1 —-—— 9 — — 124 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8. Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe binterlegen⸗ welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 1 11 17 1— 3 7—* 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. duslarncaers. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — „—,—- — V —-— ————— — — 6 85 Scharfrichter von Bern Cooper's ſaͤmmtliche Werke. Sechsundſiebenzig bis achtundſiebenzigſtes Bäͤndchen. —— Der oder das Winzerfeſt. Erſtes bis drittes Bändchen. Frankfurt am Main, 1833. Gedruckt und verlegt von Johann David Sauerländer. * . 4₰ Der Scharfrichter von Bern . oder das Winzerfe ſt. Von Fenimore Cooper. 14 . Aus dem Engliſchen überſetzt. —— 4 4 Erſter Theil. + Frankfurt am Main, 1833. Gedruckt und verlegt von Johann David Sauerländer. Einleitung. Früh im October 1832 hielt ein Reiſewagen auf der Höhe des lange geſtreckten Abhanges, welcher von der hochgelegenen Ebene Moudon’'s in der Schweiz ſich zu dem Genfer See niederſenkt, unmittelbar über der kleinen Stadt Vevay. Der Poſtillion war abgeſtiegen, um ein Rad zu hemmen und dieſer Aufenthalt machte es denen, welche er führte, möglich, einen Blick auf das liebliche Landſchaftsgemälde zu werfen, welches dieſe merkwürdige Ausſicht darbot. Die Reiſenden waren eine amerikaniſche Familie, welche Europa lange Zeit durchwandert hatte und nun, nachdem ſie Deutſchland mehrere hundert Meilen durch⸗ kreuzt, über das nächſte Ziel ihrer Reiſe in Ungewißheit war. Vier Jahre früher hatte dieſelbe Familie, ohnge⸗ fähr an demſelben Tage des Octobers und genau aus demſelben Grunde an dieſer Stelle angehalten. Sie reiſ'te damals Italien zu und wie die Glieder derſelben die Ausſicht auf den Leman⸗See mit den umliegenden Punk⸗ ten, Chillon, Chatelard, Blonay, Meillerie, den Savoyi⸗ ſchen Bergſpitzen und den wilden Alpenzügen überſchau⸗ ten, hatten ſie es ſchmerzhaft empfunden, daß ſie dieſes Feen⸗Land ſo ſchnell wieder verlaſſen mußten. Dies war jetzt anders; ſie gaben ſich dem Reize einer ſo grosartigen und doch ſo lieblichen Natur hin und nach wenigen Stunden war der Wagen in einer Remiſe, ein Haus gemiethet, die Koffer ausgepackt und die Hausgöotter der Reiſenden — wurden zum zwanzigſten Mal in einem fremden Lande aufgeſtellt. Unſer Amerikaner(das Haupt der Familie) war mit dem Meere vertraut und der Anblick des See's erweckte alte und freundliche Erinnerungen. Kaum zu Vevay ein⸗ gemiethet und heimiſch, ſah er ſich nach einem Boote um. Der Zufall führte ihn zu einem gewiſſen Jean Des⸗ cloux, mit welchem er bald des Handels einig war, und ſie ſchifften mit einander auf den See hinaus. Dieſes zufällige Zuſammentreffeu war der Anfang eines angenehmen und freundlichen Verkehrs. Jean Des⸗ elour war nicht nur ein ſehr guter Schiffer, ſondern auch ein ſchätzenswerther Philoſoph in ſeiner Art, da er einen ziemlichen Schatz allgemeiner Kenntniſſe hatte. Beſon⸗ ders ſchien das, was er von Amerika wußte, ein wenig auffallend. Er wußte, daß es ein Feſtland wäre und weſtlich von ſeinem eigenen Welttheil läge; daß eine Stadt dort gefunden wurde, Neu⸗Vevay genannt; daß alle die Weißen, welche dorthin gegangen, noch nicht ſchwarz ge⸗ worden waͤren und daß man die Hoffnung hegen dürfte, es könnte einſt civiliſirt werden. Da der Amerikaner den Schiffer über einen Gegenſtand, an welchem die meiſten öſtlichen Gelehrten ſcheitern, ſo erleuchtet ſah, hielt er es für gut, ihn auch auf andere Fragen zu brin⸗ gen. Der wackere Schiffer zeigte ſich allmahlig als einen Mann von auffallend richtigem Scharfblick. Er war ein ziemlich guter Wetterverſtändiger; wußte mancherlei Wun⸗ der hinſichtlich des Gebahrens des See's zu erzahlen; tadelte die Stadt, daß ſie keinen Hafen in den großen. Platz graben laſſe; behauptete fortwährend, der Wein eK eerir e von St. Saphorin ſey ein ſchmackhaftes Getränk für die, welche keinen beſſern haben könnten; lachte über den Ge⸗ danken, als gebe es hinreichend Faden in der Welt, um den Grund des Genfer See's zu erreichen; war der Meinung, die Forelle ſey ein beſſerer Fiſch als die férà; ſprach mit ungemeiner Mäßigung von ſeinen ehemaligen Herrn, der„bougeoisie“ von Bern, welche jedoch, wie er ſtets behauptete, für die Straßen der Waadt herz⸗ lich ſchlecht geſorgt habe, während die um ihre eigene Stadt die beſten in Europa geweſen wären, und zeigte ſich auch in andern Dingen als einen klugen und umſich⸗ tigen Mann. Kurz, der ehrliche Jean Descloux war ein treffliches Muſter des hausbackenen, grademg geſunden Menſchenverſtandes, welcher den Inſtinct der Maſſe aus⸗ zumachen ſcheint und den es faſt überall Mode iſt, in den Kreiſen lächerlich zu machen, in welchen Miſtification für tiefes Denken, kecke Anmaßung für Überzeugung, ein Lächeln für Witz, beſondere perſönliche Vortheile fuͤr Frei⸗ heit gelten und wo man es für eine Todſünde gegen gute Sitte hält, Adam und Eva für die Ureltern des Menſchengeſchlechtes ausgeben zu wollen. „Monſieur hat eine gute Zeit zum Beſuche unſerer Stadt gewählt,⸗ bemerkte Jean Descloux eines Abends, als ſie von der Stadt dahin trieben und die ganze Sce⸗ nerie eher einem Feen⸗Gemälde als einem Theil dieſer ſehr mißhandelten Erde glich;„es ſtürmt manchmal an dieſem Ende des See's auf eine Weiſe, welche die Waſ⸗ ſervögel davon verſcheuchen könnte. Nach dem letzten des Monats werden wir vom Dampfſchiff nichts mehr ſehen.“ Der Amerikaner warf einen Blick auf die Berge, rief verſchiedene Windſtöße und Stürme, die er ſelbſt bemerkt hatte, in ſein Gedächtniß zurück, und hielt des Schiffers Redefigur für weniger übertrieben, als ſie ihm anfangs geſchienen. „Wenn eure Fahrzeuge beſſer gebaut wären, mach⸗ ten ſie beſſeres Wetter,“ bemerkte er ruhig. Monſieur Descloux wünſchte durchaus nicht mit ei⸗ nem Kunden zu hadern, der ihm jeden Abend zu thun gab und lieber mit der Strömung dahin trieb, als ſich mit dem gekrümmten Ruder fortrudern ließ. Er lieferte ſonach einen Beweis ſeiner Klugheit, als er eine zurück⸗ haltende Antwort gab. „Ohne Frage, Monſieur,“ ſagte er,„bauen die Leute, welche an der See wohnen, beſſere Schiffe und wiſſen dieſelben geſchickter zu führen. Wir hatten im letzten Sommer einen Beweis davon, hier zu Vevay (er ſprach das Wort wie v-vais, nach dem Laut der fran⸗ zöſiſchen Vokale, aus); ihr hört es vielleicht gern. Ein Engliſcher Herr,— man ſagt, er ſey Kapitän in der Marine geweſen— ließ ein Boot zu Nizza bauen und über die Berge in unſern See bringen. Er fuhr an ei⸗ nem ſchönen Morgen nach Meillerie hinüber und keine Ente ſchwamm je leichter oder ſchneller dahin! Er war kein Mann, der von einem Schweizer Schiffer einen Rath annahm, denn er hatte die Linie paſſirt und Spritz⸗ und Wallſſiſche geſehen! Gut, er war auf dem Rückweg, es war dunkel und der Wind jagte hier von den Bergen nieder und er hielt keck gegen unſer Ufer und warf, wie er ſich dem Lande näherte, das Blei aus, als trieb er ———— bei einem dichten Rebel in Spithead*) hinein,“— Jean lachte laut auf bei dem Gedanken, den Leman ſondiren zu wollen—„während i gleich einem kühnen Seemann, der er ohne Zweifel war, dahin flog!“. „Und, wie ich denke,“ ſagte der Amerikaner,„un⸗ ter all dem Kram auf dem großen Platze**) landete!“ „Monſieur irrt. Er zerſchellte die Naſe ſeines Boots an dieſer Mauer und am folgenden Tag war kein Span davon, der dick genug geweſen wäre, um einen Dullen⸗Na⸗ gel daraus zu machen, weit und breit zu finden. Er hätte eben ſo gut den Himmel ſondiren können.“ „Der See hat aber doch einen Grund?“ „Ihr verzeiht, Monſieur. Der See hat keinen Grund. Das Meer mag einen Grund haben; aber wir haben keinen Grund hier.“ Es half wenig, über dieſen Punkt mit Jean zu ſtreiten. Monſieur Descloux ſprach nun von der Revolution, die er erlebt hatte. Er erinnerte ſich der Zeit, wo die Waadt ein Landtheil von Bern geweſen war. Seine Be⸗ merkungen über dieſen Gegenſtand waren vernünftig und mit geſundem Menſchenverſtand gehörig gewürzt. Seine Lehre war einfach dieſe:„Wenn Ein Mann herrſcht, wird — *) Große und ſichere Rheede, welche durch die Inſel Whigt und die Küſte von Portsmouth geſchützt wird und ih⸗ ren Namen von dem Dorfe Spithead, am Meere, in Hampfhire, hat. Ueberſetze **) Der große Platz öfnet ſich ſüdlich auf den See. Ueberſetzer. — 10— er zu ſeinem eigenen Vortheil und zu dem ſeiner Schmeich⸗ ler herrſchen; herrſcht eine Minderzahl, ſo haben wir viele Herrn ſtatt einem,“(der ehrliche Jean hatte hier einen Gemeinſpruch der Priviligirten erfaßt, welchen er ſehr ſcharfſinnig gegen ſie umkehrte,)„die alle gefüttert und bedient ſeyn wollen; und wenn die Mehrzahl herrſcht und auch ſchlecht herrſcht, nun, ſo entſteht am wenigſten Unheil.“ Er gab zu, daß das Volk zu ſeinem eigenen Nachtheil hintergangen werden könne, aber er glaubte nicht, daß dieſes ſo wahrſcheinlich der Fall ſeyn werde, als daß es unterdrückt würde, wenn es von der Theil⸗ nahme an der Regierung ausgeſchloſſen wäre. In dieſen Punkten waren der Amerikaner und der Waadtländer durchaus derſelben Geſinnung. Der Uebergang von der Politik zur Poeſie war na⸗ türlich, denn Dichtung ſcheint beiden als ein gemeinſchaft⸗ liches Element innezuwohnen. Wenn die Rede auf ſeine Berge kam, war Monſieur Descloux ein eingefleiſchter Schweizer. Er äußerte ſich über ihre Erhabenheit, ihre Stürme, ihre Höhe und ihre Gletſcher mit vieler Be⸗ redſamkeit. Der wackere Schiffer hatte von der überle⸗ genheit ſeines Vaterlandes grade dieſelben Anſichten, welche ſich alle bilden, welche nie ein anderes Land ge⸗ ſehen haben. Auch weilte er bei der Glorie eines Win⸗ zerfeſtes mit dem Behagen eines Einwohners von Vevay und ſchien es für einen ſehr ſtaatsklugen Streich zu hal⸗ ten, eine neue féte dieſer Aet ſo ſchnell als möglich wie⸗ der zu veranſtalten. Kurz, die Welt und ihre Intereſ⸗ ſen wurden während eines Verkehrs, der ſich bis zu ei⸗ ————— u — 11— nem Monat ausdehnte, zwiſchen unſern zwei Philoſophen in allgemeinen Zügen wacker beſprochen. Unſer Amerikaner war der Mann nicht, der ſich eine Belehrung dieſer Art leicht entgehen ließ. Er lag zuwei⸗ len ſtundenlag auf den Sitzen in Jean Descloux's Boot und blickte zu den Bergen empor oder nach einem zau⸗ dernden Segel auf dem See und dachte über die Weis⸗ heit nach, deren Bewahrer er ſo zufällig geworden war. Durch den Gletſcher des Mont Vélan, eines nahen Nach⸗ barn des berühmten Col von St. Bernhard, war ſeine Ausſicht auf der einen Seite begränzt; auf der andern konnte ſein Auge bis zu den lachenden Umgebungen von Genf hinabſchweifen. Zwiſchen dieſen Punkten breitet ſich eines der prachtvollſten Gemälde aus, welche die Natur je geſchaffen hat, und vor ſeinem Geiſte gingen d die menſchlichen Handlungen, Leidenſchaften und Intereſſen vorüber, deren Schauplatz es geweſen ſeyn mochte. Durch eine Verbindung, welche der Lage angemeſſen ge⸗ nug war, dachte er ein Lebensfragment, welches ſich in⸗ nerhalb dieſer großen Grenzen bewegte, und die Art aus, in welcher der Menſch dem nimmer raſtenden Treiben ſeiner Gefühle in der unmittelbaren Gegenwart der Ma⸗ jeſtät des Schöpfers lauſchen dürfte. Er fann über die Ähnlichkeit nach, welche ſich zwiſchen der unbelebten Na⸗ tur und unſern wunderlichen Ungleichheiten zeigt; über die ſchreckliche Miſchung von Gutem und Böſem, die unſer Weſen ausmacht; über die Weiſe, in welcher die Beſten ihre Unterwerfung unter das böſe Princip verrathen, und in welcher die Schlechteſten Funken des ewigen Rechts⸗ grundſatzes zeigen, womit ſie von dem Schöpfer ausge⸗ ſtattet worden ſind, über jene Stürme, welche zuweilen in unſern Herzen ſchlafend liegen, wie der ſchlummernde See in der Windſtille, welche aber, wenn ſie erwachen, der Wuth ſeiner Wellen gleichen, wenn die Winde ihn durchwühlen; über die Macht der Vorurtheile; über die Werthloſigkeit und den wechſelvollen Charakter der Meinungen, welchen wir am meiſten anhingen, und über jene ſeltſame, unbegreifliche und doch anziehende Miſchung von Widerſprüchen, Täuſchungen, Wahrheiten und Irr⸗ thümern, welche die Summe unſerer Exiſtenz ausma⸗ chen.— Die folgenden Blätter ſind das Ergebniß dieſes Traumers. Dem Verſtande des Leſers bleibt es über⸗ laſſen, die Moral herauszufinden. Ein achtenswerther Engliſcher Schriftſteller ſagt: „Alle Blätter des menſchlichen Lebens ſind des Leſens werth; die Weiſen belehren, die Heitern ergötzen uns; die Unklugen ſagen uns, was wir zu meiden haben; die Abgeſchmackten heilen den Spleen.“ Erſtes Kapitel. „Der Tag glomm und ich ging beim ſauften Windhauch, der leicht den Leman kräuſelte.“ Rogers. Das Jahr war im Sinken und der Morgen glänzend heiter, als das ſchönſte und ſchnellſte Fahrzeug, das den Leman befuhr, am Kai der alten und hiſtoriſchen Stadt Genf zur Abreiſe nach dem Waadtlande bereit lag. Die⸗ ſes Schiff hieß der Winkelried, zum Andenken Arnolds von Winkelried, welcher ſo edelmüthig Leben und Hoff⸗ nungen dem Wohle ſeines Vaterlandes geopfert hatte und verdientermaßen zu den echteſten jener Helden ge⸗ zählt wird, von denen gültig hergeſtellte Nachrichten auf uns gekommen ſind. Es war im Anfange dieſes Jahres vom Stapel gelaſſen worden und zeigte noch an dem Top der Vorſtange einen Epheukranz, der mit Bandſchleifen. und Wimpeln, den Geſchenken der Freundinnen des Pa⸗ trons, und dem vermeintlichen Pfande des Glückes, ver⸗ ſchwenderiſch verziert war. Langſam führt allerdings die Anwendung des Dampfes und die Gegenwart unbeſchäf⸗ tigter Seeleute, in dieſer für Kriegsluſtige ſo müßigen Zeit, zu Neuerungen und Verbeſſerungen in der Schifffahrt auf den Italieniſchen und Schweizer Seen; aber die Zeit — 14— hat bis auf dieſe Stunde wenig gethan, um die Gewohn⸗ heiten und Anſichten derjenigen zu ändern, welche dieſe Binnenwaſſer Behufs ihres Unterhaltes befahren. Der Winkelried hatte die zwei niedrigen, auseinander gehenden Maſten; die verkürzten und mahleriſch abgewägten latei⸗ niſchen Raaen; die leichten dreieckigen Segel; die über⸗ ragenden und vorſpringenden Laufplanken; den zurück⸗ tretenden und fallenden Spiegel; den hohen und geſpitzten Schnabel, mit dem klaſſiſchen und zierlichen Äuſſern die⸗ ſer Schiffe im Allgemeinen, wie man ſie auf ältern Ge⸗ mälden und Kupferſtichen ſieht. Eine vergoldete Kugel glänzte auf der Spitze jedes Maſtes, denn kein Segeltuch war höher aufgeſetzt, als die ſchlanken und ſchön bala⸗ mirten Raaen und über einer dieſer zitterte und flatterte in einem friſchen Weſtwind der verwelkte Buſch mit ſei⸗ nem bunten Schmuck. Der Rumpf war eines ſo ſehr ſchönen Außern würdig, denn er war geräumig, bequem und nach den Bedürfniſſen der Schifffahrt von bewährter Form. Die Ladung, welche dem Auge hinreichend offen lag, da der größte Theil auf der breiten Decke aufgehäuft war, beſtand aus einer, wie es unſere Schiffer nennen würden, aſſortirten Fracht. Man ſah jedoch darunter vor⸗ züglich jene ausländiſchen Luxusartikel, wie man ſie da⸗ mals nannte, obgleich die Gewohnheit ſie jetzt für den hauslichen Bedarf faſt unentbehrlich gemacht hat, welche ungemein mäßig von dem wohlhabendern Theile derje⸗ nigen, die tiefer im Gebirge wohnten, verbraucht wur⸗ den, und die zwei Haupt⸗Erzeugniſſe der Sennereiz; letz⸗ tere waren vorzüglich für einen Markt in den weniger waidereichen Diſtricten des Südens beſtimmt. Dieſem — 15 muß man den perſönlichen Effekt einer ungewöhnlichen Anzahl von Reiſenden zufügen, welche auf der Höhe des ſchwereren Theils der Ladung mit einer Ordnung und Sorgfalt, welche ihr Werth kaum zu fordern ſchien, einge⸗ ſchichtet waren. Dieſe Anordnung war jedoch für die Be⸗ quemlichkeit und ſelbſt für die Sicherheit des Schiffes nothwendig und von dem Schiffsherrn in der Abſicht ge⸗ troffen worden, jedes Individuum zu ſeinem Reiſegepäck zu bringen, um auf dieſe Weiſe jeder Verwirrung un⸗ ter der Schaar zuvorzukommen und der Schiffsmann⸗ ſchaft Raum und Gelegenheit zu laſſen, den nöthigen Ob⸗ liegenheiten der Fahrt zu entſprechen. Da das Schiff geſtaut, die Segel zum Niederlaſſen bereit, der Wind günſtig, und der Tag allmählig im An⸗ zuge war, hegte der Patron des Winkelrieds, welcher zugleich deſſen Eigenthümer war, den ſehr natürlichen Wunſch, abzureiſen. Aber ein unvorgeſehenes Hinderniß ſtellte ſich jetzt am Waſſerthore dar, wo der Bedinſtigte, der nach dem Charakter aller derer, welche kamen und gingen, zu forſchen beauftragt war, ſeinen Platz hatte und um den gegen fünfzig Repräſentanten von ungefähr halb ſo vielen Nationen ſich nun in einem lärmenden Gedränge ſammelten und die Luft mit einem Wirrwarr von Zungen füllten, welches einige wahrſcheinliche Ver⸗ wandtſchaft mit dem Lärm hatte, das die Arbeitsleute von Babylon in Verwirrung brachte. Nach Bruchſtücken von Sprüchen und halben Warnungen, welche gleicher⸗ weiſe an den Schiffsherrn, der Baptiſt hieß, und den Genfer Geſetzeswächter gerichtet waren, ſchien ſich ein Gerücht unter dieſen ungeſtümen Reiſenden beſtätigt zu — 16— haben, Balthaſar, der Scharfrichter oder Henker des mächtigen und ariſtokratiſchen Kantons Bern ſollte durch die Habſucht des erſtern, nicht nur allem, was man den Gefühlen und Rechten von Menſchen ehrſameren Berufes, ſondern auch, wie man mit Heftigkeit und Bündigkeit behauptete, ſelbſt der Sicherheit derer entgegen, die im Begriffe waren, ihr Vermögen dem Wechſel der Ele⸗ mente anzuvertrauen, in ihre Geſellſchaft eingeſchwärzt werden. Der Zufall und Baptiſt's Umſicht hatten bei dieſer Gelegenheit einen ſo vielfarbigen und ungleichartigen Ver⸗ ein menſchlicher Leidenſchaften, Intereſſen, Dialekte, Wünſche und Meinungen zuſammengebracht, wie irgend ein Bewunderer von Charakterverſchiedenheiten es nur wünſchen konnte. Man ſah unter ihnen mehrere Klein⸗ handler, die von Wanderungen in Deutſchland und Frank⸗ reich zurückkehrten, und theils mit ihrem ſpärlichen Waa⸗ renvorrath nach Süden wollten; einige arme Gelehrte, auf einer literariſchen Reiſe nach Rom begriffen; einen oder zwei Künſtler, welche mit mehr Enthuſiasmus als Kenntniſſen und Geſchmack ausgeſtattet waren und mit poetiſcher Sehnſucht nach dem blauen Himmel und der Farbenglut Italiens, reiſten; eine Truppe Straßen⸗ Gaukler, welche unter den ſchwerfälligern und minder verſchmitzten Bewohnern Schwabens von ihren neapolita⸗ niſchen Schwanken Nutzen gezogen hatten; unterſchied⸗ liche verabſchiedete Lakaien; ſechs oder acht Kapitaliſten, welche von ihrem Witze lebten, und eine namenloſe Horde jener Gattung, welche die Franzoſen„mauvais sujets nennen; ein Titel, um den jetzt, ſeltſam genug, zwiſchen es rch en es, eit im le⸗ rzt ſer er⸗ tte, end nur ein⸗ nk⸗ aa⸗ rte, nen als mit der ben⸗ nder lita⸗ died⸗ ſten, orde ets“ ſchen — 17— dem Auswurf der Geſellſchaft und einer Klaſſe, welche gern deſſen ausſchließliche Herrn und Gebieter werden möchten, heftig geſtritten wird. Dieſe bildeten mit einigen unbedeutenden Qualifica⸗ tionen, welche wir jetzt noch nicht näher zu erörtern brauchen, das weſentliche Erforderniß jeder wahren Re⸗ präſentation— die Majorität. Die übrigen waren von anderm Schlage. Zunächſt der lärmenden Schaar ruheloſer Köpfe und geſchwungener Arme in dem Thor und um daſſelbe, war eine Gruppe, welche die ehrfurcht⸗ gebietende und noch ſchöne Geſtalt eines Mannes in dem Reiſekleid eines der höhern Stände zeigte, der des Zeug⸗ niſſes von zwei oder drei Livree⸗Bedienten, die ihm nahe ſtanden, nicht bedurfte, um darzuthun, daß er zu den Glücklichern ſeiner Mitgeſchöpfe gehörte, wie Gutes und Boöͤſes gewöhnlich nach den Wechſelfällen des Lebens be⸗ rechnet wird. An ſeinen Arm lehnte ſich ein ſo junges und ſo liebliches weibliches Weſen, daß Alle, die ihre er⸗ bleichende Farbe beobachteten, auf das holde aber melan⸗ choliſche Lächeln, das gelegentlich, bei einer der markir⸗ teren Ausbrüche von Thorheit in dem Haufen, ihre ſanf⸗ ten und freundlichen Züge überglänzte, und auf eine Form, welche trotz ihrer abnehmenden Blüthe beinahe vollkommen war, mit Wehmuth ſchauten. Wenn dieſe Symptome einer zarten Geſundheit dieſes ſchöne Mäd⸗ chen nicht abhielten, an der Zungengeläufigkeit und dem Vortroge der verſchiedenen Redner ſich zu ergötzen, ſo zeigte ſie öfter ihren Widerwillen, ſich in der Geſellſchaft ſo roher, ſtürmiſcher, zudringlicher und plumper unwiſ⸗ ſenden Leute zu ſehen. Ein junger Mann, der den Ro⸗ 76— 78. 2 18— quelor und anderes ähnliches Zubehör eines Schweizers in fremdem Kriegsdienſt trug— ein Charakter, der in jener Zeit weder Beobachtungen noch Bemerkungen ver⸗ anlaßte— ſtand an ihrer Seite und beantwortete die Fragen, welche von Zeit zu Zeit von den Andern in ei⸗ ner Art an ihn gerichtet wurden, welche zeigte, daß er ein vertrauter Bekannter war, obgleich an ſeiner Reiſe⸗ Equipage Merkmale zu ſehen waren, die bewieſen, daß er nicht zu ihrer gewöhnlichen Geſellſchaft gehören dürfte. Unter allen, die nicht unmittelbar an der lärmenden Ver⸗ handlung am Thore Theil hatten, nahm dieſer junge Krieger, welchen die ihm nahe Stehenden gewöhnlich Monſieur Sigismund nannten, bei weitem an ihrem Fortgang das meiſte Intreſſe. Obgleich von herkuliſcher Geſtalt und augenſcheinlich von ungewöhnlicher Körper⸗ kraft, war er doch ungemein angegriffen. Seine Wange, welche noch nicht die Friſche, die ſie der Bergluft dankte, verloren hatte, wurde manchmal blaß, wie die der wel⸗ kenden Blume neben ihm, während ein anderes Mal ſein Blut in einem Strom ſein Geſicht überflog, welcher die ſchwellenden Gefäße zu brechen ſchien, in denen es ſo ſtürmiſch floß. Wenn er jedoch nicht angeredet wurde, ſchwieg er; ſein innerer Kampf wich allmählig und ver⸗ rieth ſich zuletzt nur noch durch das krampfhafte Ein⸗ krümmen ſeiner Finger, welche unbewußt das Gefäß ſeines Schwertes gefaßt hatten. — Der Lärm hatte nun eine Zeit lang fortgedauert; die Kehlen wurden wund, die Zungen klebricht, die Stim⸗ men heiſer und die Worte unzuſammenhängend, als ein mit dem Tumulte ſelbſt im Einklange ſtehender Vorfa 3 * * 4 —— zers r in ver⸗ die n ei⸗ ß er teiſe⸗ daß rfte. Ver⸗ unge nlich hrem ſcher rper⸗ ange, nkte, wel⸗ Mal lcher n es urde, ver⸗ Ein⸗ Befäß uert; 5tim⸗ s ein orfa — 19— das eitle Geſchrei plotzlich unterbrach. Ganz in der Nähe lagen zwei ungeheure Hunde, offenbar auf die Bewe⸗ gungen ihrer gegenſeitigen Herrn wartend, die in der Maſſe von Köpfen und Körpern, welche den Thorweg ſperrten, den Blicken entzogen waren. Eines dieſer Thiere war mit einem kurzen und dichthaarigen Fell bedeckt, deſ⸗ ſen Grundfarbe ein helles Gelb, die Kehle und Füße aber, ſo wie der untere Theil des Leibes von mattem Weiß waren. Seinem Nebenbuhler dagegen hatte die Natur ein dunkles, bräunliches, langhaariges Kleid gege⸗ ben, ſeine Hauptfarbe jedoch durch einige Schatten von entſchiedenem Schwarz gehoben. Was die Wucht und Kraft des Köͤrpers anging, ſo ſprang der Unterſchied zwi⸗ ſchen den beiden Thieren nicht ſo bald in das Auge, ob⸗ gleich die Schale ſich leicht zu Gunſten des erſtern zu ſenken ſchien, der an Länge, wenn nicht an Kraft der Glieder, offenbar den Vortheil auf ſeiner Seite hatte. Es würde die Befähigung, welche wir zu dieſem Verſuche in uns fühlen, weit überſteigen, wollten wir auseinander ſetzen, in wie fern die Inſtinkte der Hunde mit den wilden Leidenſchaften der menſchlichen Weſen um ſie her ſympathiſirten, oder ob ſie ſich bewußt waren, daß ihre Herren ſich in dem Streite auf entgegengeſetzte Seiten gewendet und daß es ihnen als treuen Knappen anſtehe, eine Lanze mit einander zu brechen, um die Ehre derer, welchen ſie dienten, aufrecht zu erhalten; kurz, ſie brachen, nachdem ſie ſich die gehörige Zeit mit den Augen gemeſſen hatten, wüthend auf einander los, Körper an Körper, nach der Art dieſer Thiere. Der Anprall war fürchterlich und der Kampf zwiſchen zwei 2* — 20— Thieren von ſolcher Größe und Stärke einer der wil⸗ deſten. Das Gebrüll glich dem von Löwen und übertönte wirklich das Getobe der Menſchenſtimmen. Jeder Mund verſtummte und jeder Kopf wendete ſich in der Richtung der Kämpfenden. Das zitternde Mäadchen ſchauderte mit abgewandtem Geſichte zurück, während der junge Mann eifrig vorſchritt, um ſie zu ſchützen, denn der Kampf war der Stelle nah, wo ſie ſtanden; aber ſo kraftvoll und gewandt ſein Körper war, zauderte er doch, in einen ſo wüthenden Streit ſich zu miſchen. In dieſem kritiſchen Augenblicke, wo die wuthentbrannten Thiere im Begriffe ſchienen, einander in Stücke zu zerreiſſen, wurde die Menge gewaltſam auseinander geſtoßen und Seite an Seite ſtürzten zwei Männer aus der Maſſe. Der eine trug eine ſchwarze Kleidung, die kirchliche, aſiatiſch⸗aus⸗ ſehende Sammtmütze, und den weißen Gürtel eines Auguſtiner⸗Monchs, und der andere hatte den Anzug eines dem Seeleben ergebenen Mannes, ohne jedoch ſo entſchieden ſeemänniſch zu ſeyn, daß man über ſeinen Charakter außer allem Zweifel geweſen wäre. Der er⸗ ſtere hatte eine weiße friſche Geſichtsfarbe und ein ova⸗ les, glückliches Antlitz, in welchem innerer Frieden und Liebe zu ſeinen Mitmenſchen hauptſächlich vorleuchteten, während der andere die braune Farbe, die kühnen Züge und das funkelnde Auge des Italieners hatte. „ Uberto!“ ſagte der Mönch tadelnd, jene Aft belei⸗ digter Miene annehmend, welche man wohl einem ver⸗ ſtändigern Weſen zeigt, gewillt, aber zugleich bange, ſich. einem ſo wüthenden Kampfe mehr zu nähern,„ſchaͤme — wil⸗ tönte Nund htung 2 mit Nann ampf ftvoll einen iſchen griffe e die te an eine aus⸗ eines Anzug ch ſo einen er er⸗ ova⸗ und teten, Züge belei⸗ —ver⸗ , ſich chäͤme al= dich, alter Uberto! Haſt du deine Dreſſur vergeſſen— haſt du keine Achtung vor deinem guten Namen?“ Der Italiener hielt ſich andrerſeits nicht bei ſolchen Einreden auf, ſondern warf ſich mit ſorgloſer Keckheit auf die Hunde, und kraft der Stöße und Hiebe, deren ſchwerſter Theil auf den Begleiter des Auguſtiners fiel, gelang es ihm, die Kämpfer zu trennen. „Ha, Nettuno!“ rief er, ſobald dieſe kühne That vollbracht und er den in der heftigen Anſtrengung verlor⸗ nen Athem wieder ein wenig geſammelt hatte, mit der Strenge eines Mannes, der gewohnt iſt, ein ernſtes und unbedingtes Anſehen auszuüben:—„was haſt du vor? kannſt du keine beſſere Unterhaltung finden, als mit einem San Bernardo⸗Hund zu hadern? Schäme dich, thöriger Nettuno! du machſt mich ſchaamroth, Hund: du, der ſo viele Meere beſonnen beſchiffteſt, verlierſt deine Ruhe an einem kleinen Behälter ſüßen Waſſers!“ Der Hund, der wirklich ein edles Thier von der be⸗ kannten Neu⸗Fundland⸗Racge war, hängte ſeinen Kopf und gab Zeichen großer Zerknirſchung, indem er ſeinem Herrn zurutſchte und mit ſeinem Schweif den Boden fegte, waͤhrend ſein früherer Gegner ſich mit einer Art mönchiſcher Würde niederſetzte und von dem Redner auf ſeinen Feind blickte, als ſey er bemüht, die Vorwürfe zu begreifen, welche ſein mächtiger und wackerer Antagoniſt ſo zahm hinnahm. „Vater,“ ſagte der Italiener, ⸗unſere Hunde ſind beide, jeder auf ſeine Art, zu nützlich, beide ſind zu gu⸗ ten Charakters, um Feinde zu ſeyn. Ich kenne Uberto von alter Zeit her, denn die Wege des St. Bernard — 22— und ich ſind keine Fremdlinge, und wenn der Ruf dem Thiere nicht mehr als Gerechtigkeit widerfahren läßt, ſo war er keine müßige Range auf den Schneegefilden.“ „Er war das Werkzeug, durch welches ſieben Chriſten vom Tode gerettet wurden,“ erwiderte der Mönch und fing wieder an, ſeinen Hund mit freundlichen Blicken zu betrachten, denn anfangs war bitterer Vorwurf und ſtrenges Mißfallen in ſeinen Mienen—„um nicht von den Körpern zu reden, welche, nachdem der belebende Funke aus ihnen entflohen war, durch ſeine Thätigkeit gefunden wurden.“ „Was das letztere angeht, Vater, ſo können wir dem Thiere wenig mehr als guten Willen anrechnen. Schätzte man Dienſte nach dieſem Masſtab, ſo müßte ich ſeit langer Zeit der heilige Vater, oder wenigſtens ein Kardinal ſeyn. Es iſt jedoch keine ſchlechte Empfehlung für einen Hund, das Leben von ſieben Leuten gerettet zu haben, die ruhig in ihrem Bette ſterben können und Zeit haben, ihren Frieden mit dem Himmel abzuſchließen. Der Nettuno da iſt auf jede Weiſe würdig, des alten Uberto Freund zu ſeyn, denn ich habe ſelbſt zugeſehen, wie er dreizehn Ertrinkende aus den gierigen Rachen von Haifiſchen und andern Ungeheuern der tiefen See rettete. Wie iſt es, ſollen wir unter den Thieren Frie⸗ den ſtiften?“ Der Auguſtiner drückte ſeine Bereitwilligkeit, ſo wie ſeinen Wunſch aus, ihm in einem ſo lobenswerthen Be⸗ ginnen beizuſtehen und durch Befehle und gute Worte kamen die Hunde, welche, nachdem ſie gegenſeitig die Bitterkeit des Krieges gefühlt hatten, zum Frieden geneigt 1 dem , ſo 79 iſten und n zu und von ende gkeit wir nen. e ich ein lung ettet und ßen. llten hen, chen See rie⸗ wie Be⸗ orte die — 23— waren, und welche die Achtung gegen einander fühlten, die Muth und Kraft wohl erzeugen kann, bald auf den gewöhnlichen Fuß von ſolcherlei Thieren, welche keinen beſondern Grund zum Streite haben. Der Stadtwächter benutzte die durch den kleinen Vorfall herbeigeführte Ruhe, um einen Theil ſeines ver⸗ lornen Anſehens wieder herzuſtellen. Indem er die Menge mit ſeinem Stock zurücktrieb, ſchaffte er ſich freien Raum um das Thor, in welches immer nur Ein Reiſender ein⸗ treten konnte, während er ſich nicht nur bereitwillig, ſon⸗ dern entſchloſſen zeigte, ohne weiteres Zaudern ſeiner Pflicht zu genügen. Baptiſt, der Schiffsherr, der die köſt⸗ lichen Augenblicke vergeuden ſah und in der Zögerung einen Verluſt des günſtigen Windes ahnte, der für einen Mann ſeines Gewerbes Verluſt von Geld war, drängte jetzt die Reiſenden ernſtlich, ſich den nothwendigen For⸗ men zu fügen und mit der gebührenden Eile ihre Plätze in ſeinem Schiffe zu nehmen. „Was liegt daran,“ fuhr der berechnende Schiffer fort, der wegen ſeiner Liebe zum Gewinn, welche den meiſten Bewohnern jenes Landes eigen ſeyn ſoll, ziemlich allgemein bekannt war,„ob einer oder zwanzig Scharf⸗ richter in einem Boote ſind, ſo lange das gute Fahrzeug ſchwimmt und dem Steuer folgt? Unſere Leman⸗Winde ſind wankelmüthige Freunde und der Kluge ſucht ihre gute Laune zu benützen. Gebt mir den Wind von Weſten her und ich will den Winkelried bis zu dem Rande mit Scharfrichtern oder andern ſchadenbringenden Geſchöpfen, wie ihr ſie wollt, laden, und ihr ſollt das leichteſte Boot, uns ſehen, wer zuerſt in dem Hafen von Vevay einlauft?“ Der lauteſte, und in einem Sinne, welcher bei allen ſolchen Verhandlungen ſehr bedeutungsvoll iſt, der Haupt⸗ ſprecher bei dieſem Streite war der Anführer der Nea⸗ po litaniſchen Truppe, welcher vermöge einer trefflichen Lunge, einer Behendigkeit, in welcher ſich keiner der An⸗ weſenden mit ihm meſſen konnte, und einer gewiſſen Mi⸗ ſchung von Aberglauben und Großſprecherei, die faſt gleiche Beſtandtheile in ſeinem Charakter bildeten, ein Mann war, der leicht großen Einfluß auf die gewinnen konnte, welche, ihrer Unwiſſenheit und ihren Sitten zufolge, eine eingewurzelte Liebe für das Wunderbare und eine tiefe Achtung gegen alle die hegten, welche in ihrem Thun mehr Kühnheit und in ihrem Glauben mehr Leichtgläubigkeit beſaßen als ſie. Der gemeine Haufe liebt ein Überſchweng⸗ liches, wäre es ſelbſt in der Narrheit, denn in ſeinen Augen wird leicht der Überfluß an irgend einer beſondern. Eigenſchaft für ein Zeichen ihrer Vorzüglichkeit genommen. „Für den, der einnimmt, iſt das gut, es kann aber dem, der bezahlt, den Tod bringen,“ rief der Sohn des Südens, der bei den Zuhörern nicht wenig durch die verſchmitzte Weiſe gewann, wie er hier den Käufer und Verkaufer gegen einander ſtellte.„Du wirſt dein Silber füͤr die Gefahr erhalten, der du dich ausſetzeſt und wir können waͤſſerige Gräber für unſere Schwache erhalten. Nur Unfälle können durch ſchlechte Geſellſchaft kommen, ») Nordwind oder Nordoſtwind. Ueberſ. das je in der Biſe*) ſchwamm, nehmen und dann laßt 2 —————ℳ laßt t?“⸗ allen upt⸗ Nea⸗ chen An⸗ Mi⸗ eiche ann nte, eine tiefe nehr feit eng⸗ nen dern. nen. aber des die und lber wir ken. gen, — 25— und verflucht werden die in der unglücklichen Stunde ſeyn, welche in brüderlicher Verbindung mit dem befun⸗ den werden, deſſen Gewerbe es iſt, Ch hriſten in die Ewig⸗ keit zu ſchleudern, ehe die Zeit, welche ihnen die Natur geſetzt, genau vorüber iſt. Santa Madre! Nicht für die Ehre, vor dem heiligen Vater und dem ganzen gelehrten Conclave zu ſpringen und meine geringen Künſte zu zei⸗ gen, möchte ich der Reiſegenoſſe eines ſolchen Menſchen auf dieſem wilden und launenvollen See werden!“ Dieſe feierliche Erklärung, welche mit dem angemeſ⸗ ſenen Geberdenſpiel und einem Ausdrucke der Züge vor⸗ getragen wurde, der ganz geeignet war, die Aufrichtigkeit des Redners darzuthun, brachte eine entſprechende Wir⸗ kung auf die meiſten Zuhörer hervor, welche ihren Bei⸗ fall auf eine hinreichend bedeutſame Weiſe murmelten, um den Patron zu überzeugen, daß er durch ſchöne Worte allein die Schwierigkeit nicht zu beſeitigen im Stande ſeyn werde. In dieſer Verlegenheit ſann er auf einen Plan, die Zweifel aller Anweſenden zu beſiegen, in wel⸗ chem er von dem Genfer Thorwächter eifrig unterſtützt wurde und dem die übrigen, nach der gewöhnlichen Menge ſpitzfindiger Einwürfe, welche Mißtrauen, erhitztes Blut und die Hartnäckigkeit des Wortkampfes erzeugt hatte, endlich ihre Beiſtimmung zu geben veranlaßt wurden. Man kam überein, daß die Unterſuchung nicht länger verzögert, daß aber eine Art Ausſchuß aus der Menge innerhalb des Thores, wo jeder, der heraus kam, noth⸗ wendig ihrer Muſterung unterworfen werden mußte, ſich aufſtellen, und daß, im Falle ihre Wachſamkeit den ver⸗ abſcheuten und geächteten Balthaſar entdeckte, der Schiffs⸗ herr dem Scharfrichter ſein Geld zurückgeben und ihn abhalten ſollte, Mitglied einer Geſellſchaft zu werden, die in ihrer Wahl, und offenbar aus ſo unbedeutenden Grün⸗ den, dermaßen ängſtlich war. Der Neapolitaner, der Pippo hieß; der arffie Gelehrte, denn vor ungefähr hundert Jahren war die Gelehrſamkeit eher eine Verbündete als eine Feindin des Aberglaubens; und ein gewiſſer Nikolaus Wagner, ein dicker Berner, dem die meiſten Käſe in dem Schiffe gehörten, wurden bei dieſer Gelegenheit von der Menge gewählt. Der erſte dankte ſeine Wahl ſeinem Ungeſtüm und ſeiner Zungenfertigkeit— Eigenſchaften, die der gemeine Haufe gar zu gern für überzeugung und geiſtige Befähigung hält; der zweite ſchuldete ſie ſeinem Schweigen und einer gewiſſen ſteifen Gravität, welche bei einer andern Klaſſe für die Stille tiefen Waſſers gilt; der letzte ſeinem Anſehen als ein Mann von bekanntem Reichthum, ein Vortheil, der trotz allem, was die Alar⸗ miſten auf der einen Seite prophezeien, und die Enthu⸗ fiaſten auf der andern behaupten mögen, immer ein größeres Gewicht bei denen haben wird, welche in dieſer Hinſicht minder beglückt ſind, als vernünftig und moraliſch heilſam iſt, vorausgeſetzt, daß er nicht durch Anmaßung oder durch leere Anſprüche auf ungebührliche und drückende Privilegien mißbraucht wird. Es verſtand ſi ſich von ſelbſt, daß dieſe erwählten Wächter der gemeinen Rechte ihre eigenen N nhaßlere dem Genfer zuerſt vorzulegen gehalten waren.*) ⸗*) Da wir ſo oft auf dieſe Unterſuchung hingedeutet ha⸗ ben, ſcheint die Bemerkung an ihrer Stelle, daß das ihn die ün⸗ ppo ert als aus em der em en, ind em bei ilt; em ax⸗ hu⸗ ein ſer iſch ung nde bſt, hre ten ha⸗ 27— Der Neapolitaner, einer der verſchmitzteſten Burſche, der mehr kleine Vergehen auf der Seele hatte, als irgend jemand, der ſich heute an dem Waſſerthore zeigte, umgab ſich gewöhnlich mit jeder Vorſicht, welche die lange Er⸗ fahrung eines Vagabundes eingeben konnte und wurde ohne weiteres durchgelaſſen. Der arme Weſtphäliſche Ge⸗ lehrte hielt ein in mittelalterlichem Latein zierlich geſchrie⸗ benes Document hin und entging jeder weitern Beläſti⸗ gung durch die Citelkeit des ungebildeten Stadtwächters, der haſtig behauptete, es ſey eine wahre Freude, ſolche in alter Form abgefaßte Documente vor die Augen zu bekommen. Aber der Berner ſchien jede Unterſuchung in ſeinem Falle für unnöthig zu halten und wollte ſich ohne weiteres den zwei andern zugeſellen. Während ſich Nicolaus Wagner in ſtattlichem Schweigen dem Thore zu bewegte, beſchäftigte er ſich damit, die Schnüre einer wohlgeſpikten Börſe wieder zu befeſtigen, welche er eben um ein kleines Kupferſtück leichter gemacht hatte, um den Aufwärter der Herberge zu belohnen, in welcher er die Nacht hingebracht, und der ihm bis zu dem Hafen hatte folgen müſſen, dieſe ſpärliche Gabe zu erhaſchen. jetzige Gendarmerie⸗ und Paß⸗Syſtem damals in Europa nicht galt und faſt ein Jahrhundert ſpäter, als das, in welchem die Begebenheiten dieſer Erzählung Statt fanden, entſtanden iſt. Aber Genf war ein kleiner und bloßgeſtellter Staat und die Anordnung, von welcher hier die Rede iſt, war eine der Vorſichtsmasregeln, zu welcher man von Zeit zu Zeit ſeine Zuflucht nahm⸗ um die Freiheiten und die Unabhängigkeit zu ſchützen, auf welche ſeine Bürger ſo unausgeſetzt und ſo weiſe eiferfüchtig waren. Verf. — 28— Der Genfer glaubte gern, jener habe im Drange dieſes wichtigen Geſchäftes die Förmlichkeiten überſehen, welche gerade zu jener Zeit männiglich bei der Abreiſe zu beob⸗ achten gehalten war. „Ihr habt einen Namen und Charakter?“ bemerkte der letztere mit amtsmäßiger Kürze. „Gott ſey dein Schirm, Freund!— Ich glaubte nicht, daß Genf es mit einem Schweizer ſo genau neh⸗ men würde;— und mit einem Schweizer, der an der Aar und wahrhaft in dem ganzen, großen Kanton auf eine ſo vortheilhafte Weiſe bekannt iſt! Ich bin Nikolaus Wagner, ein Name von geringem Werthe vielleicht, der aber bei Leuten von Gewicht in hoher Achtung ſteht und der ſelbſt ein Recht auf die Bürgerſchaft hat*)— Niko⸗ laus Wagner von Bern— du wirſt kaum eines weitern bedürfen?“ „Nichts, als den Beweis der Wahrheit dieſer Aus⸗ ſage. Ihr werdet euch erinnern, daß dieß Genf iſt; die Geſetze eines kleinen und blosgeſtellten Staates müſſen in dergleichen Sachen eigener Art ſeyn.“ „Ich habe es nie in Abrede geſtellt, daß dein Staat *) Da der Berner Bürgerſchaft öfter gedacht wird, bemer⸗ ken wir, daß der Familien, welche zur Bürgerſchaft gehörten, verhältnißmäßig nur wenige im Kanton wa⸗ ren, und es ſehr ſchwer hielt, zu dem Bürgerrechte zu gelangen. Um ein Mitglied der Regierung werden zu können, mußte man Bürger von Bern ſeyn. Die ewigen Landeseinwohner, oder Landeskinder, hatten das erſte Recht, in die Klaſſe der Bürger einzurücken, wenn eine Bürger⸗Familie ausſtarb. Ueberſ. 8 — ſes lche ob⸗ kte ibte eh⸗ der auf aus der und iko⸗ ern lus⸗ die ſſen taat ner⸗ haft wa⸗ 2 zu 1 zu Die tten ken, 29— Genf iſt; ich wundere mich nur, daß du zweifelſt, daß ich Nikolaus Wagner bin. Ich kann in der dunkelſten Nacht, die jemals ihre Schatten von den Bergen warf, zwiſchen dem Jura und dem Oberland nach allen Rich⸗ tungen reiſen und niemand wird ſagen, daß mein Wort in Abrede geſtellt werde. Sieh nur, da iſt der Schiffs⸗ herr, Baptiſt! Er wird dir ſagen, daß ſein Schiff, wenn er die Fracht, die in meinem Namen verfahren wird, wieder an das Land ſetzen ſollte, um den größern Theil leichter gehen würde.“ Bei allem dem war Nikolaus nicht abgeneigt, ſeine Papiere vorzuzeigen, die in der beſten Ordnung waren. Er hielt ſie ſogar, mit dem Daumen und Zeigefinger ſie auseinander ſchlagend, hereit, um den Fragenden zu be⸗ ruhigen. Sein Zaudern kam von einem Gefühle ver⸗ wundeter Eitelkeit, welche gern gezeigt hätte, daß jemand von ſolcher örtlichen Wichtigkeit und von ſeinem bekannten Reichthum von den Anforderungen ausgenommen ſeyn müßte, welche man an Männer von geringern Mitteln macht. Der Genfer, welchem in dem Verkehr mit ſeinen Mitgeſchöpfen Colliſionsfälle dieſer Art häuſig vorkamen, begriff den Charakter, mit welchem er es zu thun hatte, und gab dem Berner Stolz nach, da er keinen hinreichen⸗ den Grund hatte, ſich zu weigern, mit einem Gefühle, das unſchuldig, obgleich ziemlich albern war, Nachſicht zu haben. „Ihr könnt gehen,“ ſagte er, bei einer lobenswerthen Kenntniß ſeiner Pflicht dieſe Schonung in Anſchlag brin⸗ gend:—„und wenn ihr wieder zu euern Städtern kommt, ſo erzeigt uns Genfern die Ehre und ſagt, wir behandelten unſere Bundesgenoſſen freundlich und gefällig.“ — 306— „Ich hielt dein Fragen für voreilig!“ rief der reiche Berner, ſich wie jemand aufblaſend, dem, wenn auch ſpaͤt, Gerechtigkeit widerfährt.„Gehen wir jetzt an dieſen kitzlichen Handel mit dem Scharfrichter.“ Niikolaus ſtellte ſich nun an die Seite des Neapoli⸗ taners und des Weſtphalen und nahm das ernſte Weſen eines Richters und eine Strenge der Miene an, welche bewies, daß er ſeinen Dienſt mit dem feſten Entſchluſſe, Gerecſriaret zu üben, antrat. „Ihr ſeyd hier wohl gekannt, Pilger,“ ſagte der Genfer mit einem etwas ſtrengen Tone zu dem nachſten, der an das Thor trat. „Heiliger Franziskus! hilf, Herr! das wäre ſonſt auch wunderbar, denn die Jahreszeiten gehen und kommen kaum regelmäͤßiger.“ „Es muß irgendwo ein wundes Gewiſſen ſeyn, daß Rom und Ihr ſo oft einander bedürft.“ Deer Pilger, der eine zerknitterte, mit Muſcheln be⸗ ſetzte Kutte anhatte, ſeinen Bart trug und überall ein abſchreckendes Bild menſchlicher Verdorbenheit war, das durch eine ſchlecht verſteckte Heuchelei noch eckelhafter gemacht wurde, lachte offen und ſorglos über dieſe Be⸗ merkung.— „Ihr ſeyd ein Anhänger Calvins, Meiſter,“ verſetzte er,„ſonſt wuüͤrdet Ihr nicht ſo geredet haben. Meine eigenen Sünden beunruhigen mich wenig. Ich bin von gewiſſen deutſchen Kirchſpielen bewegt worden, ihre phy⸗ ſiſche Sühne auf meine arme Perſon zu laden und es iſt nicht leicht, einen andern zu nennen, welcher mit mehr Beweiſen der Treue ſo viele Sendungen dieſer Art über⸗ he it, en li⸗ en he — 31— nommen hätte. Habt Ihr ein kleines Opfer darzubringen, ſo ſollt Ihr die beſten Zeugniſſe zur Bewahrheitung mei⸗ ner Ausſage ſehen;— Papiere, die ſelbſt zu Rom gelten würden.“ Der Genfer ſah wohl, daß er es mit einem jener unzweifelhaften Heuchler zu thun hatte— wenn ſolch ein Ausdruck auf einen Menſchen anwendbar ſeyn kann, der die Maske kaum fur nöthig erachtete— welche damals mit Sühnen dieſer Art Handel trieben; ein Gewerbe, das am Schluſſe des ſiebzehnten, und am Anfange des achtzehnten Jahrhunderts ziemlich gewöhnlich war, und das jetzt noch nicht gänzlich aus Europa verſchwunden iſt. Mit unverheltem Widerwillen warf er dem Schamloſen den Paß zu, der ſein Document einſteckte und ungeheiſen und ungefragt ſeinen Platz an der Seite der drei nahm, welche man gewählt hatte, um über die Tauglichkeit derer zu entſcheiden, welchen man einen Platz in dem Schiffe vergönnen wollte. „Fort!“ rief der Bedienſtigte, als er dieſem Ab⸗ ſchaum des Eckels erlaubte, ihm zu entſchlüpfen:—„du haſt recht geſagt, wir ſind Anhänger des Calvin; Genf hat nichts mit den vom Scharlach⸗Mantel gemein und du thuſt wohl, dich deſſen bei deiner naͤchſten Pilgerfahrt zu erinnern, ſonſt macht der Büttel Bekanntſchaft mit deinem Rücken.— Halt! wer ſeyd Ihr?“ „Ein Ketzer, im Voraus hoffnungslos verdammt, wenn der Glaube jenes reiſenden Gnadenhaͤndlers der wahre iſt,“ verſetzte einer, der ſich raſch und mit einer ruhigen Zuverſicht vordrängte, welche beinahe ihr Ziel erreicht hatte, ohne Gefahr zu laufen, ſich den gewoͤhn⸗ lichen Fragen nach Namen und Charakter zu fügen. Es war der Herr des Nettuno, und ſein ſeemänniſches Aus⸗ ſehen und ſeine meiſterhafte Selbſtbeherrſchung ließen jetzt den Genfer beſorgen, er möchte einen Schiffer des Leman angehalten haben— eine Menſchenklaſſe, die nach Belie⸗ ben aus⸗ und eingehen durfte. „Ihr kennt unſere Gebräuche,“ ſagte der halb zu⸗ frieden geſtellte Genfer. „Ich wär' auch ſonſt ein Tölpel! Selbſt der Eſel, der denſelben Pfad öfter betritt, kann ſeiner Zeit deſſen Beugungen und Windungen angeben. Seyd Ihr nicht zufrieden, den Stolz des würdigen Nikolaus Wagner verletzt zu haben, indem Ihr den Paß des reichen Ber⸗ ners fordertet— ſondern wollt auch mich auf die Folter ſpannen? Komm hierher, Nettuno; du ſollſt für uns beide antworten, denn du biſt ein kluger Hund. Wir ſind keine Zwiſchenlaufer zwiſchen Himmel und Erde, wie Ihr wißt, ſondern Geſchöpfe, die zum Theil vom Waſſer und zum Theil vom Lande herkommen.“ Der Italiener ſprach laut, mit Zuverſicht und in der Weiſe eines Menſchen, welcher ſich eher an den Humor derer um ihn wendete, als an den Verſtand des Genfers. Er lachte und blickte in einer Art um ſich, welche der Menge ein Echo entlockte, obgleich wahrſcheinlich keiner unter chnen allen einen hinreichenden Grund hätte angeben können, warum er ſo ohne weiteres ſich mit dem Fremden gegen die Authoritat der Stadt verbündete, wenn es nicht aus Inſtinkt der Oppoſition gegen das Geſetz geweſen. „Ihr habt einen Namen?“ fuhr der halb nachge⸗ bende, halb unſchlüſſige Wächter des Hafens fort. — 33— „Glaubt Ihr, ich ſey ſchlechter, als Baptiſt's Schiff dort? Ich habe auch Papiere, wenn Ihr wollt, daß ich in das Schiff gehe, um ſie zu ſuchen. Dieſer Hund iſt Nettuno, ein Thier aus einem fernen Lande, wo der⸗ gleichen Geſchöpfe wie Fiſche ſchwimmen, und mein Name iſt Maſo, obgleich ſchlechtdenkende Menſchen mich öfter il Maledetto, als bei einem andern Namen nennen.“ Alle in dem Gedränge, welche verſtanden, was der Italiener ſagte, lachten laut und offenbar mit großer Hei⸗ terkeit, denn für den ungeſchlachten Pöbel hat die außerſte Kühnheit einen unwiderſtehlichen Reiz. Der Genfer fühlte, daß die Heiterkeit auf ihn gemünzt war, obgleich er kaum wußte, warum; da er auch mit der Sprache, in wel⸗ cher der andere die ungewöhnliche Auskunft über ſich gegeben hatte, nicht bekannt war, ſo gab er ſich der Anſtek⸗ kung hin und lachte mit den andern, wie einer, der den Scherz bis auf den Grund durchſchaut hatte. Der Ita⸗ liener benutzte dieſen Vortheil, nickte vertraulich mit ei⸗ nem gutmüthigen und ſchlauen Lächeln und ſchritt weiter. Den Hund an ſeine Seite rufend, ſchritt er behaglich dem Schiffe zu, wo er der zuerſt Eintretende war, und bewahrte fortwährend die Entſchloſſenheit und Ruhe ei⸗ nes Mannes, der ſich bevorrechtet und jeder fernern Be⸗ läſtigung überhoben füylte. Dieſe kaltblütige Keckheit er⸗ reichte ihren Zweck, obwohl ein von dem Geſetz lange und eifrig Verfolgter dem Stadtvorſtande entging, als dieſes ſeltſame Weſen ſeinen Sitz bei dem kleinen Gepäcke einnahm, das ſeine karge Garderobe enthielt. 76— 78. 3 Zweites Kapitel. — Mein edler Herr! Mein gans Geſuch Gilt einem Edelknecht, Der, ob er unrecht auch gethan, Doch glaubt', er handle recht. Chatterton. Während ein ſo alter Sünder ſich der Wachſamkeit auf dieſe unverſchämte Weiſe glücklich entzog, zeigte das Trio der Schildwachen, nebſt ihrem freiwilligen Beiſtande, dem Pilger, den größten Eifer, die Schmach, den höchſten Vollſtrecker des Geſetzes in eine ſo ſeltſam zuſammenge⸗ ſetzte Geſellſchaft eintreten zu laſſen, auf jede Art zu verhüten. Der Genfer ließ nicht ſobald einen Reiſenden heraus, ſo fingen ſie auch ihre außerordentliche Unterſu⸗ chung an, die auch ziemlich ſtreng war, denn mehr als einmal drohten ſie auf bloßen Verdacht hin den zittern⸗ den, unerfahrnen Reiſenden zurückzuweiſen. Der ver⸗ ſchlagene Baptiſt ging in ihre Gefühle mit der Gewandt⸗ heit eines Demagogen ein und ſtellte ſich eben ſo eifrig wie ſie, während er zu gleicher Zeit beſorgt war, grade dahin am meiſten ihren Verdacht zu leiten, wo die ge⸗ ringſte Gefahr war, denſelben mit Erfolg gekrönt zu ſehn. Durch dieſe Feuerprobe ging denn einer nach dem an⸗ dern, bis die meiſten dieſer namenloſen Landſtreicher un⸗ ſchuldig befunden worden waren, und das Gedräang um das Thor hatte ſich ſo weit gemindert, daß eine freie ſuch kkeit das nde, hſten enge⸗ t zu nden erſu⸗ als tern⸗ ver⸗ andt⸗ eifrig grade e ge⸗ ſehn. nan⸗ -un⸗ g um Bewegung in dem Durchgang möglich ward. Die Off⸗ nung geſtattete dem ehrwürdigen Edelmann, welcher dem Leſer bereits vorgeſtellt worden iſt, von dem weiblichen Weſen begleitet und von den Dienern unmittelbar ge⸗ folgt, dem Thore zuzuſchreiten. Der Thorwärter begrüßte den Fremden mit Ehrfurcht, denn ſein ruhiges Außere und ſeine gebieteriſche Erſcheinung ſtanden mit dem rau⸗ ſchenden Geplauder und dem rohen Benehmen des Ge⸗ ſindels, das vorangegangen war, in ſeltſamem Wider⸗ ſpruch. „Ich bin Melchior von Willading, aus Bern,“ ſagte der Reiſende, die Belege ſeiner Worte mit der Ruhe eines Mannes, der nichts zu fürchten hat, darbietend; —„dies iſt mein Kind, mein einziges Kind—“ der alte Mann wiederholte die letzten Worte mit melancholi⸗ ſchem Nachdruck— ⸗und dieſe, die meine Livree tragen, ſind alte und treue Diener meines Hauſes. Wir gehen über den St. Bernhard, um die rauhere Seite unſerer Alpen mit der zu vertauſchen, welche Schwächern mehr zuſagt— um zu ſehen, ob es in Italien eine Sonne giebt, die Wärme genug hat, dieſe ſchmachtende Blume zu beleben und ſie das Haupt noch einmal fröhlich erhe⸗ ben zu laſſen, wie das, bis neulich, in ihren heimathli⸗ chen Hallen immer der Fall war.“ Der Bedienſtete lächelte und wiederholte ſeine Bück⸗ linge, indem er es fortwährend ablehnte, die dargebotenen Papiere anzunehmen; der alte Vater gab aber ſeinen überſtrömenden Gefühlen in einer Weiſe nach, welche ſelbſt ein minder reges Mitgefühl in Thätigkeit geſetzt hätte. — 36— „Dem Fräulein ſtehen Jugend und ein zärtlicher Vater zur Seite,“ ſagte er.„Dies iſt viel, wenn uns die Geſundheit fehlt.“ „Sie iſt warlich zu jung, um ſo früh zu ſinken,“ erwiederte der Vater, der ſein unmittelbares Geſchäft augenſcheinlich vergeſſen hatte und mit einem thränenvol⸗ len Auge auf die entfärbten aber immer noch unendlich anziehenden Zuge der jungen Dame ſchaute, die mit ei⸗ nem Blick der Liebe ſeine Sorgfalt lohnte;„aber Ihr habt nicht nachgeſehen, daß ich der Mann bin, als wel⸗ chen ich mich darſtellte.“ „Es iſt nicht nöthig, edler Herr; die Stadt weiß von Eurer Gegenwart und es iſt mir beſonders auf⸗ getrasen, alles zu thun, was einem unter unſern Bundesverwandten ſo geehrten Manne die Reiſe durch Genf in der Erinnerung angenehm machen könnte.“ „Die Artigkeit der Stadt bewährt ihren bekannten Ruf,“ ſagte der Freiherr von Willading, indem er die Papiere wieder in den gewöhnlichen Umſchlag legte, und die Höflichkeit wie jemand, der an Ehren dieſer Art ge⸗ wöhnt iſt, aufnahm:—„Seyd Ihr Vater?“. „Der Himmel war nicht karg mit Gaben dieſer Art: an meinem Tiſche eſſen eilf, außer denen, welche ihnen das Leben gaben.“ „Eilf!— der Wille Gottes iſt ein ſchreckliches Ge⸗ heimniß! Und die, die du hier ſiehſt, iſt die einzige Hoff⸗ nung meines Stammes, die einzige Erbin des Namens und der Güter der Willading! Seyd Ihr mit Eurer Lage zufrieden?“ „Es gibt Leute in unſerer Stadt, denen es nicht ſo — 27— gut ergeht! Nehmt zugleich meinen beſten Dank für das freundliche der Frage!“ Eine leichte Röthe überflog das Antlitz der Adelheid von Willading, denn ſo hieß die Tochter des Berners, und ſie trat dem Thorwärter einen Schritt naher. „Die ſo wenige an ihrem eigenen Tiſche haben, müſ⸗ ſen nothwendig an diejenigen denken, welche ſo viele ha⸗ ben,“ ſagte ſie und ließ ein Goldſtück in die Hand des Genfers fallen; dann fügte ſie mit einer Stimme, die kaum lauter war, als ein Flüſtern, hinzu:—„Wenn die jungen und unſchuldigen Glieder Eurer Familie ein Gebet zu Gunſten eines armen Mädchens, die deſſen ſehr bedürftig iſt, gen Himmel ſenden wollen, ſo wird Gott deſſen eingedenk ſeyn und es kann vielleicht den Kummer eines Mannes erleichtern helfen, der da fürch⸗ tet kinderlos zu werden.“ „Gott ſegne Euch, Fräulein!“ ſagte der Bedienſtete, dem Geſinnungen dieſer Art ſelten vorgekommen waren, und welchen die milde Hingebung und Frömmigkeit der Sprechenden, deren einfaches aber einnehmendes Weſen ihn faſt zu Thränen rührte, tief ergriffen hatte: „Meine ganze Familie, alt und jung, ſollen Eurer und der Eurigen gedenken.“ Adelheids Wangen verloren den roſigen Anflug wie⸗ der, und ſie begleitete ruhig ihren Vater, welcher dem Fahrzeug entgegen ſchritt. Eine Scene dieſer Art mußte wohl auf die verſtockten Herzen derer wirken, welche am Thore wachten. Sie hatten begreiflicherweiße einem Manne von Melchior von Willading's Stande nichts zu ſagen und dieſer ging ungefragt in das Schiff. Der Ein⸗ —— fluß der Schönheit und des hohen Standes, verbunden mit ſo viel einfacher Grazie, als die ſchöne Theilnehme⸗ rin an dem kleinen Vorfalle, den wir eben erzählten, gezeigt hatte, konnte nicht ohne tiefen Eindruck auf die rohen Gefühle des Neapolitaners und ſeiner Gefährten bleiben. Sie ließen nicht nur alle die Diener unge⸗ fragt vorüber gehen, ſondern es dauerte auch einige Zeit, bis ihre Wachſamkeit wieder die frühere Härte annahm. Den zwei oder drei Reiſenden, welche folgten, kam dieſer glückliche Wechſel ihrer Stimmung zu ſtatten. Der Erſte, welcher zu dem Thore kam, war der junge Krieger, den der Freiherr von Willading ſo oft unter dem Namen Monſieur Sigismund angeredet hatte. Seine Papiere waren in der Ordnung und ſeiner Abreiſe ſtand kein Hinderniß entgegen. Es kann in Zweifel ge⸗ zogen werden, in wie fern dieſer junge Mann geneigt geweſen wäre, ſich dieſen außeramtlichen Unterſuchungen der drei Abgeordneten des Haufens zu unterwerfen, wenn ſie dieſelben hätten geltend machen wollen, denn er ſchritt dem Kai mit einem Auge zu, das eher jedes andere Gefühl als Freundſchaft und Willfährigkeit ausdrückte. Achtung, oder ein zweideutigeres Gefühl wurde ſein Schutz, denn keiner, den Pilger ausgenommen, der in der Verfolgung ſeines Zweckes einen übermaßigen Eifer zeigte, ging ſo weit, bei ſeinem Dahinſchreiten auch nur eine leiſe Bemerkung zu wagen. „Da bewegt ſich ein Arm und ein Schwerdt dahin, die eines Chriſten Tage wohl abkürzen könnten,“ ſagte der freche und ſchaamloſe Kirchenmakler,„und doch fragt niemand nach ſeinem Namen und Beruf.“ — 39— „Ihr hättet am beſten ſelbſt gefragt,“ erwiederte der höhniſche Pippo,„da Ihr an Büßung gewöhnt ſeyd. Was mich betrifft, ſo bin ich zufrieden, einen Burzel⸗ baum zu machen, wenn es mir beliebt, ohne auf einen Wink von dem Arme dieſes jungen Rieſen zu warten.“ Der arme Gelehrte und der Berner Bürger ſchienen ſich dieſer Anſicht vollkommen zu fügen und man ſprach nicht weiter von der Sache. Mittlerweile war ein an⸗ derer an das Thor gekommen. Dieſer neue Vorſpruch hatte in ſeinem Außern wenig, das die Wachſamkeit des argwöhniſchen Trio's in Anſpruch nahm. Ein ruhiger, zahm⸗ausſehender Mann, dem Anſehen nach dem Mit⸗ telſtande angehörend, und von friedlichem und anſpruchs⸗ loſem Außern, hatte ſeinen Paß dem treuen Wächter der Stadt dargereicht. Der Letztere las das Papier, warf einen ſchnellen und forſchenden Blick auf deſſen Be⸗ ſitzer und gab das Blatt in einer Weiſe zurück, welche Eile und den Wunſch ausſprach, ſeiner los zu werden. „Es iſt gut,“ ſagte er,„Ihr könnt Eures Weges gehen.“ „He da!“ rief der Neapolitaner, für welchen Poſſen⸗ reiſſerei ſowohl aus natürlicher Neigung als aus Gewohn⸗ heit eine Lieblingsbeſchäftigung war;— ⸗he da! ſehen wir endlich Balthaſar in dieſem blutdürſtigen und wild⸗ ausſehenden Reiſenden?⸗ Wie der Redner erwartet hatte, wurde dieſer Spott durch ein lautes Gelächter belohnt und er ſonach ermun⸗ tert, fortzufahren.— „Ihr kennt unſer Amt, Freund,“ ſagte der gefühl⸗ — — 406— loſe Poſſenreiſſer,„und müßt uns Eure Hände zeigen. Niemand kömmt heraus, der mit Blut befleckt iſt.⸗ Der Fremde ſchien betroffen, denn er war augen⸗ ſcheinlich ein Mann von einem ſtillen, friedlichen Charak⸗ ter, der durch die Zufälle der Reiſe mit einem Menſchen in Berührung gekommen war, welcher in dieſer gefühl⸗ loſen Art des Witzes nur zu viel Üübung hatte. Er zeigte jedoch mit unumwundener und zuverſichtlicher Einfachheit ſeine Hand, was ein jubelndes Gelächter aller der Um⸗ ſtehenden zur Folge hatte. »Das reicht nicht hin; Seife und Aſche und die Thränen der armen Opfer können ſelbſt von Balthaſar die Spuren ſeines Treibens abgewaſchen haben. Die Flecken, die wir ſuchen, ſind auf Eurer Seele, Mann, und in dieſe müſſen wir ſchauen, ehe Ihr ein Gefährte dieſer wackern Geſellſchaft werden könnt.⸗ „Ihr habt jenen jungen Krieger dort nicht ſo ge⸗ fragt,“ verſetzte der Fremde, deſſen Auge funkelte, wie ſelbſt milde Charaktere eine Beſchimpfung, zu der ſie keine Veranlaſſung gegeben, zurückweiſen, obgleich er heftig zitterte, den offenen Beleidigungen ſo roher und nichts⸗ würdiger Menſchen preisgegeben zu ſeyn;„Ihr habt es nicht gewagt, jenen jungen Krieger dort ſo zu fragen.⸗ „Bei der Fürſprache des heiligen Januarius, welche, wie bekannt, fließende und geſchmolzene Lava aufhält, ich wünſchte lieber, Ihr übernähmt dieſes Amt, als ich. Je⸗ ner junge Krieger iſt ein ehrenwerther Kopfabſchneider, und es iſt eine Freude, ihn auf der Reiſe zum Gefähr⸗ ten zu haben; denn ohne Zweifel ſprechen täglich ſechs oder acht Heilige zu ſeinen Gunſten. Er aber, den wir — 41— ſuchen, iſt der Auswurf Aller, der Guten wie der Bö⸗ ſen, ſowohl im Himmel, wie auf Erden, und an jenem andern heiſen Orte, wohin er gewiß geſchickt wird, wenn ſeine Zeit gekommen iſt.⸗ „Und doch vollſtreckt er nur das Geſetz!“ „Was iſt das Geſetz im Vergleich mit der öffent⸗ lichen Meinung, Freund? Aber geht Eures Wegs; nie⸗ mand argwöhnt in Euch den furchtbaren Feind unſerer Köpfe. Geht in Gottes Namen Eures Wegs und betet, daß Balthaſars Beil Eurem Halſe fern bleibt.⸗ Die Züge des Fremden bewegten ſich, als wollte er antworten; aber er änderte plötzlich ſeinen Entſchluß, ſchritt weiter und verſchwand augenblicklich in dem Fahr⸗ zeuge. Der Mönch vom St. Bernhard kam zunächſt. Aber der Auguſtiner und ſein Hund waren alte Bekannte des Genfers, der von dem erſtern keinen Ausweis über ſeinen Charakter und ſein Thun begehrte. „Wir ſind die Beſchützer des Lebens und nicht deſ⸗ ſen Feinde,“ bemerkte der Mönch, als er den geſetz⸗ licheren Wächter des Hafens verließ und ſich denen nä⸗ herte, deren Anſprüche an ein ſolches Amt beſtritten wer⸗ den konnte;—„wir leben auf dem Schnee, damit keine Chriſten ohne den Beiſtand der Kirche ſterben.“ .„Ehre Euch und Euerm Thun, frommer Augu⸗ ſtiner!⸗ ſagte der Neapolitaner, welchem, frech und ver⸗ worfen, wie er war, jener Inſtinkt der Achtung gegen die, welche zum Beſten anderer ihre Natur verläugnen, inne wohnte, der allen, wie ſehr ſie auch durch die Sünde verderbt ſind, gemeinſchaftlich iſt.„Ihr und Euer Hund, der alte Uberto, mögt, mit unſern beſten Wünſchen für Euch Beide, frei paſſiren.⸗ Es war jetzt niemand mehr auszufragen und man gelangte, nach einer kurzen Berathung zwiſchen den aber⸗ gläubiſcheren Reiſenden, zu der ſehr natürlichen Anſicht, der anſtößige Scharfrichter habe ſich, durch die gerechten Warnungen verſchüchtert, unbemerkt aus dem Haufen zurückgezogen und ſie ſeyen endlich von ſeiner Gegenwart glücklich befreit. Das Bekanntwerden der willkommenen Nachricht verbreitete eine große Heiterkeit unter den ver⸗ ſchiedenen Gliedern der bunten Geſellſchaft und alle ſchiff⸗ ten ſich eilfertig ein, denn Baptiſt erklärte nun laut und ungeſtüm, es ſey jetzt nicht mehr möglich, auch nur einen Augenblick länger zu zögern. „Was denkt ihr, Leute!“ rief er mit gut vorge⸗ brachtem Eifer;„ſind die Winde des Lemans Livyree⸗ Bediente, welche kommen und gehen, wie eure Laune es fordert? Die jetzt aus Oſten und jetzt aus Weſten bla⸗ ſen, wie ihr es gerade für euern Reiſeweg braucht? Nehmt an dem edeln Melchior von Willading ein Bei⸗ ſpiel, welcher ſeinen Platz ſchon lange eingenommen hat und betet, wenn Ihr wollt, jeder nach ſeiner Art zu den Heiligen, damit dieſer ſchöne Weſtwind uns nicht zur Strafe unſerer Nachläſſigkeit verlaſſe.“ „Dort kommen in aller Eile noch Leute, um ſich uns anzuſchließen!“ fiel der verſchlagene Italiener ein: „macht Euer Tau ſchnell los, Meiſter Baptiſta, oder, bei San Gennaro, wir werden noch länger aufgehalten!“ Der Schiffsherr zähmte plötzlich ſeinen Eifer und eilte an das Thor zurück, um ſich zu verſichern, was — 43— er von dieſem unvorgeſehenen Begebniß zu erwarten habe. Zwei Reiſende in der Kleidung von Leuten, die mit dem Reiſen vertraut ſind, von einem Diener begleitet und von einem Träger gefolgt, der unter der Laſt ihres Gepäckes wankte, näherten ſich dem Waſeerthore eilig, als wüßten ſie, daß der geringſte Verzug ihr Zurückblei⸗ ben veranlaſſen könnte. An der Spitze dieſes Zuges war ein Mann, welcher den Mittag des Lebens lange hinter ſich hatte und der offenbar mehr durch die Ehrfurcht ſei⸗ ner Gefährten als durch ſeine phyſiſche Kraft., in den Stand geſetzt war, dieſen Platz zu behaupten. Über den einen Arm war ein Mantel geworfen, während er in der andern Hand den Degen hielt, welchen damals jeder von adeligem Geſchlecht für ein nothwendiges Zubehör ſeines Standes anſah. „Ihr hättet beinahe das letzte Fahrzeug verſäumt, welches zu dem Feſte von Vevay abſegelt, Signori,“ ſagte der Genfer, welcher die Heimath der Fremden auf einen Blick errathen hatte,„wenn, wie ich nach der Rich⸗ tung Eures Weges und nach Eurer Eile urtheile, dieſe Luſtbarkeiten Euch anziehen.“ „Unſer Weg geht dorthin,“ erwiederte der ältere der Reiſenden,„und wir ſind auch, wie Ihr ſagt, ein wenig ſäumig geweſen. Eine ſchnelle Abreiſe und ſchlechte Wege waren der Grund— da wir aber glücklicher Weiſe noch Zeit haben, dieſes Fahrzeug zu benutzen, ſo habt die Güte und ſeht unſern Reiſepaß nach.“ Der Genfer durchlas das ihm dargebotene Papier mit der gewöhnlichen Sorgfalt und wendete es dann von Seite zu Seite, als wäre nicht alles in Richtigkeit, auf — 44— eine Weiſe jedoch, die zeigte, daß ihm die Nichtwahrung der Formen leid that. „Signore, Euer Paß iſt, was Savoyen und die Provinz Nizza betrifft, in der beſten Ordnung, aber die Formen unſerer Stadt fehlen.“ „Bei San Francesco, das iſt Jammer und Schade. Wir ſind ehrliche Genueſiſche Edelleute, welche den Feſt⸗ lichkeiten Vevay's beizuwohnen eilen, von denen der Ruf einen lockenden Bericht gibt, und unſer einziger Wunſch i*ſt, friedlich zu kommen und zu gehen. Wir haben uns verſpätet, wie Ihr ſeht; als wir vor der Poſt abſtiegen, erfuhren wir, ein Schiff ſey im Begriff, ſeine Segel nach dem andern Ende des Sees auszuſpannen, und hatten keine Zeit, uns über die Anforderungen zu beleh⸗ ren, welche die Geſetze Eurer Stadt für nothwendig halten mögen. So viele wenden ihr Antlitz demſelben Wege zu, um dieſe alten Spiele mit anzuſehen, daß wir unſere ſchnelle Reiſe durch dieſe Stadt nicht für wichtig genug hielten, Euern Vorgeſetzten die Mühe zu machen, unſere Papiere zu unterſuchen.⸗ „Darin habt Ihr irrig geurtheilt, Signore. Ich habe auf meine Pflicht geſchworen, alle die anzuhalten, de⸗ nen die Erlaubniß der Republik zur Weiterreiſe fehlt.“ „Dies iſt im geringſten Anſchlag unglücklich. Seyd Ihr der Patron des Schiffes, Freund?“ „Und deſſen Eigenthümer, Signore,“ erwiederte Baptiſt, welcher dem Geſpräche mit Wünſchen, die ſei⸗ nen Zweifeln gleich kamen, zugehört hatte.„Ich würde bei weitem zu gluͤcklich ſeyn, meiner Reiſegeſellſchaft ſolche ehrenvolle Herrn zuzugeſellen.⸗ — ☛ —ſ—·——,——— 4 — 45— „Ihr werdet alſo Eure Abreiſe verzögern, bis dieſer Herr den Vorſtand der Stadt beſucht und die erforderliche Erlaubniß, ſie zu verlaſſen, erhalten hat? Eure Gefällig⸗ keit ſoll nicht unbelohnt bleiben.“ Als der Genueſer ſchwieg, ließ er in die an ſolcher⸗ lei Spenden gewöhnte Hand eine Zechine der berühm⸗ ten Republik, deren Bürger er war, fallen. Baptiſt hatte ſeinen Hang, durch Gold auf ſich wirken zu laſſen, lange gepflegt und mit unverſtelltem Widerwillen gab er die Nothwendigkeit zu, in dieſem Falle von ſeinem be⸗ ſten Willen keinen Nutzen ziehen zu können. Indeſſen hielt er das Goldſtück feſt, denn er wußte nicht recht, wie er ſeinen Widerwillen, ſich von ihm zu trennen, be⸗ ſiegen ſollte, und antwortete auf eine ziemlich verlegene⸗ Weiſe, um dem andern zu zeigen, daß er durch ſeine Freigebigkeit ſich wenigſtens einen weſentlichen Vortheil erworben habe. „Die Excellenz begehrt mehr als ſie weiß,“ ſagte der Schiffsherr, die Munze zwiſchen ſeinem Daumen und Zeigefinger ſpielen laſſend:„die Genfer Bürger bleiben gern zu Haus, bis die Sonne herauf iſt, damit ſie ihre Hälſe nicht brechen, wenn ſie im Dunkeln durch die hol⸗ prichten Straßen gehen und es wird noch zwei lange Stunden dauern, ehe ein einziges Büreau in der Stadt ſeine Fenſter öffnen wird. Üüberdieß gleicht ſo ein Poli⸗ zeimann keinem von uns Seeleuten, die glücklich ſind, wenn Wetter und günſtige Gelegenheit ſie einen kleinen Gewinn erhaſchen läßt; jener iſt ein regelmäßiger Eſſer, der ſeine Trauben und ſeinen Wein haben muß, ehe er ſeinen Verſtand zum Heil ſeiner Vorgeſetzten gebraucht. —. 46— Der Winkelried würde bei dieſem friſchen Weſtwinde, der zwiſchen ſeinen Maſten ſummt, des Nichtsthuns müde werden, während der arme Herr vor dem Thore des Stadthauſes über die Trägheit der Bedienſtigten fluchte. Ich kenne die Schurken beſſer als die Excellenz, und würde irgend ein anderes Auskunftsmittel anrathen.“ Baptiſt blickte mit einem gewiſſen Ausdrucke auf den Wächter des Waſſerthores, und zwar ſo, daß ſeine Ab⸗ ſicht dem Reiſenden hinreichend klar ward. Der Letztere las einen Augenblick in dem Geſichte des Genfers und beſſer geübt, als der Schiffsherr, oder ein ſcharfſichtige⸗ rer Charakter⸗Beurtheiler, wies er es glücklich von ſich, durch den Verſuch den Thorwachter zu beſtechen, ſich in ungelegenheiten zu bringen. Wenn es allzu viele giebt, die ſich gern durch eine geſchickt geleitete Beſtechlichkeit zum Vergeſſen ihrer Pflichten verleiten laſſen, ſo findet ſich noch eine kleine Zahl, die eine größere Freude darin findet, über ſolche Verſuchungen erhaben zu ſeyn. Der Thorwächter war zufällig einer der Letztern, und durch eine der vielen unerklarlichen Beregungen des menſchli⸗ chen Gefühls ließ dieſelbe Eitelkeit, die ihn verleitet hatte, den Maledetto lieber unbefragt durch das Thor gehen zu laſſen, als ſeine eigene Unwiſſenheit blos zu geben, ihn jetzt wünſchen, er möchte des Fremden gute Meinung von ſeiner Ehrlichkeit auf irgend eine Weiſe vergelten können. „Wollt Ihr mich Euern Paß noch einmal anſehen laſſen, Signore?“ fragte der Genfer, als glaubte er, eine hinreichend gültige Vollmacht zu dem, was er nun —..—— — — 47— eifrig zu thun wünſchte, könnte noch in dem Papiere ſelbſt gefunden werden. Die Unterſuchung war fruchtlos, außer daß ſie dar⸗ that, der altere Genueſer heiſe Signor Grimaldi und ſein Gefäahrte habe den Namen Narcelli. Den Kopf ſchüt⸗ telnd gab er das Papier mit der Miene eines Menſchen zuruͤck, der ſich getäuſcht findet. „Ihr könnt nicht die Hälfte deſſen geleſen haben, was dieſes Papier enthaͤlt,“ ſagte Baptiſt grämlich;„die⸗ ſes Leſen und Schreiben iſt keine ſo leichte Sache, daß mit einem Augenblinzeln alles abgethan wäre. Seht noch einmal hin, vielleicht findet Ihr alles in der Regel. Es iſt unvernünftig, anzunehmen, Signori von ſolchem Range reißten wie Landſtreicher mit verdächtigen Pa⸗ pieren.“ „Es fehlt nichts als die Unterſchrift der ſtädtiſchen Behörden, ohne welche meine Pflicht niemanden vorbei läßt, der wirklich ein Reiſender iſt.“ „Signore, das kömmt von der verwünſchten Schreib⸗ kunſt, die in neuerer Zeit ſehr verbreitet und höchlich mißbraucht wird. Ich habe die ältern Schiffer des Leman die gute alte Zeit ſehr loben hören, wo Kaſten und Bal⸗ len kamen und gingen, und wo zwiſchen dem Verſender und dem Empfänger keine Tinte das Papier berührte; und jetzt iſt es ſo weit gekommen, daß keine Chriſten⸗ ſeele ſich auf ihren eigenen Füßen bewegen kann, ohne die Skribler um Erlaubniß zu fragen.“ „Wir verlieren die Zeit mit Worten, während es weit beſſer wäre, etwas zu thun,“ erwiderte Signore Grimaldi.„Der Paß iſt glücklicherweiße in der Sprache — 48— des Landes abgefaßt und bedarf nur eines Blickes, um die Beſtättigung der ſtädtiſchen Behörden zu erhalten. Ihr werdet wohl thun, uns zu ſagen, daß Ihr die für dieſes kleine Geſchäft nöthige Zeit warten wollt.“ „ Wenn die Excellenz mir des Dogen Krone zum Geſchenk böte, könnte dies nicht ſeyn. Unſre Leman⸗ Winde warten nicht auf Könige oder Adlige, Biſchöfe oder Prieſter und die Verbindlichkeit gegen die, welche ich in das Fahrzeug aufgenommen habe, gebietet mir, den Hafen ſobald als möglich zu verlaſſen.“ „Ihr ſeyd mit lebendiger Fracht bereits wohl bela⸗ den,“ ſagte der Genueſer, das tiefgeladene Schiff mit einem halb mißtrauiſchen Auge betrachtend.„Ich hoffe, Ihr habt durch Aufnahme ſo Vieler der Kraft Eures Fahrzeugs nicht zu viel zugemuthet?“ „Ich könnte die Zahl leicht ein wenig vermindern, edler Herr, denn alle, die Ihr zwiſchen den Kiſten und Fäſſern eingeſchichtet ſeht, ſind ſchlechtes Volk, das nur Belaſtigung ſchafft und wegen der Aufnahme derer, die gern mehr bezahlen als ſie, Verlegenheiten veranlaßt. Der edle Schweizer, der würdige Melchior von Willa⸗ ding, den Ihr mit ſeiner Tochter und dem Gefolge in der Nähe des Steuers ſeht, zahlt für die Fahrt nach Vevay mehr als alle dieſe namenloſen Lumpen zuſam⸗ men.“ Der Genueſer trat haſtig und mit einem Eifer, welcher eine plötzliche und auffallende Theilnahme an dem Inhalte dieſer Worte an den Tag legte, auf den Schiffs⸗ herrn zu. „Wie ſagt Ihr? von Willading?“ rief er, eifriger, — 49— als wohl ein viel jüngerer bei der unerwarteten Ankün⸗ digung irgend eines erfreulichen Begebniſſes.„Und Mel⸗ chior dieſes ehrenwerthen Namens 2 7* „Derſelbe, Signore! Kein anderer trägt dieſen Na⸗ men jetzt, denn der alte Stamm, ſagt man, iſt dem Er⸗ löſchen nahe. Ich erinnere mich noch, daß eben dieſer Freiherr von Willading mit ſeinem Boote ſo raſch, wie irgend einer im Schweizerland, in einen wild erregten See ſtach.“ „Das Glück hat mich wahrhaft begünſtigt, guter Marcelli!“ fiel der andere ein und ergriff die Hand ſei⸗ nes Begleiters mit dem Ausdrucke tiefen Gefühls:„Geht in das Fahrzeug, Herr Patron, und benachrichtigt den Freiherrn— was ſollen wir Melchior ſagen? ſollen wir ihn plötzlich wiſſen laſſen, wer ihn hier erwartet? oder ſeinem abnehmenden Gedächtniß einen kleinen Streich ſpielen? Bei San Francesco, ſo ſey es Enrico, wir wollen ihn auf die Probe ſtellen! Es wird ergötzlich an⸗ zuſehen ſeyn, wie er ſtaunt und hin und her ſinnt— aber ich verwette mein Leben, er erkennt mich auf den erſten Blick. Ich habe mich doch wahrlich für jemand, der ſo manchen Tag geſehen hat, wenig verändert.“ Signor Marcelli ſenkte bei dieſem Ausſpruche ſeines Freundes die Augen ehrfurchtsvoll, hielt es aber nicht für angemeſſen, einen Glauben zu entmuthigen, der eine plötzliche, durch die Erinnerung an jüngere Tage er⸗ zeugte Aufwallung war. Baptiſt wurde augenblicklich entſendet, um den Freiherrn zu erſuchen, er möchte ei⸗ nem Fremden von Rang die Gunſt erzeigen, an das Waſſerthor zu kommen. 76— 78. 4 — 59— „Sagt ihm, es ſey ein Reiſender, welcher ſich in der Erwartung, die Fahrt in ſeiner Geſellſchaft zu ma⸗ chen, getäuſcht ſieht,“ widerholte der Genueſer.„Dies wird hinreichen. Ich kenne ſeine Zuvorkommenheit und er iſt nicht mein Melchior, wackrer Marcelli, wenn er einen Augenblick zögert:— Ihr ſeht auch, er verlaßt ſchon das Fahrzeug, denn ich habe nie gehört, daß er jemanden eine Bitte ſolcher Art abgeſchlagen hätte— lie⸗ ber, lieber Melchior— du biſt derſelbe im ſiebenzigſten Jahre, der du im dreißigſten warſt!“ Die innere Erregung übermannte hier den Genueſer und da er ſich ſchämte, eine unmännliche Schwäche zu verrathen, ging er bei Seite. Mittlerweile naherte ſich der Freiherr von Willading von der Waſeerſeite, nicht ahnend, daß ſeine Gegenwart wegen mehr als eines Actes bloßer Höflichkeit begehrt würde. „Baptiſt ſagt mir, daß Edelleute aus Genua hier ſeyen, welche gern den Feſtlichkeiten zu Vevay zueilten,“ ſagte der Letztere mit einer grüßenden Bewegung,„und daß meine Gegenwart von Nutzen ſeyn könne, das Ver⸗ gnügen ihrer Geſellſchaft zu erhalten.“ „Ich werde mich nicht zu erkennen geben, bis wir in aller Ordnung eingeſchifft ſind, Enrico,“ flüſterte Sig⸗ nor Grimaldi—„ja, bei Gott, nicht eher, als bis wir gehörig eingeſchifft ſind. Es wäre des Scherzes kein Ende, wenn ich ihm einen Streich ſpielte. Signore,“ redete er den Berner an, indem er ſich zu faſſen bemüht war und die Miene eines Fremden anzunehmen ſtrebte, obgleich ſeine Stimme bei jeder Sylbe vor Erregung zitterte:—„Wir ſind allerdings von Genua und möchten uns ſehr gern der Geſellſchaft in dem Fahrzeug anſchlieſ⸗ ſen— aber— er ahnt wenig, wer mit ihm ſpricht, Marcelli!— aber, Signore, es fand da ein kleines Verſehen hinſichtlich der ſtädtiſchen Unterſchriften ſtatt und wir bedürfen freundlichen Beiſtandes, um entweder durch das Thor zu kommen, oder das Schiff ſo lange aufzuhalten, bis den Förmlichkeiten dieſes Ortes ihr Recht geſchehen iſt.“ „Signore, die Stadt Genf muß allerdings wachſam ſeyn, denn es iſt ein bloßgeſtellter und ſchwacher Staat, und ich habe nicht viel Hoffnung, daß durch meinen Ein⸗ fluß dieſer treue Wächter ſich ſeiner Pflicht entſchlagen werde. Was das Fahrzeug angeht, ſo wird eine kleine Vergütung bei dem wackern Baptiſt viel ausrichten, es müßte denn die Ständigkeit des Windes in Zweifel ge⸗ zogen werden, in welchem Falle er einigermaßen der verlierende Theil werden könnte.“ „Ihr ſprecht ganz wahr, edler Melchior, fügte der Schiffsherr hinzu:„Käm' der Wind recht von vorne,⸗ oder wär' es zwei Stunden früher am Tag, ſo ſollte der kleine Verzug den Fremden keinen Batzen koſten— das heißt, keine unbillige Summe; wie aber die Dinge ſte⸗ hen, habe ich keine zwanzig Minuten zu verlieren, und wenn auch der ganze Stadtmagiſtrat in eigner, hochwer⸗ ther Perſon ſich anſchickte, um uns Geſellſchaft zu lei⸗ ſten.“ „Es thut mir ſehr leid, Signore, wenn es ſich ſo verhält,“ ſagte der Freiherr und wendete ſich mit der zarten Rückſicht eines Mannes, der gewöhnt iſt, ſeine Verweigerungen durch eine freundliche Miene minder 4* herb zu machen, zu dem Fremden:„aber dieſe Schiffer haben ihre geheimen Zeichen, welche ihnen, wie es ſcheint, den letzten Augenblick angeben, den ſie ohne Gefahr zo⸗ gern können.“ „Bei Gott, Marcelli, ich muß ihn ein wenig auf die Probe ſtellen— ich hätte ihn in einer Karnevals⸗ Maske erkannt. Signor Barone, wir ſind allerdings nur arme Edelleute von Genua. Ihr habt ohne Zwei⸗ fel von unſerer Republik gehört— von dem armen kleinen Genueſiſchen Staate?“ „Obgleich ich keine großen Anſprüche an Gelehrſam⸗ keit machen darf, Signore,“ verſetzte Melchior lächelnd, „ſo iſt es mir doch nicht ganz unbekannt, daß es einen ſolchen Staat gibt. Ihr hättet keine Stadt an den Kü⸗ ſten Eures mittellaändiſchen Meeres nennen können, welche mein Herz leichter erwärmte, als eben dieſe Stadt, von welcher Ihr redet. Viele meiner gluͤcklichſten Stunden verfloſſen in ihren Mauern und oft durchlebe ich meine frühern Tage wieder, um mir die Freuden jener heitern Zeit zurückzurufen. Hätten wir Muße, ſo könnte ich eine Reihe ehrenwerther und höchſt achtharer Namen, welche Euerm Ohre bekannt ſind, zur Beglaubigung meiner Worte aufzählen.“ „Nennt ſie, Signore Barone;— um der Heiligen und der gebenedeiten Jungfrau willen, nennt ſie, ich bitte Euch.“ Melchior von Willading ſtaunte ein wenig über die Wärme des Fremden und ſah ihm eifrig in das gefurchte Antlitz und einen Augenblick flog ein Ausdruck, einer un⸗ gewiſſen Ahnung gleich, über ſeine Züge. — 53— „Nichts iſt leichter, Signore, als Euch zu Gefallen zu ſeyn. Der Erſte iſt in meinem Gedächtniß, ſo wie er ſtets der Erſte in meiner Liebe war, Herr Gaetano Grimaldi, von dem Ihr beide ohne Zweifel oft gehört habt?“ „So iſt's— ſo iſt's! Das heißt— ja, ich glaube, Marcelli, wir dürfen ſagen, daß wir oft von ihm ſpre⸗ chen gehört haben und zwar nicht ungünſtig. Gut, was wißt Ihr von dieſem Grimaldi?“ „Signore, der Wunſch von Euern edeln Landsleu⸗ ten Euch unterhalten zu können, iſt natürlich; wenn ich aber meiner Neigung, von Gaetano zu ſprechen, machge⸗ ben wollte, ſo dürfte der wackere Baptiſt Grund zur Beſchwerde haben.“ „Zum Henker mit Baptiſt und ſeinem Schiff! Mel⸗ chior,— mein guter Melchior!— liebſter, liebſter Mel⸗ chior! haſt du mich wirklich vergeſſen?“ Der Genueſer breitete hier ſeine Arme weit aus und harrte der Umarmung ſeines Freundes. Der Frei⸗ herr von Willading war in Unruhe, aber noch ſo weit entfernt, die Wahrheit zu ahnen, daß er den Grund ſeiner Unruhe nicht leicht hätte angeben können. Er blickte gedankenvoll auf die erregten Züge des ſchönen alten Mannes, der vor ihm ſtand, und obgleich das Ge⸗ däachtniß um die Wahrheit zu flattern ſchien, ſo geſchah dies doch nur in ſo vorübergehenden Strahlen, daß er ſich in ſeinen Wünſchen gänzlich getauſcht ſah. „Verlaugneſt du mich, von Willading?— willſt du den Freund deiner Jugend nicht anerkennen?— den Genoſſen deiner Freuden— den Theilnehmer deiner Lei⸗ den— deinen Kriegskamraden— ja, mehr noch— deinen Vertrauten in einem innigern Bande?⸗ „Nur Gaetano Grimaldi ſelbſt kann dieſe Namen in Anſpruch nehmen!“ ſcholl es von den Lippen des bebenden Freiherrn. „Bin ich denn ein anderer? Bin ich nicht dieſer Guaetano?— derſelbe Gaetano,— dein Gaetano,— alter, theuerſter Freund?“ „Du, Gaetano?“ rief der Berner und trat einen Schritt zurück, ſtatt vorzuſchreiten und ſich in die offenen Arme des Genueſers zu werfen, deſſen ungeſtümme Ge⸗ fühle ſich mittlerweile ein wenig abkühlten—„du, der ſtattliche⸗ muntre, kühne, blühende Grimaldi? Signore, Ihr ſpielt mit den Gefühlen eines alten Mannes!“ „Bei der heiligen Meſſe, ich täuſche dich nicht! Ha, Marcelli, im Glauben iſt er noch ſo bedachtſam wie im⸗ mer, aber, wenn er ſich überzeugt hat, feſt und ſicher, wie das Gelübde ines Geiſtlichen. Wenn wir uns ge⸗ genſeitig wegen einiger wenigen Runzeln mißtrauen dür⸗ fen, ſo wirſt du an deiner eigenen Idendität eben ſo ſehr zweifeln müſſen, wie an der meinigen, Freund Mel⸗ chior. Ich bin niemand anders als Gaetano— der Gae⸗ tano deiner Jugend— der Freund, den du ſo viele lange und mühſelige Jahre nicht geſehen haſt.“ Es dauerte geraume Zeit, bis der Berner ſeinen Freund wieder erkannte; doch wurde ihm allmählig Zug um Zug vertraut und beſonders trug die Stimme vieles bei, lange ſchlummernde Erinnerungen in ihm zu wecken. Wie aber ſchwerfällige Leute am wenigſten Selbſtbeherr⸗ ſchung haben ſollen, wenn ſie tüchtig erregt werden, ſo * zeigte von beiden der Freiherr die ausgelaſſenſte Freude, als die Überzeugung zuletzt die Worte ſeines Freundes beſtätigte. Er warf ſich an den Hals des Genueſers und der alte Mann weinte ſo heftig, daß er bei Seite gihen mußte, um die Thränen zu verbergen, welche ſo plötzlich und ſo übermaͤßig aus Quellen brachen, die er längſt für r — faſt vertrocknet gehalten hatte. 1— r 4 Drittes Kapitel. 4 4 Ach, Vetter Stille, wenn du das geſehen hätteſt, was . dieſer Ritter und ich geſehen haben! 2 Heinrich der Vierte. Der berechnende Schiffsherr des Winkelrieds hatte geduldig den eben erzählten Hergang mit großem innern Behagen beachtet, nun aber, da die Fremden einer ſo . mächtigen Stütze, wie die des Freiherrn von Willading gewiß ſchienen, wollte er ſie ohne weiteren Zeitverluſt be⸗ nützen. Die alten Herren ſtanden noch, nach einer zwei⸗ ten warmen und innigeren Umarmung, mit in einander geſchlagenen Händen und mit Thränen, welche über die beiden gefurchten Geſichter herabfloſſen, als Baptiſt vor⸗ trat und ſeine wie rabenartig klingende Warnung ein⸗ fließen ließ. „Edler Herr,“ ſagte er,„wenn die Glückwünſchungen eines niedrigen Mannes, wie ich bin, die Freuden dieſes ——— glücklichen Zuſammentreffens erhöhen können, ſo bitte ich, ſie anzunehmen; aber der Wind hat kein Herz für Freund⸗ ſchaft und keinen Sinn für den Gewinn oder Verluſt ras uns Schiffern. Ich halte es als Führer des Schiffes für meine Pflicht, die edeln Herrn zu erinnern, daß viele arme, von ihrer Heimath und ihren trauernden Familien ferne Reiſende auf uns warten, von füßewunden Pilgern und andern wackern fahrenden Zeſellen nicht zu ſprechen, welche in ihren Herzen ungeduldig ſind, obgleich die Achtung gegen die Vornehmeren ſie ſtumm erhält, während wir den beſten Theil des Windes verlieren.“ „Bei San Francesco, der Burſche hat Recht,“ ſagte der Genueſer und tilgte ſchnell die Spuren der Schwäche, die ihn eben übermannt hatte, von der Wange:„Wir vergeſſen aller dieſer wackern Leute, während die Freude über unſer Wiederfinden ſo mächtig iſt, und es iſt nun Zeit, an andere zu denken. Kannſt du mir behülflich ſeyn, der ſtädtiſchen Unterſchrift mich zu überheben?“ Der Fr err von Willading ſchwieg; denn da er ſchon anfangs ünſtig geſtimmt war, jedem Fremden, der ſich in einer unangenehmen Verlegenheit befand, beizu⸗ ſtehen, kann man ſich leicht denken, daß der Fall nichts von ſeinem Intereſſe verlor, als er fand, daß ſein älteſter und erprobteſter Freund ſeinen Einfluß in Anſpruch nehme. Doch war es leichter, die Kraft dieſer neuen und uner⸗ warteten Aufforderung anzuerkennen, als einen glücklichen Erfolg zu ermitteln. Der Thorwächter war, um uns eines Ausdrucks zu bedienen, welcher den meiſten Men⸗ ſchen einen Erſatz für Vernunft und Charakter zu bieten ſcheint, zu ſtreng an ſeine Befehle gewieſen, um es wahr⸗ —— [——⏑—2—ÿ— 8&8—M—— 4 5, — 57— ſcheinlich zu machen, daß er ſich leicht fügen werde. Es war jedoch nothwendig, einen Verſuch zu machen und der Freiherr ging daher eifriger als er es bisher gethan hatte, den Wächter des Waſſerthores zu Gunſten der Fremden an. „Es geht über meine Befugniſſe; wir haben keinen Syndikus, dem ich lieber zu Gefallen wäre als Euch, edler Herr,“ ve atzte der Bedienſtigte:„aber es iſt die Pflicht des Wächters, ſich ſtreng an die Befehle derer zu halten, welche ihm ſeinen Poſten anvertrauten.“ 3 „Gaetano, wir ſind die Leute nicht, die ſich über dergleichen beklagen. Wir haben zu lange mit einander in derſelben Schanze geſtanden und zu oft in Lagen geſund geſchlafen, wo ein Abweichen von dieſer Lehre uns das Leben gekoſtet haben würde, um mit dem ehrlichen Genfer wegen ſeiner Wachſamkeit zu ſtreiten. Offen zu reden: es würde wenig helfen, die Treue eines Schwei⸗ zers oder die ſeines Bundesgenoſſen beſtechen zu wollen.“ „Des Schweizers nämlich, der für ſeine Wachſamkeit gut bezahlt wird,“ antwortete der Genueſer, auf eine Weiſe lachend, welche darthat, daß er nur einen jener ſtechenden aber beißenden Scherze wieder aufgefriſcht hatte, wie ſie die, welche ſich am innigſten lieben, viel⸗ leicht am meiſten gegen einander anzubringen gewöhnt ſind. Der Freiherr von Willading nahm die Scherzhaftig⸗ keit ſeines Freundes von der guten Seite und gab die Heiterkeit des andern in einer Art zurück, welche zeigte, daß die Anſpielung eine Zeit zurückrief, in welcher ſie ihre Stunden müßig, den wilden Ausbrüchen der belebten Geiſter ſich überlaſſe d, hinbrachten. — 58— „Wäre dies dein Italien, Gaetano, ſo würde eine ſe Zechine*) nicht nur die Stelle einer Dutzend Inſchriften vertreten, ſondern, bei dem Namen deines Lieblings, des h. Franziskus, dem ehrlichen Thorwächter die Gabe des zweiten Geſichts**) verleihen, deſſen ſich die Schottiſchen 2 Seher rühmen ſollen.“ „Nun, die beiden Seiten der Alpen werden ihren Charakter beibehalten, obgleich wir über ihre Vorzüge 3 hadern— aber wir werden die Tage nicht wieder ſehen, t welche wir verlebt haben!— Weder die Feſtlichkeiten von Vevay, noch die Erneuerung alter Scherze werden uns wieder zu den Jünglingen machen, welche wir waren, theurer Willading.“ „Signore, ich bitte tauſendmal um Verzeihung,“ un⸗ terbrach ihn Baptiſt,„aber dieſer Weſtwind iſt unbeſtän⸗ diger als ſelbſt die Freuden der Jugend.“ „Der Burſche hat abermals Recht und wir vergeſſen. jener Ladung guter Reiſenden, welche uns beide in Abra⸗ 1 hams Schoos wünſchen, weil wir Schuld ſind, daß das ungeduldige Fahrzeug müßig am Kai hält. Guter Mar⸗ celli, weißt du einen Rath in dieſer Noth?“ „Signore, Ihr vergeßt, daß wir ein zweites Papier haben, welches ſich als genügend bewähren wird—“ wurde von dem Manne, welcher eine Mittel⸗Stelle zwi⸗ 1 *) Eilf bis zwölf Franken, je nach der örtlichen Gel⸗ tung. Ueberf. **α) Das Vermögen, übernatürliche Erſcheinungen zu ſehen — Geiſterſeherei. Ueberſ. — 59— ſchen einem Diener und einem Freunde auszufüllen ſchien, eher angedeutet als bemerkt. „Du haſt Recht— und doch möchte ich es gerne vermeiden, davon Gebrauch zu machen— aber ich will Alles eher, als mich von dir trennen, Melchior.“ „Nichts weiter— wir werden uns nicht trennen und wenn der Winkelried an ſeinem jetzigen Ankerplatze verfault. Es wäre leichter, unſere treuen Kantone zu trennen, als zwei ſolche Freunde.“ „Aber, edler Herr, Ihr vergeßt die müden Pilger und die vielen ſehnlich harrenden Reiſenden in dem Fahr⸗ zeuge.“ „Wenn zwanzig Kronen Eure Beiſtimmung erkau⸗ fen, guter Baptiſt, ſo bedarf es keiner ferneren Ausein⸗ anderſetzung.“ „Es iſt dem menſchlichen Willen kaum möglich, Euch zu widerſtehen, edler Herr!— Nun, die Pilger haben müde Füße und die Ruhe wird ſie nur um ſo beſſer in den Stand ſetzen, ihre Reiſe über das Gebirge fortzu⸗ ſetzen; und was die andern betrifft, ſo mögen ſie das Schiff verlaſſen, wenn ihnen die Bedingungen nicht recht ſind. Ich bin der Mann nicht, der irgend jemand einen Platz in ſeinem Schiffe aufdringt.“ „Nein, nein, davon will ich nichts hören. Behalte dein Gold, Melchior, und laß den wackern Baptiſt ſeine Reiſenden behalten, von ſeinem Gewiſſen gar nicht zu ſprechen.“ 4 „Ich bitte Eure Excellenz,“ ſiel Baptiſt ein,„Eure zarten Rückſichten für mich nicht zu weit zu treiben. Ich — 60— bin bereit, noch weit Verdrießlicheres zu thun, um einen ſo edlen Herrn zu verbinden.“ „Ich will nichts davon wiſſen. Herr Aufſeher, wollt Ihr mir den Gefallen thun, und einen Blick auf dieſes Papier werfen?“ Bei dieſen Worten übergab der Genueſer dem Auf⸗ ſeher des Thores ein Papier, das von dem ihm zuerſt gezeigten verſchieden war. Der Genfer durchſah die neue Urkunde mit großer Aufmerkſamkeit; als er ſie bis zur Hälfte durchleſen hatte, heftete ſich ſein Auge mit ehr⸗ furchtsvoller Aufmerkſamkeit auf das Antlitz des harren⸗ den Italieners. Dann las er den Paß bis zum Ende. Der Aufſeher des Thors that jetzt feierlich ſeine Mütze ab, machte dem Fremden eine tiyfe, ehrerbietige Verbeu⸗ gung und ließ den Durchgang frei. „Hätte ich dies früher gewußt,“ ſagte er,„ſo würde keine Zögerung eingetreten ſeyn. Ich hoffe, die Excel⸗ lenz wird meine Unwiſſenheit erwägen— 2⸗ „Still davon, Freund! Ihr habt recht gethan, und darum bitte ich Euch, einen kleinen Beweis meiner Ach⸗ tung anzunehmen.⸗ Der Genueſer legte eine Zechine in die Hand des Aufſehers und ging ſofort dem Waſſer zu. Da der Wi⸗ derwille des Genfers, Gold anzunehmen, eher von ſei⸗ nem Pflichtgefühle als von einem beſondern Haſſe gegen das Metall ſelbſt herrührte, ſo wurde dieſe zweite Gabe mit einem günſtigern Blicke angenommen als die erſte. Der Freiherr von Willading war über den raſchen Er⸗ folg ſeines Freundes nicht wenig erſtaunt, obgleich er — 61— bei weitem zu klug und wohlerzogen war, um ſein Stau⸗ nen bemerken zu laſſen. Jedes Hinderniß, das ſich der Abfahrt des Winkel⸗ ried's entgegen geſtellt hatte, war jetzt deſeitigt und Bap⸗ tiſt und ſeine Leute waren bald emſig beſchäftigt, die Se⸗ gel loszumachen und die Feſtigungen fahren zu laſſen. Die Bewegung des Fahrzeugs war anfangs langſam und trage, denn die Gebäude der Stadt fingen den Wind auf; wie es ſich aber von dem Ufer entfernte, degann die Leinwand zu ſchlagen und zu ſchwellen und bald ſpannte ſie ſich mit einem Knall, gleich dem einer Flinte, worauf die Bewegung der Reiſenden einige Verwandt⸗ ſchaft mit ihrer faſt erſchöpften Geduld anzunehmen ſchien. Bald nachdem die an dem Waſeerthore ſo lange auf⸗ gehaltene Geſellſchaft eingeſchifft war, erfuhr Adelheid erſt den Grund der Verzögerung. Seit langer Zeit kannte ſie aus dem Munde ihres Vaters den Namen und die Geſchichte des Signor Grimaldi, eines Genueſers von vornehmem Geſchlecht, welcher der innigſte Freund und Gefährte Melchior von Willading's war, als dieſer die Kriege in Italien mitfocht. Dieſe Begebniſſe hatten ſich lange vor ihrer Geburt und ſelbſt vor der ehelichen Verbindung ihrer Eltern zugetragen und da ſie das jüngſte und von vielen Kindern das einzige war, das am Leben blieb, ſo begannen dieſe Vorgänge für Adelheid bereits die Farbe der Geſchichte anzunehmen. Sie emfing den alten Mann herzlich und ſelbſt mit Liebe, obgleich es ihr eben ſo ſchwer ward, wie ihrem Vater, in ſeiner ſinkenden aber noch ſchönen Geſtalt den jungen, heitern, zierlichen, glanzenden und ſchönen Gaetano Grimaldi zu — 68— erkennen, von dem ſich ihre Einbildungskraft nach den mündlichen Beſchreibungen, welche man ihr ſo oft gemacht hatte, ein Bild entworfen und den ihre Phan⸗ taſie noch gewohnt war ſich ſo zu denken, wie die liebewarmen Schilderungen ihres Vaters ihn mahlten. Als er ihr plötzlich und mit Herzlichkeit einen Kuß an⸗ bot, überſtrömte heiße Röthe ihr Antlitz, denn mit Aus⸗ nahme deſſen, dem ſie ihr Leben zu danken hatte, hatte noch kein Mann zuvor ſich dieſe Freiheit genommen; nach einem Augenblicke jungfräulicher Verlegenheit je⸗ doch lachte ſie und bot ihm erröthend ihre Wange zu dem Empfang des Grußes dar. „Die letzte Nachricht, welche ich von dir erhielt, Melchior,“ ſagte der Italiener,„war ein Brief, welchen der ſchweizeriſche Geſandte überbrachte, als er auf ſeiner Reiſe nach dem Süden durch unſere Stadt kam, und der bei Gelegenheit der Geburt eben dieſes Mädchens hier geſchrieben worden war.“ „Dieſer Tochter nicht, theurer Freund, ſondern einer ältern, welche ſeit langer Zeit ein Engel im Himmel iſt. Du ſiehſt hier das neunte theure Pfand, welches der Himmel uns gab, und du ſiehſt alles, was uns von ſei⸗ ner Güte geblieben iſt.“ Das Antlitz des Signor Grimaldi verlor ſeine Hei⸗ terkeit und es folgte eine Pauſe tiefen Ernſtes. Man lebte in einer Zeit, wo Mittheilungen unter Freunden, welche durch weite Strecken und durch die Grenzen ver⸗ ſchiedener Staaten getrennt waren, nur ſelten und unſicher ſeyn konnten. Die friſchen und neuen Banve des ehe⸗ lichen Glückes hatten zuerſt einen Verkehr unterbrochen, 66— welcher unter ſolchen ungünſtigen Verhäͤltniſſen lange nachdem ihre Pflichten ſie verſchiedene Wege geführt hatte, bis zu der bezeichneten Periode fortgeſetzt worden war; und die Zeit mit ihrem Wechſel und den Störungen des Krieges hatte endlich faſt jedes Glied in der Kette ihres Briefwechſels gebrochen. Jeder hatte daher dem Andern vieles Werthe und Anziehende mitzutheilen und jeder fürchtete zu reden, um nicht eine Wunde, welche noch nicht ganz geheilt war, wieder zum Bluten zu bringen. Der gewichtige Inhalt der wenigen Worte, welche der Freiher von Willading vorgebracht hatte, zeigte Beiden, auf wie manchfache Weiſe ſie ſich abſichtlos gegenſeltig ſchmerzwont berühren konnten, und wie nothwendig es war, in den erſten Tagen ihres erneuten Verkehres in ihrem Geſprache auf der Huth zu ſeyn. „Dieſes Mädchen mindeſtens iſt ein Kleinod an ſich, um deſſen Beſitz ich dich beneiden muß,“ erwiederte end⸗ lich Signor Grimaldi. Der Schweizer machte eine jener haſtigen Bewegun⸗ gen, welche überraſchung verrathen, und es war ſehr augenſcheinlich, daß er grade in dieſem Augenblicke mehr irgend einem Intereſſe ſeines Freundes, als der Furcht ſich hingab, welche ihn gewöhnlich beſiel, wenn man auf ſein überlebendes Kind unmittelbar anſpielte. „Gaetano, du haſt einen Sohn!“ „Er iſt verloren— hoffnungslos— unwiderbring⸗ lich verloren— wenigſtens für mich.“ Dies waren kurze aber ſchmerzvolle Blicke in ihre gegenſeitige Verhältniſſe, und eine zweite trübe und be⸗ unruhigende Pauſe folgte. Als der Freiherr von Willa⸗ - — 64—— ding den Schmerz ſah, welcher des Genueſers Antlitz tief umſchattete, fühlte er beinahe, daß die Vorſehung, indem ſie ſeine eignen Knaben ſo früh vom Leben ab⸗ rief, ihm vielleicht den noch bitterern Kummer geſpart hatte, die Nichtswürdigkeit eines lebenden Sohnes zu beweinen. „Dies ſind Schickungen Gottes, Melchior,“ fuhr der Italiener von ſelbſt fort,„und wir ſollten uns als Krie⸗ ger, als Männer und, was mehr iſt denn beides, als Chriſten zu unterwerfen wiſſen. Der Brief, von welchem ich ſprach, enthielt die letzten unmittelbaren Nachrichten, welche mir von deinem Gehaben zukamen, obwohl ver⸗ ſchiedene Reiſende dich unter den Geehrten und Angeſe⸗ henen des Landes nannten, ohne ſich jedoch über die Ein⸗ zelnheiten deines häuslichen Lebens zu äußern.“ „Die Einſamkeit unſerer Berge und der unbedeu⸗ tende Verkehr des Auslandes mit der Schweiz, mußten mir ſelbſt dieſes kümmerliche Vergnügen in Betreff dei⸗ ner und deines Schickſals vorenthalten. Seit der An⸗ kunft jenes eigenen Kuriers, welchen du mir, unſerer alten Übereinkunft zufolge, ſchickteſt, um mich zu benach⸗ richtigen—“ Der Freiherr hielt ein, denn er fühlte, daß er wie⸗ der einen verbotenen Weg einſchlage. „Dich von der Geburt meines unglücklichen Knaben zu benachrichtigen,“ fuhr Signor Grimaldi feſt fort. „Um mich von dieſem ſo heiß erſehnten Begebniß zu benachrichtigen, habe ich keine Nachrichten von dir ge⸗ habt, unbeſtimmte Gerüchte ausgenommen, welche mein 2ꝗ EU& — 65— Verlangen, mehr zu erfahren, eher reizten, als ſie die Sehnſucht der Liebe befriedigten.“ „Dieſe Zweifel ſind die Strafe, welche die Freundſchaft der Trennung zalt. Mit der Sorgloſigkeit der Hoffnung nehmen wir die jugendliche Liebe auf, und erſt wenn Pflicht oder Intereſſe uns auf verſchiedene Wege führen, bemerken wir, daß die Welt der Himmel nicht iſt, für den wir ſie hielten, ſondern daß jede Freude ihren Werth und jeder Kummer ſeinen Troſt hat. Haſt du Waffen getragen, ſeit wir mit einander dienten?“ „Nur als Schweizer.“ Die Antwort entlockte dem ſcharfen Auge des Ita⸗ lieners, deſſen Züge ſo raſch wechſellen, wie ſeine Ge⸗ danken, einen Strahl ſtets regen Humors. „In welchen Dienſten?“ „Nein, laß deine alten Neckereien, guter Grimaldi — und doch würde ich dich ſchwerlich lieben, wie ich dich liebe, wenn du anders wärſt als du biſt. Ich glaube, wir kommen endlich dahin, ſelbſt die Schwächen derer hoch zu halten, welche wir wahrhaft ſchatzen.“ „Dies muß wohl der Fall ſeyn, junge Dame, ſonſt hätte meine kindiſche Tollheit deinen Vater längſt von mir gezogen. Ich habe ihn hinſichtlich des Schnees und des Geldes nie geſchont, und doch hat er eine wunder⸗ ſame Geduld mit mir gehabt. Nun, wahre Liebe kann viel dulden. Hat dir der Freiherr oft von dem alten Grimaldi erzählt— von dem jungen Grimaldi, ſollte ich ſagen— und von den vielen tollen Streichen unſerer gedankenloſen Tage?“ „So viel, Signore,“ erwiederte Adelheid, welche wäh⸗ 76— 78. 5 c—-—-———— — —— rend des abgebrochenen Geſprächs zwiſchen ihrem Vater und ſeinem Freunde abwechſelnd geweint und gelacht hatte,„daß ich die meiſten Eurer Jugendgeſchichten nach⸗ erzählen kann. Das Schloß Willading liegt tief im Ge⸗ birg und der Fuß des Fremden betritt nur ſehr ſelten ſeine Thore. Während der langen Abende unſerer ſtren⸗ gen Winter lauſchte ich der Erzählung Eurer meiſten gemeinſchaftlichen Abenteuer, wie wohl eine Tochtert lau⸗ ſchen muß, und ſo habe ich einen Mann, welcher meinem Vater mit Recht ſo theuer iſt, nicht nur kennen ſondern auch achten gelernt.“ „Dann darf ich auch nicht zweifeln, daß du die Ge⸗ ſchichte von dem Falle in den Kanal, als ich einer vene⸗ tianiſchen Schönheit nachſah und einen Fehltritt that, auswendig weißt?“ „Ich erinnere mich eines ſolchen Actes feuchter Ga⸗ anterie,“ verſetzte Adelheid lachend. „Hat dir dein Vater geſagt, Kind, wie er mich bei einem wilden Angriff der kaiſerlichen Reiterei edel ret⸗ tete und in Sicherheit brachte?“ „ Auch auf einen ſolchen Vorfall habe ich leicht an⸗ ſpielen gehört,“ ſagte Adelheid, augenſcheinlich bemüht, ſich die Geſchichte des Hergangs in das Gedachtniß zu⸗ rückzurufen,—„aber—“ „Leicht nennt er ihn und von geringer Bedeutung 7 Ich wünſche nie einen zweiten ſo bedeutenden zu erle⸗ ben. Da haben wir die Unpartheilichkeit deiner Erzan⸗ lungen, guter Melchior, in welchen ein gerettetes Leben⸗ eine erhaltene Wunde und ein Angriff, der die Peunſchen — 67— zagen machte, als Dinge angeführt werden, über welche man mit leichter Hand wegfahrt!“ „Wenn ich dir einen ſolchen Dienſt erzeigte, ſo hat⸗ teſt du dies durch die Art mehr als verdient, mit wel⸗ cher du vor Mailand—“ „Nun, laſſen wir all das ruhen. Wir ſind alte Thoren, junge Dame, und wenn wir über unſer gegen⸗ ſeitiges Lob zu plaudern anfangen, könnteſt du uns leicht für Prahler halten, ein Titel, den wahrhaftig keiner von uns ganz verdient. Melchior, haſt du dem Mädchen je von unſerm tollen Ausfluge in die Wälder der Apan⸗ ninen erzählt, um eine ſpaniſche Dame aufzuſuchen, welche in die Hände von Räubern gefallen war, und wie wir Wochen auf dieſer thörigen, abentheuerlichen Fahrt hin⸗ brachten, welche durch die zeitliche Verwendung einiger wenigen Zechinen von Seiten des Gatten ſchon ehe wir den ritterlichen, um nicht zu ſagen albernen Zug antra⸗ ten, unnöthig geworden war?“ „Sagt ritterlich, aber nicht albern,“ antwortete Adel⸗ heid mit der Einfachheit eines jungen und edeln Ge⸗ müthes.„Ich habe von dieſem Abentbeuer gehört; es iſt mir aber nie lächerlich vorgekommen. Ein edler Be⸗ weggrund entſchuldigt wohl ein Unternehmen von min⸗ der günſtigen Vorbedeutungen.“ „Es iſt ein Gluück,“ verſetzte Signor Grimaldi ge⸗ dankenvoll,„daß, wenn Jugend und übertriebene An⸗ ſichten uns verleiten, tolle Streiche, welche den Namen muthiger und edler Thaten annehmen, zu begehen, an⸗ dere jugendliche und großmuthige Seren ſich nnden, † — 68— welche unſere Gefühle zuruͤckſpiegeln und über unſere Thorheiten lachen.“ „Dies gleicht eher dem bedächtigen, grauköpfigen Prediger der Weisheit, als dem chemaligen heißköpfigen Gaetano Grimaldi!“— rief der Freiherr, doch lachte er waͤhrend dieſer Worte, als fuhlte er wenigſtens einen Theil der Gleichgultigkeit des Freundes gegen jene übertriebene Gefuͤhle, welche einen bedeutenden Beſtandtheil von Beider Charakter in ihrer Jugend aus⸗ gemacht hatten.„Ich kenne die Zeit, wo die Worte Klug⸗ heit und Berechnung einem Freunde deine Gunſt ge⸗ oſtet bätten!“ „ Nan ſagt, ein zwanzigjähriger Verſchwender gebe einen ſiebzigjährigen Geizhals. Es iſt gewiß, daß ſelbſt unſere ſüdliche Sonne das Blut eines Sechszigers nicht ſo raſch wärmt, als ſie das eines Zwanzigers erhitzt. Aber wir wollen deiner Tochter Anſichten von der Zu⸗ kunft nicht durch ein zu treu gehaltenes Gemalde ver⸗ duſtern, ſonſt wird ſie vor der Zeit weiſe. Ich habe oft die Frage geſtellt, Melchior, welche die ſchätzbarere Gabe der Natur ſey, eine warme Phantaſie oder die kaltere Kraft der Vernunft. Wenn ich aber ſagen ſoll, welche mir am liebſten iſt, ſo wird die Entſcheidung minder ſchwierig. Ich würde jede zu ihrer Zeit, oder vielmehr beide vereinigt, mit einem ſtufenweiſen Wechſel in ihrem Einfluſſe, vorziehen. Die Jugend mag mit der erſtern als dem überlegenen Vermögen beginnen und mit der letztern ſchließe man. Wer das Leben als ein zu kalter Ver⸗ nunftler beginnt, beſchließt es leicht als ein berechnender Ggoiſt; und wer ſich nur von ſeiner Phantaſie leiten 7 „ 8 8 ender leiten 7 — 69— läßt, läuft Gefahr, daß ſeine geiſtigen Kräfte ſo reifen, um die Früchte eines Träumers zu erzeugen. Wenn es dem Himmel gefallen hätte, mir den lieben Sohn zu laſſen, den ich einen ſo kurzen Zeitraum mein nannte, ſo hatte ich ihn lieber in ſeiner Beurtheilung der Men⸗ ſchen, ehe die Erfahrung ſeine Hoffnungen kühlte, auf die Seite der Üüberſchätzung ſi ſich neigen, als in der Jung⸗ jingszeit ſeine Genoſſen mit einem zu philoſophiſchen Auge prüfen geſehen. Man ſagt, wir ſeyen im beſten Falle nur Lehm, aber ehe der Boden tüchtig bearbeitet iſt, bringt er bereits die Pflanzen hervor, welche ſeiner Natur am angemeſſenſten ſind, und das wilde und kräf⸗ tig aufſchießende Unkraut, das von der Tiefe des Erd⸗ reichs zeugt, iſt mir, obgleich es nicht von großem Werthe ſeyn mag, bei weitem lieber, als die verkrüppelte Nach⸗ ahmung deſſen, was Sorgfalt und Pflege ohne Zweifel nützlicher, wenn nicht angenehmer machen kann.⸗ Die Anſpielung auf den verlornen Sohn machte, daß eine neue Wolke über das Antlitz des Genueſers flog. „Du ſiehſt, Adelheid,“ fuhr er nach einer Pauſe fort, „denn ſo will ich dich kraft der Rechte eines zweiten Vaters nennen— daß wir, wenigſtens vor uns ſelbſt, unſere Thorheit achtungswerth machen.— Herr Patron, Euer Fahrzeug iſt gut beſetzt!“ „Dauk Euch beiden, edle Herrn,“ ſagte Baptiſt, der am Steuer, in der Nähe der Gruppe der vornehmſten Reiſenden ſtand.„Dieſer Seegen kömmt den Armen ſel⸗ ten und man muß mitnehmen, was der Zufall bietet. Die Luſtbarkeiten zu Vevay haben alle Fahrzeuge nach dem obern Ende des Sees gerufen und etwas Mutter⸗ —C—⁊Zꝭ’Y"jäääqd—. witz verlei tete mich, auf den letzten Umſchwung des Rades einiges Vertrauen zu ſetzen, wobei ich auch, wie Ihr ſeht, Signore, nicht mit einer Niete durchgefallen bin.“ „Sind viele Fremde auf dem Weg zu dieſem Feſte durch Eure Stadt gekommen?“ „Viele Hundert, edler Herr, und der Ruf ſpricht von Tauſenden, welche ſich zu Vevay und in den benach⸗ barten Dörfern geſammelt haben. Das Waadtland hatte viele Jahre her keine ſo reiche Erndte von ſeinen Luſt⸗ barkeiten.“ „Es iſt ein Glück, Melchior, daß der Wunſch, Zeu⸗ gen dieſes Feſtes zu ſeyn, in uns beiden zu gleicher Zeit rege geworden iſt. Die Hoffnung, endlich ſichere Nach⸗ richt von deinem Gehaben zu erhalten, veranlaßte mich vor allem, mich von Genua, wohin ich ſofort zurückkeh⸗ ren muß, wegzuſtehlen. Die Hand der Vorſehung iſt wahrhaft bei dieſem Zuſammentreffen ſichtbar.“ „Ich theile dieſen Glauben,“ erwiderte der Freiherr von Willading,„obgleich die Hoffnung, dich bald zu um⸗ armen, lebhaft rege in mir war. Du irrſt, wenn du glaubſt, Neugierde, oder der Wunſch, mich unter die zu Vevay verſammelte Menge zu miſchen, habe mich aus meinem Schloſſe gelockt. Ich hatte Italien im Auge, wie ich es lange in meinem Herzen hatte.“ „Wie!— Italien?“ „Nichts weniger. Dieſe ſchwache Bergpflanze ſchmach⸗ tete in der letzten Zeit in ihrer heimaihlichen Luft und geſchickte Rathgeber empfahlen mir die ſonnige Seite der Alpen als ein Mittel, ihr wieder neues Leben zu gebenr Ich habe Roger von Blonay verſprochen, eine — — 71— oder zwei Nächte in ſeinen alten Mauern hinzubringen, und dann ſind wir gewillt, die Gaſtfreundſchaft der Mönche auf dem St. Bernhard anzuſprechen. Gleich dir höffte ich, dieſer ungewöhnliche Ausflug aus meiner Veſte werde mir Kunde hinſichtlich des Schickſals eines Mannes brin⸗ gen, welchen ich nie aufgehört habe zu lieben.“ Signor Grimaldi warf einen forſchenden Blick auf das Antlitz ihrer Gefährtin. Ihre anmuthvolle und an⸗ ziehende Schönbeit machte ihm Freude; in ſtummem Kummer bemerkte er aber, durch die ihrem Vater eben entſchlüpften Worte noch aufmerkſamer gemacht, die Zei⸗ chen des frühen Verblühens, welches dieſe letzte Hoffnung ſeines Freundes dem gemeinſchaftlichen Schickſal der Fa⸗ milie zuzugeſellen drohte. Die Krankheit hatte jedoch auf Adelheids liebliches Antlitz ihr Siegel noch nicht ſo ge⸗ drückt, daß es ein gewöhnlicher Beobachter bemerkt hätte. Das Ahnehmen der Blüthe, der trauernde Ausdruck eines taubengleichen Auges, und ein gedankenvoller Zug auf einem Antlitz, welches er ſtets aller Sorgen baar und in jugendlicher Unbefangenheit offen wie der Tag gekannt hatte, waren die Symptome, welche zuerſt den Vater be⸗ unruhigten, deſſen fruhere Verluſte, deſſen Einſamkeit und Abgeſchiedenheit von den Banden der Welt ihn für Eindrücke dieſer Art nur zu empfänglich machten. Die Gedanken, zu welchen dieſes Nachforſchen führten, brach⸗ ten Allen nur peinliche Erinnerungen und es dauerte lange, bis das Geſpräch wieder aufgenommen wurde. Mittlerweile war der Winkelried nicht müßig. Wie das Schiff aus dem Schirm der Häuſer und Hügel her⸗ austrat, ließ ſich die Kraft des Windes ſpüren und ſein —— ——— Lauf wurde verhältnißmäßig raſcher, obgleich die Schiffs⸗ mannſchaft auf die Art, wie es ſich durch das Element fortarbeitete, mit einem Kopfſchütteln achtete, welches ihre überzeugung ausdrücken ſollte, man habe dem Fahr⸗ zeug zuviel zugemuthet. Die Begehrlichkeit Baptiſt's hatte in der That ſein gutes Schiff auf das äußerſte be⸗ laſtet. Das Waſſer war mit dem niedrigen Spiegel in einer Linie und als das Schiff einen Theil des See's erreicht hatte, wo die Wellen mit einiger Heftigkeit da⸗ her rollten, fand es ſich, daß die ungemeine Wucht zu ſtark war, um von der geringen und gebrochenen Kraft dieſer Miniatur⸗Wogen gehoben zu werden. Die Folgen waren jedoch eher verdrießlich als beunruhigend. Einige naſſe Füße bei dem minder ruhigen Theil der Reiſenden, das gelegentliche Anſprützen eines Waſſerſtrahls an die obern Planken und demzufolge ein Staubregen auf den Haufen menſchlicher Köpfe in dem Mittelpunkt des Schiffes, waren die einzigen unmittelbaren perſönlichen Unbequemlichkeiten. Immerhin hatte nicht zu rechtfer⸗ tigende Gewinnſucht den Schiffsherrn verleitet, den un⸗ ſeemanniſchen Fehler zu begehen, ſein Schiff zu überla⸗ den. Verminderte Schnelligkeit war eine zweite und wichtigere Folge ſeiner Habſucht, indem ſie ihre Ankunft in dem Hafen vor dem Nachlaſſen des Windes hindern konnte. Der Genfer⸗See hat faſt die Geſtalt eines halben Mondes und zieht ſich von Südweſt nach Nordoſt. Sein nördliches, oder das Schweizer ufer, iſt vorzüglich, wie man es in der Sprache des Landes nennt, eine côte, oder ein Abhang, welcher ſich zur Anbauung eignet und — 3— der, mit wenigen Ausnahmen, ſeit den früheſten Perio⸗ den der Geſchichte mit edeln Reben bepflanzt war. Die Römer hatten hier viele Standorte und Poſten, von welchen noch Spuren ſichtbar ſind. Der dem Falle des Reichs folgenden Verwirrung und der Vermiſchung der Intreſſen, verdankten dem Mittelalter vielfache adelige Schlöſſer, geiſtliche Wohnſitze und feſte Thürme, welche noch an dem Rande dieſes ſchönen Waſſerbeckens ſtehen, oder etwas tiefer im Lande die Anhöhen ſchmücken, ih⸗ ren Urſprung. Zur Zeit, von welcher wir reden, war die ganze Küſte des Lemans, wenn ein ſo gewichtiger Ausdruck auf die Ufer eines ſo kleinen Waſſerſtriches an⸗ gewendet werden kann, im Beſitze der drei geſonderten Staaten Genf, Savoyen und Bern. Der erſtere beſtand nur aus einem Stückchen Landes an dem weſtlichen, oder untern Horn des halben Mondes; der zweite nabm beinahe die ganze ſudliche Seite des Beckens, oder die Höhlung des Halbmondes ein, wahrend letzterer über den ganzen convexen Saum und das öſtliche Horn herrſchte. Das Savoyiſche Ufer beſteht mit unweſentli⸗ chen Ausnahmen, aus vorgeſchobenen Kuppen der Hoch⸗ alpen, unter welchen der Mont Blanc wie ein Herrſcher in Majeſtät, in der Mitte eines glänzenden Hofes ſitzend, ſich erhebt; jene Felſen ſteigen haufig in ſenkrechten Maſſen aus dem Leman empor. Keiner der Seen dieſes merkwürdigen Landes hat eine größere Mannigfaltigkeit der Scenerie als der Genfer⸗See, welcher vor dem lachen⸗ den Anblick der Fruchtbarkeit und des Anbaus an ſeinem untern bis zur Erhabenheit einer wilden und erhabenen Natur an dem obern Ende den reichſten Wechſel dar⸗ —— — ᷣ-— — beut. Vevay, der Ort, wohin der Winkelried beſtimmt war, liegt drei Stunden von der Spitze des Sees oder dem Punkte, wo er die Rhone aufnimmt; und Genf, der Hafen, von welchem der Leſer ihn eben Abſchied nehmen ſah, wird von dieſem Fluſſe durchſchnitten, wie er aus dem blauen Becken des Leman wieder heraustritt, um auf ſeinem haſtigen Wege in das Mittelmeer die frucht⸗ haren Gefilde Frankreichs zu durchſtreifen. Es iſt wohlbekannt, daß die Windzüge über allen Waſſerflaͤchen, welche zwiſchen hohen und gebrochenen Bergen liegen, in Bezug auf ihre Richtung ſowohl als auf ihre Stärke, unſicher ſind. Dies war die Schwie⸗ rigkeit, welche Baptiſt während der ſtattgefundenen Zö⸗ gerung am meiſten beunruhigte, denn der erfahrne Schif⸗ fer wußte wohl, daß es der erſten und freieſten Kraft des Windes bedurfte, um, wie die Seeleute es nennen, „die Kühlte heimwärts zu treiben,“ gegen die entgegen⸗ geſetzten Strömungen, welche häufig von den Bergen, ie ſeinen Hafen umgeben, niederſteigen. Überdies war die Geſtalt des Sees ein fernerer Grund, warum die Winde ſelten in derſelben Richtung über das Ganze ſei⸗ ner Overfläche zumal wehen. Starke und anhaltende Kühlten ſtuͤrzen in das tiefe Becken herab und brechen ſich, allem Widerſtande trotzend, ihren Weg in jede Sypakte der Felſen; aber einer geringern Kraft als dieſer gelingt es ſelten, dem Schiff von dem Eintritt bis zu dem Ausfluß der Rhone, denſelben günſtigen Wind zu gehen. Im Gefolge dieſer Eigenthümlichkeiten überzeugten ſich die Reiſenden auf dem Winkelried fruh, daß man zu d —.,—— —nn —.—— 75— lange mit dem unbeſtändigen Winde geſpielt hatte. Die Kühlte führte ſie in guter Zeit aufwarts, Lauſanne ge⸗ genüber, aber hier begann der Einfluß der Berge ihre Kraft zu lähmen und wäahrend die Sonne ſich ein wenig gegen die lange, dunkle, grade Linie des Jura ſenkte, wurde das brave Schiff gezwungen, von den gewöhn⸗ lichen Mitteln des Wendens und Anhohlens der Segel Gebrauch zu machen. Baptiſt hatte wegen dieſes Unfalls nur ſeine eigene Habſucht anzuklagen, und das Bewußtſeyn, wenn er den Vertrag, welcher am vorhergehenden Abend mit der Mehrzahl ſeiner Paſſagiere, bei Anbruch des Tages abzureiſen, eingehalten hatte, er nicht in eine Lage gekom⸗ men ware, von einem Glückswechſel, den die Menge der Fremden zu Vevay veranlaſſen konnte, Nutzen zu ziehen, machte ihn verdrüßlich. Wie es bei halsſtarrigen und felbſtiſchen Menſchen, wenn ſie die Gewalt haben, ge⸗ wöhnlich iſt, mußten andere fuͤr den Fehler, den er allein begangen hatte, büßen. Seine Leute wurden durch wi⸗ derſprechende und nutzloſe Befeble gequält; die ärmeren Paſſagiere wurden der ſteten Vernachlaſſiguug ſeiner An⸗ ordnungen angeklagt, ein Fehler, der, wie er keinen An⸗ ſtand nahm zu bebaupten, Urſache war, daß das Schiff minder ſchnell ſegelte als gewöhnlich, und er beantwor⸗ tete ſogar die gelegentlichen Fragen derjenigen, fuͤr welche er eine gewohnte Ehrerbietung fühlte, nicht mehr mit ſeiner fruhern Ehrfurcht und Bereitwilligkeit. Viertes Kapitel. — Mir zu drein, und dir zu drein, Und nochmal drei, ſo macht es neun. Macbeth. — Widrige und leichte Winde feſſelten den Winkelried lange Zeit faſt an eine Stelle und nur dadurch, daß man dem Setzen der Segel und all dem kleinen Detail der Schifferkunſt die großte Aufmerkſamkeit weihte, ward es dem Schiffe möglich, ſi ſi ch, als die Sonne die duftige Linie des Jura berührte, in das öſtliche Horn des Halbmon⸗ des zu arbeiten. Hier fehlte der Wind ganz, die Ober⸗ fläche des Sees wurde glaſig und oben wie ein Spi iegel und an ein Vorrücken war, für den Augenblick wenig⸗ ſtens, nicht zu denken. Das Schiffsvolk warf ſich, das boffnungsloſe ihrer Anſtrengungen bemerkend und durch die frühere Arbeit erſchöpft, auf die Bänke und Ballen und ſuchte einen kurzen Schlaf zu erhaſchen, den Nord⸗ wind erwartend, welcher in dieſer Jahreszeit gewöhnlich eine oder zwei Stunden nach dem Verſchwinden der Sonne von dem Ufer der Waadt herweht. Das Deck des Schiffes blieb jetzt in dem unbeſtritte⸗ nen Beſitz der Paſſagiere. Der ſpaͤtere Theil des Tages war, für dieſe Zeit, warm geweſen, da das glatte Waſ⸗ ſer die heißen Strahlen der Sonne grell zurückwarf, / — — 77— und mit dem herannahenden Abend labte eine erfriſchende Kühle die eng zuſammengedrängten und ſchmachtenden Reiſenden. Die Wirkung eines ſolchen Wechſels war der ahnlich, welche man bei einer dichtbewollten Schaaf⸗ heerde bemerken würde, die man, nachdem ſie wahrend der heißen Tageszeit unter Baumen und Hecken nach Odem geſchrappt, auf ihren Weiden ſich zerſtreuen ſieht, um Futter zu ſuchen oder ihre Sprünge zu machen, ſo⸗ bald der willkommene Schatten ihre keichenden Seiten ein wenig kühlt. Baptiſt hatte den Tag über, wie dies wohl Leute zu thun pflegen, deren Anſehen nur kurze Zeit wahrt, gegen alle Reiſende, welche unter den privilegirten Graden waren, den Tyrannen auf eine unbarmherzige Weiſe ge⸗ ſpielt, und mehreren, welche bei dem Zwang und dem Unbehagen ibrer ungewohnten Lage Unruhe zeigten, öfter hart gedroht. Vielleicht hat niemand weniger Mit⸗ leiden mit den Klagen eines Neulings, als ſo ein wet⸗ terzerſchlagener und abgeharteter Seemann; denn, an die Mühſeligkeiten und die Gefangenſchaft eines Schiffes gewöhnt und der Vergünſtigung ſich erfreuend, in ſeinen Pflichten und ſeinem Berufe Troſt zu ſuchen, kann er ſich von den Entbehrungen und Verlegenheiten derer, denen alles neu und peinlich iſt, kaum eine Vorſtellung machen. Der Schiffsherr des Winkelrieds beſaß aber natürliche Gleichgültigkeit gegen die Leiden Anderer und eine kleinliche Selbſtſucht des Charakters, wozu die Grundſatze noch kamen, welche ein mühſeliges und viel⸗ gefahrdetes Leben erzeugt hatten. Er betrachtete den Reiſenden aus der untern Volksklaſſe wie ſo viel läſtige — Fracht, welche, während⸗ ſie den Vortheil eines höhern Lohnes abwarf, die unangenehme Kehrſeite der Unruhe und Bewegung hatte. Bei dieſem allgemeinen Hange zum Poltern und Schrecken⸗machen hatte der umſichtige Patron doch eine ſtillſchweigende Ausnahme zu Gunſten des Italieners eintreten laſſen, der ſich bei den Leſern ſelbſt unter dem unheilvollen Namen il Maledetto. oder der Verfluchte, eingeführt hat. Dieſe fürchterliche Per⸗ ſon war von den Wirkungen von Baptiſt's Tyrannei gänzlich befreit geblieben, was er durch ein ſehr einfaches und ruhiges Verfahren zuwege gebracht hatte. Statt ſich bei dem wilden Blicke des ungeſchlachten Schiffsherrn zu ſchmiegen oder vor ſeinen rauhen Zurechtweiſungen Furcht zu zeigen, wählte er grade die Zeit, wo Bactiſt in einer ſeiner heißeſten Zornesaufwallungen war und Flüche und Drohungen in Strömen aus ſeinem Munde floſſen, und ſtellte ſich kaltblütig an dieſelbe Stelle, die jeuer eben unterſagt hatte, ſeinen Platz mit einer Ruhe und Faſſung behauptend, wovon es ſchwer geweſen ſein möchte anzugeben, ob man ſie mehr der äußerſten Un⸗ wiſſenheit oder unermeßlicher Verachtung zuſchreiben ſollte. Wenigſtens war dies die Anſicht der Zuſchauer; manche glaubten, der Fremde habe die Sachen zu einem ſchleunigen Ende bringen wollen, indem er der Wuth des Patrons trotzte; andere waren der menſchenfreundlichen Anſicht, er wiſſe es nicht beſſer. Aber Baptiſt ſelbſt dachte nicht ſo. Er ſah an dem ruhigen Auge und der ent⸗ ſchloſſenen Haltung ſeines Paſſagiers, daß er ſelbſt, ſeine anmaßlichen Gewerbs⸗Wunderlichkeiten, ſeine Zankſucht und ſeine Drohungen, gleichermaßen verachtet wurden; und er bebte vor einem Zuſammentreffen mit einem ſol⸗ chen Muthe grade aus demſelben Grunde zurück, aus welchem die Eingeſchüchterten unter den übrigen Reiſen⸗ den vor einem Kampfe mit ſeinem eigenen zurückbebten. Von dieſem Augenblicke an war il Maledetto, oder, wie Baptiſt ſelbſt, der einige Kenntniß von ſeiner Perſon zu haben ſchien, ihn nannte. Maſo, ſo vollkommen Herr al⸗ ler ſeiner Bewegungen, als wäre er einer der Geehrte⸗ ren in dem hintern Theil des Schiffes, oder ſelbſt deſſen Patron geweſen. Er mißbrauchte jedoch ſeinen Vortheil nicht, ſondern verließ ſelten ſeinen bereits angegebenen Platz bei ſeinen Effekten, wo es ihm ungemein zu beha⸗ gen ſchien, in ſorgloſer Trägheit zu ruhen und die Stunden zu verſchlafen. Aber die Scene war jetzt gänzlich geändert. Im Augenblicke, als der hadernde, mißvergnügte und weil er ſich getäuſcht ſah, unglückliche Schiffsherr ſeine Unfahig⸗ keit bekannte, ſeinen Hafen vor dem Erwachen der er⸗ warteten Nachtkühlte zu erreichen, und ſich auf einen Ballen warf, um ſeinen Verdruß in dem Schlafe zu verbergen, erhob ſich ein Kopf nach dem andern auf den emporgethürmten Ballen, und ein Koörper nach dem an⸗ dern folgte dem edlern Gliede, bis die ganze Maſſe von menſchlichen Weſen lebendig wurde. Die kräftigende Kühle, die ruhige Stunde, die Hoffnung einer ſichern, wo nicht ſchnellen Ankunft und der Erholung von der ungemeinen Abſpannung brachte eine plötzliche und ange⸗ nehme Gegenwirkung in den Gefühlen Aller hervor. Selbſt der Freiherr von Willading und ſeine Frennde, welche keine der oben aufgezäahlten Entbehrungen mit⸗ — ———— — 80— empfunden hatten, ſtimmten in den allgemeinen Aus⸗ druck der Freude und des Wohlwollens ein und förder⸗ ten die Schnurren und Scherze der mannigfachen Indi⸗ viduen in der bunten Schaar ihrer namenloſen Gefähr⸗ ten durch ihr Lächein und ihre Leutſeligkeit eher, als ſie ihnen durch ihre Gegenwart einen Zwang auflegten. Das Ausſehen und die Stellung des Fahrzeuges, ſo wie die Ausſichten derer an Bord, ſoferne letztere ſich auf ihre Ankunft im Hafen bezogen, verdienen jetzt na⸗ her erwahnt zu werden. Auf die Art, wie das Schiff bis zu dem Rande des Waſſers geladen war, iſt ſchon mehr als einmal hingedeutet worden. Die ganze Mitte des breiten Deckes, eines Theils des Winkelrieds, wel⸗ cher zufolge der brelten Laufplanken, wie alle ahnliche Fahrzeuge auf dem Leman, eine größere Weite hatte als dies bei Schiffen derſelben Größe anderswo gewöhnlich iſt, war mit Ballen u. ſ. w. ſo bedeckt, daß kaum ein ſchmaler Gang noch hinten und vorne fur das Schiffs⸗ volk blieb, das auf den Kiſten und Packen hinſchritt, welche weit höher als die Köͤpfe der Leute aufgehäuft waren. Dem Spiegel nahe war ein kleiner leerer Raum geblieben, wo ſich die Geſellſchaft, welche dieſen Theil des Verdeckes einnahm, bewegen konnte, obgleich nur in ziemlich beſchrankten Grenzen, während die große Ru⸗ derpinne hinten in ihrem Halbeirkel ſpielte. An dem andern Ende war, wie dies auf jedem Schiffe durchaus nothwendig iſt, die Back hinreichend klar, obwohl ſelbſt in dieſem wichtigen Theil des Verdeckes die Hande von nicht weniger als neun Ankern ſich ausſtreckten, welche in einer Reihe die Breite entlang lagen, da die wilden 81— Nbeden dieſes Endes des Sees ſolch einen Vorrath von Feſtigungswerkzeugen für die Sicherheit jedes Fahrzeugs, welches ſich in das öſtliche Horn wagte, durchaus unent⸗ behrlich machten. Die Wirkung des Ganzen, wenn man es, wie jetzt, in einem Zuſtande unbedingter Ruhe ſah, mußte dem Winkelried das Ausſehen eines kleinen aus der Mitte des Waſſers ſich erhebenden Hügels geben, der mit menſchlichen Weſen bedeckt und ſheinbar mit dem Elemente, auf welchem er ſchwamm, ſo verbunden war, daß er aus ſeinem Grund heraus erwachſen ſchien— ein Bild, das die Phantaſie ſich um ſo leichter ſchuf, da der unbewegte See die Maſſe eben ſo vollkommen ge⸗ baut, eben ſo ſchwerfällig und beigahe eben ſo beſtimmt, wie das Original, aus ſeiner ſpiegelgleichen Fläche zu⸗ rückwarf. Sonderliche Ausnahmen gaben jedoch bei die⸗ ſem Gemalde eines bewegungsloſen Felfen oder einer Inſel die Spieren, Segel und der hoch hgeſpitzte Schnabel ab. Die Naaen hingen, wie die Seeleute ſagen, klar zum Vieren, vder ſo nachläſſig und maleriſch, wie ein Maler ſie am liebſten zeichnen würde, während die Drape⸗ rie der Segeltücher in anmuthigen und makelloſen Feſtons aufgehängt war, als wäre ſie zufällig ſo gefallen oder von den Händen der Schiffleute ſorgfältig geordnet wor⸗ den. Der Schnabel, oder das Vordertheil lief in ſeinem ſcharfen, zierlichen Vorſteven aus und glich dem praͤchti⸗ gen Halſe eines Schwanes, leicht von ſeiner Richtung abweichend oder ſich in einer faſt unmerklichen Krümmung neigend, wie der Rumpf ſich dem geheimen Einfluſſe der wechſelnden Luftzüge fügte. Als der fruchtbare Haufen der Ladung ſo reichlich 76— 78. 6 — 82— zu gebären anfing und ein Reiſender um den andern ſein Gepäcke verließ, war kein großer Raum übrig, auf wel⸗ chem ſie ihre müden Glieder ausſtrecken oder die Ab⸗ wechslung ſuchen konnten, deren ſie bedurften. Aber Dulden iſt eine treffliche Vorbereitung zur Freude und nichts macht die Freiheit angenehmer als frühere Gefan⸗ genſchaft. Sobald man Baptiſt ſchnarchen hörte, war das ganze belaſtete Netz mit aufgerichteten Körpern und ausgeſtreckten Armen und Beinen eingefaßt, wie man Mäuſe während des Schlafs ihrer Todfeindin, der Katze, ſich aus ihren Höhlen ſtehlen ſieht. Der Leſer iſt mit der moraliſchen Zuſammenſetzung der lebendigen Fracht des Winkelrieds in dem Eingangs⸗ Kapitel hinreichend bekannt gemacht worden. Da ſie beine andere als den durch Ermüdung erzeugten Wechſel erfahren hat, iſt er daher vorbereitet, ſeinen Verkehr mit den verſchiedenen Gliedern derſelben zu erneuern, welche ſämmtlich in der beſten Stimmung waren, ſich in ihren gegenſeitigen Charakteren zu zeigen, ſobald ſich da⸗ zu nur eine günſtige Gelegenheit darböte. Wie der leb⸗ hafte Pippo den Tag über ſich am ſchwerſten fügte, ſo war er jetzt der erſte, der ſich von ſeinem Lager ſchwang, ſobald Baptiſt's Argusaugen freie Bahn gaben und die ermunternde Kühle des Sonnenuntergangs zur Thätig⸗ keit einlud. Sein Erfolg machte Andern Muth und es währte nicht lange, ſo hatte der Poſſenreißer eine be⸗ wundernde Zuhörerſchaft um ſich, welche ganz geſtimmt war, ſeine Witze zu belachen und alle ſeine praktiſchen Späſſe zu beklatſchen. Der Muth des Spaßmachers wuchs, wie er fortfuhr und er ging von Freiheit zu ——. 8— —9— tfnreen 2 83— Freiheit über, bis er endlich in der angebrachten Aus⸗ übung ſeiner Kunſt ſiegreich auf den Punkt kam, den man eine vorgerückte Kuppe des von Nikolaus Wagners Fäſſern gebildeten Berges nennen konnte, während ſich eine Schaar vergnügter und neugieriger Zuſchauer um ihn drängte, jeden Theil der Erhöhung in Anſpruch neh⸗ mend und ſelbſt auf das bevorrechtetere Verdeck, in ihrem Eifer zu ſehen und zu bewundern, eindringend. Obſchon Pippo durch widrige Schickſale oft gezwun⸗ ger war, zu den niedrigſten Stufen ſeines Gewerbes herabzuſteigen, z. B. zu den handgreiflichen Späßen des Policinello oder der Nachahmung ſeltſamer Töne, die ihres Gleichen weder im Himmel noch auf der Erde ha⸗ ben, ſo war er doch ein tüchtiger Burſche in ſeiner Art und der Darſtellung höherer Zweige ſeiner Kunſt in glei⸗ cher Art gewachſen, wenn der Zufall ihm Zuhörer ver⸗ ſchaffte, welche im Stande waren, ſeine Befähigungen zu ſchätzen. Bei dieſer Gelegenheit mußte er ſich ſowohl au Gebildete als an Ungebildete wenden; denn die Nähe ihres Platzes ſo wie eine gutmüthige Bereitwilligkeit, an den Späßen, welche den meiſten um ſie her ſo ange⸗ nehm waren, Theil zu nehmen, hatte den edlern Theil der Reiſenden innerhalb des Einfluſſes ſeines Witzes ge⸗ bracht. „Und nun, meine ſehr edeln Herren,⸗ fuhr der verſchmitzte Poſſenreißer fort, nachdem er durch einen ſeiner glücklichſten Handgriffe in der Taſchenſpielerkunſt den lauteſten Beifall geerndtet hatte,⸗komme ich zu dem wichtigſten und geheimnißvollſten Theil meines Wiſſens — ich meine die Kunſt, in die Zukunft zu blicken und 6* ——— —— — 84— das Geſchehende vorherzuſagen. Wenn einer unter Euch iſt, der wiſſen will, wie lange er noch das Brod ſaurer Arbeit eſſen wird, ſo laßt ihn zu mir kommen; wenn ein Jüngling hier iſt, der zu wiſſen wünſcht, ob das Herz ſeiner Geliebten von Fleiſch oder von Stein iſt— ein Mädchen, das eines Jünglings Treue und Beſtändig⸗ keit ſehen will, während ihre langen Wimpern wie ein beſcheidener ſeidner Schleier das Auge bedecken— oder einer von Adel, der gern das Treiben ſeiner Nebenbuh⸗ ler bei Hofe näher kennen lernen möchte— laßt ſie Alle ihre Fragen dem Pippo vorlegen, der für Jeden eine Antwort zur Hand hat, und eine ſo treffende Antwort, daß die Erfahrenſten unter den Zuhörern bereit ſeyn werden, zu ſchwören, eine Lüge aus ſeinem Munde ſey mehr werth, als die Wahrheit aus dem eines andern Menſchen.“ „Dies würde den Glauben an die Kenntniß der Zu⸗ kunft fördern,“ bemerkte ernſt der Genueſer Grimaldi, welcher ſeines Landsmannes redſeligem Anpreiſen ſeine eignen Verdienſte mit einem gutmüthigen Lachen zuge⸗ hört hatte:„zer fing am beſten damit an, daß er ſeine Bekanntſchaft mit dem Vergangenen an den Tag legte. Als Probe ſeiner Geſchicklichkeit im Wahrſagen— wer und was iſt der, welcher mit dir ſpricht?⸗ „Seine Excellenz iſt mehr, als ſie ſcheint, weniger als ſie zu ſeyn verdient und ſo viel als irgend einer der Anweſenden. Sie hat einen alten und theuern Freund an ihrer Seite; ſie will, weil es ihr ſo beliebte, die Luſtbarkeiten zu Vevay ſehen— wird aus demſelben Grunde, wenn ſie vorüber ſind, wieder abreiſen und in — 85— Muße ihre Heimath aufſuchen— nicht gleich dem Fuchs, der ſich in ſeine Höhle ſtiehlt, ſondern wie das edle⸗ Schiff, ſtattlich und in dem Glanz der Sonne, in ſei⸗ uen Hafen ſegelt.⸗ „Das reicht nicht aus, erwiderte der heitere alte Herr;„im Nothfall könnte ich ſelbſt dergleichen wahrſa⸗ gen. Du mußt etwas vorbringen, das minder wahr⸗ ſcheinlich, während es wahrer iſt.⸗ „Signore, wir Propheten ſchlafen gern mit heiler Haut. Wenn es der Excellenz und eurer edeln Geſell⸗ ſchaft gefällt, wahrhaft Wunderbares zu hören, ſo will ich einiges von den Verhältniſſen dieſer wackern Leute mittheilen, das ihre eigenen Intereſſen betrifft und ihnen ſelbſt unbekannt iſt und doch jedem andern ſo klar ſeyn ſoll, wie die Sonne am Himmel während eines heitern Mittags.⸗ „Du willſt ihnen wahrſcheinlich ihre Fehler ſagen?⸗ »Die Excellenz hat Anſprüche an meinen Platz, denn kein Prophet hätte meine Abſicht beſſer errathen können,⸗ antwortete der Schelm lachend.—„Kommt naher, Freund,“ ſetzte er hinzu, indem er dem Berner winkte: „du biſt Nikolaus Wagner, ein feiſter Landmann aus dem großen Kanton, und ein wohlgebetteter Landwirth, der Anſprüche auf die Achtung aller, die ihm begegnen, zu haben glaubt, weil einer ſeiner Vorfahren das Bür⸗ gerrecht gekauft hat. Du haſt eine reiche Ladung in dem Winkelried und denkſt in dieſem Augenblicke, welche Strafe für einen unverſchämten Wahrſager wohl groß genug wäre, der es wagt, ſo ohne alle Umſtände in die Geheimniſſe eines ſo begüterten Herrn zu ſchauen, wäh⸗ 4 rend alle um dich her wünſchen, deine Käſe hätten nie zum Verdruß unſerer Gliedmaßen und zum großen Nach⸗ theil der Eile des Fahrzeugs die Käſehütte verlaſſen.⸗ Dieſer Ausfall auf Koſten des Nikolaus entlockte den Zuhörern ein lautes, luſtiges Gelächter, denn der ſelbſtſüchtige Geiſt, den er den ganzen Tag über gezeigt hatte, konnte wenig Gunſt bei der Mehrzahl ſeiner Reiſe⸗ genoſſen finden, welche ſämmtlich jene freigebige Neigung hatten, die gewöhnlich bei denen ſo reichlich gefunden wird, die wenig oder nichts zu geben haben, und jetzt ſo ſehr zur Heiterkeit geſtimmt waren, daß bei weitem Minderes ihre Munterkeit zu reizen hingereicht hätte. „Wärſt du der Eigenthümer dieſer Güter, Freund, ſo möchteſt du deren Hierſeyn minder unbehaglich finden, als du jetzt zu glauben ſcheinſt,“ erwiderte der Berner, der nicht zum Scherzen aufgelegt war und für den ein Spott auf Eigenthum jene Art unehrerbietigen Charak⸗ ters hatte, welchen die volksthümliche Meinung und hei⸗ lige Ausſprüche der Verſchwendung beigelegt haben.„Die Käſe ſind gut genug, wo ſie ſich befinden; gefällt dir ihre Geſellſchaft nicht, ſo ſteht es dir frei, das Waſſer zu wahlen.⸗ „Friede zwiſchen uns, ehrenwerther Herr! Und laß unſer Scharmützel mit etwas endigen, das uns bei⸗ den Nutzen bringen kann. Du haſt etwas, was fur mich ganz annehmbar wäre, und ich habe etwas, was kein Käſebeſitzer zurückweiſen würde, wenn er die Mittel wüßte, wie er ehrlicherweiſe dazu gelangen könnte.“ Nikolaus murmelte einige Worte des Mißtrauens und der Gleichguͤltigkeit, es war aber ſichtbar, daß es — 87— der dunklen Sprache des Poſſenreißers gelungen war, wie dies gewöhnlich der Fall iſt, das Intereſſe zu erwek⸗ ken. Mit dem gezwungenen Weſen eines Menſchen, der ſich ſeiner Einfältigkeit bewußt iſt, gab er ſich den Schein, gleichgültig gegen das zu ſeyn, was der andere zu ent⸗ hüllen ſich bereit zeigte, wäahrend er mit der Gier eines Habſüchtigen das Verlangen verrieth, mehr zu erfahren. „Zuerſt will ich dir ſagen,“ ſprach Pippo, mit dem Tone der Gutmüthigkeit,„daß du zur Strafe für dei⸗ nen Stolz und deinen Mangel an Vertrauen in Unwiſ⸗ ſenheit zu bleiben verdienteſt; aber es iſt ein Fehler dei⸗ nes Propheten, das bekannt zu machen, was er ver⸗ ſchweigen ſollte. Du ſchmeichelſt dir, dies ſey die fet⸗ teſte Ladung Käſe, welche in dieſer Jahreszeit die Schwei⸗ zer Gewäſſer auf ihrem Wege nach einem Italieniſchen Marktplatz durchſchneidet? Schüttele deinen Kopf nicht! — Du verlaugneſt es vergeblich vor einem Manne mei⸗ nes Tiefblicks.“ „Ja, ich weiß, daß es andere eben ſo gewichtreiche und vielleicht ſelbſt eben ſo gute gibt; dieſe aber hat den Vortheil, die erſte zu ſeyn, ein Umſtand, der gewiß zur Empfehlung dient.“ „Dies iſt die Blindheit derer, welche die Natur auf die Erde geſetzt hat, um mit Käſen zu handeln!“— Herr von Willading und ſeine Freunde lächelten für ſich über die kaltblütige Unverſchämtheit des Poſſenreißers.— „Du glaubſt, dem ſey ſo; und in dieſem Augenblicke ſegelt mit dem günſtigſten Winde an dem obern Ende des Vierwaldſtädter⸗Sees ein ſchwer beladenes Fahrzeug, während eine lange Reihe von Maulthieren zu Flülen — 88— harrt, um ſeine Ladung über die Wege des St. Gott⸗ hard nach Mailand und andere reiche Marktplätze des Südens zu bringen. Vermöge meiner geheimen Macht ſehe ich, daß ſie, trotz aller deiner habſüchtigen Wunſche, vor der deinigen ankommen wird.“ Nikolaus zeigte die heftigſte Unruhe, denn die be⸗ ſtimmten Einzelnheiten, welche Pippo vorbrachte, verlei⸗ teten ihn faſt zu glauben, die Prophezeihung könnte wahr ſeyn. „Wäre dieſes Schiff unſerm Vertrage gemäß abge⸗ ſegelt,“ ſagte er mit einer Einfachheit, welche ſein Ubel⸗ behagen verrieth,„ſo würden die Thiere, welche ich be⸗ ſtellt habe, jetzt zu Villeneuve ſchon bepackt; und wenn es eine Gerechtigkeit im Waadtlande gibt, ſo werde ich Baptiſt für jeden Nachtheil verantwortlich machen, wel⸗ cher aus dieſer Verzögerung hervorgehen kann.“ „Der großmüthige Baptiſt ſchläft glücklicherweiſe,“ erwiderte Pippo,„ſonſt könnten wir Einwendung gegen dieſen Anſchlag hören. Aber, Signori, ich ſehe, daß Ihr mit dieſem Blick in den Charakter des reichen Berners zufrieden ſeyd, der, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, nicht viel vor uns zu verſtecken hat, und ich will meine forſchenden Blicke in die Seele dieſes frommen Pilgers, des hochwürdigen Conrado, werfen, deſſen Salbung un⸗ fehlbar hinreichende Hefen abgeben kann, um alle in die⸗ ſem Schiff von den Bürden ihrer Sünden zu erleichtern. Du trägſt die Buße und Gebete vieler Sünder, und auch etwas eigene Waare dieſer Art.“ „Mein Weg führt nach Loretto und ich trage die Gebetes⸗Opfer gewiſſer Chriſten, welche mit ihrem täg⸗ — 89 lichen Geſchäft zu viel zu thun haben, um die Reiſe ſelbſt zu machen,“ antwortete der Pilger, der ſeinen eigentlichen Charakter niemals ganz bei Seite legte, ob⸗ gleich er im Allgemeinen ſich ſo wenig daraus machte, daß man ſeine Heuchelei durchſchaute.„Ich bin arm, und niedrig von Anſehen, aber ich habe in meinem Le⸗ ben Wunder geſehen!“— „Wenn dir jemand Opfer von Werth aufzubewah⸗ ren gibt, ſo biſt du ſelbſt ein lebendiges Wunder! Ich kann vorherſehen, daß du nichts anderes tragen wirſt als Gebete.“ „Ja, ich befaſſe mich mit wenig anderm. Die Rei⸗ chen und Großen, welche unſeren lieben Frauen Gold und reiche Gewänder ſenden, wählen dazu ihre eigenen Lieblings⸗Boten; ich hin nur der Überbringer von Ge⸗ beten und der Stello’ treter von Büßenden. Die Leiden, welche ich in dem Fleiſch erdulde, werden auf die, welche mich beſtellen, übertragen, und ihnen kommen meine Schmerzen und Wehen zu gut. Ich will nicht mehr ſeyn als ihr Zwiſchenhändler, wie jener Seemann mich heute nannte.“ Pippo wandte ſich plötzlich und folgte der Richtung des Auges des Andern, einen Blick auf den Maledetto werfend. Dieſer Menſch war unter allen den Reiſenden der untern Klaſſe der einzige, der ſich enthalten hatte, zu der gaffenden und erfreuten Schaar um den Poſſenreißer ſich zu geſellen. Seine Enthaltſamkeit oder der Mangel an Neugierde hatten ihm den ruhigen Beſitz der kleinen Terraſſe gelaſſen, welche durch die Lagerung von Kiſten gebildet wurde, und er ſtand jetzt auf der Höhe des Ge⸗ — 90— päckes, durch ſeine Stellung wie durch ſeine Miene her⸗ vorſtechend, welche letztere durch ihre unerſchütterte Ruhe, die durch das einem Seemann, wenn er auf dem Waſſer iſt, ſo eigene verſtändige Weſen erhöht wurde, ſich auf⸗ fallend auszeichnete. „Wollt ihr die Geſchichte eurer künftigen Gefahren hören, Freund Seemann?“ rief der rührige Markt⸗ ſchreier:—„Ein Tagebuch eurer künftigen Klippen und Stürme, um euch in dieſer Windſtille zu ergötzen? So ein Gemaͤlde von Meerungeheuern und von Korallen, welche in den Grotten des Oceans, wo Matroſen ſchla⸗ fen, wachſen, das euch Monate lang das Alpdrücken ver⸗ urſacht und euer ganzes Leben lang euch von Wracks und gebleichten Knochen träumen läßt? Ihr braucht es nur zu wünſchen, ſo lege ich die Abenteuer eurer näch⸗ ſten Seereiſe, wie eine Karte, vor euch hin.“ „Ihr würdet mir mehr Vertrauen, als ein Einge⸗ weihter in eure Kunſt, einflößen, wenn ihr mir die Ge⸗ ſchichte meines letzten Abenteuers mittheilen wolltet.“ „Die Forderung iſt vernünftig und ich will ihr ent⸗ ſprechen, denn ich liebe den kühnen Abenteurer, der ſich muthig dem großen Weltmeere anvertraut,“ erwiderte der unverſchämte Pippo.„Meinen erſten Unterricht in der Schwarzkunſt erhielt ich auf dem Molo von Neapel unter bauſchigen Engländern, gradnaſigen Griechen, ſchwarz⸗ braunen Sizilianern und Maltheſern mit einem Geiſte, ſo fein, wie das Gold an den Ketten, die ſie trugen. Dies war die Schule, in welcher ich meine Kunſt ſtudirte und als tüchtiger Schüler bewährte ich mich in allem, — 91— was ſich auf die Philoſophie und die Humaniora meines Gewerbes bezieht. Eure Hand, Herr!“ Maſo ſtreckte ſeine ſehnige Hand dem Poſſenreißer, ohne von ſeiner Höhe herabzuſteigen und auf eine Weiſe entgegen, die zeigte, daß er, obſchon er den Leuten die froͤhe S Stunde nicht verkümmern wollte, über die gaffende Bewunderung und kindiſche Leichtgläubigkeit der meiſten unter denen, welche des Reſultates harrten, erhaben war. Pippo ſchien den Hals weit auszuſtrecken, um die barten und dunkeln Linien zu ſtudiren, dann ließ er ſeine Orakel wieder vernehmen, wie jemand, der mit dem, was er entdeckt hat, vollkommen zufrieden iſt. „Die Hand iſt männlich und war zu ihrer Zeit mit vielen Freunden vertraut. Sie verkehrte mit Stahl, mit Tauwerk und Pulver, und vor allem am meiſten mit Gold. Signori, der wahre Sitz der Verdauung eines Menſchen liegt in der Fläche ſeiner Hand; wenn dieſe frei iſt, zu geben und zu empfangen, ſo wird er nie ein verſtocktes Gewiſſen haben, denn unter allen verruchten Ungelegenheiten, welche den Sterblichen quälen, iſt ein Gewiſſen, das weder geben noch nehmen will, der ſchwerſte Fluch. Laßt einen Menſchen ſo viel Verſtand haben, daß man einen Kardinal aus ihm machen kann— wenn er in die Netze eines ſolchen unnachgiebigen Gewiſſens ver⸗ wickelt wird, werdet ihr in ſeiner Todesſtunde einen Bet⸗ telbruder in ihm ſehen; laßt ihn als Prinzen mit einer enge gepanzerten Anſicht dieſer Art geboren werden, und er wäre beſſer als Bettler geboren worden, denn ſeine Herrſchaft wird einem Fluſſe gleichen, deſſen Strömung ohne Wiederkehr aus dem Bette bricht. Nein, meine — 92— Freunde, eine flache Hand, wie die des Maſo, iſt ein glückliches Zeichen, da ſie ſich nach einem lenkſamen Wil⸗ len krümmt, der da öffnen und ſchließen wird, wie ein wohlgebildet Auge oder der Panzer eines Schalthieres, nach dem Willen ſeines Beſitzers. Ihr habt euch man⸗ chem Hafen genaht, nachdem die Sonne ſich geſenkt hatte, ehe Ihr den von Vevay aufſuchtet, Signor Maſo!“ „Darin habe ich mich dem Schickſal des Seemanns überlaſſen, das eher von den Winden als ſeinen Wün⸗ ſchen abhängt.“ „Ihr haltet den Boden des Fahrzeugs, in welchem Ihr zu ſegeln aufgefordert werdet, für bei weitem wich⸗ tiger als ſeine Flagge. Ihr habt ein Auge für einen Kiel, aber nicht fur die Farbe, es müßte denn freilich ſeyn, was auch eintreffen kann, daß es paſſend befunden wird, das zu ſcheinen, was Ihr nicht ſeyd.“ „Ei, Her Wahrſager, ich argwöhne faſt, in Euch den Diener irgend einer der heiligen Brüderſchaften zu ſehen, der in dieſer Verkleidung ausgeſendet worden, uns arme Reiſende zu unſerm Verderben auszufragen!“ erwiderte Maſo.„Ich bin, was Ihr ſeht, nur ein ar⸗ mer Seemann, der kein beſſeres Fahrzeug unter ſich hat als das von Baptiſt, und auf einem Meere, das nicht größer iſt, als ein Schweizer⸗See.“ „Schlau geſagt,“ bemerkte Pippo, und winkte den Umſtehenden zu, obgleich er das Auge und das. Beneh⸗ men des Andern ſo wenig liebte, daß es ihm nicht leid that, zu einem neuen Gegenſtand überzugehen.„Doch, was liegt daran, Signori, die Eigenſchaften von Män⸗ nern zu beſprechen. Wir ſind einer wie der andere, eh⸗ renwerth, barmherzig, eher geneigt, andern zu helfen, als uns ſelbſt, und der Selbſtſucht ſo wenig ergeben, daß ſich die Natur genöthigt ſah, einen jeglichen von uns mit einer Art Stachel zu verſehen, welcher uns beſtän⸗ dig kitzelt, damit wir unſere eigenen Intereſſen beach⸗ ten.— Hier ſind Thiere, deren Neigungen minder er⸗ forſcht ſind und wir wollen der Prufung ihrer Eigen⸗ ſchaften eine nützliche Minute widmen. Hochwürdiger Auguſtiner, dieſer euer Hund hier heißt Uberto?“ „Unter dieſem Namen iſt er in allen Kantonen und bei den Bundesgenoſſen derſelben bekannt. Der Ruf des Thieres reicht ſelbſt bis Turin und bis zu den meiſten Städten in der Ebene der Lombardei.“ „Nun, Signori, Ihr bemerkt, daß dies nur ein un⸗ tergeordnetes Geſchopf auf der Stufenleiter der Thiere iſt. Erweißt ihm Gutes und er wird dankbar ſeyn; fügt ihm Leid zu, und er wird verzeihen. Füttert ihn, und er iſt zufrieden. Er wird Tag und Nacht die Wege des St. Bernhard durchſtreifen, um ſeiner Dreſſur Ehre zu machen, und wann dies Tagewerk vollbracht iſt, fordert er nur ſo viel Nahrung, als den Odem in ſeinen Rip⸗ pen erhalten wird. Hätte der Himmel dieſem Uberto ein Gewiſſen und mehr Verſtand gegeben, ſo hätte das erſtere ihm die Ruchloſigkeit gezeigt, ſich für Reiſende an Sonn⸗ und Feiertagen abzumühen, wahrend der letz⸗ tere ihm wohl ſagen könnte, er ſey ein Narr, daß er ſich überhaupt wegen der Rettung Anderer quäle.“ „ und doch gilt bei ſeinen Herrn, den guten Augu⸗ ſtinern ſelbſt, ein ſolcher ſelbſtſüchtiger Glaube nicht,“ bemerkte Adelheid. — 94— „Ha, die haben den Himmel im Auge; ich bitte die hochwürdigen Auguſtiner um Verzeihung— aber, Fräu⸗ lein, der Unterſchied liegt in der Länge der Berechnung. Wehe mir, ihr Brüder! Ich wollte, meine Eltern hät⸗ ten mich zu einem Biſchof, zu einem Vicekönig oder zu einer andern beſcheidenen Stelle erzogen, damit dies mein gelehrtes Gewerbe in beſſere Hände gefallen wäre! Ihr würdet an Belehrung verlieren, aber ich würde von den ſchwindelnden Höhen des Ehrgeizes entfernt werden und zuletzt mit einigen Ausſichten, ein Heiliger zu werden, ſterben. Schöne Dame, der Zweck Eurer Reiſe iſt eitel, wenn ich ja den Grund kenne, der Euch in ſo ſpäter Jahreszeit über die Alpen lockt.“ Dieſe plötzliche Anrede erſchreckte ſowohl Adelheid wie ihren Vater, denn trotz des Stolzes und der Kraft der Vernunft, können wir doch unſere Anſichten ſelten ganz von den Feſſeln des Aberglaubens und jener Furcht vor der verhüllten Zukunft losreißen, welche als eine raſtloſe Mahnerin an das ewige Leben, welchem alle mit ſo geräuſchloſen und doch ſo ſichern Schritten entgegen eilen, unſerer Natur eingeprägt ſcheint. Die Geſichts⸗ farbe des Mädchens wechſelte und ſie wandte einen ſchnel⸗ len, unwillkührlichen Blick auf ihren ängſtlichen Vater, als wollte ſie die Wirkung dieſer herben Verkündigung auf ihn beobachten, ehe ſie antwortete. „Ich will das Glück der Geſundheit ſuchen,“ ſagte ſie,„und es würde mir leid thun, wenn ich glauben müßte, deine Prophezeihung könne eintreffen. Jugend, eine gute Körperbeſchaffenheit, und liebe Freunde ſind mir zur Seite und da iſt wohl Grund, zu denken, du dürf⸗ ————— —— — 95— teſt dich, darin wenigſtens, als ein falſcher Prophet er⸗ weiſen.“ „Habt Ihr Hoffnung, Fräulein?“ Pippo that dieſe Frage auf gutes Glück, wie er ſeine Anſicht auf das Ungefähr von ſich gegeben hatte, das heißt, ſorglos, anmaßlich und ſehr gleichgültig gegen jede Wirkung, welche ſie haben könnte, die wahrſcheinliche ausgenommen, ſeinen Ruf bei dem großen Haufen zu begründen. Dennoch ſchien es, als hätte er, durch ein ſeltſames Zuſammentreffen, wie es im wirklichen Leben täglich vorkömmt, eine empfindliche Saite in dem Syſtem ſeiner ſchönen Reiſegefährtin berührt. Ihre Augen ſenk⸗ ten ſich bei dieſer plötzlichen Frage auf das Verdeck, die Farbe ſtahl ſich wieder auf ihre zarten Schläfen und der in den Regungen des ſchönen Geſchlechtes Ungeübteſte hatte in ihrer Miene peinliche Verlegenheit entdecken kön⸗ nen. Die unerwartete und raſche Dazwiſchenkunft Ma⸗ ſo's überhob ſie jedoch der Unannehmlichkeit einer Ant⸗ wort. „Die Hoffnung iſt der letzte unſerer Freunde, der ſich abtrünnig zeigt,“ ſagte dieſer Seemann,„ſonſt möchte es mit vielen in der Geſellſchaft ſchlecht ſtehen, Euch nicht ausgeſchloſſen, Pippo; denn wenn ich nach äußern Zeichen ſchließen darf, ſo hat der ſchwäbiſche Feld⸗ zug nicht viel Beute abgeworfen.“. „Die Vorſehung hat die Erndten des Geiſtes nicht minder beſtimmt, wie die Erndten der Gefilde,“ ver⸗ ſetzte der Marktſchreier, welcher den Spott der Bemer⸗ kung des Andern mit aller der Schärfe fühlte, welche ihr die Wahrheit geben konnte; denn er verdankte, wenn — ——— ne wirkliche Lage aufklären ſollen, wir den Leſer über ſein lediglich einem außerordentlichen Anfall von Großmuth bei Baptiſt, ſogar die Überfahrt über den Leman.—„In dem einen Jahr werdet Ihr die Weinberge von einem Safte, köſtlich wie Diamanten, träufen ſehen, während in dem andern die Unfruchtbarkeit ihren Sitz darin auf⸗ ſchlägt. Heute klagt der Landmann, die Armuth hindere ihn, die nöthigen Gebaude aufzuführen, um ſein Getraide unterzubringen, während man ihn morgen über leere Scheunen ſeufzen hören wird. überfluß und Hunger! ſind ſich bei ihrer Erdenreiſe nahe auf den Ferſen und es iſt kein Wunder, daß der, welcher von ſeinem Witze lebt, eben ſo wie der, welcher durch ſeine Hände lebt, zuweilen eine Mißerndte hat. 4 „Wenn eine ſtete Kundſchaft den Erfolg ſichern kann, ſo müßte der fromme Konrad glücklich ſeyn,“ ant⸗ wortete Maſo,„denn unter allen Maſchinen iſt die der Sünde am wenigſten ſelten müßig. Sein Gewerbe kann wenigſtens niemals wegen Mangel an Kunden in Ab⸗ nahme kommen.“ „Ganz richtig, Maſo; und aus dieſem beſondern Grunde wünſche ich, meine Eltern hätten mich für ein Biſchofthum erzogen. Wer es über ſich genommen hat, ſeine Mitgeſchöpfe wegen ihrer Laſter zurechtzuweiſen, kennt nothwendig niemals eine müßige Stunde.“ „Ihr wißt nicht, was ihr ſprecht,“ fiel Konrad ein; „die Liebe zu den Heiligen hat ſeit meiner Jugend ge⸗ waltig abgenommen und wo jetzt Ein Chriſt ſich bereit zeigt, ſein Silber zu opfern, um den Segen irgend ei⸗ nes Lieblings⸗Schrein's zu gewinnen, waren damals zehn. 4 *† 4 88———, S————— — 97— Ich habe Ältere von uns Pilgern ſagen hören, vor fünf⸗ zig Jahren ſey es eine Freude geweſen, die Sünden eines ganzen Kirchſpiels auf ſich zu nehmen, denn unſer Gewerbe iſt der Art, daß das Gewicht nicht ſowohl in Anſchlag kommt als die Qualität; und zu ihrer Zeit habe es bereitwillige Opfer, freimüthige Beichten und großmüthige Rückſichten auf die gegeben, welche ſich der Mühe unterzogen.“ „Je weniger ihr in einem ſolchen Gewerbe für an⸗ dere zu verantworten habt, deſto mehr wird euch auf der Rechnung eurer eigenen Sünden gut gethan,“ bemerkte Nikolaus Wagner nachdrücklich, welcher ein muthiger Proteſtant war und ſolche Seitenhiebe gern gegen die Anhänger eines Glaubens führte, welcher den Angriffen aller blosgeſtellt war, die den Anſichten und der geiſtigen Herrſchaft Roms entgegen waren. Aber Konrad war ein ſeltenes Beiſpiel von dem, was durch Erziehuug und tief gewurzelte Vorurtheile er⸗ zielt werden kann. Indem wir dieſen Mann unſern Le⸗ ſern vorführen, haben wir nicht die Abſicht, die Lehren der Kirche anzugreifen, zu welcher er gehörte, ſondern einfach, wie die Wahrheit völlig verbürgen wird, zu zei⸗ gen, zu welcher Höhe ausgedehnter und unverſchämter Anſprüche der Charakter eines Menſchen, den die heil⸗ ſame Beſchränkung einer kräftigen und geſunden Anſicht nicht im Zaume hält, Mißbräuche in Bezug auf die ern⸗ ſteſten und wichtigſten Gegenſtände führen konnte. In jenem Zeitalter herrſchten Gebräuche und waren den Ge⸗ müthern derer, welche ſie übten, ſo gewöhnlich gewor⸗ den, daß ſie weder Nachdenken noch Erklärung forder⸗ 76— 78. ten— Gebräuche, welche nun zu Revolutionen und zu einem allgemeinen Aufſtande zur Vertheidigung von Grundſätzen führen würden, die fur ſo klar gelten, wie die Luft, die wir athmen. Obgleich wir keinen Zwei⸗ fel gegen jene Wahrheit hegen, die das Weltall durchdringt, und nach welcher Alles hinſtrebt, ſo glauben wir doch, daß die Welt in ihrem Thun, in ihren Theo⸗ rien und ihrem conventionellen Urtheil über Recht und Unrecht in einem Zuſtande ſteten Wechſels iſt, wel⸗ chen die Weiſen und Tüchtigen zu begünſtigen die Pflicht haben, ſo lange geſorgt wird, daß der Vortheil nicht durch eine Reaction eines größern übels erkauft wird. Konrad gehörte zu der niedrigſten Klaſſe jener Schwämme, welche aus dem vermoderten Theil der moraliſchen Welt erwachſen, wie ihre materielleren Vorbilder die Fäulniß der vegetabiliſchen Welt beweiſen; und die Wahrſchein⸗ lichkeit der Treue des Portraits darf nicht oben hin, ohne reifliches Nachdenken über aͤhnliche Anomalien, welche noch allſeitig bei uns gefunden werden, und ohne eindringendes Studium der Geſchichte der Mißbräuche gelaugnet werden, welche damals das Chriſtenthum her⸗ abwürdigten und welche in Wahrheit in ihrem Charakter ſo unerträglich, in ihrem Ausdruck ſo häßlich waren, daß ſie die wirkſamſte Urſache ihrer eigenen Vernichtung wurden. Pippo hatte jenen nützlichen Takt, der einen Mann in den Stand ſetzt, ſeine eigene Geltung durch Andere zu ermeſſen, und bemerkte daher bald, daß der beſſere Theil ſeiner Zuhörerſchaft allgemach ſeiner angeblichen Poſſenreiſſerei müde ward. Er nahm daher ſeine Zu⸗ klucht zu einem glücklichen Auskunftsmittel und mittelſt —— — 99— eines ſeiner Taſchenſpielerſtreiche gelang es ihm, die ganze Maſſe der Zuſchauer, welche noch an ſeinem Trei⸗ ben Vergnügen fanden, zu dem andern Ende des Schif⸗ fes hinzuziehen, wo ſie ſich auf die Anker ſetzten, ſo bereit wie immer, eine Nahrung zu ſich zu nehmen, nach welcher dem Volke ein unauslöſchlicher Appetit inne zu wohnen ſcheint. Hier ſetzte er ſeine Komodie fort, bald in der zierlichen und öfter in der kräftigen Weiſe mora⸗ liſrend, welche den ſüdlichen Poſſenreiſſer ſo weit über ſeinen ſchwerfälligen Nebenbuhler des Nordens erhebt, und einen wilden Miſchmaſch geſunder Wahrheiten, lok⸗ kerer Moral und witziger Ausfälle vorbringend, welche letztere nie verfehlten, Allen ein ſchallendes Gelächter zu entlocken, nur denen nicht, welche zufäͤllig der unglück⸗ liche Gegenſtand derſelben waren. Einmal oder zweimal hob Bapti ſtarrte mit ſchläfrigen Augen umher daß nichts zu thun war, das Schiff zu drängen, ſetzte er ſein Schläfchen wieder fort, ohne die Unterhaltung derer zu unterbrechen, die in ihren Ver⸗ gnügungen zu ſtören ihm früher Freude zu machen ſchien. Die Schaar auf dem Vorkaſteel blieb ſich daher ſelbſt überlaſſen und ſtellte eines jener alltäglichen aber lehrrei⸗ chen Lebens⸗Gemaͤlde dar, denen der Blick ſo oft begeg⸗ net, die aber, obgleich ſie an Belehrung ſo reich ſind, mit der Gleichgültigkeit behandelt werden, welche die unver⸗ meidliche Folge der Gewohnheit zu ſeyn ſcheint. Das vollgedrängte und überladene Fahrzeug hätte wohl dem Schiffe des menſchlichen Lebens verglichen wer⸗ den können, das immerdar den tauſend Zufällen einer 7* ſt den Kopf und z zufrieden jedoch, „recht von vorne⸗ — 100— feinen und verwickelten Maſchinerie unterworfen dahin ſchwimmt;— der See, ſo glatt und lockend in ſeiner jetzigen Ruhe, aber ſo leicht geneigt, ſeine feſtgeſchloſſe⸗ nen Küſten wüthend zu peitſchen, der trügeriſchen Welt, deren Lächeln faſt immer eben ſo gefährlich iſt, wie ihr Zür⸗ nen;— und, um das Gemälde zu vollenden, die müßige, lachende, gedankenloſe und doch entzündliche Gruppe, welche den Poſſenreiſſer umgab, dem ſonderbaren Gemiſch von menſchlichen Neigungen, von raſchen und wilden Lei⸗ denſchaften, von Poſſen und Kurzweil, ſo unerklärlich mit der plumpſten Selbſtſucht gepaart, die dem Herzen des Menſchen ſich zugeſellt, mit einem Worte ſo vielem, das ſchön und göttlich iſt, neben ſo vielem das gradezu aus der Hölle zu ſtammen ſcheint, eine Miſchung, welche dieſen geheimnißvollen und wunderbaren Zuſtand des Daſeyns ausmacht, und welche, wie wir durch Vernunft und Offenbarung gelehrt werden, nur eine Vorbereitung zu einem andern noch unbegreiflicheren und wunderba⸗ rern iſt. Funftes Kapitel. Wie er dem Zöllner gleicht, dem gleiſenden! Shylock. Durch den Wechſel der Schaubühne des Marktſchrei⸗ ers blieb die Geſellſchaft auf der Schanze des Schiffes im ruhigen Beſitze ihres Theils des Fahrzeugs. Baptiſt und ſeine Leute ſchliefen noch auf den Kiſten; Maſo fuhr — ——(—/—————. hin ner ſſe⸗ belt, zür⸗ ige, ppe, niſch Lei⸗ rlich rzen lem, dezu elche des unft tung erba⸗ — 101— fort, auf der erhabenen Terraſſe über ihnen hin und her zu gehen; und der beſcheiden ausſehende Fremde, deſſen Eintritt in das Schiff dem Pippo ſo viele Witzworte entlockt hatte, ſaß ein wenig bei Seite, ſtill, heimlich beobachtend und in ſich gekehrt, auf derſelben Stelle, die er den ganzen Tag über eingenommen hatte. Dieſe aus⸗ genommen waren alle übrigen Reiſenden um den Markt⸗ ſchreier verſammelt. Vielleicht hatten wir aber Unrecht, die beiden oben Genannten dem gemeineren Haufen zuzu⸗ geſellen, denn es war in mannigfacher Hinſicht ein groſ⸗ ſer Unterſchied zwiſchen ihnen und der Mehrzahl ihrer Gefährten. Das Außere und die perſönliche Erſcheinung des unbekannten Reiſenden, der ſo ſichtlich vor den Ausfaͤl⸗ len des Neapolitaners zurückbebte, erhob ihn bedeutend über alle andere in dem Fahrzeuge, die nicht dem adeli⸗ gen Stande angehörten, ſelbſt den wohlhabenden Niko⸗ laus Wagner, den Eigenthümer eines ſo großen Theils der Ladung nicht ausgenommen. Er hatte etwas Anſtän⸗ diges, das mehr Achtung heiſchte, als man damals dem Namenloſen zu zollen pflegte, eine Ruhe des Benehmens, das Nachenken verrieth und die Gewohnheit der Selbſt⸗ beachtung und Selbſtnachhülfe, verbunden mit einer Ehr⸗ erbietung gegen andere, ganz geeignet, ihm Freunde zu machen. In Nitten der geräuſchvollen, überlauten Luſtig⸗ keit Aller umher hatte ſeine in ſich gekehrte und verwei⸗ ſende Miene die Gunſt der Vornehmern gewonnen, welche den Unterſchied gewahren mußten und den Weg zu ei⸗ nem freieren Verkehr zwiſchen der Geſellſchaft der Adli⸗ gen und einem Manne geöffnet, der, obgleich in den ge⸗ wöhnlichen Punkten der geltenden Abſcheidung nicht ihres gleichen, bedeutend über die erhaben war, mit welchen der Zufall ihn zuſammengeführt hatte. Nicht ſo mit Maſo; dieſer hatte offenbar nichts gemein mit dem be⸗ ſcheidenen und ſchweigſamen Weſen, das ſeinem Wege bei dem kurzen Gange, den er auf dem Waarenhaufen hin und her machte, ſo nahe ſaß. Der Seemann war bei weitem jünger, denn er konnte kaum das dreißigſte Jahr erreicht haben, während das Haar des unbekannten Reiſenden ſich bereits mit Grau zu miſchen anfing. Der Gang, die Haltung, die Gebehrden des Erſtern waren auch die eines Mannes, der auf ſich vertraute, wohl Gleichgültigkeit gegen andere hegen mochte und bei wei⸗ tem geneigter war zu befehlen als zu gehorchen. Dies ſind Eigenſchaften, welche bemerkbar zu machen, ſeine gegenwärtige Lage kaum geeignet ſcheinen dürfte; aber die kalten ſcharfen Blicke, welche er von Zeit zu Zeit auf die von Baptiſt angeordneten Bewegungen warf, der ausdrucksvolle Spott, mit welchem er ſeine Ausſprüche beurtheilte, und einige beißende Bemerkungen, welche ihm den Tag über entſchlüpft waren, und welche nichts weniger als Artigkeiten gegen die nautiſche Geſchicklichkeit des Schiffsherrn und ſeines Süßwaſſer⸗Gefolges ent⸗ hielten, hatten jene Eigenſchaften ziemlich außer Zweifel geſtellt. Doch gewahrte man bei dieſem verdächtig aus⸗ ſehenden Menſchen Zeichen von etwas beſſerm, als man gewöhnlich bei Menſchen findet, deren Gewand, Ge⸗ werbe und Lage ſo deutliche Winke geben, daß die Welt gegen ihre Grundſätze ſchwer andringt, wie es zufällig bei dieſem armen und unbekannten Seemanne der Fall — 103— war. Obſchon ſchlecht gekleidet und die allgemeinen Merkmale eines umſchweifenden Lebens und jene lockere Verbindung mit der Geſellſchaft, welche gewöhnlich für einen hinreichenden Beweis des Unverdienſtes eines Man⸗ nes gilt, zur Schau tragend, zeigten ſeine Züge doch gelegentlich Gedankentiefe und ſein Auge hatte den Tag hindurch oft auf die Gruppe ſeiner geiſtvollern Reiſege⸗ noſſen ſich gewendet, als fände er Gegenſtände höhern Intereſſes in ihrem Geſpräche als in den rohen Scher⸗ zen und den handgreiflichen Späßen derer um ihn. Der Vornehme iſt ſtets höflich, ausgenommen in Fallen, in welchen Anmaßung die Artigkeit zurückſtößt; denn die, welche an die Standesprivilegien gewöhnt ſind“ denken weit weniger an ihre Vorrechte, als die, welche, weil ſie von dieſen eingebildeten Vortheilen ausgeſchloſſen ſind, gar zu gern einen Vorzug übertreiben, welcher, wie eine kurze Erfahrung lehren würde, ſehr zweifelhaf⸗ ten Werthes im Beſitze wird. Ohne dieſe gerechte Vor⸗ ſicht der Vorſehung würden die Geſetze der civiliſirten Geſellſchaft wahrhaft unerträglich werden, denn wenn Seelenfriede, Freude und was gewöhnlich Glück genannt wird, im ausſchließlichen Beſitz der Reichen und Geehrten wären, ſo würde freilich in ihren jetzigen Einrichtungen eine ſo ſchreiende Ungerechtigkeit walten, daß ſie den vereinigten Angriffen der Vernunſtt und Gerechtigkeit nicht lange widerſtehen könnte. Zum Troſte für die minder begünſtigten und zur Erhaltung des Weltfriedens verhält ſich die Sache glücklicherweiſe anders. Der Reich⸗ thum hat ſeine eigenen Leiden; Ehren und Vorrechte werden in dem Gebrauche ſchaal; und vielleicht kann — 104— man es als Regel annehmen, daß weniger wahrhaft ge⸗ regelte Zufriedenheit, wie dieſe die nächſte Stufe zu der Glückslage bildet, deren dieſer unruhige Zuſtand unſers Daſeyns unterworfen iſt, unter denen gefunden wird, welche gewöhnlich von ihren Mitmenſchen am meiſten beneidet werden, als in einer andern der zahlreichen Abſtufungen, in welche die geſellſchaftliche Leiter getheilt worden iſt. Wer die vorliegende Erzählung mit dem Auge lieſ't, welches wir uns wünſchen, wird in ihrer Anwendung die Erläuterung dieſer Wahrheit finden; denn wenn es unſere Abſicht iſt, einige der Üübel zu zeichnen, welche aus den Mißbräuchen der Privilegirten und Mäch⸗ tigen entſtehen, ſo hoffen wir gleichermaßen zu zeigen, wie völlig unerreicht ihr Zweck bleibt, wenn ſie verfeh⸗ len, das ausſchließliche Glück zu verleihen, welches das Ziel iſt, das alle zu erreichen ſtreben. Weder der Freihedr von Willading, noch ſein edler Freund, der Genueſe, waren, obwohl in den Anſichten ihres Standes erzogen und nothwendig unter dem Ein⸗ fluſſe der Vorurtheile der Zeit, dem Übermuthe gemei⸗ ren Stolzes zugethan. Ihr Zartgefühl war durch die Rohheit der Mehrzahl der Reiſenden verletzt und ſie wa⸗ ren froh, durch Pippo's Liſt derſelben los zu ſeyn; kaum machte ſich aber das beſcheidene, anſtandige Weſen des zurückbleibenden Fremden bemerkbar, ſo entſtand der Wunſch in ihnen, denſelben für die Entbehrungen, welche er bereits erfahren hatte, dadurch zu entſchädigen, daß ſie ihm die Höflichkeiten bewießen, welche ihr Stand ſo leicht und gewöhnlich ſo angenehm macht. In dieſer Ab⸗ ſicht hob Signor Grimaldi, ſobald die lärmende Schaar — 105— ſich entfernt hatte, mit jener umſichtigen und würde⸗ vollen Höflichkeit, welche zumal anzieht und zurückſtößt, ſeine Hauptbedeckung, redete den einſamen Fremden an und lud ihn ein, herabzuſteigen und ſich auf dem Theile des Verdeckes niederzulaſſen, welches bisher als aus⸗ ſchließlich ſeiner Geſellſchaft beſtimmt angeſehen worden war. Der Andere erſchrack, erröthete und ſah aus, wie Jemand, der da zweifelt, ob er recht gehört habe. „Dieſe edeln Herrn würden ſich freuen, wenn Ihr herabkommen und die Gelegenheit, Euern Gliedern Er⸗ holung zu geben, benutzen wolltet,“ ſagte der junge Sigismund, indem er dem Fremden ſeinen athletiſchen Arm entgegen ſtreckte, um ihm ſeinen Beiſtand anzubie⸗ ten, auf das Verdeck herabzuſteigen. Noch zauderte der Unbekannte, als fürchte er, er möchte Unrecht thun, wenn er ſich über die von der Be⸗ ſcheidenheit geſteckten Grenzen wagte. Er blickte verſtoh⸗ len zu dem Platze empor, den Maſo inne hatte und murmelte etwas von der Abſicht, den jetzt leeren Raum dort zu benutzen. »Den hat einer eingenommen, der nicht geneigt ſcheint, einen andern zuzulaſſen,“ ſagte Sigismund lä⸗ chelnd;„ſo ein Seemann hat eine Beſonnenheit auf dem Waſſer, die ihm gewöhnlich dieſelbe UÜberlegenheit giebt, welche der gutbewaffnete Grosſprecher unter der furcht⸗ ſamen Menge auf der Straße hat. Ihr werdet daher wohl thun, das Anerbieten des edeln Genueſers anzu⸗ nehmen.“ Der Fremde, den Baptiſt ein oder zweimal den Tag über etwas prahleriſch„Herr Müller“ angeredet hatte, — 196— als wäre der Patron gewillt, die Zuhörenden wiſſen zu laſ⸗ ſen, daß ſich ſelbſt unter ſeinen gewöhnlichen Paſſagieren Leute befänden, welche wenigſtens achtbare Namen hät⸗ ten, zauderte nicht länger. Er kam von ſeinem Sitze herab und ging auf dem Verdecke in ſeiner gewöhnlichen ruhigen Weiſe umher, aber doch ſo, daß man ſah, er ſey für den Wechſel, der ihm geſtattet worden, empfäng⸗ lich und dankbar. Sigismund wurde für dieſe Handlung der Gutherzigkeit durch ein Lächeln von Adelheid be⸗ lohnt, welche ſein warmes Einſchreiten zu Gunſten eines Mannes, der dem Anſchein nach ſo tief unter ihm ſtand, für keine Beeinträchtigung ſeines Ranges hielt. Es iſt möglich, daß der junge Krieger ein geheimes Gefühl von dem Vortheil hatte, welchen ihm ſeine freundliche Theil⸗ nahme an dem Fremden brachte, denn das Blut ſtieg ihm in die Wangen und ſeine Miene war ſelbſtzufriede⸗ ner, nachdem er dieſes kleine Werk der Menſchenliebe vollbracht hatte. „Ihr ſeyd beſſer bei uns hier,“ bemerkte der Frei⸗ herr freundlich, nachdem Herr Müller ſich auf ſeinem neuen Platze gehörig eingerichtet hatte,„als bei der Ladung des ehrlichen Nikolaus Wagner, der— der Himmel ſchirme den wackern Landwirth!— uns gehörig bis an den Rand des Waſſers mit der bemerkenswerthen Be⸗ triebſamkeit ſeiner Käſer*) belaſtet hat. Ich ſehe gern die Wohlhabenheit unſerer Bürger, es wäre aber beſſer, *) Käſer, eigentlich der Senn, der die Käſe kocht. Ueberſetzer. — 197— für uns Reiſende mindeſtens, wenn weniger von dem Reichthum des wackern Nikolaus in unſerer Geſellſchaft wäre. Seyd Ihr von Bern, oder von Zürich?“ „Von Bern, edler Herr.“ „Ich hätte das ahnen ſollen, da ich Euch an dem Genfer See finde und nicht an dem Vierwaldſtädter. Es giebt wohl viele Eures Namens in dem Emmen⸗ thal?⸗ „Der Herr hat recht; der Name kömmt häufig vor, ſowohl in dieſem Thal, wie im Entlibuch.“ „Man höͤrt ihn oft bei uns von dem deutſchen Stamm. Ich hatte viele Müller in meiner Compagnie, Gaetano, als wir vor Mantua lagen. Ich erinnere mich, daß zwei dieſer braven Burſche in den Sümpfen jener niedrigen Gegenden begraben wurden; denn das Fieber war dem Feind ſo hülfreich wie das Schwerdt in dem Leben⸗wegraffenden Feldzuge des Jahres, in welchem wir den Platz belagerten.⸗ Der ſchärfer blickende Italiener ſah, daß dieſe per⸗ ſönliche Richtung der Unterhaltung den Fremden betrübte; während er daher der Bemerkung ſeines Freundes ruhig beiſtimmte, nahm er die Gelegenheit wahr, ſie auf einen andern Gegenſtand zu wenden. „Ihr reiſ't, wie wir, Signore, um auch dieſe weit⸗ berühmten Luſtbarkeiten von Vevay anzuſchauen?“ „Dies und Geſchäfte, haben mich in dieſe ehren⸗ werthe Geſellſchaft gebracht,“ antwortete der Herr Mül⸗ ler, den jedoch die ganze Freundlichkeit des Tones nicht bewegen konnte, das Schüchterne und Demüthige ſeiner Sprache aufzugeben. „Und Ihr, Vater,“ fuhr er fort, ſich zu dem Au⸗ guſtiner wendend,„zieht Eurer Gebirgsreſidenz entge⸗ gen, nachdem Ihr den Thälern und ihrem Volke einen Liebesbeſuch gemacht habt?“ Der Mönch von St. Bernhard bekräftigte die Wahr⸗ heit dieſer Bemerkung und erklärte die Art, wie ſein Kloſter jährlich die Freigebigkeit der Edeldenkenden im Schweizerland zu Gunſten einer Anſtalt anzuſprechen pflege, welche im Intereſſe der Menſchheit, ohne Rück⸗ ſicht auf Glaubensunterſchiede, gegründet worden. „Es iſt eine ſegenreiche Gemeinde,“ antwortete der Genueſer, indem er ſich vielleicht mehr aus Gewohnheit als aus Frömmigkeit bekreuzigte,„und die Reiſenden müſſen ihr Gutes wünſchen. Ich habe Eure Gaſtfreund⸗ ſchaft nie genoſſen, aber alle Gerüchte erheben ſie ſehr und der Name„Brüder vom St. Bernhard“ ſollte bei jedem Chriſten als ein Schutz⸗ und Empfehlungsbrief ſich erweiſen.“ „Signore,“ ſagte Maſo, raſch einhaltend und ſich unaufgefordert in die Unterhaltuug miſchend, und doch auf eine Weiſe, welche den Schein einer unartigen Zudringlichkeit vermied—„niemand weiß dies beſſer, als ich! Ein Wanderer ſo viele Jahre her, habe ich das Steindach des Hoſpitals oft mit eben ſo viel Ver⸗ gnügen geſehen, als ich je auf den Eingang meines Ha⸗ fens ſchaute, wenn eine widrige Kühlte gegen mein Se⸗ geltuch brauste. Ehre daher und reiche Almoſen dem Schlüſſelmeiſter des Kloſters, denn dort wird dem Armen Hülfe und dem Müden Ruhe!“ Bei dieſen Worten that Maſo ſeine Mütze mit An⸗ — 1909— ſtand ab und ſetzte ſeinen beſchränkten Gang mit dem Eifer eines eingeſperrten Tigers fort. Das Einmiſchen in die Unterhaltung der Schönen und Edeln war etwas ſo Ungewöhnliches bei jemand ſeines Standes, daß die Geſellſchaft Blicke des Erſtaunens wechſelte; aber Signor Grimaldi, der mehr als die meiſten ſeiner Freunde an das rückſichtsloſe Benehmen und die kecke Sprache der Seeleute gewohnt war, da er lange an den Küſten des Mittelländiſchen Meeres gelebt hatte, fühlte ſich eher ge⸗ neigt, dieſe mittheilende Stimmung zu begünſtigen als ſie zurückzuweiſen. „Du biſt nach deinem Dialekt ein Genuſer,“ das Recht, jemand von ſo viel jüngern Jahren und von ei⸗ nem ſo viel niedrigern Stande zu fragen, als etwas ganz natürliches anſprechend. „Signore,“ verſetzte Maſo, ſein Haupt wieder ent⸗ blöſend, obgleich ſeine Miene eher hohe perſönliche Ach⸗ tung als die Ehrerbietung eines gemeinen Menſchen verrieth—„ich bin in der Stadt der Paläſte geboren, obgleich es mein Schickſal wollte, daß ich das Licht zu⸗ erſt unter einem niedrigen Dache erblicken ſollte. Die Armſten von uns ſind auf den Glanz von Genova la Superba ſtolz, wenn auch ihr Ruhm unſern Seufzern entſtammt iſt.“ Signor Grimaldi runzelte die Stirne. Da er ſich jedoch ſchämte, ſich durch eine ſo unbeſtimmte und viel⸗ leicht unabſichtliche, beſonders aber aus einer ſo unbe⸗ deutenden Quelle kommenden Anſpielung beunruhigen zu laſſen, nahm ſein Antlitz den Ausdruck ſeiner gewöhnli⸗ chen Ruhe wieder an. — 110— Ein Augenblick des Nachdenkens ſagte ihm, es ſtünde ihm beſſer an, die Unterhaltung fortzuſetzen, als ſie wegen einer ſo unbedeutenden Urſache rauh abzu⸗ ſchneiden. „Du biſt zu jung,“ verſetzte er,„um mit der Auf⸗ führung der prächtigen Gebäude, von welchen du ſprichſt, in Vortheil oder in Nachtheil, großen Zuſammenhang zu haben.“ „Dies iſt wahr, Signore; ausgenommen in ſo fern einer um ſo beſſer oder ſchlimmer durch die daran iſt, welche ihm vorangingen. Ich bin das, was ich ſcheine, mehr durch das Thun Anderer, als durch meine eigene Schuld. Ich beneide aber die Reichen und Vornehmen keineswegs; denn wer ſo viel von dem Leben geſehen hat wie ich, kennt den Unterſchied zwiſchen den muntern Farben der Kleider und der der runzligen und kranken Haut, welche ſie bedecken. Wir übermalen unſere Felucken glänzend und ſchön, wenn ihre Spannen*) am meiſten arbeiten und wenn die verrätheriſchen Planken im Begriffe ſtehen, die Wellen herein zu laſſen, um uns zu ertränken.“ „Du ſiehſt die Sache richtig an, junger Mann und haſt eine beißende Wahrheit gegen die geäußert, welche ihre Jugend damit vergeuden, daß ſie einem Schatten⸗ bilde nachjagen. Du haſt dieſe Dinge reiflich erwogen, denn wenn du mit deinem Looſe zufrieden biſt, ſo wuͤrde kein Palaſt unſerer Stadt dich glücklicher machen.“ *) Die Spannen ſind gleichſam die Rippen eines Schif⸗ fes. Ueberſf. — 111— „Wenn, Signore, iſt ein bedeutſames Wort!— Die Zufriedenheit gleicht dem Polarſtern— wir See⸗ leute ſteuern darnach, aher nie kann ihn einer erreichen!“ „Hätte ich mich dann doch in dir getäuſcht?— Iſt deine anſcheinende Mäſſigung nur erkünſtelt, und möch⸗ teſt du der Herr des Schiffes ſein, in welchem der Zu⸗ fall dich blos zum Paſſagier machte?⸗ „Und als ein böſes Schickſal hat es ſich erwieſen,⸗ gab Maſo lachend zur Antwort.—„Wir ſcheinen ver⸗ dammt, die Nacht darauf bleiben zu ſollen, denn weit entfernt, irgend ein Anzeichen von dieſer Landkühlte zu ſehen, von welchem Baptiſt ſo zuverſichtlich geſprochen hat, ſcheint der Wind ſo gut wie das Schiffsvolk ſchla⸗ fen gegangen zu ſein. Ihr ſeid mit dem hieſigen Klima bekannt, hochwürdiger Auguſtiner; pflegt man in der Regel auf Euerm Leman in dieſer ſpaten Jahreszeit eine ſo tiefe Ruhe zu finden?⸗ Eine Frage, wie dieſe, war ganz geeignet, den Wunſch des Sprechenden, der Unterhaltung eine andere Wendung zu geben, zu verbergen, denn ſie leitete die Aufmerkſamkeit aller Anweſenden von einem Gegenſtande, der eber aus Muße geduldet als an ſich intereſſant war, auf die verſchiedenen natürlichen Erſcheinungen, von de⸗ nen man umgeben war. Der Sonnenniedergang war nun ganz vorüber und die Reiſenden befanden ſich in dem bezaubernden Augenblick, der dem gänzlichen Ver⸗ ſchwinden des Tages vorangeht. Eine ſo tiefe Ruhe lag auf dem klaren See, daß es nicht leicht war, die Linie, welche die zwei Elemente trennte, da zu unterſcheiden, — 112— wo die Bläue des Landes ſich mit der wohlbekannten und eigenen Farbe des Leman vermiſchte. Der Winkelried lag unai der Mitte zwiſchen den Waadtländiſchen und Savohiſchen Ufern, obgleich jenen näher als dieſen. Auf der ganzen Ausdehnung des Waſſers war kein anderes Segel ſichtbar, mit Aus⸗ nahme eines einzigen, das ſchlapp von ſeiner Raa hing und einem Boot angehörte, welches St. Gingoulph*) entgegen trieb, von der andern Seite des Sees zurück⸗ kehrende Savoyarden nach Haus führend, und welches in dieſer täuſchenden Landſchaft dem Auge kaum einen Steinwurf von dem Fuß des Berges entfernt ſchien, ob⸗ gleich es noch mühſamen Ruderns bedurfte, bis es das Land erreichte. Die Natur hat in dieſer erhabenen Gegend ihr Ge⸗ mälde auf eine ſo prachtvolle Weiſe angelegt, daß Sin⸗ nestäuſchungen dieſer Art ſehr häufig ſind, und man Zeit und Übung braucht, ehe man über dieſe Meſſungen, die an andern Orten ganz geläufig geworden ſind, urtheilen kann. In gleicher Art wie das Fahrzeug unter den Sa⸗ voyiſchen Felſen, lag ein zweites, ſchwergebautes Boot faſt in einer Linie mit Villeneuve, welches in der Luft und nicht in ſeinem eigenen Elemente zu ſchwimmen ſchien ünd deſſen Ruder man unter einem hohen Damm, welcher durch die Strahlenbrechung geſtaltlos wurde, ſich heben und ſenken ſah. Dieſes Fahrzeug brachte den Ei⸗ genthümern der Wieſen an der Ausmündung der Rhone das Heu in die Dörfer an dem Schweizer Ufer. Einige *) Man ſpricht dieſen Ortsnamen aus, als würde er St. Gingou geſchrieben. Ueberſetzer. — 113— leichte Kähne ruderten vor der Stadt Vevay umher und ein Wald von kleinen Maſten und lateiniſchen Ragen, in den hundert maleriſchen, der Takelaſche eigenen Lagen ſich zeigend, ward auf dem wilden Ankerplatz, welchen man ſeinen Hafen nannte, ſichtbar. Hätte man eine Linie in der Luft von St. Sapho⸗ rin nach Meillerie gezogen, ſo würde ſie die Spieren des Winkelried durchſchnitten haben; ſeine Entfernung von dem Hafen betrug folglich etwas mehr als eine See⸗ meile. Dieſer Raum hätte in einer oder zwei Stunden vermittelſt der Streichen*) zurückgelegt werden können, wäre das Verdeck nicht ſo ſehr belemmert**) geweſen, wodurch der Gebrauch derſelben erſchwert werden mußte, und hätte das Schiff nicht die große Laſt getragen, welche eine ſolche Arbeit höchſt mühſelig machte. Baptiſt zog es vor, wie wir geſehen haben, die Nachtkühlte zu erwarten, ſtatt zu einem ſo anſtrengenden und lang⸗ ſamen Mittel ſeine Zuflucht zu nehmen. Wir haben bereits geſagt, daß der eben beſchriebene Punkt in der Gegend war, wo der Leman ſein öſtliches Horn betritt und ſeine Ufer ihre kühnſten und ſchönſten Geſtalten zeigen. Auf der Seite von Savoyen war die Küſte eine erhabene Felſenmauer, da und dort mit Ka⸗ ſtanien bekleidet oder mit Schluchten und tiefen Thal⸗ klüften eingekerbt, und nackt und wild entlang der gan⸗ zen Linie ihrer ſteilen Gipfel. Die ſo oft erwähnten Ortſchaften, welche in der neuern Zeit durch den Pinſel —— *) Lange, ſchmale Ruder.**) Im Wege ſtehen. 76— 78. 8 — 114— des Genie's berühmt geworden ſind,*) klebten an den Abhängen, die untern Häuſer von dem See beſpült, die obern mit den wilden Formen der Berge verſchmolzen. Jenſeits der Ufer des Lemans ſchoſſen die Alpen in noch höhern Kuppen empor, da und dort einen jener nackten Granitrücken zeigend, welche ſich wohl tauſend Fuß über die übrigen der Kette erheben— eine Kleinigkeit in der erſtaunenswerthen Stufenleiter dieſer ungeheuern Maſſen — und die in der Landesſprache nicht unpaſſend Dents genannt werden, wegen ihrer eingebildeten und ſcheinba⸗ ren Ahnlichkeit mit Menſchen⸗Zähnen. Die grünen Auen von Noville, Aigle und Bex, ſtundenlang zwiſchen dieſen ſchneebekleideten Wehren hingedehnt, verſchwanden jedoch vor dem Auge ſo, daß der Beſchauer das für eine bloße Niederung hielt, was wirklich eine breite, fruchtbare Ebene war. Jenſeits dieſer wieder kam der berühmte Paß von St. Maurice, wo die ſchäumende Rhone zwiſchen zwei Felsvorſprüngen dahinſtürmte, als eilte ſie durchzukom⸗ men, ehe die überhangenden Berge ſich berührten und ſie für immer yon dem lockenden Becken ausſchlöſſen, dem ſie mit nimmer raſtendem Brauſen entgegen flog. Hin⸗ ter dieſem Gebirgspaß, ſo berühmt als der Schlüſſel des Wallis und, zur Zeit des Welteroberers, ſelbſt der Al⸗ pen, nahm der Hintergrund den Charakter heiligen Ge⸗ heimniſſes an. Die Schatten des Abends lagen dicht in dieſer ungeheuern Schlucht, die groß genug war, um einen unabhängigen Staat zu umſchließen, und die dun⸗ keln Gebirgsmaſſen drüber lagen in einer nebligen, ge⸗ *) Rouſſeau in der Neuen Heloiſe. Ueberſ. — 115— brochenen Reihe da. Der Weſten war eine graue Fel⸗ ſenkette, auf welcher wollige Wolken ruhten, als wären ſie ihres langen und hohen Fluges müde, und wo der ſcheidende Tag noch mild und glänzend zögerte. Ein Kegel von blendendem Weiß überragte Alles. Er glich einem glänzenden Schrittſtein zwiſchen Himmel und Erde, wie die heiße Sonne wirkungslos gegen ſeine Seiten fiel, der kalten und reinen Bruſt einer Jungfrau ähnlich, die jene verrätheriſchen Gefühle zurückweißt, welche das Verderben einer glänzenden und glorreichen Unſchuld ſind. Über dem Gipfel dieſer prächtigen und wolkengleichen Kuppe, welche den entfernteſten Punkt für das Auge bildete, lief die eingebildete Linie hin, welche Italien von den nördlichen Gegenden trennte. Wenn das Auge ſich wieder näherte und dem entgegengeſetzten Ufer zuwendete, umfaßte es die Reihe wallahnlicher Felſen, welche über Villeneuve und Chillon ragten, letzte⸗ res eine ſchneeweiße Maſſe, die theils auf dem Land und theils in dem Waſſer zu ruhen ſchien. Auf den ausge⸗ dehnten Bergtrümmern breiteten ſich die Dörfer Clarens, Montreux, Chatelard und alle jene andern Orte aus, welche den Leſern von Dichtungen durch Rouſſeau's le⸗ bendige Feder ſeitdem ſo bekannt geworden ſind. Über dem letztern Dorfe trat die ganze wilde und felſige Berg⸗ fette zurück und überließ das Seegeſtade den rebenbe⸗ kleideten Uferhöhen, welche weit nach Weſten hinab⸗ laufen. Kein Moment konnte für den Anblick dieſer, zu allen Zeiten reizenden und großartigen Scenerie günſtiger ein, als dieſer. Der Glanz des Tages war von allem 8* — 116— geſchieden, was dem angehörte, das die niedere Welt ge⸗ nannt werden könnte, ſtatt deſſen die ſanften Farben, die lieblichen Schatten und die mannigfaltigen Tinten des Zwielichts zurücklaſſend. Hundert Sennhütten tüpften die Alpen oder jene Bergweiden, welche ſich tauſend Klafter über dem Leman vom Fuße des Felſen an ausbreiteten, der wie eine Mauer hinter Montreux lag, und noch von dem Glanze eines milden Abends umſchwommen war, während alles Tiefere ſich in die dunklern Farhen dieſer Stunde dicht einhüllte. Wie der übergang vom Tag zur Nacht fühlbarer wurde, erſchienen die Dörfer Savoyens grau und neb⸗ lig, die Schatten drängten ſich dichter um den Fuß der Berge, ſo daß ihre Umriſſe unbeſtimmter und maſſenhaf⸗ ter wurden und die milde Glorie der Scenerie ſi ch auf ihre Gipfel übertrug. Von der Sonne umglanzt, ſtellen ſich dieſe ſtattlichen Höhen als eine lange Kette nackten Granits dar, welche ſich über Kaſtanien⸗grünen Huͤgeln empor thürmen und von einigen jener vorſpringenden Felſen geſtuͤtzt werden, welche vielleicht nothwendig ſind, um ihren Abhängen Mannigfaltigkeit und angenehme Schatten zu geben. Ihre Umriſſe zeichnen ſich nicht in jenen Wellenlinien ab, welche Raphael's Pinſel mit Vor⸗ liebe gewählt hatte— ſie ſind dunkel, beſtimmt und wie künſtlich eingeſchnitten. Die gebogenen und ſeltſamen Säume der Felſen hoben ſich ſtark gegen den Hinter⸗ grund eines perlenfarbigen Himmels ab und glichen dem Ebenholz, das in jeder fantaſtiſchen Form ausgeſchnitten iſt, die eine wilde und lebendige Einbildungskraft nur erdenken kann. Unter allen den wundervollen und merk⸗ chion Auft richte Fleck gern lt ge⸗ —, die des n die lafter teten, ) von war, dieſer barer neb⸗ 3 der nhaf⸗ h auf tellen ickten ageln enden ſind, ehme ht in Vor⸗ wie amen nter⸗ dem itten nur nerk⸗ gern ſeinen Fuß ruhen ließ—„wenn Ihr vieles dieſer — 117— würdigen Scenen, welche dieſes außerordentliche Land darbietet, iſt vielleicht keine, welche eine ſo herrliche Miſchung des Edeln, Schönen und Hinreiſſenden zeigt, wie dieſer Anblick der natürlichen Arabesken Savoyens, in der feierlichen Stunde der Dämmerung geſehen. Der Freiherr von Willading und ſeine Freunde ſtanden aus Ehrerbietung vor dieſem erhabenen Ge⸗ mälde, das nur aus den Händen des Schöpfers kommen konnte, unbedeckten Hauptes, ſich der milden Ruhe die⸗ ſer Stunde ungetrübt erfreuend. Ausrufungen der Freude waren ihnen entſchlüpft, wie das große Schau⸗ ſpiel vorrückte, denn unter dem vorſchwebenden und wechſelnden Lichte war der Anblick, wie der Wechſel von Decorationen, in einem ſteten Ubergangszuſtande, und jeder hatte dem andern irgend einen beſondern Reiz der Scene gezeigt. Das Schauſpiel war in der That der Art, daß es jede Selbſtſucht ausſchließen mußte und je⸗ der wünſchte, was er ſah, mit allen zu theilen. Vevay, ihre Reiſe, die eilenden Augenblicke, und ihre vereitelte Hoffnung— alles ward in der Wonne vergeſſen, dieſe Abendlandſchaft zu beſchauen, und das Schweigen ward nur unterbrochen, um jene Gefühle des Entzückens laut werden zu laſſen, welche lange in jeder Bruſt alle andern verdrängt hatten. 3 ⸗Ich beuge mich vor deiner Schweiz, Freund Mel⸗ chior, ſagte Signor Grimaldi, nachdem er Adelheid's Aufmerkſamkeit auf eine der Bergkuppen Savoyens ge⸗ richtet hatte, von welcher er bemerkte, ſie ſcheine ihm ein Fleck, wo ein Engel bei ſeinen irdiſchen Beſuchen wohl — 118— Art habt, müſſen wir Italiener darnach ſchauen, ſonſt verlieren wir— bei den Schatten unſerer Väter!— den Ruf unſerer Liebe für natürliche Schönheit. Wie iſt es, junge Dame, gibt es viele ſolche Sonnenunter⸗ gänge zu Willading? oder iſt dieſer nur eine Ausnahme von dem, was du gewöhnlich ſiehſt— auch für dich ein Gegenſtand des Staunens, wie— bei San Francesco, wir müſſen es eingeſtehen, guter Marcelli— für dich und mich!⸗ Adelheid lachte über des alten Herrn heitere Rhap⸗ ſodie; aber ſo ſehr ſie auch ihr Heimathsland liebte, konnte ſie doch nicht mit Wahrheit behaupten, daß dieſes Schauſpiel zu denen gehöre, welchen man oft begegne. Haben wir auch dieſen Anblick nicht, ſo haben wir unſere Gletſcher, unſere Seen, unſere Luſthauschen, un⸗ ſere Sennhütten, unſer Oberland und Thäler, die an ſich ſchon ein ewiges Zwielicht haben.⸗ ⸗Ei, meine biedere, hübſche Schweizerin, ſo mußt du ſprechen, die du wohl auch behaupten wirſt, ein Trop⸗ fen deines Schneewaſſers ſei tauſend klare Quellen werth, ſonſt wärſt du nicht des alten Melchiors von Willading rechtmäßige Tochter; aber an dem kältern Kopf deſſen, der andere Länder geſehen hat, iſt es ver⸗ geudet. Vater Kavier, Ihr ſeid ein Unpartheiiſcher, denn Eure Wohnung liegt auf der Firſte, welche die zwei Lander ſcheidet, und ich wende mich an Euch, um zu erfahren, oß) dieſe Helvetier viele Abende dieſer Art haben?⸗ 1 Der würdhige Mönch nahm dieſe Frage in dem Sinne auf, in welchem ſie geſtellt war, denn die Elaſti⸗ — 119— eität der Luft und die himmliſche und bezaubernde Lieb⸗ lichkeit der Stunde hatte ihn ſehr zur Heiterkeit ge⸗ ſtimmt. „»Um meinen Charakter als unpartheiiſcher Richter zu behaupten,“ antwortete er,„ſage ich, jedes Land habe ſeine Vorzüge. Wenn die Schweiz das wundervollſte und großartigſte iſt, ſo iſt Italien das anmuthigſte. Letz⸗ teres läßt dauerndere Eindrücke und iſt dem Herzen theuerer. Das eine macht einen gewaltſamen Eindruck auf die Sinne, das andere ſchmeichelt. ſich langſam in unſere Liebe ein; und wer in dem einen ſeine Bewunde⸗ rung in Ausrufungen und Beiwörtern frei ausgegoſſen hat, wird am Ende keine Worte haben, um all das ge⸗ heime Verlangen, die theuern Erinnerungen und die ſchmerzliche Sehnſucht auszudrücken, welche er dem an⸗ dern weiht.⸗ „Trefflich geſprochen, Freund Melchior, und wie ein kluger Schiedsmann, welcher jedem ſeinen Theil Troſt und Eitelkeit läßt. Herr Müller, ſtimmt Ihr der Ent⸗ ſcheidung bei, die Eurer Schweiz einen ſo furchtbaren Nebenbuhler gibt?⸗ „Signore,“ antwortete der ſanfte Reiſende,—„ich finde in beiden Ländern genug zu bewundern und zu lie⸗ ben, wie es ſtets mit dem, was Gott geſchaffen hat, der Fall iſt. Es iſt dies eine glorreiche Welt fur den Gluͤck⸗ lichen, und die meiſten könnten glücklich ſein, wenn ſie den Muth faſſen wollten, unſchuldig zu ſein.⸗ „Der wackere Auguſtiner wird Euch ſagen, daß dies mit einigen theologiſchen Punkten, in welchen unſere ge⸗ meinſchaftliche Natur mit ziemlich geringer Achtung be⸗ — 12²0— handelt wird, nicht ganz harmonirt. Wer unſchuldig bleiben will, muß einen ſchweren Kampf mit ſeinen Neigungen kämpfen.“ Der Fremde war gedankenvoll und Sigismund, deſſen Auge forſchend an ſeine Zügen gefeſſelt waren, glaubte darin mehr Friede als gewöhnlich zu finden. „Signore,“ erwiderte Herr Müller, nachdem er eine Zeitlang nachgedacht hatte:—„Ich glaube, es iſt gut für uns, das Unglück zu kennen. Wer zu viel eigenen Willen hat, wird leicht halsſtarrig und, wie der über⸗ fütterte Stier, ſchwierig zu behandeln, während der, wel⸗ cher unter dem Misfallen ſeiner Mitgeſchöpfe lebt, ge⸗ zwungen iſt, tief in ſich ſelbſt zu ſchauen und am Ende dahin kömmt, ſeinen Geiſt zu zügeln, indem er deſſen Fehler entdeckt.⸗ „Seid Ihr ein Anhänger Calvins?“ fragte raſch der Auguſtiner, erſtaunt, aus dem Munde eines Abtrünnigen von der Kirche ſo geſunde Anſichten zu hören. „Vater, ich gehöre weder Rom, noch der Genfer Kirche an. Ich verehre Gott in Demuth und glaube an die ſegenvolle Vermittlung ſeines heiligen Sohnes.“ „Wie!— Wo findet Ihr außerhalb der Schranken der Kirche ſolche Gefühle?⸗ „In meinem eigenen Herzen. Dies iſt mein Tem⸗ pel, frommer Auguſtiner, und ich betrete ihn nie, ohne ſeinen allmächtigen Schöpfer anzubeten. Eine Wolke ſchwebte bei meiner Geburt über meines Vaters Dach und es ward mir nicht vergönnt, viel mit Menſchen zu verkehren; aber die Einſamkeit meines Lebens hat mich gezwungen, meine eigene Natur zu ſtudiren, die, wie ———,—„— 2——. ———-—„„„»„——· 121— ich hoffe, durch dieſe Erforſchung nicht verloren hat. Ich weiß, ich bin ein unwürdiger und ſündiger Menſch und ich hoffe, Andere ſind um ſo viel beſſer denn ich, als ihre Meinung von ſich ſelbſt Grund gibt, ſolches zu glauben.⸗— Dieſe Worte des Herrn Müller, welche durch ſein natürliches und ruhiges Weſen nichts an ihrem Gewicht verloren, erregten die Neugierde. Anfangs waren die meiſten Anweſenden geneigt, ihn für einen jener über⸗ ſpannten Geiſter zu halten, welche ſich durch eine vor⸗ gebliche Selbſterniedrigung erhöhen; aber ſein einfaches, ruhiges und gedankenvolles Benehmen erzeugte bald eine günſtigere Meinung. Es war eine Gewohnheit des Nachdenkens, ein in ſich zurückkehrender Blick an ihm bemerkbar, welcher von dem Charakter eines Mannes zeugte, der lange und ernſt gewöhnt war, mehr auf ſich als auf andere zu ſchauen, welches ihm ungemein zu ſtatten kam. „Wir dürften nicht alle dieſe ſchmeichelhaften An⸗ ſichten von uns ſelbſt haben, welche Eure Worte uns beizumeſſen ſcheinen, Signor Müller,“ bemerkte der Ge⸗ nueſer und nahm einen Ton an, der geeigneter war, die Gefühle des Angeredeten zu beſänftigen, während unbe⸗ merkt ein Schatten über ſeine ehrwürdigen Züge flog, —„und nicht alle erfreuen ſich des Friedens, die ihn zu haben ſcheinen. Wenn es Euch zum Troſte gereicht, zu erfahren, daß andere wahrſcheinlich nicht glücklicher ſind als Ihr, will ich hinzufügen, daß ich manchen Schmerz empfunden habe und dies zwar unter Umſtänden, welche die Meiſten für glücklich erachtet, und welche, wie ich 1²² fürchte, die große Mehrzahl des Menſchengeſchlechts zu beneiden geneigt iſt.“ „Ich würde mich in der That verachten, wenn ich in einer ſolchen Quelle Troſt ſuchte! Ich klage nicht, Signor, obgleich mein ganzes Leben ſo verſtrich, daß ich ſchwerlich ſagen kann, ich hätte mich deſſen gefreut. Es iſt nicht leicht zu lächeln, wenn wir wiſſen, daß uns alle grollen; ſonſt könnte ich zufrieden ſeyn. Ich fühle ſonach eher, als ich mißgonne. 4 „Dies iſt ein höchſt ſonderbarer Charakter,“ flü⸗ ſterte Adelheid dem jungen Sigismund zu; denn beide waren der ruhigen aber kräftigen Sprache des Herrn Müller mit großer Aufmerkſamkeit gefolgt. Der junge Mann antwortete jedoch nicht und ſeine ſchöne Gefähr⸗ tin ſah erſtaunt, daß er blaß war und kaum ihre Bemer⸗ kung mit einem Lächeln beachtete. „Der Groll der Welt, mein Sohn,“ bemerkte der Mönch,„wird gewöhnlich den treffen, welcher ihre Ge⸗ ſetze übertritt. Dieſe letztern mögen nicht immer gerecht ſeyn, aber es gibt ein allgemeines Gefühl, welches es verſchmäht, die Unſchuld, ſelbſt in dem engen Sinne, in welchem wir das Wort nehmen, mit unyverdientem Miß⸗ fallen heimzuſuchen. Herr Müller blickte ernſt auf den Auguſtiner und ſchien im Begriff zu antworten; er unterdrückte aber die Anregung und beugte ſich ſchweigend. Zu gleicher Zeit leuchtete ein wildes, ſchmerzliches Lächeln auf ſei⸗ nem Geſicht. „Ich denke, wie Ihr, guter Mönch,“ ſagte der ſchlichte Freiherr:—„wir ſind ſehr geneigt, mit der Welt z1 — 123— hadern, wenn wir der Sache aber recht auf den Grund ſehen, werden wir finden, daß die Urſache unſerer Be⸗ ſchwerden gewöhnlich in uns ſelbſt liegt.⸗ „Gibt es keine Vorſehung, Vater?⸗ rief Adelheid ein wenig tadelnd für ein Mädchen von ihrem ehrerbie⸗ tigen Charakter und ihrer großen kindlichen Liebe:— „Können wir die Todten ins Leben zurückrufen oder die Lebendigen erhalten, welche Gott abzurufen beliebt?⸗ Dieſe Bemerkung veranlaßte eine verlegene Pauſe, während welcher Herr Müller heimlich um ſich blickte, von dem Antlitz des einen auf das des andern ſchauend, als ſuchte er ein Geſicht, welchem er Vertrauen ſchenken dürfte. Aber er wandte ſich ab und dem Anblick jener Hügel zu, welche der Finger des Allmächtigen ſo ſeltſam gebildet hatte und ſchien ſich in der Betrachtung zu ver⸗ lieren. „Dies iſt ein Geiſt, der durch frühe Unbeſonnenheit zerquetſcht wurde,“ ſagte Signor Grimaldi leiſe,„und in dem ſich Reue und Ergebung ſeltſam miſchen. Ich weiß nicht, ob man einen ſolchen Mann mehr beneiden oder bemitleiden ſoll. Es iſt eine furchtbare Miſchung von Ergebung und von Schmerz in ſeinem Weſen.⸗ „Er hat nicht die Miene eines Meuchelmörders oder eines Böſewichts,“ antwortete der Freiherr.„Wenn er wirklich von den Müller im Emmenthal oder von denen zu Entlibuch abſtammt, ſollte ich etwas von ſeiner Geſchichte wiſſen. Sie ſind wohlhabende Leute und größtentheils von gutem Ruf. Es iſt wahr, in meiner Jugend fiel einer aus der Familie bei dem Rath wegen Verheim⸗ lichung geſetzlicher Anſprüche des letztern auf gewiſſe Ein⸗ — 124— künfte in Ungnade; aber der Mann gab einen Erſatz, deſſen Betrag hinreichend erfunden wurde, und die Sache war vergeſſen. Es iſt nicht gewöhnlich, Herr Müller, Bewohner unſers Kantons zu finden, welche es weder mit Rom noch mit Calvin halten.⸗ „Es iſt nicht gewöhnlich, mein Herr, Leute zu fin⸗ den, deren Lage der meinigen gleicht. Weder Rom noch Calvin genügen mir;— ich habe Gott vonnöthen!⸗ „Ich fürchte, Ihr habt gemordet?⸗ Der Fremde beugte ſich und ſein Geſicht wurde, von der Spannung ſeines Geiſtes, wie es ſchien, blei⸗ farben. Der Ausdruck mißfiel dem Freiherrn von Willa⸗ ding ſo ſehr, daß er ſeine Augen unbehaglich wegwandte. Der Andere blickte öfter auf den vordern Theil des Fahrzeugs und ſchien ſich anzuſtrengen zu ſprechen, aber aus irgend einem wichtigen Grunde nicht im Stande zu ſeyn, ſeinen Vorſatz auszuführen. Endlich entblößte er ſein Haupt und ſagte feſt, als ſey er über Scham erha⸗ ben, wäahrend er das Bedeutende ſeiner Mittheilung fühlte, aber mit einer vorſichtig gedämpften Stimme:— „Ich bin Balthaſer, aus Euerm Kanton, edler Herr, und bitte um Euern mächtigen Beiſtand, wenn jene un⸗ gezähmten Geiſter auf dem Vorkaſtell die Wahrheit ent⸗ decken ſollten. Mein Blut gerann heute, als ich ihre herzloſen Drohungen und ihre ſchrecklichen Verwünſchun⸗ gen hörte. Ohne dieſe Furcht hätte ich mein Geheim⸗ niß bewahrt, denn Gott weiß es, ich bin nicht ſtolz auf mein Amt!⸗ Das plötzliche und allgemeine Staunen, allſeitig von einer Bewegung des Abſcheus begleitet, veranlaßte den Signor Grimaldi, nach der Urſache zu fragen. — 125— „Euer Name ſteht offenbar nicht in großer Gunſt, Herr Müller oder Herr Balthaſar, welcher Name Euch am beſten gefällt,“ bemerkte der Genueſer, einen raſchen Blick im Kreiſe umher werfend.—„Es iſt hier ein Ge⸗ heimniß im Spiele, das für mich nothwendig der Erklä⸗ rung bedarf.⸗ „Signore, ich bin der Scharfrichter von Bern.⸗ Signore Grimaldi, zwar lange geübt in den feinen Sitten ſeines hohen Standes, welche ihn gelehrt hatten, ſtarke Erregungen in den meiſten Fällen zu unterdrücken, konnte doch die plötzliche Bewegung nicht verbergen, welche dieſe unerwartete Mittheilung hervorbrachte, denn er war den gewöhnlichen menſchlichen Vorurtheilen nicht ent⸗ gangen. „Wahrlich, Melchior, wir haben es mit unſerm Ge⸗ fährten glücklich getroffen,“ ſagte er trocken und wendete ſich ohne Umſtände von dem Manne, deſſen beſcheidene, ruhige Miene ihn vorher ſo ſehr angezogen hatte, deſſen Weſen er aber jetzt für erkünſtelt hielt,— ſich nicht die Zeit nehmend, die Beweggründe derer zu erforſchen, welche die öffentliche Meinung verdammt:—„hier iſt viele herrliche und nützliche Moral an einem ſehr unwürdigen Gegenſtand vergeudet worden.“ Der Freiherr nahm die Kunde von dem wirklichen Namen ihres Reiſegefährten mit weniger Erregung auf. Die Sprache, welche er gehört hatte, kam ihm ſo ſeltſam vor, daß ſie ihn aus der Faſſung gebracht hatte, und er fand in der kurzen Löſung des Räthſels Beruhigung. „Der vorgebliche Name war alſo nichts anders als eine Hülle, um die Wahrheit zu verſtecken? Ich 1 — 125— kenne die Müller im Emmenthal ſo gut, daß es mich große Mühe koſtete, den Charakter, welchen der ehrliche Mann annahm, einem von ihnen allen einigermaßen an⸗ zupaſſen. Die Sache iſt aber jetzt klar genug und ohne Zweifel hat Balthaſar nicht großen Grund, auf den Streich ſtolz zu ſeyn, den das Schickſal ſeiner Familie ſpielte, als es ſie zu Scharfrichtern machte.⸗ „Iſt das Amt erblich?⸗ fragte der Genueſer raſch. „Allerdings. Du weißt, wir Berner haben große Achtung vor alten Sitten und Gebräuchen*). Wer für den Rath geboren iſt, wird in der Ausübung ſei⸗ ner Rechte ſterben und wer auſſerhalb ſeiner ehrwür⸗ digen Marken geboren iſt, muß zufrieden ſeyn, auſſer⸗ halb derſelben zu leben, er müßte denn Gold oder Freunde haben. Unſere Inſtitutionen ſind der Natur abgelauſcht: auch dieſe läßt den Menſchen, wie er geſchaffen iſt, in⸗ dem ſie die Ordnung und Harmonie durch ehrwürdige und klare Geſetze bewahrt, wie dies weiſe und nothwen⸗ dig iſt. In der Natur bleibt der ſtark geborne ſtark, und der, welcher wenig Kraft hat, muß mit ſeiner Schwäche zufrieden ſeyn.⸗ Der Signor Grimaldi fühlte ſichtbar tiefe Zer⸗ knirſchung. „Iſt Euer Scharfrichteramt wirklich ein erbliches?⸗ fragte er, zu Balthaſar ſelbſt gewendet. *) Tempi passati! Die Berner haben ihre alten Meu⸗ blen eingepackt und nach Modena geſchickt und der Grundſatz, wer dumm geboren ſey, müſſe dumm blei⸗ ben, oder gar an der Regierung Theil nehmen, gilt nicht mehr. Ueberf. „Signore, ja, ſo iſt's, ſonſt hätte meine Hand nim⸗ mer getödtet. Es iſt ein ſchweres Amt, ſelbſt unter den Verpflichtungen und Strafen des Geſetzes;— ohne dieſe wär' es ein verfluchtes.⸗ „Eure Väter hielten es für ein Vorrecht!“ „Wir dulden wegen ihres Irrthums, Signore, die Sünden unſerer Väter ſind in unſerm Falle in der That auf die Nachkommen der ſpäteſten Geſchlechter vererbt worden.“ Die Züge des Genueſers heiterten ſich auf und ſeine Stimme nahm wieder jenen höflichen Ton an, in wel⸗ chem er gewöhnlich redete. „Dies iſt wahrhaft eine Ungerechtigkeit,“ ſagte er, „ſonſt würde ein Mann von Euerm Ausſehen nicht in dieſer grauſamen Lage ſeyn. Verlaßt Euch darauf, daß unſer Anſehen Euch ſchützt, wenn wirklich da, wo Ihr es zu fürchten ſcheint, Gefahr drohen ſollte. Die Ge⸗ ſetze müſſen ſtets geachtet werden, wären ſie auch nicht immer ſo ſtreng unpartheiiſch, als wir es wohl wünſchen. Ihr habt die Unvollkommenheit der menſchlichen Natur anerkannt, und es iſt nichts Auffallendes, daß ihr Werk Gebrechen hat.“ „Ich klage nicht über die Sitte, welche für mich zur Gewohnheit wurde, aber ich fürchte die ungezähmte Wuth jener unwiſſenden und leichtglaubigen Menſchen, welche die ſeltſame Grille gefaßt haben, meine Anweſenheit könnte den Fluch auf dieſes Fahrzeug herabziehen.“ Es gibt zufällige Lagen, welche mehr geſunde Mo⸗ ral enthalten, als tauſend ſcharfſinnige und ſchönklingende Predigten und in welchen die nackte Einfachheit von 128— Thatſachen beredter iſt, als das Sinnreichſte, das ſich durch Worte darſtellen läßt. Dies war der Fall bei die⸗ ſer ſanften und unerwarteten Bitte Balthaſars. Alle, welche ihn hörten, ſahen ſeine Lage in einem ganz an⸗ dern Lichte, als ſie ihnen erſchienen waͤre, hätte ſich der Gegenſtand ihnen unter gewöhnlichen Umſtänden darge⸗ ſtellt. Ein allgemeines und ſchmerzliches Gefühl zeugte ſtark gegen die Unterdrückung, welche ſeine unglückliche Lage hervorgerufen hatte, und der gute Melchior von Willading war ſelbſt erſtaunt, wie eine ſolche auffallende Ungerechtigkeit unter den Geſetzen von Bern habe ſtatt⸗ finden können. Sechſtes Kapitel. Mir war, als ſäh' ich tauſend Schiffestrümmer, Und tauſend Menſchen, angenagt von Fiſchen, Goldklumpen, große Anker, Perlenhaufen, Stein' ohne Preis, unſchätzbare Juwelen Zerſtreuet alles auf dem Grund des Meeres. Richard III. Das flatternde Zwielicht ſchwand nun allmählig und die Schatten des Abends ſammelten ſich dicht über dem tiefen Becken des Sees. Die Geſtalt des Maſo, der fortwährend auf ſeiner erhabenen Terraſſe auf und nie⸗ derſchritt, zeichnete ſich in düſtern, beſtimmten Umriſſen an dem ſüdlichen Himmel ab, wo noch die letzten ſchwa⸗ chen Sonnenſtrahlen zögerten, während die Gegenſtände an den beiden Ufern bereits mit den geſtaltloſen Maſſen ſich die⸗ lle, an⸗ der ge⸗ gte iche von nde att⸗ und dem der nie⸗ ſſen wa⸗ nde ſſen der Bergen zu verſchwimmen anfingen. Da und dort tauchte ein blaſſer Stern auf, obgleich der größte Theil des Him⸗ melsgewölbes, das ſich über den beſchränkten Geſichtskreis ausbreitete, von dunkeln Wolken verhüllt war. Einen Streifen matten, unnatürlichen Lichtes gewahrte man in jener Richtung, welche über den Rhone⸗Wieſen und faſt in einer Linie mit dem Gipfel des Montblane lag, von welchem man, obgleich er von dieſem Theile des Sees nicht geſehen werden konnte, wußte, daß er hinter den Felſenwällen Savoyens ſich erhob, wie ein König der Berge, in ſeiner Feſtung von Felſen und Eis verſchanzt. Der Wechſel, die ſpäte Stunde, und die unerfreu⸗ lichen Betrachtungen, welche das kurze Geſpräch mit Bal⸗ thaſar zurück kließ, erzeugte ein lebhaftes und allgemeines Verlangen, eine Fahrt enden zu ſehen, die verdrießlich zu werden anfing. Die Gegenſtände, welche vorher einen ſo großen und ſo reinen Genuß gewährten, wurden nun düſter und drohend und ſelbſt die Erhabenheit des Mas⸗ ſtabs, in welchem die Natur hier ihre Elemente zuſam⸗ mengeworfen hatte, wurde eine fernere Quelle der Un⸗ gewißheit und der Unruhe. Dieſe feengleichen, ſanft ge⸗ zeichneten, natürlichen Arabesken, auf welchen der Blick vorher mit ſo vielem Entzücken ruhte, verwandelten ſich jetzt in ſchaurige Klippen, welche über dem hülfloſen Fahrzeug zu ragen ſchienen und auf eine unerfreuliche Weiſe an den wilden und ungaſtfreundlichen Charakter ihrer eiſenfeſten Unterlagen erinnerten, welche ſich, wie man wußte, allen denen verderblich erwieſen, die gegen ſie geſchleudert wurden, während die Elemente im Auf⸗ ruhr waren. 76— 78. 9 — 130— Dieſe Wechſel im Charakter der Scene, welche in vielfacher Hinſicht ſchlimme Vorzeichen abzugeben anfin⸗ gen, beachteten alle auf dem Hintertheil des Schiffes mit Unbehaglichkeit, obwohl das ſorgl oſe Lachen, die ro⸗ hen Scherze und dies Lnenrie Geſchrei, welche zuwei⸗ len auf dem Vorkaſteel laut wurden, hinreichend bewie⸗ ſen, daß die unbekümmerten Leute, welche dort ſchalte⸗ ten, ſich noch den gemeinen, ihren Sitten am meiſten zuſagenden Ergötzlichkeiten überließen. Eine Perſon ſah man jedoch dem Haufen ſich entziehen und auf dem Güter⸗ haufen Platz nehmen, als ſey ſein Geiſt mehr zum Nach⸗ denken geſtimmt und dem ſinnloſen Gelärm minder hold, als die Mehrzahl derer, welche er eben verlaſſen hatte. Dies war der weſtphäliſche Gelehrte, welcher, der Unter⸗ haltung müde, welche weit unter der Sphäre ſeiner Be⸗ fähigung war, und durch den auffallenden Charakter des See's und der Berge lebhaft erregt, ſich zurückzog, um an ſeine ferne Heimath und die ihm theuerſten Weſen unter einer Aufregung zu denken, welche jener krankhaf⸗ ten Empfindlichkeit angemeſſen war, die er lange Zeit durch ſpitzfindige metaphyſiſche Studien genäahrt hatte. Bis jetzt hatte Maſo, ſeinen erhabenen Platz beſchreitend, ſein Auge vorzüglich auf den Himmel in der Richtung des Montblanc gerichtet, es jedoch gelegentlich auf das bewegungsloſe Schiff wieder wendend; als der Gelehrte aber ſeinen Weg kreuzte, blieb er ſtehen und lächelte über das abgezogene Weſen und den ſtarren Blick, mit wel⸗ chem der Jüngling einen Stern betrachtete. „Seyd Ihr ein Sternkundiger, daß Ihr ſo genau auf jene glänzende Welt ſchaut?“ fragte il Maledetto mi mi ne mit der überlegenheit, welche der Seemann zu Waſſer mit Erfolg über den unglücklichen Wicht von Landmen⸗ ſchen anzunehmen pflegt, der ſein Unvermögen über das neue und gefährliche Element ſehr leicht zugibt:—„Selbſt ein Sterndeuter könnte ſie nicht ernſter ſtudiren.“ „Die Stunde iſt zwiſchen mir und einem Weſen, das ich liebe, verabredet, um das unſichtbare Prinzip unſerer Geiſter zu vereinigen, indem wir durch ihre Ver⸗ mittlung mit einander verkehren.“ „Ich habe mir von ſolchen Verkehrsmitteln ſagen aſſen. Seht Ihr, mittels eines ſolchen Beiſtandes mehr, als Andere?“ „Ich ſehe den Gegenſtand, auf welchen in dieſem Augenblicke freundliche, blaue Augen ſich richten, die oft mit Liebe auf mich geſchaut. Wenn man in einem frem⸗ den Lande und in einer gefahrvollen Lage iſt, hat eine ſolche Vereinigung ihre Freuden.“ Maſo legte ſeine Hand auf die Schulter des Gelehr⸗ ten, welche er mit der Kraft eines Schraubſtocks drückte. „Ihr habt recht,“ ſagte er finſter:„haltet feſt an euern Freundſchaften und wenn euch jemand liebt, ſo feſtigt die Bande durch alle mögliche Mittel. Niemand kennt den Fluch, in dieſem ſelbſtiſchen und grauſamen Kampfe der Intereſſen einſam zu ſtehen, beſſer als ich! Schämt euch eures Sternes nicht, ſondern blickt auf ihn, bis die Augennerven reißen. Seht die glanzhellen Augen des Weſens, das euch liebt, in ſeinem Funkeln, ihre Treue in ſeinem Strahl, und ihre Trauer in ſeiner Bläſſe; verliert die glücklichen Augenblicke nicht, denn bald wird ein dunkler Vorhang ſeinen Anblick verhüllen.“ 9* — 132— Der Weſtphale ſtaunte über die auffallende Kraft ſo wie über die Poeſie des Seemannes und mißtraute der deutlichen Anſpielung auf die Wolken, welche wirklich das Gewölbe uüber ihren Häuptern faſt bedeckten. „Gefällt Euch die Nacht?“ fragte er, ſich zweifel⸗ haft von ſeinem Sterne wendend. „Sie könnte ſchöner ſeyn. Dies iſt ein wildes Land und ſolche kalten Schweizerſeen werden manchmal für das ſtärkſte Matroſen-Herz zu heiß. Seht auf euern Stern, junger Mann, ſo lange Ihr könnt, und denkt an das Madchen, das Ihr liebt, und an alle ihre Huld; wir ſind auf einem tollen Waſſer und man ſollte ange⸗ nehme Gedanken nicht leichthin wegwerfen.“ Maſo ging weg und ließ den Gelehrten beunruhigt, unbehaglich, er wußte ſelbſt nicht warum, und doch mit kindiſchem Eifer an den kleinen Lichtkörper gefeſſelt, den man dann und wann noch durch Maſſen von Dunſt bre⸗ chen ſah. In dieſem Augenblick hörte man auf dem Vor⸗ kaſteel den Jubel gedankenloſer, larmender Heiterkeit. Il Maledetto blieb nicht länger auf den Kiſten, ſon⸗ dern überließ dieſe dem neuen Inhaber und ging zu der ſchweigenden, gedankenvollen Geſellſchaft herab, welche im Beſitze des freien Raumes in der Nähe des Steuers war. Es war ſo dunkel, daß eine kleine Aufmerkſam⸗ keit nöthig war, um ſelbſt in unbedeutender Entfernung die Geſichter zu unterſcheiden. Indem er ſich aber unter dieſen vornehmen Perſonen mit großer Unbefangenheit und anſcheinender Kaltblütigkeit hin und her bewegte, gelang es ihm, an die Seite des Genueſers und des Mönchs zu kommen. ft ſo 2 der rklich eifel⸗ Land für uern t an uld; ange⸗ higt, mit den bre⸗ Vor⸗ t. ſon⸗ der elche ers am⸗ rung nter heit gte, des „Signore,“ ſagte er auf italieniſch, und zog vor dem erſtern ſeine Mütze mit derſelben aufmerkſamen Ach⸗ tung wie vorher ab, obgleich es offenbar nicht leicht war, ihm die Ehrerbietung einzuflößen, welche der Niedrige gewöhnlich gegen den Vornehmen empfindet—„das Ende unſerer Reiſe, welche unter ſo günſtigen Anzeichen begann, dürfte ſich leicht unglücklich geſtalten. Ich wünſchte, Eure Excellenz und die ganze edle und ſchöne Geſellſchaft wäre glücklich zu Vevay gelandet.“ „Glaubſt du, wir hätten etwas anderes als Verzö⸗ gerung zu fürchten?“ „Signore, des Seemanns Leben iſt ein wechſelvol⸗ les Leben; jetzt ſchwimmt er in trägerm ſtillen Winde, und dann wird er zwiſchen Himmel und Erde umherge⸗ ſchleudert, ſo daß das ſtarkſte Herz erkrankt. Meine Kenntniß von dieſen Waſſern iſt nicht groß, aber es laſ⸗ ſen ſich Zeichen an dem Himmel gewahren, dort über der Kuppe in der Richtung des Montblanc, welche mich beunruhigen würden, wäre dies hier unſer blaues, aber verrätheriſches Mittelmeer.“ „Was haltet Ihr davon, Vater? Ein langer Aufent⸗ halt in den Alpen muß Euch mit ihren Stürmen einiger⸗ maßen bekannt gemacht haben!“ Seit der Unterhaltung mit Balthaſar war der Auguſtiner ernſt und gedankenvoll geworden. Auch ihn hatten die Vorzeichen beunruhigt und da er lange ge⸗ wöhnt war, die Veranderungen des Wetters in einer Gegend zu beobachten, wo die Natur ihren Willen manch⸗ mal in einer Weiſe geltend macht, welche der Größe der Gebirge angemeſſen iſt, flüchteten ſeine Gedanken ängſt⸗ lich zu der Behaglichkeit und Sicherheit eines jener gaſt⸗ freien Dächer in der Stadt, wohin ſein Weg führte, und welche ſtets bereit waren, zur Vergeltung für die Dienſte und Selbſtverläugnung ſeiner Brüderſchaft den Schlüſſelmeiſter des St. Bernhard⸗Kloſters aufzunehmen. „Wohl wünſchte ich mit Maſo, uns glücklich gelan⸗ det zu ſehen,“ erwiderte der gute Geiſtliche;„die große Hitze, welche ein Tag wie dieſer in unſern Thälern und auf den Seen erzeugt, erſchlafft die Subſtrata, oder die Grundlagen der Luft ſo, daß die kalten Maſſen, welche ſich um die Gletſcher ſammeln, zuweilen wie Lawinen von ihren Höhen herabkommen, um die Leere auszufül⸗ len. Die Erſchütterung iſt furchtbar, ſelbſt fur den, welchen ſie in den Schluchten und zwiſchen den Felſen trifft, aber der Sturz einer ſolchen Luftſäule auf einen unſerer Seen muß gewiß ſchrecklich ſeyn.“ „Und Ihr glaubt, uns bedrohe jetzt eine ſolche Er⸗ ſcheinung?“ „Ich weiß es nicht, aber ich wollte, wir wären un⸗ ter Dach! Dieſes unnatürliche Licht oben, und dieſe tiefe Ruhe unten, welche mehr als eine gewöhnliche Windſtille iſt, haben mich bereits gezwungen, zu meinem Gebete zu flüchten.“ „Der hochwürdige Auguſtiner redet wie ein Bücher⸗ menſch, und wie jemand, der in ſeinem Bergkloſter dro⸗ ben ſeine Zeit mit Studiren und Nachdenken verbracht hat,“ verſetzte Maſo,„während die Gründe, die ich anzuführen habe, mehr nach der Erfahrung des Seeman⸗ nes ſchmecken werden. Einer Stille, wie dieſe iſt, wird fruͤher oder ſpäter eine Erſchütterung der Atmoſphäre ₰2——— —a. — — 135— folgen. Das Ausbleiben der Landkühlte, auf welche Bap⸗ tiſt ſo ſicher zählte, gefällt mir nicht; nehme ich dieſen Umſtand zu den Zeichen jenes rothen Himmels, ſo dürfen wir erwarten, daß an die Stelle dieſer ungewöhnlichen Ruhe bald ein heftiger Kampf der Winde treten wird. Auch Nettuno, mein treuer Hund, hat durch die Art, wie er die Luft ſchnüffelt, angedeutet, daß wir die Nacht nicht in dieſem bewegungsloſen Zuſtande hinbringen werden.“ „Ich hatte gehofft, früher ruhig in unſerm Hafen zu ſeyn. Was bedeutet jenes helle Licht? Iſt es ein Stern des Himmels, oder erſcheint es blos an der Seite jenes hohen Berges?“ „Da glänzt der alte Roger von Blonay!“ rief der Freiherr freudig:„er weiß, daß wir auf dem Schiffe ſind und hat ſeine Feuerbecken erhellt, damit wir nach ſeinem Lichte ſteuern.“ Die Vermuthung ſchien wahrſcheinlich, denn das Schloß von Blonay, an dem Schoos des Berges, wel⸗ cher Vevay nordöſtlich ſchützt, gelegen, war vor dem Einbruche des Abends vollkommen ſichtbar. Es war der Gegenſtand der Bewunderung geweſen, ein ungemein freundlicher Punkt in einer an Dörfern und Schlöſſern ſo reichen Gegend, und Adelheid hatte es Sigismund als das unmittelbare Ziel ihrer Reiſe gezeigt. Da der Herr von Blonay von dem beabſichtigten Beſuche benachrichtigt war, ſo war nichts wahrſcheinlicher, als daß er, ein al⸗ ter und bewährter Freund Melchiors von Willading, ein ſolches Zeichen der Ungeduld geben werde, theils aus Artigkeit gegen die, welche er erwartete, und theils als Signal, welches denen wirklich nützlich werden konnte, die in einer mit ſo ſchauriger Dunkelheit drohenden Nacht den Leman beſchifften. Der Signor Grimaldi erachtete mit Recht die Um⸗ ſtände für ſehr ernſt und, ſeinen Freund und Sigismund zu ſich rufend, theilte er ihnen die Beſorgniſſe Maſo's und des Mönchs mit. Ein wackerer Mann als Melchior von Willading lebte nicht in der ganzen Schweiz, aber er hörte die düſtern Prophezeihungen des Genueſers nicht, ohne an jedem Gliede zu zittern. „Nein armes, ſchwaches Kind!“ ſagte er, ſich der Zärtlichkeit eines Vaters überlaſſend:„was wird aus dieſer zarten Pflanze werden, wenn ſie in einem offenen Fahrzeuge einem Sturme ausgeſetzt wird?“ „Sie wird bei ihrem Vater und bei den Freunden ihres Vaters ſeyn,“ antwortete die Jungfrau ſelbſt; denn der kleine Raum, auf welchen ſie natürlich beſchränkt waren, und der plötzliche Ausbruch der Gefühle des Va⸗ ters, welcher die Vorſicht nicht gebraucht hatte, ſeine Stimme zu dämpfen, hatte ſie mit dem Grund der Un⸗ ruhe bekannt gemacht.—„Ich habe genug von dem ge⸗ hört, was der gute Vater Pavier und dieſer Seemann ſagten, um zu wiſſen, daß wir in einer Lage ſind, welche beſſer ſeyn könnte; aber bin ich nicht bei bewährten Freun⸗ den? Ich weiß ja bereits, was Herr Sigismund für die Erhaltung meines Lebens thun kann und, was auch kommen mag, wir haben alle einen gütigen Schirmer in Dem, der niemanden von uns zu Grunde gehen laſſen wird, ohne zu gedenken, daß wir ſeine Kinder ſind.“ „Dieſes Maͤdchen beſchämt uns alle,“ ſagte der Signor Grimaldi;„aber es trifft ſich oft, daß dieſe — 137— ſchwachen Weſen, als die Stärkſten und Edelſten, in Au⸗ genblicken ſich erheben, wo der ſtolzere Mann zu ver⸗ zweifeln anfängt. Sie ſetzen ihr Vertrauen auf Gott, der eine Stütze iſt für die ſelbſt, welche noch ſchwächer ſind, als unſere holde Adelheid. Aber wir wollen dieſe Gründe der Beſorgniß nicht übertreiben, welche vielleicht doch noch, wie viele andere drohende Gefahren, vorübergehen und uns Stunden des Glückes und der Freude laſſen werden für die wenigen Minuten der Angſt.“ „Sagt vielmehr, des Gebetes,“ bemerkte der Schlüſ⸗ ſelmeiſter,„denn der Anblick des Himmels wird allmäh⸗ lig furchtbar feierlich. Du, der du ein Seemann biſt— weißt du keinen Rath?“ „Wir haben das einfache Hülfsmittel unſerer Strei⸗ chen, Vater; nachdem wir es aber ſo lange vernachläſ⸗ ſigt haben, ſie zu brauchen, iſt es nun zu ſpät, zu ihnen unſere Zuflucht zu nehmen. Bei dem bis zum Saum des Waſſers beladenen Fahrzeuge könnten wir durch ſie Vevay nicht erreichen, ehe die Nacht wechſelt, und wenn das Waſſer einmal tüchtig in Bewegung iſt, ſind ſie uns von gar keinem Nutzen mehr.“ „Aber wir haben unſere Segel,“ fiel der Genueſer ein:„dieſe wenigſtens werden uns gute Dienſte thun, wenn der Wind eintritt.“ Maſo ſchüttelte den Kopf, antwortete aber nicht. Nach einer kurzen Pauſe, wahrend welcher er den Him⸗ mel noch ſorgfältiger zu beobachten ſchien, ging er zu dem Platze, wo der Schiffsherr noch im Schlafe lag und ſchüttelte ihn gewaltig.—„Ho! Baptiſta! Wacht auf! Hier bedarf's eures Raths und curer Befehle.“ — 138— Der ſchläfrige Rheder rieb ſich die Augen und bam langſam zu ſich. „Ich fühle keinen Windhauch,“ murmelte er,— „warum weckt Ihr mich, Maſo? Wer gelebt hat wie Ihr, ſollte wiſſen, daß der Schlaf denen, die ſich abmü⸗ hen, unſchätzbar iſt.“ 4 „Ja, dieſen Vortheil haben ſie über die Üppigen und Müßigen. Seht den Himmel an, Menſch, und ſagt uns, was Ihr von ſeinem Ausſehen haltet. Iſt Euer Winkelried ſtark genug, einen Sturm auszuhalten, wie der, dem wir begegnen dürften?“— „Ihr ſprecht wie ein thöriges Weibſen, das durch das Flattern ſeines Federviehs erſchreckt worden iſt. Der See war nie ruhiger und das Fahrzeug nie ſicherer.“ „Seht Ihr jenes helle Licht? dort, über dem Thurm der Kirche von Vevay?“ „Ja, es iſt ein prächtiger Stern! und ein günſtiges Zeichen für den Schiffer!“ „Thor, es iſt eine rothe Flamme in dem Feuerbek⸗ ken Roger's von Blonay. Sie fangen an zu ſehen, daß uns Gefahr droht und ſtecken die Signale aus, um uns zu erinnern, thätig zu ſeyn. Sie glauben, wir nähmen uns wie wackere Maͤnner zuſammen, wie Leute, die an das Waſſer gewöhnt ſind, wahrend wir freilich ſo ſorg⸗ los ſind, als wär' unſer Fahrzeug ein Fels, der des Lemans und ſeiner Wogen ſpotten kann. Der Mann iſt betäubt,“ ſagte er, ſich von ihm weg zu den Umſtehen⸗ den wendend:„er will nicht ſehen, was bald allen An⸗ dern im Schiffe nur allzu deutlich werden wird.“ Ein zweites müßiges und allgemeines Gelächter er⸗ — 139— ſchallte von dem Vorkaſteel, um Maſo's Anſicht zu wi⸗ derlegen und zu beweiſen, wie leicht der Unwiſſende in Sicherheit fortlebt, ſelbſt wenn er an dem Rande des Verderbens ſteht. Dies war der Augenblick, wo die Na⸗ tur das erſte jener Signale gab, für die der Verſtand des großen Haufens empfänglich iſt. Das ganze Ge⸗ wölbe des Himmels war jetzt verſchleiert, mit Ausnahme des öfter genannten Flecks, der faſt über der ſchäumen⸗ den Rhone lag. Dieſe feurige Offnung glich einem Fen⸗ ſter, das ſchreckende Blicke in die ſchauderhaften Vorbe⸗ reitungen thun ließ, welche um die höhern Gipfel der Alpen ſtatt fanden. Ein Strahl rothen, zuckenden Lich⸗ tes ſchoß heraus und ein fernes, rollendes Rauſchen, das kein Donnern war, ſondern eher der Schwenkung von tauſend Schwadronen ins Glied glich, folgte dem Strahle. Das Vorkaſteéel war plötzlich verlaſſen und der Güterhügel war wieder von zuſammengeſchmiegten menſch⸗ lichen Formen beſetzt. Gerade jetzt erhob das Fahrzeug, das ſo lange in dem Zuſtande vollkommner Ruhe geblie⸗ ben war, ſeinen Bug*²*), als arbeite es unter ſeiner großen und ungewöhnlichen Laſt, waͤhrend eine langſame Woge unter ſeiner ganzen Länge hinging, die ganze Maſſe, Fuß um Fuß, hebend und am Spiegel verlaſ⸗ ſend, um ſich an den Ufern der Waadt zu brechen. „Es iſt Wahnſinn, die koſtbaren Augenblicke länger zu vergeuden,“ ſagte Maſo, bei welchem dieſer klare und verſtändliche Wink nicht verloren war, eilig.— „Signori, wir müſſen keck und raſch ſeyn, ſonſt werden *) Die Seiten des Vordertheils des Schiffes. — 140— wir unvorbereitet von dem Sturme überfallen. Ich ſpreche nicht für mich, denn durch die Hülfe dieſes treuen Hundes und von meinem eigenen Arm begünſtigt, bleibt mir das Ufer immer gewiß. Aber es iſt jemand in dem Schiffe, den ich zu retten wünſchte, wenn es auch einige Gefahr für mich hätte. Baptiſta iſt von der Furcht ge⸗ lähmt und wir müſſen für uns ſelbſt handeln oder zu Grunde gehen.“ „Was willſt du?“ fragte Signor Grimaldi;„ſollte er, der die Gefahr verkündigt, ein Mittel kennen, ſie ab⸗ zuwenden?“ „Wäre man früher an das Werk gegangen, ſo hät⸗ ten die gewöhnlichen Mittel ausgereicht; aber wir haben, gleich denen, die in ihren Sünden ſterben, die köſtlichſten Minuten thöricht vergeudet. Wir müſſen das Fahrzeug leichter machen und wenn es auch ſeine ganze Ladung koſtet.⸗ Ein Schrei von Nikolaus Wagner verkündigte, daß der Geiſt des Geizes in ſeiner Bruſt noch ſo thätig war, wie immer. Selbſt Baptiſt, der unter den auffallenden Vorzeichen, welche ſich jetzt ſelbſt ihm bemerklich gemacht hatten, allen ſeinen Eigenſinn und ſeine Neigung, den Befehlshaber zu ſpielen, verloren hatte, ſtimmte heftig gegen ſolche Vergeudung des Eigenthums. Gar ſelten findet ein raſcher und äußerſter Vorſchlag, wie der des Maſo, ein ſchnelles Echo in den Urtheilen derer, welchen die Nothwendigkeit unvorbereitet dargelegt wird. Die Gefahr ſchien nicht hinreichend drohend, um zu einem entſchiedenen Mittel ſeine Zuflucht zu nehmen, und, ob⸗ gleich bangend und erſchreckt, waren die Gemüther de⸗ . — 121— h rer, welche den bedrohten Waarenhaufen inne hatten, 4 eher in einem Zuſta de der Unbehaglichkeit, als der wil⸗ bt den Aufregung, zu welchem ſie ſo leicht gebracht werden konnten, und zu dem es gewiſſermaßen nöthig war, ſelbſt h ſie, die arm und mittellos waren, zu reizen, um ſie eine e⸗ ſo große Vernichtung des Eigenthums bewirken zu hel⸗ uu fen. Der Plan des kalten und berechnenden Maſo würde daher gänzlich geſcheitert ſein, ohne eine zweite Schwen⸗ te kung jener luftigen Schwadronen und eine neue Woge, b⸗ welche das ächzende Fahrzeug empor hob, bis ſeine lok⸗ keren Raaen ſich knarrend über ihren Häuptern ſchwan⸗ t. gen. Auch das Segeltuch ſchlug in der Dunkelheit an, 1 1 wie ein großer Raubvogel ſeine Flügel dehnt, ehe er n auffliegt. g„Heiliger und gerechter Beherrſcher des Landes und g der Waſſer,“ rief der Auguſtiner aus,„gedenke deiner reumüthigen Kinder, und nimm uns, in dieſer ſchreck⸗ 6 lichen Stunde, in deinen allmächtigen Schutz!“ V r„Die Winde ſind hernieder gekommen und ſelbſt der 4 ſtumme See gibt uns das Zeichen, uns fertig zu hal⸗ t ten!“ rief Maſo.„Über Bord mit der Ladung, wenn Ihr Guer Leben liebt!“ 1 Ein raſcher, ſchwerer Fall in das Waſſer bewieß, 5 daß der Seemann Ernſt machte. Trotz der hehren und 3 furchtbaren Zeichen, von welchen man umgeben war, n dachte doch jeder Einzelne aus der namenioſen Schaar e an den Pack, welcher ſeine ſpärlichen weltlichen Habe ent⸗ 4 hielt, und die Bewegung, wodurch dieſelbe geſichert wer⸗ den ſollte, war allgemein und raſch. Da jeder ſeine Ab⸗ ſicht glücklich erreicht ſah, ließ er ſich durch jene Gemein⸗ — 112— ſchaftlichkeit des Gefühls hinreiſſen, wodurch die Menge beherrſcht wird. Man glaubte, der gemeinſame Anlauf habe zum Zweck, Maſo zu helfen, obgleich jeder heim⸗ lich die Unrichtigkeit dieſes Glaubens in Betreff ſeiner ſelbſt kannte. Kiſte um Kiſte begann nun in das Waſſer zu ſtürzen, ſo wie neue und eifrige Hände ſich bei der. Arbeit einfanden. Die Anregung theilte ſich raſch unter Allen mit und ſelbſt der junge Sigismund war bei dem Werke thätig. Von ſolchen leichten Zufällen hängen die wichtigſten Erfolge ab, ſobald die heißen Impulſe, welche die Maſſe beherrſchen, die Oberhand gewinnen. Es iſt nicht anzunehmen, daß Baptiſt und Nikolaus Wagner die Vernichtung ihrer vereinigten Habe mit gänzlicher Gleichgültigkeit angeſehen hätten. Weit davon entfernt, wandte jeder alle möglichen Mittel an, ſie durch Wort und That zu hindern. Der eine wollte die Ge⸗ ſetze in Anſpruch nehmen— der andere drohte Maſo mit gebührender Strafe für ſeinen Eingriff in die Rechte und Pflichten des Schiffsherrn, aber ihre Drohungen verhallten vor unaufmerkſamen Ohren. Maſo wußte, daß ſeine Lage ihn der Verantwortlichkeit überhob, denn es war nicht leicht, ihn der Obrigkeit in die Hände zu liefern; die andern betreffend, ſo waren die meiſten bei weitem zu arm, um große Noth wegen eines Erſatzes zu fühlen, der, wenn er jemanden heimfiel, wahrſchein⸗ lich denen zur Laſt kam, welche im Stande waren, ihn zu leiſten. Sigismund allein war unter dem Gefühle ſeiner Verbindlichkeiten thätig; aber er arbeitete für Eine, die ihm theurer war als Gold und es lag ihm — 143— ge wenig an andern Folgen als denen, welche das köſtliche uf Leben der Adelheid von Willading bedrohen konnten. n⸗ Die ſchmalen Päcke der Mehrzahl der Reiſenden er waren mit einer Art gedankenloſen Inſtinktes, mit dem er wir für unſere Glieder ſorgen, wenn Gefahr droht, an er. einen ſichern Platz gebracht worden. Dieſe zeitige Vor⸗ er ſicht geſtattete jedem mit einem Eifer zu arbeiten, der m durch kein perſönliches Intreſſe geſtört ward, und die ie Wirkung war verhältnißmäßig. Hundert Hände waren e geſchäftig und faſt eben ſo viele klopfende Herzen harrten ſehnlich des Endes dieſer wichtigen Maßregel. Baptiſt und ſeine Leute hatten, von den Hafen⸗Ar⸗ 8 beitern unterſtützt, einen ganzen Tag damit zugebracht, it jenen Haufen auf dem Verdeck des Winkelried aufzu⸗ n ſchichten, welcher nun mit einer Raſchheit, die mit Zau⸗ h berei im Bunde ſchien, auseinander fiel. Der Schiffs⸗ „ herr und Nikolaus Wagner ſchrien ſich heiſer, nutzloſe 5 Drohungen und Verwünſchungen ausſtoßend, denn die an e dem Werke der Zerſtörung Thätigen hatten jetzt einen n Trieb erhalten, wie ihn wohl der Stein durch das wach⸗ „ ſende Moment ſeines Falles gewinnt. Päcke, Kiſten, Ballen und alles, was ihnen in die Hände fiel, wurde wahnwitzig und ohne daß man an etwas anderes als an die Erleichterung des ächzenden Fahrzeugs dachte, in das Waſſer geworfen. Auch die Erregung des Sees wuchs regelmäßig, Welle folgte auf Welle, ſo daß dadurch ein ſtarkes Stampfen des Fahrzeugs entſtand, das mit der kommenden Woge ſich hob und mit der ſcheidenden ſank. Endlich verkündigte ein lauter Ruf, daß man bei einem Theil des Güterhaufens den Boden erreicht habe. — —— u Die Arbeit ſchritt nun mit größerer Sicherheit für die damit Beſchäftigten fort, denn bisher hatte die Be⸗ wegung des Fahrzeugs und die Unſicherheit des Auftre⸗ tens in der Dunkelheit und Verwirrung ihre Lage im höchſten Grade gefährlich gemacht. Maſo gab jetzt ſeine thätige Mithülfe bei der Arbeit auf, denn er ſah nicht ſobald die Andern rüſtig und eifrig bei dem Unterneh⸗ men zur Hand, als er ſeine perſönlichen Anſtrengungen einſtellte, um die Anleitungen zu geben, welche, da ſie von einem herrührten, der an das Geſchäft gewöhnt war, bei weitem ſchätzbarer waren, als irgend ein Dienſt, den ein einzelner Arm leiſten konnte. „Ich kenne Euch, Signor Maſo,“ ſagte Baptiſt, hei⸗ ſer von den fruchtloſen Anſtrengungen, dem Strom Ein⸗ halt zu thun,„und Ihr ſollt, ſobald wir den Hafen von Vevay erreicht haben, dieſes und andere Eurer Verbre⸗ chen verantworten!“ „Thor! Ihr würdet Euch und alle andern durch die Beſchränktheit Eures Geiſtes in einen Hafen führen, aus welchem niemand, wenn er einmal eingelaufen iſt, wieder ausfährt.“ „Ihr Beide theilt die Schuld,“ fiel Nikolaus Wagner ein;—„Ihr ſeid nicht minder zu tadeln, Baptiſt, als dieſe Tollköpfe. Hättet Ihr den Hafen in der Stunde verlaſſen, welche in unſerm Vertrage genannt iſt, ſo wäre dieſe Gefahr nicht über uns gekommen.“ „Bin ich ein Gott, der den Winden gebieten kann? Ich wollte, ich hätte Euch und Eure Käſe nie geſehn, oder Ihr überhöbt mich Eurer Gegenwart und kolge ih⸗ nen in den See.“ „Das kömmt davon, wenn man im Dienſte ſchlaft; ja, es iſt möglich, daß die gehörige Anwendung der Ru⸗ der uns noch ſicher und ohne nothwendigen Nachtheil für unſer Aller Eigenthum in den Hafen braächte. Edler Freiherr von Willading, Euer Zeugniß dürfte hier in Anſpruch genommen werden und ich bitte Euch, auf die Umſtände ein ſorgfältiges Auge zu werfen.⸗ Baptiſt war nicht aufgelegt, dieſe wohlverdienten Vorwürfe zu ertragen, und er antwortete dem ſchwer bedrängten Nikolaus in einer Weiſe, welche ihren unzei⸗ tigen Streit raſch zu Ende gebracht hätte, wäre Maſo nicht rauh zwiſchen ſie getreten, ſie mit der Kraft eines Rieſen auseinander ſchleudernd. Dieſes Einſchreiten ſtellte den Frieden für den Augenblick her, aber der Wortkampf wurde mit ſolcher Bitterkeit und mit ſo vielen ungemeſt ſenen Ausdrücken fortgeſetzt, daß Adelheid und ihre Frauen, blaß und ſchrecken⸗ſtarr von dem ſie umgeben den Auftritt, ihre Ohren gern verſchloſſen, um Ausdrücke ſolcher Bitterkeit und Bedrohung, daß ſie das Blut ge— rinnen machten, nicht zu hören. Als Maſo die Streiten den getrennt hatte, ging er zu den Arbeitern. Mit voll⸗ kommener Selbſtbeherrſchung gab er ſeine Befehle, ob⸗ gleich ſein geübter Blick gewahrte, daß er, ſtatt die Ge⸗ fahr zu vergrößern, ihre Ausdehnung ſelbſt nicht völlig geahnt hatte. Die Wellen rollten nun ohne Unterbre⸗ chung daher, und das raſche, ſpülende Anrauſchen des Waſſers, ein dem Seemanne bekannter Ton, kündigte an, daß ſie ſo ſtark geworden waren, daß ihre Spitzen ſich brachen, ihren leichtern Schaum recht von vorne ver⸗ ſpritzend. Es zeigte ſich auch, daß ihre Lage von denen 76—78. 10 — 146— am Ufer verſtanden worden war. Längs des Ufers um Vevay flammten Lichter auf und es war ſelbſt in der Entfernung, in welcher ſie waren, nicht ſchwer, die Be⸗ weiſe einer lebhaften Theilnahme der Stadtbewohner zu entdecken. „Ich zweifle nicht, daß wir geſehen worden ſind,⸗ ſagte Melchior von Willading,„und daß unſere Freunde thätig ſind, Mittel zu unſerm Beiſtande ausfindig zu machen. Roger von Blonay iſt der Mann nicht, der uns, ohne alles aufzubieten, zu Grunde gehen läßt, und auch der würdige Landvogt, Peter Hofmeiſter, wird nicht müſſig ſeyn, da er weiß, daß einer ſeiner Landsleute und ein alter Schulfreund ſeines Beiſtandes bedarf.⸗ „Niemand kann zu uns gelangen, ohne ſich derſelben Gefahr, in welcher wir ſind, auszuſetzen,“ antwortete der Genueſer.„Es wäre beſſer, wenn wir unſeren eigenen Kräften überlaſſen blieben. Mir gefällt die Kaltblütigkeit dieſes unbekannten Seemanns und ich ſetze mein Ver⸗ trauen auf Gott!“ Ein neuer Ruf verkündigte, daß auch auf der andern Seite des Fahrzeugs das Deck erreicht war. Der größte Theil der Deckladung war jetzt unwiderbringlich verſchwun⸗ den und die Bewegung des erleichterten Schiffes wurde lebendiger und geſünder. Maſo rief einige aus der Schiffsmannſchaft zu ſich und ſie rollten das Segeltuch, in der der lateiniſchen Takelaſche eigenen Weiſe mitein⸗ ander auf, denn ein warmer Lufthauch, überhaupt der erſte, der ſeit mehren Stunden fühlbar geworden war, ſtrich recht von der Quere des Fahrzeugs. Dieſes Ge⸗ ſchäft wurde vollbracht, wie das Segeltuch bekanntlich im — 147— Nothfall beſchlagen wird, aber es wurde ſicher vollbracht. Maſo begab ſich jetzt wieder zu den Arbeitern, ſie durch ſeine Stimme ermuthigend und ihre Arbeit mit ſeinem Rathe leitend. „Ihr ſeid Eurer Arbeit nicht gewachſen,“ ſagte er zu einem, der etwas entfernter von der übrigen geſchaf⸗ tigen Menge ſich vergeblich bemühte, einen Ballen auf die Seite des Schiffes zu wälzen;„Ihr würdet beſſer thun, den andern zu helfen, als Eure Kraft hier zu ver⸗ ſchwenden.“ „Ich fühle die Kraft, einen Berg zu lüften! Arbei⸗ ten wir nicht für unſer Leben?“ Der Seemann beugte ſich vorwärts und blickte in des Andern Geſicht. Die wahnwitzigen und ſchlecht ge⸗ leiteten Anſtrengungen waren die des Weſtphalen. „Euer Stern iſt untergegangen,“ ſetzte er lächelnd hinzu— denn Maſo hatte bei Auftritten gelächelt, welche bei weitem ergreifender waren, als ſelbſt der, von wel⸗ chem er ſich jetzt umgeben ſah. „Sie blickt noch immer auf ihn; ſie denkt an den, der ſie liebt und fern von dem Vaterlande weilt.“ „Haltet ein! da Ihr es ſo haben wollt, will ich Euch helfen, dieſen Ballen in das Waſſer zu werfen. Faßt hier an. Eine Unze gut gebrauchter Kraft wiegt ein Pfund jener auf, die gegen ſich ſelbſt wirkt.“ Sich gegeneinander bückend, vollbrachte ihre verei⸗ nigte Stärke, was der Einzeln⸗Anſtrengung des Gelehrten geſpottet hatte. Der Pack rollte auf die Laufplanke und der Deutſche, durch die Anſtrengung überreizt, jubelte 10* — 148— laut. Das Fahrzeug krängte*) und der Ballen fiel über die Seite, als wenn die lebloſe Maſſe plötzlich den Wunſch gehabt hätte, die Bewegung zu vollbringen, welcher ihr ſtarres Gewicht ſo lange widerſtanden hatte. Die uner⸗ wartete Bewegung brachte Maſo aus dem Gleichgewicht, aber er faßte mit der Gewandtheit eines Matroſen wie⸗ der feſten Fuß, ſein Gefährte jedoch war nicht mehr an ſeiner Seite. Auf der Laufplanke knieend, ſah er den dunkeln Ballen, den Fuß des Weſtphalen nach ſich zie⸗ hend, verſchwinden. Er beugte ſich hinaus, um den ſich hebenden Körper zu faſſen, da dieſer aber in die Stricke ſich verwickelt, oder, was eben ſo wahrſcheinlich war, die wahnſinnige Hand des Unglücklichen, deſſen Geiſt dem furchtbaren Charakter der Nacht erlegen war, ſich feſt angeklammert hatte, kehrte er nie wieder zur Ober⸗ flache zuruck. Das Leben des Maledetto war großen Widerwar⸗ tigkeiten und Gefahren unterworfen geweſen. Er hatte Menſchen oft plötzlich in den andern Zuſtand des Seyns übergehen ſehen, und war ſelbſt ruhig unter dem Ge⸗ ſchrei, den Seufzern, und, was bei weitem ergreifender iſt, unter den Flüchen der Sterbenden geweſen, aber nie hatte er ein ſo kurzes und ſtilles Ende geſehen. Länger als eine Minute hing er drauf, über dem dunkeln, er⸗ regten Waſſer, in der Hoffnung, den Gefährten wieder auftauchen zu ſehen; und, als er dieſer Hoffnung ſchmerz⸗ lich entſagen mußte, ſtand er auf, ein erſchreckter und gewarnter Mann. Dennoch verließ ihn die Beſonnenheit *) Krängen, krengen, überhellen, ſich auf die Seite nei⸗ gen. Ueberſ. 2—,———O——,,——————— — — α——— & 2=ͤo=Aeͤ-A — 4149— nicht. Er ſah das Nutzloſe und ſelbſt das Gefährliche, die Aufmerkſamkeit der Arbeiter abzulenken und der un⸗ glückliche Gelehrte ging ohne einen Laut der Trauer, ohne ein Wort über ſein Unglück dahin. Niemand wußte von ſeinem Verluſte, als der vorſichtige Seemann, und keiner derer vermißte ihn, welche den Tag in ſeiner Ge⸗ ſellſchaft hingebracht hatten. Aber ſie, der er an den Ufern der Elbe ewige Treue geſchworen, blickte lange auf den blaſſen Stern und weinte bitterlich, daß ihre weibliche Beſtändigkeit keine Erwiderung fand. Ihre treue Liebe überlebte ihren Gegenſtand lange, denn ſein Bild war tief in einem warmen Mädchenherzen einge⸗ ſchloſſen. Tage, Wochen, Monate und Jahre entſchwan⸗ den ihr in dem verzehrenden Kummer einer verzögerten Hoffnung, aber der düſtere Leman behielt ſein Geheimniß und er, dem allein ihres Geliebten Schickſal bekannt war, bekümmerte ſich wenig um einen Vorfall, welcher, wenn nicht vergeſſen, doch einer von vielen ähnlichen ſchrecklichen Begebniſſen in ſeiner abentheuerlichen Lauf⸗ bahn war. Maſo erſchien wieder unter den Leuten mit der ge⸗ zwungenen Faſſung deſſen, der wohl weiß, daß das An⸗ ſehn am meiſten ſich geltend macht, wenn es ruhig iſt. Der Befehl über das Schiff war ihm nun anheim gege⸗ ben, da Baptiſt, durch die außerordentliche Wendung der Dinge gelähmt und vor Zorn berſtend, ganz unfähig war, einen beſtimmten oder nützlichen Befehl zu geben. Es war ein Glück für die in dem Fahrzeug, daß der Stellvertreter ſo gut war, denn fürchterlichere Zeichen hingen nie über dem Leman, als die, welche dieſe Stunde verdunkelten. — 150— Wir haben nothwendig viel Zeit gebraucht, um dieſe Ereigniſſe zu erzählen, da die Feder der Thätigkeit der Gedanken nicht gleich kömmt. Zwanzig Minuten waren jedoch nicht verfloſſen, ſeit die Ruhe des Sees zuerſt geſtört worden und die Anſtrengungen der Leute in dem Winkelried waren ſo groß geweſen, daß die Zeit noch kürzer erſchien. Allein wenn dieſe Augenblicke gut ange⸗ wendet wurden, ſo waren auch die Mächte der Luft nicht müßig. Die unnatürliche Offnung an dem Himmel ſchloß ſich und in kurzen Zwiſchenräumen ließen ſich jene furcht⸗ baren Evolutionen der luftigen Schwadronen näher und näher hören. Dreimal waren kurze warme Luftzüge über das Schiff hingegangen und einigemal, wenn es ſich in die ſchwerer als gewöhnlich gehenden Wogen ſtürzte, wur⸗ den die Geſichter derer an Bord, wie mit einem unge— heuern Fächer, kalt angeweht. Dies kam jedoch nur von dem plötzlichen Wechſel in der Atmoſphäre, von welcher ſich durch den entfernten Kampf zwiſchen der erhitzten Luft des Sees, und der, welche an den Gletſchern abgekühlt worden, einzelne Schichten verſchoben hatten, oder es war die einfachere Folge der heftigen Bewegung des Schiffes. Die tiefe Dunkelheit, welche das Himmelsgewölbe umlagerte, gab dem eingebetteten Leman das Ausſehn einer düſtern flüſſigen Thalſchlucht, und erhöhte das Schau⸗ erlich⸗Erhabene der Nacht. Die Wälle Savoyens wa⸗ ren blos von den fliehenden Wolken zu unterſcheiden und hatten das Anſehen von ſchwarzen Mauern, welche man mit der Hand faſſen zu können glaubte, während die manchfaltigern und ſanftern Höhen der Waadt wie eine zerfließende und dunkle Maſſe dalagen, zwar weniger drohend, aber gleich wirre und unerreichbar. — 151— Noch flammte das Feuer in dem Roſte des alten Roger von Blonay und flackernde Fackellichter glitten das Ufer entlang. Das Geſtade ſchien lebendig von menſchlichen Weſen, welche, wie ſie ſelbſt, ihre Lage beur— theilen und für ſie fühlen konnten. Das Verdeck war jetzt leer und die Reiſenden in ei⸗ ner Gruppe zwiſchen den Maſten verſammelt. Pippo hatte all ſeine Munterkeit unter den furchtbaren Zeichen dieſer Stunde verloren und Konrad, der vor Angſt und Schrecken zitterte, war aller Scheinheiligkeit baar. Dieſe und ihre Genoſſen ſprachen von ihrem Schickſal, über die Art der Gefahren, welche ihnen drohten und über deren wahrſcheinliche Urſachen. „Ich ſehe kein Bild der Jungfrau Maria, nicht ein⸗ mal eine arme Lampe zu Ehren eines Heiligen in dieſem verwünſchten Fahrzeuge!“ ſagte der Poſſenreiſſer, nach⸗ dem veſchiedene ihre abſonderliche und ſeltſame Anſichten vorgebracht hatten.„Laßt den Schiffsherrn herbeikommen und dieſe Nachläſſigkeit verantworten.“ Die Zahl der Paſſagiere, welche es mit der römi⸗ ſchen Kirche hielten, kam der der Proteſtanten ziemlich gleich Jener Vorſchlag fand daher eine gemiſchte Auf⸗ nahme. Die Katholiken eiferten gegen die Vernachläſſi⸗ gung, während die Proteſtanten, gleichfalls unter dem Einfluſſe feiger Furcht, laut erklärten, dieſer Götzendienſt ſelbſt könnte ſie alle das Leben koſten. „Des Himmels Fluch auf die ſchlechte Zunge, welche zuerſt den Gedanken ausſprach,“ murmelte der zitternde Pippo zwiſchen ſeinen Zaͤhnen, zu klug, einer ſo ſtarken Partei offen entgegen zu treten, und doch zu gläubig, — 452— um nicht die Unterlaſſung in jedem ſeiner Glieder zu füh⸗ len—„habt Ihr nichts bei Euch, frommer Konrad, das einem Chriſten frommen könnte?“ Der Pilger reichte einen Roſenkranz mit einem Kreuze hin. Das geweihte Sinnbild ging bei den Gläubigen von Lippe zu Lippe, mit einem Eifer, welcher wenig hinter dem zurückblieb, den ſie bei dem Entladen des Verdecks bewieſen hatten. Durch dieſe Sühnung ermu⸗ thigt, riefen ſie Baptiſt laut auf, ſich zu zeigen. Dieſen ungebändigten Weſen gegenüberſtehend, bebte der Schiffs⸗ herr an jedem Glied; denn zwiſchen Zorn und niedriger Furcht hin und her geworfen, hatte ihn die Beſonnenheit in dieſem Augnblicke gaͤnzlich verlaſſen. Der wiederhol⸗ ten Aufforderung, ein Licht zu ſchaffen, das vor ein von Konrad beigebrachtes Bild der Mutter des Heilands ge⸗ ſtellt werden ſollte, ſetzte er ſeinen proteſtantiſchen Glau⸗ ben, die Unmöglichkeit, die Flamme zu erhalten, ſo lange das Fahrzeug ſo heftig ſtürzte, und die abweichende An⸗ ſicht der Reiſenden entgegen. Die Kotholiken gedachten des Landes und des Einfluſſes des Maſo und riefen ihm laut zu, um Gottes willen zu kommen und ihrem Be⸗ gehren Gewährung zu erzwingen. Aber der Seemann war auf dem Vorkaſteel beſchäftigt, einen Anker nach dem andern in das Waſſfer zu ſenken, einigermaßen von den Schiffleuten unterſtützt, die ſich über eine ſo nutzloſe Vorſicht wunderten, da kein Tau den Grund erreichen konnte, wahrend ſie es jedoch nicht wagten, ſich ſeinen Befehlen zu entziehen. Jetzt verlautete etwas von dem Fluche, welcher das Schiff in Folge der Abſicht des Rhe⸗ ders getroffen habe, den Scharfrichter einzunehmen. 2 2Z2—2———— — — —2— Baptiſt ſchauderte bis in das Mark ſeiner Knochen und ſein Blut ſtockte vor bangem Grauſen. „Glaubt ihr wirklich, es ſey etwas daran?“ fragte er mit bleichen Lippen und ſtotternder Zunge. Aller Unterſchied des Glaubens war dem allgemeinen lächerlichen Aberglauben gewichen. Nun, da der Weſt⸗ phale dahin war, befand ſich niemand mehr unter ihnen, der gezweifelt hätte, eine Fahrt, in ſolchem Geleite, habe den Fluch auf ſich. Baptiſt ſtotterte, murmelte einige unzuſammenhängende Worte und ließ ſich endlich in ſei⸗ ner Schwäche das gefährliche Geheimniß entſchlüpfen. Die Nachricht, Balthaſar ſey unter ihnen, brachte ein tiefes und feierliches Schweigen hervor. Die That⸗ ſache gab jedoch den Gemüthern dieſer rohen Weſen eine ſo unwiderlegliche Gewißheit von dem Grunde ihrer Ge⸗ fahr, wie ſie ein Mathematiker nur aus einem ſeiner glücklichſten Beweiſe herleiten konnte. Ein neues Licht ging ihnen auf und der verhängnißvollen Stille folgte eine allgemeine Aufforderung, der Schiffsherr ſolle ihnen den Mann zeigen. Theils in Folge eines Schreckens, der ſich ſeiner moraliſchen Schwäche zugeſellt hatte, und theils in Leibesangſt ſchob er den Scharfrichter vorwärts, die Perſon des geächteten Mannes ſtatt ſeiner hinſtellend, und ſtahl ſich, den Augenblick benutzend, aus dem Ge⸗ dränge weg. Als Herr Müller, oder, wie er jetzt erkannt und genannt wurde, Balthaſar, rauh in die Hände dieſer wilden Werkzeuge des Aberglaubens geſchleudert war, veranlaßte die vermeintliche Wichtigkeit der Entdeckung eine allgemeine und athemloſe Pauſe. Gleich der ver⸗ — 154— rätheriſchen Stille, welche ſo lange auf dem See ge⸗ herrſcht hatte, war ſie die Vorläuferin eines heftigen, fürchterlichen Ausbruchs. Man ſprach wenig, denn der Augenblick war für ein Darlegen der Gefühle der Menge zu bedeutungsvoll, aber Konrad, Pippo und einer oder zwei andere, nahmen den geglaubten Verbrecher in ihre Arme und trugen ihn wahnſinnig an die Seite des Fahrzeugs. „Rufe die Jungfrau an, zum Heil deiner Seele,“ flüſterte der Neapolitaner, mit einer ſeltſamen Miſchung chriſtlichen Eifers inmitten all ſeiner Wildheit. Der Klang von Worten, wie dieſe, wecken gewöhn⸗ lich den Gedanken an Liebe und Erbarmen; allein unge⸗ achtet dieſes Hoffnungsſtrales ſah ſich Balthaſar ſeinem Tode entgegen ſchleppen. Als Baptiſt das Gedränge verließ, das ſich in einer dichten Maſſe zwiſchen den Maſten geſammelt hatte, be⸗ gegnete er ſeinem alten Gegner, Nikolaus Wagner. Die Wuth, welche ſo lange in ſeiner Bruſt eingeſchloſſen war, machte ſich plötzlich Luft und in dem Wahnſinn des Au— genblicks ſchlug er ihn. Der ſtämmige Berner faßte den Angreifer und der Kampf wurde ungeſtümm, wie der wilder Thiere. Verletzt durch ein ſolches Schauſpiel, beleidigt durch die Unehrerbietung und unkundig deſſen, was in der Nähe vorging— denn der Haufe hatte ſein Urtheil mit der unterdrückten Stimme entſchloſſener Men⸗ ſchen ausgeſprochen— ſchritten der Freiherr von Willa⸗ ding und Signore Grimaldi mit Würde und Feſtigkeit vor, um den ſchmachvollen Streit zu verhüten. In die⸗ ſem kritiſchen Augenblicke wurde, das Brüllen des kom menden Windes übertönend, Balthaſars Stimme gehört, —yʒ— ine ſo tiefe Stille, daß Töne von dem fernen Hafen, — 155— nicht die Jungfrau anrufend, wie er gemahnt worden war, ſondern die zwei alten Edelleute auffordernd, ihn zu retten. Sigismund ſprang bei dieſem Rufe wie ein Löwe vorwärts; aber war es gleich zu ſpät, um die zu erreichen, welche im Begriffe waren, den Scharfrichter uber die Laufplanken zu werfen, ſo kam er doch zeitig genug, den Mann an ſeinen Kleidern zu faſſen, als er eben durch die Luft flog. Durch eine ungeheure Kraft⸗ anſtrengung erhielt er eine andere Richtung. Balthaſar fiel, ſtatt in das Waſſer zu ſtürzen, auf die zornentflamm⸗ ten Kämpfer, die, auf die zwei Edlen zurückgeſtoßen, mit dieſen über die Seite des Schiffes in das Waſſer gedrängt wurden. Der Kampf zwiſchen den zwei Luftmaſſen hörte auf, indem der auf der Oberfläche des Sees der Lawine von oben wich, und der Sturm ſtürzte ſich heulend auf das Fahrzeug. 8 Siebentes Kapitel. Und nun erſchallt der Jubel Der lauten Höh'n von ihrer Berges⸗Luſt. Byron. Es iſt nothwendig, ein wenig zurück zu blicken, um die Begebenheiten zu verbinden. Die Zeichen der Stunde — hatten ſich allmählig, aber in geſteigertem Grade, ver⸗ mehrt. Waͤhrend der See ungekrauſelt dalag, herrſchte — 156— wie der ſchwere Fall eines Ruders, oder das Lachen der Schiffer, das Ohr derer in dem Winkelried erreich⸗ ten und das Gefühl der Sicherheit und den mächtigen Zauber der abendlichen Ruhe mit ſich brachten. Dieſem folgte das Umwölken des Himmels und das Brauſen der Winde, welche bei ihrem erſten Niederſteigen in das Becken des Leman von den Seiten der Alpen niederbra⸗ chen. Wie das Auge nutzlos wurde, ſofern es nicht die düſtern Anzeichen an dem niederhängenden Gewölk be⸗ trachten wollte, war der Gehörſinn doppelt ſcharf gewor⸗ den und hatte ein mächtiges Mittel abgegeben, die unbe⸗ ſtimmte aber herbe Furcht der Reiſenden zu erhöhen. Der Sturz des Windes, der Anfangs unterbrochen war, hatte in Zwiſchenräumen dem Sauſen eines Schornſteins im Sturm geglichen, bald aber die furchtbare Größe je⸗ ner luftigen Schwenkungen von Schwadronen erreicht, auf welche wir ſchon mehr denn einmal angeſpielt haben, und die in ein grimmes Murmeln ſich verloren, das in der tiefen allgemeinen Ruhe eine ſehr nahe Verwandt⸗ ſchaft mit dem Rauſchen der Brandung gegen das Meer⸗ geſtade hatte. Die Fläche des Sees brach ſich zum er— ſtenmal nach einem dieſer Vorgange und dies war das unfehlbare Zeichen eines Sturmes, welches Maſo verge⸗ wiſſert hatte, es ſey keine Zeit zu verlieren. Dieſe Be⸗ wegung des Elementes in einer Windſtille iſt eine allge⸗ meine Erſcheinung auf Waſſern, welche von hohen und unregelmäßigen Vorgebirgen ſehr umgeben ſind, und giebt ein ſicheres Zeichen ab, daß auf einem fernen Theil der Waſſerfläche Wind herrſcht. Auch auf dem Ozean findet man ſie häufig, wo der Matroſe gewohnt iſt, eine ſchwere ——— 1572— See, nach einer Richtung ſich wälzend,— die Wirkung eines entfernten Sturms,— zu treffen, während die Kühlte um ihn her von der entgegengeſetzten Seite weht. Ihr folgte die einzelne rollende Woge, dem äuſſern Wel⸗ lenkreiſe gleich, den der Wurf eines Steines in das Waſſer hervorbringt, und die regelmäßige und wachſende Bewegung des See's, bis das Element wie in einem Sturme losbrach, und zwar ſcheinbar aus eigenem An⸗ trieb, denn es regte ſich kein Lufthauch. Dieſes letzte und furchtbare Vorzeichen des kommenden Sturmes war aber jetzt ſo unzweideutig geworden, daß in dem Augen⸗ blicke, wo die drei Reiſenden und der Rheder über Bord ſtürzten, der Winkelried, um einen Ausdruck der See⸗ leute zu brauchen, wörtlich in den Holen*) der Wellen wühlte. Ein ſchwaches unnatürliches Licht ging den Winden voran und die Natur dieſes Ereigniſſes war ungeachtet der vorhergehenden Dunkelheit allen völlig klar. Selbſt die ungezäͤhmten Geiſter, welche ihrer abergläubiſchen Angſt eben ein ſo wildes Opfer gebracht hatten, ſtießen Schreckenslaute aus, während Adelheid's durchdringender Schrei in dieſem furchtbaren Augenblicke klang, als füh⸗ ren übernatürliche Weſen in dem Sturme daher. Auch Sigismunds Name wurde in einem jener wilden Klage⸗ rufe gehört, welche Verzweifelnde in den letzten Augen⸗ blicken ſich entſchlüpfen laſſen. Aber die Zwiſchenzeit zwiſchen dem Fall in das Waſſer und dem Anprall des **) Der hohle Raum zwiſchen zwei Wellen. Ueberſ. — 158— Sturmes war ſo kurz, daß den Sinnen der Reiſenden das Ganze der Zufall eines unheilſchwangern Momentes ſchien. Maſo hatte ſeine Arbeit auf dem Vorkaſteel voll— bracht, hatte geſehen, daß die übrigen Vorſichtsmasregeln, die er angeordnet hatte, gehörig getroffen waren, und hatte die Ruderpinne*) eben erreicht, um von allem, was vorfiel, noch Zeuge zu ſeyn und es zu verſtehen. Adelheid und ihre weibliche Dienerſchaft waren bereits— durchaus nöthige Vorſichtsregeln— an die Hauptmaſten gebunden und den Anderrn um ſie her Stricke in die Hände gegeben worden; denn das Verdeck des Fahrzeugs, jetzt von jedem einzelnen Theile der Ladung befreit, war der Macht des Windes ſo ausgeſetzt und ſchutzlos wie eine nackte Heide. Dies war die Lage des Winkelrieds, als die Vorzeichen der Nacht zur grauſen Wirklichkeit gediehen. Der Inſtinkt muß in Fällen plötzlicher und unge⸗ wöhnlicher Gefahr die Stelle der Vernunft vertreten. Es war nicht nothwendig, die gedankenloſe aber ſchrecken⸗ ſtarre Menge zu mahnen, an ihre Sicherheit zu denken, denn alle in der Mitte des Fahrzeugs hatten ſich flach auf das Verdeck geworfen und umfaßten mit der Hart⸗ näckigkeit, mit welcher alles, was Leben hat, ſich an die Mittel der Erhaltung anklammert, die Stricke, welche Maſo zu dieſem Zwecke zu verſchaffen Sorge getragen hatte. Die Hunde gaben ſchöne Beweiſe der geheimen und wunderbaren Kräfte, welche die Natur verliehen *) Der Hebel, womit das Steuer gedreht wird. Ueberſetzer. — 159— hat, dem Zwecke ihrer Schöpfung zu entſprechen. Der alte ÜUberto ſchmiegte ſich, zuſammengeduckt und von dem Gefühle der Hülfloſigkeit niedergedrückt, an die Seite ſei⸗ nes Herrn; während der Neufundländer Begleiter des Seemanns von einer Laufplanke zur andern ſprang, die warme Luft einſchnüffelnd und wild bellend, als wollte er die Elemente herausfordern, den Kampf zu beginnen. Eine ſtarke Maſſe warmer Luft war in dem Augen⸗ blicke vor dem beabſichtigten Opfer Balthaſar's unbeach⸗ tet quer durch das Schiff gegangen. Sie war die Vor⸗ läuferin des fliegenden Sturmes, der ſie aus dem Bette, wo ſie ſeit dem glücklichen und warmen Nachmittage ſchlief, gejagt hatte. Zehntauſend Wagen im vollſten Laufe haͤtten dem Rollen nicht gleich kommen können, welches folgte, als die Winde brauſend über den See fuhren. Als wären ſie zu eifrig, um ihren Krallen ir⸗ gend etwas entſchlüpfen zu laſſen, brachten ſie ein wildes, mattes Licht mit ſich, welches den Luftkreis erfüllte, während es ihn bewölkte, und welches, wie man wohl glauben mußte, in ihrem Wirbel von jenen kalten Glet⸗ ſchern herabgetrieben wurde, wo ſie ihre Kräfte für ihr jetziges Herabbrechen ſo lange verſtärkt hatten. Die Wel⸗ len wurden durch den Druck dieſer Luftſäule nicht geho⸗ ben, ſondern niedergedrückt, obgleich er ihren Säumen große Waſſermaſſen nahm und dieſe in einem feinen durchdringenden Staubregen verſprützte, bis der ganze Raum zwiſchen Himmel und Erde mit ihren Theilchen geſättigt ſchien. Der Winkelried erhielt den Stoß in einem Augen⸗ — 160— blicke, wo die Leeſeite*) des breiten Decks in der Hole wühlte und die Luvſeite auf die Spitze einer Woge ge⸗ hoben war. Der Wind heulte, wie er auf den bezeich⸗ neten Raum ſtieß, als wenn er zürnte, ein Hinderniß zu finden und unter den breiten Laufplanken war ein Brüllen, das dem von Löwen glich. Das taumelnde Schiff wurde auf eine Weiſe gehoben, welche die an Bord glauben ließ, es ſollte wirklich aus dem Waſſer empor gebracht werden; aber das raſtloſe Rollen des Elementes ſtellte das Gleichgewicht wieder her. Maſo verſicherte nachher, daß es nur dieſer zufälligen Lage, welche eine Art Wall bildete, zu danken geweſen, daß nicht alle bei dem erſten Stoß des Sturmes von dem Verdeck herabgeriſſen worden wären. Sigismund hatte das herzzerreiſſende Geſchrei des jungen Fräuleins gehört und ungeachtet des ſchrecklichen Kampfes der Elemente und dem furchtbaren Charakter der Nacht, trotzte er allein dem Ungeſtümm in ſtehender Stellung. Seine herculiſche Geſtalt, obgleich von einem Seile unterſtützt und wie ein Rohr gebogen, zitterte unter dem Stoß ſo, daß ſelbſt ſeine Kraft es ernſthaft bezwei⸗ feln ließ, ob er widerſtehen würde. Als aber der erſte Stoß vorüber war, ſprang er auf die Laufplanke und ſtürzte unbedenklich und doch im Beſitze aller ſeiner geiſtigen Kräfte in den Keſſel des Sees. Er hatte den verzweifelten Entſchluß gefaßt, ein Leben zu retten, das Adelheid ſo theuer war, oder in dem Verſuche zu ſterben. *) Die dem Winde nicht ausgeſetzte Seite. Die andere Seite die Luvſeite. Ueberſetzer. Hole gk⸗ eich⸗ niß ein nde an ſſer des kaſo age, daß dem des chen kter nder nem nter wei⸗ erſte und iner den das ben. dere — 161— Maſo hatte den gefährlichen Augenblick mit eines Seemanns Auge, eines Seemanns Hülfsmitteln und ei⸗ nes Seemanns Kaltblütigkeit wahrgenommen. Er hatte es nicht verſchmäht, die ſtehende Stellung aufzugeben, ſondern ſich auf ein Knie gekniet, die Ruderpinne nie⸗ dergedrückt, ſie geſorrt*) und, an das ſtarke Holz ge⸗ klammert, dem Sturme mit der Feſtigkeit eines Waſſer⸗ gottes trotz geboten. Es war etwas Erhabenes in der Intelligenz, der Entſchloſſenheit und der kaltblutigen Ge⸗ ſchicklichkeit, mit welcher dieſer einſame, unbekannte und faſt hoffnungsloſe Seemann ſeinem Berufs⸗Inſtinkt in dieſer grauſen Erſchütterung der Elemente gehorchte, die, jeder Feſſel baar, jetzt ihrem wilden und ungeſtümmen Wil⸗ len überlaſſen ſchienen. Er warf ſeine Mütze bei Seite, ſtrich ſein dichtes aber langes Haar wie einen Schleier vor⸗ wärts, um ſeine Augen zu ſchützen und ſah dem erſten Andrang des Windes entgegen, wie der vorſichtige aber kühne Leu ſeinen Blick auf den feindlichen Elephanten rich⸗ tet. Ein bitteres Lächeln ſtahl ſich über ſeine Züge, als er das Schiff ſich wieder in ſeinem furchtbaren Bette zu⸗ recht richten ſah, nachdem der athemloſe Augenblick vor⸗ über war, in welchem man fürchten durfte, es werde wirklich aus ſeinem eigentlichen Elemente empor gehoben. Jetzt wurde die Vorſichtsmaßregel, welche andern ſo nutz⸗ los und unbegreiflich geſchienen, wirkſam. Das Schiff ſchoß in einem furchtharen Wirbel von dem Fleck, auf welchem es ſo lange gelegen hatte, und wich dem Unge⸗ ſtumm des Sturmes, wie eine Wetterfahne auf ihrem *) Feſtgebunden. 76— 78. — 162 Stifte, während einige Waſſerſtrahlen über das Verdeck ſchoſſen. Aber die Ankertaue waren nicht ſobald ſteif, als die vielen Anker Widerſtand leiſteten und das Fahr⸗ zeug grade in den Wind brachten. Maſo fühlte das Nachgeben des Spiegels des Schiffes, aléges ſich wü⸗ thend umſchwang, und jauchzte laut. Das Zittern der Spannen, das Platſchen gegen den geſpitzten Schnabel und der hohe Waſſerſtrahl, welcher über die Backen ſchoß und ſchwer auf das Vorkaſteel niederfiel, das Hinter— theil mit einer Fluth überſpülend, waren eben ſo viele Beweiſe, daß die Kabele feſt waren. Mit faſt der gan⸗ zen Würde, welche ein Fechtmeiſter in der Darlegung ſeiner Kunſt zeigt, ging er von ſeinem Poſten vorwärts und rief nach ſeinem Hund. „Nettuno!— Nettuno!— Wo biſt du, braver Nettuno?⸗ Das treue Thier war wimmernd, ungehört in dem Kampf der Elemente an ſeiner Seite. Es harrte nur dieſer Ermuthigung, um zu handeln. Sobald es die Stimme ſeines Herrn gehört hatte, bellte es laut, beſchnuffelte die Luft, ſprang auf die Seite des Schiffes und ſtürzte ſich in den kochenden See. Melchior von Willading und ſein Freund kamen nach ihrem Sturze an die Oberfläche des Waſſers wie Men⸗ ſchen zurück, welche in einer Welt erſcheinen, die den Höllenlaunen der Dämone der Finſterniß überlaſſen wurde. Der Leſer wird einſehen, daß es in dem Augenblick ge⸗ ſchah, wo der eben beſchriebene Stoß der Winde ſtatt fand; denn was uns ſo viele Blätter koſtete, um es in A— —— A— —— — 163— Worten zu beſchreiben, bedurfte in der Ausführung kaum eine Minute Zeit. Maſo kniete am Rande der Laufplanke und hielt ſich feſt, indem er den Arm um ein Wandtau ſchlang; ſich vorbeugend biickte er ſchmerzvollen Blickes in den Keſſel des See's. Einmal oder zweimal glaubte er das ſchwache Athmen eines Menſchen zu hören, welcher mit dem wü— thenden Waſſer kämpfte; aber es war leicht, ſich in die⸗ ſem Brüllen der Winde zu täuſchen. Er ermuthigte je⸗ doch mit ſtarker Stimme ſeinen Hund und raſch ein klei⸗ nes Tau faſſend, machte er eine Hebe⸗Bugt aus einem ſeiner Ende. Mit einem beſondern Schwung und Ge⸗ ſchick warf er dieſes weit von ſich, holte es an und wie⸗ derholte ſtandhaft und mit unermüdeter Thätigkeit dieſe Verſuche. Das Tau wurde nothwendig auf den Zufall ausgeworfen, denn das neblige Licht hinderte den Ge⸗ brauch des Auges mehr, als es ihn förderte, und das Heulen der luftigen Gewalten erfüllte ſein Ohr mit Tö⸗ nen, welche dem Lachen von Teufeln glichen. In der Pflege der jugendlichen Kräfte durch Übun⸗ gen jeder Art hatte keiner der zwei alten Edlen die nütz— liche Kunſt vernachläſſigt, ſich mit den Wellen herumzu⸗ tummeln. Aber beide hatten, was in dieſer Noth von höherm Werth war, als die Kunſt eines Schwimmers, jene Selbſtbeherrſchung und Kaltblütigkeit in ſchwierigen Lagen, welche ſich die wohl erwerben, welche ihre Zeit hinbringen, den Fährlichkeiten und Widerwärtigkeiten des Krieges ſich entgegen zu ſtellen und ſie zu beſiegen. Jeder behielt daher, als ſie zur Oberfläche kamen, hin⸗ reichendes Bewußtſeyn, ſeine Lage zu begreifen und die 11* 164— Gefahr nicht durch ſchlecht gerichtete und wahnwitzige An⸗ ſtrengungen zu vermehren, welche den Erſchreckten ge⸗ wöhnlich verderben. Die Lage war im beſten Fall hin⸗ reichend verzweifelt, ohne die neue Gefahr der Geiſtes⸗ abweſenheit, denn das Fahrzeug war bereits an einen unbekannten Ileck weggetrieben worden, welcher in Be⸗ zug auf ſie ganz unerreichbar war. In dieſer Ungewiß⸗ heit wäre es Wahnſinn geweſen, mitten in die Waſſer⸗ wüſte zu lenken, wo ſie eben ſo gut recht als falſch ſteuern konnten, und ſie beſchränkten ihr Bemühen, ſich gegenſeitig zu helfen und zu ermuthigen, ihr Vertrauen auf Gott ſetzend. Nicht ſo Sigismund. Für ihn war der brüllende Sturm ſtumm, der kochende und ziſchende See hatte keine Schrecken, und er war in den bodenloſen Leman ſo ſorglos geſtürzt, wie er an das Land geſprungen wäre. Der Schrei Adelheid's:„Sigismund, ach, Sigismund!“ ſcholl in ſeinen Ohren und ihr Angſtruf durchbohrte ihm jeden Nerv. Der athletiſche junge Schweizer war ein erfahrner und geübter Schwimmer, ſonſt wäre es un⸗ möglich geweſen, daß ſelbſt dieſe ſtarken Triebfedern den Inſtinkt der Selbſterhaltung beſiegt hätten. In einem ruhigen Becken wäre es fur ihn keine ſehr große und ungewöhnliche That geweſen, die Entfernung zwiſchen dem Winkelried und den Ufern der Waadt zu durch⸗ ſchwimmen; aber er war, als er ſich in das Waſſer warf, gleich den Andern gezwungen, ſeinen Weg auf's Unge⸗ fähr zu nehmen und auch dies mitten in einem ſolchen wilden Schaum, daß ſelbſt das Athemholen erſchwert wurde. Die Wellen waren, wie geſagt, durch den Wind d — 165— eher in ihr Bett niedergedrückt, als vermehrt worden; wäre dies aber auch nicht geweſen, ſo bietet das bloße Heben und Fallen des Elements, während ſeine Eile da— durch gehemmt wird, dem geübten Schwimmer eher eine Stütze als ein Hinderniß. Ungeachtet aller dieſer Vortheile, der Stärke ſeiner Triebfedern und der zahlloſen Gelegenheiten, bei welchen er den Wellen des Mittelmeeres getrotzt hatte, fühlte Sigismund dennoch, als er von ſeinem Sturze zu ſich kam, die ſchrecklichen Wahrſcheinlichkeitsfälle der Gefahr, die er lief, wie der ernſte Krieger dem Schickſal der Schlacht entgegen geht, in welcher, wie er weiß, ſo der Sieg wie der Tod zu finden iſt. Er ſchlug das erregte Waſſer von ſich, obgleich er blindlings ſchwamm, und jeder Schlag drängte ihn weiter von dem Fahrzeuge, das ihm allein Hoffnung zur Rettung bot. Er war zwiſchen ſchwarz rollenden Hügeln, und wenn er ihre Gipfel er⸗ reichte, machte ein Orkan von feuchtem Dunſt, daß er ſich freute, wieder in einen ähnlichen Schutzort hinab zu ſinken. Auch die ſich brechenden Spitzen der Wogen, die in Schaum dahinſprühten, waren ihm zu großer Qual; denn ihre Gewalt war ſo groß, daß ſie ihn mehr als einmal wie ein Stück Holz vor ſich hin ſchleuderten. Doch ſchwamm er kühn und mit Kraft dahin, denn die Natur hatte ihn mit mehr als der gewöhnlichen phyſiſchen Kraft des Mannes ausgeſtattet. Aber ſeines Weges ungewiß, unfähig, die Länge ſeines eigenen Körpers zu ſehen, und von dem Winde hart bedräͤngt, würde ſelbſt der Geiſt des Sigismund Steinbach ſo vielen widrigen Umſtänden rülhr lange widerſtanden haben. Er hatte ſich bereits, — 166— in ſeinem Entſchluſſe ſchwankend, gewendet, indem er glaubte, des Fahrzeugs in der Richtung, in der er ge⸗ kommen war, anſichtig zu werden, als eine dunkle Maſſe unmittelbar vor ſeinen Augen ſchwamm und er die kalte, klebrichte Naſe des Hundes fühlte, mit der dieſer ſein Geſicht beroch. Der bewundernswürdige Inſtinkt, oder, wie wir eher ſagen ſollten, die treffliche Dreſſur des Nettuno ſagte ihm, daß man ſeiner Hülfe hier nicht be⸗ dürfe; er bellte in wilder Luſt, gleichſam des hölliſchen Lärms des Sturmes ſpottend, wandte ſich ſeitwärts und ſchwamm ſchnell weiter. Ein Gedanke durchzuckte wie ein Blitz Sigismunds Gehirn. Seine beſte Hoffnung ſtützte ſich auf den unerklärlichen Inſtinkt dieſes Thieres. Er warf einen Arm vor, faßte den buſchigen Schweif des Hundes und ließ ſich von ihm vorwärts ziehen, nicht wiſſend wohin, und doch die Bewegung durch ſeine ei⸗ gene Kraft unterſtützend. Ein neues Bellen verkündigte ihm, daß der Verſuch Erfolg hatte und Stimmen, die aus dem Waſſer zu kommen ſchienen, dicht bei ihm, zeug⸗ ten von der Nähe menſchlicher Weſen. Die Wuth des Orkans war vorüber und das Spülen der Wellen, das durch das Gebrüll und das Lärmen der Winde gedämpft worden war, ließ ſich wieder hören. Die Kraft der zwei kämpfenden alten Männer war dem Erlöſchen nahe. Signor Grimaldi hatte bis jetzt ſeinen Freund, der in dem Waſſer minder erfahren war als er, großmüthig unterſtützt und fuhr fort, ihn mit einer Hoffnung zu tröſten, die er ſelbſt nicht hegte, es bis zum letzten Augenblick edel von ſich weiſend, ihr Schickſal zu trennen. 4—„ —„ —,—— — 167— „Wie fuͤhlſt du dich, alter Melchior?“ fragte er. „JFaſſe Muth— ich glaube, es iſt Hülfe zur Hand.“ Das Waſſer ſtrudelte zum Mund des Freiherrn, der dem Erſticken nahe war. „Sie kömmt ſpät— lebe wohl, liebſter Gaetano— Gott ſchütze mein Kind— meine Adelheid— die arme Adelheid!“ 3 Das Nennen dieſes theuern Namens während des Todeskampfes eines Vaters rettete höchſt wahrſcheinlich ſein Leben. Der kräftige Arm Sigismunds, durch dieſe Worte geleitet, faßte ſein Kleid und der junge Mann fühlte plotzlich, daß eine neue und rettende Macht zwi— ſchen ihn und die Tiefen des See's getreten war. Es war Zeit, denn das Waſſer hatte das Antlitz des ohn⸗ mächtigen Freiherrn bedeckt, ehe der ſehnige Arm des Jünglings ihm den wohlthätigen Beiſtand leiſtete. „UÜberlaßt Euch dem Hunde, Signore,“ ſagte Si⸗ gismund, ſeinen Mund von dem Waſſer befreiend, um ruhig zu ſprechen, nachdem er ſeiner eigenen Bürde ſich verſichert hatte:—„Vertraut ſeiner Klugheit und— Gott ſey mit uns— alles kann noch gut werden.“ Signor Grimaldi hatte noch hinreichende Geiſtes⸗ gegenwart, um dieſem Rathe zu folgen und es war wahrſcheinlich ein eben ſo großes Glück, daß ſein Freund ſein Bewußtſeyn ſo weit verloren hatte, daß er eine wi⸗ derſtandloſe Laſt in Sigismunds Händen wurde. „Nettuno!— Wackerer Nettuno!“— klang es zum erſten Mal im Winde zu ihnen heran, da das theilweiſe Schweigen des Sturms den hellen Ruf Maſo's ſo weit reichen ließ. Der Ton leitete Sigismunds Anſtrengun⸗ — 168— gen, denn der Hund war in dem Augenblicke, wo er den Genueſer gefaßt hatte, rüſtig und mit einer Sicher⸗ heit weggeſchwommen, welche zeigte, daß er wegen der Richtung nicht verlegen war. Aber Sigismund hatte ſeine Kräfte überſchätzt. Er, der auf einer gewöhnlichen See ſich ſtundenlang herum⸗ getummelt hätte, war jetzt durch die ungewöhnlichen An⸗ ſtrengungen, durch den betäubenden Einfluß des Stur⸗ mes und das klotzartige Gewicht ſeiner Laſt, gänzlich er⸗ ſchöpft. Er wollte Adelheid's Vater nicht verlaſſen und doch hieß ihm jeder kraftloſe und unnütze Schlag ver⸗ zweifeln. Der Hund war bereits in der Dunkelheit ver⸗ ſchwunden und er war ſelbſt ungewiß über die wahre Lage des Fahrzeugs. Er betete im Todeskrampfe, um einen einzigen Blick auf die ſich wiegenden Maſten, eine Sylbe der ermunternden Stimme Maſo's erhaſchen zu können. Jener Wunſch war ſo vergeblich wie dieſer. Statt des erſtern bot ſich ihm nichts, als das verhüllte neblige Licht, das mit dem Orkan gekommen war, und ſtatt der letztern füllte das Spülen der Wellen und das Brüllen des Sturms ſein Ohr. Die Windſtöße ſtiegen bald auf die Oberfläche des See's herab, bald gingen ſie wirbelnd und ſchwellend aufwarts, ſo daß der, welcher ſie hörte, ſich denken mußte, die unſichtbaren Winde wollten ſich einmal ſehen laſſen. Einen einzigen pein⸗ lichen Augenblick, in einem jener entmuthigenden Mo⸗ mente der Verzweiflung, die ſich auch des Kräftigſten be⸗ mächtigen, war ſeine Hand im Begriff, den Freiherrn fahren zu laſſen und den letzten natürlichen Kampf um das Leben zu wagen; aber jenes ſchöne und beſcheidene — 169— Bild jungfräulicher Anmuth und Treue, das ſeine wachen⸗ den Stunden ſo lange begleitet, ſeine Nacht⸗Träume ſo lange verſchönert hatte, hielt ihn davon ab. Nach die⸗ ſer kurzen und vorübergehenden Schwäche ſchien der junge Mann mit neuer Kraft begabt. Er ſchwamm kräf⸗ tiger und mit ſichtbar größerm Vortheile als vorher. „Nettuno!— wackerer Nettuno!“— ſcholl es wie— der über ihm hin, und brachte die fürchterliche Gewiß⸗ heit mit ſich, daß er durch das Rollen der Wellen von ſeiner Richtung abgekommen war und dieſe verzweifelten Anſtrengungen vergeudet hatte, indem er einen Weg ver⸗ folgte, der ihn von dem Fahrzeug entfernte. So lange der entfernteſte Schein eines glücklichen Erfolges da war, konnten keine Schwierigkeiten, wie groß ſie auch waren, ſeine Hoffnung gänzlich vernichten; als aber die herbe Überzeugung, daß er die Gefahr wirklich gefördert habe, ſtatt ſie zu vermindern, Sigismund bedrängte, gab er ſeine Anſtrengungen auf. Das höchſte, was er zu voll⸗ bringen ſtrebte und hoffte, war, ſeinen und ſeines Ge⸗ fährten Kopf über dem verhängnißvollen Elemente zu er⸗ halten, während er Maſo's Ruf mit einem Schrei der Verzweiflung beantwortete. „Nettuno— wackerer Nettuno!“— ſcholl es wieder im Winde daher. Dieſer Ruf konnte eine Antwort, oder auch das bloße Italieniſche Ermuthigen des Hundes ſeyn, den Kör⸗ per heran zu tragen, mit welchem er bereits beladen war. Sigismund gab einen Schrei von ſich, welcher, wie er fühlte, der letzte ſein mußte. Er kampfte ver⸗ zweifelt, aber vergeblich: die Welt und ihre Reize ent⸗ — 170— ſchwanden aus ſeinen Gedanken, als eine dunkle Leine ſich über ihm ſchwang und platſchend grade auf die Welle fiel, die ſein Geſicht bedeckte. Ein inſtinktmaßiger Griff faßte ſie und der junge Krieger fühlte ſich vorwärts ge⸗ zogen. Er hatte das Tau gefaßt, welches der Seemann ohne Unterlaß ausgeworfen, wie der Fiſcher ſeine Angel⸗ ſchnur auswirft, und er war an der Seite des Schiffes, ehe die Verwirrung ſeines Geiſtes ihn in den Stand ſetzte, die zu ſeiner Rettung angewendeten Mittel zu begreifen. Maſo zog haſtig an dem Tau und ſich vorwärts beugend, brachte er, begünſtigt von einer Bewegung des Schiffes auf die Seite, den Freiherrn von Willading auf das Deck. Die Gelegenheit wahrnehmend wiederholte er ſtets mit bewundernswürdiger Geſchicklichkeit und Beſon⸗ nenheit, den Verſuch, und brachte auch Sigismund in Sicherheit. Der erſtere wurde ohnmächtig ſofort in die Mitte des Fahrzeugs gebracht, wo ihm die Aufmerkſam⸗ keit, welche dem Signore Grimaldi eben geworden war, und mit demſelben glücklichen Erfolge gewidmet wurde. Aber Sigismund wieß alle von ſich weg, da er wußte, daß ihre Sorgfalt anderswo nöthiger war. Er tau⸗ melte einige Schritte vorwärts und fiel, der gänzlichen Erſchöpfung ſeiner Kräfte weichend, ſeiner ganzen Länge nach auf die naſſen Planken. Lange lag er keichend, ſprachlos, unfähig ſich zu bewegen, todtenähnlich. „Nettuno!— wackerer, wackerer Nettuno!“— rief der unermüdliche Maſo, noch immer auf ſeinem Poſten auf der Laufplanke, wo er ſein Tau mit unwandelbarer Standhaftigkeit auswarf. Die launigten Winde, welche ——, 9— — 171— in dieſer begebnißreichen Nacht ſchon ſo manche rauhe Poſſe geſpielt hatten, ſänftigten ſich merklich, und, indem ſie einigemal ächzten, als thue es ihnen leid, jetzt wieder von dem allmächtigen Gebieter, deſſen gütiger Hand ſie ſo heimlich entſchlüpft waren, bewältigt zu werden, hör⸗ ten ſie eben ſo plötzlich auf zu wehen. Die Raaen knack⸗ ten, loſe über dem belebten Deck ſich wiegend und das trage Spülen der Wellen klang vernehmlich in das Ohr. Zu dieſen geſänftigteren Tönen geſellte ſich das Bellen des Hundes, der noch draußen in der Dunkelheit war, und ein dumpfes Getöſe, wie der gebrochene und er⸗ ſtickte Laut menſchlicher Stimmen. Obgleich allen denen, welche des Ausgangs harrten, die Zeit ein Jahrhundert dünkte, waren doch, ſeitdem der Vorfall ſich ereignete und der Orkan ſie erreicht hatte, kaum fünf Minuten verfloſſen. Es war daher immer Hoffnung für die, welche noch in dem Waſſer waren. Maſo fühlte den Eifer deſ⸗ ſen, der bereits glücklicher geweſen als er gehofft hatte, und begierig auf irgend ein Zeichen, das ihn leiten konnte, beugte er ſich hinaus, bis die rollenden Wellen ihm in das Geſicht ſpülten. „Ha, wackerer— wackerer Nettuno!“ Es war gewiß, er hörte Menſchenſtimmen, und zwar ganz nahe. Aber die Töne glichen Worten, welche aus einer Hülle hervorzukommen ſchienen. Auch der Wind pfiff, für einen Augenblick nur, und ſchien dann auf⸗ wärts in das dunkle Himmelsgrwolbe zu ſegeln. Net⸗ tuno bellte hörbar und ſein Herr antwortete mit einem neuen Rufe, denn die Sympathie des Menſchen gegen ſeines gleichen iſt unauslöſchlich. 172— „Mein braver, mein edler Nettuno!“ Die Stille war jetzt auffallend und Maſo hörte den Hund brummen. Dieſem nicht glücklichen Zeichen folgte unläugbar der Ton erſtickter Stimmen. Die letztern wurden vernehmlicher, als wären die höhniſchen Winde gewillt, einen traurigen Beweis menſchlicher Schwäche bekannt werden zu laſſen, oder, was wahrſcheinlicher iſt, eine heftige Leidenſchaft hatte ſtärkere Kräfte zum Spre— chen geweckt. So viel verſtand der Seemann: „Laß deine Hand los, verfluchter Baptiſt!“ „Schurke, laß deine eigene los!“ „Denkſt du nicht an Gott?“ „Warum würgſt du mich ſo, hölliſcher Nikolaus?“ „Du wirſt als ein Verdammter ſterben!“ „Du erſtickſt mich— Schurke— Gnade!— Gnade!“ Er hörte nichts mehr. Die erbarmenden Elemente endigten den ſchrecklichen Kampf. Ein oder zweimal heulte der Hund, aber der Sturm kam wieder über den Leman in ſeiner Macht, als hätte die kurze Pauſe ihm nur gedient, Athem zu ſchöpfen. Die Winde nahmen eine neue Richtung und das Fahrzeug, noch von ſeinen Ankern gehalten, ſchwang ſich weit ab von ſeiner frühern Lage, den Savoyiſchen Bergen zugewendet. Wahrend des erſten Ausbruchs dieſes neuen Windſtoßes war ſelbſt Maſo froh, ſich auf das Verdeck zu ducken, denn Millio⸗ nen unendlich feiner Theilchen wurden aus dem See emporgeſchleudert und mit der Luft ſo heftig fortgetrie⸗ ben, daß man kaum athmen konnte. Auch die Gefahr, von der wüthenden Fluth des ſchwellenden Waſſers weg⸗ geriſſen zu werden, war ein nicht unmöglicher Fall. Als —— ———————— — 173— die Stille wiederkehrte, war er bei aller Anſtrengung nicht im Stande, einen Laut zu hören, welcher dem ei⸗ genthümlichen Charakter der Scene fremd geweſen ware, wie das Anſchlagen des Waſſers, und das Knarren der langen, ſich ſchwingenden Raaen. Der Seemann fühlte jetzt eine tiefe Beſtürzung we⸗ gen ſeines Hundes. Er rief ihm, bis er heiſer wurde, aber umſonſt. Der Wechſel der Lage, und die fortwah⸗ rende und wechſelnde Abtrift*) des Schiffes hatte ſie weiter weggeführt als die menſchliche Stimme reichen konnte. Der Ruf:„Nettuno, wackerer Nettuno!“ nahm mehr Zeit in Anſpruch, als der Gang aller der Begeb⸗ niſſe, welche ſo im Einzelnen zu erzahlen unſer Gegen⸗ ſtand erforderte; dennoch blieb alles Rufen vergeblich. Maſo's Geiſt war weit über die Anſichten und Gewohn⸗ heiten derer erhaben, mit welchen ſein Leben ihn gewoͤhn⸗ lich in Berührung brachte; aber wie feines Gold Flecken annehmen wird, wenn man es der unreinen Luft aus⸗ ſetzt, ſo war er den herkömmlichen Schwächen der Italie⸗ ner ſeiner Klaſſe nicht entgangen. Als er ſah, daß kein Rufen ſeinen treuen Gefährten zurückbringen konnte, warf er ſich in einem Anfall des Schmerzes auf das Deck, raufte ſich die Haare aus und weinte laut. „Nettuno! mein braver, mein treuer Nettuno!“ ſagte er.„Was ſind mir alle dieſe Leute ohne dich! du allein liebteſt mich— du allein haſt mich in Glück und Unglück begleitet— in guten und ſchlimmen Tagen— *) Das Treiben des Schiffes, nicht in der Richtung ſeines Kiels, ſondern mehr oder weniger nach der Seite, wo⸗ hin der Wind weht. Ueberſ. — 174— ohne Wandel, ohne Wunſch nach einem andern Herrn. Wenn der angebliche Freund falſch war, bliebſt du treu! Wenn andere Schmarotzer waren, warſt du nie ein Schmeichler!⸗ über dieſe ſeltſame Auſſerung des Schmerzes in Staunen geſetzt, näherte der gute Auguſtiner, welcher bis jetzt, wie alle Andern auf ſeine eigene Sicherheit bedacht geweſen war, oder ſich der Sorge für die Er⸗ ſchöpften geweiht hatte, und nun den glücklichen Wechſel des Wetters benutzte, ſich mit Worten des Troſtes. „Ihr habt unſer Aller Leben gerettet, kühner See⸗ mann,“ ſagte er, ound es ſind Leute in dem Schiffe, welche Euern Muth und Eure Geſchicklichkeit zu beloh⸗ nen wiſſen werden. Vergeßt daher Euern Hund und neigt Euch mit dankbarem Herzen der Jungfrau und den Heiligen, daß ſie in dieſer ungemeinen Gefahr auf uns und Euch huldvoll nieder ſahen.“ „Vater, ich habe gegeſſen mit dem Thiere— ge⸗ ſchlafen mit dem Thiere— gefochten, geſchwommen, mich gefreut mit ihm, und könnte mich nun mit ihm erträn— ken! Was ſollen mir dieſe Edlen und ihr Gold, ohne meinen Hund? Das wackere Thier wird in Verzweif⸗ lung ſterben, inmitten der Dunkelheit umher ſchwimmen, das Fahrzeug ſuchend, bis ſelbſt ein Geſchöpf von ſeiner trefflichen Zucht und ſeinem hohen Muthe ſein Herz brechen laſſen muß.⸗ „Chriſten ſind dieſe Nacht ohne Beichte und Abſo⸗ lution vor das furchtbare Gericht gerufen worden und wir ſollten ihrer Seelen gedenken und nicht dem Schmerz um ein Weſen nachhangen, das, wie treu es auch war, — 175— nur ein vernunftloſes und unverantwortliches Daſeyn endigt.“ Alles dies machte keinen Eindruck auf Maſo, welcher ſich bei der Erwähnung der Ertrunkenen herkömmlich bekreuzigte, aber darum nicht minder den Verluſt ſeines Hundes bejammerte, den er mit der Innigkeit, welche David dem Jonathan weihte, mit einer Liebe liebte, die die zu dem Weibe übertraf. Als der wackere Auguſtiner bemerkte, daß ſein Zureden vergeblich war, wandte er ſich weg, um ſich niederzuknien und ſeine Dankgebete darzubringen und für die Todten zu beten. „Nettuno, povera, carissima bestia!⸗ fuhr Maſo fort,— ⸗wohin ſchwimmſt du in dieſem hölliſchen Kampfe zwiſchen der Luft und dem Waſſer? Ich wollte, ich wäre bei dir, Hund! Kein ſterbliches Weſen ſoll je die Liebe theilen, die ich für dich fühle, povero Nettuno! Ich werde nie ein anderes an mein Herz nehmen, das dir gleicht!⸗ Der Ausbruch von Maſo's Kummer war heftig und von kurzer Dauer. In dieſer Hinſicht war er dem Or⸗ kan zu vergleichen, der ſich eben verzogen hatte. In bei⸗ den Fällen ſchien die äußerſte Heftigkeit ihr eigenes Heil⸗ mittel zu bringen, denn die unregelmäßigen, launiſchen Windſtöße von den Bergen hatten bereits aufgehört und es folgte eine ſtarke aber ſteetige Küͤhlte aus Norden, und Maſo's Gram endigte bald ſeine charakteriſtiſchen Klagen, um einen ſteetigeren und ruhigeren Charakter anzunehmen. Bei all den vorhergehenden Scenen hatten ſich die gewöhnlichen Paſſagiere theils in Schrecken, theils in 176— tödtlicher Furcht und vornehmlich wegen offenbarer Un⸗ fähigkeit, ſich zu bewegen, ohne Gefahr zu laufen, von dem ſchutzloſen Schiff in den See geſchleudert zu wer⸗ den, auf das Verdeck geſchmiegt. Wie aber die Stärke des Windes ſich minderte und die Bewegung des Fahr⸗ zeugs regelmäßiger wurde, ſuchten ſie ſich zu ſammeln, wie Leute, die in einer Verzückung lagen, und einer nach dem andern erhob ſich auf ſeine Füße. Um dieſe Zeit hörte Adelheid die Stimme ihres Vaters, der ihre Sorgfalt prieß und ihren Schmerz ſänftigte. Der Nord⸗ wind wehte die Wolkenhülle hinweg und die Sterne ſchienen auf den zornigen Leman, eine ahnliche Verheiſ⸗ ſung göttlichen Beiſtandes mit ſich bringend, wie die Feuer⸗ ſäule ſie den Iſraeliten auf ihrem Durchgang durch das rothe Meer gewäahrte. Solch ein Zeichen des zurückkeh⸗ renden Friedens brachte neues Vertrauen mit ſich. Alle in dem Fahrzeuge, Paſſagiere ſo wie die Mannſchaft, faßten bei dieſen erfreulichen Zeichen Muth, wahrend Adelheid in Dankbarkeit und Freude über den grauen Haaren ihres Vaters weinte. Die Dringlichkeit der Umſtände, und die unvergleich⸗ liche Geſchicklichkeit und der Muth, welche Maſo während der fürchterlichen Augenblicke äußerſter Gefahr an den Tag gelegt hatte, veranlaßten es, daß man ihm die voll⸗ ſtändige Leitung des Winkelried anheim gab. Sobald es ihm gelungen war, Herr ſeines Schmerzes zu werden, rief er die Leute um ſich und gab ſeine Befehle zu den neuen Maßregeln, die nothwenpig geworden waren. Alle, die dem Einfluſſe der Winde unterworfen wa⸗ ren, wiſſen, daß es nichts unbeſtändigeres gibt. Ihre ——„ Wandelbarkeit iſt zum Sprichwort geworden; aber ihre Unbeſtändigkeit ſo wie ihre Kraft, von dem fächelnden Hauche bis zu dem zerſtörenden Orkan müſſen Urſachen zugeſchrieben werden, welche hinreichend klar, obgleich in ihrem Weſen von den Berechnungen unſeres vor⸗ ſchauenden Geiſtes verborgen ſind. Der Sturm der Nacht rührte von der einfachen Thatſache her, daß eine verdichtete und gekältete Luftſäule der Berge auf das er⸗ hitzte Suß etat des Sees gedrückt und letzteres, nach ei⸗ nem langen Widerſtande, plötzlich einen Ausweg findend zu entſchlüpfen, genöthigt war, den Katarakt von oben herein zu laſſen. Wie bei allen außerordentlichen Kraft⸗ außerungen, phyſiſchen wie moraliſchen, die Gegenwir⸗ kung eine Folge übergewöhnlicher Kraftanſtrengungen zu ſeyn ſcheint, kehrten jetzt die Luftſtröme, über ihre Grän⸗ zen herausgetrieben, wieder zurück, wie eine Fluth zu ihrer Ebbe. Dies veranlaßte den Nordwind, welcher dem Orkan folgte. Der Wind, der von den Ufern der Waadt blies, war ſtetig und friſch. Die Fahrzeuge des Leman ſind nicht gebaut, um luvwärts*) zu ſegeln und es ware ſelbſt die Frage geweſen, ob der Winkelried ſeine Segel gegen eine ſo heftige Kühlte getragen hätte. Maſo ſchien ſeiner Sache aber durchaus gewiß zu ſeyn und da er den Einfluß erlangt hatte, welchen Kühnheit und Geſchicklich⸗ keit immer in gefährlichen Lagen über Schwanken und Furchtſamkeit davon tragen, ſo gehorchten ihm alle an Bord mit Unterwerfung, wenn nicht mit Eifer. Man *) Dem Wind entgegen. Ueberſ. 76— 78. 12 178— hörte nichts mehr von dem Scharfrichter oder ſeinem ge⸗ glaubten Einfluß auf den Sturm; und da er ſich klüg lich in dem Hintergrund hielt, um ein Wiedererwachen⸗ des Aberglaubens ſeiner Feinde nicht befürchten zu laſſen, ſchien er gänzlich vergeſſen. Das Wiedereinholen der Anker nahm eine geraume Zeit weg, denn Maſo gab jetzt, wo keine Nothwendigkeit zu einem ſolchen Opfer vorhanden war, nicht zu, daß auch nur ein Hanffaden abgeſchnitten wurde; als das Fahrzeug dieſes Haltes im Waſſer erledigt war, wirbelte es weg und trieb bald vor dem Winde.*) Der See⸗ mann, der am Steuer ſtand, ließ die Vorſegel**) los⸗ machen und ſteuerte grade auf die Felſen von Savoyen zu. Dieſes Manoeuvre erregte unangenehmen Verdacht bei mehreren an Bord, denn der ungebundene Charakter ihres Steuermanns war in dem Laufe ihrer kurzen Be⸗ kanntſchaft mehr als verdächtig geworden und die Kü⸗ ſten, gegen welche ſie furchtbar zutrieben, waren als ei⸗ ſenumlegt und für alle unglücklich bekannt, welche in ei⸗ ner ſolchen Kühlte rauh auf ihre Jelſen kamen. Eine halbe Stunde entfernte allen Argwohn. Als er den Bergen nahe genug war, um ihren ſchwächenden Einfluß auf die Kühlte zu fühlen,— die naturliche Wirkung der durch ihren Widerſtand gegen die Strömungen ſich bilden⸗ *) Den Wind gradezu von hinten in die Segel be⸗ kommen. Ueberſ. 45) Die Segel, welche ſich vor dem großen Maſt, aber nicht an ihm befinden. Ueberſ. —— ——— 6 e——, — — 179— den Neere,*)— luvte er auf den Wind und ſetzte ſein großes Segel aus. Durch dieſe kluge Vorſicht gehoben, trug der Winkelried ſein Segeltuch wacker und ſchoß mit ſchäumendem Schnabel, an Hügel, Thal, Schlucht und Weiler vorbeieilend, als ſegelte er in der Luft, das Ge⸗ ſtade von Savoyen entlang. In weniger als einer Stunde war St. Gingoulph, das Dorf, durch welches die Grenzlinie zwiſchen dem Gebiet der Schweiz und des Königs von Sardinien läuft, hinter ihnen und die trefflichen Berechnungen des beſonnenen Maſo wurden noch ſichtbarer. Er hatte einen neuen Umlauf des Windes als die Folge alles dieſes Gewichts und Gegengewichts vorhergeſehen und ſtieß hier auf die wahre Nachtkühlte. Der letzte Strom kam raſch, ſtark und rauh aus der Waliſer Thalſchlucht, brachte ihn aber glücklich luvwärts ſeines Hafens. Der Winkel⸗ ried fiel bei guter Zeit ab und als der r Windſtoß ihn von neuem traf, ſtanden ſeine Segel prachtig voll, und er ging aus den Bergen in den weiten See heraus, wie ein Schwan ſeinem Inſtinkt gehorchend. Der Weg über die Breite des Leman forderte in dieſem Horn des halben Mondes und bei einer ſolchen Kühlte etwas mehr als eine Stunde. Der Schaar der Reiſenden verfloß dieſe Zeit in Selbſt⸗Glückwünſchungen und mit jener eitlen Pralerei, die dem Volke eigen iſt, wenn es einer drohenden Gefahr ohne beſonderes eige⸗ nes Verdienſt entgangen iſt. Unter denen, deren Geiſt —— 3 *) Neere ſind gegen den Strom wirbelnde Stellen in großen Gewäſſern. Stark auslaufende Landſpitzen ver⸗ urſachen ſie gewöhnlich. Ueberſ. 44 — 180— gebildeter und erhabener war, bemerkte man zarte Rück⸗ ſichten mit den Leidenden, innige Dankbarkeit und einen rührenden Verkehr der Dankbaren und Glücklichen. Die letzten Auftritte und das ſchreckliche Schickſal des Schiffs⸗ herrn und des Nikolaus Wagner warfen einen Schatten auf ihre Freude, aber alle fühlten innerlich, daß ſie dem Abgrund des Grabes entriſſen worden waren. Maſo richtete ſeinen Lauf nach dem Feuer, welches noch auf dem Roſte des alten Roger von Blonay flammte. Das Auge auf die Luv ſeines Segels gerichtet, die Hüfte ſtrack gegen die Ruderpinne geſtemmt und ſein Herz von Zeit durch bittere Seufzer erleichternd, regierte er das Fahrzeug wie ein mächtiger Befehlshaber. Endlich nahmen die dunkeln Maſſen der Geſtade der Waadt beſtimmtere uͤnd regelmäßigere Formen an. Da und dort zeichneten ſich die Umriſſe eines Thurmes oder eines Baumes am Himmel ab und dann begannen die Gegenſtaͤnde an dem Saum des Sees im düſtern Relief vom Lande ſich abzuſcheiden. Lichter flatterten die Ufer entlang und Rufe vom Geſtade tonten herüber. Eine dunkle, geſtaltloſe Maſſe ſtand ihrem feuchten Pfade grade gegenüber, und im nächſten Augenblick nahm es das Ausſehen eines zerfallenen, ſchloßähnlichen Gebäudes an. Das Segeltuch ſchlug an, der Winkelried hob und ſenkte ſich langſamer und mit einer leichteren Bewegung und lief in den kleinen, ſichern künſtlichen Hafen von La Tour de Peil ein. Ein Wald von lateiniſchen Raaen und niedrigen Maſten lag vor ihnen; indem aber Maſo dem Fahrzeug eine kraftige Wendung gab, brachte er es an die Seite eines andern Schiffes mit einer leiſen Be⸗ —yß—Z—ę;’;—— ———— — —— -— —h —2—,———— 6—* ——— ———— —:— — 181— ruͤhrung, die, wie es die Seeleute haben wollen, kein Ei zerbrochen haben würde, vor ſeinen Ankerplatz. Hundert Stimmen grüßten die Reiſenden, denn ihr Herannahen war geſehen und mit großer Beſorgniß beach⸗ tet worden. Eine Menge eifriger Vevayer eilten, ſobald es möglich war, lärmend auf das Verdeck. Ein dunk⸗ ler, zottiger Gegenſtand ſprang allen andern voran. Er ſtürmte wild vorwärts und Maſo ſah ſich in Nettuno's Umarmungen. Als die Freude und ein gemaßigteres Gefühl etwas ſpäter eine Unterſuchung geſtattete, wurde eine Locke menſchlichen Haars, die in die Zähne des Hundes verwickelt war, entdeck und in der nächſten Woche fand man die Leichen von Baptiſt und dem Ber⸗ ner, noch in dem verzweifelten Todesgriff umklammert, an die Ufer der Waadt t geſpilt. Achte s Kapite l. Der Mond iſt auf; bei Gott, ein holder Abend! Vom goldnen Licht erglühen Well' und Strand, Dort ſeufzt der Jüngling nun, das Mädchen glaubt— So werd' es uns, kehr'n wir zurück an's Land. Byron. Das Herannahen des Winkelrieds war den ganzen Nachmittag und Abend von Vevay aus geſehen worden. Die Ankunft des Freiherrn von Willading und ſeiner 2 — 182— Tochter wurde von Vielen in der Stadt erwartet, da der Rang und der Einfluß des erſtern in dem großen Kanton ihn nicht allein denen, welche Zuneigung zu ſei⸗ ner Perſon und Achtung vor ſeinem biedern Charakter hegten, zu einem Gegenſtand des Intreſſes gemacht hat⸗ ten. Roger von Blonay war nicht ſein einziger Jugend⸗ freund geweſen, denn in der Stadt lebte ein anderer, mit welchem er durch Gewohnheit, wenn nicht durch das Gemeinſchaftliche jener Grundſätze, die das beſte Freund⸗ ſchaftsband ſind, enge verbunden war. Der Beamte, welcher mit der beſondern Verwaltung der Kreiſe oder Diſtrikte beauftragt war, in welche Bern das ihm zuſtehende Gebiet der Waadt getheilt hatte, führte den Titel eines Bailli oder Landvogts. Dieſer Landvogt von Vevay war Peter Hofmeiſter, das Glied einer jener Familien der Bürgerſchaft, oder der ſtädti⸗ ſchen Ariſtokratie des Kantons, welche deſſen Inſtitutionen fur ehrwürdig, gerecht, oder wenn man nach ihrer Sprache urtheilen dürfte, für beinahe geheiligt anſah, weil ſie unter ihrer Autorität im Beſitze gewiſſer aus⸗ ſchließlicher Vorrechte ſich befand, welche in ihrer Aus⸗ übung nicht nur behäglich, ſondern in andern weltlichen Rückſichten auch ergiebig waren. Dieſer Peter Hofmei⸗ ſter war im Ganzen ein herzlicher, gutgeſinnter und ziemlich wohlwollender Mann; nur trieb er, da er der innern Überzeugung lebte, daß nicht alles war, wie es ſeyn ſollte, ſeine Anſichten in Betreff verliehener An⸗ ſprüche und uüber die Unveränderlichkeit weltlicher Dinge ein wenig zu Extremen, ſo ziemlich nach demſelben Grund⸗ ſatze, nach welchem der Ingenieur ſeine meiſte Kunſt — 183— darauf verwendet, den ſchwächſten Theil der Citadelle zu befeſtigen und Sorge trägt, daß ſtets eine Maſſe großer und kleiner Kugeln die zugänglichſte ſeiner Appro⸗ ſchen beſtreiche. Durch einen der Ausnahms⸗Beſchlüſſe jener Zeit, in welchen man froh war, gegen die Gewalt und die Raubſucht des Adeligen und des Trabanten ei⸗ nes Fürſten Schutz zu finden— Beſchlüſſe, welche man nach der Sitte jener Zeit Freiheiten nannte, hatte die Familie Hofmeiſter eine gewiſſe Stelle, oder ein Mono⸗ pol erhalten, welches ſtets ihren Reichthum und ihre Bedeutſamkeit ausgemacht hatte, von welchem ſie aber gewohnt war zu ſprechen, als bilde es ihren vorzüglich⸗ ſten Anſpruch auf die Dankbarkeit des Publikums für dieſe Dienſte, die nicht allein ſo gut, ſondern auch eine ſo lange Zeit durch eine ununterbrochene Reihe von Vaterlands⸗ freunden, welche demſelben Stamme entſproßten, gelei⸗ ſtet worden waren. Die, welche von dem an den Beſitz dieſer Stelle ſich knüpfenden Werth nach dem Eifer ur⸗ theilten, mit welchem jeder Verſuch, die Familie von dieſer Bürde zu befreien, abgewieſen wurde, waren ſehr im Irrthum; denn wenn man ihre Freunde von den Beſchwerlichkeiten des Dienſtes, von der äußerſten Un⸗ möglichkeit, daß irgend eine Familie, die nicht genau hundert zweiundſiebzig und ein halbes Jahr, die genaue Zeit der ſauern Knechtſchaft der Hofmeiſter, und von dem ſeltenen Verdienſt ihrer Selbſtaufopferung zum Beſten des Gemeinwohls ſprechen hörte, ſchienen ſie eben ſo viele Curtiuſſe zu ſeyn, begierig, in die Ab⸗ gründe unſiſcherer und endloſer Mühen ſich zu ſtürzen, um die Republik von der Unwiſſenheit und den Ver⸗ — 184— untreuungen intereſſirter und ſelbſtſüchtiger Schurken zu befreien, welche aus einem ſo unwürdigen Beweggrund, wie der ihres eigenen Vortheils, deſſelben hohen Ver⸗ trauens zu genießen wünſchten. Dieſen Punkt jedoch und einen ſtrengen Vorbehalt zu Gunſten der Obergewalt Bern's, wovon ſeine Wichtigkeit abhing, abgerechnet, war ein beſſerer und menſchenfreundlicherer Mann als Peter Hofmeiſter nicht leicht zu finden. Er war ein herzlicher Lacher, ein tüchtiger Trinker, ein gewöhnlicher und ei⸗ genthümlicher Altersfehler, ein großer Verehrer des Ge⸗ ſetzes, wie es ſich für jemand in ſeiner Lage ziemte, und ein Junggeſell von acht und ſechszig Jahren, eine Lebenszeit, welche, indem ſie ſeine Erziehung in eine um ein halbes Jahrhundert fruͤhere Periode, als die, in welcher die Begebenheiten dieſer Erzählung ſtatt fanden, zurück verlegte, ſehr romantiſche Zueignungen zu dem übrigen Theil des menſchlichen Geſchlechts durchaus nicht begünſtigte. Kurz, der Herr Hofmeiſter war, vermöge irgend eines beſonderen Verdienſt's oder Unverdienſt's (es war jetzt ſchwer zu ſagen, welches von beiden) eines ſeiner Vorfahren, durch die Geſetze des Kantons und durch die geltende Meinung der Menſchen ein Landvogt, ſo wie Balthaſar ein Scharfrichter war. Der weſentliche Unterſchied zwiſchen ihnen lag in dem Umſtande, daß der eine ſich ſeiner Stellung behaglich erfreute, während der andere nur ein geringes Gefallen an ſeinem Amte hatte. Als Roger von Blonay durch Hülfe eines guten Glaſes ſich verſichert hatte, daß das Fahrzeug, welches in der Abendzeit, mit ſchwingenden Ragen und in ihrer ma⸗ leriſchen Draperie hängenden Segeln St. Saphorin ge⸗ — 185— 4 Lenüter lag, eine Geſellſchaft edler Reiſenden, welche en Spiegel inne hatte, enthielt, und an den Federn und Gewändern ſah, daß ein weibliches Weſen von Stand unter ihnen ſey, gab er Befehl, das Feuer auf dem Thurm in Bereitſchaft zu halten und ging in den Hafen hinab, um zum Empfange ſeines Freundes gegenwar⸗ tig zu ſeyn. Hier fand er den Landvogt, welcher mit der Miene eines Mannes, der mehr auf dem Herzen hat, als ſeine täglichen Amtsſorgen, auf dem öffentlichen von dem klaren Waſſer des Sees beſpülten Spaziergang auf und nieder ſchritt. Obgleich der Freiherr von Blo⸗ nay ein Waadtländer war und auf alle Stellvertreter der Eroberer ſeines Landes mit einer Art erblicher Un⸗ zufriedenheit blickte, war er doch von Natur ein Mann von mildem und höflichem Weſen und das Zuſammen⸗ treffen war, wie gewöhnlich, äuſſerlich freundſchaftlich und anſcheinend herzlich. Beide Theile beachteten es ſehr ſorgfältig, von dem damals überhaupt noch gewöhnlichern Du Gebrauch zu machen,— der Waadtländer, um zu zeigen, daß er ſich mindeſtens dem Stellvertreter Bern's gleich achtete, und der Landvogt, um ſehen zu laſſen, daß ſein Amt ihn ſo hoch ſtellte, wie das Haupt der äl⸗ teſten Familie in dieſer ganzen Gegend. „Du erwarteſt Freunde von Genf in jener Barke zu finden?“ ſagte Herr Hofmeiſter kurz. „Und du?⸗. „Einen Freund, und einen, der mehr als ein Freund!⸗ antwortete der Landvogt ausweichend. Meine Nachrichten ſagen mir, Melchior von Willading werde während des Feſtes der Abtei bei uns verweilen, und 6 86 geheime Kunde wurde überbracht, auch ein anderer werde hier ſeyn, der unſere Luſtbarkeiten ſehen wolle, ohne die Ehrenbezeigungen zu wünſchen, auf welche er wohl Anſpruch machen könnte.⸗ „Es geſchieht nicht ſelten, daß vornehme Edle und ſelbſt Fürſten uns bei dieſen Gelegenheiten unter ange⸗ nommenen Namen und ohne den éciat ihres Ranges be⸗ ſuchen; denn wenn die Großen ſich zu Thorheiten herab⸗ laſſen, laſſen ſie gewöhnlich ihren hohen Stand gern aus dem Spiele.⸗ „Daran thun ſie wohl. Ich habe meine Noth mit dieſen verwünſchten Narrheiten, denn— es mag eine Schwachheit ſeyn, aber es iſt eine, die das Amt mit ſich bringt— ich kann nicht umhin, mir zu denken, das ein Landvogt vor dem Volke, in Gegenwart ſo vieler Götter und Göttinnen, nur eine erbärmliche Rolle ſpielt. Um dir die Wahrheit zu ſagen, ich freue mich, daß der, der kommen ſoll, wirklich kommt. Haſt du neuerer Zeit Briefe von Bern?⸗ „Nein; aber das Gerücht geht, es werde wahrſchein⸗ lich eine Veranderung unter einigen derer geben, welche öffentliche Amter bekleiden.“ „Um ſo ſchlimmer!“ murmelte der Landvogt.„Iſt es zu erwarten, daß Leute, welche nie eine Stunde im Dienſte hinbrachten, ihre Pflichten ſo erfüllen, wie die, welche die Übung gleichſam mit der Muttermilch einge⸗ ſogen haben?“ „Ja, das paßt wohl in deinen Kram; aber Andere ſagen, ſelbſt die Erlache hätten einen Anfang gehabt.“ „Himmel! bin ich ein Heide, um ſo etwas zu läug⸗ — 187— nen? So viele Anfänge, als du willſt, guter Roger, aber ich liebe deine Enden nicht. Ein Erlach iſt ohne Zweifel, ſo gut wie wir alle, ſterblich, und auch ein ge⸗ ſchaffenes Weſen; aber ein Menſch iſt kein Amt. Laß den Lehm ſterben, wenn du willſt, aber wenn du treue und geſchickte Diener haben willſt, ſo ſieh auf den echten Nachfolger. Aber wir wollen heute davon ſchweigen.— Haſt du viele Gäſte zu Blonay?“ „Nicht einen! Ich harre des Beſuchs Relchiors von Willading und ſeiner Tochter— und doch gefällt mir die Zeit nicht! Schlechte Vorzeichen ſpielen um die hohen Berggipfeln und in der Nachbarſchaft der Dents, ſeit die Sonne untergegangen iſt.“ „Du biſt immer in einem Sturme in deinem Schloſſe droben! Der Leman war nie friedlicher und ich würde es wahrhaft ſehr übel vermerken, wenn der aufrühreriſche See, wahrend er eine ſo köſtliche Laſt auf ſeinem Buſen trägt, einen ſeiner Anfalle plötzlichen Zor⸗ nes bekame.“ „Ich glaube nicht, daß der Genfer See, ſelbſt auf eines Landvogts Ungnade, Rückſicht nimmt!“ verſetzte der Freiherr von Blonay lachend.„Ich wiederhole es, die Zeichen ſind verdächtig. Laß uns die Schiffer zu Rath ziehen, denn es moͤchte gut ſeyn, ein leichtes Boot auszuſchicken, um die Reiſenden an das Land zu bringen.“ Roger von Blonay und der Landvogt gingen auf den kleinen Erdendamm zu, welcher die Rhede von Vevay theilweiſe ſchutzt und der immer wieder gebaut und von den Winterſtürmen immer wieder eingeriſſen wird, um mit einigen derer Rath zu pflegen, welchen man Erfah⸗ — 188— renheit in der Kenntniß der Zeichen zutraute, die bedeu⸗ tenden Veränderungen in der Atmoſphäre vorhergehen. Die Meinungen waren verſchieden. Die Meiſten glaub⸗ ten, ein Sturm ſey im Anzug; da der Winkelried aber als ein neues und gut gebautes Schiff bekannt war und niemand wiſſen konnte, wie ſehr er durch die Habgier Baptiſt's überladen war, und da man allgemein glaubte, der Wind könne ihn eben ſo wahrſcheinlich in den Hafen bringen, als gegen ihn ſeyn, ſo ſchien kein hinreichender Grund vorhanden, das Boot auszuſenden; vorzüglich weil man hoffte, das Fahrzeug werde nicht allein trocke⸗ ner, ſondern auch ſicherer ſeyn, als ein kleineres Boot, wenn ſie von dem Winde überholt werden ſollten. Dieſe in ungewiſſen Fällen ſo gewöhnliche Unentſchloſſenheit war der Grund, daß Adelheid und ihr Vater allen den ſchrecklichen Gefahren, welche ſie erduldeten, ausgeſetzt wurden. Als die Nacht heran kam, fingen die Einwohner der Stadt an, einzuſehen, daß der Sturm fuͤr die ernſt wer⸗ den würde, welche ihm, ſelbſt in dem beſten Fahrzeug, das den Leman befuhr, aushalten müßten. Die Dunkel⸗ heit vermehrte die Gefahr, denn oft waren Schiffe, in⸗ dem ſie ihre Entfernungen ſchlecht berechneten, auf das Land getrieben worden. Lichter zeigten ſich auf Befehl des Landvogts, welcher ein ſo ungewöhnliches Intreſſe für die an Bord des Winkelrieds zeigte, daß es mehr als jene Theilnahme auf ſie zog, die man gewöhnlich für bedrängte Reiſende fühlte, allerwärts an den Ufern. Alles geſchah, was nur zu ihren Gunſten aufgeboten werden konnte, und in dem Augenblick, wo der Zuſtand — 189— des See's es erlaubte, wurden Boote in jeder Richtung zu ihrem Beiſtande abgeſchickt. Aber der Winkelried ſchoß die ſavoyiſche Küſte entlang, ehe eines derſelben auslief und alles Suchen erwies ſich fruchtlos. Als ſich aber das Gerücht verbreitete, man habe ein Segel ent⸗ deckt, das unter dem weitgeſtreckten Schatten der gegen⸗ überliegenden Berge hervorkomme, und daß es La Tour de Peil entgegen ſteuere, einem Dorfe mit einem weit ſicherern Hafen, als der von Vevay, und nur einen Bo⸗ genſchuß von der letztern Stadt entfernt, eilten ganze Schaaren zur Stelle. Sobald es bekannt wurde, daß die erwartete Geſellſchaft auf dem Schiffe ſey, tönte den Reiſenden freudiger Willkomm und herzlicher Gruß ent⸗ gegen. Der Landvogt und Roger von Blonay eilten herzu, den Freiherrn von Willading und ſeine Freunde zu em⸗ pfangen, die mit lauter und ſtürmiſcher Freude in das alte Schloß geführt wurden, das an den Hafen ſtößt und von welchem der letztere ſeinen Namen herſchreibt. Der Berner Freiherr war von den Auftritten, die er ſo kurz erſt erlebt, und von der heftigen und ungeſtümmen Zärt⸗ lichkeit ſeiner Tochter, die über ihm geweint hatte, wie eine Mutter über ihrem wiedergefundenen Kinde ſchluchzt, zu ergriffen, um den Gruß des Waadtländers in der innigen und herzlichen Weiſe zu erwidern, welche ihr Zu⸗ ſammentreffen gewöhnlich charakteriſirte. Doch blickte ihre eigenthümliche Weiſe in dem Zwange durch. „Du ſiehſt mich eben den Fiſchen des Leman entriſ⸗ ſen, lieber Blonay,“ ſagte er, deſſen Hand mit Rüh⸗ rung drückend, als er, auf ſeine Schulter gelehnt, mit — 190— den Übrigen in das Schloß ging.„Ohne jenen braven Jüngling und einen ſo wackern Seemann, wie je einer auf ſüßem oder ſalzigem Waſſer fuhr, wurde alles, was von dem alten Melchior von Willading in dieſem Augen⸗ blick übrig iſt, von geringerm Werthe ſeyn, als die kleinſte Férà in deinem See!“ „Gott ſey geprieſen, daß du biſt, wie wir dich ſehen! Wir waren deinetwegen in Angſt, und Boote ſind in die⸗ ſem Augenblick draußen, dein Schiff zu ſuchen: aber eine weiſere Hand waltete. Dieſer wackere junge Mann, der, wie ich ſehe, Schweizer und Krieger zumal iſt, ſey uns doppelt willkommen— in den beiden eben genannten Charakteren und als ein Mann, der dir und uns einen ſo großen Dienſt erzeigt hat.“ Sigismund nahm die Artigkeiten, welche er ſo ſehr verdient hatte, mit Beſcheidenheit entgegen. Der Land⸗ vogt aber, nicht zufrieden, ihm die gewöhnlichen Glück⸗ wunſche darzubringen, flüſterte ihm in das Ohr, ein Dienſt wie dieſer, einem der geſchätzteſten ihres Adels erwieſen, würde bei geeigneter Gelegenheit von den Rä⸗ then nicht vergeſſen werden. „Du biſt zur guten Stunde gekommen, Herr Mel⸗ chior,“ fügte er dann laut hinzu;„du magſt kommen, wie du willſt, ſchwimmend oder in der Luft ſegelnd. Du haſt durch den Vorfall bei uns nicht verloren und wir preißen Gott, wie Roger von Blonay eben richtig be⸗ merkt hat. Unſer Feſt wird eine prächtige Schau abge⸗ ben, denn viele namhafte Edelleute ſind in der Stadt und ich höre von mehren, die, aus Gegenden jenſeits des Rheines kommend, die Berge nieder eilen. Haiteſt — 191 du keinen andern Gefährten in dem Fahrzeuge, als die, welche ich hier um dich ſehe?“ „Ein anderer iſt bei mir und ich wundere mich, daß er nicht hier iſt. Er iſt ein edler Genueſer, den du, Herr von Blonay, mich als einen ſehr theuern Freund oft nennen hörteſt. Gaetano Grimaldi iſt ein dir ver⸗ trauter Name oder die Worte der Freundſchaft verſchol⸗ len an einem müßigen Ohre.“ „Ich habe ſo vieles von dem Italiener gehört, daß ich ihn faſt als einen alten und innigen Bekannten be⸗ trachten kann. Als du aus dem Italieniſchen Feldzuge zurückkehrteſt, war dein Mund in der Aufzählung ſeiner Vorzüge unermüdlich:— Gaetano hat dies geſagt— Gaetano hat ſo gedacht— Gaetano hat dies gethan!— Er iſt doch nicht in deiner Geſellſchaft?“ „Er und kein Andrer! Ein glücklicher Zufall brachte uns am Kai von Genf zuſammen, nachdem wir volle dreiſig Jahre getrennt geweſen, und als wenn der Him⸗ mel ſeine Prüfungen fur dieſe Gelegenheit aufbewahrt hätte, mußten wir in Geſellſchaft die Gefahr dieſer Nacht beſtehen. Ich hatte ihn in jenem furchtbaren Augenblick in meinen Armen, Roger, als der Himmel und die Berge und die ganze Erde, bis auf dieſes theure Mäd⸗ chen ſelbſt, wie ich glaubte für immer, aus meinen Au⸗ gen entſchwunden,— ihn, der mein Gefährte in ſo vie⸗ len Gefahren geweſen war, der für mich geblutet, für mich gewacht, für mich geritten und alles für mich ge⸗ than hatte, wozu Liebe nur bewegen konnte, fuhrte die Vorſehung herbei, um mein Genoſſe in der ſchrecklichen Noth zu werden, welche wir eben beſtanden haben.“ 132— Während der Freiherr noch ſprach, trat ſein Freund mit der ruhigen, würdevollen Miene ein, welche ihm ſtets eigen war, ſobald es ihm nicht gefiel, die Zurück⸗ haltung höherer Stände bei Seite zu legen, oder wenn er dem Sturme des Gefühls, der manchmal durch ſeine ſüdlichen Adern braußte, nicht in einer Weiſe nachgab, welche die blos conventionelle Haltung verrückte. Er wurde Roger von Blonay und dem Landvogt als derje⸗ nige, von dem eben geredet worden und als der älteſte und vertrauteſte Freund deſſen vorgeſtellt, der ihn ein⸗ führte. Der Empfang, den er bei dem Erſtern fand, war natürlich und warm, während Herr Hofmeiſter in ſeinen Freude⸗ und Achtungsbezeigungen ſo ſonderbar war, daß es nicht nur auffiel, ſondern Erſtaunen erregte. „Dank, Dank, gutes Peterchen,“ ſagte der Frei⸗ herr von Willading, denn dieſes vertraulichen Verkleine⸗ rungsworts pflegten ſich alle, welche ſich dieſe Freiheit nehmen durften, gegen ihn zu bedienen:—„Dank, ehr⸗ liches Peterchen; die Freundlichkeit, welche du Gaetano erzeigſt, nehme ich als eben ſo viele Liebesbeweiſe gegen mich an.“ „Ich ehre deine Freunde, wie dich ſelbſt, Herr von Willading,“ erwiderte der Landvogt:—„denn du haſt Anſprüche auf die Achtung der Bürgerſchaft und aller ih⸗ rer Diener. Aber die Huldigung, welche Signor Gri⸗ maldi findet, gebührt ihm um ſeiner ſelbſt willen. Wir ſind arme Schweizer, die inmitten wilder Gebirge woh⸗ nen, von der Sonne, wenn Ihr wollt, wenig begünſtigt und der Welt noch weniger bekannt;— aber wir haben unſere Sitten! Ein Mann, der ſo lange, wie ich, das — 193— öffentliche Zutrauen genoß, ware ſeiner Stelle unwürdig, verkündigte er es nicht, gleichſam aus Inſtinkt, wenn er im Angeſicht derer iſt, die geehrt werden müſſen. Sig⸗ nore, der Verluſt Melchiors von Willading vor unſerm Hafen würde den See uns allen für Monate, um nicht zu ſagen, Jahre unangenehm gemacht haben; wäre aber ein ſolcher Unfall, wie der Eures Todes mittelſt unſerer Waſſer, eingetroffen, ſo hatte ich beten können, die Berge möchten in das Becken fallen und den ſündigen Leman unter ihren Felſen begraben!⸗ Melchior von Willading und der alte Roger von Blonay lachten herzlich über Peterchens übertriebene Komplimente, obgleich es ganz klar war, daß der wür⸗ dige Landvogt ſelbſt glaubte, er habe ſehr kluge Dinge vorgebracht. „Ich danke Euch, Signore, nicht minder, als mei⸗ nem Freunde von Willading,“ erwiederte der Genueſer, indem ein Strahl des Humors ſein Auge erleuchtete: „dieſe höfliche Aufnahme überbietet uns in Italien ganz und gar; denn ich zweifle, daß im Süden der Alpen ir⸗ gend ein Menſch lebt, welcher unſere Seen wegen eines ſo verzeihlichen, oder mindeſtens ſo naturlichen Vergehens zu einer ſo zerſchmetternden Strafe verdammen würde. Ich bitte jedoch, dem See Verzeihung angedeihen zu laſſen, denn im ſchlimmſten Falle war er nur mittelbar bei dieſem Vorfalle thätig und ich zweifle gar nicht, daß er uns behandelt hätte, wie er alle Reiſende behandelt, wenn wir ſeinen Umarmungen fern geblieben wären. Das Verbrechen muß den Winden zugeſchrieben werden, und da ſie von den Höhen ſtammen, ſo wird, wie ich 76— 78. 1³ fürchte, befunden werden, daß eben dieſe Berge, welche die Vergeltung üben ſollen, zuletzt als die wahren Erfin⸗ der und Anſtifter der Verſchwörung gegen unſer Leben beſtraft werden müſſen.⸗ Der Landvogt kicherte und lächelte wie jemand, der ſich gleicherweiſe über ſeinen eigenen und den Witz, den er bei andern erregt hat, freut und das Geſpräch nahm eine andere Richtung; dieſe ganze Nacht jedoch und bei allen andern Gelegenhieten wahrend ſeines Beſuches, empfing Signore Grimaldi von ihm ſo auffallende und beſondere Auf⸗ merkſamkeiten, daß ein lebhaftes Gefühl zu Gunſten des Italieners bei denen rege ward, welche gewohnt waren, Peterchen faſt nur den geſchäftigen, wichtigthuenden, wür⸗ dereichen Diſtriktsbeamten ſpielen zu ſehen. Man zollte nun den erſten Bedürfniſſen der Reiſen⸗ den, welche nach den Mühen und Gefahren des Tages der Erfriſchungen bedurften, die nöthige Aufmerkſamkeit. Zu dieſem Ende beſtand Roger von Blonay darauf, ſie ſollten in ſein Schloß kommen, wo das willkommene Feuer noch auf dem hohen Roſte flammte. Vermittels der chars-à-banc, der in dieſer Gegend gewöhnlichen Wagenart, wurde der kurze Weg bald zurückgelegt und der Landvogt beſtand, zum nicht geringen Erſtaunen des Eigenthümers des Schloſſes, darauf, die Fremden in leinen Mauern ſicher untergebracht ſehen zu wollen. An dem Thore von Blonay nahm Peterchen jedoch Abſchied, indem er hundert Entſchuldigungen wegen ſeines Wegge⸗ hens vorbrachte, auf die ausgedehnten Pflichten, welche zufolge der herannahenden féete auf ſeinen Schultern la⸗ ſtete, ſich ſtützend. ——, ———. & 8 ⏑ — ———- ͤ——2 △— belche rfin⸗ leben der den ahm dbei pfing Auf⸗ des tren, vür⸗ iſen⸗ ages keit. ſie jene tels chen und des in An ied, gge⸗ lche la⸗ — 195— „Wir werden einen milden Winter bekommen, denn ich habe den Herrn Hofmeiſter nie ſo artig geſehen,“ be⸗ merkte Roger von Blonay, als er ſeine Gäſte in das Schloßs führte.—»Deine Berner Beamten, Melchior, ſind ſonſt nicht ſehr verſchwenderiſch mit ihren Höflich⸗ keiten gegen uns arme Edelleute der Waadt.“⸗ „Signore, Ihr vergeßt das Intreſſe unſeres Freun⸗ des,“ bemerkte der lächelnde Genueſer.„Es giebt an⸗ dere und beſſere Landvogteien, welche der Rath zu ver⸗ geben hat, und der Herr von Willading hat eine laute Stimme, wenn darüber verfügt wird. Habe ich dieſen Eifer richtig gedeutet?⸗ Dies iſt nicht der Fall,“ erwiderte der Freiherr, „denn Peterchen hat wenig andere Hoffnung als da zu ſterben, wo er gelebt hat, der beſtellte Beherrſcher eines kleinen Diſtrikts. Man ſollte dem würdigen Mann ein gutes Herz höher anrechnen, da das ſeinige ohne Zwei⸗ fel beim Anblick derer, die gleichſam aus dem Grabe ge⸗ rettet wurden, ergriffen iſt. Ich bin ihm Dank für ſeine Güte ſchuldig und würde ihm gern etwas Beſſeres bieten und wenn meine arme Stimme etwas vermöchte, nun, ſo ſage ich nicht, daß ſie ſtumm ſeyn würde; man macht ſich um das Gemeinwohl verdient, wenn man Leute von ſo menſchenfreundlichen Gefühlen in wichtige Stellen bringt.“ Dieſe Anſicht ſchien den Anweſenden ſehr natürlich und alle, mit Ausnahme des Signor Grimaldi, ſtimmten ihm bei. Der Letztere, der tiefer in die Windungen des menſchlichen Herzens ſchaute, oder nur ihm bekannte Gründe haben mochte, lachelte blos über die Bemerkun⸗ gen, die er hörte, als begreife er vollſtändig den Unter⸗ 13*† ſchied zwiſchen der Huldigung, welche man dem Range zollt und jener, welche eine edle und großartige Natur aus eigenem Antrieb darzubringen gezwungen iſt. Nach einer Stunde war das einfache Mal eingenom⸗ men und Roger von Blonay benachrichtigte ſeine Gaſte, ſie würden ſich durch einen Blick auf die Lieblichkeit der Nacht wohl für die Mühe eines kurzen Ganges belohnt finden. In Wahrheit war der Wechſel, welcher ſtatt ge⸗ funden hatte, ſo groß, daß es der Phantaſie nicht leicht ward, in der milden und lächelnden Scene, welche ſich unter und über den Thuͤrmen von Blonay ausbreitete, das dunkle Himmelsgewölbe und den zürnenden See wieder zu entdecken, dem ſie vor kurzem entgangen waren. Jede Wolke war bereits weit in die Ferne, gegen die Ebenen Deutſchlands geſegelt, und der Mond war ſo hoch über die rauhe Dent de Jaman geſtiegen, daß ſeine Strahlen in das Becken des Leman ſtrömen konnten. Tauſend ſinnige Sterne funkelten am Himmel, Bilder der gütigen Allmacht, welche das Weltall immerdar durch⸗ dringt und beherrſcht, wie groß auch die örtlichen Ver⸗ wirrungen und zufälligen Kämpfe ihrer untergeordneten Werkzeuge ſeyn mögen. Das Schäumen und Rauſchen der Wellen hatte ſich beinahe eben ſo ſchnell gelegt, als es entſtanden war und ſtatt deſſen waren Miriaden krau⸗ ſelnder Wellchen geblieben, entlang denen die glänzenden Mondſtrahlen tanzten, in milder Ungeſtraftheit auf der Fläche des friedlichen Elementes gaukelnd. Boote liefen wieder aus, nach Savoyen oder den benachbarten Dör⸗ 4 fern rudernd, und der ganze Anblick bot ein Pfand für Be wa ange katur —. 197— das erneute Vertrauen derer, welche ſich gewöhnlich den launigten und ungeſtümmen Elementen hingeben. „Es iſt eine große und ſchreckliche Ahnlichkeit zwi⸗ ſchen den menſchlichen Leidenſchaften und dieſen unge⸗ ſtümmen und zornigen Stürmen der Natur,“ bemerkte Signor Grimaldi, nachdem ſie viele ſinnende Minuten ſchweigend geſtanden und das Schauſpiel betrachtet hat⸗ ten— agleich raſch ſich erregen und beſänftigen zu laſ⸗ ſen; gleich unbändig, während die Glut im Steigen iſt, und dem Einfluß einer geſunden Gegenwirkung, welche eine nüchternere Ruhe herbeiführt, nachgebend, wenn der Anfall vorüber iſt. Euer nördliches Phlegma mag die Ähnlichkeit weniger auffallend machen; ſie wird aber doch unter den kältern Temperamenten des deutſchen Stammes eben ſo gut gefunden, wie unter uns, die wir ein heiſſeres Blut haben. Sehen nicht jene liebliche Hü⸗ gel-Seite, jener See und der ſternbeſäete Himmel aus, als bereuten ſie ihre frühere unziemliche Heftigkeit und wünſchten den Beſchauer zu täuſchen, ſo daß er ihres Angriffs auf unſer Leben vergäße, wie wohl einem unge⸗ ſtünmen aber heftigen Charakter der Schlag, den er im Zorne gegeben, oder das ſchneidende Wort, das ihm in einem Augenblick mürriſcher Laune entfahren, leid thut? Was ſagſt du zu meiner Anſicht, Signor Si⸗ gismund, denn niemand kennt beſſer als du die Art des Sturmes, den wir ausgehalten?“ „Signore,“ antwortete der junge Krieger beſcheiden, —„Ihr vergeßt dieſen braven Seemann, ohne deſſen Beſonnenheit und Vorſicht wir alle verloren geweſen waren. Er kam mit nach Blonay herauf, weil wir — 198— ihn darum erſuchten, bis jetzt iſt er aber überſehen worden.⸗ Maſo trat auf einen Wink Sigismund's hervor und ſtand vor der Geſellſchaft, der er einen ſo großen Dienſt geleiſtet hatte, mit einer Ruhe, welche nicht leicht zu ſtören war. »„Auf Euern Befehl kam ich in das Schloß herauf, Signore,“ ſagte er, den Genueſer anredend:„da ich aber meine eigenen Geſchafte zu beſorgen habe, muß ich nun bitten, mir Euern Willen kund zu thun.“ „Wir ſind in der That ſaumſelig gegen dein Ver⸗ dienſt geweſen. Als wir landeten, warſt du, wie du weißt, mein erſter Gedanke; aber andere Dinge ließen mich deiner vergeſſen. Du biſt, wie ich, ein Italiener?⸗ „So iſt's, Signore.⸗ „Aus welcher Gegend?“ „Aus Eurer eignen, Signore; ein Genueſer, wie ich bereits geſagt habe.⸗ Der Andere erinnerte ſich des Umſtandes, obgleich er ihm nicht zu gefallen ſchien. Er ſchaute umher, als wollte er erforſchen, was die Übrigen dächten und dann jetzte er ſeine Fragen fort: „Ein Genueſer!“ wiederholte er langſam:„wenn dem ſo iſt, ſollten wir etwas von einander wiſſen. Haſt du bei deinen öftern Beſuchen im Hafen etwas von mir gehört?“ Maſo lächelte; anfangs ſchien er geneigt, launig zu ſeyn; eine dunkle Wolke flog über ſeine braunen Züge und ſeine Heiterkeit verlor ſich in eine tiefnachdenkende Miene, welche dem Fragenden ungemein auffiel. ——————— ——-y z a —— hen ind nſt zu uf, 2r⸗ — 199— „Signore,“ ſagte er nach einer Pauſe,— ⸗die mei⸗ ſten, welche meine Lebensweiſe führen, wiſſen etwas von Eurer Excellenz; wenn ich nur hier bin, um darüber ge⸗ fragt zu werden, muß ich um Erlaubniß bitten, meines Weges gehen zu dürfen.“ „Nein, bei San Francesco! du verläſſeſt uns nicht ſo ohne Umſtände. Ich habe Unrecht, das Anſehen eines Vorgeſetzten bei jemand annehmen zu wollen, dem ich mein Leben zu verdanken habe, und du haſt recht geant⸗ wortet. Aber es iſt eine ſchwere Rechnung unter uns abzuſchließen, und ich will etwas thun, um das Gleichge⸗ wicht herzuſtellen, welches jetzt ſo ſehr gegen mich iſt, in⸗ dem ich es dir zugleich überlaſſe, dich wegen fernerer Ausgleichung an mich zu wenden, wenn wir beide wie⸗ der in unſerm Genua ſeyn werden.“ Signor Grimaldi hatte, während er ſprach, ſeine Hand ausgeſtreckt und von ſeinem Landsmann und Ge⸗ fahrten Marcelli eine wohlgeſpickte Börſe empfangen. Dieſe wurde ſofort geleert— eine ſchöne Zahl Zechinen — und alles unbedingt dem Seemann dargeboten. Maſo blickte kalt auf den glänzenden Haufen und ließ durch ſein Zögern bezweifeln, ob er die Belohnung nicht für unzureichend halte. „Ich ſage dir, es iſt nur ein augenblickliches Pfand auf ſpätere Bezahlung. Zu Genua ſoll unſere Rechnung gehörig ausgeglichen werden; dies iſt jedoch alles, was ein Reiſender kluger Weiſe entbehren kann. Du wirſt in unſerer Stadt zu mir kommen und wir werden dich in jeder Hinſicht zufrieden zu ſtellen ſuchen.⸗ — 290— „Signore, Ihr bietet das, wofür die Menſchen Al⸗ les, das Gute wie das Böſe, thun. Sie wagen ihre Seele für dieſes Metall hier, verhohnen Gottes Vor⸗ ſchriften, überſehen die Geſetze, ſpielen mit der Gerech⸗ tigkeit und werden eingefleiſchte Teufel, um in ſeinen Beſitz zu kommen; dennoch bin ich, obſchon faſt ohne Heller, in einer Lage, die mich zwingt, auszuſchlagen, was Ihr bietet.⸗ „Ich ſage dir, Maſo, die Summe ſoll ſpäter ver⸗ mehrt werden— oder— wir ſind nicht ſo arm, um betteln gehen zu muſſen! Guter Marcelli, leere deinen Schatz und ich nehme zu Melchior von Willadings Börſe meine Zuflucht, um unſere Bedürfniſſe zu beſtreiten, bis wir unſern eigenen Vorräthen naher kommen.⸗ „Und ſoll Melchior von Willading bei all dieſem für nichts gerechnet werden!“ rief der Freiherr:— „Nimm dein Gold zuſammen, Gaetano, und überlaß es mir, dieſen braven Seemann für jetzt zufrieden zu ſtel⸗ len. Später mag er in Italien zu dir kommen; aber hier, in meinem Vaterlande, ſpreche ich das Recht an, ſein Wechsler zu ſeyn.⸗ „Signori,⸗ entgegnete Maſo ernſt und mit einem ed⸗ lern Ausdruck, als er zu zeigen gewohnt war,—„Ihr ſeyd Beide weit über meine Wünſche freigebig und für meine wenigen Bedürfniſſen nur allzu gütig ge⸗ ſtimmt. Auf Euern Befehl und um Euern Willen zu thun, kam ich in das Schloß herauf, nicht aber in der Hoffnung, Geld zu erhalten. Ich bin arm; es würde unnütz ſeyn, dies zu leugnen, denn der Schein iſt gegen — 201— mich—“ hier lachte er und die Zuhörer glaubten, auf eine gezwungene Weiſe—„ꝛaber Armuth und Gemeinheit ſind nicht immer unzertrennlich. Ihr habt heute mehr als geargwoöhnt, mein Leben ſey frei und ich gebe es zu; es iſt aber ein Irrthum zu glauben, die Menſchen ſeyen, weil ſie die Heerſtraße— von manchen Ehrlichkeit genannt— bei irgend einem beſondern Betrieb verlaſ⸗ ſen, ohne menſchliches Gefühl. Ich habe mich nützlich gemacht, indem ich Euer Leben rettete, Signori, und es iſt mehr Freude in dem Gedanken, als ich empfinden würde, wenn ich die Mittel hätte, doppelt ſo viel Gold zu ge⸗ winnen, als Ihr mir bietet. Hier iſt der Signor Ca⸗ pitano,“ ſetzte er hinzu, indem er Sigismund am Arme nahm und ihn vorwärts zog—„»verſchwendet Eure Gunſt an ihn, denn all mein Thun ware vergeblich ge⸗ weſen ohne ſeine Kühnheit. Wenn Ihr ihm alles in Euren Schatzkammern, ſelbſt deren reichſte Perle gebt, thut Ihr nicht mehr als recht.“ Als Maſo ſchwieg, warf er auf die aufmerkſame, athemloſe Adelheid einen Blick, der fortfuhr ſeine Ge⸗ danken auszuſprechen, ſelbſt als ſeine Zunge ſtill war; die glänzende Röthe, welche des Mädchens Antlitz über⸗ ſtrömte, war ſelbſt im blaſſen Mondlichte ſichtbar, und Sigismund bebte vor ſeiner rauhen Hand zurück, wie der Schuldige ſich der Beachtung entzieht. Dieſe Anſichten machen dir Ehre, Maſo,“ erwiderte der Genueſer, indem er that, als habe er den eigent⸗ lichen Sinn jener Worte nicht verſtanden—„und ſie erzeugen einen um ſo ſtärkern Wunſch, dein Freund zu werden. Ich will jetzt nichts mehr über den Gegenſtand ſagen, denn ich ſehe deine Laune. Du willſt dich in Genua bei mir ſehen laſſen?⸗ Der Ausdruck von Maſo's Geſicht war unerklärlich, aber er behielt ſein gewöhnliches gleichgiltiges Weſen bei. „Signor Gaetano,“ ſagte er, in ſeiner Anrede ſich der Freiheit eines Seemanns bedienend—»es gibt Edle in Genua, welche eher an der Thüre Eures Pa⸗ laſtes klopfen dürften, als ich; und es gibt auch deren in der Stadt, die da plaudern könnten, wenn es be⸗ kannt würde, daß Ihr ſolche Gaäſte empfangt.⸗ „Das kömmt daher, daß du dich zu ſehr an ein ſchlimmes und gefährliches Gewerbe gebunden haſt. Ich fürchte, einen Schleichhändler in dir zu ſehen; aber ge⸗ wiß iſt dies kein Geſchäft, das von Gefahr ſo frei, ſo rühmlich, und, nach deiner Kleidung zu urtheilen, auch nur ſo einträglich wäre, daß du dein ganzes Leben an daſſelbe gefeſſelt ſeyn müßteſt. Es laſſen ſich Mittel finden, dich aus dieſer unangenehmen Lage zu bringen, wenn man dir eine Stelle bei der Mauth gibt, mit der du ſo oft dein Spiel getrieben haſt.⸗ Maſo lachte überlaut. „So iſt es, Signore, in dieſer unſerer ſittlichen Welt. Jemand, der in irgend einem Amte etwas tüch⸗ tiges leiſten würde, darf ſich nur gefährlich machen, ſo wird man ihn befördern. Die Diebsfänger ſind verzwei⸗ felte Schurken auſſer Dienſt. Die Zollbeamten haben die Kunſt inne, den Staat zu betrügen, und ich bin in Ländern geweſen, wo die Rede ging, daß alle die, welche — — 293— das Volk am meiſten ausbeutelten, ihren Beruf als blut⸗ arme Patrioten begonnen hätten. Die Regel ſteht feſt genug, ohne die Hülfe meines armen Namens, und ich will mit Eurer Erlaubniß bleiben, was ich bin; einer, der ſeine Freude daran hat, mitten unter Gefahren zu leben, und der ſich an den Gewalthabern rächt, indem er ſie verhöhnt, wenn er beſiegt wird, und ſie auslacht, wenn er glücklich iſt.⸗ „Junger Mann, du haſt den Stoff zu einem beſſern Thun in dir.⸗ „Signore, dies mag wahr ſeyn,“ antwortete Maſo, deſſen Geſicht ſich wieder verdunkelte:„wir rühmen uns, die Herrn der Schöpfung zu ſeyn, aber das Fahrzeug des armen Baptiſt war in dem letzten Orkan nicht min⸗ der Herr ſeiner Bewegungen, als wir Herrn unſers Schickſals ſind. Signor Grimaldi, ich habe in mir den Stoff, der einen Mann bildet; aber die Geſetze, die Meinungen und der verwünſchte Hader der Menſchen ließen mich, was ich bin. Die erſten funfzehn Jahre meines Lebens ſollte die Kirche mein Schrittſtein zu einem Kardinalshut oder einer fetten Priorei werden, aber das ſalzige Seewaſſer hat die nöthige Salbung verwaſchen.“ „Du biſt von beſſerer Geburt, als du zu ſeyn ſcheinſt — du haſt Freunde, welche auf deine Lage mit Kummer ſehen.“ Maſo's Auge flammte, aber er wandte es ſeitwarts, als drängte er, durch die Kraft eines unbezähmbaren Willens, ein raſches und ungeſtümes Gefühl zurück. „Ich bin vom Weibe geboren!“ ſagte er, mit ſon⸗ derbarem Nachdruck. — 204— „Und deine Mutter— macht ihr dein jetziges Leben keinen Kummer?— Kennt ſie dein Gewerbe?⸗ Das wilde Lächeln, welches dieſe Frage hervorrief, ließ den Genueſer bereuen, ſie geſtellt zu haben. Maſo kämpfte ſichtbar, ein Gefühl, das tief in ſeine Seele ſchnitt, zu bemeiſtern, und er verdankte den Sieg einer Selbſtbeherrſchung, wie Menſchen ſie ſelten erlangen. „Sie iſt todt,⸗ antwortete er trocken:„ſie iſt eine Heilige bei den Engeln. Wäre ſie am Leben geblieben, ſo würde ich nie ein Matroſe geworden ſeyn, und— und—“ er legte ſeine Hand an ſeine Gurgel, als wollte er das Gefühl des Erſtickens abwehren, lächelte und fügte lachend hinzu— ja, und der gute Winkelried würde ein Wrack geworden ſeyn.⸗ 8 „Maſo, du mußt zu Genua zu mir kommen. Ich muß dich genauer kennen lernen, und dich über dein Schickſal weiter ausfragen. Ein tüchtiger Geiſt fiel, als du die rechte Bahn verließeſt und die freundliche Hülfe eines Mannes, der nicht ohne Einfluß iſt, kann ſeine Kraft ihm wieder geben.⸗ Signor Grimaldi ſprach warm, wie jemand, der wahres Bedauern fühlt, und ſeine Stimme hatte all das Schwermüthige und Ernſthafte eines ſolchen Gefühls. Maſo's wildes Herz war von dieſem Beweis der Theil⸗ nahme geruhrt und ein Heer ungeſtümer Leidenſchaften wurde plötzlich beſiegt. Er nahte ſich dem edeln Ge⸗ nueſer und nahm ehrerbietig ſeine Hand. 3 „Verzeiht die Freiheit, Signore,⸗ ſagte er milder, die runzligten dünnen Finger mit der landcharten⸗gleichen Zeichnung der Adern aufmerkſam betrachtend⸗, waͤhrend — ben ief, raſo eele ner — 295— er ſie in ſeiner braunen, harten Hand hielt:„dies iſt nicht das erſte Mal, daß unſer Fleiſch ſich berührt, aber es iſt das erſte Mal, daß unſere§ nde vereinigt ſind. Laßt es nun in Freundſchaft ſeyn. Ein ſeltſamer Einfall hat ſich meiner bemächtigt und ich bitte Euch, ehrwürdiger Herr, mir die Freiheit zu verzeihen. Signore, Ihr ſeyd alt und geehrt, und gewiß hoch geſtellt in der Gunſt des Himmels, wie in der der Menſchen— gebt mir darum Euern Segen, eh' ich meines Weges gehe.⸗ Wie Maſo dieſe auſſerordentliche Bitte vortrug, knieete er mit einer ſo ehrerbietigen und aufrichtigen Miene nieder, daß kaum eine andere Wahl blieb, als ſie ihm zu gewähren. Der Genueſer war überraſcht, aber nicht auſſer Faſſung. Mit vollkommener Würde und Selbſtbeherrſchung und mit einem Grade von Gefühl, der der Gelegenheit angepaßt war,— die Frucht ſo mächtig geweckter Erregungen— ſprach er den Segen aus. Der Seemann ſtand auf, küßte die Hand, die er noch hielt, machte ein raſches Zeichen des Grußes gegen alle, ſprang den Abhang, auf welchem ſie ſtanden, hinab, und verſchwand im Schatten eines Gebüſches.. Sigismund, der dieſem ungewöhnlichen Auftritte mit Staunen zugeſehen hatte, beachtete ihn bis zu dem letz⸗ ten Augenblicke und ſah aus der Art, wie er mit ſeiner Hand über die Augen fuhr, daß ſein wildes Weſen wun⸗ derbar erſchüttert war. Auch Signor Grimaldi fühlte, als er ſich wieder ſammelte, die überzeugung, daß in dem Benehmen ihres unerklärlichen Retters kein Spott geweſen, denn eine heiße Thrane war auf ſeine Hand gefallen, ehe er ſie zurückzog. Er war durch das Vorge⸗ — 206— fallene ſelbſt ſtark angegriffen und ſchritt, auf ſeinen Freund gelehnt, langſam in die Thore von Blonay. „Dieſes auſſerordentliche Begehren Maſo's hat das traurige Bild meines eigenen armen Sohnes in mir ge⸗ weckt, lieber Melchior,“ ſagte er:„wollte Gott, er hätte dieſen Segen empfangen und derſelbe wäre ihm vor den Augen des Höchſten von Nutzen. Ja, er kann Nachricht davon erhalten— denn, kannſt du es wohl glauben? mir fiel ein, Maſo könnte einer ſeiner geächteten Ge⸗ fährten ſeyn und irgend ein ſeltſames Verlangen, dieſe Scene ihm mitzutheilen, habe die wunderſame Bitte er⸗ zeugt, welche ich gewährte.⸗ Sie ſetzten das Geſpräch fort, aber es wurde ge⸗ heim und in der vertraulichſten Weiſe gepflogen. Die übrige Geſellſchaft ſuchte bald ihre Betten, in den Gemächern der zwei adeligen Greiſe aber brannten Lampen bis in die ſpäte Nacht. Neuntes Kapitel. Wo ſind meine Schweizer? Laßt ſie das Thor bewachen: . Was gibt's? Hamlet. Der amerikaniſche Herbſt, oder das Sinken(Fall), wie wir dieſe köſtliche und mide Jahreszeit poctiſch und ſinnig bei uns nennen, wird, wie man glaubt, in ſeinem — einen das r ge⸗ hätte den hricht ben? Ge⸗ dieſe e er⸗ ge⸗ brige hern s in ben: all), und nem 205— warmen und belebenden Lichtglanz, ſeiner ſanften und erheiternden Luft und ſeiner bewundernswürdigen Be⸗ ſtändigkeit, von dem Spätjahr in faſt keinem andern Welttheil übertroffen. Ob nun die Anhänglichkeit an un⸗ ſer ſchöͤnes und edles Vaterland uns verleitet hat, ſeine Vorzüge zu überſchätzen oder nicht, und ſo glänzend und lieblich unſere Herbſttage gewiß ſind, ſo dämmerte doch gewiß kein ſchönerer Morgen über die Alleghanies*, als der war, welcher bei dem Wiedererſcheinen der Sonne nach dem ſo eben beſchriebenen Sturm der Nacht die Alpen umglänzte. Mit dem Vorſchreiten des Tages wurde die Scene allmählig lieblicher, bis ſelbſt das warme und glühende Italien kaum eine anziehendere, oder eine ſchönere Miſchung des Großen und des Milden entfal⸗ tende Landſchaft darbieten konnte, als die war, welche die Augen der Adelheid von Willlading grüßten, als ſie an dem Arme ihres Vaters aus dem Thore von Blonay auf deſſen hobe und mit Kies belegte Terraſſe trat. Es iſt bereits geſagt worden, daß dieſes alte und hiſtoriſche Gebaude an dem Schoos der Berge liegt, eine kleine Stunde binter der Stadt Veray. Alle Höhen die⸗ ſer Gegend ſind Vorſprünge derſelben Gebirgsmaſſe und der, auf welchem Blonay nun ſeit der früheſten Zeit des Mittelalters erbaut worden, gehört jener beſondern Linie von Felſenwällen an, welche Wallis von den innern Kan⸗ tonen der Eidgenoſſenſchaft trennt und allgemein unter dem Namen der Oberländiſchen Alpen bekannt iſt. Dieſe *) Zweige des Apalachiſchen Gebirgs in den Vereinigten Staaten Nordamerika's, welche die höochſten Kuppen deſſelben entyalten. Ueberſetzer. 208— Linie ſchneegekrönter Felſen lauft in ſenkrechten Abſchüſ⸗ ſen an dem Rande des Leman aus und bildet an dieſer Seite des See's einen Theil jener prachtvollen Einfaſ⸗ ſung, welche das ſüdöſtliche Horn ſeines Halbmondes ſo wunderſchön macht. Die grade, natürliche Mauer, die Villeneuve und Chillon überragt, läuft, blos Raum für die Heerſtraße laſſend und dort mit einer Hütte an ihrem Fuße geſchmückt, zwei Stunden lang an dem Saume des Waſſers hin, wendet ſich dann von dem Ufer des See's und verliert ſich, dem Inlande zuziehend, unter den klei⸗ nern Bergen Freiburgs. Niemand wird dieſe ſanften Abhange überſehen haben, durch das Spülen der Wald⸗ bäche, die Trümmer ſteiler Höhen, und was man das ſtete Tröpfeln ſenkrechter Gipfel nennen könnte, gebildet, und welche wie große Pfeiler an ihrem Fuße liegen, eine Art Grundlage für die darüber liegenden Maſſen bildend. In den Alpen, wo die Natur in einem ſo erhabenen Masſtab thätig war und wo alle Proportionen richtig beobachtet ſind, enthalten dieſe Trümmer der hohen Berge häufig Dörfer und Städtchen oder bilden ausgedehnte Felder, Weinberge und Weiden, je nachdem ihre Lage hoch oder der Sonne ausgeſetzt iſt. In geologiſcher Hin⸗ ſicht bleibt es bingeſtellt, ob der buntgeſprenkte Abhang, der Vevay umgibt, reich an Dörfern und Rebenpflan⸗ zungen, Weilern und Schlöſſern, ſich ſo gebildet hat, oder ob die Natur⸗Erſchutterungen, welche die obern Felſen von der Erdrinde geſchieden, ihre Grundlagen in ihren jetzigen zerbröckelten und ſchönen Formen gelaſſen haben; die Sache iſt aber für den Effekt nicht wichtig, welcher der eben genannte iſt und der dieſen ausgedehnten Fel⸗ ſenr wel beid Ein Fel nackh here dere dieſ jene wel Sch zug gen ode die wor Ma mit ma wer Au Un⸗ Ne dor sſchüſ⸗ dieſer infaſ⸗ des ſo „ die n für ihrem e des See's klei⸗ nften Vald⸗ 1 das ildet, eine dend. benen ichtig zerge ehnte Lage Hin⸗ dang, flan⸗ oder elſen hren ben; lcher Fel⸗ — 299 ſenreihen untergeordnete und fruchtbare Stützen gibt, welche, in andern Gegenden, ſelbſt Berge heißen würden. Das Schloß und die Familie von Blonay, denn beide beſtehen noch, gehören zu den älteſten der Waadt. Ein ſtarker viereckiger Thurm, auf einer Grundlage von Fels ruhend, einer jener zerriſſenen Maſſen, welche ihre nackten Köpfe zuweilen aus dem Boden des Abhanges herausſtrecken, war der Anfang dieſes Beſitzthumes. An⸗ dere Gebaude ſind in verſchiedenen Jahrhunderten um dieſen Kern aufgeführt worden, die zuſammen nun eines jener eigenthmlichen und maleriſchen Bauwerke bilden, welche ſo viele der wilderen und ſanfteren Gegenden der Schweiz ſchmücken, Die Terraſſe, auf welche Adelheid und ihr Vater zugingen, war ein unregelmäßiger Gang, von ehrwürdi⸗ gen Baumen beſchattet, welcher in der Nähe des Haupt⸗ oder Wagenthors auf einer Schicht jener Felſen, welche die Grundlage der Gebaude ſelbſt bilden, aufgeworfen worden war. Dieſe Terraſſe hatte ihre Bruſtwehr⸗ Mauern, ihre Sitze, ihren künſtlichen Boden und ihre mit Kies beſtreuten Alleen, wie es bei dieſen alten Denk⸗ malern gewöhnlich iſt; aber ſie hatte auch, was mehr werth iſt als dieſe, eine der erhabenſten und lieblichſten Ausſichten, deren je das menſchliche Auge ſich erfreute. Unter ihr lag der wogende, fruchtbare Abhang, reich an Reben und mit Raſen geziert, da mit Weilern betuoet, dort durch Waldbaume parkartig und landlich, waͤhrend man auf keine Seite blicken konnte, ohne auf das Oach eines Schloſſes oder den Thurm einer Dorfkirche zu ſtof⸗ ſen. Es iſt wenig Pracht in der Schweizer Archue. ur 76— 78. 14 210— welche die unſrige nirgends übertrifft, ihr vielleicht im byl Allgemeinen untergeordnet iſt; aber die Schönheit und ſon Zierlichkeit der Ausſichten, die große Mannigfaltigkeit der Flächen, die Hügelſeiten und die Reinheit der At⸗ un moſphäre gewähren Reize, welche dem Lande eigenthüm⸗ Fr lich ſind. Man ſah Vevay am Ufer, viele hundert Suß ret tiefer und ſcheinbar an einem ſchmalen Strand, obgleich Ei es ſich in Wahrheit eines beträchtlichen Raumes erfreut; ne während die Häuſer von St. Saphorin, Corſier, Mon⸗ fol treux und eines Dutzends anderer Dörfer an einander ihr hingen, wie eben ſo viele feſte Wohnungen von Wespen, W welche an den Bergen hängen. Den vorzüglichſten Reiz ihr aber bot der Leman. Wer den See nie in ſeiner Wuth ſuf geſehen hatte, konnte ſich in der ruhig glänzenden Flache, Se die ſich wie ein Spiegel meilenweit unter den Blicken ſie ausbreitete, nicht die Möglichkeit einer Gefahr denken. Au Sechs oder ſieben Schiffe waren ſichtbar, die Segel in wa nachläſſigen Formen fallend, als waren ſie eigens geord⸗ in net, um Künſtlern als Modelle zu dienen, die Ragen ſich neigend, wie der Zufall ſie geſtaltet hatte, und ihre un Rumpfe tüchtig raumend, um das Gemälde zu vollene we den. Dieſen naͤhern Gegenſtaͤnden muß die Ausſicht iin nac die Ferne zugefügt werden, welche in der einen Rich⸗ ma tung ſich bis zum Jura ausbreitete, und in der andern ſeit die Grenzen Italiens ſtreifte, deſſen luftige Scheidelinien Sc in jener Region geſucht werden mußten, welche weder hie zum Himmel noch zur Erde gehört, der Heimath ewigen Eiſes. An einzelnen Punkten glanzte die Rhone aus ger den Wieſen von Wallis, denn die Höhe des Schloſes M ließ dieſe ſehen und Adelheid war bemüht, in dem La-⸗ ſon t im und igkeit r At⸗ hüm⸗ Fuß gleich reut; Mon⸗ ander Spen, Reiz Wuth lache, licken nken. el in eord⸗ aaen ihre ollen⸗ ht in Rich⸗ dern inien beder bigen aus oſſes La⸗ — 211— byrinth der Berge die Thäler aufzuſuchen, welche zu den ſonnigen Landern führten, denen Fe entgegen reiſtten. Die Gefühle von Vater und Tochter waren, als ſie unter das Laubdach der Terraſſe traten, die ſtummer Freude. Der Ausdruck ihrer Züge ließ ſogleich gewah⸗ ren, daß ſie ſehr glucklich geſtimmt waren, erfreuliche Eindrücke aufzunehmen, denn beider Antlitz war voll je⸗ nes ruhigen Glückes, das plötzlicher und lebhafter Freude folgt. Adelheid hatte geweint, allein, nach dem Glanze ihrer Augen, der geſunden und ſtrahlenden Blüthe ihrer Wangen und dem halb unterdrückten Lacheln, das um ihre Lippen ſpielte, zu ſchließen, waren die Thranen eher ſuß als ſchmerzlich geweſen. Obgleich ſie noch körperliche Schwäche genug verrieth, um die Beſorgniſſe aller, die ſie kiebten, rege zu erhalten, zeigte ſich doch in ihrem Ausſehen eine glückliche Veränderung, welche ſo merklich war, daß ſie ſelbſt den minder Aufmerkſamen auffiel, die in täglichem Verkehr mit der Leidenden ſtanden. „Wenn reine und milde Luft, ein ſonniger Himmel und eine hinreißende Landſchaft das iſt, was die ſuchen, welche die Alpen überſchreiten, Vater,“ ſagte Adelheid, nachdem ſie einen Augenblick auf das prachtvolle Rundge⸗ malde geſchaut hatte,—„warum ſollte der Schweizer ſein Heimath⸗Land verlaſſen? Gibt es in Italien etwas Sanfteres, Anziehenderes, oder Geſunderes, als dies hier?“ „Dieſe Gegend iſt oft das Italien unſerer Berge genannt worden. Die Feige reift um jenes Dorfchen, Montreux genannt, und das ganze Geſtade, der Morgen⸗ ſonne offen, wahrend es durch die Abhange drüben ge⸗ 44* — 212— ſchirmt iſt, verdient wohl ſeine glückliche Berühmtheit. Sie Dennoch ziehen die, deren Geiſt Zerſtreuung fordert und En deren Geſundheit der Starkung bedarf, es gewöhnlich 4 vor, in Lander zu gehen, wo der Geiſt mehr Beſchäfti⸗ der gung hat und wo eine größere Mannigfaltigkeit von Ge⸗ hab. V ſchaften dem Klima und der Natur die Heilung vollen⸗ Wal B ddeen hilft.⸗ ges „Aber du vergißt, Vater, daß wir unter uns über⸗ den eingekommen ſind, daß ich jetzt ſtark und thaͤtig und hei⸗ ſchü ter werden ſoll, wie ich zu Willading zu ſeyn pflegte, vert als ich aus den Kinderjahren trat.“ ſie „Könnte ich nur dieſe Tage wieder ſehen, mein Lieb⸗ I ling, dieſe meine letzten Stunden würden ſo ruhig ſeyn, eine wie die eines Heiligen— obgleich ich, der Himmel weiß re es, in keiner andern Hinſicht Anſprüche an dieſe geſeg⸗ 7 nete Würde habe.“ uch: „Rechneſt du ein ruhiges Gewiſſen und eine ſichere Ver Hoffnung fur nichts, Vater?“ delt „Halte es, wie du willſt, Mädchen! Mache einen Terh. Heiligen aus mir, oder einen Biſchof, oder einen Ein: 3 3 4— dein ſiedler, wenn du willſt; der einzige Lohn, den ich for⸗ dere, iſt, dich heiter und glücklich zu ſehen, wie du waͤh⸗ oll rend der erſten achtzehn Jahren deines Lebens ſtets zu. ſeyn pflegteſt. Hatte ich vorher geſehen, daß du von mei⸗ haͤn ner guten Schweſter dir ſelbſt ſo wenig ahnlich zurück. kehren wurdeſt, würde ich den Beſuch nicht zugegeben einz. haben, ſo ſehr ich ſie und alle die Ihrigen liebe. Aber und die Weiſeſten unter uns ſind hülfloſe Sterbliche, und wir d wiſſen kaum, was uns von einer Stunde bis zur andern i fehlen kann. Du ſagteſt mir, glaube ich, dieſer wackere er theit. und ynlich hafti⸗ Ge⸗ ollen⸗ über⸗ hei⸗ legte, Lieb⸗ ſeyn, weiß gheſeg⸗ ichere einen Ein⸗ for⸗ wͤh⸗ s zu mei⸗ rück⸗ geben Aber wir dern ckere — 213— Sigismund habe ehrlich erkläart, er hoffe nicht, daß meine Einwilligung je einem Manne gegeben werden möchte, der in Hinſicht auf Geburt und Vermögen ſo wenig habe, deſſen er ſich rühmen könne? In dieſem Zweifel war mindeſtens Verſtand, und Beſcheidenheit, und richti⸗ ges Gefuhl, aber er hatte beſſer von meinem Herzen denken ſollen.“ „Er ſagte dies,“ erwiderte Adelheid mit einer ſchüchternen und leiſe zitternden Stimme, obgleich der vertrauenvolle Ausdruck ihres Auges klar bezeugte, daß ſie kein Geheimniß mehr vor ihrem Vater hatte.„Er beſitzt zu viel Ehrgefühl, um zu wünſchen, die Tochter eines Adeligen ohne das Mitwiſſen und die Billigung ihrer Verwandten zu gewinnen.“ „Daß der Jüngling dich liebt, Adelheid, iſt natür⸗ lich;— es iſt ein Beweis mehr von ſeinem eigenen Verdienſt— aber daß er meiner Liebe und Gerechtig⸗ keit mißtraut, iſt eine Beleidigung, welche ich kaum ver⸗ zeihe. Was ſind Ahnen und Schätze im Vergleich mit deinem Glücke?“ „Du vergiſſeſt, lieber Vater, daß er erſt erfahren ſoll, daß mein Glück einigermaßen von dem ſeinigen ab⸗ hängt.“ Adelheid ſprach ſchnell und mit Wäarme. »Er wußte, daß ich Vater war und daß du mein einziges Kind biſt; jemand von ſeinem geſunden Sinne und ſeinem richtigen Verſtande hatte die Gefühle eines Mannes in meiner Lage beſſer verſtehen ſollen, als daß er ſeirn natürliche Liebe bezweifelt.⸗ „Ta er nie Vater einer einzigen Tochter war,“ ant⸗ — — — —yy— ————— e—— ——— — —— —— — — — 214— wortete Adelheid lächelnd, denn in ihrer jetzigen Stim⸗ mung kam das Lächeln leicht,„kann er alles das, was du denkſt, nicht gefühlt oder geahnt haben. Er kannte die Vorurtheile der Welt in Hinſicht auf adelige Ge⸗ burt, und deren ſind in der That wenige, die viel haben und geneigt ſind, es an ſolche, die wenig haben, ab⸗ zugeben.“ „Der Burſche betrachtete die Sache eher wie ein alter Geizhals, denn wie ein junger Soldat und ich habe große Luſt, ihm mein Mißfallen zu erkennen zu geben— daß er ſo niedrig von mir denkt. Haben wir doch Wil⸗ lading mit allen ſeinen ſchönen Ländercien, und überdies unſer Bürgerrecht, ſo daß wir die Hülfe Anderer nim⸗ mer werden anzuſprechen haben, wie dürftige Bettler! Du biſt mit in der Verſchwörung gegen meinen Charak⸗ ter geweſen, Maͤdchen, ſonſt häͤtte eine ſolche Furcht kei⸗ nem von uns beiden nur einen unangenehmen Augen⸗ blick gemacht.“ „Ich glaubte nie, Vater, daß du ihn um der Ar⸗ muth willen zurückweiſen würdeſt, denn ich wußte, daß unſere eigenen Mittel für alle unſere Bedürfniſſe aus⸗ reichend wären; aber ich war der Meinung, derjenige, der ſich nicht der Vorrechte des Adels rühmen könne, möchte ſchwerlich deine Gunſt erlangen.⸗ „Sind wir nicht eine Republik? iſt nicht das Bür⸗ gerrecht das einzige weſentliche Recht in Bern— warum ſollte ich Hinderniſſe gegen das aufwerfen, uber welches die Geſetze ſchweigen?⸗ Adelheid lauſchte, wie wohl ein Mädchen von ihren Jahren ſo angenehmen Worten zu lauſchen pflegé mit tim⸗ was nnte Ge⸗ aben ab⸗ ein habe eben⸗ Wil⸗ rdies nim⸗ tler! arak⸗ kei⸗ igen⸗ Ar⸗ daß aus⸗ nige, Iune, Bür⸗ rrum lches hren mit )— 215— entzücktem Ohre; und doch ſchüttelte ſie den Kopf, um einen Unglauben zu unterdrücken, der nicht ganz frei von Beſorgniß war. „Für dein großmüthiges Vergeſſen alter Meinungen zu Gunſten meines Glückes, theuerſter Vater,“ begann ſte wieder, und Thranen traten ungeheißen in ihr ſinni⸗ ges blaues Auge,„danke ich dir innigſt. Es iſt wahr, wir ſind Bewohner einer Republik, aber wir ſind nichts deſto weniger von Adel.“ „Wendeſt du dich gegen dich ſelbſt und ſuchſt Gründe auf, warum ich das nicht thun ſollte, was du kaum als ſo nothwendig zugeſtandeſt, wenn du nicht deinen Brüdern und Schweſtern in ihre frühen Gräber folgen ſollteſt?⸗ Das Blut ſchoß ungeſtümer in das Antlitz der Jung⸗ frau, denn obgleich ſie ſich weinend in dem Augenblicke zärtlichen Vertrauens, der ihrem Dankgebet für des Freiherrn Rettung gefolgt war, an ſeine Bruſt geworfen und ihm geſtanden hatte, daß die Hoffnungsloſigkeit der Gefühle, mit welcher ſie die erklärte Liebe Sigismunds erwiderte, der wahre Grund des ſichtbaren Unwohlſeyns ſey, das ihre Angehörigen ſo ſehr beunruhigte; ſo ſchie⸗ nen doch die Worte, welche ihrem Herzen rreiwillig ent⸗ ſtrömt waren, keinen ſo ausgedehnten, oder den jung⸗ fräulichen Stolz ſo verwundenden Sinn in ſich zu ſchlieſ⸗ ſen, wie der, welchen ihr Vater in der Kraft ſeines männlichen Charakters ihnen gegeben hatte. „Mit Gottes Hülfe, Vater, werde ich, ob mit Si⸗ gismund vereint oder nicht, leben, um dein Alter zu er⸗ freuen und deine ſpäten Jahre zu beglücken. Eine gute Tochter wird nie ſo grauſam von jemand geriſſen wer⸗ — 216— den, deſſen letzter und einziger Beiſtand ſie iſt. Ich kann dieſes Fehlſchlagen betrauern und vielleicht thöricht wunſchen, es moͤchte anders ſeyn; aber unſer Haus iſt nicht der Art, daß ſeine Töchter aus Liebe zu irgend ei⸗ nem Jüngling ſterben, wie würdig er auch ſey.⸗ „Ob adlig oder bürgerlich,“ ſetzte der Freiherr la⸗ chend hinzu, denn er ſah, daß ſeine Tochter eher in vor⸗ übergehender Empfindlichkeit als aus ihrem vortrefflichen Herzen redete. Adelheid, deren geſunder Verſtand und ſchnelle Beſonnenheit ihr ſogleich die Schwachheit dieſer kleinen Darlegung weiblichen Gefuühls gezeigt hatte, lachte nun auch, obgleich ſie ſeine Worte wiederholte, als wenn ſie ihren eigenen mehr Nachdruck geben wollte. „Das reicht nicht aus, meine Tochter. Wer der republikaniſchen Lehre anhängt, darf auch in ſeiner An⸗ ſicht über Vorrechte nicht zu ſtreng ſeyn. Wenn Sigis⸗ mund nicht von Adel iſt, ſo wird es nicht ſchwer ſeyn, dieſe ehrenvolle Auszeichnung für ihn zu erlangen, und er kann, da ich keine männlichen Nachkommen habe, den Namen unſerer Familie tragen und ihre Ehre aufrecht erhalten. In jedem Falle wird er Mitglied der Bur⸗ gerſchaft werden, und dies iſt an ſich alles, was in Bern erforderlich iſt.⸗ „In Bern, Vater,“ erwiderte Adelheid, welche o fern die frühere ſtolze Regung vergeſſen hatte, daß ſie ihrem gütigen und nachſichtigen Vater zulächelte, obgleich ſie, ſich der Wunderlichkeit glücklicher Leute hingebend, mit ihren eigenen Gefühlen zu ſpielen fortfuhr:—„es iſt wahr. Das Bürgerrecht wird zur Erlangung von Amtern und bürgerlichen Privilegien hinreichen, allein 217— wird es auch den Anſichten unſerer Ebenbürtigen, den Vorurtheilen der Geſellſchaft und unſerer eignen voll⸗ kommenen Zufriedenheit genügen, wenn die Neuheit der Dankbarkeit vorüber iſt?“ „Du ſtellſt dieſe Fragen, Mädchen, als wollteſt du deine eigene Sache bekampfen— liebſt du denn den jungen Mann wirklich?“ „Über dieſen Gegenſtand habe ich aufrichtig und wie es deinem Kinde ziemt, geſprochen,“ verſetzte Adelheid freimüthig.„Er hat mein Leben aus einer drohenden Gefahr gerettet, ſo wie er jetzt das deinige gerettet hat; und obgleich meine Tante, dein Mißfallen fürchtend, nicht haben wollte, daß du von der Sache unterrichtet wür⸗ deſt, konnte ihr Verbot doch die Dankbarkeit nicht hin⸗ dern, ihr Glück zu verſuchen. Ich habe dir geſagt, daß Sigismund ſeine Gefuhle erklärt habe, obgleich er edel nicht einmal eine Erwiderung verlangte, und ich würde nicht meiner Mutter Kind geweſen ſeyn, wenn ich bei ſo vielem Werthe, verbunden mit einem ſo großen Dienſte, ganz gleichgültig geblieben wäre. Was ich von unſern Vorurtheilen geſagt habe, iſt ſonach eher ein Gegenſtand deiner Überlegung als der meinigen, theurer Vater. Ich habe oft über alles das nachgedacht, und bin bereit, dem Stolze jedes Opfer zu bringen und allen Tadel der Welt zu dulden, um mich einer Schuld gegen jemand zu entladen, dem ich ſo viel verdanke. Während es aber natürlich, ja unvermeidlich iſt, das ich ſo fühle, brauchſt du nicht nothwendig die andern Anſprüche auf dich zu vergeſſen. Es iſt wahr, in einem Sinne ſind wir uns gegenſeitig Alles, aber es gibt einen Tyrannen, — 218— den kaum irgend jemand ſeinem Scepter entſchlüpfen m läßt— ich ſpreche von der öffentlichen Meinung. Laß ſ uns daher nicht uns ſelbſt täuſchen— wollen wir von p Bern gleich für eine Republik gelten und ſprechen wirr 4 auch viel von Freiheit, ſo iſt es doch ein kleiner Staat b und der Einfluß der Größern und Mächtigern unſerer 3 Nachbarn hat in Allem das Übergewicht, was ſich auf die n öffentliche Meinung bezieht. Ein Adeliger bleibt ein r Adeliger in Bern in Allem, das ausgenommen, was das ſ Geſetz zugeſteht, ſo gut wie in dem Reich— und du n weißt, wir ſind deutſchen Stammes, der in dieſen Vor⸗ n urtheilen tiefe Wurzel gefaßt hat.“ Der Freiherr von Wlllading hatte ſich ſehr gewöhnt, den überlegeneren Geiſt und den gebildeteren Verſtand ſeiner Tochter in Anſpruch zu nehmen, die in der Ein⸗ ſamkeit ihres väterlichen Schloſſes weit mehr geleſen und gedacht hatte, als in den unruhigeren Scenen des Le⸗ bens ihre Jahre wahrſcheinlich erlaubt haben würden. Er fühlte das Richtige ihrer Bemerkung und ſie waren die ganze Laͤnge der Terraſſe in tiefem Schweigen hin⸗ abgegangen, ehe er die Gedanken ſammeln konnte, welche eine angemeſſene Antwort forderte. „Die Wahrheit deſſen, was du ſagſt, iſt nicht zu läugnen,“ ſprach er endlich:„aber es kann geholfen wer⸗ den. Ich habe viele Freunde an den deutſchen Höfen und eine Gunſt kann erwirkt werden; ein Adelsbrief gibt dem Jungling die Stellung, welche ihm fehlt, worauf er, ohne gegen irgend eine Meinung, ſowohl zu Bern wie anders⸗ wo, anzuſtoßen, um deine Hand werben kann.“ „Ich zweifle, ob Sigismund ſich zu dieſem Auskunfts⸗ ——ο 2—.——y—¼,,— 02 ☛‿—„— 219 mittel gern hergibt. Unſer eigener Adel iſt alten Ur⸗ ſprungs, er ſchreibt ſich von einer Zeit her, wo man von Bern als einer Stadt noch nichts wußte, und iſt älter als unſere Verfaſſung. Ich erinnere mich, ihn ſa⸗ gen gehört zu haben, daß, wenn ein Volk ſolche Aus⸗ zeichnungen nicht ſelbſt verleihen wolle, ſeine Bürger ſie nie von andern ohne einen Verluſt an Würde und Cha⸗ rakter annehmen konnten, und ein Mann von ſeiner gei⸗ ſtigen Feſtigkeit möchte Anſtand nehmen, für eine ſo wexthloſe Gabe wie die, welche wir bieten, das zu thun, was er für unrecht hält.“ „Bei der Seele Wilhelm Tell's, ſollte der unbe⸗ kannte Bauer es wagen— aber er iſt ein braver Junge und zweimal hat er meinem Geſchlechte den höchſten Dienſt erzeigt! Adelheid, ich liebe ihn kaum weniger, wie dich, und wir wollen ihn behutſam und allmählig für unſere Plane zu gewinnen ſuchen. Ein Madchen von deiner Schönheit und deinen Jahren, um nichts von deinen übrigen Eigenſchaften, deinem Namen, der Be⸗ ſitzung von Willading und den Berner Rechten zu ſagen, ſind doch wohl keine ſo unbedeutende Dinge für einen namenloſen Krieger, der nichts hat—“ „Als ſeinen Muth, ſeine Tugenden, ſeine Beſchei⸗ denheit und ſein treffliches Gefühl, Vater!“ „Du willſt mir die nackte Genugthuung nicht laſſen, meine eigenen Waaren zu rxühmen! Ich ſehe an Gaetano Grimaldi's Fenſter Zeichen, als ſey er im Begriff her⸗ auszukommen; geh' in dein Gemach, damit ich mit dem trefflichen Freunde von dieſer vexorüßlichen Sache ſpre⸗ — 220— chen kann; zu gehöriger Zeit ſollſt du das Reſultat er⸗ fahren.“ Adelheid küßte die Hand, welche ſie in der ihrigen hielt und verließ ihren Vater mit einer gedankenvollen Miene. Sie ging nicht mit demſelben beflügelten Schritte die Terraſſe hinab, mit welchem ſie eine halbe Stunde vorher heraufgekommen war. Ihrer Mutter früh beraubt, war dieſes charakter⸗ feſte, aber zarte Mädchen lange gewohnt geweſen, ihren Vater zum Vertrauten ihrer Hoffnungen, Gedanken und Plane für die Zukunft zu machen. In Folge ihrer ei⸗ genthümlichen Lage würde ſie weniger, als ſonſt bei ih⸗ rem Geſchlechte gewöhnlich iſt, gezögert haben, ihm ihre Neigung zu geſtehen; aber die Furcht, die Erklarung werde ihn nur unglücklich machen, ohne ihre Sache in irgend einer Weiſe zu fördern, hatte ſie bisher gehindert zu ſprechen. Ihre Bekanntſchaft mit Sigismund war eine lange und innige. Veſt gewurzeltes Vertrauen und tiefe Achtung machten die Grundlage ihrer Gefühle aus, welche jedoch ſo lebendig waren, daß ſie in dem Beſtre⸗ ben, ihrer zu vergeſſen, die Roſen von ihren Wangen ſcheuchten und ihren beſorgten Vater furchten ließen, ſie gehe dem frühzeitigen Tode entgegen, welcher ihn bereits ſeiner andern Kinder beraubt hatte. Es beſtand in Lahrheit kein ernſthafter Grund zu ſeinen Beſorgniſſen, veuhe für jemand an der Stelle des Freiherrn von Willading ſo natürlich waren; denn bevor Sinnen und Nachdenken ihre Wange bleichten, wohnte kein Mädchen in ihren heimathlichen Bergen, das blüͤhender geweſen ware, oder eine vollkommenere Geſundheit mit weiblicher 221— Zartheit vereinigt hätte. Sie hatte ruhig in die Italie⸗ niſche Reiſe gewilligt, in der Erwartung, ſie werde dazu beitragen, ihren Geiſt vor dem Brüten über dem, was ſie lange als hoffnungslos angeſehen hatte, abzuwenden, und mit dem natürlichen Wunſche, ſo berühmte Länder zu ſehen, aber durchaus unter keinen irrigen Anſichten über ihre eigene Lage. Sigismund's Anweſenheit war, ſoweit ſie betheiligt war, rein zufällig, obſchon ſie den freundlichen Gedanken nicht von ſich abwehren konnte— ein Gedanke, der ihrer weiblichen Neigung und ihrem jungfräulichen Stolze ſo angenehm war— der junge Krieger, der in Oſtreichiſchen Dienſten war und den ſie bei einem ſeiner häufigen Beſuche in der Heimath kennen gelernt hatte, habe dieſe günſtige Gelegenheit freudig er⸗ griffen, zu ſeinen Fahnen zurückzukehren. Umſtande, welche wir dem Leſer nicht auseinander zu ſetzen brau⸗ chen, hatten Adelheid Gelegenheit geboten, den jungen Mann mit ihrem Vater bekannt zu machen, obgleich das Verbot ihrer Tante, deren Unklugheit der Vorfall, der beinahe ſo unglücklich geendigt hätte, und von deſſen Fol⸗ gen ſie durch Sigismund gerettet worden war, ſie ab⸗ hielt, alle die Gründe anzugeben, welche ſie hatte, ihm Achtung und Wohlwollen zu zeigen. Vielleicht ſteigerte die Art, wie dieſes junge und phantaſiereiche, obgleich reizbare Madchen gezwungen war, einen Theil ihrer Ge⸗ fühle zurückzudrangen, deren Innigkeit und beſchleunigte den Übergang der Gefuͤhle der Dankbarkeii zu denen der Liebe, der ſonſt vielleicht nur durch eine offenere und langere Bekanntſchaft erzeugt worden wäre. Jetzt wußte ſie kaum ſelbſt, wie unzertrennlich ihr Glück an das von 222 — Sigismund gefeſſelt war, obgleich ſie ſein Bild in ihren meiſten wachen Traumen ſo zärtlich gehegt und ſeinen Einfluß auf ihren Geiſt und ihre Hoffnungen unbewußt hatte wirken laſſen, bis ſie erfuhr, daß er ihre Ge⸗ fühle theile. Signor Grimaldi zeigte ſich an dem einen Ende der Terraſſe, als Adelheid von Willading an dem andern hinabſtieg. Die alten Edelleute hatten ſich ſpat in der letzten Nacht nach einer innigen und vertraulichen Mittheilung getrennt, welche die Seele des Italieners erſchüttert und die ſtärkſten und aufrichtigſten Beweiſe der Theilnahme von Seiten ſeines Freundes zur Folge gehabt hatten. In dem angebornen Charakter des Genueſers war, ſo geneigt er ſich auch zu plötzlichen Schatten der Schwer⸗ muth zeigte, ein ſtarker humoriſtiſcher Zug, welcher ſeine peinlicheren Erinnerungen ſo raſch überſtrahlte, daß er deren Gewicht großtentheils erleichterte und ihn, dem Anſchein nach zu einem glucklichen Manne machte, ob⸗ gleich die Wahrheit gezeigt hätte, daß er ein kummer⸗ volles Gemüth hege. Er hatte ſeine Andacht mit dank⸗ barem Herzen vollbracht und kam nun in die belebende Bergluft heraus, wie jemand, der ſein Gewiſſen von ei⸗ ner ſchweren Laſt befreit hat. Wie die meiſten katholi⸗ ſchen Laien glaubte er ſich nicht langer gehalten, ein ern⸗ ſtes und zerknirſchtes Auſſere beizubehalten, nachdem Ge⸗ bet und Buße gehörig beachtet worden, und er kam mit einer Heiterkeit der Miene und der Stimme zu ſeinem Freunde, die ein Einſiedler, oder ein Puritaner nach den Ergebniſſen des verfloſſenen Abends für Leichtſinn ge⸗ nommen hätte. der ern ten ung und me mit nem den ge⸗ „Die Jungfrau und San Francesco ſeyen mit dir, alter Freund!“ ſagte Signor Grimaldi, die beiden Wan⸗ gen des Freiherrn von Willading herzlich küſſend:— „wir haben beide vollen Grund, ihrer Gute eingedenk zu ſeyn, obgleich ich nicht zweifle, daß du, als Ketzer, be⸗ reits andere Vermittler fandeſt, denen du dankteſt, daß wir jetzt auf dieſer feſten Terraſſe des Herrn von Blo⸗ nay ſtehen, ſtatt werthloſen Lehm auf dem Grunde jenes verrätheriſchen Sees dort abzugeben.“ „Ich danke Gott dafür, wie für alle ſeine Gnaden — für dein Leben, Gaetano, ſo wie für mein eigenes.“ „Du haſt recht, du haſt recht, guter Melchior; unſer Leben ſtand wahrhaft bei niemand anderm als bei Ihm, der das Weltall auf der Fläche ſeiner Hand halt, denn eine Minute ſpäter hatte uns zu unſern Vatern verſammelt. Doch wirſt du es mir, als einem Katholiken, erlauben, der Vermittler zu gedenken, welche ich in dem Augen⸗ blick der Noth angerufen habe..) „Dies iſt ein Gegenſtand, über den wir nie gleich gedacht haben und wahrſcheinlich auch nie gleich denken werden,“ antwortete der Berner mit der Zuruckhaltung deſſen, der ſich einer ſtarkern Meinungsverſchiedenheit bewußt iſt, als er auszudrücken wuünſchte, während ſie ſich wendeten und auf der Terraſſe auf und ab zu gehen anfingen—„obgleich ich glaube, es iſt der einzige Streit⸗ punkt, der je zwiſchen uns beſtanden hat.“ „Es iſt nicht außerordentlich,“ erwiderte der Ge⸗ nueſer,„daß Leute ſich in Glüͤck und Unglück an einan⸗ der ſchließen, für einander bluten, einander lieben, ſich gegenſeitig jeden Dienſt der Freundſchaft erweiſen, wie — 224— du und ich gethan haben, Melchior, ja, ſich in der höch⸗ ſten Noth befinden und mehr um des Freundes als um ihrer ſelbſt willen leiden, und doch ſolche Anſichten in Betreff ihres gegenſeitigen Glaubens hegen, daß ſie bei all dem den Ungläubigen in des Teufels Klauen wäh⸗ nen und der ſtillen Überzeugung leben, dieſelbe Seele, welche in allem andern für ſo edel und trefflich erachtet wird, müſſe für ewige Zeiten verdammt werden, weil ihr gewiſſe Meinungen und Förmlichkeiten fehlten, welche man uns für weſentlich zu halten gelehrt hat.“ „Um dir die Wahrheit zu ſagen,“ verſetzte der Schweizer, ſich die Stirne wie jemand reibend, der ſeine Gedanken erhellen will, wie man altes Silber glanzend macht— durch Reibung:»dieſer Gegenſtand iſt, wie du wohl weißt, meine ſtarke Seite nicht. Luther und Cal⸗ vin und andere Weiſe haben entdeckt, daß es eine Schwache ſey, ſich ohne genaue Unterſuchung Glaubens⸗ ſatzen zu unterwerfen, blos weil ſie ehrwuͤrdig ſind, und haben den Weizen von der Spreu geſchieden. Das nennen wir eine Reform. Es iſt mir genug, daß ſo weiſe Männer mit ihren Unterſuchungen und Verande⸗ rungen zufrieden waren, und ich fühle wenig Neigung, eine Entſcheidung zu ſtören, welche jetzt die Weihe von faſt zwei Jahrhunderten der Erfahrung erhalten hat. Um offen gegen dich zu ſeyn, ich halte es für klug, die Anſichten meiner Väter zu ehren.“— „Aber, wie es ſcheint, nicht die deiner Großvater,“ ſagte der Italiener trocken, aber in vollkommen guter Laune:„Bei San Francesco, du hätteſt einen guten Kardinal gegeben, wenn der Zufall dich funfzig Stunden ſu ſch⸗ um in bei ah⸗ ele, htet veil lche der eine gend du Cal⸗ eine ens⸗ ſind, Das ß ſo inde⸗ zung, von hat. „die ater,“ guter guten unden 225 ſüdlicher, oder weſtlicher, oder öſtlicher auf die Welt ge⸗ ſetzt hätte. Aber ſo geht es in der Welt, mögen es nun Türken, oder Juden, oder Lutheraner ſeyn, und ich fürchte, es iſt auch ziemlich daſſelbe mit den Kindern von St. Petrus. Alle haben ihre Grundſätze im Glauben, in der Politik, wie in jedem Intreſſe, heiße es, wie es wolle, das jeder wie einen Hammer braucht, um das Gebäude der Gründe ſeines Gegners einzuſchlagen, und wenn er ſich in des Andern Verſchanzung ſieht, ei, ſo ſammelt er die zerſtreu⸗ ten Materialien, um eine Mauer zu ſeinem eigenen Schutze aufzuführen. Was dann geſtern Unterdrückung hieß, wird heute eine zu rechtfertigende Vertheidigung; der Fanatismus wird Logik; und Glaubigkeit und demüthige Unterwerfung müſſen nach zwei Jahrhunderten Ehrer⸗ bietung gegen die ehrwürdige Anſicht der Väter werden! Doch laſſen wir das— du ſprachſt vom Danke gegen Gott, und darin ſtimme ich, obgleich ich ein Katholik bin, fromm und inbrünſtig ein, mit oder ohne Vermittlung der Hei⸗ ligen.⸗ Der brave Freiherr hatte keinen Gefallen an ſeines Freundes Anſpielungen, obgleich ſie für ſeine bequeme Faſſungsgabe viel zu fein waren, denn der Geiſt des Schweizers war durch den ſteten Aufenthalt im Schnee und Angeſichts der Gletſcher ein wenig eingefroren und das bewegliche Spiel der Phantaſie des Genueſers, die ſich zuweilen wie Luft, welche durch die Sonnenwärme verdünnt worden, ausbreitete, fehlte ihm. Dieſe Ver⸗ ſchiedenheit der Charaktere jedoch, weit entfernt, ihr ge⸗ genſeitiges freundliches Verhältniß zu trüben, war ſehr wahrſcheinlich der weſentliche Grund des Beſtandes deſ⸗ 76— 78. 15 — 225— ſelben, da man wohl weiß, daß die Freundſchaft wie die Liebe, öfter durch Eigenſchaften hervorgerufen wird, welche ein wenig von den unſrigen verſchieden ſind, als durch eine vollkommene Gleichheit der Charaktere und Neigun⸗ gen, welche eher Eiferſucht und Streit hervorruft, als wenn jeder Theil ſein geſondertes Pfund hat, mit wel⸗ chem er wuchern kann und das Intreſſe deſſen lebendig erhält, der in dieſer beſondern Hinſicht nur unbedeutend ausgeſtattet iſt. Alles, was zu einer vollkommenen Ge⸗ meinſchaft des Gefühls erfordert wird, iſt ein gegenſei⸗ tiges Anerkennen und ein gleiches Werthhalten gewiſſer großer moraliſcher Grundſätze, ohne welche keine Ach— tung unter rechtlichen Männern beſtehen kann. Die Ver⸗ bindung von Schurken hängt von ſo bekannten und ein⸗ leuchtenden Triebfedern ab, daß wir uns jeder Erörte⸗ rung über ihr Princip als etwas Überflüſſigen enthalten bönnen. Signor Grimaldi und Melchior von Willading waren beide ſehr biedere und rechtlich geſinnte Männer, nach der Geltung dieſer Worte, wenigſtens ihrem Willen nach, und ihre entgegengeſetzten Eigenthümlichkeiten und Anſichten hatten während ihrer Jugend gedient, das In⸗ treſſe ihres Verkehrs rege zu erhalten, und konnten jetzt, wo die Zeit ihre Gefühle gemildert und ſo manche Er⸗ innerung gebracht hatte, das Band zu befeſtigen, das ſchwerlich umſtürzen, was ſie vorzüglich im Anfang ſchaf⸗ fen halfen. „An deine Bereitwilligkeit, Gott zu danken, habe ich nie gezweifelt,⸗ antwortete der Freiherr, als ſein Freund die eben mitgetheilte Bemerkung geſchloſſen hatte, „aber wir wiſſen, daß ſeine Gnade hienieden ſich ge⸗ — — 22&— ₰ 2AQ— 227 wöhnlich mittels menſchlicher Werkzeuge offenbart. Soll⸗ ten wir daher nicht eine andere Art Dankbarkeit zu Gunſten deſſen an den Tag legen, der in dem Sturm der letzten Nacht ſich ſo hulfreich zeigte?⸗ „Du meinſt meinen unbiegſamen Landsmann? Seit wir uns trennten, habe ich viel über ſeine ſeltſame Wei⸗ gerung nachgedacht und hoffe immer noch Mittel zu fin⸗ den, ſeinen Starrſinn zu beſiegen.“ „Ich hoffe, es gelingt dir und du weißt wohl, daß du ſtets auf mich als einen Beiſtand rechnen kannſt. Aber ich habe in dieſem Augenblicke nicht an ihn gedacht; es iſt ein Anderer da, der großmüthig mehr für uns gewagt hat, als der Seemann, indem er ſein Leben einſetzte.⸗ „Das iſt keine Frage und ich habe bereits über die Mittel, ihm nützlich zu werden, nachgedacht. Er iſt ein Glücksſoldat, wie ich höre, und wenn er Dienſte zu Ge⸗ nua nehmen will, werde ich die Sorge für ſeine Beför⸗ derung auf mich nehmen. Beunruhige dich daher nicht wegen des Schickſals des jungen Sigismunds; du kennſt meine Mittel und wirſt an meinem Willen nicht zweifeln.“ Der Freiherr räuſperte ſich, denn er fühlte eine ge⸗ heime Abneigung, ſeine eigenen günſtigen Abſichten gegen den jungen Mann zu enthüllen— das letzte noch zö⸗ gernde Gefühl weltlichen Stolzes und die Folge von Vorurtheilen, welche damals allgemein waren, und die ſelbſt jetzt bei weitem noch nicht erloſchen ſind. Ein lebendiges Gemälde der Schrecken der vergangenen Nacht ging an ſeinem Geiſte vorüber und der gute Genius ſei⸗ nes jungen Retters triumphirte. 135* —- 228— „Du weißt, daß der Jüngliug ein Schweizer iſt,⸗ ſagte er, ⸗und vermöge der Bande des Vaterlandes ſpreche ich mindeſtens ein gleiches Recht an, ihm nützlich zu werden.“ „Wir wollen wegen des Vorrangs in dieſer Sache nicht hadern, aber du wirſt wohlthun, dich zu erinnern, daß ich im Beſitze beſonderer Mittel bin, ſeinen Vortheil zu wahren— Mittel, welche dir unmöglich zu Gebote ſtehen.⸗ „Das iſt nicht erwieſen,“ unterbrach ihn der Freiherr von Willading:„ich habe zwar deine Stellung nicht, das iſt wahr, Signor Gaetano, noch deine bürgerliche Gewalt, noch deinen fürſtlichen Reichthum; aber ſo arm ich in dieſen bin, ſo iſt doch eine Gabe in meiner Hand, welche jene alle aufwiegt und die dem jungen Burſchen angenehmer ſeyn wird, als irgend eine Gunſtbezeugung, wie du ſie eben genannt haſt oder irgend nennen kannſt, ich müßte mich denn in ſeinem Charakter geirrt haben.“ Signor Grimaldi hatte, die Augen gedankenvoll auf den Boden heftend, ſeinen Weg fortgeſetzt; jetzt aber blickte er erſtaunt in das Geſicht ſeines Freundes em⸗ por, als wollte er eine Erklärung. Der Freiherr war nicht nur durch das, was er ſich hatte entſchlüpfen laſ⸗ ſen, blosgeſtellt, ſondern der Widerſpruch machte ihn auch warmer, denn die beſten Menſchen werden häufig unter dem Einfluſſe von Triebfedern ſehr unbedeutender Art etwas Vortreffliches thun. „Du weißt, ich habe eine Tochter,“ fing der Schwei⸗ zer feſt an, entſchloſſen, das Eis auf einmal zu brechen ,2à2———jj—,— ———,.,.— ſt, des lich ꝛche ern, heil bote berr iſt loch eſen ene ner ſie ißte auf ber em⸗ war laſ⸗ ihn ufig nder wei⸗ 229 und eine Entſchiedenheit zu zeigen, welche, wie er fürch⸗ tete, ſein Freund für eine Schwachheit nehmen würde. „Die haſt du; und eine ſchönere, beſcheidenere, zärt⸗ lichere, und doch, wenn mein Urtheil nicht trügt, im Noth⸗ fall feſtere, iſt unter allen Vortrefflichen ihres vortreff⸗ lichen Geſchlechtes nicht zu finden. Aber du wirſt kaum daran denken, Adelheid einem Jüngling, der ſo wenig bekannt iſt, oder ohne ihre Wünſche zu Rath gezogen zu haben, als Lohn für einen ſolchen Dienſt anzutragen?⸗ „Mädchen von Adelheids Geburt und Erziehung ſind ſtets bereit, das zu thun, was ſchicklich iſt, um die Ehre ihrer Familien aufrecht zu erhalten. Ich halte die Dank⸗ barkeit für eine Schuld, welche nicht lange unabgetragen auf dem Namen von Willading laſten kann.“ Der Genueſer ſah ernſt aus und es war offen⸗ bar, daß er ſeinem Freunde nicht ganz ohne Mißfallen zuhörte. „Wir, die wir ſo viel von dem Leben geſehen ha⸗ ben, guter Melchior,“ ſagte er,„ſollten deſſen Beſchwer⸗ den und Fährlichkeiten kennen. Der Weg iſt mühſam und es bedarf alles des Troſtes, den Liebe und eine Gleichheit der Gefühle nur gewähren können, um ſeine Sorgen zu erleichtern. Ich habe dieſe herzloſe Weiſe, mit den zärtlichſten Banden zu markten, um einen aus⸗ gehenden Stamm oder ein verfallendes Vermögen wie⸗ der emporzubringen, nie geliebt; und es wäre beſſer, Adelheid brächte ihre Tage unvereheligt in deinem alten Schloſſe hin, als daß ſie zufolge einer raſchen Erregung des Gefühls nicht minder, als zufolge einer kalten Be⸗ rechnung des Eigennutzes jemanden ihre Hand gibt. Solch — 230— ein Maͤdchen, Freund, gibt man nicht ohne viele Sorg⸗ falt und Nachdenken hin.“ „Bei der Meſſe, um mich eines deiner Lieblings⸗ ſchwüre zu bedienen, ich wundere mich, dich ſo reden zu hören— dich, den ich als einen heißblutigen Italiener kenne, der eiferſüchtig war wie ein Türke, und mit dem Degen in der Fauſt behauptete, alle Frauen ſeyen wie der Stahl ſeiner Klinge, ſo leicht durch Roſt, oder ſchlech⸗ ten Athem, oder Vernachläſſigung getrübt, daß kein Va⸗ ter oder Bruder in Betreff der Ehre ruhig ſeyn könne, ehe die letzte ſeines Namens glücklich verheirathet wäre, und auch das an einen ſolchen Mann, wie die Weisheit ihrer Rathgeber ihn wählte. Ich erinnere mich, einſt von dir gehört zu haben, du könnteſt nicht ruhig ſchla⸗ fen, bis deine Schweſter eine Frau oder eine Nonne wäre.“ „Dies war die Sprache der Knabenzeit und gedan⸗ kenloſen Jugend, und bitter bin ich geſtraft worden, daß ich mich ihrer bediente. Von Willading, ich nahm eine ſchöne und edle Jungfrau zum Weibe; allein ich kam leider zu ſpät, um mir ihre Liebe zu gewinnen, obgleich mein grades Benehmen gegen ſie mir ihre Achtung und Schätzung erwarb. Es iſt etwas fürchterliches, die ern⸗ ſten und feierlichen Bande des ehelichen Lebens zu knü⸗ pfen, ohne der Sache des Glücks auch die Stütze des Verſtandes, die Phantaſie, den Geſchmack, nebſt den Ge⸗ fühlen, die davon abhangen, und vor allem jene launen⸗ vollen Neigungen beizugeſellen, deren Wirken zu oft jede menſchliche Vorſicht vereitelt. Wenn die Hoffnungen der Gefühlvollen und Edlen ſelbſt in der ungewiſſen Lot⸗ terie des Eheſtandes getäuſcht werden, wird das Opfer 22 — 25 ſchwer kämpfen, die Tauſchung zu bewahren; wenn aber die Berechnungen Anderer das Übel erzeugt haben, treibt uns ein natürlicher Beweggrund, der von dem Teufel ſtammt, fürchte ich, das Übel zu erſchweren, ſtatt daß wir ſtreben ſollten, es zu erleichtern.“ „Du ſprichſt nicht von dem Eheſtand wie jemand, dem er Glück brachte, armer Gaetano.“ „Ich habe dir geſagt, was leider nur zu wahr iſt,“ erwiederte der Genueſer mit einem ſchweren Seufzer. „Meine Geburt, große Reichthümer und ein guter Name, hoffe ich, verleiteten die Verwandten meiner Gattin, ſie zu einer Verbindung zu drängen, zu welcher, wie ich ſpäter Grund hatte zu fürchten, ihr Gefühl ſie nicht geführt hatte. Ich hatte überdies einen furchtbaren Verbündeten an dem anerkannten Unwerthe deſſen, der ihre junge Phantaſie gewonnen hatte und den, als mit den Jahren das Nachdenken kam, ihre Vernunft verdammte. Ich wurde daher als ein Heilmittel für ein blutendes Herz und einen geſtörten Frieden angenommen und meine Stellung war mindeſtens keine ſolche, wie ein guter Mann ſie wünſchen, oder ein ſtolzer Mann ſie ertragen konnte. Die unglückliche Angiolina ſtarb, als ſie ihrem erſten Kinde, dem unglücklichen Sohne, von dem ich dir ſo viel erzählte, das Leben gab. Sie fand den Frieden endlich in dem Grabe.“ „Du hatteſt die Zeit nicht, deine männliche Zärt⸗ lichkeit und deine edlen Eigenſchaften bei ihr geltend zu machen, ſonſt würde ſie, ich ſetze mein Leben daran— dich noch geliebt haben, Gaetano, wie dich Alle lieben, die dich kennen!“ erwiederte der Freiherr mit Wärme. 232— „Dank, mein gütiger Freund; aber mache das Hei⸗ rathen nicht zu einer bloßen Schicklichkeitsſache. Es mag Thorheit ſeyn, jede müßige Neiguug für jenes tiefe Ge⸗ fühl und die geheime Sympathie zu nehmen, welche Herz an Herz feſſelt, und ein gemeinſchaftliches Schick⸗ ſal kann freilich Weltlichgeſinnte an einander knüpfen; aber dies iſt nicht das heilige Band, welches edle Eigen⸗ ſchaften in einer Familie erhält und gegen die Verfüh⸗ rungen einer Welt ſichert, gegen welche die Rechtſchaf⸗ fenheit bereits nicht mehr aufkömmt. Ich erinnere mich, von jemand, der ſeine Mitgeſchoͤpfe genau kannte, gehört zu haben: Schicklichkeitsheirathen zielten dahin, das Weib ſeines ſchönſten Schmuckes zu berauben, deſſen der überlegenheit über das niedrige Gefühl weltlicher Berech⸗ nungen, und alle Verbindungen, in welchen dieſe vorherr⸗ ſchen, würden nothwendig über die natürlichen Grenzen ſelbſtiſch und wohl ſogar verderbt.“. „Das mag wahr ſeyn;— aber Adelheid liebt den Jüngling.“ „Ha! das verändert die Geſtalt der Sache. Wie weißt du das?“ „Aus ihrem eigenen Munde. In der Wärme und Innigkeit des Gefühls, welche die geſtrigen Begebniſſe ſo natürlich erregten, entſchlüpfte ihr das Geheimniß.“ „Und Sigismund!— er hat deine Einwilligung?— denn ich kann nicht annehmen, daß ein Mädchen, wie deine Tochter, ihre Liebe unaufgefordert zugeſtand.“ „Er hat ſie— das heißt— er hat ſie. Es findet ſich wohl, wie es die Welt nennt, ein Hinderniß, aber 92 8 80— es kömmt bei mir nicht in Anſchlag. Der junge Mann iſt nicht von Adel.“ „Der Einwurf iſt ernſt, mein wackerer Freund. Es iſt nicht klug, die menſchliche Hinfälligkeit zu ſehr zu ta⸗ deln, wenn genug zu dulden iſt aus Gründen, welche nicht entfernt werden können. Die Ehe iſt ein unſicherer Verſuch, und alle ungewöhnlichen Beweggründe zum Wi⸗ derwillen ſollten vorſichtig vermieden werden.— Ich wollte, er wäre von Adel.“ „Die Schwierigkeit ſoll durch die Gnade des Kaiſers gehoben werden. Auch haſt du Fürſten in Italien, welche im Nothfall vermocht werden könnten, die Gunſt zu gewähren.“ „Wie iſt es mit des Jünglings Abſtammung und Geſchichte, und wodurch kam deine Tochter in die Lage, jemand aus bürgerlichem Stande zu lieben?“ „Sigismund iſt ein Schweizer und aus einer Ber⸗ ner Bürgerfamilie, wenn ich nicht irre, obgleich ich, die Wahrheit zu geſtehen, wenig mehr weiß, als daß er mehre Jahre in fremden Kriegsdienſten hinbrachte und vor ungefahr zwei Jahren bei einem jener Vorfälle, wie ſie auf unſern Bergen häufig ſind, meiner Tochter das Leben rettete, wie er jetzt deines und meines gerettet hat. Die Bekanntſchaft begann in der Nähe des Schloſ⸗ ſes meiner Schweſter und dieſe erlaubte den Verkehr, den verbieten zu wollen nun zu ſpät wäre. Und, um aufrichtig zu ſprechen, ich fange an, mich zu freuen, daß der Jüngling iſt, was er iſt, um unſere Bereitwilligkeit, ihn in unſere Familie aufzunehmen, deſto augenſcheinli⸗ cher zu machen. Wenn der junge Mann in andern Din⸗ — 234— gen Adelheid ſo gleich ſtünde, wie an Perſon und Cha⸗ rakter, ſo ſpräche zu viel zu ſeinen Gunſten.— Nein, bei dem Glauben Calvins— den du einen Ketzer nennſt — ich glaube, ich freue mich, daß der Jüngling nicht adelig iſt!“ „Halte es, wie du willſt,“ erwiederte der Genue⸗ ſer, deſſen Züge fortwährend Mißtrauen und Nachden⸗ ken ausdrückten, denn ſeine eigene Erfahrung hatte ihn hinſichtlich zweifelhafter und unpaſſender Verbindungen vor⸗ ſichtig gemacht!—„mag ſeine Abſtammung ſeyn, welche ſie will, an Gold ſoll es ihm nicht fehlen. Ich übernehme ſelbſt die Sorge, daß die Güter von Willading gehörig aufgewogen werden; und hier kömmt unſer freundlicher Wirth, um Zeuge der übernommenen Verpflichtung zu werden.“ Roger von Blonay kam, als Signor Grimadi ſchloß, auf die Terraſſe, um ſeine Gaͤſte zu begrüßen. Die drei Greiſe ſetzten ihren Spaziergang noch eine Stunde fort, das Schickſal des jungen Paares beſprechend, denn Mel⸗ chior von Willading war ſo wenig geneigt, vor dem ei⸗ nen ſeiner Freunde, wie vor dem andern ſeine Abſicht geheim zu halten. Zehntes Kapitel. — Doch hab' ich keine Zeit, zu weilen Bei dieſen Tändelei'n des Herzens. Werner. Obgleich das Wort„Schloß“ in Europa allgemein von alten freiherrlichen Gebauden gebraucht wird, ſo iſt die — 9 235— Sache ſelbſt doch in verſchiedenen Ländern hinſichtlich des Geſchmacks, der Größe und des Aufwandes ſehr ver⸗ ſchieden. Da Sicherheit, verbunden mit Würde und den Mitteln, ein der Lage des Beſitzers angemeſſenes Ge⸗ folge unterzubringen, der gewöhnliche Vorwurf war, ſo wechſelte die Lage und die Befeſtigung nothwendig nach dem allgemeinen Charakter der Gegend, in welcher es lag. So wählte man in Flandern, Holland, in ein⸗ zelnen Theilen Deutſchlands und faſt in ganz Frankreich waſſerreiche Flächen, während Hügel, Bergvorſprünge und vornehmlich die Gipfel kegelförmiger Felſen in der Schweiz, in Italien und wo ſonſt immer dieſe natürli⸗ chen Schutzmittel leicht gefunden werden konnten, geſucht wurden. Andere Umſtände, z. B. Klima, Reichthum, der Charakter des Volkes, die Natur der Feudalrechte dienten gleichfalls ſehr, das Außere und die Ausdehnung des Gebäudes zu beſtimmen. Die alten Schweizerburgen waren wenig mehr als ein viereckiger Thurm, der auf einem Felſen ſtand und kleine Thürmchen an ſeinen Ecken hatte. Von außen gegen Feuer geſichert, ſtieg man von Stock zu Stock auf Leitern; die Betten waren gewöhn⸗ lich in den tiefen Fenſtereinſchnitten oder in Alkoven, welche in die feſten Mauern gingen. Wenn größere Si⸗ ſcherheit oder größere Mittel es erlaubten, erhoben ſich Haushaltungsgebäude und ſtattlichere Häuſer um den Fuß des Thurmes und ſchloſſen einen Hof ein. Dieſe richteten ſich natürlich nach der Bildung des Felſen, bis ſpäter die wirren und kunſtloſen Mauermaſſen, welche man jetzt auf ſo vielen der kleineren Alpenvorſprünge verfallen ſieht, ins Leben traten. 2. — 236— Wie in allen alten Burgen war der Ritterſaal— la salle de chevaliers, oder die Halle von Blonay, wie der Name in verſchiedenen Landern verſchieden klingt, das größte und am kunſtreichſten verzierte Gemach des Ge⸗ bäudes. Er befand ſich nicht mehr in dem rohen, ker⸗ kerartigen Burgthurm, welcher gleichſam aus dem leben⸗ digen Felſen herauswuchs, auf welchem er mit ſo vieler Geſchicklichkeit aufgeführt wurde, daß es ſchwer war, be⸗ ſtimmt anzugeben, wo die Natur aufhörte und wo die Kunſt anfing; ſondern er war, ungefähr ein Jahrhundert vor der Zeit unſerer Erzählung, in einem neuern Theil der Gebäude, welche den ſüdöſtlichen Flügel des Ganzen bilden, verlegt worden. Das Gemach war groß, vierek⸗ kig, einfach, denn dies die iſt Sitte des Landes, und durch Fenſter erleuchtet, welche auf der einen Seite nach Wallis blickten, auf der andern über den ganzen unregel⸗ mäßigen aber lieblichen Abhang der Leman⸗Ufer und den ſchönen See entlang, Weiler, Dörfer, Städte, Schlöſſer und Purpurberge umfaſſend, bis der neblige Jura die Ausſicht begrenzte. Das Fenſter auf der letztern Seite des Ritterſaals hatte einen eiſernen Balken, der aus einer ſchwindelnden Höhe nieder ſah, und in dieſem luftigen Lug hatte Adelheid ſich niedergeſetzt, als ſie, ihren Va⸗ ter verlaſſend, in die allen Gäſten des Schloſſes gemein⸗ ſchaftliche Halle heraufgeſtiegen war. Wir haben bereits im allgemeinen die perſönliche Erſcheinung und die geiſtigen Eigenſchaften der Tochter des Freiherrn von Willading angedeutet; wir halten es aber jetzt für nothwendig, den Leſer mit einem Weſen genauer bekannt zu machen, das beſtimmt iſt, keine un⸗ — — 237— bedeutende Rolle in den Begebniſſen unſerer Erzaͤhlung zu ſpielen. Es iſt geſagt worden, daß ihr Anblick dem Auge wohl that; aber ihre Schönheit war von einer Art, die mehr von dem Ausdrucke, von der Verſchmel⸗ zung des Charakters mit weiblicher Grazie abhing, als von den gewöhnlichen Linien der Regelmäaßigkeit und des Ebenmaßes. Während ſie keinen Zug hatte, der fehlerhaft war, hatte ſie keinen, der unbedingt fehlerlos geweſen wäre, obgleich alle mit ſo vieler Harmonie ver⸗ ſchmolzen waren, und der ſanfte Ausdruck des milden blauen Auges ſo gut zu dem wonnigen Spiel eines lieb⸗ lichen Mundes paßte, daß die Seele ihrer Beſitzerin ſtets bereit ſchien, in dieſen unbefangenen Verräthern ihrer Gedanken heraus zu treten. Dennoch ſaß mädchen⸗ hafte Zurückhaltung als ſtete Wächterin über allem, und wenn der Beſchauende ſich am meiſten in Verbindung mit ihrem Geiſte glaubte, fühlte er am meiſten deſſen reinen und erhebenden Einfluß. Vielleicht trug ein Zug hohen Verſtandes, einer natürlichen Kraft zu unterſcheiden, welche die den Frauen jener Zeit geſteckten engen Gren⸗ zen weit überragte, das ſeinige dazu bei, die, welche ſich ihr nahten, in Achtung zu erhalten, und diente in einem gewiſſen Grade als eine milde und weiſe Wehr, welche den Reizen ihrer Holdſeligkeit und Unſchuld entgegen wirkte. Kurz, jemand der unerwartet in ihre Geſell⸗ ſchaft gekommen wäre, würde nicht lange angeſtanden haben, zu ſchließen, und er würde richtig entſchieden ha⸗ ben, daß Adelheid von Willading ein Madchen von war⸗ mem und innigem Gefühl, von einer lebendig regen, aber geregelten Phantaſte, von einem feſten und erhabenen — 238— Sinn für alle ihre Pflichten, ſowohl den natürlichen als den aus den geſelligen Obliegenheiten fließenden, von der zärtlichſten Theilnahme und doch von einem Charak⸗ ter und einer Gemüthsart ſey, welche ſie in den Stand ſetzte, in allen den Fällen ſelbſtſtändig zu denken und zu handeln, in welchen es für ein Mädchen ihres Standes und ihrer Jahre paßte, eine ſolche Selbſtſtändigkeit gel⸗ tend zu machen. Es war nun mehr als ein Jahr verfloſſen, ſeit Adel⸗ heid ſich der Kraft ihrer Anhänglichkeit an Sigismund völlig bewußt geworden war, und während dieſer gan⸗ zen Zeit hatte ſie ſchwer gekämpft, ein Gefühl zu beſie⸗ gen, welches nach ihrer Anſicht zu keinem glücklichen Ende führen konnte. Die Erklärung des jungen Mannes ſelbſt, eine Erklärung, die ſich unwillkührlich und in einem Au⸗ genblicke mächtiger Leidenſchaft ihm entwunden hatte, war von einem Eingeſtändniß des Nutzloſen und Thöri⸗ gen derſelben begleitet und öffnete ihr zuerſt das Auge über den Zuſtand ihrer eigenen Gefühle. Obgleich ſie dieſen Worten gelauſcht hatte, wie jedes Mädchen, auch wenn die Liebe hoffnungslos iſt, ſolchen Worten, die von geliebten Lippen kommen, lauſchen wird, ſo geſchah es doch mit einer Selbſtbeherrſchung, welche ſie befähigte, ihr eigenes Geheimniß zu bewahren und mit einem feſten und frommen Entſchluß, das zu thun, was ſie für ihre Pflicht gegen ſich, gegen ihren Vater und gegen Sigis⸗ mund hielt. Von dieſer Stunde an ſah ſie ihn nicht wie⸗ der, ausgenommen unter Umſtänden, welche Verdacht auf ihre Beweggründe, ſich ihm zu entziehen, geworfen hät⸗ ten, und wahrend ſie ihre großen Verpflichtungen gegen 239— den Jüngling nie zu vergeſſen ſchien, verſagte ſie ſich ent⸗ ſchieden die Freude, auch nur ſeinen Namen zu nennen, wenn es zu vermeiden war. Aber das Beſtreben, zu vergeſſen, iſt unter allen undankbaren und mühevollen Beſtrebungen dasjenige, deſſen Erfolg am wenigſten wahr⸗ ſcheinlich iſt. Adelheid wurde nur durch ihr Pflichtgefühl und den Wunſch aufrecht erhalten, ihres Vaters Plane nicht zu vereiteln, denen Gewohnheit und Sitte bei Mäd⸗ chen ihres Standes beinahe die Kraft des Geſetzes ge— geben hatte, obgleich Vernunft und Urtheil nicht minder als ihre Gefühle der andern Seite ſtark zuneigten. In der That ſprach, das allgemein Unpaſſende einer Ver⸗ bindung zwiſchen zwei jungen Leuten von ungleichem Stande allein ausgenommen, durchaus nichts gegen ihre Wahl(wenn das eine Wahl genannt werden darf, was doch mehr das Reſultat freiwilligen Gefühls und gehei⸗ mer Sympathie, als irgend einer andern Urſache war), als vielleicht eine gewiſſe unbewußte Zurückhaltung und eine ſichtbare Unbehaglichkeit, ſo oft von der frühern Ge⸗ ſchichte und der Familie des Kriegers die Rede war. Dieſe Empfindlichkeit Sigismunds war von andern, ſo wie von ihr ſelbſt, bemerkt und gedeutet worden, und man ſchrieb ſie offen der Pein eines Mannes zu, wel⸗ cher durch Zufall in eine innige Verbindung mit Höhe⸗ ren getreten iſt, die zu unterhalten ſeine Geburt ihn nicht berechtigt; eine Schwäche, die nur zu gewöhnlich iſt, der zu widerſtehen Wenige die Geiſteskraft und die zu beſie⸗ gen die Meiſten nicht den hinreichenden Stolz haben. Die tiefblickende Aufmerkſamkeit der Liebe führte Adel⸗ heid jedoch zu einem andern Schluß; ſie ſah, daß er — 240— ſeine niedrige Abſtammung nicht zu verbergen bemüht war, während er mit gleich gutem Geſchmack zudring⸗ licher Anſpielungen auf ſeine arme Geburt ſich enthielt, aber ſie bemerkte auch, daß es Punkte in ſeiner frühern Geſchichte gab, über welche er ungemein empfindlich war und die, wie ſie anfangs fürchtete, dem Bewußtſeyn von Handlungen zugeſchrieben werden mußten, welche ſeine klare Anſicht von ſittlichen Grundſätzen verdammte, und die er vergeſſen wünſchen mußte. Eine Zeitlang hielt Adelheid an dieſer Entdeckung als einem heilſamen und geeigneten Heilmittel gegen ihre ſchwärmeriſche Neigung feſt, aber ihre angeborne Gradheit verbannte einen Ver⸗ dacht, der nicht hinreichend begründet war, als ſeiner und ihrer zumal unwürdig. Die Wirkungen eines fort⸗ dauernden innern Kampfes und der Fruchtloſigkeit ihrer Anſtrengungen, ihre Liebe für Sigismund zu überwin⸗ den, ſind in dem Hinſchmachten ihrer Blüthe, in dem peinlichen Kummer eines von Natur ſo holdſeligen Ant⸗ litzes und in der ruhigen Schwermuth ihres ſinnigen, milden Auges geſchildert worden. Dies waren die wah⸗ ren Urſachen der von ihrem Vater unternommenen Reiſe, ſo wie der meiſten andern Begebniſſe, welche wir zu ſchildern im Begriffe ſind. Die Ausſicht in die Zukunft hatte einen plötzlichen Wechſel erfahren. Die Röthe, obgleich mehr die Wir⸗ kung der Erregung als wiederkehrender Geſundheit— denn der Strom des Lebens nimmt, wenn er rauh auf⸗ gewühlt wird, nicht bei dem erſten Hauche des Glückes ſeinen regelmäßigen Lauf wieder an— umglühte ihre Wange wieder und gab ihren Blicken Glanz, und freund⸗ V — 241— liches Lächeln ſpielte um die Lippen, welche lange vor Gram erblaßt waren. Sie lehnte ſich aus dem Balkone vor und nie war ihr die Luft ihrer heimathlichen Ge⸗ birge ſo balſamiſch und wohlthuend vorgekommen. In dieſem Augenblick erſchien der Gegenſtand ihrer Gedan⸗ ken an dem grünen Abhang, unter den üppigen Nuß⸗ bäumen, welche die kunſtloſen Wege um Blonay beſchat⸗ ten. Adelheid's Herz klopfte heftig; ſie kämpfte einen Augenblick mit ihrer Furcht und ihrem Stolze und dann gab ſie, zum erſtenmal in ihrem Leben, ihm ein Zeichen, daß ſie wünſchte, er möchte zu ihr kommen. Des wichtigen Dienſtes ungeachtet, welchen der junge Krieger der Tochter des Freiherrn von Willading erwie⸗ ſen hatte, und trotz der langen Vertraulichkeit, welche die Frucht deſſelben war, war die Zurückhaltung, welche ſie bisher beobachtet hatte, indem ſie ſich bemühte, ihre Neigung zu zügeln, obgleich die einfachen Sitten der Schweiz eine größere Innigkeit des Verkehrs zuließen, als ſonſtwo Mädchen von Rang geſtattet iſt, ſo groß, daß Sigismund anfangs wie an den Boden gewurzelt daſtand; denn er konnte ſich nicht denken, daß ihm das Winken der Hand gelte. Adelheid ſah ſeine Verlegen⸗ heit und das Zeichen wurde wiederholt. Mit der Eile des Windes ſprang der junge Mann die Anhöhe hinauf und verſchwand hinter den Mauern des Schloſſes. Die ſo lange und ſo glücklich von Adelheid beachtete Schranke der Zurückhaltung war nun überſchritten und es war ihr, als wenn wenige kurze Minuten ihr Schick⸗ ſal entſcheiden müßten. Die Nothwendigkeit, einen wei⸗ ten Umweg zu machen, um in den Hof zu gelangen, ge⸗ 76— 78. 16 — 242— waͤhrte ihr jedoch ein wenig Zeit zum Nachdenken und dieſe ſuchte ſie zu benutzen, um ihre Gedanken zu ſam⸗ meln und ihre Beſonnenheit wieder zu gewinnen. Als Sigismund in den Ritterſaal trat, fand er das Mädchen noch an dem offenen Fenſter des Balkons ſitzen, blaß und ernſt, aber vollkommen ruhig und mit einem ſolchen Ausdruck ſtrahlenden Glückes in ihrem Antlitz, wie er dieſen ſo viele peinliche Monate nicht in ihren holden Zügen hatte walten ſehen. Sein erſtes Gefühl war das der Freude, als er bemerkte, wie gut ſie die Unruhen und Gefahren der vergangenen Nacht überſtan⸗ den hatte. Dieſe Freude drückte er mit der Offenheit aus, welche die Sitte der Deutſchen geſtattet. „Die Gefahr auf dem See wird dir nicht ſchaden, Adelheid?“ ſagte er, ihr aufmerkſam in das Geſicht ſe⸗ hend, bis das verrätheriſche Blut ihr ganzes Antlitz mit Purpur färbte. „Geiſtige Aufregung iſt ein gutes Gegenmittel gegen die Folgen körperlicher Gefährtung. Das Vorgefallene hat mich nicht nur nicht angegriffen, ſondern ich fühle mich heute ſtärker und kräftiger, Anſtrengungen zu er⸗ tragen, als jemals, ſeit wir aus den Thoren von Wil⸗ lading ſind. Dieſe balſamiſche Luft dünkt mir Italien und ich ſehe keine Nothwendigkeit, weiter zu reiſen, um das zu ſuchen, was zu meiner Geſundheit nothwendig ſeyn ſollte— angenehme Gegenſtände und eine wohltha⸗ tige Sonne.“ „So gehſt du nicht über den St. Bernhard?“ rief er in dem Tone vereitelter Hoffnung aus. Adelheid lächelte und er fühlte ſich ermuthigt, ob⸗ — 243— gleich das Lächeln doppelſinnig war. Trotz dem wirklich edlen, offenen Charakter des Mädchens und ihrem ern⸗ ſten Wunſche, dieſes Herz zu beruhigen, reizte ſie doch Natur, oder Gewohnheit, oder Erziehung, denn wir wiſſen kaum, wem dieſe Schwachheit zugeſchrieben wer⸗ den muß, eine unmittelbare Erklärung zu vermeiden. „Was kann man Lieblicheres oder der Geſundheit Zuſagenderes verlangen, als das?“ antwortete ſie aus⸗ weichend.„Hier iſt eine warme Luft, eine Landſchaft, welche kaum von Italien übertroffen wird, und ein freund⸗ liches Dach. Die Erfahrung der letzten vierundzwanzig Stunden ermuthigt eben nicht, die Reiſe über den St. Bernhard zu unternehmen, ungeachtet der ſchönen Ver⸗ ſprechungen der Gaſtfreundſchaft und des Willkommen⸗ ſeyns, welche der gute Mönch uns ſo zuvorkommend ge⸗ macht hat.“ „Dein Auge widerſpricht deiner Zunge, Adelheid; du biſt heute heiter und recht wohl auf, da du Luſt haſt zu ſcherzen. Aber um des Himmels willen, verſäume es nicht, in dem falſchen Glauben, Blonay ſey ein ge⸗ ſchirmtes Piſa, dieſe Beſſerung zu benutzen. Wenn der Winter kömmt, wirſt du finden, daß dieſe Berge doch noch die eiſigen Alpen ſind und die Winde werden durch dieſes alte Schloß pfeifen, wie ſie in den nackten Gän⸗ gen von Willading geſauſ't haben.“ „Wir haben ja Zeit vor uns und können dies über⸗ legen. Du wirſt ohne Zweifel, ſobald die Feſtlichkeiten von Vevay vorüber ſind, deinen Weg nach Mailand fort⸗ ſetzen.“ „Dem Krieger bleibt wenig andere Wahl, als ſei⸗ 16* ner Pflicht zu genügen. Mein öfterer Urlaub in der letzten Zeit, der mir wegen wichtiger Familien⸗Angele⸗ genheiten zuvorkommend bewilligt worden, ſteigert meine Verbindlichkeit, punktlich zu ſeyn, damit ich nicht der bereits genoſſenen Gunſt uneingedenk erſcheine. Schul⸗ den wir gleich alle der Natur eine gewichtige Schuld, ſo nahm ich doch unſere freiwilligen Verpflichtungen ſtets ſehr ernſthaft.“ Adelheid hörte mit athemloſer Aufmerkſamkeit zu. Nie vorher hatte er das Wort Familie in Bezug auf ſich in ihrer Gegenwart ausgeſprochen. Die Anſpielung ſchien unerfreuliche Gedanken in dem jungen Manne zu erre⸗ gen, denn als er aufhoͤrte zu ſprechen, trübte ſich ſein Antlitz und er ſchien der Gegenwart ſeiner ſchönen Freun⸗ din faſt zu vergeſſen. Die letztere brach theilnehmend das Geſpräch ab, das ihm, wie ſie ſah, peinlich war, und bemühte ſich, ſeine Gedanken auf andere Gegenſtände zu bringen. Durch einen unglücklichen Zufall beſchleu⸗ nigte eben dieſes Mittel, zu dem ſie ihre Zuflucht nahm, die Erklärung, welche ſie jetzt ſo gerne hinausgeruͤckt ge⸗ ſehen häͤtte. „Mein Vater hat oft die Lage des Schloſſes des Freiherrn von Blonay geprieſen,“ ſagte Adelheid, aus dem Fenſter blickend, obgleich alle die reizenden Gegen⸗ ſtände der Ausſicht unbeachtet vor ihren Augen ſchwam⸗ men;„aber bis jetzt habe ich immer geglaubt, die Freund⸗ ſchaft habe einen großen Einfluß auf ſeine Schilderungen.“ „Du haſt ihm alſo Unrecht gethan,“ antwortete Sigismund, an das Fenſter tretend.„Unter allen alten Burgen der Schweiz iſt Blonay vielleicht zu dem Preis, rtete alten reis, 245 die ſchönſte Lage zu haben, berechtigt. Sieh auf jenen verrätheriſchen See, Adelheid! Können wir uns den⸗ ken, daß dieſer ſchlummernde Spiegel derſelbe kochende Keſſel ſey, auf welchem wir ſo kurz erſt umhertrieben, hülflos und beinahe hoffnungslos.“ „Hoffnungslos, Sigismund, wärſt du nicht geweſen.“ „Du vergißt den muthigen Italiener, ohne deſſen Be⸗ ſonnenheit und Geſchicklichkeit wir rettungslos zu Grunde gegangen wären.“ „und was würde es mir nützen, wenn man das werthloſe Fahrzeug gerettet hätte, wäre mein Vater und ſein Freund dem ſchrecklichen Schickſal preisgegeben wor⸗ den, welches den Schiffsherrn und jenen unglücklichen Berner Landwirth traf?“ Das Herz des jungen Mannes ſchlug hoch, denn es war eine Zärtlichkeit in Adelheid's Ton, an welche er nicht gewöhnt war und die er in der That nie vorher in ihrer Stimme gefunden hatte. „Ich muß dieſen wackern Seemann aufſuchen,“ ſagte er, fürchtend, er möchte die Gewalt über ſich durch das Verführeriſche ſolch einer Nähe wieder verlieren:— „es iſt Zeit, daß er weſentlichere Beweiſe unſerer Dank⸗ barkeit erhalt.“ „ Nein, Sigismund,“ erwiderte die Jungfrau feſt und auf eine Weiſe, die ihn an die Stelle feſſelte,— „du darfſt mich noch nicht verlaſſen.— Ich habe dir viel zu ſagen— viel, das mein künftiges Glück, und, ich bin vielleicht ſchwach genug zu glauben, auch das deinige, hetrifft.“ Sigismund war verwirrt, denn die Miene ſeiner — 246— Freundin war, obgleich die Röthe in plötzlichen und hel⸗ len Flammen über ihr reines Antlitz flog, wunderbar ruhig und voller Würde. Er nahm den Stuhl ein, auf den ſie ſchweigend deutete und ſaß bewegungslos, wie in Stein gehauen, alle ſeine Geiſteskräfte in dem einzigen Sinne des Gehörs verloren. Adelheid ſah, daß der Scheidepunkt gekommen war, und daß ein Zurücktreten, ohne den Schein des Leichtſinns, den ihr Charakter und ihr Stolz zumal verabſcheuten, unmöglich war. Die an⸗ gebornen und vielleicht nicht auszuſcheidenden Gefühle ihres Geſchlechtes würden ſie jetzt wieder veranlaßt ha⸗ ben, die Erklärung zu vermeiden, hätte nicht ein hoher und frommer Beweggrund ſie unterſtützt. „Du mußt ein großes Vergnügen darin finden, Si⸗ gismund, an deine guten Werke gegen andere zu denken. Ohne dich wäre Melchior von Willading lange kinderlos; und ohne dich würde ſeine Tochter jetzt eine Waiſe ſeyn. Zu wiſſen, daß du die Kraft und den Willen gehabt haſt, deinen Freunden zu helfen, muß jedes andere Wiſſen aufwiegen.“ „Ja, Adelheid, in ſo fern du betheiligt biſt,“ ant⸗ wortete er leiſe:„das ſtille Glück, dir und denen, die du liebſt, nützlich geweſen zu ſeyn, würde ich nicht mit dem Throne des mächtigen Fürſten, dem ich diene, ver⸗ tauſchen. Mein Geheimniß iſt mir bereits entriſſen wor⸗ den und ich würde vergeblich verſuchen, es zu läugnen, wenn ich wollte. Du weißt, daß ich dich liebe und mir ſelbſt zum Trotz nährt mein Herz die Schwachheit. Ich freue mich eher, als ich bange, es zu ſagen, daß es ſie nähren wird, bis es aufhört zu fühlen. Dies iſt mehr, — 247— als ich je vor deinen ſittſamen Ohren wiederholen wollte, welche durch müßige Erklärungen, wie dieſe, nicht ver⸗ wundet werden ſollten; aber— du lächelſt— Adelheid! kann dein freundlicher Geiſt einer hoffnungsloſen Leiden⸗ ſchaft ſpotten?“ „Warum ſollte mein Lächeln Spott ſeyn?“ „Adelheid— nein— es kann nicht ſeyn! Jemand von meiner Geburt— meiner unedeln, namenlofen Ab⸗ kunft kann einer Dame von deinem Namen und deinen Ausſichten mit Ehre ſeine Wünſche nicht einmal an⸗ deuten.“ „Sigismund, es kann ſeyn. Du haſt das Herz der Adelheid von Willading und die Dankbarkeit ihres Vaters nicht recht berechnet.“ Der junge Mann blickte ernſt in das Antlitz des Mädchens, die jetzt, nachdem ſie ihre Seele des geheim⸗ ſten Gedankens entladen, hoch erröthete, mehr jedoch vor Erregung als vor Scham, denn ſie begegnete ſeinem glü⸗ henden Blick mit dem milden Vertrauen der Unſchuld und Liebe. Sie glaubte, und ſie hatte allen Grund es zu glauben, daß ihre Worte Freude gewähren würden, und mit der eiferſüchtigen Aufmerkſamkeit wahrer Liebe wollte ſie nicht gern einen einzigen Ausdruck des Glückes ſich entgehen laſſen. Aber ſtatt des glänzenden Auges und des raſchen Ausdrucks der Freude, welche ſie zu ſehen erwartete, ſchien der junge Mann von Gefühlen ganz entgegengeſetzter und wirklich höchſt peinlicher Art überwältigt. Er athmete ſchwer, ſein Blick ſchweifte un⸗ ſtet umher und ſeine Lippen zuckten. Er ſtrich ſich mit der Hand über die Stirne, wie jemand, der in tiefer 248— Seelenangſt ſchwebt, und ein kalter Schweiß brach, wie durch das furchtbare innere Wirken des Geiſtes, in groſ⸗ ſen ſichtbaren Tropfen auf ſeiner Stirne und den Schlä⸗ fen aus. „Adelheid,— theuerſte Adelheid— du weißt nicht, was du ſagſt— ein Mann, wie ich, kann nie dein Gatte werden.⸗ „Sigismund— warum dieſer Schmerz?— Sprich mit mir— erleichtere dein Herz durch Worte. Ich ſchwöre dir, die Einwilligung meines Vaters iſt meiner⸗ ſeits von einem bereitwilligen Herzen begleitet. Ich liebe dich, Sigismund— willſt du mich dein nennen— kann ich mehr ſagen?⸗ Der junge Mann ſah ſie ungläubig, und dann, als der Gedanke klarer wurde, wie jemand an, der auf einen ſehr theuern Gegenſtand, welcher hoffnungslos verloren iſt, hinblickt. Er ſchüttelte traurig den Kopf und ver⸗ hüllte ſein Geſicht in ſeinen Händen. „Sage nicht mehr, Adelheid— um meinetwillen— um deiner ſelbſtwillen, ſage nicht mehr— aus Mitleid ſchweige! du kannſt nie die meinige werden— Nein, nein— die Ehre verbietet's— bei dir wäre es Wahn⸗ ſinn, bei mir Schande— wir können nie vereinigt wer⸗ den! Welche unſelige Schwäche feſſelte mich an deine Nähe— ich habe dies lange gefürchtet—“ „Gefürchtet!“ „Nein, wiederhole meine Worte nicht— denn ich weiß kaum, was ich ſage. Du und dein Vater habt in einem Augenblick lebhaften Dankgefühls einer edeln, großmüthigen Regung nachgegeben— ich darf aber kei⸗ nen Nutzen von dem Vorfall ziehen, der mich in den der ganze Adel, was würde die ganze Eidgenoſſenſchaft ſagen, Adelheid, wenn die edelſte, die reichſte, die ſchönſte, die holdeſte, die beſte Jungfrau des Kantons, einen namenloſen, heimathloſen Glücksſoldaten eheligen wollte, der nur ſein Schwert und einige Gaben der Na⸗ tur zu ſeiner Empfehlung hat? dein vortrefflicher Vater wird gewiß beſſer von dieſer Sache denken und wir wollen nicht mehr davon ſprechen.“ „Hörte ich die gewöhnlichen Gefühle meines Ge⸗ ſchlechts, Sigismund, ſo möchte dieſes Widerſtreben, an⸗ zunehmen, was mein Vater und ich ſelbſt bieten, mir Grund geben, Mißfallen zu heucheln. Aber zwiſchen mir und dir ſoll nichts ſeyn als heilige Wahrheit. Mein Va⸗ ter hat alle dieſe Einwürfe wohl erwogen und hat edel beſchloſſen ſie zu vergeſſen. Bei mir hatten ſie, gegen deine Verdienſte in die Wagſchale gelegt, überhaupt nie ein Gewicht. Wenn du nicht adlig werden kannſt, um unſersgleichen zu werden, ſo werde ich mehr Glück darin finden, zu dir niederzuſteigen, als in herzloſem Elend auf der eiteln Höhe zu leben, auf welche mich der Zu⸗ fall geſtellt hat.“ „Erhabenes, edles Mädchen!— Was hilft dies al⸗ les? Unſere Verbindung iſt unmöglich.“ „Wenn du irgend ein Hinderniß kennſt, welches ſie fuͤr ein ſchwaches, aber tugendhaftes Mädchen unpaſſend macht— „Still, Adelheid— ſprich den Gedanken nicht aus. Stand ſetzte, dieſes Glück zu verdienen. Was würde — 250— Ich bin genug gedemüthigt— genug erniedrigt— ohne dieſen grauſamen Verdacht.“ „Warum iſt unſer Bund dann unmöglich— wenn mein Vater nicht nur einwilligt, ſondern es wünſcht, daß er ſtatt finde?“ „Gib mir Zeit zum Nachdenken— du ſollſt alles er⸗ fahren, Adelheid— früher oder ſpäter. Ja, dies wenig⸗ ſtens bin ich deiner edeln Offenheit ſchuldig. Du hätteſt es billig längſt erfahren ſollen.“ Adelheid betrachtete ihn in ſprachloſer Angſt, denn die ſichtbaren und heftigen phyſiſchen Kämpfe des jungen Mannes zeigten den geiſtigen Kampf, dem er unterwor⸗ fen war. Die Farbe war aus ihrem eigenen Geſicht ge⸗ wichen, in welchem die Schönheit nun als unbeſtrittene Herrin herrſchte; aber es lebte da der Ausdruck der ge⸗ miſchten Gefühle des Staunens, der Furcht, der Zärt⸗ lichkeit, der Unruhe. Er ſah, daß ſeine Leiden ſich ſei⸗ ner Freundin ſchnell mittheilten und meiſterte durch eine mächtige Anſtrengung ſeine Erregung ſo weit, daß er wieder einen Theil ſeiner Gewalt über ſich erhielt. „Dieſe Erklärung iſt zu ſorglos hinausgeſchoben worden,“ fuhr er fort:„es koſte, was es wolle, ſie ſoll nicht länger verzögert werden. Du wirſt mich nicht der Grauſamkeit, noch ehrloſen Verſchweigens anklagen, ſon⸗ dern der Gebrechen der menſchlichen Natur gedenken und eine Schwachheit eher bemitleiden als tadeln, welche viel⸗ leicht füur dich, geliebte Adelheid, der Grund ſo vieler künftigen Schmerzen iſt, wie ſie jetzt in mir bittere Reue hervorruft. Ich habe es nie vor dir verhehlt, daß ich gon Geburt einem Stande angehöre, von dem man in — 251— ganz Europa glaubt, er habe geringere Rechte, als der deinige; in dieſer Hinſicht bin ich eher ſtolz als demü⸗ thig, denn die gehäſſigen hergebrachten Unterſchiede ha⸗ ben zu oft zu Vergleichungen gereizt und ich bin in La⸗ gen geweſen, wo ich lernen konnte, daß der bloße Zufall der Herkunft weder perſönliche Tugenden, noch höhern Muth, noch überlegenern Verſtand gewährt. Obgleich menſchliche Anordnungen den minder Glücklichen unter⸗ drücken helfen können, ſo hat Gott doch den Mitteln der Menſchen beſtimmte Grenzen geſteckt. Wer durch unnatürliche Mittel berühmt und größer werden will, als ſeinesgleichen, muß andere erniedrigen, um ſeinen Zweck zu erreichen. Durch andere Mittel als dieſe gibt es kei⸗ nen Adel und wer nicht geneigt iſt, eine Untergeordnet⸗ heit zuzugeben, die nur in der Idee beſteht, kann nie durch einen ſo hohlen Kunſtgriff gedemüthigt werden. Was die bloße Geburt betrifft, ſo bin ich nie ſehr em⸗ pfindlich geweſen, mag nun Stolz, oder Philoſophie oder die Gewohnheit, als Krieger denen zu befehlen, welche als Menſchen über mir ſtehen dürften, daran Schuld ſeyn. Vielleicht iſt die größere Schmach, welche mich drückt, Urſache, daß dieſer Mangel mir unbedeutender erſcheint, als dies ſonſt der Fall wäre.⸗ „Schmach!“ widerholte Adelheid mit faſt erſtickter Stimme.„Das Wort iſt ſchrecklich, indem es von einem Manne deines geregelten Geiſtes kömmt und auf dich angewendet wird.“ „Ich kann kein anderes wählen. Schmach iſt's durch die allgemeine übereinkunft der Menſchen— durch lange und eingewurzelte Anſicht— es ſollte faſt ſcheinen, durch das gerechte Urtheil Gottes. Glaubſt du nicht, Adelheid, daß es gewiſſe Geſchlechter gebe, die verflucht ſcheinen, um irgend einem großen und unbekannten Zwecke zu ent⸗ ſprechen— Geſchlechter, auf welche ſich die heiligen Seg⸗ nungen des Himmels niemals niederſenken, wie ſie Gute und Verdienſtvolle, die aus andern Familien ſtammen, heimſuchen!“ „Wie kann ich eine ſolche offene Ungerechtigkeit von Seiten einer Macht glauben, die da weiſe iſt ohne Gren⸗ zen und ihren Kindern liebevoll verzeiht?“ „Deine Antwort würde richtig ſeyn, wäre dieſe Erde das Weltall und dieſer Zuſtand des Daſeyns der letzte. Aber Er, deſſen Blick ſich über das Grab ausdehnt, der Gerechtigkeit und Gnade und Güte nach einem ſeinen eigenen Eigenſchaften angemeſſenen und nicht unſern be⸗ ſchränkten Mitteln angepaßten Maßſtab geſtaltet— er darf nicht nach der engen Weiſe gemeſſen werden, welche wir bei den Menſchen anwenden. Nein, wir dürfen die Anordnungen Gottes nicht nach Geſetzen meſſen, die in unſern Augen beifallswerth ſind. Gerechtigkeit iſt eine bezügliche und keine abſtrakte Eigenſchaft, und bis wir die Beziehungen der Gottheit zu uns ſo gut kennen, als wir unſere Beziehungen zur Gottheit kennen, urthei⸗ len wir auf's Ungewiſſe hin.“ „Ich höre dich nicht gerne ſo ſprechen und am we⸗ nigſten mit einer ſo umwölkten Stirne und mit einer ſo hohlen Stimme.⸗ „Ich will dir meine Geſchichte heiterer erzählen, Theure! Ich habe kein Recht, dich zur Theilnehmerin meines Elends zu machen, und doch iſt dies die Art, —-—„—— nen, ent⸗ beg⸗ zute ien, von ren⸗ rde tzte. der nen be⸗ er lche die in eine wir nen, thei⸗ we⸗ r ſo „len, erin Art, wie ich geforſcht, und gedacht und erwogen habe— ja, bis mein Gehirn heiß wurde und die Kraft der Ver⸗ nunft ſelbſt wankte. Immer, ſeit der Unglücksſtunde, in welcher mir die Wahrheit kund und ich Herr des unſeli⸗ gen Geheimniſſes wurde, ſtrebte ich ſo zu fühlen und zu denken.“ „Welche Wahrheit?— welches Geheimniß?— Wenn du mich liebſt, Sigismund, ſprich ruhig und ohne Rückhalt.“ Der junge Mann blickte in ihr banges Antlitz, ſo daß man ſah, wie tief er die Schwere des Schlages füͤhlte, den er im Begriff war zu geben. Dann fuhr er, nach einer Pauſe, fort: „Wir haben geſtern einen furchtbaren Vorfall mit einander erlebt, theuerſte Adelheid. Er gehörte zu de⸗ nen, die wohl die Entfernungen mindern, welche menſch⸗ liche Geſetze und die Tyrannei der Meinung zwiſchen uns legt. Ware es Gottes Willen geweſen, daß das Fahrzeug zu Grund ging, welch ein wirrer Haufe wenig zuſammenpaſſender Geiſter wäre zumal in die Ewigkeit hinüber gegangen! Wir hatten dort Leute von allen Graden des Laſters, ſo wie faſt von allen Graden der Bildung, von der ſpitzfindigen Ruchloſigkeit des ver⸗ ſchmitzten Neapolitaniſchen Poſſenreißers bis zu deiner eigenen reinen Seele. Es wäre in dem Winkelried der vornehme Adlige, der hochwürdige Prieſter, der Krieger in dem Stolze ſeiner Kraft und der Bettler geſtorben. Der Tod iſt ein unbeſtechlicher Gleichmacher und die Tiefe des Sees wenigſtens haͤtte alle unſere Schmach abgewaſchen, ob dieſelbe ſich nun aus wirklicher Schuld — 254— oder blos aus geltender Anſicht herſchrieb; ſelbſt der unglückliche Balthaſar, der verfolgte und gehaßte Scharf⸗ richter, hätte jemand gefunden, der ſein Schickſal be⸗ trauerte.“ „Wenn jemand unbeweint hätte ſterben können, in⸗ dem ihn ein ſolches Geſchick traf, ſo mußte es der gewe⸗ ſen ſeyn, der überhaupt ſo wenig menſchliches Mitgefühl erweckt, und der zugleich, indem er andern Leid zufugen hilft, weniger Anſpruch an die Theilnahme hat, die wir den meiſten unſerer Mitmenſchen widmen.⸗ „Schone mich— Erbarmen, Adelheid, ſchone mich — du ſprichſt von meinem Vater!“ Eilftes Kapitel. Guelberto's Wiege lächelte das Glück, Dem Erben Valdeſpeſa's reicher Länderei'n, Ein einzig Kind, wuchs er an Werth und Jahren⸗ Und lohnte eines Vaters Sorg und Pein. Southey. Als Sigismund dieſe, dem Ohre ſeiner Zuhörerin ſo ſchrecklichen Worte hervorgebracht hatte, ſtand er auf und floh aus dem Gemache. Der Beſitz eines Königreichs hätte ihn nicht bewegen können zu bleiben und ihre Wir⸗ kung zu erwarten. Die Diener des Schloſſes bemerkten ſein beunruhigtes Weſen und ſeinen ſtürmiſchen Gang; da gew er d eine lenke welch leicht dem ging das hina Balk ſie h ihn, zufül ihren ihn Der und Kopf den wand Vor! lebte, amte ware Gefü Balt nen i —- 255— da ſie aber zu einfach waren, um darin mehr als den gewöhnlichen Ungeſtümm der Jugend zu argwöhnen, kam er durch das kleinere Thor und in das Freie, ohne irgend eine ſtörende Aufmerkſamkeit auf ſeine Bewegungen zu lenken. Hier athmete er wieder freier und die Laſt, welche ihm beinahe den Athem erſtickt hatte, wurde er⸗ leichtert. Eine halbe Stunde ſchritt der junge Mann auf dem grünen Raſen dahin, ohne zu wiſſen, wohin er ging, bis er ſah, daß ſeine Schritte ihn wieder unter das Fenſter des Ritterſaales geführt hatten. Einen Blick hinauf werfend, gewahrte er Adelheid, die noch an dem Balkon ſaß, und augenſcheinlich noch allein. Er glaubte, ſie habe geweint, und verwünſchte die Schwäche, welche ihn abgehalten hatte, ſeinen oft erneuerten Entſchluß aus⸗ zuführen, ſich und ſein grauſames Schickſal für immer ihrem Geiſte zu entziehen. Ein zweiter Blick jedoch ließ ihn ſehen, daß ſie ihm wieder winkte, hinaufzukommen! Der Wechſel in den Vorſätzen der Liebenden iſt raſch und leicht bewerkſtelligt, und Sigismund, durch deſſen Kopf eben ein Dutzend ſchlecht verdauter Plane wogte, den See zwiſchen ſich und ſie, die er liebte, zu legen, wandte nun ſeine Schritte wieder eilig ihr entgegen. Adelheid war nothwendig unter dem Einfluſſe der Vorurtheile der Zeit und des Landes, in welchem ſie lebte, erzogen worden. Das Beſtehen des Scharfrichter⸗ amtes zu Bern und die Art ſeiner erblichen Pflichten waren ihr bekannt; und obgleich ſie über das feindſelige Gefühl, das ſo kurz erſt ſich gegen den unglücklichen Balthaſar gezeigt, erhaben war, hatte ſie doch gewiß ei⸗ nen ſo grauſamen Schlag, wie der eben auf ſie geführte — 256— war, indem ſie unvorbereitet erfuhr, daß dieſes verach⸗ tete und verfolgte Weſen der Vater des Jünglings ſey, dem ſie ihre jungfräuliche Neigung geweiht, nimmermehr geahnt. Als die Worte, welche dieſe Verbindung ver⸗ kündigten, Sigismund's Lippen entſchlüpft waren, lauſchte ſte noch, als hätten ſie ihre Ohren getäuſcht. Sie hatte ſich gefaßt gemacht, zu erfahren, er ſtamme von einem Bauern oder gemeinen Handwerker und, wie die unſe⸗ lige Erklärung näher rückte, beunruhigten ein oder zwei Mal grelle Schimmer eines Verdachtes, daß irgend eine zurückſtoßende moraliſche Unwürdigkeit mit ſeiner Abſtam⸗ mung verbunden ſei, ihre Phantaſie; aber ihre Beſorg⸗ niſſe konnten unmöglich auch nur Ein Mal der Richtung der empörenden Wahrheit ſich zuwenden. Es dauerte einige Zeit, ehe ſie im Stande war, ihre Gedanken zu ſammeln oder über den Weg nachzudenken, den ſie nun zu verfolgen hatte. Aber lange bevor ſie die nöthige Selbſtbeherrſchung, das zu begehren, was, wie ſie jetzt ſah, doppelt nothwendig war, gewonnen hatte, fand, wie wir geſehen haben, eine zweite Zuſammenkunft mit ihrem Geliebten ſtatt. Als er eintrat, war ſie jedoch, wenig⸗ ſtens dem Auſſern nach, ruhig und gab ſich die größte Mühe, ihn mit einem Lächeln zu empfangen. Da beide während der kurzen Trennung an nichts als an ſeine letz⸗ ten Worte gedacht hatten, zeigte ſich keine Unterbrechung in der Art, wie er, als er ſich an ihre Seite ſetzte, das Geſpräch wieder aufnahm, als wenn ſie gar nicht ge⸗ trennt geweſen wären. „Das Geheimniß iſt mir entriſſen worden,“ Adel⸗ heid.„Der Scharfrichter des Kantons iſt mein Vater; 8 rach⸗ ſey, nehr ver⸗ ſchte hatte inem unſe⸗ zwei eine ſtam⸗ ſſorg⸗ ztung uerte n zu nun zsthige t ſah, 2 wir ihrem venig⸗ größte beide e letz⸗ rchung „ das ht ge⸗ Adel⸗ Zater; 1 — 257— ware die Sache öffentlich bekannt, ſo würden die herzlo⸗ ſen und verſtockten Geſetze mich zwingen, ſein Nachfol⸗ ger zu werden. Er hat kein anderes Kind, ausgenom⸗ men ein holdes Mädchen— unſchuldig und lieblich wie du.“ Adelheid bedeckte ihr Antlitz mit beiden Händen, als wollte ſie den Anblick der ſchrecklichen Wahrheit abweh⸗ ren. Vielleicht hatte ein inſtinktartiger Widerwille, ihren Freund ſehen zu laſſen, welch ein herber Schlag ihr durch dieſes Geſtändniß ſeiner Geburt beigebracht wurde, auch einigen Einfluß auf dieſe Bewegung. Wer die Jugend⸗ jahre hinter ſich hat und ſich jene Tage der Unerfahren⸗ heit und Hoffnung zurückrufen kann, wo die Gefühle friſch und das Herz durch zu viele Berührungen mit der Welt noch nicht befleckt iſt— beſonders aber, wer weiß, aus welcher zarten Miſchung von Phantaſtiſchem und Reellem die gewaltigſte aller Leidenſchaften beſteht, wie empfindlich ſie auf alles ſieht, was ein günſtiges Licht auf den geliebten Gegenſtand werfen kann, und mit wel⸗ chem Scharfſinn ſie ſich bemüht, annehmbare Entſchuldi⸗ gungen für jeden Makel aufzufinden, welcher, zufällig oder verdient, den Glanz eines Gemäldes zu trüben droht, zu deſſen Zeichnung die Phantaſie ſo vieles bei⸗ trug— wird die herbe Art des Schlages begreifen, den ſie erhalten hatte. Aber obſchon Adelheid von Willading in der Lebendigkeit und Glut ihrer Einbildungskraft eben ſo ſehr Weib war, wie in der Raſchheit, mit welcher ſie bemerkte, daß ihre eindringenden Anſichten in der Wirklichkeit begründeter waren, als ein ernſterer An⸗ blick der Dinge möglicherweiſe verbürgt haben würde; 76— 78. 17 — 258— ſo war ſie auch Weib in den edlern Eigenſchaften des Herzens und in jenen feſten Grundſätzen, welche den beſſern Theil dieſes Geſchlechts geneigt gemacht zu haben ſcheinen, eher das ſchwerſte Qpfer zu bringen, als ihren Neigungen untreu zu werden. Während da⸗ her das Ungeſtümme und Raſche der Gefühle, die auf ſie eingeſtürmt waren, ihren zarten Körper beben machte, erglomm der Dämmerſchein des Rechten in ihrem reinen Geiſte und es währte nicht lange, ſo konnte ſie die Wahr⸗ heit mit der Feſtigkeit des Grundſatzes ſchauen, obgleich dies nicht zugleich ohne zaudernde Schwäche der menſch⸗ lichen Natur geſchah. Als ſie ihre Hände ſinken ließ⸗ lickte ſie auf den ſchweigenden und aufmerkſamen Si⸗ gismund mit einem Lächeln, welches die Todesbläſſe ihrer Züge überglänzte, wie ein Sonnenſtrahl einen blendend weißen Gipfel ihrer heimathlichen Berge umſtrahlte. „Es⸗ wuüͤrde vergeblich ſeyn, vor dir verbergen zu wollen, Sigismund,“ ſagte ſie,„daß ich wünſchte, es wäre nicht ſo. Ich will ſogar mehr bekennen— als die Wahr⸗ heit zuerſt mich erſchütterte, vergaß ich deine wiederhol⸗ ten Dienſte, und was noch minder verzeihlich iſt, deines geprüften Werthes einen Augenblick in dem Widerwillen, den ich fühlte, zuzugeben, daß mein Schickſal jemals mit einem Manne vereinigt werden könnte, der ſich in einer ſo unglücklichen Lage befindet. Es gibt Augenblicke, in denen Vorurtheile und Gewohnheiten ſtärker ſind, als die Vernunft; aber in wohlgeſinnten Gemüthern iſt ihr Triumph nur kurz. Die ſchreckliche Ungerechtigkeit unſerer Geſetze hat ſich mir früher nie ſo gewaltig auf⸗ gedrängt, obgleich ich in der letzten Nacht, als jene elen⸗ —2 ——2 2 — ,— „———. den Reiſenden ſo heiß dürſteten nach dem Blute des— des—“ „Meines Vaters, Adelheid!“ „Des Urhebers deines Daſeyns, Sigismund,“ fuhr ſie mit einer Feierlichkeit fort, welche dem jungen Mann zeigte, wie hoch ſie dieſes Band ehrte—„obgleich ich gezwungen war, zu ſehen, daß die Menſchen grauſam ungerecht ſeyn können; jetzt aber, da ich einen Mann wie dich von ihren Geſetzen und Beſchränkungen heim⸗ geſucht ſehe, bin ich nicht nur weit entfernt, ihren Druck zu billigen, nein, meine Seele empört ſich gegen das Unrecht.“ „Dank,— Dank,— tauſend Dank!“ erwiderte der junge Mann inbrünſtig.„Ich habe nicht weniger als dies von Euch erwartet, Fräulein von Willading!“ „Wenn du nicht mehr erwarteteſt— weit mehr, Si⸗ gismund.“ begann das Mäͤdchen wieder und ihre Bläſſe verwandelte ſich in glühendes Roth,—„ſo warſt du kaum minder ungerecht als die Welt, und ich will hin⸗ zufügen, du haſt dieſe Adelheid von Willading, deren Namen du mit ſo kalter Förmlichkeit ausſprichſt, nie ver⸗ ſtanden. Wir haben alle unſere ſchwachen Augenblicke; Augenblicke, wo die Lockungen des Lebens, die werthlo⸗ ſen Bande, welche die Gedankenloſen und Selbſtiſchen in dem, was man die Intereſſen der Welt nennt, an einander binden, mehr Gewicht zu haben ſcheinen, als etwas anderes. Ich bin keine Träumerin, welche ein⸗ gebildete und künſtliche Verbindlichkeiten über die ſtellt, welche Natur und Weisheit geſchaffen haben— denn wenn viele nicht zu rechtfertigende Grauſamkeit in den 17* — 260— Gewohnheiten der Geſellſchaft iſt, ſo haben ihre Anord⸗ nungen auch viel Weiſes— oder welche glaubt, einer verkehrten Phantaſie müſſe ſtets auf Koſten der Gefühle und Anſichten Anderer nachgeſehen werden. Ich weiß im Gegentheil ſehr wohl, daß, ſo lange die Menſchen in dem jetzigen Zuſtande leben, ſchon die gewöhnliche Klug⸗ heit fordert, ihre Sitten zu achten, und daß unpaſſende Verbindungen im Allgemeinen einen gefährlichen Feind des Glückes in ſich ſchließen. Hätte ich deine Geſchichte gekannt, ſo würden wahrſcheinlich die Furcht vor den Fol⸗ gen oder jene kalten Formen, welche die Glücklichen ſchüz⸗ zen, dazwiſchen getreten ſeyn und uns beide verhindert haben, uns genauer kennen zu lernen. Ich ſage dies nicht, Sigismund, wie du, nach deinem Blicke, zu den⸗ ken ſcheinſt, um dir den Vorwurf einer Tauſchung zu machen, denn ich kenne ja die zufällige Art unſerer Be⸗ kanntſchaft, und weiß, daß das trauliche Verhältniß dir durch unſere ungeſtümme Dankbarkeit aufgenöthigt wor⸗ den, ſondern einfach und zur Erklärung meiner eigenen Gefühle. Jetzt dürfen wir unſere Lage nicht nach dem gewöhnlichen Masſtab beurtheilen und ich kann jetzt nicht blos als die Tochter des Freiherrn von Willading, welche einen Antrag von einem unadligen erhalt, über deine Anſpruche auf meine Hand entſcheiden, ſondern wie Adel⸗ heid Sigismunds Anſprüche, welche eine Verminderung ihrer Vortheile, wenn du willſt, erlitten, die vielleicht größer iſt, als ſie anfangs glaubte, abwägen muß.“ „Hältſt du, nach dem, was du erfahren haſt, die Annahme meiner Hand für möglich?⸗ rief der junge Mann in aufrichtiger Verwunderung aus. — 261 „Weit entfernt, die Sache auf dieſe Weiſe anzuſe⸗ hen— frage ich, ob es recht ſeyn wird— ob es mög— lich ſeyn wird, den Retter meines Lebens, den Retter des Lebens meines Vaters, Sigismund Steinbach zurück⸗ zuweiſen, weil er der Sohn eines Mannes iſt, den die Welt achtet?⸗ „Adelheid!⸗ „Laß mich ausreden,“ ſagte das Madchen ruhig, aber ſo, daß ihre beſonnene Würde ſeine Ungeduld zügelte. „Dies iſt eine wichtige und ich möchte ſagen feierliche Entſcheidung, und ſie iſt mir plötzlich und ohne Vorbe⸗ reitung vorgelegt worden. Du wirſt darum nicht ſchlim⸗ mer von mir denken, wenn ich um Zeit bitte, nachzu⸗ denken, ehe ich mein Wort gebe, das in meinen Augen ewig heilig ſeyn wird. Mein Vater, der dich für nie⸗ drig geboren hält und deinen Werth vollkommen kennt, hat mir erlaubt, zu ſprechen, wie ich im Anfange unſerer Zuſammenkunft geſprochen habe; aber es iſt möglich, daß mein Vater die Bedingungen ſeiner Einwilligung durch dieſe unſelige Enthüllung der Wahrheit für geändert an⸗ ſieht. Es iſt nothwendig, daß ich ihm Alles ſage, denn du weißt, daß ich mich an ſeine Entſcheidung halten muß. Dein eigenes Gefühl und deine kindliche Liebe werden dies billigen.“ Ungeachtet der ſtarken gegenſprechenden Thatſachen, die er eben enthüllt, hatte die Hoffnung angefangen, ſich unvermerkt zu den Wünſchen des jungen Mannes zu ge⸗ ſellen, als er die tröſtenden Worte der edeln und ge⸗ fühlvollen Adelheid hörte. Es wäre für einen Jüngling, den die Natur ſo ausgeſtattet hatte, der unfehlbar ſeines 262— Werthes ſich bewußt, obgleich er ſo beſcheiden in der Geltendmachung deſſelben war, kaum möglich geweſen, ſich nicht durch ihre offene und treuherzige Aufnahme er⸗ muthigt zu fühlen, da ſie ſeinen Einfluß auf ihr Glück in dieſer unumwundenen und einfachen Art verrieth. Aber der Entſchluß, ſich an ihren Vater zu wenden, ließ ihn den Gegenſtand kälter in das Auge faſſen, denn ſein richtiges Gefühl zeigte ihm bald den Unterſchied zwiſchen den zwei Richtern in einem Falle wie dieſer. „Beunruhige ihn nicht, Adelheid; das Bewußtſeyn, daß ſeine Klugheit verweigert, was ein edles Gefühl ihn antreiben möchte zu geben, könnte ihn unglücklich machen. Es iſt unmöglich, daß Melchior von Willading einwilligt, ſein einziges Kind dem Sohne des Scharfrichters ſei⸗ nes Kantons zu geben. In einer ſpätern Zeit, wenn die Erinnerung an den letzten Sturm minder lebhaft ſeyn wird, dürfte deine eigene Vernunft ſeine Entſchei⸗ dung billigen.⸗ Adelheid ſtützte ihre weiße Stirne gedankenvoll mit der Hand und ſchien ſeine Worte nicht zu hören. Sie hatte ſich von dem Schlage erholt, welcher ihr die plötz⸗ liche Nachricht von ſeiner Abſtammung beigebracht hatte, und dachte nun geſammelter und beſonnener über den Anfang ihrer Bekanntſchaft, deren Fortgang und alle die kleinen Vorfälle bis zu den zwei ernſten Begebniſſen, welche ſo ſtufenweiſe und ſo feſt die Gefühle der Ach⸗ tung und Bewunderung in dem ſtärkern und unlößli⸗ chen Band der Liebe verbunden hatten. „Wenn du der Sohn deſſen biſt, den du nennſt, warum trägſt du den Namen Steinbach, während Bal⸗ I ——³ a—-— ——— ᷣ— — 263— thaſar unter einem andern bekannt iſt?⸗ fragte Adelheid, begierig, den ſchwächſten Faden der Hoffnung feſtzuhalten. „Es war meine Abſicht, nichts zu verhehlen, und dir die Geſchichte meines Lebens und alle die Gründe vorzulegen, welche mein Benehmen geleitet haben,“ ver⸗ ſetzte Sigismund;„ſpäter, wenn wir beide in einem ru⸗ higern Gemüthszuſtande ſind, werde ich es wagen, um Gehör zu bitten——* „Aufſchub iſt unnöthig— er möchte ſogar ungeeig⸗ net ſeyn. Es iſt meine Pflicht, meinem Vater alles zu erzählen und er muß wünſchen zu wiſſen, warum du nicht ſtets als der erſchienſt, der du biſt. Denke nicht, Sigismund, daß ich Mißtrauen in deinen Beweggrund ſetze, aber die Vorſicht des Alters und das Vertrauen der Jugend haben ſo wenig mit einander gemein!— Es wäre mir lieber, du erzählteſt jetzt.“ Er fügte ſich dem milden Ernſt ihrer Miene und dem lieblichen aber traurigen Lächeln, womit ſie den Wunſch unterſtützte. „Wenn du die düſtere Geſchichte hören willſt, Adel⸗ heid,“ ſagte er,„ſo iſt kein hinreichender Grund vorhan⸗ den, warum ich wünſchen ſollte, das wenige, was zu ſa⸗ gen nöthig iſt, aufzuſchieben. Du biſt wahrſcheinlich mit den Geſetzen des Kantons bekannt, ich meine jene grau⸗ ſamen Beſtimmungen, durch welche eine beſondere Fa⸗ milie verdammt iſt, denn ich weiß kein beſſeres Wort zu finden, die Pflichten dieſes empörenden Amtes zu voll⸗ ſtrecken. Dieſes Amt mag in den finſtern Jahrhunder⸗ ten ein Vorrecht geweſen ſeyn, es iſt aber jetzt eine Auflage, welche keiner, der mit beſſern Hoffnungen erzo⸗ — 264— gen worden iſt, zu zahlen ſich entſchließen kann. Mein Vater, von Kind auf in der Anwartſchaft des Amtes er⸗ zogen und an deſſen Vollſtreckung gewöhnt, folgte, noch jung, auf ſeinen Vater, und obgleich von Natur ein ſanfter und ſelbſt mitleidsvoller Mann, bebte er nie vor ſeiner blutigen Arbeit zurück, ſo oft die Befehle ſeiner Vorgeſetzten ihn aufforderten, ſie zu vollſtrecken. Allein, von einem menſchlichen Gefühle ergriffen, hegte er den Wunſch, von mir das abzuwenden, was ſein beſſeres Gefühl ihn als das Unglück unſerer Familie anſehen ließ. Ich bin der erſtgeborne und war, ſtreng genommen, das Kind, das zumeiſt gehalten war, einſt das Amt zu übernehmen. Wie ich aber hörte, verleitete zärtliche Liebe meine Mutter, einen Plan zu erſinnen, durch wel⸗ chen ich wenigſtens von dem Gehäſſigen erlößt wurde, das ſich ſo lange an unſern Namen geknüpft hatte. Ich wurde, noch ein Kind, heimlich aus dem Hauſe gebracht; ein vorgeblicher Todesfall verhüllte den frommen Betrug und ſo fern, Dank dem Himmel! wiſſen die Behörden nichts von meiner Geburt.⸗ „Und deine Mutter, Sigismund; ich fühle große Achtung gegen dieſe edle Mutter, welche gewiß mit mehr als weiblicher Feſtigkeit und Treue ausgeſtattet ſeyn muß, daß ſie deinem Vater Liebe und Beſtändigkeit geſchwo⸗ ren, wahrend ſie ſeine Pflichten und die Hoffnungsloſig⸗ keit, ihnen zu entgehen, kannte? Ich hege eine hohe Verehrung gegen ein Weib, ſo erhaben über die Schwä⸗ chen, und doch ſo treu in den weſentlichen und beſten Gefühlen ihres Geſchlechtes!⸗ Der junge Mann lächelte ſo ſchmerzlich, daß ſeine err hab nur mur züg ſon geri Sie die los gung zum min Ohn vern eine Ungl du, er ir der 2 Du — gehal wollt ihre Kind — 265— erregte Freundin es bedauerte, die Frage geſtellt zu haben. „Meine Mutter iſt gewiß ein Weib, das man nicht nur achten, ſondern in vielfacher Hinſicht hoch verehren muß. Meine arme und edle Mutter hat tauſend Vor⸗ züge, denn ſie war die zärtlichſte Gattin und hatte ein ſo mildes Herz, daß ſie es mit Kummer ſah, wenn dem geringſten lebenden Geſchöpf ein Leid zugefügt wurde. Sie war warlich kein Weib, das Gott beſtimmt hatte, die Mutter von Scharfrichtern zu werden.⸗ „Du ſiehſt, Sigismund,, ſagte Adelheid, faſt athem⸗ los vor Begierde, einen Vorwand für ihre eigene Nei⸗ gung zu ſuchen und den innern Kampf, den er erduldete, zu mindern—⸗du ſiehſt, daß Ein edles und treffliches Weib mindeſtens ihr Glück deiner Familie anvertrauen konnte. Ohne Zweifel war ſie die Tochter eines würdigen und vernünftigen Bewohners des Kantons, der ſeinem Kind eine Erziehung gegeben hatte, die es lehrte, zwiſchen Unglück und Laſter zu unterſcheiden.⸗ „Sie war ein einziges Kind und eine Erbin, wie du, Adelheid,“ antwortete er, um ſich blickend, als ſuchte er irgend einen Gegenſtand, auf welchen er einen Theil der Bitterkeit werfen könnte, die auf ſeinem Herzen laſtete. Du wirſt von deinem Vater nicht minder geliebt und werth⸗ gehalten, als meine treffliche Mutter von dem ihrigen.⸗ „Sigismund, deine Miene erſchreckt mich!— Was wollteſt du ſagen?⸗ „Neufchatel und andere Länder auſſer Bern haben ihre Bevorrechteten! Meine Mutter war das einzige Kind des Scharfrichters des erſtern Ortes. Du ſiehſt — 266— daraus, Adelheid, daß ich mich meiner Stammtafel ſo gut rühme, wie Andere. Gott ſey gelobt, wir ſind doch geſetzlich nicht gezwungen, die Verurtheilten anderer Län⸗ der, als des unſrigen, zu ſchlachten.“ Die wilde Bitterkeit, mit welcher dies geſprochen wurde, und die Kraft ſeiner Sprache durchbebte jeden Nerven ſeiner Zuhörerin. „So vieler Ruhm ſollte nicht ſinken,“ begann er wieder.„Wir ſind wohlhabend für Leute von wenigen Bedürfniſſen, und haben ein reichliches Auskommen, ohne die Einkünfte unſeres Amtes— ich hebe gern unſere langerworbenen Ehren hervor! Die Mittel eines an⸗ ſtändigen Unterhalts ſind im Überfluſſe vorhanden. Ich habe dir von den freundlichen Abſichten meiner Mutter geſagt, wenigſtens eines ihrer Kinder von dem Makel zu löſen, der auf uns allen laſtete und die Geburt eines zweiten Sohnes ſetzte ſie in den Stand, ihren menſchen⸗ freundlichen Vorſatz, ohne Aufmerkſamkeit zu erregen, auszuführen. Ich wurde abgeſondert aufgebracht und erzogen und war viele Jahre in Unwiſſenheit über mein Herkommen. In dem geeigneten Alter wurde ich, un⸗ geachtet des frühen Todes meines Bruders, unter dem erdichteten Namen, den ich trage, in die Welt geſchickt, um in Dienſten des Hauſes Oſtreich Beförderung zu ſuchen. Ich will dir die Pein nicht ſchildern, Adelheid, welche ich fühlte, als mir die Wahrheit enthüllt wurde. Unter allen Grauſamkeiten, deren ſich die Geſellſchaft ſchuldig macht, iſt keine ihrem Weſen nach ſo unbillig, wie der Schandfleck, welchen ſie der Nachkommenſchaft Laſterhafter oder Ungluͤcklicher aufdrückt; unter allen — 267— ihren Gunſtbezeugungen kann keine ſo wenig Rechtferti⸗ gung in dem Recht und der Vernunft finden, wie die dem Zufall der Geburt bewilligten Vorrechte.“ „Und doch ſind wir ſehr gewöhnt, die zu ehren, welche von einem alten Geſchlechte abſtammen, und einen Theil des Ruhmes der Vorfahren ſelbſt in dem entfern⸗ teſten Nachkommen zu erblicken.⸗ „Je entfernter, deſto größer iſt die Verehrung der Welt. Welchen beſſern Beweis können wir von der Schwäche der Menſchen verlangen? So iſt das unmit⸗ telbare Kind des Helden, er, deſſen Abſtammung gewiß iſt, der das Bild ſeines Vaters in ſeinen Zugen trägt, der ſeinen Lehren gelauſcht hat, und von dem man glau⸗ ben kann, daß er wenigſtens einen Theil ſeiner Größe aus der Nähe ſeines Urſprungs hergeleitet habe, weniger ein Fürſt, als der, welcher ſein Bett durch hundert ge⸗ meine Ströme ausdehnte, und, wenn die Wahrheit be⸗ kannt wäre, gar keine natürliche Anſprüche auf das ſo hoch geprieſene Geblüt haben möchte! Dies kömmt von der künſtlichen Hinleitung des Geiſtes zu Vorurtheilen und von dem verwerflichen Verlangen des Menſchen, ſeinen Urſprung und ſeine Beſtimmung zu vergeſſen, und mehr ſeyn zu wollen, als das, wozu die Natur ihn be⸗ ſtimmt hat.“ „Gewiß, Sigismund, der Wunſch, Guten und Edlen anzuhören, gründet ſich auf ein wohl zu rechtfertigendes Gefühl.“ „Wenn gut und edel daſſelbe waͤre! Deine Bezeich⸗ nung iſt richtig; ſo lang es wirklich ein Gefühl iſt, iſt es nicht nur zu entſchuldigen, ſondern weiſe; denn wer 268— ſollte nicht wünſchen, von Tapfern, Biedern, Gelehrten, oder durch welche andere Vorzüge ſich jemand Ruhm erwarb, herzuſtammen?— Es iſt weiſe, denn das Ver⸗ mächtniß ihrer Tugenden iſt vielleicht die beſte Aufmun⸗ terung, welche der Gute hat, dem Strome gemeine⸗ rer Intreſſen entgegen zu kämpfen; aber welche Hoff⸗ nung bleibt einem Manne gleich mir, deſſen Lage der Art iſt, daß er nichts erben noch hinterlaſſen kann als Schande? Ich bemühe mich nicht, die Vortheile der Geburt zu verachten, blos weil ſie mir nicht geworden ſind; ich beklage es nur, daß künſtliche Berechnungen das, was Gefühl und Geſchmack ſeyn ſollte, in ein klein⸗— liches und gemeines Vorurtheil verkehrt haben, durch welches die wirklich Unedeln größere Vorrechte haben, als die, welche vielleicht der größten Ehren würdig ſind, welche der Menſch nur verleihen kann.“ Adelheid hatte die Abſchweifung unterſtützt, welche bei einem minder kräftigem, geſundem Verſtand als Si⸗ gismund Begabten nur gedient hätte, ſeinen Stolz zu ver⸗ wunden; aber ſie bemerkte, daß er ſein Herz erleichterte, indem er ſo ſeine Vernunft in das Spiel brachte und das, was ſeyn ſollte, dem, was war, gegenüber ſtellte. „Du weißt,“ antwortete ſie,„daß weder mein Va⸗ ter noch ich gewillt ſind, viel Gewicht auf die Meinung der Welt in Bezug auf dich zu legen.“ „Das heißt, ihr beſteht beide nicht auf dem Adel; aber wird eines von euch einwilligen, die Schmach einer Verbindung mit einem erblichen Scharfrichter zu theilen?⸗ „Du haſt noch nicht alles erzählt, was wir wiſſen müſſen, um einen Entſchluß zu faſſen.“ — — 269 „Es bleibt nur wenig zu berichten übrig. Das Mittel, welches meine guten Eltern wahlten, glückte ſo weit. Ihre zwei überlebenden Kinder, meine Schweſter und ich, wurden, wenigſtens eine Zeitlang, ihrem unglück⸗ lichen Schickſale entriſſen, während mein armer Bruder, der wenig verſprach, durch eine Partheilichkeit, bei deren Prüfung ich mich nicht aufhalten will, der Erbe un⸗ ſerer hölliſchen Vorrechte blieb.— Nein, vergib Adel⸗ heid, ich will beſonnener ſeyn; aber der Tod rettete den Jüngling von ſeinem ſchrecklichen Amte und ich bin jetzt der einzige Sohn Balthaſars— ja,« ſetzte er furchtbar lachend hinzu, ⸗auch ich habe jetzt ein kleines Monopor auf alle Ehren unſeres Hauſes.⸗ „Du— du, Sigismund,— mit deinen Sitten, deiner Erziehung, deinem Gefühl— du kannſt nicht gezwungen werden, die Pflichten dieſes ſchrecklichen Amtes zu er⸗ füllen.⸗ „Man ſieht leicht, daß meine hohen Privilegien Euch nicht entzücken, Fräulein von Willading, und ich kann mich auch über dieſen Geſchmack nicht wundern. Am meiſten ſollte ich ſtaunen, daß Ihr einen Scharfrichter ſo lange vor Euern Augen duldet.⸗ „Wenn ich die Bitterkeit des Gefühls, die bei je⸗ mand in deiner Lage ſo natürlich iſt, nicht kennte und deutete, ſo würde dieſe Sprache mir ſehr wehe thun, Sigismund; aber du kannſt doch nicht ernſtlich glauben, es drohe dir eine wirkliche Gefahr, jemals zur Ausübung dieſes Geſchäftes gezwungen zu werden? Wenn ein ſol— ches Unglück dir ja bevorſtehen ſollte, bann der Einfluß — 279— meines Vaters es nicht abwenden? Er iſt nicht ohne Gewicht in dem Rathe des Kantons.“ „Jetzt bedarf es ſeiner freundlichen Vermittlung noch nicht, denn auſſer meinen Eltern, meiner Schweſter und dir, Adelheid, iſt niemand mit den Thatſachen, die ich dir eben mittheilte, bekannt. Meine arme Schweſter iſt ein kunſtloſes aber unglückliches Mädchen, denn der gut⸗ gemeinte Plan unſerer Mutter hat ſie größtentheils un⸗ geeignet gemacht, die Wahrheit zu ertragen, wie ſie wohl gethan haben würde, wenn dieſelbe ihr ſtets vor Augen geſchwebt hätte. Die Welt angehend, ſo ſcheint ein junger Verwandter meines Vaters beſtimmt, ihm nachzufolgen, und dabei muß die Sache ihr Bewenden haben, bis das Schickſal es anders fügt. In Betreff meiner armen Schweſter iſt einige Hoffnung, daß das Ungluck ganz abgewendet werde. Sie iſt im Begriff, ſich hier, zu Vevay, zu verheirathen, was vielleicht das Mittel wird, ihr Herkommen in neuen Banden zu ver⸗ bergen. Mein eigenes Schickſal endlich muß die Zeit entſcheiden.“ „Warum ſollte die Wahrheit je bekannt werden 2⸗ rief Adelheid faſt erſtickend vor Eifer, irgend einen Aus⸗ weg vorzuſchlagen, der Sigismund auf immer von einem ſo verhaßten Amte befreite.„Du ſagſt, deine Familie beſitze reichliche Mittel— überlaß jenem Jünglinge Alles, un⸗ ter der Bedingung, daß er an deine Stelle tritt!“ „Ich wollte gern betteln, um derſelben los zu werden—* „Nein, du wirſt kein Bettler ſeyn, ſo lange die von Willading etwas haben. Die endliche Entſcheidung in 4 — 271—. — jeder andern Hinſicht mag ſeyn, welche ſie will, dies können wir wenigſtens verſprechen.⸗ „Mein Schwert wird mich ja ſchützen, in die Lage zu kommen, von deinem Anerbieten Gebrauch machen zu müſſen. Mit dieſem guten Schwert kann ich mich ſtets anſtandig durch das Leben bringen, wenn mich die Vorſehung vor der Schmach bewahrt, es mit dem eines Scharfrichters vertauſchen zu müſſen. Aber es bietet ſich noch ein Hinderniß, vor welchem du noch nichts ge⸗ hört haſt. Meine Schweſter, die warlich keine Bewun⸗ derung vor den Würden hat, welche unſere Familie ſo viele Geſchlechter— ich kann ſagen, Jahrhunderte hin⸗ durch demüthigen— haben wir nicht alte Würden, Adelheid, ſo gut wie du?— meine Schweſter iſt mit einem Manne verlobt, der um ewiges Geheimniß in dieſer Hinſicht feilſcht, und dies als Bedingung ſetzt, un⸗ ter welcher er die Hand und die reiche Mitgift eines der holdeſten menſchlichen Weſen annehmen will! Du ſiehſt, daß andere nicht ſo großmüthig ſind wie du, Adel⸗ heid! Mein Vater hat, beſorgt, ſein Kind unterzubrin⸗ gen, in die Bedinguug gewilligt, und da der Jüngling, der die nachſten Anſprüche auf die Nachfolge in der Fa⸗ milenwürde hat, nicht ſehr geneigt iſt, ſie anzunehmen, und den Betrug hinſichtlich meiner Schweſter bereits argwöhnt, könnte ich gezwungen werden, zu erſcheinen, um den Sprößling meiner guten Schweſter vor dem Fluche zu ſchützen.⸗ Dies griff Adelheid auf dem ſchwachſten Punkte an. Ein NMädchen von ihrem edeln Sinn und aufopfern⸗ den Charakter konnte kaum den Wunſch hegen, das von 272 andern zu fordern, dem ſie ſich nicht gern ſelbſt unter⸗ zog und die Hoffnung, die eben wieder in ihrem Herzen aufgelebt hatte, wurde durch dieſe Entdeckung beinahe ganz vernichtet. Doch war ſie ſo ſehr gewöhnt, ihr Ge⸗ fühl durch ihren trefflichen Verſtand leiten zu laſſen, und es war ſo natürlich, an ihren gerechten Wünſchen feſt zu halten, ſo lange es noch vernünftigerweiſe denkbar war, ſie erfüllt zu ſehen, daß ſie nicht verzweifelte. „Deine Schweſter und ihr künftiger Gatte kennen ihre Herkunft und wiſſen, was ihnen bevorſteht.“ „Sie weiß dies alles und ihr Edelmuth iſt ſo groß, daß ſie mich nicht verrathen will, um ſich zu helfen. Aber dieſe Selbſtaufopferung legt mir um ſo mehr die Pflicht auf, mich als den Unglücklichen kund zu geben, der ich bin. Ich kann nicht ſagen, daß meine Schweſter gewöhnt iſt, unſer langewährendes Ungemach mit all dem Schrecken zu betrachten, den ich fühle, denn ſie war mit den Umſtanden länger bekannt und die häuslichen Sitten ihres Geſchlechtes ſetzten ſie der Möglichkeit weniger aus, den Haß der Welt zu erfahren; vielleicht kennt ſie auch nicht alles das Gehäſſige, dem wir blosgegeben ſind. Meine lange Abweſenheit in fremden Dienſten waren Urſache, daß ich ſpäter in das Geheimniß eingeweiht wurde, während die Beſorgniſſe einer Mutter um ihr einziges Kind mehrere Jahre, ehe ich die Wahrheit er⸗ fuhr, es veranlaßten, daß ſie, obgleich ſtets in geheim, in die Familie aufgenommen wurde. Sie iſt auch viel jünger als ich und alle dieſe Gründe, ſo wie die Ver⸗ ſchiedenheit in unſerer Erziehung haben ſie für unſer Un⸗ gkück minder empfänglich gemacht als mich; denn mich —.,.— —— 5 ————.—+,—— —,——,.———,—,—,— ließ mein Vater mit einer grauſamen Güte gut und ſelbſt anſtändig erziehen, während Chriſtine unterrichtet wurde, wie es den Hoffnungen und der Abſtammung Beider angemeſſener war. Nun ſage mir, Adelheid, daß du mich wegen meiner Verwandtſchaft haſſeſt, und mich verachteſt— weil ich ſo lange mich in deine Geſellſchaft zu drängen wagte, während das volle Bewußtſeyn deſſen, was ich bin, meinen Gedanken ſtets gegenwärtig war!“ „Ich höre deine bittern Anſpielungen auf ein Er⸗ eigniß dieſer Art nicht gern, Sigismund. Wenn ich dir ſagte, ich fühlte dieſen Umſtand nicht beinahe, wenn nicht ganz ſo ſcharf, wie du,“ fügte das biedere Madchen mit einer edlen Freimüthigkeit hinzu,„ſo würde ich an meiner Dankbarkeit und meiner Achtung vor deinem Charakter Unrecht thun. Aber es iſt mehr Federkraft in dem Herzen eines Weibes als in dem deines herriſchen und ſtolzen Geſchlechtes. Weit entfernt, von dir zu den⸗ ken, wie du gern glauben möchteſt, ſehe ich nichts in dei⸗ nem Zurückhalten, als was natürlich und zu rechtferti⸗ gen iſt. Gedenke, daß du mein Ohr nicht mit Betheue⸗ rungen und Bitten, wie man gewöhnlich in Mädchen dringt, verſucht haſt, ſondern daß die Theilnahme, welche ich dir weihe, beſcheiden und anſtändig gewonnen worden iſt. Ich kann jetzt weder mehr hören noch mehr ſagen, denn dieſe unerwartete Kunde hat mich in nicht geringem Grade außer Faſſung gebracht. Laß mich über das, was ich zu thun habe, nachdenken und bleibe verſichert, daß du keinen wohlmeinenderen und parteiiſchern Fürſprecher in Allem, was deine Ehre und dein Glück wahrhaft be⸗ trifft, haben kannſt als mein Herz.“ 76— 78. 18 Als die Tochter Melchior von Willadings ſchloß, reichte ſie liebevoll dem jungen Mann ihre Hand, die er mit männlicher Zartlichkeit an ſeine Bruſt drückte und ſich dann langſam und ungern entfernte. Zwölftes Kapitel. Nicht mehr zu wiſſen iſt Des Weibes glücklichſt Wiſſen und ihr Preis. Milton. Unſere Heldin war ein Weib in dem beſten Sinne dieſes ſchönen und, wir möchten hinzu ſetzen, vielumfaſ⸗ ſenden Wortes. Gefühlvoll, beſcheiden, und zuweilen ſo⸗ gar ſchüchtern in Dingen, welche die Thätigkeit höherer Eigenſchaften nicht in Anſpruch nahmen, war ſie in ihren Grundſätzen feſt, wie ſie in ihren Gefühlen beſtändig und innig war, und wenn Pflicht und Neigung vereinigt dazu aufforderten, in einem Grade ſelbſtaufopfernd, daß der Gedanke eines Opfers nicht in Betracht kam. Auf der andern Seite machten die Empfänglichkeit für l⸗ hafte Eindrücke, ein charakteriſtiſcher Zug ihres Geſchlech⸗ tes, und die Neigung, Wichtigkeit auf die Sitten zu le⸗ gen, von denen ſie umgeben war und die nothwendig bei jenen am größten iſt, welche ein abgeſchloſſenes und 1 unthätiges Leben führen, es überdies fur ihren Geiſt —— — nd —,— — ſchwierig, ſich aus dem Netze der geltenden Meinung loszumachen und mit Gleichgültigkeit ſolcher Umſtände zu gedenken, welche alle um ſie mit hoher Achtung behan⸗ delten, oder an welche ſie eine Entehrung, der ſich Ab⸗ ſcheu zugeſellte, knüpften. Wäre der Fall umgekehrt, wäre Sigismund von Adel geweſen und Adelheid eines Scharfrichters Tochter, ſo iſt es wahrſcheinlich, daß der junge Mann Mittel gefunden hätte, ſeiner Leidenſchaft Genüge zu thun, ohne ſeinem Stolz ein zu großes Opfer zu bringen. Indem er ſeine Gattin auf ſein Schloß ge⸗ bracht, ſeinen geltenden Namen auf ſie übergetragen, ſie von allem, was die Verbindung unangenehm und herab⸗ würdigend machte, getrennt, und in den vielfältigen und umfaſſenden Beſchaftigungen ſeiner Stellung Beſchäfti⸗ gung gefunden hatte, würde er geringere Beweggründe gehabt haben, den tadelnswerthen Charakter der einge⸗ gangenen Heirath zu erwägen und folglich zu beklagen. Dies ſind die Vortheile, welche die Natur und die Ge⸗ ſetze der Geſellſchaft dem Manne über das ſchwächere aber treuere Geſchlecht gegeben haben;— und doch, wie wenige wären großmüthig genug geweſen, auch nur das Opfer des Geföhls zu bringen, das ein ſolches Verfah⸗ ren forderte! Auf der andern Seite ward Adelheid ge⸗ zwungen, den alten und ruhmwerthen Namen ihrer Fa⸗ milie aufzugeben und einen anzunehmen, welcher in dem Kanton für ehrlos angeſehen wurde; oder, wenn ein Mittel aufgefunden ward, dieſe erſte Schmach abzuwen⸗ den, mußte es unvermeidlich der Art ſeyn, daß es die Aufmerkſamkeit aller mit den Thatſachen bekannten eher anzog, als ſie von dem demüthigenden Charaßter ſeiner — 18 — 276— Apbſtammung abwendete. Es fehlte ihr an einem immer bereiten Schutz gegen die ſtete Thätigkeit ihrer Gedan⸗ Fen, denn die Sphare des Weibes beſchränkt die Ge⸗ füuhle ſo, daß ſie ſie von den kleinen Zufällen des häus⸗ lichen Lebens ſehr abhängig macht; ſie konnte vor dem Verkehr mit den Verwandten ihres Gatten ihre Thüre nicht ſchließen, wenn es ihm beliebt hätte, ihr zu befeh⸗ len, oder wenn ſein Gefühl ihn getrieben hätte, denſelben zu wünſchen, und ſie mußte auf die leiſe aber nie ver⸗ ſtummende Stimme der Pflicht hören und auf ſeinen Wunſch vergeſſen, daß ſie je glücklicher war, oder daß ſie für beſſere Hoffnungen geboren worden. Wir wollen nicht behaupten, daß alle dieſe Berech⸗ nungen ſich dem ſinnenden Mädchen aufgedrangt hätten, obgleich ſie gewiß ein allgemeines und unbeſtimmtes Bild von den Folgen hatte, welche die Verbindung mit Sigis⸗ mund für ſie w.. ſcheinlich nach ſich ziehen mußte. Noch lange nach ſeinem Weggehen ſaß ſie bewegungslos, in tiefes Sinnen verloren. Der junge Mann war durch die kleine Pforte um das Schloß gegangen und eilte flie⸗ genden Fußes uber die ſanft geſenkten Wieſenfluren an der Bergſeite hinab, und wahrſcheinlich zum erſten Male ſeit ihrer Bekanntſchaft folgte ihr Auge ſeiner männlich kraftigen Geſtalt gedankenlos und gleichgültig. Ihr Geiſt war zu beſchaftigt, um die gewöhnliche Thätigkeit der Sinne zuzulaſſen. Die ganze erhabene und liebliche Landſchaft war vor ihr ausgebreitet, ohne daß ſie einen Eindruck auf ſie machte, wie wir in die Leere des Firmaments ſchauen, das Auge auf den oͤden Raum geheftet. Sigismund war unter den Mauern — mmer zedan⸗ e Ge⸗ häus⸗ dem Thüre befeh⸗ ſſelben e ver⸗ ſeinen r daß zerech⸗ gätten, 3 Bild Noch s, in durch te flie⸗ ren an Male unnlich hnliche habene , ohne in die n oͤden Kauern —— der Weinberge verſchwunden, als ſie aufſtand und einen Seufzer hören ließ, wie er uns wohl nach langem und peinlichem Nachdenken entſchlüpft. Aber die Augen des hochſinnigen Mädchens glänzten und ihre Wange glühte, während alle ihre Züge einen Ausdruck erhabenerer Schönheit trugen, als gewöhnlich ihr ſo liebliches Antlitz zeigte. Ihr Entſchluß war gefaßt. Sie hatte mit der ſeltnen und großmüthigen Selbſtaufopferung eines weib⸗ lichen Herzens entſchieden, welches liebt, und das in ſei⸗ ner Friſche und Reinheit nur einmal lieben kann. In dieſem Augenblick hörte man Fußtritte auf dem Gang und die drei alten Edelleute, welche wir vorher auf der Schloß⸗Terraſſe verlaſſen haben, traten in den Ritterſaal. Melchior von Willading nahte ſich ſeiner Tochter mit einer heitern Miene, denn auch er hatte nun, wie er es anſah, einen glorreichen Sieg über ſeine Vorurtheile davon getragen und dieſes Gefühl verſetzte ihn in eine vortreffliche Stimmung. „Die Frage iſt für immer entſchieden,“ ſagte er, Adelheid's brennende Stirne liebevoll küſſend und ſich die Hände reibend, wie wohl Leute zu thun pflegen, die ſich freuen, eines quälenden Zweifels los zu ſeyn.»Dieſe wackern Freunde ſind mit mir einverſtanden, daß es in einem Falle wie dieſer, unſerer Geburt grade geziemt, der Abſtammung des Jünglings zu vergeſſen. Wer das Leben der zwei letzten Willading gerettet hat, verdient mindeſtens, einen Theil an dem zu haben, was ihnen geblieben iſt. Auch ſchickt ſich mein guter Grimaldi hier an, mir die Stirne zu bieten, wenn ich nicht einwilligte, den wackern Burſchen von ihm ausſtatten zu laſſen— 2 —-— 278— als wären wir Bettler und hätten die Mittel nicht, un⸗— ſern Verwandten zu Haus gehörig zu verſorgen. Aber wir wollen ſelbſt einem ſo bewährten Freunde auch nicht den kleinſten Theil unſeres Glückes ſchuldig ſeyn. Das Werk ſoll ganz unſer eigenes ſeyn, ſelbſt des Adels Di⸗ plom nicht ausgeſchloſſen, wegen deſſen ich mich in den erſten Tagen nach Wien wenden werde; denn es wäre grauſam, den biedern Jüngling eines ſo einfachen Vor⸗ theils entbehren zu laſſen, der ihn zu unſeres Gleichen erheben und ſo gut— ja, bei Luther's Bart— beſſer machen wird, als den beſten Mann von Bern.⸗ „Ich habe dich nie als einen Knicker gekannt, ob⸗ gleich ich dich oft hinter der Schweizer Genügſamkeit mächtig verſchanzt ſah,“ ſagte Signor Grimaldi lachend. „Dein Leben, mein lieder Melchior, mag in deinen eige⸗ nen Augen einen ſehr hohen Werth haben, aber ich bin wenig geneigt, das meinige ſo gering anzuſchlagen, wie du es offenbar zu ſchäͤtzen ſcheinſt. Du haſt recht, ich will ſagen, edel, in dem beſten Sinne dieſes Wortes, entſchieden, als du einwilligteſt, dieſen wackern Sigis⸗ mund als deinen Sohn anzunehmen; aber du darfſt, junges Fräulein, nicht denken, ich hielt dieſen Körper, weil er etwas abgenutzt iſt, für ganz werthlos, und er könne wie ein Bündel ſchlechter Leinwand aus jenem See dort gezogen werden, ohne daß ſich jemand um die Art und Weiſe bekümmert, wie eine ſolche Gefälligkeit erzeigt worden iſt. Ich verlange, deinen Gemahl aus⸗ zuſtatten, damit er wenigſtens auftreten kann, wie es dem Schwiegerſohne Melchior von Willadings geziemt. Bin ich ohne allen Werth, daß Ihr mich ſo ohne Um⸗ — 279— ſtände behandelt, indem Ihr ſagt, ich ſollte meine Er⸗ haltung nicht belohnen?⸗ „Halte es nach deinem Gefallen, guter Gaetano, mache es wie du wiſlſt⸗ ſofern du uns nur den jungen Mann laſſen willſt— „Vater—“ „Ich will keine mädchenhafte Ziererei, Adelheid. Ich erwarte, daß du den Gatten, welchen wir dir bie⸗ ten, ſo dankbar annimmſt, als wenn er eine Krone trüg. Wir haben es unter uns ausgemacht, daß Sigismund Steinbach mein Sohn werden ſoll, und ſeit undenklichen Zeiten haben ſich die Töchter unſeres Hauſes in ſolchen Angelegenheiten dem unterworfen, was ihnen die Weis⸗ heit ihrer Eltern rieth, wie dies auch ihrem Geſchlechte und ihrer Unerfahrenheit ziemte.“ Die drei alten Herrn waren in trefflicher Laune in den Ritterſaal gekommen und die Miene des Freiherrn von Willading würde es hinreichend verrathen haben, daß er mit Adelheid ſcherze, ware den Andern nicht wohl bekannt geweſen, daß in der eben getroffenen Wahl vor allem des Mädchens Gefühle zu Rath gezogen worden. Allein ungeachtet der großen Munterkeit, mit welcher der Vater ſprach, theilte ſich doch die Freude und Schwung⸗ kraft ſeines Weſens dem Kinde nicht ſo ſchnell mit, als er wünſchen mochte. In Adelheid's Miene war weit mehr als jungfräuliche Verlegenheit. Sie wurde blaß und roth und während ſie ſich anſtrengte zu ſprechen, wandte ſich ihr Auge ſchmerzvoll von einem auf den an⸗ dern. Signor Grimaldi ſprach leiſe mit ſeinen Freun⸗ den und Roger von Blonay entfernte ſich beſcheiden un⸗ 2890— ter dem Vorwande, man bedürfe ſeiner zu Vevay, wo man mit den Vorbereitungen zu dem Winzerfeſte lebhaft beſchaftigt war. Der Genueſer wollte dann ſeinem Bei⸗ ſpiele folgen, aber der Freiherr hielt ſeinen Arm feſt, während er einen forſchenden Blick auf ſeine Tochter warf, als befehle er ihr, ſich offner gegen ihn auszu⸗ ſprechen. „Vater,“ ſagte Adelheid mit einer Stimme, welche zitterte, ſo ſehr ſie ſich auch bemühte, ihre Gefühle zu beherrſchen,—„ich habe etwas Wichtiges mitzutheilen, ehe dieſe Verbindung mit Herrn Steinbach als etwas Unwiderrufliches beſchloſſen wird.“ „Sprich offen, mein Kind; dies iſt ein bewährter Freund, der ein Recht hat, mit allem, was uns betrifft, vorzüglich in dieſer Angelegenheit, bekannt zu werden. Allen Scherz bei Seite ſetzend, hoffe ich, Adelheid, daß du kein mädchenhaftes Spiel mit einem jungen Manne wie Sigismund treiben wirſt, dem wir ſo viel, ſelbſt unſer Leben verdanken, und für den wir bereit ſeyn ſollten, jedes Gefühl von Vorurtheilen und Herkommen— alles was wir beſitzen, ſelbſt unſern Stolz, zu opfern.“ „Alles, Vater?“ „Ich habe es geſagt— Alles. Ich werde keinen Buchſtaben dieſes Wortes zurücknehmen und wenn es mich Willading, meinen Rang in dem Kanton, und ei⸗ nen alten Namen obendrein koſten ſollte. Habe ich nicht recht, Gaetano? Ich ſtelle das Glück des Jünglings höher, als jede andere Rückſicht, indem Adelheid's Glück, wie ich weiß, ſo innig mit dem ſeinigen verſchmolzen iſt. Ich widerhole es daher, Alles.“ 281— „Es würde gut ſeyn, zu hören, was die junge Dame zu ſagen hat, ehe wir dieſe Sache weiter treiben,“ be⸗ merkte Signor Grimaldi, der keinen Sieg über ſich da⸗ von getragen und daher in ſeiner Freude nicht ganz ſo überſchwenglich war, wie ſein Freund, einen ruhigern Beobachter abgab und, was er ſah, mit der Klarheit eines beſonneneren und ſcharfſichtigeren Mannes beachtete. „Ich würde mich ſehr irren, wenn deine Tochter nicht etwas ſehr Ernſtes mitzutheilen hätte.“ Melchior's väterliche Zärtlichkeit wurde nun ängſtlich rege und er blickte ſein Kind mit ſorgenvoller Aufmerk⸗ ſamkeit an. Adelheid erwiderte ſeine ſichtbare Beküm⸗ merniß mit einem Lächeln der Liebe, aber der ſchmerz⸗ liche Ausdruck deſſelben war ſo unzweideutig, daß es die Angſt des Freiherrn nur ſteigerte. „Biſt du nicht wohl, Liebe?— es iſt unmöglich, daß wir hintergangen worden ſind— daß irgend eine Bauerndirne würdig befunden murde, dich auszuſtechen? Ha,— Signor Grimaldi, dies ſieht wahrlich beinahe wie eine Beleidigung aus;— aber, ſo alt ich bin— Nun, wir werden nie erfahren, wie ſich die Sache ver⸗ hält, wenn du nicht freimüthig redeſt— eine ſchöne Ge⸗ ſchichte, in der That, Gaetano— daß meine Tochter von einem Knecht verworfen werden ſoll!“ Adelheid machte eine bittende Bewegung gegen ihren Vater, ſich zu gedulden, während ſie, nicht mehr im Stande zu ſtehen, ihren Sitz wieder einnahm. Die zwei beunnuhigten Männer folgten in ſtummer Verwunderung threm Beiſpiele. „Du thuſt Sigismunds Ehre und Beſcheidenheit — 282— zumal ſehr unrecht, Vater,“ begann das Mädchen nach einer Pauſe und ſprach mit einer Ruhe, welche ſelbſt ſie überraſchte.„Wenn du und dieſer treffliche und be⸗ währte Freund mir einige Augenblicke Gehör geben wollt, ſo werdet ihr alles erfahren. Die beiden Greiſe horchten erſtaunt, denn ſie ſahen deutlich, daß die Sache ernſter war, als ſie anfangs ge⸗ glaubt hatten. Adelheid hielt wieder inne, um Kraft zur. Erfüllung der unangenehmen Pflicht zu ſammeln und dann erzählte ſie kurz, aber klar, das Weſentliche aus Sigismunds Mittheilung. Die beiden Zuhörer haſchten begierig jede Sylbe, die den bebenden Lippen des Mäd⸗ chen entfloh, denn ſie zitterte, ungeachtet eines faſt über⸗ menſchlichen Kampfes, ruhig zu ſeyn, und als ſie geen⸗ digt hatte, blickten ſie einander an wie Leute, über die ein ſchreckliches und ganz unerwartetes Ungemach plötzlich hereinbricht. Der Freiherr konnte in der That kaum glauben, daß ihn ſein ſchwaches Gehör nicht getäuſcht habe, denn das Alter hatte dieſen nützlichen Sinn ein wenig abgeſtumpft, während ſein Freund die Worte hörte, wie jemand Eindrücke der empörendſten und abſchreckend⸗ ſten Art aufnimmt. „Dies iſt eine verruchte und ſchreckliche Geſchichte!“ murmelte der letztere, als Adelheid ganz ausgeſprochen hatte. „Sagte ſie, Sigismund ſey der Sohn Balthaſars, des öffentlichen Scharfrichters des Kantons?“ fragte der Vater ſeinen Freund, wie ſich jemand widerſtrebend einer halb verſtandenen und unwillkommenen Wahrheit ver⸗ ſichert,—„Balthaſars— dieſer geächteten Familie?“ — ————— — 288— „Das iſt der Vater, welchen es Gottes Wille war, dem Retter unſeres Lebens zu geben,“ antwortete Adel⸗ heid ſanft. „Der Elende wagte es, ſich in den Kreis der Mei⸗ nigen zu ſtehlen und dieſe entehrende und gehäſſige That⸗ ſache verheimlichte er!— Und die Unreinheit ſeiner Her⸗ kunft wollte er auf den makelloſen Stamm einer alten und edlen Familie pfropfen! Darin iſt etwas, das über bloße Zweideutigkeit weit hinaus geht, Signor Grimaldi. Es iſt ein ſchwarzes und abſichtliches Verbrechen.“ „Es iſt hier etwas, das weit über unſere Mittel zu helfen hinaus geht, guter Melchior. Aber laß uns den jungen Menſchen, deſſen Geburt ihm eher als ein Un⸗ glück denn ein Verbrechen angerechnet werden muß, nicht raſch verdammen. Wenn er tauſendmal Balthaſar wäre, ſo hat er doch unſer Aller Leben gerettet.“ „Du ſprichſt wahr— du ſagſt nicht mehr, als was wahr iſt. Du warſt immer viel vernünftigerer Art als ich, obgleich deine ſüdlichere Herkunft dem widerſprechen zu wollen ſcheint. So hat denn jetzt der Wind alle un⸗ ſere ſchönen Träume und ausgedehnten Großmuthsplane auf einmal verweht!“ „Dies liegt nicht ſo am Tage,“ erwiderte der Ge⸗ nueſer, der während der ganzen Zeit nicht verſäumt hatte, Adelheid's Geſicht genau zu beobachten, als wollte er ſich ihrer geheimen Wünſche vollkommen verſi chern. „Schöne Adelheid, es wurde wohl über dieſe Sache viel zwiſchen dir und dem Jüngling geſprochen?“ „So iſt's, Signore. Ich war im Begriff, die Ab⸗ ſichten meines Vaters kund zu thun; denn die Lage, in 284— welcher wir uns befanden, das Gewicht unſerer vielen Verpflichtungen, die herkömmliche Entfernung, welche der Rang zwiſchen Adelige und Bürgerliche legt, rechtfertigt vielleicht dieſe Kühnheit bei einem Mädchen,“ ſetzte ſie hinzu, aber das verrätheriſche Blut ließ ihre Scham ge⸗ wahren. e,a wollte Sigismund mit den Wünſchen meines Vaters bekannt machen, als er meinem Ver⸗ trauen 8 das Geſtändniß entgegen kam, deſſen ich eben gedacht habe.“ „Er hält ſeine Geburt—“ „Für ein unüberwindliches Hinderniß gegen die Ver⸗ bindung. Sigismund Steinbach iſt, obgleich er in dem zufalligen Umſtand der Geburt ſo wenig begünſtigt wurde, kein Bettler, der um etwas bittet, was ſein edles Herz verdamm n würde.“ „Und du?“ Adelheid ſenkte die Augen und ſchien über die Art ihrer Antwort nachzudenken. „Du wirſt mir dieſe Neugierde nachſehen, welche vielleicht zu ſehr den Schein nnſtatthaften Einmiſchens hat; aber meine Jahre und meine alte Freundſchaft, die neuern Begebniſſe und ein wachſendes Wohlwollen für alles, was dich angeht, muß mich entſchuldigen. Wenn wir deine Wünſche nicht kennen, Tochter, können weder Melchior noch ich handeln, wie wir wünſchen möchten.“ Adelheid beobachtete ein langes und gedankenvolles Stillſchweigen. Obgleich jede Empfindung ihres Herzens und die ganze Neigung, welche der Sprößling der war⸗ men und poetiſchen Täauſchung, der Liebe, iſt, ſie antrie⸗ ben, ihre Bereitwilligkeit kund zu thun, dem tiefen und —.— — 285— 1 reinen Gefühle des Weibes jede andere Rüuͤckſicht zu 5 opfern, ſo hielt doch die Meinung mit ihrer eiſernen 4 Fauſt ſie in Ungewißheit, ob es paſſend ſey, den Vorur⸗ theilen der Welt Trotz zu bieten. Die Schüchternheit dieſes Geſchlechtes, welches, wie bereit es auch ſeyn mag, ſeine theuerſten Vorrechte auf dem Altar der ehe⸗ lichen Zartlichkeit als Opfer niederzulegen, doch mit ei⸗ ner zarten Empfindlichkeit vor dem Scheine einer vor⸗ ſchnellen Ergebung gegen den Mann zurückbebt, hatte auch ihr Gewicht; und dann konnte ein ſo zärtliches Kind der Wirkung nicht vergeſſen, welche ihr Entſchluß auf das künftige Glück ihres einzigen noch lebenden Ver⸗ wandten haben mochte. Der Genueſer begriff den Kampf, obgleich er deſſen Ausgang vorſah, und nahm das Geſpräch ſelbſt wieder auf, theils mit dem freundlichen Wunſche, dem Mädchen Zeit zu laſſen, reif nachzudenken, bevor ſie eine Ant⸗ wort gäbe, und theils, indem er einem ſehr natürlichen Gange ſeiner Gedanken folgte. „In dieſem wandelbaren Zuſtande des Daſeyns iſt nichts ſicher,“ fuhr er fort.„Weder Throne, noch Reichthümer, noch Geſundheit, noch ſelbſt die heiligſten Gefühle ſind gegen den Wechſel geſichert. Wohl dürfen ————;— wir daher einhalten und jeden möglichen Glücksfall er⸗ wägen, ehe wir den letzten und endlichen Schritt in ir⸗ 1 gend einer großen und neuen Masregel thun. Du kennſt die Hoffnungen, mit welchen ich in das Leben trat, Mel⸗ chior, und die entmuthigenden Widerwärtigkeiten, welche meine Laufbahn wahrſcheinlich ſchließen. Kein Jüngling ward zu ſchöneren Hoffnungen geboren, und nie ſah Ita⸗ — 286— lien einen glücklichern Mann, als ich an dem Morgen war, an welchem ich Angiolina's Hand empfing; und doch ſahen zwei kurze Jahre alle dieſe Hoffnungen ver⸗ welkt, dieſes Glück entflohen und eine Wolke über mein Leben ausgebreitet, welche nie verſchwunden iſt. Ein weibloſer Gatte und ein kinderloſer Vater dürfte einen ſchlechten Rathgeber in einem Augenblick abgeben, mein Freund, wo dich und die deinigen ſo große Zweifel be⸗ drängen.“ „Dein Geiſt wendet ſich natürlich zu deinem eige⸗ nen unglücklichen Kinde, armer Gaetano, wenn es ſich in ſo hohem Grade um das Glück des meinigen handelt.“ Signor Grimaldi wendete ſein Auge auf ſeinen Freund, aber der Strahl des Kummers, der gewöhnlich über ſein Antlitz flog, wenn ſein Geiſt mächtig auf die⸗ ſen peinlichen Gegenſtand hingezogen ward, verrieth, daß er eben jetzt nicht im Stande war zu antworten. „Wir ſehen in allen dieſen Vorfällen,“ fuhr der Genueſer fort, von dem Gegenſtand gleichſam zu erfüllt, um ſeine Worte zu hemmen,—„die unergründlichen Plane der Vorſehung. Hier iſt ein Jüngling, der Alles iſt, was ein Vater wünſchen kann; in jedem Sinne wür⸗ dig, ihm das Wohl einer geliebten und einzigen Tochter anzuvertrauen; männlich, kühn, tugendhaft und edel in allem, nur nicht in dem zufälligen Umſtande der Abſtam⸗ mung und doch von der Meinung der Welt ſo geächtet, daß wir es kaum wagen dürfen, ihn als den Genoſſen einer müßigen Stunde zu nennen, wenn es bekannt wäre, daß er der Mann iſt, als welcher er ſich ſelbſt erklärt hat!“ — 287— „Ihr legt die Sache in einer nachdrücklichen Sprache dar, Signor Grimaldi,“ ſagte Adelheid ſchaudernd. „Ein Jüngling von einer ſo gebieteriſchen Geſtalt, daß ein König ſich über die Ausſicht freuen dürfte, einem ſolchen Haupte ſeine Krone zu hinterlaſſen; von einer ſo vollendeten Kraft und männlicher Vortrefflichkeit, welche das gefährliche Frohlocken über Geſundheit und Kraft faſt rechtfertigt; von einem Verſtande, der reifer iſt als ſeine Jahre; von einer bewährten Tugend; von allen Eigenſchaften, welche wir achten, und die die Frucht des Fleißes und nicht die Gabe des Zufalls ſind; und doch ein Jüngling, von den Menſchen verdammt, unter dem Vorwurfe ihres Haſſes und ihrer Verachtung zu leben, oder den Namen der Mutter, die ihn gebar, für immer zu verheimlichen! Vergleiche dieſen Sigismund mit An⸗ dern, weſſen Namens ſie ſeyn mögen; mit dem hochge⸗ bornen und feiſten Erben eines erlauchten Hauſes, der in der Menſchen Achtung ſchwelgt, während er gegen der Menſchen ſittliche Grundſatze anſtößt; der es als zu ſei⸗ nen Vorrechten gehörig anſteht, alles deſſen zu ſpotten, was heilig und gerecht iſt; der nur ſich ſelbſt lebt, und dies in niedrigen Genüſſen; der eher zum Genoſſen des Tollhäuslers, als irgend eines andern paßt, obgleich er beſtimmt iſt, im Rathe vorzuſitzen; der das Vorbild der Schlechten iſt, obgleich berufen, uͤber Tugendhafte zu herrſchen; den man nicht achten kann, obgleich er An⸗ ſpruch hat, geehrt zu werden; und laßt uns nun fragen, warum dies ſo iſt, welche Weisheit es iſt, die ſo will⸗ kührliche Unterſchiede gemacht hat und die, während ſie die Nothwendigkeit der Gerechtigkeit verkündigt, ſo offen, 288— ſo muthwillig und ſo rückſichtslos ihren einfachſten Ge⸗ ſetzen Hohn ſprickt?“ „Signore, es ſollte nicht ſo ſeyn— Gott beabſich⸗ tigte nie, daß es ſo ſeyn ſollte.“ „Während Alles den Grundſatz auszuſprechen ſcheint, daß jeder ſtehen oder fallen müſſe nach ſeinen guten oder böſen Thaten, daß die Menſchen nach ihrem Verdienſt geehrt werden ſollen, gehen alle menſchlichen Einrichtun⸗ gen darauf aus, das Entgegengeſetzte zu erzielen. Die⸗ ſer wird geprießen, weil ſeine Abſtatzmung adlig iſt; jener verdammt, blos weil er niedriger Herkunft iſt. Melchior! Melchior! unſere Vernunft wird durch Spitzfindigkeiten verwirrt und unſere geprieſene Philoſophie und Gerechtig⸗ keit ſind nicht mehr als ſchaamloſe Affereien, über welche ſelbſt die Teufel lachen.“ „Und doch ſagen uns die Ausſprüche Gottes, Gae⸗ tano, die Sunden der Vaͤter ſollten an den Nachkom⸗ aen von Geſchlecht zu Geſchlecht heimgeſucht werden. Ihr Katholiken weiht der heiligen Schrift vielleicht nicht dieſe große Aufmerkſamkeit, aber ich habe ſagen hören, wir haͤtten in Bern kein Geſetz, für welches nicht in dem heiligen Buche ſelbſt ein Beleg zu finden wäre.“ „Ja, es gibt Sophiſten, welche alles beweiſen, was ſie wünſchen. Die Laſter und Thorheiten der Ahnen laſſen ohne alle Frage ihr phyſiſches oder ſelbſt ihr mora⸗ liſches Brandmal auf dem Kinde, guter Melchior;— aber iſt dies nicht genug? dürfen wir gottesläſteriſch, ja ſelbſt ruchlos annehmen, Gott habe nicht hinreichend für die Beſtrafung der Übertretungen ſeiner weiſen Geſetze geſorgt, ſo daß wir einſchreiten müſſen, ſie durch unſere für eſetze nſere —;—O——. — 289— eigenen willkührlichen und herzloſen Geſetze zu unter⸗ ſtutzen? Welches Verbrechen iſt der Familie dieſes Jüng⸗ lings heimzugeben, als das der Armuth, welche wahr⸗ ſcheinlich den Erſten ſeines Geſchlechtes zu der Vollſtrek⸗ kung ſeines emporenden Amtes trieb? Es iſt wenig in dem Auſſern und in dem Gemüthe Sigismunds, das die Heimſuchung weiſer Beſchlüſſe des Himmels andeutet, aber alles in ſeiner gegenwärtigen Lage verkündigt die Ungerechtigkeit der Menſchen.“ „Und räthſt du, Gaetano Grimaldi, der Verwandte ſo vieler alten und edlen Häuſer— du, Gaetano Gri⸗ maldi, den Genua ſo hoch ehrt— räthſt du mir, mein einziges Kind, die Erbin meiner Güter und meines Na⸗ mens, dem Sohne des öffentlichen Nachrichters, ja ſelbſt dem Erben dieſes verabſcheuten Amtes zu geben?“ „Da ſetzeſt du mich auf den Sand, Melchior; die Frage iſt bündig und fordert überlegung, ehe man ant⸗ wortet. O, warum iſt dieſer Balthaſar ſo reich in ſei⸗ ner Nachkommenſchaft, und ich ſo arm! Aber wir wollen die Sache nicht übereilen; ſie bietet viele Seiten dar und wir müſſen ſie als Männer ſo gut wie als Adlige beurthei⸗ len. Tochter, du haſt eben durch die Worte deines Vaters erfahren, daß ich vermöge meiner Stellung und meiner Abſtammung gegen dich bin; denn, während ich den Grundſatz dieſes Unrechts verdamme, kann ich deſſen Folgen nicht überſehen, und nie hat ſich ein Fall, der ſo verwickelte Schwierigkeiten zeigt, in welchem die Ge⸗ rechtigkeit ſo handgreiflich mit der öffentlichen Meinung in Widerſpruch tritt, meiner Beurtheilung dargeboten. Verlaß uns, damit wir über uns ſelbſt ſchalten können; 76— 78. 19 — 290— die angeſprochene Entſcheidung fordert große Sorgfalt und größere Gewalt über uns ſelbſt, als ich ausüben kann, ſo lange dies dein liebliches blaſſes Geſicht ſo be⸗ redt zu Gunſten des edeln Jünglings zu meinem Her⸗ zen ſpricht.“ Adelheid ſtand auf und entfernte ſich ſchweigend, achdem ſie ihre Marmorgleiche Stirne dem Gruße ih⸗ rer beiden Väter— denn die alte Freundſchaft und innige Zärtlichkeit des Genueſers gab ihm ein Recht auf dieſen Na⸗ men— zum Abſchiedsgruße dargeboten hatte. Was die nun folgende Unterhaltung zwiſchen den zwei alten Herrn an⸗ geht, laſſen wir den Vorhang für den Augenblick fallen, um zu andern Begebniſſen unſerer Erzählung überzuge⸗ hen. Es mag jedoch im Allgemeinen bemerkt werden, daß der Tag ruhig und ohne irgend ein Ereigniß, das zu berichten nothwendig wäre, verſtrich, indem alle in dem Schloß, unſre Reiſende ausgenommen, vorzüglich durch die herannahenden Feſtlichkeiten beſchäftigt waren. Signore Grimaldi ſuchte eine Gelegenheit, ſich lange und vertraulich mit Sigismund zu beſprechen, der es ſeiner⸗ ſeits ſorgfäaͤltig vermied, von ihr, die ſo großen Einfluß auf ſeine Gefühle hatte, wieder geſehen zu werden, bis beide Zeit hatten, ihre Faſſung wieder zu erlangen. Dreizehntes Kapitel. Halt, thut ihm nichts, ich bitt' euch— er iſt tolk. Luſtſpiel der Irrungen. Die Feſte des Bacchus ſollen das Vorbild der ſeit langer Zeit beſtehenden Feierlichkeiten, welche jetzt noch in der Schweiz unter dem Namen des Winzerfeſtes be⸗ kannt ſind, geweſen ſeyn. Dieſes Feſt war urſprünglich einfachen und ländli⸗ chen Charakters und hatte bei weitem nicht die ausge⸗ dehnten Feierlichkeiten und klaſſiſchen Allegorien der neu⸗ ern Zeit aufzuweiſen, indem die Strenge der Mönchs⸗ zucht die Einführung von Anſpielungen auf die heidniſche Mythologie, wie ſie ſpäter ſtatt fand, ſehr wahrſcheinlich hinderte; denn gewiſſe geiſtliche Geſellſchaften, welche in der Nachbarſchaft ausgedehnte Weinberge beſaßen, ſchei⸗ nen die erſten bekannten Beſchützer dieſer Sitte geweſen zu ſeyn. So lange eine ſtrenge Einfachheit bei dieſen Feſten herrſchte, wurden ſie jährlich begangen; als aber läſtigere Ausgaben und größere Vorbereitungen nöthig wurden, traten längere Zwiſchenräume ein; zuerſt ließ man es alle drei Jahre feiern und ſpäter fand es nur alle ſechs Jahre ſtatt. Da man größere Zeit gewann, Mittel zu ſammeln und die Neugier zu ſpannen, gewann das Feſt an„éclat,“ bis es endlich eine Art Jubelfeſt 19*† — 292— wurde, zu welchem die Müßigen, die Neugieri igen und die Schauluſtigen aller umliegenden Gegenden in großen Haufen herbeizuſtrömen gewohnt waren. Die Stadt Ve⸗ vay benutzte dieſen Umſtand, denn die gewöhnliche Trieb⸗ feder des Gewinnes half die Sitte begünſtigen und bis zur Zeit der großen Europäiſchen Revolution herab ſcheint das Feſt in ununterbrochener Reihenfolge begangen wor⸗ den zu ſeyn. Die Vorbereitungen, auf welche wir ſchon ſo oft angeſpielt haben, galten einem der regelmäßigen und lange erwarteten Feſte und da der Ruf von den großen Zurüſtungen ſich weit verbreitet hatte, war der Beſuch noch zahlreicher als gewohnlich. Früh an dem Morgen des zweiten Tages nach der An⸗ kunft unſerer Reiſenden in dem benachbarten Schloſſe Blo⸗ nay, zog eine Abtheilung Männer, nach Art der Helle⸗ bardiere, einer damals an den meiſten Höfen Europa's bekannten Truppengattung, auf den großen viereckigen Platz von Vevay, nahm Beſitz von der ganzen Mitte deſſelben und ſtellte ihre Schildwachen ſo aus, daß die gewöhn⸗ lichen Zugänge zu dem Platze geſperrt blieben. Dies war die Einleitung zu den kommenden Feſtlichkeiten, denn hier war der für die meiſten Feierlichkeiten des Tages beſtimmte Schauplatz. Die Neugierigen blieben nicht lange hinter den Schildwachen und als die Sonne über den Freiburger Bergen aufgegangen war, drängten ſich einige Tauſend Zuſchauer in und um die Zugänge des Platzes, und von den jenſeitigen Savoyiſchen Ufern kamen jeden Augenblick Boote, bis zu dem Rande mit Landleuten und ihren Familien gefüllt, an. An dem obern Ende des Platzes waren große Gerüſte aufgeſchlagen, auf welchen — 293— die Platz nehmen ſollten, welche entweder durch ibren Rang dazu berechtigt waren oder welche ſich ſolche Ehre durch das gewöhnliche Mittel erkaufen konnten; während kleinere Bühnen für die minder Begünſtigten die zwei andern Seiten eines Raumes einſchloſſen, welcher die Form eines geſtreckten Vierecks hatte und beſtimmt war, die in dem kommenden Schauſpiel handelnden Perſonen aufzunehmen. Die dem Waſſer zugekehrte Seite war frei, obgleich ein Wald von lateiniſchen Spieren und eine Ter⸗ raſſe von Verdecken den Abgang von Gerüſten und Raum mehr als erſetzten. Von Zeit zu Zeit hörte man Muſik, die ſich mit jenem wilden Alpentone, welcher die Ge⸗ ſänge der Bergbewohner charakteriſirt, vermiſchte oder dieſe begleitete. Die Vorſtände der Stadt waren früh zur Hand und erfüllten ihre Amtsverrichtungen, wie es bei den wichtigen Vollſtreckern unbedeutender Geſchäfte herkömmlich iſt, mit einem Getöſe, welches an ſich ſchon den einleuchtendſten Beweis abgab, daß ſie nicht von großer Wichtigkeit waren und mit einer Gravität der Miene, deren die Häupter eines großen Staates entbeh⸗ ren zu können, für möglich erachtet haben dürften. Die große Bühne, oder die für die vornehmere Klaſſe der Zuſchauer beſtimmte Eſtrade, war mit Fahnen geziert und die Mitte derſelben mit Tapeten und ſeide⸗ nen Zeugen reich ausgeſchmückt. Das ſchloßähnliche Ge⸗ bäude an dem Ende des Platzes, deſſen Fenſter, nach der gewöhnlichen Sitte in der Schweiz und Deutſchland, von farbigem Glaſe waren und das Gebäude als ein öf⸗ fentliches bezeichneten, war auch bunt herausgeputzt, denn die Fahne der Republik flatterte über ſeinem zugeſpitzten 294— Dache und reiche Seidenzeuge wehten an den Wänden. Dies war die Amtswohnung Peter Hofmeiſters, des Be⸗ amten, mit welchem wir die Leſer bereits bekannt ge⸗ macht haben. Eine Stunde ſpäter gab ein Schuß den verſchiedenen „troupes“ das Zeichen zu erſcheinen und bald darauf langten Abtheilungen der verſchiedenen handelnden Perſo⸗ nen auf dem Platze an. Als die kleinen Züge unter dem Klange von Trompeten oder Hörnern herannahten, wurde die Neugierde thätiger und das Volk durfte ſich in jenen Theilen des Platzes, die nicht unmittelbar zu andern Zwecken beſtimmt waren, umhertreiben. Um dieſe Zeit erſchien ein Mann anf der Bühne, welcher nicht nur nach ſeinem Platze, ſondern auch nach den lauten Be⸗ grüßungen und dem ungeſtümmen Willkommen, mit wel⸗ chen er von dem Volke unten begrüßt wurde, ſich beſon⸗ derer Auszeichnung zu erfreuen ſchien. Es war der gute Mönch vom St. Bernhard, der baarhaupt und mit einem heiter zufriedenen Geſicht die vielfachen Grüße der Land⸗ leute erwiederte, die größtentheils dem würdigen Augu⸗ ſtiner entweder bei ſeinen häufigen Reiſen zu den Mild⸗ thätigen der tiefer gelegenen Welt Gaſtfreundſchaft be⸗ wieſen, oder ſie bei ihren öftern Gängen über das Ge⸗ birg bei ihm gefunden hatten. Dieſes Wiedererkennen und Begrüßen war ein ſchönes Zeichen der Geſittung; denn überall trug es das Gepräge einer herzlichen Gut⸗ müthigkeit und der Bereitwilligkeit, den wohlwollenden Charakter der geiſtlichen Gemeinde zu ehren, welche durch die Perſon ihres Schlüſſelmeiſters vertreten wurde. „Glück Euch, Vater Pavier und eine reiche„quéte,“ —„— ͤ22 2 282 8 S 295— —“ rief ein runder Landmann;— ⸗unfreundlich habt Ihr in der letzten Zeit Benoit Emery und die Seinigen vergeſſen. Wann hat je ein Schlüſſelmeiſter des St. Bern⸗ hard an meiner Thüre geklopft und iſt mit leerer Hand weg⸗ gegangen? Wir erwarten Euch mit Euerm Gefäße mor⸗ gen; denn der Sommer war heiß, der Herbſt iſt reich und der Wein faͤngt an, wacker in unſere Fäſſer zu flieſ⸗ ſen. Ihr ſollt ſchöpfen, ohne daß jemand auf Euch ſieht, und von welcher Farbe Ihr nehmen wollt, ſollt Ihr ihn haben und unſern Willkomm dazu.⸗ „Dank, Dank, edler Benoit; der heilige Auguſtin wird der Gunſt eingedenk ſeyn und deine fruchtbaren Weinberge werden durch deine Freigebigkeit nicht leiden. Wir fordern nur, damit wir geben können, und nieman⸗ den geben wir williger, als den wackern Waadtländern, welche die Heiligen in ihren Schutz nehmen mögen für ihre Güte und Freigebigkeit.⸗ „Nein, ich mag von Euern Heiligen nichts wiſſen; Ihr wißt; wir ſind in der Waadt des heiligen Calvins Leute, wenn es ja ein Seliggeſprochener ſeyn muß. Aber was liegt uns daran, daß du Meſſe hörſt, während wir den einfachen Gottesdienſt lieben? Sind wir nicht Alle Menſchen? thut der Froſt den Gliedern der Katholiken nicht eben ſo weh wie denen der Proteſtanten? Ich habe nie gehört, daß Ihr oder einer aus Euerm Kloſter den erfrorenen Reiſenden nach ſeinem Glauben fragtet; wir werden alle mit brüderlicher Liebe und wie Chriſten es verdienen, geſpeißt und erwärmt und im Nothfall aus Eurer Apotheke verſorgt. Was ihr auf Euern Bergen droben auch von dem Zuſtande unſerer Seelen denken — 296— möcht, niemand wird die menſchenfreundlichen Dienſte, die ihr unſerm Leibe weiht, in Abrede ſtellen. Habe ich recht, Nachbarn, oder iſt dies nur das thörige Geſchrei des alten Benoit, der ſo oft über den Col gekommen iſt, daß er vergeſſen hat, daß unſere Kirchen mit einan⸗ der haderten und daß die Gelehrten uns auf verſchiede⸗ nen Wegen in den Himmel bringen wollen?⸗ Die allgemeine Bewegung unter dem Volke und das Klatſchen der Hände unterſtützte die Wahrheit und die Popularität der Gefühle des Landmannes, denn in jener Zeit war das St. Bernhardskloſter ausſchließlicher die Zuflucht des wirklich armen Reiſenden als jetzt, und erfreute ſich weitum eines wohlverdienten Ruhmes. „Ihr werdet immer auf dem Bergpaß willkommen ſeyn, ihr und eure Freunde, und alle andere, die nach Gottes Ebenbild geſchaffen ſind, ohne eine andere Ein⸗ miſchung in eure Meinungen zu erfahren als die unſeres frommen Gebetes,“ erwiederte der gefällige und glück⸗ lich ausſehende Mönch, deſſen rundes zufriedenes Geſicht theils in gewohntem Behagen, theils in Dankbarkeit über dieſes öffentliche Zeugniß zu Gunſten ſeiner Gemeinde und vielleicht auch ein wenig aus Freude über das Ver⸗ ſprechen einer reichlichen Vermehrung der klöſterlichen Vorräthe, lebhaft glänzte; denn das St. Bernhards Klo⸗ ſter hatte, wahrend ſo großer Zuſpruch war, auch den natürlichen und nicht unbilligen Wunſch, für ſeine ſtete und unermüdete Freigebigkeit einigen Erſatz zu erhal⸗ ten.»Ihr werdet luns das Glück nicht wehren, für die zu beten, welche wir lieben, obgleich dies vielleicht — ☛̈ 8 Aà Ad G⅛ . — 297— in einer Art geſchieht, welche von der verſchieden iſt, in welcher ſie den Segen für ſich erflehen.⸗ „Macht es, wie Ihr wollt, guter Herr; ich gehöre nicht zu denen, die da bereit ſind, eine Gunſt von ſich zu weiſen, weil ſie nach Rom ſchmeckt. Aber was iſt aus unſerm Freund Uberto geworden? Er kömmt ſel⸗ ten in die Thäler, ohne daß wir uns freuen, ſein glat⸗ tes Fell zu ſehen.“ Der Auguſtiner ließ den gewohnten Ruf hören und der Hund kam mit einem ernſten gewichtigen Schritte, als kennte er den Werth und die Nützlichkeit des Lebens, das er führte, und wie ein Thier, das gewöhnt iſt mit freundlichem Auge von den Menſchen beachtet zu wer⸗ den, auf die Bühne. Die Erſcheinung dieſes wohlbe⸗ kannten und berühmten Hundes verurſachte eine neue Erregung in dem Haufen und viele drängten gegen die Wachen, um ihn genauer zu ſehen, während einige ihm aus ihren Taſchen Brocken als Zeichen der Dankbarkeit und der Werthſchätzung zuwarfen. Inmitten dieſes klei⸗ nen Zwiſchenſpiels guter Herzen ſprang ein dunkler zot⸗ tiger Hund auf die Bühne und begann ſehr kaltblütig und mit einer Thätigkeit, welche den Einfluß der ſchar⸗ fen Bergluft auf ſeinen Appetit bewieß, verſchiedene Biſſen, die Uberto's Auge bis jetzt entgangen waren, aufzuzehren. Der Zudringling wurde ziemlich in der Art empfangen, wie ein unbeliebter oder widerwärtiger Schauſpieler die Feindſeligkeiten des Parterre's und der Gal⸗ lerie aushalten muß, wenn dieſe eine Unaufmerkſamkeit oder eine Nachläſſigkeit, die abzubitten er verweigert oder ver⸗ geſſen hat, rächen wollen. Mit andern Worten, er wurde — 298— mit allem dem, was ſich zuerſt ihren Händen darbot, unaufhörlich und erbarmungslos geworfen. Das unbe⸗ kannte Thier, in welchem der Leſer jedoch ſofort den Waſſerhund des Maledetto erkannt haben wird, empfing dieſe ungewöhnlichen Heimſuchungen mit einigem Stau⸗ nen und ziemlich übel gelaunt; denn Nettuno war eben ſo ſehr gewöhnt, in ſeinen Kreiſen Freundſchaftsbezeugun⸗ gen von dem Geſchlechte, dem er ſo treu diente, zu er⸗ halten, wie irgend einer der berühmten und beliebten Hunde des Kloſters. Nachdem er verſchiedenen Steinen und Knütteln ſo gut, als eine ungemeine Aufmerkſam⸗ keit auf den vorliegenden Hauptpunkt es erlaubte und mit einer Geſchicklichkeit, welche ſeiner Beſonnenheit und Muskelkraft gleiche Ehre machte, ausgewichen war, traf eine Sendung von furchtbarem Gewicht den unglücklichen Begleiter Maſo's in die Seite, und jagte ihn heulend von der Bühne. Im nächſten Augenblick war ſein Herr dem Angreifer an der Kehle und ſchüttelte ihn, bis er ſchwarz im Geſicht wurde. Der unſelige Stein war von Konrad gekommen. Seines angenommenen Charakters vergeſſend, hatte er ſich in das Geſchrei gegen den Hund, deſſen Werth und Nutzen ihm wenigſtens hinreichend bekannt hätte ſeyn ſollen, um ihn in Schutz zu nehmen, gemiſcht und ihn am härteſten unter allen getroffen. Wir haben bereits geſehen, daß zwiſchen Maſo und dem Pilger keine große Freundſchaft beſtand, denn der erſtere ſchien ein inſtinkt⸗ artiges Mißfallen an dem Berufe des letztern zu haben und dieſer kleine Vorfall war nicht der Art, daß er den Frieden zwiſchen ihnen herſtellen konnte. 299— „Auch du,“ rief der Italiener, deſſen Blut ſchon bei dem erſten Angriff auf ſeinen treuen Begleiter in Wal⸗ lung gerathen war und nun kochte, als er das feige und muthwillige Benehmen dieſes neuen Angreifers bemerkte, „biſt du nicht zufrieden, Gebete und Gottſeligkeit bei den Gläubigen zu heucheln, ſondern mußt du ſelbſt Feind⸗ ſchaft gegen meinen Hund heucheln, weil es Mode iſt, das St. Bernhardsthier auf Koſten aller andern Hunde zu loben? Wurm!— Fürchteſt du nicht den Arm eines ehrlichen Mannes, wenn er ſich in gerechtem Zorn gegen dich erhebt?⸗ „Freunde— Vevayer— ehrenwerthe Bürger!⸗ keuchte der Pilger, als Maſo's Hand ihn Athem holen ließ.—„Ich bin Konrad, ein armer, unglücklicher, reu⸗ müthiger Pilger— wollt Ihr mich wegen eines Thie⸗ res morden ſehen?⸗ Solch ein Streit konnte an einem ſolchen Platze nicht lange währen. Anfangs begünſtigten das Gedränge der Neugierigen und die Undurchdringlicheit der Maſſe den Angriff des Seemanns; am Ende aber erwieſen dieſe Umſtände ſich als ſeine Feinde, indem ſie ihn an der Möglichkeit hinderten, denen zu entrinnen, welche mit der Erhaltung des öffentlichen Friedens beſonders beauftragt waren. Zum Glücke für Konrad— denn die Leidenſchaft hatte Maſo in Bezug auf die Folgen ſeiner Wuth gänzlich geblendet— drängten ſich die Hel⸗ lebardiere bald in die Mitte des Haufens und es ge⸗ lang ihnen, den Pilger noch zu rechter Zeit aus dem tödtlichen Griff ſeines Angreifers zu retten. Die Ge⸗ genwirkung des heißen Angriffs machte Maledetto in — 300— dem Augenblick, wo ſeine Hand mit Gewalt gelößt wor⸗ den war, zittern und er würde ſobald als möglich ver⸗ ſchwunden ſeyn, wenn es denen, in deren Hände er ge⸗ fallen war, beliebt hätte, einen ſo klugen Schritt zuzu⸗ geben. Allein jetzt begann der Wortkampf und das Ge⸗ ſchrei der Stimmen, wie dergleichen gewöhnlich allen Streitigkeiten populärer Art vorangehen und nachfolgen. Der mit der Aufſicht über dieſen Theil des Platzes be⸗ auftragte Diener*) fragte; zwanzig antworteten in einem Athem, nicht allein ihre Worte gegenſeitig überſchreiend, ſondern durch ihre Erläuterungen auch allem, was vor⸗ gebracht worden war, geradezu widerſprechend. Der Eine behauptete, Konrad ſey nicht damit zufrieden ge⸗ weſen, daß er Maſo's Hund angegriffen, ſondern indem er geworfen, habe er auch gegen deſſen Herrn eine per⸗ ſönliche Beleidigung ausgeſprochen; dies war der Wirth, in deſſen Haus der Seemann ſeine Wohnung genommen hatte, und bei dem er ſich in ſeinen Ausgaben hinreichend freigebig zeigte, um ihn auf die gaſtfreundliche Unter⸗ ſtützung ſeines Wirthes rechnen zu laſſen. Ein Zweiter erklärte ſich bereit zu beſchwören, der Hund ſey das Eigenthum des Pilgers und pflege deſſen Reiſetaſche zu tragen, und Maſo habe, in Folge eines alten Grolls ge⸗ gen den Herrn wie gegen das Thier, den Stein, der das arme Geſchöpf heulend weggejagt, geſchleudert, und einen *⁴) Die Vevayer heißen dieſe Leute„fficiers.⸗„Die⸗ ner“ entſpricht ihrem Dienſte vollkommen; auch ge⸗ braucht der deutſche Schweizer nur den Ausdruck„Die⸗ ner“ hier. S. Beſchreib. v. Vern I. 237. . Ueberſ. - 301— milden Verweis ſeines Eigenthümers auf die auſſerordent⸗ liche Weiſe erhalten, von der Alle Zeugen geweſen wären. Dieſer Zeuge war der neapolitaniſche Poſſenreiſſer Pippo, welcher ſich ſeit dem Vorfall in dem Fahrzeug an Kon⸗ rads Perſon ſehr angeſchloſſen hatte und bereit und ent⸗ ſchloſſen war, zu Gunſten eines Freundes, der ſeines Zeugniſſes offenbar ſo ſehr benöthigt war, alles zu be⸗ ſchwören und geſchäh es auch nur auf den Grund guter Genoſſenſchaft. Ein dritter erklärte, der Hund gehöre wirklich dem Italiener und der Stein ſey eigentlich von jemand geſchleudert worden, der in der Nahe des Pil⸗ gers, welcher mit Unrecht von Maſo der That beſchul⸗ digt worden, ſtand; Maſo habe aus Irrthum den Streit angefangen, und verdiene für die unanſtändige Weiſe, mit welcher er Konrads Athem gehemmt, eine reichliche Strafe. Dieſer Zeuge war ein vollkommen ehrlicher Mann, aber von gemeinem und leichtgläubigem Ge⸗ müthe. Er gab als Urheber des Haders einen Nahe⸗ ſtehenden an, der zufällig einen ſchlechten Namen hatte und welcher wohl zum Vater jeder Sünde paßte, die man ihm möglicherweiße anheim geben konnte, ſo wie auch vieler, bei denen man dies nicht konnte. Andrer⸗ ſeits war er auch denſelben Morgen durch des Pilgers überſchwengliche Betheuerungen religiöſen Eifers hinter das Licht geführt worden— ein Umſtand, welcher ihn an ſich ſchon gehindert hätte, Konrads Arm in der Luft zu entdecken, als er den Stein ſchleuderte, und der be⸗ deutend dazu beitrug, ihn in der Überzeugung zu beſtär⸗ ken, daß die erſte Schuld dem unglücklichen Wicht, deſſen wir gedacht haben, beizumeſſen ſey; denn die, welche 302— nach allgemeinen überzeugungen und Volksvorurtheilen entſcheiden, häufen gewöhnlich alles Gehäſſige, das ſie hartnäckig von dem Glücklichen und Begünſtigten abwen⸗ den, auf die, welche durch eine allgemeine Übereinkunft der gemeinſchaftliche Schild für die Pfeile der Welt ab⸗ zugeben verdammt ſind. Der Diener, der nur die drei Hauptzeugen und zumal die verwirrenden Erläuterungen derer, welche er⸗ klärten, ſie ſeyen in der Sache nur halb unterrichtet, ge⸗ hört hatte, war in der größten Verlegenheit zu entſchei⸗ den, wer recht und wer unrecht habe. Er faßte daher den klugen Entſchluß, alle Parteien, die Zeugen mit ein⸗ geſchloſſen, auf das Wachthaus zu ſchicken, indem er völ— lig überzeugt war, ſo das ſicherſte Mittel gefunden zu haben, den wahren Verbrecher zur Strafe zu ziehen und alle die, welche Zeugniß gaben, zu warnen, künftig in der Art, wie ſie einander widerſprächen, vorſichtig zu ſeyn. Als dieſe billige Entſcheidung eben ausgeſprochen war, verkündigte Trompetenklang die Annäherung einer Abtheilung der vorzüglichſten Vermummten, wenn ein ſo unehrerbietiger Ausdruck auf Leute angewendet wer⸗ den darf, welche in einem Feſte auftreten, das man mit ſo vielem Recht in Anſehen erhält wie das der Winzer. Dieſe Ankündigung beſchleunigte die Schritte der Ge⸗ rechtigkeit ſehr, denn die, welche mit der Vollſtreckung ihrer Beſchlüſſe beauftragt waren, fühlten die Nothwen⸗ digkeit, zu eilen, wenn ſie nicht der Strafe verfallen wollten, einen anziehenden Theil des Schauſpiels einzu⸗ büßen. Unter dem Einfluß dieſer neuen Triebfeder, welche, wenn nicht ſo achtungswürdig, doch eben ſo ſtark war, — 303— als der Wunſch, das Recht zu fördern, wurden die Frie⸗ densſtörer, ſelbſt bis auf die, welche eine zankſüchtige Gemüthsart gezeigt hatten, indem ſie Geſchichten er⸗ zählten, deren eine die andere Lügen ſtrafte, in einem Haufen weggebracht und das Publikum blieb im Genuſſe jener Ruhe, welche in dieſen gefährlichen Zeiten des Aufruhrs und des Wechſels ſo nothwendig für ſeine Würde, ſo beſonders günſtig für den Handel, und ſo angenehm für die ſeyn ſoll, deren Pflicht es iſt, den öf⸗ fentlichen Frieden mit ſo wenig Unbequemlichkeit für ſie als möglich zu erhalten. Ein Trompetenſtoß war die Loſung zu einer allge⸗ meinen Bewegung, denn er verkündigte den Anfang der Feierlichkeiten. Da es ſogleich nothwendig ſeyn wird, von den verſchiedenen Perſonen zu ſprechen, welche bei dieſer fröhlichen Gelegenheit dargeſtellt wurden, wollen wir hier nur bemerken, daß eine Gruppe der Schau⸗ ſpieler nach der andern auf den Platz kam und daß jede Geſellſchaft unter dem Klang von Muſik von ihrem beſondern Zuſammenkunftsort dem allgemeinen Mittel⸗ punkte entgegen zog. Die Bühne füllte ſich jetzt mit den Vornehmen; unter ihnen waren viele aus der hohen Ariſtokratie des herrſchenden Kantons, die meiſten ſeiner Würdenträger, die viel zu gravitätiſch waren, als daß ſie mehr denn gefallige Zuſchauer bei Scenen wie dieſe hätten abgeben ſollen, viele Adlige von Auszeichnung aus Frankreich und Italien, einige engliſche Reiſende— denn in jener Zeit galt England für ein entlegenes Land, und ſchickte nur einige Auserkorne heraus, um ſich bei dieſer Gelegenheit vertreten zu laſſen—, die Mehrzahl — 304— derer aus den Umgebungen, welche die Zeit und die Koſten darauf verwenden konnten, und durch Rang oder Charakter zu dieſer Auszeichnung berechtigt waren und die Frauen und Familien der Ortsbedienſtigten, welche als Schauſpieler bei der Darſtellung beſchäftigt waren. Während ſich die verſchiedenen Theile des großen Zuges auf dem Platz verſammelten, wurden alle Sitze auf der Bühne beſetzt, die ausgenommen, welche für den Land⸗ vogt und ſeine nächſten Freunde aufbewahrt waren. Vierzehntes Kapitel. So ſaßen einſt— ein edler Blick!— die Söhne Der alten Roma, während Roscius auftrat. Cowper. Der Tag war noch nicht weit vorgerückt, als alle Theilnehmer an dem großen Zuge auf dem Platze an⸗ gekommen waren. Bald darauf kündigte ein Tuſch von Zinken die Annäherung der Oberbehörden. Zuerſt kam der Landvogt, die ganze Würde ſeiner Stellung entfal⸗ tend und mit aufmerkſamem aber heimlichem Blick jeden Ausdruck von Geſinnungen, deren Kenntniß ſeinen Vor⸗ geſetzten von Intereſſe ſeyn konnte, ſcharf beachtend, während er äuſſerlich viele Theilnahme an dem Feſte zeigte und ſich den Thorheiten des Augenblicks hinzuge⸗ — 305— ben ſchien; denn Peter Hofmeiſter verdankte ſeine lang⸗ jährige Gunſt bei der Bürgerſchaft mehr einer nie ſchlum⸗ mernden Beachtung ihrer ausſchließlichen Intreſſen und ihres ungeſchmälerten Übergewichts, als irgend einer beſondern Geſchicklichkeit in der Kunſt, die Leute behäg⸗ lich und glücklich zu machen. Mit dem würdigen Land⸗ vogt— denn abgeſehen von einer nicht zu bändigenden Entſchloſſenheit, das Anſehen ſeiner Gebieter aufrecht zu erhalten, werde daraus was da wolle, verdiente Herr Hofmeiſter den Namen eines würdigen Mannes— kam Roger von Blonay und ſein Gaſt, der Freiherr von Willading, welche gleichen Schrittes an der Seite des Stellvertreters von Bern gingen. Man hätte wohl fra⸗ gen können, in wie fern der Landvogt mit dieſer An⸗ ordnung des ſchwierigen Punktes der Etiquette zufrie⸗ den war, denn er trat aus ſeinem eigenen Haus mit einer Art Seitenbeweguug, durch welche er dem Signor Grimaldi faſt gegenüber ſtand, obgleich ſie ihn in den Stand ſetzte, ſeinen Weg zu wählen und alles umher genau zu beobachten. In keinem Falle hatte der Ge⸗ nueſer, obgleich er offenbar eine untergeordnete Stellung einnahm, einen Grund, ſich über eine Gleichgültigkeit gegen ſeine Perſon zu beſchweren. Die meiſten Bemer⸗ kungen und nicht wenige der witzigen Ausfälle des ehr⸗ liches Peters, der einigen Ruhm als Witzbold und„bel esprit“ hatte— wie es wohl der Fall bei ähnlichen Ortsobrigkeiten iſt, vorzüglich wenn ihre Stelle unab⸗ hängig von denen iſt, mit welchen ſie verkehren, was aber vielleicht dann nicht der Fall iſt, wenn ihr Rang von der Gunſt des Volkes abhängt— waren an Sig⸗ 76— 78. 20 — 306— nor Grimaldi gerichtet. Viele dieſer ſchönen Saͤchen wurden in gleicher Münze zurückgegeben, da der Genue⸗ ſer die Artigkeiten wie ein Mann aufnahm, der gewöhnt iſt, der Gegenſtand beſonderer Aufmerkſamkeiten zu ſeyn, und vielleicht wie jemand, der in der Freiheit von Förm⸗ lichkeiten und öffentlicher Beachtung, deren er ſich jetzt zufällig erfreute, ſich gütlich that. Adelheid ſchloß mit einem Fräulein aus dem Hauſe von Blonay den klei⸗ nen Zug. Da die öffentlichen Diener den lobenswertheſten Eifer angewendet hatten, dem Landvogt Platz zu machen, ſo gelangte Herr Hofmeiſter mit ſeiner Geſellſchaft bald zu den angewieſenen Sitzen, welche, wie wir kaum nöthig haben zu widerholen, die obern Plätze auf der Bühne waren. Peter ſetzte ſich, nachdem er zahlreiche Begrüſ⸗ ſungen erwidert hatte— denn niemand, auf den ſein Blick fallen konnte, vernachläßigte eine ſo günſtige Ge⸗ legenheit, ſeine genaue Bekanntſchaft mit dem Landvogt an den Tag zu legen—, als ſein umſchweifender Blick auf das glückliche Geſicht des Vaters Pavier fiel. Der Landvogt erhob ſich raſch und ſtattete dem Mönche eine Menge förmlicher Höflichkeiten ab, welche die Sitte je⸗ nes Ortes und jener Zeit auszeichneten, wie ein öfteres Lüften und Schwenken des Hutes, tiefe Bücklinge, ein Lächeln, das aus dem Herzen zu fließen ſchien und viel⸗ fache andere Zeichen auſſerordentlicher Liebe und Ach⸗ tung. Als alles abgethan war, nahm er ſeinen Platz an der Seite Melchior von Willading's wieder ein, mit welchem er ein vertrauliches Geſpräch begann. „Wir wiſſen nicht, Freiherr von Willading,“ ſagte — 398— er in der Sprache ihres gemeinſchaftlichen Kantons,— „ob wir mehr Grund haben, dieſe Auguſtiner zu achten, oder ſie mißfällig anzuſehen. Wäͤhrend ſie an den Rei⸗ ſenden auf ihrem Berge droben viele chriſtliche Werke üben, ſind ſie eingefleiſchte Teufel dadurch, daß ſie das Pabſtthum und die Greuel deſſelben unter dem Volke aufrecht zu erhalten bemüht ſind. Sieh, der große Haufe — Gott ſegne ihn, wie er es verdient!— iſt nicht für belehrende Auseinanderſetzungen und läßt ſich leicht durch den Schein hinreiſſen. Eine zahlloſe Menge armer Töl⸗ pel glaubt, die Frömmigkeit, die ſich begnügt, ihre Zeit auf dem Gipfel eines Schneebergs damit hinzubringen, daß ſie Gutes thut, die Hungrigen ſpeißt und die Wun⸗ den der Gefallenen verbindet, und— aber du weißt ja, wie man von dieſen Dingen bei uns ſpricht— die un⸗ wiſſende Menge, wollte ich ſagen, iſt zu ſehr geneigt zu glauben, die Religion, welche die Menſchen veranlaſſe dies zu thun, müſſe doch wohl einigen Beigeſchmack vom Himmel an ſich haben!“ „Haben ſie ſo unrecht, Peter, daß es weiſe von uns wäre, die Mönche in dem Genuß einer Gunſt zu ſtören, die ſo wohl verdient iſt?⸗ Der Landvogt blickte ſeitwärts auf ſeinen Bruder Buͤrger,— denn dies war der ſchlichte Titel, welche die Ariſtokratie zu Bern annahm— und ſchien begierig, die Tiefe der politiſchen Grundſätze des Andern zu ſondiren, ehe er freimüthiger ſpräche. „Obgleich aus einem ſo geehrten und angeſehenen Ge⸗ ſchlechte, biſt du doch, wie ich glaube, in der letzten Zeit 29* — 398— nicht ſehr gewöhnt, mit dem Rathe zu verkehren?⸗ be⸗ merkte er ausweichend. „Seit dem ſchweren Verluſte in meiner Familie, von dem du gehört haben wirſt, war die Sorge für dieſes einzige überlebende Kind mein einziger Troſt und meine vorzüglichſte Beſchäftigung. Ich weiß nicht, ob der öftere und nahe Anblick des Todes bei denen, die ich ſo zärtlich liebte, mein Herz gegen die Auguſtiner ſanfter geſtimmt hat, aber ihr Leben ſcheint mir ein ſelbſtver⸗ läugnendes und ſehr würdiges Leben.⸗ „Es iſt ohne Frage, wie du ſagſt, guter Melchior, und wir werden wohl thun, unſere Liebe zu den from⸗ men Mönchen öffentlich kund zu thun. Höre, Diener— ſey ſo gut und bitte den hochwürdigen Vater von St⸗ Bernhard, uns näher zu rücken, damit das Volk die Achtung kennen lernt, in welcher ihre duldſame Men⸗ ſchenliebe und ihr nie zu ermüdendes Wohlwollen bei denen ſteht, die davon Kunde haben. Da du Gelegen— heit haben wirſt, Herr von Willading, eine Nacht unter dem Dache des Kloſters hinzubringen, wenn du nach Italien gehſt, ſo wird eine kleine Höflichkeit gegen den wackern und unverdroſſenen Schlüſſelmeiſter bei der geiſt⸗ lichen Gemeinde nicht verloren ſeyn, ſofern dieſe Mönche ja die Sitten ihrer Mitgeſchöpfe gehörig würdigen können.⸗ Vater Pavier nahm den angebotenen Platz, welcher der Perſon des Landvogts näher als der, den er eben verließ, und daher auch ehrenvoller war, mit den ge⸗ wöhnlichen Dankbezeigungen, aber mit einer Einfachheit an, welche darthat, daß ihm nicht entging, daß die Höf⸗ lichkeit der Gemeinde, von welcher er ein Glied war, ☛—— 2.2ͤ +—- 6—————— —— yGq⏑ — 309— und nicht ihm ſebſt gebühre. Als dieſe kleine Anord⸗ nung getroffen und alle andere einleitenden Vorkehrungen gehörig beachtet waren, ſchien der Landvogt für den Au⸗ genblick mit ſich und ſeinen Anſtalten völlig zufrieden zu ſeyn. Der Leſer denkt ſich wohl das Getöſe in dem Hau⸗ fen, die Wichtigkeit der untern Bedienſtigten, welche be⸗ ſtimmt waren, den Zug anzuführen und das Gemiſch von Ungeduld und Neugierde, welche ſich der Zuſchauer bemächtigt hatte, während die verſchiedenen Abtheilungen eines ſo ausgedehnten und großen Zuges in ihre vorge⸗ ſchriebene Ordnung und Reihenfolge eintreten ſollten. Da aber die Feierlichkeiten, welche folgten, von einem eigenthümlichen Charakter waren, und mit den Begeben⸗ heiten unſerer Erzählung in dem innigſten Zuſammen⸗ hang ſtehen, werden wir ſie einigermaßen im Einzelnen beſchreiben, obgleich der Plan, den wir uns vorgeſetzt haben, weniger der iſt, Skizzen von örtlichen Sitten zu geben, und der Einbildungskraft des Leſers Scenen vor⸗ zuführen, welche eine ältere Zeit wirklich oder angeblich treu veranſchaulichen, als der, eine Grundidee und eine geſunde Moral darzulegen, welche, wie wir uns ſtets ſchmeichelten, in höherem oder geringerem Grade aus unſern Darſtellungen hervorgegangen ſeyn dürfte. Kurze Zeit vor dem Anfange der Feierlichkeiten hatte eine Ehrenwache, aus Schäfern, Gaärtnern, Mä⸗ hern, Schnittern und Winzern, von Hellebardieren be⸗ gleitet und mit Muſik an ihrer Spitze, den Platz verlaſ⸗ ſen, um den Abt, wie das regelmäßige und ſtändige Oberhaupt der Abtei, oder Geſellſchaft senannt wird, ab⸗ — 310— zuholen. Dieſer Zug, in welchem jeder Einzelne die ſeinem Charakter angemeſſene Kleidung trug, erſchien bald wieder mit dem genannten Oberhaupte, einem kräͤf⸗ tigen und wohlhabenden Bürger und Gutsbeſitzer, wel⸗ cher, übrigens in der gewöhnlichen damaligen Kleidung jenes Standes, ſeinen Hut mit einer wallenden Feder geſchmückt hatte, in der Hand einen Krummſtab und um ſeine Schulter eine fliegende Schärpe trug. Dieſe Per⸗ ſon, welcher während des Feſtes eine Art Gerichtsbar⸗ keit übertragen war, nahm einen paſſenden Platz vor der Bühne ein und gab den Dienern ſofort ein Zeichen, ihre Obliegenheiten zu beginnen. Zwölf Winzer, mit einem Führer an ihrer Spitze, alle mehr oder weniger mit Kränzen von Weinlaub und mit andern Sinnbildern ihres Berufes geſchmückt, zogen auf, ein ländliches Lied ſingend. Sie geleiteten zwei Winzer, welche als die geſchickteſten und fleißigſten Be⸗ bauer der Weingärten umher öffentlich erklärt worden waren. Als ſie vor die Bühne kamen, hielt der Abt eine kurze Rede zu Ehren der Landbebauer im Allgemei⸗ nen, worauf er zu dem beſondern Lobe der fleißigen Winzer überging— zwei zufriedene, verlegene, unbe⸗ holfene Landleute, welche die einfachen Preiſe mit klop⸗ fendem Herzen annahmen. Als inmitten der heitern und entzückten Blicke der Freunde und dem ſcheelen und unzufriedenen Blinzeln der Wenigen, deren Herz zu verſchrumpft war, um ſich, ſelbſt bei dieſem einfachen und ſchönen Feſte, der Freude Anderer zu öffnen, die kleine Feierlichkeit vorüber war, klangen die Trompeten wieder und man hörte den Ruf, Platz zu machen. x Ein Zug trat aus der Schaar der Schauſpieler auf einen offenen, hinreichend großen und erhabenen Raum, unmittelbar vor der Bühne. Als ſie vor die verſammelte Menge kamen, reihten ſie ſich in vorgeſchriebener und paſſender Ordnung. Es war das Gefolge des Bacchus. Der Oberprieſter, in prieſterlichem Gewande, mit fliegen⸗ dem Bart, ſein Haupt mit Weinlaub gekrönt, ſtand voran und ſang ein Lied, zu Ehren der Weinbebauer. Sein Geſang enthielt auch einige paſſende Anſpielungen auf die lächelnden, erröthenden Winzer. Die übrigen fielen im Chore ein, obgleich der Anfuhrer der Schaar der Unterſtützung anderer Lungen, als der, mit welcher ihn die Natur ſehr reich ausgeſtattet hatte, kaum bedurfte. Dieſem Geſange folgte ein allgemeines Schmettern der Inſtrumental⸗Muſik und das Gefolge des Bacchus nahm ſeinen angewieſenen Platz wieder ein, worauf der ganze Zug ſich in Bewegung ſetzte und um den weiten Raum ſich ſo ſchwenkte, daß ſie der Reihe nach vor dem Landvogt vorüber kamen. Der erſte Zug beſtand aus den Rathsherrn der Ab⸗ tei, begleitet von den Schäfern und Gärtnern. Der Anfüh⸗ rer trug das alterthümliche Koſtüm, und hatte eine Helle⸗ barde in der Hand*). Ihm folgten die zwei gekrönten Winzer, nach welchen der Abt mit ſeinen Rathsherrn, Gruppen von Schäfern und Schäferinnen und viele an⸗ dere mit der Feldarbeit Beſchäftigte beiderlei Geſchlechts kamen, ſämmtlich gekleidet, wie es die überlieferungen ihrer verſchiedenen Beſchäftigungen forderten. Der Tra⸗ *) Er wird der Trabant der Geſellſchaft genannt, Ueberſ. bant und die Diener der Geſellſchaft ſchritten langſam und mit dem ganzen Anſtand und der Würde vorüber, welche ihrem Charakter angepaßt war; dann und wann hielten ſie ſtill, um denen, die folgten, Zeit zu laſſen, ſich anzuſchließen; aber die andern Schauſpieler begannen nun in Ernſt ihre verſchiedenen Rollen zu ſpielen. Eine Schaar junger Schäferinnen in eng anliegenden himmel⸗ blauen Miedern mit weißem Beſatz, jede ihren Schäfer⸗ ſtab in der Hand, kamen tanzend hervor und ſangen Lieder, welche das Blöcken ihrer Heerden und alle an⸗ dern auf den hohen Weideplätzen jenes Landes bekann⸗ ten Töne nachahmten. Zu dieſen geſellte ſich bald eine gleiche Anzahl junger Hirten, welche gleichfalls ihre Al⸗ penlieder ſangen, ſo daß das Ganze eine belebte und heitere Gruppe von Tänzern darſtellte, die gewöhnt wa⸗ ren, ihre Kunſt auf dem Raſen der Alpen zu üben; denn obgleich wir die bei dieſem Feſte auftretenden Per⸗ ſonen Schauſpieler genannt haben, ſo iſt dies doch nicht in dem wörtlichen Sinne zu nehmen, indem, mit weni⸗ gen Ausnahmen, niemand einen andern Beruf darzu⸗ ſtellen ſchien, als den, welcher ſeine tägliche Beſchäftigung ausmachte. Wir wollen, um die Erzählung nicht aufzu⸗ halten, von dieſer Schaar nur ſagen, daß ſie eine min⸗ der auffallende Ausnahme von dem gewöhnlichen Bilde war, welches man ſich von Schäfern und Schäferinnen macht, als man dies faſt immer in der Wirklichkeit fin⸗ det; und daß ihre laute Heiterkeit, ihre blühenden Ge⸗ ſichter und ihre unermüdliche Thätigkeit eine gute, einlei⸗ tende Vorbereitung zu dem Tanze war, der folgen ſollte. Die Gärtner erſchienen in ihren Schürzen, Spaden, Rechen und anderes Gartengeräthe tragend; die Gaͤrt⸗ nerinnen hatten Körbe auf den Köpfen, welche mit prächtigen Blumen, Kräutern und Früchten gefüllt wa⸗ ren. Als ſie dem Landvogt gegenüber waren, bildeten die jungen Männer aus ihren verſchiedenen Geräthſchaf⸗ ten mit einer Schnelligkeit, welche von vieler Übung zeugte, eine Art Fasces, während die Mädchen an deren Fuß ihre Körbe in einem Kreiſe reihten. Dann faßten ſie ſich an den Händen und die ganze Schaar wirbelte rundum und erfullte die Luft mit einem dieſen Beſchäf⸗ tigungen angepaßten Geſang. Während aller Vorbereitungen des Morgens hatte Adelheid mit gedankenleerem Auge zugeſehen, als hatten ihre Gefühle wenig Zuſammenhang mit dem, was vor ihren Blicken ſich begab. Es iſt kaum nothwendig zu ſagen, daß ihr Geiſt wider ihren Willen zu andern Scenen ſchweifte und ihre umſchwärmenden Gedan⸗ ken mit Gegenſtänden beſchäftigte, welche von de⸗ nen ſehr verſchieden waren, die hier ihren Sinnen dar⸗ geboten wurden. Zur Zeit aber, als die Gärtnergruppe ſich tanzend weiter bewegte, fingen ihre Gefühle an, de⸗ nen Theilnahme zuzuwenden, die an ſich und allem um⸗ her ſo ſichtbares Wohlgefallen hatten und ihr Vater ſah ſich, zum erſten Mal an dieſem Morgen, für die liebe⸗ volle Aufmerkſamkeit, mit welcher er das Spiel ihrer Züge beachtet hatte, durch ein zärtliches und natürliches Lächeln belohnt. „Das hebt ſehr munter an, Herr Landvogt,“ rief der Freiherr, durch das ermuthigende Lächeln erheitert, wie das Blut durch einen belebenden Strahl der Son⸗ nenwärme raſcher durch die Adern gejagt wird, wenn es lange durch Kälte erſtarrt und ertödtet war.—„Das hebt mit einer freudigen Luſt an und wird gewiß zur Ehre deiner Stadt endigen! Ich wundere mich nur, daß Ihr dergleichen nicht öfter habt, jeden Monat! Wenn man die Freude ſo wohlfeil haben kann, iſt es knickeriſch, ſie einem Volke vorzuenthalten.⸗ „Wir tadeln dieſen Tand nicht, edler von Willading, denn ſo ein Leichtſinn gibt einen nüchternen und pflicht⸗ getreuen Unterthan ab; aber wir werden mehr dieſer Art ſehen, und von einer weit beſſern Gattung, oder un⸗ ſere Zeit wäre vergeudet. Was denkt man, edler Melchior, zu Bern von der Hoffnung des Kaiſers, neue Zugeſtändniſſe für eine Truppenaushebung in unſern Kan⸗ tonen zu erhalten?⸗ „Verſchone mich, gutes Peterchen; aber wenn es dir beliebt, wollen wir bei beſſerer Muße dieſe Gegen⸗ ſtände beſprechen. Obgleich es deinen Augen, die ſo lange gewöhnt ſind, Staatsgeſchäfte zu ſehen, kindiſch ſcheint, muß ich doch bekennen, daß jene Thorheiten dort mich zu unterhalten anfangen und wohl eine müſſige Stunde deſſen in Anſpruch nehmen dürfen, der nichts beſſeres zur Hand hat.⸗ Peter Hofmeiſter ſeufzte ein wenig nachdrücklich. Er prüfte nur Signor Grimaldi's Geſicht, welcher mit dem ganzen Wohlwollen und der Selbſt⸗ Hingebung eines Mannes von ſtarkem Geiſte, der ſich ſeiner Kraft zu ſehr bewußt iſt, um wegen des Scheines in Sorgen zu ſeyn, ſich der Freude überlaſſen hatte. Wie jemand, der ſich getäuſcht ſieht, die Achſeln zuckend, wandte der ——— thätige Landvogt ſeine Blicke auf die Jubelnden, um, wenn möglich, einen Anſtoß gegen die Gebräuche des Landes zu entdecken, der einen amtlichen Verweis noth⸗ wendig machen könnte; denn Peter gehörte zu der Klaſſe von Statthaltern, welche einen Drang haben, ihre Fin⸗ ger, ſelbſt die Luft, welche von dem Volke eingeathmet wird, in Bewegung ſetzen zu ſehen, damit es dieſelbe nicht von einer Qualität und in einer Quantität erhält, die für ein ausſchließliches Recht, das nach der jetzigen Sitte das erhaltende Prinzip genannt wird, gefährlich werden möchte. Mittllerweile ſchritten die Feſtlichkei⸗ ten fort. Die Gärtner hatten die Bahn nicht ſobald verlaſſen, als ein feierlicher und ernſter Zug erſchien, um den of⸗ fenen Raum einzunehmen. Vier Mädchen, einen Altar tragend, der in antiker Form gearbeitet und mit paſſen⸗ den Sinnbildern verziert war, gingen voran. Sie wa⸗ ren ihrem Charakter gemäß gekleidet und hatten Blu⸗ menkränze in den Haaren. Knaben mit Rauchfäſſern ſchritten vor einem der Flora geweihten Altar her; die Hoheprieſterin der Göttin, mit der Stirnbinde geſchmückt und Blumen tragend, folgte dem Altar. Wie die übri⸗ gen Prieſterinnen, denen ſie voranſchritt, war ſie ſorg⸗ fältig in die Gewänder gekleidet, die ihr heiliges Amt andeuteten. Die Göttin ſelbſt ſaß auf einem von vier Madchen getragenen Thron*), der einen mit Blumen gezierten Baldachin hatte, und von dem an allen Seiten *) Dieſe Rollen der Göttinnen, ſo wie des Bacchus wer⸗ den von Kindern von 10— 13 Jahren dargeſtellt. — 316— flatternde Blumenguirlanden jeder Farbe und Schattirung bis auf die Erde niederhingen. Mäher und Mäherin⸗ nen, munter und ländlich in ihrem Weſen und Anzug, folgten, und ein Wagen, ſchwer beladen mit dem duften⸗ den Graſe der Alpen, und von Madchen mit Rechen be⸗ gleitet, beſchloſſen den Zug. Als der Altar und der Thron auf der Bahn nie⸗ dergeſtellt waren, brachte die Prieſterin das Opfer dar und ſang mit einer Berg⸗Lunge das Lob der Göttin. Dann kam der Tanz der Mäher, wie bei dem erſten Zuge, und die Schaar entfernte ſich, wie vorher. „Ganz herrlich und treuer, als die wirklichen Heiden es hatten machen können,“ rief der Landvogt, der trotz ſeiner amtlichen Gelüſten die Mummerei mit wohlgefäl⸗ ligem Auge zu betrachten ſchien.„Dies ſchmeckt ſtark nach unſern jugendlichen Thorheiten bei den Carnevals zu Genua und in der Lombardei, wo man, um die Wahrheit zu ſagen, bei dieſen Darſtellungen alter Gott⸗ heiten ſeltene Niedlichkeiten zu ſehen bekommt.⸗ „Iſt es Sitte, Freund Hofmeiſter,⸗ fragte der Frei⸗ herr,„ſich dieſer bewundernswerthen Ergötzlichkeiten oft hier in der Waadt zu erfreuen?⸗ ⸗Wir haben ſie von Zeit zu Zeit, wie die Geſell⸗ ſchaft es wünſcht und in der Art, wie du ſiehſt. Der ehrenwerthe Signor Grimaldi— der mir verzeihen möge, daß er nicht beſſer behandelt wird, als dies der Fall iſt, und der nicht anſtehen wird, das, was bei al⸗ len, die ihn kennen, ſonſt für nicht zu entſchuldigende Vernachläſſigung gelten würde, ſeinem eigenen Wunſche, unbekannt zu bleiben, zuzuſchreiben— er wird uns, wen Mei nicht lichk feine Maſ ohne eben Luſt, Sint jener und blos Kirch then Ich! ſeyn Bern len u tinne. pflege wie t die E Blone und d an ur ſeine Gewa Durch ung rin⸗ zug, ten⸗ be⸗ nie⸗ dar tin. ſten den rotz fäl⸗ ark als die ott⸗ rei⸗ oft ell⸗ der den der al⸗ de he, 18, — 317— wenn es ihm belieben ſollte, uns mit ſeiner wirklichen Meinung zu beehren, ſagen, daß der Zweck dadurch nicht verliert, daß er Gelegenheit zu Lachen und Fröh⸗ lichkeit gibt. Da iſt Genf, eine Stadt, die ſich mit ſo feinen und verwickelten Spitzfindigkeiten befaßt, wie die Maſchinerien ihrer Uhren. Dort iſt keine Luſtbarkeit ohne einen Zuſatz von Wortſtreit und Grübelei, zwei eben ſo verwerflichen Ingredienzien in der öffentlichen Luſt, wie Spaltung in der Religion, oder zweierlei Sinne in einer Haushaltung. Es iſt kein Schelm in jener Stadt, der ſich nicht für beſſer als Calvin hält und einige glauben, daß ſie nicht Kardinaͤle wären, ſey blos dem Umſtande zuzuſchreiben, daß die reformirte Kirche keine Freude an Beinen habe, die in einem ro⸗ then Gehäuſe ſteckten. Bei dem Worte eines Landvogts! Ich möchte nicht der Beherrſcher einer ſolchen Gemeinde ſeyn und wenn ich die Hoffnung hätte, Schultheiß von Bern ſelbſt zu werden. Hier iſt es anders. Wir ſpie⸗ len unſere Poſſen in der Geſtalt von Göttern und Göt⸗ tinnen wie nüchterne Leute und wenn alles vorüber iſt, pflegen wir unſere Reben oder zählen unſere Heerden wie treue Unterthanen des großen Kantons. Stelle ich die Sache unſern Freunden richtig dar, Freiherr von Blonay?⸗ Roger von Blonay biß ſich in die Lippe, denn er und die Seinigen gehörten ſeit 1000 Jahren der Waadt an und die Anſpielung auf die ruhige Weiſe, in welcher ſeine Landsleute ſich der aufgedrungenen und fremden Gewaltherrſchaft fügten, hatte ihn nicht ſehr erfreut. Durch eine kalte Verbeugung gab er jedoch ſein Zuſtim⸗ — 318— men zu des Landvogts Darſtellung zu erkennen, als be⸗ dürfe es keiner fernern Antwort. „Da kommen neue Feierlichkeiten, welche unſere Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehmen,“ ſagte Melchior von Willading, der hinreichende Kenntniß von den An⸗ ſichten ſeines Freundes hatte, um ſein Stillſchweigen zu verſtehen. Der nächſte Zug, der nun herankam, beſtand aus ſolchen, die ſich mit der Sennerei beſchäftigten. Zwei Kuhhirten führten ihre Thiere, und die einförmigen Töne ihrer ſchweren Glocken ſtimmten ergreifend und voll in die Muſik ein, welche regelmäßig jeden Zug begleitete, während eine Schaar von Sennerinnen und jungen Alp⸗ lern aus der Klaſſe, welche die Heerden auf den Som⸗ merweiden warten, folgte, und ein Wagen mit den Ge⸗ räthſchaften ihres Berufes den Beſchluß machte. Die Ausrüſtung dieſes kleinen Zuges ließ nichts zu wünſchen übrig. Die Sennen hatten den Melkſtuhl*) angeſchnallt; der eine trug den kleinen Milcheimer in der Hand, wäh⸗ rend der andere die Melchtere*—) auf ſeinem Rücken trug, in welcher die Milch die Abhänge auf und nieder in die Sennhütte gebracht wird. Als ſie auf dem freien Platze ankamen, begannen die Küher ihre Kühe zu mel⸗ *) Eigentlich Melchſtuhl genannt, ein Stuhl mit ei⸗ nem Bein, worauf man beim Melken ſitzt. Ueberſetzer. **) Hölzernes ovales Gefäs, mit einem Griff an der Mitte, um es zu tragen, in welches die Milch aus den kleinen Eimern geſchüttet wird. Ueberſ. X ken gun ten glau unte wäh reih den von der art ſpru nen zuſch mãac daß Leſe wele den verle nen 9) ** **⁵⁴) t ei⸗ — 319— ken und die Mädchen ließen die verſchiedenen Beſchäfti⸗ gungen der Sennerei ſehen, während ſich alle vereinig⸗ ten, den Kuhreihen*) der Gegend zu ſingen. Man glaubt allgemein, aber irrig, es gebe einen Geſang der unter dieſem Namen in der ganzen Schweiz bekannt ſey, während doch faſt jeder Kanton ſeinen eigenen Kuh⸗ reihen hat,*) welche alle in der Melodie, ſo wie in den Worten und ſelbſt in der Sprache, kann man ſagen, von einander verſchieden ſind. Der Ranz des Vaches) .der Waadt iſt in dem Patois des Landes, einer Mund⸗ „die aus Wörtern griechiſchen und lateiniſchen Ur⸗ dorun„ mit Celtiſchen gemiſcht, beſteht. Unſerm eige⸗ nen bekannten Liede ähnlich, das man uns zum Hohne zuſchob, welches aber eine glorreiche Geſchichte uns er⸗ mächtigte, beizubehalten, hat er zu viele Strophen, als daß wir ſie widerholen könnten. Wir wollen jedoch dem Leſer eine einzelne Strophe aus einem Liede mittheilen, welches durch das Schweizer Gefühl ſo berühmt gewor— den iſt und das den Bergbewohner in fremden Dienſten verleiten ſoll, die Söldner⸗Fahne und die zahmen Sce⸗ nen der Städte zu verlaſſen, um zu der prächtigen Na⸗ *) Der Schweizer⸗Ausdruck und auch der richtige, der „reihen“ in der Schweiz„holen, heimholen“ bedeutet, und durch deren Geſang die Kühe herbeigerufen werden. Ueberſetzer. **) Selbſt in den einzelnen Kantonen weichen Worte und Relodien oft ſehr von einander ab. Ueberſ. ***) Auch Ranz iſt deutſch⸗ſchweizeriſch und heißt der Ruf,⸗ der Schrei. Ueberſetzer. tur zurückzukehren, welche ſeine wache Phantaſie verfolgt und ſeine Träume verſchönt. Man wird ſogleich bemer⸗ ken, daß die Macht dieſes Geſanges vorzüglich in den Erinnerungen geſucht werden muß, welche er erweckt, indem er die einfachen Reize des ländlichen Lebens zu⸗ rückruft und die unverlöſchlichen Eindrücke wieder be⸗ lebt, welche die Natur überall hervorbringt, wo ſie ihre Hand mit derſelben Majeſtät, wie in der Scheiz, auf das Antlitz der Erde legte. Die Senner der Colombette*) Sind fruh aufgeſtanden. Eho r. Ha, ah! ha, ah! Lioba! Lioba'**) um zu melken. Kommt ihr alle, Schwarze und weiße, Rothe und gefleckte, Junge und alte; Unter dieſer Eiche Will ich euch melken, Unter dieſer Pappel. Laß ich(die Milch) gerinnen. Lioba! Lioba! um zu melken. Die Muſik der Gebirge iſt eigenthümlich und kühn, *) Berg in der Waadt. **) Name einer Kuh. Deutſch: Lobe. inden Char den Wid ben, ausg cher auge mitte der den mit Kind Tön ather gent ließ vern werk erho die grüß Küht jener ges iſt, und rer 78 Igt T⸗ en kt, zu⸗ be⸗ ore uf n, — 321— indem ihr wahrſcheinlich die Größe der Natur ihren Charakter aufdrückte. Die meiſten der ſehr hoch gehen⸗ den und überſchlagenden Töne haben Ähnlichkeit mit dem Widerhall, wie ihn den Felſen in den Thäͤlern zurückge— ben, wenn die Stimme über ihre natürliche Höhe hin— ausgeht, um die Höhlen und wilden Kluͤfte unzugängli⸗ cher Jahen zu erreichen. Weiſen, wie dieſe, erinnern augenblicklich an die,Alpenthäler und an die Pracht, in⸗ mitten derer ſie zuerſt gehört wurden und daher wird der Geiſt durch einen unwiderſtehlichen Trieb veranlaßt, den ſtarkſten aller Gefühle nachzugeben— denen, die mit den reinen und ungetrübten Freuden einer muntern Kindheit verbunden ſind. Die Kaſer und Sennerinnen hatten kaum die erſten Töne dieſes magiſchen Liedes geſungen, als eine tiefe und athemloſe Stille unter der Menge eintrat. Als die ei⸗ genthümlichen Töne des Chors die Ohren berührten, ließ ſich ein murmelnder Widerhall unter den Zuhörern vernehmen, und ehe die wilden Intonationen wiederholt werden, welche die Worte„Lioba! Lioba!⸗ begleiten, erhoben ſich gleichzeitig tauſend Stimmen, gleichſam um die umliegenden Berge mit dem Jubel ihrer Kinder zu grüßen. Von jetzt an waren die übrigen Strophen des Kühreihen ein allgemeiner Ausbruch der Begeiſterung, jener natürlichen Glut entſproſſen, welche ein ſo mächti⸗ ges Glied in der geſelligen Kette bildet und im Stande iſt, der Bruſt, welche in andern Hinſichten durch Laſter und Verbrechen verhärtet iſt, die reinſten Gefühle unſe⸗ rer Natur einzuflößen. Der letzte Ton erſtarb unter dieſen allgemeinen Be⸗ 76— 78. 21 — 322 weiſen eines geſunden Gefühls. Die Sennen und Sen⸗ nerinnen ſammelten ihre verſchiedenen Geräthſchaften und begannen ihren Zug bei dem ſchwermüthigen Klang der Glocken, welche einen ſchneidenden Kontraſt mit den wilden Tönen bildeten, die eben den Platz erfüllt hatten. Nach dieſen kam das Gefolge der Ceres mit dem Altar, die Prieſterin und die auf ihrem Throne ſitzende Göttin, wie es bei dem Aufzug der Flora beſchrieben worden iſt. Füllhörner ſchmückten den Thron der Göt⸗ tin und der Himmel war mit den Gaben der Erndte ge⸗ ziert. Eine Weizengarbe deckte das Ganze. Sie hielt die Sichel ſtatt des Scepters und ein Kranz von bärti⸗ gen Ähren umſchlang ihre Schläſen. Schnitter und Schnit⸗ terinnen mit den Sinnbildern der ergiebigen Jahreszeit folgten und Ährenleſer beſchloſſen den Zug. Dann der Halt, der Geſang, der Chor, und das Loblied zu Eh— ren der güͤtigen Erndtegöttin, wie das Gefolge der Göt⸗ tin der Blumen gethan hatte. Ein Tanz der Schnitter und Schnitterinnen, der Ahrenleſer und Ährenleſerinnen folgte, die Dreſcher ſchwangen ihre Dreſchflegel und Alle zogen wieder weiter. Nach dieſen kam die große Fahne der Geſellſchaft und die Winzer, denen eigentlich das Feſt galt, folgten. Die Arbeiter des Frühjahrs ſchritten voran, die Män⸗ ner ihre Grubeneiſen*) und Kaͤrſte, die Mädchen Körbe tragend, die abgeleſenen Weinblätter hinein zu le⸗ gen. Dann kam ein Zug mit Körben, welche mit Trau⸗ ben in ihren verſchiedenen Graden der Vollkommenheit *) Fossoirs. und erſch bildt dem einen te un welch tigt ſpiel der das ben berei Zwif um her, 323— und von jeder Farbenſchattirung beladen waren. Nun erſchienen Knaben, die auf langen Stäben kleine Nach⸗ bildungen der verſchiedenen Geräthſchaften, die man bei dem Bau und der Bereitung des Weines braucht, z. B. einen Winzer mit dem Faß auf ſeinem Rücken, die But⸗ te und die Kelter, trugen. Eine Abtheilung von Männern, welche die Schmiede, auf der das Winzergeräthe verfer⸗ tigt wird, brachten,*) ſchloſſen dieſen Theil des Schau⸗ ſpiels. Auch der Geſang und der Tanz folgten wie⸗ der und der ganze Zug verſchwand auf ein Zeichen, das von der herankommenden Muſik des Bacchus gege⸗ ben wurde. Da wir nun auf den am ſorgfältigſten vor⸗ bereiteten Theil des Feſtes kommen, benutzen wir den Zwiſchenraum, welcher zu deſſen Einführung nothig iſt, um ſelbſt Athem zu ſchöpfen. Fünfzehntes Kapitel. Und du, o Wand, o ſüß und liebenswerthe Wand Die zwiſchen unſrer beiden Eltern Haus thut ſtehen; Du Wand, o Wand, o ſüß und liebenswerthe Wand, Zeig' deine Spalte mir, daß ich dadurch mag ſehen. Sommernachtstraum. „Gott ſey bei mir, das geht ja mit einer Anmuth der, Bruder Peter!“ rief der Freiherr von Willading, *) Die ſogenannte Eße des Pulkan. Ueberſ. 21* 3214— als er mit entzücktem Blicke den hinweggehenden Winzern nachſchaute:„Wenn wir noch mehres dieſer Art ſehen, werde ich die Würde der Buürgerſchaft vergeſſen und mich mit den andern vermummen, obgleich mein guter Ruf als ein beſonnener Mann durch die Thorheit verloren gehen möchte!“ „Das läßt ſich beſſer unter uns ſagen, als unter den Augen des Volkes thun, ehrenwerther Melchior. Es würde wahrhaftig ſchlecht klingen, könnten ſich dieſe Waadt⸗ länder rühmen, ein Adliger deines Rufes zu Bern hätte ſich ſo weit vergeſſen!“ „Nichts davon!— ſind wir nicht hier, um fröhlich zu ſeyn und zu lachen und uns an jeder Thorheit, die uns vorkömmt, zu erfreuen? Weg daher mit deinen amtlichen Seitenblicken und mit deiner überſchwenglichen Würde, gutes Peterchen! Laß die Zunge dem Herzen frei antworten, als wären wir Knaben, die mit einan⸗ der ſich umher tummelten, wie es ehemals der Fall war, lange, ehe man dich zum Landvogt zu machen gedachte, oder ich eine ſchmerzliche Stunde kannte.⸗ „Signor Grimaldi ſoll zwiſchen uns entſcheiden; ich behaupte, bei denen, die in hohen Amtern ſtehen, iſt Zurückhaltung nothwendig.⸗ „Ich will entſcheiden, wenn die Schauſpieler alle ihre Rollen ausgeſpielt haben,“ erwiderte der Genueſer lächelnd:— ⸗ſeht, jetzt kömmt einer; den alle alten Krieger ehren. Wir wollen es wegen einer kleinen Ver⸗ ſchiedenheit des Geſchmackes in Gegenwart eines ſo Mäch⸗ tigen nicht an Chrfurcht fehlen laſſen.⸗ Peter Hofmeiſter war kein ſchlechter Trinker und da nen kün Hin Anſ die über dere eine rend gen. das dem Got eine der wun Mo rend hiell len, rend ihre den Sile ren Seit lend Geſi zzern ehen, mich Ruf loren unter Es aadt⸗ hätte öhlich „ die einen lichen erzen inan⸗ war, achte, iden; n, iſt alle nueſer alten Ver⸗ Näch⸗ und da die Annäherung des Gottes des Faſſes durch ei⸗ nen Tuſch von ungefähr zwanzig Inſtrumenten ver⸗ kündigt wurde, welche in einem, dem Gewölbe des Himmels angepaßten Tone ſprachen, mußte er ſeine Anſichten auf eine andere Zeit aufſparen. Nachdem die Muſikanten und eine Abtheilung der Diener vor⸗ über waren,— denn der rothen Gottheit wurden beſon⸗ dere Ehren erwieſen— kamen drei Opferprieſter, deren einer einen Bock mit vergoldeten Hörnern führte, wäh⸗ rend die zwei andern das Rebmeſſer und das Beil tru⸗ gen. Dieſen folgte der mit Weinlaub geſchmückte Altar, das Rauchfaß und der Hoheprieſter des Bacchus, welcher dem jungen Gotte unmittelbar voran ſchritt. Der kleine Gott ſaß rittlings auf einem Fäͤßchen, ſein Haupt mit einem Kranze edler Trauben umgeben, einen Becher in der einen Hand, in der andern einen mit Weinlaub um⸗ wundenen und fruchtgekronten Scepter haltend. Vier Mohren trugen das Fäßchen, auf welchem er ſaß, wäh⸗ rend andere ihm einen Sonnenſchirm über das Haupt hielten. In ſeinem Gefolge ſah man Faune in Tigerfel⸗ len, ihre charakteriſtiſchen Poſſen machend, tanzen, wäh⸗ rend zwanzig lachende und leichtfüßige Bacchantinnen ihre Trommeln hören ließen und ſich im Takte bewegend, den Zug ſchloſſen. Ein allgemeiner Jubelruf ging der Erſcheinung des Silen voran, der auf einem Eſel ſaß und von zwei Moh⸗ ren geſtützt wurde. Der halb leere Schlauch an ſeiner Seite, das gedankenloſe Lachen, der ſtiere Blick, die lal— lende Zunge, die geſchwellte Lippe und das blödſinnige Geſicht gaben Grund zu vermuthen, hier ſey ein beſſerer — 326— Beweggrund für ihre Stütze, als irgend eine, welche zur Wahrheit der Darſtellung gehörte. Zwei Jünglinge er⸗ ſchienen nun, die auf einer Stange ein Bündel Trau⸗ ben trugen, wodurch die durch Joſua's Boten aus Ca⸗ naan gebrachte Frucht vorgeſtellt werden ſollte— ein Sinnbild, das die Künſtler und Maskenfreunde des an⸗ dern Welttheils bei paſſender Gelegenheit ſehr gern an⸗ bringen. Ein großer Wagen, die Arge Noah's benam⸗ ſet, ſchloß den Zug. Man ſah darauf eine Kelter, und eine Weinlaube überſchattete die Kelterer; weiter hinten ſaß die Familie des zweiten Vaters des Menſchenge⸗ ſchlechts. Als der Wagen vorbeifuhr, ſah man in den Glei⸗ ſen ſeiner Räder die Spuren des köſtlichen Saftes ſtehen. Nun kam das Opfer, der Geſang und der Tanz, wie bei den meiſten frühern Darſtellungen, welche alle, wie die des Bacchus, Anſpielungen auf den beſondern Charakter und die Attribute der verſchiedenen Gotthei⸗ ten enthielten. Der bacchiſche Tanz, welcher den Aufzug ſchloß, wurde charakteriſtiſch ausgeführt; die Trompeten ſchmetterten und der Zug ging in der Ordnung, wie er gekommen war, weiter. Peter gab ein wenig von ſeiner gewöhnlichen amt⸗ lichen Zurückhaltung auf, als er dieſe Spiele zu Ehren einer Gottheit mit anſah, welcher er ſo gewöhnlich ſeine Verehrung thätlich bezeigte, denn es geſchah ſelten, daß dieſer vollendete Beamte, den man ſehr paſſend einen Doctrinar in ſeiner Art nennen konnte, ſeine Sinne in Schlaf wiegte, ohne ſie mit gehöriger Wirkung in den Saft der benachbarten Hügel getaucht zu haben; eine Sitte, welche unter Männern ſeiner Klaſſe in jener Zeit thei⸗ fzug heten e er amt⸗ hren ſeine daß inen ie in den eine Zeit — 327— bei weitem allgemeiner war, als in der unſrigen, welche in ſo hohem Grade die Zeit der Nüchternheit zu ſeyn ſcheint. „Dies kommt der Wahrheit ziemlich nahe,⸗ bemerkte der zufriedene Landvogt, als die Faune und Bacchanten, mit weit mehr Gelenkigkeit und Eifer als Anmuth ihre Bocksſprünge und klaſſiſchen Poſſen machend, die Bahn verließen.—„Dies ſieht aus, wie Begeiſterung durch guten Wein erzeugt, Signor Grimaldi, und wäre die Wahrheit bekannt, ſo würde man finden, daß der Schelm, der die Rolle des dicken Burſchen auf dem Eſel ſpielte — wie heißt der Burſche, edler Melchior?⸗ „⸗Schilt mich, wenn ich weiſer bin als du ſelbſt, wür⸗ diger Landvogt; er iſt offenbar ein Schelm, der ohne den Beiſtand einer Flaſche ſeine Mummerei nie ſo gut durch⸗ geführt hätte.⸗ „Wir müſſen uns nach dem Burſchen erkundigen, denn es könnte eine Gelegenheit kommen, ihn dem Vor⸗ ſtand der Winzergeſellſchaft zu empfehlen, wenn alles vorüber iſt. Ein tüchtiger Herrſcher hat zwei große Mit⸗ tel, welche er mit Klugheit anwenden muß, Freiherr von Willading, und dieſe ſind— Furcht und Schmeichelei; und Bern hat keinen bereitwilligern Diener, beide, oder eines von beiden anzuwenden, je nachdem es Noth thut, als einer ſeiner armen Landvögte, welchem die öffent⸗ liche Meinung nicht ſein ganzes Recht hat widerfahren laſſen, wenn die Wahrheit offenkundig wäre. Aber man muß mit dieſen guten Leuten von der Geſellſchaft über ihre Leiſtungen gebührend ſprechen. Hörſt du, Meiſter Hellebardier, du biſt von Vevay, glaube ich, und in dei⸗ „ D ner Art wohlſtehend, oder meine Augen thun uns bei⸗ den unrecht.“ „Ich bin, wie Ihr geſagt habt, Monſieur le Ballli, ein Vevayer und einer, der unter unſern Handwerkern wohl bekannt iſt.⸗. „Wahrlich, das ſieht man, trotz deiner Hellebarde. Du biſt, ohne Zweifel, ein Mann von ſeltner Einſicht und gründlicher Gelahrtheit rückſichtlich dieſer Spiele. Willſt du uns den Charakter nennen, der eben auf dem Eſel vorüberritt— den, der den Trunkenbold ſo gut geſpielt hat, meine ich. Sein Name iſt uns in dieſem Augen⸗ blicke aus dem Gedachtniß entſchwunden, obgleich ſein Gebahren uns ſtets gegenwärtig ſeyn wird, denn eine beſſere Darſtellung eines vom Trunk Überwaltigten wird man ſelten ſehen.“ „Der Herr ſey Euer Schirm, gnädiger Landvogt! Dies iſt Antoine Giraud, der dicke Metzger von La Tour de Peil, und ein beſſerer Mann bei'm Becher lebt nicht in dem ganzen Waadtlande. Kein Wunder, daß er ſeine Rolle ſo auswendig gewußt hat; denn während die An⸗ dern in Büchern laſen, oder wie unbeholfene Rekruten von dem Schulmeiſter abgerichtet wurden, hatte Antoine wenig mehr zu thun, als dem Schlauch an ſeiner Seite zuzuſprechen. Wenn die Diener der Geſellſchaft fürch⸗ ten, er möchte die Feierlichkeit ſtöhren, ſo bittet er ſie, ſich nicht ſelbſt zum beſten zu haben, denn jeder Schluck den er nimmt, wird zur Ehre der Feier genommen, und er ſchwört bei Calvins Glauben, es werde mehr Wahr⸗ heit in ſeiner Darſtellung ſeyn, als in der irgend eines andern in der ganzen Geſellſchaft.⸗ — 329— „Alle Welt! der Burſche hat eben ſo viele gute Laune, als Schauſpieler⸗Gabe in ſich— dieſer Antoine Giraud. Schöne Adelheid, ſeht doch in der geſchriebenen Feſtanordnung nach, welche ſie uns gegeben haben, damit wir uns vergewiſſern, daß dieſer Handwerker⸗Hellebar⸗ dier uns keinen unrechten Namen genannt hat. Wir im Amte dürfen einem Vevayer nicht zu leicht trauen.⸗ „Es wird umſonſt ſeyn, fürchte ich, Herr Landvogt, denn in dem Verzeichniſſe ſtehen die Charaktere, aber nicht die Namen derer, welche ſie darſtellen. Der frag⸗ liche Mann ſtellt nach ſeinem Ausſehen und allen den andern Umſtänden Silen dar, wenn ich nicht irre.“⸗ „Gut, mag das ſeyn, wie Ihr wollt. Silen ſelbſt könnte ſeine Rolle nicht beſſer ſpielen, als dieſer Antoine Giraud es gethan hat. Gold wie Waſſer könnte der Burſche am Hofe des Kaiſers als Schauſpieler verdie⸗ nen, ließ er ſich nur rathen, ſich dahin zu begeben. Ich ſtehe auch dafür, er würde Pluto, oder Minerva, oder jeden andern Gott eben ſo gut darſtellen, als er dieſen Schurken Silen dargeſtellt hat.“ Die aufrichtige Bewunderung Peters, der, die Wahr⸗ heit zu ſagen, von der Gelehrſamkeit der Zeit, wie man ſich ausdruckt, nicht viel beſaß, lockte ein Laͤcheln auf die Lippe der ſchönen Tochter des Freiherrn, und ſie ſchaute umher, um das Auge Sigismunds zu treffen, dem alle ihre geheimen Gefühle, die des Schmerzes ſo wie die der Freude, ſo natürlich und ſo innig zugewendet waren. Aber das abgewendete Haupt, die ſtarre Aufmerkſam⸗ keit, und die faſt unbewegliche ſtatüengleiche Stellung, in welcher er daſtand, zeigte, daß ein mächtigeres Intreſſe — 330— ſeinen Blick auf den nächſten Zug feſſelte. Obgleich des Grundes dieſer hohen Aufmerkſamkeit unkundig, vergaß Adelheid augenblicklich den Landvogt, ſeine Förmlichkeit, und ſeinen Mangel an Gelehrſamkeit in dem Wunſche, die zu ſehen, welche herannahten. Der mehr klaſſiſche Theil der Feierlichkeiten war nun vorüber. Der Rath der Geſellſchaft hatte beſchloſ⸗ ſen, mit einer Darſtellung zu endigen, welche der Maſſe der Zuſchauer verſtändlicher wäre, als alles das vorher⸗ gegangene, indem es ſich an das Mitgefühl jedes Volkes und aller Klaſſen der Geſellſchaft richtete. Dieſes Schau⸗ ſpiel zog Sigismunds Aufmerkſamkeit in ſo hohem Grade an. Man nannte es den Hochzeitszug. Er rückte lang⸗ ſam vor, um den Raum einzunehmen, welcher durch den Abzug Antoine Girauds und ſeiner Begleiter leer ge⸗ worden war. Voran ſchritt die gewöhnliche Muſikbande, eine leb⸗ hafte Weiſe ſpielend, die ſeit langer Zeit bei den Feſt⸗ lichkeiten Hymens angeſtimmt wurde. Der Gutsherr, oder wie er genannt wurde, der Baron, und ſeine Ge⸗ mahlin führten den Zug an, beide in die reiche und zierliche Tracht jener Zeit gekleidet. Sechs alte Paare, das Glück des ehelichen Lebens darſtellend, und von einer zahlreichen Nachkommenſchaft jeden Alters, vom Kinde an der Bruſt bis zu dem Gatten und dem Weibe in der Blüthe des Lebens begleitet, gingen dem edlen Paare zunächſt. Dann erſchien ein Theil einer Wohnung, welche das Innere des häuslichen Lebens darſtellen ſollte und ſeine Küche, ſeine Gerathſchaften und den größten Theil der nützlichen und nothwendigen Dinge enthielt, welche — 331— man als die weſentlichen Beſtandtheile einer Haushal⸗ tung der untern Kreiſe anſehen kann. In dieſer Hälfte eines Hauſes drehte ein Mädchen das Spinnrad, und ein zweites war mit Backen beſchäftigt. Der Notar, mit dem Heirathscontract unter ſeinem Arm, und in das ka⸗ rikirte Koſtüm ſeines Berufs gekleidet, blähte ſich hinter den zwei emſigen Hausmädchen. Sein Erſcheinen wurde mit einem allgemeinen Gelächter begrüßt, denn die Zu⸗ ſchauer ergötzte der luſtige Einfall mit der Karrikatur über alle Maßen. Allein dieſer plötzliche und allgemeine Ausbruch der Freude wurde eben ſo ſchnell in dem Wunſche vergeſſen, den Bräutigam und die Braut zu ſehen, welche unmittelbar hinter dem Rechtsgelehrten folgten. Man hatte gehört, daß dieſes Paar keine Schau⸗ ſpieler ſeyen; ſondern daß die Geſellſchaft ein Paar von entſprechendem Stande und Vermögen ausgewaählt habe, welches ſeine Einwilligung gab, ſich bei Gelegenheit die⸗ ſer großen Feier wirklich zu verehligen, wodurch natür⸗ lich jene lebhafte Freude und Feſtlichkeit, welche der Vorſtand dieſer Geſellſchaft zu verbreiten beabſichtigte, noch erhöht werden mußte. Dieſes Suchen hatte, wie man ſich wohl denkt, in den einfachen Dorfgemeinden, welche Vevay umgaben, das größte Intreſſe erregt. Viele Erforderniſſe waren, als unerläßlich bei den Bewerben⸗ den, bekannt gemacht worden— bei der Braut Schön⸗ heit, Beſcheidenheit, Verdienſt, die Unterwürfigkeit des andern Geſchlechtes; bei dem Bräutigam jene Eigen⸗ ſchaften, welche ihm in jeder Hinſicht Anſpruch geben, das Glück eines ſo ausgeſtatteten Mädchens in ſeine Hände nieder zu legen. Zahlreich waren die Vermuthungen der Vevayer rückſichtlich des Paares, welches gewählt worden, dieſe ernſten und wichtigen Rollen zu ſpielen, die, was die Treue der Darſtellung betrifft, ſelbſt den Silen noch über⸗ treffen ſollten; allein der Vorſtand der Abtei hatte ſo große Sorgfalt angewendet, die Namen der Erwählten geheim zu halten, daß das Publikum bis auf dieſen Augenblick, wo Verheimlichung nicht mehr möglich war, hinſichtlich dieſes intereſſanten Punktes noch in vpölligem Dunkel ſchwebte. Es war ſo gewöhnlich, daß Ehen dieſer Art bei Gelegenheit öffentlicher Feſte abgeſchloſſen wur⸗ den, und Convenienzheirathen, wie man ſie nicht unpaſ⸗ ſend benannt hat, ſind in ſo völliger Übereinſtimmung mit den Sitten aller europaiſchen Völker— vielleicht dürfen wir ſagen, aller alten Völker— daß es gegen die öffentliche Meinung nicht ſehr angeſtoßen haben würde, wenn man auch gewußt häatte, daß das erwählte Paar ſich bei dieſem Aufzuge zum zweiten oder dritten Male ſah und im Begriff war, das Ehegelöbniß ſo zu ſagen beim Schmettern der Trompeten und dem Klang der Trommeln abzulegen. Dennoch war es gewöhnlicher, die Neigungen der Paare zu Rath zu ziehen, indem die Feierlichkeiten dadurch einen höhren Glanz erhielt; und dieſe Wahlen bei öffentlichen Gelegenheiten hatten, wie man allgemein annahm, mehr als das gewöhnliche Intreſſe der Heirathen, da man ſie für Mittel anſah, durch Hülfe der Reichen und Machtigen die zu verbinden, welche Ar⸗ muth oder andere widrige Umſtande biéter getrennt hat⸗ ten. Das Gerücht ſprach von manchem unerbittlichen Vater, der ſich lieber durch das Zureden der Großen — 333— hatte bekehren laſſen, als er der Laune des Publikums entgegen treten wollte, und tauſend kummervolle Herzen,“ ſolcher, die der untern und einfachen Klaſſe angehören, er⸗ heitern ſich heute noch bei der Annäherung irgend eines frohen Feſtes, welches hoffen läßt, dem Schuldner und Verbrecher die Thüren des Gefängniſſes, oder denen, die da reicher ſind an Treue und Liebe als an andern Gü⸗ tern, die Pforten Hymens zu öffnen. Ein allgemeines Murmeln und eine gemeinſame Be⸗ wegung verrieth die lebendige Theilnahme der Zuſchauer, als die Haupt⸗ und wirklichen Perſonen, welche bei die⸗ ſem Theile des Feſtes auftraten, näher kamen. Adelheid fühlte ihre Wange waͤrmer erglühen und ihr Herz freu⸗ diger ſchlagen, als ihr Auge zuerſt der Braut und des Bräutigams anſichtig ward, welche ſie gern für ein treues Paar hielt, das ein grauſames Schickſal bisher getrennt hatte und nun entſchloſſen war, ſolchen Bemerkungen zu trotzen, denen ſich alle preis geben müſſen, welche die öf⸗ fentliche Aufmerkſamkeit in Anſpruch nehmen, um den Lohn ihrer ausdauernden Liebe und ihrer Selbſtverläugnung zu empfangen. Dieſe Theilnahme, welche anfangs ein ziem⸗ lich allgemeines und unbeſtimmtes Gefühl war, das ſich vornehmlich auf ihre eigene Lage und die Eigenſchaften ihres edlen Herzens gründete, wurde jedoch ungemein erhöht, als ſie die Braut näͤher und genauer in das Auge faßte. Die beſcheidene Miene, der verſchamte Blick, das ſchwere Athmen des Maͤdchens, deren perſönliche Reize die weit übertrafen, welche landliche Schönheiten in je⸗ nen Gegenden auszeichnen, wo das weibliche Geſchlecht nicht von den ſchwereren Arbeiten des Feldes ausgenommen — 334— iſt, waren ſo natürlich und einnehmend, daß ſie ihre ganze Theilnahme erweckten; und mit inſtinktmäßiger Raſchheit heftete nun Fräulein von Willading ihre Blicke auf den Bräutigam, um zu ſehen, ob ein Weſen, deren Auſſeres ſo ſehr zu ihren Gunſten ſprach, in ihrer Wahl wohl glücklich werden würde. Hinſichtlich des Alters, der perſönlichen Erſcheinung und, ſo viel man ſehen konnte, der äuſſern Verhältniſſe war nichts auffallend Unpaſſendes in der Wahl, obgleich Adelheid glaubte, die Miene des Mädchens verrathe eine beſſere Erziehung als die ihres Gefährten— eine Verſchiedenheit, welche ſie jedoch gern einer größern Befähigung bei ihrem Ge⸗ ſchlechte, den ſittlichen Gehalt nach auſſen abzuſpiegeln, zuſchrieb, als die des Mannes iſt. „Sie iſt ſchön,“ flüſterte Adelheid, ihr Haupt ein wenig zu Sigismund, der an ihrer Seite ſtand, neigend, „und muß ihr Glück verdienen.“ „Sie iſt gut und verdient ein beſſeres Schickſal!⸗ murmelte der junge Mann, der angeſtrengt und hörbar athmete. Die erſchreckte Adelheid hob ihre Augen und eine ſtarke aber unterdrückte Bewegung zuckte in jedem Zuge des Geſichtes ihres Freundes. Die Aufmerkſamkeit aller umher war dem Zuge ſo lebhaft zugewendet, daß ſie ei⸗ nen Augenblick unbeachteter Mittheilung erlaubte. „Sigismund, das iſt deine Schweſter!⸗ „Gottes Fluch wollte es ſo!⸗ „Warum iſt eine ſo öffentliche Gelegenheit gewählt worden, ein Mädchen von ihrer Beſcheidenheit und ihren Sitten zu vermählen?⸗ ————————— — ————— — —-8 N——— — 335— „Kann Balthaſar's Tochter wähleriſch ſeyn? Gold, das Intereſſe der Abtei, und der thörige„éclat“ dieſer Scene haben meinen Vater vermocht, ſeine Tochter jenem Habſüchtigen zu geben, der wie ein Jude bei dieſer Sache gefeilſcht und unter andern Bedingungen auch verlangt hat, daß der wahre Name ſeiner Braut nie bekannt werde. Sind wir nicht durch eine Verbindung geehrt, welche uns ſchon verſtößt, ehe ſie geſchloſſen iſt?⸗ Das dumpfe, erſtickte Lachen des jungen Mannes durchbebte die Nerven ſeiner Freundin und ſie brach das heimliche Geſpräch ab, um den Gegenſtand bei einer günſtigeren Gelegenheit wieder aufzunehmen. Mittler⸗ weile hatte der Zug den Platz vor der Bühne erreicht, wo die Schauſpieler bereits ihre Verrichtungen begonnen hatten. Ein Dutzend junge Burſche und eben ſo viele Mäd⸗ chen begleiteten das Paar, welches im Begriff war, ſich zu verloben. Hinter dieſen kam die Ausſteuer und das Brautgeſchenk*); jene iſt der Theil der Mitgabe der Braut, welcher ſich auf ihre perſönlichen Bedürfniſſe be⸗ zieht; dieſes iſt ein Geſchenk des Bräutigams und iſt, wie man bildlich annimmt, ein Beweis der Stärke der Liebe. Bei dieſer Gelegenheit war die Ausſteuer ſo reich und zeugte von ſo großer Freigebigkeit und Wohl⸗ habenheit von Seiten der Verwandten eines Mädchens, welche ſich dazu hergab, ſich bei einer ſo öffentlichen Ge⸗ legenheit zu vermählen, daß es allgemeines Erſtaunen erregte, während auf der andern Seite eine bloße gol⸗ „) Trousseau und corbeille. dene Kette von unzierlicher Arbeit und der Gelegenheit bei weitem angepaßter, die ganze Beiſteuer des Bräuti⸗ gams ausmachte. Die Verſchiedenheit zwiſchen der Frei⸗ gebigkeit der Freunde der Braut und der des Mannes, der, nach dem Ausſehen zu ſchließen, ohne Frage die meiſte Urſache hatte, ſeine Zufriedenheit zu bezeigen, ver⸗ fehlte nicht, viele Erörterungen zu veranlaſſen. Sie en⸗ digten, wie die meiſten Erörterungen, mit Schlußfolge⸗ rungen gegen die ſchwächere und ſchutzloſere der Par⸗ teien. Der allgemeine Schluß ging lieblos dahin, bei einem ſo ausgeſtatteten Mädchen müßten beſondere nach⸗ theilige Umſtande obwalten, ſonſt würde eine größere Gleichheit unter den Geſchenken ſeyn;— ein Schluß, der ziemlich wahr, obgleich grauſam ungerecht gegen den deſcheidenen und ſchuldloſen Gegenſtand deſſelben war. Während Betrachtungen dieſer Art bei den Zuſchauern immer mehr kreiſtten, begannen die Schauſpieler ihre Tänze, welche ſich durch die zierliche Förmlichkeit, die zu der Sittenfeinheit jener Zeit gehörte, auszeichneten. Die Geſänge, welche folgten, enthielten das Lob Hymens und ſeiner Verehrer, und einige Strophen, welche die Tugenden und die Schönheit der Braut prießen, wurden im Chor geſungen. Ein Schornſteinfeger erſchien auf dem Schornſtein des Hauſes, ſeinen Ruf hören laſſend — eine Hindeutung auf das Haushaltungsgeſchäft— und dann entfernten ſich alle, wie dies bei den vorher⸗ gehenden Zügen geſchehen war. Eine Wache von Helle⸗ bardieren machte den Schluß. Der Theil der Feſtlichkeiten, welche Angeſichts der Bühne vorgehen ſollten, war nun für den Augenblick abgethan und die verſchiedenen Züge begaben ſich auf mannigfache andere Punkte der Stadt, wo die Scenen i⸗ zu Gunſten derer wiederholt wurden, welche wegen des 8, Gedränges nicht im Stande waren, alles auf dem Platze ie Vorgehende genau zu ſehen. Die Mehrzahl der Vor⸗ r⸗ nehmeren benutzten dieſe Pauſe, ihre Sitze zu verlaſſen n⸗ 3 und ſich eine Erholung zu verſchaffen, wie der frühere ge⸗ b Zwang ſie wünſchenswerth machte. Unter denen, welche ar⸗ den Platz ganz verließen, war der Landvogt und ſeine bei Freunde, welche dem Spaziergang am See⸗Ufer zu⸗ ch⸗ ſchritten, und in ihre Unterhaltung manchen heitern ere Scherz über das, was ſie abgeſehen hatten, einfließen 2 uß. ließen. den Der Landvogt zog bald ſeine Freunde um ſich und 4 ging in eine tiefe Unterſuchung über den Charakter des ern Feſtes ein, während welcher Signor Grimaldi ein bos⸗ hre haftes Vergnügen verrieth, den lehrſüchtigen Peter zu zu verleiten, die Verwirrung, welche hinſichtlich der Perſo⸗ Die nen aus der heiligen und Profan⸗Geſchichte in ſeinem ens Kopfe herrſchte, an das Licht zu ſtellen. Selbſt Adel⸗ die heid konnte nicht umhin, bei dem Anfang dieſer ſcherz⸗ den haften Scene zu lachen, obgleich ihre Gedanken nicht auf ſäumten, zu einem Gegenſtande zu flüchten, welcher ihr ſend leeine naͤhere und zärtlichere Theilnahme einflößte. Sigis⸗ — mund wandelte gedankenpoll an ihrer Seite und ſie be⸗ nutzte die Aufmerkſamkeit, welche alle in ihrer Umge⸗ V bung dem eben erwähnten lächerlichen Geſpräche zuwen⸗ deten, den Gegenſtand wieder aufzunehmen, welcher vor⸗ der her nur obenhin berührt worden war. „Ich hoffe, deine ſchöne und beſcheidene Schweſter 76— 78.) 2² ———— — 338— wird nie Urſache haben, ihre Wahl zu bereuen,⸗ ſagte ſie, ihre Schritte hemmend, ſo daß die Entfernung zwi⸗ ſchen ihr und denen, von welchen ſie nicht gehört zu werden wünſchte, größer ward, während ſie Sigismund näher kam;— ees iſt etwas furchtbar Widerſtrebendes für jedes jungfräuliche Gefühl, bei einer ſo entſcheiden⸗ den und feierlichen Handlung wie die, wenn das Gelöb⸗ niß der Treue abgelegt wird, ſich vor die Augen der Neugierigen und Rohen geſchleppt zu ſehen!⸗ „Arme Chriſtine! Ihr Schickſal war von Kindheit auf bemitleidswerth. Ein reinerer und milderer Geiſt, als der ihrige, ein Weſen, das empfindlicher vor rauher Berührung zurückbebt, lebt nicht; und doch ſieht ſie, wohin ſich auch ihr Auge wenden mag, nur ſchreckende Vorurtheile und Meinungen, welche ein ſo zartes Ge⸗ ſchöpf zum Wahnſinn bringen müſſen. Es mag ein Un⸗ glück ſeyn, Adelheid, der Bildung zu entbehren und verdammt zu ſeyn, ſein Leben in der Ode der Unwiſ⸗ ſenheit und in der Sclaverei roher Leidenſchaft hinzu⸗ bringen; aber es iſt kaum ein Glück, den Geiſt über die Beſchäftigungen, welche eine grauſame und ſelbſtſüchtige Welt ſo häufig aufdringt, erhaben zu fühlen.“ „Du ſprachſt von deiner ſanften und vortrefflichen Schweſter?—⸗ „Du ſchilderſt ſie richtig. Chriſtine iſt ſanft, und mehr als beſcheiden— ſie iſt demuthig. Aber was kann die Demuth ſelbſt thun, um ein ſolches Unglück auszu⸗ gleichen? Mein Vater wünſchte, den Schandfleck ſeiner Familie von allen, bei denen es möglich war, abzuwen⸗ den und ließ daher meine Schweſter, ſo wie mich, früh „ e= aus dem väterlichen Hauſe wegnehmen. Sie wurde frem⸗ den Händen anvertraut und das Geheimniß ſo ſtreng beachtet, daß ſie lange, vielleicht zu lange, in Unwiſſen⸗ heit über die Familie war, von welcher ſie ſtammte. Als ein verzeihlicher Stolz meine Mutter veranlaßte, ihrer Tochter Geſellſchaft zu ſuchen, war Chriſtinens Geiſt gewiſſermaßen gebildet und ſie mußte die Demüthigung erdulden, zu erfahren, daß ſie zu einer geächteten Fa⸗ milie gehöre. Ihr milder Geiſt verſöhnte ſie jedoch bald mit der Wahrheit, wenigſtens ſo weit menſchliche Beob⸗ achtung dringen konnte, und nach dem erſten Augenblicke eines furchtbaren Kampfes hörte ſie niemand gegen den ſtrengen Rathſchluß der Vorſehung murren. Die Erge⸗ bung dieſes ſanften Mädchens war ſtets ein Vorwurf gegen meinen eigenen ſtürmiſchen Charakter, denn, Adel⸗ heid, ich kann dir die Wahrheit nicht verhehlen— ich habe in dem Wahnſinn bei dieſem Verſchwinden aller meiner Hoffnungen Alles verwünſcht, was ich nur in meine gottloſen Verwünſchungen einzuſchließen keck ge⸗ nug war! Ja, ich habe ſelbſt meinen Vater der Ungerech⸗ tigkeit angeklagt, daß er mich nicht an der Seite des Richtſtuhls auferzog, damit ich einen wilden Stolz in dem empfände, was jetzt der Fluch meines Daſeyns iſt. Nicht ſo bei Chriſtine. Sie hat ſtets die Liebe unſerer Eltern mit Wärme erwidert, wie eine Tochter die Ur⸗ heber ihres Lebens lieben ſoll, während ich da Un⸗ willen empfand, wo ich hätte lieben ſollen. Unſere Ab⸗ ſtammung iſt ein Fluch, den die grauſamen Geſetze des Landes über uns verhängen, und darf niemanden, am wenigſten einem der jetzt lebenden, als Vergehen heim⸗ 22* — 340— gegeben werden; und ſo hat meine arme Schweſter im⸗ mer geſprochen und die Wünſche der Eltern, uns auf Koſten ihrer eigenen natürlichen Liebe Gutes zu thun, verdienſtlich gefunden. Ich wollte, ich könnte ihre Ver⸗ nunft und ihre Ergebung nachahmen!“ „Die Anſicht deiner Schweſter iſt die eines Weibes, Sigismund, deren Herz ſtärker iſt, als ihr Stolz; und was mehr iſt, ſie iſt die richtige.⸗ „Ich läugne es nicht; ſie iſt die richtige. Allein jenes übelangebrachte Mitleiden hat mich für immer un⸗ fähig gemacht, mit denen, welchen ich angehöre, gleichzu⸗ fühlen, wie ich wünſchte. Es iſt ein Irrthum, dieſe grellen Marken zwiſchen unſere Sitten und unſere Liebe zu ſtellen. Weſen, die den Ernſt des Kriegers haben, können ihre Phantaſie nicht wie ſchwanke Zweige, dder mit der Leichtigkeit eines Weibes biegen— „Die Pflicht!“ ſagte Adelheid nachdruclich, als ſie bemerkte, daß er inne hielt. „Wenn du willſt, die Pflicht! das Wort hat ein großes Gewicht bei deinem Geſchlechte und ich ſtelle nicht in Abrede, daß dies auch bei dem meinigen der Fall ſeyn ſollte.⸗ „Du mußt deinen Vater lieben, Sigismund. Die Art, wie du eingeſchritten biſt, um ſein Leben zu retten, als wir in jenem furchtbaren Kampf des Sturmes wa⸗ ren, widerlegt deine Worte.⸗ „Der Himmel verhüte, daß es mir an einem natür⸗ lichen Gefühle dieſer Art fehle; und doch iſt es ſchreck⸗ lich, Adelheid, die, welchen wir unſer Leben danken, nicht verehren, innig lieben zu können. Chriſtine iſt darin — 341— viel glücklicher als ich, ein Vorzug, den ſie ohne Zweifel ihrer einfachen Lebensweiſe und dem vertrautern Um⸗ gang mit zärtlichen Freundinnen verdankt. Ich bin der Sohn eines Scharfrichters; dieſe bittere Wahrheit iſt meinen Gedanken ſtets gegenwärtig, wenn ſie ſich in die Heimath und zu jenen Scenen wenden, an welchen ich mich ſo gern erfreute. Balthaſar mag es gut gemeint haben, als er mich in Sitten, ſo verſchieden von den ſeinigen, erziehen ließ; aber um das gute Werk zu vollen⸗ den, durfte der Schleier nie weggezogen werden.“ Adelheid ſchwieg. Obgleich ſie die Gefühle verſtand, welche einen Mann beherrſchten, der ſo verſchieden von denen, welchen er entſtammte, erzogen war, ſo war doch ihre Denkweiſe dem Nachhangen ſolcher Betrachtungen entgegen, welche die Ehrerbietung des Kindes gegen ſei⸗ nen Vater untergraben konnten. „Wer ein Herz hat, wie das deinige, Sigismund, kann ſeine Mutter nicht haſſen!“ ſagte ſie nach einer Pauſe. „Darin läßt du mir nur Gerechtigkeit widerfahren; meine Worte haben meine Gedanken ſchlecht ausgedrückt, wenn ſie einen ſolchen Eindruck hinterließen. In beſon⸗ neren Augenblicken habe ich meine Geburt ſtets nur als ein Unglück angeſehen, und meine Erziehung halte ich für einen Grund mehr, meine Eltern zu ehren und dank⸗ bar gegen ſie zu ſeyn, obhgleich ſie mich in einem gewiſſen Grade unfähig gemacht hat, mit Innigkeit in ihre Ge⸗ fühle einzugehen. Chriſtine ſelbſt iſt nicht treuer, liebt nicht hingebender, als meine arme Mutter. Man muß dieſes vortreffliche Weib ſehen und kennen, Adelheid, um — 342— all das Unrecht zu begreifen, das die Welt durch ihre grauſamen Sitten anſtiftet.“ „Wir wollen jetzt nur von deiner Schweſter ſprechen. Hat man hier über ihre Hand verfügt, ohne ihre Wünſche zu berückſichtigen, Sigismund?⸗ „Ich hoffe es nicht. Chriſtine iſt weich, aber wäh⸗ rend weder Wort noch Blick die Schwäche verräth, fühlt ſie doch die Laſt, die uns beide niederdrückt. Sie hat ſich lange daran gewöhnt, ihre eigenen Verdienſte nur vermittelſt dieſer Erniedrigung zu ſehen und hat auf ihre trefflichen Eigenſchaften einen zu geringen Werth gelegt. Viel, ſehr viel hängt in dieſem Leben davon ab, daß wir uns gewöhnen, uns ſelbſt zu ſchätzen, Adelheid; denn wer bereit iſt, Unwürdiges zuzulaſſen,— ich ſpreche nicht von einer Schuld gegen Gott, ſondern gegen Menſchen — der wird ſich bald durch Gewohnheit mit einer Richt⸗ ſchnur vertraut machen, die unter ſeinen gerechten An⸗ ſprüchen iſt und vielleicht damit endigen, daß er das wird, was ihm Schrecken einflößte. Dies war die Folge von Chriſtinens Bekanntſchaft mit ihrer Abkunft; denn ihr weiches Gemüth ſieht eine Art Großmuth darin, dieſen großen Flecken zu überſehen und ſo neigte ſich ihr Geiſt zu ſehr, den Jüngling mit einer Anzahl Tugenden auszuſtatten, welche zu ihrer Achtung durchaus nothwen⸗ dig ſind, welche aber, wie ich fürchte, nur in ihrer war⸗ men Phantaſie leben.“ „Das berührt den ſchwerſten Zweig der menſchlichen Erkenntniß,“ erwiederte Adelheid, über den aufgeregten Bruder mild lächelnd—eine gerechte Würdigung unſrer ſelbſt. Wenn eine Gefahr dabei iſt, unſere Verdienſte — 343— zu gering anzuſchlagen, ſo iſt auch das überſchätzen unſrer ſelbſt nicht ohne Gefahr, obgleich ich den Unterſchied voll⸗ kommen begreife, den du zwiſchen gemeiner Eitelkeit und jener Selbſtachtung machſt, welche gewiß für den nicht ganz unentbehrlich iſt, der glücklich werden will. Ein Weſen aber, wie du deine Schweſter geſchildert haſt, wird ihre Liebe kaum jemand zuwenden, den ſie derſel⸗ ben nicht vollkommen würdig hält.⸗ „Adelheid, du, die den Haß der Welt nie gefühlt hat, du begreifſt nicht, wie lockend Achtung und Verehrung für den werden können, der unter der Wucht des erſtern ſich abhärmt. Meine Schweſter hat ſich ſo lange ge⸗ wöhnt, ihre Hoffnungen gering anzuſchlagen, daß der Schein von Großmuth und Gerechtigkeit bei dieſem jun⸗ gen Manne allein ſchon hingereicht hätte, ihre Gefühle zu ſeinen Gunſten zu ſtimmen. Ich kann nicht ſagen, ich glaube— denn Chriſtine wird bald ſein Weib ſeyn — ich will ſagen, ich fürchte, die einfache Thatſache, daß er ein Weſen gewählt hat, das die Welt verfolgt, hat ihm einen Werth in ihren Augen gegeben, den er ſonſt nicht beſeſſen hätte.⸗ „Du ſcheinſt die Wahl deiner Schweſter nicht zu billigen?⸗ „Ich kenne die Einzelnheiten des widrigen Handels beſſer als Chriſtine,“ antwortete der junge Mann, zwi⸗ ſchen ſeinen Zähnen ſprechend, wie jemand, der eine bittere Erregung zurückdrängt.—„Ich war mit den gie⸗ rigen Forderungen auf der einen, und mit den demüthi⸗ genden Zugeſtändniſſen auf der andern Seite bekannt. Nicht einmal Geld konnte Balthaſars Kinde dieſe Gnad' —n— 2 — —. 341— erkaufen— die Bedingung mußte dazu kommen, daß der unauslöſchliche Schandfleck ihrer Geburt für immer verborgen bliebe.“ Adelheid ſah an dem kalten Schweiße, der auf Si⸗ gismunds Stirne ſtand, wie furchtbar er litt und ſie ſuchte ſogleich eine Gelegenheit, ſeine Gedanken auf ei⸗ nen minder beunruhigenden Gegenſtand zu lenken. Mit der Gewandtheit ihres Geſchlechtes und mit der Feinheit und Zartheit eines Weibes, das wahrhaft liebte, fand ſie Mittel, ihre freundliche Abſicht zu verwirklichen, ohne ſeinen Stolz nochmals aufzuregen. Es gelang ihr, ſeine Gefühle ſo weit zu beruhigen, daß, als ſie ſich ihrer Ge⸗ ſellſchaft wieder anſchloſſen, das Auſſere des jungen Man⸗ nes völlig jene ruhige und ſtolze Faſſung wieder gewon⸗ nen hatte, zu welcher er gegen das Bewußtſeyn des Flek⸗ kens, der ſeine Hoffnungen verdüſterte, indem er das Leben ſelbſt haufig zu einer faſt zu unerträglichen Bürde machte, ſeine Zuflucht zu nehmen ſchien. — aß ter Si⸗ ſie ei⸗ Nit eit nd ne ine He⸗ an⸗ on⸗ lek⸗ das rde In demſelben Verlage ſind folgende emplehlenswerthe Schrikten erſchienen und um beigeſetzte Preiſe durch alle ſolide Buch⸗ handlungen zu beziehen. Adrian, Dr., Bilder aus England. Zwei Theile mit 6 Kupfrn. Rthlr. 3. 12 gr. od. fl. 6. —— Skizzen aus England. Zwei Bände. Rthlr. 3. 12 gr. oder fl. 6. Die Halliſche, Jenaiſche und Leipziger Lite⸗ ratur⸗Zeitungen, das Berliner Converſations⸗ blatt, die Blätter für literariſche Unterhal⸗ tung, Heſperus u. A. haben ſich über dieſe Werke auf das Vortheilhafteſte ausgeſprochen. Das ausgezeichnete Darſtel⸗ ler⸗CTalent, die leichte, lebendige Schilderungsgabe des Ver⸗ faſſers, der reizende Wechſel der Gegenſtände, das Intereſſe⸗ das den Leſer vom Anfang bis zum Ende feſſelt, und der elegante Styl ſowie die Wahl der Gegenſtände, die treue, ſtets aus dem Leben gegriffene Darſtellung des anziehenden Landes, in welches uns der Verfaſſer einführt, in welchem er uns heimiſch macht, die liebenswürdigen und wunderlichen Charaktere, mit denen er verkehrt und die er ſo treffend ſchildert,— alles das ſind Vorzüge, welche die eben ſo un⸗ terhaltenden, als lehrreichen Bilder und Skizzen aus England auszeichnen und ihnen in gebildeten Kreiſen einen ſo großen Beifall gewonnen haben.. Aſchbach, Dr. J., Geſchichte Spaniens und Portugals zur Zeit der Herrſchaft der Almo⸗ raviden und Almohaden. Erſter Theil. gr. 8. Auf Druckpap. Rthlr. 2. 12 gr. od. fl. 4. 30 kr. Auf Velinpap. Rthlr. 3. od. fl. 5. 12 kr. Byron, Lord, ſämmtliche Werke, herausgege⸗ ben von Dr. Adrian. Mit dem Bildniſſe des Verfaſſers, einem Facſimile ſeiner Hand⸗ ſchrift und einer Anſicht von Newſtead⸗Abtey. 12 Bände. Geh. Auf geglättetem Velinpapier Rthlr. 8. 12 gr. oder fl. 14. Auf weißem Druckpapier Rthlr. 6. 18 gr. oder fl. 11. Dieſe Ausgabe iſt vollſtändiger, als irgend eine bis jetzt in engliſcher Sprache erſchienene, und mit der größ⸗ ten Sorgfalt, mit Sachkenntniß und Geſchmack von einem Vereine rühmlichſt bekannter Männer ausgeführt; keinerlei Rückſicht konnte das Auslaſſen auch nur einer einzigen Stelle bedingen. Obgleich nun dieſelbe um 15 Octavbogen ſtär⸗ ker wurde, wird dennoch vorerſt der äußerſt bil⸗ lige Subſcriptionspreis beibehalten. Die vorzüglichſten kritiſchen Blätter haben ſich über dieſe Ausgabe auf das Vortheilhafteſte ausgeſprochen. Eins ausführliche Beurtheilung in der Halliſchen Lit. Zei⸗ tung[1832. 195] beginnt: „Wir ſehen hier ein Unternehmen vollendet, in wel⸗ chem die Univerſalität des Geiſtes unſerer Sprache einen threr glänzendſten Triumphe feiert. Wie möchte auch der Franzoſe oder der Italiener die kühne Kraft des engliſchen Dichters wiederzugeben vermögen, wie den freien Schwung ſeines Geſanges, die Tiefe zerreißender und verſöhnender Gefühle, die verwegene Bildung der Sätze und einzelner Worte, die tauſend bedeutungsvollen Nüancen, welche Bw ron gleichſam tändelnd, aber nie ohne Abſicht und Be⸗ wußtſeyn, hinwirft?“ Cooper's ſämmtliche Werke, 75 Bändchen. Geh. Ausgabe auf Druckvelinpap. Rthlr. 13. 16 gr. oder fl. 21. 24 kr. Auf Druckpapier Rthlr. 9. 2 gr. oder fl. 14. 36 kr. Dieſelben enthalten: Der Spion.— Der Letzte der Mohikaner.— Die Anſiedler.— Der Lootſe.— Lionel Lincoln.— Die Steppe.— Der rothe Freibeuter.— Dis Nordamerikaner.— Die Grenzwohner.— Die Waſſernixe. — Der Bravo.— Die Heidenmauer. Döring, Georg, Stimmen des Lebens. Drei Erzählungen. Rthlr. 1. 16 gr. od. fl. 2. 48 kr. —— Sonnenberg. Eine Novelle in 3 Thei⸗ len. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. oder fl. 8. 24 kr. —— die Mumie von Rotterdam. Eine No⸗ velle. 2 Theile. Geh. Rthlr. 3. 4 gr. oder fl. 5. 30 kr. —— der Hirtenkrieg. Novelle in 3 Theilen. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. oder fl. 8. 24 kr. —— das Kunſthaus. Novelle in 3 Theilen. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. oder fl. 8. 24 kr. —— van Speyk. Ein Heldengedicht. Geh. 9 gr. oder 40 kr. —— Novellen. 4 Theile. Ausgabe auf Velinpapier Rthlr. 6. oder fl. 10. 48 kr. Ausgabe auf Druckpap. Rthlr. 5. od. fl. 9. —— das Opfer von Oſtrolenka. Novelle in 3 Theilen. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. od. fl. S. 24 kr. —— Roland von Bremen. Novelle in 3 Thei⸗ len. Geh. Rthlr. 4. 20 gr. oder fl. 8. 24 kr. —— Phantaſiegemaͤlde. 5 Jahrgänge. 1829 bis 1833. Jeder Jahrgang mit einem Titel⸗ kupfer von Fleiſchmann. Geb. à Rthlr. 1. 12 gr. oder fl. 2. 45 kr. —— die Geiſelfahrt. Eine Erzählung aus dem vierzehnten Jahrhundert. 3 Bände. Rthlr. 4. 20 gr. oder fl. 8. 24 kr. —— Tage der Vorzeit. Dramatiſches Gedicht in vier Darſtellungen, aus der Geſchichte der freien Stadt Frankfurt. 1. Die Gründung. 2. Der Kaiſerſitz. 3. Die Wahlſtadt. 4. Guſtav Adolphs Abſchied von Frankfurt. Cartonirt. Rthlr. 1. 8 gr. oder fl. 2. 15 kr. Rthlr. 5. 8 gr. oder fl. 9. —— dramatiſche Novellen. 4 Theile. Rthlr. 5. 8 gr. oder fl. 9. —— Erholungsſtunden. Zeitſchrift fuͤr gebil⸗ dete Leſer. Sechster Jahrgang 1833. 12 Hefte. Rthlr. 5. oder fl. 8. Dieſe Dichtungen des berühmten Herrn Verfaſſers ha⸗ ben ſich des außerordentlichſten Beifalls nicht allein von Deutſchland, ſondern auch theilweiſe von England und Frankreich, wohin ſie talentvolle Ueberſetzer verpflanzt, zu erfreuen. Mit Recht nennen ihn kritiſche Blätter den deut⸗ ſchen Cooper; denn wie er gleich dieſem genialen Schrift⸗ ſteller einen Reichthum der Erfindung entfaltet, eine ſcharfe Charakteriſirung in allen Individuen aufſtellt, ſo gelingen ihm auch ebenſo die Schilderungen von Naturſcenen, die Darſtellungen reizender und romantiſcher Lokalitäten, mit allen dichteriſchen Details, welche dazu beitragen, ein Bild zum Kunſtwerke zu erheben. Daß die reinſte Moralität in allen ſeinen Dichtungen vorherrſche, und ſie deshalb ohne Anſtand jeder Jungfrau in die Hand gegeben werden kön⸗ nen, iſt allgemein anerkannt. Duller, Eduard, Franz von Sickingen. Dra⸗ matiſches Gedicht in fünf Abtheilungen. 8. geh. Rthlr. 1. 8 gr. oder fl. 2. 20 kr. Friederich, Dr. G., Serena. Die Jungfrau bei und nach ihrem Eintritte in die Welt. Vierte umgearbeitete und verbeſſ. Auflage. 8. Auf ordin. Pap. Geh. Rthlr. 1. 21 gr. dder fl. 3. 20 kr. Cartonirt auf Velinpap. Rthlr. 2. 12 gr. oder fl. 4. 30 kr. Gersbach, A., Wandervögelein oder Samm⸗ lung von Reiſeliedern, nebſt einem Anhange von Morgen⸗ und Abendliedern. In vier⸗ ſtimmigen Tonweiſen. Zweite verbeſſerte Auflage. 12. geh. 16 gr. oder fl. 1. 12 kr. Döring, Georg, Erzählungen. 4 Theile. 8. Irving, Waſhington, ſämmtliche Werke. Aus dem Engliſchen üͤberſetzt. 47 Bändchen. Geh. Auf Velinpap. Rthlr. 8. 18 gr. od. fl. 14. 36 kr. Auf ordin. Druckp. Rthlr. 6. 4 gr. od. fl. 10. 6 kr. Dieſelben enthalten: Das Skizzenbuch.— Erzählun⸗ gen eines Reiſenden.— Bracebridge⸗Hall.— Eingemach⸗ tes.— Die Geſchichten des Lebens und der Reiſen Chri⸗ ſtoph's Columbus.— Die Eroberung von Granada.— Humoriſtiſche Geſchichte von New⸗York.— Reiſen der Ge⸗ fährten des Columbus.— Die Alhambra, oder das neue Skizzenbuch. Kittlitz, Kupfertafeln zur Naturgeschichte der Vögel. 1tes bis 3tes Heft. Rthlr. 3. oder fl. 3. 15 kr. König, H., die Wallfahrt. Eine Novelle. Rthlr. 1. 8 gr. oder fl. 2. 24 kr. Aus der Niederung eines geheimen Vergehens führt uns die anmuthige Erzählung zur Höhe eines Hülfsberges und zum Ueberblick alles Wallfahrenden auf Erden.— Einheit der Idee in ihrer verſchiedenen Lichtbrechung, heitre Dar⸗ ſtellung bei tiefer Bedeutſamkeit und die dem Verfaſſer eigne Jronie zeichnen dieſes Büchlein aus, das der Leſer nicht ohne Erquickung durch guten Humor und erfreuliche Anſich⸗ ten des Lebens weglegen wird. Der verkappte Jeſuit knüpft die Fabel an die jüngſte Zeit an. Kupferſammlung zu Cooper's ſaͤmmtlichen Werken. Erſte Lieferung. 20 gr. oder fl. 1. 24 kr. Zweite Lieferung. 16 gr. oder fl. 1. 12. Dieſelben enthalten: der Spion; der Letzte der Mohikaner; die Anſiedler; der Lootſe; Lionel Lincoln; die Steppe; der ro⸗ the Freibeuter; die Grenzwohner; die Waſſer⸗ nixe; der Bravo. —— zu Irving's ſaͤmmtlichen Werken. Erſte Lieferung. 16 gr. oder fl. 1. 12 kr. Zweite Lieferung. 8 gr. oder 36 kr.— Dieſelben enthalten: das Skizzenbuch; Erzaͤhlungen eines Reiſenden; Bracebridge⸗ „Hall; Eingemachtes; Leben und Reiſen des Columbus. Lautir⸗Buchſtabir⸗ und Leſe⸗Spiel für Kinder. Dritte verbeſſerte und vermehrte Auflage. In einem eleganten Käſtchen. 12 gr. oder 48 kr. Nänny, J. C., Gedichte. Rthlr. 1. 6 gr. od. fl. 2. Der Name des Herrn Nänny iſt den Freunden der Dichtkunſt aus Taſchenbüchern und Zeitſchriften ein erfreu⸗ licher Klang geworden, der immer irgend ein aus der Tiefe der Gemüths⸗ und Phantaſiewelt geſchöpftes Product ankün⸗ digt. Vorzüglich aber ſind es heitre, liebliche Melodieen, die irgend eine gefühlvolle Anſchauung, eine poetiſche Er⸗ kenntniß des Lebens und der Natur enthalten, welche der Muſe des Herrn Nänny gelingen. Sie iſt ein reiches Kind, aber ihr Reichthum beſteht in Blumen und dieſe ſind wiederum einfache Blumen der Wieſe, traulich dem Herzen, wie dem Vaterlande, ein ſinnigek Strauß für ſinnige Freunde der Poeſte. Oefele, Freiherr von, Bilder aus Italien. 2 Bände. Geh. Rthlr. 2. 20 gr. od. fl. 4. 48 kr. Wir dürfen dieſe Bilder, hauptſächlich der Wahrheit und Lebensfriſche wegen, die ſie karakteriſiren, empfehlen. Es ſind Erfahrungen, die der Verfaſſer unter dem reizenden Himmelsſtriche Heſperiens geſammelt, es ſind ſeine oft höchſt eigenthümliche Anſichten, in denen uns ſo Vieles ſchon vielfach Beſprochene wiederum neu erſcheint, es ſind Ergeb⸗ niſſe heitrer und romantiſcher Natur, welche hier in kecken Zügen, in warmen Localfarben zu Gemälden vereinigt wer⸗ den, die den Beſchauer anziehn, belehren und ergötzen. Offen und einfach, wie Yorick, erzählt der Verfaſſer, unabſichtlich zur Hauptfigur ſeiner Bilder werdend, in deren Weſen ſich die Menſchlichkeit mit ihren tauſendfachen Schattirungen ſpiegelt. Platen, Graf von, Geſchichten des König⸗ reichs Neapel von 1414 bis 1443. Rthlr. 1. 16 gr. oder fl. 2. 48 kr. —jꝛ— Platen, Graf von, die Liga von Cambrai. V Geſchichtliches Drama in 3 Akten. geh. 12 gr. oder 54 kr. V Rückert, Fr., Nal und Damajanti. Eine in⸗ . diſche Geſchichte. Rthlr. 1. 18 gr. od. fl. 2. 48 kr. t 4 Das Publikum erhält hier eine, von dem rühmlich be⸗ kannten Dichter Rückert, mit aller ihm in ſo ſeltenem Grade eigenen Sprachfertigkeit und Reimfülle übertragene indiſche Dichtung, bei der aber alles Fremdartige, ohne Studium der indiſchen Poeſie Unverſtändliche, vermieden iſt⸗ n* . ſo daß ſie als eine ſinnige Liebeserzählung erſcheint, über 6 welche ſich nur ein leiſer fremdartiger, aber lieblichſüßer 5 Duft ausbreitet und ſie umweht. Das Mythologiſche, völ⸗ 1 lig verſtändlich, erſcheint in der Figur, welche am bedeu⸗ 9 tendſten eingreift, nur als Allegorie des böſen Gelüſtens, F welches in unſrer Bruſt wohnt. Liebe, in bezaubernder 3 5 Schilderung, ihre Lerden und Treue bilden den Inhalt des d Büchleins, und wem Sinn für wahre Poeſie einwohnt, wird 2 an dieſer Dichtung, und wem Sinn für Sprachſchönheit und 6 Ausdruck einwohnt, wird an Rückert's Verſen ein Vergnü⸗ gen genießen, wie es ſelten geboten wird. . Shakspeare, William, The Plays. Vol. I. Con- . taining: The Merchant of Venice. 12. geh. 4 8 gr. oder 36 kr. 3—— Vol. II. Containing: King Learz. 12. geh. t 8 gr. oder 36 kr. n—— Vol. III. Containing: Hamlelt, Prince of Denmark. 12. geh. 8 gr. oder 36 kr. ““ 4 3 Storch, L., die Intrigue. Eine Novelle in 1 4 2 Theilen. Zweite verbeſſerte Auflage. Rthlr. 1. 5 18 gr. oder fl. 3. 5—— die Beguine. Hiſtoriſcher Roman aus der 5 Mitte des 14. Jahrhunderts. 3 Theile. Rthlr. 4. 20 gr. oder fl. 8. 24 kr. Taſchenbuch, Rheiniſches, auf das Jahr 1834. Mit 8 Stahlſtichen. Rthlr. 2. od. fl. 3. 36 kr. Dieſer neueſte Jahrgang empfiehlt ſich durch das An⸗ muthvolle der Beiträge ſowohl, als auch durch die künſtle⸗ riſche Ausſtattung. Das Titelkupfer zeigt uns einen unſrer vorzüglichſten Schriftſteller, Georg Döring. Die übri⸗ gen Kupfer behandeln Gegenſtände aus den Werken Lord Byron’'s, des erſten Dichters unſers Jahrhunderts. Sie ſind theils in England, theils von deutſchen Künſern ge⸗ fertigt und tragen alle das Gepräge der höchſten Vol⸗ lendung; einzelne derſelben ſind Meiſterwerke, wie ſie wohl noch nie vollendeter geboten wur⸗ den. Der Verleger glaubt dem fortſchreitenden Geſchmack und den höchſten Anforderungen an eine ſolche literäriſche Gabe Genüge gethan zu haben.. Walker, G., Anweiſung zum Schachſpielen. Die vorzüglichſten Spieleröffnungen und End⸗ ſpiele, nebſt einigen eigenthümlichen Stellun⸗ gen, und fünfzig ausgewählten Aufgaben ent⸗ haltend. Aus dem Engliſchen überſetzt und mit Anmerkungen begleitet von J. F. Schierek. Geh. 21 gr. od. fl. 1. 30. Der Ueberſetzer dieſes Werkchens hat allen Freunden des geiſtvollen Sviels durch ſeine Arbeit einen gewiß dan⸗ kenswerthen Dienſt geleiſtet. Nicht nur der Anfänger, der ſich belehren will, gewinnt hier raſch einen klaren und voll⸗ ſtändigen Ueberblick, ſondern auch der erfahrene Schachſpieler wird ſich mancher geiſtvoll entworfenen Spiele, mancher in⸗ tereſſanten Eröffnungen und Endigungen erfreuen. Der Ver⸗ faſſer hat auf Philidors Syſtem fortgebaut, allein auch an⸗ dere große Meiſter ſind nicht unbenutzt geblieben und was er ſelbſt aus eigenen Erfahrungen hinzuthut, gehört zu den ausgezeichnetſten Leiſtungen in dieſem Fache. Zschokkes popular history of Switzerland. From the German:— with the author's subsequent alterations of the original Work by W. Howard Howe. Cart. 12. Rthlr. 1. 18 gr. oder fl. 3. — ———— ————— 1IENNNIETnTn