Leihbibliothek denher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Eduard Oftkmann in 0 den. 9 — g 3 5 Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 4 eih- und Jeſebedingungen. 38 ] 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ G pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens ½ 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 1 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von cf jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegenne hme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sumime hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet 8 ſ. 8 4 aſ wird.—— — 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher )—————— 4 auf 1 Monat: 1 Nrk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mt. Pf. 3 3— 4— * Auswürtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurt uckſendung der 5Baͤcher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. 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Der Schluß dieſer Erzählung bedarf nur weniger ein⸗ leitender Worte. Mancher dürfte wohl denken, einige wenige in dieſem Theile des Werkes laut gewordene An⸗ ſichten zeugten zu ſehr von der Entmuthigung eines Greiſes; wenn man aber über ſechzig Jahre alt iſt, ſieht man die Dinge dieſer Welt ſelten von ihrer Lichtſeite. Gewiſſe poli⸗ tiſche Andeutungen— es ſind deren nur wenige, ſie treten aber durch den Ausdruck ziemlich kräftig hervor— werden, nach des Verfaſſers Bedünken, durch die Zeichen der Zeit völlig gerechtfertigt, obgleich damit nicht geſagt ſein ſoll, daß er in dieſem Werke eher ſeine eigenen, als die Gefühle und Anſichten der in ſeiner Erzählung auftretenden Per⸗ ſonen laut werden ließ. So wird ſich die ſogenannte „Anti⸗Rent⸗Geſellſchaft“ zum Beiſpiel, nach des Verfaſ⸗ ſers Vermuthung, in Amerika entweder als der Beginn einer ſchrecklichen Umwälzung, oder als der erſte Schritt zur Rückkehr zu den Anſichten und Grundſätzen erweiſen, welche vor dreißig Jahren bei uns vorherrſchten und gewiß einfacher und richtiger waren, als die, welche ſich jetzt Geltung verſchafft haben. Ein günſtiges Zeichen iſt, bei dem tief gewurzelten Mißbehagen, welches das gefſellige Leben erfaßt hat, zu entdecken: man darf den Zuſtand der Geſellſchaft in Amerika ehrenhafter und offner, als dies noch vor wenigen Jahren der Fall war, beſprechen, und thut dies auch. Dieſes Recht, welches jedem freien Manne im höchſten Grade werth ſein muß, konnte nur durch ſchmerzliche Opfer und einen kräftigen Entſchluß wieder errungen werden; es iſt aber bis auf einen gewiſſen Grad wieder gewonnen worden, und wenn die Federn in dieſem Lande treu an den Vorrechten ihrer Beſitzer hielten, würden wir bald eine richtige Vorſtellung von dem gehei⸗ ligten Charakter des Privatlebens, ſo wie von der Hart⸗ häutigkeit erhalten, welche öffentliche Thorheiten und öffent⸗ liche Laſter den Angriffen entgegen ſtellen. Gewiß haben während einer Reihe gefährlicher Jahre ganz entgegenge⸗ * ſetzte Begriffe unter uns vorgeherrſcht und die amerikaniſche Preſſe nach und nach zur Dienerin der abſcheulichſten per⸗ ſönlichen Verläumdung und zumal der nichtigſten National⸗ Selbſtvergötterung herabgewürdigt. Aus einem ſolchen Stand der Dinge ſind die wenigen Uebel, auf welche in dieſem Werke angeſpielt wird, hervorgegangen. Vereine von Menſchen haben ſich, wie unwiſſend und klein ſie auch waren, für die Hauptglieder eines Staates angeſehen, welcher nie irrt, und daher berechtigt zu ſein geglaubt, ſich für unfehlbar zu halten. Hatten ſie Schulden, ſo galt ds ihnen für politiſche Freiheit, ſich ihrer Schulden mit Gewalt zu entſchlagen; ein ſehr leichter Uebergang für die, welche im Stande zu ſein glauben, alle ihre Zwecke durch⸗ zuſetzen. Das Uebel hat die Grenzen von Neu⸗York bereits überſchritten und iſt in Pennſylvanien eingedrungen; es wird ſich, wie jede andere anſteckende Krankheit, über das ganze Land verbreiten, und wir werden hier bald einen ernſten Kampf zwiſchen den Schurken und den ehrlichen Leuten beginnen ſehen. Die letztern mögen auf ihrer Hut ſein. Hoffentlich ſind ſie noch mächtig genug, um ſich den Sieg zu erringen. Dieſe wenigen Bemerkungen ſollen als Erläuterung gewiſſer Anſichten des Herrn Wallingford dienen, die ihm, während er dieſes Werk für den Druck bereitete, durch die Begebenheiten des Tages abgedrungen wurden— Bemerkungen, welche nicht an ihrer Stelle ſcheinen würden, hätte es nicht urſprünglich mit in ſeinem Plane gelegen, ſich weit mehr noch, als er gethan hat, über einige der hervorſtechenden Eigenthümlichkeiten des Zuſtandes der Ge⸗ ſellſchaft in den vereinigten Staaten, in welcher er den An größern Theil ſeines Lebens verbracht hat, zu verbreiten. ebe Im September 1844. lich und Erſtes Kapitel. — Doch will ich dich nicht ſchelten; en, Die Schande kömmt allein, ich ruf; ſie nicht; Ich heiße nicht den Donn'rer Blitze ſchleudern, en, Verrathe dich nicht vor dem Richter Zeus! Geh, beſſ're dich, ſo lang' es Zeit noch. der Shakſpeare. je⸗ Eine genaue Beſchreibung deſſen, was ſich bei dem Anlegen des Bootes an dem Wallingford begab, iſt faſt eben ſo unmöglich, als eine Schilderung aller der ſchreck⸗ lichen Einzelnheiten während dem Kampfe zwiſchen Drewett und mir unter dem Waſſer. Ich hatte jedoch, während Hr. Hardinge und Neb mir an Bord halfen, Beſinnung genug, um zu bemerken, daß Luey nicht auf dem Verdecke war. Wahrſcheinlich hatte ſie ſich zu Grace begeben, um ſich auf die furchtbare Nachricht, welche erwartet wurde, vorzubereiten. Später erfuhr ich, ſie ſei in der hintern Kajüte lange auf ihren Knieen gelegen und in jenes krampf⸗ hafte Gebet verſenkt geweſen, welches plötzlichen, mächtigen Schmerz bei denen, die ſich in ihrem äußerſten Seelen⸗ kampfe zu Gott wenden, wohl zu begleiten pflegt. 1 Während den kurzen Augenblicken,— und es waren nur, wenn man ſich eines ſolchen Ausdrucks bedienen darf, kleine Pünktchen Zeit— in welchen meine Sinne irgend — 10— jetwas außer der ſchrecklichen Scene, bei welcher ich ſo nahe betheiligt war, zu faſſen im Stande waren, hatte ich ein der grelles Geſchrei gehört, das aus Chloe's Munde kam;„ me Lucy's Stimme aber hatte ſich nicht in den Jammerruf Se gemiſcht. Erſtere ſtand ſelbſt jetzt noch, als man uns auf ſeg das Deck hob oder beim Aufſteigen behülflich war, thränen⸗ W bedeckten Antlitzes da, halb todt vor Schrecken und halb in außer ſich vor Entzücken, ungewiß, ob ſie lachen oder weinen ſollte, erſt ihren Herrn, und dann ihren Anbeter anſchauend, un bis ihre Gefühle ſich endlich in dem alten Ausrufe:„der un Burſchen“ Luft machten.— ent Es war ein Glück für Andrew Drewett, daß ein Mann* dur von Dr. Poſt's Erfahrung und Beſonnenheit bei uns war. wi Sobald der anſcheinend lebloſe Körper an Bord war, ließ zur Hr. Hardinge das Waſſerfaß herbeiholen und würde mit Marble den armen Menſchen mit aller Kraft geſchlingert der oder, da ſie glaubten, das verſchlungene Waſſer müſſe erſt bre aus ihm heraus, ehe er wieder athmen könne, ihn auf den W Kopf geſtellt haben; aber das Anſehen eines ſo berühmten lic Arztes wies bald all dies zurück. Drewett's naſſe Kleider wur⸗. gel den augenblicklich entfernt, Tücher in der Kambüſe gewärmt Ne und die zweckmäßigſten Mittel angewendet, um den Kreis⸗ an lauf des Blutes wieder herzuſtellen. Der Arzt entdeckte bald Anzeichen des wiederkehrenden Lebens, hieß Alle, bis die auf einen oder zwei brauchbare Männer, abtreten, und nach zehn Minuten war Drewett in einem warmen Bette und 3 lan konnte als gerettet betrachtet werden. I— Der furchtbare Auftritt, welcher ſo unmittelbar vor den Augen des Albonner Schiffers ſtattgefunden hatte, machte Eindruck auf ihn; er ließ ſich heran, ſeine großen Schooten nach hinten anzuholen, ſein Leeſegel und Mars⸗ ſegel zu ſtreichen, auf den Wind zu braſſen, ſich dem Wallingford gegenüber zu ſtellen, beizudrehen und ein Boot in das Waſſer zu laſſen. Als dies geſchah, wurde Drewett eben hinabgebracht und eine Minute ſpäter kamen die alte Miſtreß Drewett und ihre beiden Töchter, Helene und Caroline, unſer Bord entlang. Die Beſorgniſſe dieſer zärtlichen Angehörigen wurden durch meinen Bericht beſchwichtigt; denn ich konnte jetzt wieder ſprechen und gehen. Poſt hatte nichts dagegen ein⸗ zuwenden, daß die Frauen ſich hinabbegäben. Ich benützte dieſe Gelegenheit in den untern Raum der Schlupe zu eilen, wohin mir Neb trockne Kleider brachte, und bald fühlte ich mich von einer wohlthuenden Wärme durchſtrömt, welche nicht wenig zu meiner, Behag⸗ lichkeit beitrug. Mein Kampf war jedoch ſo verzweifelt geweſen, daß es einer guten Nachtruhe bedurfte, um meine Nerven wieder in die rechte Stimmung zu bringen und mir meine frühere Kraft zurückzugeben. Ich war kaum mit meinem Anzuge fertig, als ich in die Kajüte beſchieden wurde. Grace empfing mich mit offenen Armen; viele Minuten lang weilte ſie an meiner Bruſt. Sie war ohnehin in einer großen Aufregung geweſen, obgleich ihr glücklicher⸗ — 2— weiſe der Grund des Angſtſchreies ihrer ſchwarzen Iris und des Getümmels auf dem Deck erſt bekannt wurde, als man mich gerettet wußte. Dann theilte ihr Lucy ſämmtliche Vorfallenheiten mit aller der Vorſicht mit, welche ihre zarte, gefühlvolle Natur ihr eingab. Ich wurde, wie bereits gemeldet, gerufen und geliebkoſt, wie etwas theures gelieb⸗ koſt zu werden pflegt, welches ſein Beſitzer zu verlieren fürchten mußte. Wir waren noch in einem aufgeregten Zuſtande, als Hr. Hardinge ſich mit einem Gebetbuche in der Hand an der Thüre der Kajüte zeigte. Er forderte uns auf, ihm unſere Aufmerkſamkeit zu ſchenken, und während Alle in den beiden Kajüten niederknieten, trug der gute, einfache, alte Mann einige der Collecten und das Vater Unſer vor und ſchloß mit dem Dankgebete„für eine glückliche Rück⸗ kehr von der See.“ Er würde uns ſelbſt die Trauungs⸗ Formel vorgeleſen haben, ehe er, behufs irgend eines gemein⸗ ſamen Gottesdienſtes, ſeinem Gebetbuche entſagt hätte.*) Man konnte ſich kaum enthalten, über dieſes letztere Beginnen frommer Einfalt zu lächeln, während man gewiß in gleicher Weiſe von einem ſolchen Beweiſe aufrichtiger *) Die Stelle mag etwas dunkel ſcheinen, ſie iſt aber wenigſtens nicht dunkler, als die des Originals. In dem Gebetbuche des Geiſtlichen war kein Gebet, welches auf dieſen Fall paßte; er wählte daher das genannte, und würde lieber das unpaſſendſte gewählt, als ein geeignetes Gebet extemporirt haben. Der Ueberſ. And eine wol Als kam küß pfle es, zu gefe Wi an zu lan nich mo jed frei Leu zuz nat St beg — 13— Andacht gerührt ſein mußte. Dieſe Art Gottesdienſt hatte einen beruhigenden Einfluß auf alle unſere Gefühle, am wohlthätigſten aber wirkte er auf die der erregten Frauen. Als ich nach dieſer frommen Feier in die große Kajüte kam, ſchloß mich der vortreffliche Geiſtliche in ſeine Arme, küßte mich, wie er es in meinen Knabenjahren zu thun pflegte, und ſprach den Segen laut über mich. Ich geſtehe es, ich mußte auf das Verdeck eilen, um meine Bewegung zu verbergen. Nach wenigen Minuten hatte ich mich hinreichend gefaßt, um Befehl zu geben, unſern Curs zu verfolgen. Wir folgten dem Orpheus ſtroman, und ich trug, als wir an ihm vorbeikamen, Sorge, gehörig Raum zwiſchen uns zu laſſen,— eine Vorſicht, deren frühere Unterlaſſung mir lange leid gethan hat. Da Miſtreß Drewett und ihre zwei Töchter Andrew nicht verlaſſen wollten, ſahen wir die ganze Familie, wir mochten wollen oder nicht, ſich uns anſchließen. Ich muß jedoch geſtehen, daß ich ſelbſtſüchtig genug war, mich, freilich ganz im Stillen, ein wenig zu beklagen, daß dieſe Leute während der kurzen Friſt, welche ich nun mit Lucy zuzubringen das Glück hatte, mir ſtets in den Weg kamen. Die Sache war jedoch nicht zu ändern und ich nahm, nachdem ich alles Leinwand ausgeſpannt ſah, auf einem der Stühle, welche ſich auf dem Hauptdeck fanden, Platz, und begann, zum erſten Male, kalt über alles das, was vorge⸗ gangen war, nachzudenken. 14 Waͤhrend ich ſo beſchäftigt war, zog Marble ſeinen Stuhl an meine Seite, drückte mir herzlich die Hand und begann die Unterhaltung. In dieſem Augenblicke ſtand Neb, in trocknen Kleidern ſauber herausgeputzt, mit untergeſchlagenen Armen, nach Matroſenweiſe, ſo ruhig auf der Back, als wenn er nie den Wind hätte blaſen hören; nur dann und wann brachte ihn Chloe's Lächeln und unverholen einfache Bewunderung aus dieſer ernſten Haltung. In dieſen Augenblicken der Schwäche neigte der Schwarze den Kopf und ließ ein kurzes Lächeln gewahren, nahm ſich dann aber plötzlich wieder zuſammen und war bemüht, ſich ein würdevolles Anſehen zu geben. Während dieſes Geberdenſpiel vornen vorging, nahm die Unterhaltung ſpiegelwärts ihren Fortgang. „Die Vorſehung beſtimmt Euch zu etwas Außerge⸗ wöhnlichem, Miles,“ fuhr mein Maat fort, nachdem er in wenigen kurzen Worten ſeine Freude über meine Rettung ausgedrückt hatte,„zu etwas äußerſt Außergewöhnlichem, Ihr könnt Euch darauf verlaſſen. Erſtlich entkamt Ihr in dem Boote vor der Inſel Bourbon; dann, in einem andern Boote, vor der Delaware⸗Bai; drittens machtet Ihr Euch ſo geſchickt von dem Franzoſen in dem britiſchen Kanale los; dann folgt der Handel mit dem blutigen Ruß und ſeinen Gefährten; darauf kömmt die Wiederwegnahme der Kriſe; ſechstens fingt Ihr mich als einen flüchtig gewor⸗ denen Einſiedler zur See auf; und hier ſitzt Ihr, ſiebentens und letztens, jetzt zu dieſer Stunde des Tags geſund und woh burſ und Gru einzi hera davo erzäl Euch Euch in de ſal: gleich ander daß wohlbehalten, nachdem Ihr einen ſo ausgemachten Land⸗ burſchen, wie je einer über Bord ſiel, auf Euerm Kopf und den Schultern nicht weniger als dreimal auf den Grund des Hudſon getragen! Ich denke, Ihr ſeid der einzige lebende Menſch, der dreimal unterging und wieder heraufkam, es mit ſeinem eigenen Munde zu erzählen.“ „Es iſt mir gänzlich unbewußt, daß ich eine Sylbe davon geſagt hätte, Moſes,“ verſetzte ich ein wenig trocken. „Jede Bewegung, jeder Blick Eures Auges, Knabe erzählt die Geſchichte. Ja, ja,— die Vorſehung beſtimmt Euch zu etwas Ungewöhnlichem,— darauf könnt Ihr Euch verlaſſen. Vielleicht werdet Ihr binnen dieſer Tage in den Congreß gehen— wer weiß es?“ „Nach demſelben Schluſſe müßt Ihr denn mein Schick⸗ ſal theilen, denn Ihr habt meine meiſten Fährlichkeiten gleichfalls beſtanden und könnt überdies noch eine Menge anderer nennen, die Euch ausſchließlich angehören. Bedenkt, daß Ihr ſogar ein Einſiedler geweſen ſeid.“ „Pſt— pſt— keine Sylbe davon, ſonſt werden mir die Kinder wie einem Wunderthiere nachlaufen. Ihr müßt aber ganz merkwürdig verallgemeinert haben, Miles, als Ihr das letzte Mal, ohne große Hoffnung, wieder herauf zu kommen, in die Tiefe gingt.“ „In der That, mein Freund, Eure Vermuthung iſt ganz richtig. Wenn uns der Tod ſo nahe vor den Augen ſteht, werfen wir wohl alle einen raſchen, ſcharfen Blick auf die Vergangenheit. Ich glaube, ich kam ſogar auf den Einfall, Ihr ſelbſt würdet mich ſehr vermiſſen.“ „Ja,“ verſetzte Marble mit Gefühl;„dies ſind Augen⸗ blicke, wo einem die Wahrheit recht in die Augen ſpringt. Kein wahrerer Gedanke hätte Euch in den Sinn kommen können, als dieſer, Maſter Miles, ich kann es Euch verſichern. Euch vermiſſen? Ein Boot hätte ich ſogleich den Tag nach der Leiche gekauft und wäre nach Marble Land geſegelt, um ewig dort zu bleiben. Aber dort ſteht Eure Köchin und wackelt mit dem Kopf und verwendet kein Auge von Euch, als wenn ſie Euch etwas Wichtiges in das Ohr zu ſagen hätte. Dieſes wackere Gehaben unſeres Neb wird die Nigger hoch in der Welt ſtellen; und es würde mich gar nicht Wunder nehmen, wenn es Ench nicht einen Sonntagsſtaat für die ganze ſchwarze Sippſchaft koſtete.“ „Ein Preis, welchen ich gern für mein Leben bezahle. Ja, es iſt, wie Ihr ſagt, Dido wünſcht gewiß mit mir zu ſprechen und ich muß ſie wohl zu mir heran winken.“ Dido Clawbonny war die Hausköchin und Chloe's Mutter. Was auch ein überfeiner Geſchmack gegen ihre Farbe, welche von einer Schwärze war, aus der das Feuer allen Glanz herausgebrannt hatte, einzuwenden haben mochte, ſo konnte doch Niemand läugnen, daß ſie eine ſchöne Fülle erreicht habe. Sie wog genau zweihundert Pfund und in ihrem Geſichte ſpiegelte ſich ein ſeltſames e's ihre uer ben eine dert mes Gemiſch des leichten, fröhlichen Negerherzens und der her⸗ gebrachten und ſehr nöthigen Küchenſtrenge. Dido betheuerte oft, die Verantwortlichkeit ihrer Stelle bringe ſie um alle Ruhe, indem ihr allerdings die ganze Schmach zu weich gekochten Fleiſches, oder hart gebliebener Fiſche, ſo wie die Vorwürfe wegen zu ſchweren Brodes oder bleiartigem Buchwaizenkuchen und hundert anderer ähnlicher Dinge ausſchließlich anheim gegeben wurden. Sie war früher verheirathet geweſen und erſt ſeit einem Jahre in die zweite Ehe getreten. Dem gegebenen Winke gehorchend, nahte ſich jetzt dieſe gewichtige Dame. „Willkommen zurück, Maſſer Mile,“ begann Dido mit einem Knixe,— ſie wollte eigentlich ſagen:„Willkom⸗ men aus dem Waſſer, wo Ihr halb ertrunken geweſen!“— walle Welt ſo froh, daß Ihr Euch nicht wehe gethan.“ „Dank Euch, Dido, Dank Euch von ganzem Herzen. Wenn ich keinen andern Vortheil von dem Taucherwerk hatte, ſo habe ich doch dadurch von der Art, wie meine Leute mich lieben, Kenntniß erhalten.“ „O, Gottes willen! wie wir tas anters machen, Maſſer Mile? als wenn man es ſo in der Hant hätte, ob man jemant lieben ſollen oder nicht? Lieb grat wie Religion, Maſſer Mile— ter eine ihn haben, ter anter nicht— aber Lieb für jungen Herrn und jungen Herrin, Maſſer Mile,— tas eben ſo natürlich ſein, als Lieb für alten Herrn und alte Herrin. Ich gar nichts tabei tenken.“ 211— 213. 2 — 18— Glücklicherweiſe war ich mit der Claubonny Sprache ziemlich bekannt und bedurfte keines Wörterbuches, um zu verſtehen, was Dido meinte. Alles was ſie zu ſagen wünſchte, war der Gedanke, es ſei bei den Angehörigen einer Familie etwas ſo natürliches, daß ſich die Häupter derſelben liebten, daß ſie dieſen bloßen Umſtand, an und für ſich, eines zweiten Gedankens gar nicht werth halte. „Nun, Dido,“ ſagte ich,„wie bekömmt Euch das Heirathen in Euern vorgerückten Jahren? Man hat mir geſagt, Ihr hättet Euch, während ich meine letzte See⸗ reiſe machte, zum zweiten Male verehelicht.“ Dido ließ, nach der Sitte aller neuvermählten Frauen, mögen ſie eine Farbe haben, welche ſie wollen, ihre Augen zu Boden ſinken, legte einen ziemlichen Grad von Ver⸗ wirrung an den Tag, knixte dann, wendete ihr Vollmond⸗ geſicht uns ſo zu, daß es einem Halbmonde gleich, und antwortete dann mit einer ſehr verdächtigen Art Seufzer: „Ja, Maſſer Mile, das grat ſo ſein. Ich wohl happen getacht, ich warten und bitten jungen Herrn um ſein Ein⸗ ſtimmung; aber Cupido ſagen,“— nicht der Gott der Liebe, ſondern ein alter Neger dieſes Namens, Dido's zweiter Mann—„aber Cupido ſagen:„„was es Maſſer Mile verſchlagen, er ſehr weiten Weg fort und nichts darnach fragen.““ Und ſo ich lieber wollen ſogleich heirathen, als lang ſo von Cupido mich quälen laſſen, Maſſer Mile— das alles, Herr.“ „Und es iſt mehr als genug, meine gute Dido; damit — 19— ache aber Alles in Richtigkeit ſei, gebe ich jetzt meine Einwilli⸗ zu„ gung und zwar mit Freuden.“ gen 8„Tank Euch, Maſſer Mile,“ ſagte Dido, knixte tief gen und zeigte ihre weißen Zähne. pter„Die Trauung iſt natürlich durch unſern trefflichen und Geiſtlichen, den guten Herrn Hardinge vollzogen worden?“ e.„Gewiß, Herr, kein Clawbonny Nigger üperhaupt das taran tenken, ſich zu verheirathen, ohne daß Maſſer Hardinge mir ſein Segen ſprechen und Amen ſagen. Alle Welt ſagen, See⸗ die Heirath ſein ſo gut, wie Heirath von alt Herrn und alt Herrin. Ties ſein zweimal, Dido nehmen ein Mann uen, und jetes Mal gute Segen, wie vorgeſchrieben. O ja, gen Herr.“ ger⸗ 4„Und ich hoffe, Eure neue Lage hat ſich nach Euerm end⸗ Wunſche geſtaltet, Dido, da Ihr den Schritt einmal gethan und habt. Der alte Cupido iſt, wenn es ſich von Schönheit : handelt, eben nicht das beſte, was man wählen könnte; pen aber er iſt ein ziemlich ehrlicher, nüchterner Geſell.“ Fin⸗„Ja, Maſſer Mile, er das, niemand werten es läug⸗ ebe, nen. Ah, Herr,— er Stiefmann pei all dem, nie ſo eiter* wie rechter erſter Mann. Cupido ſehr ehrlich, ſehr nüch⸗ Nile tern; aber er doch nur Stiefmann, und das ich ihm nach ſchon zwanzigmal ſagen, glaub' ich, wenn die Wahrheit zu als ſagen ſein.“ — 4„Wahrſcheinlich habt Ihr es jetzt oft genug geſagt; wenn man etwas dieſer Art zwanzigmal geſagt hat, iſt es mit vollkommen genug.“ — 20 „Ja, Herr,“ ſagte ſie und knixte wieder,„wenn es Maſſer Mile belieben.“ „Es beliebt mir, und ich denke, Ihr habt ihm dies oft genug geſagt. Wenn ein Mann etwas nicht faßt, nach⸗ dem man es ihm zwanzigmal geſagt hat, ſo iſt er der Mühe, ihn zu unterrichten, nicht werth. So laßt ihn mit dem Stiefmann in Ruhe und verſucht etwas anderes mit ihm. Ich hoffe, er beweiſt ſich gegen Chloe als ein guter Vater?“ „Gott, Herr,— er nicht Chloe's Vater, gar nicht— ter todt und tahingegangen und kommen nie wieter. Ich wollen dem jungen Maſſer ein Wort ſagen von Chloe und tem Purſchen tort, Neb— ja, Herr.“ „Und was iſt's, Dido? Ich ſehe, ſie haben einander gerne und nehme an, ſie wollen ſich heirathen. Iſt dies der Zweck Eures Beſuches? In dieſem Falle gebe ich meine Einwilligung, ohne zu warten, daß man mich darum bittet. Neb wird ſich nicht als ein Stiefmann erweiſen, ich kann Euch das verſprechen.“ „Ihr nicht ſo eilig ſein, Maſſer Mile,“ ſagte Dido mit einem Eifer, welcher hinreichend zeigte, daß ſie nichts weniger als eine ſo bereitwillige Zuſtimmung erwartet hatte. „Die vielen Einwendungen gegen Neb, wenn er ein jun⸗ ges Mätchen in Chloe's Lage heirathen wollen. Ihr wiſſen, Herr, Chloe jetzt Miß Grace's eigene Kammermätchen. Niemand ſonſt ihr helfen, oder etwas in jungen Herrin n es dies nach⸗ der mit mit zuter 8 Ich und nder dies ich rrum iſen, Dido ichts atte. jun⸗ iſſen, chen. errin Zimmer thun können, als Chloe ſelbſt— meine Tochter, Chloe Clawbonny.“ Dies gab der Sache ein anderes Ausſehen. Es hieß: „wie dem Herrn, ſo dem Diener.“ Neb's Liebe zu ſeiner ſchwarzen Herzensgöttin ſollte ihre Dornen nicht minder haben, wie meine eigene, und das gleiche Hinderniß ſtellte ſich uns entgegen, nämlich: wir waren nicht vornehm genug. Ich beſchloß jedoch, ein gutes Wort für den armen Burſchen einzulegen, während es der Sitte der Familie gänzlich zuwider geweſen wäre, in Herzensangelegenheiten eine andere Vermittlung geltend machen zu wollen, als die des Rathes. „Wenn Chloe als Lieblingsdienerin meiner Schweſter gilt, Dido,“ bemerkte ich,„ſo werdet Ihr bedenken, daß Neb mein Lieblingsdiener iſt.“ „Tas wahr, Herr, und ſo Chloe ſagen; aber da ein großer Unterſchied ſein, Maſſer Mile, zwiſchen Clawbonny und ein Schiff. Neb ſelbſt ſagen, junger Maſſer, er nicht einmal wohnen in Kajüt, wo Ihr wohnen, Herr.“ „Dies iſt ſehr wahr, Dido; es beſteht aber eine andere Art Unterſchied zwiſchen einem Schiffe und einem Haus. Der Diener des Hauſes wird vielleicht mehr geliebt und erfreut ſich eines größeren Vertrauens, als der Diener, welcher außerhalb des Hauſes wohnt; nach unſern ſeemän⸗ niſchen Anſichten iſt es aber ehrenvoller, ein Vormaſt⸗ Matroſe zu ſein, als in der Kajüte zu leben, man müßte denn Officier ſein. Ich bin ſelbſt eine Zeitlang Vormaſt⸗ Matroſe geweſen und Neb iſt nur im Beſitze einer Back, wie ſein Herr ſie einſt inne hatte.“ „Das ſehr viel— ganz wundervoll, Herr,— äußerſt ſehr viel, und mehr als Chloe ſagen können oder ich von ihr hören wollen. Aber, Herr, ſie jetzt ſagen, Neb nun haben gerettet jungen Maſſers Leben und junger Maſſer müſſen ihm geben Freipapier; und keinem Mätchen von mir je ſollen werden freien Niggers Weib. Ja, Herr,— mir ſparen die Schante, zu groß für treu alt Diener zu tragen.“ „Ich beſorge, Dido, Neb neigt ſich derſelben Denk⸗ weiſe zu. Ich habe ihm neulich die Freiheit angeboten, er weigerte ſich aber, ſie anzunehmen. Die Zeiten wechſeln in dieſem Lande, und man wird bald der Anſicht ſein, es ſei ehrenvoller für einen Schwarzen, frei, als irgend eines Menſchen Sclave zu ſein. Die Geſetze werden euch Alle, ſammt und ſonders, über kurz oder lang, für frei erklären.“ „Nimmer mir das ſagen, Maſſer, der Tag nimmer kommen für mich und die Meinigen; ſelbſt alter Cupido beſſer wiſſen, als tas. Nun, Herr, Miſſer Van Blarcum's Brom wollen Chloe turchhaus happen zu Frau; ich aber werden nimmer zugeben, taß ties geſchehen. Ueperhaupt unſere Familie zu gut, um zu heirathen in Van Blarcum's Haus. Nimmer es noch geſchehen, daß wir ſo heirathen, und nimmer es geſchehen ſollen.“ „Ich habe nicht gewußt, daß die Selaven von Clow⸗ bonny in der Wahl ihrer Verbindungen ſo eigen wären.“ „Wuntervoll eigen, Herr, unt immer ſie ſo geweſen unt immer ſie ſo ſein werten. Ihr nicht glauben ſollen, Maſſer Mile, ich heirathen alten Cupido, ich ſelbſt, wenn ein andre gute Gelegenheit in ter Familie ta geweſen ſein; aber ich lieber ihn nehmen, als in ein ander Familie in tem Lant heirathen.“ „Neb iſt von Clawbonny und ich habe ihn ſehr gerne; ich darf daher hoffen, daß Ihr ſeine Bewerbung mit beſſern Augen anſeht. Vielleicht wünſcht Chloe einſt, frei zu ſein, und es wird ſtets in Neb's Willen liegen, ſein Weib eben ſo gut, wie ſich ſelbſt, frei zu ſehen.“ „Herr, ich glauben, wie Ihr ſagen, Maſſer Mile, Herr,— wenn ich mit Denken fertig ſein werden, Herr, hoffen, junger Herr und junge Herrin hören, was alte Köchin zu ſagen haben, eh' ſie ihr Einwilligung geben.“ „Gewiß,— Chloe iſt Eure Tochter und ſie wird es nicht an der gehörigen Achtung gegen Euch fehlen laſſen, — ich verſprech' Euch dies in meinem und meiner Schweſter Namen. Wir werden Mißachtung der Eltern niemals unterſtützen.“ Dido dankte abermals und abermals, wiederholte ihr Knixen und entfernte ſich mit einer Würde, welche nach meinem Bedünken für Neb's und Chloe's Wünſche eben nicht ſehr viel verſprechend war. Ich ſelbſt überließ mich nun dem Nachdenken über das Eigenthümliche der Dinge dieſer Welt. Ich ſah hier Menſchen von der niedrigſten Klaſſe, welche eine Nation aufzuweiſen hat,— ja, von einer Klaſſe, welche die Natur felbſt für eine untergeordnete Stufe geſchaffen und zur Dienſtbarkeit verurtheilt zu haben ſchien, eben ſo hartnäckig an den Unterſcheidungen feſthalten, welche mich ſo unglück⸗ lich machten und gegen die gewiſſe Leute, welche klüger ſind, als die übrige Welt, grimmig zu Felde ziehen, ohne ſie zu begreifen, und manchmal ſelbſt ſo weit gehen, daß ſie das Beſtehen derſelben in Abrede ſtellen. Meine Köchin dachte in ihrer Sphäre ziemlich, wie in Bezug auf mich Rupert dachte, wie die Drewett dachten, wie die Welt denkt, und wie— ich mußte es wohl fürch⸗ ten— ſelbſt Luey dachte. Die Wiederkehr Marble's, welcher ſich von meiner Seite entfernt hatte, ſobald Dido's Zungenſpiel begann, hinderte mich, länger bei dieſem ſeltſamen— um nicht zu ſagen herb⸗rauhen— Zuſammentreffen zu verweilen, und wendete meinen Geiſt der Gegenwart zu. „Da die alte Schwarze ihr Garn abgeſponnen hat, Miles,“ begann der Maat wieder,„ſo wollen wir in unſern ſieben Sachen fortfahren. Ich habe mit der Mutter des jungen Herrn, der über Bord ſiel, geſprochen und ihr einige Rathſchläge ertheilt, welche ihrem Sohne künftighin zu gut kommen dürften; und— was denkt Ihr wohl, welchen Grund ſie mir für die Albernheit anführte, die er began⸗ gen hat?“ „Es ſteht nicht in meiner Macht, Euch etwas dieſer Art zu ſagen,— vielleicht, weil er von Natur ein alberner Geſelle ſei?“ „Die Liebe!— Der arme Knabe ſcheint in dieſe Eure holdſelige Freundin, Rupert's Schweſter, verliebt zu fein; und es war nichts mehr und nichts weniger, als die Liebe, was ihm den Muth gab, den Seiltänzer auf unſerm Maſt⸗ baum zu ſpielen.“ „Habt Ihr dies aus Miſtreß Drewett's eigenem Munde, Marble?“ „Allerdings, Capitain Wallingford; denn während Ihr mit der alten Dido über Neb und Chloe verhandeltet, nahmen wir, das heißt, der Doctor, die Mutter und ich, Andrew und Lucy vor. Die gute alte Dame gab mir zu verſtehen, es ſei eine abgemachte Sache und ſie betrachte Miß Hardinge bereits als ihre dritte Tochter.“ Es war auffallend, daß Miſtreß Drewett dieſen Gegen⸗ ſtand mit einem Manne wie Marble, ja ſelbſt mit Poſt beſprechen mochte; allein die Art, wie Marble ſeine Theilnahme an dem Geſpräche in das Auge faßte, konnte einigermaßen, mehr aber noch der erregte Zuſtand der Gefühle einer Mutter, als Entſchuldigung dienen. Sie hatte kaum ihre volle Beſinnung wieder erhalten und war einer Uebereilung dieſer Art wohl fähig, beſonders in einer Unterhaltung mit einem Manne von Poſt's Charakter, wobei die Anweſenheit des Maats überſehen oder nicht beachtet worden ſein mochte. Alles, was in dieſer Weiſe vorgegangen war, brachte mich zu der feſten Ueberzeugung, daß ich zu ſpät gekommen ſei. Lucy mußte ihr Wort gegeben haben und wartete nur — 26— auf den Tag ihrer Mündigwerdung, um die Vorkehrungen zu treffen, welche ſie zu Gunſten ihres Bruders zu treffen N beabſichtigte, ehe ſie ſich vermählte. Ihr Benehmen gegen 1 ur mich war nur das Ergebniß der Gewohnheit und aufrich⸗ he tiger Freundſchaft, welche vielleicht eine noch theilnehmen⸗ D dere, zuvorkommendere Form dadurch annahm, daß Lucy⸗ L fühlte, wie ſehr wir durch Rupert gekränkt worden waren. g. Wenn ich zugab, daß ſich dies alles ſo verhielt— T welches Recht hatte ich mich zu beklagen? Ich war mir in kaum der Liebe bewußt geworden, welche ich ſeit Jahren n. dem holden Mädchen geweiht hatte, und würde es gewiß nie gewagt haben, ihr meine Gefühle zu entdecken. Sie d hatte mir nichts verſprochen, mir ihre Treue nicht zuge⸗ L ſagt, kein Geſtändniß meiner Liebe erhalten, und war daher er nicht verpflichtet, zu warten, bis es mir gefallen würde, i zu ſprechen. f So aufrichtig war meine Liebe zu Lucy, daß ich mich, u ſelbſt in meinem Elende, herzlich freute, als ich daran h dachte, daß ſich auch nicht das entfernteſte gegen ihr g Benehmen, ihre Wahrheitsliebe, ihre Offenheit ſagen laſſe. d Im Ganzen war es vielleicht das natürlichſte, daß ſie Andrew Drewett, welcher der erſte war, der ihr entgegen g trat, nachdem ſie ein Alter erreicht hatte, wo ſolche Gefühle b Wurzel faſſen, mir vorzog, mit dem ſie aufgewachſen k und den ſie gewohnt war mit der Liebe und dem Ver⸗ d trauen einer Schweſter zu behandeln. Ja, ich war billig genug, ſelbſt dies zuzugeben. Der Vorfall an dem Morgen und die Anweſenheit der Miſtreß Drewett und ihrer Töchter brachten in dem Gehaben und Thun unſerer Geſellſchaft einen völligen Umſchwung hervor. Die Damen blieben faſt ausſchließlich unten; Drewett ſelbſt hatte von Poſt die Weiſung erhalten, ſein Lager nicht eher zu verlaſſen, als bis ſeine Kräfte wieder⸗ gekehrt wären. Herr Hardinge brachte einen geraumen Theil der Zeit an Andrew Drewett's Seite zu und widmete ihm alle Aufmerkſamkeit, welche ein Vater ſeinem Sohne nur widmen kann. Wenigſtens ſchien es mir ſo. Auf dieſe Weiſe blieben Marble und ich im Beſitze der Schanze, obgleich wir gelegentlich von allen— Grace, Lucy und die alte Miſtreß Drewett ausgenommen— Beſuche erhielten. Mittlerweile ſetzte der Wallingford ſeinen Curs ſtroman fort und, bis zum Abend, begünſtigte ein leichter Südwind unſere Fahrt. Er überſegelte alles, und als die Sonne hinter dem ſchönen Kettenzug der Cattskill⸗Berge unter⸗ ging, waren wir bereits einige Meilen über der Einmün⸗ dung des Fluſſes, von welcher er ſeinen Namen hat. Man kann ſich kaum eine lieblichere Landſchaft denken, als die war, welche ſich von dem Deck der Schlupe dar⸗ bot. Ich war früher nie ſo weit den Strom heraufge⸗ kommen; ja, Herrn Hardinge ausgenommen, befand ſich die ganze Geſellſchaft von Clawbonny in meinem Falle, ſo daß Alle auf das Verdeck gerufen wurden, um ſich der Schönheit der Stunde zu erfreuen. — 28— Die Schlupe war etwa eine Meile über Hudſon und die Ausſicht, welche ſich darbot, lag in ſüdlicher Richtung. Dies iſt vielleicht der ſchönſte Theil dieſes herrlichen Waſ⸗ ſers, obgleich es nicht Mode iſt, ſo zu denken, da die Hochlande gewöhnlich den Vorzug erhalten. Da ich ſeit dieſer Zeit Gelegenheit hatte, die Erhaben⸗ heit der Seen der Schweiz und Italiens zu ſehen, begreife ich leicht, daß, vergleichsweiſe, kein Theil des Hudſon etwas ſehr Erhabenes aufzuweiſen hat; ſchwerlich dürfte man aber einen Strom finden, welcher ſo Vieles hat, das ungemein ſchön iſt; und zwar meine ich eine Schönheit, welche an das Großartige grenzt. Lucy hatte in Betreff der Unübertrefflichkeit der Hoch⸗ lande die erſten Zweifel in mir erregt. Wie das Londner Stadtkind ſich über Richmond Hill ausläßt— die Anſicht von Mont⸗Martre, landeinwärts und an einem um⸗ wölkten Tage geſehen, iſt zwanzig Richmond Hill werth— wie das ächte Londner Stadtkind ſich über jene Höhe aus⸗ läßt, ſo äußert ſich der Amerikaner, dem„die Provinz“ anklebt, preiſend über die Hochlande des Hudſon. Ich gebe es zu, dieſe ſind ziemlich anziehend; aber ſie werden von hundert bekannten Berganſichten ihrer Art übertroffen, während die ſanfteren Theile des Stromes, wenn man ſo ſagen darf, ſchwerlich ihres gleichen haben. Ich wieder⸗ hole es, Lucy hat mich zuerſt auf dieſen Unterſchied auf⸗ merkſam gemacht, Lucy, welche damals weder die Alpen noch die Apenninen geſehen hatte. Ihr Auge war aber — 29— ſo wahr, wie ihre Grundſätze, ihre Worte, und ihr Charakter. Alles an dieſem lieben Weſen war Wahrheit, unverfälſchte, ungeſchminkte Wahrheit! „Gewiß, meine liebe Miſtreß Drewett,“ ſagte das herrliche Mädchen, als ſie, die alte Dame, welche ſich auf ihren Arm lehnte, unterſtützend, auf den prachtvollen Son⸗ nenuntergang blickte,„die Hochlande können ſich einer Scene dieſer Art nicht rühmen. Mir ſcheint dies das Höchſte, was die Kunſt zu leiſten vermag; während es mir ſtets vorkam, als fehlte den Gebirgsgegenden etwas, das ſich die Seele denken kann.“ Miſtreß Drewett war eine achtbare, aber ziemlich gewöhnliche Frau. Sie gehörte zu der großen Klaſſe derer, welche denken, wie man es ihnen vorſagt; und es war in ihren Augen eine Art Ketzerei, wenn man glaubte, irgend etwas gehe über die Hochlande. Die arme Miſtreß Drewett! Sie war äußerſt„provinziell,“ ohne es auch nur im ent⸗ fernteſten zu ahnen. Was ſie für das Beſte hielt, mußte vor aller Welt für das Beſte gelten. Mit großem Eifer bekämpfte ſie Lucy's Anſicht und betheuerte daher, es könne nichts ſchöneres geben als die Hochlande. Dies iſt eine Art Beweisführung, welche man nicht leicht beſeitigen kann; ihre Gefährtin begnügte ſich daher, das Schauſpiel vor ihren Augen ſchweigend zu bewundern, nachdem ſie in der ihr eigenen ruhigen und beſcheidenen Weiſe einige Gründe für ihre Meinung vorgebracht hatte. Ich hörte dieſes kurze Geſpräch und beachtete beide 30 Theile genau. Miſtreß Drewett war, ſelbſt in ihrem Eifer, ungemein nachgiebig, und ſchien der Anſicht Lucy's ent⸗ gegen zu treten, wie eine liebevolle Mutter die irrigen An⸗ ſichten eines begünſtigten Kindes bekämpft. Andererſeits erſchien Lucy zuverſichtlich und ſprach ſich in einer Weiſe aus, wie wohl junge Mädchen ſich äußern, wenn ſie zu Leuten ſprechen, welche, wie ſie wiſſen, nachgiebig ſein müſſen. Ein Sonnenuntergang kann nicht ewig währen; und ſelbſt dieſer kam mir, ſo lieblich er geweſen war, bald zahm und geſchmacklos vor. Als die Damen ſich entfernt hatten, beſchloß ich vor Anker zu gehen; denn der Wind wurde flau und die Flut kam uns entgegen.*) Marble und ich hatten uns in dem untern Raum eine Art Kajüte einrichten laſſen, und ich war froh, ſie auf⸗ ſuchen zu können; denn ich fühlte, nach den harten An⸗ ſtrengungen des Tages, das Bedürfniß, mich auszuruhen. Was in den übrigen Räumen an dieſem Abend vor⸗ gegangen ſein mag, hatte ich nicht Gelegenheit zu erfah⸗ ren, obgleich ich durch die Schetten**) Gelächter und frohe weibliche Stimmen hörte, nachdem ich ſchon ſtunden⸗ lang mein Haupt auf die Kiſſen geſenkt hatte. *) Bekanntlich ſind Ebbe und Flut auf dem Hudſon bis über Albany hinaus bemerklich. ***) Abtheilungen von Planken in einem Schiffe. Der Ueberſ. — 31— Als Marble kam, um ſein Lager aufzuſuchen, erzählte er mir, die Geſellſchaft in der großen Kajüte ſei wieder neu belebt und das junge Volk habe fröhlich unter ſich geplaudert, und zwar ſo, daß ſelbſt er, als Zuhörer, ſich höchlich darob gefreut habe. Bei Tagesanbruch ſtellte Neb ſich ein und rief uns auf. Der Wind blies friſch aus Weſtnordweſt, aber die Flut begann eben zu ſteigen. Ich war ſo ungeduldig, meiner Gäſte los zu werden, daß alsbald die ganze Mann⸗ ſchaft herbei gerufen und die Schlupe ſegelfertig gemacht wurde. Der Lootſe zeigte ſich willig, die Schlupe durch die obern engen Päſſe zu führen, und da der Wallingford ſich bei dem Winde am ausgezeichnetſten hielt, war ich ent⸗ ſchloſſen, meine Befreiung bei eben dieſer Strömung zu bewerkſtelligen. Die Schlupe zog allerdings mehr Waſſer, als dies bei Fahrzeugen in dieſem Theile des Stromes gewöhnlich der Fall war; aber ſie war leicht und konnte, gerade in dieſem Augenblicke, jeden Weg verfolgen, welchen die bela⸗ denen Albanyſchiffe gingen. Der Unternehmungsgeiſt war damals noch nicht ſo geweckt, wie jetzt, und was See⸗ ſchiffe betrifft, ſo war, meines Wiſſens, noch keines über das Overslaugh gekommen. Seitdem haben ſich die Zeiten ſehr geändert; der Leſer wird ſich jedoch erinnern, daß ich von einer ſehr entfernten Periode in der Geſchichte Ame⸗ rika's, von dem Jahre des Herrn 1803, ſchreibe. Sobald der Anker herauf war, wurde das Deck der Schauplatz lebhafter Paah Der Wind war ſteif und wo ſetzte mich in den Staͤnd, zu zeigen, was der Wallingford füt ſtroman im Vergleich mit den plumpen, flachgebauten Fahr⸗ zeugen jener Zeit zu leſſten vermochte. Auch gab es Fluß⸗ un ſtellen, wo der Wind uns begünſtigte; und als die Damen ter wieder erſchienen, warfn wir bei den Inſeln droben und kan arbeiteten uns mit Raſchheit und Geſchick durch die engen 3 faf Durchfahrten fort. Für mich, und für Marble nicht weni⸗ ſch ger, war die Scene ganz neu; und bei der Thätigkeit, che welche unſere Zickzackfahrt jeden Augenblick forderte, und Th dem ſteten Wechſel der Scenerie, hatten wir kaum Muße, bi uns mit der Kajütengeſfllſchaft zu beſchäftigen. ſñ Als man zum Frühſtücke rief, näherte das Schiff ſich 8 96 gerade dem ſchwierigſten Theil des Stromes; und Alles, S was uns von dieſem Mahle zukam, mußten wir in den Ve Zwiſchenaugenblicken der vielen Wendungen, welche wir B machten, alſo im Fluge erhaſchen. un Unſer gutes Glück wollte es jedoch, daß ſich der Wind gegen acht Uhr mehr nach Süden umkehrte; und wir ſahen I uns in den Stand geſetzt, der Ebbe uns entgegen zu ſtem⸗ men, welche in derſelben Zeit eintrat. Dies ließ uns hof⸗ m fen, wir würden das Ende unſrer Fahrt erreichen, ohne 1 wieder Anker werfen zu müſſen. de Endlich erreichten wir das Overslaugh, wo, wie ge⸗ 5 5 wöhnlich, eine Menge Schiffe auf dem Sande lagen. Es gelang jedoch dem Lootſen, uns durch alle dieſe Fahrzeuge, 5 — 33— wenn auch nicht mit fliegenden Wimpeln, was als eine Beleidigung gegen die minder glücklichen Schiffer angeſehen worden wäre, wenigſtens mit dem beſten Erfolge durchzu⸗ führen. Nun trat Albany, gegen einen ſcharfen Abhang gelehnt und ſich weit über das angeſchwemmte Uferland ausbrei⸗ tend, hervor. Es war nicht die Stabt, welche es jetzt iſt; kaum drei Viertheile der Häuſer und Seelenzahl mochte es faſſen; aber es war damals, wie jetzt, einer der maleri⸗ ſcheſten Orte in ganz Amerika. Den beſten Beweis, wel⸗ chen überwiegenden Einfluß der mundfertige und ſchreibende Theil des Menſchenvolks über den thätigen Theil ausübt, bietet das bezügliche Anſehen dar, in welchem Albany hin⸗ ſichtlich ſeiner Lage und ſeines Ausſehens im Vergleiche von hundert andern Städten, beſonders in den öſtlichen Staaten, ſo lange geſtanden hat. In Bezug auf die Schön⸗ heit der Lage faſt ohne ſeines Gleichen, oder unter den Binnen⸗Städten wenigſtens eben ſo ſchön, wie Richmond und Burlington, galt es gewöhnlich für eine holländiſche Stadt, über welche in meinen jüngern Jahren jeder arme Wicht ſich luſtig machen zu müſſen glaubte. Wir gehören nicht zu den Völkern, welche ihr Licht unter den Scheffel ſtellen; und doch wüßte ich mich keines einzigen artigen Wortes zu erinnern, welches in Betreff der Schönheit Albany's einem unſrer heimiſchen Schrift⸗ ſteller entſchlüpft wäre. Dies iſt vielleicht dem Umſtande zuzuſchreiben, daß in dem Anfange dieſes Jahrhunderts ein 211— 213. 3 — 32— ſo bedeutender Theil der Stadt durch die Anhöhe verbeckt wurde und die Reiſenden nicht Gelegenheit hatten, ſte von dem beſten Standpunkte aus zu ſehen; ich muß aber faſt glauben, daß die wenige Gunſt, in welcher ſie ſtand, darin zu ſuchen iſt, daß ſie nicht angelſächſtſchen Urſprungs war. Ich fühlte mich ſehr glücklich, die Kajen und die Reihe von Waarenlagern zu erreichen, aus welchem damals, im wörtlichen Sinne, der Weizen in die Schlupen ſtrömte, welche an den Kai's wimmelten und beeilt waren, den euro⸗ päiſchen Armeen Vorräthe zuzuführen. So ſpät es auch war, ſo floß doch noch aus allen Theilen des Landes der Weizen herzu, welcher zu einem hohen Preiſe bezahlt wurde; häufig verkaufte man das Scheffel zu dritthalb, ja zu 3 Dollar. Und dennoch war Niemand in Amerika ſo arm, daß ihm das Brod gefehlt hätte. Je theurer das Getreide, deſto höher der Arbeitslohn und deſto beſſer das Leben der arbei⸗ tenden Klaſſe. Es war noch nicht ſpät, als der Wallingford ſich der Kaje allmählig näherte, an welcher er anlegen ſollte. Vor uns war eine Schlupe, welcher wir uns ſeit zwei Stun⸗ den genähert hatten, die aber bei der Flauheit des Windes ſtets vor uns geblieben war. Dieſes Abfallen des Windes machte die herankommende Nachmittagsflut ruhig und angenehm, und Alle an Bord, ſelbſt Grace, kamen, als wir langſam an den Häuſern des öſtlichen Ufers vorüberfuhren, auf das Verdeck, um die Stadt zu ſehen. zu un der ter An ein Ch git Be ſtü M ſie un ent ſch Au wa un me ben bri rdeckt von faſt darin war. Reihe , im zmte, euro⸗ auch der erde; llar. ihm deſto bei⸗ der Vor un⸗ des nde ord, des die — 35— Ich ſchlug meiner Geſellſchaft vor, hier an das Land zu gehen— was urſprünglich nicht in unſerm Plane lag— und dieſe Gelegenheit zu benützen, die politiſche Hauptſtadt des Staates mit Muße zu beſehen. Grace und Lucy hör⸗ ten den Vorſchlag mit Vergnügen; und Miſtreß Drewett, Andrew und ſeine Schweſtern freuten ſich dieſer Ausſicht, ein wenig länger in unſrer Geſellſchaft weilen zu können. Im Augenblicke überholte jetzt der Wallingford, ſeinem Charakter getreu, das Schiff, welches ihm bisher voran⸗ ging, und lief ſchon an ſeiner Seite ab. Ich wollte einige Befehle ertheilen, als Luey und Chloe, die Grace unter⸗ ſtützten, mir auf dem Wege nach der Kajüte begegneten. Meine arme Schweſter war todtenbleich und ich ſah, daß ſie vor Zittern kaum gehen konnte. Ein bedeutſamer Blick Lucy's hieß mich fern bleiben, und ich hatte Selbſtbeherrſchung genug, dem Wunſche zu entſprechen. Ich wendete mich, um auf das benachbarte Schiff zu ſchauen, und erhielt ſogleich Aufſchluß über die mächtige Aufregung meiner Schweſter. Die Merton's und Rupert waren auf dem Decke dort, und zwar ſo nahe, daß es unmöglich war, wenigſtens die erſtern nicht anzuſprechen. In dieſem verlegentlichen Augenblicke kehrte Lucy an meine Seite zurück, um mich, wie ich ſpäter erfuhr, zu bewegen, den Wallingford an einen entlegenen Platz zu bringen, ſo daß jeder Verkehr abgeſchnitten würde. Dieſer Zufall machte eine ſolche Vorſichtsmaßregel 3* nutzlos, denn in dieſem Augenblicke bekam die ganze andere Geſellſchaft Lucy zu Geſicht. „Welch eine angenehme Ueberraſchung!“ rief Emily, in deren Augen die Schweſter Rupert's kein unbedeutender Gegenſtand ſein konnte.„Nach Eures Bruders und Miſtreß Drewett's Nachrichten mußten wir annehmen, Ihr befändet Euch zu Clawbonny, an dem Bette der Miß Wallingford.“ „Miß Wallingford iſt hier, ſo wie mein Vater, Miſtreß Drewett, und—“ Ich konnte nie erfahren, weſſen Name Luey nach dieſem „Und“ folgen laſſen wollte. „Nun, dies iſt höchſt überraſchend!“ fiel Rupert mit einer Sicherheit der Stimme ein, welche mich wirklich erſchreckte.„In dieſem Augenblicke hielten wir Dir die glänzendſten Lobreden wegen Deiner Ausdauer in der Freund⸗ ſchaft und all dergleichen, und ſieh, da ziehſt Du, Made⸗ moiſelle Lucy, wie wir andern Alle, den Quellen entgegen, nur auf Dein Vergnügen bedacht.“ „Nein, Nupert,“ verſetzte Lucy mit einer Stimme, welche, nach meinem Bedünken, den herzloſen Gecken zu dem Bewußtſein der Gefühle bringen mußte, welche ihn hätten durchdringen ſollen:„nein, ich gehe nicht zu den Ouellen. Dr. Poſt hat Grace einen Wechſel des Aufent⸗ halts und der Luft vorgeſchlagen; und Miles hat uns in ſeiner Schlupe ſtromauf geführt, damit wir Alle dazu bei⸗ trügen, die liebe Leidende zu erheitern. Wir werden zu Albany nicht an das Land ſteigen.“ andere Emily, itender Niſtreß fändet ford.“ tiſtreß dieſem tt mit irklich r die eund⸗ Nade⸗ egen, mme, n zu ihn den fent⸗ s in bei⸗ 1 zu — 32— Ich ließ mir dieſe letztern Worte geſagt ſein und verſtand, daß ich die Schlupe nicht einmal die Kaje ent⸗ lang bringen ſollte. „Auf mein Wort, ſie hat die Wahrheit geſagt, Oberſt,“ rief Rupert.„Ich ſehe meinen Vater mit Poſt und meh⸗ reren andern meiner Bekanntſchaft auf der Back. Hm— und da iſt Drewett, ſo wahr ich lebe! auch Wallingford! Wie ergeht es Dir, edler Capitain, auf dieſem Süßwaſſer⸗ Strome? Du mußt merkwürdig aus Deiner Breite ſein.“ „Wie befindet ſich Herr Hardinge?“ erwiederte ich die Begrüßung kalt, und ſah mich dann gezwungen, dem Major und ſeiner Tochter ein freundliches Wort zu ſagen; Neb war aber an dem Steuer, und ich hatte ihm einen Wink gegeben, von dem Nachbarſchiffe abzuhalten. Dies brach unſere Unterhaltung ſchnell ab und ließ nur noch ein kurzes Schwenken der Taſchentücher und das Zuwerfen einiger Handküſſe zu, wobei auch die Drewett nicht hintan blieben. Lucy ging bei Seite und ich ergriff die Gelegenheit, ein Wort unter vier Augen mit ihr zu wechſeln. „Was ſoll ich mit der Schlupe machen?“ fragte ich. „Es wird bald nöthig ſein, einen Entſchluß zu faſſen.“ „Legt in keinem Falle an der Kaje an. O, dieſer Augenblick war herb. Die Kajütenfenſter ſind offen und Grace muß jede Sylbe gehört haben. Nicht einmal eine Frage nach ihrer Geſundheit! ich fürchte mich, hinab zu gehen und zu ſehen, welche Folgen dieſer Augenblick gehabt hat!“ Ich wünſchte nicht mit Lucy von ihrem Bruder zu ſprechen und überging den Gegenſtand mit Stillſchweigen. Die frühere Frage wurde daher einfach wiederholt. Luey erkundigte ſich, ob es nicht möglich wäre, unſere Paſſagiere an das Land zu bringen, ohne daß wir vor Anker gingen, und nachdem ich ihr das Nöthige bemerkt hatte, bat ſie von Neuem, nicht zu landen. Wir bogen daher aus, die Schlupe wurde, ſobald ſie weit genug oben war, zugeholt, das Boot in das Waſſer gelaſſen, Poſt's Mantelſack in das Boot gebracht und der Drewett angedeutet, daß Alles bereit ſei, ſie an das Ufer zu bringen. „Ihr werdet uns gewiß nicht ſo verlaſſen!“ rief die alte Dame aus:„Ihr wolltet hier an das Land gehen, Lucy, wenn nicht uns bis Ballſton begleiten. Die dortigen Mineral⸗Quellen würden ſich für Miß Wallingford gewiß heilſam erweiſen.“ „Dr. Poſt glaubt es nicht und räth zu einer ruhigen Rückkehr. Doch werden wir vielleicht bis Sandy Hook, oder ſelbſt in den Sound gehen. Alles hängt jedoch von dem Befinden und dem Wunſche der lieben Grace ab.“ Betheuerungen des Bedauerns und Klagen über ver⸗ eitelte Hoffnungen folgten; denn Alle ſchienen viel an Lucy, und ſehr wenig an meine arme Schweſter zu denken. Man verſuchte ſogar, Lucy zu einem andern Entſchluſſe zu bere⸗ den; aber ihre eifrige Feſtigkeit überzeugte ihre Freundinnen bald, daß ſie bei ihrem Vorſatze zu bleiben entſchloſſen ſei. Auch Herr Hardinge äußerte ſich in einer Weiſe, welche ſeine Tochter in ihrem Entſchluſſe beſtärkte. So blieb den eigen. Lucy giere ngen, at ſie , die eholt, iſck in Alles f die ehen, tigen ewiß zigen Hook, von „ ver⸗ Lucy, Man bere⸗ nnen ſei. elche den — 39— Reiſenden nichts übrig, als ſich zum Eintritte in das Boot anzuſchicken. Andrew Drewett wendete ſich, nachdem er ſeiner Mut⸗ ter über die Seite der Schlupe geholfen hatte, zu mir und drückte in ſchönen, wohlgeſetzten, männlichen Worten ſein Dankgefühl für den Dienſt aus, welchen ich ihm geleiſtet hatte. Nach dieſem Beweiſe ſeiner Erkenntlichkeit— dem erſten, welchen ich aus ſeinem Munde hörte— konnte ich nicht weniger thun, als ihm die Hand zu ſchütteln, und wir ſchieden wie Leute, die eine Gunſt erzeugt und hingenom⸗ men haben. Es entging mir nicht, daß Lucy's Wange ſich röther färbte und daß ſie ungemein heiter ausſah, während dieſe kurze Scene aufgeführt wurde, obgleich ich das eigentliche Gefühl nicht deuten konnte, welches in ihrem biedern,⸗ wahrheitsliebenden Herzen vorherrſchte. War dieſe erhöhte Färbung der Freude dem ſchönen Gehaben beizumeſſen, mit welchem Drewett ſich einer der unbequemſten aller unſrer Pflichten— des Zugeſtändniſſes einer hohen Ver⸗ pflichtung— entledigte? oder ſtand es auf irgend eine Weiſe mit ihrer Theilnahme an mir in Verbindung? Ich konnte nicht fragen und daher auch nichts erfahren. Dieſe Scene endigte jedoch für den Augenblick unſern Ver⸗ kehr mit den Drewett's, denn das Boot ſtieß ſogleich ab. Zweites Kapitel. ——— Falſch geſtellt Im Leben, weiß ich nicht, was wohl aus mir Geworden wär'; allein ich fühle tief, Was ich ſein ſollte, bin ich nicht. Und ſo Mag's enden. Lord Byron. Ich fühlte mich glücklich, als ich ſah, daß mein Schiiff ſeinen ruhigen, häuslichen Charakter wieder angenommen hatte. Lucy hatte ſich, ſobald es der Anſtand erlaubte, entfernt, während ich, ihrem Wunſche gemäß, die Schlupe ſtromabwärts kehrte und unſere Rückfahrt begann, ohne auch nur daran zu denken, das damals unbekannte Land, Albany, zu betreten. Marble war zu ſehr daran gewöhnt, ſich den Bewe⸗ gungen des Schiffes, in welchem er ſich befand, ohne langes Nachfragen anheim zu geben, als daß er eine Einwendung hätte laut werden laſſen, und bald gleitete der Wallingford, mit ſeinem Boot im Schlepptau und von einem leichten Weſtwinde unterſtützt, der Heimath wieder entgegen. Der Wechſel erhielt Alle auf dem Decke ſo in Thätig⸗ keit, daß einige Zeit verſtrich, ehe ich Lucy wieder ſah. Ich fand ſie, als wir wieder zuſammentrafen, traurig und beſorgt. Grace war augenſcheinlich durch Rupert's Benehmen tief verletzt worden. Die Wirkung auf ihren Körper war der — 11— Art, daß man ſie möglichſt ruhig laſſen mußte. Luey hoffte, der Schlaf würde ſie beſchleichen; denn bei ihrer erſchöpften Körperkraft nahm ſie, wie ein Kind, ſtets zum Schlummer ihre Zuflucht, wenn der Zuſtand ihres Geiſtes dies erlaubte. Ihr Leben glich— ich wußte dies jedoch damals nicht— dem der Flamme, die in der Luft aufflackert, aber zu erlö⸗ ſchen droht, ſobald die Strömung, welcher die Lampe aus⸗ geſetzt iſt, ſich im geringſten vermehrt. Es gelang uns, über das Overslaugh zu kommen, ohne den Grund zu berühren, und wir waren, unter Coejiman's Beſitzung,*) bei den Inſeln angelangt, als die Flut uns wieder entgegen kam. Der Wind war ſo flau geworden, daß wir einen Ankerplatz ſuchen und anlegen mußten. Sobald ich das Schiff geſichert wußte, ließ ich Lucy um eine Unterredung bitten; das theure Weſen bedeutete mir aber durch Chloe, Grace ſchlummere, und ſie könne mich in dieſem Augenblicke nicht ſprechen, da ihre Gegen⸗ wart in der Kajüte nöthig ſei, um Ruhe und Schweigen zu erhalten. Als ich dieſe Nachricht erhielt, befahl ich, das Boot an die Schlupe zu bringen; Marble, ich und Neb beſtiegen es, und der Schwarze ruderte uns an das Ufer, während *) Quimän’s auszuſprechen— ein holländiſcher, und kein indiani⸗ ſcher Name, und das Eigenthum einer angeſehenen Familie von Neu⸗York. Der Verf. Chloe vor Vergnügen über ihres Anbeters Geſchicklichkeit ihre ſchneeweißen Zähne zeigte; wirklich bedurfte er uur der einen Hand und des bloßen Spieles der Fauſt, um das Waſſer unter dem Bug des kleinen Bootes in Schaum zu bringen. Wir landeten an einer kleinen, aber lieblichen Sand⸗ bucht, welche von drei oder vier ungeheuern Trauerweiden überwachſen und das Bild der Ruhe und des Friedens ſelbſt war. Wir hatten ein ganz einſames, ländliches Fleckchen vor uns, denn wir ſahen keinen regelmäßigen Landungsplatz in der Nähe, noch Winden für Wurfnetze, noch irgend ein anderes Zeichen, das einen beſuchten Ort andeutete. Eine einzige Cottage ſtand auf einer kleinen natürlichen Terraſſe, welche zehn bis zwölf Fuß über dem fruchtbaren Boden lag, der die Weiden trug. Dieſe Hütte war das„beau idéal“ ländlicher Zierlichkeit und heimi⸗ ſchen Behagens. Sie war von Stein, einen Stock hoch, hatte ein hohes, zugeſpitztes Dach und einen holländiſch ausſehenden Vorbau, welcher auf den Strom ging und die Vorhalle und Außen⸗ thüre enthielt. Die Steine, die erſt vor wenigen Wochen angeſtrichen worden, waren weiß wie friſchgefallener Schnee. Die Fenſter hatten den Reiz der Unregelmäßigkeit und Alles um das Haus deutete auf ein früheres Jahrhundert und ein„régime,“ welches von dem, unter welchem wir damals lebten, ganz verſchieden war. In der That verkündigten die Zahlen 1698, welche als Eiſenklammern in der Mauer — 43.— des Vorbaues angebracht worden waren, daß das Haus völlig ſo alt ſei, wie der zweite Anbau zu Clawbonny. Der Garten dieſer Cottage war nicht groß, aber in bewundernswerther Ordnung. Er lag ganz hinter dem Gebäude und ſtieß an ein kleines Obſtſtück mit etwa hun⸗ dert Bäumen, deren Früchte ſich eben in Fülle zu zeigen begannen; dieſes Gelände lehnte ſich an eine Art Amphi⸗ theater, das dieſen kleinen Fleck faſt ganz vor der Zudring⸗ lichkeit und dem Anblicke der übrigen Welt abſchloß. Ein halbes Dutzend mächtiger Kirſchbäume, deren Früchte noch nicht ganz verſchwunden waren, ſtanden in der Nähe des Hauſes und dienten demſelben nicht nur zur Zierde, ſondern boten auch kühlen Schatten. Die Nebenbauten ſchienen ſo alt zu ſein, wie die Cottage ſelbſt und waren gleichfalls in der beſten Ordnung. Als wir uns dem Ufer näherten, befahl ich Neb das Ruder fallen zu laſſen und betrachtete mit Muße dieſes Bild der Einſamkeit und, wie es ſchien, des Glückes, wäh⸗ rend das Boot in Folge des bereits erhaltenen Impulſes der ſandigen Buchtung entgegen lief. „Dies iſt eine Einſiedelei, in welcher ich es, glaube ich, aushalten könnte, Miles,“ ſagte Marble, deſſen Blick ſich, ſeit wir die Seite des Schiffes verlaſſen, nicht von dem lieblichen Punkte abgewendet hatte.„Dies iſt wirklich eine menſchliche Einſiedelei, und keiner von jenen verlornen Poſten in der Wüſte des Meeres. Raum für Schweine und Geflügel; ein ſchönes ſandiges Ufer für Euer Boot; 44 guter Fiſchfang draußen, dafür ſtehe ich Euch Heine hübſche, ganz behagliche Art von Haus; Bäume, ſo dick wie die untern Maſten eines Zweideckers, und Geſellſchaft auf Aurufsweite, wenn es einem Burſchen in den Kopf kommen ſollte, melancholiſch zu werden! Grade ein ſolches Plätzchen wünſchte ich zu haben, wenn es einmal Zeit wäre, in die Docks zu gehen. Welch ein herrlicher Ort, eine Cigarre zu rauchen, iſt die Uferſtelle dort drüben, unter dem großen Kirſchbaume; und der Grog müßte an jener friſchen Quelle einen doppelten Wohlgeſchmack haben.“ „Ihr könntet Eigenthümer dieſes Platzes werden, Mo⸗ ſes; wir wären dann Nachbarn und könnten einander zu Waſſer beſuchen. Es kann kaum viel mehr als fünfzig Meilen von hier bis Clawbonny ſein.“ „Ich denke, man würde im Stande ſein, für eine Beſitzung, wie dieſe ſo viel Geld zu fordern, als man brauchte, um ein gutes, geſundes Schiff zu kaufen,— ich meine ein ordentliches A. Nro. 1.“ „Ihr irrt, Marble, tauſend bis zwölfhundert Dollar würden hinreichen, das Haus und alles Land, das wir ſehen,— zwölf bis fünfzehn Morgen höchſtens— anzu⸗ kaufen. Ich weiß, daß Ihr mehr als zweitauſend Dollar als Priſengeld, Löhnung, Nebeneinnahmen und anderes dergleichen eingenommen und zurückgelegt habt.“ „Allerdings, bis auf zweitauſend könnte ſich dies wohl belaufen. Ich wollte nur, der Platz läge Clawbonny etwas — 45— näher— acht oder zehn Meilen davon; ich glaube, dann ginge ich die Leute des Kaufes wegen wohl an.“ „Es iſt aber überhaupt unnöthig. Ich habe an dem Stromarme zu Clawbonny eine eben ſo hübſche Einbucht und will Euch dort ein Haus bauen— Ihr ſollt es nicht von einer Schiffs⸗Kajüte unterſcheiden können— ein Haus, das nach Euerm Geſchmacke ſein ſoll!“ „Daran habe auch ich gedacht, Miles, und manchmal kam es mir vor, als ſei es eine ſehr ſchöne Idee; aber einen ſtarken Wind hält ſie doch nicht aus. Ihr könnt wohl ein Zimmer bauen, das wie eine Kajüte ausſieht; Ihr werdet aber keines bauen, das die Natur einer Kajüte hat. Ihr könnt Scheerſtocken, Worpen, Backe, Schotten und ſo fort, Alles, wie ſich's gehört, ſinden; wo aber bekommt Ihr Eure Bewegung her? Was iſt eine Kajüte ohne Bewegung? Sie würde bald ſo widerwärtig und anſtößig werden, wie das Meer in den ſüdlichen Breiten. Nein— ich will nichts von ſolchen bewegungsloſen Kajüten wiſſen. Wenn ich zu See bin, will ich zu See ſein, und bin ich auf dem Lande, will ich auf dem Lande ſein.“ Und„auf dem Lande“ waren wir indeß, denn der Kiel des Bootes krabbelte ſanft über die Kieſel des Ufers hin. Wir ſtiegen aus und gingen auf die Cottage zu, da ſich nichts zeigte, das ſich einem ſolchen Gehaben wider⸗ ſetzte. Ich ſagte Marble, wir wollten einen Trunk Milch fordern, da zwei Kühe zu ſehen waren, welche das üppige Gras eines ſchönen kleinen Weideplatzes behaglich verſpeiſten — 46 Ein ſolcher Ausweg ſchien anfangs unnöthig zu ſein, denn es zeigte ſich Niemand, der nach dem Grunde unſeres Kom⸗ mens gefragt oder ſich unſerem Weiterſchreiten widerſetzt hätte⸗ Als wir an die Thüre des Hauſes kamen, fanden wir ſie offen und konnten, ohne die Geſetze der gebildeten Welt zu verletzen, in das Innere ſchauen. Ein Vorplatz oder Hausgang war nicht da; die Thüre führte unmittelbar in ein Gemach von einiger Ausdehnung, das die ganze Vor⸗ derſeite des Gebäudes einnahm. Dieſes Zimmer mochte wohl zwanzig Fuß im Viereck haben, auch war es von einer Höhe, welche die der gewöhnlichen Zimmer jener Zeit übertraf. Dieſes Gemach war die Zierlichkeit ſelbſt. Auf dem Boden war ein, in dem Lande gefertigter, aber wirklich ſchöner Teppich ausgebreitet; ein Dutzend altmodiſcher, hoher Lehnſtühle von einem dunkeln Holze ſtanden umher; die zwei oder drei Tiſche glänzten, daß man ſie als Spie⸗ gel brauchen konnte; ſodann ſahen wir einige Spiegel, nicht von großem Umfang, aber mit zierlichen Goldrahmen geſchmückt,— einen Schenktiſch mit einigen echten China⸗ Gefäßen darauf,— und die andern herkömmlichen Gegen⸗ ſtände eines Landſitzes, welcher ſich ein wenig von den gewöhnlichen Pachterwohnungen dieſer Gegend auszeichnete und dennoch eben ſo ſehr hinter den beſcheideneren Sitzen der höhern Klaſſe zurückſtand. Meiner Anſicht nach mußte die Cottage einer kleinen Familie angehören, welche mehr von der Welt geſehen enn m⸗ tte⸗ wir Jelt dder in Bor⸗ chte von Zeit dem klich cher, her; Spie⸗ egel, men hina⸗ egen⸗ den hnete eren einen ſehen — 47— hatte, als dies bei bloßen Landbebauern der Fall war, und dennoch nicht genug, um ſich über die hergebrachten, heimiſchen Sitten des Ackermannes bedeutend zu erheben. Wir blickten aus der Vorhalle auf dieſe Scene länd⸗ lichen Friedens und tadelloſer Zierlichkeit, als ſich eine innere Thüre in der bedächtigen Weiſe, die dem Alter eigen iſt, öffnete und die Frau des Hauſes eintrat. Sie war den Siebzigen nahe, von mittler Größe; ihr Schritt war ruhig, aber feſt, und ihr Ausſehen das der Geſundheit ſelbſt. Ihre Kleidung war die des vorigen Jahrhunderts, einfach, aber ſo zierlich wie Alles, was wir hier geſehen hatten,— eine ſchneeweiße Schürze ſchien der Annäherung alles deſſen Trotz zu bieten, was deren Rein⸗ heit hätte gefährden können. Die Züge dieſer alten Frau ſchienen allerdings nichts anzudeuten, das auf Erziehung und geſellige Bildung ſchließen läßt; ſie waren aber der Spiegel der Gutmüthigkeit, eines wohlwollenden Charak⸗ ters und einer gefühlvollen Seele. Sie begrüßte uns, ohne eine Ueberraſchung gewahren zu laſſen, und lud uns ein, Platz zu nehmen. „Es geſchieht ſelten, daß Schlupen hier anhalten,“ ſagte die alte Frau— Dame zu ſagen wäre übertriebene Höflichkeit—„ihre Lieblings⸗Ankerplätze ſind weiter ſtromauf oder ſtromab.“ „Und wie erklärt Ihr dies, Mutter?“ fragte Marble, der Platz nahm und die Hausfrau mit der Gradheit eines Seemannes anredete.„Nach meinem Dafürhalten iſt hier 48— der beſte Ankerplatz, den ich ſeit langer Zeit geſehen habe— ein beneidenswerther, unſchätzbarer Ankerplatz. An einem Orte, wie dieſer, möchte man faſt ſo allein ſein, als es das Herz nur wünſchen kann, ohne gerade ein grimmiger Einſiedler zu werden.“ Die Matrone blickte Marble an, als wüßte ſie nicht, was ſie aus einem ſolchen Bären machen ſollte; dennoch war ihr Blick ſanft und nachſichtig. „Ich denke aber die Schiffe ziehen andere Plätze dieſem vor,“ ſagte ſie,„weil hier kein Wirthshaus iſt; während ein ſolches ſich zwei Meilen ſtromauf und ein anderes zwei Meilen ſtromab findet.“ „Eure Bemerkung, daß hier kein Wirthshaus ſei, erin⸗ nert mich an die Nothwendigkeit unſer kühnes Eintreten in Eure Thüre zu entſchuldigen,“ antwortete ich;„wir Seeleute meinen es aber nicht ſo unhöflich, obgleich wir, wenn wir an das Land kommen, die gute Sitte nicht ſtets vor Augen haben.“ „Ihr ſeid herzlich willkommen. Ich freue mich, wenn ich Leute ſehe, welche wiſſen, wie man eine alte Frau freundlich zu behandeln hat, und welche die, die es nicht thun, bemitleiden und ihnen verzeihen. In meinem Alter lernt man wohl den Werth. freundlicher Worte und guter Behandlung ſchätzen, denn man hat dann nur noch kurze Zeit, ſeinen Mitmenſchen Aehnliches angedeihen zu laſſen.“ „Dieſe günſtige Stimmung gegen Eure Mitmenſchen 9.— nem s es niger nicht, anoch ieſem hrend zwei erin⸗ treten „wir wir, t ſtets wenn Frau nicht Alter guter kurze aſſen.“ enſchen 49— iſt Eurem ſteten Aufenthalte an einem ſo lieblichen Orte, wie dieſer, beizumeſſen.“ „Ich gebe ſie viel lieber meinem Schöpfer anheim. Er allein iſt die Quelle alles deſſen, was wir Gutes in uns haben.“ „Dennoch muß ein Ort, wie dieſer, Einfluß auf den Charakter haben. Ich darf behaupten, Ihr habt lange in dieſem Hauſe hier gelebt, welches, wie alt Ihr auch zu ſein vorgebt, dennoch älter ſein muß, als Ihr. Wahrſcheinlich weilt Ihr ſeit Eurer Verheirathung hier?“ „Viel länger, Herr. Ich bin in dieſem Hauſe gebo⸗ ren und ſo war es auch mein Vater. So habt Ihr Recht, zu ſagen, ich hätte ſeit meiner Verheirathung hier gelebt, denn ich lebte lange vorher hier.“ „Dies iſt nicht ſehr ermunternd für meinen Freund hier, denn er äußerte, als wir an das Land ſtiegen, ein ſolches Behagen an Eurer Cottage, daß er ſie zu beſitzen wünſchte; aber ich glaube kaum, daß er an einen Kauf denken wird, nachdem er erfahren hat, wie theuer ſie Euch iſt.“ „Und hat Euer Freund keine Heimath, keinen Zu⸗ fluchtsort für die Seinigen?“ „Ich bin ohne Heimath, ſo wie ohne Familie, meine gute Mutter,“ antwortete Marble,„und um ſo eher habe ich, werdet Ihr denken, Grund, dafür zu ſorgen, daß ich ſo bald als möglich zu dem einen, wie zu dem andern komme. So viel ich weiß, hatte ich nie weder Vater, noch Mutter, weder Haus, noch Heimath, das Schiff ausgenom⸗ 211— 213. 4 — 50— men. Doch nein,— ich bin ja einmal ein Einſiedler geweſen, und beſaß eine ganze Inſel, und ſuchte mich in dieſes Gewerbe zu finden; die Natur behielt aber bald die Oberhand, und ich machte mich, ſo ſchnell es thunlich war, aus dieſem Irrſal. Das Geſchäft ſtand mir nicht an.“ Die alte Frau blickte Marble aufmerkſam an. Ich konnte es in ihrem Geſichte leſen, daß das offene, biedere, ernſte Benehmen des Maats einen ungewöhnlichen Eindruck auf ihre Gefühle gemacht hatte. „Einſiedler?“ wiederholte die gute Frau mit Neu⸗ gierde,„ich habe oft von ſolchen Leuten gehört und geleſen; Ihr aber habt ganz und gar keine Aehnlichkeit mit dem, was oh mir unter Einſiedlern dachte.“ „Abermals ein Beweis, daß ich mich einem Geſchäfte hingab, für welches ich nicht geeignet war. Nach meinem Bedünken muß ein Mann, ehe er ein Einſiedler wird, etwas von ſeinen Vorfahren zu erfahren ſuchen, wie man ſich nach dem Stammbaume eines Pferdes erkundigt, um zu wiſſen, ob es von guter Raſſe iſt. Da ich nun zufällig nichts von meiner Herkunft weiß, iſt es kein Wunder, wenn ich einen Mißgriff that. Es iſt etwas ſehr Unangenehmes, gute Frau, ohne einen Namen in die Welt zu treten.“ Das Auge unſerer Wirthin war noch glanzvoll und lebendig, und ich habe nie einen ſchärferen Blick geſehen, als der war, welchen ſie auf den Maat heftete, als er ſich, wie er zuweilen zu thun pflegte, dieſem Anfalle melancho⸗ liſchen Gefühls überließ. auf ob e mein in d in ſe ſelbſt konn die z Ich dere, ruck Neu⸗ eſen; dem, häfte elinem twas nach diſſen, 3 von einen gute und ſehen, r ſich, ancho⸗ — 51— „Und ſeid Ihr ohne Namen in die Welt getreten?“ fragte ſte und blickte Marble aufmerkſam an. „Gewiß. Jede Menſchenſeele kömmt mit nur Einem Namen auf die Welt; ich aber bin zufällig ganz ohne Namen erſchienen.“ „Dies iſt ſo ungewöhnlich, Herr,“ bemerkte unſere alte Wirthin, und zeigte mehr Theilnahme an Marble's rauher Bitterkeit, als ich es für möglich gehalten hätte,„daß ich gerne hören möchte, wie ſich etwas dieſer Art begeben konnte.“ „Ich bin völlig bereit, Euch Alles in dieſem Betreffe zu erzählen, Mutter; da aber ein Freundſchaftsdienſt den andern werth iſt, ſo möchte ich Euch erſt einige Fragen über die Eigenthümerin dieſes Hauſes, dieſer Bucht und dieſes Gartens vorlegen. Wenn Ihr Eure Geſchichte erzählt habt, bin ich bereit, die meinige hören zu laſſen.“ „Ich ſehe, wie die Sachen ſtehen,“ ſagte die alte Frau beunruhigt,„Ihr ſeid von Herrn Van Taſſel hierher geſchickt worden, um nach dem Gelde zu fragen, welches er auf dieſes Grundſtück geliehen hat, und Euch zu erkundigen, ob er die Rückzahlung wohl hoffen könne, oder nicht.. „Wir ſind ganz und gar nicht hierher geſchickt worden, meine gute alte Dame,“— ich hielt es jetzt für geeignet, in die Mitte zu treten, denn die arme Frau war ſichtbar in ſehr großer Unruhe und in einer Bedrängniß, welche ſelbſt ihre alten, runzelvollen Züge nicht ganz verbergen konnten.„Wir ſind eben das, was wir ſcheinen,— Leute, die zu jener Schlupe gehören und an das Land gegangen 4* — 52— ſind, um ihre Glieder ein wenig zu ſtrecken; nie haben wir etwas von einem Herrn Van Taſſel, oder von einer Schuld oder Verpfändung gehört, welche mit ſeinem Namen in Verbindung ſtünde.“ „Dem Himmel ſei gedankt!“ rief die Matrone, und ſchien Geiſt und Körper mit einem ſchweren Seufzer zu erleichtern.„Squire Van Taſſel iſt ein harter Mann, und eine arme Wittwe, welche keine andere Verwandten als eine Enkelin, die eben ſechzehn Jahre alt iſt, zur Hand hat, iſt kaum im Stande, es mit ihm aufzunehmen. Mein guter alter Mann hat immer behauptet, das Geld ſei ausgezahlt worden; jetzt aber, da er todt und dahin iſt, legt Squire Van Taſſel die Verſchreibung und den Pfandbrief vor und ſagt:„„Wenn Ihr im Stande ſeid zu beweiſen, daß dieſes Geld bezahlt iſt, bin ich gewillt, von Allem abzuſtehen.““ „Dies iſt ein ſo auffallendes Begebniß, meine liebe alte Dame,“ bemerkte ich,„daß Ihr uns nur mit den Thatſachen bekannt zu machen braucht, um Euch neben Eurer Enkelin noch einer andern Stütze zu verſichern. Ich bin allerdings fremd hier und kam nur zufällig in dieſe Gegend; die Vorſehung wirkt aber zuweilen auf dieſe geheimnißvolle Art, und mein Gefühl würde mich ſehr täuſchen, wenn wir Euch nicht nützlich werden könnten. Macht uns daher mit Eurer Lage bekannt, und der beſte Rechtsbeiſtand in dem Staate ſoll Euch dienſtbar werden, wenn Euer Fall es nöthig macht.“ Die alte Frau ſchien verlegen, zugleich aber auch wir chuld en in und er zu „ und s eine at, iſt guter ezahlt Squire r und dieſes hen.““ liebe it den neben n. Ich n dieſe dieſe h ſehr önnten. r beſte werden, r auch — 53— gerührt. Es iſt wahr, wir waren ihr weltfremd; das wahre Mitgefühl hat aber eine Sprache, gegen welche die der Zunge nichts iſt und die, weil ſie aus dem Herzen kommt, auch zu dem Herzen geht. Ich meinte es natürlich mit meinem Anerbieten ſehr redlich, und dieſe Redlichkeit ſcheint auch den gewöhnlichen Eindruck gemacht zu haben. Man glaubte mir. Unſere Wirthin zerdrückte einige Thränen, welche ſich in ihre Augen gedrängt hatten, und antwortete mir mit derſelben Offenheit, mit welcher ich ihr meine Hülfe ange⸗ boten hatte. „Ihr ſeht nicht aus, wie Squire Van Taſſel's Leute, denn ſie ſcheinen dieſes Haus bereits als das ihrige zu betrachten. Solche habgierige Geſchöpfe habe ich früher nie zu Geſichte bekommen. Euch hoffe ich vertrauen zu können.“ „Verlaßt Euch darauf, Mutter,“ rief Marble und drückte die Hand der alten Frau herzlich.„Glaubt mir, dieſes Geſchäft hat ſich meines Herzens bemächtigt, denn ich hatte, ſchon auf den erſten Blick, halb und halb im Sinne, mir dieſen Fleck ſelbſt anzueignen— durch ehrlichen Kauf, verſteht ſich, nicht aber durch einen dieſer Land⸗ ſchinder⸗Kniffe, und da die Sachen ſo ſtehen, könnt Ihr Euch leicht denken, daß ich nicht geneigt bin, ihn dieſem Herrn Taſſel zukommen zu laſſen.“ „Es wäre ſaſt eben ſo ſchmerzlich, dieſes Haus ver⸗ kaufen zu müſſen, als mich von Schurken aus demſelben vertreiben zu laſſen,“ antwortete die gute Frau, und der Ausdruck ihres Geſichtes beſtätigte jedes ihrer Worte.„Ich habe Euch bereits geſagt, daß ſelbſt mein Vater ſchon in dieſem Hauſe hier geboren wurde. Ich war ſein einziges Kind; und als Gott ihn zu ſich berief, was zwölf Jahre nach meiner Verheirathung eintraf, kam dieſes kleine Gut natürlich an mich, und ich würde es bis auf dieſen Augen⸗ blick mein nennen können, ohne daß Jemand den entfern⸗ teſten Anſpruch darauf machen dürfte, hätte ich mich nicht in früher Jugend eines Fehltrittes ſchuldig gemacht. O meine Freunde, wer Böſes thut, darf nie hoffen, den Folgen zu entgehen.“ „Das Böſe, das Ihr gethan habt, meine gute Mut⸗ ter,“ verſetzte Marble, indem er ſich bemühte, die arme Alte, welcher jetzt die hellen Thränen über die Wangen zu fließen begannen, zu tröſten:„das Böſe, das Ihr gethan habt, kann eben nicht von Belang ſein. Wenn die Rede von einem wilden Seemanne, wie ich, oder ſelbſt von Miles da, der eine Art Meer⸗Heiliger iſt, wäre, ließe ſich wohl etwas erwarten; aber Euer Bekenntniß kann Euch nur ehrenvoll und rein von Schuld zeigen.“ „Ein ſolcher Zuſtand wird keinem Erdbewohner zu Theil, mein junger Freund,“— Marble war, obgleich er volle fünfzig Jahre zählte, im Vergleiche mit unſerer Wirthin jung zu nennen;—„meine Sünde war nichts Geringeres, als das Uebertreten eines der Gebote Gottes.“ Es entging mir nicht, daß dieſes unbefangene Geſtänd⸗ der Ich 1 in iges ahre Gut gen⸗ fern⸗ nicht O lgen Mut⸗ Alte, ießen habt, von s da, etwas nvoll er zu ich er nſerer nichts tttes.“ ſtänd⸗ niß meinen Maat in große Verwirrung verſetzte; denn in ſeinen Augen hatte Jemand, welcher die Gebote übertrat, getödtet, oder geſtohlen, oder Gott geläſtert; die übrigen Beſtimmungen der zehn Gebote hatte er in Folge der Gewohnheit als Kleinigkeiten betrachten gelernt. „Ich glaube, es wird auf ein Mißverſtändniß hinaus⸗ laufen, Mutter,“ ſagte er in einer Art tröſtendem Tone: „Ihr mögt Euch ein Verſehen oder eine Verirrung haben zu Schulden kommen laſſen; aber dieſes Uebertreten der Gebote iſt doch ein ziemlich ernſter Handel.“ „Ja, ich übertrat das vierte Gebot;— ich vergaß, Vater und Mutter zu ehren. Demungeachtet iſt der Herr gnädig gegen mich geweſen; denn ich habe bereits das ſtebenzigſte Jahr erreicht. Aber dies iſt Seine Güte— nicht mein Verdienſt.“ „Iſt dies kein Beweis, daß der Fehltritt vergeben wurde?“ warf ich ein.„Wenn man ſich durch Reue den Frieden wieder erkaufen kann, habt Ihr, wie ich mich über⸗ zeugt fühle, dieſen Troſt gewiß geerntet.“ „Man weiß dies nie. Ich glaube, das Bedrängniß wegen dieſer Pfandſchuld und die Gefahr, in welcher ich ſchwebe, ohne ein Obdach über meinem Haupte ſterben zu müſſen, haben allein ihre Quelle in dieſer einzigen That des Ungehorſams. Ich bin ſelbſt Mutter geweſen— ja, ich kann ſagen, ich bin es noch; denn meine Enkelin iſt mir ſo theuer, wie es ihre ſelige Mutter mir war,— und — 56— wir erkennen eher, wenn wir abwärts, als wenn wir aufwärts blicken, den wahren Sinn jenes Gebotes.“ „Wenn es gewöhnliche Neugierde wäre, was die Frage veranlaßt, meine alte Freundin,“ bemerkte ich,„würde ich nicht im Stande ſein, Euch, wie ich jetzt thue, in das Antlitz zu ſehen, während ich Euch erſuche, mich Eure Lage kennen zu lehren. Erzählt die Geſchichte in Eurer Weiſe, aber erzählt ſie vertrauensvoll; denn ich wiederhole es Euch, wir ſind im Stande, Euch zu helfen, und können Euch den beſten Rechtsbeiſtand dieſes Landes verſchaffen.“ Die alte Frau ſah mich abermals aus ihrer Brille feſt an, und dann machte ſie uns, als hätte ſie ſich ent⸗ ſchloſſen, unſerer Chrlichkeit zu vertrauen, mit ihren Geheimniſſen bekannt. „Es würde Unrecht ſein, Euch einen Theil meiner Geſchichte, und nicht das Ganze zu erzählen,“ begann ſie; „denn Ihr könntet glauben, Van Taſſel und ſeine Rotte ſeien allein zu tadeln, während mir doch mein Gewiſſen ſagt, daß ich faſt alles Geſchehene als eine gerechte Strafe für meine Sünden zu betrachten habe. Ihr werdet daher mit einer alten Frau Geduld haben und ihre ganze Ge⸗ ſchichte anhören; ich habe ein Alter erreicht, wo man Niemand mehr zu täuſchen wünſcht. Die Tage deſſen, der Schnee auf dem Haupte trägt, ſind gezählt; und der Schlag würde, wenn Kitty nicht wäre, für mich nicht ſo hart ſein. Ihr müßt wiſſen, daß wir holländiſchen Urſprungs ſind und von den alten überſeeiſchen Coloniſten dieſer Gegend herſ ſetzte meit lebt nich er letze gege Tar ihn Red dem wie Fra nich Ihr ſche wir rage ich das Lage Zeiſe, Fuch, Euch Brille hent⸗ ihren neiner n ſie; Rotte wiſſen Strafe daher ze Ge⸗ man en, der Schlag et ſein. 8 ſind Gegend — 52— herſtammen und uns Van Duzer nannten. Ohne Zweifel,“ ſetzte ſie zogernd hinzu,„ſeid Ihr, Freunde, geborne NYankees?“ „Ich könnte dies nicht ſagen,“ verſetzte ich,„obgleich meine Familie aus England herſtammt. Meine Vorfahren lebten lange in Neu⸗York, aber ihre Einwanderung geht nicht ganz bis in die Zeit der Holländer zurück.“ „Und Euer Freund— er iſt ſtill; vielleicht ſtammt er aus Neu⸗England? Ich möchte ſein Gefühl nicht ver⸗ letzen; denn meine Geſchichte ſtößt vielleicht ein wenig rauh gegen ſeine Heimathsliebe an.“ „Seid darum unbekümmert und laßt nur das ganze Tau herauslaufen,“ ſagte Marble mit der Bitterkeit, welche ihn gewöhnlich anwandelte, wenn von ſeiner Herkunft die Rede war.„Es gibt keinen Menſchen auf der Welt, vor dem man ſo offen über dergleichen Dinge ſprechen kann, wie vor Moſes Marble.“ „Marble!— dies iſt ein harter Name,“ verſetzte die Frau mit einem leichten Lächeln;„aber der Name iſt nicht das Herz. Meine Voreltern waren Holländer, und Ihr habt vielleicht gehört, wie es vor der Revolution zwi⸗ ſchen den Holländern und den Yankees ſtand. Obgleich nahe Nachbarn, liebten ſie einander nicht ſehr. Die Yan⸗ kees nannten die Holländer Narren und die Holländer ſag⸗ ten, die Yankees ſeien Schelme. Ich bin, wie ich Euch kaum zu ſagen brauche, vor der Revolution geboren, als König Georg der Zweite auf dem Throne ſaß und das Land regierte; und obgleich die Engländer ſeit lange über 58 uns herrſchten, hatten die Unſrigen doch ihre Sprache und ihre Ueberlieferungen noch nicht vergeſſen. Mein Vater ſelbſt hatte das Licht der Welt erblickt, nachdem die eng⸗ liſchen Statthalter zu uns gekommen waren, wie ich ihn oft erzählen hörte; es war jedoch ohne Belang; er liebte Holland bis an ſein Ende und hing an den Sitten ſeiner Väter.“ „Alles ſehr recht, Mutter,“ ſiel Marble ein wenig ungeduldig ein;„es iſt eben ſo natürlich, daß ein Hollän⸗ der ſein Holland liebt, als es natürlich iſt, daß der Eng⸗ länder England nicht liebt. Ich bin ſelbſt in den Nieder⸗ landen geweſen und muß geſtehen, es iſt eine Fiſchotter⸗ Art Leben, welches die Leute führen, weder recht zu Land, noch recht zu Waſſer.“ Die Matrone ſchien Marble nach dieſer Erklärung mit mehr Achtung zu betrachten; denn in jener Zeit ſtand ein gereiſ'ter Mann bei uns in Anſehen. In ihren Augen war es eine größere Heldenthat, Amſterdam geſehen zu haben, als wenn ein Reiſender jetzt Jeruſalem beſucht hat. Wahrlich, es beginnt bei uns allgemach für eine Schmach zu gelten, wenn ein Mann die Pyramiden, das rothe Meer und den Jordan nicht geſehen hat! „Mein Vater liebte das Land ſeiner Vorfahren darum nicht weniger, obgleich er es nie geſehen hatte,“ begann die alte Frau wieder.„Trotz der Eiferſucht der Yankees gegen uns Holländer, und trotz der manchfachen Abneigun⸗ gen kamen der Erſteren doch immer mehr, um hier ihr Glüc ger in A ländt ten, ſagte mit thun mein Mile „Sie Miß alten iſt r Breu fort Kum früh kam, zu u liſch theil Geſe und gater eng⸗ ihn iebte einer enig Uän⸗ Eng⸗ eder⸗ tter⸗ t zu mit dein ugen n zu hat. mach Meer arum gann nkees igun⸗ Glück zu ſuchen. Sie lieben, wie es ſcheint, nichts weni⸗ ger als zu Haus zu bleiben; und es find, ich kann es nicht in Abrede ſtellen, Fälle vorgekommen, daß ſie ſich nieder⸗ ländiſcher Beſitzungen in einer Weiſe zu bemächtigen wuß⸗ ten, von welcher ich am liebſten nie gehört hätte.“ „Eure Worte ſind weiſe erwogen, meine liebe Frau,“ ſagte ich,„und zeugen, daß Ihr jeden menſchlichen Fehl mit Milde beurtheilt.“ „Ich muß wohl, meiner eignen Sünden wegen, ſo thun, ſo wie ich für die aus England ſo fühlen muß, denn mein Mann war ſelbſt jenes Geſchlechtes.“ „Ah, jetzt wird die Geſchichte regelmäßig heran geholt, Miles,“ ſagte Marble und nickte beifällig mit dem Kopfe. „Sie wird zuerſt auf Liebe abhalten, und wenn dann das Mißgeſchick nicht folgt, ſo nennt mich einen bösartigen alten Junggeſellen. Die Liebe in dem Herzen junger Leute iſt wie ein Funke im innern Raume eines Schiffes, wo Brennſtoff in Menge aufgeſtaut iſt.“ „Ich kann Euch nicht widerſprechen,“ fuhr unſre Wirthin fort und lächelte trotz ihres wirklichen Kummers— ein Kummer, welcher die Erinnerung an die Begebenheit ihres früheren Lebens von Neuem belebte.—„Ein junger Yankee kam, als ich erſt fünfzehn Jahre alt war, als Schullehrer zu uns. Unſere Leute waren ſehr begierig, uns das Eng⸗ liſche lernen zu laſſen; denn ſie hatten geſehen, wie nach⸗ theilig es war, die Sprache ihrer Oberherren und der Geſetze nicht zu verſtehen. Ich wurde in Georg Wetmore's 60 Schule geſchickt, wie alle übrigen Kinder der Umgegend, und blieb drei Jahre lang ſeine Schülerin. Auf der Höhe über dem Obſtgarten dort kann man das Schulhaus bis auf den heutigen Tag ſehen; der Weg dahin iſt nicht weit; ich habe ihn drei Jahre lang viermal täglich zurück⸗ gelegt.“ „Man kann jetzt ſchon ſehen, wie das Land aus der See hervortritt,“ rief Marble und zündete ſich eine Cigarre an, denn er glaubte nicht, daß es einer Entſchuldigung bedürfe unter einem holländiſchen Dache zu rauchen. „Der Lehrer lehrte ſeine Schülerin etwas mehr, als er in der Fibel und in dem Katechismus fand. Wir wollen Euch wegen der Lage des Schulhauſes auf das Wort glau⸗ ben, da wir es doch von hier aus nicht ſehen können.“ „Wahrlich, es lag uns hier außerhalb des Geſichts⸗ kreiſes, und dies iſt vielleicht der Grund geweſen, warum meine Eltern ſich dagegen ſetzten, als Georg Wetmore ſie um ihre Einwilligung bat, mich zu heirathen. Dies geſchah nicht eher, als bis er etwa ein Jahr lang mit mir nach Haus, oder doch bis auf die Gipfel jener Anhöhe gegangen war und ſich einer faſt eben ſo langen und geduldigen Knechtſchaft, wie jene Jakob's für Rahel war, unterzogen hatte.“ „Nun, Mutter, wie haben die alten Leute den Antrag aufgenommen? Um Georg's Willen hoffe ich, wie gutmü⸗ thige Eltern?“ „Sagt lieber, wie die Kinder Hollands, welche über gend, Höhe s bis weit; urück⸗ s der garre igung uchen. er in vollen glau⸗ 1. ſichts⸗ varum ore ſie eeſchah r nach gangen ildigen erzogen Antrag gutmü⸗ he über — 61— die Kinder Neu⸗Englands das Urtheil ſprechen. Sie woll⸗ ten nichts davon hören, ſondern wünſchten mich mit Peter Sturm, meinem eignen Vetter, welcher ſelbſt in ſeiner Familie nicht ſehr veliebt war, zu verheirathen.“ „Ihr ließt natürlich den Anker fallen und erklärtet, Ihr würdet den heimathlichen Ankerplatz nie verlaſſen?“ „Wenn ich Euch recht verſtanden habe, Herr, ſo that ich etwas ganz anders. Ich wurde heimlich Georg's Frau und er blieb noch ein Jahr lang Schullehrer dort hinter der Anhöhe, obgleich die meiſten jungen Mädchen aus ſei⸗ ner Schule getreten waren.“ „Ha, die alte Weiſe; das Thor wurde verſchloſſen, nachdem das Pferd fort war. Wohlan, Mutter, Ihr wur⸗ det Georg's Frau.“— „Nach einiger Zeit fand ich es nöthig, eine Baſe zu beſuchen, welche eine Strecke ſtromabwärts wohnte. Dort kam, ohne Vorwiſſen meiner Eltern, mein erſtes Kind zur Welt, und Georg übergab es einer armen Frau, welche ihr eignes Kind verloren hatte, zur Pflege; denn wir fürchte⸗ ten noch, meinen Eltern unſer Geheimniß bekannt werden zu laſſen. Nun begann die Strafe wegen der Uebertretung des vierten Gebotes.“ „Wie iſt das, Miles?“ fragte Moſes.„Iſt es gegen die Gebote, daß ein verheirathetes Weib einen Sohn hat?“ „Gewißlich nicht, mein Freund; aber es iſt eine Ueber⸗ tretung der Gebote, wenn man ſeine Eltern nicht ehrt. 62 Dieſe gute Frau deutet darauf hin, daß ſie ſich gegen ihres Vaters und ihrer Mutter Willen verehelichte.“ „So iſt es, Herr, und ſchwer bin ich dafür geſtraft worden. Nach einigen Wochen kehrte ich nach Hauſe zurück und bald folgte mir die traurige Nachricht von dem Tode meines Erſtgebornen. Der Schmerz über dieſen Trauerfall entriß mir das Geheimniß und die Stimme der Natur machte ſich in den Herzen meiner Eltern geltend; ſie ver⸗ ziehen Alles, nahmen Georg in das Haus und behandelten ihn von nun an ſtets als wär' er ihr eigenes Kind geweſen. Es war aber zu ſpät; hätte ſich dies einige Wochen früher begeben, ſo wäre mein theures Knäbchen mir erhalten worden.“ „Ihr könnt dies nicht wiſſen, Mutter; wir müſſen Alle ſterben, wenn unſere Stunde geſchlagen hat.“ „Seine Stunde hatte noch nicht geſchlagen. Die Elende, welcher Georg den Knaben anvertraut hatte, ſetzte ihn bei Fremden aus, um der Mühe überhoben zu ſein und ſo leicht als möglich zwanzig Dollar zu verdienen.“ „Ha,“ fiel ich ein,„um des Himmels willen, gute Frau, in welchem Jahre begab ſich dies?“ Marble blickte mich hocherſtaunt an, ohgleich er ſichtbar zu ahnen begann, was meine Frage bezweckte. „Es war im Juni des Jahres 17**. Dreißig lange, lange Jahre glaubte ich, mein Knabe ſei in der That geſtorben; und dann erfuhr ich die Wahrheit. Die Macht des Gewiſſens zwang die Elende zu dem Geſtändniſſe; ſie konr ſchit Kor mor ſetzt ein Hän deſſe blick jedo⸗ vorz ihr ſehe liche Jahr nun Sach glich loſen ihres ſttraft zurück Tode erfall katur ver⸗ delten deſen. rüher alten üſſen Die ſetzte ſein n.“ gute htbar ange, That kacht ; ſie — 63— konnte ihr Geheimniß nicht in das Grab mitnehmen, und ſchickte nach mir, um mir die traurige Kunde zu enthüllen.“ „Und dieſe beſtand darin, ſie habe das Kind in einen Korb gethan und, in der Stadt, in dem Hofe eines Mar⸗ morarbeiters, Namens Durfee, auf einen Grabſtein ausge⸗ ſetzt,“ ſagte ich ſo ſchnell, als ich ſprechen konnte. „So iſt's in der That, obgleich ich erſtaunt bin, daß ein Fremder dies weiß. Was mag Gottes Wille ferner ſein?“ Marble ſeufzte tief. Er barg ſein Geſicht in ſeinen Händen, während die arme Frau in betäubender Erwartung deſſen, was kommen würde, bald auf ihn, bald auf mich blickte. Ich konnte ſie nicht lange in Zweifel laſſen; um ſie jedoch allmählig auf das, was ich ihr mittheilen wollte, vorzubereiten, holte ich in meiner Erzählung aus und gab ihr endlich zu verſtehen, der Mann, welchen ſie vor ſich ſehe, ſei ihr Sohn. So waren durch die leitende Hand einer undurchdring⸗ lichen Vorſehung Mutter und Sohn, die ſeit einem halben Jahrhundert getrennt geweſen, wieder vereinigt! Der Leſer wird ſich die Art der Erläuterungen, welche nun folgten, leicht denken. An der Wahrheit der ganzen Sache konnte, nachdem alle Umſtände berichtet und ver⸗ glichen waren, nicht mehr im entfernteſten gezweifelt werden. Miſtreß Wetmore hatte ſich aus dem Munde der treu⸗ loſen Amme der Geſchichte ihres Kindes bis zu deſſen Aufenthalte in dem Armenhauſe vergewiſſert; aber dreißig — 64— Jahre hatten eine Lücke in der Erzählung gelaſſen, und es La war ihr unmöglich, den Namen zu erfahren, unter welchem abg es jene Anſtalt verlaſſen hatte. Die Revolution war eben vorüber, als ſie ſich bei der S Verwaltung Aufſchluß erbat; man ließ ihr aber wiſſen, ohr eines der Bücher müſſe von einem Ausreißer mitgenommen des worden ſein. Dennoch waren viele Leute vorhanden, welche unt Ueberlieferungen und Muthmaßungen mittheilen konnten, Ah und ſo begierig war ſie und ihr Gatte, dieſe oft ganz Wie grundloſen Berichte bis zu ihrer Quelle zu verfolgen, daß mit dieſen erfolgloſen Verſuchen viel Geld und Zeit ver⸗ Leu geudet wurde. lebe Eine der alten Aufwärterinnen in der Abtheilung der ihre Kinder wurde endlich aufgefunden, welche behauptete, ſie auf kenne die ganze Geſchichte des Kindes, welches von dem geli Hofe des Steinhauers anher gebracht worden war. Dieſe Fran meinte es jedenfalls redlich, aber ihr Gedächtniß thun hatte ſie getäuſcht. Sie ſagte, der Knabe habe Stone Was (Stein) und nicht Marble(Marmor) geheißen— eine d Verwechslung, welche an und für ſich ziemlich natürlich will war und ſich ohne Zweifel auf den Umſtand bezog, daß voll ein anderes Kind von dem erſtern Namen einige Monate vor dem Austritte Moſes die Anſtalt wirklich verlaſſen hatte. Lan Man hatte die Spur dieſes Aaron Stone verfolgt ſchli und erfahren, daß er erſt als Lehrling bei einem Krämer Opf gedient hatte, dann in ein Regiment des brittiſchen Heeres fahr getreten war, welches Regiment bei der Räumung des ind es elchem bei der wiſſen, mmen welche unten, ganz , daß it ver⸗ ig der te, ſie dem Dieſe chtniß Stone eine ürlich „daß konate hatte. rfolgt rämer Heeres g des Landes, am 25. November 1783, mit den übrigen Truppen abgezogen war. Die Wetmore glaubten ihrem Sohne jetzt auf der Spur zu ſein. So viel ſich hatte ermitteln laſſen, war er ohne Zweifel in England zu finden, wo er die Uniform des Königs trug. Nachdem meine troſtloſen Eltern lange unter ſich Rath gepflogen, wurde beſchloſſen, Georg Wet⸗ more ſollte nach England gehen, wo ſie hofften, ihren Sohn wiederzufinden. Das Geld war aber zu jener Zeit ſelten. Dieſe guten Leute konnten wohl auf ihrem kleinen Gute ganz behaglich leben, aber an baarem Gelde waren ſie nicht reich. Alle ihre Sparpfennige waren bei den früheren Nachforſchungen aufgegangen; ja, ſie hatten bereits eine kleine Summe geliehen, um die Schritte zu thun, welche ſte gethan hatten. Es blieb keine andere Wahl— ſie mußten ihr Beſitz⸗ thum verpfänden. Dies geſchah mit großem Widerwillen; was thun aber Eltern nicht für ihre Kinder? Ein Land⸗ advocat, Van Taſſel genannt, zeigte ſich ziemlich bereit⸗ willig, fünfhundert Dollar auf ein Gut herzuleihen, das volle dreitauſend Dollar werth war. Dieſer Mann gehörte zu der haſſenswerthen Klaſſe der Landwucherer,— eine Rotte von Haifiſchen, welche um ſo ſchlimmer iſt, als ihre Collegen in der Stadt, weil ihre Opfer gewöhnlich wahrhaft unglücklich, und eben ſo uner⸗ fahren und unwiſſend, als nothbedrängt ſind. Es iſt wun⸗ derbar, mit welcher weitausſchauenden Geduld ſolche elende 211— 213. 5 — 66— Wichte ihre Zeit ablauern, um ſich einen glücklichen Erwerb zu ſichern. Dieſer Squire Van Taſſel wünſchte lebhaft das kleine Gut der Miſtreß Wetmore, nicht blos um deſſen innern Werthes willen, zu beſitzen, und Jahre lang konnte es nichts Liebevolleres und Nachbarſchaftlicheres geben, als ſeine Nachſicht war. Er ließ es geſchehen, daß ſich Intereſſen auf Intereſſen anhäuften, bis ſich die ganze Summe auf etwa tauſend Dollar geſteigert hatte. Mittlerweile war der Vater nach England gegangen, hatte nach vielen Mühen und Koſten den Soldaten gefunden, in Erfahrung gebracht, daß Stone ſeine Eltern längſt wieder gefunden, und all' ſein Geld ausgegeben. Schuldenvolle und kummerſchwere Jahre folgten, und der Vater unterlag endlich ſeinem Mißgeſchicke. Seine einzige Tochter folgte ihm bald nach, und das einzige Ver⸗ mächtniß, welches der armen Wittwe blieb, war Kitty, deren Vater ſchon geſtorben war, ehe ſie das Licht der Welt erblickt hatte. So hatte Catharina Van Duzer, unſere alte Wirthin, faſt allein und bei ſinkendem Alter, mit einer Armuth, welche täglich zunahm, mit der Laſt der Jahre und der Sorge für ihre kleine Enkelin zu kämpfen! Es war jedoch Georg Wetmore kurz vor ſeinem letzten Krankenlager gelungen, einen Theil ſeines Gutes, welcher für ihn am wenigſten Werth hatte, zu verkaufen, und mit werb leine nern e es als eſſen ſend nach oſten Stone Geld und Seine Ver⸗ deren Welt thin, nuth, ) der etzten elcher mit — 67— dieſem Gelde Van Taſſel's Pfandbrief einzulöſen. So erzählte er die Sache und zeigte ſeiner Frau die Quittung Van Taſſel's; denn das Geld war in der Hauptſtadt der Grafſchaft bezahlt worden, wo die Verſchreibung und der Schuldſchein damals nicht vorgelegt werden konnten. Dies war kurz vor Wetmore's letzter Krankheit geſche⸗ hen. Ein Jahr nach ſeinem Tode rieth man der Wittwe, die Verſchreibung zu begehren und den Pfandbrief im Urkundenbuche tilgen zu laſſen. Aber die Quittung war nicht zu finden. Wie Frauen in dergleichen gewöhnlich unwiſſend ſind, ließ die Wittwe die Sache ein Jahr liegen, und auf die ſpäter erfolgte Nachfrage nach dem Erledigungs⸗ ſcheine kam ihr das Begehren zu, ſie möchte die geleiſtete Zahlung erweiſen. Dies war der Anfang der feindlichen Stellung Van Taſſel's, und die Dinge waren jetzt ſo weit gediehen, daß das Pfand für verfallen erklärt und der Verkauf öffentlich angekündigt war, als die gute Frau zu ſo gelegener Zeit ihren Sohn wieder fand. 4 — 68— Drittes Kapitel. — Ich fordr' euch auf bei dem Geſetze, Deß wohlverdiente Stütze ihr euch nennt, Entſcheidet jetzt! Ich ſchwör's bei meiner Seele, Nimmer gelingt's der Zunge eines Menſchen, Mich andern Sinns zu machen; feſt beharr' ich Auf dem, was mir verſchrieben worden. Shakſpeare. Es iſt nicht leicht, die unmittelbare Wirkung dieſer Entdeckung auf die beiden zunächſt betheiligten Perſonen zu ſchildern. An der Wirklichkeit der Verwandtfchaft zwei⸗ felte, nachdem die Thatſachen mitgetheilt worden, keines von Beiden mehr; die Beweiſe lagen ſo klar vor, daß dieſer Umſtand nicht mehr beſtritten werden konnte. Miſtreß Wetmore dachte ſich ihren verlornen Sohn nie anders, denn als einen unſchuldigen, lächelnden Knaben; und hier fand ſie in ihm einen Matroſen mit rothem Ge⸗ ſichte, harten und wettergepeitſchten Zügen,— einen Mann ſchon auf der Neige des Lebens und von Sitten, die rauh, wenn nicht roh zu nennen waren. Es war nicht möglich, daß ſie ſogleich die beſſeren Seiten ſeines Charakters heraus⸗ fand, und ſie mußte dieſes Geſchenk der Vorſehung eben hinnehmen, wie es ihr dargeboten wurde. Die Liebe einer Mutter iſt aber nicht leicht zu ver⸗ kümmern oder niederzudrängen, und ich ſah, ehe ich das Haus verließ, die Augen der Matrone mit einem Ausdrucke ohn den; Ge⸗ ann uh, lich, aus⸗ eben ver⸗ das rucke — 60— der Theilnahme und der Zärtlichkeit auf Marble gefeſeelt, welcher denſelben vor den Erläuterungen fremd geweſen war. Der Maat ſelbſt war, nachdem nun der höchſte Wunſch ſeines Lebens erfüllt worden, in ſo hohem Grade überraſcht, daß er zu glauben ſchien, es fehle ihm etwas. Er fand ſeine Mutter als die geachtete Wittwe eines geachteten Mannes, in einer Lebensſphäre, welche der ſeinigen voll⸗ kommen entſprach, und in dem Beſitze eines Gutes, das allerdings klein und verſchuldet war, aber eines Gutes, welches lange das Eigenthum der Familie geweſen. Eigent⸗ lich war Marble durch dieſe unvorhergeſehene Anſprache an ſeine Gefühle ſo mächtig erregt, daß ſeine ſtarke Natur ſich nicht in dieſe Lage zu finden wußte, und die Hart⸗ näckigkeit ſeines Charakters verleitete ihn, ſolchen unge⸗ wohnten Gefühlen eher Widerſtand zu leiſten, als ihnen nachzugeben. Ich ſah wohl, daß er mit ſeiner Mutter zufrieden war; aber ich ſah auch, daß er kaum mit ſich ſelbſt zufrie⸗ den war; und um beide Theile zu veranlaſſen, ihre Lage richtiger zu würdigen, bat ich Marble, an das Ufer zu gehen und nach dem Boote zu ſehen, während ich bei ſeiner wiedergefundenen Mutter allein blieb. Als ich dieſen Schritt that, waren bereits alle Erläu⸗ terungen gegeben, und die Mutter hatte ihr Kind geſegnet und zumal über ihm geweint. Ich hatte vor Allem in dem Auge, Marble der Wucht des Gefühles zu entziehen, welche durch eben dieſe Scene hervorgerufen worden war. — 70— Sobald ich mit Miſtreß Wetmore allein war, ſetzte ich ihr mein Verhältniß zu Marble auseinander und machte ihr eine Art rechtfertigender Schilderung ſeines Lebens und Charakters, wobei ich die ſchwachen Seiten leiſe berührte und bei den ſtarken verweilte. In Betreff des Gutes beruhigte ich ſie ſogleich; denn in dem ſchlimmſten Falle hatte ihr Sohn über den dop⸗ pelten Betrag der Summe zu verfügen, welche erforderlich war, um den Pfandbrief einzulöſen. „Die Schulden ſind ſeinetwegen gemacht worden, meine liebe Miſtreß Wetmore, und er wird ſich glücklich fühlen, ſie ſofort abzutragen. Ich würde Euch rathen, das Geld alsbald zu bezahlen. Wenn die Quittung ſich je wieder findet, wird dieſer Van Taſſel zur Rückgabe gezwungen werden; denn obgleich das Geſetz zu manchem Unrecht die Augen zudrückt, wird es nicht zu einer ſo ſchreienden Unge⸗ rechtigkeit ſchweigen, ſofern Ihr ihm nur Beweiſe liefert. Ich laſſe Moſes hier“— „Er heißt Oloff, oder Oliver,“ ſiel die Matrone eifrig ein;„ich gab ihm dieſen Namen nach dem meines Vaters und ließ ihn in aller Form taufen, ehe ich ihn der Amme übergab. Ich hoffte ſo das Herz ſeines Großvaters zu begütigen, wenn er meine Verheirathung erfahren ſollte. Oloff Van Duzer Wetmore iſt ſein rechter Name.“ Ich mußte lächeln, als ich daran dachte, daß Marble unter einem ſolchen Namen in die Schiffsrolle eingetragen werden ſollte, als der Gegenſtand unſeres Geſpräches wiederkam. un — 21— Der Maat hatte während der halben Stunde, welche er abweſend geweſen, ſeine Faſſung wieder erlangt; und ich ſah in dem freundlichen Blicke, welchen er auf ſeine Mutter heftete, deren Blick den ſeinigen natürlicher erwie⸗ derte, als ich hatte hoffen können, daß Alles ſich gehörig geſtalten würde. Um das Verlegentliche der Ueberfälle des Gefühls zu beſeitigen, ſetzte ich das Geſpräch fort. „Als Ihr herein kamt, Moſes, ſprachen wir von Euerm wahren Namen,“ ſagte ich.„Es wird nicht wohl thunlich ſein, daß Ihr bei dem einen, und Eure Mutter bei dem andern Namen anruft. Ihr werdet Moſes Marble ganz über Bord werfen müſſen.“ „Wenn ich das thue, will ich“— „Still, ſtill— Ihr vergeßt, wo Ihr ſeid und wer vor Euch ſteht.“ „Ich hoffe, mein Sohn wird bald lernen, daß er ſtets unter den Augen Gottes iſt,“ bemerkte die Mutter ſeufzend. „Ja, ja— das iſt Alles recht, Mutter, und Ihr mögt in all dergleichen mit mir beginnen, was Ihr wollt; wenn Ihr aber verlangt, ich ſoll nicht Moſes Marble ſein, ſo mögt Ihr eben ſo gut wollen, ich ſoll nicht ich ſelbſt ſein. Ich würde ein ganz anderer Menſch werden, wenn ich meinen Namen änderte. Ein Burſche kann eben ſo gut ohne Kleider als ohne Namen gehen, und der meinige kam ſo hart an mich, daß ich mich nicht von ihm trennen mag. Nein, nein; wenn es ſich zufällig gefunden haben ſollte, meine Eltern ſeien König und Königin geweſen und 22— ich ſollte ihnen auf dem Throne folgen, ſo würde ich als König Moſes Marble regieren oder ich würde gar nicht regieren.“ 1 „Ihr werdet Euch eines Beſſern beſinnen und Euch unter Euerm rechtmäßigen Namen in das Kirchenbuch ein⸗ tragen laſſen.“ „Ich werde Euch ſagen, was ich thun will, Mutter, und dies wird alle Theile zufrieden ſtellen. Ich will den neuen Namen an den alten ſtoßen und unter beiden zur See gehen.“⸗ „Ich bin unbekümmert, wie man Dich nennt, mein Sohn, ſo lange Niemand wegen des Namens, welchen Du führſt, zu erröthen braucht. Dieſer Herr ſagt mir, Du ſeieſt ein ehrlicher, treuherziger Mann; und dies iſt ein Glück, für welches ich Gott unabläſſig danken werde.“ „Alſo Miles hat mir ein Loblied geſungen— ha?— Ich muß Euch ſagen, Mutter, Ihr thut wohl, ſeiner Zunge nicht zu viel zu vertrauen. Die Natur beſtimmte ihn eigentlich zu einem Advokaten und er iſt durch bloßen Zufall ein Seemann geworden, obgleich er ein Hauptſeemann iſt. Doch— wie wird ſich, nach Geſetz und Recht, mein Name geſtalten müſſen?“ „Oloff Van Duzer Wetmore Moſes Marble, wenn Ihr, Eurer eignen Anſicht zufolge, unter allen Euern Titeln zur See gehen wollt. Ihr habt aber auch die Wahl und könnt Euch Moſes Oloff Marble Van Duzer Wetmore nennen, wenn Euch dies beſſer gefällt.“ inge ihn rfall iſt. ame Ihr, zur und nore Moſes lachte und da ich ſah, daß er und ſeine wieder⸗ gefundene Mutter ſich in einem paſſenden Zuſtande befanden, um ſich ſelbſt überlaſſen zu bleiben, und daß die Sonne ſich bereits zu neigen begann, ſtand ich auf und nahm Abſchied. „Ihr werdet dieſe Nacht bei Eurer Mutter bleiben, Marble,“ bemerkte ich;„ich will die Schlupe vor Anker halten, bis wir uns morgen früh wieder ſehen und uns wegen der Zukunft ruhiger beſprechen können.“ „Ich möchte auch meinen Sohn, nachdem ich ihn wie⸗ der gefunden, nicht ſo ſchnell verlieren,“ äußerte die Matrone beſorgt. „Seid deshalb unbeſorgt, Mutter; ich werde dieſe Nacht und ſo viele folgende unter Euerm Dache ſchlafen, daß ihr am Ende froh ſein müßt, mich los zu werden.“ Ich nahm nun Abſchied von Miſtreß Wetmore und ſchritt, von Marble begleitet, dem Boote zu. Als wir das kleine Stück angeſchwemmtes Land erreichten, hörte ich den Maat einen halb unterdrückten Seufzer ausſtoßen und ſah, als ich mich umkehrte, zu meinem Staunen, daß ihm die Thränen über die ſonnenverbrannten Wangen herabliefen. Das Uebermaaß der Gefühle hatte endlich die Ober⸗ hand erhalten, und dieſes rauhe, aber biedere Weſen ſah ſich von dieſem ſeltſamen Gemiſch von Freude, Staunen, Scham und natürlicher Erregung völlig beſiegt. Ich faßte ſeine Hand und drückte ſie herzlich; aber ich ſchwieg, obgleich ich ſtehen blieb, weil ich mich Neb nicht nähern mochte, bevor mein Gefährte ſeine Faſſung wieder erhalten hatte. Nach einigen Minuten war Marble wieder gefaßt genug, um ſprechen zu können. „Es kömmt mir Alles wie ein Traum vor, Miles,“ ſagte Moſes endlich leiſe,„viel weniger natürlich, als der Eintritt in das Einſiedlerleben.“ „Ihr werdet Euch bald an den Wechſel gewöhnt haben, Marble; und dann wird Euch Alles einfach und natürlich erſcheinen.“ „Seltſame Gedanken, Sohn zu ſein und eine lebende Mutter zu haben!“ „Ihr wußtet ja, daß Ihr einſt Eltern gehabt haben mußtet, und dürft Euch nun glücklich ſchätzen, wenigſtens die Mutter noch am Leben gefunden zu haben.“ „Und zwar als eine Ehrenfrau! als eine Mutter, deren ſich der Präſident der vereinigten Staaten oder der erſte Comodore der Flotte nicht zu ſchämen brauchte.“ „All dies iſt allerdings ein großes Glück, beſonders das Erſtere.“ „Sie iſt überdies eine merkwürdig gut ausſehende alte Frau. Ich werde ſorgen, daß es ihr nicht an ſchönen Kleidern fehlt, und bei der erſten Gelegenheit will ich ſie in die Hauptſtadt hinab geleiten.“ „Wozu wollt ihr eine alte Frau ſo quälen? Ihr werdet nach einiger Zeit beſſer über dergleichen urtheilen.“ 1„Beſſer! ja, ich will ſie nach Philadelphia, vielleicht nach Baltimore bringen. Dort ſind die öffentlichen Gärten, die Theater, die Muſeen, und eine Menge andrer Dinge, welc geſel zieht Betr muß begle nicht an e noch der ander ſelbſt chen. Köpf könne dem in de zu m den Das mit z Räun arble les,“ der aben, rlich dende aben ſtens deren erſte ders dende önen h ſie erdet eicht rten, inge, welche, glaub' ich faſt, die liebe alte Seele nie mit Augen geſehen hat.“ „Wenn ich mich in Eurer Mutter nicht geirrt habe, zieht ſte eine Kirche all dem vor.“ „Nun, Kirchen gibt es in all dieſen Städten in Fülle. Betrachtet die Sache von dem religiöſen Geſichtspunkte, ſo muß ich meine Mutter ſo bald als möglich nach Neu⸗York begleiten. Sie iſt alt, ſeht Ihr, und kann, mir zu lieb, nicht ewig leben; und hier iſt ſie, ihr ganzes Leben lang, an eine Kirche gebunden geweſen und hatte weder Willen noch Wahl. Ich darf wohl behaupten, der Wechſel iſt in der Religion etwas eben ſo Angenehmes, wie in allem andern.“ „Vielleicht habt Ihr da wahrer geſprochen, als Ihr ſelbſt denkt. Wir können aber morgen von all dem ſpre⸗ chen. Eine geſunde Nachtruhe wird Euch morgen kühlere Köpfe geben.“ „Ich werde vor dieſen Gedanken keine Minute ſchlafen können.— Ja, ja, ich werde der Matrone noch vor dem Frühſtücke ihre Sachen einpacken laſſen und wir ſegeln in der Schlupe ſtromab. Ich nehme ſie in der Hauptſtadt zu mir an Bord der„Dämmerung“ und wir werden in den Kajüten ein behagliches Leben mit einander führen. Das Schiff hat ſo ſchöne Kajüten wie irgend eine Yacht.“ Wir hatten damals keine Linienſchiffe; aber ein Schiff mit zwei Kajüten war ein Wunder von Behaglichkeit und Räumlichkeit. — 76— „Ein Schiff wird Eurer Mutter kaum anſtehen, Moſes; und Eure Mutter wird einem Schiffe kaum anſtehen.“ „Man kann ſo etwas nie ſagen, Miles, ehe man es verſucht hat. Wenn ich ein Span von dem alten Stamme bin, ſo paſſen ſie und das Schiff zuſammen, wie Rum und Waſſer. Wenn ich in der„Dämmerung“ auslaufe, werde ich die alte Frau aller Wahrſcheinlichkeit nach mit mir zur See nehmen.“ „Ihr werdet aber ohne Zweifel zu Hauſe bleiben, nach⸗ dem Ihr jetzt ein Haus, eine Heimath und eine Mutter, ſo wie andere Pflichten habt, deren ihr warten müßt. Ich und meine Angelegenheiten ſind von nun an für Euch untergeordnete Gegenſtände, Herr Wetmore.“ „Verd—t mit dieſem Wetmore. Glaubt Ihr wohl, Miles, ich würde meinen Beruf, ich würde die See, ich würde Euch aufgeben?“ „Ihr wolltet einſt Einſiedler werden und fandet dies ein wenig zu einſam; hättet Ihr einige Gefährten gehabt, ſo wäret Ihr, wie Ihr ſagtet, glücklich geweſen. Nun, hier habt Ihr jetzt Alles, was Ihr wünſchen könnt: eine Mutter, eine Nichte, ein Haus, ein Gut, Scheunen, Gemüſe⸗ und Obſtgärten; Ihr könnt, in jener Vorhalle ſttzend, Eure Cigarre rauchen, Euern Grog trinken und auf die Schiffe blicken, welche den Hudſon auf und ab gehen“— „Nichts als eine Rotte ſchlechter Schlupen,“ murmelte der Maat.„Solche durch und durch Vorne⸗und⸗Hinten, daß i die I anger Und Ihr Pro mach ganz ich ei ſagt, blick, Aben Ich gen, ich einzu more ich g Sach ſpän den Kitte druch nach⸗ itter, nüßt. Euch vohl, „ ich dies habt, Nun, eine inen, halle auf 10 nelte nten, — 27— daß ihre Bäume nicht aufrecht ſtehen, ſelbſt wenn Ihr Euch die Mühe nehmt, ein dickes Troß zu brauchen.“ „Nun, eine Schlupe iſt für den Seemann ein ganz angenehmes Ding, wenn er nichts Beſſeres haben kann.— Und dann muß dieſer Van Taſſel abgefertigt werden; Ihr könnt zu Eurer Unterhaltung einen zehnjährigen Prozeß bekommen.“ „Ich werde kurzen Prozeß mit dem Schurken machen, wenn er mir in die Hände fällt. Aber Ihr habt ganz recht, Miles; dieſe Sache muß abgethan werden, ehe ich einen Anker haben kann. Er wohnt, wie meine Mutter ſagt, ganz in der Nähe und ich kann ihn, jeden Augen⸗ blick, in einer halben Stunde ſehen. Ich werde ihm dieſen Abend noch einen Beſuch machen.“ Dieſe Erklärung veranlaßte mich, ſtehen zu bleiben. Ich kannte Marble zu gut, um nicht Schlimmes zu beſor⸗ gen, wenn ihm eine Sache dieſer Art überlaſſen bliebe; ich hielt es für das Geeignetſte, nähere Erkundigungen einzuziehen. Seeleute thun Alles bereiter Hand ab. Miſtreß Wet⸗ more hatte mir geſagt, ihres Sohnes Ausſage ſei wahr; ich ging in das Haus zurück, um mich genauer von der Sache zu unterrichten; ſie bot uns einen altmodiſchen ein⸗ ſpännigen Wagen an, welchen der einzige Arbeitsmann, den ſie für ihr Gut hatte, eben einſpannen wollte, um Kitty abzuholen; ich nahm das Anerbieten an, die ge⸗ druckte Verkaufsankündigung mit, um ſie unterwegs zu —— leſen, und fuhr mit Marble ab, um den Wucherer aufzu⸗ ſuchen. Wir hatten noch Zeit genug für unſere Zwecke übrig. Das Pferd war, wie das Haus, deſſen Eigenthümerin der Arbeiter, der Wagen, und Alles, was wir bis jetzt von Willow Cove(Weidenbucht), wie man den Ort nannte, geſehen hatten, freilich alt; aber um ſo verläſſiger und ſicherer war es. Der Weg führte durch eine ſich windende Schlucht die Anhöhe hinan; der Arbeitsmann ging nebenher, um uns den Weg zu zeigen, wenn wir die Höhe erreicht hätten, wo wir uns landeinwärts wenden mußten. Die Ausſicht von dieſer Anhöhe, wie man ſie wohl in Bezug auf dieſen Strom nennen konnte, obgleich das Land dort meilenweit gerade fortlief, war eben ſo ausgedehnt als hübſch. Willow Grove(Weidenwäldchen), wie Marble das Gut ſeiner Mutter drei bis vier Mal nannte, während unſer Pferd ſich den Abhang hinauf arbeitete, nahm ſich mit ſeinem grünen Gelände, den ſchönen Obſtgärten und dem niedlichen Hauſe, das ſich Alles an den ſchirmenden Abhang der Stromhöhen ſchmiegte, einladender als je aus. Landeinwärts ſahen wir eine Menge Landſitze, Wäld⸗ chen ohne Zahl, viele Straßen, eine Meile von uns einen Weiler mit einem altmodiſchen Kirchthurme, der wie ein Löſchhorn ausſah, mehrere hölzerne, weiß angeſtrichene Häuſer, und da und dort ein Stück ländlichen Alterthums von Backſteinen oder Steinarbeit, mit Kalk oder einer leb⸗ hafter brach Farbe mag das det; Farbe ſchaft ein he oder Geger dieſe ſchönſ eines 5 Arbei⸗ wo w wege G ſtacher war k genug erreich 2 Anſtre gen, anzufe aufzu⸗ übrig. rin der tzt von nannte, er und cht die m uns en, wo ohl in 3 Land nt als le das ihrend n ſich n und nenden e aus. Wäld⸗ einen ie ein iichene hums r leb⸗ — 79— hafteren Farbe bedeckt; denn die Neu⸗Yorker Holländer brachten die Sitten der Holländer, welche ſich in friſchen Farben gefallen, mit hierher. Eine ſolche Ausſchmückung mag in einem Theile der Welt wünſchenswerth ſein, wo das ewige Grün der Wieſen das Auge nicht wenig ermü⸗ det; gewiß aber hat das Weißgrau der Natur unter den Farbentinten der künſtlicheren Theile gewöhnlicher Land⸗ ſchaften ſeines Gleichen nicht. Weiß mag einer Landſchaft ein heiteres Anſehen verleihen; es wird ihr aber nie Würde oder jene edeln Tinten geben, welche die Schönheit einer Gegend oft ſo eindringlich und lieblich machen. Wenn dieſe grelle Farbe ſich bis auf die Zäune erſtreckt, gibt ſie der ſchönſten Gegend das Ausſehen einer Bleichanſtalt oder eines großen Trockenplatzes, wo die Wäſche ausgehängt wird. Als wir die Höhe erreicht hatten, deutete uns der Arbeitsmann das Haus Van Taſſel’s, und ein zweites an, wo wir Kitty finden würden, welche wir auf unſerm Rück⸗ wege mit nach Hauſe nehmen ſollten. Sobald wir unſern Curs und die Entfernung kannten, ſtachen wir ohne weitere Beſorgniſſe in See. Das Pferd war kein Schnellſegler, und Marble und ich hatten Muße genug, unſere Verabredungen zu treffen, ehe wir die Thüre erreichten, welcher wir zuſteuerten. Nach vielem Hin- und Herreden und nicht geringer Anſtrengung gelang es mir, meinen Gefährten zu überzeu⸗ gen, daß es nicht das Klügſte wäre, die Sache damit anzufangen, den Advokaten durchzuprügeln— ein Verfah⸗ — 36— 1 ren, zu welchem er ſtark hinneigte. Nach unſrer endlichen— Uebereinkunft ſollte er ſich als der Sohn der Miſtreß Wet⸗ dies more einführen und um die nöthigen Erläuterungen bit⸗ ter ten; als ſolcher hatte er gewiß alles Recht, Gehör zu ver⸗ Li langen. ſein „Ich weiß recht wohl, welche Menſchenſorte dieſe wens Wucherer, wie Ihr ſie nennt, Miles, ſein mögen,“ ſagte 3 der Maat.„Sie ſind eine Art Pfandverleiher, und Gott ſchie b mag ihnen gnädig ſein, denn ich bin es nicht. Ich habe Abvꝛi zu meiner Zeit Gelegenheit gehabt, eine Uhr, oder einen ah Quadranten zu verpfänden; und jämmerlich arme Preiſe Wut bekömmt man für ſeine Waaren und Habe. Ja, ja, ich will 3 dem alten Herrn ſogleich ſagen, daß ich Van Duzer Oloff APrei Marble Wetmore Moſes, oder wie ich ſonſt heißen mag, Vor bin; und ich werde mein Recht auf eine Weiſe geltend zu dem machen wiſſen, die ihn überraſchen ſoll; was gedenkt Ihr aber mittler Weile zu thun?“ nerle Mir fiel ein, es könnte, wenn ich Marble zu bereden eme vermöchte, eine Art Liſt anwenden zu laſſen, dies wenig⸗ laſſen ſtens die Wirkung haben, daß er von der Anwendung des woll Keulenrechts abgehalten würde, welcher er, wie ich wußte, ſen; ſtark zugethan, und vor dem mir ſtets noch ein wenig bange war. In dieſer Abſicht theilte ich ihm folgenden zuſan Plan mit. verlie „Ihr ſtellt mich einfach als Herrn Miles Wallingford Theil vor,“ ſagte ich,„aber ſo förmlich als möglich, damit dieſer und Herr Van Taſſeel ſich einbildet, ich ſei eine Art Advokat; dr Tag 211 ndlichen ß Wet⸗ een bit⸗ zu ver⸗ e dieſe “ ſagte Gott h habe reinen Preiſe ich will r Oloff n mag, tend zu kt Ihr bereden wenig⸗ ing des wußte, wenig lgenden ingford it dieſer dvokat; — 8&= dies hat vielleicht die Folge, daß er ſich fürchtet und leich⸗ ter an das Ziel zu bringen iſt. Ihr ſagt nicht, daß ich ein Rechtsgelehrter ſei, denn dies würde eine Unwahrheit ſein; auch würde es unangenehm ſein, zurückgehen zu müſſen, wenn die Wahrheit bekannt würde.“ Marble faßte den Gedanken auf, der ihm zu behagen ſchien, obgleich er behauptete, man könne niemals mit einem Advokaten verhandeln, ohne ein wenig zu lügen, und„die Wahrheit ſei viel zu gut für einen ſolchen Schurken von Wucherer.“ Es gelang mir jedoch den Maat, bis wir das Haus erreichten, gefügig zu machen, und wir ſtiegen, zu unſerm Vorgeben ſo gut als man erwarten kann, bereitet, aus dem Wagen. Der Wohnſitz des Squire Van Taſſel deutete in kei⸗ nerlei Weiſe auf den habgierigen Geldwucherer, wenn nicht eine gewiſſe Vernachläſſigung des Aeußern hätte vermuthen laſſen, daß hier ein ſolcher Mann wohne. Seine Freunde wollten dies ſeiner Gleichgültigkeit gegen den Schein beimeſ⸗ ſen; die Mehrzahl aber gab es richtiger ſeinem Geize anheim. Wenn der ganze Menſch ſich in dem Bemühen, Gold zuſammen zu ſcharren und ſeinen Mammon zu vermehren, verliert, grollt der Geiſt ſelbſt über den Verluſt des kleinſten Theilchens, das ſich von dem einträglichen Gewerbe ablöſt; und darin liegt das Geheimniß der Verachtung des Schei⸗ nes, welche dieſe Klaſſe von Menſchen gewöhnlich an den Tag legt. 211— 213. 6 — 82— Dieſe Vernachläſſigung jedoch abgerechnet, war die Wohnung des Van Taſſel nicht vor denen der Mehrzahl der beſſern Familien dieſes Theiles des Landes zu unter⸗ ſcheiden. Unſere Anſprache um Einlaß fand günſtiges Gehör, und nach einer Minute wurden wir in die Geſchäftsſtube des Advokaten geführt. Squire Van Taſſel, wie dieſer Mann allgemein genannt wurde, betrachtete uns bei dem Eintritte ſcharf, wahrſchein⸗ lich um ſich zu vergewiſſern, ob wir Geld leihen wollten. Ich hätte wohl für einen Menſchen dieſer Art gelten kön⸗ nen; denn ich bemühte mich, mir ein ernſtes, nachdenkliches Ausſehen zu geben; Niemand aber wäre im Stande gewe⸗ ſen, Moſes für Jemanden zu nehmen, der in ſolcher Abſicht hierher kam. Er ſah vielmehr wie ein Bote des Vaters der Sünde aus, welcher ausgeſandt worden, die Auslöſung eines gewiſſen Schuldbriefes zu fordern, der mit Blut unterſchrieben und deſſen verhängnißvoller Zahlungstag endlich angekommen war. Ich mußte ihn an dem Saume ſeines Rockes zupfen, um ihm unſere Verabredung in das Gedächtniß zurückzu⸗ rufen, ſonſt wäre wahrſcheinlich die erſte Begrüßung, welche dem Advokaten wurde, eine volle Ladung von etwas ganz anderem, als Worten, geweſen. Der Wink hatte den gewünſchten Erfolg und Marble ließ unſern Mann die Unterhaltung eröffnen. Squiré Van Taſſel hatte ein ſehr ärmliches Aeußere; e die rzahl inter⸗ hehör, ſtube nannt chein⸗ llten. kön⸗ liches gewe⸗ bſicht gaters öſung Blut gstag upfen, ückzu⸗ welche ganz tarble aßere; — 33— er ſchien ſogar ſchlecht genährt zu ſein; obgleich dieſes Ausſehen eher eine Folge der Gewohnheit des Körpers, als knapper Nahrung war. Er trug eine ſchwarz⸗gefaßte Brille und hatte die oft vorkommende Gewohnheit, über den Gläſern nach Gegenſtänden in einiger Entfernung zu ſehen, was ihm ein noch lauernderes Anſehen gab, als das war, welches ihm ſein Charakter aufgeprägt hatte. Er war von kleiner Geſtalt und ſechzig Jahre alt,— eine Lebenszeit, wo das Anhäufen des Goldes eben ſo viel Pein, als Vergnügen gewährt, da man in dieſen Jahren nicht umhin kann, das Ende der irdiſchen Plane näher rücken zu ſehen. Unter allen Leidenſchaften iſt aber der Geiz bekanntlich die, welche ſich am ſpäteſten des menſchlichen Herzens bemächtigt. „Ihr Diener, meine Herren,“ begann der Advocat in einem ziemlich höflichen Tone;„ich bitte, nehmt Platz.“ Wir ſetzten uns nach dieſer Einladung alle Drei⸗ „Ein ſchöner Abend,“ fuhr er fort und belugte uns nur noch ſchärfer über ſeine Brille,„und eine Witterung, die eine günſtige Ernte verſpricht. Wenn der Krieg in Europa ſo fortdauert,“— ein neuer Blick über die Gläſer —„werden wir bald Alles verkaufen, was nur zu ver⸗ kaufen iſt, um den kriegführenden Mächten Waizen zu ſchicken. Ich glaube, Sicherheiten auf Grund und Boden werden bald beträchtlich weniger Werth haben, als dies bei dem Beginne der Feindſeligkeiten, 1793, der Fall war, und dieſer Werth wird von Tag zu Tage ſinken.“ 6* „Ja, Ihr könnt das wohl ſagen,“ antwortete Marble derb,„beſonders die Güter von Wittwen und Waiſen.“ Dieſe unerwartete Antwort erſchreckte den„Squire“ ein wenig. Er betrachtete uns abermals ſcharf über ſeinen Gläſern weg und fragte in einem Tone, der zwiſchen Höf⸗ lichkeit und Geſchäftswürde die Mitte hielt: „Darf ich nach Eurem Namen und dem Zwecke Eures Beſuches fragen?“ „Gewiß,“ ſagte Marble.„Dies iſt vernünftig und Ihr habt das Recht dazu. Was den Zweck betrifft, Herr Van Taſſel, ſo werdet Ihr dieſen eher erfahren, als Ihr ihn zu hören wünſcht; um aber mit dem rechten Ende anzufangen, ſo iſt dieſer Herr hier Herr Miles Walling⸗ ford, ein vertrauter Freund der Miſtreß Wetmore, welche ein wenig weiter an der Straße hinab, auf einem Gute, Willow Grove genannt, wohnt; Squire Wallingford iſt ihr und mein Freund, Herr, und es gereicht mir zu großem Vergnügen, Euch mit ihm bekannt zu machen.“ „Ich freue mich, den Herrn kennen zu lernen,“ aut⸗ wortete Van Taſſel und muſterte uns von neuem, während er in derſelben Zeit ſeine Augen über eine alphabetiſche Liſte der Advokaten und Räthe laufen ließ, um zu ſehen, welche Stelle ich unter denſelben einnähme.„Sehr erfreut, den Herrn kennen zu lernen, welcher, wenn ich nach ſeinem Alter und dem Umſtande, daß ich mich ſeines Namens nicht erinnere, ſchließen darf, die Laufbahn erſt vor kurzem ange⸗ treten hat.“ erwi wie Glü ſchro das lehrt Mar Uebe „ich „Na habe ſagern Herr es ſt was Iten Herr dieſe Wet auf Wet alten arble 74 tire“ einen Hof⸗ Lures und Herr Ihr Ende ling⸗ delche Gute, d iſt r zu 1.¹ ant⸗ hrend tiſche ehen, freut, einem nicht ange⸗ — 35— „Alles will ſeinen Anfang haben, Herr Van Taſſel,“ erwiederte ich mit einer Ruhe, welche dem alten Wucherer, wie ich wohl ſehen konnte, gar nicht behagte. „Sehr wahr, Herr, und ich will hoffen, Euer künftiges Glück wird mit Euerm ſpäten Erſcheinen vor den Gerichts⸗ ſchranken im Verhältniſſe ſtehen. Euer Gefährte hat mehr das Anſehen eines Seemannes, als das eines Rechtsge⸗ lehrten;“— dies war ziemlich richtig, denn man konnte Marble's Beruf nicht verkennen, obgleich ich ihn in einen Ueberrock geſteckt hatte, ehe ich ihn mit an das Ufer nahm; „ich denke, er gehört nicht zu den Vertretern des Rechts?“ „Das wird ſich zeigen, Herr,“ antwortete Marble. „Nachdem ich Euch den Namen meines Freundes geſagt habe, Herr Van Taſſel, will ich Euch auch den meinigen ſagen. Ich heiße Moſes Marble Wetmore Van Duzer Oloff, Herr, oder wie das verd—te Ding ſonſt klingen mag; und es ſteht Euch frei, aus dieſer ganzen Liſte das zu wählen, was Euch am beſten behagt. Ich werde auf jedes dieſer Item Antwort geben.“ „Dies iſt ſo ungewöhnlich und außerordentlich, mein Herr, daß ich kaum weiß, was ich dazu ſagen ſoll. Steht dieſer Beſuch in irgend einem Zuſammenhange mit Miſtreß Wetmore, oder ihrem Gute, oder dem Pfandbriefe, welcher auf das letzte ausgeſtellt iſt?“ „Allerdings, Herr, und ich bin der Sohn dieſer Miſtreß Wetmore; ja, Herr, das einzige Kind dieſer lieben, guten, alten Seele.“ — 386— „Der Sohn der Miſtreß Wetmore!“ rief Van Taſſel, überraſcht und zugleich unbehaglich, aus.„Ich weiß, daß ſie einen Sohn hatte; man hat mich aber ſtets verſichert, daß es unmöglich ſei, ihn ausſindig zu machen. Ich ſehe keine Aehnlichkeit zwiſchen Euch, Herr, und Georg Wetmore oder Kitty Van Duzer.“ Das war jedoch nicht ganz die Wahrheit. Hinſichtlich Georg Wetmore's haben Leute, welche ihn in ſeinen Man⸗ nesjahren gekannt hatten, ſpäter behauptet, Moſes ſei ihm ſehr ähnlich; während ich ſelbſt in dem Munde und in dem ſanfteren Ausdrucke der Züge des Maats eine größere Aehn⸗ lichkeit mit dem gebeugten Charakter des Geſichts ſeiner alten Mutter fand. Dieſe Aehnlichkeit würde wahrſcheinlich nicht bemerkt worden ſein, wenn man von der Verwandt⸗ ſchaft zwiſchen den betheiligten Perſonen nichts gewußt hätte; ſobald man dieſe aber kannte, war ſie nicht leicht zu überſehen. „Aehnlichkeit!“ wiederholte Marble ziemlich in dem Tone eines Mannes, welcher bei der leichteſten Veranlaſ⸗ ſung kampffertig daſteht;„wo ſoll, nach dem Leben, wel⸗ ches ich geführt habe, die Aehnlichkeit herkommen? Erſtens wurde ich meiner Mutter ſchon in den erſten zehn Tagen nach meiner Geburt aus dem Geſichte gebracht. Dann wurde ich, blos der Aufmunterung willen, auf einen Grab⸗ ſtein gelegt; worauf ſie mich in ein Armenhaus ſteckten. In meinem zehnten Jahre nahm ich Reißaus und ſtach in See, wo ich allerlei Rollen ſpielte— Matroſe auf Kriegs⸗ ſchiff ſter Alle auch wenn einen dem Goll Euch wele hole Olo Geo habt Ihr ihre mor zeich und und den Eir wor ſan ſſel, daß jert, ſehe nore tlich kan⸗ ihm dem ehn⸗ einer nlich undt⸗ wußt leicht dem nlaſ⸗ wel⸗ ſtens agen Dann Hrab⸗ ckten. ch in iegs⸗ 87 ſchiffen und Kauffahrtheifahrern, Schmuggler, Maat, Ma⸗ ſter und ſo weiter,— mit einem Worte— Alles und Alles war, nur kein Seeräuber und kein Mauter. Ich war auch eine Sorte von Einſiedler, Herr Van Taſſel, und wenn dies nicht aus einem Burſchen alle Aehnlichkeit mit einem menſchlichen Weſen heraustreibt, ſo iſt ſein Geſicht dem Wechſel ſo wenig unterworfen, wie das auf einer Goldmünze.“ „Dies Alles iſt für mich ſo unverſtändlich, daß ich Euch bitten muß, Herr Wallingford, mir es zu erläutern.“ „Ich kann nur hinzuſetzen, Herr, daß jedes Wort, welches Ihr hörtet, die lautere Wahrheit iſt. Ich wieder⸗ hole Euch gerne, daß Ihr hier, in einem legalen Sinne, Oloff Van Duzer Wetmore, das einzige überlebende Kind Georg Wetmore's und Katharina Van Duzer's vor Euch habt. Er kömmt wegen der Anſprüche zu Euch, welche Ihr, wie man ſagt, auf das Gut, das ſeine Mutter von ihren Eltern geerbt hat, zu machen beabſichtigt.“ „Wie man ſagt? Ich habe allerdings Georg Wet⸗ more's Schuldſchein, durch einen von ſeiner Frau unter⸗ zeichneten Pfandbrief noch mehr bekräftigt, in der Hand, und der Betrag der Schuld iſt, Alles in Allem, Zinſen und Koſten eingerechnet, 963 Doll. 42 C.; und ich werde, dem Geſetzesausſpruch zufolge, zu dem Verkaufe ſchreiten. Eine Verkaufsfriſt iſt, der Wittwe zu lieb, zurückgeſetzt worden; denn ein mitleidvoller Mann kann eine verein⸗ ſamte, alte Frau nicht zu drängen beabſichtigen, obgleich 4 88— ich mein Geld ſeit langer Zeit entbehrt habe. Es kann Euch nicht entgehen, daß ich alle meine Zinſeszinſen ver⸗ liere und mich eben mit dem begnügen muß, was das Geſetz mir zugeſteht; Unglück genug in thätigen Zeiten wie dieſe, wo kein Tag vergeht, an dem ſich nicht guͤte Gele⸗ genheiten in Menge darbieten, ſein Geld gegen die ſicher⸗ ſten Verſchreibungen und hohe Zinſen auszuleihen. Der Handel hat jetzt eine Lebhaftigkeit erreicht, Herr Walling⸗ ford, daß die Leute beinahe ihre Seele für Geld verkaufen.“ „Wie es mir vorkömmt, Herr, gibt es Menſchen, welche dies zu allen Zeiten thun. Man hat mir jedoch geſagt,“— ich konnte nicht umhin, bei dieſer Gelegenheit ein wenig den Rechtsfreund zu ſpielen,—„man hat mir jedoch geſagt, Georg Wetmore's Schuld ſei gänzlich getilgt.“ „Wie iſt dies möglich, Herr, wenn ich noch im Be⸗ ſitze des Schuldſcheins und des Pfandbriefs bin? Als Ge⸗ ſchäftsmann müßt Ihr wohl wiſſen, welchen Werth man auf das müßige Geplauder von Weibern legen kann und wie gefährlich es iſt, auf ihr Geſchwätz hin einen Schritt zu thun. Georg Wetmore war in Geſchäften ziemlich be⸗ wandert und würde die Schuld ſchwerlich abgetragen haben, ohne die Verſchreibung zurückzunehmen oder ſich wenigſtens eine Quittung zu erbitten, viel weniger die Verpfändung im Hypothekenbuche ungetilgt zu laſſen.“ „Man hat mir geſagt, er habe die Quittung von Euch erhalten, glaubte aber ſie mit einem Taſchenbuche verloren zu haben, welches, nach dem Dafürhalten ſeiner Wittwe, an eb er vor menge zahlt zahlun 75 Höre gern Glaub daß de vermie 5 ich ve dem 3 eigenen einige und w die Di leigerie C nem machte jeder b andern Wetmo Geld z — 89— an eben dem Tage aus ſeiner Rocktaſche glitt, an welchem er von dem Gerichte zurückkehrte, wo er mit Euch zuſam⸗ mengetroffen war, und Euch, wie er ſagte, das Geld be⸗ zahlt hatte, indem er ſo ſchnell als möglich fernerer Zins⸗ zahlungen überhoben ſein wollte.“ „Eine ſehr eitle Geſchichte, welche, da ſie nur durch Hörenſagen des Theils, der das Gut natürlich nicht gern verlieren will, beſtätigt wird, bei dem Kanzler kaum Glauben ſinden wird. Es wird Euch einleuchten, Herr, daß der Verkauf nur durch einen Erlaß des Kanzleigerichts vermieden werden kann.“ Ich war allerdings nichts weniger als ein Advokat; ich verſtand aber, wie faſt jeder Amerikaner, etwas von dem Zweige der Rechtspflege des Landes, welcher meine eigenen Intereſſen berührte. Als Gutsbeſitzer hatte ich einige Kenntniß von den Geſetzen in Betreff liegender Habe, und war in der Art und Weiſe nicht ganz unerfahren, wie die Dinge vor dem gründlichſten aller Gerichte, dem Kanz⸗ leigericht, behandelt wurden. Ein glücklicher Gedanke bot ſich in dem Momente mei⸗ nem Geiſte dar, und, von dem Augenblicke gedrängt, machte ich ihn geltend. „Es iſt ganz richtig, Herr,“ antwortete ich,„daß jeber beſonnene Richter Anſtand nehmen würde, auf keinen andern Beweis hin, als die eidliche Ausſage der Miſtreß Wetmore, ſie habe ihren Mann ſagen hören, er habe das Geld zurückbezahlt, ſein Urtheil zu begründen; Ihr werdet — 90— aber nicht überſehen, daß die Gegenpartei ihre Antwort beſchwören muß. Wir Alle würden uns in dieſer Sache am leichteſten beruhigen, wenn Ihr den Eid leiſtetet, das Geld nie empfangen zu haben.“ Dieſer Hieb ging in das Fleiſch, und von dieſem Au⸗ genblicke an hegte ich keinen Zweifel mehr, daß Wetmore das Geld bezahlt hatte und daß ſich Van Taſſel der gan⸗ zen Sache vollkommen erinnerte. So viel konnte ich in des Mannes veränderten Geſichtszügen und ſeinem abge⸗ wendeten Auge leſen, obgleich meine Ueberzeugungen aller⸗ dings kein rechtsgültiger Beweis waren. Wenn ſie aber auch keinen Beweis vor Gericht abga⸗ ben, ſo waren ſie doch mehr als geeignet, mich für die ernſtliche Verfolgung einer Sache zu ſtimmen, welcher ich bereits meine lebhafteſte Theilnahme geweiht hatte. Mittlerweile harrte ich auf Van Taſſel's Antwort und feſſelte mein Auge mit einer Wachſamkeit auf ſeine Züge, welche ihn, wie ich leicht ſehen konnte, in große Verlegen⸗ heit verſetzte. „Kitty Wetmore und ich kamen als Nachbarskinder zur Welt,“ ſagte er,„und dieſe Verſchreibung hat mich mehr Mühſal gekoſtet, als alle meine andern kleinen Hab⸗ haften. Daß ich mit der Verfallserklärung nicht eilte, ergibt ſich einfach aus der Länge der Zeit, welche ich ver⸗ laufen ließ, ohne meine Anſprüche geltend zu machen. Ich konnte nicht länger warten, ohne meine Rechte zu ge⸗ fährden, indem nach Verlauf von zwanzig Jahren die Schu welch der habe Aeuf anlaf Euer ſie a word dacht Erſa willt ſchrie Verſ jetzt gönn die g tet z ich g ſo la ſolch nicht den ntwort Sache t, das m Au⸗ etmore r gan⸗ ich in abge⸗ aller⸗ abga⸗ für die her ich drt und Züge, erlegen⸗ skinder at mich n Hab⸗ t eilte, ich ver⸗ nachen. zu ge⸗ ren die Schuld als getilgt angenommen würde— eine Annahme, welche mir mehr zu ſchaffen machen dürfte, als der Eid der Miſtreß Wetmore. Wir find jedoch, wie ich geſagt habe, Nachbarskinder, und ehe ich die Sache auf das Aeußerſte treibe, will ich mich zu einer Art Vergleich her⸗ anlaſſen.“ „Und welche Art Vergleich ſtände Euch wohl nach Euern Begriffen von Gerechtigkeit an, Herr Van Taſſel?“ „Nun, Herr, Kitty iſt alt und es würde betrübt ſein, ſie aus dem Hauſe zu vertreiben, in welchem ſie geboren worden. Dies habe ich von Anfang her geſagt und ge⸗ dacht, und ſage es jetzt. Dennoch kann ich ohne einen Erſatz mein Eigenthum nicht fahren laſſen, obgleich ich ge⸗ willt bin zu warten. Ich habe, ehe ich den Verkauf aus⸗ ſchrieb, Miſtreß Wetmore geſagt, wenn ſie mir eine neue Verſchreibung behändigen und die Zinſen der ganzen, bis jetzt fälligen Summe geben wolle, würde ich ihr gern Zeit gönnen. Ich ſchlage aber jetzt, als die einfachſte Weiſe, die ganze Sache zu erledigen, folgendes vor: Sie verzich⸗ tet zu meinen Gunſten auf das Recht des Rückkaufs, und ich geſtehe ihr gegen eine gewiſſe Rente den Nießbrauch, ſo lange ſie am Leben bleibt, zu.“ Selbſt Marble ſah die ſchreiende Ungerechtigkeit eines ſolchen Anerbietens ein. Durch einen ſolchen Schritt würde nicht nur die Nichtbezahlung der Schuld zugeſtanden wor⸗ den ſein, ſondern er hätte auch dem Van Taſſel in nicht — 92— ferner Friſt den ruhigen Beſitz des Gutes für etwas weni⸗ ger als den dritten Theil ſeines Werthes geſichert. Ich bemerkte, daß der Maat ſich anſchickte, los zu brechen, und mußte dies durch einen Wink verhüten, wäh⸗ rend ich die Verhandlung in meinen Händen behielt. „Mit einer ſolchen Uebereinkunft, Herr,“ antwortete ich,„würde mein Freund hier, im wörtlichen Sinne, ſein Geburtsrecht für eine Schüſſel Suppe verkaufen.“ „Ihr werdet bedenken, Herr Wallingford, daß der Verkauf eines Unterpfandes, wenn er geſetzlich geſchieht, ein kitzliches Ding iſt, und daß die Gerichte ihn nicht gern aufhalten. Dieſer Verkauf wird heute über acht Tage ſtattfinden, und wenn einmal der Zuſchlag erfolgt iſt, wird es nicht ſo leicht ſein, ihn zurückzunehmen. Herr Wet⸗ more hier ſieht nicht wie der Mann aus, der tauſend Dol⸗ lar baar herzählen kann.“ „Wir werden uns der Gefahr nicht blosſtellen, den Zuſchlag erfolgen zu laſſen. Ich werde, wenn es nöthig iſt, das Gut ſelbſt kaufen; und wenn es ſich ſpäter ergeben ſollte, daß das Geld wirklich bezahlt war, ſo halten wir uns hinſichtlich des Kapitals, der Zinſen und der Koſten für hinreichend gedeckt.“ „Ihr ſeid noch jung in Euerm Berufe, Herr, und werdet erfahren, wie thöricht es iſt, ſeinen Clienten Geld vorzuſchießen.“ „Ich gehöre Euerm Berufe ganz und gar nicht an, wie Ihr irriger Weiſe angenommen habt; ich bin der Eigen Marb Daru ſehen, nöthig 7 „Ein hemm uns a die S nomm ſten ei Jahrer Eure gewiſſe werden . und eir daß er Hören nur vo weni⸗ los zu wäh⸗ vortete e, ſein iß der chieht, t gern Tage wird Wet⸗ Dol⸗ , den nöthig geben n wir Koſten und Geld ht an, n der — 93— Eigenthümer eines Schiffes, und Herr Wetmore oder Marble, wie er bisher genannt wurde, iſt mein Maat. Darum ſind wir aber nicht weniger mit den Mitteln ver⸗ ſehen, tauſend Dollar, oder zwanzig tauſend, wenn es nöthig werden ſollte, zu bezahlen.“ „Kein Advokat!“ rief Van Taſſel und lächelte wild. „Ein Paar Seemänner wollen den Verfall eines Pfandes hemmen! Eine merkwürdige Art Gerechtigkeit möchtet Ihr uns auftiſchen, Ihr Herren! Nun, nun, ich ſehe jetzt, wie die Sachen ſtehen, und daß Ihr Euch dieſe Mühe nur ge⸗ nommen habt, um zu verſuchen, was Ihr bei mir zu Gun⸗ ſten einer Matrone ausrichten könntet, welche ſeit zwanzig Jahren auf meine Koſten lebt. Ich muß faſt glauben, Eure 963 Doll. 42 C. werden von derſelben Beſchaffenheit ſein, wie Euer Recht.“ „Und doch mußte es mir auffallen, Herr Van Taſſel, daß Euch der Vorſchlag, die Wahrheit in Betreff des Em⸗ pfangs einer gewiſſen Summe vor dem Kanzleigericht zu beſchwören, nicht ganz zuſagen wollte,— ein Vorſchlag, wel⸗ cher, wenn ich ihn nicht verwirklichen kann, von einem gewiſſen Abraham Van Vechten zu Albany verwirklicht werden wird.“ „Abraham Van Vechten iſt ein geſchickter Advokat, und ein ehrlicher Mann, und es iſt nicht wahrſcheinlich, daß er ſich in eine Sache miſcht, welche ſich nur auf das Hörenſagen einer alten Frau ſtützt, die ſolche Dinge nur vorbringt, um ſich ihr Gut zu retten.“ — 94— Marble konnte nicht länger ſchweigen. Er ſagte mit nachher, er habe, während des Geſprächs, das Fußgeſtelle des alten Wucherers gemeſſen und gefühlt, es würde eine Schande ſein, ein ſo ſchwaches Geſchöpf zu berühren; allein es überſchritt auch ſeine Geduld, da zu ſitzen und ſeine wie⸗ dergefundene Mutter verhöhnen und ihrer klaren Rechte ſpotten zu hören. Er ſtand daher plötzlich auf und brach in eine der ungeſchminkteſten See⸗Philippiken aus. Ich werde nicht Alles wieberholen, was er ſagte; denn ich fürchte, die wörtliche Mittheilung möchte die Ohren der Leſer beleidigen; allein er nannte den alten Van Taſſel nicht nur bei einer großen Menge Namen, welche eben ſo ungewöhnlich, als verzwickt waren, ſondern gab ihm auch mehrere, welche den Ohren meiner meiſten Leſer nicht unbe⸗ kannt und überdies vollkommen verdient waren. Ich überließ es ihm, ſich frei auszureden, und war, nachdem ich dem Advokaten zu verſtehen gegeben hatte, daß er ein mehreres von uns hören würde, ſo glücklich, meinen Gefährten in den Wagen zu bringen, ehe es zu Streichen gekommen war. Ich ſah wohl, daß Van Taſſel bei weitem nicht in einer behaglichen Stimmung war, und daß er uns gerne noch bei ſich behalten hätte, in der Hoffnung, eine Art Vergleich zu Stande zu bringen; ich hielt es aber für das klügſte, nach dem entſchiedenen Schritte, welchen wir bereits gethan, die Sache einſtweilen beruhen zu laſſen. Es war nicht ſehr leicht, Marble in den Wagen zu bring als n wo w Enkel Wage kehrer Marl erſchr Ihr! Frau, auf grolle doch Alle dies fort! wilde te mie geſtelle de eine allein ne wie⸗ Rechte brach ; denn ren der Taſſel eben ſo m auch t unbe⸗ d war, hatte, lücklich, es zu licht in s gerne ine Art für das bereits igen zu — 95— bringen; ſobald dies aber geſchehen war, fuhr ich ſo ſchnell als möglich die Straße entlang und dem Hauſe entgegen, wo wir, wie man uns geſagt hatte, Kitty Huguenin, die Enkelin der Miſtreß Wetmore, welche der Erſcheinung des Wagens gewärtig ſein würde, um nach Hauſe zurückzu⸗ kehren, abholen ſollten. „Ihr müßt Euch ein freundlicheres Anſehen geben, Marble,“ ſagte ich, als wir die Straße dahinfuhren,„ſonſt erſchreckt Ihr Eure Nichte, deren Bekanntſchaft Ihr, wie Ihr wohl wiſſen werdet, jetzt machen ſollt.“ „Der diebiſche Landſtreicher! eine arme, verlaſſene, alte Frau, deren einziger Gatte im Grabe, deren einziger Sohn auf der See war, ſo zu mißhandeln!“ fuhr der Maat grollend fort.„Sprecht mir von den Geboten! Ich möchte doch wiſſen, welches Gebot hier übertreten worden iſt! Alle ſechs zuſammen!“ „Wenn ich nicht irre, das zehnte, mein Freund; und dies iſt ein Gebot, das Tag ein, Tag aus übertreten wird.“ Das Grollen des Maats dauerte noch eine Zeitlang fort und verſcholl dann wie fernes Donnergeroll, wenn der wilde Sturm vorüber gebrauſt iſt. Viertes Kapitel. Laila's Wange— Laila's Aug’— desgleichen Hat keine Maurentochter aufzuzeigen; Keine liebte je ſo wahr, ſo rein, Oder einen Jüngling ſo hold und fein. Southey. „Miles,“ ſagte Moſes raſch, nachdem wir eine kleine Strecke ſchweigend entlang gefahren waren,„ich muß die alte Dame noch heute Nacht verlaſſen und mit Euch in die Hauptſtadt hinab gehen. Wir müſſen jenes Geld an Ort und Stelle ſchaffen, wo der Verkauf ſtattfindet, und es für den Schurken in Bereitſchaft halten; denn es kann keine Rede davon ſein, daß ihm auch nur die entfernteſte Hoffnung bleibe, Willow Grove zu bekommen.“ „Wie Ihr wollt, Marble, nehmt Euch aber jetzt zuſammen, um Eure Verwandte zu begrüßen, die zweite, welche Euch auf dieſer Welt zu Geſichte kömmt.“ „Welch ein Gedanke, Miles! welch ein Gedanke, zwei Verwandte zu haben, eine Mutter und eine Nichte! Nun, es iſt ein wahres Sprüchwort: Das Glück kömmt nie allein.“ „Wahrſcheinlich habt Ihr noch eine Menge von Ohei⸗ men, Tanten und Vettern aller Art. Die Holländer ſind wegen ihrer Menge von Vettern berühmt, und Ihr werdet ohne Zweifel bald Beſuche von der halben Graſſchaft bekommen.“ dieſe Der lang Gefi Glüt Min die 2 wahr zweif ſein, Star Vern und Bur ſein geda treffe delt beha Gele wie dem Frar 2 2 gleichen 13 ein. uthey. kleine uß die uch in ‚eld an und es kann rnteſte r jetzt zweite, zwei Nun, llein.“ Ohei⸗ er ſind werdet fſchaft — 92— Ich ſah, daß Moſes verlegen war, und glaubte anfangs, dieſe Fülle von Verwandten müſſe ihn unbehaglich machen. Der Maat war jedoch der Mann nicht, der ſeine Gedanken lange vor mir geheim hielt; und in dem Drange ſeiner Gefühle ließ er den Grund ſeiner Unruhe bald laut werden. „Hört, Miles,“ begann er,„ich finde, daß man mit Glück überwältigt werden kann! Da ſoll ich, in zehn Minuten vielleicht ſchon, meiner Schweſter Kind ſehen, die Tochter meiner wirklichen, leibhaftigen Schweſter, meine wahrhaftige Nichte, ein ausgewachſenes, und wie ich nicht zweifle, liebliches, junges Mädchen; und ich will verd—t ſein, wenn ich weiß, was ein Mann bei einem ſolchen Stand der Dinge eigentlich ſagen ſoll. Mit ſolchen nahen Verwandten darf man doch nicht verallgemeinern, und ich denke faſt, einer Schweſter Tochter iſt für einen Burſchen ziemlich eben ſo viel, wie ſeine eigene Tochter ſein würde, vorausgeſetzt, er hätte eine ſolche.“ „Ganz richtig; hättet Ihr einen ganzen Monat nach⸗ gedacht, ſo hättet Ihr den Nagel nicht beſſer auf den Kopf treffen können. Dies hebt alle Schwierigkeiten auf. Behan⸗ delt dieſe Kitty Huguenin gerade ſo, wie Ihr Kitty Marble behandeln würdet.“ „Ja, ja, das Alles läßt ſich im Voraus und ſolchen Gelehrten, wie Ihr ſeid, leicht ſagen; einem Burſchen aber, wie mir, wird es ſchwer, die Gedanken ſo zu ſagen mit dem Bratſpill aus ſich herauszuwinden. Bei der alten Frau ging das Alles ganz gut und ich gedächte mit einem 211— 213. 7 — 98— Dutzend Mütter beſſer fertig zu werden, als mit einer einzigen Schweſter⸗Tochter. Wir wollen annehmen, es ſtellte ſich heraus, daß ſie ein Mädchen mit ſchwarzen Augen und rothen Wangen, und all dieſen Dingen wäre?— ich behaupte, ſie erwartet wohl, daß ich ſie küſſe?“ „Gewiß wird ſie dies erwarten, ſelbſt wenn ihre Augen weiß und ihre Wangen ſchwarz wären. Die natürliche Liebe erwartet dies ſelbſt bei dem ungebildetſten Theile der menſchlichen Raſſe.“ „Ich bin gewillt, Alles zu thun, wie die Sitte es verlangt,“ antwortete Marble ganz unſchuldig und durch die Lage, in welche er ſich ſo unerwartet verſetzt fand, mehr außer Faſſung gebracht, als er Luſt hatte einzugeſtehen; „während ich aber auch nichts thun möchte, das man von einem Sohne und einem Oheime nicht erwartet. Wenn alle dieſe Verwandten nur nicht ſo auf Ein Mal gekom⸗ men wären!“ „Pah, pah, Moſes, hadert nicht mit Euerm Glücke, jetzt, da es eben in ſeiner beſten Laune iſt. Dort iſt das Haus, und ich wette, eines jener vier Mädchen iſt Eure Nichte, die mit dem Häubchen, ſie hat ſich zur Heimkehr fertig gemacht und die Geſellſchaft iſt mit ihr an die Haus⸗ thüre getreten, da man den Wagen die Straße entlang kommen ſehen konnte. Sie ſind jedoch verlegen, da ſie, ſtatt des gewöhnlichen Kutſchers, uns in demſelben ſehen.“ Marble räuſperte und bemühte ſich, ſeine Kehle zu „klären,“ legte die Schöße ſeines Rockes zurecht, ordnete einer n, es Augen — ich Augen erliche le der tte es durch mehr tehen; n von Wenn lekom⸗ Zlücke, ſt das Eure mkehr Haus⸗ atlang a ſie, ehen.“ le zu rdnete — 99— ſich ſein ſchwarzes Halstuch nach ſeiner Laune, entledigte ſich heimlich des Tabakes, welchen er in dem Munde hatte, und machte überhaupt„das Schiff für den Kampf klar,“ wie er ſonſt wohl im Stande geweſen wäre, ſeine Vorbe⸗ reitungen zu ſchildern. Bei all dem fehlte ihm in dem rechten Augenblicke die Faſſung, und als ich eben das Pferd in raſchere Bewegung ſetzen wollte, ſagte er mir mit einer ſo leiſen, zarten Stimme, daß ſie mir auffallen mußte, der ich den Donner derſelben Stimme gehört hatte, wenn ſie in Sturm und Wetter die Leute auf den Raaen und Maſten anrief. „Miles, mein lieber Knabe, dieſes Geſchäft gefällt mir ganz und gar nicht! Wie wär' es, wenn Ihr aus⸗ ſtiegt und den Mädchen die Sache auseinanderſesidin Es ſind ihrer vier, wie Ihr ſeht, und alſo drei zu viel! Geht, geht, lieber Miles, Ihr ſeid ein guter Burſche, ich weiß es, und ein anderes Mal thu' ich Euch denſelben Gefallen. Ich kann keine vier Nichten hier haben, das müßt Ihr ſelbſt zugeben.“ „Und während ich Eurer Nichte, Eurer leiblichen Schweſter⸗Tochter Eure Geſchichte erzähle, ſagt, was wollt Ihr hier machen?“ „Machen? Nun, Alles, was erſprießlich ſein kann, mein lieber Miles! Hört, Knabe, glaubt Ihr wohl, ſie ſehe mir ein wenig ähnlich? Wenn Ihr näher kommt, und Ihr habt eine gewiſſe Ahnung, daß dem ſo ſei, dann hebt die Hand auf— ſo— als ein Signal, damit ich 7* — 100— nicht zu ſehr überraſcht werde. Ja, ja, geht Ihr zuerſt, und ich will Euch folgen, und was mein„machen“ betrifft, ſeht, ich kann ja dieſes verd— te Pferd halten!“ Ich lachte, warf Marble die Zügel zu, die er auch ſogleich mit beiden Händen faßte, als wenn es nöthig geweſen wäre, das Pferd zu halten, ſtieg aus und ſchritt auf die Gruppe von Mädchen zu, welche meinem Thun ſtaunend und ſchweigend zuſahen. Ich habe ſeit dieſer Zeit mehr von der Welt geſehen, als man von einem Manne erwarten ſollte, der ſich ſo früh einem ſolchen Berufe gewidmet hatte; und oft habe ich Gele⸗ genheit gehabt zu bemerken, wie leicht der Uebergang zu Extremen in den Sitten ſowohl, wie in allem andern iſt, das mit menſchlichen Gefühlen im Zuſammenhange ſteht. Sobald die Einfachheit des Gemüthes ſchwindet, nimmt die Vorſtellung die Stelle der Natur ein, und Männer wie Frauen heucheln oft die größte Gleichgültigkeit in Fällen, in welchen ſie die lebhafteſte Theilnahme fühlen. Dies iſt die Quelle der Ultra⸗Kaltblütigkeit der ſoge⸗ nannten vornehmen Erziehung, welche die vier jungen Mädchen, die damals in dem Thorhofe der anſehnlichen Pachterwohnung, vor der ich abſtieg, ſtanden, bei der plötz⸗ lichen Erſcheinung des mit zwei Fremden beſetzten Wagens der Miſtreß Wetmore ein ſo kaltes und marmorähnliches Aeußere hätten annehmen laſſen, als hätten ſie unſere An⸗ kunft ſeit lange erwartet und wären ein wenig ungehalten, daß wir nicht eine Stunde früher eingetroffen. nach gekl ruht ſpra wur neh zum imn den ſo das m. jerſt, rrifft, auch öthig chritt Thun ehen, früh Gele⸗ g zu n iſt, ſteht. immt inner it in een. ſoge⸗ ingen lichen plötz⸗ agens liches e An⸗ alten, — 101— Mein Empfang war jedoch nicht dieſer Art. Obgleich die vier Mädchen alle jung, blühend, hübſch, nach Art der amerikaniſchen Frauen zart, und ziemlich gut gekleidet waren, hatten ſie doch nichts von dem kalten, ruhigen Aeußern des modiſchen Benehmens. Die Eine ſprach ſo raſch wie die Andere; Blicke der Verwunderung wurden oft gewechſelt; ſelbſt einiges Gekicher ließ ſich ver⸗ nehmen; und dann nahm jede eine ſo würdevolle Miene zum Empfauge des Fremden an, als es die Umſtände nur immer zuließen. „Wenn ich nicht irre, iſt Miß Kitty Huguenin unter den jungen Damen hier,“ begann ich und verbeugte mich ſo artig, als ich es für nöthig hielt;„ denn dies ſcheint das Haus zu ſein, welches man uns angedeutet hat.“ Ein Mädchen von etwa ſechzehn Jahren, von entſchie⸗ den gefälligem Aeußern und der alten Miſtreß Wetmore unverkennbar ähnlich, trat, ein wenig haſtig, aus der Gruppe, zog ſich aber eben ſo ſchnell, von der Schüchternheit ihrer Jahre und ihres Geſchlechtes erfaßt, wieder zurück, als fürchtete ſie, zu weit zu gehen. „Ich bin Kitty,“ ſagte ſte und wurde erſt roth und dann blaß;„iſt etwas vorgefallen, Herr? hat die Groß⸗ mutter nach mir geſchickt?“ „Nichts iſt vorgefallen; Ihr müßtet denn gute Neuigkeiten dazu rechnen. Wir haben Eure Groß⸗ mutter kaum erſt in Geſchäften verlaſſen, indem wir in ihren Angelegenheiten dem Squire Van Taſſel einen Beſuch — 102— abſtatteten; um uns nicht zu Fuße gehen zu laſſen, gab ſie uns ihren Wagen unter der Bedingung, daß wir auf unſerem Rückwege hier anhalten und Euch mit nach Hauſe bringen ſollten. Der Wagen iſt der Beweis, daß wir aus Auftrag handeln.“ In den meiſten Ländern würde ein ſolcher Vorſchlag Mißtrauen erregt haben; dies war in Amerika, und zu jener Zeit, beſonders bei Mädchen aus der Klaſſe der Kitty Huguenin, nicht der Fall. Sodann war ich auch, wie ich mir ſchmeicheln darf, für ein Mädchen von dieſem Alter kein ſehr abſchreckender Gegenſtand, und mein Geſicht war eben nicht ſo geformt, daß es ſie in hohem Grade beun⸗ ruhigt hätte. Kitty ſagte demnach ihren Freundinnen ein eiliges Lebewohl und nach einer Minute ſaß ſie zwiſchen Marble und mir; denn das alte Fuhrwerk bot für drei vollkommen Raum dar. Ich machte meine Verbeugung, und wir trabten, ſchritten wäre der geeignetere Ausdruck, davon. Eine kleine Weile herrſchte tiefes Schweigen in dem Wagen; ich konnte aber bemerken, daß Marble heimliche Seitenblicke auf ſeine hübſche kleine Nichte warf. Seine Augen waren feucht, und gr räuſperte ſich einmal ſehr heftig und zog ſein Taſchentuch hervor, mit welchem er in nicht weniger als drei Minuten eben ſo viele Male ſich über die Stirne fuhr. 3 entlot zogen Gele unſer ich f ein Seit bars ich mut hätt rich der ſie rem gen rag hlag zu itty ich lter war run⸗ iges rble men ten, dem liche eine ſehr rin ſich — 103— Dieſe heimliche Art, ſich ſeinen Gefühlen hinzugeben, entlockte mir die Bemerkung: „Ihr ſcheint Euch dieſen Abend eine Erkältung zuge⸗ zogen zu haben, Herr Wetmore?“ denn ich glaubte, dieſe Gelegenheit auch benützen zu müſſen, um die Eröffnung unſeres Geheimniſſes vorzubereiten. „Ja, Ihr wißt, Miles, wie es in ſolchen Dingen iſt, ich fühle mich dieſen Abend, ich weiß ſelbſt nicht warum, ein wenig verd—t weibiſch.“ Ich fühlte, daß die kleine Kitty ſich dichter an meine Seite drängte, als wenn ſie in Betreff ihres andern Nach⸗ bars gewiſſe Ahnungen hätte. „Ich glaube, Ihr ſeid überraſcht, Miß Kitty,“ begann ich wieder,„zwei Fremde in dem Wagen Eurer Groß⸗ mutter zu finden?“ „Ich habe es nicht erwartet; aber, Ihr ſagtet, Ihr hättet Herrn Van Taſſel beſucht, und daß es gute Nach⸗ richten für mich gäbe; geſteht Squire Van Taſſel ein, daß der Großvater ihm das Geld bezahlt hat?“ „Dies nicht gerade; aber Ihr habt Freunde, welche Sorge tragen werden, daß Euch kein Unrecht geſchieht. Ihr mögt wohl gefürchtet haben, Eure Großmutter und Ihr würdet genöthigt werden, die alte Heimath zu ver⸗ laſſen?“ „Die Töchter des Squire Van Taſſel haben ſich deſſen wohl gerühmt,“ ſagte Kitty mit ſehr gedämpfter Stimme, — mit einer Stimme, welche leiſer und bebender wurde, wie ſie fortfuhr,„aber ich frage nicht viel nach ihnen; denn ſie glauben, ihr Vater werde demnächſt Eigenthümer der ganzen weiten Umgegend ſein.“ Dieſe Worte ſagte ſie muthig.„Das alte Haus aber iſt, wie ich hörte, von dem Großvater meiner Großmutter gebaut worden, und die Großmutter kam darin zur Welt, und ſo auch ich. Es iſt ſehr hart, einen ſolchen Ort zu verlaſſen, Herr, und über⸗ dies wegen einer Schuld, welche, wie die Großmutter über⸗ zeugt iſt, bereits abgetragen wurde.“ „Ja, blutig hart!“ murmulte Marble. Kitty drängte ſich wieder näher an mich, oder, richtiger geſprochen, weiter von dem Maate weg, deſſen Geſicht gerade in dieſem Augenblicke gewaltig grämig ausſah. „Alles, was Ihr da ſagt, iſt ſehr wahr, Kitty,“ ver⸗ ſetzte ich;„aber die Vorſehung hat Euch Freunde geſchickt, welche beſorgt ſein werden, daß Euch und Eurer Groß⸗ mutter kein Unrecht geſchieht.“ „Darin habt Ihr ganz recht, Miles,“ ſetzte der Maat hinzu.„Gott ſegne die alte Dame; ſie ſoll mit meinem Vorwiſſen nie außerhalb ihres Hauſes ſchlafen, als wenn ſie mit mir den Strom hinabſegelt, um die Theater, und die Muſeen, und die zehn oder fünfzehn holländiſchen Kir⸗ chen, welche in der Hauptſtadt ſind, und alle dieſe frommen Sachen zu ſehen.“ Kitty ſchaute ihren Nachbar zur Linken erſtaunt an; ich fühlte aber, daß jungfräuliche Verſchämtheit ſie veran laßte, Minu —, einer bemü mutte ſie w in de Kirch ſo hä halbe nicht muß! ihr a Groß wege und leider Sorg kaum — u Gott denn r der e ſie dem die Fs iſt über⸗ über⸗ tiger erade ver⸗ hickt, Broß⸗ Naat inem venn und Kir⸗ nmen an; rran — 105— laßte, ſich weniger nahe an mich zu drängen, als ſie die Minute vorher gethan hatte. „Ich verſtehe Euch nicht recht,“ antwortete Kitty nach einer kleinen Pauſe, während welcher ſie wahrſcheinlich bemüht war, ſich das Gehörte zu erklären.„Die Groß⸗ mutter wünſchte keineswegs in die Hauptſtadt zu reiſen; ſie will nichts weiter, als ihre noch übrigen Tage ruhig in dem alten Sitze der Familie hinzubringen; und Eine Kirche iſt für Jeden genug.“ Wäre das kleine Mädchen einige Jahre älter geweſen, ſo hätte ſie ſich überzeugt, daß es Leute gibt, welche ein halbes Dutzend brauchen. „Und Ihr, Kitty, glaubt Ihr, Eure Großmutter ſei nicht um Euch beſorgt, wenn ſie von dem Zeitlichen ſcheiden muß?“ „O ja, ich weiß, daß ſie ſehr daran denkt; ich ſuche ihr aber das Herz zu erleichtern, der armen, lieben, alten Großmutter; denn es iſt nicht nöthig, daß ſie ſich meinet⸗ wegen Kummer mache. Ich kann für mich ſelbſt ſorgen und habe Freunde genug, welche mich keine Noth werden leiden laſſen. Die Schweſtern des Vaters ſagen, ſie wollten Sorge für mich tragen.“ „Ihr habt einen Freund, an welchen Ihr gerade jetzt kaum denken werdet, und der ſich Eurer annimmt.“ „Ich weiß nicht, wen Ihr meint, Herr, es wäre denn — und doch— Ihr glaubt doch nicht, daß ich nie an Gott denke, Herr?“ — 106— „Ich meine einen irdiſchen Freund— habt Ihr keinen ganz Freund hienieden, deſſen Ihr noch nicht erwähntet?“ Euch „Ich weiß es nicht— vielleicht— ſprecht Ihr nicht laſſen von Horaz Bright— iſt's ſo, Herr?“ denken Dieſe Worte waren von einer lebhaften Röthe und einem Blicke begleitet, in welchem das aufdämmernde Art Bewußtſein jungfräulicher Schamhaftigkeit mit einer faſt fernte kindlichen Unſchuld ſo gemiſcht erſchienen, daß ich entzückt forgl, war und doch lächeln mußte. Sorg „Und wer iſt Horaz Bright?“ fragte ich und nahm eine möglichſt ernſte Miene an. rief „O, Horaz iſt Niemand— nur der Sohn eines Ohe unſrer Nachbarn. Dort drüben, wo Ihr das alte ſteinerne ihr d Haus ſeht, das mit Aepfel⸗ und Kirſchbäumen umgebene — Haus dort an dem Ufer des Stromes— gerade in einer 6 3 Linie mit dieſer Scheune da—“ erſchr „Ich ſehe es ganz deutlich; und ein ſchönes Plätzchen. muß es ſein. Wir haben es bewundert, als wir die Straße„Der herauf fuhren.“ Groß „Nun, dort wohnt Horaz Bright's Vater, und es iſt eins der beſten Güter in der ganzen Gegend.„Du mußt einen aber nichts auf das geben, was er ſagt,“ ſpricht die Ihr Großmutter immer;„dieſe jungen Leute nehmen gar gerne wir den Mund voll, und die ganze Nachbarſchaft iſt theilneh⸗ nicht mend gegen uns geſinnt, wenn ſich auch die meiſten vor den u Van Taſeel fürchten.““ Eurer „Ich verlaſſe mich gar nicht auf Horaz Bright's Worte— iſt, ſ keinen nicht e und nernde er faſt ntzückt nahm eines einerne gebene einer ätzchen Straße es iſt mußt ht die gerne eilneh⸗ en vor orte— — 107— ganz und gar nicht. Es iſt gerade, wie Eure Großmutter Euch geſagt hat; junge Männer wollen ſich gerne ſehen laſſen und ſprechen oft Dinge, an welche ſie gar nicht denken.“ „Nun, ich glaube durchaus nicht, daß dies Horaz Bright's Art iſt. Ihr dürft ja nicht glauben, ich dächte im Ent⸗ fernteſten an das, was Horaz Bright in Betreff meiner ſorgloſen Zukunft ſagt. Dafür werden meine Tanten Sorge tragen.“ „Und wenn ſie nicht zur Hand ſind, meine Liebe,“ rief Marble mit überwallendem Gefühle,„ſo wird dein Oheim ihre Stelle einnehmen; ohne zu warten, daß man ihn daran erinnert.“ Kitty ſchaute wieder erſtaunt, und ein klein wenig erſchreckt auf und rückte mir abermals näher an die Seite. „Ich habe keinen Oheim,“ antwortete ſie ſchüchtern. „Der Vater hatte nie einen Bruder und der Sohn der Großmutter iſt todt.“ „Nein, Kitty,“ ſagte ich und bedeutete Marble durch einen Blick, ſich ruhig zu verhalten;„in dem letzteren irrt Ihr Euch. Dies ſind die guten Nachrichten, von welchen wir geſprochen haben. Der Sohn Eurer Großmutter iſt nicht todt— er lebt und iſt geſund. Er iſt wieder gefun⸗ den und anerkannt worden; er hat dieſen Nachmittag bei Eurer Großmutter hingebracht, beſitzt mehr Geld als nöthig iſt, ſelbſt die ungerechten Forderungen des geizigen Van — 108— Taſſel zu befriedigen, und wird bei Euch Vaterſtelle ver⸗ treten.“ „O mein Gott— iſt dies möglich!“ rief Kitty aus und drängte ſich noch näher an meine Seite, als vorher. „Und ſeid Ihr wohl der Oheim und wird ſich Alles ſo erweiſen, wie Ihr geſagt habt?— die gute, gute Groß⸗ mutter— und ich muß gerade nicht zu Hauſe ſein, um Alles zu hören und ihr in einem ſolchen bewältigenden Augenblicke beizuſtehen!“ „Eure Großmutter war natürlich anfangs ein wenig erregt; aber ſie faßte ſich ungemein ſchnell und iſt in die⸗ ſem Augenblicke ſo glücklich, als Ihr es Euch ſelbſt nur wünſchen könnt. Ihr irrt Euch jedoch, wenn Ihr glaubt, ich ſei Euer Oheim; ſehe ich denn ſo alt aus, daß ich Eurer Mutter Bruder ſein könnte?“ „Mein Gott, nein, ich hätte dies wohl ſehen müſſen, wenn ich nicht ſo albern geweſen wäre. Iſt's wohl dieſer andre Herr?“— Hier folgte Marble der Stimme der Natur, ſchloß das hübſche junge Geſchöpf in ſeine Arme und küßte ſie mit wahrhaft väterlicher Innigkeit und Zärtlichkeit. Die arme Kitty war anfangs erſchreckt und, ich darf es wohl behaupten, ein wenig in ihren Erwartungen getäuſcht, wie es ihre Großmutter geweſen war; das ganze Gehaben des Maats hatte aber ſo viel Herzliches, daß dies ſie einigermaßen beruhigte. „Ich bin ein gewaltig ärmlicher Oheim, ich weiß es, Kitty⸗ nen,“ verſu in de wirſt. Van brauc b cher, nachd losger er ſei man auch und! koſten hätte ſicher! Hauſe recht Oheit 1 gewot Perſo le ver⸗ y aus vorher. lles ſo Groß⸗ n, um genden wenig in die⸗ ſt nur glaubt, aß ich nüſſen, dieſer oß das ſie mit h darf tungen ganze „ daß eiß es, - 19 Kitty, um neben einem jungen Weſen, wie Du, zu erſchei⸗ nen,“ brach es endlich aus Marble heraus, obgleich er arg verſucht war, laut zu weinen;„aber es gibt Schlimmeres in der Welt, wie Du, fürcht' ich, ſeiner Zeit wohl lernen wirſt. Du mußt mich wohl nehmen, wie ich bin, und brauchſt Dich von jetzt an keinen Strohhalm um den alten Van Taſſel oder irgend einen andern habgierigen Landſtrei⸗ cher, wie er, in dem Staate Neu⸗York zu bekümmern.“ „Der Oheim iſt ein Seemann!“ antwortete Kitty, nachdem ſie ſich aus des Maats rauher Umarmung endlich losgemacht hatte.„Man hatte der Großmutter einſt geſagt, er ſei Soldat.“ „Ja, das kommt vom Lügen. Ich glaube nicht, daß man einen Soldaten aus mir hätte machen können, wenn auch zwei gottloſe Ammen mit mir davongelaufen wären, und wenn ſie mich, um eben die Erſtlinge des Lebens zu koſten, auf fünfzig Leichenſteine gelegt hätten. Meine Natur hätte ſich dagegen empört, eine Muskete zu tragen, ganz ſicherlich, während ich mich auf der See faſt immer zu Hauſe fühlte.“ Kitty gab keine Antwort, wahrſcheinlich, weil ſie nicht recht wußte, was ſie aus dieſer neuen Erwerbung eines Oheims machen ſollte. „Eure Großeltern glaubten, Euer Oheim ſei Soldat geworden,“ bemerkte ich;„nachdem man aber die fragliche Perſon geſprochen hatte, entdeckte man den Irrthum und — 110— jetzt hat ſich die Wahrheit in einer Weiſe dargeſtellt, welche keinen Zweifel mehr aufkommen läßt.“ „Wie heißt der Oheim?“ fragte die Nichte mit leiſer, zaudernder Stimme:„der Mutter Bruder erhielt in der Taufe den Namen Oloff, wie die Großmutter mir geſagt hat.“ „Sehr richtig, Liebe; wir haben das Alles beſprochen, die alte Dame und ich. Man ſagte mir aber auch, ich ſei unter dem Namen Moſes getauft worden. Ich denke doch, Du weißt, wer Moſes geweſen iſt, Kind?“ „Ganz gewiß, Oheim,“ ſagte Kitty und lächelte ein wenig ſtaunend.„Er war der große Geſetzgeber der Juden.“ „He, Miles, iſt's ſo?“ Ich nickte beiſtimmend. „Und weißt Du, wie er in dem Schilfrohre gefunden worden und kennſt Du die Geſchichte der Tochter des Königs von Aethiopien?“ „Des Königs von Egypten, meint Ihr doch wohl, Oheim Oloff?“ rief Kitty und lächelte abermals. „Nun, Aethiopien oder Egypten, dies iſt Alles ziemlich eins und daſſelbe. Dieſes Mädchen hat eine wun⸗ dervolle Erziehung erhalten, Miles, und wird in zwanzig Jahren, oder wenn wir uns in die Breite der lieben, guten, alten Seele an dem Hügel drunten hingearbeitet haben, eine merkwürdige Geſellſchaft in langen Winterabenden für uns abgeben.“ In dieſem Augenblick ließ Kitty einen ſchwachen Ausruf — hörer Aust blicke Obſt auße ſitzt. irger geber mit ſich zu l ware aus muß Grof dieſe auf raſch Lüfte Unter zu ſe — 111— welche hören; dieſem folgte ein Erröthen und ein Wechſel des b Ausdrucks, welcher andeutete, daß ſie gerade in dieſem Augen⸗ leiſer, blicke an nichts weniger, als an den Oheim Oloff dachte. in der Ich bat um eine Erläuterung. t hat.“„Es war nur Horaz Bright, welcher dort in dem rvchen, Obſtgarten nach uns herüber ſah. Er wird vor Neugierde . 8 außer ſich ſein, wer hier in dem alten Wagen bei mir ) denke ſitzt. Horaz glaubt, er könne ein Pferd beſſer führen, als irgend Jemand in dieſer Gegend; Ihr müßt daher acht geben, daß Ihr die Zügel ſorgfältig haltet und die Neitiche eer der mit Vorſicht braucht!“ Dies war keine gute Vorbedeutung für Marble's Pläne, elte ein 8.. ſich ſeine alten Tage durch Kitty's Geſellſchaft erheitern funde zu laſſen; da wir aber jetzt auf dem Gipfel der Höhe nden waren und die Cottage ſich zeigte, war Horaz Bright bald Königs. aus dem Geſichte verloren. wohl, 8 Um dem Mädchen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, muß ich bemerken, daß ſie jetzt ausſchließlich an ihre Alles Großmutter und an die Wirkung zu denken ſchien, welche dieſe unerwartete Entdeckung ihres Sohnes wahrſcheinlich hunee auf eine ſo bejahrte, ſchwache Frau hervorbringen würde. guten, Mich ſelbſt betreffend, ſo war ich nicht wenig über⸗ haben, raſcht, Herrn Hardinge und Miſtreß Wetmore, von den den für Lüften des milden Sommerabends umſpielt und in ernſte —— Unterhaltung vertieft, an dem Abhange der Cottage ſitzen lusruf zu ſehen, während Lucy auf dem kurzen Graſe des Ufers — 112— mit einer Ungeduld und Unruhe hin⸗ und herging, welche ihrem Weſen ſonſt ſo ganz fremd waren. Sobald Kitty aus dem Wagen war, lief ſie, von Marble gefolgt, zu ihrer Großmutter, während ich der Stelle zueilte, wo der Gegenſtand aller meiner Gedanken zu finden war. 3 Lucy's Antlitz war ganz Gefühl und Beſorgniß, und ſie empfing mich mit ausgeſtreckter Hand, welche, ſo an⸗ muthig dieſe Bewegung ſelbſt war, und ſo unendlich glück⸗ lich ſie mich unter andern Umſtänden gemacht haben würde, mir jetzt nichts Gutes zu bedeuten ſchien. „Miles, Ihr ſeid ein Jahrhundert abweſend geweſen!“ begann Luey.„Ich wäre geneigt, Euch Vorwürfe zu machen, hätte ſich dieſe außerordentliche Geſchichte nicht begeben, welche mir jene Matrone vollſtändig erzählt hat. Ich fühle das Bedürfniß, freie Luft zu athmen und mich zu bewegen. Gebt mir Euern Arm und laßt uns eine kleine Strecke den Weg hinauf wandeln. Mein Vater wird die glückliche Familie nicht gemn verlaſſen, ſo lange die Nacht nicht hereingebrochen iſt.“ 3 Ich gab Lucy den Arm und wir verfolgten die Straße und ſtiegen den Hügel hinan, von welchem ich eben herab⸗ gekommen war; aber all das ließ mich die Thatſache nicht überſehen, daß Lucy ſich in einem fieberhaft aufgeregten Zuſtande befand. Ein ſolches Gehaben ſchien mir ſo un⸗ exklärlich, daß ich abwarten wollte, was ſie beſchlöſſe. Euer Freund, Marble,“ fuhr ſie im Geſpräche fort, mich muf wer ſeine wie brach blieb bring Mile geda etwa Es weſer der fühlt burt Man einer nie d ſtens gleich geben 211 welche , von ch der danken , und ſo an⸗ glück⸗ würde, heſen!“ erfe zu e nicht alt hat. d mich is eine Vater blange Straße herab⸗ ze nicht geregten ſo un⸗ ſſe. he fort, — wich weiß nicht, warum ich nicht ſage: unſer Freund— muß ſich ſehr glücklich fühlen, daß er endlich entdeckt hat, wer ſeine Eltern ſind, und daß er ſie ſo ehrenhaft und ſeiner Liebe würdig befand.“ „Bis jetzt ſcheint er eher betäubt als glücklich zu ſein, wie dies mit der ganzen Familie der Fall iſt. Die Sache brach ſo unerwartet über ſie herein, daß ihnen keine Zeit blieb, ihre Gefühle mit dem Begebniß in Einklang zu bringen.“.. „Die Familien⸗Liebe iſt etwas erhabenes, herrliches, Miles,“ begann Lucy nach einer kurzen Pauſe, in ihrer gedankenvollen Weiſe ſprechend, wieder; nesgibt kaum etwas in der Welt, das ihren Verluſt zu erſetzen vermöchte., Es muß für den armen Burſchen traurig, ſehr traurig ge⸗ weſen ſein, ſo lange ohne Vater, Mutter, Schweſter, Bru⸗ der oder irgend einen bekannten Verwandten zu leben!“ „Marble mag es wohl ſo befunden haben; dennoch fühlte er, glaubggichm die Schmach, welche auf ſeiner Ge⸗ burt laſtete, s ſeine vereinſamte Lage. Der Mann hat ein tl warmes Gefühl, obgleich er es in einer etwas rauhen Weiſe äußert.“ „Ich wundere mich, daß ein Mann in ſeiner Lage nie daran dachte, ſich zu verheirathen; er hätte dann wenig⸗ ſtens im Schooße ſeiner eigenen Familie leben können, ob⸗ gleich er das Glück, Eltern zu haben, nie kaunte.“ „Dies ſind Gedanken, wie ſie einem zärtlichen, hin⸗ gebenden, weiblichen Herzen entſtrömen, liebe Lucy. Was 211— 213. 8 — 114— ſoll ein Seemann aber mit einem Weibe thun? Man hat mir geſagt, Sir John Jervis— der jetzige Lord St. Vin⸗ cent— habe ſtets behauptet:„ein verheiratheter Seemann, ein verdorbener Seemann;“ und ich glaube, Marble liebt ein Schiff ſo ſehr, daß er kaum wüßte, wie er ein Weib lieben ſollte.“. Luey gab auf dieſe unbedachte, alberne Rede keine Antwort. Ich weiß kaum, warum ich dieſe Worte geäußert hatte; das Herz hat aber ſeine bittern Launen, wo es in Gefühle und Reden ausbricht, welche mit ſeinen eigent⸗ lichen Impulſen ſehr wenig im Einklang ſtehen. Ich ußf über das, was ich ſo eben geſagt hatte, ſo beſchämt und zumal erſchreckt, daß ich, ſtatt ſelbſt darüber, als über alberne nichtsſagende Worte zu lachen, oder mich dahin auszuſprechen, daß dies nicht meine eigene Denk⸗ weiſe ſei, eine kleine Strecke ſchweigend fortging und meine Begleiterin darin meinem Beiſpiele ſolgen ließ. 3 Ich habe ſeit jener Zeit Grux bt zu glauben, Lucy ſei mit meiner Weiſe, den Ga zu behandeln, nicht zufrieden geweſen, obgleich ſie as herrliche We⸗ ſen!— mir etwas mitzutheilen hatte, das zu ſchwer auf ihrem Herzen lag, als daß ein ſo edles, ſelbſtſuchtloſes Geſchöpf viel an etwas Anderes hätte denken ſollen. „Miles,“ ſagte Luey, endlith das Schweigen brechend, „ich wünſche, ja, ich wünſche wirklich, wir wären der andern Schlupe dieſen Morgen nicht begegnet.“ Ich blieb plötzlich ſtehen, ließ den Arm meiner Beglei⸗ terin ich il in ih 6 und d mehr nung ihre nen, langen köſtlich drückte ich m kaum 71 Anſpr res de dern( Brude 81 geben Schwe Andere eiteln din üb ſchwick n hat Vin⸗ nann, liebt Weib keine äußert es in eigent⸗ te, ſo rüber, r mich Denk⸗ meine auben, ndeln, e We⸗ er auf htloſes echend, en der Beglei⸗ —— terin ſinken und blickte ihr feſt in das Geſicht, als wollte ich ihre innerſten Gedanken in dieſem Spiegel der Seele, in ihren reinen, ſanften, ſüßen blauen Augen leſen. Ich ſah, daß die Farbe aus dem Geſichte gewichen und daß die ſchönen Lippen, denen die Worte, welche mich mehr durch ihren Ton, als durch ihre beſtimmte Bezeich⸗ nung erſchreckt hatten, in einer Weiſe entſtrömten, welche ihre liebliche Herrin nicht bewältigen konnte. Auch Thrä⸗ nen, ſo groß wie ſchwere Regentropfen, zitterten in ihren langen ſeidenen Liedern, während ſelbſt die Stellung des köſtlichen Weſens Schmerz und Hoffnungsloſigkeit aus⸗ drückte. „Dies bezieht ſich auf Grace!“ rief ich aus, obgleich ich meinen Athem ſo beengt fühlte, daß ich das Wort kaum herausbringen konnte. „Wer, oder was ſonſt kann jetzt unſere Gedanken in Anſpruch nehmen, Miles? ich kann kaum an etwas Ande⸗ res denken, als a ce und wenn ich mich einem an⸗ dern Gedanken zu iſt es nur der, daß mein eigner Bruder ſie getödtet hat Welche Antwort hätte ich auf eine ſolche Aeußerung geben können, wenn mein Geiſt auch hinſichtlich meiner Schweſter hinreichend beruhigt geweſen wäre, um an etwas Anderes zu denken? So wagte ich es nicht einmal, den eiteln Verſuch zu machen, das bittere Gefühl meiner Freun⸗ din über Rupert's Schunde in irgend einer Weiſe zu be⸗ ſchwichtigen. 8 ½ — 116— „Grace beſindet ſich alſo in Folge des unſeligen Zu⸗ gegen ſammentreffens ſchlimmer?“ fragte oder bemerkte ich viel⸗ 5 eigen mehr.— war, „O Miles, welche Unterredung hatte ich dieſen Nach⸗ det r mittag mit ihr? Sie ſpricht bereits mehr, wie ein Weſen, ſchaf welches den Gefilden der Seligen angehört, denn wie ein ein A irdiſches Geſchöpf. Es beſteht jetzt kein Geheimniß mehr unſer zwiſchen uns. Sie hätte es mit Freuden vermieden, mir ihr Verhältniß zu Rupert mitzutheilen, wären wir nicht eines ſo weit geweſen, daß ich mehr wiſſen wollte. Ich glaubte,„ein es erleichtere ihr Gemüth, und es zeigte ſich mir, wenn V Kreiß auch enſgrut, die Möglichkeit, ein Mittel ausfindig zu zu machen, das für den Zuſtand der armen Freundin noch Geh fördetlicher wäre. Ich glaube, für den erſteren Zweck war jener es nicht ganz unerſprießlich, denn ſie ſchlummert jetzt.“ Luey „Hat Grace ſich irgend geäußert, daß Ihr mir die und klägliche Geſchichte mittheilen ſolltet?“ zuzu „In der That iſt's eine klä eſchichte! Miles, Anſſ ſie waren ſeit Grace's fünfzehnte verſprochen. Ich meine, wirklich und ausdrücklich, ni urch ein ſtillſchwei⸗ Ton gendes Einyerſtändniß verſprochen, durch welches junge Ran Leute in einem ſolchen vertraulichen Zuſammenleben ſich nach gewöhnlich verbunden glauben, einander zu eheligen.“ an, „Und wie löſte ſich eine ſo frühe, ſo lange fortgeſetzte den Verbindung?“ „Durch die Schuld Rupert's, der den Tod hätte wäh⸗ in e len ſollen, ehe er gegen ſich, gegen meinen armen Vater,„ w en Zu⸗ ch viel⸗ Nach⸗ Weſen, wie ein ß mehr n, mir ir nicht glaubte, , wenn ndig zu in noch deck war etzt.“ mir die Miles, den. Ich illſchwei⸗ s junge eben ſich en.“ rtgeſetzte itte wäh⸗ n Vater, — 117— gegen mich, gegen uns Alle, Miles, ſo wie gegen ſeinen eigenen Mannescharakter ſo treulos werden konnte! Es —war, wie wir vermutheten; er iſt durch den Eclat geblen⸗ det worden, mit welchem unſere kleinlich denkende Geſell⸗ ſchaft dieſe Merton umgab; und Emily iſt, wie Ihr wißt, ein glänzendes Weſen, wenigſtens für die, welche nur an unſere einfachen Sitten gewöhnt ſind.“ Ach, Lucy wußte damals kaum,— ſie wurde ſeitdem eines beſſern belehrt,— daß„glänzende“ Frauen unſerem „einfachen“ Geſellſchaftszuſtande viel mehr als jenen⸗ Kreiſen angehören, welche man zu den vorgeſchrittenern zu rechnen pflegt. Emily Merton war aber in ihrem Gehaben künſtlicher, als dies bei unſeren Manhataneſinnen jener Zeit in der Regel der Fall war, und dies wollte Lucy andeuten,— Lucy, die ſtets ſo demüthig von ſich dachte und ſtets ſo bereit war, ihren Nebenbuhlerinnen alles das zuzugeſtehen, was man möglicherweiſe zu deren Gunſten in Anſpruch nehmen konnte. „Ich habe wohl bemerkt, welche Wichtigkeit unſere Tonangeber auf engliſche Verwandtſchaft und engliſchen Rang legen,“ antwortete ich;„Emily Merton gehört aber, nach meinem Dafürhalten, durchaus keiner ſo hohen Klaſſe an, daß Rupert Hardinge treubrüchig werden dürfte, um den Vortheil zu ernten, ihr und ihrer Familie anzugehören.“ „Dies kann es nicht allein ſein, Miles,“ ſetzte Lucy in einem bittenden, aber rührend vertraulichen Tone hinzu: „wir Beide haben einander von früheſter Kindheit auf gekannt, und wie groß auch die Schwächen deſſen ſein mögen, — 118= der mir ſo nahe angehört, und der, wie ich hoffe, auch Eure Liebe noch nicht ganz verloren hat, wir können ein⸗ ander vertrauen. Ich werde mit der größten Zuverſicht auf Eure Freundſchaft und mit einem Vertrauen auf Euer Herz ſprechen, das in jeder Beziehung dem gleich iſt, wel⸗ ches ich auf meinen Vater ſetze; denn dies iſt ein Gegen⸗ ſtand, welcher die größte Offenheit zwiſchen uns heiſcht. Unmöglich kann ein ſo biederer, gerader, ehrenhafter Mann, wie Ihr, ſo lange in vertrautem Umgange mit Rupert gelebt und überſehen haben, daß es ihm auffallend an Charakter mangelt.. „Ich habe längſt gewußt, daß er launiſch iſt,“ ant⸗ wortete ich, da ich, Lucy gegenüber, in Betreff der Fehler ihres Bruders nicht ſtreng ſein wollte;„ich ſollte vielleicht hinzuſetzen, er lege zu viel Werth auf Modeleben und die Anſichten von Modeleuten.“ 1 2 „Nein, Miles, da wir uns ſelbſt nicht täuſchen können, wollen wir auch den undankbaren Verſuch nicht machen, uns gegenſeitig zu täuſchen,“ verſetzte das treuherzige Weſen, obgleich ſie dies mit ſo großer Anſtrengüng vorbrachte, daß ich aufmerkſam zuhören mußte, um kein Wort zu verlieren. „Rupert hat ſchlimmere Fehler, als dieſe. Er iſt geld⸗ ſüchtig; auch iſt er nicht ſtets wahr. Der Himmel weiß, wie bitter ich über dieſe Flecken ſeines Charakters geweint und welchen Kummer ſie mir von Kindheit auf gemacht haben. Aber mein lieber, lieber Vater überſieht ſie alle, oder vielmehr er ſieht ſte und hofft das Beſte; es iſt hart für einen Vater, ein Kind für unverbeſſerlich zu halten.“ , auch en ein⸗ verſicht ff Euer , wel⸗ Gegen⸗ heiſcht. Mann, Rupert end an “ant⸗ Fehler jelleicht und die * können, nachen, Weſen, te, daß rlieren. t geld⸗ l weiß, geweint gemacht ie alle, ſt hart lten.“ Ich wollte Lucy bei dieſem Gegenſtande nicht länger verweilen laſſen; denn ihre Stimme, ihre Züge, ich möchte faſt ſagen, ihre ganze Geſtalt verriethen, wie viel es ſie koſte, auch nur ſo viel von Rupert zu ſagen. Ich hatte längſt gewußt, daß Lucy ihren Bruder nicht ſo ſehr achten konnte, wie ſie wohl gerne gethan hätte; ſie hatte mir dies aber nie in Worten, oder auch auf irgend eine andere Weiſe kund gethan, welche nicht der Beachtung eines Jeden entgangen wäre, der beide Theile weniger gründlich kannte, als ich. Ich konnte bemerken, daß ſie fühlte, wie die traurigen Folgen, welche das Benehmen ihres Bruders haben mußte, mir einen Anſpruch auf ihre Offenheit gab, und daß es ſie in tiefſter Seele drängte, Alles, was in ihrer Macht ſtand, zu thun, um die Wucht des Schlages zu vermindern, wel⸗ cher von einem unwürdigen Bruder ausging. Ich würde ungroßmüthig geweſen ſein, hätte ich ein ſolches Opfer einen Augenblick länger andauern laſſen, als nöthig war.. „Erlaßt Euch, und mir, theuerſte Lucy,“ ſagte ich eifrig,„jede Erläuterung, welche nicht ganz unerläßlich iſt, um mich genau mit der Lage meiner Schweſter bekannt zu machen. Ich geſtehe jedoch, daß ich zu wiſſen wünſchte, wie Rupert es anfing, ſich einer Verbindung zu entziehen, welche vier Jahre gedauert hatte, und welche die Quelle ſo vieler unſchuldiger Freuden für Grace und ihn gewe⸗ ſen iſt?“. „Ich wollte darauf kommen, Miles; und wenn Ihr — 120— dies wißt, wißt Ihr Alles. Grace bemerkte ſeine Artig⸗ er keiten gegen Emily Merton lange Zeit; es kam aber nie zu zu einer mündlichen Erklärung zwiſchen ihnen, als bis ſie M die Stadt verließ. Da fühlte ſie, daß ſie es ſich ſelbſt un ſchuldig ſei, klar zu ſehen, und nach einer Unterredung, ve welche nicht ſehr ins Einzelne ging, erbot ſich Eure Schweſter, zu Rupert, wenn er dies ja wünſchte, ſeines Wortes zu entbinden.“ „Und was erwiederte er auf einen Antrag, welcher me eben ſo großmüthig, als offen war?“ ge „Ich muß Grace die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, w zu bemerken, Miles, daß in Allem, was ſie ſagte, die ſch größte Zärtlichkeit gegen meinen Bruder vorherrſchte. Den⸗ noch konnte ich nur das Weſentliche deſſen, was ſich bege⸗ ve ben, erfahren. Rupert ſtellte ſich anfangs, als glaubte er, 3 Grace ſelbſt wünſche die Verbindung gelöſt zu ſehen; damit A konnte es ihm aber bei ihrer unbefangenen Natürlichkeit Ff nicht glücken. Sie ſuchte nicht zu verhehlen, wie tief ſie fo einen Wechſel in ihrer Lage fühlen würde und welchen b he Einfluß derſelbe auf ihr künftiges Glück haben dürfte.“ „Ja, dies glich Beiden; dies war Rupert, dies war w Grace!“ ſagte ich leiſe vor mich hin. Lucy ſchwieg einen Augenblick, um ſich wieder zu in ſammeln, und fuhr dann fort: be „Als Rupert ſah, daß die Verantwortlichkeit wegen le des Bruches ihm anheim fallen müſſe, ſprach er aufrichtiger. od Er geſtand Grace, ſeine Anſichten hätten ſich geändert; ſe er ſagte, ſie ſeien Beide zu jung geweſen, als ſie ihr Ver⸗ ur ſprechen ausgetauſcht, und er habe ſich zu einer Zeit, wo Irtig⸗ nie s ſie ſelbſt dung, heſter, den.“ elcher aſſen, „ die Den⸗ bege⸗ te er, damit chkeit f ſie lchen 44 war er zu vegen tiger. dert; Ver⸗ „ wo — 121— er einen ſo feierlichen Vertrag noch nicht eingehen können, zu einem Ehebündniß verpflichtet; er äußerte etwas von Minderjährigen und ſchloß damit, daß er ſeiner Armuth und, nachdem Miſtreß Bradfort mir ihr ganzes Vermögen vermacht habe, ſeiner gänzlichen Unfähigkeit⸗ eine Familie zu ernähren, erwähnte.“ „Und dies iſt der Mann, welcher die Welt glauben machen will, er ſei der wahre Erbe;— ja, der mir ſelbſt geſagt hat, er betrachte Euch nur als eine Art Betraute, welche über die Hälfte oder zwei Drittheile des Vermögens ſchalte, bis es ihm beliebe, ſeine Rechte geltend zu machen.“ „Ich weiß, daß er Anſichten dieſer Art Glauben zu verſchaffen ſuchte,“ antwortete Luey mit leiſer Stimme „wie gerne würde ich ſeine Hoffnungen verwirklichen, wenn Alles noch ſo wäre, wie es uns ehedem erſchien. Mit Freuden gäbe ich jeden Dollar, den ich von Miſtreß Brad⸗ fort habe, hin, könnte ich Grace glücklich, Rupert ehren⸗ haft ſehen!“ „Ich fürchte, Lucy, wir werden das erſtere nie erleben, wenigſtens nie in dieſer ſchlimmen Welt.“ „Ich habe dieſe Verbindung nie gewünſcht, ſeit ich im Stande war, meines Bruders wahren Charakter zu beurtheilen. Er würde ſtets zu flatterhaft und von zu leichtfertigen Grundſätzen geweſen ſein, um dem Herzen oder dem Verſtande Eurer Schweſter zu genügen. In ſeiner Entſchuldigung, daß die Verbindung zu früh und unüberlegt abgeſchloſſen worden, mag wohl einiges Wahre ſein. So junge Leute können kaum wiſſen, was einige — 122— Jahre ſpäter ihre eigenen Charaktere fordern, oder nicht fordern mögen. Wie die Dinge jetzt ſtehen, würde ſelbſt Grace ſich weigern, Rupert ihre Hand zu geben. Sie geſtand mir, der ſchwerſte Theil des Schlages ſei die Ent⸗ täuſchung in Betreff ſeines Charakters geweſen. Ich ſprach offener mit ihr, als vielleicht eine Schweſter geſprochen haben würde; ich wünſchte aber ihren Stolz rege zu machen, da dies ein Mittel werden kann, ſie zu retten. Ach, Grace iſt ganz Liebe, und da dieſe einmal welk iſt, fürcht' ich, Miles, wird ihr übriges Daſein auch dahinwelken.“ Ich antwortete nicht auf dieſe weiſſagende Bemerkung; denn Luey's Beſuch an dem Ufer, ihr Benehmen und Alles, was ſie geſagt hatte, überzeugte mich, daß ſie, bis auf einen gewiſſen Grad, der Hoffnung entſagt hatte. Wir unterhielten uns, auf dem Rückwege zu der Cot⸗ tage, noch eine Zeitlang; es erfolgte jedoch keine Art Mit⸗ theilung, deren hier erwähnt werden müßte. Keines von uns dachte an ſich, und ich hätte eben ſo gut verſuchen können, eine Kirche zu entweihen, als in einem ſolchen Augenblicke den geringſten Einfluß auf Lucy's Herz zu gewinnen. Alle meine Gefühle wendeten ſich wieder meiner armen Schweſter zu und ich ſtarb faſt vor Ungeduld, an Bord des Schiffes zurückzukehren, dem es in der That Zeit war entgegen zu rudern, denn die Sonne war bereits eine Zeitlang verſchwunden, und ſelbſt die Dämmerung nahte ihrem Ende. icht elbſt Sie Ent⸗ rach hen hen, race ich, ng; les, auf Cot⸗ Nit⸗ von then chen zu Fünftes Kapitel. Durch Kunſt und Zauberſpruch kann leicht Des Feldes Schlange ſchadlos werden; Doch ſie, die wild das Herz beſchleicht,— Wer bändigt ſie auf dieſer Erden? Lord Byron. Es war nicht leicht, Herrn Hardinge zu veranlaſſen, meine Ungeduld zu theilen. Er hatte große Vorliebe für Marble und war über dieſe zufällige Entdeckung der Ver⸗ wandten des Maats ſo erfreut, als wenn er ſelbſt zu der Familie gehörte. Unter dem Einfluſſe ſolcher Gefühle ward es mir daher ſchwer, ihn zum Aufbruche zu bewegen. Ich bat Marble, mit mir an Bord zu kommen, verſprach ihm jedoch, ihn wieder an das Land rudern zu laſſen, damit er die erſte Nacht nach ſeiner Anerkennung als Sohn unter dem Dache ſeiner Mutter hinbringen könnte. Dieſem Plane wollte er jedoch nicht beiſtimmen, ſobald er hörte, es ſei meine Abſicht, ſtromab bis Neu⸗York zu ſegeln, um mich bei den Aerzten weitern Raths zu erholen, und er beſtand darauf, mich zu begleiten, um die tauſend Dollar zu erheben, mit welchen er dem Squire Van Taſſel, oder doch dem Verkaufe des Pfandgutes entgegen zu treten dachte. So mußte denn Abſchied genommen werden und um acht Uhr waren wir Alle an Bord der Schlupe. Ich ſah meine Schweſter dieſen Abend nicht mehr, begehrte auch nicht, zu ihr zu kommen. Ich hatte ſie ſeit dem Augenblicke nicht mehr geſehen, wo wir Rupert in Geſellſchaft der Merton erblickt hatten; und ich fürchtete — wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll— dieſes Wiederſehen, denn ich wußte, welchen Einfluß ihr Gemüth gewöhnlich auf ihren Körper äußerte. Es ſchien mir, als läge mir jetzt nur die einzige Pflicht ob, ſo ſchnell als möglich nach Neu⸗York zu eilen, um die nöthige ärztliche Hülfe zu ſuchen. Zwar waren wir im Beſitze ſchriftlicher Anweiſungen Poſt's und kannten ſeine Anſicht, daß es vorzüglich darauf ankomme, Grace's Geiſt zu zerſtreuen, damit ihre Gedanken nicht bei dem Hauptgrunde ihrer Krankheit verweilen; nachdem er uns aber verlaſſen hatte, ſchien es mir, als vernachläſſigte ich eine der heiligſten Pflichten, wenn ich zögerte, den Rath eines andern tüchtigen Arztes einzuholen. Die Ebbe erfolgte um neun Uhr und wir traten bei einem leichten Südweſtwinde ſogleich unſere Reiſe an. Marble, welcher ſo wenig, wie Herr Hardinge, den wah⸗ ren Zuſtand meiner Schweſter kannte, beſchloß ſeine neue⸗ ſten Entdeckungen durch ein Nachteſſen zu feiern. Ich war im Begriff, mich Grace's wegen einem ſolchen Vorhaben zu widerſetzen, als mich Lucy bat, ihm ſeine Freude nicht zu verderben; ſolche Gäſte, wie mein bisheriger Vormund und mein eigener Maat, würden wahrſcheinlich nicht ſehr geräuſchvoll ſein; auch glaube ſie, daß die Unterhaltung, ———, ſo weit man ſie durch die Schotten hören könne, dazu bei⸗ tragen werde, die Kranke zu zerſtreuen und ihren Geiſt von der Scene dieſes Morgens abzulenken. Der Plan wurde demnach in's Werk geſetzt und die Kajüten des Wallingford's boten nach einer Stunde ein ſeltſames Schauſpiel dar. Grace gab ſich in ihrer Back geduldig und freundlich dem Wunſche ihrer Freundin hin, und ſchien ihrer Erzäh⸗ lung von der Veranlaſſung des Marble'ſchen Feſtes zuzu⸗ hören und ſich an ſeinen Einfällen zu ergötzen. Lucy, welche, wie ich durch die offene Thüre der Hinter⸗Kajüte ſehen konnte, ganz Sorgfalt und Aufmerkſamkeit für ihre kranke Freundin war, bemühte ſich zumal, ihre Theilnahme an dem Geſchäfte, welches an dem Tiſche vor ſich ging, möglichſt zu bethätigen, trank auch mit dem Maat ein Glas Wein und brachte die Geſundheit ſeiner wiedergefun⸗ denen Verwandten aus. Herr Hardinge ſtrömte von Men⸗ ſchenliebe über und war des guten Glückes ſeines Freundes ſo voll, daß er in dieſem Augenblicke an nichts Anderes dachte. Marble ſelbſt gab ſich nach und nach dem Einfluſſe ſeiner neuen Lage ganz hin, da ſeine Gefühle Zeit gehabt hatten, ſich zu kräftigen und ihre gewöhnliche Richtung zu nehmen; während ich mich gezwungen ſah, mir den Schein zu geben, als nähme ich an ſeinen Feſtlichkeiten in einem Augenblicke Theil, wo meine ganze Seele mit der Beſorg⸗ niß um Grace erfüllt war. „Dieſe Milch iſt die beſte und trefflichſte, welche je an Bord eines Schiffes kam,“ rief der Maat aus, als er eben im Begriffe war, ſeinem Antheil an dem Mahle eine Taſſe Kaffe zuzuſetzen,„und was die Butter betriſſt, ſo darf ich faſt ſagen, ich hätte den Artikel früher noch nie gekoſtet. Die kleine Kitty hat beides eigenhändig an das Boot herab gebracht und das Geſchenk dadurch nur noch annehmlicher gemacht; denn wenn etwas die Vorzüglichkeit ſolcher Dinge erhöhen kann, ſo iſt es der Gedanke, ſie aus den Händen ſeiner eigenen Verwandten erhalten zu haben. Ich darf wohl ſagen, Herr Hardinge, daß Ihr dies durch eigene Erfahrung oft und viele Male beſtätigt gefunden habt.“ „In dem Gefühle, mein Freund, in dem Gefühle; aber in dem Sinne, wie Ihr es meint, nur ſelten in der Wirklichkeit. Meine Familie war meine Gemeinde, ich müßte denn Miles hier und ſeine geliebte Schweſter mei⸗ nen eigenen Kindern beizählen können, wie ſie es denn auch meinem Herzen ſtets geweſen ſind. Aber ich kann es wohl gewiß begreifen, daß Butter, von der Hand der eigenen Mutter oder von der einer ſo hübſchen Nichte, wie Eure Kitty, bereitet, mir um ſo angenehmer ſchmecken muß.“ „Es iſt doch herrlich von der Vorſehung, wie Ihr Euch ausdrückt, mir zu Allem auch noch eine ſolche Mutter zu ſchenken. Ich hätte ja auch eine Dirne, oder eine Schlumpe, oder ein Weib von ſchlechtem Lebenswandel, oder eine, die nie in die Kirche ging, oder ſelbſt eine, die fluchte und trank, finden können; denn mit Eurer Erlaubniß, Miſtreß, ſei es geſagt, es gibt in der That auch ſolche — 127— — Geſchöpfe; aber nein, ſtatt auf eine mit ſo unangenehmen Empfehlungen zu ſtoßen, finde ich eine A, No. 1⸗Mutter; ja, eine Matrone, deren ſich ſelbſt der König von England nicht zu ſchämen brauchte.*) Ich fühlte mich ſtark gedrängt, auf meine Kniee zu ſinken, Herr Hardinge, und die liebe, gute alte Seele zu bitten, mich das Wort hören zu laſſen: „Gott ſegne dich, mein lieber Sohn Moſes, Van Duzer, oder Oloff, oder wie du ſonſt heißen magſt!““ „Und wenn Ihr dies gethan hättet, Marble, wärt Ihr darum nicht um ein Haar ſchlimmer geweſen. Solche Gefühle ehren Euch und Niemand darf ſich ſchämen, den Segen des Vaters oder der Mutter zu erflehen.“ „Ich denke, mein lieber Herr,“ ſetzte Marble unſchul⸗ dig hinzu,„dies iſt's wohl, was man religiöſe Gefühle nennt? Ich habe oft geahnt, daß die Religion mich doch am Ende noch einholen würde; und ſeit ich nun in Betreff des bittern Gedankens, daß ich Niemand, und daß mir Niemand angehöre, mein Herz erleichtert fühle, iſt eine große Veränderung mit meinen Gefühlen vorgegangen, und ich hege den ſehnlichſten Wunſch, mit der ganzen menſch⸗ lichen Familie in Frieden zu leben— nein, nicht mit der *) Zu jener Zeit waren alle Anſpielungen auf königliche Würde nur auf die großbritanniſche Majeſtät beſchränkt, und es war im Anfange dieſes Jahrhunderts nichts ungewöhnliches, an vielen der beſten Tiſche des Landes die Geſundheit des„Königs“ trin⸗ ken zu hören. Der Verf. ganzen dieſen alten ſchurkigen Van Taſſel nehme ich aus.“ „Ihr dürft Niemand ausnehmen, man lehrt uns: „Liebet Eure Feinde, ſegnet die, welche euch fluchen, und betet für die, welche euch beleidigen und verfolgen.““ Marble blickte den alten Geiſtlichen ſtarr an; denn es würde, um die Wahrheit zu ſagen, ſchwer geweſen ſein, in einem chriſtlichen Lande Jemand zu finden, der in der Religion weniger unterrichtet geweſen wäre, als er. Es iſt ſehr wahrſcheinlich, daß dieſe ſo bekannten Gebote ihm noch nie zu Ohren gekommen waren; ich gewahrte aber doch, daß die tiefe ſittliche⸗Wahrheit, welche in ihnen liegt, — eine Wahrheit, deren erhabenen Charakter jedem menſch⸗ lichen Herzen einleuchten muß— ihn gewaltig ergriff. Aber er war noch zweifelhaft. „Wo heißt man uns ſo handeln, mein lieber Herr?“ fragte Marble, nachdem er den Geiſtlichen einen Augen⸗ blick ernſt angeſehen hatte. „Wo? da, wo der ganze göttliche Wille und die höchſte Weisheit ſich ausſpricht— in der heiligen Schrift. Ihr müßt dahin kommen, dieſem Herrn Van Taſſel Gutes, und nichts Böſes zu wünſchen; ihn zu lieben, nicht zu haſſen ſuchen.“ „Iſt das Religion?“ fragte der Maat in ſeiner ruhig⸗ ſten, beſtimmteſten Weiſe. „Es iſt Chriſtenthum, deſſen Geiſt, deſſen innerſtes Weſen,— ohne welches das Herz nicht auf dem rechten Pfade 9 wandeln kann, welche täuſchende Reden auch die Zunge vorbringen mag.“ Marble ſchätzte meinen frühern Vormund ſowohl nach Allem, was ich ihm zu deſſen Gunſten erzählt hatte, als auch nach dem, was ihm ſelbſt von ſeinen wohlwollen⸗ den Gefühlen, ſeinen treuherzigen Grundſätzen, und ſeinem trefflichen Verſtande bekannt geworden war, ſehr hoch; den⸗ noch war es nicht leicht, ein Geſchöpf, wie Marble, zur Einſicht zu bringen, daß er denen Gutes ihun müßte, welche ihn verachten und verfolgen; und gerade in dieſem Augen⸗ blicke war er in einer Gemüthsſtimmung, wo er gern alles Andere gethan, als einem Van Taſſel verziehen hätte. Da ich den Mann ſo gut kannte, leuchtete mir all dies gar wohl ein, und um einer unnützen Verhandlung zuvorzukommen, welche meine Schweſter hätte beunruhigen können, ſuchte ich das Geſpräch abzulenken, ehe es zu ſpät war; ich ſage zu ſpät; denn es iſt nicht leicht, zwei Sitten⸗ lehrer, welche ſo feſt an ihren Grundſätzen halten, wie Herr Hardinge und mein Maat, auseinander zu bringen. „Ich freue mich, daß der Name dieſes Van Taſſel genannt worden iſt,“ bemerkte ich,„da Euer Rath, Herr, wie wir in dieſer Sache am zweckmäßigſten verfahren dürf⸗ ten, uns ſehr erwünſcht ſein muß.“ Ich erzählte Herrn Hardinge nun die Geſchichte von der Pfandſchuld und deutete auf die Dringlichkeit hin, raſch zu handeln, da der Verkauf auf die nächſte Woche ange⸗ ſetzt war. 211— 213. 9 Herr Hardinge war mit der Gegend ſtromaufwärts beſſer bekannt, als ich, und es war ein Glück, daß der Gegenſtand zur Sprache gekommen war; denn er überzeugte mich bald, daß der einzige Weg, welchen man einſchlagen könne, der ſei, Marble zu Hudſon ausſteigen zu laſſen, wo er, wenn der regelmäßige Wagen bereits abgegangen wäre, leicht eine andere Gelegenheit finden konnte, um ſich ſo ſchnell als möglich zu Land nach Neu⸗York zu begeben⸗ Auf dieſe Weiſe konnte er gerade ſo viel Zeit gewinnen, als nöthig war, ſeine Geſchäfte abzuthun und früh genug zurückzukehren, um zu verhindern, daß Willow Cove dem filzigen Wucherer zugeſchlagen werde. Wie es gewöhnlich bei Herrn Hardinge der Fall war, wendete er ſich dieſer Angelegenheit, wie jedem guten Werke, mit Herz und Seele zu und ſchickte ſich ſogleich an, für Marble's Benehmen, wenn er das Ufer betreten, eine aus⸗ führliche Anweiſung niederzuſchreiben. Dies machte dem Feſt ein Ende, ich den Tiſch wegbringen und die einer ruhigen Nacht wieder erſcheinen. Es wurde zwölf Uhr, bis die Schlupe nach Hudſon erſah aus dem Gange unſeres Schiffes, Neu⸗York ſo zeitig zu errei⸗ und mit Freuden ſah gewöhnlichen Zeichen hinab kam, und ich daß wir kaum hoffen konnten, chen, daß Marble ſeine Geſchäfte hätte abthun können. Er wurde ſonach an das Land gerudert und Herr Hardinge und ich begleiteten ihn bis zu dem Hauſe, wo der öffentliche Wagen anhielt, um uns zu überzeugen, daß rts der igte gen wo äre, ſo ben. nen, enug dem war, Berke, „für aus⸗ n ſah eichen zudſon hiffes, errei⸗ en. Herr e, wo n, daß 131— er am nächſten Morgen nach dem Frühſtücke im Stande ſein würde, einen Platz darin zu erhalten, wornach er am Abend des nächſten Tages in der Hauptſtadt eintreffen konnte. All dies ging jedoch für Marble's Ungeduld oiel zu langſam. Er beſtand darauf, mit einem eigenen Wagen weiter zu fahren, und um ein Uhr Morgens ſahen wir ihn in einem zögernden Paßgang aus der langen Gaſſe ver⸗ ſchwinden, aus welcher damals die Stadt Hudſon beſtand. Herr Hardinge und ich kehrten, nachdem wir dieſer wichtigen Pflicht Genüge gethan hatten, an Bord der Schlupe zurück, und ſetzten unſere Reiſe ſtromabwärts fort. Als ich in die Kajüte ging, zog der Wallingford mit einer Geſchwindigkeit von fünf Meilen in der Stunde dahin; denn der Wind war friſcher geworden und kam aus Weſten, einer Seite, welche ihm erlaubte, ſeinen Curs entlang zu gehen. Der Leſer kann ſich leicht denken, daß ich an dem nächſten Morgen früh heraus war. In der That war meine Unbehaglichkeit und Unruhe ſo groß, daß mir von dem ſchrecklichen Unfall träumte, welcher meines Vaters Tod verurſacht hatte, und daß ich ihn, meine Mutter und Grace, Alle zu derſelben Zeit und in daſſelbe Grab ein⸗ geſargt ſah. Glücklicherweiſe ſtand der Wind nach Weſten und die Schlupe war etwa dreißig Meilen von dem Landungsplatze von Clawbonny, als ich auf das Deck kam. Alles war in der hintern Kajüte ruhig; und da Herr 9 ½ — 132— Hardinge noch ſchlief, ſtieg ich, ohne mit Jemand in dem untern Raume zu ſprechen, hinauf, um die friſche Luft einzuathmen. 2 Auf der Schanze war nur der Lootſe, welcher an dem Steuer ſtand; aber neben dem Baume, dicht vor dem Maſt, gewahrte ich ein Paar Beine, welche ich als Neb ange⸗ hörend erkannte, und den Saum eines hübſchen, dunkeln Kleides, welches dem der ſchwarzen Iris meiner Schweſter ſehr ähnlich war. Ich näherte mich der Stelle, um den Erſtern in Betreff des Wetters während ſeiner Wacht auszufragen; als ich ihn jedoch eben anrufen wollte, hörte ich die junge Dame mit lebhafterem Tone, als es, in Betracht des Charakters der Unterhaltung, klug war, ſagen: „Nein, nie— nie ohne ter Einwilligung meiner Mut⸗ ter und ter ganzen Familie. Tie Ehe etwas ganz anteres ſein, Neb, als Tu glauben. Nun, vieler junger Neger Gentleman tenken, ſie türfen ihren Mädchen nur ſchön thun, taß ſie ja ſagen, und tann zu dem Geiſtlichen gehen und um ten Segen bitten, und glauben, tann ſei Alles recht für ten Zukunft und für ten gegenbertigen Zeit; apper tas ſind all nur Petrug und Jäuſchungen. Nein, Herr, tie Ehe iſt zehr anteres Ting als tas, wie jete alte Tame Tir ſagen können. Tas erſte Ting in ter Ehe ſein ter Einwilligung.“ „Nun, Chloe, und happen ich nicht ter Einwilligung von Tir, jetzt ſchon vor zwei Jahr?“ em uft dem aſt, ige⸗ keln eſter treff ich dame kters Mut⸗ teres teger ſchön gehen Alles apper Herr, Tame n ter igung — 133— „Ja, tas nicht ter Einwilligung, tas ich meinen. Tu toch nicht glauben wollen, untankbarer Purſch, zu heirathen, ohne erſt zu holen ter Einwilligung von Maſſer Mile, ich toch tenken? Tu, ter ihm ſo lang happen getient, und ſo oft gegangen ſein zu See mit ihm, und ihm gerettet happen tas Leben, und ihm geholfen happen ſo viel ſchlechte Wilten tötten, und mit ihm happen geweſen auf ein wüſter Con⸗ ternent.“ „Ich Tir tas nie geſagt happen, Chloe, ich geſagt happen ein Inſel.“ „Gut— was ter Unterſchiet ſein? Tu mir nichts ſagen können von Piltung, Neb; tenn ich happen ſagen hören Miß Grace unt Miß Luey ihr Lexion ſo oft, taß ich manch⸗ mal glauben, ich ihn wiſſen Wort vor Wort, faſt ſo gut, wie ſie ſelb jung Lady. Nein, Neb, tarüber tu beſſer ganz ſtill ſchweigen. Tu viel zu viel zu thun happen immer, um Piltung zu geben. Und nun ich Tir ſagen, ich nicht Ehe eingehen,— taß Tu mich recht verſtehen— ich nicht mit Tir Ehe eingehen wegen Piltung, tie Tu happen.“ „Ganz Clawbonny ſagen, wir machen ein ſehr gut Paar, Chloe, wie je einen ſich zuſammen finten.“ „Ganz Clawbonny nicht viel wiſſen von Ehe, Neb. Leut ſprechen ohne vil Verſtant, unt nicht wiſſen, was ſie ſagen, gar zu oft. Zuerſt unt vor allen iſt mein Mutter, mein rechte, geporne Mutter, gegen die Verpintung, und tas ein groß Schwierigkeit ſein für ten Anfangen. Wenn — 134— ein geporne Mutter tagegen ſein, ein Tochter oft und oft nachtenken müſſen.“ „Laſſen mich mit Maſſer Mile ſprechen; er Teine Widerſtand mit ein runde Schlag aufholen.“ „Was ein runde Schlag, Neb?“ „Ich meinen, Maſſer Mile werden ihr befehlen ein⸗ zuwilligen.“ „Tas mein Gewiſſen nie zufrieden ſtellen können, Neb. Wir ſein Nigger, das wahr; aber noch nie happen Claw⸗ bonny, Herr zu Clawbonny, Sclav geſagt, er heirathen ſollen, oder nicht heirathen ſollen, wie er es wollen. Tas unerträglich ſein würden und nicht zu tulten. Nein, hei⸗ rathen ſein Religion und Religion ſein frei. Kein farbig jung Lady happen jungfräuliche Zärtlichkeit, um an ten eppen wegzuwerfen, ter ihrem Maſſer eppen gefallen. Aber, Neb,— da ein anter Schwierigkeit gegen unſere Verbin⸗ tung, ten ich nicht wiſſen— ſeit lange ich ſchmerzlich tavon fühlen.“ Da Chloe hier zum erſten Male natürlich zu ſprechen begann, wurde Neb noch aufmerkſamer; und ich fühlte mich eben ergötzt und zumal neugierig genug, um ſtehen zu bleiben und zu hören, worin dieſes neue Hinderniß beſtehen könne. Die Stimme der Negerin war ganz Muſtik, ſie klang faſt eben ſo ſüß, wie die Lucy's, und mir fiel ein leiſes Zittern auf, das darin hörbar war, als ſie ſo plötzlich ihren oft eine ein⸗ Neb. law⸗ tthen Tas hei⸗ arbig ten Aber, rbin⸗ rzlich echen fühlte ſtehen erniß klang leiſes ihren — 135— Gefühlskünſteleien ein Ende machte und ihr vornehmes, pretiöſes Weſen, ſozuſagen in der Knospe, fallen ließ. „Nimmer ſprechen wir von Heirathen, Neb,“ fuhr Chloe fort und konnte vor tiefem Seufzen kaum ſprechen: „währent Miß Grgce auf tieſem ſehr ſchlimmen Weg ſein. Es hart genug ſein, ſie zu ſehen ſo plaß und mehlharkolig, ohne zu tenken daran, ein Frau zu werten.“ „„Miß Grace werten wieter beſſer werten, nachdem Maſſer Mile ſie auf dem Waſſer fahren. Wenn er ſier nur wollen zur See nehmen, ſie werten ſo fett und friſch, damit Niemant mit ihr aushalten können.“ Chloe konnte ſich in dieſe Anſicht nicht finden; ſie beſtand vielmehr darauf,„Miß Grace“ ſei eine viel zu zarte und„vornehme“ Dame, um in einem Schiffe wohnen zu können. Das aber, was mir in dieſer charakteriſtiſchen Unterhaltung am ſtärkſten aufftel, war der Umſtand, daß Chloe mir die Mitwiſſenſchaft an der Urſache der Krank⸗ heit meiner Schweſter verrieth; während das ſchwarze Mädchen, dem weiblichen Inſtincte und zumal ihrer Pflicht getreu, ihren Anbeter darüber in völliger Ungewißheit ließ. Einen tiefen Eindruck mußten aber auch Chloe's traurige Ahnungen, welche ſich mehr in ihrem ganzen Weſen, als in ihren Worten kund gaben, auf mich machen; es war faſt nicht zu verkennen, daß ſie an der Wiedergeneſung ihrer Herrin verzweifelte! Sie ſchloß die Unterhaltung mit den Worten: „Nein, nein, Neb! Tu mir nicht ſprechen von heira⸗ then, ſo lange Miß Grace ſo krank— und wenn ſich etwas begeben ſollten, Tu ganz und gar nicht mehr brauchen ſprechen tavon. Ich könnten nie tenken an eine Verpintung, wenn etwas begegnen ſollten Miß Grace. Tie Liebe wirt für immer in der Familie ſterben, wenn Miß Grace ſterben.“ Ich konnte ſolche Worte nicht hören; die Thränen traten mir in die Augen, und als ich mich abwendete, ſah ich Lucy auf der Kampanje ſtehen. Sie wünſchte mit mir zu ſprechen, und ſobald ſich unſere Augen begegneten, winkte ſie mir, ich möchte zu ihr kommen. Ich erfuhr, meine Schweſter habe nach mir verlangt. So ſchnell als möglich verwiſchte ich jede Spur einer Erregung, ging mit Lucy hinab und ſtand bald an der Bettſeite meiner Schweſter. Grace grüßte mich mit engelgleichem Lächeln; ich hatte aber faſt keinen Athem, als ich die mächtige Veränderung ſah, welche in ſo kurzer Zeit mit ihr vorgegangen war. Sie ſah jetzt bei weitem mehr, denn früher, wie ein Weſen aus einer andern Welt aus; und doch hatte eben die Nachtruhe ſie erquickt! Ich küßte ihre Stirne, welche mir unnatürlich kalt vorkam, und fühlte den zarten Druck eines Armes, welcher ſich liebevoll um meinen Hals geſchlungen hatte. Ich ſetzte mich an das Bett und nahm die Hand meiner Schweſter in die meinige. Grace blickte mich eine halbe Minute atte ung var. eſen die kalt cher etzte eſter nute — 137— beſorgt an, ehe ſie redete, als wollte ſie ſich vergewiſſern, daß ich mir ihrer Lage bewußt wäre. „Ich habe von Lucy gehört, Miles,“ ſagte ſie endlich, „Du wollteſt mich ſtromab, bis in die Hauptſtadt bringen, um fernere ärztliche Hülfe zu ſuchen. Ich hoffe jedoch, dies iſt ein Irrthum von Seiten der lieben Lucy.“ „Nein, liebe Schweſter. Wenn der Wind ſich ſo weſt⸗ wärts hält, hoffe ich, Dich bis morgen Abend in Lucy's Hauſe, in der Wallſtreet, zu ſehen. Ich weiß, ſie wird Dich freundlich empfangen, und habe es gewagt, dieſen Plan zu entwerfen, ohne Dich deßhalb zu Rathe zu ziehen.“ „Es wäre beſſer, ich ginge nach Clawbonny; wenn mir etwas jetzt wohlthätig ſein kann, ſo⸗iſt es die heimiſche Luft— die reine Landluft. Hör' auf meine Bitte und halte an dem Einlaß an!“ „Wenn Du es ernſtlich und nach reifer Ueberlegung willſt, Grace, ſo iſt es mir ein heiliges Geſetz. Dieſe ſteigende Schwäche macht mich jedoch ſehr unruhig, und ich kann es nicht vor mir rechtfertigen, Dich ohne ärztlichen Beiſtand zu laſſen.“ „Bedenke, Miles, es ſind kaum vier und zwanzig Stunden, daß einer der geſchickteſten Aerzte unſeres Landes mich geſehen hat. Ich bin im Beſittze ſeiner ſchriftlichen Anweiſungen, und ſie werden ſich ſo heilſam ergeben, als irgend ein menſchlicher Rath es kann. Nein, Bruder, höre auf mein Bitten und lege bei Clawbonny an. Ich ſehne mich— ich ſehne mich wieder, zu Clawbonny zu ſein, wo — 138— ich mich allein einer gewiſſen Ruhe des Körpers, wie der Seele erfreuen kann. Das Schiff paßt nicht für mich; ich kann hier nicht an die Zukunft denken, nicht beten. Bruder, liebſter Bruder, bringe mich nach Hauſe, wenn Du mich lieb haſt.“ Einer ſolchen Anſprache war nicht zu widerſtehen. Mit ſchwerem Herzen ſtieg ich auf das Deck hinauf und gab dem Lotſen die nöthigen Befehle, und acht und vierzig Stunden nach dem Eintritte in den Hudſon ver⸗ ließen wir dieſen edeln Strom wieder, um in die ſchattigen, belaubten Räume unſerer Landung einzulaufen. Grace war ſo ſchwach, daß ſie in den Wagen getragen werden mußte, wo Lucy ſie während der kurzen Fahrt in unſer Haus in den Armen hielt. Als ich meine Wohnung erreichte, ſah ich Herrn Har⸗ dinge in der kleinen Vorhalle, meiner wartend, auf und nieder gehen; die Unruhe, welche ſich in ſeinem ganzen Gehaben ausſprach, zeugte von der Haſt, mit welcher er meiner Ankunft entgegen ſah. Er hatte ſelbſt das Pferd des Wagens gelenkt und die erſte Ahnung von dem gefähr⸗ lichen Zuſtande meiner Schweſter hatte ihn überkommen. „Miles, mein lieber Knabe— mein zweiter Sohn,“ begann der treuherzige, vortreffliche alte Mann,„Miles, mein lieber Knabe, die Hand Gottes ruht ſchwer auf uns— Eure geliebte Schweſter— meine edle Grace, iſt viel kränker, als ich bis auf dieſe Stunde ahnte.“ „Sie iſt in den Händen ihres barmherzigen Schöpfers,“ ſagt „der Wel dige habe mein leuch des gewr noch üble wir Scht Befe ein anw und ihr Beiſ rath ſung wür niede gen der ich der, nich auf und ver⸗ gen, igen t in Har⸗ und nzen r er sferd ähr⸗ en. hn,“ iles, 8— viel Ers,“ — 13³39—. ſagte ich und bemühte mich, meine Faſſung zu behalten, „der, wie ich ſehr fürchte, im Begriffe iſt, ſie aus einer Welt zu rufen, welche nicht gut genug für ein ſo unſchul⸗ diges, reines Weſen iſt, und ſie zu ſich zu nehmen. Ich habe dies ſeit der Stunde vorhergeſehen, wo ich ſie, nach meiner Rückkehr, wieder ſah; ein Strahl der Hoffnung leuchtete aber in meine Seele, als Poſt ihr einen Wechſel des Aufenthalts vorſchrieb. Dieſer Ausflug hat aber die gewünſchte Wirkung nicht gehabt; er hat das Uebel eher noch verſchlimmert und ſie befindet ſich jetzt um Vieles übler, als bei unſrer Abreiſe.“ „Solche kurzſichtige Sterbliche ſind wir! Was können wir aber thun, mein Sohn? Ich geſtehe, dieſer plötzliche Schlag hat mich um Beſinnung, faſt um jede geiſtige Befähigung gebracht. Ich hatte die Krankheit für irgend ein unbedeutendes Uebel gehalten, wie es junge Leute anwandelt und das durch Sorgfalt leicht beſeitigt wird; und hier ſtehen wir, des Schrecklichſten gewärtig, faſt um ihr Grab.“ „Ich bin in dieſem herben Augenblicke Eures erfahrnen Beiſtandes höchſt bedürftig, mein lieber Herr; wenn Ihr rathen wollt, werde ich mich glücklich fühlen, Euern Anwei⸗ ſungen zu folgen.“ „Wir müſſen Gott vertrauen, Miles,“ antwortete mein würdiger Vormund und ſchritt in der Vorhalle auf und nieder; die Thränen floſſen ihm in Strömen über die Wan⸗ gen und ſeine Stimme war ſo ſchwach, daß man ihn kaum — 140— verſtehen konnte;„ja, wir wollen den nächſten Sonntag Morgen mit der Gemeinde für ſie beten; und fromme, tiefgefühlte Gebete ſollen es ſein; denn ſelbſt ihre ſelige Mutter verdiente nicht inniger geliebt zu werden. So jung abgerufen zu werden!— in der erſten Blüthe der Jugend und der Anmuth zu ſterben!— aber ſie geht ja zu ihrem Gott; wir müſſen uns bemühen, an das zu denken, was ſie gewinnt— und uns deſſen, was wir verlieren, eher freuen, als darob grämen.“ „Es ſchmerzt mich, zu gewahren, daß Ihr den Zuſtand meiner Schweſter für ganz hoffnungslos anſeht, Herr!“ „Hoffnungslos!— er iſt voll der glänzendſten Hoff⸗ nungen, und wenn ich ruhig nachdenke, ſagt mir meine Vernunft, ich dürfe nicht trauern. Dennoch würde ſelbſt Lucy's Verluſt kaum ein herberer Schlag für mich ſein. Ich habe Grace von früheſter Kindheit auf geliebt, für ſte wie für mein eigenes Kind geſorgt und gewacht, und weihe ihr dieſelbe Liebe, welche ich einer zweiten Tochter weihen würde. Eure Eltern waren mir theuer, und es war mir ſtets, als wären ihre Kinder die meines eigenen Geblütes. Wäre ich nicht Euer Vormund, Knabe, und Ihr und Grace beziehungsweiſe reich geweſen, während ich und die Meinigen ſo arm waren, ſo hätte ich keinen höhern Wunſch gekannt, als Euch und Lucy, Grace und Rupert verbunden zu ſehen, wodurch ihr Alle in gleicher Weiſe meine geliebten Kinder geworden wäret. Ich habe an dies oft gedacht, bis ich es für nothwendig hielt, dieſe Hoffnung zu u nicht niß könn Vorf eifrig beda den l fern nur ter 3 wede habe Natt men kenn lich gen; ande denn ſo l daß Bru — 141— zu unterdrücken, um an meinen Pflichten als Vormund nicht treulos zu werden. Freilich hätte nun das Vermächt⸗ niß der Miſtreß Bradfort alle Schwierigkeiten beſeitigen können; aber es kam zu ſpät! Es ſollte nicht ſein, die Vorſehung hatte es anders beſchloſſen!“ „Ihr hattet, wenigſtens in einem Eurer Kinder, eine eifrige Stütze für Euern Plan, Herr!“ „Ihr habt mich dies merken laſſen, Miles, und ich bedaure, daß ich von dieſer Sache ſo ſpät unterrichtet wor⸗ den bin, ſonſt hätte ich mich bemüht, andere junge Männer fern zu halten, während Ihr zu See wart, oder bis ſich nur Gelegenheit gezeigt hätte, Euch die Liebe meiner Toch⸗ ter zu ſichern. Wäre dies geſchehen geweſen, ſo würden weder Zeit noch Entfernung Euch ihrem Herzen entfremdet haben; denn der Magnet kann nicht treuer, die Geſetze der Natur können nicht verläſſiger ſein, als Lucy iſt.“ „Ich muß es nur um ſo mehr bedauern, zu ſpät gekom⸗ men zu ſein, Herr, da ich dieſe herrlichen Eigenſchaften kenne.“ „Es ſollte nicht ſein; es gab eine Zeit, wo ich wirk⸗ lich dachte, Rupert und Grace ſeien ſich gegenſeitig gewo⸗ gen; ich muß mich aber getäuſcht haben. Gott hat es anders gefügt, und er that es gewiß,in ſeiner Weisheit; denn ſein allwiſſendes Auge ſah das frühe Verwelken dieſer ſo lieblichen Blume voraus. Ich glaube, der Umſtand, daß ſie mit einander erzogen wurden und ſich gleichſam als Bruder und Schweſter betrachteten, war der Grund, daß — — 142— ſie gegen ihren wechſelſeitigen Werth ſo gleichgültig waren. Ihr ſeid, in Folge Eurer langen Abweſenheit, eine Aus⸗ nahme geweſen, Miles, und Ihr müßt in ſolchen Abweſen⸗ heiten die Linderung und den Troſt ſuchen, deren Ihr ohne Zweifel bedürft. Ach, ach, könnte ich doch jetzt Grace als Tochter und als Braut an mein Herz ſchließen, ſtatt an ihrem Grabe zu ſtehen. Nur geringes Vertrauen in ſei⸗ nen Werth konnte Rupert, während wir arm waren, abhal⸗ ten, ſich von ſo vieler Liebenswürdigkeit und ſo edler Tugend beſtegen zu laſſen. Ich kann den Burſchen nicht gefühllos nennen; nur das Gefühl der Armuth und der Stolz eines armen Ehrenmannes, vielleicht auch die brü⸗ derliche Verehrung, die er Grace ſtets weihte, konnten ihn abhalten, um ihre Hand zu werben. Grace würde ſeine Liebe gewiß aus ganzer Seele erwiedert haben.“ Dies iſt ein Beiſpiel von den Selbſttäuſchungen, wel⸗ chen wir uns täglich hingeben. Meine Schweſter lag unter meinem eigenen Dache aus gekränkter Liebe todeskrank; und der biedere, gewiſſenhafte Vater des Elenden, welcher dieſe herrliche Blume geknickt hatte, war nicht nur ohne irgend eine Ahnung von dem ihr zugefügten Unrechte, ſon⸗ dern ſah auch noch mit der Nachſicht und Parteilichkeit eines zärtlichen Vaters auf dieſen ſeinen Sohn! Mir ſchien es damals unglaublich, daß verdachtloſe Unbeſcholtenheit ihre Einfalt ſo weit treiben könnte; ich habe aber lange genug gelebt, um zu wiſſen, daß wir von Irrthümern die⸗ ſer Art ſtets umgeben ſind; daß man Wirkungen ſtündlich * Urſa⸗ menh ) in V der Betre kaum große hen! den, ſtens beizu lunge im T Beiſt Gelte keit Wuch plötzl erhal gedar Hofft nur 1 faſt erfuh Nati Urſachen beimißt, welche mit ihnen in gar keinem Zuſam⸗ menhang ſtehen; und daß man Urſachen mit Wirkungen in Verbindung bringt, welche eben ſo eingebildet ſind, als der menſchliche Scharfblick trügeriſch iſt! Ich kann in Betreff meiner ſelbſt mit gutem Gewiſſen ſagen, daß ich kaum in einem einzigen Falle meinen Namen vor das große Publikum gebracht und mich richtig beurtheilt geſe⸗ hen habe. Oefter bin ich wegen Handlungen gelobt wor⸗ den, welche entweder gar kein Lob verdienten oder wenig⸗ ſtens das Verdienſt nicht hatten, welches man ihnen beizulegen bemüht war; während man mich wegen Hand⸗ lungen verfolgte, welche Lob verdient hatten. Ich werde im Verlaufe dieſer Erzählung Gelegenheit haben, auf einige Beiſpiele hinzudeuten, wo ſolche falſche Beurtheilungen ſich Geltung zu verſchaffen wußten. Herr Hardinge konnte nicht aufhören, bei der Lieblich⸗ keit des Charakters meiner Schweſter zu verweilen und die Wucht des Schlages zu verrathen, welchen er durch dieſe plötzliche Kenntniß von der Gefahr, in welcher ſie ſchwebte, erhalten hatte. Er ging, wie es ſchien, von dem Zuſtande gedankenloſer Sicherheit plötzlich zu dem einer gänzlichen Hoffnungsloſigkeit über und fühlte den drohenden Verluſt nur um ſo ſchmerzlicher. Endlich ließ er Lucy zu ſich entbieten und beſprach ſich faſt eine volle Stunde mit ihr unter vier Augen. Ich erfuhr ſpäter, daß er das liebe Weſen ſorgfältig um die Natur der Krankheit meiner Schweſter ausfragte und ſelbſt zu erfahren wünſchte, ob ihr Herz in irgend einer Weiſe bei dem ungewöhnlichen Hinſchwinden der Lebenskraft bethei⸗ ligt wäre, obgleich er nicht im entfernteſten zu dem Ver⸗ dachte hinneigte, daß Rupert auch nur die geringſte Schuld tragen könne. So wahr und offen auch Lucy's Charakter war, fühlte ſie doch das Nutzloſe, ja, das Gefährliche, ihren Vater mit dem Geheimniß bekannt zu machen, und ſuchte ſeinen drän⸗ genderen Fragen auszuweichen, ohne ſich in Unwahrheiten zu verwickeln. Sie wußte wohl, daß ihr Vater, ſobald er den wahren Stand der Sache erführe, ſofort nach Rupert ſenden und mit aller Kraft ſeines biedern, gerechtigkeitslie⸗ benden Gemüthes darauf beſtehen würde, Alles ſo weit als möglich gut zu machen und auszugleichen— ein hoffnungs⸗ loſer, trauriger Verſuch, das Vertrauen grenzenloſer Liebe, und die Achtung, welche, einmal verloren, für immer dahin iſt, wieder herzuſtellen. Vielleicht war das bitterſte der Schmerzgefühle mei⸗ ner Schweſter das Bewußtſein des gänzlichen moraliſchen Unwerths des Mannes, welchen ſie ſo tief in ihr Herz ge⸗ ſchloſſen hatte, daß er nur aus demſelben entfernt werden konnte, indem der Schrein, welcher ihn ſo lange beher⸗ bergt, zerbrochen und gänzlich vernichtet wurde. Nach gewöhnlichen Begriffen hätte dieſer Wechſel der Anſicht hingereicht, das Herz vollſtändig zu heilen; allein meine arme Schweſter dachte und fühlte anders. Sie hatte ſich von der Mehrzahl ihres Geſchlechtes ſtets durch die Tiefe Weiſe ethei⸗ Ver⸗ chuld ühlte r mit drän⸗ heiten ild er rupert itslie⸗ it als ungs⸗ Liebe, dahin e mei⸗ liſchen rz ge⸗ verden beher⸗ Nach Anſicht meine tte ſich Tiefe u5— des Gefühls unterſchieden, und war, obgleich noch ein Kind, durch das ſchreckliche Unglück, welches meinen Vater dahin⸗ raffte, faſt dem Tode nahe gebracht worden; ſo wie ich bereits bemerkt habe, welchen furchtbaren Eindruck das Hinſcheiden meiner Mutter, obgleich es lange vorhergeſehen worden war, auf ſie gemacht hatte. Ich wiederhole nur, was ich ſchon mehr als einmal geſagt habe,— ein ſo tief⸗ fühlendes, reines Weſen ſchien ſtets geeigneter für die Ge⸗ filde der Seligen, als für die rauhen, bedrängenden Pfade dieſer Erde. Ich wußte, nachdem wir nun wieder zu Clawbonny waren, kaum, was ich beginnen ſollte. Grace köonnte ich nicht ſehen; denn Lucy, welche die ganze Sorge für die Kranke übernahm, beſtand darauf, daß ſie ruhig und un⸗ geſtört bleibe. Darin folgte ſie nicht nur den Forderungen der Vernunft, ſondern auch der Anweiſung Poſt's; und ich mußte mich wohl fügen, denn ich wußte, daß meine Schweſter keine verſtändigere und zärtlichere Pflegerin fin⸗ den könne. Die verſchiedenen in der Mühle und auf der Beſitzung beſchäftigten Perſonen gingen mich um Befehle an, welche ich ertheilen mußte, obgleich mein Herz und mein Geiſt bei meiner Schweſter weilten. Mehr denn einmal ſuchte ich mich aufzuraffen, und nahm einige Minuten, wenn auch nicht wirklich, doch dem Scheine nach, Antheil an dem, was mir zur Beurtheilung vorgelegt wurde; dies waren jehoch nur Augenblicke der Selbſttäuſchung, und ich 211— 213. 10 ———— — 146— mußte endlich den verſchiedenen Perſonen, welchen die manchfachen Pflichten anvertraut waren, Alles anheimſtel⸗ len und ſie bitten, ſo zu verfahren, wie ſie während mei⸗ ner Abweſenheit zu verfahren gewohnt wären. „Nun, ja, Maſſer Mile,“ antwortete der alte Neger, die Aufſicht bei den Feldarbeiten führte,„ties ſehr gut ſein, wenn er es thun können. Denkt, ich immer hap⸗ pen Maſſer Hardinge mit mir ſprechen von den Korn und ſolchen Tingen und tas ein wundervolle Hilf für ein arme Nigger, wenn er nicht wiſſen was zu thun.“ „Gewiß, Ihr ſeid ein beſſerer Landwirth, Hiram, als Herr Hardinge und ich zuſammen genommen, und braucht weder des Einen noch des Andern Rath, um zu wiſſen, wann Ihr Korn ſäen oder Heu einthun ſollt.“ „Tas ſehr wahr, Herr, ſo wahr, taß ich es nicht leugnen wollen. Aber Ihr wiſſen, wie es iſt, Maſſer Mile; ein Nigger gern ſprechen thun und es Arbeit wun⸗ dervoll fördern, wenn man gut Geſpräch happen, eh er welcher anfangen.“ In Betreff der Schwarzen war dies buchſtäblich wahr. Obgleich ſie ſo demüthig waren, als Sclaverei und Ge⸗ wohnheit den Menſchen nur machen können, ſo waren doch Alle, jedes in ſeinem beſondern Kreiſe, ſo eigenwillig und ſtarrköpfig, daß nur der ſtrenge Anruf des Anſehens Ge⸗ horſam gegen Anſichten erzwingen konnte, welche nicht die ihrigen waren. Sie ſtritten gern über die verſchiedenen Punkte ihrer manchfachen Pflichten; aber ſie ließen ſich nich Pft nach ſät ſie war Gef Kar betr Rat mit bonn lich Zuh gen habe anla ich l Beſ ohne Beſo ich k ſie a den Herr i die mſtel⸗ mei⸗ Neger, s ſehr r hap⸗ n und arme n, als praucht wiſſen, 3 nicht Naſſer t wun⸗ eh er hwahr. nd Ge⸗ een doch lig und ns Ge⸗ nicht die jiedenen zen ſich nicht gern überzeugen. Herr Hardinge beſprach ſich, aus Pflichtgefühl, mit ihnen, und pflegte ihnen in allen Fällen nachzugeben, wo es ſich nicht von moraliſchen Grund⸗ ſätzen handelte. Ueber alle Fragen dieſer Art— und ſie kamen in einer Anſiedelung, wo ſo viele Schwarze waren, nicht ſelten vor— war er ſo unbeugſam wie die Geſetze der Meder und Perſer; was aber den Weizen, die Kartoffeln, die Obſtgärten, die Mühle oder die Schlupe betraf, unterwarf er ſich, nachdem die Gegenſtände in dem Rathe erörtert, gewöhnlich der Erfahrung derer, welche mit dem Geſchäfte vertrauter waren. Ein ſolches Benehmen mußte ihn natürlich zu Claw⸗ bonny ſehr beliebt machen, indem der Ueberredete gewöhn⸗ lich dieſelbe Art Erfolg in der Welt hat, wie ein guter Zuhörer. Der Geiſtliche ſelbſt begann, nach ſo vielen lan⸗ gen Beſprechungen und Verhandlungen, anzunehmen, er habe die verſchiedenen eingeſchlagenen Wege wirklich ver⸗ anlaßt— die Urſache einer der Selbſttäuſchungen, deren ich bereits gedacht habe. Der alte Hiram, welcher der Befehle oder beſſer„des Beſprechens“ wegen gekommen war, verließ mich nicht, ohne ſich nach Grace zu erkundigen. Ich ſah, daß die Beſorgniß ſich bereits den Sclaven mitgetheilt hatte, und ich konnte nur mit Rührung die Wirkung beachten, welche ſie auf dieſe einfachen Gemüther hervorbrachte. Sie wür⸗ den Grace ſchon deswegen geliebt haben, weil ſie ihre junge Herrin war; man konnte aber ſagen, daß ſie eine Herrin, 10* — 148— wie dieſe ſtets geweſen, ein in ihrer Perſönlichkeit und ihrem Gehaben ſo einnehmendes Weſen, faſt anbeteten. „Ich ſehr betrübt zu hören, Miß Grace ſein unwohl,“ ſagte der alte Hiram und blickte mich traurig an.„Es uns Allen ſehr ſchwer werten, wenn eppas ta ſich zutra⸗ gen. Ich immer tenken, Maſſer Mile, taß Miß Grace und Maſſer Rupert ein Tag kommen zufammen, wie wir tenken, Ihr und Miß Lucy thun werten. Tann werten glücklicher Tag ſein zu Clawbonny; tie wir Alle unſer neu Maſſer und neu Miſſus kennen von Wiege her. Nein, nein, wir nimmer Miß Grace entbehren können; ſie mir ſelbſt im Feld fehlen werten.“ Selbſt die Schwarzen hatten den Stand der Dinge bemerkt, welche meine arme Schweſter getäuſcht hatten; und der Selave hatte das Geheimniß ſeines Herrn erſpäht. Ich wendete mich raſch von dem Neger ab, damit er nicht auch den Beweis der Schwäche ſähe, welchen ſeine Worte den Mannesaugen erpreßte. frem hl,“ „Es itra⸗ Frace wir erten unſer Nein, 2 mir Dinge ; und . Ich t auch e den — 149— Sechstes Kapitel. —— Der Lilje gleich, Die einſt die Königin der Fluren war Und hold erblühte, ſenk' ich nun Mein Haupt und welke. Königin Katharina. Ich ſah dieſen Abend Lucy nur vorübergehend. Sie ſtellte ſich bei dem Abendgebete ein und Thränen glänzten in ihren Augen, als ſie ſich von ihren Knieen erhob. Ohne zu ſprechen, aber, wie es ſchien, inniger, denn jemals, gab ſie ihrem Vater den Gutenacht⸗Kuß und wendete ſich dann zu mir. Sie bot mir ihre Hand,— wir hatten uns ſeit achtzehn Jahren ſelten oder nie ohne dieſe freundliche Abſchiedsform getrennt,— aber ſie ſprach nicht— konnte nicht ſprechen. Ich drückte die kleine Hand innig in der meinigen und ließ ſie mit demſelben beredten Schweigen fahren. Wir ſahen ſie nicht wieder bis zum nächſten Tag. Die Frühſtückszeit zu Clawbonny war ſtets eine glück⸗ liche geweſen. Mein Vater gehörte, obgleich er bloß Schiffs⸗ maſter war, der beſſern Klaſſe der Landesbewohner an, und er hatte ſich in Folge ſeiner mehrfachen Reiſen An⸗ ſichten zugeeignet, welche ihn über die gewöhnlichen Sitten ſeiner Zeit und ſeines Landes weit erhoben. Dann ſteht ein amerikaniſcher Schiffsmaſter*) über denen ande⸗ *) Gleichbedeutend mit,, Befehlshaber eines Kauffahrers.“ Der Ueberſ. — 150— rer Länder, was theils in einigen Eigenthümlichkeiten un⸗ ſerer Geſetze, theils in dem Umſtande, daß unſere Flotte ſo klein iſt, ſeinen Grund hat. Unter andern Verbeſſe⸗ rungen überhob ſich mein Vater auch der ehrwürdigen ame⸗ rikaniſchen Sitte, das Frühſtück ſogleich nach dem Aufſte⸗ hen zu verſchlingen.. Das Frühſtück ward zu Clawbonny ſeit meiner erſten Kindheit, oder ſo lange ich mich deſſen erinnern kann, regelmäßig um neun Uhr eingenommen,— eine glückliche Mitte zwiſchen träger Zeitvergeudung und der Haſt ſchlech⸗ ter Gewohnheit. Zu dieſer Stunde pflegte ſich die ganze Familie zu verſammeln— noch durch die Nachtruhe er⸗ quickt und erfriſcht, und doch durch eine mehrſtündige Be⸗ wegung in der freien Luft belebt und erheitert, ſtatt ſich halb ſchläfrig, oder in einer Art dumpfer Schlaffheit, weit eher wie zu einem Pflichtmahl, als zu einem erfreulichen Beiſammenſein an dem Familientiſche einzuſtellen. Wir aßen mit ſo viel Muße, als ein guter Appetit es geſtattete, lachten, plauderten, erzählten die Vorgänge des Morgens, beſprachen unſere Plane für den Tag und überließen uns unſern verſchiedenen Liebhabereien wie Leute, die bereits auf waren und ſich gerührt hatten, nicht wie ſchläfrige Müßiggänger, die ſich der Form wegen an den Tiſch ſetzen und eſſen.— Das amerikaniſche Frühſtück iſt durch mehrere neuere Schriftſteller gefeiert worden, und es verdient alles Lob, obgleich es gewiß mit einem franzöſiſchen Frühſtücke nicht un⸗ otte eſſe⸗ me⸗ ſſte⸗ ſten unn, liche lech⸗ anze er⸗ Be⸗ ſich weit ichen Wir ttete, gens, uns reits frige ſetzen euere Lob, nicht zu vergleichen iſt. Es könnte jedoch, noch viel angenehmer ſein, wenn die Leute die Stimmung kännten, in welcher es mit Genuß eingenommen werden muß. Da wir von dieſem Gegenſtande reden, wird es der Leſer der Weitſchweifigkeit eines alten Mannes nicht übel deuten, wenn er ein Wort von dem Zuſtande der Wiſſen⸗ ſchaft der Tafel im Allgemeinen beibringt, ſo weit es ſich von der großen Republik handelt. Ein amerikaniſcher Schriftſteller— ein Herr Cooper— hat irgendwo behauptet, die Amerikaner ſeien die größten Eſſer in der ganzen civiliſirten Welt, und ſeine Landsleute erinnert, daß ein National⸗Charakter ſich in der Küche bilden könne. Capitain Marryatt hat dieſe Bemerkung näher in das Auge gefaßt und nennt ſie unbillig und boshaft. Was die Boshaftigkeit betrifft, ſo werde ich nichts ſagen; denn ich ſehe nicht ein, wie etwas, das unwiderſprechlich wahr iſt, ſo boshaft ſollte ſein können. Daß es aber wahr iſt, muß jeder Amerikaner wiſſen, der etwas von der Welt geſe⸗ hen hat. Capitain Marryatt's Behauptung, daß der Tiſch in den großen Städten gut iſt, hat mit der Beurtheilung dieſer Frage nichts gemein. Die größeren amerikaniſchen Städte liegen in denjenigen Theilen der Welt, in welchen man am beſten ißt und trinkt. Was ſind ſie aber im Ver⸗ gleiche mit dem ganzen Lande? Was ſind die öffentlichen Tafeln, oder die Tafeln der höhern Stände in eben dieſen — 152— Städten, im Vergleiche mit den Tiſchen der großen Maſſe? Man muß überall bei ſeinem Urtheile die Regel und nicht die Ausnahmen in die Augen faſſen. Weil ein kleiner Theil der amerikaniſchen Bevölkerung weiß, was eine gute Küche iſt, folgt noch nicht, daß es Alle wiſſen. Wem fällt es wohl ein zu behaupten, das engliſche Volk lebe von Wildpret und White Beats,*) weil der Adel und die Vornehmen (die Aldermen eingeſchloſſen) ſich deren während der geeig⸗ neten Monate nach Belieben erfreuen? Ich glaube, dieſer Herr Cooper weiß eben ſo gut wie jeder Europäer, was er ſagt, wenn er von Amerika ſchreibt. Wenn Schweineſleiſch in Fett geſchmort, wenn die Hälfte der andern Speiſen mit Fett geſchwängert, Gemüſe ohne alle Kunſt zubereitet, oder Fleiſchſpeiſen in Fetzen verkocht eine gute Tafel ausmachen, hat Herr Cooper unrecht und Herr Marryatt hat recht, und ſo umgekehrt. Bis jetzt hat die Kunſt in Amerika, wo die Natur ſo viel gethan hat, noch wenig geleiſtet. Viel gewiß im Vergleich mit Zeit *) Wnite beats(ſprich Ueit Bebts), kleine Fiſche, welche in der Themſe, jedoch nur unterhalb London, vorkommen und im Frühjahr und Frühſommer als ein Leckerbiſſen gelten. Die vor⸗ nehme Welt begibt ſich dann in glänzenden Geſellſchaften nach Greenwich oder ähnlichen Orten an dem Strome, wo die ſoge⸗ nannten„Fiſcheſſen“ ſtattfinden, deren Hauptbeſtandtheil in White Beats beſteht, welche unter allen Formen erſcheinen. Den Beſchluß des Mahls macht gewöhnlich der„Teufels White Beat,“ d. h. der genannte Fiſch mit dem ſtärkſten Pfeffer zube⸗ reitet. Der Ueberſ. iſſe? richt cheil e iſt, vohl dpret men eeig⸗ wie reeibt. älfte ohne kocht und hat hat, Zeit che in nd im e vor⸗ nnach ſoge⸗ eil in Den White zube⸗ — 153— und Zahlen; aber wenig im Vergleich mit dem, was Zeit und Zahlen ſonſt geleiſtet haben. Eine Ausnahme muß ich jedoch zu Gunſten Amerika's hinſichtlich des Tiſches eines Landes machen, und zwar gilt meine Bemerkung nicht ſowohl der Ungenießbarkeit, als der Armuth des Tiſches. Ich betrachte die nördlicheren Theile Deutſchlands als die Gegenden der chriſtlichen Welt, wo das Eſſen und Trinken in dem patriarchaliſcheſten Zuſtande iſt; und der Theil unſerer großen Republik, welchen Herr Aliſon wahrſcheinlich den Staat von Neu⸗England nennen würde, kömmt zunächſt. An Ueberfluß und Vortrefflichkeit der Nahrungs⸗ mittel in ihrer natürlichen Geſtalt ſteht Amerika ſehr begünſtigt da; denn Baltimore iſt der Brennpunkt alles des Ausgeſuchteſten in dem großen Geſchäfte des Kauens. Denuoch würde die Annahme von Köchen aus dem Innern von Neu⸗England ſtatt der jetzigen glänzenden Inſaſſen ſeiner Küchen, ſelbſt dieſes Paradies der Epikure in eine Art Oel⸗Wüſte verwandeln. Genug von der Kochkunſt.— Lucy erſchien am nächſten Morgen nicht bei dem Gebete. Ich fühlte ihre Abweſenheit, wie man die Gewißheit eines furchtbaren Unglücks fühlt. Das Frühſtück wurde ange⸗ kündigt; auch jetzt erſchien Lucy nicht. Der Tiſch dampfte und ziſchte; und Romeo Clawbonny, welcher die Rolle des Alltagsdieners übernommen hatte, mußte zu wiederholten Malen bemerken, es würde gut ſein, an das Frühſtück zu gehen, indem ein kaltes Mahl ſo gut ſei als gar keines. — 154— „Miles, mein lieber Sohn,“ bemerkte Herr Hardinge, nachdem er die Thüre zum ſechsten Male geöffnet hatte, um zu ſehen, ob Lucy nicht komme,„wir wollen nicht länger warten. Meine Tochter beabſichtigt ohne Zweifel, mit Grace zu frühſtücken, um das arme Kind nicht allein zu laſſen; denn es iſt ſehr langweilig, allein zu frühſtücken. Wir Beide entbehren Lucy in dieſem Augenblicke im höch⸗ ſten Grade, obgleich wir unſerer zwei ſind und uns tröſten können.“ Wir hatten eben Platz genommen, als ſich die Thüre langſam öffnete und Lucy in das Zimmer trat. „Guten Morgen, theuerſter Vater,“ ſagte das holde Mädchen, ſchlang ihren Arm mit mehr als gewöhnlicher Zärtlichkeit um Herrn Hardinge's Hals und drückte einen langen Kuß auf ſein kahles Haupt.„Guten Morgen, Miles!“ Sie reichte mir bei dieſem Gruße die Hand, wendete aber ihr Antlitz ab, als fürchte ſie, es möchte zu viel verrathen, wenn es meinem beſorgten, fragenden Blicke voll zugekehrt wäre.„Grace hat eine ziemlich ruhige Nacht gehabt und iſt, glaube ich, dieſen Morgen ein wenig beſſer, als geſtern.“ Keiner von uns antwortete dem theuern Weſen; auch keine Frage ward laut. Welch ein Frühſtück war dies, im Vergleiche mit den vielen, vielen, die wir an dieſem Tiſche, in dieſem Zimmer eingenommen hatten! Drei der gewohnten Geſichter waren allerdings hier; alle Geräthſchaften waren bekannt, heimiſch, wenn ich ſo ſagen darf; denn ſie ſchrieben ſich ſchon von dem erſten Miles her; Romeo, jetzt ein grauköpfiger, run⸗ zelvoller Neger, war an ſeinem gewöhnlichen Platze; aber Chlve, welche bei dieſem Mahle, bei welchem immer etwas auf dem Tiſche zu fehlen ſchien, oft zwiſchen ihrer jungen Herrin und einem gewiſſen Cabinette hin und her flog, war abweſend, und ſo jene herrliche„junge Herrin“ ſelbſt. „Gnädige Vorſehung,“ ſagte ich bei mir,„iſt es Dein Wille, daß dies je ſo werden ſollte? Soll ich dieſe tauben⸗ frommen Augen nie wieder in ſchweſterlicher Liebe von dem obern Sitze meines Tiſches auf mich gerichtet ſehen, wie ich ſie ſo oft und bei hundert und hundert Gelegenheiten ſah?“ Lucy's muntere Laune hatte ihr oft ein fröhliches Lachen entlockt; und ihre klangvolle Stimme pflegte ſich einſt mit der Rupert's und meinen eigenen männlicheren, tieferen Tönen zu vereinigen, um etwas hervorzubringen, das hörbarem Frohſinn glich; womit jedoch nicht geſagt ſein ſoll, Lucy ſei laut oder geräuſchvoll geweſen; in ihren früheren Jahren war ſie aber heiter und in einem Grade lebhaft geweſen, der zuweilen an das lautere Getöſe von uns Knaben ſtreifte. Grace war dies nie begegnet. Sie ſprach ſelten, alle übrigen müßten denn geſchwiegen haben, und ihr Lachen war, obgleich oft herzlich und heiter, kaum vernehmbar. „Miles,“ ſagte Lucy, als ſie von dem Tiſche aufſtand, und Thränen zitterten an ihren Liedern, als ſie redete, „kommt nach einer halben Stunde in das Familiengemach. — 156— Grace wünſcht Euch dieſen Morgen dort zu ſehen, und es war mir nicht möglich, ihr dieſe Bitte zu verſagen. Sie iſt ſchwach, glaubt aber, dieſer Beſuch werde ihr wohl thun. Verfehlt nicht, pünktlich zu ſein; denn es könnte ſie kränken, wenn ſie warten müßte. Guten Morgen, liebſter Papa; wenn ich Eurer bedarf, werde ich nach Euch ſchicken.“ Mit dieſen bedeutungsvollen Worten verließ uns Lucy, und ich mußte vor das Haus gehen, um Luft zu ſchöpfen. Ich wanderte faſt eine halbe Stunde umher und kehrte dann in das Haus zurück, um den beſtimmten Augenblick nicht zu verfehlen. Chloe erwartete mich an der Thüre und ging mir ſchweigend voran, dem Familiengemache zu. Sobald ſie ihre Hand auf den Drücker legte, erſchien Lucy und winkte mir, einzutreten. Grace lehnte ſich auf jenes kleine Canape, auf wel⸗ chem wir unſere erſte Zwieſprache gehalten hatten; ſie ſah blaß und unbehaglich aus, aber ſtets noch lieblich und ſo ätheriſch wie immer. Sie bot mir liebevoll ihre Hand und dann ſah ich ſie Lucy einen Blick zuwerfen, als wollte ſie ſie bitten, uns allein zu laſſen. Ich war keines Wortes mächtig. Meinen alten Platz einnehmend, zog ich meine Schweſter an mich und hielt ihr Haupt viele, viele ſchmerzliche Minuten an meiner Bruſt. So konnte ich die Thränen verbergen, welche ſich aus mei⸗ nen Augen drängten; denn es überſtieg alle meine Kräfte, dieſe bittern Zeugen des innern Schmerzes zurückzuhalten. Als ich mich geſetzt hatte, verſchwand Lucy und die Thüre ſchloß ſich. Ich wüßte nicht zu ſagen, wie lange Grace und ich in dieſer Art Umarmung blieben. Ich war nicht in dem Gemüthszuſtande, auf dieſen Umſtand zu achten, und ſpäter war ich bemüht, ſo Vieles, was ſich bei dieſer Zuſammen⸗ kunft begab, zu vergeſſen. Ich finde aber, nach dem Ver⸗ laufe ſo vieler Jahre, das Gedächtniß in Bezug auf alle weſentlichen Umſtände peinlich getreu, obgleich es unmöglich war, jenen Punkt ſicher zu ſtellen, da ich deſſen in dem Augenblicke nicht beachtete. Ich kann nur ſolche Dinge berichten, welche einen Eindruck auf mich gemacht haben. Als ſich Grace ſanft, und ich möchte ſagen ſchwach, von meiner Bruſt erhob, wendete ſie mir ihre Augen zu, in welchen eher eine freundliche Beſorgniß meinet⸗ als ihretwegen bemerklich war. „Bruder,“ ſagte ſie ernſt,„wir müſſen uns dem Willen des Allmächtigen fügen; ich bin ſehr, ſehr krank— zer⸗ ſchmettert— ich werde von Stunde zu Stunde ſchwächer. Es wäre unrecht, wollte ich etwas dieſer Art mir oder Dir verbergen.“ Ich antwortete nicht, obgleich ſie offenbar ſchwieg, um mir Gelegenheit zu geben, zu ſprechen. Ich hätte keine Sylbe vorzubringen vermocht, und wenn ich mein Leben dadurch hätte retten können. Die Pauſe war peinlich, aber kurz. „Ich habe Dich zu mir bitten laſſen, liebſter Miles,“ — — — 158— fuhr meine Schweſter fort,„nicht als hielt' ich es für wahr⸗ ſcheinlich, daß ich bald oder plötzlich abgerufen würde; Gott wird, ich hoffe es in Demuth, meine Tage noch eine kurze Zeit verlängern, um denen, welche ich liebe, den Schlag zu erleichtern; er iſt aber im Begriffe, mich zu ſich zu rufen, und wir müſſen Alle darauf vorbereitet ſein— Du, und die liebe, liebe Lucy und mein theurer Vormund, ſo wie ich ſelbſt. Ich habe Dich nicht hierher beſchieden, um Dir auch nur ſo viel mitzutheilen; denn Lucy ließ mich anneh⸗ men, Du ſeiſt auf die Trennung gefaßt; ſondern ich wollte mit Dir über einen Gegenſtand ſprechen, welcher meinem Herzen ſehr nahe geht, ſo lange ich noch Kraft und Seelen⸗ ſtärke habe, überhaupt von demſelben zu ſprechen. Ver⸗ ſprich mir, Theuerſter, ruhig zu ſein und mir geduldig zuzuhören.“ „Dein leiſeſter Wunſch wird mir Geſetz ſein, gelieb⸗ teſte, theuerſte Schweſter; ich werde zuhören, als lebten wir noch in den Tagen kindiſchen Vertrauens und Glückes— Tage, welche nie wiederkommen werden!“ „Laß das, Miles, mein edler, mannhafter Bruder! der Himmel wird Dich nicht verlaſſen, ſo Du Dich nicht von Deinem Gotte trennſt; auch mich verläßt er nicht, ſondern Engel winken mir in ſein ſeliges Reich. Wäre es nicht um Deinetwegen, um der theuern Lucy und meines geliebten Vormunds wegen, ich würde die Stunde meines Scheidens für einen Augenblick des reinſten Glückes halten. Doch— wir wollen jetzt nicht davon ſprechen. Du mußt Dick mein Dir Wüt mitz erwe aufr wele Wen nicht den zeihe Got folg Erg Wef beſo Dei⸗ Du ich! den: gan ahr⸗ Bott urze 3 zu ffen, und wie Dir neh⸗ ollte inem elen⸗ Ver⸗ ildig lieb⸗ wir 3— uder! nicht nicht, re es eines eines alten. mußt Dich anſchicken, Miles, mich geduldig anzuhören und mit meinen letzten Wünſchen Nachſicht zu haben, ſollten ſie Dir auch anfangs unvernünftig ſcheinen.“ „Ich habe Dir geſagt, Grace, daß Dein Wille, Deine Wünſche Geſetz für mich ſind; zögere daher nicht, mir Alles mitzutheilen, was Du nur wünſchen kannſt.“ „So wollen wir denn, Bruder, zum letzten Male, erwarte ich, von weltlichen Dingen ſprechen. Ich hoffe aufrichtig, daß dieſes die letzte Gelegenheit ſein werde, welche mich veranlaßt, ihnen meine Gedanken zuzuwenden. Wenn ich dieſer Pflicht Genüge gethan habe, wird mir nichts mehr auf Erden bleiben, als die Liebe, welche ich den Meinigen weihe. Dieſe wird der Himmel ſelbſt ver⸗ zeihen, da ich beſtrebt ſein werde, daß ſie meine Liebe zu Gott nicht ſchwäche.“ Grace hielt inne und ich harrte verwundert, was folgen werde, und zumal in tiefſter Seele durch ihre ſchöne Ergebung in ein Schickſal gerührt, welches für ſo junge Weſen gewöhnlich höchſt ſchmerzlich ſein muß. „Miles, mein Bruder!“ fuhr ſie fort und blickte mich beſorgt an,„wir haben nicht viel von Deinem Glück auf Deiner letzten Reiſe geſprochen, obgleich ich gehört habe, Du hätteſt Dein Vermögen bedeutend vermehrt.“ „Sie hat allen meinen Erwartungen entſprochen und ich bin, reich durch mein Schiff und die Baarſchaft, zufrie⸗ den; von Clawbonny nicht zu ſprechen. Verfahre daher ganz nach Deinem Willen mit dem, was Dein iſt, Schwe⸗ ſogleich für die Erfüllung meiner Wünſche ausſprichſt; — 160— ſter; ich hege nicht den enifernteſten Wunſch, auch nur einen Dollar von Dir zu erhalten; ach, Dein Verluſt ſoll mich nicht bereichern. Verfüge über Dein Vermögen nach Belieben und ich werde jede einzelne Deiner Verfügungen als ein Andenken an Deine Liebe und an Deine vielen Tugenden betrachten.“ Grace's Wangen glühten und ich ſah, daß ſie zufrie⸗ den, obgleich noch immer ängſtlich beſorgt war. „Du erinnerſt Dich ohne Zweifel, Miles, daß nach unſeres Vaters Beſtimmung mein Vermögen Dir zufällt, wenn ich vor dem ein und zwanzigſten Jahre ohne Kinder ſterbe; während das Deinige, unter demſelben Umſtande, auf mich übergehen würde. Ich bin erſt zwanzig Jahre alt und daher nicht im Stande, ein Teſtament zu machen.“ „Du kannſt Verfügungen treffen, welche eben ſo bin⸗ dend ſind, Grace. Ich will ſogleich Papier, Feder und Dinte holen und aus Deinem Munde ein Teſtament nie⸗ derſchreiben, welches eben ſo bindend ſein ſoll, als wenn es unter Beachtung aller geſetzlichen Förmlichkeiten aufge⸗ ſetzt worden wäre.“ 5 „Nein, Bruder, dies iſt nicht nöthig; Alles, was ich wünſche, habe ich bereits in einem an Dich gerichteten Briefe ausgeſprochen; er wird ſich unter meinen Papieren finden, ſofern ich höre, daß Du ſeinen Inhalt billigſt. Fern ſeien aber Mißverſtändniſſe zwiſchen Dir und mir, liebſter Miles; ich will ſelbſt nicht, daß Du Dich jetzt nim ſchei und einen Wür drüc für die Klei gege denke verſt nimm die Zeit zum Nachdenken und laß in Deiner Ent⸗ ſcheidung Dich in gleichem Grade von Deinem Verſtande und Deinem trefflichen Herzen leiten.“ „Ich bin jetzt ſo bereit, zu entſcheiden, wie ich es in einem Jahre ſein werde. Mir reicht es hin, daß ich Deine Wünſche kenne, um ihnen zu entſprechen.“ „Dank Dir— Dank Dir, Bruder,“ ſagte Grace und drückte meine Hand liebevoll an ihr Herz,„nicht ſowohl für Deine Beiſtimmung zu meinen Wünſchen, ſondern für die Art und Weiſe dieſer Beiſtimmung. Da ich aber keine Kleinigkeit fordre, iſt es paſſend, daß ich Dich aller hier gegebenen Verſprechungen entbinde und Dir Zeit zum Nach⸗ denken gebe. Auch iſt es paſſend, daß Du das, was Du verſprechen ſollſt, in ſeiner vollen Ausdehnung kennen lernſt.“ „Mir reicht es vollkommen hin, daß es in meiner Macht ſteht, Deinen Wünſchen zu entſprechen; eine fernere Bedingung mache ich nicht.“ Ich ſah, daß Grace durch dieſen Beweis meiner Liebe und Anhänglichkeit tief ergriffen war; aber ihr Gerechtig⸗ keitsgefühl war zu lebendig und mächtig, als daß ſie ſich dabei hätte beruhigen mögen. „Ich muß mich deutlicher erklären,“ ſetzte ſie hinzu. „Herr Hardinge iſt ein getreuer Verwalter geweſen und durch Sparſamkeit während meiner langen Minderjährig⸗ keit, durch die wenigen Koſten, welche meine Lebensweiſe forderte, ſo wie durch einige glückliche Zufälle bei der Anlage meiner Intereſſen finde ich mich viel reicher, als 211— 213. — 162— ich geglaubt hatte. Indem Du meinem Vermögen entſagſt, Miles, entſagſt Du einer Summe von mehr als zwei und zwanzig tauſend Dollar oder volle zwölf hundert Dollar jährlicher Zinſen. Es darf in dieſer Beziehung kein Miß⸗ verſtändniß zwiſchen uns obwalten, am wenigſten in einem ſolchen Augenblicke.“ „Ich wünſche, es wäre mehr, meine Schweſter, da es Dir Vergnügen macht, darüber zu verfügen. Wenn es zur Erhöhung Deines Glückes beitragen ſollte, irgend einen Deiner Pläne ausgeführt zu ſehen, ſo nimm zehn tauſend Dollar von meinem Vermögen und füge ſie der Summe zu, welche jetzt Dein iſt. Ich möchte Deine Mittel, Gutes zu thun, eher vermehren als mindern.“ „Miles— Miles,“ ſagte Grace, im höchſten Grade erregt,„ſprich nicht ſo— es erſchüttert faſt meinen Ent⸗ ſchluß. Doch nein; höre jetzt meine Wünſche, denn ich fühle, ich werde jetzt zum letzten Male von dieſem Gegen⸗ ſtande ſprechen können. Erſtens wünſche ich, Du möchteſt irgend einen paſſenden Schmuck von dem Werthe von fünf⸗ hundert Dollar kaufen und ihn Lucy als ein Andenken an ihre Freundin übergeben. Gib auch tauſend Dollar in Geld zur Vertheilung an die Armen in Herrn Hardinge's Händen. Ein Brief in dieſem Betreff an ihn, und einer an Lucy werden ſich auch unter meinen Papieren finden. Um den Negern paſſende Geſchenke zu machen, wird ſtets noch genug übrig bleiben, ohne daß die volle Summe von zwanzig tauſend Dollar angegriffen wird.“ ſagſt, i und dollar Miß⸗ einem da es un es einen auſend Summe Gutes Grade n Ent⸗ nn ich Gegen⸗ nöchteſt n fünf⸗ kken an llar in dinge’s d einer finden. rd ſtets me von — 163— „Und was iſt Dein Wille in Betreff dieſer zwanzig⸗ tauſend Dollar, Schweſter?“ fragte ich, da Grace zau⸗ derte, fortzufahren. „Dieſe Summe wünſche ich Rupert zu vermachen. Du weißt, daß er ganz ohne Vermögen iſt und die Sitten eines vornehmen Mannes angenommen hat. Das Wenige, was ich ihm hinterlaſſen kann, wird ihn nicht reich machen; es kann aber dazu beitragen, ihn glücklich und geachtet zu machen. Ich hoffe, Lucy wird, wenn ſie mündig geworden, dieſe Summe vermehren, und ſie werden Alle eine ſchönere Zukunft verleben, als ihre Vergangenheit war.“ Meine Schweſter hatte ſehr raſch geſprochen und mußte Athem ſchöpfen. Was mich betrifft, ſo kann ſich der Leſer meine Gefühle beſſer denken, als ich ſie zu ſchildern ver⸗ mag; denn ſie waren der Art, daß ſie mich faſt überwältigten. Der Umſtand, daß ich mich gehindert ſah, eine ernſte Einwendung zu machen, ſo wie das Schmerzliche meiner Gefühle erfüllte mich mit Gram, Unwillen, Staunen, Mitleid, Liebe und Zärtlichkeit, ſo daß ich ganz außer Stand bin, meinen Zuſtand zu beſchreiben. Hier beurkun⸗ dete ſich die weibliche Liebe, welche bis zum letzten Augen⸗ blicke aushielt; ſie ſorgte für den herzloſen Wicht, welcher die Blüthe ihres phyſiſchen Daſeins vernichtet und das moraliſche mit den Füßen zertreten hatte; und dennoch übere ließ ſie ihm, mit ihrem letzten Athemzuge, wenn ich ſo ſagen darf, alle weltlichen Güter, welche ſie beſaß, um ſeine Selbſtſucht und ſeine Eitelkeit zu nähren. — 164— „Du wirſt dies ſeltſam ſinden, Bruder, ich weiß es,“ begann Grace, welche wahrſcheinlich bemerkte, daß ich die Kraft nicht hatte, zu ſprechen, wieder:„ich kann aber nur ſo in Frieden mit mir ſelbſt ſterben. Wenn er nicht einen ſprechenden Beweis meiner Verzeihung erhält, wird mein Tod Rupert unglücklich machen; mit einem ſolchen Beweiſe aber wird er die Gewißheit haben, daß ich ihm verziehen, daß ich für ihn gebetet habe. Dann iſt er, ſo wie Emily, fürcht' ich, gleichfalls, ohne einen Heller Vermögen und ihr Daſein würde, ohne die kleine Summe, die ich ihnen hinterlaſſen kann, ohne alle Ausſicht auf Glück ſein. Zur gehörigen Zeit wird Lucy, wie ich überzeugt bin, ihren Theil dazu geben, und ihr Alle, die ihr zurückbleibt, könnt heiter auf mein Grab ſchauen und mein Andenken ſegnen.“ „Engel!“ ſagte ich vor mich hin,„dies iſt zu viel! Kannſt Du glauben, Rupert werde dieſes Geld annehmen?“ So ſchlimm ich auch von Rupert Hardinge dachte, konnte ich es doch nicht über mich gewinnen, ihn für gemein genug zu halten, Geld anzunehmen, welches ihm aus einer ſolchen Quelle und unter dem Einfluſſe eines ſolchen Grun⸗ des zukam. Grace ſah jedoch die Sache anders an; ſie fand nicht nur nichts Entehrendes für Rupert in der Annahme dieſes Geſchenkes, ſondern ihre eigene weibliche Zärtlichkeit, ihre lange, tief gewurzelte Anhänglichkeit ließen ſie darin eher eine Ergebung in ihre letzten Wünſche, als eine erniedri⸗ gend muf doch verſe verp verp liebt konn liebſ meh Rup nie eine beſch wele kaur bere und Auf bat meit ſiche zu e es,“ die nur inen nein veiſe hen, nily, und hnen Zur ihren könnt ien.“ viel! en?“ achte, emein einer Grun⸗ nicht dieſes „ihre neher nedri⸗ gende Handlung, wie es die ganze übrige Welt beurtheilen mußte, erblicken. „Wie, er kann mir dies abſchlagen?— kommt ihm doch dieſer Wunſch, ſo zu ſagen, von meinem Grabe zu!“ verſetzte die liebliche Schwärmerin.„Er wird mir dafür verpflichtet ſein— er wird unſerer früheren Liebe dafür verpflichtet ſein; denn er liebte mich einſt, Miles; ja, er liebte mich ſelbſt mehr, als Du mich liebteſt oder lieben konnteſt, mein Theuerſter, ſo ſehr Du, wie ich weiß, mich liebſt.“ „Beim Himmel, Grace!“ rief ich, meiner ſelbſt nicht mehr mächtig, aus,„dies iſt ein mächtiger Irrthum. Rupert Hardinge kann nichts lieben als ſich ſelbſt; er iſt nie würdig geweſen, auch nur den müßigſten Augenblick eines ſo treuen und edeln Herzens, wie das Deinige, zu beſchäftigen.“ Dieſe Worte entfuhren mir in einer Stimmung, in welcher ich nicht Herr meiner ſelbſt war. Ich hatte ſie kaum ausgeſprochen, als ich meine Unvorſichtigkeit ſchwer bereute. Grace blickte mich flehend an; ſie wurde leichenblaß und zitterte an dem ganzen Körper— der Augenblick der Auflöſung ſchien gekommen! Ich nahm ſie in meine Arme, bat ſie um Verzeihung, verſprach, in Zukunft mehr Herr meiner ſelbſt zu ſein, und wiederholte die feierlichſten Ver⸗ ſicherungen, ihren Wünſchen bis auf den letzten Buchſtaben zu entſprechen. Ich weiß nicht, ob ich es nicht über mich — 166— vermocht hätte, mein Verſprechen zurückzunehmen, hätte meine Schweſter nicht durch dieſe meine Schwäche einen großen Vortheil über mich erlangt. Es war in der gan⸗ zen Sache für mich etwas ſo höchſt Empörendes, daß ſelbſt Grace's fromm-heilige Schwachheit ein ſolches Thun, wenigſtens ſo weit Rupert betheiligt war, in meinen Augen nicht rechtfertigen konnte. Ich bin es mir ſelbſt ſchuldig, hinzuzuſetzen, daß kein ſelbſtſüchtiger Gedanke ſich meinem Sträuben beigeſellte, welches ſeinen Grund nur in dem Widerwillen hatte, mit welchem ich Lucy's Bruder, und einen Menſchen, dem ich einſt mit der Wärme des jugend⸗ lichen Gefühls zugethan war, ſich ſo gänzlich der Verach⸗ tung blosſtellen ſah. Da ich noch ernſtliche Zweifel hegte, daß Rupert ſo tief ſinken könne, das Geſchenk anzunehmen, fühlte ich die Nothwendigkeit, mit meiner Schweſter in Betreff eines ſolchen möglichen Falles zu ſprechen. „Man könnte am Ende doch Anſtand nehmen, liebſte Schweſter, Dein Geld anzunehmen,“ ſagte ich,„und es ſcheint paſſend, daß Du mir vorſchreibſt, was zu thun iſt, wenn Rupert das Geſchenk ablehnen ſollte.“ „Ich halte dies kaum für wahrſcheinlich, Miles,“ antwortete Grace, welche in Betreff des wahren Charak⸗ ters ihres früheren Geliebten in einer Art Verblendung lebte und ſtarb.„Rupert mag nicht ganz im Stande geweſen ſein, ſeinen Neigungen zu gebieten; aber er kann nicht aufhören, mir die aufrichtigſte Freundſchaft zu weihen, hätte einen gan⸗ ſelbſt rhun, lugen ildig, einem dem und gend⸗ erach⸗ ert ſo ch die eines liebſte nd es in iſt, iles,“ harak⸗ ndung Stande kann eihen, — 167— ſich unſeres ehemaligen Vertrauens, unſerer Innigkeit zu erinnern. Er wird das Vermächtniß annehmen, wie Du ein ſolches von der theuren Lucy,“ ſetzte meine Schweſter hinzu, und ein ſchmerzliches Lächeln überſtrahlte den engelgleichen Ausdruck des Geſichtes,„oder von einer Schweſter annehmen würdeſt. Du wiürdeſt ein ſolches Geſchenk, das Dir Lucy in ihrer Todesſtunde machte, nicht zurückweiſen; warum ſollte Rupert das meinige verſchmähen?“ Die arme Grace! Sie überſah den himmelweiten Unterſchied zwiſchen meinen Verhältniſſen zu Lucy und den ihrigen zu Rupert. Ich konnte ihr jedoch dieſen Unter⸗ ſchied nicht klar machen, ſondern drückte blos meine Bei⸗ ſtimmung zu ihren Wünſchen aus und erneuerte, zum vier⸗ ten oder fünften Male, mein Verſprechen, Alles, was ſie von mir forderte, getreulich zu erfüllen. Grace übergab mir nun einen offenen, an Rupert über⸗ ſchriebenen Brief, welchen ich, wenn ich allein wäre, leſen und ſpäter mit dem Vermächtniß oder Geldgeſchenk über⸗ liefern ſollte. „Laß mich noch einmal an Deiner Bruſt ruhen, Miles,“ ſagte Grace und lehnte, von der Erregung, in welche die Darlegung ihrer Bitte ſie verſetzt hatte, ganz erſchöpft und entkräftet, ihr Haupt an meinen Arm.„Ich fühle mich in dieſem Augenblicke glücklicher, als ich es ſeit lange geweſen bin. Miles, mein Liebling, gedenke alles deſſen, was unſere ſelige Mutter Dich in der Kindheit gelehrt hat, und Du wirſt über meinen Verluſt nicht trauern. 1 Ganz zufrieden würde ich ſterben, verließ ich Dich mit einem Weſen verbunden, welches Deinen Werth verſteht und würdigt! Aber Du wirſt allein zurückbleiben, armer Miles! eine Zeitlang wenigſtens wirſt Du um mich trauern!“ „Immer— immer, ſo lange das Leben währt,“ lis⸗ pelte ich ihr faſt in das Ohr. Die Erſchöpfung erhielt meine Schweſter eine Viertel⸗ ſtunde ruhig und nur dann und wann fühlte ich den Druck ihrer Hände, welche beide eine der meinigen hielten, oder hörte ich ſie in herzlichem Gebete Glück und Troſt für mich von dem Himmel erflehen. Als meine Schweſter durch die Ruhe ſich wieder geſtärkt fühlte, wünſchte ſie das Geſpräch fortzuſetzen. Ich bat ſie, ſie möge ſich Ruhe gönnen und durch fernere Aufregung ihren Zuſtand nicht verſchlimmern; ſie lächelte mich aber freundlich an und ſagte: „Nuhe!— Ich werde keine dauernde Ruhe mehr finden, als bis ich an der Seite meiner theuern Eltern ſchlafe. Miles, kehren Deine Gedanken wohl zuweilen zu jenem Gemaͤlde der Zukunft, welches den Gläubigen ſo theuer iſt und das, wenn wir ihm auch nicht unbedingt wie einem Glaubensartikel vertrauen, uns dennoch hoffen läßt, daß wir uns in jenem höheren Zuſtande des Daſeins wieder erkennen und ſchöner verbunden werden, als wir hienieden lebten, da es eine Verbindung ſein wird, welche der Sünde bar iſt und über die das Auge der Allmacht waltet?“ „Wir Seeleute beachten dergleichen nur wenig, Grace; ſtärkt t ſie, gung aber aden, Zlafe. enem er iſt inem daß dieder ieden hünde „ race; — 169— ich fühle aber, daß der Gedanke, deſſen Du eben erwähnt haſt, in Zukunft ein hoher Troſt für mich ſein wird.“ „Vergiß nicht, mein geliebteſter Bruder, daß nur die Seligen ſich einer ſolchen Wiedererkennung erfreuen können; für die Verdammten müßte ſie nur eine doppelte Strafe ſein.“ Der Gedanke, daß ſelbſt dieſe Möglichkeit, meine Schweſter wieder zu finden und mit ihr in der Geſtalt zu verkehren, in welcher ich ſie hienieden geſehen und geliebt hatte, mir verloren gehen könne, geſellte ſich den andern guten Entſchlüſſen zu, welche der Zuſtand meiner Schweſter in mir geweckt und belebt hatte. Ich hielt es jedoch nach Allem, was vorgegangen war, nicht für gerathen, eine ſolche Unterhaltung mit Grace fortzuſetzen; denn die Ruhe war ihr wieder nothwendig. Ich ſchlug ſonach vor, Lucy zu rufen, um Grace wie⸗ der in ihr Gemach tragen zu laſſen; ich ſage„tragen,“ weil ich aus einigen Worten Chloe's abgenommen, daß man ſie auf dieſe Weiſe in das Familiengemach gebracht hatte. Grace willigte ein; während wir aber auf Chloe, welche die Klingel herbeigerufen hatte, warteten, ſetzte ſie die Unterhaltung fort: „Miles,“ ſagte meine Schweſter,„ich habe Dir das Verſprechen nicht abgefordert, mein Vermächtniß vor der Welt geheim zu halten; ich vertraue Deinem eigenen Zart⸗ gefühle; aber ich mache es zu einer Bedingung, daß Du weder mit Herrn Hardinge, noch mit Lucy davon ſprichſt. Sie möchten wohl leicht Einwendungen machen, beſonders — 170— Lucy, welche in Betreff der Annahme von Geld überſpannte Anſichten hat und ſtets hatte. Selbſt in ihren Tagen der Armuth, und ſo mittellos ſie, wie Du weißt, geweſen iſt, konnte ich ſie, trotz unſerer gegenſeitigen Innigkeit und herzlich vertraulichen Liebe, nie bewegen, auch nur einen Cent anzunehmen. Ja, ſie iſt ſo bedenklich geweſen, daß ſie die kleinen Geſchenke, welche Freundinnen unter ſich immer geben und empfangen, entſchieden ablehnte, weil ſie ohne die Mittel wäre, ſie zu erwiedern.“ Ich erinnerte mich der Goldſtücke, welche mir das liebe Mädchen aufgezwungen hatte, als ich zum erſten Male zur See ging, und hätte ihr zu Füßen fallen und ſie anbeten mögen! „Und haſt Du darum Luey nicht weniger geliebt und geachtet, meine Schweſter? Antworte jedoch nicht; das viele Sprechen könnte Dir ſchaden!“ „Ganz und gar nicht, Miles. Ich ſpreche ohne Be⸗ ſchwerde und die wenigen Worte greifen mich durchaus nicht an. Wenn ich erſchöpft ausſehe, ſo iſt der Grund davon in den Gefühlen zu ſuchen, welche unſere Unter⸗ haltung weckt. Ich ſpreche mit unſerer lieben Lucy viel— ſehr viel, und gewiß, ſie hört mich mit mehr Geduld an, als Du, Bruder.“ Ich wußte, daß dieſe Bemerkung ſich auf Grace's Wunſch bezog, ſich über die verſchleierte Zukunft auszu⸗ laſſen, und fand in keinem andern Sinne einen Vorwurf darin. Da ſie aber ruhig ſchien, wollte ich ihrem Wunſche, unnte der iſt, und einen daß ſich il ſie liebe e zur beten und das Be⸗ chaus Drund inter⸗ el— dan, ace's uszu⸗ wurf ſche, — 171— mit mir zu ſprechen, ſo lange es ſich von Gegenſtänden handelte, welche ſie nicht aufregten, nicht entgegen ſein. Wenn ſie von ihren Hoffnungen in einer beſſeren Welt ſprach, hatte dies die entgegengeſetzte Wirkung, und ich konnte nichts dagegen haben. „Lucy’s Abneigung, ſich Verpflichtungen aufzulegen, wie Du deren erwähnteſt, hat ihr nicht in Deiner Achtung geſchadet?“ wiederholte ich. „Du weißt wohl, daß dies nicht möglich war, Miles. Lucy iſt ein liebes, gutes Mädchen, und je genauer man ſie kennen lernt, deſto gewiſſer wird man ſie achten. Ich habe alle Urſache, Lucy zu ſegnen und für ſie zu beten; dennoch möͤchte ich nicht, daß ſie oder ihr Vater mit dem Vermächt⸗ niſſe bekannt würden.“ „Nupert wird ſo nahen und theuern Verwandten etwas dieſer Art ſchwerlich verſchweigen.“ „Rupert mag ſelbſt beurtheilen, ob dies paſſend iſt oder nicht. Gib mir einen Kuß, Bruder; wünſche nicht, mich heute noch einmal zu ſehen; denn ich habe mit Lucy Vieles zu ordnen; morgen ſeh' ich einem langen Beſuche entgegen. Gott mit Dir, lieber, theurer— einziger Bruder; der Himmel ſei ſtets Dein Schutz und Schirm!“ Bei Chloe's Eintritt verließ ich das Gemach und ſchritt durch den langen Gang, welcher zu einem für mich einge⸗ richteten Zimmer— eine Art Bureau, Cabinet oder Bi⸗ bliothek, wie man will— führte, als mir Lucy an der Thüre deſſelben begegnete. Ich ſah, daß ſie geweint hatte. Auf meine Bitte folgte ſie mir in das Zimmer. „Was haltet Ihr von ihrem Zuſtande, Miles?“ fragte das liebe Mädchen, und ihre Stimme war ſo leiſe, ſo kla⸗ gend, daß ſchon der Ton Alles ſagte, was ſie zu hören fürchtete. „Wir werden ſie verlieren, Lucy; ja, es iſt Gottes Wille, ſie zu ſich zu berufen.“ Ich hätte kein ferneres Wort hervorbringen können, und wenn man mir Welten geboten hätte! Die Gefühle, welche Angeſichts meiner Schweſter ſo lange zurückgedrängt worden, machten ſich Luft, und ich ſchäme mich des Ge⸗ ſtändniſſes nicht, daß ich wie ein Kind ſchluchzte und weinte. Wie gütig, wie weiblich, wie liebevoll zeigte Lucy ſich in dieſem bittern Augenblicke! Sie ſagte nur wenig; aber ich glaube, ich hörte ſie wiederholt:„Armer Miles!— armer, theurer Miles!— welch ein Schlag muß dies für einen Bruder ſein!— Gott wird ihm beiſtehen, dieſen Verluſt zu ertragen!“ und andere ähnliche Ausdrücke flüſtern. Sie nahm eine meiner Hände und drückte ſte innig in den ihrigen, behielt ſie mehrere Minuten, beſchäftigte ſich um mich, wie ſich die Mutter um ihr ſchlummerndes Kind zu thun macht, wenn die Krankheit Ruhe erfordert, und ſchien eher ein den Schmerz mitfühlender Geiſt, als ein Weſen, das deſſen Wucht beobachtete. Als ich, Monate nachher, über dieſe Vorgänge nach⸗ dachte, kam es mir vor, als hätte Lucy ſich ſelbſt, die — 173— Beweggründe ihres Schmerzes, ihre eigenen Gefühle für Grace in dem Wunſche, mich zu tröſten, vergeſſen gehabt. Allein dies war ſtets ihr Charakter; dies war ihre eigent⸗ liche Natur, ſozuſagen außer ſich ſelbſt und in dem Daſein derer zu leben, welche ſie achtete oder liebte. Lucy entäußerte ſich während dieſer Scene faſt alles des Zwanges, welchen Weiblichkeit und gereiftere Sitten ſonſt ihrem Benehmen auferlegten; ſie benahm ſich gegen mich mit der unſchuldigen Vertraulichkeit, welche unſern Verkehr bis zu der Zeit, wo ich an Bord der Kriſe abreiſte, bezeichnet hatte. Es iſt wahr, ich war anfangs zu furchtbar aufgeregt, um Alles, was vorging, genau zu beachten; ich erinnere mich aber wohl, daß ſie, ehe ſie mich in Folge einer Aufforde⸗ rung meiner Schweſter verließ, ihr Haupt liebreich auf das meinige neigte und die Locken küßte, mit welchen die Natur das letztere ſo reichlich ausgeſtattet hatte. Zu jener Zeit dachte ich demungeachtet, der Kuß hätte drei Jahre früher, oder vor ihrer Bekanntſchaft mit Drewett die Stirne oder die Wange berührt. Es dauerte lange, bis ich meine Faſſung wieder errang; als mir dies gelungen war, öffnete ich, dem Wunſche mei⸗ ner Schweſter gemäß, ihren Brief an Rupert und las ihn dreimal, ohne auch nur einen Augenblick anzuhalten, um nachzudenken. Er enthielt folgende Worte: — 174— „Mein theuerſter Rupert! „Wenn Ihr dieſe Zeilen leſet, wird es Gott in ſeiner unendlichen, unerforſchlichen Weisheit gefallen haben, mich zu ſich zu rufen. Möge dieſer anſcheinende Verluſt Euch in keiner Weiſe ſchmerzlich berühren, mein Freund; denn ich fühle demuthsvoll die Gewißheit, daß ich den vollen Lohn des großen Opfers unſeres Erlöſers ernten werde. Ich hätte in dieſem Leben nicht glücklich werden können, Nupert; und es iſt eine Gnade, daß ich ſo früh in ein beſſeres verſetzt werde. „Ich ſcheide mit Leidweſen von Euerm vortrefflichen Vater, von Euch, von Eurer herrlichen, innig geliebten Schweſter und von dem lieben, lieben Miles. „Dies iſt der letzte Tribut, welchen ich der Natur abtrage, und ich hoffe, er wird durch ſich ſelbſt Verzeihung finden. „Ich fühle die feſte Zuverſicht, daß mein Tod meinen Freunden zum Heile gedeihen wird. Aus dieſem Geſichts⸗ punkte, und aus dieſem allein, wünſche ich, geliebter Rupert, daß Ihr deſſen eingedenk ſein möchtet. In jedem andern Betrachte laßt ihn vergeſſen ſein. Es iſt Euch nicht mög⸗ lich geweſen, Euerm Herzen zu gebieten, und Worte wür⸗ den mich nie bewogen haben, Eure Gatein zu werden, hätte ich nicht Eure Liebe beſeſſen. Ich bete täglich, faſt ſtünd⸗ lich“— Thränen hatten ſichtbar dieſe Stelle benetzt— „für Euch und Emily. Reicht Euch die Hände und macht einander glücklich. Sie iſt ein holdes Mädchen und beſitzt Vorzüge, welche Clawbonny nicht geben konnte, und welche Euer Glück verſchönern müſſen. Gra⸗ „wi Euch Euch mehr des wird Ehe laſſer denn wie nem alles nung Freu faſt ihren werd weltl mach verni einer mich Euch denn ollen erde. nen, ein ichen bten rage, nden. einen chts⸗ pert, dern mög⸗ wür⸗ „Damit Ihr zuweilen an mich denkt,“— die arme Grace bemerkte dieſen Widerſpruch in ihren Bitten nicht,— „wird Miles Euch ein Vermächtniß zuſtellen, welches ich Euch zurücklaſſe. Nehmt es als eine kleine Habe, welche Euch mit Emily zukömmt. Ich wünſchte herzlich, es wäre mehr; Ihr werdet jedoch die Abſicht nicht überſehen und des Unzureichenden der Summe vergeſſen. So klein ſie iſt, wird ſie Euch hoffentlich in den Stand ſetzen, ſogleich zur Ehe zu ſchreiten; das Uebrige darf Lucy's Herzen über⸗ laſſen bleiben. „Lebt wohl, Rupert; Emily ſage ich nicht Lebewohl; denn ich glaube, es wird das Beſte ſein, dieſer Brief, ſo wie deſſen Zweck bleiben zwiſchen Euch und mir, und mei⸗ nem Bruder; ich wünſche aber Eurer künftigen Gattin alles irdiſche Glück und ein Ende, das ſo reich an Hoff⸗ nungen iſt, wie das, welches das Todesbett Eurer innigen Freundin umgibt.“ „Grace Wallingford.“ O Frauen, Frauen! was ſeid ihr, wenn ihr euch den faſt göttlichen Regungen eurer edlen Natur hingebt und ihrem Schutze gehörig vertraut! und was kann aus euch werden, wenn ihr durch zu nahe Berührung mit jenen weltlichen Intereſſen, welche nie ihr Uebergewicht geltend machen können, ohne eure ganze moraliſche Schönheit zu vernichten, den gemeinen Leidenſchaften anheimfallt! Siebentes Kapitel. Und die Holden, deren Angedenken Das Lied ſoll feiern, das wobl ewig lebt, Sie auch ſind dahin, die duft'gen Blüthen, Dem Auge treuer Lieb' entſchwebt. Mrs. Hemans. Ich kann bei den Begebenheiten der folgenden Woche nicht lange verweilen. Grace's Zuſtand verſchlimmerte ſich täglich, ſtündlich, und der ärztliche Beiſtand, welcher mehr aus Pflichtgefühl als in der Hoffnung, für die Kranke Hülfe zu finden, zugezogen wurde, erwies ſich erfolglos. Herr Hardinge ſah die Kranke oft und ich durfte täg⸗ lich in ihr Gemach kommen, wo ſie zuweilen ſtundenlang ſich an meine Bruſt lehnte und ſich dieſer unſchuldigen Liebe zu freuen ſchien, welcher ſie ſich an dem Rande des Grabes überließ. Da nicht mehr die Rede davon ſein konnte, daß meine Schweſter das Familiengemach wieder beſuchen dürfte, wurde das Canape in ihr Zimmer gebracht, wo es in derſelben Weiſe diente, wie es ſeit meiner Rückkehr von der Reiſe mehrere Male in dem genannten Gemache gedient hatte. Dieſes ehrwürdige Möbel iſt noch vorhanden, und ich bringe in meinen alten Tagen oft Stunden darauf hin, an die Vergangenheit denkend und mich der verſchiedenen Scenen und Unterhaltungen erinnernd, von denen es erzäh⸗ . g lebt, lüthen, nans. Woche te ſich mehr dranke los. e täg⸗ enlang ldigen de des meine wurde rſelben Reiſe hatte. nd ich f hin, edenen erzäh⸗ — 177— len koͤnnte, wenn es Bewußtſein und die Gabe der Sprache beſäße. Am nächſten Sonntage hielt Herr Hardinge, ſeinem Vorhaben gemäß, Gottesdienſt in ſeiner Kirche. Lucy blieb bei ihrer Freundin und ich zweifelte nicht, daß ihr Geiſt ſich in dieſer Zeit dem unſrigen fromm beigefellte; denn ich fand Seelenſtärke genug, um in der St. Michaels⸗ kirche zu erſcheinen. Ich fühlte, daß jedes Glied der klei⸗ nen Gemeinde von dem innigſten Mitgefühle durchdrungen war, und faſt nicht ein einziges Auge blieb thränenleer, als das Gebet für die Kranke vorgetragen wurde. Herr Hardinge verweilte den übrigen Theil des Tages in ſeiner Amtswohnung, um ſeiner Pflichten zu wachen; ich ritt jedoch ſogleich nach dem Morgengottesdienſte nach Hauſe; es war mir unmöglich, in einem ſolchen Augen⸗ blicke länger, als unerläßlich war, von dem Hauſe fern zu bleiben.. Mein Pferd trabte langſam heimwärts und ich holte Reb ein, der zu Fuß nach Clawbonny ging. Sein gan⸗ zes Gehaben war ſo verſchieden von ſeiner gewöhnlichen Weiſe, daß es mir auffallen mußte. Neb war ein kräftiger, lebendiger Neger, und ſchritt gewöhnlich dahin, als wenn er Federn in den Gelenken hätte; jetzt aber bewegte er ſich ſchwerfällig einher, und es konnte mir nicht entgehen, daß eine Laſt auf ſeinem Geiſte ruhte, welche dieſen Einfluß auf ſeinen Körper übte. Der Wechſel wurde, ziemlich natürlich, dem Stand der 211— 213. — 178— Dinge mit Chloe beigemeſſen, und ich fühlte mich geneigt, meinem treuen Selaven, welcher in dem Drange der Sor⸗ gen, die mich im Laufe der letzten zehn Tage bewältigt hatten, unvermeidlich überſehen worden war, ein freund⸗ liches Wort zu ſagen. Ich ſprach mit dem armen Burſchen, als ich ihn er⸗ reichte, ſo ermunternd als möglich, und bemühte mich, ſolche Gegenſtände zu berühren, welche ihn, wie ich glaubte, anziehen würden, ohne ihn zu beunruhigen. „Dies iſt ein merkwürdiger Strandſegen, der Marble's Curs kreuzte, Neb,“ ſagte ich und zog die Zügel an, um mit meinem Schiffsgenoſſen eine kleine Strecke in gleichem Schritte zu gehen.„Eine ſo hübſche alte Frau als Mutter, ein ſo niedliches kleines Mädchen als Nichte, und ein ſo guter Hafen, um am Ende der Reiſe Anker zu werfen, wie es ein alter durchgefegter Seehund nur wün⸗ ſchen kann und darf.“ „Ja, Herr Maſſer Mile,“ antwortete Neb und zwar, wie es mir vorkam, in der Weiſe eines Menſchen, der an etwas ganz Auderes dachte, als an das, was er ſagte; „ja, Herr, ein echter Seehund, Herr Marble.“ „Und als ſolcher nicht minder berechtigt, eine liebe alte Mutter, eine holde Nichte und ein gutes Obdach zu haben.“ „Nein, tarum nicht minder, weil er Seehund ſein. Aber toch, Maſſer Mile, ich zuweilen wünſchen, Ihr und ich happen nie Salzwaſſer geſehen.“ „Dies klingt gerade, als wünſchteſt Du, von den Herrn eeigt, Sor⸗ iltigt eund⸗ n er⸗ mich, zubte, Herrn Zügel ke in Frau ichte, er zu wün⸗ zwar, er an ſagte; de alte aben.“ ſein. )r und in den Höhen und Ufern Clawbonny's nie den Hudſon hinab ge⸗ ſehen zu haben, Knabe; denn der Strom ſelbſt führt Salz bis in unſere Nähe.*) Du denkſt gewiß an Chloe, und glaubſt, Du würdeſt, wäreſt Du zu Hauſe geblieben, ihre Gunſt leichter erworben haben.“ „Nein, Maſſer Mile; nein, Herr. Niemant jetzt zu Clawbonny an irgend etwas anteres als an Tod tenken.“ Ich erſchrack überraſcht. Herr Hardinge war ſtets bemüht geweſen, Alles, was an Uebertreibung gränzte, ſo wie jene phyſiſche Erregungen, welche gewiſſe Secten ſo gern für religiöſe Gefühle auszugeben pflegen, ſelbſt von den Negern der Clawbonny⸗Anſiedelung fern zu hal⸗ ten. Neb's Worte klangen mehr als Alles, was ich unter meinen Leuten je gehört hatte, wie eine Erneuerung jener Unſitte, und ich ſah den Burſchen einen Augenblick ſtreng an, ehe ich antwortete. „Ich fürchte, ich verſtehe Dich, Neb,“ verſetzte ich nach einer Pauſe, welche mich über den Sinn der Worte Neb's hinreichend aufgeklärt hatte.„Es iſt ein Troſt für mich, zu bemerken, daß meine Leute ihre ganze Liebe für die Kinder ihrer alten Herrſchaft bewahrt haben.“ „Wir in der That harte Herzen, Herr, wenn wir nicht ſo thun. Ah, Maſſer Mile, Ihr und ich happen *) Der Hudſon verliert den Salzgeſchmack etwa fünfzig(engliſche) Meilen über Neu⸗York. Der Ueberſ. 12* — 180— viel ſchreckliche Dinge mit einander geſehen; aber wir nichts happen geſehen wie tas.“ Auf Neb's dunkeln Wangen glänzten Thränen, als er dies ſagte, und ich gab meinem Pferde die Spornen, um nicht inmitten der Straße und Angeſichts derer, welche raſch herankamen, meine Schwäche zur Schau zu tragen. Warum Neb es beklagte, je zur See gegangen zu ſein, konnte ich mir nicht anders erklären, als indem ich annahm, er ſchreibe Grace's Leiden gewiſſermaßen meiner Abweſen⸗ heit von Hauſe zu. Als ich zu Hauſe ankam, war keine Seele zu ſehen. Die Männer waren alle in die Kirche gegangen, und man ſah ſie aus der Ferne die Straße entlang, einzeln, nieder⸗ geſchlagen und ohne daß ein Zeichen der gewöhnlichen, gedankenloſen Heiterkeit der Negernatur bemerklich geweſen wäre, daher kommen. Einige der ſchwarzen Venuſſe pfleg⸗ ten ſich in dieſer Jahreszeit zu ſonnen und ihren Sommer⸗ putz vor den Genoſſinnen oder ihren Anbetern zur Schau zu ſtellen; aber auch von ihnen war nichts zu ſehen. Die ganze Vorderſeite des Hauſes, der Raſenplatz, die Küchen, deren nicht weniger als drei waren, und die Küchenhöfe, kurz, alle die beſuchteren Plätze des Hauſes waren ver⸗ laſſen und öde. Dies deutete auf nichts Gutes; ich warf den Zügel des Pferdes über einen Pfoſten und eilte dem Theile des Gebäudes, oder beſſer der Gebäude, zu, welchen Grace bewohnte. in, m, en⸗ en. nan der⸗ en, eſen leg⸗ ner⸗ hau Die hen, öfe, vex⸗ ügel des race — 181— Als ich den Gang erreichte, welcher zu dem Gemache meiner Schweſter führte, erklärte ſich die ungewöhnliche Stille und Einſamkeit der äußern Theile des Hauſes. Sechs oder ſieben unſerer Negerinnen knieten an der Thüre und ich konnte die leiſe, ernſte, feierliche Stimme Lucy's hören, welche einige der Collecten und andere dem Krankenzimmer und den Bedürfniſſen einer ſcheidenden Seele angepaßte Gebete las. Lucy's Stimme war ganz Muſik; ich hatte ſie aber nie ſo trauervoll lieblich klingen hören. Der leiſeſte Ton⸗ fall war vernehmbar, als wenn das liebe, fromme Mädchen fühlte, daß man ſich dem Weſen, zu welchem ſie ſich gewen⸗ det, nicht in anderer Weiſe nahen könne, während der bebende Ernſt der Töne die Tiefe des Gefühls verrieth, mit welchem jede Sylbe dem Herzen entquoll. Man ſage doch nicht, der öffentliche Gottesdienſt erhöhe die Inbrunſt des Gebetes. Dies mag bei denen der Fall ſein, welche, in ſich ſelbſt verſenkt, mit Gott verkehren und nicht einmal zum Gebete ſchreiten können, ohne ihre eigenen Gedanken und ihre Sprache, wie unzulänglich und roh ſie auch ſein mögen, in dem Geſchäfte des Augenblicks obenan zu ſtellen. Wiſſen ſolche Leute nicht, daß bei dem öffentlichen Gottes⸗ dienſte ihre eigenen Gebete hinſichtlich des ganzen Zweckes und der Abſicht nur eine Formel für die Zuhörer ſind, wozu noch kömmt, daß ſie ohne Vorbereitung oder ohne Stim⸗ mung und Richtung des Gemuͤthes aufgenommen werden? ja, daß ſehr oft an die Stelle demüthigen, herzlichen Ge⸗ betes üble, prikelnde Neugier tritt? In der neueren Zeit, wo das Chriſtenthum wieder den Charakter der Secten⸗ ſtreitigkeiten annimmt, und wo man ſo oft der erſten aller Tugenden, der Milde, vergißt, kam mir oft die Scene dieſes feierlichen Nachmittags in das Gedächtniß zurück, und ich fragte mich,„ob Jemand Luey, wie ich gethan, mit der Bitte, welche Chriſtus ſelbſt ſeinen Jüngern als eine um⸗ faſſende Vorſchrift, wenn auch nicht ſchlechthin als eine Formel gab, hätte können ſchließen hören, ohne zu glauben, das Herz vermöge vorgeſchriebene Worte nicht zu begleiten?“ Sobald Lury's feierliche Töne verklungen waren, ſchritt ich durch den Haufen weinender und noch kniender Schwar⸗ zen und trat in das Gemach meiner Schweſter. Grace ſaß zurückgelehnt in einem bequemen Lehnſtuhle; ihre Au⸗ gen waren geſchloſſen, ihre Hände auf den Knieen gefaltet, und ihr Ausſehen, wie ihr ganzer Zuſtand deuteten auf eine augenblickliche, aber gänzliche Abweſenheit des Geiſtes. Ich glaubte nicht, daß ſte mich kommen gehört hatte, und ſtand einen Augenblick neben ihr, ohne zu wiſſen, ob ich ihr meine Gegenwart kund thun ſolle oder nicht. In dieſem Momente begegneten ſich Lucy's und meine Blicke und ich ſah, daß ſie mich ſogleich zu ſprechen wünſche. Grace hatte drei bis vier in einander gehende kleine Zimmer; und in eines derſelben, das als eine Art„boudoir“ — dieſer Name war jedoch damals in Amerika unbekannt— diente, folgte ich dem theuern Weſen, deren ſprechender, aber düſterer Blick mich dazu aufgefordert hatte. „Iſt mein Vater in der Nähe?“ fragte Lucy mit einem Eifer, welchen ich nicht zu deuten wußte; denn ſie mußte wiſſen, daß er in ſeiner Amtswohnung zu öleiben beabſichtigte, um des Nachmittags⸗Gottesdienſtes zu warten. „Nein, Lucy. Ihr habt vergeſſen, daß er die Abend⸗ andacht zu leiten hat.“ „Ich habe nach ihm geſchickt, Miles,“ ſagte ſie und nahm mit der Zärtlichkeit, welche eine Mutter ihrem Lieb⸗ linge beweiſen würde, eine meiner Hände in ihre beiden. „Lieber Miles, Ihr müßt alle Eure Seelenſtärke auf⸗ bieten.“ „Iſt meine Schweſter ſchlimmer?“ fragte ich halb laut; denn obgleich ich auf den Ausgang vorbereitet war, erwartete ich ihn doch keineswegs ſo bald. „Ich möchte es nicht„ſchlimmer“ nennen, Miles, wenn man in einer ſolchen Gemüthsſtimmung vor Gottes Ange⸗ ſicht gerufen wird. Es iſt jedoch paſſend, daß ich Euch Alles ſage. Vor kaum einer Stunde ſagte mir Grace, ihre Zeit ſei zur Hand. Sie hat das Bewußtſein ihres herannahenden Endes, obgleich ſie nicht zugeben wollte, daß ich nach Euch ſchickte. Sie äußerte, Ihr würdet noch Zeit in Fülle haben, von Allem Zeuge zu ſein. Nach meinem Vater aber habe ich geſchickt, und er muß bald hier ſein.“ „Allmächtige Vorſehung! Lucy, glaubt Ihr wirklich, wir würden Grace ſo bald verlieren?“ „Da es Gottes Wille iſt, ſie von uns zu nehmen, Miles, ſo kann ich es kaum bedauern, daß ihr Ende ſo leicht und in jeder Hinſicht ſo ruhig iſt.“ So lange mir das Gedächtniß treu bleibt, wird das Bild Lucy's, wie ſie in jenem Augenblicke vor mir ſtand, meinem Geiſte lebhaft eingeprägt bleiben. Sie liebte Grace als eine theure Schweſter; ſie liebte ſie, wie ein ſeelenvolles, edles, frommes Weib allein lieben kann; und dennoch fühlte ſie, welcher Art die Mittheilung war, die ihr die Pflicht auferlegte, ſo eindringlich, daß nur Beſorgniß um mich in ihren umdüſterten, trauervollen Augen zu leſen war. Ihr Gemüth war ſeiner ſelbſt Herr genug, um zu tragen, was auf ihm laſtete; hingebend, gläubig und geneigt, alles das vorherzuſehen, was ihr tiefgewurzelter Glaube ſie zu hoffen gelehrt hatte, betrachtete ſte, nach meinem Bedünken, meine Schweſter eher als einen Gegenſtand, der zu beneiden, als zu bedauern war, und ihre Beſorgniß war nur meinet⸗ wegen ſo groß. Dieſe edle Selbſtverläugnung ergriff mich in mehr als einer Hinſicht tief und ſetzte mich in den Stand, während der wenigen folgenden Stunden mich in einer Weiſe zu beherrſchen, wie es mir ſonſt nicht möglich geworden wäre. Ich ſchämte mich, mein ganzes Leiden im Angeſichte eines zarten und doch ſo fromm ergebenen Weſens, die eine ſolche Seelenkraft bewies, während ich wußte, daß ihr Herz der Sitz der tiefſten menſchlichen Gefühle war, an den Tag zu legen. Das düſtere Lächeln, welches dann und wann Lucy's men, ee ſo das and, race lles, ühlte flicht ch in Ihr was 3 das offen neine „als einet⸗ r als hrend ſe zu wäre. eines ſolche 3 der ag zu eucy's — 185— Antlitz überflog, wenn ſie mich beſorgt anſah, war voll hingebender Hoffnung und chriſtlicher Zuverſicht. „Gottes Wille geſchehe!“ ſagte ich leiſe vor mich hin. „Der Himmel iſt ein geeigneterer Aufenthalt für einen ſolchen Geiſt, als die Wohnungen der Menſchen.“ Lucy drückte meine Hand und ſchien durch dieſe ſchein⸗ bare Seelenſtärke ſich einer großen Laſt überhoben zu fühlen. Sie bat mich zu bleiben, wo ich war, bis ſie Grace von meiner Rückkehr aus der Kirche benachrichtigt habe. Durch die offene Thüre ſah ich, daß die Negerinnen bedeutet worden waren, ſich zu entfernen, und bald hörte ich Herrn Hardinge's Fußtritt. Er kam in das Gemach, welches an das ſtieß, in dem ich mich befand,— eine Art Vorzimmer für die, welche aus dem zugänglicheren Theile des Hauſes in das Krankengemach kamen. Ich begab mich zu meinem vortrefflichen alten Vormund und im nächſten Augenblicke erſchien auch Luey. Ein Wort der letzteren reichte hin, um uns in dem Vorzimmer feſtzuhalten, wäh⸗ rend ſie zu Grace zurückkehrte. „Gottes Gnade ſei mit uns, mein Sohn,“ ſagte der Geiſtliche halb im Gebete, und halb in Schmerz,„und ich ſage eben ſo gut mit uns, wie mit Euch; denn Grace war mir ſtets ſo lieb, wie mein eigenes Kind. Ich wußte, daß der Schlag kommen müſſe, und habe zu Gott gefleht, er möge uns Allen Kraft verleihen, ihn zu ertragen; den⸗ noch kommt der Tod im wörtlichen Sinne, wenn ihn Nie⸗ mand erwartet. Ich brauche Schreibzeug, Miles, und Ihr — 186— werdet mir unter Euern Leuten einen Eilboten wählen, der in einer halben Stunde zu Pferde ſein kann, obgleich ich kaum die Hälfte dieſer Zeit brauchen werde, um meinen Brief zu vollenden.“ „Ich beſorge, ärztliche Hülfe iſt nutzlos, lieber Herr,“ antwortete ich.„Wir haben Poſt's Anweiſungen und den Rath unſeres ſehr achtbaren Hausarztes, des Dr. Wurtz, welcher mir ſchon vor mehreren Tagen zu verſtehen gab, daß er zur Abwendung der Krankheit keine anderen, als die bereits gebrauchten Mittel kenne. Indeſſen wird es mir ſtets eine Beruhigung ſein, wenn wir Dr. Bard beſtimmen können, über den Strom zu kommen, und ich gedachte bereits, Neb noch einmal zu dieſem Zwecke abzuſenden.“ „Thut dies,“ verſetzte Herr Hardinge, und zog einen kleinen Tiſch vor ſich hin, auf welchem Dr. Wurtz einige Recepte geſchrieben hatte, welche mehr der Form wegen, wie ich glaube, als in der Hoffnung auf Erfolg gefertigt worden waren.„Thut dies,“ ſagte er, während er zu ſchreiben begann und dazwiſchen weiter ſprach,„und Neb kann dieſen Brief auf dem Poſtamte jenſeits des Stromes abgeben; denn auf dieſe Weiſe wird er Rupert am ſchnell⸗ ſten erreichen.“ „Rupert?“ rief ich in einem Tone, den ich augen⸗ blicklich bereute. „Gewiß; wir können nicht umhin, Rupert kommen zu laſſen, Miles. Er war Grace ſtets wie ein zweiter Bru⸗ der, und der arme Burſche würde die Vernachläſſigung ſchwer laſſen, ſelbſt den hi dem a⸗ 77 Hardir meiner Ihr u ders a werder 77 Schwe 3 8 vorber welche ab, w 7 liche — 187— ſchwer aufnehmen, gedächten wir ſeiner bei einer ſolchen Gelegenheit nicht. Es ſcheint Euch auffallend, daß ich ihn nach Clawbonny berufen will?“ „Nupert iſt zu Ballſton, Herr,— glücklich in der Ge⸗ ſellſchaft der Miß Merton— wär' es nicht beſſer, ihn zu laſſen, wo er iſt?“ „Was würdet Ihr denken, Miles, wenn Lucy auf dem Todesbette läge, und wir verſäumten es, Euch davon zu benachrichtigen?“ Ich blickte den guten alten Mann ſo groß an, daß ſelbſt ſeine Einfachheit, wie es ſchien, nicht umhin konnte, den himmelweiten Unterſchied zwiſchen dem wirklichen und dem angenommenen Falle einzuſehen. „Sehr wahr, armer Miles; ſehr wahr,“ ſetzte Herr Hardinge entſchuldigend hinzu:„ich ſehe die Schwäche meiner Vergleichung ein, obgleich ich zu hoffen begann, Ihr würdet Lucy jetzt nur noch mit den Augen eines Bru⸗ ders anſehen. Aber Rupert darf doch auch nicht vergeſſen werden, und mein Brief iſt hier bereits fertig.“ „Es wird zu ſpät ſein, Herr,“ entfuhr es mir,„meine Schweſter kann den Tag nicht überleben.“ Ich ſah, daß Herr Hardinge auf dieſe Nachricht nicht vorbereitet war; ſeine Wange wurde bleich und ſeine Hand, welche den Brief ſiegelte, zitterte. Er ſchickte ihn jedoch ab, wie ich nachher entdeckte. „Gottes Wille geſchehe!“ ſagte der vortreffliche Geiſt⸗ liche vor ſich hin.„Wenn dies wirklich ſein heiliger Wille — 188— iſt, dürfen wir trauern, daß abermals eine demuthvolle Chriſtenſeele vor das Angeſicht ihres großen Schöpfers gerufen wird? Rupert mag ‚ſich wenigſtens einſinden, um der Heiligen, welche wir verlieren, alle Ehre zu erweiſen, die wir ihr erweiſen.“ Gegen eine ſolche Einfalt und Güte des Herzens war kein Widerſtand möglich; und hätte ich es auch vermocht, ſo mußte die Aufforderung, zu Grace zu kommen, alle meine Gedanken ihr zulenken. Die Augen meiner Schweſter waren jetzt geöffnet. Ich bebte und mein Herz drohte, wie in Verzweiflung, zu bre⸗ chen, als ich den nicht irdiſchen, oder vielmehr überirdiſchen Ausdruck derſelben ſah. Nicht als wäre irgend etwas, das auf den Tod in ſeiner erſchreckenden Geſtalt deutete, meinem Auge begegnet; nein, ich ſah einfach den Glanz eines Geiſtes, welcher fühlte, daß er bereits an dem Ein⸗ gange in ein neues Leben weilte und der ſich von jedem Verkehre mit dem, was zurückblieb, trennen mußte. Ich kann nicht behaupten, daß mich der Gedanke nicht geſchmerzt habe, meine Schweſter könne ſich ganz glücklich fühlen, ohne daß ich ihr Glück mehr oder minder theilte. Wir ſind Alle ſo ſelbſtſüchtig, daß es ſchwer zu ſagen iſt, in wie weit ſelbſt unſre unſchuldigſten Wünſche der Beimi⸗ ſchung dieſer Schwäche unſrer Natur bar ſeien. Aber Grace ſelbſt konnte ſich der Bande des Bluts und der menſchlichen Liebe nicht entſchlagen, ſo lange ihr Geiſt in ſeiner irdiſchen Behauſung weilte. Im Gegen⸗ theil d unendl unwan ſchwac beeilen dennoc genug len, u 2 nieder ſo me hatter Enge der er chen drückt zu he ſich i und ſie ih daß gethe Sei nicht blick hvolle öpfers , um veiſen, s war mocht, , alle Ich zu bre⸗ diſchen etwas, eutete, Glanz Ein⸗ jedem Ich hmerzt ühlen, Wir iſt, in Beimi⸗ Bluts ge ihr Gegen⸗ — 189— theil deutete jeder Blick, welchen ſie uns zuwendete, die unendliche Zärtlichkeit ihres Weſens an und war voll der unwandelbar innigſten Liebe. Sie war ſchwach— erſchreckend ſchwach, wie es mir vorkam; denn der Toh ſchien ſich zu beeilen, um ſie ſo ſchnell und leicht als möglich zu befreien; dennoch war die Theilnahme an mir und Lucy lebendig genug in ihr, um ihr die Kraft zu geben, das mitzuthei⸗ len, was ſie zu ſagen wünſchte. Auf einen Wink von ihr kniete ich an ihrer Seite nieder und legte ihr Haupt an meine Bruſt, wie wir bereits ſo manche Stunde während ihrer Krankheit hingebracht hatten. Herr Hardinge beugte ſich, wie ein ſchirmender Engel, über uns und ſprach in gedämpftem Tone einige der erhabenſten Stellen aus der heiligen Schrift, in wel⸗ chen ſich der ſchönſte Troſt für die ſcheidende Seele aus⸗ drückt. Lucy ſchien mir gerade die Stelle eingenommen zu haben, wo ſie am nöthigſten war; und oft wendeten ſich ihr Grace's Augen mit dem Strahle der Dankbarkeit und Liebe zu. „Die Stunde iſt nahe, Bruder,“ flüſterte Grace, als ſie ihr Haupt an meine Bruſt gelegt hatte.„Vergiß nicht, daß ich ſterbend eben ſo gut für die, welche mir unrecht gethan haben mögen, wie für mich ſelbſt Verzeihung erflehe. Sei all deſſen gedenk, was Du mir verſprochen haſt; thue nichts, das Luey oder ihrem Vater einen bittern⸗Augen⸗ blick verurſachen könnte!“ „Ich verſtehe Dich, Schweſter,“ antwortete ich leiſe. — 190— „Sei gewiß, Alles geſchieht, was Du geſagt— was Du gewünſcht haſt.“ Ein ſanfter Händedruck ſagte mir, ſie ſei zufrieden mit der Zuſicherung, welche ich ihr gegeben. Von dieſem Augenblicke an ſchien es mir, als nehme Grace weniger Theil an den Dingen dieſer Welt, als bis⸗ her. Dennoch dauerte ihr Intereſſe an denen, welche ſie liebte, und die ſie liebten, bis zu ihrem letzten Athemzuge fort. „Laßt alle Sklaven, welche mich zu ſehen wünſchen, hereintreten,“ ſagte Grace und erhob ſich, um einer ſchwe⸗ ren, aber nothwendigen Pflicht Genüge zu thun.„Ich kann ihnen nie vergelten, was ſie für mich gethan haben; aber ich vertraue ſie Dir mit Zuverſicht an, Miles!“ Lucy gleitete aus dem Gemache und in wenigen Minu⸗ ten näherte ſich der lange Zug ſchwarzer Geſichter der Thüre. Der Schmerz dieſer natürlichen Weſen iſt, wie ihre Freude, gewöhnlich laut und lärmend; aber Lucy, die liebe, beſonnene, kräftige Lucy— ſelbſt inmitten eines Kummers, welcher ſie faſt zu Boden drückte, kräftig— hatte an all dies gedacht und die Schwarzen erhielten nur unter der Bedingung Zulaß, daß ſie ſich Angeſichts der Herrin zu faſſen bemühten. Grace ſprach mit jeder der Frauen und nahm von allen ruhigen und mit irgend einer paßlichen und eindring⸗ lichen Ermahnung Abſchied; eben ſo hielt ſie es mit den ältern Männern. „Geht und freut Euch, daß ich ſo bald den Sorgen dieſer Scene Brude ſorgen Lieber einfach ſanfte war ſ der, Zimm ihrer ordent gewöh 8 nach in der hinau gekehr geſtree mit d ließ d er ſeit ten A her, Zeit ſich d — 191— s Du dieſer Welt überhoben werde,“ ſagte ſie, als jene traurige Scene vorüber war.„Betet für mich und für Euch. Mein ieden Bruder kennt meine Wünſche hinſichtlich Eurer, und wird ſorgen, daß ſie befolgt werden. Gott ſegne Euch, meine ehme Lieben, und behalte Euch in ſeinem heiligen Schirme!“ bis⸗ Das Anſehen, welches ſich Lucy über dieſe guten, he ſie einfachen Weſen in der kurzen Zeit, welche ſie unter ihrer fort. ſanften, aber ernſten Oberaufſicht geſtanden, erworben hatte, ſchen, 4 war ſo groß, daß ſie ſammt und ſonders ruhig, wie Kin⸗ chwe⸗ der, und von der Feierlichkeit der Scene erſchüttert, das „Ich Zimmer verließen. Aber die älteſten und runzelvollſten aben; ihrer Wangen waren thränenbenetzt und nur die außer⸗ , ordentlichſten Anſtrengungen machten es ihnen möglich, den Ninu⸗ gewöhnlichen Ausbruch des Schmerzes zurückzudrängen. r der Ich war an ein Fenſter getreten, um meine Gefühle wie nach dieſer Abſchiedsſcene zu verbergen, als ein Geräuſch „ die in den Büſchen unter demſelben mein Ohr traf. Als ich eines hinausblickte, ſah ich Neb mit dem Geſicht asf den Boden g— gekehrt, ſeine herkuliſche Geſtalt in ihrer vollen Länge aus⸗ m nur geſtreckt und in dem geiſtigen Schmerz, der ihn bewältigte, 3 der mit den Händen die Erde zerwühlend, liegen; und dennoch ließ der treue Burſche nicht einen Laut vernehmen, damit von er ſeiner jungen Herrin Ohr nicht erreichen und ihre letz⸗ ring⸗ ten Augenblicke ſtören möge. Ich vergewiſſerte mich nach⸗ den her, daß er dieſen Platz gewählt hatte, um von Zeit zu Zeit durch Zeichen von Chloe Nachricht zu erhalten, wie orgen ſich die Dinge in den Zimmern eben geſtalteten. 192— Luey rief mich bald wieder an meinen alten Platz zurück, da Grace nach mir verlangt hatte. „Nur eine Stunde noch, und wir werden Alle wieder beiſammen ſein,“ ſagte Grace, und ihre klare, vernehm⸗ bare Stimme erſchreckte uns Alle.„Die unmittelbare Nähe des Todes erhebt uns zu einer Höhe, wo wir die ganze Welt und ihre Eitelkeit mit einem Blicke überſehen können.“ Ich drückte das ſterbende Weſen feſter an mein Herz, eine Art unwillkührliche Darlegung, wie ſchwer ich es fände, ihren Verluſt mit der religiöſen Ergebung, welche ſie forderte, zu ertragen. „Traure nicht um mich, Miles,“ fuhr ſie fort;„aber ich weiß, Du wirſt trauern! Doch— Gott wird Deinen Schmerz erleichtern und der Streich, der Dich trifft, kömmt vielleicht Deinem Seelenheil zu gut.“ Ich war keiner Antwort fähig. Ich ſah, wie Grace ſich bemühte, mich in das Auge zu faſſen, als wollte ſie ſehen, welchen Eindruck die Scene auf mich mache. Ich war behülflich, ſie in eine Lage zu bringen, welche ihrem Wunſche entſprach. Der Anblick erweckte, glaube ich, Gefühle, welche dem Einfluſſe des letzten großen Wechſels gewichen waren; denn als meine Schweſter wieder ſprach, war eine Zärtlichkeit in ihrem Tone, welche bewies, wie ſchwer es wahrhaft liebevollen Seelen iſt, ihrem natürlichen Gefühle zu entſagen. „Armer Miles! ich wünſchte faſt, wir ſchieden mit⸗ einander! Du biſt mir ein lieber, guter Bruder geweſen!“ L wohltl zen na „ in der haben, D übergo Grace' weinen J uns bei in dieſ die Ve mußte. war, u gen der Lucy's 2, zuweile Salzwe Dieſe aufkomt daß ihr Gegenſ „, lenken, 211- Platz vieder ehm⸗ Nähe ganze nen.“ Herz, ſch es welche „aber deinen kömmt Grace Ute ſie Ich ihrem de dem denn lichkeit hrhaft iſagen. n mit⸗ eſen!“ * 193 Welch ein ſüßer Troſt lag in dieſen Worten und wie wohlthuend klangen ſie in ſpätern Tagen in meinem Her⸗ zen nach! „Es thut mir leid,“ fuhr ſie fort,„Dich faſt allein in der Welt zu laſſen. Aber Du wirſt Herrn Hardinge haben, und unſere Lucy—“ Die Pauſe und der Blick, welcher dieſen Worten folgte, übergoſſen meinen ganzen Körper mit einem leichten Schauer. Grace's Augen wendeten ſich beſorgt von mir zu Lucy, die weinend vor ihr kniete. Ich glaubte, ſie wolle einen Wunſch oder irgend ein auf uns beide bezügliches Beileid laut werden laſſen, das ich, ſelbſt in dieſem Augenblicke, nicht hätte hören können, ohne die Verwirrung zu verrathen, in welche es mich verſetzen mußte. Sie blieb jedoch ſtill, obgleich ihr Blick zu beredt war, um mißverſtanden zu werden. Ich ſchrieb das Schwei⸗ gen der Ueberzeugung zu, daß Alles zu ſpät ſei, indem Lucy'’s Herz Andrew Drewett gehöre. In dieſem Augenblicke kamen mir Neb's Worte:„Ich zuweilen wünſchen, Maſſer Mile, Ihr und ich happen nie Salzwaſſer geſehen!“ bitter in das Gedächtniß zurück. Dieſe Stunde war jedoch nicht geeignet, ſolche Gefühle aufkommen zu laſſen, und Grace ſelbſt fühlte zu deutlich, daß ihre Augenblicke gezählt waren, als daß ſie bei dem Gegenſtande hätte verweilen können. „Eine allmächtige Vorſehung wird Alles zum Beſten lenken,“ flüſterte ſie, aber doch erſt nach einer kleinen 211— 213. 13 — 194— Pauſe, während welcher ihr Geiſt ſich ihrer Lage wieder zuzuwenden ſchien. Das Wohl zweier ſo geliebten Perſo⸗ nen, wie Lucy und ich ihr waren, konnte Grace bei ihrem Charakter, ſelbſt in der Stunde des Todes, nicht gleich⸗ gültig ſein. Herr Hardinge ließ ſich nun auf ſeine Kniee nieder und die nächſte Viertelſtunde wurde im Gebete hingebracht. Als der Geiſtliche ſich wieder erhob, gab ihm Grace, deren Antlitz in engelgleicher Reinheit ſtrahlte, die Hand und ſprach mit klarer, deutlicher Stimme ein Segensgebet über ihn, wobei ſie in ihre Wünſche für ſein Glück die Gefühle der Dankbarkeit verflocht, welche ihr ſeine Sorg⸗ falt für uns Verwaiſte auferlegte. Ich hatte den alten Mann nie vorher ſo gerührt geſe⸗ hen. Dieſer unerwartete Segensſpruch,— denn ich wüßte es nicht anders zu nennen,— welchen die Jugend über das Alter ſprach, beugte ihn ganz nieder. Der Greis ſank auf ſeinen Stuhl und weinte bitterlich. Dies erſchreckte Lucy, welche die grauen Haare ihres Vaters mit Ehrfurcht betrachtete und die Stärke ſeiner Erregung ermaß. Allein Gefühle dieſer Art konnten einen Mann, wie Herrn Har⸗ dinge, nicht lange feſſeln und er gewann bald wieder den Anſchein der Faſſung ſo weit, als dies an einem Sterbe⸗ bette wie dieſes möglich war. „Manche mögen wohl denken, ich ſei zu jüng zum Sterben,“ bemerkte Grace;„ich bin aber der Welt müde. Es iſt mein Wunſch, mich dem Willen Gottes zu fügen; aber ſich geh' werde lieber auf ten u ſelten Welt zöger chen heimi Ruhe Auen Lager daß Zimm Umge 4 war, ſchaft ſie jet zeugt, zuſam beſchli 4 dieder zerſo⸗ ihrem leich⸗ nieder racht. Hrace, Hand sgebet ck die Sorg⸗ t geſe⸗ wüßte )über s ſank chreckte rfurcht Allein n Har⸗ eer den Sterbe⸗ g zum müde. fügen; — 195— aber geſegnet ſei ſein heiliger Name, daß er mich heute zu ſich nehmen will. Lucy— meine geliebte Freundin— geh' in das nächſte Zimmer und öffne die Vorhänge; ich werde ſo im Stande ſein, noch einmal auf die Fluren des lieben Clawbonny zu ſchauen; dies wird mein letzter Blick auf die äußere Welt ſein!“ Dieſer Abſchied von dem Unbelebten, von lange gekann⸗ ten und geliebten Gegenſtänden kömmt bei Sterbenden nicht ſelten vor. Es liegt nicht in unſerer Natur, dieſe ſchöne Welt für immer zu verlaſſen, ohne„einen ſehnſüchtigen, zögernden Blick“ zurückzuwerfen. Die Hand ihres göttli⸗ chen Schöpfers war an dieſem Tage der Lieblichkeit meiner heimiſchen Gefilde glorreich aufgedrückt und eine heilige Ruhe ſchien über den Getreidefeldern, den Gärten, den Auen und den bewaldeten Höhen zu herrſchen. Grace's Lager war in ihrem Gemache abſichtlich ſo geſtellt worden, daß ſich durch die Thüre und Fenſter des anſtoßenden Zimmers dem Auge eine ausgedehnte Ausſicht auf die Umgegend erſchloß. Hier hatte ſie, während ſie in die Zimmer gebannt war, oft geſeſſen und in die ſo bekannte und theure Land⸗ ſchaft hinausgeſehen. Ich ſah, wie ihre Lippen bebten, als ſie jetzt zum letzten Male hinausſchaute, und ich war über⸗ zeugt, daß ein ungewöhnliches, mit der Vergangenheit zuſammenhängendes Gefühl in dieſem Augenblicke ihr Herz beſchlichen hatte. Daſſelbe Landſchaftsgemälde lag auch vor meinem 13 196 Auge ausgebreitet, und ich bemerkte, daß ihr Auge auf den kleinen Wald gefeſſelt war, wo Rupert und ich bei unſerer Rückkehr von der See die Mädchen überraſcht hatten— ein Lieblingsaufenthalt der zwei theuern Weſen, welcher, wie ich nicht zweifelte, oft Zeuge der jugendlichen Vertrau⸗ lichkeit zwiſchen Grace und ihrem treuloſen Geliebten geweſen war. Der Tod ſchwebte jetzt bereits über dieſem geheiligten Geſchöpfe; aber das Herz des Weibes war nicht— konnte nicht gefühllos gegen die Eindrücke ſein, welche ein ſolcher Anblick hervorrief. Vergebens übergoß das warme Licht des Himmels die ganze Landſchaft mit einem Glanzmeere; vergebens ent⸗ falteten die Auen ihre ſchönſten Blüthenfarben, der Wald ſein wechſelndes, glänzendes, amerikaniſches Grün, die Vögel ihre unſchuldige Luſt und ihr ſtrahlendes Geſieder; die Phantaſie meiner Schweſter malte ſich Scenen aus, welche einſt mit dem Gefühle in Verbindung ſtanden, wel⸗ ches der Mittelpunkt ihres ganzen Lebens war. Ich fühlte, wie ſie, ſich in meinen Arm lehnend, bebte; und als ich in zärtlicher Beſorgniß mein Haupt zu ihr neigte, hörte ich ſie ein Gebet flüſtern, das, wie ich leicht vernehmen konnte, für Rupert's Glück himmelan ſtieg. Nachdem dies geſchehen war, bat ſie ſelbſt, die Vor⸗ hänge wieder zu ſchließen, um den ſtets wachen Gedanken von ſich abzuwehren. Ich habe, ſeit die Begebniſſe dieſes traurigen Tages — 197=— den an mir vorüber gegangen, oft gedacht, Grace's Auflöſung ferer ſei durch dieſe zufälligen Erinnerungen an Rupert und ſeine 4 treuloſe Liebe beſchleunigt worden. Ich nenne es Liebe, ſcher,. obgleich es ſich fragt, ob ein ſo ſelbſtſüchtiges Geſchöpf nlaü⸗ jemal etwas außer ſich ſelbſt liebte, vielleicht ſich ſelbſt ebten nicht ſo, daß man dieſes ſchöne Wort auf das Gefühl . anwenden dürfte. igten Grace wurde, von dieſem unſeligen Augenblicke an, ant raſch ſchwächer und ſchwächer. Wir Alle waren allerdings olcher ihres Todes gewärtig und beſorgten, er könne noch dieſen — Tag eintreffen, aber ſein ſchnelles Herannahen mußte uns E die überraſchen; wir erwarteten ihn nicht binnen der erſten at⸗ Stunde. Wald Und welch eine Stunde war die nun folgende! So⸗ , die wohl Herr Hardinge als Lucy brachten die Hälfte dieſer zeder⸗ Zeit auf ihren Knieen in ſtillem, inbrünſtigem Gebete hin; aus, denn man glaubte, laut vorgetragene Gebete möchten die ⸗wel⸗ Kranke ſtören. Minuten lang herrſchte bereits die Stille des Grabes um uns. Ich verſtehe von der Heilkunde zu hebte; wenig, um ſagen zu können, ob der Wechſel, welcher den 4 ihr Geiſt meiner Schweſter nun überkommen, die Folge einer leicht durch das lange, ergreifende Ausſchauen auf den Wald 9. verurſachten Erſchütterung war, oder ob er von der ent⸗ Vor⸗ weichenden Körperkraft herrührte und mit jenem geheim⸗ danlen nißvollen Bande zuſammenhing, welches den unſterblichen 6. Theil unſeres Daſeins ſo enge mit dem körperlichen ver⸗ Tage⸗ bindet, bis ſich die Feſſeln für alle Zeit löſen. — 198— Gewiß iſt es, daß Grace's Gedanken in der Irre ſchweiften, und, während ſie ihren Halt an dem Glauben und einer freudigen chriſtlichen Hoffnung nie ganz aufgaben, auf etwas deuteten, das kindlicher Einfalt, wenn nicht geradezu geiſtiger Schwäche ähnlich war. Demungeachtet war Grace von einer ſittlichen Schönheit umſtrahlt, welche die Hinfälligkeit der geiſtigen Kräfte nie ganz verlöſchen konnte. Die faſt athemloſe Ruhe des Gebetes währte eine volle halbe Stunde. Während dieſer ganzen Zeit regte ſich meine Schweſter kaum; ihre Hände waren gefaltet; ihr Auge hob ſich dann und wann himmelan. Endlich ſchien ſie wieder ein wenig aufzuleben und die Gegenſtände umher zu bemerken. Zuletzt redete ſie. „Lucy, Liebſte,“ ſagte ſie,„was iſt aus Rupert geworden? Weiß er, daß ich ſterbe? Und wenn er es weiß, warum kömmt er nicht, um mich zum letzten Male zu ſehen?“ Ich brauche kaum zu bemerken, wie ſehr diefe Frage Lucy und mich erſchreckte; jene barg ihr Antlitz in ihren Händen und antwortete nicht; der gute Herr Hardinge aber, welcher durchaus nicht wußte, daß nicht Alles ſei, wie es ſein ſollte, beeilte ſich, ſeinen Sohn zu entſchuldigen. „Es iſt nach Rupert geſchickt worden, mein liebes Kind,“ ſagte er,„und obgleich er der Liebe zu Miß Merton voll iſt, wird er doch nicht verfehlen, ſogleich nach Empfang des Briefes hierher zu eilen.“ uben aben, nicht ichtet delche ſchen volle neine Auge d die upert er es Male Frage ihren aber, ie es iebes erton fang „Miß Merton!“ wiederholte Grace und preßte ihre beiden Hände gegen ihre Schläfe:„wer iſt ſie? ich kenne Niemand dieſes Namens.“ Wir überzeugten uns jetzt, daß der Geiſt der lieben Leidenden ſeiner Kraft bar wurde, und bemühten uns daher nicht, ihre Gedanken einen richtigern Weg zu leiten. Wir konnten nur hören und weinen. Kurz darauf ſchlang Grace einen Arm um Lucy's Nacken und zog ſie mit kindiſcher Haſt an ſich. „Lucy— liebe Lucy,“ ſagte ſie,„wir wollen dieſe thörichten Knaben überreden, ihrem Plane, zu See zu gehen, zu entſagen. Nun, wenn auch Miles⸗ Vater und Rupert's Urgroßvater Seeleute waren, iſt dies ein Grund, daß auch ſie Seeleute werden ſollen?“ Sie hielt inne, ſchien nachzudenken und blickte zu mir auf. Sie lehnte ihr Haupt noch an meine Bruſt, und die Zärtlichkeit, mit welcher ſie mir ihr Auge zuwendete, hatte ganz jenes Schmelzende, Hingebende, welches darin lag, als wir uns nach meiner Rückkehr nach Hauſe in dem Familiengemache trafen. Sie hatte noch Kraft genug, um ihre bleiche, aber nicht hagere Hand zu erheben, dieſelbe über meine Wangen gleiten zu laſſen und noch einmal die Locken auf meiner Stirne zu theilen und in kindiſcher Zärtlichkeit mit meinem Haare zu ſpielen. „Miles,“ flüſterte der liebe Engel leiſe, denn der Athem begann ihr zu fehlen,„erinnerſt Du Dich, daß die — 200— Mutter uns geſagt hat, ſtets die Wahrheit zu ſprechen? Du biſt ein mannhaftes Herz, Bruder, und haſt zu viel Stolz, um je eine Unwahrheit zu ſagen. Ich wollte, Ru⸗ pert wäre eben ſo offen.“ Dies war die erſte, die letzte, die einzige Aeußerung, welche ich jemals von Grace gehört hatte, daß ſie ſich irgend eines Mangels in Rupert's Charakter bewußt ſei. Ach, wäre ihr dieſe wichtige Einſicht früher gekommen! doch— dies klingt, als verlange man von einem Kinde das Urtheil und die Umſicht eines Weibes! Ihre Hand lag noch auf meinem Haupte und ich hätte ſie in dieſem bittern Augenblicke nicht entfernt wiſſen mögen, und wenn ich mich dadurch der Liebe Lucy's vergewiſſert hätte. „Sieh,“ begann meine Schweſter wieder, und ihre Stimme ward immer ſchwächer,„wie braun ſeine Wange iſt,— aber ſeine Stirne iſt weiß. Ich weiß nicht, ob ihn die Mutter wieder erkennen würde, Lucy. Iſt Rupert’s Wange ſo braun, wie dieſe, Liebſte?“ „Rupert hat ſich in der neueren Zeit der Luft nicht ſo ausgeſetzt, wie Miles,“ antwortete Lucy der Kranken, deren Arm ſich immer noch um ihren Nacken ſchlang, leiſe. Die wohlbekannte Stimme ſchien eine neue Gedanken⸗ folge zu wecken. „Lucy,“ fragte meine Schweſter,„haſt Du Miles noch ſo gerne wie einſt, als wir Kinder waren?“ „Ich habe zu Miles Wallingford immer eine innige Liebe gehegt und werde dieſes Gefühl ſtets bewahren,“ antwortete Lucy ruhig. nied⸗ zu! blau abwe und einen mach eines ſein Dein ihn mitte ſung⸗ ford verha den 2 ten „Luc blicke geſch rung, ſich ſei. men! dinde hätte ögen, hätte. ihre ange ihn ert's nicht aken, leiſe. aken⸗ tiles nige en,“ Grace's Arm ſank nun von dem Halſe der Freundin nieder; denn ſie war zu ſchwach, um ihn noch länger ſo zu halten; ſie wendete ſich zu mir und heftete ihre reinen blauen Augen auf mein Geſicht, von dem ſie ſie nicht mehr abwendete, ſo lange ſie athmete. Ich konnte meine Thränen nicht mehr zurückhalten, und ſie ſchien darüber eher erſtaunt, als betrübt. Plötzlich hörten wir ihre Stimme ſanft, laut und mit einem Nachdrucke, der ihre Worte deutlich vernehmbar machte. Dieſe Worte waren der unvergänglichen Liebe eines Herzens voll, welches ſich, ſo lange es mit Bewußt⸗ ſein ſchlug, nicht einen Augenblick von mir abgewendet hatte. „Allmächtiger Vater,“ ſagte ſie,„blicke nieder von Deinem Gnadenthrone auf dieſen theuern Bruder; erhalte ihn Dir und rufe ihn, wenn ſeine Stunde gekommen, mittelſt der Liebe unſeres Erlöſers in Deine Segenbehau⸗ ſungen.“ Dies waren die letzten Worte, welche Grace Walling⸗ ford geſprochen hat. Sie athmete noch zehn Minuten und verhauchte ihren Geiſt an meiner Bruſt, wie das Kind in den Armen ſeiner Mutter dahinſtirbt. Ihre Lippen beweg⸗ ten ſich mehrere Male; einmal glaubte ich den Namen „Lucy“ zu hören; ſie hat aber wohl bis zu dem Augen⸗ blicke, wo ſie zu leben aufhörte, für uns Alle, Rupert ein⸗ geſchloſſen, gebetet. — — 202— Achtes Kapitel. In euern Schattengängen bört' ich Stimmen, welche jetzt verklungen; Ruheſitze ſah ich dort ſo heimiſch Von Blättergrün umſchlungen; Doch Niemand ſitzt auf ihnen mehr, Allum iſt's ſtill und todt und leer. Mrs. Hemans. Ich habe die Leiche meiner Schweſter nicht wieder geſehen, nachdem ich ſie, einem ſchlummernden Kinde ähn⸗ lich, in Lucy's Arme gelegt hatte. Manche Menſchen haben eine Art kränkelnder Neugier, die Züge der Todten anzuſchauen; bei mir war es ſtets das Gegentheil. Ich war in das Familiengemach geführt worden, um meine beiden Eltern zu ſehen und über ihnen zu weinen; dies geſchah aber in einem Alter, wo es mir anſtand, mich lei⸗ dend zu verhalten. Jetzt hatte ich ein Lebensalter erreicht, wo ich mein eigenes Urtheil haben durfte; und ſobald ich überhaupt über den Gegenſtand nachzudenken begann, was natürlich nicht in den erſten Stunden geſchah, beſchloß ich, der letzte Blick der Liebe, das liebliche Antlitz, das zwar in den Tod dahinſank, aber noch von den Gefühlen des reinſten Herzens belebt und überglänzt war, ſollte der ſtets bleibende Eindruck des Bildes meiner Schweſter ſein. Ich habe dieſes Bild ſeitdem ſtets werth gehalten und mich oft gefrer ließ. welch ſchme ich de noch einen und e ich ni S Wehk gange geſtör ohne töne für d laſſen mich letzte die A die T die v Liebe „ tans. vieder ähn⸗ ſchen odten Ich meine dies h lei⸗ reicht, ld ich „was ß ich, zwar n des r ſtets Ich ic oft — 203— gefreut, daß ich kein anderes, ſpäteres an ſeine Stelle treten ließ. Was meine beiden Eltern betrifft, ſo war das Bild, welches mir Jahre und Jahre lang vorſchwebte, eher ein ſchmerzliches, als erfreuliches. Sobald Grace's Leiche aus meinen Armen war, ſobald ich den letzten langen Kuß auf die marmorgleiche, aber noch warme Stirne gedrückt hatte, verließ ich das Haus. Es gab zu Clawbonny keine unbequemen Augen, die einen Trauernden in ſein Gemach verſcheuchen konnten, und es war mir gewiſſermaßen unmöglich, zu athmen, wenn ich nicht die Freiheit der offnen Luft ſuchte. Als ich über den kleinen Raſenplatz eilte, erreichte das Wehklagen aus den Küchen mein Ohr. Da die Dahinge⸗ gangene jetzt nicht mehr durch die Klagetöne der Schwarzen geſtört werden konnte, überließen ſich dieſe einfachen Weſen ohne Zwang ihren Gefühlen. Ich hörte ihre Schmerzens⸗ töne noch lange, nachdem jeder andere Laut aus dem Hauſe für das Ohr unvernehmbar geworden war. Ich wollte mich nur der Scene, welche ich eben ver⸗ laſſen, entziehen, und ſchritt die Straße entlang, bis ich mich in eben dem Wäldchen ſah, das gewiſſermaßen der letzte Gegenſtand geweſen war, welcher in der äußern Welt die Aufmerkſamkeit meiner Schweſter auf ſich gezogen hatte. Hier erinnerte mich Alles an die Vergangenheit— an die Tage der Kindheit und Jugend— an die Weiſe, wie die vier Kinder mit einander gelebt und in Vertrauen und Liebe dieſe lieblichen Büſche durchſtreift hatten. Ich ſah — 204— Graee's Engelsantlitz den Blättern aufgedrückt, hörte ihr leiſes, aber heiteres Lachen, wie ſie es in glücklichen Stun⸗ den hören zu laſſen pflegte, und die Töne ihrer ſanften Stimme klangen faſt ſo traulich, wie im Leben, an mein Ohr. Auch Rupert und Lucy waren da. Ich ſah, ich hörte ſie, und ſuchte mich in ihre unſchuldige Heiterkeit zu miſchen, wie ich ehemals gethan hatte; bald aber traten ſtörende Anzeichen der traurigen Wahrheit dazwiſchen, und der Zauber war dahin. Ich verließ das Wäldchen, und ſtreifte durch dichtere Laubdecken und über Fluren, welche dem Hauſe ferner lagen. Es war dunkel, als ich an die Rückkehr dachte; die ganze Zeit war in einer Art geheimnißvoller Träumerei vergangen und mein Geiſt war in Seenen verloren gewe⸗ ſen, welche denen der Gegenwart ganz fremd waren. Ueberall ſah ich Grace's lieblich holdes Bild; wohin ich mich wendete, klang mir ihre Stimme entgegen. Bald war ſie das Kind, welches ich in ſeinem kleinen Wagen ziehen durfte— der früheſte aller an dieſe geliebte Schwe⸗ ſter ſich knüpfenden Eindrücke;— bald folgte ſie mir, wenn ich meinen Reif dahin trieb;— dann kamen ihre kleinen Mahnungen und Verwarnungen, nichts Unrechtes zu thun, oder ein ernſter, aber ſanfter Vorwurf, wenn wirklich ein Fehler begangen worden;— bald ſah ich ſie wieder in dem ganzen Stolze der Jungfräulichkeit, hold und ganz Lie⸗ benswürdigkeit, die Vertraute meiner Seele, welche in alle meine Pläne einzugehen geneigt war. Wie oft ver⸗ ſchmol das S dem L Schwe an me Lebens C Hauſe deren zu erg denen 2 trat, dinge zu Mr zukehr D tunge ſehen dieſet chen denn ten zu wie 1 Vater ben, e ihr Stun⸗ nften Ohr. e ſie, ſchen, rende der chtere ferner achte; merei gewe⸗ wohin Bald Lagen öchwe⸗ wenn leinen thun, ch ein n dem 3 Lie⸗ che in ft ver⸗ — 205— ſchmolz an dieſem Tage das Murmeln eines Baches oder das Summen einer Biene in der Phantaſie mit dem Geſang, dem Lachen, dem Rufen oder dem Gebete dieſer geliebten Schweſter, deren Geiſt himmelan entſchwebt war und die an meinen Freuden und Leiden, ſo wie an den Scenen des Lebens keinen Theil mehr nehmen ſollte! Einmal hatte ich beſchloſſen, die Nacht fern von dem Hauſe zu verbringen und mit den Sternen zu verkehren, deren jeden ich, wie er langſam an dem Himmelsgewölbe zu erglänzen begann, für den Wohnſitz der theuern geſchie⸗ denen Seele anſah. Wenn mir Grace ſo oft und ſo lebhaft vor den Geiſt trat, dachte ich auch an Lucy. Auch der gute Herr Har⸗ dinge ward nicht ganz vergeſſen. Ich fühlte, wie ihnen zu Muthe ſein mußte, und daß es meine Pflicht ſei, zurück⸗ zukehren. Neb und einige andere Schwarze hatten in allen Rich⸗ tungen, nur in der nicht, wo ich war, nach mir ausge⸗ ſehen; und eine wehmüthige Freude überkam mich, als ich dieſe treuen, einfachen Weſen ſich da und dort treffen und beſpre⸗ chen ſah. Ihre Geberden, ihr Ernſt, ihre Thränen— denn ich ſah oft, daß ſie ſich die Augen trockneten— bezeug⸗ ten zumal, daß ſie von ihrer„jungen Herrin“ ſprachen; wie ſie ſprachen, wußte ich, ohne ihre Worte zu hören. Unſere Familie war ſtets eine liebevolle geweſen. Mein Vater nämlich, gefühlvoll und meiner Mutter innig erge⸗ ben, war ungemein geeignet, jene Herrſchaft des Herzens — 206— aufrecht zu erhalten, welche meine Mutter von ihren erſten Tagen an zu Clawbonny gegründet hatte. Dieſe Macht der Gefühle hatte ſich allmählig auch über die Selaveu verbreitet, welche ſelten zu bethätigen verfehlten, wie nahe ihnen das Intereſſe und das Glück ihrer Herrſchaft an dem Herzen lag. Unter den Negern war nur einer, welcher als von dem rechten Pfade abgewichen angeſehen wurde, oder der für ausgeſtoßen galt. Dies war ein alter Burſche Namens Vulkan; er arbeitete als Hufſchmied an den Grenzen der Beſitzung und mein Großvater hatte ihm den Namen in der ausdrücklichen Abſicht gegeben, ihn bei dem Ambos zu brauchen. Dieſer Burſche mußte in Folge ſeiner Beſchäf⸗ tigung den größern Theil ſeiner Jugend in einem benach⸗ barten Dorfe oder Weiler hinbringen, wo er unſeliger Weiſe Sitten annahm, welche ihn ungeeignet machten, ſo zu leben, wie ſeine übrigen Dienſtgenoſſen zu leben gewohnt waren. Er wurde uns, ſo zu ſagen, fremd, trank und führte ſonſt ein Leben, das ſeinen ſchwarzen Verwandten, welche ſich enger an das Familienleben anſchloſſen, zum großen Aerger gereichte. Ein Todesfall jedoch, oder eine Heimkehr, oder irgend ein wichtiges Familienbegebniß brachte ſelbſt Vulkan ſtets zu ſeiner Pflicht zurück und er wurde einen Monat lang ein gebeſſerter Mann. Bei dieſer Gelegenheit war er einer derjenigen, die in die Wälder und Felder ausgeſandt wurden, um mich zu ſuchen, und der Zufall wollte es, daß dieſer Burſche mich zuerſt traf. 3 der le Bewe Clawl 4 jedoch Er w. ſelten läſſigt lebte willen gab i mir k trauli der w heit, i wann ich ho bemül daß f der al Ernſt des B 7. eſten tacht aveu nahe dem von der nens der n in s zu chäf⸗ nach⸗ Veiſe eben, aren. ſonſt ſich erger oder ulkan konat , die ch zu mich — 207— Das niedergebeugte, feierliche Gehaben, mit welchem der leichtfertige Vulkan herankam, würde, hätte jeder andere Beweis gefehlt, dargethan haben, welch ein ſchwerer Schlag Clawbonny getroffen hatte. Die Augen dieſes Burſchen waren ſtets roth; es war jedoch leicht zu ſehen, daß ſelbſt er Thränen vergoſſen hatte. Er wußte, daß er nicht zu den Lieblingen gehörte; er kam ſelten in meine Nähe, wenn er nicht irgend eine Nach⸗ läſſigkeit oder einen Fehler zu entſchuldigen hatte, und lebte um ſeiner ſtets wiederkehrenden Ungebührlichkeiten willen in einer Art Acht. Ein gemeinſamer Unglücksfall gab ihm jedoch jetzt Zuverſicht und ſelbſt Neb hätte ſich mir kaum mit einer ruhigern, aber achtungsvollen Ver⸗ traulichkeit nähern können. „Ach, Maſſer Mile— Maſſer Mile!“ rief Vulkan, der wohl fühlte, daß wir, bei aller ſonſtigen Verſchieden⸗ heit, in dieſem Betreffe gleich fühlten:„armer junge Miſſus! wann wir wieter einer bekommen wie ſie!“ „Meine Schweſter iſt im Himmel, Vulkan, wo, wie ich hoffe, Alle zu Clawbonny, Schwarze ſo gut als Weiße, bemüht ſein werden, ſie wieder zu finden, indem ſie ſo leben, daß ſie der Gnade Gottes ſich würdig machen.“ „Ihr halten tas für möglich, Maſſer Mile?“ fragte der alte Mann und heftete ſeine ſtumpfen Augen mit einem Ernſte und einem Eifer auf mich, welche bewieſen, daß er des Bewußtſeins ſeiner moraliſchen Lage nicht ganz bar war. „Bei Gott iſt Alles möglich, Vulkan. Wenn Du ihn — — 208— und ſeine Gebote immer vor Augen behältſt, kannſt Du ſtets noch hoffen, Deine junge Herrin wieder zu ſehen und ihr Glück zu theilen.“ „Wuntervoll!“ rief der alte Mann aus.„ Tas wer⸗ ten ein großer Freuten werten! Ah, Maſſer Mile! wie oft ſie kommen als kleiner Lady an mein Thür und wollen ſehen, wie der Funken fliegen! Miß Grace happen groß Vorlieb für Hufſchmied und auch groß Kenntniß. Ich glauben, ſie nach etwas anterem am meiſten lieben zu ſehen Eiſen feuerroth und Pferd beſchlagen.“ „Du biſt herausgekommen, um nach mir auszuſchauen, Vulkan, und ich danke Dir für die Mühe. Ich werde alsbald in das Haus zurückkehren; Du kannſt immerhin Deiner Wege gehen. Vergiß aber nicht, Alter, daß es für Dich und mich nur Ein Mittel gibt, Miß Grace wie⸗ derzuſehen— wenn wir nämlich ſo leben, wie Herr Har⸗ dinge ſtets ſagt, daß wir Alle leben müßten.“ „Wuntervoll!“ wiederholte der alte Vulkan, deſſen Gemüth und Herz in dem glücklichen Zuſtande waren, wo ſolche Lehren Wurzel faſſen und gedeihen.„Ja, Herr, Maſſer Mile— ſie kommen an mein Thür, zu ſehen Fun⸗ ken fliegen— ich ſie entbehren werten wie ein Tochter!“ Dieſer Art waren die Gefuͤhle, welche bei den Negern vorherrſchten; aber der Eindruck, welchen der Schlag auf die meiſten übrigen hervorgebracht hatte, war dauernder, als der Hufſchmied ihn fühlen mochte. Ich entließ ihn und verfolgte den Pfad, welcher zu dem Hauſe führte. kel. noch ten, den 9 ich E ergrif Schw macher wegen keine 2 verriet eingeſe Verſich ſich, ſ ter zu gefaßt 211. Als ich über den Raſenplatz ging, war es ganz dun⸗ kel. In dem Schatten der Vorhalle war eine Geſtalt eben noch ſichtbar, und ich wollte durch eine Nebenthüre eintre⸗ ten, um die Begegnung zu vermeiden, als Lucy haſtig an den Rand der Treppe vortrat, um mich zu empfangen. „O Miles, lieber Miles! wie glücklich bin ich, daß ich Euch wieder ſehe!“ ſagte das herrliche Mädchen und ergriff meine Hand mit der Wärme und Ofefenheit einer Schweſter.„Mein Vater und ich ſind Euretwegen ſehr in Unruhe geweſen; mein Vater iſt in ſeine Dienſtwoh⸗ nung hinübergegangen, indem er glaubte, Euch vielleicht dort zu finden.“ „Ich bin, ſeitdem wir uns trennten, bei Euch, und bei Grace, und bei Euerm Vater geweſen, meine gute Lucy. Ich gehöre mir jedoch wieder mehr ſelbſt an und Ihr braucht Euch meinetwegen keine fernern Sorgen zu machen. Ich danke Euch aus der Tiefe meines Herzens wegen deſſen, was Ihr bereis gefühlt habt, und will Euch keine Beſorgniſſe mehr einflößen.“ Die Thränen, welche jetzt aus Luey's Augen brachen, verriethen die Stärke der Gefühle, welche in ihrer Bruſt eingeſchloſſen waren, und den Troſt, welchen ihr meine Verſicherungen gaben. Sie nahm ſelbſt nicht Anſtand, ſich, ſo lange der innere Kampf währte, auf meine Schul⸗ ter zu lehnen. Sobalh ſie ſich jedoch wieder hinreichend gefaßt hatte, trocknete ſie ihre Augen, ergriff von neuem 211— 213. 14 — 210— mit hingebender Liebe meine Hand und blickte beſorgt zu mir auf, während ſie tröſtend hinzuſetzte: „Wir haben einen großen Verluſt erlitten, Miles; einen Verluſt, welchen ſelbſt die Zeit nicht wieder gut machen kann. Uns kann kein anderes Weſen die Stelle ausfüllen, welche Grace eingenommen hatte. Wir können die Vergangenheit nicht noch einmal durchleben; wir kön⸗ nen nicht zur Kindheit zurückkehren, wie Kinder fühlen, wie Kinder lieben und gewiſſermaßen mit einem Herzen, mit denſelben Wünſchen, denſelben Anſichten, und— ich hoffe, es liegt kein unbeſcheidener Anſpruch an eine zu große Aehnlichkeit mit dem abgeſchiedenen Engel darin, wenn ich hinzuſetze, mit denſelben Grundſätzen wieder auf⸗ wachſen!“ „Ja, Lucy, die Vergangenheit iſt für uns dahin. Clawbonny wird das nicht mehr ſein, was es war.“ Eine Pauſe folgte, während welcher Luey, wie es mir ſchien, alle Kraft aufbot, einen neuen Ausbruch der Gefühle zu bekämpfen. „Ja, Miles,“ begann ſie dann wieder,„wir können nicht wünſchen, daß ſie aus den Gefilden des Friedens und des ewigen Glückes zurückkehre, deſſen ſie ſich jetzt, wie wir jeden Grund zu glauben haben, erfreuet. In kur⸗ zer Zeit wird Grace Euch und mir ein holdes, angeneh⸗ mes Bild der Seelengüte, der Tugend und der Liebe wer⸗ den, und es wird für uns eine vielleicht düſtere, aber tief⸗ gefühlte Freude ſein, wenn wir denken, welche Genüſſe uns im 8 ſein, ſel 1 wird Stin mit wußt innig die f lich achte mich vora ganz hatte umſe ich miſe pfleg konn blick zu lles; gut telle nnen kön⸗ hlen, rzen, — ich e zu arin, auf⸗ ahin. ie es h der önnen edens jetzt, n kur⸗ geneh⸗ wer⸗ r tief⸗ enüſſe — 211— uns ihre Liebe bereitet hat und wie innig ſie uns beiden im Leben verbunden war.“ „Dies wird wahrlich ein Band zwiſchen uns beiden ſein, Lucy, welches, ich bin deſſen gewiß, jedem Wech⸗ ſel und jeder verderblichen Selbſtſucht der Welt widerſtehen wird.“ „Ich hoffe dies, Miles,“ antwortete Lucy mit leiſer Stimme und, wie es mir in jenem Augenblicke vorkam, mit einer Verlegenheit, welche ich nicht verfehlte dem Be⸗ wußtſein zuzuſchreiben, daß Andrew Drewett auf alle ſolche innigeren Ergüſſe des Gefühls Anſprüche habe.„Uns, die ſich von Kindheit auf gekannt haben, kann es ſchwer⸗ lich an Gründen fehlen, uns fortwährend wechfelſeitig zu achten und zu lieben.“ Lucy ſchien nun der Ueberzeugung zu ſein, daß ſie mich mir ſelbſt überlaſſen könne und ging in das Haus voran. Ich ſah ſie nicht wieder, bis Herr Hardinge den ganzen Haushalt zum Abendgebete zuſammen rufen ließ. Die Zuſammenkunft der Familie an dieſem Abend hatte etwas Feierliches, Düſteres. Mir kam es vor, als umſchwebe uns Grace's Geiſt; mehr als einmal glaubte ich zu hören, wie ihre ſüße Stimme ſich in das Gebet miſchte oder die Andachtsübung leitete, wie ſie es zu thun pflegte, wenn unſer guter Vormund nicht anweſend ſein konnte. Ich ſah, daß alle Neger ängſtlich beſorgt auf mich blickten, als erkennten ſie mein Recht an, den Schlag am — 14* tiefſten zu fühlen. Es war ein rührender Beweis achtungs⸗ voller Theilnahme, daß ſämmtliche Männer ſich ehrfurchts⸗ voll vor mir verbeugten und die Frauen ihren Knix mach⸗ ten, als ſie das Zimmer verließen. Chlve betreffend, ſo erſtickte ſie faſt vor Schluchzen; das gute Mädchen hatte die⸗Leiche ihrer Gebieterin nur auf dieſen kurzen Augen⸗ blick verlaſſen. Ich glaube Lucy würde einige Minuten bei ihrem Vater und mir geblieben ſein, hätte ſie es nicht für uner⸗ läßlich gehalten, dieſes arme, ſchwergebeugte Weſen, welche den Verluſt wirklich fühlte, als wenn der Tod ihrer jun⸗ gen Herrin ihr einen Theil ihres eigenen Daſeins hinge⸗ rafft hätte, zu entfernen und für ſie Sorge zu tragen. Ich habe bereits bei den Einzelnheiten, welche im Ge⸗ folge des Todes meiner Schweſter ſich begaben, länger ver⸗ weilt, als ich beabſichtigte, und werde durch unnöthiges Eingehen in nähere Umſtände weder meine eigenen Ge⸗ fühle verbittern, noch die meiner Leſer verdüſtern. Die nächſten drei bis vier Tage brachten die gewöhnliche Ruhe mit ſich; und obgleich Jahre vergingen, ehe Lucy oder ich ganz aufhörten, Grace's Verluſt zu beweinen, gewannen wir doch die Faſſung, welche die Erfüllung unſrer gewöhn⸗ lichen Pflichten forderte. Man wird ſich erinnern, daß Grace an einem Sonn⸗ tage, um die gewöhnliche Stunde des Mittageſſens ſtarb.⸗ Der Sitte des Landes gemäß, wo man ſich, theilweiſe vielleicht in Folge des Klima's, mit der Beſtattung der hrem iner⸗ elche jun⸗ inge⸗ Ge⸗ ver⸗ higes Ge⸗ Die Ruhe er ich innen vhn⸗ Sonn⸗ ſtarb. leiſe 3 der — 213— Todten ein wenig zu unanſtändig beeilt, hätte das Leichen⸗ begängniß am Mittwoche ſtattfinden ſollen, und ſomit hätte man vier und zwanzig Stunden länger gewartet, als in den meiſten Fällen zugeſtanden zu werden pflegt; allein Herr Hardinge, welcher in dieſer Hinſicht die Leitung über⸗ kommen hatte, nannte den Donnerſtag Mittag als die Stunde des Begräbniſſes. Wir konnten nur wenige Ver⸗ wandte erwarten; denn die, welche ſich wahrſcheinlich ein⸗ gefunden hätten, wenn die Verhältniſſe es zuließen, wohn⸗ ten in fernen Gegenden, welche die Herkunft beſchwerlich, wenn nicht ganz unmöglich machten. Ich brachte den größten Theil der Zwiſchenzeit in der Bibliothek zu, wo ich las und mich Betrachtungen über⸗ ließ, wie ſie ſich Leidtragenden natürlich darbieten. Lucy, das liebe Mädchen, hatte mir zwei bis drei Briefchen geſchrieben, in welchen ſie ſich meine Wünſche in mehrfachen Betreffen erbat; unter andern fragte ſie mich, wann ich von der Leiche Abſchied nehmen wolle? Meine Antwort auf dieſe Zeilen ſchien ſie ein wenig über⸗ raſcht zu haben, und ſie kam zu mir in das Gemach. Sie war im Leben wie nach dem Tode ſo oft um Grace gewe⸗ ſen, daß es ihr auffallen mußte, wie Jemand, der die Lebende ſo innig geliebt hatte, keinen Wunſch hegen ſollte, die ſchöne Dahingegangene zum letzten Male zu ſehen. Ich ſetzte Luey meine Gefühle in dieſem Betrachte auseinander, und ſie ſchien von denſelben betroffen. „Ich weiß nicht, ob Euer Entſchluß zu rechtfertigen 213, iſt, Miles,“ ſagte ſie;„denn das Bild iſt ein zu köſtliches, um es zu vernichten. Ihr werdet jedoch nicht ungern ver⸗ nehmen, daß Grace im Tode einem Engel eben ſo ſehr gleicht, als dies im Leben der Fall war; Alle, die ſie geſe⸗ hen haben, ſtaunen über die friedliche Ruhe, welche über ihre Geſichtszüge ausgegoſſen iſt.“ „Tauſend Dank, tauſend Dank, Lucy, dies genügt vollkommen. Ich wünſchte nur dies zu hören und bin jetzt zufrieden.“ „Mehrere Glieder Eurer Familie ſind in dem Hauſe, Miles, um der Leichenfeier beizuwohnen; ein Fremder iſt eben angelangt und ſcheint den gleichen Wunſch zu hegen, obgleich ſein Geſicht Allen in dem Hauſe unbekannt iſt. Er hat Euch mit einer Dringlichkeit zu ſprechen verlangt, welcher mein Vater kaum etwas entgegen zu ſetzen weiß.“ „So laßt ihn nur hierher kommen, Lucy. Ich kann nur annehmen, daß er einer der Vielen iſt, denen Grace ſich dienſtbar erwieſen hat; ihr kurzes Leben war in dieſem Betrachte thatenreich.“ Der Ausdruck der Züge Lucy's ſchien ſich dieſer An⸗. ſicht nicht zuzuneigen; ſie entfernte ſich jedoch, um meinen Entſchluß kund zu machen. Nach wenigen Minuten trat ein großer, etwa fünfzig⸗ jähriger Mann mit harten Geſichtszügen, aber nicht übel ausſehend, in mein Gemach. Mit Thränen in den Augen kam er auf mich zu, drückte mir die Hand und nahm ohne weitere Förmlichkeiten Platz. Er war wie ein wohlhaben⸗ der druck der Aeuf ich n ſich erkar nur ſehr Ver ford ich. dem rich un hes, ver⸗ ſehr eeſe⸗ über lügt jetzt uſe, v iſt gen, iſt. ngt, iß.? kann race eſem An⸗ inen ßzig⸗ übel ugen ohne aben⸗ — 215— der Landmann gekleidet, obgleich ſeine Sprache, ſeine Aus⸗ drucksweiſe und ſein Benehmen andeuteten, daß er über der gewöhnlichen Stufe derer ſtand, welchen ſein ſonſtiges Aeußere ihn gleichſtellte. „Ich mußte ihn zum zweiten Male genau anſehen, ehe ich unſern Vetter Jack Wallingford, den Junggeſellen, der ſich„weſtlich von der Brücke“ angeſiedelt hatte, wieder erkannte. „Ich ſehe wohl, Vetter Miles, daß Ihr Euch meiner nur halb erinnert,“ bemerkte mein Beſucher.„Ich bedaure ſehr, daß ich unſere Bekanntſchaft bei einer ſo traurigen Veranlaſſung erneuern muß.“ „Der Unſrigen ſind ſo wenige übrig, Herr Walling⸗ ford, daß ich dieſe Güte doppelt hoch anſchlage,“ antwortete ich.„Wenn ich keine Befehle gegeben habe, Euch von dem Verluſte, welcher uns Alle getroffen hat, zu benach⸗ richtigen, ſo geſchah es, weil Euer Wohnſitz von Clawbonny ſo entlegen iſt, daß es nicht wahrſcheinlich war, Euch die Nachricht zeitig genug zukommen laſſen zu können, um der Feierlichkeit, welche noch zu begehen iſt, beizuwohnen. Ich beabſichtigte, Euch zu ſchreiben, ſobald ich mich zur Erfüllung einer ſolchen Pflicht ein wenig geeigneter fühlte.“ „Ich danke Euch, Vetter. Das Geblüt und der Name der Wallingford ſind mir werth und theuer, und Claw⸗ bonny ſchien mir ſtets eine Art Heimath.“ „So urtheilte das theure Weſen, welches jetzt todt unter dieſem Dache liegt, ſtets von Euch, Vetter John; — 216— und es wird Euch Freude machen zu vernehmen, daß ſie, als ich das letzte Mal zur See ging, den Wunſch ausſprach, Euch, als dem nächſten Stammesverwandten, das Gut in meinem letzten Willen zu vermachen, indem ein Walling⸗ ford der eigentliche Erbe von Clawbonny ſein müſſe. Sie ſtellte in dieſem Betrachte Eure Anſprüche über die ihrigen.“ „Ja, dies ſtimmt mit Allem überein, was ich je von dem Engel hörte,“ antwortete John Wallingford und wiſchte eine Thräne aus ſeinem Auge, ein Umſtand, welcher eine günſtige Meinung von ſeinem Herzen geben mußte.„Ihr verweigertet dies natürlich und ließt die Beſitzung ihr, die ein näheres Recht darauf hatte.“ „So iſt's, Herr; aber ſie drohte, ſie würde das Gut Euch überlaſſen, ſobald ſie darüber zu verfügen hätte.“ „Eine Drohung, welche ſie ſchwerlich hätte bethätigen können, da ich die Annahme gewiß verweigert haben würde. Wir in dem Weſten drüben ſind halbe Wilde; aber unſere Ländereien fangen an ſich zu verwerthen, und wir haben bereits einige reiche Männer unter uns aufzuweiſen.“ Dies wurde mit einiger Selbſtzufriedenheit vorgebracht, ein Gehaben, das mein Vetter vielleicht zu gerne annahm, wenn die Unterhaltung auf Beſitzthum kam. Ich hatte an dieſem Tage ſelbſt Gelegenheit zu bemerken, daß er einen hohen Werth auf Geld legte, obgleich ich zumal nicht über⸗ ſehen konnte, daß ſeine Anſichten gerecht und ehrenhaft waren. Er erwarb ſich jedoch durch die Achtung, welche er vor Clawbonny und Allem, was dazu gehörte, an den Tag rung ken be Beſtt ſterbe oder 6 . von Geſch ſie w wußte Weiſe herge hatte ich fo Wün Anku dem ten l Feier Aben ſo vi als d Dieſe Gele einen ſie, ach, t in ing⸗ Sie en.“ von ſchte eine Ihr die Gut igen irde. aſere aben acht, ahm, e an iinen iber⸗ ähaft elche den 217 Tag legte, meine Gunſt in hohem Grade. Seine Vereh⸗ rung war ſo groß, daß ich an die Nothwendigkeit zu den⸗ ken begann, ein neues Teſtament zu machen, um ihm die Beſitzung für den Fall zu ſichern, daß ich ohne Erben ſterben ſollte,— ein Fall, welcher, wie ich jetzt dachte, früher oder ſpäter eintreffen müſſe. Ich hatte nähere Verwandte, als Jack Wallingford, von denen ſich damals einige in dem Hauſe befanden, Geſchwiſterkinder ſowohl von dem Vater, als der Mutter; ſie waren aber keine Verwandte in gerader Linie; und ich wußte, daß Miles der Erſte über die Beſitzung in dieſer Weiſe verfügt haben würde, wenn er die Begebniſſe vor⸗ hergeſehen und das Geſetz es zugeſtanden hätte. Dann hatte auch Grace eine ſolche Einrichtung gewünſcht, und ich fand ein ſchmerzliches Glück darin, alle mir bekannten Wünſche meiner Schweſter zu erfüllen. Das Leichenbegängniß fand erſt den Tag nach der Ankunft John Wallingford's ſtatt, welcher zufällig von dem Todesfalle, der die Familie getroffen, Nachricht erhal⸗ ten hatte und, wie ſchon gemeldet, uneingeladen zu der Feier gekommen war. Ich brachte den größten Theil des Abends in der Geſellſchaft dieſes Vetters hin, an dem ich ſo viel Gefallen fand, daß ich ihn bat, den nächſten Tag, als der zweitnächſte Verwandte, an meiner Seite zu gehen. Dieſe Einrichtung beleidigte, wie ich ſpäter zu erfahren Gelegenheit hatte, mehrere, welche mit der Verſtorbenen einen Grad näher blutsverwandt waren, obgleich ſie nicht — 218— ihren Namen führten, höchlich. Dies iſt des Menſchen Natur! Wir ſtreiten ſelbſt an dem Rande des Grabes, und in Augenblicken, welche die Ewigkeit mit allen ihren unendlichen Folgen vor unſern Blicken offen legt und aus⸗ breitet, um Gefühle und Leidenſchaften geltend zu machen, welche uns ſozuſagen nur für eine Secunde anziehen kön⸗ nen. Glücklicherweiſe wußte ich damals von dieſem An⸗ ſtoße nichts, und ſah an jenem Abende außer John Wal⸗ lingford keinen meiner Verwandten; ſeine Anweſenheit in meinem Gemache aber hatte ihren Grund lediglich in einem gewiſſen Selbſtgefühle und einem„aplomb,“ welche ihn in ſolchen Dingen ziemlich nach ſeinem Gefallen verfahren ließen. Ich ſtieg am folgenden Morgen ſpät und mit einer Schwere des Herzens auf, welche bei einer Gelegenheit dieſer Art natürlich war. Es war ein lieblicher Sommertag; aber Alles in und um Clawbonny hatte ein ſonntägliches Anſehen. Um zehn Uhr ſollte ſich der Zug aufſtellen, und als ich einen Blick aus dem Fenſter warf, ſah ich die Neger in ihrem Sonn⸗ tagsſtaat, aber nicht mit ſonntäglichen Geſichtern auf dem Naſenplatz und in den Gängen ſich ſammeln. Der Sab⸗ bath hatte für mich etwas Unnatürliches; es herrſchte ſeine Feierlichkeit, ſeine heilige Stille, ſeine lautloſe Ruhe; aber der wohlthuende Geiſt des Friedens fehlte, welcher dieſen Tag der Ruhe auf dem Lande, beſonders in dieſer Jahres⸗ zeit, in ſo hohem Grade charakteriſirt. Mehrere der Nachbarn, welche nicht zu Clawbonny gehört wendit gewär E meine nem 2 der D am vr nomm Famil trat d 8 leichte beſtell ein zu tete köpfig 1 gen r liches welch er ſer zur 4 ich it chen bes, hren aus⸗ hen, kön⸗ An⸗ Wal⸗ t in inem n in eßen. einer nheit und zehn Blick ponn⸗ dem Sab⸗ ſeine aber dieſen hres⸗ onny — 219— gehörten, begannen zu erſcheinen und ich fühlte die Noth⸗ wendigkeit, mich anzukleiden, um deſſen, was kommen ſollte, gewärtig zu ſein. Seit meine Schweſter todt war, hatte ich allein in meinem kleinen Bibliothekzimmer geſpeiſt und, außer mei⸗ nem Vormund, Lucy, John Wallingford und einigen von der Dienerſchaft, Niemand geſehen. Nein Vetter hatte am vorigen Abend ein leichtes Abendeſſen mit mir einge⸗ nommen; das Frühſtück theilte er in dem Speiſeſaal der Familie mit den übrigen Gäſten und Herr Hardinge ver⸗ trat die Stelle des Hausherrn. Ich ſah, daß mein kleiner Tiſch mit Kaffe und einigen leichten Speiſen beſetzt war, wie ich es den Abend vorher beſtellt hatte. Ich fand jedoch zwei Taſſen vor, ſo wie ein zweites Gedeck neben dem meinigen daſtand. Ich deu⸗ tete auf dieſe Vorrichtungen und fragte den alten, grau⸗ köpfigen Hausbedienten, welcher aufwartete, was dies heiße.“ „Miß Lucy, Herr— ſie ſagen, ſie wollen dieſen Mor⸗ gen mit Maſſer Mile frühſtücken, Herr!“ Selbſt in dieſen Worten des Negers war etwas Feier⸗ liches, Düſteres, und in der gewöhnlichen Erläuterung, welche er mir zu geben hatte, lag etwas, das andeutete, er ſei ſich bewußt, daß eine Stunde und eine Gelegenheit⸗ zur Hand ſei, welche zu hohem Ernſte auffordere. Ich ſchickte ihn zu Miß Lucy, um ihr zu melden, daß ich in der Bibliothek ſei. „Ach, Maſſer Mile,“ ſetzte der alte Mann, als er — 220— das Zimmer verließ, hinzu und Thränen rollten über ſeine Wangen,„Miß Lucy jetzt allein jung Miſſus, Herr!“ Nach wenigen Minuten kam Lucy in das Gemach. Sie war natürlich in tiefe Trauer gekleidet und dies mag ihr blaſſes Ausſehen noch erhöht haben; es konnte ſich jedoch Niemand darüber täuſchen, wie das theure Weſen, ſeit wir uns nicht ſahen, getrauert und geweint haben mußte. Der tiefgebeugte Ausdruck des Geſichtes gab ihr eine eigenthümliche Lieblichkeit; und trotz der mangelnden Fär⸗ bung kam ſie mir holder vor, denn jemals, als ſie mit beiden ausgeſtreckten Händen und einem beſorgt fragenden Lächeln auf den Lippen mir entgegen trat. Ich zögerte nicht, dieſe Hände mit Inbrunſt zu drücken und die warmen, aber farbloſen Wangen zu küſſen. All dies geſchah gewiſſermaßen wie zwiſchen Bruder und Schwe⸗ ſter, und keines von uns— ich bin es überzeugt— dachte an etwas Anderes, als an das Vertrauen und die Freund⸗ ſchaft der Kinderzeit. „Dies iſt gütig von Euch, liebe Lucy,“ ſagte ich, als wir an dem kleinen Tiſche Platz nahmen;„denn mein Vetter John Wallingford, obwohl im Allgemeinen ein guter Mann, ſteht meinem Herzen kaum nahe genug, um ihn in einer ſolchen Stunde zuzulaſſen.“ „Ich habe ihn geſehen,“ verſetzte Luey— das Beben ihrer Stimme zeigte, wie ſchwer es ihr ward, die Thränen zurückzuhalten—„und er gefällt mir ziemlich. Ich glaube, Mama Wallingford hielt viel auf ihn“— Lucy pflegte meine eine bemü bishe in de digke Troſt ſein, ſind den: lich gung wur an ließe Nat des nah Ung oder ſo c die lich ſeine 741 nach. mag ſich zeſen, lußte. eine Fär⸗ e mit enden rücken All ſchwe⸗ dachte keund⸗ ), als mein n ein genug, Beben ränen laube, oflegte — 221— meine Mutter ſo zu nennen—„und dies muß uns als eine hohe Empfehlung gelten, Miles.“ „Ich fühle mich zu ihm hingezogen und werde mich bemühen, mehr mit ihm in Verkehr zu bleiben, als ich bisher gethan habe. Erſt wenn wir anfangen, uns allein in der Welt zu fühlen, Lucy, dringt ſich uns die Nothwen⸗ digkeit auf, unſere Verwandten zu zählen und uns nach Troſt und Beiſtand umzuſchauen.“ „Allein ſeid ihr nicht, Miles, und werdet es nie ſein, ſo lange ich und mein theurer Vater leben. Wir ſind Euch gewiß näher, als irgend einer Eurer überleben⸗ den Blutsverwandten. Ihr könnt weder leiden, noch glück⸗ lich ſein, ohne daß wir Eure Gefühle theilen.“ Dieſe Worte wurden nicht ohne eine kleine Anſtren⸗ gung vorgebracht; dies konnte mir nicht entgehen; aber ſie wurden feſt, und in einer Weiſe vorgebracht, welche mich an der Wahrheit der Worte und Gefühle nicht zweifeln ließen. Ich hätte ſelbſt gewünſcht, es möchte weniger Natürliches und mehr Zurückhaltendes in dem Gehaben des lieben Weſens ſein, als ſie ſich bemühte, mich der Theil⸗ nahme zu vergewiſſern, welche ihr mein Glück und mein Unglück einflößen würde. Allein wir ſind ſelten gerecht oder vernünftig, wenn wir von der Launenhaftigkeit einer ſo qualvollen und doch ſo entzückenden Leidenſchaft, wie die Liebe iſt, beherrſcht werden. Lucy und ich ſprachen von der bevorſtehenden Feier⸗ lichkeit. Wir waren beide ernſt, bekümmert, tief gebeugt; keines aber ließ ein Zeichen der innern Zerriſſenheit gewah⸗ ren. Wir wußten, daß die letzte traurige Pflicht erfüllt werden mußte, und hatten alle unſre Kraft geſammelt, um der Nothwendigkeit gefaßt entgegen zu treten. Der Sitte gemäß konnten die weiblichen Mitglieder von rein Neu⸗Yorker Familie von der Klaſſe, zu welcher die Hardinge gehörten, bei Leichenbegängniſſen nicht anwe⸗ ſend ſein; Lucy ſagte mir aber, ſie beabſichtige ſich in der kleinen Kirche einzufinden und dem Theil der Todtenfeier beizuwohnen, welcher innerhalb des Gebäudes ſtattfinden würde. Bei einer ſo gemiſchten Bevölkerung, wie die unſrige nun geworden iſt, dürfte es ſchwer ſein zu ſagen, was nun bei einer ſolchen Veranlaſſung National⸗ oder Landesſitte ſei oder nicht; ich wußte aber, daß dies weiter ginge, als es ſonſt bei Lucy's Sitten und Anſichten gewöhnlich war, und konnte nicht umhin, mich über dieſen Entſchluß ein wenig erſtaunt zu zeigen. „Wär' es ein anderes Leichenbegängniß, Miles, ſo würde ich fern bleiben,“ ſagte ſie und das Beben der Stimme nahm vernehmlich zu;„ich kann mich aber des Gedankens nicht erledigen, daß Grace's Geiſt in der Nähe weile, und daß die Anweſenheit der mehr als ſchweſter⸗ lichen Freundin ihr angenehm ſein werde. Was auch die Vorſehung Gottes über die theure Abgeſchiedene verfügt haben mag,— mir ſelbſt iſt es tröſtlich, beruhigend, mich den Gebeten in der Kirche anzuſchließen,— überdies fühle ich, d ſo la Freut ſonſt trat etwas ſich daß dräng obgle cher eine nen v zwiſc ich Mah geſeh der i Mile Rück mein wah⸗ rfüllt „ um lieder elcher nwe⸗ n der rfeier inden ſrige nun sſitte als war, ein — 223— ich, daß es meine Pflicht iſt, über Grace's Leiche zu wachen, ſo lange ſie über der Erde iſt. Und nun, Miles, Bruder, Freund, Grace's Bruder, oder welchen theuern Namen ſonſt ich Euch geben ſoll,“ ſetzte Lucy hinzu, erhob ſich, trat an meine Seite und nahm meine Hand;„ich habe etwas zu ſagen, das ich nur ſagen kann; denn es würde ſich meinem lieben Vater nie als nothwendig aufdringen.“ Ich blickte ernſt in Lucy's liebliches Antlitz und ſah, daß es voller Unruhe— ich hätte faſt geſagt, voller Be⸗ drängniß war. „Ich glaube, ich verſtehe Euch, Lucy,“ verſetzte ich, obgleich mir faſt der Athem fehlte,„Rupert iſt hier.“ „So iſt’s, Miles! Ich bitte Euch, vergeßt nicht, wel⸗ cher Art die Wünſche des Weſens ſein würden, die nun eine Heilige im Himmel iſt— was ihre Bitten, ihre Thrä⸗ nen von Euch erflehen würden, hätte Gott nicht eine Schranke zwiſchen uns geſtellt!“ „Ich verſtehe Euch, Lucy,“ antwortete ich halblaut; „ich erinnere mich alles deſſen, was Ihr wollt, uund dieſe Mahnung iſt unnöthig. Ich hätte ihn am liebſten nicht geſehen; aber ich kann nicht vergeſſen, daß er Euer Bru⸗ der iſt.“ „Ihr werdet ſo wenig als möglich von ihm ſehen, Miles! Nehmt meinen beſten, herzlichſten Dank für dieſe Rüuckſicht.“ 3 Ich fühlte Lucy's haſtigen, aber warmen Kuß auf meiner Stirne, als ſie das Zimmer verließ. Er ſchien mir — 224— das Siegel eines Vertrags zwiſchen uns, welcher viel zu heilig war, als daß ich je daran hätte denken können, ihn zu verletzen. Ich übergehe die Einzelnheiten in Betreff des Leichen⸗ zugs. Der letztere war nach der herkömmlichen Sitte der Gegend angeordnet und die Freunde folgten dem Sarge nach den Umſtänden zu Wagen oder zu Pferde. Unſerer Uebereinkunft zufolge war John Wallingford bei mir und die Uebrigen nahmen ihre Stellen nach dem Verwandt⸗ ſchaftsgrade und dem Alter ein. Rupert ward ich in dem Zuge gar nicht anſichtig; aber ich ſah auch, außer der Bahre mit der Leiche meiner einzigen Schweſter, nur wenig. Als wir den Kirchhof erreichten, drängten ſich die Schwarzen der Familie vor, um den Sarg in die Kirche zu tragen. Hier war Herr Hardinge unſrer gewärtig und nun begannen jene ſchönen, feierlichen Ceremonien, welche nicht ſelten auch das härteſte Herz rühren. Der Pfarrer von St. Michael befaß die große treff⸗ liche Eigenſchaft, daß er alle Andachtsübungen der Kirche vortrug, als wenn er ſie fühlte; und bei dieſer Gelegenheit ſchienen die tiefſten Gefühle des Herzens in jedem ſeiner Laute zu athmen. Ich war erſtaunt, daß er die Faſſung behielt; aber Herr Hardinge fühlte, daß er ein Diener des Altars war, daß er in dem Hauſe ſeines Schöpfers ſtand und ſich ſeinem Willen fügen mußte. Unter ſolchen Umſtän⸗ den würde es ſchwer geweſen ſein, ihn um ſeine Selbſt⸗ beherrſchung zu bringen. Der Geiſt des frommen Mannes theilt lichke und e welch 4 ward, ich hi miſche C des 2 erhiel Schm 5 die au tung genug und r.⸗ Wallit unterſt Beiſta J um da unabw wenn alles 2 nicht e bis der 211 viel zu n, ihn eichen⸗ tte der Sarge inſerer ir und vandt⸗ n dem er der wenig. ch die Kirche g und welche treff⸗ Kirche enheit ſeiner ſſung r des ſtand iſtän⸗ elbſt⸗ unnes — 225— theilte ſich mir mit. Ich vergoß während der ganzen Feier⸗ lichkeit nicht eine einzige Thräne, ſondern fühlte mich geſtützt und erhoben durch die Gedanken und erhabenen Hoffnungen, welche dieſe Ceremonie einflößen mußte. Lucy, welche in einem fernen Winkel der Kirche ſaß, ward, glaube ich, in gleicher Weiſe aufrecht erhalten; denn ich hörte ihre ſanfte, ſüße Stimme ſich in die Reſponſen miſchen. Der Augenblick war furchtbar, als die erſte Scholle des Thales auf den Sarg meiner Schweſter fiel! Gott erhielt mich bei dieſem Schlage aufrecht! Ich ließ keinen Schmerzlaut hören; ich weinte keine Thräne! Als Herr Hardinge den herkömmlichen Dank gegen die ausſprach, welche ſich verſammelt hatten, um der Beſtat⸗ tung meiner Schweſter beizuwohnen, hatte ich ſelbſt Faſſung genug, um dem kleinen Kreiſe meine Verbeugung zu machen und ruhig von dannen zu gehen. Allerdings nahm John Wallingford ſehr freundlich mich unter den Arm, um mich zu unterſtützen; ich war mir aber nicht bewußt, daß ich ſolches Beiſtandes bedurft hätte. Ich hörte das Schluchzen der Schwarzen, als ſie ſich um das Grab drängten, welches die Männer unter ihnen unabweisbar mit ihren eigenen Händen füllen wollten, als wenn„Miß Grace“ nur ruhen könnte, wenn ſie ſelbſt alles Nöthige beſtellt hätten, und man ſagte mir ſpäter, nicht einer derſelben habe die Stelle eher verlaſſen, als bis der Raum wieder ganz das friſche, grüne Ausſehen 211— 213. 15 gehabt hätte, welches er zeigte, bevor der Spaten gebraucht worden war. Dieſelben Roſen, welche ſorgfältig entfernt worden, ſtanden wieder in ihren früheren Beeten; und es durfte einem Fremden ſchwer geworden ſein zu entdecken, daß ein friſches Grab neben denen des verſtorbenen Capi⸗ tains Miles Wallingford und ſeiner hochgeachteten Wittwe aufgeworfen worden. Dennoch war es Allen in der Um⸗ gegend wohlbekannt und mancher fromme Beſuch ſtellte ſich in den nächſten vierzehn Tagen da ein; beſonders kamen die jungen Mädchen der nahen Höfe an das Grab der Grace Wallingford, der„Lilie von Clawbonny,“ wie man ſie einſt genannt hatte. ſchilde ſter ü luſt, Auger und v — de nen f belebt 2 bitter; ich zu ich mi lichen raucht itfernt ind es decken, Capi⸗ Vittwe r Um⸗ ſtellte kamen aib der ny,“ Neuntes Kapitel. Wir müſſen ſcheiden, ja!— des Himmels Hand Hat früh dich hingeführt zum Grabesrand; Die Augen, mild, obgleich ſchon todtestrübe, Erfüllet ſtets noch edle Schweſterliebe. Die Lippen, die, ſchon bleich, mir auf der Wange brannten, Der Stimme Laute, die mich Schweſter nann⸗ ten,— Ach, Alles ſollt' mich auf dein Loos bereiten! Er kam, der Schlag! Ich weiß, wir müſſen ſcheiden. Sprague. Es iſt nicht leicht, das Gefühl der Vereinſamung zu ſchildern, welches mich nach dem Begräbniß meiner Schwe⸗ ſter überkam. Dann erſt fühlen wir vollſtändig den Ver⸗ luſt, welcher uns getroffen hat. Der Körper iſt unſern Augen entrückt; die Orte, wo wir ihn geſehen, ſind öd und verlaſſen; jeder Verkehr, ſelbſt der durch das Auge, — den letzten unſrer Sinne, der von dem Dahingegange⸗ nen ſcheidet,— iſt zu Ende und die Stelle, die einſt belebt geweſen, iſt leer. All dies fühlte ich, länger als vier Wochen, ſehr bitter; am bitterſten aber während der kurzen Zeit, welche ich zu Clawbonny hinbrachte. Der Zweck jedoch, welchen ich mir hier vorgeſetzt, geſtattet mir nicht, bei dieſen ſchmerz⸗ lichen Prüfungen zu verweilen; auch weiß ich nicht, ob der Leſer aus einer Darlegung derſelben großen Vortheil zie⸗ hen könnte. Ich ſah Rupert bei dem Leichenbegängniſſe nicht. Ich wußte, daß er dabei war; er hatte aber ſelbſt, oder Lucy für ihn, Sorge getragen, daß ich mit ſeinem Anblick ver⸗ ſchont blieb. John Wallingford, welcher mein äußeres, oder ſichtbares Verhältniß zu der ganzen Familie Hardinge kannte, glaubte mir einen Gefallen zu erweiſen, indem er mir, bei der Rückkehr des kleinen Zuges in das Haus, bemerkte, es ſei dem jungen Herrn Hardinge durch ange⸗ ſtrengte Eile gelungen, Clawbonny noch zeitig genug zu erreichen, um bei der Leichenfeier anweſend zu ſein. Ich glaube, Lucy hatte es, unter dem Vorwand, ſie wünſche ihn zum Begleiter, dahin gebracht, daß ihr Bruder, wäh⸗ rend ich außerhalb meines Haufes war, in der Pfarrwoh⸗ nung blieb. Nach meiner Rückkehr in das Haus begab ich mich zu allen meinen Verwandten und dankte ihnen perſönlich für dieſen Beweis ihrer Achtung gegen die Verblichene. Als dieſer kleinen Pflicht Genüge geſchehen war, nahmen Alle, John Wallingford ausgenommen, Abſchied, und ich war bald mit meinem Vetter⸗Junggeſellen allein. Welch ein Aufenthalt war es, und welch ein Aufent⸗ halt blieb es, ſo lange ich noch zu Clawbonny verweilte! Die Dienerſchaft ſchlich leiſe und unheimlich umher; in den Küchen wurde das heitere Gelächter nicht mehr gehört; ſelbſt der derbſte Fuß ſchien in der Luft zu ſchweben, und [ zie⸗ Ich Lucy ver⸗ zeres, dinge em er Haus, ange⸗ ig zu Ich unſche wäh⸗ rwoh⸗ ich zu i für Als Alle, ) war ufent⸗ veilte! r; in ehört; und — 229— Alles um mich hatte das Anſehen, als fürchte man die Ruhe der Todten zu ſtören. Nie vorher, und nie ſpäter, habe ich Gelegenheit gehabt, zu fühlen, in wie hohem Grade das Uuweſenhafte den Charakter des Weſenhaften annehmen, etwas Wirkliches und Beſtehendes werden kann. Mir war, als könnte ich die Abweſenheit meiner Schweſter von der Scene, wo ſie ſonſt eine ſo beachtenswerthe Er⸗ ſcheinung war, ſehen und fühlen zumal. Da weder Lucy noch Herr Hardinge, welcher mir mit einigen Zeilen meldete, er würde mich gegen Abend, wenn meine Verwandten ſich entfernt hätten, beſuchen, zum Mit⸗ tagstiſche kamen, nahmen John Wallingford und ich die⸗ ſes Mahl„téte-a-téte“ ein. In der unverkennbaren Abſicht, meine Gedanken von den Scenen, die mir eine ſo tiefe Wunde beigebracht hat⸗ ten, abzuziehen und mich zu zerſtreuen, begann mein Vet⸗ ter die Unterhaltung auf Gegenſtände zu lenken, welche mich, wie er mit Recht glaubte, anzogen. Statt zu ſol⸗ chen Dingen ſeine Zuflucht zu nehmen, welche meinen Ge⸗ fühlen ſo fremd waren, daß ſie mich ſtets an den Grund einer ſolchen Wahl erinnerten, knüpfte er verſtändig das Geſpräch an meinen Verluſt an. „Ich denke, Ihr werdet wieder in die See ſtechen, ſobald Ihr Euer Schiff in Bereitſchaft habt, Vetter Mi⸗ les,“ begann er, als wir uns bei Obſt und Wein allein ſahen.„Dies iſt eine regſame Zeit für den Handel, und der Müßige wirft goldene Gelegenheiten weg.“ — 230— „Das Gold hat keinen Reiz mehr für mich, Vetter John,“ antwortete ich düſter.„Ich bin jetzt reicher, als es zu meinen Bedürfniſſen nothwendig iſt, und da ich wahr⸗ ſcheinlich nie heirathen werde, ſehe ich nicht ein, warum ich mich abmühen ſoll, mehr zu erwerben. Dennoch werde ich in meinem Schiffe abſegeln und zwar ſobald als mög⸗ lich. Hier könnte ich nicht um Alles in der Welt den Sommer verbringen, und ich liebe die See. Ja, ja, ich muß unverweilt eine Reiſe nach irgend einem Theile von Europa machen. Es iſt das klügſte, was ich thun kann.“ „Das klingt muthig und iſt mannhaft! Die Walling⸗ ford ſind nie Träumer geweſen und Ihr ſeid, glaube ich, von dem wahren Korn. Warum wollt Ihr aber nie hei⸗ rathen, Miles? Euer Vater war ein Seemann und hat ein Weib genommen, und es hat ihn, ſo viel ich vernom⸗ men, nie gereut.“ „Mein Vater war als Ehemann glücklich und wenn ich ſeinem Beiſpiele folgte, würde ich gewiß auch heirathen. Demungeachtet fühle ich, daß ich Junggeſelle bleiben muß.“ „Was wird, in dieſem Falle, aus Clawbonny wer⸗ den?“ fragte Jack geradezu. Ich konnte mich nicht enthalten über dieſe Frage zu lächeln, da ich in ihm meinen Erben ſah, obgleich das Geſetz meine Beſitzung näheren Verwandten zuſprach, welche den Namen nicht führten; es iſt aber wahrſcheinlich, daß John, welcher wußte, daß er viel älter war, als ich, nie⸗ mals daran dachte, mich überleben zu können. neu bon mei über und ſeltſ die habt Ihr terlo ſehr daß Ich da dieſe Perf ſie i Obg ſolch ſchlü bring zu re antn zetter „ als vahr⸗ arum werde mög⸗ t den „ja, Theile ann.“ lling⸗ e ich, e hei⸗ d hat rnom⸗ wenn athen. muß.“ ) wer⸗ age zu h das welche h, daß h, nie⸗ — 231— „Sobald ich in die Hauptſtadt komme, werde ich ein neues Teſtament machen und Euch zum Erben von Claw⸗ bonny einſetzen,“ ſagte ich ruhig und aufrichtig, denn bei meines Vetters erſtem Anblicke hatte mich dieſer Gedanke überkommen.„Ihr habt das erſte Recht auf dieſe Beſitzung und Euer ſoll ſie werden, wenn Ihr mich überlebt.“ „Miles, das gefällt mir,“ rief mein Vetter mit einer ſeltſamen Aufrichtigkeit und ſtreckte ſeine Hand aus, um die meinige zu faſſen, welche er ſehr herzlich drückte.„Ihr habt ſehr recht; ich muß Erbe dieſes Platzes werden, wenn Ihr ohne Kinder ſterbt, ſolltet Ihr ſelbſt eine Wittwe hin⸗ terlaſſen.“ Dies wurde ſo natürlich vorgebracht und ſtimmte ſo ſehr mit meinen eigenen Anſichten von der Sache überein, daß es mich nicht ſowohl verletzte, als in Erſtaunen ſetzte. Ich wußte, daß John Wallingford das Geld liebte, und da alle Menſchen eine ſehr achtungsvolle Zuneigung zu dieſem Stellvertreter des Werthes haben, kann man ſolchen Perſonen unter Umſtänden nur zum Vorwurfe machen, daß ſie ihrer Schwäche ein wenig zu ſehr die Zügel laſſen. Obgleich ich daher wünſchte, mein Vetter hätte eben eine ſolche Bemerkung nicht gemacht, konnte ſie doch meine Ent⸗ ſchlüſſe zu ſeinen Gunſten in keiner Weiſe zum Wanken bringen. „Ihr ſeid eher zur Hand, Euern Freunden zur Ehe zu rathen, als ihnen mit gutem Beiſpiele voran zu gehen,“ antwortete ich, indem ich das Geſpräch ein wenig abzulen — ken wünſchte.„Ihr, wohl ein Fünfziger jetzt, ſeid noch Junggeſelle.“ „Und ich werde es mein ganzes Leben bleiben. Es war eine Zeit, wo ich vielleicht geheirathet hätte, wär' ich reich geweſen; nun, da ich ziemlich wohlhabend bin, beſchäf⸗ tigen wieder andere Dinge mein Herz. Doch iſt dies kein Grund, mir Clawbonny nicht zu vermachen, obgleich es nicht wahrſcheinlich iſt, daß ich lange genug lebe, um es zu erben. Wie dem auch ſei, es iſt ein Familien⸗Beſitz⸗ thum und muß bei bem Namen bleiben. Ich fürchtete ſehr, das Gut möchte, wenn Ihr auf der See verunglück⸗ tet, oder an einem jener ausländiſchen Fieber ſterben ſoll⸗ tet, welche Seeleute zuweilen erfaſſen, an Frauen kommen und kein Wallingford mehr in Clawbonny hauſen. Miles, ich bin der Letzte in der Welt, der Euch um den Beſitz von Clawbonny beneidet; es würde mich aber ſehr unglück⸗ lich machen, wenn ich hören müßte, es ſei einem dieſer Hazen, oder Morgan, oder Van⸗der⸗Schamps auheimge⸗ fallen.“ Jack nannte hier die Namen der Kinder eben ſo vieler Miß Wallingford, meiner Tanten oder Großtanten und ſeiner eigenen Muhmen. „Einige derſelben,“ fuhr er fort,„mögen Euch um einen halben Grad, oder ſo, näher ſtehen; aber Clawbonny geht ſie nichts an. Es iſt Wallingford-Land, und Wal⸗ lingford⸗Land muß es bleiben.“ Dies ergetzte mich faſt wider Willen und ich fühlte mich rakt ich, aus ſogle Art dann nen, oder Hau würt ling die l — 233— mich jetzt geneigt, das Geſpräch fortzuſetzen, um den Cha⸗ rakter meines Betters genauer kennen zu lernen. „Wenn keiner von uns beiden heirathen ſollte,“ ſagte ich,„und wir als Junggeſellen ſtürben, was würde dann aus Clawbonny werden?“ „Ich habe dies Alles bedacht, Miles, und werde Euch ſogleich meine Antwort mittheilen. Wenn ſich etwas dieſer Art begeben und kein Wallingford mehr übrig bleiben ſollte, dann würde auch kein Wallingford ſich gekränkt fühlen kön⸗ nen, wenn er hörte, daß ein Van⸗der⸗dunder⸗Schamps, oder wie dieſe Holländer immer heißen mögen, in dem Hauſe ſeiner Väter wohnte und lebte, und Niemanden würde ein Unrecht geſchehen. Aber es gibt noch Wal⸗ lingford außer Euch und mir.“ „Dies iſt mir neu, ich glaubte ſtets, wir zwei wären die letzten.“ „Ihr irrt; Miles der Erſte hatte zwei Söhne; unſere Vorfahren, welcher der älteſte war, und einen jüngern, welcher in die Colonie Neu⸗Jerſey zog und deſſen Nach⸗ kommen noch am Leben ſind. Die, welche uns beide über⸗ leben, mögen am Ende dort hingehen, und unſere Erben ſuchen. Vergeßt aber nicht, daß ich dieſen Jerſey⸗Blau⸗ röcken vorgehe, wer und was ſie auch ſein mögen.“ Ich verſicherte meinem Vetter, er ſollte ihnen vor⸗ gehen, und brach das Geſpräch ab; denn, die Wahrheit zu ſagen, die Art, wie er ſich äußerte, begann mir zu miß⸗ fallen. Ich entſchuldigte mich und begab mich in mein — 234— Gemach, während John Wallingford in's Freie ging, um, wie er ſagte, die Beſitzung ſeiner Vorfahren zu beſchauen und genauer, als er bisher gekonnt, kennen zu lernen. Es war ſchon Nacht, als ich die Familie Hardinge ankommen und Lucy's Wagen vorfahren hörte. Nach weni⸗ gen Minuten trat Herr Hardinge in die Bibliothek. Er erkundigte ſich zuerſt nach meiner Geſundheit und äußerte die freundlichſte Theilnahme, wie er ſie mir ſtets bewieſen; dann fuhr er fort: „Rupert iſt hier,“ ſagte er,„und ich habe ihn mit herüber gebracht; er und Lucy glaubten, es dürfte beſſer ſein, Euch dieſen Abend nicht zu beunruhigen; ich kannte Euch aber beſſer. Wer ſollte in dieſem ſchmerzlichen Augen⸗ blicke an Eurer Seite ſtehen, mein lieber Miles, wär' es nicht Rupert, Euer alter Freund und Spielgenoſſe; der Gefährte Eurer Abenteuer, wenn ich ſo ſagen darf, und faſt Euer Bruder?“ Faſt mein Bruder! Aber ich beherrſchte mich. Grace hatte mein feierliches Verſprechen, Lucy gleichfalls, und Rupert hatte nichts zu beſorgen. Ich ließ ihn ſofort zu mir entbieten und bat zu gleicher Zeit, man möge uns allein laſſen. Ich wartete mehrere Minuten vergeblich auf Rupert's Eintritt. Endlich öffnete ſich die Thüre meines Gemaches und Chloe brachte mir ein Brieſchen. Es war von Lucy und enthielt nur dieſe Worte: bis ſie Euch! 8 ruhige zu ſeit engelg ſchiede vorübe C war; voll de deſſelbe er her; es ger hätte that, Gehab fremd Gefüh welche fernteſ 2 botene ſollte. der Un lichen um, auen inge deni⸗ Er zerte ſen; mit eſſer unte gen⸗ r' es der und Brace und rt zu uns ert's aches Lucy — 235— „Miles, um ihretwillen— um meinetwillen, beherrſcht Euch!“ Das liebe Weſen! ſie hatte keinen Grund, ſich zu beun⸗ ruhigen. Der Geiſt meiner Schweſter ſchien mir anweſend zu ſein; und ich konnte mich eines jeden Ausdrucks ihres engelgleichen Antlitzes erinnern, wie er, während der ver⸗ ſchiedenen Unterhaltungen vor ihrem Tode, an meinen Augen vorübergegangen war. Endlich kam Rupert. Lucy hatte ihn zurückgehalten, bis ſie gewiß wußte, daß ihr Brieſchen in meiner Hand war; dann erſt ließ ſie ihn von ſich. Sein Benehmen war voll des Bewußtſeins der Unwürdigkeit und das Demüthige deſſelben kam meinen guten Entſchlüſſen zu ſtatten. Wär' er herzugetreten, um meine Hand zu nehmen,— hätte er es gewagt, mich tröſten zu wollen— mit einem Worte, hätte er ſich überhaupt anders benommen, als er wirklich that, ſo weiß jch nicht, was die Folge geweſen wäre. Sein Gehaben war aber anfangs ruhig, achtungsvoll, eher fremd als vertraulich; und er hatte den Takt, oder das Gefühl, oder die Vorſicht, auf die traurige Veranlaſſung, welche ihn nach Clawbonny geführt hatte, nicht im Ent⸗ fernteſten hinzudeuten. Als ich ihn bat, Platz zu nehmen, lehnte er den ange⸗ botenen Stuhl ab, ein Zeichen, daß ſein Beſuch kurz ſein ſollte. Ich war darüber nicht in Sorgen und beſchloß, der Unterhaltung alsbald ſo viel wie möglich den geſchäft⸗ lichen Charakter zu geben. Ich hatte eine heilige Verpflichtung übernommen und der Augenblick konnte nicht gelegener ſein, derſelben Genüge zu thun. „Ich freue mich, daß ſo bald ſich eine Gelegenheit bietet, Herr Hardinge,“ ſagte ich, ſobald die einleitenden Höflichkeiten beſeitigt waren,„Euch mit einer Sache bekannt zu machen, welche mir von Grace anvertraut worden iſt, und die ich gerne ſo bald als möglich erledigt zu ſehen wünſche.“ „Von Grace— von Miß Wallingford!“ rief Rupert aus und trat überraſcht, wenn nicht wirklich beunruhigt, einen Schritt zurück.„Ich werde mich geehrt fühlen, das heißt, es wird mir eine wehmuthsvolle Freude gewähren, jeden ihrer Wünſche nach Kräften zu erfüllen. Niemand kann meine Achtung in höherm Grade in Anſpruch neh⸗ men, Herr Wallingford, und ich werde ſie ſtets als eins der liebenswürdigſten und bewundernswertheſten weiblichen Weſen betrachten, mit denen ich das Glück hatte, bekannt zu werden.“ Ich fand es jetzt nicht ſchwer, meine Faſſung zu behal⸗ ten, denn ich ſah wohl, daß Rupert kaum wußte, was er ſagte. Einem ſolchen Manne gegenüber fand ich es nicht ſehr nöthig, ungewöhnliches Zartgefühl oder viel Zurück⸗ haltung an den Tag zu legen. „Ihr ſeid ohne Zweifel mit zwei Dingen in unſerer Familiengeſchichte bekannt,“ fuhr ich daher geradezu fort: „daß meine Schweſter über ein kleines Vermögen hätte gebiet den; 3 ſehen, Neigu 7 antwo ment geſetz! für de etwas dieſer Ander einige tilgen 20,00 7 wirkli 7 ernſte tigen ich C Hand nieder beſchẽ und nüge nheit nden kannt iſt, ſehen upert higt, das hren, nand neh⸗ eins ichen kannt ehal⸗ us er nicht rück⸗ ſerer fort: hätte — 237— gebieten können, wäre ſie ein und zwanzig Jahre alt gewor⸗ den; und daß ſie in ihrem zwanzigſten Jahre geſtorben iſt.“ Rupert's Staunen war jetzt natürlicher und ich konnte ſehen, daß auch ſeine Theilnahme— Schmach über unſere Neigungen!— ſehr natürlich war. „Ich weiß beides und beklage das letztere innigſt,“ antwortete er. „Da ſie nicht mündig war, konnte ſie auch kein Teſta⸗ ment machen; aber ihre Wünſche haben in meinen Augen geſetzliche Kraft und ich habe ihr das Verſprechen gegeben, für deren Erfüllung Sorge zu tragen. Sie hat überhaupt etwas weniger als 22,000 Dollar hinterlaſſen; 500 Dollar dieſer Summe ſoll ich verwenden, um Luey ein paſſendes Andenken an ihre dahingeſchiedene Freundin zu überreichen; einige kleine mildthätige Verfügungen ſind gleichfalls zu tilgen, und das Uebrige, oder die runde Summe von 20,000 Dollar, ſoll Euch zufallen.“ „Mir, Herr Wallingford?— Miles!— Habt Ihr wirklich geſagt mir?“ „Euch, Herr Hardinge,— dies iſt meiner Schweſter ernſter Wunſch— und von ihr, wie dieſer Brief bethä⸗ tigen wird. Ich ſollte Euch dieſen Brief übergeben, wenn ich Euch mit dem Vermächtniß bekannt machte.“ Ich legte bei dieſen Worten Grace's Brief in Rupert, 6 Hand und ſetzte mich, während er ihn las, zum Schreiben nieder. Obgleich ich einige Minuten an einem Pulte beſchäftigt war, konnte ich mich nicht enthalten, dann und — 238— wann auf Rupert zu ſchauen, um zu ſehen, welche Wir⸗ kung die letzten Worte des Weſens, welches er einſt zu lieben vorgegeben, auf ihn machte. Ich mochte, ſelbſt nicht gegen Rupert Hardinge, unge⸗ recht ſein. Er war furchtbar erſchüttert und ging einige Male durch das Gemach, ohne zu ſprechen. Ich glaubte ſogar, ein halbunterdrücktes Stöhnen zu hören. Ich war mitleidig genug, mich beſchäftigt zu ſtellen, um ihm Zeit zu laſſen, ſeine Faſſung wieder zu gewinnen. Dies war bald geſchehen, da gute Eindrücke bei Rupert nicht anhielten, und ich kannte ihn ſo gut, daß ich bald in ſeinem Geſichte den Ausdruck der Freude über die Ausſicht, Herr einer ſo großen Summe zu ſein, gewahren konnte. In dem geeigneten Augenblicke erhob ich mich und nahm die Unterhaltung wieder auf.„Die Wünſche meiner Schweſter würden mir heilig ſein,“ ſagte ich,„hätte ich ihr auch nicht das Verſprechen gegeben, für deren Erfül⸗ lung zu ſorgen. Wenn etwas dieſer Art geſchehen muß, wird es am beſten ſofort abgethan. Ich habe eine Anwei⸗ fung von 20,000 Dollar, zehn Tage nach Sicht bei der Bank von Neu⸗York an Euch zahlbar, ausgeſtellt; es wird mir nicht läſtig, ſie an dem genannten Tage zu zahlen und damit wird die Verhandlung geſchloſſen ſein.“ „Ich weiß nicht gewiß, Herr Wallingford, ob ich eine ſo große Summe annehmen darf— ich weiß nicht, ob mein Vater, oder Lucy, oder auch die Welt dies überhaupt illigen würden.“ 7 den e anger werde daß i auch 7 er die über wenn werde ihr a bleibe ſehr 6 gen? 4 Dolle halten Schn hinbr mir i ſung er ſe Fami bonn zu be Wir⸗ ſt zu unge⸗ einige aubte war Zeit upert ld in ſicht, ae. und eeiner te ich rfül⸗ muß, nwei⸗ der ; es e zu ein.“ eine „ ob aupt — 239— „Weder Ener Vater, noch Lucy, noch die Welt wer⸗ den etwas davon erfahren, Herr, Ihr müßtet es denn für angemeſſen halten, ſie davon in Kenntniß zu ſetzen. Ich werde von dem Vermächtniſſe nicht ſprechen und ich geſtehe, daß ich meiner Schweſter wegen wünſche, Ihr möchtet es auch nicht thun.“ „Gut, Herr Wallingford,“ antwortete Nupert, indem er die Anweiſung ruhig in ſeine Taſche ſteckte,„ich werde üͤber dieſes Vermächtniß der armen Grace nachdenken, und wenn ich möglicherweiſe ihren Wünſchen entſprechen kann, werde ich es gewiß thun. Ich wüßte nur wenig, das ich ihr abſchlagen könnte, und mein Beſtreben ſoll es ſtets bleiben, ihr Andenken zu ehren. Da ich ſehe, daß Ihr ſehr angegriffen ſeid, will ich mich jetzt entfernen; in weni⸗ gen Tagen werde ich Euch meinen Entſchluß melden.“ Rupert ging und nahm meine Anweiſung auf 20,000 Dollar mit ſich. Ich bemühte mich nicht, ihn zurückzu⸗ halten; auch vernahm ich nicht ungerne, er ſei mit ſeiner Schweſter in das Pfarrhaus gegangen, wo er die Nacht hinbringen wollte. Am nächſten Tage begab er ſich nach Neu⸗York, ohne mir irgend eine Nachticht zukommen zu laſſen; die Anwei⸗ ſung aber behielt er; und einige Tage ſpäter erfuhr ich, er ſei wieder auf dem Wege nach Ballſton und zu der Familie Merton. John Wallingford verließ den nächſten Morgen Claw⸗ bonny, verſprach mir aber, mich in der Hauptſtadt wieder zu beſuchen. 240— „Vergeßt das Teſtament nicht,“ ſagte dieſer ſeltſame Mann, als er mir die Hand ſchüttelte,„und laßt mich ja jene Clauſel in Betreff Clawbonny's darin ſehen, ehe ich wieder weſtlich von der Brücke gehe. Zwiſchen Namens⸗ verwandten darf in ſolchen Dingen keine Zurückhaltung herrſchen.“ Ich wußte kaum, ob ich über ein ſo auffallendes An⸗ ſinnen lächeln oder zürnen ſollte, änderte aber meinen Ent⸗ ſchluß in Betreff des Teſtamentes nicht, denn ich hielt es für gerecht, in ſolcher Weiſe über die Beſitzung zu verfügen. Ich geſtehe, es gab Augenblicke, wo ich dem Charakter eines Mannes mißtrauen zu müſſen glaubte, welcher auf eine ſo höchſt einfache Weiſe Anſprüche dieſer Art geltend machte, und dies zwar in einem Momente, wo in Folge des Umſtandes, daß der Tod ſich eben erſt in unſerem Hauſe eingeſtellt hatte, der fragliche Fall um ſo wahrſcheinlicher ſchien. Bei all dem war ſo viel Offenheit in meines Vetters Gehaben, er ſchien an meinem Verluſte ſo innigen Antheil zu nehmen, und ſeine Anſichten ſtimmten mit meinen eigenen ſo ſehr überein, daß dieſe unangenehmen Anwandlungen nur eine kurze Zwiſchenzeit dauerten. Im Ganzen fühlte ich mich für John Wallingford ſehr günſtig geſtimmt, und ich ſchenkte ihm, wie ſich aus dem Verlaufe meiner Erzäh⸗ lung ergeben wird, bald mein ganzes Vertrauen. Nach der Abreiſe aller meiner Verwandten fühlte ich in der That, wie ganz allein ich in der Welt ſtand. Lucy brac der wol zu b durch wen um Sche mein liche in 2 ſchre mild tere Schü das eilte zu de welch Kirch nate, dorth nur lieng 21 tſame ich ja e ich ens⸗ ltung An⸗ Ent⸗ elt es ügen. rakter r auf eltend Folge Hauſe alicher hetters ntheil genen ungen fühlte „ und Frzäh⸗ lte ich Lucy brachte den Abend in dem Pfarrhauſe zu, um ihrem Bru⸗ der Geſellſchaft zu leiſten, und der gute Herr Hardinge wollte zwar bei mir bleiben, um mir ſeine Theilnahme zu bethätigen und Troſt zuzuſprechen, fand ſeine Zeit aber durch ſo viele Fragen in Anſpruch genommen, daß ich nur wenig von ihm ſah. Vielleicht kannte er mich hinreichend, um zu wiſſen, daß Einſamkeit und Nachdenken, ſofern der Schein der erſteren vermieden würde, für einen Mann meines Charakters wohlthuender wären, als die gewöhn⸗ lichen Formen des Beileids. Jedenfalls war er da; aber in Betreff meines Verluſtes ſagte er mir nur wenig. Ich hatte den Tag endlich überſtanden, und ein langer, ſchrecklicher Tag war es für mich. Der Abend kam,— mild und erquickend; und in ſeinem Gefolge war das ſanf⸗ tere Licht eines jungen Mondes. Ich wandelte auf dem Raſenplatze umher, als die Schönheit der Nacht mir Grace und ihr Thun lebhaft vor das innere Auge führte; einem raſchen Impulſe folgend, eilte ich bald ihrem jetzt ſtillen Grabe zu. Die Fahrwege um Clawbonny waren nie ſehr beſucht; zu dieſer Stunde aber, und ſo bald nach der Feierlichkeit, welche hier ſtattgefunden hatte, war auf dem Wege zum Kirchhofe Niemand anzutreffen. Es vergingen ſogar Mo⸗ nate, ehe ſich wieder Eines der Schwarzen zur Nachtzeit dorthin wagte; und ſelbſt bei hellem Tage näherten ſie ſich nur mit einer Ehrfurcht, welche blos der Tod eines Fami⸗ liengliedes einflößen konnte. Es kam mir zuweilen vor, 211— 213. 16 als fühlten dieſe einfachen Geſchöpfe den Tod ihrer jungen Herrin tiefer, als ſie den meiner Mutter gefühlt hatten; der Unterſchied mochte aber auch in meinen vorgerückteren Jahren und dem geübteren Auge liegen. Der St. Michaels⸗Kirchhof iſt mit herrlichen Cedern geſchmückt. Dieſe Bäume waren ſorgfältig gepflegt worden und gaben eine paſſende Verzierung für dieſen Ort ab. Eine ſchöne Gruppe derſelben überſchattete die Gräber meiner Familie, und auf Befehl meiner Mutter, welche Stunden lang bei dem Grabe ihres Gatten, in Gebet und Nachdenken verſunken, zu weilen pflegte, war eine ländliche Bank unter ihren Zweigen angebracht worden. Grace, Lucy und ich hatten uns, nach meiner Mutter Tode, oft des Nachts dahin begeben und pflegten Stunden lang in tiefem Schweigen dazuſitzen, oder wenn wir einem Gedanken Sprache liehen, geſchah es in ehrfurchtsvollem Flüſtern. Als ich mich jetzt dieſem Sitze näherte, überkam mich eine bittere Freude, indem mir einſiel, Rupert habe uns bei dieſen kleinen frommen Wallfahrten nie begleitet. Grace hatte, ſelbſt in ihren ſchönſten Tagen, es nie über ſich ver⸗ mocht, ihren Verehrer an einem Thun Theil nehmen zu laſſen, welches ſeinem angebornen Charakter ſo ſehr ent⸗ gegen war. Was Lucy betraf, ſo lag ihre eigene Familie auf der einen Seite dieſer Cedern⸗Gruppe, wie die meinige auf der andern; und oft hatte ich die thränenſchweren Augen des lieben jungen Weſens auf die Gräber von Ver⸗ wandten gefeſſelt geſehen, welche ſie nie gekannt hatte. Aber meine Mutter war ihre Mutter geweſen, und für ingen tten; teren edern orden t ab. räber velche t und dliche Lucy t des tiefem anken ern. mich e uns Grace h ver⸗ en zu r ent⸗ amilie einige weren Ver⸗ hatte. d für — 243— dieſe Freundin fühlte ſie eine Anhänglichkeit, welche der unſrigen an Stärke kaum nachſtand— ich weiß nicht, ob ich nicht lieber ſagen ſollte, welche der unſrigen an Stärke ganz gleich kam. Ich beſorgte, es möchte in dieſer Zauberſtunde irgend ein Beſuch an dem Grabe meiner Schweſter weilen und näherte mich vorſichtig, um mich zu entfernen, wenn jenes der Fall ſein ſollte. Ich ward jedoch Niemand anſichtig, ging unmittelbar auf die Reihe der Gräber zu und blieb vor dem zuletzt geſchloſſenen ſtehen. In dieſem Augenblicke hörte ich das Wort„Miles!“ in leiſem, halberſticktem Tone. Es war mir nicht leicht, die Stimme Lucy's zu verkennen; ſie ſaß ſo nahe an dem Stamme einer Ceder, daß ihr dunkles Gewand ſich in dem Schatten des Baumes verlor. Ich ging auf die Stelle zu und ſetzte mich an ihre Seite. „Ich bin nicht überraſcht, Euch hier zu finden,“ ſagte ich, indem ich nicht ſowohl in Folge eines raſchen Impul⸗ ſes, als der ſeit unſeren früheſten Jahren geltenden Ge⸗ wohnheit, unſere gegenſeitige Anhänglichkeit in dieſer Weiſe an den Tag zu legen, des theuern Mädchens Hand nahm, „Euch, die während den letzten Stunden ihres Lebens ſo treu über ſie wachte!“ „Ach, Miles,“ verſetzte eine durch Trauer gedämpfte Stimme,„wie wenig konnte ich dies erwarten, als Ihr, während unſerer kurzen Unterhaltung in dem Theater, von Grace ſpracht.“ 16* — 244— Ich kannte meine Freundin vollkommen. Lucy's Er ziehung hatte ſie weit über Phraſenprunk und falſche Grund⸗ ſätze erhoben. Ihr Vater machte ſcharfe, beſtimmte Unter⸗ ſcheidungen zwiſchen Sünde und den Anforderungen puri⸗ taniſcher Vermeſſenheit, welche ihre eigenen beſchränkten Begriffe als Geſetz Gottes hinſtellen will; und unſchuldig, wie ſie war, dachte ſie, indem ſie ſich ihren unſchuldigen Freuden überließ, nicht daran, Unrecht zu thun. Grace aber, die leidend und von Kummer bedrängt war, ſtand, während ſie den wundervollen Dichtungen Shakſpeare's gelauſcht hatte, ſchmerzlich vor ihrem Geiſte, welcher, weit entfernt, mit dem, was ſie zu Gunſten meiner Schweſter gethan hatte, zufrieden zu ſein, ſich wegen geglaubter Ver⸗ nachläſſigungen leiſe Vorwürfe machte. „Es iſt Gottes Wille, Lucy,“ antwortete ich.„Uns liegt die Pflicht ob, das Haupt in Ergebung zu beugen.“ „Wenn Ihr ſo denkt, Miles, ſollte es mir noch leichter werden; dennoch—“ „Dennoch— was, Lucy? Ich glaube, Ihr habt meine Schweſter ſo innig geliebt, wie ich ſelbſt; ich bin aber in dieſer Hinſicht empfindlich; und obgleich ich weiß, wie warm, zärtlich und wahr Euer Herz iſt, kann ich doch nicht zugeſtehen, daß ſelbſt Ihr ſie mehr geliebt hättet.“ „Das iſt's nicht, Miles,— das iſt's nicht. Habe ich nicht, neben all meinem Schmerze um ihren Verluſt, Grund zu perſönlichem Gram— und das Gefühl der Beſchämung und tiefer Demüthigung?“ „Ich verſtehe Euch, Luey, und ſage geradezu nein! Er ind⸗ ter⸗ uri⸗ kten dig, igen race and, re's weit eſter Ver⸗ Uns en. noch habt bin veiß, doch e ich rund nung nein! — 245— Ihr ſeid ſo wenig Rupert, als dieſer Lucy iſt. Mögen alle Andern werden, was ſie wollen, Ihr werdet ſtets Lucy Hardinge bleiben.“ „Ich danke Euch, Miles,“ antwortete meine Freun⸗ din und drückte die Hand, welche die ihrigen noch hielt, ſanft,„ich danke Euch aus tiefem Herzen. Euer edler Charakter ſieht aber dieſe Dinge nicht ſo, wie Andere ſie anſehen dürften. Wir ſind Euerm Blute fremd, wohnen unter Euerm Dache, wurden in den Schooß Eurer Familie aufgenommen und ſind durch jede heilige Verpflichtung gebunden, Euch nicht Unrecht zu thun. Ich möchte nicht um die Welt, daß mein lieber, edler Vater die Wahrheit wüßte.“ „Er wird nie etwas davon erfahren, Lucy, und es iſt mein angelegentlicher Wunſch, daß wir es Alle vergeſſen möchten. Rupert und ich müſſen uns fortan fremd ſein; aber das Band, welches zwiſchen mir und den übrigen Gliedern Eurer Familie beſteht, muß durch dieſes traurige Begebniß nur noch enger geknüpft werden.“ „Rupert iſt mein Bruder,“ antwortete Lucy, aber mit ſo leiſer Stimme, daß ihre Worte kaum hörbar waren. „Ihr werdet mich nicht ganz allein in der Welt ſtehen laſſen,“ ſagte ich, nicht ohne den Ton ernſten Vorwurfs. „Nein, Miles, nein! dieſes Band muß und wird, wie Ihr geſagt habt, unauflöslich ſein. Auch kann ich nicht verlangen, daß Rupert Euch ſei, was er Euch ehedem war. Es iſt unmöglich— unpaſſend ſogar; aber Ihr dürft uns — 246— einen Theil derſelben Rückſichten zugeſtehen, welche wir Euch ſo gern einräumen.“ „Gewiß— Rupert iſt Euer Bruder, wie Ihr ſagt, und ich möchte nicht, daß Ihr ihn jemals anders betrach⸗ tet. Er wird Emilie Merton heirathen und, ich hoffe es, glücklich werden. Hier, über dem Grabe meiner Schweſter, wiederhole ich das Euch bereits gegebene Verſprechen, nie in Bezug auf das Geſchehene etwas zu thun.“ Ich erhielt keine mündliche Antwort auf dieſe Erklä⸗ rung; Lucy würde aber dankbar meine Hand geküßt haben, hätte ich es zugegeben. Dies konnte ich jedoch nicht zuge⸗ ſtehen, ſondern hob ihre Hand an meine Lippen und behielt ſie da, bis das herrliche Weſen ſie ſelbſt ſanft zurückzog. „Miles,“ ſagte Luey nach einer langen, gedankenvol⸗ len Pauſe,„es iſt nicht gut, daß Ihr eben jetzt zu Claw⸗ bonny bleibt. Euer Vetter, John Wallingford, iſt hier geweſen und ich glaube, er gefällt Euch. Warum wolltet Ihr ihn nicht beſuchen? Er wohnt bei Niagara,„weſtlich von der Brücke,“ wie er ſich ausdrückt!*) und Ihr könn⸗ tet dieſe Gelegenheit benutzen, die„Fälle“ zu ſehen.“ „Ich verſtehe Euch, Lucy, und danke Euch für die *) In dem weſtlichen Theile des Staates Neu⸗York ſind mehrere kleine, faſt parallel und nahe an einander liegende Seen, deren Länge von fünfzehn bis vierzig Meilen beträgt. Der Ausfluß eines dieſer Seen— des Cayuga— liegt an der großen Heer⸗ ſtraße nach Buffalo, und eine Brücke, die eine engl. Meile lang iſt, wurde ſchon frühe über dieſes Waſſer geführt. Dies iſt der Grund des herkömmlichen Ausdrucks„weſtlich von der Brücke,“ The hatt ich ſchie Beſ enth ein zu! nach verf ſanf keine niſſe iſt 1 noch nie nähe wan hrere deren sfluß Heer⸗ lang ſt der — 247— Theilnahme, welche Ihr für mein Glück bethätigt. Ich hatte nicht die Abſicht, lange zu Clawbonny zu bleiben; ich werde morgen—“ „Morgen?“ fiel Lucy ein und der Ton der Stimme ſchien die innere Unruhe zu verrathen. „Scheint Euch dies zu bald? Ich fühle, daß ich Beſchäftigung haben muß; daß mir ein Wechſel des Auf⸗ enthaltes unerläßlich iſt. Ihr habt nicht vergeſſen, daß ich ein Schiff und Intereſſen, welche für mich bedeutſam ſind, zu beſchicken habe. Ich muß mein Antlitz wenden und nach Oſten, ſtatt nach Weſten ziehen.“ „Ihr habt alſo vor, Miles, dieſen Euern Beruf zu verfolgen?“ ſagte Lucy, und es war, als läge ein kleiner ſanfter Vorwurf in Ton und Miene. „Allerdings! Was kann ich Beſſeres thun? Ich brauche keine Schätze; ich habe bereits ſo viel, als meine Bedürf⸗ niſſe fordern; aber ich brauche Beſchäftigung. Die See iſt nach meinem Geſchmacke; ich bin noch jung und kann noch einige Jahre auf dem Waſſer hinbringen. Ich werde nie heirathen,“— Lucy erbebte,—„und da ich jetzt keinen nähern Erben habe, als John Wallingford—“ „John Wallingford?— Ihr habt viel nähere Ver⸗ wandte!“ „Dies iſt wahr; aber nicht von der alten Stammlinie. wodurch die Grenz⸗Grafſchaften angedeutet werden, welche außer andern Diſtrikten auch den umfaſſen, der zuweilen das„Geneſſee⸗ Land“ genannt wird. Der Verf. — 248— Es war Grace's Wunſch, daß ich Vetter John wenigſtens die Beſitzung von Clawbonny vermachte, in welcher Art ich auch über das Uebrige verfügte. Ihr ſeid jetzt ſo reich, daß Ihr es nicht braucht, Lucy; ſonſt würde ich Euch Alles bis auf den letzten Shilling überlaſſen.“ „Ich glaube, Ihr würdet dies thun, lieber Miles,“ antwortete Lucy mit großer Innigkeit und Wärme.„Ihr ſeid ſtets die Güte und Liebe ſelbſt gegen mich geweſen, und ich werde es nie vergeſſen.“ „Sprecht mir von meiner Güte gegen Euch, Luey, während Ihr mir doch bei meiner erſten Seereiſe alles Geld, was Ihr auf Erden hattet, mitgabt! Es thut mir faſt leid, daß Ihr jetzt ſo viel reicher ſeid, als ich; denn ſonſt würde ich Euch gewiß zu meiner Erbin einſetzen:“ „Wir wollen an dieſer geheiligten Stelle nicht länger von Geld ſprechen,“ antwortete Lucy bebend.„Was ich als thörichtes Mädchen gethan habe, mögt Ihr vergeſſen; wir waren damals blos Kinder, Miles.“ Lucy wünſchte alſo nicht, daß ich gewiſſer Abſchnitte unſerer erſten Jugendzeit eingedenk bleiben ſollte! Ohne Zweifel machte ihr jetziges Verhältniß zu Andrew Drewett die Erinnerung bedenklich, wenn nicht unangenehm. Nach meinem Bedünken war dies Lucy kaum ähnlich— Lucy, die ſonſt ſo einfache, ſo innige, ſo offene und wahre Lucy! Die Liebe iſt aber eine weit umgreifende Leidenſchaft, wie ich wohl an mir ſelbſt fühlen mußte, und es war möglich, daß das reizbare Gefühl ſelbſt an dem Anſtoß nahm, was ſo unſchuldig und wohlgemeint war. ten a unter ihr, beme liche wie Stun ſchwe wir men um f hatte in de moch hervo mir von 1 die u Vorg auf mir zwan ſtens Art reich, Alles les,“ „Ihr deſen, Lury, alles t mir denn 15 änger us ich eſſen; hnitte Ohne rewett Nach Lucy, Lucy! „ wie glich, „was — 249— Dieſe Erwägungen und Lucy's Bemerkung zumal hat⸗ ten zur Folge, daß das Geſpräch abgebrochen wurde; wir unterhielten uns nun lange, in wehmüthiger Trauer, von ihr, die wir für dieſes Leben ganz verloren hatten. „Wir ſelbſt können ein hohes Alter erreichen, Miles,“ bemerkte Lucy,„ohne daß wir je aufhören, an Grace's herr⸗ liche Eigenſchaften zu denken und ihr Andenken zu lieben, wie wir ſie ſelbſt im Leben geliebt haben. Noch iſt keine Stunde ſeit ihrem Tode vergangen, ohne daß ich ſie im ſchweſterlichen Vertrauen an meiner Seite ſitzen ſah, wie wir es von Kindheit an bis zu dem Tage, wo ſie zu ath⸗ men aufhörte, gethan haben.“ Bei dieſen Worten ſtand Lucy auf, zog ihren Shawl um ſich und bot mir ihre Hand zum Abſchied; denn ich hatte geäußert, ich würde Clawbonny am nächſten Morgen in der Frühe verlaſſen. Die Thränen, welche das theure Mädchen vergoß, mochten lediglich durch unſere vorhergehende Unterhaltung hervorgerufen worden ſein; möglich auch, daß ſie theilweiſe mir galten. Lucy pflegte, wie Grace, nie ohne Thränen von mir Abſchied zu nehmen, und ſie gehörte nicht zu denen, die wie der Wind umſpringen. Ich konnte aber ſo nicht ſcheiden; ich hatte eine Art Vorgefühl, unſer jetziges Scheiden müſſe eine Trennung auf alle Zeiten ſein; denn Andrew Drewett'’s Gattin konnte mir das nie ganz ſein, was Lucy Hardinge mir ſeit faſt zwanzig Jahren geweſen war. „Ich will Euch jetzt nicht Lebewohl ſagen, Lucy,“ — 256— bemerkte ich.„Wenn Ihr nicht in die Hauptſtadt kommt, bevor ich in See ſteche, werde ich nach Clawbonny zurück⸗ kehren, um Abſchied zu nehmen. Gott allein weiß, was aus mir werden wird oder wohin meine Pfade führen; und ich muß wünſchen, den Abſchied auf den letzten Augen⸗ blick zu verſchieben. Ihr und Euer vortrefflicher Vater ſollen die Letzten ſein, denen ich Lebewohl ſage.“ Lucy erwiederte den Druck meiner Hand, brachte ein haſtiges⸗Gutenacht hervor und gleitete durch die kleine Thüre des Pfarrhauſes, welches wir jetzt erreicht hatten. Ohne Zweifel glaubte ſie, ich würde alsbald nach Hauſe zurück⸗ kehren. Ich brachte jedoch noch Stunden auf dem Kirch⸗ hofe zu, zuweilen mit der Todten beſchäftigt, zuweilen mit der ganzen Seele mich der Lebenden hingebend. Ich ſah das Licht in Lucy's Fenſter und entfernte mich nicht eher, als bis es verlöſchte. Mitternacht war lange vorüber. Seltſame Gefühle überſtrömten mich unter dieſen Cedern. Zweimal kniete ich an Grace's Grab nieder und betete inbrünſtig zu Gott. Es war mir, als müßten Gebete, welche an dieſer Stelle dargebracht würden, heilbringend ſein. Ich dachte an meine Mutter, an meinen mannhaf⸗ ten, edeln Vater, an Grace, an Alles, das dahingegangen war. Dann weilte ich unter Lucy's Fenſter, und ungeach⸗ tet des feierlichen Beſuches der Gräber der Todten war das glänzendſte und lebendigſte Bild, welches mich begleitete, das der Lebenden. J Ankunf wohnen mer ſti tag un einen D Augen! wieder Zeit ü⸗ Tage dieſer pommt, urück⸗ was hren; ugen⸗ Vater te ein Thüre Ohne zurück⸗ Kirch⸗ en mit tfernte t war Zedern. betete Gebete, ingend nnhaf⸗ gangen igeach⸗ ar das leitete, — 251— Zehntes Kapitel. Shylock. Dreitauſend Dukaten— gut. Baſſanio. Ja, Herr, auf drei Monate. Shylock. Auf drei Monate— gut. Baſſanio. Wofür, wie ich Euch ſagte, Antonio Bürge ſein ſoll. Shylock. Antonio Bürge ſein ſoll— gut. Shakſpeare. Ich fand John Wallingford zu Neu⸗York, meiner Ankunft gewärtig. Um unter Einem Dache mit mir zu wohnen, hatte er das City Hotel bezogen und unſere Zim⸗ mer ſtießen an einander. Wir ſpeiſten zuſammen zu Mit⸗ tag und nach Tiſche machten wir uns auf, der Dämmerung einen Beſuch abzuſtatten. Der zweite Maat berichtete mir, Marble ſei auf einige Augenblicke da geweſen, habe verſprochen, in einigen Tagen wieder zu kommen, und ſei verſchwunden. Indem ich die Zeit uͤberrechnete, vergewiſſerte ich mich, daß er bis zu dem Tage des Pfandverkaufs Friſt genug habe, und war in dieſer Hinſicht ohne weitere Beſorgniß. „Miles,“ ſagte John Wallingford, als wir, auf unſe⸗ rem Wege zu dem Gaſthauſe, Pine Street hinan wanderten, ruhig,„habt Ihr mir nicht geſagt, Richard Harriſon ſei Euer Rechtsanwalt?“ „Allerdings! Herr Hardinge hat mich mit ihm bekannt gemacht, und wie ich höre, iſt er einer der älteſten Advo⸗ — 252— caten des Landes. Dort— auf der andern Seite der Straße— gerade gegenüber iſt ſein Geſchäfts⸗Local.“ „Ich ſah es, und darum habe ich Euch gefragt. Es wäre gut, wenn Ihr ſpgleich einträtet und ihm das Nöthige in Betreff Eures Teſtamentes ſagtet. Ich wünſche Claw⸗ bonny der rechten Stammlinie geſichert zu wiſſen. Wenn Ihr mir es für einen Dollar verſchreiben wolltet, würde ich es nicht nehmen, obgleich ich das nächſte Recht darauf habe; es würde mir aber das Herz brechen, wenn ich hörte, daß es nicht bei dem Namen bleibt. Herr Harriſon iſt auch mein alter Rathgeber und Freund.“ Ich war über dieſes Zutappen nicht wenig erſtaunt; dennoch war in der Weiſe des Mannes etwas, das mich hinderte, ihm zu zürnen. „Herr Harriſon wird zu dieſer Stunde kaum ſichtbar ſein; ich will jedoch in das Bureau hinüber gehen und ihm einen Brief in Betreff der Sache ſchreiben,“ antwortete ich und that augenblicklich, wie ich geſagt hatte, während John Wallingford allein in das Gaſthaus zurückkehrte. Am nächſten Tage wurde das Teſtament abgeſchrieben, unterzeichnet und in meines Vetters Hände überliefert, da er der alleinige Vollſtrecker war. Wenn der Leſer mich um den Grund fragte, warum ich dies, beſonders das Letztere, gethan habe, wäre ich um die Antwort verlegen. Mich hatte ein merkwürdiges Zutrauen zu dieſem Ver⸗ wandten überkommen, deſſen außerordentliche Freimüthigkeit ſelbſt Ehrlich hin er ſten T ſondern mit de bekannt allein I mir ſa Sorgen inmitte zen mie nicht; tigkeit Ei Anſtalt ſah, w Bank a mich do geben r Be zwiſchen „, Herrn auf zwe Harding te der 1 t. Es Cöthige Claw⸗ Wenn würde darauf hörte, ſon iſt ſtaunt; 3 mich ſichtbar nd ihm tete ich d John rieben, rt, da warum ich um m Ver⸗ thigkeit — 253— ſelbſt einem weltgeübteren Manne als der Gipfelpunkt der Ehrlichkeit oder der Verſchlagenheit erſcheinen mußte. Wo⸗ hin er ſich aber auch neigen mochte,— er war am näch⸗ ſten Tage nicht nur in dem Beſitze meines Teſtamentes, ſondern in dem Laufe der nächſten Woche machte ich ihn mit dem Geheimniſſe aller meiner Geldangelegenheiten bekannt,— Grace's Vermächtniß zu Gunſten Rupert's allein ausgenommen. John Wallingford ſteigerte dieſes Vertrauen, indem er mir ſagte, das ſicherſte Mittel, mich alles Grams und aller Sorgen zu entſchlagen, ſei, mich ſofort mit Herz und Hand inmitten der Geſchäfte zu ſtürzen. Mit dem ganzen Her⸗ zen mich in irgend etwas zu ſtürzen, vermochte ich damals nicht; aber ich bemühte mich, meinen Kummer in der Thä⸗ tigkeit zu vergeſſen. Eines der erſten Geſchäfte, welches ich zu beſeitigen Anſtalt machte, beſtand darin, daß ich nach der Anweiſung ſah, welche ich Rupert gegeben hatte. Sie war auf die Bank ausgeſtellt, wo ich Geld liegen hatte, und ich begab mich dahin, um nachzufragen, ob ſie zur Auszahlung abge⸗ geben worden ſei. Bei dieſer Gelegenheit fand folgende Unterhaltung zwiſchen dem Kaſſirer und mir ſtatt. „Guten Morgen, Herr***,“ ſagte ich, indem ich den Herrn grüßte.„Ich wollte mich erkundigen, ob eine Note auf zwanzigtauſend Dollar, welche ich zu Gunſten Rupert Hardinge's, nach zehn Tagen zahlbar, ausgeſtellt habe, zum — 254— Einzug vorgelegt worden iſt, in welchem Falle ich bereit bin, jetzt Zahlung zu leiſten.“ Der Kaſſirer ſah mich, ehe ich antwortete, mit einem Geſchäftslächeln an,— einem Lächeln, welches von mei⸗ nem Charakter als Mann von Mitteln ein günſtiges Zeug⸗ niß abgab und zugleich andeutete, daß baares Geld in Ueberfluß vorhanden ſei. „Nicht gerade zum Einzug, Capitain Wallingford, da uns nichts mehr Vergnügen machen würde, als ihn zu erneuern, wenn Ihr Euch die Förmlichkeit gefallen laſſen wolltet, einen hieſigen Indoſſenten zu verſchaffen.“ „Herr Hardinge hat ihn alſo zum Einzug hier gelaſ⸗ ſen,“ bemerkte ich und fühlte mich, trotz Allem, was vor⸗ gegangen war, ſchmerzlich berührt, daß Nupert die tiefge wurzelte Gemeinheit ſeines Charakters ſo offenbar zur Schau legte. „Nicht gerade zum Einzug, Herr,“ lautete des Kaſ⸗ ſirers Antwort;„denn da er das Geld einige Tage früher haben wollte und ſich genöthigt ſah, die Stadt zu verlaſſen, discontirten wir für ihn.“ „Früher haben? Ihr habt die Anweiſung discontirt?“ „Mit dem größten Vergnügen, da wir ſie als gut kannten. Herr Hardinge bemerkte, Ihr hättet es nicht für paſſend gehalten, für eine ſo große Summe auf den Augen⸗ blick abzugeben, und daher eine kurze Sicht geſtellt, und da die Valuta voll empfangen worden, wünſche er die Summe alsbald baar einzuziehen. Wir nahmen natürlich keinen Anſtand.“ ſchlüp ben. Geſch Geſich werde mich: 9 Anwer Bank tauſen ich vo ich ab meiner meiner übertre Pfand ſitzung zu ma „Ich Folge andern ſteht d in dieſ waaren bereit einem n mei⸗ Zeug⸗ deld in ord, da ihn zu laſſen gelaſ⸗ as vor⸗ tiefge ar zur 6 Kaſ⸗ früher rlaſſen, ntirt?“ als gut icht für Augen⸗ lt, und er die atürlich — 255— „Der volle Betrag ausbezahlt?“ dieſe Worte ent⸗ ſchlüpften mir, obgleich ich entſchloſſen war, ruhig zu blei⸗ ben. Glücklicherweiſe kam aber eine, andere Perſon in Geſchäften herein, ſo daß die Worte oder der Ausdruck des Geſichtes nicht beachtet wurden.„Gut, Herr**s, ich werde jetzt einen Schein ausſtellen und die Anweiſung an mich nehmen.“ Neues Lächeln! Der Schein wurde ausgeſtellt, die Anweiſung getilgt und mir behändigt, und ich verließ die Bank mit einem Saldo zu meinen Gunſten von über zehn⸗ tauſend Dollar, ſtatt der dreißigtauſend ungefähr, welche ich vor meinem Eintritte dort ſtehen hatte. Allerdings war ich aber auch rechtmäßiger Erbe des ganzen Nachlaſſes meiner Schweſter, welchen mir Herr Hardinge am Morgen meiner Abreiſe von Clawbonny, gehörig angewieſen und übertragen, behändigt hatte. Er beſtand aus Banknoten, Pfandbriefen und Verſchreibungen auf gute, ſichere Be⸗ ſitzungen in unſerer Grafſchaft. „Nun, Miles, was gedenkt Ihr mit Eurem Schiffe zu machen?“ fragte John Wallingford an dieſem Abend. „Ich höre, die Fracht, um welche Ihr handeltet, iſt in Folge der unglücklichen Begebniſſe zu Clawbonny an einen andern Eigenthümer übergegangen; und wie man mir ſagt, ſteht die Fracht jetzt nicht ſehr hoch.“ „Vetter Jack, ich bin in der That jetzt kaum im Stande, in dieſer Beziehung eine Antwort zu geben. Die Colonial⸗ waaren ſollen im nördlichen Deutſchland einen hohen Preis — 256— erreicht haben, und ich würde, wär' ich bei baarem Gelde, eine Ladung auf eigne Rechnung kaufen. Man hat mir erſt heute vortrefflichen Zucker, Kaffe und ſo weiter zu ſehr billigen Preiſen, gegen Baarzahlung, angeboten.“ „Und wie viel baares Geld würde erforderlich ſein, um dieſen Plan in's Werk zu ſetzen, Mann?“ „Etwa fünfzigtauſeud Dollar, mehr oder weniger, während ich nur ungefähr zehntauſend zur Hand habe; wollte ich gewiſſe Sicherheiten verwerthen, ſo könnte ich über fernere zwanzigtauſend gebieten. Wie die Dinge ſtehen, muß ich dem Plane entſagen.“ „Dies folgt nicht nothwendig. Laßt mich eine Nacht darüber nachdenken, und morgen wollen wir weiter davon ſprechen. Ich bin für ſchnelles Handeln, aber auch für ruhiges Nachdenken. Dieſe heiße Stadt und der alte Ma⸗ deira erhalten mich in ſtetem Fieber, und ich brauche eine ruhige Nacht, ehe ich einen Kauf abſchließe.“ Am nächſten Morgen beim Frühſtücke, welches wir gemeinſchaftlich einnahmen, um uns ungeſtört beſprechen zu können, kam John Wallingford wieder auf den Gegenſtand zurück. „Ich habe über dieſen ſüßen Artikel, den Zucker, nach⸗ gedacht, Miles,“ begann mein Vetter,„und ſtimme für den Plan.— Könnt Ihr mir eine weitere Sicherheit geben, wenn ich Euch das Geld leihe?“ „Ich habe einige Verſchreibungen und Pfandbriefe, im Betrage von zwei und zwanzigtauſend Dollar hier, welch könnt hinre tauſe in's der 9 Claw wenn Aſſeen ich le haber wollt bunge bonnt haben 4 hatte um ei Unter pelte vorzü hier a mir d wandt 211 Gelde, at mir u ſehr h ſein, eniger, habe; nte ich ſtehen, Nacht davon uch für lte Ma⸗ che eine hes wir echen zu genſtand r, nach⸗ nme für t geben, ndbriefe, ar hier, welche zu einem ſolchen Zwecke dienſtbar gemacht werden könnten.“ „Zwei und zwanzigtauſend Dollar ſind aber keine hinreichende Sicherheit für dreißig⸗ oder fünf und dreißig⸗ tauſend, welche Ihr brauchen dürftet, um Euer Wagniß in's Werk zu ſetzen.“ „Dies iſt ſehr wahr; ich habe aber ſonſt nichts, das der Rede werth wäre,— es müßte denn das Schiff oder Clawbonny ſein.“ „Schweigt mir von dem Schiffe;— es iſt dahin, wenn Ihr und Eure Ladung dahin ſeid; und was die Aſſecuranzen betrifft, ſo mag ich nichts von ihnen wiſſen— ich lebe von meinen Ländereien und will Land⸗Sicherheiten haben. Gebt mir einen Wechſel auf drei, oder wenn Ihr wollt, auf ſechs Monate, nebſt den erwähnten Verſchrei⸗ bungen und Pfandbriefen, und einen Pfandbrief auf Claw⸗ bonny, und Ihr könnt noch heute vierzigtauſend Dollar haben, wenn Ihr ſie braucht.“ Dieſes Anerbieten ſetzte mich in Erſtaunen, denn ich hatte keine Ahnung, daß mein Vetter ſo reich ſein könne, um eine ſolche Summe zu verleihen. Im Verlaufe unſerer Unterhaltung erfuhr ich aber, daß er faſt über das Dop⸗ pelte dieſer Summe baar zu verfügen hatte, und daß er vorzüglich in die Hauptſtadt gekommen war, um ſein Geld hier auf ſichere Weiſe anzulegen. Wie er ſagte, wollte er mir die Hälfte der Summe überlaſſen, um einem Ver⸗ wandten, welchen er gerne habe, aus der Noth zu helfen. 211— 213. 17 — 258— Der Gedanke, Clawbonny zu verpfänden, geſiel mir gar nicht; John lachte darüber und wußte mir es bald auszureden. Was Grace's Papiere betraf, ſo freute ich mich gewiſſermaßen, ihrer los zu werden; denn es war mir peinlich, wenn ich daran dachte, wie ſie in meine Hände gekommen waren. „Wenn Clawbonny Jemanden verpfändet würde, der nicht zu der Familie gehört oder den Namen nicht führt, ſo würde ich mich ſelbſt beſinnen, Miles,“ ſagte er;„aber ein Pfandbrief, den Ihr mir gebt, iſt wie einer, den ich Euch gebe. Ihr habt mich zu Euerm Erben eingeſetzt, und— um aufrichtig gegen Euch zu ſein— ich habe Euch zu dem meinigen eingeſetzt. Wenn Ihr mein Geld verliert, verliert Ihr Euer eigenes.“ Dagegen war kein Widerſtand möglich. Meines Vet⸗ ters offenbare Freimüthigkeit und Gefühlswärme beſiegte alle meine Zweifel und Anſtände, und ich willigte ein, das Geld unter der Bedingung, welche er ſelbſt vorgeſchla⸗ gen, zu leihen. John Wallingford war mit den Förmlichkeiten bei Ab⸗ tretung liegender Habe ſehr vertraut, fertigte die nöthigen Papiere eigenhändig aus und ich unterſchrieb ſie. Das Geld wurde zu fünf vom Hundert hergeliehen; denn mein Vetter weigerte ſich beſtimmt, bei einem Wal⸗ lingford den geſetzlichen Zinsfuß geltend machen zu wollen. Die Zahlungsfriſt wurde auf ſechs Monate angeſetzt und Alles in gehöriger Form abgeſchloſſen. ſen, pier in C habt ſtellt det e ſo ge ein ſ Hand ſo ſe her f ſtolz, unſer Es n täuſch aber Abſta der Dolle eine hatte. traue denn zu w l mir bald te ich war meine „ der führt, „aber en ich geſetzt, habe mein 3 Vet⸗ eſiegte e ein, eſchla⸗ hi Ab⸗ thigen liehen; Wal⸗ vollen. zt und — 259— „SIch werde dieſen Pfandbrief nicht einregiſtriren laſ⸗ ſen, Miles,“ bemerkte Jack Wallingford, als er das Pa⸗ vier faltete und überſchrieb.„Ich habe zu viel Vertrauen in Eure Ehrlichkeit, um dies für nöthig zu halten. Ihr habt einen Pfandbrief auf Clawbonny zu ungern ausge⸗ ſtellt, als daß ich es für möglich halten könnte, Ihr wür⸗ det einen zweiten ſo ſchnell ausſtellen. Was mich betrifft, ſo geſtehe ich, daß ich eine geheime Freude empfinde, ſelbſt ein ſo unvollſtändiges Recht auf die alte Beſitzung in der Hand zu haben, und ich fühle gewiſſermaßen noch einmal ſo ſehr, daß ich ein Wallingford bin, als ich dies je vor⸗ her fühlte.“ Meinerſeits ſtaunte ich über meines Vetters Familien⸗ ſtolz, und begann zu denken, ich ſei in meiner Schätzung unſerer Stellung in der Welt bisher zu demüthig geweſen. Es war allerdings nicht leicht, mich in dieſem Betrachte zu täuſchen, und thatſächlich hatte ich gewiß recht; als mir aber ein Mann entgegen trat, der in dem Stolze ſeiner Abſtammung von Miles dem Erſten mir, ſo zu ſagen in der erſten Stunde unſrer Bekanntſchaft, vierzig tauſend Dollar leihen konnte, mußte dieſer Miles der Erſte mir eine bedeutendere Perſon erſcheinen, als ich bisher geglaubt hatte. Was das Geld betraf, ſo freute ich mich des Ver⸗ trauens, welches John Wallingford in mich ſetzte, wie ich denn ernſtlich wünſchte, mich in das Wagniß einzulaſſen, zu welchem es die Mittel bot, und das Uebergehen der 17* — 260— Förmlichkeiten in Betreff des Pfandbriefs als einen Act des Zartgefühls und der Anhänglichkeit betrachtete, welcher für des Darleihers Herz ein günſtiges Zeugniß ablegte. Mein Better überließ mich nicht mir ſelbſt, ſobald er meine Taſchen gefüllt hatte. Im Gegentheile, er blieb bei mir und war bei allen Ankäufen, welche ich machte, anweſend. Die Colonialwaaren wurden, in ſeiner Gegen⸗ wart, gehörig erhandelt, und manchen ſchlauen Wink er⸗ hielt ich von dieſem kalt beſonnenen und erfahrnen Manne, der, ohne Handelsmann in dem gewöhnlichen Sinne des Wortes zu ſein, Scharfſinn genug hatte, um einen aus⸗ gezeichneten Unterhändler abzugeben. Da ich Alles baar bezahlte, war die Labung bald eingeſtaut. Sobald dies geſchehen war, nahm ich die Mannſchaft an Bord und ließ die Lukenſchalms ſpikern. Die anhaltenden, wichtigen Geſchäfte, in welche ich mich nun eingelaſſen hatte, mußten natürlich meinem Kum⸗ mer ſeine Schärfe nehmen, obgleich ich mit Wahrheit ſagen kann, daß Grace's Bild ſich nie, ſelbſt nicht inmitten mei⸗ ner angeſtrengteſten Thätigkeit, lange von meinem Geiſte trennte. Auch Lucy ward nicht vergeſſen. Sie war gewöhnlich an meiner Schweſter Seite, und ich gedachte der letztern niemals, ohne das ſchöne Antlitz ihrer lebenden Freundin zu ſehen, wie ſie mit ſchweſterlicher Beſorgniß über ihrer hinwelkenden Geſtalt wachte. Nach Verlauf einer Woche verließ mich John Walling⸗ Act elcher te. ald er blieb achte, zegen⸗ nk er⸗ kanne, ne des aus⸗ baar d dies d und chhe ich Kum⸗ ſagen n mei⸗ Geiſte öhnlich letztern eundin r ihrer alling⸗ — 261— ford, nachdem er mich als Handelsmann und zumal als Eigenthümer und Capitain eines Schiffes in dem gehöri⸗ gen Curſe ſah. „Lebt wohl, Miles,“ ſagte er und ſchüttelte mir die Hand mit einer Herzlichkeit, welche ſich zu ſteigern ſchien, je länger er mich kannte;„lebt wohl, mein lieber Miles, und Gott gebe Euch zu allen Euern geſetzlichen und red⸗ lichen Unternehmungen Segen und Gedeihen. Vergeßt nicht, daß Ihr ein Wallingford und der Beſitzer von Claw⸗ bonny ſeid. Wenn wir uns wiederſehen, werdet Ihr einen wahren Freund in mir finden; ſehen wir uns nicht wieder, ſo werdet Ihr Grund haben, Euch meiner zu erinnern.“ Wir nahmen in dem Gaſthofe Abſchied. Einige Stun⸗ den ſpäter war ich in der Kajüte der Dämmerung und brachte einige Papiere in Ordnung, als ich eine wohlbe⸗ kannte Stimme auf dem Deck hörte, welche in befehlendem Tone den Stevedoren und Taklern zurief: „Kommt,— greift zu; hinten nieder; ab dieſe Back; den Ladebaum*) heran;— wer hat je einen Ladebaum in einem Schiffe erſter Art— einem regelmäßigen A. No. 1 vorne ſtehen ſehen, nachdem die Lukenſchalms geſpikert waren?— Zur Hand, Burſche— zur Hand! Ihr habt jetzt einen alten Seehund unter Euch, Leute!“ Der Mann war nicht zu verkennen. Als ich auf das *) Er wird mit Jolltauen über die große Luke geneigt, um ein⸗ und ausladen zu können. Der Ueberſ. —xx — 262— Deck kam, ſah ich Marble, der ſeinen Rock ausgezogen hatte, ſonſt aber noch ſeine ganze Landtoilette trug, ſich unter der Mannſchaft hin und her treiben und den Leuten neues Leben und neue Thätigkeit einflößen. Er hörte meine Schritte hinter ſich, dachte aber nicht daran, ſich umzukehren und mich zu grüßen, bis die vor⸗ genommene Arbeit zu Ende gebracht war. Dann würdigte er mich dieſer Ehre und es war leicht zu bemerken, welche Wolke über ſein rothes Geſicht ging, als er mich in tiefe Trauer gekleidet ſah. „Guten Morgen, Capitain Wallingford!“ ſagte er mit einer Maats⸗Verbeugung.„Guten Morgen, Herr! Gottes Wille geſchehe! Wir ſind Alle Sünder, und das ſind auch einige der Stevedoren, welche dieſen Ladebaum haben ſtehen laſſen, als wenn er zum Maſtſtumpf verwen⸗ det werden ſollte. Ja, Herr, dem Willen Gottes muß man ſich fügen; und tief genug hat es mich betrübt, als ich die Todesanzeige in den Zeitungen las— Grace u. ſ. w.— Tochter u. ſ. w. und einzige Schweſter u. ſ. w. Es wird Euch aber Freude machen, zu hören, Herr, daß Willow Cove in der Familie, ſo zu ſagen, vorne und hinten feſt geankert iſt, und daß der blutige Pfandbrief triftig ge⸗ hauen iſt.“ „Ich freue mich, dies zu hören, Herr Marble,“ ant⸗ wortete ich und fühlte einen kleinen Stich in dem Herzen, als ich daran dachte, daß meine eigenen väterlichen Fluren jetzt verpfändet ſeien,„und hoffe, die Beſitzung wird lange bei ter u Ich ſatze ten⸗ ſind ſeitig cher weit konn denn Die mich ich mir ſeitig Ich Mär alte Beg ich ſ Osn ſich beſu zogen ſich euten nicht vor⸗ digte velche tiefe gte er Herr! das baum rwen⸗ muß , als w.— wird sillow n feſt g ge⸗ ant⸗ erzen, luren lange — 263— bei Euerm Geblüte bleiben. Wie verlieſt Ihr Eure Mut⸗ ter und Nichte?“ „Ich habe ſie ganz und gar nicht verlaſſen, Herr. Ich brachte die alte Dame und Kitty, nach dem Grund⸗ ſatze, welchen ich den der wechſelſeitigen Sehenswürdigkei⸗ ten⸗Beſchauung nenne, mit mir in die Hauptſtadt. Sie ſind Beide in meinem Abſteigequartier.“ „Ich weiß nicht gewiß, was Ihr unter dieſem wechſel⸗ ſeitigen Grundſatze verſteht, Moſes?“ „Gott ſei mit Euch, Miles,“ verſetzte der Maat, wel⸗ cher nun wieder vertraulicher ſprechen konnte, da wir ſo weit nach hinten gegangen waren, daß uns Niemand hören konnte,„nennt mich, ſo oft es Euch nur möglich iſt, Moſes, denn ich höre dieſen lieblichen Namen jetzt gar ſelten. Die Mutter nennt mich Oloff und die kleine Kitty heißt mich nie anders als Oheim. Nach meinem Gefühle werde ich ſtets eine Vorliebe für den Namen Moſes behalten, der mir der natürlichſte ſcheint. Was nun aber den wechſel⸗ ſeitigen Grundſatz betrifft, ſo verhält es ſich damit ſo. Ich zeige der Mutter die Dämmerung, und einen oder zwei Märkte; denn— Ihr werdet es kaum glauben— die liebe alte Seele hat nie einen Markt geſehen und ſtirbt faſt vor Begierde, einen in Augenſchein zu nehmen; und ſo werde ich ſie zuerſt auf den Bären⸗Markt führen, dann auf den Oswego⸗, und zuletzt auf den Fliegen⸗Markt, obgleich ſie ſich gegen einen Markt ſträubt, welcher ſehr von Fliegen beſucht iſt. Dann muß ich ſie einigen der holländiſchen — 264— Kirchen vorſtellen— worauf es mir ſchwer fallen wird, die liebe Seele in das Theater zu bringen; auch höre ich, droben in der Stadt ſei ein Löwe, der ſo laut brüllt wie ein Ochs. Den muß ſie natürlich ſehen.“ „Und wenn Eure Mutter alle dieſe Merkwürdigkeiten geſehen hat, was wird ſie Euch zu zeigen haben?“ „Den Grabſtein, auf welchen ich, ſo zu ſagen, nur fünf Wochen alt, gelegt worden bin. Sie erzählte mir, man habe dem Steine gewiſſermaßen mit dem Gefühle nachgeſpürt und ihn verfolgt, bis man ihn wirklich als den Grabſtein einer ältlichen unverheiratheten Dame, mit einer höchſt frommen und erbaulichen Inſchrift darauf, gefunden habe. Die Mutter ſagt, es ſtehe ein ganzer Vers aus der Bibel darauf. Dieſer Stein kann im Nothfalle noch Werth für mich haben, Miles.“ Ich wünſchte meinem Maate zu dieſer wichtigen Ent⸗ deckung Glück und fragte nach den Einzelnheiten in Betreff des Handels mit dem alten Wucherer, wie das Geld in Empfang genommen worden ſei und auf welche Weiſe das Gut„in der Familie ſo ſicher, vorne und hinten feſtgean⸗ kert“ worden. „Als ich einmal in dem rechten Curſe war, ſchiffte ſich's ganz leicht weiter,“ antwortete Marble.„Wißt Ihr wohl, Miles, daß man das Abtragen ſchwerer, auf Gütern laſtender Schulden„die Pfandſchuld aufheben“ nennt? Ja, es iſt ein Heben, das kann ich Euch ſagen, wenn man kein Geld hat, um damit nachzuhelfen. Der wahre Weg diener Mutt Hand war warte entfer kränk lange bezal Wor er m wie menl! tilgu von went gera den. beſie einer bonn und man pfät Sti wird, e ich, lt wie keiten „nur mir, efühle Is den einer unden is der Werth Ent⸗ Betreff eld in ſe das tgean⸗ ſchiffte zt Ihr zütern ennt? wenn wahre Weg, ſich von Schulden loszuarbeiten, iſt, Geld zu ver⸗ dienen; ich habe dies wohl ausfindig gemacht, ſeit ich meine Mutter gefunden habe; habt Ihr das Geld einmal in der Hand, ſo dürft Ihr es nur hingeben. Der alte Van Taſſel war ziemlich artig, als er den Sack voll Dollar ſah, und wartete mit den ſchönſten Reden auf. Er hege nicht den entfernteſten Wunſch,„die würdige Miſtreß Wetmore“ zu kränken, und es ſollte ihn freuen, wenn ſie das Geld, ſo lange ſie möchte, behielt, ſofern nur die Zinſen pünktlich bezahlt würden; ich wollte aber von all ſeinen ſchönen Worten nichts wiſſen, legte ihm die Spanier vor und ſagte, er möge ſie zählen. Ich„hob die Schuld ſo leicht auf,“ wie ſich die Leute ausdrücken, als wenn's ein friſches Flau⸗ menkiſſen wäre, und zog mit Beſcheinigung und Namens⸗ tilgung und Genugthuung, wie es der Anwalt nannte, von dannen. Das Necht iſt ein wunderlich Ding, Miles; wenn man Geld gibt, ſo gibt man aus Genugthuung, gerade wie ſich junge Herren bei einem kleinen Zwiſte abfin⸗ den. Was Ihr aber auch thut, Miles, unterſchreibt und beſiegelt nie einen Pfandbrief, denn das Land gleitet unter einem ſolchen Curſe faſt immer, ſo oder ſo, hinweg. Claw⸗ bonny iſt eine ältere Beſitzung, als ſelbſt Willow Cove, und beide ſind zu ehrwürdig und achtungswerth, als daß man ſie verpfänden dürfte.“ Der Rath kam zu ſpät. Clawbonny war bereits ver⸗ pfändet und ich fühlte, offen geſtanden, mehrere ſchwere Stiche, als ich, während der Erzählung Marble's, dieſes — 266— Umſtandes gedachte. Ich konnte jedoch meinen Vetter,— den einfachen, geraden, warmherzigen, ſo innig an der Familie hängenden John Wallingford— einem ſo diebi⸗ ſchen Wucherer, wie der Verfolger der Miſtreß Wetmore war, nicht gleichſtellen. Ich freute mich in jedem Betrachte, meinen Maat wie⸗ der zu ſehen. Er befreite mich von manchfachen läſtigen Pflichten, und übernahm die Sorge für das Schiff; denn er brachte noch deſſelben Tags ſeine Mutter und Nichte an Bord und räumte ihnen die Kajüte ein. Ich mußte bemerken, daß die Matrone über die Net⸗ tigkeit, welche nach allen Seiten herrſchte, ſehr erſtaunt war. Nach ihrem Begriffe ſchwamm ein Schiff eben ſo tief in Theer, als es im Waſſer ſchwamm, und ihre Freude war ſehr groß, als ſie Gemächer fand, welche faſt— mein Gewiſſen erlaubt mir nicht zu ſagen ganz— ſo reinlich waren, wie ihre eigene Wohnung. Einen ganzen Tag kam ihr kein Verlangen, etwas Anderes zu ſehen, als das Schiff, obgleich man leicht bemer⸗ ken konnte, daß das Herz der guten Frau an der hollän⸗ diſchen Kirche und dem Löwen hing. Nach und nach erfüllte ihr Sohn jedoch alle ſeine Verheißungen, ſelbſt das Theater nicht ausgenommen. Das letztere verblüffte die gute Miſtreß Wetmore in hohem Grade, während Kitty ſich unendlich entzückt fühlte. Das niedliche kleine Weſen geſtand, ſie würde gern jeden Abend dahin gehen und wunderte ſich, was wohl Horaz Bright dazu denken ſpielh 4 Zuſta herun im ei genhe Wach ſehr 8 die 3 weibl glänz in da zieml Sam und. digen ein 2 des 4 in de zu be mind ſind, Letzte ſo ſe er,— n der diebi⸗ etmore t wie⸗ iſtigen denn bte an Net⸗ ſtaunt en ſo Freude ſt— — ſo etwas emer⸗ ollän⸗ ſeine Das Brade, dliche dahin dazu — 262— denken würde und ob er ſich wohl allein in das Schau⸗ ſpielhaus wagen könnte, wenn er zu Neu⸗York wäre. Im Jahre 1813 war Amerika noch in dem glücklichen Zuſtande der Einfachheit. Es gab wenige, vielleicht keine herumziehende Schauſpieler, und nur die, welche Städte, im eigentlichen Sinne des Wortes, beſuchten, hatten Gele⸗ genheit, die Wunder der Schminke, der Toilette und der Wachslichter, welche den übrigen Wundern der Bühne ſo ſehr zu ſtatten kommen, anzuſtaunen. Arme kleine Kitty! Während zwei bis drei Tagen übten die Zauber der Bühne ihren gewöhnlichen Einfluß auf die weibliche Natur aus und überſtrahlten in ihren eigenen glänzenden Augen die Glorie des guten Horaz Bright. Ich konnte es mir nicht verſagen, Marble's Beſuch in das Muſeum zu begleiten. Zu jener Zeit war dies eine ziemlich unbedeutende, in Greenwich Street aufgeſtellte Sammlung von Curioſitäten; es gab aber für die Matrone und Kitty zumal ein wahres Wunder ab. Selbſt die wür⸗ digen Manhattaneſen machten ſich einigermaßen ſchuldig, ein Wunder darin zu ſehen, obgleich der größere Ruhm des Muſeums zu Philadelphia das zu Neu⸗York ein wenig in den Schatten ſtellte. Ich habe oft Gelegenheit gehabt, zu bemerken, daß in dieſer Republik die Landleute ein wenig minder ländlich, und die Stadtleute viel weniger ſtädtiſch ſind, als dies ſonſt bei großen Nationen der Fall iſt. Das Letztere läßt ſich ſehr leicht erklären: die Städte erblühten ſo ſchnell und erhielten einen groſſen Zuwachs an Bevöl⸗ — 268— kerung aus Claſſen, welche nicht von Kindheit auf an das ſtädtiſche Leben gewöhnt waren. Wenn man tauſend Dör⸗ fer in eine einzige Häuſermaſſe vereinigte, würden ihre Bewohner lange die Begriffe, Anſichten und Gewohnheiten der Dörfler behalten, obgleich ſie räumlich eine große Stadt bildeten. Der Art iſt es bis auf einen gewiſſen Grad noch immer mit unſern amerikaniſchen Städten, deren keine das Ausſehen, den Ton oder Charakter einer Hauptſtadt hat, während die meiſten in den Augen von Leuten, wie Miſtreß Wetmore und ihre Enkelin, als wahre Wunderwerke daſtehen. So kam es denn auch, daß das Muſeum in der Green⸗ wich Street dieſen zwei einfachen Beſucherinnen das größte Vergnügen machte. Kitty war faſt außer ſich über einige ſchlechte Wachsſiguren,— Kunſtwerke, welche mit gewiſſen Gegenſtänden ſolcher Art zu vergleichen waren, die vor kurzer Zeit— wenn nicht noch jetzt— zum Vortheile des Dechants und Kapitels der Weſtminſter⸗Abtei über den Gräbern der Plantagenet und faſt an jenes Wunder gothi⸗ ſcher Kunſt, die Kapelle Heinrich's des Siebenten, ſtoßend, gezeigt wurden! Man ſagt gewöhnlich, das Elend mache mit wunderlichen Bettgenoſſen bekannt; Shillinge und Sechspences thun, wie es ſcheint, das gleiche. Wir kehren jedoch zu Kitty zurück. Nachdem ſie meh⸗ rere Schönheiten, z. B. die Neu⸗Yorker⸗Schönheit, die Süd⸗ Carolina⸗Schönheit und die Pennſylvania⸗Schönheit bewun⸗ dert hatte, hafteten ihre eigenen ſchönen Augen auf einer Nonne, und ſie wunderte ſich, wer wohl ein Weib in einer ſolchen Tracht ſein könne. C 8 kloſter ſen ſe in die ſein? Kitty ſie ne ſollte kleide liche in di den nenn dies abſch genu Wil klein nich nich n das Dör⸗ n ihre eheiten Stadt d noch ne das t hat, Niſtreß ſtehen. Green⸗ größte einige wiſſen ie vor ile des er den gothi⸗ oßend, mache e und e meh⸗ eSüd⸗ bewun⸗ f einer neiner — 269—. Im Jahre 1803 würde eine Nonne und ein Nonnen⸗ kloſter in Amerika eine faſt eben ſo große Seltenheit gewe⸗ ſen ſein, wie ein Rhinozeros; das Land hat aber ſeitdem in dieſer Hinſicht manchen Wechſel zu erfahren gehabt. „Großmutter!“ rief Kitty,„wer mag wohl dieſe Dame ſein?— es iſt doch nicht Lady Waſhington?“ „Sie ſieht eher aus wie die Frau eines Geiſtlichen, Kitty,“ antwortete die würdige Miſtreß Wetmore, die, wie ſie nachher geſtand, ſelbſt nicht wenig verblüfft war.„Ich ſollte denken, Madame Waſhington müſſe ſich etwas bunter kleiden und fröhlicher ausſehen. Gewiß, wenn es eine glück⸗ liche Frau gibt, muß ſie es ſein.“ 5 „Ja,“ antwortete ihr Sohn,„es iſt etwas Wahres in dieſer Bemerkung. Dieſe Frau hier iſt, was man in den römiſch⸗katholiſchen Theilen der Welt eine Nonne nennt.“ „Eine Nonne?“ wiederholte die kleine Kitty;„iſt dies nicht eine Art Frau, welche ſich in einem Hauſe abſchließt und ein Gelübde thut, nie zu heirathen, Oheim?“ „Du haſt ganz recht, meine Liebe; und ich kann nicht genug ſtaunen, wie Du an einem ſo abgelegenen Orte, wie Willow Cove, eine ſolche Maſſe nützlicher Ideen in Dein kleines Köpfchen bekommen haſt.“ „Es iſt nicht ſo ſehr abgelegen, Oheim,“ ſagte Kitty nicht ohne einen kleinen Vorwurf,„ſonſt hättet Ihr es nicht gefunden.“ „In dieſer Hinſicht kann ich von Glück ſagen, meine — 270— Liebe.— Ja, eine Nonne iſt eine Art Einſiedlerin, eine Brut, die ich von Herzen verabſcheue.“ „Ich glaube, Kitty,“ warf ich ein,„Ihr haltet es für gottlos, wenn ein Mann oder ein Weib ein Gelübde thut, unverheirathet zu bleiben?“ Das arme Mädchen erröthete und wendete, ohne eine Antwort zu geben, der Nonne den Rücken. Ich wüßte nicht zu ſagen, welche Wendung die Unter⸗ haltung genommen hätte, wäre nicht der Großmutter Auge auf eine unbedeutende Copie des letzten Abendmahls von Leonardo da Vinci gefallen, wobei ihr eine gedruckte Er⸗ klärung behändigt wurde, welche irgend ein Alterthümler verfaßt und den verſchiedenen Perſonen der Gruppe nach ſeinem Gutdünken Namen beigefügt hatte. Ich deutete die Hauptperſon des Gemäldes an, welche, nebenher bemerkt, leicht genug kenntlich iſt, und verwies die gute Frau in Betreff der übrigen Namen auf die Druckſchrift. „Mein Himmel— mein Himmel!“ rief die würdige Mutter aus,„daß ich es erleben mußte, die Bilder ſolcher Leute zu ſehen! Kitty,— dieſer kahlköpfige alte Mann hier iſt der heil. Petrus! Wär' es Dir je eingefallen, der heil. Petrus ſei kahlköpfig? Und hier iſt der heil. Johan⸗ nes mit ſchwarzen Augen. Wunderbar, wunderbar, daß es mir noch zu Theil ward, die Bilder ſo frommer Männer zu ſehen!“ Kitty war eben ſo erſtaunt, wie ihre Großmutter, und felbſt der Sohn war ein wenig außer ſich. Er bemerkte, „die gen, Maler ſie ma 5 in eine war. Imbiß „alte Zweck 8 nieder und ſi tränke genom Tiſche Zeit; meſſer 4 waren in ſo wenn ſprech Demr Drew jedoch eine tet es lübde 2 eine Inter⸗ Auge von 2 Er⸗ ümler nach te die nerkt, u in rdige olcher Nann „ der dhan⸗ aß es inner und erkte, „die Welt mache große Fortſchritte in allen ſolchen Din⸗ gen, und was ihn betreffe, ſo begreife er nicht, wie die Maler und Schriftſteller alles das ausfindig machten, was ſie malten und ſchrieben.“ Der Leſer kann ſich leicht denken, daß ein halber Tag, in einer ſolchen Geſellſchaft hingebracht, nicht ganz verloren war. Ein halber Tag war aber genug. Um einen kleinen Imbiß einzunehmen, begab ich mich um ein Uhr in das „alte Kaffehaus,“ welches zu dieſer Stunde und zu ſolchem Zwecke damals beſonders von den Kaufleuten ſehr beſucht war. Ich war in meinem Verſchlage und hatte den Vorhang niedergelaſſen, als drei Perſonen in den anſtoßenden traten und ſich eben ſo viele Gläſer Punſch beſtellten,— ein Ge⸗ tränke, welches zu jener Zeit Morgens ziemlich häufig genommen wurde und das ſelbſt ein„Gentleman“ vor Tiſche trinken durfte. Es war das Kirſchwaſſer der ſpätern Zeit; jetzt iſt es, glaube ich, nicht ganz der Mode ange⸗ meſſen, Dinge dieſer Art vor Tiſche zu ſich zu nehmen. Da die Verſchläge nur durch Vorhänge geſchieden waren, konnte man es nicht vermeiden, die Unterhaltung in ſo unmittelbarer Nachbarſchaft mit anzuhören, beſonders wenn die Geſellſchaft ſich eben nicht bemühte, leiſe zu ſprechen, wie dies bei meinen drei Nachbarn der Fall war. Demnach erkannte ich ſogleich die Stimmen von Andrew Drewett und Rupert Hardinge; die des Dritten war mir jedoch unbekannt. „Nun, Norton,“ ſagte Rupert nicht ohne einige Zie⸗ — — 272— Lerei im Tone,„Ihr habt Drewett und mich hierher unter dieſe Handelsleute gelockt, und ich hoffe, Ihr werdet darauf bedacht ſein, dem Hauſe Ehre zu machen und es in Credit zu bringen. Ein Handelsmann iſt, wie Ihr wißt, nichts ohne Credit.“ „Seid um Eurer Vornehmheit willen nicht in Noth, Hardinge,“ verſetzte der Angeredete.„Viele der angeſe⸗ henſten Männer dieſer Stadt beſuchen in dieſer Stunde das Haus und ſein Punſch iſt berühmt. Nebenher bemerkt, Rupert,— ich habe dieſer Tage in den Blättern geleſen, daß eine Eurer Verwandten geſtorben iſt, Miß Grace Wallingford, Eurer Schweſter Jugendfreundin.“ Eine kurze Pauſe folgte, während welcher ich kaum athmete. „Nein, keine Verwandte,“ antwortete Rupert endlich, „nur meines Vaters Pflegetochter. Ihr wißt, wie es auf dem Lande iſt; die Geiſtlichen müſſen überall die Sorge für die Kranken und Waiſen übernehmen.“ „Dieſe Wallingford ſind aber Leute, welche viel zu hoch ſtehen, um der Gunſtbezeugungen zu bedürfen,“ bemerkte Drewett haſtig.„Ich bin auf ihrer Beſitzung geweſen, und es iſt ein ſehr achtbarer Ort. Was Miß Wallingford betrifft, ſo war ſie ein höchſt reizendes Mäd⸗ chen und ihr Tod muß für Eure Schweſter ein herber Schlag ſein, Hardinge.“ Dies war mit ſo viel Gefühl vorgebracht worden, daß ich es dem Sprechenden faſt verzieh, daß er Lucy liebte; ich zwe daß er gültigk abnehn ein gu einand Augen wenige dem a gewiſſe kannte als he lobte warm Drew Freun vertra . könne Freun 211 unter darauf Credit nichts Noth, ngeſe⸗ de das merkt, eleſen, Grace kaum anllich, es auf Sorge iel zu rfen,“ itzung Miß Mäd⸗ herber 1, daß liebte; 273— ich zweifle aber, ob ich es ihm je verziehen haben könnte, daß er von ihr geliebt wurde. „Nun, ja,“ antwortete Rupert und ſuchte eine Gleich⸗ gültigkeit zur Schau zu legen, welche er, wie ich wohl abnehmen konnte, bei weitem nicht fühlte.„Grace war ein gutes Geſchöpf; ſie hatte aber, vielleicht weil wir mit einander aufgewachſen waren, weniger Intereſſe in meinen Augen, als dies bei dem der Fall möchte geweſen ſein, der weniger daran gewöhnt war, mit ihr zu verkehren. Wie dem aber auch ſei, ſo muß ich geſtehen, daß ich eine gewiſſe Art Achtung vor Grace hatte.“ „Achtung,— Achtung! Ich glaube, Alle, die ſie kannten, mußten ſie achten und ehren!“ ſetzte Drewett hinzu, als habe er es darauf abgeſehen, mein Herz zu beſtechen. „Nach meiner Anſicht war ſie ſchön und liebenswürdig zumal.“ „Dieſe Worte, aus dem Munde eines Mannes, welcher der Verehrer,— ja, wenn die Welt recht ſagt, der Ver⸗ lobte Eurer eignen Schweſter iſt, Hardinge, müſſen als ein warmes Lob gelten,“ ſagte der Dritte.„Ich glaube aber, Drewett ſieht die theure Verſchiedene mit den Augen ihrer Freundin; denn Miß Hardinge war, glaube ich, auf ſehr vertrautem Fuße mit ihr.“ „Sie liebten ſich, wie ſich Schweſtern nur lieben können,“ verſetzte Drewett mit Gefühl.„Eine vertrante Freundin der Miß Hardinge kann nur ein edles Weſen ſein.“ „Grace Wallingford hatte ohne Zweifel Verdienſte,“ 211— 213. 18 — 274— warf Rupert ein,„wie man dies auch von ihrem Bruder ſagen muß, der ein ziemlich guter, ehrlicher Burſche iſt. Ich und er ſtanden uns als Knaben ziemlich nahe.“ „Ein ſicherer Beweis ſeiner Vorzüge und Tugenden,“ bemerkte der Fremde lachend.„Da ſie aber einen Vor⸗ mund hatte, muß ſie auch Vermögen gehabt haben. Man hat mir geſagt, dieſe Wallingford ſeien ziemlich wohlhabend.“ „Ja, ſo iſt's eben,— ziemlich wohlhabend,“ ſagte Drewett.„Etwa vierzig⸗ oder fünfzigtauſend Dollar auf Beide, was der Bruder jetzt Alles geerbt haben muß; und ich freue mich, daß es einem ſo guten Jungen zufällt.“ „Das Lob aus Euerm Munde klingt großmüthig, Drewett; denn ich habe gehört, dieſer Bruder könnte Euern Nebenbuhler abgeben.“ „Ich habe ſelbſt etwas dieſer Art früher fürchten zu müſſen geglaubt,“ antwortete der Andere;„ich bin dieſer Sorge aber jetzt los. Ich fürchte ihn nicht mehr und kann ſeine Verdienſte ſehen und anerkennen. Ueberdies habe ich ihm mein Leben zu verdanken.“ „Ich fürchte ihn nicht mehr!“ Dies war deutlich genug und bewies, daß die Liebenden ſich verſtändigt hatten. Und warum ſollte ich auch zu fürchten ſein? Ich, der es nie gewagt hatte, dem Weſen, welches mein ganzes Herz ausfüllte, auch nur ein Wort zu ſagen, welches ſie hätte veranlaſſen können, die gewöhnliche Unterſcheidung zwiſchen Zuneigung und Achtung, zwiſchen Liebe und brüderlicher Freundſchaft in das Auge zu faſſen! 1 ich 27 kaum von muß wenit Dritt Schif Vern Ihr Brud erkau Mile hinzu mehr Eink. das es v nicht als „wel druder je iſt. den,“ Vor⸗ Man eend.“ nd,“ Hollar muß; ällt.“ üthig, Fuern en zu dieſer Pkann be ich eutlich atten. der es Herz hätte iſchen rlicher — 275— „Ja, Drewett iſt ſeiner Sache ziemlich gewiß, denk' ich,“ bemerkte Rupert lachend,„obgleich es ſich für mich kaum paſſen will, aus der Schule zu plaudern.“ „Dies iſt ein unterſagter Vorwurf und⸗ wir wollen von Wallingford ſprechen,“ verſetzte der Liebende.„Er muß ſeine Schweſter beerben.“ „Die gute Grace!— ich glaube, ſie hat nur über wenig zu verfügen,“ bemerkte Rupert ruhig. „Ja, wenig in Euern Augen, Hardinge,“ fügte der Dritte hinzu;„aber viel in denen ihres Bruders, des Schiffsmaſters, wie es mir vorkömmt. Seitdem Ihr das Vermögen der Miſtreß Bradfort eingezogen habt, achtet Ihr ein paar tauſend Dollar für gar nichts.“ „Und wenn es eine Million wäre, würde ſie dieſem Bruder als etwas durch den Verluſt ſeiner Schweſter theuer erkauftes erſcheinen!“ rief Drewett. „Es iſt nicht zu verkennen,— zwiſchen Andrew und Miles beſteht keine Eiferſucht,“ ſetzte der lachende Rupert hinzu.„Gewiß, das Geld hat jetzt keinen ſo hohen Werth mehr in meinen Augen, als früher, wo ich mich mit dem Einkommen einer Pfarrſtelle durchſchlagen mußte. Was das Vermögen der Miſtreß Bradfort betrifft, ſo ſtammte es von einem gemeinſamen Vorfahren her, und ich ſehe nicht ein, wer ein beſſeres Recht darauf anſprechen könnte, als die, in deren Händen es jetzt iſt.“ „Es müßte denn Euer Vater ſein,“ ſagte der Dritte, „welcher nach den Geſetzen der Erſtgeburt Euch vorgeht. 18* — 276— Ich möchte faſt behaupten, Rupert habe ſeiner ehrwürdigen Baſe den Hof gemacht und ſie mit ſeiner glatten Zunge verleitet, ein Stammglied zu übergehen.“ „Nupert hat nichts dieſer Art gethan; er findet ſeinen Ruhm darin, Emily Merton, und nur Emily Merton zu lieben. Da meine würdige Baſe ihr Vermögen nicht mit⸗ nehmen konnte, ſo ließ ſie es ihren natürlichen Erben zu⸗ rück. Woher wißt Ihr, daß ich das geringſte davon be⸗ kommen habe? Ich gebe Euch mein Ehrenwort, mein Rechnungsabſchluß mit der Bank ſtellt ſich unter zwanzig tauſend Dollar.“ „Ein ſehr ſchöner Abſchluß das, bei Jupiter!“ rief der Andere.„Nur ein tüchtiges Einkommen kann einem Burſchen, wie Ihr, erlauben, eine ſolche Bilanz zu erhalten.“ „Nun, es gibt Leute, welche behaupten, meine Schwe⸗ ſter habe das ganze Vermögen geerbt. Ich darf ſagen, Drewett wird Euch in dieſer Hinſicht die ſicherſte Auskunft geben. Die Sache geht ihn eben ſo viel an als jeden andern meiner Bekanntſchaft.“ „Ich kann Euch verſichern, daß ich nichts davon weiß,“ antwortete Drewett ehrlich.„Auch wünſche ich nichts da⸗ von zu wiſſen. Ich würde Miß Lucy Hardinge morgen heirathen, wenn ſie auch keinen Cent im Vermögen hätte.“ „Gerade in dieſer Uneigennützigkeit, Andrew, gleiche ich Euch,“ bemerkte Rupert ſich blähend.„Verlaßt Euch darauf, Ihr werdet am Ende mit dieſem bewundernswer⸗ then kennt und nicht vor 1 mein mal menk Deſſ den rdigen Zunge ſeinen on zu t mit⸗ en zu⸗ on be⸗ mein vanzig rief einem lten.“ Schwe⸗ ſagen, skunft jeden veiß,“ ts da⸗ worgen ätte.“ gleiche Euch iswer⸗ — 277— then Zuge Eures Charakters nicht zu kurz kommen. Lucy kennt und ſchätzt ihn, wie er es verdient.“ Ich hatte genug gehört. Ich verließ den Verſchlag und das Haus, indem ich Sorge trug, daß man mich nicht bemerkte. Von dieſem Augenblicke an brannte ich vor Ungeduld, wieder in See zu ſtechen. Ich vergaß ſelbſt meines Entſchluſſes, das Grab meiner Schweſter noch ein⸗ mal zu beſuchen; auch fühlte ich, daß eine neue Zuſam⸗ menkunft mit Lucy mir nur höchſt peinlich werden müſſe. Deſſelben Nachmittags ſagte ich Marble, das Schiff müſſe den nächſten Morgen ſegelfertig ſein. Elftes Kapitel. Geh, Zärtlichkeit des Alters; nimm dieſen Schlüſſel. Laß den Jungen los— bring ihn in aller Eilfertigkeit hierher. Ich muß ihn zu einem Liebesbrief ver⸗ wenden. Shakſpeare Ich will es verſuchen, die Gefühle näher darzulegen, welche mich jetzt trieben, Amerika zu verlaſſen. Ich hatte gewiſſe Eigenſchaften in Andrew Drewett entdeckt,— oder glaubte ſie entdeckt zu haben,— welche ihn, wenigſtens bis auf einen gewiſſen Grad, Lucy's würdig machten; und ich erfuhr, wie peinlich es iſt, einem Nebenbuhler einen ſolchen Vorſprung zuzugeſtehen. Ich muß mir jedoch die Gerechtigkeit widerfahren laſ⸗ ſen, zu bemerken, daß ich in ruhigeren Augenblicken, wenn ich bedachte, daß Lucy nie die Meinige werden könne, mich nur freuen konnte, ſolche Beweiſe eines edeln Charakters bei ihrem künftigen Gatten zu gewahren. Auf der andern Seite konnte ich mich des Gedankens nicht entſchlagen, daß nur die vollkommenſte Zuverſicht und die gegründetſten Hoffnungen ihn veranlaſſen konnten, ſich einer ſo großmüthigen Meinung von mir hinzugeben. Der Leſer wird begreifen, wie ungewöhnlich dieſe letztere Annahme war, wenn er ſich erinnert, daß ich Lucy oder der W mir ſehen. dieſen der 2 Mutt nach ſchaf gang allen man den. und der weit Wur Gen gefu ten, ich kam tete ein nimm los— hierher. ef ver⸗ deare legen, hatte oder gſtens ; und einen laſ⸗ wenn mich akters nkens erſicht inten, geben. tztere oder 279— der Welt nie einen hinreichenden Grund gegeben hatte, in mir einen Bewerber um die Hand des lieben Weſens zu ſehen. Ich hatte Marble nie ſo thätig geſehen, als er ſich dieſen Nachmittag, nachdem er meine Befehle in Betreff der Abfahrt erhalten hatte, erwies. Er nahm für ſeine Mutter und Nichte in einer Schlupe von Albany Plätze nach Willow Cove, ſammelte deſſelben Abends die Mann⸗ ſchaft an Bord, brachte die Dämmerung vor Sonnenunter⸗ gang in den Strom und war die halbe Nacht geſchäftig, allen Bedürfniſſen des Augenblicks Genüge zu thun. Was das Schiff betraf, ſo war es an dem Tage, wo man die Lukenſchalms geſpikert hatte, klar gemacht wor⸗ den. Nach allen Regeln der Handelswelt hätte ich vier und zwanzig Stunden nach dem Erlaß dieſer Befehle auf der See ſein ſollen; aber ein inneres Widerſtreben, mich weiter von dem Grabe meiner Schweſter zu entfernen, der Wunſch, Lucy noch einmal zu ſehen, zu ſprechen, und die Geneigtheit, der löbliche Eifer meines Maats, ſeine wieder gefundenen Verwandten zu zerſtreuen und ſie zu unterhal⸗ ten, hielt mich länger in dem Hafen zurück, als ich ſollte. Alle dieſe Zögerungen waren aber jetzt beſeitigt und ich fühlte nun eine fieberhafte Eile, fort zu kommen. Neb kam, als ich eben frühſtückte, in das City Hotel und berich⸗ tete, das Schiff liege bei einer kurzen Bugte vor einem einzigen Anker und das Vormarsſegel ſei los. Ich ſchickte ihn auf das Poſtbureau, um nach Briefen — 280— zu fragen und forderte meine Rechnung. Mein ganzes Gepäck war, ehe das Schiff in den Strom trat, an Bord gebracht worden und Neb kam, da die Entfernungen damals zu Neu⸗York nicht groß waren, bald wieder und ſtand bereit, meine Reiſetaſche auf die Schulter zu nehmen. Die Rechnung wurde bezahlt, und ich ſchritt mit drei oder vier Briefen in der Hand und von dem treuen Schwar⸗ zen, welcher abermals die Heimath, Chloe und Clawbonny verlaſſen hatte, um ſich meinem Schickſale anzuſchließen, gefolgt, der Batterie zu. Ich ſchob es auf, die Briefe zu öffnen, bis ich die Batterie erreicht hatte. Neb erhielt Befehl, an das Boot zu gehen und mich zu erwarten, während ich einen Seiten⸗ weg einſchlug und unter die Bäume trat. Mit Wehmuth dachte ich daran, von dem heimathlichen Boden zu ſcheiden. Ich erbrach die Siegel. Zwei Briefe hatten das Zeichen der Clawbonny zunächſt gelegenen Poſt; der dritte war von Albany; der vierte war gewichtiger, kam von Wafhing⸗ ton und trug, von dem Staats⸗Sekretariat frankirt, das Amtsſiegel. Dieſer Umſtand mußte mich überraſchen und ich eröffnete die letzte dieſer Mittheilungen zuerſt. Das amtliche Schreiben ergab ſich nur als ein Umſchlag und enthielt— neben der höflichen Bitte an mich, den Einſchluß abzugeben,— Depeſchen für den Conſul zu Ham⸗ burg, wohin mein Schiff, den öffentlichen Anzeigen zufolge, gehen ſollte. Dieſem Wunſche konnte ich natürlich nur entſprechen und ſomit war dieſe Mittheilung erledigt. Herrn Er er große ſein f er me zu be ſanfte Schn. ihrer fuhr auf, hatte niſſe, gut gewe Min ten, Euch geſch Euch dabe Liebe Euch unte ganzes Bord amals ſtand 1. t brei hwar⸗ bonny ießen, ch die Boot ſeiten⸗ gmuth eiden. eichen war hing⸗ „ das n und ſchlag „den Ham⸗ folge, nur — 281— Einer der Clawbonny⸗Briefe war von der Hand des Herrn Hardinge und enthielt vortreffliche väterliche Winke. Er erwähnte auch meiner Schweſter, aber er that dies mit großer Ruhe und mit der hoffnungsvollen Ergebung, wie ſein frommer Beruf es heiſchte. Ich freute mich faſt, daß er mir rieth, vor meiner Abreiſe Clawbonny nicht mehr zu beſuchen. Lucy, ſagte er, befinde ſich wohl und eine ſanfte Trauer trete allmäßlig an die Stelle des lebhafteren Schmerzes, dem ſie ſich unmittelbar nach dem Verluſte ihrer Freundin hingegeben. „Ihr habt nicht bemerkt, Miles, wie ſehr ſie litt,“ fuhr mein guter Vormund fort,„denn ſie bot jede Kraft auf, in Eurer Gegenwart ruhig zu ſcheinen; vor mir aber hatte mein theures Kind in dieſem Betrachte keine Geheim⸗ niſſe, was ſie auch ſonſt vor mir geheim zu halten für gut finden mag. Sie hat ſtundenlang an meiner Bruſt geweint und ich zweifle ſehr, ob Grace's Bild eine einzige Minute, ſeit wir Eurer Schweſter Haupt in den Sarg leg⸗ ten, aus ihren wachen Gedanken verſchwunden iſt. Von Euch ſpricht ſie nicht oft; wenn dies aber der Fall iſt, geſchieht es in der freundlichſten, innigſten Weiſe; ſie nennt Euch„Miles,“„armer Miles,“ oder„lieber Miles,“ und dabei ſpricht ſie ihre ganze ſchweſterliche Offenheit und Liebe aus, welche ſie, wie ihr wißt, von Kindheit auf gegen Euch an den Tag legte.“ Der alte Herr hatte das„ſchweſterlich“ ſelbſt unterſtrichen. 2 Zu meinem Entzücken und Erſtaunen fand ſich auch ein langer, ſehr langer Brief von Lucy vor. Wie es kam, daß ich ihre hübſche, zarte, echt weibliche Hand nicht erkannte, wüßte ich kaum zu ſagen; die Adreſſe mußte bei den manch⸗ fachen Briefen, die mir Neb in die Hand gegeben hatte, überſehen worden ſein. Selbſt dieſe Adreſſe gewährte mir große Freude. Sie lautete an„Miles Wallingford Esquire,“ während die drei andern an„Capitain Miles Wallingford, Schiff Däm⸗ merung, Neu⸗York“ überſchrieben waren. Ein Schiffs⸗ maſter hat aber, ſtreng genommen, auf den Titel„Capi⸗ tain“ nicht mehr Anſpruch, als er ein Esquire*) genannt werden kann. Der Befehlshaber eines Kriegsſchiffes iſt allein berechtigt, ſich„Capitain“ zu nennen;„Maſter“ iſt aber eben nichts als ein„Maſter.“ Sodann hat kein Amerikaner das Recht, ſich„Esquire“ zu nennen, was mit„Ritter“ ziemlich einerlei iſt, ein Titel, welcher ſtreng genug durch die Verfaſſung verboten iſt, obgleich die mei⸗ ſten Leute glauben, eine Magiſtratsperſon ſei ein„Esquire“ ex officio. Dieſe iſt ein„Esquire,“ wie ein Congreß⸗ Mitglied ein„honourable“(ehrenwerth) iſt,— nämlich anmaßungsweiſe und nicht von Rechtswegen; und ich wünſchte, das Land hätte Selbſtachtung genug, um ſich keine ſolchen Blößen zu geben. Was ſagten wir wohl zu *) Unſerm„Wohlgeboren“ dem Gebrauche nach verwandt. Der Ueberſ. „Mare geborer Julius „Esqu in W durcha aus H L gefühl fallen in ho ſagen, Ruper denken het ge ſtreng dankte den d theile ſoll. Mäde heitsl mir mein zu kr auch kam, annte, nanch⸗ hatte, Sie nd die Däm⸗ chiffs⸗ Capi⸗ nannt fes iſt aſter“ t kein was ſtreng 2 mei⸗ ſuire“ ngreß⸗ ämlich id ich n ſich öhl zu — 283— „Mareus Antonius, Wohlgeboren,“ oder„Seiner Wohl⸗ geboren Lucius Junius Brutus,“ oder„Seiner Excellenz Julius Cäſar, Wohlgeboren?“ Demungeachtet wird dieſes „Esquire“ jetzt ganz allgemein einem„Gentleman,“ der in Wahrheit der einzige Mann in Amerika iſt, welcher durchaus kein Recht darauf hat, gegeben, und zwar nur aus Höflichkeit. 3 Lucy hatte dieſen Unterſchied gefühlt und das Zart⸗ gefühl und der Takt, mit welchem ſie das„Capitain“ weg⸗ fallen ließ, und den„Esquire“ anbrachte, erfreuten mich in hohem Grade. Mir ſchien es, als wollte ſie damit ſagen, ſie erkenne an, daß ich ihr an Rang gleich ſtände, Rupert und ſeine leichtfertigen Genoſſen möchten davon denken, was ihnen beliebe. Lucy wich in Allem, was hier⸗ het gehörte, nie ein Haar breit von dem ab, was ſie als ſtreng paſſend und geeignet erkannte— und dieſen Takt dankte ſie theilweiſe ihrer Erziehung, bei weitem mehr aber den durch nichts zu erſetzenden Gaben der Natur. Der Brief ſelbſt iſt zu lang, als daß ich ihn hier mit⸗ theilen könnte; ich weiß jedoch kaum, wie ich ihn ſchildern ſoll. Er war natürlich voll des Herzens, denn das liebe Mädchen war ganz Herz; und jedem Worte war ihre Wahr⸗ heitsliebe, ihre Natürlichkeit aufgeprägt. Das Einzige, was mir darin nicht ganz anſtehen wollte, war der Wunſch, vor meiner Rückkehr aus Europa nicht mehr nach Clawbonny zu kommen. 3 „Die Zeit,“ ſagte ſie unter andern,„wird das Schmerz⸗ — 284— liche eines ſolchen Beſuches mildern, und dieſe Zeit wird Euch allmählig lehren, unſerer geliebten Grace ſo zu geden⸗ ken, wie ich ihrer jetzt ſchon zu gedenken anfange— als eines fleckenloſen Geiſtes, welcher in den Gefilden der Seli⸗ gen unſerer Vereinigung mit ihm harrt. Es iſt nicht leicht, Miles, zu ſagen, wie man von einem Verluſt, wie der, welcher uns traf, denken ſoll. Gott hat es vielleicht zu unſerm dauernden Heile ſo gefügt und, von dieſem Geſichtspunkte aus geſehen, iſt es nützlich, des Geſchehenen ſtets eingedenk zu ſein, während eine zu große Hingebung an den Schmerz leicht dazu beitragen kann, uns unglück⸗ lich zu machen. Dennoch kann, glaube ich, Niemand, der Grace gekannt hat, wie wir ſie kannten, ſich ihr Bild in das Gedächtniß zurückrufen, ohne ſich näher zu jenem erha⸗ benen Weſen, welches ſie geſchaffen, und ſo früh wieder zu ſich gerufen hat, hingezogen zu fühlen. „Wir allein haben das geliebte Geſchöpf ganz ver⸗ ſtanden! Mein vortrefflicher, theurer Vater liebte ſie, wie er mich liebt; aber er kannte nicht alle die edeln Tugenden ihres Herzens, konnte ſie nicht kennen. Dieſe konnten nur denen bekannt ſein, welche um ihr großes Geheimniß wußten, und, Gott ſei geprieſen, ſelbſt Rupert weiß nur wenig davon. „Mein Vater hat mir von Grace's Wunſch geſprochen, daß er und ich ein Andenken der Liebe, welche ſie uns geweiht, annehmen möchten. Dies war nicht nöthig; es iſt aber zu heilig, um es abzulehnen. Ich wünſchte auf⸗ richtig, ſein Goldwerth wäre geringer geweſen; denn das Haar, wird fi als de jedoch ſo möe bis vie Eurer gegeber ſchätzb welche Beide welche gabt. der th ich w lieber Ihr r wenig ich ge Beſitz behär beken meine hätte ware gerte wird geden⸗ — als Seli⸗ nicht , wie elleicht dieſem ehenen gebung aglück⸗ d, der zild in erha⸗ der zu z ver⸗ e, wie genden en nur dußten, davon. rochen, ie uns ig; es te auf⸗ in das — 285— Haar, welches ich von ihr beſitze,— ein Theil deſſelben wird für Euch aufgehoben,— iſt für mich weit koſtbarer, als der reichſte Schmuck es mir je werden könnte. Da jedoch irgend etwas gekauft oder beigebracht werden muß, ſo möchte ich Euch bitten, mein Andenken in jenen zwanzig bis vier und zwanzig Perlen beſtehen zu laſſen, welche Ihr Eurer Schweſter in meiner Gegenwart zu Clawbonny gegeben habt. Ich meine jedoch damit natürlich nicht das ſchätzbare Halsband, welches Ihr für die aufgehoben habt, welche Euch eines Tages noch näher ſein wird, als wir Beide; ſondern jene zwanzig bis vier und zwanzig Perlen, welche Ihr Grace bei Eurer Rückkehr aus dem ſtillen Meere gabt. Sie ſind an ſich werthvoll genug, um den Abſichten der theuern Geberin in jeder Hinſicht zu entſprechen, und ich weiß, daß ſie dieſelben als ein Geſchenk von Euch, lieber Miles, ſehr hoch gehalten hat. Ich bin überzeugt, Ihr werdet nicht glauben, daß ſie deshalb in meinen Augen weniger werthvoll ſind. Da ich weiß, wo ſie ſind, werde ich gelegentlich nach Clawbonny gehen und mich in deren Beſitz ſetzen. Ihr braucht Euch daher wegen eines mir zu behändigenden Andenkens nicht weiter zu bemühen. Ich bekenne mich zu deſſen Empfang, Ihr müßtet Euch denn meinem Vorſchlage widerſetzen.“ Ich wußte kaum, was ich dazu denken ſollte. Gerne hätte ich Lucy Perlen gegeben, welche eben ſo werthvoll waren, wie die, welche ich Grace geſchenkt hatte; ſie wei⸗ gerte ſich aber, dieſelben anzunehmen; und jetzt verlangte 286— ſie eben jene Perlen, welche eißgentlich nicht die Hälfte der Summe werth waren, welche Grace, wie ich Herrn Har⸗ dinge benachrichtigt hatte, für den Ankauf eines Andenkens verwendet wiſſen wollte. Dieſe Begierde, jene Perlen zu beſitzen— denn in dieſem Sinne faßte ich die Sache auf— war ſchwer zu erklären; denn Grace hatte manchen andern Schmuck,— Kleinodien, welche mehr werth waren, und die Grace öfter getragen hatte. Ich geſtehe, daß ich den Verſuch zu machen gedachte, Lucy zu überreden, den mir gehörigen Halsſchmuck als ein Andenken an Grace anzunehmen; es bedurfte jedoch keines langen Nachdenkens, um mich zu vergewiſſern, daß ich eine Fehlbitte thun würde, und ich ſchwieg von der Sache. Naturlich erhielt der Wunſch des lieben Weſens, die Perlen zu beſitzen, meine Beiſtimmung; ich beſchloß aber zugleich, ein weiteres Geſchenk für ſie zu kaufen, um den Wünſchen meiner Schweſter gründlich zu entſprechen. Im Ganzen erfüllte mich Lucy's Brief mit großer Freude und wirkte wohlthätig auf mein Gemüth. Ich faßte den Entſchluß, ihn zu beantworten und dieſe Antwort durch den Lootſen zurückzuſchicken. Ich hatte keinen Schiffs⸗ herrn, der ſich um die Eile des Schiffes bekümmerte; ich hatte keine Schweſter mehr, welcher ich meine Sorge zuzu⸗ wenden brauchte; und wem ſonſt konnten meine letzten Worte, bei dem Scheiden von dem heimathlichen Boden, gelten, als der edeln, innigen, treuen Freundin? So wenig wie ſie dem 2 5 die U von 2 ſeiner um m. d 7 tunge lieber davor weger heit i und warte losſch ander ſchen und ſeid iſt e ſolch mein öfter dachte, ls ein keines h eine Sache. Perlen gleich, nſchen großer Ich atwort chiffs⸗ 2; ich zuzu⸗ letzten Zoden, So — 287— wenigſtens durfte ich Lucy nennen, und daran hielt ich feſt, wie ſich der Schiffbrüchige an die letzten Planken, die auf dem Waſſer ſchwimmen, anklammert. Der vierte Brief trug, zu meinem großen Staunen, die Unterſchrift meines Vetters John Wallingford und war von Albany aus geſchrieben. Dieſe Stadt hatte er auf ſeiner Heimreiſe erreicht und mir einige Zeilen geſchrieben, um mir dies zu melden. Ich ſetze ſeinen ganzen Brief hierher: „Lieber Miles! „Hier bin ich, und es thut mir leid, aus den Zei⸗ tungen zu erſehen, daß Ihr noch dort ſeid. Bedenkt, mein lieber Vetter, daß der Zucker ſchmilzt. Es wäre Zeit, Euch davon zu machen; ich ſage dies um Euretwillen, nicht wegen meiner; denn ich habe, wie Ihr wißt, volle Sicher⸗ heit in meiner Hand. Die Preiſe können jedoch herabgehen; und wer zuerſt auf dem Markte iſt, kann auf das Steigen warten; wer aber zuletzt kommt, muß um jeden Preis losſchlagen. „Vor Allem laßt es Euch nicht einfallen, Miles, ein anderes Teſtament zu machen. Die Sachen ſind jetzt zwi⸗ ſchen uns ſo geordnet, wie ſie es ſein ſollen und müſſen, und ich haſſe den Wechſel. Ich bin Euer Erbe und Ihr ſeid der meinige: Euer Anwalt, Richard Harriſon, Esg., iſt ein Mann von höchſt achtbarem Charakter und ein ſolches Geheimniß iſt in ſeiner Hand ſicher. Ich laſſe viele meiner Papiere in ſeinen Händen und er i*ſt jetzt mein — 288— Anwalt, ſeit ich eines ſolchen Mannes bedürftig bin; auch folgt er Hamilton ſo nah auf den Ferſen, daß der Letztere zuweilen deſſen Zehen fühlt. Dies thut er jedoch als Richter und nicht als Anwalt. „Lebt wohl, mein lieber Vetter; wir ſind Beide Wal⸗ lingford, und die nächſten Namensverwandten. Claw⸗ bonny wird mit Jedem von uns Beiden gut fahren, und Jeder von uns Beiden wird mit Clawbonny gut fahren. „Euer wohlmeinender Vetter „John Wallingford.“ Ich geſtehe, daß dieſe ganze Noth und Beſorgniß um Clawbonny mich unbehaglich zu machen begann, und daß ich oft wünſchte, ich wäre weniger ehrgeizig—„weniger eilig“ würde vielleicht ein paſſenderer Ausdruck ſein— geweſen und hätte mich begnügt, in meinem einfachen Charakter als Schiffsmaſter und Schiffseigenthümer wie⸗ der in See zu gehen, den Kaufmann aber denen zu über⸗ laſſen, welche⸗ das Gewerbe beſſer verſtanden. Ich beſtieg jetzt das Boot und war bald an Bord der Dämmerung, wo Marble mich bereits erwartete, um den Anker zu lichten. In zehn Minuten war er des Grundes klar, und nach ferneren zehn Minuten aufgekattet und gekippt, und mit einer jungen Ebbe und einem leichten Wind aus Südweſten gleitete das Schiff die Bai hinab. Da der Lootſe des Dienſtes wartete, hatte ich Zeit hinabzugehen und meine Briefe zu ſchreiben. Ich beant⸗ wortete alle meine Briefe, ſelbſt den des Staats⸗Secretairs, welche war. pfang Depeſ 2 der B muß. lung welche verme Schw ſchaft wagte ich fü würde 3 der ſe in F ich e fürcht bedeu auf d fentli ſende auch etztere tichter Wal⸗ Claw⸗ , und ren. d. iß um id daß deniger ein— nfachen r wie⸗ über⸗ 8rd der im den rundes et und leichten inab. h Zeit beant⸗ retairs, welcher damals niemand geringeres als James Madiſon war. Ich hatte ihm jedoch nichts anderes, als den Em⸗ pfang ſeiner Sendung zu melden und ihm die Abgabe der Depeſchen zuzuſagen. Mein Brief an Herrn Herdinge war, hoffe ich, wie der Brief eines Sohnes an einen hochgeehrten Vater ſein muß. Ich bat ihn um die Erlaubniß, ſeine Bücherſamm⸗ lung durch den Ankauf werthvoller theologiſcher Werke, welche man ſich damals nur aus Europa verſchaffen konnte, vermehren zu dürfen. Dies ſollte ſein Andenken an meine Schweſter ſein. Ich erbat es mir auch von ſeiner Freund⸗ ſchaft, daß er zuweilen nach Clawbonny ſehen möchte; ich wagte es jedoch nicht, der Verſchreibung zu gedenken; denn ich fühlte mich faſt überzeugt, daß er dieſe nicht billigen würde. Der Brief an John Wallingford war ſo ärmlich, wie der ſeinige an mich. Ich ſagte ihm, mein Teſtament ſei in Folge der Ueberzeugung, daß Alles ſo ſein müſſe, wie ich es angeordnet, gemacht worden, und er dürfe nicht fürchten, daß es übereilt geändert würde. Der Zucker, bedeutete ich ihm, ſei in ſicherem Zuſtande und eben jetzt auf dem Wege nach Hamburg, von wo aus ich ihm hof⸗ fentlich bald gute Nachrichten in Betreff des Verkaufs würde ſenden können. Mein Brief an Lucy war natürlich nicht ſo kurz. In Betreff der Perlen meiner Schweſter bat ich ſie, ganz nach ihrem Belieben zu verfahren; ich erſuchte ſie 211— 213. 19 — 290— jedoch überdies noch, ſie möchte ſich noch einen andern Schmuck meiner Schweſter wählen, welcher ihr am meiſten Freude machen würde. In dieſem Betreffe drückte ich mich ein wenig ernſt aus; denn der Werth der Perlen kam der Summe nicht gleich, welche Grace feſtgeſetzt hatte; und ich war überzeugt, Lucy wünſchte nicht, daß ich ihr Schuldner bliebe. Beſonders erinnerte ich mich zweier Armbänder, welche Grace ſehr hoch gehalten hatte, und die an ſich ziemlich koſtbar waren. Mein Vater hatte die Steine— ganz ſchöne Rubinen— auf einer ſeiner Reiſen für meine Mutter gekauft, welche ſie für zu glänzend hielt, um ſie zu tragen. Ich hatte ſie für Grace faſſen laſſen, und ſie mußten für Lucy einen ſehr paſſenden Schmuck abgeben, und ihr Werth konnte dadurch, daß Grace ſie einſt gerne getragen hatte, in ihren Augen nur noch erhöht werden. Allerdings enthielten ſie ein wenig— aber nur ſehr wenig — von meinem Haar; denn Grace hatte darauf beſtanden; dieſes Haar war jedoch eher ein Mißſtand und konnte leicht entfernt werden. Ich bemerkte dies in meinem Briefe. Hinſichtlich des Todes meiner Schweſter fand ich es unmöglich viel zu ſchreiben. Das wenige aber, was ich ſagte, war— ich wußte es gewiß— ganz in Ueberein⸗ ſtimmung mit dem, was ſie fühlte, und ich fand es nicht ſchwer, zu glauben, ſie würde in Allem, was ich ſagte, und in faſt Allem, was ich nicht in Worten auszudrücken vermochte, mit mir gleich fühlen. In Betreff des Halsbandes fand ich Muth genug, — ein Br ken auf geſ die Ich far We her Ho glo rul dre ent die ge ho⸗ me tro un an al⸗ An zu indern neiſten mich m der nd ich uldner änder, n ſich ine— meine ſie zu nd ſie geben, gerne verden. wenig anden; e leicht fe. ich es Has ich berein⸗ s nicht ſagte, drücken genug, — — 291— einige Winke zu geben; es geſchah aber in dem Theile des Briefes, wo das weibliche Geſchlecht ſeine wahren Gedan⸗ ken niederlegen ſoll— in der Nachſchrift. Als Antwort auf das, was Lucy hinſichtlich meines eignen Halsbandes geſagt hatte, ſchrieb ich Folgendes: „Ihr erwähnt, daß ich die werthvolleren Perlen für die aufbewahrte, welche einſt meine Gattin werden ſollte. Ich geſtehe, dies war urſprünglich meine Abſicht; und ich fand Vergnügen an dem Gedanken, daß ein ſo liebes Weſen Perlen trage, welche ich eigenhändig aus der See heraus geholt. Allein alle dieſe angenehmen, trügeriſchen Hoffnungen ſind dahin, liebſte Lucy. Ihr dürft es mir glauben, ich werde nie heirathen. Ich weiß wohl, Erklä⸗ rungen dieſer Art aus dem Munde junger Männer von drei und zwanzig Jahren, oder neunzehnjähriger Mädchen, entlocken öfter ein Lächeln als ſie Glauben finden; ich ſage dies aber nicht ohne nachgedacht und, ich darf ſagen, ohne gefühlt zu haben. Die, welche ich einſt zu überreden hoffte, mich zu eheligen, iſt, obgleich in hohem Grade meine Freundin, nicht gewöhnt, mich mit Augen zu be⸗ trachten, die zur Liebe leiten. Wir wurden mit einander unter Verhältniſſen erzogen, welche ſie wahrſcheinlich ver⸗ anlaßt haben, mich mehr mit den Augen eines Bruders als eines Freiers zu betrachten, und während die goldnen Augenblicke dahin gingen, hat ſich ihr Herz einem Andern zugewendet. „Ich gleiche, wenigſtens in dieſer Hinſicht, unſrer 19 ¾ — 292— geliebten Grace, und werde ſchwerlich wechſeln. Mein Körperbau, mein ganzes Aeußere mag ſtärker ſein, als dies bei meiner unvergeßlichen Schweſter der Fall war; aber ich fühle, daß ich nicht zweimal lieben kann; gewiß nicht ſo, wie ich geliebt habe und noch liebe. Doch warum ſollte ich Euch mit all dem beunruhigen? Ich weiß, daß Ihr das Halsband nicht annehmen werdet— obgleich Ihr ſo bereitwillig wart, mir Euer letztes Goldſtück zu geben, als ich zur See ging; Ihr ſeid ſtets ſo ſtolz geweſen, daß Ihr Alles von Euch wieſet, was den entfernteſten Anſchein einer Geldverpflichtung hatte— und es iſt unnütz, etwas weiteres darüber zu ſagen. Ich habe kein Recht, Euch mit meinem Kummer läſtig zu werden, am wenigſten in einem Augenblicke, wo Euer liebevolles Herz, wie ich weiß, durch unſern neulichen Verluſt ſo tief ergriffen iſt.“ Ich will geſtehen, daß ich, als ich dieſe Zeilen ſchrieb, Lucy eine Art halber Erklärung zu machen glaubte— eine Erklärung, welche ihr wenigſtens einen flüchtigen Blick in den wahren Zuſtand meines Herzens eröffnete; und es über⸗ kam mich eine düſtere Freude, wenn ich daran dachte, daß das theure Weſen auf dieſe Weiſe erführe, wie ſehr ich ſie werth gehalten und wie werth ich ſie noch hielt. Faſt eine Woche ſpäter kam mir, als ich über das, was ich geſchrieben, nachdachte, der Gedanke, daß Alles, was ich geſagt hatte, ſich eben ſo gut auf Emily Merton, als auf Lucy Hardinge deuten laſſe. Eigene Verhältniſſe hatten mich mit unſrer jungen engliſchen Freundin in nahe Be⸗ Mein als war; ewiß rrum daß Ihr eben, daß chein twas )mit einem durch Frieb, eine ick in über⸗ . daß r ich Faſt s ich s ich 6 auf atten Be⸗ — 293— rührung gebracht, und dieſe Verhältniſſe konnten zu ähn⸗ lichen Folgen, wie ich deren erwähnte, geführt haben. Wir waren Alle der Anſicht, Emily's Herz habe ſich Ru⸗ pert zugewendet, welchem, während meiner Abweſenheit zur See, ſeine Bewerbung geglückt ſein mußte. Ein beſchei⸗ dener und anſpruchsloſer Charakter, wie der Lucy's war, ſuchte natürlich ſehr leicht das Original meines Gemäldes eher überall anders, als da, wo es wirklich war. Dieſe Briefe beſchäftigten mich ſtundenlang. Der an Lucy beſonders war ſehr lang und wurde nicht ganz ohne Sorgfalt geſchrieben. Als ſie alle geendigt, beſiegelt und mit einem Umſchlage an den Poſtmeiſter verſehen waren, ging ich auf das Deck. Der Lootſe und Marble hatten, wäh⸗ rend ich unten war, ihre Zeit nicht vergeudet; denn ich ſah, daß das Schiff eben um das ſüdweſtliche Spit wen⸗ dete, eine Stellung, welche mich in den Stand ſetzte, mit einem guten Winde an dem Hook vorüber und in die offene See zu kommen. Ich hatte gewiß keinen Grund, meine Abreiſe aus dem Vaterlande zu beeilen. Ich verließ mein Heimaths⸗ land, Clawbonny, das Grab meiner Schweſter, und Lucy, die ſo theure Luey; und in einem ſolchen Augenblicke fühlt man die Bande, welche im Begriffe ſind ſich zu löſen. Dennoch ſehnt ſich jeder Seemann nach der offnen See, und mit Freuden ſah ich das Galion*) der Dämmerung *) Der vorderſte Theil des Schiffes. Der Ueberſ. —— — 294— der rechten Richtung zugewendet, die Raaen faſt rechtwink⸗ licht geſtellt und ein Fock⸗Oberleeſegel losgemacht. Der Lootſe war ganz Thätigkeit, und Marble, ruhig und beſonnen in ſeinem Dienſte und faſt inſtinetmäßig mit Allem bekannt, was zu einem Schiffe gehörte, war gerade der Mann, ſeine Pläne nach ſeines Herzens Luſt in's Werk zu ſetzen. Einige Minuten, nachdem wir weggehalten hatten, zog das Schiff auf den Schwellen des Ozeans, welche ſich jetzt bemerklich zu machen begannen, ſich hebend und fal⸗ lend, an dem Leuchtthurme und der niedrigen Spitze des Hook vorüber, und von Neuem lag die offene See vor uns. Ich konnte, als wir eben auf die breite Waſſerwüſte hinaustraten, und das ununterbrochene Bild des wellenden Meeres nach Süden hinab in das Auge trat, nicht umhin, über Neb zu lächeln. Der Burſche war auf der großen Marsraa, die eben ausgebracht worden war, und ſorrte*) den Fuß eines Ober⸗Bramlaaſegelbaums, um das Segel los zu machen. Ehe er zum Maſte einlag, erhob er ſeine herkuliſche Geſtalt und lugte nach Windwärts aus, ſeine Augen geöffnet, ſeine Nüſtern weit ausgedehnt und, wie es mir erſchien, dem Jagdhunde nicht unähnlich, welcher dem Wild auf der Witterung iſt, während er die Seeluft in ſich trank, welche, mit den Salzen und eigenthümlichen Gerüchen des Ozeans geſchwängert, ihm in ſein glänzen⸗ des Geſicht blies. *) Binden, befeſtigen. Der Ueberſ. wink⸗ ruhig g mit gerade Werk atten, he ſich d fal⸗ ze des r uns. rwüſte lenden mhin, großen rrte*) Segel rſeine ſeine , wie velcher Seeluft nlichen änzen⸗ — 295— Ich glaube nicht, daß Neb in den folgenden zwei Stunden an Chloe gedacht hat. Sobald wir über der Barre waren, gab ich dem Loot⸗ ſen meine Briefſchaften und ließ ihn ſein Boot beſteigen. Es war nicht nöthig, zu dieſem Zweck Segel zu bergen; denn die Geſchwindigkeit des Schiffes belief ſich kaum über fünf Knoten die Stunde. „Seht Ihr das Schiff dort hinab, auf der Südoſt⸗ Seite?“ ſagte der Lootſe, als er das Schiff verließ, und deutete einen weißen Fleck auf dem Meere an:„nehmt Euch vor dieſem Burſchen in Acht und weicht ihm ſo weit als möglich aus, wenn Ihr nicht vielleicht Halifax oder Bermuda einen Beſuch abſtatten wollt.“ „Halifax oder Bermuda? Ich habe an keinem dieſer beiden Orte etwas zu thun und werde nicht dorthin gehen. Warum ſoll ich jenem Schiffe ausweichen?“ „Wegen Eurer Ladung und wegen Eurer Mannſchaft. Es iſt Seiner Majeſtät Schiff Leander und kreuzt jetzt ſeit länger als einer Woche hier außen. Die in die Bai ein⸗ laufenden Fahrzeuge ſagen, daſſelbe handle in Folge neuer Befehle und nennen verſchiedene Schiffe, welche nach Nord⸗ oſtwärts abhielten, nachdem es an ihnen angelegt hatte. Dieſer neue Krieg wird ohne Zweifel neue Unruhen an der Küſte herbeiführen, und alle auslaufenden Schiffe thun wohl, wenn ſie auf ihrer Huth ſind.“ „Seiner Majeſtät Schiff“ war zwanzig Jahre nach der Anerkennung der Unabhängigkeit Amerika's ein — 296— ſeltſamer Ausdruck in dem Munde eines Amerikaners, welche „Majeſtät“ auch gemeint ſein mochte. Allein es war damals ein gewöhnlicher Ausdruck, wie er, ſelbſt in den öffentlichen Blättern unſerer Zeit, noch nicht ganz verſchwunden iſt; ſo viel ſchwerer iſt es, eine neue Sprache an die Stelle der alten zu bringen, als eine Revolution herbeizuführen. Trotz dieſem Beweiſe des ſchlechten Geſchmackes des Lootſen überſah ich ſeinen Wink nicht. Seit mehr als vier Wochen hatten ſich droben in der Stadt gewiſſe unange⸗ nehme Gerüchte verbreitet, die zwei kriegführenden Mächte könnten ſich vielleicht wieder zu der alten Exceſſe hinreißen laſſen; denn England und Frankreich hatten zu jener Zeit eine Art Monopol zur See, ſo daß ſie in Betreff der alt⸗ modiſchen Begriffe von dem Rechte der Neutralität ziem⸗ lich ſorglos verfuhren. Was Amerika betraf, ſo ſtand es unter dem Fluche deſſen, was man Sparſamkeit nannte— ein Uebel, wel⸗ ches möglicherweiſe eben ſo viel ſchlimme Folgen nach ſich zieht, als das entgegengeſetzte Laſter— die Verſchwendung. Das Geld, welches an Intereſſen für die in dem Kriege von 1812 aufgewendeten Summen bezahlt worden iſt, würde zum Unterhalt einer Flotte gedient haben, welche beide kriegführenden Mächte veranlaſſen konnte, unſere Rechte zu achten, wodurch der Hauptverluſt ganz abgewen⸗ det worden wäre, von allen den andern ungeheuern Ver⸗ luſten nicht zu ſprechen, welche die Unterbrechung des Han⸗ dels zur Folge hatte; allein die Geierkrallen der Demago⸗ gen ger entf wen hat. geſte wen ſich rie ſofe Rex eine nich Int teig ſo lan ſch zu liſch der ſo ſo zur ihr we To velche mals lichen iſt; Stelle hren. 3 des vier ange⸗ Lächte reißen Zeit r alt⸗ ziem⸗ Fluche wel⸗ h ſich dung. n dem vorden welche unſere eewen⸗ Ver⸗ Han⸗ nago⸗ — 297— gen waren dabei im Spiele und man kann vernünfti⸗ ger Weiſe nicht erwarten, daß die große Menge in Betreff entfernter Intereſſen ſehr genaue Unterſcheidungen mache, wenn ſie gegenwärtige Ausgaben unmittelbar vor den Augen hat. Ein franzöſiſcher Staatsminiſter hat den Satz auf⸗ geſtellt, der Demokratismus neige zu Exceſſen hin und wenn man einem Volk die Macht einräume, ſo würde es ſich mit Steuern überladen; ſo wahr aber eine ſolche Theo⸗ rie im Allgemeinen ſein mag, ſo iſt ſie gewiß nicht wahr, ſofern es ſich von den guten Bürgern der großen Muſter⸗ Republik handelt. Es war ſchlimm genug, daß der Fluch einer falſchen Sparſamkeit auf uns laſtete; dies war aber nicht das Schlimmſte, was damals auf unſern National⸗ Intereſſen laſtete. Der Dämon der Entzweiung, der Par⸗ teigeiſt war in unſerm Lande thätig, und es war faſt eben ſo ſelten, einen Bürger zu finden, welcher rein von Vater⸗ landsliebe und gerechten Grundſätzen geleitet wurde, als es ſchwer ſein würde, einen ehrlichen Mann auf den Galeeren zu finden. Die Nation war der Regel nach entweder eng⸗ liſch oder franzöſiſch. Ein Theil war dem erſten Conſul, der andere Billy Pitt zugethan. Was die Handelsſtädte, ſo wie überhaupt die höhere Claſſe der Geſellſchaft betrifft, ſo ſpiegelten ſie nur die engliſchen Anſichten und Gefühle zurück, ſahen Alles in grellen Farben und waren durch ihre iſolirte Stellung nur eine potentiirte Partei. Die, welche nicht Alles hinunterſchluckten, was die engliſchen Tories ihnen zu bieten beliebten, nahmen die„pillules — 298— Napoléons, ohne zu würgen. Wenn es Ausnahmen gab, ſo waren es deren wenige und gehörten der Claſſe gereiſter Männer an— Pilger, welche, indem ſie ſich den bezügli⸗ lichen Götzenbildern näherten, die Entdeckung gemacht hat⸗ ten, daß ſie von Menſchenhandeln herrührten! Der Krieg hatte kaum wieder begonnen, ſo begann auch, als etwas ſich von ſelbſt Verſtehendes, das Preſſen zur See und aus neutralen Schiffen wieder, und alle ame⸗ rikaniſchen Fahrzeuge ſahen ſich in die Nothwendigkeit ver⸗ ſetzt, Kreutzern aus dem Wege zu gehen, um nicht ihrer Mannſchaft beraubt zu werden. Viele Amerikaner, und unter ihnen hochſtehende Leute, rechtfertigten— ſo ſeltſam dies auch klingen mag— dieſes Verfahren von Seiten Englands, wie es am Bord der Schiffe ihres eigenen Landes geübt wurde. Was verthei⸗ digen aber die Menſchen nicht, wenn ſie vom Parteigeiſte geblendet und hingeriſſen werden! Da der Seemann in Folge dieſes Verfahrens die Defenſive ergreifen und annehmen mußte, jeder ſei ein Eng⸗ länder, welcher nicht draußen auf der See, vielleicht tau⸗ ſend Meilen von dem Lande, beweiſen konnte, daß er ein Amerikaner ſei; ſo mußte natürlich folgen, daß Ofſiziere der engliſchen Flotte ſich eine Gerichtsbarkeit über Fremde und unter einer fremden Flagge ſegelnde Schiffe anmaßten, welche der Lord⸗Kanzler ſelbſt in den Straßen von Lon⸗ don ſich nicht erlauben dürfte— nämlich man legte den Angeſchuldigten den Beweis der Unſchuld auf! kundi täglie nicht greſſe der eine die a teige wird geſur ich von habe ziem Länd mich ſchw den niſch tigt Bet wel wie Ree der gab, eiſter ügli⸗ hat⸗ gann eſſen ame⸗ ver⸗ ihrer keute, ieſes der tthei⸗ geiſte die Eng⸗ tau⸗ r ein aziere temde ßten, Lon⸗ e den — 299— Eine Menge anderer Grundſätze, welche eben ſo offen⸗ kundig und eben ſo klar waren, wie dieſer, wurde durch das täglich vorkommende Preſſen verletzt; ſie äußerten aber Alle nicht die geringſte Wirkung auf die Mitglieder des Con⸗ greſſes und auf die öffentlichen Blätter, welche das Recht der Engländer in Schutz nahmen und eben ſo blind die eine Seite der Hauptfrage verfochten, als ihre Gegner für die andere kämpften. Der Menſch, welcher ſich dem Par⸗ teigeiſt hingibt, entſagt jeder geiſtigen Thätigkeit— er wird geiſtesſtumpf. Ich darf wohl, glaube ich, ohne ungebührend mit geſundem Menſchenverſtande zu prahlen, behaupten, daß ich mich von meiner Kindheit an bis zu dem heutigen Tage von dem Strudel der Parteileidenſchaften ganz frei erhalten habe. Mein Vater war ein Föderaliſt geweſen; aber ein ziemlich abgekühlter Föderaliſt, nachdem er aus fremden Ländern zurückgekommen war; und man hatie nie verſucht, mich im Intereſſe irgend einer Partei glauben zu machen, ſchwarz ſei weiß. Ich wußte, daß das Preſſen einer frem⸗ den Schiffsmannſchaft, wenigſtens außerhalb der großbrita⸗ niſchen Gewäſſer, auf keinen andern Grund hin gerechtfer⸗ tigt werden konnte, als auf den der Uebermacht; und in Betreff der Colonialwaaren und all der Spitzfindigkeiten, welche mit dem Transporte derſelben zuſammenhingen, hatte, wie es mir ſchien, ein neutrales Volk das unbeſtreitbare Recht, von der einen kriegführenden Macht zu kaufen und der andern zu verkaufen, wenn es dies in ſeinem Intereſſe — 300— fand und kein beſtimmtes Geſetz verletzte oder Gegenſtände verführte, welche man Kriegs⸗Contrebande nennen konnte. Unter dem Einfluſſe ſolcher Anſichten wird man ſich nicht wundern, wenn ich mich dem Winke des Lootſen leicht fügte und den Entſchluß faßte, dem Leander ſo weit als möglich auszuweichen. Der Leander war ein Schiff von fünfzig Kanonen auf zwei Decken,— eine ſehr alberne Art Fahrzeug; er hatte aber in Aegypten und bei einigen andern ziemlich berühmten Gelegenheiten ſeine Rolle ſehr mannhaft geſpielt und war ein Schiff von gutem Bau. Dennoch fühlte ich mich über⸗ zeugt, daß ſich die Dämmerung unter erträglich günſtigen Umſtänden fern von ihm werde halten können. Der Leander machte ſich ſpäter an der amerikaniſchen Küſte dadurch bemerklich, daß ein Mann in einem Küſten⸗ ſchiffe, zwanzig Meilen von der Stelle, wo ich ihn jetzt ſah, durch eine ſeiner Kanonenkugeln getödtet wurde,— ein Begebniß, welches dazu beitragen half, das Gefühl zu wecken, welches den Krieg von 1812 herbeiführte,— ein Krieg, deſſen Wirkungen ſich eben jetzt in der Politik der Freiſtaaten bemerklich zu machen beginnen, was jedoch, nebenher bemerkt, weder zu Hauſe, noch draußen eingeſehen zu werden ſcheint. Der Leander war in ſeiner Art ein raſches Schiff, allein die Dämmerung war ein raſches Schiff in jeder Art, und ich ſetzte großes Vertrauen auf ſie. Der Leander hatte allerdings den Vortheil des Windes; allein er ſtand weit, etwas Raaen in’s A U K öſtlich ſteuern Gelege waren Schup Land Auge 2 Küſte die K C dier S waren auf, 1 ſeite, beider zu die waſſe abhie und anzog — 301— weit, gegen Süden hinab, von uns entfernt und mochte etwas auf dem Ausguck haben, das von unſern Oberbram⸗ Ragen, wohin Neb geſchickt worden war, um den Horizont in’s Auge zu faſſen, nicht geſehen werden konnte. Unſer Plan war bald gemacht. Da die Südſeite von Long⸗Island ein wenig nord⸗ öſtlich ausbeugt, gab ich Befehl, das Schiff ſüdöſtlich zu ſteuern, was mir, da der Wind ſüd⸗ſüdweſtlich heraufkam, Gelegenheit gab, alle unſere Leeſegel beizuſetzen. Die Tiefen waren ſo regelmäßig, wie das Anſteigen des Daches eines Schuppens, oder des Abhangs eines Raſenplatzes, und das Land war weniger als zwei Stunden entfernt und dem Auge noch ſichtbar. Auf dieſe Weiſe liefen wir, ſobald wir unter der Jerſey⸗ Küſte weg waren, mit etwa ſechs Knoten Geſchwindigkeit, die Küſte hinab. In weniger denn einer Stunde, oder als wir etwa vier Stunden von dem Sandy⸗Hook⸗Leuchtthurme entfernt waren, vierte das engliſche Schiff rundab und machte ſich auf, um uns den Weg abzuſchneiden. Um dieſe Zeit war es gerade vorwärts unſerer Luv⸗ ſeite,— eine Stellung, welche ihm nicht erlaubte, auf beiden Seiten Leeſegel zu führen; denn hätte es weit genug zu dieſem Zwecke abgehalten, ſo würde es in unſer Fahr⸗ waſſer gefallen ſein, während ſeine Hinterſegel, wenn es abhielt, um uns zu erreichen, die vordern unthätig machten, und dies zwar in einem Augenblicke, wo bei uns Alles anzog, wie ein Geſpann gut eingefahrner Wagenpferde. ———— — 302— Trotz all dem hatten wir eine heiße Nachmittags⸗ und eine nicht minder heiße Nacht⸗Arbeit. Dieſe alten„Fünf⸗ ziger“ ſind ab vom Wind tüchtige Reiſende, und mehr als einmal glaubte ich, der Leander ſei im Begriffe, ſich quer über die Backen der Dämmerung zu legen, wie er es einem franzöſiſchen Schiffe am Nil gethan hatte. Die Dämmerung war aber nicht müßig, und da der Wind, wie er ſich den ganzen Tag gehalten, auch die Nacht hindurch ſtehen blieb und nur ein wenig auffriſchte und ſich mehr nach Süden kehrte, als er bisher gethan, hatte ich am nächſten Morgen die Freude, Montauk bei Sonnen⸗ aufgange ein wenig auf meiner Leeſeite zu haben, während mein Verfolger auf der Luvſeite noch außer Kanonenſchuß⸗ weite ſtand. Marble und ich hielten nun in Betreff der beſten Weiſe zu verfahren Rath. Ich war halb geneigt, den Leander herankommen und ein Boot an unſer Bord ſchicken zu laſſen. Was hatten wir zu fürchten? Wir waren mit einer Ladung, welche halb von den engliſchen Inſeln kam, während die andere Hälfte von den franzöſiſchen herrührte, auf dem Wege nach Hamburg. Marble wollte von einem ſolchen Vorſchlage nichts hören. Er behauptete, er ſei in allen den Engen ein guter Lootſe, und es würde beſſer ſein, Alles zu wagen, als jenen Fünfziger an Bord der Dämmerung kommen zu laſſen. „Haltet das Schiff auf Montauk ab, Herr,“ rief der Maat aus,„haltet es auf Montauk ab, und laſſet den Burſe einige wenn Zeit! die S und l führe ergeb Erzie jedem zu m und fünf⸗ als quer inem der ſacht und hatte anen⸗ hrend chuß⸗ Weiſe ander in zu mit kam, ihrte, nichts guter jenen n. ef der et den 9 — 303— Burſchen uns dorthin folgen, wenn er es wagt. Es ſind einige Riffe inſeits, und ich wette, ich führe ihn darauf, wenn er die Jagd verſuchen ſollte; dies wird ihm für alle Zeit die Luſt nehmen, einen Yankee zu⸗ jagen.“ „Macht Ihr Euch anheiſchig, Moſes, das Schiff über die Sandbänke zu führen, wenn ich thue, wie Ihr wollt, und landein wende?“ „Ich werde es in jeden Hafen öſtlich von Block Island führen, Capitain Wallingford. Obgleich, wie es ſich jetzt ergeben hat, ein geborener Neu⸗Yorker, habe ich meine Erziehung„oſtwärts hinab“ erhalten und nehme es mit jedem Küſtenpiloten auf.“ 6 Damit war die Sache abgethan und ich beſchloß, Fahrt zu machen. Zwölftes Kapitel. Der Wind weht friſch, die Segel fühlen Den mächt'gen Druck und ſchwellen; Der raſcheſte von tauſend Kielen 4 Hüpft unſer Schiff auf ſtolzen Wellen. Willis. Eine halbe Stunde ſpäter ſchien der entſcheidende Au⸗ genblick heranzukommen. Wir hatten uns genöthigt geſehen, ein wenig zu luven, um eines Riffes klar zu werden, wel⸗ ches, wie ſelbſt Marble zugab, abwärts von Montauk lag, während der Leander eben ſo weit abgehalten hatte, um an uns heran zu kommen. Der„Fünfziger“ kam dadurch, gerade auf unſerer Luvſeite, ſo nahe an uns, daß ſein Befehlshaber es für geeignet hielt, die Kraft des Pulvers zu verſuchen. Eine Bug⸗Kanone wurde losgebrannt und die Kugel, nur ein Zwölfpfünder, ſprang von Welle zu Welle einher, bis fie, auf eine Entfernung von hundert Ellen, an unſern Knie⸗ back vorbeikam und gerade in einer Linie mit dem Vor⸗ ſteven der Dämmerung ihren letzten Sprung aus dem Waſſer vollbrachte. Dies war ein unzweideutiger Beweis, daß die Jagd nicht viel länger dauern könne, wenn der Raum zwiſchen den beiden Schiffen nicht weſentlich erweitert würde. Gluͤck⸗ licherweiſe waren wir nun vor dem Fort von Montauk und h und i abhal⸗ ſtellen 9 mich ( über Geſch ſetzen dem griffer Zeit, erreich . unſere nicht Raae Leeſeg Arbei Minu 3 allmẽ unſer was wenn ten u 21. Uen. Au⸗ ehen, wel⸗ lag, um ſerer 3 für Eine r ein 3 fie, Knie⸗ Vor⸗ dem Jagd ſchen Zluͤck⸗ ntauk und hatten jetzt die Wahl, ob wir dieſen Punkt umfahren und in die Enge einlaufen, oder ob wir auf Block Island abhalten und unſer Glück der Raſchheit des Schiffes anheim⸗ ſtellen wollten. Nach einer kurzen Berathung mit Marble entſchied ich mich für das Letztere. Einer der weſentlichen Vortheile, die ein Kriegsſchiff über einen Kauffahrtheifahrer hat, beſteht in der größeren Geſchwindigkeit, mit welcher ſeine Mannſchaft Segel bei⸗ ſetzen und bergen kann. Ich wußte, daß der Leander in dem Augenblicke, wo wir zu Braſſen, Halſen und Schoten griffen, daſſelbe thun und daß er ſeinen Zweck in der halben Zeit, in welcher wir den unſrigen in's Werk ſetzen könnten, erreichen würde. Die Sache mußte indeß geſchehen, und wir begannen unſere Vorbereitungen mit Sorgfalt und Eifer. Es war nicht ſehr ſchwer, unſere Luvbraſſen einzuwenden, bis die Raaen faſt rechtwinklicht ſtanden, aber die Austakelung der Leeſegelbäume und das Losmachen der Segel war eine Arbeit, welche die Mannſchaft der Dämmerung mehrere Minuten beſchäftigte. Marble ließ die Bemerkung laut werden, wenn wir allmählig weghielten, würden wir den Leander ſo weit auf unſere Seite bringen, daß die Hinterſegel ihm verſteckten, was wir vorwärts vorzunehmen im Begriffe ſtünden, und wenn wir unſere Zuflucht zu dieſem Schritte nähmen, könn⸗ ten wir ihm einen kleinen Vorſprung abgewinnen. 211— 213. 20 — 306— Ich fand den Einfall gut und gab die nöthigen Be⸗ fehle, demgemäß zu handeln. Man konnte überzeugt ſein, daß die Ferngläſer des engliſchen Schiffes dieſe ganze Zeit über auf uns gerichtet waren. Wir waren daher ſorgſam bemüht, unſere Raaen auf eine Weiſe beizubringen, daß die Mannſchaft an den Braſſen nicht geſehen wurde. Dies geſchah dadurch, daß wir erſt weghielten und dann die Taue ſo weit als möglich vorwärts führten und ſie von den Leuten, auf dem Deck ſitzend, anhohlen ließen. Auf dieſe Art brachten wir es dahin, daß ſich unſere Raaen faſt rechtwinklicht ſtellten, oder ſo weit einwärts traten, als es für unſeren neuen Curs nothwendig war, worauf wir Mannſchaft vorne in die Höhe ſchickten, um die Leebäume hinaus zu bringen. Wir hatten jedoch die Rechnung ohne den Wirth gemacht. John Bull ließ ſich keine ſolche Naſe drehen. Die Matroſen waren kaum in der Leefocktakelage, als ich den„Fünfziger“ mit rechtwinklichten Raaen und allen Zeichen an ſeinem Bord, daß er ſo gut, wie wir, Backbord⸗ Leeſegel hatte, in unſern Curs abfallen ſah. Der Wechſel des Curſes hatte jedoch eine gute Wir⸗ kung; er brachte unſern Verfolger ſo weit abwärts von uns, daß ich, an dem Gangſpil ſtehend, ihn durch die Beſahntakelage ſehen konnte. Dadurch ward die Dämme⸗ rung vor einer vollen Ladung des Leander's vollkommen geſichert, und wir konnten nur von vier oder fünf der vor⸗ dern fallen S völlig jetzt ſ bedrär Zuver es nie nicht nonen 2 Leinw Segel den ſ Er tr viel r Gefah umſeg gethar 9 Dinge wende Marb anzuh laſſen. dabei, Be⸗ des ichtet aaen den daß glich Deck unſere wärts war, „ um Wirth rehen. s ich allen kbord⸗ Wir⸗ 3 von ch die imme⸗ mmen r vor⸗ — 307— dern Kanonen beſtrichen werden, wenn es dem Feinde ein⸗ fallen ſollte, Feuer zu geben. Ob der engliſche Befehlshaber nicht gewillt war, ſo völlig innerhalb der amerikaniſchen Gewäſſer, wie wir ſie jetzt ſichtbar zu erreichen begannen, zu ſolchen entſchiedenen, bedränglichen Maßregeln zu greifen, oder ob er mit ſolcher Zuverſicht auf die Raſchheit ſeines Schiffes baute, daß er es nicht für nothwendig hielt, Feuer zu geben, weiß ich nicht anzugeben; ſo viel iſt gewiß, daß er von ſeinen Ka⸗ nonen keinen Gebrauch mehr machte. Wie man vorausſehen konnte, hatte der Leander ſeine Leinwand bereits eine Zeitlang ausgebreitet, ehe wir unſere Segel öffnen konnten, und es kam mir vor, als zeige er den ſo erlangten Vortheil in ſeiner Segelgeſchwindigkeit. Er trat unzweifelhaft an uns heran; aber wir traten viel raſcher an das Land heran; dennoch war dringliche Gefahr vorhanden, er möchte uns, ehe wir die Landſpitze umſegeln konnten, einholen, ſofern nicht ein raſcher Schritt gethan wurde, um es zu verhindern. Nachdem mein Maat und ich den wahren Stand der Dinge lange und gedankenvoll in das Auge gefaßt hatten, wendete ich mich an Marble. „Im Ganzen,“ ſagte ich,„dürfte es gut ſein, Herr Marble, unſere leichten Segel einzunehmen, unſeren Wind anzuhohlen und das Kriegsſchiff auf uns heran kommen zu laſſen. Wir ſind ehrliche Leute und es iſt wenig Gefahr dabei, ihm Alles zu zeigen, was wir haben.“ 20*½ — 398— „Denket nicht daran!“ rief der Maat.„Nach dieſer langen Jagd wird der Burſche ſo wild ſein, wie ein ange⸗ ſchoſſener Bär. Er würde an unſerem Bord nicht einen einzigen Matroſen laſſen, der eine Hand hat, um an dem Steuerrade zu drücken; und es iſt zehn gegen eins zu wet⸗ ten, daß er unter irgend einem beliebigen Vorwande das Schiff nach Halifax ſchickt,— der Zucker, zum Beiſpiel, ſei nicht ſüß genug, oder der Kaffe ſei auf einer franzö⸗ ſiſchen Inſel gewachſen und habe einen franzöſiſchen Ge⸗ ſchmack.— Nein, nein, Capitain Wallingford, da kömmt ein guter Süd⸗Südweſt⸗Wind und wir ſtehen bereits nach Nordoſt und Nord⸗halb⸗Nord von dem Burſchen hinter der Beſahntakelage ab; ſobald wir einen Punkt mehr nach nordwärts erreichen, haben wir ihn gerade in unſerem Fahrwaſſer.“ „Ja, ja, als Theorie klingt dies ganz gut; was können wir aber in der Praxis damit anfangen? Wir nähern uns mit einer Geſchwindigkeit von acht Knoten dem Fort Montauk und Ihr ſelbſt habt mir geſagt, vor jener Landſpitze, auf welche wir in dieſem Augenblicke unmittel⸗ bar abhalten, befinde ſich ein Riff. Bei dieſer Geſchwin⸗ digkeit können wir in fünfzehn Minuten in Splittern zer⸗ ſtieben.“ An der Art, wie Marble ſeinen Tabak in dem Munde hin und her rollte, und dem ſpähenden Blicke, welchen er auf das Gewäſſer nach vorne warf, konnte ich ſehen, daß Marble in Unruhe war. 0 Klugh Stan! entſche greifen L Fall hältni Gleich dicht und d ich ſie befahr in der Punkt ſo! ge er es ſagte zu ne Schiff werth einen ich bi ſicher 7 ieſer unge⸗ einen dem wet⸗ 2 das ſpiel, anzö⸗ Ge⸗ ömmt nach hinter mehr ſerem was Wir n dem jener mittel⸗ chwin⸗ en zer⸗ Munde hen er , daß — 309— Ich hatte das größte Vertrauen in ſeine ſeemänniſche Klugheit und Beſonnenheit, während ich wußte, daß er im Stande war, in einem dringlichen Augenblicke, wo ein entſcheidender Schritt gethan werden mußte, zu Allem zu greifen, was ein Schiff möglicherweiſe nur leiſten konnte. In dieſem Augenblicke vergaß er, wie dies öfter der Fall war, wenn er ſich erregt fühlte, unſere jetzigen Ver⸗ hältniſſe, und that, wie er in den Tagen unſerer größern Gleichheit und prüfungsvollerer Scenen gethan hatte. „Hört mich, Miles,“ ſagte er,„das Riff iſt ganz dicht vor uns; aber ich kenne eine Durchfahrt zwiſchen ihm und der Landſpitze. Während des Revolutionskrieges habe ich ſie, bei der Jagd auf einen engliſchen Weſtindienfahrer, befahren und während der ganzen Zeit das Lothblei ſelbſt in der Hand gehabt. Abgehalten, Neb,— noch einen Punkt abgehalten, Neb,— ſo! ruhig— ruhig— ſo!— ſo! ganz recht! John Bull mag uns jetzt folgen, wenn er es wagt.“ „Ihr müßt Eures Paſſes ſehr gewiß ſein, Herr Marble,“ ſagte ich ernſt,„um eine ſolche Verantwortlichkeit auf Euch zu nehmen. Bedenkt, daß meine ganze Habe in dieſem Schiffe verladen iſt und daß die Aſſecuranz keine Sixpence werth ſein wird, wenn wir bei hellem Tageslichte durch einen Ort wie dieſer laufen. Denkt einen Augenblick nach, ich bitte Euch, wenn Ihr deſſen, was Ihr thut, nicht ganz ſicher ſeid.“ „Und was wird die Verſicherung werth ſein, wenn —— — 310— wir nach Halifar oder Bermuda gehen? Ich bürge mit meinem Leben für die Durchfahrt und Euer Schiff liegt mir mehr an dem Herzen, als dies bei dem meinigen der Fall ſein würde. Wenn Ihr mich liebt, ſo laßt Ihr uns in dieſem Curſe, und wir wollen ſehen, ob dieſer alberne prahleriſche Zweidecker uns zu folgen wagt.“ Ich willigte gern ein, obgleich ich mich einer Gefahr blosſtellte, welche ich jetzt unmöglich vor mir rechtfertigen kann. Ich war mit der Habe meines Vetters John Wal⸗ lingford betraut und hatte mein Alles an Bord— oder, was eben ſo ſchlimm war, ich ſetzte Clawbonny auf das Spiel. Aber meine Gefühle waren geſteigert und zu der Er⸗ regung einer Jagd kamen die ernſten, aber unſichern Be⸗ ſorgniſſe vor den kriegführenden Mächten, welche alle ame⸗ rikaniſchen Seeleute zu jener Zeit fühlten. Es gibt einen merkwürdigen Beweis menſchlicher Gerechtigkeitsliebe ab, daß ſelbſt die Folgen dieſer Beſorgniſſe ihnen zum Vor⸗ wurfe gemacht worden. Es iſt meine Abſicht nicht, bei der Politik Englands und Frankreichs während ihres großen Kampfes um das Uebergewicht länger zu verweilen, als die Erzählung der mit meinen eigenen Abenteuern verbundenen Begebniſſe unerläßlich fordert. Im Vorbeigehen dürfte aber ein Wort in Betreff der amerikaniſchen Seeleute nicht ganz unpaſſend oder verloren ſein. Der Menſch hat ſelten Unrecht zu dulden, ohne daß ſich V zu we tung welche Gekrã 2 durch Grade gewöl 8 2 ganz ihren Gewa angeh erreich der D zum Kränd eben und Gelde 4 irgen’ als i Bezie Klaſſ etwas mit liegt n der uns berne efahr rtigen Wal⸗ oder, f das r Er⸗ n Be⸗ ame⸗ einen be ab, Vor⸗ glands m das ig der ebniſſe Wort paſſend ne daß — 311— ſich Verläumdung beigeſellt, und die Klaſſe der Männer, zu welcher ich damals gehörte, entging jener Art Vergü⸗ tung für all das von ihnen erduldete Ungemach nicht, welche von dem Beweiſe abhängig gemacht wird, daß der Gekränkte ſein Unglück verdiene. Man hat uns beſchuldiget, wir hätttwengliſche Kreuzer durch falſche Nachrichten irre geführt, wir ſeien in hohem Grade Lügner und zeigten eine Gier nach Geld, welche die gewöhnliche Habſucht der Menſchen weit überböte. Ich will unſere Ankläger nicht fragen, ob es etwas ſo ganz außerordentliches ſei, daß die, welche ſich täglich in ihren Rechten gekränkt fühlen, Alles thun, was in ihrer Gewalt ſteht, um ſich zu rächen? Was die Wahrhaftigkeit angeht, ſo kann Niemand, der meine jetzige Lebenszeit erreicht hat, in Abrede ſtellen, daß es nichts Selteneres in der Welt gibt, als die Wahrheit; auch ſind die, welche zum Lohne für wirkliche oder eingebildete Unbilden und Kränkungen gelegentlich hinter das Licht geführt wurden, eben nicht die unpartheiiſcheſten Richter über Charaktere und Handlungen. Die Anklage hinſichtlich übermäßiger Geldgier iſt unverdient. Das Geld hat in Amerika weniger Einfluß, als in irgend einem mir bekannten Lande, und unendlich weniger, als in Frankreich und England. Nur in einer einzigen Beziehung iſt in jener Anklage, ſofern ſie einer beſonderen Klaſſe oder der Maſſe des amerikaniſchen Volkes gelten ſoll, etwas Wahres. Es iſt unläugbar, daß wir, als eine neue — — 312— Nation, bei einer Bildungsſtufe, der es noch an vielen höheren Eigenſchaften fehlt, während wir in dem, was die Grundlage nationeller Größe ausmacht, ſo weit vorge⸗ ſchritten ſind, dem Gelde den gewöhnlichen Werth nicht beilegen. Auch die Geſetze ſchließen, indem ſie erbliche Wichtigkeit bei Seite ſchieben, eine der erſten und haupt⸗ ſächlichſten Quellen der Auszeichnung aus, welche in ande⸗ ren Regierungsſyſtemen ſich geltend machen und ſo dem Reichthume eine ausſchließliche, wenn auch eher ſcheinbare, als wirkliche Wichtigkeit geben.*) Ich gebe zu, daß den mehr geiſtigen Beſchäftigungen noch wenig oder gar keine Beachtung gewidmet wird; denn die große Maſſe betrachtet gewöhnlich Schriftſteller, Künſtler, ſelbſt Handwerker als öffentliche Diener, welche man wie andere Diener behan⸗ deln zu müſſen glaubt, ſie und ihre Leiſtungen nur in ſo fern achtend, als ſie zu dem großen Vorrathe nationellen Reichthums und Ruhmes beitragen. Dies muß man theil⸗ weiſe der großen Jugend des Landes, wo faſt die ganze materielle Grundlage erſt in neuerer Zeit gelegt werden mußte, theilweiſe dem Umſtande beimeſſen, daß ſich in Folge der Abweſenheit alles künſtlichen Zwanges, welcher in anderen Ländern herrſcht, rohe und niedriggeſinnte Schwätzer in einem Grade hören und fühlen laſſen, welche man anderswo nicht dulden würde. *) S.§ 23 der Verfaſſung des Staates Maine u. a.(Die Verfaſ⸗ ſungen der Vereinigten Staaten Nordamerika's, a. d. Engl. überſetzt von G. H. Engelhard; Frankf. b. Sauerländer.) Der Ueberſ. 5 am w wird Geld der E gen S außer Anzal Umſtã Anzal lande gemei ſtritte nern, Beruf daß v das C. ſchen 8 4 Curſe übrig erreich Stra Letzte Vort der l ielen 3 die orge⸗ nicht biche aupt⸗ ande⸗ dem bare, 3 den keine achtet r als ehan⸗ in ſo nellen theil⸗ ganze derden Folge er in wätzer man Verfaſ⸗ berſetzt eberſ. — 313— Trotz aller dieſer Gebrechen, welche kein verſtändiger, am wenigſten aber ein gereiſter Amerikaner rechtfertigen wird oder rechtfertigen kann, darf ich behaupten, daß das Geld nicht um ein Jota mehr das Ziel der Amerikaner als der Eingebornen irgend eines andern thätigen und kräfti⸗ gen Staates iſt. Allerdings bietet Amerika eben jetzt noch außer Gold wenig Erſtrebenswerthes dar; allein die große Anzahl junger Leute, welche ſich unter ſolchen ungünſtigen Umſtänden den Künſten und Wiſſenſchaften widmen, eine Anzahl, die bei weitem größer iſt, als man in dem Aus⸗ lande ahnt, beweiſt, daß die Verhältniſſe und nicht die gemeine Habgier des Volkes dem Golde ein ſo faſt unbe⸗ ſtrittenes Uebergewicht geben. Die große Menge von Män⸗ nern, welche ſich bei uns der Politik widmen— gewiß kein Beruf, welcher zu Reichthümern führt— zeigt hinreichend, daß vorzüglich der Mangel anderer Wege zur Auszeichnung das Gold ſcheinbar zu dem einzigen Ziele des amerikani⸗ ſchen Lebens macht. Wir kehren jedoch zu unſern Schiffen zurück. Die Stellung der Dämmerung ließ uns hinſichtlich des Curſes, welchen wir zu ſteuern hatten, keine Wahl mehr übrig. Wir erſahen aus der Karte, daß das Riff bereits erreicht war und uns nichts mehr übrig blieb, als auf den Strand zu laufen oder durch Marble's Paß zu ſegeln. Das Letztere gelang uns und wir errangen einen weſentlichen Vortheil über den Leander, indem wir dies thaten; denn der letztere braßte die Segel bei dem Winde, als er ſich — 314— dem gefährlichen Punkte ſo weit genähert hatte, als er es für klug hielt, und gab die Jagd auf. Ich ſteuerte noch eine Stunde nordwärts und als ich bemerkte, daß unſer Verfolger ſüdweſtwärts vor Top und Takel trieb, nahm ich unſere Backbord Leeſegel ein, brachte das Schiff bei den Wind und trat, öſtlich von Block Island, wieder in die offene See⸗ Groß war die Freude an Bord der Dämmerung über dieſe Rettung; denn eine ſolche war es wirklich. Am näch⸗ ſten Morgen bei Sonnenaufgang ſahen wir in großer Ent⸗ fernung nach Weſten ein Schiff, in welchem wir den Lean⸗ der zu erkennen glaubten; es machte aber nicht Jagd auf uns. Marble und die Mannſchaft waren entzückt, John Bull eine Naſe gedreht zu haben, während ich mich durch das Begebniß zur Vorſicht gemahnt ſah, und mir vornahm, kein Kriegsſchiff mehr ſo nahe an mich herankommen und von ihm bedrängen zu laſſen, ſo fern ich es vermeiden könnte. Von dieſer Zeit an bot zwanzig Tage lang die Reiſe der Dämmerung nichts Ungewöhnliches dar. Wir über⸗ ſchritten die Sandbänke im ſechs und vierzigſten Grade und ſpielten in ſo ſtrackem Curſe, als die Winde es nur immer erlaubten, auf die Weſtküſte von England ab. Meh⸗ rere Tage war ich unſchlüſſig, ob ich nördlich herum gehen ſollte oder nicht, indem ich auf weniger Kreuzer zu ſtoßen glaubte, wenn ich Schottland umſegelte, als wenn ich den Canal hinauf ging. Der letztere Weg war der nächſte, es hängt dieſe T hinter weſt g raſch, Grade da wi hielt i K dem n ten w ziemli Ich n wimm eintro dert 8 ein T 0 blies Dunſ eine alle 2 bis e von noch er es 3 ich und achte land, über näch⸗ Ent⸗ Lean⸗ d auf John durch ahm, und teiden Reiſe über⸗ Grade s nur Meh⸗ gehen ſtoßen h den ſte, es hängt aber dabei ſo viel von den Winden ab, daß ich beſchloß, dieſe walten zu laſſen. 4 Bis wir zwei Drittheile unſerer Reiſe über den Ozean hinter uns hatten, war der Wind ziemlich feſt nach Süd⸗ weſt geſtanden, und unſere Reiſe war, obgleich nicht ſehr raſch, doch gut von ſtatten gegangen; allein im vierzigſten Grade öſtlich von Greenwich bekamen wir Nordoſtwinde und da wir am beſten mit den Halſen an Backbord zugingen, hielt ich zehn Tage ſüdöſtlich ab. Dies beachte uns allem dem in den Weg, was von dem mittelländiſchen Meere kam und dahin ging, und hät⸗ ten wir weit genug angehalten, ſo würden wir das Land ziemlich in der Gegend der Bai von Biscaja entdeckt haben. Ich wußte aber, daß das Meer von engliſchen Kreuzern wimmeln müſſe, ſobald wir in die europäiſchen Gewäſſer eintraten, und wir wendeten uns, als wir noch etwa hun⸗ dert Stunden von dem Lande entfernt waren, nordweſtlich. Der drei und dreißigſte Tag erwies ſich für mich als ein Tag von großer Bedeutſamkeit. Der Wind war nach Südweſten umgeſprungen und blies friſch; dabei war das Wetter neblicht, zu feinem Dunſt geſellte ſich der Regen, ſo daß man oft nur auf eine Viertelmeile weit um ſich ſehen konnte. Dieſer Wechſel trat um Mitternacht ein und es war alle Ausſicht vorhanden, daß der Wind ſtehen bleiben würde, bis er uns in die Oeffnungen des Canals geſchoben hätte, von welchen wir, nach meiner eigenen Berechnung, damals noch etwa vierhundert engliſche Meilen entfernt waren. — — 316— Marble hatte die Wache um vier Uhr und ſchickte zu mir, um mich entſcheiden zu laſſen, welchen Curs wir ſteuern und welche Segel wir beiſetzen ſollten. Der Curs war Nordnordoſtwärts; in Betreff der Segel aber beſchloß ich, unter unſern Oberſegeln und dem Fock⸗ ſegel, dem Flitterſegel*) und dem Klüver zu bleiben, bis ich bei dem Tageslichte ſelbſt zuſehen könne. ls die Sonne herauf war, trat kein Wechſel ein und ich gab Befehl, einige der größern Leeſegel auszuhängen und das große Bramſegel loszumachen; denn ich war nicht ganz gewiß, ob die Spieren bei der ſteifen Bö, welche blies, mehr Leinwand tragen würden. „Wir ſind hier nicht ſehr weit von der Stelle, wo wir die Dame de Nautes überraſchten, Capitain Walling⸗ ford,“ bemerkte Marble, während ich zuſah, wie ein Fock⸗ obenleeſegel eingeſchlagen wurde, womit er in dieſem Augen⸗ blicke eigenhändig beſchäftigt war;„und das Wetter war in keiner Weiſe dicker, als es jetzt iſt, obgleich wir damals einen leichten Dunſt um uns hatten, während uns jetzt ein ſchwerer Nebel umgibt.“ „Ihr ſeid um einige hundert Meilen aus Eurer Länge heraus, Maſter Moſes; in anderer Hinſicht mag aber die Vergleichung nicht übel ſein. Wir haben überdies zwei⸗ mal ſo viel Wind und See,**) als damals, und jenes war *) Spanker, auch der Treiber oder Brodgewinner genannt. «*) Die See geht noch einmal ſo hoch. Der Ueberſ. trock ein w Das ich ſa ſchöne 2 Jahre höchſt Gedäc auf m uns 2 ſo der Ihr ſes Le 5 der R über Gege er ku Stell ein E te zu euern Segel Fock⸗ „ bis n und ängen nicht blies, 2, wo alling⸗ Fock⸗ lugen⸗ r war amals etzt ein Länge ver die zwei⸗ es war trocknes Wetter, während dies, um gelind zu ſprechen, ein wenig feucht iſt.“ „Ja, ja, Herr; das iſt gerade der Unterſchied. Das waren ſchöne Tage damals, Capitain Wallingford,— ich ſage nichts gegen dieſe,— aber wir hatten damals ſchöne Tage, wie Alle in der Kriſe zugeben müſſen.“ „Vielleicht denken wir von dieſer in fünf oder ſechs Jahren eben ſo.“ „Nun, das iſt ganz natürlich, ich geſtehe es. Es iſt höchſt merkwürdig, wie ſehr die letzte Reiſe einem in dem Gedächtniſſe hängt, und wie wenig wir von der halten, auf welcher wir eben begriffen ſind. Ich glaube, Gott hat uns Allen dieſe Denkweiſe eingeprägt, denn es iſt gewiß,⸗ ſo denkt und ſpricht Jeder. Kommt,— helft, Neb,— Ihr dort auf der Fockraa,— und laßt uns die Länge die⸗ ſes Leeſegelbaums ſehen.“ Neb ſtand aber, ganz gegen ſeine Gewohnheit, auf der Raa aufrecht, hielt ſich an den Toppenants und blickte über die Luvſeite der Oberſegel augenfällig auf einen Gegenſtand, welcher eben ſichtbar geworden war, oder den er kurz vorher geſehen hatte. „Was gibt's?“ rief Marble, über des Schwarzen Stellung und Gebahren erſtaunt:„was iſt da zu ſehen?“ „Ich ihn jetzt nicht ſehen, Herr; nichts jetzt;— eben ein Schiff da geweſen ſein.“ „Wo?“ fragte ich. — 318— „Ab,— dort, Maſſer Mile— backbordſeits, gut nach vorn. Sehen ſcharf und bald ſehen ihn ſelbſt, Herr.“ Scharf genug lugten wir aus, Alles, was auf dem Deck Augen hatte; und in weniger als einer Minute konn⸗ ten wir das fremde Schiff von der Back aus ganz gut ſehen. Es mochte uns eine halbe Minute bei einer der augenblicklichen Oeffnungen des Nebels, welche ſich häufig zeigten und das Auge ſo in den Stand ſetzten, auf eine halbe Meile um das Schiff zu ſchauen, während ſich der Vorhang faſt eben ſo ſchnell wieder ſchloß, ſichtbar gewe⸗ ſen ſein. Trotz der langen Zeit, welche ſeitdem dahin geſchwun⸗ den iſt, kann ich mich des Ausſehens dieſes Schiffes, das ich nur einen Augenblick geſehen hatte und deſſen ich ſo überraſchend ſchnell anſichtig geworden war, noch vollkom⸗ men erinnern. Es war eine Fregatte, wie Fregatten damals waren, — das heißt, ein Schiff, welches zwiſchen einer ſchweren Kriegsſchlupe und einem Zweidecker die Mitte hält,— eine Größe, welche vielleicht für raſches, kräftiges Handeln am geeignetſten iſt. Deutlich ſahen wir ihren rahmfarbenen, oder wie man es vielleicht gewöhnlicher nennt, ihren gel⸗ ben Strich, mit vierzehn Stückpforten— einſchließlich des Spriets— punktirt und glänzend hell gegen den ſchwar⸗ zen ſchimmernden Rumpf abſtechend, über welchen der Nebel und die Sprühe der Wellen eine Art düſtern Glan⸗ zes warfen. D Flitter Seine Wind Größe als ein tuch, Allem D D bedenkt Vorbe⸗ in unk 35 Statis kel, g rechtw wand wie ei tenbekt dieſer ſein p die To ſchlafe groller nach „ dem konn⸗ 3 gut r der äufig eine h der gewe⸗ hwun⸗ „das ich ſo llkom⸗ varen, weren eeine In am benen, gel⸗ ch des hwar⸗ n der Glan⸗ — 319— Das fremde Schiff war unter ſeinen drei Oberſegeln, Flitterſegel und Klüver; erſtere waren alle doppelt gerefft. Seine Schoten waren in den Dempgordeningen. Da der Wind nicht hart genug blies, um ein Schiff, von welcher Größe es auch ſein mochte, ſelbſt in einer Bulinie zu mehr als einem Reef zu bringen, ſo bewies dieſes kurze Segel⸗ tuch, daß die Fregatte auf ihrer Kreuz⸗Station war und Allem nachſpürte, was ihr in die Nähe kam. Dies war gerade das Tuch, das einem Kreuzer ein bedenkliches Anſehen gab; denn es deutete auf eine träge Vorbereitung, welche von einem Augenblicke zum andern in unheilbringende Thätigkeit übergehen konnte. Da alle kreuzende Schiffe, wenn ſie müßig auf ihren Stationen ſind, des Nachts reefen,— und wir waren noch früh am Tage,— hatten wir dieſes Schiff vielleicht entdeckt, ehe ſein Capitain oder erſter Lieutenant auf dem Deck erſchienen war. Wie dem aber auch ſein mochte— da ſtand es, dun⸗ kel, glänzend, in ſeinen Verhältniſſen ſchön, die Raaen rechtwinklicht und im Ebenmaaße ausgeſpannt, ſeine Lein⸗ wand feucht, aber ſtark und neu, das Kupfer ſchimmernd. wie ein Theekeſſel oder ein neues Centſtück, die Hangmat⸗ tenbekleidungen in jenem halbnachläſſigen Zuſtande, wie dieſer Theil eines Kriegsſchiffes gewöhnlich des Nachts zu ſein pflegt, und ſeine Back⸗ und Schanzekanonen durch die Taljereepen des untern Takelwerks wie eben ſo viele ſchlafende, an ihre Hütte gekettete Bullenbeißer heraus⸗ grollend. — — 320— Die Fregatte war auf einer leichten Bulinie, oder, richtiger geſprochen, ſie ſtand gerade über unſerm Knieback mit den Raaen im rechten Winkel. Wenn die beiden Schiffe ihren jetzigen Curs einhielten, ſo mußten ſie in wenigen Minuten auf Piſtolenſchußweite an einander vorüberkommen. Ich kannte kaum den Grund des raſchen Gedankens, welcher mich veranlaßte, dem Mann am Rade zuzurufen, nach Steuerbord zu wenden. Ohne Zweifel ſagte mir der natürliche Inſtinet, es ſei für ein neutrales Schiff das gerathenſte, mit den kriegführenden Mächten ſo wenig als möglich zu ſchaffen zu haben, wozu ſich wohl das beſorg⸗ liche Vorgefühl geſellen mochte, man könnte mir einige meiner Leute preſſen. Sei dem wie es wolle, ich gab meinen Befehl und die Backen der Dämmerung kamen bei dem Wind auf und ſtellten ſich weſtwärts oder der Richtung entgegen, in wel⸗ cher die Fregatte abhielt, da ihre Raaen rechtwinklicht oder doch faſt rechtwinklicht ſtanden. Sobald die Luvſegel zu killen begannen, wurde das Ruder Mittſchiffs geſtellt und wir ſchoſſen mit dem Wind dwars ab hinweg, und hatten gerade ſo viel Kühlte, als wir bei den Segeln, die wir los hatten, brauchten. Die Dämmerung mochte eine halbe Meile windwärts von der Fregatte ſein, als dieſe Schwenkung ins Werk geſetzt wurde. Wir wußten durchaus nicht, ob unſer Schiff geſehen worden war oder nicht; was wir aber von dem fremden Fahrzeuge geſehen hatten, überzeugte uns hinrei⸗ chend, daß es ein Engliſches geweſen ſei. L franzü res, Engla er vor ßere o 8 würde würde. gannern ſtattge ſen wo ſern 2 von de ſie uns gen ke A tungen hielt T auszug ſtrengt den ſch hatten. M Ausgus wieder S 211- oder, ieback Schiffe nigen nmen. nkens, rufen, ir der f das ig als beſorg⸗ einige l und uf und n wel⸗ inklicht de das Wind te, als dwärts Werk Schiff dn dem hinrei⸗ — 321— Während der ganzen Dauer der Kriege, welche der franzöſiſchen Revolution folgten, ward der Theil des Mee⸗ res, welcher vor den Oeffnungen des Kanals lag, von den Engländern auf das ſorgfältigſte bewacht, und ſelten wurde er von einem Schiffe befahren, ohne daß es auf eine grö⸗ ßere oder geringere Anzahl ihrer Kreuzer geſtoßen wäre. Ich gab mich faſt der Hoffnung hin, die beiden Schiffe würden an einander vorbeikommen, ohne daß wir geſehen würden. Der Nebel wurde, als wir eben aufzuhohlen be⸗ gannen, ſehr dick, und hätte dieſer Wechſel des Curſes ſtattgefunden, nachdem wir in dem Dunſtmeere eingeſchloſ⸗ ſen waren, ſo hätten wir zuverſichtlich hoffen können, un⸗ ſern Plan auszuführen. Waren wir einmal eine Meile von der Fregatte entfernt, ſo ließ ſich kaum erwarten, daß ſie uns ſehen werde; denn wir hatten dieſen ganzen Mor⸗ gen keinen Horizont von einem ſolchen Durchmeſſer gehabt. Wie es ſich von ſolbſt verſteht, wurden die Vorberei⸗ tungen, die Leeſegel zu brauchen, aufgeſchoben. Neb er⸗ hielt Befehl, in der Höhe, von den Dwarsſalingen nieder, auszugucken, während alle Augen auf dem Deck ſo ange⸗ ſtrengt in den Nebel hineinſtarrten, wie wir ehedem nach den ſchattigen Umriſſen der Dame de Nantes ausgeſchaut hatten. Marble's Erfahrung lehrte ihn, wohin am erſten Ausguck zu nehmen ſei, und er ward der Fregatte zunächſt wieder anſichtig. Sie ſtand gerade unter unſrer Lee und gleitete unter 211— 213. 21 — — 322— entlang; die Reefe noch ein, demſelben Segeltuche leicht deningen und das Flitterſegel die Schoten in den Dempgor aufgerollt, wie während der Nacht. „Bei Georg!“ rief der Maat,„alle dieſe John Bull ſchlafen noch und können uns nicht geſehen haben. Wenn wir dieſem Burſchen eine Naſe drehen, wie wir dem Leander gethan haben, Capitain Wallingford, ſo wird die Dämmerung ſo berühmt, wie der fliegende Holländer.*) Seht, dort hoppelt er entlang, als ging er in die Mühle oder in die Kirche, und es iſt Alles ſo ſtill und ruhig und geräuſchlos, wie in einer Quäkerkapelle. Wie würde meine gute alte Seele von einer Mutter ein ſolcher Anblick erfreuen!“ Dort tanzte die Fregatte allerdings entlang, ohne daß irgend ein Zeichen von Bewegung an ihrem Bord gegeben Die Schiffe waren bereits an einander vor⸗ zog ſich wieder dichter zuſammen. llen und die Form worden wäre. über und der Nebel Jetzt war der Vorhang ganz gefa dieſes ſchönen Schiffes hatte ſich dem Auge gänzlich ent⸗ zogen. Marble rieb ſich ganze Mannſchaft be luſtig zu machen. „Wenn ein Kauffahrteifahrer ein Krigsſchiff ſehen konnte,“ wurde ziemlich richtig bemerkt,„ſo ſollte gewiß 17 ein Kriegsſchiff einen Kauffahrteifahrer ſehen! die Hände vor Vergnügen und unſre gann ſich auf Koſten des Engländers — *) Bekauntlich ein Schatten⸗ oder Geſpenſterſchiff. Der Ueberſ. ein, rſegel John haben. r dem rd die er.*) Mühle g und meine euen!“ ne daß gegeben er vor⸗ n. Form ich ent⸗ d unſre länders f ſehen e gewiß Ueberſ. Die Wächter der Fregatte mußten alle geſchlafen haben, ſonſt wäre es uns nicht möglich geweſen, unter der Leinwand, welche wir führten, ſo nahe vorüber zu kommen, ohne entdeckt zu werden. Die Mehrzahl der Mannſchaft der Dämmerung waren geborne Amerikaner; aber wir hatten vier bis fünf Euro⸗ päer unter ihnen. Von dieſen war einer gewiß ein Eng⸗ länder, und— wie ich argwöhnte— ein Ausreißer von einem Staatsſchiffe, und der andere ohne allen Zweifel ein Sprößling von der Smaragd⸗Inſel.*) Dieſe zwei Män⸗ ner waren vorzüglich in großem Entzücken, beſaßen ſie gleich jene wahrhaftigen Urkunden, Schutzbriefe genannt, welche, wie die Bettlerzeugniſſe, nie etwas anderes als die baare Wahrheit enthielten, und gewöhnlich auf den einen ſo gut paßten, wie auf den andern. Die wohlbekannte Fahrläſſigkeit bei Ausſtellung ſolcher Zeugniſſe gab aber den engliſchen Offizieren eine Art hörbaren Vorwand, von vorn herein ſolche Beweiſe unberückſichtigt zu laſſen. Ihr Irrthum beſtand darin, daß ſie glaubten, ſie hätten ein Recht, einem Matroſen am Bord eines fremden Schiffes die Beweislaſt aufzuerlegen; während der Amerika's darin beſtand, daß es ſeine Bürger, unter irgend denkbaren Ver⸗ hältniſſen, vor ein fremdes Gericht ziehen ließ. Wenn England ſeine Leute haben wollte, mochte es ſie unter *) Die Smaragd⸗Inſel, die grüne Inſel,— Irland. Der Ueberſ. 21* * 324— ſeiner Gerichtsbarkeit zu behalten ſuchen, durfte es aber nicht wagen, ihnen in die Gerichtsbarkeit neutraler Staa⸗ ten zu folgen. Nun, das Schiff war vorüber und ich ſelbſt begann mich dem Gedanken hinzugeben, wir ſeien eines beunruhi⸗ genden Nachbars los, als Neb, in Folge eines Befehls von dem Maat, die Takelage herab kam. „Löſet den Steuermann ab, Maſter Clawbonny,“ ſagte Marble, welcher dem Neger oft dieſen patronymiſchen Namen gab;„wir brauchen vielleicht einige Eurer Hand⸗ griffe, ehe wir das Ende des Tanzes erreichen. Welchen Weg reiſte der Engländer, als Ihr ihn zum letzten Mal ſahet?“ „Er gehen oſtwärts, Herr!“ Neb war zur See nie halb ſo ſehr„Nigger,“ als er dies zu Land war; denn es war in ſeinem mannhaften Be⸗ rufe etwas, das ihn mehr zur Würde weißer Männer erhob. „Aber, Herr,“ fuhr er fort,„er ſeine Leute fertig machen laſſen, mehr Segel beizuſetzen.“ „Woher wißt Ihr das? Kein wahres Wort daran, Herr; alle Leute ſchliefen und hielten ihren zweiten„Nicker.““ „Nun, Ihr ſehen, Maſſer Marble, dann Ihr wiſ⸗ ſen, Herr.“ Neb grinſte bei dieſen Worten, und ich fühlte mich überzeugt, daß er etwas geſehen hatte, was er vollkommen begriff, aber vielleicht nicht erklären konnte; es deutete aber klar darauf hin, daß John Bull nicht ſchlief. Staa⸗ gann ruhi⸗ fehls iny,“ ſchen Hand⸗ lchen Mal als er n Be⸗ erhob. fertig daran, er 74 74 wiſ⸗ mich mmen e aber Wir blieben über dieſen Punkt nicht lange in Zweifel. Der Nebel that ſich wieder auseinander und abermals ſahen wir etwa drei Viertel Meilen entfernt und auf unſrer Leeſeite die Fregatte, und der Anblick reichte hin, uns Alle zu überzeugen, was ſie beabſichtigte. Das engliſche Schiff war in Stagſegeln und eben im Begriff, ſeine Fockraaen anzuhohlen;— ein ſicheres Zeichen, daß es ein raſcher und zuverläſſig arbeitender Burſche war, da dieſe Schwenkung gegen eine heftige See und unter doppelt gereeften Oberſegeln vorgenommen worden war. Er mußte uns, als wir ihn eben aus dem Geſichte verlo⸗ ren, entdeckt haben und war im Begriffe, ſeine Reefe zu freien. Dieſes Mal mag die Fregatte von unſerm Deck aus drei Minuten ſichtbar geweſen ſein. Ich bewachte alle ihre Bewegungen, wie die Katze die Maus im Auge hat. Vor Allem waren ihre Reefe los gemacht, da die Backen des Schiffes weit genug abſtelen, um an der rechten Seite derſelben die Wellen zu faſſen, und ihre Oberſegel ſchienen mir inſtinctmäßig, oder wie der Vogel ſeine Schwingen ausſpannt, getoppt. Die Fock⸗ und großen Bramſegel flatterten in dieſem Augenblicke in dem Winde— dieſer blies faſt zu friſch für das Beſahnſegel— und dann brei⸗ tete ſich ihr Buſen aus und ihre Bulinien wurden ange⸗ hohlt. Wie der Fock⸗ und große Hals an Bord kam, konnte ich nicht ſagen, es geſchah aber, während mein Auge an den Oberſegeln hing. Ich ward jedoch des Fockſegels anſich⸗ — 326— tig, als das Schoothorn erſt gewaltſam anſchlug und dann durch die gehörige mächtige Mechanik gebändigt wurde. Das Flitterſegel war vorher ausgehohlt worden, um bei der Wendung des Schiffes behülflich zu werden. Hier war kein Mißverſtändniß denkbar. Man hatte uns geſehen und machte Jagd auf uns; denn Alles an Bord der Fregatte war augenblicklich und genau in Segel⸗ ſtand geſetzt,„voll und dicht beim Winde.“ Sie ſtellte ſich in unſerm Fahrwaſſer auf und ich wußte, daß ſie nach der Art und Weiſe, wie ſie ging und gehandhabt wurde, ein ſo ſchwer beladenes Schiff, wie die Dämmerung, bald einholen müſſe. Unter dieſen Umſtänden winkte ich Marble, mir nach hinten zu folgen, wo wir in Betreff unſers fernern Geha⸗ bens Rath flogen. Ich geſtehe, ich war geneigt, Segel zu bergen und den Kreuzer Seite an Seite kommen zu laſſen; Marble war aber, wie gewöhnlich, dafür, im Curs zu bleiben. „Wir ſind nach Hamburg beſtimmt,“ ſagte der Maat, „und das liegt dort hinauf, auf unſerer Leeſeite, und Nie⸗ mand hat das Recht, ſich zu beſchweren, wenn wir unſern Curs fortſteuern. Der Nebel hat die Fregatte wieder ein⸗ geſchloſſen und da es ziemlich gewiß iſt, daß ſie uns in einer Bulinie einholen will, ſo rathe ich Euch, Miles, die Ragen völlig rechtwinklicht zu ſtellen, noch zwei Punkte wegzuhalten, und die Luv⸗Leeſegel beizuſetzen. Wenn der Nebel John Bull nicht ſehr bald wieder günſtig iſt, kön⸗ nen nen wir drei bis vier Meilen leewärts ſein, ehe er erfährt, wo wir ſind; und dann iſt„eine Spiegeljagd*) immer irde. 4 3. bei eine ſehr lange Jagd,“ wie Ihr wißt.“ Dieſer Rath war gut und ich beſchloß ihm zu folgen. zatte Der Wind blies in dieſem Augenblicke ziemlich friſch an und die Dämmerung begann ſich mit einer merkwürdigen egel⸗ Geſchwindigkeit durch die Wellen zu arbeiten, ſobald ſie nur den Druck der Leeſegel fühlte. ich Wir liefen nun auf einem Curſe dahin, welcher einen und ſtumpfen Winkel mit dem der Fregatte bildete, und die die Möglichkeit war gegeben, unſere Entfernung ſo weit zu vergrößern, daß wir aus dem Bereiche der Oeffnungen des nach Nebels kamen, ehe man unſere Liſt gewahren konnte. eha⸗ Die ſchwere Nebelhülle, welche um uns her lag, hielt in der That ſo lange an, daß ich wieder neue Hoffnung und faßte, als einer unſerer Leute ausrief: arble„Die Fregatte!“ 3 Dieſes Mal zeigte ſie ſich gerade ſpiegelwärts von uns Laat, und faſt zwei Meilen entfernt! So groß war unſer Vor⸗ Nie⸗ ſprung, daß fernere zehn Minuten uns in Sicherheit gebracht gſern hätten. ein⸗ Als wir ſie jetzt anſichtig wurden, konnte ich nicht 1g in mehr zweifeln, daß ſie auch uns ſehen würde, da ohne die allen Zweifel an Bord des engliſchen Schiffes Augen auf 3 dem Ausguck waren. unkte der*) Wenn der Spiegel des gejagten Schiffes dem Gallion des Jägers zugekehrt iſt. Der Ueberſ. — 328— Trotz dem blieb der Kreuzer ſtets auf einer Bulinie und hielt auf dem Curſe an, auf welchem wir ihn zuletzt geſehen hatten. Dies währte jedoch nur einen Augenblick. Alsbald fiel der Bug der Fregatte ab und während ſie„todt vor dem Winde“ trieb, konnten wir ihre Leeſegel, die ſich eben mittels der Fallen, Halſen und Schoten auszudehnen began⸗ nen, ſich in der Luft blähen ſehen. Der Nebel verhüllte das Schiff wieder, ehe all dies in's Werk geſetzt war. Was ſollten wir beginnen? Marble ſagte, da wir nicht genau in unſerm Curſe wären, dürfte es das Gera⸗ thenſte ſein, den Wind auf unſere Luvſeite zu bringen, alle Leeſegel, welche wir auf dieſer Seite führen könnten, los zu machen und oſtnordoſtwärts abzulaufen. Ich ſtimmte dieſer Anſicht bei und die nöthigen Aende⸗ rungen wurden ſogleich getroffen. Der Wind nahm zu; der Nebel wurde dicker und wir flogen auf einer von dem Curſe der Fregatte abweichenden Linie mit einer Geſchwin⸗ digkeit von vollen zehn Knoten auf die Stunde dahin. Dies währte volle vierzig Minuten und unſere ganze Mannſchaft gab ſich dem Glauben hin, wir ſeien dem engliſchen Schiffe endlich entſchlüpft. Scherze und Geläch⸗ ter machten, wie gewöhnlich, bei der Mannſchaft die Runde und Alle begannen ſo heiter umzuſchauen, wie man es im Gefühle des Sieges nur thun kann, als ſich der dunkele Schleier ſüdweſtlich abermals lüftete. Man ſah, wie ſich die Sonne durc hob Mee bis! ben, ben der d decke als öffne vort: war dem leew entfe ſteifer ſuch, und Curs da v⸗ zu le bekan — 329— durch die Wolken kämpfte, der Nebel zerſtob und allmählig hob ſich der ganze Vorhang, welcher den langen Morgen das Meer verhüllt hatte, und öffnete nach und nach die Ausſicht, bis nur noch der natürliche Horizont dem Auge Grenzen ſetzte. Es iſt kaum nöthig, das ängſtliche Gefühl zu beſchrei⸗ ben, mit welchem unſere Augen an dieſem langſamen Erhe⸗ ben des Vorhanges hingen. Jeder Blick war angeſtrengt der Richtung zugewendet, in welcher man die Fregatte ent⸗ decken zu müſſen glaubte, und groß war unſere Freude, als ſich eine Meile nach der andern in dem Kreiſe umher öffnete, ohne die ſchöne Form des engliſchen Schiffes her⸗ vortreten zu laſſen. Dies konnte jedoch nicht lange währen; denn die Zeit war zu kurz geweſen, um ein ſo großes Schiff ſo weit aus dem Bereiche des Geſichts zu entrücken. Wie gewöhnlich, ſah Marble es zuerſt. Es war ganz leewärts von uns gegangen und trieb, etwa zwei Meilen entfernt ſtehend, mit der Raſchheit eines Renners nach vorne. Bei einem klaren Horizont, einer offenen See, einer ſteifen Kühlte und Stunden hellen Tages war jeder Ver⸗ ſuch, einem ſo raſchen Schiffe zu entgehen, hoffnungslos, und ich beſchloß nun, die Dämmerung in ihren wahren Curs zu bringen und meiner guten Sache zu vertrauen, da von einer Flucht nicht mehr die Rede ſein konnte. Wenn der Leſer die Geduld hat, das kommende Kapitel zu leſen, ſo wird er mit dem Ergebniß dieſes Entſchluſſes bekannt werden. Dreizehntes Kapitel. Wer iſt's, der uns hier ſtöret, Buckingham? Der König ſendet ihn gewiß; hier gilt's, Mich zu verſtellen. 3 Shakſpeare. Anfangs nahm die Fregatte einfache Reefe in ihre Oberſegel, ſetzte Oberbramſegel über ſie und hohlte in vol⸗ len Bulinien auf. Da ſie aber keine Anzeichen bemerkte, daß unſere Leeſegel nieder kamen, löſte ſie die Reefe, ſetzte die Ragen in rechte Winkel und ließ Oberleeſegel aufrollen, worauf ſie einen Curs nahm, auf welchem wir ihr nicht entſchlüpfen konnten. Sie war bereits einige Zeit auf unſerer Segellinie, ehe wir ſie anſichtig geworden; ſie hielt wacker„drauf und dran,“ hohlte ihre großen Segel auf, beſchlug ihre Bram⸗ ſegel und ließ, mit Ausnahme des Klüvers, alle ihre leich— ten Segel herab. Die Dämmerung ging indeſſen ruhig weiter. Sie trug Alles, was ſie nur tragen konnte. Wir hatten Bram⸗ und untere Leeſegel, und weder Halſen, noch Schoten waren berührt worden, als wir auf eine Viertelmeile von der Fre⸗ gatte ſtanden. Das engliſche Schiff zog nun ſeine Flagge auf, und wir zeigten ihm die Sterne und Streifen. Aber kein Segel wurde an unſerm Bord berührt. über! bedat mich Leeſe mit zum auf l ſam zu be Bord gebor drehe ſie ar ſchwe legte Boot ſich klette von ruder — 331— John Bull ließ, als wenn unſere Hartnäckigkeit ihn überraſchte, eine Jagdkanone abfeuern, wobei er jedoch bedacht war, die Kugel uns nicht zu nahe kommen zu laſſen. im? Jetzt hielt ich es für paſſend, Segel einzunehmen und 3 mich zu ſtellen, als ſei ich ſeiner anſichtig geworden. e. Wir begannen, in Kauffahrtheifahrer⸗Weiſe, unſere* Leeſegel niederzuhohlen und waren wirklich Seite an Seite ihre mit der Fregatte, ehe wir mit dieſem einleitenden Schritte vol⸗ zum Beihohlen fertig waren. kkte, Als wir uns näherten, duvte die Fregatte auf und trieb, iu auf hundert Faden Entfernung, mit uns entlang, uns ſorg⸗ len, 4 ſam im Auge behaltend. bicht In dieſem Augenblicke gab ich Befehl, die Bramſegel zu bergen, ein Zeichen, daß wir den Engländer an unſer ile, Bord kommen laſſen wollten. und Nachdem ich die Segel bis auf die drei Oberſegel am⸗ geborgen und eingereeft hatte, ließ ich die Dämmerung bei⸗ eich⸗ drehen und wartete des Beſuches des engliſchen Bootes. Sobald die Fregatte uns ganz bewegungslos ſah, ſchoß wng ſie auf unſerer Luvſeite, eine halbe Kabellänge entfernt, auf, 1 Ani⸗ ſchwenkte ihre langen, trotzig dreinblickenden Ragen und V Aren legte ſelbſt bei. In demſelben Augenblicke kam ihr Leeſeite⸗ Fre⸗. Boot in das Waſſer; zu der Mannſchaft deſſelben geſellte ſich ein Kadetchen, welches an der Seite des Schiffes herab⸗ at kletterte; ein Lieutenant folgte und nun flog die Nußſchale von einem Ding auf dem Kamm einer Welle dahin und ruderte bald um den Spiegel unſeres Schiffes. — 332— Ich ſtand auf der Leeſeite und betrachtete unſere Be⸗ ſucher, die gegen die Schwellen kämpften, um einen Boots⸗ haken in unſere großen Ketten zu bringen. Die Leute waren, wie die Mannſchaft auf Kriegs⸗ ſchiffen immer iſt,— ſauber, kräftig und dem Anſehen nach gut geſchult. Der Reefer war ein wohlgekleideter Junge, augenſcheinlich aus guter Familie; aber der Lieu⸗ tenant war einer jener alten, befahrnen Seehunde, welche ſelten zum Bootsdienſte verwendet werden, wenn nicht etwas Abſonderliches zu thun iſt. Er war ein Vierziger, mit harten Zügen, Pockennar⸗ ben, rother Geſichtsfarbe und mürriſchem Ausſehen. Ich erfuhr ſpäter, daß er der Sohn eines untergeordneten An⸗ geſtellten in dem Arſenale zu Portsmouth ſei, ſich bis zum Lieutenant emporgearbeitet hatte und ſein Vorrücken beſon⸗ ders der Bereitwilligkeit und dem Geſchicke verdankte, mit welchem er Matroſen preßte. Sein Name war Sennit. Wir warfen, als etwas ſich von ſelbſt verſtehendes, Herrn Sennit ein Tau zu und Marble empfing ihn an der Laufplanke mit den herkömmlichen Höflichkeiten. Ich ergötzte mich an der Bewegung dieſer zwei Männer, welche die auffallendſte Aehnlichkeit mit einander hatten. Jeder hatte etwas eigenthümlich gebieteriſches, beſtimmtes, ſeemänniſch ſtolzes in ſeinem Weſen, und Jeder haßte des Andern Vaterland ſo herzlich, als der Menſch nur haſſen kann, während Beide die Franzoſen verachteten. Sennit unter⸗ ſchied aber auf den erſten Blick den Maat von dem Maſter, — 333— und ohne auf Marble's Seemanns⸗Verbeugung zu achten — ein Ueberſehen, das ihm Marble ſo bald nicht vergaß— ging er ſtracks auf mich zu; wie es mir vorkam, war er nicht ganz zufrieden damit, daß ein Schiffsmaſter es ver⸗ ſäumt hatte, an der Laufplanke zu ſein, um einen See⸗ lieutenant zu empfangen. „Euer Diener, Herr,“ begann Sennit und ließ ſich ſo weit herab, daß er meinen Gruß beachtete.„Euer Die⸗ ner, Herr. Ich glaube, wir verdanken es der Aufhellung des Wetters, daß wir gerade jetzt die Ehre haben, in Eu⸗ rer Geſellſchaft zu ſein.“ Dies klang von vorn herein feindſelig, und ich war entſchloſſen, dem Manne nichts ſchuldig zu bleiben. „Sehr wahrſcheinlich, Herr,“ antwortete ich ſo ruhig, als ich nur ſprechen konnte.„Ich glaube nicht, daß Ihr großen Vortheil über uns hattet, ſo lange das Wetter dick war.“ „Ja, dies Schiff iſt ein merkwürdiger Burſche im Ver⸗ ſteckenſpielen und Sichſuchenlaſſen, und ich zweifle nicht, daß Ihr in einer dunkeln Nacht eine lange Jagd veran⸗ laſſen würdet. Aber Seiner Majeſtät Schiff, Hurtig, läßt ſich nicht von einem Yankee hinter das Licht führen.“ „So ſcheint es, Herr, nach Euerm Hierſein zu ſchließen.“ „Die Leute nehmen ſelten Reißaus, ohne daß ſie einen Grund dazu haben. Ich habe den Auftrag, mich um die⸗ ſen Grund Eurer Eile zu erkundigen; Ihr werdet daher, um an dem rechten Ende anzufangen, die Güte haben, mir den Namen Eures Schiffes zu ſagen.“ — 334— „Die Dämmerung, von Neu⸗York.“ „Ah, Vollblut⸗Yankee; ich erſah es aus Euern Knif⸗ fen, daß Ihr aus Neu⸗England wäret.“ „Neu⸗York liegt nicht in Neu⸗England, auch nen⸗ nen wir nie ein Neu⸗Yorker Schiff ein Nankee⸗Schiff,“ fiel Marble ein. „Ja, ja, wenn man Alles glauben wollte, was Ihr Maate von der andern Seite ſagt, ſo würde man bald denken, König Georg ſitze nur kraft einer Vergünſtigung des Präſidenten Waſhington auf ſeinem Throne.“ „Präſident Waſhington iſt todt— Gott ſegne ihn!“ verſetzte Marble;„und wenn man die Hälfte von dem, was Ihr Engländer ſagt, glauben wollte, ſo würde man bald denken, Präſident Jefferſon verdanke ſein Amt der Gnade des Königs Georg.“ Ich gab Marble ein Zeichen, ſich zu beruhigen, und deutete dem Lieutenant an, daß ich bereit ſei, jeder ferneren Frage, die er zu ſtellen belieben würde, Geuüge zu thun. Sennit fuhr jedoch nicht fort, ohne dem Maat zuvor einen bedeutſamen Blick zuzuwerfen, welcher mir zu ſagen ſchien: „Ich habe ſchon mehr als einen Maat gepreßt!“ „Alſo, Herr, die Dämmerung, von Neu⸗York,“ fuhr er fort und bemerkte den Namen in ſeinem Taſchenbuche. „Und Euer Name?“ „Die Dämmerung, von Neu⸗York, Miles Walling⸗ ford, Maſter.“. „Miles Wallingford, Maſter.— Woher kommend, wohin beſtimmt, und mit was beladen?“ dem, nan — 335— „Von Neu⸗York; nach⸗Hamburg beſtimmt; Ladung— Zucker, Kaffe und Cochenille.“ „Eine ſehr werthvolle Ladung, Herr,“ bemerkte Herr Sennit ein wenig trocken.„Ich wünſchte um Euretwillen, ſie wäre nach irgend einem andern Theile der Welt beſtimmt; denn dieſer letzte Krieg hat die Franzoſen in jene Gegend Deutſchlands geführt und Hamburg ſteht im Verdachte, ein wenig zu ſehr unter Boney's*) Einfluß zu ſtehen.“ „Und wenn wir nach Bordeaux beſtimmt wären, Herr, welche Macht habt Ihr, hier auf der offenen See ein neu⸗ trales Schiff anzuhalten?“ „Wenn Ihr es der Macht anheim gebt, Herr Wal⸗ lingford, ſo ſtützt Ihr Euch auf eine Krücke, die Euch im Stiche laſſen wird. Wir haben Macht genug, Euch auf⸗ zuſpeiſen, wenn es nöthig ſein ſollte. Ich denke, Ihr wolltet Recht ſagen?“ „Ich werde mich nicht über Worte mit Euch ſtreiten, Herr.“ „Nun, um Euch zu beweiſen, daß ich ſo freundſchaft⸗ lich geſtimmt bin, wie Ihr, will ich von dieſem Gegen⸗ ſtande nichts mehr ſagen.— Ich möchte jetzt, mit Eurer Erlaubniß, Eure Papiere unterſuchen; und um Euch zu zeigen, daß ich mich unter Freunden fühle, will ich mein Boot an Bord des Hurtig zurückſchicken.“ Das Gehaben dieſes Mannes erfüllte mich mit unend⸗ *) Bonaparte. Der Ueberſ. — 336— lichem Widerwillen. Er legte jene gemeine Art geſuchten Witzes, welchen er in ſeinen Worten erkünſtelte, in ſeinem äußeren Weſen dar, und ſeine ganze Erſcheinung wurde durch die Miene ſchlauer Bösartigkeit entſtellt, welche ihn aber ſo anſtößig machte, als er mir gefährlich ſchien. Ich konnte jedoch dem Schiffe einer der kriegführenden Mächte die Einſicht in meine Papiere nicht verweigern und begab mich hinab, um ſie zu holen, während Sennit ſeinem Ree⸗ fer abſeits ſeine Befehle ertheilte und ihn an Bord der Fregatte zurückſchickte.— Ich kann dieſe Gelegenheit nicht vorübergehen laſſen, ohne ein Wort über die Durchſuchungsfrage und das bezüg⸗ liche Recht laut werden zu laſſen. Was die Behauptung einiger Vertheidiger des Preſ⸗ ſens aus neutralen Schiffen betrifft, daß die kriegführende Macht, welche ſich an Bord in der Ausübung eines unzwei⸗ felhaften Rechtes, den Charakter der Mannſchaft und der Ladung zu erfragen, beſinde, auch das Recht habe, Hand an alle Unterthanen ſeines Landesherrn zu legen, welche er vielleicht vorfände, ſo iſt eine ſolche Annahme gar keiner Antwort werth. Weil Jemand das Recht hat, nach Hei⸗ mathszeugniſſen und ähnlichem zu fragen, folgt noch nicht, daß er an ſolche Unterſuchungen Handlungen knüpfen kann, welche in der zugeſtandenen Gewalt grundſätzlich nicht begriffen ſind, oder daß er ſie zur Rechtfertigung von Hand⸗ lungen, welche an ſich ungeſetzlich ſind, benützen darf. Ueber dieſen Punkt werde ich daher ſchweigen, da er bei denen, haben Mißbr anzule Gefüh lung Grund teten 2 Bedün und ge Kriegs an der muß vr falſchen gleichvi Menge welchen Weder fertigen einem p einem K land hit Ich dieſer be eines ſo 211— chten inem durde ihn Ich ächte egab Ree⸗ der ſſen, züg⸗ Preſ⸗ ende wei⸗ der dand elche iner Hei⸗ icht, unn, nicht und⸗ arf. bei — 337= denen, welche über dergleichen überhaupt eine Stimme haben, längſt außer allen Zweifel geſetzt iſt. Aber der Mißbrauch dieſer zugeſtandenen Gewalt, bei einem Schiffe anzulegen und ſich ſeines Charakters zu verſtchern, hat das Gefühl bei uns Amerikanern in ſo hohem Grade in Wal⸗ lung gebracht, daß wir geneigt waren, einige geſunde Grundſätze zu überſehen, welche zur Wohlfahrt aller geſit⸗ teten Nationen unerläßlich ſind. So iſt es, nach meinem Bedünken, gekommen, daß wir erſt in der neueſten Zeit und ganz irriger Weiſe den Satz aufgeſtellt haben, fremde Kriegsſchiffe ſollten in Friedenszeiten amerikaniſche Schiffe an der Küſte von Amerika gar nicht angehen können ſich ihres Charakters zu verſichern! In dieſem Betreff will ich mich deutlich machen. Ich muß vor Allem bemerken, daß ich keine Anſprüche auf jenen falſchen Patriotismus mache, der da ſagt:„ unſer Land, gleichviel ob recht oder unrecht.“ Dies mag vor der großen Menge gelten; es kann aber vor Gott nicht gelten, gegen welchen wir die erſten und höchſten Verpflichtungen haben. Weder das Vaterland, noch der Menſch kann das recht⸗ fertigen, was Unrecht iſt, und ich halte es für unrecht in einem politiſchen, wenn nicht in einem moraliſchen Sinne, einem Kriegsſchiffe das Vorrecht abzuſprechen, welches Eng⸗ land hier in Anſpruch nimmt. Ich kenne nur einen ſichtbaren Grund dagegen, und dieſer beruht auf den Mißbräuchen, welche der Ausübung eines ſolchen Rechtes folgen können. Allein man darf 211— 213. 22 „ um — 338— Mißbräuche in dieſem Falle ſo wenig wie in andern vor⸗ ausſetzen. Jedes Recht, ſei es nun ein nationales, oder ein internationales, kann in ſeiner Ausübung mißbraucht werden; und der Grund iſt, wenn er überhaupt gut iſt, gegen jedes andere internationale Rechtsgeſetz eben ſo gut, wie gegen dieſes. Wenn der Mißbrauch wirklich ſtatt ge⸗ funden hat, kann er ein rechtfertigender Grund werden, die Ausübung des zugeſtandenen Rechtes aufzuheben, bis Mit⸗ tel gefunden worden ſind, die Rückkehr ſolcher Mißſtände zu verhindern; er kann aber nie als ein Grund gegen das Recht ſelbſt geltend gemacht werden. Kommen Mißbräuche vor, ſo können wir ſie durch geeignete Vorſtellungen beſei⸗ tigen; und wenn dieſe fruchtlos bleiben, ſo ſtehen uns die Wege offen, welche Nationen in ſolchen Fällen einzuſchla⸗ gen pflegen. Man könnte eben ſo gut ſagen, die Geſetze des Landes ſollten nicht in Anwendung gebracht werden, weil die Gerichtsdiener ſich Mißbräuche zu Schulden kom⸗ men laſſen, als man ſagt, das Völkerrecht ſolle aufhören, weil wir beſorgen, die Handelseiferſucht könne einen oder den andern verleiten, es zu verletzen. Wenn das Unrecht geſchehen, iſt es Zeit genug, das Gegenmittel aufzuſuchen. Das Recht eines Kriegsſchiffes, den Charakter eines Schiffes zur See zu erforſchen, beruht auf ſeinem Rechte, Seeräuber, z. B., anzuhalten. Wie wäre dies aber möglich, wenn der Seeräuber ſich die Strafloſigkeit ſichern kann, indem er einfach die Flagge irgend einer andern Nation, welche der Kreuzer achten muß, aufhißt? Der Letztere nim verg ſes Erh Sta werd Ger auf res werd geklä verge anna konnt = f Grun näher Grun ſei ar wird, digkei In de auf 5 ihn n vor⸗ oder aucht t iſt, gut, tt ge⸗ u, die Mit⸗ ſtände n das käuche beſei⸗ is die ſchla⸗ Heſetze erden, kom⸗ hören, 1 oder nrecht uchen. eines dechte, öglich, kann, ation, tetztere — 339— nimmt keine andere Gewalt in Anſpruch, als die, ſich zu vergewiſſern, ob dieſe Flagge keine Täuſchung iſt; und die⸗ ſes Recht ſollte man, im Intereſſe der Civiliſation und zur Erhaltung der Polizei auf den Meeren, jedem regelmäßigen Staatsſchiffe einräumen. Man hört auf der Gegenſeite die Behauptung laut werden, ein Staatskreuzer befinde ſich in der Lage eines Gerichtsdieners zu Lande, welcher gezwungen iſt, ſeine Leute auf ſeine eigene Verantwortlichkeit feſtzunehmen. Einmal iſt es ſehr die Frage, ob der Ausſpruch unſe⸗ res gemeinen Rechtes, demzufolge kein Bürger gezwungen werden kann, ſeinen Namen zu nennen, einer wirklich auf⸗ geklärten politiſchen Freiheit würdig iſt. Man darf nicht vergeſſen, daß die Freiheit zuerſt die Miene von Vorrechten annahm, in denen die Menſchen, auf welche Weiſe ſie konnten, Schutz gegen die Mißbräuche der Gewalt ſuchten, — ſehr häuſig, ohne vorher die Richtigkeit der allgemeinen Grundſätze, mit welchen ſie in Zuſammenhang ſtanden, näher zu unterſuchen, wo denn eine Verwirrung in dieſen Grundſätzen nothwendig erfolgen mußte. Allein zugegeben, der Ausſpruch des geltenden Rechtes ſei an ſich eben ſo klug, als er bekanntlich jeden Tag geübt wird, ſo iſt doch kein gleiches Verhältniß in der Nothwen⸗ digkeit einer Verhaftung zur See und einer ſolchen zu Land. In dem erſteren Falle kann ſich der Diener des Gerichtes auf Zeugen berufen, er hat den Mann vor ſich und kann ihn mit dem Signalement des Angeſchuldigten vergleichen; 22* — 340— und wenn er in Folge eines Mißgriffes oder von Umſtän⸗ den fehl geleitet, eine irrige Verhaftung vornimmt, ſo würde ſeine Strafe blos nur dem Namen nach ſein,— in den meiſten Fällen würde er ganz ungeſtraft bleiben. Aber das gemeine Recht, welches dem Unterthanen dieſen Schutz gewährt, ſpricht dem Gerichtsdiener das Verhaftungsrecht nicht ab. Es ſtraft blos den Mißbrauch dieſer Gewalt; und gerade dies ſollten die Nationen thun, wenn von dem Rechte, einen Kauffahrteifahrer zu unterſuchen, ein Miß⸗ brauch gemacht wird. Das Kriegsſchiff kann keine Zeugen zu Hülfe rufen; es kann nicht nach bloß äußeren Umſtänden über den Natio⸗ nal⸗Charakter eines Schiffes urtheilen; denn ein in Ame⸗ rika gebautes Schiff kann von einem Portugieſen befahren werden. Die jetzige Lage der Verhältniſſe ſpricht eben ſo ſehr zu Gunſten des von England angeſprochenen Rechtes, wie der wichtige ſtaatliche Grundſatz, demzufolge es in dem internationalen Rechte kein großes oder Hauptrecht geben kann, ohne daß ſich dieſem alle die untergeordneten Vor⸗ rechte anſchließen, welche zu deſſen verſtändiger Ausübung nothwendig ſind. So weit dürfte ich wohl die Geduld des Leſers in Anſpruch nehmen, nicht als wenn ich der Anſicht wäre, John Bull hätte bei ſeinen Streitfragen mit uns oft recht, ſondern weil er nach meiner Ueberzeugung in dieſem Falle recht hat, und weil ich es zuletzt für beſſer halte, daß Nationen ſo gut wie Individuen die Gerechtigkeit für ſich haben, als daß ſie immer ihren Willen durchſetzen.— ifen; atio⸗ Ame⸗ ihren en ſo chtes, dem geben Vor⸗ bung es in wäre, recht, 2eſem halte, it für n.— Ich war bald, mit meinen Papieren unter dem Arme, auf dem Deck; denn Herr Sennit zog es dem Aufenthalte im untern Raume vor, ſeine Unterſuchungen in der freien Luft vorzunehmen. Er las den Zollſchein und das Mani⸗ feſt der Ladung mit großer Aufmerkſamkeit; nachher fragte er dann nach den Liſten der Mannſchaft. Ich konnte wohl ſehen, daß er die Namen der Mannſchaft ſehr eifrig ſtudirte; denn der Mann war in ſeinem Elemente, wenn er der Mannſchaft ſeiner Fregatte einen neuen Matroſen zuführen konnte. „Laßt mich dieſen Nebuchadnezzar Clawbonny ſehen, Herr Wallingford,“ ſagte er mit heimlichem Kichern.„Der Name verſteckt ſchon in ſeiner Abgeſchmacktheit ein„alias“ oder„item“ und ich zweifle nicht, daß ich einen Lands⸗ mann— vielleicht ſogar einen Stadtmann zu ſehen bekomme.“ „Wenn Ihr Euern Kopf umdreht, könnt Ihr den Mann leicht ſehen. Er ſteht an dem Steuer.“ „Ein Schwarzer— pah— ja! dieſe Burſchen ſchrei⸗ ben ſich oft unter drolligen Namen in die Liſten. Ich glaube nicht, daß der Burſche zu Goſport geboreu iſt.“ „Er wurde in meines Vaters Hauſe geboren, Herr, und iſt mein Sclave!“ „Sclave! Ein prächtiges Wort in dem Munde eines ſelbſtgebietenden, unabhängigen Sohnes der Freiheit, Herr Wallingford. Es iſt ein Glück, daß Euch nichts an jenes deſpotiſche Reich, an das alte England, bindet, ſonſt möch⸗ tet Ihr die Feſſeln von des Burſchen Gliedern raſch abfal⸗ len ſehen.“ Ich war ärgerlich, denn ich fühlte, daß in dieſem Hohne etwas Gerechtes lag; aber ich fühlte auch, daß ein ſolcher Vorwurf in dieſem Augenblicke nur halb verdient war und daß ein Engländer ihn vielleicht ganz und gar nicht laut werden laſſen durfte. Sennit wußte aber ſo viel von der Geſchichte meines Landes, wie von der ſeines eignen; denn Alles, was er von beiden wußte, hatte er aus den Zeitungen aufgeleſen. Es gelang mir jedoch, mich zu beherrſchen, und ich ſchwieg. „Nathan Hitchcock; dieſer Burſche hat einen verdächti⸗ gen Nankee⸗Namen; wollt Ihr mich ihn ſehen laſſen, Herr?“ fragte der Lieutenant. „Des Burſchen Name läßt ihm ſonach nur Gerechtigkeit widerfahren; denn ich glaube, er iſt im ſtrengſten Sinne, was wir einen Yankee nennen.“ Auf den Anruf des zweiten Maats kam Nathan nach hinten und Sennit hatte ihn kaum angeſehen, als er ihm ſagte, er könne wieder vorwärts gehen. Es war leicht zu ſehen, daß der Mann mittels des Auges allein zwiſchen den Eingebornen der beiden Länder zu unterſcheiden wußte, obgleich das Auge zuweilen auch die geübteſten Beurtheiler zu täuſchen vermag. Da die Fregatte der Hände nicht ſehr bedürftig war, wollte er es dabei bewenden laſſen, ſich ſeiner Landsleute zu bemächtigen. „Ich muß Euch bitten, Herr, alle Eure Leute auf der abfal⸗ dieſem aß ein erdient nd gar meines was er geleſen. chwieg. rdächti⸗ laſſen, htigkeit Sinne, in nach er ihm els des Länder n auch Da die e er es chtigen. auf der Laufplanke aufſtellen zu laſſen,“ ſagte Sennit, indem er aufſtand und mir die Schiffspapiere überreichte.„Ich bin nur ein Ueberzähliger an Bord der Fregatte und hoffe, wir werden bald das Vergnügen haben, ihren erſten Lieute⸗ nant, den ehrenwerthen Herrn Powlett, hier zu ſehen. Wir ſind ein Edelſchiff, denn wir haben Lord Harry Der⸗ mond zum Capitain, und eine Menge jüngerer Söhne von adeligen Familien in der Tauenkammer.“ Mir lag wenig daran, wer die Fregatte befehligte oder an ihrem Bord diente; ich fühlte aber all das Erniedri⸗ gende, meine Mannſchaft von einem fremden Offtziere muſtern laſſen zu ſollen, und zwar in der unverhehlten Abſicht, diejenigen mitzunehmen, in welchen man britiſche Unterthanen zu erkennen belieben würde. Nach meinem Urtheile wäre es weit ehrenhafter und viel klüger geweſen, wenn der junge Herkules ſich aufge⸗ rafft und ſeine Keule gebraucht hätte, um ſich einer ſo belei⸗ digenden und nicht zu rechtfertigenden Gewaltsanmaßung zu widerſetzen, als zweifelhafte Anſprüche an hergeſtellte Grundſätze des Staatsrechts geltend machen zu wollen, welche die Ausübung mancher der zweckmäßigſten aller International⸗Rechte völlig ungereimt machen. Ich fühlte mich geneigt, das Anſinnen des Englän⸗ ders geradezu von mir zu weiſen und wenn die Folgen nur mich getroffen hätten, würde ich es wahrſcheinlich auch gethan haben; da ich aber wußte, daß meine Mannſchaft darunter leiden würde, hielt ich es für das Klügſte, mich — 344— zu fügen. Die geſammte Mannſchaft der Dämmerung erhielt alſo Befehl, ſich in der Nähe der Schanze aufzuſtellen. Während ich bemüht bin, Grundſätzen Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, will ich Sennit nicht Unrecht thun. Dieſer Mann fand, die Wahrheit zu ſagen, die Engländer und Irländer ſchon nach den erſten Fragen, welche er an ſie gerichtet hatte, heraus. Sie erhielten Befehl, ihre Habſeligkeiten zuſammen zu packen, um an Bord der Fre⸗ gatte abzugehen, und mir wurde ruhig angedeutet, ihnen die Löhnung auszuzahlen, welche ſie vielleicht noch zu for⸗ dern hätten. Marble ſtand in der Nähe, als dieſer Befehl gegeben wurde, und da er mir ſehr wahrſcheinlich den Aerger im Geſichte anſah, übernahm er die Antwort. „Ihr glaubt alſo, die Rechnung müſſe abgeſchloſſen werden, ehe dieſe Leute das Schiff verlaſſen?“ fragte er bedeutſam. „Allerdings, Herr; und es iſt meine Pflicht, zu ſorgen, daß dies geſchieht. Ihr werdet die Güte haben, dieſes Geſchäft ſofort abzuthun.“ „Nun, Herr, wenn dem ſo iſt, werden wir Geld empfangen, ſetatt ſolches auszuzahlen. Wenn Ihr die Schiffsliſten durchgeht, werdet Ihr ſehen, daß jeder dieſer Männer fünfzig Dollar, oder zwei Monat Vorausbezah⸗ lung erhielt;“— die Löhnung der Matroſen belief ſich zu jener Zeit häufig auf zwanzig bis dreißig Dollar—„und für die volle Hälfte der erhaltenen Summe bleibt die Arbeit gkeit hun. uder an ihre Fre⸗ nen for⸗ ben im ſſen er gen, eſes held die eſer ah⸗ zu ind noch zu thun. Seine Majeſtät wird daher die Güte haben, und für jeden der Männer etwa fünf und zwanzig Dollar herauszuzahlen.“ „Was für ein Landsmann ſeid Ihr?“ fragte der Lieutenant mit einer drohenden Miene.„Aus Cornwallis, nach Eurer Unverſchämtheit zu ſchließen! Seht Euch vor, Herr! Ich habe ſchon mehr als einen Maat mit mir genommen!“ „Ich ſtamme aus dem Lande der Grabſteine, was ein Vorzug iſt; denn ich kenne den Weg, welchen wir Alle, früher oder ſpäter, wandern müſſen. Mein Name iſt Marble, Euch zu dienen; und er birgt einen harten Kern, wie Ihr wohl finden dürftet, wenn es auf eine Probe ankäme.“ In dieſem Augenblicke kam das Boot der Fregatte mit dem ehrenwerthen Herrn Powlett, welchen Herr Sennit als ihren erſten Lieutenant bezeichnet hatte, um den Spiegel der⸗ ſelben. Der aufſteigende Zorn des Letztern ſchien ſich bei der Annäherung ſeines Vorgeſetzten etwas abzukühlen; denn die geſellige Stellung und der perſönliche Rang trennte die beiden Männer noch mehr, als das bloße Dienſtalter. Sennit unterdrückte ſonach ſeinen Groll, obgleich ich nicht zweifelte, daß der Aerger über das wegwerfende Gebah⸗ en meines Maats nicht geringen Einfluß auf das hatte, was ſich ſpäter begab. Wie die Sachen ſtanden, wartete er, ſehe er einen weitern Schritt that, bis das Boot der Fregatte bei uns angelegt hatte. Herr Powlett war, wie es ſich ſogleich zeigte, ein ganz anderer Mann, als ſein Herr Kamerad. Es war nicht möglich, ihn für etwas Anders, als für einen„Gentle⸗ man“ oder einen Seemann zu nehmen. Ohne allen Zweifel verdankte er ſeinen Rang in ſeinem Schiffe dem Familien⸗ Einfluſſe; er war einer jener Sprößlinge der Ariſtokratie— was jedoch bei den engliſchen Adligen keineswegs als Regel gilt— die nie zu etwas Anderm taugen, als in den Salons zu glänzen, obgleich er für die See erzogen war. Wie ich ſpäter erfuhr, bekleidete ſein Vater eine hohe miniſterielle Stelle— ein Umſtand, welcher es hinreichend erklärte, daß er in ſeinem zwanzigſten Jahre als erſter Lieutenant an Bord eines ſolchen Schiffes ſtand und einen überzähli⸗ gen Lieutenant unter ſich hatte, welcher ſchon mehrere Jahre vor Herrn Powplett's Geburt in der Flotte gedient hatte. Aber der Capitain der Fregatte, Lord Harry Dermond, war ſelbſt erſt vier und zwanzig Jahre alt, obgleich er das Schiff bereits ſeit zwei Jahren befehligte und einen ſehr ehrenhaften Kampf in ihm beſtanden hatte. Nachdem ich Herrn Powlett meine Verbeugung gemacht und einen ſehr höflichen Gegengruß von ihm erhalten hatte, führte Sennit ſeinen Herrn Kameraden bei Seite und ſie unterhielten ſich ziemlich lange mit einander. „Ich werde mich mit der Mannſchaft nicht weiter befaſſen, Sennit,“ hörte ich Herrn Powlett, als er ſeinen Gefährten verließ, in einem Tone ſagen, als ſei ihm die Sache höchſt läſtig.„Wahrlich, ich kann mich nicht zum Anführer eines Preßtrupps herablaſſen, obgleich die Fre⸗ gatte genom und ie 2 Vollm ren, a oder U in's T weit: G hatte, jünge ſelbſt war! hatte, began Ham . den, Thei dem wünf beſtit Herr — 347— gatte öfter ſchon die Hände ihrer Offiziere in Anſpruch genommen hat. Ihr ſeid mit dieſem Geſchäfte bekannt und ich überlaſſe Euch Alles.“ Ich begriff wohl, daß dies eine Art unbedingter Vollmacht für Sennit ſei, ſo viele meiner Leute abzufüh⸗ ren, als er es für paſſend hielt; denn es war nichts Neues oder Ueberraſchendes, daß Jemand Handlungen von Andern in's Werk ſetzen ließ, welche er perſönlich zu vollbringen weit unter ſeiner Würde hielt. Sobald der erſte Lieutenant ſeinen Kameraden verlaſſen hatte, näherte er ſich mir. Er war jung, ſah aber noch jünger aus, als er wirklich war; befehligte ich jedoch nicht ſelbſt ein Schiff, während ich nicht älter war, als er? Es war leicht zu ſehen, daß dieſer junge Mann das Gefühl hatte, in einer nicht unwichtigen Sache thätig zu ſein. „Man hat uns am Bord der Fregatte berichtet, Herr,“ begann der ehrenwerthe Herr Powlett,„Ihr wäret nach Hamburg beſtimmt.“ „Nach Hamburg, wie meine Papiere ausweiſen wer⸗ den, Herr.“ „Unſere Regierung ſieht jeden Verkehr mit dieſem Theile des Feſtlandes ſehr widerwillig an, beſonders ſeit⸗ dem die Franzoſen ſich auf's Neue gerührt haben. Ich wünſche aufrichtig, Herr, Ihr wäret nicht nach Hamburg beſtimmt.“ „Ich glaube, Hamburg iſt noch ein neutraler Hafen, Herr; und wäre dies nicht der Fall, ſo ſehe ich nicht ein, — 348— warum ein Amerikaner nicht dort einlaufen ſollte, ſo lange er nicht blokirt iſt.“ „Ach, dies ſind Eure eigenthümlichen amerikaniſchen Anſichten in Betreff ſolcher Dinge. Ich kann Euch jedoch nicht beiſtimmen, denn ich habe die Pflicht, meinen Befeh⸗ len nachzukommen. Lord Harry hat uns befohlen, in unſern Unterſuchungen ſehr ſtrenge zu ſein, und ich hoffe, Ihr werdet einſehen, daß wir gehorchen müſſen, ſo unan⸗ genehm es auch ſein mag, Herr. Wie ich höre, ſind Zucker und Kaffe ſehr verdächtig!“ 1 „Sie ſind ſehr unſchuldige Sachen, wenn man ſie richtig braucht, wie man es, hoffe ich, mit meiner Ladung thun wird.“ „Seid Ihr bei der Ladung perſönlich betheiligt, Capi⸗ tain Wallingford?“ „Ich bin nur als Rheder*) dabei betheiligt. Schiff und Ladung ſind mein perſönliches Eigenthum.“ „Und Ihr ſcheint Engländer oder Amerikaner zu ſein; denn ich geſtehe, ich bin nicht im Stande, die Eingebornen der beiden Länder von einander zu unterſcheiden, obgleich wahrſcheinlich ein großer Unterſchied zwiſchen ihnen iſt.“ „Ich bin ein geborner Amerikaner, wie es meine Eltern und Voreltern waren.“ „Wahrhaftig, dies iſt merkwürdig! Nun, ich ſehe keinen Unterſchied. Wenn Ihr aber ein Amerikaner ſeid, ſehe ich *) Schiffseigenthümer. Der Ueberſ. nich ſoll Gri ſehr dief wer ge den och eh⸗ — 349— nicht ein, warum der Zucker und Kaffe es nicht auch ſein ſollen. Lord Harry hat uns jedoch,— aus welchem Grunde, weiß ich nicht,— beauftragt, in dieſer Hinſicht ſehr ſorgſam zu ſein. Könnt Ihr mir zufällig ſagen, wo dieſer Zucker gewachſen iſt?“ „Das Rohr, aus welchem er gefertigt worden, wuchs, wenn ich nicht irre, auf St. Domingo.“ „St. Domingo? Iſt dies nicht eine franzöſiſche Inſel?“ „Theilweiſe allerdings, Herr; aber die Spanier und die Neger machen den Franzoſen den Beſitz ſtreitig.“ „Ich glaube, ich muß Lord Harry davon benachrich⸗ tigen. Es thut mir ungemein leid, Capitain Wallingford, daß ich Euer Schiff aufhalte, aber meine Pflicht fordert mich auf, einen jungen Herrn um Befehle an Bord des Hurtig zu ſenden.“ Da ich keinen hörbaren Einwand vorzubringen hatte, wurde der jungesHerr wieder an Bord der Fregatte zurück⸗ geſchickt. Sennit war mittlerweile nicht müßig geweſen. Unter meiner Mannſchaft befand ſich ein Schwede und ein Preuße, und da dieſe beiden Leute ihr Engliſch zu London oder Liverpool gelernt hatten, that er, als hielt er ſie für Ein⸗ geborne der alten Inſel und befahl ihnen, ihre Habſelig⸗ keiten fertig zu halten und unter die Flagge zurückzukehren. Keiner der beiden Matroſen fühlte ſich jedoch geneigt, ihm zu gehorchen, und als ich Herrn Poplett, welcher die Rückkehr ſeines Bootes erwartete, auf der Schanze verließ —— 350— und zu der Gruppe trat, fand ich das Kleeblatt in eifrigem Streite über dieſe Frage. „Ich will Euch ſagen, was es iſt, Herr Wallingford,“ rief Sennit, als ich hinzutrat,„die Sache ſoll vergleichs⸗ weiſe abgethan werden. Hier ſind zwei Burſche— Leute aus Lancaſhire, wenn die Wahrheit bekannt wäre,— welche aus Norwegen, oder Finnland, oder aus irgend einer andern ausländiſchen Gegend zu ſein behaupten, und ich wünſche ſie unter Seiner Majeſtät Flagge zu bringen, wohin ſie eigentlich gehören; da ſie aber ſo widerſpenſtig ſind und ſich einer ſolchen Ehre nicht fügen wollen, laſſe ich mich gerne herbei, jenen hübſchen Mann aus Kent zu nehmen, welcher Beide zuſammengenommen aufwiegt.“ Bei dieſen Worten deutete Sennit auf Tom Voorhees, einen athletiſchen, hübſchen, jungen Nordſtrombewohner, holländiſcher Abſtammung,— einen Burſchen, welcher nicht einen einzigen Tropfen engliſchen Blutes in ſeinen Adern hatte,— den geſchickteſten und beſten Matroſen in der Dämmerung,— ein Umſtand, welchen der ſeemänniſche Takt des Lieutenants längſt ausfindig gemacht hatte. „Ihr verlangt einen Mann, welcher kaum zehn Mei⸗ len von mir geboren wurde,“ antwortete ich,„und deſſen Familie, wie ich weiß, bereits ſeit zwei Jahrhunderten in Amerika anſäßig iſt.“ „Ja, ja, ihr ſeid lauter alte Familien in Amerika, wie alle Welt weiß. Ich wette hundert Guineen, der Burſche iſt ein geborner Engländer, und ich könnte einen Ort entfe will nich went wen! ſchlo bere er g Beif ohne Sch dem man er ſ der wele arti beſch höfl brac meit Ort in Kent nennen, nicht zehn Meilen von dem Platze entfernt, wo er das Licht der Welt zuerſt geſehen hat. Ich will jedoch damit nicht ſagen, Ihr wäret ſein Nachbar nicht; denn Ihr ſelbſt habt ein Dover⸗artiges Ausſehen.“ „Ihr würdet Euch weniger ſcherzhaft geſtimmt fühlen, wenn dies Schiff ſechs und dreißig Kanonen führte, oder wenn wir Beide auf feſtem Grund und Boden wären.“ Sennit warf mir einen verächtlichen Blick zu und ſchloß die Sache damit, daß er Voorhees befahl, ſeine Kiſte bereit zu halten, und ſich den zwei andern Matroſen, welche er gepreßt hatte, anzuſchließen. Voorhees folgte aber dem Beiſpiele des Schweden und des Preußen und begab ſich, ohne auf den erhaltenen Befehl zu achten, hinweg. Ich ſelbſt fühlte gegen dieſen Mann, einen gemeinen Schurken, den tiefſten Abſcheu, und ging nach hinten zu dem andern Lieutenant, einer Puppe, die einem„Gentle⸗ man“ glich. Herr Powlett begann nun von London zu ſprechen; er ſagte mir, wie oft er, bei ſeinem letzten Aufenthalte in der Stadt, in der Oper geweſen wäre, und bemerkte mir, welche ungemein entzückende„fole champéetre“ die der⸗ artige Geſellſchaft der Lady So⸗und⸗ſo geweſen ſei. Dies beſchäftigte uns, bis das Boot zurückkam und mir die ſehr höfliche Aufforderung des Capitains der Fregatte über⸗ brachte, ihm die Ehre meines Beſuches zu ſchenken und meine Schiffspapiere mitzubringen. Da keine kriegführende Macht ein ſolches Recht anzu⸗ — 352— ſprechen befugt war, obgleich Kaperſchiffe es ſtets zu thun pflegten, konnte ich der Aufforderung folgen oder nicht. Da ich glaubte, die Sache beſchleunigen zu können, die Höflichkeit der Aufforderung auch als ein gutes Vorzeichen gelten konnte, und ich in einer Angelegenheit, welche ſehr unnöthigerweiſe ernſt zu werden begann, gerne mit der Hauptperſon zu verkehren wünſchte, willigte ich ein, an Bord der Fregatte zu gehen. Marble wurde herbeigerufen und erhielt förmlichen Auftrag, den Befehl über das Schiff zu übernehmen. Ich bemerkte, daß Sennit über dieſe kleine Förmlichkeit ver⸗ ächtlich lächelte; jedoch ließ er keine ausdrückliche Einrede laut werden. Ich hatte erwartet, der erſte Lieutenant würde mir an Bord der Fregatte folgen; aber nach einer kurzen Berathung mit ſeinem Kameraden erhielt der letztere den Auftrag, mir dieſe Ehre zu erweiſen. Sennit ſchien nun entſchloſſen, mich ſo wegwerfend und höhniſch zu behandeln, als dies in ſeiner Gewalt ſtand. Wie gemeine Seelen gewöhnlich thun, konnte er ſich nicht enthalten, die zu mißhandeln, welchen er ſeinen Unwillen zugewendet hatte. Er ließ mich vor ſich in das Boot treten und beſtieg, als wir die Fregatte erreicht hatten, zuerſt die Seite dieſes Schiffes. Das Benehmen ſeines Capitains war ſehr verſchieden. Lord Harry war nicht nur ein ſehr edel ausſehender Mann, wie die Verehrer des Ranges den Adel ſtets erſchei⸗ nen ſehen, ſondern er war ein entſchieden gut erzogener Man Schi zu t ten Ausf gebo⸗ die 2 Leute ſchien habe tie i Lade ſo g. Prin die 8 Män mehr denn Men beug beug die über einſe zu e ten 2 — 353— Mann; und man ſah leicht genug, daß er ſein eignes Schiff befehligte und in hohem Grade geeignet war, dies zu thun. Ich habe Gelegenheit gehabt zu hören, wie Ariſtokra⸗ ten und Demokraten ſich in eigenthümlicher Weiſe über Ausſehen, Fähigkeiten, Eigenſchaften und Gebahren hoch⸗ geborner und hochgeſtellter Europäer äußern. Erſtens hat die Natur dieſe Leute ziemlich ſo geſchaffen, wie ſie andere Leute zu ſchaffen pflegt; und der einzige phyſiſche Unter⸗ ſchied rührt von Erziehung und Gewohnheit her. Dann habe ich, was die erſchlaffenden Wirkungen der Ariſtokra⸗ tie und die adelige Verweichlichung betrifft, unter unſern Ladendienern und Spitzenkrämern dieſe Eigenſchaften eben ſo gut bemerkt, wie unter den Söhnen von Herzogen und Prinzen— und in meinen ſpätern Tagen brachten mich die Verhältniſſe mit manchen der letztern in Berührung. Männlichkeit des Charakters iſt, fürchte ich, bei weitem mehr im Gefolge ariſtokratiſcher Geburt, als demokratiſcher; denn die Erſteren fühlen ſich über die Anſichten der großen Menge erhaben, während ſich die Letztern vor denſelben beugen, wie ſich der aſiatiſche Sclave vor ſeinem Herrn beugt, Ich wünſchte ſehr, ich könnte anders denken; aber die Erfahrung hat mich von der Wahrheit dieſer Thatſache überzengt, und ich habe das Richtige eines Grundſatzes einſehen gelernt, welcher unter uns ſelbſt einige Geltung zu erhalten anfängt,—„daß es nämlich eines Ariſtokra⸗ ten bedarf, um einen ächten Demokraten zu machen.“ So 211— 213. — 354— viel iſt gewiß, daß alle wirklichen, mannhaften, unabhän⸗ gigen Demokraten, welche ich jemals in Amerika gekannt habe, des Ariſtokratismus angeklagt worden ſind; ganz einfach, weil ſie ihre Grundſätze durchzufechten gewillt waren, und jenem mächtigen Herrſcher,—„dem Lande umher,“— nicht erlauben wollten, den Tyrannen gegen ſie zu ſpielen. Was das perſönliche Verdienſt betrifft, ſo findet man gewiß verhältnißmäßig eben ſo viel Talent unter den Hoch⸗ wie unter den Niedriggebornen, und wer ſich der entgegengeſetzten Anſicht rühmt, thut dies nur, um ſich bei dem Pöbel in Gunſt zu ſetzen. Talleyrand*) ge⸗ hörte einer der älteſten und erlauchteſten Familien Euro⸗ pa's an; eben ſo Turenne; während Mansfield, Erskine, Grey, Wellington und eine Menge ausgezeichneter Eng⸗ länder unſrer Zeit aus edelm Geblüte ſtammen. Nein, nein, die Sache eines freien Volkes kann ſich viel höhe⸗ rer und wahrerer Auszeichnungen rühmen, als dieſer ein⸗ gebildeten Ueberlegenheit der Niedriggebornen über die, welche alten Familien entſproßt ſind.— Lord Harry Dermond empfing mich gerade ſo, wie ein Mann ſeiner Stellung einen der meinigen empfangen muß; höflich, ohne ſeiner Würde das geringſte zu verge⸗ ben. Ein gutmüthiges Lächeln ſpielte um ſeine Lippen, *) Das Beiſpiel iſt übel gewählt, beſonders neben Turenne, wo der Diplomat dem Helden, wie der Fuchs dem Löwen, gegenüberſteht. Der Ueberſ. hän⸗ annt ganz willt ande egen „ ſo anter ſich um ge⸗ uro⸗ kine, Eng⸗ kein, öhe⸗ ein⸗ die, wie ngen erge⸗ pen, o der ſteht. rſ. — 355— welches ich anfangs nicht zu deuten wußte. Auch hatte er eine geheime Unterredung mit Sennit; allein das Lächeln blieb daſſelbe. Ich mußte am Ende glauben, es ſei ihm zur Gewohnheit geworden und bedeute nichts. Obgleich aber Lord Harry ſo ſehr geneigt war zu lächeln, war er in gleicher Weiſe geneigt, jeder Einflüſte⸗ rung Sennit's Gehör zu ſchenken, welche einen ſeiner Hauptzwecke zu begänſtigen den Anſchein hatte. Priſengeld iſt gewiß ein großer Flecken auf der Ritter⸗ lichkeit einer jeden Seemacht; es iſt aber ein Flecken, wel⸗ cher des Edelmanns Wünſchen eben ſo ſehr anklebt, wie denen des Plebejers. Hinſichtlich des Geldes iſt die menſch⸗ liche Natur merkwürdig gleichgeartet; und in Ländern, wo Majorate und beſtimmte Erbfolge eingeführt ſind, herrſcht bei jüngern Söhnen eine Lebhaftigkeit des Verlangens dar⸗ nach, welche eben ſo bemerklich iſt, wie die Habſucht des gemeinſten Plebejers, der je in fremde Taſchen griff. „Es thut mir ſehr leid, Capitain Wallingford,“ bemerkte mir Capitain Lord Harry Dermond, als die geheime Unterredung mit Sennit zu Ende war, in ganz anderm Tone, als Powlett, deſſen Schwäche ihn veranlaßt haben würde, den Gegenſtand mit mir zu erörtern,„daß meine Pflicht mich nöthigt, Euer Schiff nach Plymouth zu ſchicken. Die Franzoſen haben ſich ein ſolches Ueber⸗ gewicht auf dem Feſtlande errungen, daß wir nicht wach⸗ ſam genug ſein können, um ihnen entgegen zu arbeiten. Sodann iſt Eure Ladung franzöſiſches Erzeugniß.“ 23* 356— „Was das Uebergewicht betrifft, mein Lord, ſo wer⸗ det Ihr wiſſen, daß dies uns Amerikaner nichts angeht; meine Ladung aber iſt nothwendigerweiſe in dem letzten Jahre geerntet worden, und muß daher in der Zeit des allgemeinen Friedens gewachſen und fabrieirt worden ſein. Wäre dies nicht der Fall, ſo begreife ich nicht, daß es die Wegnahme rechtfertigen könnte.“ „Wir müſſen Sir William Scott darüber entſcheiden laſſen, mein guter Herr,“ antwortete der Capitain mit ſei⸗ nem gewöhnlichen Lächeln,„und es iſt unnütz, unter uns dieſe Frage zu erörtern. Einer unangenehmen Pflicht,“— als wenn er die Möglichkeit, zwei bis drei tanſend Pfund in ſeine Taſche zu ſtecken, für etwas unangenehmes gehal⸗ ten hätte!—„einer unangenehmen Pflicht darf man aber nicht auf eine unangenehme Weiſe nachkommen. Wenn Ihr mir andeuten wollt, welche von Euern Leuten Ihr in Euerm Schiffe zu behalten wünſcht, ſo ſoll darauf Rück⸗ ſicht genommen werden. Es verſteht ſich, daß Ihr Eure Habe nicht verlaßt; und ich hoffe, welches Loos auch die Ladung treffen mag, Euer Schiff wird gewiß wieder frei gegeben werden. Der Tag ſchreitet jedoch vor, und es wird einige Zeit dauern, bis die Mannſchaft ausgetauſcht iſt; Ihr werdet mich daher ſehr beglücken, wenn Ihr mir die Ehre erzeigt, in meiner Kajüte den Imbiß zu nehmen.“ Dies war ein höfliches, wenn auch kein geſetzliches Gehaben. Ich konnte eine Reihe ſchlimmer Folgen für mich in dieſem Aufenthalt vorherſehen, obgleich ich geſtehen muß, wer⸗ eht; tzten des ſein. die iden ſei⸗ uns / fund hal⸗ aber Jenn r in kück⸗ Fure die frei d es uſcht mir en.“ ches mich nuß, — 357— daß ich keine großen Beſorgniſſe wegen einer Verurtheilung hegte. Der Wechſel, welcher John Wallingford von mir in der Hand hatte, mußte bezahlt werden, und eine Haftnahme von zwei Monaten konnte mich ſo lange von Haus entfernt halten, daß an ein Einhalten der Verfallzeit kaum zu den⸗ ken war. Dann kam mir die Verpfändung von Clawbonny mit deren beunruhigenden Bildern in den Sinn, und ich war nichts weniger als in der geeigneten Stimmung, Lord Harry Dermond's gaſtlicher Einladung zu folgen. Andrerſeits ſah ich wohl, wie vergeblich jede Einrede ſein würde, und hielt es der männlichen Würde wenig an⸗ gemeſſen, mich zu grämen; und es gelang mir, dem Unfall eine gute Miene entgegenzuſtellen. Ich erbat mir lediglich, meinen Maat, den Koch und Neb in der Dämmerung be⸗ halten zu dürfen, und überließ es der Willkühr meiner Gefangennehmer, ſo viele von der übrigen Mannſchaft an Bord der Fregatte zu nehmen, als ihnen belieben würde. Lord Harry bemerkte mir, es ſei nicht herkömmlich, auch nur einen Mann zurückzulaſſen; doch wollte er, um ſich gegen mich verbindlich zu zeigen, meinem Wunſche ent⸗ ſprechen; die Fregatte würde im Laufe der nächſten vier⸗ zehn Tage in den Hafen gehen, um Waſſer einzunehmen, und ich könnte mich dann darauf verlaſſen, daß meine ganze Mannſchaft, die Unterthanen Seiner Majeſtät ausgenom⸗ men, meinem Befehle wieder überliefert werden würde. Vierzehntes Kapitel. Erſter Edelmann. Wie viel beträgt mein Löſegeld; ſagt, Maſter? Maſter. Ein tauſend Kronen, oder Euer Haupt fällt. Maat. Ja, tauſend Kronen, oder Eure iſt Verloren.— Shakſpeare. Ich habe nie Jemanden erſtaunter, oder bereiter geſe⸗ hen, in wilden Zorn aufzuflammen, als dies bei Herrn Moſes Oloff Van Dozen Marble der Fall war, ſobald er erfuhr, die Dämmerung ſollte nach England geſchickt wer⸗ den, um dort ihr Urtheil zu hören. Nichts hätte ſeine Zunge, und ich bin nicht gewiß, ob ich nicht ſagen ſollte, ſeine Fäuſte innerhalb den Grenzen der Mäßigung gehal⸗ ten, wenn ich ihn nicht verſichert hätte, daß er an Bord der Fregatte geſchickt würde, wenn er ſich nicht umſichtig benähme. Als unſere Leute aus der Dämmerung geſchickt wur⸗ den, glaubte ich mehrere Male, er würde in offene Feind⸗ ſeligkeiten ausbrechen, und wirklich deutete er darauf hin, Sennit niederzuſchlagen und über Bord zu werfen. Mit einem bedeutſamen Blicke ſagte ich ihm, es ſei nicht die Zeit dazu. Der Maat legte jetzt einen Finger an ſeine Naſe, nickte, und von dieſem Augenblicke an ſchien er nicht Um gew jedo hatt vern artit nen die Pac ſter? ällt.— nur heiter, ſondern zeigte ſich behülflich, die verſchiedenen Gegenſtände, welche bei dem Uebertritte der Mannſchaften ausgetauſcht wurden, ein⸗ und auszuhiſſen. Als Alles fertig war, ergab es ſich, daß Sennit zu unſerm Priſen⸗Maſter ernannt worden war. Er war, ob⸗ gleich wirklicher Lieutenant, Lord Harry Dermond von dem Admiral nur beigegeben worden, um das Schiffsvolk die⸗ ſes begünſtigten Offiziers zu vermehren; denn der Hurtig hatte ohne ihn ſeine regelmäßige Anzahl von Lieutenants an Bord. Da der Kreuzzug ſeinem Ende nahe war und das Schiff ſeit ſeiner Ausfahrt im Preſſen viel Glück ge⸗ habt hatte, konnte man Sennit entbehren, und ich zweifle nicht, daß ſeine Backgenoſſen in der Fregatte herzlich froh waren, ihn los zu ſein, nachdem man ſeiner beſondern Geſchicklichkeit und ſeines Dienſteifers nicht mehr bedurfte. Herr Sennit brachte als Priſen⸗Mannſchaft zehn Vormaſt⸗Matroſen und überdies einen Maſters⸗Maat, Namens Diggins, mit ſich an Bord. Unter gewöhnlichen Umſtänden wäre der letztere Würdenträger hinreichend geſchickt geweſen, das Schiff in den Hafen zu führen; dies war jedoch die erſte Priſe, welche Lord Harry je genommen hatte; ſie verſprach werthvoll zu werden, wenn man ſie verurtheilte; und ich glaube wohl, er und ſeine jungen, artigen Herren Lieutenants wünſchten ſehr, ſich ihre gemei⸗ nen Kameraden vom Halſe zu ſchaffen. Wie dem auch ſei, die Herren Sennit und Diggens kamen„mit Sack und Pack“ an Bord. 6 — 360— Die Auswechslung, der Imbiß und die Jagd am Morgen hatten ſo viel Zeit hingenommen, daß die beiden Schiffe erſt um vier Uhr Nachmittags unter Segel gingen. Beide füllten ihre Leinwand zu gleicher Zeit, der Hurtig vor dem Wind mit zwei Reefen in den Oberſegeln, wie wir ihn zuerſt geſehen hatten, um ſich nach andern Priſen umzuthun, und die Dämmerung unter Leeſegeln, mit dem Winde faſt über dem Hackebord. Als Alles bereit war, ſchoß jedes Schiff von der Stelle ab, wo es ſeit Stunden gelegen hatte, und flog in verſchiedener Richtung und mit einer Geſchwindigkeit, welche bald einen weiten Meeresraum zwiſchen ſie legte, über das Gewäſſer dahin. Ich fühlte den Umſtand, mich dem Befehle eines Man⸗ nes, wie Sennit anheim gegeben zu ſehen, faſt eben ſo empfindlich, als ich den Verluſt meines Schiffes fühlte. Er und der Maat ließen ſich ſchon in den erſten Stun⸗ den in meiner Kajüte häuslich nieder, und zwar in einer Weiſe, welche einen Bruch zur Folge hätte haben müſſen, wenn ihn die Klugheit meinerſeits nicht abgewendet hätte. Sennit nahm ſogar Beſitz von meinem Verſchlage, in welchem er ſeine Hängmatte zu befeſtigen befahl und aus der er meine Matratze ruhig wegbringen ließ. Da die Schränke gut verſchloſſen waren, ließ ich ihn ohne Wider⸗ rede Beſitz nehmen. Diggins ſtauete ſein Bettzeug in Marble's Back und mein Maat und ich konnten ſehen, wo wir Unterkunft fanden. Beh einer und gern war in Es ſpeiſ etwe bene nen es f ein am eiden ien. urtig wie riſen dem der g in elche das Nan⸗ n ſo 2. btun⸗ einer ſſen, ätte. in aus die ider⸗ g in wo Auf einen Wink von Marble ſtellte ich mich über dieſe Behandlung ſehr empört und befahl Neb, in dem Heck*) einen Platz frei zu machen, wo Marble und ich wohnen und unſere Hängmatten befeſtigen laſſen könnten. Dies machte einigen Eindruck auf Sennit, welcher gern an unſere kleinen Vorräthe gekommen wäre; dieſe waxen aber alle gut verſchloſſen und Schlöſſer durfte er, in Folge eines Admiralitäts⸗Befehles, nicht aufbrechen. Es war ihm daher ſehr wichtig, an meinem Tiſche zu ſpeiſen, und ich bemerkte alsbald, daß er es nöthig fand, etwas zu thun, um meinen Unwillen zu beſänftigen. Er entſchuldigte ſich wegen ſeines zufahrenden Geha⸗ bens und rechtfertigte das, was er gethan hatte, durch ſei⸗ nen Rang und die Sitte auf Kriegsſchiffen, und ich hielt es für klug, ſeine Entſchuldigungen ſo hinzunehmen, daß ein offener Bruch vermieden wurde. Sennit blieb im Beſitze meines Verſchlages, ich aber blieb in dem Heck, ohne es jedoch von mir zu weiſen, bei der Tafel in der Kajüte zu erſcheinen. Dieſe Einrichtung, welche ich herbeizuführen gewußt hatte, bot mir vielfache Gelegenheit, mit Marble ungeſtört zu verkehren und allerlei Vorbereitungen zu treffen, um die erſte ſich darbietende Gelegenheit zu benutzen, mich meines Schiffes wieder zu bemächtigen. *) Auch die Steuerkammer genannt, weil der Steuermann ſeine Geräthſchaften hier zu haben pflegt. Der Ueberſ. — 362— Die Wiedernahme von Priſen war in jener Zeit etwas ziemlich oft Vorkommendes, und ich wußte kaum, daß die Dämmerung in einen engliſchen Hafen geſchickt werden ſollte, als ich auch ſchon über die Mittel nachdachte, mei⸗ nen Vorſatz ins Werk zu ſetzen. Ich hatte, vorzüglich um dieſes Zweckes willen, Marble in dem Schiffe behalten. Der Leſer hat, wie ich denken ſollte, eine ziemlich klare Vorſtellung von der Stellung des Schiffes, ſo wie von den Verhältniſſen, in welchem ſich daſſelbe befand. Wir ſtanden gerade dreihundert zwei und fünfzig Meilen ſüd⸗ weſtlich von Seilly, als ich den Meridian berechnete, und da der Wind friſch aus Südſüdweſten blies, ſo war keine Zeit zu verlieren, wenn ich etwas Ernſtes gegen die Priſen⸗ Mannſchaft vornehmen wollte. Die erſte Gelegenheit, mich mit meinem Maaten zu bereden, bot ſich dar, als wir in dem Heck beſchäftigt waren, unſere Habſeligkeiten beizuſtauen und uns einiger⸗ maßen bequem und behaglich einzurichten. „Was haltet Ihr von dieſem Herrn Sennit und ſei⸗ nen Leuten, Moſes?“ begann ich leiſe, und lehnte mich über ein Waſſerfaß, um meinen Kopf dem des Maats näher zu bringen.„Sie ſehen nicht aus, wie Kriegsſchiffsvolk der erſten Claſſe; könnten wir ſie nicht durch Ueberraſchung und thätiges Zugreifen bewältigen?“ Marble legte einen Finger an ſeine Naſe, nickte, nahm eine ſo kluge Miene an, als er konnte, und ging dann an die Steuerkammerthüre, welche mit der Kampanje in Ver⸗ bindur ſicher der N der W 2 er un „und Senn weit t ich ſel latern bewäl von§ keltes dem. denken laſſen 7 Krieg was franz ſehr ſo w Vigi ren, niß, gegel — 363— bindung ſtand, um zu hören, ob von jener Seite Alles ſicher ſei. Als er ſich vergewiſſert hatte, daß Niemand in der Nähe lauſche, theilte er mir ſeine Gedanken in folgen⸗ der Weiſe mit: „Derſelbe Gedanke ging mir ſchon hier herum,“ ſagte er und deutete mit ſeinem Zeigefinger auf ſeine Stirne, „und die Sache möchte ſich machen laſſen. Dieſer Herr Sennit iſt ein liſtiger Burſche und man darf ihm nicht weit trauen; aber ſein Maat trinktz, wie ein Schwamm; ich ſeh' ihm das in ſeinem ganzen Geſichte an, eine Top⸗ laterne ſcheint nicht röther. Er muß mit Branntwein bewältigt werden. Sodann wurde nie eine linkiſchere Schaar von Küſtenburſchen ausgeſandt, um ein rechtwinklich geta⸗ keltes Schiff zu handhaben, als die ſind, welche uns aus dem Hurtig herüber kamen. Ich kann es mir nicht anders denken, ſie müſſen uns die Nachtmützen der Fregatte über⸗ laſſen haben.“. „Ihr wißt, wie es ſolche ſtolzen junge Capitaine von Kriegsſchiffen zu halten pflegen; ſie behalten ſtets das Beſte, was ſie haben, für ein Gefecht zurück. Wie ich höre, ſind franzöſiſche Fregatten in ziemlicher Menge heraus, und ſo ſehr dieſer Lord Harry Dermond Zucker und Kaffe liebt, ſo wär' es ihm doch koch willkommner, wenn er mit La Vigilante, oder La Diane, die eben ſo viele Kanonen füh⸗ ren, wie der Hurtig, zuſammenträfe. Dies iſt das Geheim⸗ niß, warum er Sennit eine ſolche Rotte von Bemmen bei⸗ gegeben hat. Ueberdies denkt er, die Dämmerung ſei in — 364— acht und vierzig Stunden in Plymouth, wie dies auch gewiß der Fall ſein wird, wenn dieſer Wind anhält.“ „Dieſe Burſche ſind nichts beſſeres als Londoner Milchſuppen,— ich dachte ſtets, Marble habe das Ver⸗ dienſt gehabt, dieſes Wort in die Mode zu bringen— „es ſind nur drei Seemänner unter ihnen, und dieſe paſſen eher in ein Krankenhaus, als auf eine untere Raa oder einen Klüverbaum.“ In dieſer Anſicht des Maats war viel Wahrheit, obgleich einige Uebertreibung beigemiſcht ſein mochte. Wie es ſich von ſelbſt verſteht, hatte der Befehlshaber des Hur⸗ tig nicht ſeine beſten Leute abgegeben, obgleich ſie nicht ganz ſo ſchlecht waren, wie Marble in ſeinem Eifer, ſie zu bewältigen, zu glauben geneigt war. Allerdings waren nur drei unter ihnen, welche der raſche, nautiſche Inſtinct des Maats als wirkliche Seemänner erkannt hatte; aber ſie waren alle ſchon lange genug an Bord von Schiffen geweſen, um ſie mehr oder wenig nützlich verwenden zu können. „Was wir zu thun geſonnen ſind, muß ſogleich geſche⸗ hen,“ erwiederte ich.„Unſerer ſind vier, und wir haben Kraft genug, um es mit zwölf aufzunehmen. Wir wagen viel, aber wir haben den Vortheil, daß wir„auserleſene“ Leute ſind und den Feind überraſchen.“ „Ich wollte, es wär' Euch eingefallen, Voorhees in dem Schiffe zu behalten, Miles; der Burſche würde uns drei gewöhnliche Männer werth geweſen ſein.“ / Himm iſt. V wir b komme berei mächtt ohne nehme Wenn wende derbes uns Fäller ſehr auf d ſein, nen( zu ve ſo gre Eiger iſt, T wolle Aben „Ich glaube, Ihr habt recht; aber wir müſſen dem Himmel für das dankbar ſein, was uns gelaſſen worden iſt. Wie weit wird uns das Geſetz zur Seite ſtehen, wenn wir bei einem ſolchen Unternehmen Leuten an das Leben kommen? Amerika hat Frieden und wir müſſen vor Seeräu⸗ berei klar ſteuern.“ „Ich habe das Alles bedacht, Moſes, und ſehe keinen mächtigen Grund, Veſorgniſſe zu hegen. Der Menſch hat ohne alle Frage das Recht, das mit Gewalt wieder zu nehmen, was ihm mit Gewalt genommen worden iſt. Wenn Blut vergoſſen werden ſollte,— was ich jedoch abzu⸗ wenden hoffe,— ſo dürften die engliſchen Gerichte ein derbes Urtheil über uns fällen, während die amerikauiſchen uns frei ſprechen würden. Das Geſetz würde in beiden Fällen daſſelbe ſein; aber die Art, es anzuwenden, wäre ſehr verſchieden. Ich bin bereit, mein eigenes Vermögen auf das Spiel zu ſetzen, Niemand aber ſoll mir behülflich ſein, der es nicht mit Herz und Hand thut. Ich ſehe kei⸗ nen Grund ein, anzunehmen, es werde nöthig ſein, Blut zu vergießen; mein Widerwille gegen dergleichen iſt eben ſo groß, als es der Eurige ſein kann.“ „Hier iſt meine Hand,“ rief Marble,„und was ihres Eigenthümers Herz angeht, ſo wißt Ihr, wo dies zu finden iſt, Miles. Für den Anfang wiſſen wir jetzt genug. Wir wollen uns dieſen Nachmittag umſehen und nach dem Abendeſſen weiter darüber ſprechen.“ „Gut. Sagt Billings, dem Koch, ein Wort und ich — 366— werde Neb von der Sache unterrichten. Auf den Letztern können wir bauen; Euerm Manne aber dürfte es gera⸗ then ſein, eine Belohnung in Ausſicht zu ſtellen.“ „Ueberlaßt dies mir, Miles. Ich kenne meinen Bur⸗ ſchen und werde ihn behandeln, wie ich einen Rheder behan⸗ deln würde.“ Marble und ich trennten uns nun und ich begab mich auf das Deck, um zu ſehen, wie die Dinge ſich dort geſtal⸗ teten. Um dieſe Zeit begannen die Oberſegel der Fregatte ſich in die Wellen zu tauchen und die Dämmerung verfolgte mit Allem, was ſie nur tragen konnte, ihren Curs. Alle Engländer, Sennit eingeſchloſſen, waren auf dem Deck. Der Letztere begrüßte mich ziemlich höflich, als ich die Schanze betrat; ich vermied es aber, mich mit ihm in ein Geſpräch einzulaſſen. Meine Aufgabe war, die Mannſchaft in das Auge zu faſſen und mich alles deſſen zu vergewiſſern, was ihre Vertheilung während der herannahenden Nacht betraf. Diggins war ein Burſche mit hochrothem Geſichte, welcher wahrſcheinlich ſeiner Liebe zur Flaſche es zu ver⸗ danken hatte, daß er nicht auf weitere Beförderung xechnen konnte, obgleich er, wie es ſich bei ſolchen Männern oft findet, ein tüchtiger Seemann und an Bord eines Kriegs⸗ ſchiffes höchſt brauchbar war. Ihn g laubte ich durch Brannt⸗ wein unſchädlich machen zu können. Sennit dagegen ſchien mir ein Mann zu ſein, mit welche auf ſ allein verlie die de dem ſeinen hagli urſack einen führt wo d eine ſo gl Befel fallen alle zu er dung lingfe gen licher war, die I ztern gera⸗ Bur⸗ ehan⸗ mich ſeſtal⸗ egatte folgte Alle Deck. h die in ein ſchaft iſſern, Nacht ſichte, 1 ver⸗ echnen un oft eriegs⸗ rannt⸗ , mit — 367— welchem es ziemlich ſchwer war, fertig zu werden. Auch auf ſeinem Geſichte waren Zeichen des Cognacs ſichtbar; allein er hatte einen höhern Rang, wußte, daß er mehr zu verlieren hatte, und ſeine Ausſichten waren glänzender, als die des Maſter's Maats. Dann war er augenſcheinlich mit dem Laufe der Welt vertrauter, als ſein Gefährte, und in ſeinem Auge und Gehaben verrieth ſich ſtets eine Art unbe⸗ haglicher Wachſamkeit, welche mir nicht wenig Unruhe ver⸗ urſachte. Ich wünſchte, wenn möglich noch in dieſer Nacht, einen entſcheidenden Schritt zu thun; denn jede Minute führte uns raſch in die Nähe der Oeffnungen des Canals, wo die Engländer überhaupt ſo viele Kreuzer hatten, daß eine endliche Flucht faſt unmöglich ward, wenn wir ſelbſt ſo glücklich waren, unſer eigenes Schiff wieder unter unſern Befehl zu bekommen. Ich mußte überdies fürchten, es möchte Sennit ein⸗ ſallen, unter dem Vorwande, wir näherten uns dem Lande, alle ſeine Leute die ganze Nacht hindurch auf ihren Poſten zu erhalten. Wenn er dieſe Maßregel wirklich in Anwen⸗ dung brachte, war unſere Lage faſt hoffnungslos. „Euer Maat ſcheint den Becher zu lieben, Herr Wal⸗ lingford,“ bemerkte mir Herr Sennit in einem gutmüthi⸗ gen Tone und in der unverkennbaren Abſicht, ein freund⸗ licheres Verhältniß zwiſchen uns herbeizuführen, als das war, welches bisher unter uns geherrſcht hatte;„er fuhr die letzten zehn Minuten mit ſeiner Zinnkanne Kambüſe aus und Kambüſe ein, wie ein bartloſer Burſche, dem der Thee ſeiner Mutter zu lange ausbleibt.“ Sennit lächelte über ſeinen Humor und ich konnte kaum mit einem Lächeln antworten, denn ich wußte, daß mein Maat dieſen Weg eingeſchlagen hatte, um mit dem Koch in Verkehr treten zu können. „Herr Marble iſt bekannt wegen ſeiner Vorliebe für ſein warmes Getränk,“ antwortete ich ausweichend. „Nun, er ſieht nicht ſo aus. Ich habe ſelten einen Mann geſehen, der ſo durch und durch einem Seehunde glich, wie euer Maat, Capitain Wallingford,“— dieſes war das erſte Mal, daß Sennit mich dieſes Titels wür⸗ digte,—„und ich fand deshalb, ſobald ich ihn anſichtig geworden, Gefallen an ihm. Ich hoffe, Ihr werdet mir die Ehre erzeigen, mit mir in der Kajüte zu Nacht zu eſſen; denn ich ſehe Zeichen in der Kambüſe, daß wir bald zu Tiſch gehen können.“ 3 „Ich werde mich bei Euch einſinden, Herr, nachdem wir uns nun verſtändigt haben. Ich hoffe, mein Maat wird ſo gut wie der Eurige an dem Mahle Theil nehmen?“ „Gewiß, gewiß. Ich werde Euch um die Vergünſti⸗ gung bitten, Herrn Marble auf eine halbe Stunde, oder ſo, Diggins ablöſen zu laſſen, damit der arme Burſche einen Biſſen zu ſich nehmen kann. Wir werden ein ande⸗ res Mal zu demſelben Dienſte bereit ſein.“ Dies wurde auf eine gewiſſe trockene, lachende Weiſe vorgebracht, welche zeigte, daß Herr Sennit ſich völlig bewr inde eigen nahn Sche eſſen Mitt gene Er in de zu ſe der L aus räthe die V Verf geſetz mein Aben unſer Vorn die T drei: 21 der nnte daß dem für einen zunde dieſes wür⸗ ichtig mir ht zu bald chdem Maat nen?“ ünſti⸗ oder urſche ande⸗ Weiſe völlig — 369— dewußt war, daß er eine etwas ungewöhnliche Bitte ſtellte, indem er einen Mann anſprach, bei dem Einbringen ſeines eigenen Schiffes in den Hafen ihm behülflich zu werden; ich nahm es aber, wie es auch gemeint war, für einen rauhen Scherz, welchem einige Bequemlichkeit zum Grunde lag. Nicht lange nachher kam Neb und meldete, das Nacht⸗ eſſen ſei bereit. Sennit hatte, wie zu vermuthen, ein ſehr ſpärliches Mittagsmahl zu ſich genommen und ſchien in jeder Weiſe geneigt, ſich bei der jetzigen Gelegenheit zu entſchädigen. Er rief mir zu, ich möchte ihm folgen, ging heiter voraus in die Kajüte, und ſprach ſeine Freude aus, daß wir, ſo zu ſagen, eine Küche gemacht hätten. Streng genommen, hatte die Priſen⸗Mannſchaft bei der Lage, in welcher ſich die Dämmerung jetzt befand, durch⸗ aus kein Recht, auch nur den geringſten Theil der Vor⸗ räthe des Schiffes für ſich in Anſpruch zu nehmen; denn die Verurtheilung war unerläßlich, um Lord Harry Dermond's Verfahren, ſelbſt nach den Rechten ſeines eigenen Landes, geſetzlich zu machen. Ich hatte aber Neb befohlen, mit meinen Mitteln freigebig zu ſein und ein ſehr ſtattliches Abendeſſen breitete ſich, als wir die Kajüte erreichten, vor unſern Augen aus. Sennit war bald eifrig an der Arbeit; unter dem Vorwande aber, beſſern Zucker, als der war, den man auf die Tafel geſtellt hatte, zu beſorgen, gelang es mir, Neb drei Flaſchen Branntwein heimlich in die Hand zu ſpielen 211— 213. 24 — 370— und ihm zu bedeuten, eine derſelben möge er dem Maſter's Maat am Steuer, die zwei andern der Mannſchaft geben. Ich wußte, daß unſere Behandlung, die Sorgfalt für unſere perſönliche Habſchaft und andere dergleichen Dinge ein Geſchenk dieſer Art zu ſehr rechtfertigten, als daß ich irgend eine Beſorgniß hätte fühlen ſollen, der wahre Zweck dieſer Freigebigkeit könne von denen geahnt werden, welche deren Vortheile ernteten. Sennit, Marble und ich ſaßen eine volle Stunde am Tiſche. Der Erſtere ließ ſich den Wein ſchmecken, weigerte ſich aber, auch nur einen Tropfen Branntwein zu koſten. Da er zwei bis drei Gläſer des jetzt verſchmähten Getränkes vor der Trennung der beiden Schiffe in meiner Gegenwart getrunken hatte, war ich überzeugt, daß ſeine jetzige Enthaltſamkeit ihren einzigen Grund darin hatte, daß er ſich des bedenklichen Verhältniſſes bewußt war, in welchem er ſich befand, ein Umſtand, welcher mich in mei⸗ nem Thun nur noch vorſichtiger machte. Endlich äußerte der Lieutenant etwas von dem armen Teufel auf dem Deck und Marble wurde hinauf geſchickt, um die Sorge für das Schiff zu übernehmen, während Diggins herab kam, um das Verſäumte nachzuholen. Sobald der Maſter's Maat erſchien, bemerkte ich, daß der Branntwein in ihm zu wirken begann, und fürchtete, ſein Vorgeſetzter möchte es bemerken. Dies war jedoch nicht der Fall, denn er fand zu viel Behagen an dem Madeira, welchen ich ihm vorgeſetzt hatte, um ſich um ein ter's ben. für inge zich weck elche unde cken, n zu ihten einer ſeine hatte, , in mei⸗ rmen chickt, hrend „daß chtete, jedoch dem m ein — 371— paar Gläschen mehr oder weniger, die ſeinem Untergeord⸗ neten zu Theil geworden ſein mochten, viel zu bekümmern. Endlich mußte ſich dieſes denkwürdige Nachteſſen, wie Alles auf dieſer Erde, enden und wir begaben uns ſammt und ſonders auf das Deck, Neb und dem Koch es über⸗ laſſend, den Tiſch„klar zu machen.“ Es war jetzt Nacht; aber ein ſanftes Sternenlicht war über die rollende Oberfläche der Gewäſſer verbreitet. Der Wind hatte ſich ein wenig gemäßigt und die Mann⸗ ſchaft konnte hoffen, die Dunkelheit werde vorübergehen, ohne ihr beſondere Laſt zu bringen; denn mehrere Leeſegel waren auf Diggins' Befehl, ehe er an den Tiſch ging, ein⸗ genommen worden. Wenn Seeleute auf dem offenen Meere das Deck betre⸗ ten, ſo entſteht gewöhnlich eine Pauſe im Geſpräche und jeder ſieht ſich nach dem Wetter um und faßt die Lage des Schiffes und die Zeichen der Zeit in das Auge. Sennit und ich machten natürlich keine Ausnahme von dieſer Regel; wir trennten uns, damit jeder ſeine Beobachtungen mit Muße anſtellen könnte. Marble betreffend, ſo gab er den Befehl über das Deck an Diggins zurück und begab ſich nach vorne; während Neb und der Koch das herkömmliche Geklapper mit Tellern, Meſſern und Gabeln anfingen. „Haben die Leute bereits ihr Abendeſſen gehabt, Herr Diggins?“ fragte der Lieutenant. „Noch nicht, Herr! Wir haben, wie Ihr wißt, keinen 24* — 372— eigenen Koch, Herr; und ſo waren wir genöthigt, zu war⸗ ten, Herr.“ „Des Königs Leute warten auf Niemand. Befehlt jenem ſchwarzen Burſchen, daß er ihnen ſofort ihr Abend⸗ eſſen gibt; während dies geſchieht, wollen wir die Wachen für die Nacht vertheilen.“ Diggins kam augenfällig mehr und mehr unter den Einfluß des Branntweins; er hatte ſeine Flaſche irgendwo in der Nähe verſteckt und ſah ſich ſo in den Stand geſetzt, ihr wiederholt zuzuſprechen, ohne daß es bemerkt wurde. Trotz dem gab er die nöthigen Befehle und nach wenigen Augenblicken ſtellte ſich die Mannſchaft hinten auf und wurde in die zwei Wachen getheilt, welche der Nacht⸗ dienſt an Bord forderte. Dies war ſchnell abgethan; Sen⸗ nit wählte fünf und fünf kamen Diggins zu. „Es iſt acht Uhr vorüber,“ ſagte Sennit, als die Vertheilung geſchehen war.„Geht hinab, Leute; alle von der Deckwache, bis auf den Mann an dem Steuer, mögen ſich hinab begeben und eſſen. Beeilt Euch mit Euerm Nachteſſen, Ihr Burſche; wir ſind an Bord eines zu ſchwe⸗ ren Schiffes, als daß wir es lange ohne Ausgucker vor⸗ wärts laſſen dürften, obgleich ich behaupten darf, die Yankee werden uns behülflich ſein, während Ihr einen Biſſen zu Euch nehmt.“ „Gewiß werden wir das, Herr,“ ſagte Marble, wel⸗ cher auf die Laufplanke gekommen war, um zu ſehen, was vorginge.„He da, Neb, kommt aus dem Gallion dort die inen wel⸗ was dort — 373— heraus und ſpielt den Vormars⸗Mann, während John Bull zu Nacht ſpeiſt. Er iſt immer mürriſch, wenn er Hunger hat, und wir wollen ihn füttern, damit er gute Nachbarſchaft mit uns hält.“ Ein Theil derer, welche dies hörten, lachten darüber, Andere brummten und fluchten. Ein jeder ſchien aber doch ganz bereit, von dieſer Einrichtung Nutzen zu ziehen, und die Engländer waren bald unten und beſchäftigten ſich eifrig mit ihrem Ziegenfleiſch. Es ſiel mir jetzt ein, Marble könnte die Abſicht haben, die Luke des Vorderkaſtells plötzlich zuzuſchlagen und den Priſen⸗Offizier, ſo wie den Mann an dem Steuer anzugreifen. Wenn es einem überlaſſen wurde, die Springlukenklappe feſtzumachen, ſo hätte jeder von uns mit einem Manne auf dem Decke zu ſchaffen gehabt, und ich bin überzeugt, das Unternehmen hätte glücken müſſen, wenn es auf dieſe Weiſe ausgeführt worden wäre. Ich war von Natur gewandter und ſtärker als Sen⸗ nit; indeſſen war er jünger und in der erſten Jugendkraft; während Diggins in Marble's Händen nicht mehr als ein Kind geweſen wäre. Den Mann an dem Steuer angehend, ſo hätte Neb ihn im Nothfalle bis zur Hälfte der Kreuz⸗ ſtenge hinauf geworfen. Mein Maat ſchien jedoch einen tiefern Plan bereit zu haben; auch wäre der Erfolg des erſteren nicht ganz ſicher geweſen; denn einer der Engländer kam bald aus dem Vorderkaſtell heraus, um im Freien zu eſſen, und er durfte leicht bemerkt haben, daß es nicht ganz gefahrlos ſei, alle Matroſen unten bleiben zu laſſen. — 374— Es war jetzt für unſere Abſichten hinreichend dunkel und ich begann ernſtlich über die beſte Verfahrungsweiſe nachzudenken, als plöͤtzlich ein ſchwerer Fall in das Waſſer gehört wurde und Marble's Stimme erſcholl: „Ein Mann über Bord!“ Sennit und ich liefen ſogleich in die große Takelage, wo wir eben noch den Hut des armen Burſchen ſehen konn⸗ ten, der, während das Schiff an ihm vorbei ſchäumte, muthig zu ſchwimmen ſchien. „Steuerbords das Ruder!“ brüllte Marble.„Eure Ruder, Steuerbords! Neb, dort an die Fockbraſſen,— helft hier, helft hier Koch! Capitain Wallingford, bitte, leiht uns Eure Hand am Steuer. Seht nach dem Boote, Herr Sennit; ich werde für die großen Raaen ſorgen.“ Alles dies war aber in dem Kopfe des Maats zum Voraus ganz regelmäßig ausgedacht geweſen. Auf dieſe Weiſe richtete er es nicht nur ein, daß alle unſere Leute ſich ſammelten, ſondern auch, daß ſie möglichſt fern von dem Boote waren. Das Ganze begab ſich ſo natürlich, daß nicht der entfernteſte Argwohn aufkommen konnte. Um Sennit Gerechtigkeit widerfahren zu laſſen, muß ich bemerken, daß er ſich bei dieſer beſondern Anſprache an ſeine Thätigkeit und Entſchloſſenheit ungemein gut benahm. Der Verluſt eines Mannes war für ihn ein ſehr bedeut⸗ ſames Begebniß; denn all ſein Thun und Gehaben neigte ſich der Sorge für die tüchtige Schiffsbemannung zu. Einen Mann retten, galt ihm eben ſo viel, als einen preſſen. So kam es, daß er zuerſt in dem Boote war. we — — 375— Während das Schiff„aus ſeiner Fahrt kam,“ war das Boot bereit und ich hörte Sennit Befehl geben, es in das Waſſer zu laſſen. Was uns Amerikaner betraf, ſo hatten wir alle Hände voll zu thun, um die großen Raaen raſch genug im Winde zu braſſen und hinterwärts die Bramraaen⸗Fallen wegzuſchaffen, damit die Spieren nicht Noth litten. Nach zwei Minuten glich aber die Daͤmmerung ſchon einem Roſſe, das ſeinen Reiter plötzlich abgeworfen, ſeine vorige Bahn verlaſſen hat und in rechten Winkeln über das Feld ſetzt, puſtend und die Luft in ſich ziehend. Nach vornen waren die Segel alle heraus, da aber die hintern Raaen vom Anfange her rechtwinklicht geſtellt waren, lagen ihre Segel back, und das Schiff zog langſam nach vornen, während die Wellen an ſeine Backen anſchlu⸗ gen, als wollten ſie es mahnen, anzuhalten. Ich ging nun nach hinten auf das Hackebord, um auszuſchauen, wie die Dinge ſich geſtalteten. Als ich eben den Spiegel erreichte, hörte ich Sennit die Leute ermuthi⸗ gen, ihre Ruder zu brauchen. Ich ſah, daß er ſechs ſeiner Leute bei ſich hatte, und es waren ohne Zweifel ſeine ſechs beſten Leute; denn die kühnſten und eifrigſten ſind bei ſolchen Gelegenheiten ſtets voran. Es war keine Zeit zu verlieren. Ich ſah mich nach Marble um. Er ſtand an meiner Seite; denn er hatte mich aufgeſucht, um meine Meinung zu hören. — 376— Wir traten von dem Manne an dem Steuer abſeits, um nicht belauſcht zu werden. „Jetzt iſt Eure Zeit gekommen, Miles,“ flüſterte der Maat und ließ, während er ſprach, eine meiner Piſtolen in meine Hand gleiten.„Der Maſter's Maat iſt ſo ſchläf⸗ rig wie ein Kellner um Mitternacht und ich kann mit ihm anfangen, was ich will. Neb hat ſeine Befehle und der Koch iſt willig und bereit. Ihr dürft nur das Wort laut werden laſſen und wir beginnen.“ „Es ſcheint nicht ſehr nöthig, Blut zu vergießen, Marble,“ antwortete ich.„Wenn Ihr das andere Piſtol habt, ſo braucht es nicht ohne die höchſte Noth; wir bedür⸗ fen ſeiner vielleicht gegen das Boot.“ „Boot?“ ſiel Marble ein.„Was haben wir jetzt noch mit dem Boote zu thun? Nein, nein, Miles, laßt dieſen Herrn Sennit nach England ſteuern, wo er zu Hauſe iſt. Nun, Diggins,“ ſetzte er hinzu,„wir wollen uns ſpu⸗ ten. Ich brauche ein freies Takel, das aus dem Vorder⸗ kaſtell heraus muß, wollt Ihr zwei oder drei Eurer Bur⸗ ſche vornen Befehl geben, hinab zu gehen und es mir her⸗ auf zu ſchaffen?“ „Hört Ihr, dort vorne,“ rief Diggins mit ziemlich ſchwerer Zunge.„Stolpert in das Vorderkaſtell hinab und bringt Herrn Marble das Takel herauf!“ Nun waren aber, außer dem Maſter's Maat ſelbſt und dem Manne am Steuer, nur noch drei Engländer an Bord. In Folge dieſes Befehls waren alle Drei ſofort in dem Vor klap meit wär ſein ſter' Eig Her wert zu Ihr und nich zut zu ein ein und bew See wele näh -— 372— Vorderkaſtell beiſammen. Marble ſchlug ruhig die Laken⸗ klappe zu, machte ſie feſt, befahl dem Koch, einen allge⸗ meinen Ausguck nach vornen zu halten, begab ſich ſpiegel⸗ wärts, als wenn gar nichts geſchehen wäre, und ſagte in ſeiner ruhigen Weiſe: „Das Schiff iſt wieder Euer, Capitain Wallingford!“ „Herr Diggins,“ ſagte ich, indem ich mich dem Ma⸗ ſter's Maat näherte,„da ich dieſes Schiffes, welches mein Eigenthum iſt, bedarf, ſo will ich, wenn Ihr es erlaubt, Herr, die Sorge dafür jetzt perſönlich übernehmen. Ihr werdet am Beſten thun, hinab zu gehen und es Euch bequem zu machen. Ihr findet dort guten Branntwein, ſo viel Ihr wollt, und könnt einen vergnügten Abend hinbringen und Euch ſchlafen legen, wann es Euch beliebt.“ Diggins war ein Thor und ein Narr, aber er war nicht feige. Sein erſter Entſchluß neigte offenem Kampfe zu und er begann damit, daß er ſeinen Leuten zuxief, ihm zu Hülfe zu kommen; ich machte der Sache aber ſchnell ein Ende, indem ich ihn am Kragen nahm und den Mann, ein wenig unhöflich, die Kampanje hinab warf. Eine halbe Stunde nachher war er ſtarr betrunken und ſchnarchte auf dem Kajüten⸗Boden. Der Mann an dem Steuer war jetzt allein noch zu bewältigen. Er war, wie es ſich von ſelbſt verſteht, ein Seemann, einer jener gelaſſenen, ruhigen, ordentlichen Leute, welche ſich gewöhnlich dem fügen, der die Macht hat. Ich näherte mich ihm und ſagte: — 378— „Ihr ſeht, wie die Sachen ſtehen, mein Burſche. Das Schiff hat wieder einen andern Herrn bekommeu. Was Euch betrifft, ſo ſollt ihr behandelt werden, wie Ihr es verdient. Bleibt an dem Steuer, und Ihr werdet eine gute Löhnung und Grog genug erhalten; zeigt Ihr Euch aber widerſpenſtig, ſo werdet Ihr Euch in Eiſen geſchmie⸗ det ſehen, ehe Ihr wißt, wo Ihr ſeid.“ „Gut, gut, Herr!“ antwortete der Mann, griff an ſeinen Hut und die Sache war abgethan. „Ein Burſche über Bord!“ rief Marble lachend.„Ich hätte ganz England in die See geworfen, wenn es noth⸗ wendig geweſen wäre und in meiner Macht geſtanden hätte; es war aber nicht nöthig, auch nur ein Kind über Bord zu werfen. Der Burſche, nach welchem ſie ſiſchen, iſt nichts anderes, als eines der Weifhölzer, an deſſen kleineres Ende ein Tiefloth gebunden iſt, während ein Preſenning an das größere geſtoppt wurde. Herr Sennit braucht ſich nicht ſehr zu beeilen, denn ich wette, ſein„Mann über Bord“ ſchwimmt ſo lange auf dem Waſſer, wie ſeine Jolle.“ Auf dieſe Weiſe war Marble's ganze Liſt erklärt, und ich geſtehe, daß mich dieſe Auskunft einer großen Laſt über⸗ hob. Abgeſehen von dem wohlthuenden Gedanken, keines Menſchen Leben geopfert zu haben, konnte dieſer Umſtand, wenn wir wieder in die Hände der Engländer fielen, was in der Lage, in welcher wir uns jetzt befanden, gar nicht unwahrſcheinlich war, von der höchſten Wichtigkeit für uns werden. im 2 der g bekar es w Win bema an e Rude mend laſſer Die Neb auf weile ſich eines „Me von glaul Wall wurd im Auge behalten. Vor Allem reeften wir die drei Bramſegel ein. Bei der geringen Mannſchaft, über welche ich zu verfügen hatte, bekam ich dadurch das Schiff mehr in meine Gewalt, und es wurde gefahrloſer für die Spieren, die Dämmerung im Winde zu halten. Als dies geſchehen war, ließ ich die Hinter⸗Braſſen bemannen und die ſtehenden Seiten ſo nahe als möglich an einander bringen. Es war Zeit, denn wir hörten die Ruder und jetzt kam mir das Boot zu Geſicht, das ſchäu⸗ mend an unſere Luvſeite heran flog. Alsbald gab ich Befehl, die hintern Segel füllen zu laſſen und das Schiff voll und dicht beim Winde zu halten. Die Braſſen waren, ſo gut es ſich thun ließ, von Marble, Neb und dem Koche bemannt, während ich meine Augen auf das Boot feſſelte und dem Manne an dem Steuer zu⸗ weilen einen Blick zuwarf. „Boot ahoy!“ rief ich aus, ſobald der Lieutenant ſich auf Anrufweite genähert hatte. „Ja, Boot ahoy!“ grollte Sennit's Stimme;„und eines Herrn Rücken wird für dieſen Kniff büßen. Der „Mann über Bord“ iſt nichts als eine verd— te Puppe von einem Weifholz mit einem Preſenning darauf. Ich glaube, Euer Maat hat uns dieſen Streich geſpielt, Herr Wallingford.“ „Mein Maat iſt der Sünde geſtändig, Herr; ſie wurde begangen, um Euch aus dem Schiffe zu bringen, Mittlerweile mußte ich aber das Boot und das Schiff — 380— während ich den Befehl über daſſelbe wieder übernahm. Die Dämmerung iſt nun von neuem in meiner Hand, Herr Sennit; und ehe ich Euch erlaube, wieder an Bord derſelben zu kommen, müſſen wir uns in dieſem Betreffe verſtändigen.“ Ein langſames, bedeutſames Pfeifen und einige halb unterdrückte Flüche ließen mir keinen Zweifel darüber, daß der Lieutenant nicht die entfernteſte Ahnung von der Wahr⸗ heit gehabt hätte, bis ſie ihm ſo plötzlich mitgetheilt wurde. Mittlerweile war das Boot unter unſern Spiegel ge⸗ kommen, wohin es gebracht worden war, um es anzuha⸗ ken; die Mannſchaft ſollte an den Taljen heraufſteigen. Dies machte mir jedoch wenig Sorge; denn, auf dem Hackebord ſtehend, war es mir leicht, jedem, der es in ſolcher Weiſe wagen würde, heran zu kommen, auf den Kopf zu ſchlagen. Um aber meiner Sache noch gewiſſer zu ſein, wurde Neb an das Ruder geſtellt und Marble nahm den engliſchen Matroſen nach vornen, um die Boi⸗ leinen einzuhohlen und die Ragen herzurichten. Auch das Schiff begann Fahrt zu machen, und ich warf Sennit das Ende einer untern Leeſegel⸗Fall zu, welche zu dieſem Zwecke nach hinten gebracht worden war, befahl ſeinem Manne am Bug, die Talje fahren zu laſſen, und nahm das Boot in einer ſichern Entfernung in's Schlepptau. Da Neb Befehl erhalten hatte, die ſtehenden Seiten luvwärts nahe zu halten, ging das Schiff eben raſch genug entlang, um, ohne jemanden zu gefährden, dieſen Plan in’s Werk zu ſetzen. — 381— „Ihr werdet nicht daran denken, Herr Wallingford, uns hier auf dem offenen atlantiſchen Meere, fünfhundert Meilen von„Land's End,“ ſchwimmen zu laſſen?“ rief Sennit endlich aus, nachdem er Zeit genug gehabt hatte, ſeinen Gedanken Gehör zu geben. „Je nachdem Ihr Euch benehmt, Herr. Ich möchte nicht, daß Euch perſönlich ein Leid widerführe; aber es liegt mir Alles daran, mein Schiff zu behalten. Die Nacht verſpricht gut zu werden und der Wind mäßigt ſich, ſo daß das Boot völlig ſicher iſt. Ich werde Euch anhohlen laſſen und Euch ein Nothſegel zuwerfen, womit Ihr Euch decken könnt, und Ihr werdet den Troſt haben, zu wiſſen, daß wir Wache halten, während Ihr Euch ruhig dem Schlafe überlaßt.“ „Ah, Herr, ich verſteh' Euch. Ein Hiob's⸗Troſt iſt dieß, da ich nicht glaube, daß Euch der Vortheil, welchen Ihr über uns davon getragen, entriſſen werden kann, bleibt mir keine andere Wahl, als mich zu fügen. Laßt uns mit dem Uebrigen auch einige Lebensmittel und Waſſer verab⸗ folgen; vor Allem aber nicht in dieſem Boote, und ſo weit von dem Lande, triftig werden.“ Ich verſicherte Sennit nochmals, daß für ihn geſorgt werden ſolle, und gab Befehl, ſeinen Wünſchen zu ent⸗ ſyrechen. Wir brachten das Segel in das Boot und ließen einen Brodkorb mit Brod, einen Sack mit Rind⸗ und Schweinefleiſch und ein Fäßchen Waſſer hinab. Ich traf alle dieſe Vorſichtsmaßregeln um ſo bereitwilliger, als ich nicht wußte, ob ich nicht gezwungen ſein könnte, das Boot — 382— abtreiben zu laſſen, und Niemand thut wohl gern einen ſolchen Schritt, ohne der Mannſchaft die möglich beſten Mittel zu ihrer Rettung zu laſſen. Ich muß Marble Gerechtigkeit widerfahren laſſen und hier bemerken, daß er bei dieſen Anordnungen ſich ſehr hülfreich erwies, obgleich er, wenn es ſich darum gehandelt hätte, entweder die ganze Priſen⸗Mannſchaft zu opfern, oder das Schiff zu verlieren, keinen Anſtand genommen haben würde, Großbritanien ſelbſt in die See zu verſenken, wenn etwas der Art möglich wäre. Ich war menſchlicher geſinnt und fühlte mein Herz erleichtert, als ich mich, nach einem Zwiſchenreiche von weniger denn zehn Stunden, wieder in dem Beſitze der Dämmerung ſah, ohne daß ein Blutstropfen vergoſſen worden war. Sobald alles Erforderliche an das Boot abgegeben war, trieb es faſt bis auf die ganze Länge der Leeſegel⸗ Fallen ſpiegelwärts ab. Eine ſolche Entfernung war für beide Theile ſicherer: für die Leute im Boote, weil die Gefahr, es möge unter das Schiff treiben, geringer war; und für uns, weil ſo die Möglichkeit abgeſchnitten wurde, die Engländer unſern Freundſchaftsdienſt erwiedern und ihrerſeits eine Ueberraſchung herbeiführen zu ſehen. So weit von dem Schiff entfernt, konnte das Boot nicht wohl verſuchen, uns zu entern, ohne daß wir es gewahr wurden und Zeit hatten, einen ſolchen Verſuch zu vereiteln. ſtan Dän mein mit chen ſchn gege mit ſchif uns wen Weg komt ein bedi Fünfzehntes Kapitel. Capitain. Was die betrifft, die wiſſen, was ſie uns Als Löſegeld zu zahlen haben,— wohl, So laßt von ihnen einen zieh'n;— Ihr kommt Sonach mit uns— und er mag gehn. Shakſpeare. Auf dieſe Weiſe, und gewiſſermaßen ohne allen Wider⸗ ſtand kam ich wieder in den Beſitz meines Schiffes, der Dämmerung. Es war aber jetzt, da das gute Schiff in meiner Gewalt war, keineswegs ſehr leicht zu ſagen, was mit ihm zu thun ſei. Wir waren gerade an dem Saume des Bereichs, wel⸗ chen die Kanal⸗Kreuzer inne hatten, und es wäre abge⸗ ſchmackt geweſen, einer ſolchen Menge von Schiffen ent⸗ gegen treten und ſich der Hoffnung hingeben zu wollen, mit heiler Haut davon zu kommen. Wir konnten allerdings auf zwanzig engliſche Kriegs⸗ ſchiffe ſtoßen, ehe wir einem zweiten Hurtig begegneten, der uns wieder gefangen nahm und nach Plymouth ſchickte, wenn Alles in der Ordnung und in dem gewöhnlichen Wege blieb; allein kein Kreuzer konnte an unſer Bord kommen, ohne daß er nach den Gründen fragte, warum ein ſo großes Schiff von einer ſo geringen Anzahl Hände bedient würde. — 384— Ueber Fragen dieſer Art hielten Marble und ich jetzt Rath; denn außer mir und dem Maate, der an dem Steuer ſtand, war Niemand auf der Schanze. Der Koch hielt auf dem Vorderkaſtell Ausguck. Die Engländer hatten ſich, auf meinen Befehl, an dem Fuße des großen Maſtes, wo man ſie im Auge hatte, niedergelegt; und Neb, der ſtets ſchlaffertig war, wenn ihn der Dienſt nicht in Anſpruch nahm, hielt an einem der Maſte ſein Schläſchen. „Wir haben das Schiff wieder, Moſes,“ begann ich, „und die nächſte Frage iſt, was wir mit demſelben thun werden?“ „Was anders, als es an den Ort ſeiner Beſtimmung führen, Capitain Wallingford? Was ſolltet Ihr ſonſt mit ihm thun wollen?“ „Ja, das iſt ganz gut, wenn wir es thun können. Es iſt aber nicht nur für vier Männer ſchwierig, ein Fahr⸗ zeug von fünfhundert Tonnen zu handhaben, ſondern wir haben auch ein Meer vor uns, welches mit engliſchen Kreu⸗ zern bedeckt iſt.“ „Was die vier Männer angeht, ſo gelten wir ohne alle Frage für acht. Ich wette, wir thun bei einer Bö eben ſo viel, als die acht beſten, welche aus den Küſten⸗ burſchen unſerer Tage ausgeleſen werden können. Die Leute find heutzutage bloße Kinder im Vergleiche mit denen, welche man in meiner Jugend antraf, Miles.“ „Weder Neb, noch der Koch, noch auch ich ſind Leute aus früherer Zeit; wir gehören gewiß der Gegenwart an; jetzt teuer hielt ſich, „ wo ſtets druch ich, thun nung mit nen. fahr⸗ wir dreu⸗ ohne Bö iſten⸗ Leute enen, Leute an; — 385— ſo könnten wir denn auch nur für drei gelten. Ich weiß, daß wir viel zu leiſten im Stande ſind; aber es dürfte ein Sturm kommen und uns lehren, wie unbedeutend wir ſind. Wie die Sachen ſtehen, ſind wir eben im Stanbe, bei einer Bö das Bramſegel zu beſchlagen, wobei Einer am Steuer bleiben, der Andere das Takelwerk laufen laſſen muß. Nein, nein, Moſes, wir müſſen zugeben, daß wir„kurzhändig“ ſind, wenn ich mich recht gelind ausdrücken ſoll.“ „Wenn Ihr in dieſer Weiſe verallgemeinert, Miles, mein lieber Junge, ſo muß ich zugeſtehen, daß Ihr recht habt. Wir können den Kanal hinaufſteuern, und es iſt zehn gegen eins zu wetten, daß wir auf einen Yankee ſtoßen, der uns ein paar Leute abtritt.“ „Es iſt zweimal wahrſcheinlicher, daß wir auf Schiffe des Königs Georg ſtoßen, welche unſere Ladung in's Auge faſſen und wiſſen wollen, was aus unſrer übrigen Mann⸗ ſchaft geworden iſt.“ „In dieſem Falle werden wir ihnen ſagen, die übrige Mannſchaft ſei gepreßt worden; ſie kennen ihre eigenen Kniffe viel zu gut, als daß ihnen ein ſolcher Einfall nicht ſehr wahrſcheinlich erſcheinen ſollte.“ „Kein Offizier würde ein Schiff von dieſer Größe lediglich der Handhabung ſeines Maſters, Maats, Kochs und eines Mannes überlaſſen, und wenn er ſelbſt in der Mannſchaft nur Ausreißer von ſeinem Bord gefunden hätte. In einem ſolchen Falle, und ſelbſt das Recht, aus fremden Schiffen überhaupt zu preſſen, zugeſtanden, würde es ſeine 211— 213. 5 Pflicht ſein, das Schiff gehörig bemannt in den Hafen zu ſchicken. Nein, nein, Moſes, wir müſſen allen Engländern jetzt weit aus dem Wege gehen, ſonſt laſſen ſie uns ſtets noch den Gang nach Plymouth machen.“ „Verwünſcht ſei die Höhle! Ich war während der Revolution als Gefangener darin, und möchte in meinem Leben ihr Geſicht nicht mehr ſehen. Sie haben ein Ding dort, welches ſie„Mühlen⸗Gefängniß“ nennen, und das Mehl, das ſie mahlen, iſt viel weniger nach meinem Ge⸗ ſchmack, als das, welches in Eurer Mühle zu Clawbonny gemahlen wird. Warum gehen wir nicht nordwärts herum? Auf jener Seite dürften nur wenige Kreuzer zu finden ſein.“ „Der Weg iſt zu lang, das Wetter könnte leicht dicker werden, und dann iſt die Küſte für uns zu gefährlich, Moſes. Wir haben nur zwiſchen zwei Auswegen zu wählen. Ent⸗ weder müſſen wir uns weſtwärts wenden und nach Hauſe zu kommen ſuchen, indem wir dem Glücke vertrauen, das uns vielleicht ein amerikaniſches Schiff in den Weg wirft, welches uns zu Hülfe kommt; oder wir müſſen geradezu nach Oſten ſteuern und in einen franzöſiſchen Hafen ein⸗ laufen, nach Bordeaux, zum Beiſpiel, wo wir entweder über unſere Ladung verfügen, oder eine neue Mannſchaft werben und den Hafen unſrer Beſtimmung aufſuchen können.“ „Dann verſucht das letztere mit aller Kraft. Bei dieſem Winde könnten wir im Laufe von zwei bis drei Tagen an das Land hinanrücken und aller Sorge überhoben wer⸗ den. Der Gedanke gefällt mir, und ich glaube, er läßt ſich durch Schi man beſch uns ſeite weſt wele noth recht der lich dies die brac wob ſah ſchli Ver hoh auf Ma wur n zu dern ſtets der inem ding das Ge⸗ onny um? in.“ icker oſes. Ent⸗ auſe das dirft, dezu ein⸗ beder chaft en.“ Bei agen wer⸗ ſich — 387— durchführen. Bordeaux wimmelt immer von amerikaniſchen Schiffen, und wenn man auf den Kaien umherlugt, muß man ſo viele Leute habhaft werden können, als man nur will.“ Nachdem wir uns noch eine Weile beſprochen hatten, beſchloſſen wir an dem Plane feſtzuhalten, und begaben uns ſofort an's Werk, demgemäß zu verfahren. Als wir beidrehten, war das Schiff auf der Backbord⸗ ſeite in den Wind gebracht worden und hatte ſich nord⸗ weſtlich geſtellt, ſtatt öſtlich, wie es der Curs forderte, welchen wir jetzt zu ſteuern wünſchten. Es war daher nothwendig, im Winde zu wenden und das Schiff in die rechte Richtung zu bringen. Dies war gar keine ſchwierige Schwenkung, und da uns der Engländer, anſcheinend mit dem beſten Willen, behülf⸗ lich ward, hatten wir unſern Zweck bald erreicht. Als dies vollbracht war, ſchickte ich den engliſchen Matroſen in die Kajüte, um Diggins Geſellſchaft zu leiſten, und wir brachten eine Deckwache, von zwei Mann jedes Mal, auf, wobei Marble und ich, jeder vier Stunden, den Dienſt ver⸗ ſah, wie wir es ehedem gethan hatten. Ich muß bekennen, daß ich dieſe Nacht nur wenig ſchlief. Drei⸗ oder viermal entdeckten wir, daß Sennit Verſuche machte, dicht unter dem Spiegel des Schiffes anzu⸗ hohlen, um uns zu überrumpeln; aber er fiel eben ſo oft auf die ganze Länge ſeines Schlepptaues zurück, ſobald er Marble's oder meinen Kopf über dem Hackebord anſichtig wurde. 25* — 388— Als der Tag graute, ward ich aufgerufen und ſtand auf dem Ausguck, während unſer Geſichtskreis ſich aus⸗ dehnte und es um das Schiff hell wurde. Die Hauptſache war, ſobald als möglich gewiß zu wiſſen, welche Schiffe in unſerer Nachbarſchaft hielten. Nur ein einſames Fahrzeug war ſichtbar. Es ſchien ein großes, dicht gereeftes Schiff zu ſein, welches ſüdoſt⸗ wärts abhielt. Indem wir auf unſerm eigentlichen Curs blieben, oder ein wenig nach oſtwärts ablenkten, konnte es nicht ſchwer ſein, ihm auf Anſprachweite nahe zu kommen. Da ich deutlich ſah, daß es kein Kriegsſchiff war, hatte ich meinen Plan ſchnell bereit. Als ich ihn Marble mittheilte, billigte ihn dieſer voll⸗ kommen, und wir trafen ſofort Maßregeln, ihn in's Werk zu ſetzen. Zuerſt befahl ich Sennit, welcher wach war,— wahr⸗ ſcheinlich hatte er die ganze Nacht nicht geſchlafen,— das Boot aufzuhohlen und eine der Boottaljen zu faſſen. Dies that er gern; denn er hoffte, er würde, auf Bedingungen hin, in das Schiff aufgenommen werden. Ich ſtand, um jedem Angriffe zuvorzukommen, auf dem Ausguck; denn ein Mann reichte vollkommen hin, um ein Dutzend Leute, welche nur„Hand über Hand“ an einem Tau heraufſteigen konnten, im Schach zu halten, während ſich Marble hinab begab, um nach den beiden Ehren⸗ männern zu ſehen, welche die ganze Nacht in der Kajüte geſchnarcht hatten. brach war. in d konn Herc ſaher auf da d fünf um daß würd aber war erwo und das führ melt abge und hoffe einer ſchien idoſt⸗ Curs te es men. te ich voll⸗ Werk ahr⸗ das Dies ngen dem ein nem rend ren⸗ jüte — 389— Nach einer Minute erſchien mein Maat wieder und brachte den Matroſen mit, welcher noch ganz ſchlaftrunken war. Dieſer Mann erhielt Befehl, die Talje zu faſſen und in das Boot nieder zu gleiten. Da er ſich nicht widerſetzen konnte und das Niederſteigen viel leichter war, als das Heraufklimmen, war dieſes Werk bald vollbracht, und wir ſahen uns eines Feindes mehr entledigt. Sennit begann nun Einwendungen zu machen und auf die Gefahr hinzuweiſen, in welcher das Boot ſchwebte, da das Schiff die ganze Zeit mit der Geſchwindigkeit von fünf bis ſechs Knoten durch das Waſſeer lief. Ich wußte aber, daß die Engländer zu gewandt waren, um unnöthigerweiſe Gefahr zu laufen, zu ertrinken, und daß ſie eher die Talje fahren, als das Boot ſinken laſſen würden. Es war eine bedenkliche Arbeit, ich geſtehe es; aber es gelang ihnen ungemein gut, die Gefahr zu beſeitigen. Mit Diggins hatten wir größere Laſt. Dieſer Burſche war in ſo hohem Grade betrunken geweſen, daß er, als er erwachte, kaum wußte, was ſich eigentlich begeben hatte und was er thun ſollte; und Marble ſchleppte ihn eher auf das Deck und nach hinten auf den Hackebord, als er ihn führte. Endlich brachten wir ihn dahin, und bald bau⸗ melte er an der Talje. Der Maſter's⸗Maat war aber ſo abgeſtumpft und kraftlos, daß er ſeinen Halt fahren ließ und in das Meer ſtürzte. Das Bad bekam ihm, wie ich hoffe, gut; er wurde von ſeinen Freunden gerettet; denn einer der Matroſen faßte ihn am Kragen und zog ihn in das Boot. Sennit benützte dieſen Umſtand und beſchwerte ſich von neuem, daß noch mehr Leute in das Boot abgegeben würden. Es war leicht zu ſehen, daß es eben ſo ſehr in ſeinem Intereſſe war, möglichſt Viele aus dem kleinen Boote zu bekommen, als es in dem meinigen war, alle Engländer in daſſelbe zu ſchaffen. „Um Gottes Willen, Capitain Wallingford, laßt es jetzt genug ſein, bitte, bitte,“ rief der Lieutenant auf die flehend⸗höflichſte Weiſe;„Ihr ſeht, wie die Sachen ſtehen, bei der Menge Leute, welche bereits an Bord ſind, können wir das Boot kaum vor dem Verſinken bewahren; hundert⸗ mal glaubte ich dieſe Nacht, es würde untergehen. Nichts kann Euch leichter ſein, als uns Alle an Euerm Bord unſchädlich zu machen; laßt uns nur in Euer Schiff treten.“ „Ich will Euch nicht in Eiſen ſehen, Herr Sennit; und damit erſpare ich mir die Nothwendigkeit, zu einer ſo unangenehmen Maßregel zu ſchreiten. Haltet daher an der Talje an; denn ich bin genöthigt, Euch ganz triftig fahren zu laſſen, wenn Ihr dem Befehle nicht gehorcht.“ Dieſe Drohung hatte den gewünſchten Erfolg. Einer. nach dem andern von den Matroſen wurde auf das Vor⸗ derkaſtell gebracht und in das Boot geſchickt. Gekochtes Fleiſch, Brod, Rum und Waſſer wurde den Engländern überliefert, und um ſie gegen jeden Unfall zu ſichern, ließ ich ihnen einen Compas und Sennit'’s Quadranten verab⸗ folgen. Das Letztere geſchah auf des Lieutenants dringende Bitte; denn er ſchien zu vermuthen, wir würden ihn in hvon rden. einem te zu änder ßt es if die tehen, ounen ndert⸗ bichts Bord ten.“ nnit; ter ſo n der riftig ht.“ Einer. Vor⸗ öchtes ndern ließ eerab⸗ gende i in — 391— dem geeigneten Augenblicke den Wellen ganz preisgeben, wie es auch meine Abſicht nicht anders war. Obgleich das Boot jetzt zwölf Mann faßte, war es doch in keiner Weiſe gefährdet; denn es war eine ſtarke, elaſtiſche ſechsrudrige Jolle, welche im Nothfalle zwanzig Mann faſſen konnte. Auch das Wetter ſah günſtig aus; denn der Wind war gerade eine gute Bram⸗Bö für ein Schiff, welches voll und dicht beim Winde ſteuerte. Der einzige Umſtand machte mir Unruhe, daß der Südweſtwind leicht Nebel bringen könnte, und daß das Boot auf dieſe Weiſe verloren gehen dürfte. Allein unſere Lage war der Art, daß wir etwas wagen mußten, und ich verfolgte daher ruhig meinen Plan. Sobald alle Engländer in dem Boote und gut ver⸗ proviantirt waren, fühlten wir uns behaglicher und konn⸗ ten uns freier in dem Schiffe bewegen und für daſſelbe die nöthige Sorge tragen. Der Mann an dem Steuer konnte ein Auge auf den Feind haben, denn die Dämmerung ſteuerte jetzt wie ein Lotſenboot. Neb wurde in die Höhe geſchickt, um alles Nöthige dort zu beſorgen; und als die Bramſegel gelöſt waren, wurden die Geitauen übergehohlt und die Segel beſchlagen. Ich that dies eher, um den Argwohn der engliſchen Schiffe, wenn ſie ein Fahrzeug unter ſo kurzem Segeltuche vor dem Winde ablaufen ſähen, nicht rege zu machen, als weil ich wünſchte, raſch voran zu kommen; denn wir gin⸗ gen bereits ſo ſchnell, daß wir aller Wahrſcheinlichkeit nach an dem andern Schiffe vorüber kamen, wenn wir unſern Curs nicht änderten, um mit ihm zuſammen zu treffen. Diogenes Billings, der Koch, hatte nun ein wenig Muße, um uns ein gutes Frühſtück zu bereiten. Wenn Herr Sennit noch lebte, müßte er uns das Zeugniß geben, daß wir ihn nicht vergaßen. Wir ſchickten der Bootsmann⸗ ſchaft ſtarken warmen Kaffe, gut gezuckert, und ihren gehö⸗ rigen Antheil an allem dem Behaglichen und Guten, was wir ſelbſt zu uns nahmen. Bei dieſer Gelegenheit ſchick⸗ ten wir ihnen auch die Maſten und regelmäßigen Segel des Boots, welches für zwei Spritſegel eingerichtet war. Mittlerweile war das fremde Schiff auf zwei Meilen an uns herangekommen und es war Zeit, zu handeln. Ich ſchickte Marble in die Höhe, um den Horizont zu unter⸗ ſuchen. Er kam mit dem Berichte zurück, es ſei ſonſt nichts zu ſehen. Dies war eine angenehme Nachricht. Ich begab mich alsbald auf den Hackebord, rief das Boot an und bat Sen⸗ nit, es nahe genug heranzuhohlen, um uns bequem zu beſprechen. Dies geſchah ſofort. „Herr Sennit,“ begann ich,„es iſt unerläßlich, daß wir uns hier trennen. Das Schiff, welches Ihr ſeht, iſt ein engliſches und wird Euch aufnehmen. Ich beabſichtige, es zu ſprechen, und werde Sorge tragen, daß es erfährt, wo Ihr zu finden ſeid. Wenn Ihr gerade oſtwärts abhal⸗ tet, ſtoßt Ihr auf Euern Landsmann, der Euch ohne Zweifel aufnehmen wird.“ nach hier preit leu End Pun Euch brin Sch Weſ Hau ſo v aus finde zu f jetzt zu lung Wo denr ſern enig henn ben, inn⸗ ehö⸗ vas jick⸗ egel w. ilen eln. ter⸗ onſt — 393— „Um des Himmels Willen, denkt einen Augenblick nach, Capitain Wallingford,“ rief Sennit,„ehe Ihr uns hier, tauſend Meilen von dem Lande, Wind und Wellen preisgebt.“ „Ihr ſeid gerade dreihundert ſechs und zwanzig Mei⸗ leu von Scilly entfernt und nicht viel weiter von Land's End, Herr Sennit, und der Wind„bläſt todt“ für beide Punkte. Dann iſt nicht zu zweifeln, daß Eure Landsleute Euch aufnehmen und Euch wohlbehalten in den Hafen bringen.“ „Ja, in einen der weſtindiſchen Inſeln; wenn jenes Schiff überhaupt ein engliſches iſt, ſo iſt's ein ferſenſchneller Weſtindienfahrer und nimmt uns gewiß nach Jamaica mit.“ „Nun, dann habt Ihr Gelegenheit, mit Muße nach Hauſe zurück zu ſegeln. Ihr hattet vor, mich faſt eben ſo weit aus meinem Curſe, oder wenn auch nicht ganz aus meinem Curs, doch um meine Zeit zu bringen. Ich finde ſo wenig Behagen an Plymouth, als Ihr an Jamaica zu finden ſcheint.“ „Das fremde Schiff kann aber ein franzöſiſches ſein— jetzt, da ich es näher ſehe, ſcheint es eine franzöſiſche Miene zu haben.“ „Wenn dies der Fall iſt, werdet Ihr eine gute Behand⸗ lung erfahren. Ihr werdet nur ſtatt Rindfleiſch einige Wochen Waſſerſuppe eſſen; aber hungern werdet Ihr nicht; denn die Franzoſen eſſen und trinken, wie es die Englän⸗ der thun.“ „Aber ihre Gefängniſſe, Capitain Wallingford. Dieſer Burſche, Napoleon, tauſcht in dieſem Kriege keine Gefan⸗ genen aus; und wenn ich nach Frankreich komme, bin ich ein verlorner Mann.“ „Und wenn ich nach Plymouth gekommen wäre, würde ich wahrſcheinlich auch ein verlorner Mann geweſen ſein.“ „Bedenkt, wir ſind doch am Ende demſelben Geblüte entſtammt, Sprößlinge eines und deſſelben Landes, eben ſo gut Landsleute, wie die Eingebornen von Kent und Suſſer, altſächſiſches Blut, Ihr, wie ich.“ „Ich dank' Euch, Herr; ich will die Verwandtſchaft nicht in Abrede ſtellen, da es Euch beliebt, ſie in Anſpruch zu nehmen. Ich wundere mich nur, daß Ihr das Schiff Eures Vetters nicht unangehalten vorüber gehen ließt.“ „Was konnte ich dafür, mein lieber Wallingford? Lord Harry iſt Edelmann und Capitain; was kann ein armer Teufel von einem Lieutenant, deſſen Patent noch nicht ein Jahr alt iſt, gegen etwas der Art verſuchen? Nein, nein, es ſollte zwiſchen zwei Geſellen, wie Ihr und ich, welche ihren Weg in der Welt zu machen haben, mehr Gleichgefühl und Kameradſchaft walten.“ „Ihr erinnert mich an die Nothwendigkeit, mich zu ſputen. Lebt wohl, Herr Sennit. Abgehauen, Moſes!“ Moſes gab den Leeſegel⸗Fallen einen Hieb, und die Dämmerung gleitete entlang und ließ das Boot auf den erſten freien Gang in See zwanzig Faden ſpiegelwärts auf den Wellen tanzen. — 395— Was Sennit ſagte, konnte ich jetzt nicht mehr hören; aber ich ſah deutlich, daß er mit dem Kopfe ſchüttelte und ſeine Fauſt ballte; ich zweifle jedoch nicht, daß er mich, wenn er mir irgend einen Namen nachrief, nicht„Gentle⸗ man“ nannte. Nach zehn Minuten war das Boot eine volle Meile ſpiegelwärts. Anfangs ſchien Sennit nicht geneigt, irgend etwas thun zu wollen; denn ſein Boot lag in dumpfer Stille bewegungslos auf dem Waſſer; bald kamen ihm aber klügere Gedanken; er ſetzte ſeine zwei Maſten ein und in weniger als zwanzig Minuten ſah ich ſeine Segel ſich blähen und das Boot lief, ſo gut es konnte, in das Fahrwaſſer des fremden Schiffes ein. Ich hatte, wie ich Sennit auch geſagt, urſprünglich die Abſicht, das Schiff anzurufen; allein ich ſah keine Wahrſcheinlichkeit vor, daß es ſeinen Curs ändern würde, um an dem Boote vorbeizukommen; ich änderte daher mei⸗ nen Plan und hielt etwa auf eine halbe Meile Entfernung gerade dwars von ſeinem Vorſteven ab. Ich hiſſte die Nankee⸗Flagge auf, und es erwiederte dies durch das Aufziehen der engliſchen Flagge. Wäre es aber ein franzöſiſches Schiff geweſen, ſo hätte dies mir keinen Unterſchied machen können; denn was konnte mir daran liegen, wenn meine früheren Gefangennehmer in Kriegsgefangenſchaft kamen? Sie hatten ſich auf meine Koſten gütlich thun wollen, und ich war nicht abgeneigt, mir auf ihre Koſten gütlich zu thun. — 396— Wir machten jetzt Anſtalten, Leeſegel beizuſetzen, obgleich es mir vorkam, als wünſche der Engländer mich zu ſpre⸗ chen. Ich wußte, daß er bewaffnet ſein mußte, und hegte nicht im Entfernteſten den Wunſch, ihm zu Gefallen zu ſein; denn es konnte ihm leicht in den Kopf kommen, wegen des Bootes Nachfrage anzuſtellen, welches ihm bald zu Augen kommen mußte, wenn er es nicht bereits geſehen hatte. Ich hatte die Gewißheit, daß die Dämmerung, ſo tief ſie auch ging, vier Fuß lief, wenn der Indienfahrer drei machte; und war ich einmal an ihm vorüber, ſo konnte ich, wollte er Jagd auf mich machen, ſorglos ſein. Der Engländer wurde des Bootes anſichtig, als wir etwa eine Meile auf ſeiner Leeſeite waren, und mit beige⸗ ſetzten untern und obern Leeſegeln volle acht Knoten in geradem öſtlichen Curs dahinging. Wir ſchloſſen dies aus dem Umſtande, daß er eine Göſch an dem Fock aufhiſſte. Von dieſem Augenblicke an war ich aller Sorgen um Sen⸗ nit und ſeine Priſen⸗Mannſchaft bar. gwanzig Minuten ſpäter ſahen wir das Schiff ſein großes Marsſegel back legen und mittels unſerer Gläſer konnten wir das Boot deutlich an ſeine Seite treten ſehen. Nach einigen Minuten wurde die Jolle auf das Deck des Schiffes gehiſſt und dieſes füllte ſeine Oberſegel wieder. Ich war neugierig, was nun folgen würde. Es wollte mich bedünken, als habe Sennit den Weſtindienfahrer bere⸗ det, auf uns Jagd zu machen; denn ſobald das Schiff wie⸗ eich pre⸗ egte zu nen, bald ehen tief drei unte wir eige⸗ n in aus iſſte. Sen⸗ ſein läſer ehen. k des er. vollte bere⸗ wie⸗ — 397— der im Gange war, hielt es mit Allem, was es nur tra⸗ gen konnte, auf uns ab.. Wir freuten uns ſehr, die freie Zeit benutzt zu haben, um vom Fleck zu kommen; denn als dieſe Jagd begann, hatten wir untere Leeſegel und Bramleeſegel heraus und ich war nicht ſehr in Beſorgniß, eingeholt zu werden. Um jedoch des Entrinnens gewiſſer zu ſein, ſetzten wir die Oberbramſegel noch bei. Als der Weſtindienfahrer ſeine Jagd begann, waren wir etwa zwei Stunden vor unſerm Verfolger voraus. Weit entfernt, dieſen Zwiſchenraum zu mindern, kamen wir allmählig, obgleich der Jäger Oberbramleeſegel führte, zu einem Vorſprung von drei Stunden und konnten nun gewiß ſein, daß er uns nichts anzuhaben vermöchte. Der Maſter des fremden Schifſes ſah bald das Vergebliche ſei⸗ nes Vorhabens ein, nahm ſeine leichten Segel herein, hohlte wieder bei dem Winde an und führte die Priſen⸗ Mannſchaft auf einem England entgegengeſetzten Wege mit ſich davon. Ich erfuhr ſpäter, daß Sennit und ſeine Gefährten nach einer angenehmen Fahrt von nur ein und zwanzig Tagen die Inſel Barbadoes glücklich erreichten; ihre Rück⸗ reiſe wird ohne allen Zweifel nicht ſo kurz geweſen ſein, denn ich verſicherte mich, daß ſechs Monate ſpäter noch keiner der ehemaligen Priſen⸗Mannſchaft ſich in England gezeigt hatte. Wir hatten nun das Schiff wieder in unſrer Gewalt, t — 398— obgleich die Mannſchaft ſehr zuſammengeſchmolzen war. Die Stunden des Tages waren die des Schlafs; wir löſten einander an dem Steuer ab, und die, welche den Dienſt nicht hatten, pflegten zu ſchlafen, wenn ſie ſich nicht bei dem Eſſen gütlich thaten. Um ſechs Uhr des Abends aber waren Alle zur Hand, und wir machten unſere Vorberei⸗ tungen für die Nacht. Der Wind war zu dieſer Zeit ſtätig und günſtig, der Horizont jeder Art Schiffe klar und die Hoffnung auf eine angenehme Nacht ziemlich zuverſichtlich. Die Fahrt wäh⸗ rend dem Laufe des Tages war hundert vollen Meilen gleich, und ich ſchlug die Entfernung bis Breſt auf weni⸗ ger denn vierhundert Meilen an. Wenn ich mich dem Lande mehr näherte, konnte ich mich immer noch für jeden fran⸗ zöſiſchen Hafen entſcheiden, der zwiſchen Cherbourg und Bayonne lag. „Nun, MNoſes,“ ſagte ich zu meinem alten Freunde und Schiffsgenoſſen, als wir den Geſichtskreis in das Auge gefaßt hatten,„dies iſt eine hoffnungsvolle Ausſicht. So lange der Wind ſich auf dieſer Seite hält, werden wir gute Fahrt machen, und wenn wir wohlbehalten in den Hafen kommen, werde ich dieſen Aufenthalt nicht bereuen; denn das Gefühl, etwas ſo Tüchtiges und überdies ſo wacker gethan zu haben, hat in meinen Augen wenigſtens eben ſo viel Werth, als es nur irgend eine Berückſich⸗ tigung des Gewinnes haben kann. Was Herrn Sennit betrifft, ſo denke ich, er ſteht jetzt ſechzig bis achtzig Meilen nach ſeinen was habe fahre halte eher Sorg nur welch ſten wißt von als keinen Auch merk Tage Stell dert gerad zu br Arbe der eine äh⸗ ilen eni⸗ inde an⸗ und inde uge So wir den hen; ſo teens ich⸗ nnit ilen — 399— nach Südweſtwärts hin, und wir ſind auf dieſer Reiſe ſeiner los und bar.“ „Angenommen, er ſtößt auf den Hurtig und berichtet, was ſich begeben hat, Miles?“ verſetzte der Maat.„Ich habe über dieſe Möglichkeit nachgedacht. Der Weſtindien⸗ fahrer kann gerade auf den Kreuzbezirk der Fregatte ab⸗ halten und mit ihr zuſammenkommen. Wir wollen nicht eher jubeln, als bis wir der Löwengrube fern genug ſind.“ „Dieſe Gefahr liegt ſo fern, daß ſie mir nicht viel Sorge machen ſoll. Ich beabſichtige, ſo raſch als wir nur können gegen das Land zu ſteuern, und dann zu ſehen, welcher Art ſich der Wind geſtaltet, um in einen der näch⸗ ſten Häfen einzulaufen. Wenn Ihr einen beſſern Plan wißt, Moſes, ſo habt die Güte zu ſprechen.“ Marble ſtimmte bei; ich fühlte aber, daß er ſich der von ihm erwähnten Beſorgniſſe nicht eher ganz entſchlug, als bis der nächſte Morgen kam. Der junge Tag brachte keinen Wechſel und ließ uns fortwährend„eine klare See.“ Auch machten wir dieſen Tag und die kommende Nacht merkwürdig Fahrt; denn als ich am Mittage des dritten Tages nach der Wiederwegnahme der Dämmerung unſere Stellung berechnete, ergab ſich, daß wir gerade ein hun⸗ dert und vier Meilen ſüdöſtlich von Ushant waren. Der Wind ſprang jedoch ſchnell um und kam jetzt gerade leicht aus Nordoſten. Wir machten uns ſämmtlich fertig die Leeſegel herein zu bringen, aufzubraſſen und hinten anzuhohlen,— eine Arbeit, welche faſt zwei Stunden hinnahm. — 400— Wir waren in der That ſo eifrig beſchäftigt und hat⸗ ten wenig oder keine Zeit, Ausguck zu halten, ſo daß ich eben nicht ſehr überraſcht war, als der Koch rief: „Schiff, ho!“ Ich war beſchäftigt, die große Raa auszurüſten, als dieſe Melduug geſchah, und als ich aufblickte, ſah ich einen Logger, welcher bereits auf einen langen Kanonenſchuß an uns herangekommen war, gerade auf die Dämmerung ab⸗ halten. Ich vergewiſſerte mich ſpäter, daß dieſes Fahr⸗ zeug, welches uns herannahen ſah, wie die Schlange im Graſe, unter nackten Maſten ſtill gelegen hatte, bis es uns nahe genug glaubte, um die Jagd auf uns zu beginnen. Ich gewahrte auf den erſten Blick mehrere wichtige Umſtände. Erſtens war der Logger ohne alle Frage ein franzöſi⸗ ſches Schiff; zweitens war es ein Kreuzer,— gleichviel ob Staats⸗ oder Privat⸗Kreuzer; und drittens war ein Entrinnen unter allen Umſtänden ſchwierig, unter den ob⸗ waltenden aber unmöglich. Warum ſollten wir aber vor dieſem Schiffe flüchten? Amerika war mit Frankreich in Frieden; wir hatten Frank⸗ reich eben Louiſiana abgekauft und fünfzehn Millionen Dollar dafür bezahlt, wodurch wir nicht nur dieſes Gebiet in unſere Hände bekamen, ſondern es auch aus den Hän⸗ den John Bull's brachten. Die Franzoſen und wir waren, wie es hieß, die beſten Freunde. Dann hatte ſich die Däm⸗ merung erſt vor wenigen Tagen aus engliſchen Krallen — 401— losgemacht;— gewiß, der Logger mußte uns jede Hülfe, deren wir nur bedürfen konnten, angedeihen laſſen. „Es iſt ein franzöſiſches Schiff, ich wette tauſend Dollar, Moſes,“ rief ich aus und ſenkte nach dem erſten ſcharfen Ausguck auf den Fremdling mein Glas.„Wenn wir zwei Punkte weghalten, können wir es in fünfzehn Minuten ſprechen.“ „Ja, ein franzöſiſches Schiff!“ verſetzte der Maat; „aber den Blitz auf alle dieſe Burſche; ich hätte am lieb⸗ ſten mit keinem dieſer Schelme etwas zu thun. Ich will Euch ſagen, wie es ſich verhält, Miles; wir leben jetzt in entſittlichenden Zeiten, und das Meer wimmelt nach und nach von ſo vielen Van Taſſel, daß ich fürchte, Euch und mir ergeht es gerade, wie der lieben, guten, alten Seele, meiner Mutter, und der kleinen Kitty; man wird uns aus unſerm guten Rechte herausſchrecken, oder, wenn auch nicht gerade heraus ſchrecken, doch mit Gewalt heraustreiben.“ „Diesmal iſt wenig davon zu fürchten, Moſes; das Schiff iſt franzöſiſch— wir ſind für einen franzöſiſchen Hafen beſtimmt— der Maſter wird keinen Anſtand neh⸗ men, uns ein halbes Dutzend Matroſen zu leihen, um uns entlang zu helfen.“ „Ja, und das halbe Schiff und die halbe Ladung als Bergelohn zu nehmen! Ich kenne dieſe Seeräuber und Ihr ſolltet ſie, denk' ich, auch kennen, Miles; denn es ſind erſt zwei oder drei Jahre vergangen, ſeit Ihr ein Kriegsgefangener der Schelme war't. Dies war ein ent⸗ 211— 213. zückendes Gefühl, eine entzückende Lage, ſollte ich faſt glauben!“ „Die Zeiten haben ſich geändert, Moſes, und ich will dem Wechſel kein Mißtrauen entgegenſetzen. Halte das Schiff ab, Neb— ſo! auf des Loggers Fockmaſt los⸗ geſteuert— ſo wird's gehen!“ Dieſe Befehle brachten natürlich die beiden Schiffe bald Seite an Seite. Als der Logger herankam, bemerk⸗ ten wir, daß es ein ſtarkes, aber leicht zu handhabendes Schiff von ſechzehn Kanonen und, wie es ſchien, voll bemannt war. Es hiſſte, auf die Entfernung einer halben Meile, ſeine dreifarbige Flagge auf,— ſeiner Beute gewiß, wenn wir uns als eine Priſe ergeben ſollten. Wir zeigten ihm natürlich die Sterne und Streifen, indem wir dachten, er würde ſie als Freund behandeln. Die beiden Schiffe hatten nicht lange beigedreht, als man Anſtalten zum Anrufe traf. „Vas für ein Schiff das?“ fragte einer in gutem gebrochenem Engliſch. „Die Dämmerung— von Neu⸗York— darf ich nach dem Namen Eures Loggers fragen?“ „Le Polisson— Corsair Frangais— vas Ihr ladet, he?“ „Zucker und Kaffe und Cochenille und einige wenige andere Artikel.“ 92 plait? 24 daher, 7 ein we 7 fallen 3 nieder des Lo Spieg der Fr ſeine I ungezr ich ber thun waren engliſe 2 gepfro waren bekann korb a T ich fa ſt und ich Halte aſt los⸗ Schiffe bemerk— abendes n, voll Meile, „wenn en ihm dachten, ht, als gutem ch nach s Ihr wenige „Peste! vohin Ihr beſtimmt, Monsieur, s'il vous plait?“ „Hamburg!“ „Diable!— dies iſt nicht der Veg. Vo kommt Ihr daher, Herr, mit dem Vind nach Südveſt?“ „Wir wollen in Breſt einlaufen, da wir der Hülfe ein wenig bedürftig ſind.“ „Ihr vollen Bergegeld geben, he! Parbleu, den Ke⸗ fallen können vir Euch ſo kut thun, wie jeder handere.“ Ich erhielt nun, nach Kaper⸗Weiſe, Befehl, ein Bovt nieder zu laſſen und mich mit meinen Papieren an Bord des Loggers zu begeben. Als ich bemerkte, ich hätte kein Spiegel⸗ oder Seitenboot, das ich herablaſſen könnte, gab der Franzoſe ſein Erſtaunen zu erkennen, ſchickte mir aber ſeine Jolle herüber. Mein Empfang an Bord des Poliſſon war ziemlich ungezwungen. Der Capitain empfing mich perſönlich und ich bemerkte auf den erſten Blick, daß ich mit Leuten zu thun hatte, welche auf die offene See herausgekommen waren, um ſich zu bereichern, während die Furcht vor den engliſchen Gefangenſchiffen ihnen ſtets vor Augen ſchwebte. Man lud mich nicht in die Kajüte ein,— eine voll⸗ gepfropfte, dunkle, ſchmutzige Höhle; denn die Franzoſen waren zu jener Zeit wegen der Unſauberkeit ihrer Schiffe bekannt,— ſondern bot mir einen Sitz auf einem Hühner⸗ korb an, wo ich meine Papiere vorzeigte. Da Alles hinſichtlich meines Beilbriefs, Verladungs⸗ 26* — 404— manifeſts und Zollſcheins in der Ordnung war, bemerkte ich, daß Monſieur Gallois nicht in einer abſonderlich guten Laune zu ſein ſchien. Er hatte einen Burſchen, welchen ich für einen landesflüchtigen Engländer hielt, bei ſich, um ihm bei der Unterſuchung behülflich zu ſein; ich muß jedoch hinzufügen, daß ich nicht beſtimmt erfahren konnte, wer der Mann ſei, da er nie in meiner Gegenwart ein Wort laut werden ließ. Die beiden beriethen ſich längere Zeit abſeits, nachdem ſie die Papiere auf das genaueſte durch⸗ forſcht hatten, ob ſich nichts verdächtiges finde. Jetzt nahete ſich Monſieur Gallois wieder und nahm das Geſpräch abermals auf. „Varum habt Ihr kein Boot, Herr?“ fragte er. „Ich verlor mein Boot vor drei Tagen, ungefähr hun⸗ dert Meilen ſüdweſtwärts.“ „Es nicht ſchlecht Vetter geweſen ſein! Varum habt Ihr nicht mehr marins in Euer Schiff— he?“ Ich ſah wohl, daß es das Gerathenſte ſein würde, alsbald Alles der Wahrheit gemäß zu erzählen. Denn wenn ich von dieſem Logger je Hülfe erhalten ſollte, ſo mußte ich die Begebniſſe doch früher oder ſpäter darlegen. Ich erſtattete daher dem Franzoſen und ſeinem engliſchen Ge⸗ fährten einen vollſtändigen Bericht von dem, was zwiſchen uns und der Fregatte vorgefallen war. Nach dieſer Erzählung hielten Monſteur Gallois und ſein Freund abermals Rath. Dann wurde das Boot wie⸗ der bemannt und der Capitain des Loggers begab ſich, von ſe der De meine zeugte 8 des B mein Aber oder z war o wande umſch punkt, gefaß abſeite 7 leid, ſen pi könnt Krieg die A. Euer liches ſehr d vous! nalſch wo ic emerkte ) guten velchen ch, um jedoch e, wer Wort re Zeit dur ch⸗ nahm . r hun⸗ habt würde, wenn mußte . Ich n Ge⸗ viſchen s und t wie⸗ ſich, von ſeinem geheimen Rathe und mir begleitet, an Bord der Dämmerung, wo eine ziemlich oberflächliche Unterſuchung meine Beſucher von der Wahrheit meiner Erzählung über⸗ zeugte. Ich geſtehe, daß ich von einem Franzoſen ein Wort des Beifalls über die gehäbige Weiſe erwartete, wie ich mein Schiff aus den Händen der Philiſter gerettet hatte. Aber nichts der Art. Allerdings war Herrn Gallois ein oder zwei Mal ein ausdrucksvolles„bon“ entſchlüpft; es war aber augenfällig, daß er viel ſchärfer nach einem Vor⸗ wande, uns für ſeine Priſe zu erklären, als nach Gründen umſchaute, unſer Benehmen zu loben. Jeder neue Geſichts⸗ punkt, welchen der Vorfall darbot, wurde eifrig ins Auge gefaßt und eine neue Berathung mit dem Engländer fand abſeits ſtatt. „Herr,“ ſagte Monſieur Gallois,„es thut mir ſehr leid, aber Euer Schiff iſt ein bon Priſe. Ihr ſeid gewe⸗ ſen prisonnier der Engländer, der Feinde Frankreichs, und könnt Euch nicht ſelbſt kapern. PAmérique iſt nicht im Krieg— iſt neutral, wie Ihr ſelbſt ſagen müßt,— und die Americains können nicht machen die Priſe. Ich betrachte Euer Schiff, Monſieur, als ein in engliſchen Händen befind⸗ liches Fahrzeug und werde mich deſſelben bemächtigen. Ich ſehr das bedauern müſſen, Monſieur,— mais, que voulez- vous? der Kaper muß thun ſein Pflicht, wie das Natio⸗ nalſchiff es thun muß. Ich werde Euch nach Breſt ſchicken, wo ich, wenn Ihr nicht par un décret verkauft werdet, — 4⁰06— mich glücklich ſchätzen werde, Euch votre bätiment zurück⸗ zugeben.— Allons!“ Dies wäre eine verwünſchte Entwickelung der Sache! Ich ſollte gekapert werden, weil ich gekapert worden war!„Einmal Korporal, immer Korporal!“ Weil die Engländer mein Schiff genommen hatten, wollten es die Franzoſen nehmen. Weil man heute eine Priſe geweſen, muß man morgen wieder eine Priſe ſein! Ich habe immer gedacht, dieſer Vorfall mit der Dämmerung ſei in der lan⸗ gen Reihe von Unbilden die erſte geweſen, welche kraft dieſes Grundſatzes der amerikaniſche Handel ſpäter zu dulden hatte; denſelben ein wenig mehr ausgedehnt und vielleicht kräfti⸗ ger gehandhabt, hätte zuletzt ganz Europa— auf dem Pa⸗ piere— in Belagerungszuſtand erklärt und die offenen Meere mit Beſchlag belegt. Ich wußte, wie vergeblich es ſei, mit einem habſüch⸗ tigen Kaper hadern zu wollen. Mag er mich in den Hafen ſchicken, dachte ich; dies war ja gerade mein Wunſch; bin ich einmal darin, ſo iſt es des Geſandten Sache, mich„klar zu machen.“ Der Burſche wird vor ſeiner eigenen Habſucht gewarnt werden und ich gewinne in dem Grade dabei, als er der verlierende Theil ſein wird. Ich glaube, Monſieur Gallois ſah die Sache mit ganz andern Augen an; denn er zeigte ſich ungemein geſchäftig und eifrig, eine Mannſchaft von nicht weniger als ſiebzehn Seelen, groß und klein, an unſer Bord zu ſchicken. that Cige volle laſſu Sch was verle in d ware zurück⸗ Sache! orden heil die es die eweſen, immer er lan⸗ dieſes hatte; kräfti⸗ m Pa⸗ offenen abſüch⸗ e ich; darin, ichen.“ ewarnt er der he mit chäftig leebzehn — 407 Ich ſah dieſen Vorbereitungen ſchweigend zu, und ſo thaten Neb und Diogenes. Marble aber ſteckte ſich eine Cigarre an, ſetzte ſich auf das Bratſpil und blieb in würde⸗ vollem Zorne ſitzen, bereit, bei der erſten beſten Veran⸗ laſſung loszubrechen, und doch beſorgt, er möchte aus dem Schiffe geſchickt werden, wenn er die Hälfte deſſen verrieth, was er fühlte. Keiner von uns mußte jedoch das Schiff verlaſſen; denn die Franzoſen wollten ſich wahrſcheinlich in dem engen Raume, in welchen ſie ſelbſt eingezwängt waren, nicht noch mit mehr Gäſten belemmern. ——ͤͤͤſͤſſſſſ