= b der B her auf ihre eigenen Koſten und Gefe 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und 8 4 29 Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Oltmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ vfränahn. und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 6 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und heträgr: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —— 2e ——— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 Auswäürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung hr ſelbſt zu ſorgen. 9 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der eſer ſum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonderb darauf aufmerkſam gemacht, daß d das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. — e ——— 2——— L— — Cooper 8 ſaͤnmtliche Verke — 4 Ein⸗ bis drei und ſechzigſtes Bändchen. Viertes bis ſechstes Bändchen. — Frankfurt am Main, 1831. Gedruckt und verlegt bei Johann David Sauerländer. Die Waſſernixe 8 oder— der Tummler der Meere Eine Erzaͤhlung von Jalmes Fenimore Cooper. ——— Aus dem Engliſchen uberſetzt vom Bearbeiter der humoriſtiſchen Geſchichte New⸗Yorks von W. Irving. „Mais que diable alloit-il faire dans cette galère“ Viertes bis ſechstes Baͤndchen. Frankfurt am Main, 1831. Gedruckt und verlegt bei Johann David Sauerlander. 4 Erſtes Kapitel. „Ich, John Turner, Bin Herr und Bewohner Des ſtattlichen Schooner, In Ladung nach Carvlina— zc.:c. ꝛ0. Küſtenlied. 74 — Es iſt nicht nöthig zu erwähnen, mit wie vielem Inte⸗ reſſe der Alderman Van Beverout und ſein Freund der Patron Zeugen aller der Vorgänge an Bord der Coquette waren. Dem Erſtern entfuhr eine Art Freu⸗ denſchrei, als ſich ergab, daß das Schiff die Brigantine verfehlt habe und wenig Hoffnung ſey, ſie dieſe Nacht zu erreichen. „Zu was iſt auch die Jagd auf die Irrwiſche da auf dem Meer, Patron!“ raunte der Aldermann dem Oloff Van Staats ins Ohr.„Ich weiß von dem Tumm⸗ ler der Meere zwar nicht mehr, als ſich für den Prinzi⸗ pal eines Handlungshauſes ſchickt.— Die Reputation iſt wie eine ſteigende Rakete, die man von weitem ſieht! Ihro Majeſtät haben kein Schiff, das den Freihändler einholt, und warum alſo das arme Fahrzeug für nichts und wieder nichts anſtrengenv. 61— 63. 1 „Capitain Ludlow hat andere Dinge im Kopfe als das bloße Kapern der Brigantine,“ verſetzte lakoniſch der kurzgefaßte Patron,„der Gedanke, daß Alida de Barbe⸗ rie ſich auf der Brigantine befindet, hat großen Einfluß auf den Herrn.“ „Seltſame Unempfindlichkeit, Herr Van Staats, für einen, der mit meiner Nichte verlobt, ja ſchon ſo gut wie getraut iſt. Alida Barberie hat großen Einfluß auf den Herrn! Nun bitte ich, auf wen, der ſie kennt, hat ſie nicht Einfluß?“ „Die Meinung in Bezug auf das junge Fräulein iſt im Allgemeinen günſtig.“ „Meinung und günſtig! Soll ich aus dieſer Kälte ſchließen, mein Herr, daß unſer Handel abgebrochen iſt, daß die beiden Vermögen nicht zuſammen kommen, daß das Madchen nicht Euer Weib wird?“ „Hört, Herr Van Beverout, einer der ſeine Renten keſthält und mit Worten nicht verſchwenderiſch iſt, muß deßhalb nicht nach dem Gelde Anderer lüſtern ſeyn, und bei guter Gelegenheit kann er auch von der Leber weg reden. Eure Nichte hat eine ſo entſchiedene Neigung für einen Andern gezeigt, daß dieſes meine fröhliche Ausſicht ſehr trüben muß.“ „Es wäre doch ewig ſchade, wenn ſo viel Nachfrage umſonſt wäre! das hieße ja eine Art Zahlungsunfähig⸗ keit in Cupidos Geſchäften! Die Menſchen ſollten in allen Handelsſachen aufrichtig zu Werke gehen, Herr Van Staats, und ſo werdet Ihr mir denn erlauben, zum Be⸗ huf einer letzten Auseinanderſetzung die Frage zu thun, — 2V & 5₰ ob ſich Euer Sinn in Rückſicht auf die Tochter des alten Etienne de Barberie geändert hat oder nicht?“ „Geändert nicht, aber ſehr kurz reſolvirt,“ erwie⸗ derte der junge Patron.„Ich kann nicht ſagen, daß es mir Vergnügen macht, eine Nachfolgerin meiner Mutter zu erblicken, die ſo viel von der Welt geſehen hat. Wir ſind eine Familie, die mit ihrer Lage vergnügt iſt, und neue Sitten kämen mir in meiner Haushaltung etwas ungelegen.“ „Ich bin zwar kein Hexenmeiſter, mein lieber Herr, aber zu Gunſten des Sohns meines alten Freundes Ste⸗ phanus Van Staats will ich einmal eine Prophezeihung wagen. Ihr werdet heirathen, Herr van Staats— ja heirathen— und Ihr werdet Euch beweiben, mein Lieber⸗ mit— die Klugheit hält mich ab, es zu ſagen, mit wem Ihr Euch beweibt, aber Ihr ſollt Euch glücklich preiſen, wenn es nicht mit Einer iſt, die Euch Haus und Hof, Ländereien und Freunde, Güter und Renten, kurz alle ſoliden Tröſtungen des Lebens vergeſſen machen wird. Es ſollte mich nicht wundern, wenn die Wahrſagerei der klugen Frau da, der Pugkipſie, in Erfüllung ginge!“ „Und was iſt Eure eigentliche Meinung, Alderman Van Beverout, von den verſchiedenen geheimnißvollen Dingen, die uns da begegnet ſind,“ fragte der Patron auf eine Art, daß man ſah, das durch dieſe Gegenſtände geweckte Intereſſe mildere alle ärgerliche Empfindung über eine ſo harte Prophezeihung,„dieſe meergrüne Dame iſt kein gemeines Weib!“ „Meergrün und himmelblau!“ unterbrach ihn der ungeduldige Bürger,„das Weibsbild iſt nur zu gemein, Beſter, und das iſt eben der Jammer. Wäre ſie zufrie⸗ den geweſen, ihre Geſchäfte heimlich und vernünftig ab⸗ zumachen und dann wieder in die hohe See hinaus zu ſpaziren, ſo wäre keine von allen Thorheiten gekommen, die unſere Berechnungen verwirren, die ſchon ſo gut wie 8 abgemacht waren. Herr Van Staats, wollt Ihr mir er⸗ lauben, ein Paar ganz directe Fragen an Euch zu thun, 4 wenn Ihr Zeit dazu habt, mir darauf zu antworten?“ Der Patron nickte bejahend mit dem Kopfe. 3„Was denkt Ihr, mein Beſter, was mit meiner 4 Nichte geworden iſt?“ „Davon gelaufen iſt ſie.“ „Und mit wem?“ 4 Van Staats von Kinderhook ſtreckte den einen Arm nach der offenen See aus und nickte wieder. Der Alder⸗ man ſann ein wenig nach, und dann lachte er laut auf, als ob ein ſpaßhafter Gedanke über ſeinen üblen Humor den Sieg davon getragen habe. „Kommt, kommt, Patron,“ ſagte er in ſeinem ge⸗ wohnten freundlichen Ton, indem er den Beſitzer von hunderttauſend Akres anredete,„dieſes Geſchäft ie, wie 4 eine verwickelte Abrechnung, ein wenig ſchwierig, bis man die Bücher kennen lernt, und dann geht alles gut und wird ſo glatt wie Eure Hand. So war es bei der Be⸗ richtigung einer Güterrechnung des Kobus Van Klinck; nun, ſammt der Handſchrift des alten Pfefferkrämers und einigen Ungenauigkeiten in den Zahlen, brauchten ſie nur 3 kurze Zeit, um zu entdecken, wie der Saldo ſtand; ſie. machten ein Bischen vorwärts und rückwärts, wie das — 1 „ —.—— ſo üblich iſt, und damit wars fertig. Kobus war nicht ſehr hell in ſeinen Angaben, auch ein wenig ſorglos mit der Tinte. Sein Hauptbuch konnte das Buch eines Schwarzkünſtlers genannt werden, denn es waren wenig mehr als flüchtige Striche und Kleckſe, die letztern aber kamen ihm ſehr zu Paß, um die Poſten richtig zu ma⸗ chen. Er nannte die drei dickſten davon Zucker⸗Oxthoft, und machte damit eine artige Rechnung an einen Jankee⸗ Krämer, dem ein Bischen bange ums Gut war, und ich fordere, ſelbſt an dieſem entfernten Tage, wo alle näch⸗ ſten Intereſſen des Erfolgs ſo zu ſagen ſchlufen, jeden verantwortlichen Mann auf, zu behaupten, ſie ſähen nicht ſo gut dieſem Artikel als einem andern gleich. Etwas mußte es doch geweſen ſeyn, und da Kobus viel in Zu⸗ cker that, ſo ſprach eine große Wahrſcheinlichkeit für die genannten Orthofte. Kommt, kommt, Patron, wir krie⸗ gen die Dirn wieder, und bei guter Zeit. Dein Feuer wird durch Vernunftgründe nur ſolider, das iſt der Weg der wahren Liebe, die ein Bischen Aufſchub nicht irre macht. Alida wird deine gute Laune nicht erſchöpfen; dieſe normanniſchen Dirnen ſind tüchtig zu Fuß, wenns ans Tanzen geht, und wollen nicht zu Bett, wenn die Fiedeln ſtreichen!“ Mit dieſer Tröſtung hielt es der Alderman Van Beverout gerathen, die Unterhaltung für den Augen⸗ blick abzubrechen. Wie weit es ihm glückte, das Gemüth des Patrons zur alten Anhänglichkeit zurückzuführen, muß der Erfolg lehren, doch benutzen wir dieſe Gelegenheit, um wieder zu bemerken, daß der junge Gutsbeſitzer ein Vergnügen bei der Anregung der gegenwärtigen Scene empfand, wie er es in einem kurzen und ziemlich einför⸗ migen Leben nie zuvor empfunden. Während Andere ſchliefen, brachte Ludlow den größ⸗ ten Theil der Nacht auf dem Verdecke zu. Er legte ſich in die Hängmatten⸗Bekleidung gegen Morgen eine bis zwei Stunden nieder, und obgleich der Wind nicht lau⸗ ter als gewöhnlich durch das Tauwerk ſtrich, wurde er doch oft aus ſeinem Schlummer aufgeweckt. Bei jedem leiſen Ruf des Offiziers von der Wache an die Mann⸗ ſchaft erhob ſich ſein Haupt, um rings auf den engen Ho⸗ rizont hinauszuſchauen, und das Schiff bewegte ſich nie⸗ mals mit ſtarkem Ruck, ohne daß er erwachte. Er glaubte, die Brigantine ſey ſehr nahe, und in der erſten Wache war er in ziemlicher Erwartung, die beiden Schiffe möch⸗ ten einander unerwartet in der Dunkelheit begegnen. Als dieſe Hoffnung fehlſchlug, nahm der junge Seemann auch ſeinestheils zu einer Liſt ſeine Zuflucht, um Einen in die Falle zu locken, der in Liſten zur See ſo gewandt und erfahren zu ſeyn ſchien. Gegen Mitternacht, als die Wachen abgelöſt wurden, und die ganze Mannſchaft, mit Ausnahme der Müßigen, ſich auf dem Verdeck befand, erging der Befehl, die Böte auszuheben. Dieſe Arbeit, die in leicht bemannten Schif⸗ fen große Anſtrengung und Schwierigkeit macht, geſchah an Bord des königlichen Kreuzers mit Hülfe von Segel⸗ ſtangen und Flaſchenzügen, an denen die Kräfte von hun⸗ dert Matroſen ſich verſuchten. Als vier dieſer kleinen Schiffsbegleiter im Waſſer waren, trat ihre Mannſchaft, zu ernſthaftem Dienſt gerüſtet, hinein. Offiziere, auf die ſich Ludlow verlaſſen konnte, wurden zum Commando der drei kleinſten beordert, während er ſelbſt das vierte befeh⸗ ligte. Als alles fertig war und jeder Untergebene ſeine beſonderen Inſtruktionen hatte, verließen ſie die Seite des Schiffes und fuhren in verſchiedenen Richtungen in die Nacht hinein. Das Boot Ludlows hatte noch nicht funfzig Faden zurückgelegt, als er ſich völlig von dem Fehl⸗ ſchlagen einer ſolchen Jagd überzeugte, denn die Dunkel⸗ heit der Nacht war ſo groß, daß er die Stangen ſeines eignen Schiffs auf ſo kurze Entfernung kaum erkennen konnte. Nachdem er mit Hülfe des Compaſſes zehn bis funfzehn Minuten in einer Richtung geſchifft war, die ihn windwärts von der Coquette brachte, ließ der junge Mann die Leute zu rudern aufhören, und erwartete ruhig das Reſultat ſeiner Unternehmung. Es geſchah in einer Stunde nichts, was die Einför⸗ migkeit der Scene unterbrochen hätte, die See rollte re⸗ gelmäßig und war wenig bewegt; nur zuweilen brauchte es einige Ruderſchläge, um die Barke in ihrer Richtung zu erhalten, oder man hörte einen kleinen Wallfiſch ſich zur Oberfläche erheben, um mit ſchwerem Schnaufen der Luft zu genießen. Nach keiner Himmelsgegend hin war irgend etwas ſichtbar; nicht ein Stern blickte hervor, um die Einförmigkeit und das Schweigen der einſamen Natur zu unterbrechen. Die Mannſchaft nickte auf den Ruderbän⸗ ken, und unſer junger Seemann war eben im Begrif ſei⸗ nen Vorſatz als fruchtlos aufzugeben, als ſich plötzlich ein Geräuſch nicht weit von dem Ort, wo ſie lagen, hören ließ. Es war einer von jenen Tönen, der nur Seeleuten verſtändlich iſt und dem Capitain Ludlow ſo deutlich ans Ohr drang, als nur ein Wortlaut den Landbewohnern. Einem knarrenden Getön folgte das ſchwache Schlagen eines Seils, das an einem harten oder geſpannten Ge⸗ genſtand widerfährt, dann der ſchwere Klatſch einer Lein⸗ wand, die zuerſt einem maͤchtigen Antriebe folgt und dann plötzlich eingezogen wird. „Hört— hört ihr!“— rief Ludlow, etwas lauter als lispelnd.„Das iſt die Brigantine, die ihr Schönfahr⸗ ſegel einzieht! Gebt Raum, Leute— haltet euch bereit, an Bord zu ſpringen!“ Die Mannſchaft fuhr aus ihrem Nicken auf, man hörte den Schlag von Rudern und im nächſten Moment ſah man die Segel eines Schiffes, das faſt queruber ihres Laufs durch die Dunkelheit ſtrich. „Luſtig mit den Rudern, ihr Männer!“ fuhr Ludlow mit dem Eifer eines Jagenden fort.„Wir haben ihn trefflich vor uns und er entgeht uns nicht!— langer Zug, ſtarker Zug— rüſtig, Burſche, und zuſammen!“ Die gewandte Mannſchaft that ihre Schuldigkeit. Es ſchien nur ein Augenblick, daß ſie dicht an dem Gegen⸗ ſtande waren. „Noch ein Ruderſchlag und ſie iſt unſer!“ ſchrie Lud⸗ low.—„Hackt ein!— zu den Waffen!— drauf, Ente⸗ rer, drauf!“ Wie Kriegsdrometen ſchmetterte der Ruf der Mann⸗ ſchaft an die Ohren. Matroſen ſchrieen, die Waffen raſ⸗ ſelten und das Trappeln von Füßen auf dem Verdeck des Schiffes deutete an, daß es gelungen ſey. Es folgte eine Minute von äußerſter Erregung und lärmender Verwir⸗ rung. Das Geſchrei der Enterer wurde in der Ferne ge⸗ hört, Raketen ſtiegen von den andern Böten in die Luft, 4 4*½ 8. — 9— und die Matroſen erwiederten das Geſchrei mit mann⸗ haften Lungen. Der ganze Ocean ſchien augenblicklich in Feuer zu ſtehen und eine Kanonenſalve von der Co⸗ quette vermehrte das Getöſe. Das Schiff ſteckte meh⸗ rere Laternen auf, um ſeine Lage anzudeuten, während blaue Lichter und andere Seeſignale in den Böten, die ſich näherten, brannten, als ob die, welche ſie füͤhrten, darauf dächten, die Angegriffenen durch Täuſchung mit der Zahl in Furcht zu ſetzen. Mitten in dieſer Scene des Erwachens aus der tief⸗ ſten Stille fing Ludlow an, ſich umzuſchauen, um ſich die Hauptgegenſtände der Kaperei zu ſichern. Er hatte ſeine Befehle des verbotenen Eintritts in die Cajuͤten und der Gefangennehmung des Tummlers der Meere unter den andern Inſtructionen an die Mannſchaft der verſchiedenen Böte wiederholt, und ſowie ſie ſich im ruhigen Beſitz der Priſe befanden, fuhr der junge Mann in die Gemächer des Schiffes, mit noch ſtärker klopfendem Herzen als in der Hitze des Enterns. Die Thür der Cajüte unter dem hohen Kurzdeck aufreißen und auf die Diele hinabſprin⸗ gen, war das Werk eines Augenblicks. Aber getäuſchte Hoffnung und Aerger folgten dem Triumphe. Ein zwei⸗ ter Blick war nicht nöthig, um zu zeigen, daß die rohe Arbeit und die ſchlechten Gerüche die ihm begegneten, nicht den bequemen und eleganten Gemächern der Bri⸗ gantine angehörten. „Hier iſt keine Waſſernixe,“ rief er laut, aus Antrieb des plötzlichen Erſtaunens. „Gott ſey gelobt!“ erwiederte eine Stimme, der ein entſetztes Geſicht aus einem Staatszimmer folgte.„Wir ——— — 10— hörten, der Räuber ſey draußen, und dachten, dieſes Geſchrei könnte keine Menſchenſtimme machen." Das Blut, das ſo ſtürmiſch Ludlow's Adern durch⸗ pocht hatte, ſtieg ihm nun in die Wangen und prickelte ihm bis in die Fingerſpitzen. Er gab ſeinen lauten, ſchleunigen Befehl, in ihr Boot zurück zu kehren und alles zu laſſen, wie ſie es gefunden hätten. Eine kurze Conferenz zwiſchen dem Commandanten des königlichen Schiffes Coquette und dem Seemann im Staatszimmer folgte, und dann eilte der Erſtere aufs Verdeck und in weniger als einer Secunde in ſeine Barke. Das Boot ſtieß von der erträumten Priſe ab, in einer Stille, die nur durch einen Geſang unterbrochen war, welcher al⸗ lem Anſchein nach von Jemanden kam, der unterdeſſen am Steuerruder ſtand. Alles, was von dieſer Muſik geſagt werden kann, iſt, daß ſie mit einem Tert ver⸗ bunden war, und alles, was von dieſem gehört werden konnte, war ein Stück von einem Vers, wenn man es Vers nennen wollte, der die Talente eines ächten Seemannes in Uebung geſetzt hatte. Da wir hinſichtlich der Genauigkeit dieſer Anführung ganz von der Treue des Schiffsjournals, wie es der genannte Seecadet führte, abhängen, ſo iſt es allerdings möglich, daß dem Schrei⸗ ber einiges Unrecht geſchieht, aber nach jener Urkunde ſang er einen Vers des Küſtenlieds, das wir dieſem Kapitel als Motto vorgeſetzt haben. Die Papiere des Küſtenfahrers gaben keine genauere Beſchreibung von ſeinem Charakter und Betrieb, als jener Vers enthält. Gewiß iſt, daß das Loggbuch der Coquette weit weniger deutlich war. Dieſes lautete näm⸗ — — 11— lich nur dahin, daß nein Küſtenfahrer, der Stattliche Tannenbaum genannt, Schiffer John Turner, Ladung von Neu⸗York nach der Provinz Nord⸗ Carolina, um 12 Uhr in der Nacht geentert ward, alles in gutem Stand.“ Aber dieſe Bezeichnung genügte den Seeleuten des Kreuzers nicht. Die, welche der Expedition beiwohn⸗ ten, waren zu aufgeregt, um die Dinge in ihrer wah⸗ ren Geſtalt zu ſehen, und verbunden mit dem zweima⸗ ligen früheren Entkommen der Waſſernixe gab das ſo eben erzählte Ereigniß nicht geringen Anlaß, ſie in ih⸗ ren früheren Anſichten über die Natur dieſes Schiffes zu beſtärken. Der Segelmeiſter war nicht mehr der einzige, welcher glaubte, daß jede Verfolgung der Brigantine überflüſſig ſey. Doch dieß waren Schlüſſe, welche die Mannſchaft der Coquette erſt bei gehöriger Muße zog, ſtatt daß die⸗ ſelben ſich den Augenblick aufdrängten. Die Böte hatten ſich, durch die blitzenden Lichter geleitet, wieder verei⸗ nigt und ruderten tüchtig nach dem Schiff zu; erſt als ſie wieder unten in ihren Hängematten lagen, waren ihre Pulſe ruhig genug und ergab ſich Veranlaſſung, den verwunderten Zuhörern zu erzählen, was geſchehen war. Robert Yarn der Vortopmann, dem die Locken der meergrünen Dame wahrend des Sturms ins Geſicht gepeitſcht hatten, nahm den Umſtand wahr, um ſich auf ſeine Erfahrungen etwas zu Gute zu thun, und nachdem er einige Sätze vorangeſchickt, die ſeiner Theorie beſon⸗ ders günſtig waren, führte er einen von der Mannſchaft des Bootes ein, der vor jedem Gerichtshof der Chriſten⸗ heit zu betheuern bereit ſtand, daß er geſehen, wie ſich — des Schmuggles kenntlich machen, in die plumpe und ſchwerfällige Geſtalt des Küſtenfahrers verwandelt hätten. „Da ſind Nichtswiſſer,“ fuhr Robert fort, nachdem er durch das erwähnte Zeugniß ſich in ſeinem Stand⸗ punkt befeſtigt hatte,„Leute die behaupten wollen, das Meereswaſſer ſey nicht blau, weil der Mühlbach von ih⸗ rem Ort Schlamm führt. Aber wir echte Seehunde, die ſich in manchen fremden Himmelsſtrichen verſucht haben, verſtehen die Philoſophie des Lebens und wiſſen, wann eine Wahrheit zu glauben oder eine Lüge zu ver⸗ achten iſt. Von Schiffen, die ihre ganze Geſtalt geän⸗ dert, wenn ſie ins Gedränge kamen, haben wir manche Beiſpiele; und da ein ſolches ſo nahe liegt, was brau⸗ chen wir nach entfernten Meeren zu rudern, um einen Beweis herzuholen. Meine Meinung über die Brigan⸗ tine iſt nun ungefähr die;— das heißt, ich vermuthe, es gab einmal wirklich einen Zwitter von ihrem Bau und Takelwerk und dieſer kann dann einen ſolchen Han⸗ delsweg genommen haben, wie das uns aufgeſtoßene Schiff angeblich läuft, aber in Wahrheit iſt er in einer unglücklichen Stunde mit ſeinem Schiffsvolk in die Brüche gegangen und iſt ſeitdem auf ewig verdammt, zu gewiſſen Zeiten an dieſer Küſte zu erſcheinen. Er hat dabei jedoch eine natürliche Averſion vor einem kö⸗ niglichen Kreuzer und ohne Zweifel wird das Ding jetzt von ſolchen gelenkt, die von keinem Compaß und von keinem Dienſt was zu wiſſen brauchen! Iſt dem alſo, ſo nimmt mich's nicht Wunder, daß die Mannſchaft des Boots, als ſie an Bord ſprang, das Schiff ganz anders die ſchönen und anmuthigen Umriſſe, die den Rumpf mpf und ten. dem und⸗ das ih⸗ nde, ucht ſen, ver⸗ n⸗ nche au⸗ nen an⸗ the, Bau dan⸗ ene ner die mt, Er kö⸗ etzt von lſo, des ers — 13— geartet fand, als ſie vermuthet hatte. So viel iſt im⸗ mer gewiß, daß, wie ich Bootshakenlänge von ihrer Sprietſegelſtange lag, ſie eine Halbgetakelte mit einem Weibsbild vorn, und im Stangenwerk ſo ſchön aufge⸗ ſetzt war, als ein Menſchenauge je ſo was geſehen, in⸗ deß alles drunter und dran ſo ſchön feſt war wie eine Tabaksdoſe mit zugeklapptem Deckel, und nun ſagen doch alle, die darauf waren, es wär' ein hochgedeckter Schooner geweſen und nichts von guter Schiffsform drum und dran! Was braucht's noch mehr Beweis für die Wahrheit des Geſagten.— Kann einer was dawider aufbringen, der rede.“ Da Niemand etwas dawider einwandte, ſo iſt zu vermuthen, daß die Gründe des Topmanns viele Pro⸗ ſelyten gewannen. Es braucht kaum hinzugefügt zu werden, wie vieh der berüchtigte Tummler der Meere dadurch an geheimnißvoller Wichtigkeit zunahm. Anders ſtand es auf dem Kurzdeck. Die zwei Lieu⸗ tenants ſteckten die Köpfe zuſammen und blickten ernſt, während man einen oder zwei der Seecadetten, die mit im Boot geweſen waren, mit ihren Collegen etwas lis⸗ peln und dann herzlich kichern hörte. Der Capitain be⸗ hielt ſein gewöhnliches ernſthaftes und gebieteriſches We⸗ ſen; der Spaß ging nicht weiter und damit war's zu Ende. Bei dieſer Gelegenheit wird es ſich wohl ſchicken, zu bemerken, daß im Lauf der Zeit der Stattliche Tannen⸗ baum die Vorgebirge von Nord⸗Carolina mit heilem Bord erreichte und nachdem er ohne Hinderniß den Weg uber die Sperrbank von Edenton genommen, den Fluß bis zu ſeinem Beſtimmungsort hinauf fuhr. Hier ſprengte 1 ————— — 12— dann das Schiffsvolk bald das Gerücht aus, wie der Schooner und ein franzöſiſcher Kreuzer hart aneinander gerathen ſeyen. Da das Reich der Britten ſelbſt an den entlegenſten Ecken und Enden wachſam auf ſeinen ſeemänniſchen Ruhm iſt, ſo geſchah es, daß das Ereig⸗ niß in kurzer Zeit Gegenſtand der Unterhaltung in ent⸗ fernteren Theilen der Colonie ward, und in weniger denn ſechs Monaten enthielten die Londoner Blätter eine ſehr lebendige Darſtellung des hitzigen Gefechts, worin die Namen der ſtattliche Tannenbaum und John Turner reſpectable Fortſchritte zu der Unſterblichkeit machten. Wenn Capitain Ludlow jemals einen andern Bericht von dem Ereigniß, als in dem Loggbuch verzeichnet ſtand, zu leſen gab, ſo verhütete ohne Zweifel das Schicklich⸗ keitsgefühl der Herren von der Schatzkammer das Be⸗ kanntwerden deſſelben. Von dieſer Abſchweifung, die keinen weiteren Zu⸗ ſammenhang mit dem Faden der Geſchichte hat, als der von dem Intereſſe an derſelben entſpringt, kehren wir zu den weiteren Begebenheiten an Bord des Kreuzers zurück. Wie die Coquette ihre Böte aufgewunden hatte, wurde der Theil der Mannſchaft, der nicht die Wache hielt, in die Hängmatten entlaſſen, die Laternen herab⸗ genommen, und abermals herrſchte nun Stille auf dem Schiff. Ludlow ſuchte ſelbſt die Ruhe und obwohl Grund zur Vermuthung iſt, daß ſein Schlaf durch Träume et⸗ was unterbrochen war, ſo blieb er doch ziemlich ruhig in ſeiner obern Hängmatte, als dem Ort, den er, wie —— 5— früher bemerkt, ſich zum Ruheplatz erkohren, bis die Morgenwache ausgerufen wurde. Obgleich unter den Offizieren und aufgeſtellten Po⸗ ſten die größte Wachſamkeit herrſchte, ſo lange die Nacht währte, ſo ereignete ſich doch nichts weiter, was die Mannſchaft von ihren gewöhnlichen Ruhelagern zwiſchen den Kanonen hätte aufſchrecken können. Der Wind blies fortwährend leicht, doch ſtetig, die See ging ruhig und der Himmel war unbewölkt, wie in den erſten Stunden Aheit Zweites Kapitel. So mied die Maus die Katze nie, wie Jene Sich ſtahlen aus den Augen ärg'rer Schurken. Cvriolanus. Der Tag brach auf dem atlantiſchen Meere mit ſei⸗ nem perlreichen Lichte an, und es folgte die gewöhnliche Röthe des Himmels und das majeſtätiſche Aufſteigen der Sonne aus den Gewäſſern. In dem Augenblicke, wo der regſame Offizier, der die Morgenwache hatte, die erſten Blicke des rückkehrenden Glanzes erhielt, war auch Ludlow ſchon wach. Ein an ſeinen Arm gelegter Finger reichte hin, einen Mann aufzuwecken, dem ſelbſt im Schlafe die Verantwortlichkeit des Dienſtes immer gegenwärtig blieb. Es verging keine Minute, ſo war der junge Mann auf dem Kurzdeck und beobachtete den Himmel und den Horizont. Seine erſte Frage war, ob während der Wache nichts bemerkt worden ſey. Die Antwort war verneinend. „Mir gefällt da die Oeffnung in Nordweſt,“ bemerkte der Capitain, nachdem ſein Auge den ganzen noch dü⸗ ſtern und engen Umkreis durchlaufen hatte.„Wir wer⸗ den Wind von daher haben. Eine Kappe voll und wir werden die Schnelligkeit dieſer gerühmten Waſſernixe proben!— Iſt das nicht ein Segel, an unſerer Wetter⸗ rae hier— oder iſt's der Schaum einer Woge?“ „Die See wird unruhig, und ich habe mich ſeit Ta⸗ gesanbruch ſchon ein paarmal ſo getäuſcht.“ „Mehr Segel dran. Da iſt Wind von der Küſte her; wir wollen ihn benutzen. Macht allerwärts klar, daß wir die ganze Leinwand ſpannen!⸗ Der Lieutenant empfing dieſen Befehl mit der ge⸗ wohnten Ehrerbietung und theilte ihn den Untergebenen in aller Schnelligkeit mit, die den Seedienſt charakteri⸗ ſirt. Die Coquette lag in dieſem Moment unter ihren drei Bramſegeln, eines davon war wider den Maſt ge⸗ legt, ſo daß es das Schiff faſt ſtetig machte, ſo viel es das Treiben und der Andrang der Wellen erlaubte. So wie aber der Offizier von der Wache ſein Schiffsvolk zur Arbeit aufrief, ſah man ſchwere Raen ſich regen, mehrere leichte Segel, die dem Schiff zum Gleichgewicht dienten, wurden in die Höhe gezogen oder geöffnet und das Schiff fing ſogleich an, ſich weiter zu bewegen. Wäh⸗ rend die Matroſen von der Wache ſo beſchäftigt waren, verkündete das Klatſchen der Leinwand das Kommen ei⸗ nes friſchen Windes. 6 6 ,f r —* dN — — 1 Die Küſte von Nordamerika iſt plötzlichen und ge⸗ fährlichen Uebergängen in den Luftſtrömungen ausgeſetzt. Es iſt kein ungewöhnliches Ereigniß, daß ein heftiger Wind mit ſo wenig Andeutung den Lauf ändert, daß er ein Schiff in die größte Gefahr bringt und es oft im Nu verſenkt. Es iſt verſchiedentlich geſagt worden, daß das berühmte Schiff la Ville de Paris in einem dieſer raſchen Wechſel zu Grunde ging, indem der Capitain deſſelben ungewarnt zu viel Hinterſegel ſtellte, ein Miß⸗ griff, wodurch er das Commando ſeines Schiffes in dem folgenden Nothſtand verlor. Was nun auch die That⸗ ſache mit dieſem unglücklichen Ausgang geweſen ſeyn mag, gewiß iſt, daß Ludlow völlig die Gefahr ahnte, die zuweilen an ſeiner vaterländiſchen Küſte die erſten Stöße eines Nordweſtwindes begleitet und daß er nicht vergaß, ſich auf ſchlimmen Ausgang zu rüſten. Als der Wind vom Lande die Coquette traf, war der Lichtſtreif, der das Erſcheinen der Sonne verkundete, einige Minuten ſichtbar geweſen. Die breiten Dunſtfel⸗ der, welche den Himmel während des ſüdöſtlichen Win⸗ des verſchleierten, rollten in dichte Wolkenmaſſen auf, gleich einem ungeheuren Vorhang, der über der Scene emporgezogen wird, und das Gewäſſer wurde wie der Himmel ſogleich nach allen Seiten ſichtbar. Es bedarf kaum der Bemerkung, wie begierig die Blicke unſeres jungen Seemanns über den Horizont dahin liefen, um die Gegenſtände zu unterſcheiden, die ſich an ihm hinbe⸗ wegten. Zuerſt malte ſich getäuſchte Erwartung deutlich auf ſeinen Zuügen, dann aber belebte ſich ſein Auge und die Wange röthete ſich in kühnem Verlangen. 61— 63. 2 — 18— „Ich dachte ſchon, ſie ſey fort!“ ſprach er zu ſeinem erſten Lieutenant.„Aber da iſt ſie ja, unterm Winde, grade noch innerhalb des Randes des treibenden Nebels, und ſo todt unter unſerm Bord, wie ſie ein gütiges Ge⸗ ſchick nur machen kann. Laßt denn das Schiff laufen, Herr, und deckt es mit Leinwand von der Spitze zum Rumpf. Ruft die Leute aus den Hängmatten und zeigt dem Unverſchämten dort, was Ihro Majeſtät Schaluppe vermag, wenn's gilt!⸗ Dieſer Befehl war der Anfang einer allgemeinen ha⸗ ſtigen Bewegung, in der jeder Seemann auf dem Schiff ſich aufs Aeußerſte anſtrengte. Kaum waren die Hände zur Arbeit aufgerufen, als die Tiefen des Schiffs ihr Geräth gaben, das, mit dem Vorrath der Wache auf dem Verdeck verbunden, ſchnell die Stangen der Co⸗ quette mit einem ſchneeweißen Gewoͤlk überzog. Nicht zufrieden, den Wind auf den gewöhnlichen Raen und Flächen zu fangen, wurden lange Stangen übers Waſſer hinaus gereckt und Segel neben Segel geſetzt, bis die gebogenen Maſten keine mehr vertrugen. Der niedre⸗ 4 Rumpf, der dieſe aufgethürmten, verwickelten Maſſen 4 von Tauen, Sparren und Segeln trug, gab dem mäch⸗ tigen Antrieb nach und das Gebäude, das außer der Menge menſchlicher Weſen ein ſo ſchweres Gewicht von Geſchützſtücken trug, mit allem Beigepäck von Vorräthen und Ammunition, fing an, mit dem ſteten und kräfti⸗ gen Druck eines Coloſſes die Wogen zu theilen. Die Wellen kräuſelten und brachen ſich an ihren Seiten, wie Gewäſſer die Felſen beſpülen, und das feſte Fahrzeug ſpürte ihre ſchwache Anſtrengung nicht. Als der Wind 1 em de, els, Ge⸗ fen, um eigt tppe ha⸗ ſchiff inde ihr auf Co⸗ Nicht und aſſer 3 die iedre aſſen. näch⸗ der t von äthen räfti⸗ Die , wie örzeug Wind — 19— jedoch ſtärker wurde und das Schiff weiter vom Land abtrieb, ward die Oberfläche des Meeres allmählig be⸗ wegter, bis die Hochlande, die ſich über die Villa Luſt in Ruſt erhoben, zuletzt in die See ſanken, die königli⸗ chen Gipfelmaſten des Schiffs aber weite Curven an dem Himmel beſchrieben und die ſchwärzlichen Flächen zuweilen aufſtiegen, von einer hohen gähnenden Woge gehoben und von dem Elemente glitzernd, das ſie trug. Als Ludlow zuerſt auf den Gegenſtand hinwies, der ihm wie der Freihändler vorkam, ſchien es ein unbeweg⸗ licher Fleck am Saum des Meeres zu ſeyn. Nun wuchs es zum ganzen Bau und Ebenmaaß der wohlbekannten Brigantine auf. Man konnte deutlich ihre dünnen, fei⸗ nen Stangen ſehen, die ſich leicht aber weit mit dem beſtändigen Wanken des Rumpfes bewegten, ohne Se⸗ gel, außer dem einen, welches nöthig war, um das Ge⸗ bäude gegen die Wogen im Gleichgewicht zu halten. Aber, wie die Coquette grade in Kanonenſchußweite war, fing die Leinwand ſich zu entfalten an und man konnte bald ſehen, wie der Tummler ſich auf die Flucht rüſtete. Das erſte Manoeuvre der Waſſernixe war, ihren Verfolgern den Wind abzugewinnen. Ein kurzer Ver⸗ ſuch ſchien diejenigen, welche die Brigantine führten, ſattſam zu überzeugen, daß die Anſtrengung vergeblich ſey, während der Wind ſo ſtark blies und die See ſo hoch ging. Sie brachte und häufte nun Segel auf der entgegengeſetzten Seite, um dem Kreuzer den Vorſprung abzugewinnen, und erſt als das Reſultat hinlänglich von der Gefahr des Näherkommens des Andern überzeugt 2 8 hatte, ſetzte ſie das Steuerruder gegen das Wetter und flog davon wie ein Seevogel auf ſeinen Schwingen, den Wind über ihrem Taffarell. Nun boten die beiden Schiffe das Schauſpiel einer Parforcejagd dar. Die Brigantine öffnete gleichfalls die Falten aller Segel und thürmte eine Leinwand⸗Pyra⸗ mide über dem faſt unmerklichen Rumpf, daß es einer phantaſtiſchen Wolke glich, die über die See trieb, mit einer Geſchwindigkeit, die mit der Flucht der Dünſte in den obern Regionen zu wetteifern ſchien. Da beide Schiffe mit gleicher Gewandtheit geführt wurden und derſelbe Wind in ihre Segel blies, ſo dauerte es lange Zeit, bis man einen Unterſchied in ihrem Lauf wahr⸗ nahm. Stunde verrann nach Stunde, und hätte der Commandant nicht die weißen Schaumſtreifen geſehen, die von dem Bug der Coquette abſpritzten, und nicht die Art wahrgenommen, wie ſie die Wogenkämme überflog, ſo hätte er denken können, ſie bewege ſich nicht von der Stelle. Während der Ocean auf allen Seiten dieſelbe einförmige Waſſerwüſte zeigte, lag dort das gehetzte Schiff, dem Blick nach nicht einen Schuh näher oder weiter, als wie die Jagd begann. Eine ſchwarze Linie erhob ſich auf den Wellenkämmen und ſank wieder hinab, indem nichts weiter ſichtbar war, als das wallende Gewölk von Segeln, das auf dem Meer hintanzte. „Ich hatte mich zu dem Schiff beſſer verſehen, Mei⸗ ſter Tryſail!“ ſagte Ludlow, der lange ſtill dageſeſſen und dem Vorrücken aufmerkſam zuſah.„Wir ſind mit dem Bugſpriet drinnen und doch liegt der Kerl dort nicht deutlicher, als wie er die Segel ausbreitete.⸗ nd den ner die ra⸗ ner mit in eide und nge ahr⸗ der hen, die flog, der ſelbe jetzte oder Linie dieder lende Mei⸗ ſeſſen d mit dort — 21— „Und dort wird er auch liegen bleiben, Capitain Lud⸗ low, ſo lange der Tag währt. Ich habe den Spitzbu⸗ ben in den engen Meeren aufgejagt, ſo hoch wie die Sprietſegelſtange, und was kam dabei heraus? Der Schuft hat ſeinen Spaß mit uns, wie der Jäger mit der verwirrten Forelle, und da wir glaubten, wir hätten ihn, fuhr er uns aus den Augen heraus mit ſo wenig Anſtrengung, wie ein Schiff ins Waſſer ſchießt, wenns vom Stapel läuft!“ „Das macht, der Druide hatte ein bischen antiken Roſt an ſich. Die Coquette aber hat ſich nie auf eine Jagd eingelaſſen, von der ſie nicht erzählen konnte.“ „Ich ſetze kein Schiff gegen das andere herunter; denn Eigenſchaften ſind Eigenſchaften, und Niemand ſollte eigentlich von ſeinen Nebenmenſchen gering reden, am wenigſten von einem Ding, das auf der See läuft. Ich gebe zu, daß die Coquette im Wind ein herzhaftes Boot iſt und daß ſie läuft trotz einem; aber man muß den Werkmeiſter kennen, der die Brigantine da gezim⸗ mert hat, ehe man behauptet, daß irgend ein Schiff in der Flotte Ihrer Majeſtät es mit ihr aufnehmen kann, wenn ſie in's Gedräng kommt.“ „Solche Anſichten eignen ſich eher für einen Matro⸗ ſen im Maſtkorb, als für einen, der auf dem Kurzdeck ſteht.“ „Ich müßte ſo gut wie umſonſt gelebt haben, Capi⸗ tain Ludlow, wenn ich nicht wüßte, daß, was in mei⸗ nen jungen Tagen Philoſophie war, es jetzt nicht mehr iſt. Sie ſagen, die Welt ſey rund; das ſag' ich auch— zuerſt, weil der berühmte Herr Franz Drake und ver⸗ ſchiedene andere Engländer auf dem einen Ende ſo zu ſagen hinein und auf dem andern Ende wieder heraus⸗ gekommen ſind; das haben auch Seemänner von andern Nationen ſo probirt, nicht zu reden von einem gewiſſen Magellan, der da behauptet, er ſey der erſte Mann geweſen, der die Durchfahrt gemacht, was ich rund weg für eine portugieſiſche Lüge erkläre, da es ganz unver⸗ nünftig iſt, anzunehmen, daß ein Portugieſe gethan hätte, was bis jetzt noch keinem Engländer eingefallen iſt;— zweitens, wenn die Welt nicht rund wäre, oder was dem ähnliches, wie ſollten wir dann am Horizont die kleinen Segel eines Schiffs vor den großen ſehen oder die Leinwand vor dem Rumpf! Man ſagt auch, die Welt drehe ſich rund herum, was ohne Zweifel wahr iſt nnd eben ſo wahr, als daß die Meinungen darauf ſich mit ihr herumdrehen, was mich wieder zu dem Gegenſtande meiner Bemerkung führt— ei, der Burſche dort zeigt mehr Breite, Herr, als gewöhnlich! Er ſchlüpft nach dem Lande hinüber, das an der Stange dort hinaus liegen muß, da will er ſich in ſanfteres Ge⸗ wäſſer machen. Das Umherwerfen will dem leichten Bau nicht behagen, mag ihn nun gezimmert haben, wer da will.“ „Ich dachte ihn von der Küſte wegzutreiben! Könn⸗ ten wir ihn nur recht in den Golfſtrom bringen, dann war' er unſer, denn er geht zu niedrig im Waſſer, um uns in den kurzen Meeren zu entrinnen. Wir müſſen ihn in's blaue Waſſer hinein zwingen, mögen auch die Stangen oben krachen! Gehen Sie hinter, Herr Hop⸗ per, und ſagen dem Offizier von der Wache, daß er d zu aus⸗ dern iſſen dann weg wer⸗ than allen oder zont ehen auch, veifel ngen er zu der llich! tange 1b Ge⸗ ichten wer dönn⸗ dann „um Lüſſen ch die Hop⸗ aß er das Vordertheil anderthalb Striche nördlich richtet und den Braſſen einen leichten Ruck gibt.“ „Was der Kerl da für ein Schönfahrſegel führt! Es iſt ſo breit, wie die Inſtructionen eines Kaperbriefs und von der Höhe wie das Avancement eines Admirals⸗ ſohns! Wie da an Bord alles ſtramm zieht! Ein gan⸗ zer Segler, die Brigantine, das muß ich ſagen, mag ſie kommen, woher ſie will!“ „Ich meine, wir nahern uns ihm! Die hohe See hilft uns, wir kommen zum Handgemenge. Steure ſachte, Burſche, ſteure ſachte! Ihr ſeht doch, wie die Farbe ſeiner Ränder ſichtbar wird, wenn er ſich hebt.“ „Die Sonne trifft ſeine Seite und doch, Capitain Ludlow, können Sie recht haben— denn hier iſt ein Mann auf der Vorderſpitze, ganz deutlich. Ein oder zwei Schüſſe unter ſeine Stangen und Segel dürften nun von Nutzen ſeyn?“ Ludlow that, als höre er es nicht, doch der erſte Lieutenant trat auf das Vorderkaſtell und unterſtützte die Meinung, indem er bemerkte, die gegenwärtige Diſtanz würde die Anwendung der Jagdkanone ohne Zeitverluſt gutheißen. Da Tryſail ſeine Verſicherung hierbei wiederholte und mit Gründen unterſtützte, die nicht zu widerlegen waren, ſo erließ der Kommandant des Kreuzers mit Widerſtreben den Befehl, die vordere Kanone wegzunehmen und in die Zaunpforte zu ſchie⸗ ben. Die aufmerkſamen und dienſtbefliſſenen Seeleute brauchten damit nicht lange Zeit und es folgte bald die Meldung an den Capitain, daß das Geſchütz ſchuß⸗ fertig ſey. — — 24— Ludlow ſtieg nun von dem gewäͤhlten Poſten hinab und richtete die Kanone ſelbſt. „Schlagt den Keil ab, ganz,“ ſagte er zum Capi⸗ tain des Geſchützes, wie er in den Gang getreten war; „nun Achtung, wenn ſie ſich hebt, vorwärts; haltet das Schiff ruhig, nun— Feuer!“ Leute, welche gemächlich auf dem Trocknen leben, erſtaunen, von Kämpfen zu leſen, wo ſo viel Pulver ver⸗ ſchoſſen wird und in die hundert, ja tauſend Schüſſe mit ſo wenig Verluſt an Menſchen verſchwendet werden, wäh⸗ rend ein Gefecht zu Lande von minderer Dauer und an⸗ ſcheinend weniger Hartnäckigkeit eine Menge Menſchen hinwegreißt. Das Geheimniß des Unterſchiedes liegt in der Unſicherheit des Zielens auf einem ſo unruhigen Ele⸗ mente, wie die See iſt. Auch das größte Schiff iſt auf dem offenen Meere ſelten ganz ohne Bewegung, und es braucht dem Leſer nicht geſagt zu werden, daß der kleinſte Ruck, in der Richtung einer Kanone an ihrer Mündung, in der Entfernung von einigen hundert Fuß einen Unter⸗ ſchied von vielen Ruthen betragen kann. Die Geſchütz⸗ kunde zur See hat viele Aehnlichkeit mit der Uebung eines Vogelſtellers, da die Berechnung veränderter Richtungen in beiden Fällen angeſtellt werden muß und auf Seiten des Seemanns noch die Verlegenheit hinzu kommt, daß die complicirte Bewegung des Geſchützes ſelbſt Berückſich⸗ tigung fordert. Wie weit die Kanone der Coquette dem Einfluß dieſer Dinge unterworfen war oder wie weit die Sorge des Ca⸗ pitains, die Perſon zu ſchonen, welche er an Bord der Brigantine vermuthete, von Entſcheidung bei der Rich⸗ — 25— tung des Schuſſes war, wird wahrſcheinlich nicht bekannt worden ſeyn. So viel iſt jedoch gewiß, daß als der Feuer⸗ ſtrom und die ſich fortwälzende Wolke über's Waſſer fuhr, fünfzig Augen vergebens dem Laufe des eiſernen Boten unter Segel und Takelwerk der Waſſernire zu folgen ſtreb⸗ ten. Das Ebenmaß der ſchönen Taue war unzerſtört und das feine Gebäude glitt bewußtlos des feindlichen Strei⸗ ches leicht und hurtig wie zuvor über die Wellen hin. Ludlow ſtand bei ſeinem Schiffsvolk in dem Rufe, daß er im Richten des Geſchützes einige Geſchicklichkeit beſitze. Daher trug das Fehlen nun durchaus nichts dazu bei, die Meinung der Mannſchaft von der Natur des gejagten Schiffes zu ändern. Viele ſchüttelten den Kopf und mehr als ein alter Theerknabe murmelte, indem er ſeine ſchmale Gränze beſchritt und die Hände in ſeiner Jacke einge⸗ ſchlagen hielt, etwas von der Unmöglichkeit, daß gewöhn⸗ liche Schüſſe dieſer Brigantine etwas anhaben könnten. Es war jedoch unumgänglich, das Experiment zu wieder⸗ holen, um die Wahrſcheinlichkeit zu erproben. Die Ka⸗ none wurde einigemal gelöſt, aber eben ſo erfolglos wie das erſtemal. „Es hilft eben nichts, in die Entfernung unſer Pul⸗ ver zu verſchießen, wo das Meer ſo unruhig iſt,“ ſagte Ludlow, indem er nach einem fünften fruchtloſen Verſuch das Geſchütz verließ.„Ich feure nicht wieder. Seht auf Eure Segel, ihr Herrn, und achtet, daß alles gehörig zieht. Wir müſſens ferner mit den Sohlen probiren und das Geſchütz ruhen laſſen.— Schließt die Kanone.“ „Das Stück iſt ſchußfertig, Herr,“ bemerkte der Conſtabler, ſich auf die Gunſt, in der er beim Comman⸗ danten ſtand, verlaſſend, wiewohl er den Schritt mit ehr⸗ erbietigem Abziehen des Hutes wieder gut machte.— „Es wär' ſchade, den Schuß auszulaſſen!“ „Feuert denn ſelber und ſetzt die Kanone dann wie⸗ der in die Pforte,“ erwiederte der Capitain ſorglos, als wolle er zeigen, daß andere eben ſo unglücklich wie er ſeyn könnten. Die Matroſen, die allein bei dem Geſchütz zurück⸗ geblieben, bereiteten ſich zur Ausführung. „Jetzt den Keil weg, Feuer auf die Pfanne; auf den Pelz mit dem Preller!“ ſagte der rauhe alte See⸗ mann, dem die beſondere Aufſicht anvertraut war.„Keine von euern geometriſchen Berechnungen hier!“ Das Schiffsvolk gehorchte, der Lunten wurde ange⸗ legt, ſteigende Wogen halfen dem ehrlichen alten Kna⸗ ben, ſonſt würde unſer Bericht mit dem Schuß geendet haben; ohne ſie wäre er ſicher in eine nahe Woge ge⸗ gangen. Die Bug des Schiffs hob ſich mit der Erſchei⸗ nung des Nauches, das gewöhnliche kurze Aufmerken folgte, und dann ſah man Stücke Holz über die Bram⸗ ſegel der Brigantine fliegen, die zugleich einen ſtarken Ruck vorwärts bekam, indem die beiden wichtigen Segel⸗ die von der Stange geſtützt waren, mit fortgeriſſen und ganz zerſchlagen wurden. 3 „Das fürs Vorlaufen!“ ſchrie der glückliche Ma⸗ troſe, indem er der Kanone zärtlich auf den Hals klopfte. „Hexre oder keine da gehn zwei ihrer Lappen auf ein⸗ mal zum Teufel, und mit des Capitains Erlaubniß wer⸗ den wir ihr bald noch mehr Kleider vom Leibe ziehen! Kolben— rein.“ — 27— „Die Ordre lautet, die Kanone zurück zu rollen und zu verſchließen,“ ſagte ein luſtiger Seecadet, indem er auf das Ende des Bugſpriets ſprang, um die Ver⸗ wirrung an Bord des gejagten Schiffes mit anzuſehen. „Der Kerl iſt hurtig genug um ſeine Leinwand zu rol⸗ len.“ Es war in der That bei den Führern der Brigan⸗ tine Eile Noth. Die beiden plötzlich gelähmten Segel waren mit dem Winde überm Taffarell von großer Wich⸗ tigkeit. Die Entfernung der beiden Schiffe von einan⸗ der, betrug nicht über eine halbe Stunde, und die Ge⸗ fahr, dieſe Strecke zu verkürzen, war zu deutlich, als daß man zögern durfte. Die gewöhnlichen Bewegungen der Seeleute in kritiſchen Momenten werden mehr von einer Art Inſtinct geleitet, als von Nachdenken. Die ewigen Gefahren und eine waghalſige ſchwierige Lebens⸗ art, in der jeder Verzug vom Uebel ſeyn kann, auch Leben, Charakter und Eigenthum ſo oft von der Selbſt⸗ beherrſchung und den Hulfsmitteln des Commandirenden abhängen, erzeugen mit der Zeit ein ſo ſcharfzutreffendes Bewußtſeyn deſſen, was noth thut, daß es gleichſam zur andern Natur wird.— Kaum flatterten die Oberſegel der Waſſernire in der Luft, als die Brigantine ſachte ihren Lauf änderte, wie ein Vogel, deſſen Gefieder vom Jäger getroffen wird, und das Vordertheil ſtand nun gerade ſo gegen Süden, wie es noch den Augenblick zuvor nach Norden gewieſen hatte. Die Abweichung, ſo unbedeutend ſie war, brachte nun den Wind auf die entgegengeſetzte Seite und drehte den Baum, der ihr Schönfahrſegel hielt, raſch um. In * 1— 28— demſelben Augenblick ſchwollen die Segel, die an der Seite unterm Wind von der großen Leinwand klatſch⸗ ten, ganz geſpannt, und das Fahrzeug verlor nur wenig oder nichts von der Kraft, die es durch die Gewäſſer führte. Unter dieſer raſchen Bewegung ſah man Män⸗ ner oben haſtig beſchäftigt, wie ſchon der beobachtende kleine Seekadet bemerkt hatte, die zerſchlagenen Segel zu retten. „Ein Spitzbube hat Grütze im Kopf,“ ſagte Try⸗ ſail, deſſen Kenneraugen keine Bewegung des fremden Schiffes entging,„er kann ſeinen Witz aber brauchen, komme er nun aus welchem Hafen er wolle! Die Bri⸗ gantine wird gut geleitet! Wir haben nun von unſerm Schießen nichts als des Conſtablers Zettel der verbrauch⸗ ten Ammunition; der Freihändler aber hat wenig ver⸗ loren mit ſeinen Segeln da, wenn er die andern ſo gut aufzuſetzen weiß, auf ſeine Langmuſchel!’“ „Etwas iſt damit gewonnen, daß er nun nicht nach dem Lande kann und mit den ſtärkern Wogen wie zuvor kämpfen muß,“ antwortete Ludlow mild.„Mich dünkt, wir ſehen den Rumpf deutlicher, als bevor die Kugel wirkte.“ „unbezweifelt, Herr, unbezweifelt. Ich habe die un⸗ teren Linien erſt vor einer Minute geſehen, und war nah genug, den frechen Blick des Weibsbildes unterm Bug⸗ ſpriet zu erkennen; doch da geht die Brigantine hin in die Weite!“ „Ich bin ſicher, wir werden mit ihr handgemein!“ verſetzte Ludlow gedankenvoll.„Gebt mir ein Fernrohr, Segelmeiſter.“ 4 0 2 2 ͤͤͤͤͤͤͤͤͤͤ1——82 — 29— Tryſail beobachtete das Geſicht ſeines jungen Com⸗ mandanten, als dieſer den gehetzten Fremdling unters Glas nahm, und glaubte ſtarkes Mißvergnügen in ſeinen Zügen zu leſen, als er es wieder bei Seite legte. „Iſt kein Zeichen ſichtbar, daß er ſich zum Ziele legt, Herr? bleibt der Schuft halsſtarrig?“ „Die Figur am Hintertheil iſt der kecke Menſch, der ſich an Bord der Coquette wagte und nun ſo wohlbehag⸗ lich ſcheint, wie hier oben, als er uns ſo keck mitſpielte.“ „Der Kerl ſieht freilich nach blauem Waſſer aus, und ich dachte, Ihre Majeſtät habe gute Priſe an ihm, als er den erſten Fuß auf unſer Verdeck ſetzte. Sie ha⸗ ben wohl recht, Herr, ihn einen Kecken zu nennen! Des Burſchen Unverſchämtheit könnte die Mannszucht einer ganzen Schiffscompagnie zu Grunde richten, und wenn jeder andere Mann ein Offizier wäre, und der Reſt Prie⸗ ſter. Er nahm ſo viel Platz als möglich auf dem Kurz⸗ decke ein, und die Kappe ſaß ihm ſtolzer als da unſere Oberſegel. Der Kerl hat vor keinen Wimpeln Reſpekt! Ich ließ ihm, als ich ſie bei Sonnenuntergang herunternahm, den Flügel des einen, der herabkam, auf ſein unver⸗ ſchämtes Geſicht, als einen Fingerzeig, einen Klaps ge⸗ ben, und er nahms, wie ein Holländer ſich um ein Sig⸗ nal kümmert, das heißt, als eine Frage, die in der näch⸗ ſten Woche beantwortet wird. Ein bischen Politur auf dem Kurzdeck eines Kriegsſchiffs könnte aus dem Kerl einen Philoſophen machen und ihn für jede beliebige Schiffscompagnie zurecht ſtriecheln, und das in kurzer Zeit mit Gottes Hülfe.“ „Da geht eine neue Stange hinauf,“ rief Ludlow, indem er die Plaudereien des Segelmeiſters unterbrach. „Er möchte gern nach der Küſte.“ „Wenn dieſe Stöße noch beſſer kommen,“ verſetzte der Meiſter, deſſen Meinungen von dem Schiff mit ſei⸗ nen Berufsanſichten etwas ſchwankten,„ſo werden wir ihn ganz nach Wunſch und Wohlgefallen haben und die Kräfte ſeiner Brigantine proben! Die See hat einen grü⸗ nen Fleck windwärts und das Waſſer ſtarke Spuren auf einen kleinen Sturm. Man kann bei einer Luft wie dieſe gehörig in die oberen Regionen ſehen. Die Nordländer fegen aus den Nebeln von Amerika weg und verlaſſen beide, See und Land glänzend, wie das Geſicht eines Schulknaben ausſieht, ehe es Thränen ſetzt mit der er⸗ ſten Ruthe. Sie ſind in die ſüdlichen Meeren gekom⸗ men, Capitain Ludlow, das iſt mir bekannt; denn wir waren vor Jahren Kameraden unter den Inſeln, doch ich habe nie erfahren, ob Sie auch durch die Meerenge von Gibraltar gekommen ſind, und das blaue Waſſer unter den italieniſchen Bergen geſehen habe.“ „Ich machte einen Kreuzzug gegen die Babaresken ſchon als Knabe mit, und Dienſte fuͤhrten uns an die nörd⸗ liche Küſte.“ „Recht, die nördliche Küſte iſt's, die ich meine! Da iſt keine Strecke den ganzen Weg vom Eingang bis zum Faro von Meſſina, die meine Augen nicht auswendig wüß⸗ ten. Ei, es fehlt nicht an Wachtthürmen und Warten in dem Küſtenſtrich! Da ſind wir nun jetzt ganz nahe bei Amerika, acht oder zehn Seemeilen davon, nordwärts hin⸗ aus, und einige und vierzig vom Hintertheil, und doch wüßten wir nicht, woher wir kommen, nach dem Waſſer ach. etzte fei⸗ wir die grü⸗ auf dieſe nder aſſen eines er⸗ kom⸗ wir h ich von unter esken zörd⸗ Da zum wüß⸗ arten e bei hin⸗ doch — 31— und dem Senkblei könnten wir eben ſo gut denken, wir wären mitten im atlantiſchen Meere. Manch gutes Schiff plumpt auf Amerika, ehe es weiß, wo es iſt, in⸗ deß in jenem Meer man nach einem Berg, den man klar und deutlich vor ſich ſieht, noch vier und zwanzig Stunden in einem Streich laufen kann, ehe man die Stadt zu ſeinen Füßen hat“ „Die Natur hat für die Verſchiedenheit dieſer Küſte wieder durch den Golfſtrom entſchädigt, mit ſeinem ſchwimmenden Seetang und der verſchiedenen Temperatur, während auch in der finſterſten Nacht das Blei ſicher den Weg fühlen mag, denn kein Dach eines Hauſes erhebt ſich ſo allmählig, wie dieſe Küſte, von hundert Faden bis zum ſandigen Strande.“ „Ich ſagte, manch' gutes Schiff, Capitain Ludlow, und nicht manch' guter Schiffer.— Nein— nein, der echte Seemann weiß den Unterſchied zwiſchem grünem und blauem Waſſer, ſo gut wie zwiſchen Sumpf und See. Aber ich erinnere mich, etwas vergeſſen zu haben; ich wollte erzählen, wie wir einſt vor Genua an eine Ne⸗ belbank geriethen. Es war ganz die Wahrſcheinlichkeit, daß wir in der Nacht Land hätten, und deſto nöthiger war's, zu wiſſen, wie das Schiff ſtand. Es iſt mir ſchon oft ſo vorgekommen, das Meer ſey, wie das Menſchen⸗ leben, ein blindes Ding für alles, was vor einem liegt und keins von den klarſten über das, was vorbei iſt. Mancher Mann rennt kopfüber in ſein Verderben und manches Schiff läuft mit vollen Segeln auf eine Bank los. Morgen giebt's einen Nebel, durch den keiner von uns ſehen kann und ſelbſt die Gegenwart iſt wenig beſſer — 32— als dickes Wetter, in das wir hineinblinzeln, ohne was davon zu haben. Ja, wobei ich ſtehen blieb, da ging unſer Lauf hin, der Wind ſo ſcharf hinter uns als es nö⸗ thig war, ſo wie jetzt, denn die franzöſiſchen Nebeljagden haben eine Familienähnlichkeit mit den amerikaniſchen. Wir hatten die Bramſegel bei, ohne die Studdings, denn wir dachten an die tiefe Bai, in der Genua ſteckt, und die Sonne war ſchon übey eine Stunde hinunter. Unſer gutes Glück wollte, daß Wolken und Nebelſtrei⸗ fen nicht lange anhielten und wir bekamen einen klaren Horizont. Hier lag ein Schneegebirg, nördlich, ein bischen nach Weſten, und da lag ein anderes ſüdlich, nach Oſten. Das beſte Schiff der Königin Anna konnte reines in einem Tag erreichen und doch ſahen wir ſie daliegen, als lägen wir unter ihnen vor Anker! Ein Blick auf die Karte gab uns bald einen Begriff von un⸗ ſerer Lage. Die erſten waren die Alffen*), wie ſie ſie nennen, was nach meiner Vermuthung das franzöſiſche Wort für Affen ſeyn wird, deren es wohl dort zu Lande eine Menge gibt, und die andern waren die Hochlande von Corſika, beide ſelbſt im Sommer ſo weiß, wie die Haare eines achtzigjährigen Mannes. Sie ſehen nun, Herr, wir hatten nur die beiden mit dem Compaß auf⸗ zunehmen, um bis auf eine oder zwei Seemeilen genau zu wiſſen, wo wir waren. So fuhren wir bis Mitter⸗ nacht und dann legten wir bei; am Morgen ließen wir uns vom Tageslicht in den Hafen leuchten.—“ *) Wir müſſen das Wort Alpen des Wortſpiels wegen ſo ver⸗ ketzern.. Anmerk. des Ueberſ. — 33— „Die Brigantine wendet wieder!“ rief Ludlow.„Sie iſt entſchloſſen, ſeichter Waſſer zu ſuchen!“ Der Segelmeiſter ließ den Blick rings über den Ho⸗ rizont ſchweifen und wies dann feſt nach Norden. Lud⸗ low bemerkte die Bewegung und als er den Kopf drehte, hatte er wohl verſtanden, was es zu bedeuten habe. Drittes Kapitel. „— Ich geh' weiter, Herr, und ſogleich, Herr, Komm ich zu Euch zurück. Clown in zwölfte Nacht. Es mag nach unſern Sinnen aller Wahrſcheinlichkeit entgegen ſeyn, aber es iſt nichts gewiſſer, als daß die meiſten gewaltſamen Luftſtrömungen ihren Lauf vom Winde ab beginnen. Die Wirkung eines Sturms kann ſtundenlang vorher an entfernteren Punkten geſpurt wer⸗ den, ehe ihn Andre bemerken, die ſeinem Ausgang nä⸗ her liegen. Auch hat die Erfahrung gezeigt, daß ein Sturm verheerender an oder in der Nähe ſeines wirkli⸗ chen Ausgangs iſt, als da, woher er zu kommen ſcheint. Die öſtlichen Sturmwinde, die ſo oft die Küſten der Republik heimſuchen, richten ihre Verheerungen in den Baien vom Pennſylvanien und Virginien oder längs den Sunden der Carolina's ganze Stunden vorher an, ehe ihre Eriſtenz in den öſtlicheren Staaten kund wird, und 61— 63. 3 — 34— derſelbe Wind, der ein Sturm zu Hatteras iſt, wird in der Nähe von Penobſcot zu einem ſtarken Winde gemil⸗ dert. Dieſe Erſcheinung iſt indeſſen gar nicht unerklär⸗ lich. Der leere Raum, der in der Luft entſteht und der Urſprung aller Winde iſt, muß durch die nächſten Vor⸗ räthe der Atmoſphäre zuerſt ausgefüllt werden, und da jede Region dazu beiträgt, das Gleichgewicht wiederher⸗ zuſtellen, ſo muß jede wieder von den zunächſt liegenden friſchen Vorrath erhalten. Wäre eine Quantität Waſſer plötzlich der See entzogen, ſo würde der leere Raum von einem Strom der näachſten Umgebung ausgefullt und deſſen Höhe nach und nach von Vorräthen aufge⸗ bracht werden, die nur immer ſchwächer und ſchwächer zuflöſeen. Würde dieſer Zug bei einer Sandbank oder in der Nähe des Landes ſtattfinden, ſo wäre die Fluth von der Seite die ſtärkſte, wo das Waſſer den größten Spielraum hätte, und von ihr nur würde ſich dann die Strömung einſtellen. Aber während zwiſchen den beiden Fluidis eine ſo nahe Verwandtſchaft ſtattfindet, ſind doch die Wirkungen der unſichtbaren Winde ihrer Natur nach der menſchli⸗ chen Beobachtungskraft weit mehr entzogen, als die des Schweſterelementes. Das letztere iſt häufig dem unmit⸗ telbaren und deutlichen Einfluß des erſteren unterworfen, während die Wirkungen des Oceans auf die Luft durch die Feinheit des Einfluſſes der Beobachtung entgehen. Unſtete und verlorene Strömungen findet man zwar in den Gewäſſern des Oceans, aber ihr Urſpung läßt ſich leicht auf die Wirkung der Winde zurückführen, während wir üher die unmittelbaren Urſachen, welche die Quellen der Winde ſind, oft in Ungewißheit bleiben. So kommt es, daß der Seemann, ſelbſt wo er das Opfer der un⸗ widerſtehlichen Wogen wird, den Himmel als den Ort beobachtet, woher ihm die Gefahr kommen ſoll; während er nun fürchterlich kämpft im Gedränge der Wogen, um das Gleichgewicht des ſchwachen, furchtſamen Gebäu⸗ des, das er regiert, zu erhalten, weiß er wohl, daß das⸗ jenige, was den ſichtbarſten und für den Landbewohner ſchrecklichſten Gegenſtand der Furcht ausmacht, nur das Werkzeug der unſichtbaren Gewalt iſt, welche das Waſ⸗ ſer auf ſeinen Pfad häuft. 3 Von dieſer Verſchiedenheit der Wirkungen und von dieſem Geheimniß der athmoſpäriſchen Einflüſſe kommt es daher, daß in allen Zeitaltern die Seeleute in Bezug auf die Winde ſich abergläubiſchen Anſichten überließen. Immer zeigt ſich mehr oder mindere Abhängigkeit von dieſem Nichtwiſſen in der Art, wie ſie die Wechſelungen des unſteten Elements betrachteten. Selbſt die Seeleute unſerer Tage ſind von dieſer Schwäche nicht frei. Der gedankenloſe Schiffsjunge bekommt einen Verweis, wenn ſein Pfeifen ſich im Heulen der Windsbraut hören läßt und der Officier verräth zuweilen ein unheimliches Ge⸗ fühl, wenn in einem ſolchen Augenblick die einmal an⸗ genommenen Anſichten ſeines Berufs verletzt werden Er befindet ſich in der Lage eines Mannes, deſſen Ohr Mährchen von übernatürlichen Dingen eingeſogen, welche er nach ſeinem beſſern Wiſſen verdammen muß und bei Anläſſen, wo ſie ſich ſeinem Gedächtniß aufdraͤngen, die Nothwendigkeit fühlt, die Vernunft mit Gewalt zu 3* — 36— Hülfe zu nehmen, um Gefühle zu beſchwichtigen, die er ſchwerlich offenbaren möchte. Als jedoch Tryſail die Aufmerkſamkeit ſeines jungen Commandanten auf den Himmel lenkte, geſchah dies mehr mit der Ueberlegung eines erfahrenen Seemanns, als mit einer den eben bemerkten ähnlichen Empfindung. Ein Gewölk zeigte ſich plötzlich auf dem Gewäſſer und lange Streifen riſſen ſich von ihm ab, in der Art, die der Matroſe ein windiges Anſehen nennt. „Wir kriegen mehr als wir brauchen, bei den Segeln da!“ ſagte der Meiſter, nachdem er und ſein Befehls⸗ haber die wechſelnde Geſtaltung des Nebels genügend beobachtet hatten.„Der Kerl da iſt ein geſchworner Feind von luftigen Segeln, er mag nichts als leere Stangen in ſeiner Nachbarſchaft leiden!“ „Ich denke, ſeine Erſcheinung wird die Brigantine zwingen, Segel zu kürzen;“ verſetzte der Capitain.„Wir wollen ſo lange als möglich Stand halten; er muß bald einziehen, oder die Windsbraut kommt ſeinem leichtge⸗ bauten Schiff über den Nacken.“ „Den Vortheil hat der Kreuzer voraus! Und doch macht der Spitzbube noch keine Miene, auch nur ein Stück herunter zu nehmen!“ „Wir wollen auf unſere eignen. Stangen ſehen,“ ſagte Ludlow, indem er ſich zum Lieutenant von der Wache wandte.„Rufen Sie die Leute herauf, daß ſie alles richten, für das riſſige Gewölk dort.“ Dem Beſehl folgten die gewöhnlichen rauhen Töne des Hochbootsmanns, der auf die Anſtrengung ſeiner Lunge mit einem langen ſchrillen Ton ſeiner Trompete — uber den Luckenwegen des Schiffs aufmerkſam machte. Der Ruf:„Händ' all Segel kürzen!“ brachte bald die Mannſchaft aus der Tiefe des Schiffes zu dem Oberdeck. Jeder gut exercirte Seemann nahm ſchweigend ſeinen Poſten ein und nachdem die Taue frei und die wenigen nöthigen Zurüſtungen gemacht waren, ſtanden alle in aufmerkſamer Stille und lauſchten auf die Töne, die ſich der Trompete entwinden würden, welche nun der erſte Lieutnant in Perſon übernahm. Die Ueberlegenheit im Segeln, die ein Kriegsſchiff vor einem Kauffahrer beſitzt, geht aus einer Menge von Umſtänden hervor. Der erſte iſt der Bau des Rumpfes, der bei dem einen ſo gut gearbeitet iſt, als die Schiffs⸗ baukunſt nur immer erlaubt, um den verbundenen Zweck der Eile und Leichtigkeit zu erreichen, während bei dem andern das Verlangen des Gewinns dieſen Tugenden großen Abtrag thut, um dafür ſo viel Ladungsfähigkeit als möglich zu erhalten. Hierauf kommt der Unterſchied im Takelwerk, welches nicht allein breiter, ſondern auch höher an einem Kriegsſchiff als bei einem Kauffahrer ge⸗ funden wird, weil die größere Zahl der Schiffsmann⸗ ſchaft des erſteren ſie befähigt, weit ſchwerere Stangen und Segel zu handhaben, als auf letzterem angewandt werden dürfen. Dann kommt die größere Fähigkeit des Kreuzers, Segel ein⸗ und aufzuziehen, da ein Schiff, das mit ein bis zwei hundert Mann beſetzt iſt, leicht den Wind bis zum letzten Augenblick benutzen kann, während ein mit einem Dutzend Matroſen bemanntes Fahrzeug oft ganze Stunden günſtigen Windes verliert, weil die Mannſchaft zu ſchwach iſt. Dieſe Erläuterung — 38— mag den uneingeweihten Leſer in den Stand ſetzen, zu beurtheilen, warum Ludlow gehofft hatte, daß die her⸗ annahende Windsbraut ſeinen Abſichten auf das feind⸗ liche Schiff günſtig ſeyn würde. Die Coquette hielt, um uns ſeemänniſch auszudrücken, bis auf's Letzte aus. Zerriſſene Wolkenſtreifen wirbelten in der Luft, ſchon in ängſtlicher Nähe der hohen leich⸗ ten Segel und das ſchäumende Waſſer wuchs dem Schiff ſo nahe, daß es ſchon ſeinen Strich verwiſchte, als Lud⸗ low, der das Nacheilen des Gewölks mit merkwürdiger Kaltbluͤtigkeit beobachtete, ſeinem erſten Lieutnant ein Zeichen gab, daß der Moment gekommen ſey. „Herein mit Allem!“ dieß durch die Seetrompete geſtoßen, war das einzige nöthige Signal; denn Offi⸗ ciere und Gemeine waren mit ihrem Dienſt vertraut. Kaum waren die Worte von den Lippen des Lieute⸗ nants, als das Heulen des Sturms in das Klatſchen der ſchlaffen Segel aufging. Stifte, Segel, Schleppſtangen, alles ging durch einander und in weniger als einer Mi⸗ nute hatte der Kreuzer nackte Stangen und pfeifende Taue, wo noch eben ein Gewölk von ſchneeweißer Lein⸗ wand geſchwebt hatte. Alle Steuerſegel kamen mit ein⸗ mal herein, die Oberleinen aber rollten an den hohen Stäben auf. Dieſe ſtanden nun noch allein und der Kreuzer bekam den ganzen Druck des kleinen Sturms auf ihre breiten Flächen. Das ſtattliche Schiff hielt den Stoß wacker aus, aber wie der Wind über's Taffarell ſtrich, hatte er nun weniger Gewalt über den Rumpf, als über das beſchriebene Geräth. Gefahr war jetzt nur für das Stangenwerk vorhanden, und dieſes rettete die lebendige und kuhne Aufmerkſamkeit des Capitains. Kaum war Ludlow gewiß, daß der Kreuzer die Ge⸗ walt des Windes ſpüre, wozu es nur einiger Augenblicke vedurfte, als er den ungeduldigen Blick nach der Bri⸗ gantine wandte. Zum Erſtaunen Aller, welche Zeugen ihrer Keckheit waren, zeigte die Waſſernixe noch immer alle ihre leichten Segel. So ſchnell nun das Schiff durch das Waſſer getrieben wurde, ſeine Schnelligkeit blieb gegen den Wind dahinten. Schon ſah man auf der Hälfte der Entfernung beider Schiffe die Zeichen des vorüberziehenden Sturms auf der See, und noch immer gab das gejagte Schiff keine Andeutung, daß es um ſein Nahen wiſſe. Der Befehlshaber deſſelben hatte of⸗ fenbar ſeine Wirkung auf die Coquette beobachtet und erwartete den Stoß mit der Kaltblütigkeit eines Man⸗ nes, der auf ſeinen eignen Füßen ſteht und die Kraft wohl anzuſchlagen weiß, mit der er es aufzunehmen hat. „Wenn er noch eine Minute macht, ſo kriegt er mehr, als er vertragen kann, und dahin fliegen alle ſeine Drachen, wie der Rauch aus dem Maul der Ka⸗ none!“ brummte Tryſail.„Ah! da kommen die Stud⸗ ding⸗Segel herab— ha! da auch das Schönfahrſegel — nun das königliche und das Bramſegel mit dem Top⸗ ſegel auf der Kappe!— Die Hundsfötter ſind hurtig, wie Beutelſchneider im Gedränge!“ Der ehrliche Segelmeiſter hatte hiermit die Vorſichts⸗ maßregeln, die man an Bord der Brigantine nahm, genau beſchrieben. Nichts war ausgeſpannt; da vielmehr alles zuſammengerollt oder herabgelaſſen war, ſo blieb dem Sturm wenig, woran er ſeine Wuth auslaſſen konnte. Die verkleinerten Flächen der Segel deckten die Stangen, während die Leinwand durch Hülfe der Taue geſichert war. Nach ein Paar Momenten Pauſe ſah man einige Männer oben mit beſſerer Befeſtigung der wenigen oberen und leichteren Segel beſchäftigt. Aber ungeachtet daß die Kühnheit, womit der Tumm⸗ ler der Meere mit ſeinen Segeln bis zuletzt aushielt, durch den Erfolg gerechtfertigt wurde, zeigte ſich doch die Wirkung des zunehmenden Windes und der wachſen⸗ den Wogen auf das Fortſchreiten der beiden Schiffe im⸗ mer deutlicher. Während die kleine niedre Brigantine anfing zu arbeiten und ſtark zu wanken, ritt die Coquette das Element mit Leichtigkeit und daher auch mit gerin⸗ gerem Widerſtand der Wogen. Zwanzig Minuten, in denen die Gewalt des Windes nur wenig nachließ, brach⸗ ten den Kreuzer dem Feind ſo nahe, daß die Mannſchaft die kleineren Gegenſtände meiſtens unterſcheiden konnte, die ſich in dem Tauwerk zeigten. „Blaſt Winde, daß euch die Backen ſpringen!“ ſagte Ludlow mit halblauter Stimme, während die Aufregung des fremden Schiffes mit der Hoffnung des Erfolges wuchs.„Nur eine halbe Stunde noch ſo, und dann ſtreicht, wohin ihr wollt!“ „Blaſe, guter Teufel, der Koch iſt dein!“ murmelte Tryſail, indem er einen ganz andern Autor citirte. „Noch ein Glas und wir ſind zum Anrufen bei ihm.“ „Der Sturm verläßt uns!“ unterbrach ihn der Ca. pitain.„Bekleiden Sie das Schiff wieder, Herr Luff, von ohen bis unten!“ —2— 3 —/ñ/—— 108,) — 41— Man hörte wieder die Pfeife des Hochbootsmanns in den Luckengängen, und der heiſere Ruf:„all' Händ' Segel auf!“ rief das Schiffsvolk wieder an ſeine Poſten. Die Segel waren mit einer Raſchheit am Ort, die faſt der Geſchwindigkeit des Abnehmens gleich kam und der heftige Wind hatte das Schiff kaum verlaſſen, als die complicirten Leinwandflächen wieder ausgebreitet waren, um von dem Luftſtrom aufzufangen, was nachhielt. An⸗ dererſeits wartete der Gejagte, ſelbſt kühner als der Kreuzer, nicht auf's Ende des vorübergehenden Sturmes, ſondern den Wink des Andern benutzend, fing der Tumm⸗ ler der Meere ſchon an die Segel hinaufzuziehen, als die See noch weiß von Schaum war. „Der falkenaugige Gauner ſieht, daß wir's damit zwingen,“ und macht ſich nun gleichfalls fertig. Wir gewinnen nichts, als eine Muſterung unſerer Hände.“ Die Thatſache war zu richtig, um geläugnet zu werden, denn die Brigantine ſtand wieder unter ihrer ganzen Leinwand, ehr noch das Kriegsſchiff durch ſeine größere Kraft weſentlich gewonnen hatte. In dieſem Au⸗ genblick, wo vielleicht in Folge des Steigens der Wogen die Coquette einen kleinen Vorſprung gewonnen, ſiel der Wind. Der kleine Sturm war ſeine letzte Anſtrengung geweſen und in Verlauf einer Stunde, nachdem die bei⸗ den Schiffe wieder die Segel aufgeſetzt hatten, ſchlug die Leinwand an die Maſten, und warf eine eben ſo große Kraft zurück, als ſie erhielt. Das Meer fiel ſtark und vor dem Ende der letzten oder Vormittags⸗Wache, war die Oberfläche nur durch jene langen, bogenförmi⸗ gen Linien bewegt, die es ſelten völliger Ruhe überlaſſen- 42— Eine kleine Zeit hindurch ſpielten unſtete Luftſtrömun⸗ gen in verſchiedenen Richtungen um das Schiff, doch immer in hinreichender Stärke, um ihm langſam durchs Gewäſſer zu helfen, und dann, als das Gleichgewicht des Elementes hergeſtellt ſchien, trat völlige Windſtille ein. Während der halben Stunde kämpfender Winde gewann die Brigantine wieder Vorſprung, wiewohl nicht genug, um ſie ganz aus der Schußweite des Kreuzers zu bringen. „Bindet die Segel auf,“ ſagte Ludlow, als der letzte Windhauch auf das Schiff zu wirken aufgehört; er ver⸗ ließ die Kanone, wo er lange geſtanden hatte, um auf die Bewegung der Brigantine zu achten.„Laßt die Böte in's Waſſer, Herr Luff, und bewaffnet ihre Mannſchaft.“ Der junge Befehlshaber gab dieſen Befehl, deſſen Abſicht keine weitere Erklärung bedurfte, feſt, doch ver⸗ drießlich. Sein Antlitz war gedankenvoll und ſein gan⸗ zes Ausſehen das eines Mannes, der ſich einer unan⸗ genehmen doch gebieteriſchen Pflicht unterwirft. Nach dem letzten Ausſpruch gab er dem aufmerkſamen Alder⸗ man und deſſen Freund ein Zeichen, ihm in ſeine Ca⸗ jüte zu folgen. „Es iſt kein Ausweg weiter,“ fuhr hier Ludlow fort, indem er das Fernrohr, das er dieſen Morgen ſo oft gebraucht hatte, auf den Tiſch legte und ſich in einen Stuhl warf.„Dieſer Näuber muß um jeden Preis ge⸗ fangen werden, und hier iſt eine günſtige Gelegenheit, mit Entern ſeiner habhaft zu werden. In zwanzig Mi⸗ nuten ſind wir an dem Schiff, und fünfe weiter ſehen uns in den Beſitz; doch—“ „Sie denken wohl, der Tummler iſt nicht darnach geartet, ſolchen Beſuch mit dem Gruß eines alten Wei⸗ bes zu bewillkommnen„¹I bemerkte Myndert mit Nach⸗ druck. „Ich müßte das ſchmucke Schiff und ſeinen Herrn ſchlecht beurtheilen, wenn ich glaubte, daß es ſich ſo leicht ergäbe. Die Pflicht iſt gebieteriſch bei dem See⸗ mann, Alderman Van Beverout, ſo ſehr ich den Um⸗ ſtand beklage, ich muß gehorchen.“ „Ich verſtehe Sie, mein Herr; der Capitain Ludlow hat zwei Gebieterinnen, die Königin Anna und die Toch⸗ ter des alten Etienne de Barberie. Er fürchtet ſich vor beiden. Wenn die Schulden die Zahlungsmittel über⸗ ſteigen, ſo ſcheint es weiſe, ſich zu einem Vergleich her⸗ zugeben und in dieſem Fall hätten wohlt Ihre Maje⸗ ſtät und meine Nichte die Rollen von Gläubigern.“ „Sie mißverſtehen mich, mein Herr,“ ſagte Ludlow ſtolz.„Es iſt bei einem treuen Beamten an kein Ac⸗ kordiren zwiſchen ihm und ſeiner Pflicht zu denken, auch darf ich nur Eine Herrin auf meinem Schiff anerkennen — aber weuig kann man ſich auf Seeleute im Augen⸗ blick des guten Erfolgs verlaſſen, noch dazu wenn ihre Leidenſchaften durch Widerſtand gereizt werden.— Al⸗ derman Van Beverout, wollen Sie die Expedition be⸗ gleiten und ais Vermittler auftreten?“ „Picken und Handgranaten! bin ich der Mann, der die Seiten eines Schmugglers mit einem Pallaſch zwiſchen den Zähnen erſteigen ſoll? Wenn Sie mich in das kleinſte und friedlichſte Boot ſetzen wollen, mit einer Mannſchaft von zwei Schiffsjungen, die ich mit dem Anſehen einer Magiſtratsperſon regiere, und unter der Bedingung, daß Ihr hier bleibt mit den drei Bramſegeln zurück, mit einer Waffenſtillſtandsflagge auf jedem Maſt, da wollte ich wohl den Oelzweig zur Brigantine hintragen, aber drohende Worte nimmermehr. Wenn das Gerücht wahr redet, ſo iſt der Tummler kein Freund von Drohungen, und der Himmel verhüte, daß ich irgend Jemandes Gewohnhei⸗ ten Gewalt anthue! Ich will hingehen als Ihre Turtel⸗ taube, Capitain Ludlow, aber keinen Fuß ſetze ich vor als Ihr Goliath.“ „Und Sie verſagen es ebenfalls, Feindſeligkeiten ab⸗ zuhalten?“ fuhr Ludlow fort, indem er ſich zum Patron von Kinderhook wandte. „Ich bin der Unterthan der Königin und bereit, meine Hülfe zur Aufrechthaltung der Geſetze anzubieten,“ ver⸗ ſetzte ruhig Oloff Van Staats. „Patron!“ rief ſein aufmerkſamer Freund,„Ihr wißt nicht was Ihr ſagt! Wenn ſichs von einem feindlichen Ein⸗ fall der Mohawks oder dem Eindringen der Canadier handelte, ſo wäre das was anderes, aber das da iſt nur eine unbedeutende Irrung in einer lumpigen Vervorthei⸗ lung der Revenüen, die Ihr beſſer den Strandwächtern und andern wilden Katzen der Gerechtigkeit überlaßt. Wenn das Parlament uns die Verſuchung vor die Augen ſetzt, ſo mag die Sünde auf ihr eigenes Haupt fallen. Die menſchliche Natur iſt ſchwach und die Eitelkeiten un⸗ ſerer Grundſätze ſind ſo viele Verſuchungen, mit denen wir unvernünftige Geſetze überſehen. Ich rathe daher, in Frieden an Bord dieſes Schiffes zu bleiben, wo unſer it d—S2 Charakter ſo ſicher iſt wie unſere Beine, und dem Himmel den Ausgang anzuvertrauen.“ „Ich bin Unterthan der Königin und bereit ihre Würde zu verfechten,“ wiederholti Oloff mit Feſtigkeit. „Ich will Ihnen vertrauen, mein Herr,“ ſagte Lud⸗ low, indem er ſeinen Nebenbuhler beim Arm nahm und ihn in ſein eignes Staatszimmer führte. Die Conferenz war bald zu Ende, und ein Seekadet meldete ſogleich, die Böte ſeyen zur Abfahrt bereit. Nun wurde der Segelmeiſter in die Cajüte gerufen und in das Prioatzimmer des Commandanten eingelaſſen. Ludlow ging dann aufs Verdeck und gab die Anweiſungen zum An⸗ griff. Das Schiff blieb unter dem Commando des Herrn Luff, mit der Inſtruktion, jede Luftſtrömung zu benutzen, um dem Feind ſo nahe als möoͤglich zu kommen. Try⸗ ſail kam in das lange Boot, an der Spitze eines ſtarken Detaſchements von Enterern. Van Staats von Kinder⸗ hook erhielt den Nachen mit der gewöhnlichen Mann⸗ ſchaft, und Ludlow verfügte ſich in ſeine eigene Barke, die wie üblich, ausgerüſtet war, obgleich die Waffen, die im Hintertheil aufgehäuft lagen, hinlänglich zeigten, daß ſie zum Dienſt gebraucht werden ſollten. Das lange Boot, das am erſten fertig war und ſich am ſchwerſten bewegte, war das erſte Fahrzeug, das die Coquette verließ. Der Segelmeiſter ſteuerte grade auf die ſtill liegende Brigantine los. Ludlow nahm einen Umweg, offenbar um durch die Wendung die Aufmerk⸗ ſamkeit der Mannſchaft des Schmugglers zu theilen, aber mit der Abſicht, den Punct des Angriffs in dem⸗ ſelben Augenblick mit dem Boot, welzes die Haupt⸗ ———ſ———— mannſchaft enthielt, zu erreichen. Der Nachen bog gleich⸗ falls von der geraden Linie aus und ſteuerte eben ſo weit ab, wie die Barke des Capitains. In diefen Rich⸗ tungen ruderten die Matroſen ſtill etwas über zwanzig Minuten, während die Bewegung des größeren und ſtär⸗ keren Bootes langſam und mühſam war. Am Ende der bemerkten Zeit kam ein Signal von der Barke, die Leute hörten auf zu rudern und bereiteten ſich zum Kampfe. Das lange Boot war noch einen Piſtolenſchuß von der Brigantine entfernt und grade an ihrem Hintertheil, der Nachen ſtand am Vordertheil und Van Staats von Kinderhook ſtudirte mit zunehmendem Intereſſe den bos⸗ haften Ausdruck der Züge des Bildes, während Ludlow auf der entgegengeſetzten Seite des langen Bootes die Beſchaffenheit der Brigantine mit dem Glas betrachtete. Tryſail benutzte die Pauſe, um ſeine Untergebenen anzu⸗ reden. „Dieß iſt eine Expedition in Böten,“ begann der ausführliche und umſtändliche Segelmeiſter,„die mit we⸗ nig oder ſo zu ſagen gac keinem Wind im Monate Juni an der Küſte von Nordamerika bei glattem Waſſer un⸗ ternommen wird. Ihr ſeyd keine ſolche Nichtswiſſer, Männer, daß Ihr glaubet, das Langboot ſey in See ge⸗ ſetzt und zwei der älteſten, um nicht zu ſagen beſten Seeleute vom Kurzdeck Ihro Majeſtät Schiff auf die Böte gegangen, um nur nach dem Namen und Charak⸗ ter der Brigg da drüben zu fragen. Der ſchmächtigſte von unſern jungen Herren hätte dieſen Dienſt verſehen können, ſo gut wie der Capitain oder ich. Diejenigen, welche am beſten unterrichtet ſind, glauben, daß der Fremde, der die Unverſchämtheit hat, ruhig der vollen Lage eines königlichen Kreuzers gegenüber zu liegen, ohne ſeine Farben zu zeigen, Niemand anders iſt, als der be⸗ rüchtigte Tummler der Meere, ein Mann, gegen deſſen Seemannsthum ich nichts ſagen will, der aber nicht den beſten Ruf der Rechtſchaffenheit, in Beziehung auf die Revenüen der Königin, genießt. Ohne Zweifel habt Ihr viel Außerordentliches von den Thaten dieſes Räubers gehört, deren einige anzudeuten ſcheinen, daß der Burſche ein geheimes Einverſtändniß mit Leuten unterhält, die ihre Angelegenheiten mit etwas weniger Gewiſſenhaftig⸗ keit führen, als es ſich zum Beiſpiel von der Bank der Biſchöfe annehmen ließe. Aber was frommt euch das? Ihr ſeyd herzhafte Britten mit Leib und Seele, und wißt, was dem Staat und der Kirche gebührt, und Gott verd—, ihr ſeyd keine Kerls, die ſich von ein bischen Hexerei ins Bockshorn jagen laſſen(ein Freudengeſchrei). Ja, das iſt die verſtäudliche und vernünftige Sprache, die mich über den Punkt beruhigen kann, daß ihr wißt, wopon die Rede iſt. Ich ſage auch nichts weiter, als daß Capitain Ludlow wünſcht, daß es ohne unanſtändige Redensarten abgehe, auch die Mannſchaft der Brigan⸗ tine nicht rauh behandelt werde, außer und neben den Schlägen auf den Kopf oder dem Abſchneiden der Gur⸗ geln, was zu ihrer Wegnahme unentbehrlich iſt. In die⸗ ſem beſonderen Betracht werdet Ihr ein Beiſpiel an mir nehmen, der älter iſt, und alſo auch mehr Erfahrung hat, ls ihr, wenigſtens die meiſten, und alſo auch beſſer weiß, wann und wo er ſeine Mannhaftigkeit zu zeigen hat. Greift um euch, wie Männer, ſo lang die Freihändler — 38— Stich halten— aber gedenkt an die Gnade in der Stunde des Sieges! Ihr werdet unter keinem Vorwand in die Ca⸗ lüten treten; in dieſer Hinſicht ſind meine Inſtruktionen ſehr deutlich und ich kann den mir nichts dir nichts in die See werfen, der ſie überſchreitet, als wär er nur ein todter Franzoſe, und, da wir uns nun recht gut verſte⸗ hen und unſere Pflicht ſo gut weg haben, ſo bleibt jetzt nichts mehr übrig, als ſie zu erfüllen. Ich habe nichts von dem Priſengeld geſagt,(Freudengeſchrei), weil ich weiß, daß ihr Leute ſeyd, welche die Königin und ihre Ehre mehr als den Gewinn lieben(Freudengeſch rei), aber ſo viel kann ich noch mit gutem Gewiſſen ſagen, daß die gewöhnliche Austheilung ſtatt finden wird(Freuden⸗ geſchrei), und da wohl nicht zu zweifeln iſt, daß die Spitzbuben einen erſprießlichen Handel getrieben haben, ſo wird wahrſcheinlich der Belauf des Ganzen kein Bet⸗ tel ſeyn“(dreimaliges Jauchzen). Der Knall einer Piſtole von der Barke, auf welche unmittelbar ein Kanonenſchuß des Kreuzers folgte, von dem die Kugel zwiſchen den Maſten der Waſſernixe durch⸗ pfiff, war das Signal, daß zu den gewöhnlichen Mitteln des Sieges zu ſchreiten ſey. Der Segelmeiſter erhob ſei⸗ nestheiis auch einen Freudenruf, und gab dann mit voller, feſter und tiefer Stimme den Befehl, vorzurudern. In demſelben Augenblick ſah man die Barke und den Nachen ſich auf den Gegenſtand ihres gemeinſamen Angriffs los bewegen, und zwar mit einer Geſchwindigkeit, welche das Ereigniß zu einem raſchen Schluß zu bringen verſprach. Während der ganzen Zurüſtung in und um die Co⸗ quette, feit dem Augenblick, wo der Wind ſich legte, hatte — 49— ſich keiner von der Mannſchaft der Brigantine ſehen laſſen. Das ſchöne Gebäude lag auf den ſchwankenden Wellen hin und her gehend, doch ruhig da; keine menſchliche Ge⸗ ſtalt erſchien, ihre Bewegungen zu leiten oder die ſo nöthig ſcheinenden Anſtalten zu ihrer Vertheidigung zu treffen, die Segel hingen, wie ſie der Wind verlaſſen hatte, und der Rumpf fluthete, wie die Wellen ihn hoben oder ſinken ließen. Dieſe tiefe Stille unterbrach das An⸗ nähern der Böte nicht. Hatte wirklich der verzweifelte Menſch, den man als den Befehlshaber des Freihändlers kannte, irgend die Abſicht, ſich zur Wehr zu ſetzen, ſo blieb dieß dem feſten, aufmerkſamen Blick Ludlows gänzlich verborgen. Selbſt das Geſchrei und das Klatſchen der Ruder ins Waſſer, als die Böte zuletzt zum Angriff her⸗ anrückten, machte keinen Unterſchied in der Stille auf dem Verdeck, obgleich der Commandant der Coquette ſah, wie die Hauptſtangen langſam und ſtet ihre Richtung änder⸗ ten. Des Gegenſtandes dieſer Bewegung ungewiß, ſtand er von dem Sitz in ſeinem Boot auf, ſchwenkte den Hut und forderte ſeine Leute zu verdoppelter Anſtrengung auf. Die Barke war ungefähr hundert Fuß von der Seite der Brigantine entfernt, als man das Ganze ihrer weiten Fal⸗ ten von Leinwand hinauszu wieder ſchwellen ſah. Das ausnehmend ſchöngeordnete Ganze von Stangen, Segeln und Tauen neigte ſich nach der Barke zu, als nähme das feindliche Schiff graziös von ihr Abſchied; dann glitt der leichte Rumpf eilig weiter, und ließ das Boot hinter ſich die Furche durchpflügen, die es auf der Stelle gelaſſen. Es bedurfte für Ludlow keines zweiten Blickes, um ſich von der Fruchtloſigkeit des weiteren Verfolgens zu über⸗ 61— 63. 4 — zeugen, da das Meer ſich bereits von dem friſchen Winde kräuſelte, der dem Schmuggler ſo günſtig in den Weg kam. Er gab Tryſail das Zeichen, abzuſtehen, und beide ſtanden und ſahen mit ärgerlichen Mienen auf den wei⸗ ßen, Blaſen werfenden Strich, den der weiterſegelnde Flüchtling zog. Aber während die Waſſernire die Böte, welche der Capitain und der Segelmeiſter des königlichen Kreuzers commandirten, hinter ſich ließ, ſteuerte ſie grades Weges die Richtung, welche ſie mit dem Nachen in Berührung bringen mußte. Einige Augenblicke glaubte die Mann⸗ ſchaft dieſes letzteren nicht anders, als es ſey ihr eigenes Vorrücken, was ſie ſo raſch ihrem Gegenſtande nahe brachte, und als der Seecadet, der das Boot dirigirte, ſeinen Irrthum gewahr wurde, war es grade noch Zeit zu verhuten, daß die ſchnelle Brigantine über die kleine Barke hinüberfuhr. Er gab dem Nachen einen Ruck und rief die Mannſchaft auf, nach Leibeskräften zu ru⸗ dern. Oloff Van Staats hatte ſich vorn hin geſtellt, mit einem Hacken bewafſnet, und ſo mit allem Eifer auf den Angriff gerüſtet, daß er gar an keine Gefahr dachte, die auch einem Mann von ſeiner Lebensart kaum be⸗ greiflich war. Wie die Brigantine vorbei glitt, ſah er ihre niedern Canäle nach dem Waſſer gebogen, und mit einem kräftigen Satz war er mit einem Male drin, in⸗ dem er eine Art Kriegsgeſchrei in holländiſcher Sprache ausſtieß. Im nächſten Augenblick ſchwang er ſeine breite Figur über die Bollwerke und verſchwand an Bord des Schmugglers. Wie Ludlow ſeine Böte an demſelben Fleck verſam⸗ melte, wo das feindliche Schiff ſo kürzlich entronnen war, ſah er, daß die fruchtloſe Expedition keine andere Folge gehabt, als das unwillkührliche Verſchwinden des Pa⸗ trons von Kinderhook. Viertes Kapite l. „Wie heißt das Land, ihr Freunde? ——„Zllyrien, Lady.“ Was Ihr wollt. Die Menſchen verdanken den Charakter, den ſie in der Welt führen, oft eben ſo ſehr einem zufälligen Zu⸗ ſammentreffen von Umſtänden, als ihren perſönlichen Eigenſchaften. Derſelbe Satz läßt ſich auf den Ruf eines Schiffes anwenden. Die Eigenſchaften der Fahrzeuge haben, ſo gut wie die der Menſchen, Einfluß auf ihr Glück oder Unglück, aber immer bleibt den Zufällen des Lebens an beiden ihr Theil. Obgleich das friſche Lüft⸗ chen, welches der Waſſernixe in dem entſcheidenden Mo⸗ mente zu Paß kam, bald die Segel der Coquette ſchwellte, veränderte es die Anſichten der Mannſchaft über dieſes ihr Schiff nicht, während es dazu diente, den Ruf zu er⸗ höhen, den der Tummler der Meere bereits erworben, als eines Seemannes, der durch glückliche Ereigniſſe in tauſend Wagniſſen ſeiner gefährlichen Laufbahn mehr als begünſtigt ward. Selbſt Tryſail ſchuttelte den Kopf auf eine Art, welche ganze Bände ſprach, während Ludlow lers“ vunnezen und die vennce der Böte der ent⸗ rinnenden Brigantine nachſtarrte, wie die Bewohner von Japan nun wahrſcheinlich das Vorbeieilen eines Dampfbotes betrachten. Da Herr Luff in ſeinem Dienſt nicht fahrläſſig war, ſo dauerte es nicht lange, bis die Coquette ihre Böte erreichte. Der Verzug, der durch das Aufwinden der letzteren entſtand, gab dem Schmugg⸗ ler deſto mehr Vorſprung, ſo daß er ganz aus der Schuß⸗ weite entfloh. Ludlow gab jedoch ſeine Befehle zur Ver⸗ folgung, ſowie das Schiff wieder ſegelfertig war, und eille ſich, ſeinen Aerger in der Cajüte zu verbergen. „Glück iſt des Kaufmanns Ueberſchuß, und gute Procente der Lohn ſeiner Klugheit!“ bemerkte Alder⸗ man Van Beverout, der kaum die Zufriedenheit ver⸗ bergen konnte, die er über das neue unerwartete Ent⸗ weichen der Brigantine fühlte.„Mancher Mann ge⸗ winnt Dublonen, wo er nur auf Dollars rechnete, und manche Preiſe fallen, wo die Güter noch ſo hoch im Zollhaus angeſchrieben ſtehen. Es giebt Fraͤnzmanner genug, Capitain Ludlow, die einen braven Offizier in guter Laune erhalten können; deſto weniger ſollte man ſich um einen Schmuggler, mit dem man Ungluͤck ge⸗ habt, graͤmen.“ „Ich weiß nicht, wie hoch Sie Ihre Nichte anſchlagen, Herr Van Beverout, aber wäre ich der Onkel eines ſol⸗ chen Weibes, mich würde die Vorſtellung, daß ſie das bethörte Opfer der Künſte jenes heilloſen Böſewichts ge⸗ worden, um den Verſtand bringen!“ „Paroxysmen und Schnürleiber! Zum Gtic ſind — 33— Sie nicht ihr Onkel, Capitain Ludlow, und haben deß⸗ halb auch weniger Urſache, unruhig zu ſeyn. Das Mäd⸗ chen hat einen franzöſiſchen Sinn, ſie wühlt in des Schmugglers Seidenzeugen und Spitzen; wenn ſie die Auswahl getroffen hat, wird ſie ſchon zuruckkommen, und zwar mit dem Bischen Putz ausſtaffirt, ſchöner als je.“ „Auswahl! O Alida, Alida! Iſt das die Wahl, die vdn deinem gebildeten Geiſt und ſtolzen Sinn zu er⸗ warten war!“ „Die Bildung iſt mein Werk und der Stolz iſt eine Erbſchaft des alten Etienne de Barberie, erwiederte Myndert trocken.„Aber Klagen haben noch keine Preiſe wankend gemacht, noch auch Fonds ſteigen. Laßt uns den Patron rufen und ruhig berathſchlagen, wie wir am leichteſten nach Luſt in Ruſt zurück finden, bevor Ihro Majeſtät Schiff ſich zu weit von der amerikani⸗ ſchen Küſte entfernt.“ „Dieſe Scherze ſind unzeitig, mein Herr. Ihr Pa⸗ tron iſt mit Ihrer Nichte davongegangen, und wahr⸗ ſcheinlich werden ſie eine recht angenehme Fahrt in die⸗ ſer Geſellſchaft haben! Wir verloren ihn bei der Expe⸗ dition mit den Böten.“ Der Alderman ſtand wie verſteinert. „Verloren!— Oloff Van Staats verloren, bei der Expedition mit den Böten! Unglück träfe die Colonie an dem Tage, wo der liebenswürdige und wohlhabende Junge der Colonie verloren ginge! Herr, Sie wiſſen nicht, was ſie ſagen, wenn Sie ein ſo hartes Wort aus⸗ ſprechen. Der Tod des jungen Patrons von Kinder⸗ hook würde eine unſerer beſten und ſolideſten Familien aus dem Buch des Lebens ſtreichen, und das drittbeſte Gut der Provinz ohne männlichen Erben laſſen!“ ODas CElend iſt nicht ſo groß!“ verſetzte der Capi⸗ tain mit Bitterkeit.„Der edle junge Herr iſt dem Schmuggler an Bord gehupft und will mit der belle Barberie ein bischen die Seidenſtoffe und Spitzen beſe⸗ hen!“ Ludlow erklärte nun die Art, wie der Patron ver⸗ ſchwand. Die Zufriedenheit des Aldermann, als er ſich vollkommen überzeugte, daß ſeinem Freunde kein körper⸗ liches Unheil widerfahren, war ſo groß, wie ſeine Be⸗ ſtürzung noch den Augenblick zuvor. „Mit der belle Barberie ein bischen die Seidenſtoſſe und Spitzen zu beſehen ¹, wiederholte er und rieb ſich jetzt vergnügt die Hände.„Ah, darin zeigt ſich ganz das Blut meines alten Freundes Stephanus! Ein ächter Holländer iſt kein queckſilberner Franzoſe, der den Kopf wirft und Geſichter ſchneidet, wenn etwas in den Wind geht oder ein Weib die Stirne runzelt, auch kein prahle⸗ riſcher Engländer(Sie, junger Ehrenmann, ſind aus der Colonie), der dicke Eide und Fluche daherſchwört; ſondern, wie Sie ſehen, ein ſtiller, beharrlicher und im Ganzen ruhiger Sohn der alten Batavia, der die Gele⸗ genheit wahrnimmt und mit kühner Stirn ſeinem—“ „Nun wem und was?— fragte Ludlow, als der Alderman ſtockte. „Seinem Feind entgegentritt; indem er erkennt, daß alle Feinde der Königin nothwendig die Feinde jedes gehorſamen Unterthans ſind. Bravo, junger Oloff! du biſt ein Junge nach meinem Herzen, und gewiß,— ge⸗ der unt, edes du ge⸗ wiß— das Gluͤck begünſtigt den Herzhaften! Hätte der- Holländer einen feſten Fuß auf dieſer Erde, dann, Capi⸗ tain Cornelius Ludow, hörten wir andere Dinge von den Rechten über die kleinen Meere und wahrhaftig über noch andere Fragen des Handels.“ Ludlow erhob ſich mit bitterem Lächeln in den Zü⸗ gen, doch ohne Groll gegen den Mann, deſſen Triumphi⸗ ren ſo natürlich war. „Herr Van Staats mag Urſache haben, ſich zu ſei⸗ nem beſonderen Glück zu gratuliren,“ ſagte er,„doch weiß ich wirklich nicht, ob ſein Unternehmen nicht fehl ge⸗ hen wird gegen die Ränke eines ſo argliſtigen und dem Anſchein nach ſo heitern Lebemannes, deſſen Gaſt er jetzt iſt. Doch ich laſſe Andern ihre Launen, Alderman Van Beverout; mein Dienſt muß gethan ſeyn. Der Schmugg⸗ ler hat mich durch Zufall oder Liſt dreimal getäuſcht; das viertemal könnte er mir zu Theil werden. Wenn dieſes Schiff die Kraft beſitzt, heilloſe Umherſtreifer in Grund zu bohren, ſo laßt es ſeinen Dienſt verſuchen!“ Mit dieſer Drohung auf den Lippen verließ Ludlow die Cajüͤte und ging, ſeinen alten Poſten auf dem Ver⸗ deck wieder einzunehmen und unverdroſſen die Bewegun⸗ gen des gejagten Schiffs zu beobachten. Der Wechſel des Windes war ganz zu Gunſten der Brigantine. Er ſchob ſie windwarts und brachte die beiden Schiffe in Richtungen, welche die Waſſernixe in den Stand ſetzten, von ihrem Bau den größten Vortheil zu ziehen. Ludlow ſah nun, als er ſeinen Poſten er⸗ reichte, daß die ſchnelle leichte Barke alles für den Wind gut aufgeſtutzt hatte und ſchon ſo weit voraus war, daß — 56— es eine Tollheit geweſen wäre, ſich anzuſtrengen, bis ſie wieder innerhalb der Schußweite war, es mußten ſich denn günſtige Zufälle in's Mittel legen, wie ſie auf dem Ocean ſo häufig vorkommen. Es blieb daher nichts zu thun, als alle möglichen Segel aufzuſetzen, die das Schiff nur tragen konnte, und darnach zu ſtre⸗ ben, in den Stunden der Dunkelheit, die nun bald folgten, den Feind im Geſicht zu behalten. Aber ehe die Sonne den Rand der Gewäſſer erreichte, war der Rumpf der Waſſernixe verſchwunden, und als der Tag zu Ende ging, konnte man kein Stück ihrer ätheriſchen umriſſe mehr erkennen, außer was den oberen und leichteren Stangen angehörte. Wenige Minuten ſpä⸗ ter bedeckte Dunkel den Ocean und den Seeleuten des königlichen Kreuzers blieb nichts übrig, als ihrem Ge⸗ genſtand auf's Geradewohl zu folgen. Wie weit die Coquette in der Nacht ſo weiter ſtrich, wird nicht geſagt; doch als der Commandant am näch⸗ ſten Morgen erſchien, traf ſein unruhiger Blick keinen Gegenſtand als einen nackten Horizont. Nach allen Sei⸗ ten hin bot die See nur das Schauſpiel einer Waſſer⸗ wüſte. Nichts war zu ſehen, als der Seevogel, der auf langen Schwingen kreiſte, und die Spitzen der unregel⸗ mäßigen, grünen Wellen. Dieſen und viele folgende Tage fuhr der Kreuzer fort, den Ocean zu beſchiffen, manchmal mit allem, was nur ſeine langen Staͤbe tra⸗ gen konnten, dahin fliegend, dann wieder kämpfend und arbeitend gegen widrige Winde, als ob er die Hinder⸗ niſſe, welche die Natur ſeinem Fortſchreiten gelegt, ſieg⸗ reich uͤberwinden wolle. Dem würdigen Aldermann war 78 —2— —— S—— a —„—— ——— — 37— der Kopf ganz verdreht, und ob er zwar ruhig das Re⸗ ſultat erwartete, ehe die Woche zu Ende lief, ſo wußte er doch die Richtung nicht, die das Schiff genommen hatte. Bald aber nährte er die Hoffnung, daß das Ende ihrer Kreuzfahrt nahe ſey; denn die Anſtrengungen der Seeleute ließen nach, und das Schiff durfte ſeinen Lauf mit leichteren Segeln verfolgen. An einem dieſer ruhigeren Tage ſtahl ſich Francois Nachmittags unten im Schiff ſtolpernd von Kanone zu Kanone bis zu einem Platz in der Mitte, wo er bei gutem Wetter Luft zu ſchöpfen pflegte und von ſeiner Perſon freien Gebrauch machen konnte, ohne zu ſehr auf die gute Laune ſeiner Gebieter rechnen zu müſſen, noch ſich mit dem rohen Haufen gemein zu machen, aus dem die Schiffsmannſchaft beſtand. „Ah!“ rief der Bediente aus, indem er ſich an den Seecadetten wandte, den wir bereits unter dem Namen Hopper genannt haben.„Voilà la terre! quel bon- heur! Ik werd' ſeyn ſo glücklick— le batiment ſin ſehr agréable, mais vous savez, Monsieur Adspi- rant, que je ne suis point marin.— Wie eiſt der Nam vun die Land?“ „Man nennt es Frankreich,“ verſetzte der Cadet, der von der andern Sprache genug verſtand, um zu wiſſen, was er meinte;„es iſt ein recht gutes Land— für die, denen es gefällt.“. „Ma foi, non!“— rief Francois mit einem Schritt zurück, zwiſchen Erſtaunen und Entzücken ſchwankend. „Nennt es denn Holland, wenn Euch das Land beſſer gefällt.“ „Dites-moi, Monsieur Hoppair;“ fuhr der Be⸗ diente fort, indem er einen ſeiner zitternden Finger auf den Arm des mitleidsloſen, jungen Burſchen legte; „est-ce la France 2722 „Man ſollte glauben, ein Mann von Eurem Scharf⸗ blick müßte ſich das ſelber ſagen können. Seht Ihr nicht den Kirchthurm und ein Schloß im Hintergrund und ein Dorf in einem Hauf zuſammen auf der Seite. Nun blickt in jenen Wald! Da iſt ein Gang, grade ge⸗ zogen, wie ein Schiffsſtrich bei ruhigem Waſſer und eine— zwei— drei— ja eilf Statuen, mit nur einer Naſe!“ „Ma foi— dere ſeh ik nit, is nir Wald, nix chä- teau un nix Dorf, keiner statue und keiner Nas— mais Monsieur, je suis agé; esb-ce la France?““ „O, Ihr verliert nichts mit Euerem kurzen Geſicht, denn ich werde Euch alles nennen, wie wir weiter fah⸗ ren. Ihr ſeht den Abhang, der einer Muſterkarte gleicht, mit grünen und gelben Streifen, oder einem Signal⸗ buch, mit den Flaggen aller Nationen, eine an der an⸗ dern— nun, das ſind— les champs; und dieſer ſchöne Wald mit all den geſtutzten Bäumen, die wie neuexercirte Matroſen ausſehen, iſt— la forèt—““ Das war mehr als die Leichtgläubigkeit des gutherzi⸗ gen Dieners hinunter ſchlucken konnte; er nahm eine Miene von Bedauern und Würde an und ließ den jun⸗ gen Neuling der See allein, um ſich mit einem hinzu⸗ tretenden Kameraden über ſeinen Spaß gütlich zu thun. Inmittelſt näherte ſich die Coquette der Küſte. Das chäteau, die Kir chen und Dörfer des Cadetten verwan⸗ —, O S=ͤ cht, ah⸗ cht, nal⸗ an⸗ eſer wie erzi⸗ eine jun⸗ inzu⸗ delten ſich in einen niedern ſandigen Strand mit einem Hintergrund von verkrüppelten Tannen, da und dort mit einer Oeffnung, wo die behagliche Wohnung und zahlreichen Nebengebäude eines nährhaften Landmanns oder die freundliche Reſidenz eines Landgutsbeſitzers ſich zeigte. Gegen Mittag erhob ſich der Kamm einer An⸗ höhe aus dem Meere und gerade als die Sonne hinter das Gehege der Berge ſank, umfuhr das Schiff das ſandige Cay und warf an der Stelle Anker, wo es aus⸗ gegangen war, als der Capitain nach dem Beſuch auf der Brigantine ſich wieder einſchiffte. Der Kreuzer lag bald ruhig da, die leichten Stangen wurden abgemacht und ein Boot in's Waſſer gelaſſen. Ludlow und der Alderman ſtiegen hinab und fuhren nach der Mündung des Schrewsbury. Obgleich es ſchon ziemlich dunkel war, ehe ſie die Küſte erreichten, war es doch noch hell genug, um einen Gegenſtand von ungewöhnlicher Form zu entdecken, der in geringer Entfernung von der Barke in der Bai trieb. Neugierde ließ Ludlow darauf los rudern. „Kreuzer und Waſſernire!“ murmelte Myndert, als ſie nahe genug waren, das treibende Ding genau zu er⸗ kennen.„Das unverſchämte Weibsbild umſpukt uns, als hätten wir ihr Gold geraubt! Geſchwind an's Land, und nichts in der Welt, es ſey denn eine Deputation des Stadtraths, ſoll mich jemals verſuchen, wieder von meinem ſtillen Sitz in der Welt herum zu vagabun⸗ diren!“— Ludlow drehte das Steuer des Boots und nahm wieder die Richtung zum Fluß. Er verlangte keine Auf⸗ klärung weiter über die Liſt, die ihn ſo ſchmählich geneckt hatte. Die Tonne, in wohlberechnetem Gleichgewicht, die aufrechte Stange und die verloſchene Laterne, mit den Zügen des boshaft lächelnden Weibes auf den Horn⸗ flächen, erinnerte ihn ſogleich an jenes— Irrlicht, das die Coquette von der rechten Spur weggelockt, in der erſten Nacht, wo ſie auf die Brigantine Jagd machten. Fuͤnftes Kayitel. — Die Tochter, Erbin ſeines Königreichs, ———— hat ſich ergeben An einen armen aber würd'gen Mann.“ Cymbeline Als der Alderman Van Beverout und Ludlow ſich Luſt in Ruſt näherten, war es ſchon finſter. Die Nacht hatte ſie in einiger Entfernung vom Landungsplatz über⸗ fallen und das Gebirg ſchon ſeine Schatten über den Fluß, die ſchmale Landzunge, die ihn von der See trennte, und weit aufs Meer ſelber hinausgeworfen. Keiner war im Stande, über die Lage der Dinge auf und um die Villa zu urtheilen, bis ſie faſt ihrer Höhe gleich waren und dann das kleine, duftende Pläͤtzchen an ſeiner Fronte betreten hatten. Grade ehe ſie an dem Thor ankamen, das ſich nach letzterer öffnete, hielt der Alderman ſtill und redete ſeinen Gefahrten an, mehr in dem Tone des alten Vertrauens, als er in den we⸗ nigen Tagen ihres näheren Zuſammenſeyns gezeigt hatte. .G..G--—e — 61— „Sie müſſen bemerkt haben, daß die Ereigniſſe die⸗ ſer kleinen Excurſion doch eigentlich mehr einen Privat⸗ als einen öffentlichen Charakter tragen,“ ſagte er.„Euer Vater war mein alter und gar verehrter Freund und es iſt mir faſt, als ob durch Anheirathung irgend eine Verwandtſchaft zwiſchen uns beſtände. Eure würdige Mutter, eine thätige Frau, die nicht viel ſprach, hatte Blut von meinem Stamm. Es ſollte mir ſehr leid thun, das gute Vernehmen, das dieſe Erinnerung zwi⸗ ſchen uns hergeſtellt hat, auf irgend eine Art geſtört zu ſehen. Ich gebe zu, mein Herr, daß das Einkommen dem Staate, was die Seele dem Körper iſt, nämlich das bewegende und leitende Prinzip und ſo wie der letz⸗ tere ein ödes Haus ohne Bewohner, ſo wäre der erſtere ein tyranniſcher unruhiger Herr ohne ſeine eignen Er⸗ trägniſſe. Aber wir brauchen den Grundſatz nicht auf die Spitze zu ſtellen! Wenn die Brigantine das iſt, was Sie zu argwohnen ſcheinen und was wir wirklich aus verſchiedenen Dingen einigermaßen ſchließen können: nam⸗ lich das Schiff, die Waſſernixe genannt, ſo waͤre ſie gute Priſe geweſen, wenn ſie in Ihre Gewalt gefallen; da ſie nun aber entwiſcht iſt, ſo weiß ich zwar nicht, was Ihr weiters beabſichtigt, aber wäre Euer vortrefflicher Vater, das würdige Glied im königlichen Rath noch am Leben, dieſer vorſichtige Mann würde ſich Vieles überlegen, ehe er die Lippen öffnete, um nichts zu ſagen, was nicht, wie in andern Dingen, auch hier Behutſamkeit guthieße.“ „Welches Benehmen ich nun auch für meinen Dienſt angemeſſen halten werde, ſo können Sie ſich feſt auf meine Verſchwiegenheit hinſichtlich des— des merkwur⸗ digen— des ſehr entſcheidenden Schrittes verlaſſen, den Ihre Fräulein Nichte zu thun für gut gefunden hat;“ verſetzte der junge Mann, der bei dieſer Andeutung über Alida durch ſeine zitternde Stimme genugſam verrieth⸗ wie groß noch immer ſein Antheil an ihr war.„Ich ſehe keine Nothwendigkeit, die häuslichen Empfindungen, auf die ich anſpiele, zu verletzen, indem ich den Ohren der Neugierigen mit der Erzählung von ihren Fehltrit⸗ ten eine willkommne Nahrung gebe.“ Ludlow hielt plötzlich ein und überließ es dem Onkel, das Beliebige zur Erwiederung hinzuzufügen. „Das iſt edel und ritterlich und wie ein treuer— Liebhaber geſprochen, Capitain Ludlow,“ verſetzte der Alderman;„doch iſt es freilich nicht ganz, worauf ich hinauskam. Wir wollen indeſſen in der Nachtluft nicht viel Worte machen— Ha, ha! wenn die Katze nicht zu Hauſe iſt, tanzen die Mäuſe auf dem Tiſch! Die ſchwar⸗ zen Nachtreiter und Pferdehetzer haben von Alida's Landhäuschen Beſitz genommen, und Gott ſey Dank, daß die Zimmer des armen Mädchens nicht ſo groß ſind, wie die Harlemer Haide, oder wir könnten jetzt einige Klepper im ſtärkſten Galopp zu ſehen bekommen.“ Der Alderman brach auf einmal ab und fuhr zurück, als ob ſich irgend ein Spuckbild der Colonien ſeinen Au⸗ gen aufdraäͤngte. Seine Rede hatte den Blick des Ge⸗ fährten nach der Cour des Fées gezogen und Ludlow bekam in demſelben Augenblick, wie der Onkel, unzwei⸗ felhaft die Geſtalt der belle Barberie am offenen Fen⸗ ſter ihres Zimmers zu Geſicht. Er war ſchon im Be⸗ —.,— griff, vorzuſpringen, aber die Hand Mynderts hemmte die heftige Bewegung. „Hier handelt ſich's mehr um unſern geſunden Men⸗ ſchenverſtand, als um unſere Beine,“ bemerkte der ru⸗ hige und kluge Bürger.„Das war die Figur meiner pflegbefohlenen Nichte, oder die Tochter des alten Etienne Barberie iſt ein Doppel— Franz— ſahſt Du nicht eine weibliche Geſtalt am Fenſter des Pavillons, oder täuſchen uns unſere Wünſche? Ich habe mich ſchon manchmal, Capitain Ludlow, wenn mein Geiſt im Han⸗ del vertieft war, in der Qualität von Gütern auf eine unbegreifliche Weiſe geirrt, denn auch die Liberalſten von uns allen ſind Verſtandesſchwächen dieſer Art un⸗ terworfen, wenn Erwartung ſich regt.“ „Certainement, oui!“ rief der ungeduldige Be⸗ diente.„Quel malheur, ſu ſeyn obligirt, ſu geh auf der Meer, wann Mamselle Alide aber niemalen ver⸗ laß la maison! Pétais sür, que nous nous trom- pions, car jamais la famille de Barberie lieben ſu ſeyn des marins!“ „Genug, guter Franz; die Familie Barberie iſt ſo erdhängig wie ein Fuchs. Geh und ſage den Maul⸗ affen in der Küche, ihr Herr ſey da; aber Du brauchſt nicht grade von allen den Wundern zu erzählen, die wir auf dem weiten Meer geſehen haben. Capitain Ludlow, wir wollen nun zu meiner braven Nichte ge⸗ hen, mit ſo wenig Geräuſch als möglich.“ Ludlow nahm die Einladung begierig an und folgte ſogleich dem lehrreichen und anſcheinend kaltblütigen Alderman nach dem Gebaäͤude. Als ſie das Plaͤtzchen — 64— üͤberſchritten, hielten ſie unwillkührlich einen Augenblick und ſahen durch's offene Fenſter in den Pavillon. La belle Barberie hatte die Cour des Féèes mit einigen jener modiſchen Nationaleigenthümlichkeiten ge⸗ ſchmückt, die ein Erbſtück ihres Vaters waren. Die ſchwere Pracht, welche die Regierung Ludwigs XIV. charakteriſirt, konnte kaum auf einen von dem Mittel⸗ rang des Monſieur de Barberie herabgekommen ſeyn, ſo daß er an den Ort ſeines Exils wirklich nur ſolche Geſchmacksſachen mitbrachte, die faſt ausſchließlich das Eigenthum des Volkes ſcheinen, aus dem er entſprun⸗ gen war, ohne daß das Gewicht und die Koſten der anſpruchsvolleren Moden der Zeit berückſichtigt wurden. 4 Dieſe Eigenthümlichkeiten waren mit den häuslicheren und behaglicheren Gewöhnungen des engliſchen, oder was faſt daſſelbe iſt, des amerikaniſchen Lebens gemiſcht, eine Verbindung, die vielleicht das genaueſte und glück⸗ lichſte Mittel des Nützlichen und. Angenehmen bildet. Alida ſaß an einem niedlichen Tiſch von Mahagoni, in den Inhalt eines kleinen vor ihr liegenden Buches vertieft. Ihr zur Seite ſtand ein Theeſervice, deſſen Taſſen und Gefaße die damalige kleinere Form hatten, doch von ausgezeichneter Arbeit und vom ſchönſten Ma⸗ terial waren. Ihr Anzug beſtand aus einem Negligé, das zu ihren Jahren paßte, und ihre ganze Figur ath⸗ mete einen Ausdruck von Behaglichkeit und Grazie, der das entſchiedene Eigenthum ihres Geſchlechts zu ſeyn ſcheint und der die Gemächer eines Weibes von Ge⸗ ſchmack ſo eigenthümlich anziehend macht. Ihr Geiſt ruhte ganz in den Buche und das kleine ſilberne Keſ⸗ ſelchen ſang an ihrer Seite, als bemerkte ſie es nicht. „Dieß iſt das Bild, das ich mir ſo gern vormalte,“ lispelte Ludlow.„Wenn Sturm und Unwetter mich durch manche ſchreckliche, wilde Nächte auf dem Verdeck feſthalten! Wenn Leib und Seele der Mühſale über⸗ drüſſig ſind, iſt dieß die Ruhe, wonach mich am meiſten gelüſten wuͤrde und auf die ich ſelbſt zu hoffen wagte!“ „Der Chinahandel wird ſich mit der Zeit machen und Ihr ſeyd ein trefflicher Lobredner der Behaglichkeit, Mei⸗ ſter Ludlow,“ verſetzte der Alderman.„Das Mädchen hat eine ſo warme Röthe auf den Wangen, daß man ſchwören ſollte, es habe ſie im Leben noch kein Wind⸗ hauch berührt; kaum iſt anzunehmen, daß, wer ſo be⸗ haglich daſitzen kaii. noch jüngſt mit den Delphinen draußen um die Wette getanzt habe. Gehen wir hinein.“ Alderman Van Beverout war nicht gewohnt, in den Beſuchen bei ſeiner Nichte viele Ceremonien zu machen. Ohne irgend eine Anmeldpung für nöthig zu halten, öff⸗ nete daher der lehrreiche Bürger die Thur und führte ſeinen Gefährten in den Pavillon. Zeichnete ſich bei dieſem Zuſammentreffen la belle Alide durch erkünſtelte Gleichguttigkeit aus, ſo war das Benehmen ihrer Gaͤſte der anſcheinenden Unbefangenheit des Fräuleins völlig gleich. Sie legte das Buch auf die Seite, mit einer Ruhe, als ob man ſich erſt vor einer Stunde zum letztenmal geſehen hätte, ein Benehmen, das den Onkel und Ludlow hinlänglich überzeugte, daß Alida um ihre Rückkehr wußte und ihren Beſuch erwar⸗ tete. Sie ſtand, als ſie eintraten, ganz einfach auf, 61— 63. 5 66— und mit einem Lächeln, das eher Feinheit des Umgangs, s Empfindung ausdruckte, bat ſie die Herren, Platz in nehmen. Die Faſſung ſeiner Nichte machte den Al⸗ derman etwas tiefſinnig, während der junge Seemann 3 kaum wußte, was er am meiſten bewundern ſollte, die. ausnehmende Lieblichkeit eines Weibes, das immer ſo reizend war, oder das beneidenswerthe Gleichgewicht ih⸗ res Weſens in einem Momente, den tauſend Andere höchſt verlegen gefunden haben würden. Alida ſelbſt ſchien nicht die Nothwendigkeit zu fühlen, in irgend eine Erklärung einzugehen, denn als ihre Gäſte Platz genom⸗ men hatten, gab der Thee, den ſie einſchenkte, die Ge⸗ legenheit zur Anknupfung des Geſt prächs. „Sie ſinden mich bereit, Ihnen eine erquickende Taſſe trefflichen Theebuh anzubieten. Ich glaube, mein Onket nennt ihn den Thee von Caernarvon⸗Caſtle.“ „Ein gluckliches Schiff, in ſeinem Lauf wie in ſeinen Artikeln, ich kann es Allen empfehlen, die da kaufen wollen. Aber, lieb Nichtchen, willſt Du nicht ſo gut Pi⸗ dem Commandanten im Dienſt der Königin und einem armen Alderman ihrer guten Stadt Neu⸗York zu ſagen, wie lange Du ſchon auf unſeren Beſuch warteſt? 2 Alida griff an ihren Gürtel, zog eine kleine, reich⸗ verzierte Uhr hervor und betrachtete ruhig die Zeiger, als wolle ſie die Zeit berechnen. 5 „Wir haben neun Uhr. Ich denk es war grade hei Einbruch der Nacht, als 8 Dinah mir zuerſt meldete, ich würde wahrſcheinlich das Vergnügen haben. Aber ich 5 muß Ihnen zugleich ſagen, daß Pakete, wahrſcheinlich. Briefe enthaltend aus der Stadt gerommen ſind.“ Dieß gab den Gedanken des Alderman plötzlich eine andere Richtung. Er hatte ſich zurückgehalten, um in keine Erklärungen eingehen zu müſſen, welche die Um⸗ ſtände zu fordern ſchienen, weil er wohl wußte, daß er auf gefährlichem Grunde ſtand und leicht mehr ſagen konnte, als er ſeinen Gefährten wiſſen laſſen wollte; und nicht weniger ſtutzte er über die Faſſung ſeines Mündels. Er war daher nicht ärgerlich, daß ſich ein Entſchuldigungsgrund zum Aufſchub der Nachfrage dar⸗ bot, der von ſo guter Art war, wie das Durchteſen der Handlungscorreſpondenz. Der ungeduldige Kaufmann verſchlang den Inhalt der kleinen Schaale, die er hielt, nahm das Packet, das ihm Alida reichte, murmelte ein Paar Worte zur Entſchuldigung gegen Ludlow und ver⸗ ließ den Pavillon. Bis dahin hatte der Commandant der Coquette nichts geſprochen; Verwunderung, mit Unwillen gemiſcht, ſchloß ihm den Mund, dabei aber war er wohl bemüht, mit lebhaftem Gebrauch ſeiner Augen den Schleier zu durch⸗ dringen, womit Alida ihr ganzes Betragen verhüllte. In den erſten kurzen Momenten ihres Zuſammentref⸗ fens meinte er, daß ſich ungeachtet der angenommenen Ruhe ein melancholiſcher Zug in dem Lächeln ihres ſchö⸗ nen Mundes verrathe, doch nur einmal trafen ſich ihre Blicke, als ſie die großen, lebhaften, ſchwarzen Augen verſtohlen auf ſein Antlitz wandte, neugierig, die Wir⸗ kung ihres Benehmens auf den jungen Mann zuerforſchen. „Haben die Feinde der Königin Urſache, den Kreuz⸗ zug der Coquette zu beklagen,“ ſagte la bellte eilig, als ſee ihr Beobachten entdeckt ſah:„oder fürchteten ſie, es 5* — 68— mit der Tapferkeit aufzunehmen, die bereits gegen ihre Schwäche den Sieg davon getragen?“ „Furcht oder Klugheit, oder vielleicht ſollte ich ſagen das Gewiſſen hat ſie vorſichtig gemacht,“ verſetzte Lud⸗ low, indem er einen beſonderen Nachdruck auf das Wort „vorſichtig“ legte.„Wir ſind vom Hook bis zum Rande der Grand⸗Bank geſegelt und erfolglos zurückgekehrt.“ 3„Das iſt Schade. Aber iſt auch der Franzmann ent⸗ wiſcht, hat denn Niemand von dieſen gottloſen Men⸗ ſchen geſtraft werden können? Unter den Sklaven geht die Rede, die Brigantine, die uns beſuchte, ſey der Regierung verdächtig.“ „Verdächtig?— Ich glaubte, la belle Barberie könnte mir ſagen, man beſchuldige ihren Befehlshaber durchaus nicht mit Unrecht!“ Alide lächelte; ihr Anbeter fand ſie ſo holdſelig wie je. „Es wäre ein Beweis von ausnehmender Artigkeit, wenn Capitain Ludlow ſich um Unterricht in ſeinem Dienſt an die jungen Mädchen in der Colonie wendete! Wir mögen wohl Hehler und Förderer verbotener Waa⸗ ren ſeyn, allein ſicher ſind wir größerer Vertrautheit. mit ihren Zügen nicht verdachtig. Solche Andeutungen könnten mich zwingen, die Annehmlichkeiten von Luſt in Ruſt aufzugeben und friſche Luft und Geſundheit an einem weniger ausgeſetzten Ort, zu ſuchen. Zum Gluͤck bieten die Ufer des Hudſon noch viele Punkte, die zu verwerfen man ſehr ekel ſeyn mußte!— „Zum Beiſpiel das Gut Kinderhook!“ Alida lächelte wieder und Ludlow meinte, mit Sroh⸗ locken. — 69— Die Wohnung Oloffs Van Stants ſoll recht bequem und nicht ſchlecht gelegen ſeyn. Ich habe ſie geſehen—“ „Im Traum der Zukunft?“ fragte der junge Mann, als er bemerkte, daß ſie zögerte. Alida lachte herzlich; doch ſogleich gewann ſie ihre Faſſung wieder und erwiederte— „Nicht ſo phantaſiereich. Meine Kenntniß von der Schönheit des Hauſes des Herrn Van Staats beſchränkt ſich auf ſehr unpoetiſche Anſichten von dem Fluß aus, beim Hin⸗ und Herfahren. Die Schornſteine ſind im beſten holländiſch⸗brabantiſchen Geſchmack aufgeſetzt, und obſchon ſie oben keine Storchneſter haben, ſo glaube ich doch, daß lockende Bequemlichkeiten ſich um ihre Herde reihen. Auch ſcheinen die Vorrathskammern ein einla⸗ dendes Anſchen zu beſitzen.“ „Und dieſe Vorrathskammern werden von Ihnen, um den wurdigen Patron zu erfreuen, bald neu verſehen werden?“ Alida ſpielte mit einem Löffel, der eigen gearbeitet war und Aſt und Blätter einer Theepflanze vorſtellte. Sie fuhr zurück, ließ das Geräth fallen und erhob den Blick zu ihrem Gaſt. Ihre Augen firirten ihn, nicht ohne Antheil an der Ernſthaftigkeit, die der junge Mann verrieth. „Sie werden von mir nie verſehen, Ludlow;“ war die feierliche und beſtimmte Antwort, woraus der feſte Entſchluß des Mädchens hervorging. „Dieſe Erklärung hebt Berge hinweg!— O Alida, wenn ſie ſo leicht—“ „St!“ lispelte ſie, indem ſie ſich erhob und einen Augenblick in geſpannter Erwartung daſtand. Ihr Auge — 70— ſtrahlte und die Nöthe ihrer Wange war ſtärker als zu⸗ vor, während Freude und Hoffnung auf den ſchönen Zugen lebhaft ausgeprägt waren—„St!“ wiederholte ſie, indem ſie Ludlow aufforderte, ſeine Gefühle zurück⸗ zuhalten.„Hörten Sie nis hi 2* Der argerliche, doch verwunderte junge Mann ſchwieg und beobachtete ihr fonderbar gef ſpanntes Weſen, in die lieblichen Züge ſo vertieft, wie ſie ſelber ſchien. Da kein anderer Laut dem, was Alida gehört zu haben meinte, folgte, ſetzte ſie ſich wieder und ſchien von neuem ihre Aufmerkſamkeit auf ihren Gaſt zu richten. „Sie redeten von Bergen?⸗— ſagte ſie, kaum wiſſend, was ſie ſprach.„ Paſſage zwiſchen der Newburgh⸗ und Tappan⸗Bai hat kaum ihres Gleichen⸗ 7 wie ich von gereiſten Leuten gehört habe—† „Ich ſprach wirklich von Bergen, aber es war von ſolchen, die mich danieder drucken. Ihr rälhſelhaftes Benehmen und Ihre grauſame Gleichgültigkeit haben ſie auf mein Her; gehäuft, Alida. Sie ſagten, es ſey keine Hoffnung für Oloff Van Staats, und eine Sylbe⸗ mit Ihrer angebornen Unbefangenheit und Aufrichtigkeit geſprochen, machte alle meine Beſorgniſſe von dieſer Wetterſeite her verſchwinden. Es bleibt nur die Erklä⸗ rung Ihrer Abweſenheit uübrig, um wieder volle Gewalt uber einen Mann zu erlangen, der nur zu bereit iſt, alles zu glauben, was Sie ſagen oder thun. La belle Barberie ſchien gerührt. Ihr Blick auf den jungen Seemann war milder und ihrer Stimme fehlte die gewöhnliche Feſtigkeit im Antworten. „Dieſe Gewalt iſt alſo vermindert worden?““ „Sie werden mich verachten, wenn ich Nein ſage;— ſie werden mir mißtrauen, ſage ich Ja.“ „Dann ſcheint Schweigen das beſte Mittel zu ſeynt, um unſre gegenwärtige Freundſchaft zu erhalten.— Ich hörte ſicher einen leiſen Schlag auf den Fenſterladen?“ „Erwartung betrugt uns oft. Dieſes wiederholte fhorchen ſcheitt mir zu ſagen, daß Sie einen Beſuch erwarten.“— Ein deutlicher Schlag auf den Laden beſtätigte die Vermuthung der Herrin des Pavillons. Alida ſah ihren Gaſt an und ſchien verlegen. Ihre Farbe wechſelte und es war, als ob ſie ſich ſcheue, etwas zu aͤußern, was entweder ihr Gefuͤhl oder ihre Klugheit unterdrücken wollte. „Capitain Ludlow, Sie waren ſchon früher einmal von einem Zuſammentreffen in der Cour des Fées, welches Ihnen wahrſcheinlich ungun⸗ ſtige Begriffe von mir beigebracht hat. Aber ein edler, großmuthiger Mann wie Sie wird Nachſicht haben mit den kleinen Eitelkeiten des Weibes. Ich erwarte einen Beſuch, den vielleicht ein Beamter der Königin nicht ſehen ſollte.“ „Ich bin kein Mauthbeamter, der in die Garderoben und geheimen Schubfacher der Damen ſieht; meine Pflicht beſteht lediglich darin, auf dem freien Meere gegen die offneren Verletzer der Geſetze aufzutreten. Wenn Sie Jemanden draußen haben, deſſen Gegenwart Sie wünſchen, laffen Sie ihn hereintreten, ohne mein Amt zu fürchten. Finden wir uns dann an einem paſ⸗ ſenderen Ort, ſo werde ich mich zu revanchiren wiſſen.“ rbeugte Seine Gefährtin blickte ihn dankend an und ver 951 Au unerwarteter Zeuge — 72— ſich in demſelben Sinne. Dann klingelte ſie mit einem Löffel in einer Taſſe. Das Geſträuch, welches ein Fen⸗ ſter überſchattete, regte ſich und ſogleich erſchien der junge Fremde, den wir in dem früheren Theile dieſes Werkes kennen gelernt haben, auf dem niedern Balkon. Seine Figur zeigte ſich kaum, als auch ein kleiner Waa⸗ renballen hinter ihm mitten in's Zimmer rollte. „Ich ſende das Certificat meines Charakters wie ei⸗ nen Courier voraus,“ ſagte der galante Schleichhändler oder Meiſter Seadrift, wie ihn der Alderman nannte, zog die Kappe artig gegen die Herrin der Cour des Fées und etwas ceremoniöſer gegen ihren Gaſt, dann ließ er die goldverbrämte Bedeckung wieder auf ihren Sitz, ein Bett von reichen, glänzenden Locken ſinken und machte ſich an feinen Ballen.„Hier iſt noch ein Kunde, auf den ich nicht zählte, und ich hoffe nun auf mehr, als gewöhnlichen Gewinn! Wir kennen uns ſchon, Capitain Ludlow.“ „Wir kennen uns, ja, Herr Tummler der Meere, und werden uns noch näher kennen lernen. Die Winde ſind wandelbar und das Glück hilft dem Rechtſchaffenen!“ „Wir bauen auf die Obhut der meergrünen Dame,“ verſetzte der ſonderbare Schmuggler, indem er mit einer Art, ſey es wahrer oder erkünſtelter Ehrerbietung auf das Bildniß blickte, das artig mit reichen Farben auf den Sammt ſeines Käppchens geſtickt war. Was geweſen iſt, kehrt wieder. Die Vergangenheit lehrt die Zukunft hoffen. Wir ſind hier doch auf neutralem Gebiete.“ „Ich bin der Commandant eines königlichen Kreu⸗ zers, Herr,“ verſetzte mit ſtolzem Ton der Andere. — 73— „Königin Anna darf auf ihren Diener ſtolz ſeyn— aber wir verſäumen unſern Handel. Bitte tauſendmal um Verzeihung, liebliche Gebieterin der Cour des Fèes. Ein ſolches Zuſammentreffen von zwei rohen Seeleuten iſt eine Beleidigung Ihrer Schönheit und entſpricht we⸗ nig der Ehrerbietung, die man dem Geſchlechte ſchuldig iſt. Nach allen Ceremonien nun habe ich gewiſſe Arti⸗ kel anzubieten, welche die lebhafteſten Augen noch ſtrah⸗ lender und manche Herzogin luſtern gemacht haben.“ „Ihr ſprecht mit vieler Zuverſicht von Euren Ver⸗ bindungen, Meiſter Seadrift, und nennt vornehme Leute ſo vertraulich unter Euren Kunden, als wärt Ihr in Staatsgeſchäften gebraucht worden.“ „Dieſer brave Diener der Königin wird Ihnen, mein Fräulein, ſagen, daß der Wind, der auf dem atlantiſchen Meere ein Sturm iſt, kaum am Lande die glühende Wange eines Mädchens fächelt, und daß die Bande des Lebens eben ſo wunderlich verſchlungen ſind, wie die Taue eines Schiffes. Der Tempel von Epheſus und die Hütte der indianiſchen Urbewohner ruhten auf derſelben Erde.“ „Ihr wollt damit ſagen, der Rang ändert die Natur nicht. Wir müſſen zugeben, Capitain Ludlow, daß Mei⸗ ſter Seadrift ſich auf das weibliche Herz verſteht, wenn er mit gewirkten Stoffen, wie dieſe, in Verſuchung führt!“ Ludlow hatte die Sprechenden in der Stille beobach⸗ tet. Das Benehmen Alida's war weit weniger verlegen, als er es früher in Geſellſchaft des Schmugglers bemerkt, und ſein Blut kochte, als er ſah, wie ſich Beider Blicke mit einer geheimen Vertraulichkeit begegneten. Er blieb jedoch, mit dem Entſchluß, ruhig zu ſeyn und das Schlimmſte zu erfahren. Er bezwang den Ausdruck ſei⸗ ner Gefühle, und antwortete, mit großer Anſtrengung ſich zu faſſen, vernoht nicht ohne Bitterkeit in dem Ton ſeiner Stimme, die des Herzens Qual verrieth. „Wenn Meiſter Seadrift dieſe Kunſt verſteht, ſo kann er ſich auf ſein gutes Glück etwas einbildene, war die Antwort. „Viel Umgang mit dem ſchönen Geſchlecht, welches mein beſter Kunde iſt, hat mir darin gute Dienſte ge⸗ leiſtet,“ verſetzte der ſelbſtzufriedene Schleichhändler. „Hier iſt ein Brokat, deſſen Widerpart in unſerer könig⸗ lichen Herrin Gegenwart ganz unverhohlen getragen wird, obgleich es aus den verpönten Webſtühlen Italiens kömmt, und die Hofdamen kommen vom patriotiſchen Tanz in den Stoffen der Heimath dem Publikum zu Gefallen einmal im Jahr, um dieſe anſprechenderen Er⸗ findungen ſich ſelbſt zu Gefallen den übrigen Theil des Jahres zu tragen. Sagt mir, warum wendet der Eng⸗ länder bei ſeiner fahlen Sonne Tauſende auf, um eine krankhafte Nachahmung der Gaben der Tropenländer hervorzubringen, als aus dem Grunde, weil er ſich nach verbotenen Früchten ſehnt, oder warum läßt ein Pariſer Gourmand eine Feige auf ſeiner Zunge zergehen, die ein Lazzaroni von Neapel gleichgültig in ſeinen Schub: fack ſteckt, als weil er gern die Milde eines tieferen Breitegrades mit einem meerumgränzten Himmel genie⸗ ßen möchte. Ich habe Menſchen geſehen, die ſich ein köſtliches Zuckerwaſſer aus einer europäiſchen Ananas * — bereiteten, die ihnen eine Guinee koſtete, indeß ihr Gau⸗ 15 men dieſelbe Frucht mit ihrer ſüßſauren Wurze, von 12 heißer Sonne natürllich gereift, verſchmäht haben wilh⸗ 19 ddeen, bloß weil ſie den Genuß umſonſt haben konnten. 1 Dieß iſt das Geheim: niß unſerer Gunſt, und da das Ge⸗ 3 ſchle cht dieſen Einfluſſen ſo ſehr unterworfen iſt, ſo ſind r wir ihm dafür am meiſten Dank ſchutdig. ar„Ihr ſeyd ein gereiſter Mann, Meiſter Seadrift,. verſetzte la belle lächelnd, indem ſie den reichen Enhatt es des Ballens auf den Teppich ausbreitete,„und Ihr 62 handelt Gebraͤuche ſo vertraulich, als Ihr von Wü P.* redet.“ 5„Die Dame mit dem meergrunen Gewand will kei⸗ n nen Müßiggänger zum Diener. Wir ſolaen der Ric 18 tung ihrer lenkenden Hand; manchmal weiſt ſie uns den 41n auf nach den Inſeln des adriatiſchen Meeres daun . wieder zu Euern ſtürmiſchen Küſten von Am rrika. 8 12 innd wenige S Strecken zwiſchen Gibraltar und dem Kat⸗ 6 tegat, die ich nicht beſucht hatte.“ 9⸗„Aber Italien war doch der Liebling, wenn man aus ie der Menge Fabrikate ſchließen darf, die Ihr von daher ringt.“ h„JItalien, Frankreich und Flandern, das ſind die drei Lander meiner Waaren; doch haben Sie mit der Vor⸗ 126. iebe fuͤr Italien allerdings recht. Viele Jahie meines b⸗ früheren Lebens brachte ich an den edlen Küſten dieſes 1 romantiſchen Landes zu. Einer, der ſich meiner Kind⸗ heit und Jugend annahm, ließ mich ldan einige Zeit, in des Unterrichts wegen, auf der kleinen Fläche von Sor⸗ rento.“ — 78— „und wo liegt dieſe Fläche?— denn der frühe Sitz eines ſo berühmten Räubers wird wohl einſt Gegenſtand der Lieder werden und die Muße neugieriger Menſchen beſchäftigen.“ „Die Liebenswürdigkeit der Fragerin mag den Spott entſchuldigen! Sorrento iſt ein Dorf an der ſüdlichen Küſte der berühmten Bai von Neapel. Das Feuer hat in dieſem ſanften, doch wilden Lande viele Verheerungen angerichtet, und wenn, wie die Frommen glauben, die Quellen der großen Tiefe einſt aufbrachen und die Erd⸗ rinde zerſtört wurde, damit die in der Tiefe ſchlafenden Quellen die Oberfläche überſtrömten, ſo mag dieß eine der Stellen geweſen ſeyn, die Der wählte, deſſen Berüh⸗ rung unverwiſchliche Spuren als Zeichen ſeiner Macht hinterläßt. Das ganze Bett der Erde ſcheint in dieſer Gegend nur der Ausbruch von Vulkanen zu ſeyn, und der Sorrentiner bringt ſein ſtilles Leben in der ehema⸗ ligen Werkſtätte eines furchtbaren Kraters zu. Es iſt ſeltſam, wenn man ſieht, wie die Menſchen im Mittel⸗ alter ihre Städte am Rande des Meeres erbauten, wo das Element die Hälfte des zerriſſenen Baſſins verſchlang, und wie ſie die gähnenden Klufte des Tuffo zu Graben benutzten, um ihre Mauern damit zu ſchirmen! Ich habe viele Länder beſucht und die Natur faſt unter allen Himmelsſtrichen geſehen, aber kein Ort verbindet in ſich eine ſo herrliche Miſchung von Naturerzeugniſſen mit großen Erinnerungen, wie die liebliche Stätte der Klip⸗ pen von Sorrent.“ „Erzählt mir dieſe Dinge, die eine ſo erfreuliche Er⸗ —— itz nd — 77— innerung zurückgelaſſen haben, ein wenig genauer, indeß ich den Inhalt Eures Ballen durchſe ts.“ Der elegante junge Schleichhändler ſchwieg; er ſchien auf Bildern der Vergangenheit zu weilen. Bald aber fuhr er mit einem melancholiſchen Lächeln weiter fort: „Wie viele Jahre auch ſeitdem verfloſſen ſind,“ ſagte er, „ſo kann ich mir doch die Schönheiten dieſer Natur ſo lebhaft vergegenwärtigen, als ob ſie noch vor meinen Augen ſtänden. Unſer Aufenthalt war an dem Rande der Klippen. Vor uns lag das tiefblaue Meer und an der weiteren Küſte war eine Reihe von Gegenſtänden, wie Zufall oder Abſicht ſie ſelten zuſammenführen, vereinigt. Denke Dich, Fräulein, an meine Seite und folge der Curve der nördlichen Kuſte, wie ich jetzt den umriß von der herrlichen Scene ziehe. Das hohe ge⸗ birgige, zerriſſene Eiland auf der äußerſten Linken iſt Iſchia. Sein Urſprung iſt unbekannt; Lavaſäulen win⸗ den ſich längs ſeiner Kuſte, die ſo friſch ausſehen, als wären ſie erſt geſtern dem Berg entflohen. Das lange niedere Stückchen Land, vom Meer umſpült, wie ſein Nachbar, iſt Procida, ein Ableger des alten Hellas. Seine Bevölkerung bewahrt noch in Kleidung und Sprache die Reſte des Urſprungs. Der enge Canal füͤhrt zu einem hohen, nackten Felſenüberhang. Das iſt das alte Mi⸗ ſenum. Hier landete Aeneas, hielt Rom ſeine Flotten, und von da ging Plinius aufs Waſſer, um dem Ar⸗ beiten des Vulkans näher zu ſeyn, nachdem derſelbe aus einem Schlafe von Jahrhunderten erwacht war. In der Hölung des Bergskammes von dieſem nackten Vor⸗ ſprung bis zur nächſten Höhe, liegt der fabelhafte Styr, wie der Mantuaner ſie bezeichnet. Mehr in der Höhe und naher am Meere liegen in der Erde vergraben die großen Gewölbe der Piscina Mirabile und die düſtern Höhlen der hundert Kammern, Orte, die den Luxus und den Despotismus Roms bezeichnen. Nahe der großen Maſſe des Schloſſes, das man ſo viele Stunden weit ſieht, iſt der lieblich gewundene Hafen von Bajä, und ge⸗ gen die Seite der ſchirmenden Hügel zu lag einſt die Stadt von Landhäuſern. Zu dieſer heimlichen Anhöhe dräng⸗ ten ſich Imperatoren, Conſuln, Dichter und Krieger der Hauptſtadt, um Erholung zu ſuchen und die reine Luft eines Ortes zu athmen, den die Peſt ſeitdem zum Auf⸗ enthalt erwählt hat. Die Erde iſt noch mit den Ueberre⸗ ſten ihres Glanzes bedeckt, und Ruinen von Tempeln und Bädern ſind überall unter den Oliven⸗ und Feigen⸗ bäumen der Landleute zerſtreut. Eine kleinere Kuppe begränzt die nordöſtliche Seite der kleinen Bai. Auf ihr ſtanden einſt die Wohnungen der Kaiſer. Hier ſuchte Cäſar Zuruckgezogenheit, und die warmen Quellen an ihrer Seite werden noch heute die Bäder des blutigen Nero genannt. Der kleine kegelförmige Berg, der, wie Ihr ſeht, ein friſcheres grüneres Anſehen hat, als das benachbarte Land, iſt erſt vor kurzen zweihundert Jahren aus dem Keſſel unter ihm hervorgeſtiegen. Er nimmt zum Theil die Stelle des alten Lukriner Sees ein. Alles was von dem berühmten Vorrathsort der Söhne Epi⸗ kurs blieb, iſt die kleine niedre Fläche an ſeinem Fuße, die nur ein Faden Sandes vom Meere trennt. Mehr nach hinten und von öden Bergen inngeben, liegen die liegen die elyſaiſchen Gefilde und der Ort der Todten, ten, böhe die eern und ßen veit ge⸗ adt ng⸗ der euft luf⸗ rre⸗ eln en⸗ ppe Auf hte an gen wie das ren mt les pi⸗ ße, ehr die Gewäſſer des Avernus. An ihren Ufern ſtehen noch die Ruinen eines Tempels, in denen man den unterirdiſchen Göttern Opfer brachte. Die Grotte der Sybille wölbt ſich in dieſem Rucken auf der linken Seite, und der cu⸗ mäiſche Gang zieht ſich faſt nach hinten. Die Stadt, die man eine halbe Stunde weit rechter Hand ſieht, iſt Poz⸗ zuoli, ein Hafen der Alten und ein Ort, der jetzt noch wegen der Tempel des Jupiters und Neptuns, des ver⸗ fallenen Amphitheaters und der halb verſchutteten Ge⸗ wölbe beſucht wird. Hier verſuchte Caligula die ehrgei⸗ zige Brücke, und auf dem Wege von hier nach Baja war es, wo der nichtswürdige Nevo nach dem Leben ſeiner eignen Mutter trachtete. Hier war es auch, wo der heilige Paulus ans Land ſtieg, wie er als Gefange⸗ ner nach Rom zog. Das kleine aber hohe Eiland nach dem Lande iſt Niſida, der Ort, wohin ſich Marcus Bru⸗ tus nach der Unthat am Fuße der Bildſäule des Pompe⸗ zus zurückzog, wo er eine Villa beſaß, und von wo er mit Caſſius wegſegelte, um den Schatten und die Rache des ermordeten Cäſars bei Philippi zu finde. Dann kommen Parthieen, die mehr dem Mittelalter angehören, obgleich grade unter dem Berg im Hintergrunde der berühmte unterirdiſche Weg iſt, von dem bei Strabo und Seneca die Rede ſeyn ſoll, und durch den der Bauer noch täglich ſeinen Eſel zum Markte der neueren Stadt treibt. An ſeinem Eingang iſt das berühmte Grab Vir⸗ gils, und dann beginnt ein Amphitheater von weißen mit platten Dächern verſehenen Häuſern. Das iſt das larmende Neapel ſelbſt, mit dem Felſenſchloß St. Elmo gekrönt! Die weite Ebene zur Rechten trug das ent⸗ nervte Capua und ſo manche andere Stadt auf ſeiner Flache. Dann folgt der einſame Berg Vulcan mit ſei⸗ nem aus drei Zacken beſtehenden Gipfel. Man ſagt, Landhäuſer und Dörfer, Flecken und Städte lägen unter den Weinbergen und Paläſten, die ſich zu ſeinen Fußen drängen, begraben. Die alte unglückliche Stadt Pom⸗ peji ſtand auf der unſeligen Ebene, die nun im Küſten⸗ ſtrich der Bai folgt, und dann kommt die Linie des Vor⸗ gebirgs, welches am Meere die Seite von Sorrent bil⸗ der!. „Wer eine ſo gute Schule gemacht hat, ſollte ſie beſſer zu benutzen wiſſen,“ ſagte Ludlow mit Härte, als der aufgeregte Freihändler verſtummte.. „In andern Laͤndern holen die Menſchen ihre Ge⸗ lehrſamkeit aus den Buchern; in Italien erwirbt ſich das Kind ſeine Kenntniſſe im Anſchauen ſichtbarer Dinge;“— war die ruhige Antwort. „Einige Eingeborne dieſes Landes ſchmeicheln ſich mit der Meinung, daß unſere eigene Bai hier, unſre Som⸗ merhimmel und das Clima im Allgemeinen eine auffal⸗ lende Aehnlichkeit mit einer Gegend haben, die grade in unſerer eigenen Breite liegt,“ bemerkte Alida ſo haſtig, als ſey es ihr darum zu thun, zwiſchen ihren beiden Gä⸗ ſten den Frieden zu erhalten. „Daß Eure Manhattan⸗ und Rariton⸗Gewäſſer breit und ſchön ſind, kann Niemand läugnen, und daß liebliche Weſen an ihren Ufern wohnen, Fräulein,“ verſetzte Sea⸗ drift mit galantem Abziehen des Hutes,„davon ſind meine eignen Augen Zeugen. Aber es wäre wohl beſſer, einen anderen Geſichtspunkt Eurer Vortrefflichkeit zur 1 — 81— Vergleichung aufzufaſſen, als der Wetteifer mit den be⸗ rühmten Gewäſſern, den phantaſtiſchen und bergigen Inſeln und den ſonnigen Anhöhen des modernen Nea⸗ pels iſt! Zwar iſt ganz richtig die Breite zu Euren Gunſten und eine wohlthätige Sonne verfehlt ihre Kraft nicht, und wirkt in der einen Region mehr als in einer andern. Aber die Wälder von Amerika ſind noch immer zu ſehr mit Nebeln und Dünſten bedeckt, um nicht die natürliche Reinheit der Luft zu verringern. Wenn ich auch viel vom mittelländiſchen Meere geſehen habe, ſo bnn ich doch auch kein Fremdling an dieſen Küſten. Bei vieler Aehnlichkeit in den beiden Climaten finden doch auch manche und bedeutende Unterſchiede zwiſchen ihnen ſtatt.“ „Laßt uns denn dieſe Unterſchiede kennen lernen, damit wir, von unſerer Bai und unſerm Himmel redend, in keinen Irrthum verfallen.“ „Sie thun mir viel Ehre an, mein Fräulein, ich bin kein beſonderer Scolar und die Gabe der Rede ſteht mir ſchlecht zu Gebote. Doch will ich mit dem Wenigen, was ich weiß, nicht ſpröde thun. Die italieniſche Atmo⸗ ſphäre iſt wegen der Feuchtigkeit vom Meere her manch⸗ mal nebelig. Doch kennt man Gewäſſer in breiten Flä⸗ chen außer den beiden Meeren in dieſen Landern kaum. Es giebt wenig Dinge in der Natur, die dürrer ſind, als ein italieniſcher Strom in den Monaten, wo die Sonne die ſtärkſte Wirkung thut. Man ſieht die Spu⸗ ren an der Luft, die in der Regel elaſtiſch, trocken und den allgimeinen Geſetzen des Climas entſprechend iſt. Es herrſchen da weniger Dünſte in Geſtalt kaum merk⸗ 61— 63. 6 licher Nebel, wie in dieſen waldreichen Regionen. So wenigſtens pflegte es der zu erklären, dem die Leitung meiner Jugend anvertraut war.“ „Ihr zögert, von unſerm Himmel, unſern Abendlich⸗ tern und unſerer Bai zu reden?“ „Ich werde davon mit aller Aufrichtigkeit reden.— Was die Baien betrifft, ſo ſcheint jede ſich zu dem zu qualificiren, wozu die Natur ſie eigentlich geſtempelt hat. — Die eine iſt poetiſch, ſtill, voll anmuthiger, ja glän⸗ zender Schönheiten und mehr mit Reizen geſchmückt als nutzbar. Die andere wird eines Tages der Markt der Welt ſeyn!“ „Ihr windet Euch noch immer um die eigentliche Schönheit herum,“ ſagte Alida etwas empfindlich, unge⸗ achtet ſie auf den Gegenſtand nur halb zu achten ſchien. „Es iſt der gewöhnliche Fehler aller Staatsgemein⸗ den, daß ſie ſich überſchätzen und neue Schauſpieler, die im großen Drama der Nationen auftreten, nicht gehö⸗ rig würdigen, gleich wie Männer, die lange Zeit mit Er⸗ folg aufgetreten ſind, die Anſtrengungen neuer Bewer⸗ ber in der Gunſt der Welt zu verachten pflegen,“ ſagte Seadrift, indem er mit Verwunderung den empfindlichen Blick der ſtirnrunzelnden Schönheit beobachtete.„In die⸗ ſem Fall jedoch hat ſich Europa nicht ſo ſehr geirrt. Die, welche viele Aehnlichkeit zwiſchen der Bai von Nea⸗ pel und dieſer von Manhattan erblicken, haben eine fruchtbare Einbildungskraft, denn ſie beruht allein auf dem Umſtande, daß beide viel Waſſer haben, und ein Kanal zwiſchen einer Inſel und dem Feſtlande der einen einem Canal mit zwei Inſeln der andern gleichſieht. ——— s3——+ 1 zu hat. län⸗ als der liche nge⸗ ten. rein⸗ die gehö⸗ Er⸗ wer⸗ ſagte ichen die⸗ eirrt. Nea⸗ eine 1 auf ein einen ſieht. Dieſe Bai iſt eine von Strömen gebildete große Bucht, jene ein Golf; und während die erſtere das grüne trübe Waſſer einer abgeflachten Küſte und einſtrömender Fluſſe führt, bildet der letztere ein blaues klares Element in tiefer See. Bei dieſen Unterſchieden nenne ich noch nicht die zerriſſenen felſigen Berghänge mit dem unbeſchreib⸗ lichen Spiel des goldnen und roſigen Lichtes auf den ge⸗ brochenen Flächen, nenne ich nicht die Küſte, auf welcher ſich die Erinnerungen dreier Jahrtauſende drängen L⸗ „Ich fürchte mich, mehr zu fragen. Aber ſicher darf doch unſer Himmel auch neben denen genannt werden, die Ihr rühmt?“ „Auf den Himmel möchtet Ihr Euch ſchon mehr ein⸗ bilden dürfen. Ich erinnere mich, am Capo di Monte geſtanden zu haben, das den kleinen maleriſchen und ge⸗ drängten Strand der Marina Grande bei Sorrent über⸗ ſchaut, ein Ort der Erde, der mit Allem geſchmückt iſt, was nur in einem Fiſcherleben poetiſch ſeyn kann, da zeigte der, von dem ich ſprach, auf das klare Gewölb oben und ſagte:„das iſt der Mond Amerika's.“ Die Farben der Raketen ſind nicht lebhafter, als die Sterne dieſer Nacht waren, denn eine Tramontana hatte jede Unreinheit der Luft weit in das benachbarte Meer hin⸗ aus geweht. Aber ſolche Nächte ſind freilich in allen Climaten ſelten. Die Bewohner tieferer Breiten er⸗ freuen ſich ihrer zuweilen, die höherer nie.“ „So waͤre denn unſere ſchmeichelnde Annahme, daß dieſe weſtlichen Sonnenuntergänge mit denen von Ita⸗ lien wetteifern, eine Täuſchung?“ „Nicht alſo, mein Fräulein. Sie wetteifern mit ein⸗ 6* — 834— ander, ohne ſich zu gleichen. Die Farbe des Etuis, wor⸗ aauf eine ſo ſchöne Hand ruht, iſt nicht milder, als die Färbung des italieniſchen Himmels. Aber wenn der Abendhimmel Amerika's des perlichten Lichts, der roſi⸗ ſien Wolken und der ſanften Tinten entbehrt, die um dieſe Stunde über der ganzen Wölbung von Neapel in einander verſchmelzen, ſo iſt er doch bedeutender in der Lebhaftigkeit der Gluth, in der Stärke der Uebergänge und in dem Reichthum der Farben. Dieſe ſind nur zarter, während jene prächtiger ſind. Wenn Eure Wäl⸗ der weniger Dünſte ſammeln, mögen dann dieſelben Ur⸗ ſachen dieſelben Effekte hervorbringen. Bis dahin muß Amerika zufrieden ſeyn, ſich einer neuen eigenthümlichen, doch darum nicht minder ſchönen Erſcheinung der Natur rühmen zu dürfen.“ „Dann hätten die, welche von Europa zu uns kom⸗ men, doch nur zur Hälfte recht, wenn ſie über die An⸗ maßung mit unſerer Bai und unſerem Himmel lachen?“ „Sie iſt in Beziehung auf dieſen Continent der Wahrheit näher als gewöhnlich. Sprecht nur von Euern vielen Flüſſen, der doppelten Ausſtrömung, den zahlloſen Becken und den unerreichten Vortheilen Eures Man⸗ hattan⸗Hafens, denn mit der Zeit werden dieſe alle Schön⸗ heiten des unvergleichlichen Neapels beſiegen; aber ver⸗ ſucht den Fremden nicht, die Vergleichung weiter auszu⸗ führen. Seyn Sie dankbar fur Ihren Himmel, mein Fräulein, denn Wenige leben unter einem ſchöneren, ſe⸗ gensreicheren— aber ich langweile Sie mit dieſen Be⸗ merkungen, denn hier ſind Farben, die fur eine junge 1 ——/+—& 7 vor⸗ die der roſt⸗ um e in der inge nur Wäl⸗ Ur⸗ muß chen, atur kom⸗ An⸗ en?“ der uern loſen Nan⸗ chön⸗ ver⸗ uszu⸗ mein ;, ſe⸗ Be⸗ unge 7 — 85— lebhafte Einbildungskraft mehr Reiz haben, als ſelbſt die Tinten der Notur.“ La belle Barberie lächelte gegen den Schleichhändler mit einem Ausdruck, der Ludlow faſt krank machte, und ſie war ſchon im Begriff, beſſer geſtimmt zu antworten, als die Stimme ihres Onkels deſſen Kommen verrieth. Kapirel. — 8— Sechſte „— In England ſollen die Sieben⸗Halbſtüber⸗Laibe einen Stüber koſten; die dreireiſigen Krüge ſollen zehn Reiſe haben, und ich will es als ein Verbrechen beſtra⸗ fen, wenn einer Dünnbier trinkt.“ Jack Eade. Wäre Aldermann Van Beverout bei dem eben er⸗ zählten Geſpräch zugegen geweſen, er hätte keine paſſen⸗ deren Worte finden können, als die Ausrufung, die jetzt die Ohren der Geſellſchaft des Pavillions traf. „Windſtöße und Climate!“ rief der Kaufmann, in⸗ dem er mit einem offenen Briefe in der Hand ins Zim⸗ mer trat.„Hier ſind Avisbriefe über Curacao von der afrikaniſchen Küſte, welche melden, daß das gute Schiſ⸗ die Moſchusratze, vor den Azoren ſchlechte Winde fand, die ihren Heimweg auf ſiebzehn Wochen verzögerten— das iſt zu viel Zeit zwiſchen den Märkten verloren, Ca⸗ pitain Cornelius Ludlow, und es wird dem guten Rufe des Schiſſes ſchaden, der ſich bis dato immer bewährt hat, da es nie mehr als die gewöhnlichen ſieben Monate hin und her brauchte. Wenn unſere Schiffe einen ſo 3— 86— ſchlafrigen Gang nehmen, ſo bringen wir keine Häute Pat nach Briſtol, bis ſie im Unwerth ſind. Was giebts den lich hier, Nichte? Waaren, und noch dazu verdächtige! Wwöo das iſt die Factur der Güter und welches Schiff hatte ſie— in Kü Ladung?“. ben „Fragen, die Ihnen am beſten der Eigenthümer be- tzut antwortet,“ verſetzte la belle, indem ſie ernſthaft und iig nicht ohne zitternde Stimme auf den Schmuggler deu⸗ tete, der bei der Annäherung des Aldermans, ſ weit er Sp — konnte, zurückgewichen war. Kerſ Myndert warf einen mißtrauiſchen Blick auf die un⸗ Ge veränderten Züge des Commandanten des königlichen wö Kreuzers, nachdem er den Inhalt des Ballens kurz, doch abe mit einem Kennerauge gemuſtert hatte.„Capitain Lud⸗: ler low, der Gejagte iſt im Garn!“ ſagte er.„Nachdem ſat wir eine Woche und mehr auf dem atlantiſchen Meer pli herumgeſegelt ſind, wie ein Judenmaklers⸗Schreiber auf de den Bompjes in Rotterdam hin und her läuft, um einen vi⸗ Frachtbrief über verdorbenen Thee vom Hals zu kriegen, di fangen wir uns hier ſelber! Welchem Sinken der Preiſe Im dSder veränderten Maßregeln der Handelskammer ver⸗ re danke ich die Ehre dieſes Beſuches, Meiſter e— e— e— 31 Flunkerer mit grünen Fräuleins und gewirkten Stoffen?“ 4 Das zuverſichtliche und galante Benehmen des Frei- kl häͤndlers war verſchwunden; an deſſen Stelle trat ein 56 Ausdruck von Verlegenheit, den man an ihm nicht ge⸗ 4 wohnt war, mit augenſcheinlicher Unentſchloſſenheit über das, was er antworten ſolle. e „Das Geſchaft iſt's Derer, die viel wagen, um den d Bedürfniſſen des Lebens abzuhelfen,“ ſagte er nach einer m ———— ᷣ — 87— Pauſe, die das gänzlich veränderte Benehmen hinlang⸗ lich bezeichnete,„um Kunden in einem Lande zu ſuchen, das den Ruf von Liberalität genießt. Ich hoffe, meine Kühnheit wird auf Rechnung der Beweggründe verzie⸗ hen, und helfen Sie vielmehr dem Fräulein in der Schä⸗ tzung meiner Waaren und in der Beſtätigung ihrer Vil⸗ ligkeit aus eigner reiferer Erfahrung.“ 4 Myndert war eben ſo ſehr wie Ludlow über dieſe Sprache und das gedrückte Weſen des Schleichhändlers erſtaunt. Indem er einen ſchweren Angriff auf ſeine Gewandtheit erwartete, um nichts minderes als die ge⸗ wöhnliche trotzige und ſorgloſe Vertraulichkeit Seadrifts abzuweiſen, damit ſeine Bekanntſchaft mit dem Tumm⸗ ler der Meere ſoviel als möglich in Zweifel geſtellt werde, fand er zu ſeinem Erſtaunen ſeinen Zweck, durch den plötzlichen außerordentlichen Reſpekt, mit dem er behan⸗ delt wurde, mehr als unterſtützt. Kühn gemacht und vielleicht ein wenig in ſeiner eignen Achtung gewinnend durch die unerwartete Demuth, die der würdige Alder⸗ man, ſo ſchlau er auch ſonſt war, dießmal gleich ande⸗ ren Menſchen irgend einer ihm inwohnenden Eigenſchaft zuſchrieb, antwortete er mit ſehr tiefer Stimme und größerer Protcectionsmiene, als er ſonſt anzunehmen für klug gehalten hätte, gegen einen, der ihm ſo viel Pro⸗ ben ſeiner unbekümmerten Art, die Dinge anzuſehen, zu geben pflegte. „Das heißt gieriger nach Geſchäften, als klug für einen Mann gehandelt, der den hohen Werth des Cre⸗ dits kennt,“ ſprach er, indem er zugleich eine ſtolze Be⸗ wegung machte, um Vergehung für den verzeihlichen — 88— Irrthum auszudrücken.„Wir müſſen das Mißverſtänd⸗ niß uberſehen, Capitain Ludlow, da, wie der junge Mann richtig bemerkt, Gewinn, in ehrlichem Handel errungen, ein empfehlenswerthes, heilſames Gewerbe iſt. Einer, der mit den Geſetzen nicht unbekannt zu ſeyn ſcheint, ſollte aber wiſſen, daß unſere tugendhafte Königin und ihre weiſen Räthe entſchieden haben, daß Mutter Eng⸗ land das Meiſte, was ein Coloniſt verzehrt, ſelber produci⸗ ren kann, wie, daß ſie hinwiederum das Meiſte ſelber ver⸗ zehren kann, was ein Coloniſt zu produciren im Stande iſt!“ „Ich mache auf Unbekanntheit damit keinen Anſpruch; indem ich meinen geringen Handel verfolge, halte ich mich an ein Geſetz der Natur, welches den Menſchen nach der eignen Wohlfahrt ſtreben läßt. Wir Schleichhändler ſpie⸗ len mit den Behörden nur wettweiſe. Wenn wir über den Panzerhandſchuh wegkommen können, haben wir ge⸗ wonnen, und wenn wir verlieren, ſo finden die Diener der Krone ihre Rechnung. Die Spielſätze ſind gleich und die Wette ſoltte nicht für etwas Verpöntes gelten. Woll⸗ ten die Herrſcher der Welt einmal die unnöthigen Feſſeln heben, die ſie dem Handel anlegen, ſo wäre unſer Hand⸗ werk zu Ende und der Name Freihändler gehörte den reichſten und geachtetſten Häuſern an..) Der Alderman pfiff lispelnd vor ſich hin, bat ſeine Gefährten, Platz zu nehmen, ließ ſeine eigne compaete Perſon auf einen Stuhl nieder, ſchlug die Beine mit ſelbſt⸗ gefälliger Miene übereinander und fuhr im Geſpräch ſo fort. 1 3 „Das ſind ganz ſcharmante Grundſätze, Meiſter —e—e e—, Ihr habt doch ohne Zweifel einen ehr⸗ — 89— lichen Namen, mein ſinnreicher Erklärer der commer⸗ ziellen Verhältniſſe?“ „Man nennt mich Seadrift, wenn kein härterer Name gebraucht wird,“ verſetzte der Andere, indem er demu⸗ thig das Sitzen ablehnte. „Das ſind ſcharmante Grundſaätze, Meiſter Seadrift, und ſie ſtehen einem Manne wohl an, der von practi⸗ ſchen Commentaren über die Abgabengeſetze lebt. Das iſt eine gar weiſe Welt, Capitain Cornelius Ludlow, es giebt darin viele Leute, deren Köpfe wie Güterballen mit einem vollſtändigen Afſortiment von Ideen ange⸗ pfropft ſind.— Potz Fibeln und Abc⸗Bücher! Da ſchik⸗ ken mir grade die Van Bummel, Schoenbroek und Van der Donk ein hübſch gebundenes Büchelchen in gutem Leydener Holländiſch geſchrieben, worin bewieſen wird, daß der Handel ein Tauſch iſt von, was der Autor Aequivalente nennt, und daß die Nationen nichts zu thun haben, als ihre Häfen einander zu öffnen, um den Kaufleuten ein goldnes Zeitalter zu bereiten!“ „Es giebt viele geſcheute Leute, die daſſelbe meinen,“ bemerkte Ludlow, der auf ſeinem Vorſatz beharrte, nur ein ſtiller Beobachter alles deſſen, was vorging, zu ſeyn. „Was doch ein ſchlauer Kopf nicht alles ausſpindi⸗ ſirt, um Bläͤtter voll zu ſchreiben! Der Handel iſt ein Racepferd, meine Herren, und die Kaufleute ſind die Jokeys, die ſie reiten. Wer am ſchwerſten geht, muß wohl verlieren, aber die Natur kann auch nicht allen dieſelbe Dimenſion geben, und es ſind Kampfrichter nö⸗ thig, ſo zum Wettrennen wie zum Handel. Geht, be⸗ ſteigt euern Wallachen, wenn ihr ſo glücklich ſeyd, einen von Aequivalenten iſt—“ zu beſitzen, der nicht durch unbarmherzige Schwarze zu einem Wieſel zuſammengeſchmolzen iſt; geht und reitet aus auf die Harlemer Haide an einem ſchönen October⸗ tag und ſeyd Zeugen des Schauſpiels wie das Wettren⸗ nen gehalten wird. Die Burſche, die drauf ſitzen, ſchnei⸗ den da und dort ein, nun die Peitſche, nun die Spo⸗ ren, und obwohl ſie gleich anlaufen, was nicht immer vom Handel geſagt werden kann, ſo gewinnt ſicher doch immer nur einer. Wenn ſie ſich Schulter an Schulter drängen, iſt die Hetze vorbei, und der beſte Auskratzer gewinnt den Preis.“ „Wie kommt es denn, daß Leute von tiefer Urtheils⸗ kraft ſo oft denken, der Handel blühe dann am meiſten, 1 wenn er am wenigſten beläſtigt werde?“ Soll denn der eine Menſch geboren ſeyn, Geſetze zu machen, und der andere, ſie zu brechen?— Lauft denn das Pferd nicht beſſer mit vier freien Füßen, als in Banden. Aber im Handel, Meiſter Seadrift und Ca⸗ pitain Ludlow, iſt jeder von uns ſein eigner Jockey, und, die Hülfe der Zollgeſetze bei Seite gelaſſen, ſo, wie ihn die Natur eben gemacht hat. Fett oder mager, plumpe oder feine Füße, er muß in der Rennbahn mit, ſo gut er kann. Da rufen denn die Schweren nach Sandſäcken und Gürteln, um alles gleich zu machen. Daß die Mähr unter ihrer Laſt erliegt, dient noch nicht zum Beweis, daß die Möglichkeit, zu gewinnen, nicht größer ſeyn wird, wenn man die Reiter alle gleich macht.“ „Aber um von dieſen Gleichgewichten zu abſtrahiren,“ fuhr Ludlow fort,„wenn der Handel nur ein Austauſch ——— —„——..—— — 91— Was Bettelei und Hemmungen!“ unterbrach ihn der Alderman, der weit dosmatiſcher als höflich in ſeinen Gründen war.„Das iſt die Rede von Leuten, die alle Arten von Büchern, nur keine Handelsbücher ſtudiert ha⸗ ben. Hier habe ich Avisbriefe von Tongue and Twaddle in London, die den Netto⸗Ertrag einer kleinen Unter⸗ nehmung angeben, die den Fluß am 16. April ultimo erreicht hat. Die ganze Geſchichte der Papiere läßt ſich in einen Kindermuff ſtecken— Sie ſind ein verſchwieg⸗ ner junger Mann, Capitain Cornelius, und was Euch anbelangt, Meiſter Seadrift, ſo liegt die Sache ganz außer Eurer Sphäre,— nun, wie ich denn ſagte, hier ſind die Poſten, erſt vor vierzehn Tagen aufgeſetzt, in Form einer Nota;“ während der Aldermann ſo redete, ſetzte er die Brille auf und zog die Brieftaſche heraus. Er rückte ſich damit an's Licht und fuhr ſo fort:„Eine Rechnung von Sand, Feuer und Glaſur für Perlen be⸗ zahlt Pf. St. 3. 2. 6.— Kiſte und Emballage 1. 10 ½. — Schiffgebuhren und Fracht 11. 4.— Aſſecuranz, im Durchſchnitt berechnet zu 1. 5.— Fracht, Proviſton und Commiſſion für den Agenten unter den Mohawks Pf. St. 10.— Ditto, ditto, ditto Verladung, Fracht und Erlös von Pelzen in England Pf. St. 7. 2. Summe der Koſten und Auslagen Pf. St. 20. 18. 8 ½, alles in gangbaren engliſchen Geldſorten. Nota über den Ver⸗ kauf von Pelzen an Froſt and Rich, im Netto⸗Ertrag von Pf. St. 196. 11. 3.— Bilanz, per contra Pf. St. 175. 12. 5 ½— ein ſehr genugendes Aequivalent, Meiſter Cornelius, was ſich da aus den Büchern von Tongue and Twaddle ergibt, wo ich mit dem Debei von Pf. St. 20. 19. 8%½ ſtehe. Wie viel nun die deutſche Kaiſerin der Firma Froſt and Rich für die Artikel be⸗ zahlt, iſt daraus nicht erſichtlich?“ „Auch iſt nicht erſichtlich, daß für Ihre Glasperlen im Lande der Mohawks mehr gelöſt wurde als ſie dort galten, oder für die Häute mehr bezahlt, als ſie werth waren, Wo ſie gewonnen wurden.“ „Wa=w— w— w!“ murmelte der Kaufmann zwiſchen den Lippen, indem er die Brieftaſche wieder einſteckte. „Man ſollte denken, junger Herr und Sohn meines alten Freundes! Ihr hättet das Leydener Büchlein ſtu⸗ diert! Wenn der Wilde ſo wenig von ſeinen Fellen und ſo viel von meinen Glasperlen hält, da wäre ich ja wohl ein Narr, ihn eines Beſſeren zu belehren; er wird ſchon einmal, mit Erlaubniß der Handelskammer, ſein Canot in ein gutes Schiff verwandeln und ſelbſt nach den Zierrathen ausgehen. Unternehmungen und Reiſen! Wer weiß denn, ob der Kerl ſich alsdann mit London, ja mit Wien begnügt, in welchem Fall das Mutterland den Verkaufspreis verliert, wo der Mohawk den Trans⸗ vort auf die Differenz der Marktpreiſe ſelbſt wagen wird! So müſſen auch die Pferde, um den Wettlauf nach der Regel zu machen, ihren Anlauf g gleich nehmen, gleiches Gewicht tragen, und nach allem dem gewinnt doch gewöhnlich nur Einer. Die Speculation darüber iſt nicht beſſer als ſo viele philoſophiſche Goldblättchen, die ein ſchlauer Naiſonneur auf eine Fläche auseinander ſchlägt wie den breiteſten amerikaniſchen See, um Dunſe glauben zu machen, die Erde könne in das köſtlichſte 4 3 „ 2 e 8 — 93— Metall verwandelt werden, indeß ein einfacher, practi⸗ ſcher Mann denſelben Metallwerth in einer klingenden Münze in die Taſche ſteckt.“ „Und doch höre ich Sie klagen, das Parlament habe mehr Geſetze gemacht, als für den Handel gut ſey, und in einer Art von dem Verfahren zu Hauſe reden, wie es, entſchuldigen Sie die Worte, ſich beſſer für einen Hoͤl⸗ länder, als für einen Unterthan der Krone ſchickt.“ „Habe ich Euch nicht geſagt, das Roß läuft beſſer ohne einen Reiter, als mit einem Saum⸗Sattel auf dem Rücken! Gebt Eurem eignen Jokey ſo wenig, und dem Eures Gegners ſo viel Schwere als Ihr könnt, wenn Ihr gewinnen wollt. Ich klage über die Parla⸗ mentsglieder der Marktflecken, weil ſie Geſetze für uns und nicht für ſich ſelber machen. Wie ich oft zu mei⸗ nem würdigen Freunde, dem Alderman Gulp ſage, das Eſſen iſt gut zum Leben, aber Uebereſſen iſt etwas frei⸗ williges.“ „Aus welchem Allem ich ſchließe, daß die Anſichten Ihres Leydner Correſpondenten nicht die des Herrn Van- Beverout ſind.“ Der Alderman legte einen Finger an die Naſe und ſah ſeinen Gefährten einen Augenblick ohne zu antwor⸗ ten an. „Dieſe Leydner ſind ein ſpürſames Völkchen! Wenn die Vereinigten Provinzen nur einen feſten Punkt hätten, würden ſie auch, wie jener Philoſoph ſich rühmte, die Welt aus ihren Angeln heben! Die ſchlauen Kerls mei⸗ nen, die Amſterdammer hätten von Natur einen feſten Sitz, ſie wollen die Andern nur bereden, auf dem glat⸗ — 94— ten Rücken zu reiten. Ich werde das Büchelchen in's indianiſche Land hinauf ſchicken und ein Paar Schüler bezahlen, daß ſie es in's Mohawk ſche überſetzen, damit der famoſe Häuptling Schendoch, wenn er von den Miſ⸗ ſionären leſen gelernt hat, richtige Begriffe über die Aequivalente bekommt! Ich bin noch nicht mit mir ei⸗ nig, ob ich nicht dem würdigen Geiſtlichen ein Präſent damit mache, um die guten Früchte zur Reife zu bringen.“ Der Alderman glotzte rund herum in ſeinem Audi⸗ torium, faltete die Hände verſöhnlich über der Bruſt und ſchien ſeine Beredſamkeit wirken laſſen zu wollen. „Dieſe Anſichten ſind nicht ſehr zu Gunſten der Be⸗ ſchäftigung des— des Herrn— der uns hier mit ſei⸗ ner Gegenwart beehrt,“ ſagte Ludlow, indem er den galanten Schleichhändler mit einem Blick anſah, der ſeine Verlegenheit kundgab, eine ſchickliche Benennung für einen Menſchen zu finden, deſſen Aeußeres ſo ſehr mit ſeinem Handwerk contraſtirte.„Wenn für den Handel Einſchränkungen nothwendig ſind, ſo iſt der ge⸗ ſetzwidrige Handelsmann gewiß ohne Entſchuldigung für ſeinen Beruf.“ „Ich bewundere eben ſo ſehr Ihr Urtheil in der Praris, wie die Richtigkeit Ihrer Anſichten in der Theorie, Capitain Ludlow,“ verſetzte der Alderman. „Bei einem Zuſammentreffen auf dem offenen Meere würde es Ihre Pflicht ſeyn, die Brigantine dieſer Per⸗ ſon gefangen zu nehmen, allein in der Zurückgezogen⸗ heit dieſes häuslichen Lebens begnügen Sie ſich, Ihren Geiſt mit Moral zn erleichtern. Ich halte es für meine Pflicht, auch über dieſen Punkt zu reden und werde eine ſo günſtige Gelegenheit, wo alles ruhig iſt, benuz⸗ zen, um mich einiger Anſichten zu entledigen, die ſich ſehr natürlich unter den gegebenen Umſtänden aufdrängen.“ Myndert wandte ſich jetzt zu dem Schleichhändler und fuhr in der Art ungefähr fort, wie eine Magiſtrats⸗ perſon einem Störer der öffentlichen Ordnung den Text lieſt.„Ihr erſcheint hier, Meiſter Seadrift, unter, was man mit einem Ausdruck Eures Gewerbes falſche Flagge nennt. Ihr habt das Anſehen eines nützlichen Bürgers und ſeyd doch gewiſſer Handlungen verdächtig, die— ich will nicht ſagen unehr lich, oder anrüchtig ſind— denn darin hat jeder ſeine eignen Anſichten; die Euern haben aber auf jeden Fall nicht die Abſicht, Ihro Majeſtät bei⸗ zuſtehen, ihre Kriege zu einer glücklichen Endſchaft zu bringen, indem ihren europäiſchen Reichen das Handels⸗ monopol geſichert wird, wornach es ihr größter Wunſch iſt, uns von den Colonien fürder der Sorge für unſere eignen Intereſſen grade ſo zu entheben, wie wir nicht hinter die Thür ihrer Zollhäuſer ſehen können. Das iſt keck, um der Sache noch die mildeſte Benennung zu ge⸗ ben, und iſt, ich muß es mit Bedauern ſagen, von ge⸗ wiſſen Umſtänden begleitet, die das Vergehen eher ver⸗ ſtärken, als verringern.“ Der Alderman hielt einen Moment ein, um die Wirkung ſeiner Strafrede zu beobachten und aus dem Blick des Freihändlers abzunehmen, wie weit er noch in ſeiner Liſt gehen dürfe; er bemerkte zu ſeinem Erſtau⸗ nen, daß der Andere ſein Geſicht ſenkte und wie das böſe Gewiſſen daſtand, daher fuhr er herzhaft fork: „Ihr habt in dieſen Flügel meines Hauſes, welcher aus⸗ — 36— ſchließlich von meiner Nichte bewohnt wird, die weder von einem Geſchlecht, noch in ſo reifen Jahren iſt, um für Dinge dieſer Art verantwortlich gemacht zu werden, verſchiedene Sachen eingeſchwärzt, deren Gebrauch nach dem Gutfinden der Räthe der Königin den Unterthanen in den Colonieen nicht bekannt ſeyn ſoll, da ſie, der Natur ihrer Fabrikation zufolge, der Prüfung der ge⸗ ſchickten Gewerbsleute des Muttereilandes nicht unterwor⸗ fen werden können. Das Weib, Meiſter Seadrift, iſt ein Geſchöpf, das nun einmal der Verſuchung offen und in weniger Dingen hinfälliger iſt, als in ihrem Beſtreben, der Reizung ſolcher Handelsartikel zu widerſtehen, die darauf berechnet ſind, ihrer Perſon⸗ einen höheren Reiz geben. Meine Nichte, die Tochter des Etienne Phubree mag in dieſem Stück eine um ſo größere Schwäche von Natur beſitzen, da die W zeiber in Frankreich dieſen Erfin⸗ dungen mehr als in andern Ländern nachhängen. Es iſt jedoch keinesweges meine Abſicht, eine unvernünftige Strenge darin zu zeigen, da der alte Etienne, wenn er in dieſen Phantaſiedingen eine Sch wäche auf ſeine Tochter vererbt hat, ihr auch die Mittel hinterließ, ihr Müthchen daran zu kühlen. Reicht daher Eure Nota ein und die Schuld, wenn eine ſolche contrahirt wurde, ſoll richtig bezahlt werden. Und dieß führt mich dann zu dem letzten und ernſthafteſten Eurer Vergehen.“ „Ein Capital iſt ohne Zweifel das Fundament, auf welchem ein Kaufmann das Gebaäude ſeines Rufes aufer⸗ baut,“ fuhr Myndert fort, nachdem er einen zweiten mißtrauiſchen Blick auf das Antlitz deſſen geworfen, mit dem er es zu thun hatte,„aber der Credit iſt, was die — 97— Ornamente an der Fronte der Gebäude ſind. Das iſt der Eckſtein, das ſind die Pilaſter und Schnitzwerke, die das Gebäude gefällig machen; manchmal, wenn das Alter die untern Theile untergraben hat, ſind es die Säulen, auf denen das Gebäude oder ſelbſt nur das Dach noch ruht, unter dem der Bewohner geſchützt iſt. Er gibt dem reichen Mann Ruhe, macht den bemittelten Kauf⸗ mann thätig und reſpectabel und läßt ſelbſt den Armen den Kopf in Hoffnung aufrecht halten. Dabei gebe ich zu, daß Käufer und Verkäufer beide vorſichtig ſeyn müſſen, wenn die Baſis nicht beſonders ſolide iſt. Iſt das nun der hohe Werth des Credits, Meiſter Seadrift, ſo möchte ihn ohne hinlängliche Urſache gewiß Niemand antaſten, denn ſeine Eigenſchaften ſind von einer zu zarten Natur, als daß ſie rauhe Behandlung vertrügen. Ich lernte als junger Menſch auf meinen Reiſen durch Holland, durch welches Land ich mittelſt der Trekſchuyts mit hinlängli⸗ cher Ueberlegung reiſte, da lernte ich⸗ denn, wie wichtig es iſt, bei allen Gelegenheiten ja zu vermeiden, dem Credit eines Menſchen Schaden zuzufugen. Da ein Um⸗ ſtand, der ſich damals ereignete, ein ganz paſſendes Bei⸗ ſpiel darbietet zu dem, was ich jetzt vorbringen will, ſo gebe ich hier die genaue Erzählung der Fakta im Wege der Erläuterung. Die Umſtände, die ich erzählen werde, zeigen die ſchreckliche Ungewißheit der Dinge in dieſem vergänglichen Leben, Capitain Ludlow, und rufen dem jungen und kräftigen Mann die Warnung zu, daß der Starke in ſeinem Stolz niedergeknickt werden kann, wie die Blume des Feldes! Das Banquierhaus Van Gelt und Van Stopper in Amſterdam that damals viel in 61— 63. 7 — 98— Fonds, die der Kaiſer zum Unterhalt ſeiner Heere noͤ⸗ thig hatte. Es geſchah aber, daß das Glück den Tür⸗ ken begünſtigte, der grade die Stadt Belgrad mit eini⸗ ger Hoffnung guten Erfolgs belagerte. Da hatte denn eine eigenſinnige und übelberathene Wäſcherin von einer erhöheten Terraſſe in der Mitte der Stadt Beſitz ge⸗ nommen, um ihre Wäſche zu trocknen. Dieſe Frau fing mit Tagesanbruch an, ihre Leinwand⸗ und Mouſſelin⸗ ſtücke auszubreiten, wie die Muſelmänner die Garniſon mit einem heftigen Angriff weckten. Einige Soldaten, in einer Stellung, die ihnen zu retiriren erlaubte, ſa⸗ hen die Bündel von rother Seide, von Grün und Gelb auf der erhöheten Bruſtwehr, hielten ſie für ſo viele Türkenköpfe, und verbreiteten nah und fern das Ge⸗ rücht, daß eine zahlloſe Bande von Ungläubigen, ange⸗ führt von einer großen Menge Scheriffs in grünen Tur⸗ banen, im Herzen der Stadt eingedrungen ſey, ehe ſie ſich hätten zurückziehen können. Das Gerücht nahm bald die Natur genauer Details an, erreichte Amſter⸗ dam, und ſiehe da, die kaiſerlichen Fonds fielen. Auf der Börſe war nun viel von Verluſten die Rede, und was wohl die Van Gelt und Van Stopper dabei verlo⸗ ren haben mochten. Grade wie das Hin⸗ und Herreden in dieſer Sache die größte Fermentation erreicht hatte, machte ſich der Affe eines Savoyarden von ſeinem Rie⸗ men los und verbarg ſich in einem Nußladen, nur ein Paar Thüren von dem genannten Banquierhauſe weg, wo dann ein Schwarm Judenjungen ſich verſammelte, um die Poſſen mit anzuſehen. Nachdenkliche Leute hiel⸗ ten es für einen dem Banquierhauſe geltenden Scandal — —* — 99— und fingen an, für ihr eigenes Vermögen zu fürchten. Das Ziehen der Wechſel und Verſchreibungen nahm kein Ende und die würdigen Banquiers, grade um ihre So⸗ lidität zu zeigen, verſchmähten es, ihre Thüren zur ge⸗ wöhnlichen Abendzeit zu ſchließen. Das Geldauszahlen dauerte die ganze Nacht durch, und noch vor Mittag des folgenden Tages hatte ſich Van Gelt in einem Som⸗ merhaus am Ufer des Utrechter Canals den Hals abge⸗ ſchnitten und Van Stopper rauchte eine Pfeife zwiſchen großen Geldkiſten, die ganz ausgeräumt waren. Um zwei Uhr brachte die Poſt die Nachricht, die Türken ſeyen geſchlagen worden und die Wäaſcherin gehängt; warum das letztere geſchah, weiß ich wirklich nicht, da ſie zuverſichtlich keine Schuldnerin der unglucklichen Firma war. Das ſind ſo einige Warnungsexempel des Lebens, meine Herren, und da ich ſicher bin, daß ich Leute an⸗ rede, die daraus die gehörige Nutzanwendung zu ziehen verſtehen, ſo ſchließe ich nun damit, allen, die hier zu⸗ hören, den Rath zu geben, recht vorſichtig mit ihren Reden zu ſeyn, wo es ſich um Chre und Reputation in Handelsſachen handelt.“ Als Myndert ausgeredet hatte, warf er wieder ei⸗ nen Blick umher, um die Wirkung des Geſagten zu be⸗ obachten, mehr noch, um ſich zu vergewiſſern, ob er keinen Wechſel auf die Geduld des Schleichhändlers ge⸗ zogen, der endlich proteſtirt werden könne. Er wußte gar nicht, wie er ſich die auſſallende, ungewöhnliche Ehr⸗ erbietung erklären ſollte, womit er behandelt wurde, von einem Menſchen, der zwar nie roh war, doch auch nie viel Umſtande mit den Anſichten eines Mannes . 7* — 100— machte mit dem er in Dingen von pecuniärem Intereſſe gewöhnlich ſo vertraulich umging. Während der ganzen langen Rede hatte der junge Seemann von der Bri⸗ gantine dieſelbe Stellung beſcheidener Aufmerkſamkeit beibehalten, und wenn er ſich getraute, ſeine Augen zu erheben, ſo geſchah es nur, um verſtohlne, unruhige Blicke auf Alida zu werfen. La belle Barberie hatte ebenfalls mit gedankenvollerem Weſen als gewöhnlich auf die Beredſamkeit ihres Onkels gelauſcht. Sie begegnete den Blicken des Schleichhändlers mit ſympathetiſchem Zuge, kurz auch der unbefangenſte Beobachter mußte finden, daß etwas vorgegangen war, was zwiſchen ihnen ein Vertrauen und ein Verſtändniß bewerkſtelligt hatte, das, wenn auch nicht von der zarteſten, doch ſicher von der innigſten Natur war. Alles das ſah Ludlow deut⸗ lich, der Vurger aber war zu aufgeblaſen von den Ideen, die er ſo ſelbſtgefällig auskramte, um dieſen Umſtand wahrzunehmen. „Nun mein Geiſt ſo angepfropft iſt mit Maximen über den Handel, die mir als Commentare über die Inſtructionen der Herren von der Admiralität gelten können,“ bemerkte Ludlow nach kurzem Schweigen, mag es erlaubt ſeyn, unſere Aufmerkſamkeit auf Dinge zu lenken, die weniger metaphyſiſch ſind. Der gegen⸗ wärtige Anlaß iſt ganz gelegen, um uns nach dem Schickſal unſeres Schiffskameraden zu erkundigen, den wir bei dem letzten Kreuzzug verloren, und ich denke, wir ſollten dieß nicht vernachläßigen.“ „Sie haben recht, Herr Cornelius— der Patron von Kinderhook iſt ein Mann, den man nicht ſo in die — 101— See fallen läßt, wie einen Anker verbotner Fluſſigkeit, wo kein Hahn darnach kräht. Ueberlaßt dieſe Frage meiner Klugheit und ſeyd verſichert, die Leute des dritt⸗ beſten Landgutes der Colonie werden nicht lange ohne Nachrichten von ihrem Herrn bleiben. Wenn Sie den Meiſter Seadrift auf einige raiſonable Zeit in den an⸗ dern Theil meiner Villa begleiten wollen, ſo will ich mich aller Thatſachen bemächtigen, die zum richtigen Verſtändniß des Falls gehören können.“ Dem Commandanten des königlichen Kreuzers und dem jungen Seemann der Brigantine kam es vor, als ob die Annahme dieſer Einladung eine ſonderbare Ge⸗ ſellſchaft zuſammenbringe. Das Zaudern des Letzteren war jedoch viel deutlicher, da Ludlow kalthlütig genug war, ſeinen neutralen Charakter zu behaupten, bis ein Augenblick erſchiene, ſich als treuen Diener ſeiner könig⸗ lichen Gebieterin zu bewähren. Er wußte oder glaubte feſt, daß die Waſſernire wieder im Cove unter dem Schatten des umgebenden Gehölzes verſteckt liege, und da er nun ſchon ſo viel von der überlegenen Gewandt⸗ heit des Schmugglers auszuſtehen gehabt, war er ent⸗ ſchloſſen, mit ſo viel Vorſicht zu handeln, daß er im Stande ſey, zeitig wieder auf ſein Schiff zu kommen, um gegen die Brigantine mit Kraft und, wie er hoffte, auch mit Erfolg aufzutreten. Zu dieſem Beweggrund der Liſt kam, daß das Benehmen und die Sprache des Schmugglers, als eines Menſchen von ungewöhnlichem Schlage ſeines Gewerbes, eine Art Intereſſe einflößte, welches der Officier der Krone durchaus nicht abläugnen konnte. Daher verbeugte er ſich mit Höflichkeit bei der — 102— Einladung des Alderman und folgte ihr mit aller Be⸗ reitwilligkeit. „Wir treffen uns auf neutralem Gebiete, Meiſter Seadrift,“ ſagte Ludlow zu ſeinem galanten Begleiter, als ſie den Salon der Cour des Fées verließen;„und wenn wir auch auf verſchiedene Dinge ausgehen, ſo kön⸗ nen wir doch über das Vergangene freundſchaftlich plau⸗ dern. Der Tummler der Meere ſeinestheils hat einen Ruf, der ihn mit Sexleuten, die ſich in beſſerem Dienſt verſucht haben, auf gleiche Linie ſtellt. Ich lege gern zu Gunſten ſeiner Geſchicklichkeit und Kaltblutigkeit als Seemann dieſes Zeugniß ab, ſo ſehr ich auch beklagen muß, daß dieſe ſchönen Eigenſchaften eine ſo ungluͤck⸗ liche Richtung genommen haben.“ „Das heißt mit gehöriger Sicherung der Rechte der Krone und mit vollem Reſpect gegen die Barone der Schatzkammer geſprochen!“ erwiederte Seadrift, deſſen früherer und wir können ſagen natürlicher Humor zu⸗ rückzukehren ſchien, ſo wie ſie den Bürger aus den Au⸗ gen hatten.„Wir folgen eben demjenigen Lebensweg, Capitain Ludlow, in den der Zufall uns geworfen hat. Ihr dient einer Königin, die Ihr niemals geſehen habt, und einem Volke, das Euch in der Noth benutzt und im Gluck von Euch ſtößt, und ich diene mir ſelber. Laßt die Vernunft zwiſchen uns Richter ſeyn.“ „Ich achte dieſe Offenheit, mein Herr, und hoffe, daß wir uns jetzt beſſer mit einander verſtändigen wer⸗ den, wo dieſe Myſtificationen mit Eurer meergrünen Dame uns nicht mehr geniren. Das Poſſenſpiel iſt gut gegeben worden, obgleich es mit Ausnahme des Oloff — 103— Van Staats und der erleuchteten Geiſter, die Ihr auf dem Ocean mit Euch herum fuͤhrt, der Zauberei nicht viel Proſelyten gewonnen hat.“ Der Schleichhändler erlaubte ſich hierbei, den ſchönen Mund in ein Lächeln zu verziehen. „Auch wir haben unſere Gebieterin,“ ſagte er,„aber ſie verlangt keine Abgaben. Alles, was ſie gewinnt, wen⸗ det ſie auf die Bereicherung ihrer Unterthanen, während Alles, was ſie kennt, freudig ihr zum Nutzen dargebracht wird. Wenn wir gehorſam ſind, ſo geſchieht dieß aus guten Gründen, weil wir nämlich von ihrer Gerechtigkeit und Weisheit überzeugt ſind. Ich hoffe, Königin Anna meint es eben ſo gut mit denen, die Leib und Leben für ſie wagen?“ „Es iſt wohl ein Theil der Politik derjenigen, welcher Ihr folgt, das Schickſal des Patrons zu verbergen, denn obgleich wir Nebenbuhler bei einem ſehr theuren Gegen⸗ ſtande ſind oder vielmehr waren, ſollte ich ſagen, ſo kann ich doch einen Mann, der Gaſt auf meinem Schiffe war, nicht mit kurzen Ceremonien ſcheiden ſehen, ohne Antheil an ſeiner Wohlfahrt zu nehmen.“ „Ihr unterſcheidet gut,“ verſetzte Seadrift mit einem bedeutungsvolleren Lächeln—„Nebenbuhler geweſen, iſt freilich die richtigere Bezeichnung. Herr Van Staats iſt ein wackerer Mann, wie unerfahren er auch im See⸗ handwerk ſeyn mag. Ein Mann, der ſo viel Muth ge⸗ zeigt hat, iſt des Schutzes gegen perſönliche Verletzung unter der Obhut des Tummlers der Meere gewiß.“ „Ich will mich nicht zum Hüter des Herrn Van Staats aufwerfen, doch als Commandant des Schiffes, auf dem — 104— er ſich befand— wie ſoll ich da die Art ſeiner Hinweg⸗ fuhrung nennen?— denn ich möchte jetzt keinen Ausdruck gebrauchen, der verletzend wäre—“ „Sprecht frei, Herr, und fürchtet Euch nicht, ir⸗ gendwo anzuſtoßen. Wir Leute von der Brigantine ſind an verſchiedene Beiwörter gewöhnt, welche reinere Ohren verwunden möchten. Wir haben nicht nöthig, ſo ſpät erſt zu lernen, daß Spitzbüberei die Genehmigung der Regierung haben muß, um zu etwas Angeſehenem zu werden. Ihr beliebt Euch über die Myſtificationen der Waſſernixe zu erklären, Capitain Ludlow, aber wie nennt Ihr denn jene Myſtificationen, die neben Euch in der Welt täglich geübt werden und nicht halb ſo unſchuldig und ſpaßhaft ſind, wie dieſe unſere Gaukeleien.“ „Das iſt kein neuer Kunſtgriff, die Fehltritte einzel⸗ ner Individuen mit den Gebrechen der ganzen bürgerli⸗ chen Geſellſchaft zu entſchuldigen.“ „Ich bekenne, daß vielmehr dieſes Verfahren richtiger als neu iſt. Trivialität und Wahrheit ſind wohl Schwe⸗ ſtern! Und wir von der Brigantine wenigſtens müſſen uns an dieſe Rechtfertigung halten, da die Verfeinerung bei uns noch nicht den Grad erreicht hat, die ganze Treff⸗ lichkeit der neueren Moral zu faſſen.“ „Ich dächte doch, es ſey eine ſehr alte Vorſchrift, dem Kaiſer zu geben, was des Kaiſers iſt.“ „Eine Vorſchrift, welcher unſere neueren Kaiſer eine ſehr liberale Auslegung geben! Ich bin ein ſchlechter Ca⸗ ſuiſt, mein Herr, glaube auch nicht, daß der getreue Commandant der Coquette alle Sophismen anwenden mag, die dieſe Sache ſtützen können; wenn wir aber mit 2 ₰ 7 S ,— Se SSAE=ESS den großen Potentaten den Anfang machen, ſo finden wir, daß der Allerchriſtlichſte König ſehr geneigt iſt, ſich ſo viel Eigenthum von ſeinen Nachbarn zuzueignen, als dem CEhrgeiz unter der Benennung des Ruhms gelüſten kann. Die Katholiſche Ma eſtät bedeckt mit der ſchützen⸗ den Oecke des Glaubens eine größere Anzahl von Gewalt⸗ thaten auf dem Continent hier, als die chriſtliche Liebe unter ihren Mantel nehmen kann, und unſere eigne gnä⸗ dige Gebieterin, deren Tugenden und Milde von der Welt in Verſen und Proſa gerühmt werden, läßt Ströme Blutes fließen, damit die kleine Inſel, über welche ſie herrſcht, wie der Froſch in der Fabel zu einer Größe an⸗ ſchwillt, die ihr ſchon von der Natur verſagt wurde, und die eines Tages zu dem bekannten Tode führen wird, der den ungluͤcklichen Bewohner des Sumpfes traf. Auf den Beutelſchneider wartet der Galgen, aber den Räuber, der unter einer Flagge ſegelt, ſchlägt man zum Ritter! Der Mann, der durch Betriebſamkeit Reichthümer zu⸗ ſammenhäuft, ſchämt ſich ſeines Urſprungs, und der, welcher die Kirchen beſtohlen, Dörfer gebrandſchatzt und Tauſenden die Gurgeln abgeſchnitten hat, um den Raub einer Galione oder einer Kriegskaſſe theilen zu können, erndtet Gold auf der breiten Straße des Ruhms! Eu⸗ ropa hat einen bedeutenden Schritt in der Civiliſation ge⸗ than, das kann nicht geläugnet werden, aber ehe die bürgerliche Geſellſchaft den Handlungen Einzelner, trotz der Trivialität der öffentlichen Meinung, eine ſo derbe Züchtigung auferlegt, ſollte ſie doch eigentlich mehr auf das Beiſpiel ſehen, das ſie in ihrem Geſammtweſen ſelber gibt.“ — 106— „Das ſind Punkte, über die wir uns nicht vereinigen werden,“ ſagte Ludlow, indem er den ſtrengen Ton eines Mannes annahm, der die Welt auf ſeiner Seite hat. Wir wollen dieſen Streit auf einen gelegeneren Zeit⸗ punkt verſchieben. Werde ich von Herrn Van Staats noch etwas erfahren, oder ſoll ſein Schickſal Gegenſtand einer ernſthaften amtlichen Unterſuchung werden?“ „Der Patron Van Kinderhook iſt ein kühner Ente⸗ rer!“ verſetzte der Freihändler lachend.„Es hat die Reſidenz der Herrin der Brigantine mit einem coup de main genommen, und ruht jetzt auf ſeinen Lorbeern! Wir Schleichhändler ſind luſtiger bei unſern Gläſern und Schüſſeln als man denkt, und die, welche an unſern Tiſch kommen, wünſchen ihn ſelten wieder zu verlaſſen.“ „Wir werden wohl noch dazu kommen, einen tieferen Blick in dieſe Geheimniſſe zu thun.— Bis dahin ſage ich Euch Lebewohl.“ „Halt!“ rief der Andere in luſtigem Ton, als er be⸗ merkte, daß Ludlow das Zimmer verlaſſen wollte— „verkürzt doch möglichſt die Zeit der Ungewißheit. Un⸗ ſere Gebieterin iſt wie jenes Inſect, das die Farbe des Blattes annimmt, worauf es ſitzt. Ihr habt ſie in ihrem meergrünen Gewande geſehen, welches ſie immer an hat, wenn ſie über den Ankergrund Eurer amerikaniſchen Kü⸗ ſten hinſtreicht, aber im tiefen Gewaͤſſer ſpielt ihr Mantel ins Blaue des bodenloſen Oceans. Man hat Zeichen einer Veränderung an ihr bemerkt, welche die Abſicht einer Excurſion weit über den Bereich des Landes andeuten. „Hört, Meiſter Seadrift! Dieſe Schnurren mögen ſo lange gut thun, als Ihr die Macht habt, darüber zu — 107— gebieten. Aber bedenkt wohl, obgleich das Geſetz den Schleichhändler nur mit Confiscation ſeiner Güter be⸗ ſtraft, belegt es den Menſchendiebſtahl mit empfindliche⸗ rem perſönlichem Weh, ja manchmal mit dem— Tode! — Und bedenkt ferner, daß die Linie, die den Schmugg⸗ ler von dem Räuber unterſcheidet, leicht überſchritten wird, wo dann die Ruckkehr unmöglich iſt.“ „Für dieſen großmüthigen Rath danke ich im Na⸗ men meiner Gebieterin,“ erwiederte der muntere See⸗ mann, indem er ſich mit einer Ernſthaftigkeit verbeugte, die den Spott ſeiner Antwort nur erhöhete—„Ihre Coquette hat weitreichende Stangen und einen raſchen Tritt auf dem Meere, Capitain Ludlow; aber mag ſie ſo eigenſinnig, hartnäckig, betrügeriſch, ja mächtig ſeyn, wie ſie will, ſo wird ſie in der Brigantine ein Weib fin⸗ den, das ihr in allen Liſten gleichkommt und ſich aus allen ihren Drohungen nichts macht!“ Mit dieſer prophetiſchen Ankündigung des Officiers der Königin und der kaltblütigen Erwiederung des Schmugglers, trennten ſich die beiden Seeleute; der letz⸗ tern nahm ein Buch zur Hand und warf ſich in einen Stuhl, während der Andere mit unverſtellter Haſt das Haus verließ. unterdeſſen dauerte das Zuſammenſeyn des Alder⸗ mans mit ſeiner Nichte immer fort. Eine Minute ver⸗ ſtrich nach der andern und noch kam keine Aufforde⸗ rung nach dem Pavillon zurückzukehren. Der luſtige junge Seemann von der Brigantine hatte nach dem Verſchwin⸗ den Ludlows noch einige Zeit ſeine Studien fortgeſetzt und wartete nun wirklich auf eine Einladung nach der — 108— Cour des Fées. Während dieſer Augenblicke geſpann⸗ ter Erwartung war das Weſen des Freihändlers eher ſorgenvoll als ungeduldig, und als er an der Thür des Zimmers Fußtritte hörte, verrieth er Zeichen ſtarker in⸗ nerer Bewegung. Es war die Dienerin Alida's, die her⸗ eintrat, ihm einen Streifen Papier übergab, und wieder hinausging. Der ungeduldige Harrende las folgende Worte, die mit Bleiſtift eilig geſchrieben waren. „Ich bin allen ſeinen Fragen ausgewichen und er iſt— mehr als auf halbem Wege, an Zauberei zu glauben. Es iſt jetzt nicht der rechte Augenblick, die Wahrheit zu bekennen, denn er befindet ſich nicht in der Stimmung, ſie zu hören, da er zu unruhig in der Ungewißheit iſt, was die Erſcheinung der Brigantine an der Küſte und in der Nähe ſeines Landhauſes für Folgen haben könne. Aber ſeyd verſichert, er wird die Anſprüche anerkennen, die ich zu unterſtutzen wiſſen werde, und die er am Ende, wenn auch mir, doch dem furchtbaren Tummler der Meere nicht abläugnen wird. Sowie Ihr ſeinen Fuß⸗ tritt auf dem Gang hört, kommt zu mir.“ Dieſer letzten Anweiſung wurde ſogleich Folge gelei⸗ ſtet. Der Alderman trat zur einen Thür herein, und der gawandte Fluchtling entwiſchte durch die andere; wo der ſchlaue Bürger ſeine Gäſte zu ſehen verhoffte, fand er ein leeres Zimmer. Dieſer letzte Umſtand be⸗ reitete jedoch dem Myndert Van Beverout keine große Verwunderung und Sorge, wie wir aus dem gleichgül⸗ tigen Tone ſchließen können, womit er von dem Um⸗ ſtand Notiz nahm. „Schnurren und Weiber!“ dachte und murmelte halb — — 109— der Alderman.„Die Dirn windet ſich wie ein Fuchs in ſeinen Gängen, und es wäre wahrhaftig leichter, einem Kaufmann, dem ſein Credit doch am Herzen liegt, einen falſchen Poſten zu beweiſen, als ſich die Hexe von neun⸗ zehn Jahren in einen Widerſpruch verfängt! Sie hat ſo viel von dem ſeligen Etienne und ſeinem normanniſchen Blut in dem Auge, daß man es nicht leicht zum Aeußer⸗ ſten kommen läßt, aber hier, wo ich dachte, Van Staats habe die Gelegenheit gut benutzt, ſieht die Dirn drein wie eine Nonne, wenn man den Namen nennt. Der Patron iſt freilich kein Cupido, ſonſt hätte er in einer Woche das Herz einer Meernixe erobern müſſen!— Und— hier warlich ſind noch mehr Verwirrungen ent⸗ ſtanden, durch die Rückkehr des Tummlers und ſeiner Brigg, und durch die Gewiſſenhaftigkeit des jungen Lud⸗ low mit ſeinen Pflichten. Leben und Sterblichkeit! Man ſollte je eher je lieber dem Handel Valet ſagen, und an⸗ fangen, die Buücher des Lebens zu ſchließen. Ich muß ernſtlich daran denken, die große Bilanz zu ziehen. Iſt der Totalbelauf nur einigermaßen zu meinem Vortheil, ſo woilen wir morgen damit zu Stande ſeyn!“ . 5 ₰ 1 Siebentes Kapitel. die mich verwandelt, die meine Zeit verlieren, Belt verachten ließ. Zwei Edell. v. Verona. Du Julia biſt's Mich Studien fii — ch Den beſten Ludſow verließ Luſt in Ruſt mit ſchwankendem Vor⸗ ſatz. In dem ganzen vorigen Zuſammenſeyn hatte er — 110— die Blicke und Zuge der belle Barberie eiferſüchtig be liig⸗ obachtet und ſäumte nicht, aus einer Miene, die lebhafe neh tes Intereſſe fuͤr den Freihandler offenbarte, ſeine Schluſe lom zu ziehen. Nur kurze Zeit ließ er ſich von der Ruhe rak und Selbſtbeherrſchung, mit der ſie ihn und ihren Onketl fur empfing, zu der Annahme verleiten, daß ſie die Waſſer⸗ St nixe gar nicht beſucht habe, als aber das muntere, un⸗ Tr erſchrockene Geſchöpf erſchien, welches die Bewegungen des der außerordentlichen Schiffes regierte, konnte er ſich nicht ein länger mit dieſer Hoffnung ſchmeicheln. Er glaubee tun unn feſt, ſie habe ihre Wahl furs Leben getroffen, und 3i indem er die Bethörung beklagte, die ein ſo reichbegabtes zer Weib verführen konnte, ihre Stellung und ihren Cha⸗ als rakter zu vergeſſen, ſo war er doch zu gerecht, um nicht 8 zuzugeben, daß die Perſon, die in ſo kurzer Zeit eine Ien ſolche Gewalt über die Gefühle Alida's gewonnen, in der manchem Betracht ganz geeignet war, um einen mäch⸗ We tigen Eindruck auf die Phantaſte eines einſam erzogenen ihn jungen weiblichen Gemüthes zu machen. ta Es war in der Seele des jungen Commandanten ein zu Kampf zwiſchen ſeiner Pflicht und ſeinen Empfindungen. de Der Liſt eingedenk, durch die er fruͤher in die Hände be des Schmugglers gefallen war, hatte er bei dem gegen⸗ ge wärtigen Beſuche auf dem Landhauſe ſeine Vorſichts⸗ un maßregeln ſo gut genommen, daß er feſt verſichert war, E die Perſon des Vagabunden, ſeines Nebenbuhlers, ſey§ ganz in ſeiner Gewalt. Sich dieſe günſtige Lage zu tr Nutze zu machen, oder ſich zurückzuziehen und ihn im 3 Beſitz ſeiner Geliebten und ſeiner Freiheit zu laſſen, das waren die beiden Dinge, die ſeine Gedanken jetzt beſchaͤf⸗ le — 111— tigten. Wiewohl gradeaus und einfach in ſeinem Be⸗ nehmen, wie die meiſten Seeleute jen zer Zeit, beſaß Lud⸗ low alle großartigen Eigenſchaften, die einen edlen Cha⸗ rakter ausmachen. Sein Herz chnd mit Leidenſchaft für Alida, und ſo beſorgte er alſo mit empfindlichem Stolze, den Vorwuef auf ſich zu ziehen, daß verletzte Triebe ſeine Handlungen geleitet. Zu dieſen Gründen der Burückhaltung kam noch das natürliche Widerſtreben eines Mannes von ſeinem Rang, ſich zu einer Verrich⸗ tung herzugeben, die ſich eher fuͤr Leute von minder ehrgei⸗ zigem Sinn eignete. Er betrachtete ſich als einen Schüz⸗ zer der Rechte und des Ruhmes ſeiner Gebieterin und nicht als ein bezahltes Werkzeug derer, die ihre Zollgebuͤhren einzutreiben hatten, und ſo wenig er gez ögert haben würde, jede thunliche Unternehmung zu wagen, um das Schiff des Schmugglers oder die Mannſchaft ganz oder theil⸗ weiſe auf ihrem Elnmente gefangen zu nehmen, war es ihm doch zuwider, den Anſchein zu haben, als ſtrebe er nach einem Einzelnen von ihnen auf dem Lande. Hier⸗ zu kam noch, daß er ſich nach ſeiner eignen Zuſage mit dem vogelfreien Schleichhändler auf neutralem Gebiete befand. Dennoch hatte der Offizier der Königin ſeine gemeſſenen Befehle und konnte ſeine Augen den allge⸗ meinen Verpflichtungen ſeines Dienſtes nicht verſchließen. Es war bekannt, daß die Brigantine die Erträgniſſe der Krone, beſonders auf dieſer Halbkugel bedeutend beein⸗ trächtigte, ſo daß der Admiral dieſes Bereiches einen eige⸗ nen Befehl zu ihrer Wegnahme hatte ergehen laſſen. Da ergab ſich nun eine Gelegeuheit, das Schiff ſeines lenkenden Geiſtes zu berauben, der ungeachtet des treff⸗ — 112— lichen Baues der Vrigantine dieſelbe ſo lange befähigt hatte, dem Fehdehandſchuh von hundert Kreuzern unge⸗ ſtraft zu entgehen. Mit dieſen widerſtreitenden Gefüh⸗ len und Gedanken verließ der junge Seemann das Thor der Villa und trat auf den kleinen Platz, um ſich unge⸗ ſtört den Erwägungen zu überlaſſen, zugleich auch, um freier Athem zu ſchöpfen. Die Nacht war in die erſte Wache des Seemannes vorgerückt. Der Schatten des Gebirgs deckte noch die Umgebungen der Villa, den Fluß und die Kuſten des atlantiſchen Meeres mit einer Dunkelheit, die tiefer war, als die Nacht, welche die Oberfläche des wogenden Mee⸗ res draußen deckte. Die Gegenſtände waren ſo wenig zu erkennen, daß es ſehr nahen ſcharfen Zuſehens be⸗ durfte, um ſie zu unterſcheiden, und das Nachtgemälde der ganzen Scene war kaum in den nebeligen düſtern Umriſſen zu erkennen. Die Vorhänge der Cour des Fèes waren vorgezogen, und obgleich die Lichter drinnen hell ſchie⸗ nen, ſo konnte doch das Auge nichts von den Dingen im Pavillon bemerken. Ludlow blickte um ſich und ſchlug dann widerſtrebend den Weg nach dem Waſſer ein. Bei der Abſicht, das Innere ihres Zimmers den Au⸗ gen Vorbeigehender zu entziehen, hatte Alida einen klei⸗ nen offenen Strich der Vorhänge unbeachtet gelaſſen. Als Ludlow das Thor erreichte, das zum Landungsplatz führte, drehte er ſich noch einmal nach der Villa um, und war hier im Stande, durch den Ritz der Vorhänge ins Zimmer, ja die Perſon ſelbſt zu ſehen, die der Ge⸗ genſtand ſeiner ſchweren Erwagungen war. La belle Barberie ſaß an dem kleinen Tiſch, vor dem * — ee, 8¼ S — 113— er und der Alderman ſie bei einbrechender Nacht ge⸗ fanden hatten. Der eine Ellbogen war auf das koſt⸗ bare Holz gelehnt, und die ſchöne Hand ſtützte die ge⸗ dankenvolle Stirn, die wirklich gedankenvoller als jemals, ja mit einem Ausdruck von Melancholie erſchien. Dem Commandanten der Coquette trieb das Blut zum Her⸗ zen, denn es war ihm, als habe das ſchöne ernſte Ant⸗ litz den Ausdruck einer Reuigen. Vermuthlich belebte dieſe Vorſtellung ſeine ſinkende Hoffnung wieder, ver⸗ muthlich glaubte Ludlow, daß es noch nicht zu ſpät ſeyn möge, das Weib, das er ſo ſehr liebte, von dem Ab⸗ grund hinwegzureißen, in den ſie ſich zu ſturzen im Be⸗ griff ſchien. Der letzte Tritt auf dieſem Grund und Boden war vergeſſen, und der edle junge Seemann wollte eben nach der Cour des Fées zurück eilen, um die Herrin derſelben zu beſchwören, ihrer Würde treu zu bleiben, als die Hand von der gegläͤtteten Stirn fiel, Alida das Geſicht erhob und ein Blick ihm ſagte, daß ſie nicht mehr allein ſey. Der Capitain trat hinzu, um den Ausgang zu erwarten. Der Ausdruck der Züge Alidas, als ſie die Augen erhob, war Gute und jene reine Offenheit, womit ein unverdorbenes Weib Menſchen anblickt, die ihr Ver⸗ trauen beſitzen. Sie lächelte, doch mehr melancholiſch als heiter; ſie ſprach, doch die Entfernung ließ ihn kei⸗ nes ihrer Worte vernehmen. Im nächſten Moment be⸗ wegte ſich Seadrift in dem offenen Spalt des Vorhan⸗ ges und faßte ihre Hand. Alida zog ſie nicht zurück, im Gegentheil ſie ſah ihm mit noch unzweideutigerem Ausdruck ins Antlitz, und ſchien auf das, was er ſprach, 61— 63. 8 — 114— mit geſpannter Erwartung zu hören. Das Thor wurde nun heftig aufgeriſſen und Ludlow raſtete nicht eher, als bis er das Ufer des Fluſſes erreichte. Die Barke der Coquette ſtand da, wo ihr Eigner ſeinen Matroſen im Hinterhalte zu liegen befohlen hatte, und er war grade im Begriff hineinzutreten, als das Geräuſch des kleinen Thors, das ſich wieder im Winde ſchloß, ihn zurückzuſehen veranlaßte. Eine menſchliche Geſtalt war deutlich vor dem Hintergrunde der erleuch⸗ teten Mauer der Villa zu erkennen; ſie bewegte ſich nach dem Waſſer. Die Männer erhielten Befehl, ſich ſtilt zu halten; hinter dem Schatten eines Zauns ver⸗ borgen⸗ erwartete der Capitain die Ankunft des Ge⸗ henden. Als die undeutliche Geſtalt vorbeikam, erkannte Lud⸗ low die gewandte Figur des Freihändlers. Er trat zum Rande des Fluſſes und ſah ſich einige Minuten vorſich⸗ tig um Ein leiſer, doch vernehmlicher Ton der gewöhn⸗ lichen Schiffspfeife ließ ſich hören. Der Aufforderung folgte das Erſcheinen eines kleinen Nachens, das aus dei Schilf des gegenüberliegenden Ufers hervorkam und nach dem Ort hinruderte, wo Seadrift wartete. Der Schleichhandler ſprang leichtfußig hinein, und ſogleich begann das kleine Fahrzeug den Weg zur Mündung einzuſchlagen. Als es den Ort pafſirte, wo Ludlow ſtand, ſah dieſer, daß es von einem einzigen Ruderer regiert wurde; da nun ſein eignes Boot deren ſechſe beſaß, ſo ward er mit Freuden inne, daß nun die Perſon, die er ſich ſo oft zum Gefangenen gewünſcht, endlich auf ehr⸗ liche Weiſe in ſeiner Gewalt war. Wir haben nicht — Irde her, gner atte, das inde liche duch⸗ ſich ſich rung aus und Der gleich dung tand, giert 6, 5 bie er ehr⸗ nicht — 115— nöthig, die Bewegung zu ſchildern, die ſich jetzt des jun⸗ gen Offiziers bemächtigte. Es genügt für unſern Zweck hinzuzufügen, daß er bald in ſeinem Boot in voller Verfolgung begriffen war. Da der Lauf, den die Barke einzuſchlagen hatte, mehr diagonal als gerade war, ſo brachten ſie dem Nachen einige kräftige Riderſchläge ſo nahe, daß Ludlow nur den Arm a uoſtrecke n und mit feſtem Griff das Weiter⸗ Tüderne de Feindes vereiteln konnte. „Wi e leicht J Ihr auch ausgerüſtet ſeyd, Meiſter Sea⸗ drift, ſo ſcheint Euch doch das Glück weniger in Bar⸗ ken 5 in größerem Schiffsraum günſtig zu ſeyn,“ ſagte Ludlow, als er mit der Kraft ſeines Arms ſich ſo nahe gebracht, daß er nur einige Schuh von ſeinem Gefan⸗ genen ſaß.„Wir treffen uns auf unſerm eignen Ele⸗ mente, wo keine Neutralitaͤt zwiſchen einem Schmugg⸗ ler und einem königlichen Seeoffizier mehr gilt.“ Das Zurückfahren, ein halbunterdrückter Schrei und die augenblickliche Stille des Gefangenen bewieſen, daß er völlig überliſtet worden war. „Ich gebe Eure Ueberlegenheit zu,“ ſagte er endlich, ziemlich leiſe und nicht ohne Bewegung.„Ich bin Euer Gefangener, Capitain Ludlow, und ich moͤchte wiſſen, was Ihr nun mit mir vorhabt.“ „Darauf kann bald Antwort werden. Ihr müßt Euch eben bequemen, das gemeinere Quartier der Co⸗ quette dieſe Nacht mit den koſtbaren Gemächern Eurer Waſſernire zu vertauſchen. Was der Verwaltungsrath der Provinz morgen entſcheidet, das zu ſagen geht über die Fäͤhigkeiten eines armen Commandanten der Marine.“ 3 8 — 116— „Lord Cornbury hat ſich zurückgezogen—“ „Ja, ins Gefängniß,“ antwortete Ludlow, indem er bemerkte, daß der Andere eher nachdenkend vor ſich hin ſprach, als fragte.„Der Vetter unſerer gnaͤdigſten Kö⸗ nigin denkt zwiſchen Kerkerwänden über den Wechſel der irdiſchen Dinge nach. Sein Nachfolger, der Brigadier Hunter ſoll weniger Mitleid mit den Schwächen der menſchlichen Natur haben, als er!“ „Wir machen mit den Wuürden wenig Umſtände!“ rief der Gefangene mit ſeiner ganzen früheren Heiter⸗ keit.„Ihr habt Eure Satisfaction für einige perſön⸗ liche Freiheiten, die man ſich vor vierzehn Tagen mit dieſem Boot und ſeiner Mannſchaft nahm; doch habe ich mich in Eurer Denkart ſehr geirrt, wenn unnöthige Strenge ein Zug derſelben iſt. Kann ich mit der Bri⸗ gantine communiciren?“ „Frank und frei— ſobald ſie in der Gewalt eines königlichen Beamten iſt.“ „O, mein Herr, Sie irren ſich ſehr in den guten Eigenſchaften meiner Gebieterin, wenn Sie dieſelbe in Parallele mit der Ihrigen ſtellen! Die Waſſernixe geht ins Weite, und eher wird eine andere Perſon Euer Ge⸗ fangener.— Kann ich mit der Küſte communiciren?“ „Dagegen kann ich nichts einwenden— ſobald ich die Mittel und Wege kenne.“ „Ich habe hier Einen, der ſich als ein ganz treuer Bote ausweiſen wird.“ „Allzu treu für die Ränke, in denen alle Eure Leute geübt ſind! Euer Matroſe da muß Euch auf die Co⸗ quette begleiten, Meiſter Seadrift; wenn aber,“ fügte 1 — 11— Ludlow in melancholiſchem Ton hinzu,„Jemand ſich am Ufer befindet, der ſo großen Antheil an Euerer Wohl⸗ fahrt nimmt, daß er mehr Angſt in der Ungewißheit als in der Wahrheit findet, ſo kann einer meiner Leute, denen ich Allen Vertrauen kann, Eure Botſchaft aus⸗ richten.“ „Mag dem ſo ſeyn.“ verſetzte der Freihändler, als ob er zufrieden wäre mit dem Wenigen, was ihm erlaubt wurde.„Bringt denn den Ring der Dame in dem Haus dort,“ fuhr er fort, als Ludlow den Boten aus⸗ gewählt hatte,„und ſagt, der Euch ſende, ſey im Begriff, den Kreuzer der Königin Anna in Geſellſchaft des Com⸗ mandanten zu beſuchen. Sollte nach der Urſache ge⸗ fragt werden, ſo könnt Ihr die Umſtände meiner Ge⸗ fangennehmung erzählen.“ „Und gieb acht, Burſche—“ ſetzte der Capitain hin⸗ zu,„wenn Du den Auftrag ausgerichtet haſt, daß Du mir nach den Müßiggängern am Ufer ſiehſt und auf⸗ paſſeſt, ob kein Boot den Fluß verläßt, um die Schmugg⸗ ker von dem Verluſt zu benachrichtigen.“ Der Matroſe, der bewaffnet war, wie dieſe Leute im Dienſt des Boots gewöhnlich ſind, empfing den Be⸗ fehl mit dem gehörigen Reſpect, und landete, indem die Barke zu dieſem Ende wieder ans Ufer ging. „Und nun, Meiſter Seadrift, nachdem ich Euern Wünſchen ſo weit willfahret, hoffe ich, daß Ihr gegen die meinigen nicht taub ſeyn werdet. Hier in meiner Barke iſt ein Sitz zu Euern Dienſten; ich ſähe es gern, wenn Ihr ihn ausfülltet.“ Wie der Capitain ſo redete, reichte er den Arm hin⸗ „ ungenirten Weſen, ſchiedes ihres Rang dem Andern 3 in der Erfullung ſeiner Auf g be dinſ ſeyn, ihn aber auch nöthig ber Freihändler ſchien dieſe wollen, denn 1 empfindlich v die Hund zu ten wurde, leicht und all dſih verbit taud auis dem Nachen in die Barke. Dieſer Uebertritt war geſchehen, als Ludlow ſein Bod verſies und Kinnahm den Se Ladeif fahl einem beß gantine zu redete er ſeinen Gefnngs enen an: „Ich übergebe Euch der Aufſicht des und dieſer würdigen Matroſen, Meiſ ſchlagen verſchiedene Wege ein. 5 Cajüte Beſitz nehmen, wo alle B ausgerufen Dienſten ſtehen; ehe die Mittel⸗Wach 9 werde ich dort ſeyn, um zu verhindern, daß der Wimpel herabkommt und Eure meergrüne Flagge die Leute von ihrem Gehorſam abſpenſtig macht. 22 Ludlow raunte de ührer die Befehle ins Ohr und verließ das Boot. Dieſes bewegte ſich mit dem langen und ſteten Ruderſchlag, der die Schaluppe eines Kriegsſchiffs bezeichnet.ach 1 des Fluſſes, während der Na r Farbe und Schmalheit n ohn A — 1 —— — 119— em Als die beiden Böte die Gewäſſer der Bai erreichten, fuhr die Schaluppe des Capitains in dem Laufe zum ent⸗ fernten Schiffe fort, während der Nachen ſich rechts wandte und grade nach der Tiefe des Cove zu ſteuerte. Der Schleichhändler hatte zur Vorſicht ſein bleines Boot mit verhüllten Rudern verſehen, und als Ludlow das feite Stangenwerk der Waſſernixe entdeckte, wie es über den Gipfeln der an der Küſte hinlaufenden verkrüppelten Baäume emporſtieg, hatte er keine Urfache, ſeine Ankunft als bekannt anzunehmen. Von der Anweſenheit und Lage der Brigantine verſichert, war er jetzt im Stande ſich ihr mit aller nöthigen Vorſicht zu nähern. Zehn bis funfzehn Minuten dauerte es, bis der Na⸗ zri⸗ 4 hen unterm Bugſpriet des ſchönen Schiſſes ſtand, ohne zri⸗ 8 ar, denen, die ſonder Zweifel ſich auf dem Verdeck befanden, deßhalb Argwohn zu geben. Der Erfolg unſeres Aben⸗ ers theurers ſchien vollkommen zu ſeyn, denn er hielt bald am Kabeltau und es ließ ſich noch nicht der leiſeſte Laut auf der Brigantine vernehmen. Ludlow bereute es nun, daß er nicht mit der Schaluppe in den Cove hineingefah⸗ xreen war, denn ſo tief und ſorglos war die Stille auf dem Schiffe, daß er jetzt nicht an ſeiner Geſchicklichkeit zwei⸗ felte, ſie mit einem coup de main genommen zu haben. Aergerlich über das Verſaͤumte und aufgeregt von der ins— Hoffnung des guten Erfolgs, fing er an, Mittel auszu⸗ dem denken, die ſich einem Seemann in ſeiner Lage natür⸗ tes lich aufdraͤngen. ſes, Der Wind blies ſüdlich und war zwar nicht heſtig, rbe doch durch die Feuchtigkeit und Schwere der Nachtluft verſtärkt. Während die Brigantine gegen den Einfluß — 120— der Fluth gedeckt dalag, gehorchte ſie den Strömungen des anderen Elementes, und während das Vordertheil in den Cove hinaus ſtand, wies das Hintertheil nach der Tiefe des Baſins. Die Entfernung vom Lande betrug keine fünfzig Faden und Ludlow machte wohl die Bemerkung, daß das Schiff an einem Flußanker feſthing, während die größeren Anker, wovon ein gehö⸗ riger Vorrath war, alle gut befeſtigt oben ſchwebten. Dieſer Umſtand ließ ihn hoffen, daß er im Stande ſeyn werde, den Strick, der die Brigantine allein feſt⸗ hielt, zu zerſchneiden; wenn dieſes glücklich geſchehen war, ſo trieb ſie auf den Strand, ehe die Mannſchaft ein Zeichen bekommen und Segel oder Anker freimachen konnte. Obgleich weder er, noch ſein Begleiter ein an⸗ deres Werkzeug bei ſich hatte, um dieſen Streich aus⸗ zuführen, als das große Matroſen⸗Meſſer des Letzte⸗ ren, ſo war die Verſuchung doch zu groß, um es da⸗ mit nicht zu probiren. Der Vorſatz war allerdings ſchmeichelnd, denn obgleich das Schiff in dieſer Lage keine weſentliche Verletzung davontragen konnte, ſo mußte doch der unvermeidliche Aufenthalt beim Herab⸗ ziehen vom Sande, ſeine Böte, vielleicht das Kriegs⸗ ſchiff ſelbſt fäͤhig machen, den Platz noch zeitig zu er⸗ reichen, um Priſe zu machen. Ludlow verlangte das Meſſer des Matroſen und that den erſten Schnitt in die feſte dichte Maſſe. Kaum berührte das Eiſen den Flachs, als ein blendendes Licht dem Schneidenden in die Augen ſchoß. Von dem plötzlichen Augriff auffah⸗ rend und die Augen reibend, ſah unſer verwundeter Abenteurer in die Höhe, mit dem Bewußtſeyn des Bö⸗ 121— ſen, das uns ſchüttelt, wenn wir bei einer geheimen Hand⸗ lung entdeckt werden, ſo löblich auch die Beweggründe ſeyn mögen; es iſt dieß eine Art Huldigung, welche die Natur unter allen Umſtänden ehrlichem Wandel zollt. Obſchon Ludlow in dem Augenblick dieſer Unterbre⸗ chung einſah, daß ſein Leben in Gefahr ſchwebe, ſo ſchwand doch die geweckte Beſorgniß vor dem Schau⸗ ſpiel, das ſich ſeinen Augen darbot. Das bronzirte überirdiſche Geſicht des Bildes war hell erleuchtet und während die Augen ihn feſt anſtarrten, als ob ſie ſeine kleinſten Bewegungen bewachen wollten, ſchien ihr bos⸗ haftes, ſprechendes Lächeln ſeiner nichtigen Anſtrengung zu ſpotten! Es bedurfte bei dem Matroſen, der auf den Rudern lag, nicht der Aufforderung, ſeine Schul⸗ digkeit zu thun. Kaum erkannte er das geheimnißvolle Geſicht, als auch der Nachen ſich um und hinweg drehte, wie ein Seevogel, den ein Lärm ſcheu macht. Obgleich Ludlow in jedem Moment einen Schuß erwartetete, ſo hielt ihn doch die drohende Gefahr nicht ab, mit ge⸗ ſpannter Aufmerkſamkeit das Bildniß zu betrachten. Das Licht, womit es erhellt war, warf ſeine Strahlen zwar ſtark und kräftig, doch zitterte es ein wenig und ließ ihren Anzug ſehen. Nun bemerkte der Capitain in Wayhrheit, was Seadrift ihm geſagt hatte; vermit⸗ telſt eines Prozeſſes, den er näher zu unterſuchen die Zeit nicht hatte, war der meergrüne Mantel in ein dünneres Gewand von dem Azur des tiefen Waſſers verwandelt. Als ob ſich die Zauberin begnüge, ihre Abſicht, fortzuſegeln, angedeutet zu haben, verſchwand das Licht ſogleich wieder. „Dieſe Mummere ei iſt gut du Kaaefilgs murmelte Ludlow, als der Nachen in gehörig ſichrer En tfernung war.„Das iſt ein Zeichen⸗ daß der Spitzbube bald die Kuſte verlaſſen will. her Kleider iſt ein Signal für ſeine a genarrte Mann⸗ ſchaft. Es ſoll meine Aufgal e Herrin, wie er ſie nennt, über ihren guten Er gleich man bekennen muß, daß ſie auf ihrem Poſten nicht ſchläft.“ In den nachſten zehn ter Abenteurer nicht minder Zeit, als u werden, wie wichtig bei allen dem Gelingen unterwor⸗ enen Unternehmungen das Gluͤck Wüo⸗ das Tau lrchſchnitten und die Brigantine auf den Strand getrie⸗ en worden, ſo hätte man wo heinlich das Unterneh⸗ inuten hatte unſer getauſch⸗ Urſache, gewahr b dr b men des Ca itains unter die glückli ichſten Auskunftsmit⸗ tel gezählt, die in den Laufbahnen, wo geiſtige Ueber legenheit gilt, Leute auszeichnen, welche die Natur mit mutterlicher Liebe augeſt ſtattet hat, waͤhrend unter den gegenwärtigen Umſtänden er, der von der glücklichen Idee alle Ehre hakte, getänſcht und dazu noch beſorgt war, ſeine ſchlimme Abſicht möchte ubel bemerkt’/wer⸗ den. Sein Gefährte aber u ein Anderer als Robert „Yarn, von dem wir bei einer andern Gelegenheit die Verſicherung hörte n, daß er ſich bereits einer eignen Erſcheinung der Dame zu ruühmen gehabt, wahrend er die Vortopſegel der Coquette zuſammen zu wickeln im Begriß war. „Das war falſch gerechnet, Meiſter Yarn,“ be⸗ olg zu taͤuſchen, ob⸗ merkte der Capitain, als der Nachen außerhalb des —⸗Hg Cove in der Bai eine Strecke weiter war,„zur Chre unſerer Kreuzerei wollen wir von dem Ereigniß in dem Loggbuch keine Anmerkung machen. Ihr verſteht mich, ich vertraue Euch, daß ein Wort fur einen ſo klugen Kopf genug iſt.“. „Ich denke meinen Dienſt zu verſtehen, Ew. Gna⸗ den, das heißt dem Befehl zu gehorchen, bräche er mir auch das Herz,“ verſetzte der Topmann.„Ein Kabel⸗ tau mit einem Brodmeſſer durchzuſchneiden, iſt eine langſame Arbeit, wenn's auch noch ſo gut geht; aber, obgleich ich in Gegenwart eines ſtudierten Mannes we⸗ nig Recht zu ſprechen habe, ſo iſt es doch meine feſte Ueberzeugung, daß das Eiſen erſt noch geſchärfr werden ſoll, das auch nur das kleinſte Tau, von dem Schnupfer ohne Erlaubniß der ſchwarzbraunen Frau unterm Bug⸗ ſpriet abſchnitte.“— „Und was iſt die Meinung des Berthedeckes uber dieſe ſeltſame Brigantine, die wir ſo lange, ohne un⸗ 0 e ſern Zweck zu erreichen, verfolgt haben?“ „Daß wir ihr folgen, bis der letzte Zwieback ver⸗ ſpeiſt und die große Tonne trocken iſt, und ſie doch nicht gefangen haben. Es iſt meines Amts nicht, Ew. Gnaden etwas zu lehret, aber kein Mann auf dem Scchiff giebt einen Heller drum, daß wir ihr näaͤher kommen. Die Leute ſchwatzen vielerlei von dem Tumm⸗ ler der Meere, aber alle ſind der Meinung, daß er, nur mit ganz beſonderem Glück, was am Ende ſo viel ſagen will, als nur mit Hülfe deſſen, der ſelten ſeine Hand zu einem honetten Unternehmen vietet, ſein Fort⸗ —õ——-:’— — 124— kommen findet, daß er eben ein Seemann iſt, wie kei⸗ ner mehr auf dem Ocean ſegelt!“ „Es wäre mir leid, wenn meine Mannſchaft Urſache hätte, ſo gering von unſern eignen Kräften zu denken. Der Kreuzer war bisher vom Glück nicht begünſtigt. Laßt uns nur die hohe See mit einer Kappe voll Wind haben, und unſer Schiff macht alle ſchwarzbraunen Weiber, die nur immer an der Brigantine hangen kön⸗ nen, zu Schanden. Iſt doch der Tummler der Meere, ſey er nun ein Menſch oder ein Teufel, ſchon unſer Gefangener.“ „Und glauben Ew. Gnaden denn, daß der feinge⸗ baute und leichtſegelnde Herr, den wir in dieſem Na⸗ chen fingen, in Wahrheit der beruhmte Schnüpfer iſt!“ fragte Yarn, auf ſein Ruder gelehnt, mit lebhaftem Intereſſe.„Es ſind welche an Bord des Schiffes, die behaupten, der Mann, den wir meinen, ſey noch ha⸗ gerer als der große Strandwächter von Plymouth; ein Paar Schultern ſoll er haben—“ „Ich habe guten Grund zu glauben, daß dieſe Leute ſich irren. Wenn wir aufgeklaͤrter ſind als unſere Schiffskameraden, Meiſter Yarn, ſo laßt uns fein den Mund ſchließen— damit uns Andre unſre Weisheit nicht ſtehlen— da iſt eine Krone, mit dem Bildniß des König Ludwig; er iſt unſer bitterſter Feind und Ihr mögt ihn auf einmal oder ſtückweiſe verſchlucken, wie es Euch gefallt. Denkt aber daran, daß unſer Kreuzen im Nachen unter geheimem Befehl geſchah und daß wir je weniger deſto beſſer von der Ankerhut der Brigantine reden.“ AͤAAͤ eee,ͤ „—„ Der ehrliche Robert nahm das Silberſtück mit einem Behagen, das kein Wunderglaube ſchwächen konnte; indem er den Hut zog, verſäumte er nicht die gewöhn⸗ lichen Proteſtationen der Beſcheidenheit. In dieſer Nacht bemühten ſich die Kameraden des Vortopmanns vergeblich, das Nähere über die kleine Excurſion mit dem Capitain zu erfahren; er beantwortete die derben Fragen mit ſo ausweichenden und dunkeln Anſpielungen, daß die abergläubiſche Furcht der Mannſchaft, die Lud⸗ low einſchläfern wollte, gerade doppelt aufgeregt ward. Nicht lange nach dieſem kurzen Geſpräch erreichte der kleine Nachen die Seite der Coquette. Ihr Com⸗ mandant fand den Gefangenen im Beſitze ſeiner eignen Cajute, obgleich ernſt, wo nicht traurig, doch vollkom⸗ men ſeiner Meiſter. Die Ankunft deſſelben hatte auf die Officiere und Matroſen einen tiefen Eindruck ge⸗ macht, wiewohl die meiſten von beiden, gleich Yarn, nicht glaubten, daß der ſchöne ſchmucke Jungling, den ſie aufzunehmen den Befehl erhielten, der berüchtigte Schleichhändler ſey. Oberflächliche Beobachter der Formen, unter denen ſich menſchliche Eigenſchaften zeigen, verwechſeln allzu oft die äußeren Zeichen derſelben. Es iſt zwar ganz der Vernunft gemäß, anzunehmen, daß wer viel in roher und wilder Gemeinſchaft verkehrt, etwas von dem rauhen, abſtoßenden Weſen annimmt; doch ſcheint es auch, wie die ſtillſten Waſſer gewöhnlich am tiefſten gründen, daß die Kraft der Erregung außerordentlicher Dinge nicht ſelten unter einem unſchuldigen und manch⸗ mal lebloſen Aeußeren verborgen liegt. Es zeigt ſich oft, daß die deſperateſten und eigenſinnigſten Menſch zen die⸗ jenigen ſind, deren Mienen und Manieren die mildeſten und freundlichſten Geſinnungen verrathen, während einer, der wie ein Löwe ausſieht, nicht ſelten ein Schafskopf oder ein Lamm iſt. Ludlow hatte Urfache, anzunehmen, daß die Unglaͤu⸗ bigkeit ſeines Topmanns ſich den Meiſten an Bord mit⸗ getheilt habe, und da er die Zärtlichkeit, mit der er noch immer an Alida und an Allem hing, was ihr ange⸗ hörte, nicht bezwingen konnte, waͤhrend auf der andern Seite beine Veranlaſſung war, gradezu die Wahrheit zu ſagen, begünſtigte er vielmehr durch ſein Schweigen den allgemeinen Eindruck. Zuerſt gab er einige Befehle von dringendſter Nothwendigkeit und begab ſich dann in ſeine Cajüte, um mit dem Gefangenen ein Geſpräch an⸗ zuknüpfen. „Das leere Staatszimmer iſt zu Euern Dienſten, Meiſter Seadrift,“ bemerkte er, indem er auf das kleine Gemach deutete, das dem ſeinigen gegenuüber lag. „Wir werden wahrſcheinlich auf einige Tage Schiffsge⸗ noſſen ſeyn, es wäre denn, daß Ihr die Zeit damit ab⸗ kürzen wolltet, daß Ihr Euch auf eine Capitulation üͤber die Waſſernire einließet, in welchem Fall— „Ihr den Vorſchlag machen wollt.“ Ludlow zögerte, ſah ſich um, als wolle er ſich uber⸗ zeugen, ob ſie allein ſeyen, und näherte ſich ſeinem Ge⸗ fangenen. „Ich werde Euch behandeln, wie es einem Seemann ziemt. La belle Barberie iſt mir theurer als je ein Weib— theurer auch, ich fürchte es, als mir je ein ann ein ein Weib ſeyn wird. Ich brauche Euch nicht zu ſagen, daß Umſtaͤn nde⸗ eingetreten ſind,— liebt Ihr das Mädchen?“ 77 „Za.“ „Und ſie?— ſcheut Euch nicht, einem Manne die Wahrheit zu ſagen, der keinen Mißbrauch damit trei⸗ ben wird— erwiedert ſie Eure Neigung?“ Der Seemann der Brigantine trat mit Würde zu⸗ ruck, gewann aber ſogleich die Leichtigkeit ſeines Be⸗ nehmens wieder und ſagte, als fürchte er ſich zu ver⸗ geſſen, mit Wärme:„Das Getändel mit der Schwäche der Weiberherzen iſt die Erbfünde der Männer! Nie⸗ mand kann von Alida's Neigung urtheilen, Capitain Ludlow, als ſie ſelber. Ich werde nie von einem des Geſchlechts nur die geringſte Achtung vor der Frauen abhängigen Lage, vor ihrer treuen, vertrauenden Liebe, ihrem Glauben an alle Verſuchungen der Welt und ihrer Herzenseinfalt zu rühmen haben!“ „Dieſe Anſichten machen Euch Ehre und ich wünſch e, um Eurer ſelbſt, wie um Anderer willen, daß kein ſolcher Widerſpruch in Eurem Charakter läge. Man kann ſich nur betrüben—“ „Ihr wolltet einen Vorſchlag wegen der Brigantine thun?“ „Ich wollte ſagen, wenn das Schiff ovhne weitere Verfolgung ausgeliefert würde, daß ſich da Mittel fin⸗ den könnten, den Schlag für diejenigen zu ſänftigen, die durch die Wegnahme deſſelben am ſtärkſten ver⸗ wundet werden.“ Das Geſicht des Schleichhändlers hatte etwas von der gewöhnlichen Lebendigkeit und Friſche verloren, die Auge unruhiger als in den früheren Unterredungen mit Ludlow. Aber ein Lächeln, welches Zuverſicht ausdrückte, überflog die feinen Züge, als der Andere von dem Schick⸗ ſal der Brigantine ſprach. 8 „Der Kiel des Schiffes, das die Waſſernixe fangen ſoll, liegt noch auf keinem Werft,“ ſagte er trotzig,„und die Leinward, die ihn durch die Gewäſſer führt, noch auf keinem Webſtuhl ausgebreitet! Unſere Herrin iſt nicht ſo unvorſichtig, daß ſie ſchläft, wenn es gilt, ihren Schutz am meiſten zu erproben.“ „Dieſer Mummenſchanz mit dem überirdiſchen Schutz mag von Nutzen ſeyn, um die Gemüther der Unwiſſen⸗ den, die Euerm Glückſtern folgen, im Zaum zu halten, bei mir verliert er ſeine Wirkung. Ich habe die Lage der Brigantine recognoscirt— ja, ich befand mich un⸗ ter ihrem Bugſpriet, und ſo nah an der Waſſerthein lung, daß ich ihre Hafenanker unterſuchte konnte. Es ſind nun Maßregeln getroffen, um meine Kenntniſſe zu erweitern und die Priſe zu ſichern.“ Der Freihändler hörte ihn an, ohne Angſt zu ver⸗ rathen, obgleich er mit einer Aufmerkſamkeit zuhörte, die ſich an dem ſtaͤrkeren Athem vernehmbar machte. „Ihr fandet meine Leute auf ihrer Huth? 2 bemerkte er nachläßig, faſt ohne zu fragen. „So ſehr, daß das Schifflein unter ihren Martin⸗ gal trat, ohne angerufen zu werden! Wäre ein ſcharfes Inſtrument zur Hand geweſen, ich hätte wenig Mühe gehabt, das Kabeltau abzuſchneiden und Euer ſchönes Scchiff ſtranden zu laſſen.— Röthe der Wangen war nicht mehr ſo kräftig und das —, Oͤ8eͤ-—. ₰ 129— „Der würdige Plan war beabſichtigt— nein, er wurde verſucht!“ rief der Andere, indem er in den Zu⸗ gen ſeines Gefährten die Beſtätigung zu leſen ſuchte. „Es gluückte nicht— es konnte nicht glücken!“ „Das Glücken wird ſich in dem Erfolg ausweiſen!“ „Die Herrin der Brigantine vergaß ihre Aufgabe nicht! Ihr ſaht ihr ſtrahlendes Auge— ihr dunkles, be⸗ deutungsvolles Antlitz. Ein Licht ſtrahlte aus den ge⸗ heimnißvollen Zügen— ich irre mich nicht, Ludlow; Deine Zunge ſchweigt, aber das ehrliche Geſicht bekennt Alles!“ Der lebhafte Schleichhändler wandte ſich weg und brach in ein helles Gelächter aus. „Dachte ich's doch,“ fuhr er fort,„was will die Ab⸗ weſenheit eines Einzelnen in ihrem Gefolge ſagen! Glaubt mir, Ihr findet ſie ſpröde, wie immer, und nicht ge⸗ ſtimmt, ſich mit einem Kreuzer einzulaſſen, der ſo roh durch den Mund ſeiner Kanonen ſpricht. Ha!— da ſind Hörer!“ Es trat ein Officier herein, um die ſofortige Ankunft eines Bootes zu melden. Sowohl Ludlow als der Ge fangene ſtutzten bei der Anmeldung; es wird nicht ſchwer ſeyn, ſich zu denken, daß beide eine Botſchaft von der Waſſernixe für keine Unmöglichkeit hielten. Der erſtere ſprang aufs Verdeck, wahrend es dem letztern unmöglich war, ſeine Ruhe zu behaupten. Er trat in das Staats⸗ zimmer, und wahrſcheinlich machte er ſich das Fenſter der Galerie zu Nutze, um das ſo plötzlich erſchienene Schiff in Augenſchein zu nehmen. Nach dem, was ſich aus dem gewöhnlichen Anruſen 61— 63. 9 8— 130— und Antworten ergab, erwartete Ludlow hier weiter keine Propoſitionen von der Brigantine. Die Antwort war, was ein Seemann lümmelhaft nennt, es fehlte ihr die attiſche Reinheit, die ein Mann vom Gewerbe ſelten auch bei dem kleinſten Anlaß verſäumen wird und wodurch er ſich mit einer Schnelligkeit als ein Ein⸗ geweihter verräth, die man inſtinctartig nennen kann. Wie der kurze raſche Anruf:„Boot! Werda!“ von der Schildwache des Gehwegs erſchallte und die Antwort: „was belieht?“ von einer erſchreckten Stimme im Boot folgte, gab es ein Gelächter unter dem Schiffsvolk der Coquette, wie man von einem Neuling ſagen kann, der erſt Einen Schritt in ſeinem Handwerk gethan, daß er über Schnitzer von denen ausgelacht wird, die deren zwei gemacht haben. 8 8 Es herrſchte tiefe Stille, als eine Geſellſchaft von zwei Männern und eben ſo vielen Weibern auf's Schiff ging und im Boot zur Bemannung der Ruder eine hinlängliche Zahl Köpfe zurückließ. Ungeachtet mehr als ein Licht hingehalten wurde, um die vermummten Geſichter der Fremden zu erkennen, ſo paſſirten ſie doch ohne nähere Unterſuchung in die Cajüte. „Meiſter Cornelius Ludlow, man thäte lieber die Uniform der Königin gleich an, ſtatt daß man ſo unſtet und unſicher zwiſchen Coquette und Land herum ruderte, wie ein proteſtirter Wechſel von einem Indoſſenten zum andern läuft, bis er endlich berichtigt wird,“ begann der Alderman Van Beverout, indem er in der großen Ca⸗ jüte mit Kaltblütigkeit die Hülle abſtreifte, indeß ſeine Nichte ſich unaufgefordert auf einen Stuhl niederließ iter vort hlte erbe vird Ein⸗ nn. der ort: pot der der er ren von chiff eine gehr ten och die ſtet rte, um der Ca⸗ eine — 131— und die beiden Dienſtboten in ehrerbietigem Schweigen vor ihr ſtanden.„Hier iſt Alida, die darauf beſtand, einen ſo unzeitigen Beſuch zu machen und was noch är⸗ ger iſt, mich mitzuſchleppen, obgleich bei mir die Zeit vorbei iſt, einem Weibe nachzulaufen, weil es zufällig ein hübſches Geſicht hat. Die Stunde iſt freilich ſehr ungeeignet, und was den Beweggrund betrifft— nun, wenn Meiſter Seadrift ein bischen ſeinen Pfad verloren hat, ſo kann kein großes Unheil daraus entſtehen, da die Sache in den Händen eines ſo discreten und liebens⸗ würdigen Officiers liegt.“ Der Alderman verſtummte plötzlich, denn die Thür des Staatszimmers öffnete ſich und die eben von ihm genannte Perſon trat ſelbſt ein. Ludlow brauchte keine andere Erklärung, als daß ſich die Perſonen zu erkennen gaben, um ſogleich den Anlaß ihres Beſuches zu wiſſen. Indem er ſich gegen Alder⸗ man Van Beverout wandte, ſagte er mit einer Bitter⸗ keit, über die er nicht Herr werden konnnte,— „Meine Gegenwart könnte zudringlich erſcheinen. Be⸗ dient Euch der Cajüte wie Eures eignen Hauſes und ſeyd verſichert, daß ſie, während derſelben die Ehre zu Theil wird, zu ihrem jetzigen Gebrauch unverletzt und heilig bleibt. Die Pflicht ruft mich auf s Verdeck.“ Der junge Mann verbeugte ſich mit ernſter Miene und eilte hinaus. Als er an Alida vorbeiging, traf ihn ein Blick ihres ſprechenden, ſchwarzen Auges, den er als ein Zeichen von Dank auslegte. —-— . — 132 Achtes Kapitel. „Wenn es geſchieht, ſo iſt's am beſten, daß es ſchnell geſchieht—“ 5 Macbeth. Dieſe Worte des unſterblichen Dichters, womit wir, aus Achtung fuͤr einen alten Gebrauch in unſerer Lite⸗ ratur, die Ereigniſſe dieſes Kapitels einleiten, ſind in vollkommner Uebereinſtimmung mit der herrſchenden Re gel eines Schiſſes, wo dieſe Sentenz gewöhnlich einen der ſtehenden Artikel iſt und Eifer und Thäͤtigkeit auch in der kleinſten Bewegung als unerläͤßlich vorſchreibt. Ein gut bemanntes Schiff mag gern wie ein gut bewaff⸗ neter Krieger ſeine phyſiſche Stärke zeigen, denn ſie iſt eine der Hauptgeheimniſſe ſeiner Wirkſamkeit. In ei⸗ nem Berufe, wo man unabläſſig mit den wilden, unſte⸗ ten Winden kämpft und menſchliche Anſtrengung ſich in der Lenkung einer feinen und gefährlichen Maſchinerie auf einem unbeſtändigen Elemente erproben muß, wird dieſer leitende Grundſatz zur äußerſten Nothwendigkeit. Da, wo„Verzug ſo leicht Verderben bringt,“ wird die⸗ ſes Wort in der Berufsſprache am Ende ganz ausge⸗ merzt und es iſt vielleicht keine Wahrheit für alle junge Anfänger im Seeleben ſo wichtig, als daß, während nichts mit Uebertreibung geſchehen ſoll, doch alles bei der gehörigen Genauigkeit im höchſten Grade raſch er⸗ folgen muß.“ 8 Dem Commandanten der Coquette war die bezeich⸗ — — 133— nete Vorſchrift früh eingeprägt worden und er verfehlte nicht, ſie auf die Mannszucht ſeines Schiffsvolks anzu⸗ wenden. Als er das Verdeck erreichte, nachdem er die Cajüte ſeiner Gäſte verlaſſen hatte, fand er die Zurü⸗ ſtungen, die er bei der Rückkehr auf's Schiff befohlen, ſchon zur Ausführung vorgerückt. Da dieſe Bewegungen mit den kommenden Ereigniſſen dieſer Erzahlung auf's genaueſte zuſammenhängen, ſo iſt es unſere Pflicht, ſie mit einiger Ausführlichkeit zu beſchreiben. Kaum war Ludlow mit ſeinen Befehlen an den wacht⸗ habenden Officier zu Ende, als die Pfeife des Hochboots⸗ manns alle Hände an die Arbeit rief. So wie die Mannſchaft beiſammen war, wurden die großen Böte ins Waſſer gelaſſen. Als alle, mit Ausnahme des klei⸗ nen überm Hintertheil, in der See ſtanden, kam Be⸗ fehl, die Top⸗Gallant⸗Raen zu kreuzen. Dieſes be⸗ gann, indeß andere Dinge in Ausführung begriffen wa⸗ ren, und kaum war eine Minute verſtrichen, als die Obermaſten wieder ihre leichten Segel hatten. Dann hörte man den gewöhnlichen Ruf:„all' Händ’ Anker auf, holla!“ und die ſchnellen Befehle der jungen Offi⸗ ciere:„an die Schiffswinde“, dann„eingehackt“ und endlich„hebt weg.“ Die Art, wie man einen Anker an Bord eines Kreuzers oder eines Handelsſchiffes aufwin⸗ det, iſt ſehr verſchieden in den Anſtalten und in der Ausführung. Auf letzterem wenden ein Dutzend Men⸗ ſchen ihre Krafte auf einen langſam ſich bewegenden⸗ widerſtrebenden Haſpel, indeß das unbiegſame Kabeltau beim Hereinkommen in Kreiſe gelegt wird, während ein eigenſinniger junge Balg, der die Cajüte bedient, den — 134— damit Beſchäftigten mehr hindert als fördert. Auf dem andern Schiffe kennt die raſch gehende Schiffswinde kei⸗ nen Aufenthalt. Der aufwindende„Meſſenger“ iſt im⸗ mer bereit und gewandte Unterofficiere ſtehen in einer Reihe, um das dicke Seil von den Verdecken wegzu⸗ ſchaffen. Ludlow trat unter ſeine Leute, als ſie grade hiermit beſchaäftigt waren. Ehe er noch ſchnell auf dem Kurzdeck herumgekommen war, ſtieß er auf den beſchäftigten er⸗ ſten Lieutnant. „Wir haben gelichtet, Herr,“ ſagte der Beauftragte. „Stellt die Oberſegel.“ Sogleich fiel die Leinwand und kaum ſtreckte ſie ſich nach den Raen, als die Haliards kräftig angepackt und die Segel aufgezogen wurden. „Welchen Weg ſoll das Schiff ſtehen?“ fragte der aufmerkſame Luff. „Seewärts.“ Demzufolge wurden die Vorderrgen in der Erforder⸗ lichen Richtung zurückgebunden und der Capitain bekam die Meldung, das Schiff ſey ſegelfertig. 3 „Fangt den Anker jetzt; wenn er feſt hängt und die Verdecke frei ſind, ſo meldet's.“ Dieſe lakoniſche, charakteriſtiſche Unterredung zwiſchen Ludlow und ſeinem erſten Lieutnant war hinreichend für die Erforderniſſe des Augenblicks. Der eine war gewohnt, die Befehle ohne Erläuterung zu geben, und der andere zögerte nie, zu gehorchen, und unterſtand ſich ſelten, nach der Urſache zu fragen. „Anker licht und feſt, Herr; alles frei,“ ſagte Herr „—= Sͤ— △‿ —» — 135— Luff, nachdem nur wenige Minuten zur Ausführung der vorhergegangenen Befehle nöthig waren. Ludlow ſchien aus einem tiefen Traum zu erwachen. Er hatte bis dahin mehr melancholiſch als mit Bewußt⸗ ſeyn deſſen, was er ſagte, geſprochen, ſeine Gefühle wußten nichts von den Worten. Nun aber mußte er unter ſeine Officiere treten und Befehle geben, die bei ſeiner practiſchen Ueberlegenheit über ſie ſowohl Nach⸗ denken als Vorſicht erforderten. Die Mannſchaft der verſchiedenen Böte wurde aufgerufen und bewaffnet. Als die Halfte des Schiffsvolks in den Böten war und die Meldung kam, ſie ſeyen fertig, wurden die Officiere vertheilt und jedem der beſondere Dienſt, den er zu ver⸗ ſehen hatte, deutlich erklärt. Ein Unter⸗Schiffspatron erhielt Befehl, in der Scha⸗ luppe des Capitains mit einer um ſechs Matroſen ver⸗ ſtärkten Mannſchaft, grade in den Cove zu rudern und zwar mit verhüllten Rudern; dort ſollte er das Signal des erſten Lieutnants erwarten, bis er die Brigantine auf dem Punkt ſähe, zu entfliehen, in dieſem Fall lau⸗ tete ſeine Inſtruction gebieteriſch dahin, ſie unter allen umſtänden zu entern und wegzunehmen Der muthige Jüngling hatte kaum den Befehl erhalten, als er das Schiff verließ, nach Süden ſteuerte und innerhalb der oft erwähnten Landzunge hinfuhr. Luff wurde beordert, das Langboot zu commandiren. Mit dieſer ſchweren, ſtarkbemannten Barke ſollte er nach dem Einlaß rudern und dem Boote des Capitains das Signal geben, dann aber, ſo wie er ſich uͤberzengt — 136— habe, daß die Brigantine nicht wieder entwiſchen könne, auf dem geheimen Pfade zu Hülfe eilen. Die beiden Kutter wurden dem Commando des zwei⸗ ten Lieutnants anvertraut, mit dem Befehl, in dem breiten Canal zwiſchen dem Ende des Caps oder Hooks und jener langen niedern Inſel Poſto zu faſſen, welche ſich von dem Hafen von New⸗York mehr als vierzig Seemeilen öſtlich erſtreckt, indem ſie die ganze Küſte von Connecticut gegen die Stürme des Meeres be⸗ ſchützt. Ludlow wußte, daß, obgleich Schiffe von ſchwerer Ladung dicht am Cap vorbei mußten, um die offene See zu gewinnen, eine leichte Brigantine wie die Waſſernixe für ihren Weg hinlängliche Tiefe weiter nördlich finden könne. Die Kutters wurden daher nach jener Richtung geſandt, mit der Anweiſung, ſo viel als möglich den Canal zu ſperren und bei vorkom⸗ mender Gelegenheit den Schmuggler feſtzuhalten. End⸗ lich erhielt noch der Nachen die Beſtimmung, den Raum zwiſchen den beiden Canälen einzunehmen, mit dem Be⸗ fehle, die Signale zu wiederholen und ſorgfältig zu re⸗ cognosciren. Während die mit dieſen Sendungen beauftragten Offi⸗ ciere ihre Inſtructionen erhielten, begann das Schiff unter der Leitung Tryſails ſich nach dem Cap hin zu bewegen. Als es um die Spitze Hook herum gefahren war, ſtießen die beiden Kutter und der Nachen ab und ruderten flei⸗ ßig; als man gehörig über den Wahrtonnen draußen war, machte es das Langboot eben ſo; die Schaluppen hatten jetzt alle ihre verſchiedenen Richtungen genommen. — 137— le, Wenn der Leſer das Bild der Gegend, wie es in einem der erſten Kapitel beſchrieben wurde, noch im Gedächtniß hat, wird er den Grund inne werden, worauf Ludlow ſeine ei) Pläne baute. Indem er das Langboot in den Einlaß ſandte, in wollte er die Brigantine auf allen Seiten eingeſchloſſen 3 halten; durch beide Canäle war dann ihr Entweichenun⸗ he möglich, während er die Coquette außen hielt. Der Dienſt, ig den er von den drei Böten erwartete, die er nordwärts ſte ſandte, war, den Bewegungen des Schmugglers zu folgen, 6 und ihn bei günſtiger Gelegenheit durch Ueberrumpelung 2n zu nehmen. m Wie das Langboot vom Schiff abſtieß, drehte die Co⸗ te quette ſich langſam gegen den Wind; die Vortopſegel an fe den Maſt geſchlagen, lag ſie ruhig, um ihren Böten die 1 nöthige Zeit zu laſſen, zu ihren verſchiedenen Stationen 5 zu kommen. Die Entſendungen hatten die Stärke der 8 Mannſchaft auf die Hälfte gemindert, und da beide Lieu⸗ 1 b tenants außerhalb beordert waren, ſo blieb kein Offizier . von Rang von dem Capitain bis zu Tryſail an Bord. Ei⸗ 3 nige Zeit, nachdem das Schiff ſtill gelegt worden, und die 8 Matroſen den Befehl bekommen, ſich dicht zu halten, oder mit andern Worten, zu thun, was ſie wollten, mit der - Vergünſtigung, zur Entſchädigung für den verlornen Schlaf r einen Nicker zu thun, näherte ſich Tryſail ſeinem Comman⸗ b danten, der über die Hängematten⸗Bekleidung in der Rich⸗ tung des Cove hinüberſchaute, und redete ihn folgender⸗ . maßen an:. 1„Finſtre Nacht, glatt Waſſer und ausgeruhte Hände 1 machen das Bootführen angenehm!“ ſagte er.„Die Herren haben friſchen Muth und Jugendhoffnung; wer Aber die Brigantine entern will, hat nach meiner Mei⸗ nung mehr zu thun als hinaufzuſpringen. Ich war in dem vorderſten Boot, das einen Spanier vor Mona im letzten Kriege enterte, und obgleich wir mit leichten Soh⸗ len hineinkamen, wurden doch ein Paar von uns mit zerſchlagenen Schaͤdeln herausgetragen.— Ich meine, der Vortop⸗Gallant⸗Maſt ſtände jetzt beſſer, nach dem letzten Ruck an den Tauen?“ „Er ſteht gut,“ verſetzte mit halber Aufmerkſamkeit der Commandant.„Thut den andern Zug, wenn Ihr es für beſſer haltet.“ „Nein, wie es Ihnen gefallt, Herr, mir iſts alleins. Was kümmert mich's, ob der Maſt ganz auf einer Seite trägt, wie einem dummen Dorfteufel der Hut am Kopfe hängt; iſt ein Ding einmal, wie es ſeyn ſoll, ſo ſagt uns die Vernunft, es für ſich gewahren zu laſſen. Herr Luff war der Meinung, wenn wir die Hackenſtangen der Hauptrae hinaufrückten, bekämen wir eine beſſere Richtung nach den Topſegeln, aber es könnte doch wenig mit der Stange hinauf ausgerichtet werden, und ich bin erbötig, Ihro Majeſtät die Differenz zwiſchen dem jetzigen Stand der Segel und wie ihn Herr Luff wollte, aus meinem Sack zu bezahlen, obgleich dieſer oft ſo leer iſt, wie eine Kirche, worin ein guter Fuchsjäger predigt. Ich war einmal beim Gottesdienſt von ſo einem Halloh⸗Mann, wie ein gottloſer Landjunker mit ſeinen Hunden einen Fuchs, zum Anrufen nahe, vor den Kirchenfenſtern vor⸗ beihetzte! Das Jagdgeſchrei machte eine Wirkung auf den Kanzelpolterer, wie wenn ein Windſtoß dieſes Schiff traͤfe, das heißt, es that einen Ruck an ihm, und er hielt zwar — 42 —— — 139— an ſich und murmelte ich weiß nicht was, aber ſeine Au⸗ gen waren auf dem Feld, ſo lange die Hetze noch zu ſehen war. Damit war es aber noch nicht aus, denn h) als er wieder an ſein Tagewerk ging, hatte ihm der Wind die Blätter ſeines Buches verweht und er plumpte uns mitten in's Trauungs⸗Gebet hinein. Ich ſelbſt bin zwar kein großer Rechtsverſtändiger, aber es waren Leute in der Kirche, die es für eine Fügung Gottes erklärten, daß die Hälfte der jungen Männer des Kirchſprengels ſich nicht mit ihren Großmüuttern verheirathen mußten?“ „Ich dächte, die Parthie wäre der Familie angenehm,“ ſagte Ludlow, indem er den einen Ellbogen aufhob und den Kopf auf den andern ſtützte. „Nun, ſo eine Verſicherung möchte ich grade nicht auf mich nehmen; der Kuſter corrigirte das Augenmaaß des Pfarrers, ehe das Ungluck ganz geſchehen war. Ich hatte einen kleinen Zwiſt mit dem erſten Lieutenant, Capitain Ludlow, über das Gleichgewicht des Schiffes. Er meint, es legte ſich zu weit vor, aus dem rechten Schwerpunkt heraus, wie er ſagt, und doch iſt er der Meinung, der Schmuggler habe uns bei der Jagd neulich nimmermehr auf den Ferſen gehabt, wenn wir weniger vorgebeugt ge⸗ weſen wären; nun bitte ich aber jeden vernünftigen Men⸗ ſchen, ein Schiff auf die Waſſerlinie— „Zeigt unſer Licht!“ unterbrach ihn Ludlow.„Dort geht das Signal des Langboots!“ Tryſail hörte auf zu reden, trat an eine Kanone und ſah gleichfalls nach dem Cove hin. Eine Laterne oder ein anderer leuchtender Gegenſtand wurde dreimal in die Höhe gehoben und verſchwand wieder. Das Signal kam — 140— unterm Lande her und in einer Richtung, die keinen Zweifel mehr an der Sache ließ. „So weit gut,“ rief der Capitain, indem er ſeinen Stand änderte und ſich zum erſtenmal mit vollem Be⸗ wußtſeyn zu ſeinem Offizier wandte.„Das iſt das Zei⸗ chen, daß ſie am Einlaß ſind und es draußen rein iſt⸗ Ich denke, Meiſter Tryſail, wir ſind unſerer Priſe jetzt ſicher. Fahrt einmal mit dem Nachtrohr über den Ho⸗ rizont und dann wollen wir auf die hochbelobte Brigan⸗ tine losſegeln.“ Beide nahmen jetzt Fernröhren zur Hand, und ſpä⸗ heten einige Minuten umher. Eine ſorgfältige Unterſu⸗ chung der Küſte von New⸗Jerſey bis Long⸗Island gab ihnen Grund, anzunehmen, daß nichts von irgend einer Geſtalt außerhalb des Caps liege. Der Himmel zeigte ſich öſtlich von Wolken freier, als unterm Lande, und es war daher nicht ſchwer, die wichtige Thatſache zu conſta⸗ tiren. Sie gab ihnen die Gewißheit, daß die Waſſernire durch den geheimen Paß noch nicht entwiſcht ſey, wäh⸗ rend ſie die Zurüſtungen gemacht hatten. 3 „Abermals gut,“ verſetzte Ludlow.„Nun kann er uns nicht entrinnen— zeigt den Triangel.“ Drei Lichter in der Geſtalt eines Dreiecks wurden erhöht. Es war für die Böte im Cove der Befehl, vor⸗ zurucken. Das Signal wurde ſchnell von dem Langboot erwiedert, und dann ſtieg eine kleine Rakete üͤber Ge⸗ ſträuch und Bäume der Küſte empor. Alle horchten mit geſpannter Aufmerkſamkeit, ob ſie Töne des Angriffs ver⸗ nähmen, Einmal glaubten Ludlow und Tryſail, ein Ge⸗ rn ſchrei von Seeleuten komme durch die dicke Nachtluft b — inen inen Be⸗ Zei⸗ iſt. jetzt Ho⸗ zan⸗ pä⸗ rſu⸗ gab ner igte es ſta⸗ ire äh⸗ er den or⸗ vot ze⸗ nit er⸗ ze⸗ — 131— daher und wieder, hatten ſie ſich nun geirrt oder hörten ſie es wirklich, war es ihnen, als ob ein drohender An⸗ ruf an die Frevler erginge, ſich zu ergeben. Dann er⸗ folgten Minuten der geſpannteſten Erwartung. Die ganze Hängmatten⸗Begleitung auf der Landſeite des Schiffs war mit neugierigen Geſichtern beſetzt; Ludlow war als Oberoffizier auf dem leichten Kurzdeck allein; er war hinaufgeſtiegen, um den Horizont beſſer zu überſchauen. „Jetzt wäre es Zeit, das Musketenfeuer zu hören, oder das Signal des glücklichen Erfolgs zu ſehen!“ ſagte der junge Mann zu ſich ſelber ſo beſchäftigt mit dem Intereſſe des Unternehmens, daß er nicht wußte, daß er geſprochen. „Ihr habt wohl vergeſſen, ein Signal für den Fall des Mißlingens auszutheilen?“ ſagte einer an ſeiner Seite. „Ach! Meiſter Seadrift;— ich wollte Euch dieſes Schauſpiel ſparen“ „Ich war zu oft Zeuge davon, als daß es mich frap⸗ piren ſollte. Mein Leben auf dem Ocean hat mich nicht unbekannt gelaſſen mit der Wirkung der Nacht, der Aus⸗ ſicht aufs Meer, einer dunkeln Küſte und einem Gebirg im Hintergrunde!“ „Ihr habt viel Vertrauen auf den, den Ihr als Com⸗ mandanten auf der Brigantine zuruückgelaſſen habt! Ich werde nun gleichfalls an Eure meergrüne Dame glau⸗ ben, wenn ſie dieſesmal meinen Böten entrinnt.“ „Seht— das iſt das Zeichen ihres Glücks!“ verſetzte der Andere, indem er auf drei Lichter hinwies, die an der Mündung des geheimen Einlaſſes gezeigt wurden, und über denen viele Lichter in raſcher Folge glänzten. „Es iſt mißglückt! Laßt dem Schiff jetzt freien Lauf. Hin in den Wind mit den Raen. Rund ein, Leute, rund ein. Wir wollen zum Eingang der Bai, Tryſail, den Schurken hat ihr Glückſtern geholfen!“ Ludlow ſprach mit Erbitterung in ſeinem Ton, doch immer mit dem Anſtand eines Vorgeſetzten, und mit der Raſchheit eines Seemannes. Das bewegungsloſe Weſen neben ihm verharrte in tiefer Stille. Kein Ausruf ent⸗ ſchlüpfte ihm, kein triumphirender Laut, es öffnete die Lippen weder zur Freude noch zum Erſtaunen. „Ihr ſeht dieſen Streich Eurer Brigantine als etwas an, was ſich von ſelbſt verſteht,“ bemerkte Ludlow, als das Kriegsſchiff wieder nach der äußerſten Spitze des Caps ſegelte.„Das Glück hat Euch noch nicht verlaſſen, aber mit dem Land auf drei Seiten, und mit dieſem Schiff und ſeinen Böten auf der vierten, verzweifle ich noch nicht an dem Siege über Eure bronzirte Gottheit!“ „Unſere Gebieterin ſchläft nie,“ verſetzte der Schleich⸗ händler, indem er tief aufathmete, als habe er lange ge⸗ kämpft, den lebhaften Antheil zu unterdrücken. „Bedingungen ſtehen uns noch immer frei. Ich darf nicht verhehlen, daß Ihro Majeſtät Commiſſäre in Zoll⸗ ſachen ein großes Gewicht auf den Beſitz der Waſſer⸗ nixe legen, ſo daß ich jetzt eine Verantwortung auf mich nehmen will, vor der ich bei jeder andern Gelegenheit mich geſcheut haben wurde. Uebergebt mir das Schiff und ich ſetze Euch als Offizier mein Wort zum Pfande, daß die Mannſchaft freien Abzug aufs Land erhält.— rden, zten. Lauf. keute, Fſail, doch t der geſen ent⸗ e die twas als des ſſen, eſem e ich it! leich⸗ ge⸗ darf Zoll⸗ 1 ſſer⸗ mich heit ſchiff nde, — 143— Ueberlaßt ſie uns, ich willige drein, mit geſäubertem Deck und leeren Fächern, aber gebt das hurtige Schiff in un⸗ ſere Hände!“ „Die Herrin der Brigantine denkt anders. Sie trägt das Gewand des tiefen Waſſers, und glanbt mir, allen Euren Fallſtricken zum Trotz wird ſie ihr Gefolge über dieſe Offizier⸗ und Sondirböte weit hinaus führen,— ja, es geſchieht, der ganzen Seemacht der Königin Anna zum Trotz!“ „Ich wünſche nur, daß Andere dieſe Halsſtarrigkeit nicht zu bereuen haben! Aber jetzt iſt nicht Zeit, Worte zu machen; der Schiffsdienſt ruft.“ Seadrift beachtete den Wink und ging mit Wider⸗ ſtreben in die Cajute zurück. Als er das Hintertheil verließ, ſtieg der Mond im öſtlichen Bord über den Rand des Waſſers und goß ſein Licht über den ganzen Hori⸗ zont hin. Nun konnte die Mannſchaft der Coquette deut⸗ lich genug von dem Sande des Hook viele Meilen in die See hinausſehen. Es blieb kein Zweifel mehr, daß die Brigantine noch immer in der Bai war. Von dieſer Ge⸗ wißheit ermuthigt, ſuchte Ludlow alle perſönlichen Empfin⸗ dungen in der Uebung einer Pflicht zu unterdrücken, die immer intereſſanter wurde, je glänzender ſich die Ausſicht eines guten Erfolges herausſtellte. Es dauerte nicht lange, ſo erreichte die Coquette den Canal, der die geſegnete Mündung der Bai bildet. Hier wurde das Schiff wieder in den Wind gebracht und Ma⸗ troſen auf die Raen und alle luftigeren Stäbe beordert, um bei dem düſtern trügeriſchen Licht ſo viel vom inneren Waſſer zu überſchauen, als das Auge abreichen konnte; — 144— während Ludlow, von dem Segelmeiſter unterſtützt, eben daſſelbe auf dem Verdeck verſuchte. Außer den Gemeinen waren auch zwei bis drei Seecadetten in der Höhe. „ ‚Drin iſt nichts zu ſehen,“ ſagte der Capitain nach langem ungeduldigem Umherſpähen mit dem Fernrohr. Die Schatten des Gebirgs von Jerſey verbauen von die⸗ ſer Seite die Ausſicht und die Maſten einer Fregatte können leicht mit den Bäumen von Staten⸗Island hier im nördlichen Bord verwechſelt werden.— Kreuz⸗Jack dort!“— Der ſchnelle Ton eines Seecadetten antwortete auf den Anruf. „Was ſeht Ihr, inner dem Hook, Herr?“ .„Nichts zu ſehen. Unſere Barke rudert am Land hin, und das Langboot ſcheint außen am Eingang zu liegen; ah, da iſt der Nachen, auf den Rudern ruhend, aber wir ſehen nichts in der Flucht von Coney, was wie der Kutter ausſähe.“ )„Fahrt noch einmal mit dem Fernrohr herum, mehr weſtlich, und ſeht wohl in dieMündung des Rariton— ſeht Ihr etwas dahinaus?“. „Ha!l da iſt ein Fleck auf unſerer Kehrſeite.““ „Für was haltet Ihrs?“ „Wenn mich mein Auge nicht völlig trügt, ſo iſt es ein leichtes Boot, das nach dem Schiff her rudert, in der Ent⸗ fernung dreier Kabeltaue.“ Ludlow ſetzte ſein eigenes Fernrohr an und richtete es in den bezeichneten Weg aufs Waſſer. Nach einem oder zwei vergeblichen Verſuchen fing ſein Auge den Gegenſtand. und da der Mond jetzt mehr Schein hatte, konnte er das eben einen nach rohr. die⸗ gatte hier Jack Ding erkennen. Es war offenbar ein Boot und zwar eines, das ſeinen Bewegungen zufolge mit dem Kreuzer communiciren wollte. 4 Das Auge eines Seemannes iſt ſcharf auf ſeinem Ele⸗ ment und ſein Verſtand zieht raſche Schluſſe über alle Dinge, die dem Berufe angehören Ludlow ſah den Augenblick aus dem Bau des Fahrzeugs, daß es keins ſeiner abgeſandten Boͤte war, ſah ferner, daß es in einer Richtung ruderte, die es in den Stand ſetzte, der Co⸗ quette auszuweichen, indem es ſich in einem Theil der Bai hielt, wo das Waſſer nicht tief genug war, um ihr Fahrwaſſer zu geben, endlich fand er die Bewegungen ſo abgemeſſen, daß er große Vorſicht daraus abnahm, und es augenſcheinlich war, daß das Boot dem Kreuzer ſo nahe kommen wollte, als Klugheit es räthlich machte. Er nahm eine Sprachtrompete und rief in der wohlbekann⸗ ten gewöhnlichen Weiſe an.— Die Antwort kam ſchwach gegen die Luft daher, doch geſchah ſie mit ſeemänniſcher Uebung und großem Um⸗ fang der Stimme. „He, he!“ und„Unterhändler von der Brigantine,“ waren die einzigen Worte, die man verſtehen konnte. Eine bis zwei Minuten ging der junge Mann ſchwei⸗ gend auf dem Verdeck hin und her. Daun ließ er plötz⸗ lich das einzige Boot, das der Kreuzer noch beſaß, in See ſetzen und bemannen. „Flagge aufs Hintertheil,“ ſagte er, als die Befehle ausgefuhrt waren,„und Waffen hinein; wir wollen Friede halten, ſo lange er beobachtet wird, wir müſſen aber bei der Unterredung auf unſerer Huth ſeyn.“ 61— 63. 10 — 146— Tryſail wurde angewieſen, das Schiff ſtill zu halten, und nachdem Ludlow ſeinem Untergebenen Inſtructionen von Wichtigkeit für den Fall der Verrätherei ins Ohr geraunt, ſtieg er ſelbſt ins Boot hinab. Wenige Minu⸗ ten reichten hin, um das Schifflein und den Fremdling einander ſo nahe zu bringen, daß die Communication leicht und ſicher von Statten ging. Die Matroſen des erſteren mußten aufhören zu rudern, der Commandant des Kreuzers erhob das Fernrohr und beſah ſich die Leute genauer, die auf ſein Kommen warteten. Das fremde Boot tanzte auf den Wellen, wie eine leichte Muſchel, die kaum die Fläche des Elementes berührt, das ſie trägt, während vier athletiſche Seemänner ſich auf die Ruder lehnten, bereit und geruſtet es weiter zu treiben. Hin⸗ ten ſtand eine Geſtalt, deren Stellung und Miene nicht leicht verkannt werden konnte. In der bewunderungs⸗ würdigen Feſtigkeit, den ſorglos verſchränkten Armen, den ſchönen männlichen Proportionen und dem Anzug erkannte Ludlow den Matroſen mit dem indiſchen Shawl. Ein Wink mit der Hand veranlaßte ihn, näher zu ru⸗ dern. „Was verlangt Ihr vom königlichen Kreuzer?“ fragte der Capitain in erſtgenanntem Schiff, als die beiden Böte einander ſo nahe waren, als es nöthig ſchien. „Vertrauen,“ war die ruhige Antwort.—„Kommt näher, Capitain Ludlow; ich ſtehe hier mit unbewehrten Händen! Unſere Unterredung bedarf keiner Trompeten.“ Beſchämt, daß ein zu einem Kriegsſchiff gehörendes Boot Furcht äußern ſollte, gab Ludlow der Mannſchaft des Nachens Befehl, bis zum Reichen der Ruder vorzurücken. alten, ionen Ohr Ninu⸗ dling ration n des ndant Leute emde ſchel, rägt, kuder Hin⸗ nicht ungs⸗ men, nzug hawl. ru⸗ agte Böte mmt rten en.“ ndes haft ken. — 147— „Nun denn, Euer Wunſch iſt erfüllt. Ich habe mein Schiff verlaſſen, um mit dem kleinſten meiner Böte zu einer Unterhandlung zu kommen.“ „Es bedarf der Erklärung nicht, was mit den ande⸗ ren geſchehen iſt!“ erwiederte Tiller, deſſen feſte Geſichts⸗ muskeln ein faſt unmerkliches Lächeln überflog.„Ihr jagt uns ſcharf, gönnt der Brigantine wenig Raſt. Aber doch ſeyd Ihr abermals überliſtet!“ „Wir haben einen Bürgen beſſeren Glücks in dem glücklichen Winde, der ſich in dieſer Nacht erhob.“ „Wir wiſſen, Herr, daß Meiſter Seadrift in die Ge⸗ walt der Diener der Königin gefallen iſt— aber nehmt ihn wohl in Eure Huth! wenn dem jungen Mann in Worte oder That etwas Uebles widerfährt, ſo leben Leute, die ſolche Unbill zu rächen wiſſen!“ Das ſind hochfahrende Ausdrucke für einen Geächte⸗ ten; aber wir wollen ſie um der Urſache willen uͤberſe⸗ hen. Eure Brigantine, Meiſter Tiller, verlor ihren lei⸗ tenden Geiſt in dem Tummler der Meere, und es mag jetzt gerathen ſeyn, auf den Rath der Mäßigung zu hö⸗ ren. Wenn Ihr Luſt habt, in Unterhandlungen zu tre⸗ ten, ſo ſtehe ich hier keinesweges mit der Abſicht, Bedin⸗ gungen von Euch zu erpreſſen.“ „Wir begegnen uns demnach in günſtiger Stimmung, denn ich komme, um Euch Bedingungen der Loskaufung vorzuſchlagen, welche Königin Anna, wenn ſie ihre Reve⸗ nuen liebt, nicht zu verachten Urſache hat;— doch da ich Ihro Majeſtät Ehrerbietung ſchuldig bin, ſo will ich gern erſt hören, was das Belieben Ihro Majeſtät iſt.“ „Zuerſt laßt mich als ein Seemann und als ein ſol⸗ 10* — 148— cher, der recht gut weiß, was ein Schiff zu leiſten im Stande iſt, Eure Aufmerkſamkeit auf die Lage beider Theile lenken. Ich weiß gewiß, daß die Waſſernire, wenn man ſie auch nicht ſieht, noch in der Bai iſt und wahr⸗ ſcheinlich von dem Schatten der Anhöhen oder vielleicht von der Entfernung und dem ſchwachen Mondlicht ver⸗ borgen gehalten wird. Eine bewaffnete Macht, der ſie keinen Widerſtand entgegenſetzen kann, bewacht den Ein⸗ laß, und den Kreuzer ſeht Ihr in Bereitſchaft, ſie über dem Hook hinaus zu verfolgen. Meine Böte ſind ſo vertheilt, daß Ihr unbemerkt durch den nördlichen Canal nicht entrinnen könnt, mit einem Wort, die Ausfahrten ſind Euerm Durchfahren alle verſchloſſen. Mit dem Mor⸗ genlicht werden wir Eure Poſition erkennen und darnach aufzutreten wiſſen.“. „Keine Karte kann die Gefahren der Riffe und Bänke deutlicher zeigen!— und um dieſe Gefahren zu vermei⸗ den 2 „Uebergebt Ihr die Brigantine und reiſt. Obwohl Ihr geächtet ſeyd, ſo wollen wir uns mit dem Beſitz die⸗ 3 ſes merkwürdigen Schiffes begnügen, womit Ihr alles das Unheil ſtiftet, und uns der Hoffnung uberlaſſen, daß Ihr, des Mittels Eurer Vergehungen beraubt, auf beſ⸗ ſere Wege zurückkehrt.“ „Und den Segen der Kirche für unſere Beſſerung in den Kauf nehmen! Nun hört, Capitain Ludlow, was ich vorſchlage. Ihr habt Jemanden in Eurer Gewalt, der von Allen, die der meergrünen Dame folgen, ſehr geliebt wird, und wir beſitzen eine Brigantine, die der Ober⸗ herrlichkeit der Königin Anna in den Gewäſſern dieſer n im heider wenn vahr⸗ leicht ver⸗ er ſie Ein⸗ über d ſo lanal örten Nor⸗ nnach anke mei⸗ wohl die⸗ alles daß beſ⸗ g in ich der liebt ber⸗ eſer — — 149— Hemiſphäre vielen Schaden zufügt;— gebt den Gefan⸗ genen los, und wir verſprechen Euch dafür, dieſe Küſte auf immer zu verlaſſen.“ „Das wäre ein ſchöner Vergleich, für einen, der nicht dem Narrenhaus entſprungen iſt! Mein Recht auf den Hauptmaleficanten aufzuheben und eine unverburgte Ver⸗ ſicherung aus dem Munde eines Subalternen dafür hin⸗ nehmen! Euer großes Gluck, Meiſter Tiller, ſcheint Euch wahnwitzig zu machen. Was ich anbiete, erfolgt dar⸗ um, weil ich einen unglücklichen und merkwürdigen Mann, wie wir ihn als Gefangenen an Bord haben, nicht zur Verzweiflung bringen will, auch— können noch andere Gründe ſeyn, doch nehmt die Milde nicht fuͤr etwas an⸗ deres. Sollte Gewalt nöthig werden, um Euer Schiff in unſere Hände zu bekommen, ſo mag dann das Geſetz Eure Vergehen mit ſtrengerem Auge würdigen. Thaten, welche bei der Milde unſerer Handlungsweiſe als ver⸗ zeihlich erſcheinen, können da leicht zu ſchweren Verbre⸗ chen werden!“ „Ich kann Euer Mißtrauen nur verzeihlich finden,“ erwiederte der Schmuggler, indem er augenſcheinlich eine ſtolze Empfindlichkeit unterdrückte„Das Wort eines Freihändlers hat an ſich freilich wenig Gewicht in den Ohren eines Offiziers der Königin. Wir ſind in ver⸗ ſchiedenen Schulen gebildet und ſehen dieſelben Dinge mit andern Brillen an. Wir haben Euern Vorſchlag angehört, und er iſt mit einigem Dank für die guten Abſichten ohne alle Hoffnung auf Annahme verworfen. Unſere Brigantine iſt, wie Ihr ganz richtig äußert, ein merkwürdiges Schiff! Sie hat, was Schönheit und Schnel⸗ — 150— ligkeit betrifft, auf dem Ocean nicht ihres gleichen. Beim Himmel! ich wollte lieber das Lächeln des ſchönſten Wei⸗ bes, das auf Erden wandelt, gering achten, als einen Ge⸗ danken hegen, der an der Liebe zum Verräther würde, die ich für dieſen Juweel ſeemänniſcher Geſchicklichkeit empfinde! Ihr habt ſie oft geſehen, Capitain Ludlow, in Sturm und Stille, mit weiten und mit geſchloſſenen Schwingen, bei Tag und Nacht, nahe und fern, gut und ſchlimm dran, und ich frage Euch, mit der Offenheit eines Seemannes, iſt ſie nicht eine Puppe, die das Herz eines Seemannes mit Luſt erfüllen muß?“. „Ich läugne weder die Trefflichkeit des Schiffes, noch ſeine Schönheit.— Jammerſchade, daß es einen ſo ſchlech⸗ ten Ruf hat.“ „Ich wußte es, daß Ihr dieſes Lob ausſprechen wür⸗ det! Aber ich werde kindiſch, wenn von dieſer Brigantine die Rede iſt! Gut, mein Herr, beide Theile haben ge⸗ ſprochen, und nun kommt der Schluß. Ich will lieber meinen Augapfel miſſen, eehe ich nur ein Stück dieſes herrlichen Gebäudes im Stich laſſe. Sollen wir ein an⸗ deres Löſegeld für den Jüngling anbieten?— Was hal⸗ tet Ihr von einem Pfand in Gold, das verwirkt ſeyn ſoll, wenn wir unſer Wort nicht halten?“ „Ihr verlangt das Unmögliche. Indem ich überhaupt in Unterhandlung trete, verlaſſe ich den Pfad der ſtolzen Autorität, weil, wie ſchon bemerkt, der Tummler der Meere von der Art iſt, daß er ſich über den gemeinen Troß Derer erhebt, die wider die Geſetze Handel treiben. Die Brigantine, oder wir ſcheiden.“ „Eher mein Leben als die Brigantine, Herr, Ihr ver⸗ — 151— geßt, daß unſer Glück von einer Macht beſchützt wird, die der Anſtrengungen Eurer Flotte lacht. Ihr denkt, wir ſeyen eingeſchloſſen, und wenn das Tageslicht zuruck⸗ kehre, bliebe nur noch das leichte Geſchäft, Euern erz⸗ fuhrenden Kreuzer auf unſere Maſte zu richten, und uns um Gnade flehen zu laſſen. Da ſind ehrliche Matroſen, die Euch von der Erfolgloſigkeit dieſes Mittels erzählen können. Die Waſſernire hat den Fehdehandſchuh aller Seemächte überſprungen, und Schüſſe haben ihrer Schön⸗ heit niemals wehe gethan.“ „Und doch ſind ihr von einem Boten meines Schiffes Glieder abgeriſſen worden!“ „Die dort aufgeſetzten Stangen waren ohne Auftrag von unſerer Herrin,“ unterbrach ihn der Andere, indem er die gaffende, leichtgläubige Mannſchaft des Bootes mit einem Blick muſterte.„Sie wurden in einem un⸗ glücklichen Augenblick zu unſerem Zweck ausgebreitet, ohne das Buch befragt zu haben. Nichts, was unſer Verdeck berührt, kommt zu Schaden, wenn es ſich mit der Herrin beräth.— Ihr macht eine unglaubige Miene, und habt nach Eurer Stellung recht, ſo zu thun. Wollt Ihr nun der Herrin der Brigantine kein williges Ohr leihen, ſo leiht es doch wenigſtens den Geſetzen Eures Landes. Wel⸗ chen Verbrechens könnt Ihr den Meiſter Seadrift zeihen, daß er Euer Gefangener ſeyn muß?“ „Sein verrufener Name„Tummler der Meere⸗ würde hinreichend ſeyn, ihn von einem geweihten Ort wegzureiſ⸗ ſen.“ verſetzte Ludlow lächlend.„Sollte auch zu einem wirklichen Verbrechen der Beweis fehlen, ſo können wir ihn ungeſtraft feſtnehmen, da das Geſetz ihn nicht ſchutzt.“ — 152— „Das iſt denn Eure geprieſene Gerechtigkeit! Schur⸗ ken, welche die Gewalt in Händen haben, verbinden ſich, einen abweſenden und ſtummen Mann zu verdammen. Doch wenn Ihr glaubt, Eure Gewaltthat ungeſtraft ver⸗ üben zu können, ſo wißt, daß es Leute giebt, die lebhaften Antheil an der Wohlfahrt des jungen Mannes nehmen.“ „Das iſt ein tolles Prahlen mit Drohungen,“ ſagte der Capitain lebhaft.„Wenn Ihr meine Vorſchläge anneh⸗ men wollt, ſo ſprecht, wenn Ihr ſie verwerft, ſo erwartet die Folgen“ „Ich erwarte die Folgen. Aber wenn wir auch nicht als Sieger und Beſtegter auseinander gehen, ſo können wir doch in Freundſchaft ſcheiden. Gebt mir die Hand, Capitain Ludlow, wie ein braver Mann den andern grüßt, wenn ſie auch in der nachſten Minute einander an den Gurgeln ſind.“ Ludlow zögerte. Die Aufforderung geſchah mit ſo offen⸗ bar ritterlicher Miene und der Ausdruck des Freihändlers, als er ſich über Bord ſeines Bootes bog, war über ſein Gewerbe ſo erhaben, daß der Capitain ſich nicht unfreund⸗ lich zeigen, auch in der Artigkeit nicht überbieten laſſen wollte; er willigte daher mit Widerſtreben ein und legte ſeine Hand in die des Gegners. Der Schmuggler benutzte dieſe Verknüpfung, um die Böte einander näher zu brin⸗ gen, und zur Verwunderung Aller, welche davon Zeugen waren, trat er kühn in den königlichen Nachen, und ſaß in einem Augenblick dem Offizier gegenüber. „Es giebt Dinge, die ſich nicht für die Ohren Aller eignen,“ ſagte der entſchloſſene und vertrauensvolle Ma⸗ troſe mit leiſerer Stimme, als er dieſe ſchnelle Aenderung in der Lage der beiden Gegner getroffen.„Seyd offen gegen mich, Capitain Ludlow; iſt Euer Gefangener ſei⸗ ner Melancholie überlaſſen, oder hat er den Troſt, daß Andere an ſeinem Schickſal Theil nehmen 24³ „Er entbehrt nicht des Mitgefuhls, Meiſter Tiller, vielmehr erfreut er ſich des Mitleids des ſchönſten Wei⸗ bes in Amerika.“ „Ha! la belle Barberie bekennt frei ihre Achtung! — Vermuthe ich recht?“ „Leider ſeyd Ihr der Wahrheit nur allzu nahe. Das arme, bethörte Madchen ſcheint nur in ſeiner Nähe zu leben. Sie macht ſich ſo wenig aus den Anſichten An⸗ derer, daß ſie ihm auf mein Schiff gefolgt iſt!“ Tiller hörte mit Spannung zu und jetzt war alle Sorge aus ſeinem Geſicht verſchwunden. „Wer ſo begluckt iſt, mag auf Augenblicke ſelbſt die Brigantine vergeſſen!“ rief er mit ſeiner vollen natuͤrli⸗ chen Unerſchrockenheit.„Und der Alderman?“ „Iſt vorſichtiger als ſeine Nichte, denn er ließ ſie nicht allein gehen.“ „Genug, Capitain Ludlow, mag nun kommen, was da will, wir ſcheiden als Freunde. Scheut Euch nicht, die Hand eines Geächteten wieder zu drücken, ſie iſt ehrlich nach ſeiner Weiſe, und mancher Pair und Fürſt hat keine ſo reine Hand aufzuweiſen. Nehmt Euch des lebhaften jungen Seemanns mit Aufmerkſamkeit an, er bedarf der Fuhrung eines älteren Mannes— ich würde mein Leben wagen, um das ſeinige zu ſchützen, aber die Brigantine muß um jeden Preis gerettet werden. Lebt wohl.“ ungeachtet, in der Stimme des Seemanns mit dem Shawl. Die Hand Ludlow's drückend, trat er zurück in ſein Schifflein, mit der Leichtigkeit und Feſtigkeit eines Mannes, deſſen Heimath der Ocean iſt. „Lebt wohl,“ wiederholte er, indem er ſeinen Män⸗ nern befahl, den Weg der Sandbänke einzuſchlagen, wo er ſicher war, daß das Schiff ihm nicht folgen konnte. „Wir mögen uns wohl wieder treffen; bis dahin lebt wohl.“ „Gewiß werden wir uns mit der Rückkehr des Tages wieder treffen.“— 4 „Glaubt das nicht, wackrer Herr. Unfre Gebieterin nimmt die Maſten unter ihren Gürtel und paſſirt eine Flotte unbemerkt. Eines Seemanns Segen mit Euch— gute Winde und genug; heiler Kuſtenzug und Glück in der Heimath! Behandelt den Jungen gutig, und in Al⸗ lem, außer in den ſchlimmen Abſichten gegen mein Schiff, leuchte das Gluck Eurer Flagge!“ 1t Die Matroſen beider Böte tauchten die Ruder zu⸗ gleich in's Waſſer und beide Theile hörten bald nichts mehr von einander. Neuntes Kapitel. „— Sagte ich's, Wer glaubte mir's.“ Gleiches mit Gleichem. Die Unterredung, die wir ini letzten Kapitel darſtell⸗ ten, geſchah während der erſten Nachtwachen. Es iſt Starke Rührung verrieth ſich, des ſtolzen Weſens — 155— jetzt unſre Pflicht, den Leſer mit einem andern Ge⸗ ſpräche bekannt zu machen, welches einige Stunden ſpä⸗ ter ſtatt fand, nachdem der Tag ſchon über den betrieb⸗ ſamen Bürgern von Manhattan angebrochen war. Nahe bei einem der hölzernen Kai's, die ſich längs dem Arm des Meeres hinzogen, woran die Stadt eine ſo gluckliche Lage hat, ſtand ein Haus, an welchem ſich Zeichen fanden, daß der Eigenthümer ein für dieſes Land und Zeitalter ganz wohlſtehendes Detailgeſchäft be⸗ trieb. Ungeachtet der frühen Stunde waren die Fenſter des Hauſes ſchon offen und eine Perſon mit geſchäftiger Miene ſteckte den Kopf oft aus einem der Flügel, daß man daraus abnehmen konnte, er erwarte Jemanden zu einem Geſchäſt, das ihn wohl früher als ſonſt aus dem Bett getrieben hatte. Ein furchtbarer Schlag mit dem Thürklopfer erlöſte ihn von der ſichtbaren Ungeduld; er eilte ſich, die Hausthüre zu öffnen und empfing ſei⸗ nen Beſuch perſönlich mit einem großen Aufwand von Complimenten und sllen möglichen Reſpectsbezeugungen. „Das iſt eine Chre, Mylord, die einem Mann von meinem niedern Stande nicht oft zu Theil wird,“ ſagte der Eigenthümer des Hauſes mit der emſigen Unruhe eines gemeinen Spießbürgers;„aber ich dachte, es würde Ew. Herrlichkeit angenehmer ſeyn, den a— a hier zu ſehen, als an dem Ort, wo Ew. Herrlichkeit jetzt grade reſidiren. Wollen Ew. Herrlichkeit ſich nicht gnädigſt ausruhen, nach dem Gang, den Ew. Herrlichkeit ge⸗ macht haben.“ „Ich danke Euch, Carnaby,“ erwiederte der Andere, indem er den ihm angebotenen Sitz mit freundlicher — 156— Vornehmheit annahm.„Ihr habt das mit dem Ort nach Eurer bekannten Vorſicht veranſtaltet, doch zweifle ich noch ſehr an der Klugheit, dieſen Menſchen über⸗ haupt zu ſprechen. Iſt er da?“ „Sicher, Mylord, er würde ſich ja wohl nicht unter⸗ ſtehen, Ew. Herrlichkeit warten zu laſſen und noch we⸗ niger würde ich einen ſolchen Verſtoß gegen den Reſpect zulaſſen. Er wird ſich außerordentlich glücklich ſchätzen, Ihnen ſeine Aufwartung machen zu durfen, Mylord, ſobald Ew. Herrlichkeit es befehlen.“ „Laßt ihn nur warten; wir brauchen uns nicht zu eilen. Er hat Euch doch wohl einiges von den Gegen⸗ ſtänden des außergewöhnlichen Sturmes auf meine Zeit mitgetheilt, Carnaby; das könnt Ihr inmittelſt wohl er⸗ brechen.“ „Ich muß zu meinem Leidweſen bekennen, Mylord, daß der Kerl ſo halsſtarrig iſt, wie ein Mauleſel. Ich fuhlte wohl das Unſchickliche der Sache, ihn perſönlich Ew. Herrlichkeit vorzuſtellen, da er aber verſicherte, er habe Dinge mitzutheilen, die für Ew. Herrlichkeit von großem Intereſſe wären, Mylord, ſo konnte ich es nicht auf mich nehmen, ihm zu ſagen, was Ew. Herrlichkeit angenehm ſeyn würde oder nicht; und ſo war ich ſo dreiſt, das Billet aufzuſetzen.“ „Und ein recht gut geſchriebenes Billet, Meiſter Car⸗ naby,, ich habe, ſeit ich in der Colonie bin, kein beſſer ſtyliſirtes Schreiben erhalten.“ „Ach, der Beifall Ew. Herrlichkeit muß gewiß Jeder⸗ mann ſtolz machen. Es iſt der Ehrgeiz meines Lebens, Mylord, die Pflicht meiner Stellung ordentlich zu erful⸗ — 157— len, alles, was über mir iſt, mit dem gehörigen Re⸗ ſpect zu behandeln, Mylord, und alles, was unter mir iſt, wie es die geſunde Vernunft mit ſich bringt. Wenn ich mir in dieſen Dingen ein uUrtheil erlauben darf, My⸗ lord, ſo möchte ich ſagen, daß dieſe Coloniſten weder in ihrer Correſpondenz, noch in andern Dingen große Ken⸗ ner des Schicklichen ſind.“ Der vornehme Beſuch zuckte die Achſeln und machte eine Miene, die den Detailhaͤndler ermuthigte, weiter fortzufahren. „Daſſelbe, was ich immer ſagte, Mylord,“ fuhr er mit einfältigem Lächeln fort;„aber,“ fügte er mit einer mitleidigen Protectionsmiene hinzu—„wie ſollten ſie es auch beſſer wiſſen! England iſt doch nur eine Inſel und die ganze Welt kann nicht auf demſelben Stückchen Erde geboren und erzogen werden.“ „Es würde ſich auch nicht gut machen, Carnaby, wenn es nicht noch andere unangenehme Folgen hätte.“ „Grade Wort für Wort, was ich zu Frau Carnabv ſagte, erſt geſtern war's, Mylord, nur weit ſchlechter aus⸗ gedruckt. Es würde ſich nicht gut machen, ſagte ich, Frau Carnaby, noch andre Miether zu nehmen; denn es kann nicht Alles in einem und demſelben Hauſe woh⸗ nen, was doch ganz daſſelbe iſt, was den Sinn der Rede Ew Herrlichkeit ausmacht. Ich darf wohl zu Gunſten des armen Weibes noch hinzufügen, daß ſie bei dieſer Gelegenheit ſich recht betrubt über das Ge⸗ rücht ausdrückte, daß Ew. Herrlichkeit uns wahrſcheinlich bald verlaſſen würden, da Sie doch nach Alt⸗England zurückkehren.“ — 158— „Ein Umſtand, über den man eher Urſache hätte, fröhlich zu ſeyn, als zu weinen. Dieſes Gefangen⸗ oder in Schranken Sitzen eines ſo nahen Verwandten der Krone iſt eine Sache, die ſchlimme Folgen haben muß und gegen alle Schicklichkeit anſtößt.“ 1 „Es iſt ſchrecklich, Mylord! Iſt es kein Frevel vor dem Geſetz, deſto größzer iſt die Schande für die Oppo⸗ ſition im Parlament, die doch gar ſo viele heilſame Ge⸗ ſetze vereitelt, welche den Unterthanen zu Gute kämen.“ „Wahrhaftig, Carnaby, ich weiß nicht, ob ich mich nicht verleiten laſſe, mich mit dieſer Oppoſition zu ver⸗ binden, ſo ſchlecht ſie auch iſt; denn dieſe Vernachläßi⸗ gung der Miniſter, um es nicht mit einem ſchlimmern Namenrzu nennen, könnte einen zu noch abſcheulicheren Maßregeln verleiten.“ „Ich glaube, Niemand könnte Ew. Herrlichkeit einen Vorwurf machen, wenn Ew. Herrlichkeit ſich mit einer Körperſchaft oder mit Jemand Einzelnem verbänden, außer mit den Franzoſen. Ich habe das ſo häufig zu Frau Carnaby geſagt, wenn wir in den öfteren Geſpraͤ⸗ ten über die unangenehme Lage, in der Ew. Herrlichkeit ſich jetzt befinden, darauf zu reden kamen“ „Ich dachte nicht, daß die fatale Geſchichte Euch ſo viel Unruhe machte,“ bemerkte der Andere, indem es ihm ſichtbarlich bei der Anſpielung nicht wohl zu Muthe war. „Das macht ſie, doch auf eine geeignete und ehrer⸗ bietige Art, Mylord. Weder Frau Carnaby, noch ich erlauben uns Bemerkungen, außer in der geeignetſten und ächteſten engliſchen Art.“ „Dieſer Rückhalt kann Schlimmeres decken. Das »———.—.— — 159— Wort„geeignet“ iſt ein ſehr kluges, und drückt alles aus, was man nur wünſchen kann. Ich dachte nicht, daß Ihr ein ſolcher Mann wäret, Meiſter Carnaby; als tüchtig in Geſchäften kenne ich Euch von jeher, aber ſo logiſch und ſo reif in Grundſätzen, das, ich geſtehe es frei, hatte ich nicht erwartet. Könnt Ihr mir keine nähere Vermuthung über den Charakter dieſes Mannes mittheilen?“ 3 „Nicht die mindeſte, Mylord, ich ſagte ihm, daß es nicht angehen werde, ſelbſt vorzukommen, denn er ſprach zwar von dem und jenem Geſchäfte, ich weiß wahrlich nicht welches, womit er glaubte, daß Ew Herrlichkeit etwas zu thun gehabt, ich konnte ihn nicht verſtehen, und wir hätten uns auch ohne weitere Erklärung getrennt.“ „Ich will den Kerl nicht ſehen.“ „Wie Ew. Herrlichkeit befehlen— ich weiß gewiß, nachdem ſo vieles durch meine Hand gegangen iſt, daß ich auch dieſes zur Zofriedenheit beſorgen werde; und ich ſagte ihm das auch, aber er ſperrte ſich und wollte mich durchaus nicht zum Unterhändler haben, indem er darauf beſtand, Ew. Herrlichkeit wären ſehr dabei inte⸗ reſſirt— es könnte, mein' ich, doch vielleicht— grade jetzt—2 „Weiſt ihn herein.“ Carnaby verbeugte ſich tief und unterwürfig, und nachdem er ſich noch damit zu thun gemacht, die Stühle auf die Seite zu ſetzen und den Tiſch für den Ellbogen ſeines Gaſtes bequemer zu rücken, verließ er das Zimmer. „Wo iſt der Mann, den ich Ihm im Laden zu be⸗ halten befahl“ fragte der Detailhändler mit grobem, ge⸗ — 160— bieteriſchem Ton, als er draußen war, wo er einen de⸗ muthigen unterwürfigen, jungen Menſchen anredete, der die Dienſte des Ladendieners verſah.„Ich will wet⸗ ten, Er hat ihn in der Kuche ſtehen laſſen und iſt drauſ⸗ ſen herumgeſchliffelt! Einen gedankenloſeren und leicht⸗ ſinnigeren Burſchen kann es in ganz Amerika nicht ge⸗ ben, als Er iſt; die Sonne geht nie auf, daß ich es nicht bereue, den Lehrcontract unterſchrieben zu haben. Er ſoll mir dafür noch büßen, Er—“ Das Erſcheinen der Perſon, nach der er fragte, brach die Verhandlungen des unterwurfigen Gewurzkrämers und Tyrannen des Hauſes ab. Er öffnete die Thür und ſchloß ſie ſogleich hinter dem Fremden, indem er beide Gäſte allein ließ. Obgleich der entartete Nachkomme der großen Cla⸗ rendon's ſich nicht geſcheut hatte, ſeine Stellung dazu herzugeben, den ungerechten und ungeſetzlichen Handel zu hegen, der damals in den amerikaniſchen Meeren herrſchend war, ſo gab er doch der Tugend den ſchwa⸗ chen üblichen Tribut, daß er bei jeder Gelegenheit ver⸗ mied, ſich perſönlich mit dieſen Leuten einzulaſſen. Hin⸗ ter die Würde ſeines Ranges und ſeiner Perſon ver⸗ ſchanzt, hatte er ſein Gewiſſen damit beſchwichtigt, daß er in der Stille annahm, Begierde ſey weniger enteh⸗ rend, wenn ihre Canale verborgen lägen, und indem er ſein Amt vor einer unmittelbaren Berührung mit dieſen Dienern ſicherte, glaubte er eine wichtige und füͤr ſeine Stellung gebieteriſche Pflicht erfullt zu haben. Gleichgültig gegen die Uebung der Tugend ſelbſt, meinte er ſchon genug gethan zu haben, wenn er nur etwas =— 161— von ihrem Scheine beibehielt. Obgleich weit entfernt, in ſeinen meiſten Gewohnheiten dem Anſtande ſelbſt dieſe kleine Huldigung zu bringen, hatte der Stolz ſeines Ranges ihn bei dem rohen Fehltritt verleitet, noch ein Anſehen zu behaupten, das ſeinem Charakter ſonſt nicht entſprach. Carnaby war bei weitem der elendſte, nied⸗ drigſte von denen, die er perſönlicher Vertrautheit wür⸗ digte, und auch mit ihm würde er in Verbindungen ein⸗ zugehen ſich geſcheut haben, wenn nicht ſeine ſchlimme Lage ihn ſo weit gebracht hätte, Unterſtutzung in Geld von einem Menſchen anzunehmen, den er verachtete und verabſcheute. Als die Thür ſich öffnete, ſtand Lord Cornbury auf; entſchloſſen, die Unterredung bald zu beendigen, wandte er ſich gegen den Eintretenden mit einer Miene, in die eer alle Entfernung und Höhe legte, die er bei einem ſolchen Menſchen zu behaupten fur nöthig hielt. Aber er fand in dem Seemann mit dem indiſchen Shawl ei⸗ nen Mann, der von dem unterthänigen kriechenden Ge⸗ würzkrämer, welcher ihn eben verlaſſen hatte, ſehr ver⸗ ſchieden war. Sie ſahen ſich Auge in Auge; ſein ge⸗ bieteriſcher Blick erhielt eine eben ſo feſte, wenn auch nicht ſo neugierige Erwiederung. Es ergab ſich deutlich aus der Ruhe der ſchönen männlichen Geſtalt, daß ihr Beſitzer ſeine Anſprüche auf den Adel der Natur grün⸗ dete. Der Edelmann vergaß ſeine Rolle unter dem Ein⸗ fluß des Erſtaunens, und ſeine Stimme drückte eben ſo viel Verwunderung als Autorität aus, als er ſagte: „Das wäre alſo der Tummler der Meere!“ „Die Leute nennen mich ſo; wenn ein Leben, auf den 61— 63. 11 — 162— Meeren zugebracht, einen Anſpruch auf dieſen Titel ge⸗ ben kann, ſo habe ich ihn verdient.“ „Euer Charakter— ein Theil Eurer Geſchichte iſt mir nicht unbekannt. Der gute Carnaby, ein braver und betriebſamer Mann, der mit einer zahlreichen Familie nur auf ſeinen Fleiß angewieſen iſt, hat mich gebeten, Euch hier anzunehmen, ſonſt wäre für dieſen Schritt weniger Entſchuldigung, als ich wünſchen müßte. Leute von einem gewiſſen Rang in der bürgerlichen Geſellſchaft, Meiſter Tummler, ſind ihrer Stellung ſo viel ſchuldig, daß ich auf Eure Verſchwiegenheit werde bauen können.“ „Ich habe ſchon in vornehmerer Geſellſchaft geſtanden, Mylord, und in der Ehre ſo wenig Unterſchied gefunden, daß ich mich deſſen, was ich ſehe, nicht zu rühmen brauche. Leute von fürſtlichem Geblüt haben aus meiner Bekannt⸗ ſchaft Nutzen gezogen.“ „Ich laͤugne Eure Nützlichkeit nicht, mein Herr, nur die nothwendigen Regeln der Klugheit ſind es, an welche ich erinnern wollte. Es fand, wenn ich nicht irre, eine Art von verwickeltem Geſchäft zwiſchen uns ſtatt— we⸗ nigſtens erklärt Carnaby die Sache ſo, denn ich ſelbſt kann mich ſelten um dieſe Details bekümmern— denen zufolge Ihr vielleicht ein Rocht habt, mich unter Eure Kunden zu zählen. Männer in hohen Aemtern müſſen die Geſetze reſpectiren, und doch iſt es nicht ganz geeig⸗ net, noch auch nützlich, daß ſie ſich jeder Ausnahme ent⸗ ſchlagen, welche die Politik dem großen Haufen verſagt. Einer, der ſo viel in der Welt herumgekommen iſt, wie Ihr, bedarf über dieſes Kapitel wohl keiner Erläuterun⸗ — 163— gen, und ich zweifle nicht, daß unſere gegenwärtige Un⸗ terredung ſich zu einem erfreulichen Ende rundet.“ Der Tummler hielt es kaum für nöthig, den Aus⸗ druck der Verachtung zu unterdrücken, der jetzt ſeine Lip⸗ pen verzog, indeß der Andere ſeine Begierde zu verdecken ſtrebte, und als der Lord zu Ende war, druckte er nur mit einer leichten Bewegung des Kopfes ſeine Zuſtim⸗ mung aus. Der Ex⸗Gouverneur ſah ein, daß ſein Ver⸗ ſuch fruchtlos blieb, gab daher ſeine Maskerade auf und indem er ſich mehr ſeinem natürlichen Hang und Geſchmack überließ, gluckte es beſſer. „Carnaby war ein wackerer Geſchäftsführer,“ fuhr er fort,„und nach dem, was er mir berichtete, ſcheint es, daß wir unſer Vertrauen an keinen Unwürdigen verſchwen⸗ deten. Wenn die Fama Recht hat, giebt es keinen ge⸗ wandteren Schiffer in den engen Meeren, als Du, Mei⸗ ſter Tummler. Es läßt ſich vermuthen, daß Eure Cor⸗ reſpondenten hier an der Kuſte eben ſo einträglich als zahlreich ſind.“ „Wer wohlfeil verkauft, dem fehlt es nicht an Käu⸗ fern. Ich denke, Ew. Herrlichkeit haben nicht Urſache, uber hohe Preiſe zu klagen.“ „So ſpitz, wie ſein Compaß! Nun mein Herr, da ich hier nicht zu Hauſe bin, ſo frage ich nach Euerm Begehren?“ „Ich komme mit der Bitte, daß Ihr doch Euer⸗In⸗ tereſſe walten laſſen wolltet bei einem, der in die Hände der königlichen Beamten gefallen iſt.“ „Hm— das heißt, der Kreuzer in der Bai hat ei⸗ nen unvorſichtigen Schmuggler erwiſcht. Keiner von uns 41* — 164— iſt unſterblich und Gefangennehmung iſt nur ein geſetz⸗ licher Tod für Leute Eures Berufs. Intereſſe iſt ein Wort von vielfacher Bedeutung. Man ſpricht von In⸗ tereſſen beim Leihen und Verleihen, bei Schuldnern und Gläubigern; dann giebt es Intereſſen nach Hofe und bei Hofe— kurz, Ihr müßt Euch deutlicher ausdrücken, wenn ich über Euer Begehren entſcheiden ſoll.“ „Ich weiß es wohl, daß die Königin einen anderen Gouverneur über dieſe Colonie zu ernennen geruht hat und daß Eure Gläubiger es für klug gefunden haben, zu ihrer Sicherheit Eure Perſon zum Pfande zu nehmen. Doch ſollte ich denken, einer, der mit der Königin ſo nahe verwandt iſt und früher oder ſpäter doch wieder im Mutterlande zu Rang und Glucksgütern kommen muß, ſollte wohl dieſe kleine Bitte, die ich wage, nicht ohne Erfolg thun. Das iſt die Urſache, warum ich es vor⸗ ziehe, mich an Euch zu wenden.“ „Eine ſo klare Auslegung, als der pfiffigſte Caſuiſt ſie nur wünſchen kann! Ich bewundre Eure Beſtimmt, heit, Meiſter Tummler, und erkläre Euch für den äch⸗ ten Gründling der Etikette. Wenn Euer Gluck gemacht ſeyn wird, ſo empfehle ich Euch die Hofzirkel zu Ruhe⸗ olätzen. Gouverneure, Creditoren, Königin, Gefangen⸗ ſitzen, alles ſo gut beiſammen in Einem Satz, als wäre es das Credo auf einen Daumennagel geſchrieben! Gut denn, wir wollen einmal annehmen, unſer Intereſſe laſſe ſich ſo an, wie Ihr es wünſcht.— Wer und was iſt der Delinquent?“ 1 „CEiner Namens Seadrift, ein tüchtiger und heitrer Junge, der viel mit meinen Kunden zu thun hat, un⸗ — 165— vorſichtig und luſtig in ſeinen Launen, aber Allen auf meiner Brigantine theuer, weil er treu iſt wie Gold und ein verſchlagener Burſche. Wir wuürden gern den Gewinn der Reiſe drum geben, ihn frei zu ſehen. Mir iſt er ein unentbehrlicher Geſchaftsfuhrer, denn ſeine Waarenkenntniß in Spitzen, gewirkten Stoffen und der⸗ gleichen Luxusartikeln, die ich fuhre, iſt außerordentlich; ich ſelbſt weiß beſſer mit der Fuhrung des Schiffs um⸗ zugehen, fuhr es in den Hafen, ſehe mehr auf ſeine Sicherheit zwiſchen Sandbänken und in Sturmen, als daß ich mich mit dieſen Lappalien der Weiber abgebe.“ „So ein geſchickter Zwiſchenmann hätte auch nicht den Strandwächter füͤr einen Kunden halten ſollen— wie kam denn das Ding?“ „Er begegnete der Barke der Coquette in einem un⸗ glücklichen Augenblick, und da wir noch ſo kürzlich durch den Kreuzer von der Kuſte hinausgejagt wurden, ſo blieb keine Wahl, als ihn feſt zu nehmen.“ „Das Dilemma iſt nicht ohne ſeine Schwierigkeiten. Wenn er einmal ſeinen Kopf auf etwas geſetzt hat, dier ſer Herr Ludlow, ſo iſt, was ihn amuſirt, keine Klei⸗ nigkeit. Ich kenne keinen buchſtablicheren Menſchen auf der Flotte, wenn's Befehle gilt, ein Mann der an⸗ nimmt, daß Wvrte nur eine Bedeutung haben, und der ſo wenig, als man ſich nur denken kann, von einer Ver⸗ ſchiedenheit zwiſchen Grundſatzen und Praxis weiß.“ „Er iſt ein Seemann, Mylord, und lieſt ſeine In⸗ ſtruetionen mit der Einfachheit eines Seemannes. Ich denke darum nicht ſchlechter von ihm, daß man ihn nicht von ſeiner Pflicht abwendig machen kann; denn — 166— mögen wir nun das Recht verſtehen, wie wir wollen, wenn unſer Dienſt einmal begonnen hat, ſo müſſen wir ihn alle auch treu ausführen.“ Ein Keiner rother Fleck kam und verſchwand auf der Wange des elenden Cornbury. Sich über ſeine Schwach⸗ heit ſchämend, gab er ſich Mühe, über das, was er ge⸗ hört, zu lachen und fuhr in ſeiner Rede fort. „Eure Gewiſſenhaftigkeit und edle Geſinnung würde einen Pfarrer zieren, Meiſter Tummler!“ antwortete er.„Nichts kann wahrer ſeyn; es iſt ein Zeitalter mo⸗ raliſcher Wahrheiten, den Beweis davon liefert die pro⸗ teſtantiſche Succeſſion. Die Menſchen ſind jetzt da, um zu handeln, nicht um zu beichten. Iſt denn der Burſche Euch ſo von Nutzen, daß Ihr ihn nicht ſeinem Schickſal überlaſſet?“ „So hoch ich auch meine Brigantine halte, und we⸗ nige Manner lieben Weiber mit ſtärkerer Leidenſchaft, ſo wollte ich doch lieber das ſchöne Schiff zu einem Kut⸗ ter im Dienſte der Königin herabſinken ſehen, ehe ich in den Gedanken willigte! Aber ich will kein langes und quälendes Kerkerleben fur den Jungen hoffen, da Solche, die nicht ganz ohne Einfluß ſind, ſchon ernſten und freund⸗ lichen Antheil an ſeiner Wohlfahrt nehmen.“ „Ihr habt den Brigadier ſchon auf Eurer Seite!“ rief der Andere mit einem Ausbruch von Frohlocken, welches den wenigen Rückhalt beſtegte, den er noch zu beobachten fuür nöthig hielt.„Dieſer unbeſcholtene und alles reformirende Repräſentant meiner königlichen Baſe hat in den goldnen Köder gebiſſen und wird nach allen Anzeichen ein guter Gouverneur der Colonie werden!“ ——o ——— —„——— — 167— „Lord Viscount, nein. Was wir von Eurem Nach⸗ folger zu hoffen oder zu fürchten haben, iſt für mich ein Geheimniß.“— „Setzt ihm mit Verſprechungen zu, Meiſter Tumm⸗ ler— eröffnet ihm goldne Ausſichten, ja legt ihm Gold vor die Augen und es wird Euch glͤcken. Ich will die mir noch werdende Grafſchaft zum Pfande ſetzen, daß er es thut! Lieber Mann, dieſe Lagen in der Entfernung ſind wie die halbautoriſirten Munzen, in denen Geld geſchlagen werden ſoll, und der einzige Betrüger iſt der Repräſentant der Majeſtät. Setzt ihm mit goldnen Hoffnungen zu; iſt er ein Sterblicher, ſo wird er ſich ergeben!“ „Und doch, Mylord, habe ich Menſchen kennen ge⸗ lernt, die ihre Armuth und ihr Gewiſſen dem Gold und den Wünſchen Anderer vorgezogen haben.“ „Die Schöpſe waren eben wunderliche Naturſpiele,“ rief der verderbte Cornbury, alles Rückhalts ledig, in einer Art, die mit ſeinem bekannten verhärteten Cha⸗ rakter beſſer übereinſtimmte.„Ihr hättet ſie in einen Käfig ſperren ſollen und von ihrer Dummheit Gewinn ziehen, indem Ihr ſie für Geld ſehen ließet. Mißver⸗ ſteht mich nicht, wenn ich ein wenig im Vertrauen rede. Ich weiß den Unterſchied zwiſchen einem Ehrenmann und einem Gleichmacher ſo gut wie ein Anderer, aber glaubt mir, dieſer Herr Hunter iſt ein Menſch, und er wird ſich ergeben, wenn die Sache gut angelegt wird;— und von mir wünſcht Ihr?“ „Die Uebung Eures Einfluſſes, der des Erfolgs ge⸗ wiß ſeyn kann, da es eine angenommene Höflichkeit un⸗ — 168— ter Männern von einem gewiſſen Stande iſt, im Geiſte ihrer Kaſte Nebenbuhlerei zu uberſehen. Der Vetter der Königin Anna kann, wenn er auch nicht mehr den Rath der Regierung präſidirt, noch über die Freiheit eines Mannes gebieten, deſſen ſchwerſtes Verbrechen der Schleichhandel war.“ „So weit kann ſich freilich wohl mein geringer Einfluß noch erſtrecken, vorausgeſetzt, daß der Name des Bur⸗ ſchen noch in keiner ſchlimmen Sache vorkommt. Ich würde gar gern, Herr Tummler, meine Thätigkeit auf dieſer Hemiſphäre mit einem Act der Milde und Gnade beſchließen, wenn— ja wirklich— wenn ich nur— die Mittel—“ „Die ſollen nicht fehlen. Ich weiß, daß das Geſetz wie jede andere S Sache von hohem Preiſe beſchaffen iſt; Einige meinen, die Gerechtigkeit halte nur die Wage, um ihre Gebühren abzuwägen. Ich überſchätze den Ge⸗ winn dieſes gefahrvollen und ſchlafloſen Handels ſehr, wenn ich das Zunglein der Wage gern mit zweihundert Jacobus gleich mache, um nur den Jungen wieder mit heiler Haut in der Cajute der Brigantine zu haben.“ Als der Tummler der Meere dieſes ſagte, zog er mit der Ruhe eines Mannes, der bei vielem Gerede keinen Nutzen ſteht, einen ſchweren Beutel mit Gold aus ſeiner Jacke und legte ihn, ohne noch einen zweiten Blick auf den Schatz zu werfen, auf den Tiſch. Nach dieſem Aner⸗ bieten drehte er ſich auf Seite, weniger abſichtlich, als durch eine nachläſſige Bewegung des Korpers, und als er ſich wieder gegen ſeinen Gefährten wandte, war der Beutel verſchwunden. — 169— „Eure Zärtlichkeit für den Jungen iſt rührend, Mei⸗ ſter Tummler,“ verſetzte der verderbte Cornbury,„es wäre Schade, wenn ſolche Freundſchaft nicht ihren Lohn fände. Sind denn Beweiſe vorhanden, worauf er verur⸗ theilt werden könnte?“ „Das iſt zu bezweifeln. Seine Geſchäfte waren nur auf die höhere Klaſſe meiner Kunden und zwar auf wenige derſelben beſchränkt. Die Sorge, die ich habe, iſt mehr Zärtlichkeit fur den Jungen, als Furcht über den Aus⸗ gang: Ich darf Euch, Mylord, unter die Beſchützer zäh⸗ len, wenn die Sache Lärm machen ſollte.“ „Ich danke es Eurer Offenheit— aber wird Herr Lud⸗ low ſich auch mit dem Beſitz eines Subalternen, wenn der Herr ſelbſt ſo nahe iſt, begnugen, werden wir nicht auch noch die Confiscation der Brigantine erleben?“ „Das Uebrige nehme ich Alles auf mich. Freilich ſind wir ihm glucklich entronnen, erſt dieſe Nacht, wie wir an einem leichten Flußanker lagen und auf die Rückkehr deſſen warteten, den man uns wegfing. Der Comman⸗ dant der Coquette ſelbſt benutzte unſern leichten Nachen, und langte damit unter dem Seil an; er wollte es eben abſchneiden, als das gefährliche Vorhaben entdeckt wurde. Es wäre ein unwurdiges Schickſal fur die Waſſernire geweſen, an den Strand geworfen zu werden, wie ein treibendes Stuck Holz, und ihre ſchöne Laufbahn mit vollſtändiger Plunderung nach dem Strandrecht zu be⸗ ſchließen.“ „Ihr entgingt dem Unglück?—“ „Meine Augen ſind ſelten geſchloſſen, Lord Viscount, wenn Gefahr nahe iſt. Der Nachen wurde bei Zeiten — 170— wahrgenommen und beobachtet, denn ich wußte, daß einer, auf den ich vertraute, außen war.— Als die Bewegung verdächtig wurde, hatten wir unſere 7 Nittelchen, dieſen Herrn Ludlow von dem Vorhaben abzuſchrecken, ohne unſere Zuflucht zur Gewalt zu nehmen.“ „Ich hätte nicht gedacht, daß er ſich von einem Un⸗ ternehmen zuruͤckſcheuchen ließe.“ „Ihr beurtheilt ihn richtig— und ich kann ſagen, wir beurtheilten ihn auch richtig. Aber wie ſeine Böte uns an unſerem Ankerplatz ſuchten, war der Vogel aus⸗ geflogen.“ „Ihr richtetet die Brigantine bei Zeiten in See,“ bemerkte Cornbury, während er ſich nicht traäumen ließ daß das Schiff noch an der Küſte ſey. Ich hatte andere Dinge zu thun. Unſer Junge konnte nicht ſo im Stich gelaſſen werden, und es waren noch Geſchäfte in der Stadt abzumachen. Unſer Schiff lag in der Bai.“ „Ha, Meiſter Tummler, das war ein kecker Schritt und ſpricht nicht für Eure Vorſicht!“ „Lord Viscount, im Muthe liegt Sicher heit,“ verſetzte ruhig, vielleicht ironiſch der Andere.„Indeß der Capi⸗ tain der Königin alle Ausgänge beſetzte, ſchaukelte mein kleines Schiff ruhig unter den Höhen von Staten. Ehe noch die Morgenwache ausgerufen war, paſſirte es dieſe Kai's, und wartet nun in dem breiten Baſſin, das hin⸗ ter dem Abhang jenes Vorgebirgs liegt, auf ſeinen Herrn.“ „Das iſt eine Kühnheit, die wahrhaft verdammlich iſt! Ein ungünſtiger Wind, der Eintritt von Ebbe oder Fluth, oder irgend ein anderer Unſtern, wie es deren einer, gung ieſen ohne Un⸗ agen, Böte aus⸗ See,“ ließ inge aren chiff hritt etzte Lapi⸗ nein Ehe dieſe hin⸗ rn.“ ilich der eren — 171— zur See ja viele giebt, kann Euch dem Geſetz in die Hände liefern, und Alle in Verlegenheit bringen, die ſich zu Euern Gunſten intereſſiren.“ „So weit dieſe Beſorgniß mein Wohlergehen betrifft, danke ich Eüuch verbindlich, Mylord, abee glaubet mir, viel Fährniſſe haben mir hierin wenig zu lernen übrig gelaſſen. Wir werden übers Höllenthor ſchiffen und durch den Connecticut⸗Sund in die hohe See ſtechen.“ „War lich, Meiſter Tummler, man muß gute Nerven haben, um Euer Vertrauter zu ſeyn. Die Treue der Werträge bildet die Trefflichkeit der bürgerlichen Geſell⸗ ſchaft; ohne ſie iſt keine Sicherheit der Intereſſen, noch Vertrauen auf den Charakter gedenkbar. Aber Treue kann gefolgert werden, ſo gut wie ausgedrückt, und wenn Leute in gewiſſen Lagen ihr Vertrauen auf Andere ſetzen, die Urſache haben ſollten, auf ihrer Huth zu ſeyn, ſind die erſtern an Ruckſichten gebunden, ja ans Einzelne einer ſehr ſerupulöſen Deutung, an die Bedingungen des Con⸗ tracts. Herr, ich waſche meine Hände in Unſchuld üͤber dieſer Verhandlung, wenn ſich Zeugen gegen uns erhe⸗ ben, und Ihr Eure Waſſernixe da in Gefahr eines Pro⸗ zeſſes vor der Admiralität ſetzt.“ „Ich muß fürchten, daß dieſes Eure Entſcheidung iſt,“ verſetzte der Tummler.„Was geſchehen iſt, kann nicht widerrufen werden, obwohl ich immer noch hoffe, daß ihm abgeholfen werden kann. Meine Brigantine liegt nun eine Seemeile von hier und es wäre Verrätherei es zu läugnen. Wenn es Eure Meinung iſt, Mylord, daß unſer Contract nichts gilt, ſo brauchen wir auch keine Pettſchafte.— Die Jacobus können immer noch gute — 172— Dienſte leiſten, wenn ſie den armen Jungen vor ſchlim⸗ mem Schickſal wahren.“ „Ihr ſeyd ſo buchſtäblich in Euern Deutungen, Mei⸗ ſter Tummler, wie ein Schulknabe in der Ueberſetzung ſeines Virgils. Es giebt ein Idiom in der Diplomatie ſo gut wie in der Sprache, und einer, der ſo fein unter⸗ ſcheidet, ſollte die Sprachen auch verſtehen. Gott ſegne mich! Herr, eine Hypotheſe iſt noch keine Wahrheit, eben ſo wenig iſt ein Verſprechen ſchon die Sache ſelbſt. Was ſo ſupponirt wird, ſind nur die Zierrathen des Raiſon⸗ nements, indeß Euer Gold den ſolideren Charakter des Beweiſes hat. Unſer Handel iſt geſchloſſen.“ Der unverfälſchte Seemann betrachtete den edlen Ca⸗ ſuiſten einen Augenblick im Zweifel, ob er ſeinem Schluß beiſtimmen ſolle oder nicht; ehe er ſich über ſein Beneh⸗ men entſchieden hatte, erfolgte plötzlich eine heftige Er⸗ ſchutterung der Fenſter des Zimmes und dann kam das donnernde Rollen eines ſchweren Geſchützes daher. „Die Morgenkanone!“ rief Cornbury, der bei dem Schuß mit der Schreckbarkeit des böſen Gewiſſens zu⸗ ſammenfuhr.„Nein! ez iſt die Stunde nach Sonnen⸗ aufgang!“ 1 Der Tummler verrieth keine Nervenſchwäche, obgleich aus ſeiner gedankenvollen Stellung und der momenta⸗ nen Firirung ſeines Auges deutlich zu erkennen war, daß er nahe Gefahr vermuthe. Er ging ans Fenſter und ſah aufs Waſſer; gleich fuhr er zurück, als bedurfe es keines weiteren Beweiſes. 3 1 „Unſer Handel iſt alſo geſchloſſen,“ ſagte er, indem er ſich raſch dem Viscount naͤherte, ihm die Hand nahm 4 1— 173— finr. und drückte, ſo ſehr der Andere auch der Vertraulichkeit aus⸗ zuweichen ſtrebte;„unſer Handel iſt alſo geſchloſſen. Nehmt Nei⸗ Euch des Jungen an und der guten That ſoll ged dacht wer⸗ IIn den; verrathet uns, und es ſoll nicht ungerochen bleiben E atre Noch einen Augenblick hielt der Tummler die Hand ter⸗ des entnervten Cornbury gefangen, dann zog er das Käpp⸗ ne chen mit einer Höflichkeit, die mehr ſich, als den Gefähr⸗ ebor ten zu ehren ſchien, drehte ſich auf dem Abſatz herum Was und verließ mit feſtem, doch ſchnellem Tritt das Haus. ſon⸗ Carnaby, der den Augenblick hineintkat, fand ſeinen des Gaſt in einem Zuſtand zwiſchen Reue, Erſtaunen und Schrecken. Aber die gewohnte Leichtigkeit des Beneh⸗ En⸗ mens kehrte bald wieder zurück, und da er ſich von der luß Gegenwart eines Mannes befreit ſah, der ihn mit ſo we⸗ ꝛeh⸗ nig Umſtä nden ndelt h hatte, ſchüttelte d der Ergouver⸗ Er⸗ neur den Kopf, wie ein Mann, der ſich daran gewöhnt hat, das Uebeln zu weichen, denen er nicht widerſtreben kann; er nahm die gefällige und kecke Ueberlegenheit an, die er 3 in Gegenwart des kriechenden Gewurzkrämers zu behaup⸗ zu⸗ ten gewohnt war. 1 —„Das mag eine Koralle, oder eine Perle, oder ein en anderer Inweel des Oceans ſeyn, Meiſter Carnaby,“ . ſagte er, indem er faſt unbewußt mit dem Schnupftuch eich ddie gedrückte Hand zu ſäubern und zu bähen ſuchte,„aber d es iſt einer, an dem das Salzwaſſer noch eine Kruſte ge⸗ laſſen hat. Ich wunſche wohl nicht mit Unrecht, daß ich ſah nicht mehr von ſo einem Ungeheuer belagert oder viel⸗ e3 mehr mit Harpunen verfolgt werde, denn die Vertrau⸗ lichkeit des Bootsmanns iſt ſchmerzlicher, als alle Erfin⸗ 4* dungen ſeiner Brüder auf der Wuſte der Gewäſſer für ihren Verwandten, den Leviathan, werden können. Hat die Glocke geſchlagen?“ „Es iſt noch nicht ſechs, Mylord und Ew. Herrlich⸗ keit haben noch hinreichende Zeit, zu Ew. Herrlichkeit Quartier zurückzukehren. Frau Carnaby war ſo kühn, ſich mit dem Gedanken zu ſchmeicheln, daß Ew. Herrlich⸗ keit vielleicht ſo herablaſſend wären, uns die Gnade zu ſchenken, eine Taſſe Theebuh unter unſerm niedern Dach zu nehmen.“ „Was will die Kanone bedeuten, Meiſter Carnaby! ſie machte den Schmuggler ſo unruhig, als ſey es die Aufforderung vom Richtplatz oder ein Seufzer von Kidds Geiſt.“ „Das wird ja nichts zu bedeuten haben, Mylord. Wahrſcheinlich iſt es ein Spaß der königlichen Offtziere in dem Fort, und wenn das der Fall iſt, ſo kann man ſicher ſeyn, daß alles ganz geeignet und engliſch hergeht, Mylord.“ „Mein Sir, engliſch oder holländiſch, es ſchreckte doch da den Seemann— den Brachvogel— den Albatroß von ſeinem Sitz auf.“ „Bei dem Dienſt, wozu ich Ew. Herrlichkeit verpflich⸗ tet bin, Ew. Herrlichkeit haben den ſtärkſten Witz von allen Edelleuten in Ihro Majeſtät Königreich! Aber aller Adel von Stadt und Land iſt ſo witzig, daß es eine wahre Ehre und Erbauung iſt, dabei zuzuhören! Wenn Ew. Herrlichkeit befehlen, ſo will ich aus dem Fenſter ſchauen, Mylord, und ſehen, ob ſich irgend etwas zeigt?“ „Thut das, Meiſter Carnaby— ich geſtehe, daß ich ein bischen neugierig bin, was meinem Seelöwen — 175— den Schrecken eingejagt hat. Hal ſehe ich nicht die Ma⸗ ſten eines Schiffs ſich über den Dachern der Waarenhäu⸗ ſer da drüben hinbewegen!“ „Nun, Ew. Herrlichkeit haben ein vortreffliches Ge⸗ ſicht! und die gluͤcklichſte Art, auf die Dinge zu achten, wie nur irgend ein Edelmann in England. Da hätte ich doch eine Viertelſtunde hinausgucken können, ehe ich daran gedacht hätte, über die Dächer der Waarenhauſer da hinaus zu ſehen, und Ew. Herrlichkeit ſehen es gleich auf den erſten Blick!“ „Iſt es ein Schiff, oder eine Brigg, Meiſter Car⸗ naby— Ihr habt den Vortheil, es beſſer ſehen zu kön⸗ nen, denn ich mag mich hier nicht blicken laſſen— ſag's hurtig, Schöps, iſt s Schiff oder Brigg?“ „Mylord— s iſt eine Brigg, oder ein Schiff— ich muß wahrlich Ew. Herrlichkeit darum fragen, denn ich verſtehe ſo wenig von dieſen Dingen— „Aber, mein zuvorkommender Meiſter Carnaby— habt doch nur auf einen Augenblick einmal Eure eigne Meinung, wenn's Euch gefällig iſt— es waͤlzt ſich Rauch hinter den Maſten auf—“ Wieder ſchütterten die Fenſter und ein zweiter don⸗ nernder Knall hob alle Zweifel über die Urſache des Schie⸗ ßens. Im nächſten Moment erſchien das Vordertheil eines Kriegsſchiffs in der Oeffnung eines Schiffshofes und dann zeigte ſich Kanone an Kanone, bis die volle Lage und furchtbare Batterie der Coquette ganz ſichtbar ward. Der Viscount verlangte keine weitere Löſung der Frage, warum der Tummler ihn ſo eilig verlaſſen hatte. Er wühlte einen Augenblick in der Taſche und zog die — 176. Hand mit Jacobus gefüllt heraus. Dieſes Gold ſchien er zuerſt auf den Tiſch legen zu wollen, aber wie aus Vergeſſenheit hielt er die Hand geſchloſſen, ſagte dem Gewürzkrämer Lebewohl und verließ das Haus mit einem ſo feſten Entſchluß, als je ein Mann in dem Bewußtſeyn einer ſchwachen und ſchlechten Handlung faßte, daß er ſich nie mehr mit einem ſolchen driechenden Schurken in vertrauliche Berührungen einlaſſen wolle. Zehntes Kapitel. „— was liegt den Schreiern Am Namen König?“ Sturm. Die Bewohner von Manhattan mögen wohl die Lage der beiden Schiffe leicht verſtehen, aber diejenigen unſerer Landsleute, die in entfernten Theilen der Union wohnen, werden gern das Nähere daruber leſen. Obwohl die kleine Meeresbucht, die den Hudſon und ſo viele kleinere Ströme gufnimmt, hauptſächlich durch einen großen Einſchnitt des Continents gebildet wird, ſo iſt doch der Theil davon, der den Hafen von New⸗ York bildet, durch die gluckliche Lage ſeiner Inſeln vom Ocean getrennt. Von letzteren geben zwei dem Baſſin und ſelbſt einem langen Strich der Küſte das allgemeine Gepräge, während mehrere kleinere Inſeln als nützliche und ſchöne Zuthaten der Bucht und Landſch aft hinzukommen. Zwi⸗ ſchen der Bai des Rariton und der von New⸗York gibt zien aus dem nem eyn er in — 177— es zwei Communicationen, die eine zwiſchen den Inſeln Staten und Naſſau, die Narrows genannt, welche der gewöhnliche Schiff⸗Canal des Hafens iſt, die andere zwi⸗ ſchen Staaten und dem Feſtlande, unter dem Namen der Kilns bekannt. Durch letztere paſſiren Schiffe in die benachbarten Gewäſſer von New⸗Jerſey und gelan⸗ gen dadurch zu den Fluüſſen dieſes Staates. Aber wäh⸗ rend die Inſel Staten ſo Manches für die Sicherheit und Bequemlichkeiten des Hafens thut, hat die Inſel Naſſau Einfluß auf eine große Küſtenſtrecke. Nachdem ſie die Hälfte der Bucht vor dem Ocean geſchützt, kommt ſie dem Continent ſo nahe, daß ſie die Durchfahrt bis auf zwei Kabellängen verengt und dehnt ſich dann eine Strecke von hundert engliſchen Meilen öſtlich, wo ſie einen weiten und ſchönen Sund bildet. Ueber eine Gruppe von Inſeln vierzig Seemeilen von der Stadt können Schiffe durch einen anderen Paß die offene See gewinnen. Der Seemann wird ſogleich verſtehen, daß die wech⸗ ſeinde Fluth des Meeres aus verſchiedenen Richtungen in dieſe großen Buchten einſtrömen muß. Der Strom, der bei Sandy Hook(einem in dieſer Erzählung ſo oft gedachten Punkke) eintritt, fließt weſtlich in die Fluſſe von Jerſey, nördlich in dem Meeresarm zwiſchen Naſ⸗ ſau und dem Feſtlande dahin. Die Strömung, die den Weg von Montauk oder der öſtlichen Spitze von Naſſau kommt, erhebt das breite Baſſin des Sundes, füllt die Ströme von Connecticut und begegnet der weſtlichen Fluth, an einem Platz, Throgmorton genannt, zwanzig engliſche Meilen von der Stadt. 3 61— 63. 12 178.— Da die Buchten ſo groß find, ſo bedarf es wohl kaum der Erklärung, daß der Druck ſo breiter Waſſer⸗ flächen die Strömungen an allen den engen Durchfahr⸗ ten erſtaunlich raſch macht, da die gleich hmäßige Verthei⸗ lung des Elementes, die von den phyſikal: ſchen Geſetzen abhängt, da, wo der gehörige Raum fehlt, durch Schnel⸗ ligkeit ansaüihen wird. Es herrſcht demzufolge ſchnelle Fluth auf der ganzen Entfernung zwiſchen dem Hafen und Throgmorton, während, um ſich einer poetiſchen Frei⸗ heit zu bedienen, an der engſten Parthie des Canals das Waſſer am Lande vorbeiſchießt, wie ein Pfeil vom Bo Einer jähen Beugung im Laufe des Stroms. die in einer kurzen Entfernung zwei rechte Winkel bil⸗ det, dann de gefährlichen Lage vieler Felſen, die man ſſeht und nicht ſieht, und der Verwirrung, die durch Ebbe, Tla und Gegenſtrömung entſteht, verdankt die⸗ fer ſchlimme Paß den Namen„das Höllenthor.“ Dieſe Strecke iſt dafur berühmt, daß ſie manchen zarten Buſen erzittern macht, ein Schrecken, der von dem fürch⸗ terlichen Namen erhöht werden mag, wiewohl dieſe ge⸗ fährliche Durchfahrt immerfort bedeutende Geldverluſte zerurſacht und ſchon oft die Quelle perſönlicher Gefahr zeweſon iſt. Hier war es, wo im Revolutionskriege eine brittif ſhe Freg galke der das Schiff ſo plötz⸗ daß, wie es heißt, ſelbſt . Eine ähnfiche jedoch der Paß unter den In⸗ die Schiffe an der öſtli⸗ den Ocean erreichen; wo die Detere, indem ſie den Felſen gen B D oij 6 dor 4 Zeit, als der T dunmin: Breite der letzteren Waſſerfläche ſo viel mehr beträgt, als die der Raritonbai und des Hafens von New⸗York, daß die Gewalt des Drucks durch eine entſprechende Weite der Ausgange vermi nert wird. Nach Meſhu Er⸗ läuterungen nehmen wir den Faden unſerer Erzahlung wieder auf. Als der Mann, den wir in unſern Blättern gleich n Anfang unter dem nom de guerre T Tiller kennen gelernt haben, die offene Straße erreichte, war er beſſer btande, die Natur der Gefa ahr zu erkennen, welche niine ſo plötzlich bedrohte. Mit einem einzi⸗ ick auf die prenteiſchen Stangen und breiten Raen des Schiffs, d an der Stadt vorbeizogen, er⸗ kannte er ſogleich die Coquette. Die kleine Flagge auf dem Vortopgallant⸗Maſt erklärte hinreichend d ie Bedeu⸗ ugn tung des Feuerns; beides, in Verbindung mit der Rich⸗ „ſagte ihm in Lie Pen — tung, die das Schiff nahm te Seemann aerfandlihen en 6 einen Lootſ en llenthor Lerlange. In den eines langen Kai's des Boot auf ite Schuß higen Führer E Kaiſtenweiſe snation der 3 unveſſen hat, achtzehnten Jahr⸗ — 180— den Flüſſen vor Anker, bildeten die ganze Zahl der da⸗ mals im Hafen vorräthigen Seeſchiffe. Zu dieſen kamen noch einige und zwanzig kleinere Kuſten⸗ und Flußfahr⸗ zeuge, wovon die meiſten ſolche ungeſtalte und ſchwer⸗ fällige Maſſen waren, wie ſie ſich damals, auf Reiſen von der Dauer eines Monats, zwiſchen den beiden Haupt⸗ ſtädten der Colonie hin und her bewegten. Der Ruf der Coquette war daher zu dieſer Zeit und Stunde nicht ſo gar ſchnell in Ausfuührung zu bringen. Das Schiff war ſchon ein gutes Stuck in den Mer⸗ resarm vorgeruckt, der die Infel Manhattan von der Inſel Naſſau trennt, und obgleich er damals noch nicht, wie jetzt, durch kunſtliche Mittel eingeengt war, ſo trieb doch ſeine Fluth mit Hulfe des Windes den Kreuzer hurtig weiter Ein dritter Schuß erſchutterte die Fen⸗ ſter der Stadt, und mancher wundige Burger ſteckte den Kopf durchs Fenſter, aber noch immer ſah man kein Boot vom Lande abſtoßen, auch erblickte man kein an⸗ deres Zeichen, daß dem Signal ſchneil Folge geleiſtet werde. Immer fuhr der königliche Kreuzer weiter, ſetzte Segel über Segel auf, und breitete alle Leinwandflächen aus, wie es die Richtung des Windes nur erlaubte. „Wir rudern fuüͤr unſre eigne und der Brigantine Sicherheit, Männer,“ ſagte der Tummler indem er ins Boot ſprang und das Steuer ergriff—„raſchen und kräftigen Schlag, s iſt keine Zeit fur Spazierfahrt⸗ oder Kriegsſchiffs⸗Ruderſchläge! Weiter Jungens, weiter, rü⸗ ſtig und zuſammen.“ Es waren dieß Klänge, wie ſie die Ohren ſeiner Leute bei ihren waghalſigen Unternehmungen oft tra⸗ — 181— fen. Die Ruder klatſchten alle zuſammen ins Waſſer, und ſchnell wie ein Gedanke war die leichte Barke in der vollen Strömung! Die kurze Reihe von Kai's hatten ſie bald paſſirt, und in wenigen Minuten glitt das Boot mit der Fluth hinauf zwiſchen den Vorſprungen von Long⸗Island und der Hervorragung, welche den Winkel auf dieſer Seite von Manhattan bildet. Hier ſah ſich der Tummler ver⸗ anlaßt, mehr in die Mitte des Weges zu ſteuern, um die durch die Spitze gebildeten Brandung zu vermei⸗ den und die ganze Kraft der Strömung zu benutzen. Als das Boot ſich Coerlers nahete, ſah man ihn die weitere Ausſicht des Waſſers, die ſich oben zu öffnen be⸗ gann, ſorglich nach der Brigantine ausſpähen. Ein neuer Kanonenſchuß donnerte daher. Gleich nach dem Knall folgte das Ziſchen eines Balls, das Abprallen auf des Waſſer und das Glitzern der zerſchlagenen Theil⸗ chen. Die Kugel traf ein Paar hundert Fuß weiter, und hüpfte von Stelle zu Stelle, dann ſank ſie ins Ele⸗ ment hinab. „Dieſer Herr Ludlow möchte gern zwei Fliegen mit einer Klappe ſchlagen,“ bemerkte kaltblutig der Tumm⸗ ler, der nicht einmal den Kopf herum bog, um die Stel⸗ lung des Schiffs in Augenſchein zu nehmen.„Er weckt die guten Burger der Stadt mit dem Lärm, und be⸗ droht unſer Boot mit ſeinen Kugeln. Man hat uns geſehen, Freunde, und wir haben nun nichts, uns dar⸗ auf zu ſtützen, als unſre Mannheit und einigen Beiſtand von der Dame mit dem meergrünen Gewand. Hurti⸗ ger und kräftig! Ihr habt den Kreuzer der Königin — 182— hinter Euch, Meiſter Coil, zeigt er Bute oben, oder ſind die Ranme leer?“ 1 Der angeredete Seemann drehte um, ohne mit Rudern auſzuhören, und den Augenblick antwortete er, wie einer der an gefährliche Situationen gewöhnt iſt. „Seine Bootſtränge ſind ſo loſe wie die Locken einer Waſſerjungfer, Ew. Gnaden; es ſind wenig Männer auf den Spitzen; bleiben aber noch genug von den 5 Schurken, um uns noch eine Kugel auf den Leib zu ät Unterthanen werden dieſen Morgen früh duegewoft Noch einen oder zwei Ruderſch Eichenherzen, und wir ſchieben ſie hinters Land zu Ein weiter Schuf raß dicht neben feln, das W Waſſer, und Steuerruder gehorſam, wurde nicht 1 Vorſprung des L. gantine auf der zum Vorſch ein gen des Tumm lers herrſchte, konnte, genau kekrachtkie⸗ einen Zug von Sor beſchatten ſehen, als die 2 Blick traf. Doch ſprach er 5 irklich; dieſe war, vo ugenblick von der M 5 anuſ 5 5 5 — t da Vich gtigkeit waren in Erwartung ſtehenden Schiffe änderte ſie ihren Lauf, und bei ander. He. SS — ((Ae S, — 483— „Warum weht denn das Signal noch da oben?“ fragte der Tummkſer, ſowie ſein Fuß das Verdeck der Brigantine berührte, und deutete dabei auf die kleine Flagge, die an der Spitze des vorderen Maſtes flatterte. „Wir halten ſie da oben, um den Lootſen zu mah⸗ nen, daß wir wegkommen.“ „Hat der verrätheriſche Schurke ſein Wort nicht ge⸗ halten!“ rief der Tummler, halb in Erſtaunen zurück⸗ prallend.„Er hat mein Gold dafur habe ich funſzis von ſeinen unnützen Verſprechungen— ha!— der Zau⸗ derer kommt dort in dem Nachen; nun die Brigg hin⸗ uͤber ihm entgegen, denn die Augenblicke ſind koſtbar, wie Waſſer in der Wuüſte.“ Das Steuerruder ſtand gegen das Wett liebliche Brigantine hatte ſich ſchon mehr a er, und die ls halb ſeit⸗ waͤrts gedreht, als ein neuer Kansnenſchuß die Augen Aller nach der Gegend zogen. Der Rauch ſtieg über den Abhang des Landes, und ſchon kamen die Haupt⸗ ſegel, dann der Rumpf und die Stangen der Coquette zum Vorſchein. In dieſem Angenblick rief vorn eine Stimme, der Lootſe habe gewendet und rudre nach Lei⸗ beskräften auf die Kuſte zu. Der Verwünſchungen, die auf den Kopf des Schändlichen gehäuft wurden, waren nicht wenige und geringe, aber es war keine Zeit, ſich zu beſinnen. Die beiden Schiſſe ſtanden beine Viertel⸗ ſtunde mehr von sinander, nnd nun erſchien der Augen⸗ blick, um die Eigenſchaften der Waſſernixe zu erproben. Ihr Steuerruder drehte ſich, und als ob ſie ſelbſt die Gefahr ahne, die ihrer Freiheit drohe, trat die ſchöne Geſtalt wieder in ihren vollen Lauf, beugte ſich dem Winde und glitt nach einem ſchweren Klatſch der Lein⸗ wand dahin mit aller ihrer gewohnten Leichtigkeit. Aber der königliche Kreuzer war ein Schiff unter Zehntau⸗ ſenden. Zwanzig Minuten lang konnte auch das feinſte Auge nicht erkennen, wer verlieren, wer gewinnen werde, ſo gleichmäßig hielt der Gejagte und der Verfolger Schritt. Da jedoch die Brigantine die erſte war, die den Engpaß von Blackwell erreichte, ſo wurde ihre Be⸗ wegung durch die wachſende Gewalt der Strömung be⸗ ſchleunigt. Es ſchien, als ob dieſer Unterſchied, ſo klein er war, der Wachſamkeit der Mannſchaft der Coquette nicht entgehe, denn die Kanone, die ſo lange geruht hatte, ſpie jetzt wieder Flamme und Rauch aus. Vier Schüſſe, in weniger als ſoviel Minuten, bedrohten den Freihändler mit ernſtlichem Nachtheil. Schuß auf Schuß ging durch ſeine Stangen und riß weite Löcher in die Leinwand. Nur noch wenige dieſer Angriffe, und die Brigantine war der Mittel ihrer Bewegung beraubt. Dieſe Kriſis gewahrend, brauchte der vollendete und hur⸗ tige Seemann, der ihre Bewegungen leitete, nur einen Augenblick, um ſeine Entſcheidung zu treffen. Die Brigantine war nun faſt bei der Spitze von Blackwell. Es war Halbſtrömung bei einer Springfluth. Das lange Riff, das von dem weſtlichen Ende der In⸗ ſel weit hinaus ſtand, war faſt bedeckt, aber noch hinlänglich ſichtbar, um die Art Barriere anzudeuten, die es von einer Küſte zur andern bildete. Ein Fels befand ſich. nahe bei der Inſel ſelbſt, der ſein ſchwarzes Haupt hoch übers Waſſer erhob. Zwiſchen dieſer dunkeln Steinmaſſe und dem Land war eine Oeffnung von einigen und zwan⸗ — 185— ig Faden in die Breite. Der Tummler ſah an den ebe⸗ nen, unbewegten Wellen, die durch dieſen Engpaß ſtröm⸗ ten, daß hier der Boden der Oberfläche des Waſſers minder nahe liege, als an irgend einer Stelle der Reihe von Riffen. Wieder ſtellte er das Steuer in den Wind und vertraute ruhig dem Ausgang. „Kein einziger von der Mannſchaft der Brigantine wurde gewahr, daß der Schuß des königlichen Kreuzers zwiſch en ihren Maſten durchpfiff und ihr Geräth beſchä⸗ digte, als das niedliche Schiff in die enge Oefſnung glitt. Ein einziger Stoß an den Felſen wäre Vernich⸗ tung geweſen; die kleinere Gefahr ging ganz in die größere auf. Aber wie der Paß überwunden und der gute Strom in dem andern Kanal gewonnen war, ver⸗ kündete ein allgemeines Freudengeſchrei die Größe der Angſt und die Erlöſung davon. In der nächſten Mi⸗ nute ſchützte ſie der Vorſprung von Blackwell gegen die Buaſß der Verfolger. Die Lange des Riffs verhinderte die Coquette, ihre Richtung zu ändern und ihr Fahrraum ſchloß die Paſ⸗ ſage zwiſchen dem Felſen und der Inſel aus. Aber das Ab⸗ weichen von dem geraden Wege und das Durchfahren der Windungen hatte das Schiff in den Stand geſetzt, mit dem gejagten Schiff faſt parallel zu kommen. Beide Schiffe, obzwar durch die lange, ſchmale Inſel getrennt, waren nun ganz in der Gewalt der Strö⸗ mungen, die ſo raſch durch die engen Gänge ziehen. Plötzlich leuchtete der Seele des Tummlers ein Ge⸗ danke und er verlor keine Zeit, die Ausfuhrung des Plans zu verſuchen. Wieder drehte ſich das Steuerru⸗ — 186 der und das Bild der meergrünen Dame kaͤmpfte gegen die deigenden ar ogen. Wäre dieſe Anſtrengung mit Er⸗ folg gekrönt worden 5 ware ſe Triumph ihrer Mann⸗ ſchaft aalkaanne gewef ſen; denn dann hätte die Bri⸗ gantine eine der Wind ungen nach alfßen benutzt, ihren ſchwereren Verfolger mit der Stärke der Fluth kämpfen laſſen und die offene See auf dem Wege gewonnen, den ſie noch ſo wihl hen get ommen hatte. Aber eine Minute des Verſuchs ge den a ihen See⸗ mann zu berzang en, de ung zu ſpaͤt komme. Der Wind reich 1 1 Schlund zu pafſiren, d vom Land umgeben, mit einer Fluth, die J den Atigenblick ſtärker wurde, ſah er wohl, daß Ver⸗ zug Verderben bringe. Wieder ehie 5 das Lihe 15 rs en Schiff der Bewegung des S eus erru mit allem, 1 ſchoß es d ang— 8 Di⸗ 2 Coquette war dieſe Zeit uͤber keine müßige Zu⸗ ſchauerin geweſen. Vom dem Stroe treihend 3 näher und da ihre hohen und leichten Segel übers Land am ſtärkſten anzogen war alle Ausſicht vorhanden, daß ſie das öſtliche Ende von Blackwell zuerſt erreichen werde. Ludlow erkannte ſeinen Vortheil und rüſtete ſich zu dieſem Zweck. Es bedarf wenig Erläuterung, um die Umſtäͤnde, welche den königlichen Kreuzer nach der Stadt geführt hatten, dem Leſer zu erklären. Wie der Morgen her⸗ angekommen, war er tiefer in die Bai eingedrungen, und als das Tageslicht es erlaubte, gewahrten die Per⸗ nde fortgeführt und mit em Gejagten ſogar 8 „= — 8 2—— 2. 8 dan da egen Er⸗ ann⸗ Bri⸗ hren pfen nen, eine See paͤt die Stangen — 187— ſonen an Bord ſehr deutlich, daß kein Schiff unter den Anhöhen, noch an einem der entfernteren Plat der Bucht verſteckt liege. Ein Fiſcher hatte ihnen vol⸗ lends den letzten Zweifel durch die Nachricht benommen, daß er ein Schiff eohnen de eſſen nähere Beſchreibung mit der Waſſernire i ſtimmte, welches in der Mittelwache die Narrow⸗ vaſſ et habe. Er ſetzte hinzu, er habe ein ſchnell ruderndes kurz darauf in der⸗ ſelben Nichtung gehen ſehe Dieſer Wink genügte, Ludlow gab ſeinen eignen en ein Signal, die Paf⸗ ſagen der Kilns und der Narrows zu ſchließen un dann ſah man ihn gradezu in den Hafen ſeere⸗ Als Ludlow ſich in der ſo eben beſchriebenen Pü befand, wandte er alle ſeine Aufmer kandaſr auf d beiden Dinge, ſein eignes Schiff vor Unheil zu Rwaß⸗ 3 reihändlers fanäe zu nehmen. noch die 2 eit vorhanden, Schuſſe übers Land ren und das Es war zw weg zu beſchädie Mannſchaft, di war, die Gefahr, den langen Klippen erbo und die Nothwendigteit, fin auf den reißenden Engpaß Pi ubereiten, verhuteten den Verſuch. Kaum war klich in den Paß zwiſchen Blackwell und Naſſau eingelaufen, ſo erging der Befehl, die gebrauch⸗ ten Kanonen zu befeſtigen und die Anker im Lichten bereit zu halten. „Die Panzake. 4 rief er Tryſail nach. hiſig t 3 B 1— 188— deln; haltet alles in Bereitſchaft, daß es aufs Com⸗ mando vor ſich geht, und ſeht, daß die Enterhaken in Bereitſchaft ſind, wir wollen ſie dem Schmuggler an Bord werfen, wenn wir ihn erreicht haben, damit wir ihn lebendig nehmen. Einmal an der Kette feſt, ſind wir noch ſtark genug, ihn unter unſerm Riemen nach⸗ zureißen und ihn mit den Pumps gefangen zu nehmen! Iſt das Signal für einen Piloten noch aufgeſteckt?“ „Es flattert noch oben, Herr, aber das Boot müßte ſchnell ſeyn, das uns einholte in dieſer reißenden Fluth. Das Thor fängt mit jenem Abhang des Landes an, Capitain Ludlow.“ „Behaltet das Signal noch oben. Die Faulenzer lungern manchmal in der Bucht dieſſeits der Felſen herum und der Zufall könnte uns einen, wenn wir vor⸗ bei kommen, an Bord führen. Seht nach den Ankern; das Schiff treibt durch den Canal, wie ein Rennpſerd unterm Hieb der Peitſche!“ Die Mannſchaft war ſchꝛell zum Dienſt zuſammen⸗ gepfiffen, während ihr junger Commandant ſeinen Platz am Hintertheil nahm und bald den Lauf der Strömung und ihre Windungen mit Beſorgniß unterſuchte, bald ſeine Blicke auf die Brigantine richtete, deren obere Stangen und weiße Segel man in der Entfernung von zweihundert Faden durch die Bäume der Inſel laufen ſah. Aber Meilen und Minuten ſchienen wie Ruthen und F ud Vugenblicke in dem heftigen Trieb der Fluth. Try⸗ tac oft 8 zeuge oft vor Anker gehen, um günſtige Momente ab⸗ 8 — 189— zuwarten, das Höllenthor zu betreten. Ludlow ſah ſchnell auf einen Blick, daß der Platz leer war. Einen Moment gab er ſich der ſchweren Verantwortlichkeit hin, einer Verantwortlichkeit, vor der ein Seemann eher zurückbebt als vor jeder andern, die nämlich, das Geſchäft des Lootſen über ſich zu nehmen, und ſchon dachte er noch in dem Ankerplatz Zuflucht zu ſuchen. Aber ein zweiter Blick auf die Stangen der Brigantine machte ihn ſchwankend. „Wir ſind dem Thor nahe, Herr!“ ſchrie Tryſail enit lebhaft warnender Stimme. „Jener wagende Matroſe fährt immer zu!"“”“ „Der Kerl ſegelt ohne Erlaubniß der Königin, Capi⸗ tain Ludlow. Sie ſagen, es ſey ein Weg, den man nicht umſonſt ſo benannt habe.“ „Ich bin ſchon durchgefahren und will für ſeinen Charakter Zeugniß ablegen— er macht kein Zeichen zum Ankerwerfen!“ „Wenn das Weibsbild, das ihm den Weg zeigt, ihn mit heiler Haut hindurch führt, ſo verdient ſie ihren Titel. Wir paſſiren die Bucht, Capitain Ludlow!“ „Wir haben ſie paſſirt,“ verſetzte Ludlow, ſchwer auf⸗ athmend.„Laßt keinen im Schiff fluſtern— Lootſe oder keiner, entweder wir ſinken oder treiben!“ Tryſail hatte Vorſtellungen gewagt, ſo lange noch eine Möglichkeit war, die Gefahr zu vermeiden, aber wie ſein Commandant ſah er nun ein, daß alles von ih⸗ rer Geiſtesgegenwart und Anſtrengung abhänge. Er ging geſchäftig durch die Mannfchaft, ſorgte, daß jeder * 190— Zug und jeder Bogen bemannt war, ermahnte die we⸗ nigen jungen Officiere, die ſich an Bord befanden, zur Wachſarnteit und harrte dann auf die Befehle ſeines Obe⸗ ren, mit aller ug, die einem Seemann in dem Au⸗ genblick d er fahr ſo nöthig iſt. Ludlow beobachtete ehenfalls glücklich die außerliche Ruhe, während er hei ſich das Gewicht der Perantcgort tung, die er auf ſich gè⸗ nommen, wohl erwog. Das Schiff an d nun unwieder⸗ bringlich in dem Thor, deine menſchliche Macht konnte es wieder zuruͤckreißen. In ſolchen Augenblicken der Angſt und Noth yflegt die Seele des Mansi ben in den Anſichten And derer Troſt zu ſuchen. Ung dor wach⸗ enden Sch it iſchen Lage Fene eignen Blick hinaus, um zu ſehen, enommen habe. Black⸗ und nachdem ſich die beiden hatten, hielt ſich die Brigan⸗ tinei in d gefährlichen haſſes an den Wind und fnſets aun ehunr Fuß der Coquette, grade in ihrem Stri ich bl lickende S Seer nann, der ſte führie, geblichen Gebieterin, wo er die ſhin uin⸗ enden„Rife,„Re wilden Strudel und die wechſelnd Strömungen mit eingeſ ſchlagene n Armen und feſtem Auge betrachtete. Die beiden erblickten einander und der Freihändler zog ſeit Ludlow ein zu hi Mann, 9 unerwiedert gelaſſen haͤtte dann wat une wieder ganz auf die els ſtand vor ihnen, über ichem wildem Brauſen bra der der⸗ gan⸗ ind ein nn, an⸗ die mit Die dler her te⸗ die — 191— brach. Einen Augenblick ſchien es, als könne das Schiff der Gefahr nicht entrinnen, und dann war es vorbei. „Aufgebunden,“ ſagte Capitain Ludlow in dem gelaſ⸗ ſenen Ton, velcher er wunge ene Ruhe ausdrückt. „An den Wind!“ der Tummler ſo ſchnell, daß man ſah, er machte die Bewegungen ſeines Füh⸗ rers zu Nutze. Das ff kam harter an den Wind, aber der plötzliche Abfall der Strömung geſtattete nicht länger, in grader Linie gegen ihren Lauf zu ſte uern. Wiewohl der Kreuzer mit großer Raſchheit w arbeitete, wurde die Bahn dt ſſer, d möge der gegentheiligen von Fluth etwas thuͤrmte, dock durch d e Strü⸗ mungen möglich, wäͤhrend ein Riff, über welches das Waſſer ſich toſend ergoß, grade in ſeinem Laufe lag. Die Gefahr ſchien zu unmittelbar zu drohen, um die nautiſche te zu beobachten, und Tryſail rief laut, das Schiff ſ 3 zurück geriſſen werden, oder es ſey verloren.— „Hart Wind!“ ſchrie Ludlow mit Befehlshaberſtimme.— Bänder und. lächend— Haupt⸗Topſege Das Schiff. ſchien ſeine Gefahr wie irgend einer auf den Verdegten zu ahnen. D. asardethe il drehte ſich hinweg von dem ſchaͤumenden Riff und indem die Se⸗ gel den Wir 1d en nitge gengeſetzten Flächen fingen, das 3 ſtehende Richtung zu ſo war es at voörbei„ — 12— tigte Tryſail vollauf, aber kaum hatte er die Zeit, vorn auszuſchauen, als er wieder laut ſchrie— „Da iſt ein anderer Brüller unterm Bug; an den Wind, Herr, an den Wind, oder wir ſind verloren!“ „Hart nieder das Steuer!“ rief abermals in tiefem Tone Ludlow—„Laßt die Flächen fliegen— alles zu⸗ rück, vorn und hinten— weg mit den Raen, rüſtig ihr Männer!“ 5 Dieſe Vorſichtsmaßregeln thaten alle ſehr noth. Hatte auch das Schiff die Gefahren der erſten Klippenreihe glücklich überſtanden, ſo lag jet ein wilder toſender Keſſel, der wegen der brodelnden Bewegung des Waſſers der Topf genannt wird, ſo dicht vor ihnen, daß die Ge⸗ fahr unvermeidlich erſchien. Aber die Kraft der Segel war in dieſer mißlichen Lage nicht vergeblich. Die rei⸗ ßende Bewegung des Schiffes minderte ſich und da die Strömung es immer heftig gegen den Wind riß, be⸗ rührte ihr Bug nicht eher die wirbelnde Fluth, bis die verſteckten Felſen, welche die Bewegung verurſachten, paſſirt waren. Das nachgebende Schiff ſtieg und fiel in dem aufgeregten Waſſer, als ergebe es ſich dem Strudel, aber der tiefe Kiel blieb unverſehrt. 3 „Wenn das Schiff raſch vorwaͤrts ſchießt, noch zwei⸗ mal ſeine Länge, berührt der Bug den Strudel!“ rief der wachſame Segelmeiſter.. Ludlow blickte einen Augenblick unſchlüſſig ringsum. Die Waſſer wirbelten und toſeten auf allen Seiten und die Segel fingen an, ihre Kraft zu verlieren, als das Schiff der Kuppe näher kam, die den zweiten Winkel in dieſem gefaͤhrlichen Paß bildet. Er ſah an den Ge⸗ genſtänden am Lande, daß er ſich der Küſte noch immer nähere und er nahm nun ſeine Zuflucht zum letzten Mittel des Seemannes. „Laßt beide Anker fallen!“ war der endliche Befehl. Dem Fall der ſchweren Eiſen in's Waſſer folgte das Rollen des Kabeltaues. Der erſte Ruck, der das Wei⸗ terlaufen des Schiffes hemmte, ſchien dem ganzen Ge⸗ bäude den Untergang zu drohen, denn es erzitterte bei dem Stoß von den Maſtſpitzen bis zum Kiel hinab⸗ Aber die ungeheuern Faue gaben noch einmal nach und Rauch ſtieg rund um das Holz auf, das den Halt gab. Das Schiff wirbelte, von dem heftigen Stoß erſchüttert, wild gegen die Kuſte. Von dem Steuerruder begegnet und durch die Anſtrengung der Mannſchaft wieder ge⸗ halten, drohte es dem Zwang dennoch übermächtig zu werden. Einen Augenblick meinten Alle an Bord, ſie hörten das Kabeltau reißen, aber die oberen Segel füll⸗ ten ſich, und wie der Wind jetzt über s Taffarell ge⸗ bracht wurde, ſah man die Gewalt des Waſſers durch die Strömung der Luft gelähmt. Das Schiff gehorchte dem Steuerruder und hielt ſtill, indeß die Fluthen ge⸗ gen die Waſſertheilung ſchäumten, als ob das Schiff noch ſo raſch von kräftigen Winden auf dem Clemente hinge⸗ jagt werde. 1 Die Zeit, von dem Augenblick an, wo die Coquette das Thor betrat, bis wo ſie unterm Topf die Anker auswarf, ſchien nur eine Minute, wiewohl die Entfer⸗ nung faſt eine halbe Stunde betrug. Nun verſichert, daß ſein Schiff feſt ſtehe, ließ Ludlow die Gedanken mit Blitzesſchnelle zur andern Pflicht zurückkehren. 61— 63. 3 13 — 194— „Auf, mit den Enterhaken!“ rief er ungeduldig.— „Helft heben, hexein damit!— hebt!“ Damit aber der Leſer die Bedeutung dieſes plötzli⸗ chen Befehls beſſer verſtehe, kehre er mit uns zum Ein⸗ gang der gefährlichen Enge zurück und begleite auch die Waſſernire bei dem gewagten Unternehmen, ohne einen Lootſen ſie zu durchfahren. 3 Man wird ſich des anfänglichen Verſuchs der Bri⸗ gantine erinnern, am weſtlichen Ende von Blackwell ſich gegen die Fluth zu ſtemmen Dieß hatte keine andere Wirkung, als daß es ihren Verfolger gegen ſie mehr vorwärts brachte und ihren eignen Befehlshaber über⸗ zeugte, daß nun keine weitere Wahl bleibe, als ſeinen Lauf eben fortzuſetzen, denn hätte er Anker geworfen, ſo wäre er mit Boten gefangen worden. Als die beiden Schiffe über dem öſtlichen Ende der Inſel erſchienen, war die Coquette in vollem Laufe, ein Umſtand, den der erfahrne Freihändler nicht im geringſten bedauerte. Er benutzte denſelben vielmehr, um ihren Bewegungen zu folgen und auf die günſtigſte Weiſe in die ungewiſſen Strömungen einzulaufen. Ihm war das Höllenthor nur aus den furchtbaren Beſchreibungen der Seeleute be⸗ kannnt, und wenn ihm der Kreuzer mit ſeiner Gegen⸗ wart jetzt nicht von Nutzen geweſen, wäre ihm kein an⸗ derer Führer als ſeine allgemeine Kenntniß von der Macht des Elementes geblieben. Als die Coquette den Lauf durch die beſchriebene Be⸗ wegung etwas hemmte, begnügte ſich der kaltblütige, beobachtende Tummler damit, ſeine Hauptſegel platt an den Maſt zu legen. Von dieſem Moment an lag die 3.— lötzli⸗ Ein⸗ h die einen Bri⸗ l ſich ndere mehr über⸗ einen rfen, eiden enen, den terte. ngen iſſen nur be⸗ 2gen⸗ an⸗ der — 195— Brigantine treibend in der Strömung, rückte keinen Fuß vor noch zurück und behielt ihre Lage in ſicherer Entfernung von dem Schiff, das ihr ſo glücklich zum Führer diente. Die Segel wurden mit der äußerſten Sorgfalt bewacht und das zarte Gebäude war ſo gut bedient, daß es zu jeder Zeit in der Gewalt der Mann⸗ ſchaft ſtand, den Weg durch Wendung in den Strom zu verkürzen. Bis die Coquette Anker warf, folgte ihr die Brigantine, und der Ruf an Bord des Kreuzers, die Enterhacken zu heben, erfolgte deßhalb, weil die Bri⸗ gantine jetzt allem Anſchein nach dicht an der vollen Lage des Kriegsſchiffs vorbeiſegeln mußte. Als die Enterhaken auf dem königlichen Kreuzer ge⸗ hoben wurden, ſtand der Freihändler auf dem niedern Hintertheil ſeines kleinen Schiffes, ungefähr fünfzig Fuß von dem Mann entfernt, der den Befehl gegeben hatte⸗ Auf dem feſten Munde ſchwebte ein Lächeln, welches Gleichgültigkeit ausdrückte, wahrend er den Matroſen ganz ſtill mit der Hand winkte. Sie gehorchten dem Signal mit Aufbinden der Raen und Füllung aller Lein⸗ wand. Die Brigantine fuhr raſch in der Strömung da⸗ hin und die nutzloſen Eiſen fielen ſchwer in's Gewäſſer. „Vielen Dank für die Lootſenführung, Capitain Lud⸗ low!“ rief der kühne und glückliche Seemann mit dem Shawl, als ſein Schiff, von Wind und Wellen getra⸗ gen, ſich raſch von dem Kreuzer trennte.„Ihr trefft mich bei Montauk draußen; denn Geſchäfte halten uns noch an der Kuſte feſt. Unſere Herrin hat jedoch den blauen Mantel angethan und ehe die Sonne noch öfter untergegangen, werden wir uns nach tiefem Waſſer um⸗ 13* — 196— ſehen. Nehmt Ihro Majeſtät Schiff wohl in Acht, denn ge hat wahrlich kein ſchöneres, noch ſtärkeres!“ Wie ein brauſender Strom daherrauſcht, ſo drängte in der Seele Ludlow's ein Gedanke den andern. Da die Brigantine grade unter ſeiner vollen Lage war, faßte er zuerſt den Entſchluß, ſeine Kanonen zu gebrau⸗ chen, aber im nächſten Augenblick ward er inne, daß bepor ſie fertig wären, die Entfernung ſie nutzlos ge⸗ macht hätte. Eben ſchwebte der Befehl auf ſeinen Lip⸗ pen, die Kabeltaue zu kappen, aber er dachte an die Eile der rück. Der plötzlich verſtärkte Wind entſchied uber ſeinen weitern Lauf. Er fand, daß das Schiff im Stande ſey, ſeine Stellung zu behalten und befahl der Mannſchaft, die enormen Maſſen Taue durch die Anker⸗Löcher zu ſtecken und von dem Halt befreit, ließ er die Anker im Stich, bis ſich eine Gelegenheit fände, ſie zu reclamiren. Die Arbeit des Durchziehens der Kabeltaue koſtete einige Minuten, und als die Coquette in gutem Stande die Verfolgung fortſetzte, war die Waſſernixe bereits über die Schußweite hinaus. Beide Schiffe fuhren in ihrem Laufe fort, indem ſie ſich ſo viel als möglich in der Mitte des Stromes hielten und ſich für ihre Sicher⸗ heit mehr auf gut Glück, als auf Ortskenntniß verließen. Wie ſie die beiden kleinen Inſeln paſſerten, die nicht weit vom Höllenthor entfernt liegen, ſah man ein Boot nuf den königlichen Kreuzer zurudern. Ein Mann in demſelben deutete auf das Signal, das immer noch we⸗ hete, und bot ſeine Dienſte an. Brigantine und hielt das Commandowort zut⸗ nale eign 7 Deit * ſund das Als beda Zuf der Mit Fröf Thr „ſo daß und Fel⸗ läu daſt kon den denn ingte Da war, rau⸗ daß ge⸗ Lip⸗ die zu⸗ inen ſey, aft, zu im ren. tete nde eits — 197— „Sagt mir,“ fragte Ludlow ungeduldig,„hat jene Brigantine einen Lootſen an Bord?“ „Nach ihren Bewegungen zu urtheilen, hat ſie keinen. Sie ſtrich über den verdeckten Felſen, außerhalb der Fluſching⸗Bai, und als ſie drüber fuhr, hörte ich den Füͤhrer ſingen. Ich ware zu ihr an Bord gegangen, aber ſie fliegt ja mehr als ſie ſegelt, und was die Sig⸗ nale betrifft, ſo ſcheint ſie ſich um keine als um ihre eignen zu bekümmern!“ „Bring' uns hin zu ihr und fünfzig Guineen ſind Dein Lohn!“ Der langſame Lootſe, der wirklich erſt aus einem ge⸗ ſunden Schläfchen erwacht war, riß die Augen auf und das Verſprechen ſchien ihm neue Schwungkraft zu geben. Als man ſeine Fragen beantwortet hatte, fing er an⸗ bedächtig an den Fingern herzuzählen, welche ſchlimme Zufälle einem Schiff bevorſtänden, deſſen Mannſchaft der Orts⸗Schifffahrt unkundig ſey. „Wenn wir annehmen, daß er auch, wenn er die Mitte des Canals hält, am weißen Stein und an den Fröſchen noch gut vorbei kommt,“ ſagte er, indem er Throgmorton mit dem gewöhnlichen Volksnamen belegte, „ſo muß er ein Hexenmeiſter ſeyn, wenn er wiſſen ſoll⸗ daß die Treppenſteine grade unter ſeinem Laufe liegen und daß ein Schiff nördlich ab ſteuern oder ſich in den Felſen fangen muß, als wär' es da eingemauert. Dand läuft er das Riſico mit den Executioners, die ſo köſtlich daſtehen, um unſer Gewerbe floriren zu machen; dann kommt der Mittelgrund weiter öſtlich, obgleich ich auf den weniger zähle, da ich ihn oft ſelbſt ſchon vergeblich — 198— geſucht habe. Muth, edler Capitain; wenn der Kerl das iſt, was Ihr ſagt, wollen wir ihm ſchon näher kom⸗ men, ehe die Sonne untergeht, denn ſicher, wer ohne Lootſen mit heiler Haut durchs Thor gekommen iſt, hat ſo viel gut Glück, als nur in einem Tag auf ſeinen Theil fallen kann.“ Die Anſicht jmit dem Eaſt⸗River⸗Branch wies ſich als irrthümlich aus. Ungeachtet der lauernden Gefahren, womit die Waſſernire umgeben war, ſetzte ſie ihren Lauf mit einer Eile fort, die ſich noch vermehrte, als mit der Sonne der Wind ſich erhob, und ſo unbeſchädigt, daß Alle erſtaunten, welche die geheimen Schrecken ihres Weges zu würdigen wußten. Von Throgmorton ab trat eine Gefahr ein, die ſelbſt die Scharfſichtigkeit des Gefolges der meergrünen Dame zu nichte gemacht hätte, wenn nicht der Zufall ihnen zu Hülfe gekommmen wäre. Es iſt dieß an der Stelle, wo der wieder grad laufende Meeresarm ſich zu dem Baſſin des Sundes ausdehnt. Ein breiter einladender Weg liegt grade vor dem Schif⸗ fer, indeß ſich, den ſchmeichelnden Ausſichten des Lebens ähnlich, zahlloſe geheime Hinderniſſe ſammeln, um den Unwiſſenden und Ungewarnten in ſeinem Laufe aufzuhalten. Der Tummler der Meere war tief in alle Fährniſſe und Mißlichkeiten der Klippen und Seebänke eingeweiht. Den größten Theil ſeines Lebens hatte er damit zuge⸗ bracht, die einen zu vermeiden und über die andern hin⸗ weg zu ſchlüpfen. Sein Auge konnte ſcharf und ſchnell alle Anzeichen erkennen, die den Seefahrer vor ſolchen Gefahren warnen, ſo daß eine Unebenheit der Waſſer⸗ fläche oder ein tieferer Schatten in ihrer Färbung ſeiner Kerl bom⸗ ohne hat inen ſich ren, Lauf mit digt, hres ab des itte, dre. ende hnt. chif⸗ ens den ten. niſſe iht. ige⸗ hin⸗ nell hen ſe 88 iner — 199— Wachſamkeit kaum entging. Auf der Topſegelrae ſeiner Brigantine ſitzend, hatte er den Engpaß von dem Augen⸗ blick an überſchaut, als ſie glücklich durch das Thor waren, und die Befehle an ſeine Leute unten mit einer Genauig⸗ keit und Schnelligkeit gegeben, wie ſie der erfahrene Füh⸗ rer der Coquette ſelbſt nicht beſaß. Aber wie ſein Blick den weiten Waſſerraum umfaßte, der vor ihm lag, als ſein kleines Schiff ſich um das Vorgebirg von Throgmor⸗ ton herum wandte, hielt er ſo große Sorgfalt fuͤrder für unnöthig. Dennoch ergab ſich ihm Anlaß zur Vorſicht. Ein ſchwergeformter und träg ſegelnder Küſtenfahrer ging öſtlich keine Seemeile vor der Brigantine her, während eine der leichten Schaluppen dieſer Gewäſſer in weiter Entfernung von Weſten herkam. Ungeachtet beiden der Wind gleich günſtig war, wichen doch beide von der gera⸗ den Linie ab und ſteuerten nach einem gemeinſamen Mittelpunkte nahe bei einer Inſel, die weiter als eine engliſche Meile nördlich von der geraden Richtung ablag. Einem Seemanne wie der mit dem indiſchen Shawl, konnte die ſo augenfällige Andeutung einer Verſchieden⸗ heit im Thalwege des Canals nicht entgehen. Die Waſ⸗ ſernixe fuhr alſo ſeitwärts und ihre leichteren Segel ka⸗ men herunter, um den königlichen Kreuzer, deſſen obere Leinwand man deutlich über dem Lande ſah, näher rücken zu laſſen. Als nun die Coquette ebenfalls ſeitwärts bog, blieb kein Zweifel mehr, welche Richtung genommen wer⸗ den mußte, und jetzt war alles auf der Brigantine wie⸗ der auf's hurtigſte im Gang. Lange bevor ſie die Inſel erreichte, hatten die beiden Küſtenfahrer ſich begegnet und beide ihren Lauf geändert, ſo daß ſie grade ihre Richtung tauſchten. Es lag in dieſem Wechſel eine ſo deutliche Erklärung, als ein. Seefahrer ſie zur Beſtäti⸗ gung, daß er auf der rechten Straße ſey, nur wünſchen konnte. Die Inſel erreichend, begab ſich die Brigantine alſo grade in den Strich des Schooners und nachdem ſie faſt die Waſſerfläche gekreuzt hatte, paſſirte ſie den Kü⸗ ſtenfahrer und erhielt von ihm die mündliche Verſicherung, daß nun der Weg der Schiffahrt frei und ſauber ſey. Dieſes war die merkwürdige Durchfahrt, die dem Tummler der Meere unter vielen laurenden Gefahren des öſtlichen Canals gelang. Für die, welche ihm hier Schritt vor Schritt gefolgt ſind, durch alle Verwicklungen und Fährlichkeiten, mag nichts Außerordentliches in dem Ereigniß liegen, aber in der Verbindung mit den früheren Thaten des kühnen Seemanns, und in einem Zeitalter, wo die Menſchen geneigter waren als jetzt, an Wunder⸗ erſcheinungen zu glauben, wird der Leſer nicht erſtaunen, wenn er erfährt, daß dieß nicht allein ſeinen Ruf aus⸗ nehmender Kühnheit erſtaunlich erhöhete, ſondern auch keinen geringen Einfluß auf eine Anſicht übte, die im ge⸗ ringſten nicht ausnahmsweiſe gehegt wurde, nämlich daß der Schleichhändler ſichtbarlich von einer Macht begünſtigt werde, mit der es Königin Anna und ihre Getreuen nim⸗ mermehr aufnehmen konnten. Eilftes Kapite l, Du ſollſt mich bei Philippi wiederſehn. Shakſpeare. Der Commandant von Ihrer Großbrittaniſchen Ma⸗ jeſtät Schiff Coquette ſchlief dieſe Nacht in der Hängmat⸗ — 201— ten⸗Bekleidung des Verdecks. Ehe die Sonne unterging, verſchwand die leichte ſchnelle Brigantine, indem ſie der allmähligen Abdachung des Landes folgte, im öſtlichen Bord, und es war nicht länger die Frage, ſie durch Eile einzuholen. Noch immer ſtanden die Segel auf dem königlichen Kreuzer gehäuft, und lange, ehe Ludlow ſich in den Kleidern zwiſchen den Tauen des Kurzdecks nie⸗ derlegte, hatte das Schiff die breiteſte Stelle des Sun⸗ des erreicht und näͤherte ſich ſchon den Inſeln, welche unter dem Namen Race bekannt ſind. Dieſen ganzen langen und gefahrvollen Tag hindurch hatte der junge Seemann mit den Bewohnern ſeiner Ca⸗ jute keine Unterredung gepflogen. Die Dienerſchaft des Schiffes war hinein⸗ und herausgegangen, und obgleich die Thür ſelten aufging, ohne daß ſein Blick fieberiſch die⸗ ſelbe Richtung nahm, erſchien doch weder der Alderman, noch ſeine Nichte, noch der Gefangene, noch Francois oder die Negerin auf dem Verdeck. Wenn von ihnen irgend Jemand Antheil nahm an dem Erfolg der Jagd, ſo war dieß in ein tiefes und faſt geheimnißvolles Schwei⸗ gen gehüllt. Entſchloſſen, ſich in Kaltblütigkeit nicht über⸗ reffen zu laſſen, und von Gefühlen geſtachelt, die er bei allem ſeinem Stolze nicht bezwingen konnte, nahm unſer junger Seemann von dem bereits bezeichneten Ruheplatz Beſitz, ohne nur einen Schritt zu thun, um mit der Geſellſchaft wieder in Verbindung zu treten. Beim Eintritt der erſten Nachtwache wurden die Se⸗ gel gekuüͤrzt, und von dieſem Momente bis zu Tagesan⸗ bruch ſchien der Capitain in Schlaf verſunken zu ſeyn. Mit dem Erſcheinen der Sonne jedoch ſtand er auf, be⸗ fahl die Leinwand wieder zu ſpannen und ließ alles rich⸗ ten, um den Kreuzer von Neuem auf ſeinen Gegenſtand losgehen zu laſſen. Die Coquette erreichte die Race bei guter Zeit am Morgen, ſchoß mit der Ebbe durch den Paß, und war um Mittag vor Montauk. Kaum hatte die Coquette das Cap umfahren und einen 9 unkt erreicht, wo ſie die Lüfte und Wogen des atlantiſchen Meeres ſpürte, ſo wur⸗ den ihre Matroſen in die Höhe beordert, und zwanzig Augen beſchäftigten ſich ſorgſam mit Recognoscirung des Meeresſtrichs der Küſte. Ludlow erinnerte ſich des Ver⸗ ſprechens des Tummlers, ihn an dieſem Fleck zu treffen, und ungeachtet der Gründe, die der letztere muth⸗ maßlich haben konnte, dieſes Zuſammentreffen zu ver⸗ meiden, war doch der Einfluß des Freihändlers auf den jungen Capitain ſo groß, daß er allerdings die geheime Hoffnung nährte, derſelbe werde ſein Verſprechen halten. „Die Kuſte zeigt nichts,“ ſagte der junge Capitain in einem verdrießlichen Tone, als er das Fernrohr abſetzte; „und doch ſcheint der Umherſtreifer kein Mann zu ſeyn, der den Kopf in Furcht verbirgt.—“ „Furcht— das will ſagen, die Furcht eines Franzman⸗ ꝛes und gebührender Reſpect vor den Kreuzern Ihro Ma⸗ jeſtät ſind ſehr verſchiedene Dinge,“ erwiederte der Se⸗ gelmeiſter.„Ich nahm mein Lebtag keine Bandanna oder Bouteille Conjak mit ans Land, daß ich nicht dachte: jeder, der mir auf der Straße begegnet, ſteht die Flecken in der einen oder riecht den Geiſt der andern, aber ich legte mir dieſe Scheu nie anders aus, als auf einen ge⸗ wiſſen Verdacht in meinem Herzen, daß die Leute immer — 203— wüßten, wenn ein Mann auf unrechtem Wege iſt. Ich denke mir, daß einer Ihrer Rectoren, der im Lebensha⸗ fen mit einer fetten Pfründe gar ſchön vor Anker liegen mag, dieſes das Gewiſſen nennt. Ich aber bin zwar kein großer Logiker, Capitain Ludlow, doch kam es mir immer ſo vor, als ſey es eine natürliche Bekümmerniß meiner Seele geweſen, daß mir dieſe Artikel genommen werden könnten. Wenn dieſer Tummler der Meere her⸗ auskommt, um uns das Vergnügen einer neuen Jagd in ſtruppigem Waſſer zu bereiten, ſo iſt er gewiß kein ſo guter Schiedsrichter für den Unterſchied zwiſchen einem großen und einem kleinen Schiff, als wofür ich ihn hielt — und ich bekenne es, Herr, ich hätte größere Hoffnung⸗ daß wir ihn fingen, wäre das Weibsbild unterm Bug⸗ ſpriet nur einmal verbrannt.“ „Die Küſte zeigt nichts!“ „Das thut ſie freilich nicht, und der Wind hier ſteht ſud⸗halb⸗ſüud. Das Stuͤckchen Waſſer, das wir paſſirt haben, zwiſchen jener Inſel und dem Feſtlande, zahlt Bai an Bai, und indeß wir hier im offenen Meere auf ihn paſſen, mögen die durchtriebenen Schurken in einem der funfzig guten Baſſins, die zwiſchen dem Cap und dem Platz liegen, wo wir ihn aus dem Geſicht verloren, luſtig ihren Handel treiben. Auch können wir nicht wiſ⸗ ſen, ob er nicht wieder weſtlich gegangen iſt in den Nacht⸗ wachen und in dieſem Augenblick ins Fäuſtchen lacht, daß er einen Kreuzer ſo bei der Naſe herumgeführt hat.“ „Allerdings iſt viel Wahres in dem was Ihr ſagt, Tryſail, denn wenn der Tummler uns nun vermeiden will, ſo hat er die Mittel dazu in ſeiner Gewalt.“ — 204— „Segel, ho!“ ſchrie der Mann, der auf der Mittel⸗ Top⸗Gallant⸗Rae recognoscirte. „Wohinaus?“ „Weit am Wetterbaum, Herr; hier unter der leich⸗ ten Wolke, die ſich grade voin Waſſer erhebt.“ „Könnt Ihr das Takelwerk erkennen?“ „Mein Sir, der Burſche hat recht!“ unterbrach der Segelmeiſter die Meldung.„Die Wolke ließ es nicht erkennen, aber hier iſt es, ganz recht; ein voll aufgeta⸗ keltes Schiff unter leichter Leinwand, das Vordertheil nach Weſten!“ Ludlow ſah lange, aufmerkſam und ernſthaft durchs Feryrohr.“— „Wir ſind zu ſchwach, es mit einem Fremden aufzu⸗ nehmen,“ ſagte er, indem er das Inſtrument an Tryſail zurückgab.„Ihr ſeht, er hat nichts aufgeſetzt als ein Oberſegel, mit denen ein Kauffahrer bei ſolchem Winde nicht auskommt! Der Segelmeiſter war ſtumm, aber ſein Blick in die Ferne war noch länger und ernſter als der des Capitains. Als er genug geſehen hatte, muſterte er mit mißtraui⸗ ſchem Blick die verminderte Mannſchaft, die neugierig nach dem fernen Schiff ausſchaute, das durch eine Aen⸗ derung in der Richtung der Wolke jetzt immer deutli⸗ cher wurde; dann antwortete er leiſe: „S iſt ein Franz oſe, oder ich bin ein Wallſiſch. Man ſteht es deutlich an ſeinen kurzen Raen und Aufrichtung der Segel; und weiter , iſt es ein Kreuzer, denn bein Schiff, das auf Profit ausgeht, läge ſo dort unter kur⸗ zer Leinwand mit dem Hafen eine Tagreiſe davon.“ tel⸗ „Das iſt auch meine Anſeht; wollte doch der Him⸗ mel, daß unſre Leute alle hier wären! Es iſt eine gar ſo kleine Mannſchaft, um einem Schiff was zu bieten, deſſen Stärke der unſrigen wohl gleichkommen wird. Wie viel können unſer denn ſeyn!“ „Noch keine ſiebenzig; eine ſchlechte Bemannung für vierundzwanzig Kanonen, mit Raen, die ſo viel Häͤnde brauchen.“ „Und doch darf der Hafen nicht inſultirt werden! Man weiß es, daß wir an dieſer Küſte ſind.—“ „Sie bemerkten uns!“ unterbrach ihn der Segelmei⸗ ſter.—„Der Kerl wird munter und ſetzt ſeine Topgal⸗ lant⸗Segel auf.“ Es blieb jetzt keine Wahl mehr zwiſchen ſchneller Flucht und Rüſtung zum Kampfe. Erſtere wäre noch ein leichtes geweſen, denn in einer Stunde konnte das Schiff hinterm Cap ſeyn, aber das letztere war weit mehr in Uebereinſtimmung mit dem Geiſte des Dienſtes, dem die Coquette angehörte. Es wurde daher der Befehl ge⸗ geben:„all Hände Schiff zum Kampfe rüſten.“ Es lag ganz in der furchtloſen Art der Seeleute, daß ſie bei die⸗ ſem Aufgebot frohlockten, denn Muth und Erfolg gehen Hand in Hand, und lange Vertrautheit mit dem letz⸗ teren verlieh ſchon in jenen frühen Tagen den See⸗ fahrern Großbritanniens und ſeiner Colonien ein Ver⸗ trauen, das oft an Verwegenheit gränzte. Der Be⸗ fehl, ſich zum Kampfe zu rüſten, wurde von der ſchwa⸗ chen Mannſchaft der Coquette mit derſelben Freude aufge⸗ nommen, wie ſo oft, wenn ihre Verdecke mit der gehö⸗ rigen Zahl gefüllt waren, um der Ausrüſtung vollen Nachdruck zu geben, obgleich einige der alteren und er⸗ fahreneren Seeleute, Manner, bei denen die Zeit das Vertrauen geſchwächt hatte, bedenklich den Kopf ſchüttel⸗ ten, als zweifelten ſie an der Klugheit des beabſichtigten Kampfes. Welche geheime Zweifel auch Ludlow ſelber nahrte, als der Charakter und die Stärke ſeines Feindes deut⸗ lich ausgemittelt waren, er verrieth wenigſtens keine Un⸗ ſchlüſſigkeit von dem Augenblicke an, wo die Entſcheidung getroffen zu ſeyn ſchien. Er ertheilte nun mit jener Ruhe, Klarheit und Schnelligkeit, die wohl die erſten Tugenden eines Schiffscapitains ſind, alle nöthigen An⸗ weiſungen. Die Raen wurden in Ketten geſchlungen, die Stangen zum Ausſpannen der Segel kamen hinab, die hohen Segel wurden zuſammengewickelt, kurz alle Vorbereitungen, die damals üblich waren, geſchahen mit der gehörigen Gewandtheit und Schnelligkeit. Dann wirbelte die Trommel zum Dienſt, und als jetzt die Mannſchaft auf ihren Poſten war, hatte der junge Com⸗ mandant die beſte Gelegenheit, über den wahren Beſtand ſeines Schiffes zu urtheilen. Er rief den Segelmeiſter und beſtieg das Hintertheil, um mit ihm zu reden, ohne ſo leicht wie unten überhört zu werden, zu gleicher Zeit aber die Manoeuvres des Feindes beſſer zu beobachten. Der Fremde hatte, wie Tryſail bemerkte, plötzlich ſein Schiff auf dem Topf herumgedreht und das Vor⸗ dertheil nach Norden geſtellt. Die Aenderung des Lau⸗ fes brachte ihn vor den Wind, und da er gleich alle Lein⸗ wand, die nur ziehen wollte, ſpannte, näherte er ſich raſch. In der Zeit, die an Bord der Coquette mit Zuruüſtung 2 hinlief, war ſein Rumpf ſo zu ſagen aus dem Waſſer geſtiegen, und Ludlow und ſein Gefährte brauchten auf ihrem Hintertheil nicht lange, um an dem Strich der weißen Färbung, mit Stückpforten verſehen, mit unbe⸗ waffnetem Auge das Kriegsſchiff zu erkennen. Da der Kreuzer der Königin Anna dem fremden Schiffe entge⸗ genfuhr, ſo brachte eine halbe Stunde weiter ſie ſchon ſo nahe, daß ſie einander in ihren Eigenſchaften und ihrer Stärke ſchon ſchätzen konnten. Der Fremde kam dann in den Wind und machte ſeine Rüſtungen zu Kampfe. „Der Kerl zeigt einen kühnen Muth und eine warme Batterie,“ bemerkte der Segel⸗Meiſter, als die volle Lage ihres Feindes durch die Umdrehung ſichtbar wurde.„Sechs⸗ undzwanzig Zähne zähle ich! doch der Augenzahn muß ihm fehlen, ſonſt würde er nicht ſo tollkühn ſeyn, auf dieſe freche Art Ihro Majeſtät Schiff Coquette zu trotzen! Ein ſchön gearbeitetes Boot, Capitain Ludlow, und hur⸗ tig genug in ſeinen Bewegungen. Aber ſeine Oberſegel! wie man ſichs denken konnte, alles mit kaum merklicher Spitze aufgeſetzt. Ich will nicht läugnen, daß der Rumpf ganz ſauber iſt, denn das iſt nur Zimmermanns⸗Arbeit, aber was das Takelwerk, das Gleichgewicht, den Schnitt der Segel betrifft, wie ſollte da ein l'Orient oder Bre⸗ ſter verſtehen, was dazu gehört! Es geht doch nichts über ein gutes geſundes engliſches Topſegel, es iſt weder zu eng oben, noch zu tief im Zug, hat ein gutes Tau, nicht zu groß, nicht zu klein, Bänder und Ohren und Buglei⸗ nen, als wäͤren ſie dran gewachſen, und Flächen, die we⸗ der Natur noch Kunſt beffer machen kann. Da erlauben ſich denn die Amerikaner Veranderungen in der Bauart, — 208— in dem Stangenwerk, als ob ſte etwas dabei gewönnen, wenn ſie die Gebrauche und Anſichten ihrer Vorfahren än⸗ dern. Jedermann ſieht den amerikaniſchen Schiffen an, daß alles, was an ihnen noch irgend etwas nutz iſt, nach eng⸗ liſcher Art gemacht iſt, indeß all ihr Unſinn und neumo⸗ diſches Zeug nur aus ihrem dummen Hirn hervorkömmt.“ „Und doch, Meiſter Tryſail, kommen ſie auch weiter,“ verſetzte der Capitain, der zwar ein guter Engländer war, aber ſein Vaterland dabei nicht aus den Augen ſetzte; „und dieſes Schiff, eins der ſchönſten Modelle von Ply⸗ mouth, iſt ſchon lange gebaut, um unter den Küſtenfah⸗ rern dieſer Meere hin und her zu ſtöbern. Da haben wir aber die Brigantine, die uns ausgelacht hat, trotz unſerm beſten Stand und ſammt unſerm Winde.“ „Man kann nicht ſagen, wo die Brigantine gebaut iſt, Capitain Ludlow. Es kann da, es kann dort ſeyn, denn ich ſehe ſie als eine noch nicht beſtimmte Species an, wie der ſelige Admiral Top die Gallioten der nördli⸗ chen Seen zu nennen pflegte— aber, was den neuen amerikaniſchen Schnitt betrifft, zu was ſollte der dienen, Capitain Ludlow? Zum erſten iſt er weder engliſch noch franzöſiſch, was ſo viel ſagen will, als, er iſt ganz auslän⸗ diſch, zum zweiten ſtört er die Harmonie und die herge⸗ brachte Ordnung bei den Zimmerleuten und Seilern, und, mögen die Fahrzeuge denn auch ganz gut laufen, ſo will ich doch nicht dafür ſtehen, daß ihnen nicht früher oder ſpäter was geſchieht. Es iſt gegen alle Vernunft, anzu⸗ nehmen, ein neues Volk könnte irgend etwas in dem Bau eines Schiffs erfinden, was dem Scharfblick von Seemän⸗ nern entgangen waͤre, die ſo alt— der Franzmann löſt — 2909— die Topgallant⸗Segel auf und will ſie hängen laſſen, nun das iſt ſo viel, als gleich das Urtheil über ſie ſprechen laſſen,— darum bin ich der Meinung, daß alle dieſe neuen Moden nichts taugen.“ „Euer Rsiſonnement iſt ſehr triftig, Meiſter Tryſail,“ erwiederte der Capitain, deſſen Gedanken anderweitig be⸗ ſchäftigt waren.„Ich ſtimme Euch bei, es wäre beſſer auch für den ſtärkſten, ſeine Raen herunter zu thun.“ „Es iſt doch ſchön und ritterlich anzuſchauen, wie ſich ein Schiff aufſchürzt, wenns endlich zum Treffen kömmt. Es iſt wie ein Borxer, der ſeinen Rock auszieht, um deſto wackrer drauf los zu keilen.— Der Kerl bläht ſich wie⸗ der und will mavoeuvriren, ehe er an die Arbeit geht.“ Ludlows Blicke wurzelten unausgeſetzt auf dem Frem⸗ den. Er ſah, daß der Augenblick ernſter Dinge gekom⸗ men ſey, bat Tryſail, das Schiff in ſeinem Lauf zu hal⸗ ten, und ſtieg zum Kurzdeck hinab. Einen Moment nur blieb der junge Commandant ſtehen, die Hand auf die Klinke der Cajüte gelegt, dann trat er, mit Ueberwin⸗ dung der Abneigung, ins Gemach. Die Coquette war nach damaliger Modeform gebaut, die, der Unbeſtändigkeit zufolge, der auch die Schiffsbau⸗ kunſt unterworfen iſt, nun für Schiffe dieſer Größe wie⸗ der in die Mode kommt. Die Bequemlichkeitszimmer des Commandanten befanden ſich mit den Batterien des Schiffs auf einem Verdeck, und enthielten oft zwei, ſogar auch vier Geſchützſtücke. Als Ludlow in ſeine Cajüte trat, fand er Mannſchaft um eine Kanone ſtehend., die nach der Seite des Feindes hinausſah, und dabei alle gewöhn⸗ lichen Zurüſtungen zum Kampfe vornehmen. Das Staats⸗ 61— 63. 14 — 210— zimmer dahinter und das kleine Gemach zwiſchen ihnen, war geſchloſſen. Als er ſich umſah und die Schiffszim⸗ merleute in Bereitſchaft traf, gab er ihnen das Zeichen, die Verſchlage abzuſchlagen und das ganze Uebungsfeld des Schiffes in eins zu legen. Wahrend ſie dieſes vor⸗ nahmen, trat er in die hintere Cajute. Alderman Van Beverout und ſeine Gefährten ſaßen beiſammen, augenſcheinlich in Erwartung des Beſuches, der nun kam. Ludlow ging ruhig an Erſterem vorbei, näherte ſich ſeiner Nichte, nahm ſie bei der Hand und füuhrte ſte zum Kurzdeck, indem er ihrer Dienerin ein Zeichen gab, daß ſie folgen ſolle. Er ſtieg mit⸗ ihnen in. die Tiefe des Schiffes hinab und ſuhrte ſie zu einem Theil des Berth⸗Decks, das unter der Waſſerlinie und von der Gefahr ſo entfernt lag, als nur immer möglich, ohne daß man die uüble Luft der untern Raume athmete, oder Dinge zu Geſicht bekam, die Perſonen des andern Geſchlechtes furchterlich ſeyn mußten „Hier iſt ſo viel Sicherheit, als ein Kriegsſchiff, in einem Augenblick wie der gegenwärtige, nur immer bie⸗ ten kann,“ ſagte er, als ſeine Gefahrtin ſich ſchweigend auf eine Vorrathskiſte ſetzte„Verlaſſen Sie um keinen Preis dieſen Ort, bis ich— oder ein Anderer Ihnen angezeigt, daß es ohne Gefahr geſchehen könne.“ „Alida hatte ſich dem Hinwegfuhren gefugt, ohne eine Frage zu thun. Obgleich ſie die Farbe wechſelte, bemerkte ſie doch die geringen Anſtalten zu ihrer Bequemlichkeit, Aufmerkſamkeiten, ohne welche der junge Seemann ſie nicht ſo ſchweigend verlaſſen konnte. Als aber ihr Füh⸗ rer im Begriff ſtand, ſich zuruckzuziehen, entſchlupfte ſein — 211— Name ihren Lippen, eine Ausrufung, welche die unwill⸗ kührliche Folge ſeiner Eile zu ſeyn ſchien. „Kann ich noch etwas thun, um Ihre Beſorgniſſe zu beſchwichtigen?“ fragte der junge Mann, und indem er ſich nach ihr umdrehte, vermied er, ſie anzuſehen.„Ich kenne Ihre Geiſtesgröße und weiß, daß Sie eine Stand⸗ haftigkeit beſitzen, die uber dem Muth Ihres Geſchlechtes ſteht, ſonſt wagte ich nicht, Ihnen die Gefahr ſo deutlich zu bezeichnen, die einen ſelbſt hier verfolgt, wenn man der Selbſtbeherrſchung und Vernunft ermangelt, welche die Aufregungen der Furcht unterdrücken ſollen.“ „Ungeachtet dieſer edlen Auslegung meiner Sinnes⸗ art, bin ich doch nur ein Weib, Ludlow.— „Ich hielt Sie nicht fuür eine Amazone,“ erwiederte der junge Mann lächelnd, als er ſah, daß ſie die weitere Rede mit Gewalt zuruückhielt.„Alles, was ich von Ihnen erwarte, iſt der Triumph der Vernunft uber weibliche Furchtſamkeit. Ich verhehle es nicht, daß die Parthie fur uns ungleich ſteht— ja daß die Wahrſcheinlichkeit ſehr gegen uns iſt; doch der Feind ſoll den Beſitz mei⸗ nes Schiffes wenigſtens theuer bezahlen! Es wird dar⸗ um nicht ſchlechter vertheidigt werden, Alida, indem ich mir ſage, daß Deine Freiheit und Deine Wohlfahrt von unſern Anſtrengungen abhangt.— Wollten Sie noch ſonſt etwas ſagen?“ La belle Barberie kämpfte mit ſich und wurde dann ruhiger, wenigſtens äußerlich. „Es herrſcht ein ſeltſames Mißverſtändniß zwiſchen uns, und doch iſt dieß kein Moment zu Bekenntniſſen! Ludlow, ich mögte Sie in einem Augenblick, wie der ge⸗ 3 14* — 212— genwärtige, nicht mit dieſem kalten vorwurfsvollen Blick von mir ſcheiden ſehen!“ Sie verſtummte. Als der junge Mann die Augen zu erheben verſuchte, ſah er das ſchöne Maͤdchen da ſte⸗ hen, die eine Hand nach ihm ausgereckt, als ſey ſie zum Zeichen und Pfande der Freundſchaft geboten, während der Karmin der Wangen und der hingebende, doch halb abgewandte Blick die weibliche Sittſamkeit vertrat. Er ergriff die Hand und antwortete haſtig.— „Es war eine Zeit, wo dieſe Bewegung mich glücklich gemacht hätte.—“ Der junge Mann hielt inne, denn ſein Blick haftete unwillkührlich auf den Ringen der Hand, die er hielt. Alida verſtand dieſen Blick, zog einen der Steine vom Finger und bot ihn mit einem Lächeln an, das unwider⸗ ſtehlich wie ihre Schönheit war. „Einen von dieſen kann ich entbehren,“ ſagte ſie. „Nimm ihn Ludlow, und wenn Deine jetzige Pflicht gethan iſt, gieb mir ihn zurück, als ein Zeichen meines Verſprechens, daß keine Aufklärung, die von mir verlangt werden darf, vorenthalten werden ſoll.“ Der junge Mann nahm den Ring und zwängte ihn an ſeinen kleinſten Finger, mechaniſch und mit wildem Blick, welcher zu fragen ſchien, ob von denen, die an ihrer Hand blieben, keiner ein ſtörendes Pfand der Treue ſey. Wahrſcheinlich hätte er das Geſpräch fortgeſetzt, wenn nicht grade auf Seiten des feindlichen Schiffes ein Schuß gefallen wäre. Dieſer erinnerte ihn wieder an die ernſtere Angelegenheit der Stunde. Schon mehr als halb entſchloſſen, alles zu glauben, was er wunſchen — 213— mochte, drückte er die ſchöne Hand, die ihm die Gabe ge⸗ reicht, an ſeine Lippen und ſtürzte aufs Verdeck. „Der Mosjeh fäangt an, ſich mauſig zu machen,“ ſagte Tryſail, der das Hinabgehen ſeines Commandan⸗ ten in dieſem ganz beſonders kritiſchen Zeitpunkt und zu ſolchem Zweck mit großem Mißvergnugen bemerkt hatte.„Obgleich der Schuß zu kurz war, iſt es doch zu viel, einem Franzoſen die Ehre des erſten Worts gelaſſen zu haben.“. „Er hat bloß die Wetterkanone gegeben, das Sig⸗ nal der Ausforderung. Laßt ihn nur herabkommen, er ſoll uns nicht vor ihm fliehen ſehen!“ „Nein, wahrlich, dafür ſind wir zu gut beſtellt!“ent⸗ gegnete der Segelmeiſter, indem er wohlgefällig lachend die halb nackten Stangen und den leichten Apparat be⸗ trachtete, auf die er das Schiff reducirt hatte.„Wenn das Rennen unſer Fach iſt, ſo haben wir beim Beginn der Jagd eine falſche Bewegung gemacht. Dieſe Topſe⸗ gel und ſo weiter, bilden ein Geräth, das mehr für den feſten Sitz als für die Eile taugt. Nun, mag jetzt kom⸗ men was da will, ich bleibe Segelmeiſter, und nicht der beſte Herzvg in England hat Macht, mich meines Antheils an dieſer Ehre zu berauben!“ „Mit dieſem Troſt fuͤr ſeine hoffnungsloſe Lage in Bezug auf Avancement ging der alte Seemann dahin und unterſuchte den Zuſtand des Schiffes mit kritiſchem Auge, während ſein junger Commandant, der einen Blick auf ihn geworfen hatte, ſeinen Gefangenen und den Al⸗ derman aufforderte, ihm zum Hintertheil des Schiffes zu folgen. — 214— „Ich will nicht nach den zarten Banden fragen, die Euch mit Einigen auf dieſem Schiff verbinden,“ begann Ludlow, indem er ſich an Seadrift wandte, und dabei den Blick auf die neue Gabe Alidas heftete,„doch daß dieſe Bande ſtark ſeyn muſſen, iſt aus dem Antheil er⸗ ſichtlich, den ſie an Euerm Schickſal nehmen. Einer, den man ſo ehrt, ſollte einen gewiſſen Werth auf ſich ſelber ſetzen. Wie viel Ihr gegen die Geſetze geſundigt, dar⸗ nach will ich nicht fragen; aber hier bietet ſich jetzt eine Gelegenheit, etwas davon in der öffentlichen Gunſt aus⸗ zuwetzen. Ihr ſeyd ein Seemann und beduürft keines Winkes, daß mein Schiff gegenwärtig nicht ſo ſtark be⸗ mannt iſt, als wir wunſchen, und daß uns die Dienſte jedes guten Britten willkommen ſind Uebernehmt die ſechs Kanonen, und glaubt mir auf mein Wort, daß Euer Eifer für die Flagge nicht unbelohnt bleiben wird.“ „Ihr müßt wohl meinen Beruf mißkennen, edler Capitain,“ verſotzte der Schleichhändler, indem er ein wenig lachte.„Ich bin zwar von der See, doch mehr an die ſtillen Breiten, als an dieſe Wirbelwinde des Kriegs gewöhnt. Ihr habt die Brigantine unſrer Herrin be⸗ ſucht und mußt alſo geſehen haben, daß ihr Tempel mehr dem Heiligthum des Janus als dem des Mars gleichſteht. Von dem Verdeck der Waſſernire grinzt keine ſolche Ar⸗ tillerie wie hier.“ Ludlow hörte ihn erſtaunt an, Verwunderung, Ungläu⸗ bigkeit und Verachtung wechſelten in den aufgeregten Zügen., „Das iſt eine unziemliche Sprache für einen Eures Berufs,“ ſagte er, indem er es kaum für nöthig hielt, die gann abei daß er⸗ den lber dar⸗ eine aus⸗ ines be⸗ nſte die daß d.“ dler ein an egs be⸗ ehr eht. Ar⸗ äu⸗ ten res et, die Verachtung zu verbergen, die er empfand.„Erkennt Ihr dieſe Fahne als die Eure an— ſeyd Ihr ein Eng⸗ länder.“ „Ich bin ein Menſch, wie der Himmel mich geſchaf⸗ fen— beſſer zum Zephir, als für den Sturmwind ge⸗ macht,— beſſer furs Scherzen als furs Kriegsgeſchrei— beſſer für Tollheiten, als fur trubſeliges Hinbruten.“ „Iſt das der Mann, deſſen Name für die Unerſchrok⸗ kenheit zum Sprüchwort geworden!— der unverzagte, furchtloſe, in Liſten geubte Tummler der Meere!“ „Der Norden iſt nicht weiter vom Süden entfernt, als ich von ihm, in allen den Eigenſchaften, die Ihr ſucht! Es war nicht meine Pflicht, Euch die Augen zu öffnen und zu ſagen, von welchem Werth Euer Gefan⸗ gener ſey, während der, welcher für unſere Herrin mit Gold nicht aufgewogen werden kann, noch immer an der Kuſte weilt. Weit entfernt, der zu ſeyn, den Ihr mich nennt, tapferer Capitain, mache ich auf nichts Anſpruch als einer ſeiner Unterhändler zu ſeyn, der bei einiger Er⸗ fahrenheit in dem eigenſinnigen Geſchmack der Damen, ſeine Waaren der weiblichen Einbildungskraft ein bischen anzupreiſen verſteht. Obgleich ich ein nutzloſes Geſchöpf bin, wo es gilt, Beleidigungen zu rächen oder zuzufugen, ſo getraue ich mir gute Kraft zum Tröſten zu. Erlaubt, daß ich die Furcht der belle Barberie, während des nun kommenden Tumuſtes beſchwichtige, und Ihr werdet geſtehen, daß Wenige in dieſem dankbaren Geſchäft ſo bewandert ſind.“ „Tröſte Du wen, wo und was Du willſt, elendes Zerrbild von Mannheit!— doch halt, in dieſem lauern⸗ — 216— den Lächeln und verrätheriſchen Auge liegt mehr Schalk⸗ heit als Furchtſamkeit verſteck:!“ „Glaube keinem von beiden, großmüthiger Capitain! Auf Treue und Glauben einer Perſon, die nöthigenfalls auch aufrichtig ſeyn kann, die Furcht iſt mir jetzt ſehr nahe, was auch die ungehorſamen Glieder ſagen mögen. Es iſt mir eher weinerlich zu Muthe, als daß ich für einen Ritter gelten könnte!“ Ludlow hörte dieſe Rede verwundert an. Er hatte den einen Arm erhoben, um das Zurücktreten des jun⸗ gen Seemannes zu verhindern, und mit einer ganz na⸗ türlichen Bewegung glitt ſeine Hand an dem ergriffenen Arme hin, bis er die Hand Seadrifts faßte. Sowie er die ſanfte unbedeckte Hand berührte, fuhr ein Gedanke, ſo neu als plötzlich, durch ſeinen Sinn. Er trat einen bis zwei Schritte zurück und muſterte die leichte gewandte Geſtalt des Freihändlers von Kopf bis zu Fuße. Die Wolke der Melancholie, die ſeine Stirn umlagerte, ging in unverſtell⸗ tes Staunen über, und nun zum Erſtenmal kam ihm die Stimme des Schleichhändlers in der Erinnerung ſanfter und melodiſcher vor, als er ſie an Männern gewohnt war. „Sicher biſt Du nicht der Tummler der Meere!“ rief er, als er die kurze Muſterung beendigt hatte. „Nichts iſt gewiſſer. Ich bin in dieſem rauhen Spiel von keinem Werth; doch, wäre der ritterliche Seemann hier,“ die Wangen Seadrifts farbten ſich höher, als er ſprach,„ſein Arm und ſein Rath würden ein ganzes Heer aufwiegen! O, ich habe ihn in Scenen von größerer Be⸗ deutung, als dieſe iſt, geſehen, wo die Elemente ſich mit weit anderen Gefahren verſchworen hatten. Das Beiſpiel — 217— ſeiner Standhaftigkeit und Geiſtesgegenwart gab auch dem ſchwächſten Herzen auf ſeiner Brigantine Troſt! Nun er⸗ laubt Ihr mir wohl, der furchtſamen Alida Troſt einzu⸗ ſprechen.“ „Ich würde ihren Dank wenig verdienen, wenn ich die Bitte abſchlüge,“ erwiederte Ludlow.„Geh, muntrer, galanter Meiſter Seadrift. Wenn der Feind Deine An⸗ weſenheit auf dem Verdeck ſo wenig fürchtet, wie ich die bei der belle Barberie, ſo ſind Deine Dienſte hier oben wirklich unnütz!“ Seadrift erröthete, kreuzte demüthig die Arme über die Bruſt, verbeugte ſich zum Weggehen, doch ſo zweideu⸗ tig, daß er dem ſcharf aufmerkenden jungen Capitain ein Lächeln abnöthigte, ſchlüpfte dann an ihm vorbei und ver⸗ ſchwand in einer der Lucken. Das Auge Ludlows folgte der gewandten anmuthsvol⸗ len Geſtalt, ſo lange er ſie ſehen konnte, dann blickte er den Alderman an, als wollte er fragen, wie weit er mit dem wahren Charakter dieſer Perſon bekannt ſey, die für ihn ſelbſt die Quelle ſo vieler Leiden geweſen. „Habe ich wohl gethan, in dieſem Fall der Noth einen Unterthan der Königin Anna vom Dienſte zu ſuſpendiren?“ fragte er, als er bemerkte, daß entweder das Phlegma oder die Selbſtbeherrſchung Mynderts ihn gegen Beobachtung ſicherte.— „Man könnte den Jungen Kriegs⸗Contrebande nen⸗ nen,“ verſetzte der Alderman, ohne eine Miene zu verzie⸗ hen;„ein Artikel, der bei ſtillem Wetter höher im Preiſe ſtehen mag, als auf einem ſtürmiſchen Markte. Kurz, Ca⸗ pitain Cornelius Ludlow, dieſer Meiſter Seadrift wird — 218— Eurer Abſicht bei einem Kampfe durchaus nicht ent⸗ ſprechen.“ 2 „Und ſoll dieſes Beiſpiel von Heldenmuth ſich noch weiter erſtrecken, oder darf ich auf den Beiſtand des Herrn Alderman Van Beverout rechnen? Er genießt den Ruf eines ergebenen Unterthans.“ „Was die Ergebenheit betrifft,“ erwiederte der Al⸗ derman,„ſo mag's damit bei dem Toaſt unſerer Stadt⸗ mahlzeiten:„Gott ſegne die Königin“ ſo ziemlich ſein Verbleiben haben. Ein guter Wunſch iſt noch kein koſt⸗ barer Dank für den Schutz ihrer Flotten und Heere, und ſomit wünſche ich Ihr und Euch von ganzem Her⸗ zen Glück gegen den Feind Doch bin ich noch nie als Bewunderer jener Manier aufgeſtanden, wie die Ge⸗ neralſtaaten des Beſitzes ihrer Territorien auf dieſem Feſtland entſetzt wurden, Meiſter Ludlow, und darum entrichte ich den Stuarts nicht mehr, als ich grade vor dem Geſetz muß.“ „Das hieße ſo viel, als Sie wollen dem muntern Schleichhändler helfen, einem Weibe beizuſtehen, deſſen, Seele über ſolche Hülfe erhaben iſt.“ „Nicht ganz ſo, junger Herr.— Wir Leute vom Handel lieben neue Anſchößlinge in den Büchern zu ſe⸗ hen, ehe wir die Rechnungen ſchließen. Welches nun auch mein Glaubensbekenntniß rückſichtlich der regierenden Dy⸗ naſtie iſt: eine Sache, die Gegenſtand des Vertrauens zwiſchen uns iſt, und keine Munze, die in fremde Hände gehen ſoll: ſo iſt doch meine Liebe für den grand Mo- narque noch weit geringer. Ludwig iſt im Streit mit den Vereinigten Provinzen, ſo gut wie mit unſerer gnat eine dem unſi pfeif pagt tern Ehr hatt des 1 rige vom den. mac tem weit zwif mötg täu noff bed die wel auf Zu den Pe⸗ — 219— gnaͤdigſten Königin und ich ſehe nichts böſes darin, mich einem ſeiner Kreuzer zu widerſetzen, da ſie gewißlich dem Handel Schaden und die Waarenzahlungen noch unſichrer machen. Ich habe ſeiner Zeit auch Geſchütz pfeifen hören, als ich in meinen jungen Tagen eine Com⸗ pagnie Stadtfreiwilliger auf manchem Marſch und Con⸗ termarſch um das Bowling⸗Green führte, und für die Ehre eines Second⸗Vormundes der guten Stadt Man⸗ hattan bin ich nun zu zeigen bereit, daß die Kunſtgriffe des Berufes mir nicht ganz fremd geworden ſind.“ „Das war eine ritterliche Antwort, und wenn gehö⸗ rige Standhaftigkeit ſie ſtutzt, ſo ſoll nach den Gründen vom Commandanten weiter nicht zudringlich gefragt wer⸗ den.— Der Officier iſt es, der das Schiff zum Sieger macht, denn wenn er ſeine Pflicht verſteht und mit gu⸗ tem Beiſpiel voran geht, ſo braucht's keine Beſorgniß weiter wegen der Leute. Wählen Sie, ſich Ihren Platz zwiſchen dieſen Kanonen und wir wollen dann unſer möglichſtes thun, um die Diener Ludwigs dort zu ent⸗ täuſchen, ſey es nun als Engländer oder als Bundesge⸗ noſſen der ſieben Provinzen.“ Myndert ſtieg auf's Quarterdeck hinab, hing wohl⸗ bedächtig ſeinen Rock an den Schiffshaspel, vertauſchte die Perucke mit dem Schnupftuch, zog die Schnalle feſt, welche die Stelle der Hoſenträger vertrat und ſchielte auf die Reihe Kanonen mit einer Miene hin, die den Zuſchauer üͤberzeugen konnte, daß er ſich wenigſtens vor dem Zurückprallen des Geſchützes nicht fürchte. Alderman Van Beverout war eine viel zu wichtige Perſon, als daß ihn nicht die meiſten Leute gekannt hat⸗ — 220— ten, welche die gute Stadt New⸗York beſuchten, wo er Magiſtratsperſon war. Seine Anweſenheit machte daher auf die Mannſchaft, die größtentheils Eingeborne der Colonie waren, einen heilſamen Eindruck; Einige ließen ſich durch Sympathie beſtimmen, indem ſie ein ſo herzliches und ermuthigendes Beiſpiel vor ſich ſahen, während auch einige Wenige ſeyn konnten, welche die Gefahr geringer achteten, als ſie ſahen, daß ein ſo rei⸗ cher Mann, der doch gewiß alle Urſache hatte, für die Sicherheit ſeiner Perſon Sorge zu tragen, ſich gleichgül⸗ tig mit in die Reihe ſtellte. Dem ſey, wie ihm wolle, der Bürger wurde mit einem Hurrah bewillkommt, das eine kurze aber markige Anrede von ſeiner Seite zur Folge hatte, worin er die Waffengefährten ermahnte, ihre Pflicht auf eine Art zu thun, die den Franzoſen lehre, künftighin dieſe Küſte unbeſucht und unbeläſtigt zu laſſen, dabe; ſich aber aller jener Gemeinplätze ent⸗ hielt, worin auf König und Vaterland angeſpielt wird, ein Feld, auf dem er ſeine Schwaͤche zu gut fuͤhlte, um ſich darauf zu wagen. „Denke ſich ein Jeder die Gründe zum Muth, die ſeinen Gewohnheiten und Anſichten die angenehmſten ſind,“ ſo ſchloß dieſer Nachahmer der alten Hannibale und Scipionen;„denn das iſt die ſicherſte und kürzeſte Art, ſeine Seele in einen Zuſtand von Hartnäckigkeit zu verſetzen. In meinem Fall fehlt es nicht an Grün⸗ den und ich glaube gewiß, jeder von Euch wird hinrei⸗ chende Urſache haben mit Herz und Hand in dieſes Tref⸗ fen zu gehen. Proteſte und Credit! was wollte aus dem beſten Hauſe der Colonie werden, würde ſein Prin⸗ — 221— zipal als Gefangener nach Breſt oder 1Orient geführt. Es würde wohl die ganze Stadt in Nachtheil bringen. Ich will Eurem Patriotismus mit einer ſolchen Applica⸗ tion nicht vorgreifen, vielmehr kecklich annehmen, daß Eure Herzen entſchloſſen ſind, wie das meinige, bis aufs Letzte kräftigen Widerſtand zu leiſten, denn dieß iſt eine Sache von allgemeinem Intereſſe, wie es alle Fragen von commerzieller Natur durch ihren Einfluß auf Glück und Wohlſtand der bürgerlichen Geſellſchaft werden?“ Nachdem er die Anrede auf eine ſo paſſende und anregende Weiſe beendigt hatte, räuſperte ſich der wür⸗ dige Bürger mit lauter Stimme und ſchwieg dann, wie bisher, ſeines eignen Beifalls gewiß. Wenn die Rede Mynderts zu ſehr den Anſtrich ausſchließlicher Berück⸗ ſichtigung ſeiner eignen Intereſſen hatte, ſo mag der Leſer zugleich beachten, daß durch dieſe Concentration der Individualität der größte Theil kaufmänniſchen Gluͤcks in der Welt gegründet wird. Die Seeleute hörten mit Bewunderung zu. Denn ſie verſtanden nicht das min⸗ deſte von der Anrede, und nächſt einer Ausführung, die ſo klar iſt, daß jeder Horer darin nur eine glückliche Erklärung ſeiner eignen Ideen ſieht, iſt eine ganz un⸗ verſtändliche gewiß diejenige, welche die meiſten Stim⸗ men für ſich hat. „Ihr ſeht Euern Feind und verſteht Euern Dienſt!“ ſo ließ ſich die klare, tiefe, münnliche Stimme Ludlow's vernehmen, der beim Vorbeigehn an der Mannſchaft der Coquette ſich mit dem feſten unerſchütterten Tone ausſprach, der in Augenblicken der Gefahr ſo ſehr zum Herzen redet.„Ich will nicht behaupten, daß wir ſo — 222— ſtark ſend, als wir wünſchen dürften, aber je größer die— Nothwendigkeit eines entſcheidenden Schlages, deſto be⸗ reiter läßt ſich ein ächter Seemann finden, ihn zu füh⸗ ren. Es ſind keine Nagel in dieſer Fahne. Wenn ich todt bin, mögt Ihr ſie niederreißen, wenn es Euch ge⸗ fällt, aber ſo lange ich noch lebe, ſoll ſie fliegen, Män⸗ ner! Und nun ein Kriegsgeſchrei, um Euern guten Muth zu zeigen, und dann mögen die Kanonen den Utaigen Lärm machen.“— Das Schiffsvolk ſtimmte in ein volltönendes Hergii ches„Hurrah!“ ein.— Tryſail verſicherte einem leicht⸗ ſinnigen und ſpöttiſchen Seecadetten, der ſelbſt bei dieſer Gelegenheit den Störer machen wollte, er habe ſelten ein ſchöneres Stück Seerede gehört, als dieſe, die eben der Capitain habe fallen laſſen, indem er eben ſo nett, wie als ächter Gentleman geſprochen. Zwoͤlftes Kaplitel. „Herr, es iſt Ein Dienſt, dem ſchwerlich ich gewachſen bin: Ooch Euch zu Liebe wag' ich's, würdeger Mann, Zum letzten Nand des Glücks.“ Ende gut, alles gut. Das Fahrzeug, welches die Sicherheit des ſchwach⸗ bemannten brittiſchen Kreuzers ſo unerwartet bedrohte, war ein Schiff, welches ſich unter den caraibiſchen In⸗ ſeln nach einem Abenteuer umgeſehen hatte, wie es ſich jetzt ihr Jahr und als der ſten lichke zu 2 la zug konn der vero ſes gute lich von Teic chen das tuns ger noch die vorg befö Vat alle die be⸗ füh⸗ mich ge⸗ dän⸗ duth igen zli⸗ ſcht⸗ eſer lten ben ett, — 223—— jetzt wirklich darbot. Es hieß la bélle Fontange und ihr Commandant, ein Jungling von zwei und zwanzig Jahren, hatte ſich ſchon in den Salons des Marais und hinter den Mauern der Rue Baſſe des Remparts, als einer der munterſten und liebenswurdigſten Beſucher der erſteren und als einer der muthigſten und geſchickte⸗ ſten Abenteurer, die zuweilen in letzterer ihre Geſchick⸗ lichkeit zeigten, bekannt gemacht. Rang und Einfluß zu Verſailles gaben dem jungen Chevalier Dümont de la Rocheforte ein Commando, an das er weder in Be⸗ zug auf Erfahrung, noch auf Dienſte Anſpruch machen konnte. Seiner Mutter, der nahen Anverwandten einer der Schönheiten des Hofes, hatten die Aerzte Seebäder verordnet, um ſie gegen die ſchlimmen Folgen des Biſ⸗ ſes eines tollen Schooßhundchens zu ſichern. Als eine gute Epiſode zu den langen Beſchreibungen, die ſie täg⸗ lich an Leute zu richten gewohnt war, deren Kenntniſſe von dem neuen Element der Dame nicht über ein Paar Teiche und Gräben mit Karpfen oder einen gelegentli⸗ chen Ausblick auf die truben Seineufer ging, hatte ſie das Gelubde gethan, ihr jungſtes Kind dem Dienſt Nep⸗ tuns zu weihen! Der junge Chevalier wurde in gehöri⸗ ger Friſt, das heißt, während die poetiſche Stimmung noch im Zunehmen war, enrollirt und in einer Zeit, die aller regelmäßigen und vernunftigen Beförderung vorgriff, zum Commandanten der genannten Corvette befördert und nach Weſtindien geſchickt, um ſich und ſein Vaterland mit Ruhm zu krönen. Der Chevalier Oumont de la Rocheforte war tapfer, allein ſein Muth war nicht die ruhige ſtille Selbſtbeherr⸗ — 224— ſchung eines Seemannes; ihm ſelber gleich, war er leb⸗ haft, aufſprudelnd, unbeſonnen, lärmend, voll Lebens⸗ kraft. Dumont beſaß allen Stolz eines Edelmannes; und zum Ungluͤck für den Dienſt, den er nun zum er⸗ ſtenmal verſah, lehrte ihn ein Hauptſatz ſeines Ehrgei⸗ zes, jene Art mechaniſcher Kenntniſſe verachten, deren Beſitz grade in dieſem Augenblick dem Commandanten der Fontange ſo nützlich geweſen ſeyn würde. Er konnte herrlich tanzen, machte in ſeiner Cajute mit tadelloſer Feinheit die Honneurs und hatte den Tod eines treffli⸗ chen Matroſen auf dem Gewiſſen, der über Bord ge⸗ fallen war, wo er ihm nachſprang, um ihm zu helfen, ohne ſelbſt ſchwimmen zu können, eine Unbeſonnenheit, welche Dienſtleiſtungen entfernt hielt, die den ungluͤckli⸗ chen Seemann hätten retten können. Er dichtete aller⸗ liebſte Sonnette und hatte einige Begriffe der neuen Philoſophie erlernt, die damals der Welt zu dämmern anfing; aber das Tauwerk eines Schiffs und ein mathe⸗ matiſches Problem waren Labyrinthe, deren Ergrundung ihm nie am Herzen gelegen hatte. Es war vielleicht ein Gluck für das Schiff la belle Fontange, daß es einen zweiten Officier in der Perſon eines Eingebornen von Boulogne ſür Mer beſaß, der grade ſo viel wußte, daß er den rechten Weg ſteuerte und keins der Topſegel, die ihre Zierde ausmachten, zur Un⸗ zeit gebrauchte. Das Schiff ſelbſt war fein und nach den Regeln gebaut, hatte ein leichtes, luftiges Takelwerk und den beſten Ruf für ſeine Schnelligkeit. Wenn es ihm an irgend etwas gebrach, ſo war dieß, wie bei ſeinem Commandanten, der Mangel gehöriger Solidität, und leb⸗ bens⸗ ines; n er⸗ rgei⸗ deren inten nnte loſer effli⸗ ge⸗ lfen, heit, ickli⸗ ller⸗ Luen nern the⸗ ung elle ſon der und Un⸗ den und un dem und — 225— den Wechſelfaͤllen und Faͤhrlichkeiten eines unruhigen Elementes Trotz zu bieten, auf dem es ſeine Thätigkeit zeigen ſollte. Die Schiffe waren nun eine engliſche Meile von ein⸗ ander. Der Wind blies anhaltend und ſtark genug für die regelmäßigen Evolutionen eines Seetreffens, auch das Waſſer war ruhig genug, um die Schiffe darauf mit Ver⸗ trauen und Genauigkeit führen zu können. La Fontange ſtand mit dem Vordertheil öſtlich und da ſie den Vortheil des Windes hatte, ſo lag ihr feines Stangenwerk ſanft in der Richtung nach ihrem Gegner. Die Coquette ſtand nach der andern Seite und lehnte ſich alſo vom Feinde ab. Beide Schiffe waren ihrer Topſegel, Spankers und Jibs beraubt, wiewohl die oberen Segel des Franzmannes wie die graziöſen Vorhänge einer zierlichen Draperie im Winde flatterten. Keine menſchliche Geſtalt war deutlich auf den beiden Schiffen zu erkennen, doch bewieſen die dunkeln Klumpen um jede Maſtſpitze, daß die Topmän⸗ ner ihre Pflichten ſelbſt in der Verwirrung und Gefahr des drohenden Kampfes zu thun im Begriff waren. Ein⸗ oder zweimal zeigte la Fontange die Spitzen mehr in der Richtung ihres Gegners, dann hob ſie ſich wieder gegen den Wind und ſtand in ſtattlicher Schönheit da. Der Mo⸗ ment war nahe, wo die Schiffe einander kreuzten, in einer Nahe, wo die Musketen leicht ihre Boten über's Waſſer hätte ſenden können. Ludlow, der jeden Wechſel ihrer Lage und jedes Sinken und Wachſen des Windes genau beobachtete, trat auf das Hintertheil und überlief mit dem Fernrohr noch einmal den Horizont, ehe ſein Schiff ſich in Rauch hüllte. Zu ſeinem Erſtaunen ent⸗ 61— 63. 15 — 226— deckte er eine Leinwand⸗Pyramide, die ſich in der Rich⸗ tung des Windes über's Meer erhob. Das Segel war mit unbewaffnetem Auge zu erkennen und bloß durch die Pflichterfüllung des drängenden Augenblicks der Beobach⸗ tung entgangen. Er rief den Segelmeiſter auf die Seite und fragte ihn nach ſeiner Meinung über den Charakter dieſes zweiten Fremden. Aber Tryſail bekannte frei, es überſteige ſeine lange Erfahrung auf der See, davon mehr ſagen zu wollen, als daß es ein Schiff ſey, das mit einem Gewölk von Segeln im Winde daherkomme. In⸗ deſſen, nach einem zweiten längeren Blick in die Ferne ſetzte der erfahrene Segelmeiſter hinzu, der Fremde habe die eckige Geſtalt eines Kreuzers, von welcher Größe er aber ſey, darüber getraue er ſich keine Muthmaßung auf⸗ zuſtellen. „Es kann ein leichtes Schiff unter den Topgallant⸗ und Studdingſegeln ſeyn, es wäre denn, daß.wir nur die luf⸗ tige Ente eines ſchwereren Schiffes ſähen, Capitain Lud⸗ low;— hal er ſticht auch dem Franzmann in die Augen; die Corvette giebt Signale in die Ferne!“ „An Euer Glas. Wenn der Fremde antwortet, ha⸗ ben wir keine Wahl, als die Flucht.“ Eine neue erwartungsvolle Beobachtung der oberen Stangen des entfernten Schiffes folgte nun, aber die Richtung des Windes verhinderte, daß die Zeichen ihrer Communication mit der Corvette geſehen wurden. La Fontange ſchien ebenfalls über den Charakter des Frem⸗ den ungewiß, und einen Augenblick ſah es aus, als ob ſte ihren Lauf ändern wolle. Aber der Moment der Unſchluſſigkeit war bald vorbei. Die Schiffe ſtrichen Kich⸗ war die dach⸗ beite kter , es von mit erne habe e er auf⸗ und luf⸗ eud⸗ gen; ba⸗ eren die hrer La em⸗ 3 ob der hen In⸗ — 227— ſchon unter dem beſtändigen Drucke des Windes neben⸗ einander. „Haltet Euch bereit, Männer!“ ſagte Ludlow mit ſachter, doch feſter Stimme, indem er ſeine erhöhete Stellung auf dem Hintertheil behielt und ſeinen Ge⸗ fährten auf das Hauptverdeck zurückkehren ließ.„Feu⸗ ert auf ſeinen Blitz!“ Geſpannte Erwartung folgte. Die beiden graziöſen Gebäude ſegelten einander immer näher und kamen zum Anrufen nahe. Die Stille auf der Coquette war ſo tief, daß die Brandung des Waſſers unter ihrem Bug von Allen an Bord deutlich gehört wurde; ſie war dem tiefen Athmen eines ungeheuren Thiers zu ver⸗ gleichen, das für eine bevorſtehende ungewöhnliche An⸗ ſtrengung Körperkräfte ſammelt. Andererſeits waren auf la Fontange die Zungen laut und lärmend im Ta⸗ kelwerk. Grade wie die Schiffe einander parallel ge⸗ genüber ſtanden, ließ ſich die Stimme des jungen Dü⸗ mont hören, der durch die Sprachtrompete ſeine Leute zum Feuern commandirte. Ludlow lächelte mit ſeemän⸗ niſcher Verachtung. Er erhob ſein eignes Sprachrohr mit einer ruhigen Bewegung gegen die aufmerkſam harrende Mannſchaft; die ganze Lage des Geſchützes brach aus der ſchwärzlichen Seite des Schiffes hervor, als ob die Maſchine ſelbſt es gewollt hätte. Die ant⸗ wortende volle Lage kam faſt gleichzeitig mit der eige⸗ nen und die beiden Schiffe glitten raſch wieder aus der Schußweite. Der Wind hatte auf die Engländer ihren eigenen Rauch zurückgeſchlagen, eine Zeit lang hielt er ſich auf 15* — 223— den Verdecken, wickelte ſich in die Windungen der Segel und ging dann mit dem Winde weiter. Man hörte das Pfeifen der Kugeln und das Krachen des Holzwerks in dem Lärm des Treffens. Indem Ludlow ſeinem Feind, der noch feſt daſtand, einen Blick zuwarf, lehnte er ſich von dem Hintertheil heraus und bemühte ſich mit aller Sorgſamkeit eines Seemannes das Kopfzeug zu unter⸗ ſuchen. „Was iſt hin?“ fragte er Tryſail, deſſen ernſthaftes Geſicht grade jetzt durch den treibenden Rauch ſichtbar wurde.„Welches Segel ſchlägt ſo ſchwer an?“ „Hat wenig zu bedeuten, Herr— wenig zu bedeu⸗ ten— legt Hand an dort, am Vorderraen⸗Arm, ihr Schlingel! Ihr ruhrt Euch, wie Schnecken zum Menuet! Der Kerl hat uns hier das Vortopſegel weggeſchoſſen; aber wir werden bald wieder die Flugel ausbreiten. Reißt's runter, Jungen, als wart Ihr beim Scheiben⸗ ſchießen;— ſo; nur immer heraus mit der Linie, vor⸗ und mögt— friſch drauf los!“ Der Rauch war verſchwunden und das Auge des Ca⸗ pitains prüfte in Eile das ganze Schiff. Drei bis vier Topmänner hatten bereits die flatternde Leinwand ge⸗ fangen und ſaßen auf der äußerſten Spitze der Vorder⸗ rae, beſchäftigt, ihre Priſe zu befeſtigen. Ein bis zwei Löcher waren in die andern Segeln geriſſen und hier und da hing ein unweſentliches Stuck Tau herab, das ein Schuß durchgeriſſen hatte. Außerdem war der Schaden nicht von bedeutender Art. 1 Verſchieden ſtand es auf dem Verdeck. Die ſchwache wärts. Nunm friſch drauf los; trefft wie Ihr könnt das in ind, ſich eller ter⸗ ftes bar eu⸗ ihr iet! en; ten ben⸗ vor⸗ nnt Ca⸗ vier ge⸗ der⸗ wei hier ab, der iche eben ſo ſchnelle zu erwiedern. Mannſchaft war ernſtlich beſchäftigt, die Kanonen z laden; Kolben, Ladſtöcke und Lunten wurden mit allem Eifer gehandhabt, wie man ihn in einem ſo aufregen⸗ den Momente nur immer zeigen kann. Der Alderman war nie ſo vertieft in ſein Hauptbuch geweſen, wie er jetzt auf den Conſtablerdienſt verſeſſen war, und die Jünglinge, denen das Commando der Batterien über⸗ tragen werden mußte, halfen ihm getreulich mit ihrer Autorität und Erfahrung. Tryſail ſtand in der Nähe der Schiffswinde und gab kaltblütig die erwähnten Be⸗ fehle, dahei ſah er ſo aufmerkſam hinauf, daß er von nichts mehr wußte, was um ihn vorging. Ludlow ſah mit Trauer, daß das Verdeck zu ſeinen Füßen mit Blut gefärbt war und ein Seemann ganz nahe bei ihm todt dalag. Die geriſſene Planke und zerſchlagene Decke zeigte die Stelle, wo das tödliche Geſchütz einge⸗ drungen war. Der Commandant der Coquette preßte die Lippen zuſammen, wie ein entſchloſſener Mann, beugte ſich wieder vor und ſah nach dem Rad. Der Segelmeiſter, der die Speichen hielt, ſtand aufrecht, feſt und ſah dem Verbinden des verwundeten Hauptſegels ſo unabläſſig nach, wie die Compaß⸗Nadel nach dem Pol weiſt Dieß waren die Ergebniſſe einer einzigen Minute. Die verſchiedenen erwahnten Vorfälle wurden durch ſo Viele mit dem ſchnellſten Blicke wahrgenommen, ſelbſt ohne einen Augenblick die Richtung der Honkange aus den Augen zu verlieren. Dieſe hatte ſich bereits wieder geſtellt. Es war nöthig, die Bewegung durch eine Kaum war der Befehl gegeben, ſo drehte ſich die Coquette raſch, als wiſſe ſie um die Gefahr, vom Winde weg, und als der Gegner ſich fertig zeigte, die andere Lage zu geben, befand ſie ſich in der Stellung ſie anzunehmen und zu erwiedern. Wieder näherten ſich die Schiffe einander und wieder tauſchten ſie, als ſie ſich gleich ſtanden, ihre Feuerſtröme aus. Ludlow ſah jetzt durch den Rauch, daß die ſchwere Rae der Fontange ſtark gegen den Wind hinausfuhr und das Haupttopſegel wider den Maſt klatſchte. Er ſchwang ſich von dem Hintertheil über einen Stag, der den Augenblick zuvor hinweggeſchoſſen wurde, aufs Kurzdeck hinab zum Segelmeiſter. „Rückt alle Bänder!“ ſagte er haſtig, aber im⸗ mer mit leiſer und klarer Stimme,„gebt den Buglei⸗ nen einen Zug— an den Wind, keilt das Schiff hart aan den Wind!“ Die beſtimmte Antwort des Segelmeiſters und die Art, wie die Coquette, die noch ihre Flammenflächen ſpie, ſich gegen den Wind legte, zeigte die Geſchwin⸗ digkeit der Subalternen. In der nächſten Minute ver⸗ einigten ſich die dicken Rauchmaſſen, welche die beiden Schiffe einwickelten, und bildeten eine weiße umgerührte Wolke, die hurtig vor den Exploſionen über die Fläche des Meeres hinrollte, aber als ſie höher in die Luft ſtieg, ſich mit ruhiger Grazie windab bewegte. Unſer junger Commandant ging ſchnell durch die Batterien, redete aufmunternde Worte zu ſeinem Schiffs⸗ volk und nahm ſeinen Poſten auf dem Hintertheil wie⸗ der ein. Die ſtehende Richtung der Vontange und ſeine eigne Anſtrengung, windwärts zu kommen, zeig⸗ ten ſich bereits vortheilhaft für den Kreuzer der Köni⸗ gin Anna. Es herrſchte einige Unſchlufſigkeit auf Sei⸗ ten des anderen Schiffes, welches ſogleich von Ludlow bemerkt wurde, deſſen Hurtigkeit im Dienſt inſtinct⸗ ähnlich war. Der Chevalier Dümont hatte ſich in ſeinen Muße⸗ ſtunden damit beſchäftigt, die Ueberlieferungen aus der Seegeſchichte ſeines Vaterlandes zu durchlaufen, wo er dann fand, daß dieſer und jener Commandant ſich et⸗ was damit gewußt, dem Feinde gegenuͤber die Topſegel an den Maſt zu werfen. Des Unterſchieds zwiſchen einem Schiff in der Linie und einem einzelnen ganz unkundig, hatte er ſich jetzt entſchieden, eine ähnliche muthvolle Parade zu machen. In dem Augenbltck, wo Ludlow auf dem Hintertheil allein ſtand und mit wach⸗ ſamem Auge das Vorrücken ſeines eignen Schiffes wie die Lage des Feindes beobachtete, indem er nur mit einem Blick oder einer Geſticulation dem aufmerkſamen Tryſail unten die Andeutung gab, was er gethan ha⸗ ben wollte, ereignete ſich auf dem Kurzdeck des franzö⸗ ſiſchen Schiffes ein wortreicher Disput zwiſchen dem Seemann von Boulogne ſur Mer und dem modiſchen Liebling der Salons. Sie debattirten über die Nütz⸗ lichkeit der Maßregel, die letzterer getroffen hatte, um eine Eigenſchaft zu beweiſen, die Niemand in Zweifel ſtellte. Die bei dieſer Meinungsverſchiedenheit verloren gegangene Zeit war für den brittiſchen Kreuzer von der höchſten Wichtigkeit. Indem er ſich tüchtig dran hielt, war er bald aus der Fronte des feindlichen — 232— Feuers, und ehe es dem Boulogner glückte, ſeinen Vorgeſetzten von dem Irrthum zu überzeugen, war ihr Antagoniſt auf der andern Seite und hieli ſich quer über dem Strich der Fontange wider den Wind. Das Topſegel füllte ſich langſam, aber bevor das letztere Schiff ſich wieder in Bewegung geſetzt hatte, überſchat⸗ teten die Segel ihres Feindes ihr Verdeck. Es war nun alle Ausſicht, daß die Coquette windwärts paſſirte. In dieſem kritiſchen Moment wurde das Topſegel des brittiſchen Kreuzers von einem Schuß faſt entzwei ge⸗ riſſen. Das Schiff hob ſich, die Raen ſchlugen zuſam⸗ men und die beiden Kreuzer wurden unthätig. Die Coquette hatte von ihrer Lage allen Vortheil. Ludlow bemerkte kaum das wichtige Ereigniß, als er ſich auch deſſen Verfolgung mit den Enterhacken verſi⸗ cherte. Wie die beiden Schiffe ſo feſt an einander wa⸗ ren, fand der junge Dümont einen Berg von Verle⸗ genheit von ſeiner Bruſt gehoben. Hinreichend durch den Umſtand gerechtfertigt, daß nicht eine ſeiner Ka⸗ nonen treffen würde, während eine mörderiſche Salve von Gewehrkageln ſchon über ſein Verdeck hingefahren war, befahl er zu entern. Aber Ludlow mit ſeiner ſchwachen Mannſchaft ging auf keine ſo gewagte Evo⸗ lution aus, die ihn in abſolute Berührung mit ſeinem Feind brachte, ohne daß er auch die Mittel abſah, alle daraus entſtehende Folgen zu vermeiden. Die Schiffe berührten einander nur an einer Stelle und dieſe Stelle war mit einer Reihe von Musketen gedeckt. Kaum erſchien daher der ſtürmiſche junge Franzoſe auf dem Taffarell ſeines eignen Schiffs mit einem Trupp ſeiner Leut räut übri aber verz fiel 1 die Auf Se geg⸗ eine hini — 233— nen Leute, als ein dichtes tödtliches Feuer ſie alle hinweg vwar räumte. Der junge Dümont war der einzige, der uer üͤbrig blieb. Einen Augenblick ſtarrte ſein Auge wild, Das aber der lebhafte Körper, dem leitenden Impuls des tere verzweifelten Muthes gehorſam, ſprang noch vor. Er at⸗ fiel leblos auf das Verdeck ſeines Feindes. var Ludlow beobachtete jede Bewegung mit einer Ruhe, re. die weder ſeine perſönliche Verantwortung, noch der des Aufruhr und die raſchen Ereigniſſe dieſer ſchrecklichen ge⸗ Seene aus dem Gleichgewicht bringen konnten. am⸗„Nun iſt unſre Zeit gekommen, um die Sache Bruſt gegen Bruſt auszufechten,“ rief er, indem er Tryſail eil. einen Wink gab, von der Leiter herabzukommen und er hinüberzutreten. rſi⸗ Sein Arm wurde gehalten; der alte Segelmeiſter va⸗ deutete nach dem Winde. le⸗„Der Schnitt der Segel, die hoch aufgeſetzten Stan⸗ rch gen ſind nicht zu verkennen! Der Fremde iſt wieder da⸗ ein Franzoſe!“ we Ein Blick überzeugte Ludlow, daß ſein Untergebe⸗ en ner recht hatte, und ein zweiter reichte hin, zu zeigen, ner was nun noth ſey. b⸗„Macht den vorderen Enterhacken los— reißt ihn :m ab— hinweg mit ihm, auf!“ rief er durch ſein Sprach⸗ lle rohr, mit einer Stimme, die befehlend und hell durch ffe das Getöſe des Kampfes drang. lle Vorn freigemacht, gab das Hintertheil der Coquette m nun dem Druck des Feindes nach, deſſen Segel alle zo⸗ m gen, und bald war ſie in einer Stellung, die ihr er⸗ laubte, ihre Hauptraen ſcharf hinten auf zu binden, — 234— in einer Richtung, die der ſo eben gehabten grade ent⸗ gegengeſetzt war. Die volle Lage wurde nun in das Hintertheil der Fontange ausgeladen, der letzte Enter⸗ hacken abgemacht und die Schiffe getrennt. Der beiſpielloſe Muth, der die Evolutionen und An⸗ ſtrengungen der Coquette geleitet hatte, regierte noch immer ihre Bewegungen. Die Segel wurden zurecht ge⸗ ſetzt, das Schiff unter Commando geſtellt, und ehe die Schiffe fünf Minuten auseinander waren, ging der Dienſt des Schiffes wieder ſeinen geregelten, lebendigen, aber ſtillen Gang. Hurtige Topmänner waren auf den Raen und breite Flächen friſcher Leinwand flatterten in dem Winde, wie die neuen Segel angebunden und gerichtet wurden. Zer⸗ riſſene Taue wurden aneinander geknüpft oder durch neue erſetzt, die Stangen beſeitigt, kurz, es herrſchte ganz die wachſame, unermüdliche Sorgfalt, die dem Beſtand und Wirken eines Schiffes nöthig iſt. Jede Stange war befeſtigt, die Pumpen unterſucht und das Schiff ging ſeinen Weg ſo flott weiter, als hätte es nie einen Schuß gethan, noch empfangen. Auf der andern Seite verrieth die Fontange die Un⸗ entſchiedenheit und Verwirrung eines übel zugerichte⸗ ten Fahrzeuges. Ihre zerriſſene Leinwand flog unor⸗ dentlich umher, viele wichtige Stricke ſchlugen unbeach⸗ tet an die Maſte und das Schiff ſelbſt trieb in der Hülfloſigkeit eines Wracks im Winde dahin. Einige Minuten lang ſchien kein leitender Geiſt das Gebäude zu beſeelen, und als nach ſo viel verlorner Entfernung und mit dem Vortheil des Windes auf Seiten des Fein⸗ des, wie ſten rüſt wär die nen eigt nat ihm rakt den kan Ser Ra⸗ ſo; terf erke nen gan Sig bev imn wer bru nig M Kr — 235— des, ein langſamer Verſuch gemacht wurde, das Schiff wieder aufzubringen, ſah man den ſchlankſten, wichtig⸗ ſten Maſt wanken und endlich mit ſeinem ganzen Ge⸗ rüſt in die See fallen. Ungeachtet der Abweſenheit ſo vieler ſeiner Leute wäre der Erfolg nun dennoch ſicher geweſen, hätte nicht die Anweſenheit des Fremden Ludlow gezwungen, ſei⸗ nen Vortheil aufzugeben. Aber die Folgen für ſein eignes Schiff waren zu unzweideutig, um mehr als ein natürliches und ritterliches Bedauern zu erlauben, daß ihm eine ſo günſtige Gelegenheil entging. Der Cha⸗ rakter des Fremden konnte nicht länger mißkannt wer⸗ den, die Augen aller Seeleute auf der Coquette er⸗ kannten die Heimath der hoch und eng auslaufenden Segel, der ſchlanken kurzen graden Maſten und kurzen Raen der Fregatte, deren Rumpf man nun deutlich ſah, ſo wie ein Landbewohner einen Menſchen an den un⸗ terſcheidenden Merkmalen der Züge und der Kleidung erkennt. Hatten noch irgend Zweifel ſtatt haben kön⸗ nen, ſo wären darüber auch ſie in Gewißheit überge⸗ gangen, wie der Fremde mit dem verkrüppelten Schiff Signale wechſelte. Es war nun hohe Zeit für Ludlow, ſich über den bevorſtehenden Lauf zu entſchließen. Der Wind ging immer noch ſüdlich, aber er fing ſchon an, ſchwächer zu werden, mit allem Anſchein, daß er ſich noch vor An⸗ bruch der Nacht ganz legen werde. Das Land lag we⸗ nige Seemeilen nördlich und der ganze Horizont des Meeres war, mit Ausnahme der beiden franzöſiſchen Kreuzer, ohne Segel. Ludlow ſtieg aufs Kurzdeck her⸗ — 236— ab und naherte ſich dem Segelmeiſter, der auf einem Stuhl ſaß, wo ihm der Schiffschirurg eine ſchwere Wunde an dem Bein verband. Er ſchüttelte dem kühnen Vete⸗ ran herzlich die Hand und drückte ihm ſeinen Dank für die gute Unterſtützung aus, die er ihm in einem ſo kri⸗ tiſchen Moment geleiſtet. „Gott ſegne Sie, Gott ſegne Sie, Capitain Lud⸗ low,“ erwiederte der alte Matroſe, indem er mit der Hand zweideutig über ſeine vom Wetter gebraunte Stirn fuhr.„Ein Treffen iſt gewiß der Ort, wo man ſowohl Schiff als Freunde kennen lernt, und der Him⸗ mel ſey geprieſen, Königin Anna hat beide an dieſem Tage erprobt. Keiner hat ſeine Pflicht vergeſſen, ſo weit meine Augen reichten, und das war keine Kleinig⸗ keit, mit der halben Mannſchaft und einem Feind von gleichem Rang. Was aber unſer Schiff betrifft, ſo hat es ſich nie beſſer gehalten. Ich hatte meine böſen Ah⸗ nungen, wie ich das neue Haupttopſegel dahin fahren ſah, was denn, wie alle hier wiſſen, grade ſo geſchah, als wenn ein Stück Mouſſelin in den Händen einer Näherin aus einander reißt. Laufen Sie vor, Herr Hopper, und ſagten den Maͤnnern im vordern Takel⸗ werk, daß ſie einen andern Zug auf dieſen ſchnelleren Gang nehmen und acht geben, daß ſie den Zug gleich machen bei allen Flächen.— Ein lebendiger Junge, Ca⸗ pitain Ludlow, der nur noch ein bischen mehr Ueberle⸗ gung braucht, auch Erfahrung und ein weniges mehr Beſcheidenheit, benebſt Rutine, die er mit der Zeit auch bekommen wird, dann wird er ein gemachter Officier ſeyn.“ „Der Junge macht ſich gut; doch ich komme, um Dich um Rath zu fragen, alter Freund, wie wir jetzt gehen ſollen. Es iſt kein Zweifel, daß der Burſche, der auf uns zukommt, eine franzöſiſche Fregatte iſt.“ „Ein Menſch könnte eben ſo gut an der Natur eines Fiſchreihers zweifeln, der nur die kleine Brut fräße und die große gehen ließe. Wir könnten ihm unſre Lein⸗ wand zeigen, und die offene See verſuchen, aber ich fürchte, der Vordermaſt iſt zu ſchwach; mit den drei Löchern, die er bekommen hat, kann er kaum die nöthi⸗ gen Segel tragen!“ „Was haltet Ihr vom Wind?“ ſagte Ludlow, indem er eine Unſchluſſigkeit vorgab, die er nicht hatte, um ſeinen verwundeten Gefährten zu erfreuen.„Sollte er anhalten, ſo könnten wir Montauk erreichen und unſere übrige Mannſchaft holen; aber wenn er nun ganz aus⸗ geht, laufen wir da nicht Gefahr, daß die Fregatte uns bis zur Schußweite nachkröpelt?— Wir haben keine Böte, ihr zu entgehen!“ „Die Abdachung der Küſte ins Meer iſt ſo regelmä⸗ ßig, wie das Dach eines Hinterhauſes,“ ſagte der Se⸗ gelmeiſter nach einem Moment des Beſinnens,„und mein Rath wäre, wenn Sie ihn zu verlangen ſo gütig ſind, Capitain Ludlow, daß wir das Waſſer ſo viel als möglich ſeichten, ſo lange der Wind anhält. Dann kön⸗ nen wir, denke ich, ruhig ſeyn vor einem zu nahen Be⸗ ſuch des Freſſers dort;— was die Corrvette betrifft, ſo bin ich der Meinung, daß ſie wie ein Mann, der ſeine Mahlzeit gehalten, keinen Zahn auf friſche Schnitten hat.“ — 238— Ludlow gab dem Rath ſeines Untergebenen Beifall, denn es war daſſelbe, was er ſich ſelbſt vorgenommen hatte, und nachdem er ihn aufs Neue über ſeine Kalt⸗ blütigkeit und Geſchicklichkeit belobt, erließ er die nöthi⸗ gen Befehle. Das Steuerruder der Coquette wurde nun hart gegen's Wetter geſetzt, die Raen geſpannt und das Schiff in den Wind geſetzt. Nachdem es in dieſer Richtung ein Paar Stunden gelaufen war, ließ der Wind allmaͤhlig nach, der ſondirende Matroſe meldete, daß der Kiel grade dem Grund ſo nahe ſey, als die Ebbe und das träge Steigen und Fallen der Wogen räthlich mache. Bald darauf ſchwand der Wind ganz dahin, und der junge Commandant befahl, einen Anker ins Meer zu ſenken.. Das letztere Beiſpiel befolgten bald die feindlichen Kreuzer. Sie hatten ſich vereinigt und man ſah, ſo lange es noch hell war, Böte von dem einen zum an⸗ dern gehen. Als die Sonne ſich hinter den weſtlichen Rand des Meeres hinabſenkte, wurden ihre dämmrigen Umriſſe immer undeutlicher, bis die Nacht Meer und Land mit ihrem Schleier deckte. Dreizehmtes Kapitel. „— Nun;— das Geſchaͤft!“ Othello. Drei Stunden ſpäter war aller Lärm an Bord des keniglichen Kreuzers verklungen. Die Arbeiten an den ſchat die cher nicht Aug und deck nen Lied lag Hirſ Geſt Kopf men kräft zen gelm klein den rath⸗ men und richt an lege! hatte des land tapf 5 d ifall, imen Kalt⸗ öthi⸗ urde und ieſer der dete, die ogen ganz nker chen ſo an⸗ chen gen und des ſchadhaften Theilen des Schiffes hatten aufgehört und die meiſten Lebendigen lagen mit den Todten in glei⸗ cher Stille da. Die ſo nöthige Wachſamkeit war jedoch nicht vergeſſen; wie viele auch ſchliefen, waren doch noch Augen offen und zwangen ſich, munter zu ſeyn. Hier und dort ſchritt ein ſchläfriger Matroſe auf dem Ver⸗ deck oder ein einſamer junger Officier ſuchte ſich in ſei⸗ nen engen Schranken wach zu erhalten, indem er ein Lied vor ſich hin brummte. Die Maſſe der Mannſchaft lag in tiefem Schlafe, mit Piſtolen in den Guͤrteln und Hirſchfängern an der Seite, zwiſchen den Kanonen. Eine Geſtalt war auf dem Kurzdeck ausgebreitet, mit dem Kopf auf einem Kugelkaſten ruhend Das tiefe Aufath⸗ men dieſer Perſon verrieth den unruhigen Schlaf eines kräftigen Körpers, in welchem Ermüdung mit Schmer⸗ zen kämpft. Es war der im Wundſieber liegende Se⸗ gelmeiſter, der ſich in dieſe Lage verſetzt hatte, um ein kleines Ruheſtündchen zu haben, welches ſeinen Umſtän⸗ den noth that. Auf einer Waffenkiſte, die ihres Vor⸗ raths entledigt war, lag eine andere, ganz regungsloſe menſchliche Geſtalt, die Glieder in anſtändiger Haltung und das Antlitz nach den melancholiſchen Sternen ge⸗ richtet. Es war der Leib des jungen Dümont, den man an Bord behalten hatte, um ihn in geweihte Erde zu legen, wenn das Schiff im Hafen zurück wäre. Ludlow hatte mit dem Gefuhl eines edlen und ritterlichen Fein⸗ des mit eigner Hand die makelloſe Fahne ſeines Vater⸗ zandes über die ſterblichen Reſte des unerfahrnen, doch tapfern jungen Franzoſen gebreitet. Eine kleine Gruppe befand ſich auf dem erhöheten Verdeck des Hintertheils, wo die gewöhnlichen Intereſ⸗ ſen des Lebens noch ihren Einfluß zu üben ſchienen. Hierher hatte Ludlow Aliden und ihre Begleiterinnen, nachdem die Pflichten des Tages gethan waren, geführt, damit ſie friſchere Luft als im Innern des Schiffs ath⸗ men möchten. Die Negerin nickte neben ihrer jungen Herrin, der müde Alderman ſaß mit dem Rücken gegen den Beſanmaſt und gab hörbare Zeichen ſeines Zuſtan⸗ des, und Ludlow ſtand aufrecht, warf zuweilen einen ernſten Blick auf das umgebende ruhige Gewäſſer, und hörte dann wieder aufmerkſam dem Geſpräch der bei⸗ den Gefährtinnen zu. Alida und Seadrift ſaßen auf Stühlen neben einander. Die Unterhaltung war leiſe, das Schwermüthige und Zitternde in der Stimme der elle Barberie verrieth, wie ſehr die Ereigniſſe des Tages ihr ſonſt ſo feſtes und heiteres Gemüth erſchüt⸗ tert hatten. „Es iſt ein Gemiſch von Fürchterlichem und Schö⸗ nem, von Großem und Verfuhreriſchem in dieſem Eu⸗ rem Berufe!“ bemerkte oder vielmehr fuhr Alida fort, auf eine Aeußerung des jungen Seemanns zu antwor⸗ ten. Das ruhige Meer— der hohle Ton der Bran⸗ dung an der Küſte und dieſer milde Baldachin über uns, ſind Dinge, auf denen ſelbſt ein Mädchen mit Entzuüͤcken verweilte, klänge in den Ohren nicht noch das Getöſe und Geſchrei des Kampfes wieder. Sagten Sie nicht, der Commandant der Franzoſen ſey noch ein Füngling geweſen?“ „Ein Knabe nach dem Anſchein; unbezweifelt ver⸗ dankte er ſeinen Rang den Vortheilen der Geburt und tereſ⸗ enen. inen, ührt, ath⸗ ngen gegen ſtan⸗ einen und bei⸗ auf leiſe, 2 der des chüt⸗ chö⸗ Eu⸗ fort, vor⸗ ran⸗ üͤber mit noch gten ein ver⸗ und — 241— Familie. Wir erkannten ihn als Capitain an der Uni⸗ form und an der verzweifelten Anſtrengung, den Fehler wieder gut zu machen, der früher bei der Affaire be⸗ gangen wurde.“ 1 „Vielleicht hat er noch eine Mutter, Ludlow!— eine Schweſter— ein Weib— oder Alida verſtummte, denn mit mädchenhafter Scheu „Er kann eine oder alle dieſe zurückgelaſſen haben! Das iſt das Loos des Seemanns und—“ „Das iſt das Loos derer, die an ihrem Wohlerge⸗ hen Antheil nehmen!“ bemerkte mit leiſer doch ausdrucks⸗ voller Stimme Seadrift. Ein tiefes, aber beredtes Schweigen folgte. Dann hörte man die Stimme Mynderts undeutlich brummen: „Zwanzig Biberfelle, drei Marderfelle— in Rechnung.“ Das Läͤcheln, welches, des ernſten Zugs ſeiner Gedanken ungeachtet, den Mund Ludlows verzog, war kaum dahin, als man die rauhe Stimme Tryſails, die noch rauher im Schlafe klang, mit erſtickten Tönen, doch deutlich ru⸗ i 5 3 1 fen hörte:„hier helft, hierher mit den Tauen!— der Franzoſe kommt wieder auf uns los!“ „Das iſt phrophetiſch!“ ſagte Jemand laut hinter der horchenden Gruppe. Ludlow drehte ſich raſch wie eine Dachfahne um, und erkannte durch die Dunkelheit in der bewegungsloſen athletiſchen Geſtalt, die in ſeiner Nahe auf dem Hintertheil ſtand, den kräftigen, mannlich ſchöͤ⸗ nen Tummler der Meere. „Aufgewacht, heda!“ 61— 63. 16 — 242 „Weckt Niemanden auf!“— unterbrach ihn Tiller, indem er den raſchen Befehl, der unwillkührlich den Lip⸗ peu Ludlows entfuhr, aufhielt.„Laſſe deinem Schiff an⸗ ſcheinend die Stille eines Wracks, aber in Wirklichkeit laſſe die Leute wachſam ſeyn und ſich rüſten bis zu den Vorrathskammern! Ihr habt wohl daran gethan, Capi⸗ tain Ludlow, daß Ihr wachtet, doch habe ich ſchärfere Augen kennen gelernt, als die Eurer Schildwachen.“ „Woher kommt Ihr, kühner Mann, und welcher tolle Einfall führt Euch wieder aufs Verdeck meines Schiffes?“ „Ich komme von meiner Wohnung auf dem Meere. ein Geſchaft hier iſt, zu warnen! „Auf dem Meere!“ wiederholte Ludlow, indem er ſich auf der leeren Fläche umſah.„Die Stunde des Scher⸗ zens iſt vorüber und Ihr würdet wohl thun, wenn Ihr mit Leuten überhaupt nicht mehr ſcherztet, die ernſtere Pflichten auf ſich haben.“ „Die Stunde iſt allerdings eine von ernſten Pflichten — von ernſteren, als Ihr ahnet. Aber bevor ich mich auf Erklärungen einlaſſe, müſſen Bedingungen zwiſchen uns feſtgeſtellt werden. Ihr habt einen Diener der meer⸗ grünen Dame hier; ich ſpreche für mein Geheimniß ſeine Freiheit an.“. „Der IJrrthum, in den ich gefallen bin, beſteht nicht mehr,“ erwiederte Ludlow, indem er einen Augenblick auf der zuſammenfahrenden Geſtalt Seadrifts verweilte. „Meine Eroberung iſt ohne Werth, es ſey denn, daß Ihr den Platz derſelben einnehmt.“ Ich komme zu andern Zwecken— hier befindet ſich Jemand, der wohl weiß, daß ich nicht ſcherze, wenn drin⸗ 2 Me unte Sch — 243— gende Geſchafte ſich zeigen. Laßt Eure Gefäahrten ſich zurückziehen, damit ich offen reden kann.“ Ludlow zögerte; denn er hatte ſich noch nicht von dem Erſtaunen erholt, den furchtbaren Freihändler ſo un⸗ erwartet auf dem Verdeck ſeines Schiffes zu ſehen. Aber Alida und ihre Gefährtin ſtanden mit mehr Vertrauen nuf ihren Gaſt auf, weckten die Negerin, und ſtiegen die Leiter hinab in die Cajüte. Als Ludlow ſich mit Tiller allein ſah, verlangte er Aufflärung. „Die ſoll Euch nicht vorenthalten ſeyn, denn die Zeit drängt, und was geſchieht, muß mit ſeemänniſcher Sorg⸗ falt und Kaltblütigkeit geſchehen,“ erwiederte der Andere. —„Ihr habt ein hartes Gekratze mit einem von Lud⸗ wigs umherſtreifenden Schiffen gehabt, Capitain Ludlow, und das Schiff der Königin Anna iſt trefflich geführt worden! Hat Eure Mannſchaft gelitten, ſeyd Ihr noch ſtark genug, um Euch gehörig zu vertheidigen, wie Ihr es dieſen Morgen ſo tapfer thatet?“ „Dieſe Dinge ſoll ich dem Ohr eines Mannes ver⸗ trauen, der falſch ſeyn kann;— ſelbſt ein Spion!“ „Capitain Ludlow— doch die Umſtände berechtigen Dich freilich zu dieſem Verdacht!“ „Einer, deſſen Schiff und deſſen Leben ich nachgeſtrebt — ein Ausgeſtoßener!“ „Das iſt ſehr wahr,“ verſetzte der Tummler der Meere, indem er raſche Aufwallungen beleidigten Stolzes unterdrückte. „Ich werde bedroht und verfolgt— ich bin ein Schmuggler, ein Gebrandmarkter; und doch bleibe ich 16* ein Menſch. Ihr ſeht den dämmerigen Gegenſtand, der das Meer nordwärts begränzt!“ „Es iſt zu augenſcheinlich Land, als daß man ſich dar⸗ in irren könnte.“ „Land und mein Geburtsland!— meine früheſten vielleicht meine glücklichſten Lebenstage brachte ich auf dieſer engen lang geſtreckten Inſel zu“ „Ich hätte das früher wiſſen ſollen, um mich genauer in den Buchten und Canälen umzuſehen.“ „Die Mühe wüäre nicht fruchtlos geblieben. Eine Ka⸗ none auf dieſem Verdeck würde mit ihrer Kugel den Ort abreichen können, wo meine Brigantine jetzt ſicher und geborgen nur vor einem Anker liegt.“ „Dieß iſt unmöglich; Ihr müßtet ſie denn ſeit Son⸗ nenuntergang erſt hineingeführt haben! Da die Nacht hereinbrach, ſahen wir nichts als die Fregatte und Cor⸗ vette des Feindes.“ „Wir ſind keinen Faden gewichen, und doch aufs Wort eines Mannes, der keine Furcht kennt, dort liegt das Schiff der meergrünen Dame. Ihr ſeht die Stelle, wo der Strand abfallt, hier am nächſten Punkt des Lan⸗ des— die Inſel wird an dieſem Fleck vom Waſſer faſt getrennt, und die Waſſernixe ſteht ſicher in der Tiefe der Bai, die ſich nordwärts öffnet. Keine engliſche Meile liegt zwiſchen uns. PVon der öſtlichen Anhöhe war ich heute Zeuge Eures Muthes; Capitain Ludlow, iſt meine Perſon auch gebrandmarkt, ſo fuhlte ich, daß mein Herz nicht verſtoßen ſeyn kann. Hier regen ſich Empfindungen, die ſelbſt die Verfolgungen der Zollhäuſer üuberleben!“ „Ihr ſeyd glücklich in Euren Ausdrücken, mein Herr. 8 — 245 7 Ich will Euch nicht verhehlen, daß ich denke, ein tüchti⸗ ger Seemann, wie Ihr, müſſe doch zugeben, daß die Co⸗ quette gut commandirt wurde.“ „Kein Lootſenfahrzeug konnte ſicherer und raſcher auf⸗ treten. Ich kannte Eure Schwäche, denn die Abweſen⸗ heit aller Eurer Böte war fur mich kein Geheimniß, und ich geſtehe, ich hätte gern von dem Profit meiner Reiſe etwas hergegeben, hätte ich mit einem Dutzend mei⸗ ner beſten Leute an dieſem Tage auf Eurem Verdeck feyn können.“ „Ein Mann, der ſo edel gegen dieſe Flagge denkt, ſollte fürs Leben eine ehrenvollere Beſchäftigung haben.“ „Ein Land, das dieſe Gefühle einzuflößen vermag, ſollte vorſichtig ſeyn, die Geſinnungen ſeiner Kinder ſich nicht durch Monopole und Ungerechtigkeiten zu entfrem⸗ den. Aber das ſind Meinungsſätze, die ſich nicht für den gegenwärtigen Augenblick eignen. Ich bin in dieſer Be⸗ drangniß doppelt Euer Landsmann, und alles Vergan⸗ gene iſt nichts als die rauhe Begrüßung, die Freunde ein⸗ ander geben. Capitain Ludlow, Gefahr brütet auf der dunkein Wüſte nach der ofſenen See!“ „Auf welche Veranlaſſungen ſprichſt Du ſolches?“ „Auf den Augenſchein. Ich war unter Euren Fein⸗ den und habe ihre verderbenbringenden Zurüſtungen ge⸗ ſehen. Ich weiß, die Warnung ergeht an einen tapfern Mann, und nichts ſoll an der Meldung verringert wer⸗ den. Ihr habt alle Eure Entſchloſſenheit nöthig, und alle Waffen— denn ſie kommen in ubermannender Zahl uber Euch!“. „Sey es nun wahr oder falſch, ich werde Deine War⸗ nung nicht vernachläſſigen.“ „Halt!“ ſagte der Tummler, indem er die raſche Be⸗ wegung des Gefährten mit der Hand zurückhielt.„Laßt ſie ſchlafen bis zum letzten Augenblick. Ihr habt noch eine Stunde Zeit, die Ruhe wird ihre Kräfte verneuern. Ihr könnt auf die Erfahrung eines Seemanns bauen, der ein halbes Menſchenleben auf dem Meere zugebracht hat und Zeuge der wildeſten Scenen geweſen iſt, vom Kampf der Elemente bis zu den verſchiedenen grauſamen Mitteln, welche die Menſchen verſucht haben, um ihre Nebenmenſchen zu vernichten. Auf die naͤchſte Stunde ſeyd Ihr ſicher. Nach dieſer Stunde ſchütze Gott die vor⸗ bereiteten, und ſey denen gnädig, deren Minuten gezählt ſind.“ „Deine Sprache und Manier ſind die eines Ehren⸗ mannes,“ erwiederte Ludlow, über die anſcheinende Auf⸗ richtigkeit der Mittheilung des Freihändlers erſtaunt. „Wir werden auf jeden Fall gerüſtet ſeyn, ſey auch die Art, wie Ihr dieſe Kenntniß erlangt habt, ein Geheim⸗ niß für mich, gleich dem, daß Ihr auf meinem Verdeck erſcheinet.“ „Beides kann erklärt werden—“ verſetzte der Tumm⸗ ler, indem er ſeinen Gefäaͤhrten mit ſich aufs Taffarell zog. Hier wies er auf einen kleinen, kaum bemerkbaren Nachen, der an dem Fuß einer Strickleiter hing, und fuhr fort:—„Wer ſo oft auf dem Land geheime Beſuche macht, darf nie um Mittel verlegen ſeyn. Dieſe Nuß⸗ ſchale wurde leicht über die kleine Landzunge getragen, welche die Bai vom Ocean trennt, und obgleich die Bran⸗ dung ſo rauh tönt, wird ſie doch von einem feſten und gewandten Rudersmann leicht überwunden. Ich ſtand unterm Martingal des Franzmanns, und Ihr ſeht, daß ich jetzt hier bin. Wenn Eure Schildwachen weniger mun⸗ ter als gewöhnlich ſind, ſo werdet Ihr wiſſen, daß ein niedriger Bord, ein verhülltes Ruder nicht leicht entdeckt werden, wenn das Auge ſchwer und der Ködper müde iſt. Ich muß Euch jetzt verlaſſen— wenn Ihr es nicht fuͤr kluüger haltet, die, welche hier von keinem Nutzen ſeyn können, aus dem Schiff wegzuſenden, ehe die Noth an⸗ geht?“ Ludlow zögerte. Das lebhafte Verlangen, Aliden an einen ſichern Ort zu bringen, wurde von dem Mißtrauen gegen den Schmuggler geſchwächt. Er ſann, ehe er ant⸗ wortete, ein wenig nach. „Eure Muſchel da iſt nur für den Eigenthuͤmer ſicher genug.— Geht, und wenn Ihrs redlich meint, ſo gehe es Euch wohl!“ „Seyd ſtandhaft gegen den Angriff!“ ſagte der Tumm⸗ ler, indem er ſeine Hand ergriff. Dann ſtieg er mit nachläſſigem Tritt auf die häangenden Stricke und war ſchnell in dem darunter befindlichen Boot⸗ Ludlow beobachtete ſeine Bewegungen mit größer, vielleicht mit ungläubiger Spannung. Als der Freihänd⸗ ler im Nachen ſaß, konnte man ihn kaum bemerken, und als das Boot ohne Geräuſch fortruderte, fühlte der junge Commandant nicht mehr die Verſuchung, Jene zu tadeln, die ihn, ohne Acht zu geben, hatten heran kommen laſſen. In weniger als einer Minute war der undeutliche Ge⸗ genſtand in der Fläche der See verſchwunden. — 248— 9 8 Sich ſelbſt überlaſſen, dachte der junge ommandand der Coquette ernſtlich über das Geſchehene nach. Die Art des Tummlers, der Anſchein des Willküuhrlichen in ſeinen Mittheilungen, ihre Wahrſcheinlichkeit und die Mit⸗ tel, durch welche er ſich von dem Bevorſtehenden unter⸗ richtet, vereinigten ſich zur Beſtätigung der Wahrheit. Beiſpiele ähnlicher Anhänglichkeit an ihre Flagge, bei Seemännern, welche entgegengeſetzte Intereſſen verfolg⸗ ten, waren nicht ungewöhnlich. Ihre Unthaten ähneln den Fehltritten der Leidenſchaft und Verſuchung, wäh⸗ rend die momentane Rückkehr zum Beſſeren den unaus⸗ löſchlichen Mahnungen der Natur gleicht. Die Ermahnung des Freihändlers, der den Capitain gebeten, ſeine Leute noch ſchlafen zu laſſen, fiel ihm jetzt wieder ein. Zwanzigmal in ſoviel Minuten ſah unſer junger Seemann auf die Uhr, um das langſame Vor⸗ rücken der Zeit zu bemerken, und eben ſo oft ſteckte er ſie wieder in die Taſche, mit dem Entſchluß, es zu laſſen. Endlich ſtieg er zum Kurzdeck hinab und trat zu der ein⸗ zigen noch aufrechten Geſtalt. Die Wache verſah ein jun⸗ ger Menſch von ſechzehn Jahren, deſſen Probezeit noch nicht vorüber war, der aber in der Abweſenheit ſeines Chefs mit dieſem ſchwierigen und wichtigen Dienſt be⸗ auftragt war. Er ſtand gegen die Schiffswinde gelehnt, die eine Hand ſtützte die Wange und der Ellbogen ruhte auf einer Trommel, der Körper aber war ohne Bewe⸗ gung. Ludlow ſah ihn einen Augenblick an, dann hob er eine kleine Laterne ihm ins Geſicht und ſah, daß er ſchlief. Ohne den Deliquenten zu ſtören, ſetzte der Capitain die Laterne wieder hin und ging weiter. In dem Gehweg ſtand ſame ſeine ſie ſi wiſſe kaſte Figu beide Kopf beob L der aufg 7 Schi chen den, brau Jung das unten Gege Mee aufm ſchen — 249— ſtänd ein Matroſe, die Muskete geſchultert, in aufmerk⸗ ſamer Stellung. Als Ludlow ein Paar Zoll weit an ſeinen Augen vorbeiſtrich, konnte er deutlich fehen, wie ſte ſich mechaniſch öffneten und wieder ſchloſſen, ohne zu wiſſen, was vor ihnen lag Auf dem Topgallant⸗Vorder⸗ kaſtell wae eine kurze dicke, gut im Gleichgewicht ſtehende Figur, die ohne Unterſtützung irgend einer Art daſtand, beide Arme in den Buſen einer Jacke geſteckt, und der Kopf drehte ſich langſam nach Weſten und Süden, als beobachte er das Meer in dieſen Richtungen. Leiſe die Leiter hinaufſteigend, ſah Ludlow, daß es der Veteran war, den er als Capitain des Vordercaſtells aufgeſtellt hatte. „Ich freue mich, daß ich noch zwei Augen auf meinem Schiff offen finde,“ ſagte der Capitain.„Von allen Wa⸗ chen ſchlaft Ihr allein nicht.“ „Ich habe das Cap funfzigmal umfahren, Ew. Gna⸗ den, und ein Seemann, der dieſe Reiſe gemacht hat, braucht ſelten den zweiten Ruf vom Hochbootsmann. Junge Köpfe haben junge Augen, und der Sch hlaf iſt das Nächſte auf die Mahlzeit nach einem ſauren Tag unterm Geſchütz und Segelwerk.“ „Und was zieht Eure Aufmerkſamkeit ſo ſtet auf dieſe Gegend hinaus? Es zeigt ſich nichts, als der Nebel des Meeres.“ „Das iſt die Richtung gegen den Franzmann, Herr hören Ew. Gnaden nichts?“ „Nein,“ ſagte Ludlow, nachdem er eine halbe Minute aufmerkſam aufgehorcht hatte.„Nichts als das Rau⸗ ſchen der Wogen am Strande.“ „Es iſt möglich, daß ich mirs nur einbilde, aber es kamen Töne daher, wie Ruderſchläge, und es iſt natür⸗ lich, Ew. Gnaden, wenn man denkt, der Monſchier komme bei dem ruhigen Waſſer heraus und ſehe nach, was aus uns geworden iſt. Es ging dort der Blitz eines Lichts oder ich will nicht Bob Cleet heißen.“ Ludlow ſchwieg. Ein Licht war ſicher in der Gegend, wo man den Gegner vor Anker wußte, es kam und ver⸗ ſchwand wie eine hin und her gehende Laterne. Endlich ſah man es langſam ſinken und verſchwinden, als würde es auf dem Waſſer ausgelöſcht.. „Die Laterne ging in ein Boot, Capitgin Ludlow, und der ſie hielt, iſt noch ein Lümmel!“ ſagte der ſehr beſtimmte Vorderkaſtell⸗Wächter, indem er den Kopf ſchüttelte und auf dem Verdeck hin⸗ und herzugehen an⸗ fing, mit einer Miene, als bedürfe ſein Argwohn keine weitere Beſtaͤtigung. Ludlow kehrte zum Kurzdeck gedankenvoll doch ruhig zuruck. Er trat durch die ſchlafende Mannſchaft, ohne einen Einzigen aufzuwecken, nahm ſich ſogar in Acht, den noch immer regungsloſen Seecadetten aufzurufen, und trat ſchweigend in die Cajute. Der Commandant der Coquette war nur wenige Minuten ausgeblieben. Als er wieder auf dem Verdeck erſchien, zeigte ſich mehr Beſtimmtheit und Vorbedacht in ſeinem Benehmen. „Es iſt Zeit, die Wache aufzurufen, Herr Reef,“ lispelte er an der Seite des nickenden Officiers auf dem Verdeck, ohne zu verrathen, daß er um des Jungen Pflie ronn 7 der glatt 7, alle, vor, alle 5 verli der dala hin, Der gel, Capi 3 luft tere „, wie aber Dien verla „ aſter beit werd ſetze! er es atür⸗ ſchier nach, eines gend, ver⸗ dlich ürde dlow, ſehr Kopf an⸗ keine uhig ohne Acht, ufen, enige rdeck dacht eef,“ dem ngen ſetzen müſſen, oder alle Anzeichen trügen.“ Pflichtvergeſſenheit wiſſe.„Das Stundenglas iſt ver⸗ ronnen.“ „Ja, ja, Herr.— Dreht das Glas!“— murmelte der junge Mann.„Eine ſchöne Nacht, Herr, und recht glattes Waſſer.— Ich dachte grade an—“ „Deine Mutter und nach Haus! So machen wir's alle, wenn wir jung ſind. Aber jetzt ſind andere Dinge vor, die Gedanken zu beſchäftigen. Verſammeln Sie alle Herren hier auf dem Kurzdeck.“ Als der halb ſchlafende Seecadett ſeinen Capitain verließ, um den Befehl auszuführen, näherte ſich dieſer der Stelle, wo Tryſail noch in unruhigem Schlummer dalag. Eine leichte Berührung mit einem Finger reichte hin, um den Segelmeiſter auf die Füße zu bringen. Der erſte Blick des alten Theerknaben war auf die Se⸗ gel, der zweite an den Himmel und der letzte auf ſeinen Capitain gerichtet. Ich fürchte, Deine Wunde wird ſchlimm, die Nacht⸗ luft macht Dir größere Schmerzen?“ bemerkte der Letz⸗ tere mit gütigem theilnehmendem Ton. 3 „Eine bleſſirte Stange iſt freilich nicht ſo zuverläſſig wie ein geſundes Stück Holz, Capitain Ludlow; da ich aber kein Infanteriſt auf dem Marſch bin, ſo kann der Dienſt dabei ſo fortgehen, ohne nach einem Pferd zu verlangen.“ „Ich freue mich über Deine muntere Laune, mein aſter Freund, denn es wird jetzt wahrſcheinlich heiße Ar⸗ beit geben. Die Franzoſen ſind in den Böten und wir werden in Kurzem die Kaſtelle in Vertheidigungsſtand „In die Böte!“ wiederholte der Segelmeiſter.„Da wollte ich doch lieher, er wäre unter unſerer Leinwand mit einem ſteifen Wind! Das Schiff hat einen guten muntern Tritt und iſt ein Blutigel, der gut zieht; aber, wenn's zu den Böten kommt, iſt ein Seemann faſt ſo gut, wie ein Quartiermeiſter!“ „Wir müſſen das Kriegsglück nehmen, wie es kommt.“ — Hier iſt unſer Schiffsrath!— er beſteht aus jungen Köpfen, doch aus Herzen, die grauen Häuptern Ehre machen würden.“ Ludlow trat zu der kleinen Gruppe von Officieren, die ſich unterdeſſen bei der Schiffswinde verſammelt hat⸗ ten. Hier erklärte er mit wenigen Worten, warum er ſie habe wecken laſſen. Als alle Juͤnglinge ihre Befehle hatten und die Natur der Gefahr wußten, die das Schiff von neuem bedrohte, ſo trennten ſie ſich und be⸗ gannen mit Lebendigkeit aber in großer Stille die noth⸗ wendigen Vorbereitungen zu treffen. Das Geräuſch der Fußtritte weckte ein Dutzend ältere Seeleute, die ſogleich zu ihren Officieren ſtießen. Eine halbe Stunde war bei dieſer Lebendigkeit wie ein Augenblick verſtrichen. Am Ende dieſes Zeitraums hielt Ludlow ſein Schiff füͤr geruſtet. Die beiden Vorder⸗ kanonen wurden vorgenommen, und nachdem die Ladung⸗ gusgezogen war, mit gehackten Kugeln in doppelter Ladung verſehen. Mehrere Wirbelkanonen, ein Geſchutz, deſſen man ſich damals viel vediente, wurden bis zu den Mün⸗ dungen angepfropft und ſo geſetzt, daß ſie uüber's Ver⸗ deck hinſpielten, waͤhrend das Vortop⸗Kaſtell mit Waf⸗ fen und Ammunition vollauf verſehen ward. Die Lunten len k gunge nige „0 ſagte Stim gehör halber 4 uns ſ keine Kraft 2 77 Falke dann fes if aber nutzt die S „Da wand zuten aber, ſt ſo mt.“ ngen Ehre eren, hat⸗ n er fehle das be⸗ oth⸗ der leich wie ums der⸗ ung⸗ ung eſſen dun⸗ Ver⸗ Vaf⸗ aten wurden zugerichtet und dann wurde allgemeine Verle⸗ ſung gehalten. Fünf Minuten reichten hin, um die nö⸗ thigen Befehle zu ertheilen und jeden Poſten nachzuſehen. Darnach verhallte das ſachte Getümmel des Schiffes und es herrſchte wieder ſo große allgemeine Stille, daß man das Waſchen der zurücktretenden Wogen faſt eben ſo deutlich hörte, wie das Andrängen auf dem Sande. Ludlow ſtand mit dem Segelmeiſter auf dem Vor⸗ derkaſtell. Alle Sinne waren auf die Erſcheinungen des Elementes vor ihm und a die Zeichen des entſcheiden⸗ den Moments gerichtet. Es ging kein Wind, nur biswei⸗ len kam ein ſcharfer Zug vom Lande, wie die erſten Bewe⸗ gungen der Nachtluft. Der Himmel war umwölkt, nur we⸗ nige Sterne leuchteten gedankenvoll durch die Dunſtmaſſen. „Eine ſtillere Nacht hat Amerika noch nicht geſehen!“ ſagte der alte Tryſail mit porſichtiger unterdrückter Stimme, indem er bedenklich den Kopf ſchüttelte.„Ich gehöre zu denen, Capitain Ludlow, die einem Schiff nur halben Werth geben, wenn der Anker herunter iſt!“ „Mit ſo ſchwacher Mannſchaft mag es beſſer für uns ſeyn, daß die Leute keine Raen zu handhaben und keine Linien zu richten haben. Wir können unſre ganze Kraft auf die Vertheidigung wenden.“ „Das klingt ungefähr ſo, als wollte man ſagen, der Falke kämpft beſſer mit geſtutzten Schwingen, weil er dann nicht zu fliegen braucht! Die Natur eines Schif⸗ fes iſt die Bewegung, das Verdienſt eines Seemanns aber iſt kluge und gewandte Führung;— doch was nutzt das Klagen, da es weder den Anker hebt, noch die Segel ſchwellt! Was ſind denn Ihre Anſichten, Ca⸗ pitain Ludlow, von einem anderen Leben und von allen ſolchen Dingen, die man zufällig einmal hört, wenn der Strich an einer Kirche vorbeigeht.“ „Die Frage iſt umfänglich wie der Ocean, mein gu⸗ ter Freund, und eine paſſende Antwort könnte uns in abſtruſere Gegenſtände, verwickeln, als ein trigonometri⸗ ſches Problem iſt.— War das ein Ruderſchlag?“ „Es war ein Landgeraͤuſch. Nun, ich bin freilich kein großer Schiffer in den gekrümmten Kanälen der Religion Jedes neue Argument iſt eine Untiefe oder Sandbank, die mich zwingen, die andere Seite zu geben und abzuſtehen, ſonſt hätte ich ein Biſchof werden kön⸗ nen. Das iſt eine düſtere Nacht, Capitain Ludlow, die Sterne machen ſich rar. Ich wüßte nie von einer guten Expedition, auf die kein natürliches Licht gefallen wäre!“, „Deſto ſchlimmer für die, welche uns zu ſchaden ſu⸗ chen. Ich hörte ganz ſicher ein Ruder im Tact gehen.“ „Es kam von der Küſte und hatte Töne vom Land um ſich,“ erwiederte ruhig der Segelmeiſter, deſſen Blick immer nach dem Himmel gerichtet war.„Dieſe Welt, in der wir leben, Capitain Ludlow, iſt eine Welt von außerordentlichen Verwendungen; aber die, auf die wir losſteuern, iſt noch viel unerklärlicher. Man ſagt, die Sterne da ſegelten über uns, wie Schiffe in klarer See, und es gibt Leute, die da glauben, wenn wir auf dieſem Planeten die Anker lichteten, liefen wir nur auf einem andern ein, wo wir dann in der Ordnung aufge⸗ ſtellt würden, wie wir uns hier betragen haben; was ſo ziemlich das nämliche iſt, wie man auf ein neues Schiff beordert wird, das Dienſtzeugniß in der Taſche.“ 7„ dem um käͤme ſel ni die d Ich Nam er vo Seine Umhe Kome 8 ſen iſt wohl den S Da ſp „2 „§ wir ſu Da ko lich, r len od De ging der En and ſſen jeſe Belt die it, rer auf auf ge⸗ ſo hiff — 255— „Die Aehnlichkeit iſt groß,“ verſetzte der andere, in⸗ dem er ſich üͤber einen Balkenkopf weit hinaus legte, um den mindeſten Laut zu erhaſchen, der vom Meere käme.„Das war nur das Sprützen eines Meerſchweins!“ „Es war ſtark genug fuͤr den Strom eines Wallfi⸗ ſches. Die großen Fiſche ſind an der Küſte dieſer In⸗ ſel nicht ſelten und küuͤhne Harpunjäger ſind alle Leute, die da nordwärts an den Sanddunen hinunter wohnen. Ich ſegelte einmal mit einem Officier, der wußte den Namen von allen Sternen am Himmel, und oft habe ich ganze Stunden in Mittelwachen ihm zugehört, wie er von ihrer Große und ihren Eigenſchaften erzählte. Seine Anſicht war, daß nur ein Schiffer unter allen den Umherſtreifern der Luft wäre, ſeyen es nun Meteore, Kometen oder Planeten.“ „Ohne Zweifel mußte er es wiſſen, da er dort gewe⸗ ſen iſt.“ „Das iſt mehr, als ich von ihm behaupten kann, ob⸗ wohl wenige Männer tiefer in die hohen Breiten auf bei⸗ den Seiten unſeres Aequators gekommen ſind, als er. Da ſprach was; hier unter dem niedern Stern da!“ „War es nicht ein Waſſervogel?“ „Keine Meve, nein— ha! da haben wir ja, was wir ſuchen, grade hier am Starboard⸗Jib⸗Boom⸗Guy.“ Da kommt der Franzmann in ſeiner Pracht, und glück⸗ lich, wer noch übrig bleibt, um die Erſchlagenen zu zäh⸗ len oder ſich ſeiner Thaten zu rühmen.“ Der Segelmeiſter ſtieg vom Vorderkaſtell herab und ging durch die Mannſchaft; ſeine Gedanken waren von der Excurſion unter die Sterne zu der Pflicht des Augen⸗ 4 blicks zurückgekehrt. Ludlow fuhr fort, auf dem Vorder⸗ kaſtell allein herum zu gehen. Es ließ ſich ein leiſes Ge⸗ räuſch auf dem Schiff vernehmen, dem ähnlich, welches die murmelnde Erhebung eines Windes macht, und dann war alles todtenſtill. 3 Die Coquette ſtand mit dem Vordertheil in's offne Meer hinaus, und alſo wies das Hintertheil nach dem Lande. Die Enifernung von dem letzteren betrug noch keine engliſche Meile und die Richtung des Schiffsrumpfes wurde durch den Lauf des ſchweren Grundſchwellens ver⸗ anlaßt, das unaufhörlich das Gewäſſer auf den weiten Strand der Inſel trieb. Das Hauptgeräth ſtand in der Richtung der düſtern Weite, und Ludlow trat hinaus aufs Bugſpriet, damit nichts zwiſchen ihm und dem Theil des Oceans liege, den er beobachten wollte. Hier ſtand er keine Minute, als er, zuerſt verworren, dann deutlicher eine Linie dunkler Gegenſtände wahrnahm, die ſich langſam dem Schiff näherte. Der Stellung ſeines Feindes gewiß, kehrte er in Bord zuruͤck und trat hinun⸗ ter unter ſeine Leute. Im nächſten Augenblick war er wieder auf dem Vorderkaſtell und wandelte müßig und mit dem Anſchein eines Mannes, der ſich der erfriſchen⸗ den Kühle der Nacht erfreut. In der Entfernung von hundert Faden hielt die dunkle Reihe von Böten und fing an, ihre Befehle zu wechſeln. In dieſem Augenblick ſpürte man die erſten Stöße des Landwindes und das Hintertheil machte eine fanfte Be⸗ wegung ſeewärts. „Helft ihr mit dem Beſanmaſt!— Laßt das Topſegel fallen!“ lispelte der junge Capitain denen unter ihm zu. Im Sei dem und fuhr Ein miſt ſer Me dert hatt höhe kung fehl preß unte war Plal der ande deck und 7 feue und die nen, none rder⸗ Ge⸗ lches dann offne dem noch pfes ver⸗ eiten der naus dem Hier dann „die eines nun⸗ r er und hen⸗ nkle ſeln. des Be⸗ ſegel mzu. — 257— Im nächſten Augenblick hörte man den Klaps des gelöſten Seils. Das Schiff ſchwebte weiter und Ludlow ging auf dem Verdeck hin und her. Ein rundes feuriges Licht ſchoß über den Martingal und der Rauch rollte auf das Meer hin, hindurch aber fuhr ein Haufe Wurfgeſchütz, der über's Waſſer hinpfiff. Ein Lärm, worin Commandoworte mit Geſchrei ſich ver⸗ miſchten, folgte, und dann hörte man Ruder in's Waſ⸗ ſer ſchlagen, ohne damit ferner geheim zu thun. Das Meer wurde hell und drei bis vier Bootkanonen erwie⸗ derten die verhängnißvolle Salve vom Schiff. Ludlow hatte noch nicht geſprochen. Noch allein auf ſeinem er⸗ höheten und gefährlichen Poſten, beobachtete er die Wir⸗ kung der beiden Feuer mit der Kaltblutigkeit eines Be⸗ fehlshabers. Das Lächeln, das auf ſeinem zuſammenge⸗ preßten Mund kämpfte, als die momentane Verwirrung unter den Böten den Erfolg ſeines Angriffs verrieth, war wild und frohlockend, als er aber das Reißen der Planke unter ihm, ſchweres Geſtöhn und das Krachen der leichteren Gegenſtände hörte, die der Schuß ausein⸗ ander warf, der mit geſchwächter Kraft auf dem Ver⸗ deck des Schiffs hintanzte, ging dieſes Lächeln in Trotz und Rachedürſten über.. „Laßt ſie's jetzt fühlen,“ donnerte er mit heller an⸗ feuernder Stimme, die das Volk von ſeiner Gegenwart und Sorgfalt überzeugte.„Zeigt ihnen, wie munter die Engländer ſchlaͤfen, meine Kinder! Sprecht mit ih⸗ nen, Tops und Verdecke!“ Der Befehl wurde vollzogen, die gebliebene Bugka⸗ none abgefeuert und ihr folgte das ganze Musketen⸗ und 61— 63. 17 ⸗ Muskedonfeuer der Coquette. Eine Schaar von Böten kam unterm Bugſpriet auf einmal dahergeſchwommen und dann erſchallte das Geſchrei und Rufen der Enterer. Die darauf folgenden Minuten waren voll Ver⸗ wirrung und kühner Anſtrengung. Zweimal war das Vordertheil und Bugſpriet mit dunkeln Gruppen von Menſchen gefüllt, deren grimmige Geſichter man nur bei dem Blitzen der Piſtolen ſah, und eben ſo oft wur⸗ den ſie von Picke und Bajonett geſäubert Eine dritte Anſtrengung war glücklicher; man hörte die Tritte der Angreifenden auf dem Verdeck des Vorderkaſtells. Der Kampf war kurz, doch fielen eine Menge und der enge Tummelplatz war bald ſchlüpfrig von Blut. Der See⸗ mann von Boulogne war voran unter ſeinen Landsleu⸗ ten und in dieſer verzweifelten Lage fochten Ludlow und Tryſail in den Reihen der Ihrigen Die Zahl gewann die Oberhand und es war ein Glück für den Comman⸗ danten der Coquette, daß das plötzliche Zurückſtürzen eines menſchlichen Körpers, der auf ihn fiel, ihn von ſeinem Poſten auf das untere Verdeck riß. Von dem Fall ſich erholend, ermuthigte der junge Capitain ſeine Leute mit ſeinem Ruf und es folgten tiefſtimmige Hurrahs, die den aufgeregten Seemännern ſelbſt im Sterben nicht ausgehen.“ „Sammelt Euch in den Gehwegen und werft ſie!“ war jetzt der heftige Ruf.„Sammelt Euch in den Geh⸗ wegen, Eichenherzen!“ wiederholte Tryſail, mit bereiter, doch ſchwacher Stimme. Die Mannſchaft gehorchte und Ludlow ſah, daß er noch immer ein gutes Häuflein zum kraftigen Widerſtand beiſammen hatte. von zöge und maſ Fral Pla ſich zuri⸗ daß pfen Kan 5 nige bei dieſe Stre Lunt ßerſte gehü dere Men wurd diger Laden den Verd lende — 259— Beide Theile ruhten einen Augenblick. Das Feuer vom Top ſchadete den Enterern, und die Vertheidiger zögerten vorzurücken. Der neue Anlauf war gemeinſam und ein hartnaͤckiges Gefecht folgte am Fuß des Vorder⸗ maſtes. Das Gedränge verdichtete ſich im Nachtrab der Franzoſen und Kainer fiel, wo nicht ein anderer ſeinen Platz einnahm. Die Engländer wichen und Ludlow wand ſich aus der Maſſe hervor und zog ſich auf's Kurzdeck zurück. 3 „Hinweg, Leute!“ rief er wieder, ſo klar und feſt, daß man ihn durch das Geſchrei und Fluchen der Käm⸗ pfenden hörte.„In die Flügel; hinab— zwiſchen die Kanonen— hinab— zu Euren Decken!“ 4 Die Engländer verſchwanden wie durch Zauberei. Ei⸗ nige ſprangen auf die Rücktaue, andre ſuchten Schutz bei den Kanonen und viele gingen durch die Lucken. In dieſem Augenblick verübte Ludlow den verzweifeltſten Streich. Von dem Kanonier unterſtützt, legte er die Lunten auf die beiden Wirbelkanonen, die er für's Aeu⸗ ßerſte zurecht geſtellt hatte. Das Verdeck war in Rauch gehüllt und als der Dampf emporſtieg, zeigte ſich der vor⸗ dere Theil des Schiffes ſo ſauber, als hätte nie ein Menſch darauf geſtanden. Alle, die nicht hingeriſſen wurden, waren verſchwunden. Ein Geſchrei und lautes Hurrah brachte die Verthei⸗ diger zurück und Ludlow machte ſich ſelbſt wieder ans Laden auf dem Topgallant⸗Vorderkaſtell. Einige von den Stuͤrmenden ſtiegen hinter den Bekleidungen des Verdecks herüber und der Kampf wurde erneut. Strah⸗ lende Feuerkugeln jagten über die Köpfe der Streiten⸗ 17* den und fielen in das Gedränge hinten. Ludlow ſah die Gefahr und verſuchte ſeine Leute vorzudrängen, um die Bugkanonen wieder zu gewinnen, deren eine bekannt⸗ lich geladen war. Aber dem Springen einer Granate auf dem Verdeck und hinter ihm folgte jetzt ein Angriff auf den Kielraum, der dem Schiff den Boden auszutre⸗ ten drohte. Die beſtürzte und verminderte Mannſchaft fing an zu ſchwanken, und da nun einem friſchen An⸗ griff mit Granaten eine trotzige Sammlung der Feinde folgte, deren ſich fünfzig von den Böten zu einem Hauf verſamm ten, ſah Ludlow ſich gezwungen, in die Maſſe der Seinigen ſich zurückzuziehen. Die Vertheidigung nahm nunmehr den Charakter hoffnungsloſen aber verzweiflungsvollen Widerſtandes an. Das Gebrüll der Feinde wurde immer heftiger und es gelang ihnen faſt, den Top durch ein ſchweres Muske⸗ tenfener zu beſchwichtigen, das ſie auf dem Bugſpriet und der Spritſegel⸗Rae errichteten. Die Ereigniſſe drangten ſich mit einer Haſt, der die Erzählung nicht folgen kann. Der Feind war im Beſitz des ganzen Vordertheils des Schiffes bis zu den vorderen Lucken, aber in dieſe hatte ſich der junge Hopper mit ſechs Mann geſtürzt und in Verbindung mit einem Cameraden vom Lang⸗ boot mit wenigen Leuten, hielten ſie die Angreifenden rüſtig ab. Ludlow warf einen Blick zurück und dachte nun ſein Leben ſo theuer als möglich in den Cajüten zu verkaufen. Dieſer Blick wurde von der Erſcheinung des boshaften Lächelns der meergrünen Dame aufgehalten, deren hellſcheinendes Geſicht über's Taffarell emporſtieg. Get ine wind Su erw⸗ dem Erb. geja hört begr geſä Bug die nicht Opf theid — Sieg — 261— Ein Dutzend dunkle Geſtalten ſprangen über das Hin⸗ tertheil und dann erhob ſich eine Stimme, von der je⸗ der Ton Ludlow in's Innerſte drang. „Steht dem Angriff!“ riefen die, welche zum Suc⸗ curs kamen und„ſteht dem Angriff!“ wiederholte die Mannſchaft. Das geheimnißvolle Bild glitt dem Ver⸗ deck entlang und Ludlow erkannte die athletiſche Geſtalt, die durchs Gedränge ſich an ſeine Seite ſchlug. Es war wenig Geräuſch, außer dem Stöhnen der Getroffenen in dieſem Angriff. Es dauerte auch nur einen Augenblick, der dem Durchziehen eines Wirbel⸗ windes glich. Die Vertheidiger wußten, daß es ein Succurs war und die Angreifenden fuhren vor dem un⸗ erwarteten Feind zurück. Die wenigen, die man unter dem Vorderkaſtell habhaft werden konnte, wurden ohne Erbarmen erſchlagen und die drüber von ihrem Poſten gejagt, wie Spreu, die im Winde dahin fliegt. Man hörte Lebende und Todte in's Meer fallen und in un⸗ begreiflich kurzer Zeit waren die Verdecke der Coquette geſäubert. Ein einziger Feind zögerte noch auf dem Bugſpriet. Eine mächtige, kräftige Geſtalt ſprang auf die Stange und obwohl man den Stoß, den ſie führte, nicht ſah, war doch die Wirkung ſichtbar, denn das Opfer taumelte ohne Rettung in's Meer. Eiliges Rudern folgte unten und ehe noch die Ver⸗ theidiger Zeit hatten, ſich von der Vollſtändigkeit ihres zu überzeugen, hatte die düſtere Weite des „ bceans alle Böte verſchlungen. Sieges — L Vierzehntes Kapitel. Auf das Geſicht erinnre ich mich wohl, Doch, als zuletzt ich's ſah, war es beſchmiert und ſchwärzlich wie Vulkan, vom Rauch der Schlacht. Was Ihr wollt. Seit dem Augenblick, wo die Coquette ihre erſte Kanone abfeuerte, bis zu dem, wo die zurückrudernden Böte unſichtbar wurden, verfloſſen grade zwanzig Mi⸗ nuten. Von dieſer Zeit war weniger als die Hälfte mit den erzählten Schiffs⸗Ereigniſſen hingegangen. So kurz dieſelbe auch war, ſchien ſie doch allen im Treffen geweſenen Perſonen nur ein Augenblick zu ſeyn. Das Getöſe war vorüber, die Ruderſchläge hörten auf, und noch ſtanden die Ueberlebenden auf ihren Poſten, als ob ſie eine Erneuerung des Angriffs erwarteten. Dann erſt fanden ſich die perſönlichen Empfindungen ein, die in der fürchterlichen Enge des Kampfes geſchwiegen hatten. Die Verwundeten fingen an, die Schmerzen zu fühlen und an die Gefährlichkeit ihres Zuſtandes zu denken, während die Wenigen, die unverletzt geblieben waren, ihren Schiffsgenoſſen theilnehmende Sorge widmeten Ludlow war, wie dieß den Tapferſten und Kühnſten oft geht, ohne alle Verletzung davon gekommen; aber er ſah an den ſchwankenden Geſtalten, die nicht mehr von der Erregung der Schlacht aufrecht gehalten waren, daß der Triumph theuer erkauft ſey. der Lan ihn und mal lang Mu Ma ber, Das Fuß Der ärzt chun frag See men Krau Eure erwi Geſc ſchön ich h einen ben 7 — 263— „Ruft mir Herrn Tryſail,“ ſagte er in einem Ton, der von dem Frohlocken des Siegers wenig verrieth.„Der Landwind verſtärkt ſich, wir wollen verſuchen, ob wir ihn benutzen können, damit wir hinter's Cap kommen und das Morgenlicht uns dieſe Franzoſen nicht noch ein⸗ mal über'n Hals bringt.“) Der Ruf:„Herr Tryſail“ und:„der Capitain ver⸗ langt nach dem Segelmeiſter!“ lief in leiſen Tönen von Mund zu Munde, aber er blieb unbeantwortet. Ein Matroſe ſagte dem auf ihn wartenden jungen Befehlsha⸗ ber, der Wundarzt bitte um ſeine Anweſenheit da vorn. Das Strahlen von Lichtern und eine kleine Gruppe am Fuß des Vordermaſts waren nicht zu verkennende Zeichen. Der arg zerſchlagene Segelmeiſter lag elend da und ſein ärztlicher Beiſtand war eben von der fruchtloſen Unterſu⸗ chung ſeiner Wunden aufgeſtanden, als Ludlow herbeikam. „Ich hoffe, die Verwundung iſt nicht gefährlich?“ fragte mit leiſer haſtiger Stimme der beſtürzte junge Seemann den Wundarzt, der kaltblütig ſeine Inſtru⸗ mente zuſammennahm, um einem mehr verſprechenden Kranken ſeine Hulfe zu leihen.„Verſäumt nichts, was Eure Kunſt zu leiſten vermag.“ 5 „Der Zuſtand ibt keine Hoffnung, Capitain Ludlow,“ erwiederte der phlegmatiſche Wundarzt,„aber wenn Ihr Geſchmack an ſolchen Dingen habt, ſo ergibt ſich da ein ſchöner Fall einer Amputation mit dem Vortopmann, den ich hinunter geſchickt habe, ein Fall, wie es kaum wieder einen ähnlichen in einem ganzen thätigen Dienſtleben ge⸗ ben mag.“ „Geht, geht“— unterbrach ihn Ludlow, indem er — 264— den kalten Blutmann mit der Rede halb von ſich ſtieß, „geht denn hin, wo Euer Dienſt nöthig iſt.“ Der Andere ſah ſich um, tadelte mit Heftigkeit ſeinen Diener, daß er die Klinge eines furchtbar ausſehenden Inſtrumentes unnöthig dem Nachtthau ausgeſetzt, und ging weg. „Wollte Gott, daß etwas von dieſen Wunden auf Jüngere und Stärkere gefallen wäre,“ murmelte der Ca⸗ pitain, indem er ſich über den ſterbenden Segelmeiſter neigte.„Kann ich etwas ihun, um Dich zu tröſten, alter würdiger Schiffs⸗Kamerad?“ „Ich hatte meine Ahnungen, wie wir mit Zauberei zu ſchaffen kriegten!“ erwiederte Tryſail, dem die Stimme im Röcheln ſchon faſt erſtickte.„Ich hatte Ahnungen— aber nichts davon. Soegen Sie für's Schiff, ich habe an unſere Mannſchaft gedacht— Ihr werdet was ehrlich zu kappen haben— ſie können nicht mehr den Anker heben, — der Wind iſt hier nördlich.“ „Allem dem iſt vorgeſehen. Sorge Dich nicht weiter um’s Schiff, Alter, es ſoll ordentlich beſtellt werden, ich verſpreche Dir's. Rede von Deinem Weib und von Dei⸗ nen Wunſchen in England.“ „Gott tröſte die Frau Tryſail! Siß wird eine Penſion kriegen und ich hoffe zufrieden ſeyn! Ihr müßt der Sand⸗ bank gehörig ausweichen, wenn Ihr um Montauk herum⸗ fahrt— und natürlich werdet Ihr die Anker wieder finden wollen, ſobald die Küſte einmal ſauber iſt— wenn ſich's mit Ihrer Verantwortung im Dienſt verträgt, ſo laſſen Sie von dem armen alten Ben Tryſail ein gutes Wort in den Depeſchen einfließen.—“ — 265— Die Stimme des Segelmeiſters ſank in ein Lispeln und wurde unhörbar. Ludlow meinte, er wolle noch etwas ſagen und legte das Ohr an ſeinen Mund. „Ich ſage— der Wetter⸗Main⸗Swifter und beide Stags ſind hin; ſeht nach den Stangen, denn— denn — es giebt— manchmal— ſtarke Stöße Nachts— in Amerika!“ Es folgte der letzte ſchwere Athemzug, und dann das ernſte Schweigen des Todes. Der Leichnam wurde aufs Hintertheil gebracht und Ludlow wandte ſich mit betrüb⸗ tem Herzen zu ſeiner Pflicht, die dieſes Ereigniß noch gebieteriſcher machte. Ungeachtet des ſtarken Verluſtes und der ſchon an⸗ fänglichen Schwäche der Mannſchaft, ſtanden die Segel der Coquette bald im Winde und das Schiff bewegte ſich in der Stille weiter, als fürchte es die, welche es hier auf ſeinem Ankerplatz überfallen. Wie der Kreuzer wie⸗ der in guter Bewegung war, ſtieg der Capitain aufs Hintertheil, um einen helleren Blick über die ganze Ge⸗ gend zu haben und die einſame Stellung zu benutzen, um Plane für die Zukunft zu bilden. Er ſah, daß ihm der Freihändler zuvorgekommen war. „Ich verdanke mein Schiff— ja ich kann ſagen, mein Leben, denn in dieſem Kampfe wären beide drauf gegan⸗ gen, Deiner Hülfe!“ ſagte der junge Commandant, als er ſich der regungsloſen Geſtalt des Schleichhändlers nä⸗ herte.„Ohne ſie hätte Königin Anna ein Kriegsſchiff und die Flagge Englands ein Stück von ihrem wohler⸗ worbenen Ruhm verloren.“ „Möge ſich Deine königliche Herrin ſo bereit finden — 266— laſſen, an ihre Freunde zu gedenken, wenn ſie in Noth ſind, wie die meinige. Warlich, es war wenig Zeit zu verlieren, und glaubt mir, wir kannten gar wohl die äußerſte Noth. Wenn wir zögerten, ſo war es nur, weil die Wallſiſch⸗Böte aus der Entfernung hergeholt werden mußten, denn das Land liegt zwiſchen meiner Brigantine und dem Meere.“ „Wer ſo gelegen kam und ſo wacker auftrat, bedarf keiner Entſchuldigung.“ „Capitain Ludlow, ſind wir Freunde?“ „Es kann nicht anders ſeyn. Alle geringeren Erwä⸗ gungen müſſen vor ſolchem Dienſt verſchwinden. Iſt es Eure Abſicht, dieſen ungeſetzlichen Handel an der Kuſte fortzutreiben, ſo muß ich mich nach einer andern Station umſehen.“ „Nicht alſo— bleibt und macht Eurer Flagge und dem Lande Eurer Geburt Ehre. Ich dachte ſchon lange, dieß werde das letztemal ſeyn, daß der Kiel der Waſſer⸗ nixe die amerikaniſchen Gewäſſer durchpflügt. Bevor ich Euch aber verlaſſe, möchte ich noch eine Unterredung mit dem Kaufmann haben. Es hätte leicht ein ſchlech⸗ terer Mann umgebracht werden können und grade jetzt ein beſſerer Euch erhalten. Ich hoffe, es iſt ihm nichts Schlimmes widerfahren?“ „Er hat heute die Beharrlichkeit ſeiner holländiſchen Natur erprobt. Während dem Entern war er kaltblü⸗ tig und von Nutzen.“ 3 „Das iſt ſchön. Laßt den Alderman aufs Verdeck rufen, denn meine Zeit iſt kurz und ich habe ihm noch viel zu ſagen.—“ D blick hellte ner als n ausw vorde Alles die quett „Feu D Strö Tiefe wach ſchree Schn derhe in ei Auge wand Take erken fes i auf Scho das das und ihren — 267— Der Tummler brach ab, denn in demſelben Augen⸗ blick erglänzte ein heftiges Licht auf dem Meere, es er⸗ hellte das Schiff und alles darin Die beiden Seemän⸗ ner ſahen einander ſchweigend an und traten zurück, als wollten ſie einem unerwarteten furchtbaren Angriff ausweichen. Aber ein helles Flackerfeuer, das aus der vorderen Lucke des Schiffs in die Höhe ſtieg, erklärte Alles. In demſelben Moment wurde die tiefe Stille, die ſeit dem Geräuſch des Weiterſegelns auf der Co⸗ quette geherrſcht hatte, durch den ſchreckenden Ruf: „Feuer!“ unterbrochen. Den Alarm, der den Seemännern das Blut in raſcher Strömung zum Herzen preßte, hörte man nun in den Tiefen des Schiffes. Die gedämpften Töne unten, der wachſende Lärm und das Stürzen aufs Verdeck mit dem ſchrecklichen Hülferufen in freier Luft, folgten mit der Schnelligkeit eines Blitzes. Ein Dutzend Stimmen wie⸗ derholten die Worte„die Granate!“ und nannten damit in einem Athemzuge die Gefahr und ihre Urſache. Einen Augenblick zuvor noch konnte man die ſchwellende Lein⸗ wand, die düſtern Stangen und die feinen Linien des Takelwerks nur bei dem Flimmern der Sterne mühſam erkennen, und nun zeigte ſich das ganze Gerüſt des Schif⸗ fes um ſo deutlicher, je dunkler der Hintergrund war, auf den es in ſcharfen Umriſſen abgeſchattet wurde. Das Schauſpiel war fürchterlich ſchön; ſchön, denn es zeigte das Ebenmaß und die feinen Umriſſe des Maſtenwerks, das ſich wie eine Statuengruppe bei Fackellicht ausnahm, und fürchterlich, weil die dunkle Waſſerwüſte dahinter ihren einſamen hülfloſen Zuſtand lebhaft malte. — 268— Es war ein athemloſer, beredter Moment, wie Alles das große Schauſpiel in ſtummem Entſetzen anſtarrte, dann aber erhob ſich eine Stimme, klar, deutlich, befeh⸗ lend, über das unheimliche Brauſen des Flammenſtroms, der in den Gängen des Schiffes wüthete. „All Hände bei, das Feuer zu löſchen! Ihr Herrn, auf Eure Poſten. Seyd beſonnen, Männer, und ſtill!“ Es lag eine Ruhe und eine Würde in den Tönen des jungen Commandanten, die den ungeſtümen Empfin⸗ dungen der entſetzten Menge mächtig entgegen traten. An Gehorſam gewöhnt und zur Ordnung herangerufen, erwachten die Matroſen aus ihrer Beſtürzung, und gin⸗ gen eifrig jeder an ſeine Arbeit. In dieſem Momente ſtand eine gerade bewegungsloſe Geſtalt auf dem Kamm der Mittel⸗Lucke. Sie hob eine Hand in die Luft, und der Ruf, der aus der vollen Bruſt drang, war wie eine Stimme, die im Sturmwind ſpricht. „Wo ſind meine Brigantiner?“ rief er—„Kommt hierher, meine Seehunde, näßt die Segel und folgt!“ Eine Gruppe ernſter unterwürfiger Matroſen ſam⸗ melte ſich um den Tummler der Meere, bei dem Klang ſeiner Stimme. Er ließ den Blick über ſie hin ſchwei⸗ fen, als wolle er ihre Zahl und Kräfte prüfen, lächelte mit einem Blick, in welchem ſich hohes Wagen und ge⸗ übte Faſſung mit tatiirlicher Heiterkeit des Geiſtes aus⸗ ſprach. „Ein Deck oder zwei!“— ſetzte er hinzu;„was hilft eine Planke mehr oder weniger bei einer Exploſon!— 5† II7 Fol Treihändler und ſein Polk verſchwanden ins In⸗ nere des Schiffs. Es folgten Augenblicke großer, ent⸗ ſchloſſener Anſtrengung. Decken, Segel, was ſich darbot und von Nutzen ſeyn konnte, wurde genäßt und auf die Flamme geworfen. Die Spritze kam daher, und das Schiff wurde mit Waſſer überſchwemmt. Aber der be⸗ engte Raum, die Hitze und der Rauch, machten es un⸗ möglich, zu den Theilen des Schiffs zu dringen, wo das Feuer wütyete. Der Eifer der Mannſchaft ließ nach, wie die Hoffnung dahinſchwand, und nach einer halben Stunde fruchtloſen Arbeitens ſah Ludlow mit Schmerz, daß die Anſtrengungen ſeiner Helfer dem unverlöſchlichen Element unterlagen Bei dem Erſcheinen des Tumm⸗ lers auf dem Verdeck, mit allen ſeinen Leuten, ſchwand alle Hoffnung, und jede Anſtrengung hörte ſo plötzlich auf, als ſie begonnen hatte. „Denkt an Eure Verwundete,“ lispelte der Freihänd⸗ ler mit einer Feſtigkeit, die keine Gefahr erſchuttern konnte.„Wir ſtehen auf einem tobenden Vulkan!“ „Ich habe dem Conſtabler befohlen, das Pulverma⸗ gazin unter Waſſer zu ſetzen“ „Er kam zu ſpät. Der Schiffsraum iſt ein feuriger Ofen. Ich hörte ihn bei den Vorrathskammern fallen, es geht über menſchliche Kräfte, dem Armen zu Hülfe zu kommen. Die Granate iſt unter brennbares Geräth gefallen, und ſo ſchmerzlich es iſt, Dich von dem gelieb⸗ ten Schiff zu trennen, Ludlow, ſo wirſt Du doch den Verluſt wie ein Mann ertragen!— Denke an Deine Verwundete; meine Böte hängen am Hintertheil.“ Ludlow gab mit Widerſtreben, doch mit Feſtigkeit den Befehl, die Verwundeten in die Böte zu tragen. Es — 270— war eine ſchwere und zarte Pflicht. Der kleinſte Schiffs⸗ junge kannte den ganzen Umfang der Gefahr und wußte, daß der Augenblick, wo die Pulverkammer barſt, ſie alle zuſammen in die Ewigkeit ſendete. Das vordere Verdeck ward jetzt zu heiß, um darauf zu ſtehen; es waren ſelbſt Stellen, wo das Gebälk Zeichen gab, daß es einſtüͤrzen wolle. Aber das Hintertheil, das übers Feuer emporragte, gab augenblickliche Zuflucht. Dahin zog ſich Alles zurück, während die Kranken und Verwundeten mit aller Vor⸗ ſicht, welche die Umſtände geſtatteten, in die Wallfiſch⸗ böte des Schmugglers hinabgelaſſen wurden. Ludlow ſtand an der einen Leiter, der Freihändler an der andern, um gewiß zu ſeyn, daß niemand in einem ſo entſcheidenden Augenblick der Feigheit Raum gebe. In ihrer Nähe war Alida, Seadrift und der Alderman, mit den Dienern der erſteren. Es ſchien eine Ewigkeit, bis dieſe menſchlich zarte Pflicht gethan war. Endlich hörte man den Ruf:„Alle drin!“ in einer Weiſe, welche bewies, wie groß die Selbſt⸗ heherrſchung zur Erfüllung dieſer Pflicht geweſen. „Nun, Alida, dürfen wir an Dich denken,“ ſagte Lud⸗ low, indem er ſich zu der Stelle wandte, wo die ſtumme Erbin ſtand. „Und Sie!“ ſagte ſie, zögernd, zu gehen. „Die Pflicht will, daß ich der letzte bin.—“ Eine heftige Exploſion und Stucke Feuer, die durch eine Lucke aufflogen, unterbrachen ſeine Worte. Das Stürzen von Leuten in die See und in die Böte folgte. Ordnung und Anſehen war verſchwunden in dem Drang der Lebenserhaltung. Vergeblich rief Ludſow ſeinen Män⸗ nern liche Auff Aug die Leite und und der nicht grof hätt nige in's die ware ſchet Exp Anſt nung then Boo ſchu war Tun trau Scht die Ent — 271— nern zu, kaltbluͤtig zu ſeyn und auf die noch oben befind⸗ lichen Menſchen zu achten. Seine Worte gingen in dem Aufruhr der wildverworrenen Stimmen verloren. Einen Augenblick ſchien es jedoch, als ob der Tummler der Meere die Verwirrung hemmen werde. Er warf ſſch auf eine Leiter, glitt auf ſein eines Boot hinab, hielt die Stricke und widerſtand mit kraftigem Arm der Stärke der Ruder und Bootshaken, während er Jedem den Tod ſchwur, der es wagen wurde, das Schiff zu verlaſſen. Wären nicht die beiden Mannſchaften vermiſcht geweſen, die große Gewalt und entſchiedene Miene des Freihändlers hätte ſicher den Sieg davon getragen, aber während Ei⸗ nige gehorchten, riefen Andere:„werft den Hexenmeiſter in's Waſſer!“— Schon ſtieß man ihm Bootshaken auf die Bruſt und die Schrecken des fürchterlichen Augenblicks waren auf dem Punkt, von der Heftigkeit eines meuteri⸗ ſchen Handgemenges überboten zu werden, als eine zweite Exploſion die Arme der Ruderer zu verzweiflungsvoller Anſtrengung trieb. Mit gemeinſamer raſender Erman⸗ nung überwanden ſie jeden Widerſtand. Indem der wü⸗ thende Seemann ſich auf die Leiter ſchwang, ſah er das Boot ſeiner Hand entfliehen und abſtoßen. Die Verwün⸗ ſchungen, die man unterm Hintertheil der Coquette hörte waren fürchterlich, aber im nächſten Augenblick ſtand der Tummler auf dem Hintertheil ſelbſt, ruhig und ſelbſtver⸗ trauend in der Mitte der verlaſſenen Gruppe. Die Exploſion einiger Offiziers⸗Piſtolen hat die Schurken erſchreckt,“ ſagte er mit heiterm Ton.„Aber die Hoffnung iſt noch nicht verloren, ſie thalten in der Entfernung und können noch zurückkehren.“ * — 272— Der Anblick der hülfloſen Menge auf dem Hinter⸗ theil des Schiffs und das Bewußtſeyn, daß ſie ſelbſt der Gefahr weniger ausgeſetzt ſeyen, hatte wirklich die Flüch⸗ tigen einzuhalten veranlaßt Doch herrſchte noch immer der Egoismus vor, und während die meiſten über ihre Ge⸗ fahr jammerten, wagten nur die jungen unerfahrnen See⸗ cadetten, denen Alter und Rang keine große Autorität verlieh, die Rückkehr vorzuſchlagen. Wenig Gründe wa⸗ ren nöthig, um zu zeigen, daß die Gefahren ſich in jedem Augenblicke mehrten; wie ſie fanden, daß kein anderes Mittel blieb, munterten die braven Jungen die Ruderer ſelbſt auf, nach dem Land zu eilen, von wo ſie ſogleich zum Beiſtand ihres Commandanten und ihrer Freunde zurückkehren wollten. Die Ruder klatſchten ins Waſſer und die forteilenden Böte verſchwanden bald in der Dun⸗ kelheit der Nacht.. Während das Fcuer innen wüthete, half ein anderes Element außen, denen die Hoffnung immer mehr zu be⸗ nehmen, die in ſo ſchrecklicher verlaſſener Lage waren. Der Wind vom Lande fuhr fort, ſich etwas zu erheben, und während die Zeit in nutzloſer Anſtrengung verſtrich, trieb das Schiff weiter vom Land weg. Als man die Hoff⸗ nung aufgab, verließ man das Steuerruder, und da alle un⸗ teren Segel zuſammengewickelt waren, um ſie den Flammen zu entziehen, trieb das Schiff viele Minuten faſt todt ins offene Meer. Die unverſtändigen Jungen, die auf dieſen Umſtand nicht geachtet hatten, waren noch ganze Meilen von dem Strande, den ſie ſo bald zu erreichen hofften, ent⸗ fernt, und ehe ſich die Böte funf Minuten von dem Schiff getrennt hatten, lagen ſie ohne Hoffnung auseinander. Ludl zu ſ beſſe der die E ließ wied Kraf ſchla Fran terot ſechs zweit laſſe pelte cade Fort Rett L den Beſo — 273— Ludlow hatte früh an das Mittel gedacht, das Schiff zu ſtranden, um die Mannſchaft zu retten, allein eine beſſere Würdigung ihrer Lage überzeugte ihn bald von der Vergeblichkeit des Verſuchs. Ueber das Fortwüthen der Flammen unten konnten die Seeleute nur nach Anzeichen ſchließen. Der Tummler ließ ſein Augen mherſchweifen, indem er das Hintertheil wieder beſtieg, und ſchien Zahl und Art der phyſiſchen Kraft, die noch zu ihrer Dispoſition war, genau in An⸗ ſchlag zu bringen. Er ſah, daß der Alderman, der treue Francois und zwei ſeiner eignen Matroſen mit vier Un⸗ teroffizieren des Kriegsſchiffs zurückgeblieben waren. Die ſechs letzteren hatten ſelbſt in dem Augenblick der Ver⸗ zweiflung ſich ſtandhaft geweigert, ihre Offiziere zu ver⸗ laſſen. 3 „Die Flammen ſind in den Staatszimmern!“ lis⸗ pelte er Ludlow zu. „Nicht weiter, denke ich, als an den Berths der See⸗ cadetten— ſonſt wurden wir mehr Piſtolen hören.“ „Wahr— es ſind furchtbare Signale, die uns das Fortſchreiten der Flammen melden!— unſere einzige Rettung wird ein Flooß ſeyn.“ Ludlow machte eine Miene, als verzweifelte er an den Mitteln dazu, aber er verbarg die entmuthigende Beſorgniß und ſagte freudig ja. Die Befehle wurden ſogleich gegeben und alle an Bord waren mit Herz und Hand bei der Arbeit. Die Gefahr war von der Art, daß ſie keine gewöhnliche oder halbe Maßregel zuließ, in einer ſolchen Noth bedurfte es aller Schnelligkeit ihrer Kunſt und ſelbſt der Größe einer ſolchen Idee, 61— 63. 18 — 274— welche die Eingebung des Genius iſt. Alle Unterſchei⸗ dungen des Ranges und der Gewalt hatten aufgehört, nur den natürlichen Eigenſchaften und der Verſtändig⸗ keit der Erfahrung wurde Ehrerbietung gezollt. Unter ſolchen Umſtänden übernahm der Tummler der Meere die Leitung, und obgleich Ludlow den fremden Gedan⸗ ken mit der Schnelligkeit ſeines Berufes auffaßte, war es doch der Geiſt des Freihändlers, der in den nun fol⸗ genden Anſtrengungen der fürchterlichen Nacht alles an⸗ ordnete. Die Wange Alidas war mit Todtenbläſſe überzogen, aber in den feurigen Augen Seadrifts lag ein Ausdruck übermenſchlicher Kraft. Als die Mannſchaft die Hoffnung aufgab, die Flam⸗ men zu löſchen, ſchloſſen ſie alle Lucken, um die Kriſis ſo viel möglich hinauszuſchieben. Hie und da aber ſah man kleine kerzenahnliche Lichter durch die Planken drin⸗ gen, und das ganze Verdeck, vom Hauptmaſt nach vorn befand ſich bereits in einem gefährlichen ſinkenden Zu⸗ ſtande. Einer oder zwei Balken waren ſchon gewichen, aber noch immer hielt ſich die Form des Baues. In⸗ deſſen mißtrauten die Seeleute dem verrätheriſchen Bo⸗ den, und hätte auch die Hitze das Experiment erlaubt, ſo wären ſie doch vor einem Wagniß zuruckgeſchaudert, welches ſie plötzlich in den feurigen Ofen ſtürzen konnte. Der Rauch hörte auf und ein heltes, blendendes Licht erleuchtete das Schiff bis zu den aden In Folge ihrer Sorgfalt und Arbeit waren die Segel und Ma⸗ ſten noch unberührt, und wie die graziöſe Leinwand im dur aan Ra⸗ den den eine bem küh übe dan den eine maf und leer unt hin Sti den obe Hät abr Ma End den — 275— im Winde ſchwoll, trieb ſie den brennenden Rumpf noch durchs Gewäſſer. Die Geſtalten des Tummlers und ſeiner Gehülfen maren mitten in dem Schönfahr⸗Geräth, auf den Giddy⸗ Raen ſitzend, zu erkennen. Bei dieſem hellſchimmern⸗ den Licht geſehen, mit der eigenthümlichen Tracht und dem entſchloſſenen Weſen, glich der Freihändler irgend einem Meeresgotte, der, ſeiner unſterblichen Kraft ſich bewußt, gekommen iſt, um bei der entſetzlichen Probe kühnen Muthes und rettender Kraft ſeine Rolle zu übernehmen. Von den Matroſen unterſtützt, war er damit beſchaftigt, die Leinwand von den Raen zu ſchnei⸗ den. Segel um Segel fiel aufs Verdeck herab, und in einer unglaublich kurzen Zeit war der ganze Vorder⸗ maſt ſeiner Stangen und Geräthſchaften baar. Mittlerweile war auch Ludlow, von dem Alderman und Francois unterſtützt, nicht müßig. Zwiſchen den leeren Rücktauen vorwärts gehend, fiel Rae auf Rae unter den Schlägen ihrer kleinen Beile. Der Maſt hing nun noch von der Stärke des Holzes und von der Stütze eines einzigen Stags ab. „Fällt ihn!“ rief Ludlow.„Alles iſt ab bis auf den Stag.“ Der Tummler ſprang auf den feſten Strick, alle oben ihm nach, und herabgleitend war er ſogleich in der Hängematten⸗Bekleidung Ein Krach folgte ihrem Her⸗ abrutſchen; eine Erploſion, von der die ganze brennende Maſchine bis ins Innerſte erzitterte, ſchien Allen das Ende zu verkünden. Selbſt der Freihändler fuhr vor dem ſchrelichen Schlag zurück, aber als er wieder ne⸗ 18* — 276— ben Seadrift und der Erbin ſtand, war Sanftheit in ſeinen Muskeln und der Ausdruck hohen, ja heiteren Muthes in ſeinen feſten Zügen. „Das Verdeck iſt vorn eingebrochen,“ ſagte er,„und unſere Artillerie fängt an, fürchterliche Signalſchuſſe zu thun! Seyd guten Muths;— das Pulvermagazin liegt gar tief und viele dicke Waände ſchützen uns noch da⸗ vor.“— Eine neue Salve von einer erhitzten Kanone ver⸗ kündete jedoch das immer ſchnellere Schreiten der Flam⸗ men Das Feuer brach von Neuem aus dem Innern, und der Vordermaſt entzündete ſich. „Dem muß doch einmal ein Ende werden!“ ſagte Alida, indem ſie die Hände mit einem Ausdruck von Entſetzen rang, den ſie nimmer bezwingen konnte. „Rettet Euch ſelbſt, wenn es möglich iſt, Ihr, die Ihr Starke und Muth beſitzt, und überlaßt uns der Gnade Deſſen, der ſeine Augen über Allem hat!“ „Eilt!“ fügte Seadrift hinzu, deren Geſchlecht jetzt kein Geheimniß mehr blieb.„Menſchliche Entſchloſſen⸗ heit vermag nicht mehr; aber uns laßt hier ſterben!“ Die Blicke, die dieſen troſtloſen Bitten begegneten, waren melancholiſch, aber ſtandhaft Der Tummler nahm ein Tau, ſtieg mit ihm in der Hand zum Kurz⸗ deck hinab, auf dem er ſich zuerſt mit großer Vorſicht wiegte. Dann blickte er in die Höhe und ſagte mit. aufmunterndem Lächeln,—„wo noch eine Kanone ſte⸗ hen kann, da iſt füur das Gewicht eines Menſchen keine Gefahr!“ „Es iſt unſere einzige Zuflucht!“ rief Ludlow, in⸗ den fe. hr dem er ſeinem Beiſpiel folgte.„Drauf, Mäanner, ſo lange die Balken uns noch tragen.“ In einem Augenblick waren Alle auf dem Kurzdeck, doch machte die ſchreckliche Hitze es unmöglich, einen Augenblick ſtehen zu bleiben. Auf beiden Seiten wurde eine Kanone eingeſetzt, die Schließe gelöſt und die Mün⸗ dungen gegen den wankenden, ungeſtützten, doch immer noch aufrechtſtehenden Vordermaſt gerichtet. „Zielt auf die Eleets!“ ſagte Ludlow zum Tumm⸗ ler, der die eine Kanone richtete, während er bei der andern denſelben Dienſt verſah. „Halt!“ rief der Letztere.„Noch Ladung zu;— wir haben doch nur die Wahl zwiſchen geſprungenen Kanonen und gezündetem Magazin!“ Es kamen noch Kugeln in die Kanonen, und dann hielten die beiden ritterlichen Seemänner mit feſter Hand Brände an die Zündlöcher. Die beiden Schüſſe gingen zu gleicher Zeit los, einen Augenblick rollten Wolken Rauchs das Verdeck entlang und ſchienen über den Brand zu triumphiren. Man hörte das Reißen des Holzes. Ihm folgte ein Sauſen durch die Luft und das Fallen des Vordermaſts mit ſeiner ganzen Laſt von Stangenwerk ins Meer. Die Bewegung des Schiffs hörte ſogleich auf, und da die ſchweren Bäume durch die vorderen Stags immer noch mit dem Bugſpriet zuſam⸗ menhingen, ſo kam ſein Vordertheil in den Wind, wäh⸗ rend die übrigen Topſegel klatſchten, zitterten und zu⸗ rück ſchlugen. Das Schiff ſtand nun, zum erſtenmal ſeit dem Feuer, ganz ſtill; die Matroſen benutzten den Umſtand, wag⸗ — 278— ten ſich an den ſteigenden Flammen längs den Baſteien vorbei, und gewannen das Vorderkaſtell, welches zwar erhitzt, aber noch unberührt war. Der Tummler ſah ſich um, ergriff Seadrift beim Leibe, als ob der falſche Seemann nur ein Kind wäre, und ſtürzte vorwärts, zwiſchen die Rücktaue. Ludlow folgte mit Alida und die Andern ahmten ihr Beiſpiel nach, ſo gut ſie konn⸗ ten. Alle erreichten das Vordertheil des Schiffes un⸗ verſehrt, den Capitain aber trieben die Flammen in die Vordercanäle und von da faſt ins Meer. Die Unteroffiziere waren ſchon auf den ſchwimmen⸗ den Stangen, trennten ſie von einander, ſchnitten das nöthige Gewicht des Takelwerks ab, brachten die ver⸗ ſchiedenen Hölzer in Parallellinien und banden ſie von Neuem zuſammen. Dieſe raſchen Arbeiten wurden durch eins jener furchtbaren Signale von dem Offtziersberth beſchleunigt, die mit dem Fortſchreiten der Flammen im Bauch des Schiffes die ſteigende Nähe am ſchlum⸗ mernden Vulkan andeuteten. Die Böte waren ſchon eine Stunde weg, doch ſchien es allen auf dem Schiff nur eine Minute geweſen zu ſeyn. Der Brand rückte in den letzten zehn Minuten mit verdoppelter Wuth vor⸗ und das Ganze der verſchloſſenen Flammen, die ſo lange in den Tiefen des Schiffes gewüthet hatten, brach jetzt in die freie Luft aus. 3 „Die Hitze iſt nimmer zu ertragen,“ rief Ludlow, „wir müſſen aufs Floß, um zu athmen.“ „Aufs Floß denn!“ verſetzte die heitere Stimme des Freihändlers.„Die Stricke herbei, Männer, und helft die koſtbare Laſt in Empfang nehmen.“ — 279— Die Matroſen gehorchten. Alida und ihre Gefähr⸗ ten wurden glücklich auf die zu ihrer Aufnahme be⸗ ſtimmte Stelle hinabgelaſſen. Der Vordermaſt war über die Seite hinabgegangen, alle Stangen hoch auf, denn ehe das Feuer begann, waren Vorbereitungen ge⸗ macht, die Segel aufs äußerſte zu häufen, um dem Feind zu entgehen. Die geſchickten thätigen Matroſen, von Ludlow und dem Tummler angeleitet, hatten einen einfachen, aber glücklichen Gebrauch von den oben ſchwim⸗ menden Materialien gemacht, von denen nun Alles ab: hing. Die Raen waren zum Glück, indem ſie gekreuzt ins Waſſer fielen, oben geblieben. Die großen und die kleinen Stangen trieben nahe der Spitze und lagen kreuzweiſe, von den untern bis zu der Topſegel⸗Rae. Einige wenige leichte Hölzer, außer Bord zurecht ge⸗ legt, waren abgeſchnitten und der Zahl beigefügt, und das Ganze mit der Schnelligkeit und Geſchicklichkeit, die nur Seemännern eigen iſt, befeſtigt. Auf den erſten Feuerlärm hatten einige von der Mannſchaft ein Paar leichte Gegenſtände zuſammen gerafft, die ſchwimmen konnten, und ſie auf das Vordertheil, als dem vom Pulvermagazin entlegenſten Ort geſtellt, in der dunkeln Hoffnung, daß ſie ihr Leben durch Schwimmen retten würden. Die meiſten dieſer Mobilien blieben verlaſſen ſtehen, als die Leute von den Offizieren zur Arbeit ge⸗ rufen wurden. Ein Paar leere Kugelkaſten und eine Speiſekiſte waren darunter; auf die letztere ſetzte man die Frauenzimmer, und mit den erſteren ſchützte man die Füße derſelben vor dem Waſſer. Da die Einrich⸗ tung der Stangen den Hauptmaſt ganz unters Waſſer — 280— zog und das Schiff ſo klein war, daß es wenig Vor⸗ richtungen in der Bemaſtung brauchte, ſo wurde der Theil um die Spitze, der die Staging enthielt, kaum untergebracht. Obgleich nun das Gewicht von ungefähr einer Tonne zu dem Holzwerk kam, war doch das letz⸗ tere ſehr leicht und möglichſt wenig, nur mit dem Noth⸗ wendigſten befrachtet, weßhalb die Stangen oder Floß⸗ balken, ziemlich an der Oberfläche haltend, zur augen⸗ blicklichen Sicherheit der Flüchtlinge genügten. „Schneidet jetzt die Stricke ab!“ ſagte Ludlow, der bei jeder Exploſion im Innern des Schiffes unwillkühr⸗ lich zuſammenfuhr. Die Schläge folgten einander im⸗ mer raſcher, zuletzt einer, wovon Stücke brennenden Holzes in die Luft fuhren.„Schneidet und ſtoßt das Floß vom Schiff ab!— Gott weiß es, wir haben's nöthig, bald von ihm weg zu ſey yn!“ „Schneidet nicht,“ ſchrie halb wahnſinnig Seadrift —„mein Edler!— Aufopfernder—!“ „Iſt geborgen;—“ ſagte ruhig der Tummler, der in dem Geringel des Haupttakelwerks erſchien, das vom Feuer noch unberührt war.—„Schneidet alle Stricke ab! Ich bleibe, um das Beſan⸗Topſegel feſter an den Maſt zu ſchlagen.“ Die Arbeit war gethan, und einen Augenblick ſah man die edle Geſtalt des Freihändlers an dem Rande des brennenden Schiffes ſtehen und mit Trauer auf die grü⸗ hende Maſſe blicken. „Das iſt das Ende des ſchönen Schiffes!“ ſagte er, laut genug, daß es die unten hörten. Dann erſchien er in der Luft und tauchte ins Meer.—„Das letzte Sig⸗ — 281— nal kam won der Wachſtube,“ fügte der gewandte furchtlofe Seemann hinzu, als er aus dem Waſſer auf⸗ tauchte, und indem er ſich die ſalzige Fluth aus den Haaren ſchüttelte, nahm er auf dem Ruheſitz Platz. „Wollte Gott, der Wind wehete jetzt, denn wir brau⸗ chen größere Entfernung!“ Die Vorſicht, die der Freihandler mit dem Zurecht⸗ richten der Segel getroffen hatte, war nicht ohne Nu⸗ tzen. Bewegung hatte das Floß nicht, da aber die Topſegel der Coquette noch immer an den Maſt ge⸗ ſchlagen waren, ſo begann die flammende Maſſe, die nicht länger von den ſchwimmenden Stangen gehalten wurde, ſich langſam von ihnen zu trennen, doch ſchie⸗ nen die wankenden und halb verbrannten Maſten in jedem Augenblick ſtürzen zu wollen. Nie dehnten ſich Augenblicke ſo fürchterlich, wie die jetzt folgenden. Selbſt der Tummler und Ludlow be⸗ obachteten mit ſprachloſer Spannung die langſame Be⸗ wegung des Schiffes. Immer ein wenig ging es weiter zurück und nach zehn Minuten der aufgeregteſten Er⸗ wartung fingen die Seefahrer, deren Angſt erſt da recht anging, wo ihre Anſtrengung aufhörte, freier zu athmen an. Sie waren der ſchrecklichen Feuermaſſe noch immer fürchterlich nahe, aber Zerſtörung durch ihr Zerſpringen war keine N. othwendigkeit mehr. Die Flammen begannen aufwärts zu lecken und dann ſchien der Himmel im Feuer zu ſtehen, wie ein ergriffenes Segel nach dem andern anging und wild in dem Wind hinflackerte. 3 Noch immer war das Hintertheil des Schiffes ganz. — 282— Der Leichnam des Segelmeiſters ſaß gegen den Bezan⸗ maſt und ſelbſt das ſtrenge Geſicht des alten Seemanns war unter den hellen Lichtern des Brandes deutlich zu erkennen. Ludlow ſah trübſinnig auf ihn hin; eine Zeitlang hörte er auf, an ſein Schiff zu denken, waͤh⸗ rend das Gedächtniß ihm grauſam die Scenen des kind⸗ lichen Glücks und die Berufs⸗Freuden zurückrief, an denen ſein alter Kamerad ſo manchen Antheil hatte. Das Donnern einer Kanone, deren Feuerſtrom nach ihren Geſichtern hinblitzte und das dumpfe Pfeifen des Schuſſes, der über's Floß hinfuhr, weckte ihn nicht aus ſeiner melancholiſchen Luſt. „Steht feſt an der Speiſe⸗Kiſte!“ lispelte halb der Tummler, indem er ſeine Gefährten aufforderte, ſich anzuſtemmen, um die Schwächeren der Geſellſchaft zu ſtützen, während er ſeine eigne athletiſche Geſtalt mit Eifer feſtſtemmte, daß alles Gewicht und alle Kraft gegen den Sitz wirkten.„Steht feſt und gebt acht!“ Ludlow that ſo, während ſeine Augen wenig die Richtung änderten. Er ſah die ſtrahlende Flamme, die über die Waffenkiſte emporſtieg und es war ihm, als röthe ſie den Scheiterhaufen des jungen Dümont, deſſen Schickſal er jetzt faſt beneidete. Dann kehrte ſein Blick auf das graſſe Geſicht Tryſails zurück. Auf Augenblicke ſchien es, als ob der todte Segelmeiſter rede, und die Täuſchung wurde ſo ſtark, daß unſer junger Seemann mehr als einmal ſich vorwärts beugte, um ihn zu hören. Unter dieſer Täuſchung ſtieg auf einmal der Körper mit gen Himmel geſtreckten Armen empor. Die Luft war erfüllt mit ſtrömendem Feuer, — 283— und Ocean und Himmel glühten von tiefer, feuriger Röthe. Ungeachtet der Vorſicht des Tummlers der Meere rückte die Kiſte von ihrer Stelle; die ſie hielten, wur⸗ den faſt in's Waſſer geriſſen. Ein tiefes ſchweres Don⸗ nergepraſſel folgte, als käme es aus der Tiefe des Mee⸗ res, welches zwar das Ohr weniger verwundete, als die heftige Exploſion der ſo eben losgegangenen Kanone, da⸗ gegen an den entfernten Caps des Delaware gehört wurde. Der Leichnam Tryſails flog wohl fünfzig Faden mitten in den feurigen Himmel hinein, beſchrieb eine kurze Krümmung nach dem Flooß und ſchnitt das Waſſer ganz in der Nähe des Capitains. Der dumpfe Fall ei⸗ ner Kanone folgte und verkündete die furchtbare Gewalt der Exploſion, während eine ſchwere Rae auf einen Theil des Floßes ſtürzte und die vier Unterofficiere Ludlow's hinwegriß, als wären ſie nur Späne im Sturmwind. Um die wilde fürchterliche Größe der Zerſtörung des königlichen Kreuzers zu vollenden, ſo entſandte eine der Kanonen ihren feurigen Stoff, während ſie in's Weite trieb. Die brennenden Stangen, die fallenden Stuücke Holz, die flackernden umhergeſtreuten Segel und Taue, die gluhende Kanone und alle die zerriſſenen Theile des Schif⸗ fes ſah man herabkommen. Dann folgte das Gurgeln des Waſſers, wie das Meer alles verſchlang, was noch vom Kreuzer übrig blieb, der ſo lange der Stolz der amerikaniſchen Gewäſſer geweſen war. Die Feuergluth verſchwand und eine Düſterheit, wie die, welche dem Leuchten eines hellen Blitzes folgt, bedeckte den Schauplatz. —, 284— Fuͤnfzehntes Kapitel. — „— Leſ't doch gefällig.“ Eymbeline. „Es iſt vorbei!“ ſagte der Tummler der Meere, als er ſich von der Anſtrengung ſeiner Muskeln durch Stü⸗ tzung der Speiſekiſte wieder erhob. Er ging hinaus auf dem einzelnen Maſt zu der Stelle, wo die vier Matro⸗ ſen Ludlow's hinabgeſtürzt waren.„Es iſt vorüber! und die zur letzten Rechenſchaft gerufen ſind, haben ihr Schickſal überwunden, in einer Scene, von der Nie⸗ mand als ein Seemann Zeuge ſeyn mag, während die Erhaltenen aller Geſchicklichkeit und Entſchloſſenheit des Seemanns bedürfen, für das, was noch zu thun bleibt! Capitain Ludlow, ich verzweifle nicht, denn ſeht, die Herrin der Brigantine hat noch ein Laͤcheln für ihre Diener!“ Ludlow, der dem feſten und kühnen Freihändler zur Stelle gefolgt war, wo die Stange zerſtörend herabfiel, that einen Blick in die Richtung, nach der jener den Arm ausſtreckte. Hundert Fuß von ihnen ſah er das Bildniß der meergrünen Dame ſich im bewegten Waſ⸗ ſer wiegen, dem Floß zugekehrt, mit dem gewöhnlichen Ausdruck boshafter Schalkheit. Dieſes Emblem ihrer idealen Herrin hatten ſich die Schmuggler vortragen laſſen, als ſie das Hintertheil der Coquette beſtiegen, und den mit Eiſen beſchlagenen Stock, auf dem es ruhte, hatte der Fahnenträger in einen Kubel geſteckt, als ſie * die Stärke, die dem muthigen Geiſte des Schmugglers ſich in's Gedränge ſtürzten. Während des Brandes bemerkte Ludlow mehr als einmal dieſen Gegenſtand und nun ſchien er ruhig neben ihm zu ſchwimmen, mit einer Tauſchung, die ſeiner Verachtung des Aberglau⸗ bens der Matroſen zu ſpotten ſchien. Indem Ludlow noch unſchlüſſig war, was er auf die Bemerkung ſeines Gefährten erwiedern ſollte, tauchte dieſer in's Meer und ſchwamm auf das Licht zu. Er war bald wieder an der Seite des Floßes und hielt das Symbol ſeiner Brigantine in die Höhe. Niemand iſt wohl ſo ſtark in der Herrſchaft des Verſtandes, daß er ſich ganz den geheimen Einflüſſen verſchließt, die uns an die unſichtbaren Wirkungen eines guten und eines böſen Schickſals glauben laſſen. Die Stimme des Freihändlers war heiterer, ſein Tritt ſicherer und elaſtiſcher, als er auf dem Balken dahinging und das beſchlagene Ende des Stabs in den Theil des Top⸗ Rims der Coquette einſtach, der zu oberſt ſchwamm. „Muth!“ rief er freudig.„So lange dieſes Licht brennt, iſt mein Stern noch nicht untergegangen! Nuth, Dame vom Lande, denn hier iſt eine vom Meere, die immer gütig auf ihre Anhänger blickt! Wir ſind zur See, auf einer gebrechlichen Barke frei⸗ lich, aber ein elender Schiffer kann auch eine ſichere Fahrt machen.— Sprich, luſtiger Meiſter Seadrift; Munterkeit und Muth ſollten bei einem ſo guten Die⸗ ner nicht ausbleiben.“ Aber der Urheber ſo vieler heiteren Mummereien und das Werkzeug ſo mancher Verſtellungen beſaß nicht 286— Ehre machte. Die Maske des Mannes ſenkte den Kopf an der Seite der ſtummen Alida, ohne zu ant⸗ worten. Der Tummler der Meere betrachtete einen Augenblick die Gruppe mit männlicher Theilnahme, dann ergriff er den Arm Ludlows und ging mit balan⸗ cirendem Schritt die Stangen entlang, bis ſie an einer Stelle waren, wo ſie mit einander reden konnten, ohne ihren Gefährten unnöthige Unruhe zu bereiten. Obgleich eine ſo nahe und fürchterliche Gefahr, wie die der Pulvererploſion, an ihnen vorübergegangen war, konnte man doch die Lage der Geretteten kaum beſſer als das Schickſal derer nennen, die ſchrecklich unter⸗ gingen. Der Himmel zeigte nur ein Paar glimmende Sterne in den Oeffnungen der Wolken und da nun der erſte Contraſt des Wechſels vorüber war, hatten ſie grade Licht genug, um ihnen ihre jetzige Lage düſter und übermächtig zu malen. Es iſt bemerkt worden, daß der Vordermaſt der Coquette mit dem meiſten fliegenden Geräth über Bord ging. Die Segel und alles Takelwerk, was ſie ſtützen kannte, war, wie erzählt, haſtig weggeſchnitten worden und nach dem Fall beſchäftigten ſich die Matroſen, bis zu dem Augenblick des Springens des Wracks, theils mit Feſtbinden der Balken, theils mit Hinwegſchaffen der ſchweren Stricke vom Verdeck, die zum Befeſtigen nicht taugten und nur das Gewicht der Maſſe vermehrten. Das Gerüſt lag auf dem Meere, die Raen gekreuzt und an ihrem Platz, meiſt wie die Stangen geſtanden hatten. Die dicken Hölzer waren ausgeſchifft und lagen in ſolcher Weiſe um die Spitze, und mit den Enden —= 287— den aauf den niedrigeren und Topſegel⸗Raen ruhend, daß ant: ſie das Fundament des Gebälks bildeten. Die kleine⸗ nen ren Hölzer, die Speiſe⸗Kiſte und die Kugelbehälter me, waren alles, was zwiſchen der Gruppe in der Mitte an⸗ und dem Ocean lag. Der obere Theil des Top⸗Rims ner ſtieg ein Paar Fuß über's Waſſer und bildete einen hne wichtigen Schirm gegen die Nachtluft und das beſtan⸗ dige Andrängen der Wogen. Auf dieſe Art ſaßen denn wie die Frauenzimmer, die ſich in Acht nahmen, die Füße ar, nicht auf den ge brechlichen Halt der Stangen zu ſetzen, ſer unnd von dem Matroſen mit unabläſſiger Sorgfalt ge⸗ ler⸗ ſtützt wurden. Francois hatte ſich darein gefügt, von nde eeinem Matroſen der Brigantine auf dem Top feſtge⸗ der punden zu werden, indeß der zweite Matroſe, der mit ſie ihm die ganze Mannſchaft ausmachte, ſich damit be⸗ ter ſccäftigte, die Bäander des Floßes und die anderen Vor⸗ richtungen genau durchzuſehen. der„Wir ſind nicht in der Lage, eine lange und rüſtige örd Fahrt zu machen, Capitain Ludlow,“ ſagte der Tumm⸗ ben ler, als er und ſein Gefährte nicht mehr gehört wer⸗ den dden konnten.„Ich war in jedem Wetter und auf je⸗ bis dem nur möglichen Fahrzeug zur See; aber das iſt das ils kühnſte meiner Experimente auf dieſem Element.— der Ich hoffe, daß es nicht das letzte iſt!“ cht„Wir können uns die fürchterliche Gefahr, in der en. wir ſchweben, nicht verhehlen,“ verſetzte Ludlow,„wie zt ſehr wir auch wünſchen müſſen, daß ſie Einigen unter en uns ein Geheimniß bleibe.“ en„Wahrlich, im eigentlichen Sinn eine Waſſerwüſte, auf der wir als Flötzer herumtreiben! Wären wir in — 288— den engen Canälen zwiſchen den brittiſchen Inſeln und dem Feſtlande, oder ſelbſt im Biscajiſchen Gewäſſer, dann hätten wir Hoffnung, daß ein Kauffahrer oder ein kreuzendes Kriegsſchiff uns in den Weg kaäme; aber unſere unglückliche Lage haͤlt uns eben ſo weit von den Franzoſen als von der Brigantine entfernt.“ Der Feind hat ohne Zweifel das Platzen des Schiffs gehört und da das Land ſo nahe iſt, ſo wird er glau⸗ ben, die Mannſchaft ſey in Böten gerettet. Die Mög⸗ lichkeit, von den Franzoſen wieder etwas zu Geſicht zu bekommen, wird durch das Ereigniß der Exploſion ver⸗ mindert, denn es bleibt jetzt kein Anlaß für ſie, ſich länger an dieſer Küſte aufzuhalten.“ „Und werden Eure jungen Offieiere ihren Capitain verlaſſen, ohne nur einmal nach ihm ausgeſchaut zu haben?“ „Hoffnung und Hülfe von dieſer Seite iſt vergeb⸗ lich. Das Schiff lief manche Meile, während es brannte, und ehe das Tageslicht zuruckkehrt, wird dieſes Floß abermals meilenweit meerwärts getrieben ſeyn.“ „Wahrhaftig unter ſo ſchlechten Auſpicien bin ich noch nie geſchifft!“ bemerkte der Tummler.—„Wie ſind wir denn in den Richtungen und in der Entfer⸗ nung vom Land?“ „Das Land liegt ganz nach Norden, wir aber trei⸗ ben ſüdöſtlich. Noch Morgen ſind wir Montauk gegen⸗ über, ja wohl ſchon dran vorbei; wir müſſen aber ſchon mehrere Seemeilen weit vom Lande ab ſeyn.“ „Das iſt ſchlimmer als ich dachte!— aber wir könn⸗ ten doch auf die Fluth hoffen?“ von wer wen den Jeib ſagt ſung ſagt es min ſchli Top len unſe „ Lud ich zune und meit 4 7 ihren zula⸗ 61 — was haltet Ihr vom Himmel?“ „Unguͤnſtig, doch nicht ohne Hoffnung. Der Wind vom Meer wird mit der Sonne zuruckkehren“ „Und mit ihm auch die See höher gehen! Wie lange werden dieſe ſchwach verbundenen Hölzer noch halten, wenn die Wogen ſie beſtürmen? Oder, wie lange wer⸗ den unſere Gefährten das Anſpülen der See ohne alle leibliche Stärkung ertragen?“ „Ihr malt mit düſtern Farben, Capitain Ludlow,“ ſagte der Freihändler, indem er, aller bisherigen Faſ⸗ ſung zum Trotz, tief aufathmete.„Meine Erfahrung ſagt mir, daß Ihr recht habt, ſo gern meine Wunſche es beſtreiten möchten. Indeſſen ſehen wir, denke ich, mindeſtens einer ruhigen Nacht entgegen.“ „Ruhig fuür ein Schiff, ſelbſt für ein Boot, aber ſchlimm für ein Floß wie dieſes. Ihr ſeht, daß dieſer Topmaſt ſchon in der Kappe arbeitet, wie ſich die Wel⸗ len heben, und mit dem Lockern des Holzes lockert auch unſere Sicherheit.“ „Euer Gutachten iſt nicht ſchmeichelnd!— Capitain Ludlow, Ihr ſeyd ein Seemann, und ein Mann, und ich will es nicht verſuchen, es mit Eurer Kenntniß auf⸗ zunehmen. Wie Ihr halte ich die Gefahr fuͤr drohend, und beinahe unſere einzige Hoffnung iſt noch das Glüͦch meiner Brigantine.“ „Werden, die darauf ſind, es fuͤr ihre Pflicht halten, ihren Ankerplatz zu verlaſſen, um nach einem Floß aus⸗ zulaufen, deſſen Exiſtenz ihnen unbekannt iſt?“ „Auf die Wachſamkeit der Dame mit dem meergrü⸗ 61— 63. 19 „Die Fluth bringt uns wieder nach Norden— doch — 290— nen Gewande baue ich! Ihr mögt dieß albern, ja noch ſchlimmer nennen, in einem ſolchen Augenblick der Noth, aber ich, der ſo viele Fehdehandſchuhe mit ihrer Hülfe überſprungen habe, ſetze auf ihren guten Stern Ver⸗ trauen. Gewiß, Ihr wäret kein Seemann, Capitain Ludlow, wenn Euch nicht auch eine heimliche Abhängig⸗ keit von irgend einer unſichtbaren Macht innewohnte!— „Meine Abhängigkeit beruht auf der Macht Deſſen, der gewaltig über Alles, doch immer ſichtbar iſt. Wenn er unſer vergeſſen ſollte, dürften wir wahrlich verzweifeln!“ „Sehr wahr, doch es iſt nicht das Schickſal, von dem ich reden wollte. Glaubt mir, ungeachtet einer Erzie⸗ hung, die Alles lehrte, was Ihr geſagt habt, und einer Vernunft, die oft all zu klar für Verrücktheit iſt, gibt es einen geheimen Halt an verborgenen Wirkungen, die ein Leben voll Thätigkeit und Gefahren mir gegeben, und der, wenn er mich auch um nichts beſſer macht, mich doch auch nicht verzweifeln läßt. Das gute Omen des Lichts und das Lächeln meiner Herrin würden mich trotz der Einwände von tauſend Philoſophen aufrecht halten.“ „Ihr ſeyd glücklich, Euern Troſt ſo wohlfeil zu kau⸗ fen,“ verſetzte der Commandant in Dienſten der Köni⸗ gin Anna, dem aller dings eine verborgene Hoffnung in der Zuverſicht ſeines Gefährten aufging, obgleich er ſie zu bekennen Anſtand nahm.„Ich ſehe nur wenig, was unſerm ſchlimmen Fall zu Hülfe kommen kann, jetzt nur die Sorgfalt, daß wir alles unnöthige Gewicht ent⸗ fernen und das Floß durch noch mehr Stricke ſo feſt als möglich binden.“ ten ch cht au⸗ ni⸗ in ſie bas etzt nt⸗ als — — 291— Der Tummler der Meere ſtimmte dieſem Vorſchlage bei. Sie beriethen ſich noch einen Augenblick über das Einzelne der anzuwendenden Mittel und gingen dann zur Gruppe am Top zurück, um ſie in Ausführung zu bringen. Da die Matroſen des Floßes auf die beiden Leute von der Brigantine reducirt waren, ſahen ſich Ludlow und ſein Gefährte gezwungen, ſelber mit Hand anzulegen. 5 Viel unnöthiges Tauwerk, was das Gerüſte mehr nieder ſenkte, ohne dem Floß Schwebe zu geben, ſchnit⸗ ten ſie hinweg; auch hieben ſie die Eiſen überall ab und ließen ſie auf den Meeresgrund hinabſteigen. Durch dieſe Maßregeln erleichterten ſie das Floß ausnehmend, es hielt ſie jetzt mit denen, die ihm ihr Leben anver⸗ trauten, kräftiger oben. Der Tummler, von den bei⸗ den ſtillen und gehorchenden Matroſen begleitet, wagte ſich über die dünneren, unterm Waſſer treibenden Stan⸗ gen zum außerſten Ende der ſpitzen Maſten, und nach⸗ dem ſie mit der Gewandtheit von Leuten, die mit der complicirten Maſchinerie eines Schiffes auch in der dun⸗ kelſten Nacht umzugehen gewohnt ſind, ſich daran ab⸗ müheten, gelang es ihnen, die beiden kleineren Maſte von ihren Raen zu befreien und ſie auf den Boden des Wraks oder den Theil um den Top niederzulegen. Hier wurden die Stöcke gekreuzt, um dem Floß noch mehr Feſtigkeit und Ebenheit zu geben. Es lag ein Anſchein von Hoffnung und ein Gefühl zunehmender Sicherheit in dieſer Beſchäftigung. Selbſt Her Alderman und Francois halfen, ſoweit ihre Kennt⸗ niſſe und Kräfte reichten. Aber als dieſe Aenderungen 19* getroffen und friſche Bänder gelegt waren, um den Top⸗ maſt und die breiteren Raen an ihren Stellen zu fixi⸗ ren, gab Ludlow, indem er ſich neben die ſtellte, welche um die Maſtſpitze beſchäftigt waren, ſtillſchweigend zu, daß man ſchwerlich mehr thun könne, um Unheil mög⸗ lichſt abzuwenden. In den wenigen Stunden, die mit dieſer wichtigen Arbeit verſtrichen, wandten Alida und ihre Gefährtin die Gedanken in langen, heißen Gebeten zu Gott. Mit dem ſtarken Glauben des Weibes an die göttliche All⸗ macht, die ſie allein retten konnte, und mit der weib⸗ lichen Seelenſtärke in Augenblicken verlängerter Prüfung, hatten beide, in dieſer Zeit die Wirkungen der Angſt niederzukämpfen gewußt und in dem Anruf einer über alles Irdiſche erhabenen Macht den beſten Troſt gefun⸗ den. Ludiow ſah ſich daher nicht wenig belohnt durch die Heiterkeit, womit Alida zu ihm redete, als ſie ihm für das, was er gethan, innig dankte und er zugeben mußte, daß jetzt Alles, was nur irgend möglich, gethan ſey. „Das Uebrige ſteht bei Gott!“ fügte Alida hinzu. „Alles, was kühne und geſchickte Seemänner thun kön⸗ ken, iſt geſchehen; und alles, was Frauen in einer ſol⸗ chen Lage zu thun übrig bleibt, iſt für Euch gethan worden.“ „Du haſt meiner in Deinem Gebete gedacht, Alida! Eine Vertretung, die auch der Muthigſte gern annimmt und nur ein Thor verlachen kann.“ „Und Du, Eudora, Du haſt an Ihn gedacht, der die Wogen ſtillt!“ ſagte eine tiefe Stimme in der Nähe der gebeugten Geſtalt des falſchen Tummlers. — 293— „Ich that's.“ „Recht gut— Es gibt Punkte, worüber Mannheit und Erfahrung hinweggehen können, und wieder andere, wo alles einem Mächtigeren, als die Elemente, anheim⸗ geſtalt werden muß.“ Worte wie dieſe, von den Lippen eines Mannes von dem bekannten Charakter des Tummlers der Meere, waren nicht i in den Wind geredet. Selbſt Ludlow warf einen ſorgenvollen Blick gen Himmel, als dieſe Worte an ſein Ohr drangen, als enthielten ſte einen geheimen Wink, df der Tummler die Gefahren, die ſie umga⸗ ven, für ſehr groß anſehe. Niemand antwortete, es folgte langes Schweigen, während deſſen Einige, die mehr ermüdet waren, ihrer fürchterlichen Lage ungeach⸗ tet, in einen freilich nicht erquickenden Schlummer fielen. Auf dieſe Weiſe verging die Nacht in Angſt und Harren. Es wurde wenig geſprochen und ſtundenlang kaum ein Glied geruhrt in der Gruppe, die um die Speiſe⸗Kiſte verſammelt war. Als der Tag zu däm⸗ mern anfing, erwachten jedoch alle Kräfte, um die erſten 34chen⸗ was ſie zu hoffen, oder die erſte Gewißheit, was ſie zu fürchten hätten, ſchnell zu erkennen. Die Oberfläche des Meeres war noch immer ruhig, obgleich die langen Wogen, in denen das Element ſtieg und ſiel, hinlänglich andeuteten, daß das Floß weit vom Lande weggetrieben ſey. Dieſer Umſtand ergab ſich deutlich, als das Licht, das bald am öſtlichen Rande der ſchmalen Ausſicht erſchien, ſich allmahlig über den ganzen Horizont ausgoß. Richts war jetzt ſichtbar als eine düſtre leere Wogenwüſte. Ein Fre ud enſchrei Sea⸗ — — 294— drifts, deren Augen große Uebung auf dem Meere er⸗ langt hatten, zog die Blicke Aller ſchnell auf die der Sonne entgegengeſetzte Seite, und es dauerte nicht lange, ſo genoſſen alle Bewohner des niedern Floßes den Anblick ſchneeweißer Segelflächen, als die Morgen⸗ röthe die Leinwand traf. „Es iſt der Franzoſe!“ ſagte der Freihändler.„Er ſieht chriſtlich nach dem Wrack ſeines verblichenen Fein⸗ des!“ „Das mag wohl ſeyn, denn unſer Schickſal kann ihm nicht entgangen ſeyn,“ war Ludlows Antwort.„Zum Unglück war er ſchon eine Strecke von dem Ankerplatz weg, als die Flammen ausbrachen. Sicher werden die, mit denen wir noch ſo kürzlich auf Tod und Leben kämpften, Menſchlichkeit im Buſen hegen.“ „Aha, dort iſt ſein verkrüppelter Gefährte— windab viele Meilen entfernt. Dem luſtigen Vogel iſt das Ge⸗ ſieder ein bischen geſtutzt, er kann nicht ſo im Wind mit fort! Das iſt des Menſchen Schickſal! Er gebraucht in dem einen Momente ſeine Kraft, um im nächſten grade die Mittel, die zu ſeiner Sicherheit dienen, zu zerſtören.“ 4 „Und was halten Sie von unſeren Hoffnungen?“ fragte Alida, indem ſie in den Zügen Ludlows den Schluſſel zu ihrem Schickſal ſuchte.„Schifft der Fremde in einer Richtung, die unſern Wünſchen günſtig iſt?“ Weder Ludlow, noch der Tummler antwortete. Beide ſahen ſcharf auf die Fregatte hin und dann, als die Gegenſtände deutlicher wurden, antworteten Beide zugleich, das Schiff ſteure grade auf ſie zu. Die Er⸗ klärung erregte allgemeine Freude und ſelbſt die Nege⸗ rin ließ ſich nicht zurückhalten, ihre Luſt in frohlocken⸗ dem Geſchrei zu verkunden. Es folgten einige wenige Minuten lebhafter und ſehr bereiter Anſtrengung. Ein leichter Baum wurde von dem Floß losgemacht und in die Höhe geſtellt; die Spitze trug, aus den Schnupftüchern der Geſellſchaft zu⸗ ſammengeknüpft, eine kleine Signalflagge, die einige und zwanzig Fuß über der Meeresfläche im leichten Winde flatterte. Nach dieſer Maßregel mußten ſie nun in Geduld harren, ob was erfolgen werde. Eine Mi⸗ nute verfloß nach der andern und in jedem Augenblick wurden die Formen und Proportionen des Schiffes deutlicher, bis alle Seeleute der Geſellſchaft Matroſen auf den Raen zu erkennen im Stande waren. Eine Kanone hätte leicht ihre Kugel nach dem Floß ſenden können und noch immer verrieth das Schiff durch kein Zeichen, daß es die Harrenden entdeckt habe. „Ich verſtehe ſeine Art zu ſteuern nicht!“ außerte der Tummler gegen den ſtummen aufmerkſamen Ludlow. Er ſtreicht hinuͤber, als wollte er die Nachforſchung aufgeben. Gott lenke ſeinen Sinn, daß er dieſen Lauf noch zehn Minuten forkſetzt!“ „Haben wir denn keine Mittel, um uns vernehmbar zu machen?“ fragte der Alderman.„Ich ſollte doch den⸗ ken, die Stimme eines kräftigen Mannes könnte da übers Waſſer reichen, wo ſich's um Menſchenleben handelt.“ Die Erfahrneren ſchüttelten den Kopf, aber hierdurch noch nicht entmuthigt, erhob ſeine Stimme ſich mit einer Stärke, der die Angſt doppelte Kraft gab. Die See⸗ — 296— leute vereinigten ſich mit ihm und ſelbſt Ludlow half rufen, doch ſie ſchrieen ſich heiſer und es half zu nichts. Männer waren augenſcheinlich und in einiger Zahl in der Höhe und durchforſchten das Meer, aber immer er⸗ folgte kein Antwortsſignal vom Schiff. Die Fregatte fuhr fort, ſich ihnen zu nähern und das Floß war keine halbe Meiſe mehr von ihrem Bug, als das große Gebaude ſich plötzlich vom Wind abwandte, ſeine glitzernde Seite zeigte und durch die Aenderung der Raen und ſeine ganze Richtung zeigte, daß die Nachfor⸗ ſchung nach dieſer Gegend aufgegeben ſey. In dem Au⸗ genblick, wo Ludlow die Umdrehung wahrnahm, rief er— „Nun erhebt Eure Stimmen zuſammen;— dieß iſt die letzte Möglichkeit!“ Sie vereinigten ſich zu einem neuen Nothruf, mit Ausnahme des Tummlers der Meere. Dieſer lehnte ſich mit eingeſchlagenen Armen an den Top und hörte mit melancholiſchem Lächeln auf ihre vergebliche Anſtrengung. „Es war gut,“ ſagte der ruhige, ſeitſame Seemann, als ihr Geſchrei verklungen war, indem er zu ihnen hin⸗ trat und ſie bat, nicht mehr zu rufen:„es iſt fehl ge⸗ ſchlagen. Das Klappern der Raen und die Befehle beim Wenden des Schifſes hätten bei der emſigen Beſchäftigung der Matroſen noch ſtärkere Töne verklingen laſſen. Ich will Niemanden mit Hoffnung ſchmeicheln, allein dieß iſt wirklich ein Augenblick, um noch eine letzte Anſtrengung zu verſuchen. Er ſetzte die Hände an den Mund und ohne ſich auf Worte einzulaſſen, erhob er einen ſo hellen, ſo mächti⸗ gen und vollen Schrei, daß es unmöglich ſchien, wie es — 297— die im Schiff nicht hören ſollten. Dreimal wiederholte er den Verſuch, doch war jeder ſpätere Ruf ſchwächer. „Sie hören es!“ ſchrie freudig Alida.„Die Segel bewegen ſich „Das iſt der Wind, der friſch hineinblaſt,“ bemerkte Ludlow traurig an ihrer Seite.„Jeder Moment fuͤhrt ſie weiter!“ Die traurige Wahrheit war zu augenſcheinlich, als daß ſie geläugnet werden konnte; eine halbe Stunde be⸗ obachteten ſte das zuruͤckgehende Schiff mit den bittern Gefühlen der Täuſchung; zu Ende dieſer Zeit feuerte die Fregatte eine Kanone ab, breitete mehr Segel auf den weiten Raen und ging im Wind dahin, um zu ih⸗ rem Gefährten zu ſtoßen, deſſen obere Segel bereits am ſüdlichen Bord die Linie der See berührten. Mit die⸗ ſer Aenderung im Laufe verſchwand alle Hoffnung der Erlöſung durch den feindlichen Kreuter. Vielleicht iſt es in jeder Lebenslage nöthig, daß die Hoffnung zuerſt durch falſche Erwartungen abgekühlt wird, ehe die Schwungkraft des menſchlichen Geiſtes es erlaubt, zu der niederſchlagenden Möglichkeit eines üblen Ausgangs herabzuſteigen. Ehe eine vergebliche Anſtren⸗ gung ihn die Schwierigkeiten der Erreichung lehrt, hofft der Geſunkene immer wieder aufzuſteigen, und erſt wenn eine Anſtrengung mit minderen Mitteln gemacht worden iſt, lernen wir den Werth der Vortheile kennen, deren wir uns vielleicht lange erfreut haben, ohne ihre Wich⸗ tigkeit gehörig zu würdigen. Bis die franzöſiſche Fre⸗ gatte ſich von dem Floß trennte, hatten die Harrenden noch nicht den vollen Begriff von der außerordentlichen — 298— Gefahr ihrer Lage. Die Hoffnung war wieder ſtark ge⸗ weckt durch die Rückkehr des Tages, denn während die Schatten der Nacht auf dem Ocean herrſchten, glich ihre Lage der von Menſchen, die den Schleier der Zukunft zu lüften ſtreben, um ſich ein beſſeres Glück zu weiſſa⸗ gen. Mit dem Tageslicht erſchien das ferne Segel. Als der Tag vorruͤckte, naͤherte ſich das Schiff, gab nun die Nachforſchung auf und verſchwand, ohne eine Ausſicht auf Rückkehr zu laſſen.. Das feſteſte Herz in der Gruppe auf dem Floß be⸗ gann jetzt bei der Betrachtung des traurigen Looſes, das ihrer ſcheinbar unvermeidlich harrte, ebenfalls alle Hoff⸗ nung ſinken zu laſſen. „Hier haben wir ein ſchlimmes Omen,“ lispelte Lud⸗ low, der ſeinen Gefährten auf die dunkeln gefleckten Floßfedern von drei bis vier Hayfiſchen auferkſam machte, die auf der Oberfläche des Waſſers dahinſchlüpf⸗ ten, in ſo fürchterlicher Nähe, daß ihre Lage auf den niedern Hölzern, über die ſich die Wellen beim Steigen und Fallen hinüber ſchlugen, doppelt gefährlich wurde. „Der Inſtinct dieſer Thiere ſpricht ſchlimm von unſern Hoffnungen!“ 3 „Es herrſcht freilich bei den Seeleuten der Glaube, daß dieſe Thiere einem geheimen Antriebe folgen, der ſie baldige Beute wittern läßt,“ verſetzte der Tummler. „Aber der Inſtinct wird ſie wohl dießmal irre geführt ha⸗ ben. Rogerſon!“ rief er einem ſeiner Leute zu„In deinen Taſchen haben ſonſt immer Fiſchangeln Platz. Haſt Du vielleicht eine mit Schnur, für dieſe hungrigen Schufte? Die Frage trifft einen Mann, bei dem die einfachſte Phi⸗ tine!“ 299 loſophie als die beſte gilt. Wenn eſſen und gegeſſen werden der Punkt iſt, um den ſichs dreht, ſo werden ſich die meiſten Menſchen wohl fur das erſtere entſcheiden.“ Ein Hacken von gehöriger Größe kam nun zum Vor⸗ ſchein, und eine Schnur wurde ſchnell aus einem dünnen Strick gewonnen, der noch am Maſtenwerk hing. Ein Stück Leder, von einer Stange geriſſen, diente zum Kö⸗ der, und die Angel wurde ausgeworfen. Ausnehmender Hunger ſchien die gefräßigen Thiere zu beleben; ſie ſtürz⸗ ten ſich wie der Blitz auf die vermeinte Beute. Der Ruck war ſo plötzlich und heftig, daß der unglückliche Ma⸗ troſe von dem ſchlüpfrigen, nachgebenden Halt des Floſ⸗ ſes ins Waſſer gezogen wurde. Alles ging mit ſchreck⸗ licher Geſchwindigkeit. Ein allgemeines Angſtgeſchrei ließ ſich hören; alles war Zeuge des letzten verzweiflungsvol⸗ len Blickes des unglücklichen Opfers. Der verſtümmelte Körper ſchwamm einen Augenblick im Blute, mit dem Ausdruck des Jammers und Entſetzens auf den wohlbe⸗ wußten Zügen. In nächſten Augenblick wurde er den Seeungeheuern zur Speiſe. Alles war hinweg, bis auf die Färbung der Meeres⸗ fläche. Die Vielfräße verſchwanden, aber der dunkle Flek⸗ ken blieb neben dem unbeweglichen Floß, als wolle er die Uebriggebliebenen an ihr Schickſal erinneen. „Das iſt fuürchterlich!“ ſagte Ludlow. „Ein Segel!“ rief der Tummler, deſſen Stimme, mitten in dem Entſetzen und in der Angſt, wie eine Stimme vom Himmel klang.„Meine wackre Brigan⸗ = 300— „Gott wolle, daß ſie mit beſſerem Gluck naht, als die uns erſt ſo kurz verließen!“ „Hott will es gewiß! Wenn dieſe Hoffnung fehl geht, bleibt keine übrig. Nur wenige ſegeln hier vorbei, und wir hatten den hinlänglichen Beweis, daß unſer Signal nicht ſo hoch iſt, daß es jedes Auge treffen muß.“ Alle Aufmerkſamkeit war nun auf den weizßen Fleck gerichtet, der am Rande des Meeres auftauchte, und den der Tummler zuverſichtlich als die Waſſernire bezeich⸗ nete. Nur ein Seemann konnte dieſe Zuverſicht aus⸗ ſprechen, denn vom niedern Floß geſehen war wenig mehr als die Spitzen der obern Segel zu erkennen. Auch war die Richtung ungünſtig, weil ſie windwärts führte, aber ſowohl Ludlow als der Freihandler verſicherten ihren Gefährten, das Schiff ſegle vom Lande weg. Zwei Stunden, die nun verrannen, weilten wie Tage voll Elend. So viel hing von einer Menge von Dingen ab, daß jeder einzelne Umſtand von den Seeleuten mit einer Lebendigkeit aufgefaßt wurde, die faſt krankhaft zu nennen war. Das Fallen des Windes konnte das Schiff zum Stillſtehen bringen, und dann wären ſowohl Bri⸗ gantine als Floß lediglich den ungewiſſen Strömungen des Oceans überlaſſen geweſen; das Wechſeln des Win⸗ des konnte eine Aenderung des Laufes bewirken und das Finden unmöglich machen, ein Anſchwellen des Windes aber unmittelbar Verderben bringen, ehe noch menſchliche Hülfe ſie erreichte; zu dieſen augenſcheinlichen Fährniſfen kamen noch die Möglichkeiten, die von dem Umſtand ab⸗ hingen, daß die Leute der Brigantine Urſache hätten, an⸗ 391= zunehmen, das Schickſal der Zurückgebliebenen ſey be⸗ reits beſiegelt. Doch ſchien das Glück noch immer günſtig zu ſeyn, denn der Windhauch war zwar ſtet, doch leicht, und das Schiff hatte augenſcheinlich die Abſicht, irgendwo in ihrer Nähe vorbeizukommen; die Hoffnung, daß der Gegen⸗ ſtand ihrer Fahrt das Suchen nach ihnen ſey, ward daher ſo ſtark und wahrſcheinlich, daß ſie jedes Herz aufheiterte. Mit Verlauf der genannten Zeit paſſirte die Brigan⸗ tine das Floß windab ſo nahe, daß man die kleineren Gegenſtände in ihrem Takelwerk deutlich erkennen konnte. „Die treuen Jungen ſehen ſich nach uns um!“ rief der Freihändler mit ſtarker Rührung.„Eher ſtreichen ſie die ganze Küſte hin, ehe ſie uns aufgeben!“. „Sie paſſiren an uns vorbei— laßt das Signal l we⸗ hen— es kann ihre Blicke treffen.“ Die kleine Flagge wurde aufgeſtellt, doch nach ſo lan⸗ ger glückſeliger Erwartung mußte die Geſellſchaft auf dem Floß den Jammer erleben, daß das ſchnellſegelnde Fahrzeug vorüberzog und ſo weit hinausſteuerte, daß ihnen kaum die Hoffnung blieb, es wieder zu ſehen. Selbſt die Seele des Tummlers der Meere ſchien ſich bei die⸗ ſer jammervollen Täuſchung tiefer Trauer hinzugeben. „Für mich gräme ich mich nicht,“ ſagte der kräftige Seemann mit betruͤbtem Ton.„Was thuts zur Sache, in welchem Meere, auf welcher Fahrt der Seemann ſein Wogengrab findet,— aber für ſich Dich, Du ungluͤck⸗ liche liebliche Eudora müßte ich einen andern Ausgang wünſchen— ha!— ſie giebt die andere Seite!— die — 302— meergrüne Dame hat am Ende doch einen Trieb zu ihren Kindern!“ Die Brigantine ſtand ſtill.— In zehn bis funfzehn Minuten war das Schiff ihnen wieder gegenüber und ging windwärts. „Wenn ſie uns nun nicht bemerkt, ſo iſt unſer Loos ohne einen Schatten von Hoffnung,“ ſagte der Tumm⸗ ler, indem er feierlich Stille gebot. Jetzt ſetzte er wie⸗ der die Hände an den Mund und ſchrie, als ob die Ver⸗ zweiflung ihm Rieſenlungen gabe. „Ho! Waſſernixe! holuber!“ Der letzte Schrei drang mit der hellen ſchallenden Cadenz aus ſeiner Kehle, mit der dieſer Ruf in die Ferne zu wirken beſtimmt iſt Es ſchien, die kleine treue Barke habe den Ruf ihres Herrn gehört, denn ihre Richtung änderte ſich langſam, als ob dem Gebäude Bewußtſeyn und Lebensthätigkeit innwohne. „Ho! Waſſernire!— holüber!“ ſchrie der Tummler mit noch mächtigerer Stimme. — Holla he!“ kam ſchwach gegen den Wind her und die Stellung der Brigantine anderte ſich wieder. „Waſſernixre!— Waſſernire!— holuͤber!“ tönte es von den Lippen des Seemanns mit übernatürlicher Ge⸗ walt; nach dieſer letzten Anſtrengung ſank der Rufende nieder, ſo erſchöpft war er von der heftigen Anſtrengung. Noch klang das Rufen in den Ohren der athemlos Harrenden, als ein ſtarkes Jauchzen übers Waſſer kam. Im nachſten Moment drehte ſich der Baum der Bri⸗ gantine um; ihr ſchmaler Bug wies nach der kleinen wei⸗ ßen Flagge, die auf dem Meere ſpielte Es war nur ein gen vo tri we Fu tie An de ſch W läch ſan keit M das ſter me — 303— ein Augenblick, aber ein Augenblick von tauſend Hoffnun⸗ gen und Aengſten, ehe das ſchöne Schifflein funfzig Fuß vom Top herüberglitt. In weniger als fünf Minuten trieb das Floß der Coquette leer und verlaſſen auf dem weiten Ocean. Das erſte Gefühl des Tummlers der Meere, als ſein Fuß das Verdeck ſeiner Brigantine berührte, konnte wohl tiefer, inniger Dank ſeyn. Er war ſtill, und von der Anſtrengung ſchien ſeine Kehle gelitten zu haben. Auf den Dielen hinſchreitend, warf er einen Blick empor und ſchlug die Hand mit Kraft auf die Schiffswinde, in einer Weiſe, die convulſiviſch und zärtlich zugleich war. Dann lächelte er mit wildem Blick ſeine ruhig harrende folg⸗ ſame Mannſchaft an, und ſprach mit gewohnter? deunter, keit und Würde. „Das Topſegel hinaus— bindet und werft an den Maſti Setzt alles platt wie Bohlen, ihr Jungen— ſtellt das Weibsbild nach der Küſte!“ Sechzehntes Kapitel. „Ich bitte Euch, Herr, wart Ihr bei dieſer Erzählung gegenwärtig.“ Wintermährchen. Am folgenden Morgen bemerkte man an den Fen⸗ ſtern von Luſt in Ruſt die Anweſenheit des Eigenthü⸗ mers. Es lag eine Art von Trauer und doch auch von Freude in den Mienen Vieler, die man um die Gebaude — 304— und auf den Feldern erblickte, als ob ſich ein großes Glück, von ernſten und ganz eignen Umſtänden der Be ſorgniß begleitet, ereignet habe. Die Neger zeigten von jener Liebe zum Wunderbaren, welche mit Unwiſſenheit Hand in Hand geht, während die von glücklicherer Geburt Sol⸗ chen glichen, die eine Erinnerung an ul berſtandene große Leiden mit ſich herumtragen. In dem Privatzimmer des Büͤrgers fand eine Unter⸗ redung ſtatt, die den Anſchein großer Wichtigkeit hatte. Die daran theilnehmenden Perſonen waren nur der Frei⸗ händler und der Alderman. Aber es offenbarte ſich in den Mienen Beider, daß intereſſante und ernſte Gegen⸗ ſtände verhandelt wurden. Ein geübter phyſiognomiſcher Beobachter konnte jedoch auch erkennen, daß, während der erſtere Dinge vorzubringen ſtrebte, die ſeine Gefuhle lebhaft befchäftigten, der andere nur auf die niedrigen Intereſſen ſeines Handels erpicht war. „Meine Augenblicke ſind gezählt,“ ſagte der Seemann, indem er mitten ins Zimmer trat und ſeinen Gefährten anſah.„Was geſagt werden ſoll, muſſen wir kurz faſ⸗ ſen. Der Einlaß kann nur bei ſteigendem Waſſer paſ⸗ ſirt werden und es würde Euren Klugheits⸗ Grundſätzen wenig entſprechen, wollte ich zögern, bis das Gelärm und Geſchrei, das nothwendig den Nachrichten von unſeren jungſten Ereigniſſen folgen muß, ſich in der Provinz ver⸗ breitet.“ 4 —„Mit der Klugheit eines Schleichhändlers geſprochen! Dieſer Vorbedacht kann die Freundſchaft nur nähren, die ſich durch Eure Thätigkeit bei der letzten unbequemen Reiſe auf den Raen und Maſten des ſeligen Kreuzers der Kö⸗ 1 nigin Anna keinesweges vermindert hat. Ich wünſche zwar keinem treuen Diener Ihro Majeſtät irgend ein Ungluck, aber es iſt ewig ſchade, daß Du nun, wo die Kuſte ſauber iſt, nicht mit einer guten Fracht herein kommen kannſt! Die letzte Ladung war ja nichts als Toilettenkram, koſtbare Spitzen und dergleichen, wohl werthvoll an ſich und proſitabel im Abſatz, aber die Co⸗ lonie entbehrt zum Bejammern gewiſſe Artikel, die nur bei gehöriger Zeit ans Land geſchafft werden können.“ „Ich komme in anderen Angelegenheiten. Es waren Verhandlungen zwiſchen uns, Alderman Van Beverout, von denen Ihr wenig wißt.“ „Ihr meint ein kleines Mißverſtändniß bei der letz⸗ ten Abrechnung?— Das hätte ſich alles gefunden, Mei⸗ ſter Tummler, bei der zweiten Durchſicht, und Deine Ac⸗ curateſſe iſt ſo wenig beſtritten, wie die der Bank von England.“ „Beſtritten oder nicht; laßt den, der daran zweifelt, die Kundſchaft aufgeben.— Ich habe kein anderes Motto als„Zutrauen“ und keine andere Regel als„Gerech⸗ tigkeit.“ „Ihr laßt mich nicht zu Wort kommen, beſter Freund, ich denke an keinen Argwohn; aber Pünktlichkeit iſt die Seele des Handels, wie der Gewinn ſein Gegenſtand. Klare Rechnung, vernünftige gegenſeitige Vortheile, das ſind die ſicherſten Bindemittel der Handelsfreundſchaften. Ein wenig Freimuthigkeit hilft bei geheimen Händelchen, wie die Billigkeit bei den Gerichten; ſie ſtellt die Ge⸗ rechtigkeit wieder her.— Was wollteſt Du ſagen?“ „Es ſind nun viele Jahre, Alderman Van Beverout, 61— 63. 20 — 306— daß dieſer heimliche Handel zwiſchen Euch und meinem Vorfahren begonnen. Er, den Ihr für meinen Vater hieltet, hatte inſofern Anſpruch auf dieſen ehrwürdigen Namen, als er ſich der Jugend und Hülfloſigkeit des hin⸗ terlaſſenen Kindes eines Freundes annahm.“ „Der letztere Umſtand war mir unbekannt,“ verſetzte der Bürger, indem er langſam den Kopf ſenkte.„Er mag einigen Leichtſinn erklären, der nicht ohne Verlegen⸗ heit geweſen iſt. Es ſind nun kommenden Auguſt zwan⸗ zig Jahre, Meiſter Tummler, zwölfe davon verfloſſen unter Deinen eignen Auſpicien. Ich will nicht ſagen, daß die Abenteuer nicht beſſer hätten geführt werden können; ſo wie es jetzt iſt, geht es leidlich. Ich werde aber nachgerade alt und denke das Riſico und die Ge⸗ fahr des Lebens zu ſchließen,— zwei bis drei, höchſtens vier bis fünf glückliche Reiſen bringen, ſollte ich denken, unſere letzte Auseinanderſetzung.“ „Sie wird früher kommen. Ich glaube, die Geſchichte meines Vorgängers war Euch kein Geheimniß. Die Art, wie er von der Marine der Stuarts weggejagt wurde, weil er ſich der Tyrannei widerſetzte, die Heimath, die er mit ſeiner einzigen Tochter in den Colonien fand und ſeine letzte Zuflucht zum Schleichhandel, als einem Ge⸗ werbe, kamen öfters zwiſchen uns zur Sprache.“ „Hm— ich habe ein gutes Gedächtniß für Geſchäfte, Meiſter Tummler, bin aber ſo vergeßlich wie ein neuge⸗ backener Lord mit ſeinem Stammbaum, in allen Din⸗ gen, die man überſehen ſollte. Ich wage jedoch zu be⸗ haupten, daß es ſo iſt, wie Ihr ſagt.“ „Ihr wißt, als mein Schutzer und Vorgänger das — der Seekuſte draußen. Er war kein Hanns Narr mit meergrünen Weibern und ſtotzirenden Brigantinen. Oft hielten die kéniglichen Kreuzer den edlen Compagnon für einen betriebſamen Fiſcher!“ — 307 Land verließ, daß er da alles mit ſich aufs Waſſer nahm.“— „Er nahm einem wohlconditionirten, gutſegelnden Schooner, Meiſter Tummler, mit einem wohlaſſortirten Lager von Taback und guten Ballaſt von Steinen von „Er hatte ſeine Launen, ich die meinigen. Aber Ihr vergeßt einen Theil ſeiner Ladung, einen Theil, den er nicht für das ſchlechſte hielt.“ „Es kann ein Ballen Marderfelle dabei geweſen ſeyn — denn der Handel mit dieſen Artikel kam damals grade in Schwung.“— „Es war ein ſchönes, unſchuldiges, herziges Mäͤd⸗ chen.—“ 3 Der Aldermann machte unwillkührlich eine Bewegung die ſein Gefühl dem Gaſte faſt verbarg. „Ja, es war ein ſchönes und wie Ihr ſagt, ein recht herziges Mädchen dabei“ äußerte er mit einer Stimme, die unterdrückt und heiſer klang.„Es ſtarb, wie ich von Dir gehört habe, Meiſter Tummler, in den italieniſchen Meeren. Ich ſah den Vater nach dem letzten Beſuch ſeines Kindes an dieſer Küſte nie wieder.“ „Sie ſtarb, unter den Küſten des mittelländiſchen Meeres. Aber die Leere, die ſie in den Herzen Aller, die ſie kannten, zurückließ, wurde mit der Zeit durch ihre Tochter ausgefüllt.“ 5 Der Alderman fuhr vom Stuhl auf, ſah dem Frei⸗ 29* — 308— händler ſtarr und ängſtlich ins Geſicht, und wiederholte langſam das Wort: „Tochter!“. „So ſagte ich.— Eudora iſt die Tochter jenes belei⸗ digten Weibes— ſoll ich noch ſagen, wer der Vater iſt?“ Der Bürger ſtöhnte, bedeckte das Geſicht mit beiden Händen und ſank convulſiviſch zitternd auf den Stuhl zurück— „Welcher Beweis bürgt mir dafür?“ murmelie er endlich—„Eudora iſt Deine Schweſter!“ Die Antwort des Freihändlers war von einem me⸗ lancholiſchen Lächeln begleitet.— „Man hat Euch betrogen. Außer der Brigantine bin ich an nichts gekettet. Wie mein wackrer Vater an der Seite Deſſen fiel, der meine Jugend beſchützte, war ich der letzte meiner Verwandtſchaͤft. Ich liebte ihn wie meinen Vater und er nannte mich ſeinen Sohn, während Eudora bei Euch als ſein Kind aus zweiter Ehe galt. Aber hier iſt der hinreichende Beweis ihrer Geburt.“ Der Alderman nahm ein Papier, das ſein Gaſt ihm ernſt übergab, und ſeine Augen durchliefen ungeduldig den In⸗ halt. Es war ein Brief an ihn von der Mutter Eudo⸗ rens, nach der Geburt des Kindes mit aller Zärtlichkeit eines Weibes geſchrieben. Die Liebe des jungen Kauf⸗ manns und der ſchönen Tochter ſeines geheimen Han⸗ delsfreundes war weniger ſtrafbar von ſeiner Seite, als die meiſten Verbindungen der Art. Nichts als die Ei⸗ genthümlichkeit ihrer beiderſeitigen Lage, die wahre Ver⸗ legenheit, eine Frau in die Welt einzuführen, deren Exi⸗ ſtenz ſeinen Freunden unbekannt war, und die Furcht —— —— — 2309 Beider vor dem unglücklichen, doch ſtolzen Vater, trat der geſetzlichen Verbindung in den Weg. Die einfachen juriſtiſchen Formen der Colonie waren leicht zu befriedi⸗ gen, und es war ſogar einiger Grund, die Frage aufzu⸗ werfen, ob ſie nicht hinlänglich berathen worden, um die Frucht ihrer Verbindung fuͤr eine rechtmäßige gelten zu laſſen. Als Myndert Van Beverout daher den Brief des Weibes las, das er einſt ſo innig geliebt hatte und deſſen Verluſt ihm in mehr als einer Beziehung ein un⸗ erſetzlicher war, da ſein Charakter ſich ihrem zarten und wohlthuenden Einfluß ſchwerlich verſchloſſen hätte, zitterte er an allen Gliedern und ſeine ganze Geſtalt verrieth eine äußerſt heftige Gemüthsbewegung. Die Worte des ſterbenden Weibes waren gütig und frei von Vorwür⸗ fen, aber feierlich und ermahnend. Sie gab ihm Nach⸗ richt von der Geburt ihres Kindes, überließ es aber der freien Verfüugung ihres eignen Vaters, während ſie den Urheber ſeines Lebens von der Exiſtenz deſſelben benach⸗ richtigte; für den Fall, daß es ſeiner Sorge fuͤr immer anvertraut werde, empfahl ſie es ſeiner Liebe. Der Schluß war ein Lebewohl, worin die ſchmachtende Hoff⸗ nung dieſes Lebens in traurigen Contraſt trat mit den Erwartungen des Zukunftigen. „Warum iſt mir dieß ſo lange verſchwiegen worden?“ ragte der bewegte Kaufmann.—„Warum, Du rück⸗ ſichtsloſer, trotziger Mann! mußte ich mich mit den Schwachen der menſchlichen Natur gegen mein eignes Kind verrathen!“ Das Lächeln des Freihändlers war bitter und ſtolz. „Herr Van Beverout, wir ſind keine Reiſende von — 310— kurzem Athem. Unſer Handel iſt die Angelegenheit des Lebens, unſere Welt die Waſſernire. Da wir ſo wenig von den Intereſſen des Landes haben, ſo ſteht unſere Philoſophie über dieſen Schwächen. Die Geburt Eudo⸗ ras wurde Euch verheimlicht, weil es ihr Großvater ſo wollte. Es kann Rache— es kann auch Stolz geweſen ſeyn.— War es Vorliebe, ſo hat das Mädchen den Be⸗ trug gerechtfertigt.“ 1 „Und Eundora ſelbſt?— Kennt ſie— oder kannte ſie ſchon länger die wahren Verhältniſſe?“ „Erſt ſeit Kurzem iſt ſie davon unterrichtet. Seit dem Tode unſeres gemeinſchaftlichen Freundes hatte das Mädchen nur mich als Rath und Stütze. Es iſt nun ein Jahr, daß ſie zuerſt erfuhr, ſie ſey nicht meine Schwe⸗ ſter. Bis dahin hielt ſie uns beide für Kinder Jenes, der unſer Vater nicht iſt. Die Noth hat mich vor Kur⸗ zem beſtimmt, ſie viel auf der Brigantine zurüͤckzuhalten.“ „Die Vergeltung iſt gerecht!“ ſtöhnte der Alderman. „Ich bin für meinen Kleinmuth durch die Erniedrigung meines eignen Kindes beſtraft!“ Als der Freihändler ſich jetzt ſeinem Wirth näherte, machte er eine Bewegung voll Würde, und ſein ſtolzes Auge ſtrahlte die Gluth eines Beleidigten. „Alderman Van Beverout,“ ſagte er, mit ſcharfem Vorwurf in ſeinen Worten,„Sie erhalten Ihre Tochter makellos, wie ihre unglückliche Mutter es war, als der, deſſen Leben in ihrem Leben aufging, durch die Noth⸗ wendigkeit getrieben wurde, ſie vertrauend unter Ihr Dach zu ſtellen. Wir Schleichhändler haben unſre eig⸗ nen Begriffe von Recht und Unrecht, und meine Dank⸗ —— — 4— ——O— barkeit lehrt mich nicht minder als meine Grundſätze, daß der Nachkomme meines Wohlthäters von mir Schutz⸗ nicht Verletzung erwarten darf. Wäre ich in Wahrheit der Bruder Eudoras geweſen, warlich ſie hätte keine rei⸗ nere Sprache, kein reineres Betragen finden können, ſeit ſte meiner Sorge allein überlaſſen iſt.“ „Dafür danke ich Dir aus voller Seele!“ brach der Alderman freudig aus.„Ich werde das Mädchen vor der Welt als meine Tochter anerkennen, und mit einem Brautſchatz, ſo gut ich ihn geben kann, mag ſie auf eine paſſende ehrenvolle Verheirathung rechnen.“ „Du kannſt ſie Deinem Liebling, dem Patron, ſchen⸗ ben,“ erwiederte der Tummler mit kaltem, doch böſem Blick.„Sie iſt alles deſſen, was er an ihr thun kann, mehr als würdig. Der Mann hat nicht üble Luſt, ſie zu freien, denn er iſt von ihrer Verkleidung und Her⸗ kunft unterrichtet. Soviel glaubte ich Eudoren wenig⸗ ſtens ſchuldig zu ſeyn, als das Glück den jungen Mann in meine Gewalt brachte.“ „Du biſt nur zu gut für dieſe ſchlechte Welt, Mei⸗ ſter Tummler! Laß⸗mich das liebende Pärchen ſehen und ihm ſogleich meinen Segen geben!“ Der Freihändler wandte ſich langſam weg, öffnete eine Thür und bat die jenſeits befindlichen Perſonen, hereinzutreten Alida erſchien ſogleich und führte den falſchen Seadrift in der Kleidung des eignen Geſchlechts. Obgleich der Bürger die vermeintliche Schweſter des Tummlers oft in weiblichen Anzügen geſehen, ſo war ſie ihm doch noch nie ſo ſchön vorgekommen, wie gegewär⸗ tig. Die ſeidnen Bärte waren weg und an ihrer Stelle glühende Wangen, welche die Sonne durch warme Din⸗ ten eher bereichert als beeinträchtigt hatte. Die glän⸗ zendſchwarzen Locken, nicht mehr zum Zweck einer Maske kunſtvoll verſteckt, fielen in natürlichen Ringeln um Stirn und Schläfe, und beſchatteten ein Geſicht, das, wie ſehr es auch den Schelm verrieth, doch in dieſem Augenblick von Nachdenken und ernſten Gefühlen überflort war. Selten ſah man wohl zwei ſolche Weſen neben einander, wie die, welche jetzt zu den Füßen des Kaufmanns nie⸗ derknieeten. In der Bruſt des letzteren ſchein die ge⸗ wohnte unwandelbare Liebe des Onkels und Vormundes einen Augenblick mit den neugeborenen Vatergefuhlen zu kämpfen. Die Natur war zu mächtig, ſelbſt für ſeine ſtumpfe und verkehrte Denkungsart, er rief ſein Kind laut bei Namen, ſank— der ſelbſtiſche und berechnende Alderman ſank auf ihren Nacken und weinte. Es würde ſchwer ſeyn, die Empfindungen des ſtrengen, doch ſcharf beobachtenden Freihändlers zu beſchreiben, wie er auf die Fortſchritte dieſer Scene merkte. Mißtrauen, Un⸗ heimlichkeit und endlich Trauer lagen in ſeinem Blick. Mit dem vorherrſchenden letzten Ausdruck verließ er das Zimmer, als fühle er, ein Fremder habe kein Recht, Zeuge ſo heiliger Empfindungen zu ſeyn.. Zwei Stunden ſpäter waren die Hauptperſonen unſe⸗ rer Erzählung am Rande des Cove unter dem Schatten einer Eiche verſammelt, die mit dem Feſtlande von glei⸗ chem Alter zu ſeyn ſchien. Die Brigantine hatte die An⸗ ker gelichtet und machte unter leichten Flächen graziöſe Bewegungen in dem kleinen Baſſin, indem ſie mit der Anmuth und Leichtigkeit ihrer Haltung einem ſchönen ———— —— Schwan glich, der in dem Wohlbehagen ſeiner animali⸗ ſchen Natur auf ſeinem Elemente hin und her ſegelt. Grade berührte ein Boot das Land und der Tummler der Meere ſtand dabei und reichte dem Knaben Zephyr die Hand, um herauszuſteigen „Wir Unterthanen der Elemente ſind Sclaven des Aberglaubens,“ ſagte er, als der leichte Fuß des Kindes den Boden berührte.„Es iſt die Folge eines Lebens, das unaufhörlich Gefahren zeigt, die unſere Kräfte über⸗ ſteigen. Viele Jahre glaubte ich, daß ein großes Glück oder. ein größeres Unglück den erſten Beſuch dieſes Jun⸗ gen auf dem Lande begleiten werde. Sein Fuß beruhrt zum Erſtenmal den feſten Grund. Ich erwarte die Er⸗ füllung meiner Ahnung.“ „Sie wird gluͤcklich ſeyn,“ verſetzte Ludlow—„Alida und Eudora werden ihn in den Grundſätzen dieſes ein⸗ fachen und glücklichen Landes unterrichten und er hat ganz das Anſehen, als werde er ihrer Schule Ehre ma⸗ chen“ „Ich fürchte, der Junge wird die Lectionen der meer⸗ grünen Dame vermiſſen!— Capitain Ludlow, es iſt noch eine Pflicht uübrig, die ich als Mann von mehr Gefuhl, als Ihr mir zutrauen mögt, nicht vernachläſſigen darf. Ich habe gehört, daß la belle Barberie Euch ihre Hand reichen will.“ „Dieſes Gluͤck ſoll mir zu Theil werden.“ „Mein Herr, indem Ihr einer Aufflärung über die Vorfälle mit ihr entſagtet, habt Ihr ein edles Vertrauen bewieſen, welches Erwiederung verdient. Ich kam zu dieſer Küſte mit dem Entſchluß, die Anſprüche Eudoras ——— — 314— auf den Schutz und das Vermögen ihres Vaters zu be⸗ gründen. Wenn ich dem Einfluß und der freundlichen Geſinnung eines ſo zur Ueberredung gemachten Weſens, wie dieſes Fräulein, mißtrauete, ſo geſchah dieß, wie Ihr Euch erinnern werdet, ehe eine nähere Bekannt⸗ ſchaft Euch befähigte, über mehr als ihre Schönheit zu urtheilen. Sie wurde auf meinen Befehl in ihrem Pa⸗ villon ergriffen und als Gefangene auf die Brigantine gebracht.“ 7 „Ich glaubte, ſie wäre mit der Geſchichte tbrer Colt⸗ ſine bekannt geweſen und hätte ſich gern zu einem phantaſtiſchen Einfall hergegeben, der zu der gegenwär⸗ tigen glücklichen Ruückgabe Letzterer an ihre Freunde fuͤh⸗ ren ſollte.“ „Ihr habt ihrer Uneigennützigkeit ſomit volle Ge⸗ rechtigkeit widerfahren laſſen. Als Entſchädigung für die ihr zugefügte Gewalt und als ſchleunigſtes und ſi ſicher⸗ ſtes Mittel, ihre Angſt zu beſchwichtigen, machte ich meine Gefangene mit den Thatſachen bekannt. Eudora hörte nun zum erſtenmal die Geſchichte ihrer Herkunft. Der Beweis war unwiderſtehlich und wir fanden eine großmüthige, theilnehmende Freundin, wo wir eine Ne⸗ benbuhlerin erwartet hatten.“ „Ich wußte es, daß Alida ſich nicht weniger großmü⸗ thig zeigen würde!“ rief Ludlow bewundernd, indem er die Hand der erröthenden Jungfrau an ſeine Lippen zog. Der Verluſt des Vermögens iſt Gewinn, indem er den wahren Charakter entwickelt.“ „St— St—“ unterbrach ihn der Alderman—„es iſt nicht nöthig, von irgend einem Verluſt zu reden. — 4 Was gethan werden muß im, Wege der natürlichen Ge⸗ rechtigkeit, dem wird man ohne Zweifel nachkommen, aber warum ſollen alle Leute in der Colonie wiſſen, wie viel oder wie wenig die Braut mitbekömmt!“ „Der Verluſt des Vermögens wird vollauf erſetzt,“ bemerkte der Freihändler,„Dieſe Säcke enthalten Gold. Die Mitgift, die ich zu geben habe, iſt auf den Augen⸗ blick bereit, ſo wie ſie ihre Wahl erklärt.“ „Erfolg und Klugheit!“ rief der Bürger.„Es liegt eine höchſt lobenswerthe Vorſicht in Deiner Anordnung, Meiſter Tummler, und welche nun auch die Anſicht der Richter von der Schatzkammer über Deine Pünctlichkeit und Deinen Credit ſeyn mag, ſo iſt es doch die meinige, daß es weniger gewiſſenhafte Leute ſelbſt bei der Bank von England gibt, als Du biſt.— Dieſes Geld iſt ohne Zweifel dasjenige, welches das Mädchen nach Recht und Gerechtigkeit anſprechen kann, nämlich die Erbſchaft ih⸗ res ſeligen Großvaters?“ „So iſt es.“ „Ich ergreife dieſe günſtige Gelegenheit, um mich deutlicher über eine Sache zu erklären, die meinem Her⸗ zen ſehr nahe iſt und die eben ſo wohl unter dieſen gün⸗ ſtigen Umſtänden, als unter jeden anderen aufgehellt werden kann. Ich verſtehe Euch ſo, Herr Van Staats, daß Ihr bei einer ferneren Schätzung Eurer Gefühle gegen einen alten Freund, der Meinung ſeyd, daß eine nähere Verbindung, als jene, die wir ſchon bei uns er⸗ wogen haben, zu Eurem Lebensgluck am meiſten bei⸗ tragen wird?“ „Ich will es bekennen, daß die Kälte der belle Bar- — 316— berie meine Wärme gedämpft hat,“ erwiederte der Pa⸗ tron von Kinderhook, der ſelten auf einmal mehr Dinge abfertigte, als grade nöthig war. „Und ferner iſt mir geſagt worden, Herr Van Staats, daß eine vertraute Bekanntſchaft von vierzehn Tagen Euch Urſache gegeben habe, Eure Zärtlichkeit auf meine Tochter zu fixiren, deren Schönheit ein Erbſtück iſt und deren Vermögen durch den gegenwärtigen Act der Ge⸗ rechtigkeit dieſes graden und ritterlichen Seemanns aller Wahrſcheinlichkeit nach nicht verringert wird.“ „Die Gunſt Eurer Familie mir zu erhalten, Herr Van Beverout, läßt mir für dieſes Leben wenig Wünſche übrig.“ „Und was das andere Leben betrifft, ſo hörte ich noch nie von einem Patron von Kinderhook anders er⸗ zählen, als daß er uns mit tröſtlichen Hoffnungen auf das Jenſeits verlaſſen hätte, wie dieß auch aller Wahr⸗ heit gemäß iſt, da wenige Familien in der Colonie mehr für die Religion gethan haben, als grade ſie. Sie ga⸗ ben reichlich zu den beiden hollandiſchen Kirchen in Man⸗ hattan, haben auch ganz aus eigenen Mitteln drei ſehr nette Backſteinhäuſer auf dem Gute gebaut, ein jedes mit einem flämiſchen Thurm und dienlichen Wetterhäh⸗ nen, haben auch außerdem etwas ſchönes an dem ehr⸗ würdigen Bau in Albany gethan. Eudora, mein Kind, dieſer Herr iſt mein ganz beſonderer Freund und als ſolchen kann ich ihn Deiner Gunſt empfehlen. Ihr ſeyd einander nicht ganz fremd, doch ſollt Ihr, um ganz un⸗ partheiiſch zu entſcheiden, hier einen Monat zuſammen⸗ bleiben, das wird Euch fähig machen, ohne Zerſtreuung 8 28= NN 8 — 317— und Verwirrung Eure Wahl zu treffen. Mehr als das braucht gegenwärtig nicht geſagt zu werden, denn es iſt meine Anſicht, alle Dinge von ſolchem Belauf der Vor⸗ ſehung anheim zu ſtellen!“ Die Tochter, auf deren ſprechendem Antlitz die Farbe wechſelte, wie die Lichter an einem italieniſchen Him⸗ mel, blieb ganz ſtumm. „Ihr habt den Vorhang von einem Geheimniß be⸗ friedigend hinweggezogen, das mir keine Qual mehr machte,“ unterbrach Ludlow die Stille, indem er ſich an den Freihändler wandte.„Könnt Ihr noch mehr thun und mir ſagen, woher dieſer Brief kam?“ Das dunkle Auge Eudorens ſtrahlte bei dieſer Rede. Sie ſah den Tummler der Meere an und lachte. „Das war auch eine von jenen weiblichen Verſchla⸗ genheiten, die in meiner Brigantine geübt wurden. Man ſetzte nämlich voraus, daß ein junger Comman⸗ dant eines königlichen Kreuzers weniger darauf denken würde, unſere Bewegungen zu beobachten, wenn ſeine Seele mit der Enträthſelung eines ſolchen Correſpon⸗ denten zu thun hätte.“ „Die Liſt war alſo vorbereitet?“ Ich geſtehe es, ja. Aber ich kann nicht länger ver⸗ weilen. In wenigen Minuten kehrt die Ebbe zurück und der Einlaß wird unfahrbar. Eudora, wir muſſen über die Zukunft dieſes Kindes entſcheiden. Soll es wieder auf den Ocean— oder ſoll es bleiben, um ſei⸗ nem Leben in den Erfahrungen eines Landbewohners mehr Vielſeitigkeit zu geben?“ — 318— „Wer und was iſt der Knabe?“ fragte ernſt der Al⸗ li derman. „Uns beiden theuer,“ erwiederte der Freihändler. „Sein Vater war mein nächſter Freund und ſeine Mut⸗ ter pflegte lange Eudoren als Kind. Bis zu dieſem d Augenblick war er Gegenſtand unſerer beiderſeitigen„ Sorge;— nun muß er zwiſchen uns wählen.“ S „Exr wird mich nicht verlaſſen,“ unterbrach den Frei⸗ 1 händler„aſtig die geängſtete Eudora-„Du biſt mein 3 angenommenes Kind und Niemand verſteht, die jugendd 35 liche Seele ſo zu leiten wie ich. Du haſt noch die zarte 4 Pflege eines Weibes nöthig, Zephyr, und wirſt mich i nicht verlaſſen?“ .„Ueberlaſſe dem Kind ſelbſt die Entſcheidung ſeines 3 t Schickſals. Ich bin leichtgläubig hinſichtlich der Zukunft, u was wenigſtens für den Schleichhändler ein glücklicher Glaube iſt.“ te „So laß ihn reden. Willſt Du hier bleiben, auf dieſen lachenden Gefilden, Dich unter den ſchönen und p. ſüßduftenden Blumen herumtummein, oder willſt Du— auf' Waſſer zurück, wo alles wüſte und ohne Wechſel iſt?“ 4 lu Der Knabe ſah ihr ernſthaft in's bekümmerte Antlitz 3 und dann wandte er den zögernden Blick auf die ruhi⸗ iſ gen Züge des Freihändlers. L „Wir könnten wieder in See ſtechen,“ ſagte er, A „und wenn wir nach Hauſe ſchiffen, gibt es viele merk⸗ it würdige Dinge fur Dich, Eudora!“. 1 R „Aber das iſt vielleicht das letztemal, daß Du das 2 Land Deiner Vorfahren ſiehſt. Bedenke, wie fürchter⸗ — 319— lich der Ocean in ſeinem Grimm iſt und wie oft die Brigantine in Gefahr kam, Schifſbruch zu leiden!“ „Ach, das iſt weibiſch!— Ich bin auf der Rae ge⸗ weſen im Wetter, und es war mir nie, als ob Gefahr dabei wäre.“ „Du haſt die Unbewußtheit und Sorgloſigkeit eines Schiffsjungen! Solche, die älter ſind, wiſſen, daß das Leben des Seefahrers beſtändigen Gefahren ausgeſetzt iſt. Du warſt unter den Inſeln, in wüthenden Orka⸗ nen, und haſt die Gewalt der Elemente geſehen?“ „Ich war in wüthenden Orkanen, die Brigantine auch, und ſeht, wie ſchmuck ſie einher ſtolzirt, als ob ihr nichts widerfahren wäre.“ „Und Du ſahſt uns geſtern auf dem offenen Meere treiben, wo nur ein Paar ſchlechtverbundene Stangen uns vom Untergang retteten!“ „Die Stangen ſchwammen und Ihr gingt nicht un⸗ ter; ja dann hätte ich bitterlich geweint, Eudora!“ „Aber Du wirſt tiefer in's Land kommen und mehr von ſeinen Schönheiten ſehen— ſeine Flüffe und Berge — ſeine Grotten und Wälder. Hier iſt immer Abwechs⸗ lung und auf dem Waſſer iſt's öde.“ „Ei, Eudora, Du biſt ſonderbar vergeſſen!— Hier iſt doch immer Amerika. Dieſer Berg iſt Amerika, das Land da, über der Bai, iſt Amerika, und der geſtrige Ankerplatz war Amerika. Wenn wir von der Küſte hier in See ſtechen, ſo iſt das nächſte Land England, oder Hol⸗ land, oder Afrika, und mit gutem Wind können wir an den Küſten zweier bis dreier Lander an einem Tage hinfahren.“ „Auf ſie hinfahren auch, gedankenloſes Kind! Wenn — 320— Du dieſe Gelegenheit vorbeigehen laſſeſt, bleibt Dein Leben dem Zufall überlaſſen!“ „Leb' wohl, Eudora,“ ſagte der kleine Burſche, in⸗ dem er den Mund zum Abſchiedskuß hob. „Eudora, leb' wohl,“ ſetzte eine tiefe melancholiſche Stimme an ihrer Seite hinzu„Ich darf nicht länger ſäumen, denn meine Leute geben Zeichen der Ungeduld. Sollte dieſes meine letzte Fahrt an dieſe Küſte ſeyn, ſo wirſt Du doch die nicht vergeſſen, mit denen Du ſo lange Gutes und Böſes getheilt haſt!“ „Noch nicht— noch nicht. Ihr durft jetzt noch nicht gehen. Laßt mir den Jungen— laßt mir eine andre Erinnerung noch von dem Vergangenen, als dieſen Schmerz!“ 4 „Meine Stunde hat geſchlagen. Der Wind verſtärkt ſich und ich ſcherze mit ſeiner Gunſt. Es wird für Dein künftiges Gluck beſſer ſeyn, daß Niemand die Geſchichte der Brigantine erfährt, und in wenigen Stunden zielen hundert neugierige Städteraugen auf uns.“ „Was kuͤmmert mich das Gerede dieſer Menſchen! Du willſt nicht— kannſt nicht— verlaſſeſt mich, dennoch!“ „Gern bliebe ich, Eudora, aber des Seemanns Hei⸗ math iſt ſein Schiff. Zu viel koſtbare Zeit habe ich ſchon vergeudet. Noch einmal, lebe wohl!“ Das ſchwarze Auge des Maͤdchens blickte wild umher. Sie ſchien mit dem einen unſteten Blick alles einzuſau⸗ gen, was dieſem Land und ſeinen Freuden angehörte. „Wohin geht Ihr?“ fragte ſie mit leiſem, kaum vernehmlichem Tou.„Wohin ſegelt Ihr und wann kehrt 2 Ihr zurück?“ — 4 — 321— „Ich folge dem Glück. Meine Rückkehr kann ſpät — auch niemals ſeyn.— Lebe denn wohl, Eudora— ſey glücklich mit den Freunden, die Dir die Vorſehung gegeben hat.“ Die Augen des Mädchens irrten noch unſteter umher. Sie ergriff die ihr gebotene Hand des Freihändlers mit ihren beiden und druckte ſie krampfhaft unbewußt. Dann ließ ſie die Hand los, öffnete weit die Arme und umſchlang mit convulſiviſcher Bewegung die feſte ſtarre Geſtalt. „Wir wollen zuſammen reiſen!— ich bin Dein, ein⸗ zig Dein!“ „Du weißt nicht, was Du ſprichſt, Eudora!“ ſagte mit unterdrückter Stimme der Tummler.„Dir bleibt ein Vater— eine Freundin— ein Gatte—“ „Hinweg, hinweg!“ ſchrie das Mädchen wie von Sin⸗ nen, indem ſie mit wilder Gebehrde Aliden und den Pa⸗ tron abwehrte, die herzukamen, als wollten ſie die Freundin von einem Abgrunde zuru ckreißen—„Dein, einzig Dein!“ Der Schmuggler machte ſich von der unſinnigen Um⸗ armung los und hielt das ringende Mädchen von ſich ab, während er den Sturm der Leidenſchaft in ſeinem Innern zu bekämpfen ſuchte. „Beſinne Dich, nur einen Augenblick beſinne Dich!“ ſagte er.„Du würdeſt einem Ausgeſtoßenen— einem Vogelfreien— einem von den Menſchen Gehetzten und Verdammten folgen!“ „Dein, einzig Dein!“ „Ein Schiff Dein Haus— der ſtürmiſche Ocean Deine Welt!—“ 61— 63. „Deine Welt iſt meine Welt!— Deine Heimath meine Heimath— Deine Gefahren die meinigen!“ Der Schrei, der jetzt der Bruſt des Tummlers der Meere entquoll, war unbezwingliches Frohlocken. „Du biſt mein!“ rief er.„Vor einem Bund wie die⸗ ſer ſind die Anſprüche eines ſolchen Vaters nichtig! Bür⸗ ger leb wohl— ich will Deine Tochter beſſer behandeln, als Du meines Wohlthäters Kind behandelt haſt!“ „Er hob Eudoren vom Boden, leicht wie eine Feder, und einer haſtigen Bewegung Ludlows und des Patrons zum Trotz trug er ſie in ſein Boot. In einem Augen⸗ blick war die Barke flott und der muntere Junge ſchwenkte ſein Seekäppchen triumphirend. Die Brigantine drehte ſich wie ein raſch wendender Wagen, als wiſſe ſie, was vorgehe, und ehe die Zuſchauer ſich von ihrer Beſtürzung und Verwunderung erholt hatten, hing das Boot an den Tauen. 4 3 Man ſah den Freihändler auf dem Hintertheil der Brigantine den Arm um Eudora ſchlingen und mit dem andern nach der ſtarren Gruppe am ufer grüßen, indeß die noch halb bewußtloſe Tochter des Oceans Aliden und ihrem Vater ein ſchwaches Lebewohl zurief. Das Fahr⸗ zeug glitt durch den Einlaß und wiegte ſich ſogleich auf den Wogen der Brandung. Dann überließ es ſich der vollen Stärke des Südwinds. Die feinen dünnen Stan⸗ gen bogen ſich der Gewalt und das Fortrücken des ſchnel⸗ len Schiffs war an der blaſentreibenden Linie des Stri⸗ ches zu erkennen. Der Tag ſank ſchon, als Alida und Ludlow den klei⸗ nen Platz vor Luſt in Ruſt verließen. In der erſten — 323— Stunde ſahen ſie den dunkeln Rumpf der Brigantine das hinziehende Gewölk der Leinwand tragen, dann verſchwand das niedere Gebäude ganz und ein Segel ſank nach dem andern ins Meer, bis nur noch ein weißer glänzender Fleck ſichtbar war. Er ſchwebte eine Minute und dann verſchlang ihn die Oede.— Die Vermählung Ludlows und Alidens hatte eine ſchwermüthige Beimiſchung. Natürliche Zuneigung auf der einen und Sympathie des Berufs auf der andern Seite gaben Beiden ein tiefes bleibendes Intereſſe an dem Schickſal der Abenteurer. Ein Jahr verfloß nach dem andern und ganze Monate wurden auf der Villa zugebracht, wo tauſend harrende Blicke den Ocean grüßten. Jeden Morgen in den Früh⸗ ſommer⸗Monaten eilte Alida an's Fenſter ihres Pavil⸗ lons, in der Hoffnung, das Schiff des Schleichhändlers im Cove vor Anker zu erblicken. Aber vergebens. Es kehrte nie zurück, und obgleich der betrogene, verlaſſene Alderman gar oft heimliche Nachforſchungen an der gan⸗ zen amerikaniſchen Kuſte hin anſtellen ließ, hörte er doch nie wieder von dem berüchtigten Tummler der Meere oder von ſeiner unvergleichlichen Waſſernixe. 8