— 8½ Me Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Ceſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen 2 uches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3.(Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 1 1 — —————5 —jj— 8* — 1 CEvovper 3 ſaͤmmtliche Werke. 4 Ueberſetzt von Mehreren und herausgegeben von Chriſtian Auguſt Fiſcher. 6 Sieben⸗ bis neun und dreißigſtes Bändchen. Der rothe Freibeuter. Erſtes bis drittes Baͤndchen. ——‧D———ꝭQ—C—O———— ꝗ-Be 4 Frankfurt am Main, 1828. Gedruckt und verlegt bei Johann David Sauerländer. Derrothe Freibeuter. Eine 4 Er z äh l u n g V von C ooyper. A u 3 dem Engliſchen überſetzt von 8 3 Karl Meurer. — „Ihr ſprecht wie Ehrliche; geb' Gott⸗ ihr zeigt 8. Erſtes bis drittes Baͤndchen. Frankfurt am Main, 1828. Gedruckt und verlegt bei Johann David Sauerlaͤnder. Vorre Der Verfaſſer hielt bei einer früheren Gelegenheit es für nöthig zu erklären, daß in ſeinen Skizzen über das Seeleben er ſich nicht verbunden glaudte, ſo gar ſtreng der Zeitordnung in den Verbeſſerun⸗ gen des Schiffsweſens nachzukommen. Er iſt ſicher, daß auf den folgenden Seiten keine ſehr bedeu⸗ tende Abweichung von der Chronologie ſich finden wird. Sollte jedoch ein ſcharfſichtiger Eritikus des Oceans entdecken, daß irgendwo ein Tau durch einen falſchen Leitblock läuft, oder ein Wort auf eine Weiſe buchſtabirt iſt, die ſeinen wahren Laut ver⸗ nichtet, ſo erinnern wir ihn an die Pflicht die er auf ſich hat, dieſes gütigſt jedem andern Umſtand, nur nicht der Unwiſſenheit ſeines Mitbruders zuzu⸗ ſchreiben. Er muß ſich erinnern, daß eine gar große Anzahl von Landbewohnern ſowohl in dem mechaniſchen als mehr geiſtigen Theil der Buchma⸗ cherei angeſtellt iſt, eine Thatſache, die ſchon an und für ſich die zahlloſen Unvollkommenheiten er⸗ klärt, welche gerade noch dieſen Theil des Geſchafts verwirren. Mit der Zeit wiro man ohne Zweifel ein Mittel gegen dieſes himmelſchreiende Uebel finden⸗ und dann kann die Welt hoffen die verſchiedenen — — — eeTraccene Zweige des Buchhandels ein wenig beſſer geordnet zu ſehen. Das wahre goldne Zeitalter der Literatur kann nicht erſcheinen, als bis die Werke in ihrem Druck genau ſind wie ein Schiffsbuch,— in ihrem Inhalt körnig wie ein Wachtrapport. Ueber den weniger wichtigen Punkt des Stoffes, der vielleicht mit ſehr geringem Erfolg in gegen⸗ wärtigem Verſuch verarbeitet wird, iſt der Verfaſſer nicht geneigt, ſo gar vieles mitzutheilen. Erhellt deſſen Wahrheit nicht aus der Art, wie er die Be⸗ gebenheiten in der Erzählung ſelbſt dargelegt hat, ſo muß er ſich nothgedrungener Weiſe unter dem Vor⸗ wurf zufrieden geben, ihn durch ſeine eigene Unbe⸗ hülflichkeit entſtellt zu haben. Alle Beweiſe zerfallen der Natur der Sache nach in drei große Klaſſen,— die poſitive, negative und circumſtantielle. Die erſte und letzte werden allgemein als zum größten Anſehn berechtigt anerkannt, während die noch übrige nur beim Mangel der beiden andern in Anſpruch ge⸗ nommen werden darf. Von der poſitiven Wahrheit des Inhalts iſt das Buch ſelbſt ein ſchlagender Be⸗ weis; auch hofft man, daß es nicht an Umſtänden fehlen ſoll, dieſe wünſchenswerthe Eigenſchaft zu unterſtützen. Sind aber dieſe beiden Haupt⸗Punkte zugegeben, dann überlaſſen wir die, welche noch zu mäͤkeln geneigt ſind, dem vollen Genuß ihres Negirens, womit wir ihnen den Erfolg wünſchen, den die ganze Sache gerade verdient. —— Erſtes Kapitel. [.O.— „Mars nehm' Euch gütig auf als ſeine Probeſchüler.“ Ende gut, alles gut. Niemand der mit dem Larm und der FThaͤtigkeit einer amerikaniſchen Handelsſtadt bekannt iſt, wuͤrde in der Ruhe, welche jetzt auf dem alten Markt von Rhode Island herrſcht, einen Ort wiedererkennen, welcher zu ſeiner Zeit eine Stelle unter den wichtigſten Häͤfen auf der ganzen Linie unſrer ausgedehnten Kuͤſte einnahm. Es moͤchte beim erſten Blick ſcheinen, die Natur habe ausdruͤcklich den Platz dazu ge⸗ bildet, um des Seemanns Beduͤrfniſſen zuvorzukommen und ſeine Wuͤnſche zu verwirklichen. Im Beſitz der vier großen Erforderniſſe eines ſichern und bequemen Hafens— naͤm⸗ lich ruhiges Becken, Auſſerhafen, paſſende Rhede und freie Abfahrt— ſchien Newport unſern europaͤiſchen Vorfahren zur Herberge fuͤr Flotten, zur Amme einer Race abgehaͤr⸗ teter, erfahrener Seeleute beſtimmt. Die letztre Vermu⸗ thung iſt nicht ganz getaͤuſcht worden/ aber wie wenig hat die Wirklichkeit der Erwartung in Hinſicht des erſtren Punktes entſprochen! Eine gluͤckliche Nebenbuhlerin hat ſich ſelbſt in der unmittelbaren Naͤhe dieſer vermeintlichen Be⸗ guͤnſtigten der Natur erhoben, um die Berechnung des Han⸗ delsſcharfſinns zu Schande zu machen und ein neues Bei⸗ ſpiel zu den tauſenden ſchon beſtehenden hinzuzufuͤgen, daß die Weisheit des Menſchen Thorheit iſt. Es gibt innerhalb unſerer weiten Genzen wenig Staͤdte von einiger Groͤße, worin ſo wenig waͤhrend eines halben Jahrhunderts ſich veraͤndert hat, wie in Newport. Bis die ungeheuren Huͤlfsquellen des Innern aufgedeckt wurden, war das reizende Eiland, worauf die Stadt ſteht, ein auser⸗ waͤhlter Zufluchtsort der herbeiſtroͤmenden Pflanzer des Suͤ⸗ dens, die vor der Hitze und den Krankheiten ihres brennen⸗ den Himmelsſtrichs flohen. Hierher eilten ſie in Menge, um die ſtaͤrkende Luft der See einzuathmen. unterthänen derſelbe: Regierung trafen hier die Einwohner der Carolina und Jamaika's friedlich zuſammen; um ihre gegenſeitige Lebens⸗ apt und Politik zu vergleichen, und ſich einander in einer gemeinſamen Taͤuſchung zu beſtaͤrken, welche beider Nach⸗ koͤmmlinge im dritten Grad anfangen zu bemerken und zu bedauern. Dieſe Gemeinſchaft hatte auf die einfachen und uner⸗ fahrnen Nachkoͤmmlinge der Puritaner ihre Einfluͤſſe, gute und boͤſe. Waͤhrend die Einwohner aus dieſem Ver⸗ kehr einen Theil jener gefaͤlligen, freundlichen Hoͤflichkeit zogen, durch die ſich die Vornehmeren der ſuͤdlichen oritiſchen Kolonien ſo ſehr auszeichneten, verfehlten ſie auch nicht etwas „—— —— SV ᷣ von jenen beſondern Begriffen einzuſaugen, die den Unter⸗ ſchied unter den Menſchen betreffein, und wodurch ſie nicht weniger ſich bemerklich machen. Rhode Island war die vorderſte unter den Neu⸗ England⸗Provinzen, wie ſie von den Sitten und Meinungen ihrer einfachen Voreltern ab⸗ wichen. Es gab den erſten Stoß jener ſtrengen, widerwaͤr⸗ tigen Haitung, welche man ſonſt fuͤr eine nothwendige Be⸗ gleiterin wahrer Religion, fuͤr eine Art aͤuſſerlichen Bewei⸗ ſes von der geſunden Beſchaffenheit des innern Menſchen hielt; es that den erſten offenen Schritt, der von jenen hei⸗ ligenden Grundſaͤtzen abfuͤhrte, welche ſelbſt ein weit ab⸗ ſtoßenderes Benehmen gut machen konnten. Durch ein ſon⸗ derbares Zuſammentreffen von Umſtaͤnden und Eigenſchaften, das freilich eben ſo verwirrend als wahr iſt, wurden die Kaufleute von Newport zu gleicher Zeit Sclavenhaͤndler und artige, hoͤfliche Leute. Welches aber auch immer der moraliſche Zuſtand ſeiner Eigenthuͤmer gerade um 1759 ſeyn mochte, das Eiland ſelbſt war nie reizender und lieblicher. Seine ſchwellenden Hoͤhen waren noch bekraͤnzt von Waͤldern von Jahrhun⸗ derten; ſeine kleinen Thaͤler damals mit dem lebendigen Gruͤn des Nordens bedeckt, und ſeine anſpruchloſen, aber nied⸗ lichen bequemen Villen lagen geborgen in Hainen und ge⸗ bettet in Blumen. Die Schoͤnheit und Fruchtbarkeit des Landes gewann ihm einen Namen, der vielleicht mehr ſagte, als in ſo fruͤher Zeit recht verſtanden ward. Die Einwoh⸗ ner hießen ihre Inſel den Garten von Amerika. Auch ihre Gaͤſte von den verbrannten Ebenen des Suͤdens weigerten ſich nicht, einen ſo hohen Namen dem Ausgezeichneten zu geben. Der Name kam ſelbſt bis auf unſre Zeit, auch gab man ihn erſt dann gaͤnzlich auf, als der Wandrer die tauſend weiten, lieblichen Thaͤler erſchauen durfte, die fünf⸗ zig Jahr vorher begraben lagen in den dichten Schatten des Waldes, Der eben genannte Zeitpunkt war eine hochwichtige Pe⸗ riode fuͤr die britiſchen Beſitzungen auf dieſem Kontinent. Ein blutiger, raͤchender Krieg, der mit Niederlage und Ungruͤck begonnen hatte, ſollte mit Triumph enden. Frank⸗ reich war ſeiner letzten Beſitzungen an der Meerenge be⸗ raubt, waͤhrend das ausgedehnte Land, das zwiſchen der Hudſons Bay und Spaniens Gebiet lag, ſich Englands Herrſchaft unterwarf. Die Koloniſten hatten viel zum Sieg des Mutterlandes beigetragen. Verluſt und Schmach, welche die bethoͤrten Vorurtheile der europaͤiſchen Befehlshaber ſich zugezogen hatten, begann uͤber den Stolz des Triumphs vergeſſen zu werden. Braddock's Mißgriffe, Loudon's Traͤg⸗ heit und Abercrombie's Unmacht wurden durch Amherſt's Kraft und Wolfe's Genie verguͤtet. In allen Theilen des Erd⸗ kreiſes triumphirten Britaniens Waffen. Die loyalen Pro⸗ vinzleute waren unter den lauteſten mit ihrem Jauchzen und Freudegeſchrei, und ſchloſſen gerne die Augen bei der geringen Anerkennung, welche ein maͤchtiges Volk immer ungern ſeinen von ihm abhaͤngigen Kolonien widerfahren laͤßt, als mehre ſich Liebe zum Ruhm, wie der Geiz durch die Mittel zu ſeiner Befriedigung. Das Syſtem der Bedruͤckung und Mißhandlung, welches 8 — — 11— eine Trennung beſchleunigte, die fruͤher oder ſpaͤter haͤtte eintreten muͤſſen, hatte noch nicht begonnen. Das Mutter⸗ Land war, wenn nicht gerecht, doch noch gefaͤllig. Gleich allen alten, großen Nationen uͤberließ es ſich dem ange⸗ nehmen, aber gefaͤhrlichen Vergnuͤgen der Selbſtbeſchauung. Die Tugenden und Verdienſte einer Menſchenrage, die man fuͤr niedriger hielt, wurden bald vergeſſen, oder wenn man ſich ihrer erinnerte, geſchah es, um ſie zu entſtellen und zu tadlen. Als dieß mit der Unzufriedenheit der Buͤrgerzwiſte wuchs, fuͤhrte es zu noch auffallenderer Ungerechtigkeit und groͤßerer Thorheit. Leute, welche nach ihrer Beobachtungs⸗ gabe es beſſer haͤtten wiſſen ſollen, ſchaͤmten ſich nicht, ſelbſt im hohen Rath der Nation ihre Unbekanntſchaft mit dem Charakter eines Volks darzulegen, mit dem ſie durch Bande des Bluts vereinigt waren. Eigenliebe gab den Meinungen der Thoren Werth. In dieſer gefaͤlligen Taͤuſchung hoͤrte man Veteranen ihren ehrenvollen Stand durch Ruhmreden beſchimpfen, die man in dem Munde eines Zierſoldaren haͤtte unterdruͤcken ſollen;— in dieſer Bethoͤrung gab Burgoyne im Haus der Gemeinen jenes merkwuͤrdige Verſprechen, von Quebeck nach Boſton mit einer Streitkraft zu marſchiren, die er ſich feſtzuſetzen angemaßt hatte;— eine Verſicherung, welche ſpaͤter geſuͤhnt ward, als er denſelben Weg mit der doppelten Anzahl kriegsgefangen zuruͤcklegte; in dieſer Be⸗ thoͤrung verlor nachmals England ſeine Tauſende von Sol⸗ daten und verſchwendete ſeine Millionen. Die Geſchichte dieſes merkwuͤrdigen Kampfs iſt jedem Amerikaner bekannt, Zufrieden zu wiſſen, daß ſein Vater⸗ land triumphirt hat, laͤßt er immer das glorreiche Ergebniß ſeine geeignete Stelle auf den Blaͤttern der Geſchichte ein⸗ nehmen. Er ſieht, daß deſſen Herrſchaft auf einem breiten, natuͤrlichen Grunde beruht, der von verkaͤuflichen Federn keine Stuͤtze bedarf, und zum Gluͤck fuͤr ſeine Gemuͤths⸗ ruhe wie fuͤr ſeinen Charakter fuͤhlt er, daß das Gedeihen des Freiſtaats nicht in der Herabwuͤrdigung der ihn umge⸗ benden Nationen geſucht zu werden braucht. Unſre Abſicht fuͤhrt uns jetzt zu der Periode von Ruhe zuruͤck, die dem Sturm der Revolution voranging. In den erſten Tagen des Okrobers 1759 war Newport wie jede andre Stadt in Amerika, voll von einer Miſchung von Gram und Freude. Die Bewohner betrauerten Wolfe's Fall, waͤhrend ſie uͤber ſeinen Sieg frohlockten. Quebeck, das Bollwerk der Canada, und der letzte Platz von einiger Wichtigkeit, den ein Volk inne hatte, das ſie als ihre natuͤr⸗ lichen Feinde zu betrachten gelehrt worden waren, hatte eben feinen Beſitzer gewechſelt. Jene Loyalitaͤt gegen die Krone von England, welche ſoviel erduldete, ehe der ſon⸗ derbare Grundſatz vernichtet ward, war jetzt auf ihrer groͤßten Hoͤhe, und vielleicht fand man keinen Koloniſten, der nicht gewiſſer Maßen ſeine eigne Ehre mit dem ver⸗ meintlichen Ruhm des Hauptes vom Hauſe Braunſchweig fuͤr identiſch erachtete. Der Tag, an welchem die Handlung unſerer Erzaͤhlung beginnt, war beſonders auserſehen wor⸗ den, um die einſtimmigen Gefuͤhle des guten Volks der Stadt und ihrer Nachbarſchaft uͤber den Erfolg der koͤnig⸗ lichen Waffen darzulegen. Er war eroͤffnet worden, wie — 13 auſende nach ihm, mit dem Laͤuten der Glocken und dem Abfeuern der Geſchuͤtze, und das Volk hatte zu guter Stunde ſich in die Straßen gedraͤngt, mit jenem entſchloſſe⸗ nen Eifer bei freudigen Gelegenheiten, der gewoͤhnlich die vorausbeſtimmte Luſt zu einem ſo truͤben Vergnuͤgen macht. Der erwaͤhlte Redner des Tages hatte ſeine Beredſamkeit mit einer Art proſaiſcher Monodie im Preis des gefallenen Helden gezeigt, und ſeiner Loyalitaͤt hinlaͤnglich genuͤgt, indem er den Ruhm nicht allein jenes Opfers, ſondern auch all den, welchen ſo viele Tauſende ſeiner tapfern Gefaͤhrten ſich erworben, demuͤthig zu den Fuͤßen des Throns nie⸗ derlegte. Zufrieden mit dieſen Beweiſen ihrer Anhaͤnglichkeit ſingen die Einwohner, als die Sonne ſich nach jenen unermeßlichen Landſchaften neigte, welche damals dalagen eine unerforſchte, endloſe Wuͤſte, aber jetzt mit den Fruͤchten und Freuden des cultivirten Lebens prangen, nach und nach an, in ihre Wohnungen zuruͤckzukehren. Die Landleute aus der Um⸗ gegend, und ſelbſt von der anliegenden Meerenge wandten ihre Blicke nach ihrer fernen Heimath mit jener ſpaͤrlichen Sorgfalt, welche noch die Bewohner des Landes ſelbſt in ihrem groͤßten Freudenrauſch auszeichnet; ſte fuͤrchteten, es möge der herannahende Abend ſie zu Ausgaben verleiten, welche ſie gerade nicht fuͤr unzertrennlich mit den Gefuͤhlen bei dieſer Gelegenheit hielten. Kurz, die Hingebung des Augenblicks war vorüber, und jeder kehrte auf die nuͤchter⸗ nen Pfade ſeiner gewoͤhnlichen Geſchaͤfte zuruͤck, mit einem Frnſt, mit einer Bedachtſamkeit, welche zeigte, daß er nicht — ₰ 3 98 ] 82 t 1 3 1 4 5*½ — 11— gaͤnzlich ſorglos wegen der Zeit ſey, die mit der Darlegung einer Geſinnung verſchwendet worden, welche er ſchon ge⸗ neigt zu ſeyn ſchien, als etwas uͤberfluͤſſig zu betrachten. Das Geraͤuſch des Hammers, der Axt und Saͤge hoͤrte man wieder an dem Ort; mehr als ein Laden war halb geoͤffnet, als habe der Eigenthuͤmer eine Art Vertrag zwi⸗ ſchen ſeinen Vortheilen und ſeinem Gewiſſen abgeſchloſſen, und die Herren von den einzigen drei Wirthshaͤuſern in der Stadt ſah man vor den Thuͤren ſtehen, und die heim⸗ kehrenden Landleute mit Augen betrachten, welche deutlich verriethen, daß ſie Kunden unter einem Volk ſuchten, wel⸗ ches immer geneigter zum Verkaufen als zum Kaufen war. Einige laͤrmende, gedankenloſe Seeleute, welche zu den Schiffen im Hafen gehoͤrten, und ein halb Dutzend allbe⸗ kannte Wirthshausjaͤger, waren jedoch die einzigen Fruͤchte all ihrer Winke von Wiedererkennen und ihrer Fragen nach dem Wohlbefinden von Weib und Kind, ja ſelbſt manch⸗ mal ihrer offenen Aufforderungen, ſich auszuruhen und zu trinken. Weltliche Sorge nebſt einem beſtaͤndigen, obgleich manch⸗ mal ſchiefen Blick auf die Zukunft bildete den Hauptcharak⸗ ter des ganzen Volkes, welches damals das bewohnte, was man die Provinzen von Neu⸗England nannte. Doch ward die Angelegenheit des Tags nicht vergeſſen, obgleich man es fuͤr unnoͤthig hielt, die Vorgaͤnge in Traͤgheit und uͤber der Flaſche zu beſprechen. Die Heimziehenden bildeten ſich auf den verſchiednen Wegen, welche in das Innere der Inſel fuͤhrten, zu kleinen Haufen, worin die Klugheit der großen ℳ ₰ Nationalbegebenheiten, die ſie gerade erwaͤhnt, und die Art, wie von den verſchiedenen Perſonen gehandelt worden, die ſie erwaͤhlt hatten, um an der Spitze der Geſchaͤfte des Tags zu ſtehen, frei beſprochen ward, obgaleich noch mit großer Ehrfurcht gegen den begruͤndeten Ruf der ausge⸗ zeichneten Theile, welche darin am meiſten betroffen waren. Von allen Seiten gab man zu, daß die Gebete, welche freilich etwas im Geſpraͤchton und hiſtoriſch geweſen, fuͤr fehlerlos und ergreifend zu erklaͤren ſeyen; und uͤberhaupt (uͤber dieſe Meinung jedoch fand ein dem Redner widrig⸗ geſinnter Sachwalter einigen Anhang, der aus gemaͤ⸗ bigten Diſſenters beſtand) hielt man fuͤr ausgemacht, daß eine beredtere Predigt als an dieſem Tag vor ihnen gehalten worden, nie aus dem Mund eines Menſchen ge⸗ kommen. Ganz in derſelben Weiſe ward der Gegenſtand von den Arbeitsleuten auf einem Schiff verhandelt, das da⸗ mals im Hafen gebaut und in derſelben Bewunderungsſucht, die ſeitdem ſo viele Gebaͤude, Bruͤcken, und ſelbſt einzelne Perſonen innerhalb ihres engen Gebiets unſterblich gemacht hat, voll Selbſtvertrauen als das ſeltenſte damals beſtehende Muſter von den zarten Verhaͤltniſſen der Schiffsbaukunſt erklaͤrt wurde.. Vom Redner ſelbſt moͤchte es noͤthig ſeyn ein Wort zu ſagen, damit ein ſo merkwuͤrdiges geiſtiges Wunder ſeine gehoͤrige Stelle in unſrem ſchwachen und kurzdauernden Verzeichniß der Wuͤrdigſten der Zeit einnehme. Er war das gewoͤhnliche Orakel der Nachbarſchaft, wenn bei irgend einem großen Vorfall, wie der eben erwaͤhnte, ein Conden⸗ ſiren ſeiner Ideen erforderlich wurde. Seine Gelehrſamkeit ward, wie billig, durch Vergleichung als die tierſte befunden, und es wurde ſicher behauptet, er habe mehr als einen europaͤiſchen Gelehrten in Erſtaunen geſetzt, der durch einen Ruf, welcher, wie das Feuer durch Einengung nur um ſo gewaltiger geworden, ſich hatte verſuchen laſſen, mit ihm auf den Kampfplatz der alten Literatur hinabzuſteigen. Er war der Mann, der dieſe hohen Gaben zu ſeinem aus⸗ ſchließlichen Vortheil zu gebrauchen verſtand. In nur einem Fall hatte er ſeine Vorſicht ſo ſehr außer Acht gelaſſen, um eine Handlung zu begehen, welche den Ruf, den er auf dieſe Weiſe erlangt, haͤtte ſchwaͤchen moͤgen; und das war, als er eins ſeiner ausgearbeiteten, beredten Flugblaͤtter drucken ließ, oder wie ſein witz⸗ gerer, obgleich weniger gluͤck⸗ liche Nebenbuhler, ter einzige Geiſtliche noch an dem Orte, es ausdruͤckte, als er einen ſeiner fluͤchtigen Verſuche feſt⸗ halten ließ. Aber auch dieß Wagniß, welches immer ſein Erfolg auswaͤrts geweſen ſeyn mag, diente dazu, ſeinen Ruf daheim zu befeſtigen. Er ſtand nun vor ſeinen Be⸗ wunderern in all der Wuͤrde der Typen, und vergebens muͤhten ſich die armſeligen Schwaͤrme der animalculae, welche auf Koſten des Genies leben, einen Namen zu unter⸗ graben, der in ſo vielen Sprengeln faſt in die Glaubens⸗ artikel ſeine Wurzeln geſchlagen. Die Brochuͤre wurde ſorgfaͤltig in den Provinzen verbreitet, beim Theekeſſel ge⸗ ruͤhmt, und offen in Druckſchriften von einem befreundeten Geiſt erhoben, wie man an der auffallenden Aehnlichkeit des Styls bemerken konnte, ja von einem Glaͤubigen, der eifriger gen, w bracht, Anhaͤng eingeſcht Majeſte dogmat rers in Geheim ausgeze des Be Tre Beſitzer Amtsth mit der tur, ir gaͤnzlich verſagt moͤgen der er nes T beziehe hatte und ö dieſen rakter ſeine: D — 17— eifriger oder vielleicht dabei intereſſirter war, als die uͤbri⸗ gen, wurde ſie wirklich an Bord des naͤchſten Schiffes ge⸗ bracht, das nach Hauſe ſegelte, wie man damals voll Anhaͤnglichkeit England nannte, und war in ein Couvert eingeſchloſſen, das keine geringere Adreſſe als die Britiſche Majeſtaͤt trug. Ihre Wirkung auf das gerade Gemuͤth des dogmatiſchen Deutſchen, der damals den Thron des Erobe⸗ rers inne hatte, wurde nie bekannt, obwohl die, welche im Geheimniß der Sendung waren, lange vergebens nach der ausgezeichneten Belohnung ſpaͤhten, die auf ein ſo ſchlagen⸗ des Beiſpiel von menſchlicher Geiſtesfähigkeit erfolgen ſollte. Trotz dieſer hohen, begluͤckenden Gaben hatte jetzt ihr Beſitzer ſo ſehr ſeiner unbewußt ſich in jenen Theil ſeiner Amtsthaͤtigkeit verwickeln laſſen, der die groͤßte Aehnlichkeit mit dem Geſchaͤft eines Schreibers hatte, als wenn die Na⸗ tur, indem ſie ihn mit ſo ſeltnen Vorzuͤgen ausruͤſtete, ihm gaͤnzlich die phreneologiſche Eigenſchaft der Selbſtachtung verſagt haͤtte. Ein ſtrenger Beobachter haͤtte jedoch ſehen moͤgen, oder ſich wenigſtens einbilden koͤnnen, er ſaͤhe in der erzwungnen Demuth ſeines Blicks gewiſſe Strahlen ei⸗ nes Triumphs, die man nicht gut auf den Fall von Quebeck beziehen konnte. Aber die Gewohnheit, ſanft zu erſcheinen, hatte ſich mit einer ſparſamen Ruͤckſicht auf die koſtbaren und unwiederbringlichen Minuten vereinigt, und dadurch dieſen außerordentlichen Eifer in dem Benehmen eines Cha⸗ rakters hervorgebracht, der ſo demuͤthig erſchien, wenn man ſeine neuerlichen Geiſtesprodukte damit verglich, Dieſen begabten Guͤnſtling des Gluͤcks und der Natur Cdoper's Freibenter. 1—3 verlaſſend, wollen wir zu einem ganz verſchiednen Indivi⸗ duum und zu einem andern Viertel des Orts uͤbergehen. Die Stelle, wohin wir jetzt den Leſer zu verſetzen wuͤnſchen, war nichts mehr und nichts weniger als die Werkſtatt eines Schneiders, der es nicht unter ſeiner Wuͤrde hielt, die klein⸗ ſten Geſchaͤfte ſeines Berufs in eigner hoher Perſon zu ver⸗ richten. Das niedre Gebaͤude ſtand nicht weit vom Waſſer, am Ende der Stadt, und an einer Stelle, die ihren Be⸗ ſitzer in den Stand ſetzte, die ganze Lieblichkeit des inneren Beckens zu uͤberſehen, und durch eine vom Element zwi⸗ ſchen den Eilanden gebildeten Ausſicht ſelbſt die ſeeaͤhnliche Scenerie des Auſſenhafens zu uͤberblicken. Eine kleine, wie⸗ wohl wenig benutzte Werfte lag vor ſeiner Thuͤr, und ein gewiſſer Schein von Vernachlaͤſſigung und der Mangel an Geraͤuſch zeigte hinlaͤnglich, daß die Stelle ſelbſt nicht der unmittelbare Sitz des vielgerühmten Handelswohlſtands des Hafens ſey. 3 Der Nachmittag war gleich einem Morgen im Fruͤyling, der Wind, welcher gelegentlich das Becken kraͤuſelte, beſaß all jenen lieblichen Einfluß, den man ſo oft im amerikani⸗ ſchen Herbſt empfindet; und der wuͤrdige Handwerksmann arbeitete in ſeinem Beruf, ſaß auf ſeiner Werkſtaͤtte am off⸗ nen Fenſter weit zufriedner mit ſich ſelbſt als viele von de⸗ nen, die ſo gluͤcklich ſind, im Pomp unter einem Schutzdach von Sammet und Gold zu ruhen. Auſſen an dem kleinen Gebaͤude harrte ein ſchlanker, unbehuͤlflicher aber kraͤftiger und wohlgebildeter Landmann, und lehnte die eine Schulte gegen den Laden, als wenn ſeine Beine die Aufgabe, ſoich v 8 3 h) —r— eine ſchwere Geſtalt zu tragen, ohne Unterſtuͤtzung zu ſchwie⸗ rig faͤnden. Er ſchien auf die Vollendung eines Kleidungs⸗ ſtuͤcks zu warten, an dem der andre arbeitete, und mit wel⸗ chem er den Reiz ſeiner Geſtalt in einem anliegenden Flek⸗ ken am folgenden Sabbath zu ſchmuͤcken beabſichtigte. Um die Zeit zu kuͤrzen, und vielleicht einem maͤchtigen Hang zum Sprechen nachgebend, den der, welcher die Na⸗ del fuͤhrte, in etwas an ſich hatte, ließ man nur wenig Au⸗ genblicke ohne ein Wort von einer oder der andern Seite vorübergehen. Da der Gegenſtand ihres Geſpraͤchs unmit⸗ telbaren Bezug auf die Hauptſache unfrer Erzaͤhlungzhatte, werden wir uns die Erlaubniß nehmen, ſo viel von ihm zu geben, als wir am meiſten geeignet erachten, um eine deut⸗ liche Auseinanderſetzung deſſen, was ſolgen ſoll, zu erzielen. Der Leſer wird ſich immer erinnern, daß der, welcher arbei⸗ tete, ein Mann in der Neige des Lebens war, daß er allen: Anſchein eines Menſchen hatte, der entweder aus Unbehuͤlf⸗ lichkeit, oder durch ein beſondres Geſchick dazu auser ſehen worden, ſich durch die Welt durchzuringen, und nur durch großen Fleiß und ſtrenge Sparſamkeit Armuth von ſeiner Thuͤre abhalten konnte; daß der Muͤßige dagegen von einem Alter und Stande war, wo das Erwerben eines vollſtaͤns digen Anzugs gleichſam Epoche in ſeiner Lebensgeſchichte nachte. „Ja,“ rief der unermuͤbliche Kuͤnſtler in Tuch mit einer Art Seufzer, den man eben ſo gut als einen Beweis von der Fölle ſeiner geiſtigen Luſt, wie von dem Uebermaß ſei⸗ ner koͤrperlichen Anſtrengung auslegen konnte, a, kraͤfti⸗ 2* ——— gere Reden ſind ſelten von den Lippen eines Menſchen ge⸗ 5 kommen, als der Herr eben heute ausſtreute. Als er vn den Ebenen des Vaters Abraham ſprach, von dem Rauch und Donner der Schlacht, Pardon, da erregte er ſolche herbe Gefuͤhle in meiner Bruſt, daß ich in der That glaube, ich haͤtte das Herz gehabt, den Fingerhut wegzuwerfen, und ſelbſt hinauszuziehen, um Ruhm im Kampf fuͤr des Koͤnigs Sache zu erringen.“ 0 V 9¼.— Der junge Mann, deſſen Tauf⸗ oder Zuname, wie es ſelbſt jetzt noch haͤuſig in Neuengland vorkoͤmmt, nach dem Willen ſeiner frommen Pathen in Demuth ſeine kuͤnftige Hoffnung ausdruͤcken ſollte, Pardon wandte ſich gegen den heldenmuͤthigen Schneider mit einem Ausdruck von Schalk⸗ haftigkeit um das Auge, welcher zeigte, daß die Natur nicht karg in der Mitgift von Laune geweſen, obwohl dieſe Ei⸗ genſchaft durch den Zwang einer eignen Sitte ſowohl als einer beſondern Erziehung in Schranken gehalten wurde. „Jetzt gibt's eine Ausſicht, Nachbar Homeſpun, fuͤr ei⸗— nen ehrgeizigen Mann,“ ſagte er,„da Se. Mai. ihren ſtatt⸗ H lichſten General verloren hat.“ „Ja, ja,“ entgegnete der andre, der entweder in der Jugend oder im Alter ſolch einen Capital⸗Mißgriff in der Wahl eines Standes gethan hatte, nein ſchoͤner und vielver⸗ ſprechender Fall iſt es fuͤr einen, der nur fuͤnf und zwan⸗ zig zaͤhlt, meine Tage ſind ſo ziemlich voruͤber, und ich muß die uͤbrigen hier zubringen, wo Ihr mich ſeht, zwiſchen Lumpen und Lappen,— wer gab Eurem Tuch die Farbe, 38 — — 4* — 21—. Pardy? Es iſt die beſte, die mir noch unter die Finger gekommen.“ „Ei, laßt mir die Alte in Ruhe, was Faͤrben belrifft und Weben. Ich ſchwoͤre, Meiſter Homeſpun, wenn Ihr die rechte Fagon gebt, wird kein Burſche auf der Inſel beſ⸗ ſer gekleidet ſeyn als meiner Mutter Sohn! Aber da Ihr, guter Alter, kein General ſeyn koͤnnt, habt Ihr wenigſtens den Troſt, ſicher zu ſeyn, daß kein Gefecht mehr ohne Euch ſeyn wird. Jeder gibt zu, daß die Franzoſen ſich nicht laͤnger halten werden, und dann muͤſſen wir aus Mangel an einem Feind Frieden haben.“ „So iſt's am beſten, Junge. Einer, der H viel von den Schrecken des Kriegs geſehen hat, wie ich, weiß, wie ſehr man die Segnungen der Ruhe ſchaͤtzen muß.“ „Dann ſeyd Ihr nicht ganz unbekannt, Alter, mit dem neuen Stand, den Ihr ergreifen wolltet?“ „Ich, ich hab fuͤnf lange, blutige Kriege durchgemacht, und muß Gottehanken, daß ich durch ſie alle ohne eine ſchwerere Verletzung durchgekommen bin, als dieſe Nadel verurſachen wuͤrde;— fuͤnf lange, blutige, ja und ich darf ſagen glorreiche Kriege hab ich ſicher durchlebt!“ „Eine gefaͤhrliche Zeit muß es fuͤr Euch geweſen ſeyn, Nachbar; aber ich erinnre mich nicht von mehr als zwei Kämpfen mit den Franzoſen zu meiner Zeit gehoͤrt zu haben.“ „Ihr ſeyd nur ein Knabe in Vergleich mit einem, der das Ende ſeines ſechſten Jahrzehents erlebt hat. Da iſt der Krieg, der jetzt wahrſcheinlich ſohald zu Ende ſeyn wird; — dem Himmel, der alles lenkt, ſey dafuͤr gedankt! Dann war die Affaire von 45, als der kuͤhne Waͤrren an unſern Kuͤſten auf⸗ und abſegelte, eine Geiſel fuͤr die Feinde Sr. Maj. und eine Schutzwache fuͤr alle treue Unterthanen. Dann war der Handel in Deutſchland, uͤber den wir ſchreck⸗ liche Berichte von gefochtenen Schlachten erhielten, in denen Menſchen wie Gras vor der Sichel eines ſtarken Arms hin⸗ gemaͤht wurden. Das waren drei. Der vierte war die Empoͤrung von 15, wovon ich freilich nicht ſagen kann, daß ich viel geſehen, da ich damals nur ein kleiner Junge war, und der fuͤnfte war ein ſchrecklicher Laͤrm, der ſich uͤber die Provinzen verbreitete, von einem allgemeinen Aufſtand un⸗ ter den Schwarzen und Indiern, welcher uns Chriſten alle in einem Augenblick in die Ewigkeit hinuͤberſchwingen ſollte.“ Ei, ich hatte Euch immer fuͤr einen daheimſitzenden, friedlichen Mann gehalten, Nachbar;“ entgegnete der ver⸗ wunderte Landmann; nauch haͤtt' ich mir nie traͤumen laſ⸗ ſen, daß Ihr ſo ernſthafte Vorgaͤnge mit angeſehen.“ „Ich habe nicht geprahlt, Pardon, ſonſt haͤtte ich noch vieles Wichtige hinzufuͤgen koͤnnen. Es war ein großer Kampf im Oſten, erſt um das Jahr 32 wegen des perſi⸗ ſchen Throns. Ihr habt von den Geſetzen der Meder und Perſer geleſen. Nun gerade um den Thron, der dieſe un⸗ veraͤnderlichen Geſetze erließ, war ein furchtbarer Kampf, worin Blut wie Waſſer floß; aber da er nicht unter der Chriſtenheit vorfiel, rechne ich ihn nicht unter meine Er⸗ fahrungen; doch haͤtte ich von dem Hafenaufruhr ſprechen u — 3 koͤnnen, da er in einem andern Theil deſſelben Reichs, wo ich lebte, ſich ereignete. „Ihr muͤßt viel gereiſt, und ſeyn, Nachbar, um alles dieß zu fruͤh und ſpaͤt auf geweſen ſehen und nicht verletzt zu werden.“ „Ja, ja, ich bin auch etwas von einem Reiſenden gewe⸗ ſen, Pardy. Zwei Mal bin ich nach Boſton uͤber Land ge⸗ weſen, und ein Mal hab ich den großen Sund der langen Inſel bis hinunter zur Stadt YVork durchſegelt. Es iſt ein gefaͤhrliches Unternehmen, das letztre, ſchon wegen der Ent⸗ fernung, und noch mehr, weil man an einer Stelle vor⸗ üͤber muß, die durch ihren Namen mit dem Eingang in's Tophet verglichen wird.“— „Ich hab' oft den Ort Hoͤllen⸗Thor nennen hoͤren, und ich kann auch ſagen, daß ich jemanden wohl kenne, der zwei Mal durch iſt, auf dem Weg nach York und wieder zuruͤck.“ 3 „Damit hatte er genug, ich wette! Sagte er Euch von dem Topf, der kocht und tobt, als wenn das groͤßte von Beelzebub's Feuer darunter brennte, und von dem Schweinsruͤcken, uber den das Waſſer ſaußt, wie es etwa üͤber die großen Waſſerfaͤlle im Weſten rauſchen mag. Dank ſey es der vernuͤnftigen Geſchicklichkeit unſerer Seeleute und der ungewoͤhnlichen Entſchloſſenheit der Reiſenden, wir ka⸗ men gluͤcklich durch, obgleich, es kuͤmmert mich wenig, wer es hoͤrt, ich geſtehen will, daß es eine harte Probe fuͤr den Muth iſt, in dieſe furchtbare Straße ſich hineinzuwagen. Wir warfen unſere Anker an gewiſſen Inſeln aus, die ei⸗ ree 3* nige Faden hierherzu liegen, und ſchickten die Pinaſſe mit dem Capitain und zwei ſtattlichen Seeleute aus, um die Stelle zu recognoſciren, damit wir erfuͤhren, ob ſie in Friedenszuſtand waͤre oder nicht. Als der Rapport guͤnſtig ausfiel, wurden die Paſſagiere gelandet, und das Fahrzeug kam, der Himmel ſey geprieſen, wohlbehalten durch. Wir hatten alle urſache, uns zu freuen, daß wir um die Fuͤr⸗ bitte der Gemeinde angehalten, ehe wir den Frieden und die Ruhe unſerer Heimath verließen!“ „Ihr gingt zu Fuß um das Thor?“ fragte der aufmerk⸗ ſame Bauer, „Freilich! Es wuͤrde eine ſuͤndhafte, gotteslaͤſterliche Verſuchung gegen die Vorſehung geweſen ſeyn, wenn wir es anders gemacht haͤtten, beſonders da unſere Pflicht kein ſolch Wagniß erheiſchte. Aber all dieſe Gefahr iſt voruͤber, und ſo wird's auch, hoff' ich, mit dieſem blutigen Krieg ſeyn, worin wir beide Theilnehmer geweſen ſind; und dann hoff' ich ehrfurchtsvoll, wird Seine geheiligte Majeſtaͤt Muſe haben, ſeinen koͤniglichen Sinn gegen die Seeraͤuber zu wenden, welche die Kuͤſte beunruhigen, und er wird einige ſeiner ſtattlichen Capitaine beordern, um den Schelmen die Behandlung widerfahren zu laſſen, mit der ſie ſo freigebig gegen andere ſind. Es waͤre ein freudiger Anblick fuͤr meine alten Augen, wenn ich den verrufenen, lang verfolg⸗ ten rothen Freibeuter in dieſen Hafen koͤnnte bringen ſe⸗ hen, an das Hintertheil eines koͤniglichen Kreuzers ange⸗ feſſelt,“ -—— ——— — =—— 8- „Und iſt das ein tuͤchtiger Schurke, den Ihr jetzt er⸗ waͤhnt?“ „Er! Viele ſeines Gleichen ſind in dieſem einen gottlo⸗ ſen Schiff, und blutgierige, ſchaͤndliche Diebe ſind es, bis auf den kleinſten Schiffsjungen. Es iſt herzbrechend und traurig, Pardy, wenn man von ihren Unthaten auf den Meeren des Koͤnigs hoͤrt.“ „Ich hab' oft den Freibeuter erwaͤhnen hoͤren,“ entgeg⸗ nete der Landmann,„aber bin nie bis in's Einzelne ſeiner verwickelten Schurkereien gedrungen.“ „Wie ſolltet Ihr auch, Junge, da Ihr auf dem Lande lebt, ſo viel von dem hoͤren, was auf der großen Tieſe vor⸗ geht, als wir, die in einem Hafen wohnen, der ſo ſehr von Seeleuten beſucht wird. Ich fuͤrchte, Ihr werdet zu ſpaͤt nach Haus kommen, Pardon,“ fuhr er fort und warf ſein Auge auf gewiſſe Linien, die er auf ſeiner Werkſtaͤtte gezo⸗ gen hatte, und durch die er in den Stand geſetzt wurde, den Fortgang der untergehenden Sonne zu bemerken.„Es geht auf Fuͤnf, und Ihr habt zwei Mal ſo viel Meilen zu gehen, eh’ Ihr irgend wie die naͤchſte Grenze von Eures Vaters Pacht erreichen koͤnnt.“ „Der Weg iſt eben, und die Leute ſind ehrlich,“ ent⸗ gegnete der Landmann, dem wenig daran lag, ſelbſt wenn es Mitternacht geweſen, wenn er nur Nachricht von einer furchtbaren Seeraͤuberei fuͤr die Ohren derer mitbringen konnte, die, wie er wohl wußte, ſich bei ſeiner Ruͤckkehr um ihn draͤngen wuͤrden, um die Erzaͤhlungen aus dem “ Hafen zu vernehmen.„Und iſt er denn wirklich ſo gefuͤrch⸗ Schlin tet und verfolgt, wie die Leute ſagen?“ gute o „Verfolgt! ſucht ein betender Chriſt die Hoͤlle auf? Es ruh gibt wenige auf der maͤchtigen Tiefe, moͤgen ſie auch ſo„ b ſtark ſeyn in der Schlacht, wie Joſua, der große Juden⸗ 3 würd Feldherr, die nicht lieber das Land als die Spitzen der Wich Bramſegel dieſes verruchten Piraten erblicken moͤchten. Man 6 ten h ſicht fuͤr den Ruhm, Pardon, wie ich ſelbſt mich ruͤhmen da n darf, waͤhrend der vielen Kriege geſehen zu habzen, die ich ehrt 4 erlebte, aber keiner begegnete gern einem Feind, der eine ren blutige Flagge beim erſten Schlag aufhißt, und bereit ſich Reiſ macht, beide Theile in die Luft zu jagen, wenn er ſieht, daß 4 Sch⸗ Satans Hand nicht laͤnger Gewalt hat, ihm zu helfen.“ Geß „Wenn der Schelm ſich ſo verzweifelt benimmt,“ entgeg⸗. Fre nete der Junge, und reckte die maͤchtige Glieder mit einem treu ſtolzen Blick aus,„warum ruͤſten die Inſel und die Pflan⸗ ſage zungen keinen Kreuzer aus, um ihn herein zu bringen, da⸗ fuͤn mit er den heilſamen Galgen ein wenig beaͤugle. Laßt die bar Trommel zu einem ſolchen Zweck durch unſere Nachbarſchaft 8 ger ſchlagen, und ich wette, ſie ſollte uns wenigſtens nicht ohne Gl einen Freiwilligen verlaſſen.“. die „Ja, weil Ihr den Krieg nicht kennt! Wozu wuͤrden de Dreſchflegel und Heugabeln gegen Leute nutzen, welche ſich w dem Teufel verkauft haben? Oft hat man den Raͤuber bei 3 di Nacht, oder gerade wenn die Sonne unterging, bei des Koͤ⸗ m nigs Kreuzern geſehen, welche die Diebe ſchon ganz umzin⸗ 4 u. gelt hatten, und ſicher glaubten, ſie haͤtten ſie in ihren n die ſchaft ohne uͤrden e ſich er bei 8 Koͤ⸗ mzin⸗ ihren — 27— Schlingen, aber als der Morgen kam, war die Priſe durch gute oder boͤſe Mittel verſchwunden!“ 3 „und ſind denn die Schurken ſo blutgierig, daß man ſie roth nennt?? 4 „Das iſt der Titel ihres Anfuͤhrers,“ entgegnete der wuͤrdige Schneider, der jetzt faſt berſten wollte von der Wichtigkeit einer ſo intreſſanten Legende, die er mitzuthei⸗ len hatte,„und dieſen Namen gibt man auch dem Schiff, da niemand noch einen Fuß an Bord geſetzt, und zuruͤckge⸗ kehrt iſt, um zu ſagen, ob es einen ſchlimmern oder beſſe⸗ ren hat; das i*ſt kein ehrlicher Seemann und ordentlicher Reiſende! Das Schiff iſt von der Groͤße einer koͤniglichen Schaluppe, ſagt man, und aͤhnlich ihr am Takelwerk und Geſtalt; aber es iſt auf wunderbare Weiſe mancher tapfern Fregatte entgangen; und ein Mal, liſpelt man, denn kein treuer Unterthan wuͤrde gern ſo etwas beſchimpfendes offen ſagen, Pardon, ein Mal lag es unter einem Schiff von fuͤnfzig Kanonen eine ganze Stunde lang, da ſank es ſicht⸗ bar vor aller Augen wie gehaͤmmertes Blei zu Boden. Aber gerade als jedermann die Haͤnde rieb und ſeinem Nachbaren Glaͤck zu einer ſo erfreulichen Zuͤchtigung wuͤnſchte, die uͤber die Schelme gekommen, fuhr ein Weſtindier in den Hafen, der von dem Korſaren am Morgen auf den Abend beraubt worden war, an welchem wir dachten, ſie waͤren alle in die Ewigkeit hinuͤber. und was das Ding noch ſchlimmer macht, Junge, als das Koͤnigs⸗Schiff kielholte, und alſo das untere zu oberſt gekehrt war, um die Loͤcher von den Kano⸗ nenkugeln auszuſtopfen, da ſegelte der Pirat die Kuͤſte auf und ab, ſo unverletzt, als am Tag, wo die Leute ihn zuerſt vom Stapel ließen.“ „Nun, das iſt unerhoͤrt!“ entgegnete der Landmann, auf den die Erzaͤhl ng ſichtbaren Eindruck zu machen anſing; niſt es ein wohlgedrechſeltes, huͤbſches Schiff anzuſehen; oder iſt es auch nur gewiß, daß es uͤberhaupt ein leibhaftiges Schiff iſt? 8 „Die Meinungen ſind verſchieden; einige ſagen ja, an⸗ dere nein. Aber ich kenne ſehr gut einen Mann, der eine Woche mit einem Seemann reiſte, und mit friſchem Wind etwa hundert Fuß entfernt an dem Seeraͤuber vorbeikam. Zum Gluͤck fuͤr ſie lag des Herrn Hand ſchwer auf der Tiefe, und der Raͤuber hatte genug zu thun, ſein eignes Schiff aufrecht zu halten. Der Bekannte meines Freundes konnte daher ohne Gefahr Schiff und Capitain genau ſehen. Er ſagte, der Pirat ſey ein Mann etwa noch halb ſo groß als der ſchlanke Prediger jenſeits der Meerenge; ſein Haar ſey von der Farbe der Sonne im Nebel, und ſeine Augen ſo, daß nicht gern jemand zum zweiten Mal hineinſehen moͤchte. Er ſah ihn ſo deutlich, wie ich Euch; denn der Schurke ſtand im Takelwerk ſeines Schiffs, und winkte mit einer Hand, ſo groß als ein Bruſtlatz, dem ehrlichen Kauf⸗ mann, ſich entfernt zu halten, damit die beiden Schiffe ſich nicht ſchaden moͤchten, indem ſie ungluͤcklicher Weiſe gegen einander kaͤmen.“ „Es war ein kuͤhner Seemann, der Haͤndler, daß er dem erbarmenloſen Schurken ſo nahe kam.“ 82 eerſt auf ing; oder tiges 8 an⸗ eine Wind kam. f der ignes indes ehen. groß Haar kugen ſehen der 2e mit Kauf⸗ e ſich gegen aß er 82 „Das mein' ich, Pardon; aber es geſchah auch gar ſehr gegen ſeinen Willen; denn die Nacht war ſo dunkel——“ „Dunkel!“ ſiel der andere ein,„wie kam er denn dazu, ſo gut zu ſehen?“ „Das weiß niemand!“ antwortete der Schneider,„aber es war ſo, gerade ſo, wie ich Euch ſagte. Ja noch mehr, er bemerkte ſich das Schiff genau, damit er es wieder er⸗ kennen moͤchte, wenn der Zufall oder die Vorſehung es je wieder ihm in den Weg bringen ſollte; es war ein langes, ſchwarzes Schiff⸗ und lag tief im Waſſer, wie eine Schlange im Gras mit einem verzweifelten, ſchurkigen Anblick, und von ganz tuͤckiſchen Verhaͤltniſſen. Auch behaupten alle, es ſegle ſchneller als die Wolken oben, und ſchiene ſich wenig darum zu kuͤmmern, nach welcher Seite der Wind blaſe, und daß niemand um ein Jota ſichrer vor ſeiner Eile als vor ſeiner Rechtlichkeit iſt. Nach allem, was ich gehoͤrt, iſt es etwa ſolch ein Ding wie jener Sklavenhaͤndler, der die ganze vergangene Woche, der Herr weiß, warum, in unſe⸗ rem Auſſenhafen gelegen hat.“ Da der ſchwatzende Schneider nothwendig mehrere koſt⸗ bare Minuten bei der Erzaͤhlung der obigen Geſchichte ver⸗ loren hatte, wollte er ſie jetzt mit dem außerſten Fleiß wie⸗ der einholen, und hielt den Takt zu den ſchnellen Bewegun⸗ gen ſeiner Nadel⸗Hand durch ein entſprechendes Zucken mit Haupt und Schultern. Mittlerweile wandte der Luͤmmel, deſſen verwundertes Gemuͤth jetzt faſt bis zum Berſten von dem, was er gehoͤrt, angefuͤllt worden, ſeinen Blick nach dem Schiff, worauf der andere hingedeutet hatte, um das einzige Bild ſeiner Phantaſie gehoͤrig einzupraͤgen, das jetzt Batie noch noͤthig war, damit er im Stande waͤre, eine ſo ergrei⸗ bemir fende Erzaͤhlung recht zu beglaubigen. Es entſtand natuͤrlich— L7 eine Pauſe, waͤhrend beide Theile ſo beſchäftigt waren. Sie b lehxet wurde ploͤtzlich von dem Schneider unterbrochen, welcher den verſt Faden, womit er das Kleid eben gefertigt hatte, abbiß, al⸗ † ſelbſt les zur Seite warf, ſeine Brille auf die Stirn ſetzte, und Fart die Arme ſo auf die Knie lehnend, daß ſie ein vollkommnes 8 Labyriath mit den Beinen bildeten, ſeinen Leib ſoweit hin⸗ 8 ausſtreckte, daß er faſt ganz aus dem Fenſter war, und nun zwa auch ſeine Augen auf das Schiff richtete, welches noch den zut Blick ſrines Grfaͤhrten auß ſich zog. un 4 mit „Wißt Ihr, Pardy,“ ſagte er,„daß ganz eigne Gedan⸗ 3 ken und ſchwerer Verdacht gerade wegen dieſes Schiffes ſchl mich angewandelt haben? Man ſagt, es ſey ein Sklaven⸗ b W ſchiff und gekommen, um Holz und Waſſer einzunehmen, der und doch iſt es ſchon eine Woche da, und kein Stuͤck dicker als ein Ruder iſt hineingekommen, und ich wette, es hat h ko zehn Tropfen von Jamaika gegen einen aus dem Brunnen in eingenommen. Auch koͤnnt Ihr ſehen, es liegt ſo vor An⸗ ni ker, daß nur eine Kanone von der Batterie es beſtreichen V kann, waͤhrend, wenn es in der That ein furchtſamer Haͤnd⸗ 8 w ler waͤre, es natuͤrlich in den Platz ſelbſt gegangen waͤre, 5 wo es, ſobald ein Pirat in den Hafen gekommen, ſich mit⸗ t ten im Feuer befunden haͤtte.“ G „Ihr habt eine eigene Art an Euch, Alter,“ entgegneten der verwunderte Landmann; nda haͤtte ein Schiff an der — n⸗ * Batterie⸗Inſel ſelbſt liegen möͤgen, und ich häͤtte es kaum bemerkt.“ „Das macht die Uebung und Erfahrung, Pardon; die alles. Ich muß mich wohl etwas auf Batterien da ich ſo viel Kriege geſehen habe, und ich machte n einer Woche gerade in jenem Fort mit, als das Gerucht ging, die Franzoſen ſchickten zburg her an der Kuͤſte hinab. Da er jener Kanone Wache ſtehen, und zwanzig Mal wohl habe ich an dem Stuͤck hingeblickt, um zu ſehen, wohin die Ladung gehen wuͤrde, wenn ſoſch ein ungluͤcklicher Fall eintreten ſollte, der es noͤthig machte, ſie mit wahren Kriegskugeln geladen abzuſchießen.“ „Und wer ſind dieſe ꝛu fragte Pardon mit einer Art ſchlaͤfriger Neugier, welche durch die vom andern erzaͤhlten Wundern erregt worden war.„Sind dieß Seelsute aus dem Sklavenſchiff oder muͤßige Newporter?“ hneider,„ſicher, das ſind Neuange⸗ „Sie!“ rief der Sc chte gut ſeyn, ein wachſameres Auge lehren uns verſtehen, ſelbſt eine Campagne vo Kreuzer von Ludwig mußte ich gerade„uͤb kommene, und es moͤ in dieſen unruhigen Zeiten auf ſie zu haben. Hier, Nab, nimm das Kleid, und druͤck die Falten nieder, Du traͤges Weib, Nachbar Hopkins preſſirt, und Deine Zunge geht wie bei einem Advokat vor Gericht. Spar den Arm nicht, Maͤdchen, denn es iſt kein indiſcher Muſelin, was Du un⸗ ter dem Eiſen haſt, ſondern Tuch, womit man ein Haus ausſchlagen koͤnnte. Ach, Eurer Mutter Weberei koſtet dem Schneider manche Nadel, Pardy Als er ſo das Uebrige der Arbeit einem linkiſchen, traͤ⸗ gen Maͤdchen uͤbergeben, das ihr Plaudern mit einem Nach⸗ bar hatte unterbrechen muͤſſen, um ſeinem Befehl zu gehor⸗ chen, brachte er ſchnell ſeine Perſon, trotz einem kleinen Fehler, den er mit auf die Welt gebracht, von der Werk⸗ ſtaͤtte in die freie Luft. Da jedoch wichtigere Perſonen jetzt dem Leſer vorgefuͤhrt werden ſollen, wollen wir dieſe Feier⸗ lichkeit der Eroͤffnung eines neuen Kapitels aufſparen. Ausſehn dieſer Individuen zu geben, ihren Ruf, nicht ſo Zweites Kapitel. 1 — Sir Toby.„Herrlich! ich wittre'nen Plan.“, Zwölfte Nacht. — Der Fremdlinge waren drei; denn fuͤr Fremdlinge er⸗ klaͤrte ſie ſogleich in einem Liſpeln gegen ſeinen Gefaͤhrten der gute Homeſpun, der nicht nur die Namen, ſondern auch gewoͤhnlich die Privatgeſchichte eines jeden Mannes und Wei⸗ bes auf zehn Meilen von ſeinem Wohnort kannte; ja und für Fremde von einem verdaͤchtigen und drohenden Aeußern erklaͤrte er ſie. Damit auch andere uͤber die Wahrſcheinlich⸗ keit der letztren Vermuthung urtheilen koͤnnen, wird es nd⸗ thig, eine etwas genauere Nachricht uͤber das reſpektive welche zum Ungluͤck fuͤr gluͤcklich waren, dem ſchwatzhaften Schneider von Newport bekannt zu ſeyn. Der eine, bei weitem der imponirendſte ſeiner ganzen Haltung nach, war ein junger Mann, der etwa ſechs oder ſieben und zwanzig Sommer erlebt haben mochte; daß dieſe Sommer nicht ganz aus ſonnigen Tagen und Naͤchten voll 3 Cooper's Freibeuter. 1— 3. 3 * — 34— Ruhe beſtanden hatten, verriethen die Tinten von Brau welche auf ſeinen Zuͤgen lagen, Schicht auf Schicht, in ei ner ſo feſten Aufeinanderfolge, daß ſie in die tiefe Oliven⸗ farbe ein Antlitz umaͤnderten, welches einſt ſchoͤn geweſen war, und durch das das reiche Blut noch mit der feinſten Roͤthe. 1 kraͤftiger Geſundheit durchſtrahlte. Seine Zuͤge waren mehr 1 3 edel und maͤnnlich, als ausgezeichnet durch ihre Regelmaͤßig⸗ 1 keit und Symmetrie, indem ſeine Naſe eher kuͤhn und her⸗ d vorſtehend, als geregelt in ihrer Bildung war; dabei lagen n ſeine Augenbraunen vor, und waren hinlaͤnglich markirt, 85 um dem ganzen oberen Theil ſeines Geſichts jenen entſchied⸗ ſ nen Ausdruck von Verſtand zu geben, den man ſo gewoͤhn⸗ 1i lich in einem amerikaniſchen Antlitz antrifft. Der Mund 8 ꝗ war feſt und maͤnnlich, und als er mit einem ausdrucksvol⸗ len Laͤchlen etwas zu ſich murmelte, wie der neugierige. e Schneider langſam naͤher trat, zeigte er eine Reihe glitzern⸗ u der Zaͤhne, welche um ſo heller ſtrahlten, da ſie in eine ſo d dunkle Form eingefugt worden. Das Haar war ein Pech⸗ S ſchwarz in dichten, wirren Ringeln, die Augen waren nur v wenig kleiner als gewoͤhnlich iſt, grau, und obgleich offen⸗ le bar von ſchwankendem Ausdruck, doch mehr zur Milde als ut Strenge hinneigend. Die Geſtalt des Juͤnglings war von w der gluͤcklichen Hoͤhe, welche ſo eigen Behendigkeit mit dt Staͤrke eint. Sie ſchien wohlgebildet, waͤhrend ſie gehoͤrig di gleicheörmig und auffallend anmuthsvoll war. Obwohl dieſe be verſchiednen perſoͤnlichen Eigenſchaften unter dem Nachtheil ne einer ganz einfachen, jedoch niedlichen und ziemlich geſchmack⸗ de voll geordneten Anzugs eines gewoͤhnlichen Seemanns ſich ha barſtellten, waren ſie doch hinlaͤnglich Ehrfurcht gebietend, er. um den argwoͤhniſchen Kuͤnſtler in Tuchen zum Zaudern zu en⸗ 1 vermoͤgen, ehe er den Fremden anzureden wagte, deſſen ar, Auge wie durch eine Art Zauber auf den verrufenen Skla⸗ the venfuͤhrer im Auſſenhafen gerichtet war. Ein Kraͤuſeln der ehr Oberlippe, und ein zweites ſonderbares Lächten, worin waͤh⸗ ig⸗ rend ſeines Selbſtgeſpraͤchs Verachtung ſich miſchte, entſchie⸗ ger⸗ den den ſchwankenden Sinn des Guten. Ohne ein Hintraͤu⸗ 1 gen men zu ſtoͤren zu wagen, das ſo tief ſchien, verließ er den irt, 1 Juͤngling mit dem Kopf gegen den Pfeiler gelehnt, wo er ed⸗ ſchon lange geſtanden, ganz der Gegenwart eines Zudring⸗ hn⸗ lichen unbewußt, und wandte ſich etwas haſtig ab, um die und andern zu muſtern. vol⸗ Einer der beiden uͤbrigen war ein Weißer, der andre rige 1. ein Neger. Beide waren uͤber das mittlere Alter hinaus, ern⸗ und beide zeigten in ihrem Aeußren die ſtrengſten Beweiſe e ſo daß ſie lange der Strenge der Witterung snd zahlloſen ech⸗ Stuͤrmen ausgeſetzt geweſen. Sie waren in die ſchlichte, nur vom Wetter verdorbene, zerriſſene Kleidung gemeiner See⸗ 8 ffen⸗* leute gehuͤllt, und trugen an ihrer Geſtalt all die andern als untruͤglichen Zeichen ihres beſondern Standes. Der erſtere von war von einem kurzen, gedrungenen, kraͤftigen Bau, worin mit durch eine gluͤckliche Anordnung der Natur, die vielleicht örig durch lange Gewohnheit darin unterſtuͤtzt worden, die Staͤrke dieſe beſonders in die breiten, hohen. Schultern und kräͤftigen, theil nervigten Arme gelegt worden; als wenn in der Bildung nack⸗ des Mannes die untern Glieder zu nichts weiter nutz ge⸗ ſich halten worden waͤren, als um die oberen in die verſchiednen 3* Lagen zu bringen, wo dieſe ihre Staͤrke entfalten ſollten. Sein Kopf ſtand zu den mehr unmittelbar daran befind⸗ lichen Gliedern im Verhaͤltniß; die Stirn war niedrig und faſt vom Haar verhuͤllt, die Augen klein, ſtoͤrrig, manch⸗ mal ſtolz und oft truͤbe; die Naſe aufgeſtuͤlpt, breit und gemein; der Mund groß und gefraͤßig; die Zaͤhne kurz, reinlich und vollkommen geſund, und das Kinn breit, männ⸗ lich und ſelbſt ausdrucksvoll. Dieſer ſonderbar beſchaffene Mann hatte ſeinen Sitz auf einem leeren Faß genommen, und ſaß mit verſchraͤnkten Armen in die Unterſuchung des oft erwaͤhnten Sklavenhaͤndlers begriffen, waͤhrend er ge⸗ legentlich ſeinen Gefaͤhrten, den Schwarzen, mit ſolchen Bemerkungen beguͤnſtigte, wie ſie ihm ſeine Beobachtungs⸗ gabe und große Erfahrung eingab. Der Neger nahm einen niederern Platz ein, einen, der ſeinen niedrigen Gewoͤhnungen und Neigungen beſſer an⸗ gepaßt war. In Geſtalt und beſonderer Eintheilung der thiexiſchen Staͤrke war eine große Aehnlichkeit zwiſchen den beiden, nur mit der Ausnahme, daß der letztere einen Vor⸗ zug durch ſeinen Groͤße und ſelbſt durch ſeine Verhaͤltniſſe behauptete. Waͤhrend die Natur ſeinen Zuͤgen jene aus⸗ zeichnenden Mahle eingedruͤckt hatte, welche die Rage charak⸗ teriſiren der er entſproſſen, hatte ſie es doch nicht in dem abſtoßenden Grade gethan, zu dem ihre Abneigung gegen dieſes geſchlagene Volk ſie oft verleitet. Seine Zuͤge waren erhabener als gewoͤhnlich, ſein Auge war mild, leicht von Freude bewegt und wie das ſeines Gefaͤhrten manchmal launig. Sein Haupthaar begann ſich mit Grau zu unter⸗ — 32— miſchen, ſeine Haut hatte die glaͤnzende pechſchwarze Farbe verloren, die ihn in ſeiner Jugend ausgezeichnet, und alle ſeine Glieder und Bewegungen verriethen einen Mann, deſſen Bau durch unausgeſetzte Arbeit eben ſo abgehaͤrtet als ſteif geworden. Er ſaß auf einem niedren Stein und ſchien emſig damit beſchaͤftigt, kleine Kieſel in die Luft zu werfen und ſeine Geſchicklichkeit zu erproben, indem er ſie mit der Hand wieder auffing, die ſie eben weggeworfen, ein Zeitvertreib, der eben ſo ſehr die natuͤrliche Neigung ſeines Gemuͤths, ſich an Kleinigkeiten zu vergnuͤgen, als den Mangel jener hoͤheren Gefuͤhle verrieth, welche die Fruͤchte der Erziehung ſind. Doch gab dieſer Vorgang einen ſchlagenden Beweis von der Koͤrperkraft des Negers. Um dieß kleinliche Ver⸗ gnuͤgen ohne Stoͤrung fortzuſetzen, hatte er den Aermel ſeiner leichten Canevaß⸗FJacke bis an den Ellenbogen aufge⸗ ſchuͤrzt, und einen Arm entbloͤßt, der bei einem Herkules zum Modell haͤtte dienen moͤgen. Es war gewiß nichts beſonders Imponirendes an dieſen beiden Individuen, was die Nachſpuͤrungen eines Mannes haͤtte zuruͤckſchlagen koͤnnen, der ſoſehr von Neugier be⸗ ſeſſen war, wie unſer Schneider. Statt jedoch dieſen ſtrengen Antrieben geradezu nachzugeben, wollte der ehrliche Tuch⸗ kuͤnſtler ſeine Schritte auf eine Art thun, die dem Bauer⸗ luͤmmel einen ſchlagenden Beweis von ſeinem Scharfſinn geben ſollte. Nachdem er dieſem einen Wink der Vorſicht und des Einverſtaͤndniſſes gegeben, naͤherte er ſich langſam von hinten mit einem leichten Schritt, der ihn den Vor⸗ theil gewaͤhren ſollte, ein Geheimniß zu erlauſchen, das etwa unwillkuͤhrlich einem oder dem andern entfallen moͤchte. Seiner Vorſicht entſprach der Erfolg nicht ſehr, obgleich er dazu diente, ſeinen Verdacht noch mit all den andern Beweiſen ihrer Verraͤtherei zu bereichern, die das bloße Hoͤren ihrer Stimmen darbieten konnte. Was die Worte ſelbſt betraf, ſo glaubte zwar der Gute, ſie koͤnnten wohl Verraͤtherei enthalten, doch mußte er ſich ſelbſt geſtehen, daß ſie liſtig genug verſteckt ſeyen um ſelbſt ſeinem Scharf⸗ ſinn zu entgehen. Wir uͤberlaſſen es dem Leſer uͤber die Richtigkeit beider Meinungen zu urtheilen. „Eine ſchoͤne Bucht, Guinea,“ bemerkte der Weiße, waͤh⸗ rend er das Tabackroͤllchen im Munde drehte, und ſein Auge zum erſten Mal ſeit vielen Minuten vom Schiff wegwendete; nja eine Stelle iſt es, die man wohl, wenn man ſo ohne Schutz da draußen liegt, wie jener Sklavenfuͤhrer, aufſuchen ſollte. Ich glaube auch etwas vom Seeweſen zu verſtehen, und doch kann ich die Philoſophie des Burſchen nicht begreifen, daß er ſein Schiff in dem Auſſenhafen laͤßt, waͤhrend er es in einer halben Stunde in dieſen Muͤhlenteich bringen koͤnnte. Es macht ſeinen Booten viele Arbeit, ſchwarzer S'ip, und das nenn ich ſchlechtes Wetter aus ſchoͤnem machen.“ Der Neger hatte durch eine Art Witzelei, die weit ge⸗ woͤhnlicher in den Provinzen als in den Staaten von Ame⸗ rika iſt, und welche ſo viele von den niedren Aemtern des Landes, wenigſtens dem Namen nach, mit Gegenſtuͤcken von Philoſophen, Helden, Dichtern und Fuͤrſten von Rom, an⸗ fuͤllte, bei der Taufe den Namen Seipio Afrikanus be⸗ kommen. Ihm lag wenig daran, ob das Schiff an der 5 — -— „ Abfahrt oder im Hafen ſich befand, und ohne ſeinen kindi⸗ ſchen Z ¹tvertreib zu unterbrechen, zeigte er ſeine Gleich⸗ guͤltigkeir indem er ganz kalt antwortete: „Er mag denken, all das Waſſer drinnen ſey auf dem Maſtkorbgeruͤſte.“ „Ich ſag Dir, Guinea,“ entgegnete der andere in einem rauhen, beſtimmten Ton, nder Burſche iſt ein Nichtswiſſer. Wuͤrde denn Jemand, der die Behandlung eines Schiffs ver⸗ ſteht, es auf der Rhede laſſen, wenn er es vorn und hinten in einem Becken wie dieß anbinden kann?⸗ „Was Rhede!, fiel der Neger ein, und ergriff ſogleich mit der Gier der Unwiſſenheit das kleine Verſehen des an⸗ dern, der den Auſſenhafen von Newport mit dem unbeque⸗ meren Ankerplatz unten verwechſelt hatte, ganz nach der gewoͤhnlichen Gleichguͤltigkeit ſolcher Leute gegen den Haupt⸗ punkt, ob der Einwurf gerade auf den Fall anwendbar ſey oder nicht.„Ich hab' nie vorher einen Ankergrund von Land umgeben, Rhede nennen hoͤren!⸗ „Hoͤr', Meiſter Goldkuͤſte,“ murmelte der Weiße und neigte das Haupt drohend zur Seite, obgleich er ſeinen ge⸗ ringen Gegner noch nicht eines Blicks wuͤrdigte;„wenn Du Deine Haut fuͤr den naͤchſten Monat nicht in Stuͤcken her⸗ umtragen willſt, ſo ſpar Deinen Witz, und gib Acht wenn Du ihn laufen laͤſſeſt. Nur das ſag' mir, iſt nicht eine Abfahrt eine Abfahrt, und ein Hafen ein Hafen?“ Da dieß zwei Saͤtze waren, gegen welche ſelbſt Scipio's Scharfſinn nichts haben konnte, huͤtete er ſich wohl, einen anzugreifen und begnuͤgte ſich, mit großer Selbſtzufrieden⸗ — 40 heit zu nicken, und ſo herzlich ſeinen eingebildeten Triumph uͤber ſeinen Gefaͤhrten zu belachen, als haͤtte er nie die Sorge gekannt, als waͤre er niemals den Mißhandlungen und Demuͤthigungen unterworfen geweſen, die er ſo lange erduldet hatte. „Ei, ei,, murmelte der Weiße, ſetzte ſich in ſeine fruͤhere Stellung und kreuzte wieder die Arme, die er ein wenig getrennt hatte, um ſeiner Drohung gegen die zarte Haut des Schwarzen mehr Gewicht zu geben.„Jetzt ſtoͤßt Du die Luft aus Deiner Kehle, wie eine Heerde langhaͤlſt⸗ ger Ufer⸗Kraͤhen, und meinſt wohl gar Du haͤtteſt geſiegt. Der Herr machte die Neger zu unvernuͤnftigen Thieren und ein erfahrner Seemann, der beide Vorgebirge umſegelt und alle Hauptlaͤnder zwiſchen Fundland und Horn durchſtrichen hat, darf ſeinen Athem nicht daran verwenden einen von der Brut zu unterrichten! Ich ſag' Dir, Scipio; da Du nun einmal im Schiffsbuch ſo heißt, obgleich ich meinen Sold von einem Monat gegen einen hoͤlzernen Bootshacken ſetzen will, daß Dein Vater daheim Quaſhee und Deine Mutter Quaſheeba hieß,— ich ſage Dir alſo Scipio Afrika — das iſt wohl der Name fuͤr Eure ganze Rage,— daß jener Kerl im Auſſenhafen dieſer Seeſtadt nichts von einem Ankerplatz verſteht, ſonſt wuͤrde er ſeinen Anker hier her⸗ um in gerader Linie mit dem ſuͤdlichen Ende dieſer kleinen Inſel ausgeworfen, ſein Schiff damit heraufgeholt, und es auf der Stelle mit guten Hanftauen und eiſernen Schlamm⸗ hacken befeſtigt haben. Nun, ſieh' nur her, S'ip,“ fuhr er auf eine Weiſe fort, welche verrieth, daß das kleine Schar⸗ — 41— müutzel welches eben zwiſchen ihnen vorgefallen, einer von jenen ploͤtzlichen Anfaͤllen war, deren ſie beide ſchon ſo viel geſehen und denen immer eine entſprechende Windſtille folgte. „Bedenk nur alle Gruͤnde von dem was ich ſage. Er iſt auf dieſen Ankerplatz entweder fuͤr etwas oder fuͤr nichts und wieder nichts gekommen; das wirſt Du doch zugeben; wenn fuͤr nichts und wieder nichts, ſo mag er auf dieſer Auſſenſeite bleiben, ich habe nichts dagegen; aber wenn fuͤr etwas, konnte er es leichter erlangen, wenn er das Schiff hierherum anlegte, gerade wo ich Dir ſagte, Junge, nicht einen Faden weiter hinauf oder herunter, aber nicht dahin, wo es jetzt liegt, wenn es auch nichts weiter als eine friſche Handvoll Federn fuͤr des Capitains Kiſſen an Bord haͤtte. Nun, wenn Du etwas dagegen einzuwenden weiſt, ich bin bereit als ein vernuͤnftiger Mann zuzuhoͤren, als einer, der über der Philoſophie die feinen Sitten nicht vergeſſen.“ „Denkt, der Wind kaͤme hier gerade friſch aus Nordweſt;“ antwortete der andre, und ſtreckte ſeinen ſchwarzen Arm nach dem genannten Punkt des Kompaſſes aus;„und ein Schiff muͤßte ſchnell in See gehen, wie koͤnnte es, be⸗ denkt, dann weit genug ſeyn, um durch das Wetter zu kommen? Nun, beantwortet mir dieſes! Ihr großer Ge⸗ lehrter, Meiſter Dick, aber Ihr ſeht nie ein Schiff dem Wind in die Zaͤhne kommen, ſo wenig Ihr einen Affen ſprechen hoͤrt.“ „Der Schwarze hat Recht!“ rief der Juͤngling, welcher wie es ſchien, das Geſpraͤch mit angehoͤrt hatte, waͤhrend er mit etwas anderem ſich beſchaͤftigte.„Der Sklaven⸗ — 42— haͤndler hat ſein Schiff im Auſſenhafen gelaſſen, weil er weiß, daß der Wind ſo ſehr nach Weſten Um dieſe Jahrs⸗ zeit blaͤſt; und dann ſeht Ihr auch, er haͤlt ſeine keichten Spieren in die Hoͤhe, obwohl es deutlich genug iſt durch die Art, wie ſeine Segel gekruͤmmt ſind, daß er feſt iſt. Koͤnnt Ihr ausfindig machen, Junge, ob er einen Anker hat oder nur an einem einzelnen Tau liegt?“ „Der Mann muß ein Narr ſeyn, daß er ſo in der Fluth liegt, ohne dem Strom zu begegnen, oder auch nur ohne einen Anker um das Schiff feſtzumachen,“ entgegnete der Weiße, und ſchien nicht zu bedenken, daß noch manches andre zur Entſcheidung des Streitpunktes noͤthig waͤre, als der angenommene Gebrauch der Seeleute.„Daß er ſich nicht beſonders auf den Ankerplatz verſteht, will ich zugeben, aber niemand, der alles ſo hinaufſchraubt, darf daran den⸗ ken, ſein Schiff, auch nur fuͤr einige Zeit, durch ein einziges Tau feſtzuhalten, gerade wie jene ſtoͤßige Maͤhre, die mit einem langen Seil an einem Baum feſtgebunden war, und auf die wir auf unſerm Weg von Boſton her trafen.⸗ „Er geht dem Strom hinunter und die Anker ſind ge⸗ ſtaut,“ ſagte der Schwarze, deſſen dunkles Auge immer feſt auf das Schiff gerichtet war, waͤhrend er noch fortfuhr, ſeine Kieſel in die Luft zu werfen.„Er hat ein Ruder nahe am Backbord, Meiſter Harry, nun noch die Fluth am Bug, und Ihr werdet ihn davoneilen ſehen. Wahrhaftig, wenn einmal Dick auf einer Maͤhre ritte, die angebunden waͤr!“. — Wieder gab der Neger ſeiner Laune nach und ſchuͤttelte mit dem Kopf, als wenn ſeine ganze Seele ſich an dem ſonderbaren Bild erfreute, das ſeine Phantaſie heraufbe⸗ ſchworen; er lachte herzlich und wieder murmelte ſein weißer Gefaͤhrte gewiſſe außerordentlich ſchwere, inhaltsreiche Dro⸗ hungen. Der Juͤngling welcher wenig in die Streitigkeiten und Witzeleien ſeiner ſonderbaren Begleiter einzugehen ſchien, richtete immer noch feſt ſeinen Blick auf das Schiff, welches ihm fuͤr den Augenblick ganz beſonderes Intereſſe zu haben ſchien. Auch er ſchuͤttelte, jedoch ernſter, mit dem Kopf, als ſeyen ſeine Zweifel voruͤber, und ſagte, als das prahle⸗ riſche Frohlocken des Negers zu Ende war:„Ja, Seipio, Ihr habt Recht; er faͤhrt ganz mit dem Strom, und haͤlt alles zu einer ploͤtzlichen Bewegung bereit. In zehn Minu⸗ ten wuͤrde er ſein Schiff aus dem Feuer der Batterie herausbringen, und wenn er nur eine Kappe voll Wind haͤtte.“ „Ihr ſcheint ſo etwas zu verſtehen,“ ſagte eine unbe⸗ kannte Stimme hinter irm. Der Juͤngling drehte ſich ſchnell auf dem Abſatz herum, und bemerkte dann erſt die Gegenwart der Herangekom⸗ menen. Doch war er nicht allein erſtaunt, denn da noch ein Neuer zur Geſellſchaft hinzuzufuͤgen war, ſchien der ſchwatzhafte Schneider ganz eben ſo ſehr, wenn nicht noch mehr, verwundert, als irgend einer von der Geſellſchaft, die er ſo eifrig bewacht hatte, daß er dadurch verhindert wor⸗ den, die Annaͤherung noch eines Fremden zu bemerken. Das dritte Individuum war ein Mann zwiſchen dreißig 1 —-—— — und vierzig; und von einem Aeußern und Anzug, der nicht wenig dazu geeignet war, die ſchon thaͤtige Neugier des guten Homeſpun noch mehr zu erregen. Seine Geſtalt war klein, aber ſchien große Behendigkeit zu verſprechen, ja ſelbſt Staͤrke, beſonders im Vergleich zu ſeiner Statur, die kaum die mittlere Hoͤhe erreichte.„Seine Haut wary blen⸗ dend wie die eines Weibes geweſen, obgleich ein tiefes Roth, das die untern Zuͤge ſeines Geſichts eingenommen, und⸗ welches beſonders an der Außenlinie ſeiner ſchoͤnen Adler⸗ naſe zu bemerken war, allen Schein von Weiblichkeit ver⸗ nichtete. Sein Haar war, wie ſeine Bildung, ſchoͤn, und ſiel in reichen, glaͤnzenden, uͤppigen Locken um ſeine Schlaͤfe. Sein Mund und Kinn waren fein gebildet, aber der erſtere war etwas ſpoͤttiſch, und beide zuſammen trugen den ent⸗ ſchiednen Charakter der Ueppigkeit. Das Auge war blau, voll ohne hervorragend zu ſeyn, und obwohl gewoͤhnlich ruhig und ſelbſt ſanft, gab es doch Augenblicke, wo es etwas unbeſtaͤndig, und wild ſchien. Er trug einen hohen, kegel⸗ foͤrmigen Hut, etwas auf einer Seite, ſo daß ſeine Phyſio⸗ nomie dadurch etwas poſſirliches bekam, einen Reitrock von Hellgruͤn, Hoſen von Hirſchleder, hohe Stiefeln und Sporen. In einer Hand hatte er eine kleine Peitſche, womit er, als man ihn zuerſt ſah, die Luft mit der groͤßten Gleichguͤltig⸗ keit gegen die durch ſeine Unterbrechung veranlaßte Ver⸗ wunderung zerhieb. „Ich ſage, Herr, Ihr ſcheint Euch auf dieſe Dinge zu verſtehn;“ wiederholte er, als er die Unterſuchung des jun⸗ gen hochfahrenden Seemannes, ſo lange es ſeine eigne Ge⸗ — 45— bt duld litt, ausgehalten hatte;„Ihr ſprecht, wie einer, der fuͤhlt, daß er ein Recht hat, ſeine Meinung zu ſagen.“ „Findet Ihr es merkwuͤrdig, daß jemand nicht unwiſſend ar 4 la in einem Geſchäft iſt, das er ſein ganzes Leben eifrig ge⸗ die trieben?“ ⸗ 4„Hm, ich finde es etwas merkwuͤrdig, daß einer, deſſen th, Geſchaͤft Handarbeit iſt, ſeinem Handwerk einen ſolchen nd- Namen giebt. Wir von der Rechtsgelehrſamkeit, die ſich e⸗ ganz beſonders der Gunſt der Univerſitaͤten erfreuen, wir 1 er⸗ kͤnnen nicht mehr ſagen.“. nd„So nennt es Handwerk; denn mit Euch will ein See⸗ (fe. mann nichts gemein haben;“ erwiederte der andere, und ere wandte ſich von dem Zudringlichen mit einem Unwillen weg, nt⸗ den er gar nicht verhehlen wollte. mn,„Das iſt ein Junge von Gehalt!“ murmelte der andere ich und mit einem bedeutenden Laͤchelnn„Laßt ſo etwas ge⸗ as 3 ringes wie ein Wort uns nicht entzweien; ich geſtehe meine el⸗ Unwiſſenheit in allen Seeſachen, und wuͤrde gerne etwas ſto⸗ 4 von einem Manne lernen, der ſo geſchickt in dem ehrenvollen dn 2 Geſchaͤfte iſt. Ich glaube, Ihr ſagtet etwas uͤber die Art, en. wie jenes Schiff geankert hat, und uͤber den Zuſtand, in als dem ſie die Dinge oben und unten haben?“ ig⸗„Oben und unten!“ rief der junge Seemann, und ſah er⸗ den Fragenden mit einem Blick an, der ganz ſo ausdrucks⸗ voll war, als ſein fruͤherer Unwille. zu.„Oben und unten!“ wiederholte ruhig der andere, un⸗ 1„SIch ſprach von ſeiner Zierlichkeit oben, moͤchte aber uͤber das unten in dieſer Entfernung nicht urtheilen,“ „Dann irrt ich mich⸗ aber Ihr werdet mit einem Manne Nachſicht haben, der ein ſolcher Neuling in dieſem Geſchaͤft iſt. Wie ich angedeutet habe, ich bin nichts weiter als ein geringer Gerichtsmann im Dienſt Seiner Majeſtaͤt, und zwar auf einer beſondern Sendung. Wenn es nicht eine ſolche Kleinigkeit waͤre, wuͤrde ich noch hinzufuͤgen, daß ich noch nicht einmal ein Richter bin.“ „Ohne Zweifel werdet Ihr bald dieſe Auszeichnung er⸗ langen," entgegnete der andere,„wenn Sr. Maj. Miniſter nur einigermaßen richtige Begreffe vom beſcheidnen Ver⸗ dienſt haben; es muͤßte denn ſeyn, daß Ihr etwa vor der Zeit Der Juͤngling biß ſich die Lippen, nickte ſtolz mit dem Kopf und ging langſam auf der Werfte hin, ihm folgten mit demſelben Anſchein von Ueberlegung die zwei Seeleute, die ihm bei ſeinem Beſuch der Stelle begleitet hatten. Der Fremde in Grün beobachtete die ganze Bewegung mit einem ruhigen, und wie es ſcheinen wollte, ergoͤtzten Auge, ſchlug ſich den Stiefel mit ſeiner Peitſche und ſchien nachzudenken, als moͤchte er gerne Mittel ſinden, das Geſpraͤch fortzu⸗ ſetzen.. „Gehaͤngt wuͤrdet!“ murmelte er endlich, gleichſam um den Satz zu vollenden, den der andere unbeendigt gelaſſen hatte.„Es iſt drollig genug, daß ſolch ein Burſche mir ein ſo hohes Geſchick vorauszuſagen wagte.“ Er wollte offenbar der weggehenden Goſellſchaft folgen, als er eine Hand etwas unceremonids auf ſeinem Arm fühlte und ſeine Schritte aufgehalten wurden, „ Schne verſtel „Nur Sr. hohen werde wird Sagt bis ie fuͤr z fahru nicht Jung und zu b Lebt 9 ten der wan war bis Cha ſeine frag „Ein Wort in's Ohr, Sir;“ ſagte der aufmerkſame Schneider und gab ihm durch ein bedeutendes Zeichen zu verſtehen, er habe Sachen von Wichtigkeit mitzutheilen. „Nur ein⸗ Wort, Herr, da Ihr in dem beſondern Dienſt Sr. Majeſtaͤt ſeyd. Nachbar Pardon,“ fuhr er mit einer hohen Schuͤtzer⸗Miene fort,„die Sonne iſt niedrig und Ihr werdet ſpaͤt nach Haus kommen, fuͤrcht' ich. Das Maͤdchen wird Euch das Kleid geben, und—— Gott ſey mit Euch. Sagt nichts von dem, was Ihr gehoͤrt und geſehen habt, bis ich Euch dazu die Erlaubniß gebe. Denn es ſchickt ſich fuͤr zwei Leute, die in einem Krieg wie dieſer ſo viele Er⸗ fahrung gemacht haben, daß ſie auch in der Verſchwiegenheit nicht mangelhaft erfunden werden. Gluͤck auf den Weg, Junge, empfehlt mich dem wuͤrdigen Paͤchter, Eurem Vater, und vergeßt nicht einen auffriſchenden Wink, mir Freund zu bleiben, gegen die wuͤrdige Hausfrau, Eure Mutter. Lebt wohl, guter Junge, lebt wohl!“ Nachdem Homeſpun ſo n t ſeinem bewundernden Gefaͤhr⸗ ten verfahren, wartete er mit einer wichtigen Miene, bis der gaffende Luͤmmel die Werfte verlaſſen, und dann erſt wandte er ſich wieder zu dem Fremden in Gruͤn. Dieſer war mit ungeſtoͤrter Ruhe auf ſeiner Stelle ſtehen geblieben, bis er nochmals von dem Schneider angeredet ward, deſſen Charakter und Verhaͤltniſſe er ſich durch einen einzigen Blick ſeines ſchnellen Auges eingepraͤgt zu haben ſchien. „Ihr ſagt, Herr, Ihr ſeyd ein Diener Sr. Majeſtaͤt?⸗ fragte der andere, entſchloſſen, alle Zweifel in Hinſicht der er eine zu ſchnelle Eroͤffnung wage.. „Ich kann noch mehr ſagen— ſein genauer Ver⸗ trauter!“ „Es iſt eine Ehre, mit ſolch einem Manne zu reden, die ich in allen Gliedern fuͤhle,“ entgegnete der Kruͤppel ſtrich ſeine kaͤrglichen Haare, und beugte ſich beinahe zu Boden;„eine hohe, doͤnigliche Freude iſt es fuͤr mich, dieſer Hochbeguͤnſtigte zu ſeyn.“ „So wie's iſt, mein Freund, nehm' ich's auf mich in Sr. Majeſtaͤt Namen, Euch willkommen zu heißen.“ „Solche guͤtige Herablaſſung wuͤrde mein ganzes Herz oͤffnen, und wenn auch Verraͤtherei und jeder andre Frevel darin verſchloſſen waͤre. Ich bin gluͤcklich, geehrt und zweifle nicht, verehrter Herr, bei dieſer Gelegenheit meinen Eifer fuͤr den Koͤnig vor einem Manne zu beweiſen, der nicht ermangeln wird, meine geringen Bemühungen vor Seine koͤniglichen Ohren zu bringen.⸗ „Sprecht frei heraus,“ unterbrach ihn der Fremde in Gruͤn mit einem Blick fuͤrſtlicher Herablaſſung, obgleich jemand weniger einfaͤltig und weniger mit ſeinen auffnoſpen⸗ den Ehren beſchaͤftigt als der Schneider leicht entdeckt haben wuͤrde„ daß er des andern weitlaͤuftiger Loyalitaͤt uͤberdruͤſſig zu werden begann.„Sprecht ohne Ruͤckhalt, Freund; das thun wir immer am Hof.“ Dann ſeinen Stiefel mit der Reitpeitſche ſtreichend, murmelte er fuͤr ſich, als er ſeine leichte Geſtalt auf dem Abſatz wiegte, in einer Anſpruͤche des Fremden auf ſein Vertrauen aufzuklaͤren, ehe ☛‿ — n, ehe Ver⸗ reden, uͤppel he zu dieſer ich in Herz Frevel und heinen , der vor de in gleich ſpen⸗ tdeckt alitaͤt halt, einen ſich, einer —-— 49— laͤſſigen, gleichguͤltigen Weiſe:„Wenn der Burſche das ver⸗ ſchluckt, iſt er ſo dumm, wie ſein eigner Buͤgelbock.⸗ „Ich werde, Herr, ich werde, und ein großer Beweis von Gnade iſt es bei einem, wie Ihr, edler Herr, nur zu⸗ zuhoͤren. Ihr ſeht jenes ſchlanke Schiff, Herr, dort im Auſſenhafen dieſer treuen Seeſtadt?“ „Ja. Es ſcheint ein Gegenſtand der allgemeinen Auf⸗ merkſamkeit unter den wuͤrdigen Bewohnern dieſes Orts.“ „Daran merk' ich, Herr, daß Ihr den Scharfſinn mei⸗ ner Landsleute uͤberſchaͤtzt. Es hat, wo Ihr es jetzt ſeht, viele Tage gelegen, und nicht eine Silbe hab' ich gegen ſeinen Charakter von einem Menſchen außer mir liſpeln hoͤren.“ „Wirklich!“ murmelte der Fremde, kaute am Griff ſeiner Peitſche, und heftete feſt ſeine Blicke auf die Zuͤge des guten Schneiders, die in der That ſchwanger gingen mit der Wichtigkeit ſeiner Entdeckung.„Und von welcher Art kann Euer Verdacht ſeyn?⸗ „Ei, Herr, ich kann mich irren,— und Gott vergeb' mir, wenn's ſo iſt,— aber das iſt's, nicht mehr und nicht weniger, was in meiner Seele daruͤber aufgeſtiegen iſt. Jenes Schiff und ſeine Bemannung haben den Anſchein von unſchuldigen, harmloſen Sklavenhaͤndlern unter dem guten Volk von Newport, und als ſolche werden ſie an dieſem Ort aufgenommen und bewillkommt, das eine an einem ſichern und ruhigen Ankerplatz, die andern unter die Wirths⸗ hausgaͤſte und Kneipenbeſucher. Ich moͤchte nicht, daß Ihr daͤchtet, ein einziges Kleid ſey je fuͤr einen von ſeiner Be⸗ Coover's Freibeuter, 1— 3. 4 ——— mannung aus meiner Hand gekommen; nein, erinnert Euch immer, daß ſie nur mit dem jungen Handwerksmann Tape zu thun gehabt, der ſich Kunden anlockt, indem er die guten Namen ſeiner beſſern Handwerksgenoſſen antaſtet, und auf alle Weiſe verunehrt; nicht ein Kleidungsſtuͤck, ſelbſt nicht fuͤr den kleinſten Schiffsjungen iſt von meiner Hand.“ „Das iſt gut fuͤr Euch,“ entgegnete der Fremde in Gruͤn,„daß Ihr ſo wenig mit den Schelmen zu ſchaffen habt; doch vergaßt Ihr, das Hauptverbrechen anzugeben, deſſen ich ſie vor dem Koͤnig anklagen ſoll.“ „Ich komme ſo ſchnell als moͤglich an den wichtigen Punkt. Ihr müßt wiſſen, wuͤrdiger, geehrter Herr, daß ich ein Mann bin, der viel geſehen hat, und viel in Sr. Maj. Dienſt litt. Fuͤnf blutige und grauſame Kriege hab ich mitgemacht, andre Abentheuer und Erfahrungen nicht zu rechnen, wie ein getreuer Unterthan ſie demuͤthig und ſchwei⸗ gend ertragen muß.⸗ „Welches Alles dem Ohr des Koͤnigs unmittelbar vor⸗ getragen werden ſoll. Und nun, wuͤrdiger Freund, faßt Muth, macht Euch leicht durch eine freie Mittheilung Eures WVerdachts.“ „Dank, verehrter Herr; Eure Guͤte fuͤr mich ſoll nicht vergeſſen werden, abgleich man nie ſagen ſoll, daß Ungeduld die Erleichterung zu finden, die Ihr erwaͤhnt, mich zu einer leichtſinnigen, ungeeigneten Weiſe verleitete, mein Herz aus⸗ zuſchuͤtten. Ihr muͤßt wiſſen, verehrter Herr, daß geſtern, als ich allein, gerade zu dieſer Stunde, auf meiner Werk⸗ ſtätte ſaß, und meinen Gedanken nachhing, weil mein neidi⸗ — — —— — — 351— ſcher Nachbar all die neuangekommenen Kunden in ſeinen Laden gezogen,— nun, Herr, der Kopf kann geſchaͤftig ſeyn, waͤhrend die Haͤnde muͤßig ſind;— da ſaß ich, wie ich Euch kurz gefagt habe, und hing meinen Gedanken nach, wie jedes andere vernuͤnftige Geſchoͤpf uͤber die Noth des Lebens und die großen Erfahrungen, die ich in den Kriegen gemacht. Denn Ihr muͤßt wiſſen, hoher Herr, außer der Affaire im Land der Meder und Perſer, und dem Hafen⸗ Aufruhr in Edinburg bab ich fuͤnf grauſame, blutige Kriege——“ „ Es liegt ſchon etwas in Eurem Blick, was hinlaͤnglich den Soldaten verraͤth,“ fiel ſein Zuhoͤrer ein, der offenbar ſich bemuͤhte, ſeine ſteigende Ungeduld zu bemeiſtern;„aber da meine Zeit koſtbar iſt, moͤchte ich jetzt beſonders hoͤren, was Ihr von jenem Schiff zu ſagen habt.⸗ „Ja, Herr, man bekommt einen kriegeriſchen Blick, wenn man zahlloſe Schlachten geſehen hat; und ſo bin ich, zum Gluͤck fuͤr uns beide, jetzt zu dem Theil meines Ge⸗ heimniſſes gekommen, der ganz beſonders den Charakter jenes Schiffs betrifft. Da ſaß ich im Nachdenken uͤber die Art, wie die fremden Seeleute von meinem zuͤngelnden Nachbar hintergangen worden,— denn wie Ihr wiſſen muͤßt, Herr, ein verzweifelter Schwaͤtzer iſt jener Tape, und ein junger Burſche, der hoͤchſtens einen Krieg geſehen hat;— deßwegen dacht' ich uͤber die Art nach, wie er meine rechtlichen Kunden von meinem Laden weggelockt hatte, als, da ein Gedanke der Vater eines andern iſt, folgender endlicher Schluß, wie unſer frommer Prieſter es 4* woͤchentlich in ſeinen belebenden und durchdringenden Reden macht, zu oberſt in meinem Gemüͤth kam: Wenn dieſe See⸗ leute ehrliche und gewiſſenhafte Sklavenhaͤndler waͤren, wuͤr⸗ den ſie dann wohl einen bedraͤngten Mann mit einer großen Familie uͤberſehen, um ihr wohlerworbenes Gold einem ge⸗ meinen Schwaͤtzer in den Schooß zu ſchuͤtten? Ich ver⸗ ſicherte ſogleich mich ſelbſt, Herr, ſie wuͤrden's nicht. Ich war kuͤhn genug, das bei mir ſelbſt zu ſagenz und darauf „ legte ich offen allen, die es hoͤren wollten, die Frage vor: Wenn ſie nicht Sklavenhaͤndler ſind, was ſind ſie dann? Eine Frage, von der der Koͤnig ſelbſt in ſeiner hohen Weis⸗ heit zugeben muͤßte, daß ſie leichter gethan als beantwortet waͤre; ich entgegnete darauf: Wenn das Schiff kein ehrlicher Sklavenhaͤndler iſt, und auch kein gewoͤhnlicher Kreuzer Sr. Majeſtaͤt, ſo iſt es fuͤr jedes Mannes Urtheil begreiflich, daß es nichts mehr und nichts weniger als das Schiff jenes verruchten Piraten, des rothen Räubers iſt.⸗ „Des rothen Raͤubers?“ rief der Fremde in Gruͤn mit einem ſo ausdrucksvollen Blick, daß es deutlich ward, ſeine hinſterbende Aufmerkſamkeit auf des Schneiders Er⸗ zaͤhlung ſey ploͤtzlich und maͤchtig wieder aufgeregt worden. „Das in der That waͤre ein Geheimniß, um das es ſich der Muͤhe lohnte! Aber warum meint Ihr das?“ „Sch habe tauſend Gruͤnde, die ich jetzt in ihrer rechten Ordnung aufzaͤhlen will. Erſtlich iſt es ein bewaffnetes Schiff, Herr; zweitens iſt es kein ordentlicher Kreuzer, ſonſt wuͤrde es öffentlich bekannt ſeyn, und niemanden fruͤher als mir, da es ſich ſelten trifft, daß ich nicht einen Penny — — 2 — 53— mir von des Koͤnigs Schiffen erfingere. Drittens, das kaͤrg⸗ liche und gefuͤhlloſe Betragen der wenigen Seeleute, die gelandet ſind, beweiſt es, und endlich, was wohl bewieſen iſt, kann als feſt begruͤndet angeſehen werden. Das iſt's, Herr, was ich die Praͤmiſſen meiner Schluͤſſe nennen moͤchte, welches alles ich hoffe, Ihr Sr. Majeſtaͤt vortragen werdet.“ Der Gerichtsmann in Gruͤn hoͤrte auf die etwas er⸗ mudenden Deduktionen Homeſpuns mit großer Aufmerkſam⸗ keit, obgleich ſie ſo verworren und dunkel von dem eifrigen Handwerksmann vorgetragen wurden. Sein ſcharfes Auge ging ſchnell und oft von dem Schiff auf das Antlitz ſeines Gefaͤhrten, aber mehrere Augenblicke vergingen, ehe er eine Antwort geben wollte. Die unbekuͤmmerte Froͤhlichkeit, mit der er ſich eingefuͤhrt, und die er bis jetzt in der Unter⸗ redung beibehalten, wurde gaͤnzlich von einem nachdenkenden und vertieften Blick erſetzt, welcher hinlaͤnglich zeigte, daß, welchen Leichtſinn er auch gewoͤhnlich verrathen mochte, er doch gar nicht unbekannt mit tieferem, verſchlingendem Nach⸗ denken ſey. Jedoch ploͤtzlich warf er ſeine ernſte Maſke ab, und nahm einen Blick an, worin Ironie und Aufrichtigkeit ſich ſonderbar miſchten; er legte ſeine Hand vertraulich auf die Schulter des erwartenden Schneiders und antwortete: „Ihr habt eine Mittheilung gemacht, wie fuͤr einen treuen und loyalen Diener des Koͤnigs ſie ſich ſchickt. Es iſt wohl bekannt, daß ein hoher Preis auf den Kopf des geringſten Gefaͤhrten des Raͤubers geſetzt iſt, und daß eine reiche, ja eine glaͤnzende Belohnung dem zu Theil werden wird, der dazu beitraͤgt, das ganze Reſt von Schurken den Haͤnden des Henkers zu uͤberliefern. In der That, ich weiß nicht, ob nicht ein beſonderes Zeichen der koͤniglichen Huld auf einen ſolchen Dienſt folgen moͤchte. Da war Phipps, ein Mann von niederer Abkunft, der den Ritterſchlag er⸗ hielt.⸗ „Den Ritterſchlag!“ wiederholte der Schneider in hoher Verwunderung. „Den Ritterſchlag,“ entgegnete kalt der Fremdling, „ehrenvollen, ritterlichen Ritterſchlag. Welchen Namen habt Ihr von Euren Pathen in der Taufe bekommen?“ „Mein Name, gütiger, huldreicher Herr, mein Beiname iſt Hektor.“ „Und die Familie ſelbſt? Der unterſcheidende Fami⸗ lienname?“ „Wir ſind immer Homeſpun genannt worden.“ „Sir Hektor Homeſpun wird ſo gut als jeder andere Name lauten! Aber um den Lohn uns zu ſichern, mein Freund, muͤſſen wir verſchwiegen ſeyn. Ich bewundre Euren Scharfſinn, und gebe mich ganz Euren Gruͤnden hin. Ihr habt ſo gaͤnzlich die Richtigkeit Eures Verdachts bewieſen, daß ich nicht laͤnger zweifle, jenes Schiff iſt der Freibeuter; daß ich es ſo wenig bezweifle, als daß Ihr einſt Sporen tragen und Sir Hektor heißen werdet, Dieſe zwei Dinge ſind bei mir gleich ſicher, aber wir muͤſſen dabei vorſichtig verfahren. Ich glaube, wenn mir recht iſt, ſo ſagtet Ihr, niemand ſonſt ſey durch Euch daruͤber auf⸗ geklaͤrt worden?“ „Keine Seele! Tape ſelbſt iſt bereit zu ſchwoͤren, daß die Bemannung ehrliche Sklavenhaͤndler ſind! „Um ſo beſſer. Wir muͤſſen erſt unſre Vorausſetzungen ſichern, dann zur Belohnung. Trefft mich um eilf Uhr heute Nacht dort an jenem niedern Punkt, wo das Land in den Auſſenhafen hineinlaͤuft. Von da wollen wir unſere Beobachtungen machen, und wenn wir jeden Zweifel beſei⸗ tigt haben, dann ſoll der Morgen eine Entdeckung bringen, die von der Bayprovinz bis zu den Anſiedlungen von Oglethorpe dringen wird. Bis dahin muͤſſen wir ſcheiden, denn es iſt nicht gut, wenn man uns laͤnger im Geſpraͤch bemerkt. Denkt an Schweigen, Puͤnktlichkeit und die Gunſt des Koͤnigs. Dieß iſt unſere Parole.“⸗ „Adieu, edler Herr,“ ſagte ſein Gefaͤhrte und verbeugte ſich faſt bis zur Erde, waͤhrend der andere beirs Abgehen leicht den Hut beruͤhrte. „Idieu, Sir Hektor,“" entgegnete der Fremde in Gruͤn mit einan leutſeligen Laͤcheln und einem huldvollen Bewe⸗ gen der Hand. Er ging dann langſam auf der Werfte hin und verſchwand hinter der Reſidenz der Homeſpun; das Haupt jener alten Familie wie mancher ſeiner Vorgaͤnger und Nachfolger, war in die Bewunderung ſeines eigenen Gluͤcks verſunken, und ſo von ſeiner Thorheit geblendet, daß waͤhrend er mit dem aͤußern Auge rechts und links blickte wie immer, das Aug' ſeines Geiſtes umduͤſtert war von den Wolken des Ehrgeizes. Drittes Kapitel. — Alonzo:„Guter Bootsmann, gieb Acht!“ Sturm. —— Sobald der Fremde den leichtglaͤubigen Schneider ver⸗ laſſen, verlor ſich ſeine angenommene Miene in eine meit natuͤrlichere und ruhige. Noch wollte es ſcheinen, als vaͤre Nachdenken ein ungewohnter, unwillkommner Gaſt ir ſei⸗ nem Gemuͤth, denn den Stiefel mit ſeiner kleinen Reitgerte ſchlagend, ſchritt er durch die Hauptſtraße der Stadt leich⸗ ten Sinns und mit fluͤchtigem Blick. Wenn aber auch ſein Auge unſtaͤt war, entgingen doch wenige an denen er vor⸗ beikam, einem Blitz daraus, und es war ofenbar ſchon aus der ſchnellen Art, wie er die Gegenſtaͤnde betrachtete, daß ſein Geiſt nicht weniger thaͤtig, als ſein Koͤrper ſey. Ein ſo beſchaffener Fremde, einer, der an ſich ſo viele Zeichen ſeiner noch neuen Bekanntſchaft mit der Straße trug, ver⸗ fehlte nicht, die Aufmerkſamkeit der ſorgſamen Wirthe auf ſich zu ziehen, die wir ſchon in unſerm Eingangskapitel zu erwaͤhnen, Gelegenheit gehabt haben. Er ſchlug die Hoͤflich⸗ keiten der beguͤnſtigſten Gaſthalter ab, und ließ ſeine Schritte ſonderbar genug, von dem einen aufhalten, deſſen Haus der gewoͤhnliche Zufluchtsort der Hafenleute war. Als er in die untere Stube dieſer Taverne trat,(ſo nannte man das Haus, obgleich im Mutterland es nur auf den Namen einer Schenke Anſpruch gemacht haben wuͤrde) fand er das gaſtliche Zimmer mit ſeinen gewoͤhnlichen Kun⸗ den vollgepropft. Eine kleine Unterbrechung ward durch das Erſcheinen eines Gaſtes hervorgebracht, der nach Haltung und Anzug weit hoͤher als die andern Beſucher ſtand, aber ſie hoͤrte auf, ſobald ſich der Fremdling auf eine Bank ge⸗ worfen, und dem Wirth die Art ſeiner Beduͤrfniſſe ange⸗ deutet hatte. Als dieſer den gewuͤnſchten Trank brachte, machte er eine Art Entſchuldigung, die fuͤr die Ohren aller Kunden in der Naͤhe des Fremden beſtimmt war, wegen der etwas unhoͤflichen Weiſe, wie ein Individuum an dem vordern Ende der langen, ſchmalen Stube nicht allein ſich das Monopol zu reden anmaßte, ſondern auch die Aufmerk⸗ ſamkeit aller, die hoͤren konnten, auf eine furchtbare Legende erpreßte. Es iſt der Bootsmann des Sklavenhaͤndlers im Auſſen⸗ hafen, Herr," ſchloß der wuͤrdige Zoͤgling des Bacchus, nein Mann, der manchen Tag auf dem Waſſer geweſen iſt, und Erſcheinungen und Wunder genug gehabt hat, um einen großen Band zu fuͤllen. Alter Bor'us nennen ſie ihn, obgleich ſein eigentlicher Name Jack Nachtigall iſt. Iſt der Toddy nach des Herrn Geſchmack?“ Der Fremde bejahte die Frage durch ein Schnalzen mit den Lippen, verbeugte ſich, und ſchuͤttete den faſt noch unbe⸗ ruͤhrten Trank hinunter. Dann drehte er den Kopf, um den Mann zu erforſchen, der nach ſeiner Deklamation in der Sprache des Landes der zweite Redner des Tags haͤtte genannt werden moͤgen. Eine Geſtalt, weit uͤber ſechs Fuß hinaus; ein unge⸗ heurer Backenbart, der die Haͤlfte ſeiner grimmen Zuͤge faſt ganz bedeckte; eine Narbe, welche das Andenken an eine ſchlecht geheilte Wunde war, die einſt dieſe Haͤlfte in Viertel zu theilen gedroht hatte; Glieder nach Verhaͤltniß und das Ganze durch einen Matroſenanzug auffallend ge⸗ macht; eine lange, ſchmutzige Silberkette und eine kleine Pfeife von demſelben Metall machte das Individuum hin⸗ laͤnglich bemerkbar. Ohne nur im geringſten zu bemerken zu ſcheinen, daß ein uͤber die gewoͤhnliche Klaſſe ſeiner Zu⸗ hoͤrer ſo weit Hervorſtehender eingetreten ſey, ſetzte dieſer Sohn des Oceans ſeine Erzaͤhlung fort, und zwar mit einer Stimme, die ihm von der Natur gleichſam zum Spott uͤber ſeinen muſikaliſchen Namen gegeben ſchien, in der That kamen ſeine Toͤne dem Bruͤllen eines Ochſen ſo nahe, daß einige Uebung noͤthig war, um das Ohr an die ſonderbar ausgeſtoßenen Worte zu gewoͤhnen. „Ja,“ fuhr er fort, und ſtieß ſeinen braunen Arm mit geballter Fauſt aus, um mit dem Daumen den rechten Punkt des Kompaſſes anzudeutenz„ die Kuͤſte von Guinea mochte hier herum gelegen haben, und der Wind, Ihr ſeht, war todt von der Kuͤſte her, und blies zu Zeiten, als wenn eine Katze murrt, oder wie wenn der alte Geſell, der ihn fuͤr uns Seeleute im Sack haͤlt, manchmal den Stopfen dure ſucht Sac gerit Kan kom zaͤhl Ohr Ein Part einer legen Verſ Dan gleich det, Des uͤber ſchlec Deßr Senl an d ſeinen man fort: war 2 — 59— durch die Finger fahren ließe, und ihn dann wieder herbei⸗ ſuchte, um ihn doppelt feſt zu binden. Ihr wißt, was ein Sack iſt, Bruder?⸗ Dieſe abgeriſſene Frage war an den gaffenden Luͤmmel gerichtet, den der Leſer ſchon kennt, und welcher mit dem Kamiſol unter dem Arme, das er eben vom Schneider be⸗ kommen, ſich aufgehalten hatte, um die Thaten dieſer Er⸗ zaͤhlung zu dem Stoff hinzuzufuͤgen, den er ſchon fuͤr die Ohren ſeiner Verwandten auf dem Lande geſammelt hatte. Ein allgemeines Gelaͤchter auf Unkoſten des erſtaunten Pardon erfolgte. Nachtigall gab einen bedeutenden Wink einem oder zwei ſeiner Vertrauten und benutzte dieſe Ge⸗ legenheit, ſeine Lippen anzufeuchten, wie er ſehr witzig das Verſchlingen einer Pinte von Rum und Waſſer nannte. Dann fuhr er mit ſeiner Erzaͤhlung fort, indem er in einem gleichſam ermahnenden Tone ſagte: „ Und die Zeit kann kommen, wo Ihr auch erfahren wer⸗ det, was ein Halsband iſt, wenn Ihr die Tugend verlaſſet. Des Menſchen Hals iſt gemacht, Bruder, um ſeinen Kopf uͤber dem Waſſer zu halten, nicht, daß er wie ein Paar ſchlecht gefuͤgte Fallthuͤren aus ſeinem Gewerb gedreht werde. Deßwegen macht Eure Rechnung bei Zeiten, und laßt das Senkblei des Gewiſſens heraus, wenn Ihr findet, daß Ihr an die Klippen der Verſuchung treibt.“ Darauf rollte er ſeinen Taback im Munde und ſah kuͤhn um ſich, als wenn man eine moraliſche Verpflichtung erfuͤllt hat, und fuhr fort:„Nun, da lag das Land, und wie ich ſagte, der Wind war hier, Oſt und gen Suͤd, meinetwegen auch Oſt und gen Suͤd halb Suͤd, manchmal blies er recht zuͤnſtig und dann wieder ließ er die Segel wider das Takelwerk und die Stangen fallen, als waͤren ſie nicht mehr werth als ein Entenbolzen oder eines Reichen Helf Gott. Mir war das Wetter gar nicht angenehm; da ich ſah, es ſey zu viel Un⸗ gewißheit zu einer ruhigen Nachtwache; ich ging alſo herum um im Stande zu ſeyn, meine Meinung zu ſagen, wenn ich darum befragt wuͤrde. Ihr muͤßt wiſſen, Bruͤder, daß nach meinen Begriffen von Religion und Verhalten ein Menſch nicht zu viel werth iſt, wenn er nicht gehoͤrige Sitten hat. Deßwegen hat man mich nie meinen Loͤffel in des Capitains Schuͤſſel thun ſehen, außer wenn ich dazu aufgefordert wurde, aus dem einfachen Grund, weil meine Geburt vornehmer iſt als ſeine. Ich ſage nicht, an welchem Ende des Schiffes der beſſere Mann gefunden wird, das iſt eine Sache, uͤber die verſchiedene Leute verſchiedene Mei⸗ nungen haben, wiewohl viele auch uͤbereinſtimmen. Aber ich ging herum, um mich in den Stand zu ſetzen, meine Meinung abzugeben, wenn man mich fragte, auch dauerte es nicht lange, und es kam, wie ich vorausgeſehn. Miſter Nachtigall, ſagte er, denn unſer Capitain iſt ein gebildeter Herr, und vergißt nie auf dem Verdeck die Sitte, wenn jemand von der Schiffsgeſellſchaft in der Naͤhe iſt. Miſter Nachtigall, ſagt' er, was denkt Ihr von der Wolke dort herum, Nord Weſt? ſagt er. Ei, Sir, ſagt ich kuͤhn, denn ich bin nicht blod im Reden, wenn man ordentli, mit mir ſpricht, ſo, ei Herr, ſagt ich, unbeſchadet Eurer Ehrenveſt beſſere Meinung, was nur ſo geſprochen war, denn er war gegne ſeine der ſeinen Man Offiz zu la ten e 2 Gege und und ein das Un⸗ rum denn daß ein rige l in dazu neine chem s iſt Mei⸗ Aber neine uerte tiſter deter venn diſter dort denn 1 mir enveſt war — 61— an Jahren und Erfahrung ein Kuͤchlein gegen mich, aber ich werfe keine gluͤhende Aſche oder ſonſt etwas heißes gegen den Wind, ſo, Sir, ſagt ich, nach meiner Meinung muß man die drei Topſegel einziehen, und das Vorderſegel ſtauchen. Wir brauchen nicht zu eilen, aus dem einfachen Grund, weil Guinea morgen noch gerade da liegen wird, wo es heut iſt, Um das Schiff bei dieſen Windſtoͤßen gerade zu halten, haben wir das Hauptſegel——„ „Ihr haͤttet Euer Hauptſegel auch einziehen ſollen," rief eine Stimme hinten, die ganz eben ſo abſprechend, ob⸗ gleich weniger grimmig als die des geſchwätzigen Boots⸗ manns war. „Welcher Unwiſſende ſagt das?“ fragte Nachtigall ſtolz, als wenn ſeine ganze ſchlafende Wuth durch eine ſo rohe, kuͤhne Unterbrechung erregt worden. „Ein Mann, der Afrika hinunter iſt von Bon bis zur Guten Hoffnung und mehr als einmal, und der einen weißen Windſtoß von einem Regenbogen unterſcheiden kann;" ent⸗ gegnete Dick Fid, und ſtellte ſeine kleine Perſon ſtattlich vor ſeinen wuͤthenden Gegner, indem er ſich durch den Haufen, der die wichtige Perſon des Bootsmannes umgab, mit Huͤlfe ſeiner maſſiven Schultern durchdrängte;„ei, Bruder, ein Mann, mag er nun viel oder wenig wiſſen, der nie ſeinem Offizier rathen wuͤrde, ſo viele Hinterſegel auf dem Schiffe zu laſſen, wenn es ſeyn konnte, daß der Wind es von hin⸗ ten ergriffe.“⸗ Auf dieſe kuͤhne Rechtfertigung einer Meinung, die alle Gegenwaͤrtige fuͤr ſo gewagt hielten, folgte ein allgemeines und lautes Murren. Durch dieſen Beweis ſeiner groͤßeren Popularitaͤt ermuthigt, war Nachtigall nicht langſam und auch nicht ſehr zart mit ſeiner Antwort; und dann erfolgte ein ſchreiender Einklang, worin die Stimmen der Geſellſchaft im Allgemeinen diß hoͤheren und ſchrilleren Noten auf ſich nahmen, durch welche die kuͤhnen, kraͤftigen Betheuerungen, Einwuͤrfe und Meinungen der zwei Hauptdisputanten im tiefen Baß durchgehoͤrt wurden. Fuür einige Zeit war kein Theil der Diskuſſion zu hoͤren, ſo groß war die Verwirrung der Zungen; ja es zeigten ſich gewiſſe Symptome von Seiten Fids und des Boots⸗ mannes, die zu verrathen ſchienen, ſie wuͤrden ihren Streit durch die letzte Inſtanz entſcheiden. Waͤhrend dieſes Augen⸗ blicks der Erwartung hatte der erſtere ſeine viereckige, feſt⸗ gebaute Geſtalt vor ſeinen rieſenhaften Opponenten ge⸗ bracht, und da gab es ſehr heftiges Ausſtrecken und Zuruͤck⸗ ziehen der vier athletiſchen Arme, waͤhrend ſie geſticulirten, und jeder Arm war, gleich einem modiſchen Knotenſtock, ſo mit Bein, Knorpeln und Sehnen umwickelt, daß man Vernichtung allem vorausſagen konnte, was ſich ihm ent⸗ gegenſtellen wuͤrde. Als jedoch das allgemeine Geſchrei ſich allmaͤhlig legte, konnte man die Hauptredner hoͤren, und als waͤren ſie zufrieden, ſich auf ihre reſpective Kraft der Rede zu verlaſſen, gab jeder allmaͤhlig ſeine feindliche Stel⸗ lung auf, und ſchien geneigt, den Kampfplatz durch ein kaum weniger ſchreckliches Glied, als den braunen Arm zu behaupten. „Ihr ſeyd ein kuͤhner Seemann, Bruder,“ ſagte Nach⸗ — tigall und nahm ſeinen Sitz wieder ein;„und wenn Spre⸗ chen Handlen waͤre, wuͤrdet Ihr ohne Zweifel ein Schiff reden machen. Aber ich, der Flotten geſehen von Zwei⸗ und Dreideckern und das von allen Nationen, Eure Mo⸗ hawk ausgenommen;— deren Kreuzern freilich ich geſtehen muß nicht getroffen zu haben,— wie ſie dalagen, ſchnuggig wie eben ſo viele Moͤven, mit ihren Hauptſegeln eingerefft, ich weiß dem Schiff ſeine Richtung zu geben, und die Sie⸗ benfachen an ihrer Stelle zu halten.“ „Ich leugne, daß man ein Boot mit den Hinter⸗Quart⸗ fegeln halten kann;“ entgegnete Dick;„gebt ihm die Stech⸗ ſegel, wenn Ihr wollt, und es wird kein Unglück geſchehen, aber ein wahrer Seemann wird nie auch nicht eine Taſche voll Wind zwiſchen ſeinem Hauptmaſt und ſeinem Doppelt⸗ taue laſſen, wenn er ſein Geſchaͤft verſteht. Aber Worte ſind wie der Donner, der oben bruͤllt, ohne an der Rae herabzukommen, wie ich ſchon geſehen; laßt uns deßwegen die Frage einem vorlegen, der im Waſſer geweſen iſt, und etwas vom Leben auf dem Schiff verſteht.“⸗ „Wenn der aͤlteſte Admiral von Sr. Majeſtaͤt Flotte hier waͤre, er wuͤrde ſich nicht weigern, zu ſagen, wer Recht und wer Unrecht hat. Ich ſage, Bruͤder, wenn jemand unter Euch allen iſt, der das Gluͤck einer See⸗Erziehung ge⸗ habt hat, ſo moͤge er ſprechen, damit die Wahrheit dieſes Punkts nicht verborgen bleibe, wie ein Bindeiſen zwiſchen Braß⸗Block und einer ſchwarzen Segelſtauche.“ „Nun, hier iſt der Mann, entgegnete Fid, reckte den Arm aus, ergriff Scipion beim Kollet und zog ihn ohne — 64— Umſtaͤnde in die Mitte des Kreiſes, der ſich um die beiden Streitenden gebildet hatte.„Da iſt ein Mann fuͤr Euch, der noch eine Reiſe mehr als ich zwiſchen hier und Afrika gemacht hat, eben weil er da geboren wurde. Nun ant⸗ worte, als riefeſt Du vom Takelwerk herab, Siip, unter welches Segel wuͤrdeſt Du an der Kuͤſte Deines Vaterlandes ein Schiff bringen, wenn Gefahr vor einem weißen Wind⸗ ſtoß waͤre?⸗ „unter gar keins,“ ſagte der Schwarze,„ich ließe es laufen.⸗ „Ei, Junge, aber um bereit gegen einen Stoß zu ſeyn, wuͤrdeſt Du es unter ein Hauptſegel bringen, oder unter einem Vorſegel liegen laſſen?“ „Jeder Thor weiß das,“ entgegnete Scipio muͤrriſch und offenbar muͤde, ſich ſo katechiſiren zu laſſen. „Wenn Ihr ſie weglaſſen wollt, wie wollt Ihr es mit dem Hauptſegel machen? Antwortet mir darauf, Miſter Dick.⸗ „Meine Herren,“ ſagte Nachtigall und ſah ſehr ernſt um ſich;„ich leg' es Eurer Ehrenveſt vor, iſt das ein ordent⸗ liches Benehmen, einen Neger auf dieſe unſchickliche Art herbeizuſchleppen, um ſeine Meinung einem Weißen ins Ge⸗ ſicht zu ſagen?⸗ Dieſe Appellation an die verletzte Wuͤrde der Geſellſchaft ward durch ein allgemeines Murren beantwortet. Scipio, der vorbereitet war, auf ſeine abſprechende, ihm eigne Art ſeine gegebene Meinung gegen jeden Widerſacher zu ver⸗ theidigen und auch vertheidigt haben wuͤrde, hatte nicht das beiden Euch, Ufrika ant⸗ unter aandes Wind⸗ eße es ſeyn, unter üͤrriſch es mit Miſter rernſt ordent⸗ ſe Art 1s Ge⸗ lſchaft Scipio, ne Art u ver⸗ cht das — 65— Herz, einem ſo allgemein geaͤußerten Zeichen der Mißbilli⸗ gung ſeiner Gegenwart zu widerſtehen. Ohne ein Wort zur Rechtfertigung und Vertheidigung vorzubringen, faltete er die Arme, und ging mit der Unterwuͤrfigkeit und Ruhe eines Mannes aus dem Haus, der zu lang an Demuͤthigung gewoͤhnt worden, um zu widerſtreben. Doch ſah Fid, der ſich ſo ganz unerwartet des Zeugniſſes des Schwarzen be⸗ raubt fand, nicht ſo ganz ruhig den Abgang ſeines Gefaͤhr⸗ ten mit an. Er machte laut Vorſtellungen gegen ſein Weggehen, aber als er ſie vergeblich ſah, ſtopfte er ein Endchen von einigen Zoll Taback in den Mund, und ſchwor, waͤhrend er dem Afrikaner folgte, ſein Auge zugleich feſt auf ſeinen Gegner geheftet, daß nach ſeiner Meinung der Junge, wenn er ſonſt eine andere Haut haͤtte, als der Weiße von den beiden erfunden werden wuͤrde. Der Triumph des Bootsmannes war jetzt vollſtaͤndig; und er nicht maͤßig in ſeiner Freude. „Meine Herrn,“ ſagte er und wandte ſich mit erhoͤhetem Vertrauen an die wilde Geſellſchaft, die ihn umgab;„Ihr ſeht, die Vernunft iſt gleich einem Schiff, das mit geſtauch⸗ ten Segeln auf beiden Seiten hinfaͤhrt, gerade durchgeht und nichts ſchonet. Doch ich verachte Prahlerei, und weiß auch nicht, wer der Burſche iſt, der eben jetzt abgeſegelt, gerade zu rechter Zeit, ſeinen Ruf zu retten, aber das will ich ſa⸗ gen, daß zwiſchen Boſton und Weſtindien der Mann nicht gefunden wird, welcher beſſer wuͤßte, als ich, wie man ein Schiff gehen laſſen oder ſtill halten ſoll, wenn ich nur——, Cooper's Freibeuter. 1— 3. — 66— Nachtigalls tiefe Stimme ward ploͤtzlich gedaͤmmt, und ſein Auge blieb wie durch einen Zauber auf den ſcharfen Blick des Fremden in Gruͤn geheftet, deſſen Angeſicht man jetzt unter die gemeineren Geſichter des Haufens ge⸗ miſcht ſah. „Vielleicht,“ fuhr der Bootsmann fort und verſchluckte die Worte vor Erſtaunen, als er ſo unerwartet ein ſolch durchdringendes Auge ſich gegenuͤberſah;„vielleicht, der Herr mag einige Kenntniß von der See haben, und koͤnnte wohl den Streitpunkt entſcheiden.“ „Wir lernen auf den Univerſitaͤten nicht Seetaktik,“⸗ entgegnete der andere barſch,„wiewohl ich geſtehen will, daß nach dem wenigen, was ich gehoͤrt, ich ganz fuͤr das Forttreiben bin.“ Er ſprach das letztere Wort mit einem Nachdruck aus, der es zweifelhaft machte, ob er nicht das Wort in dem Sinn: ſich fort machen naͤhme; beſonders da er ſeine Zeche bezahlte, und ſogleich das Feld im ruhigen Beſitz Nachtigalls ließ. Dieſer nahm nach einer kurzen Pauſe ſeine Erzaͤh⸗ lung wieder auf, ob man gleich, ſey es Ermuͤdung oder ſonſt etwas geweſen, bemerkte, daß ſeine Stimme weit we⸗ niger abſprechend als vorher war und daß ſeine Geſchichte ſehr ſchnell zu Ende eilte. Als er damit und mit ſeinem Grog fertig war, ging er nach der Bay, von wo ein Boot ſogleich abgeſchickt ward, um ihn an Bord des Schiffes zu bringen, welches waͤhrend dieſer ganzen Zeit ſtets der Ge⸗ genſtand der verdachtvollen Unterſuchung des guten Home⸗ ſpuns geweſen war. „ — 67— Indeß hatte der Fremde in Gruͤn ſeinen Spaziergang durch die Hauptſtraße der Stadt fortgeſetzt; Fid auf den beſtuͤrzten Scipio Jagd gemacht, und im Lauf nicht ſehr zarte Bemerkungen uͤber die Kenntniſſe und Seewiſſenſchaft des Bootsmannes vorgebracht. Wirklich erreichte er ihn auch bald und richtete nun ſeine Wuth gegen den Neger, dem er reichliche Mißhandlung widerfahren ließ, weil er einen Satz aufgegeben, der ſo einfach und ſo wahr geweſen, als der Satz,„daß dort der Schooner weiter kommen wuͤrde, wenn er von beiden Seiten den Wind haͤtte, als jetzt, wo er nur von einer kaͤme.⸗ Wahrſcheinlich durch den beſondern Anſtrich ergoͤtzt, den er im Charakter dieſes ſonderbaren Paares entdeckt hatte, oder wohl auch von ſeiner eignen Laune geleitet, folgte ihnen der Fremde. Sie wandten ſich vom Waſſer ab, und erſtiegen einen Huͤgel; der letztere war etwas hinter ſeinen Piloten zuruͤckgeblieben, bis er ſie bei einer Wendung der Straße oder vielmehr des Wegs aus dem Geſicht verlor, denn jetzt waren ſie ſelbſt ſchon uͤber die kleinen Vorſtaͤdte der Stadt hinaus. Der Gerichtsmann, denn dafuͤr hatte er ſich ausgegeben, beſchleunigte ſeine Schritte und war froh, als er einen Blick von den zwei Wuͤrdigen, die unter einem Zaun faßen, einige Augenblicke darauf auffing, wo er ſie ſchon verloren zu haben glaubte. Sie hielten aus einem kleinen Paͤckchen, das der Weiße unter dem Arm getragen, und aus dem er freigebig ſeinem Gefaͤhrten ſpendete, ein kaͤrgliches Mahl. Der Schwarze hatte ſeine Stellung nahe genug bei dem andern genommen, um zu zeigen, daß 5* die Freundſchaft zwiſchen ihnen wieder vollkommen herge⸗ ſtellt ſey; doch ſaß er etwas zuruͤck, gleichſam aus Ehrfurcht gegen den hoͤheren Rang, den der andere vermoͤge ſeiner Farbe genoß. Der Fremde naͤherte ſich ihnen mit der Be⸗ merkung:„Wenn Ihr Euch ſo frei uͤber das Paͤckchen her⸗ macht, Burſchen, dann wird ein Oritter ohne Nachteſſen zu Bette gehen muͤſſen.“ „Wer ſpricht?“ ſagte Dick und ſah von ſeinem Knochen weg mit einem Blick, der dem eines Bullenbeißers ſehr glich, wenn er auf aͤhnliche Art beſchaͤftigt iſt. „Ich wollte Euch nur erinnern, daß Ihr noch einen Tiſchgenoſſen habt," entgegnete ritterlich der andere. „Wollt Ihr ein Stuͤck, Bruder?“ ſagte der Seemann und bot das Paͤckchen mit der Freigebigkeit eines Schiffers ihm an, ſobald er meinte, es ſey eine indirekte Anforder ung an ſeinen Inhalt geſtellt worden. „Ihr mißverſteht mich immer noch; auf der Werfte war noch einer bei Euch.“ „O, er iſt an der Abfahrt da, dort an jenem geringen meberbleibſel von Leuchtthurm, der ſchlecht genug geſtellt iſt, er muͤßte denn Euren Ochſengeſpannen und den Landhaͤnd⸗ lern den Weg haben zeigen ſollen; da herum, Herr, wo Ihr jenen ſteinernen Pfeiler ſeht, der wahrſcheinlich auch bald herunterkommen wird.“ Der Fremde ſah nach der von dem andern angedeuteten Seite hin, und erblickte den jungen Seemann, auf den er hingewisſen hatte, am Fuß eines verfallenen Thurmes ſte⸗ hend, der unter den leiſen Einwirkungen der Zeit zuſammen⸗ — ͤ Sp ₰ 22 4 — 69— fiel. Es war nicht weit von der Stelle, wo er ſich ſelbſt befand. Indem er den Seeleuten eine Hand voll kleiner Muͤnze hinwarf, wuͤnſchte er ihnen ein beſſeres Mahl, und ging durch den Zaun, offenbar in der Abſicht, ebenfalls die Truͤmmer zu unterſuchen. „Der Burſche geht frei mit ſeinem Kupfer um;“ ſagte Dick und unterbrach die Bewegungen ſeiner Zaͤhne, um dem Fremden einen andern und beſſern Blick zuzuwerfen;“ aber da es doch an der Stelle, wo er es gepflanzt hat, nicht wachſen wird, S'ip, ſo kannſt Du es mir fuͤr meine Taſche heruͤberreichen. Ein offen⸗ und freihaͤndiger Junge iſt es, Afrika, aber dieſe Gerichtsleute bekommen alle ihre Pfennige von dem Teufel und ſie ſind ſicher, mehr zu bekommen, wenn das Waſſer in ihrem Beutel niedrig ſteht.“ Wir laſſen den Neger das Geld zuſammenſuchen, und es, als wenn es ſeine Pflicht geweſen, dem uͤbermachen, der, wenn nicht ſein Herr, doch zu allen Zeiten geneigt und willig war, die Herrſchaft eines ſolchen uͤber ihn zu uͤben, und folgen dem Fremden auf ſeinem Wege nach dem ſchwan⸗ kenden Gebaͤude. Es war wenig an den Truͤmmern ſelbſt, was die Aufmerkſamkeit eines Mannes auf ſie ziehen konnte, der nach ſeinen Aeußerungen wahrſcheinlich oft Gelegenheit gehabt hatte, die ergreifenderen Ueberreſte fruͤherer Jahr⸗ hunderte an der andern Seite des atlantiſchen Meers zu unterſuchen. Es war ein kleiner, kreisfoͤrmiger Thurm, der auf rohen Saͤulen ſtand, die durch Bogen verbunden waren, und in der Jugendzeit des Landes, als ein Vertheidigungs⸗ werk erbaut ſeyn mochte, obgleich es faſt noch wahrſchein⸗ — 70— licher war, daß er zu einem weniger kriegeriſchen Zweck be⸗ abſichtigt worden. Mehr als ein halbes Jahrhundert nach dem Zeitpunkt, wovon wir ſchreiben, iſt dieß kleine Gebaͤude, das ſo eigenthuͤmlich iſt nach ſeiner Form, ſeinem verfallenen Zuſtand und ſeinem Stoffe, ploͤtzlich das Studium und die Aufgabe der ſehr gelehrten Leute, der amerikaniſchen Alter⸗ thuͤmler geworden. Es iſt nicht zu verwundern, daß eine ſo geehrte Truͤmmer der Gegenſtand vieler heißen, gelehrten Streitigkeiten wurde. Waͤhrend die Ritter in den Kuͤnſten und Alterthuͤmern des Landes tapfer ihre Lanzen um die ſinkenden Mauern gebrochen, haben die weniger Unterrich⸗ teten und minder Eifrigen die Kaͤmpfer mit derſelben Art von Bewunderung betrachtet, wie ſie geaͤußert haben wuͤr⸗ den, waͤren ſie gegenwaͤrtig geweſen, als der beruͤhmte Ritter von La Mancha gegen jene andren Windmuͤhlen anrennte, die uns der unſterbliche Cervantes ſo herrlich be⸗ ſchrieben hat. Als er die Stelle erreichte, gab der Fremde in Gruͤn ſeinem Stiefel einen tuͤchtigen Schlag mit der Reitgerte, als wolle er dadurch die Aufmerkſamkeit des in Gedanken verlorenen Seemannes auf ſich ziehen, und bemerkte frei⸗ muͤthig: „Ein gar ſchoͤnes Ding wuͤrde das ſeyn, wenn mit Epheu bewachſen es durch eine Luͤcke im Wald hervorpiepte; aber mit Erlaubniß, Herren von Eurem Geſchaͤft haben wenig mit Waͤldern und zuſammenfallenden Steinen zu ſchaffen. Dort iſt der Thurm,“ er deutete nach den ſchlan⸗ 1 (Q&☛ 8 ˙a020 8 — 71— Schiffes im Auſſenhafen;„dorthin ſeht Ihr ebſten Truͤmmer ſind ein Wrack!“ Herr,“ ent⸗ ken Maſten des gern und Eure li „Ihr ſcheint unſern Geſchmack zu kennen, gegnete der andere kalt. „Dann iſt's Inſtinkt, wenig Gelegenheit gehabt, tuch recht genau bekannt zu werden; denn es iſt gewiß, ich habe nur mit einem der Herrn vom Segel⸗ auch glaub ich jetzt nicht gluͤcklicher zu ſeyn. Laßt uns freimuͤthig ſprechen, mein Freund, und in Freundſchaft; was koͤnnt Ihr an die⸗ ſem Steinhaufen ſehen, das Euch ſo lang vom Studium jenes edlen, ſtattlichen Schiffes abhalten kann?“ „Verwunderte es Euch denn, daß ein Seemann ohne Beſchaͤftigung ein Schiff unterſuchte, das er nach ſeinem Sinn findet, vielleicht mit der Abſicht, Dienſt zu ſuchen?“ „Sein Befehlshaber muß ein dummer Schelm ſeyn, wenn er ihn einem ſo geeigneten Burſchen verſagt! Aber Ihr ſcheint zu wohl fuͤr einen der niedrigeren Taue unter⸗ richtet.“ „Taue!“ wiederholte der andere und heftete ſeine Au⸗ gen wieder mit einem ganz beſonderen Ausdruck auf den Fremden in Gruͤn. „Taue! Es iſt Euer Schiffsausdruck fuͤr Stelle, Amt, nicht? Wir Gerichtsleute verſtehen nur wenig von dem Schifferwoͤrterbuch, aber ich glaube, darin hab ich den rech⸗ ten Dialekt getroffen. Stimmt Euer Anſehn mir bei?“ „Der Ausdruck iſt freilich noch nicht obſolet und bei einer Figur iſt er allerdings in dem von Euch genommenen Sinn correkt.“ — — 72— „Obſolet!“ wiederholte der Fremde in Gruͤn, und gab den bedeutungsvollen Blick zuruͤck, den er empfangen hatte; „iſt dieß der Name eines Theils des Schiffes? Vielleicht verſteht Ihr unter Figur das bemalte Hintertheil und unter obſolet das Langboot?“ Der junge Seemann lachte und, als wenn dieſer Scherz die Schranke ſeiner Zuruͤckhaltung durchbrochen, verlor ſeine Art und Weiſe viel von ihrer Kaͤlte waͤhrend des uͤbrigen Ge praͤchs. „Es iſt ganz eben ſo deutlich, daß Ihr zur See, als daß ich in der Schule geweſen bin;“ ſagte er.„Da wir beide dieß Gluͤck gehabt haben, koͤnnen wir offen ſeyn und aufhoͤren in Parabeln zu ſprechen. Zum Beiſpiel, was meint Ihr, iſt der Gegenſtand und Nutzen dieſer Truͤmmer geweſen, als ſie noch in gutem Zuſtand war?“ „um daruͤber zu urtheilen,“ entgegnete der Fremde in Grün;„moͤchte es noͤthig ſeyn, ſie genauer zu unterſuchen. Laßt uns hinaufſteigen.“ Waͤhrend er noch ſprach, ging der Gerichtsmann einer faulen Leiter hinauf und erreichte eine Flur, welche gerade uͤber der Krone der Bogen lag, durch die er vermittelſt einer Fallthuͤre gekommen⸗ Sein Gefaͤhrte zoͤgerte, ihm zu folgen, aber da er bemerkte, daß der andere ihn an der Spitze der Treppe erwarte, und ſehr guͤtig ihm eine ge⸗ fährliche Stelle bemerklich machte, ſprang er vorwaͤrts und erreichte mit einer ſeinem Stande eigenen Behendigkeit und Feſtigkeit den Gipfel. 73— „ rief der Fremde in Gruͤn, und ſah um ſich auf die nackten Waͤnde, die aus ſo kleinen und un⸗ regelmaͤßigen Steinen beſtanden, daß ſie dem Gebaͤude einen gefaͤhrlichen Anſchein von Gebrechlichkeit gaben;“ gute eichene Planken zum Verdeck, wie Ihr ſagen würdet, und die Luft zum Dach, wie wir auf der univerſitaͤt den obern Theil des Hauſes nennen⸗ Nun laßt uns von Dingen der unte⸗ ren Welt reden. J— i, ich vergaß, welchen Namen Ihr Euch gabet.“ „Das mag von uUmſtaͤnden abhaͤngen. Ich bin in ver⸗ ſchiedenen Lagen unter verſchiedenen Namen bekannt. Doch wenn Ihr mich Wilder nennt, werde ich nicht ermangeln zu antworten.“ „Wilder! ein guter Name; obwohl ich ſagen muß, Wildfang waͤr eben ſo gut. Ihr jungen Schiffsburſchen feyd leicht zu Zeiten ein wenig unſtaͤt in Euren Launen. Wie viele zarte Herzen habt Ihr Eurer Irrthuͤmer we⸗ gen unter ſchattigen Lauben zum Seufzen gezwungen, waͤh⸗ rend Ihr, das iſt doch das rechte Wort, die Salzfluth durchfurchtet.“ „Wenige ſeufzen um mich, „Da ſind wir, „ entgegnete Wilder gedan⸗ kenvoll, obgleich er augenſcheinlich ein wenig bei dieſem freien Katechiſiren geruͤhrt zu werden begann.„ Laßt uns jetzt zu unſerm Studium des Thurms zuruͤckkehren. Was meint Ihr, iſt ſein Zweck geweſen?“ „Sein jetziger Nutzen iſt deutlich, und der fruͤhere kann kein groß Geheimniß ſeyn. Jetzt enthaͤlt er zwei leichte Herzen, und wenn ich mich nicht irre, zwei eben ſo leichte Koͤpfe, die nicht mit den Vorraͤthen der Weisheit uͤberladen ſind. Fruͤher hatte er wenigſtens ſeine Getreide⸗ boͤden, und ohne Zweifel gewiſſe kleine Vierfuͤßler, die an ihren Gelenken ganz eben ſo leicht waren, als wir an Kopf und Herz. Auf gut deutſch, es war eine Muͤhle.“ „Andere halten es fuͤr eine Veſte.“ „Hm, die Stelle mocht's thun, zur Noth;“ entgegnete der in Gruͤn, und warf einen ſcharfen eignen Blick um ſich.„Aber eine Muͤhle iſt's geweſen, wenn man ihm auch einen hoͤheren Urſprung geben will. Die windige Lage, die Saͤulen, um das Gewuͤrm abzuhalten, die Form, das Aeußere, die ganze Bauart beweiſt es. Whir—r—r, Whir—r— r; Geklapper iſt in fruͤherer Zeit genug hier geweſen; verſichere Euch; hiſt, es iſt noch nicht fertig!“ Er trat leiſe zu einem der kleinen Loͤcher hin, die einſt dem Thurm zu Fenſtern gedient hatten, und ſteckte vorſichtig ſeinen Kopf durch die Oeffnung; und dann, als er eine halbe Minute geſchaut hatte, zog er ihn wieder zu⸗ ruͤck, und gab dem aufmerkſamen Wilder ein Zeichen, ſtille zu ſeyn. Dieſer folgte, und es dauerte nicht lange, ſo er⸗ klaͤrte ſich hinlaͤnglich die Art der Unterbrechung. Die Silberſtimme eines Weibes hoͤrte man anfangs in einiger Entfernung, und als die Sprechenden dann naͤ⸗ her traten, erhoben ſich die Toͤne gerade von unten her, in dem Schatten des Thurmes. Durch eine Art ſchweigen⸗ der Uebereinkunft waͤhlten Wilder und der Gerichtsmann Stellen ſo lange ungeſehe ſo ung Charak⸗ reden, des Ge die teckte als r zu⸗ ſtille o er⸗ fangs n naͤ⸗ her, eigen⸗ mann — — 75— Stellen, die ihrer Abſicht guͤnſtig waren, und jeder blieb, ſo lange der Beſuch den Truͤmmern nahe war, ſelbſt ungeſehen, mit der Erforſchung deſſelben beſchaͤftigt, ja, ſo ungern wir auch der Erziehung zweier ſo wichtigen Charakteren in unſerer Erzuaͤhlung ſo Schlimmes nach⸗ reden, ſie waren auch ergoͤtzte, aufmerkſame Belauſcher des Geſpraͤchs. Viertes Kapitel. »Sie narren mich bis die Geduld mir reißt.“ Hamlet. Die Geſellſchaft unten beſtand aus vier Individuen, alle Frauenzimmer. Die eine war eine Dame auf der Neige ihrer Jahre, die andere uͤber das mittlere Alter hinaus; die dritte war auf der Schwelle des Lebens, in ſo fern Leben Umgang mit der Welt bedeuten ſoll, und die vierte eine Negerin, die fuͤnf und zwanzig Mal den Kreislauf der Jahreszeiten mit angeſehen haben mochte. Die letztere er⸗ ſchien folglich zur damaligen Zeit und in jenem Lande nur in der Eigenſchaft einer niedrigen, wiewohl vielleicht begün⸗ ſtigten Dienerin. „Und nun, mein Kind, da ich Dir allen Rath, den Umſtaͤnde und Dein eignes vortreffliches Herz erheiſchen, gegeben habe,“ ſagte die aͤltliche Dame unter den erſten Worten, die den Lauſchern vernehmbar waren;„will ich die undankbarere Pflicht in eine angenehmere verwandeln. Du wirſt Deinen Vater meines fortdauernden Wohlwollens verſicher nochmal trennen Die und wr richtigk Die Ar die ſie einer Lauſch⸗ melodi „( liebe ſagte wuͤnſe ling daß laͤche mit . alle Neige daus; fern dierte f der e er⸗ nur eguͤn⸗ „den ſchen, rſten l ich deln. llens — 27— Verſprechen erinnern, daß Du verſichern, und ihn an ſein ehe wir zum letzten Mal uns nochmals wiederkehren ſollſt, trennen.“ Dieſe Rede war an das juͤngere Frauenzimmer gerichtet und wurde offenbar mit eben ſo viel Zaͤrtlichkeit und Auf⸗ richtigkeit aufgenommen, als ſie vorgebracht worden war. Die Angeredete erhob die Augen, worin Thraͤnen glimmten, die ſie offenbar zu verbergen ſich müͤhte und antwortete mit einer Stimme, die in den Ohren der zwei jugendlichen Lauſcher wie die Toͤne einer Syrene lauteten, ſo zart und melodiſch war ſie⸗ „Es iſt unndͤthig, mich an ein Verſprechen zu erinnern, liebe Tante, welches zu behalten ich ſo große Urſache habe,“ ſagte ſie.„ Ich hoffe ſelbſt noch vieles mehr als Sie zu wuͤnſchen wagten, wenn mein Vater nicht mit mir im Fruͤh⸗ ling zuruͤckkoͤmmt, ſo ſoll gewiß nicht das die Urſache ſeyn, daß ich ihn nicht gedraͤngt haͤtte.”“ „Unſre gute Wyllys wird helfen,“ entgegnete die Tante laͤchelnd, und verbeugte ſich gegen das dritte Frauenzimmer mit jener Miſchung von Guͤte und Foͤrmlichkeit, die den ſteifen Sitten der Zeit angemeſſen war, und ſelten vernach⸗ laͤſſigt wurde, wenn ein Hoͤherer zu einem Niedreren ſich wandte.„Sie iſt durch ihre Treue und Dienſte berechtigt, einigen Einfluß auf General Grayſon zu haben.“ 3 „Sie hat Anſpruch auf alles, was die Liebe und das Herz geben koͤnnen;“ rief die Nichte mit einer Haſt und einem Ernſt, welcher zeigte, wie gern ſie die foͤrmliche Hoͤf⸗ lichkeit der andern durch die Waͤrme ihres eignen gefuͤhl⸗ — 78— vollen Benehmens mildern moͤchte;„mein Vater wird ihr kaum etwas verweigern.⸗ „und haben wir die Verſicherung der Mrß. Wyllys, daß ſie auf unſerer Seite ſeyn wird? fragte die Tante, ohne ihre eignen Begriffe von Schicklichkeit durch die hoͤhe⸗ ren Gefuͤhle ihrer Nichte uͤbermannen zu laſſen;„mit ſolch einer maͤchtigen Verbuͤndeten wird unſere Ligue unuͤber⸗ windlich ſeyn.“⸗ „Ich bin ſo ganz der Meinung, daß die heilſame Luft dieſer geſunden Inſel fuͤr meine junge Schutzbefohlne von der groͤßten Wichtigkeitiſt, Madame, daß, waͤren auch alle andere Ruͤckſichten nicht, das Wenige, was ich zur Unter⸗ ſtuͤtzung ihrer Wuͤnſche vermag, gewiß geſchehen ſoll.“ Wyllys ſprach mit Wuͤrde und vielleicht mit etwas von der Ruͤckhaltung, die jedes Geſpraͤch zwiſchen der reichen und hochgebornen Tante und der beſoldeten und abhaͤngigen Gouvernante von ihres Bruders Erbin auszeichnete. Doch war ihre Weiſe gewandt, und die Stimme, wie die ihres Zoͤglings, ſanft und auffallend weiblich. „So koͤnnen wir denn den Sieg als ausgemacht anneh⸗ men, wie mein verſtorbener Gemahl!, der Contre⸗Admiral zu ſagen pflegte. Admiral de Lacey, meine theure Mrß. Wyllys, hatte es ſich von fruͤh an zum Grundſatz gemacht, nach welchem er ſein ganzes Verfahren ordnete, und durch deſſen Befolgung er keinen geringen Ruf in ſeinem Stande erwarb, daß naͤmlich, um etwas zu erreichen, es nur noͤthig ſey, feſt es zu wollen;— eine hohe, muthvolle Maxime, die nicht fehlen konnre ihn zu dem ausgezeichneten Erfolg zu fuͤh zu red W dieſes nen A antwo beſchaͤf ling, der je „0 zender kehrer 111 mein roline und ſitzer mein auch draͤn bin der ruͤck Wyl nem Eng thig — 79— zu fuͤhren, wovon, da wir es alle wiſſen, ich nicht weiter zu reden brauche.“ Wyllys verbeugte ſich zum Anerkenntniß der Wahrheit dieſes Glaubens, und zum Beweis des Rufs des verſchiede⸗ nen Admirals, aber ſie hielt es nicht fuͤr noͤthig, etwas zu antworten. Statt dieſen Gegenſtand ihren Sinn laͤnger beſchaͤftigen zu laſſen, wandte ſie ſich zu ihrem jungen Zoͤg⸗ ling, und bemerkte mit einer Stimme und einer Weiſe, von der jeder Anſchein von Ruͤckhalt verbannt war: „Gertrude, meine Liebe, Du wirſt gern zu dieſem rei⸗ zenden Eiland und dieſen lieblichen Seewinden zuruͤck⸗ kehren?“ „und zu meiner Tante!“ rief Gertrude; vich wuͤnſchte, mein Vater koͤnnte bewogen werden, ſeine Staaten in Ka⸗ rolina zu veraͤußern, und hierher nach Norden zu kommen und dann das ganze Jahr hier zu bleiben.⸗ „Es iſt nicht ganz ſo leicht fuͤr einen reichen Guͤterbe⸗ ſitzer, ſeinen Wohnort zu verlaſſen, wie Du Dir einbildeſt mein Kind,“ entgegnete Madame de Lacey.„So ſehr ich auch wuͤnſche, daß ein ſolcher Plan getroffen werden koͤnnte, draͤnge ich doch niemals meinen Bruder deßwegen. Auch bin ich gewiß, daß wenn wir auch je eine Veraͤnderung in der Familie vornaͤhnen, wir doch nicht alle nach Hauſe zu⸗ ruͤckkehrten. Es iſt jetzt laͤnger als hundert Jahre, Mrß. Wyllys, ſeit die Grayſon in die Kolonieen kamen, in ei⸗ nem Augenblick der unzufriedenheit mit der Regierung in England. Mein uUrgroßvater, Sir Everard, war mißmu⸗ thig uͤber ſeinen zweiten Sohn, und dieſer Zwiſt fuͤhrte mei⸗ ——— — 80— nen Großvater in die Provinz Karolina. Aber da das Zerwuͤrfniß laͤngſt ausgeglichen iſt, denk ich oft, mein Bru⸗ der und ich werden noch einſt in die Hallen unſrer Vorfah⸗ ren zuruͤckkehren. Doch wird vieles davon abhaͤngen, wie wir uͤber unſer Vermoͤgen auf dieſer Seite des atlantiſchen Meeres verfuͤgen.“ Als die wirklich gutmuͤthige, obwohl vielleicht ein wenig zu ſehr fuͤr ſich eingenommene Dame ihre Bemerkung ſchloß, warf ſie ihr Auge auf den ganz argloſen Gegenſtand der letzten Worte ihrer Rede. Gertrude hatte, wie gewoͤhnlich, wenn ihre Tante die Gouvernante mit einer ihrer Familien⸗ reminiſcenzen beehren wollte, ſich zur Seite gewendet, und bot jetzt ihre Wange, die vor Geſundheit und vielleicht auch etwas vor Scham brannte, dem kuͤhlenden Einfluß der Abendluft dar. Sobald die Stimme der Mrß. de Lacey aber ſchwieg, wandte ſie ſich ſchnell zu den anderen zuruͤck, und auf ein ſchoͤnes Schiff deutend, deſſen Maſten, wie es im inneren Hafen lag, man uͤber die Daͤcher der Stadt ſich erheben ſah, rief ſie aus, als wolle ſie den Gegenſtand des Geſpraͤchs auf jede Weiſe aͤndern: „und jenes duͤſtre Gefaͤngniß, liebe Mrß. Wyllys, ſoll fuͤr den naͤchſten Monat unſere Heimath ſeyn!“ „Ich hoffe, Dein Mißfallen an der See hat die Zeit vergroͤßert,“ entgegnete mild ihre Gouvernante;„die Reiſe zwiſchen hier und Karolina iſt oft in kuͤrzerer Zeit gemacht worden.“ „Daß dieß geſchehen iſt, kann ich bezeugen;“ begann des Admirals Wittwe, und hing etwas hartnaͤckig an einem das Pru⸗ fah⸗ wie chen enig loß, der lich, lien⸗ und auch der acey ruͤck, e es t ſich 8 des ſoll Zeit Reiſe macht n des einem — 81— Gedankengang, der einmal recht erweckt, nicht leicht mit ei⸗ nem andern vertauſcht wurde;„da mein fruͤherer vereh⸗ rungswuͤrdiger und(ich fühle, jeder, der's hoͤrt, wird ein⸗ ſtimmen, wenn ich hinzufuͤge) tapfrer Gemahl einſt ein Ge⸗ ſchwader ſeines koͤniglichen Herrn von einem Ende von Sr. Maj. Beſitzungen bis zum andern in weniger als der von meiner Nichte genannten Zeit hinfuͤhrte. Es mag einigen Einfluß ouf ſeine Eile gehabt haben, daß er auf der Ver⸗ folgung der Feinde ſeines Koͤnigs und Vaerlands begriffen war, aber dennoch beweißt es, daß man die Reiſe in ei⸗ nem Monat machen kann.“ „Da iſt das furchtbare Henlopen mit ſeinen ſandigen Klippen und Wracken auf der einen Seite, und der Strom, den ſie den Golf nennen, auf der andern!“ rief Gertrude mit einem Schauder und einem Ausbruch von natuͤrlichem, weiblichen Entſetzen, das die Furcht manchmal anziehend macht, wenn ſie ſich in der Geſtalt von Jugend und Schoͤn⸗ heit darſtellt.„Wenn nicht das Henlopen, ſeine Windſtoͤße, ſeine Klippen und Golfe waͤren, koͤnnte ich mit reiner Freude an die Zuſammenkunft mit meinem Vater denken.“ Mrß. Wyllys, die ihren Zoͤgling nie in dieſen natuͤrlichen Schwaͤchen beſtaͤrkte, ſo reizend und paſſend ſie auch andern ſcheinen mochten, wandte ſich mit feſtem Blick zu der jun⸗ gen Dame, als ſie mit einer Kuͤrze und Entſchloſſenheit, die die Furcht fuͤr immer zur Ruhe bringen ſollten, ant⸗ wortete: „Wenn all die Gefahren, die Du zu fuͤrchten ſcheinſt, wirklich beſtaͤnden, wuͤrde die U berfahrt nicht einen Tag, Cooper's Freibeuter. 1—3, 6 — 82— ja nicht eine Stunde ſicher vor ſich gehen koͤnnen. Sie ſind oft, Madame, zur See von den Karolina mit dem Admiral de Lacey gekommen?“ „Nielu bemerkte die Wittwe ſchnell und etwas trocken. „Das Waſſer hat ſich mit meiner Conſtitution nicht vertra⸗ gen, und ich habe nie verſaͤumt zu Land zu reiſen. Aber dann wiſſen Sie, Wyllys, daß als die Gemahlin und Zu⸗ ruͤckgelaſſene von einem Flaggenoffizier ich nicht unbekannt in der Seewiſſenſchaft bleiben durfte; ich glaube, es ſind wenig Frauenzimmer im britiſchen Reich, die mit den Schif⸗ fen vertrauter geworden, im einzelnen ſowohl als in Ge⸗ ſchwadern, befonders das letztre, als ich. Dieſe Kenntniß hab ich ganz natuͤrlich als die Gefaͤhrtin eines Offiziers er⸗ langt, deſſen Geſchick es war, Flotten zu fuͤhren. Ich denk', das ſind Dinge, die Ihnen ganz unbekannt ſind.“ Das ruhige, wuͤrdige Antlitz der Wyllys, auf dem, wie es ſchien, lang bewahrte und peinvolle Ruͤckerinnerungen ei⸗ nen feſten aber milden Eindruck von Gram zuruͤckgelaſſen, der die charakteriſtiſchen Zuͤge, die noch in ihrem feſten Auge bemerkbar waren, mehr milderte als zerſtoͤrte, Wyllys Ant⸗ litz umwoͤlkte ſich fuͤr einen Augenblick mit einem tieferen Schatten von Melancholie. Nachdem ſie gezoͤgert, als wolle ſie den Gegenſtand des Geſpraͤchs aͤndern, erwiederte ſie: „Ich bin der See nicht ganz fremd geblieben. Es iſt mein Loos geweſen, viele lange und einige gefaͤhrliche Rei⸗ ſen zu machen.“ „Als eine bloße Reiſende. Aber wir Weiber von See⸗ leuten allein koͤnnen von unſerm Geſchlecht Anſpruch auf — — S.—„———— eine wirkliche Kenntniß dieſes hohen Standes machen. Wel⸗ chen Naturgegenſtand gibt es oder kann es geben,“ rief die ſeemaͤnniſche Wittwe in einem Ausbruch von Standesenthu⸗ ſiasmus,„der ſchoͤner waͤre, als wenn ein ſtattliches Schiff die Segel blaͤht, wie ich tauſend Mal den Admiral ſagen hoͤrte, ſein Backbord das Meer durchpfluͤgt, und ſein Fahr⸗ waſſer hinten nachgleitet, wie eine windungsvolle Schlange den glänzenden Weg verfolgend, oder wie ein lebendes We⸗ ſen, das ſeinen Pfad zu Lande wandelt, und die Spur ſei⸗ nes Tritts zuruͤcklaͤßt, als einen Leuchtthurm fuͤr die folgen⸗ den? Ich weiß nicht, meine theure Wyllys, ob ich Ihnen verſtaͤndlich bin, aber meinem unterrichteten Auge gibt die reizende Beſchreibung ein Bild von allem, was groß und ſchoͤn iſt!⸗ Das verſteckte Laͤchlen auf dem Antlitz der Gouvernante haͤtte verrathen koͤnnen, daß ſie daͤchte, der verſtorbene Ad⸗ miral ſey nicht ganz frei von der Prahlerei ſeines Standes geweſen, wenn nicht ein leichtes Geraͤuſch, das wie das Liſpeln des Windes ertoͤnte, aber welches in der That ein unterdruͤcktes Lachen war, aus dem oberen Zimmer des Thurmes hervorgekommen. Die Worte; es iſt lieblich, wa⸗ ren noch auf den Lippen der jugendlichen Gertrude, die alle Schoͤnheit des Gemaͤldes ſah, welches ihre Tante zu be⸗ ſchreiben geſucht hatte, ohne ſich zu dem niedrigen Geſchaͤft der Wortkritik herabzulaſſen. Aber ihre Stimme ward ge⸗ daͤmpft und ihre Stellung die der aufgeſchreckten Aufmerk⸗ ſamkeit. „Hoͤrtet Ihr nichts?“ ſagte ſie. 21 — 84— „Die Ratten haben noch nicht gaͤnzlich die Muͤhle ver⸗ laſſen,“ war Wyllys ruhige Anrwort. „Muͤhle! meine theure Mrß. Wyllys, wollen Sie da⸗ rauf beſtehen, dieſe maleriſchen Truͤmmer eine Muͤhle zu nennen?⸗ „So gefaͤhrlich es auch fuͤr ihre Reize in den Augen ei⸗ ner achtzehnjaͤhrigen ſeyn mag, muß ich ſie doch eine Muͤhle nennen.“ „Truͤmmer ſind, meine liebe Gouvernante, in dieſem Land nicht ſo haͤufig,“ entgegnete ihr Zoͤgling lachend, waͤh⸗ rend das Feuer ihres Auges zeigte, wie ernſtlich ſie es mit der Vertheidigung ihres Lieblingsglaubens meinte; ſo daß wir uns rechtfertigen koͤnnten, wenn wir ſie ihres kleinſten Anſpruchs auf Intereſſe berauben, den ſie vielleicht beſitzen koͤnnten.“ „Dann iſt das Land um ſo gluͤcklicher! Ruinen in einem Lande ſind wie die meiſten Zeichen des Verfalls in der menſch⸗ lichen Geſtalt, traurige Anzeichen von Mißbraͤuchen und Leidenſchaften, welche die Anfaͤlle der Zeit beſchleunigt ha⸗ ben. Dieſe Provinzen ſind, wie Du ſelbſt, meine Ger⸗ trude, in ihrer Friſche und Jugend, und vergleichungsweiſe auch noch in, ihrer Unſchuld. Laß uns fuͤr beide eine lange, nutzliche und glückliche Eriſtenz hoffen.“ „Dank Ihnen fuͤr mich und mein Vaterland; aber doch kann ich nie zugeben, daß dieſe maleriſche Ruine eine Muͤhle geweſen.“ „Was ſie immer geweſen ſey, ſie hat lange ihren gegen⸗ waͤrtigen Platz behauptet, und ſcheint zu bleiben, wo ſie egen⸗ — 85— iſt, noch lange Zeit, was mehr iſt, als von unſerm Ge⸗ fängniß geſagt werden kann, wie Du jenes ſtattliche Schiff nennſt, wo wir uns ſobald einſchiffen ſollen. Wenn mich meine Augen nicht taͤuſchen, Madame, bewegen ſich dieſe Maſten langſam hinter den Kaminen der Stadt.“ „Sie haben ganz Recht, Wyllys. Die Seeleute tauen das Fahrzeug in den Auſſenhafen, wo ſie es feſt an die An⸗ ker binden werden, bis ſie dann bereit ſind, ihre Segel zu entfalten, um am Morgen in die See zu ſtechen. Dieß iſt ein oft vorkommendes Manoͤuvre, und das der Admiral ſo deutlich erklaͤrt hat, daß ich wenig Schwierigkeit dabei ſin⸗ den wuͤrde, in eigner Perſon die oberſte Leitung daruͤber zu führen, waͤre es fuͤr mein Geſchlecht und meinen Stand paſſend.“ 4 „Das iſt alſo eine Erinnrung fuͤr uns, daß alle unſere Vorkehrungen noch nicht ganz getroffen ſind. So lieblich auch dieſer Ort ſcheinen mag, Gertrude, wir muͤſſen ihn jetzt, fuͤr einige Monate wenigſtens verlaſſen.“ „Ja,“ fuhr Madame de Lacey fort, und folgte langſam der Gouvernante, die ſchon von den Truͤmmern weggegan⸗ gen war;„ganze Flotten haben oft ſo vor ihren Ankern gelegen, und auf Wind und guͤnſtige Fluth gewartet. Nie⸗ mand von unſerm Geſchlecht kennt die Gefahren des Oceans, als wir, die durch die engſten aller Banden mit Offizieren von Rang und großem Verdienſt verbunden waren; und niemand anders kann je die wahre Groͤße dieſes verherr⸗ lichenden Standes wirklich genießen. Ein reizender Gegen⸗ ſtand iſt ein Fahrzeug, das die Wellen mit dem Backvord —;;— durchſchneidet, und ſeinen Weg durch die ungeſtuͤmmen Waf⸗ ſer fortſetzt, gleich einem Renner, der immer auf ſeinem Pfad bleibt, fliegt er auch hin auf dem Gipfel ſeiner Eile.“ Mrß. Wyllys Antwort war den verſteckten Lauſchern nicht vernehmbar. Gertrude war den andern gefolgt, aber in einiger Entfernung vom Thurm blieb ſie ſtehen, um ei⸗ den Abſchiedsblick auf ſeine ſinkenden Truͤmmer zu werfen. Tiefe Stille erfolgte auf laͤnger als eine Minute. „Es iſt etwas in jenem Steinhaufen, Caſſandra,“ ſagte ſie zu dem dunkelſchwarzen Frauenzimmer neben ihr;„was mich wünſchen ließe, er moͤge etwas mehr als eine Muͤhle geweſen ſeyn.“ „Es ſind Ratten drin,“ entgegnete die buchſtaͤbliche, ein⸗ fache Schwarze.„Ihr hoͤrt was Mrß. Wyllys ſagt.“ Gertrude drehte ſich um, lachte, tippte auf die ſchwarze Wange ihrer Begleiterin mit einem Finger, der durch den Contraſt dem Schnee glich, als wolle ſie ſie beſtrafen, daß ſie die gefaͤllige Taͤuſchung vernichten wollte, die ſie ſo-gern hegte, und ſprang dann dem Hügel hinab, ihrer Tante und Mrß. Wyllys nach, gleich einer froͤhlichen, jugendlichen Atalanta. Die zwei, ſo ſonderbar zuſammengekommene Lauſcher, im Thurme ſtanden verwundert an ihren veſpektiven Lug⸗ loͤchern, ſo lange als der geringſte Schein von dem fliegen⸗ den Gewand ihrer leichten Geſtalt geſehen wurde, und wand⸗ ten ſich dann zu einander, und ſtanden vor einander, jeder ſich bemuͤhend, den Eindruck in des andern Antlitz zu leſen. „Ich bin bereit, vor dem Lord Erzkanzler ein Affidavit auf dieß * — 87— aufſetzen zu laſſen,“ rief ploͤtzlich der Gerichtsmann,„daß dieß nie eine Muͤhle geweſen.“ „Eure Meinung hat ſich ſchnell geaͤndert.“ „Ich bin der Ueberzeugung zugaͤnglich, ſo gewiß ich hoffe, ein Richter zu werden. Der Fall iſt von einem mächtigen Advokaten beleuchtet worden, und ich habe mei⸗ nen Irrthum eingeſehen.“ „Und doch ſind Ratten an dem Ort.“ „Landratten oder Waſſerratten 20 fragte ſchnell der an⸗ dere, und warf auf ſeinen Gefaͤhrten einen der durchdrin⸗ genden und forſchenden Blicke, die ſeinem ſcharfen Auge ſo ſehr zu Befehl ſtanden. „Beides, glaub' ich;“ war die trockne, cauſtiſche Entgeg⸗ nung;„ſicherlich das erſtre oder den Herrn von der Robe muͤßte vom Geruͤcht ſehr Unrecht geſchehen.“ Der Gerichtsmann lachte, auch war ſein Gemuͤth nicht im geringſten uͤber eine ſo freimuͤthige Anſpielung auf ſei⸗ nen gelehrten und geehrten Stand gereizt. „Ihr Herren vom Ocean habt eine ſolche ehrliche, er⸗ goͤtzliche Freimuͤthigkeit an Euch,“ ſagte er,„daß, ich ſchwoͤr es zu Gott, Ihr unwiderſtehlich ſeyd. Ich bin ein ſchlich⸗ ter Bewunderer Eures edlen Berufs, und etwas in deſſen Ausdruͤcken geuͤbt; welches Schauſpiel zum Exempel kann ſchoͤner ſeyn, als ein edles Schiff, das ſich gegen die Wel⸗ len anſtemmt, und ſeinen Weg laͤuft, wie ein Wettrenner in der Schranke.“ 3— nund laͤßt ſeine Spur zuruͤck, wie einen Leuchtthurm fuͤr alle, ſo da kommen.“ — 88— Dann, als fänden ſie beſonderes Behagen daran, ſich über die Bilder der wuͤrdigen Wittwe des tapiren Admirals auszulaſſen, erhoben ſie zugleich ein lautes Lachen, daß die alte Truͤmmer wie in ihren beſten Tagen windiger Macht, zu erbeben begann. Der Gerichtsmann erlangte zuerſt wie⸗ der ſeine Gewalt uͤber ſich, waͤhrend die Luſtigkeir des jun⸗ gen Seemanns ſchallend und ohne den geringſten Ruͤckhalt war. „Aber das iſt ein fuͤr jeden andern als des Admirals Wittwe gefahrlicher Boden,“ be werkte der erſtre, und hoͤrte eben ſo ſchnell mit ſeinem Lachen auf, als er ſich ihm hinge⸗ geben hatte.„Die juͤngere, die gerade kein Liebhaber von einer Muͤhle iſt, iſt ein ſeltnes, liebliches Weſen; ſie ſcheint die Nichte der Seeerfahrenen.“ Der junge Seemann hoͤrte nun auch zu lachen auf, als bemerke er mit einem Mal die Unſchicklichkeit, eine ſo nahe Verwandte von der ſchoͤnen Erſcheinung, die er erblickt, zum Gegenſtand ſeines Scherzes zu machen. Wlches immer ſeine Gedanken ſeyn mochten, er begnuͤgte ſich mit der Ent⸗ gegnung:„So hat ſie ſich ſelbſt genannt.“ „Sagt mir," erwiederte der Gerichtsmann, und trat dem andern ganz nahe, als wenn er ihm ein wichtiges Ge⸗ heimniß in der Frage mittheilte,„war nicht etwas bemer⸗ kenswerthes, ruͤhrendes, außerordentliches, herzergreifendes in der Stimme deren, die ſie Wyllys nannten?“ „Bemerktet Ihr es?“ „Es toͤnte mir wie die Laute eines Orakels,— wie das fers fehl Sc faͤh ſucl ten — 89— ſich Wiſpern der Phantaſie;— wie die eigentlichſten Worte der als Wahrheit! Es war eine ſonderbare, uͤberzeugende Stimme!“ die„Ich geſtehe, ich fuͤhlte ihren Einfluß, und auf eine cht, Weiſe, die ich mir nicht erklaͤren kann!“ vie⸗„Es iſt wie Bezauberung!“ entgegnete der Gerichts⸗ jun⸗ mann, und ſchritt dem kleinen Zimmer auf und ab, und halt jede Spur von Laune und Spott verlor ſich in einem Blick voll ernſter, tiefſinniger Sorge. Sein Gefaͤhrte ſchien we⸗ 1 rals nig geneigt, ſeine Betrachtungen zu unterbrechen, ſondern— oͤrte lehnte ſich an die nackten Wände, ſelbſt ſich hingebend tie⸗ nge⸗ fem, kummervollem Nachdenken. Endlich ſchuͤttelte der von erſtre ſein g dankenvolles Aeußre ab, mit der auffahrenden eint Schnelligkeit, die ſeinem Weſen eigenthuͤmlich ſchien. Er naͤherte ſich dem Fenſter, richtete Wilder's Aufmerkſamkeit auf als den Auſſenhafen, und fragte ſchnell: nahe„Hat all Eure Theilnahme an jenem Schiſ aufgehoͤrt?“ zum„Weit gefehlt; das iſt gerade in Boot, wie eines Schif⸗ mer fers Auge es am liebſten unterſucht!“ Ent⸗„Werdet Ihr wohl an ſeinen Bord zu gehen wagen 2„ „Zu dieſer Stunde? allein? Ich kenne nicht ihren Be⸗ fehlshaber, ihre Bemannung.“ trat„Es gibt noch andre Stunden, außer dieſer; und ein Ge⸗ ¹ Schiffsmann kann eine kteundliche Aufnahme von ſeinen Ge⸗ mer⸗ faͤhrten erwarten.. endes„Dieſe Sklavenhaͤndler laſſen ſich nicht immer gern be⸗ ſuchen; ſie fuͤhren Waffen und wiſſen Fremde fern zu hal⸗ 4 ten."„ „Gibt es keine Parole in der Freimaurerei Eures Ge⸗ werbs, woran man einen Bruder erkennen kann. Solche,„Adier wie ndie Wellen mit dem Backbord durchſchneiden“ zum Bei⸗ nen, ſpiel, oder ſonſt andre gelehrte Phraſen, wie wir ſie vorhin Truͤm gehoͤrt haben?, E Wilder richtete ſeinen ſcharfen Blick auf den andern, blick waͤhrend dieſer ihn ſo fragte, und ſchien lang zu ſinnen, ehe* ſich er eine Antwort wagte. gab „Warum fragt Ihr mich dieß alles?“ erwiederte er das kalt. Danrn „Weil nach meiner Meinung man eben ſo wenig durch traul unentſchloſſenheit ein Schiff, als durch Bloͤdigkeit eine ſchnel ſchoͤne Dame erwirbt; Ihr wuͤnſcht einen Platz, ſagt Ihr,„ und wenn ich ein Admiral waͤre, machte ich Euch zu mei⸗ 3 der i nem Flaggencapitain: Wenn bei den Aſſiſen wir ein Do⸗ gewe cument wuͤnſchen, haben wir unſere Art, es bekannt zu der b machen. Aber vielleicht ſprech' ich zu vertraulich mit einem 4 Seei gaͤnzlich fremden. Ihr werdet Euch aber erinnern, daß, faͤhrt obwohl es der Rath eines Gerichtsmanns iſt, er doch um⸗ verſt ſonſt gegeben wird.“ Der „und darf man wegen ſo außerordentlicher Freigebigkeit 2 Hoͤr ſich um ſo mehr darauf verlaſſen?⸗ wele 6„Das muͤßt Ihr ſelbſt beurtheilen;“ ſagte der Fremde Sch in Gruͤn, und ſetzte ſehr bedaͤchtig ſeinen Fuß auf die Lei⸗ ren ter, und ging hinab, bis nichts mehr von ihm als ſeia Kopf zu ſehen war.„Hier geh' ich und durchſchneide wirk⸗ hatt lich die Wellen mit meinem Backbord,“ fuhr er fort, waͤh⸗ 3 unt rend er ruͤckwaͤrts hinabging, und ſich beſonders darin zu 1 ben gefallen ſchien, vielen Nachdruck auf die Worte zu legen. 1 bide „Adieu, mein Freund; wenn wir uns nicht wieder begeg⸗ nen, ermahn' ich Euch, nie die Ratten in der Newport⸗e Truͤmmer zu vergeſſen.“ Er verſchwand, als er ſchloß, und im naͤchſten Augen⸗ blick war ſeine leichte Geſtalt auf dem Boden. Er wandte ſich mit der bewunderungswuͤrdigſten Gleichguͤltigkeit um, gab dem Ende der Leiter einen Stoß mit einem Fuß, und das einzige Mittel herab zu kommen lag auf der Erde. Dann zum erſtaunten Wilder hinaufſehend, nickte er ver⸗ traulich mit dem Kopf, wiederholte ſein Adieu und trat ſchnellen Schritts aus den Bogen heraus. „Das iſt ein ſonderbares Benehmen,“ murmelte Wilder, der durch dieſen Vorgang ein Gefangener in den Truͤmmern geworden. Nachdem er ſich verſichert, daß ein Sprung aus der Falle, ſeine Glieder gefaͤhrden koͤnne, lief der junge Seemann zu einem Fenſter, um ſeinem verraͤtheriſchen Ge⸗ faͤhrten Vorwuͤrfe zu machen, oder vielmehr, um ſich zu verſichern, ob es ihm wirklich ernſt ſey, ihn zu verlaſſen. Der Gerichtsmann war ſchon außerhalb dem Bereich des Hoͤrens, und ehe Wilder Zeit hatte, ſich zu entſchließen, welchen Weg er einſchlagen ſolle, hatten deſſen ſchnelle Schritte ihn an den Eingang der Stadt gefuͤhrt, unter de⸗ ren Gebaͤuden ſeine Geſtalt alsbald ſich verlor. Waͤhrend all der vorhergehenden Auftritte und Geſpraͤche hatten Fid und der Neger eifrigſt den Inhalt des Paͤckens unter dem Zaun unterſucht, wo wir ſie zuletzt geſehen ha⸗ ben. Als der Hunger des erſtren geſtillt war, kehrte ſeine didaktiſche Neigung zuruͤck, und gerade, als Wilder allein — 92— in dem Thurme zuruͤckgelaſſen wurde, war er emſig damit „beſchaͤftigt, den Schwarzen uͤber den zarten Gegenſtand des Verhaltens in gemiſchter Geſellſchaft zu belehren. „Und ſo Du ſiehſt, Guinea,“ ſchloß er,„um in der Geſellſchaft ruͤckwaͤrts zu ſeglen, darf man nie alles herum⸗ kehren, und gerade aus dem Streit hinausgehn, wie Du heute haſt thun wollen. Nach meiner Gelehrſamkeit iſt die⸗ ſer Meiſter Nachtigall beſſer in der Schenke als im Sturm; und wenn Du an ſein Gevierte Dich gehaͤngt, als Du ſahſt, wie ich mich quer vor ihn im Streit legte, dann haͤtten wir ihm gewiß einen gehoͤrigen Stoß in dem Kampf beigebracht, und der Burſche waͤre vor allen Beiſtehenden zu Schanden geworden. Wer ruft? Welcher Koch ſticht da wieder des andern Schwein ab 2 „Hoͤrt, Miſſer Fid,“ rief der Schwarze,„Maſſer Harry ruft hierherum aus einem Fenſterloch, und ſchreit wie ein Seemann in einem durchloͤcherten Boote!“ „Ei, laß ihn ſchreien, als ſaͤß er auf dem Maſtkorb! Der Burſche hat eine Stimme, wie ein Franzoſenhorn, wenn er ſie anſtrengen will! Und wozu zum Teufel macht er ſich an das vom Wetter zerpeitſchten Wrack? Auf jeden Fall, wenn er es allein ausfechten muß, hat er nur ſich ſelbſt anzuklagen, da er ausgezogen iſt, ohne die Trommel zu ſchlagen, oder ohne daß er ſonſt ſein Volk haͤtte muſtern wollen.⸗ Da Dick und der Neger ſich ſo ſchnell als moͤglich auf den Weg gemacht, ſobald ſie die Lage ihres Freundes in den Ruinen entdeckten, ſo waren ſie bald nahe genug, um mit ihm ſprechen zu koͤnnen. Wilder hieß ſie in jenen ab⸗ geſtoßenen, grellen Toͤnen, in welchen ein Seeoffizier ſeine Befehle gibt, die Leiter aufrichten. Als er befreit war, fragte er mit ziemlich bedeutender Miene, ob ſie bemerkt haͤtten, welchen Weg der Fremde in Gruͤn bei ſeinem Ab⸗ gange eingeſchlagen haͤtte. „Meint Ihr den Burſchen in Stiefeln, der eben noch ſein Ruder in eines andern Rullock einſchieben wollte dort auf der kleinen Werfte, gerade uͤber jenem Haus, das ſei⸗ nen Nordoſt⸗Schornſtein in gerader Linie mit dem Haupt⸗ maſt des Schiffes hat, das im Serom dort aufgewarpt iſt?, „Gerade den.“ „Er ging mit dem Wind, bis er um jene Ecke herum war, und dann ſetzte er aus und ging davon nach Oſt gen Suͤd, eilig und mit geſtauchten Segeln, ſo denk' ich, denn er nahm einen verteufelten Schritt.“ 6 „Verfolgt ihn,“ rief Wilder, und ſtuͤrzte nach der von Fid angedeuteten Richtung hin, ohne weiter auf des andern charakteriſtiſche Erklärungen zu hoͤren.“ 3 Das Suchen war aber vergebens. Ob ſie gleich ihre Nachforſchungen bis lange nach Sonnenuntergang fortſetzten, konnte doch niemand ihnen die geringſte Nachricht geben, was aus dem Fremden geworden. Einige hatten ihn geſe⸗ hen und ſich uͤber ſeinen ſonderbaren Anzug, ſeinen kuͤhnen und herumſchweifenden Blick gewundert, aber nach allen Berichten war er eben ſo ſeltſam und geheimnißvoll aus der Stadt verſchwunden, als er hineingekommen. Fuͤnftes Kapitel. „Seid Ihr ſo tapfer? Ich werd' jetzt ſprechen Euch.“ Koriolan. Das gute Volk von Newport begab ſich fruͤhzeitig zur Ruhe. Sie zeichneten ſich durch jene Maͤßigung und Stille aus, welche ſelbſt bis auf den heutigen Tag ſo bemerkens⸗ werth in den Gewohnheiten der Einwohner von Neu⸗Eng⸗ land iſt. Um Zehen wurde jede Thuͤre an dieſem Ort fuͤr die Nacht geſchloſſen, und es iſt ganz wahrſcheinlich, daß ehe noch eine Stunde verging, kaum ein Auge noch von all denen offen war, die waͤhrend des ganzen Tags hinlaͤnglich munter geweſen, ſowohl um den Vortheil ihrer reſpektiven Eigenthuͤmer zu wahren, als um einige heilſame Blicke auf die Angelegenheiten der Nachbarſchaft zu werfen. Der Wirth zum ſchlimmen Anker(ſo hieß das Wirths⸗ haus, wo es zwiſchen Fid und Nachtigall beinahe Schlaͤge abgeſetzt haͤtte) ſchloß puͤnktlich die Thuͤr um Acht, gleich⸗ ſam zur Suͤhne, wodurch er, waͤhrend er ſchlief, all die kleinen Fehlerchen wieder gut machen wollte, die er ſich den Tag uͤber haͤtte zu Schulden kommen laſſen koͤnnen. Wirk⸗ lich konnte mak als feſte Regel annehmen, daß die, welche am meiſten Schwierigkeiten hatten, ihren guten Namen in Hinſi ſtren taͤglie Witt durch nach Stun ander den; ausſe Sam ſich Es ange zeige bath ſchen ſtille Zeic mit ihre gent del Anf rege ger der fuͤr Hinſicht der Maͤßigkeit und Ordnung zu behaupten, am ſtrengſten darauf hielten, ſich zu gehoͤriger Zeit von den taͤglichen Sorgen der Welt zuruͤckzuziehen. Die Admirals⸗ Wittwe hatte in ihren Tagen keinen geringen Anſtoß da⸗ durch gegeben, daß man ſo oft in ihrem Hauſe noch lange nach der durch Gewohnheit zur Ausloͤſchung feſtgeſetzten Stunde Lichter brennen ſah; und es gab auch noch viele andere kleine Einzelheiten, wodurch dieſe gute Dame ſich den zugeliſpelten Bemerkungen einiger ihrer Beſucherinnen ausſetzte. Eine Epiſkopalerin ſah man ſie immer an den Samſtagsabenden mit ihrer Nadel beſchaͤftigt, obgleich ſie ſich ſonſt nicht ſehr durch ihren Fleiß bemerklich machte. Es war aber eine Gewohnheit, welche die gute Dame angenommen, daß ſie ihre Anhaͤnglichkeit an den Glauben zeigen wollte, die Sonntagsnacht ſey der orthodoxe Sab⸗ bathabend. Ueber dieſen Punkt beſtand in der That zwi⸗ ſchen ihr und der Frau des Hauptſtadtpfarrers eine Art ſtillen Kriegs. Er brach zum Gluͤck in keine ſehr auffallende Zeichen von Feindſeligkeit aus. Die letztere begnuͤgte ſich mit der Wiedervergeltung, indem ſie an Sonntagsabenden ihre Arbeit in das Haus der Wittwe mitnahm, und gele⸗ gentlich das Geſpräch durch ein emſiges Handhaben der Na⸗ del fuͤnf oder ſechs Minuten lang unterbrach. Gegen dieſe Anſteckung traf Mad. de Lacey keine andere Vorſichtsmaß⸗ regel, als daß ſie mit den Blaͤttern eines Gebetbuchs ſpielte, gerade wie man Weihwaſſer anwendet, um den Teufel in der Entfernung zu halten, welche die Kirche als die ſicherſte fuͤr ihre Proſelythen betrachtet. — 96— Dem mag ſeyn, wie ihm will, um zehen Uhr am Abend des Tags, wo unſere Erzaͤhlung begennt, war die Stadt Newport ſo ſtill, als wenn ſie keine lebendige Seele in ſich faßte. Nachtwaͤchter gab es keine; denn Spitzbuͤberei hatte ſich noch nicht öffentlich in den Provinzen gezeigt. Als da her Wilder und ſeine zwei Gefaͤhrten um dieſe Stunde aus ihrem Verſteck in die leeren Straßen traten, fanden ſie ſie ſo ſtill, als haͤtte nie ein Menſch ſie betreten. Nicht ein Licht war zu ſehen, nicht das geringſte Zeichen von Men⸗ ſchenleben zu hoͤren. Es ſchien, als kennten unſere Aben⸗ theurer ihren Weg wohl, denn ſtatt bei einem der ſchlaͤfri⸗ gen Gaſthalter um Einlaß anzuklopfen, ſetzten ſie ihren Weg gerade nach der Waſſerſeite fort. Wilder ging voran, dann kam Fid, und Scipio, ganz nach der Sitte, beſchloß in ſei⸗ ner gewoͤhnlichen, ſtillen, demuͤthigen Weiſe den Zug. An dem Waſſer fanden ſie einige kleine Boote, die un⸗ ter dem Schutz einer nahen Werfte lagen. Wilder bezeich⸗ nete ſeinen Gefaͤhrten den Weg, und ging nach einer zum einſchiffen geeigneten Stelle. Nachdem er die noͤthige Zeit gewartet, ſtießen die Spihen von zwei Booten zugleich an's Land; das eine vom Neger, das andere von Fid gelenkt. „Wie iſt das?20 fragte Welder; viſt nicht eins genug? Ihr muͤßt Euch wohl geirrt haben⸗ „Gar kein Irrthum," antwort flach hinfließen und ſteckte die er zufrieden mit dem Erfolg; wenn man die Sonne an einem Waſſer benutzt. ete Dick, ließ ſein Ruder Finger in die Haare, als ſey kein groͤßerer Irrthum, als hellen Tag und bei ruhigem Guinea iſt in dem Boot, das Ihr gemie⸗ Abend Stadt in ſich i hatte lls da de aus ſie ſie ht ein Men⸗ Aben⸗ hlaͤfri⸗ Weg dann in ſei⸗ e un⸗ zeich⸗ zum Zeit an's t. nug? uder ſey als gem mie⸗ ſ — 97— thet habt, aber ein ſchlechter Handel war es, wie ich mir gleich dachte; und ſo hab ich, da beſſer ſpaͤt als niemals meine Regel iſt, ſo gerade mein Auge uͤber das ganze Handwerks⸗ zeug geworfen, wenn dieß nicht das tuͤchtigſte und feſteſte Ruderzeug von allen iſt, ſo hab ich daruͤber kein Urtheil, und doch wuͤrde der Dorfpfarrer Euch ſagen, wenn er hier waͤre, daß mein Vater ein Schiffszimmermann geweſen, ja und es auch beſchwoͤren, das heißt, wenn Ihr ihn gut dafuͤr bezahltet.“ „Schurke,“ entgegnete Wilder zornig,„Du wirſt noch machen, daß ich Dich fortjage. Bring das Boot an den Ort, wo Du es gefunden, und ſieh zu, daß es eben ſo feſt gemacht werde, als es vorher war.“ „Mich fortjagen!“ wiederholte Fid bedaͤchtig;„das wuͤrde all Euer Wetter mit einem Schlag truͤben heißen, Maſter Harry. Wenig gutes wuͤrde von Scipio Afrika und Euch kommen, wenn ich fort waͤre. Habt Ihr je gehoͤrig die Zeit beachtet, die wir mit einander geſegelt ſind?“ „Ei das hab ich; aber ſelbſt eine Freundſchaft von zwanzig Jahren kann gebrochen werden.“ „Trotz Eurer Gegenwart, Maſter Harry, will ich ver⸗ dammt ſeyn, wenn ich ſo etwas glaube. Da iſt Guinea, der nicht beſſer als ein Neger iſt, und dadurch gar kein paſſender Mitſchiffer fuͤr einen Weißen, aber da ich gewohnt bin, ſein ſchwarzes Geſicht ſeit vier und zwanzig Jahren zu ſehen, ſo koͤnnt Ihr bemerken, daß die Farbe mir in's Auge gekommen iſt und jetzt ſo gut paßt wie eine andere. Coopers' Freibeuter. 1—3. 7 — 98— Auch iſt's zur See, in finſtrer Nacht, nicht ſo leicht den Unterſchied zu ſagen. Nein, nein, ich bin Euch noch nicht muͤde, Maſter Harry, und nicht eine ſolche Kleinigkeit ſoll uns veruneinigen.“ „Dann entſagt Eurer Gewohnheit, Euch ſo frei mit andrer Eigenthum zu machen.“ „Ich entſage keinem Ding. Niemand kann ſagen, er habe mich je ein Verdeck verlaſſen ſehen, ſo lange noch eine Planke an den Balken hing, und ſoll ich, wie Ihr's nennt, meinen Rechten entſagen? Was iſt's denn großes, daß alle herbeigerufen werden, um einen alten Seemann beſtrafen zu ſehen? Ihr gabt einem lumpichten Fiſcher, einem Kerl, der nie auf tieferem Waſſer geweſen, als ſeine eigne Leine ſondiren kann, Ihr gabt ihm, ſag' ich, einen blanken Spa⸗ nier, gerade zu einem Schlaftrunk fuͤr die Nacht, oder viel⸗ leicht zu einem geringen Imbiß am Morgen. Und was thut Dick? Er ſagt bei ſich, denn verdamm' mich, wenn er ſeines Offiziers wegen ein Schiff zuruͤckbringt,— er ſagt ſo etwa bei ſich:„das iſt zu viel,“ und er ſieht ſich um, ob er vielleicht den Werth davon bei einem von des Fiſchers Nachbarn antreffe. Geld kann verzehrt und was noch beſſer iſt, es kann vertrunken werden, deßwegen darf man's nicht, wie des Kochs Aſche uͤber Bord werfen. Ich ſtehe dafuͤr, wenn wir ſo recht an die Wahrheit kommen koͤnnten, wir wuͤrden finden, daß, in Hinſicht der Eigenthuͤmer jenes Boots und des Burſchen dort, ihre Muͤtter Couſinen ſind, und daß der Dollar in Brantwein und tuͤchtigem Trinken den nicht ſoll mit Fer eine ennt, alle rafen Kerl, Leine Spa⸗ viel⸗ was wenn ſagt um, ſchers beſſer nicht, afuͤr, „wir jenes ſind, rinken — 99— unter der ganzen Famillie darauf gehen wird, ſo daß bei dem allem kein großer Schaden ſeyn wird.“ Wilder machte eine ungeduldige Bewegung gegen den andern, zu gehorchen, und ging auf der Sandbank auf und ab, waͤhrend dieſer Zeit hatte zu folgen. Fid widerſetzte ſich nie einem beſtimmten, gemeſſenen Befehl, obgleich er ſich oft eine ſo zoͤgernde Langſamkeit in der Ausführung derer her⸗ ausnahm, die weniger praͤcis waren. Er zauderte daher nicht, das Boot zuruͤckzubringen, aber er trieb ſeine Sub⸗ ordination nicht ſo weit, daß er es ohne Klagen gethan. Als dieſer Akt der Gerechtigkeit voruͤber war, betrat Wilder das Schiff und hieß ſeine Gefaͤhrten, da er ſie an ihren Rudern ſitzen ſah, dem Hafen hinausfahren, indem er ſie zugleich ermahnte, ſo wenig Geraͤuſch wie moͤglich zu machen.„ „Jene Nacht, wo ich Euch in Ludwigsburg hineinruderte, um zu recognoſciren,“ ſagte Fid und ſteckte die Linke in den Buſen, waͤhrend mit der Rechten er hinlaͤnglich Kraft anwandte, um durch das leichte Ruder das Schiff ſchnell über das Waſſer hingleiten zu laſſen,„in jener Nacht daͤmpften wir alles, ſelbſt unſre Zungen. Wenn es nöthig iſt, dem Bootshaufen Stoͤpſel in die Maͤuler zu pfropfen, ei, dann hab' ich nichts dagegen, aber da ich einer von de⸗ nen bin, welche meinen, Zungen ſeyen eben ſo gut gemacht worden, um damit zu ſprechen, als die See darauf zu leben, ſo bin ich fuͤr vernuͤnftige Unterhaltung in nuͤchterner Ge⸗ ſellſchaft. Sip, Du Guinea, wohin bringſt Du das Schiff? 7* —— re — 100— Hier herum liegt die Inſel, und Du willſt dort in jene Art Kirche fahren. 5 „Laßt die Ruder,“ fiel Wilder ein;„laßt das Boot an das Schiff treiben!“⸗ 8 Sie waren jetzt eben daran, an dem Schiff voruͤberzu⸗ gehen, welches von der Werfte aus vor Anker lag, und auf dem, wie der junge Seemann heimlich gehoͤrt hatte, Mrß. Wyllys und die bezaubernde Gertrude ſich am fol⸗ genden Morgen nach der fernen Provinz Carolina ein⸗ ſchiffen ſollten. Als das Boot vorbeifuhr, unterſuchte Wilder das Schiff bei dem dunkeln Sternenlicht mit dem Auge eines Seemanns. Kein Theil des Rumpfs, der Segelſtangen und des Takelwerks entging ſeiner Aufmerkſamkeit, und als das Ganze durch die Entfernung in eine dunkle Maſſe von geſtaltloſer Materie verſchmolz, lehnte er ſein Haupt uͤber die kleine Barke hinaus, und ſann lange und tief bei ſich. Dieſer Gedankenverſunkenheit wagte Fid keine Unterbrechung in den Weg zu legen. Sie hatte den Anſchein von Amts⸗ pflicht, ein Gegenſtand, der in ſeinen Augen einen Charakter hatte, den man heilig haͤtte nennen koͤnnen, Scipio ſchwieg gewohnter Maßen. Als er auf dieſe Art viele Minuten verloren, gewann Wilder ploͤtzlich ſein Selbſtbewußtſeyn wie⸗ der und bemerkte mit einem Mal: „Es iſt ein ſchlankes Schiff, das einen langen Lauf aushalten koͤnnte.“ „Mag ſeyn; entgegnete der ſchnelle Fid;„wenn der Burſche friſchen Wind bekaͤme, und all ſeine Segel auf haͤtte, er koͤnnte einen koͤniglichen Kreuzer ermuͤden, bis er nalt — 1901— nahe genug kaͤme, um feine Eiſen auf’s Verdeck zu werfen, aber jetzt wollt ich—— 23. „Jungen,“ ſiel Wilder ein,„ Ihr muͤßt jetzt etwas von meinen kuͤnftigen Bewegungen erfahren; wir ſind Schiffs⸗ genoſſen, ja ich moͤchte faſt ſagen Fiſchgenoſſen ſeit laͤnger als zwanzig Jahren geweſen. Ich war nicht mehr als ein Kind, Fid, als Ihr mich zum Befehlehaber Eures Schiffes brachtet, und nicht nur mitwirktet, daß ich am Leben blieb, ſondern auch, daß ich Offizier wurde.“ „Ja, ja, der Maſſe nach, Maſter Harry, waret Ihr nichts beſonders ünd eine kleine Haͤngematte paßte Euch ſo gut als der Capitains⸗Stand.“ „Ich bin Euch großen Dank ſchuldig, Fid, ſchon fur dieſe eine edle Handlung, und auch weiter fuͤr Eure ſtand⸗ hafte Anhaͤnglichkeit.“ „Ei ja, ich bin ziemlich ſtandhaft in meinem Verhalten geweſen, Maſter Harry, beſonders da ich nie meinen Fang habe fahren laſſen, obgleich Ihr ſo oft geſchworen, mich fortzujagen. Was Guinea betrifft, der haͤlt jedes Wetter mit Euch aus, bei günſtigem und widrigem Wind, waͤhrend es gar leicht iſt, zwiſchen uns einen Sturm zu erregen, wie man an der Kleinigkeit mit dem Boot ſehen kann. „Sprecht nicht mehr davon,“ unterbrach ihn Wilder, der ſehr geruͤhrt zu ſeyn ſchien, als ſeine Ruͤckerinnerung ſich uͤber die längſt vergangenen und bitteren Auftritte ver⸗ breitete.„Ihr wißt, daß nicht leicht etwas anderes als der Tod uns trennen kann, Ihr müßtet mich denn jetzt verlaſſen wollen. Es gebuͤhrt ſich, daß Ihr erfahrt, ich ſey — — 102— in einem verzweifelten Wagniß begriffen, das leicht mich und alle, die mir folgen, verderben koͤnnte. Ich moͤchte mich nicht gern von Euch trennen, Freunde, denn es koͤnnte eine Trennung fuͤr immer werden, aber zugleich ſollt Ihr die ganze Gefahr wiſſen.“ „Muͤſſen wir noch viel zu Land ziehen?“ fragte Fid krocken. „Nein, der Dienſt, wie er iſt, wird ganz zu Waſſer ge⸗ macht werden.⸗ „Dann bringt Eure Schiffsbucher, und ſucht einen Platz groß genug fuͤr ein Paar uͤbers Kreuz gelegte Anker, welche aber aanz eben ſo diel bedeuten, als die Buchſtaben Ri⸗ chard Fid.⸗ „Aber vielleicht wenn Ihr erfahrt——„ „Ich brauche nichts daruͤber zu erfahren, Maſter Harry. Bin ich nicht oft genug unter verſiegelten Befehlen mit Euch geſegelt, um jetzt nicht nochmals meinen alten Koͤrper in Eurer Geſellſchaft zu wagen, ohne meine Pllicht zu ver⸗ geſſen? Was ſagſt Du, Guinea? willſt Du ſchiffen? oder ſollen wir Dich dort an jener Landſpitze ausſetzen und Dich Bekanntſchaft mit dem Hunger machen laſſen? „Mir iſt ganz wohl hier,“ murmelte der vollkommen zufriedene Neger. „Ja, ja, Guinea iſt wie das Boot eines Kuͤſtenfahrers, immer mit Euch, Maſter Harry, waͤhrend ich oft ſeitwaͤrts gehe und auf eine oder die andere Art an eine Eurer Sei⸗ ten anſtoͤße und unbequem werde. Indeß wir ſind beide hier eingeſchifft, wie Ihr ſeht, und ſind vollkommen wohl zufrieden, ſo ſagt uns denn, was zunaͤchſt geſchehen ſoll und macht keine weitere Worte!“ „Erinnert Euch der Warnung, die ich Euch ſchon gege⸗ ben,“ entgegnete Wilder, der einſah, daß die Anhaͤnglichkeit geines Gefolges zu unbegrenzt war, um einer Uebereilung zu beduͤrfen, und welcher aus langer und gefaͤhrlicher Er⸗ fahrung wußte, wie unbeſorgt er ſich auf ihre Treue ver⸗ laſſen konnte, obgleich gewiſſe Fehler ihnen eigen waren, die aber mit ihrem Stand verbunden ſchienen;, gedenkt deſſen, was ich Euch ſchon aufgetragen habe; und rudert nun ge⸗ rade auf jenes Schiff im Auſſenhafen los.“ Fid und der Schwarze gehorchten ſogleich und das Boot befuhr bald das Waſſer zwiſchen der kleinen Inſel und dem, was man vergleichungsweiſe die Meerenge nennen konnte. Als ſie dem Schiff ſich naͤherten, wurde der Schlag der Ruder gemaͤßigt, und endlich ganz aufgegeben, da es Wilder vorzog, das Boot der Fluth hinunter auf den Gegenſtand hinlaufen zu laſſen, den er vorher gehoͤrig unterſuchen wollte, ehe er an deſſen Bord ging.. „Hat das Schiff nicht ſeine Segel an die Stangen ge⸗ bunden?“ fragte er mit einer Stimme, deren Toͤne ge⸗ daͤmpft genug waren, um nicht gehoͤrt zu werden und die zugleich den Antheil verriethen, mit dem er auf die Antwort wartete. „Soviel ich ſehe, iſt's ſo,“ entgegnete Fid,„den Skla⸗ venhaͤndlern prickelt ein wenig das Gewiſſen, und ſie ſind nie zu kuͤhn, außer wenn ſie auf der Kuͤſte Congo einen Reger jagen; und doch iſt ſo wenig Gefahr da, daß ein gehoͤrt wuͤrde, erhob ſich Wilder im Boot und antwortete, Franzoſe heute Nacht bei dieſem Landwind und heitern Luft hier hereinblicken werde, als daß ich zum Lord Großadmiral von England gemacht werde, was wohl nicht ſobald ge⸗ ſchehen duͤrfte, da der Koͤnig meine Verdienſte noch gar nicht ſo recht kennt!“ „Sie ſind ſicherlich bereit, jedem Landenden einen war⸗ men Empfang zu bereiten!“ fuhr Wilder fort, der ſelten viel auf die Erweiterungen Acht hatte, womit Fid ſo oft ſeine Rede verſchoͤnern wollte.„Es wuͤrde nicht leicht ſeyn, ein ſo bereites Schiff wegzunehmen, wenn die Beſatzung ſich ſelbſt treu iſt.⸗ „Ich verſichere Euch, es ſchlaͤft wenigſtens eine volle Quartier⸗Wache unter den Kanonen in dieſem Augenblick, und lugt ſcharf unter ihren Loͤchern heraus. Ich war einſt auf dem Wetter⸗Vorder⸗Rae der Hebe, als ich von hier herum nach Suͤden ging, da kam ein Segel gerade auf uns——“ „Hiſt! ſie kommen aufs Verdeck!“ „Sicherlich. Der Koch ſpaltet ein Klotz und der Ca⸗ pitain hat nach ſeiner Nachtkappe gerufen.⸗ Fids Worte verloren ſich in einem Anruf vom Schiff aus, der wie das Bruͤllen eines Seeungeheuers zu ihnen heruͤbertoͤnte, das ploͤtzlich ſein Haupt uͤber die Waſſer er⸗ hebt. Die geuͤbten Ohren unſrer Abentheurer erkannten es ſogleich fuͤr das, was es wirklich war, fuͤr die Art, wie man gewoͤhnlich ein Boot anruft. Ohne erſt ſich zu ver⸗ ſichern, daß das Plaͤtſchern der Ruder in dieſer Entfernung V Luft niral d ge⸗ gar war⸗ ſelten o oft ſeyn, tung volle blick, einſt hier e auf Ca⸗ Schiff ihnen r er⸗ en es „ wie ver⸗ nung rtete, — 105— „Wie?“ rief dieſelbe fremde Stimme; nes iſt keiner vom Bord hier, der ſo ſpricht. Wo ſeyd ihr, die ihr ant⸗ wortet?“ „Ein wenig an eurem Hinterbordbog, hier im Schatten des Schiffs.“ „Und was wollt ihr hier im Bereich meines Arms?“ „Wir durchſchneiden die Wellen mit unſerm Backbord,“ erwiederte Wilder nach einem Zoͤgern von einem Augenblick. „Welcher Narr iſt hier herbeigekommen?“ murmelte der Frager. Bringt einen Boͤller herbei, und wir wollen ſehen, ob wir nicht von dem Schelm eine hoͤfliche Antwort bekommen koͤnnen.“ „Halt!“ ſagte eine ruhige aber gebietende Stimme aus dem fernſten Theil des Schiffs;"es iſt ganz ſo, wie es ſeyn ſoll; laßt ſie heran kommen.“ 1 Der Mann in der Spitze des Schiffs hieß ſie ſich naͤhern und dann hoͤrte die uUnterredung auf. Wilder konnte jetzt entdecken, daß der Anruf einem andern Boot gegolten, das noch in einiger Entfernung war, und er alſo zu voreilig geantwortet hatte. Aber als er bemerkte, daß es jetzt zu ſpaͤt war, um ſich ſicher zuruͤckzuziehen, oder vielleicht auch“ nur im Einklang mit ſeinen eigentlichen Entſchluͤſſen han⸗ delnd, bedeutete er ſeine Gefaͤhrten zu gehorchen. „ Die Wellen mit dem Backbord durchſchneiden, iſt nicht die hoͤflichſte Antwort, die man auf einen Anruf geben kann,“ murmelte Fid, waͤhrend er ſein Ruder ins Waſſer tauchte;„auch iſt es nicht ſehr merkwuͤrdig, daß ſie ſich dadurch beleidigt glaubten. Indeß, Maſter Harry, wenn ſie — — 106— daruͤber zanken wollen, ſo gebt ihnen zuruͤck, wie ſie es geben und rechnet auf mannhafte Unterſtuͤtzung. Auf dieſe ermuthigende Verſicherung erfolgte keine Ant⸗ wort, denn jetzt war das Boot auf wenige Fuß vom Schiſf. Wilder beſtieg es waͤhrend einer tiefen, und wie er meinte bedeutungsvollen Stille. Die Nacht war finſter, obwohl genug Licht von den Sternen kam, die hier und da ſichtbar waren, um die Gegenſtaͤnde den geuͤbten Augen eines See⸗ manns gehoͤrig deutlich zu machen. Als unſer junger Abentheurer das Verdeck betrat, warf er einen ſchnellen und forſchenden Blick um ſich, als ſollten langgehegte Zwei⸗ fel und Beſorgniſſe alle durch dieſen erſten Augenſchein auf⸗ geklaͤrt werden. Ein unwiſſender Landbewohner wuͤrde ſich uͤber die Ord⸗ nung und Symmetrie verwundert haben, mit der die ſchlan⸗ ken Segelſtangen aus der dunkeln Maſſe und dem Takel⸗ werk, das in der Luft hing, ſich zum Himmel erhoben, in⸗ dem eine Linie die andere durchkreuzte, bis alles Abſichtliche ſich in der Verwirrung und Verwicklung der kunſtvollen Verſchlingungen zu verlieren ſchien. Aber Wilder fand in dieſen wohlbekannten Dingen keine beſondere Unterhaltung Sein erſter ſchneller Blick war freilich, wie dieß bei allen Seeleuten der Fall iſt, in die Hoͤhe geworfen worden, aber ihm folgte ſogleich die kurze, jedoch ſcharfe Unterſuchung, auf die wir eben hingedeutet haben. Mit Ausnahme eines Mannes, der, obgleich in einen großen Seemantel eingehuͤllt, ein Offizier ſchien, konnte man nichts Lebendiges auf dem Verdeck bemerken. Auf jeder Seite war eine dunkle, dro⸗ hende der ſe konnte Weſen Schiff Bewe zu di aber Wach zu b einen faͤhrl zu ſe ich ſ Ant! te es Ant⸗ Siſf. einte wohl tbar See⸗ nger eellen zwei⸗ auf⸗ Ord⸗ hlan⸗ Lakel⸗ , in⸗ tliche dollen d in tung. allen aber hung, eines huͤllt, fdem dro⸗ hende Batterie in der reizenden und imponirenden Ordnung der ſeemaͤnniſchen Architektur aufgefuͤhrt; aber nirgends konnte er eine Spur von dem Gewuͤhl von menſchlichen Weſen bemerken, die ſonſt das Verdeck eines bewaffneten Schiffs erfuͤllen, oder noͤthig ſind, um die Maſchinen in Bewegung zu ſetzen. Es konnte das Schiffevolk, wie dieß zu dieſer Stunde gewoͤhnlich iſt, in den Haͤngematten ſeyn, aber auch dann pflegte man eine hinlaͤngliche Anzahl als Wache dazulaſſen, um die Sicherheit des Schiffs im Auge zu behalten. Als er ſich auf dieſe Art unerwartet vor einem Einzelnen ſah, ward unſer Abentheurer ſeiner ge⸗ faͤhrlichen Lage ſich bewußt, und der Nothwendigkeit etwas zu ſagen. „Ihr ſeyd ohne Zweifel erſtaunt, Sir,“ ſagte er, daß ich ſoich eine ſpaͤte Stunde zu meinem Beſuch gewäaͤhlt?“ „Ihr wurdet freilich fruͤher erwartet;“ war die lakoniſche Antwort. 4 „Erwartet?“ „Ja erwartet. Hab' ich Euch und Eure zwei Gefaͤhr⸗ ten, die in dem Boot ſind, uns nicht einen halben Tag von der Werfte der Stadt und ſelbſt von dem alten Thurm auf dem Hugel aus beobachten ſehen? Was ſagte all dieſe Neu⸗ gier anders, als Eure Abſicht, an Bord zu kommen?“ „Das iſt ſonderbar, ich muß es geſtehen!“ rief Wilder mit einer heimlichen Unruhe.„Ihr hattet alſo Kenntniß von meinen Abſichten?“. „Hoͤrt, Freand,“ unterbrach ihn der andere und erlaubte ſich ein kurzes, dumpfes Lachenz„nach Eurem Aeußern und — — 408— nach dem Anſchein glaub' ich Euch mit Recht einen See⸗ mann nennen zu duͤrfen. Meint Ihr, wir haͤtten bei dem Inventarium dieſes Schiffes die Fernglaͤſer vergeſſen, oder wir wuͤßten nicht, ſie zu gebrauchen?⸗ „Ihr muͤßt gute Gruͤnde haben, daß Ihr ſo tief in die Schritte der Fremden auf dem Lande hineinſeht.“ „Hm, vielleicht erwarten wir unſere Ladung vom Land. Aber Ihr ſeyd wohl nicht ſoweit in dem Dunkel hierher⸗ gekommen, um unſere Papiere zu ſehen. Ihr wollt wohl den Capitain ſehen? „Hab' ich ihn nicht vor mir?⸗ „Wo?" fragte der andere mit einem Auffahren, welches verrieth, daß er eine heilſame Ehrfurcht vor ſeinem Vorge⸗ ſetzten hege. „In Euch ſelbſt.“ „Ich, ich bin nicht ſo hoch in den Buͤchern gekommen, wiewohl meine Zeit noch nicht da iſt, einſtens vielleicht. Hoͤrt, Freund, Ihr gingt an dem Hintertheil jenes Schiffs vorbei, das in den Strom ſtieß, als Ihr zu uns kam't?“ „Freilich; es liegt, wie Ihr ſeht, gerade auf meinem Wege.“ „Ein ſchoͤnes Ding iſt's, verſichre Euch; es iſt, wie ſie mir ſagen, ganz bereit, abzuſtoßen.“ „ Es ſcheint ſo; die Segel ſind herab, und es fluthet, als wenn es voll waͤre.“ „Von was?“ fragte der andere ſchnell. „Von Artikeln, die ſicherlich in ſeinem Regiſter erwaͤhnt ſind. Aber Ihr ſelbſt ſcheint leicht; wenn Ihr in dieſem Hafen Ihr in / H baren Dann, 7 Wir als un Das u und di „U ſchwere 172 ſo find Arm ben af Geſcht „„ dienen 6 Stin einen ſandt 2 ſie r Wil uͤber gew See⸗ dem oder n die Land. erher⸗ wohl elches orge⸗ amen, -Ueicht. Schiffs t2 heinem vie ſie nthet, wähnt dieſem „ — 109— Hafen laden wollt, wird es noch einige Tage dauern, ehe Ihr in See ſtecht.“ „Hm, ich denk nicht, daß wir lange hinter unſerm Nach⸗ der andere etwas trocken. ſagt, fuͤgte er ſchnell hinzu. wie Ihr wißt, wenig mehr beſondere Kiſten von Reis. beſteht aus dieſen Kanonen baren zuruͤckbleiben,“ bemerkte Dann, als haͤtte er zu viel ge „Wir Sklavenhaͤndler fuͤhren, als unſere Feſſeln und einige Das uͤbrige unſeres Ballaſts und die Ladung fuͤr ſie.“ „und iſt es gewoͤhnlich fuͤr ſolche Handelsſchiffe, ſolche ſchwere Bewaffnung zu fuͤhren?“ „Vielleicht, vielleicht auch nicht. Die Wahrheit zu ſagen, ſo findet man nicht viel Geſetz auf der Kuͤſte und der ſtarke Arm thut oft ſo viel als der gerechte. Unſre Eigner ha⸗ ben alſo, denk ich, ganz recht, wenn ſie keinen Mangel an Geſchüͤtz und Munition an Bord haben wollen.“ „Sie ſollten Euch auch Mannſchaft geben, ſie zu be⸗ dienen.“ „Das haben ſie ſicher in ihrer Weisheit vergeſſen.“ Seine Worte wurden faſt erſtickt von derſelben rauhen Stimme, die Wilders Boot angehalten hatte, und welche einen zweiten wilden Anruf in Toͤnen uͤber das Waſſer ſandte, welche ſagen ſollten:„He da ein Boot!“ 1 Die Antwort war ſchnell, kurz und ſeemaͤnniſch, aber ſie wurde leiſe und vorſichtig gegeben. Der Mann, mit dem Wilder ſolche zweideutige Unterredung gehabt hatte, ſchien uͤber dieſe ploͤtzliche Unterbrechung verlegen, und etwas un⸗ gewiß, wie er ſich benehmen ſolle. Er hatte ſchon eine Be⸗ — 110— wegung gemacht, wie wenn er den Beſuchenden in die Ka⸗ juͤte fuͤhren wollte, als die Toͤne der Ruder am Schiff hin gehoͤrt wurden und verriethen, daß es zu ſpaͤt waͤre. Er hieß den andern bleiben, wo er war, und ſprang an den Landungsplatz, um die eben Angekommenen zu empfangen. Durch dieſen ploͤtzlichen Weggang ſah ſich Wilder allein im Beſitz des Theils des Schiffes, wo er ſtand. Dieß gab ihm mehr Gelegenbeit, ſeine Unterſuchung zu erneuern und ein forſchendes Auge auch auf die neuen Ankoͤmmlinge zu werfen. Etwa fuͤnf oder ſechs athletiſche Seeleute ſtiegen in tiefer Stille aus dem Boot. Eine kurze, liſpelnde Unterhaltung entſpann ſich zwiſchen ihnen und ihrem Offzier, der zu gleicher Zeit einen Rapport einzunehmen und einen Befehl auszugeben ſchien. Als dieſe vorgaͤngigen Geſchaͤfte voruͤber waren, wurde eine Leine von einem Strick an dem Hauptſegel herabgelaſſen, deren Ende offenbar in das neuangekommene Boot ging. In einem Augenblick ſah man die Laſt, die man in das Schiff bringen wollte, in der Luft ſchweben, in der Mitte zwiſchen dem Waſſer und der Segelſtange. Dann ließ ſie ſich langſam an Bord nieder, bis ſie ſorgſam und ſicher auf dem Verdeck des Schiffes ankam. Waͤhrend dieſes ganzen Vorgangs, der an ſich nichts außerordentliches, nichts hatte, was nicht taͤglich auf großen Schiffen im Hafen vorfiel, hatte Wilder ſeine Augen ange⸗ ſtrengt, bis ſie faſt aus ihren Hoͤhlen herausſpringen zu wollen ſchienen. Die dunkle Maſſe, die aus dem Boot her⸗ ——— ausgehe halten ſitzen. lem Ge wie me und de Booter bedeckt De merkſa ſehr o nicht ploͤtzli Schiff in der derbat Art, noch theur Geſic brach kleine fruͤhe Anſch blieb bring ferti Ka⸗ f hin Er nden gen. allein 3 gab euern linge tiefer ltung er zu Zefehl ruͤber tſegel mene , die heben, ange. gſam nichts roßen ange⸗ en zu her⸗ — 111— ausgeholt worden, ſchien, waͤhrend ſie gegen die Luft ge⸗ halten wurde, die Verhaͤltniſſe der Menſchengeſtalt zu be⸗ ſitzen. Die Seeleute ſammelten ſich darum her. Nach vie⸗ lem Getoͤs und vielem Geliſpel ward die Laſt oder der Leib ie man es nun nennen mochte, von den Leuten aufgehoben und das Ganze verſchwand zuſammen hinter den Maſten, Booten und Kanonen, die den vorderen Theil des Schiffes bedeckten. 293 Der ganze Vorgang hatte etwas, was Wilders Auf⸗ merkſamkeit auf ſich zog. Doch war ſein Auge nicht ſo ſehr auf die Gruppe am Landungsplatz gerichtet, daß es nicht ein Dutzend ſchwarzer Gegenſtaͤnde entdeckt haͤtte, die ploͤtzlch von den Raen und andern dunklen Maſſen des Schiffes hervorgebracht wurden. Es konnten Bloͤcke, die in der Luft ſchwangen, ſeyn, aber auch ſie hatten eine wun⸗ derbare Aehnlichkeit mit Menſchenhaͤuptern. Die ſchnelle Art, auf die ſie beides erſchienen und verſchwanden, beſtaͤrkte noch dieſen Eindruck, auch hatte in, Wahrheit unſer Aben⸗ theurer gar keinen Zweifel, daß Neugier ſo viele forſchende Geſichter aus ihren verſchiedenen Schlupfwinkeln hervorge⸗ bracht. Doch hatte er nicht viel Muße, uͤber alle dieſe kleinen Begebniſſe in ſeiner Lage nachzudenken, da bald ſein fruͤherer Gefaͤhrte wieder zu ihm kam, der nach allem Anſchein wieder mit ihm allein im Beſitz des Verdeckes blieb. 1 „Ihr kennt die Muͤhe, die Leute vom Ufer hereinzu⸗ bringen,“ bemerkte der Offizier,„wenn ein Schiff ſegel⸗ fertig iſt.“ b es — — — 112— „Ihr ſcheint eine ſummariſche Methode, ſie hereinzuhiſſen zu haben,“ entgegnete Wilder. „Ah, Ihr ſprecht von dem Burſchen an der Leine? Eure Augen ſind gut, Freund; wenn ſie in dieſer Ent⸗ fernung——“ „Aber der Kerl war ungehorſam, nicht gerade unge⸗ horſam aber betrunken. So ungehorſam, wie nur einer ſeyn mag, der weder ſprechen, ſitzen noch ſtehen kann.“ Dann gleichſam wohlzufrieden mit ſeiner Laune, als waͤre ſie eine einfache Erklärung, lachte der andere und naͤſelte, auf eine Weiſe, welche zeigte, daß er ſich ganz be⸗ haglich finde. „Aber waͤhrend der ganzen Zeit bleibt Ihr auf dem Verdeck,“ fuͤgte er ſchnell hinzu,„und der Capitain er⸗ wartet Euch in der Kajuͤte. Folgt mir, ich will Euer Pilot ſeyn.?2 „Halt!“" ſagte Wilder;„waͤre es nicht beſſer, mich anzuſagen?“— „Er weiß es ſchon. Wenig geſchieht hier an Bord, das nicht ſeine Ohren erreicht, ehe es noch in's Lager⸗ buch kommt.“ Wilder machte keinen weiteren Einwurf, ſondern er⸗ klaͤrte ſich bereit zu gehen. Der andere fuͤhrte ihn nach dem Bulkhead, das das Hauptcabinet von dem Quarter⸗ deck des Schiffs trennte. Dann wies er nach einer Thuͤr und liſpelte mehr als daß er laut geſprochen: „Klopft zwei Mal; wenn er antwortet, geht hinein.“ — 113— Wilder that, wie ihm geſagt worden. Sein erſtes An⸗ klopfen ward entweder nicht gehoͤrt oder nicht geachtet. Als er es wiederholte, hieß man ihn hereinkommen. Der junge Seemann oͤffnete die Thuͤr mit einer Menge der mannich⸗ faltigſten Gefuͤhle, die ihre Loͤſung in den folgenden Theilen der Erzaͤhlung ſinden werden, und ſtand alsbald unter dem Licht einer mäͤchtigen Lampe vor dem Fremden in Grün. Sechſtes Kapitel. ———„Der gute, alte Plan, Daß nehmen ſollen, die die Macht auch haben, Behalten die, ſo's können. Wordſworth. Das Zimmer, worin unſer Abentheurer ſich jetzt befand, bot keine geringe Aufſchluͤſſe uͤber den Charakter ſeines Be⸗ wohners. Nach Form und Verhaͤltniſſen war es eine Ka⸗ juͤte von der gewoͤhnlichen Groͤße und Anordnung; aber im Geraͤthe und in den Gemaͤchlichkeiten verrieth es eine ſonderbare Miſchung von Luxus und kriegeriſcher Vorkeh⸗ rung. Die Lampe, die von der Decke herabhing, war von lautrem Silber, und obgleich durch mechaniſche Kunſt ihrer gegenwaͤrtigen Lage angepaßt, fand ſich doch etwas in ihrer Facon und den Verzierungen, welches verrieth, daß ſie einſt vor einem Schrein von weit heiligerer Art gebraucht wor⸗ den. Maſſive Leuchter, von demſelben koſtbaren Metall und die dieſelbe kirchliche Bildung hatten, ſtanden auf einer alten Tafel deren Mahagony von der Bohnung eines halben haben, defand, 6 Be⸗ e Ka⸗ aber s eine Vorkeh⸗ ar von t ihrer mihrer ie einſt t wor⸗ all und r alten halben wuürden. Piſtolen, Saͤbel, Halb⸗Piken, Holzaͤxte und all 88 — 115— Jahrhunderts glitzerte und deren vergoldete Fuͤße und ge⸗ riefte Stuͤtzen ihre eigentliche, von dem gewoͤhnlichen Ge⸗ brauch eines Schiffs ſehr verſchiedne Beſtimmung verriethen. Ein Lager, mit geſchornem Sammet bedeckt, ſtand laͤngs der Wand hin, waͤhrend ein Divan von blauer Seide an der entgegengeſetzten lag, und durch ſeine Fason, ſeinen Stoff und ſeine Reihe Kiſſen zeigte, daß ſelbſt Afien zur Bequemlichkeit ſeines uͤppigen Eigenthuͤmers habe beitragen müͤſſen. Außer dieſen auffallenderen Artikeln waren ge⸗ ſchnittene Glaͤſer, Spiegel, Silbergeſchirr und ſelbſt Vor⸗ haͤnge da, von denen jedes durch etwas eigenthuͤmliches in Form und Materie zeigte, daß es einen von den andern verſchiedenen urſprung habe. Kurz, Pracht und Ueppigkeit ſchienen weit mehr als Schicklichkeit und Gleichmaß im Ge⸗ ſchmack bei der Auswahl der meiſten dieſer Artikel beruͤck⸗ ſichtigt worden zu ſeyn, die ſonderbar genug der Laune und Bequemlichkeit ihres ſeltſamen Beſitzers dienen ſollten. Mitten unter dieſem Wirrwar von Reichthum und Pracht ſtellten ſich die drohenden Zeichen des Kriegs dar. Das Kabinet enthielt vier von dieſen dunklen Kanonen, deren Gewicht und Anzahl zuerſt Wilders Aufmerkſamkeit gereizt hatte. Obgleich ſie ſo nahe den Geraͤthen der Bequemlich⸗ keit, die wir eben aufgezaͤhlt, ſtanden, bedurfte es doch nur eines Seemanns Auges, um zu bemerken, daß ſie zu augen⸗ blicklichem Dienſt bereit ſtuͤnden, und daß fuͤnf Minuten der Vorkehrung den Ort von all ſeinen Spielereien befreien, und ihn zu einer heißen, wohlvertheidigten Batterie machen — — 116— die geringeren Werkzeuge des Seekriegs waren in der Ka⸗ zuͤte auf eine Weiſe hingeſtellt, die ihnen das Anſehn einer wilden Verzierung gab, waͤhrend zugleich alles ſchnell zur Hand war. um den Maſt ſtand ein Haufe Muſquete und ſtarke Holzpfaͤhle, die offenbar Loͤchern auf beiden Seiten der Thuͤr angepaßt waren, verriethen hinlaͤnglich⸗ daß die Wand leicht in eine Barriere verwandelt werden koͤnne. Die ganze Anordnung zeigte, daß die Kajuͤte als die Citadelle des Schiffs betrachtet wuͤrde. Um dieſe letztere Annahme zu unterſtuͤtzen, bemerkte man eine Fallthuͤre, die offenbar in die Zimmer der untern Offiziere fuͤhrte, und welche auch ei⸗ nen direkten Zugang in das Magazin eroͤffnete. Dieſe An⸗ ordnungen, etwas verſchieden von dem, was er ſonſt zu ſehn gewohnt geweſen, zogen ſogleich Wilder's Auge auf ſich, obgleich ihm damals nicht Zeit gelaſſen wurde, uͤber ihren Nutzen und Zweck nachzudenken, Es lag ein verſteckter Ausdruck von Selbſtgefaͤlligkeit, etwas modifizirt vielleicht durch Fronie, in dem Antlitz des Fremden in Gruͤn(denn er war noch eben ſo gekleidet, wie er bei dem Leſer eingefuͤhrt wurde,) als er bei dem Eintritt ſeines Beſuchs ſich erhob. Beide ſtanden einige Augenblicke ohne zu ſprechen, bis der vermeintliche Gerichtsmann das verlegene Schweigen brach. 839 8 „Welchem gluͤcklichen umſtand iſt das Schiff fuͤr die Ehre eines ſolchen Beſuchs perpflichtet?“ fragte er. „Ich glaube, ich darf antworten; der Einladung ſeines tarke der Land Die adelle ne zu ar in ch ei⸗ 2 An⸗ ſt zu e auf uͤber ligkeit, lttz des et, wie eintritt enblicke m das ie Ehre 3 ſeines — 117— Capitains,“ antwortete Wilder mit einer Feſtigkeit und Ruhe, der aͤhnlich, die der andere an den Tag legte. „Zeigte er Euch ſeine Kommiſſion, die er mit dieſem Dienſt bekam? Sie ſagen, mein' ich, es duͤrfe zur See kein Kreuzer gefunden werden ohne eine Kommiſſion.“ „und was ſagen ſie auf den Univerſitaͤten uͤber dieſen wichtigen Punkt?“ „Ich ſehe, ich kann wohl meinen Gerichtsmantel zur Seite legen, und die Raenklammer offen annehmen;“ ent⸗ gegnete der andere laͤchelnd,„es iſt etwas in dem Gewerbe, — doch Geſchaͤft denk' ich iſt Euer Lieblingswort,— es iſt etwas in dem Geſchaͤft, was uns einander verraͤth. Ja, Maſter Wilder,“ fuͤgte er mit Wuͤrde hinzu, und winkte ſeinem Gaſt, das Beiſpiel nachzuahmen und niederzuſitzen, nich bin, wie Ihr, zum Seemann erzogen worden, und ſo gluͤcklich, hinzufuͤgen zu koͤnnen, daß ich dieſes herrliche Schiff befehlige.,) „Dann muͤßt Ihr zugeben, bin ich nicht ohne hinläͤng⸗ liche Veranlaſſung eingedrungen.“ „Freilich nicht! Mein Schiff iſt Euch beſonders in's Auge gefallen; auch will ich ſchnell zugeſtehen, daß ich von Eurem Aeußern und Eurer Perſon genug geſehen habe, um in mir den Wunſch zu erregen, wir moͤchten aͤltere Be⸗ kannte ſeyn. Ihr braucht einen Dienſt?“ „Man muß ſich ſchaͤmen, in dieſen unruhigen Zeiten ohne Beſchaͤftigung zu ſeyn.“ „Gut. Es iſt eine ſeltſam geſtaltete Welt, in der wie leben, Maſter Wilder! Einige glauben ſich in Gefahr, waͤh⸗ —— vend ſie keinen ſchwaͤcheren Grund unter ihren Fuͤßen haben als terra firma, und andere vertrauen wieder ihrem Geſchick auf der See. So gibt es Leute, die da meinen Schreien ſey des Menſchen Beſtimmung, und dann kommen andere, die ihren Athem ſparen, und nehmen jene Geſchenke fuͤr ſich, um die zu bitten ſie nicht immer Muße oder Neigung haben. Ohne Zweifel hieltet Ihr es fuͤr klug Euch erſt uͤber die Art unſeres Geſchaͤfts zu erkundigen, ehe Ihr hierher kamt, um Beſchaͤftigung zu ſuchen.“ „Die Stäͤdter von Newport halten Euch fuͤr einen Sklavenhaͤndler.“ „Die haben nie Unrecht, dieſe Dorfſchwaͤtzer. Wenn Hexerei je wirklich auf Erden beſtand, ſo iſt der erſte von dieſem liſtigen Geſchmeiß ein Dorfgaſthalter, der zweite ein Dorfquackſalber und der dritte ein ſolcher Prieſter. Das Recht auf den vierten Grad koͤnnte ſich der Bader und Schneider ſtreitig machen.— Roderich!“ Der Capitain begleitete dieſen Ruf, wodurch er ſo ohne umſtaͤnde ſich unterbrach, mit einem leichten Schlag an eine chineſiſche Glocke, die unter andern Seltenheiten von einem Balken des oberen Verdecks im Bereich der Hand herabhing. „Roderich, ſchlaͤfſt Du?“ Ein leichter, flinker Knabe ſchoß aus einem der zwei kleinen Staatszimmer hervor, die an den Ecken des Schiffs angebracht waren, und antwortete auf den Ruf, in dem er ſeine Gegenwart ankuͤndigte. „Iſt das Boot zuruͤckgekehrt?“ chick eien ere, fuͤr ung uͤber rher inen Jenn von ein Das und ohne z an von Hand zwei ſchiffs dem — 3 Die Antwort war bejahend⸗ „Iſt es gluͤcklich geweſen?“ „Der General iſt auf ſeinem Zimmer, Euch beſſer als ich Rede ſtehen.“ „Dann ruf den General her; er ſoll Rapport uͤber ſei⸗ nen Zug ablegen.“ Wilder war viel zu ſehr intreſſirt, um das ploͤtzliche Nachdenken, in welches ſein Gefaͤhrte jetzt offenbar verfal⸗ len war, ſelbſt nur dadurch zu unterbrechen, daß er ſo laut wie gewoͤhnlich athmete. Der Junge ſtieg der Hoͤhle hinab, wie eine Schlange, die in ihr Loch gleitet, oder vielmehr wie ein Fuchs, der in ſeinen Bau ſchießt, und dann herrſchte tiefe Stille im Kabinet. Der Commandant des Schiffs lehnte den Kopf auf die Hand, und ſchien gaͤnz⸗ lich die Gegenwart eines Fremden vergeſſen zu haben. Das Schweigen waͤre wohl von weit laͤngerer Dauer geweſen, waͤre ſie durch die Erſcheinung eines Dritten nicht unter⸗ brochen worden. Eine hohe, rauhe Geſtalt erhob ſich lang⸗ ſam durch den engen Gang, ganz wie man die Theaterge⸗ ſpenſter auf der Buͤhne erſcheinen ſieht, bis ſie etwa halb ſichtbar war, dann hielt ſie und richtete ihre diſciplinirten Blicke auf den Capitain. „Ich warte auf Befehle,“ ſagte eine murmelnde Stimme, die von Lippen kam, welche man kaum ſich bewegen ſah. Wilder ſtaunte, als dieß unerwartete Individuum er⸗ ſchien; auch gebrach es dem Fremden nicht an einem hin⸗ laͤnglich auffallenden Blick, um in jedem andern Verwun⸗ derung zu erregen. Das Geſicht war das eines Fuͤnfzigers, Sir, und kann — 120— deſſen Zuͤge durch die Zeit eher erſtarrt als verwiſcht wor⸗ den waren. Seine Farbe war ein gleichfoͤrmiges Roth, mit Ausnahme von einer jener ausdrucksvollen kleinen Bluͤ⸗ then der Fibern auf jeder Wange, die eine ſo auffallende Aehnlichkeit mit dem Rankwerk des Weinſtocks haben, und welche, wie es ſcheinen koͤnnte, zu dem Sprichwort die ei⸗ gentliche Veranlaſſung gegeben haben, daß guter Wein kei⸗ nen Buſch brauche. Der Kopf war auf der Krone kahl, aber um jedes Ohr war eine Menge graues Haar, das in die foͤrmlichen militairiſchen Zoͤpfſchen durch Pomade und Kamm gebracht worden. Der Nacken war lang, und durch ein ſchwarzes Tuch geſtuͤtzt; die Schultern, Arme und der Leib waren, wie ſie bei einem ſchlanken Bau ſind, und das ganze war in einen Mantel gehuͤllt, der, obgleich er etwas eignes in ſeinem Schnitt hatte, doch offenbar eine Art Do⸗ mino ſeyn ſollte. Der Capitain erhob, als der andere ſprach, den Kopf, und rief: „Ah, General, ſeyd Ihr auf Eurem Poſten? Fandet Ihr das Land?⸗ 4 Sung „Ja.“ „und den Punkt? und den Mann?⸗ „Beides.“ „Und was thatet Ihr?“ „Gehorchte Eurem Befehl.“ „War' recht. Ihr ſeyd ein Juwel zu einem handelnden Offizier, General, und deßhalb habt Ihr lein Herz. Be⸗ klagte ſich der Burſche?⸗ „Er ward geknebelt." den Be⸗ „Eine ſummariſche Methode, alle Vorſtellungen abzu⸗ ſchneiden. So ſollte es ſeyn, General; wie gewoͤhnlich, habt Ihr meine Billigung.“ „Dann belohnt mich dafuͤr.“ „Wie? Ihr ſeyd ſchon ſo hoch im Rang, als ich Euch erheben kann. Der naͤchſte Schritt waͤre Ritterſchlag.“ „Pfhaw, meine Leute ſehen aus wie Miliz; ſie brauchen Roͤcke./ „Sie ſollen ſie haben. Sr. Maj. Garden ſollen nicht halb ſo gut equippirt ſeyn. General, wuͤnſche Euch eine gute Nacht.“ Die Geſtalt ſtieg auf dieſelbe ſtarre, geſpenſtiſche Weiſe, wie ſie hervorgekommen war, hinab, und ließ Wilder nochmals mit dem Capitain des Schiffs allein. Dieſer ſchien ploͤtzlich erſtaunt, daß die ſonderbare Zuſammenkunft in Ge⸗ genwart eines Mannes vorgefallen, der faſt ein Fremder war, und es fiel ihm ein, daß fuͤr ihn wenigſtens ſie eine Erklaͤrung beduͤrfen moͤchte. „Mein Freund,“ ſagte er, mit einer in etwas erklaͤren⸗ den Miene, waͤhrend ſie zugleich nicht wenig hoffährtig war, nbefehligt, was man bei einem regelmaͤßigeren Kreuzer die Seewache nennen koͤnnte. Er ſtieg allmaͤhlig im Dienſt vom Rang eines Subalternen bis zu der hohen Stelle, die er jetzt einnimmt. Ihr merkt, er riecht nach dem Lager.“ „Mehr als nach dem Schiff. Es iſt bei Sklavenhaͤnd⸗ lern gewoͤhnlich, daß ſie mit Beſatzung ſo gut verſehen ſind. Ich finde Euch in jeder Hinſicht bewaffnet.“ „Ihr moͤchtet noch mehr von uns wiſſen, ehe wir un⸗ 2 8 — 122— ſern Handel eigentlich abſchließen;“ antwortete der Capitain mit einem Laͤcheln. Er oͤffnete dann ein kleines Kaͤſtchen, das auf dem Tiſch ſtand, und nahm ein Pergament heraus, das er kalt Wilder'n darreichte, indem er mit einem ſchnel⸗ len durchdringenden Blick aus ſeinem unruhigen Auge fagte: „Ihr werdet daraus ſehen, daß wir wichtige Briefe haben, und gehoͤrig bevollmaͤchtigt ſind, die Schlachten des Koͤnigs auszufechten, waͤhrend wir unſere eignen, friedlichen Ge⸗ ſchaͤfte betreiben.“ „Das iſt die Commiſſion fuͤr eine Brig.“ „Freilich, freilich;z ich hab' Euch das unrechte Papier gegeben. Das werdet Ihr, denk' ich, genauer finden.“ „Das iſt nun eine Commiſſion fuͤr das gute Schiff, die ſieben Schweſtern; aber Ihr fuͤhrt ſicherlich mehr als zehen Kanonen, und dann ſind die in Eurer Kajuͤte Neunpfuͤn⸗ der ſtatt Vierpfuͤnder.“ „O, Ihr ſeyd ſo genau, als waͤret Ihr der Gerichts⸗ mann, und ich der ſchnelle Matroſe. Ich denke doch, Ihr habt von ſo etwas, wie vom Erſtrecken einer Commiſſion gehoͤrt,“ fuhr der Capitain trocken fort, als er ſorglos das Pergament wieder zu einem Haufen aͤhnlicher Dokumente warf. Dann ſtand er auf und ging mit ſchnellen Schritten in der Kajuͤte hin, waͤhrend er fortfuhr:„ich brauch Euch nicht zu ſagen, Maſter Wilder, daß unſeres ein gefaͤhrliches Geſchaͤft iſt. Einige nennen es ungeſetzlich; aber da ich we⸗ nig in theologiſchen Streitigkeiten geuͤbt bin, wollen wir die Frage uͤbergehen. Ihr ſeyd nicht hierher gekommen, ohne Euren Dienſt zu wiſſen.“ 7 wißt Um hand leute rer l ſicher mer er n 1 1 köni — 123— „Sch ſuche noch einen.“ „Ohne Zweifel habt Ihr wohl daruͤber nachgedacht, und wißt, in welchem Geſchaͤft Ihr am liebſten ſegeln wuͤrdet. Um keine Zeit unnuͤtz zu verlieren, und damit unſere Ver⸗ handlungen aufrichtig ſeyen, wie es bei zwei ehrlichen See⸗ leuten ſich ſchickt, will ich Euch gleich geſtehen, daß ich Eu⸗ rer bedarf. Ein tuͤchtiger, geſchickter Mann, aͤlter, aber ſicher nicht beſſer als Ihr, hatte das Hinterbord⸗Staatszim⸗ mer inne, noch vor einem Monat, aber der arme Schelm, er ward Speiſe fuͤr die Fiſche.“ „Ertrank er?⸗ 3 „Das nicht; er ſtarb in einem offnen Kampf mit einem koͤniglichen Schiff.“ „Einem koͤniglichen Schiff! Habt Ihr denn Eure Com⸗ miſſion ſoweit erſtreckt, daß Ihr ſelbſt Euch dadurch beauf⸗ tragt findet, mit Sr. Majeſtaͤt Kreuzern zu fechten 2 „Gibts keinen Koͤnig als Georg den Zweiten! Vielleicht fuͤhrte es die weiße Flagge, vielleicht die Daͤniſche. Aber es war in der That ein ſtattlicher Burſche; da iſt ſein Sitz, ſo leer, wie der Tag, der ihn von ihm nahm, als man ihn in die See warf. Er war ein Mann, der das Com⸗ mando haͤtte uͤbernehmen koͤnnen, wenn meinem Geſchick ein unglücksſtern ſchien. Ich glaube, ich koͤnnte ruhiger ſterben, wuͤßte ich, daß dieß edle Schiff an einen Mann kaͤme, der den gehoͤrigen Gebrauch von ihm zu machen wuͤßte.“ „Ohne Zweifel wuͤrden die Herren davon im Fall eines ſolchen Ungluͤcks fuͤr einen Nachfolger ſorgen.“ „Meine Herren ſind ſehr vernuͤnftig,“ entgegnete der 2 e r 1 1 andere mit einem bedeutungsvollen Laͤcheln, waͤhrend er ei⸗ nen zweiten forſchenden Blick auf ſeinen Gaſt warf, wodurch dieſer genoͤthigt ward, ſein Auge zu Boden zu ſenken;„ſie bemuͤhen mich ſelten mit Anforderungen und Befehlen.“ „Sie ſind nachſichtig. Ich ſehe, Flaggen wurden in Eurem Inventarium nicht vergeſſen. Geben ſie Euch auch Erlaubniß, jede von ihnen, welche Ihr wollt, zu fuͤhren?“ Bei dieſer Frage begegneten ſich die ausdrucksvollen und bedeutenden Blicke der beiden Seeleute. Der Capitain nahm eine Flagge aus dem halboffenen Verſchluß, wo ſie die Auf⸗ merkſamkeit ſeines Beſuchs auf ſich gezogen hatte, ließ die Rolle ſelbſt ſich entfalten und antwortete: „„Das iſt die Lilie von Frankreich, wie Ihr ſeht. Kein ſchlechtes Emblem fuͤr den unbeſcholtenen Franzmann. Ein anmaßungsvolles Zeichen ohne Flecken, das jedoch durch zu langen Gebrauch etwas beſudelt worden. Da habt Ihr den berechnenden Hollaͤnder, einfach, materiell und wohlfeil. Es iſt eine Flagge, die mir wenig gefaͤllt. Wenn das Schiff von Werth iſt, verfuͤgen die Eigenthuͤmer nicht leicht ohne einen Preis daruͤber. Das iſt Euer aufgeblaſener Hambur⸗ ger. Er iſt reich durch den Beſitz einer Stadt, und ruͤhmt ſich ihrer in dieſen Thuͤrmen. Von dem Uebrigen ſeiner maͤchtigen Beſitzungen ſagt er weiſe nichts in ſeiner Allego⸗ rie. Das iſt der Halbmond der Tuͤrkey; eine mondſuͤchtige Nation, die ſich fuͤr die Erben des Himmels halten. Moͤ⸗ gen ſie ſich ihres Geburtsrechts in Frieden erfreuen; ſelten ſuchen ſie ſeine Segnungen auf der hohen See; und dieß ſind die kleinen Trabanten, die um den maͤchtigen Mond auch er nicht ohne einen reichen Anſtrich. Ich hab mir oft ſpielen, die Barbareſken von Afrika. Ich hab nur wenig Ge⸗ meinſchaft mit dieſen weitverbreiteten Leuten, denn ſelten iſt etwas von ihnen zu gewinnen. Und doch,“ fuͤgte er hinzu, und warf ſein Auge auf den ſeidnen Divan, an dem Wilder ſaß;„und doch bin ich mit den Schur⸗ ken zuſammengekommen; auch kamen wir ohne einige Mittheilung nicht auseinander! Ah, da kommt mein Mann! der goldne, verſchwendriſche Spanier! Das Feld mit Gelb erinnert einen an den Reichthum ſeiner Minen, und dieſe Krone, man koͤnnte ſie fuͤr von geſchlagnem Gold halten, und moͤchte ſeine Hand ausrecken, um nach dem Schatz zu greifen. Welch ein Wappenwerk iſt das fuͤr eine Gallione! Da iſt der demuͤthigere Portugieſe, und doch iſt eingebildet, es waͤren wahre braſilianiſche Diamanten in dieſer koͤniglichen Quaſte. Das Krucifix, welches Ihr in frommer Naͤhe an der Thuͤre meines Staatszimmers haͤn⸗ gen ſeht, iſt eine Probe von der Maſſe, die ich meine.“ Wilder wandte ſich um, einen Blick auf das koſtbare Zei⸗ chen zu werfen, welches wirklich am Hintertheil einige Linien von der Stelle, die der andere genannt hatte, auf⸗ gehaͤngt war. Nachdem er ſeine Neugierde befriedigt, wollte er eben ſeine Aufmerkſamkeit wieder auf die Flaggen rich⸗ ten, als er einen zweiten von jenen durchdringenden, aber verſtohlenen Blicken gewahrte, mit denen ſein Gefaͤhrte ſo oft das Antlitz der andern erforſchte. Es mochte ſeyn, daß der Capitain ſich bemuͤhte, die Wirkung zu entdecken, welche die prahleriſche Darlegung ſeines Reichthums auf das Ge⸗ —— 1 8 S 8 — c ——— —— muͤth ſeines Beſuchs gemacht. Wie dem auch ſey, Wilder laͤchelte; denn in dem Augenblick kam ihm zuerſt der Ge⸗ danke ein, daß der Schmuck der Kajüte ſo ſorgſam ausge⸗ haͤngt worden, weil man ſeine Ankunft erwartete, und wuͤnſchte, der Reichthum moͤge ihm auf vortheilhafte Weiſe in die Sinne fallen. Der andere bemerkte den Ausdruck ſeines Auges, und mißverſtand ihn vielleicht, als er ſich durch ihn veranlaſſen ließ, in ſeiner ſonderbaren Auslegung der Flaggen fortzufahren, und zwar mit einem noch freund⸗ licheren und lebendigeren Blick als vorher. „Dieſe doppeltkopfigen Ungeheuer ſind Landvoͤgel, und wagen ſelten ein Gefecht auf der Tiefe. Sie ſind nicht fuͤr mich. Der beherzte, tapfere Daͤne, der ſtoͤrrige Schwede; ein Neſt von geringerem Geſchmeiß,“ fuhr er fort, und be⸗ wegte die Hand ſchnell uͤber ein Dutzend kleinerer Rollen, wie ſie jede in ihrem Gefach dalagen,„die entfalten ihre Lappen wie groͤßere Staaten; auch der uͤppige Neapolita⸗ ner iſt da, und da kommen ſelbſt die Schluͤſſel des Him⸗ mels! Das iſt eine Flagge, worunter man ſterben muß! Ich lege ſie Segelarm an Segelarm unter daſſelbe Band mit einem ſchwerfaͤlligen Korſar von Algier.“ „Was! habt Ihr auch unter der Fahne der Kirche fech⸗ ten wollen?“ „Aus bloßer Andacht. Ich dachte mir das Erſtaunen, in das der Barbar verfallen wuͤrde, wenn er faͤnde, daß wir nicht zum Gebet gingen. Wir machten nur ein oder zwei Mal die Runde, und er ſchwor, Alah habe beſchloſ⸗ ſen, er ſolle ſich uͤbergeben. Es gab einen Augenblick, waͤh⸗ iſt eine Flagge, um jeden Rang und Stand anzudeuten, 4 — 127— rend er ſein Wettertheil aufluppte, wo der Muſelmann denken mochte, das ganze heilige Conclave waͤre auf, und der Umſturz Mahomeds und ſeiner Nachkommen verhaͤngt. Ich gab freilich, ich muß es geſtehen, Veranlaſſung zum Gefecht, indem ich ihm dieſe friedlichen Schlüͤſſel zeigte, von 5 denen er dumm genug war zu glauben, ſie oͤffneten die Haͤlfte der feſten Kaſten der Chriſtenheit.“ 4 „Als er ſeinen Irrthum geſtanden hatte, ließt Ihr ihn 4 gehen?" n 5 „Hm! und ſegnete ihn. Es geſchah erſt einiger Aus⸗ 3 tauſch mit unſeren Bequemlichkeiten und dann trennten wir 4 uns. Ich ließ ihn in der hohen See ſeine Pfeife rauchen, den vordern Segelmaſt auf der Seite, den Beſanmaſt un⸗ 5 ten, und einige ſechs oder ſieben Loͤcher in ſeinem Boden, welche das Waſſer gerade eben ſo ſchnell hineinließen, als die Pumpen es heraus brachten. Ihr ſeht, er war auf ei⸗ nem guten Weg, ſeinen Theil am Erbe zu erlangen; aber f der Himmel hatte es alles ſo verhaͤngt, und er war zufrieden.“ 3 „Und was waren das fuͤr Flaggen, die Ihr uͤbergan⸗ gen habt? Sie ſcheinen reich und von großer Anzahl.“ „Dieſe ſind England; wie es ſelbſt ariſtokratiſch, mit Partheifarben und guten Theils mit Laune beſtrichen. Da als waͤren die Leute nicht aus demſelben Fleiſch gemacht, und das Volk eines Koͤnigreichs koͤnnte nicht ehrlich unter demſelben Zeichen ſegerln. Da iſt My Lord Oberadmiral, Euer St. Georg, Euer rothes und blaues Feld, je nach⸗ dem es zufaͤllig ein Fuͤhrer iſt, oder die Laune des Augen⸗ 128 blicks es will; die Streifer von Mutter Indien auch und die koͤnigliche Standarte ſelbſt.“ „Die koͤnigliche Standarte!“ „Warum nicht? Ein Befehlshaber heißt Monarch in ſeinem Schiff. Ja, dieß iſt die Standarte des Koͤnigs, und was noch mehr iſt, in Gegenwart eines Admirals wurde ſie gefuͤhrt!“ „Das bedarf einiger Erklaͤrung!“ rief der andere, wel⸗ cher viel von jener Art Schauer zu fuͤhlen ſchien, den ein Geiſtlicher bei der Entdeckung einer Tempelentweihung ver⸗ rathen wuͤrde.„Des Koͤnigs Standarte in Gegenwart einer Flagge zu fuͤhren! Wir wiſſen alle, wie ſchwierig und ſelbſt gefaͤhrlich es iſt, vor den Augen eines koͤniglichen Kreuzers——“ „Ich erſtaune gern die Schurken!“ unterbrach ihn der andere mit einem unterdruͤckten, bittern Lachen.„Ich habe meine Luſt daran. Um zu ſtrafen, muß man die Macht haben; das iſt ein oft gemachtes aber noch nie ausgefuͤhrtes Erperiment. Ihr wißt Euch ja mit dem Geſetz durch einen breiten Lappen Segeltuch abzufinden. Ich ſag nichts weiter.“ „und welche von allen dieſen Flaggen gebraucht Ihr am meiſten?“ fragte Wilder nach einem Augenblick tiefen Nach⸗ denkens. „Beim bloßen Segeln bin ich ſo launenhaft, wie ein Maͤdchen in den Zehen bei der Wahl ſeiner Baͤnder. Oft zeig' ich Euch ein Dutzend an einem Tag. Mancher wuͤr⸗ dige Handelsmann hat die wahre Nachricht von einem Hol⸗ länder oder einem Daͤnen mit in den Hafen gebracht, mit — 129— dem er am Eingang geſprochen. Beim Gefecht, wiewohl man weiß, daß ich auch dann meiner Laune folge, gibt es doch eine, die ich am meiſten liebe.“ „Und die iſt?⸗ Der Capitain griff fuͤr einen Augenblick nach der Rolle, die er berührt hatte, und ſchien bis in die innerſte Seele ſeines Beſuchs zu blicken; ſo feſt und durchdringend war jetzt ſein Auge. Dann ließ er die Flagge fallen, und ein dunkles, blutrothes Feld ohne Einfaſſung oder Schmuck von irgend einer Art entfaltete ſich, als er mit Nachdruck ant⸗ wortete:„Dieſe.“" „Das iſt die Farbe eines Seeraͤubers!“ „Ja, ſie iſt roth! Ich liebe ſie mehr als Eure dunkeln Felder von Schwarz mit Todtenkoͤpfen und andern kindi⸗ ſchen Popanzen. Sie droht nicht, ſondern ſagt nur: uUm ſolchen Preis werd' ich erkauft.“ Maſter Wilder,“ fuhr er fort, und die Miſchung von Ironie und Luſtigkeit, mit der er die vorige Unterredung gefuͤhrt hatte, verlor ſich in ei⸗ nen Blick des Anſehns;„wir verſtehen einander, es iſt Zeit, daß jeder unter ſeiner eignen Flagge ſegelt; ich brauch Euch nicht zu ſagen, wer ich bin.“ „Ich glaub', es iſt unnoͤthig,“ ſagte Wilder.„Wenn ich dieſe deutlichen Zeichen begreife, ſo ſtehe ich vor— vor—— 3 „Vor dem rothen Raͤuber;“ fuhr der andere fort, als er bemerkte, daß er den ſchrecklichen Namen auszuſprechen zöͤ⸗ gerte. Es iſt wahr, und ich hoffe, dieſes Geſpraͤch iſt der Cooper's Freibeuter. 1— 3. 9 — 130— Anfang einer dauernden, feſten Freundſchaft. Ich weiß nicht die geheime urſache, aber vom Augenblick unſeres Zuſam⸗ mentreffens hat eine hohe, unerklaͤrliche Theilnahme mich zu Euch hingezogen. Vielleicht fuͤhlte ich die Leere, die meine Lage um mich gelaſſen hat; ſey ihm, wie ihm wolle, ich empfange Euch mit verlangendem Herzen und offnen Armen.“. Obgleich es aus dem, was dem offnen Geſtaͤndniß vor⸗ ausging, augenſcheinlich iſt, daß Wilder mit dem Charakter des Schiffes nicht unbekannt war, an deſſen Bord er ſich eben gewagt, ſo nahm er doch das Anerkenntniß nicht ohne Verlegenheit auf. Der Ruf dieſes beruͤchtigten Freibeuters, ſeine Kuͤhnheit, ſeine Thaten, worin Freigebigkeit und Muthwille ſich ſo haͤuſig miſchten, und ſeine verzweifelte Todesverachtung bei allen Gelegenheiten tauchten wohl zu⸗ gleich in der Ruͤckerinnerung unſeres jugendlicheren Aben- theurers auf, und bewirkten, daß er jene Art von Zoͤgern empfand, dem wir alle mehr oder weniger bei wichtigen Ereigniſſen unterworfen ſind, moͤgen wir ſie noch ſo ſehr erwartet haben. „Ihr habt meinen Vorſatz und meinen Verdacht nicht mißgedeutet,“ antwortete er endlich; ndenn ich geſtehe, ich habe eben jenes Schiff aufgeſucht; ich nehme den Dienſt an, und von dieſem Augenblick moͤgt Ihr mich uͤberall hinſtel⸗ len, wo Ihr meint, daß ich am beſten mit Ehre meine Pflicht erfuͤllen kann.“ „Ihr ſeyd mir der naͤchſte. Morgen ſoll es auf dem Quarterdeck bekannt gemacht werden; und im Fall meines zu ht m⸗ ich die lle, nen dr⸗ kter ſich ohne ters, und felte zu⸗ ben- gern tigen ſehr nicht 3 ich ſt an, inſtel⸗ meine if dem neines — 131 Todes, ich muͤßte mich denn ſehr in meinem Mann betruͤ⸗ gen, werdet Ihr mein Nachfolger. Das kann Euch als ein zu ploͤtzliches Vertrauen auffallen. So iſt's auch theilweiſe, ich muß es geſtehn; aber unſere Schiffsliſte kann nicht wie die des Königs unter Trommelſchlag in den Straßen der Hauptſtadt eroͤffnet werden, und dann muͤßte ich mich nicht auf ein Menſchenherz verſtehen, wenn mein offenes Ver⸗ trauen auf Eure Treue nicht ſchon durch ſich ſelbſt Eure Anhaͤnglichkeit an mich verſtaͤrkte.“ „So iſt's,“ rief Wilder, mit ploͤtzlicher, tiefer Erre⸗ gung. Der Raͤuber laͤchelte ruhig, als er fortfuhr: „Junge Herren von Euren Jahren pflegen keinen gerin⸗ gen Theil von ihrem Herzen auf der Zunge zu tragen. Aber trotz dieſer anſcheinenden Sympathie, iſt es noͤthig, damit Ihr vollkommne Achtung vor der Klugheit Eures Fuͤhrers bekommt, daß ich Euch ſage, wir ſind uns ſchon vorher begegnet. Ich hoͤrte von Eurer Abſicht, mich aufzuſuchen und Euch mit mir zu verbuͤnden.“ „Es iſt unmoͤglich!“ rief Wilder;„kein menſchliches We⸗ ſen——— „Kann je gewiß ſeyn, daß ſein Geheimniß ſicher iſt,“ fiel der andere ein,„wenn er ein ſo aufrichtiges Geſicht, wie Ihr hat. Es ſind erſt vier und zwanzig Stunden, ſeit Ihr in der guten Stadt Boſton ſeyd.“ „ch geb' das ſo weit zu, aber——„ „Ihr werdet bald auch das uͤbrige zugeben. Ihr waret zu hitzig in Euren Unterſuchungen wegen des Schurken, der 9⸗ — 132— ſagt, wir haͤlten ihm ſeine Proviſion und Segel gtraubt. Der falſchzuͤngige Schelm! Er mag mir aus dem Weg bleiben, oder er ſoll eine Lection bekommen, die ſeiner Ehr⸗ lichkeit aufhelfen koͤnnte. Meint er, ſolch ein erbaͤrmlicher Wild, wie er, wuͤrde mich veranlaſſen, einen einzigen Zoll Segeltuch zu entfalten, oder ein Boot in See zu laſſen.“ „Iſt alſo ſeine Ausſage nicht wahr?“ ſagte Wilder mit einer Verwundrung, die er ſich nicht zu verhehlen bemuͤhte. „Wahr! Bin ich, wozu das Geruͤcht mich gemacht hat? Seht ſcharf auf das Ungeheuer, damit nichts Euch entgehen moͤge;“ entgegnete der Raͤuber mit einem hohlen Lachen, wo⸗ rin Verachtung ſich muͤhte, das Gefuͤhl verwundeten Stolzes niederzuhalten.„Wo ſind die Hoͤrner und der Bocksfuß? Beriecht die Luft, iſt ſie nicht mit Schwefel geſchwaͤngert? Aber genug davon. Ich wußte von Euren Nachforſchungen und mir gefiel Euer Aeußres. Kurz, Ihr wart mein Stu⸗ dium, und obgleich ich mich mit einiger Vorſicht naͤherte, war ich Euch doch nahe genug fuͤr meinen Plan. Ihr ge⸗ ſtelt mir, Wilder, und ich hoffe, die Zufriedenheit wird ge⸗ genſeitig ſeyn.“. Der neuangeworbene Buccanier verbeugte ſich bei dieſem Kompliment ſeines Vorgeſetzten, und ſchien ein wenig wegen einer Antwort verlegen. Als wolle er mit einem Mal da⸗ von los kommen, bemerkte er ſchnell: „Da wir jetzt einander verſtehen, will ich nicht laͤnger belaͤſtigen, ſondern Euch fuͤr die Nacht verlaſſen, und am Morgen zu meiner Pflicht zuruͤckkehren.“ „Mich verlaſſen!“ entgegnete der Seeraͤuber, hielt ſchnell —— “ ſchnell — 133— mit ſeinem Herumſchreiten ein, und heftete feſt ſeine Augen auf den andern.„Meine Offiziere pflegen mich nicht zu dieſer Stunde zu verlaſſen. Ein Seemann muß ſein Schiff lieben, und nie ohne Noth außer ihm ſchlafen.“ „Auch darin werden wir uns leicht verſtehen,“ ſagte Wilder ſchnell.„Wenn Ihr mich zum Sklaven, wie einen Riegel oder eine Klammer im Schiff haben wollt, ſo iſt unſer Handel zu Ende.“ „Hm, ich bewundere Euren Muth, Herr, weit mehr als Eure Vorſicht. Ihr werdet in mir einen anhaͤnglichen Freund finden, der auch die kuͤrzeſte Trennung wenig liebt. Iſt hier zu Eurer Befriedigung nicht genug? Ich will von den gemeinen Ruͤckſichten nicht ſprechen, in ſo weit ſie die gewoͤhnlichen Beduͤrfniſſe betreffen. Aber Ihr kennt den Werth der Bildung, hier ſind Buͤcher;— Ihr habt Ge⸗ ſchmack, hier iſt Eleganz,— Ihr ſeyd arm, hier iſt Reich⸗ thum.“ „Sie nuͤtzen nichts ohne Freiheit,“ entgegnete kalt der andere. 4 1 „Und welche Freiheit verlangt Ihr? Ich hoffe, junger Mann, Ihr werdet nicht ſo bald das in Euch geſetzte Ver⸗ trauen verrathen. Unſere Bekanntſchaft iſt nur neu, und ich koͤnnte in meinen Eroͤffnungen zu haſtig geweſen ſeyn.“ „Ich muß auf das Land zuruͤck,, fuhr Wilder mit Feſtig⸗ keit fort;„waͤr's auch nur, um zu ſehen, daß man mir traut, und ich kein Gefangener bin.“ „In all dem iſt Edelmuth oder Schurkerei,“ begann der „Raͤuber wieder nach einem Augenblick ernſten Nachdenkens. — — 134— „Ich will das erſtere glauben. Erklaͤrt mir, daß ſo lange Ihr in Newport ſeyd, Ihr keine Seele von dem wah⸗ ren Charakter des Schiffes benachrichtigen wollt.“ „Ich ſchwoͤr' es,“ fiel Wilder eifrigſt ein. „Auf dieß Kreux,“ fuhr der Raͤuher mit einem ſarka⸗ ſtiſchen Lachen fort; nauf dieß diamantbeſetzte Kreuz! Nein, Herr,“ fuͤgte er hinzu, waͤhrend ſich ſtolz ſeine Lippe er⸗ hob, als er den Juwel veraͤchtlich zur Seite warf.„Eide ſind fuͤr Leute, die der Geſetze beduͤrfen, um ihre Ver⸗ ſprechungen zu halten; ich brauche nichts weiter, als die deutliche, offene Verſicherung eines Mannes von Ehre.“ „So erklaͤre ich denn frei und unumwunden, daß ſo lange ich in Newport bin, ich niemanden den Charakter des Schiffes ohne Euren Wunſch oder Befehl entdecken will. Ja noch mehr——„ „Nichts mehr. Es iſt weiſe, mit unſern Verpflichtun⸗ gen ſparſam zu ſeyn, und nicht mehr zu ſagen, als die Ge⸗ legenheit verlangt. Die Zeit könnte kommen, wo es Euch guͤnſtig ſeyn koͤnnte, durch kein Verſprechen gebunden zu ſeyn, ohne daß es mir Schaden bringt. In einer Stunde ſollt Ihr landen; dieſe Zeit wird noͤthig ſeyn, Euch mit den Bedingungen Eurer Anwerbung bekannt zu machen, und meine Rolle mit Eurem Namen zu ſchmuͤcken. Roderich,“ fuhr er fort und beruͤhrte wieder die Glocke,„ herbei, Junge!“ Derſelbe flinke Knabe, der auf den erſten Anruf erſchle⸗ nen war, eilte von dem Kabinet unten herauf, und zeigte wieder durch eine Antwort ſeine Gegenwart an. — re.“ ſo des vill. tun⸗ Ge⸗ Euch n zu unde t den und rich,“ erbei, rſchie⸗ zeigte — 135— „Roderich,“ begann wieder der Raͤuber; ndieß iſt mein kuͤnftiger Lieutenant, und folglich Dein Offizier und mein Freund. Wollt Ihr etwas zu Euch nehmen, Sir, weni⸗ gen Beduͤrfniſſen kann Roderich nicht abhelfen.“ „Ich dank' Euch, ich bedarf nichts.“ „Dann habt die Guͤte und folgt dem Jungen. Er wird Euch in das Speiſezimmer unten fuͤhren, und Euch die ge⸗ ſchriebenen Anordnungen einhaͤndigen. In einer Stunde habt Ihr wohl das Geſetzbuch verdaut, und dann will ich bei Euch ſeyn. Laßt das Licht mehr auf die Leiter fallen, Junge; Ihr freilich koͤnnt ohne Leiter hinunter, wie's ſcheint; ſonſt haͤtte ich jetzt nicht das Vergnuͤgen Eurer Gegenwart.“ Das bedeutungsvolle Laͤcheln des Raͤubers ward durch nichts entſprechendes von dem Gegenſtand ſeines Scherzes erwiedert, ſo daß man haͤtte ſehen koͤnnen, er habe mit Freuden an die ſonderbare Lage gedacht, worin er in dem Thurm zuruͤckgelaſſen worden. Jener bemerkte den unzu⸗ friednen Blick in des andern Antlitz, als dieſer ſich ernſt anſchickte, dem Knaben zu folgen, der ſchon auf dem Gang mit dem Licht ſtand. Er naͤherte ſich ihm mit Grazie und ſagte auf hoͤfliche Art: „Mr. Wilder; ich bin Euch eine Abbitte fuͤr meine ſcheinbare Rohheit beim Weggang von dem Huͤgel ſchuldig. Obgleich ich Euch fuͤr gewonnen hielt, war ich doch meines Beſitzes nicht ſicher. Ihr werdet leicht ſehen, wie noͤthig es fuͤr einen in meiner Lage ſeyn mochte, einen Gefaͤhrten in ſolch einem Augenblick ſchnell zu verlaſſen.“ — 136— m Blick um, aus dem jeder Wilder wandte ſich mit eine und winkte. Schatten von Unzufriedenheit verſchwunden war, ihm, nichts weiter zu ſagen. „Es war freilich ſonderbar genug, ſich in ſolch einem Gefaͤngniß zu befinden, aber ich fuͤhle die Richtigkeit von dem, was Ihr ſagt. Ich haͤtte daſſelbe ſelbſt thun koͤnnen, wenn ich Eure Geiſtesgegenwart beſeſſen haͤtte.“ „Der gute Mann, der in der Newporttruͤmmer mahlt, muß uͤbel daran ſeyn, da alle Ratten ſeine Muͤhle verlaſ⸗ ſen;„ rief der Raͤuber froͤhlich, als der andere hinter dem Knaben hinabging. Wilder erwiederte jetzt frei ſein offnes, herzliches Lachen und dann, als er hinunter war, ward die Kajuͤte wieder dem uͤberlaſſen, der einige Minuten vorher in ihrem ruhigen Beſitz geweſen. * Apo ———— Giebentes Kapitel. Romeo.„Die Welt hat kein Geſetz, dich reich zu machen; Brich es, ſey arm dann länger nicht; nimm dieß.“ Apotheker.„Die Armuth, nicht der Wille gibt euch nach.“ Romeo und Julie. — Der Raͤuber ſtand, als der andere weg war, laͤnger als eine Minute voll hohen, ſelbſtgefaͤlligen Triumphs. Es war augenſcheinlich, er freute ſich uͤber ſeinen Erfolg. Aber obgleich ſein geiſtvolles Geſicht die Zufriedenheit des inneren Menſchen verrieth, ward es doch durch keinen Ausdruck ge⸗ meiner Freude erleuchtet. Es war eher das Antlitz eines Mannes, der von großer Sorge befreit worden, als von einem, der begierig geweſen, die Dienſte eines andern ſich zu Nutzen zu machen. In der That wuͤrde es einem ge⸗ nauen und geuͤbten Beobachter nicht ſchw r geworden ſeyn, einen Schatten von Verdruß in den Blitzen ſeines verfuͤhreri⸗ ſchen Laͤchelns ober den augenblicklichen Strahlen ſeines wan⸗ delvollen Auges zu entdecken. Dieß Gefuͤhl ging jedoch ſchnell voruͤber, und ſeine ganze Geſtalt und Miene nahm — 138— den gewoͤhnlichen leichten Ausdruck an, dem er am liebſten in den Stunden der Zuruͤckgezogenheit ſich uͤberließ. Nachdem er dem Knaben Zeit genug gelaſſen, Wilder'n in das geeignete Kabinet zu fuͤhren, und ihn in den Beſitz der Verordnungen zur Sicherheit des Schiffes zu ſetzen, be⸗ ruͤhrte der Capitain wieder die Klingel, undt rief den er⸗ ſtern nochmals vor ſich. Doch mußte ſich der Junge an den Ellenbogen ſeines Herrn ſtellen, und drei Mal ſpre⸗ chen, ehe der andere auch nur merkte, daß er ſeinem Ruf gehorſam geweſen. „Roderich,“ ſagte der Raͤub nbiſt Du da?“ „Hier bin ich, betruͤbte Stimme. „Ah, Du gabſt ihm die Verordnungen?“ „So that ich.“ „Und er lieſt?“ „Er lieſt.“ „Gut. Ich moͤchte mit dem General ſprechen. Rode⸗ rich, Du mußt ſchlafen. Gute Nacht. Ruf den General zu einer Berathung hierher, und— gute Nacht Roderich.“ Der Knabe gab eine beiſtimmende Antwort, aber ſtatt mit ſeiner fruͤheren Behendigkeit zur Ausfuͤhrung des Be⸗ fehls zu eilen, blieb er einen Augenblick an ſeines Herrn Stuhl ſtehen. Doch da er ſich in ſeiner Hoffnung betrog, deſſen Blick auf ſich zu ziehen, ging er langſam und wider⸗ ſtrebend der Stiege hinab, die in die niedrigeren Kajuͤten fuͤhrte, und ward weiter nicht geſehen. 2 er nach einer langen Pauſe, „ ſagte eine leiſe und dem Anſchein nach — — ode⸗ eeral ich.“ ſtatt Be⸗ berrn trog, oider⸗ juͤten ——— Wir brauchen nicht die Art zu beſchreiben, wie der Ge⸗ neral zum zweiten Mal erſchien. Sie unterſchied ſich in nichts weſentlichem von ſeinem erſtren Eintritt, außer daß bei dieſer Gelegenheit ſeine ganze Geſtalt ſich zeigte. Er ſtellte ſich dar, eine ſchlanke, aufrechte Figur, der gar nicht natuͤrliche Grazie und Verhaͤltnißmaͤßigkeit abging, aber die ſo außerordentlich an gleichfoͤrmige Bewegung gewoͤhnt wor⸗ den, daß die einzelnen Glieder in ſoweit das Vermoͤgen der Willkuͤhr verloren hatten, daß es fuͤr eins unmoͤglich war, ſich zu bewegen, ohne etwas wie eine entſprechende Richtung in all ſeinen Gefaͤhrten hervorzubringen. Nachdem dieſe ſtarre aber wohlgeregelte Perſon eine foͤrmliche militaͤriſche Verbeugung vor ihrem Oberen gemacht hatte, verhalf ſie ſich ſelbſt zu einem Sitz, worauf ſie ſich, nachdem ſie ei⸗ nige Zeit mit Vorkehrungen verloren, endlich ſchweigend niederließ. Der Raͤuber ſchien ſeine Gegenwart zu bemer⸗ ken, denn er beantwortete ſeinen Gruß mit einer leichten Bewegung des Hauptes, wiewohl er es nicht fuͤr noͤthig zu halten ſchien, ſein Sinnen deßwegen zu unterbrechen. End⸗ lich jedoch wandte er ſich ſchnell zu ihm um, und ſagte ploͤtzlich: „General, die Campagne iſt noch nicht voruͤber.“ „Was fehlt noch? Das Feld iſt gewonnen, und der Feind ein Gefangener.“ Ja, Euer Theil an dem Abentheuer iſt wohl vollbracht, aber viel bleibt noch von meinem zu thun uͤbrig. Ihr ſaht den Juͤngling im untern Kabinet?“ „Ja.“ — 140— „Und wie fandet Ihr ſein Ausſehen 2, „Seemaͤnniſch.“ „Das iſt ſo viel, als wenn Ihr ſagtet, er gefiele Euch nicht.“ „Ich liebe Kriegszucht.“ „Ich muͤßte mich ſehr irren, wenn Ihr ihn nicht nach Eurem Geſchmack auf dem Quarterdeck faͤndet. Doch laßt das, ich hab' noch eine Gunſt von Euch zu bitten.“ „Eine Gunſt!— ezß wird ſpaͤt.“ „Sagte ich Gunſt? Noch Dienſte ſind zu thun.“ „Ich warte Eurer Befehle.“ „Wir muͤſſen große Vorſicht gebranchen, denn wie Sör wißt——“ „Ich warte Eurer Befehle;“ wiederholte lakoniſch der andere. Der Raͤuber druͤckte den Mund zuſammen und ein un⸗ muthiges Laͤcheln ſpielte um die Unterlippe, aber es verlor ſich in einem halb ſchmeichelnden, halb gebietenden Blick, als er fortfuhr: „Ihr werdet zwei Seeleute in einem Boot an dem Schiff finden; der eine iſt weiß, der andere ſchwarz. Dieſe Leute fuͤhrt in das Schiff, in eins der vorderen Zimmer und macht ſie beide vollkommen betrunken.⸗ „Es ſoll geſchehen,“ entgegnete der ogenannte General, erhob ſich und ging mit großen Schritten nach der Thuͤre der Kajuͤte. „Wartet einen Augenblick;“ rief der Raͤuber," welchen Gehuͤlfen wollt Ihr gebrauchen?“ der ha 4— ₰ * — 141— „Nachtigall hat, einen im Schiff ausgenommen, den fe⸗ ſteſten Kopf.“ 7 „Er iſt ſchon zu weit gegangen. Ich ſchickte ihn an's uſer, um ſich nach herumſtreifenden Matroſen umzuſehen, denen unſer Dienſt gefallen koͤnnte, und ich traf ihn in einer Taverne, aller Banden ſeiner Zunge los und ledig, deklamirend wie ein Sachwalter, der von beiden Partheien bezahlt wird. Außerdem hatte er gerade mit einem dieſer Leute einen Streit und wahrſcheinlich wuͤrde es bei ihren Bechern Schlaͤge ſetzen.“ „Ich will's ſelbſt thun. Meine Nachtkappe wartet auf mich, und ſo werd ich ſie nur ein wenig feſter binden als gewoͤhnlich. 3 Der NRaͤuber ſchien mit dieſer Verſicherung zufrieden; denn er druͤckte ſeinen Beifall durch ein vertrauliches Nicken mit dem Kopf aus. 4 Der Soldat wollte jetzt abtreten, als er nochmals ange⸗ halten wurde. „Noch eins General. Da iſt auch Euer Gefangener.“ „Soll ich ihn auch trunken machen?⸗ „Ja nicht. Laßt ihn hierher bringen.“ Der General gab durch einen Ausruf ſeine Beiſtimmung zu erkennen und verließ die Kajuͤte.„Es waͤre ſchwach,“ dachte der Raͤuber, als er ſeinen Spaziergang im Zimmer wieder aufnahm, wenn ich dem offnen Geſicht und jugend⸗ lichen Enthuſiasmus zu ſehr traute. Ich muͤßte mich taͤu⸗ ſchen, wenn der Junge nicht Urſache gehabt haͤtte, mit der Welt unzufrieden zu ſeyn, und bereit geweſen waͤre, ſich zu — — 142— einer romantiſchen Unternehmung einzuſchiffen, aber doch moͤchte, ſich zu taͤuſchen, hier verderblich ſeyn. Deßwegen klug ſelbſt bis zur uͤbertriebenen Vorſicht! Er iſt auf ſon⸗ derbare Weiſe mit dieſen zwei Seeleuten verbunden; ich moͤchte ſeine Geſchichte wiſſen. Aber das all zu ſeiner Zeit. Die Leute muͤſſen als Geiſeln fuͤr ſeine Ruͤckkehr und Treue dableiben. Wenn er ſich falſch zeigt, nun ſo ſind es Ma⸗ troſen und viele Leute braucht unſer Dienſt. Es iſt gut angelegt, und kein Verdacht eines Komplotts von unſrer Seite wird den zartfuͤhlenden Stolz des Jungen verwun⸗ den, wenn er, wie ich gern denken moͤchte, ein rechter Mann iſt.⸗ 3 So war etwa der Gedankenlauf, dem ſich der Raͤuber mehrere Minuten lang uͤberließ, als ſein militairiſcher Ge⸗ faͤhrte ihn verlaſſen hatte. Seine Lippen bewegten ſich, Laͤcheln und dunkle Gedankenſchatten jagten einander ab⸗ wechſelnd in ſeinen ſprechenden Zuͤgen, die all die ploͤtzlichen und heftigen Veraͤnderungen verriethen, welche das Arbeiten eines geſchaͤftigen Geiſtes innen andeuteten. Waͤhrend dieß in ſeinem Innern vorging, ward ſein Schritt ſchneller, und zu Zeiten geſtikulirte er etwas heftig, als er bei einem ploͤtz⸗ lichen umwenden ſich unerwartet vor einer Geſtalt befand, die wie eine Erſcheinung ſich vor ſeinen Augen zu erheben ſchien. Waͤhrend er am meiſten ſeinen Gedanken nachgehangen, hatten zwei maͤchtige Seeleute unbemerkt die Kajuͤte betre⸗ ten und ſich, nachdem ſie ſchweigend eine menſchliche Geſtalt auf einen Sitz niedergelegt, ohne etwas zu ſagen, wieder —— — 4143— zuruͤckgezogen. Vor dieſer Perſon befand der Raͤuber ſich jetzt. Das Staunen ward gegenſeitig, lange durch keine Silbe von beiden Theilen unterbrochen, Verwundrung, Un⸗ entſchloſſenheit hielten den Raͤuber ſtumm, waͤhrend durch Staunen und Angſt die Geiſteskraͤfte des anderen buchſtaͤb⸗ lich gefroren zu ſeyn ſchienen. Endlich ließ der erſtere ein ſeltſames, eignes Laͤcheln fuͤr einen Augenblick uͤber ſein Antlitz ſtrahlen und ſagte abgebrochen: „Ich heiße Sir Hektor Homeſpun willkommen!“ Die Augen des beſtuͤrzten Schneiders, denn es war nie⸗ mand anders, als jene geſchwaͤtzige Bekanntſchaft des Leſers⸗ die dem Raͤuber unter die Haͤnde gekommen war,— die Augen des Guten rollten von der Rechten zur Linken und erfaßten in ihren Wanderungen das Gemiſch von Pracht und kriegeriſcher Vorkehrung, auf das ſie uͤberall trafen, und verfehlten nie, von jedem gierigen Blick ſich auf die Geſtalt vor ihnen zu wenden, die ſie zu verſchlingen ſchienen. „Ich ſagen, Willkommen, Sir Hektor Homeſpun,“ wiederholte der Raͤuber. „Der Herr wird langmuͤthig ſeyn gegen die Suͤnden eines ungluͤcklichen Baters von ſieben kleinen Kindern,“ ſtoͤhnte der Schneider.„Nur wenig, tapfrer Pirate, kann von einem muüͤhſelig arbeitenden, rechtſchaffenen Handwerks⸗ mann erlangt werden, der vom Aufgang bis zum Untergang uͤber ſeiner Arbeit ſitzt.“ „Das ſind fuͤr einen Retter beſchaͤmende Ausdruͤcke, Sir Hektor,“ ſiel der Raͤuber ein, und legte ſeine Hand auf die kleine Reitpeitſche, die ſorglos auf den Tiſch der Kajuͤte ge⸗ — 144— worfen worden, und beruͤhrte die Schulter des Schneiders damit, als waͤr' er ein Zauberer und wollte den andern durch die Beruͤhrung entzaubern.„Gluͤck auf, ehrlicher Geſegesfreund; das Gluͤck hat endlich aufgehoͤrt die Stirne zu runzeln; es ſind erſt wenig Stunden, daß Ihr Euch beblagt habt, daß keine Kundſchaft aus dieſem Schiff zu Laden kam, und nun ſeyd Ihr nahe daran, die geit fuͤr das ganze Schiff zu thun.“ „Ach, verehrter, großmuͤthiger Raͤuber,“ begann Home⸗ ſpun, deſſen Zungengelaͤufigkeit mit ſeinen Sinnen zuruͤck⸗ kehrté;„ich bin ein verarmter, zu Grunde gerichteter Mann. Mein Leben iſt voll muͤhſeliger, pruͤfungsvoller Arbeit ge⸗ weſen. Fuͤnf blutige, grauſame Kriege—— „Genug. Ich hab' geſagt, daß das Gluͤck eben anfange zu laͤcheln. Kleider ſind fuͤr Leute unſeres Standes eben ſo noͤthig, als fuͤr den Dorfpfarrer. Ihr ſollt keinen Saum unbelohnt machen. Seht!“ fuͤste er hinzu und druͤckte auf die Feder einer geheimen Schublade, die aufflog und einen wirren Haufen Gold zeigte, worin die Muͤnzen von faſt allen chriſtlichen Voͤlkern durch einander lagen,„wir find nicht ohne die Mittel, die zu bezahlen, die uns treu dienen.“ Die ploͤtzliche Darlegung einer Maſſe von Schaͤtzen, die nicht allein vei weitem alles uͤbertraf, was er von der Art je geſehen hatte, ſondern die auch wirklich ſeine beſchraͤnkte Einbildungskraft uͤberſtieg, blieb nicht ohne ihre Wirkung auf die ſinnlichen Gefuͤhle des Guten. Nachdem er ſich waͤhrend der wenigen Augenblicke, die ſein Gefaͤhrte den Schatz ſeinen Augen ausgeſtellt ließ, an dem Anblick gewei⸗ det hatte, wandte er ſich an den beneideten Beſitzer ſo vielen — 145— Goldes, und fragte, waͤhrend ſich Toͤne wachſenden Ver⸗ trauens in ſeine Stimme ſtahlen, da der innere Menſch neue Beweggruͤnde zum Muth fuͤhlte:„Und was ſoll ich thun, maͤchtiger Seemann, um einen Theil dieſes Reichthums zu erlangen?“ 3 „Was Ihr taͤglich auf dem Lande thut,— ſchneiden und naͤhen. Vielleicht wuͤrde man ſelbſt von Zeit zu Zeit Euer Talent fuͤr ein Maskenkleid in Anſpruch nehmen.“ „Ach, das ſind gottloſe, irreligioͤſe Erfindungen des Feindes, um die Leute zur Suͤnde und weltlichen Gräueln zu verleiten. Aber, wuͤrdiger Seemayn, da iſt meine un⸗ troͤſtliche Gemahlin, Deſiderie, obwohl weit in den Jahren und dem Zank ergeben, iſt ſie doch die geſetzliche Gefaͤhrtin an meinem Buſen, und die Mutter einer zahlreichen Nach⸗ kommenſchaft.“ „Sie ſoll nicht fehlen. Dieß iſt eine Freiſtaͤtte fuͤr be⸗ truͤbte Gattinnen. Die Maͤnner, die nicht Kraft genug haben, zu Hauſe zu befehlen, kommen auf mein Schiff, wie in eine Stadt der Zuflucht. Ihr ſeyd der ſiebente, der Frie⸗ den gefunden, indem er zu dieſem Heiligthum floh. Ihre Familien werden auf uns am beſten bekannten Wegen un⸗ terhalten, und alle Theile ſind zufrieden. Das iſt nicht die letzte meiner wohlthaͤtigen Handlungen!“— „ Es iſt preiswuͤrdig und gerecht, verehrter Capitain; und ich hoffe, Deſiderie und ihre Kinder werden nicht ver⸗ geſſen werden, der Arbeiter iſt ſicher ſeines Lohns werth und wenn etwa ich fuͤr Euch arbeiten ſollte, obgleich gezwungen, Cooper's Freibeuter, 1— 3. 10 — ſo hoffe ich, das gute Weib und ihre Kleinen werden von Eurer Freigebigkeit fett werden.“ „Ihr habt mein Wort; ſie ſollen nicht verſaͤumt werden.“ 4 R „Vielleicht, gerechter Herr, wenn man ihr im Voraus einen Theil von dieſer Menge Gold anwieſe, wuͤrde meiner Ehegenoſſin Gemuͤth erleichtert, ihre Nachforſchungen nach meinem Schickſal weniger aͤngſtlich und ihr Geiſt weniger beunruhigt werden. Ich darf wohl glauben, daß ich mich auf der Deſiderie Gemuͤth verſtehe; und bin feſt uͤberzeugt, daß ſo lange Ausſicht auf Mangel vor ihren Augen, ein Geſchrei in Newport ſeyn wird. Nun, da der Herr mir gnädigſt Hoffnung auf Erholung gegeben hat, kann es nicht ſuͤndhaft ſeyn, ſie in Frieden genießen zu wollen.“ Obgleich der Raͤuber weit entfernt war, mit ſeinem Ge⸗ fangenen zu glauben, Deſideriens Zunge koͤnne die Harmonie ſeines Schiffes ſtoͤren, hatte er doch die Laune, ſich gefaͤllig zu zeigen. Er beruͤhrte nochmals die Feder, nahm eine Hand voll Gold und fragte Homeſpun, indem er es vor ihm ausbreitete:„Wollt Ihr Euch eidlich eerzſchten: Dann ſoll das Geld Euer ſeyn.“ „Der Herr ſchuͤtze uns vor dem Boͤſen und fuͤhre uns nicht in Verſuchung!“ rief der Schneider.„ Heldenmuͤthiger Naͤuber, ich habe Furcht vor dem Geſetz. Sollte Euch in der Geſtalt eines koͤniglichen Kreuzers ein Ungluͤck betreffen, oder der Sturm Euch ans Land werfen, dann koͤnnte es gefaͤhrlich werden, zu genau mit Eurer Mannſchaft verbun⸗ den zu ſeyn. Die geringen Dienſte, welche ich durch Zwang ͤͤ ͤ „ Gͤ—·(6. 0 ☛ 1 — 147— leiſten koͤnnte, moͤchten wohl uͤberſehen werden, und ſo ver⸗ traue ich auf Eure Großmuth edler, verehrter Befehlshaber, daß ſie nicht vergeſſen werden moͤgen, wenn es zur Theilung Eures ehrlichen Erwerbs kommt.“ „Das iſt nur der ein wenig verkehrte Geiſt der Maͤ⸗ kelei,“ murmelte der Raͤaber, waͤhrend er ſich leicht auf dem Abſatz herumdrehte und die Glocke mit einer Heftig⸗ keit beruͤhrte, die den aufregenden Ton durch jeden Winkel des Schiffs ſchickte. Vier oder fuͤnf Koͤpfe ſteckten ſich durch die verſchiednen Thuͤren der Kajuͤte und man hoͤrte die Stimme eines, der die Wuͤnſche des Fuͤhrers zu hoͤren verlangte. „Bringt ihn in ſeine Haͤngematte;“ war der ſchnelle ploͤtzliche Befehl. Der gute Homeſpun, der aus Furcht oder Politik ganz unvermoͤgend ſchien, ſich zu bewegen, ward ſchnell von ſei⸗ nem Sitz aufgehoben und an die Thuͤre gebracht, die auf das Quarterdeck ſtieß. „Halt!“ rief er ſeinen unceremonioͤſen Traͤgern zu, die ſich anſchickten, ihn an den von ihrem Capftain angedeuteten Ort zu bringen;„ich habe noch etwas zu ſagen. Ehrlicher, gerechter Rebell, nehm' ich auch Euren Dienſt nicht an, ſo ſchlag' ich ihn doch nicht auf unziemliche, unehrerbietige Art aus. Es iſt eine ſchlimme Verſuchung, und ich fuͤhle ſie in meinen Fingerſpitzen. Aber es koͤnnte zwiſchen uns ein Ver⸗ trag gemacht werden, bei dem kein Theil etwas verloͤre und woran das Geſetz nichts auszuſetzen faͤnde. Ich moͤchte gern, maͤchtiger Commodore, meinen ehrlachen Namen in's 10* — 148— Grab mitnehmen, und wuͤnſchte auch meine Anzahl Tage zu durchleben; denn nachdem ich mit ſoviel Ehre und ver⸗. letzt durch fuͤnf blutige, grauſame Kriege——“ „Weg mit ihm!“ war die onnſte, drohende Unter⸗ brechung. Homeſpun verſchwand, als wenn Zauberei dabei im Spiel geweſen, und der Raͤuber war wieder ſich ſelbſt uͤber⸗ laſſen. Sein Nachdenken ward lange Zeit durch keinen menſchlichen Schritt oder eine Stimme unterbrochen. Jene tiefe Stille, welche ungebeugte und ſtrenge Zucht allein be⸗ wirken kann, durchdrang das Schiff. Ein Landbewohner, der in der Kajuͤte geſeſſen, haͤtte ſich, obgleich von einem Haufen geſetzloſer, heftiger Leute umgeben, in die Einſam⸗ keit einer verlaſſenen Kirche verſetzt glauben konnen, ſo ge⸗ maͤßigt und gedaͤmpft war ſelbſt das allerunvermeidlichſte Geraͤuſch. Freilich hoͤrte man zu Zeiten die hohen, grellen Toͤne eines Nachtſchwaͤrmers, der die Noten eines Seege⸗ ſangs anſtimmte, welche, da ſie aus den Tiefen des Schiffs hervorkamen, und an ſich nicht ſehr harmoniſch waren, durch die Stille durchbrachen, wie die discordanten Striche eines Anfaͤngers auf der Geige. Aber ſelbſt dieſe Unter⸗ brechungen wurden nach und nach weniger haͤufig und end⸗ lich nicht mehr gehoͤrt. Zuletzt vernahm der Raͤuber, wie eine Hand nach dem Griff der Kajuͤtenthuͤre ſuchte und dann ſtellte ſein kriegeriſcher Freund nochmals ſich dar. Es war etwas in dem Schritt, dem Antlitz und dem ganzen Benehmen des Generals, welches zeigte, daß ſein letzter Dienſt, wenn er ihm gegluͤckt, nicht ganz ohne per⸗ — — 149— ſoͤnliche Gefahr vollbracht worden ſey. Der Raͤuber, wel⸗ cher von ſeinem Sitz aufgeſprungen war, ſobald er ihn hatte hereinkommen ſehen, fragte ſogleich nach dem Erfolg. „Der Weiße iſt ſo trunken, daß er nicht liegen kann, ohne ſich am Maſt zu halten, aber der Neger iſt entweder ein Betruͤger oder ſein Kopf beſteht aus Kieſelſtein⸗ „Ihr habt doch nicht zu ſchnell den Plan aufgegeben.⸗ „Ich wuͤrde eben ſo ſchnell einen Berg abnutzen; mein Ruͤckzug geſchah nicht einen Augenblick zu fruͤh.⸗ Der Raͤuber heftete fuͤr einen Augenblick die Augen auf den General, um ſich uͤber den rechten Zuſtand ſeines Un⸗ tergebnen zu verſichern, ehe er antwortete:„ Gut, wir wollen uns fuͤr die Nacht zuruͤckziehn.“ Der andere richtete ſorgfaͤltig ſeine ſchlanke Geſtalt in die Hoͤhe und brachte ſein Antlitz in die Richtung des klei⸗ nen oft erwaͤhnten Ganges. Dann gelang es ihm durch eine gewiſſe verzweifelte Anſtrengung mit ſeiner gewoͤhnlichen geraden Haltung und militairiſchen Schritt die Stelle zu erreichen. Da eine oder zwei irrthuͤmliche Bewegungen und Kreuzungen ſeiner Beine von dem Capitain nicht naͤher be⸗ leuchtet wurden, fo kam der Wuͤrdige, wie er glaubte, mit hinlaͤnglichem Anſtand der Stiege hinab, da der moraliſche Menſch nicht gerade in dem Zuſtand ſich befand, der am beſten geeignet iſt, alle kleine Fehler zu entdecken, die ſein phyſiſcher Beigeordneter machen mochte. Der Raͤuber ſah auf ſeine Uhr; und als er hinlaͤngliche Zeit dem beſonnenen Ruͤckzug des Generals vergoͤnnt hatte, ſchritt er leicht nach der Treppe und ging auch hinab. — 150— Die untern Zimmer des Schiffs, obgleich in ihrem Ge⸗ raͤth weniger in die Augen fallend, als das obere Kabinet, waren doch mit vireler Ruͤckſicht auf Reinlichkeit und Be⸗ quemlichkeit ausgeputzt. Einige Kammern fuͤr die Bedienten nahmen den aͤußerſten Hintertheil des Schiffs ein, und hin⸗ gen durch Thuͤren mit dem Speiſezimmer der Offiziere, oder wie es in der techniſchen Sprache hieß, der Wachſtube zu⸗ ſammen. Auf beiden Seiten von dieſem wieder waren die Staatszimmer; ein hoher Name mit dem die Schlafcabinette derer bezeichnet wurden, die auf die Ehre des Quarterdecks Anſpruch machen durften. Vor dem Wachzimmer kamen die Gemaͤcher der untern Offiziere, und gleich vor ihnen logirte das Korps deſſen, den ſie General nannten, und bil⸗ dete durch ſeine Mannszucht eine Schranke zwiſchen den un⸗ disciplinirten Seeleuten und deren Oberen. Es war in dieſer Anordnung wenig Abweichendes von der gewoͤhnlichen Beſchaffenheit der Kriegsſchiffe derſelben Art und Staͤrke, wie das Raubſchiff, aber es war Wildern nicht entgangen, daß das Bollwerk, welches die Kabinette von dem Berthdeck trennte, oder von dem Theil, welchen die Beſatzung inne hatte, bei weitem ſtaͤrker als gewoͤhnlich war und daß eine kleine Haubitze zur Hand war, um ſie, wie ein Arzt geſagt haben wuͤrde, innerlich zu brauchen, wenn es noͤthig ſeyn ſollte. Die Thuͤren waren von außer⸗ ordentlicher Feſtigkeit und die Mittel, ſie zu verſchanzen, glichen mehr einer Zuruͤſtung zur Schlacht, als den gewoͤhn⸗ lichen Sicherheitsmaßregeln gegen geringere Eingriffe in Privateigenthum. Musketen, Buͤchſen, Piſtolen, Saͤbel, n————OO õ. — 151— Halbpiken u. ſ. w. hingen an den Balken und dem Geſims, oder dienten den verſchiednen Waͤnden als Zierrathen, mit einer Verſchwendung, welche deutlich zeigte, ſie ſeyen da eben ſo ſehr zum Gebrauch als zur Schau. Kurz, dem Auge des Seemanns verrieth alles einen Zuſtand der Dinge, wobei die Oberen fuͤhlten, ihre ganze Sicherheit gegen die Gewaltthaͤtigkeit und Inſubordination ihrer Untergebenen hinge von ihrem Einfluß, vereinigt mit ihrer Geſchicklichkeit zu widerſtehen ab, und die erſtern haͤtten es fuͤr klug ge⸗ halten, keine von den Vorkehrungen zu verſaͤumen, die ihre vergleichungsmaͤßig geringere phyſiſche Kraft unterſtuͤtzen koͤnnten. In dem vornehmſten der unteren Gemaͤcher oder dem Offizierszimmer fand der Raͤuber ſeinen neuangeworbenen Lieutenant, dem Anſchein nach beſchaͤftigt, die Verordnungen des Dienſtes, in den er eben getreten, durchzuſtudiren. Er naͤherte ſich dem Winkel, worin jener ſich niedergeſetzt und ſagte auf eine freie, vertrauende und ſelbſt ermuthigende Weiſe: „Ihr findet wohl unſre Geſetze hinlaͤnglich beſtimmt, Maſter Wilder?“ „Daran fehlts ihnen nicht;z wenn man auch immer be⸗ ſtimmt ſie ausuͤben kann, dann iſt's gut;“ entgegnete der andere und erhob ſich, ſeinen Vorgeſetzten zu begruͤßen „Ich hab' nie ſo ſtrenge Regeln gefunden, ſelbſt nicht. in——“ „Wo denn, Sir?“ fragte der Raͤuber, als er bemerkte, daß ſein Gefaͤhrte zoͤgerte. — 452— „Ich wollte ſagen, ſelbſt nicht in Sr. Majeſtaͤt Dienſt,“ entgegnete Wilder, und ward etwas roth.„Ich weiß nicht ob es ein Fehler oder eine Empfehlung ſeyn mag, in einem koͤniglichen Schiff gedient zu haben?“ 4 „Das letztere, wenigſtens ſollte ich ſo denken, da ich in demſelben Dienſt mein Gewerb gelernt habe.“ „„Auf welchem Schiff?“ fiel Wilder ſchnell ein. „Auf vielen;, war die kalte Antwort.»Aber da wir von ſtrengen Geſetzen reden, werdet Ihr bald bemerken, daß in einem Dienſt, wo keine Gerichtshoͤfe an der Kuͤſte ſind, uns zu ſchuͤtzen, noch andere Kreuzer, um auf einander Acht zu haben, eine große Gewalt nothwendig in dem Befehls⸗ haber ruhen muß. Ihr findet mein Anſehn ſehr ausge⸗ dehnt?⸗ 4 „Ein wenig unbegrenzt,“ ſagte Wilder mit einem Laͤ⸗ cheln, das fuͤr ironiſch haͤtte gelten koͤnnen. „Ich hoffe, Ihr werdet nicht Urſache haben, zu ſagen, es werde willkuͤhrlich ausgeuͤbt;, entgegnete der Raͤuber, ohne zu bemerken, oder vielleicht ohne zu thun, als bemerke er den Ausdruck in ſeines Genoſſen Antlitz.„Aber Eure Stunde iſt gekommen, und Ihr koͤnnt jetzt an's Land gehen.“ Der junge Mann dankte ihm mit einer hoͤflichen Ver⸗ neigung des Hauptes und erklaͤrte ſeine Bereitwilligkeit. Als ſie der Leiter in das obere Kabinet hinaufſtiegen, be⸗ dauerte der Capitain, daß die Stunde und die Nothwendig⸗ keit, das Incognito ſeines Schiffs zu wahren, ihm nicht 3 — erlaubte, einen Offizier von ſeinem Rang ſo an die Kuͤſte zu ſchicken, wie er es gern wuͤnſchte. „Aber da iſt das Boot, in welchem Ihr herankamt, es iſt noch am Schiff und Eure beiden ſtattlichen Burſche zwerden Euch bald zu jenem Punkt hinrudern. Wegen dieſer beiden, ſind ſie in unſerm Vertrag eingeſchloſſen?“ „Sie haben mich nie ſeit meiner Kindheit verlaſſen und moͤchten es auch jetzt nicht gern thun,“ „Es iſt ein ſonderbares Band, das zwei ſo ſeltſam ge⸗ ſtaltete Leute an einen Mann feſſelt, der durch Sitte und Erziehung ſo ſehr von ihnen verſchieden iſt;“ entgegnete der Raͤuber und warf ſein Auge ſcharf auf den andern, das er jedoch ſchnell wegwendete, als er ſah, daß ſeine Theilnahme an der erwarteten Antwort bemerkt worden. „So iſt's," erwiederte Wilder ruhigz„ aber da wir alle Seeleute ſind, iſt der Unterſchied doch nicht ſo groß, als man zuerſt denken moͤchte. Ich will jetzt zu ihnen und Gelegenheit nehmen, ſie wiſſen zu laſſen, daß fuͤr's Kuͤnftige ſie unter Euren Befehlen ſtehen.“ 3 Der Raͤuber ließ ihn aus der Kajuͤte und folgte ihm auf das Quarterdeck, mit ſo ſorgloſem Schritt, als ſey er nur herausgekommen, um die friſche Nachtluft zu athmen. Das Wetter hatte ſich nicht geaͤndert, aber es war noch dunkel, obgleich mild. Dieſelbe Stille wie vorher herrſchte auf den Verdecken des Schiffs; und nirgends mit einer ein⸗ zigen Ausnahme war eine Menſchengeſtalt unter der Maſſe der dunkeln Gegenſtaͤnde zu ſehen, die ſich dem Blick dar⸗ boten und welche Wilder fuͤr die nothwendigen Geraͤthſchaf⸗ — 154— ten des Schiffs erkannte. Die Ausnahme war gerade das Individuum, welches zuerſt unſern Abentheurer empfangen hatte und noch auf dem Quarterdeck, wie vorher, in den Wachmantel gehuͤllt, hinſchritt. An ihn wandte ſich jetzt der Juͤngling und theilte ihm ſeine Abſicht mit, fuͤr einige Zeit das Schiff zu verlaſſen. Seine Mittheilung ward mit einer Ehrfurcht aufgenommen, welche ihm bewies, daß ſein neuer Rang ſchon bekannt geworden, der jedoch, wie es ſchien, dem hoͤheren Anſehn des Raͤubers unterworfen blei⸗ ben ſollte. „Ihr wißt, Sir, daß niemand von was immer fuͤr einem Rang das Schiff zu dieſer Stunde verlaſſen kann, ohne einen Befehl vom Capitain,“, war die hoͤfliche, aber feſte Antwort. „So denk ich; aber ich habe den Befehl und haͤndige ihn Euch ein. Ich werde in meinem eignen Boot landen.“⸗ „Da der andere eine Geſtalt im Bereich der Stimme ſah und wohl wußte, daß es der Befehlshaber ſey, wartete er einen Augenblick, um ſich zu verſichern, daß was er ge⸗ hoͤrt, wahr geweſen. Als er fand, daß keine Einſprache geſchah, noch ſonſt ihm ein Zeichen gegeben wurde, um das Gegentheil anzudeuten, zeigte er ihm nur die Stelle an, wo er das Boot finden wuͤrde. 4 „Die Leute haben es verlaſſen,“ rief Wilder und kam erſtaunt zuruͤck, als er eben hineinſteigen wollte. „Sind die Schurken fort?„ „Sir, ſie ſind nicht fort und ſind auch keine Schurken. Sie ſind in dieſem Schiff und muͤſſen ſich finden.“ — 155— Der andere wartete, um die Wirkung dieſer gebietenden Worte auch auf die Perſon zu ſehen, die noch im Schatten eines Maſtes zoͤgerte. Da jedoch von dieſer Seite keine Antwort kam, ſah er die Nothwendigkeit zu gehorchen. Er erklaͤrte ſeine Abſicht, die Leute aufzuſuchen, ging nach den vorderen Theilen des Schiffs und ließ Wildern, wie dieſer dachte, im alleinigen Beſitz des Quarterdecks. Doch ward er bald enttaͤuſcht.„Der Raͤuber naͤherte ſich ihm ſorglos, ſprach von der Beſchaffenheit ſeines Fahrzeugs, um den Ge⸗ danken ſeines neuen Lieutenants eine andere Richtung zu geben, der, wie er an ſeinem ſchnellen Hinſchreiten auf dem Verdeck ſah, ſich unruhigen Betrachtungen zu uͤberlaſſen begann. „Ein huͤbſches Seeboot, Maſter Wilder,“ fuhr er fort, „das nie einen Tropfen hinter ſeinen Hauptmaſt wirft. Es iſt gerade ein Maſchinchen, wie es ein Seemann liebt, leicht im Takelwerk und lebendig auf der See. Ich nenn' es Delphin, wegen der Art, womit es die See durchſchneidet, und vielleicht, weil es ſo viele Farben hat, wie jener Fiſch. Man ſagt, Jack muß fuͤr ſein Schiff einen Namen haben; und ich liebe nicht jene halsabſchneidenden Benennungen, wie Feuerſpeyer und Blutmoͤrder.“ „Ihr wart gluͤcklich, ſolch ein Schiff zu finden. Ward es nach Eurer Angabe gebaut?“ „Wenige Schiffe unter ſechshundert Tonnen ſegeln von dieſen Koloaten, die nicht gebaut wurden, um meinen Pla⸗ nen zu dienen;“ entgegnete der Raͤuber mit einem Lächeln, als wolle er ſeinen Gefaͤhrten erheitern, indem er ihm die — 156— reiche Mine zeigte, die ſich ihm durch die neuangeknuͤpfte Verbindung eroͤffnete.„Dieſes Schiff ward urſpruͤnglich fuͤr ſeine Allergetreuſte Majeſtaͤt erbaut, und war, wie ich glaube, entweder zum Geſchenk oder zur Geißel fuͤr die Algierer beſtimmt, aber,— aber es aͤnderte, wie Ihr ſeht, feinen Eigenthuͤmer, und ſein Geſchick hat ſich ein wenig gewendet; doch iſt das Wie oder Warum ſo gleichguͤltig, daß es uns gerade jetzt nicht unterhalten ſoll. Ich hab' das Fahrzeug in einem Hafen gehabt, es hat einige Verbeſſe⸗ rungen erhalten, und iſt jetzt ganz zu einem herumſchwei⸗ fenden Geſchaͤft geeignet.⸗ „Ihr wagt Euch alſo manchmal in die Verſchanzungen?“ „Wenn Ihr Muße habt, koͤnnte Euch mein geheimes Journal von einigem Intereſſe ſeyn;“ erwiederte der andere ausweichend.„Ich hoffe, Maſter Wilder, Ihr werdet dieß Fahrzeug in einem Zuſtand finden, daß ſich ein Seemann ſeiner nicht zu ſchaͤmen braucht?⸗ „ Seine Schoͤnheit und Niedlichkeit zog gleich anfangs mein Auge auf ſich und veranlaßte mich, ſeine Beſchaffenheit näͤher zu unterſuchen.“ „Ihr fahet bald, daß es nur von einem Anker feſtge⸗ halten wurde," entgegnete der andere lachend.„Aber ich wage nie etwas ohne uUrſache, ſelbſt nicht den Verluſt mei⸗ nes Grundtaues. Es waͤre fuͤr eine ſo heiße Batterie wie die, welche ich fuͤhre, gerade nichts großes, jenes Fort zum Schweigen zu bringen; aber wenn wir es thaͤten, koͤnnten wir einen ungluͤcklichen Schlapp davontragen, und deßwegen halt' ich mich zur augenblicklichen Abfahrt bereit,“ — „Es muß etwas ſonderbar ſeyn, in einem Krieg zu fechten, wo man in keinem Fall die Flagge ſenken kann;“ ſagte Wilder, mehr wie jemand, der nachdenkt, als der ſeine Meinung laut ſagen will. „Der Grund iſt immer unter uns;“ war die lakoniſche Antwort.„Aber Euch kann ich ſagen, daß ich aus Grund⸗ ſatz gegen meine Raen zaͤrtlich bin. Sie werden taͤglich wie die Hufe eines Renners unterſucht. Aber oft geſchieht's, daß wir unſre Kraft durch Vorſicht gehoͤrig maͤßigen muͤſſen.“ „Und wie und wo beſſert Ihr Euch aus, wenn Ihr vom Wind oder Streit verletzt worden?“ „Hm, wir ſuchen's auszubeſſern, Sir, und die See, ſo gut wie moͤglich zu behaupten.“ Er ſchwieg; und Wilder, der bemerkte, daß man ihn noch nicht fuͤr berechtigt zu vollkommenem Vertrauen hielt, blieb ebenfalls ſtumm. Waͤhrend dieſer Pauſe kam der Offizier mit dem Schwarzen allein zuruͤck. Wenige Worte waren hinreichend, Fid's Lage zu ſchildern. Es war augen⸗ ſcheinlich, es befremdete den jungen Mann nicht nur, es kraͤnkte ihn auch. Die freie, aufrichtige Weiſe jedoch, mit der er ſich zu dem Raͤuber wandte, um das Vergehen ſeines Gefaͤhrten zu entſchuldigen, verſicherte jenen, daß er weit entfernt war, eine unſchickliche Mit oirkung bei der Hervorbringung dieſer ungebuͤhrlichen Lage zu arg⸗ woͤhnen. „Ihr kennt der Seeleute Charakter zu wohl, Sir,“ ſagte er,„um dieß Verſehen meines armen Grfaͤhrten als —— — — — — — — — 158— einen gehaͤſſigen Fehler ihm anzurechnen. Ein beſſerer Segler lag nie auf einer Segelſtange, oder zog ein Tau an als Dick Fid, aber ich muß zugeben, er hat die Eigen⸗ ſchaft der guten Kameradſchaft etwas uͤbermaͤßig.⸗ „Ihr ſeyd noch gluͤcklich, daß Ihr jemanden habt, das Boot an's Ufer zu bringen,„entgegnete ſorglos der andere. „Ich bin dieſer geringen Anſtrengung mehr als gewach⸗ ſen, auch moͤchte ich die Leute nicht trennen. Mit Eurer Erlaubniß mag der Schwarze ebenfalls in dem Schiff fuͤr die Nacht bleiben.“ „Wie's Euch gefaͤllt. Leere Haͤngematten ſind ſeit der letzten Affaire unter uns nicht ſelten." Wilder bedeutete dann den Neger zu ſeinem Genoſſen zuruͤckzukehren, und uͤber ihn zu wachen, ſo lange er un⸗ faͤhig waͤre, fuͤr ſich ſelbſt zu ſorgen. Der Schwarze, dem es gar nicht ſo hell im Kopf war, wie gewoͤhnlich, folgte gerne. Der junge Mann nahm nun von ſeinen Gefaͤhrten Abſchied und ſtieg in das Boot. Als er mit kraͤftigem Arm vom dunkeln Schiff abſtieß, waren ſeine Augen mit der Luſt eines Seemanns nach der Ordnung und Niedlichkeit ſeines Takelwerks in die Hoͤhe gerichtet und von da fielen ſie auf die tiefere Maſſe des Gebaͤlks. Eine leichtgebaute, gedrun⸗ gene Geſtalt ſah man auf der Ferſe des Bogenſprits ſtehen, augenſcheinlich ſeine Bewegungen bewachend, und trotz des Dunkels des umwoͤlkten Sternenlichts konnte er in dem Individuum, das ſo offenbaren Antheil an ſeinen Schritten nahm, die Perſon des Raͤubers entdecken. [——A A A, 7. 9„ 7. . m u u u 3. 2 Ms 7, ue 2 e4„ rer ker 2 1„ au S 2——— Sen en⸗ 7 fC lade, „ Achtes Kapitel. re. 5 ch⸗ er„—— Wer iſt der Herr da?“. uͤr Amme.„Der Sohn und Erbe des alten Tiberio.“ Julie.„ und der, der dort ihm folgt, nicht tanzen will.“ er Amme.„Mein Seel, ich weiß nicht.“ Romeo und Julie. en— 1⸗ m. Die Sonne erhob ſich eben aus dem Waſſergefild, worin te die blauen Eilande von Maſſachuſſets liegen, als man New⸗ n port's Einwohner Thuͤren und Fenſter oͤffnen, und ſich zu m den verſchiednen Geſchaͤften des Tags mit der Friſche und ſt Heiterkeit von Leuten anſchicken ſah, welche weiſe der natuͤr⸗ 8+- lichen Eintheilung der Zeit zur Ruhe und zum Vergnuͤgen 3 f gefolgt waren. Der Morgengruß ging froͤhlich von einem ⸗ zum andern, wie jeder die leichten Befeſtigungen ſeines La⸗ . dens losmachte und manche freundliche Nachfrage ward ge⸗ 3 than und erwiedert nach der Lage der fieberkranken Toch⸗ 1 ter, nach dem Rheumatismus einer bejahrten Großdame. . Wie der Wirth zum ſchlimmen Anker ſehr vorſichtig war, 4 den Ruf ſeines Hauſes vor jeder ungerechten Nachrede we⸗ gen unziemlicher Nachtſchwaͤrmerei zu bewahren, ſo war er — 14160— auch unter den erſten, ſeine Thuͤre zu oͤffnen, um jeden vor⸗ uͤbergehenden Kunden aufzufangen, der das Beduͤrfniß fuͤh⸗ len moͤchte, die Nebel der vergangenen Nacht in einem ſtaͤr⸗ kenden Magentrank wegzuwaſchen. Dieß herzſtaͤrkende Mittel ward allgemein unter den verſchiednen Namen: Bittres, Jalappen⸗, Morgengebraͤu, Neblichtes u. ſ. w., je nachdem die Lage eines jeden Diſtrikts ein beſonderes Gegengift zu erfordern ſchien, in den britiſchen Provinzen eingenommen. Dieſe Gewohnheit kommt zwar ein wenig ab, aber doch be⸗ hauptete ſie noch viel von dem geheiligten Anſehn, welches der Begleiter des Alterthums zu ſeyn ſcheint. Es iſt ziem⸗ lich ſonderbar, daß der ehrwuͤrdige und loͤbliche Gebrauch, die ungeſunden Unreinigkeiten wegzuwaſchen, welche in dem menſchlichen Koͤrperbau gerade dann erzeugt werden, wo er ganz ohne einen moraliſchen Beſchuͤtzer, den Anfaͤllen aller der Uebel ausgeſetzt bleibt, die dem Fleiſch angeboren ſind, es iſt ſonderbar, daß gerade dieſer Gebrauch den Amerikaner, den Witzeleien ſeines europaͤiſchen Mitbruders ausgeſetzt hat. Wir gehoͤren nicht zu denen, die am wenigſten dand⸗ bar jenen fremden Philanthropen ſich bezeigen, die ſo großen Antheil an unſrer Wohlfahrt nehmen, daß ſie ſelten einen republikaniſchen faux pas voruͤberlaſſen, ohne ihm, wie er es verdient, die kauſtiſche Anwendung ihrer purificirenden Fe⸗ dern angedeihen zu laſſen. Wir ſind vielleicht um ſo em⸗ pfindlicher fuͤr dieſen Edelmuth, da wir ſo viele Gelegenheit gehabt haben, zu beobachten, wie ihr Elfer ſuͤr unſre jugend⸗ lichen Staaten(ſtark und ein wenig unlenkſam vielleicht, aber dennoch jugendlich) ſo groß iſt, daß in der Hitze ihres — — 161— Eifers, die eiſatlantiſchen Suͤnden zu reformiren, ſie nicht wenige von ihren eignen Abirrungen zu uͤberſehen pflegen. Zahllos ſind zum Beiſpiel die moraliſchen Miſſionaͤre, welche das Mutterland zu dieſen frommen und wohlthaͤtigen Zwek⸗ ken unter uns geſchickt hat. Wir koͤnnen nur bedauern, daß ihre Bemuͤhungen mit ſo geringem Erfolg gekroͤnt wor⸗ den ſind. Es war unſer Geſchick, daß wir mit einem jener Wuͤrdigen vertraut bekannt werden ſollten, die nie eine Ge⸗ legenheit verloren, vor allem gegen die Schaͤndlichkeit des beſondern Gebrauchs, auf den wir eben angeſpielt, zu dekla⸗ miren. In der That, er ließ ſo breit ſich daruͤber aus, daß er nicht allein behauptete, es ſey unmoraliſch, ſondern auch, was noch ſchlimmer war, es ſey unſchicklich, etwas ſtaͤrkeres vor der Mittagszeit hinunter zu ſchlucken als Duͤnnbier. Nach dieſem wichtigen Zeitpunkt war es nicht nur erlaubt, den Anforderungen des Fleiſches zu genuͤgen, ſondern er zeigte ſich auch ſo freigebig in ſeiner orthodoxen Nachſicht, daß er regelmaͤßig um Mitternacht zu Bett ge⸗ bracht werden mußte, von dem er ſich eben ſo regelmaͤßig erhob, um im Laufe des folgenden Morgens wieder uͤber die tauſend Haͤßlichkeiten eines zu fruͤhzeitigen Trunks zu predigen. Und hier moͤchten wir Gelegenheit nehmen zu ſa⸗ gen, daß fuͤr unſere eigne unbedeutende Perſon wir ganz dieſen Abſcheu theilen, und nur bedauern, daß diejenigen von den beiden Nationen, die an dem Gebrauch Gefallen finden, ſich nicht friedlich uͤber den eigentlichen Zeitpunkt verſtaͤndigen konnten, wann in den oier und zwanzig Stun⸗ den es ſolchen chriſtlichen Herren, die Engliſch ſprechen, es Cooper's Freibeuter. 1— 3. 11 — 162— erlaubt iſt, trunken zu ſeyn. Daß die Unterhaͤndler, die den letzten Freundſchaftsvertrag zu Stande brachten, dieſen wich⸗ tigen Satz der Moral uͤberſehen haben, iſt ein weiterer Be⸗ weiß davon, wie ſehr beide Theile durch einen unfruchtbaren Krieg ermudet waren, ſo daß ſie uͤbereilt einen Frieden auf⸗ ſetzten. Es iſt nicht zu ſpaͤt, zu dieſem Zweck eine Kom⸗ miſſion zu ernennen, und damit dieſe Frage, wie ſie es verdient, gehoͤrig verhandelt werden moͤge, nehmen wir uns heraus, dem Executor die Nothwendigkeit anzudeuten, als unſern Kommiſſionaͤr einen feſten Advokaten des Syſtems der Jalappen zu ernennen. Sicherlich kann es unſerer wuͤr⸗ digen, nachſichtigen Mutter nicht ſchwer fallen, einen gehoͤ⸗ rigen Opponenten in den Reihen ihrer zahlreichen, wohlge⸗ übten Diplomaten zu finden. Nach dieſer Darlegung unſerer perſoͤnlichen Freigebig⸗ keit, im Verein mit ſo viel Theilnahme an der gehoͤrigen und, wie wir hoffen, endlichen Loͤßung dieſer wichtigen Frage, duͤrfen wir wohl die Erzaͤhlung wieder aufnehmen, ohne ſelbſt zu Advokaten fuͤr ein Morgenſtimulanz oder fuͤr Abendberauſchung niedergeſetzt zu werden; denn dieß iſt die richtigſte Diſtinktion der ganzen Frage, wie wir nach nicht gewoͤhnlicher Beobachtung uͤberzeugt ſind. Der Wirth zum ſchlimmen Anker alſo war fruͤh auf den Beinen, um einen ehrlichen Batzen von all den Vertheidi⸗ gern des erſtren Syſtems zu gewinnen, die vielleicht ſeinen Schenktiſch vorzugsweiſe vor dem ſeines Nachbars fuͤr ihre bacchiſchen Morgenopfer auserwaͤhlen wuͤrden, als welcher die Kunden durch Aushaͤngung eines rothbackigen Mannes in 2—— 2 — 163— einem Scharlachrock anzulocken ſich muͤhte, was man den Kopf Georgs des Zweiten nannte. Es wollte ſcheinen, als wenn die loͤbliche Thaͤtigkeit des muntern Gaſthalters nicht ohne ihre Belohnung ausgehen ſollte. Die Fluth der Kund⸗ ſchaft zog ſich feſt fuͤr die erſte halbe Stunde nach dem Ha⸗ fen ſeiner gaſtfreundlichen Thür, auch ſchien ſie nicht gaͤnz⸗ lich die Hoffnung eines ferneren Einfluſſes zu taͤuſchen, als ſchon die gewoͤhnliche Stunde ſolcher Ankoͤmmlinge voruͤber war. Als er aber fand, daß ſeine Kunden an ihre ver⸗ ſchiednen Geſchaͤcte zu gehen begannen, verließ er ſinen Srandpunkt, und erſchien mit jeder Hand in einer Taſche an der Auſſenthuͤr, als finde er ein geheimes Vergnügen an dem luſtigen Klingen der neuen Inwohner der Taſchen. Ein Fremder, der mit den andern nicht hereingekommen war, und folglich an den gewoͤhnlichen Libationen keinen Theil genommen hatte, ſtand in einiger Entfernung, die eine Hand in den Buſen ſeiner Weſte geſteckt, als ſey er hauptſaͤchlich mit ſeinen eignen Gedanken beſchaͤftigt. Dieſe Figur zog das kluge Auge des Gaſthalters auf ſich, der als⸗ bald einſah, daß niemand, der ſeine Zuflucht zu dem geeig⸗ neten Morgenſtimulanz genommen, ſolch ein nachdenkendes Geſicht in dieſem fruͤhen Zeitpunkt der Tagesſorgen machen koͤnne, und daß folglich noch etwa⸗ zu gewinnen ſey, indem er eine direkte Unterredung mit ihm eroͤffne. „Das iſt eine reine Luft, Freund„ um die Nebel der Nacht wegzubuͤrſten,“ ſagte er, waͤhrend er die wirklich koͤſtlichen und ſtaͤrkenden Luͤfte eines ſchoͤnen Oktobermorgens einſchnuffelte.„Solche Reiniger, wie disſe, geben unſerer 11* — 164— Inſel ihren Charakter, und machen ſie vielleicht zur geſun⸗ deſten, ſo wie ſie ſchon fuͤr den ſchoͤnſten Ort in der Schoͤpfung allgemein anerkannt wird. Ein Fremder hier, wie's ſcheint? 2 „Erſt ganz kuͤrzlich hier angekommen, Sir,“ war die Antwort. „Ein Seemann, nach Eurer Kleidung? und zwar nach einem Schiff ſuchend, wie ich Euch wohl charakteriſiren mochte,“ fuhr der Gaſthalter fort, und bruͤſtete ſich viel⸗ leicht wegen ſeines Scharfſinns.„Wir haben deren viele hier herum gehen, aber die Leute muͤſſen nicht meinen, weil Newport eine ſo bluͤhende Stadt iſt, man koͤnne hier Stel⸗ len immer bekommen, wenn man ſie nur ſucht. Habt Ihr Euer Gluͤck ſchon in der Hauptſtadt der Bahprovinz ver⸗ ſucht? 2 „Ich verließ Boſton erſt vor drei Tagen.“ „Was, konnten die ſtolzen Staͤdter Euch kein Schiff ausfindig machen? Ja, im Sprechen ſind ſie ſtark, und nicht leicht ſtellen ſie ihr Licht unter einen Scheffel, und doch gibt es vernuͤnftige Leute, welche meinen, Narragan⸗ ſett⸗Bay ſey nahe daran, bald ſo viele Segel zu zaͤhlen als Maſſachuſſets. Da iſt dort eine ſchoͤne Brig, die in einer Woche ihre Pferde in Rum und Zucker umſetzt, und dort ein Schiff, das erſt ſeit geſtern mit Sonnenuntergang in den Strom fuhr. Es iſt ein edles Fahrzeug, und hat Ka⸗ zuͤten fuͤr einen Prinzen. Es wird mit einer Veraͤnderung des Winds davongehn; und ich darf ſagen, ein kraͤftiger Arm würde ehen jetzt nicht vergebens an Bord gehen. Auch iſt dort ein Sklavenhaͤndler, auſſerhalb des Forts, wenn eine Ladung Wollkoͤpfe Ihr fuͤr Euer Geld haben wollt.“ „Und glaubt man, daß das Schiff im inneren Hafen mit dem erſten Wind ſegeln wird?, fragte der Fremde. „Es iſt ſicher. Meine Frau iſt eine wirkliche Couſine von des Kollektor's Sekretaͤr, und ich weiß gewiß, daß die Papiere bereit ſind, und nichts als der Wind ſie aufhaͤlt. Ich habe ſo einen kleinen Verkehr, muͤßt Ihr wiſſen, Freund, mit dieſen blauen Jacken, und ein ehrlicher Mann muß in dieſen ſchlimmen Zeiten auf ſeinen Nutzen bedacht ſeyn. Ja, da liegt ſie, ein wohlbekanntes Schiff, die koͤnigliche Karo⸗ line. Sie macht ein Mal das Jahr eine regelmaͤßige Fahrt zwiſchen den Provinzen und Briſtol, und faͤhrt hier an, hin und her, um uns gewiſſe Beduͤrfniſſe zu bringen, und Holz und Waſſer einzunehmen, und dann geht ſie heim oder nach den Karolina, wie ſich's eben trifft.“ „Iſt ſie ſtark bewaffnet?“ fuhr der Fremde fort, der ſein gedankenvolles Aeußre in der augenſcheinlicheren Theil⸗ nahme an dem Geſpraͤch zu verlieren begann. „Ja, ja, ſie iſt nicht ohne einige Katzenkoͤpfe, die zur Vertheidigung ihrer Rechte miauen, und ein Wort auch fuͤr Sr. Maj. Ehre ſagen moͤchten. Gott ſegne ihn. Judith, he Judith,“ rief er im hoͤchſten Schluͤſſel ſeiner Stimme einem Negermaͤdchen zu, das Brennholz auf einem Schiff⸗ zimmerplatz zuſammenlas,„ſpring hinuͤber zu Nachbar Ho⸗ meſpuns, und klopf an ſeinem Kammerfenſter, der Mann hat ſich verſchlafen, es iſt nicht gewoͤhnlich, daß man Sie⸗ — 166— ben ſchlagen, und den durſtigen Schneider nicht hach ſeinem Bittern rufen hoͤrt.“ Eine kurze Unterbrechung fand in der Unterredung ſtatt, waͤhrend das Maͤdchen ihres Herrn Befehl ausfuͤhrte. Der Ruf hatte keine andere Folge, als daß er eine ſchrille Er⸗ wiederung der Deſiderie abnoͤthigte, deren Stimme durch die duͤnne Bretterwand des kleinen Gebaͤudes ſo leicht wie durch ein Sieb durchdrang. Im naͤchſten Augenblick oͤffnete ſich ein Fenſter, und die wuͤrdige Hausfrau ſtieß ihr ver⸗ ſtoͤrtes Geſicht in die friſche Luft des Morgens. „Was gibt'’s, was gibt'’s?“ fragte das beleidigte, und wie es gern glauben mochte, vernachlaͤſſigte Weib, in der Meinung, es ſey ihr theurer Gemahl, der zu ſeiner haͤus⸗ lichen Beſitzung zuruͤckkehrend ſich heraus genommen, ihren Schlummer zu ſtoͤren.„Es iſt nicht genug, daß Ihr von Tiſch und Bett fuͤr eine lange Nacht mir fortgelaufen ſeyd, Ihr muͤßt ſelbſt noch die natuͤrliche Ruhe einer ganzen Fa⸗ milte unterbrechen, ſieben geſegnete Kinder ohne ihre Mut⸗ ter zu rechnen. O Hektor, Hektor, ein Exempel werdet Ihr geben, den Jungen und Dummen, und eine Warnung ſeyn den Unbedachtſamen.“ „Bring das ſchwarze Buch her," ſagte der Wirth zu ſeiner Frau, die durch Oeſideriens Geſchrei an's Fenſter ge⸗ zogen worden;„ich glaube, das Weib ſagte etwas von ei⸗ ner Reiſe auf zwei Tage, und wenn das der Entſchluß des guten Mannes geweſen iſt, ſo muͤſſen alle ehrliche Leute nach ihren Rechnungen ſehen. Ei, ſo wahr ich lebe, Ke⸗ ziah, Du haſt den Bettler ſiebenzehn Schilling und ſechs — — 167— Pence in Rüuͤckſtand kommen laſſen, und das fuͤr ſolche Klei⸗ nigkeiten als Morgengebraͤu und Nachtkappen.“ „Du biſt gereizt, Freund, ohne Urſache; der Mann hat ein Gewand fuͤr den Jungen in der Schule gemacht und auch—— „Huſch, gutes Weib,“ fiel ihr Gemahl ein, gab das Buch zurück und winkte ſie fort;„ich hoffe, es wird ſich alles zur rechten Zeit ſinden, und je weniger Laͤrm wir uͤber die Vergehungen eines Nachbars machen, um ſo weni⸗ ger wird von unſern eignen Fehltrirten geſprochen werden. Ein wuͤrdiger, hart arbeitender Handwerksmann iſt’s, Sir,“ fuhr er fort, ſich zu dem Fremden wendend,„aber ein Mann, der nie die Sonne durch ſein Fenſter durchbringen konnte, obgleich, der Himmel weiß es, das Glas gerade nicht fuͤr einen ſolchen Segen zu dick iſt.“ „Und glaubt Ihr, nach einem ſo geringen Anzeichen, wie das, was wir geſehen, daß ſolch ein Mann ſich wirk⸗ lich davon gemacht hat?“ „Ei, das iſt ein Ungluͤck, welches ſchon Beſſeren zuge⸗ ſtoßen iſt!“ entgegnete der Wirth, und ſpannte ſeine Fin⸗ ger um die Rundung ſeiner Perſon mit einer Miene hohen Nachdenkens.„Wir Gaſthalter, die gleichſam in jedermanns Geheimniſſe ſehen, denn nach einem Beſuch bei uns kann man erſt recht ſein Herz oͤffnen, wir muͤſſen doch etwas von den Verhaͤltniſſen der Nachbarſchaft kennen. Wenn der gute Homeſpun eben ſo leicht das Gemuͤth ſeiner Gefaͤhr⸗ tin ausbuͤgeln koͤnnte, wie er einen Saum hinlegt, dann — 168— moͤchte ſo etwas nicht geſchehn, aber——. Trinkt Ihr dieſen Morgen, Sir? „Einen Tropfen von Eurem Beſten.“ „Wie ich ſagte,“ fuhr der andere fort, waͤhrend er ſei⸗ nen Kunden nach ſeinem Wunſche bediente,„wenn eines Schneiders Bock eben ſo gut die Falten aus dem verwirr⸗ ten Gemuͤth eines Weibes wegnehmen koͤnnte, wie aus dem Tuch, und dann, wenn nachdem dieß geſchehen, er ihn eſ⸗ Jen koͤnnte, wie jene Gans, die dort hinter meinem Laden haͤngt,— vielleicht werdet Ihr auch bei uns eſſen wollen, Sir? „Ich weiß nicht, ob nicht,“ entgegnete der Fremde und bezahlte den Trank, den er kaum verſucht,„es haͤngt ganz von dem Ergebniß meiner Nachforſchungen uͤber die ver⸗ ſchiednen Schiffe im Hafen ab.“ „Dann moͤchte ich, obwohl, wie Ihr wißt, ganz unin⸗ treſſirt, Euch rathen, Sir, dieß Haus zu Eurer Heimath zu machen, ſo lange Ihr Euch in der Stadt aufhaltet. Es iſt der Zufluchtsort von den meiſten der ſeefahrenden Leuten, und daß kann ich wohl ohne Ruͤckhalt von mir ſelbſt ruͤh⸗ men,— niemand kann Euch mehr von dem ſagen, was Ihr zu wiſſen braucht als der Wirth zum ſchlimmen Anker."⸗ „Ihr rathet mir, mich an den Befehlshaber jenes Schiffs im Strom um eine Anſtellung zu wenden wird es ſohald abſegeln, als Ihr ſagt?" „Mit dem erſten Wind. Ich kenne die ganze Geſchichte des Schlffs vom Tag an, wo die erſten Bloͤcke zu ſeinem Kiel gelegt wurden, bis zu dem Augenblick, wo es ſeine — 169— Anker an der Stelle auswarf, auf der Ihr es jetzt ſeht. Die große Southern⸗Erbin, General Grayſon's ſchoͤne Tochter, ſoll ſich darauf einſchiffen, ſie und ihre Aufſeherin, Gouvernement⸗Dame glaub' ich nennen ſie ſie, eine Mrß. Wyllys, warten hier oben in der Wohnung der Madame de Lacey auf das Signalz dieſe iſt die Wittwe des Contre⸗ admirals jenes Namens, welches eine rechte Schweſter des Generals iſt, und alſo eine Tante der jungen Dame nach meiner Rechnung. Viele meinen, die beiden Beſitzthuͤmer werden zuſammen kommen, in welchem Fall der nicht nur ein gluͤcklicher, ſondern auch ein reicher Mann ſeyn wird, welcher Miß Getty Grayſon zur Frau bekoͤmmt.“ Der Fremdling, welcher etwas gleichguͤltig waͤhrend des Schluſſes der vorigen Unterredung ausgeſehen hatte, ſchien jetzt geneigt, mit einer Art von Theilnahme, die ſeinem Geſchlecht und dem Gegenſtand der Rede angemeſſen war, auf die Unterhaltung einzugehen. Nachdem er gewartet, um die letzte Sylbe aufzufangen, die der Gaſthalter auf Unko⸗ ſten ſeines Athems vorbringen wollte, fragte er etwas ploͤtzlich: „und Ihr ſagt, das Haus in unſerer Naͤhe auf der An⸗ hoͤhe ſey die Wohnung der Mrß. de Lacey?⸗ „Davon weiß ich nichts. Unter da oben verſtehe ich eine halbe Meile entfernt; es iſt ein fuͤr eine Dame von ihrem Rang geeigneter Ort, und keine von Euren Ellbogen⸗Woh⸗ nungen, wie die, welche da neben uns ſind. Man kann das Haus leicht durch ſeine herrlichen Blenden und Schat⸗ ten finden. Ich wette, es gibt keine ſolche Schatten in — 170— ganz Europa, wie gerade jene Baͤume, welche vor der Thuͤr der Madame de Lacey ſtehen.“ „Es iſt ſehr wahrſcheinlich,“ murmelte der Fremde, der nicht ganz ſo voll von provinzieller Bewunderung wie der Gaſthalter, wieder in ſein fruͤheres Hinbruͤten verſunken war. Statt die Unterredung fortzuſetzen, wandte er ploͤtz⸗ lich das Geſpraͤch, indem er eine ganz gewoͤhnliche Bemer⸗ kung machte, und dann, die Moͤglichkeit wiederholend, daß er veranlaßt ſeyn koͤnnte zuruͤckzukommen, ging er bedaͤchtig hinweg, und nahm ſeine Richtung nach der Wohnung der Madame de Lacey. Der beobachtende Gaſtwirth wuͤrde wahrſcheinlich hinlaͤnglichen Stoff zum Bemerken gefunden haben, beſonders bei ſeinem ploͤtzlichen Abbrechen der Unter⸗ redung, haͤtte nicht Deſiderie gerade in dieſem Augenblick ploͤtzlich ihre Wohnung verlaſſen, und ſeine Aufmerkſamkeit durch die beſonders biquante Weiſe abgelenkt, mit der ſie den Charakter ihres ſchuldigen Gemahls abſchilderte. Der Leſer hat wahrſcheinlich ſchon fruͤher geargwoͤhnt, daß das Individuum, das mit dem Gaſtwirth als ein Un⸗ bekannter geſprochen, ihm ſelbſt nicht fremd ſey. Es war in der That niemand anders als Wilder. Aber um ſeine geheimen Plane auszufuͤhren, ließ der junge Seemann die lebhaften Straßen hinter ſich, ging einer leichten Anhoͤhe, an deren Fuß die Stadt gebaut iſt, hinauf, und wandte ſich nach den Vorſtaͤdten. Es war nicht ſchwer, das geſuchte Haus unter einem Dutzend anderer aͤhnlichen Gebaͤude durch ſeinen Schatten (wie der Gaſtwirth nach einem Provinzialgebrauch dieſes —(G 2. 2. 8 — — — Worts einige wirklich hohe Ulmen genannt hatte, die in dem kleinen Hof vor der Thuͤre wuchſen) aufzufinden. Um ſich jedoch zu verſichern, daß er recht waͤre, bekraͤftigte er ſeine Vermuthungen durch wirkliches Fragen, und ſetzte dann ge⸗ dankenvoll ſeinen Weg fort. Der Morgen hatte um dieſe Zeit mit allem Anſchein eines jener ſchoͤnen, ſchmeichleriſchen Herbſttage, wodurch das Klima ſich ſo ſehr auszeichnet oder auszeichnen ſollte, ſich reizend eroͤffnet. Die geringe Luft kam aus Suͤden, und faͤchelte das Antlitz unſeres Abentheurers, wenn er ge⸗ legentlich ſtille ſtand, um die verſchiednen Schiffe im Hafen zu betrachten, wie das milde Athmen des Junis. Kurz, es war gerade ein Wetter, wie jemand, der gern in den Gefilden hinſchlendert, mit Luſt es ergreift, wie aber der Seemann als verlorenen Tag es in ſein Tagebuch ein⸗ ſchreibt. Wilder wurde erſt aus ſeinem Hinbruͤten durch das Ge⸗ raͤuſch einer Unterredung aufgeweckt, die von Leuten her⸗ ruͤhrte, die ſich ihm naͤherten. Es war beſonders eine Stimme, welche all ſein Blut, er wußte nicht warum, pricklen machte, und ſelbſt ihm unerklaͤrbar jede ſchlafende Thaͤtigkeit in ihm in Bewegung brachte. Die Bildung des Bodens benutzend, ſprang er ungeſehn auf eine kleine Bank, naͤherte ſich einem Winkel in einer niedrigen Mauer, und fand ſich ſo den Sprechenden ganz nahe. Die Mauer ſchloß den Garten und Spielgrund eines Herrenhauſes ein, das, wie er nun bemerkte, die Wohnung der Mrß. de Lacey war. Ein laͤndliches Sommerhaus, — 172— welches in der gehoͤrigen Jahrszeit faſt ganz in Blaͤttern und Bluͤthen begraben worden, ſtand in nicht weiter Ent⸗ fernung von der Straße. Durch ſeine Erhoͤhung und Lage gewaͤhrte es eine Ausſicht auf die Stadt, den Hafen, die Inſeln von Maſſachuſſets im Oſten, die der Providenz⸗ Plantagen im Weſten, und im Suͤden einen unbegräͤnzten Blick auf den Ocean. Da es jetzt ſeine Blaͤtterhuͤlle verlo⸗ ren, war es nicht ſchwierig, bis in ſeinen Mittelpunkt durch die laͤndlichen Saͤulen, welche die kleine Halle trugen, durch⸗ zuſchauen. Hier entdeckte Wilder gerade dieſelbe Geſellſchaft, deren Unterredung er am vorigen Tag, in den luftigen Ruinen mit dem Raͤuber gefangen gehalten, mit angehoͤrt hatte. Obgleich die Admirals⸗Wittwe und Mrß. Wyllys am meiſten voraus waren, und offenbar mit einem, der wie er ſelbſt auf der Landſtraße ſich befand, redeten, ent⸗ deckte doch das ſcharfe Auge des Seemannes bald die reizen⸗ dere Geſtalt der bluͤhenden Gertrude im Hintergrund. Seine Beobachtungen wurden aber durch eine Antwort von dem Individuum unterbrochen, das bis jetzt noch unſichtbar war. Von der Stimme geleitet, konnte Wilder zunaͤchſt die Perſon eines Mannes in einem gruͤnen alten Rock be⸗ merken, der auf einem Stein an dem Seitenweg ſitzend, ſeine müden Glieder auszuruhen ſchien, waͤhrend er einige Fragen von dem Sommerhaus her beantwortete. Obgleich ſein Haupt weiß war, und die Hand, welche einen langen Wanderſtab feſthielt, manchmal zitterte, wenn ihr Eigenthuͤ⸗ mer eine Stuͤtze durch ihn ſuchte, war doch etwas in der Haltung, der Weiſe und der Stimme des Sprechenden, 83 — 173— kern was hinlaͤnglich Zeugniß ablegte, daß er einſt ein Veteran nt⸗ der See geweſen. age„Himmel, Ew. Gnaden, Madame,“ ſagte er in Toͤnen, die die zitternd wurden, ſelbſt waͤhrend ſie die tiefe, charak⸗ en⸗ teriſirende Betonnung ſeines Standes beibehielten;„wir ten 85 alten Seehunde halten uns nie damit auf, in einen Alma⸗ vlo⸗ nach zu blicken, um zu ſehen, welchen Weg der Wind nach irch dem naͤchſten Thau kommen wird, ehe wir in See ſtechen. ch⸗ Es iſt uns genug, daß der Befehl zum Abſegeln ergangen aft, iſt, und daß der Capitain von ſeiner Dame Abſchied ge⸗ gen nommen.“ ort„Ach, das ſind die eigenſten Worte des armen, beklag⸗ lys* ten Admirals!“ rief Mrß. de Lacey, welche augenſcheinlich der großes Vergnuͤgen daran fand, die Unterredung mit dieſem nt⸗ gealterten Seemann fortzuſetzen.„Und dann ſeyd Ihr der en⸗ Meinung, ehrlicher Freund, daß wenn ein Schiff bereit iſt, nd. es ſegeln ſollte, moͤchte der Wind ſeyn———„ don„Da iſt ein zweiter Befahrer der See, gelegen gekom⸗ var men, um uns ſeinen Rath zu geben,“ fiel Gertrude ſchnell hſt 2 ein, als wolle ſie die Aufmerkſamkeit ihrer Tante von der be⸗ gleichſam dogmatiſchen Entſcheidung einer Frage ablenken, nd, die eben zwiſchen ihr und Mrß. Wyllys beſprochen worden; ige„vielleicht um als Schiedsrichter zu dienen.“ ich„Sehr wahr,“ ſagte die letztere;„bitte, was haltet Ihr gen vom Wetter heute, Sir? Wuͤrde es gut ſeyn, zu ſolcher u⸗ Zeit zu ſegeln oder nicht?⸗ er— Der junge Seemann zog widerſtrebend ſeine Augen von der erroͤthenden Gertrude weg, die in ihrem Eifer, auf ihn — 174— zu deuten, vorangeeilt war, und nun furchtſam in den Mit⸗ telpunkt des Gebaͤudes wieder zuruͤckſchrack, als wenn ſie ihre Vorelligkeit ſchon bereute. Er heftete dann ſeinen Blick auf die, welche ihm die Frage vorlegte, und ſo lang und feſt war ſein Hinſtarren, daß ſie es fuͤr noͤthig fand, dieſe zu wiederholen, in der Meinung, was ſie zuerſt geſagt, ſey nicht hinlaͤnglich verſtanden worden. „Man darf dem Wetter nur wenig trauen, Madame,“ war die ausweichende Antwort;„der muß die See mit ge⸗ ringem Nutzen befahren Baben, welcher nicht alsbald die Ent⸗ deckung macht.“⸗ Es lag ſo etwas ſanftes und gefaͤlliges in der Stimme Wilder's, waͤhrend ſie zugleich maͤnnlich war, daß die Da⸗ men wie durch einen gemeinſamen Beweggrund von ihrer Eigenthuͤmlichkeit ergriffen ſchienen. Das Reizende ſeines Anzugs, welcher, waͤhrend er genau ſeinem Stande ange⸗ meſſen war, mit einer Art von Leichtigkeit und ſelbſt An⸗ ſtand getragen wurde, der es ſchwer machte, zu glauben, er habe nicht Anſpruͤche auf einen hoͤheren Stand in der Ge⸗ ſellſchaft, als der, worin er wirklich erſchien, vermehrte noch dieſen Eindruck. Ein wenig ihr Haupt neigend auf eine Weiſe, die vielleicht hoͤflich ſeyn ſollte, mehr wohl aus Selbſtachtung, als aus Ruͤckſicht fuͤr den andern, oder in Folge des zweideutigen Charakters ſeines Aeußren, nahm Mrß. de Lacey die Rede wieder auf. „Dieſe Damen,“ ſagte ſie,„ſind im Begriff ſich in je⸗ nem Schiff nach der Provinz Carolina einzuſchiffen, und wir beriethen uns über die Seite, nach welcher der Wind wahr Fahr ob de ein 6 wie Wir nien chen und ich. ehrlie ſeine Sege Spit 2 mit ſtand Man der — wahrſcheinlich zunaͤchſt blaſen wird. Aber in ſolch einem Fahrzeug kann es nicht viel machen, ſollt' ich denken, Sir, ob der Wind guͤnſtig oder unguͤnſtig iſt.“ „Ich glaube nicht,“ war die Antwort; ves ſcheint mir ein Schiff, das nicht viel machen wird, mag der Wind ſeyn, wie er will.⸗ „Es hat den Ruf eines ſehr ſchnellen Seglers.— Ruf! Wir wiſſen, daß es ſo iſt, da wir von Haus in die Kolo⸗ nien in der unglaublich kurzen Ueberfahrt von ſieben Wo⸗ chen gekommen ſind. Aber Seeleute haben ihre Lieblinge und Vorurtheile, wie wir armen Sterblichen zu Land, denk ich. Ihr werdet mich alſo entſchuldigen, wenn ich dieſen ehrlichen Veteranen uͤber dieſen beſondern Punkt auch um ſeine Meinung frage. Was denkt Ihr, Freund, ſind die Segeleigenſchaften jenes Schiffs mit den beſonders hohen Spitzbaͤumen, und ſolchen ausgezeichneten Rundmaſten?⸗ Wllder's Lippe kraͤuſelte ſich, und ein Laͤcheln kaͤmpfte mit dem Ernſt ſeines Antlitzes, aber er ſchwieg. Dagegen ſtand der alte Seemann auf, und ſchien das Schiff wie ein Mann zu unterſuchen, der vollkommen die techniſche Sprache der Admiralswittwe verſtand. „Das Schiff im inneren Hafen, Ew. Gnaden,“ antwor⸗ tete er, als ſeine Unterſuchung zu Ende war,„welches, wie ich glaube, das Schiff iſt, das Madame meint, iſt gerade eins, wie einem Seemann es gefaͤllt. Ein ſtattliches, und ſicheres Boot iſt's, will ſchwoͤren, und was das Segeln be⸗ trifft, obgleich es nicht gerade ein Hexenmeiſter zu ſeyn ſcheint, iſt es doch ein ſchnelles Werkzeug, oder ich wäre 8 daß ich gerade dieſes S vinzen verlaſſen hat, oder vie 8— 176— kein Kenner des bla leben.⸗ „Da haben wir mit einem Meinung!⸗ rief Mrß. de Lac baß Ihr es ſicher nennt; ſegelndes Schiff lieben„ wi zuen Waſſers, und derer, die darin Mal eine Verſchiedenheit der ey.„Ich bin jedoch froh, denn obgleich Seeleute ein ſchnell rd es den Damen nicht weniger ſeiner Sicherheit wegen gefallen. Ich hoffe, Sir, Ihr wer⸗ det ihm das Praͤdikat ſicher nicht ſtreitig machen.“ „Das iſt gerade die Eigenſchaft, die ich ihm am mei⸗ ſten abſprechen moͤchte,“ war Wilder's lakoniſche Antwort. „Es iſt merkwuͤrdig! Das iſt ein alter Seemann, Sir, und er ſcheint anders zu denken. „Er mag ſeiner Zeit mehr geſehen haben, als ich, Ma⸗ dame, aber ich zweifle, ob er gerade jetzt eben ſo gut ſehen kaan. Es iſt etwas weit, um die Vortheile oder Nachtheile eines Schiffs zu entdecken; ich bin naͤher geweſen.⸗ „So glaubt Ihr wirklich, Sir, es ſey Gefahr zu be⸗ fuͤrchten;, fragte Gertruden's ſanfte Stimme, deren Furcht uͤber ihre Zweifel geſiegt hatte. „Ja; haͤtte ich eine Mutter oder Schweſter,“ er be⸗ rührte den Hut und verbe i ugte ſich vor der ſchoͤnen Frage⸗ rin, als er mit viel Nachdruck das letztre Wort vorbrachte; nich würde zoͤgern, ſie ſich auf dieſem Schiff einſchiffen zu laſſen. Auf meine Ehre, meine Damen, ich verſichere Sie, ſchiff in groͤßerer Gefahr glaube, als jedes andere, das dieſen Herbſt einen Hafen in den Pro⸗ lleicht noch verlaſſen wird., „Das iſt ſonderbar!“ bemerkte Mrß. Wyllys, Entwe⸗ der 2 darin eit der froh, ſchnell deniger r wer⸗ mei⸗ wort. Sir, Ma⸗ ſehen heile be⸗ rcht der iſt die Beſchreibung, die man uns von dem Schiffe ge⸗ macht hat, außerordentlich uͤbertrieben, oder es muß als ungemein bequem und ſicher angeſehen werden. Darf ich fragen, Sir, worauf ſich dieſe Meinung gruͤndet?“ „Es iſt ziemlich einfach. Es iſt zu leicht vornen, und zu maſſiv am Hintertheil, um zu ſteuern. Dann hat es Waͤnde wie eine Kirche, und liegt zu ſehr uͤber dem Waſſer. Außerdem hat es kein Hauptſegel, ſondern der ganze Druck kommt von vornen; was es in den Wind treiben und wahr⸗ ſcheinlich zuruͤckwerfen wird. Der Tag wird kommen, wo dieſes Schiff, das Hintere voran, untergehen wird.“ Die Zuhoͤrer lauſchten auf dieſe Meinung, welche Wilder in dem ſehr beſtimmten Tone eines Orakels vortrug, mit jener Art von geheimem Vertrauen und demuͤthiger Hin⸗ gebung, welche die Unerfahrenen ſo gerne vor den in die Myſterien eines wichtigen Gewerbs Eingeweihten anzuneh⸗ men pflegen. Keiner von ihnen hatte gewiß einen klaren Begriff von dem, was er meinte; aber augenſcheinlich lag Gefahr und Tod in ſeinen Worten. Mrß. de Lacey jedoch fuͤhlte es ihrer beſonderen Lage angemeſſen, zu zeigen, wie ſehr ſie den Gegenſtand verſtuͤnde. „Das ſind freilich ſehr ernſtliche Uebelſtaͤnde;“ rief ſie. „Es iſt ganz unerklaͤrlich, daß mein Agent verſaͤumt hat, ſie zu erwaͤhnen. Iſt ſonſt noch etwas, Sir, was Euch in dieſer Entfernung auffaͤllt und gefaͤhrlich ſcheint?⸗ „Nur zu viel. Ihr ſeht, Madame, daß der oberſte Maſt vorwaͤrts gezogen iſt, und kein oberſtes Segel ſich Cvoper's Freibeuter, 1— 3. 12² entfaltetz und außerdem hat es ſich zur Sicherung des Bogenſprits auf Bobſtay und Gammoning verlaſſen.“ „Nur zu wahr, zu wahr!“ ſagte Mrß. de Lacey mit einer Art von geſchaͤftkundigem Schauder.„Das war mir entgangen; aber ich ſehe es jetzt all, da es mir angedeutet worden. Solche Nachlaͤſſigkeit iſt ſehr ſtrafbar; beſonders ſich auf Bobſtay und Gammoning bei dem Bogenſprit zu verlaſſen. In der That, Mrß. Wyllys, ich kann nimmer zugeben, daß meine Nichte ſich auf einem ſolchen Fahrzeug einſchifft.“ Das ruhige, forſchende Auge der Mrß. Wyllys war auf Wilders Antlitz gerichtet geweſen, als er ſprach, und ſie wandte es jetzt mit ungeſtoͤrter Heiterkeit auf die Admirals⸗ Wittwe, um zu antworten. „Vielleicht iſt die Gefahr ein wenig vergroͤßert worden,“⸗ bemerkte ſie.„Laßt uns dieſen andern Seemann fragen, was er von dieſen verſchiedenen Punkten haͤlt. Und glaubt Ihr, alle dieſe ernſtlichen Gefahren ſeyen zu fuͤrchten, Freund, wenn wir uns zu dieſer Jahreszeit, um zu den Karolina uͤberzufahren, an Bord jenes Schiffes begeben?“⸗ „Himmel, Madame,“ ſagte der graue Seemann mit einem unterdruͤckten Laͤcheln,„das ſind neumodiſche Fehler und Schwierigkeiten, wenn es uͤberhaupt, Fehler und Schwie⸗ rigkeiten ſind. Zu meiner Zeit hoͤrte man nie von ſolchen Dingen, und ich geſtehe, ich bin ſo ſtumpfſinnig, daß ich nicht die Haͤlfte von dem begreife, was der junge Herr geſagt hat.⸗ „Es iſt etwas lang, glaub' ich, Alter, daß Ihr zuletzt zur See waret;“ bemerkte Wilder kalt. mit„Etwa fuͤnf oder ſechs Jahre, ſeit zum letzten, und fuͤnfzig mir ſeit zum erſten Mal;“ war die Antwort. utet„So ſeht Ihr alſo nicht ſoviel Urſache zur Furcht?“⸗ ders* fragte Mrß. Wyllys nochmals. zu„Alt und abgelebt wie ich bin, Madame, wenn der mer Capitain mir einen Dienſt an Bord geben will, werd ich eug ihm dafuͤr, als fuͤr eine Gunſt danken.“ „Ungluͤck haſcht nach jeder Huͤlfe," ſagte Mrß. de Lacey war in einem tieferen Ton und warf auf ihre Begleiter einen ſie bedeutungsvollen Blick.„Ich neige mich zur Meinung des als⸗ jungen Seemanns; denn er unterſtuͤtzt ſie mit triftigen, ge⸗ ſchaͤftskundigen Gruͤnden.“ n,“ Mrß. Wyllys ſchob ihre Fragen auf, ſo lange Ruͤck⸗ gen, ſicht auf die letztere Sprechende es zu fordern ſchien, und nubt dann nahm ſie ſie wieder auf, wie folgt, indem ſie ihre ten, nächſte Frage an Wilder richtete. den„Und wie erklaͤrt Ihr dieſen Unterſchied der Meinungen 2 zwiſchen zwei Leuten, die beide ſowohl im Stande ſind, das mit Rechte zu entſcheiden?“⸗ hler„Ich glaube, es giebt ein wohlbekanntes Spruͤchwort, vie⸗ das die Frage beantworten wird;" entgegnete der junge hen Mann laͤchelnd.„Aber man muß auch etwas auf die Ver⸗ ich beſſerungen an den Schiffen rechnen, und einige Ruͤckſicht herr auf den Rang nehmen, den wir beide an ihrem Bord be⸗ kleidet haben.⸗ — 180— „Beides ſehr wahr. Doch ſollte man denken, die Ver⸗ änderungen in einem Halbdutzend Jahre koͤnnten nicht ſo betraͤchtlich in einem Gewerbe ſeyn, das ſo außerordentlich alt iſt.⸗ „Verzeihen Sie, Madame. Beſtaͤndige Uebung iſt noͤthig, ſie zu behalten. Nun behaupt ich, daß jener wuͤrdige, alte Theer mit der Art unbekannt iſt, wie ein Schiff, vom Segeltuch getrieben, die Wellen mit dem Backbord durch⸗ ſchneidet⸗ „Unmoͤglich,« rief die Admiralswittwe.„Der juͤngſte und geringſte Seemann muß durch die Schoͤnheit eines ſol⸗ chen Schauſpiels ergriffen worden ſeyn.“ „Ja, ja,“ entgegnete der alte Theer, der wie ein Be⸗ leidigter ausſah, und ſicher, wenn er etwas von ſeinem Ge⸗ werb nicht verſtand, gerade jetzt nicht die Laune hatte, es zu geſtehen;„viele ſtattliche Schiffe habe ich eben das thun ſehen, und wie die Dame ſagt, es iſt ein großer herrlicher Anblick.⸗ Wilder ſchien erſtaunt. Er biß ſich die Lippen, wie wenn man durch außerordentliche Unwiſſenheit, oder unge⸗ woͤhnliche Liſt uͤberraſcht wird; aber die Selbſtgefaͤlligkeit der Mrß. de Lacey erſparte ihm eine unmittelbare Er⸗ wiederung. „Es waͤre in der That ein ungewoͤhnlicher Umſtand ge⸗ weſen,“ ſagte ſie,„wenn ein Mann auf der See grau geworden, und nie durch ein ſo herrliches Schauſpiel uͤber⸗ raſcht worden waͤre. Aber dann, mein ehrlicher Theer, 32 le ☛ — 181— ſcheint Ihr die auffallenden Fehler an jenem Schiff uͤber⸗ ſehen zu haben, welche dieſer— dieſer Herr ſo genau und recht angedeutet hat.“ „ Ich nenne ſie nicht Fehler, Ew. Gnaden; das iſt nur die Weiſe, wie mein verſtorbener, tapferer, herrlicher Capi⸗ tain, immer ſein Schiff in Stand geſetzt hat; und ich wage zu behaupten, daß ein beſſerer Seemann oder ehrlicherer Mann nie auf Seiner Majeſtaͤt Flotte gedient hat.“ „Ihr habt dem Koͤnig gedient! Wie hieß Euer geliebter Befehlshaber?⸗ „Wer ſollte es ſeyn! Von uns, die wir ihn wohl kann⸗ ten, ward er Schoͤnwetter genannt; denn es war immer unter ſeinem Befehl ruhiges Waſſer und gute Zeiten; aber am uUfer war er als der ſtattliche, ſiegreiche Contreadmiral de Lacey bekannt.“ „Und ließ mein verſtorbener, vevehrter, kunſtreicher Mann ſeine Schiffe auf dieſe Art takeln?“ ſagte die Wittwe mit einem Zittern in ihrer Stimme, welches zeigte, wie ſehr, wie wahr ſie Staunen und befriedigten Stolz fuͤhlte. „Der bejahrte Theer erhob ſeine gebeugte Stirn vom Stein und neigte ſich tief, als er antwortete: „Wenn ich die Ehre habe, meines Admirals Gemahlin vor mir zu ſehen, ſo ſoll dieß ein freudiger Anblick meinen alten Augen ſeyn. Sechzehn Jahre diente ich in ſeinem Schiff und fuͤnf andere in ſeinem Geſchwader. Ich denke, Ew. Gnaden muß ihn von dem Capitain ſeines Hauptmaſtes Bob Bunt haben reden hoͤren?⸗ . — — 182— „Ich denke, er ſprach gerne von denen, die ihm treu dienten.“ „Ei, Gott ſegne ihn, und erhalte ſein Andenken. Er war ein guͤtiger Offizier, der nie einen Freund vergaß, mochte ſeine Pflicht ihn an eine Segelſtange oder in die Kajuͤte gebracht haben. Er war des Matroſen Freund, eben dieſer Admiral.⸗ „Das iſt ein dankbarer Mann,“ ſagte Mrß. de Lacey, und wiſchte ſich die Augen,„und denk ich, ein befugter Richter uͤber ein Fahrzeug. Und ſeyd Ihr ganz ſicher, wuͤrdiger Freund, daß mein verſtorbener verehrter Ge⸗ mahl alle ſeine Schiffe, wie das, wovon wir reden, getakelt habe?“ „Freilich, Madame; denn mit meinen eignen Haͤnden unterſtuͤtzte ich ihn.“ „Selbſt bis zu dem Bobſtay?⸗ „Und bis zu den Gammoning, Madame. Waͤre der Admiral am Leben und hier, er wuͤrde es ein ſiche⸗ res und wohlgebautes Schiff nennen, das will ich be⸗ ſchwoͤren.⸗ Mrß. de Lacey wandte ſich mit vieler Wuͤrde und großer Entſchloſſenheit zu Wildern, als ſie fortfuhr: „Mein Gedaͤchtniß hat alſo einen kleinen Fehler ſich zu Schulden kommen laſſen, was nicht zu verwundern iſt, wenn man bedenkt, daß der, welcher mich ſo viel von ſei⸗ nem Gewerbe lehrte, nicht laͤnger hier iſt, um ſeine Lek⸗ tionen fortzuſetzen. Wir ſind Ihnen ſehr verbunden, Sir, * — für Ihre Meinung, aber wir muͤſſen denken, Sie haben die Gefahr uͤberſchaͤtzt.“ „Auf meine Ehre, Madame,“ ſiel Wilder ein, legte ſich die Hand aufs Herz und ſprach mit beſonderem Nachdruck; „ich bin aufrichtig in dem, was ich ſage; ich verſichere Sie, daß ich glaube, es wird hoͤchſt gefaͤhrlich ſeyn, an Bord jenes Schiffes zu gehen, und ich rufe den Himmel zum Zeugen an, daß ich, indem ich es ſage, von keiner Feindſchaft gegen den Capitain, die Eigenthuͤmer oder ſonſt jemand darauf getrieben werde.“ „Wir glauben, daß Sie ganz aufrichtig ſind, wir mei⸗ nen nur, Sie irrten ſich;“ entgegnete die Admirals⸗Wittwe mit einem mitleidigen, und wie ſie dachte, herablaſſenden Laͤcheln.„Wir ſind Ihnen wenigſtens fuͤr Ihre gute Meinung verpflichtet. Kommt, wuͤrdiger Veteran, wir duͤrfen uns hier nicht trennen. Ihr werdet Einlaß er⸗ halten, wenn Ihr an meine Thuͤr klopft, und wir wollen davon weiter reden.“ Dann verbeugte ſie ſich gegen Wildern und ging vor⸗ an in den Garten, von ihren Gefaͤhrten begleitet. Der Schritt der Mrß. de Lacey war ſtolz, wie wenn ſie ſich aller ihrer Vorzuͤge bewußt geweſen, waͤhrend der der Mrß. Wyllys langſam war, als ſey ſie in Gedanken ver⸗ ſunken. Gertrude hielt ſich nahe bei der letzteren, ihr Geſicht in den Hut verſteckt. Wilder glaubte, er koͤnne die verſtohlnen, aͤngſtlichen Blicke erkennen, die ſie zuruͤck auf den warf, der in ihrem gefuͤhlvollen Buſen eine ent⸗ ſchiedene Erregung hervorgebracht, obwohl es kein anzie⸗ 184 henderes Gefuͤhl als Unruhe war. Er zoͤgerte, bis ſie ſich hinter den Vorbaͤuen verloren hatten, dann wandte er ſich, um ſeinen Unmuth an ſeinem Mitbruder, dem Theer, auszulaſſen, aber er fand, daß der Alte ſo guten Gebrauch von ſeiner Zeit gemacht, daß er eben in's Thor trat, ſehr wahrſcheinlich ſich Gluͤck zu der Ausſicht auf den Lohn ſeiner Schmeichelei wuͤnſchend. Neuntes Kapitel. „Er lief den Weg und überſprang die Gartenwand.“ Shakſpeare. — Wilder verließ das Feld wie ein geſchlagener Mann. Der Zufall, oder wie er es gern nennen wollte, die Schmei⸗ chelei des alten Seemannes hatte ſeinem eignen kleinen Kunſtgriff entgegen gearbeitet; und er hatte jetzt nicht die geringſte Hoffnung mehr, noch mit einer zweiten Gelegen⸗ heit beguͤnſtigt zu werden, ſeinen Plan in Ausführung zu bringen. Wir wollen bei dieſem Punkt der Erzaͤhlung nicht ins Einzelne ſeiner Gefuͤhle und Abſichten eingehen, die unſern Abentheurer veranlaßten, gegen die offenbaren Vor⸗ theile derer, mit denen er ſich eben noch verbunden, Raͤnke zu ſchmieden; es iſt zu unſerm gegenwaͤrtigen Zweck genug, daß die Thatſachen ſelbſt ſich- unſern Leſern gehoͤrig dar⸗ ſtellen. Der Ruͤckweg des getaͤuſchten jungen Seemannes nach der Stadt war truͤbſelig und langſam. Mehr 55 einmal blieb er beim Hinabgehn ſtehen, und richtete ſeine Augen — 186— Minutenlang auf die verſchiedenen Fahrzeuge im Hafen. Aber bei dieſem haͤufigen Haltmachen zeigte ſich nichts, was irgend einen Antheil an ihnen von ſeiner Seite verrathen haͤtte. Vielleicht war ſein Hinſtarren nach dem Southern⸗ Haͤndler laͤnger und ernſter als nach den andern, obgleich zu Zeiten ſein Auge neugierig und ſelbſt aͤngſtlich ſich uͤber jedes Fahrzeug verbreitete, das im Schutz des Hafens lag. Die gewoͤhnliche Stunde der Thaͤtigkeit war jetzt gekom⸗ men und man hoͤrte das Geraͤuſch der Geſchaͤftigkeit von jeder Seite des Ortes her. Die Geſaͤnge der Seeleute tauchten uͤber die Ruhe des Morgens mit ihren eignen, langgezogenen Intonationen empor. Das Schiff im innern Hafen war unter den erſten, dieſen Beweis von der Thaͤ⸗ tigkeit ſeiner Mannſchaft und ſeiner Abfahrt zu geben. Nur wenn dieſe Bewegungen Wilders Auge trafen, ſchien er ganz aus ſeinem Tiefſinn zu erwachen und ſeine Beobach⸗ tungen mit ungetheilter Aufmerkſamkeit zu verfolgen. Er ſah die Seeleute an dem Takelwerk in der ſchlaͤfrigen Weiſe hinaufſteigen, die ſo ſehr mit ihrer Schnelligkeit in Augen⸗ blicken der Noth contraſtirt; und hier und da zeigte eine Menſchengeſtalt ſich auf den finſtern, gewichtigen Raen. In wenigen Augenblicken fiel das Vorderſpitzſegel aus ſeiner engen Umwicklung an der Stange in reizende, ſorgloſe Falten. Dieß war, wie Wilder wohl wußte, unter all den Handelsſchiffen das Zeichen zum Segeln. In einigen Au⸗ genblicken mehr wurden die unteren Zipfel dieſes wichtigen Segels nach den Ecken des entſprechenden Stabes unten gesogen, und dann ſah man die ſchwere Stange langſam — 187— dem Maſt hinauſſteigen, nach ſich ziehend die ſich eroͤffnen⸗ den Falten des Segels, bis dieſes an allen Ecken feſtge⸗ bunden war, und ſich in einem breiten, ſchneeweißen Stuͤck Segel darlegte. Gegen dieſe weite Oberflaͤche ſtroͤmten die Luftzuͤge an, und fielen eben ſo oft zuruͤck, waͤhrend das Segel ſich blaͤhte, und zuſammenfiel, deutlich zeigend, daß ſie bis jetzt noch kraftlos ſeyen. Auf dieſem Punkt ſchienen die Vorkehrungen unterbrochen, als wenn die Seeleute, nachdem ſie ſo die Luͤfte eingeladen, warteten, um zu ſehen, ob ihr Anruf vielleicht vom Erfolg begleitet wuͤrde. Es war wohl nur ein natuͤrlicher Uebergang fuͤr den, der ſo genau dieſe Anzeichen von Abfahrt in dem ſo oft genannten Schiff beobachtete, wenn er ſeine Augen auf das Schiff richtete, das außerhalb des Forts lag, um die Wir⸗ kung zu gewahren, die ein ſo deutliches Zeichen auch auf ſie hervorgebracht. Aber nicht die genaueſte, ſchaͤrfſte Unter⸗ ſuchung haͤtte etwas entdecken koͤnnen, was eine Theilnahme an einander zwiſchen beiden angedeutet. Waͤhrend das eine die eben beſchriebenen Bewegungen machte, lag das andere an ſeinen Ankern ohne das geringſte Zeichen, daß ein Menſch unter ſeiner ſchwarzen, unbelebten Maſſe ſich faͤnde. So ruhig und regungslos erſchien es, daß jemand, der nie daruͤber belehrt worden, es leicht fuͤr eine Nacht der See haͤtte halten moͤgen, fuͤr einen ſymme⸗ triſchen, ungeheuren Auswuchs in den Wellen mit all ſeinen Linien und ausgereckten Fingern, oder fuͤr eins von den phantaſtiſchen Ungeheuern, von denen man glaubt, daß ſie auf dem Grund des Oceans leben, verſteckt von den Nebeln — 14188— und Stuͤrmen ſeit Jahrtauſenden. Aber Wilders kundigem Auge bot ſie ein ganz verſchiedenes Schauſpiel dar. Er ſah leicht durch alle dieſe ſcheinbar ſchlaͤfrige Ruhe jene Zeichen von Bereitheit, die nur ein Seemann entdecken mochte. Das Kabeltau, ſtatt in einer langen, gebeugten Linie nach dem Waſſer ſich hinzuſtrecken, war kurz, oder vielmehr „drauf und dran,“ wie es auch in der Schiffsſprache heißt, und war gerade ſchlaff genug, um der Macht der Fluth widerſtehen zu koͤnnen, die auf den tiefen Kiel des Schiffes wirkte. Alle ſeine Boote waren im Waſſer und ſo geſtellt und zugeruͤſtet, um ihn zu uͤberzeugen, daß ſie in der kuͤr⸗ zeſt moͤglichen Zeit zum Tauen gebraucht werden koͤnn⸗ ten. Nicht ein Segel, nicht ein Rae war außer ihrer Stelle, und ward der Unterſuchung und Ausbeſſerung unterworfen, die der Seemann ſo gern macht, wenn er in dem Schutz eines gehoͤrigen Hafens liegt; auch kein einziges Tau fehlte unter den Hunderten, welche die blaue Luft durchzogen, die den Hintergrund des Gemaͤldes bildete, kein einziges Tau, das noͤthig haͤtte ſeyn koͤnnen, und jeden Kunſtgriff, die Bewegung zu erleichtern, alsbald auszufuͤhren. Kurz das Schiff, waͤhrend es ſo am wenigſten ſchien, war am beſten im Stande, ſich zu bewegen, oder wenn es noͤthig waͤre, ſeine Defenſiv⸗ oder Offenſiv⸗Mittel anzuwenden. Die Finke⸗ netten freilich waren an dem Takelwerk hinaufgezogen, wie am vorigen Tag, aber hinlaͤngliche Urſache zu dieſem außer⸗ ordentlichen Akt der Vorſicht fand ſich in dem Krieg, wel⸗ cher das Schiff den Angriffen der leichten franzoͤſiſchen Kreuzer ausſetzte, die ſo oft von den weſtindiſchen Inſeln digem r ſah eichen ochte. nach mehr heißt, Fluth hiffes ſtellt kuͤr⸗ oͤnn⸗ telle, rfen, chutz fehlte ogen, ziges griff, Kurz am zaͤre, inke⸗ wie ßer⸗ wel⸗ ſchen iſeln — 189— längs der ganzen Kaͤſte des Continents ſich zeigten und in der Stellung, die das Schiff außerhalb der gewoͤhnlichen Vertheidigung des Hafens genommen. In dieſem Zuſtand erſchien das Schiff dem, der ſeinen wahren Charakter kannte, wie ein Raubthier, oder giftiges Gewuͤrm, das in einem angenommenen Todesſchlaf daliegt, um das unbedachtſame Opfer innerhalb des Bereichs ſeines Sprungs zu locken, oder noch genug, um den toͤdtlichen Schlag ſeiner Faͤnge zu erhalten. Wilder ſchuͤttelte den Kopf auf eine Weiſe, die deutlich ſagte, er verſtehe dieſe verraͤtheriſche Ruhe, und ſetzte ſeinen Weg nach der Stadt mit demſelben bedaͤchtigen Schritt wie vorher ſort. Er war ſich unbewußt viele Minuten hinge⸗ ſchlendert, und wuͤrde wahrſcheinlich noch ein Mal ſo viel verloren haben, wenn ſeine Aufmerkſamkeit nicht ploͤtzlich durch eine leichte Berührung ſeiner Schulter abgewandt worden. Ueber dieſe unerwartete Diverſton aufſtarrend, wandte ex ſich und ſah, daß bei ſeinem zoͤgernden Gang er von dem Seemann eingeholt worden, den er zuletzt gerade in jener Geſellſchaft geſehen, in die mitbegriffen zu werden er ſo ſehr gewuͤnſcht haͤtte. „Eure jungen Glieder ſollten Euch fortbringen, Herr,“ ſagte dieſer, als es ihm gelungen, Wilder's Aufmerkſam⸗ keit auf ſich zu ziehen,„wie ein Numidier, der in vollem Laufe iſt, und doch bin ich Euch mit meinen alten Beinen ſo ſchnell nachgekommen, daß wir wieder beiſammen ſind.“ „Vielleicht habt Ihr das außerordentliche Gluͤck, die Wel⸗ len mit Eurem Backbord zu durchſchneiden,“ entgegnete — 190— Wilder veraͤchtlich.„Da trifft keine Rechnung zu, wenn man auf dieſe merkwuͤrdige Art ſegelt.“ „Ich ſehe, Bruder, Ihr ſeyd boͤſe, daß ich Euren Schritten folgte, obgleich ich darin nur einem Signal folgte, das Ihr mir ſelbſt gegeben. Erwartetet Ihr, daß ein al⸗ ter Seehund wie ich, der ſo lange auf einem Flaggenſchiff Wache geſtanden, ſeine Unwiſſenheit in irgend einem Stuͤck eingeſtehen ſollte, was mit Recht zum blauen Waſſer ge⸗ hoͤrt? Wie der Teufel konnte ich wiſſen, daß es nicht un⸗ ter den Tauſenden ein Fahrzeug gibt, beſonders wie ſie jetzt Mode werden, das am beſten mit ſeinem Hintertheil voran ſegelt. Man ſagt, die Schiffe ſeyen den Fiſchen nach⸗ gebildet, und wenn das der Fall iſt, braucht man nur eins nach der Krappe oder Auſter zu machen, um zu haben, was Ihr anfuͤhrtet.⸗ „Guk, Alter. She habt, denk' ich, Eure Belohnung in einem huͤbſchen Geſchenk von der Admiralswittwe erhal⸗ ten, und Ihr koͤnnt jetzt ein Jahr anliegen, ohne Euch viel um die Art zu kuͤmmern, wie ſie in's Kuͤnſtige ihre Schiffe bauen. Bitte, wollt Ihr Euren Lauf noch weiter den Huͤ⸗ gel hinab nehmen?“ „Bis ich auf den Grund komme.“⸗ „Das iſt mir lieb Freund, denn meine Abſicht iſt gerade, wieder hinauf zu gehen. Wie wir zur See ſagen, wenn unſere Unterredung zu Ende iſt,„Gluͤckliche Fahrt!“⸗ Der alte Seemann lachte nach ſeiner verbiſſenen Weiſe, wie er den jungen Mann ſich ploͤtzlich auf dem Abſatz her⸗ — 101— umdrehen, und gerade wieder die Anhoͤhe hinaufſteigen ſah, von der er eben herabgekommen. „Ach, Ihr ſeyd nie mit einem Contreadmiral geſegelt,⸗ ſagte er, als er ſeinen Weg in der fruͤheren Richtung fort⸗ ſetzte, mit all der Vorſicht, die ſeinem Alter und ſeiner Gebrechlichkeit zukam.„Nein, man erlangt nie das Wahre ſelbſt nicht zur See, ohne einen Kreuzzug oder zwei unter einer Flagge, und dieß am Beſanmaſt.“⸗ „Unertraͤglicher alter Heuchler!“ murmelte Wilder zwi⸗ ſchen den Zaͤhnen;„der Schurke hat beſſere Tage geſcheut, und mißbraucht jetzt ſein Wiſſen, um ein thoͤrichtes Weib zu ſeinem Vortheil zu taͤuſchen. Ich bin jetzt den Schelm los, der ſicher das Luͤgen ſich zum Gewerb gemacht hat, nachdem die Arbeit jetzt unfruchtbar iſt. Ich will zuruͤck⸗ gehen. Die Kuͤſte iſt ganz rein, und wer kann ſagen, was zunaͤchſt vorfallen wird.“ Viel von dem Vorhergehenden wurde wirklich auf die ſchon beſchriebene dumpfe Weiſe vorgebracht, waͤhrend das uͤbrige nur gedacht ward, was in Betracht, daß unſer Abentheurer keinen Zuhoͤrer hatte, ganz eben ſo gut war, als wenn er es durch ein Sprachrohr verkuͤndigt. Die auf dieſe Art unbeſtimmt ausgedruͤckte Erwartung konnte je⸗ doch nicht ſo leicht realiſirt werden. Wilder ſprang dem Huͤgel hinauf und bemühte ſich die unbeſorgte Miene eines Muͤßiggaͤngers anzunehmen, wenn vielleicht ſeine Ruͤckkehr Aufſehen machen ſollte; aber obgleich er ſich lange unter den Fenſtern der Mrß. de Lacey aufhielt, konnte er doch ferner nichts von den Bewohnerinnen gewahren. Sehr — 192— deutliche Anzeichen der herannahenden Reiſe wurden an dem Gepaͤck und den Ranzen bemerkhar, die aus dem Gebaͤude nach der Stadt gingen, ſo wie auch an der eiligen geſchaͤf⸗ tigen Weiſe der wenigen Diener, die er zufaͤllig ſahz aber es wollte ſcheinen, als wenn die Hauptperſonen des Hauſes ſich in die inneren Zimmer zuruͤckgezogen, wohl, um ſich vertraulich zu unterhalten, und thraͤnenvollen Abſchied zu nehmen. Er wollte ſich getaͤuſcht und aͤrgerlich von ſeiner ängſtlichen, fruchtloſen Wache zuruͤckziehn, als er nochmals weibliche Stimmen an der inneren Seite der niedrigen Mauer vernahm, an die er ſich gelehnt hatte. Die Toͤne naͤherten ſich, auch waͤhrte es nicht lange, und ſeine ſchar⸗ fen Ohren unterſchieden wieder Gertrudens harmoniſche Stimme. „Wir quaͤlen uns ohne hinlaͤngliche Urſache, Madame,“ ſagte ſie, als die Sprechenden nahe genug kamen, um ge⸗ nau gehoͤrt zu werden;„wenn wir etwas uns die geringſte Unruhe machen laſſen, was ſolch einem— einem Menſchen entfallen iſt.“.. „Ich fuͤhle die Wahrheit von dem, was Du ſagſt, meine Liebe,“ entgegnete die trauernde Stimme ihrer Gouver⸗ nante,„und doch bin ich ſo ſchwach, daß ich ganz und gar eine Art aberglaͤubiſcher Beaͤngſtigung daruͤber nicht los werden kann. Gertrude, moͤchteſt Du dieſen Juͤngling nicht nochmals ſehen 2 „Ich, Madame!“ rief ihr Eleve gleichſam erſchreckt, „Warum ſollten Sie oder ich einen uns ganz Fremden wie⸗ der ſehen wollen? einen, der ſo niedrig— nicht niedrig 4 — 193— vielleicht, aber der doch ſicher keine ganz paſſende Geſell⸗ ſchaft füͤr——⸗ „Fuͤr hochgeborne Damen iſt, wollteſt Du ſagen. Und warum meinſt Du, der junge Mann ſtehe ſo weit unter uns?" Wilder glaubte, es läͤge eine Melodie in den Toͤnen der jugendlichen Stimme des Maͤdchens, welche gewiſſermaßen die Perſoͤnlichkeit entſchuldigte, als ſie antwortete: „Ich bin ſicher nicht ſo ekel in meinen Begriffen von Stand und Geburt als Tante de Lacey,“ ſagte ſie lachend, naber ich muͤßte einige Ihrer eignen Lehren vergeſſen, theure Mrß. Wyllys, wenn ich nicht fuͤhlte, daß Erziehung und Sitte einen merklichen uUnterſchied in den Meinungen und Charakteren von uns armen Sterblichen machen.“ „Sehr wahr, mein Kind; aber ich geſtehe, ich ſah und hoͤrte nichts, was mich noͤthigt zu glauben, der junge Mann, von dem wir ſprechen, ſey ohne Erziehung oder gemein. Im Gegentheil, ſeine Rede und Ausſprache wa⸗ ren die eines Mannes von Stande, und ſein Aeußres paßte ganz zu ſeinem Sprechen. Er hatte die freie, einfache Ma⸗ nier ſeines Standes, aber Du brauchſt nicht jetzt erſt zu lernen, daß Juͤnglinge aus den erſten Famillen in den Pro⸗ vinzen und ſelbſt im Reich oft in die Marine treten.“ „Aber dann ſind's Offiziere, Madame; dieſer, dieſer Mann trug die Kleidung eines gewoͤhnlichen Matroſen.“ „Nicht ganz. Sie war feiner von Stoff und geſchmack⸗ voller als gewoͤhnlich. Ich habe Admirale daſſelbe in ihren Muße⸗Stunden thun ſehen. Seeleute von Stande tragen Cooper's Freibeuter. 1— 3. 13 — 194— oft gerne die Zeichen ihres Gewerbs, ohne ein Abzeichen ihres Rangs.“ „Sie gkauben alſo, er ſey ein Offizier geweſen— viel⸗ leicht in des Koͤnigs Dienſt?20 „Das koͤnnte wohl ſeyn, obgleich die Thatſache, daß kein Kreuzer in dem Hafen liegt, dem zu widerſprechen ſchei⸗ nen moͤchte. Aber nicht ein ſo gleichguͤltiger Umſtand hat das unberechenbare Intereſſe erregt, das ich fuͤr ihn fuͤhle. Gertrude, meine Liebe„es war mein Geſchick, im fruͤheren Leben viel mit Seeleuten zu ſeyn. Ich ſehe ſelten einen von jenem Alter, von dem geiſtvollen, maͤnnlichen Aeußern, ohne mich erregt zu fuͤhlen. Aber ich ermuͤde Dich, laß uns don etwas anderm reden.“ „Gar nicht, Madame;“ fiel Gertrude eiligſt ein.„Da Sie den Fremden fuͤr einen Mann von Stande halten, ſo kann es nichts ſchaden, das heißt, es iſt nicht ganz unſchick⸗ lich, glaub' ich, von ihm zu ſprechen. Kann denn wirklich ſo große Gefahr ſeyn, wie er uns glauben machen moͤchte, wenn wir uns einem Schiff anvertrauen„ von dem wir ſo gute Zeugniſſe haben 2⸗ „Es lag eine ſonderbare, ich haͤtte beinahe geſagt wilde Miſchung von Ironie und Beſorgniß in ſeinem Weſen„ die unerklaͤrlich iſt. Er ſprach ſicher einige Zeit Unſinn, aber dann ſchien er es nicht ohne einen ernſten Zweck zu thun. Gertrude, Ou biſt nicht ſo vertraut mit Schiffsausdruͤcken, wie ich, und vielleicht weißt Du nicht, daß unſere gute Tante in ihrer Bewunderung fuͤr einen Stand, den ſie ſicher ein Recht zu lieben hat, manchmal——. — 195— „Ich weiß es, weiß es; wenigſtens glaubte ich's oft,⸗ ſiel die andere auf eine Weiſe ein, die deutlich zeigte, daß ſie keine Luſt daran fand, bei dieſem unangenehmen Gegenſtande zu verweilen.„Es war jedoch außerordentlich anmaßend, Madame, fuͤr einen Fremden, ſich, wenn er es wirklich that, uͤber eine ſo liebenswuͤrdige, gleichguͤltige Schwachheit luſtig zu machen, wenn es anders eine Schwachheit iſt.“ „So war's,“ fuhr Mrß. Wyllys ſtandhaft fort, da ſie offenbar ſo vieles andere in Gedanken hatte, daß ſie etwas anaufmerkſam gegen das hohe Gefuͤhl der andern wurde; „und doch erſchien er mir nicht wie einer von den leeren Gemuͤthern, die ein Vergnuͤgen daran finden, die Thorhei⸗ ten anderer zur Schau zu legen. Du kannſt Dich erinnern, Gertrude, daß geſtern bei der Ruine Mrß. de Lacey einige Bemerkungen machte, worin ſie ihre Bewunderung an ei⸗ nem Schiff unter Segel ausſprach.“ „Ja, ja, ich erinnere mich,“ ſagte die Nichte etwas un⸗ geduldig. „Eine ihrer Benennungen war ganz beſonders unrichtig, wie ich zufäͤllig durch meine Vertrautheit mit der Seemanns⸗ ſprache weiß.“ 3 „Ich dachte es auch, Ihr Auge ſagte es mir,“ entgeg⸗ nete Gertrude;„aber——“ „Hoͤre, meine Liebe. Es war ſicher nichts beſonders, daß eine Dame einen geringen Fehler in dem Gebrauch ei⸗ ner ſo eignen Sprache machte, aber es iſt ſonderbar, daß ein Seemann ſelbſt gerade den Fehler in demſelben Wort machte. Dieß that der Juͤngling, von welchem wir ſpre⸗ 13* — 196— chen, und was nicht weniger erſtaunlich iſt, der Alte ſtimmte ihm gerade darin bei, als haͤtte er richtig geſprochen.“ „Vielleicht,“ ſagte Gertrude, in einem leiſen Ton,„moͤ⸗ gen ſie gehoͤrt haben, daß Liebe zu dieſer Art von Unter⸗ haltung eine Schwaͤche der Mrß. de Lacey iſt. Ich bin ſicher, jetzt, Madame, koͤnnen Sie den Fremden nicht laͤn⸗ ger fuͤr einen Mann von Stand halten.“ „Ich wuͤrde nicht weiter daran denken, meine Liebe, ge⸗ ſchaͤhe es nicht aus einem Gefuͤhl, das ich weder erklaͤren noch beſtimmen kann. Ich wuͤnſchte, ich koͤnnte ihn noch ein Mal ſehen.“ 3 Ein leiſer Ausruf ihrer Begleiterin unterbrach ihre Worte; und im naͤchſten Augenblick ſprang der Gegenſtand ihrer Gedanken uͤber die Mauer, augenſcheinlich das Rohr aufzuheben, das zu Gertrudens Fuͤßen gefallen war, und ihre Unruhe verurſacht hatte, Nachdem er ſich wegen ſeines Einbruchs auf das Eigenthum der Mrß. de Lacey entſchul⸗ digt, und ſein verlornes Eigenthum wieder erlangt hatte, wollte ſich Wilder langſam zurückziehen, als wenn nichts vorgefallen waͤre. Es war waͤhrend des erſten Augenblicks ſeines Erſcheinens eine Sanftheit und Milde in ſeinem We⸗ ſen, die wahrſcheinlich die juͤngere der Damen uͤberzeugen ſollte, daß er nicht ganz ohne Anſpruͤche auf den Titel ſey, den ſie ihm eben noch verweigert, und die ſicher nicht ohne ihre Wirkung blieb. Das Antlitz der Mrß. Wyllys war blaß, und ihre Lippe zitterte, obgleich die Feſtigkeit ihrer Stimme wie fie ſchnell ſprach, zeigte, daß nicht Unruhe davon die Urſache ſey. mmte „moͤ⸗ inter⸗ h bin laͤn⸗ „ ge⸗ laͤren noch ihre ſtand Rohr und eines chul⸗ atte, ichts licks We⸗ igen ſey, ohne war hrer uhe — 197— „Bleibt einen Augenblick, Sir, wenn Eure Gegenwart nicht anderswo noͤthig iſt; es iſt etwas ſo merkwuͤrdiges in dieſem Begegnen, daß ich wuͤnſchen moͤchte, es zu be⸗ nutzen.“ Wilder verbeugte ſich, und wandte ſich nochmals gegen die Damen, die er eben wie jemand hatte verlaſſen wollen, der fuͤhlte, er haͤtte kein Recht, einen Augenblick laͤnger ſich zu ihnen zu drängen, als noͤthig waͤre, um das wieder zu erlangen, was durch ſeine vorgeſchuͤtzte ungeſchicklichkeit ver⸗ loren worden. Als Mrß. Wyllys fand, daß ihr Wunſch ſo unerwartet erfuͤllt worden, zoͤgerte ſie einen Augenblick ungewiß, wie ſie jetzt beginnen ſollte. „Ich bin ſo kuͤhn geweſen, Sir,“ ſagte ſie mit derſelben Verlegenheit,„wegen der Meinung, die Ihr eben noch über das Schiff ausgeſprochen, das jetzt bereit liegt, in See zu ſtechen, ſobald es vom Wind begünſtigt wird.“ „Die koͤnigliche Karoline?“ entgegnete Wilder nachlaͤſſig. „Das iſt der Name, glaub' ich.“ „Ich hoffe, Madame, daß nichts, was ich geſagt,“ fuhr er ſchnell fort,„Sie gegen das Schiff einnehmen wird· Ich will dafuͤr bürgen, daß es aus gutem Material iſt, und dann hab' ich auch nicht den geringſten Zweifel, daß es gut befehligt wird⸗ „Und doch habt Ihr keinen Anſtand genommen zu ſa⸗ gen, daß Ihr eine Ueberfahrt in dieſem Fahrzeug fuͤr ge⸗ faͤhrlicher anſeht, als in irgend einem andern Schiff, das vielleicht in vielen Monaten einen Hafen der Provinzen ver⸗ laſſen wird.“ — 198— „Das that ich,“ antwortete Wilder auf eine beſtimmte Weiſe. 4 „Wollt Ihr Eure Gruͤnde fuͤr dieſe Meinung ſagen?⸗ „Wenn ich mich recht erinnere, gab ich ſie der Dame an, die ich vor einer Stunde zu ſehen die Ehre hatte.“ „Dieſe, Sir, iſt nicht mehr hier,“ war di iſte Enke gegnung der Mrß. Wyllys;„auch wird ſie ſin, em Fahr⸗ zeug nicht anvertrauen. Dieſe junge Dame und ich mit unſern Begleitern werden die einzigen Paſſagiere ſeyn.“. „So hoͤrte ich,“ entgegnete Wilder, und richtete ſeinen gedankenvollen Blick auf das ſprechende Antlitz der tief da⸗ rin intereſſirten Gertrude. „Und da wir jetzt weiter keinen Irrthum zu befuͤrchten haben, darf ich Euch bitten, die Gruͤnde zu wiederholen, warum Ihr meint, es werde gefaͤhrlich ſeyn, ſich auf der koͤniglichen Karoline einzuſchiffen 2 Wilder ſtarrte, und hatte ſelbſt den Reiz des Erroͤthens, als er dem ruhigen, aufmerkſamen Blick von Mrß. Wyllys forſchendem aber ruhigem Auge begegnete. „Ihr werdet mich nicht wiederholen laſſen, Madame,“ ſtammelte er,„was ich ſchon daruͤber geſagt habe.“⸗ „Das nicht, Sir, ein Mal wird eine ſolche Erklaͤrung genuͤgen; noch glaub' ich, Ihr habt andere Gruͤnde fuͤr Eure Worte?⸗ 5 „Es iſt außerordeutlich ſchwierig fuͤr einen Seemann von Schiffen in andern Worten als in techniſchen zu reden, und das muß ihn offenbar für jemand von Eurem Geſchlecht und L geweſe „ mache der E abhaͤn leute erſt, zu ſo draͤn I 8 2 — 199— und Stande unverſtaͤndlich machen. Ihr ſeyd nie zur See geweſen, Madame?“ „Sehr oft, Sir.“ „Dann darf ich hoffen, mich vielleicht verſtaͤndlich zu machen. Ihr muͤßt wiſſen, Madame, daß nicht wenig bei der Sicherheit eines Schiffs von dem ſehr wichtigen Punkt abhaͤngt, ſeine rechte Seite in der Hoͤhe zu erhalten. See⸗ leute nennen's, es aufrecht erhalten. Nun brauch ich nicht erſt, das weiß ich gewiß, einer Dame von Eurer Einſicht zu ſagen, daß, wenn die Karoline auf den Balken faͤllt, fahr füͤr alle an Bord da ſeyn wurde.“ draͤngende Ge aber wuͤrde man nicht daſſelbe „Nichts kann klarer ſeyn, in jedem Fahrzeug wagen?“ „Ohne Zweifel, wenn ein anderes Schiff umſchluͤge; aber ich hab mein Gewerb viele Jahre betrieben, ohne ein ſolches ungluͤck, ein einziges Mal ausgenommen, zu erfahren. Sodann die Befeſtigungen des Bogenſprits——„ „Sind ſo gut, als je aus der Hand des Seilers kamen,“ ſagte eine Stimme hinter ihnen. Die ganze Geſellſchaft wandte ſich und ſah in einiger Entfernung den ſchon bekannten alten Seemann, auf etwas auf der andern Seite der Mauer ſitzend, an die er ſich ſehr kaltbluͤtig hinlehnte, und von wo er das Ganze des Inneren uͤberblickte. „Ich bin am Waſſer geweſen, um nach dem Wunſche der Madame de Lacey, der Wittwe des verſtorbenen edlen Commandanten und Admirals, nach dem Boot zu ſehen; und moͤgen andre denken, wie ſie wollen, ich bin bereit zu — ——— ſchwoͤren, daß die konigliche Karoline eben ſo gut den Bo⸗ genſprit geſichert hat, als irgend ein Schiff, das die bri⸗ tiſche Flagge fuͤhrt; und das iſt noch nicht alles, was ich zu ihren Gunſten ſagen will; ſie iſt durchaus nett und leicht getakelt und hat nicht mehr eine Mauerſeite, als die Mauern jener Kirche ein. Ich bin ein alter Mann, und meine Rechnung iſt bis ans letzte Blatt des Lagerbuchs ge⸗ kommen, deßwegen iſt der Vortheil gering, den ich habe oder haben kann, in Hinſicht dieſer Brig oder des Schoo⸗ ners, aber ſoviel will ich ſagen, daß es ganz eben ſo ver⸗ rucht und eben ſo wenig verzeihlich iſt, einem geſunden, ſtattlichen Schiff etwas Boͤſes nachzuſagen, als von einem ſterblichen Chriſten unrecht zu reden.“ Der alte Mann ſprach mit Kraft und einem hohen Schein ehrlichen Unwillens, was nicht verfehlte, einigen Eindruck auf die Damen zu machen, waͤhrend zu gleicher Zeit er gewiſſe unangenehme Ermahnungen dem Gewiſſen des einſichtsvollen Wilders machte, „Ihr ſeht, Sir,“" ſagte Mrß. Wyllys, nachdem ſie ver⸗ gebens auf eine Antwort von dem jungen Seemann gewar⸗ tet hatte,„daß es ſehr moͤglich iſt, daß zwei Leute von gleichen Kenntniſſen mit einander uͤber einen Punkt ihrer Wiſſenſchaft uneinig ſind. Was ſoll ich glauben?“ „Was Euch Euer eigner vortrefflicher Verſtand fuͤr das wahrſcheinlich richtigſte darlegt. Ich wiederhole, und mit einer Aufrichtigkelt, fuͤr deren Wahrheit ich den Him⸗ mel zum Zeugen anrufe, daß keine Mutter oder Schweſter von m einſchi 77 7 truder nunft word dem abſch beide ſchen 1 dieſe Aug mich Bli Ver Bo⸗ 2 bri⸗ as ich und 8 die „und s ge⸗ habe ſchoo⸗ ver⸗ nden, einem hohen nigen eicher viſſen ver⸗ war⸗ von ihrer fuͤr und Him⸗ eſter von mir mit meiner Beiſtimmung ſich auf der Karoline einſchiffen ſollte.“ „Das iſt unbegreiflich!“ ſagte Mrß. Wyllys zu Ger⸗ truden gewendet und nur zu ihr ſprechend. Meine Ver⸗ nunft ſagt mir, wir ſind von dieſem jungen Manne genarrt worden, und doch ſind ſeine Verſicherungen ſo ernſt, und dem Anſchein nach ſo aufrichtig, daß ich den Eindruck nicht abſchuͤtteln kann, den ſie gemacht haben. Welchem von den beiden, meine Liebe, moͤchteſt Du am liebſten Glauben ſchenken.“ „Sie wiſſen, Madame, wie ſo ſehr unwiſſend in all dieſen Dingen ich bin;“ ſagte Gertrude und ſenkte ihre Augen auf den falben Halm, den ſie pfluͤcktes“ aber fuͤr mich hat der alte Wicht einen ſehr anmaßenden und boͤſen Blick.“ „Du haͤltſt alſo den Juͤngeren fuͤr wuͤrdiger unſeres Vertrauens?“ „Warum nicht. Da Sie auch glauben, er ſey ein Mann von Stande.“ „Ich weiß nicht, daß ſein hoͤherer Stand im Leben ihn zu groͤßerem Vertrauen berechtigt. Die Leute erlangen oft ſolche Vortheile nur, um ſie zu mißbrauchen.— Ich fuͤrchte, Sir,“ fuhr Mrß. Wyllys zu dem erwartenden Wilder ge⸗ wendet fort, daß, wenn Ihr nicht freimuͤthiger ſeyn wollt, wir uns gendͤthiget ſehen werden, Euch unſer Vertrauen zu verſagen, und noch darauf beſtehen werden, die Gelegen⸗ heit der koͤniglichen Karoline zu benutzen, um nach den Karolina zu kommen.“ — 202— „Von Herzensgrund, Madame, bedaure ich dieſen Ent⸗ ſchluß.⸗ „Ihr koͤnnt ihn noch aͤndern, wenn Ihr aufrichtig ſeyd.“ Wilder ſchien zu ſinnen, und ein oder zwei Mal be⸗ wegten ſich ſeine Lippen, als wolle er ſprechen. Mrß. Wyllys und Gertrude warteten mit geſpannter Erwartung auf ſeine Abſicht, aber nach einer langen und dem Anſchein nach zoͤgernden Pauſe vernichtete er die Erwartung beider, indem er ſagte: „Es thut mir leid, daß ich nicht im Stande bin, mich beſſer verſtändlich zu machen; nur mein Stumpfſinn kann daran Schuld ſeyn. Denn ich verſichere nochmals, daß die Gefahr mir ſo augenſcheinlich iſt, wie die Sonne am Mittag.“ „Dann müſſen wir blind bleiben, Sir,“ entgegnete Mrß. Wyllys mit einem kalten Gruß.„Ich dank Euch fuͤr Euren guͤtigen, freundlichen Willen, aber Ihr könnt uns nicht tadeln, daß wir Eurem Rath nicht folgen wollen, der in ſolches Dunkel gehuͤllt iſt. Doch wird man uns die Unhoͤflichkeit verzeihen, wenn wir Euch auf unſerm Grund und Boden verlaſſen. Die zu unſerer Abreiſe beſtimmte Stunde iſt jetzt gekommen.“ Wilder erwiederte die ernſte Verbeugung der Mrß. Wyllys mit einer eben ſo foͤrmlichen, obgleich er ſich mit mehr Anmuth und Herzlichkeit vor der tiefen aber ſchnellen Begruͤßung Gertrudens Grayſon verneigte. Er blieb je⸗ doch auf derſelben Stelle, wo ſie ihn verließen, bis er ſie in die Vil aͤngſtlie ſchen k leichte legte d Landſt die lei heit 3 ſechs zweite trat, nicht denn 7 traue nem merk der, es i Ent⸗ eichtig al be⸗ Mrß. rtung ſchein eider, mich kann daß e am gnete Euch tönnt ollen, 8 die rund umte Nrß. mit eellen ) je⸗ — 203— die Villa eintreten ſah, und er glaubte ſelbſt, er habe den aͤngſtlichen Ausdruck eines zweiten furchtſamen Blicks erha⸗ ſchen koͤnnen, welchen die letztere nach ihm hinwarf, als ihre leichte Geſtalt ſeinen Augen zu entſchwinden ſchien. Er legte die eine Hand auf die Mauer und ſprang ſo auf die Landſtraße. Als ſeine Fuͤße den Boden beruͤhrten, ſchien die leichte Erſchuͤtterung ihn aus ſeiner Gedankenverſunken⸗ heit zu erwecken, und er ward ſich bewußt, daß er auf ſechs Fuß von dem alten Seemann ſtuͤnde, der nun zum zweiten Mal ſo roh zwiſchen ihn und den Gegenſtand trat, den er ſo ſehr im Herzen trug. Der letztere ließ ihm nicht Zeit, ſeinem Befremden eine Sprache zu geben, denn er redete zuerſt: 3 „Kommt, Bruder,“ ſagte er in einem freundlichen, ver⸗ trauenden Ton, und ſchuͤttelte den Kopf, als wenn er ſei⸗ nem Gefaͤhrten zu zeigen wuͤnſchte, daß er den Betrug merke, den der andre hatte ſpielen wollen;„kommt, Bru⸗ der, Ihr ſeyd in dem Kunſtgriff weit genug gegangen, und es iſt jetzt Zeit, einen andern zu verſuchen. Ei,⸗ ich bin ſelbſt zu meiner Zeit jung geweſen, und ich weiß, daß es ſchwer iſt, dem Teufel einen weiten Auftrag zu geben, wenn er gern mit uns ſegeln will. Aber das Alter bringt uns unſrer Rechnung nahe, und wenn's mit dem Leben an's Knappabtheilen geht, faͤngt der arme Schelm an, mit ſeinen Kniffen ſparſam umzugehen, gerade, wie man das Waſſer ſpart, wenn Windſtille auf einem Schiff eintritt, nachdem es wie Regen Wochen und Monate lang auf dem Verdec herumgegoſſen worden iſt. Ueberlegung kommt mit den — 204— grauen Haaren, und keinem ſchadet's„ wenn er ein wenig davon zu ſeinen uͤbrigen kleinen Vorraͤthen mitnimmt.“ „Ich hatte gehofft, als ich Euch den Fuß des Huͤgels uͤberließ, und ſelbſt den Gipfel nahm," entgegnete Wilder, ohne ſeinen unangenehmen Gefaͤhrten auch nur eines Blicks zu wuͤrdigen,„daß wir fuͤr immer uns getrennt haͤtten; da Ihr jedoch die Anhoͤhe vorzuziehen ſcheint, verlaß ich Euch, ſie nach Belieben zu genießen; ich gehe in die Stadt hinab.⸗ Der Alte ſchuffelte ihm nach auf eine Weiſe, die es Wildern, der jetzt in ſchnellem Schritt war, ſchwierig machte, ihn zu uͤberholen, ohne zu dem unwuͤrdigen Mittel einer wirklichen Flucht ſich herabzulaſſen. Aergerlich uͤber ſich ſelbſt wie uͤber ſeinen Peiniger, wollte er eben gewaltthaͤtig gegen dieſen verfahren, dann aber durch die große Anſtren⸗ gung zu ſich ſelbſt gekommen, maͤßigte er ſeinen Schritt und ſetzte ſeinen Weg mit dem ruhigen Entſchluß fort, alle Erregungen zu bekaͤmpfen, die ſolch ein erbaͤrmliches Weſen in ihm hervorrufen konnte. „Ihr geht unter ſolch einem Trieb der Segel, junger Herr," ſagte der ſtoͤrrige alte Seemann, der immer noch einen oder zwei Schritte zuruͤckblieb,„daß ich alles auf⸗ bieten muß, um mit Euch zu kommen; aber Ihr ſcheint jetzt vernuͤnftig zu werden, und wir koͤnnen ganz wohl den Weg durch ein kleines nuͤtzliches Geſpraͤch verſchoͤnern. Ihr haͤttet beinahe der alten Dame glauben gemacht, das gute Schiff, die koͤnigliche Karoline waͤre der fliehende Hol⸗ laͤnder.⸗ 671 lich D 1, blauer Weiſe Schif rakte wenig t. Huͤgels Wilder, Blicks haͤtten; rlaß ich Stadt die es machte, l einer er ſich tthaͤtig nſtren⸗ Schritt rt, alle Weſen junger r noch 8 auf⸗ ſcheint hl den Ihr gute Hol⸗ — 205— „und warum wolltet Ihr ſie enttaͤuſchen?⸗ fragte ploͤtz⸗ lich Wilder. „Moͤchtet Ihr, daß ein Mann, der fuͤnfzig Jahr dem blauen Waſſer gefolgt iſt, Holz und Eiſen auf ſo wilde Weiſe zu Schanden machen ſoll. Der Charakter eines Schiffs iſt einem alten Seehund ſo theuer, wie der Cha⸗ rakter ſeines Weibes, oder ſeiner Geliebten.“ „Hoͤrt Freund; Ihr lebt, glaub ich, wie andre Leute vom Eſſen und Trinken?“ „Etwas vom erſten und viel vom letzten, entgegnete der andere mit einem unterdruͤckten Laͤcheln. „und Ihr erlangt beides, wie die meiſten Seeleute, durch harte Arbeit, große Wagniſſe und die ſchwerſten Duldungen.“ „Hm; wir verdienen unſer Geld wie Pferde, und ver⸗ thun's wie Eſel; das iſt ſo Sitte mit uns all.“ „Nun, dann habt Ihr eine Gelegenheit, Geld durch geringere Arbeit zu verdienen; ausgeben moͤgt Ihr's nach Eurem Belieben. Wollt Ihr Euch fuͤr einige Stunden in meinen Dienſt begeben, das zum Geſchenk und eben ſo viel zum Lohn, wenn Ihr Euch ehrlich benehmt.“ Der Alte ſtreckte eine Hand aus, und nahm die Guinee, welche Wilder ihm uͤber die Schulter gereicht hatte, ohne es auch nur fuͤr noͤthig zu halten, ſeinen Rekruten an⸗ zuſehen. „Es iſt kein Meſſing!“ ſagte dieſer und hiekt, um das Metall an einem Stein anzuſtoßen. „Es iſt Gold, ſo rein als es je aus der Münze kam.“ Der andere ſteckte ſehr kalt das Geldſtuͤck ein, und dann fragte er mit einem gewiſſen entſchloſſenen, beſtimmten Weſen, als ob er jetzt zu allem bereit waͤre. „Welche Huͤhnerſteige ſoll ich dafuͤr berauben?„ „Nichts ſo niedriges ſollt Ihr thun; Ihr habt nur etwas von dem auszufuüͤhren, was, wie ich glaube, Euch nicht fremd iſt. Koͤnnt Ihr ein falſches Buch fuͤhren?⸗ „Ei, und darauf gelegentlich ſchwoͤren. Ich verſtehe Euch. Ihr ſeyd's muͤde, die Wahrheit, wie ein neugelegtes Seil zu drehen, und Ihr wollt mir das Ding uͤber⸗ tragen? „Etwas von der Art. Ihr muͤ was Ihr von jenem Schiff geſagt hab genug ſeyd, auf die Wetterſeite der kommen, muͤßt Ihr Euren Vortheil be Sachen noch ein wenig ſchlimmer mach ſtellt habe. Sagt mir„ damit ich von theilen kann, ſegeltet Ihr je in Wahr gen Contreadmiral?⸗ „So wahr ich ein ehrlicher und religioͤſer Chriſt bin, ich hoͤrte nie fruͤher als geſtern von dem ehrlichen Alten. §, Ihr koͤnnt mir darin vertrauen; ich verderbe nicht leicht eine Geſchichte aus Mangel an Thatſachen.“ „Ich denke, es wird gehen. Nun hoͤrt auf meinen Mlan——. ft alles wiberrufen, t; und da Ihr liſtig Mrß. de Lacey zu mutzen, indem er die t, als ich ſie darge⸗ Eurer Faͤhigkeit ur⸗ heit mit dem wuͤrdi⸗ „„ Haltet, wuͤrdiger Gefaͤhrte, „ Steine haben Ohren, wiſſen, daß auf einem “ ſiel der andere ein; ſagen ſie an der Kuͤſte, wir Seeleute Schiff die Pumpen hoͤren koͤnnen. 4 Habt verne i G 1, J zugehe den W zwei genug hige d eben Wirtl hinun unſer ander 77 den. geſch was ſchich uns Ihr ich e mie cher n, und immten öt nur h nicht erſtehe elegtes uͤber⸗ rufen, liſtig ey zu er die darge⸗ t ure uͤrdi⸗ bin, lten. leicht inen ein; eute nen. — 207— Habt Ihr je von einem Ort, wie die ſchlimme Anker⸗Ta⸗ verne in dieſer Stadt gehoͤrt?“ „Ich bin darin geweſen.“ „Ich hoffe, Ihr liebt ſie hinlaͤnglich, um nochmals hin⸗ zugehen. Hier wollen wir uns trennen. Ihr ſollt gegen den Wind ſegeln, da Ihr am leichteſten ſeyd und ein oder zwei Gaͤnge unter dieſen Haͤuſern machen, bis Ihr ſtark genug ſeyd, jene Kirche zu umſegeln. Dann habt Ihr ru⸗ hige Fahrt hinunter bis zum herzlichen Joe Joram, wo eben ſo koͤſtlicher Ankergrund zu ſinden iſt, als an einem Wirthshaus in den Kolonien. Ich will mich dem Huͤgel hinunter wegmachen, und in Betracht der Verſchiedenheit in anſerer Art zu ſegeln, werden wir nicht lange nach ein⸗ ander im Hafen ſeyn.“ „Und was ſoll durch ſo viel Manoͤvre gewonnen wer⸗ den. Koͤnnt Ihr auf nichts hoͤren, was nicht durch Rum geſchaͤrft iſt?“ „Ihr beleidigt mich durch das Wort. Ihr ſollt ſehen, was es heißt, einen nuchternen Boten auf Gaͤnge wegzu⸗ ſchicken, wenn die Zeit kommt. Aber denkt nur, man ſieht uns mit einander auf der Landſtraße ſprechen,— ei, wie Ihr jetzt ſchon in ſo ſchlechtem Ruf ſteht, ſo werde auch ich all meinen Eredit bei den Damen verlieren.“ „Darin moͤchtet Ihr Recht haben. Eilt Euch denn⸗ mich zu treffen, denn da ſie von baldigem Einſchiffen ſpra⸗ chen, ſo iſt kein Augenblick zu verlieren.“ „Fuͤrchtet nicht, daß ſie ſo ſchnell aufbrechen,“ ent⸗ gegnete der Alte und hielt die Hand uͤber den Kopf, um — 208— den Wind aufzufangen.„Es iſt noch nicht Luft genug, die brennenden Wangen jener jungen Schoͤnheit zu kuͤhlen, und verlaßt Euch darauf, das Signal wird ihnen nicht eher gegeben werden, als bis die Seeluft huͤbſch heran⸗ koͤmmt.“ Wilder winkte mit der Hand und ſchritt leicht laͤngs des Weges hin, den der andre ihm angedeutet hatte; er bruͤtete uͤber der Redeſigur, die die friſchen, jugendlichen Reize Gertrudens ſelbſt einem ſo alten und rohen, wie ſein neuer Alliirter war, abgepreßt hatten. Sein Gefaͤhrte folgte fuͤr einen Augenblick ſeiner Geſtalt, mit einem ver⸗ gnuͤgten Blick und ironiſchen Ausdruck des Auges und dann beſchleunigte auch er ſeine Schritte, um zu gehoͤriger Zeit den Ort des Stelldicheins zu erreichen. 8 —— — genug, uͤhlen, nicht heran⸗ laͤngs e; er lichen e ſein faͤhrte ver⸗ dann Zeit Zehntes Kapitel. „und warne ihn, daß thöricht' Red' er ja ſich nicht erlaube.“ Winter's Erzähluns. Als ſich Wilder dem ſchlimmen Anker naherte, gewahrte er jedes Zeichen einer maͤchtigen Erregung, die im Schooße der bis jetzt friedlichen Stadt herrſchte. Mehr als die Haͤlfte der Weiber und vielleicht ein Viertel aller Maͤnner in einer betraͤchtlichen Naͤhe jenes wohlbekannten Wirths⸗ hauſes, hatten ſich vor deſſen Thuͤr verſammelt, und lauſch⸗ ten auf ein Individuum von jenem Geſchlecht, welches in ſo ſchrillen und durchdringenden Toͤnen deklamirte, daß es ſelbſt den Eigenthüͤmern der neugierigen und aufmerkſamen Geſichtern in dem aͤußeren Kreis des Haufens nicht den geringſten vernuͤnftigen Grund ließ, ſich wegen Partheilich⸗ keit zu beklagen. Unſer Abentheurer zoͤgerte, aus einem ploͤtzlichen Schuldbewußtſeyn eines Mannes, der nur eben erſt ſich in ſolche Unternehmungen eingelaſſen hatte, wie die waren, zu denen er erſt kuͤrzlich angeworben worden; er Cooper's Freibeuter. 1— 3. 14 —.— ——— — 210— zögerte, als er zuerſt dieſe Zeichen von Bewegung ſahz auch konnte er ſich nicht eher entſchließen weiter zu gehen, als bis er einen Blick auf ſeinen bejahrten Gefäaͤhrten geworfen, der ſich ſeinen Weg mit dem Ellenbogen mitten durch die Maſſe mit einer Ausdauer und Kraft bahnte, welche ihn gerade und ſchnell vor die zu bringen verſprach, die in ſo laute und durchdringende Klagen ausbrach. Ermuthigt durch dieſes Beiſpiel, ſchritt der junge Mann vor, aber war zu⸗ frieden, ſeine Stellung für einen Augenblick an einem Orte zu nehmen, der ihm den gaͤnzlichen Gebrauch ſeiner Glieder ließ, und folglich in einer Lage, um zeitig den Ruͤckzug an⸗ zutreten, wenn die letzte Maßregel uͤberhaupt noͤthig wer⸗ den ſollte. „Ich rufe Euch auf, Earthly Potter, und Euch, Pre⸗ ſerved Green, und Euch, Faithful Wanton,“ rief Deſiderie als er nahe genug kam, um zu hoͤren, nachdem ſie etwas Athem erhaſcht, ehe ſie in ihrem ruͤhrenden Anruf an die Nachbarſchaft fortfuhr,„und Euch auch, Upright Crook, und Euch Relent Flint, und Euch Wealthy Poor, Euch ruf ich auf, Zeugen zu ſeyn und Beſtaͤtiger meiner Worte⸗ Ihr, alle und jede von Euch, koͤnnt beſtaͤtigen, wenn es noͤthig ſeyn ſollte, daß ich immer eine dienende und liebende Gattin dieſes Mannes geweſen bin, der mich in meinem Alter verlaſſen, und ſo viele Kinder außerdem mir aufge⸗ buͤrdet hat zu ernaͤhren und erziehen.“ „Welchen Beweis hat man,“ unterbrach ſie der Wirth zum ſchlimmen Anker ſehr zur Unzeit,„daß der gute Mann ſich verſteckt hat. Es war ein froͤhlicher Tag, der eben auch „als rfen, h die 2 ihn in ſo durch r zu⸗ Orte ieder an⸗ wer⸗ Pre⸗ derie twas n die rook, h ruf orte. in es bende einem ufge⸗ Lirth tann eben — 214— vergangen, und es iſt ganz wahrſcheinlich zu glauben, daß Euer Gemahl, wie einige andere, die ich nennen kann,— ich werde jedoch nicht ſo unklug ſeyn, es zu thun— ein wenig, was man heißt, wie ſeyd Ihr ſo geworden? gewe⸗ ſen iſt, und daß ſein Raͤuſchchen laͤnger anhaͤlt wie ge⸗ woͤhnlich. Ich wette, wir werden alle den ehrlichen Schnei⸗ der in kurzem aus einem der Schoppen hervorkriechen ſe⸗ hen, ſo friſch und ſo begierig nach ſeinem Bittren, als hätte er ſeine Kehle nicht mit kaltem Waſſer, ſeit dem letz⸗ ten allgemeinen Freudetag ausgeſpuͤhlt.“ Ein dumpfes, aber faſt allgemeines Lachen folgte auf dieſen Verſuch von Kneipenwitz, obgleich es ihm nicht ge⸗ lang, ſelbſt nur ein Lächeln dem ungerührten Geſicht De⸗ ſiderien's zu entlocken, welches durch ſeine ſchmerzlichen Zuͤge all den Lachmuſkeln den Abſchied gegeben zu haben ſchien. „Nicht er, nicht er,“ rief die untroͤſtliche Gattin des Guten; ner hat nicht das Herz, durch loyales Trinken bei einer ſolchen Gelegenheit ſich Muth zu machen, und luſtig zu ſeyn zu Ehren Sr. Maj.; er war ein Mann ganz fuͤr die Arbeit, und hauptſaͤchlich wegen feines mühſamen Er⸗ werbs hab ich Urſache zu klagen⸗ Nachdem ich ſo lange ge⸗ wohnt geweſen, mich auf ſeine Arbeit zu verlaſſen, iſt es ein hartes Kreuz fuͤr ein verlaſſenes Weib, ploͤtzlich und gaͤnzlich ſich ſelbſt uͤberlaſſen zu ſeyn. Aber ich will mich an ihm raͤchen, wenn noch ein Geſetz in Rhode Iſland oder in den Providenz⸗Pflanzungen zu ſinden iſt! Er mag ja ſein erbärmliches Antlitz waͤhrend der geſetzmaͤßigen Zeit aus meinen Augen halten, und dann, wenn er zuruͤckkommt, 14* — 212— ſoll er, wie mancher Vagabund vor ihm ſich ohne ein Weib finden, ſowie auch er ohne Haus ſeyn ſoll, ſein verruchtes Haupt hinzulegen.“*) Darauf warf ſie einen Blick auf das forſchende Antlitz des alten Seemanns, der um dieſe Zeit bis an ihre Saite hingedrungen und fügte ploͤtzlich hinzu: „Hier iſt ein Fremder an dieſem Ort, einer, der kuͤrzlich gekommen. Seyd Ihr einem herumſtreichenden Vagabunden begegnet, Freund, auf Eurer Reiſe hierher?⸗ „Ich hatte zu viel Muͤhe, mein altes Wrack auf dem trocknen Land fortzuſtoßen, um den Namen und den Cha⸗ rakter jedes Fahrzeugs aufzumerken, auf das ich ſtieß,“ ent⸗ gegnete der andere mit außerordentlicher Ruhe; nund doch, da Ihr davon ſprecht, erinnere ich mich, mit einem armen Schelm zuſammengekommen zu ſeyn, gerade um den An⸗ fang der Nachtwache, hier herum, in dem Gebuͤſch zwiſchen der Stadt und der kleinen Faͤhrte, die nach der Meerenge fuͤhrt.⸗ „Was war's fuͤr ein Mann?" fragten fuͤnf oder ſechs ängſtliche Stimmen in einem Athem; unter denen jedoch Deſideriens Toͤne ihre Oberherrſchaft behaupteten, in dem ſie ſich uͤber die aller andern wie die Striche eines Künſt⸗ *) Es möchte nach dieſer Erklärung ſcheinen, daß gewiſſe leguale Alterthümler, die behauptet haben, die Gemeinde verdanke Deſiderien die unceremoniöſe Weiſe, das Ehe⸗ band zu löſen, welche, wie man wohl weiß, bis auf dieſe Stunde in der Gemeinde beſteht, von der ſie ein Glied war, gänzlich im Irrthume ſind. Sie kam of⸗ fenbar nicht durch ihr Beiſpiel auf, da ſie deutlich darauf anſpielt, als auf ein Mittel, zu dem ſchon andere belei⸗ digte Unſchuldige von ihrem Geſchſecht ihre Zuflucht genommen. 3 A. d. V. — 213— lers erhoben, der uͤber den beſcheidneren Toͤnen der uͤbrigen Truppe thront. „Was für ein Mann! Ei, ein Burſche, ſeine Arme vorwaͤrts, wie bei einem Schiff, und ſeine Beine ſchritten, nun freilich wie die jedes andern Chriſten; aber nun, da Ihr davon ſprecht, erinnere ich mich, daß er etwas von ei⸗ nem Schafſchenkel in einem ſeiner Beine hatte, und ziem⸗ lich ſtrauchelte, woͤhrend er vorwäͤrts ging.“ „Er war's,“ fiel derſelbe Chor ein. Fuͤnf oder ſechs der Sprecher ſtahlen ſich ſogleich langſam aus dem Ge⸗ draͤng, in der loͤblichen Abſicht, dem Schuldigen nachzueilen, um ſich die Bezahlung gewiſſer kleiner Rechnungsbilanzen zu ſichern, worin der unglüͤckliche, vielfach gefaͤhrtete Arme den einzelnen verſchuldet war. Haͤtten wir Zeit, die Art zu erwaͤhnen, wie dieſe preiswuͤrdigen Bemüͤhungen, einen ehrlichen Batzen zuruͤckzulegen, betrieben wurden, der Leſer wuͤrde viel Unterhaltung in dem geheimen Eifer finden, mit dem jeder wuͤrdige Handelsmann ſich beſtrebte, ſeinen Naͤch⸗ ſten zu uͤberliſten, ſowie auch in den klugen Ausfluͤchten, die angewandt wurden, ihre wahren Abſichten zu ver⸗ ſchleiern, als alle an der Faͤhrte ankamen, betrogen und getaͤuſcht in ihren Planen. Da jedoch Deſiderie weder ge⸗ ſetzliche Anſpruͤche an, noch Hoffnung auf freundliche Aus⸗ gleichung von ihrem verraͤtheriſchen Manne hatte, begnuͤgte ſie ſich, an der Stelle ſelbſt ſolche weitere Nachſuchungen nach dem Fluͤchtigen zu machen, wie ſie ihr gut duͤnkten. Es iſt moͤglich, daß das Glück der Freiheit, in Geſtalt der beabſichtigten Scheidung, ſchon vor ihrem raſtloſen Geiſte — 214— mit der beſaͤnftigenden Ausſicht einer zweiten Ehe ſchwebte, und erhoͤht ward durch den Einfluß eines andern Gemaͤldes, wie ſie es ſich von den Ruͤckerinnerungen ihrer erſten Liebe abziehen konnte. Dieſes alles hatte dann eine offenbare Hin⸗ neigung, ihre geſchwaͤchten Geiſter zu beſchwichtigen, und ihren folgenden Fragen eine gewiſſe Angemeſſenheit und Kraft zu geben. „Hatte er einen diebiſchen Blick?“ fragte ſie, ohne auf die Weiſe zu achten, wie ſie ploͤtzlich von allen denen ver⸗ laſſen worden, die eben noch ihre groͤßte Theilnahme an ihrem Verluſt ausgeſprochen hatten.„Hatte er das Aeußre eines verſtohlnen Weglaͤufers?⸗ „Was ſein Kopfſtuͤck betrifft, ſo mach' ich mich nicht verbindlich, ein genaues Bild davon zu entwerfen,“ entgeg⸗ nete der alte Seemann; nobgleich er ausſah, als wenn er ziemlich lange im unterſten Schiffsraum gehalten worden. Wenn ich meine Meinung ſagen ſoll, hatte der arme Teu⸗ fel zu viel—— ⸗ „Muͤßige Zeit gehabt, wolltet Ihr ſagen; ja, ja, es iſt ſein Ungluͤck geweſen, daß er in der letzten Zeit viel außer Arbeit war, und Laſter iſt in ſeinen Kopf gekommen, weil er nichts beſſeres zum Nachdenken hatte. Zu viel——„ „Weib,“ fiel der Alte mit Nachdruck ein. Ein zweites allgemeines und weit weniger zweideutiges Lachen auf Un⸗ koſten der Deſiederie folgte auf dieſe ploͤtzliche Erklaͤrung⸗ Nicht eingeſchuͤchtert durch ſolch ein offenbares Beiſtimmen, begann das unerſchrockne Mannweib wieder: „Ach, Ihr kennt ſchlecht die Leiden und Geduld, welche — 215— gehabt habe. Sah der ich mit dem Manne ſo viele Jahre als wenn er eine belei⸗ Burſche, dem Ihr begegnetet aus, digte Frau verlaſſen?“ „Ich kann nicht ſagen, daß etwas an ihm verrieth, daß das Weib, welches er vor Anker zuruͤckgeleſſen, mehr oder weniger beleidigt war;“ entgegnete der Theer mit loͤblichem Scharfſinn,„aber manches zeigte an ihm, daß wie und wo immer er ſein Weib verlaſſen haben mochte, wenn es ſein Weib war, er es doch nicht fuͤr angemeſſen gehalten hatte, ihr eine angemeſſene Ausſteuer zuruͤckzulaſſen. Der Mann hatte viel von weiblichem Putz um ſeinen Nacken, den er, glaub ich, lieber hatte, als ihre Arme.“ „Was!“ rief Deſiderie und ſah entſetzt aus,„hat er mich zu berauben gewagt! Was hatte er von dem Meini⸗ gen? Doch nicht die goldnen Knoͤpfe?“ „Ich moͤchte nicht ſchwoͤren, daß es nicht falſch ge⸗ weſen.“ „Der Schurke!“ fuhr die erboßte Megaͤre fort, und ſchnappte nach Athem, wie jemand, der eben laͤnger unter's Waſſer getaucht worden, als es der Menſchen⸗Natur ange⸗ nehm iſt. Sie draͤngte ſich durch den Haufen mit einer Kraft, die ſie bald in den Stand ſetzte, zu ihren geheimen Kiſten zu eilen, um ſich uͤber die Groͤße ihres Verluſtes zu vergewiſſern,„der gotteslaͤſterliche Schelm! Das Weib ſei⸗ nes Buſens zu berauben, die Mutter ſeiner eignen Kinder und——“ „Nun, nun,“ ſiel der Wirth zum ſchlimmen Anker wie⸗ der mit ſeiner unzeitigen Stimme ein;„ich hoͤrte nie vor⸗ — 216— her, daß man den ehrlichen Mann im Verdacht einer Schel⸗ merei gehabt, obgleich die Nachbarſchaft ihm immer gern den Namen Haſenherz gab.“ Der alte Seemann ſah dem Wirth feſt in's Geſicht, und viel Ausdruck lag in ſeinem Auge, als er antwortete: „Wenn der ehrliche Schneider nie jemand anders als dieß Mannweib beraubte, ſo koͤnnte man ihm keine große diebiſche Anlage zur Laſt legen; denn jeder Knopf, den er bei ſich hatte, waͤre nicht hinreichend geweſen, die Ueber⸗ fahrt zu bezahlen. Ich wollte all das Gold an ſeinem Nacken in meinem Auge tragen, und doch nicht ſchlechter in ſeiner Geſellſchaft mich ausnehmen. Aber es iſt eine Schande, den Eingang in eine privilegirte Taverne durch ſolch einen Haufen zu verſperren, als waͤr's ein mit einem Embargo belegter Hafen; und ſo hab' ich das Weib zu ih⸗ ren Pretioſen und all die Muͤßigen, wie Ihr ſehr, ihr nachgeſchickt.“ Joe Joram ſtarrte den Redenden an, als ſtuͤnde er un⸗ ter einem geheimnißvollen Zauber; er antwortete, er veraͤn⸗ derte die Richtung ſeines Auges faſt eine Minute nicht. Dann plöͤtzlich in ein helles, maͤchtiges Lachen ausbrechend, als wolle er nicht zuruͤckbleiben im Jauchzen uͤber das Kunſt⸗ ſtuͤck, welches ſicher den Haufen von ſeiner Thuͤr zu der des abweſenden Schneiders gebracht hatte, ſtreckte er ſeine Hand zum Gruß aus, und rief: „Willkommen, Du Theer⸗Bob, willkommen, alter Junge, willkommen! Aus welcher Wolke ſeyd Ihr gefallen? Wel⸗ Schel⸗ gern „ und s als große en er leber⸗ einem er in eine durch einem u ih⸗ „ihr un⸗ rraͤn⸗ nicht. hend, unſt⸗ der ſeine ange, Wel- 1 — 217— cher Wind hat Euch getrieben, daß Newport nochmals Euer Hafen iſt?“ „Zuviel Fragen, um ſie auf einer offnen Rhede zu be⸗ antworten, Freund Joram; und dann auch ein zu trockner Gegenſtand fuͤr eine ſchnelle Unterhaltung. Wenn ich in einer von Euren inneren Kazüten eingeſetzt bin, mit einem Gläͤschen Flip und einem Mundvoll gutem Roth⸗Iſland⸗ Fleiſch in erreichbarer Naͤhe, dann ſoviel Fragen Ihr wollt, und ſoviel Antworten, wie meinem Appetit genehm ſind.“ „Und wer ſoll den Pfeifer bezahlen, ehrlicher Bob? Welcher Schiffsſchatzmeiſter wird jetzt Eure Zeche berichti⸗ gen?“ fuhr der Wirth fort, fuͤhrte jedoch den alten See⸗ mann mit einer Bereitwilligkeit ein, welche dem in ſeinen Worten liegenden Zweifel in Hinſicht der Belohnung einer ſo außerordentlichen Hoͤflichkeit zu wiederſprechen ſchien. „Wer?“ begann der andere, und holte das eben erſt von Wilder empfangene Geld auf eine Weiſe hervor, daß es von den wenigen Beiſtehenden, welche noch zuruͤckblieben, geſehen werden konnte, als wollte er ſelbſt einen hintaͤng⸗ lichen Grund fuͤr die ausgezeichnete Weiſe, wie er empfan⸗ gen worden, angeben;„wer als dieſer Herr? Ich kann mich ruͤhmen, von dem Angeſicht Sr. geheiligten Majeſtaͤt, Gott ſegne ſie, ſelbſt erleuchtet zu ſeyn.“ „Gott ſegne ſie!“ wiederholten verſchiedene loyale Vaſal⸗ len, und zwar an einem Ort, der ſeitdem ſo ganz verſchied⸗ nes Geſchrei gehoͤrt hat, und wo dieſelben Worte jetzt faſt eben ſo viel Staunen, obgleich weit weniger Schrecken als ein Erdbeben erregen wuͤrden. — 218— „Gott ſegne ſie!“⸗ wiederholte Joram, oͤffnete die Thuͤre eines inneren Zimmers, und bedeutete ſeinen Kunden hin⸗ ein;„ſie, und alle, die ihres Antlitzes gewuͤrdigt werden! Geht ein, alter Bob, und bald ſollt Ihr mit einem halben Ochſen kaͤmpfen.“⸗ Wilder, der ſich der aͤußeren Thuͤr der Taverne genaͤhrt hatte, als der Haufen wich, ſah den Ruͤckzug der beiden Wuͤrdigen in das innere Haus, und trat ſelbſt alsbald in die Stube. Waͤhrend er uͤber die Art nachdachte, wie er mit ſeinem neuen Verbuͤndeten eine Unterredung anknuͤpfen ſollte, ohne zu ſehr die Aufmerkſamkeit eines ſo ſonderbaren Gefäͤhrten auf ſich zu ziehen, kehrte der Wirth ſelbſt zu⸗ rück, ihm zu helfen. Nachdem er einen haſtigen Blick im, Zimmer herumgeworfen, blieb ſein Auge auf unſerem Aben⸗ theurer haften, dem er ſich auf halb zogernde, halb ent⸗ ſchloſſene Weiſe naͤherte. „Welche Ausſicht, Sir, zu einem Schiff?“ fragte er, und betrachtete jetzt zum erſten Mal den Fremden, mit dem er am Morgen vorher eine Unterredung gehabt hatte.„Mehr Haͤnde, als Stellen, ſie in Anſpruch zu nehmen?⸗ „Ich weiß nicht, ob es ſo iſt. Auf meinem Weg nach dem Huͤgel begegnete ich einem alten Seemann, der——„ „Hm,“ unterbrach ihn der Wirth mit einem verſtaͤnd⸗ lichen, obgleich verſtohlenen Zeichen, ihm zu folgen.„Ihr werdet's paſſender finden, Sir, Euer Fruͤhſtuͤck in einem andern Zimmer einzunehmen.“ Wilder folgte ſeinem Fuͤh⸗ rer, der das oͤffentliche Zimmer durch eine Thuͤr verließ, die von jener verſchieden war, durch welche er ſeinen an⸗ , Thuͤre den hin⸗ verden! halben genaͤhrt beiden Bbald in wie er knuͤpfen— herbaren lbſt zu⸗ Zlick im n Aben⸗ alb ent⸗ agte er, nit dem „Mehr eg nach erſtaͤnd⸗ „Ihr n einem m Fuͤh⸗ verließ, nen an⸗ — — 219— dern Gaſt in das Innere des Hauſes gebracht hatte, und verwunderte ſich uͤber die geheimnißvolle Art, die der Gaſt⸗ halter bei dieſer Gelegenheit hatte annehmen wollen. Nach⸗ dem er ihn einen Umweg geführt, zeigte er Wilder in tie⸗ fem Schweigen einer geheime Treppe hinauf, gerade in die Belle Etage des Hauſes. Hier klopfte er leiſe an einer Thuͤr, und wurde hereingerufen von einer Stimme, die un⸗ ſern Abentheurer durch ihre Tiefe und Strenge entſetzte. Als er ſich jedoch in einem niedrigen, engen Zimmer fand, ſah er keinen andern Bewohner deſſelben, als den Seemann, der eben von dem Wirth als ein alter Bekannter und mit einem Namen begruͤßt worden war, auf den er wohl durch ſeinen Anzug als der Theer⸗Bob Anſpruch machen konnte. Waͤhrend Wilder um ſich ſtaunte, ſehr verwundert uͤber die Lage, worin er ſich befand, ging der Wirth foxt/ und er ſah ſich wieder allein mit ſeinem Verbuͤndeten.⸗ Dieſer war ſchon mit der Betrachtung eines Stücks des eben erwaͤhn⸗ ten Ochſes beſchaͤftigt, und goß etwas Fläſſiges hinunter, was ebenfalls nach ſeinem Geſchmack ſchien, obgleich nicht viel Zeit auf die Bereitung des Getraͤnks verwandt worden, das er hatte befehlen wollen. Ohne ſeinem Beſuch zu viel mehr Betrachtungen Zeit zu laſſen, gab ihm der alte See⸗ mann einen Wink, den einzigen noch leeren Stuhl im Zim⸗ mer einzunehmen, während er mit ſeiner Beſchaͤftigung an dem Rindöſtück mit eben ſo viel Eifer fortfuhr, als wenn keine Unterbrechung vorgefallen. „Der ehrliche Joe Joram macht ſich immer aus ſeinem Kunden einen Freund;“ ſagte er, nachdem er einen Schluck —--:Ö ͤ ͤͤͤ gethan, der die Flaſche zu Ende zu bringen drohte.„Es iſt ſolch ein Wohlgeruch in ſeinem Fleiſch, daß man es fuͤr eine Meerbuttfinne halten koͤnnte. Ihr ſeyd in fremden Laͤnder geweſen, Freund, oder ich darf Euch auch Schiffs⸗ genoß nennen, da wir beide nahe beiſammen ankerten, aber Ihr ſeyd ſicher in der Fremde geweſen?“ „Oft; ſonſt muͤßt' ich ein erbaͤrmlicher Seemann ſeyn.“ „Dann ſagt mir frei, ſeyd Ihr je in einem Reich gewe⸗ ſen, das ſolche Rationen liefern kann, Fiſche, Fleiſch, Ge⸗ flügel und Obſt,— wie dieß edle Amerika, wo wir nun beide ankern? Wo wir auch belde geboren ſind?⸗ „Es wuͤrde die Vaterlandsliebe ein wenig zu weit trei⸗ ben heißen, wenn man an ſolche alleinige Vorzuͤglichkeit glaubte;“ entgegnete Wilder, der das Geſpraͤch von dem wahren Zweck entfernt halten wollte, bis er Zeit haͤtte, ſeine Ideen zu ordnen, und ſich zu verſichern, daß er kei⸗ nen andern Zuhoͤrer habe, als ſeinen ſichtbaren Gefaͤhrten. „Es iſt allgemein angenommen, daß uns England in allem dieſem uͤbertrifft.“ „Von wem? Von Euren Nichtswiſſern und kuͤhnen Sprechern. Aber ich, der die vier Welttheile geſehen hat, und außerdem auch viel vom Waſſer, ich ſtrafe ſolche leere Prahler Luͤgen. Wir ſind Kolonien, Freund, Kolonien, und es iſt eben ſo kuͤhn fuͤr eine Kolonie, der Mutter zu ſagen, daß ſie Vortheil vor ihr in dieſem oder jenen Stuͤck hat, wie es kuͤhn von einem Vordermaſt⸗Jack yn wuͤrde, wenn er ſeinem Offizier ſagen wollte, er hahe Unrecht, wenn's 4 auch we Wie ſol „M „Je habe zu Wache auf den ſchaͤftig haben Geſetze ges D druͤckt machen Fruͤcht von d viel g ich de habe laſſen Prov Engl dem den, und kann in e „„Es es fuͤr remden Schiffs⸗ I, aber ſeyn.“ gewe⸗ h, Ge⸗ ir nun it trei⸗ llichkeit n dem haͤtte, er kei⸗ aͤhrten. allem kuͤhnen en hat, he leere n, und ſagen, ick hat, „wenn wenn’s auch wahr waͤre. Ich bin nur ein armer Mann, Mr— Wie ſoll ich Ew. Gnaden nennen?“ „Mich! Mein Name?— Harris.“ „Ich bin nur ein armer Mann, Mr. Harris; aber ich habe zu meiner Zeit, alt und rußig, wie ich ſcheine, eine Wache gehabt; auch hab' ich ſo viele lange Nächte nicht auf dem Verdeck zugebracht, ohne meine Gedanken zu be⸗ ſchäftigen, obgleich ich nicht ſo viel Philoſophie eingefaßt haben mag, wie ein bezahlter Dorſpfarrer oder beſoldeter Geſetzesmann. Laßt mich Euch ſagen, es iſt ein engherzi⸗ ges Ding, nichts zu ſeyn als ein Kolonienbewohner⸗ Es drückt den Geiſt nieder, und traͤgt dazu bei, ihn zu dem zu machen, was ſeine Herren wünſchten. Ich will nichts von Fruͤchten, Fleiſchſpeiſen, und anderem Eßwerk ſagen, das von dem Land herkommt, von dem beide ich und Ihr wir viel gehoͤrt haben und wiſſen; nur nach jener Sonne moͤchte ich deuten, und dann fragen, ob Ihr meint, Koͤnig Georg habe die Macht, ſie auf dem Stuͤckchen Inſel ſcheinen zu laſſen, wo er lebt, ſo, wie ſie hier ſcheint in ſeinen weiten Provinzen von Amerika?“ „Sicher nicht; und doch wißt Ihr, daß jeder zugibt, Englands Produkte ſeyen ſo ſehr vorzuͤglicher——“ „Ei, eine Kolonie ſegelt immer mit ihrer Mutter unter dem Wind. Das Reden macht alles, Freund Harris. Re⸗ den, Reden, Reden; man kann ſich in ein Fieber reden, und eine Schiffsgeſellſchaft am Ohr herumfuͤhren. Man kann eine Kirſche zu einem Pfirſich und einen Gruͤndling in einen Wallfiſch herumreden. Nun, hier iſt dieſe ganze —ͤͤͤͤͤͤ111A —— weite Kuͤſte von Amerika, und all ſeine Stroͤme und See'n und Baͤche, voll von ſolchen Schätzen, daß jeder davon ge⸗ deihen kann, und doch, doch ſprechen Sr. Majeſtaͤt Diener, die zu uns kommen, von ihren Meerbutten, Schollen, und ihren Karpfen, als wenn der Herr nur ſolche Fiſche ge⸗ macht, und der Teufel die andern durch die Finger haͤtte ſchluͤpfen laſſen, ohne nur um Erlaubniß zu fragen.“ „Wilder wandte ſich, und warf einen Blick voll Stau⸗ nen auf den Alten, der zu eſſen fortfuhr, als wenn er nichts geſagt, was nicht als eine ganz gewoͤhnliche Meinung koͤnnte angeſehen werden.“ „Ihr ſeyd mehr fuͤr Euer Geburtsland, als fuͤr den Koͤ⸗ nig, Freund;6 ſagte der junge Seemann ein wenig ſtreng. „Ich bin wenigſtens nicht fuͤr ſeine Fiſche; was der Herr gemacht, davon hoffe ich, kann man ohne Vergehen ſprechen. Was die Regierung betrifft, das iſt ein von Menſchenhaͤnden gedrehter Tau, und——„ „Und was?“ fragte Wilder, als er den andern ſtok⸗ ken ſah: „Hm! Ich meine, der Menſch wird ſein eignes Werk zerſtoͤren, wenn er nichts beſſeres zu thun hat. Doch nichts fuͤr ungut, hoff' ich.“ „In ſo weit, als ich Eure Aufmerkſamkeit auf das Ge⸗ ſchaͤft lenken muß, das uns zuſammengebracht. Ihr habt nicht ſobald das empfangene Aufgeld vergeſſen?“ Der alte Seemann ſtieß das Gericht von ſich, faltete die Arme, und ſah ſeinem Gefaͤhrten gerade in's Auge, als er ruhig antwortete „Wel kann mo derſelben „An Eurer darlegen zu verſi 75 von ein ner beſ zu ſeher Wi warten ſprach mehr e hatte, „T einer 18 „7 „ einer ders einen hereit T den Seen n ge⸗ iener, „ und e ge⸗ haͤtte Stau⸗ n er nung Koͤ⸗ reng. der zehen von ſtok⸗ Werk ichts Ge⸗ habt ltete als — 223— „Wenn ich ordentlich zu einem Dienſt geworben bin, kann man auf mich zaͤhlen. Ich hoffe, Ihr ſegelt unter derſelben Flagge, Freund Harris 2 „Anders wüͤrde ſchändlich ſeyn. Es iſt noch etwas mit Eurer Erlaubniß, ehe ich Euch meine Plane und Wuͤnſche darlegen kann. Ich muß dieß Gemach unterſuchen, um mich zu verſichern, daß wir wirklich allein ſind.“ „Ihr werdet wenig nur darin finden, als den Anzug von einer Magd des ehrlichen Joe. Da die Thuͤr mit kei⸗ ner beſondern Sorgfalt verwahrt iſt, braucht Ihr nur ſelbſt zu ſehen, da ſehen glauben iſt.“ Wilder ſchien nicht geneigt, auf dieſe Erlaubniß zu warten, er oͤffnete die Thuͤr, ſelbſt als der andere noch ſprach, und als er fand, daß das Gemach wirklich wenig mehr enthielt, als die Artikel, die ſein Gefäͤhrte benannt hatte, wandte er ſich getaͤuſcht weg. „Waret Ihr allein, als ich hereintrat 2u fragte er nach einer gedankenvollen Pauſe von einem Augenblick. „Der ehrliche Joram und Ihr.“ „Aber niemand weiter?“ 4 „Niemand, ſo viel ich ſah;“ entgegnete der andere mit einer Miene, die einige Unruhe verrieth;„wenn Ihr an⸗ ders denkt, laßt uns die Stube unterſuchen. Traͤfe ich auf einen Lauſcher, der Gruß ſollte nicht ſchlecht ausfallen.“ „Halt,— beantwortet mir eine Frage, wer hieß mich herein kommer 2 Der Theer⸗Bob, der mit vieler Schnelligkeit aufgeſtan⸗ den war, dachte jetzt ſelbſt einen Augenblick nach, und dann —y—xqxxUxI I — 224— ſchloß er ſeine Betrachtung, indem er ſich einem leiſen Laͤcheln uͤberließ. „Ah, ich ſehe, Eure Ideen ſind etwas wirr. Man kann nicht eben ſo ſprechen mit einem kleinen Stuͤck Ochs im Mund, als wenn die Zunge ſo viel Spielraum hat, als ein Schiff, das vier und zwanzig Stunden hinaus iſt.⸗ „Alſo Ihr ſpracht? „Das will ich beſchwoͤren,“ entgegnete Bob, und nahm ſeinen Sitz wieder ein, als wenn er das Ganze zu ſeiner Zufriedenheit in Ordnung gebracht;„und nun, Freund Harris, wenn Ihr bereit ſeyd, Euer Herz offen hinzule⸗ gen, bin ich's auch, hineinzuſehen.“ Wilder ſchien nicht ganz eben ſo zufrieden mit der Er⸗ klärung ſeines Gefaͤhrten; aber er nahm einen Stuhl, und ſchickte ſich an, zur Sache zu kommen.. „Ich brauch' Euch nicht zu ſagen, Freund, nach dem, was Ihr gehoͤrt und geſehen, daß ich kein großes Verlan⸗ gen habe, die Dame, mit der wir beide dieſen Morgen ge⸗ ſprochen, und ihre Begleiterin, moͤchte ſich auf der koͤnig⸗ lichen Karoline einſchiffen. Ich denke, es iſt zu unſerm Zweck genug, daß Ihr die Thatſache wißt; die Urſache, warum ich vorziehe, daß ſie bleiben, wo ſie ſind, kann nichts; u dem Dienſt machen, dem Ihr Euch unterziehen ſollt.⸗ „Ihr braucht einem alten Seemann nicht zu ſagen, wie er auf eine Idee eingehen ſoll;, rief Bob, und laͤchelte und winkte ſeinem Gefaͤhrten auf eine Weiſe zu, die dieſem ſehr durch ihre Vertraulichkeit mißfiel.„Ich hab⸗ nicht fuͤnfzig Jahr halten Geheit 0 rend wo ſi 7 775 erſt g „A ſind ihnen Geſch mit Laͤcheln Man 2 Ochs at, als ſt.” nahm ſeiner Freund inzule⸗ er Er⸗ , und dem, gerlan⸗ en ge⸗ koͤnig⸗ inſerm rſache, kann ziehen „ wie e und m ſehr infzig — 225— Jahr auf dem blauen Waſſer gelebt, um es fuͤr Luft zu halten.“ „Ihr meint alſo, Sir, mein Beweggrund ſey Euch kein Geheimniß?“ „Es braucht kein Spähglas, um zu ſehen, und waͤh⸗ rend die Alten ſagen, geht, moͤchten die Jangen bleiben, wo ſie ſind.“ 3 „Dann thut Ihr beiden jungen Leuten ſehr Unrecht; denn erſt geſtern fielen meine Augen auf die Perſon, die Ihr meint.“ „Ah, ich ſehe, wie's iſt. Die Eigenthuͤmer der Karoline ſind nicht ſo hoͤflich geweſen, wie ſie ſollten, und Ihr wollt ihnen Euren Dank abtragen.“ „Das iſt vielleicht ein Vergeltungsmittel nach Eurem Geſchmack,“ ſagte Wilder ernſt,„aber es ſtimmt nicht recht mit meinem. Die ganze Geſellſchaft iſt mir fremd.“ „Hm, dann gehoͤrt Ihr wohl zum Fahrzeug im Auſſen⸗ hafen, und obgleich Ihr Eure Feinde nicht haßt, liebt Ihr doch Eure Freunde. Wir muͤſſen die Damen zu taͤuſchen ſuchen, daß ſie die Ueberfahrt im Sklavenhaͤndler machen.“ „Gott behuͤte!“ „Gott behüte! Nun, ich denke, Freund Harris, Ihr zieht die Hinterſchlingen Eures Gewiſſens ein wenig zu ſchraff an. Obgleich ich mit Euch nicht in allem, was Ihr über die koͤnigliche Karoline geſagt habt, einſtimmig bin, und auch nicht ſeyn kann, ſeh' ich doch keinen Grund zu zweifeln, daß wir nicht einen Gedanken uͤber das andere Fahrzeug haben. Ich nenn' es ein geſundes, wohl propor⸗ tionirtes Ding, worin ein Koͤnig bequem ſegeln konnte.“ Cooper's Freibeuter. 1—3. 15 X — 226— „Ich leugne es nicht, doch gefaͤllt's mir nicht.“ „Nun, das freut mich; und da wir jetzt einmal daran ſind, Maſter Harris, hab' ich ein Wort oder zwei uͤber das Schiff zu ſagen. Ich bin ein alter Seehund, der nicht leicht in Handelsſachen blind iſt. Findet Ihr nicht etwas, was nicht nach der Weiſe eines ehrlichen Haͤndlers iſt, in der Art, wie ſie das Schiff, auſſerhalb des Forts vor An⸗ ker gelegt haben, und in dem ſchlaͤfrigen Blick, den es hat, da doch jeder ſehen kann, daß es nicht gemacht iſt, um Auſtern zu fangen, oder Vieh nach den Inſeln zu fuͤhren.“ „Wie Ihr geſagt habt, halt ich es fuͤr ein geſundes, feſtgebautes Schiff; aber welches boͤſe Gewerb argwoͤhnt Ihr? Vielleicht treibt es Schleichhandel?⸗ „Hm, ich weiß nicht, ob es gut waͤre in ſolch einem Fahrzeug zu ſchmuggeln; obwohl Contrebande ein gar froͤh⸗ liches Gewerbe iſt. Es hat eine huͤbſche Batterie, ſo weit man von hier aus ſehen kann.“ „Ich glaube, die Eigenthuͤmer ſind ſeiner noch nicht müde, und moͤchten es gerne nicht in die Haͤnde der Fran⸗ zoſen fallen laſſen.“ 3 „Gut, gut, ich mag Unrecht haben, aber wenn nicht das Geſicht mich mit den Jahren verlaͤßt, ſo iſt doch nicht alles am Bord dieſes Sklavenhaͤndlers wie es ſeyn ſollte, wenn ſeine Papiere richtig waͤren, und er den rechten Namen nach ſeinen Papieren haͤtte. Was meint Ihr, ehrlicher Joe, davon?" Wilder wandte ſich ungeduldig, und fand, daß der „Wirth in die Stube getreten, ſo leichten Schritts, daß er ſeiner Aufmerkſamkeit entgangen, die auf ſeinen Gefäͤhrten — ten — 227— mit einer Staͤrke gerichtet war, die der Leſer leicht begrei⸗ fen wird. Das Anſehen von Erſtaunen, womit Joram den Sprechenden betrachtete, war ſicher nicht geheuchelt; denn die Frage wurde wiederholt, und in noch beſtimmte⸗ ren Ausdruͤcken, ehe er antworten wollte. 3 „Sch frage Euch, ehrlicher Joe, ob Ihr den Sklaven⸗ haͤndler im Auſſenhafen fuͤr ſicher haltet?“ „Ihr kommt ſehr kreuzweis, Bob, mit Euren ſonder⸗ baren Fragen,“ entgegnete der Wirth, und warf ſeine Au⸗ gen ſeitwaͤrts um ſich, als wolle er ſich erſt des Charakters der Zuhoͤrer recht vergewiſſern, ehe er ſprach;„ſolche ver⸗ ſchiedene Meinungen gibt's, daß ich oft gar nicht weiß, was ich glauben ſoll.⸗ 2 „Es iſt drollig genug, freilich, daß der Wirth zum ſchlimmen Anker verwirrt wird;“ entgegnete der Alte mit Feſtigkeit in Miene und Aug.„Ich frage Euch, ob Ihr von dem Sklavenhaͤndler nicht etwas ſchlimmes argwohnt?⸗ „Schlimmes! Guter Himmel, Mr. Robern, bedenkt, was Ihr ſagt. Ich wuͤrde nicht fuͤr die Kundſchaft des Oberadmirals ehrruͤhrige Worte gegen die guten, ehrlichen Sklavenhaͤndler in meinem Haus ausſtoßen laſſen! Der Herr bewahre mich, den Charakter eines ehrlichen Unter⸗ thans des Koͤnigs anzuſchwaͤrzen.“ „Seht Ihr nichts ſchlimmes, wuͤrdiger, guter Joram an dem Schiff im Auſſenhafen?“ wiederholte Mr. Robert ohne Auge, Glied oder Muſkel zu bewegen. „Nun, da Ihr mich ſo fehr draͤngt, und Ihr ein Kunde ſeyd, der gut bezahlt, was er fordert, will ich ſa⸗ 15* gen, daß wenn etwas unrecht oder ungeſetzlich in dem Be⸗ tragen des Herren iſt—— „Ihr ſegelt, Freund, dem Wind 3 nahe,“ unterbrach ihn kalt der Alte,„daß alles wankt. Jetzt beſinnt Euch auf eine klare Antwort; habt Ihr etwas ſchlimmes an dem Sklavenhaͤndler geſehen?“ „Nichts, auf mein Gewiſſen alſo;“ aagte der Gaſthal⸗ ter, und blaͤhte ſich auf einem Wallfiſch nicht unaͤhnlich, der auf die Oberflaͤche gekommen, um zu athmen;„ſo wahr ich ein unwuürdiger Suͤnder bin, der unter der Seelſorge des guten, glaͤubigen Dr. Dogma ſteht, nichts, nichts.“ „Nicht; dann ſeyd Ihr dummer, als ich Euch gehalten haͤtte! Argwoͤhnt Ihr nichts? „Der Himmel ſchuͤtze mich vor Argwohn! Der Teufel fällt alle unſere Gemuͤther mit Zweifel, aber ſchwach und uͤbel berathen iſt, wer ſich ihnen uͤbertaͤßt. Die Offiziere und Mannſchaft jenes Schiffs ſind wackere Trinker, und ſo freigebig wie Prinzen; ferner, da ſie nie vergeſſen, die Zeche in's Reine zu bringen, ehe ſie das Haus verlaſſen, nenn' ich ſie ehrlich.“ „Und ich nenn ſie Seeraͤuber!“ „Seeraͤuber,“ wiederhorce Joram, und heftete ſein Auge mit merklichem Mißtrauen auf das Antlitz des aufmerkſamen Wilder.„Seeraͤuber iſt ein boͤſes Wort, Mr. Robert, und ſollte nicht in ines Mannes Antlitz geſagt werden, ohne Beweiſe, hinlaͤnglich die Klage der Verlaͤumdung fern zu halten, wenn ſo etwas gehoͤrig vor zwoͤlf geſchworne, ge⸗ —— —· 8 —-— 229— wiſſenhafte Maͤnner kaͤme. Aber ich denke, Ihr wißt, was Ihr ſagt, und vor wem Ihr es ſagt.“ „Freilich, und nun, da es ſcheint, als ob Ihr darüber gar keine Meinung haͤttet, werdet Ihr ſo guͤtig ſeyn——“ „Alles zu thun, was Ihr befehlt,“ rief Joram; augen⸗ ſcheinlich uͤber die Wendung des Geſpraͤchs erfreut. „Hinzugehn und die Gaͤſte unten zu fragen, ob ſie dur⸗ ſtig ſind;“ fuhr der andere fort, und winkte dem Wirth ſich zuruͤckzuziehen, wie er gekommen waͤre, und zwar mit einer Miene, als wenn er gewiß geweſen, daß ihm gehorcht wuͤrde. Sobald ſich die Thuͤr hinter dem abgehenden Gaſt⸗ halter geſchloſſen, wandte er ſich zu dem zuruͤckgebliebenen Gefaͤhrten, und fuhr fort:„Ihr ſcheint eben ſo erſtaunt, als der unglaͤubige Joe ſelbſt, uͤber das, was Ihr gehoͤrt.“ „Es iſt ein ſchwerer Verdacht, und muͤßte gehoͤrig un⸗ terſtuͤtzt werden, Alter, ehe Ihr wagen ſolltet, ihn zu wiederholen. Von welchem Seeraͤuber hat man kürzlich auf dieſer Kuͤſte gehoͤrt?“ „Es iſt der wohlbekannte rothe Raͤuber,“ entgegnete der andere* daͤmpfte die Stimme und warf einen verſtohle⸗ nen B1 nm als wenn er ſelbſt außerordentliche Vor⸗ ſicht für eg halte, wenn er dieſen Namen ausſpraͤche. „Aber er ſoll ſich beſonders im caraibiſchen Meer auf⸗ halten.“ „Er iſt nirgends und uͤberall. Der Koͤnig wuͤrde den gut bezahlen, der den Schelm dem Geſetz üͤberlieferte.“ „Leichter entworfen als ausgefuͤhrt,“ entgegnete Wilder nachdenkend. — 230— „Wie's iſt. Ich bin ein alter Burſche, und geſchickter, den Weg anzudeuten als voran zu gehen. Aber Ihr ſeyd ein neu ausgeruͤſtet Schiff, all Euer Takelwerk feſt, und Eure Raen ohne Fehl. Was meint Ihr, wenn Jyr Euer Gluͤck macht, indem Ihr die Schurken dem Koͤnig verkauft. Das heißt nur dem Teufel einige Monate fruͤher oder ſpaͤ⸗ ter geben, was ſchon ſein iſt.⸗ Wilder ſtaunte, und wandte ſich weg von ſeinem Ge⸗ faͤhrten, wenig zufrieden mit der Art, wie er ſich aus⸗ druͤckte. Doch da er die Nothwendigkeit einſah, etwas zu erwiedern, fragte er: 3 „Und welchen Grund habt Ihr, Euren Verdacht fuͤr wahr zu halten? Welche Mittel, Euren Plan, wenn er wahr iſt, bei der Ahweſenheit der koͤniglichen Kreuzer in Ausfuͤhrung zu bringen.“ „Ich kann nicht ſchwoͤren, daß ich Recht habe; aber wenn ich nach der falſchen Seite ſegel, ſo koͤnnen wir nur durch Auffinden des Irrthums davon uͤberzeugen. Was die Mittel anlangt, ſo geſtehe ich, ſie ſind leichter genannt, als gemuſtert.“ gen „Geht, geht, es iſt eitel Geſchwaͤtzz ein zer Einfall Eures alten Gehirns,“ ſagte Wilder kalt,„und je weniger davon geſprochen wird, deſto eher geheilt. Dieſe ganze Zeit vergeſſen wir unſer eigentliches Geſchaͤft. Ich bin halb ge⸗ neigt zu glauben, Mr. Robert, Ihr ſteckt falſche Lichter aus, um von dem Dienſt los zu kommen, fuͤr den Ihr ſchon halb bezahlt ſeyd.“ Es war ein Blick der Zufriedenheit in dem Antlitz des — alten haͤtte waͤhre Stub⸗ „10 ſeine ſelbſti ein a in de ker Teuf nem Sch an, ben ſcho hatt —— K⏑& — 231— alten Theers, wäͤhrend Wilder ſprach, der ſeinem Gefaͤhrten haͤtte auffallen koͤnnen, wenn der junge Mann nicht noch waͤhrend des Sprechens aufgeſtanden, um in der engen Stube mit gedankenvollem ſchnellen Schritt hinzugehen. „Gut, gut,“ begann jener wieder, und bemuͤhte ſich, ſeine offenbare Zufriedenheit unter ſeinem gewoͤhnlichen, ſelbſtiſchen aber dummen Ausdruck zu verſtecken.„Ich bin ein alter Traͤumer, und oft hab' ich geglaubt, ich ſchwaͤmme in dem Meer, wenn ich ſicher auf trocknem Land vor An⸗ ker lag. Ich glaube, es muß bald eine Abrechnung mit dem Teufel gehalten werden, damit jeder ſeinen Theil von mei⸗ nem Leichnam nehme, und ich der Capitain meines eignen Schiffes bleibe.“ Wilder nahm ſeinen Sitz wieder ein, und ſchickte ſich an, ſeinem Verbuͤndeten die noͤthigen Anweiſungen zu ge⸗ ben, damit er allem entgegen arbeiten konnte, was er ſchon zu Gunſten des auſſen angebundenen Schiffes geſagt hatte. Eilftes Kapitel. Der Mann iſt doch ſolvent;— drei Tauſend Oukaten; — ich denke, ich kann ſeine Verſchreibung annehmen. Shakſpeare. * — Je höher die Sonne ſtieg, deſto lebendiger wurde die Hoffnung eines guten Fahrwindes, und je friſcher der Wind wehte, deſto mehr gab der Kauffahrer von Briſtol die Ab⸗ ſicht zu erkennen, den Hafen zu verlaſſen. Die Abfahrt eines großen Schiffes war in einem amerikaniſchen Seehafen damals noch eine viel wichtigere Angelegenheit als heutzu⸗ tage, wo man deren haͤufig zwanzig an Einem Tage an⸗ kommen oder abſegeln ſieht. Obgleich die guten Leutchen in Newport ſich Bewohner einer der Hauptſtaͤdte der Co⸗ lonie nennen durften, ſo ſahen ſie doch den Bewegungen am Bord der Karoline nicht mit jener ſtumpfen Gleichguͤltigkeit zu, welche ſowohl in Sachen des neugierigen Beſchauens, als in wichtigern Dingen die Folge der Sättigung iſt, und mit welcher wir endlich die Evolutionen einer ganzen Flotte betrachten. Die Kays waren im Gegentheil mit 7 aten; 1. de die Wind 2 Ab⸗ pfahrt !hafen eutzu⸗ ze an⸗ utchen r Co⸗ en am tigkeit auens, ag iſt, ganzen il mit Kindern und Muͤßigen jeder Groͤße und jeden Alters be⸗ deckt. Man erblickte ſelbſt einen großen Theil der bedaͤch⸗ tigſten und fleißigſten Buͤrger, derjenigen, welche gewoͤhnlich mit haſtiger Gier nach den einzelnen Minuten der enteilen⸗ den Zeit haſchen, um ſie zu benutzen, und welche ſie jetzt verſtreichen ließen, ungezaͤhlt, wo nicht gar voͤllig unbeach⸗ tet; ſie wichen der Gewalt der Neugierde und verließen Buden und Werkſtaͤtten um das herrliche Schauſpiel eines in See gehenden Schiffes zu genießen. Die Langſamkeit mit welcher das Schiffsvolk der Karo⸗ line die Zuruͤſtungen zur Abfahrt trafen, erſchoͤpfte jedoch die Geduld mehr als Eines Buͤrgers, welcher den Werth der Zeit kannte. Von den Zuſchauern, welche dem Rang nach uͤber dem Poͤbel ſtehen, war nur noch die Haͤlfte da, und doch bot das Schiff dem ſchwellenden Winde erſt das einzige, uns vereits bekannte Segel. Statt den Wuͤnſchen mehrerer Hunderte von Zuſchauern, die des Harrens muͤde waren, zu entſprechen, ſchwankte das Schiff auf ſeinen An⸗ kern hin und her, und wandte wechſelsweiſe ſeine Spitze bald zur Linken bald zur Rechten; gleich dem ungeduldigen Renner, welchen die Hand des Dieners noch zurückhäͤlt; er ſchaͤumt an das Gebiß, und ſtampft den Boden mit den Hufen, die ihn in die Rennbahn zum Wettkampf tragen ſollen. Nach mehr als einer Stunde unbegreiflichen Zau⸗ derns, verbreitete ſich ein Gerücht unter der Menge, zufolge welchem durch einen ungluͤcklichen Zufall, eine wichtige Per⸗ ſon, die zur Reiſegeſellſchaft gehoͤrte, eine gefaͤhrliche Wunde Perhalten hatte. Dieſes Geruͤcht war jedoch vorübergehend, ———— S— und man hatte es bereits beinahe vergeſſen, als man aus einer Stuͤckpforte des Vordertheils der Karoline eine Flamme blitzſchnell hervorbrechen ſah, der eine Rauchwolke vorher⸗ ging, welche alſobald in die Luft ſtieg; in demſelben Augen⸗ blick hoͤrte man den Schall einer Kanone. Eine Bewegung gleich jener, welche die unmittelbare Verkuͤndigung einer langerwarteten Begebenheit zu beglelten pflegt, fand jetzt unter den auf den Kays verſammelten und des Wartens muͤden Zuſchauern Statt; und Niemand zweifelte jetzt mehr an der Abreiſe des Schiffs, mochte auch vorgegangen ſeyn, was da wolle. Wilder hatte mit ernſter Aufmerkſamkeit die Bewegun⸗ gen des Schiffes, den Verzug der Abreiſe, die Ungeduld der Zuſchauer, und endlich das Signal zum Abſegeln beobachtet. Den Rücken an die rechte Schaufel eines als untauglich auf einen Kay, in einiger Entfernung von der Maſſe der Zu⸗ ſchauer, gelegten Ankers gelehnt, hatte er eine Stunde re⸗ gungslos zugebracht, kaum daß ſeine Blicke ſich einmal rechts oder links wandten. Er fuhr zuſammen bei dem Schall der Kanone; es war aber nicht der nervenerſchuͤtternde Anſtoß, welcher auf hundert Andere dieſelbe Wirkung aͤußerte; ſon⸗ dern es ſchien, als muͤßte er durch einen unruhigen raſchen Blick in alle Straßen, die Urſache finden. Nachdem er ſchleunig die, jedoch ſehr aufmerkſam gefuͤhrte, Unterſuchung beendigt hatte, trat er in ſeine vorige Stellung zuruͤck; ein Beobachter haͤtte indeſſen aus ſeinen rollenden Blicken und aus dem Geſammtausdrucke ſeiner lebendigen Zuͤge auf die nahe Erſcheinung eines Ereigniſſes geſchloſſen, an wel⸗ chem de Jedoch nach un cheln ſch ſich bew heit mit angeneh men ſe Schritt Augenb kennen ließ, de Ei der O Stand ſichtsz⸗ Liſt g ihm h weibli wo er wurde ſeinen Herze barg blickt 8 ufer ſich; — 235— chem der junge Seemann den lebhafteſten Antheil nahm. Jedoch erlangte er je mit dem Verſchwinden der Minuten nach und nach ſeine Ruhe wieder, und ein zufriedenes Laͤ⸗ cheln ſchwebte uͤber ſeine Zuͤge hin, waͤhrend ſeine Lippen ſich bewegten, wie die eines Menſchen, der ſeine Zufrieden⸗ heit mit einem Selbſtgeſpraͤche bekraͤftigt. Mitten in dieſen angenehmen Betrachtungen traf der Schall mehrerer Stim⸗ men ſein Ohr; er wandte ſich um, und gewahrte, wenige Schritte von ihm entfernt, eine zahlreiche Geſellſchaft; ein Augenblick reichte hin, Mrß˖ Wyllys und Gertrude zu er⸗ kennen, in einer Kleidung, die ihm beinen Zweifel uͤbrig ließ, daß ſie endlich auf dem Punkt ſeyen, ſich einzuſchiffen. Ein Gewoͤlke, das ſich vor die Sonne zieht, bringt auf der Oberflaͤche der Erde keinen auffallendern Wechſel zu Stande, als dieſer unerwartete Anblick auf Wilders Ge⸗ ſichtszuͤge. Er hatte ſtillſchweigend auf das Gelingen einer Liſt gerechnet, welche, wenn auch ziemlich grob angeſponnen ihm hinreichend ſchien, ein leichtglaͤubiges und furcht ſames weibliches Weſen zu ſchrecken, und in demſelben Momente, wo er ſich zu dem Gelingen ſeines Projektes Gluͤck wuͤnſchte, wurde er durch die Gewißheit des voͤlligen Scheiterns aus ſeinem Taumel geweckt. Mit halber Stimme und ganzem Herzen die Treuloſigkeit ſeines Genoſſen verwuͤnſchend, ver⸗ barg er ſich ſo gut wie moͤglich hinter den Ankerfluͤgel und blickte mit der Miene des Unmuthes nach dem Schiffe. Die Perſonen, welche die reiſenden Damen bis an das ufer begleiteten, waren ſtille, aber bewegt, wie Alle, welche ſich zum Abſchiede von lieben Freunden verſammeln. Die⸗ ——— — 236— jenigen, welche ſprachen, legten Schnelligkeit und Ungeduld in ihre Worte, wie wenn ſie den Augenblick einer ſchmerz⸗ lichen Trennung haͤtten beſchleunigen wollen; die Zuͤge der Schweigenden waren nicht weniger ausdrucksvoll. Wilder vernahm von mehreren jugendlichen Stimmen Wunſche, von der reinſten Liebe aus dem Innerſten des Herzens hervor⸗ gehaucht, und Verſprechungen fordernd; er erkannte in der Antwort die ſuͤßen und melancholiſchen Laute Gertrudens, und erlaubte ſich nicht einmal einen verſtohlnen Blick nach denen, die ſich ſo unterhielten. Endlich beſtimmten ihn die Fußtritte einer Perſon, die nahe bei ihm vorbeigehen zu wollen ſchien, in dieſer Rich⸗ rung ſchnell und unbemerkt aufzublicken, und ſein Auge be⸗ gegnete den Blicken der Mrß. Wyllys. Das Erkennen war raſch und beiderſeitig. Die Dame fuhr zuſammen; unſer junger Seemann desgleichen; ſich ſchnell faſſend ſagte Mrß. Wyllys mit einer bewundernswuͤrdigen Kaͤlt⸗ zu ihm: „Sie ſehen, mein Herr, daß gewoͤhnliche Gefahren nicht hinreichen, um uns von einmal feſtgefaßten Vorſaͤtzen abwendig zu machen.⸗ „Ich wuͤnſchte, Miß, daß Sie keine Veranlaſſung finden moͤchten, Ihren Muth zu bereuen.“⸗ Es erfolgte eine kurze Pauſe, waͤhrend welcher Mrß. Wyllys ſich beäͤngſtigenden Gedanken zu uͤberlaſſen ſchien. Nachdem ſie einmal ruͤckwaͤrts geblickt, um ſich zu verge⸗ wiſſern, daß Niemand ſie hoͤren koͤnne, naͤherte ſie ſich dem fungen Manne, und ſagte mit gedaͤmpfter Stimme: „E Schatt was 6. eines trauen meine iſt, da beſorg „8 keit n mache „ Frem welch mach ngeduld ſchmerz⸗ uͤge der Wilder hhe, von hervor⸗ in der trudens, ick nach on, die r Rich⸗ uge be⸗ rkennen ammen; faſſend n Kaͤlt⸗ zefahren oorſätzen 3 finden r Mrß. ſchien. t verge⸗ ich dem — 237— „Es iſt noch nicht zu ſpät. Geben Sie mir nur den Schatten eines Grundes, durch welchen Sie rechtfertigen, was Sie uns geſagt haben, und wir wollen die Abfahrt eines andern Schiffes erwarten. Ich bin ſo ſchwach, Zu⸗ trauen in Ihre Worte zu ſetzen, junger Mann, obgleich meine Vernunft mir ſagt, daß es nur allzu wahrſcheinlich iſt, daß Sie blos darauf ausgehen, ſich auf Unkoſten eines beſorglichen Frauenzimmers zu beluſtigen.“ „Mich beluſtigen! In Dingen von ſo hoher Wichtig⸗ keit wuͤrde ich mich uͤber Niemand Ihres Geſchlechtes luſtig machen, und uͤber Sie am allerwenigſten.“ „Das iſt hoͤchſt ſonderbar, gans unerklaͤrlich von einem Fremden. Haben Sie irgend eine Thatſache, irgend Gruͤnde, welche ich bei den Verwandten meines Zoͤglings geltend machen kann.“ „Sie ſind Ihnen bereits bekannt.“ „Wenn dem ſo iſt, mein Heer, ſo bin ich wider meinen Willen genoͤthigt, zu glauben, daß Sie Ihre triftigen Grunde haben, die Triebfedern Ihrer Handlungen geheim antwortete die Gouvernante zugleich kalt und gereizt, ja empfindlich gekraͤnkt.„Ihnen ſelbſt wuͤnſche ich dieſe Triebfedern moͤgen frei von Tadel ſeyn; was uns be⸗ trifft, ſo danke ich Ihnen fuͤr Ihren Willen, wenn er gut war; wo nicht, ſo verzeihe ich Ihnen.“ Sie trennten ſich mit dem gezwungenen Weſen von Leu⸗ ten, welche gegenſeitiges Mißtrauen fuͤhlen. Wilder ſtuͤtzte ſich von Neuem auf die Ankerſchaufel, nahm eine ſtolze Stellung an, und zeigte einen Ernſt, der fuͤr Duͤſterkeit zu halten,“ — 238— gelten konnte. Seine Lage aber noͤthigte ihn, das Geſpraͤch anzuhoͤren, welches ſo nahe bei ihm gehalten wurde. Die Perſon, welche am meiſten ſprach, wie das bei ſolchen Gelegenheiten ſeyn ſollte, war Mrß. de Lacey, welche oft die Stimme erhob, um verſtaͤndigen Rath zu ertheilen, und ihre Meinung uͤber techniſche Punkte der Schiffskunſt darzulegen; das Ganze ſo gemiſcht, daß es die allgemeine Bewunderung erregen mußte, jedoch von Niemand ihres Geſchlechts nachgeahmt werden konnte, als etwa von ſolchen, welche das ganz beſondere Gluͤck gehabt, das voͤlligſte Ver⸗ trauen eines hohen Marine⸗Offiziers zu beſitzen. „Und jetzt, meine theure Nichte,“ ſchloß die Wittwe des Contre⸗Admirals, nachdem ihr Athem und ihre Vorraͤthe von Weisheit in Ermahnungen ohne Zahl um die Pflege ihrer Geſundheit, um oͤfteres Schreiben, um woͤrtliches Aus⸗ richten der, fuͤr ihren Bruder den General eigens mitgegebe⸗ nen Botſchaft ſich erſchoͤpft hatte; ferner in den Weiſungen, waͤhrend der Windſtoͤße nicht auf dem Verdeck zu bleiben; ihr einen ausfuͤhrlichen Bericht uͤber alles Außerordentliche abzuſtatten, was ſie waͤhrend der Ueberfahrt das Gluͤck ha⸗ ben koͤnnte zu ſehen; mit Einem Wort, nachdem ſie alles geſagt hatte, was in ſoſchen Momenten des Lebewohls der Seele vorſchwebt;—„und jetzt, meine theure Nichte, uͤber⸗ gebe ich Dich der Obhut des maͤchtigen Ocean,— eines noch mächtigern Weſens,— dem, der ihn erſchaffen hat. Verbanne aus Deinem Gedaͤchtniſſe die Gedanken an das, was Du von den vorgeblichen Fehlern der koͤniglichen Ka⸗ roline gehoͤrt haſt. Der alte Seemann, der unter mei⸗ Geſpraͤch das bei welche rtheilen, fffskunſt gemeine d ihres ſolchen, te Ver⸗ Wittwe orraͤthe Pflege 2s Aus⸗ gegebe⸗ ſungen, bleiben; entliche uͤck ha⸗ ie alles hls der uͤber⸗ eines en hat. in das, in Ka⸗ r mei⸗ — 239— nem theuren Admiral, unvergeßlichen Angedenkens, ge⸗ dient hat, verſicherte mich, dieß Alles beruhe auf einem⸗ Irrthum.“ „Der Schurke! der Verraͤther!“ murmelte Wilder. „Wer hat geſprochen?“ ſagte Mrß. de Lacey. Da ſie aber keine Antwort erhielt, fuhr ſie fort:„ Gewiß iſt es ſtrafbare Nachlaͤſſigkeit, die Sicherheit des Bogſpriets von Waſſerſtagen und Bewindſel abhaͤngig zu machen; es iſt in⸗ deſſen dies ein Fehler, dem man, wie mein alter Freund mir erklaͤrt hat, durch loſe Borgſtage und Rahbaͤnder zu Huͤlfe kommen kann. Ich habe dem Schiffsherrn ein Woͤrt⸗ chen daruͤber geſchrieben.— Gertrude, vergiß nicht, den Herrn des Schiffs immer Herr Nicholls zu nennen, denn nur diejenigen Offiziere, welche Seine Majeſtät angeſtellt hat, haben Anſpruch auf den Titel Capitain, einen ehren⸗ vollen Titel, welcher jederzeit Hochachtung verdient, da er den erſten Rang nach dem Flaggenoffizier verleiht.— Wie ich Dir ſagte, ich habe dem Schiffe herrn ein Wort daruͤber geſchrieben, und er wird Sorge tragen, dieſem Fehler abzu⸗ helfen. Alſo, meine Theure, Gottes Auge wache uͤber Dir; vergiß nicht, immer um Dich ſelbſt beſorgt zu ſeyn; laß keine Gelegenheit mir zu ſchreiben, vorbeigehen; verſichere Deinen Vater meiner ganzen Liebe, und ſey recht umſtaͤnd⸗ lich in Deiner Beſchreibung vom Wallfiſche“ Die Augen der wuͤrdigen und guten Wittwe fuͤllten ſich zu Ende ihrer Rede mit Thraͤnen, und in ihrer Stimme lag eine natuͤrliche Ruͤhrung, welche ſympathetiſch auf alle wirkte, die ihr zuhoͤrten. Unter den Eindruͤcken, welche — yy—y= — 240— dieſe zaͤrtlichen Bewegungen hervorbrachten, ging die wirk⸗ liche Trennung vor ſich und noch war keine Minute ver⸗ floſſen, als man das Geplaͤtſcher der Ruder in den Wellen vernahm; eine Barke brachte die reiſenden Frauen an das Schiff, das zum Abſegeln fertig lag. Wilder vernahm dieſe wohlbekannten Toͤne, mit einem ſo lebhaften Intereſſe, deſſen richtige Erklaͤrung, wenn er ſie haͤtte unternehmen wollen, ihm ſchwer geworden waͤre. Jemand, der ihm leiſe auf die Achſel tippte, wandte ſeine Aufmerkſamkeit von dieſem unangenehmen Gegenſtande ab. Ueber dieſen Umſtand verwundert, kehrte er ſich nach dem⸗ jenigen um, welcher ihn mit ſolcher Vertraulichkeit behan⸗ delte, und er ſah, daß es ein junger Menſch war von etwa fuͤnfzehn Jahren. Der Zuſtand von Zerſtreuung, in wel⸗ chem er ſich befand, machte einen zweiten Blick noͤthig, um ſich zu uͤberzeugen, daß er wiederum den Knaben vor ſich hatte, im Dienſte des Freibeuters, und welcher ſchon im vorhergehenden Band unter dem Namen Roderich dem Leſer erſchienen iſt. „Was willſt Du von mir?, fragte er ihn, als er ſich von der Ueberraſchung, welche die ploͤtzliche Unterbrechung in ſeinen Ideen hervorgebracht, ein wenig erholt hatte. „Ich habe den Auftrag Euch dieſe Befehle zu uͤber⸗ bringen," antwortete der Abgeſandte. „Befehle!“ wiederholte Wilder und runzelte die Stirn ein wenig.„Die Autoritaͤt muß man reſpectiren, welche ihre Erlaſſe durch ſolche Boten ſendet!⸗ „E lich we ernſt. „ S Schrei heit zu B uͤberre Boter Wohl Laͤufer Kay faltet 91 die Sege ten; deſſel das ſegler Euer ſo b deſſe gen emſi ſo ſ run L wirk⸗ te ver⸗ Wellen an das einem enn er waͤre. te ſeine nde ab. h dem⸗ behan⸗ n etwa n wel⸗ ig, um or ſich hon im n Leſer er ſich rechung te. uͤber⸗ Stirn welche „Es iſt eine Autoritaͤt, welcher es immer noch gefaͤhr⸗ lich war, ungehorſam zu ſeyn,“ antwortete der Knabe ernſt. „So! In dieſem Falle muß ich denn ſehen, was dies Schreiben enthaͤlt, aus Beſorgniß in irgend eine Ungelegen⸗ heit zu gerathen.— Sollſt Du eine Antwort erwarten?“ Bei dieſen Warten erbrach er das Siegel des ihm eben überreichten Briefes, erhob das Auge, um die Antwort des Boten zu vernehmen, aber dieſer war bereits verſchwunden. Wohl wiſſend, wie unnütz die Verfolgung eines ſo behenden Laͤufers, zwiſchen dem Bauholz ſeyn wuͤrde, welches den Kay und einen Theil des angrenzenden Ufers bedeckte, ent⸗ faltete er den Brief und las: „Ein unangenehmes Ereigniß hat den Herrn des Schiffs⸗ die koͤnigliche Karoline genannt, welches bereit iſt, unter Segel zu gehen, außer Stand geſetzt, ſein Amt zu verrich⸗ ten; ſein Conſignatair getraut ſich nicht, das Kommando deſſelben dem Second⸗Offizier zu uͤbergeben, und doch muß das Schiff abſegeln. Ich hoͤre, daß es fuͤr einen Schnell⸗ ſegler gilt. Wenn Ihr einige Papiere beſitzt, womit Ihr Euer gutes Betragen und Eure Kenntniſſe darthun koͤnnt, ſo benutzet dieſe Gelegenheit und verdient den Platz, zu deſſen Beſetzung Ihr beſtimmt berufen ſeyd. Ihr ſeyd eini⸗ gen Intereſſenten bezeichnet worden, und ſchon ſucht man emſig nach Euch. Wenn dieſer Brief Euch in Zeiten trifft, ſo ſepd munter und ſaͤumt nicht. Zeiget keine Verwunde⸗ rung, wenn Ihr auch noch ſo unerwartete Unterſtuͤtzung Cooper's Freibeuter. 1— 3. 1 —— — findet. Meine Agenten ſind zahlreicher, als Ihr glaubt: aus dem einfachen Grunde, weil das Gold gelb iſt, ob gleich ich bin Rath.⸗ Unterzeichnung, Inhalt und Styl ließen in Welders Seele keinen Zweifel uͤber den Verfaſſer aufkommen. Einen Blick um ſich werfend, ſprang er in eine Barke, und ehe diejenige, worin die reiſenden Damen ſaßen, das Schiff noch erreicht, hatte er ſchon die Haͤlfte des Raumes zwiſchen Ufer und Schiff durchrudert. Er ließ mit gleich gewandtem als kraͤftigem Arme die Ruder ſpielen, und befand ſich bald auf dem Verdecke der koͤniglichen Karoline. Nachdem er ſich durch die Menge von Ueberfluͤſſigen, welche gewoͤhnlich das Verdeck eines ſegelfertigen Schif⸗ fes verſperren, einen Weg gebahnt hatte, gelangte er bald an den Theil des Schiffes, wo ein Kreis von geſchaͤf⸗ tigen und unruhigen Geſtalten ihm diejenigen zu ſinden Hoffnung machte, welche beim Schickſal des Schiffes am meiſten betheiligt waren. Bis dahin hatte er kaum das Weſen ſeiner ſo raſchen Unternehmungen klar aufgefaßt, viel weniger daruͤber nachgedacht. Aber er war zu weit g-gangen, als daß er haͤtte zuruͤcktreten koͤnnen, ſelbſt wenn er Neigung dazu gehabt haͤtte, und er konnte ſeinem Vor⸗ haben nicht entſagen, ohne befuͤrchten zu muͤſſen, gefaͤhrlichen Argwohn zu erregen. Er nahm ſich nur Eine Minute, um ſeine Gedanken zu ſammeln; dann fragte er:„Seh' ich den Eigenthuͤmer der Karoline vor mir?“ ubt: — 243— „unſer Haus iſt Conſignatair dieſes Schiffes,“ erwie⸗ derte ein Individuum, von ſtillem, ruhigem Aeußern, das indeſſen einen Zug von Boͤsartigkeit in ſeinem Geſichte, und an ſeinem Leibe die Kleidung eines reichen und zugleich ſparſamen Kaufmannes trug. 4 „Ich habe vernommen, daß Ihr einen erfahrnen Seeofft⸗ zier beduͤrft.“ „Erfahrne Seeoffiziere ſind gerade, was ein Armateur auf einem Schiffe braucht, welches koſtbare Ladung hat, und ich ſchmeichle mir, daß dies bei der Karoline der Fall iſt.“ „Aber ich habe erfahren, daß Ihr Jemanden beduͤrft der auf eine gewiſſe Zeit das Kommando darauf fuͤhre.“ „Wenn der Kommandant der koͤniglichen Karoline ſich außer Stand befindet, ſein Amt zu verſehen, ſo koͤnnte die Sache gewiß geſchehen. Sucht Ihr Anſtellung?“ „Ich komme, mich um die erledigte Stelle zu be⸗ werben.“ „Es waͤre kluͤger geweſen, erſt Gewißheit daruͤber zu erhalten, ob eine erledigte Stelle zu beſetzen ſey. Doch kemmt Ihr gewiß nicht, den Oberbefehl uͤber ein Schiff wie dieſes zu verlangen, ohne hinreichende Zeugniſſe Eurer Tauglichkeit, Eurer Kenntniſſe beizubringen?⸗ „Ich hoffe, daß dieſe Papiere Euch genuͤgen werden;“ und hiermit uͤberreichte ihm Wilder ein Päckchen unver⸗ ſiegelter Briefe. Waͤhrend der Kauf⸗ und Handelsherr dieſe Zeugniſſe las, denn das waren wirklich die ihm eben aͤberreichten 16* — 244— Schriſten, ruhten bald ſeine Augen auf dem Papiere, bald ſchweifte ſein Geſichtsſtrahl uͤber die Brille hinaus, um ſich auf das Individuum zu richten, von welchem darin die Rede war, ſo daß man deutlich ſah, er ſuche ſich durch eigene Beobachtungen von der Wahrheit deſſen zu uͤberzeugen, was er las. „Hm!“ ſagte er endlich;„hier ſind in Wahrheit herr⸗ liche Zeugniſſe zu Euern Gunſten, junger Mann, und wenn ſie, wie es wirklich der Fall iſt, von zwei ſo achtbaren und ſo reichen Haͤuſern kommen, wie Spriggs, Boggs und Fweed; und Hammer und Hacket, haben ſie ein Recht auf großes Vertrauen. In allen Kolonten Seiner Ma⸗ jeſtaͤt faͤnde man kein reicheres und ſolideres Haus, als das erſte; und ich habe hohe Achtung vor dem zweiten, obgleich neidiſche Menſchen behaupten, daß es etwas zu ge⸗ wagte Speculationen mache.“ „Weil Ihr ſo große Stuͤcke auf ſie haltet, ſo hoffe ich, Ihr werdet mich nicht voreilig nennen, wenn ich auf ihre Empfehlung baue.“ „Ganz und gar nicht, ganz und gar nicht, Herr... Herr....“ ſagte der Kaufmann, mit einem abermali⸗ gen Blicke auf einen der Briefe,— nah! Herr Wilder. Bef einem Geſchaͤftsanerbieten kann nicht von Voreiligkeit die Rede ſeyn. Ohne Kauf⸗ und Verkauf⸗Anerbieten, wuͤr⸗ den unſere Waaren nicht aus einer Hand in die andere gehn, mein Herr,— ha! ha! ha!— wuͤrden uns keinen Nutzen bringen; Ihr verſteht, junger Mann? bald ſich Rede gene igen, herr⸗ wenn und und Recht Ma⸗ „ als heiten, zu ge⸗ fe ich, ff ihre ... rmali⸗ Vilder. iligkeit . wuͤr⸗ andere keinen — 245— „Ich fühle die Wahrheit deſſen, was Ihr ſagt, und darum bitte ich um Erlaubniß, Euch mein Anerbieten zu wiederholen.“ „Vollkommen gut! vollkommen vernuͤnftig! aber Ihr koͤnnt, Herr Wilder, nicht hoffen, daß wir eine Stelle an Bord dieſes Schiffes erledigen laſſen, blos um ſie Euch zu geben, obgleich ich zugeben muß, daß Eure Zeugniſſe vor⸗ trefflich ſind;— ſo gut als eine Anweiſung von Spriggs, Boggs und Tweed ſelbſt unterzeichnet.— Aber wir koͤnnen nicht darum eine Stelle erledigen.“ „Man hatte mich verſichert, daß ein ſo bedeutender Unfall dem Herrn dieſes Schiffes zugeſtoßen...“ „Ein unfall, ja;— aber bedeutend, nein;“— ſagte der ſchlaue Kaufmann, mit einem Blicke auf mehrere Per⸗ ſonen, welche ſich nahe genug befanden, um es hoͤren zu koͤnnen.„Es iſt ihm wirklich ein Unfall begegnet, aber nicht bedeutend genug, um ihn zu noͤthigen, ſein Bord zu ver⸗ laſſen. Ja, ja, meine Herren, das gute Schiff, die koͤnig⸗ liche Karoline, wird ſeine Reiſe machen, wie gewoͤhnlich der Sorgfalt eines alten Seeoffiziers, Nicolaus Nicholls, anvertraut.“ „In dieſem Fall, mein Herr, thut es mir leid, Euch koſtbare Augenblicke geraubt zu haben,“ ſagte Wilder, ihn mit der Miene getaͤuſchter Erwartung gruͤßend, und eine Bewegung machend, ſich zu entfernen. „Eilet nicht ſo ſehr, junger Mann, eilt nicht ſo ſehr. Man ſchließt einen Handel nicht ſo ſchnell ab, wie ein Segel von ſeiner Rahe faͤllt. Es iſt moͤglich, daß man —. 246— Euch nützlich anſtellen kann, wenn auch nicht dadurch, daß man Euch die Geſchaͤfte und Verantwortlichkeit eines Schiffsherrn aufbuͤrde. Wie hoch ſchaͤtzt Ihr den Titel: Capitain?“ „Ich bekuͤmmere mich ſehr wenig um den Namen, wenn ich Zutrauen und Macht genſeße.“ ge, „Ein verſtaͤndiger junger Mann!“ murmelte der kluge Kaufmann, ein junger Mann, der zwiſchen Weſen und Schatten den gehoͤrigen Unterſchied macht!— Ihr muͤßt aber doch, bei ſo viel geſundem Menſchenverſtand und Kennt⸗ niſſen, als Ihr habt, wiſſen, daß immer der Gehalt dem Titel angemeſſen iſt.— Wenn ich in dieſer Sache fuͤr mich ſelbſt handelte, ſo wuͤrde ſie ein ganz anderes Anſehn ge⸗ winnen, da ich indeſſen nur der Agent eines Anderen bin, ſo iſt meine Pflicht, die Intereſſen meines Prinzipals zu wahren.“ „Der Gehalt wird in meinen Rechnungen gleich Null geachtet,“ rief Wilder mit einer Lebhaftigkeit, welche ihn haͤtte verrathen koͤnnen, wenn der, mit welchem er zu thun hatte, nicht zu ſehr mit den Mitteln beſchaͤftigt geweſen waͤre, ſich ſeiner Dienſte um den moͤglichſt wohlfeilen Preis zu verſichern, und dies mit einer geſpannten Aufmerkſamkeit in der er ſich durch nichts, was es auch ſeyn mochte, ſtoͤren ließ, wenn es einem ſo edeln Gegenſtande galt, wie Spar⸗ ſamkeit.„Ich verlange nur Anſtellung,“ ſetzte Wilder hinzu. „und dieſe ſollt Ihr haben; und Ihr ſollt finden, daß. wir für die, welche mit uns unterhandeln, offne Haͤnde daß eines eitel: wenn kluge und muͤßt ennt⸗ dem mich n ge⸗ n bin, ls zu Null he ihn thun eweſen Preis amkeit ſtoͤren Spar⸗ e uher n, daß Haͤnde — 247— haben.— Einen Vorſchuß fuͤr eine nur Einmonatliche Reiſe duͤrft Ihr freilich nicht erwarten; noch die Erlaubniß zu einer Beilaſt auf dem Schiffe, weil es ſchon vollgeſtaut iſt bis zu den Luken; noch auch einen ſehr betraͤchtlichen Ge⸗ halt, weil wir Euch blos annehmen um uns einen ſo wuͤr⸗ digen jungen Mann verbindlich zu machen, und um die Em⸗ pfehlung eines ſo ehrenwerthen Hauſes wie Spriggs, Boggs und Tweed zu honoriren; aber Ihr ſollt uns freigebig fin⸗ den, ſehr freigebig.— Einen Augenblick,— woher koͤnnen wir erfahren, ob Ihr wirklich die in dem Avisbr— Em⸗ pfehlungsbriefe wollt ich ſagen— genannte Perſon ſeyd?0 „Iſt der Umſtand, daß ich der Inhaber dieſes Briefes bin, nicht ein Beweis dafuͤr?" „Zu einer andern Zeit koͤnnte es einer ſeyn, wenn das Koͤnigreich nicht durch Krieg verheert wuͤrde. Man haͤtte dieſem Brief eine naͤhere Bezeichnung, ein Signalement Eurer Perſon beifuͤgen ſollen, wie eine Waarenliſte den Avisbrief begleitet. Da wir, wenn wir Euch in unſere Dienſte nehmen, doch darin einige Gefahr laufen, ſo duͤrft Ihr Euch nicht wundern, wenn der Betrag Eures Gehal⸗ tes unter dieſen Umſtaͤnden ein wenig leidet. Wir ſind freigebig; ich glaube nicht daß Ein Haus in den Kolonien freigebiger zahlt; wir genießen aber einen Ruf in Ruͤckſicht auf unſere Klugheit, den wir nicht verlieren moͤchten.“ „Ich habe Euch ſchon geſagt, Herr, daß der Betrag des Gehaltes dem Abſchluß unſeres Handels nicht den min⸗ deſten Eintrag thut.“ „Sehr ſchoͤn! Es iſt eine wahre Freude, mit einem — 248— Manne Geſchaͤfte zu machen, deſſen Abſichten ſo liberal und ſo ehrenwerth ſind. Jedoch haͤtte ich gewünſcht, daß das Siegel eines Notarius, oder eine Beſchreibung Eurer Per⸗ ſon dieſes Schreiben begleitet hätte.— Ja, ja, das iſt wohl die Unterzeichnung von Robert Tweed; ich kenne ſie vollkommen, und ich wuͤrde ſie mit dem groͤßten Vergnuͤ⸗ gen am Fuße einer Anweiſung von zehn Tauſend Pfund Sterling an meine Ordre erblicken, das heißt, mit einem guten Indoſſenten; aber dieſer Schein von Ungewißheit ſtreitet gegen Euer pekunfaͤres Intereſſe, junger Mann, in Betracht deſſen, daß wir einiger Maßen Buͤrgen dafuͤr wer⸗ den, daß Ihr das in dieſem Schreiben genannte Individuum wirklich ſeyd.“. „um Euch hierin gaͤnzlich zufrieden zu ſtellen, Herr Ball,“ ſagte eine Stimme aus einer Gruppe von Leuten heraus, welche mit nicht undeutlicher Theilnahme dem Fort⸗ gang dieſer Unterhandlung folgte, ich kann Euch, wenn es ſeyn muß, die Identilaͤt des Herrn bezeugen.“ 2 Wilder wandte ſich ſchnell, und nicht ohne Verwunde⸗ rung, um zu ſehen, wen von ſeiner Bekanntſchaft der Zu⸗ fall ſo ungewoͤhnlicher Weiſe ihm in den Weg gefuͤhrt; vielleicht mußte ihm dieſer Zufall auch in einer Gegend un⸗ angenehm ſeyn, wo er ſich ſo gern gaͤnzlich unbekannt glaubte. Zu ſeinem groͤßten Erſtaunen erkannte er in dem Sprecher den Wirth zum ſchlimmen Anker. Der ehr⸗ ſame Joe Joram ſtand mit dem ruhigſten Weſen und einer Miene mit deren Ausdruck er getroſt vor einen noch viel hoͤhern Richterſtuhl haͤtte treten koͤnnen, und erwartete den Erfolg der no „A lang und ſi tiges ponder 218 ruhige derns welche Verbi eines ja M den 6 „75 bin, dend Seeo koͤnnt Prax was Klug finde divid Rede Erfolg den ſein Zeugniß auf die Seele des Handelsmannes, der noch zu ſchwanken ſchien, hervorbringen wuͤrde. „Aha!“ ſagte dieſer,„Ihr habt den Herrn eine Zeit⸗ lang beherbergt, und koͤnnt bezeugen, daß er puͤnktlich zahlt, und ſich anſtaͤndig betraͤgt. Aber ich muͤßte ein rechtskraͤf⸗ tiges Aktenſtuͤck haben, das ich zu Hauſe in meine Korres⸗ pondenz mit den Armateurs einflechten koͤnnte.“ „Ich weiß nicht,“ verſetzte der Wirth in einem ſehr ruhigen Ton, wobei er die Hand mit einem hoͤchſt bewun⸗ dernswerthen Ausdruck von Unſchuld erhob, nich weiß nicht, welches Aktenſtuͤck Ihr beduͤrft, um es in ſo ehrenwerthe Verbindung zu bringen; aber wenn die eidliche Erklaͤrung eines Hausbeſitzers dieſem Zweck entſpricht, ſo— Ihr ſeyd ja Magiſtratsperſon— duͤrft Ihr mir nur augenblicklich den Eid vorſprechen.“ „Nicht doch! nicht doch! obgleich ich Magiſtratsperſon bin, ſo waͤre der Eid nicht in Form Rechtens, nicht bin⸗ dend vor dem Geſetz; aber was wißt Ihr von dem Herrn 2 „Ich weiß, daß er fuͤr ſein Alter ein ſo vortrefflicher Seeoffizier iſt, als Ihr einen in allen Kolonieen finden koͤnnt; moͤglich iſt es, daß es deren gibt, welche mehr Praxis und Erfahrung haben; man mag deren antreffen; was aber die Thaͤtigkeit, Wachſamkeit, Klugheit, vor Allem Klugheit betrifft,— ſo waͤre es ſchwer ſeines Gleichen zu finden.“ „und Ihr ſeyd alſo ganz gewiß, daß der Herr das In⸗ dividuum iſt, von welchem in gegenwaͤrtigen Papieren die Rede iſt? — —— — Jotam empfing die Zeugniſſe mit derſelben bewunderns⸗ würdigen Kaͤlte, welche er ſeit dem Beginn dieſer Scene gezeigt hatte, und bereitete ſich, ſie mit der gewiſſenhafte⸗ ſten Aufmerkſamkeit zu leſen. Eine zu dieſem Werke um umgaͤnglich nothwendige Vorarbeit war ſeine Brille aufzu⸗ ſitzen. Denn unſer Gaſtwirth betrat eben die Schwelle der Lebensn ige, und, waͤhrend er las, glaubte Wilder ein be⸗ merkenswerthes Beiſpiel von der Art und Weiſe vor ſich zu ſehen, wie das Laſter ſich mit dem Scheine der Tugend ſchmückt, wenn es von einem ehrwuͤrdigen Aeußern unter⸗ ſtuͤtzt wird. „Alles das iſt ſehr wahr, Herr Ball,“ nahm der Wirth wieder das Wort, indem er ſeine Brille ablegte, und die Papiere zuruͤckgab; nſie haben aber vergeſſen der Art zu erwaͤhnen, wie er die„Vive⸗Nancy⸗ auf der Hohe von Hatteras gerettet hat, und wie er ohne Lootſen die„Peggy“ und„Dolly“ durch die Barre des Hafens von Savannah unter Feuer von Norden und Oſten gefuͤhrt. Ich, der ich in meiner Jugend zur See war, wie Ihr wißt, habe viele Seeleute uͤber dieſe beiden Dinge ſprechen hoͤren, und bin im Stande uͤber ihre Schwierigkeiten zu urtheilen. Ich nehme einigen Antheil an dieſem Schiffe, Nachbar Ball— denn, obſchon Ihr reich ſeyd, und ich arm bin, ſo ſind wir doch nichts deſto weniger Nachbarn— ich nehme, ſage ich, einigen Antheil an dieſem Schifft, in Betracht gezo⸗ gen, daß es ein Schiff iſt, welches Newport ſelten verlaͤßt, ohne mir etwas Klingendes in der Taſche zuruͤckzulaſſen, und wen um es d Bein weiſe, line nie Grunde Ohren als ſein ten einn hungen theil zu der bei Worter jungen ſollte o fes zu wurde Unfall Bein, beſchaͤf vier 2 Zeit u den ſe weg, der k pflich Schif C derns⸗ Scene— ahafte⸗ ke un⸗ aufzu⸗ lle der en be⸗ or ſich Lugend unter⸗ Wirth und die Art zu he von Peggy⸗“ vannah der ich be viele ind bin 1. Ich Ball— ſo ſind ge, ſage ſt gezo⸗ verlaͤßt, zulaſſen, und wenn das nicht waͤre, ſo waͤre ich heute nicht hier, um es die Anker lichten zu ſehen.“ Beim Schluſſe dieſer Worte gab Joram deutliche Be⸗ weiſe, daß ſein Beſuch am Bord der koͤniglichen Karo⸗ line nicht fruchtlos geweſen war, dadurch, daß er im Grunde ſeiner Taſchen eine Muſik ertoͤnen ließ, welche den Ohren des Handelsmannes nicht weniger angenehm war, als ſeinen eigenen. Die beiden wurdigen Gefaͤhrten laͤchel⸗ ten einverſtanden, und als Leute, welche aus ihren Bezie⸗ hungen zu der koͤniglichen Karoline ihren Privat⸗Vor⸗ theil zu ziehen gewußt. Der Handelsmann nahm jetzt Wil⸗ der bei Seite, und, nach einigen abermaligen einleitenden Worten wurden endlich die Bedingungen der Anſtellung des jungen Seeoffiziers feſtgeſetzt. Der wirkliche Schiffsherr ſollte an Bord bleiben, ſowohl um die Sicherheit des Schif⸗ fes zu verbuͤrgen, als um den Ruf deſſelben zu wahren, es wurde aber frei eingeſtanden, daß der ihm widerfahrene unfall, welcher nichts weniger war, als ein gebrochenes Bein, mit deſſen Einrichtung im Augenblick die Wundaͤrzte beſchaͤftigt waren, ihn wahrſcheinlich verhindern wuͤrde, vor vier Wochen ſeine Kajuͤte zu verlaſſen, und daß dieſe ganze Zeit uͤber ſeine Stelle von unſerm Abentheurer verſehn wer⸗ den ſollte. Dieſe Einrichtungen nahmen eine Stunde Zeit weg, worauf der Schiffs⸗Conſignatair, voͤllig zufrieden mit der klugen und ſparſamen Weiſe, womit er ſich ſeiner Ver⸗ pflichtungen gegen ſeinen Prinzipal entledigt hatte, das Schiff vertieß. Eye er indeſſen die Barke betrat, vergaß er nicht, — 252— gleich ſorglich ſein eignes Intereſſe wahrend, den Wirth zu bitten, eine oͤffentliche urkunde, in guter und gehoͤriger Form zu unterzeichnen, uͤber alles, was er von dem ſo eben angeſtellten Offtzier wußte. Der ehrſame Joram war freigebig in Verſprechungen; indeſſen, da Alles gluͤcklich been⸗ digt war, ſah er nicht ein, warum er ſich einem unnuͤtzen Riſiko ausſetzen ſollte; es gelang ihm, ſich davon loszuma⸗ chen, da er zweifels ohne in dem Umſtande eine Entſchul⸗ digung fuͤr ſeinen Wortbruch fand, daß, da der Gegenſtand genauer betrachtet wurde, er erkannte, daß er keine Aus⸗ kunft beſitze, welche buchſtaͤblich auf die vorliegende Frage angewendet werden konnte. Es waͤre uͤberfluͤſſig, den Tumult, die halb vergeſſenen, demnach verſaͤumten Geſchaͤfte, welche man nun eilig berich⸗ tigen muß, die Glaͤubiger, die Wuͤnſche fuͤr Geſundheit, die Aufträge fuͤr fremde Seehaͤfen, mit Einem Wort, alle noch zu erfuͤllenden Pflichten zu beſchreiben, welche ſich mit einer beinahe unloͤsbaren Verwirrung in den letzten zehn Minu⸗ ten haͤufen, die dem Abſegeln eines Kauffahrers vorherge⸗ hen, haͤuptſaͤchlich, wenn es das Gluͤck, oder vielmehr Un⸗ gluͤck hat, Paſſagiere an Bord zu haben. Es gibt eine ge⸗ wiſſe Klaſſe von Menſchen, welche ein Schiff, das bereit iſt, die Anker zu lichten, mit demſelben Widerwillen ver⸗ laſſen, mit welchem ſie auf eine andere gewoͤhnliche Er⸗ werbs⸗Quelle Verzicht leiſten wuͤrden, welche an den Flan⸗ ken des Schiffes herabgleiten, wie man den geſaͤttigten Blutigel fallen ſieht. Die Matroſen, deren Aufmerkſamkeit zwiſchen den Befehlen des Steuermannes und dem Lebe⸗ wohl il da, w Mome habung geachte zugs, nach koͤnigle nes E gnuͤge naͤmli Schiff Wirth zu gehoͤriger n dem ſo ram war klich been⸗ unnuͤtzen loszuma⸗ Entſchul⸗ egenſtand ine Aus⸗ de Frage reſſenen, ig berich⸗ dheit, die alle noch mit einer n Minu⸗ vorherge⸗ nehr Un⸗ eine ge⸗ as bereit llen ver⸗ liche Er⸗ en Flan⸗ ſaͤttigten rkſamkeit em Lebe⸗ — 253— wohl ihrer Bekannten getheilt iſt, ſind uͤberall, nur nicht da, wo ſie ſeyn ſollten, und dieß iſt vielleicht der einzige Moment in ihrem Leben, wo ſie die langgewohnte Hand⸗ habung des Tauwerks vergeſſen zu haben ſcheinen. Un⸗ geachtet dieſes, alle Geduld verzehrenden manchfaltigen Ver⸗ zugs, und dieſer gewoͤhnlichen Verwirrungen, zogen ſich nach und nach alle Fremden, welche ſich an Vord der koͤniglichen Karoline befunden hatten, mit Ausnahme ei⸗ nes Einzigen, zuruͤck, und Wilder konnte ſich dem Ver⸗ gnuͤgen uͤberlaſſen, das nur ein Seemann zu ſchaͤtzen weiß, naͤmlich eines freien Verdeckes und einer wohl geordneten Schiffsmannſchaft. Zwoͤlftes Kapitel. Guter Bootsmann! Sprecht mit den Ma⸗ troſen; benehmt Euch kräftig, ſonſt laufen wir auf den Strand. Shakſpeare. — Ein guter Theil des Tages war waͤhrend der eben ge⸗ ſchilderten Scenen verſtrichen. Der Wind war eingetreten, und hielt ſich, obgleich nicht ſonderlich ſtark. Sobald Wil⸗ der ſich von den Muͤßigen, welche eben nach dem Ufer zu⸗ ruͤckgekehrt waren, und von dem geſchaͤftigen Conſignatair mit der wichtigen Miene befreit ſah, blickte er ſich um, in der Abſicht, ſich auf der Stelle in Beſitz des hoͤchſten An⸗ ſehns zu ſetzen. Er ließ den Steuermann rufen, that ihm ſeinen Willen kund und zog ſich auf einen Punkt des Ver⸗ deckes zuruͤck, von wo er mit Muße alle Theile des Schif⸗ fes, uͤber welches er ſelt ſo wenigen Augenblicken den Ober⸗ befehl fuͤhrte, betrachten, und uͤber die außerordentliche und unerwartete Lage in der er ſich befand, nachdenken konnte. Die köonigliche Karoline hatte allerdings einige Anſpruͤchen auf den erhabenen Namen, welchen ſie trug. Es war ein Schiff, mit den ſagte, d und ein licher Z Luͤgen ſchaft, wenig ein Ueb welche Sein 2 zelnheit regten wuͤnſcht hingibt lichkeit Die gerade taus b ſehr vo Geſam ſchaͤftig und kr ſam u⸗ rer ſei ließ eit in der Unterg en Ma⸗ ſen wir e. ben ge⸗ etreten, d Wil⸗ fer zu⸗ gnatair am, in en An⸗ aat ihm Ver⸗ Ober⸗ che und konnte. ſpruͤchen var ein — 255— Schiff, von jenem gluͤcklichen Bau, welcher das Nuͤtzliche mit dem Angenehmen verbindet. Der Brief des Korſaren ſagte, daß es fuͤr einen Schnellſegler gelte, und der junge und einſichtsvolle Befehlshaber ſah mit ungemeiner inner⸗ licher Zufriedenheit daß es ſeinen Ruf auf keinerlei Weiſe Luͤgen ſtrafte. Eine kraͤftige, thäͤtige und erprobte Mann⸗ ſchaft, wohlproportionirte Spieren, Mars⸗Tauwerk von wenig Gewicht und Umfang, vollkommene Schichtung, und ein Ueberfluß an leichten Segeln, boten ihm alle Vortheile, welche ſeine Erfahrung ihm wuͤnſchenswerth machen mußte. Sein Auge ward lebendig beim raſchen Ueberblick aller Ein⸗ zelnheiten des Schiffes, das er befehligte, und ſeine Lippen regten ſich, wie die eines Menſchen, der ſich innerlich Glüͤck wuͤnſcht, oder ſich einigen von Eigenliebe eingefloͤßten Ideen hingibt, die er aus einem Gefuͤhle von Anſtand und Schick⸗ lichkeit nicht laut werden läßt. Die Mannſchaft war unter des Steuermanns Befehl gerade an der Spille und haite das Aurwinden des Anker⸗ taus begonnen. Deeſe Arbeit war von der Natur, daß ſich ſehr vortheilhaft ſowohl die individuelle, als ſich auch die Geſammtkraft derer zeigen konnte, welche ſich damit be⸗ ſchäftigten. Ihre Bewegungen waren taktmaͤßig, lebhaft und kraftvoll; ihre Toͤne wohlklingend und munter. Gleich⸗ ſam um ſeinen Einfluß zu verſuchen, erhob unſer Abentheu⸗ rer ſeine Stimme mitten unter denen der Matroſen, und ließ einen Zuruf vernehmen, uͤberraſchend und ermunternd, in der Art, in welcher ein Seeoffizier gewohnt iſt, ſeine Untergebenen anzufeuern. Sein Ton war feſt, eindringend —- — 256— und gebietend. Die Matroſen fuhren auf, wie kͤhne Ren⸗ ner beim Signale, und jeder warf einen Blick ruͤckwaͤrts, wie um die Talente ſeines neuen Befehlshabers zu pruͤfen. Wilder laͤchelte wie ein Mann, der mit dem Erfolge einer Bemuͤhung zufrieden iſt, und wandte ſich, um auf dem Hin⸗ terkaſtell ſpazieren zu gehen; wo er wieder dem ruhigen, nachdenkenden, aber ſehr erſtaunten Auge der Mrß. Wyllys begegnete. „Nach der Meinung die es Ihnen gefallen hat, uͤber dieſes Schiff zu aͤußern,“ ſagte ſie in dem Tone ſcharfen Spottes zu ihm, niſt es mir ſehr unerwartet Sie hier eine Stelle einnehmen zu ſehen, welche mit ſo vieler Verantwort⸗ lichkeit verbunden iſt.“ „Sie wiſſen doch wahrſcheinlich, Miß,“ antwortete der junge Seemann, ndaß dem Schiffsherrn ein ſehr verdrieß⸗ licher Unfall widerfahren iſt? „Ich weiß es, und habe gehoͤrt, daß man einen andern Offizier gefunden, um fuͤr den Augenblick ſeine Stelle ein⸗ zunehmen. Wenn Sie aber ein Bischen nachdenken wollen, ſo werden Sie mein Erſtaunen uber die Perſon, welche dieſe Stelle einnimmt, erklaͤrlich finden.“ „Unſere Unterhaltungen haben Ihnen, Miß, vielleicht nicht den vortheilhafteſten Begriff von meiner Geſchicklichkeit in meinem Geſchaͤfte eingefloͤßt; ich bitte Sie aber aus Ih⸗ ren Gedanken alle Unruhe uͤber dieſen Punkt zu verbannen, denn „Ich bezweifle nicht im mindeſten Ihre Geſchicklichkeit und Erfahrung in Ihrer Kunſt; es ſcheint wenigſtens, als ob die halten niſſen gleitu Sie Reiſe 175 geſehe Auge nicht antw auf merk fahr beſin beſch jung lys. chen zu r die ſetzte jung an hne Ren⸗ ickwaͤrts, t pruͤfen. Ige einer dem Hin⸗ ruhigen, Wyllys tt, uͤber ſcharfen hier eine antwort⸗ rtete der verdrieß⸗ andern telle ein⸗ wollen, „ welche vielleicht icklichkeit aus Ih⸗ bannen, cklichkeit ns, als — 257— ob die Gefahr ſchon ſehr groß ſeyn muͤßte, welche Sie ab⸗ halten ſollte, jede Gelegenheit zur Entfaltung von Kennt⸗ niſſen zu ſuchen. Werden wir das Vergnuͤgen Ihrer Be⸗ gleitung fuͤr die ganze Ueberfahrt genießen, oder werden Sie uns verlaſſen, wenn wir außer dem Hafen ſind 2„ „Ich bin mit der Fuͤhrung des Schiffes fuͤr die ganze Reiſe beauftragt“ „Wir duͤrfen demnach hoffen, daß die Gefahr die Sie geſehen, oder zu ſehen Sich eingebildet haben in Ihren Augen unbedeutender geworden iſt; ſonſt waͤren Sie wohl nicht ſo bereit geweſen, Sich mit uns derſelben auszuſetzen.“ „Sie laſſen mir nicht Gerechtigkeit widerfahren, Miß,“ antwortete Wilder mit Waͤrme und einem unwillkuͤhrlichen auf Gertrude, welche ihm mit ernſter und ungeſtoͤrter Auf⸗ merkſamkeit zuhoͤrte, gerichteten Blicke; ves gibt keine Ge⸗ fahr der ich mich nicht unaufgefordert und ohne mich zu beſinnen ausſetzte, um Sie vor jeder Unannehmlichkeit zu beſchuͤtzen, Sie und dieſes junge Frauenzimmer.“ „Den hohen Werth dieſer ritterlichen That muß das junge Frauenzimmer ſelbſt erkennen,“ ſagte Mrß. Wyl⸗ lys. Den gezwungenen Ton, in welchem ſie bisher geſpro⸗ chen hatte, jetzt aufgebend, um ihn gegen einen natuͤrlichen zu vertauſchen, welcher beſſer zu ihren Geſichtszuͤgen ſtimmte, die das Gepraͤge der Sanftmuth und Sinnigkeit trugen, ſetzte ſie hinzu:—„Sie haben einen maͤchtigen Fuͤrſprecher, junger Mann, in dem unerklaͤrlichen Trieb, den ich fuͤhle, an Ihre Aufrichtigkeit zu glauben, ein Trieb, den ich ver⸗ dammen muͤßte, wenn ich meiner Vernunft allein Gehoͤr Cooper's Freibeuter. 1— 3. 17 — 5 ——— — — 258— geben wollte. Da das Schiff wohl Ihrer Sorge bedarf, ſo will ich Sie nicht laͤnger abhalten. Es kann uns un⸗ moͤglich an Gelegenheit fehlen, uͤber Ihr Streben und Ihre Mittel uns zu dienen zu urtheilen.“ „Liebe Gertrude, es iſt gewoͤhnlich daß die Frauen auf Schiffen nur hinderlich ſind, hauptſachlich, wenn es ſich um ein ſchwieriges Werk handelt, wie das, womit man ſich im gegenwaͤrtigen Momente beſchaͤftigt.⸗ Gertrude fuhr auf, erroͤthete, und folgte ihrer Gou⸗ vernante nach der andern Seite des Verdeckes, begleitet von einem ausdrucksvollen Blick unſers Abentheurers, wel⸗ cher zu ſagen ſchien, daß er weit entfernt ſey, ihre Anwe⸗ ſenheit laͤſtig zu finden. Nachdem die Frauenzimmer ſich in eine einſame Ecke, wo ſie den Arbeiter nicht hinderlich ſeyn, jedoch vollkommen beobachten konnten, zuruͤckgezogen hatten, ſah ſich der junge Seemann, ſehr wider ſeinen Wil⸗ len genoͤthigt, eine Unterredung abzubrechen, die er gerne bis zum Momente fortgefuͤhrt haͤtte, da er aus den Haͤn⸗ den des Steuermanns den Befehl uͤber das Schiff erhalten ſollte. Der Anker war bereits gelichtet, und die Matroſen mit dem Beiſetzen der Segel beſchaͤftigt. Wilder arbeitete ſelbſt an dieſem Werke mit fieberhafter Haſt, wiederholte die noͤthigen Befehle, welche der Steuermann gab, und wachte ſelbſt uͤber ſichere unmittelbare Vollziehung. 3 Je mehr die Segel nach einander von den Rahen roll⸗ ten, und ſich durch manchfaltig zuſammengeſetzten Mechanie. mus entwickelten, deſto mehr begann das Intereſſe, das ein Seema Empfit All Toppſft nem 2 Abentk genblie volk, liche ſeiner vertra in Or unterf ſten N ſeine ſich zu die S mit e Leeſei er ſie gel g trat Unter Schif linqu nung 1 was bedarf, ns un⸗ d Ihre ten auf ich um ſich im Gou⸗ gleitet „ wel⸗ Anwe⸗ er ſich derlich zogen Wil⸗ gerne Haͤn⸗ halten troſen eitete cholte und roll⸗ anie. 3 ein — 259— Seemann immer fuͤr ſein Schiff fuͤhlt, uͤber jede andere Empfindung zu ſiegen. Alle Segel waren jetzt geſpannt, von den Bram⸗ oder Toppſegeln bis zu den unterſten; das Schiff war mit ſei⸗ nem Vordertheil nach der Ausfahrt gerichtet, und unſer Abentheurer hatte wahrſcheinlich, wenigſtens fuͤr einen Au⸗ genblick gewiß, vergeſſen, daß er mitten unter dem Schiffe⸗ volk, zu deſſen Befehlshaber er auf eine ſo außerordent⸗ liche Weiſe ernannt worden way, fremd war, und daß ſeiner Feſtigkeit und Entſchloſſenheit große Intereſſen an⸗ vertraut waren. Als alles Segelwerk von oben bis unten in Ordnung und das Schiff unter den Wind gebracht war, unterſuchte ſein Auge alle Segel und Rahen von dem ober⸗ ſten Flaggen⸗Knopf an bis zum Verdeck, und beendigte ſeine Muſterung an den außern Flanken des Schiffes um ſich zu uͤberzeugen, ob auch im Waſſer kein Tau hinge, das die Bewegungen deſſelben hindern koͤnnte. Eine kleine Barke mit einem Knaben hing an der Einkuͤrzungsleine auf der Leeſelte, und als das Schiff ſich fortzubewegen begann, ſah er ſie mit der Leichtigkeit einer Feder uͤber den Waſſerſpie⸗ gel gleiten. Da er bemerkte, daß es ein Kuͤſtenboot ſey, trat er zuruͤck um ſich zu erkundigen, wem es gehoͤre; ein Unter⸗Ofſizier zeigte ihm Joram, der gerade aus dem Schiffsraum heraufſtieg, wo er mit einem ſogenannten De⸗ linquenten, d. h. einem abſegelnden Schuldner, eine Rech⸗ nung in's Reine gebracht hatte. Der Anblick dieſes Menſchen erinnerte Wilder an alles, was den Morgen vorgegangen war, und lenkte ſein Auge 17* — 260— auf die Schwierigkeiten der Aufgabe zu deren Loͤſung er ſich anheiſchig gemacht hatte. Keine Bewegung der Art ſchien den Wirth zu beunruhigen, deſſen Gedanken alle im⸗ mer in Einem Punkte zuſammenzutreffen ſchienen, dem Mittel, Geld zu gewinnen. Er naͤherte ſich dem jungen Seemanne, gruͤßte ihn mit dem Titel Capitain, und wuͤnſchte ihm gluͤckliche Reiſe, mit den unter den Seeleuten uͤblichen Worten, wenn ſie im Begriff ſind, ſich zu trennen. „Capitain Wilder,“ ſchloß er,„Ihr habt kein ſchlecht Geſchaͤft gemacht, und ich hoffe, daß Eure Ueberfahrt von kurzer Dauer ſeyn werde. Heute Abend werdet Ihr guten Wind haben, und wenn Ihr nach Montauth alle Segel beiſetzen, ſo koͤnnt Ihr die offene See gewinnen mit dem andern Schlag, ſo daß Ihr Morgen ſchon die Kuͤſte aus dem Geſichte verliert. Wenn ich die Witterung richtig zu beurtheilen vermag, ſo wird Euch der Wind vielleicht mehr als Euch lieb ſeyn duͤrfte, von Oſten kommen.“ „Und wie lang glaubt Ihr, daß wahrſcheinlicher Weiſe meine Reiſe waͤhren kann?“ fragte Wilder mit gedaͤmpfter Stimme, ſo daß ihn nur der Wirth hoͤren konnte. Joram ſah ſich mit einem verſtohlenen Blicke um, und da er Niemand bemerkte, ſo erlaubte er einem Zuge von verhaͤrteter Verſchlagenheit ſich auf einem Geſichte darzuſtel⸗ len, wo man gewoͤhnlich nichts als einfoͤrmiges koͤrperliches Behagen erblickte; er legte einen Finger auf die Naſe und antwortete:. „Habe ich nicht dem Schiffs⸗Conſignatair einen praͤchti⸗ gen Eid angeboten, Maſter Wilder?⸗ „O meine( keit und „Ur der Wi waͤhlend meine ausgeze kennt, ten an terricht kanntſ in die wir n ten, habe: huͤbſch ich ihr laſſe. vergre das I oder ſolche wenn geſetz 11 ung er eer Art alle im⸗ , dem jungen zuͤnſchte ablichen ſchlecht ort von guten Segel lit dem ſte aus htig zu t mehr Weiſe mpfter 1, und ge von zuſtel⸗ rliches ſe und raͤchti⸗ — 261— „O gewiß,“ antwortete der junge Seemann,„Ihr habt meine Erwartung weit uͤbertroffen durch Eure Bereitwillig⸗ keit und Eure..“ „Und meine Erkundigungen in Betreff Eurer,“ ſetzte der Wirth hinzu, da er bemerkte, daß Wilder um das zu waͤhlende Wort verlegen war.„Ja, ich habe mich durch meine Geiſtesthaͤtigkeit in Geſchaͤftchen der Art von jeher ausgezeichnet. Wenn man aber einmal eine Sache genau kennt, dann iſt es thoͤricht, ſeine Lunge mit zu vielen Wor⸗ ten anzuſtrengen.“ „Wahrlich, es iſt kein geringer Vortheil, ſo wohl un⸗ terrichtet zu ſeyn. Ich vermuthe, daß Ihr aus Euern Be⸗ kanntſchaften gehoͤrig Nutzen zu ziehen verſteht.“ „Der Himmel ſegne mich, Maſter Wilder! Was ſollte in dieſen ſchwierigen Zeiten aus uns Allen werden, wenn wir nicht auf ehrliche Weiſe einen Pfennig verdienen koͤnn⸗ ten, die Gelegenheit komme woher ſie wolle? Ha! ich habe mir ſelbſt Ehre gemacht, durch das Erziehen mehrerer huͤbſcher Kinder, und es ſoll meine Schuld nicht ſeyn, wenn ich ihnen nicht noch außer meinem guten Ruf etwas hinter⸗ laſſe. Nun, man ſagt: ſechs Pfennige im Umlauf ſind zwoͤlf vergrabene werth; doch lobe ich mir den Mann, der nicht das Maul aufſperrt, wenn ein guter Freund ſein Wort, oder ſeine Hand braucht. Ihr wiſſet jetzt, wo Ihr einen ſolchen finden koͤnnt; ſo ſprechen unſere Staatsmaͤnner, wenn ſie Himmel und Hoͤlle in Bewegung um ihre Sache geſetzt haben, ſey ſie recht oder ſchlecht.“ „Das ſind ſehr loͤbliche Grundſaͤtze; ſie werden Euch ſicher die Mittel ſchaffen Euch fruͤher oder ſpaͤter in der Welt zu erheben. Ihr vergeßt aber die Antwort auf meine Frage: wird meine Ueberfahrt kurz oder lang ſeyn?“ „Der Himmel behuͤte Euch, Maſter Wilder! Soll ein armer Gaſtwirth wie ich dem Herrn dieſes ſtolzen Schiffes ſagen, woher der Wind etwa kommen kann? Da iſt der wuürdige und ehrenwerthe Capitain Nicholls, der in ſeiner Kajuͤte da unten liegt, er macht aus dieſem Schiffe was er will; und warum ſollte ich glauben, daß ein Mann mit ſo vorzuͤglichen Empfehlungen wie Ihr, nicht ſo weit kaͤme? Ich erwarte die Nachricht, daß Ihr eine ruhmvolle Reiſe gemacht habt, das gute Zeugniß ehrend, welches ich Gele⸗ genheit hatte, zu Euern Gunſten abzulegen.“ Wilder verwuͤnſchte im Grunde ſeines Herzens die räͤn⸗ kevolle Verſtellung des Schelms, mit welchem er im gegen⸗ waͤrtigen Momente zu ſchaffen haben mußte; denn er ſah deutlich ein, daß ſein Entſchluß ſich durch einen Schritt weiter(wenn er nicht unumgaͤnglich nothwendig waͤre) keine Bloͤſſe zu geben, wahrſcheinlich nur dazu dienen wuͤrde, Joram allzu vorſichtig zu machen, als daß er ſich nach Wunſche deutlich genug erklaͤrte. „Ihr ſeht,“ ſagte er nach einem Augenblice Nachden⸗ kens, ndaß dieß Schiff zu ſchnell zu ſegeln beginnt, als daß wir mit unnützen Worten Zeit verlieren duͤrften; Ihr wißt von dem Briefe, welchen ich heute Morgen erhalten habe?" „Ich, Capitain Wilder! Gott behuͤte mich! Haltet Ihr mich fuͤr den Einnehmer auf der Briefpoſt? Woher in der fmeine 4 zoll ein Schiffes iſt der ſeiner was er mit ſo kaͤme? Reiſe Gele⸗ ie raͤn⸗ gegen⸗ er ſah Schritt 2) keine wuͤrde, h nach achden⸗ als daß or wißt habe?“ Haltet Woher — 263— ſollte ich wiſſen, welche Briefe in Newport ankommen, und welche zur See bleiben durch einen Verzug?“ „Der Hallunke,“ murmelte Wilder,„iſt eben ſo furcht⸗ ſam als verſchmitzt. Aber Ihr koͤnnt mir wenigſtens ſa⸗ gen, ob man mir auf der Stelle folgen oder von mir er⸗ warten wird, daß ich unter irgend einem zu erſinnenden Vorwand das Schiff auf offener See halte?, „Gott behuͤte Euch, junger Mann! Das ſind kurioſe Fragen, die einer, der kaum das Waſſer verläßt, an einen Mann richtet, der es ſeit fuͤnf und zwanzig Jahren nur von der Kuͤſte aus betrachtet. So viel ich weiß, Herr, ſteuert Ihr gegen Suͤden, bis Ihr die Inſeln paſſirt habt, dann werdet Ihr Eure Rechnungen nach dem Wind auf⸗ ſtellen, um nicht in den Golf zu gerathen, wo, wie Ihr wißt, der Strom Euch nach der Einen Seite reißen wuͤrde, waͤhrend Eure Ordre nach der andern lautet; haltet beim Wind.“ „Lof an! Herr!“ rief der Lootſe dem Steuermann mit barſcher Stimme zu,„laßt Euch durch nichts abhalten zu lofen! Um Alles in der Welt, geht nicht dem Negerſchiff nach der Leeſeite!“ Wilder und der Wirth fuhren auf, wie wenn der bloße Name dieſes Schiffes etwas Erſchreckendes gehabt haͤtte, und der Erſtere ſagte zum Zweiten, indem er auf den Nachen deutete: „Wenn Ihr nicht die Reiſe mit uns machen wollt, Herr Joram, ſo iſt es Zeit in Eure Barke zuruͤckzukehren.“ „Ja, ja, ich ſehe daß Ihr im vollen Gange ſeyd, und — 264— trotz dem Vergnuͤgen, das ich in Eurer Geſellſchaft finde, muß ich Euch verlaſſen., Bei dieſen Worten ſchritt der Wirth gegen den Bord des Schiffes und ſtieg in ſeine Barke ſo gut es gehe wollte.„Nun, Kameraden,“ rief er nach,„ich wuͤnſche Euch eine gute Wache, guͤnſtigen Wind, von der rechten Art, gluͤckliche Ueberfahrt und baldige Ruͤck⸗ kehr. Das Tau los!“ Man gehorchte dieſem Rufe, und die leichte Barke, von der Bewegung des Schiffes entbunden, wich augenblicklich von ſeiner Richtung ab, und hielt nach einem kleinen Rund⸗ tanz inne, waͤhrend das Schiff ſeinen majeſtaͤtiſchen Lauf fortſetzte, wie ein Elephant von deſſen Ruͤcken ein Schmet⸗ terling hinwegflattert. Einen Augenblick folgte Wilders Auge der Barke, doch ward bald ſeine Aufmerkſamkeit durch die Stimme des Lootſen davon abgewendet, welcher von Neuem auf dem Vordertheile rief: „Dreht die Saumtaue ein wenig nach dem Winde! Dreht die Saumtaue! Weichet keinen Fußbreit vom Winde, oder Ihr gewinnt nie dem Negerſchiff die Hoͤhe des Windes ab! Lof an! ſag' ich Euch, lof an!“ „Des Negerſchiffs!“ murmelte unſer Abentheurer, und begab ſich an einen Punkt des Schiffes, von wo er dieſes wichtige Fahrzeug, das ihm in doppelter Beziehung bedeu⸗ tend war, vollſtaͤndig uͤberſehen konnte;„ach ja, des Ne⸗ gerſchiffes! Es mag wahrlich ſchwer ſeyn ihm den Wind abzugewinnen!“ Ohne es zu bemerken, befand er ſich neben Mrß. Wyllys und Gertrude. Dieſe auf die Gallerie des Hinterkaſtells geſtuͤtzt, betrachtete das Schiff, welches vor Anker l Vergnůg „Sie vielleicht ſagte zu Seite g Bord d ſere Re „Je Wyllys mer w „T das T auf de „V nem n Vergle der E zu ſer G nach ſie V gegne verbo 77 ben, Mrfß deut finde, t der ſeine rief er Wind, Ruͤck⸗ e, von licklich Rund⸗ Lauf chmet⸗ bilders amkeit velcher Linde! Linde, Findes „ und dieſes bedeu⸗ 8 Ne⸗ Wind neben e des 8 vor — 265— Anker lag, mit einem ihrem Alter und Geſchlechte eigenen Vergnuͤgen. 1 „Sie moͤgen uͤber mich lachen, und mich eigenſinnig und jelleicht leichtglaͤubig nennen, meine liebe Mrß. Wyllys,“ ſagte zutrauensvoll das Maͤdchen gerade als Wilder an ihre Seite getreten war; naber ich wuͤnſchte, daß wir nicht an Bord dieſer koͤniglichen Karoline waͤren, und daß wir un⸗ ſere Reiſe auf jenem prachtvollen Schiffe machen duͤrften!“ „Ja, prachtvoll, das iſt gewiß,“ antwortete Mrß. Wyllys, naber ich weiß nicht, ob wir ſicherer und beque⸗ mer waͤren, als hier.“ „Mit welcher Ordnung und mit w das Takelwerk beſtellt! Man koͤnnte auf dem Ocean ſchwimmenden Seevogel h „Wenn Du die Ente angefuͤhrt haͤtteſt,“ ſagte mit ei⸗ nem melancholiſchen Laͤcheln die Gouvernante,„ſo waͤre die Vergleichung vollkommen nautiſch geweſen; Du zeigſt Dich der Ehre wuͤrdig dereinſt die Gemahlin eines Seeofſiziers zu ſeyn, meine Liebe.“ Gertrude erroͤthete leicht, und wandte eben ihr Haupt nach Mrß. Wyllys, um ihren Scherz zu beantworten, als ſie Wilders Blicken, welche die ihrigen geſucht hatten, be⸗ gegnete; die leiſe Roͤthe ihrer Wangen ward Purpur; ſie verbarg ihn ſchweigend unter ihrem großen Strohhute. „Du antworteſt mir nicht, meine Liebe; man ſollte glau⸗ ben, Du denkeſt an das Gluͤcksſpiel einer Seereiſe,“ ſagte Mrß. Wyllys, deren nachdenkliche und zerſtreute Miene deutlich zeigte, daß ſie kaum wußte, was ſie ſprach. lchem Gleichmaaß iſt das Schiff fuͤr einen alten!“ — 266— „Das Meer iſt ein zu unbeſtaͤndiges Element, als daß es mir gefallen koͤnnte,“ antwortete Gertrude kalt.—„Sa⸗ gen Sie mir, ich bitte Sie, Mrß. Wyllys, das Schiff, dem wir uns naͤhern, iſt es wohl ein koͤnigliches? Es hat ein kriegeriſches, wenn ich nicht ſagen will, drohendes Aus⸗ ſehen.“ „Der Lootſe hat es zweimal ein Negerſchiff genannt.“ „Ein Negerſchiff! Wie truͤgeriſch ſind alſo die Schoͤn⸗ heit und Symmetrie die ich bewunderte! Nein! Ich will nicht mehr dem Scheine trauen, weil ein ſo ſchoͤner Gegen⸗ ſtand einem ſo abſcheulichen Handel dient.“ „Ja wohl truͤgeriſch!“ rief Wilder laut, einem ſo un⸗ widerſtehlichen als unfreiwilligen Triebe folgend.„Ich nehme es uͤber mich zu ſagen, daß ungeachtet der ſchoͤnen Verhaͤltniſſe und herrlichen Ausruͤſtung dieſes Schiffes, man auf der ganzen Flaͤche des Oceans kein einziges zu finden vermoͤchte, das treuloſer waͤre als diefes... „Dieſes Negerſchiff!“ fuͤgte Mrß. Wyllys hinzu, welche waͤhrend dieſer Zeit ſich umgedreht und ihre ganze Verwun⸗ derung ausgedruͤckt hatte, noch ehe der junge Mann geneigt ſchien ſeinen Satz zu endigen. „Dieſes Negerſchiff!“ wiederholte er mit beſonderm Nach⸗ druck, und machte eine Verbeugung, gleich als wollte er ihr dafuͤr danken, daß ſie ihm dieſes Wort gegebzt hatte. Ein tiefes Schweigen folgte dieſer Unterbrechung. Mrß. Wyllys ſtudirte einen Augenblick die verſtoͤree Phyſionomie des jungen Seeoffiziers, mit einer Miene, in welcher das beſondere Intereſſe fuͤr ihn deutlich zu leſen war, und dann wandte ſten ur ſchäftig mer au dern, zum 3 Indeſſe ſie ſein Betra De dem und n war. ganze nen, Wind wertl die C haup befar die 4 ſich das fes ſtol⸗ weit daß als daß —„Sa⸗ Schiff, Es hat bes Aus⸗ nnt.“ Schoͤn⸗ zch will Gegen⸗ ſo un⸗ „Ich ſchoͤnen s, man finden welche erwun⸗ geneigt Nach⸗ Ulte er hatte. Mrß. dnomie er das dann — 267— wandte ſie ihre Blicke nach der See, anſcheinend mit ern⸗ ſten und tiefen wo nicht gar ſchmerzlichen Gedanken be⸗ ſchaͤftigt. Die Wohlgeſtalt Gertrudens lag wohl noch im⸗ mer auf das Gelaͤnder hingegoſſen; aber doch war es Wil⸗ dern, wegen der Wendung, die ſie gemacht, nicht moͤglich zum zweitenmale die Zuͤge ihres Angeſichts zu erblicken. Indeſſen waren Ereigniſſe im Anzuge, von der Art, daß ſie ſeine Aufmerkſamkeit gaͤnzlich von einer fo angenehmen Betrachtung abwenden mußten. Das Schiff war jetzt zwiſchen der kleinen Inſel und dem Punkte, wo Homeſpun ſich eingeſchifft hatte durch, und man konnte ſagen, daß es außer dem innern Hafen war. Das Negerſchiff war gerade auf ſeinem Weg, und die ganze Bemannung betrachtete es mit dem groͤßten Erſtau⸗ nen, um zu ſehen, ob man noch hoffen durfte, auf der Windſeite vorbeizuſegeln. Dieſe Maßregel war wuͤnſchens⸗ werth, weil ein Seemann ſich einen Ruhm daraus macht die Ehrenſeite aller begegnenden Fahrzeuge zu behalten, aber hauptſaͤchlich weil in der Lage, worin ſich das Negerſchiff befand, dieß das Mittel war, nicht wenden zu muͤſſen, ehe die Karoline an einem zu dieſem Behufe bequemern Punkte ſich befander Der Leſer wird jedoch leicht begreifen, daß das Intereſſe, welches der neue Befehlshaber dieſes Schif⸗ fes dabei hatte, aus Empfindungen die von einem Gewerb⸗ ſtolz oder von dem Gefuͤhl des augenblicklichen Beduͤrfniſſes weit entfernt waren, entſprang. Wilder fuͤhlte in allen Nerven die Wahrſcheinlichkeit, daß der Moment der Kriſis herannahe⸗ Man wird ſich — 268— erinnern, daß ihm die naͤheren Abſichten des Freibeuters vorgebli vöͤllig unbekannt waren. Es waͤröe dieſem nicht ſchwer ge⸗ ſich auf worden, uͤber ſeine Beute herzufallen, und zwar Angeſichts zu aͤnd aller Einwohner der Stadt, und ſich derſelben, der ſchwa⸗ tiefe, chen Vertheidigungsmittel ſpottend, zu bemaͤchtigen, da das wie ſie Fort nicht im Stande war zu dienen. Die Lage der beiden hindure Schiffe beguͤnſtigte ein ſolches Unternehmen. Die Karoline nen S hatte keine Maßregeln zur Vertheidigung getroffen, ahnete zigen keine Gefahr, und befand ſich keinesweges in der noͤthigen Ende Verfaſſung um mit einem ſo furchtbaren Feind zu ringen, ſchien, war alſo ein Schlachtopfer, das ganz leicht unterlag; man ſo una durfte uͤberdies gar nicht glauben, daß eine einzige Kugel ſaß ar vom Lande her ſie erreichen konnte, ſondern daß in dieſem ſogleich Falle der Kaper und ſeine Priſe ſich bereits in einer Ent⸗ Schiffe fernung befinden wuͤrden, die groß genug waͤre, einen zwei⸗ dieſe 3 ten Schuß nicht ſehr gefaͤhrlich, wenn nicht voͤllig unnuͤtz Schiff zu machen. Die hoͤchſt ſonderbare und kecke Weiſe eines gefaͤhr ſolchen Unternehmens ſtimmte mit dem Charakter des ent⸗ blicklie ſchloſſenen Freibeuters uͤberein, und es ſchien jetzt einzig und und allein von ſeiner Laune abzuhaͤngen. der 2 Voll von dieſem Gedanken, und die Ausſicht vor Augen und d ſeine neue Wuͤrde ſo ſchnell zu verlieren, kann nicht auf⸗„ fallen, daß unſer Abentheurer das Reſultat deſſen, was der h da vorging, mit einem ungleich lebhaftern Antheil erwar⸗ auf ſ tete, als irgend einer, in deren Mitte er ſich befand. Er lange ſchritt nach der Kuhl, und ſuͤchte nach irgend einem, den 3 Thro Seeleuten bekannten Anzeichen den Plan ſeiner geheimen fuͤr d Verbuͤndeten zu errathen. Er vermochte jedoch auf dem nicht — 269— eibeuters vorgeblichen Negerſchiff kein Zeichen zu entdecken, von dem wer ge⸗ ſich auf die Abſicht abzuſegeln oder auch nur die Stellung ggeſichts zu aͤndern haͤtte ſchließen laſſen. Es herrſchte da eine ſo ſchwa⸗ tiefe, ſo bewundernswuͤrdige, aber auch ſo treuloſe Ruhe, da das wie ſie den ganzen an Ereigniſſen ſo fruchtbaren Morgen r beiden hindurch geherrſcht hatte. Mitten in ſeinem Tauwerk, ſei⸗ Karoline nen Segelſtangen und Maſten konnte man nur einen ein⸗ „ahnete zigen Mann ſehen; es war ein Seemann, der an dem einen noͤthigen Ende einer der unterſten Rahen ſaß, und damit beſchaͤftigt ringen, ſchien, eine, jener in dem Segelwerk eines großen Schiſſes g; man ſo unaufhoͤrlich nothwendigen Reparaturen zu beendigen. Er e Kugel ſaß auf ſeinem Schiffe unter dem Wind, woraus Wilder a dieſem ſogleich den Schluß zog, er ſey dahin geſtellt, um einen er Ent⸗ Schiffshaken in das Tauwerk der Karoline zu werfen, wenn en zwei⸗ dieſe Maßregel nothwendig werden ſollte, um die beiden 3 unnütz Schiffe in Beruͤhrung zu bringen. In der Abſicht ein ſo iſe eines gefaͤhrliches Zuſammentreffen zu vermeiden, beſchloß er augen⸗ des ent⸗ blicklich dieſes Projekt zu vereiteln. Er rief den Lootſen zzig und und ſagte ihm, daß dies Unternehmen, das Negerſchiff auf der Windſeite zu paſſiren, ſehr zweifelhaften Erfolg habe, Augen und daß das Sicherſte ſey, auf der Leeſeite vorbeizuſegeln. icht auf⸗„Fuͤrchtet nichts, Capitain, fuͤrchtet nichts,“ antwortete en, was der hartnaͤckige Fuͤhrer des Schiffes, der um ſo eiferſuͤchtiger l erwar⸗ auf ſeine Herrſcherwuͤrde war, als deren Dauer nicht mehr nd. Er lange ſeyn konnte, und welcher, wie der Uſurpator eines em, den 4 Thrones, argwoͤhniſch auf die legitime Macht blickte, die er geheimen fuͤr den Augenblick ihrer Rechte beraubt hatte;„fuͤrchtet auf dem nichts, Capitain, ich habe oͤfter in dieſen Gegenden geſchifft, als Ihr den Ocean durchſegelt, und ich kenne den Namen eines jeden Felſen darin ſo gut, als der Ausrufer der Stadt die Straßen von Newport kennt.“ „Lof! ſag' ich, lof! Preßt den Wind enger! Nichts hindert Euch zu lofen.“ „Ihr ſeht die Segel flattern ſchon, Herr," ſagte Wil⸗ der mit entſchloſſenem Tone;„wenn Ihr das Negerſchiff anrennen laßt, wer bezahlt die Haverei?⸗ „Ich habe fuͤr Alles Buͤrgſchaft geſtellt,“ antwortete der eigenſinnige Lootſe;„meine Frau ſoll jedes Loch flicken, das ich in Eure Segel bringe, mit einer haarfeinen Nadel und einem Handblech wie der Fingerhut einer Fee.“ „Schoͤne Worte, Herr; aber ſchon verliert Ihr das Fahrwaſſer, und ehe Ihr mit Euren Prahlereien fertig ſeyd, wird es in den Eiſen des N gerfahrers haͤngen, die es ſo feſt halten werden, als die Ketten einen verurtheilten Miſſethaͤter.— Nicht hoͤher das Segel, Kamerad!— Laßt ſteuern, Herr!“ „Ja, ja! Nicht hoͤher das Segel!“ wiederholte der Lootſe, welcher die Schwierigkeit, auf der Windſeite vorbei⸗ zukommen, von Augenblick zu Augenblick wachſen ſah, und in ſtinem Entſchluß zu wanken begann.„Gepreßt und doll!— Noch einmal, gepreßt und voll!— Ich weiß nicht ganz gewiß, Capitain, ob, da uns der Wind ein weneg eontraͤr iſt, wir nicht doch noch die Leeſeite paſſiren werden muͤſſen; das aber muͤßt Jor geſtahen, daß in dieſem Falle wir genoͤthigt werden, zu wenden.⸗ Nu mehr dern w nung! mochte deren wende waͤre, ſten 4 der er zwun ihm wahr welch haber Ihr E dieſen ausd Namen Stadt Nichts te Wil⸗ gerſchiff vortete flicken, Nadel hr das fertig die es heilten Laßt te der vorbei⸗ h, und t und 3 nicht wenig verden Falle — 271— Nun aber war die Sache die: der Wind, obgleich nicht mehr ſo ſtark, als er geweſen, hatte ſich nicht gedreht, ſon⸗ dern war vielmehr guͤnſtiger geworden; und Wilders Mei⸗ nung war es nicht geweſtn, auf welche Weiſe es auch ſeyn mochte, daß das Schiff, indem es auf die Leeſeite des an⸗ deren Fahrzeuges kam, nicht haͤtte zwanzig Minuten fruͤher wenden muͤſſen, als wenn ihm der E tzliche Verſuch gelungen waͤre, auf der Ehrenſeite zu paſſiren. Da aber die ſtumpf⸗ ſten Koͤpfe immer zuletzt ihre Mißgriffe einſehen, ſo wollte der entwaffnete Loorſe, da er ſich doch zum Nachgeben ge⸗ zwungen ſah, dies nur mit einigem Ruͤckhalt thun, welcher ihm unter ſeinen Zuhoͤrern ſeinen Ruhm der Vorſicht be⸗ wahren konnte. „Entfernt das Schiff aus dem Winde,“ rief Wilder, welcher den Ton der Zurechtweiſung in den des Befehls⸗ habers umſtimmte;—„aus dem Winde, Herr, waͤhrend Ihr es noch koͤnnt, oder beim Himmel...“ Seine Lippen erſtarrten, denn ſeine Augen waren in dieſem Augenblick auf Gertrudens blaſſes, unruhiges und ausdrucksvolles Geſicht gefallen. „Ich glaube wir muͤſſen,“ ſagte der Steuermann, da der Wind geſchralt hat— Fort, Kamerad, ſteure nach dem Spiegel des Schiffes vor Anker.— He da! Lof von Neuem, lof! Preßt den Wind enger! Die kleinen Segel auf! Der Negerfahrer hat gerade auf unſere Fahrt einen Greling geworfen. Wenn Gerechtigkeit in den Pflanzungen iſt, ſchleppe ich dieſen Capltain vor die Gerichte.“ — 22— „Was will der Kerl?“ fragte Wilder und ſprang eilig auf eine Kanone, um einen ſicheren Blick auf den Stand der Dinge zu werfen. Sein Lieutenant zeigte ihm die Leeſeite des anderen Schiffes, welche unter dem Winde lag, und der junge See⸗ offizier ſah nur zu deutlich ein Kabel, welches das Waſſer ſtrich, wie wenn man beſchaͤftigt geweſen waͤre, es zu ſpan⸗ nen. Die Wahrheit leuchtete ihm ſogleich ein. Der Frei⸗ beuter war mittelſt eines Spannkabels unbemerkt feſt, in der Abſicht, ſchneller ſeine Kanonen auf die Batterie zu bringen, im Falle Vertheidigung nothwendig wuͤrde; und jetzt benutzte er dieſen Umſtand um den Kauffahrer zu ver⸗ hindern, ihm auf der Leeſeite vorbeizukommen. Dieſe Vor⸗ richtuns verurſachte großes Erſtaunen unter den Offizieren der Karoline, welche demſelben durch eine gebuͤhrende Reihe von Fluͤchen und Verwuͤnſchungen Luft machten, obgleich keiner von ihnen uͤber die wahre Urſache, welche einer Ein⸗ kuͤrzungsleine dieſe Stelle angewieſen, und ihnen ein Kabel ſo ungeſchickt in den Weg gebracht hatte, den mindeſten Argwohn hegte. Der Lootſe war der Einzige unter ihnen, der einen Antrieb ſich zu freuen darin fand. Er hatte das Schiff wirklich in eine Lage gebracht, in welcher es ihm gleich ſchwer ward, auf der einen wie auf der andern Seite des Negerſchiffs vorbeizukommen, und jetzt fand er hinrei⸗ chende Entſchuldigung zu ſeiner Rechtfertigung, wenn im Verlaufe des aͤußerſt ſchwierigen Manoͤvers, wovon man ſich auf keine Weiſe mehr losmachen konnte, ein ungluͤcklicher Zufall ſich ereignete. 27 Da fahrt ein erwaͤhnt Schiffe es muß „Jd die an mit der innerlich koͤnnen, er kurz Ein Geſetze nach de Der ken des das S wandte gekomt Aufflum Steuer trieb Winde ner S Mome Ei in we voran Cot ng eilig Stand anderen ge See⸗ Waſſer u ſpan⸗ er Frei⸗ feſt, in terie zu ez und zu ver⸗ ſe Vor⸗ fizieren e Reihe obgleich er Ein⸗ 1 Kabel indeſten ihnen, ttte das es ihm n Seite hinrei⸗ denn im nan ſich uͤcklicher „Das heiß ich eine ungewoͤhnliche Frechheit an der Ein⸗ fahrt eines Hafens,“ brummte Wilder, als er ſich von der erwaͤhnten Lage der Dinge uͤberzeugt hatte.„Man muß dem Schiffe ſeinen Lauf laſſen, Lootſe; wir koͤnnen nicht helfen; es muß auf der Windſeite vorbei.“ „Ich waſche meine Haͤnde in Unſchuld, und nehme alle, die an Bord ſind zu Zeugen,“ antwortete der Lootſe mit der Miene eines ſchwer beleidigten Mannes, obgleich er innerlich daruͤber erfreut war, ſich das Anſehn geben zu koͤnnen, als wuͤrde er zu dem Mandver gezwungen, welches er kurz vorher ſo hartnaͤckig hatte ausfuͤhren wollen.„Wenn Ein Tau reißt, oder Eine Planke kracht, muͤſſen wir die Geſetze zu Hülfe nehmen.— Lof, Kamerad, lof noch mehr nach dem Winde, und verſuche einen halben Schlag!“ Der Seemann am Steuer gehorchte. Er ließ die Spa⸗ ken des Steuer⸗Lades los, das einen ſchnellen Kehr machte; das Schiff empfing einen neuen Antrieb vom Winde, und wandte langſam ſein Vordertheil nach der Seite, woher es gekommen, mit einem Brauſen der Segel, vergleichbar dem Aufflug einer Schaar Waſſervoͤgel. Da aber die Macht des Steuerruders von Neuem wirkte, ſiel es ab wie vorher und trieb dem vermeintlichen Negerſchiff gegenuͤber, mit einem Winde, der nichts deſtoweniger einen großen Theil von ſei⸗ ner Staͤrke verloren hatte, und zwar in dem geſaͤhrlichen Momente, da er am noͤthigſten geweſen waͤre. Ein Seemann wird leicht die Lage zu beurtheilen wiſſen, in welcher ſich die Karoline befand. Sie war dergeſtalt vorangetrieben, daß ſie ſich auf der Windſeite gerade dem Cooper's Freibeuter. 1— 3. 18 — 274— Negerſchiff gegenüber fand, und zwar zu nahe, als daß ſie, wenn auch noch ſo wenig haͤtte abfallen koͤnnen, ohne die droyendſte Gefahr die beiden Schiffe in Beruͤhrung zu brin⸗ gen. Der Wind war unbeſtändig, bald blies er in Flaggen, bald war es vollkommen ſtill. Wenn er auf das Schiff ſtieß, bogen ſich ſeine großen Maſten anmuthig gegen den Negerfahrer, gleich als wolle es Lebewohl ſagen; wenn aber der augenblickliche Eindruck des Windes aufhoͤrte, wankte es ſchwerfaͤllig hin und her, ohne einen Fußbreit zu weichen. Die Folge jeder Veraͤnderung indeſſen war, daß es ſeinem gefäͤhrlichen Nachbar naͤher ruͤckte, und es wurde bald ſelbſt dem juͤngſten Seemann an Bord klar, daß einzig und allein ein raſcher Luvwechſel es in den Stand ſetzen konnte, fort⸗ zuruͤcken, um ſo mehr, als das Waſſer im Begriff war zu wechſeln. Da die Subaltern⸗Offiziere der Karoline nicht ſehr zart in der Auswahl ihrer Ausdruͤcke, in ihren Auslegungen der Ungeſchicklichkeit, die ſie in eine ſo unangenehme und ſo peinliche Lage gebracht hatte, zu Werke gingen, ſuchte der Lootſe ſeinen Verdruß hinter einem Schwall von Befehlen zu verbergen, welche er zu gleicher Zeit gab, und hinter dem Laͤrm, den er damit machte. Vom Laͤrm ging er bald zur Verwirrung uͤber, und zuletzt blieb die Schiffsmann⸗ ſchaft mit uͤbereinander geſchlungenen Armen ſtehen, da ſie nicht wußten, welchem von den oft widerſprechenden Gebo⸗ ten, die ſie zugleich erhielten, ſie gehorchen ſollten. Auch Wilder hatte ſeine Arme gekreuzt, und ſich mit der Miene vollkommenſter Ruhe zu den beiden Damen, die er an Bord hatte, hoffend. den Ge zu befuͤ Statt ruhigen nahe u welchen erregte den, empfun 74 ihn di ruhe d „ 4 „daß D Wilde Gertr Fraue rechne 2 nicht, der A aͤngſt daß ſie, ohne die zu brin⸗ Flaggen, 6 Schiff egen den nn aber ankte es weichen. s ſeinem uld ſelbſt nd allein te, fort⸗ war zu ſehr zart ngen der und ſo uchte der Befehlen nd hinter ger bald ffsmann⸗ n, da ſie en Gebo⸗ n. Auch er Miene an Bord — 275— hatte, geſetzt. Mrß. Wylllys ſtudierte alle ſeine Blicke, hoffend, in ihrem Ausdrucke die Art und Groͤße der drohen⸗ den Gefahr zu leſen, wenn in der Beruͤhrung einige Gefahr zu befuͤrchten war, welche ungeſaͤumt zwiſchen zwei Schiffen Statt finden zu muͤſſen ſchien, die beide in einem vollkommen ruhigen Waſſer ſtanden, das Eine ſtarr, das Andere ſich bei⸗ nahe unbemerkt bewegend. Der feſte und entſchloſſene Zug, welchen ſie auf der Stirn des jungen Seemannes gewahrte, erregte eine Unruhe in ihr, die ſie außerdem, unter Umſtaͤn⸗ den, die an ſich nichts Gefaͤhrliches gezeigt haͤtten, nicht empfunden haben wuͤrde. „Haben wir etwas zu fuͤrchten, mein Herr?“ fragte ihn die Gouvernante in einem Tone, der ihre eigene Un⸗ ruhe der jungen Gefährtin verbergen ſollte. „Ich habe Ihnen geſagt, Miß,“ antwortete Wilder, „daß die Karoline ein ungluͤckliches Fahrzeug iſt.“ Die beiden Damen nahmen das beſonders bittere Laͤcheln Wilders bei dieſer Antwort fuͤr ein boͤſes Anzeichen und Gertrude ſtuͤtzte ſich auf den Arm ihrer Gefäͤhrtin, als eines Frauenzimmers, auf deren volle Liebe ſie ſeit Langem zu rechnen gewohnt war. „Warum zeigen ſich denn die Leute des Negerſchiffes nicht, um uns behuͤlflich zu ſeyn, um bei der Verhuͤtung der Annaͤherung das ihrige zu thun?“ fragte Mrß. Wyllys angſtlich. „Freilich, warum zeigen ſie ſich nicht? Aber wir wer⸗ den ße, duͤnkt mich, ſehen, und zwar wird es nicht lange dauern. 18* — — 276— „Nach Eurem Tone und Eurer Miene zu urtheilen, duͤrftet Ihr dies Zuſammentreffen nicht fuͤr gefahrlos halten?“. „Halten Sie Sich bei mir," ſagte Wilder mit einer Stimme, die durch das Schließen ſeiner Lippen beinahe er⸗ ſtickte.„Es mag vorgehen, was da wolle, halten Sie Sich ſo nahe bei mir, als es Ihnen nur moͤglich iſt.⸗ „Hebt den kleinen Leeſegelbaum auf die Luvſeite!“ rief der Lootſe.—„Laßt eine Barke in die See, wendet das Schiff durch Einkuͤrzen;— laßt den Wurfanker ab;— holt den Kluͤver an;— ſetzt den großen Hals zu.“ Die erſtaunte Mannſchaft ſtand wie Saͤulen, und wußle nicht, wohin ſie ſich wenden ſollte; die Einen ſchrien den Anderen zu dies oder das zu thun, und ſchrien wieder in demſelben Augenblick Gegenbefehle aus. Endlich rief eine Stimme ruhig, aber feſt und eindringlich: „ Stille auf dem Schiffe!“ Dieſe Worte waren mit einem Tone gerufen, welcher immer die Seelenruhe des Sprechenden verkuͤndigt, und jeder⸗ zeit unfehlbar den Subalternen einen Theil des Vertrauens einfloͤßt, das der Befehlende in ſich traͤgt. Jedermann wen⸗ dete ſich nach der Seite des Schiffes, von wo dieſe Stimme herkam, wie wenn jedes Ohr geneigt geweſen waͤre, den geringſten Befehl zu vernehmen, welcher noch zu erwarten ſtand. Wilder hatte den Spillenkopf erſtiegen, von wo er überblicken konnte, was um ihn her vorging. Ein lebhafter und umfaſſender Blick belehrte ihn raſch uͤber die ganze Lage ſeines Schiffes, und ſeine Augen hingen unruhig an dem 2 wollte zu uͤb hoffen ſchwel Seem als de und Karo Wild viellei Laͤche tende 77 theilen, efahrlos it einer ahe er⸗ zie Sich 1 rief det das ab;— wußle ien den leder in ief eine wekcher d jeder⸗ trauens n wen⸗ Stimme re, den warten wo er ebhafter ganze thig an dem Negerſchiff, als ob er die treuloſe Stille durchbrechen wollte, welche noch auf jedem Punkte deſſelben herrſchte, um zu überdenken, wie weit er mit ſeinen Kraͤften zu nuͤtzen hoffen durfte. Man haͤtte aber glauben ſollen, das Schiff ſchwebe bezaubert auf dem Waſſerſpiegel: nicht ein einziger Seemann war in ſeinem weiten und vollen Tauwerk ſichtbar als das Individuum, von dem wir bereits geſprochen haben, und welches in ſeiner Beſchaͤftigung fortfuhr, als ob die Karoline mehr als hundert Meilen entfernt geweſen waͤre. Wilders Lippen bewegten ſich;— vielleicht mit Grimm,—— vielleicht mit Zufriedenheit; denn ein aͤußerſt zweideutiges Laͤcheln flog uͤber ſeine Lippen, als er mit demſelben gebie⸗ tenden Tone einen neuen Befehl ertheilte: „Legt die Segel an die Maſte;— braſſet Alles uͤber Spitze und Steuer.“ „Ja,“ wiederholte der Lootſe; braſſet Alles!“ „Iſt eine Barke in See?“ fragte unſer Abentheurer. Ein Dutzend Stimmen antwortsten: nja!“ „Man werfe dieſen Lootſen hinein!“ „ Eine geſetzwidrige Ordre!“ ſchrie dieſer;„ich verbiete einem andern als mir zu gehorchen!“ „Man werfe ihn auf der Stelle. hinein!e wiederholte Wilder feſt. 1 Mitten im Tumult und der Bewegung, welche waͤhrend des Braſſens der Segel herrſchten, machte der Widerſtand des Lootſen wenig Eindruck. Er ward ſogleich auf den Armen der beiden Lieutenants fortgetragen, und nach⸗ dem er waͤhrend ſeines Aufenthalts in der Luft in verſchie⸗ — 2 8— denen Windungen die Glieder verdreht hatte, ward er mit ſo wenig Umſtaͤnden, als waͤre es ein Klotz, in die Barke geworfen. Das Ende der Fangleine ward ihm nachgeſchlu dert, und der Fuͤhrer, der ſeine Faſſung verloren, wurde mit der groͤßten Gleichguͤltigkeit ſich ſelbſt uͤberlaſſen. Unterdeſſen war Wilders Befehl vollzogen worden. Die ungeheuren Tuͤcher, welche einen Augenblick vorher in den Luͤften praſſelten, ruͤckwaͤrts oder vorwaͤrts tobten, je nach⸗ dem ſie flatterten oder ſchwellten, wie m. es in techniſchen Worten ausdruͤckt, draͤngten ſich, jedss an ſeinen Maſt, und zwangen das Schiff auf die verlorne Bahn. Dieſes Ma⸗ noͤver erforderte die gtökte Aufmerkſamkeit, und die ge⸗ wiſſenhafteſte Genauigkeit in der Vollziehung der Befehle; aber der junge Befehlshaber war in jeder Ruͤckſicht im Stande ſeine Aufgabe zu loͤſen. Hier war ein Segel ens faltet; dort bot ein anderes dem Winde eine flachere Seite; einem dritten Orte war ein leichteres ausgeſpannt. Wilders Stimme ließ ſich uͤberall hoͤren, immer ruhig, im⸗ mer gebietend. Das Schiff ſelbſt, als waͤre es ein leben⸗ diges Weſen, ſchien zu fuͤhlen, daß ſein Schickſal ſhr vr⸗ ſchiedenen, und mit mehr Ge ſchick begabten Haͤnden anver⸗ traut war, als vorher. Dem neuen Antriebe gehorchend, welchen es erhalten, ſchaukelte dieſes unendliche Gewoͤlke von Segeln mit ſeinem ungeheuern Wald von Maſten, Rahen und Tauen hin und her, und nachdem es uͤber den Zuſtand von Unthaͤtigkeit trium⸗ phirt hatte, zu welchem es verurtheilt geweſen war; gab es ſchwerfällig dem Druck nach und fing an ſich kortzuhewegen. Waͤ Karolir ſamkeit getheilt ließ ſie aͤhnliche noch ei gen, d zeugs auf de weiter in der merkli fiſches menſe N ſchun Einſt entfer wand imme zen blick Ladt Bei Abe ob erſt er mit Barke eſchlu wurde Die in den nach⸗ niſchen t, und 8 Ma⸗ die ge⸗ hefehle; ht im el ens Seite; pannt. g⸗ im⸗ leben⸗ or vr⸗ anver⸗ halten, ſeinem in und trium⸗ gab es wegen. — — 279— , welche noͤthig war, um die Waͤyrend der ganzen Zeit war Wilders Aufmerk⸗ Karoline ihrer Gefahr zu en zlehen, ſamkeit zwiſchen ſeinem eigenen und dem benachbarten Schiſſe getheilt, deſſen Betragen unerklaͤrlich war. Nicht ein Laut ließ ſich darauf vernehmen, und es herrſchte eine todten⸗ aͤhnliche Stille. Man erblickte weder ein unruhiges Geſicht, noch ein neugieriges Auge an allen den zahlreichen Oeffnun⸗ gen, durch welche die Mannſchafr eines bewaffneten Fahr⸗ zeugs einen Blick in die See werfen kann. Der Seemann auf der Rahe ſetzte ſeine Arbeit fort, wie einer, der an weiter nichts, als an ſein eigenes Daſeyn denkt. Doch war in dem Schiffe ſelbſt eine langſame, obgleich beinahe un⸗ merkliche Bewegung, welche, wie die eines ſchlafenden Wall⸗ fiſches, mehr von einem bewußtloſen Willen, als von Kraft menſchlicher Haͤnde herzuruͤhren ſchien. Nicht eine einzige dieſer Bewegungen entging den For⸗ ſchungen, welche Wilder mit eben ſoviel Aufmerkſamkeit als Einſicht anſtellte. Er ſah, daß jemehr die Karoline ſich entfernte, das Negerſchiff deſto mehr ihm die Flanke zu⸗ wandte. Die drohenden Mündungen ſeiner Kanonen waren immer auf den Kauffahrer gerichtet, und waͤhrend der gan⸗ zen Zeit, als ſie ſich ſo nahe lagen, war nicht Ein Augen⸗ blick, wo nicht das Verdeck des Letzteren durch eine volle Ladung Artillerie des Erſten haͤtte getroffen werden koͤnnen. Bei jedem neuen Befehle, den er ertheilte, wandte unſer Abentheurer das Auge gegen das nahe Schiff, um zu ſehen, ob es die Vollziehung deſſelben zugeben wuͤrde; und dann erſt war er uͤberzeugt, daß die Fuͤhrung der Karoline ihm anvertraut ſey, als er aufgehoͤrt hatte, ſich in dieſer gefaͤhr⸗ lichen Nachbarſchaft zu befinden, und als ſie, der neuen Anordnung ihrer Segel gehorſam, an einen Ort entwichen war, wo er ihre Bewegungen nach Wunſch und Willen lenken konnte. Da er ſah, daß das Waſſer unguͤnſtig wurde, und er zu wenig Wind hatte, um die Fluth todt zu ſegeln, ließ er die Segel in Bogen an die Rahen binden, und gab Befehl Anker zu werfen. Dreizehntes Kapitel. — Was haben wir hier? Einen Menſchen oder einen Fiſch. Shakſpeare. Die Karoline lag eine Kabellänge vom vermeintlichen Negerſchiff vor Anker. Durch die Verabſchiedung des Loot⸗ ſen hatte Wilder eine Verantwortlichkeit auf ſich genommen, die ein Seemann uͤberhaupt ſcheut; denn wäͤre beim Klari⸗ ren des Hafens dem Schiffe ein Unfall begegnet, ſo waͤre die Aſſekuranz deſſelben verloren gewirſen, und er ſelbſt wahrſcheinlich geſtraft worden. Man wird vielleicht im Ver⸗ lauf der Erzaͤhlung ſehen, wie viel die Gewißheit, ſich außer dem Bereiche der Geſetze zu wiſſen, dazu beigetragen, ihn zu einer ſo kuͤhnen Maßregel zu vermoͤgen; die einzige un⸗ mittelbare Folge dieſes Schrittes war, daß er der Sorge fuͤr die Karoline alle Aufmerkſamkeit zuwandte, welche er vorher zwiſchen ſeinem Schiff und den beiden Damen ge⸗ theilt hatte, welche ſich an Bord befanden. Sobald aber — 282— ſein Fahrzeug in Sicherheit war, wenigſtens für eine ge⸗ wiſſe Zeit, und ſein Geiſt nicht mehr durch die Erwartung eines nahen heftigen Auftritts beunruhigt wurde, fand un⸗ ſer Abentheurer Muße ſeine erſte Beſchaͤftigung wieder vor⸗ zunehmen, obgleich ſie fuͤr einen ſo vollendeten Seeoffizier kaum angenehmer ſeyn konnte. Der gluͤckliche Erfolg ſei⸗ nes ſchwierigen Mandvers hatte ſeine Geſichtszuͤge ſo belebt, daß ſie gleichſam triumphirend erſchienen; ſein Schritt, als er auf Mrß. Wyllys und Gertrude zutrat, war der eines Mannes, welcher das genußreiche Bewußtſeyn in ſich traͤgt, ſich in Umſtaͤnden, die nicht wenig Talent in der Ausuͤbung ſeines Berufes erheiſchten, ſeinen Obliegenheiten ehrenvoll entledigt zu haben. Wenigſtens legte die erſte dieſer beiden Damen ſeinen feurigen Blick und ſeine zufriedene Miene ſo aus, wiewohl die zweite vielleicht geneigt ſchien, nachſichtiger über das zu urtheilen, was dabei zum Grunde liegen mochte. Es iſt leicht moͤglich, daß Beiden die geheimen Ur⸗ ſachen unbekannt waren, die ihn bewogen, ſich ſelbſt zum Gelingen ſo feurig Glück zu wuͤnſchen, und daß ein viel edleres Gefuͤhl, als Beide ahnen mochten, großen Einfluß auf das harte, was ihn bewegte. Wie dem auch ſeyn mochte, Wilder ſah kaum, daß die Karoline ruhig vor Anker lag, und nun nicht mehr der an⸗ geſtrengten Sorgfalt bedurfte, als er Veranlaſſung ſuchte, ein bis dahin nur bedeutungsloſes und ſo oft unterbrochenes Geſpraͤch wieder anzuknüpfen. Mrß. Wyllys hatte lange das nahe Schiff mit einem aufmerkſamen Auge betrachtet und wendete ihren Blick erſt dann von dem ſtarren und lebloſen ihr ſtar „Di ſtaunen ich nich gaͤbe, halten. „C bewun wirklie das a „0 fuͤrcht Die haber hat, guͤnſ Sich Spe noſſ Nac lich Ge ne ge⸗ artung nd un⸗ r vor⸗ offtzier lg ſei⸗ belebt, t, als eines traͤgt, uͤbung renvoll beiden ene ſo htiger liegen n Ur⸗ t zum 7 viel influß aß die er an⸗ uchte, chenes lange achtet nund — 283— lebloſen Gegenſtande ab, als der junge Seeofſizirr neben ihr ſtand. Irtzt begann ſie das Geſpraͤch. „Dieſes Schiff,“ rief ſie mit einem Ausdrucke von Er⸗ ſtaunen,„muß eine ganz beſondere Mannſchaft haben, wenn ich nicht ſagen ſoll gefuͤhlloſe; wenn es etwas dieſer Art gäbe, ſo koͤnnte man es leicht fuͤr ein Geſpenſt⸗Schiff halten. „Es iſt wirklich ein Handelsfahrzeug deſſen Verhaͤltniſſe bewundernswerth, deſſen Ausruͤſtung prachtvoll iſt.“ „Hat mich meine Furcht betrogen, oder waren wie wirklich der Gefahr ausgeſetzt, mit unſerm Schiffe gegen das andere zu ſtoßen? „Es war in der That einiger Grund vorhanden, es zu fuͤrchten; Sie ſehen indeſſen, daß dieſe Gefahr vorbei iſt.“ „Wofuͤr wir Ihrer Geſchicklichkeit Dank ſchuldig ſind. Die Art, wie Sie uns aus dieſer bedenklichen Lage gezogen haben, widerſpricht ja voͤllig allem, was es Ihnen gefallen hat, uns uͤber die kuͤnftigen Gefahren zu prophezeihen.“ „Ich weiß ſehr wohl, Miß, daß mein Betragen un⸗ guͤnſtig ausgelegt werden kann, aber..“ „Sie glaubten nicht, daß viel daran läͤge, wenn Sir Sich auf Unkoſten dreier leichtglaͤubigen Frauen ein wenig Spaß machten. Nun wohl, jetzt, da Sie dieſen Spaß ge⸗ noſſen haben, hoffe ich, daß Sie geneigter ſeyn werden, Nachſicht mit dem zu haben, was man Schwaͤche des weib⸗ lichen Charakters nennt.“ Sie ſchloß ihre Rede und warf zugleich einen Blick auf Gertrude, welcher zu ſagen ſchien, daß es grauſam waͤre, — 284— laͤnger mit der Furcht eines ſo zutrauend ſich hingebenden Maͤdchens zu ſpielen. Wilders Auge folgte dem Blicke der Gouvernante, und er gab ſeine Antwort in einem aufrich⸗ tigen Tone, welcher in der Seele ſeiner Zuhoͤrerinnen Glauben und feſte Ueberzeugung erwecken mußte. "Ich ſage Ihnen, Miß, mit der Wahrhaftigkeit, die ein Mann von Ehre Ihrem ganzen Geſchlecht ſchuldig iſt, daß ich noch darauf beharre, alles zu glauben, was ich Ih⸗ nen ſchon geſagt habe.“⸗ „Wie! Die Woͤhlingen des Bogſpriet und die Bram⸗ ſtengen!" „Nein! Nein!“ ſagte der junge Seeoffizier leicht laͤchelnd und hocherroͤthend,„das iſt vielleicht nicht alles. Aber we⸗ der meine Mutter, noch meine Frau, noch meine Schweſter, waͤren mit meinem Willen, an Bord der Karoline ge⸗ gangen.⸗ „Ihre Blicke, Ihr Ton und Ihre rechtliche Miene ſte⸗ hen mit Ihren Worten in hohem Widerſpruche, junger Mann; denn waͤhrend Ihr ganzes Aeußere mich auffordert Ihnen zu vertrauen, haben Ihre Worte nicht einen Schat⸗ ten von Vernunftgruͤnden, worauf ſie ſich ſtuͤtzen koͤnnten. Vielleicht ſollte ich mich einer ſolchen Schwaͤche ſchämen, aber ich muß bekennen, daß dieß geheimnißvolle Schweigen am Borde dieſes uns noch ſo nahen Schiffes in mir eine unerklaͤrliche Unbehaglichkeit hervorgebracht hat, die doch vielleicht mit ſeinem Handelszweig zuſammenhaͤngt. Iſt es denn ganz gewiß ein Negerſchiff 2, „Gewiß iſt es ein ſchoͤnes Schiff,“ rief Gertrude. „E Beſchaͤ fuhr 2 auf ihr fen zu nicht einſam Statu gebenden licke der aufrich⸗ rerinnen eit, die dig iſt, ich Ih⸗ Bram⸗ aͤchelnd der we⸗ weſter, ne ge⸗ ne ſte⸗ junger ordert Schat⸗ nnten. aͤmen, veigen r eine doch iſt es — 285— „Ein ſehr ſchoͤnes,“ ſagte Wilder ernſt. nEs ſitzt auf einer ſeiner Rahen ein Mann, der ſeiner Beſchaͤftigung große Aufmerkſamkeit zu widmen ſcheint,“ fuhr Mrß. Wyllys fort, und ſtuͤtzte ihr Kinn nachdenkend auf ihre Hand.„Die ganze Zeit uͤber als wir Gefahr lie⸗ fen zuſammen zu ſtoßen, hat er uns nicht mit Einem Blicke, nicht einmal einem verſtohlenen, angeſehen. Er gleicht dem einſamen Menſchen in jener Stadt, deren Bewohner in Statuen verwandelt worden waren; denn ſo viel es uns ſcheinen muß, iſt Niemand da, der ihm Geſellſchaft leiſten koͤnnte.“ „Vielleicht ſchlafen ſeine Gefaͤhrten,“ ſagte Gertrude. „Schlafen! Die Seeleute ſchlafen nicht zu einer ſolchen Stunde, und an einem Tage wie der heutige. Sagen Sie mir, Herr Wilder, denn Sie müſſen das wiſſen, Sie, ein Seemann, iſt es wohl in der Ordnung, daß die Mann⸗ ſchaft eines Schiffes ſchlafe, wenn es einem andern ſo nahe iſt, daß ſie ſich zu beruͤhren drohen?“ „Nein, gewiß nicht.“ „Das konnte ich mir denken; denn ich bin in den Din⸗ gen, die Ihr ſo kuͤhnes, muthiges und ſo edles Geſchaͤft betreffen,— das letzte Wort hob die Gouvernante durch einen beſondern Nachdruck hervor— nicht ganz Neuling. Wenn wir aber wider das Negerſchiff angerannt waͤren, glauben Sie wohl, daß ſeine Mannſchaft in derſelben voͤlli⸗ gen Apathie verharrt waͤren 70 „Ich glaube nicht, Miß.“ „Es liegt in dieſer vermeintlichen Ruhe etwos, das uͤder — 286— den Charakter dieſes Schiffes den ſchrecklichſten Argwohn einfloͤßen koͤnnte. Weiß man Jemand aus ſeine Mann⸗ ſchaft, der ſeit der Ankunft deſſelben in Verbindung mit der Stadt war?,⸗ „Ja, Miß.“ „Ich habe gehoͤrt, daß man an der Kuͤſte Wimpel mit falſchen Farben geſehen hat, daß im Laufe des letzten Sommers Schiffe gepluͤndert, und ihre Mann⸗ ſchaft und Paſſagiere mißhandelt worden ſind. Man glaubt ſogar, der beruͤchtigte Freibeuter ſeye der Pluͤnderungen im ſpaniſchen Antheile des Feſtlandes muͤde, und ein Schiff, das man unlaͤngſt im caraſbiſchen Meere geſehen, halte man fur den Kreuzer dieſes entſchloſſenen Piraten.⸗ Wilder antwortete nichts. Seine Augen, welche mit ehrerbietiger Feſtig igkeit auf denen der mit ihm ſprechenden Dame geruht hatten, ſenkten ſich auf das Verdeck, und er ſchien zu erwarten, was ſie etwa noch zu ſagen haben koͤnnte. Die Gouvernante ſann einen Augenblick nach, und der Ausdruck ihrer Geſichtszüge wechſelte, ſo daß man deut⸗ lich ſehen konnte, wie ihre Vermuthung der Wahrheit, ihr zu leicht ſchien, um ſie ohne neue und klarere Beweiſe feſt⸗ zuhalten; ſie ſetzte hinzu: „Ueberdieß iſt das Handwerk jen und fuͤr ſich ſelbſt ſchon veraͤchtlich ge gluͤcklicher Weiſe nur zu wahrſche Flaggen und es Sklavenhaͤndlers an nug, und da es un⸗ inlich iſt, daß dieſes die es uͤber fluͤſſig ihm Ich wuünſcht: den Beſtimmung des Fahrzeuges iſt, ſo waͤre noch ſtrafbarere Ahſichten beizetegen. Argwohn e Mann⸗ zdung mit gen und n Laufe Mann⸗ n glaubt ngen im Schiff, lte man che mit ſchenden und er haben h, und a deut⸗ it, ihr ſe feſt⸗ ers an 8 un⸗ es die g ihm 2 den — 287— Beweggrund Ihrer auffallenden Behauptungen zu kennen, Herr Wilder?“ „Ich kann ſie nicht deutlicher auseinander ſetzen, Miß; und wenn die Art, wie ich es gethan, ihre Wirkung nicht thut, ſo ſcheitern meine Abſichten, welche wenigſtens auf⸗ richtig ſind, gaͤnzlich.“ „Iſt die Gefahr durch Ihre Gegenwart nicht geringer?⸗ „Sie iſt geringer, aber demungeachtet noch vorhanden.“ Bis dahin hatte Gertrude der Unterhaltung zugehoͤrt, wie wenn ſie dazu genoͤthigt, und nicht ein Glied derſelben Ge⸗ ſellſchaft geweſen waͤre; in dieſem Augenblick aber drehte ſie ſich lebhaft, und wie mit einer leiſen Regung von Ungeduld, gegen Wilder um, und fragte ihn erroͤthend und mit ei⸗ nem Laͤcheln, das einem noch haͤrtern Manne ein Geſtaͤnd⸗ niß haͤtte entreißen muͤſſen.“ „Duͤrfen Sie Sich nicht deutlicher erklaͤren 20 Der junge Befehlshaber zöͤgerte, vielleicht eben ſowohl um die ungezwungenen Zuͤge derer, die mit ihm ſprach, zu betrachten, als um ſeine Antwort zu uͤberlegen⸗ Eine leb⸗ hafte Farbe bedeckte ſeine leichtgebraͤunten Wangen, und ein Strahl von wahrer Freude ſchimmerte in ſeinen Augen. Endlich ſchien er ſich ploͤtzlich zu erinnern, daß er ihr eine Antwort ſchuldig ſey.. „Ich bin gewiß,“ ſagte er,„keine Gefahr zu laufen, wenn ich Ihrer Verſchwiegenheit vertraue.“ „Zweifeln Sie nicht daran,“ erwiederte Mrß. Wyllys, „was auch geſchehen duͤrfte, wir verrathen Sie nie!“ „Mich verrarhen! Was mich betrifft, Miß, ſo hege ich — 288— nur wenig Furcht. Wenn Sie mir ſolche Geſinnung zu⸗ trauen, ſo handeln Sie ſehr ungerecht gegen mich.“ „Wir trauen Ihnen nichts zu, was Ihrer unwuͤrdig waͤre,“ rief Gertrude ſchnell; naber... wir ſchweben in großer Unruhe um uns ſelbſt. „In dieſem Fall will ich Sie von Ihrer Beſorgniß er⸗ loͤſen, und waͤre es auf Unkoſten..... Er ward durch einige Worte unterbrochen, welche ſein erſter Lieutenant an den zweiten richtete, und ſeine Auf⸗ merkſamkeit wandte ſich wieder auf das andere Schiff. „Die Mannſchaft des Sklavenhaͤndlers hat ſo eben die Entdeckung gemacht, daß ihr Schiff nicht dazu geſchaffen iſt, unter einer glaͤſernen Glocke Weibern und Kindern zur Schau ausgeſtellt zu werden,“ rief dieſer Unteroffizier ſo laut, daß ſein Gefaͤhrte es hoͤren konnte, welcher in dem Vormars mit einer Arbeit beſchaͤftigt war. „Ja, ja,“ antwortete dieſer,„unſere Bewegungen ha⸗ den ſie an ihre naͤchſte Reiſe erinnert. Sie halten die Wache auf dieſem Schiffe, wie die Sonne in Groͤnland; ein halbes Jahr auf dem Verdeck, ein anderes darunter.⸗ Dieſer Witz ward dem Gebrauche gemaͤß, von dem Ge⸗ laͤchter aller Matroſen begleitet, und jeder gab ſeinen Brok⸗ ken dazu, aber etwas leiſer, aus Reſpect vor ihren Obern. Unterdeſſen war Wilders Auge auf das andere Schif geheftet. Das Individuum, welches ſo lange am Ende der großen Rahe geſeſſen hatte, war verſchwunden, und ein an⸗ derer Matroſe ging mit entſchloſſenem Schritte auf der an⸗ deren Spitze derſelben Rahe, und ſicherte ſeinen Gang ing zu⸗ wuͤrdig chweben niß er⸗ he ſein e Auf⸗ f. den die ſchaffen dindern offizier in dem gen ha⸗ en die nland; mter.“ m Ge⸗ Brol⸗ Obern. Schiff de der in an⸗ er an⸗ Gang — 289— durch eine Spiere, welche er in der Einen Hand hielt, waͤh⸗ rend er in der andern ein Tauende hatte, welches er bereit ſchien einzureefen. Ein Blick reichte hin, um Wilder zu uͤberzeugen, daß dieſer Menſch Fib war, der von ſeinem Anfall von Trunkenheit hinreichend hergeſtellt war, um laͤngs dieſer Rahe mit einem eben ſo ſichern, wenn nicht noch fe⸗ ſtern Tritte zu gehen, als er auf breitem Wege gethan⸗ wenn ihn ſeine Geſchaͤfte auf das feſte Land gerufen haͤtten. Die Geſichtszuͤge unſers Abentheurers, welche einen Augen⸗ blick vorher belebt waren, Freude glaͤnzten, und Vertrauen athmeten, wechſelten ploͤtzlich, und wurden duͤſter und zu⸗ rückhaltend. Mrß. Wyllys, welcher keine von den in ſeinen Zuͤgen nacheinander vorgegangenen Veraͤnderungen entgan⸗ gen war, knuͤpfte jetzt, mit einer Art Haſt an dem Punkte die Rede wieder an, wo er fuͤr zweckmaͤßig gehalten hatte, ſie ſo raſch abzubrechen. „Sie ſagten, Sie wuͤrden uns aus unſerer Unruhe rei⸗ ßen,“ ſagte ſie zu ihm,„waͤre es auch auf Unkoſten...“?— „Meines Lebens, Miß, aber nicht meiner Ehre.“ „Gertrude, wir koͤnnen uns jetzt in unſere Kajuͤte zu⸗ ruͤckziehen,“ ſagte Mrß. Wyllys kalt und unzufrieden, mit einer Miene, in welcher ſich viel Bitterkeit getaͤuſchter Hoff⸗ nung mit dem Unwillen paarte, der ſie bei dem Gedanken quaͤlte, der junge Seeoffizier habe ſich uͤber ſie luſtig ma⸗ chen wollen. Der Blick, den Gertrude auf ihn richtete, ſchien ebenfalls einen ſehr kalten Vorwurf auszuſprechen, und die Farbe, die ihre Wangen belebte, und den Ausdruck ih⸗ rer Augen erhoͤhte, war noch lebhafter, als die ihrer Gou⸗ Cooper's Freibeuter. 1—3. 19 290— vernante, obgleich ſie vielleicht weniger Groll darin zeigte. Sie gingen bei Wilder vorbei, verbeugten ſich kalt, und er blieb allein auf dem Hinterkaſtell zuruͤck. Waͤhrend die Mannſchaft ſich mit Schießen der Taue und der Zuruͤſtung des Verdeckes beſchaͤftigte, ſtuͤtzte der junge Befehlshaber ſei⸗ nen Kopf auf das Backbord, jenen Schiffstheil, den die gute Wittwe des Admirals ſo auffallend mit einem ganz andern, am entgegengeſetzten Ende des Schiffes befindlichen Gegenſtand verwechſelt hatte, und blieb einige Minuten in der Stellung tiefen Nachſinnens da ſtehen. Er ward end⸗ lich aus dieſer Traͤumerei durch ein, leiſem Ruderſchlage ahnliches Geraͤuſch erweckt. In der Meinung, er werde durch einen Beſuch vom feſten Lande her gelangweilt wer⸗ den, ſtreckte er den Kopf vor, und warf einen unzufriede⸗ nen Blick uͤber Bord, um zu ſehen, wer ſich ſo naͤhere. Eine kleine Barke, wie die, deren ſich gewoͤhnlich die Fi⸗ ſcher in den Buchten und niedrigen Gewaͤſſern Amerika's bedienen, war dem Schiffe unter zehn Fuß nah, und in ei⸗ ner Lage, wo man ſich einige Muͤhe geben mußte, um es ſehen zu koͤnnen. Nur ein einziger Mann ſaß darin, den Ruͤcken nach Wilder gewandt, und mit der gewoͤhnlichen Arbeit der Eigenthuͤmer ſolcher Nachen beſchaͤftigt. „Wollt Ihr das Steuerruder fiſchen, guter Freund, daß Ihr ſo nahe unter meinen Gilling treibt?“, fragte ihn Wilder.„Die Bucht iſt, wie man ſagt, voller Barſche und anderer Schuppenroͤcke, die Dir beſſer fuͤr Deine Ar⸗ beit lohnen.“ „Man iſt immer gut belohnt, wenn man faͤngt wornach zeigte. und er nd die uͤſtung ber ſei⸗ en die ganz dlichen aten in d end⸗ ſchlage werde t wer⸗ friede⸗ aͤhere. ie Fi⸗ erika's in ei⸗ im es „ den llichen eeund, e ihn arſche 2 Ar⸗ rnach — 291— man angelt,“ antwortete der Fiſcher, drehte das Haupt, und zeigte das boshafte Auge und die grinſenden Zuͤge des alten Robert Bunt, ein Name, den ſich der Matroſe, der treuloſe Verbuͤndete Wilders gegeben hatte. „Wie? Du wagſt es Dich mir auf fuͤnf Faden zu naͤ⸗ hern? Nach dem ſchaͤndlichen Streich, den Du.... „Still, edler Capitain, ſtille!“ ſagte Robert, hob ei⸗ nen Finger, um die Hitze des jungen Offiziers zu daͤmpfen, und gab ihm zu verſtehen, daß ihre Unterhaltung in einem lelſern Tone gefuͤhrt werden muͤſſe; nes iſt nicht noͤthig die ganze Mannſchaft auf das Verdeck zu rufen, damit ſie uns in unſerer Unterredung behuͤlflich ſey. Wie kommt es, daß ich in Eurer Gunſt den Vortheil des Windes verloren habe, Capitain?“ „Wie das kommt, Schurke? Habe ich Dich nicht da⸗ fuͤr bezahlt, daß Du den beiden Damen, die ſich an Bord dieſes Schiffes beſinden, einen ſolchen Bericht uͤber dieſes Schiff machen ſollteſt, daß ſie lieber, wie Du ſelbſt ſagteſt, die Nacht auf einem Kirchhofe haͤtten zubringen, als einen Fuß an Bord ſetzen moͤgen.“ „Es iſt etwas der Art unter uns vorgegangen, Capi⸗ tain; Ihr habt aber die eine Haͤlfte der Bedingungen ver⸗ geſſen, und ich die andere verſaͤumt. Nun aber brauche ich einem ſo erfahrenen Seemanne nicht zu ſagen, daß zwei Haͤlften ein Ganzes machen. Es iſt alſo nicht zu verwun⸗ dern, daß uns dieſes Geſchaͤft unter den Fingern zu Waſ⸗ ſer geworden iſt.“ 19* — 292— „Wie! Zu Deiner Treuloſigkeit auch noch Luͤge? Welchen Theil meiner Verbindlichkeit habe ich verabſaͤumt?“ „Welchen Theil?“ wiederholte der vorgebliche Fiſcher, und zog ganz nach ſeiner Bequemlichkeit eine Leine aus dem Waſſer, die Wilders lebhaftes Auge hinreichend mit Blei beſetzt ſah, woran aber ein nicht minder wichtiges Stuͤck fehlte,— der Haken;„welcher Theil, Capitain? Nichts ge⸗ ringers als die zweite Guinee.“ „Sie ſollte die Belohnung fuͤr den geleiſteten Dienſt ſeyn, und nicht als Handgeld dienen, wie die erſte, Dich zum Unternehmen zu beſtimmen.“ „Ah! Ihr helft mir zu den Worten die ich brauchte. Ich glaubte, es ſeye nicht ſo Ernſt damit, wie mit der er⸗ ſten, die ich empfangen hatte, und ſo habe ich das Geſchaͤft halb vollendet gelaſſen.“ „Halb vollendet, Elender! Du hatteſt nie angefangen, was Du mir ſo hoch und theuer zugeſchworen hatteſt, aus⸗ zufuͤhren!“ „Jetzt, mein Gebieter, ſeyd Ihr auf einem ſo falſchen Curs, als wenn Ihr auf den Pol zu oſtwaͤrts ſteuertet. Ich habe pflichtmäͤßig die Haͤlfte deſſen erfuͤllt, was ich ver⸗ ſprochen hatte, und Ihr muͤßt ſelbſt geſtehen, daß ich nur halb bezahlt worden bin.“ „Du koͤnnteſt mir ſchwerlich beweiſen, daß Du ſelbſt dieſe Haͤlfte nur gethan haſt.“ „Wir wollen die Logtafel fragen. Ich habe mich an⸗ heiſchig gemacht, den Huͤgel bis zu der Wohnung der gu⸗ ten Wittwe des Admirals hinanzuſteigen, und dann in mei⸗ Luͤge 2 umt?, Fiſcher, us dem it Blei Stuͤck hts ge⸗ Dienſt „Dich auchte. der er⸗ eſſchaͤft angen, „ aus⸗ alſchen uertet. h ver⸗ h nur ſelbſt h an⸗ er gu⸗ mei⸗ — 293— nen Meinungen gewiſſe Abaͤnderungen zu treffen, deren Er⸗ waͤhnung unter uns uͤberfluͤßig iſt.“ „Und das haſt Du nicht gethan; im Gegentheile, Du haſt meine Plaͤne vereitelt indem Du in einem Sinne ge⸗ ſprochen haſt, der unſerer getroffenen Uebereinkunft gaͤnzlich entgegen war.“ „Das iſt wahr.“ „Wahr, Du Galgenſtrick? Wenn Dir nach Recht, und Gerechtigkeit geſchaͤhe, ſo wuͤrdeſt Du ein Tauende verſu⸗ chen; das iſt der Lohn der Dir gebuͤhrt.“ „Windſtoß, Eure Worte!— Wenn Ihr Euer Schiff wie Eure Gedanken regiert, Capitain, ſo wird Eure Fahrt nach Suͤden nicht in gerader Linie vor ſich gehen. Denkt Ihr nicht, es ſey einem Graukopf, wie ich, leichter, ei⸗ nige Luͤgen herzuſagen, als einen hohen und ſteilen Berg zu erklettern? Ganz eigentlich, hatte ich mehr als die Haͤlfte von dem gethan, was ich ſollte, als ich vor die leichtglaͤu⸗ bige Wittwe trat; und da entſchloß ich mich derjenigen Haͤlfte der Belohnung, die noch nicht bezahlt war, zu entſagen, und von dem andern Theile eine Gratiſikation anzunehmen.“ „Elender!“ ſchrie Wilder, von dem Zorn ein wenig ver⸗ blendet;„ſelbſt Dein Alter ſoll Dich nicht vor der verdien⸗ ten Zuͤchtigung ſchützen. Holla! Auf! Eine Schaluppe in See! Man bringe mir dieſen alten Schurken an Bord des Schiffes. Achtet nicht auf ſein Geſchrei; ich habe eine Rechnung mit ihm zu berichtigen, welche ohne ein Bischen Laͤrm nicht in's Reine gebracht werden kann! Der Lieutenant, an welchen dieſer Befehl gerichtet war, und welcher der Aufforderung entſprochen hatte, ſprang auf die Sente, um die Barke zu ſehen, auf die er Jagd machen ſollte. In weniger als einer Minute war er mit vier Matroſen in einer Schaluppe, und ruderte um das Vordertheil herum, um an den Punkt zu kommen, wo die Barke ſich befand. Robert Bunt, oder der, der dieſen Namen angenommen hat, that nur zwei bis drei Ruder⸗ ſchlaͤge, und ſchleuderte ſeinen Nachen zwanzig oder dreißig Faden weit, wo er anhielt, aus vollem Halſe lachend, wie ein Menſch, der nur den gluͤcklichen Erfolg einer Argliſt ſieht, und ihre Folgen nicht im entfernteſten zu fuͤrchten ſcheint. Sobald er aber die Schaluppe erblickte, machte er ſich ernſtlich an die Arbeit, ließ zwei kraͤftige Arme ſpielen, und uͤberzeugte bald die Zuſchauer, daß man ſich nicht ohne Schwierigkeiten ſeiner bemaͤchtigen koͤnnte. Einige Minuten lang wußte man nicht genau, nach welcher Seite der Fluͤcht⸗ ling ſich wenden wollte, denn er wich beſtaͤndig ab, beſchrieb verſchiedene Kreiſe, und vereitelte ſo die Plaͤne ſeiner Ver⸗ folger, indem er ſie durch Evolutionen taͤuſchte, welche gleich klug erſonnen als geſchickt ausgefuͤhrt wurden; bald aber, ſey es nun, daß er glaubte, ſich lang genug auf ihre Koſten luſtig gemacht zu haben, oder daß er ſeine Kraͤfte zu erſchoͤpfen fuͤrchtete, die er mit ſo viel Geſchicklichkeit und Nachdruck anwendete, kurz, er ſchiffte nun in gerader Linie nach dem Freibeuter. Jetzt wurde die Jagd hitzig und ernſtlich, und erregte das Geſchrei und Beifallrufen der Seeleute, welche zuſahen. — 295— Der Erfolg ſchien eine Zeitlang zweifelhaft, doch ſing die Schaluppe, obgleich immer um etwas zuruͤck, an, nach Maßgabe als ſie den Widerſtand der See uͤberwand, Raum zu gewinnen; aber nach Verlauf einiger Minuten, glitt die Barke blitzſchnell unter das Hintertheil des andern Schiffes, und verſchwand vor Aller Augen. Bald darauf hatte die verfolgende Schaluppe dieſelbe Richtung genommen, und jetzt fingen die Matroſen der Karoline an, lachend das Tauwerk zu erſteigen, um wo moͤglich das Schauſpiel dieſer Jagd uͤber das Schiff hinweg, zu genießen, welches ſie ihren Au⸗ gen verbarg. Sie konnten jedoch jenſeits nichts ſehen, als die See, und die entferntere Inſel mit ihrem kleinen Fort. Einige Minuten nachher ſah man die Schaluppe etwas langſamer nach der Karoline zuruͤckkehren, welcher Umſtand die miß⸗ lungene Jagd verkuͤndigte. Die ganze Schiffsmannſchaft eilte nach dieſer Seite des Schiffes, und der Laͤrm der da⸗ durch entſtand, rief die beiden Damen aus ihrer Kajuͤte und zog ſie auf das Verdeck; ſtatt aber die Fragen ihrer Kameraden, mit der den Seeleuten eigenen wortreichen Redſeligkeit zu beantworten, zeigten die vier Matroſen eine verſtoͤrte und beinahe verſchuͤchterte Miene. Der Offizier ſprang ohne ein Wort zu ſprechen, auf das Deck, und eilte zu ſeinem Commandanten. „Die Barke war fuͤr die Schaluppe zu leicht, Mr. Nighthead,“ ſprach Wilder ruhig dem Oſfizier entgegen⸗ der auf ihn zukam, denn er hatte die Stelle nicht verlaſ⸗ ſen, wo er ſich zu Anfang dieſes Vorfalles befunden. — 296— „Zu leicht, Herr!— Kennen Sie den Menſchen, der ſie fuͤhrte? „Nicht genau, ich weiß nur, daß er ein Galgen⸗ ſtrick iſt.⸗ „Er mag dieſen Namen verdienen, da er zu der Fa⸗ milie des Teufels gehoͤrt.“ „Ich will nicht uͤber mich nehmen, zu ſagen, daß er gerade ſo iſt, wie Sie da ſagen, ich habe aber hinreichende Gruͤnde zu glauben, daß er keine ſo ſtarke Ladung Ehrlich⸗ keit hat, daß er davon uͤber Bord werfen koͤnnte. Was iſt aus ihm geworden?“ „Leicht iſt es dieſe Frage zu thun, ſchwerer wird es, ſie zu beantworten. Erſt ließ der Kerl, obgleich er alt, und ſein Kopf mit grauen Haaren bedeckt iſt, ſeine Barke tan⸗ zen, als ob ſie in der Luft hinge. Dann waren wir nur um Eine Minute, hoͤchſtens zwei, hinter ihm, und doch war, als wir auf die andere Seite des Negerſchiffs kamen, Mann, Barke, Alles verſchwunden.⸗ „Er iſt um das Vordertheil, während Ihr das Hinter⸗ theil umſchifftet.“ „Haben Sie es geſehen?⸗ „Nein, ich geſtehe es.“ „Das iſt unmoͤglich, Herr, denn wir waren weit ge⸗ nug, um die beiden Seiten des Sklavenhaͤndlers auf Ein⸗ mal zu ſehen; uͤberdieß wußte die Mannſchaft dieſes Schif⸗ fes nichts von ihm.⸗ „Haben Sie die Mannſchaft des Schiffes geſehen?“ — — — 297— „Ich haͤtte ſagen ſollen ſeinen Matroſen, denn man ſieht nur ein einziges lebendiges Weſen an Bord.“ „Und womit war er beſchaͤftigt?“ „Er ſaß auf den Ruſten und ſchien zu ſchlafen. Es iſt ein traͤges Schiff, Herr, und ich glaube, es koſtet ſeine Armateurs mehr Geld, als es einbringt.“ „Moͤglich. Nun! Der Schurke mag laufen.— Mr. Earing, es iſt aller Anſchein zu einem Seewind da; wir muͤſſen von Neuem unſere Bramſegel ſpannen, um zu ſei⸗ nem Empfange bereit zu ſeyn. Es waͤre mir lieb, wenn wir die Sonne in der See untergehen ſehen koͤnnten.“ Die beiden Lieutenants und die ganze Mannſchaft be⸗ ſchaͤftigten ſich eifrig mit ihrer Aufgabe, und die neugieri⸗ gen und erſtaunten Matroſen thaten, beim Aufziehen der Segel zum Empfang des Windes, eine Menge Fragen an diejenigen ihrer Kameraden, welche in der Schaluppe ge⸗ weſen waren, dieſe aber antworteten ernſt und feierlich. Wilder wandte ſich unterdeſſen zu Mrß. Wyllys, welche ſeine kurze Unterredung mit dem Lieutenant angehoͤrt hatte. „Sie ſehn, Miß,“ ſagte er, ndaß unſere Reiſe nicht ohne boͤſe Vorbedeutungen beginnt.“ „Wann Sie mir mit der Miene von ganz beſonderer Offenherzigkeit, die Sie zußeilen annehmen, unerklaͤrlicher junger Mann,“ antwortete ſie ihm,„ſagen, daß wir eine Unklugheit begehen, indem wir uns auf dieſem Schiffe dom Ocean anvertrauen, ſo bin ich halb geneigt, Ihren Wor⸗ ten Glauben beizumeſſen; wenn Sie aber zum duͤnnen — 298— Sparrenwerk der Zauberei und Hexerei Ihre Zuflucht nehmen, um Ihren Rath zu unterſtuͤtzen, ſo bewirken Sie damit, daß ich nur um ſo feſter auf meinem Vorhaben be⸗ harre.⸗ „Leute an die Spille!“ rief Wilder in einem Tone der ſeinen Gefaͤhrtinnen zu ſagen ſchien:—„Weil Ihr denn ſo entſchloſſen ſeyd, ſo ſoll es Euch nicht an Gelegenheit fehlen, Eure Entſchloſſenheit zu zeigen.“—„Leute an die Spille! Wir muͤſſen ſuchen den Wind zu benutzen, der ſich erhebt, und das Schiff, dieweil es noch Tag iſt, auf die hohe See fuͤhren.“ Das Krachen der Hebel ging dem Geſang der Matro⸗ ſen vorher. Jetzt begann die ſchwierige Arbeit den ſchweren Anker aus dem Meeresgrunde zu heben, und einige Minu⸗ ten darauf war das Schiff der Eiſen los und ledig, welche es an di Erde feſſelten. Ein guͤnſtiger Wind von der Seeſeite ſtellte ſich auch bald ein, mit feuchten Salztheilen dieſes Elementes ge⸗ ſchwaͤngert. Jemehr er in die geſpannten und unruhigen Segel ſiel, um ſo freundlicher ſchien das Schiff den langer⸗ ſehnten ankommenden Gaſt zu gruͤßen, und erhob ſich, nach einer tiefen Verbeugung, mit Anmuth. Man hoͤrte den Wind in dem Labyrinthe des Tauwerks pfeifen, eine, dem Ohre des Seemannes immer liebliche Muſik. Dieſer ermunternde Ton, und die beſondere Friſche der Luft, er⸗ weckten in den Matroſen neue Kraft zur Ausfuͤhrung ihrer Mandͤvers. Der Anker war heraufgeſtaut, das Schiff war im Gang, die hohen Segel waren beigeſetzt, die untern her⸗ abgelc ſchaͤur warer V Inſel Gluͤck gelad Wind ihn wenn ſes k beute theil blick. Win legte nach unbe fflucht n Sie en be⸗ e der denn ſenheit an die er ſich af die katro⸗ weren Ninu⸗ welche auch 3 ge⸗ hhigen nger⸗ ſich, hoͤrte eine, Dieſer „er⸗ ihrer war her⸗ — 299— abgelaſſen, und das Vordertheil der Karoline ſpaltete die ſchaͤumenden Wogen, ehe zehn andere Minuten verſtrichen waren. Wilder hatte es uͤbernommen, ſein Schiff zwiſchen den Inſeln von Connektikut und Rhode durch zu ſteuern. Gluͤcklicherweiſe fuͤr die Verantwortlichkeit, die er auf ſich geladen hatte, war der Kanal nicht ſchwierig, und der Wind hatte ſich nach Oſten gedreht, ſo daß die Gelegenheit ihn in gerader Linie zu durchkreuzen, ſehr guͤnſtig war, wenn er erſt ein Stuͤck dicht beim Winde geſegelt war, die⸗ ſes konnte aber nicht vollführt werden, ohne bei dem Frei⸗ beuter ſehr nahe vorbeizusommen, ſonſt haͤtte er dieſen Vor⸗ theil groͤßtentheils eingebuͤßt. Er beſann ſich keinen Augen⸗ blick. Als ſein Schiff ſo nahe bei dem Ufer unter dem Winde war, als das immer thaͤtige Senkblei ihm rieth, legte er die andere Seite in den Wind, richtete die Spitze nach dem Freibeuter, der immerfort unbeweglich, ſcheinbar unbekuͤmmert war, um alles was um ihn her vorging. Die Karoline naͤherte ſich ihm viel gluͤcklicher als das erſtemal; der Wind war ſtet, und die Mannſchaft hatte das Schiff in ihrer Gewalt, wie ein geſchickter Reiter alle Be⸗ wegungen eines feurigen und ungeſtuͤmmen Renners lenkt. Indeſſen ward dieſes Mandoͤver nicht ohne lebhaftes Inte⸗ reſſe im Herzen aller derer vorgenommen, welche ſich an Bord des Kauffahrers von Briſtol befanden; jeder Einzelne hatte ſeinen beſondern geheimen Grund zur Neugierde. Das Fahrzeug, dem man ſich naͤherte, fing an, ein Gegenſtand des Staunens fuͤr alle Seeleute zu werden; die Gouver⸗ — 300— nante und ihr Zoͤgling konnten ſich kaum den Grund ihres bewegten Gemuͤthes angeben, und Wilder kannte nur zu gut die Gefahr, welcher Alle, ihn allein ausgenommen, ausgeſetzt waren. So wie das erſte Mal, wollte auch jetzt der Seemann am Ruder ſeinem Stolze nachgeben, und auf der Windſeite vorbeiſegeln; obgleich aber dieſes ohne beſon⸗ dere Gefahr haͤtte geſchehen koͤnnen, erhielt er Ordre an⸗ ders zu ſteuern. „Auf der Leeſeite des Negerſchiffs vorbei, Herr;“ rief ihm Wilder in gebietendem Tone zu; und jetzt ging der junge Capitain nach dem Barkehalter des Windes, wie Alle, die in dieſem Momente unbeſchaͤftigt waren, und lehnte ſich darauf, um den Gegenſtand, dem ſie ſich ſo raſch naheten, genau zu betrachten. Waͤhrend die Karoline ſo muthig fortſchritt, als triebe ſie den Wind vor ſich her, war das Gemurmel des Windes im Takelwerk des Skla⸗ venſchiffs der einzige Laut, der von da zu vernehmen war. Nicht Eine menſchliche Figur, nicht ein neugieriges Auge ließ ſich an ſeinem Bord blicken. Die Vorbeifahrt, wie man denken kann, war ſchnell, und waͤhrend des kurzen Augenblickes, wo Vordertheile und Spiegel beider Schiffe ſich beinahe in paralleler Linie befanden, dachte Wilder, ſie koͤnne bewerkſtelligt werden, ohne daß der vermeintliche Ne⸗ gerfahrer die geringſte Aufmerkſamkeit darauf verwendete, Er hatte ſich indeſſen getaͤuſcht. Ein flinker und gewand⸗ ter Mann, in der Halb⸗Uniform eines Marine⸗Offiziers ſchwang ſich auf den Hackebord, und ſchwang eine Schiffer⸗ Muͤtze in der Luft, wie um zu gruͤßen. In dem Augen⸗ nd ihres nur zu ommen, uch jetzt und auf 2 beſon⸗ dre an⸗ r;“ rief ng der 8, wie 1, und ſich ſo daroline ich her, Skla⸗ n war. 3 Auge t, wie kurzen Schiffe der, ſie che Ne⸗ eendete. 2wand⸗ ffiziers chiffer⸗ Augen⸗ — 301— blick als der Wind dieſem Manne durch das Haar ſtrich, erkannte Wilder das lebhafte, durchdringende Auge und die ſprechenden Zuͤge des Freibeuters. „Glauben Sie daß der Wind ſich von dieſer Seite hal⸗ ten wird, Herr?“ rief dieſer ſehr laut. „Er iſt ſteif genug um beſtaͤndig zu ſeyn.“ „Ein kluger Seemannn, wuͤrde eilen nach Oſten zu kommen, ſo weit als er noͤthig hat, denn er ſcheint mir ein wenig weſtindiſch.“ „Glauben Sie, daß er ſich mehr nach Süden drehen wird?“ „Ich glaube. Doch eine Boleine die Nacht uͤber ange⸗ zogen wird Ihnen genug ſeyn.“ Die Karoline war ſchon voruͤber, und wendete jetzt dem Vordertheile des Negerſchiffes gegenuͤber, um wieder in ihrem Curs zu ſteuern. Der Seeoffizier auf dem Hacke⸗ bord dieſes letztern ſchwang noch ſeine Muͤtze zum Abſchieds⸗ zeichen, und verſchwand. „Iſt es moͤglich, daß ein ſolcher Mann mit menſchlichen Weſen Handel treibt!“ rief Gertrude als die Beiden aufge⸗ hoͤrt hatten, ſich zuzurufen. Da ſie kene Antwort erhielt, drehte ſie ſich lebhaft um, und ſah ihre Gouvernante an. Dieſe befand ſich in einem Zuſtande voͤlliger Abweſenheit; ihre Augen auf das Leere geheftet, da ſie die Richtung nicht veraͤndert hatten, ſeitdem der Lauf des Schiffes ſie von dem Punkte weggefuͤhrt, wo der Fremde ſich befand. Gertrude faßte ſie bei der Hand, und wiederholte ihre Frage; da kam Mrß. Wyllys zu ſich, — 302— fuhr mit der Hand uͤber die Stirne, und antwortete zer⸗ ſtreut und gezwungen laͤchelnd: „Die Begegnung eines Schiffes, oder der Anblick irgend eines See⸗Mandvers, ermangelt nie, meine Theure, ver⸗ floſſene Zeiten in mein Gedaͤchtniß zuruͤckzurufen. Aber ge⸗ wiß iſt der Menſch, der ſich endlich an Bord des Neger⸗ ſchiffs gezeigt hat, ein außerordentliches Weſen.“ „Fuͤr einen Sklavenhaͤndler ein ungewoͤhnliches, ja!⸗ ſagte Gertrude. Mrß. Wyllys ſtuͤtzte einen Augenblick ihren Kopf in die Hand, und ſah ſich dann nach Wilder um. Der junge Seemann ſtand bei ihr; ſein pruͤfendes Auge ruhte auf ih⸗ ren Zuͤgen mit einem Intereſſe, welches nicht minder merk⸗ wuͤrdig war, als die nachdenkliche Miene der Gouvernante. „Sagen Sie mir, junger Mann,“ ſagte ſie zu ihm, viſt jener Mann der Commandant des Sklavenſchiffes?“ „Ja, Miß.“ „Sie kennen ihn?“ „Wir haben uns getroffen,“ „Wie heißt er?" „Herr dieſes Schiffes. Ich kenne keinen andern.“ „Gertrude, gehn wir in unſere Kajuͤte zuruͤck. Herr Wilder wird wohl die Guͤte haben, uns Nachricht zu geben, wenn wir das Land aus dem Geſichte verlieren.“ Wilder verbeugte ſich, ſtatt der Antwort, und die Damen verließen das Deck. Die Karoline hatte nun Ausſicht, ſich bald auf offener See zu befinden. Um dies zu erreichen, traf der junge Capitain die geſchickteſten Ein⸗ 22 richtur drehte dem z1 es geſ⸗ ein ſy Nach lebhaft und b dieſes Meile daß e Offiz der tauch und nach wied terer pen; wohl 22 — 303— richtungen ihren Lauf zu beſchleunigen. Hundertmal aber drehte er ſich um, und warf einen verſtohlnen Blick nach dem zuruͤckgelaſſenen Schiſſe. Es war noch immer wie er es geſehen hatte, als er in der Bai daran vorbeiſteuerte, ein ſymmetriſches, prachtvolles, aber regungsloſes Weſen. Nach jeder dieſer heimlichen Pruͤfungen, blickte er immer lebhaft und ungeduldig auf die Segel ſeines eigenen Schiffes, und befahl bald, daß dieſes ſtraffer an ſeine Spiere angezo⸗ gen, jenes geraͤumiger an ſeiner Rahe ausgereeft werde. Die Wirkung ſo ausgedehnter Sorgfalt, mit ſo viel Talent verbunden, war, daß die Karoline mit einer Raſch⸗ heit wie nie, oder wenigſtens ſehr ſelten, durch den Ocean dahin glitt. Nicht lange dauerte es, ſo ſchwand auf beiden Seiten das Land; nur auf dem Backbord erblickte man es noch, wo die Inſeln bläulicht und in einem langen dunkeln Streifen im Norden und Weſten erſchienen; wo die Kuͤſten dieſes endloſen Kontinents ſich in einer Laͤnge zahlloſer Meilen hindehnen. Man benachrichtigte die beiden Damen, daß es jetzt Zeit ſey, dem Lande Lebewohl zuzurufen; die Offiziere merkten ſich eben den Punkt der Abreiſe an. Als der Tag zu ſchwinden, und die Inſeln in die See hinabzu⸗ tauchen begannen, erſtieg Wilder eine der hoͤchſten Rahen, und blickte lange und angelegentlich durch das Teleskop nach dem Hafen den ſie ſo eben verlaſſen. Als er aber wieder herabſtieg, war ſein Auge ruhiger, ſeine Miene hei⸗ terer. Ein Laͤcheln der Zufriedenheit ſpielte um ſeine Lip⸗ pen; in froͤhlichem und ermunterndem Tone gab er ſeine wohlberechneten Befehle. Sie wurden puͤnktlich erfuͤllt. Die alteſten Matroſen deuteten auf die Wogen, die das Schiff durchpfluͤgte, und ſchworen, daß ſie niemals die Ka⸗ roline ſo raſch haͤtten ſegeln ſehen. Die Ofſiziere befragten das Log, und machten ſich freudig auf die Pfeilſchnelle des Fahrzeugs aufmerkſam. Mit einem Wort, Zufriedenheit und Froͤhlichkeit herrſchten an Bord, denn eine Ueberfahrt glaubte man, die unter ſo guten Vorzeichen begonnen wurde, muͤſſe bald und gluͤcklich enden. Mitten unter die⸗ ſen guͤnſtigen Vorbedeutungen, ſank die Sonne in das Meer, und uͤberglaͤnzte in ihrem Falle eine weite Flaͤche dieſes kal⸗ ten und duͤſtern Elementes. Endlich begannen die Schat⸗ ten der Nacht ſich uͤber die unendlichen Raͤume dieſes graͤn⸗ zenloſen Abgrundes zu lagern. die das ie Ka⸗ fragten lle des denheit erfahrt zonnen er die⸗ Meer, es kal⸗ Schat⸗ graͤn⸗ — Vierzehntes Kapitel. Ich habe noch nie einen ſo ſchönen und(s abſcheulichen Tag erlebt! Shakeſpeare.⸗ Die erſte Nachtwache war durch nichts Auffallendes be⸗ zeichnet. Wilder hatte ſich wieder zu den beiden Damen gewendet, mit jener Miene von Zufriedenheit und Frohmuth die jeden Seeofſizier mehr oder weniger belebt, wenn er ſein Schiff von den Gefahren befreit hat, die ihm in der Naͤhe des Landes drohen, und wenn er es auf der grund⸗ loſen Tiefe des Oceans wogen ſieht, dem keine Wege auf⸗ gezeichnet ſind. Er hatte jede Anſpielung auf die Gefahren der Ueberfahrt vergeſſen, bemuͤhte ſich vielmehr, durch hum⸗ derterlei kleine Aufmerkſamkeiten, die ſeine Lage ihm erlaub⸗ ten, jede Erinnerung an das Vorgefallene aus ihrem Ge⸗ Haͤchtniſſe zu verwiſchen. Mrß. Wyllys ging in ſeine Ab⸗ ſichten ein, und wer, unbekannt mit den ſruͤhern Unter⸗ haltungen, ſie ſo im engen Zirkel bei dem Abendmahle ge⸗ ſehen haͤtte, er haͤtte ſie für eine Gruppe zufriedener und Cooper's Freibenter, 1— 3. 20 — 306— zutrauensvoller Reiſenden gehalten, die ihre Reiſe unter den gluͤcklichſten Vorbedeutungen angetreten. Es lag jedoch etwas in dem gedankenvollen Blicke und der leichtgewoͤlkten Stirne der Gouvernante, wenn ſie zu⸗ weilen unruhig und beinahe zerſtreut auf unſern Abentheu⸗ rer hinſah, was eigentlich ein nichts weniger als ruhiges Gemüͤth bezeichnete. Sie hoͤrte die witzigen Einfaͤlle des jungen Seemannts, deſſen Froͤhlichkeit, wegen der ſeiner Kunſt angehoͤrigen Worte, etwas Eigenes hatte, mit einem nachſichtsvollen, truͤben Laͤcheln an, wie wenn ſeine Munter⸗ keit mit dem aͤcht ſeemaͤnniſchen Anſtrich, in ihr befreun⸗ dete traurige Erinnerungen weckte. Gertrudens Freude war ungetruͤbter; ſie kehrte nach Hauſe zuruͤck, in die Arme eines geliebten, freundlichen Vaters, und mit jedem Wind⸗ ſtoß, jedem Ruck des Schiffes, war es ihr, als waͤre eine von den langen, langen Meilen, die ſie von ihm getrennt hatten, zuruͤckgelegt. Waͤhrend dieſer ſo angenehmen, und eben darum kurzen Augenblicke, zeigte ſich der junge Kommandant in einem ganz anderen Lichte als bisher. Wiewohl die mäͤnnliche Offenheit des Seemannes ſeine Unterhaltung bezeichnete, ſo ward ſie doch durch die ge⸗ ſuchteſte Zartheit feiner Lebensart gemildert. Gertrudens ſchoͤngeformter Mund ſuchte oft vergeblich das Laͤcheln zu verbergen, welches um ihre Lippen ſpielte, und Gruͤbchell in ihre Wangen malte, wie ein ſanfter Zephyr leiſe Striche auf der Flaͤche eines Wieſenbaches zieht; mehrere Male aber, da ein treffendes Wort Wilders ihren Geiſt anſprach, ter den ke und ſie zu⸗ entheu⸗ ruhiges lle des ſeiner einem unter⸗ efreun⸗ de war Arme Wind⸗ re eine etrennt kurzen einem es ſeine die ge⸗ rrudens heln zu ruͤbchen Striche Male ſprach, — 307— vermochte ſie dem Antriebe des jugendlichen Frohſinns nicht zu widerſtehen. Eine Stunde vertraulſchen Geſpraͤches zur See loͤſt die Eisrinde leichter, womit die große Welt die reinſten Em⸗ pfindungen der menſchlichen Natur umzieht, als lange Wo⸗ chen, die man mitten im bedeutungsloſen Zwange einer Etiquette zubringt, welcher man auf dem feſten Lande unter⸗ liegt. Wer dieſe Wahrheit noch nie gefuͤhlt, der verzweifle an ſeinen geſelligen Gaben. Wenn der Menſch der Oede des Oceans uͤberlaſſen iſt, dann fuͤhlt er erſt, wie ſehr ſein Gluck von Andern abhaͤngt. Dann giebt er Gefuͤhlen Raum, mit denen er fruͤher, trotz den vielfachen Gelegenheiten, in welchen er ſich ihnen uͤberlaſſen konnte, dennoch nur ſein Spiel trieb, jetzt erſt freut er ſich innig, ſich mit Andern durch das Band des Mitgefuͤhls verbinden zu koͤnnen. Gemein⸗ ſchaftliche Gefahren erzeugen gemeinſchaftliches Intereſſe, es handle ſich nun um weltliche Guͤter oder perſoͤnliche Sicher⸗ heit. Vielleicht koͤnnte ein forſchender Pſychologe hinzufuͤgen, daß in ſolchen Lagen ein Jeder wiſſe, wie er das Schickſal des Nebenmenſchen nur als das Spiegelbild ſeines eigenen anzuſehen habe, daß ſie gleiche Gefahren theilen; daß dar⸗ aus eine Verwandtſchaft mit ihm ſelbſt hervorgehe, die den Werth eines Mitfuͤhlenden erhoͤhbt. Wenn dieſer Schluß richtig waͤre, ſo muͤßten wir der Vorſehung danken, daß ſie die Beſſern unter den vollkommenſten Geſchoͤpfen dieſer Erde ſo geſchaffen hat, daß dieſer haͤßliche Zug verborgen bleibt, daß ſie ſelbſt ſich deſſen nicht bewußt ſind. Wenig⸗ ſtens verdiente Niemand von den dreien, welche die naͤcht⸗ 20* — 308— lichen Stunden zuſammen an der Tafel in der Kajuͤte zu brachten, unter dieſe Selbſtſuͤchtigen gezaͤhlt zu werden. Die Verhaͤltniſſe, welche in den erſten Stunden ihre Be⸗ kanntſchaft ſo ſonderbar zweideutig gemacht hatten, ſchienen voͤllig vergeſſen, Dank der freimuͤthigen Offenheit, welcher ſie ſich jetzt hingaben; oder wenn ſie daran zuruͤckdachten, ſo konnte dieſer Umſtand bei den beiden Damen nur guͤnſtig füͤr Wilder wirken, theils wegen der augenſcheinlichen Theil⸗ nahme die er ihnen bezeugte, theils wegen der geheimniß⸗ vollen Umſtaͤnde, die jene Beweiſe der Theilnahme begleitet hatten. Acht Uhr hatte die Schiffsglocke ſo eben geſchlagen, und der heiſere gedehnte Ruf, der die Schlaͤfer auf das Verdeck rief, ertoͤnte, ehe die Gaͤſte gewahrt hatten, daß es ſchon ſo ſpät ſey. Es iſt die Mitternachtswache,“ ſagte Wilder laͤchelnd, als er hemerkte, daß dieſe fremden Toͤne Gertrude erſchreckt hatten, die ihnen horchte, wie ein ſchuͤchternes Reh den Toͤ⸗ nen des Hifthornes.„Sie koͤnnen leicht daraus abnehmen, daß wir Seeleute nicht immer harmoniſche Muſik haben. So uͤbelklingend ſie Ihnen uͤbrigens auch vorkommen moͤgen, ſo giebt es doch Ohren, denen ſie noch weniger melodiſch vorkommen.“ „Sie meinen die Schlafenden?“ fragte Mrß. Wyllys. „Ja, ich meine die, welche jetzt auf die Wache muͤſſen. Kichts iſt dem Seemann füßer, als ſein Schlaf, nichts geht ihm daruͤber, denn es iſt der unſicherſte ſeiner Genüſſe. Von treulo 2 genehr 2 1 die— 2 Sie u 71 1 etwas 27 indem anblie „. Mrß. wende 9 gebor Sie 1 . die A wicht runge kaum 71 te zu erden. e Be⸗ hienen velcher achten, uͤnſtig Theil⸗ eimniß⸗ egleitet n, und Verdeck chon ſo ächelnd, rſchreckt den Toͤ⸗ nehmen, haben. moͤgen, nelodiſch Vyllys. müſſen. hts geht Genüͤſſe. — 309— Von der andern Selte iſt er aber dem Befehlshaber der treuloſeſte Gefaͤhrte, der mit ihm ſegelt.“ „und warum iſt der Schlaf dem Capitain minder an⸗ genehm, als dem Matroſen.“ „Wril er auf einem ſchlimmen Kopfkiſſen ruht; es iſt die— Verantwortlichkeit.⸗ „Sie ſind noch zu jung, Mr. Wilder, fuͤr die Laſt, die Sie uͤbernommen haben.“ „Es iſt ein Dienſt in dem wir fruͤhe alt werden.⸗ „und warum verlaſſen Sie ihn nicht?“ fragte Gertrude etwas lebhaft. „Ihn verlaſſen?“ ſagte er, und unterbrach ſich ſelbſt, indem er einige Sekunden lang ſie mit funkelnden Augen anblickte;„das hieße die Luft aufgeben, die ich athme.“ „Iſt es denn ſo lange, daß Sie ihn angetreten?“ fragte Mrß. Wyllys, den ſinnenden Blick von ihrem Zoͤgling ab⸗ wendend, um ihn auf den Sprechenden zu richten. „Ich habe Urſache zu vermuthen, daß ich auf der See geboren bin.“ „Zu vermuthen? Wiſſen Sie denn nicht gewiß, wo Sie geboren ſind?“ „Wir Alle, wir wiſſen das nur aus den Zeugniſſen, die Andere abgelegt haben, um uns Rechenſchaft von dieſem wichtigen Ereigniß zu geben. Meine fruͤheſten Ruͤckerinne⸗ rungen knuͤpfen ſich an den Anblick des Oceans, und ich darf kaum ſagen, ich ſey ein Landgeborner.“ „Sie ſind dann doch wenigſtens gluͤcklich geweſen mit — 310— denen, die mit der Pflege Ihrer Kindheit und mit Jhrer Erziehung beauftragt waren.“ „Ja gewiß,“ antwortete er mit Nachdruck, fuhr mit der Hand uͤber das Geſicht und ſagte dann mit einem truͤben Laͤcheln:„Und nun zu meiner letzten Tagespflicht. Wollen Sie mich begleiten, um zu ſehen, ob wir uns eine guͤnſtige Nacht verſprechen duͤrfen? Eine Dame mit ſo viel Ge⸗ ſchmack am Seeweſen, und ſo vieler Sachkenntniß darf die Haͤngematte nicht ſuchen, als bis ſie ihre Meinung uͤber die Witterung gegeben hat.“ Die Gouvernante nahm den angebote ſttegen ſie ſtill, Jedes mit ſeinen eigenen Gedanken beſchaͤf⸗ tigt, die Treppe hinauf. Die munter, juͤngere Gertrude folgte ihnen, und oben auf dem Decke traten ſie auf die Windſeite des Hinterkaſtells. Die Nacht war mehr duftig und truͤbe als eigentlich finſter. Eben war der Vollmond wohl aufgegangen, aber er nahm ſeinen Lauf an dem Himmel hinter einer Maſſe düſtern Gewoͤlkes, das zu dicht war, als daß ſeine erborg⸗ ten Strahlen haͤtten durchdringen koͤnnen. Hier und da ſchien jedoch ein ſchwacher Strahl ſich durch minder dichts Wolken Bahn brechen zu wollen, und ſchimmerte auf den Wellen wie ferner Kerzenſchein. Da der Wind ſcharf aus Oſten blies, ſchien das Meer von ſeiner bewegten Flaͤche mehr Licht abzuſtrahlen, als es empfing; lange Lichtſtreifen funkelnden Schaumes ſtrahlten nach einander her, und liehen von Zeit zu Zeit dem Waſſer eine Helle, die man am Him⸗ mel vermißte. Das Schiff neigte ſich ſehr nach der einen nen Arm, und ſo t Threr mit der mtruͤben Wollen guͤnſtige diel Ge⸗ darf dis uͤber die „ und ſo beſchaͤf⸗ Gertrude e auf die eigentlich gen, aber ter Maſſe e erborg⸗ und da der dichte e auf den charf aus en Flaͤche ichtſtreifen und liehen am Him⸗ der einen — 311— Seite, und jedesmal, wann es eine Woge ſpaltete, die aus dem Ocean ſtieg, ſtroͤmte ein ſchaͤumender Halbmond vor dem Vordertheil her, als ob die Wellen vor ihm tanzten. Allein, wenn ſchon der Augenblick guͤnſtig, der Wind nicht durchaus contraͤr, und das Firmament mehr finſter als eigentlich drohend war, ſo verlieh doch ein gewiſſes Licht (das jedem Andern, als einem Seemann unnatuͤrlich ſchei⸗ nen mußte) der Scene einen Zug von oͤder Wildniß. Gertrude fuhr ein wenig zuſammen, als ſie auf das Verdeck trat, und ein halblauter Ausruf ſchauerlichen Ent⸗ zuͤckens entfuhr ihr. Mrß. Wyllys betrachtete die Wogen, die am Horizont ſich hoben und ſenkten, und welche jener Schein umglaͤnzte, mit dem lebendig gewordenen maͤchtigen Gedanken, daß ſie ſich in den Haͤnden desjenigen Weſens befinde, welches Waſſer und Erde geſchaffen. Wilder hin⸗ gegen betrachtete dieſe Scene, wie ein Mann, der ſeine Augen auf den heitern Himmel richtet; dieſer Anblick hatte für ihn weder Neuheit, noch ſonſt einen Reiz, und erregte ihn auf keine Weiſe. Nicht alſo bei ſeiner jungen Gefaͤhr⸗ tin. Als ihre ernſte Regung ſich ein wenig gelegt hatte, rief ſie mit aller Waͤrme hoher Bewunderung: „Ein ſolches Schauſpiel entſchaͤdigt reichlich für eine ein⸗ monatliche Gefangenſchaft auf einem Schiffe. Solche Mo⸗ mente, Mr. Wilder, muͤſſen Ihnen lebendige Genuͤſſe bieten, und Sie ſind gewiß ſehr oft ſo gluͤcklich!“ „Gewiß! o ja! ich freue mich daruͤber.— Ich wollte der Wind raͤumte um einige Pupete! Deeſer duftige Him⸗ — 312— mel gefällt mir nicht, eben ſo wenig der kleine Kuͤhlwind nach Oſten hin.⸗ „Das Schiff ſegelt ſehr raſch,“ ſagte Mrß. Wyllys in ruhigem Tone, da ſie bemerkte, daß der junge Mann ſehr zerſtreut ſprach, und die nachtheiligen Folgen, die ſeine Worte auf ihren Zoͤgling haben konnten, fuͤrchtete.„Wenn wir ſo fortfahren, ſo iſt aller Anſchein zu einer kurzen und gluͤcklichen Ueberfahrt vorhanden.“ „Gewiß,“" rief Wilder, als haͤtte er erſt in dieſem Mo⸗ mente bemerkt, daß er ſich bei den Damen befand;„ wahr⸗ ſcheinlich! ſehr wahr!— Mr. Earing, die Luft faͤllt zu ſtark in dieſe Segel; beſchlagt die Bramſegel, und braſſet die andern dichter beim Winde! Wann der Wind ſo mit Oſt⸗bei⸗Suͤd ſich haͤlt, ſo muͤſſen wir ſehr eilen in's Freie zu kommen.⸗ Der Lieutenant antwortete raſch und unterwürfig, wie die Seeleute gegen ihre Obern pflegen; und nachdem er, ſich umſchauend, einen Augenblick die Wetterzeichen unter⸗ ſucht hatte, ließ er augenblicklich den erhaltenen Befehl ausfuͤhren. Waͤhrend die Matroſen auf den Rahen waren, damit beſchaͤftigt, die kleinen Segel zu ſchauren, zogen ſich die tungen zu unterbrechen. Aber weit entfernt, ſeine Auf⸗ merkſamkeit auf ein ſo gewoͤhnliches Manͤver zu richten, ſchien Wilder einen Augenblick nachher nicht mehr an die gegebene Ordre zu denken. Er ſtand noch an demſelben Fleck, wo er vorhin, die See und den Himmel zuerſt er⸗ uͤhlwind yllys in inn ſehr die ſeine „Wenn zen und 2m Mo⸗ „ wahr⸗ faͤllt zu braſſet ſo mit 's Freie fig, wie dem er, unter⸗ Befehl , damit ſich die Verrich⸗ ne Auf⸗ richten, an die emſelben terſt er⸗ — 313— blickt hatte, und ſeine Blicke fuhren fort, ſich auf Wind und Wellen zu richten. Der Wind war zwar nicht ſtuͤrmiſch, doch ſchlug er ſtoßweiſe heftig in die Segel. Nach langer und ſorgfaͤltiger Pruͤfung, ſprach er leiſe mit ſich ſelber, und ging mit großen Schritten auf dem Decke hin und her⸗ Von Zelt zu Zeit machte er eine raſche und kurze Pauſe und heftete ſeinen Blick wiederholt nach dem Punkte auf dem See⸗Compaß, wo der Wind nach einer Fahrt uͤber das unermeßliche Weltmeer herkam, wie wenn er ein Unwetter gefürchtet hätte, wie wenn er gewaͤnſcht haͤtte, mit ſeinen Augen die dunkle Nacht zu durchbohren, um ſich von einem bangen Zweifel loszumachen. Endlich hielt er bei einer der raſchen Wendungen inne, die er jedesmal machte, wenn er mit ſeinem kurzen Gange zu Ende war. Er ſtand nahe bei Mrß. Wylllys und Gertrude; ſie konnten in ſeinen Mienen einen Zug von innerer Unruhe unterſcheiden, waͤhrend ſich ſeine Augen ploͤtzlich auf einen entfernten Punkt im Ocean hefteten, der ſich auf der gerade entgegengeſetzten Seite des Schiffes befand. „Trauen Sie vielleicht dem Wetter nicht? fragte ihn Mrß. Wyllys nach elner Pauſe, deren lange Dauer nach ihrer Meinung etwas Schlimmes bedeuten mußte. „Wie der Wind jetzt ſteht, muͤßte ich nicht leewaͤrts nach den Wetterzeichen ſehen;“ war ſeine Antwort. „Was feſſelt denn dort Ihren Blick ſo ſehr? Wilder hob langſam den Arm in die Hoͤhe, und war eben im Begriff einen Finger auszuſtrecken, um ihr etwas zu zeigen, als er ploͤtzlich ſeinen Arm wieder ſinken ließ. „Taͤuſchung!“ ſagte er, drehte ſich raſch auf der Ferſe um, und ſchritt noch raſcher uͤber das Decke hin. Seine Gefaͤhrtinnen folgten mit den Augen den außer⸗ ordentlichen und faſt unwillkuͤhrlichen Bewegungen des jun⸗ gen Befehlshabers, mit Erſtaunen und einer innern Regung von Schrecken. Sie ſelbſt ließen ihre Augen uͤber die ganze Waſſerflaͤche auf der Leeſeite ſchweifen, konnten aber nur die von glaͤnzendem Schaume uͤberfurchten Wogen ſehen, deren Blinken das Duͤſtere und Impoſante der ganzen Waſſer⸗ maſſe hervorhob. „Wir koͤnnen nichts ſehen,“ ſagte Gertrude, als er wieder bei ihnen ſtille ſtand, und ſein Auge von Neuem in die leere Weite ſtarrte. „Sehn Sie!“ antwortete er und leitete ihre Blicke mit ſeinem Finger,„ſehn Sie nichts dort?⸗ „Nichts.“ „Sie ſehen auf das Meer. Da, gerade wo Himmel und Meer ſich beruͤhren, laͤngs jenem neblichten Lichtſtreifen, in welchem die Wogen ſich huͤgelartig erheben. Sehn Sie, jetzt fallt eine Woge! nein! ich habe mich nicht getaͤuſcht, es iſt bei Gott! ein Schiff. *„Ho! ein Segel!“ rief aus dem Maſtkorb eine Stimme, die unſerm Abentheurer wie das Aechzen eines Seegeſpen⸗ ſtes toͤnte. „Wo aus?“ rief er ſchnell. „Auf unſerer Leeſeite, Sir,“, rief der Seemann aus Leibeskraͤften.„Ich halte es für dicht beim Winde; ſchon — 345— vor elner Stunde glich es mehr einem Nebel, als einem Schiff.“ „Ja, er hat Recht!“ murmelte Wilder vor ſich hin; „und doch iſt es befremdend, daß gerade in jenem Strich ein Schiff ſeyn ſollte.“ 3 „Und warum befremdender, als daß wir gerade hier ſind?“ „Warum?“ fragte der junge Kommandant, und ſah Mrß. Wyllys mit ausdrucksloſen Blicken an,„warum? Ich ſage, es iſt befremdend, daß es dort ſteht; ich wollte aber, es ſteuerte gegen Norden.“ „Sie geben uns aber gar keine Gruͤnde. Sind wir denn dazu verurtheilt, immer Ihre Meinung anzuhoͤren, ohne daß uns jemals eine Urſache eroͤffnet wuͤrde? Halten Sie uns denn ſchlechterdings fuͤr unwuͤrdig Ihre Gruͤnde zu wiſſen? Halten Sie uns fuͤr unfaͤhig, ein geſundes Urtheil über Gegenſtaͤnde, die das Seeweſen betreffen, zu faͤllen Sie haben noch keine Probe gemacht. Verſuchen Sie es diesmal; wir taͤuſchen Ste vielleicht in Ihrer Erwartung⸗“ Wilder lächelte und verbeugte ſich gegen Mrß. Wyllys, wie wenn er eben zur Beſinnung gekommen wäre. Doch ließ er ſich in keine Erklaͤrung ein, ſondern wendete aber⸗ mals ſeine Blicke nach dem Horizont, wo dieſes Segel ſeyn ſollte. Die beiden Damen folgten ſeinem Beiſpiel, doch mit demſelben ungüͤnſtigen Erfolge wie vorher. Als Gertrude ihren Verdruß daruͤber laut ausließ, durchdrang der ſuͤße Ton ihrer Stimme unſers Abentheurers Ohr. „Sie ſehen doch,“ ſagte er und reckte zum zweiten Mal — 316— ſeinen Arm nach der bezeichneten Seite;„jenen duͤſtern Lichtſtreif— das Gewoͤlke hat ſich zwar ein wenig gehoben, aber das Staͤuben des Seewaſſers verſperrt uns die Durch⸗ ſicht. Das Tauwerk jenes Schiffes iſt an den Himmel ge⸗ zeichnet, wie ein Spinnengewebe, und doch koͤnnen Sie die Proportionen, und ſelbſt die drei Maſten eines ſtattlichen Schiffes erkennen.“" Durch dieſe umſtaͤndliche Beſchreibung war Gertrude endlich in Stand geſetzt, dieſen beinahe unſichtbaren Gegen⸗ ſtand zu erkennen, und bald war es ihr auch gelungen, den Blicken ihrer Gouvernante die noͤthige Richtung zu geben. Sie erblickte nur einen dunkeln Punkt, den Wilder bezeich⸗ nend genug mit einem Spinnengewebe verglichen hatte. „Es muß ein Schiff ſeyn,“ ſagte Moͤß. Wyllys,„aber in ſehr, ſehr großer Entfernung.“ „Hm! ich wollte, es waͤre noch weiter entfernt. Ich wollte, es waͤre an jedem andern Fleck.“" „Und warum? Haben Sie Urſache zu vermuthen, daß uns gerade da ein Feind erwarte?“ „Nein! aber ſeine Stellung mißfaͤllt mir! Wollte Gott, es ſegelte nordwaͤrts!" „Es iſt ein Schiff aus dem Hafen von New York und ſteuert nach einer Inſel Seiner Majeſtaͤt, im karaibiſchen Meer.“ „Nein!“ ſagte Wilder kopfſchuͤttelnd;„kein Schiff, das von der Hoͤhe von Neverſink kommt, haͤtte mit dieſem Winde die hohe See erreichen koͤnnen,“ oder von — 317— „Iſt's denn vielleicht ein Schiff, das mit uns ſegelt, oder nach einer Bai der mittlern Kolonien ſteuert?⸗ „In dieſem Falle wuͤrde ſeine Fahrt klarer ſeyn. Seht, es treibt in dem Winde.“ „Iſt es vielleicht ein Kauffahrer, oder ein Kreuzer, der von einem der genannten Orte kommt?“ „Keins von beiden. Dazu hat der Wind ſeit zwei Ta⸗ gen zu ſtark aus Norden geweht.“ „So iſt es denn ein Schiff, das aus den Gewaͤſſern von Long⸗Island kommt, und das wir eingeholt haben.“ „Das koͤnnen wir noch hoffen,“ ſprach Wilder leiſe mit halberſtickter Stimme. Die Gouvernante, welche alle dieſe Vermuthungen blos in der Abſicht geaͤußert hatte, um dem Kommandanten der Karoline die Auskunft zu entlocken, die er mit ſo vieler Hartnaͤckigkeit verweigerte, war jetzt mit ihrem Wiſſen zu Ende, und hatte keine andere Wahl, als ſie dem guten Willen des jungen Seeoffiziers zu uͤberlaſſen, oder zu dem ſicherern Mittel, geradezu zu fragen, ihre Zuflucht zu neh⸗ men. Willder ſchien indeſſen zu einer ſolchen Unterredung allzuſehr beſchaͤftigt, denn er rief den wachhabenden Offizier zu ſich, und hielt eine kleine geheime Konferenz mit ihm. Dieſer, der den zweiten Rang auf dem Schiffe einnahm, ein wackerer Offizier, deſſen Verſtand aber nicht gerade ſehr durchdringend war, ſah in der Naͤhe eines Schiffes an dem Punkte, wo das unbekannte Segel noch ein dunkles und bei⸗ nahe aͤtheriſches Bild bot, eben nichts Beſonderes. Er ſtand keinen Augenblick an, zu aͤußern, es ſeye wohl ein Kauf⸗ — 318— fahrer, der, wie die Karoline einen erlaubten Handel triebe. mit Es ſchien jedoch, als daͤchte ſein Kommandant anders hier⸗ ſchie über, wie man aus dem kurzen Geſpraͤch, welches unter moͤg ihnen Statt fand, erſehen kann. erka „Iſt es nicht etwas ganz Beſonderes, daß es gerade da gen iſt?, fragte Wilder, nachdem ſie wechſelweiſe durch einen ſich trefflichen Nachtweiſer dieſen kaum zu unterſcheidenden Ge⸗ genſtand beobachtet hatten. rief „Auf der offenen See wuͤrde es ſich beſſer befinden,“ ſovi⸗ ſagte der Lieutenant, der nach dem uchſtaben ging, und tiſch 6 deſſen Auge nur die nautiſche Lage des fremden Schiffes die ſahz—„und uns ſelbſt ſollte es beſſer gerathen ſeyn, kam wenn wir ein Dutzend Meilen weiter oſtwaͤrts waͤren. Wenn es, der Wind ſich ſo fort oſt⸗ſüd-halb⸗ſüd hält, ſo haͤtten wir des Freien noch nicht zu viel. Zwiſchen Hatteras und dem aber 4 Golf ſaß ich einmal. Wilder unterbrach ihn.—„Sehen Sie denn nicht, daß Hof es ſteht, wo kein Schiff waͤre, noch ſeyn koͤnnte, wenn es— rad⸗ nicht gerade mit uns geſteuert waͤre? Kein Schiff, das aus Wi 3 einem Hafen, ſuͤdlich von New⸗York, geſegelt, haͤtte mit dem St 6 bisherigen Winde, ſo weit nach Norden kommen koͤnnen. waͤ 4 Kein Schiff, aus der Kolonie York, wenn es oſtwaͤrts Azi ſteuerte, ſtuͤnde in dieſer Richtung, und befaͤnde ſich wiederum ſteu nicht hier, wenn es ſüdwaͤrts ſegelte.“" nick . Der gerade Ideengang des wackern Lieutenants, begriff Ga auf der Stelle eine Demonſtration, die dem Leſer etwas dunkel bleiben duͤrfte; denn ſein Kopf enthielt eine Art See⸗ ma karte, zu welcher er jeder Zeit ſeine Zuflucht nehmen konnte, mit triebe. hier⸗ unter de da einen 1 Ge⸗ den,“ „ und chiffes ſeyn, Wenn wir dem daß in es 3 aus dem nnen. vaͤrts erum egriff :etwas See⸗ — 349— mit deutlicher Unterſcheidung der Winde alle, und der ver⸗ ſchiedenen Punkte des Kompaſſes. Sein Vorſtellungsver⸗ moͤgen hatte die erforderliche Richtung gefunden, und er erkannte bald als Seemann, die Richtigkeit der Bemerkun⸗ gen ſeines Kommandanten, und jetzt fing das Erſtaunen an, ſich ſeiner ſtumpfern Urtheilskraft zu bemaͤchtigen. „Es iſt wahrlich uͤbernatuͤrlich, dies Schiff da zu ſehn,⸗ rief er und ſchuͤttelte den Kopf; doch wollte er damit nur ſoviel ſagen, als daß die Sache außer dem Gange der nau⸗ tiſchen Ordnung ſey.—„Ich erkenne die hohe Einſicht, die aus Eurer Rede hervorleuchtet, Capitain, allein ich kann keine Erklaͤrung ausfindig machen.— Ein Segel iſt es, das iſt gewiß!“ „Daran kann nun und nimmermehr gezweifelt werden, aber es ſteht ganz ſonderbar.⸗ „Ich umſegelte Anno 46 das Vorgebirg der Guten Hoffnung, und ſah ein Schiff auf unſerer Windſeite,— ge⸗ rade dem Ding da gegenuͤber, weil wir dieſes unter dem Winde ſehen.— Aber ich ſah da ein Schiff, welches eine Stunde, eine volle Stunde quer vor unſerm Kiele ſtand und waͤhrend der ganzen Zeit,— wir beobachteten es an dem Azimuthal⸗Kompaß— wich es nicht einen Grad, weder ſteuer⸗ noch backbord, was bei dem ſchlechten Wetter, um nicht zu viel zu ſagen, ein bischen außer dem natuͤrlichen Gang der Dinge war.“ „Das iſt merkwuͤrdig,“ ſagte Wilder ſo zerſtreut, daß man ſah, wie er viel mehr mit ſeinen eigenen Ideen, als mit dem beſchaͤftigt war, was ihm ſein Gefaͤhrte ſagte. „Es giebt Matroſen genug, welche ſagen, daß der Hol⸗ ländiſche Voltigeur auf der Hoͤhe dieſes Kaps kreuze, und daß er zuweilen von der Windſeite her auf ein anderes Schiff zuſteure, als ob er entern wolle. Mehr als ein koͤ⸗ niglicher Kreuzer, ſagt man, hat ſein ganzes Schiffsvolk aus dem Schlafe gepocht, wenn die Topgaſten in der Nacht einen Zweidecker ankommen ſahen, mit offnen Stuͤckpforten und aufgepflanzten Batterien. Dies kann aber kein Schiff wie der Hollaͤnder ſeyn, weil es hoͤchſtens eine große Kriegs⸗ ſtoop ſeyn mag, wenn es ein Kreuzer iſt.⸗ „Nein, nein,“ ſagte Wilder,„es kann der Hollaͤnder nicht ſeyn.“ „Das Fahrzeug dort hat kein Licht und es verſchmilzt ſo ſehr mit den Duͤnſten, die aus der See aufſteigen, daß man wohl bezweifeln duͤrfte, es ſey ein wirkliches Segel. Dann zeigt ſich auch der Hollaͤnder immer im Winde und dies Schiff dort liegt leewaͤrts.⸗ „Es iſt nicht der Hollaͤnder,“, wiederholte Wilder mit einem langen Athemzuge, wie aus tiefem Schlafe erwachend. „Heda! auf den Stangen im großen Mars!⸗ Der Matroſe, der da oben aufgeſtellt war, antworkete dieſem Rufe auf die gewoͤhnliche Weiſe, und die kurze Un⸗ terredung, die nun folgte, beſtand mehr aus Geſchrei als aus zuſammenhaͤngenden Worten. „Siehſt Du das Segel ſchon lang?“ fragte Wilder, „Ich komme eben erſt herauf, Sir, aber der Abgeloͤſte fagte mir, er ſehe es ſchon uͤber eine Stunde.“⸗ Hol⸗ „ und deres in koͤ⸗ fsvolk Nacht forten Schiff riegs⸗ aͤnder hmilzt „ daß Segel. e und er mit ſchend. vorkete ſe Un⸗ rei als her, geloͤſte — 321— „und iſt der Abgeloͤſte herunter, oder iſt er es, dort leewaͤrts auf dem Maſte?“ „Er iſt's, Sir, Bob Brace; er ſagt, er koͤnne nicht ſchlafen, und wolle mir Geſellſchaft leiſten.“ „ Er ſoll herab, ich will ihn ſprechen.“ Waͤhrend dieſer herabkam, ſchwiegen beide Offiziere, jeder ſchien hinlaͤnglich mit ſeinen eigenen Gedanken uͤber das Vorgefallene beſchaͤftigt. „Warum biſt Du nicht in Deiner Haͤngematte?“ fragte Wilder etwas ſtreng den Matroſen, der eben dem erhalte⸗ nen Befehl zufolge auf dem Hinterkaſtell erſchien. „Ich kann nicht ſchlafen, Sir, und wollte noch ein Stuüͤndchen da oben zubringen.“ „Und warum biſt Du trotz Deinen zwei Nachtwachen, ſo bereit zur dritten?“ „Wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, Sir, ſo habe ich eine gewiſſe duͤſtere Ahnung in mir, ſchon ſeitdem wir den Anker gelichtet haben. Mrß. Wyllys naͤherte ſich unmerklich, um von dem Geſpraͤch kein Wort zu verlieren. Ihre hohe Theilnahme gab ſich durch ein Beben der Nerven und das raſchere Klopfen ihrer Pulſe zu erkennen. „Du haſt auch Deine Zweifel, Burſche!“ ſagte der Capitain in etwas veraͤchtlichem Tone.„Darf ich Dich wohl fragen, was Du an Bord geſehen haſt, das Dir Mißtrauen gegen dieſes Schiff einfloͤßen konnte?⸗ „Fragen iſt erlaubt, Sir," ſagte der Matroſe und zer⸗ arbeitete ſeinen Hut in den Haͤnden, mit denen er ihn, trotz Cooper's Freibeuter. 1— 3. 21 — 32— Zangen, gepackt hatte, nund ich hoffe, antworten auch. Ich habe heute Morgen ein Ruder in der Schaluppe g⸗fuͤhrt, die den alten Hallunken gejagt hat, und ich koͤnnte nicht ſagen, daß mir die Art geſiele, wie er uns entwiſcht iſt. Dann iſt etwas an dem Schiff da auf der Leeſeite, das mir durch den Kopf geht wie ein Dregg; und ich geſtehe Ihnen, Sir, wenn ich mich auch in meine Haͤngematte legte, ſo wuͤrde ich nicht vom Flecke kommen mit dem Schlafe.“ „Wie lange iſt's, daß Du das Segel auf der Leeſeite geſehen?2 „Ich wollte nicht darauf ſchwoͤren, Sir, daß es ein wirkliches, ein lebendiges Schiff iſt. Ja, ich habe vor ſie⸗ ben Uhr etwas geſehen, und was ich geſehen habe, das koͤnnen gute Auge eben ſo klar und ſo truͤb ſehen, wie vorher.“ „und wie ſtand es uns, als Du es zum erſten Male ſaheſt?“" „Zwei oder drei Punkte mehr dwars als jetzt.“ „Wir ſegeln bei ihm vorbei!“ rief Wilder mit einer zu lebendigen Freude, als daß er ſie haͤtte verbergen koͤnnen.“ „Nein, Sir, nein! Sie haben vergeſſen, daß das Se⸗ gel, ſeit dem Abloͤſen der Mitternachtswache dichter im Winde haͤlt.“ „Wahr, Du haſt Recht,“ erwiederte ſein junger Kom⸗ mandant,„wahn, ſehr wahr! Hat es, ſeit Du es erblick⸗ teſt, ſeine Richtung nicht geaͤndert?⸗ „Nein, nicht nach dem Kompaß, Sir, es muß ein Scharfſegler ſeyn, fonſt koͤnnte es mit der Karoline nicht . Ich führt, nicht ht iſt. a8 mir Ihnen, te, ſo 1⁴ Leeſeite es ein dor ſie⸗ e, das n, wie Male iner zu onnen.“ as Se⸗ ter im r Kom⸗ erblick⸗ nuß ein ne nicht — 323— Schritt halten, wie es thut; noch dazu bei vollen Segeln, was, wie Jeder weiß, die rechte Hoͤhe iſt.“ „Fort, in Deine Haͤngmatte. Wenn die Sonne auf⸗ geht, ſehn wir es beſſer.“ „und, verſtehſt Du mich, Burſche,“ ſagte der vorſich⸗ tige Lieutenant,„halte Deinen Kameraden nicht die Augen offen, durch eine Erzaͤhlung, ſo lange wie ein Ankertau. Genieſſe die Ruhe, der Du bedarfſt, und laſſe die Andern, die ein ruhiges Gewiſſen haben, desgleichen thun.“ „Mr. Earing,“ ſagte Wilder, als der Matroſe ſich freilich etwas ungern, zuruͤckgezogen hatte,„wir wollen dem Schiffe eine andere Richtung geben, und Oſtwind fangen, ſo lange wir noch hinlaͤnglich landfrei ſind. Dieß Mandoͤver fuͤhrt uns nach Hatteras. Ueberdieß..„ „Ja, Sir, wie Sie ſagten,“ fuhr der Lieutenant fort, als er ſah, daß ſein Capitain ſtockte, nuͤberdieß kann Nie⸗ mand vorher wiſſen, wie lange eine Kuͤhlte dauern, noch woher ſie kommen kann.“ „Gewiß! Niemand kann fuͤr Wetter ſtehen. Unſere Leute ſind kaum in die Haͤngematten gekrochen; laſſen Sie ſie augenblicklich aufſtehen, ehe ihre Augen ganz ſchwer ge⸗ worden, dann wenden wir das Schiff.“ Der Lieutenant ließ augenblicklich den wohlbekannten Ruf ertoͤnen, welcher die Wache unter dem Decke zu ihren Kameraden rief. Kein Verzug; kein anderes Wort, als Wiederholung des Commando, welches Wilder kurz und mit gebietender Stimme ausrief. Nicht mehr an den Wind gedruͤckt, begann das Schiff, 21* dem Steuerruder gehorſam, ſein Vordertheil von den Wo⸗ gen abzuwenden, und den Wind auf die Seite zu tragen. Jetzt, anſtatt endloſe Berge zu erſteigen, wie ein Menſch, der große Tropfen ſchwitzt, um ſeinen Weg fortzuſetzen, ſtel das Schiff in hohle See, und erhob ſich wie ein Ren⸗ ner, welcher, auf dem Ruͤcken eines Berges angelangt, ſei⸗ nen Weg mit verdoppelter Schnelligkeit fortſetzt. Einen Augenblick ſchien es, als ob der Wind ſich gelegt haͤtte, aber die breite ſchaͤumende Furche, welche von beiden Sei⸗ ten des Schiffes hinabrollte, verkuͤndigte, daß es von dem Winde ſteure. Jetzt fingen auch die oberſten Spieren an, ſich von Neuem gegen Weſten zu neigen; das Schiff ſtieß gegen den Wind, erneuerte ſeine Anſtrengungen, und kaͤmpfte gegen die Wogen an, wie vorher. Wie alle Rahen und Segel der neuen Lage des Schiffes gemaͤß ſaſſen, ſah ſich Wilder mit haſtiger Begierde nach dem Segel um; er mußte ſich erſt orientiren, um den Punkt zu treffen; denn in einem ſolchen Chaos von Waſ⸗ ſer, ohne andern Fuͤhrer, als die eigene urtheilskraft, konnte ſich das Auge leicht uͤber naͤhere unbekanntere Gegenſtaͤnde taͤuſchen. „Das Segel iſt fort,“ ſagte Earing mit einem Ton, in welchem ſich die Erleichterung des Herzens und zugleich Mißtrauen ſonderbar miſchten. „Es muͤßte auf dieſer Seite ſeyn, aber ich geſtehe, ich ſehe es nicht.“ „Ja, ja, Sir, ſo, grade ſo erſcheint und verſchwindet der naͤchtliche Kreuzer am Kap der Guten Hoffnung. Es Wo⸗ ragen. denſch, ſſetzen, Ren⸗ üt, ſei⸗ Einen haͤtte, n Sei⸗ 8n dem ken an, ff ſtieß aͤmpfte Schiffes de nach m den n Waſ⸗ konnte enſtaͤnde Ton, in zugleich ehe, ich hwindet ng. Es — 325— gibt Leute, welche dieſes Schiff in einen Nebel eingehuͤllt ſahen, in einer ſo ſchoͤnen Nacht, als man unter ſuͤdlicher Breite nur ſinden kann. Doch kann dieß Schiff der Hol⸗ laͤnder nicht ſeyn; es iſt zu weit vom Kap bis an die Kü⸗ ſten von Nord⸗Amerika.“ „Hier iſt es!“ rief Wilder;„und hat, bei Gott! ſchon gewendet!“ 6 Die Wahrheit dieſes Wortes ſiel jedem Seemann in die Augen. Wie vorher ſah man auf dem Hintergrund des drohenden Horizonts dieſelben duftigen umriſſe hingehaucht, den leichteſten Schatten vergleichbar, welche fantasmago⸗ riſche Taͤuſchung auf hellern Grund zaubert. Seeleuten aber, welche wohl die ganz verſchiedene Linie erkannten, welche jetzt die Maſten dieſes Schiffes bildeten, war es klar, daß es ploͤtzlich ſeinen Weg geaͤndert, und zwar mit bewun⸗ dernswuͤrdiger Gewandtheit, und daß es nun nicht mehr ſüdweſt, ſondern wie die Karoline nordoſt ſteuere. Dieſer Vorfall machte einen ſtarken Eindruck auf die ganze Schiffs⸗ mannſchaft, obgleich, wenn man die Beweggründe eines Jeden unterſucht haͤtte, man ſie wahrſcheinlich ſehr von eine ander verſchieden gefunden haben wuͤrde⸗ „Das Schiff hat wahrlich gewendet;“ rief nach einer langen Pauſe des Nachdenkens, Earing, mit einer Stimme, in welcher Mißtrauen, oder vielmehr abergläͤubiſche Furcht vorherrſchte.—„Ich habe lange die See befahren, aber ich habe nie ein Schiff ſo der Fluth von vorne trotzend wen⸗ den ſehen. Der Wind muß ihm ſehr arg mitgeſpielt haben, in der Zeit, als wir es ſuchten.“ — 326— „Ein behendes und leicht zu behandelndes Schiff kann ſo wenden,“ ſagte Wilder;„hauptſaͤchlich wenn es eine große Zahl Arme an Bord hat.“ „Daran fehlt's Beelzebub nie, und es wuͤrde ihn nicht viel koſten dem plumpſten und traͤgſten Schiffe die Blitz⸗ ſchnelle des Pfeils mitzutheilen.“ „Mr. Earing,“ ſagte Wilder,„wir wollen alle Segel der Karoline ſpannen, und das freche Schiff todtſegeln. Setzen Sie das große Segel bei, und laſſen Sie die Bram⸗ ſegel los.“ Der Lieutenant, deſſen Verſtaͤndni nur langſam ging, haͤtte gern Gegenvorſtellungen gemacht, allein er wagte es nicht, denn in dem feſten, ruhigen und gemeſſenen Tone des jungen Kommandanten lag etwas das ihn einſchuͤchterte. Er hatte indeſſen nicht Unrecht, wenn er der Meinung war, daß der eben erhaltene Befehl doch ein wenig gefaͤhrlich ſey. Die Karoline ging ſchon unter ſo vielen Segeln, als er fuͤr gut hielt, ihr jetzt zu geben, da der Horizont mit ſchlechtem Wetter drohte. Indeſſen wiederholte er die Be⸗ fehle ſo ſchnell als er ſie empfangen. Die Matroſen, welche ſchon angefangen hatten, das fremde Segel zu betrachten, und unter ſich uͤber ſeine Lage und ſeine Manͤver zu ſpre⸗ chen, gehorchten mit einer Emſigkeit, welche man einzig und allein dem geheimen aber allgemeinen Verlangen, zu⸗ ſchreiben konnte, ſich von der unheimlichen Nachbarſchaft loszumachen. Die Segel waren raſch nach einander beige⸗ ſetzt, dann aber ſchlug jeder die Arme uͤber die Bruſt, ſtarrte mit unverwandten Augen auf den Gegenſtand, oder vielme Wirk vorbr D Beduͤ bald neigte auf d liegen rere blos, Wog Scha Waͤh Stoͤf anpr funk weit Schi nes einer bar danß Bef pun ſchl⸗ 1 ſo oße nicht litz⸗ hegel geln. ram⸗ zing, te es Tone erte. war, Frlich als mit Be⸗ velche hten, ſpre⸗ einzig „ Zu⸗ ſchaft beige⸗ Bruſt, — 327— vielmehr auf den Schatten auf der Leeſeite, und ſuchte die Wirkung zu errathen, welche das geſchehene Mandͤver her⸗ vorbringen wuͤrde. Die koͤnigliche Karoline ſchien wie ihre Mannſchaft das Beduͤrfniß einer verdoppelten Schnelligkeit zu ſpuͤren. So⸗ bald ſie den Druck der großen eben entfalteten Segel fuͤhlte, neigte es ſich tiefer, und ſchien auf dem Waſſer, welches ſich auf der Windſeite bis an die Speigaten erhob, mehr zu liegen als zu ſegeln. Auf der andern Seite erſchienen meh⸗ rere Fußbreit ſchwarze Bretter, und das polirte Kupfer blos, obgleich oft uͤberſpiegelt von den gruͤnen und erbosten Wogen, die blitzſchnell von einem Kamme blendenden Schaumes öberglaͤnzt, laͤngs dem Schiffe daherrauſchten. Waͤhrend es ſo gegen die Wogen kaͤmpfte, wurden die Stoͤße von Moment zu Moment heftiger, und bei jeder anpraſſelnden Voge ſpruͤhte das Waſſer ein Gewoͤlke von funkelndem Waſprſtaube uͤher das Deck hin, oder jagte es weit leewaͤrts uͤbee die See. Wilder folgte unge mit Angſt den Bewegungen des Schiffes, und beobachute ſie mit der tiefen Sachkenntniß ei⸗ nes erprobten Seemannes. Einige Male ſah er es nach einem heftigen Stoße gegen eine Woge erzittern, und ſchein⸗ bar ſtille ſtehen, als ob es auf ein Riff aufgefahren waͤre; dann zuckte es in ſeinen Lippen, und man erwartete den Befehl, Segel einzuziehin; doch ein Blick auf den Nebel⸗ punkt am weſtlichen Horizont, ließ ihn auf dem erſten Ent⸗ ſchluß beharren. Wie ein entſchloſſener Spieler ſein Alles — 328— auf eine Karte ſetzt, ſo ſchien er das Reſultat ſeines Be⸗ ginnens mit eben ſo ſtolzer als unerſchuͤtterlicher Entſchloſ⸗ ſenheit abzuwarten. „Die Stenge da oben biegt ſich wie eine Gerte,“ ſagte der unruhige Earing an der Seite ſeines Befehlshabers. „Thut nichts; wir haben Stengen genug.“" „Ich habe noch jederzeit die Karoline Waſſer ziehen ſe⸗ hen, wenn ſie zu ſtreng gegen Fluth getrieben wurde.“ „Dafuͤr ſind Pumpen da.“ „Das iſt wohl wahr, Sir; allein nach meiner beſcheide⸗ nen Meinung, iſt es ſehr uͤberfluͤſſig ein Schiff todtſegeln zu wollen, welchem der Teufel in ſelbſt eigener Perſon kom⸗ mandirt, wo nicht gar mandͤvrirt.“ „Das weiß man erſt, Mr. Earing, wenn man es ver⸗ ſucht hat.“ „So haben wir es mit dem Hollaͤnder verſucht; und wohlgemerkt, wir hatten nicht nur alle Segel auf, ſondern ſogar noch den Vortheil des Windes uUnd der Erfolg? Da lag er mit drei Bramſegeln, Kluͤver und Treiber, wir aber, von oben bis unten Leeſegel, fonnten ſeine Stellung nicht um einen Fuß aͤndern.“ „Man ſieht den Hollaͤnder nie unter noͤrdlicher Breite.“⸗ „Ich kann zwar nicht behaupten, daß er da geſehen worden,“ entgegnete Earing mit etwas erzwungener Reſig⸗ nation; der aber den Hollaͤnder auf die Hoͤhe des Kaps geſchick den ha Gegend W ſchen ben, um ſie zu fer O ten ha bald i zuruͤck ihr B nahm ſtuͤrzt das in es we D auch Mant aberg muͤthe ſchnel der l das Offiz trach heide⸗ ſegeln kom⸗ 8 ver⸗ ; und ondern rfolg? , wir tellung reite.⸗ geſehen Reſig⸗ Kaps — 329— geſchickt hat, kann die Kuͤſtenfahrt ergiebig genug gefun⸗ den haben, um ein anderes dergleichen Fahrzeug in dieſe Gegenden zu ſchicken.“ Wilder ſchwieg. Entweder mochte er der aberglaͤubi⸗ ſchen Furcht ſeines Lieutenant lange genug geſchmeichelt ha⸗ ben, oder er war zu ſehr mit der Hauptſache beſchaͤftigt, um ſich laͤnger mit einem Gegenſtand zu belaͤſtigen, der ihm zu ferne lag, kurz, er antwortete nichts. Obgleich die Wogen, welche die Karoline zu durcharbei⸗ ten hatte, ihren Lauf bedeutend hemmten, ſo hatte ſie doch bald inmitten des furchtbar wuͤthenden Elementes eine Meile zuruͤckgelegt. Jedesmal, wenn ſie niedertauchte, zertheilte ihr Bug eine Maſſe Waſſern, welche jeden Augenblick zu⸗ nahm, und ſich mit wachſender Heftigkeit gegen den Kiel ſtuͤrzte, und in mehr als einem Kampfe, ſchien das Schiff, das immer fortſchritt, in einer Woge zu verſchwinden, die es weder zu durchbrechen, noch zu uͤberſteigen vermochte. Die Aufmerkſamkeit der Seeleute folgte genau jeder auch noch ſo geringen Bewegung des Schiffes; nicht ein Mann verließ mehrere Stunden hindurch das Deck. Die aberglaͤubiſche Furcht, welche ſich ſo ſehr des rohen Ge⸗ müthes des erſten Lieutenants bemaͤchtigt hatte, theilte ſich ſchnell dem Schiffsvolke bis zum letzten Jungen mit. Selbſt der Unfall, der ihrem fruͤheren Befehlshaber widerfahren, das unerwartete und geheimnißvolle Auftreten des jungen Offiziers, der jetzt, in Umſtaͤnden, die als hoͤchſt wichtig be⸗ trachtet wurden, mit ſo viel Ruhe und Feſtigkeit auf dem — 330— Hinterkaſtell auf und ab ging, trugen dazu bei, einen be⸗ fremdenden Eindruck auf ſie zu machen, Die unbeſtrafte Kuͤhnheit, mit welcher die Karol’ne jetzt alle ihre Segel trug, vermehrte ihr Erſtau nen; und bevor Wilder noch die Aufgabe geloͤſt hatte, welches Schiff, das ſeinige oder das ſo ſonderbar am Horizont erſcheinende, raſcher ſich fortbe⸗ wegte, war er ſelbſt ſeiner Mannſchaft ein Gegenſtand em⸗ poͤrenden und unnatuͤrlichen Verdachtes geworden. Die den wi in eige hat nie ſen, u ben ſel gegen gezeich welche ten de Einflu er in nomm beſond hat ſe er das fortbe⸗ nd em⸗ Fuͤnfzehntes Kapitel. Im Namen der Wahrheit! Sprecht, ſeyd Ihr Hirnge⸗ ſpinſte, oder ſeyd Ihr wirklich was Ihr ſcheint? Shakſpeare. Die Vertheilung der Arbeiten, welche in Europa gefun⸗ den wird, und woraus eine Beſchraͤnkung des Ideenganges in eigenthuͤmliche Graͤnzen erfolgt, welche jener entſpricht, hat nie in unſerm Lande beſtanden. Wenn, in Folge deſ⸗ ſen, unſere Handwerksleute in ihren verſchiedenen Gewer⸗ ben ſelbſt minder vollkommen waren, ſo haben ſie ſich da⸗ gegen durch allgemeinere Anwendung ihrer Einſichten aus⸗ gezeichnet. Indeſſen iſt der Aberglaube eine Eigenſchaft, welche auf dem Ocean heimiſch ſcheint. Unter den Seeleu⸗ ten der geringeren Klaſſe, ſieht man wenige, die ſeinen Einfluß nicht mehr oder minder empfunden haͤtten, obgleich er in den verſchiedenen Nationen verſchiedene Formen ange⸗ nommen hat, je nach ihren nationellen Gewohnheiten, und beſondern Anſichten. Der Matroſe des baltiſchen Meeres hat ſeine geheimen Ceremonien und Gebraͤuche, womit er ſich die Gunſt der Goͤtter des Windes zu erflehen ſucht. Der Seemann des mittellaͤndiſchen Meeres rauft ſich die Haare aus, und wirft ſich vor dem Reliqufenkaͤſtchen eines ohnmaͤchtigen Heiligen nieder, indeſſen ſeine eigene Hand ihm den Dienſt, den er vergebens von Jenem erwartet, huͤlfreicher leiſten koͤnnte. Der geſchicktere Englaͤnder ſieht die Geiſter der Todten in dem Sturm, in jeder Boͤ, die uͤber die See, welche er beſchifft, hinſtreicht, das Aechzen eines im Schiffbruch verungluͤckten Kameraden. Selbſt der mehr unterrichtete, und tiefer denkende Amerikaner, hat ſich dem geheimen Einfluſſe eines Gefuͤhls nicht entziehen koͤn⸗ nen, das dem Seefahrer angeboren ſcheint. Es ruht in der Unermeßlichkeit der Meere eine Maje⸗ ſtaͤt, welche die Pforten jener Leichtglaͤubigkeit ſtets offen haͤlt, deren des Menſchen Geiſt ſo zugaͤnglich iſt, moͤge Ue⸗ berlegung und Kenntniß ihn auch ſtark gemacht haben. Das Firmament uͤber dem Haupte, waͤhrend er ſich auf einer Meeresflaͤche, der keine Graͤnze abzuſehen iſt, bewegt, iſt der minder unterrichtete Matroſe beſtaͤndig geneigt, auf jedem Schritte ſeiner Fahrt, ſein Gemuͤth durch guͤnſtige Vorbedeutungen zu erheitern. Die wiſſenſchaftlich begruͤn⸗ deten Vorzeichen ſelbſt beguͤnſtigen eine groͤßere Anzahl anderer, deren Grund blos in einer uͤberſpannten und aus⸗ ſchweifenden Einbildungskraft zu ſuchen iſt. Ein huͤpfender Delphin, ein vorbeiſchießendes Meerſchwein, der ungeheure Wallfiſch, der einen Theil ſeiner ſchwaͤrzlichen, plumpen Maſſe uͤber den Waſſerſpiegel hebt, der Schrei der Seevoͤ⸗ gel ſind ſeinem Glauben nach, wie die Haruſpices der Al⸗ ten, 2 Die V dener in eine altirter es auc das ur üͤberne verede geslick und n den 9 Neugi keit a einer A daß troſen waͤhn begeg nomn Das Aben⸗ hen ſucht. t ſich die hen eines ne Hand erwartet, ddeer ſieht Boͤ, die Aechzen Selbſt der „hat ſich ehen koͤn⸗ ne Maje⸗ tets offen moͤge Ue⸗ t haben. ſich auf ,bewegt, eigt, auf güͤnſtige begruͤn⸗ 2 Anzahl und aus⸗ huͤpfender ungeheure plumpen er Seevoͤ⸗ 3 der Al⸗ ten, Vorzeichen glücklicher oder unheilpringender Ereigniſſe. Die Verwechslung unerklaͤrlicher und nicht vorhan⸗ dener Dinge, verſetzt ſtufenweiſe den Geiſt des Seemanns in einen Zuſtand, in welchem er ſich mit Freuden jeder er⸗ altirten und uͤbernatürlichen Empfindung hingibt, und waͤre es auch nur darum, weil ihm jedes unbegreifliche Ding, wie das unermeßliche Element, auf dem er ſein Leben zubringt, uͤbernatuͤrlich ſcheint. Die Mannſchaft der koͤniglichen Karoline hatte nicht den Vorzug aus ſolchen Leuten zu beſtehen, die in einem Lande geboren geweſen waͤren, wo Gewohnheit und Nothwendig⸗ keit ſich vereinigen, alle geiſtigen Kraͤfte des Menſchen, wo⸗ nigſtens bis auf einen gewiſſen Grad, zu bilden und zu veredeln. Alle hatten auf jener entfernten Inſel das Ta⸗ geslicht erblickt, welche ein Bienenkorb von Nationen war, und noch iſt, und welche wahrſcheinlich dazu beſtimmt ſind, den Namen ihres Vaterlandes einer Zeit zu uͤberliefern, wo Neugierde die Wiege ſeiner verfallenen Macht und Herrlich⸗ keit aufſucht, wie die Ruinen einer beruͤhmten Stadt in einer Einoͤde. Alle Ereigniſſe des heutigen Tages waren ſo beſchaffen, daß ſie ben geheimen abergläͤubiſchen Regungen unſerer Ma⸗ troſen reichliche Nahrung boten. Wir haben bereits er⸗ waͤhnt, daß der unfall der ihrem fruͤheren Kommandanten begegnet, und die Art wie ein Fremder ſeine Stelle einge⸗ nommen, die Regungen des Mißtrauens vermehrt hatten. Das Segel auf der Leeſeite war fuͤr den guten Ruf unſers Abentheurers zur Unzeit erſchienen, da dieſer noch zu we⸗ nige Gelegenheit gehabt hatte, ſich des Zutrauens ſeiner Mannſchaft zu verſichern; und jetzt drohten die letzten ſon⸗ derbaren Begebenheiten ungluͤcklicher Weiſe, ihn deſſen auf immer zu berauben. Wir hatten erſt Einmal Gelegenheit unſern Leſern den Seemann vorzuſtellen, der auf der koͤniglichen Karoline das Amt eines Sekond⸗Lieutenants bekleidete. Er hieß Nigh⸗ thead,(Nachthaupt), ein Name, der ſehr deutlich einen gewiſſen duͤſtern Nebel bezeichnet, welcher beſtaͤndig den obern Theil ſeines Koͤrpers umhüllte. Man kann ſeine Verſtandes⸗Faͤhigkeiten aus einigen Betrachtungen beurthei⸗ len lernen, die er uͤber das ploͤtzliche Verſchwinden des alten Matroſen, an dem Wilder einen Theil ſeines Zornes aus⸗ laſſen wollte, an dieſen richtete. Dieſer Mann, der nur eine Stufe uͤber den Matroſen ſtand, ſchien in jeder Ruͤckſicht dazu geſchaffen, jene Bezie⸗ hungen, welche bis auf einen gewiſſen Punkt unter ihnen nothwendig waren, zu unterhalten. Sein Einfluß war den Gelegenheiten angemeſſen, bei welchen er ſich in ihrer Ge⸗ ſellſchaft befand, und auf ſeine Worte wurde mit jener ho⸗ hen Ehrerbietung gehorcht, die man eintm Orakel ſchuldig zu ſeyn glaubt. Als alle Segel auf dem Schiffe beigeſetzt waren, als ilder, um das Fahrzeug aus dem Geſichte zu verlieren, deſſen Naͤhe ihn beunruhigte, alle moͤglichen Mittel aufbot, um die Fahrt ſeines eigenen zu beſchleunigen, hatte ſich die⸗ ſer kurzſichtige und eigenſinnige Seemann auf die Kuhl ge⸗ ſetzt, und mit einigen der aͤlteſten und erfahrenſten Matro⸗ ſen, di fangen. der Le unbeka erfahre beginn an, al⸗ bluͤmte lichen „8 Bord ſeiner Kauffe baͤnke an der Jeman Spitze „0 Wind loſoph Auge Leeſeit n. dern, Rotht Seele ben! das s ſeiner zten ſon⸗ eſſen auf ſern den bline das ß Nigh⸗ iſch einen dig den inn ſeine beurthei⸗ des alten nes aus⸗ Matroſen ie Bezie⸗ ter ihnen war den hrer Ge⸗ jener ho⸗ l ſchuldig aren, als verlieren, el aufbot, e ſich die⸗ Kuhl ge⸗ Matro⸗ — 335— ſen, die ſich um ihn geſammelt hatten, zu plaudern ange⸗ fangen. Man ſprach uͤber die befremdende Erſcheinung auf der Leeſeite und von der außerordentlichen Weiſe, welche der unbekannte Kommandant anzuwenden fuͤr gut fand, um zu erfahren, was ihr eigenes Schiff zu leiſten vermochte. Wir beginnen den Bericht dieſer Unterhaltung von dem Punkte an, als ſie ſo weit gediehen war, daß Nighthead die ver⸗ bluͤmten Andeutungen durch deutliche Erklaͤrungen des frag⸗ lichen Gegenſtands zu erſetzen begann. „Ich habe von aͤltern Seeleuten, als ſich welche hier an Bord befinden, gehoͤrt, daß der Teufel je zuweilen einen ſeiner Maaten an Bord eines ehrlichen Handel treibenden Kauffahrers rekommandirt, um es auf Klippen und Sand⸗ baͤnke zum Schiffbruch zu fuͤhren, damit ihm ſein Antheil an den Seelen der Ertrunkenen nicht entgehe. Kann wohl Jemand ſagen, wer in die Kajuͤte kommt, wenn an der Spitze der Namensliſte ein unbekannter Name ſteht?" „Eine Wolke huͤllt das fremde Fahrzeug unter dem Winde ein!“ rief einer der Matroſen, deſſen Ohr den phi⸗ loſophiſchen Vortraͤgen ſeines Offiziers lauſchte, indeß das Auge beſtaͤndig auf den geheimnißvollen Gegenſtand zur Leeſeite gerichtet war. „Ja, ja, warum nicht? Ich wuͤrde mich nicht wun⸗ dern, wenn es nach dem Mond ſteuerte. Man ſagt, die Rothroͤcke zu Lande haben geſiegt, da muͤſſen wir ehrliche Seeleute, doch auch etwas, und zwar tuͤchtigen Sturm ha⸗ hen! Ich habe, Kameraden, auf einem koͤniglichen Schiffe das Kap Horn umſchifft, und habe die ewige Glanzwolke — 336— geſehen, und habe ein Dverlicht*) in meiner Hand gehal⸗ ten. Das ſind aber Dinge, die jeder haben kann, der waͤhrend einer Flagge auf den Rahen ſitzt, oder an Bord eines Suͤdſeefahrers geht. Nichts deſto weniger erklaͤre ich es fuͤr eine außerordentliche Erſcheinung, wenn ein Schiff ſeinen Schatten in einem Nebel ſieht, wie wir eben den unſrigen da unten,— da! Da kommt es wieder zum Vor⸗ ſchein! Da zwiſchen den Pardunen und der Hinterſegel⸗ ſtange!— oder wenn ein Kauffahrteiſchiff Segel traͤgt, die alle Kniee eines Bombardierers wackeln machen wuͤrden, wie eine Zahnbuͤrſte ſich im Munde eines Paſſagiers zerjuckt, der eine tuͤchtige Attake der Seekrankheit ausgehalten hat.“ vUnd doch hat unſer Offizier das Schiff in ſeiner Hand,“ *) Dverlicht, Irrlicht; feu St. Elme, Corposant. Es iſt dieß ein Feuer, das an den höchſten Spitzen der Naſte u. ſ. w. bei Gewitterluft ſich zeigt. Den Alten war es nicht unbekannt. Zwei ſolcher übrigens un⸗ ſchädlichen Flammen, galten für glückliche Vorbedeu⸗ tung, Eine nur wurde für unglücklich gehalten, und Helena genannt, da hingegen zwei, Castor und Pol lux hieſſen. Daſſelbe Meteor deſſen von Plinius er⸗ wähnt wird, zeigte ſich auch an den Spitzen der, in die Erde geſteckten Spieſſe der Römer, worüber dann beſondere auspicia gehatten wurden, die man ex acu- minibus nannte. Der Name St. Elme, St. Elmo ſoll von Helena herrühren, mit einem St. der römi⸗ ſchen Enkel vermehrt; Corposant franz. und engl. kömmt von Corpo santo, ebentatls eine italiäniſche Gloſſe in der Phyſik, welche einen Heiligen dargus ge⸗ macht hat. ſagte bisher eine g. nen, 78 einem chen 4 ſoll, d Hoͤre, laͤßt n herein ie G Deck Statt 65 lebt, koͤnne Bisch Schu gegen nenn gen. Co nd gehal⸗ unn, der in Bord kklaͤre ich in Schiff eben den um Vor⸗ nterſegel⸗ raͤgt, die wuͤrden, zerjuckt, ten hat.“ Hand,“ ant. Es bitzen der den Atlten gens un⸗ Vorbedeu⸗ lten, und und Pol inius er⸗ n der, in ber dann ex acu- 3t. Elmo der römi⸗ und engl. taliäniſche argus ge⸗ — 337— ſagte der aͤlteſte aller Matroſen, der alles, was Wilder bisher gethan, ſcharf beobachtet hatte;— ner lenkt es auf eine ganz auffallende eigene Weiſe, das kann ich nicht laͤug⸗ nen, aber er hat doch noch kein Faͤdchen Hanf zerriſſen.“ „Faͤdchen Hanf!“ wiederholte der Sekond⸗Lieutenant in einem hoͤchſt veraͤchtlichen Tone;„wer frägt nach dem Faͤd⸗ chen Hanf, wenn das Ankertau reiſſen ſoll, und ſo reiſſen ſoll, daß unſere Hoffnung an der Bojereep haͤngen bleibt. Hoͤre, alter Bill, was ich Dir ſagen will; der Teufel laͤßt nichts halb gemacht. Was kommen ſoll, kommt quer herein; da iſt nicht die Rede von Ausladen, wie wenn Du die Gemahlin des Capitains in's Boot bringſt, und exr auf’m Deck ſteht, um zu ſehen, ob Alles huͤbſch ordentlich von Statten gehe.“ „Mr. Nighthead weiß die Handhabung des Schiffes, ſey das Wetter wie es wolle," ſagte ein anderer Matroſe mit dem zuverſichtlichen Tone, der aus einem unbedingten Vertrauen in die Geſchicklichkeit des Sekond⸗Lieutenants entſprang.“ „Und das iſt kein groß Verdienſt fuͤr mich. Ich habe vom Jungen auf gedient, und habe auf allen Schiffen ge⸗ lebt, vom Logger bis zum Zweidecker. Wenige Seeleute koͤnnen ſo viel wie ich, zu ihrem Vortheil ſagen; denn das Bischen Wiſſen, habe ich von der Arbeit und nicht aus der Schule. Was vermag aber die Wiſſenſchaft, die Kunſt, gegen Hexerei, gegen die Werke eines Weſens, das ich nicht nennen will,— denn ohne Noth will ich Niemand beleidi⸗ gen. Ich ſage noch einmal Kameraden, daß unſer Schiff Cooper's Freibeuter. 1—3. 22 — 338— ſo viel Segel hat, als kein verſtaͤndiger Seemann leiden wollte noch ſollte.“ Ein allgemeines Murren entſtand; ein Zeichen, daß die meiſten ſeiner Zuhoͤrer, wo nicht alle, ſeiner Meinung waren. „Unterſuchen wir die Sache ruhig und vernuͤnftig, wie es aufgeklaͤrten Englaͤndern ziemt,“ fuhr Nighthead fort, und warf einen verſtohlenen Blick hinter ſich, um ſich zu uͤber⸗ zeugen ob die Perſon, vor deren Mißfallen er eine heil⸗ ſame Scheu hegte, nicht hinter ihm ſtehe.—„Wir ſind Alle, Alle in England geboren; nicht ein Tropfen fremden lutes rinnt in unſern Adern; auf dieſem Schiffe iſt nicht einmal ein Schotte oder Irlaͤnder. Unterſuchen wir denn die Sache philoſophiſch, gruͤndlich, mit jener Art Urtheil wie es Leuten, wie wir ſind, zukommt. Erſtens denn, da iſt der gute Nikolas Nichols, der muß von einem Waſſerfaſſe abglitſchen und das Bein brechen. Nun aber, merkt wohl auf, Bruͤder, habe ich Kerle von Maſten und Rahen her⸗ abſtuͤrzen ſehen, die ſich nicht ſo wehe thaten. Was liegt aber einem Gewiſſen, einem gewiſſen Herrn daran, wie hoch er ſeinen Mann herabſtuͤrzt? Er braucht ja nur den Finger zu ruͤhren, und wir baumeln Alle? Dann, ferner, da kommt ein Fremder zu uns an Bord; ein Menſch mit Koloniſten⸗Phyſionomie, der nicht unſere freie edliche Eng⸗ laͤnder⸗Miene, ohne Bosheit, die man mit der flachen Hand.* „Der junge Ofſtzier iſt ziemlich gut im Aeußern beſchaf⸗ fen,“ unterbrach der alte Seemann⸗ — „8 ein huͤ ner gu etwas fäͤllt, nie leid Einer Schiffs gleicht deſſen ſeine 2 der ge⸗ im St wenden „E ſer S. ſchien Fuͤhrut „2 aus ni iſt, es nimnit abgeno weil e haben, fand e Mr. 2 than leiden daß die Neinung „wie es rt, und zu uͤber⸗ ine heil⸗ Lir ſind fremden iſt nicht oir denn theil wie , da iſt gaſſerfaſſe rkt wohl ahen her⸗ Jas liegt an, wie nur den , ferner, enſch mit iche Eng⸗ r flachen n beſchaf⸗ —- — 339— „Ja, und eben darin liegt die ganze Teufelei, er hat ein huͤbſches Ausſehen, ich geb es zu; es iſt aber keine je⸗ ner guten Mienen, die einem Englaͤnder gefallen; es liegt etwas Nachdenkendes in ſeinen Geſichtszuͤgen, was mir miß⸗ fäͤllt, denn zu viel Denkendes in einem Geſicht mochte ich nie leiden, da man ja nicht immer wiſſen kann, was ſo Einer im Schilde fuͤhrt. Dann, laͤßt ſich dieſer Fremdling Schiffsherr nennen, Schiffspatron, oder was dem gleicht kommt, der Erſte nach dem Schiffspatron, waͤhrend deſſen derjenige, welcher jetzt auf dem Deck ſeyn ſollte, um ſeine Befehle zu ertheilen, jetzt, in einem Angenblicke, wie der gegenwaͤrtige, ausgeſtreckt da unten liegt, und nicht im Stande iſt, ſich ſelbſt, viel weniger denn das Schiff zu wenden, und doch weiß Niemand, wie das gekommen iſt.“ „Er iſt mit dem Conſignatair um die Uebernahme die⸗ ſer Stelle uͤbereingekommen, und der ſchlaue Kaufmann ſchien ſehr erfreut einen ſo tuͤchtigen jungen Mann zur Fuͤhrung der Karoline gefunden zu haben.“ „Bah! Ein Kaufmann iſt, was wir Alle ſind; er iſt aus nichts Beſſerm als aus Thon, und, was noch aͤrger iſt, es iſt ſelten, daß man zum Durchkneten Seewaſſer nimmt. Schon mehr als ein Kaufmann hat ſeine Brille abgenommen, ſeine Buͤcher geſchloſſen und heimlich gelacht, weil er glaubte ſeinen Naͤchſten uͤber den Loͤffel balbiert zu haben, als er aber ſeine Rechnungen wieder oͤffnete, da fand es ſich, daß er ſich ſelbſt hinter's Licht gefuͤhrt hatte⸗ Mr. Ball glaubte Wunder was er fuͤr die Armateurs ge⸗ than hatte, als er dieſen Mr. Wilder an Bord brachte, 22* — 340— wußte er doch wahrſcheinlich nicht, daß er das Schiff ver⸗ kauft hatte, und wem? Niemand anders als dem.... Ein rechter Seemann muß alle reſpektiren, unter denen er ſegelt, alſo will ich den nicht nennen, der, wie ich Urſache habe, zu glauben, auf dieſes Schiff Rechte erlangt hat, Rechte die nichts Geringes ſind, ob durch geſetzlichen Han⸗ del, oder anders.“ „Wie hat er nicht heute Morgen gleich die Karoline geführt! Nie habe ich erlebt, daß ein Schiff ſaͤuberlicher aus der Klemme gezogen worden!“ Nighthead lachte ganz ſtill in ſich hinein, was ſeinen Zu⸗ hoͤrern bedeutungsvoll ſchien⸗ „Wenn ein Schiff eine gewiſſe Art Capitain hat, ſo gibt es gar nichts, woruͤber man ſich noch verwundern koͤnnte,“ ſagte er, nachdem er ſich lange genug ſeinem be⸗ deutſamen Gelaͤchter uͤberlaſſen hatte.„Soviel mich betrifft, ſo habe ich dieß Schiff beſtiegen, um von Briſtol nach Ka⸗ rolina und Jamaika zu ſegeln, und auf dem Hin⸗ und Ruͤck⸗ weg in Newport anzulegen, und ſage keck heraus anders wohin mag ich nicht. Was nun das Mandver bei dem Sklavenhaͤndler angeht, ſo war es ſchoͤn gemacht, viel zu ſchoͤn fuͤr einen ſo jungen Seemann. Wenn ich ſelbſt kommandirt haͤtte, haͤtte ich's nicht viel beſſer machen köͤnnen; aber— was ſagt Ihr zu dem alten Fiſcher im Boote, Kameraden? Wenig Seehunde haben das Gluͤck gehabt, eine ſolche Jagd, und ein ſolches Ent⸗ wiſchen anzuſehen. Ich habe von einem Paſcher gehoͤrt, den die Kutter Seiner Majeſtaͤt hundertmal gejagt haben, der jede fuͤr ihn Nieman dieſes 8 dient h langen. „E der alt unter „ verſteh ſchiffe. greiflie Himm noch 2 lich ge S „„ „ ner, gleich iſt, ie Ich h aber was litt ir 24 gebiet V ſchiff ver⸗ denen er h Urſache angt hat, hen Han⸗ Karoline nuberlicher ſeinen Zu⸗ n hat, ſo erwundern ſeinem be⸗ ch betrifft, nach Ka⸗ und Ruͤck⸗ s anders er bei dem öt, viel zu ich ſelbſt er machen ten Fiſcher haben das Elches Ent⸗ her gehoͤrt, jagt haben, — 341— der jederzeit, wenn ſie ihn in der Bucht hatten, in einen fuͤr ihn bereit ſtehenden Nebel ſchlupfte, woraus ihn aber Niemand hat wieder hervorkommen ſehen. Moͤglich, daß dieſes Boot zwiſchen dem Guernſeyfahrer und der Kuͤſte ge⸗ dient hat, ich wuͤrde aber kein Ruder darin zu fuͤhren ver⸗ langen.“ „Er iſt auf eine unbegreifliche Weiſe entwiſcht,“ ſagte der alte Matroſe, deſſen Vertrauen zu unſerm Abentheurer unter der Laſt ſo vieler Beweiſe zu wanken begann. „Das ſage ich eben, obgleich es Andere vielleicht beſſer verſtehen als ich, der ich erſt ſeit 35 Jahren die See be⸗ ſchiffe. Dann, ſeht einmal die Wogen, wie ſie auf unbe⸗ greifliche Weiſe ſchwellen! Und das Gewoͤlke von dem der Himmel verfinſtert wird! Und doch kommt aus der See noch Licht genug um leſen zu koͤnnen, wenn man's ordent⸗ lich gelernt hat.“ „Ich habe das Wetter oft ſo geſehn!“ „Gewiß! Wer hat's nicht geſehen? Selten macht Ei⸗ ner, er ſey aus welchem Lande er wolle, ſeine erſte Reiſe gleich als Capitain. Wer auch dieſe Nacht auf der See iſt, ich ſtehe dafuͤr, daß er ſchon mehr darauf geweſen! Ich habe truͤbern Himmel und ſtuͤrmiſchere See geſehn, habe aber nicht erlebt, daß aus dem Einen oder dem Andern et⸗ was Gutes entſtanden iſt. Jene Nacht, als ich Schiffbruch litt in der Bucht von„ „Ho! Auf der Kuhl!“ rief Wilder in ruhigem, aber gebietenden Tone. 1 Waͤre eine Stimme ploͤtzlich aus der Tiefe der erregten Ses gekommen, ſo haͤtte ſie die Ohren der unruhigen Ma⸗ troſen nicht mehr erſchrecken und betaͤuben koͤnnen, als die⸗ ſer unerwartete Ruf. Der junge Befehlshaber mußte ihn ſogar wiederholen, ehe Nighthead dem es vermoͤge ſeines Nanges zukam, zu antworten, die dazu noͤthige Faſſung gewinnen konnte, „Das obere Bramſegel beigeſetzt, Herr,“ ſagte Wilder, ats die gebraͤuchliche Antwort ihm bewieſen hatte, daß er gehoͤrt worden war⸗ Der Lieutenant und ſeine Gefaͤhrten ſahen ſich einen Augenblick mit ſtarrem Erſtaunen an, und ſchuͤttelten ei⸗ nige Male truͤbſelig den Kopf, bis endlich einer von ihnen ſich in's Tauwerk warf, und hinauf zu klettern begann, um den erhaltenen Befehl auszufuͤhren. Selbſt minder aberglaͤubiſche Leute als die er jetzt unter ſich hatte, haͤtten aus der verzweifelten Art mit welcher Wilder, nach einander alle ſeine Segel dem Winde Preis gab, Argwohn uͤber ſeine Einſichten, oder uͤber ſeine Ab⸗ ſichten ſchoͤpfen koͤnnen. Seit langer Zeit hatten Earing und ſein Kollege, der unwiſſendere, alſo auch eigenſinnigere Sekond⸗Lieutenant bemerkt, daß der junge Kommandant eden ſo ſehnlich, als ſie ſelbſt, wuͤnſchte dem Schiffe, das geſpenſtig allen ihren Bewegungen folgte, zu entkommen. Sie waren nur uͤber die Art und Weiſe in ihrer Meinung verſchieden; dieſe Verſchiedenheit war aber ſo ſtark, daß die beiden Schiffs⸗Lieutenants ihre beſondere Rathsſitzung hiel⸗ ten; Earing, ein wenig ermuthigt durch die von ſeinem Koadjutor ausgeſprochenen Meinungen, naͤherte ſich ſeinem Befehl die er Ergebr und di ſeinen nur m die an muͤſſen das eb entſchl bares ihr er. derth⸗ zu ſpr verlaͤn 2 T1. den S ſam d mit n W Punkt Seite dern, „4 gerne nachd gelaſſ Ma⸗ ls die⸗ zte ihn ſeines Jaſſung Wilder, daß er ˖einen ten ei⸗ n ihnen an, um t unter welcher e Preis ne Ab⸗ Earing innigere nandant fe, das ommen. Neinung daß die ng hiel⸗ ſeinem ˖ſeinem — 343— Befehlshaber, um ihm in der Schnelligkeit und Offenheit, die er den obwaltenden Umſtaͤnden fuͤr noͤthig erachtete, das Ergebniß ihrer Berathung vorzutragen; das feſte Auge und die ehrfurchtgebietende Stellung Wilders ſtimmte aber ſeinen Eifer ſo weit herab, daß er dieſen zarten Gegenſtand nur mit einer Zuruͤckhaltung und mit Umſchweifen beruͤhrte, die an einem Manne ſeines Charakters auffallend ſeyn müſſen; er wartete einige Minuten lang ab, welche Folgen das eben beigeſetzte Segel haben wuͤrde; ehe er ſich dazu entſchließen konnte, den Mund zu oöͤffnen; aber ein furcht⸗ bares Zuſammenprallen des Schiffes mit einer Woge, welche ihr erzuͤrntes Haupt, ein Dutzend Fuß hoch uͤber das Vor⸗ dertheil, das ſich ihr naͤherte, erhob, gab ihm den Muth zu ſprechen, indem ſie ihn an die Gefahren einer unnoͤthig verlaͤngerten Pauſe erinnerte. „Ich ſehe nicht, daß wir uns ſonderlich von dem frem⸗ den Segel entfernen, Sir, obgleich das Schiff ſich ſo muͤh⸗ ſam durch die Wogen waͤlzt,“ ſagte er, entſchloſſen nur mit moͤglichſter Vorſicht zu Werke zu gehen.“ Wilder heftete von Neuem ſeine Blicke auf den dunkeln Punkt am Horizont; er runzelte die Stirne, ſah nach der Seite, woher der Wind kam, als wollte er ihn herausfor⸗ dern, antwortete aber nichts. „Wir haben immer gefunden, daß die Mannſchaft nicht gerne an den Pumpen arbeitete, Sir, fuhr Earing fort, nachdem er ſeinem Kommandanten Zeit genug zur Antwort gelaſſen hatte; ich brauche einem Offizier, der ſeine Kunſt — 344— ſo inne hat nicht zu ſagen, daß die Matroſen dieſe Arbeit immer ſcheuen.“ „Jeden Befehl den ich fuͤr noͤthig halten werde, zu ge⸗ ben, Mr. Earing wird die Mannſchaft dieſes Schiffes fuͤr noͤthig halten, auszufuͤhren.“ In dieſer etwas verzoͤgert hervorgebrachten Antwort lag eine ſo eindringend ausgeſprochene Autoritaͤt, daß ſie des gehoͤrigen Eindrucks auf den Lieutenant nicht verfehlen konnte. Earing trat mit unterwuͤrſiger Miene einen Schritt zu⸗ ruͤck, und ſchien nur die Wolkenmaſſen zu betrachten, welche der Wind vor ſich hertrieb. Jetzt bot er alle Entſchloſſen⸗ heit auf und verſuchte von einer andern Seite beizukommen. „Sind Sie gewiß, Capitain Wilder,“ ſagte er, und glaubte, mit dieſem Titel, auf welchen unſer junger Aben⸗ theurer eben nicht die gegruͤndetſten Anſpruͤche hatte, etwas mehr zu bewirken;—„ſind Sie ganz entſchieden der Mei⸗ nung, daß die koͤnigliche Karoline ſich irgend durch menſch⸗ liche Mittel von dieſem andern Segel zu entfernen im Stande ſey?“ „Ich fuͤrchte, nein!“ antwortete der junge Mann, mit einem tiefen Athemzuge, als ob die geheimen Gedanken in ſeinem Innern gegen den Zwang der Zuruͤckhaltung an⸗ kaͤmpften. „Und ich, Sir, bei aller Beſcheidenheit, Ihrer vollkom⸗ menern Erziehung, und dem Rang der Ihnen auf dieſem Schiffe gebuͤhrt, gegenuͤber, ich bin vom Gegentheile uͤber⸗ zeugt. Ich habe ſeiner Zeit mehr als Einmal einen ſolchen Wettka nichts nem ſe „H die W einmal Segel D. ren, ehrerb lange Fernr men, 5 und zu ſa ten 2 nes? 71 „ uͤber: eines dem noch * zuck eine Arbeit zu ge⸗ ffes fuͤr Intwort daß ſie erfehleu ritt zu⸗ ,welche ſchloſſen⸗ kommen. er, und r Aben⸗ , etwas der Mei⸗ menſch⸗ nen im inn, mit anken in ung an⸗ vollkom⸗ uf dieſem eile uͤber⸗ n ſolchen — 345— Wettkampf angeſehen, und weiß vollkommen, daß man gar nichts gewinnt, wenn man ein Schiff in der Hoffnung ei⸗ nem ſolchen Segler den Wind abzugewinnen, uͤbertreibt.“ „Hier, Earing,“ ſagte Wilder nachdenkend, und ohne die Worte des Lieutenants beachtet zu haben,„nehmen Sie einmal das Fernglas, und ſehen Sie ſelbſt, unter welchen Segeln das Schiff geht, und wie weit ab es iſt.“ Der ehrliche Lieutenant, deſſen Abſichten ganz rein wa⸗ ren, legte ſeinen Hut auf das Hinterkaſtell, und vollzog ehrerbietig den eben erhaltenen Befehl. Nachdem er jedoch lange und ernſtlich geſchaut hatte, ſchlug er die Schieber des Fernrohres mit Einem Schlage ſeiner breiten Hand zuſam⸗ men, und ſagte in dem Tone einer feſtſtehenden Meinung: „Wenn dieſes Schiff wie andere irdiſche Schiffe gebaut und ausgeruͤſtet wäͤre, ſo wuürde ich kein Bedenken tragen, zu ſagen, es ſey ein gutbetakeltes, mit drei einfach gereef⸗ ten Bramſegeln, Unterſegeln, Kluͤver und Treiber verſehe⸗ nes Bord.“ „Nichts weiter 2 „Ich wuͤrde es mit einem Eide erhaͤrten, wenn ich mich überzeugen koͤnnte, daß dieſes Schiff in jedem Betracht, eines iſt, wie andere auch.“ „und deſſenungeachtet, Earing, haben wir, wenn ich dem Compaß glauben darf, trotz allen beigeſetzten Segeln, noch keinen Fuß breit Raum gewonnen.“ „Du lieber Gott, Sir,“ erwiederte der Lieutenant, und zuckte die Achſeln, wie ein Mann, der von der Thorheit eines ſolchen Beginnens feſt überzeugt iſt,„wenn Sie das — 346— große Segel vom Winde zerreißen laſſen, damit das Schiff ſo fortſteuere, ſo wuͤrden Sie vor Sonnenaufgang die Stellung jenes Schiffes dort um keinen Punkt aͤndern! Dann kann vielleicht, wer gute Augen hat, es in die Wol⸗ ken ſegeln ſehen, obgleich mir nie begegnet iſt, ſey es nun Gluͤck oder Ungluͤck, daß ich einen dieſer Kreuzer ſah, wann der Tag am Himmel war.“ „Und wie weit ab?“ fragte Wilder.—„Sie haben mir noch nichts uͤber die Entfernung geſagt?“ „Je nachdem man will. Es kann ſo nahe bei uns ſeyn, daß es einen Zwieback in die Takelage ſchleudern kann, oder da, wo es zu ſeyn ſcheint, mit dem Rumpf unter'm Ho⸗ rizont.⸗ „Im Falle aber als es da waͤre, wo es ſcheint 2 „Nun, da ſcheint's ein Segel von 600 Tonnen zu ſeyn; and wenn ich dem Anſchein trauen darf, ſo waͤre ich ver⸗ ſucht zu ſagen, daß es ein Paar Meilen, etwas mehr oder weniger, leewaͤrts von uns ſteht.“ „So hatte ich gerade gerechnet. Sechs Meilen im Winde ſind fuͤr eine ſcharfe Jagd kein kleiner Vortheil. Earing, und ſollte die Karoline fliegen, ich muß den Kerl dort zuruͤck laſſen.“ „Ja das moͤchte gehen, wenn das Schiff Fluͤgel haͤtte, wie eine Seemoͤve, aber ſo wie ſie iſt, wuͤrden Sie ſie eher auf den Grund treiben.“ „Bis jetzt traͤgt ſie ihre Segel gut. Sie wiſſen ſelbſt nicht, was ſie vermag, wenn man ſie treibt.“ „J Wilder der ſell der At die Gr er ſein Einige und be Minut den, r erſteig por, Schaa alle 2 erſchre ſchah ner 2 E wußte nen ihre als C unfeh mußt Ohre Schiff ng die indern! e Wol⸗ 2es nun „ wann haben s ſeyn, n, oder m Ho⸗ m ſeyn; h ver⸗ ör oder len im ortheil. n Kerl haͤtte, ſe eher m ſelbſt „Ich habe ſie in jedem Wetter ſteuern ſehen, Capitain Wilder, aber.. Er verſtummte ploͤtzlich. Eine ungeheure ſchwarze Woge erhob ſich zwiſchen dem öſtlichen Horizont und dem Schiffe, und rollte daher, als ob ſie Alles verſchlingen wollte. Wil⸗ der ſelbſt erwartete den Stoß mit einer Unruhe, daß ihm der Athem ſtockte; er fuͤhlte in dieſem Augenblick, daß er die Graͤnzen der ruhigen Ueberlegung überſchritten, indem er ſein Schiff ſo maͤchtig gegen ſolche Waſſermaſſen antrieb. Einige Faden weit vom Spiegel der Karoline brach ſie ſich und bedeckte ihr Deck mit einer Schaumfluth. Eine halbe Minute lang war das Vordertheil des Schiffes verſchwun⸗ den, wie wenn es ſich zu matt gefuͤhlt haͤtte, die Woge zu erſteigen, die es durchſtuͤrmen ſollte; jetzt aber ſtieg es em⸗ por, aus dem Schooße der See, bedeckt mit zahlloſen Schaaren glaͤnzender Sce⸗Inſekten. Es war ſtehn geblieben, alle Naͤthe ſeiner feſtgefugten Maſſe krachten gleich einem erſchrockenen Renner; und als es ſeinen Weg fortſetzte, ge⸗ ſchah es mit einer Maͤßigung, die gleichſam die Lenker ſei⸗ ner Bewegungen ihre Unvorſichtigkeit wollte fuͤhlen laſſen. Earing blickte ſchweigend ſeinen Kommandanten ans er wußte, daß nichts von alle dem, was er ſagen koͤnnte, er⸗ nen ſo maͤchtigen Beweis uͤberboͤte⸗ Die Matroſen hielten ihre Unzufriedenheit nicht laͤnger hehl, und man hoͤrte mehr als Eine prophetiſche Stimme die Folgen verkuͤndigen, die unfehlbar ein ſo frevelhaftes Beginnen nach ſich ziehen mußte. Wilder ſetzte ihrem Murren taube oder gefuͤhlloſe Ohren entgegen. Feſt in ſeinen geheimen Plaͤnen, haͤtte er — 348— für einen gluͤcklichen Erfolg groͤßern Gefahren getrotzt. Aber ein ſehr verſchiedener, obgleich halb erſtickter Ruf, von dem Hintertheile des Schiffes her, erinnerte ihn an die Beſorg⸗ niſſe anderer Perſonen. Er drehte ſich raſch auf der Ferſe um, und naͤherte ſich der bebenden Gertrude und Mrß. Wyllys, welche beide, einige lange und ſchreckliche Stunden hindurch ihn nicht in ſeinen Berufspflichten zu ſtoͤren gewagt, und ſeine gering⸗ ſten Bewegungen mit der lebendigſten Theilnahme beobach⸗ tet hatten. „Das Schiff hat dieſen Stoß ſo gut ertragen, daß ich großes Vertrauen in ſeine Kraͤfte ſetze,“ ſagte er in ermun⸗ terndem Tone, und ſuchte ihnen durch geeignete Worte blinde Zuverſicht einzufloͤßen.„Auf einem ſo herrlichen Schiffe iſt ein guter Seemann nie in Verlegenheit!“ „Mr. Wilder,“ antwortete die Gouvernante,„ich habe das furchtbare Element, auf welchem Sie leben, kennen ge⸗ kernt. Es gelingt Ihnen nicht, mich zu taͤuſchen, verſuchen Sie es nicht. Ich weiß, daß Sie den Gang des Schiffes unnatuͤrlich beſchleunigen. Haben Sie hinreichende Gruͤnde, um ein ſo verwegenes Verfahren zu rechtfertigen? „Ja, Miß.“ „und ſollen ſie, wie ſo viele andere, auf immer in Ih⸗ rem Buſen begraben bleiben; oder duͤrfen wir uns der Theil⸗ nahme erfreuen, wir, die wir auch an den Folgen Theil nehmen?⸗— „Weil Ste denn, Miß, meiner Kunſt in ſo hohem Grade kundig ſind,“ antwortete der junge Seemann leicht laͤcheln ſtrengr ruhige gen, man „A wunde gluͤckli n5 „2 zuruͤc „,8 dant c cher nigen nant klaͤru ſern Frag udas Wir Ff. reich dun Abn Aber n dem seſorg⸗ aͤherte beide, icht in gering⸗ eobach⸗ aß ich ermun⸗ Worte errlichen ch habe nen ge⸗ erſuchen Schiffes Bruͤnde, in Ih⸗ Theil⸗ n Theil hohem i leicht — 349— lächelnd, aber in einem Tone, der die uͤbernatuͤrliche An⸗ ſtrengung in ſeinem Innern, ſich zu verſtellen, noch beun⸗ ruhigender kund that,„ſo brauche ich Ihnen nicht zu ſa⸗ gen, daß wenn man ein Schiff windwaͤrts ſteuern will, man Segel aufſetzen muß.“ „Auf eine andere Frage koͤnnen Sie wenigſtens unum⸗ wundener antworten. Iſt dieſer Wind guͤnſtig genug um gluͤcklich uͤber die Untiefen von Hatteras zu kommen?⸗ „Ich zweifle.“ „Wenn das iſt, warum kehren wir nicht lieber dahin zuruͤck, wo wir hergekommen ſind?⸗ „Waͤren Sie das zufrieden?“ fragte der junge Komman⸗ dant mit der Blitzesſchnelle des Gedankens. „Ich muß zu meinem Vater!“ rief Gertrude mit glei⸗ cher Lebhaftigkeit, ſo daß die Waͤrme mit der ſie dieſe we⸗ nigen Worte hervorſtieß, ihr kaum den Athem dazu ließ. „Ich wuͤnſchte, Mr. Wilder,“ ſagte ruhig die Gouver⸗ nante, dieſes Schiff zu verlaſſen.„Ich verlange keine Er⸗ klaͤrung Ihrer geheimnißvollen Winke; geben Sie uns un⸗ ſern Freunden in Newport wieder, und Sie hoͤren keine Frage mehr von mir.“ „Das kann geſchehen,“ ſagte Wilder vor ſich hin;— ndas lieſſe ſich thun;— dazu brauchten wir bei dieſem Winde nur einige Stunden gut anzuwenden.— Mr. Earing!“ Im Augenblick war der Lieutenant neben ihm. Wilder reichte ihm ſein Fernrohr und bat ihn noch einmal den dunkeln Punkt auf der Leeſeite am Horizont zu betrachten. Abwechſelnd beobachteten ſie nun lange und aufmerkſam. — 350— „Es hat keine Segel mehr!“ rief ungeduldig der Kom⸗ mandant, als er lange ſeine Augen angeſtrengt hatte. „Nicht ein einziges mehr, Sir. Was liegt aber einem ſolchen Schiffe an der Zahl der Segel die es beduͤrfte, oder an dem Punkt am Horizont, wo der Wind herkommt.“ „Dieſer Wind, Earing, iſt zu viel Suͤd, und in dem düſtern Wolkenſtreifen dort auf der Windſeite ſteckt ein Wetter. Laſſen Sie das Schiff um einige Punkte abfallen, und ziehen Sie die Luvbraſſen an, zur Erleichterung der Segel.“ Der Lieutenant, deſſen Verſtand nicht zwei Ideen zu⸗ gleich faſſen konnte, hoͤrte dieſe Ordre mit einem Erſtaunen, das er nicht verbergen konnte. Einer Erklaͤrung bedurfte er nicht; ſeine Erfahrung ſagte ihm, daß das Reſultat die⸗ ſes Mandvers ſeyn wuͤrde, den gemachten Weg wieder zu⸗ rückzumeſſen, und das hieß in der That, den Zweck der ganzen Reiſe aufgeben. Er erlaubte ſich alſo einen Aufſchuh um Wilder Vorſtellungen zu machen. „Ein alter Seemann wie ich, wird Sie hoffentlich nicht beleidigen, Sir,“ ſagte er zu ihm,„wenn er es wagt, Ihnen ſeine Anſichten vom Wetter vorzutragen. Wenn es den Vortheil meiner Armateurs gilt, ſo habe ich nichts ge⸗ gen das Wenden, obgleich der landwaͤrts wehende Wind nicht ſo nach meinem Geſchmacke iſt, als der ſeewaͤrts geht. Wenn wir die Segel ein klein wenig anreefen, ſo gin ze das Schiff in die offene See, wobei wir viel gewonnen haͤt⸗ ten, da wir ſo von den Hatteras wegkaͤmen. Wer kann uͤberdieß ſagen, daß Morgen oder ſpaͤter wir nicht einen ordent! Ameril liebend moͤgen wurder alteſten vernuͤn Kopfe W heit ſo dieſes fuͤgig, vorzog einem Sturn ſteht, ſpalten dem? ſtig g in ein und d warer der a viel i Komn Kom⸗ 3 einem e, oder nt.“ n dem ckt ein pfallen, ng der een zu⸗ taunen, edurfte at die⸗ der zu⸗ heck der ufſchuh h nicht wagt, zenn es hts ge⸗ Wind 3 geht. gin ze en haͤt⸗ r kann t einen — 351— ordentlichen Wind aus Nordweſt bekommen? Dort, von Amerika her?“ „Laſſen Sie das Schiff um einige Punkte abfallen; Luv⸗ braſſen angeholt!“ wiederholte Wilder ſtuͤrmiſch. Earing war bei einem rechtlichen Sinne doch zu fried⸗ liebend und unterwuͤrfig, als daß er laͤnger haͤtte zoͤgern moͤgen. Er gab auf der Stelle die noͤthige Befehle; ſie wurden zwar vollzogen, doch hoͤrte man Nighthead und die alteſten Matroſen, gegen die ploͤtzlichen und anſcheinend un⸗ vernuͤnftigen Veraͤnderungen, welche in ihres Capitains Kopfe vorgingen, laut und bedenklich, murren. Wilder blieb gegen alle dieſe Anzeichen von Unzufrieden⸗ heit ſo gleichguͤltig, wie er bisher geweſen war. Wenn er dieſes Gemurmel hoͤrte, ſo war es ihm entweder zu gering⸗ fuͤgig, oder, von einer Politik geleitet, welche den Umweg vorzog, that er, als hoͤrte er es nicht. Das Schiff aber, einem Vogel gleich, deſſen Fittige im Kampfe mit dem Sturme erlahmten, und der dem Winde nicht laͤnger wider⸗ ſteht, ſondern einen leichtern Flug waͤhlt, glitt fort und ſpaltete raſch die Wogen oder ſchoß durch die hohle See, dem Winde gehorſam, der durch das letzte Mandver guͤn⸗ ſtig geworden war. Noch immer ging die See hohl, aber in einer Richtung die dem Schiff nicht entgegengeſetzt war, und da es nicht mehr gegen den Wind zu kaͤmpfen hatte, waren ihm die Segel nicht zur Laſt. Doch trug es nach der allgemeinen Meinung der Mannſchaft noch immer zu viel in einer ſo truͤben Nacht. Der Fremde aber, dem das Kommando uͤbertragen war, ſtimmte nicht mit ein. Er — 352— gab Befehl, gleich noch mehrere Leeſegeltuͤcher zu ſpannen, und ſeine Stimme ſchien an die Gefahr des Ungehorſames zu erinnern. Mit dieſem neuen Antrieb ſchien die Karoline uͤber die Wogenflaͤche hinzufliegen, und ließ eine lange Furche von Schaum zuruͤck, die an Groͤße und Glanz denen nicht nachſtand, welche die hoͤchſten Wellen uͤberſtrahlte. Als man Segel uͤber Segel beigeſetzt hatte, ſo daß Wil⸗ der ſich ſelbſt geſtehen mußte, die königliche Karoline koͤnne nicht mehr tragen, ſing er an das Verdeck mit Schritten zu meſſen, und blickte ſich um nach dem neuen Verſuche und ſeinen Folgen. Die Aenderung des Ganges hatte au⸗ genſcheinlich eine gleiche in dem unbekannten Schiffe hervor⸗ gebracht, welches noch immer als ſchwacher und ſchwer zu erkennender Schatten am Horizont hing. Der unfehlbare Kompaß zeigte dem wachſamen Seemanne, daß das Schiff noch immer gleiche Lage mit der Karoline hatte, wie da man es zuerſt erblickte, und alle Anſtrengungen Wilders ſchienen ſie nicht um einen Zollbreit aͤndern zu koͤnnen. Eine andere Stunde war bald verfloſſen, und die Logtafel wies äber drei zuruͤckgelegte Meilen. Indeſſen zeigte ſich das unbekannte Segel immer im Weſten, wie wenn es der Schatten des erſten auf dem fernen dunkeln Wolkengrunde geweſen waͤre. Die einzige merkliche Veraͤnderung, welche mit demſelben vorgegangen war, und welche von der ge⸗ machten Wendung herruͤhrte, war eine groͤßere Flaͤche der Segel, die es dem Auge der Beſchauer bot. Ob aber die Zahl der Segel weſentlich zugenommen, vermochte ſelbſt der kundige Earing wegen Dunkelheit nicht zu beſtimmen. Viel⸗ leicht Lieute Kraͤft ein H benutz augen len, d gleiten ſen, und d Seelen M in ihr nerlich welche nen h und ſe Faſſun ſenheit Fhren migen Belieh zuͤngſt wurde Ri Karol ſterniß aus de Coo annen, rſames aroline Furche n nicht ß Wil⸗ koͤnne chritten gerſuche atte au⸗ hervor⸗ wwer zu fehlbare Schiff wie da Wilders n. Eine fel wies ſich das es der ngrunde , welche der ge⸗ laͤche der aber die ſelbſt der n. Viel⸗ — 353— leicht war auch der uͤberſpannte Ideengang des wuͤrdigen Lieutenants, der allzu geneigt war, den uͤbernatuͤrlichen Kraͤften des unerklaͤrlichen Nachbars Alles zuzuſchreiben, ihm ein Hinderniß, ſein feſtes Wiſſen und ſeine Erfahrungen zu benutzen; und Wilder, nach oft wiederholten, langen und augenermuͤdenden Unterſuchungen, konnte ſich nicht verheh⸗ len, daß dieſes uͤber die Unermeßlichkeit des Oreans hinzu⸗ gleiten ſchien, mehr wie ein in den Luͤften ſchwebendes We⸗ ſen, als wie ein Schiff, das von Menſchenhaͤnden geleitet und denjenigen Kraͤften in Bewegung Bäſeht wird, die den Seeleuten zu Gebote ſtehen. Mrß. Wyllys und ihre Pftegbefohlene hatten ſich jegt in ihre Kajuͤte zuruͤckgezogen; die Erſtere wuͤnſchte ſich in⸗ nerlich Gluͤck uͤber die Ausſicht bald ein Schiff zu verlaſſen, welches ſeine Fahrt unter ſo truͤben Vorbedeutungen begon⸗ nen hatte, daß ſie ſelbſt einen in ſo hohem Grade gebildeten und ſorgfaͤltig geleiteten Geiſt wie den ihrigen aus ſeiner Faſſung zu bringen vermochten. Gertrude wurde in Unwiſ⸗ ſenheit uͤber die veraͤnderte Richtung des Schiffes gelaſſen. Ihrem unerfahrnen Auge war jede Richtung in der einfoͤr⸗ migen Oede des Oceans dieſelbe; und Wilder konnte nach Beliehen den Curs ſeines Kieles wechſeln, ohne daß die juͤngſte und ſchoͤnſte der beiden Damen an Bord es Vawahr wurde. Nicht alſo war 8 mit dem einſtchtsvollen Beſehlshaber der Karoline. Fuͤr ihn hatte freilich die Fahrt mitten in der Fin⸗ ſterniß weder Zweifel noch Dunkelheit. Jedes Geſtirn das aus dem bewegten Schooße der See auftaucht, um an ei⸗ Cooper's Freibeuter. 1— 3. 23 — 354— nem andern Theile des Himmelgewoͤlbes in das finſtre Element hinab zu gleiten, war ihm ein vertrauter Ge⸗ fährte; und kein Luͤftchen, das uͤber die See ſtrich, und ſeine brennende Wange kuͤhlte, war ihm nach ſeinem Ur⸗ ſprunge unbekannt, Er kannte jede Bewegung ſeines Kiels, und ihre Wirkung. Sein Geiſt hielt mit ſeinem Fahrzeug Schritt, auf allen ſeinen Wendungen auf einer Flaͤche, wo keine Wege gezeichnet ſind. Er bedurfte nicht der Huͤlfs⸗ mittel ſeiner Kunſt, um ſeinen Curs zu beſtimmen, und die Bewegungen des ihm gehorchenden Baues zu lenken. Und doch vermochte er nicht, die außerordentlichen Schwenkungen des unbekannten Schiffes ſich zu erklaͤren, welches ſeine ge⸗ ringſten Wendungen mehr vormachte, als nachahmte, ſeine Hoffnung, endlich einem ſo thaͤtigen Beobachter ſich zu entzie⸗ hen, wurde durch eine Leichtigkeit und Behendigkeit der Bewegungen, und eine Uebermacht der fremden Segel verei⸗ telt, welche ſelbſt in ſeinem hellen Auge den Schein einer äbernatürlichen Macht gewannen. 88 Wäͤhrend unſer Abentheurer in die finſtern Betrachtun⸗ gen verſunken war, welche lolche Eindruͤcke natürlich erwek⸗ ken mußten, begannen der Himmel und die Meeresflaͤche einen andern Anblick zu bereiten. Ploͤtzlich verſchwand der Lichtſtreif, welcher ſo lange an dem öſtlichen Horizonte ſich hingezogen hatte, und den Schleier des Firmaments, den Winden zur Eingangs⸗Pforte geluͤftet zu haben ſchien; dichte und ſchwere Wolkenmaſſen verſammelten ſich dort, indeſſen unendliche Dunſtſaͤulen über der Waſſerflaͤche ſich lagerten, und beide Elemente in Eins zu verſchmelzen ſchienen. Auf der an weſtlich gen S Segel bilde, beobach inſtre Ge⸗ „ und n Ur⸗ Kiels, hrzeug e, wo Huͤlfs⸗ ind die und kungen ine ge⸗ , ſeine entzie⸗ eit der l verei⸗ n einer rachtun⸗ erwek⸗ res flaͤche dand der onte ſich ats, den n; dichte indeſſen lagerten, en. Auf — 355— der andern Seite bedeckte finſteres Gewoͤlke den ganzen weſtlichen Himmel, und das Auge verlor ſich in einem lan⸗ gen Streifen duͤſtern Lichtes. Noch ſchwamm das fremde Segel mitten in dem blinkenden unheilſchwangern Nebelge⸗ bilde, und auf Augenblicke ſchien der leichte Schatten dem beobachtenden Blicke in die Luͤfte zu entſchwinden. Sechzehntes Kapitel. — Schon wieder da? Was habt Ihr hier zu ſchaffen? Solleen wir die Hände in Schooß legen, und ertrinken? Habt Ihr denn Luſt zu verſinken? Shakſpeare. — Dieſe ſchlimmen, ihm nur zu wohlbekannten Vorzeichen entgingen unſerm wachſamen Abentheurer nicht. Kaum hatte die Dunſtatmoſphaͤre das geheimnißvolle, oft beob⸗ achtete Bild verhuͤllt, ſo erſchallte auch ſchon von ſeiner kla⸗ ren Stimme das maͤchtige Kommando: „Alle zu Hauf! Die Segel herunter! Alle herunter! Herunter damit!“ ſchrie er ſo ſchnell, daß die Matroſen kaum das erſte Wort gehoͤrt haben konnten, als ſchon das zweite erſcholl.„Reißt ſie herunter! Bis zum letzten Fetzen herunter! Von vorne bis nach hinten! Leute auf die Gei⸗ taue der Bramſegel, Earing! Herunter mit Allem! friſch, Burſchen, Hand an!“ Dieß war ein der Mannſcha bekannter Ruf! Doppelt willkommen, de der geringſte Matroſe hatte ſchon lange vor ft willkommener und wohl⸗ un Jeder, auch her, als Wilder ſo ru tete, ſie wi ten ni Briſte dennoc weil ſe Folgen jedoch gerath verſchi das V meine dieſelbe Maſſe auf der erſchien von ihr ſchwere vers h Leitung affen? rinken? re. rzeichen Kaum ft beob⸗ iner kla⸗ erunter! Natroſen chon das ten Fetzen die Gei⸗ u! friſch, nd wohl⸗ der, auch s Wilder — 357— ſo ruhig die ſchrecklichen Vorboten in dem Luftkreiſe betrach⸗ tete, geglaubt, er ſpiele mit der Sicherheit des Schiffes; ſie wußten ja die umſichtige Wachſamkeil ihres Kommandan⸗ ten nicht zu ſchaͤtzen. Er hatte zwar dem Kauffahrer von Briſtol eine bis dahin ihm fremde Schnelligkeit verliehen; dennoch aber ſprachen die Thatſachen fortwaͤhrend fuͤr ihn, weil ſeine Verwegenheit, wie ſie es nannten, keine ſchlimme Folgen gehabt hatte. Bei der raſchen und ploͤtzlichen Ordre jedoch, die er ſo eben gegeben hatte, war Alles in Aufruhr gerathen. Ein Dutzend Matroſen riefen einander von den verſchiedenen Punkten des Schiffes zu, jeder bemuͤhte ſich das Wogengebruͤll zu uͤberſchreien, und es ſchien eine allge⸗ meine und unaufloͤsliche Verwirrung zu entſtehen. Aber dieſelbe Herrſcherkraft, welche ihnen ſo unerwarteten Im⸗ puls mitgetheilt hatte, ordnete ihre gewaltigen, rohen Kraͤfte zu einem geregelten Ganzen. Seine erſten Rufe hatten das Erwecken der Schlafenden und der Traͤgen zum Zwecke gehabt. Sobald er Jeden auf den Beinen ſah, gab er ſeine Befehle wieder mit einer Alles lenkenden Ruhe, immer aber mit der Energie, welche, wie er wohl wußte, die Umſtaͤnde erheiſchten. Dieſe Maſſe von Segeln, welche als eben ſo viele leichte Wolken auf dem dunkeln und drohenden Hintergrunde des Himmels erſchienen, flatterten bald, jedem Luftzuge Preis gegeben, von ihren hohen Poſten herab, und nur die ſicherern und ſchwerern blieben beigeſetzt. Zur Vollendung dieſes Mand⸗ vers hatte jeder Matroſe alle ſeine Koͤrperkraft unter der Leitung der feſten und raſchen Befehle des Kommandanten — 358— aufgeboten. Jetzt entſtand ein Moment aͤngſtlicher Pauſe, in welcher die ganze Mannſchaft kaum zu athmen wagte. Aller Augen ſtarrten nach jenem Punkte des Horizontes, wo ſich die ungluͤckbringenden Zeichen zuerſt verkuͤndet, und Iider ſuchte mit dem Grade von Einſicht, welchen er waͤh⸗ rend ſeiner Dienſtzeit auf dem treuloſen Elemente ſeiner Heimath, erlangt hatte, daraus die Zukunft zu entraͤth⸗ ſeln. Die Nebelſpur des unbekannten Schiffes war in einer zweifelhaften Helle verſchmolzen, welche jetzt als wogendes Dunſtmeer, unheimlich, anſcheinend greifbar, ſich auf die Meeresflaͤche gelagert hatte. Der Ocean ſelbſt ſchien das Herannahen einer raſchen und heftigen Umwaͤlzung zu fuͤh⸗ len. Die Wellen brachen ſich nicht mehr in ſchaͤumenden und glaͤnzenden Kaͤmmenz ſchwaͤrzlichte Waſſermaſſen ſchleu⸗ derten ihre drohenden Wipfel zum oͤſtlichen Himmel empor, nicht mehr die glaͤnzenden Funken ſpruͤhend, noch ſich in durchſichtige Atmoſphaͤre verhuͤllend. Der Wind, der ſo friſch geweſen war, und der an Kraft beinahe einer kleinen Bô geglichen hatte, ward unſtaͤt und ſchien gleichſam ver⸗ ſcheucht von der hoͤhern Macht, die ſich an den Kuͤſten des nahen Kontinents verſammelte. Jeden Augenblick nahm der Oſtwind an Kraft ab, bis nach einem ſehr kurzen Zwiſchen⸗ raum man die Segel an die Maſte anflattern hoͤrte; eine ſchreckliche und ungluͤckbruͤtende Stille erfolgte. Jetzt durch⸗ zuckte eine ploͤtzliche Helle das Meer und beleuchtete die graͤßliche Dunkelheit des Oceans, und ein donneraͤhnliches Getoͤſe ertoͤnte in der Ferne über den Gewaͤſſern. Entſetzt blickten ſich die Matroſen an, und ſtanden ſtarr, wie wenn ———— der H häͤtte. ger, Lippen wegte vor ſie uns uͤ meint loͤſt iſt Je und b. er heft auf der ſchweig dunkle Staͤbe einer raͤth⸗ einer endes f die 1 das fuͤh⸗ enden chleu⸗ mpor, ich in der ſo lleinen : ver⸗ en des m der biſchen⸗ e; eine durch⸗ te die onliches Entſetzt wenn — — 359— der Himmel ſelbſt ihnen ein Zeichen der Zukunft geſendet haͤtte. Aber ihr Kommandant gab, ruhiger und umſichti⸗ ger, dieſem Signal eine andere Deutung. Er warf die Lippen mit allem Stolze ſeines Kunſtgefuͤhls auf und be⸗ wegte ſie raſchz— Glaubt er, wir ſchlafen? ſagte er leiſe vor ſich hin;— Er iſt darin gefangen, und jetzt will er uns uͤber das, was vorgeht, die Augen oͤffnen! Womit meint er denn, daß wir, ſeit die Mitternachtswache abge⸗ löſt iſt, uns die Zeit vertrieben haͤtten? Jetzt machte Wilder ein Paar Gaͤnge auf dem Verdeck, und blickte unaufhoͤrlich nach allen Gegenden am Horizont 3 er heftete ſeine Augen bald auf die ſchwarzen, ſtillen Welien, auf denen das Schiff ruhte, bald auf ſeine Segel, jetzt auf die ſchweigende und erwartungsvolle Mannſchaft, dann auf die dunkle Takelage die uͤber ſeinem Haupte wogte, wie lauter Staͤbe, welche ihre fantaſtiſchen Striche auf das dichte Ge⸗ wölke zeichneten, das uͤber dem Ganzen laſtete. „Die Hinterrahen in's Kreuz gebraßt!“ rief er in einem Tone, der obgleich wenig uͤber den des gewoͤhnlichen Spre⸗ chens erhoben, doch uͤber das ganze Verdeck hin gehoͤrt ward. Selbſt das Krachen und Aechzen des Holzes, waͤhrend die Segelſtangen langſam und traͤge die angedeutete Lage einnahmen, erhob das Eigenthuͤmliche der Scene, und er⸗ toͤnte den Ohren der Matroſen als truͤbe Vorbedeutung. „Die großen Segel angeholt!“ ſagte Wilder nach einem kurzen Augenblick des Nachdenkens, mit derſelben Ruhe, die ihren Eindruck nie verfehlt; jetzt warf er einen Blick auf die andere Seite des Horizonts, und rief:„Zuſammengerollt!“ — 360— „Rollt ſie zuſammen! Beide! Hinauf! Die Segel oben weg, beſchlagt die großen! munter, Burſchen, zuſammen mit ihnen!“ Die gelehrigen Seeleute ließen ſich von der Stimme ih⸗ res Kommandanten lenken. In einem Augenblicke ſah man zwanzig Leute ſich in die Takelage werfen, ſich wie die Af⸗ fen daran feſthalten, und ſogleich die Thaͤtiakeit umfangrei⸗ cher Leinwandmaſſen zuſammenrollend hemmen. Eben ſo raſch waren ſie wieder unten, und es entſtand eine neue trübe Pauſe. Jetzt waͤre die Flamme eines Feuers loth⸗ recht zum Himmel geſtiegen, ſo gaͤnzlich windſtille war es. Das Schiff, nicht mehr vom wohlthaͤtigen Winde unterſtuͤtzt, rollte ſchwerfaͤllig durch die Wellen, welche immer mehr ſich ebneten, wie wenn der erſchrockne Ocean in ſeinen unge⸗ heuern niebewegten Schooß diejenigen zuruͤckriefe, denen er kurz vorher ein tobendes Spiel erlaubt. Tuͤckiſch⸗ freundlich plaͤtſcherte die See an den Flanken, oder wenn das Schiff ſich in die Tiefe der Wogen tauchte, und arbei⸗ tend wieder heraufſtieg, ſtuͤrzte ein Waſſerſtrom in Tauſend kleinen blinkenden Strahlen vom Verdecke. Die unaufhoͤr⸗ lich wechſelnden Tinten des Himmels, das unablaͤſſige Brau⸗ ſen der See, der Ausdruck von tödtlicher Unruhe und Angſt, der ſich auf jedem Geſicht ausprägte, Alles trug dazu bei, das Bewußtſeyn der ſchrecklichen Kriſis in der man ſich befand, lebendig zu erhalten. In dieſem kurzen, muͤſſigen Zwiſchenraum der Erwar⸗ tung, naͤherten ſich die beiden Lieutenants ihrem Be⸗ fehlshaber⸗ oben men e ih⸗ man 2 Af⸗ grei⸗ en ſo neue loth⸗ ar es. ſtuͤtzt, r ſich unge⸗ denen ickiſch⸗ wenn arbei⸗ auſend zufhoͤr⸗ Brau⸗ e und s trug in der Erwar⸗ a Be⸗ „Es iſt eine grauſenerregende Nacht, Capitain Wilder,“ ſagte Earing, der als der Erſte im Range ſich das Recht herausnahm, das Geſpraͤch zu beginnen. „Ich habe Beiſpiele erlebt, wo nicht ſo viele Vorzeichen das Umſetzen des Windes verkuͤndeten;, entgegnete Wilder mit feſter Stimme. „Wir haben noch Zeit genug gehabt, unſere Tuͤcher einzuziehen, das iſt wahr, Sir; aber dieſer Wechſel iſt mit Vorbedeutungen und Zeichen begleitet, gegen die der aͤlteſte Seemann nicht gleichguͤltig waͤre.⸗ „Ja, fuhr Nighthead fort, mit einer rauhen, gewal⸗ tigen Stimme, die ſelbſt die mancherlei Toͤne uͤberbot, welche das Schreckliche der ganzen Scene erhoͤhten,—„ja, es iſt keine Kleinigkeit, welche gewiſſe Leute, die ich nicht nennen will, vermogt, in einer ſolchen Nacht See zu halten. Juſt bei ähnlichem Wetter ſah ich die Bombenkitſe, den Veſuv in einen ſo tiefen Abgrund ſinken, daß ihr Moͤrſer, ſelbſt wenn er Feuer und Haͤnde dazu gehabt, keine Bombe an die Luft gebracht haͤtte.“ „Ja, ja, gerade bei ſolchem Wetter wurde der Groͤn⸗ laͤnder durch eine ſo gaͤnzliche Windſtille als man je auf der See erlebte, an die Orkaden geſchleudert.“⸗ 3 „Meine Herren,“ ſagte Wilder und betonte das letztere der beiden Worte etwas ſtark und ironiſch;„meine Herren, was wollen Sie eigentlich? Es geht kein Luͤftchen und das Schiff iſt von Deck zu Top ohne Segel?“ Eine genuͤgende Antwort auf dieſe Frage waͤre Jedem von ihnen ſchwer geworden, Beide waren eine Beute aber⸗ — 362— glaͤubiſcher Furcht, welche durch den Anblick eines wirklich vorhandenen Dinges, naͤmlich der Nacht, gewaltig erhoͤht wurde; doch hielten ſie noch zu feſt an ihrem guten Rufe als Maͤnner und Seeoffiziere, als daß ſie ihre Schwaͤche gänzlich dargelegt haͤtten, in einem Augenblick, da ſie zur Entfaltung eines maͤnnlichen Charakters, mit allen ſeinen hohen Eigenſchaften gerufen werden konnten. Indeſſen zeigte ſich die in ihrem Gemuͤthe vorherrſchende Idee verſteckt in Earing's Antwort. .„Ja, das Schiff geht jetzt nicht uͤbel,“ ſagte er; ob⸗ gleich wir uns nun mit unſern eigenen Augen uͤberzeugt haben, daß es keine Kleinigkeit iſt, ein befrachtetes Schiff mit einem Ihrer Fliegenden gleich ſegeln zu laſſen, welche ſegeln, ohne daß Jemand weiß, wer das Steuer häͤlt, nach welchem Kompaß ſie gehen, noch wie viel Waſſer ſie ziehen.“ „Ja,“ ſetzte Nighthead hinzu,— nich ſinde auch, daß die Karoline fuͤr einen ehrlichen Kauffahrer nicht ſchlecht ſegelt, und es gibt wenige Rahſegelſchiffe, außer mit der koͤniglichen Flagge, welche ihm den Wind abzugewinnen, oder es aus ſeinem Fahrwaſſer zu treiben vermoͤchten, wenn ſie ihre Leeſegel alle beiſetzt, aber jetzt haben wir Wetter und Stunde, die jeden Seemann zum Nachdenken bringen ſollte. Sehen Sie einmal da unten das gräuliche Licht, das mit Windeseile auf uns zukommt, und ſagen Sie mir, ob es von Amerika's Kuͤſten oder von dem unbekannten Schiffe herkommt, welches uns ſo lange auf der Leeſeite ge⸗ blieben iſt, das uns aber jetzt den Wind abgewonnen hat, oder wenigſtens gleich abgewinnen wird, ohne daß Jemand hier w habe ein E gar k 1„ der k ſeyn. 2, „in. man Herrn See e laͤnder verſtee Natio Wilde Morg aufgel aber 1 Weſte letzte ſichts unbeke 3 ſchrie gender kraͤftig llich oͤht dufe aͤche zur inen igte t in ob⸗ eugt chiff elche nach en.“ daß lecht der inen, venn etter ngen eicht, mir, anten 2 ge⸗ hat, nand hier weiß weder wie? noch warum? Was mich betrifft, ſo habe ich weiter nichts zu ſagen, als das: Man gebe mir ein Schiff zur Geſellſchaft, deſſen Capitain ich kenne oder gar keins!“⸗ „Iſt das Ihr Geſchmack, Mr. Nighthead?“ ſagte Wil⸗ der kalt.„Der meinige duͤrfte jezuweilen anderer Natur ſeyn. 41 „Ja, ja,“" ſagte der kluͤgere und umſichtigere Earing, win Kriegszeiten und mit Kaperbriefen ausgeſtattet, mag man mit Ehren wuͤnſchen einem Schiffe unter fremdem Herrn zu begegnen, ſonſt wuͤrde man nie einen Feind zur See erblicken; aber, obgleich ich ſelbſt ein geborner Eng⸗ laͤnder bin, ſo waͤre ich dennoch verſucht, einem ſolchen nebel⸗ verſteckten Segel freie See zu laſſen, wenn mir weder ſeine Nation, noch ſeine Abſichten bekannt ſind.— Ach, Capitain Wilder, das dort iſt ein ſchreckliches Schauſpiel fuͤr eine Morgenwache! Tauſendmal hab ich die Sonne im Oſten aufgehen ſehn, ohne daß etwas Contraͤres vorgefallen waͤre, aber nichts Gutes iſt von einem Tag zu erwarten, der im Weſten anbricht. Wie gerne gaͤbe ich den Armateurs meine letzte Monat⸗Gage, die ich mit dem Schweiß meines Ange⸗ ſichts verdient, wenn ich wüͤßte, unter welcher Flagge jenes unbekannte Schiff ſegelt!⸗ „Franzoſe! Spanier oder Teufel! Da kommt er,“ ſchrie Wilder. Jetzt wandte er ſich blitzſchnell zur ſchwei⸗ genden und aufmerkſamen Mannſchaft und rief mit dem kraͤftigen, durchdringenden Ruf des Schreckens:„Laßt die — 364— Hinterfalltaue los! die Fockrahe herum, herum damit! Burſchen, ſchnell!⸗ Dieſer Ruf mußte von der Mannſchaft vernommen wer⸗ den. Alle Nerven und Muskeln ſpannten ſich um das Kom⸗ mando auszufuͤhren, und den herannahenden Sturm zu em⸗ pfangen. Keiner ſprach ein Wort; alle Kraͤfte wurden um die Wette aufgeboten! Und in der That war kein Augen⸗ blick zu verlieren, kein Arm war zu entbehren, keiner war, der nicht ſeine unmittelbare Ordre zu vollziehen hatte! Der durchſichtige und grauſige Nebel, der ſich ſeit einer Viertel⸗ ſtunde in Nordweſten verſammelt hatte, ſtuͤrzte raſch wie ein Renner in die Bahn, auf ſie zu. Schon hatte die At⸗ moſphaͤre die feuchte Temperatur, die Begleiterin des Oſt⸗ windes, verloren und kleine Wirbel, Vorlaͤufer des nahen Sturmes, kräͤuſelten zwiſchen den Maſten. Jetzt lief ein heftiges und graͤßliches Gemurmel uͤber den Ocean, deſſen erſt wogende Flaͤche ſich nun kraus zeigte, und mit blendend weißem Schaume bedeckte. Nun raß'te die entfeſſelte Wuth des Sturmes auf die plumpe und vergebens thaͤtige Maſſe des Kauffahrers los. Beim Herannahen des Sturmes hatte Wilder jeden, wenn auch noch ſo geringen Vortheil, den ihm der häͤufige Luv⸗ wechſel bot, zu benutzen geſucht, um wo moͤglich das Schiff vor den Wind zu bringen. Aber das traͤge Bord entſprach weder den Wuͤnſchen ſeiner Ungeduld, noch den Beduͤrfniſſen des Momentes. Sein Steven hatte langſam und muͤhvoll den noͤrdlichen Curs verlaſſen, und ſo ſtand nun die Eine Flanke der ganzen Wucht des erſten Andrangs Preis gege⸗ ben. Zum Glück fuͤr Alle, welche ihr Leben dieſem wehr⸗ koſen Schiffe anvertraut hatten, ſollte es nicht mit einem Male der vollen Wuth des Orkans unterliegen. Die Segel flatterten und zitterten an ihren ſtarken Rahen, ſchwellten an und fielen wieder eine Minute zuruͤck, und nun ſtuͤrzte der Sturm mit einer graͤnzenlos furchtbaren Gewalt uͤber ſie her. Tapfer hielt die Karoline den Stoß aus; einen Augenblick ſchien ſie wohl ſeiner Wuth zu weichen, ſo daß ſie beinahe auf der Flaͤche des empoͤrten Meeres lag; gleich aber, als fuͤhlte ſie die drohende Gefahr, erhob ſie ihre ge⸗ beugten Maſten und verſuchte ſich einen Weg durch die er⸗ zuͤrnten Wogenberge zu bahnen. „Das Steuer nach dem Wind! um Alles in der Welt, das Steuer nach dem Winde!“ ſchrie Wilder, und uͤber⸗ taͤubte das Bruͤllen des Orkans. Mit Feſtigkeit gehorchte der alte Seemannn am Steuerruder, vergebens aber ſuchte er an dem Vorſegel die Spuren vom Gehorſam des Schif⸗ fes. Zweimal beugten ſich die großen Maſten, nach dem Horizont hinab, zweimal erhoben ſie ſich triumphirend wie⸗ der; dann aber wichen ſie der unwiderſtehlichen Gewalt des Elementes, das im heißen Kampfe lag mit dem Weltmeer. „Achtung!“ ſchtie Wilder, und faßte den ſinnloſen Earing beim Arme, der außer Faſſung das ſteile Deck hinabrannte,„jetzt gilts Beſonnenheit, jetzt iſt der Mo⸗ ment zur Kaltbluͤtigkeit! Holen Sie eine Axt.⸗ Schnell wie der Gedanke, der dieſen Befehl erzeugte, gehorchte der Lieutenant und ſchwang ſich auf den Beſans⸗ — 366— maſt, um eigenhaͤndig den Befehl zu vollſtrecken, der jetzt, wie er wohl wußte, gewiß erfolgte. „Soll ich zuhauen?„ fragte er mit gehobenem Arm und feſter, ſicherer Stimme, welche die Schwaͤche des fruͤ⸗ hern Momentes wieder ausglich. „Halt!— Gehorcht das Schiff dem Steuer? Nur im Geringſten?⸗ „Nicht im Mindeſten!“ „Hau zu!“ rief Wilder mit ruhiger Stimme. Ein Hieb reichte hin. Von dem ungeheuern Gewicht, das es zu tragen hatte, ſo ſtraff geſpannt, daß es dem Reißen nahe war, war das Reep nicht ſobald von Earing abgehauen, als alle andern nach einander folgten, und den Maſt die ganze Wucht ſammt allem Zugehoͤr ſeiner Takelage allein tragen ließen. Jetzt krachte das Holz, und mit dem Ge⸗ toͤſe eines fallenden großen Baumes, ſtuͤrzte es in die See, der es ſchon vorher, noch am Maſte haͤngend, nahe geweſen war. „Hebt es ſich wieder?“ fragte Wilder den Alten am Steuerruder. „Es hat eine kleine Bewegung gemacht, Sir, aber dieſer neue Windſtoß legt es wieder um.“ „Soll ich zuhauen?“ fragte Earing vom Hauptmaſt herab, auf welchen er ſich, wie der blutdurſtige Tiger auf ſeine Beute geſtuͤrzt hatte. „Zu!“ war die Antwort. Ein furchthares und grauſenerregendes Krachen folgte mehrern kraͤftigen auf den Maſt ſelbſt gefuͤhrten Hieben. Rahen, Takelwerk, Segel, Alles verſank wiederum in die gar — 367— eht, See, das Schiff erhob ſich in demſelben Augenblick und be⸗ gann ſchwerfaͤllig windwaͤrts fortzuruͤcken. lrm„Es erhebt ſich! es hebt ſich!“ riefen zwanzig Stim⸗ früͤ⸗ men, welche bis jetzt ſtumm zwiſchen Tod und Leben ge⸗ ſchwebt hatten. im 8„Laßt es abfallen; hindert keine Bewegung,“ ſetzte der . junge Capitain hinzu, mit immer ruhiger, aber feſt gebie⸗ tender Stimme.„Haltet Euch bereit, das große Mars⸗ ſegel einzuſchnuͤren; laßt es noch einen Augenblick hängen, icht, damit das Schiff vom Wrack fortkomme. Jetzt aber kappt! dem herzhaft Burſchen!— Meſſer, Beile, kappt mit Allem, ring kappt Alles!“ den Da die Matroſen jetzt mit dem Muth arbeiteten, wel⸗ lage 2 chen die wiederkehrende Hoffnung einfloͤßt, ſo waren die Ge⸗ Taue, an welchen noch die gefallenen Spieren hingen, bald der gekappt, und die Karoline ſchien den Schaum, welcher die var. 3 See bedeckt, nur leicht zu beruͤhren, wie ein Vogel, deſſen am Fittig den Waſſerſpiegel ſtreift. Der Wind brauſte mit einer Gewalt, daß er dem fernen Donner glich, und ſchien aber 4 das Schiff, mit allem, was es enthielt, von ſeinem natuͤr⸗ — lichen Element hinwegraffen zu wollen, um es einem andern maſt noch veränderlichern und treuloſern zuzuſchleudern. Da ein auf verſtaͤndiger und vorſichtiger Matroſe beim Herannahen des Sturmes die Falltaue des einzigen uͤbrig gebliebenen Segels hatte fahren laſſen, ſo wurde jetzt das entfaltete und ge⸗ olgte ſenkte Bramſegel ſo vom Winde gefuͤllt, daß es den einzigen eben. Maſt, der noch ſtand, umzureißen drohte. Wilder ſah au⸗ genblicklich die Nothwendigkeit ein, ſich dieſes Segels zu —— ——————yy y mäõ — 368— entledigen, aber auch die Unmoͤglichkeit, es zu beſchlagen. Er rief Earing herbei, zeigte ihm die Gefahr, und gab bie noͤthigen Befehle. „Solchen Stoͤßen,⸗ ſchloß er,„kann dieſer Maſt nicht lange widerſtehen, und wenn er von ſelber bricht, und auf das Vorkaſtell ſtuͤrzt, ſo verſetzt er ihm, bei ſeiner ſchnellen Fahrt einen verderblichen Schlag. Es muͤſſen zwei Maͤnner hinauf, um das Segel von den Rahen zu kappen.⸗ „Dieſe Stange biegt ſich wie eine Weidegerte,“ ant⸗ wortete der Maat,„und ſchon iſt ſie unten geſpalten. Bei dem Sturm, der uns umtobt, iſt es hoͤchſt gefaͤhrlich, him aufzuſteigen." 6 57 „ Sie hahen Recht," ſagte Wilder, welchem die Wahr⸗ heit dieſer Bemerkung ſogleich einleuchtete,„bleiben Sie denn hier, und wenn mir etwas Menſchliches zuſtoͤßt, ſo verſuchen Sie das Schiff in einen Hafen gegen Norden zu bringen, wenigſtens ſo weit, als die Vorgebirge von Vir⸗ ginien; ſteuern Sie aber ja nicht auf Hatteras in dem jetzigen Zuſtande des.. ⸗ 1 „ Was wollen Sie thun, Capitain Wilder?⸗ unterbrach ihn der Lieutenant, und faßte ſeinen Kommandanten, wel⸗ cher ſchon ſeine Müuͤtze auf das Deck geworfen hatte, und ſich bereitete, ſeine Kleider abzuwerfen, heftig bei der Schulter. 1 5 24 Z5rtns „Ich will hinauf dieſes Bramſegel zu kappen, ſonſt ver⸗ lieren wir den Maſt und vielleicht das ganze Schiff.„ „Ja, ja, ich ſehe es. Aber das ſoll man mir nicht nachſagen, daß ein Anderer gethan habe, was Eduard Ear: die 2 dieſe ſchrei Art, mann 5 ſeine er ſ pflic einen C 8 was er den ſagen bis Zuſch Sto men troſe men eſchlagen. Sgab die kaſt nicht und auf ſchnellen Maͤnner „“ ant⸗ n. Bei ich, hin⸗ Wahr⸗ en Sie ößt, ſo den zu n Vir⸗ n dem erbrach 1, wel⸗ e, und ei der ſt ver⸗ nicht duard Earing zu thun zukam. Ihre Sache iſt es, das Schiff an die Vorgebirge von Virginien zu ſteuern, an mir iſt es, dieſe Segel zu kappen. Wenn mir was zuſtoßt, nun, ſo ſchreiben Sie es in's Log, mit ein Paar Worten uͤber die Art, wie ich meine Rolle beendigt. Das iſt fuͤr einen See⸗ mann die ehrenvollſte und zweckmaͤßigſte Grabſchrift.“ Wilder drang nicht weiter in ihn, ſondern nahm wieder ſeine nachdenkende und wachſame Stellung ruhig an, denn er ſelbſt war ſeit langer Zeit zur Erfuͤllung der Dienſt⸗ pflicht angehalten worden, um es auffallend zu finden, daß einem Anderen das Gebieteriſche derſelben einleuchtete. Indeß begab ſich Earing raſch an die Ausfuͤhrung deſſen, was er verſprochen. Indem er uͤbers Verdeck ging, verſah er ſich mit einem paſſenden Beil, und ſchwang ſich, ohne den ſtummen und aufmerkſamen Matroſen ein Wort zu ſagen, ins Tauwerk, wo der Sturm jede Ducht, jedes Tau bis zum Reißen ſtraff ſpannte. Die erfahrnen Blicke der Zuſchauer hatten ſeine Abſicht errathen, und von demſelben Stolze beſeelt, welcher ihn zu dieſem gefaͤhrlichen Unterneh⸗ men getxieben hatte, warfen ſich mehrere der aͤlteren Ma⸗ troſen in die Pardunen, um mit ihm eine Hoͤhe zu erklim⸗ men, wo tauſend Orkane bruͤllten. „Vom Tauwerk herab!“ ſchrie ihnen Wilder durch iin Sprachrohr zu;„Alle herab! ausgenommen den Lieu⸗ tenant!“ 1 Seine Worte erreichten wohl die Ohren von Earings Gefaͤhrten, ſie waren aber unnuͤtz, da Jeder zu ſehr mit Cooper's Freibeuter. 1— 3, dem Zwecke beſchaͤftigt war, den er befolgte, als daß er die wehrende Stimme haͤtte beachten moͤgen. In weniger als einer Minute hatten ſie ſich im Tau⸗ werk vertheilt, und erwarteten nur das erſte Zeichen um zu handeln. Earing ſah ſich um, benutzte einen guͤnſtigen Moment, und fuͤhrte einen Hieb auf das große Tau, wel⸗ ches eine der Ecken des Segels, das dem Zerplatzen nahe war, an der untern Rahe feſthielt. Die Wirkung war ungefaͤhr dieſelbe, welche man ſehen wuͤrde, wenn man den Schlußſtein eines nicht ſehr feſten Gewoͤlbes ſprengte. Das Tuch zerriß mit Krachen alle ſeine Bande, und man ſah es einen Augenblick uͤber dem Schiffe hinſchweben, wie von Adlerſchwingen getragen. Das Schiff erhob ſich auf einer traͤgen Woge, fiel plump wieder nieder, von ſeinem eigenen Gewicht und der Heftigkeit des Orkans gedruͤckt. In die⸗ ſem kritiſchen Momente, wo die Matroſen in der Hoͤhe dem verſchwindenden Segel nachblickten, platzte ein Taljereep des untern Tauwerks mit einem Krach, der bis zu Wilders Ohren drang. „Herunter!“ rief er mit fuͤrchterlicher Stimme durch ſein Sprachrohr,„an den Pardunen herunter! herunter! es gilt Euer Leben! Alle herunter!“ Ein einziger von ihnen gehorchte dem Wink, und glitt mit Windesſchnelle auf das Deck herab. Aber die Taue riſſen nach einander, und bald krachte der Maſt ſelbſt zu⸗ ſammen. Einen Augenblick lang wankte der hohe Baum, und ſchien ſich im Kreiſe nach allen Punkten des Horizonts zu neigen; dann gab er der Bewegung des Rumpfes nach, &) 7) 23 8 Lau⸗ zu igen wel⸗ nahe war den Das ſah von ner nen ie⸗ dem des ders irch er! litt aue zu⸗ im, nts und Alles ſtoͤrzte mit einem furchtbaren Getoͤſe in die See. Taue, Rahen, Stage, Alles zerriß wie Zwirn, und der nackte Rumpf des Schiffes glitt fort und trotzte dem Sturm, wie wenn ſich nie etwas ſeiner Fahrt widerſetzt haͤtte. Dieſem Schreckniß folgte eine ſtumme und beredte Stille. Die Elemente ſelbſt ruhten, mit ihrem Werke zufrieden. Die Wuth des Sturmes ſchien gefeſſelt. Wilder ſprang auf den Schiffsbord und ſah deutlich die ungluͤcklichen Schlacht⸗ opfer, wie ſie ſich noch an ihre morſche Stuͤtze anklammer⸗ ten. Er ſah noch Earing, der mit einem Arme Lebewohl winkte, mit dem Muthe eines Mannes, der nicht nur das Verzweiflungsvolle ſeiner Lage fuͤhlte, ſondern ſein Schickſal mit Ergebung zu tragen wußte. Bald verſchwanden alle dieſe Truͤmmer von Maſten und Tauwerk mit Allen, welche ſich noch daran feſthielten, mitten im ſchrecklichen uͤbernatuͤr⸗ lichen Nebel, der uͤberall die See an die Wolken feſſelte. „Eine Schaluppe hinabgelaſſen!“ rief Wilder, ohne zu unterſuchen, wie unmoͤglich es jenen war, ſich durch Schwimmen zu retten, oder den Andern, ihnen in dieſer Todesnoth zu helfen. Aber die ubriggebliebenen Matroſen ſtanden ſtarr und regungslos; ſie hoͤrten ihn nicht; ſie gaben keine Zeichen des Lebens von ſich, noch weniger des Gehorſams. Scheue Blicke warfen ſie ringsum; ſie ſuchten gegenſeitig in ihren Augen ihre Gedanken uͤber die Groͤße des Schreckniſſes zu leſen. Aber kein Mund oͤffnete ſich zur leiſeſten Be⸗ merkung. — 372— „ Es iſt zu ſpaͤt! zu ſpaͤt!“ rief Wilder entſetzt;„keine Kraft, keine menſchliche Gewalt kann ſie retten!“ „Iſt das nicht ein Segel?“ ſagte ganz leiſe Nighthead neben ihm, mit einer von aberglaͤubiſcher Furcht erſtickten Stimme. „Es komme!“ antwortete bitter der junge Kommandant. „Das Schreckniß hat ſchon ſeinen hoͤchſten Grad erreicht.“ „Sollte es aber doch,“ erwiederte der zweite Lieutenant, und zeigte auf den dunkeln und nahen Punkt im Nebel, „ſollte es aber doch ein ſterbliches Schiff ſeyn, ſo ſind wir den Paſſagieren und den Armateurs ſchuldig, es anzurufen, wenn ein Menſch ſeine Stimme im Sturm zu erheben vermag.“ „Es anrufen! Paſſagiere!" ſagte Wilder, unwillkuͤhr⸗ lich wiederholend vor ſich hin.„Nein! Alles auf der Welt iſt beſſer, als es anzurufen. Siehſt Du das Schiff, welches ſo raſch heranſegelt?“ fragte er mit feſter Stimme den wachſamen Matroſen, der ſeinem Poſten treu, das Steuer⸗ rad der Karoline noch nicht verlaſſen hatte. „Ja, ja, Sir,“ war die kurze ſeemaͤnniſche Antwort. „Laß ihm das Fahrwaſſer; umgeſchwait! Das Steuer an Backbord! vielleicht ſegelt es in der Dunkelheit an uns vorbei, um ſo mehr, da wir beinahe gaͤnzlich Waſſer zie⸗ hen, Ans Backbord geſteichen! verſtanden?“ Der Matroſe antwortete eben ſo lakoniſch wie das erſte⸗ mal, und der Kauffahrer von Briſtol ſtrich einige Augen⸗ licke aus der Linie des Fremden. Aber ein zweiter Blick uͤberzeugte Wilder, daß dieſer Verſuch unnuͤtz ſey. Das ————yj,,,—O 2ꝑ 2 4 — 373— geheimnißvolle Segel, denn Jeder an Bord war uͤberzeugt, daß es daſſelbe ſey, welches man ſo lange am nordweſtlichen Horizont ſchweben geſehen, ſteuerte durch den Nebel mit einer Schaͤrfe daher, die der Schnelligkeit des Windes gleich kam. Man ſah kein beigeſetztes Segel darauf. Alle Spieren, alle, ſogar die leichten Bramſtangen waren an ihrem Orte, und bewieſen die Schoͤnheit und das Ebenmaaß des ganzen Fahrzeugs, aber necht der klelnſte Lappen Lein⸗ wand war dem Orkane dargeboten. Vor dem Buge her rollte ein Berg von Schaum, welchen man, ſelbſt mitten unter den empoͤrten Wogen des Oceans un terſcheiden konnte; als es nahe genug war, hoͤrte man das Brauſen der Wellen, einigermaßen mit dem Sturze eines reißenden Waldſtromes zu vergleichen. Erſt glaubten die Zuſchauer auf dem Ver⸗ deck der Karoline, ſie wuͤrden nicht geſehen, und einige ſchrien heftig nach Lichtern, beſorgend, ein ſchrecklicher Stoß moͤchte den Schreckniſſen dieſer Nacht die Krone aufſetzen. „Nein!“ rief Wilder,„ſie ſehen uns nur zu gut!“ „Nein, nein,“ murme —— ²2 Nighthead,„fuͤrchtet nichts, wir werden geſehen, und zwar mit Blicken, wie ſie nie aus einem ſterblichen Auge ſahen!“ Die Matroſen ſchwiegen. In einem Augenblick war das raͤthſelhafte Segel innerhalb 100 Fuß von der Karoline ent⸗ fernt. Dieſelbe Wucht des Sturmes, welche die Wogen mit ſoviel Wuth in die Hoͤhe gepeitſcht hatte, preßte nun das Element in ſein Bette zuruͤck, und hielt es gefeſſelt, wie unter der Laſt eines Gebirges. Die See war uͤberall Schaum bedeckt, aber keine Woge erhoh ſich uͤber den — 374— Waſſerſpfegel. Wenn eine Welle nur auf einen Augenblick ihrem Schooße entſchluͤpfen zu wollen ſchien, ſo hob ſie ſchnell der Wind in die Luft, und jagte ſie als Waſſerſtaub weit hinaus; nur eine weißliche Spur blieb von ihr zuruͤck. Das fremde Segel bewegte ſich wie ein leichtes Gewoͤlk vor dem Winde, groß und majeſtaͤtiſch auf der ruhigen Schaum⸗ flaͤche. Kein Lebenszeichen war an Bord zu ſehen. Wenn vielleicht einige Matroſen die traurigen Truͤmmer des Kauf⸗ fahrers von Briſtol belugten, ſo waren ſie ſelbſt unſichtbar und auf dem Verdeck war Alles ſo finſter, wie der Sturm, dem ſie zu entweichen ſuchten. Im Augenblick, da das fremde Fahrzeug zunaͤchſt bei ihnen vorbei ſteuerte, hielt Wilder den Athem zuruͤck, ſeine Angſt hatte den hoͤchſten Grad erreicht, da er aber keine menſchliche Geſtalt, kein Signal ſah, keine Bemuͤhung, die raſche Fahrt zu hemmen, bemerkte, glaͤnzte ein Laͤcheln der Zufriedenheit auf ſeinem Geſichte und ſeine Lippen bewegten ſich lebhaft, als wuͤnſche er ſich innerlich Gluͤck, nun ſeinem Schickſal uͤberlaſſen zu ſeyn. Das andere Segel flog vor⸗ güber, wie ein Nebelgebilde und bald verſchwand es in der Ferne hinter den Schaumhuͤgeln, die ſein Kiel aufwarf⸗ „Es verliert ſich im Nebel,“ ſchrie Wilder, als er nach der ausgeſtandenen graͤßlichen Angſt wieder aufathmete. „Im Nebel oder in den Wolken,“ antwortete Night⸗ head, der hartnaͤckig an ſeiner Seite blieb, und mit eifer⸗ ſuͤchtigem Mißtrauen die geringſte Bewegung ſeines unbe⸗ kannten Kommandanten beobachtete. — „ n⸗ 1 „In den Himmel oder in die See, das kuͤmmert mich wenig; es iſt verſchwunden, das iſt die Hauptſache.“ „Vielé Seeleute haͤtten ſich aber gefreut, ein fremdes Segel zu erblicken, wenn ſie, wie wir, ſich auf dem Rumpf eines bis aufs Verdeck geſchorenen Schiffes befaͤnden.“ „Die Menſchen rennen oft in ihr Verderben, weil ſie ihr Beſtes nicht zu beurtheilen wiſſen. Es entferne ſich, ſage ich Ihnen, und dies iſt der heißeſte meiner Wuͤnſche. Es ſegelt vier Fuß, wenn wir einen, und jetzt bitte ich noch um die eine Gunſt, daß dieſer Orkan bis zu Sonnenaufgang daure!“ Nighthead ſchauderte, und warf auf ſeinen Gefaͤhrten einen ſchiefen Blick, der einer heimlichen Verwuͤnſchung glich. Seiner ſtumpfen und aberglaͤubiſchen Seele galt es fuͤr Ruchloſigkeit, den Sturm anzurufen, in einem Lugei blicke, da die Wuth aller Winde entfeſſelt war. „Es iſt ein ſchrecklicher Sturm, das iſt wahr,“ fagte er,„wie viele Seeleute in ihrem ganzen Leben keinen aus⸗ zuhalten hatten; wer aber glaubt, daß auf der Seite, wo er herkommt, nicht noch mehr Winde im Vorrath liegen, der kennt die See nicht.“ „Er blaſe, er wuͤthe!“ rief Wilder, und rieb ſich wie wahnwitzig die Haͤnde,„ich verlange nur Wind!“ Alle Zweifel Nightheads, wenn er deren noch hatte, uͤber den Charakter des jungen Fremden, welcher auf eine ſo be⸗ ſondere Weiſe den Poſten Nikolaus Nichols eingenommen hatte, waren jetzt geloͤſt; er kehrte, zur ſtillen nachdenken⸗ den Mannſchaft mit der Miene eines Menſchen zuruͤck, deſſen — 376— Meinungen entſchieden ſind. Wilder ſchien nicht weiter auf ihn zu achten, ſondern fuhr fort, naycere Stunden hindurch mit langen Schritten das Verdeck zu meſſen, und richtete bald ſein Auge auf den Himmel, bald ſchleuderte er unru⸗ hige Blicke auf den begraͤnzten Horizont, waͤhrend die koͤnig⸗ liche Karoline fort und fort, als nacktes und geſchorenes Wrack vor dem Winde irrte.