieſe Worte ſprach; dann ſtand er im Gefühle der Nothwen⸗ digkeit, eine Bürgſchaft für ſo ſüße Regungen zu erhal⸗ ten, auf und bat den, welcher ſo lange für ſeinen Vater gegolten hatte, dringend und angelegentlich, ſich deutlicher zu erklären und ſeine neugebornen Hoffnungen durch ir⸗ gend einen beſſern Beweis als ſeine bloße Betheuerung zu rechtfertigen; denn ſo feierlich die letztere gegeben worden, und ſo groß wie er wußte, die Wahrheitsliebe war, welche dem verachteten Scharfrichter nicht nur inne wohnte, ſondern die er auch allen einzuprägen be⸗ müht war, an deren Schickſal er Theil nahm, ſo ſchien doch ſeine Mittheilung allzu unwahrſcheinlich, um den Zweifeln deſſen zu widerſtehen, der wußte, daß ſein Glück die Frucht oder die Strafe ſeiner Wahrhaftigkeit ſey. Fünfzehntes Kapitel. Wir ruh'n— ein Traum kann unſern Schlaf vergiften; Erwachen— Ein Gedanke beſchimpft den Tag; Empfinden, denken, lachen oder weinen; Erdulden, oder lächeln unſrer Plag'. Shelley. Balthaſar's Erzählung war einfach aber beredt. Seine Verbindung mit Margarethe war trotz der Schmach und Ungerechtigkeit der Welt von jenem weiſen und gutigen Weſen geſegnet worden, welches den Wind für das ge⸗ ſchorne Lamm zu ſänftigen weiß. „Wir wußten, daß wir uns gegenſeitig alles waren,⸗ fuhr er fort, nachdem er die frühere Geſchichte ihrer Geburt und Liebe kurz angedeutet hatte,„und wir fühl⸗ ten die Nothwendigkeit, für uns zu leben. Ihr, die Ihr —+ 287— zu Ehren geboren ſeyd; die Ihr bei allen, die Euch be⸗ gegnen, Lächeln und ehrfurchtsvolle Blicke findet, Ihr kennt die Gefühle nicht, welche Unglückliche aneinander feſſeln. Als Gott uns unfern Erſtgebornen ſchenkte, und er, ein lächelnder Cherub, in ihrem Schooß lag und mit der Unſchuld zu i aukplickte, welche den Menſchen En⸗ geln am aͤhnlich ken macht,— da vergoß Margarethe bittere Thranen über den Gedanken, daß ein ſolches Weſen verdammt ſeyn ſollte, Menſchenblut zu vergieſ⸗ ſen. Der Gedauke, daß fer ſtets als ein Geächteter ſeiner Gattung leben ſollté, war bitter für ein Mut⸗ terherz. Wir machten dem Kanton viele Anerbietun⸗ gen, 1n dieſem Amte befreit zu werden; wir ſochen— Herr Melchior, Ihr müßt wiſſen, wie wir den Rat anflehten, wie andere und ohne dieſen fürchter⸗ lichen Fluch leben zu dürfen— aber man wollte nicht. Man ſagte, der Gehrauch ſey alt, der Wechſel gefähr⸗ lich und was Gott wolle, müſſe geſchehen. Wir konnten es nicht ertragen, daß die Laſt, welche ſo ſchwer auf uns druüͤckté, für immer als ein Fluch auf unſere Nach⸗ kommen vererben ſollte, Herr Doge,“ fuhr er fort, ſein ſanftes Geſicht mit dem Stolze der Ehrlichkeit erhebend; „die da in der Welt Ehren leben, können ſtolz auf ihre Vorrechte ſeyn; iſt aber Kränkung und Verachtung das Erbe, und ſieht uns die Welt mit Widerwillen an, dann zieht ſich das Herz krankhaft zuſammen. So fühlten wir, als wir auf unſern Erſtgebornen blickten. Der Wunſch, ihn der Schmach zu entreiſſen, ſiegte und wir ſannen über die Mittel nach.⸗ „Ja,“ fiel Margarethe finſter ein: eich trennte mich voon meinem Kinde und unterdrückte, ſtolze Herrn, der Mutter Sehnſucht, damit er nicht das Werkzeug Eurer erbarmungsloſen Grundſätze werde; ich entſagte der Freude einer Mutter, ihr Kind zu nähren und zu pfle⸗ gen, damit der kleine Unſchuldige unter ſeinen Mitge⸗ ſchöpfen lebe, wie Gott ihn erſchaffen, ihres Gleichen und nicht ihr Opfer!⸗ Balthaſar ſchwieg, wie er gewöhnlich that, wenn ſei kräftiges Weib eine ihrer ſtarken und männlichen Eigen⸗ ſchaften an den Tag legte und als ein tiefes Schweigen ihrer Bemerkung folgte, fuhr er fort: „Es fehlte uns nicht an Reichthum; wir wünſchten nur in der Achtung der Welt den Andern gleich zu ſtehen. Mit unſerm Gelde fanden wir leicht außerhalb unſers Kantons Leute, welche ſich entſchloſſen, den kleinen Sigis⸗ mund zu ſich zu nehmen. Ein vorgeblicher Tod, ein ſtil⸗ les Begräbniß thaten dann das ihrige. Die Täuſchung war nicht ſchwer, denn wenigen lag etwas an den Schmer⸗ zen einer Scharfrichter⸗ Familie, ſo wie an ihrem Glücke. 8 Das Kind war faſt ein Jahr alt, als ich aufgefordert ward, mein Amt an einem Fremden zu verrichten. Der Verurtheilte hatte bei einem Säufer⸗Zwiſt in einer un⸗ ſerer Kantonſtädte gemordet und ſollte ein Mann ſeyn, der mit dem koſtbaren Geſchenk der Geburt ſein Spiel getrieben, denn man vermuthete, er ſey von Adel⸗ Ich ging ſchweren Herzens, denn nie beſtieg ich das Gerüſte ohne zu wünſchen, es möchte das letzte Mal ſeyn; aber mein Herz wurde ſch hwerer, als ich den Ort erreichte, wo der Verbrecher ſein Schickſal erwartete. Die Nach⸗ richt von dem Tode meines armen Kindes erwartete ul — 289— mich, als ich die Schwelle des troſtloſen Gefängniſſes betrat und ich ging zur Seite, um über mein Unglück zu weinen, ehe ich in das Gemach meines Opfers ſchritt. Der Verurtheilte entſagte dem Leben ungern; er hatte mehrere Stunden vor dem verhängnißvollen Augenblick nach mir geſchickt, um, wie er ſagte, mit der Hand Be⸗ kanntſchaft zu machen, welche ſein Erſcheinen vor dem höchſten und ewigen Richter beſchleunigen ſollte.“ Balthaſar hielt inne; er ſchien über eine Scene nachzudenken, welche wahrſcheinlich einen unverlöſchlichen Eindruck auf ſein Gemüth gemacht hatte. Unwillkührlich ſchaudernd, erhob er ſein Auge von dem Boden der Kirche und ſetzte, ſtets in der ruhigen und demüthigen Weiſe, ſeine Erzählung fort. „Ich war wider Willen das Werkzeug manches ge⸗ waltſamen Todes— ich habe die leichtſinnigſten Sünder in dem Todeskrampfe plötzlicher und gezwungener Reue geſehen, aber ich war nie Zeuge eines ſo ſchrecklichen und wilden Kampfes zwiſchen Erde und Himmel— der Welt und dem Grabe— der Leidenſchaft und der Strafe der Vorſehung— wie die letzten Stunden dieſes Un⸗ glücklichen ihn zeigten. Es gab zwar Augenblicke, in welchen des Heilands milder Geiſt über ſeinen böſen Sinn ſiegte, aber das Gemälde war im Allgemeinen das einer ſo ungeſtümen Nache, wie die Höllenmächte allein ſie in einer Menſchenbruſt erzeugen konnten. Er hatte ein Kind bei ſich, das grade in dem Alter war, wo es der Bruſt entwöhnt werden konnte. Das Kind ſchien den heftigſten Kampf der Gefühle in ihm zu erregen; 79— 81. 19 — 290— er weinte über ihm und verfluchte ſeinen Anblick, obgleich der Haß die Oberhand zu haben ſchien.“ „Schrecklich! ſchrecklich!“ murmelte der Doge. „Es war um ſo ſchrecklicher, Herr Doge, da es von dem kam, der eben zum Tode verurtheilt war. Er wies die Geiſtlichen zurück; nur mich wollte er um ſich haben. Mein Herz verabſcheute den Elenden— aber ſo Wenige zeigten uns Theilnahme— und es wäre graufam gewe⸗ ſen, einen Sterbenden zu verlaſſen! Endlich überließ er das Kind meiner Sorgfalt und zahlte mehr Gold als nöthig war, um es anſtändig bis zum Mannesalter zu erziehen, ſo wie er mir auch anderes Werthvolle übergab, das ich als Belege aufhob, die eines Tags nützlich werden könnten. Was ich von des Kindes Abſtammung erfahren konnte, war einfach Folgendes: Es ſtammte aus Italien und von italieniſchen Eltern, ſeine Mutter war bald nach ſeiner Geburt geſtorben,“— ein Seußzer entſchlüpfte dem Dogen—„ſein Vater lebte noch und war der Gegenſtand des unverſöhnlichen Haſſes des Verurtheilten, ſo wie ſeine Mutter der ſeiner glühenden Liebe geweſen war; er war edler Herkunft und hatte in der Taufe den Namen Gaetano erhalten.“ „Er muß es ſeyn— er iſt— er iſt mein geliebter Sohn!“ rief der Doge, nicht fahig, ſich länger zu halten. Er breitete ſeine Arme weit aus, Sigismund warf ſich an ſeine Bruſt, obgleich er noch mächtige Beſorgniſſe hegte, Alles möchte nur ein Traum ſeyn.„Fahre fort— fahre fort— wackerer Batthaſar,“ ſetzte Signor Gri⸗ maldi hinzu, ſeine Augen trocknend und bemuht, ſich zu faſſen.„Ich kann nicht ruhen, ehe deine ganze wunder⸗ —— 2——— — 291— bare und herrliche Geſchichte bis zur letzten Sylbe ent⸗ hüllt ſeyn wird.“ „Es iſt nur wenig mehr zu ſagen, Herr Doge. Als die verhäͤngnißvolle Stunde gekommen, wurde der Ver⸗ brecher zu dem Orte gebracht, wo er ſein Leben endigen ſollte. Während er auf dem Stuhle ſaß, in welchem er den Todesſtreich empfangen ſollte, beſtürmten die Qualen der Hölle ſeinen Geiſt. Ich habe Grund zu glauben, daß es Augenblicke gab, in welchen er gerne ſeinen Frieden mit dem Himmel abgeſchloſſen hätte. Aber die Teufel ſiegten; er ſtarb in ſeinen Sünden. Von der Stunden an, wo der kleine Gaetano meiner Sorgfalt übergeben wurde, bemuhte ich mich unablaſſig, das Geheimniß der Abkunft des Kindes zu entdecken; die einzige Antwort zedoch, die ich erhielt, war der Befehl, das erhaltene Gold für mich zu benützen und den Knaben als meinen Sohn anzunehmen. Das Schwerdt war in meiner Hand und das Zeichen, den Streich zu führen, gegeben, als ich zum letzten Male nach dem Namen des Geſchlechtes und der Heimath des Kindes fragte, wie es eine Pflicht, die ich nicht vernachläſſigen konnte, mir gebot.„Es iſt dein — es iſt dein!“ war die Antwort:„ſage mir, Baltha⸗ ſar, iſt dein Amt erblich, wie es in dieſem Lande zu ſeyn pflegt?“ Ich war gezwungen, ja zu ſagen.„Dann nehme den Jungen an Kindesſtatt an; erziehe ihn, daß er ſich von dem Blut ſeiner Mitmenſchen mäſte.“ Als ſein Haupt fiel, ſah man in ſeinen wilden Zügen noch Spuren des hölliſchen Triumphs, mit welchem ſein Geiſt geſchieden war!“ „Das Ungeheuer war ein gerechtes Opfer der Ge⸗ 19* — — — 292 ſetze des Kantons,“ rief der Landvogt aus.„Du ſiehſt, Herr Melchior, daß wir recht thun, die Hand des Scharf⸗ richters zu bewaffnen, trotz der Gefühlligkeit der Schwach⸗ ſinnigen. Solch ein Elender war gewiß unwürdig zu leben.“ Der Ausbruch des Amtseifers Peterchens, der ſelten eine Gelegenheit verſäaumte, die beſtehende Ordnung der Dinge, wie die Mehrzahl derer, welche ihren ausſchließ⸗ lichen Vortheil im Auge haben, zu thun pflegt, zu prei⸗ ſen und das Schädliche aller Neuerungen hervorzuheben, fand nur geringe Aufmerkſamkeit, da die Anweſenden mit Balthaſars Erzählung zu ſehr beſchäftigt waren, um an etwas Anderes zu denken. „Was wurde aus dem Knaben?“ fragte der wür⸗ dige Schlüſſelmeiſter, welcher an dem Fortgange der Er⸗ zählung eine eben ſo große Theilnahme zeigte, wie die Ubrigen. 3 „Ich konnte ihn nicht aufgeben, Vater, und wünſchte es auch nicht zu thun. Er kam in einem Augenblick unter meine Obhut, als Gott unſern kleinen Sigismund zu ſich genommen hatte, um unſern Kummer über ein Loos zu ſtrafen, das er uns aufzuerlegen für gut befunden hatte. Das lebende Kind kam an die Stelle des Todten; ich gab ihm den Namen meines Sohnes und ich kann mit Wahrheit ſagen, daß ich die Liebe auf ihn übertrug, welche ich für mein eigenes Kind fühlte, obgleich die Zeit, die Gewohnheit und die Bekanntſchaft mit des Kindes Charakter vielleicht nothwendig waren, um das Übrige zu thun. Margarethe wußte nie von der Täuſchung, ob⸗ gleich der Inſtinkt und die Zärtlichkeit der Mutter Un⸗ X ruhe empfand und Zweifel erhob. Wir haben nie offen von, dieſer Sache mit einander geſprochen und, wie ihr, hört ſi ſie jetzt die Wahrheit zum erſten Male.“ „Es war ein ſchreckliches Geheimniß zwiſchen Gott und meinem Herzen!“ ſagte Margarethe leiſe.„Ich enthielt mich, nachzuforſchen— Sigismund, oder Gae⸗ tano, oder wie ihr ihn genannt wiſſen wollt, hatte meine ganze Liebe und ich bemühte mich, ruhig zu ſeyn. Der Jüngling iſt mir theuer und wird es immer ſeyn, wenn ihr ihn auch auf einen Thron ſetztet; aber Chriſtine— die arme unglückliche Chriſtine— ſie iſt wahrhaft das Kind meines Herzens!“ Sigismund kniete vor ihr nieder, die er ſtets für ſeine Mutter gehalten und bat ſie zärtlich um ihren Segen und ihre fernere Liebe. Die Thränen ſtrömten aus Mar⸗ garethens Augen, als ſie jenen freudig gab und dieſe nie vorzuenthalten verſprach. „Haſt du irgend eine Kleinigkeit oder eines der Kleider, welche du mit dem Kinde erhieltſt, oder kannſt du Auskunft von dem Srte geben, wo ſie noch gefunden werden können?“ fragte der Doge, deſſen Geiſt zu ſehr beſchäftigt war, ſeine Zweifel zu beſeitigen, um etwas anderm Gehör zu geben. „Alles findet ſich hier in dem Kloſter. Das Gold wurde redlich angewendet, um Sigismund als Krieger auszurüſten. Der Knabe blieb außerhalb des Kantons, erhielt den Unterricht, den ein gelehrter Geiſtlicher ihm geben konnte und als er das Alter erreicht hatte, ſchickte ich ihn nach Italien, das ich als ſein Geburtsland kannte, obgleich ich nie erfahren konnte, weſſen Fürſten Unter⸗ — 294— than er ſey, um dort Kriegsdienſte zu nehmen. Die Zeit war nun gekommen, wo ich es für meine Pflicht hielt, den jungen Mann von dem Verhältniſſe zwiſchen uns zu unterrichten; die Furcht, Margarethe und mei⸗ nem Herzen wehe zu thun, hielt mich zurück; auch kannte ich ihn hinreichend, um zu glauben, er werde eher uns, ſo gering und verachtet wir ſind, angehören wollen, als namenlos und verſtoßen, ohne Heimath, Vaterland und Verwandte in der Welt umher zu irren. Es war jedoch nothwendig zu ſprechen und es war meine Abſicht, hier in dem Kloſter und in Chriſtinens Gegenwart die Wahr⸗ heit zu enthüllen. Aus dieſem Grunde, und um Sigis⸗ mund in den Stand zu ſetzen, Erkundigungen nach ſei⸗ ner Familie einzuziehen, wurde alles, was mir der un⸗ glückliche Verbrecher übergeben hatte, ſeinem Gepäcke heimlich beigefügt. Alles befindet ſich in dieſem Augen⸗ blick auf dem Berge.⸗ Der ehrwürdige alte Fürſt zitterte heftig; denn mit dem tiefen Gefühle deſſen, der da bangt, ſeine theuer⸗ ſten Hoffnungen vernichtet zu ſehen, fürchtete er und ver⸗ langte zugleich ſehnſuchtsvoll, dieſe ſtummen aber wahren Beweiſe zu ſehen.. „Laßt alles herbeibringen!— Laßt alles ſogleich her⸗ beibringen und unterſuchen!⸗ ſagte er ängſtlich zu denen, die ihn umgaben. Dann wandte er ſich zu dem unbe⸗ weglichen Maſo und fragte: „Und du, Mann der Lüge und des Blutes! Was haſt du auf dieſe klare und wahrſcheinliche Angabe zu er⸗ widern?“ JI Maledetto lächelte, als wäre er über eine Schwäche erhaben, welche die Andern geblendet. Der Ausdruck ſeines Geſichtes hatte jene ruhige überlegenheit, welche die Gewißheit dem wohl Unterrichteten über den Zwei⸗ felnden und Getäuſchten gibt. „Ich habe zu erwidern, Signore und geehrter Va⸗ ter,“ antwortete er kalt,„daß Balthaſar eine ſcharfſin⸗ nig ausgedachte Erzählung recht geſchickt vorgetragen hat. Daß ich Bartolo bin, kann, ich wiederhole es, durch hundert lebende Zeugen in Jtalien bewieſen werden. Du weißt am beſten, wer Bartolo Contini iſt, Doge von Genuag.“ „Er ſagt die Wahrheit,“ antwortete der Fürſt, ſein Haupt ſchmerzlich getäuſcht ſenkend.„O Melchior, ich habe nur zu ſichere Beweiſe deſſen gehabt, was er ſagt. Ich war lange gewiß, daß dieſer verworfene Bartolo mein Sohn ſey, obgleich ich nie vorher das Unglück hatte, ihn zu ſehen. So ſchlecht ich mir ihn denken mußte, ſo hat ihn doch meine ärgſte Furcht ihn nicht gemalt, wie ihn die Wirklichkeit jetzt zeigt.“ „Lief kein Betrug hier unter— biſt du nicht das Spiel irgend eines Planes, bei welchem es auf Geld ab⸗ geſehen war?“ Der Doge ſchüttelte den Kopf⸗ als könne er ſich un⸗ möglich mit einer ſolchen Hoffnung ſchmeicheln. „Nein! Meine Geldanerbietungen ſind immer zu⸗ rückgewieſen worden.“. „Warum hätte ich das Geld meines Vaters nehmen ſollen?“ ſetzte il Maledetto hinzu:„mein Geſchick und mein Muth halfen mir ſtets mehr, als das Nöthige er⸗ werben.“ Die Art der Antwort und die große Faſſung Maſo's erzeugten eine verlegene Pauſe. „Laßt Beide ſich hinſtellen und vergleichen wir ſie mit einander,⸗ ſagte endlich der verwirrte Schlüſſelmei⸗ ſter:—»die Natur enthüllt oft Geheimniſſe, wenn die höchſten Anſtrengungen der Menſchen nicht ausreichen— wenn einer von beiden das rechte Kind des Fürſten iſt, ſo muß ſich eine Ahnlichkeit finden, welche den Anſpruch unterſtützt.⸗ So zweifelhaft der Verſuch war, wurde der Ge⸗ danke doch eifrig ergriffen, denn die Wahrheit war jetzt ſo verwickelt geworden, daß alle Anweſende die größte Theilnahme bezeigten. Der Wunſch, das Geheimniß auf⸗ geklärt zu ſehen, war allgemein und die unbedeutendſten Mittel, einen ſolchen Zweck zu erreichen, ſtiegen in dem Verhältniß an Werth, in welchem die Schwierigkeiten ſich mehrten. Sigismund und Maſo traten in das Licht der Lampe vor und jedes Auge wandte ſich begierig auf ihre Züge, um einige jener geheimen Merkmale, an wel⸗ chen die geheimnißvollen Naturverwandtſchaften erkannt werden können, zu entdecken, oder ſich einzubilden, es habe ſie entdeckt. Man hätte keinen verwirrenderen Vor⸗ ſchlag machen können. Nach einigen Zeichen konnte der Sieg jedem der Anſpruch machenden zugeſtanden werden, wenn ja ein ſolcher Ausdruck in Bezug auf den paſſiven Sigismund gebraucht werden darf, vieles aber ſtellte die Rechte des letzteren in Abrede. In Betracht der oliven⸗ farbnen Haut, des dunkeln, glänzenden, rollenden Auges und in der Geſtalt war der Vortheil ganz auf Maſo's Seite, deſſen Geſichtsumriß und durchdringender Aus⸗ druck auch mit denen des Dogen eine ſo vorſtechende Ahn⸗ lichkeit hatte, daß ſie jedem auffallen mußte, der ſie fin⸗ den wollte. Die Lebensart des Seemanns hatte wahr⸗ ſcheinlich die Ähnlichkeit vermindert, aber ſie war zu augenſcheinlich, um der Beachtung zu entgehen. Jenes abgehärtete und rauhe Ausſehen, welches eine Folge ſei⸗ nes wüſten Umſchweifens war und es unmöglich machte, ſein wirkliches Alter genau anzugeben, trug auch ein wenig dazu bei, das, was man den ſichtbaren Charakter ſeines Geſichtes nennen konnte, zu verbergen; aber die Züge ſelbſt waren unläugbar eine rohe Kopie der feine⸗ ren Züge des Fürſten. Der Fall war hinſichtlich Sigismunds anders. Der Vortheil der friſchen und kräftigen Jugend ließ ſeine Ähn⸗ lichkeit mit dem Dogen— in den Punkten, in welchen eine ſolche beſtand— ſo hervortreten, wie wir ſie zwi⸗ ſchen Bejahrten und den Portraits gewahren, welche in ihren jüngern und glücklichern Tagen gemalt worden ſind. Der kühne Umriß der Züge war dem edeln Ausdruck des ehrwürdigen Dogen nicht unähnlich, aber Auge, Haar und Geſichtsfarbe war nicht italieniſch. „Du ſiehſt,“ ſagte Maſo ſpöttiſch, als der getäuſchte Schlüſſelmeiſter den Unterſchied in den letztern Einzeln⸗ heiten zugeſtand—»dies iſt ein Betrug, der nicht Stich hält. Ich ſchwöre euch, ſo wahr Glauben in dem Men⸗ ſchen und Hoffnung in dem Herzen des ſterbenden Chri⸗ ſten wohnt, daß ich, ſo weit jemand ſeine Abſtammung kennen kann, das Kind Gaetano Grimaldi', des jetzigen Dogen von Genua und keines andern Mannes bin! Mögen die Heiligen mich verlaſſen— die heilige Mutter — 298.— Gottes gegen meine Gebete taub ſeyn— alle Menſchen mich mit ihrem Fluche verfolgen, wenn ich nicht die hei⸗ lige Wahrheit rede!« Der ſchreckliche Nachdruck, mit welchem er dieſen feierlichen Eid ausſprach und eine gewiſſe Ehrlichkeit, die ſein Weſen und wir möchten, trotz der wüſten Sorg⸗ loſigkeit ſeiner Grundſätze, ſagen, ſeinen Charakter aus⸗ zeichneten, trugen viel dazu bei, die wachſende Meinung zu Gunſten ſeines Mitwerbers zu ſchwächen. „Und dieſer edle Jüngling?⸗ fragte der bekümmerte Doge—» dieſer herrliche, treffliche Jüngling, den ich bereits mit der ganzen Freude eines Vaters an meinem Herzen hielt— wer und was iſt er?⸗ „Eccellenza, ich wünſche nichts gegen den Signor Sigismondo zu ſagen. Er iſt ein wackerer Schwimmer und eine feſte Stütze zur Zeit der Noth. Sey er ein Schweizer oder ein Genueſer— jedes Land kann ſtolz auf ihn ſeyn; aber die Selbſtliebe lehrt uns alle, unſer Beſtes vor dem jedes Andern zu wahren. Es iſt weit angenehmer, in dem Palazzo Grimaldi, an unſerm war⸗ men und ſonnigen Golf, geehrt und geachtet als der Erbe eines edeln Namens zu leben, als Kopfabſchneider zu Bern zu ſeyn; und der ehrliche Balthaſar folgt nur ſei⸗ nem Inſtinkt, wenn er ſeines Sohnes Beförderung ſucht.⸗ Jedes Auge wandte ſich jetzt auf den Scharfrichter, der durch dieſe forſchenden Blicke nicht geſchreckt ward, ſondern den feſten Ausdruck deſſen beibehielt, der ſich keines Unrechts bewußt iſt. 3 „Ich habe nicht geſagt, daß Sigismund irgend eines Mannes Sohn ſey,“ antwortete er ſanft, aber mit einer 299— Feſtigkeit, welche ihm das Zutrauen der Hörer gewann. „Ich habe nur geſagt, er gehöre nicht mir an. Kein Vater kann ſich einen würdigern Sohn wünſchen und der Himmel weiß, daß ich meiner Tochter mit einem Schmerz entſage, welchen ich kaum ertragen würde, hoffte ich nicht, daß ein beſſeres Schickſal ſeiner harrt, als das, welches aus der Verbindung mit einem verfluchten Ge⸗ ſchlechte hervorgehen kann. Die Ahnlichkeit, welche man bei Maſo findet und die Sigismund fehlen ſoll, beweißt wenig, edle Herrn und hochwürdige Mönche, denn alle, die ſich mit dergleichen genauer befaßt haben, wiſſen, daß man oft ÄAhnlichkeiten zwiſchen entfernten Gliedern derſelben Familie findet, ſo wie zwiſchen denen, die nä⸗ her verbunden ſind. Sigismund ſtammt nicht von uns ab, und niemand kann in ſeiner Perſon und in ſeinen Zügen eine Spur von meiner oder Margarethens Fa⸗ milie finden.“ Balthaſar ſchwieg, damit man dieſe Ausſage der Prüfung unterwerfe, und in der That hätte der durch⸗ dringendſte Blick nicht die entfernteſte Verwandtſchaft in dem Außern des jungen Kriegers und derer entdecken können, welche er ſo lange für ſeine Eltern gehal⸗ ten hatte. „Laßt den Dogen von Genua ſein Gedächtniß zu Rath ziehen und weiter blicken, als er ſelbſt ſchaut. Kann er kein ſchlummerndes Lächeln, keine Farbe des Haares, kein anderes äußeres Kennzeichen finden, das der Juͤngling mit denen gemein hat, die er einſt kannte und liebte?“ Der erregte Doge wandte ſich raſch zu Sigismund — 360— und ein Strahl der Freude überglänzte ſein Antlitz wie⸗ der, als er des jungen Mannes Züge betrachtete. „Bei San Francesco! Melchior, der ehrliche Bal⸗ thaſar hat recht. Meine Großmutter war eine Vene⸗ tianerin und ſie hatte das blonde Haar des Jünglings, auch ſein Auge iſt das ihrige— und— ha!“ ſein Haupt neigte ſich und er verhüllte ſeine Augen—„ich ſehe den bekümmerten Blick, den die fromme und gekränkte Angiolina ſtets zeigte, nachdem mein größerer Reichthum und mein Anſehen ihre Verwandten beſtochen, ſie zu zwingen, mir ihre Hand wider ihren Willen zu reichen! — Elender! Du biſt nicht Bartolo! deine Ausſage iſt ein ſchlechter Betrug, um dich gegen die Strafe zu ſchutzen, die deinem Verbrechen gebührt.“ „Eccellenza, wenn ich zugeſtehe, ich ſey nicht Bar⸗ tolo, macht Signor Sigismondo Anſprüche, derſelbe zu ſeyn? Habt Ihr nicht verſichert, ein gewiſſer Bartolo Contini, ein Mann, der ſein Leben in offener Fehde mit den Geſetzen hinbrachte, ſey Euer Kind? Habt Ihr nicht Euern Schreiber und Vertrauten gebraucht, Euch Gewißheit zu verſchaffen? Hörte er nicht aus dem Munde eines frommen Geiſtlichen, der alle Umſtände genau kannte, Bartolo Contini ſey der Sohn Gaetano Gri⸗ maldi's? Hat nicht der Genoſſe Eures unverſöhnlichen Feindes, Chriſtofero Serrani, Euch daſſelbe zugeſchwo⸗ ren? Habt Ihr nicht Papiere geſehen, welche mit Euerm Kinde entkamen und die Alles beſtätigt? Und habt Ihr nicht dieſen Siegelring als Pfand geſendet, daß Bartolo Eurer Hülfe in jeder Fährlichkeit, die ihm in ſeiner wilden Lebensweiſe zuſtoßen könne, gewiß ſeyn dürfe, 1 —— — 301— als ihr erfuhrt, daß er entſchloſſen ſey, lieber zu bleiben, was er war, als ein Bild krankelnder Reue und friſch angenommenen Adels in Euerm prachtvollen Pallaſt in der Straße Balbi zu werden?“ Der Doge beugte ſein Haupt abermals in Gram, denn er wußte, daß alles dies wahr ſey und keinen Schatten von Hoffnung laſſe. „Hier waltet irgend ein trauriges Mißverſtändniß,“ ſagte er mit bitterm Kummer.„Du haſt das Kind irgend eines andern beraubten Vaters angenommen, Bal⸗ thaſar; obgleich ich aber nicht hoffen kann, mich als Si⸗ gismunds natürlicher Vater zu erweiſen, ſoll er in mir wenigſtens die Liebe und die Hülfe eines Vaters finden. Wenn er mir ſein Leben nicht ſchuldet, ſo danke ich ihm das meinige; dieſe Schuld ſoll ein Band zwiſchen uns bilden, das dem nicht nachſtehen wird, welches von der Natur herrührt.“ „Herr Doge,“ erwiderte der Scharfrichter ernſt, „laßt uns nicht zu raſch ſeyn. Wenn vieles zu Gunſten der Rechte Maſv's ſpricht, ſo gibt es auch Umſtände, welche für Sigismund reden. Mir iſt die Geſchichte des letztern wahrſcheinlich klarer, als ſie einem andern ſeyn kann. Die Zeit, das Land, das Alter des Kindes, der Name und die ſchrecklichen Ausſagen des Verbrechers— Alles ſpricht zu Gunſten Sigismunds. Hier iſt Alles, was mir mit dem Kinde gegeben worden; möglich, daß auch dadurch ſeine Anſprüche mehr in das rechte Licht treten.. Balthaſar hatte Mittel gefunden, die fraglichen Ge⸗ genſtände unter Sigismunds Gepäcke aufzufinden und — — — 3⁰2— herbeizuſchaffen und begann nun ſie vorzuzeigen, während ein athemloſes Schweigen die Theilnahme verrieth, mit welcher man das Ergebniß erwartete. Zuerſt breitete er eine Anzahl Kinderkleider auf dem Boden auseinander. Die einzelnen Gegenſtände waren reich und der Mode jener Zeit gemäß, aber ſie enthielten keine beſtimmten Beweiſe, welche die Abſtammung des damit Bekleideten herſtellen helfen konnte, nur machten ſie es wahrſchein⸗ lich, daß er von einem höhern Lebensrange ſeine Abkunft herleite. Wie die verſchiedenen Gegenſtände auf dem Boden ausgebreitet lagen, knieten ſich Adelheid und Chri⸗ ſtine daneben, da jede mit dem Fortgang der Unterſuchung zu lebhaft beſchäftigt war, als daß ſie jener Formen hät⸗ ten gedenken mögen, welche gemeiniglich den Sitten ihres Geſchlechtes einen Zwang auflegen. Chriſtine ſchien in einem neugebornen Intreſſe an dem Schickſale ihres Bruders für einen Augenblick ihres Kummers zu ver⸗ geſſen, während Adelheids Ohr jede Sylbe, die den Lip⸗ pen der verſchiedenen Sprecher entfiel, mit einer Be⸗ gierde trank, die nur das innigſte Mitgefühl mit dem Jüngling einflößen konnte. „Hier iſt ein Käſtchen mit Gegenſtänden von Werth,“ fügte Balthaſar hinzu.„Der Verurtheilte ſagte, ſie ſeyen⸗ aus Verſehen mitgenommen worden und er habe das Kind in der Einſamkeit des Gefängniſſes damit ſpie⸗ len laſſen.“ „Dies waren die erſten Geſchenke, die ich meiner Gattin für die Gabe machte, welche ſie mir in dem hol⸗ den Knaben bot!“ ſagte der Doge in einem gedämpften Tone, wie man ſich deſſen wohl bedient, wenn man Ge⸗ — 363— genſtände unterſucht, welche die Anweſenheit des Todten zurückrufen—„fromme Angiolina! dieſe Juwelen erin⸗ nern mich an dein blaſſes aber glückliches Geſicht; du fühlteſt in jenem geheiligten Augenblick die Freuden einer Mutter und konnteſt ſelbſt mich anlächeln!“ „Und hier iſt ein Talisman mit einem Saphir und vielen morgenländiſchen Schriftzeichen; ich erfuhr, er ſey ein Familien⸗Erbſtück und der Vater des Kindes habe ihm daſſelbe bei ſeiner Geburt um den Hals gehängt.“ „Ich weiß genug— ich weiß genug! Gott ſey für dies geprieſen— die letzte und größte ſeiner Gnaden!“ rief der Fürſt, ſeine Hände andächlig faltend.„Dieſes Kleinod habe ich als Kind getragen und, wie du ſagteſt, mit eigener Hand um den Hals des Kindes gehängt— ich verlange nicht mehr zu wiſſen.“ „Und Bartolo Contini?“ ſagte il Maledetto. „Maſo!“ rief eine Stimme, die bis jetzt in der Kirche ſtumm geweſen war. Adelheid hatte den Namen ausgeſprochen. Ihr Haar war in wilder Fülle über ihre Schultern gefallen, wie ſie ſich über die Gegenſtände auf dem Boden beugte, und ſie faltete ihre Hände fle⸗ hend, als wollte ſie die rauhen Unterbrechungen abbitten, welche den Becher ſo oft von ihren Lippen geriſſen hat⸗ ten, wenn ſie im Begriffe waren, ſich dem entzückenden Glauben hinzugeben, Sigismund ſey das Kind des Dogen von Genua. „Du biſt auch eine aus jenem zärtlichen und ſchwachen Geſchlechte, welche die Zahl vertrauenvoller Seelen ver⸗ mehren ſoll, die durch die Selbſtſucht und die Falſchheit der Männer verrathen wurden,“ antwortete der See⸗ — 394— mann höhniſch.„Fort, Mädchen— werde eine Nonne, dein Sigismund iſt ein Betrüger.“ Adelheid hinderte durch eine ſchnelle aber entſchiedene Dazwiſchenkunft ihrer Hand eine ungeſtüme Bewegung des jungen Kriegers, die ſeinen verwegenen Gegner zu ſeinen Füßen hingeſtreckt hätte. Ohne ihre kniende Stel⸗ lung zu ändern, ſprach ſie nun beſcheiden aber mit einer Feſtigkeit, welche großmüthige Regungen wohl dem Weibe ſchneller als dem ſtärkern Geſchlechte mittheilen, wenn auſſerordentliche Gelegenheiten das Opfer jener Zurück⸗ haltung fordern, hinter welche ſich ihre Schwäche gewöh n⸗ lich zurückzieht. „Ich weis nicht, Maſo, wie du das Band kennen gelernt haſt, das mich an Sigismund feſſelt,“ ſagte ſie; naber ich hege fortan den Wunſch nicht, es zu verheim⸗ lichen. Sey er der Sohn Balthaſars, oder der Sohn eines Fürſten, er hat mit der Einwilligung meines theuern Vaters mein Treuwort und unſer Schickſal wird bald unzertrennlich ſeyn. Es mag ungewöhnlich ſeyn, daß eine Jungfrau ihre Neigung zu einem Jüngling ſo offen eingeſteht; aber Sigismund hat hier, allein ſtehend, von der lange geduldeten Schmach niedergedrückt, und in ſeinen tiefſten Gefühlen beruhrt, ein Recht auf meine Stimme. Wem er auch gehören mag, ich ſpreche auf meines Vaters Geheiß, wenn ich ſage, er gehört uns an.“ h iſt dies wahr?“ rief der Doge. „Des Mädchens Worte ſind nur der Widerhall deſ⸗ ſen, was mein Herz fühlt,“ antwortete der Freiherr, ſtolz um ſich blickend, als zurne er jedem, der ſich an⸗ maf nen Wa ford dich ſpra laſſe und wa ma ſche in mö den Lel daf haꝛ und ler un fu me ker 395— maße zu glauben, er habe durch dieſe Einwilligung ſei⸗ nem alten Stamme etwas vergeben. „Ich habe dein Auge beobachtet, Maſo, da mich die Wahrheit ſo nahe anging,“ fuhr Adelheid fort,„und ich fordere dich nun auf, ſo lieb dir dein Seelenheil iſt, dich offen auszuſprechen. Während du die Wahrheit ſprachſt, hat die wachſame Liebe des Weibes mich ſehen laſſen, daß du nicht Alles geſagt haſt. Sprich daher und löſe dieſe Qual von der Seele des ehrwürdigen Dogen.“ „Um meinen Leib dem Rade zu überliefern! Der warmen Einbildungskraft eines liebekranken Mädchens mag das anſtehen, wir Schleichhändler aber kennen die Men⸗ ſchen zu gut, um ohne Noth einen Vortheil wegzuwerfen.“ „Du kannſt unſerm Worte glauben. Ich habe dich in den letztern Tagen näher kennen gelernt, Maſo, und möchte dich der blutigen That nicht fähig halten, die auf dem Berge begangen worden, obgleich ich fürchte, dein Leben ſey nur zu regellos; aber ich will nicht glauben, daß der Held des Leman der Mörder des St. Bern⸗ hard ſeyn koͤnne.“ „Wenn deine Jugendtraume vorüber ſind, Holdſelige, und du die Welt in ihrer wahren Farbe ſiehſt, wirſt du lernen, daß die Herzen der Männer halb dem Himmel und halb der Hölle angehören.“ Bei dieſen Worten lachte Maſo in ſeiner ſorgloſen Weiſe. „Du kannſt nicht läugnen, daß du Gefühl haſt,“ fuhr das Mädchen feſt fort:„du freuſt dich heimlich mehr, deinen Mitmenſchen nützlich zu ſeyn, als ſie zu krän⸗ ken. Du kannſt jene Fährlichkeiten nicht mit Sigismund beſtanden haben, ohne dir einen Theil ſeiner edlen Groß⸗ 79— 81. 20 — 306— muth angeeignet zu haben. Ihr habt beide zu unſerm gemeinſchaftlichen Beſten gekämpft, ihr habt gleichen männlichen Muth, ein gleich kühnes Herz, eine gleich kräftige Hand und den gleichen Willen, Andern Gutes zu thun. Solch ein Herz muß der edeln und menſch⸗ lichen Triebfedern genug haben, um ihm die Gerechtig⸗ keit werth zu machen. Sprich darum, und ich gebe dir unſer heiligſtes Wort, daß deine Offenheit dir mehr Nutzen bringen ſoll, als wenn du dich hinter dieſem Be⸗ truge verſteckſt. Bedenke, Maſo, daß das Glück dieſes alten Mannes, Sigismunds und— denn ich erröthe nicht, es zu ſagen— eines ſchwachen und liebevollen Mädchens in deiner Hand iſt. Sage uns die Wahrheit, die heilige reine Wahrheit und wir verzeihen, was ge⸗ ſchehen iſt.“ Il Maledetto war von dem ſchönen Eifer der Spre⸗ chenden bewegt. Die Freimüthigkeit, mit welcher ſie ſich ausſprach und die Feierlichkeit ihrer Aufforderung mach⸗ ten ihn in ſeinem Vorſatze wankend. „Du weißt nicht, was du ſagſt, Fräulein; du for⸗ derſt mein Leben,“ antwortete er in ſich verſenkt, ſo daß die ſterbenden Hoffnungen des Dogen ſich neu belebten. „Es gibt nichts Heiligeres, als die Gerechtigkeit,“ fiel der Gerichtsherr ein, der allein hier Recht zu ſpre⸗ chen hatte—„und ihre Diener ſind wohl berechtigt, ſie ungeſühnt zu laſſen, damit ein höherer Zweck durch ein ſolches Opfer erreicht werde. Wenn du etwas darthun wirſt, das für die Intreſſen des Fürſten von Genua von großer Bedeutung iſt, ſo iſt Wallis es der Liebe, welche es für jenen Freiſtaat hegt, ſchuldig, den Dienſt zu belohnen.“ —— — 307— Maſo hörte anfangs kalt zu. Er fühlte das Miß⸗ trauen deſſen, der die Welt hinreichend kennen gelernt hatte, um alle die tauſend Ausflüchte zu kennen, zu wel⸗ chen die Menſchen greifen, um ihre täglichen Treuloſig⸗ keiten zu rechtfertigen. Er bat den Richter, ſich beſtimmt zu äußern und erſt nach geraumer Zeit und nach langen und beſchwerlichen Erlauterungen von beiden Seiten ka⸗ men die Partheien zu einem Verſtändniß. Von Seiten derer, welche bei dieſer Gelegenheit die Stellvertreter jener erhabenen Eigenſchaft der Gottheit waren, welche bei den Menſchen Gerechtigkeit genannt wird, unterlag es keinem Zweifel, daß ſie es verſtanden, ihre Pflichten mit gewiſſen Beſchränkungen zu erfüllen, welche nach Belieben zu Gunſten ihrer Abſichten eintreten konnten; und von Maſo's Seite wurde kein Verſuch ge⸗ macht, den Argwohn, den er bis zuletzt nährte, zu ver⸗ bergen, daß er der Strafe nicht entgehen werde, wenn er die Stärke der Schutzwehr im geringſten minderte, welche ihn bis jetzt als den wirklichen oder angeblichen Sohn einer ſo mächtigen Perſon wie des Dogen von Genua ſchirmte. Wie es gewöhnlich geht, wenn der gegenſeitige Wunſch da iſt, das Außerſte zu vermeiden, und die ſich kreuzen⸗ den Intreſſen mit gleicher Geſchicklichkeit vertheidigt wer⸗ den, ſo endigte auch hier die Unterhandlung mit einem Vergleich. Da das Ergebniß aus dem regelmäßigen Gange der Erzählung hervorgehen wird, ſo verweiſen wir den Leſer wegen der Erläuterung auf das Schlußkapitel. — — 308— Sechszehntes Kapitel. Sprich, o ſprich! Entreiße mich der Folter. Young. Man wird ſich erinnern, daß die Reiſenden nach ihrer Ankunft in dem Kloſter drei Tage auf den Walliſer und den Landvogt warten mußten. Der Entſchluß, die Anſprüche Sigismunds zuzugeſtehen, welchen Adelheid in dem vorhergehenden Kapitel ſo freimüthig ankündigte, war in dieſem Zwiſchenraume gefaßt worden. Getrennt von der Welt und inmitten dieſer prachtvollen Natur, wo die Leidenſchaften, und gemeinen Intreſſen des Le⸗ bens in dem Maße zur Unbedeutendheit herabſanken, in welchem Gottes Majeſtät ſtündlich ſichtbarer wurde, hatte der Freiherr ſich allmählig beſtimmen laſſen, ſeine Ein⸗ willigung zu geben. Die Liebe zu ſeinem Kinde und die hohen perſönlichen und moraliſchen Vorzüge des jungen Mannes, welche hier lebendig in den Vordergrund traten, wie eine jener erhabenen Alpenkuppen, die über allen den rebenbekleideten Hügeln und fruchtbaren Thälern der niedern Welt ſo erhaben daſtanden, halfen unmittelbar und wirkſam dieſen Entſchluß reifen. Es ſoll nicht ge⸗ ſagt ſeyn, der Berner habe einen leichten Sieg über ſeine Vorurtheile gehabt, der wahrhaft nichts anderes 2— —y,——,,———2₰2—₰— war als ein Sieg über ſich ſelbſt, da Melchior in geiſti⸗ ger Hinſicht wenig mehr als eine Sammlung der engher⸗ zigen Anſichten und ausſchließlichen Grundſätze war, welche man nach damaliger Sitte für eine nothwendige Bedin⸗ gung hoher Geſittung anſah. Der Kampf war im Ge⸗ gentheil ein ſehr ſchwerer, und es iſt nicht wahrſcheinlich, daß Adelheid's zärtliche Schmeicheleien, die beredten aber ſtummen Aufforderungen ſeiner Vernunft, welche Si⸗ gismund's Benehmen ſtets erneuerte, oder die Gründe ſeines alten Freundes, des Signor Grimaldi, welcher ſich in einer Philoſophie, welche öfter unſern Freunden gegenüber, als in unſern eignen Handlungen in's Leben tritt, ausführlich über die Klugheit verbreitete einige werth⸗ loſe und veraltete Anſichten dem Glücke eines einzigen Kindes zu opfern, den Sieg davon getragen hätten, wenn der Freiherr in einer Lage geweſen wäre, die ihn min⸗ der von den gewöhnlichen Rückſichten ſeines Standes und ſeiner Gewohnheiten abgezogen hätte, als die, in welche er zufallig gerathen war. Auch der fromme Schlüſſel⸗ meiſter, welcher ſich einige Anſprüche auf das Vertrauen der Gaſte des Kloſters durch ſeine Dienſte und durch die Fährlichkeiten, die er mit ihnen überſtanden, erwor⸗ ben hatte, vermehrte die Zahl von Sigismunds Freun⸗ den. Selbſt niedern Urſprungs, und dem jungen Manne nicht nur wegen ſeiner Verdienſte überhaupt, ſondern auch wegen ſeines Benehmens auf dem See eifrig zuge⸗ gethan, verſäumte er, als er mit der Art der Hoffnungen des jungen Mannes bekannt geworden war, keine Gele⸗ genheit, auf Melchiors Geiſt einzuwirken. Wenn ſie über die braunen und nackten Felſen in der Nähe des Kloſters — 310— mit einander dahin ſchritten, ſprach der Auguſtiner von der Vergänglichkeit der menſchlichen Hoffnungen, und der Gebrechlichkeit des menſchlichen Sinnes. Er verweilte mit frommem Eifer bei dem Nutzen, ſeine Gedanken über die Unruhen der engherzigen und alltäglichen In⸗ treſſen zu einem höhern Beſchauen der Wahrheiten des Daſeyns zu erheben. Auf das wilde Schauſpiel, das ſie umgab, deutend, verglich er die Gebirgsmaſſen, ihre Unfruchtbarkeit und ihre rauhen Stürme mit der Welt, deren Glückloſigkeit, deren Wirren und Stürmen. Dann lenkte er die Aufmerkſamkeit ſeines Gefährten auf das blaue Gewölbe über ihnen, das in jener Höhe und in jener reinen Atmoſphäre geſehen, einem milden Balda⸗ chin der ſanfteſten Farben und Tinten glich, und erin⸗ nerte feurig an die ewige und glückliche Ruhe jenes Zu⸗ ſtandes des Daſeyns, dem ſie beide entgegen eilten und von welcher dieſe friedliche und unbegrenzbare Leere ein Bild war. Zum Schluſſe ſprach er zu Gunſten eines mäßigen Genuſſes unſeres Glückes hienieden und der Pflicht, allen denen, welche wir achteten, Liebe und Gerechtigkeit nicht vorzuenthalten und hob das Schädliche jener eiſernen Vorurtheile hervor, welche die beſten Ge⸗ fühle in die Feſſeln der auf die Beſtimmungen und Mas⸗ regeln der Selbſtſuchtigen und Herriſchen gegründeten Meinungen ſchlagen. Nach einem dieſer anziehenden Geſpräche hörte Mel⸗ chior von Willading, deſſen Herz und Seele die Hoffnun⸗ gen des Himmels geſanftigt und gerührt hatten, mit wil⸗ liger'm Ohre Adelheid's feſten Entſchluß, daß, wenn ſie nicht Sigismunds Gattin werde, ihre Selbſtachtung .. ͤ,ͤ Ae—ꝛ',— ₰ — 311— nicht minder als ihre Gefühle ſie zwängen, ihr Leben ehelos hinzubringen. Wir wollen nicht behaupten, das Mäd⸗ chen habe auf ſo erhabene Vorderſätze, wie die des gu⸗ ten Mönchs waren, gefußt, denn ihrem Entſchluſſe lagen die warmen Triebe des Herzens zum Grunde; allein auch ſie hatte die achtenswerthe Stütze der Vernunft auf ihrer Seite. Der Freiherr hegte den natürlichen Wunſch, ſein Daſeyn in dem ſeiner Nachkommen fortgepflanzt zu ſehen. Beunruhigt durch eine Erklärung, welche ſeinem Geſchlechte die Vernichtung drohte, und zu gleicher Zeit mehr als gewöhnlich unter dem Einfluſſe ſeines beſſern Gefühls, verſprach er, ſich der Verbindung nicht länger zu widerſetzen, ſobald Balthaſar den Verdacht des Mor⸗ des von ſich abwenden könne. Wir würden den Leſern eine allzu günſtige Meinung von Herrn von Willading beibringen, wenn wir ſagten, er habe das Verſprechen nicht bald, nachdem er es gegeben, bereut. Er war in einem Gemüthszuſtande, welcher den Wetterfahnen ſei⸗ ner Thürme glich, die mit jedem neuen Luftzug ihre Richtung änderten, aber er hatte zu viel Ehrgefühl, um ernſtlich daran zu denken, ein Wort zu brechen, das er einmal gegeben hatte. Er hatte Augenblicke, in welchen er unangenehme Zweifel hegte, ob er klug und recht ge⸗ than habe, ein ſolches Verſprechen zu geben; allein dies war nur eine Art Schmerz, wie er bekanntlich jedes unvermeidliche Übel begleitet. Wenn er ja Hoffnung hatte, ſich ſeines gegebenen Wortes entbunden zu ſehen, ſo gründete ſie ſich auf gewiſſe unbeſtimmte Eindrücke, daß Balthaſar ſchuldig befunden würde, obgleich die wi⸗ derholten und ernſten Betheuerungen Sigismunds zu — 312 Gunſten ſeines Vaters ſeine Erwartungen in dieſer Hin⸗ ſicht ſehr geſchwächt hatten. Adelheid hegte ſicherere Hoff⸗ nung als beide, da die Beſorgniſſe des jungen Mannes ſelbſt ihn hinderten, ihre Zuverſicht völlig zu theilen, wäh⸗ rend ihr Vater ſich ihren Erwartungen nach jenem quã⸗ lenden Grundſatz hingab, der uns das Schlimmſte fürch⸗ ten läßt. Als daher die Kleinodien des Jacques Colis im Beſitze Maſo's gefunden und Balthaſar nicht nur die⸗ ſes Umſtandes wegen, der einen andern ſo folgerecht des Mordes zeihen mußte, ſondern wegen des Abgangs jedes andern Beweiſes gegen ihn, den einzigen Umſtand aus⸗ genommen, daß er im Todtenhaus ſtatt in der Zuflucht gefunden, ein Zufall, der jedem andern Reiſenden wäh⸗ rend des Sturmes begegnen konnte, einſtimmig freige⸗ ſprochen wurde, ſchickte ſich der Freiherr entſchloſſen an, ſein Wort zu löſen. Es iſt kaum nöthig, hinzuzuſetzen, wie ſehr dieſes ehrenvolle Gefühl durch die unerwartete Erklärung des Scharfrichters hinſichtlich Sigismunds Ge⸗ burt gekräftigt wurde. Ungeachtet der Betheuerungen Maſo's, daß alles nur eine Erfindung zu Gunſten des Sohnes Balthaſars ſey, geſellten ſich zu der natürlichen und wahrhaftigen Weiſe, in welcher die Erzählung vor⸗ gebracht worden, ſo ſprechende und weſentliche Beweiſe, daß in den Herzen der Anweſenden der Glaube an de⸗ ren Wahrheit feſtere Wurzel ſchlug. Obgleich noch nicht bekannt war, wer Sigismunds wirkliche Eltern ſeyen, glaubten doch nur wenige, daß er des Scharfrichters Sohn ſeyn könne. Eine kurze Berührung der Thatſachen wird den Le⸗ — 313— ſer genauer mit den Umſtänden bekannt machen, auf welchen die Aufloſung größtentheils beruht. Im Laufe der Erzählung iſt bemerkt worden, daß Signor Grimaldi ſich mit einem Weibe vermählte, die junger als er war und deren Liebe ſich ein Mann erwor⸗ ben hatte, welcher, ſeinen moraliſchen Eigenſchaften zu⸗ folge, ihrer Liebe unwürdig, in andern Beziehungen aber vielleicht geeigneter war, ihr Gatte zu werden, als der mächtige Edelmann, dem ihre Familie ihre Hand gegeben hatte. Der Geburt ihres Sohnes folgte bald der Tod der Mutter und die Entführung des Kindes. Jahre wa⸗ ren vergangen, als Signor Grimaldi die erſte Nachricht von dem Daſeyn des Letztern erhielt. Er hatte dieſe wichtige Kunde in einem Augenblicke erhalten, wo die Behörden von Genua alles aufboten, die zu verfolgen, welche ein langes und verzweifeltes Spiel mit den Ge⸗ ſetzen getrieben hatten, und der zugeſtandene Grund jener Mittheilung war eine Aufforderung an ſein natürliches Gefühl zu Gunſten eines Sohnes, welcher das Opfer ſeiner Frevel werden zu ſollen ſchien. Die Nachricht von dem Leben eines Kindes war unter ſolchen Umſtanden ein häͤrterer Schlag, als ſein Verluſt und es läßt ſich denken, daß die Wahrheit der Anſpruͤche Maſo's, welcher damals den Namen Bartolomeo Contini führte, mit der größten Vorſicht zugegeben wurde. Die Freunde des Schleichhändlers beriefen ſich auf einen ſterbenden Mönch, deſſen Charakter über allen Verdacht erhaben war und der mit ſeinem letzten Athemzug Maſo's Aus⸗ ſage bekraftigte und vor Gott und den Heiligen betheu⸗ erte, ſo gewiß ein Menſch eine Thatſache dieſer Art —— — 314— kennen könne, wiſſe er, daß Maſo der Sohn des Signor Grimaldi ſey. Dieſes gewichtige, unter ſo feierlichen Umſtänden abgelegte, und durch die Vorlegung wichtiger Papiere, welche mit dem Kinde abhanden gekommen waren, unterſtützte Zeugniß entfernte jeden Verdacht des Dogen. Er machte ſeinen Einfluß heimlich geltend, den Verbrecher zu retten, obgleich er nach fruchtloſen Ver⸗ ſuchen ſeiner Vertrauten, ihn auf den Weg der Beſſerung zu bringen, es durchaus verweigerte, ihn zu ſehen. Dieſer Art waren die ſich widerſprechenden Angaben. Während die Hoffnung und die hohe Wonne, ſich den Vater eines Sohnes wie Sigismund nennen zu können, den alten Fürſten ſich mit inniger Beharrlichkeit an die Anſprüche des jungen Kriegers anſchmiegen ließen, hatte ſein kälteres und umſichtigeres Urtheil ſich zu Gunſten eines Andern entſchieden. In dem langen geheimen Ver⸗ höre, welches der Scene in der Kirche folgte, verſank Maſo allmahlig mehr in ſich ſelbſt, wurde unbeſtimmt und geheimnißvoll, bis es ihm endlich gelang, alle, die Zeugen ſeines Benehmens waren, in einen peinlichen Zuſtand des Zweifels und der Ungewißheit zu verſetzen. Von dieſem Vortheil Nutzen ziehend, änderte er plötzlich ſeine Taktik. Er verſprach wichtige Aufklärungen, unter der Bedingung, daß man ihn an den Grenzen von Pie⸗ mont in Freiheit ſetzte. Der kluge Walliſer ſah bald, daß der Fall ener derjenigen zu werden ſchiene, wo man erwartet, die Gerechtigkeit werde aus höhern Grün⸗ den blind ſeyn. Er entfernte daher ſeinen geſchwätzigen Beiſtand, den Landvogt, um es den Gefühlen und Wün⸗ ſchen des Dogen zu überlaſſen, die Sache beizulegen. — 315— Dieſer brachte, mit Hülfe Melchiors und Sigismunds, bald ein Einverſtändniß zuwege, in welchem die Bedin⸗ gungen des Seemanns zugeſtanden wurden, worauf man ſich für dieſe Nacht trennte. Il Maledetto, auf wel⸗ chem der Mord des Jacques Colis allein laſtete, wurde ſeinem zeitlichen Gefängniſſe wieder überliefert, während Balthaſar, Pippo und Konrad freigegeben wurden. Der Tag dämmerte lange über dem Col, ehe die Schatten der Nacht aus dem Rhonethal ſchieden. Alles im Kloſter war vor dem Aufgang der Sonne in Bewe⸗ gung, da man allgemein hörte, daß das Begebniß, wel⸗ ches die Lebensordnung ſeiner friedlichen Bewohner ſo ſehr geſtört hatte, nun ſeinem Ende nahe gebracht werde, und ſie ihren Pflichten wieder in der gewöhnlichen Weiſe obliegen könnten. Vom Paß des St. Bernhard ſteigen ſtets Gebete zum Himmel empor; aber bei der jetzigen Gelegenheit verkündigte das Getöſe in der Kirche und deren Umgebungen, die Art, wie die guten Mönche in den langen Gängen hin und her eilten und die allge⸗ meine Erregung, daß die Metten mehr als das gewöhn⸗ liche Intreſſe der regelmäßigen täglichen Andacht hatten. Es war noch früh, als ſich alle, die auf dem Paſſe waren, in der Kirche verſammelten. Die Leiche des Jacques Colis war in eine Seitenkapelle gebracht wor⸗ den, wo ſie, mit einem ſchwarzen Tuche bedeckt, der Todtenmeſſe harrte. Zwei große Altarleuchter ſtanden angezündet auf den Stufen des Hochaltars und die Zu⸗ ſchauer, mit Einſchluß Pierre's und der Maulthiertreiber, der Kloſterknechte und anderer von jedem Stand und Alter, ſtanden demſelben in doppelter Reihe gegenüber. Unter den ſtillen Zuſchauern erſchienen Balthaſar und ſein Weib, Maſo, als Gefangener zwar, aber mit der Miene eines losgeſprochenen, der Pilger und Pippo. Der gute Prior im Ornate war mit allen Mönchen anwe⸗ ſend. Während der Augenblicke der Erwartung unter⸗ hielt er ſich freundlich mit dem Walliſer und dem Land⸗ vogt, welche mit Theilnahme und wie es Leuten von Stand und Würden ziemt, in Gegenwart ihrer Unter⸗ gebenen den Schein zu wahren, ſeine Artigkeiten erwi⸗ derten. Doch war das Benehmen der meiſten fieberhaft und aufgeregt, als handle es ſich hier von einer ge⸗ zwungenen Freude, der ſich unwillkommene und unge⸗ wöhnliche Umſtände unerwartet beigeſellt hätten, um ſie herabzuſtimmen. Als die Thüre ſich öffnete, trat ein kleiner Zug ein, mit dem Schlüſſelmeiſter an der Spitze. Melchior von Willading führte ſeine Tochter, dann kam Sigismund, ihm folgten Margarethe und Chriſtine, und der ehrwür⸗ dige Doge machte den Schluß. So einfach dieſer Hoch⸗ zeitszug war, ſo machte doch die Würde der Hauptper⸗ ſonen und das tiefe Gefühl, mit welchem alle dem Altar entgegen gingen, einen großen Eindruck. Sigismund war feſt und beſonnen; doch war ſeine Haltung ſtolz und erhaben, als fühlte er, daß noch eine Wolke über dem Theil ſeiner Geſchichte hinge, auf welche die Welt ſo viel Gewicht legt; ſein Charakter und ſeine Grundſätze muß⸗ ten ihm hier zu Hülfe kommen. Adelheid war in der letzten Zeit ſo ſehr der Gegenſtand heftiger Erregungen geweſen, daß ſie mit weniger Bangen, als bei einem Mädchen gewöhnlich war, vor den Prieſter trat; aber und der Der we⸗ ter⸗ nd⸗ von ter⸗ wi⸗ haft ge⸗ ige⸗ ſie ein, von nd, ür⸗ och⸗ der⸗ tar ind und em viel uß⸗ der gen em — 317— der unverwandte Blick, die farbloſen Wangen und die ehrfurchtsvolle Miene verkündigten die Tiefe und den feierlichen Charakter der Gefühle, mit welchen ſie ſich vorbereite, den prieſterlichen Segen zu empfangen. Der gute Schlüſſelmeiſter vollzog die Trauung; er hatte ſich nicht damit begnügt, den Freiherrn zu überre⸗ den, ſeine Vorurtheile zu opfern, ſondern auch um die Erlaubniß gebeten, das ſo glücklich angefangene Werk zu vollenden, indem er die Hände des jungen Paares vor dem Altar vereinigte. Melchior hörte der kurzen Feier⸗ lichkeit mit ſtummer Selbſtzufriedenheit zu. Er fühlte ſich in jenem Augenblicke geneigt zu glauben, er habe weislich die weltlichen Vortheile dem Recht geopfert, ein Gefühl, das durch die Ungewißheit ein wenig belebt wurde, die noch über der Abſtammung ſeines neuen Sohnes hing, der ſich ja noch als Signor Grimaldi's Sohn bewähren konnte, ſo wie durch die augenblick⸗ liche Freude, die er darin fand, daß er ſeine Unab⸗ hängigkeit an den Tag legte, indem er die Hand ſeiner Tochter einem Manne gab, deſſen Verdienſt feſter be⸗ gründet war als ſeine Abſtammung. So täuſchen ſich oft die Beſten und geben häufig Beweggründen Raum, welche ſich mit keiner genauern Unterſuchung vertrügen, wahrend ſie grade glauben, alles Recht für ſich zu ha⸗ ben. Der theilnehmende Schlüſſelmeiſter hatte das Schwankende und Ungewiſſe des Entſchluſſes des Frei⸗ herrn bemerkt und war zu der Bitte, dies Paar einſeg⸗ nen zu dürfen, durch die geheime Beſorgniß veranlaßt worden, der ſchwache Vater möchte, wenn die Scenen des Lebens ihn wieder umgäben, wie viele andere Väter — 318— dieſer niedern Regionen, geneigter ſeyn, den zeitlichen Glanz, als das wahre Glück ſeines Kindes zu Rath zu ziehen. Da Adelheid proteſtantiſch war, wurde keine Meſſe geleſen; eine Unterlaſſung, welche die geſetzliche Kraft der Verbindung in keiner Art beeinträchtigte. Mit jung⸗ fräulicher Beſcheidenheit, aber mit der Feſtigkeit eines Weibes, deren Neigungen und Grundſätze über die klei⸗ nen Schwächen erhaben ſind, welche bei ſolchen Gelegen⸗ heiten wohl oft die wankend machen, die keine dieſer zwei weſentlichen und großen Eigenſchaften beſitzen, legte ſie den Schwur unveränderlicher Liebe und Treue ab. Das Geluͤbde der Liebe und des Schutzes wurde von Sigismund in einfacher, männlicher Biederkeit ausge⸗ ſprochen, denn nach ſeinem Gefühle konnte ein ganz ih⸗ rem Wohle geweihtes Leben kaum ihre erhabene, echt weibliche und unwandelbare Treue vergelten. „Möge Gott dich ſegnen, Liebſte,“ ſagte der alte Melchior, als er, über ſein knieendes Kind gebeugt, kämpfte, ein Herz zu beſchwichtigen, das wider ſeines Eigners Willen ſeine Bande ſprengen zu wollen ſchien — eer ſegne— ſegne dich, Liebſte, jetzt und immerdar. Die Vorſehung hat mich deiner Brüder und Schweſtern beraubt, indem ſie aber dich mir ließ, hat ſie meine Nachkommenſchaft reich geſegnet. Unſer Freund Gae⸗ tano hier hat noch herberes verſucht— aber laß uns noch hoffen— laß uns noch hoffen. Und du, Sigismund, mußt, da Balthaſar dich nicht anerkennt, einen Vater annehmen, wie der Himmel dir ihn ſchickt. Alles Ver⸗ — — 319— gangene iſt vergeſſen, und Willading hat, ſo wie mein altes Herz, einen neuen Beſitzer und einen neuen Herrn!⸗ Der junge Mann umarmte zärtlich den Freiherrn, deſſen Charaktergüte ihm bekannt war und für welchen er die Achtung fühlte, die in ſeiner jetzigen Lage natür⸗ lich war. Er wandte ſich dann mit einem zögernden Blick zu Signor Grimaldi. Der Doge hatte nach ſei⸗ nem Freunde der Braut ſeine Glückwünſche dargebracht und Adelheid eben einen warmen, väterlichen Kuß auf die Wange gedrückt.. „Ich bitte Maria und ihren heiligen Sohn für dich!⸗ ſagte der edle Fürſt mit Würde.»⸗Du trittſt in neue und ernſte Pflichten ein, mein Kind, aber der Geiſt und die Unſchuld eines Engels, eine Milde, welche die Sanft⸗ heit deines Geſchlechtes nicht zur Schwäche macht, und ein Charakter, deſſen Kraft jene Sanftheit eher hebt als entſtellt, können die Übel dieſer launiſchen Welt mildern und du darfſt mit Recht von dem Leben einen reichen Theil jener Glückſeligkeit hoffen, welche ſich deine junge Einbildungskraft in ſo goldnen Farben malt. Und du⸗ — ſetzte er hinzu, als er ſich zu Sigismund wandte und ihn umarmte—„wem du auch durch den Willen der Vorſehung angehören mochteſt, du biſt jetzt mit Recht mir theuer. Der Gemahl der Tochter Melchior von Willading's würde ſtets ein Recht auf deſſen alteſten und liebſten Freund haben, aber wir ſind durch ein Band vereinigt, welches das ganze Intreſſe eines wunderſamen und feierlichen Geheimniſſes hat. Meine Vernunft ſagt mir, daß ich für frühern leichtſinnigen Stolz und Eigen⸗ willen geſtraft werde, indem ich der Vater eines Kindes — 225— bin, welches wenige, welchem Stande ſie auch angehoren mögen, als das ihrige anſprechen würden, wahrend mein Herz ſich gern mit der Hoffnung ſchmeichelte, der Vater eines Sohnes zu ſeyn, auf welchen ein Kaiſer ſtolz ſeyn könnte. Du biſt, und biſt nicht, von meinem Geblüte. Ohne Maſo's Beweiſe und das Zeugniß des ſterbenden Mönchs würde ich dich ohne Zögern öffentlich für mei⸗ nen Sohn erklären— aber wer du auch durch deine Geburt ſeyn magſt, du haſt meine Liebe ganz und un⸗ geſchmälert. Pflege mit Liebe dieſe zarte Blume, welche die Vorſehung deinem Schutze anvertraut hat, Sigis⸗ mund; liebe ſie, wie du deine eigene Seele liebſt; die edle und vertrauende Liebe eines Weibes iſt ſtets eine Stütze, häufig ein ſiegreicher Anhalt für des Mannes ſchwankende Grundſätze— O, hätte es Gott gefallen, Angiolina mir früher zuzuführen, wie anders hätte un⸗ ſer Leben werden können! Dieſe dunkle Ungewißheit würde jetzt nicht über dem köſtlichſten der menſchlichen Gefühle hängen und meine Scheideſtunde wurde geſegnet ſeyn. Der Himmel und ſeine Heiligen mögen euch beide ſchützen, meine Kinder und euch eure jetzige Unſchuld und Liebe erhalten.“ Der ehrwürdige Doge ſchwieg. Die Kraft, welche ihn zu ſprechen befähigt hatte, verſchwand und er wandte ſich ſeitwärts, um ſtill und für ſich, wie es ſeinem Rang und ſeinem Alter ziemte, zu weinen. Bis jetzt hatte Margarethe geſchwiegen, und die Zuge der verſchiedenen Sprechenden beachtet und jedes ihrer Worte gierig eingeſogen. Die Reihe war jetzt an ihr. Sigismund kniete vor ihr nieder, drückte ihre Hände an 4 „„————, ren ein ter eyn üte. den nei⸗ eine un⸗ lche gis⸗ die eine mes Uen, un⸗ heit chen gnet beide huld elche andte Rang Züge ihrer ihr. de an — 321— ſeine Lippen, ſo daß man ſah, ihr hoher, obgleich ſtrenger Charakter habe tiefe Spuren in ſeinem Gedächtniß zu⸗ rückgelaſſen. Sich ſeiner krampfhaften Hand entziehend — denn der junge Mann fühlte eben jetzt das Bittere recht tief, jene frühern Bande trennen zu müſſen, welche in ſeinen Augen wegen ihres geheimnißvollen Eharakters etwas wild Romantiſches hatten— ſchied ſie die Locken auf ſeiner hohen Stirne, blickte ihm lange in das Antlitz und erforſchte jeden Zug bis in ſeine kleinſten Schatten. „Nein,“ ſagte ſie, ſchmerzlich das Haupt ſchüttelnd —„wahrlich, du gehörſt uns nicht an und Gott hat ſich gnädig gegen uns bewieſen, als er das unſchuldige Kind zu ſich nahm, deſſen Stelle du ſo lange unſchuldig einnahmſt. Du warſt mir theuer, Sigismund— ſehr theuer— denn ich glaubte dich unter dem Fluche meines Geſchlechtes; haſſe mich nicht, wenn ich dir ſage, mein Herz ſey jetzt im Grabe des—“ „Nutter!“ rief der junge Mann vorwurfsvoll. „Ja, ich bin noch deine Mutter,“ antwortete Mar⸗ garethe ſchmerzlich lächelnd:„du biſt ein edler Jüngling und kein Wechſel kann je dein Herz ändern. Es iſt ein grauſames Scheiden, Balthaſar, und ich weiß nicht, ob du recht gethan haſt, mich zu täuſchen; denn der Jüng⸗ ling gab mir eben ſo viel Kummer als Freude— Kum⸗ mer, bitteren Kummer, daß er verdammt ſeyn ſollte, unter dem Fluche unſerer Familie zu leben— aber es iſt jetzt vorüber— er iſt ja nicht unſer— nein, er iſt nicht mehr unſer!“ Dieſe Worte klangen ſo ſchmerzlich, daß Sigismund ſein Geſicht mit den Händen bedeckte und laut ſchluchzte. 79— 81. 21 „Wenn die Glücklichen und Stolzen weinen, iſt es Zeit, daß die Armen ihre Thränen trocknen,“ ſetzte Bal⸗ thaſar's Weib hinzu, indem ſie mit einer Miſchung von Qual und Stolz, die ſich in ihrem Antlitz bekämpften, umher blickte. Denn, was ſie auch ſagen mochte, es war ſichtbar, daß ſie ihrem Rechte auf den edlen Jüngling mit tiefem Leid und herbem Seelenkampfe entſagte.„Wir haben mindeſtens einen Troſt, Chriſtine— Alle werden uns nun nicht verachten, die nicht aus unſerm Geſchlechte ſtammen. Habe ich recht, Sigismund— du wirſt nicht, wie die Welt, auf uns ſchauen und die haſſen, die du einſt liebteſt?“ „Mutter— Mutter! um der heiligen Jungfrau willen, quäle meine Seele nicht 12 „Ich will kein Mißtrauen in dich ſetzen, Theurer! du haſt nicht an meiner Bruſt getrunken, aber du haſt zu viele gute Lehren von meinen Lippen gehört, um uns zu verachten— und doch gehörſt du uns nicht an;— es wird ſich wohl zeigen, daß du eines Fürſten Sohn biſt und die Welt verhärtet das Herz ſo ſehr— und die, auf welchen das Schickſal ſchwer laſtete, werden miß⸗ trauiſch.—“. „Um Gottes willen, ſchweige, Mutter, oder du brichſt mir das Herz!“ „Komm hierher, Chriſtine! Sigismund, dieſes Mäd⸗ chen geht mit deiner Gemahlin: wir ſetzen das höchſte Vertrauen in deren Adel und Grundſtze, die du geehligt haſt, denn ſie wurde geprüft und würdig befunden. Liebe das Kind; ſie war deine Schweſter und dein Herz war ihr ja ſtets ergeben.“ 2 —— △ — eS — 323— „Mutter, du wirſt mich die Stunde meiner Geburt verwünſchen laſſen!“ Während Margarethe das kalte Mißtrauen nicht über⸗ winden konnte, welches die Gewohnheit allen ihren Ge⸗ fühlen eingewebt hatte, fühlte ſie ihre Härte und ſchwieg. Sie beugte ſich nieder, küßte die kalte Stirne des jungen Mannes, umarmte ihre Tochter auf das innigſte, betete eine Minute inbrünſtig über ihr und übergab dann das bewußtloſe Mädchen Adelheids Armen. Der ſchreckliche Kampf der Natur wurde durch einen übermenſchlichen Willen unterdrückt und ſie wandte ſich langſam gegen die ſtumme, tief ergriffene Menge, welche während dieſer Entfaltung eines edeln Charakters kaum geathmet hatte. „Bezweifelt Jemand hier,“ fragte ſie ſtreng,„Bal⸗ thaſars Unſchuld?“ „Niemand, gutes Weib, Niemand!“ verſetzte der Landvogt, ſeine Augen trocknend:„gehe in Frieden nach Haus und Gott ſey dein Geleite!“ „Er iſt vor Gott und der Welt losgeſprochen!⸗ fügte der würdevollere Walliſer hinzu. Margarethe winkte Balthaſar, voranzugehen, und ſchickte ſich an, die Kirche zu verlaſſen. Auf der Schwelle wandte ſie ſich noch einmal um, und warf einen langen Blick auf Sigismund und Chriſtinen. Die zwei letzteren hielten ſich weinend umarmt und Margarethens Seele ſehnte ſich, ihre Thränen mit denen der ſo heiß Gelieb⸗ ten zu vermiſchen. Aber feſt in ihren Entſchlüſſen, kämpfte ſie den Strom des Gefühls nieder, der ſo furcht⸗ bar in ſeinem Ungeſtümm geworden wäre, wenn er die Schranken durchbrach und folgte, trocknen, glühenden — 324— Auges ihrem Gatten. Sie ſtiegen den Berg mit einer Leere in ihren Herzen nieder, welche ſelbſt dieſes ver⸗ folgte Paar lehrte, daß es Schmerzen in der Natur gibt, welche alle künſtlichen Wehen in dem Leben weit über⸗ ragen. Die eben erzählte Scene verfehlte nicht, großen Ein⸗ druck auf die Zuſchauer zu machen. Maſo fuhr mit der Hand über ſeine Augen und ſchien von ſtärkerm Mitge⸗ fühl ergriffen, als er in dieſem Augenblicke ſehen zu laſ⸗ ſen für gut fand, während Pippo und Konrad reiche Thränen vergoſſen. Der erſtere legte in der That eine Gefühlswärme an den Tag, welche mit der gewöhn⸗ lichen Sorgloſigkeit und dem Mangel an Grundſätzen nicht ganz unverträglich iſt. Er bat ſogar um die Gunſt, die Hand der Braut zu küſſen und wünſchte ihr, in deren Geſellſchaft er eine große Gefahr beſtanden, innig Glück und Freude. Die ganze Geſellſchaft trennte ſich jetzt mit einem Austauſch herzlicher Gefühle, welches darthut, daß die Natur, ſo viele auch geneigt ſeyn mögen, ihre Mit⸗ menſchen auf der großen Heerſtraße des Lebens zu be⸗ kämpfen und zu kränken, ihnen einige große verſöhnende Eigenſchaften eingepflanzt hat, um uns die Mißbrauche bedauern zu laſſen, durch welche ſie ſo ſehr verkehrt wurden.: Als man die Kirche verlaſſen hatte, ſchickten ſich ſämmtliche Reiſende zum Abzug an. Der Landvogt und der Walliſer zogen, ſehr zufrieden mit ſich, als hätten ſie ihrer ganzen Pflicht Genüge gethan, indem ſie Maſo dem Gewahrſam übergaben, der Rhone zu und beſpra⸗ chen ſich unterwegs über die ſeltſamen Fügungen, welche — ☛—2—— 252 ☚ ⸗—„„„——=——. den Sohn des Dogen von Genua in einer ſo zweifelhaf⸗ ten Lage vor ſie gebracht hatten. Die guten Auguſtiner halfen den Reiſenden, welche auf der andern Seite des Paſſes niederſtiegen, in ihre Sättel und entledigten ſich der letzten Pflicht der Gaſtfreundſchaft, indem ſie mit Wünſchen ihrer glücklichen Ankunft zu Aoſta ihnen das Geleite gaben.. Der Weg über den Col iſt bereits beſchrieben wor⸗ den. Er windet ſich dem Rand des kleinen See's ent⸗ lang und geht einige hundert Schritte vom Kloſter an der Stelle vorüber, wo der alte Tempel des Jupiters ſtand. Jenſeits des nördlichen Endes des kleinen Bek⸗ kens, wo er die Grenzen von Piemont durchſchneidet, bricht er durch die rauhe Felswand, windet ſich eine kurze Strecke„en corniche“ um den Saum einer furcht⸗ baren Schlucht und ſtürzt dann plötzlich in die Ebenen Italiens hinab. Da man keine unnöthigen Zeugen bei Maſo's ver⸗ ſprochenen Mittheilungen zu haben wünſchte, waren Pippo und Konrad angewieſen worden, den Berg vor dem übri⸗ gen Theil der Geſellſchaft zu verlaſſen und die Maul⸗ thiertreiber mußten ein wenig zurückbleiben. Wo der Weg den See verläßt, ſtiegen alle ab, um die erſte jähe Senkung vom Col aus zu Fuß niederzuſteigen, wobei Pierre den Thieren voranſchritt. Als man an die Stelle kam, wo das Kloſter zum letzten Male ſichtbar iſt, blieb Maſo ſtehen und wandte ſich, um das ehrwürdige und wetterzerſchlagene Gebäude nochmals anzuſchauen. „Du zögerſt?“ bemerkte der Freiherr von Willa⸗ ding, der fürchtete, er wolle entfliehen. — 326— „Signori, der Blick auf einen Stein ſogar iſt etwas Wehmüthiges, wenn man weiß, daß man ihn nie wie⸗ der ſieht. Ich habe den Col oft erklettert, aber ich werde es nicht mehr wagen. Denn obgleich der ehrenwerthe und würdige Gerichtsherr und der edle Landvogt gewillt ſind, einem Dogen von Genua in ſeiner Gegenwart ihre Ehrfurcht zu bezeigen, ſo möchten ſie weniger zarte Rück⸗ ſichten für ſeine Würden haben, wenn er abweſend iſt. Addio, caro San Bernardo! Wie ich, biſt du einſam und wetterzerſchlagen, und, gleich mir, haſt du, obgleich rauh anzuſchauen, deinen Nutzen. Wir ſind beide Wahr⸗ zeichen— du ſagſt dem Reiſenden, wo er Sicherheit zu ſuchen hat, ich warne ihn, wo Gefahren ihn bedrohen.“ Es gibt in männlichem Dulden eine Würde, die unſer Mitgefühl anſpricht. Alle, welche dieſe Anrede an die Wohnung der Auguſtiner hörten, waren von ihrer Einfachheit und Bedeutſamkeit überraſcht. Sie folgten dem Sprechenden jedoch ſtumm bis zur Stelle, wo der Weg ſich zum erſten Male plötzlich ſenkt. Die Stelle war der Abſicht des Maledetto günſtig. Obgleich noch auf gleicher Höhe mit dem See, war das Kloſter, der Col und alles, was er enthielt, mit Ausnahme eines kurzen Streifens ſeines ſteinigten Pfades durch die da⸗ zwiſchen liegende Felswand ihren Blicken entzogen. Die Schlucht klaffte drunten, rauh und duſter, und durch das ewige Walten der Wetter in mannigfache Formen aus⸗ geprägt. Alles, droben, drunten und rings um ſie her war nackt und chaotiſch, wie die Elemente des Erdballs, ehe das Wort des Schöpfers erſcholl. Die Einbildungs⸗ kraft konnte ſich kaum ein Gemälde größerer Einſamkeit und Ode denken. „Signori,“ ſagte Maſo, ſeine Mitze ehrfurchtsvoll abnehmend und mit Ruhe ſprechend,„die Verwirrung der Natur gleicht meinem Charakter. Hier iſt alles zer⸗ ſchleißt, öde, wild; aber Geduld, Menſchenliebe und Edelmuth konnten ſelbſt dieſe Felſenhöhen zu einer Woh⸗ nung für die umgeſtalten, welche für das Wohl anderer leben. Es iſt niemand ſo werthlos, der nicht zu irgend etwas zu brauchen wäre. Wir ſind Bilder der Erde, unſerer Mutter; nutzlos, wild und wüſte, oder die Mühe vergeltend, die man an uns wendet, je nachdem man uns wie Menſchen behandelt oder wie wilde Thiere ver⸗ folgt. Wenn die Großen, die Mächtigen, die Geehrten, Freunde und Rathgeber der Schwachen und Unwiſſenden würden, ſtatt die Wachhunde zu bleiben, welche alle die anknurren und nach denen beißen, welche in ihre Vor⸗ rechte einzubrechen drohen und das Wolf⸗Geſchrei jedes⸗ mal hören laſſen, wenn ein ſchüchternes Lämmchen blöckt, ſo würden Gottes ſchönſte Werke nicht ſo oft entſtellt werden; ich habe als Geächteter gelebt und werde wahrſcheinlich als ſolcher ſterben; aber das bitterſte Weh, das ich je fühlte, hat der Hohn mir bereitet, welcher meine Natur der Ver⸗ derbniß anklagt, die doch lediglich die Frucht eurer Un⸗ gerechtigkeit iſt. Dieſer Stein“— er ſtieß mit dem Fuß ein Felsſtückchen vom Weg in die Schlucht hinab—„iſt eben ſo ſehr Herr ſeiner Bewegung, nachdem mein Fuß ihn in Bewegung geſetzt, wie der arme Unerfahrne, der verachtet, hülflos, verdächtig und verdammt, noch ehe er geſündigt hat, in die Welt geſchleudert wird, über — 328— ſeinen Lebensweg gebieten kann. Meine Mutter war ſchön und gut. Es fehlte ihr nur die Kraft, den Kün⸗ ſten eines Mannes zu widerſtehen, der, in der Meinung aller derer um ſie, geehrt, ihre Tugend untergrub. Er war groß, edel, mächtig; während ſie außer ihrer Schön⸗ heit und Schwäche wenig hatte, Signori— ſie war zu ſehr im Nachtheil. Ich wurde die Strafe fuͤr ihren Fehl. Ich kam in eine Welt, wo alle mich verachteten, ehe ich etwas gethan hatte, das ihren Haß verdiente.“ „Nein, das heißt geltende Meinungen auf das Auſ⸗ ſerſte treiben,“ ſiel Signor Grimaldi ein, der in ſeiner Begierde, jede Sylbe von Maſo's Lippen aufzufangen, kaum Athem holte. „Wir begannen, Signori, wie wir geendigt haben; mißtrauiſch und bemüht aufzuſpüren, was andern am meiſten ſchaden könne. Ein ehrwürdiger und frommer Mönch, der meine Geſchichte kannte, wollte eine Seele für den Himmel gewinnen, welche die Kränkungen der Welt bereits an den Rand der Hölle getrieben hatten. Der Verſuch ſchlug fehl. Predigten und Lehren,⸗ fuhr Maſo bitter lachend fort— ⸗ſind nur ſchwache Waffen gegen ſtündliche Kränkungen; ſtatt Kardinal oder Rath⸗ geber des Oberhauptes der Kirche zu werden, bin ich, was Ihr ſeht. Signor Grimaldi, der Mönch, der ſich meiner annahm, war Vater Girolamo. Er ſagte deinem Schreiber die Wahrheit, denn ich bin der Sohn der ar⸗ men Annunziata Altieri, welche einſt würdig erachtet wor⸗ den, deine flüchtige Beachtung auf ſich zu ziehen. Meiner Sicherheit willen nannte ich mich ein anderes deiner Kinder. Eine zufällige Bekanntſchaft mit einem Werk⸗ 8 —,—- 2 ½ SA r zeuge deines furchtbaren Feindes und Verwandten, wo⸗ ⸗ durch ich in den Beſitz der mit dem kleinen Gaetano g entwendeten Papiere kam, bot mir die Mittel zu dem r Betrug. Die Beweiſe meiner Worte ſollen dir zu Ge⸗ 2 nua eingehändigt werden. Was den Signor Sigismondo u betrifft, ſo iſt es Zeit, daß wir aufhören, Nebenbuhler n zu ſeyn. Wir ſind Brüder, nur mit dem Unterſchiede, , daß er der Sprößling einer Ehe iſt, ich aber der eines ungebüßten und faſt unbereuten Verbrechens.⸗ Eijnn Ruf Aler, in welchem Schmerz, Freude und r überraſchung wild gemiſcht waren, unterbrach den Re⸗ 1 denden. Adelheid warf ſich in ihres Gatten Arme und der blaſſe, in ſeinem Gewiſſen getroffene Doge ſtand mit ; ausgebreiteten Armen, ein Bild der Zerknirſchung, der n Freude, der Scham. Seine Freunde umringten ihn mit er tröſtenden Worten und Zeichen der Liebe, denn der Schmerz le der Großen geht ſelten unbeachtet vorüber, wie die Seuf⸗ 6 er zer der Armen. 9. Laßt mich Luft ſchöpfen!⸗ rief der Fürſt: ⸗Luft, en ſonſt erſticke ich! Wo iſt Annunziata's Kind?— Ich h⸗ will an ihm wenigſtens das Unrecht ſühnen, das ich ſei⸗ , ner Mutter zufügte.“ ich Es war zu ſpät. Das Opfer des Verbrechens eines 6 m andern hatte ſich mit ſorgloſer Dreiſtigkeit über den Rand ar⸗ des Abgrundes hinab geſtürzt und war, auf einem kürzern r⸗ aber gefährlichen Pfade raſch gen Aoſta niedereilend, auſ⸗ er ſer dem Bereich ſeiner Stimme. Nettuno folgte ihm. er Es war ſichtbar, daß er Pippo und Konrad, welche auf dem betretener Pfade wanderten, voreilen wollte. Nach wenigen Minuten bog er um den Scheitel eines hohen Felſen und war nicht mehr zu ſehen. Man hörte nie wieder von Maledetto. Zu Genua erhielt der Doge heimlich die Beſtätigung alles Gehörten und Sigismund kam in den geſetzlichen Beſitz ſeines Geburtsrechtes. Der letztere machte viele großmüthige aber nutzloſe Verſuche, ſeinen Bruder aufzufinden. Mit einem Zartgefühle, das man kaum erwarten konnte, hatte der Geächtete ſich von einem Schauplatze entfernt, der ſich, wie er fühlte, nun nicht mehr zu ſeiner Lebensweiſe eignete, und man erfuhr nie, wohin er ſich begeben. Der einzige Troſt, den ſeine Verwandten erhielten, ging aus einem Begebniß hervor, welches Pippo der Verurtheilung der Gerichte überlieferte. Vor ſeiner Hin⸗ richtung bekannte der Poſſenreißer, daß Jacques Colis durch Konrads und ſeine Hand gefallen war, und daß ſie, unbekannt mit Maſo's eigenem Auskunftsmittel, Net⸗ tuno benutzt hatten, um die geraubten Kleinodien unent⸗ deckt über die Grenzen von Piemont zu bringen. den nua ten es ige Nit atte der eiſe en, der din⸗ lis daß ket⸗ ent⸗ In demſelben Verlage ſind folgende empkehlenswerthe Schrikten erſchienen und um beigeſetzte Preiſe durch alle ſolide Buch⸗ handlungen zu beziehen. Abraham a Santa Clara, Merk'’s! Ein curiöſes Memento fuͤr alle Stände aller Or⸗ ten. Zur Ergötzung der heutigen Leſewelt wieder an's Licht geſtellt durch Dr. Hein⸗ mar. Mit dem Bildniſſe des Verfaſſers. Geh. Rthlr. 1. oder fl. 1. 45 kr. —— Auch eine Heerpredigt wider den Tür⸗ ken, oder: Auf, auf, ihr Chriſten! Das iſt: eine bewegliche Aufriſchung der chriſtlichen Waffen wider den türkiſchen Erbfeind, in Eil' ohne Weil' zuſammengetragen. Geh. 21 gr. oder fl. 1. 30 kr. Es ſind dies zwei der witzigſten Schriften von Abraham a Santa Clara, und zwar diejenigen, welche ſeit hundert Jahren nicht wieder hervortraten, und die hier nach der erſten Ausgabe als ein zuſammenhängendes Ganze in lesbarer Erneuerung erſcheinen. Adrian, Dr., neueſtes Gemälde von London und ſeinen Umgebungen. Handbuch fuͤr Rei⸗ ſende nach London. Mit einem Wegweiſer von Frankfurt am Main über Mainz, Cob⸗ lenz, Köln, Nymwegen und Rotterdam nach London, ſodann von London über Harwich nach Hamburg, über Oſtende nach Brüſſel und über Dower und Calais, Brighton und Dieppe nach Paris.— Beigegeben iſt: Eine Reiſekarte, der Plan und das Panorama von London, ſowie eine Karte der Umgebungen von London. In Etui geb. Rthlr. 3. 4 gr. od. fl. 5. 30. Adrian, Dr., die Prieſterinnen der Griechen. Geh. 18 gr. oder fl. 1. 12 kr. „Der Gegenſtand, den der als Schriftſteller rühmlichſt bekannte Verfaſſer in dieſem Werke behandelt, iſt zu anzie⸗ hend und wichtig, als daß es einer empfehlenden Anzeige bedürfte, um daſſelbe in den Kreiſen der Gelehrten und Ge⸗ bildeten einzuführen. Auffenberg, Freiherr von, der Renegat von Granada. Dramatiſches Nachtgemaͤlde in 5 Ab⸗ theilungen. Rthlr. 1. 18 gr. oder fl. 3. Duller, Eduard, Franz von Sickingen. Dra⸗ matiſches Gedicht in fünf Abtheilungen. 8. geh. Rthlr. 1. 8 gr. oder fl. 2. 20 kr. Dieſe neueſte Dichtung des ausgezeichneten und belieb⸗ ten Verfaſſers iſt ganz geeignet, die Zahl ſeiner Freunde und Leſer zu vermehren. Der Kampf des Lichtes mit der Finſterniß in den Tagen der erwachenden deutſchen Freiheit;— Fehde bis in den Tod dem tauſendjährigen Wahne, der Unvernunft, der geiſtigen Vormundſchaft;— Treue bis in den Tod für Wahrheit und Recht; dies ſind die Grundideen dieſes dramatiſchen Gedichtes.— Möge der zeitgemäße Grundton des Werkes in unſerer und jeder Zeit feinen kräf⸗ tigen Wiederhall finden. Edgeworth, Maria, die Gönnerſchaft. Aus dem Engliſchen von Louiſe Marezoll. 4 Theile. Rthlr. 4. 12 gr. oder fl. 7. 48 kr. Dieſe Novelle der algemein beliebten Verfaſſerin hat ſich des ungetheilten Beiralls zu erfreuen gehabt. Erholungsſtunden. Eine Zeitſchrift für gebildete Leſer. 2ter und 3ter Jahrgang, 1829 und 30. Herausgegeben von Georg — —— e 23 2S ir 3, Döring. Herabgeſetzter Preis eines jeden Jahrgangs Rthlr. 2. oder fl. 3. 36 kr. Erholungsſtunden. Eine Zeitſchrift für ge⸗ bildete Leſer. Von Georg Dö ring. 4ter bis 6ter Jahrg. 1831— 33. à Rthlr. 5. od. fl. 8. —— Eine Zeitſchrift für gebildete Leſer. Von Eduard Duller. Neue Folge. Jahrgang 1834, in 12 Heften. Rthlr. 5. oder fl. 8. Dieſe Zeitſchrift, welche ſeit einer Reihe von Jahren ſich des Beifalls der gebildeten Leſewelt erfreut, wird wie bisher in monatlichen Heften erſcheinen. Die Redaktion der⸗ ſelben hat der rühmlichſt bekannte Dichter, Herr Eduard Duller, übernommen.— Durch die ſorgfältige Aus⸗ wahl, Prüfung und Anordnung dieſes ausgezeichneten Schriftſtellers wird dem Publikum eine Zuſammenſtellung des Gediegenſten geboten. Zugleich bürgen guch die Namen der bisherigen und neuern Mitarbeiter: Adrian, L. Bech⸗ ſtein, Belani, Kilzer, Ph. von Mettingh, Nänny, Rückert, Johanna Schopenhauer⸗ Stark⸗ loff, L. Storch, Zehner, Zſchokke und a. m. für die Tüchtigkeit dieſes Unternehmens. 3 Fiſcher, C. A, neue Kriegs⸗ und Reiſefahr⸗ ten oder romantiſche Kriegs⸗ und Lebensaben⸗ theuer. 2 Theile. Rthlr. 3. 12 gr. oder fl. 6. Dem allgemein geſchätzten Verfaſſer ſtand ein Schatz literariſcher Quellen des Auslandes zu Gebote, welche er auf ſeine bekannte anmuthige Weiſe verarbeitete und zum Eigenthum unſerer Literatur machte. Wenn ſeine früheren Kriegs⸗ und Reiſefahrten ſich durch Eleganz⸗ Wärme und Wahrheit der Darſtellung auszeichneten, ſo verbindet dieſe neue Sammlung mit der Leichtigkeit und dem Glanz der Diction und der Treue der Ausführung noch das Anziehende, daß ſie Stoffe behandelt, die, allgemein menſchlich, und hi⸗ ſtoriſch betrachtet, von dem höchſten Intereſſe ſind. Gruner, G. A., Friedemann und die Seinen, oder das Gottesreich auf Erden. Ein Fami⸗ lienbuch zur Veredlung des häuslichen und bürgerlichen Lebens. 4 Theile. Geh. Rthlr. 3. 8 gr. oder fl. 6. Der Zweck erheiternder unterhaltung iſt kein unver⸗ dienſtlicher in unſerer Zeit. Es iſt erfreulich, daß die Schrift, welche wir hiermit im größeren Kreiſe zur Kunde bringen, dieſen Zweck, nach dem einſtimmigen Zeugniſſe der nicht Wenigen, in deren Händen ſie ſich bereits befindet, in den verſchiedenſten Familien ſchon erreicht hat. Es iſt er⸗ freulich um des weiteren und höheren Zieles willen, welches ihr aufgeſtellt iſt. 4 Sie wiſl die Schönheit des Chriſtenthums durch die 9 wahre und unverkünſtelte Darſtellung eines häuslichen Le⸗ bens in allen Ständen der bürgerlichen Geſellſchaft, das ein tieferes und gehaltreicheres iſt, als das gewöhnliche, wie es aber gar wohl überall gelebt werden könnte, in einem Lichte zeigen, welches das Wort des abgezogenen Begriffes nicht zu geben vermag. 1 5 König, H., die Wallfahrt. Eine Novelle. Rthlr. 1. 8 gr. oder fl. 2. 24 kr. Aus der Niederung eines geheimen Vergehens führt uns die anmuthige Erzählung zur Höhe eines Hülfsberges und zum Ueberblick alles Wallfahrenden auf Erden.— Einheit der Idee in ihrer verſchiedenen Lichtbrechung, heitre Dar⸗ ſtellung bei tiefer Bedeutſamkeit und die dem Verfaſſer eigne Ironie zeichnen dieſes Büchlein aus, das der Leſer nicht ohne Erquickung durch guten Humor und erfreuliche Anſich⸗ ten des Lebens weglegen wird. Der verkappte Jeſuit knüpft die Fabel an die jüngſte Zeit an.. Kupferſammlung zu Walter Scotts ſaͤmmt⸗ lichen Werken. Erſte Lieferung: Das Fräulein vom See. 8: gr. oder 36 kr.— Zweite Lieferung: Kenilworth. 12 gr. oder 54 kr.— Dritte Lieferung: Pe⸗ veril vom Gipfel. Ivanhoe. 12 gr. oder 54 kr.— Vierte Lieferung: Das Klo⸗ ſter. Der Abt.— Fünfte Lieferung: Der Seeräuber. Marmion. Die Braut von — 282-8-G A—S ——8söx ꝙ ———O — Lammermoor.— Sechſte Lieferung: Quentin Durward. Rokeby.— Siebente Lieferung: Waverley. Nigel's Schick⸗ ſale.— Achte Lieferung: Der Alter⸗ thuͤmler. Das Herz von Midlothian.— Neunte Lieferung: Die Presbyterianer. Der St. Ronansbrunnen. Robin der Rothe. Von der 4ten bis zur 9ten Lieferung koſtet jede 8 gr. oder 36 kr. Rückert, Fr., Nal und Damajanti. Eine in⸗ diſche Geſchichte. Rthlr. 1. 18 gr. od. fl. 2. 48 kr. Das Publikum erhält hier eine, von dem rühmlich be⸗ kannten Dichter Rückert, mit aller ihm in ſo ſeltenem Grade eigenen Sprachfertigkeit und Reimfülle übertragene indiſche Dichtung, bei der aber alles Fremdartige, ohne Studium der indiſchen Poeſie Unverſtändliche, vermieden iſt, ſo daß ſie als eine ſinnige Liebeserzählung erſcheint, über welche ſich nur ein leiſer fremdartiger, aber lieblichſüßer Duft ausbreitet und ſie umweht. Das Mythologiſche, völ⸗ lig verſtändlich, erſcheint in der Figur, welche am bedeu⸗ tendſten eingreift, nur als Allegorie des böſen Gelüſtens, welches in unſrer Bruſt wohnt. Liebe, in bezaubernder Schilderung, ihre Leiden und Treue bilden den Inhalt des Büchleins, und wem Sinn für wahre Poeſie einwohnt, wird an dieſer Dichtung, und wem Sinn für Sprachſchönheit und Ausdruck einwohnt, wird an Rückert's Verſen ein Vergnü⸗ gen genießen, wie es ſelten geboten wird. Schopenhauer, Johanna, Erzählungen. Acht Theile. Zweite wohlfeilere Aus⸗ gabe. Auf Velinpap. Rthlr. 10. 20 gr. oder fl. 19. 24 kr. Auf Druckpap. Rthlr. 8. od. fl. 14. —— Novellen. Zwei Theile. Geh. Rthlr. 2. 20 gr. oder fl. 4. 48 kr. —— neue Novellen. Drei Theile. Rthlr. 3. oder fl. 5. Dieſe 5 Bände Novellen ſind neu und noch nicht in der Geſammtausgabe aufgenommen. Serrius, Dr. A., Eioa. Weiheſtunden der Andacht und des Gebets. Mit 1 Kupfer von Fleiſchmann. Geb. 12 gr. oder 48 kr. Dieſes Werkchen athmet die reinſte Gottesfurcht, und ſpricht dieſe in poetiſchen und melodiſchen Klängen aus, ſo daß neben der Erhebung des Gemüths auch die Bildung des Geiſtes gefördert wird. Starkloff, L., Erzaͤblungen. Rthlr. 1. 16 gr. oder fl. 2. 48 kr. Ein reicher Humor, Kenntniß des menſchlichen Her⸗ zens und lebendige, fortreißende Darſtellungsgabe ſind all⸗ gemein anerkannte Vorzüge des geſchätzten Herrn Verfaſſers; unſere Erzählungen gehören überdies noch zu dem Vorzüg⸗ lichſten, was, nach dem Urtheil von Kennern, aus ſeiner Feder gefloſſen iſt. Stelldichein im Tivoli, das, oder Schu⸗ ſter und Schneider als Nebenbuhler. Local⸗ poſſe mit Geſang in zwei Acten. Vom Ver⸗ faſſer des„alten Burgercapitain.“ Geh. 12 gr. oder 45 kr. Storch, Ludwig, Malers Traum. Novelle. Rthlr. 1. 16 gr. oder fl. 3. Thümmels, H. W. v., nachgelaſſene Apho⸗ rismen, aus den Erfahrungen eines Sieben⸗ und Siebzigjährigen. Elyſium und Tar⸗ tarus. Eine Fantasmagorie. Nebſt des Ver⸗ faſſers Biographie. Geh. 21 gr. od. fl. 1. 30 kr. Weitzel, J., Scherz und Ernſt; zur Charakteriſtik unſerer Zeit. Geh. Rthlr. 1. 18 gr. oder fl. 3. Zehner, H. G., die Treuringe. Novelle⸗ Geh. 9 gr. oder 40 kr. —— die Pietiſtin. Novelle. Rthlr. 1. 8 gr. oder fl. 2. 24 kr.