— ———— Leiybibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von.„ Eduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibl iothek ſteht zur Em⸗ Pfananahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von J Norgens 7 Ühr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Pesobreis. Bei R ückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommien, 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —-———— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. „ 3 2 3—„ 4 2 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Gcher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene ünr deferte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß d Ladenpreis öt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, verr lorene oder defecte Buch ein Theil eines rößeren Werkes, ſo iſt der eeſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ——— —— J. F. Cooper'’'s ſaäaͤmmtliche Werke. 187ſtes— I189ſtes Bändchen. Das Irrlicht oder der Kaper. Zweiter Theil. —— Frankfurt am Main, 1843. Druck und Verlag von Johann David Sauerländer: Das Irrlicht oder der Kaper. e Von James Fenimore Cooper. Aus dem Engliſchen überſetzt. Zweiter Theil. —.— Frankfurt am Main, 1843. Druck und Verlag von Johann David“ Sanerländer. Erſtes Kapitel. Schlaf' in der See— o ſchlaf' in Ruh'! In Schlummer ſingt die Welle dich;— Sein ſüßes Wort hörſt nimmer du, Noch drängt er an dein Herze ſich; Vergiß ſo Glück wie Leid, die er dir gab— Die kühle Meerestiefe iſt ſein Grab. Dana. Einen langen Sommerabend blieb die Leiche Fran⸗ cesco Carraccioli's an dem Raa⸗Arme der Minerva hän⸗ gen, ein empörendes Schauſpiel für ſeine Landsleute und für die meiſten Fremden, welche Zeugen ſeines Endes geweſen; dann wurde ſie in ein Boot niedergelaſſen, die Füße mit Kugeln beladen, eine oder zwei Stunden weit in den Golf hinausgefahren, und in das Meer geworfen. Die empörende Weiſe, wie ſie, vierzehn Tage ſpä⸗ ter, ſich über die Oberfläche der See hob und ihren Mördern darſtellte, iſt in die Geſchichte übergegangen, und gibt bis auf den heutigen Tag eines der Wunder ab, weiche die Unwiſſenden und Leichtgläubigen jener Gegend erzählen*). *) So ſeltſam auch dieſes Begebniß iſt, und ſo peinlich es für alle Die geweſen ſein muß, welche an dem Urtheilſpruche Theil hat⸗ ten, ſo erklärt es ſich doch aus den einfachſten natürlichen Grün⸗ Was Ghita betrifft, ſo verſchwand ſie, Niemand wußte, wohin; denn Vito Viti und ſein Gefährte waren zu ſehr mit der Schreckensſcene beſchäftigt, um die zart⸗ ſinnige und beſonnene Weiſe zu beachten, mit welcher Raoul ſie von einem Schauſpiele entfernte, welches für ein Weſen in ihrer Lage nur grauenvoll ſein konnte. Cuffe blieb nur wenige Minuten länger; dann ließ er ſeine Bootsleute die Ruder heben, und eilte an Bord der Proſerpina. Eine halbe Stunde nach der Hinrich⸗ tung hatte dieſe Fregatte die Anker gelichtet, und dann ſah man ſie vor einem leichten Winde, von oben bis unten mit Segel bedeckt, aus dem Golfe gehen. Wir verlaſſen ſie für den Augenblick, um zu der Geſellſchaft in der Jolle zurückzukehren. Weder Carlo Giuntotardi noch Ghita Carraccioli, den. Jeder animaliſche Stoff ſchwillt im Waſſer auf, ehe er in Verweſung übergeht. Ein Körper, welcher in dieſer Art ſich zu ſeiner doppelten Größe ausdehnt, nimmt ganz natürlich den doppelten Raum der gewöhnlichen Waſſermenge ein, während das Gewicht der Maſſe daſſelbe bleibt. In der Regel bleibt der Menſch in ſeinem natürlichen Zuſtande ſo lange über dem Waſ⸗ ſer, als ſich Luft in der Lunge befindet; folglich kann er in die⸗ ſer Lage eine ſo große Laſt Eiſen mit ſich an die Oberfläche des Waſſers bringen, als der Unterſchied zwiſchen ſeiner eigenen Schwere und der des Waſſers ausmacht, deſſen Stelle er ein⸗ nahm. Die aufrechte Stellung, in welcher ſich Carraccioli über dem Meere zeigte, iſt den an ſeinen Füßen befeſtigten Kugeln zuzuſchreiben, von denen ſich auch wahrſcheinlich einige losge⸗ macht hatten Der Verfaſſer. —— — denn ſo müſſen wir fortwährend das Mädchen nen⸗ nen, obgleich ein ſo erlauchter Name ihrer ärmlichen Lage im Leben kaum angemeſſen ſein mochte,— wir ſagen, weder Carlo noch ſeine Nichte hatten, als ſie den unglücklichen Admiral, aufſuchten, eine andere Abſicht, als dem nachzukommen, was ſie für ihre Pflcct hielten. Sobald Carraccioli's Schickſal entſchieden war, wollten Beide zu ihrer früheren Lebensweiſe zurückkehren; nicht als hätten ſie ſich geſchämt, ihr Verhältniß zu dem Todten einzugeſtehen, ſondern weil ſie alles jenes weltlichen Ehr⸗ geizes baar waren, welchen Rang und Reichthum für unerläßlich hält, um glücklich zu ſein. Als Raoul ſich aus dem Gedränge der Boote entfernt hatte, ruderte er auf die Felſen zu, welche in der Nähe der Gärten von Portici die Küſte des Golfs begrenzen. Dieſe Stelle war von dem gewöhnlichen Ankerplatze ent⸗ fernt genug, um unbeachtet zu bleiben, und doch ſo nahe, daß man in weniger als einer kleinen Stunde dahin kommen konnte. Wie das leichte Boot dahin gleitete, gewann Ghita allmählig ihre Faſſung wieder. Sie trocknete ihre Thrä⸗ nen und blickte fragend um ſich, als wundere ſie ſich, wohin ihr Begleiter ſie führen wolle. „Ich will Euch nicht fragen, Raoul, warum Ihr in einem ſolchen Augenblicke hier ſeid, und woher Ihr ge⸗ kommen,“ ſagte ſie;„aber ich darf fragen, wohin Ihr uns bringt? Wir wohnen zu St. Agatha, auf den Höhen jenſeit Sorrento, auf der andern Seite des Golfs. Wir pflegen dort jährlich einen Monat bei der Schweſter meiner Mutter hinzubringen, welche dies als einen Be⸗ weis unſerer Liebe fordert.“ „Wenn ich nicht dies Alles gewußt hätte, Ghita, würde und könnte ich nicht hier ſein. Ich beſuchte heute das Haus Eurer Tante, folgte Euch nach Neapel, hörte von des Admirals Verhör und Verurtheilung, fühlte, wie nahe dies Euerm Herzen gehen müſſe, entdeckte Euch an Bord des engliſchen Admiralſchiffes, und erwartete Euch da, wo Ihr mich fandet, nachdem es mir vorher gelungen, Euern Bootsführer wegzubringen. Alles dies hat ſich ſo natürlich ergeben, wie das Gefühl, das mich veranlaßte, mich wieder in den Rachen des Löwen zu wagen.“ „Der Krug geht ſo oft zum Brunnen, Raoul, bis er zerbricht,“ ſagte Ghita nicht ohne Vorwurf, obgleich es ihre Kräfte überſtieg, ihren Worten nicht einen zärt⸗ lichen Beilaut zuzugeſellen. „Ihr wißt Alles, Ghita. Nach Monaten treuer Beharrlichkeit und einer Liebe, wie ſelten ein Mann ſie gefühlt, weigertet Ihr Euch entſchloſſen und kalt, meine Gattin zu werden, ja, Ihr verließet Monte Argentaro abſichtlich, um meiner Bewerbungen los zu werden; denn dorthin konnte ich mit meinem Logger jeden Augenblick kommen; Ihr habt dieſen Golf, der von Engländern und andern Feinden Frankreichs wimmelt, zu Euerm Aufenthalte gewählt, weil Ihr glaubtet, ich würde mich nicht hierher wagen. Nun, Ihr ſeht, was Ihr gewon⸗ nen habt; weder Nelſon, noch ſeine Zweidecker können Raoul Yvard von dem Weſen fern halten, das er liebt, wie ſiegreich und klug auch dieſer Engländer ſein mag.“ Der Seemann hatte ſeine Ruder ſinken laſſen, um ſeinen Gefühlen in dieſen Worten Luft zu machen; denn die beiden jungen Leute betrachteten die Anweſenheit Car⸗ lo's nicht anders, als ob er einen Theil von ihnen aus⸗ machte. Dieſe Gleichgültigkeit gegen die Anweſenheit einer dritten Perſon bei ihren Unterhaltungen war eine Folge der Gewohnheit; denn der würdige Gelehrte und Glaubenseiferer war gewöhnlich zu abgezogen, um auf ſo leichte Dinge, wie Liebe und jugendliche Zärtlichkeit, Acht zu haben. Ghita fand weder in den Vorwürfen ihres Bewer⸗ bers, noch in ſeinem Beharren etwas Ueberraſchendes; ihr Gewiſſen ſagte ihr, daß er nur die Wahrheit geſagt habe, indem er ihr beimaß, ihren Oheim aus dem ange⸗ gebenen Grunde veranlaßt zu haben, ihren Aufenthalts⸗ ort zu ändern; denn während ein Gefühl der Pflicht ſie drängte, die Thürme zu verlaſſen, reichte ihre Kunſt nicht aus, einen andern Wohnort aufzufinden, als den, welchen ſie von Zeit zu Zeit zu beſuchen pflegte, und von dem Raoul aus ihren eigenen argloſen Erzählungen beinahe eben ſo viel wußte, wie ſie ſelbſt. „Ich kann nicht mehr ſagen, als ich bereits geſagt — 10— habe,“ antwortete das Mädchen gedankenvoll, nachdem Raoul wieder zu rudern angefangen hatte.—„Es iſt in jeder Hinſicht beſſer, wenn wir uns trennen. Ich kann meiner Heimath nicht entſagen, und Ihr werdet Euch nie von jener ruhmwürdigen Republik trennen wollen, auf welche Ihr ſo ſtolz ſeid. Ich bin Italienerin und Ihr ſeid Franzoſe, und was mehr als alles iſt, ich ver⸗ ehre meinen Gott, während Ihr den neuen Anſichten Eurer Nation anhängt. Dies ſind gewiß Gründe genug zur Trennung, ſo freundlich und günſtig wir auch viel⸗ leicht im Allgemeinen von einander denken.“ „Man ſpreche mir nicht mehr von dem Herzen der Italienerin und von ihrer Bereitwilligkeit, mit dem Manne ihrer Wahl bis an das Ende der Welt zu fliehen!“ rief Raoul bitter.—„Ich will tauſend Mädchen in Languedoe finden, welche eher jährlich die Reiſe um die Welt machen, als ſie ſich einen Tag von dem Seemanne trennen, welchen ſie ſich zum Gatten gewählt.“ „Dann ſeht Euch unter den Schönen von Langue⸗ doc nach einem Weibe um,“ antwortete Ghita mit einem ſchwermüthigen Lächeln, das ihre Worte der Unwahrheit zieh.—„Ihr nehmt Euch beſſer eine Gattin aus Eurer Heimath und von Euern Anſichten, als daß Ihr Euer Glück mit einer Fremden auf das Spiel ſetzt, die viel⸗ leicht allen Euern Erwartungen nicht entſpricht, wenn Ihr ſie näher kennen lernt.“ „Wir wollen jetzt nicht weiter davon ſprechen, liebſte — 11— Ghita; meine erſte Sorge muß ſein, Euch in das Haus Eurer Tante zurückzubringen— Ihr müßtet Euch denn ſofort in dem Feu-Follet einſchiffen und nach den Thür⸗ men zurückkehren wollen.“ „Das Feu-Follet?— Es wird doch nicht hier, inmitten einer Flotte ſeiner Feinde liegen?— Bedenkt, Raoul, daß Eure Leute ſich endlich beſchweren werden, wenn Ihr ſie zu oft ſolchen Gefahren ausſetzt, um Euern Launen zu genügen.“ „Peste!— Ich halte ſie mit reichen Priſen bei guter Laune. Das Glück war ihnen hold, und was jenen Nelſon dort beliebt und zu einem berühmten Manne macht, das macht Raoul Yvard auch, wenn gleich in kleinerm Maßſtabe, beliebt und zum großen Manne. Meine Mannſchaft iſt wie ihr Capitain— ſie liebt die Abenteuer und hat es gern, wenn das Glück ihr lächelt.“ „Ich ſehe den Logger nicht,— unter hundert Schif⸗ fen entdecke ich keine Spur des Eurigen!“ „Der Golf von Neapel iſt groß, Ghita,“ antwortete Raoul lachend,—„und Le Feu-Follet nimmt nur wenig Raum weg.— Seht— jene Linienſchiffe ſcheinen Nußſchalen zu ſein, im Vergleiche mit den ſtolzen Bergen dort und mit der großen Ausdehnung des Golfes; Ihr könnt alſo nicht erwarten, daß mein kleiner Logger hier viel Aufſehen mache. Wir ſind klein, Ghita mia, wenn nicht unbedeutend.“— „Wo ſo viele wachſame Augen ſind, Raoul, da iſt auch immer Gefahr. Ueberdieß iſt ein Logger ein Fahrzeug von ungewöhnlicher Takelage, wie Ihr ſelbſt mir oft geſtanden habt.“ „Hier, unter allen dieſen öſtlichen Fahrzeugen nicht. Ich habe ſtets gefunden, daß es das deſte iſt, ſich in das Gedränge zu miſchen, wenn man unbeachtet bleiben will; während der am offenen Tageslicht lebt, der in einem Dorfe wohnt. Wir wollen jedoch von dieſen Dingen ſprechen, wenn wir allein ſind— jener Fiſcher iſt bereit, uns zu empfangen.“ Die Jolle war jetzt der Küſte nahe, wo ein kleines Boot lag, in welchem ein einzelner Fiſcher ſaß. Dieſer Mann faßte ſie, als ſie heran kamen, ſcharf in das Auge, und als er Raoul erkannte, nahm er ſeine Linien(Taue) zuſammen und ſchickte ſich an, ſeinen Dregg zu heben. Nach wenigen Minuten lagen die beiden Boote Seite an Seite, und erſt jetzt erkannte Ghita, obgleich in Folge ſeiner meiſterhaften Verkleidung nicht ohne Schwierigkeit, unſern Neu⸗Hampfhirer, Ithuel Bolt. Wenige Worte reichten hin, den Amerikaner mit Allem bekannt zu machen, was er wiſſen mußte, worauf die Geſellſchaft ſich zur Abreiſe anſchickte. Die Jolle, welche Raoul auf dem Sande liegen ge⸗ funden und ohne Erlaubniß an ſich genommen hatte, be⸗ feſtigte er in der vollen Erwartung, ihr rechter Eigen⸗ thümer werde ſie früher oder ſpäter finden, während die Fracht derſelben an Bord des Bootes gebracht wurde, das zu dem Logger gehörte. Es war ein leichtes, raſch gehendes kleines Boot, bewundernswürdig gebaut und für Raoul's Zwecke ganz geeignet; überdies brauchte es nur zwei gute Ruder, deren eines Raoul ſelbſt zu führen unternahm, während Ithuel das andere handhabte. Fünf Minuten nach dem Zuſammentreffen ſtieß die Geſellſchaft ſchon wieder von dem Lande ab, hielt in ſtracker Linie quer durch den Golf auf das ſüdliche Vor⸗ gebirg ab und bewegte ſich in dem ſtetigen, raſchen Gange von Leuten, welche an dieſe Arbeit gewöhnt waren. Es gibt wenige Theile des Meeres, wo ein einzel⸗ nes Schiff oder Boot ſo wenig beachtet wird, wie in dem Golfe von Neapel. Dies gilt von allen Zeiten des Tages und des Jahres; denn der erhabene Maßſtab, in welchem die Natur dieſes Rundgemälde geſchaffen, macht gewöhn⸗ liche Gegenſtände vergleichsweiſe unſcheinbar und unbe⸗ deutend, während das ſtete Hin⸗ und Herwogen, die ewige Bewegung— eine Folge der ungeheuern Men⸗ ſchenmenge, welche ſich ſtets an der reichen Küſte drängt, den Golf nach allen Richtungen mit Booten bedeckt, faſt wie die Straßen einer Stadt von Fußgängern wimmeln. Der Augenblick, von welchem wir reden, hatte überdies Alles in Bewegung geſetzt, und Raoul ſchloß richtig, wenn er ſich inmitten einer ſolchen Scene für ſicherer hielt, als auf einem kleineren und weniger beſuchten Theile der Bucht. Natürlich mußte er, ſo lange er dem Molo, oder dem gewöhnlichen Ankerplatze nahe war, durch ein — 12— Gedränge von Fahrzeugen aller Art; war er aber aus dieſem Gedränge heraus, ſo machte es die Ausdehnung des Golfes ſehr leicht, ohne auffallende Bemühung unan⸗ genehmen Begegnungen auszuweichen, während ein ein⸗ zelnes Boot, mochte es eine Richtung nehmen, welche es wollte, keinen Argwohn erregen konnte. Man konnte ſo wenig daran denken, ein Fahrzeug, dem man, ſelbſt inmitten des Golfs, begegnete, zu unterſuchen, als es Jemand einfallen würde, einen Fremden auszufragen, den man auf dem Marktplatz findet. Alles dies wußten und kannten Raoul und Ithuel zumal, und als ihr Boot einmal im Gange war, fühlten ſie eine Sicherheit, welche ihnen in den letzten vier bis fünf Stunden nicht immer inne gewohnt hatte. Die Sonne hatte ſich unterdeſſen geneigt, obgleich man noch, wie ſich Raoul überzeugte, den Körper an dem Fockraa⸗Arm der Minerva hängen ſehen konnte— ein Umſtand, auf welchen der junge Mann aufmerkſam zu machen ſich wohlbedacht hütete. Die Proſerpina war ſeit einiger Zeit in Bewegung, und hielt, unter einer Wolke von Leinwand, aber bei einem ſo leichten Winde, von der Flotte ab, daß die kleine Jolle Raoul's ihr näher rücken konnte, obgleich beide ihren Vordertheil in derſel⸗ ben Richtung gewendet hatten. Eine Strecke nach der andern flog auf dieſe Weiſe zurück, bis die Dunkelheit einbrach. Der Mond ging nun auf, und wenn der Golf nun nicht mehr ſo klar da lag, ſo war er doch kaum weniger — 15— geheimnißvoll und lieblich, als in den Stunden des ſtär⸗ keren Lichtes. Dieſe Bai weicht in der That, in Folge der Ausdehnung ihrer Küſten, der Höhe ihrer Berge, der Schönheit ihrer Gewäſſer,— welche die tiefblaue Farbe des grundloſen Meeres haben,— und der Milde der Atmosphäre darin von der allgemeinen Regel ab, daß ſie von dem Tage alle die ſanften, träumeriſchen Reize leiht, welche man an andern Orten den Täu⸗ ſchungen der Nacht und dem ſanfteren Glanze des Mon⸗ des dankt. Raoul ſtrengte ſich nicht ſehr am Ruder an, und da er hinten ſaß, mußte Ithuel ſich nach ſeiner Bewe⸗ gung richten. Er fand es ſo angenehm, Ghita auf ſei⸗ nem Elemente bei ſich zu haben, daß er nie beeilt war, wenn er ſich ihrer Geſellſchaft erfreute. Die Unterhal⸗ tung war, wie man ſich wohl denken kann, nicht lebhaft; aber die gedämpfte Trauer in Ghita's Stimme, wenn ſie dann und wann eine Bemerkung hinwarf oder eine ſeiner Fragen beantwortete, klang in ſeinen Ohren lieblicher als die Töne der Muſikchöre, welche nun von den Schif⸗ fen über das Waſſer zu ihnen herſchallten. Mit der vorſchreitenden Nacht wurde der Landwind ſtärker und die Proſerpina konnte wieder raſcher gehen. Als das Boot etwa zwei Drittheile der Entfernung zwi⸗ ſchen den beiden Vorgebirgen des Golfes hinter ſich hatte, faßte die Fregatte die ſtärkere Strömung, welche quer ab von der Campagna, zwiſchen dem Veſuv und den Bergen hinter Caſtelamare, kam, und trieb raſch nach vornen. Ihre Segel waren alle, wie die Seeleute ſagen, einge⸗ ſchlafen, oder nach außen geſchwellt, ohne ſich zu ſchließen; und ihre Segelgeſchwindigkeit betrug fünf bis ſechs(eng⸗ liſche) Meilen in der Stunde. So ward ihr es möglich, Hand⸗über⸗Hand, wie man es nennt, an das Boot heranzukommen, und Ghita wendete, auf Raoul's Geheib das Steuer ſeitwärts, um der mächtigen Maſſe, welche heran kam, aus dem Wege zu kommen. Es ſchien faſt, als ſei etwas Abſichtliches in dieſem ſo nahen Heran⸗ rücken der Fregatte; denn ſie machte eine Wendung gegen die Jolle, um das furchtſame Mädchen am Steuer zu ſchrecken und ſie zu veranlaſſen, die Pinne fahren zu laſſen. „Fürchtet nichts,“ rief Griffin, auf Italieniſch herab, „wir wollen Euch ein Tau zuwerfen. Haltet bei und faßt die Linie.— Ausgeworfen!“ Man warf ein dünnes Tau aus; es fiel über Ithuels Kopf nieder und der Amerikaner konnte nicht weniger thun, als es faſſen. Bei all' ſeinem Haſſe gegen die Engländer überhaupt, und gegen dieſes Schiff im Beſon⸗ dern, hatte dieſer Allerweltsmenſch die müheſparende Neigung ſeiner Landsleute, und der Gedanke überkam ihn, es ſei nicht übel, das Anerbieten anzunehmen, und „ein Schiff des Königs“ einem feindlichen Kaper hülf⸗ reich werden zu laſſen. Da er die Linie mit beſonderem Geſchick handhabte, war die Jolle bald an der Seite der Fregatte vertaut; — E— Raoul faßte das Steuer und gab dem Boote die Wen⸗ dung, welche nothwendig war, es zu hindern, entlang zu dreggen. Dieſer Wechſel der Dinge kam ſo plötzlich und unerwartet, daß Ghita leiſe ihre Mißbilllgung ausſprach; er ſollte ſie aber den wahren Charakter ihres Gefährten kennen lehren. „Fürchte nichts, Liebſte,“ ſagte Raoul;„ſie kön⸗ nen nicht ahnen, mit wem ſie es zu thun haben; und wir erfahren vielleicht etwas Dienliches bei dieſer Gele⸗ genheit. Auf jeden Fall iſt in dieſem Augenblicke das Irrlicht vor ihren Anſchlägen ſicher.“ „Seid ihr Bootsleute von Capri?“ rief Griffin, welcher an dem Hackebord des Schiffes, mit Cuffe und den zwei Italienern an der Seite, ſtand, und die Fra⸗ gen ſeines Capitains überſetzte. „S'nore, sip“ antwortete Raoul, indem er die Mundart der Gegend, ſo gut er konnte, nachahmte und ſeine volle melodiſche Stimme durch einen lauten ſchril⸗ len Ton zu entſtellen ſuchte:„wir ſind Bootsleute von Capri, und gingen mit Wein nach Neapel, wo wir durch das Schauſpiel an dem Raa⸗Arme der Minerva länger aufgehalten wurden, als wir dachten. Cospetto! dieſe Signori machen nicht mehr Umſtände mit ſo einem Principe, als wir auf unſerer kleinen Inſel mit einer Wachtel, wenn ihre Strichzeit kommt.— Verzeiht, liebſte Ghita, aber wir müſſen ihnen Sand in die Augen ſtreuen.“ 187— 189. 2 — 18— „Iſt in den letzten vier und zwanzig Stunden ein fremdes Schiff um Eure Inſel geſehen worden?“ „Der Golf wimmelt von fremden Schiffen, S'nore, — denn ſeit dem letzten Handel mit den Franzoſen kom⸗ men ſelbſt die Türken, um uns zu beſuchen.“ „Nun, die Türken ſind jetzt ſo gut Eure Bundes⸗ genoſſen, wie wir Engländer. Habt Ihr ſonſt keine frem⸗ den Schiffe geſehen?“ „Wie man ſagt, S'nore, liegen auch Schiffe aus dem Norden vor der Stadt,— Ruſſen heißt man ſie, glaube ich.“ „Auch ſie ſind Bundesgenoſſen,— ich aber meine, feindliche Schiffe. Hat ſich in den letzten Tagen nicht ein Logger vor Eurer Inſel ſehen laſſen, ein franzöſiſcher Logger?“ „Ja, ja,— ich weiß jetzt, was Ihr meint, S'nore. Ein Schiff, wie das, von welchem Ihr ſprecht, war aller⸗ dings vor der Inſel; denn ich habe es mit meinen eize⸗ nen Augen geſehen,— si, si! Es war gegen drei und zwanzig Uhr geſtern Abend,— ein Logger,— und wir ſagten Alle, nach ſeinem gottloſen Ausſehen müſſe es ein Franzoſe ſein.“ 4 „Raoul!“ ſagte Ghita, als wollte ſie ihm ſeine Unbeſonnenheit vorwerfen. „Dies iſt der beſte Weg, ſie zu umnebeln,“ antwor⸗ tete der junge Mann.„Ohne allen Zweifel haben ſie von uns Kunde erhalten, und indem man ihnen frei her⸗ r⸗ ie — 19— aus etwas von der Wahrheit ſagt, darf man hoffen, daß ſie mehr Unwahrem Glauben ſchenken.“ „Ach, Raoul,— es iſt ein trauriges Leben, wenn man gezwungen iſt, die Unwahrheit zu ſagen.“ „Kriegsliſt, Liebſte,— Kriegsliſt! Ohne ſie würden wir von dieſen engliſchen Schurken bald übertölpelt wer⸗ den.— Si, si, S'nori!— ſo haben wir Alle in Betracht ſeines Ausſehens und ſeiner Takelage geſagt.“ „Wollt Ihr Euer Boot hier entlang wenden und zu uns an Bord kommen, Freund?“ fragte Griffin.— „Wir haben hier einen Ducaten, welcher eines Eigen⸗ thümers baar iſt, und ich denke, er paßt eben ſo gut in Eure Taſche, wie in die eines Andern. Wir wollen Euch vornen, vor der Laufplanke, anhohlen.“ „O Raoul,— laß dir eine ſolche Unbeſonnenheit nicht in den Sinn kommen!“ flüſterte Ghita:„der Vice⸗ Statthalter oder der Podeſta könnten dich erkennen, und dann wär' Alles verloren.“ „Fürchte nichts, Ghita,— eine gute Sache und eine ſcharfe Zunge werden mir durchhelfen,— während jetzt das geringſte Zaudern uns leicht verderben könnte. Dieſe Engländer bitten erſt, und dann nehmen ſie ohne zu bitten, wenn man nein ſagt. Cerpo di Baccol Wer hat jemals gehört, daß ein Lazzarone einen Ducaten ver⸗ ſchmäht hätte?“ Raoul flüſterte nun Ithuel einige Worte zu, und 2* 20 da das Boot unterdeſſen weit genug nach vornen gekom⸗ men war, wendete er es der Seite des Schiffes entlang und kletterte raſch, wie eine Katze, die Klampen hinauf. Gewiß hatte keine Seele an Bord dieſer ſchönen Fregatte die entfernteſte Ahnung von dem wahren Charakter des Mannes, der nun zuverſichtlich auf ihre Schanze kam. Der junge Mann ſelbſt liebte die Erregung eines ſolchen Abenteuers, und das Vertrauen auf das Gelingen wurde durch den Umſtand erhöht, daß kein anderes Licht, als das des Mondes, da war. Auch die Segel warfen ihre Schatten auf das Deck, und endlich war keiner der beiden Italiener ein Hexenmeiſter im Entdecken von Betrug und Liſt, wie er aus Erfahrung wußte. Die Nachtwache war bereits ausgeſtellt, und Win⸗ cheſter, der ſeinen Dienſt wieder angetreten hatte, hielt das Sprachrohr, während Griffin keinen andern beſtimm⸗ ten Dienſt in dieſem Augenblicke hatte, als den eines Dolmetſchers. Zwei oder drei Kadetten lungerten auf der Schanze; da und dort ſah man einen Matroſen auf den Fallen der Raaen oder auf einem Krahnbalken, um einen Ausguck zu nehmen; zwanzig bis dreißig alte See⸗ hunde ſchritten, mit verſchlungenen Armen oder die Hände in den Taſchen, auf den Laufplanken oder der Campanje hin und her, und ein ſcharfblickender, rüſtiger Quartier⸗ meiſter ſtand neben dem Manne am Steuer und ſtudirte den Gang des Schiffes. Die übrige Mannſchaft der Wache hatte ſich zwiſchen den Kanonen oder unter den Bäumen ———S„„ —„ — 21— eingeſtaut, dienſtbereit oder, die Wahrheit zu ſagen, ſchlaf⸗ trunken. Cuffe, Griffin und die beiden Italiener ſtiegen von dem Hackebord herab und harrten des angeblichen Lazza⸗ rone oder Bootsmannes von Capri, für welchen er nun galt, in der Nähe des Spiegels des Schiffes. In Folge einer Uebereinkunft unter ihnen übernahm Vito Viti das Sprecheramt, und Griffin überſetzte dem Capitain ſogleich halbleiſe Alles, was geſagt wurde. „Kommt hierher, Freund,“ begann der Podeſta in einem ſchutzverheißenden, aber etwas ſtolzen Tone;„die⸗ ſer großmüthige, edle engliſche Capitain, Sir Cuffe, hat mich erſucht, Euch dieſen Ducaten zu ſchenken, um Euch zu beweiſen, daß er von Euch nicht mehr verlangt, als er Euch bezahlen will. Ein Ducat*) iſt viel Geld, wie Ihr wißt, und guter Lohn will gute Dienſte.“ „S'nore, si; Eure Eccellenza ſagt die Wahrheit; ein guter Ducato will gewiß gute Dienſte.“ „Bene. Nun ſagt dieſen Signori Alles, was Ihr von jenem Logger wißt; wann Ihr ihn geſehen habt, wo Ihr ihn geſehen habt, und was er im Schilde führte. Sucht mit Faſſung zu ſprechen, und ſagt uns Eins nach dem Andern.“ *) Ein neapolitaniſcher Silberducato hat 80 Grane, der goldene Ducato oder die Zechine beträgt etwas mehr als zwei amerika⸗ niſche Dollars. Man bot Rapul einen Silberducaten. Der Verfaſſer. — 22— „S'nore, si. Ich will bei Faſſung zu bleiben ſuchen und Euch nie mehr, als Eins auf einmal ſagen. Ich glaube, Eccellenza, ich ſoll damit anfangen, wo ich den Logger geſehen; dann ſoll ich ſagen, wann ich ihn geſehen, und darauf wünſcht Ihr zu wiſſen, was er im Schilde führte. Ich glaube, ſo hattet Ihr die Sache geordnet, S'nore.“ „Sehr richtig; antwortet in dieſer Reihenfolge, und Alles wird gut gehen. Zuerſt ſagt mir, ſprechen alle Bewohner der Inſel Capri dieſe Art Italieniſch, wie Ihr, Freund?“ „S'nore, si, obgleich ich ſagen muß, daß meine Mutter eine Franzöſin war, und ich, wie die Leute be— haupten, etwas von ihr gefangen habe. Wir bekommen alle etwas von unſern Müttern, Eccellenza; und es iſt nur Schade, daß wir nicht mehr davon behalten.“ „Sehr wahr, Freund; aber nun zu dem Logger. Vergeßt nicht, daß dieſe ehrenwerthen Herren hören wol⸗ len, was Ihr wißt; macht Euch daher Ehre und bleibt bei der Sache, und nur die Wahrheit geſprochen, um Gotteswillen?“ „Alſo, S'nore, das erſte war, wo ich ihn geſehen— meint Eure Eccellenza, wo ich zu jener Zeit geiweſen bin, oder wo der Logger war? „Wo der Logger war, Burſche. Glaubſt du, Sir Cuffe bekümmere ſich darum, wo du den Tag hinbringſt?“ „Nun, dann, Eccellenza, der Logger war vor der — 23— Inſel Capri, an der dem Mittelländiſchen Meere zunächſt gelegenen Seite, welche, wie Ihr wißt, S'nore, die dem Golf entgegengeſetzte Seite iſt— und ſo nahe, daß man ſagen kann, er war vor dem Hauſe von Giacomo Al⸗ berti— weiß die Eccellenza etwas von dem Hauſe, das ich meine?“ „Nein, nein;— aber erzählt Eure Geſchichte nur ſo, als wenn ich Alles wüßte. Solche Einzelnheiten geben einer Erzählung erſt den wahren Werth.— Wie weit war er von dem nächſten Land ab? Dieſen Punkt gebt uns an, wenn Ihr Euch deſſen erinnert.“ „Nun, Eccellenza, wenn man die Entfernung jetzt mäße, ſo glaube ich, der Logger war ſo weit— nicht ganz, S'nore, denn ich ſage etwa— etwa ſo weit, wie von des beſagten Giacomo's größtem Feigenbaume bis zum Weingarten Giovanni's, des Vetters ſeiner Frau. — Si, ich glaube, das wird die Entfernung ſein.“ „und wie weit mag das wohl ſein„Freund? Sei genau, denn viel kann von deinen Antworten abhängen.“ „S'nore, dies mag ein klein wenig weiter ſein, als von der Kirche zu der Treppe, die nach Ana Capri führt.“ „Cospetto!— du wirſt, wenn du ſo fortfährſt⸗ deinen Ducato raſch verdienen! Nenn' uns die Strecke in Meilen! war der Logger ein, zwei, drei, zehn, oder zwanzig Meilen von Eurer Inſel, als du ihn ſahſt?“ „Eccellenza, Ihr habt mir geſagt, von der Zeit ſollte ich als dem zweiten Punkte ſprechen, wenn ich von — 214— dem wo als dem erſten geſprochen hätte. Ich wünſche es gern ſo zu machen, wie es Euch beliebt, S'nore.“ „Nachbar Vito Viti,“ fiel der Vice⸗Statthalter ein,„es dürfte gerathen ſein, daran zu denken, daß diefe Sache nicht ſo umſtändlich und regelrecht protokollirt zu werden braucht, wie Ihr die Geſtändniſſe eines Diebs zu Papier bringt; vielleicht iſt es das Beſte, den ehrli⸗ chen Bootsmann ſeine Geſchichte nach ſeiner Weiſe er⸗ zählen zu laſſen.“ „Nun, jetzt, da der Viſchi an's Werk geht, hoffe ich, wir erfahren ſo viel, als unſer Geldſtück werth iſt,“ bemerkte Cuffe auf Engliſch.. „S'nori,“ ſagte Raoul,„es ſoll gerade ſo kommen, wie Eure Eccellenze ſagen. Der Logger, von welchem wir ſprechen, war geſtern Abend vor unſerer Inſel und hielt gen Iſchia ab, welche Inſel er im Laufe der Nacht erreicht haben muß, da von drei und zwanzig Uhr bis fünf Uhr der Ländwind günſtig war.“ „Das ſtimmt mit unſerer Nachricht hinſichtlich der Zeit und des Ortes überein,“ bemerkte Griffin;„bei⸗ neswegs aber in Bezug auf die Richtung, in welcher der Korſar ſteuerte. Wie man uns ſagte, ſegelte er vielmehr um das ſüdliche Vorgebirg und dem Golfe von Salerno zu.“ Raoul bebte, und dankte in dem Herzen ſeinem guten Geiſte, der ihn an Bord der Fregatte geführt, denn aus jenen Worten ergab ſich deutlich, daß ſeine Feinde nur zu genau von ſeinen neuerlichen Bewegungen —dN — 25— unterrichtet waren. Er hegte jedoch noch Hoffnung, im Stande zu ſein, ihre Pläne zu vereiteln und ſie auf eine falſche Fährte zu führen. „S'nori,“ ſagte er,„ich möchte den wohl kennen, der Süd⸗Oſt mit Nord⸗Weſt verwechſelt. Keiner Eurer Piloten oder Bootsleute, denk' ich, känn einen ſo alber⸗ nen Mißgriff machen. S'nore, Ihr ſeid ein Offizier und verſteht Euch auf dergleichen. Erlaubt mir die Frage, ob Iſchia nicht nordweſtlich von Capri liegt?“ „Es wäre thörig, dies in Zweifel ziehen zu wollen,“ verſetzte Griffin;„und es iſt eben ſo wahr, daß der Golf von Salerno ſüdöſtlich von beiden liegt.“ „Da ſeht Ihr's!“ fiel Raoul ein, und ſpielte die Ueberhebung pöbelhaften Triumphes recht gut;„ich wußte wohl, daß Eure Eccellenza auf den erſten Blick das Ab⸗ geſchmackte der Behauptung herausfinden würde, ein Schiff, das in der Richtung von Capri nach Iſchia ſteht, könne einen anderen, als den nordweſtlichen Curs halten.“ „Daran zweifelt aber Niemand, amico. Wir ken⸗ nen alle die Lage dieſer Inſeln genau, und wiſſen, daß die ganze Küſte dort hinab dieſe Richtung einhält; die Frage iſt aber, welchen Weg der Logger geſteuert ſei?“ „Eccellenza, ich glaubte, ich hätte ſchon geſagt, er ſei gegen Iſchig hin gegangen,“ antwortete Raoul mit der harmloſeſten und unſchuldigſten Miene. „Wenn dem ſo iſt, ſo ſteht Eure Nachricht in offen⸗ barem Widerſpruche mit der, welche der gute Biſchof — 26— Eurer eigenen Inſel dem Admirale zukommen ließ. Ich will keine ſeiner Wachteln mehr eſſen, wenn ich glaube, er habe uns täuſchen wollen; und es iſt nicht leicht anzu⸗ nehmen, daß ein Mann, wie er, nicht Nord von Süd zu unterſcheiden wiſſe.“ Raoul verwünſchte bei ſich die ganze Prieſterſchaft, eine Klaſſe Menſchen, welche, wie er nicht ganz mit Un⸗ recht annahm, ſich gegen Frankreich verſchworen zu haben ſchien. Es war jedoch nicht zuläſſig, in ſeinem angenom⸗ menen Charakter dies laut werden zu laſſen, und er that, als hörte er, wie Leute dieſer Klaſſe wohl zu thun pflegen, aufmerkſam auf einen Ausſpruch, welcher von ſeinem geiſtlichen Vater kam. „Nord von Süd, Eccellenza? Monſignore verſteht ſich auf viel mehr, als auf dies, wenn man die Wahr⸗ heit ſagen darf; ich darf aber doch annehmen, daß dieſe edeln Signori mit einer großen Schwäche dieſes hoch⸗ würdigen Herrn bekannt ſind?“ „Nein— keiner von uns hatte, ſo viel ich weiß, je die Ehre, in ſeiner Geſellſchaft zu ſein. Gewiß, Burſch, Euer Biſchof iſt ein Mann der Wahrheit.“ „Der Wahrheit? Ja, Eccellenza, er iſt ſo wahr⸗ haftig, daß ich, ſagte er mir, etwas, das ſich vor mei⸗ nen Augen begab, habe ſich nicht begeben, könne ſich nicht begeben haben, Monſignore eher glauben würde, als meinen eigenen Augen. Aber, Signori, Augen ſind etwas; und da der hochwürdige Vater keine hat, oder — 27— doch ſo gut wie keine, die zu brauchen ſind, wenn man ein Schiff eine halbe Meile weit ſehen will, ſo ſieht er vielleicht nicht immer, was er zu ſehen glaubt. Wenn Monſignore uns ſagt, das und das ſteht in der heiligen Schrift, ſo glauben wir es, denn wir wiſſen, daß es eine Zeit gab, wo er leſen konnte; aber es fällt uns nie ein, an ſeine Thuͤre zu klopfen und ihn zu fragen, welchen Weg ein Schiff ſteure, denn wir haben unſere eigenen geſunden Sinne.“ „Sagt dieſer Burſch uns wohl die Wahrheit, Grif⸗ fin?“ fragte Cuffe, den Raoul's Liſt und ſeine geheuchelte Einfalt nicht wenig hinter das Licht führte.—„Wenn dies der Fall iſt, gehn wir gerade auf der unrechten Fährte, indem wir das Vorgebirg von Campanella um⸗ ſegeln und in den Golf von Salerno einlaulfen. Die Franzoſen halten Gaeta noch beſetzt und es iſt ganz wahr⸗ ſcheinlich, daß Meiſter Yvard wünſcht, einen befreundeten Hafen unter ſeiner Lee offen zu behalten.“. „Ihr vergeßt, Capitain Cuffe, daß Seine Herrlich⸗ keit bereits einen leichten Kreuzer in dieſer Richtung ausgeſchickt hat, und Le Feu-Follet würde es kaum wagen, ſich in der Nähe eines unſerer regelmäßigen Burſche zu zeigen.“ „Pah,— ich weiß das nicht, Herr Griffin,— ich weiß das wahrlich nicht ſo ganz genau. Die Proſerpina iſt doch wohl„ein regelmäßiger Burſche,“ wenigſtens in einer Hinſicht; und das„Few-Folly“ hat es gewagt, — 28— ſich ihr zu zeigen.— Irrlicht! Ich will verd—t ſein, Griffin, wenn ich jetzt nicht der Meinung bin, ſie ſei gang richtig getauft. Ich will lieber auf ein Irrlicht in Sicilien Jagd machen, als einem ſolchen Geſellen nach⸗ laufen, der jetzt da und dann dort, und zuletzt nirgends iſt. Was die Schaluppe betrifft, ſo iſt ſie ſüdlich gegan⸗ gen, um in die Buchten, die Küſte von Calabrien ent⸗ lang, zu ſchauen. Ich habe Nelſon geſagt, mein Schiff ſei nicht ausreichend; denn ſo gewiß als dieſer Rule— Rauh— ul— wie T=— l heißt Ihr den Piraten, Griffin?“ „Raoul, Capitain Cuffe; Raoul Yyard iſt ſein Name. Es iſt ein ganz franzöſiſcher Name. Raoul iſt Rudolph.“ „Nun, ich ſagte Nelſon, wenn es dieſem Geſellen einfiele, um eine der Inſeln zu ſchlüpfen, ſo könnten wir eben ſo gut eine Woche lang Verſteckens ſpielen, als daran denken, ihn vom Lande ab zu bringen, um Jagd auf ihn zu machen. Er hat ſein Boot in der Gewalt, als wär' es eine Landkutſche, die in den Hof eines Wirthshauſes einfährt.“ „Ich wundere mich, daß Seine Herrlichkeit nicht daran gedacht und uns eine oder zwei Schaluppen gege⸗ ben hat, um uns helfen zu können.“ „Muthet Nel ſo etwas zu; er ſchickt wohl ein eng⸗ liſches Schiff aus, um zwei franzöſiſche aufzuſuchen; es wird ihm aber nie einfallen, zwei engliſche auszuſchicken, um nach einem franzöſiſchen ſich umzuſehen.“ 29— „Hier handelt es ſich aber nicht von einem Kampfe, Herr; es iſt nur eine Jagd, und jeden Tag in der Woche läuft ein Franzoſe ſchneller als zwei Engländer.“ „Sacr-r-r-r-el“ murmelte Raoul in einem Tone, den er zu dämpfen bemüht war, und welcher jedem Ohre entging, das Andrea Barrofeldi's ausgenommen, denn der Viceſtatthalter ſtand ihm in dieſem Augenblicke zufällig näher, als die übrigen. „Sehr wahr,“ antwortete Cuffe,—„aber es iſt nicht anders. Wir ſind allein ausgeſchickt worden, und wenn dieſes Irrlicht zwiſchen Iſchia und Procida land⸗ einwärts geht, ſo wird es leichter ſein, einen Fuchs in ſeiner Höhle zu finden, als es ſo allein heraus zu treiben. Was einen neuen Verſuch in Booten gegen ihn betrifft, ſo denk' ich, Ihr habt alle in dieſer Hinſicht genug bekommen.“ „Allerdings, Herr, ich glaube faſt, die Leute wür⸗ den ſcheu ſein,“ antwortete Griffin mit der Offenheit und Einfachheit eines wahrhaft tapfern Mannes.—„Wir müſſen ſie erſt den letzten Schlag vergeſſen laſſen, ehe man ſich bei einem neuen Handel dieſer Art auf ſie ver⸗ laſſen kann.“ „Bonl“ murmelte Raoul vor ſich hin, ohne zu ahnen, daß er gehört wurde. „Demungeachtet müſſen wir dieſen Burſchen fangen, und wenn wir bei der Jagd unſere Schuhe laſſen ſollten.“ Dieſe ganze Zeit über blieben Andrea Barrofaldi und Vito Viti gänzlich unbekannt mit dem, was die 30 beiden Offiziere unter ſich verhandelten; Raoul aber hörte eifrig, was vorging, und verſtand jedes Wort, das ſie laut werden ließen. Der Vice⸗Statthalter war bis zu dieſem Augenblicke bei dem, was ſich begab, gleichgültig und ohne Aufmerk⸗ ſamkeit; aber die zwei Ausrufungen Raoul's weckten in ihm einen unbeſtimmten Verdacht, der zwar keine be⸗ ſtimmte Grundlage hatte, aber für den Franzoſen ſelbſt die bedenklichſten Folgen nach ſich ziehen konnte. Der herbe Groll über die Art, wie dieſer derühmte Kapers⸗ mann ſie hinter das Licht geführt hatte,— der Wunſch, ſich eine Zeit lang von der Inſel zu entfernen, bis ſich die Schneide des Lächerlichen, das ſie, nicht ohne ihre Schuld, wie ſie wohl fühlten, getroffen,— und zumal eine gewiſſe Sehnſucht, ihren Charakter wieder in das rechte Licht zu ſtellen, indem ſie bei der Habhaftwerdung des Korſaren thätig mitwirkten, waren die Gründe, welche die beiden würdigen Männer, den Vicegovernatore und der Podeſta an Bord der Proſerpina geführt hatten. Luffe hatte ihnen in einem vertraulichen Augenblicke Plätze in ſeiner Cajüte und an ſeiner Tafel angeboten, und das Anerbieten war mit Freuden angenommen worden. Andrea war kaum einen Tag an Bord der Proſer⸗ pina, als er ſich ſchon vollſtändig überzeugt hatte, daß ter hier nichts helfen könne,— ein Umſtand, welcher das Verlegentliche ſeiner Lage weſentlich vermehrte. Wie alle wohlmeinenden, gutmüthigen Menſchen hatte er den — 31— regen Wunſch, ſich nützlich zu machen; und Tag und Nacht dachte er bei ſich über die Mittel und Wege nach, wie dies möglich wäre, oder hielt mit ſeinem Freunde, dem Podeſta, Rath darüber. Vito Viti ermahnte ihn freimüthig, ſein Vertrauen auf den Himmel zu ſetzen; er behauptete, es müſſe ſich auf dieſem Kreuzzuge immer noch Etwas begeben, das dieſes Unternehmen denkwürdig und mühelohnend mache; denn der würdige Podeſta pflegte bei jeder bedränglichen Veranlaſſung ein Ave zu beten, und Gott das Uebrige anheim zu geben. „Ihr habt nie gehört, Vice⸗Governatore,“ ſagte Vito Viti eines Tags, als ſie die Sache unter ſich beſpra⸗ chen,„Ihr habt nie gehört, daß ſich ein Wunder begab, ohne daß ihm ein zweites ſogleich auf den Ferſen folgte; das erſte iſt ſtets nur eine Einleitung zu dem andern, und dieſes iſt ſtets das merkwürdigſte. Als, zum Bei⸗ ſpiel, Anina Gotti neulich von den Klippen ſtürzte, war es ein Wunder, daß ſie nicht den Hals brach; als ſie aber in das Meer hinab rollte, war es ein noch weit größeres, daß ſie nicht ertrunken iſt.“ „Es iſt beſſer, ſolche Dinge der Geiſtlichkeit zu über⸗ laſſen, Nachbar Vito,“ war des Statthalters Antwort; „und ich ſehe überhaupt in der ganzen Sache nichts ſo erſtaunlich Wunderbares.“ „Wie? Nennt Ihr es kein Wunder, daß zwei Männer, wie Ihr und ich, durch dieſen ſchurkiſchen Fran⸗ zoſen⸗Korſaren hinter das Licht geführt werden konnten, wie es denn ohne allen Zweifel geſchehen iſt? Mir ſcheint dies ein ſo großes Wunder, daß es ſeinem Gefährten eher folgen, als vorgngehen ſollte.“ Andrea beantwortete dies im Geiſte ſeiner höhern Bildungsſtufe, und ihre Unterhaltung wendete ſich, wie gewöhnlich, den Mitteln zu, wie ſie die Schmach, welche, wie ſie wechſelſeitig fühlten, ihren Scharfſinn getroffen, von ſich wenden könnten. Wahrſcheinlich iſt es dieſem Fieber des Geiſtes zuzu⸗ ſchreiben, daß der Vice⸗Statthalter, ſonſt ein ſo einfacher, vertrauensvolſer Mann, jetzt ſo argwöhniſch und ſcharf⸗ blickend wurde. Die Anweſenheit von Carlo Giuntotardi und Ghita war ihm Anfangs als etwas Ungewöhnliches aufgefallen, und obgleich es ihm nicht möglich war, in dem Mondlichte und bei der Entfernung, in welcher die Jolle hielt, ihre Geſichter zu erkennen, hielt er ſich doch von Anfang her für überzeugt, daß dieſe beiden Perſonen ſich in dem Boote befänden, welches nun die Fregatte ins Schlepptau genommen hatte. Andrea Barrofaldi hatte, bis zu dieſer Stunde, ſich es nicht träumen laſſen, Ghita und ihren Oheim in irgend einen Zuſammenhang mit Raoul Yvard zu bringen; es war aber nicht zu läugnen, daß die geheimnißvolle Art, wie Beide von der Inſel verſchwanden, Aufſehen gemacht und Bemerkungen veranlaßt hatte; und in ſeinem jetzigen Geiſteszuſtande war es nichts ſehr Außerordentiches, wenn aa 33— er eine unbeſtimmte, ferne Ahnung von der Wahrheit hatte. Ohne Raoul's unbeſonnene Ausrufungen jedoch wür⸗ den dieſe vagen Eingebungen wahrſcheinlich ohne alle Folgen geblieben ſein; und wir müſſen Alles, was ſich begeben, eher dieſen unbedachten Ausbrüchen der übeln Laune eines Franzoſen beimeſſen, als einem klaren, ſelbſtbewußten Gedankengange von Seiten des Vice⸗Statthalters. Als Cuffe aber den zuletzt erwähnten Entſchluß laut werden ließ, ſchritt Andrea der Stelle zu, wo er und „Griffin ſich abgeſondert unterhielten, und flüſterte dem letztern einige Worte zu. „Der T— l!“ rief der Lieutenant auf engliſch.— „Wenn das, was der Vice⸗Statthalter mir eben ſagt, wahr iſt, Capitain Cuffe, haben wir die Arbeit ſchon halbgethan in den Händen.“ „Nun, der Viſchi iſt im Grunde ein guter Geſell,, obgleich er den Golf von Neapel nie in Brand ſtecken wird. Was hat er mitzutheilen?“ Griffin führte ſeinen Capitain ein wenig bei Seite und unterhielt ſich einen Augenblick allein mit ihm. Dann erhielt der wachehabende Offizier ſeine Befehle, und Cuffe und ſein Gefährte eilten ziemlich raſch in den untern Raum. 187— 189. Zweites Kapitel. Was für ein Landsmann, ſagt? Von Mantua! Von Mantua, Herr? Nun, Gott verhüt' es, Ihr kommt nach Padua und bedenket nicht, Daß Euer Leben hier gefährdet? Shakſpeare. Die eben gedachten Bewegungen nahmen fünf kurze Minuten in Anſpruch, welche Raoul damit hinbrachte, daß er die Art gemeiner Leute nachahmend überall neu⸗ gierig umhergaffte, die Kanonen, die Takelage, die Ver⸗ zierungen der Schanze und dergleichen betrachtete; nichts aber von all' dem, was in ſeiner Nähe ſich begab, ent⸗ ging ſeiner wachſamen Aufmerkſamkeit. Allmählig begann er ſich unbehaglich zu fühlen und bereute ſeine übergroße Verwegenheit; noch aber glaubte er nicht, daß ihn Jemand erkannt haben könne. Wie die Mehrzahl Derer, die da glauben, eine fremde Sprache gut zu ſprechen, wußte er nicht, in wie vielen kleinen Einzelnheiten er ſich verrieth; denn der Engländer ſpricht, ünter ſonſt gleichen Verhältniſſen, gewöhnlich das Ita⸗ lieniſche beſſer, als der Franzoſe, weil in Bezug auf Ton und Nachdruck zwiſchen ſeiner und der italieniſchen Sprache eine größere Verwandtſchaft beſteht. — 35— Dies war alſo der Gemüthszuſtand unſeres Helden, als man ihn benachrichtigte, der Capitain des Schiffes wünſche ihn unten zu ſprechen. Als Raoul die Leiter hinab ſtieg, um den Wünſchen des Capitains, die ziem⸗ lich wie ein Befehl klangen, zu entſprechen, bemerkte er, daß die zwei Elbaner Beamten ihm folgten. Die Kajütenlampe brannte hell, und ſobald der Ka⸗ persmann über die Schwelle des Gemaches getreten war. fand er ſich unter einer ſtarken Beleuchtung. Cuffe und Griffin ſtanden in der Nähe des Tiſches, wo auch der Vice⸗Statthalter und der Podeſta Platz nahmen, ſo daß das Ganze das ſehr unbehagliche Ausſehen einer Gerichts⸗ verhandlung zu gewinnen begann. Raoul⸗wünſchte einen Augenblick lieber vor der heiligen Inquiſition zu ſtehen, als vor dem Gerichte, welchem er ſich ſo plötzlich gegen⸗ über geſtellt ſah. „Ihr müßt frieren,“ ſagte Cuffe, als Raoul ſich dem Tiſche langſam näherte, und in ſeinem äußern Gebah⸗ ren die größte Ruhe zeigte, obgleich er in ſeinem Her⸗ zen das ſtrenge Gericht verwünſchte, welches, wie er fühlte, nun über ihn erging;„thut mir den Gefallen und windet dieſes ſeidene Tuch um Euern Hals.“ „S'nore, Eure Eccellenza beliebt zu ſcherzen; wir Leute von Capri machen uns in dieſer Jahreszeit wenig aus den Nächten; wenn Ihr es aber wünſcht, wird es mir eine Ehre ſein, zu gehorchen.“ In jener Zeit war ein ſchwarz ſeidenes Halstuch 3*¾ ein ſicheres Abzeichen des Kriegsmannes. Die altmo⸗ diſche Halsbinde wurde nur noch von altmodiſchen Leuten getragen, und der neumodiſche Stellvertreter derſelben kam erſt viele Jahre ſpäter auf; die jetzige Mode ſchreibt ſich in der That von einer Nachahmung der Soldaten⸗ Manie her, welche gegen das Ende des letzten allgemei⸗ nen Krieges in der ganzen Chriſtenheit herrſchte. Ein ſchwarzes Halstuch, von dem Weiß des Leinwands geho⸗ ben, galt damals als auszeichnend militäriſch; und ſelbſt in der gewöhnlichen Kleidung war eine ſolche Tracht ein eben ſo gewiſſes Zeichen, wie die Cocarde, daß der Eigenthümer die Waffen trug. Raoul wußte dies, und fühlte, daß er, wenn er gehorchte, dazu beitrug, ſich zu verrathen; er bedachte aber, daß eine Weigerung ſeine Lage noch gefährlicher machen könne, als wenn er das Tuch nähme. „Eure Eccellenza macht einen Fürſten aus einem armen Bootsmann,“ ſagte er, als er das Tuch um den Hals geſchlungen hatte,„und wenn ich unter meine Thüre trete, wird mein Weib glauiden, irgend ein hoher General komme.“ „Um die Täuſchung noch größer zu machen, nehmt auch dies,“ fuhr Griffin fort, und warf dem Andern einen ſeiner Uniforms⸗Oberröcke hin; denn er war mit Raoul faſt von ganz gleichem Wuchſe. Der wahre Stand der Dinge begann nun allge⸗ mach ziemlich unzweideutig zu werden; demungeachtet that Raoul, da er alle ſeine Hoffnungen auf Feſtigkeit und Willfährigkeit gründete, was ihm geheißen worden, und bot den Anweſenden nun den ſeltſamen Anblick eines an dem Oberkörper in die Uniform eines engliſchen See⸗ offiziers, an dem Unterkörper aber à la Lazzarone ge⸗ kleideten jungen Mannes dar. „Was ſagt Ihr nun, Vice⸗Governatore 2“ begann Griffin;„hier ſind Lichter und hier iſt die Uniform.“ „Ich ſage, daß dieſer Herr mich mehrere Male in meinem armen Hauſe zu Porto Ferrajo mit ſeinem Be⸗ ſuche beehrt hat,“ erwiederte Andrea Barrofaldi,„und daß ſein Beſuch nie willkommener geweſen iſt, als zu dieſer Stunde. Signor Smit, Ihr ſeid ein ſehr großer Freund von Maskeraden und macht das ganze Jahr zu einem Carneval. Ich hoffe, es wird Euerm berühmten Landsmanne, dem Sir Cicero, gelingen, dieſe wackern Ingleſt zu überzeugen, daß alles aus bloßem Scherze ge⸗ ſchehen iſt und daß kein Verbrechen dahinter lauert.“ „Messieurs,v ſagte Raoul und warf ſeine geborgten Federn ab,„es iſt zu ſpät, um mich länger zu ver⸗ ſtellen. Wenn ich, wie Ihr ſagt, Raoul Yrard bin, ſo bin ich gewiß nicht Le Feu-Follet.“ „Ihr werdet einſehen, Monſieur,“ ſagte Griffin auf Franzöſiſch,„daß Ihr ein Gefangener Seiner Britiſchen Majeſtät ſeid?“ 1 „Seine Britiſche Majeſtät hat da keine Eroberung gemacht, die ihrem Siege am Nile gleich zu ſtellen iſt,“ — 38— erwiederte Raoul ironiſch;—„aber ſie hat mich in ihren Händen. Ich habe nicht zum erſten Male die Ehre, Kriegsgefangener, und zwar an Bord eines ihrer eigenen Schiffe, zu ſein.“ „Glaubt ja nicht, daß Ihr Euch jetzt in einer ähn⸗ lichen Lage befändet, Monſieur Nvard. Wir nehmen Euch in einer ganz andern Eigenſchaft gefangen.“ „Nicht als Freund, denk' ich, Monſieur; denn ich betheuere, auf dieſe Eigenſchaft habe ich nicht den ent⸗ fernteſten Anſpruch; dies beweiſ't, zum Beiſpiel, das kurze Begegnen vor Porto Ferrajo und das intereſſante Begebniß an der Mündung des Golo.“ „Ihr koönnt Eure Prahlereien ſparen, Herr, damals begünſtigte Euch das Glück, wie wir zugeben müſſen; jetzt aber nehmen wir Euch als Spion feſt.“ „Espion?“ wiederholte Raoul und bebte zurück;— dies iſt ein Geſchäft, an das ich nie dachte, Monſieur, als ich an Bord Eures Schiffes kam. Ihr werdet mir die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, zuzugeſtehen, daß ich nur in Folge Eurer Einladung an Bord der Proſer⸗ pina kam. Es wäre eine Ehrloſigkeit, anders zu ſagen.“ „Wir werden die Ehrloſigkeit unſrer Handlungen zu ertragen wiſſen, Monſteur Yvard. Niemand klagt Euch an, als Spion an Bord der Proſerpina gekommen zu ſein; wenn aber ein Feind um eine Flotte rudert, die in einem feindlichen Golfe vor Anker liegt, und wenn er überdies, wie Ihr, verkleidet iſt, ſo muß man ein — 39— ſehr bedenkliches Gewiſſen haben, wenn man den nicht für einen Spion und der Strafe eines ſolchen ſchuldig erklärt.“ Dies war ſo wahr, daß der unglückliche junge Mann jetzt das ſehr Bedenkliche ſeiner Lage fühlte. Als er in den Golf kam, hatte er gewiß keine andere Abſicht, als Ghita ausfindig zu machen; und dennoch konnte er es bei ſich nicht in Abrede ſtellen, daß er nicht Anſtand ge⸗ nommen hätte, in ſeiner öffentlichen Stellung von jeg⸗ lichem Umſtande Nutzen zu ziehen, der zufällig zu ſeiner Kenntniß gekommen wäre. Er hatte ſich der ſchwerſten Strafe der Militärgeſetze preisgegeben, indem er ſich ſei⸗ ner Liebe zu Ghita überließ, und er konnte keine einzige hörbare Entſchuldigung, die als Milderungsgrund gedient hätte, ausfindig machen. 1 „Was ſagt der arme Teufel, Griffin?“ fragte Cuffe, dem es leid that, daß ein ſo tapferer Feind in eine ſo verzweifelte Klemme gerathen war, obgleich er allen Fran⸗ zoſen den entſchiedenſten Haß weihte.—„Geht ihn in den erſten Augenblicken nicht ſo hart an. Hat er eine hörbare Ausrede für ſeine Verkappung?“ „Die gewöhnliche Entſchuldigung, Herr, ohne Zwei⸗ fel,— ſeiner einen und untheilbaren Republik zu dienen. Wenn wir alles glauben wollten, Capitain Cuffe, was ſolche Geſellen uns ſagen, könnten wir nach Haus gehen und Abgeordnete an den National⸗Convent ſchicken, wenn ſte uns ja die Ehre erzeigten, ihnen zu erlauben, Sitze einzunehmen.“ —— — 40— „Gentlemen,“ ſagte Raoul auf Engliſch,— es be⸗ darf fortan zwiſchen uns keines Dollmetſchers mehr; ich ſpreche Eure Sprache hinreichend, um mich verſtändlich zu machen.“ „Eure Lage thut mir in der That leid, Herr Yvard,“ ſagte Euffe,„und ich wünſche von ganzem Herzen, Ihr wäret im offenen Kampfe, ſtatt auf dieſe unregel⸗ mäßige Weiſe, in unſere Hände gefallen.“ „In einem ſolchen Falle wäre auch Le Feu-Follet in Eure Gewalt gekommen, Monsieur le Capitaine,“ ver⸗ ſetzte Raoul und lächelte ironiſch;—„aber, Meſſieurs, Worte ſind jetzt eitel; ich bin Euer Gefangener und muß mich darein finden. Es iſt jedoch nicht nothwendig, andere wegen meiner Unbeſonnenheit leiden zu laſſen. Ich werde es als eine Gunſt anſehen, Meſſieurs, wenn Ihr den guten Leuten in dem Boote erlaubt, unbeläſtigt an die Küſte zu rudern. Es fängt an ſpät zu werden, und wir müſſen der Stelle faſt ganz gegenüber ſein, wo ſie zu landen wünſchen,— nämlich an der Marina grande von Torrento.“ „Wollt Ihr damit andeuten, daß Eure Gefährten nicht Franzoſen ſeien, Monſteur Yvard?“ „Oui, Monsieur le Capitaine; es iſt keine franzö⸗ ſiſche Seele in dem Boote, ich gebe Euch mein Ehrenwort.“ „Davon werden wir uns leicht durch eine Unter⸗ ſuchung überzeugen können, Capitain Cuffe,“ fiel Griffin trocken ein. — al— „Ich habe bereits hinaufgeſchickt und Herrn Win⸗ cheſter bitten laſſen, dieſe Leute an Bord zu bringen.“ „Es iſt ein junges Mädchen in dem Boote, die nicht daran gewöhnt iſt, auf Schiffe zu ſteigen,“ bemerkte Raoul eifrig,„und ich bitte Euch angelegentlich, ſie zu ſchonen. Laßt die Männer an Bord kommen, wenn Ihr es für nothwendig haltet; aber die Signorina kann nie an den Seiten dieſes Schiffes hinaufklimmen.“ „Wir wollen um ſo mehr dafür ſorgen, Monſieur Yyard, als Euch das Wohl des Mädchens ſehr am Her⸗ zen zu liegen ſcheint. Jetzt iſt es meine Pflicht, Euch der Obhut einer Wache anheim zu geben; und damit es auf eine, Euch am wenigſten beleidigende Weiſe geſchehe, ſoll, für dieſe Nacht wenigſtens, meine Cajüte Euer Gefängniß ſein.— Herr Griffin, gebt demgemäß dem Marine⸗Offizier ſeine Befehle.“ Nach wenigen Minuten wurde ein Soldat in die Vorder⸗Cajüte geführt, und Raoul ſeiner Obhut in aller Form überantwortet. Jetzt erſt kehrten die Offiziere auf die Schanze zurück. Während dieſer ganzen Zeit waren Ithuel und ſeine Genoſſen in der Jolle ihren Gedanken überlaſſen geblie⸗ ben, und dieſe waren nichts weniger als erheiternd. Alles war jedoch an Bord ſo ruhig von ſtatten gegangen, daß ſie keine Ahnung von dem hatten, was ſich dort be⸗ geben, obgleich beſonders Ghita voller Beſorgniß und Angſt war. Die Fregatte hatte ſie in einer Geſchwindigkeit mit ſich dahin geführt, welche, wie Raoul geſagt hatte, ſie ganz in eine Linie mit ihrem Landungsplatz anher ge⸗ bracht hatte; dennoch ließ ſich nicht gewahren, daß das Schiff ſeine Eile zu mindern beabſichtige und eben ſo wenig zeigte ſich Jemand auf der Laufplanke, um ſie anzuſprechen. Endlich ließ ſich ein heiſerer Anruf auf dem Deck hören und das Schiff begann Segel einzunehmen. Das Fockſegel der Fregatte wurde aufgehohlt und der Spanker aufgegeit; dann wurden die Bramſegel angehohlt und be⸗ ſchlagen; dann folgten die Oberbramſegel, und bald hatte die Proſerpina nichts mehr in der Luft, als ihre drei Marsſegel und den Kluver. 3 Alles dies wurde von der Wache beſorgt, und war in fünf Minuten abgethan. Man war eben fertig, als Capitain Cuffe wieder auf dem Deck erſchien. Sobald die Segel in der genannten Weiſe einge⸗ hohlt waren, wurde das Ruder an Backbord gebracht, das Schiff kam auf der Steuerbordſeite in den Wind, und das große Marsſegel wurde an den Maſt gelegt, die Jolle aber trat auf die Leeſeite und dicht an das Schiff heran. Sobald dieſe Bewegung ausgeführt war, lief ein Matroſe leicht an der Seite des Schiffes hinab, und ſtieg in die Jolle. Nachdem er Alles nach vornen und hinten unterſucht hatte, rief er: Alles ſei in Ordnung, und — 453— ſtieß das Boot auf einige Entfernung von der Fre⸗ gatte weg. Im nächſten Augenblicke fielen die Raa⸗ und Stag⸗ Takeln, wurden wieder eingehohlt und von dem Manne in dem Boote verſcherbt*). Der Bootmanns⸗Maat auf der Laufplanke flötete ſein„Angehohlt!“ und der Läufer des Takels wurde ein⸗ geſchoren*—); dann folgte ein langer ſtetiger Ton der Flöte, und es ſcholl:„Aufgehißt!“ und das Boot mit Allem, was darin war, hob ſich über das Waſſer und ſtieg bis zu den Schanzkleidern***), wo die Stag⸗Takeln zu arbeiten anfingen, während die Raa⸗Takeln nach⸗ gaben, und das Boot ſo ſanft und ſachte, als wär' es von Glas, und ſo leicht in die Schanzkleider niederglitt, als hätte es nicht mehr Gewicht, als die Hängmatte eines Matroſen. Ghita ſtieß einen ſchwachen Schrei aus, als ſie ſich in die Luft empor heben ſah, dann verhüllte ſie ihr Antlitz und harrte ängſtlich, was folgen würde. Ihren Oheim, *) Hölzer jeder Art zuſammenſetzen; an einander verhaken heißt in der Seeſprache verſcherben. **) Der Läufer des Takels iſt ein Tau, das durch das Windezeug (Takel) läuft, um Laſten zu heben. ****) Ein etwa vier Fuß breites Tuch, das außen um die Ralings⸗ ſtützen und das Finkennetz läuft; auf engliſchen Kriegsſchiffen iſt dieſes Tuch von rother Farbe und hat gelbe oder weiße Borden. Der Ueberſetzer. — 44— Carlo Giuntotardi, weckte die Bewegung ein wenig aus ſeiner gewöhnlichen Theilnahmloſigkeit, und dies war Alles; Ithuel dagegen dachte ernſtlich daran, in das Waſſer zu ſpringen und der Küſte zuzuſchwimmen. Er wußte, daß es ihm nicht ſchwer halten würde, ſich eine Stunde weit auf dem Waſſer fortzubewegen; aber er konnte auch vorausſehen, daß die Boote ihn verfolgen und einholen würden, ein Gedanke, der ſeine Ungeduld wirkſam zur Ruhe brachte. Es iſt nicht leicht, die Gefühle zu ſchildern, mit wel⸗ chen dieſer Mann das Deck ſeines alten Gefängniſſes wieder betrat; dazu kam noch die Gefahr, als Ausreißer erkannt und behandelt zu werden! Heut zu Tage mag etwas Empörendes darin liegen, wenn man ſich einen Ausländer denkt, welcher mit Gewalt in den Kriegsdienſt einer Nation gepreßt wird, und ſein Leben dann gefähr⸗ det ſieht, weil er ein Vorrecht der Natur benutzte und ſich der Sklaverei entzog, ſobald ein günſtiger Augenblick ihm die Mittel der Flucht darbot. Das vergangene Jahr⸗ hundert war jedoch reich an Scenen dieſer Art, und trotz der falſchen Philantropie und den ſinnloſen Hindeutun⸗ gen auf einen ewigen Frieden, die nun an der Tages⸗ ordnung ſind und den Erfahrungen der Geſchichte Hohn ſprechen möchten, iſt zu beſorgen, daß die Zukunft ähn⸗ liche Begebniſſe bringen werde, wenn der geſunde Ver⸗ ſtand Amerika's ſeinen vereinten geſetzgebenden Körpern nicht richtigere Begriffe von der Staatskunſt, erleuchte⸗ tere Anſichten von ihren Pflichten und eine genauere Kenntniß von den Zuſtänden der verſchiedenen Reiche der Chriſtenheit beibringt, als die waren, welche in den letzt verfloſſenen Monaten ihre Geſetze und ihre Reden charakteriſirt haben. Mit einem Worte, das Opfer aller dieſer Uebelſtände war innerlich überzeugt, daß ſeine Rechte als Bürger und als Menſch ihm bei der jetzigen Gelegenheit wenig helfen würden. Sodann thut ein Menſch nie einen Fehl⸗ tritt, ſelbſt wenn er ſeine wahren, angebornen Rechte geltend macht, ohne das ſtille Selbſtbewußtſein, daß man „nicht einmal um eines guten Zweckes wegen das Böſe thun darf;“ und Ithuel hörte eine geheime Stimme in ſeinem Herzen, welche ihm, ſo viel gerechte Beſchwerde er auch haben mochte, ſagte, er habe den Krieg in das feindliche Land übergetragen. Sobald das Boot auf dem Deck niedergelaſſen war, wurde es ſeiner Fracht von dem Bootsmanne entladen, der, obgleich er nicht zur Wache gehörte, oben geblieben war, und an Bord der Proſerpina ein eben ſo wichtiger Bedienſtete war, wie Vito Viti in der guten Stadt Perto Ferrajo. Er nahm die Ausſteigenden feſt in das Auge, und Ghita zog ſeine Aufmerkſamkeit in ſo hohem Grade auf ſich, daß er ihre Gefährten ganz und gar aus den Augen ließ. In der That erſchien in dem Mond⸗ lichte, welches das Deck nun überglänzte, das ſanfte Ant⸗ litz und Weſen des jungen Mädchens ſo einnehmend, daß —— 46— Alle in der Nähe, die Offiziere nicht ausgeſchloſſen, ziem⸗ lich denſelben Einfluß fühlten und zugeſtehen mußten. „So, ſo, dieſer Meiſter Yvard,“ ſagte Cuffe auf Engliſch,„kommt doch in ganz guter Geſellſchaft in das feindliche Lager. Das Mädchen iſt eine Italienerin, und ſie ſcheint ſogar ſittſam zu ſein.“ „Die kleine Ghita,“ rief Vito Viti,„ſo wahr ich hoffe, eines Tages in Vater Abrahams Schooß zu kom⸗ men! Bellissima Ghita, was hat Euch hierher geführt, und dies zwar in ſo ſchlechter Geſellſchaft?“ Ghita ſchwamm in Thränen; da ſie aber nicht wußte, wie es mit Raoul ſtand, bemühte ſie ſich? ihre Faſſung zu behalten, und es gelang ihr, Gefühle zu bewältigen, welche vielleicht ſeine Lage noch gefährlicher hätten machen können. Sie trocknete ihre Augen, neigte ſich vor dem Vice⸗Statthalter und antwortete auf die ihr geſtellte Frage. „Signore,“ ſagte ſie,„es iſt ein Troſt, Landsleute und alte Bekannte an Bord dieſes fremden Schiffes zu finden, und ich hoffe, Ihr werdet mich unter Euern Schutz nehmen. Ich nenne es beine auffallende oder ſchlimme Geſellſchaft, wenn eine verwaiſ'te Nichte mit ihrem Oheim auf dem Waſſer iſt,— mit einem Manne, der ſtets Vaterſtelle bei ihr vertreten hat.“ „Ah, gewiß, gewiß, Vice⸗Governatore,— dies iſt Carlo Giuntotardi, ihr Oheim, und ein Mann, der ſeldſt auf Erden ſchon ſo ſehr bei den Heiligen lebt, daß er ſelten mit einem Sünder ſpricht. Aber weißt du, kleine — à42— Ghita, daß einer deiner Bootsgenoſſen keine geringere Perſon als Raoul Yvard iſt— der ſchlimmſte Korſar, der je aus einem franzöſiſchen Hafen ausgelaufen, und die Peſt und der Fluch der ganzen italieniſchen Küſte? Wenn die Kirche ſich herabließe, ihr Auge auf einen ſo ungläubigen Republikaner zu richten, ſo würde ſie allen ihren Kindern gebieten, ihre Gebete zu ſeiner Vernich⸗ tung zu vereinigen.“ „Raoul Yvard?“ wiederholte Ghita und ſtellte ſich hinreichend erſtaunt, um den Podeſta glauben zu laſſen, die Nachricht komme ihr allerdings unerwartet.—„Seid Ihr auch der Wahrheit Deſſen, was Ihr ſagt, gewiß?“ „So gewiß, als uns des Betheiligten Geſtändniß machen kann!“ „Sein Geſtändniß, Signore?“ „Si, bella Ghita— ſein Geſtändniß. Euer Boots⸗ führer— Euer Mann von Capri— Euer Lazzarone geſteht, daß er nichts mehr und nichts weniger iſt, als der Befehlshaber dieſes Werkzeugs der Bosheit, des Feu-Follet.“ „Thut Le Feu-Follet mehr als andere feindliche Kreuzer?“ Ghita fühlte, daß dieſe Frage nicht an ihrer Stelle war, und ſchwieg. „Ich glaube faſt, Wincheſter,“ ſagte Cuffe,„dies iſt daſſelbe Mädchen und jener dort iſt eben der alte Mann, welche heute in die Cajüte Nelſon's kamen, um 48 etwas wegen des alten Fürſten vorzubringen, der dieſen Nachmittag gehenkt worden iſt.“ 8 „Was können ſolche arme Leute mit dem Fürſten von Carraccioli zu ſchaffen haben?“ „Allerdings— aber dies ſind dieſelben Leute. Die Königin der Flotte, unſere Frau Admiralin, hat die ganze Sache für ſich behalten; und von dem, was zwi⸗ ſchen ihnen auf Italieniſch verhandelt worden iſt, weiß ich nicht mehr, als wenn ſie Griechiſch geſprochen hätten. Mir hat ſie kein Wort davon geſagt, und nach dem Blick ihres Auges zu ſchließen, bezweifle ich ſehr, ob ſie mit Nelſon davon geſprochen hat.“ „Ich wünſchte von Herzen, ſeine Herrlichkeit könnte von ſeinem Ankerplatz an der Seite dieſes Fahrzeugs abtreiben, Capitain Cuffe.— Ich verſichere Euch, Herr, die Flotte fängt an, laut von der Sache zu ſprechen. Wär' es ein anderer Mann, ſo ſollte ihn dieſe Geſchichte theuer zu ſtehen kommen; aber von Nelſon können wir Alle viel vertragen.“ „Nun,— nun,— laßt nur Jeden für ſich ſelber ſorgen; Ihr dürft nur ſtill ſein, Wincheſter; denn er⸗ hat ſich heute ſehr freundlich nach Eurer Wunde erkun⸗ digt und hätte Euch ſicherlich einen oder den andern Leckerbiſſen zugeſchickt, wenn ich ihm nicht geſagt hätte, daß ihr wieder hergeſtellt wäret und Euern Dienſt ange⸗ treten hättet. Er iſt in mancher Hinſicht ſelbſt ein altes abgedanktes Schiff und hält jeden Verwundeten für einen — 49— Verwandten. Ich würde mich jedoch nicht beklagen, wenn ſich die Blattern dieſer Schönheit bemächtigten.“ „Dies war ein ſchlechtes Tagewerk für England, verlaßt Euch darauf, Capitain Cuffe.“ „Nun, wenn es dies war, ſo waren St. Vincent und der Nil gute Tagewerke und ſie mögen ſich einan⸗ der die Wagſchale halten. Fragt dieſes junge Mädchen, Herr Griffin, ob ich nicht das Vergnügen gehabt hätte, ſie heute an Bord des Foudroyant zu ſehen?“ Der Lieutenant fragte, wie ihm befohlen worden, und Ghita antwortete ruhig und ohne zu zaudern mit Ja. „Nun bittet ſie, uns zu erklären, wie es ſich begab, daß ſie in die Geſellſchaft Raoul Yvard's gekommen?“ „Signori,“ ſagte Ghita unbefangen und einfach, denn ſie hatte in dieſer Hinſicht nichts zu verhehlen, „wir leben auf Monte Argentaro, wo mein Oheim Auf⸗ ſeher der Thürme des Fürſten iſt. Ihr wißt, wir haben dieſe ganze Küſte entlang ſtets von den Barbaren viel zu fürchten, und im letzten Sommer, als der Friede mit Frankreich die Engländer ferne hielt— ich weiß nicht, wie es kommt, Signori, aber die Barbaren ſollen ſtets gegen die Feinde Englands am härteſten verfah⸗ ren— doch, im letzten Sommer hatte das Boot eines Kreuzers meinen Oheim und mich überraſcht, und war im Begriff, uns in die Gefangenſchaft abzuführen, als ein Franzoſe und ſein Logger uns rettete. Von dieſer Zeit an wurden wir Freunde, und unſer Retter hielt 187— 189. 4 — ʒ—ᷓ beſprenkelt; denn man ſieht deren wenigſtens ein halbes 50 oft in der Nähe der Thürme an, um uns zu beſuchen. Heute fanden wir ihn in einem Boote an der Seite des engliſchen Admiralſchiffes, und als alter Bekannter unter⸗ zog er ſich der Mühe, uns an das Sorrentiner Geſtade zu bringen, wo wir jetzt bei meiner Mutter Schwe⸗ ſter wohnen.“ Dieſe Worte wurden ſo natürlich vorgebracht, daß Niemand an der Wahrheit dieſer Ausſage zweifeln konnte, und nachdem Griffin ſie ſeinem Capitain über⸗ ſetzt hatte, verfehlte er nicht, denſelben zu verſichern, daß er die Richtigkeit der Angaben zu verbürgen ſich anhei⸗ ſchig mache. 1 „Ha, ihr jungen Fante,— ihr ſeid ſtets bereit, für ſchöne Mädchen zu bürgen, und ihnen Alles zu glauben, wie ſie euch Alles glauben ſollen, Griffin,“ antwortete Cuffe.„Das Mädchen ſcheint jedoch undeſcholten, und was nach der Geſellſchaft, in welcher wir ſie fanden, noch auffallender iſt, ſie ſcheint auch ſittſam. Sagt ihr, ſie möge ſich beruhigen,— kein Leid ſoll ihr geſchehen, obgleich wir uns auch nicht ſogleich des Vergnügens ihrer Geſellſchaft entſchlagen können. Sie ſoll bis morgen das Backbord⸗Zimmer in meiner Cajüte haben, wo ſie und ihr Oheim bedeutend behaglicher wohnen werden, als in einem dieſer dachloſen neapolitaniſchen Taubenſchläge. — Monte Argentaro!— Hal dies iſt eine Höhe jenſeit der römiſchen Küſte, und tüchtig iſt ſie mit Thürmen 51— Dutzend wenige Meilen von einander; und wer weiß, ob dieſes Irrlicht nicht eines ſchönen Morgens verſchwun⸗ den iſt, wenn es uns nicht gelingen ſollte, jetzt Hand an ihn zu legen.“ „Er kann uns jetzt ſchwerlich entgehen, Capitain Cuffe, da wir ſeinen Befehlshaber in den Händen haben.“ Der Capitain gab jetzt ſeine Befehle in Betreff der Gefangenen. Das Boot ſollte auf dem Deck bleiben. Raoul wurde in den untern Raum geſchickt, wo man ihm eine Segeltuch⸗Koje einräumte, alle Waffen, ſelbſt Raſiermeſſer eingerechnet, wegräumte und eine Schild⸗ wache an die Thüre ſtellte. Hier war an Flucht nicht zu denken, und als davon die Rede war, daß der Gefan⸗ gene ſelbſt Hand an ſich legen könne, ſagte Cuffe kalt: „Der arme Teufel— gehangt muß er doch wer⸗ den, und wenn er ſelbſt ſein Urtheil vollſtreckt, ſo über⸗ hebt uns dies der Unannehmlichkeit einer Scene an Bord. Ich glaube, Nelſon wird befehlen, ihn an unſerm Fockraa⸗ Arm als Segelfall⸗Block zu brauchen. Ich ſehe nicht ein, warum er nicht auch dazu eine neapolitaniſche Fre⸗ gatte benutzen will; ſie ſind doch zu nichts anderem zu brauchen?“ „Ich glaube vielmehr, Capitain Cuffe, man ſollte ihn an Bord ſeines eignen Loggers daumeln laſſen, wenn wir des Fahrzeugs habhaft werden ſollten,“ antwortete der Lieutenant. „Bei Georg, Ihr habt recht, Griffin, und dies iſt 4*⁴ ein Grund mehr, ſcharf nach dem Few-Folly auszu⸗ gucken. Um wie viel beſſer wär' es doch geweſen, hätten wir ſie Alle ſammt und ſonders vor dem Golo verbrannt!“ Nun wurden die Befehle in Betreff der Unterkunft der Gefangenen vollſtreckt. Raoul wurde in die Con⸗ ſtabelkammer, deren wir gedacht haben, gebracht. Ghita und ihr Oheim erhielten die leere Cajüte, in welche man Matratzen brachte, die ihnen als Schlafſtätten dienten. Dann begaben ſich der Capitain und ſeine zwei Gäſte in die hintere Cajüte, wohin ihnen Griffin folgte. Hier fiel es Cuffe ein, daß noch eine vierte Perſon in dem Boote geweſen, und er ſchickte Befehle auf das Deck, dieſelbe zum Verhöre herabzuſenden. 1 Als Ithuel die Aufmerkſamkeit der Offiziere auf Ghita und ihren Oheim gerichtet ſah, ſtahl er ſich an ſeine Jolle zurück, nahm Beſitz von derſelbeu und ſtreckte ſich der Länge nach darin aus, ſcheinbar um zu ſchlafen, eigentlich aber, um den„Proſerpinern“ aus dem„Geſichte“ und wenn möglich aus dem„Gedächtniß“ zu kommen, wobei er noch den Gedanken im Hinterhalt behielt, über Bord zu ſpringen, wenn das Schiff nahe genug an das Land kommen ſollte, um, nachdem der Mond unterge⸗ gangen, ihm Hoffnung zu bieten, ſein Leben zu retten. In dieſer Lage wurde er gefunden, aus ſeinem Lager aufgerüttelt und in die Cajüte geführt. Es iſt ſchon bemerkt worden, daß Ithuel es nicht gewagt hatte, ſich der Proſerpina zu nahen, ohne ſich unkenntlich zu machen. Da Raoul mit Allem verſehen war, was zu einer Vermummung nöthig war, ſo wurde dies dadurch in's Werk geſetzt, daß er ſein ſtraffes rothes Haar mit einer ſchwarzen, lockigen Perücke bedeckte, Schnur⸗ bart und Augenbrauen ſchwarz färbte und hinſichtlich des Uebrigen ſich auf die Veränderung verließ, welche die Bekleidung oder vielmehr Nichtbekleidung eines Lazzarone bei ihm bewirken mußte. Das größte Hinderniß gegen dieſe Anſtalten war ein gewiſſer Zopf, welchen Ithuel gewöhnlich in einer getrockneten Aalshaut trug, welche er vor acht Jahren mit aus Amerika gebracht hatte, und die er beide— den Zopf nämlich und die Aalshaut— als Ueberbleibſel beſſerer Tage ungemein werth hielt. Wöchentlich einmal wurde dieſer Zopf aufgebunden und gekämmt; die ganze übrige Zeit ſeines Daſeins blieb er eine ſolide, volle zwei Fuß lange Maſſe, ſo hart und faſt ſo dick, wie ein Tau, das einen Zoll im Durchmeſſer hatte. Ithuel hatte eine Stunde, bevor Raoul ihm ſeinen Entſchluß, in der Jolle nach Neapel zu gehen, kund that, ſeine wöchentliche Arbeit mit dem Zopfe vorgenommen, und es wäre eine Neuerung in dem einzigen Gegenſtande, welchen er mit Ehrfurcht behandelte, geweſen, wenn er das Werk verrichtet hätte, ehe wieder eine Woche ver⸗ gangen war. Der Zopf wurde daher, ſo gut ſeine Form und ſeine Schwere es erlaubten, unter der Perücke angebracht. Ithuel blieb in der Vor⸗Cajüte, und ſein Erſcheinen wurde Cuffe gemeldet. „Er iſt ohne Zweifel ein armer Teufel, der zu der Mannſchaft des Feu-Follet gehört,“ bemerkte der eng⸗ liſche Capitain nicht ohne Mitleiden,„und wir dürfen kaum daran denken, ihn aufzuhängen, weil er wahrſchein⸗ lich nur dem Befehle ſeines Herrn folgte. Dies iſt nicht wohl thunlich, Griffin; gehen wir alſo hinaus und hohlen ſeine Ausſagen auf franzöſiſch an; dann ſchicken wir ihn mit der erſten beſten Gelegenheit auf ein Gefangenſchiff in England.“ Bei dieſen Worten verließen die vier Männer die Hinter⸗Cajüte und ſtanden vor dieſem neuen Gefangenen. Ithuel verſtand natürlich Alles, was auf Engliſch geſagt worden war, und der Gedanke, nun auf Franzöſiſch in das Verhör genommen zu werden, übergoß ihn mit kal⸗ tem Schweiße. In dieſer Noth durchkreuzte ſeinen Kopf der Einfall, ſeine einzige Rettung liege darin⸗ daß er ſich ſtumm ſtelle. „„Ecoutez, mon ami!“ begann Griffin in einem ganz guten Engliſch⸗Franzöſiſch: Ich hoffe, Ihr ſagt mir die reine Wahrheit, was vielleicht Eure Lage nicht ver⸗ ſchlimmern würde. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß Ihr zu dem Feu-Follet gehört?“ Ithuel ſchüttelte den Kopf in großem Abſcheu und bemühte ſich, einen Ton hervorzubringen, welcher des Stummen Anſtrengung„Napoli“ zu ſagen, nach⸗ ahmen ſollte. „Was hat der Burſche im Sinne, Griffin?“ ſagte Cuffe.„Wär' es denkbar, daß er nicht Franzöſiſch ver⸗ ſtünde? Verſucht es einmal mit dem Italieniſchen, und laßt uns hören, wie es damit ſteht.“ Griffin wiederholte ziemlich daſſelbe, was er früher geſagt hatte, in italieniſcher Sprache; er erhielt aber den⸗ ſelben ſchnarrenden Ton als Antwort. Die Herren blick⸗ ten erſtaunt einander an, und wußten ſich keinen Rath. Zum unglück für Ithueh's Plan hatte der Mann jedoch aus den Granit⸗Staaten eine gewiſſe Neigung mitgebracht, alle Töne ſeiner Stimme durch die Naſe gehen zu laſſen; und die Anſtrengung, einen gedämpften Laut von ſich zu geben, rief eine außergewöhnliche Thä⸗ tigkeit dieſes Gliedes hervor, wodurch ein gewiſſer unan⸗ genehmer Miſchton entſtand, der alles muſikaliſche— ſonſt das charakteriſtiſche Merkmal italieniſcher Worte— von Grund aus zerſtörte. Dieſe Eigenthümlichkeit in dem Ton der Stimme des Amerikaners war Andrea Barrofaldi in der Schenke der guten Benedetta bereits aufgefallen, und da ſich das ganze Verhältniß zwiſchen Raoul und dieſem ſeltſamen Manne ſeinem Geiſte ſogleich darſtellte, leuchtete ihm die Wahrheit ſo zu ſagen auf einen Blick ein. Er hatte dieſen Abend bereits ſeinen Scharfſinn auf eine ſo ſeltene Art bewährt, und die Kühnheit des wür⸗ digen Mannes war geſtiegen; ohne ein Wort zu ſagen, ging er ruhig auf Ithuel zu, nahm ihm die Perücke ab und ließ den Aalhautzopf wieder in ſeiner natürlichen Lage den Rücken ſeines Eigenthümers herabfallen. „Ha!— Wie? Viſchi?“ rief Capitain Cuffe lachend, „Ihr treibt ſie heute Nacht aus ihren Höhlen, als wenn es Füchſe wären. Nun, Griffin, ich will verd—t ſein, wenn mir nicht iſt, als hätt' ich das Geſicht dieſes Ge⸗ ſellen ſchon irgendwo geſehen!— Sollte er nicht der Mann ſein, den wir am Steuer der Victorieuſe fanden, als wir ſie enterten?“ „Gott mit mir, Capitain Cuffe!— Nein, nein, Herr!— Dieſer Geſelle iſt ſo lang, wie zwei jener Art⸗ und doch kenne ich das Geſicht. Ich wollte, Ihr ließet nach einem unſerer jungen Herren ſchicken; ſie haben ein beſſeres Gedächtniß für Geſichter, als das ganze Schiff zuſammen genommen.“ Dies ward zugeſtanden, und der Cajüten⸗Hofmeiſter mußte auf das Deck gehen und Herrn Roller rufen, einen der älteſten Kadetten, von dem man wußte, daß er zur Wache gehörte. „Betrachtet Euch dieſen Geſellen, Herr Roller,“ ſagte Griffin, ſobald der junge Herr zu der Gruppe getreten war,„und ſagt uns, ob Ihr ihn ſchon ge⸗ ſehen habt.“ „Es iſt der Lazy⸗rony, Herr, den wir vor einem bischen Zeit aufgehißt haben, als wir das Boot an Deck ſchoben.“ „Pah, daran zweifelt Niemand; wir glauben aber, N dieſes Geſicht ſchon früher geſehen zu haben,— ſeht einmal genau zu.“ Roller ging nun um den unbeweglichen Gegenſtand aller dieſer Bemerkungen herum, und auch ihm kam es vor, als ſei dieſes ſeltſam ausſehende Geſchöpf ihm nicht ganz fremd. Sobald ihm jedoch der Zopf zu Geſicht kam, gab er Ithuel einen derben Schlag auf die Schul⸗ ter und rief aus: „Ihr ſeid willkommen! frohe Wiederkehr, Burſch; ich hoffe, Ihr werdet Eure Back oben noch eben ſo nach Euerm Sinne finden, wie ehedem. Dies iſt Bolt, Capitain Cuffe, der Vormarsgaſt, der uns entlief, als wir das letzte Mal in England waren, gefangen und auf ein Wachtſchiff gebracht wurde, das uns ſpäter benach⸗ richtigen ließ, er habe ein Boot geſtohlen und ſei mit drei bis vier franzöſiſchen Gefangenen entſchlüpft, welche zufällig in jener Zeit zur Unterſuchung, oder aus einer ähnlichen Urſache dort waren. Erinnert Ihr Euch denn nicht alles deſſen, Herr Griffin? vielleicht fällt Euch ein, daß der Burſch ein Amerikaner zu ſein behauptete.“ Ithuel war nun vollkommen bloßgeſtellt, und bedachte nun, der klügſte Weg für ihn ſei, ſich ſeinem Schickſale zu unterwerfen. Cuffe's Geſicht verdunkelte ſich, denn er blickte auf einen Ausreißer mit einer Art Grauen, und einen ge⸗ preßten Ausreißer, auf deſſen Dienſt England kein ande⸗ res Recht hatte, als das der Gewalt, mit einem erhöh⸗ ten Grad von Groll, welcher zu ſeinem innern Bewußt⸗ ſein, daß dem Manne, den man auf dieſe Weiſe ſeiner natürlichen Rechte beraubt hatte, Unrecht geſchehen, in dem genaueſten Verhältniſſe ſtand. In dieſen Gefühlen iſt durchaus nichts Ungewöhnliches; denn unter ſolchen Umſtänden iſt es ein ſehr gäng und gebes Auskunftmittel, daß man Verbrechen ſucht, welche uns vor uns ſelbſt rechtfertigen, und ſich zu dem Glauben zwingt, der Ge⸗ genſtand, dem wir Unrecht thun, verdiene die Strafe. „Wagt Ihr es zu läugnen, was dieſer junge Herr eben geſagt hat, Burſch?“ fragte der Capitain.„Ich erinnere mich nun ſelbſt— Ihr ſeid Bolt, der Vormars⸗ gaſt, der zu Plymouth Reißaus nahm.“ „Ihr hättet auch Reißaus genommen, Capitain Cuffe, wäret Ihr an meiner Stelle geweſen, hätte das Schiff ſelbſt zu Jericho gelegen.“ „Genug— keine Unverſchämtheit. Schickt nach dem Unterofficier, Herr Griffin, und laßt den Geſellen in Eiſen legen. Morgen werden wir die Sache näher in das Auge faſſen.“ Dieſe Befehle wurden vollzogen, und Ithuel mußte ſich an den Ort verfügen, wo der Unteroffizier an Bord des Schiffes zu herrſchen pflegt. Cuffe entließ nun den Lieutenant und begab ſich in ſeine Innen⸗Cajüte, um einen Bericht an den Contre⸗ Admiral zu ſchreiben. Es dauerte faſt eine Stunde, bis — 55— der Brief nach ſeinem Sinne war, zuletzt aber war es ihm gelungen.. Der Inhalt dieſes Berichtes war folgender: Er be⸗ nachrichtigte Nelſon von der Gefangennehmung Raoul's, und ſetzte die Art und Weiſe auseinander, wie dieſer berühmte Kapersmann in ihre Hände gefallen war. Dann bat er um Anweiſung, wie er es mit ſeinen Gefangenen halten ſollte. Nachdem er dieſe wichtige Thatſache mit⸗ getheilt hatte, wagte er einige Andeutungen über die wahrſcheinliche Nähe des Loggers, und ſprach von der Hoffnung, welche er hege, durch Bolt, deſſen Lage er gleichfalls berichtete, genau zu erfahren, wo das Irrlicht halte; zu gleicher Zeit gab er einen Wink, daß es räth⸗ lich wäre, beide Verbrecher ſo bald als möglich ins Ver⸗ hör zu nehmen, da man durch, ſie wohl am leichteſten den Logger in die Hände bekomme. Der Brief ſchloß mit der ernſten Bitte, eine zweite Fregatte, die er nannte, und deren Capitain weniger Dienſtjahre zählte, als Cuffe, ſo wie eine raſch ſegelnde Schaluppe, welche vor Neapel lag, zu ſenden, damit ſie ihm den Logger„auftreiben“ helfen möchten, denn er fürchte, der letztere ſei zu raſch, um von der Proſerpina allein überholt zu werden, be⸗ ſonders bei den leichten Winden, welche eben vorherrſchten. Als dieſer Brief fertig, überſchrieben und geſiegelt war, begab ſich Cuffe wieder auf das Deck. Es war jetzt neun Uhr, oder die zweite Stunde, und Wincheſter war faſt allein auf der Schanze. Alles war auf dem Deck dieſer ſchönen Fregatte ſo ruhig und ſtill, wie eine Mondlicht⸗Nacht, eine ſchläf⸗ rige Wache, ein leichter Wind und glattes Waſſer in einer Bucht, wie die von Neapel, dies nur möglich machte. Einzelne Feuergarben ſtiegen dann und wann über dem Veſuv empor; ſonſt war Alles in jener Richtung nebelhaft und geheimnißvoll; aber Capri hob ſich düſter und groß einige Meilen leewärts, und auf der Leeſeite war Iſchia, einer fernen wirren Felsmaſſe ähnlich, ſichtbar. 4 Ein Wort aus des Capitains Munde ſetzte alles auf dem Deck in Thätigkeit. Raa und Stag⸗Takel wurden überhohlt und angeſackt, der Bootsmann⸗Maat flötete die Befehle und der große Kutter wurde über die Be⸗ kleidungen des Decks gehißt und in das Waſſer gelaſſen. „Hinab da, Kuttersleute!“ rief eine heiſere Stimme von dem Deck herab und die Mannſchaft war bereit in den Kutter zu gehen, ſobald dieſer auf dem Waſſer ſtand. Die Maſten wurden geſtellt, Roller erſchien in einem Pelzwamms, um ſich gegen die Nachtluft zu ſchützen, und Cuffe gab ihm ſeine Befehle. „Setzt Eure Segel aus und haltet hinüber unter der Nordküſte hin, Herr Roller,“ ſagte der Capitain, der auf der Laufplanke ſtand und ſein letztes Wort hören ließ.—„Ihr werdet auf den Palaſt der Königin Johanna abhalten. Dort thut Ihr am beſten, zu Euern Rudern zu greifen und das Land entlang zu rudern. Sorgt, — 61— Herr, daß Ihr mit dem erſten auslaufenden Schiffe wieder zu uns kommt; wird keines geſchickt, ſo kommt mit dem Morgenwind im Boote zurück.“ Roller ließ das gewöhnliche—„ja— ja— ja“ hören und das Boot ſchoß ab, ſo bald die Loggs unter dem Lee des Schiffes geſetzt waren, und in einer halben Stunde hatten die Schatten der Nacht ſeine Geſtalt verhüllt. Cuffe ging noch eine volle Stunde mit dem erſten Lieutenant auf dem Decke hin und her, und als er ſich überzeugt hatte, daß die Nacht günſtig zu werden ver⸗ ſpreche, ging er hinab und gab Befehl, das Schiff bis „zum Morgen beilegen zu laſſen. Roller ruderte an die Seite des Foudroyant, als die Schiffsglocke eben acht ſchlug, oder um Mitternacht. Nelſon war noch auf und ſchrieb in ſeiner Cajüte. Der Bericht wurde überliefert und der Sekretär des Admirals nebſt einigen Schiffsſchreibern erhielten Befehl, ihre Cojen zu verlaſſen und herbei zu kommen; denn dieſer thätige Mann ließ in dem, was ihm oblag, keine Zögerung zu. Gegen zwei Uhr waren Befehle für mehrere Schiffe aufgeſetzt, abgeſchrieben und abgeſendet, damit der Morgen⸗ wind nicht verſäumt würde, und nicht eher als jetzt durften die Bedienſteten an Ruhe denken! Um zwei Uhr verließ Roller das Flaggenſchiff, nach⸗ dem er vorher in Nelſon's eigener Cajüte ein tüchtiges Nachteſſen eingenommen hatte, und begab ſich an Bord der Terpſichore, einer raſchen kleinen Fregatte von zwei und zwanzig Kanonen, Zwölfpfünder, mit dem Befehl an ihren Capitain, ihn aufzunehmen. Zwei Stunden ſpäter verließ dieſes Schiff mit einer zweiten, noch klei⸗ nern Fregatte, der Ringeltaube, achtzehn, unter einer Wolke von Leinwand den Ankergrund, ging unter Lee⸗ Segeln auf beiden Seiten, bei einem leichten Nord⸗ weſtwinde, den Golf hinab und hielt auf Capri ab. Drittes Kapitel. Nun, Meiſter Schreiber, kommt zur Sache— Warum ſind wir zum Rathe hier verſammelt? Shakſpeare. Als die Müßiggänger der Proſerpina am nächſten Morgen auf dem Deck erſchienen, war das Schiff etwa eine Stunde windwärts von Capri, nachdem es ſich wäh⸗ rend der Nacht der Nordſeite des Golfs zugedrängt hatte, wendete im Winde und kam ſo auf der andern Seite zurück. Von dem Augenblicke an, wo es zu dämmern begann, waren Ausgucker auf den Maſten, welche mit ihren Ferngläſern alle Winbel und Ecken des Golfs unter⸗ ſuchten, um zu ſehen, ob der Logger unter dieſer kühnen ma⸗ leriſchen Küſte irgend zu entdecken ſei. So groß iſt die Ausdehnung dieſes ſchönen Waſſerbeckens, ſo erhaben die Natur, welche es umgibt, und ſo klar die Atmoſphäre, — 63— daß ſelbſt die größten Schiffe weniger als gewöhnlich in das Auge fallen, und das Irrlicht hätte ſehr gut in einer der Einbuchtungen und Landungsplätze liegen, und der Flotte oben eine ganze Woche unbemerkt bleiben können, wenn nicht Beobachter auf der Küſte ſie von einem ſolchen Falle benachrichtigt hätten. 3 Cuffe war der letzte, der auf dem Deck erſchien, denn es war die ſechſte Stunde(oder ſieben Uhr) als die auf der Schanze Weilenden zuerſt ihre Hüte vor ihm lüfteten. Er ſchaute ringsum und wendete ſich dann zu Grif⸗ fin, der jetzt die Wache befehligte. „Ich ſehe zwei Schiffe den Golf herab kommen, Herr Griffin,“ ſagte er.—„Wir haben bis jetzt noch keine Signale, ſcheint es, Herr?“ „Gewiß nicht, Herr, ſonſt würden ſie Euch gemel⸗ det worden ſein. Wir haben ausfindig gemacht, daß die Fregatte die Terpſichore iſt, und die Schaluppe erkenne ich an ihren Oberſegeln als die Ringeltaube. Das erſtere Schiff, Capitain Cuffe, rühmt ſich, ſchneller zu gehen als irgend ein engliſches Schiff in dieſen Meeren.“ „Ich wette die Löhnung eines Mondes, das Few- Folly geht auf eine Bulinie von ihm weg und macht zehn Knoten, bis es neun zurücklegt. Wenn der Irr⸗ wiſch es ſo mit der Proſerpina macht, wird er 2s gewiß auch mit Fräulein Terpſichore nicht anders halten. Eben läßt ſich ein Signal auf der Fregatte ſehen, Herr Grif⸗ — 64— fin,— obgleich kein Hexenmeiſter es zu leſen vermag, da es gerade gegen uns fliegt.— Nun, Quartiermeiſter, was wollen ſie dort?“ „Die Terpſichore ſignaliſert ihren Namen, Herr, und die Ringeltaube hat in dieſem Augenblicke daſſelbe „gethan.“ „Zeigt den unſrigen und haltet ſcharfen Ausguck; ſie werden uns gewiß ſogleich noch etwas mehr zu ſagen haben.“ Nach wenigen Minuten drückte die Terpſichore den Wunſch aus, die Proſerpina zu ſprechen, und Cuffe ließ ſeine Obermarsſegel füllen und hohlte dicht an den Wind an. Eine Stunde ſpäter kamen die drei Schiffe auf An⸗ ruf⸗Weite heran, und die beiden jüngern Befehlshaber ließen ihre Gigs nieder und kamen an Bord der Pro⸗ fferpina, um Rapport zu erſtatten. Roller folgte in dem großen Kutter, welchen die Terpſichore ins Schlepptau genommen hatte. Der Capitain der Terpſichore war Sir Frederick Daſhwood, ein lebendiger junger Baronet, welcher das thätige Leben eines Seemannes der Trägheit und ſechs⸗ tauſend Pfund jährlich am Lande vorzog, und deſſen Muth und Dienſteifer man ſchon in ſeinem zwei und zwanzigſten Jahre durch Beförderung und eine ſchnell⸗ ſegelnde Fregatte belohnt hatte. Die Ringeltaube ſtand unter einem Maſter⸗Com⸗ mandanten, Namens Lyon, welcher bereits ſechzig Jahre — 65„ alt war und ſich zu ſeinem jetzigen Range durch lange, mühſelige Dienſte hinaufgearbeitet hatte; ſeine dermalige Stellung verdankte er dem Umſtande, daß er die Schlacht von St. Vincent als erſter Lieutenant mitgekämpft hatte. Dieſe beiden Herrn erſchienen zu gleicher Zeit auf der Schanze der Proſerpina, wo ſie von dem Capitain und ſämmtlichen Offizieren nach Gebühr empfangen wurden. „Guten Morgen, Cuffe,“ ſagte Daſhwood und reichte dem Befehlshaber der Proſerpina die Kuppen ſeiner Finger, ſobald der förmliche Theil des Empfanges vorüber war; dabei warf er einen halb beifälligen, halb tadelnden Blick auf dem Deck umher:„wozu hat Nelſon uns hier herab geſchickt an dieſem ſchönen Morgen, und— ha,— wie lange habt Ihl dieſe ehernen Verzierungen an Euerm Gangſpill?“ „Sie ſind erſt ſeit geſtern hier, Sir Frederick,— ſie koſten eine Kleinigkeit.“ „Hat Nelſon ſie geſehen?— Ich denke beinahe, nicht— wie ich höre, iſt er jetzt hinſichtlich ſolchen Firle⸗ fanzes wild wie ein Araber.— Welch ein ungelegener Scherz war der geſtern Nachmittag, nebenher bemerkt, Cuffe!“ „Es war ein ſchlechter Handel, und, als ein alter Agamemnon, hätt' ich mich um ein ganzes Dienſtjahr zurückſetzen laſſen, wenn er weggeblieben wäre.“ „Ein ganzes Dienſtjahr— dies iſt ſehr viel,— ein Jahr brächte mich faſt an die Seite unſeres alten Lyon 187— 189. 5 66 hier zurück. Es ſind noch nicht drei Jahre, daß ich Lieu⸗ tenant war, und ich möchte nicht ein halbes Jahr daran ſetzen. Aber all' Ihr alten Agamemnons haltet Euern kleinen Nelſon, als wenn er ein hübſches Mädchen wäre, — iſt's nicht wahr, Lyon?“ „Es iſt recht wohl möglich, Sir Frederick,“ ant⸗ wortete Lyon;„und wenn Ihr erſter Lieutenant an Bord eines Zweideckers vor Kap St. Vincent am 14. Fe⸗ druar 1797 geweſen wäret, würdet ihr auch gerade ſo von ihm denken. Hier ſtanden wir, nur fünfzehn Schiffe in allem, das heißt, Linienſchiffe— mit dem Wind von—“ „O laßt Euch malen, Lyon. Ich habe all Das wenig⸗ ſtens ſiebzehn Mal gehört. „Nun, wenn Ihr es ſiebzehn Mal gehört habt, Sir Frederick,“ erwiederte Lyon, ein geborner Schott⸗ länder,„ſo habt Ihr es gerade, ſeit Ihr zur Welt kamt, jedes Jahr ein Mal gehört, die Zeit abgerechnet, wo Ihr eine Amme hattet. Wir ſind jedoch nicht hier⸗ her gekommen, um Capitain Cuffe in dieſe Dinge einzu⸗ weihen, ſondern vielmehr in Folge eines Befehls des Contre⸗Admirals— des kleinen Nel, wie Ihr ihn zu nennen pflegt, Sir Frederick Daſhwood!“ „Nein, ihr alten Agamemnons, oder Aliburſche habt ihm dieſen Namen gegeben.“ „Ihr werdet mich gefälligſt entſchuldigen, Herr,“ fiel Lyon ein wenig ärgerlich ein;„Ihr werdet nie gehört haben, daß ich ihn anders nannte, als mein — 66— Lord, ſeit Seine Majeſtät, Gott ſegne den König— gnädigſt geruht hat, ihm die Pairswürde zu ertheilen— nicht anders als„mein Lord“ und„der Contre⸗Admi⸗ ral;“ denn der Rang in der Flotte macht ſelbſt auf dem Throne auf ſeine Vorrechte Anſpruch. Mancher König iſt Oberſt geweſen, und ich ſehe nicht ein, warum nicht Einer auch Admiral ſollte werden können. Seid Ihr nicht auch der Anſicht, Capitain Cuffe, daß der Contre⸗ Admiral, ſeit er Herzog von Bronte geworden, das Recht hat, ſich„Eure Gnaden“ nennen zu laſſen?— Alle ſchottiſchen Herzoge werden ſo betitelt, und ich ſehe keinen Grund, warum der Contre⸗Admiral nicht eben ſo gut, als die beſten von ihnen, haben ſollte, was ihm gebührt.“. „Laßt ihn nur gewähren,“ ſagte Cuffe lachend;„Nel wird ſo gut für ſich ſorgen, als er für den König ſorgt. Aber ich denke, meine Herren, ihr ſeid nicht blos einer Morgenſpazierfahrt wegen hierher gekommen,— habt ihr Aufträge an mich?“ „Ich bitt' Euch um Verzeihung, Capitain Cuffe,— ich hatte aber in der That vergeſſen, weßhalb ich gekom⸗ men,“ antwortete Daſhwood.—„Hier ſind Befehle für Euch, und wir ſind Beide angewieſen, uns bei Euch zu melden. Der Lieutenant, welcher die Briefſchaften an mein Bord brachte, ſagte, wir würden einen Spion zu verhören und einen Logger zu fangen haben. Hat man Cuch nichts von der Sache geſagt, Lyon?“ 5* — 6— „Nein, Sir Frederick; da ich nicht frageſüchtig bin, höre ich ſelten, was in der Flotte vorgeht. Meine Befehle beſtehen darin, daß ich mich und mein Schiff bei Capitain Cuffe dienſtbereit melden ſoll, und dies habe ich die Ehre hiermit zu thun.“ „Nun, meine Herren, da ſind weitere Verhaltungs⸗ befehle für Euch. Hier iſt ein Befehl, ein Kriegsgericht zu halten, beſtehend aus Capitain Richard Cuffe, von der Proſerpina, Präſident; Capitain Sir Frederick Daſh⸗ wood, Baronet, von der Terpſichore u. ſ. w., und Lyon, Wincheſter, und Spriggs, Euerm erſten Lieutenant, Sir Frederick,— und Raoul Yyard, einem franzöſiſchen Bür⸗ ger, welcher als Spion angeklagt iſt, und Ithuel Bolt, Matroſe u. ſ. w., welcher als Ausreißer angeklagt iſt, zu vernehmen. Dies iſt alles in beſter Ordnung, und hier ſind eure bezüglichen Befehle, meine Herren.“ „Alle Welt, ich wußte keine Sylbe davon,“ rief Lyon, welcher dergleichen Pflichten eines Offiziers eben nicht ſehr hold war.—„Ich glaubte, wir ſollten eine Wettfahrt nach einem franzöſiſchen Schiffe anſtellen, und zu dieſem Behufe habe der Contre⸗Admiral, oder mein Lord, oder Seine Gnaden— was nun die richtige Benen⸗ nung ſein mag— ſeine drei raſcheſten Schiffe zuſam⸗ men gebracht.“ „Ich wollte, es wäre blos dies, Capitain Lyon; wir haben aber die unangenehme Pflicht vor uns, über einen Spion und über einen Ausreißer Gericht zu hal⸗ 4 — 69— ten. Ihr werdet auf eure Schiffe zurückkehren, meine Herren, und mir auf einen Ankerplatz folgen. Ich beab⸗ ſichtige, unter der Küſte von Capri mit einem einzigen Anker anzulegen; wir können dort während der Wind⸗ ſtille liegen bleiben, und unſer Rechtsgeſchäft abthun. Die Fälle werden klar ſein und uns nicht lange aufhal⸗ ten; auch können wir Ausgucker auf die Höhen umher⸗ ſchicken, und das Meer und die Küſten draußen unter⸗ ſuchen laſſen. Unterdeſſen müſſen wir uns tummeln, ſonſt verlieren wir die Kühlte. Ihr werdet des Signals zur Verſammlung des Gerichts gewärtig ſein.“ In Folge dieſes Befehls gingen die beiden Offiziere in ihre Boote, und die Proſerpina füllte ihre Segel wie⸗ der. Die drei Schiffe eilten nun, ſo ſchnell es möglich war, dem Punkte ihrer Beſtimmung entgegen, und ſenkten vor der Stadt oder dem Dorfe auf der Inſel Capri die Anker, als die Schiffsglocke zwei ſchlug. Zehn Minuten ſpäter feuerte die Proſerpina eine Kanone ab und ließ die Flagge hinaufgehen, welche die Sitzung eines Kriegsgerichts andeutet. Obgleich es nicht nothwendig ſchien, in die Einzeln⸗ heiten, welche das Geſetz in Betreff ſolcher Verhöre vor⸗ ſchreibt, einzugehen, ſo wird der Leſer doch begreifen, daß ſie in dieſem Falle auf das Strengſte befolgt wurden; die Raſchheit des Geſchäftsganges war theils eine Folge der Entſcheidung des Admirals, mehr aber noch ging ſie aus dem Wunſche hervor, die Anklage gegen die Ver⸗ brecher als Mittel zu benutzen, des eigentlichen Helden unſerer Erzählung, des Irrlichts, habhaft zu werden. Während eine mißverſtandene, um nicht zu ſagen heuchleriſche Philanthropie ſo viele alte Landmarken der Geſellſchaft verrückt und unter andern Ketzereien auch die Lehre predigt:„der Zweck der Strafe ſei die Beſſe⸗ rung des Verbrechers,“ iſt es eine durch jede Erfah⸗ rung beſtätigte Wahrheit, daß nichts die Gerechtigkeit ſo furchtbar und ſchrecklich, und demzufolge ſo wirkſam macht, als Sicherheit und Raſchheit. Wenn allen Erfor⸗ derniſſen Genüge geſchehen iſt, erzielt die raſcheſte Aus⸗ führung des Urtheils am erſten die Sicherheit der Geſell⸗ ſchaft,— der eigentliche und weſentliche Grund aller menſchlichen Anordnungen dieſer Art; und es iſt ein großes Verdienſt der ſo ſehr angegriffenen engliſchen Be⸗ ſtimmungen, daß die Geſetze ſelten ein Lähmungsmittel zu Gunſten des Mörders oder Fälſchers werden, ſondern daß nach geſchloſſenen Verhandlungen der Verbrecher die Sühne ſeiner Miſſethat mit einer Sicherheit und einem Nachdruck erwartet, welche den Eindruck auf die große Maſſe hervorbringen, die die Beſtrafung hervorzubringen deabſichtigt. Daß das amerikaniſche Volk recht gehabt hat, ſich mancher angeerbten Gewohnheiten und Geſetze zu entſchlagen, iſt eben ſo gewiß, als daß die Intereſſen manches Jahrhunderts von denen des andern abweichen— eine Reihe von Umſtänden macht gar oft Grundſätze nöthig, welche von denen abweichen, die in Folge frühe⸗ — 71— rer Verhältniſſe gebildet worden; es würde jedoch auch gut ſein, nicht zu vergeſſen, daß es, bei allem morali⸗ ſchen Wechſel, der eben ſo nothwendig iſt, als phyſiſche Bewegung, Wahrheiten gibt, welche ewig beſtehen, und Regeln des Rechts und der Klugheit, von denen man nie ungeſtraft abweicht. Als ſich die obengenannten Beiſaſſen des Kriegs⸗ gerichts in der Cajüte der Proſerpina verſammelten, geſchah dies mit aller Förmlichkeit und äußerer Würde, die nothwendig ſind, um Achtung zu gebieten. Die Offi⸗ ziere waren in voller Uniform; die Eide wurden feierlich abgelegt; der Tiſch war mit Geſchmack hergerichtet und allum herrſchte ein ernſter Anſtand. 5 Man verlor jedoch mit dieſen Förmlichkeiten nicht viele Zeit, und der Bedienſtigte, welchem das Amt eines General⸗Profoßes zugetheilt war, erhielt Befehl, ſeine Gefangenen einzuführen. Raoul Yvard und Ithuel Bolt wurden in einem und demſelben Augenblicke in die Cajüte geführt, obgleich ſie von verſchiedenen Theilen des Schiffes kamen; jeder Verkehr zwiſchen ihnen war unterſagt. Als Beide ein⸗ getreten waren, wurden ihnen die Anklagen vorgeleſen. Raoul hatte zugeſtanden, daß er der engliſchen Sprache mächtig wäre; man ſchwor alſo keinen Dolmetſcher ein; ſonſt aber ſchritt man in der herkömmlichen Weiſe vor. Da man den Franzoſen zuerſt vernehmen wollte, und Ithuel vielleicht als Zeuge gebraucht wurde, entließ 7² man den letztern wieder; denn bei Kriegsgerichten darf nie ein Zeuge hören, was der andere ausgeſagt hat; aber ein ſcharfſinniger Erſatz für das Ohr hat ſich in der neuern Zeit geltend gemacht, indem man in den öffent⸗ lichen Blättern Alles, was von Tag zu Tag vorgeht, bekannt macht, ſofern die Länge der Verhandlungen eine ſolche Auskunft erlaubt. „Wir wollen nun den Signor Andrea Barrofaldi einſchwören,“ begann der Unterſuchungsrichter, ſobald die Vorbereitungen zu Ende waren.—„Dies iſt eine katholiſche Bibel, und ich will den Eid in italieniſcher Sprache vorlegen, wenn Ihr vorher die Güte haben wollt, mich als Ueberſetzer einzuſchwören.“ Dies geſchah, und der Vice⸗Statthalter leiſtete dann den Eid in aller Form. Dann folgten einige Fragen hin⸗ ſichtlich der Stellung, der Heimath u. ſ. w. des Zeugen, worauf man zu dem Weſentlicheren überging. „Signor Vice⸗Governatore, kennt Ihr den Gefan⸗ genen von Anſehen?“ fragte der Unterſuchungsrichter. „Ja, ich hatte die Ehre ſeines Beſuches in meiner Wohnung auf der Inſel Elba.“ „Unter welchem Namen und unter welchen Umſtän⸗ den wurde er Euch bekannt?“ „Ei— er nannte ſich Sir Smit, Capitano in den Dienſten des Königs von England.“ „Welches Schiff behauptete er zu befehligen?“ „Den Ying-y-Ving, einen Logger, welcher, wie — 73— ich ſeitdem zu glauben Grund habe, das Irrlicht iſt, ein Korſar unter franzöſiſcher Flagge. Monſieur erzeigte mir die Ehre, mich unter dem Namen Sir Smit zweimal zu Porto Ferrajo zu beſuchen.“ „Und Ihr wißt jetzt, daß dieſer Mann Raoul Yvard, der Befehlshaber des erwähnten franzöſtſchen Kapers iſt?“ „Ha— wiſſen?— Ich weiß, daß man ſagt, dies ſei Raoul Yvard, und der Ving-F-Ving ſei das Irrlicht.“ „Man ſagt, reicht nicht aus, Signor Barrofaldi. Habt Ihr nicht ſelbſt Kenntniß davon?“ „Nein, Signore. 4 Das Gemach wurde geräumt, und als es ſich wie⸗ der öffnete, wurde nach Vito Viti geſchickt, und bei der Leiſtung des Eides ſeine Aufmerkſamkeit abſonderlich auf das Kreuz auf der Decke des Buches gelenkt. „Signor Viti, habt Ihr den Gefangenen hier ſchon früher geſehen?“ fragte der Unterſuchungsrichter, nach⸗ dem die Vorfragen vorſchriftsmäßig geſtellt waren. „Signore, öfter, als mir die Erinnerung daran angenehm iſt. Ich glaube nicht, daß zwei ernſte Beamte je mehr zum Beſten gehalten wurden, als in dieſem Falle der Vice⸗Governatore und ich. Ah, Signori, der Klügſte wird zuweilen wie ein Wickelkind, wenn ein Nebel vor den Verſtand tritt.“ „Erzählt dem Gerichte die Umſtände, unter welchen ſich dies begab, Signor Podeſta.“ nach Elba?“ 74 „Nun, Signori, ſo trug ſich die Sache zu. Andrea Barrofaldi iſt, wie Euch bekannt, der Vice⸗Governatore von Porto Ferrajo, und ich bin der unwürdige Podeſta daſelbſt. Natürlich iſt es unſere Pflicht, uns um Alles zu bekümmern, was das öffentliche Wohl angeht; beſon⸗ ders aber um das Thun und Gebahren der Fremden, die unſere Inſel beſuchen. Nun ſind es jetzt drei Wochen oder darüber, als ein Logger, oder eine Felucea geſehen wurde—“ „Was war es,— ein Logger oder eine Felucca?“ fragte der Unterſuchungsrichter, und hielt die Feder be⸗ reit, um die Antwort niederzuſchreiben. „Beides, Signore— eine Felucca und ein Logger.“ „Ah, es waren alſo zwei Schiffe,— eine Felucca und ein Logger.“ „Nein, Signore, ſondern dieſe Felucca war ein Logger. Tommaſo Tonti wollte mich auch in dieſer Hin⸗ ſicht hinter das Licht führen; aber ich bin nicht eine ſo lange Reihe von Jahren mir nichts dir nichts Podeſta in einem Seehafen geweſen. Nein, Signori, es gibt alle Arten Feluccas— Schiff⸗Feluccas, Brigg⸗Feluccas, und Logger⸗Feluccas.“ Das Gericht lächelte, als ihm dieſe Antwort über⸗ ſetzt wurde, und Raoul lachte laut. „Nun, Signore Podeſta,“ begann der Unterſuchungs⸗ richter wieder,„der Gefangene kam in einem Logger — 75— „So hat man geſagt, Signori. Ich ſelbſt habe ihn nicht an Bord deſſelben geſehen; er ſagte jedoch aus, er ſei der Befehlshaber eines gewiſſen Schiffes in Dienſten des Königs von Ingliterra, der Ving-y-Ving genannt; und er behauptete, ſein eigener Name ſei Smit,— ja, il Capitano, oder Sir Smit.“ „Er ſagte dies aus?— Wißt Ihr, daß dieſer Log⸗ ger der berüchtigte franzöſiſche Kaper, Le Feu-Follet war?“ „Ich weiß, daß man dies ſagte, Signori; aber der Vice⸗Governatore und ich hielten ihn für den Ving- y-Ving.“— „Und wißt Ihr nicht, ob der Gefangene wirklich Raoul Yyard iſt— ich meine, aus eigener Kenntniß?“ „Corpo di Bacco! wie ſollte ich dies wiſſen, Herr Giudeca-Avvocato?“ rief Vito Viti, welcher den Unter⸗ ſuchungsrichter„Judge- advocate“ hatte nennen hören, und das, was er für einen Titel nahm, wörtlich über⸗ ſetzte, und ihn ſo in eine Art Schiff⸗Felucca verwan⸗ delte;„wie ſollte ich dies wiſſen? Ich habe keinen Ver⸗ kehr mit Korſaren, ſie müßten denn auf unſere Inſel kommen und ſich Sir Smit'’s nennen.“ Der Unterſuchungsrichter und die Mitglieder des Gerichtes blickten ſich ernſt an. Keiner konnte im Ent⸗ fernteſten bezweifeln, daß der Gefangene Raoul Yvard ſei; es war aber nothwendig, dies geſetzlich zu beweiſen, ehe man ihn verurtheilen konnte. Cuffe wurde nun befragt, ob der Gefangene ſich — 76— nicht Raoul Yvard genannt habe; Niemand konnte aber ſagen, daß er dies ausdrücklich gethan, obgleich dies aus ſeinen Worten deutlich genug hervorzugehen ſchien. Kurz, das Gericht war in einer Art Klemme, wie dies keines⸗ wegs ſelten vorzukommen pflegt; es konnte nämlich eine Thatſache nicht als erwieſen darſtellen, obgleich es ſie nicht bezweifelte. Endlich dachte Cuffe an Ghita und Ithuel, und er ſchrieb ihren Namen auf ein Blatt Papier und ſchickte es dem Unterſuchungsrichter über den Tiſch hinab. Dieſer nickte mit dem Kopfe, als wollte er ſagen, er verſtehe des Präſidenten Meinung, und dann ſagte er dem Ge⸗ fangenen, er möchte, wenn er dies wünſche, den Zeugen kreuzfragen. Raoul begriff ſeine Lage vollkommen. Obgleich er dem Golf von Neapel gewiß nicht in irgend einer ge⸗ wöhnlichen Späherabſicht nahe gekommen war, fühlte er doch, wie weit er ſich bloßgeſtellt hatte, und wußte ſehr gut, wie gern ihn ſeine Feinde zu Grund richten wür⸗ den, wenn ſie die geſetzlichen Mittel, dies zu thun, aus⸗ findig machen könnten. Er begriff auch die Verlegenheit, in welche der Mangel eines gültigen Zeugniſſes ſeine Ankläger ſetzte, und beſchloß ſofort, dieſen Umſtand ſo gut als möglich zu ſeinem Vortheile zu benutzen. Bis zu dieſem Augenblicke war es ihm nicht in den Sinn gekommen, ſeine Perſon zu verläugnen; da er aber einen Hoffnungsſtrahl leuchten ſah, war es ganz⸗ — 27— natürlich, daß er an ihm feſthielt, um ſich dieſer ſchlim⸗ men Lage zu entziehen. Demgemäß wendete er ſich zu dem Podeſta, und ſtellte ſeine Fragen auf Engliſch, damit ſie, wie die ganze bisherige Verhandlung, den gewöhnlichen Gang der Ueber⸗ ſetzung nähmen. „Ihr ſagt, Signor Podeſta,“ begann er,„Ihr hättet mich in der Stadt Porto Ferrajo und auf der Inſel Elba geſehen?“ „Si,— in der Stadt, wo ich die Ehre halr, einer der Beamten zu ſein.“ „Nach Euern Worten habe ich ausgeſagt, ich befeh⸗ ligte ein Schiff in Dienſten des Königs von England— eine Felucca, genannt Ving-and-Ving?* „Ja,— Ving-y-Ving,— Befehlshaber dieſer Felucca!“ „Habt Ihr nicht geſagt, Herr Podeſta, das Fahrzeug ſei ein Logger geweſen?“ warf Lyon ein. „Ein Felucca⸗Logger, Signor Capitano, nicht mehr und nicht weniger als das, auf meine Ehre.“ „ Und alle dieſe ehrenwerthen Offiziere wiſſen ſehr gut,“ bemerkte Raoul ironiſch,„daß ein Felucca⸗Logger, und ein Logger, wie das Irrlicht einer ſein ſoll, ganz verſchiedene Dinge ſind. Wohl, Signor, Ihr habt mich nie ſagen hören, ich ſei ein Franzoſe?“ „Nein,— Ihr ſeid nie ſo ſchwach geweſen, dies vor einem Mann einzugeſtehen, dem ſelbſt der Name Franzoſe verhaßt iſt. Cospetto! Wenn alle Unterthanen des Großherzogs ſeine Feinde ſo verabſcheuten, wie ich, ſo wär' er der mächtigſte Fürſt Italiens.“ „Ohne Zweifel, Signore; und nun erlaubt mir die Frage, ob Ihr dieſe Felucca je anders als Ving- and- Ving habt nennen hören? Habe ich ſie jemals Le Feu- Follet genannt?“ „Nein,— immer Ving-y-Ving; niemals anders; aber—“ „Verzeihung, Signore; habt die Güte, auf meine Fragen zu antworten. Ich nannte die Felucca Ving- and-Ving, und mich ſelbſt nannte ich Le Capitaine Smit— iſt dies nicht wahr?“ „Ja, ja— Ving-y-Ving und il Capitano Smit, — Sir Smit,— einen Signore aus einer berühmten engliſchen Familie dieſes Namens, wenn ich mich recht erinnere.“ Raoul lächelte; denn er ſah wohl, daß dieſe Anſicht vornehmlich auf einer Selbſttäuſchung der zwei Italiener beruhte; denn das Wenige, was er in dieſer Beziehung geſagt hatte, war eher eine Folge ihrer Unterſtellungen, als irgend einer abſichtlichen Täuſchung von ſeiner Seite. Demungeachtet hielt er es nicht für klug, dem Podeſta zu widerſprechen; denn dieſer hatte bis jetzt noch nichts ausgeſagt, das ihm zur Laſt gelegt werden konnte⸗ „Wenn ein junger Mann die Eitelkeit hat, für adelig gelten zu wollen,“ antwortete Raoul ruhig,„ſo — 7= mag dies für ſeine Thorheit ſprechen; aber es beweiſ't nicht, daß er ein Spion iſt. Ihr habt, wie Ihr ſagt, nie gehört, daß ich mich einen Franzoſen nannte; habt Ihr aber nicht vernommen, daß ich auf Guernſey gebo⸗ ren ſei?“ 1 „Si,— der Signore ſagte, die Familie Smit ſtamme von dieſer Inſel— wie der Vice⸗Governatore es nennt, obgleich ich geſtehen muß, daß ich von einer ſolchen Inſel nie gehört habe— wir haben Sizilien, Schottland, Malta, Capraya, Pianoſa, Gorgona, Amerika und viele andere im Oſten; aber von einer Inſel Guernſey habe ich nie etwas gehört!— Si, Signore, wir Elbaner ſind arme Leute, und, wie ich hoffe, beſcheidene Leute; wir wiſſen aber dennoch Dies und Jenes von dem übrigen Theil der Welt. Wenn Ihr aber wünſcht, dieſen Gegenſtand ausführlich und ſcharfſinnig beſprochen zu hören, ſo wer⸗ det Ihr wohl thun, den Vice⸗Governatore auf eine halbe Stunde hereinkommen zu laſſen, und ihn zu bitten, die Schätze ſeiner Gelehrſamkeit zu erſchließen. San Anto⸗ nio— ich glaube nicht, daß Italien ſeines Gleichen hat, — beſonders in Bezug auf Inſeln. „Gut,“ fuhr Raoul fort,„und nun ſagt dieſen Offizieren, Signor Podeſta, wenn Ihr dies auf Euern Eid thun könnt, ob ich überhaupt mit dieſer Felucca, dem ving- and-Ving etwas zu ſchaffen hatte?“ „Ich kann dies nicht ſagen, ich müßt' es denn aus Euern eigenen Worten herleiten, Signore. Ihr wart — 860— in engliſcher Uniſorm, wie dieſe Offiziere hier, und ſag⸗ tet, der Ving-y-Ving ſtände unter Euerm Befehl. Als wir von Inſeln ſprachen, Signori, vergaß ich Pal⸗ mavola und Ponza, an denen wir auf der Reiſe von Elba hierher in unſerm Schiffe vorbeikanen.“ „Gut— es iſt ſtets recht, genau zu ſein, wenn man vereidet worden. Wohl denn, Signor Podeſta, Euer ganzes Zeugniß geht alſo dahin, daß Ihr nicht wißt, daß die von Euch erwähnte Felucca Le Feu-Follet war, oder daß ich ein Franzoſe, geſchweige denn, daß ich Raoul Yvard bin; ſodann, daß ich Euch geſagt habe, ich ſei von Guernſey und mein Name ſei Jaques Smit — iſt dem nicht ſo?“ „Si— Ihr ſagtet, Euer Name ſei Giac Smit, und Ihr habt nicht geſagt, Ihr wäret Raoul Yvard. Aber, Signore, ich habe Euch unter aufgehißter franzöſiſcher Flagge die Boote dieſer Fregatte mit Euern Kanonen beſchießen ſehen, und dies iſt doch ein feindliches Zeichen, wenigſtens nehmen wir dergleichen ſo zu Porto Ferrajo.“ Raoul fühlte, daß dieſer Streich gut geführt ſei; dennoch fehlte ihm das verbindende Glied, um über⸗ führend zu werden. „Aber Ihr ſagt nicht, daß ich dies gethan hätte?— Ihr wollt ſagen, Ihr hättet den Ving-and-Ving mit den Booten der Fregatte kämpfen ſehen?“ „Si— das war es— aber Ihr ſagtet mir, Ihr wärt der Befehlshaber des Ving- y-Ving?“ — 81— „Wir wollen uns verſtändigen,“ fiel der Unter⸗ ſuchungsrichter ein:„iſt es des Gefangenen Abſicht, zu läugnen, daß er ein Franzoſe ſei, daß er einer feind⸗ lichen Macht angehöre?“ „Ich habe die Abſicht, Herr, alles zu läugnen, was nicht bewieſen iſt.“ „Aber Eure Ausſprache— Euer Engliſch— ja, Euer Ausſehen— alles beweiſ't, daß Ihr ein Franzoſe ſeid.“ „Verzeiht, Herr. Es gibt heut zu Tage viele Völker, die franzöſiſch ſprechen, ohne daß ſie darum Franzoſen ſind. An einem Theile der Nordgrenze von Frankreich entlang ſprechen es Nicht⸗Franzoſen— ſo verhält es ſich mit Savoyen, Genf, dem Waadtland— auch die Eng⸗ länder haben franzöſiſche Unterthanen in den Kanadas, Guernſey und Jerſey nicht zu gedenken. Ihr werdet mich nicht hängen, weil meine Ausſprache nicht die der Londner iſt?“ „Wir werden Euch Gerechtigkeit widerfahren laſſen, Gefangener,“ bemerkte Cuffe,„und jeder Zweifel, jede Bedenklichkeit ſoll Euch zu ſtatten kommen. Bei all' dem kann ich nicht läugnen, daß ich der Anſicht, einen Fran⸗ zoſen und Raoul Yvard in Euch zu ſehen, ſehr ſtark zuneige, und wenn Ihr das Gegentheil beweiſen könntet, ſo würdet Ihr wohl thun, dies durch unmittelbares Zeug⸗ niß zu erhärten.“ „Wie kann dieſes ehrenwerthe Gericht etwas der Art erwarten? Vergangene Nacht bin ich in einem Boote 187— 189. 6 gefangen genommen worden, dieſen Morgen werde ich verhört— ein Verfahren, das dem gegen Carraccioli eingehaltenen ziemlich ähnlich iſt. Laßt mir Zeit, mich nach Zeugen umzuthun, und ich werde beweiſen, wer und was ich bin.“ Dieſe Worte wurden ruhig und mit der Miene des Mannes vorgebracht, der ſeiner Unſchuld gewiß iſt, auch hatte ſie eine nicht ganz unmerkliche Wirkung auf die Richter, denn eine Anſprache an die unwandelbaren Grundſätze des Rechtes ſchlägt ſelten an ein taubes Ohr. Demungeachtet konnten die Offiziere, beſonders die der Proſerpina, weder über den Charakter des Loggers, noch über den des Gefangenen in Zweifel ſein; und unter ſolchen Umſtänden war es nicht wahrſcheinlich, daß ſie einen Feind, der ihnen ſo vielen Schaden zugefügt hatte, entſchlüpfen laſſen würden. Die Anſprache machte ſie nur vorſichtiger und zumal entſchloſſener, ſich gegen jede Beſchuldigung eines ungerigneten Verfahrens zu wahren. „Habt Ihr den Zengen noch eine Frage vorzulegen, Gefangener?“ fragte der Präſident des Gerichts. „Jetzt nicht, Herr! fahrt fort. meine Herren, wenn es Euch beliebt.“ „Ruft Ithuel Bolt!“ ſagte der Unterſuchungsrichter, der den neuen Namen von einem neben ihm liegenden Blatte las. Raoul bebte, denn er hatte nicht geahnt⸗ daß man den wahren Namen des Amerikaners wiſſen könne. Nach einer Minute erſchien Ithuel, wurde eingeſchworen und nahm ſeinen Platz an dem Ende des Tiſches ein. „Euer Name iſt Ithuel Bolt?“ fragte der Unter⸗ ſuchungsrichter und hielt ſeine Feder in Bereitſchaft, um die Antwort niederzuſchreiben. „So ſagt man hier an Bord,“ antwortete der Zeuge ruhig;„was mich aber betrifft, ſo habe ich auf eine ſolche Frage keine Antwort zu geben.“ „Verläugnet Ihr Euern Namen, Herr?“ „Ich läugne nichts— brauche nichts zu ſagen und habe mit dieſem Verhöre und dieſem Schiffe nichts zu ſchaffen.“ Raoul athmete leichter, denn, die Wahrheit zu ge⸗ ſtehen, er ſetzte ein großes Vertrauen in Ithuel's Treue und Uneigennützigkeit; er fürchtete, der Amerikaner habe ſich durch das Verſprechen, ihn frei zu geben, beſtechen laſſen. „Ihr werdet Euch erinnern, daß Ihr den Eid ge⸗ leiſtet habt, und wenn Ihr nicht antworten wollt, wegen Ungehorſams geſtraft werden könnt.“ „Ich habe einige allgemeine Begriffe von Geſetz und Recht,“ und griff an ſeinen Zopf, um ſich zu vergewiſ⸗ ſern, daß er an ſeiner rechten Stelle ſei;—„denn wir alle in Ameriky pflegen das ſo zu halten. Ich habe auch einige Uebung darin gehabt, obgleich nur als junger Mann und vor einem Friedensrichter. Wir pflegten zu be⸗ 6* — 84 haupten, daß ein Zeuge nie gegen ſich ſelbſt ausſagen könne.“ „Ihr antwortet alſo ſo unbeſtimmt, um euch nicht ſelbſt anzuklagen?“ „Ich weigere mich, auf dieſe Frage zu antworten,“ antwortete Ithuel mit vieler Würde. „Wißt Ihr etwas von einem Manne, Namens Raoul Yoard?“ „Und wenn dies der Fall wäre? Ich bin ein ge⸗ borner Amerikaner und habe das Recht, in fremden Lan⸗ den Bekanntſchaften zu machen, wenn es in meinem In⸗ tereſſe, oder meinen Gefühlen angenehm iſt.“ „Habt Ihr nie an Bord eines Schiffes Seiner Majeſtät gedient?“ 3 „Was, Majeſtät!— So viel ich weiß, haben wir in Ameriky keine Majeſtät, als die Majeſtät Gottes.“ „Bedenkt, daß alle Eure Antworten niedergeſchrie⸗ ben werden und bei einer andern Gelegenheit gegen Euch ſprechen können.“ „Geſatzlich nicht,— ein Zeuge kann nichts aus⸗ fagen, das gegen ihn ſelbſt ſpricht.“ „Gewiß kann er dazu nicht gezwungen werden; dennoch darf er es aus freiem Willen thun.“ „Dann iſt es die Pflicht des Gerichts, ihn zu war⸗ nen; ich habe das oft und oft in Ameriky gehört.“ „Habt Ihr je ein Schiff, das Irrlicht genannt, geſehen?“ „Wie iſt es möglich, daß ein Seemann all die Schiffe kennt, die er zufällig auf dem weiten Ocean geſehen hat?“ „Habt Ihr nicht unter der franzöſiſchen Flagge gedient?“ „Ich weigere mich, überall in meine Privatange⸗ legenheiten einzugehen. Da ich frei bin, hab' ich die Freiheit zu dienen, wem ich will.“ „Es iſt unnöthig, dem Zeugen weitere Fragen vor⸗ zulegen,“ bemerkte Cuffe ruhig.„Der Mann wird in dieſem Schiffe genau gekannt, und ſein Verhör wird wahr⸗ ſcheinlich ſtattfinden, ſobald dieſes geendigt iſt.“ Der Unterſuchungsrichter willigte ein und Ithuel er⸗ hielt Befehl, ſich zu entfernen; ſeine Widerſpenſtigkeit behandelte man mit der Gleichgültigkeit, welche der Mäch⸗ tige gewöhnlich gegen den Schwachen zeigt. Noch immer fehlte der geſetzliche Beweis, auf welchen fußend man den Gefangenen hätte verurtheilen können. Niemand bezweifelte ſeine Schuld und man hatte die gewichtigſten Gründe— beinahe die unmittelbare Gewißheit, ihn für den Befehlshaber des Loggers zu halten, welcher, vor kurzer Zeit erſt die Boote deſſelben Schiffes bekämpft hatte in welchem das Gericht verſammelt war; immer⸗ hin aber war eine ſolche Ueberzeugung nicht der Beweis, wie das Geſetz ihn forderte, und die vor wenigen Stun⸗ den erſt erfolgte Hinrichtung des Fürſten Carraccioli hatte ſo viel zu ſprechen gegeben, daß Niemand verur⸗ — 86— theilen wollte, ohne die Mittel, ſich zu rechtfertigen, vor Augen zu haben. Die Dinge begannen in der That, zu ernſtlicher Ver⸗ legenheit zu führen, und das Gericht wurde abermals vertagt, um nähere Berathung zu halten. In der vertraulichen Beſprechung, welche nun folgte, erzählte Cuffe Alles, was ſich begeben hatte, die Art, wie Raoul ſich zu erkennen gegeben und die Wahrſchein⸗ lichkeit, ja, die moraliſche Gewißheit des Falles. Zu⸗ gleich war er genöthigt, zuzugeben, daß er keinen unmit⸗ telbaren Beweis habe, daß der Logger, auf welchen er Jagd gemacht hatte, überhaupt ein franzöſiſches Schiff, am wenigſten aber das Irrlicht ſei. Allerdings hatte er die franzöſiſche Flagge aufgezogen; aber er hatte auch die engliſche am Maſt fliegen, und auch die Proſerpina hatte das eine, wie das andere gethan. Ohne allen Zweifel hatte der Logger unter der dreifarbigen Fahne gekämpft, was als ein ſtarker Grund gegen ihn gelten konnte, dennoch war er nicht ganz maßgebend; denn die Umſtände konnten eine ſolche Maske bis zum letzten Augenblicke nöthig machen; und er mußte zugeben, daß die Fregatte ſelbſt ſich den Schein gegeben habe, unter derſelben Flagge auf die Batterien feuern zu wollen. Man geſtand, daß der Fall ziemlich verwickelt und verlegentlich ſei, und während Niemand wirklich an der Identität Raoul's zweifelte, fürchteten die, welche hinter dem Vorhange waren, ſehr, ſie möchten ſich gezwungen 37— ſehen, aus Mangel an Beweis das Verhör aufgeben zu müſſen, ſtatt durch ein unmittelbares Urtheil ſich die Mittel zu verſchaffen, des Loggers, wie man gehofft hatte, habhaft zu werden. Als alle dieſe Punkte hinreichend beſprochen waren, und Cuffe ſeine Kameraden mit dem wirklichen Stande der Dinge bekannt gemacht hatte, deutete er einen Weg an, welcher, wie er erwartete, zum Ziele führen konnte. Nach einigen Minuten weiterer Berathung über die⸗ ſen Wink gingen die Thüren wieder auf, und das Ge⸗ richt eröffnete, wie früher, ſeine öffentliche Sitzung. „Laßt das junge Mädchen, die unter dem Namen Ghita bekannt iſt, eintreten,“ ſagte der Unterſuchungs⸗ richter, das Auge auf ſeine Paviere heftend. Raoul erbleichte und ein Schatten tiefen Kummers überflog ſein Antlitz; aber er faßte ſich ſchnell und ſchien unerregt. Ghita und ihr Oheim waren aus der obern Cajüte abgeholt und in eine untere gebracht worden, damit die geheimen Berathungen des Gerichts von Niemand ge⸗ hört wurden, und es dauerte einige Minuten, ehe ſie erſcheinen konnten. Jetzt öffnete ſich die Thüre und Ghita trat in das Gemach. Sie warf einen Blick zärtlicher Bekümmerniß auf Raoul; aber die Neuheit ihrer Lage und das Schauer⸗ liche, das ein Eid für ein Mädchen von ſo zartem Ge⸗ wiſſen und ſo gänzlicher Unbekanntſchaft mit der Welt 88 haben mußte, zog ihre Aufmerkſamkeit bald gänzlich auf die Scene, welche ſich ihrem Auge unmittelbar darbot. Der Unterſuchungsrichter ſetzte das Weſen des Eides auseinander, welchen ſie leiſten ſollte, und dann wurde ſie eingeſchworen. Wäre Ghita einigermaßen vorbereitet geweſen, oder hätte ſie im Entfernteſten die Folgen geahnt, ſo würde nichts in der Welt ſie haben zwingen können, ſich der Vereidung zu utkterwerfen; allein überraſcht, mit all' die⸗ ſem unbekannt, unterwarf ſie ſich geduldig, küßte das Kreuz mit Ehrfurcht, und wollte ſich ſogar niederknien, als ſie den feierlichen Schwur nachſprach. Für den Gefangenen, welcher die Folgen vorausſah, war dies höchſt peinlich. So groß war aber ſeine Ehr⸗ furcht vor Ghita's edlem Herzen und kindlichem Sinne, daß er auf keine Weiſe, weder durch Blick noch Geberde, jene heilige Wahrheitsliebe untergraben wollte, welche, wie er wußte, die Grundlage ihres Charakters war. Sie wurde demnach vereidet, ohne daß etwas vor⸗ gefallen wäre, das ihr Gefühl beunruhigt, oder ihr eine Ahnung von dem gegeben hätte, was die traurige Folge dieſes Schrittes ſein mußte. Viertes Kapitel. Hic et ubique? Wechſeln wir den Ort— Kommt hierher, meine Herrn— Legt Eure Hände auf mein Schwert Und ſchwört bei meinem Schwert. Shakſpeare. „Euer Name iſt Ghita,“ begann der Unterſuchungs⸗ richter, ſeine Papiere unterſuchend;„Ghita—?2“ „Ghita Carraccioli, Signore,“ antwortete das Mäd⸗ chen mit ſo lieblicher, ſüßer Stimme, daß ſie jedes Zu⸗ hörers Herz für das holde Kind einnehmen mußte. Der Name brachte jedoch ein allgemeines Staunen hervor, und Alle in dem Gemache warfen ſich Blicke der Ueberraſchung zu; denn die meiſten Offiziere des Schiffes, welche den Dienſt nicht hatten, waren als Zuſchauer anweſend. „Carraccioli?“ wiederholte der Unterſuchungsrichter mit Nachdruck.„Dies iſt ein edler Name in Italien. Sprecht Ihr die Verwandtſchaft mit dem erlauchten Hauſe an, welches dieſen Namen trägt?“ „Signore, ich nehme nichts in Anſpruch, das erlaucht wäre; denn ich bin nur ein armes Mädchen, die bei ihrem Oheim in des Fürſten Thurme auf Monte Argen⸗ taro lebt.“ 90 „Wie kommt es alſo, daß Ihr den ausgezeichneten Namen der CLarraccioli führt, Signorina?“ „Ich darf wohl behaupten, Herr Madford,“ bemerkte Cuffe, natürlich auf Engliſch,„das junge Mädchen weiß ſelbſt nicht, wie ſie zu dem Namen gekommen iſt. Man behandelt dergleichen Dinge in Italien ſehr fahrläſſig.“ „Signore,“ ſagte Ghita ernſt, nachdem ſie ehrfurcht⸗ voll gewartet hatte, bis der Capitain fertig war,„ich trage den Namen meines Vaters, wie es Kinder zu thun pflegen; aber es iſt ein Name, auf welchem ſeit geſtern eine große Schmach laſtet; denn ſein Vater war Ange⸗ ſichts vieler Tauſende von Neapel zur Schau ausgeſtellt, wie ſein greiſer Körper an der Raa eines Eurer Schiffe hing.“ „Und Ihr behauptet, die Enkelin dieſes unglück⸗ lichen Admirals zu ſein?“ „Ich bin gelehrt worden, mich als ſolche zu betrach⸗ ten. Möge ſeine Seele die Ruhe finden, welche ſeine Feinde ſeinem Körper nicht zugeſtehen wollten. Dieſer Verbrecher— denn als ſolchen betrachtet Ihr ihn wahr⸗ ſcheinlich— war meines Vaters Vater, obgleich dies Wenige wußten, ſo lange er Fürſt und einer der erſten Diener des Königs war.“ Ein tiefes Schweigen folgte; das Seltſame des Um⸗ ſtandes und das Siegel der Wahrheit, welches dem gan⸗ zen Gebahren des Mädchens aufgedrückt war, vereinigten ſich, die allgemeine Theilnahme zu erregen. — u 2 — 91— „Man ſagte von dem Admiral, er ſei kinderlos,“ bemerkte Cuffe in gedämpftem Tone.„Ohne Zweifel war der Vater des Mädchens der Sprößling einer unge⸗ ſetzlichen Verbindung.“ „Wenn ein Cheverſprechen ſtattfand, oder Worte, die eine gegenſeitige Uebereinkunft andeuteten, vor Zeu⸗ gen gewechſelt wurden,“ bemerkte Lyon halb leiſe,„ſo verbinden, nach den Geſetzen von Schottland, Nachkom⸗ menſchaft und einige verträgliche Ausdrücke ein Paar eben ſo feſt, als wenn ſie in England vor einem der Erzbiſchöfe wären getraut worden.“ „Da wir in Italien ſind, werden dieſelben Geſetze ſchwerlich hier Gültigkeit haben. Bedenkt,“ fuhr er zu Ghita gewendet, fort,„Ihr habt geſchworen, die Wahr⸗ heit zu ſagen, die ganze Wahrheit, nichts als die Wahr⸗ heit. Kennt Ihr Raoul Yrard, einen Franzoſen und Befehlshaber des Irrlichts?“ Ghita's Herz klopfte ungeſtüm, und mit der Macht des erregten Gefühls ſtieg ihr die Röthe in das Ange⸗ ſicht. Sie wußte nichts von Gerichten, und der Zweck der Unterſuchung war ihr unbekannt. Dann kam der Triumph der Unſchuld,— die Reinheit ihres Gemüthes und die Ruhe ihres Gewiſſens gaben ihr ihre Sicherheit wieder, indem ſie ihr die feſte Ueberzeugung einflößten, ſie habe keinen Grund, wegen eines Gefühles zu errö⸗ then, das ihr vielleicht inne wohne. „Signore,“ ſagte ſie, und ihr Auge ſenkte ſich zu Boden; denn die Augen des ganzen Gerichtes waren auf ſie gefeſſelt,„ich bin mit Raoul YNvard, dem Manne, deſſen Ihr erwähnt, bekannt; jener dort iſt's, der zwi⸗ ſchen den zwei Kanonen ſitzt. Er iſt ein Franzoſe, und er befehligt den Logger, welcher„das Irrlicht“ be⸗ nannt iſt.“ „Ich wußte, daß uns dieſes Zeugniß über Alles aufklären würde,“ rief Cuffe, der die Freude nicht ver⸗ bergen konnte, welche ihm dieſe nothwendig gewordene Ausſage verurſachte. „Ihr ſagt, Ihr wüßtet dies aus eigener Kenntniß?“ fragte der Unterſuchungsrichter weiter. „Meſſieurs,“ ſagte Raoul aufſtehend,„ich bitte um Erlaubniß, das Wort zu nehmen. Dieſe Scene iſt grau⸗ ſam; und ehe ich ſie ertrage,— ehe ich zugebe, daß die⸗ ſes theure Mädchen ſich durch ihre Antworten künftigen Gram bereitet, was, wie ich weiß, eintreffen muß, bitte ich, ſie abgehen zu laſſen, und verſpreche, Alles zu ſagen, was möglicherweiſe durch ſie bewieſen werden kann.“ Eine kurze Berathung folgte, und dann ſagte man Ghita, ſie könne ſich entfernen; allein Raoul's Miene hatte das Mädchen bereits unruhig gemacht, obgleich ſie nicht verſtand, was auf Engliſch vorgebracht worden, und ſie wollte das Gemach nicht verlaſſen, ohne ſich von der Lage der Dinge unterrichtet zu haben. „Habe ich etwas geſagt, das dir nachtheilig werden kann, Raoul?“ fragte ſie ängſtlich.„Ich habe auf Got⸗ tes heiliges Wort und bei dem Kreuze unſers Erlöſers geſchworen; hätte ich ahnen können, daß dir ein Nach⸗ theil daraus erwachſen könne, ſo würde die Macht Eng⸗ lands mich nicht vermocht haben, einen ſo feierlichen Eid abzulegen, und dann hätte ich ſchweigen dürfen.“ „Es thut nichts, Liebſte,— die Sache muß doch auf die eine oder die andere Weiſe zuletzt an das Licht kommen, und zu gehöriger Zeit werde ich dir Alles mittheilen.“ Die Thüre ſchloß ſich hinter Ghita, und Raoul fuhr dann fort: „Und nun, Meſſieurs, es bedarf jetzt keines fer⸗ nern Hehls zwiſchen uns: ich bin Raoul Yvard,— der Mann, für welchen Ihr mich gehalten habt, und als wel⸗ chen mehrere von Euch mich ganz gut kennen müſſen. Ich bekämpfte Eure Boote, Capitain Cuffe, wich Euerm Brander aus und führte Euch auf eine luſtige Jagd um Elba. Ich täuſchte den Signor Barrofaldi und ſeinen Freund, den Podeſta, und alles dies aus Liebe zu dem ſchönen beſcheidenen Mädchen, welches ſo eben die Cajüte verlaſſen hat,— denn kein anderer Beweggrund führte mich nach Porto Ferrajo, oder in den Golf von Neapel, bei der Ehre eines Franzoſen.“ „Puh!“ brummte Lyon.„Man muß zugeben, Sir Frederick, daß der Gefangene ſich da unter eine anſtän dige Flagge flüchtet!“ Bei einer andern Gelegenheit hätten vielleicht Na⸗ — 94— tional⸗Widerwille und National⸗Vorurtheile die übri⸗ gen Mitglieder des Gerichtes veranlaßt, über dieſen Aus⸗ fall zu lächeln; auf Raoul's Antlitz aber und ſeinem gan⸗ zen Weſen war ein Ernſt und eine Biederkeit, welche, wenn nicht vollkommenen Glauben, doch wenigſtens Achtung geboten. Es war unmöglich, eines ſolchen Man⸗ nes zu ſpotten, und lange gehegter Widerwillen wurde durch ſeine männliche, muthige Erklärung zurückgewieſen. „Wir werden keine weitern Zeugen bedürfen, Herr Unterſuchungsrichter, wenn der Gefangene geneigt iſt, die ganze Wahrheit einzugeſtehen,“ bemerkte Cuffe.— „Es iſt jedoch paſſend, Herr Yvard, daß man Euch auf die möglichen Folgen aufmerkſam mache. Es gilt hier Euer Leben— denn Ihr ſeid angeklagt, verkleidet an Bord eines engliſchen Kriegſchiffes oder vielmehr mitten unter die engliſche Flotte gekommen zu ſein, Ihr, ein feindlicher Ausländer, der ſich verpflichtet hat, offenen Krieg gegen Seine Majeſtät zu führen.“ „Ich bin ein Franzoſe, Herr, und diene meinem Vaterlande,“ verſetzte Raoul mit Würde. „Das Recht, Euerm Vaterlande zu dienen, wird Euch Niemand ſtreitig machen; Ihr müßt aber wiſſen, daß es gegen die Kriegsgeſetze civiliſirter Nationen iſt, die Rolle eines Spions zu ſpielen. Ihr ſeid jetzt gewarnt und mögt Euern Entſchluß faſſen. Wenn Ihr etwas vorzubringen habt, werden wir bereit ſein, es anzuhören.“ „Meſſieurs, es iſt wenig mehr zu ſagen,“ ant⸗ wortete Raoul.„Ich werde nicht in Abrede ſtellen, daß ich Euer, daß ich Aller Feind bin, welche den Sturz Frankreichs anſtreben. Ihr wißt, wer ich bin, und was ich bin— und ich habe weder für das eine noch für das andere Entſchuldigungen vorzubringen. Als wackere Engländer werdet Ihr die Liebe eines Franzoſen zu ſeinem Vaterlande zu würdigen wiſſen. In Betreff der Beſchuldigung, daß ich an Bord dieſes Schiffes gekom⸗ men, ſo kann dieſe gegen mich nicht geltend gemacht werden, denn ich kam auf Eure eigene Einladung hierher. Die Rechte der Gaſtfreundſchaft ſind eben ſo heilig, als ſie allgemein ſind.“ Die Mitglieder des Gerichtes wechſelten bedeutſame Blicke unter ſich, und es entſtand eine Pauſe, die über eine Minute dauerte. Dann nahm der Unterſuchungs⸗ richter ſein Amt wieder auf und ſagte: 3 „Ich hoffe, Gefangener, Ihr begreift genau die rechtliche Wirkung Eurer Zugeſtändniſſe; ſodann muß ich wünſchen, daß ſie förmlich und mit Bedacht vorge⸗ bracht werden, denn ſonſt müſſen wir zu dem Verhöre anderer Zeugen ſchreiten. Ihr ſollt Raoul Yvard ſein, ein Ausländer, der ſich feindlich gegen den König ge⸗ waffnet hat?“ „Monſieur, ich habe dies bereits zugegeben und kann es als Ehrenmann nicht läugnen.“ „Ihr ſeid angeklagt, verkleidet an Bord des Schif⸗ fes Seiner Majeſtät, die Proſerpina genannt, gekommen zu ſein und Euch für einen Bootsmann von Capri aus⸗ gegeben zu haben, während Ihr, Raoul Yvard, ein Aus⸗ länder, in Waffen gegen den König wart.“ „Dies iſt Alles wahr; aber ich wurde eingeladen, an Bord des Schiffes zu kommen, wie ich bereits ge⸗ ſagt habe.“ „Ihr ſeid ferner angeklagt, unter den Schiffen Sei⸗ ner Majeſtät, die jetzt in dem Golfe von Neapel liegen, und welche Schiffe unter den Befehlen des Contre⸗Ad⸗ mirals Nelſon, Herzogs von Bronte, in Sicilien ſtehen, geſehen worden zu ſein, wobei Ihr Euch, als Feind und Ausländer, derſelben Verkleidung bedientet, um Eure Beobachtungen als Spion anzuſtellen, und ohne Zweifel die ſo erlangten Erfahrungen zum Nachtheile der Unter⸗ thanen Seiner Majeſtät, und zu Euerm und zum Vor⸗ theile der Nation, welcher Ihr dient, zu benützen.“ „Monſieur,— dem iſt nicht ſo— parole d'honneur! — Ich bin in den Golf gekommen, um Ghita Carraccioli aufzuſuchen, welche mein ganzes Herz beſitzt, und die ich bewegen wollte, meine Gattin zu werden. Nichts anderes hat mich in den Golf geführt; und dieſes Kleid wählte ich, weil ich ſonſt erkannt und feſtgenommen worden wäre.“ „Dies iſt eine wichtige Thatſache, wenn Ihr ſie beweiſen könnt; denn obgleich ſie Euch, ſtreng genommen, nicht frei ſpricht, ſo würde ſie doch ihre Wirkung auf „— 1u— — 9— den Oberbefehlshaber nicht verfehlen, wenn er ſeine Ent⸗ ſcheidung über das Urtheil dieſes Gerichtes ausſpricht.“ Raoul zögerte. Er zweifelte nicht, daß Ghita, deren Ausſage ſich ſo eben erſt ſo gewichtig gegen ihn bewährt hatte, bezeugen würde, daß ſie den angeführten Grund für den einzigen halte, und daß ſie dies auch auf eine Weiſe und unter Anführung ſo bekräftigender Umſtände thun würde, daß man ihren Worten Gewicht beilegen müßte; und zwar um ſo mehr, als ſie bezeugen konnte, daß er Aehnliches zuvor auf der Inſel Elba gethan und ihr ſelbſt auf Monte Argentaro öfter kurze Beſuche abge⸗ ſtattet hatte. Bei all' dem fühlte Raoul doch einen großen Wider⸗ willen, Ghita wieder vor das Gericht treten zu laſſen. Mit der eiferſüchtigen Gefühlsſchärfe wahrer Liebe ver⸗ warf er den Gedanken, ſie den Blicken und Bemerkun⸗ gen der Rohen ſeines Geſchlechtes preiszugeben; ſodann kannte er ſeine Gewalt über die Gefühle des Mädchens und war zu zartfühlend, um nicht in alle die Erwägun⸗ gen einzugehen, welche bei einem ſo zarten Punkte den Entſchluß des Mannes beſtimmen können; und mit Un⸗ willen dachte er daran, Gefühle öffentlich bloß zu ſtellen, welche, wie er wünſchte, Andern ſo heilig ſein mußten, als ſie es ihm ſelbſt waren. „Könnt Ihr beweiſen, was Ihr eben behauptet habt, Raoul Yvard?“ fragte der Unterſuchungsrichter. „Monſteur, ich fürchte, dies ſteht nicht in meiner 187— 189, 7 98 Gewalt. Es gibt wohl Einen— doch— ich fürchte ſehr, es wird nicht in meiner Gewalt ſtehen,— ich müßte denn Erlaubniß erhalten, meinen Begleiter, der bereits vor dem Gerichte geſtanden, zu befragen.“ „Ihr meint ohne Zweifel Ithuel Bolt. Er ſtand bis jetzt noch nicht förmlich vor Gericht; aber Ihr kennt ihn, ſo wie jeden andern Zeugen in Anſpruch nehmen; das Gericht behält ſich nur das Recht vor, ſpäter über die Gültigkeit des Ausgeſagten zu entſcheiden.“ „Dann, Monſteur, erſuche ich Euch, Ithuel erſchei⸗ nen zu laſſen.“ Die nöthigen Befehle wurden gegeben, und Ithuel ſtand bald Angeſichts ſeiner Richter. Der Eid wurde geleiſtet, und Ithuel benahm ſich dabei, wie Jemand, der Aehnliches ſchon früher gethan. „Ihr heißt Ithuel Bolt?“ fragte der Unterſuchungs⸗ richter. „So nennt man mich an Bord dieſes Schiffes; wenn ich aber Zeuge ſein ſoll, ſo laßt mich frei reden; man ſoll mir die Worte nicht in den Mund legen, oder die Gedanken mit Eiſen an mich ſchmieden.“ Bei dieſen Worten hob Ithuel ſeine Arme empor und zeigte die Handfeſſeln, welche der Unteroffizier nicht hatte abnehmen laſſen wollen, während dieſer Umſtand dem Gerichte entgangen war. Ein tadelnder Blick von Cuffe und ein Wort von Yelverton entfernten die Schwierigkeit— Ithuel war der Feſſeln bar. ———* — 99— „Nun kann ich mehr nach meinem Gewiſſen ant⸗ worten,“ fuhr der Zeuge mit einem ſardoniſchen Lachen fort;„wenn Einem das Eiſen in das Fleiſch frißt, be⸗ ſchwört man wohl Alles, womit man das Ohr der Mäch⸗ tigen kitzeln zu können glaubt. Beginnt, Herr, wenn Ihr etwas zu ſagen habt.“ „Ihr ſcheint ein Engländer zu ſein?“ „Ja?— dann ſcheine ich etwas, was ich nicht bin. Ich bin in dem Granit⸗Staate, in Nordamerika, gebo⸗ ren. Meine Voreltern gingen vor langer, langer Zeit in jenes Land, um ihre religiöſen Anſichten zu behaupten. Das ganze Land dort hält ungemein auf ſeine Vorrechte—“ „Kennt Ihr den Gefangenen, Ithuel Bolt,— den Mann, Raoul Yvard genannt?“ Ithuel war in einiger Verlegenheit, wie er dieſe Frage beantworten ſolle. Trotz dem edeln Beweggrunde, der ſeine Vorfahren in die Wildniß geführt hatte, und trotz des Werthes, welchen er ſelbſt ſeinen religiöſen Grundſätzen beilegte, hatte doch, ſeit dem Tage, wo er zum erſten Male mit einem Mauthhaus in Verdindung getreten, der Eid eine ziemlich wandelbare Verbindlich⸗ keit in ſeinen Augen. Ein Mann, der ſo viele falſche Waarenangaben beſchworen hatte, bebte ohne Zweifel vor einer ſolchen Kleinigkeit einem Freunde zu Liebe nicht zurück; aber er konnte, wenn er die Bekanntſchaft in Abrede ſtellte, ſeine eigene Glaubmürdigkeit in ein ſchlech⸗ tes Licht ſtellen und ſich ſo um das Nittel bringen, Raoul 7* bei einem wichtigeren Punkte von Nutzen zu werden. Zwiſchen ihm und dem Franzoſen war eine auffallende moraliſche Verſchiedenheit; denn während er, der ſich ſeiner religiöſen Vorfahren und ſeiner frommen Erziehung rühmte, ein ungemein biegſames Gewiſſen hatte, würde Raoul, faſt ein Atheiſt ſeinen Anſichten nach, die ein⸗ fachſte Lüge verächtlich von ſich gewieſen haben, wenn er in einer Lage geweſen wäre, wo ſeine Ehre betheiligt war. In Bezug auf Kriegsliſten aller Art waren wenige ſo verſchlagen und brachten ſie lieber und öfter in An⸗ wendung, als Raoul Yvard; war aber die Maske bei Seite gelegt, oder wurde ſeine angeborne Geiſteswürde in Anſpruch genommen, ſo hätte ſelbſt der Tod ihm kein doppelſinniges Wort zu entlocken vermocht. Ithuel dage⸗ gen hatte eine Art Zuneigung zu der Lüge, beſonders wenn ſie ihm Nutzen, oder dem Feinde Schaden brachte, und er fand ſtets eine hörbare Ausrede für ſeine Abwei⸗ chungen von dem Wege, den er ſelbſt den wahren nannte. Bei der vorliegenden Gelegenheit war er bereit, Alles zu ſagen, was den Wünſchen ſeines Schiffsgenoſſen angemeſſen ſchien, und glücklicherweiſe deutete er den Ausdruck des Geſichtes Raoul's richtig. „Ich kenne den Gefangenen, wie Ihr ihn nennt, Herr,“ antwortete Ithuel nach der Pauſe, die er ge⸗ braucht hatte, um ſeine Gedanken zu ſammeln.„Ich kenne ihn gut; und er iſt ein Meiſterſtück von Men⸗ ſchen, wenn es gilt, Euch Engländern eine Schlappe 4 ð☚—— — 101— zu verſetzen. Wäre ein Raoul Yvard an Bord jedes franzöſiſchen Schiffes vor dem Nil, dort drüben in Egyp⸗ ten, geweſen, Nelſon würde wohl gefunden haben, daß ſeine Briefe einiger Nachſchriften nöthig hätten, denk' ich.“ „Beſchränkt Eure Antworten, Zeuge, auf den In⸗ halt der Frage,“ unterbrach ihn Cuffe mit Würde. Ithuel war zu ſehr an Unterwürfigkeit gegen den Capitain ſeines alten Schiffes gewöhnt, um eine weitere Antwort zu wagen; wenn aber Blicke hätten ſchaden können, ſo wäre dieſer Ofſtzier nicht mit ganz heiler Haut davon gekommen. Da Ithuel ſchwieg, nahm das Verhör ſeinen Fortgang. „Ihr wißt, daß er Raoul Yvard, der Befehlshaber des franzöſiſchen Kaperſchiffes, Le Feu-Follet, eines Loggers, iſt?“ fragte der Unterſuchungsrichter, welcher es für klug hielt, das Geſtändniß des Gefangenen in Bezug auf ſeine Identität durch ein kleines Nebenzeugniß zu bekräftigen. „Nun— ich denke doch wohl,“ verſetzte Ithuel und bediente ſich einer Ausdrucksweiſe, welche ziemlich viel Granitiſches in ſich hatte,„das heißt, ich möchte wohl ſchließen—“ Raoul's Blick ſchien ihn zu ermuthigen, und er fuhr fort: „Oh— ja— in dieſer Hinſicht kann nicht der entfernteſte Zweifel herrſchen. Er iſt der Capitain des Loggers, und ein ſehr guter Capitain iſt er.“ „Ihr wart verkleidet in ſeiner Geſellſchaft, als er geſtern in den Golf von Neapel kam?“ „Ich— verkleidet, Herr?— Was heißt Ihr ver⸗ kleiden? Ich bin ein Amerikaner, der ſich mit man⸗ cherlei Geſchäften befaßt, denen allen ich mich widme, wie die Gelegenheit es fordert; da ich einer neutralen Nation angehöre, brauche ich keine Verkleidung, um dahin zu gehen, wohin es mir beliebt. Ich bin nie ver⸗ kleidet, ausgenommen, wenn mein Klüver ein wenig einweicht, und das, wißt Ihr⸗ iſt ein Begebniß, das jedem Seemanne vorkommen kann.“ „Ihr braucht in Betreff Eurer nichts zu ſagen, das Euch zum Nachtheile werden kann. Wißt Ihr, aus wel⸗ cher Veranlaſſung oder in welchem Geſchäfte Raoul Yvard geſtern in den Golf von Neapel gekommen iſt?“ „Euch die gerade Wahrheit zu ſagen, Herr, ich weiß es nicht,“ antwortete Ithuel einfach; denn das Band, welches den jungen Franzoſen ſo innig mit Ghita ver⸗ einigte, und alle die heiligen Gefühle, welche ſich daran knüpften, war für ein Weſen, deſſen Herz dem reinen Gemüthsleben entfremdet war, ein tiefes Geheimniß geblieben. „Capitain Raoul ſtreift gern an der Küſte umher, und welchen befondern Zweck er bei dieſer Reiſe in dem Auge gehabt hat, kann ich Euch nicht ſagen. Seine Gänge landeinwärts ſind, ich muß es geſtehen, manch⸗ 3 2 — 103— mal unbegreiflich— zum Beiſpiel, die Inſel Elba, meine Herren.“ Ithuel überließ ſich bei dieſer Anſpielung einem halb⸗ lauten Lachen; denn er gab ſich in ſeiner Weiſe dann und wann einem Humor hin, wie man ihn nicht ſelten bei Leuten ſeiner Klaſſe zu finden pflegt. „Wir ſprechen nicht von dem, was ſich auf der Inſel Elba begab. Wünſcht Ihr den Zeugen zu befragen, Gefangener?“ „Ithuel,“ fragte Raoul,„wißt Ihr nicht, daß ich Ghita Carraccioli liebe?“ „Nun, Capitain Rule, ich weiß, daß Ihr ſo glaubt und ſo ſagt; aber ich betrachte alle dieſe Dinge als ſehr wandelbar und unſicher.“ „Ging ich nicht oft auf der feindlichen Küſte an das Land, bloß um ſie zu ſehen und in ihrer Nähe zu ſeyn?“ Ithuel war anfangs ein wenig verlegen, wie er all dies deuten ſolle; jetzt begann er Raoul zu verſtehen, und von dieſem Augenblicke an hätte ſich kein Zeuge beſſer helfen können, als er that. „Das habt Ihr wenigſtens hundert Mal gethan,“ ſagte er,„und meinen Warnungen recht zum Trotz.“ „Bin ich geſtern nicht lediglich in der Abſicht, Ghita, und nur Ghita zu ſehen, in den Golf von Neapel gekommen?“ „Ganz gewiß. Darüber, meine Herren, kann eben ſo wenig der geringſte Zweifel herrſchen, wie darüber, — 104— daß der Berg Veſuv ſein Haupt an der Küſte erhebt und wie ein Schornſtein raucht. Das war Capitain Rule's einziges Geſchäft.“ „Ich glaube, Zeuge, Ihr habt ſo eben geſagt,“ warf Lyon ein,„Ihr wäret mit des Gefangenen Beweg⸗ grund, warum er in den Golf von Neapel gekommen, unbekannt;— Ihr nanntet ſein Gebahren ſehr wan⸗ delbar und unſicher?“ „Sehr richtig, Herr,— und das iſt's auch für mich. Ich habe es längſt gewußt, daß die Liebe die Hauptſache war; aber die Liebe nenne ich keinen Beweg⸗ grund, und halte ſie für etwas Wandelbares und Unſicheres. Dies iſt meine Erklärung von der Sache. Ja, ich weiß,— es war die Liebe zu Ghity;— aber dies iſt kein geſetzlicher Beweggrund.“ „Antwortet nach den Thatſachen; über die Beweg⸗ gründe wird das Gericht ſelbſt entſcheiden. Woher wißt Ihr, daß die Liebe zu dem jungen Mädchen Raoul Yrard's einziger Grund war, warum er in den Golf gekommen?“ „Man bemerkt dergleichen, wenn man mit einem Manne verkehrt. Capitain Rule ſah ſich zuerſt an dem Berge dort, wo des Mädchens Tante wohnt, nach ihr um, und ich begleitete ihn, um, wenn es nöthig wäre, Engliſch zu ſprechen; als er nun Ghity nicht zu Hauſe fand, nahmen wir ein Boot und fuhren nach Neapel hinüber. Ihr ſeht alſo, Herr, daß ich gründlich wußte, auf welche Art Fahrzeug er Jagd machte.“ Da dies alles wörtlich wahr war, erzählte Ithuel es natürlich und auf eine Weiſe, die ſeine Ausſage ziem⸗ lich glaubhaft machte. „Wie Ihr ſagt, Zeuge, habt Ihr Raoul Yvard bei ſeinem Beſuche in dem Hauſe der Tante des jungen Mädchens, Ghita Carraccioli genannt, begleitet,“ bemerkte Capitain Cuffe ganz unbefangen und glaubte, Ithuel zu einer unbedachten Antwort zu verleiten;„woher kamt Ihr, als Ihr den Weg zu dieſem Beſuche antratet?“ „Dies würde von dem Orte abhängen, von welchem an man rechnen will, und von der Zeit, wann man abreiſ'te. Was mich nun betrifft, ſo könnte ich ſagen, ich ſei von Amerika abgereiſ't, welchen Theil der Welt ich vor mehreren Jahren verlaſſen habe; oder ich könnte ſagen von Nantes, dem Hafen, wo wir uns zur See ausrüſteten. Was Capitain Rule betrifft, ſo würde er wahrſcheinlich Nantes nennen.“ „Wie ſeid Ihr von Nantes hierher gekommen?“ fuhr Cuffe fort, ohne über eine Antwort, die man wohl für unverſchämt halten konnte, Unwillen oder Ueberra⸗ ſchung zu zeigen, ſo daß es ſchien, als verſtehe er den Zuſammenhang nicht recht;„Ihr habt die Weiſe nicht zu Pferde gemacht, denk' ich?““ „Ach, ich verſtehe Euch allgemach, Eavitain Cuffe. — Nun, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, wir kamen in dem Logger, dem Feu-Follet.“ „Ich dachte mir das.— Und als Ihr die erwähnte — 106— Tante beſuchtet, wo habt Ihr dieſen Logger gelaſ⸗ ſen?“ „Wir haben ihn gar nicht verlaſſen; da er unter ſei⸗ nen Segeln ſtand, hatten wir unſer Boot kaum betre⸗ ten und das Tau fahren laſſen, als er uns verließ, gerade als wären wir eingeblockt geweſen, gleich einem Baum auf feſtem Erdreich.“ „Wo begab ſich dies?“ „Auf dem Waſſer, verſteht ſich, Capitain Cuffe; zu Land iſt ſo etwas kaum in's Werk zu ſetzen.“ „Das Alles begreife ich. Ihr ſagt aber, der Gefan⸗ gene habe ſein Schiff verlaſſen, um eine Tante des jun⸗ gen Mädchens zu beſuchen; er kam von da in den Gelf, in der einzigen Abſicht, das junge Mädchen ſelbſt aufzu⸗ ſuchen. Nun iſt dies eine ſehr wichtige Thatſache, da ſie die Beweggründe des Gefangenen betrifft und ü er deſſen Leben und Tod entſcheiden kann. Das Gericht muß aller Thatſachen gewiß ſein, ehe es ein Urtheil ſpricht; beginnt alſo damit, uns zu ſagen, wo Raoul Yrard ſeinen Logger gelaſſen hat, um jenes Kap zu deſuchen?“ „Ich glaube nicht, Capitain Cuffe, daß Ihr die Geſchichte ganz genau gefaßt habt. Capitain Rule iſt nicht an den Berg gegangen, um die Tante, ſondern vielmehr eigentlich, um die Nichte in der Wohnung der Tante zu beſuchen; wenn man mit einer Geſchichte rich⸗ tig endigen will, muß man richtig mit ihr anfangen.“ „Monsieur le Capitaine,“ bemerkte Raoul ruhig, — 107— „ich habe Le Feu-Follet nicht zwei Kabellängen von eben dem Flecke verlaſſen, wo Euer eigenes Schiff jetzt liegt; es war aber in einer Stunde der Nacht, wo die guten Bewohner von Capri feſt ſchliefen und unſern Beſuch nicht ahnen konnten. Ihr ſeht, daß der Logger nicht mehr hier iſt.“ „Ihr habt den Eid geleiſtet,— beſtätigt Ihr dieſe Ausſage?“ fragte der Capitain den Amerikaner, ohne daran zu denken, wie leicht es dem Zeugen war, auf die erwähnte Weiſe alles mögliche zu bekräftigen. „Gewiß,— jedes Wort iſt wahr, meine Herren,“ antwortete Ithuel.—„Nach meinem Urtheil war es nur eine Kabellänge von dieſer Stelle hier.“ „Und wo iſt der Logger jetzt?“ fragte Cuffe und verrieth in dem Eifer, mehr zu erfahren, die eigentliche Abſicht aller ſeiner Fragen. Ithuel war der Mann nicht, der ſich ſo eilig oder ſo blind leiten ließ. Er heuchelte eine mädchenhafte Art Sprödigkeit und antwortete mit einfältigem Lächeln: „Nun, Capitain Cuffe, ich darf nicht daran denken, eine Frage, wie dieſe, unter dem feierlichen Eide, den ich abgelegt habe, zu beantworten. Niemand kann wiſ⸗ ſen, wo das kleine Irrlicht iſt, als Die, welche darin ſind.“ Dieſe Antwort machte Cuffe ein wenig verlegen, während Lyon ſpöttiſch lächelte; der letztere übernahm jetzt die Rolle des Kreuzfragenden, mit einer Anſicht von ſeinem Scharfſinn und ſeiner Verſchlagenheit, welche ihn — 108— wenigſtens nicht minder geeignet machte, einem Manne die Spitze zu bieten, der ſo reich an Ausflüchten war, wie Ithuel. „Wir können nicht erwarten,“ ſagte er,„daß Ihr uns aus eigener Kenntniß die genaue, nach Länge und Breite, oder nach den Punkten des Compaſſes beſtimmte Lage angebt, in welcher das von Einigen Few-Folly, von Anderen Few-Follay und, wie es ſcheint, von Euch ſelbſt das kleine Irrlicht genannte Schiff jetzt in dieſer Stunde ſteht; denn dies kann, wie Ihr ſelbſt ganz rich⸗ tig bemerkt habt, nur Denen bekannt ſein, welche an Bord deſſelben ſind; Ihr werdet Euch aber vielleicht des Ortes erinnern, an welchem Ihr den Logger nach getrof⸗ fener Verabredung wieder finden wolltet, wenn Ihr von dieſer gefährlichen Fahrt, welche Ihr mit einander in den Golf von Neapel unternahmt, zurückkehrtet?“ „Ich weiſe dieſe Frage als geſetzwidrig zurück,“ fiel Ithuel mit einem Muth und einer Raſchheit ein, über die der Unterſuchungsrichter zurückfuhr, während die Mit⸗ glieder des Gerichtes ſich überraſcht anſahen. „Nun, wenn Ihr die Frage zurückweiſ't, weil eine Antwort, die der Wahrheit gemäß iſt, Euch nachtheilig werden kann, ſo rechtfertigen Euch Vernunft und Schick⸗ lichkeit; aber Ihr werdet die Folgen wohl in das Auge faſſen, welche es für Euch haben kann, wenn Ihr ſelbſt als Angeklagter vor das Gericht tretet.“ „Ich verwerfe allgemeine Grundſätze,“ ſagte Ithuel. 109— „Was auch Capitain Rule über die Sache ausgeſagt haben mag, ſo fern er irgend etwas geäußert hat, das maßgebend ſein kann,— ſo fern er, ſage ich, etwas über die Sache geäußert hat, kann es nicht als ein Zeugniß gelten; denn ein Beweis auf Hörenſagen iſt in der ganzen Welt gegen das Geſetz.“ Die Mitglieder des Gerichtes blickten den Unter⸗ ſuchungsrichter an, und dieſer gab den Zlick mit einer Miene angemeſſener Würde zurück; auf einen Antrag von Sir Frederick wurde dann das Gemach geräumt, und das Gericht beſprach den Punkt unter ſich. „Wie iſt dies, Herr Unterſuchungsrichter?“ fragte Cuffe, ſobald das Gemach geräumt war;—„es iſt von der äußerſten Wichtigkeit, zu erfahren, wo der Logger ſei. Iſt die Frage nach Eurer Anſicht dem Geſetze entgegen?“ „Seine Wichtigkeit macht ſie zuläſſig, Herr, wie ich glaube; was ihre Geſetzlichkeit betrifft, ſo ſehe ich nicht ein, wie dieſer der Umſtand entgegentreten kann, daß die Thatſache geſprächsweiſe hervortrat.“ „Glaubt Ihr dies?“ bemerkte Sir Frederick mit viel ernſterer Miene, als man ſonſt an ihm bemerkte. „Strenges Anhalten an dem Geſetze iſt England's Stolz und Ruhm, und es würde mir ungemein mißfallen, wenn dieſer weſentliche Punkt außer Augen geſetzt würde. Was geſagt wird, muß gehört werden, um wieder⸗ holt werden zu können; und dieſes ſcheint mir ziemlich ein Zeugniß auf Hörenſagen zu ſein. Ich glaube, es — 110— wird von Jedem zugegeben werden, daß wir dies zurück⸗ weiſen müſſen.“ „Was haltet Ihr von der Sache, Capitain Lyon?“ fragte der Präſident. „Der Fall iſt ein wenig verwickelt, kann aber doch gelöſ't werden,“ verſetzte Lyon mit einem ſpöttiſchen Lächeln auf ſeinen harten Geſichtszügen. Es bedarf kei⸗ nes Alexander's und ſeines Schwertes, um dieſen Kno⸗ ten zu zerhauen, glaub' ich, wenn wir nur den geſunden Verſtand auf den Punkt abhalten laſſen,— welche Frage ſoll aber feſtgeſtellt werden?— Nun, die, an welchem Punkte Raoul und ſeine Leute ſich wieder zu finden ver⸗ abredet haben. Dieſe Verabredung war aber entweder eine mündliche, oder ſie war eine ſchriftliche; ein münd⸗ liches Zeugniß aber nach ausgeſprochenen Worten iſt nicht mehr Hörenſagen, als ein Zeugniß nach dem, was man geſehen hat, ein augenfällgges iſt.“ „Sehr richtig, meine Herren,“ rief der Unterſu⸗ chungsrichter, der ſich nicht wenig freute, daß er einen Faden gefunden, welcher ihn aus dem Labyrinth führen konnte.„Wenn die Verabredung ſchriftlich getroffen wurde, dann müßte dieſe Schrift, ſo fern dies möglich iſt, als der beſte Beweis, der in der Sache beizubringen, vorgelegt werden; iſt ſie aber in Worten getroffen wor⸗ den, ſo können dieſe Worte auch beſchworen werden.“ Cuffe fühlte ſich durch dieſe Anſicht ſehr beruhigt, und da Sir Frederick nicht geneigt ſchien, ſeine abwei⸗ ————, unu — 111— chende Meinung ferner geltend zu machen, ſo wäre die Sache auf der Stelle zu Ende gebracht worden, bätte nicht die Liebe zum Disputiren einen weſentlichen Theil von Lyon’'s Charakter ausgemacht. „Ich theile ganz und gar,“ ſagte er,„die Anſicht des Unterſuchungsrichters in Betreff ſeines Ausſpruchs über die Zuläſſigkeit des Zeugniſſes auf den Grund hin, daß es thatſächlich kein ſogenannter Beweis nach Hören⸗ ſagen ſei; dennoch drängt ſich meinem Geiſte noch ein Zweifel darüber auf, ob die Schicklichkeit gewahrt ſei. Ein Zeuge wird eingeſchworen, um in dem Betreff vor dem Gerichte zu reden; er wird aber nicht einge⸗ ſchworen, um von allen Dingen im Himmel und auf Erden zu ſprechen; gehört es nun aber, um Raoul Yvard als Spion darzuſtellen, weſentlich dazu, daß er gewiſſe Verabredungen getroffen habe, Den oder Jenen an die⸗ ſer oder jener Stelle zu treffen? So weit ich das Geſetz kenne, theilt es alle Fragen in zwei große Klaſſen— die weſentlichen und die unweſentlichen*), und die erſtern ſind geſetzlich, die zweiten ſind ungeſetzlich.“ „Ich glaube,“ ſagte Sir Frederick ſtolz,„es wäre eine große Verwegenheit, wenn ein Burſch, wie dieſer Bolt, ſich herausnehmen wollte, irgend eine Frage, die wir ihm vorlegen können, unſchicklich nennen wollte.“ *) Im Original„impertinent,“ das weſentlich und zugleich un⸗ ſchicklich heißt. Der Ueberſ. — 12= „So iſt's nicht gemeint, Sir Frederick; denn hier handelt es ſich von einem Rechtsausdruck, während Ihr an Stellung und Schicklichkeit im Leben denkt. Dann gibt es zwei Klaſſen des Weſentlichen, und zwei des Unweſentlichen; die eine iſt geſetzlich und ſo zu ſagen logiſch,— die andere iſt conventionell und, wie ich ſagen möchte, Schicklichkeitsgemäß. Zwiſchen beiden iſt ein fei⸗ ner, nicht zu verkennender Unterſchied.“ „Ich glaube, das Gericht iſt der Anſicht, daß die Frage zuläſſig ſei,“ bemerkte Cuffe, den des Schottlän⸗ ders Spitzfindigkeiten ungeduldig machten, und bedeutete Sir Frederick, ob er ihm beitrete, was dieſer ſogleich bejahete.—„Wir wollen die Thüren wieder öffnen und in dem Verhöre fortfahren.“ „Zeuge,“ begann der Unterſuchungsrichter, als die Sitzung wieder eröffnet war,„das Gericht iſt der An⸗ ſicht, daß Ihr die Frage zu beantworten habt. Damit Ihr gehörig verſteht, werde ich ſie Euch jetzt wiederholen. Wo verabredeten Raoul Yvard und ſeine Mannſchaft ſich wieder zu finden?“ 4 „Ich glaube nicht, daß die Mannſchaft des Loggers das Geringſte dabei zu ſagen hatte,“ antwortete Ithuel ſo kalt als möglich.—„Wenn dies aber der Fall war, ſo wußte ich nichts davon.“ Das Gericht fühlte einige Verlegenheit; da man ſich aber unmöglich ſtets in dieſer Weiſe aufhalten laſſen — 113— konnte, wechſelten die Mitglieder entſchloſſene Blicke und das Verhör wurde fortgeſetzt. „Wenn die Mannſchaft nichts davon wußte, ſo wußten es doch die Offiziere. Wo kam der Gefangene und ſeine Offiziere überein, auf den erſtern mit dem Logger zu warten, wenn er von ſeiner Fahrt in den Golf zurückkehrte?“ „Nun, nun, meine Herrn,“ antwortete Ithuel und brachte ſeinen Taback aus einem Wangentheil in das an⸗ dere,„ich ſchließe faſt, Ihr ſeid mit Capitain Rule ziemlich unbekannt. Er iſt der Mann nicht, der mit ſich übereinkommen läßt; was er für nöthig hält, befiehlt er zu thun; und was er befiehlt, muß gethan werden.“ „Was hat er alſo in Betreff des Ortes befohlen, wo der Logger auf ſeine Rückkehr warten ſollte?“ „Es thut mir wahrlich leid, dem Gerichte läſtig zu werden,“ verſetzte der Zeuge mit bewundernswerther Selbſtbeherrſchung;„aber Geſetz iſt Geſetz in der ganzen Welt, und ich glaube faſt, dieſe Frage iſt gegen daſſelbe. In dem Granit⸗Staat gilt ſtets der Grundſatz, daß, wenn etwas durch die Perſon, welche irgend eine Aeußerung gethan, bewieſen werden kann, die Frage an ſie und nicht an einen der Umſtehenden gerichtet werden muß.“. „Nicht, wann dieſe Perſon gefangen oder im Ver⸗ höre iſt,“ antwortete der Unterſuchungsrichter, der über⸗ raſcht war, eine ſolche Bemerkung aus dem Munde eines 187— 189. 8 — 114— ſolchen Mannes zu hören;„die Bemerkung iſt jedoch richtig, wenn es ſich bloß von Zeugen hanbelt. Ihr müßt demnach antworten.“ „Es iſt nicht nöthig,“ fiel Raoul wieder ein.„Ich habe mein Schiff hier, wie ich Euch ſagte, verlaſſen, und wann ich die vergangene Nacht ein Signal von den Höhen von St. Agatha gegeben hätte, ſo hätte das Irr⸗ licht nahe gegen die Felſen der Sirenen hin abgehalten und mich wieder eingenommen. Da die Stunde längſt vorüber iſt, und das Signal wahrſcheinlich nicht gegeben wird, ſo iſt der Lieutenant ohne Zweifel einem andern Platz entgegen gegangen, den ich ihm angab, von welchem aber der Zeuge nichts weiß, und den ich gewiß nie ver⸗ rathen werde.“ In Raoub's Haltung war ſo viel Mannhaftes und eine ſo ruhige Würde, daß jedes ſeiner Worte einen tiefen Eindruck machte. Seine Antwort brachte dieſen Gegenſtand, wenigſtens für den Augenblick, zum Ab⸗ ſchluß und der unterſuchungsrichter wendete ſich andern Fragen zu. Es war jedoch wenig mehr zu thun. Der Gefangene hatte ſeine Identität zugegeben; ſeine Gefangennehmung und alle damit zuſammenhängenden Umſtände waren er⸗ wieſen, und ſeine Vertheidigung mußte nun folgen. Als Raoul ſich nun erhob, um zu ſprechen, fühlte er ſich unangenehm erregt; dieſes Gefühl wich jedoch bald und er begann mit ruhiger, feſter Stimme und mit —3„8—j4⁴—— v — 115— einer Betonung einzelner Ausdrücke, die ihnen Schärfe und Intereſſe verlieh.„Meſſieurs,“ ſagte er,„ich will meinen Namen, meinen Charakter und meine Lebens⸗ weiſe nicht läugnen. Ich bin Franzoſe und ein Feind Eures Landes. Ich bin auch ein Feind des Königs von Neapel, auf deſſen Gebiet Ihr mich betroffen habt. Ich habe ſeine und Eure Schiffe zerſtört. Bringt mich wieder an Bord meines Loggers und ich werde wieder daſſelbe thun. Wer immer ein Feind Frankreichs iſt, iſt auch ein Feind Raoul Yvard's. Ehrenhafte Seemänner wie Ihr, Meſſieurs, werden dies begreifen. „Mein Herz iſt nicht von Stein; ſo ſchlimm es auch ſein mag,— es kann Schönheit, Beſcheidenheit und Tugend in dem andern Geſchlechte lieben. In dieſem Falle bin ich— ich liebe Ghita Carraccioli und habe mich ſeit länger als einem Jahre bemüht, ihre Hand zu er⸗ halten. Sie hat mich nicht berechtigt, zu ſagen, meine Bewerbung ſei begünſtigt worden— dies muß ich zuge⸗ ſtehen; aber ſie iſt deswegen nicht minder bewunderns⸗ würdig. Wir weichen in unſern religiöſen Anſichten von einander ab, und ich fürchte, ſie hat Monte Argentaro, verlaſſen, weil ſie, als ſie meine Hand verweigerte, es für beſſer hielt, daß wir uns nicht wieder ſähen. Mädchen ſind ſo, wie Ihr wohl alle wiſſen könnt, Meſſieurs. Wir aber, die wir aus rauherm Stoffe ſind, unterwerfen uns ſolcher Selbſtverläugnung ſelten. „Ich erfuhr, wohin Ghita gegangen war, und folgte; 8*¾ — 116— ihre Schönheit war ein Magnet, der mein Herz nach ſich zog, wie unſere Nadeln gegen den Pol gezogen werden. „Ich ſah mich gezwungen, in den Golf von Neapel unter die feindlichen Schiffe zu kommen, um die zu ſuchen, die ich liebe, und dies iſt etwas ganz anderes, als das jämmerliche Geſchäft eines Spions zu übernehmen. Wer von Euch, Meſſieurs, würde nicht daſſelbe gethan haben? Ihr ſeid wackere Engländer, und ich weiß, Ihr würdet nicht gezaudert haben. Zwei von Euch ſind noch jung, wie ich, und müſſen die Gewalt der Schönheit noch fühlen; ſelbſt der Herr, der nicht mehr zu den jun⸗ gen Männern gehört, wird ſeine Stunden der Leiden⸗ ſchaft gehabt haben, wie Alle, die von dem Weibe geboren ſind. 3 „„Neſſieurs, ich habe mehr nicht zu ſagen; das übrige wißt Ihr.. „Wenn Ihr mich verurtheilt, ſo verurtheilt mich als einen unglücklichen Franzoſen, deſſen Herz ſeine Schwächen hatte,— nicht als einen verachtungswerthen, verrätheriſchen Spion.“ Die Einfachheit, der Ernſt, die Würde, mit welcher Raoul ſprach, waren nicht ohne Wirkung. Hätte Sir Frederick ſeinen Willen durchſetzen können, ſo wäre der Gefangene auf der Stelle frei gegeben worden. Lyon hatte aber ſeine Zweifel hinſichtlich der Liebesgeſchichte; denn die Liebe war ein Gefühl, von welchem er nur ſehr wenig wußte; dann war er auch von dem Geiſte des — ₰- — 117— Widerſpruchs beſeſſen, welcher ihn gewöhnlich verleitete, bei dem Gegentheil Deſſen zu beharren, was man vorzu⸗ ſchlagen pflegte. Der Gefangene wurde abgeführt und das Gericht ließ die Thore ſchließen, um mit ſeinem Urtheilsſpruche in der gewöhnlichen Form abzuſchließen. Wir würden Cuffe Unrecht thun, wenn wir nicht ſagten, daß ſein Gefühl einigermaßen zu Gunſten eines tapfern Feindes ſprach, der ihn ſo oft beſtegt hatte. Wär' es in dieſem Augenblicke in ſeiner Macht geweſen, er hätte Raoul ſeinen Logger gegeben, dem letztern einen hinreichenden Vorſprung zugeſtanden, und dann freudig eine Jagd in dem Mittelländiſchen Meere begonnen, um allen Streit zwiſchen ihnen zu beſeitigen. Aber es war zu viel, den Logger und den Gefangenen zumal aufzu⸗ geben. Sodann legte ihm ſein Eid als Richter auch Verbindlichkeiten auf, und er fühlte ſich gezwungen, den Gründen des Unterſuchungsrichters nachzugeben, der ein Geſchäftsmann war und an Gefühle ſo wenig dachte, wie Lyon ſelbſt. Die Berathung, welche eine Stunde währte, hatte zur Folge, daß der Gefangene ſchuldig erkannt wurde. Das Gemach wurde geöffnet, das Protokoll verleſen, der Angeklagte eingeführt und ſein Urtheil verkündigt. Der Spruch lautete:„Raoul Yrard ſei inmitten der verbündeten Flotten verkleidet betroffen und als Spion ſchuldig befunden worden.“ Das Urtheil ging — 118— — dahin, er ſolle am kommenden Tag den Tod erleiden, indem man ihn an den Raa⸗Arm desjenigen Schiffes hänge, welches der Oberbefehlshaber, nach Beſtätigung des Urtheils, wählen werde. Da Raoul kaum etwas Anderes erwartete, hörte er ſeine Verurtheilung mit Feſtigkeit an, und verbeugte ſich mit Würde und Anſtand vor dem Gerichte, als man ihn abführte, um ihn an einen Ort zu bringen, wie dieſer für einen Verurtheilten geeignet war. Sechstes Kapitel. Die Welt iſt nur ein Titelblatt, ohn' Inhalt; Die Welt iſt leere Fläche nur, wer ihr Sein Herz zeigt, wird verhöhnt und ausgeſpottet. Nachtgedanken. Bolt war nicht verhört worden. Sein Fall bot meh⸗ rere ernſtliche Schwierigkeiten dar, und die Befehle des Admirals ließen für beſonnene Vorſicht Spielraum genug. Die Strafe konnte kaum eine andere als Tod ſeyn; man hätte dann aber nicht nur einen ſtarken, kräftigen Mann verloren, ſondern es ſtellten ſich auch Fragen über natür⸗ liche Rechte dar, welche man nicht immer gern näher in das Auge faßte. Obgleich das Preſſen amerikaniſcher Seeleute für britiſche Kriegsſchiffe ohne Zweifel zu den — 119— ernſteſten, moraliſchen und zumal politiſchen Kränkungen gehörte, die einer unabhängigen Nation je von der an⸗ dern, und zwar eine ſo lange Reihe von Jahren hin⸗ durch, wie dies hier der Fall war, zugefügt wurden, ſo hatte die Sache doch auch eine etwas lichtere Seite. Ein Theil der britiſchen Flotte verſchmähte dieſe Sitte ganz und gar; dieſe überließen es rauhern Gemüthern, etwas zu thun, das ihren Gefühlen und Sitten widerſtrebte. So erinnern wir uns, daß wir einen Amerikaner, wel⸗ cher bei vielen Gelegenheiten anweſend war, wo man ſeine Landsleute unter ihrer Flagge wegriß, ſagen hörten, er habe nie geſehen, daß der Offizier, von welchem dieſe Kränkung geübt wurde, in Miene und Gebahren etwas gezeigt habe, das dem wahren Gentleman ähnlich gewe⸗ ſen; wenn einer dieſer Klaſſe ſein Schiff geentert habe, ſei die Mannſchaft unbeläſtigt geblieben*). Wie dem auch ſein mag, es iſt keine Frage, daß *) Dies bezieht ſich auf die Unterſuchungen, die man bei ſolchen Gelegenheiten anzuſtellen pflegte, um ſich zu überzeugen, ob keine geborenen Engländer an Bord wären. Brauchte man Ma⸗ troſen, ſo wurde jeder ohne Umſtände gepreßt, der ſeine Natio⸗ nalität nicht nachweiſen konnte. Das Auffallende dabei war, daß die Engländer ſtets den Vorwand geltend machten, es könn⸗ ten engliſche Unterthanen, die man zum Dienſte gepreßt, an Bord ſein; während doch die Amerikaner vorzugsweiſe ein Recht gehabt hätten, engliſche Schiffe aus dieſem Grunde zu unter⸗ ſuchen, und ſich um die Nationalität der Matroſen näher zu erkundigen. ein der Bruſt von Hunderten in der britiſchen Flotte ein ſtarkes, edles Gefühl hinſichtlich des Charakters des Un⸗ rechts ſich regte, welches einem fremden Volke angethan ward, indem man Leute unter ſeiner Flagge preßte. Euffe war nicht geeignet, um ſeine Begriffe üver dieſen Gegenſtand bis zu einem ſehr verfeinerten Grade zu ſtei⸗ gern; aber er war zu ſehr Mann, um nicht einen An⸗ dern mit Widerwillen wegen etwas zu ſtrafen, das er, was er fühlte, unter ähnlichen Umſtänden ſelbſt gethan haben würde, und wozu er, wie er recht gut wußte, das vollkommenſte Recht hatte. Es war unmöglich, einen Menſchen, wie Ithuel, der ſo vieles von den Eigenthümlichkeiten der Granit⸗ Staaten an ſich hatte, für etwas Anderes zu nehmen, als er war, und ſein National⸗Charakter war in dem Schiffe ſo bekannt, daß ihm von dem erſten Augenblicke an der Beiname„der Yankee“ von ſeinen Kameraden war beigelegt worden. Dieſe Thatſache kam ihm daher in ſo weit zu gut, daß Cuffe, nachdem er ſich mit Wincheſter beſprochen, den Entſchluß faßte, den Ausreißer nicht vor das Gericht zu ſtellen; er ſollte, nachdem er eine kurze Zeit in den Eiſen gelegen, wieder im Dienſte verwendet werden, wobei der bei ſolchen Gelegenheiten ſo oft gebrauchte Vorwand geltend gemacht werden konnte, man wolle dem Manne Gelegenheit geben, ſeine Nationalität als Ame⸗ rikaner zu beweiſen, wenn er wirklich wäre, was zu ſein er ſo hartnäckig behauptete. Der arme Ithuel war nicht der einzige, welcher zu dieſer zweideutigen Sclaverei ver⸗ urtheilt wurde, denn Hunderte haben mühſame Jahre hingebracht, um dieſen Beweis zu liefern, und derſelbe ſchwache Strahl der Hoffnung glänzte ihnen in der Ferne, um ſtets wieder weiter von ihnen zu rücken. Cuffe beabſichtigte, ehe er über Ithuel verfügte, mit dem Admiral über die Sache zu ſprechen; und wann Nelſon ſich dem Einfluſſe der Sirene, welche ihn gefeſ⸗ ſelt hatte, entzog, war er ein Mann, der ſich zur Nach⸗ ſicht neigte, und von der Gerechtigkeit ſelbſt ritterliche Begriffe hatte. Solchen Widerſprüchen iſt ſelbſt ein großer Geiſt unterworfen, wenn er den Leitſtern ſeiner Pflichten aus dem Auge verliert! Als daher das Urtheil über Raoul ausgeſprochen und der Gefangene entfernt worden, vertagte ſich das Gericht, und ein Boot wurde ſogleich an den Contre⸗Admiral mit einer Abſchrift der Verhandlungen, Behufs der Beiſtim⸗ mung deſſelben, abgeſchickt. Nun folgte die Beſprechung des Gegenſtandes, der für Alle am meiſten Intereſſe hatte,— der möglichen Stellung des Loggers und der Mittel, ſeiner habhaft zu werden. Alle waren überzeugt, daß das Irrlicht nicht ferne ſein könne; es war aber ſchwer zu ſagen, wo es zu finden ſein möchte. Offiziere waren auf die Höhen von Lapri geſchickt worden, deren eine ſich über tauſend Fuß über die Meeresfläche erhebt, ſie kehrten aber ohne irgend ein Reſultat zurück. Nichts dem Logger ähnliches war auf der offenen See, zwiſchen den Inſeln oder in den Buchten, zu ſehen. Man hatte einen Kutter ausgeſendet, um das Vor⸗ gebirg von Campanella zu umſegeln; ein anderer war über die Mündung des Golfs gegangen, um ſich nördlich von Iſchia umzuſehen und ſich zu überzeugen, daß das ver⸗ rätheriſche Fahrzeug nicht hinter den Bergen dieſer Inſel ein Verſteck geſucht hatte. Kurz, kein Mittel, das zur Entdeckung des Flüchtlings verhelfen konnte, blieb unver⸗ ſucht. Alle ſchlugen jedoch fehl; erfolglos kam ein Boot nach dem andern zurück, und ein Offizier nach dem an⸗ dern traf müde und ärgerlich ein. Auf dieſe Weiſe verfloß ein großer Theil des Tages, denn man hatte Windſtille und konnte nicht daran denken, eines der Schiffe in Bewegung zu ſetzen. In der völligen Ueberzeugung, den Logger irgend wo in nicht zu großer Entfernung aufzufinden, war Cuffe ſo weit gegangen, daß er aus den verſchiedenen Schiffen Leute gewählt hatte, welche das franzöſiſche Fahrzeug wieder in Booten an⸗ greifen ſollten; denn er zweifelte jetzt nicht an dem Ge⸗ lingen eines ſolchen Schrittes, da er über drei Schiffe zu verfügen hatte und ſie gegen den Feind brauchen konnte. Wincheſter ſollte den Befehl über die Boote haben, als ein mit ſeinem Blute erkauftes Recht, und die Hoff⸗ — 123— nung, auf dieſe Weiſe ein Ergebniß herbei zu führen, wurde nicht eher aufgegeben, als bis das letzte Boot— dasjenige, das um Iſchia geſchickt worden— zurückge⸗ kehrt war und die gänzliche Erfolgloſigkeit berichtet hatte. Als dieſer letzte Bericht ankam, war Cuffe mit den andern zwei Capitainen auf der Schanze der Proſerpina, wo ſie ſich über die Mittel, des Loggers Herr zu werden, unterhielten. „Ich habe ſagen hören,“ bemerkte Capitain Cuffe, „dieſer Raoul Yvard ſei mehrere Male unter engliſcher oder neutraler Flagge in unſere Häfen eingelaufen und habe da, ohne Verdacht zu erregen, ein bis zwei Tage vor Anker gelegen, bis es ihm beliebt habe, wieder ab⸗ zuſegeln. Wär' es möglich, daß er vor der Stadt ange⸗ legt hätte? In und um den Molo iſt eine ſolche Menge von Schiffen verſammelt, daß der Logger, wenn er ſeine Farben und Abzeichen änderte, unter ihnen ſein könnte. — Was haltet Ihr davon, Lyon?“ „Es iſt allerdings ein Geſetz der Natur, Capitain Cuffe, daß kleinere Gegenſtände Angeſichts größerer über⸗ ſehen werden, und ſo könnte die Sache wohl denkbar ſein, obgleich ich ſie den unwahrſcheinlichen zuzähle, wenn ich ſie nicht für ganz unmöglich halten ſoll. Demungeachtet würde es viel ſicherer ſein, in der von Euch erwähnten Weiſe unter hundert und mehr Schiffe einzulaufen, als ſich allein in einen Hafen oder auf eine Rhede zu wagen. Wenn Ihr die Einſamkeit ſucht, Sir Frederick, ſo geht — 124— auf den Strand zu London, oder miethet Euch eine Woh⸗ nung auf Ludgate Hill; wollt Ihr aber bemerkt und ver⸗ folgt werden, ſo ſucht ein Dorf in den Hochlanden auf und verſteckt Euch und Euern Namen auf einige Stun⸗ den. Ha, wer beide Lebensweiſen verſucht hat, kennt wohl den Unterſchied!“ „Dies iſt wahr, Cuffe,“ bemerkte der Baronet; „und doch kann ich mir kaum denken, daß ein franzö⸗ ſiſches Schiff, groß oder klein, es wagen würde, einzu⸗ laufen und vor Nelſon's Naſe Anker zu werfen.“ „Es wäre gewiß nicht viel anders, als wenn das Lamm ſich neben dem Löwen hinlegte, und die Sache iſt nicht als wahrſcheinlich anzunehmen.— Herr Wincheſter — iſt das nicht unſer Boot, das um die Seite der Schaluppe heran kommt?“ „Ja, Herr— es kommt von Neapel zurück.— Quartiermeiſter—“. 1 „Ja, Quartiermeiſter,“ unterbrach ihn Cuffe ſtreng; „dies iſt ein ſchöner Ausguck! da kommt unſer Boot dicht an uns heran und kein Wort über dieſe intereſſante Sache von Euern Lippen, Herr!“ Das Wort„Herr“(Sir) wird an Bord eines Kriegsſchiffes vielfach und in allen ſeinen verſchiedenar⸗ tigen Bedeutungen gebraucht. Der Untergeordnete wen⸗ det es gegen den Höheren an, als wär' es eine Gabe, die von oben kommt; unter Gleichſtehenden hat es etwas Ceremonielles und Warnendes, das zuweilen Achtung, zuweilen das Gegentheil ausdrückt; wenn es aber vom Capitain dem Quartiermeiſter gegenüber gebraucht wird, bedeutet es ſtets Tadel, wenn nicht eine Drohung darin liegt. In Fällen dieſer Art thut der ſchwächere Theil ſtets am beſten, zu ſchweigen; und nirgends lernt man dieſe Wahrheit eher, als an Bord von Kriegsſchiffen. Der Quartiermeiſter gab ſonach keine Antwort, und das Boot kam an die Seite des Schiffes; es brachte den Offizier zurück, welcher die Acten des Gerichtes an den Contre⸗Admiral überliefert hatte. „Hier liegt es vor uns!“ ſagte Cuffe, als er mit den beiden andern Capitainen wieder in der Cajüte war und die wichtige Urkunde eröffnet hatte—„hört:“ Cuffe las folgende Worte: „„Beſtatigt. Das urtheil ſoll an Bord des Schiffes Seiner Majeſtät, Proſerpina, Capitain Cuffe, morgen, zwiſchen den Stunden des Sonnenauf⸗ und Niedergangs vollſtreckt werden.““ 3 Dann folgte der Monatstag, das Jahr und die wohlbekannte Unterſchrift:„Nelſon und Bronte.“ Alles dies hatte Cuffe gewünſcht und erwartet, obgleich er etwas mehr Anmuth in der Form des Befehls vorgezogen hätte. Der Leſer darf jedoch daraus nicht ſchließen, der Capitain ſei rachſüchtig oder blutgierig geweſen, oder er habe über Raoul irgend eine Strafe für die Art verhängt ſehen wollen, wie er ſeine Pläne — 126— vereitelt und ſeine Mannſchaft hatte leiden laſſen. Er war davon weit entfernt. Seine Abſicht ging dahin, den Urtheilsſpruch zu benutzen, um von dem Gefangenen ein Geſtändniß in Betreff der Befehle zu erlangen, welche er der Mannſchaft des Loggers hinterlaſſen hatte, und ſich dann dieſes Geſtändniſſes ſelbſt als eines Mittels zu bedienen, um ſeine Begnadigung und die Verſetzung auf ein Gefangenſchiff zu erlangen. Cuffe hegte keine große Achtung vor Kapersleuten, und ſeine Schätzung ihres moraliſchen Charakters war gar nicht unverſtändig, wenn er behauptete: wer vorzugs⸗ weiſe des Gewinnes wegen diene, würde nicht lange anſtehen, ſein Leben durch den Verrath eines Geheim⸗ niſſes, wie man es jetzt wiſſen wollte, zu erkaufen. Wenn Raoul auch nur zu einer republikaniſchen Flotte gehört hätte, ſo würde der engliſche See⸗Offizier ſich wohl beſonnen haben, ſeinen Plan in Ausführung zu bringen; aber bei dem Befehlshaber eines Kapers konnte man ſich kaum etwas Einfacheres denken, als den Verſuch damit zu machen. Sir Frederick ſowohl als Lyon ſahen die Sache von demſelben Geſichtspunkte an, und da jetzt Alles, was dieſer Zweck nöthig machte, geſetzlich vollbracht worden, hielt man die Gefangennehmung des Loggers für faſt unzweifelhaft. „Es iſt doch auch ein wenig betrübt,“ bemerkte Sir Frederick in ſeiner gezogenen, trägen Weiſe,„es iſt — 127— doch auch ein wenig betrübt, Cuffe, einen Freund ver⸗ rathen oder ſich hängen laſſen zu ſollen? Geſprächsweiſe pflegen wir zu ſagen, ich will mich hängen laſſen, wenn ich es thue— und hier ſagt Ihr, man wird Euch hän⸗ gen, wenn Ihr es nicht thut.“ „Pah— pah, Daſhwood; Niemand hofft, daß es mit Raoul Yyard ſo weit kommen werde; denn Nie⸗ mand glaubt, er werde hartnäckig bleiben. Wir werden den Logger bekommen, und dies wird das Ende des Ganzen ſein. Ich gäbe tauſend Pfund, wenn ich in dieſem Augenblicke den verd—ten Logger auf Piſtolen⸗ ſchuß von meinem Spiegel vor Anker ſähe.“ „Fünfhundert Pfund wären ſchon ein hübſches Priſen⸗ geld,“ bemerkte Lyon trocken.„Ich zweifle ſehr, ob der An⸗ theil eines Jeden von uns dreien auf hundert Pfund käme, wenn das Fahrzeug in unſre Hände fallen ſollte.“ „Nebenher bemerkt, meine Herrn,“ warf Sir Frede⸗ rick gähnend ein,„wir könnten ja wohl das Loos oder die Würfel entſcheiden laſſen, wer Alles haben ſoll, ſo fern wir des Loggers innerhalb der nächſten vier und zwanzig Stunden, nach den Chronometern dieſes Schiffes gerechnet, habhaft werden. Ich zweifle nicht, Cuffe, daß Ihr Würfel an Bord habt; wir vertreiben uns hier die Zeit auf eine halbe Stunde damit, und ſchon das iſt etwas werth.“ „Verzeiht, Capitain Daſhwood, eine ſolche Unter⸗ haltung dulde ich nie. Sie iſt unmilitäriſch und den Ver⸗ ordnungen zuwider; und dann liegen bei Lyon und mir die Hunderte nicht ſo dicht geſäet, wie bei Euch. Ich ziehe es vor, mein Priſengeld erſt einzuziehen und nach⸗ her darum zu ſpielen.“ „Ihr habt Recht, Capitain Cuffe,“ ſagte Lyon, „obgleich eben nichts ſehr Unrechtes darin wäre, um Sir Frederick's Theil zu ſpielen, ſo fern er uns dies erlauben wollte. Geld iſt ohne allen Zweifel etwas ganz Annehm⸗ liches und Wohlthuendes, und Heilige wie Sünder lieben das Leben; aber ich bezweifle es ſehr, daß es Euch ſo leicht werden wird, dieſen Monſchur Raul zu überreden, Euch in der erwähnten Weiſe ſein Geheimniß hinſicht⸗ lich des Loggers mitzutheilen.“ Dieſe Anſicht fand keine Gunſt, und als die drei Capitaine den Gegenſtand noch eine Zeitlang unter ſich beſprochen hatten, und eben im Begriffe waren, ſich zu trennen, ſtürzte Griffin, ohne auch nur anzuklopfen oder eine der gewöhnlichen Förmlichkeiten zu beachten, in die Cajüte. „Man ſollte glauben, ein Sturm blieſe daher, nach der Eile, mit welcher Ihr vor ihm daher fahrt, Herr Griffin,“ ſagte Cuffe kalt. „Es iſt ein ſchlechter Wind, der kein Glück bläſ't, Herr,“ antwortete der Lieutenant, der im eigentlichſten Sinne des Wortes nach Athem ſchnappte, ſo groß war ſeine Eile geweſen, um mitzutheilen, was er zu ſagen hatte.—„Unſer Ausguck, auf den Höhen über Campa⸗ d—.,—— „„—— = 9 nella, hat eben ſignaliſirt, daß er den Logger nach Süd⸗ oſten hin ſieht, etwa in der Richtung von Piane, glaub' ich, Herr; und was beſſer iſt, der Wind kommt dieſen Abend früher vom Lande her, als gewöhnlich.“ „Dies ſind Neuigkeiten!“ rief Cuffe aus, und rieb ſich die Hände vor Vergnügen.„Geht auf das Deck, Griffin, und ſagt Wincheſter, er ſoll den Anker heben; dann gebt den andern Schiffen ein Signal, das Gleiche zu thun.— Nun, meine Herren, haben wir das Wild in unſern Händen, und wir wollen Sorge tragen, daß es uns nicht entſchlüpft. In einigen Stunden wird es dunkel ſein, und alle unſre Bewegungen können unbe⸗ merkt vor ſich gehen De die Proſerpina vielleicht das raſcheſte Schiff iſt— Sir Frederick lächelte über dieſe Bemerkung ſpöt⸗ tiſch, während Lyon ſeine Augenbrauen hob, als ſäh' er ein Wunder. Cuffe, der dies überſah, fuhr fort: „Da die Proſerpina vielleicht das raſcheſte Schiff iſt, muß ſie am weiteſten leewärts gehen, und ich werde mich ſonach fertig machen und ſeewärts abhalten, immer ſtracks nach Nordoſten gewendet, als wollt' ich, zum Beiſpiel, in die Engen von St. Bonifacio einlaufen; ſobald es aber dunkel wird, werde ich zwei bis drei Stunden ſüdlich ſteuern laſſen und dann ſüdoſtwärts abhalten, bis wir ſüdlich vor dem Golf von Salerno ſtehen. Wenn der Wind anhält, kann dies bis Tages⸗ anbruch vollbracht ſein. Bei Tagesanbruch ſeht Ihr Euch 187—- 189. 9 — 130— dann vor Piane, zwei Stunden ſeewärts, hoff' ich, von dem Logger, nach mir um. Wie die Sonne ſich ſenkt, werdet ihr mir folgen, Sir Frederick, und ſo nahe als möglich in meinem Fahrwaſſer bleiben; um Mitternacht. aber legt Ihr bei. Dies wird Euch gerade vor den Golf und in die Mitte zwiſchen den beiden Vorgebirgen, etwas ſüdweſtlich von Campanella bringen.— Ihr, Lyon, bleibt hier liegen, bis die Nacht ganz eingebrochen iſt, wo Ihr zwiſchen Capri und dem Vorgebirg durchgehen, zwei Stunden ſüdlich abhalten und dann beilegen könnt. Dies wird Euch in eine Stellung bringen, wo Ihr im Stande ſeid, die Straße in den Golf und ſeewärts, unter der Nordküſte, im Auge zu behalten.“ „Und wenn dies Alles zu Eurer Zufriedenheit aus⸗ geführt iſt, Capitain Cuffe,“ fragte Lyon, der ruhig eine ungeheuere Priſe in ſeine Naſe brachte,„welche weitere Bewegungen wird es Euch belieben vorzuſchreiben?“ „Jedes Schiff muß ſeine Stellung behalten, bis der Tag angebrochen iſt. Wenn es ſich ergibt, wie ich nicht anders erwarte, daß wir die Few-Folly landeinwärts von uns bekommen, ſo haben wir weiter nichts zu thun, als an ſie heran zu kommen und ſie höher und höher hinauf in den Golf zu jagen. Sie wird natürlich das ſeichte Waſſer aufſuchen, in welchem Falle wir Anker werfen, die Boote bemannen, ſie nordwärts und ſüdwärts von ihr abſchicken und unter dem Schutze unſerer Kanonen den Logger angreifen laſſen werden. Wenn wir ihn auf — 131— leger Wall beſetzt*) finden, haben wir ihn in unſerer Gewalt.“ „Sehr gut ausgedacht, Capitain Cuffe, und wohl erwogen. Wenn wir den Heiden aber ſeewärts von uns finden?“. „Dann die Segel auf und die Jagd ſeewärts begon⸗ nen, ſo gut jedes Schiff es vermag. Kommt, meine Herren,— ich wünſche nicht gegen die Gaſtfreundſchaft zu verſtoßen, aber die Proſerpina muß fort. Sie hat einen weiten Weg vor ſich und die Winde ſind in dieſer Jahreszeit ſo unbeſtändig, daß man ihnen kaum auf eine Stunde vertrauen kann.“ Da Cuffe in ſolcher Eile war, nahmen ſeine Gäſte ohne weitere Förmlichkeit Abſchied und begaben ſich auf ihre Schiffe. Das erſte, was Sir Frederick that, wär, daß er ſein Mittageſſen eine Stunde früher, als er beabſichtigt hatte, beſtellte und dann ſeinen Schiffsarzt und den Marine⸗ Offizier— zwei tüchtige Eſſer— einlud, daſſelbe mit ihm zu theilen, worauf er ſich hinſetzte und ziemlich ſtüm⸗ perhaft auf ſeiner Flöte ſpielte. Zwei Stunden ſpäter gab er ſeinem erſten Lieute⸗ nant die nöthigen Befehle, worauf er ſich ſehr wenig um die Fregatte, welche er befehligte, bekümmerte. Lyon dagegen ſetzte ſich allein zu ſeinem frugalen *) Auf dem Grund aufſitzen. Der Ueberſetzer. 9*† —j— —- — 132 Mahle nieder, ſobald er ſich wieder allein in ſeiner Schaluppe befand, nachdem er vorher gewiſſe alte Segel auf das Deck hatte bringen laſſen, die auf ſeinen Befehl zum achten oder neunten Male geflickt werden mußten. Mit der Proſerpina war es anders. Ihre Gang⸗ ſpill⸗Handſpaken flogen herum und der eine Anker war ſchon gehoben, als der Capitain auf dem Decke erſchien. Die andern folgten bald, die drei Marsſegel fielen, wur⸗ den eingebracht und befeſtigt, und dann wurde ein Segel nach dem andern beſchlagen, bis das Schiff ruhig, eine Wolke von Leinwand, an dem niedrigen Kap von Ana Capri vorbei ging. Sein Vordertheil war weſtwärts mit geringer Neigung nach Norden gewendet, und wenn irgend Jemand von Süden aus ſeine Bewegungen ge⸗ ſehen hätte, wie dies, ſo weit man ſehen konnte, nicht der Fall war, ſo würde er haben vermuthen müſſen, die Fregatte halte hinüber, gegen die Küſte von Sardinien ab, wahrſcheinlich in der Abſicht, um durch die Engen von St. Bonifacio, zwiſchen dieſer Inſel und Corſica, durchzuſchneiden. Da der Wind faſt öſtlich war und ziem⸗ lich ſtark blies, war der Gang des Schiffes der Art, daß der Befehlshaber alle ſeine Erwartungen erfüllt zu ſehen hoffen durfte. Als die Sonne unterging und die Nacht ſich über das Mittelländiſche Meer ausbreitete, wurden die leichteren Führſegel eingenommen und die Proſerpina nahm den Wind dwars ab und hielt nach Süden. Außer den -—'— Bergkuppen der Inſeln und des Feſtlandes, dem auf⸗ wallenden Rauch des Veſuvs, dem blauen Himmels⸗ raume oben und der noch blaueren See unten war von dem Deck aus kaum mehr etwas zu ſehen, als der ferne umriß der Terpſichore, welche ſo nahe, als es möglich war, in dem Fahrwaſſer der Proſerpina folgte, während Sir Frederick mit ſeinen Freunden noch an der Tafel ſaß, aber einen wachfamen, eifrigen erſten Lieutenang auf dem Deck hatte, welcher allein für alles Das aus⸗ reichte, was das Schiff in jedem bedränglichen Falle for⸗ derte. Der Letztere hatte ſeine Befehle und kam ihnen mit einer Genauigkeit und Aufmerkſamkeit nach, welche nichts zu wünſchen übrig laſſen konnte. Andererſeits wurde die Mannſchaft der Ringeltaube durch das Ausbeſſern der alten Segel in Athem gehalten, bis die Stunde nahte, wo man die Arbeit„ abſchlägt;“ und dann hob das Schiff ſeine Anker. Zur geeigneten Zeit waren die Anker gelichtet und die Schaluppe ging durch die Straße zwiſchen Capri und Campanella, wie befohlen worden, worauf Lyon nach ſeinem erſten Lieute⸗ nant ſchickte, damit er zu ihm in die Cajüte käme. „Seht hierher, M'Bean,“ ſagte Lyon und deutete auf die Karte, welche auf dem Tiſche ausgebreitet lag.— „Capitain Cuffe iſt jetzt hinab bis vor Piane gegangen und wird ziemlich leewärts ſtehen, wenn der Weſtwind morgen früh eintritt; Sir Frederick iſt ihm merkwürdig klarig vom Land gefolgt und wird in nicht viel beſſern — 134— Schuhen ſtecken. Nun muß dieſer Logger aber gut gehen, wenn all Das, was man von ihm geſagt hat, wahr iſt. Zehn gegen eins, M'Bean, er hat Gold an Bord. Dieſe Korſaren ſind verzweifelte Schurken und wiſſen ihr Schäf⸗ chen zu ſcheeren, und wenn ich Rumpf, Segel, Bewaff⸗ nung, Priſengeld und was in den Kiſten und Kaſten ſich findet, zuſammen nehme, ſollte ich mich nicht wun⸗ dern, wenn der Franzmann nicht ſo hoch käme, als etwa acht bis zehn tauſend Pfund. Dies wäre eine ganz hübſche Theilungsſumme für eine Schaluppe; aber die Summe wär' auch jämmerlich unbedeutend, wenn die Offiziere von drei Schiffen, des Admirals Antheil abge⸗ rechnet, ſie unter ſich theilen ſollten. Was haltet Ihr von der Sache, Airchy?“ „Ich denke gerade wie Ihr, Capitain Lyon. Jedes Lieutenant's Antheil würde unter drei getheilt werden, und ſo auch jener der Capitaine.“ „So iſt's, Airchy, und darum habt einen ſcharfen Ausguck auf dem Deck. Es wird nicht nothwendig ſein, ganz ſo weit hinab zu laufen, wie Capitain Cuffe ange⸗ geben hat, ſeht Ihr; denn wenn der Logger in dem Golf iſt, wird er ſich gegen dieſes Kap her arbeiten, und halten wir uns ſelbſt dieſem Kap nah, ſo iſt es um ſo wahr⸗ ſcheinlicher, daß wir auf ihn ſtoßen. Ihr begreift mich doch, Airchy?“ „Es iſt ziemlich klar, Capitain Lyon, und ich will mich darnach richten. Wie wird das Geſetz in Bezug auf — 135— Dunkelheit ausgelegt?— Ich denke, Niemand bekommt einen Antheil, der nicht zu ſehen iſt; gilt aber die Dunkel⸗ heit als ein geſetzliches Hinderniß?“ „Ganz gewiß, ganz gewiß, denn der Gedanke liegt zum Grunde, daß Alle, die ſehen können, auch handeln können. Wenn wir nun den Logger kapern, ehe Sir Frederick und Capitain Cuffe auch nur wiſſen, wo er ſteht, nach welchem Grundſatz können ſie uns bei der Gefangennehmung des Schiffes helſen und unterſtützen?“ „Und Ihr wünſcht einen ſcharfen Ausguck die Nacht, Capitain Lyon?“ „Das iſt's eben, Airchy. Ihr ſollt Euch alle in Betreff der Augen auf das äußerſte anſtrengen, ſo be⸗ kommen wir vielleicht den Logger allein. Es wäre in der That ungemein Schade, Herr M' Bean, eine Summe mit Dreien theilen zu müſſen, welche man allein bekom⸗ men kann.“ Dies war der Zuſtand der Gefühle, mit welchen jeder der drei Offiziere ſeinem jetzigen Auftrag entgegen ging. Cuffe hegte den ernſtlichen Wunſch, ſeinen Feind zu fangen, und dies zwar vorzüglich ehrenhalber, obgleich vielleicht die Begierde, ſeine eigenen Verluſte zu rächen, ihm nicht ganz fremd ſein mochte; Sir Frederick, um Alles unbekümmert, was nicht mit ſeinen Vergnügungen zuſammenhing, und Lyon auf ſeinen Vortheil bedacht. Eine oder zwei Stunden ſpäter, kurz bevor Cuffe einwärts wendete, ſchickte er einen Diener an ſeinen — 136— erſten Lieutenant und ließ ihn zu ſich beſcheiden, wenn er noch auf wäre; Wincheſter ſchrieb an ſeinem Tagebuch; er machte das Buch zu und gehorchte in der ruhigen, hingebenden Weiſe, welche ein erſter Lieutenant gegen ſeinen Capitain mehr, als gegen irgend einen Andern an den Tag zu legen pflegt. „Guten Abend, Wincheſter,“ ſagte Cuffe in ver⸗ traulichem, freundlichem Tone, welcher dem Untergedenen ſogleich andeutete, daß er nicht nach ihm geſchickt habe, um ihn„abzukanzeln.“—„Nehmt einen Stuhl und verſucht dieſen Wein von Capri mit etwas Waſſer. Es heißt nicht ſchwer Segel führen, wenn man einige Maaß davon getrunken hat; immerhin aber glaub' ich, er füllt die Ritzen beſſer, wie gar nichts.“ „Dank Euch, Capitain Cuffe; er findet bei uns in der Conſtabelkammer Beifall, und wir haben dieſen Mor⸗ gen, während das Gericht ſeine Sitzung hielt, ein oder zwei friſche Fäſſer eingethan.— Seine Herrlichkeit hat alſo, wie man mir ſagt, ſeinen Namen darunter geſetzt, und dieſer Franzmann ſoll morgen am Tage an unſerer Fockraa baumeln?“ „So ſteht es auf dem Papiere, Wincheſter; wenn er aber geſteht, wo ſein Logger liegt, ſo wird Alles glatt genug mit ihm abgehen. Wie jedoch die Dinge jetzt ſich ergeben haben, werden wir das Schiff bekommen, und dieſes nur uns ſelbſt zu danken haben.“ 2 ——** 137— „Nun, Herr, dies wäre im Ganzen das Beſte. Ich ſeh' es nicht gern, daß ein Mann ſeine Leute verkauft.“ „Darin habt Ihr ganz recht, Wincheſter, und ich hoffe, wir werden ohne dies unſern Zweck erreichen; denn der Logger muß unſer werden.— Ich habe wegen dieſes Bolt nach Euch geſchickt,— etwas muß mit dieſem Bur⸗ ſchen angefangen werden.“ „Es iſt klar, daß er ein Ausreißer iſt, Capitain Cuffe,— und, wie es ſich jetzt herausſtellt, iſt er auch des Verraths ſchuldig. Ich ſähe lieber zehn ſolche Geſel⸗ len am Raa⸗Arme baumeln, als einen Mann wie dieſer Franzoſe.“ „Nun, Wincheſter, man ſieht, daß Ihr Niemand etwas nachtragt. Habt Ihr denn ſchon Porto Ferrajo und die Boote vergeſſen? oder liebt Ihr Die, welche Euch wegwerfend behandeln?“ „Was geſchah, geſchah redlich im Dienſte, Herr, und man denkt dann nicht mehr an dergleichen. Ich hege gegen dieſen Raoul Yvard wegen deſſen, was er gethan hat, keinen Groll, ſondern habe ihn jetzt, nachdem Alles vorüber iſt, nur um ſo lieber. Aber— mit dieſem Bolt verhält es ſich ganz anders,— er iſt ein landſtreicheriſcher Schurke, der Andere die Schlachten ſeines Vaterlandes kämpfen läßt, während er gegen den britiſchen Handel Kaperei treibt.“ „Ha, da liegt der Haſe im Pfeffer, Wincheſter? Sind es die Schlachten ſeines Vaterlandes?“ — 138— „Nun, Herr, wir nahmen ihn für einen Engländer und dürfen Dem, was wir einmal angenommen haben, nicht untreu werden.“ „und wir ſollen einen Unſchuldigen wegen eines Verraths hängen, den er gar nicht begehen konnte?“ 4„Nun, Capitain Cuffe, glaubt Ihr denn an des Geſellen hübſche Geſchichte in Betreff ſeiner Nankeeſchaft? Wenn ſie wahr iſt, haben wir ihm bereits ſo viel Unrecht gethan, daß ſein Fall ſehr hart iſt. Was mich betrifft, ſo betrachte ich alle dieſe Burſche als nichts Anderes, denn mißvergnügte Engländer, und behandle ſie demgemäß.“ „Dies iſt eine herbe Weiſe, ſich mit ſeinen Gefühlen abzufinden, Wincheſter; wenn man es aber bis zum Auf⸗ knüpfen treibt, wird es faſt zu ernſtlich. Wenn Bolt eine Strafe verdient, ſo iſt es die Todesſtrafe, und dies iſt eine Frage, über die man ſich doch ziemlich vergewiſ⸗ ſern muß, ehe man ſich zu weit einläßt. Ich habe dann und wann meine Zweifel gehabt, ob drei bis vier unſerer Matroſen wirklich Engländer ſind oder nicht.“ „Man kann in dergleichen Dingen keine Gewihheit haben, man müßte denn alle Taufregiſter des ganzen Königreichs in ſeinem Schiffe haben, Capitain Cuffe. Wenn ſie keine Engländer ſind, Herr, warum bringen ſie keine hinreichende Beweiſe dafür bei?— Ich halte dies für vernünftig genug, wie Ihr zugeben müßt, Herr?“ „Ich weiß es nicht, Wincheſter; auch dieſe Frage hat ihre zwei Seiten. Nehmen wir an, der König von — 13³39— Neapel griff' Euch hier an der Küſte auf, und Ihr ſolltet beweiſen, daß Ihr nicht zu ſeinen Unterthanen gehört, — wie würdet Ihr es anfangen, um dieſen Beweis zu liefern, wenn kein Taufregiſter zur Hand iſt?“ „Nun, Capitain Cuffe, wenn wir denn ſo erſtaunlich unrecht thun, ſo wär' es das Beſte, wir ließen alle dieſe Leute ſogleich laufen, obgleich Einer von ihnen der beſte Matroſe im ganzen Schiffe iſt; ich halt' es für recht, Euch dies zu ſagen, Herr!“ „Es iſt ein großer Unterſchied, Herr, ob man einen Matroſen laufen läßt, oder ihn an der Raa aufhängt. Es fehlt uns an Seeleuten, wie Ihr wißt, und wir können keine einzige Hand entbehren. Ich habe Eure Stationsliſten durchlaufen, und ſie kamen mir früher nie ſo ſchwach vor. Es fehlen uns achtzehn bis zwanzig tüchtige Männer, ehe dieſe Liſten wieder ein Anſehen gewinnen können; und obgleich dieſer Bolt eben nichts Großes als Seemann iſt, ſo hat er doch zu ſo vielerlei Dingen Geſchick, daß er ſo nützlich werden kann, wie der Bootsmann. Mit einem Worte— wir können ihn. nicht entbehren— ihn alſo weder laufen noch hängen laſſen, ſelbſt wenn das letztere gerecht wäre.“ „Gewiß, Herr, ich möchte nichts thun, das ungerecht wäre, und ſo handelt in dieſer Sache ganz nach Belieben.“ „So iſt denn mein Belieben Folgendes, Wincheſter: wir müſſen Bolt wieder in den Dienſt eintreten laſſen. — Wenn der Burſch wirklich ein geborner Amerzkaner —— — 140— iſt, ſo wär' es ein ſchmachvolles Beginnen, ihn wegen des Ausreißens auch nur zu ſchlagen; und was den Ver⸗ rath betrifft, ſo kann dieſer nicht ſtattfinden, wenn man keine Unterthanenpflichten auf ſich hat. Nelſon überläßt es meiner Entſcheidung, und ſo wollen wir uns an die ſicherſte Auskunft halten, und ihn eben wieder ſeinen Dienſt beginnen laſſen. Wenn ſich eine Gelegenheit dar⸗ bietet, will ich ſeinen Fall näher in das Auge faſſen, und ſtellt es ſich in der That heraus, daß er kein Engländer iſt, nun,— ſo muß er entlaſſen werden. In einem bis zwei Jahren geht das Schiff nach Haus, und dann läßt ſich Alles nach Recht und Billigkeit beilegen. Bolt wird wohl gegen dieſe Verfügung nichts einzuwenden haben.“ „Vielleicht nicht, Herr. Aber wir haben unſere Ma⸗ troſen, Capitain Cuffe; ſie müſſen es doch ſehr ſeltſam finden, daß Verrath und Ausreißen unbeſtraft bleiben? Dieſe Geſellen ſprechen und verhandeln mehr, als hinter⸗ wärts immer bekannt wird.“ „Ich habe all das bedacht, Wincheſter. Ohne allen Zweifel habt Ihr ſchon etwas von einem„Zeugen des Königs“ gehört? Gut; Raoul Yrard iſt hier verhört und als Spion verurtheilt worden, und Bolt hat als Zeuge gedient. Einige zur rechten Zeit hingeworfene Bemerkungen werden dieſem Umſtande Alles aufbürden, und der Schein wird gewahrt ſein, ſo weit die Manns⸗ zucht hierin in Sprache kommt.“ „Ja, Hexx, dies läßt ſich Alles machen, es iſt wahr; — 141— aber der arme Teufel wird doch in eine nicht ſehr behag⸗ liche Lage kommen, wenn die Leute glauben, er ſei ein „Zeuge des Königs“ geweſen. Solche Männer haſſen einen Verräther noch mehr, als einen Verbrecher, Capi⸗ tain Cuffe; ſie werden mit Bolt ſchlimm umgehen, fürcht' ich.“ „Vielleicht auch nicht; und wenn es auch der Fall wäre, ſo iſt es immer noch nicht ſo arg, als Hängen. Der Geſell muß ſich glücklich fühlen, dem Raa⸗Arm ſo wohlfeil zu entgehen, und dankt Gott gewiß für all' ſeine Gnade und Barmherzigkeit. Ihr ſeht ein, er leidet nichts ohne Grund, und auch nichts Ungewöhnliches. So ſchickt denn dem Unteroffizier den Befehl zu, dem Burſchen die Eiſen abzuſchlagen, und laßt ihn, ehe Ihr ſchlafen geht, ſeinen Dienſt antreten, Wincheſter!“ Damit war die Sache in Betreff Ithuel's, für den Augenblick wenigſtens, abgethan. Cuffe gehörte zu jener Klaſſe von Männern, welche die Dinge nicht gern zu weit treiben, während ſie es ſchwer finden, ihre Pflicht in dem ganzen Umfange des Wortes zu thun. Es war nicht ein einziger Offizier an Bord der Proſerpina, der es ernſtlich bezweifelt hätte, daß Bolt wirklich ein Ame⸗ rikaner ſei; aber auch nicht Einer von ihnen hätte es offen zugeſtanden. Ithuel hatte zu viel„Granit“ an ſich, um einen echten Engländer lange in Ungewißheit zu laſſen, woher er ſtamme; und ſelbſt die Sprache, auf welche der gepreßte Mann ſich ſo viel zu gut that, würde ——— 2= ſeine Herkunft verrathen haben, wenn andere Beweiſe gemangelt hätten. In jener Zeit herrſchte aber auf den engliſchen Kriegsſchiffen eine Hartnäckigkeit, welche einen kräftigen Matroſen nicht mehr aus der Fauſt ließ, wenn dieſe ihn einmal gefaßt hatte. In dem ausgedehnten und thätigen Dienſte einer Nation, wie die Großbritanniens, waren die verſchiedenen Schiffe von einem esprit de corps beſeelt, welcher ſie wechſelſeitig zum Wetteifer anfeuerte; und da ohne Mannſchaft nichts Weſentliches auszurichten war, ſo ließ man von jedem einzelnen Matroſen mit einem Widerſtreben, von dem man Zeuge geweſen ſein muß, um es zu begreifen.. Cuffe konnte ſich alſo nicht entſchließen, Ithuel ſein ganzes Recht widerfahren zu laſſen; aber er konnte ſich auch nicht entſchließen, die Ungerechtigkeit bis zu dem Verhöre und der Strafe zu treiben. Nelſon hatte ihm, wie ſchon bemerkt, freie Hand gelaſſen, und dieſes Zuge⸗ ſtändniß benützte er in der bereits angegebenen Weiſe. Hätte man die Verhältniſſe des Neu⸗Hampfhirers dem Admiral offen vorgelegt, ſo würde ſeine Freigebung augenblicklich erfolgt ſein. Nelſon ſtand dem gegenſeitigen Wetteifer der einzelnen Schiffe zu fern und war gewöhn⸗ lich zu ſehr der Herrſchaft höherer Beweggründe anheim⸗ gegeben, als daß er ſeine Hand zu dem Unrecht geboten hätte, einen Fremden wider ſeinen Willen in engliſchen Dienſten zu behalten; denn nur unter dem böszartigen — 143— Einfluſſe, deſſen bereits erwähnt worden, hörte er auf, edeldenkend und gerecht zu ſein. Vorurtheilsvoll war er, und in manchen Fällen in ungemeinem Grade; denn Amerika ſtand in ſeinen Augen nur wenig höher, als Frankreich ſelbſt. Für die erſte dieſer Antipathien hatte er einige Entſchuldigungsgründe; denn neben dem Wider⸗ willen, welchen die Geſchichte der cisatlantiſchen Republik natürlich erzeugte, hatte ihm der Zufall in Weſtindien Gelegenheit geboten, die Habſucht, die Verſchmitztheit und die Betrügereien einer Klaſſe von Menſchen kennen zu lernen, welche den Nationalcharakter nie in ſeinen glänzendſten und anziehendſten Farben zeigen konnten. Dennoch war er zu edlen Geiſtes, als daß er mit Willen eine Ungerechtigkeit geſtützt, und zu ritterlich, als daß er zu einer Unterdrückung die Hand geboten hätte. Ithuel war aber in die Hände eines Mannes gefal⸗ len, welcher hinter den erhabenen Eigenſchaften des Admi⸗ rals weit zurück ſtand, während er ſich zu gleicher Zeit von den hervorſtechenden Schwächen deſſelben fern hielt; auch galt von ihm, was wir eben in Betreff des Wett⸗ eifers der Schiffe und deren Bemannung angedeutet haben. Wincheſter gehorchte natürlich ſeinen Befehlen. Er rüttelte den Unteroffizier in ſeiner Hängmatte auf und befahl ihm, Ithuel Bolt auf die Schanze zu bringen. „In Folge deſſen, was dieſen Morgen vorgegangen iſt,“ ſagte der erſte Lieutenant laut genug, um von Allen in der Nähe gehört zu werden,„hat Capitain Cuffe es — 144— für paſſend gefunden, Bolt, Euch frei zu laſſen und dem Dienſte wieder einzuverleiben; Ihr werdet dieſe Milde zu würdigen wiſſen, und, wie ich nicht bezweifle, mit größerem Eifer als je dienen. Vergeßt nie, daß ein Raa⸗Tau Euch ſo zu ſagen ſchon um den Hals hing. Morgen früh werdet Ihr wieder eingeweiht werden und Eure Back erhalten.“ Ithuel war zu klug, um zu antworten. Er begriff die Urſache vollkommen, warum er der Strafe entgangen war, und dies ſteigerte ſeine Hoffnung, dem Dienſte ſelbſt gelegentlich zu entſchlüpfen. Dennoch widerte ihn der Gedanke ein wenig an, für einen„Angeber,“ oder, wie er ſich ausdrückte, für einen„Staats⸗Zeugen“ zu gelten; denn ein ſolcher Mann war in gewöhnlichen Augen weit verabſcheuenswerther, als einer, der tauſend durch die Geſetze verpönte Verbrechen begangen hatte. Nachdem er ſeinen Mann entlaſſen hatte, unter⸗ hielt er ſich noch einige Minuten mit Yelverton, der die Wache hatte, gähnte ein⸗ oder zweimal höchſt auf⸗ fallend, ging hinab und lag nach zehn Minuten in tie⸗ fem Schlaf. Fünftes Kapitel. Wie weiße Segel weiß auf Meeresgrau, Wenn halb bewölkt der Himmel und halb blau, Die zwiſchen Wog' und Himmel aufgeſpannt, So iſt die Hoffnung an Verderbens Rand. Lord Byron. Das erſte Grauen des folgenden Morgens war ein bedeutſamer Moment an Bord der verſchiedenen Schiffe, welche damals vor dem Golf von Salerno das Meer hielten. Beſonderen Befehlen zufolge, welche Cuffe und Lyon gegeben hatten, wurden dieſe gerufen, und ſelbſt Sir Frederick Daſhwood erlaubte, daß man ihn weckte, um den Bericht des Offiziers zu vernehmen, der auf dem Deck die Wache gehabt hatte. Cuffe war eine volle halbe Stunde vor dem Erſchei⸗ nen des Lichtes auf. Er ſtieg ſelbſt wieder auf das große Mars, um den Horizont ſogleich und ſo weit er es wünſchte, unterſuchen zu können. Griffin begleitete ihn hinauf und ſie ſtanden an die Takelage des großen Mars gelehnt, dem langſamen Herannahen jener Strah⸗ len entgegen ſehend, welche ſich nach und nach über den ganzen Umfang eines Panorama's ergoſſen, das ſo bezau⸗ bernd und hinreißend war, als die Stunde und die lieb⸗ 187— 189. 10 — 146— lichen Beigaben einer italieniſchen Landſchaft es nur machen konnten. „Ich ſehe nichts landeinwärts,“ rief Cuffe in einem verdrießlichen Tone, als das Licht einen Ausguck auf die Küſtengegend erlaubte.—„Wenn das franzö⸗ ſiſche Schiff meerwärts von uns ſteht, dann iſt unſere Arbeit erſt halb gethan.“ „Dort dicht dem Lande gegenüber iſt ein weißer Fleck, Herr,“ verſetzte Griffin,„dort in der Richtung jener Ruinen, von denen uns unſere Herren, welche in den Booten auf dem Ausguck waren, ſo viel Wunder erzählt haben*); ich glaube jedoch, es iſt nur eine Felucca oder eine Sparanara. Ich ſehe da ein Stück von Oberſegel, das gar nichts loggerartiges an ſich hat?“ „Was iſt das— hier, nordweſtwärts, Griffin? Iſt es zu groß für die Few-Folly?“ „Es muß die Terpſichore ſein, Herr. Sie ſteht gerade, wo ſie ſtehen muß, wenn ich die Befehle recht verſtanden habe; Sir Frederick hat ſie, denk' ich, ſo weit heran geführt. Aber dort, an dem nördlichen Bord, iſt ein Schiff, das ſich als der Logger ausweiſen könnte; es ſteht gerade auf Campanella hin und nicht weit von der Nordküſte des Golfs.“ „Bei St. Georg, das muß er ſein; Monſieur Yvard hat ihn dieſe ganze Zeit um Amalſi herumſtreifen *) Die Ruinen von Päſtum. 3 Der Ueberſ. — 147— laſſen. Laßt uns herabgehen und ſogleich Alles beiſetzen, was ziehen kann, Herr.“ Nach zwei Minuten war Griffin auf dem Deck; die Raaen wurden angehohlt, und Alles klarig gemacht, um die Segel zu ſtellen. Wie gewöhnlich war der Wind ſüdwärts wieder leicht und der Curs mußte faſt vor ihm hergehen. Lee⸗ ſegelſpieren wurden ausgeſchickt, die Segel beſchlagen und der Vordertheil des Schiffes nach Norden gewendet und ein wenig ſeewärts von dem gejagten Schiffe gehal⸗ ten. In dieſem Augenblicke hatte die Proſerpina die Landſpitze von Piane und das Dörfchen Abate faſt dwars ab. Das Schiff mochte vier Knoten durch das Waſſer gegangen ſein, und die Entfernung über die Mündung des Golfs mochte ſich wohl auf dreißig(engliſche) Meilen belaufen. Demnach waren acht Stunden nöthig, um die Fregatte dieſen Raum zurücklegen zu laſſen, wenn der Wind anhielt, was aber jetzt kaum zu erwarten war. Eine Woche ſpäter, und man hätte ſtarke Südwinde erwarten können; aber für die vorliegenden Zwecke war eine Woche eine unabſehbare Ewigkeit. Die Beobachtungen einer halben Stunde überzeugten alle an Deck der Proſerpina, daß das gejagte Schiff, wie ſie ſelbſt, vom Wall*) abhielt und ſich gegen die Berge von Amalfi wendete. Auch ſeine Geſchwindigkeit war *) Nämlich vom Lande. Der Ueberſ. 10* — 148— faſt ganz die der Fregatte; denn dieſe war, todt vor dem Winde, nur eine gute Seglerin, und ihre große Ueberlegenheit zeigte ſich erſt, wenn ſie der Wind vor⸗ wärts von dem mittelſten Balken brachte. Als man das fremde Schiff zuerſt anſichtig wurde, glaubte man, es ſei etwa fünfzehn Meilen entfernt, und ſein Segeltuch erſchien klein und geſtaltlos; jetzt aber begannen ſeine Takelage, ſeine Größe und ſeine Ent⸗ fernung Zweifel einzuflößen. War es ein großes oder ein hohes Schiff, ſo mußte es nothwendigerweiſe bedeu⸗ tend ferner ſtehen; und wenn es ein großes oder hohes Schiff war, ſo konnte es das Irrlicht nicht ſein. Die zweite Fregatte richtete ſich den Befehlen gemäß nach den Bewegungen der Proſerpina und hielt über die nördliche Seite des Golfs ab, ein ſicherer Beweis, daß auf ihren Maſttops nichts zu entdecken war, das ſie zu einem andern Curs verleiten konnte. Zwei Stunden reichten hin, um Alle an Bord der Proſerpina zu vergewiſſern, daß ſie auf einer falſchen Fährte waren, und daß das Schiff leewärts ihre Beglei⸗ terin, die Schaluppe, war; denn Lyon hatte in ſeinem Eifer, ſich der Priſe zu bemächtigen, ehe ſie von den andern Schiffen geſehen werden konnte, die Ringeltaube ganz innerhalb des Golfs geführt, und ſo Cuffe und Sir Frederick getäuſcht. „Die Sache iſt nicht mehr zu bezweifeln!“ rief der Capitain der Proſerpina aus und ließ ſein Fernglas ſinken, — 149— während der Aerger ſich in ſeinem Gebahren ſtark genug ausdrückte, um nicht mißdeutet werden zu können; „gewiß, Wincheſter, es iſt ein großes Schiff und muß die Ringeltaube ſein, obgleich ich nicht zu ſagen im Stande wäre, was der T—! Lyon dort mit ihr zu thun hat, wenn er nicht etwas dicht unter der Küſte ſieht. Da offenbar nichts auf dieſer Seite iſt, wollen wir ab⸗ halten und ſelbſt einen Ausguck nehmen.“ Dieſer vernichtete faſt jede Hoffnung auf Erfolg. Die Offiziere begannen zu vermuthen, ihr Ausguck auf Campanella habe ſie getäuſcht, und das, was ſie für den Logger gehalten, ſei nur eine Felueca, oder vielleicht eine Schebecke geweſen, ein Fahrzeug, das man wohl in der Entfernung von einigen Stunden für einen Logger anſehen konnte. Der Irrthum war jedoch auf Seiten Derer in dem Schiffe. Der Mann, welcher auf die Höhen von Campanella geſchickt worden, war ein tüchtiger, geübter Maſter's Maat, welcher ſeinen Beruf innerhalb ſeines Dienſtkrei⸗ ſes vollkommen verſtand, ſonſt aber vernachläſſigt war. Wär' er nicht dem Laſter des Trinkens ergeben geweſen, ſo würde er längſt zum Lieutenant vorgerückt ſein, denn er diente länger in der Flotte, als Wincheſter; aber er kannte ſeine Schwäche, und ſtammte aus einer Klaſſe ab, in welcher man die Beförderung eher als eine Gnade des Himmels betrachtete, denn als ein Recht; er war — 150— daher längſt mit ſich einig geworden, daß er in ſeiner jetzigen Stellung leben und ſterben müſſe, und hatte ſo ziemlich den Wunſch, ſich zu heben, verloren. Der Name dieſes Mannes war Clinch. In Folge ſeiner langjährigen Erfahrung innerhalb ſeines Dienſtkreiſes wurde ſeine Anſicht, wenn er nüch⸗ tern war, von ſeinen Vorgeſetzten ſehr geachtet; und da er die Vorſicht hatte, dies immer zu ſein, wenn er im Dienſte war, brachte ihn ſeine Schwäche ſelten in ernſt⸗ liche Verlegenheiten. Cuffe hatte ihn, als letzte Hoffnung, und in der feſten Ueberzeugung auf die Höhen von Campanella ge⸗ ſchickt, daß er, wenn wirklich etwas zu ſehen wäre, es gewiß entdecken würde. Dieſe ganze Zuverſicht war jedoch nun vereitelt, und als man eine halbe Stunde ſpäter ankündigte,„der Kutter komme mit Herrn Clinch den Golf herab und auf ſie zu,“ hörte Cuffe ſelbſt den Namen ſeines trunkſeligen Günſtlings mit Widerwillen. Wie gewöhnlich, wenn er übler Laune war, ging er, als das Boot näher kam, hinab, und hinterließ den Befehl, den Offizier deſſelben zu ihm zu ſchicken, ſobald er an Bord gekommen. Fünf Minuten ſpäter ſteckte Clinch ſein hart aus⸗ ſehendes, wetterzerſchlagenes, aber hübſches rothes Ge⸗ ſicht zur Cajütenthüre herein. „Nun, Herr,“ begann der Capitain in ziemlich hohem Tone,„auf eine verd—t ſchöne Wildegänſe⸗Jagd — 151— habt Ihr uns da herab in dieſen Golf geſchickt. Der Wind fällt bereits, und in einer halben Stunde werden die Schiffe ohne ein Hauch von Luft ſo feſt liegen, als wären ſie an den Grund genagelt; wenn der Wind kommt, wird er aus Weſten kommen und uns Alle vier bis fünf Stunden todt nach leewärts bringen.“ Clinch's Erfahrung hatte ihn gelehrt, was man auf einem Kriegsſchiffe lernen muß, nemlich ſich dem Sturme zu beugen und es nicht zu wagen, ihm trotzen zu wollen. So oft er„abgekanzelt“ werden ſollte, wie er es nannte, hatte er die Gewohnheit, ſeinem Geſichte den Ausdruck des Erſtaunens, mit Zerknirſchung komiſch gemiſcht, zu geben, als wollte er ſagen:„was hab' ich denn gethan?“ oder:„wenn ich etwas verkehrt gemacht habe, ſo ſeht Ihr, wie leid es mir thut.“ Bei der jetzigen Veranlaſſung ließ er ſeinen Befehls⸗ haber dieſen Geſichtsausdruck ſehen, und er hatte den gewöhnlichen Erfolg, daß Cuffe ein wenig milder wurde. „Nun, Herr, erklärt mir gefälligſt dieſe Geſchichte,“ fuhr Cuffe nach einer kleinen Pauſe fort. „Wollt Ihr die Güte haben, Herr, mir zu ſagen, was ich erklären ſoll?“ fragte Clinch, und zeigte ein noch erſtaunteres Geſicht, als gewöhnlich. „Das iſt eine außerordentliche Frage, Herr Clinch! Ich wünſche das Signal, welches Ihr vor jenem Kap gabt, erklärt zu wiſſen, Herr. Habt Ihr dem Schiffe nicht das Signal gegeben, das uns ſagen ſollte, Ihr ſähet die Few-Folly hier nieder, nach ſüdwärts?“ „Nun, Herr, ich freue mich, daß hier kein Miß⸗ verſtändniß in der Sache iſt,“ antwortete Clinch in zu⸗ verſichtlichem Tone und ſichtbar erleichtert.„Ich fürchtete anfangs, Capitain Cuffe, mein Signal ſei nicht verſtan⸗ den worden.“ „Mißverſtanden? Wie konnte es mißverſtanden werden? Ihr zeigtet einen ſchwarzen Ball, für„der Logger ſteht Angeſichts.“ Ihr werdet dies nicht läugnen, hoff' ich.“ „Nein, Herr, ein ſchwarzer Ball, für„der Logger ſteht Angeſichts.“ Den gerade habe ich gezeigt, Capitain Cuffe.“ „und drei ſchwarze Bälle beiſammen, für„er hält gerade ſüdlich von Capri ab.“ Was ſagt Ihr dazu?“ „Ganz recht, Herr, drei ſchwarze Bälle zuſammen, für„er hält gerade ſüdlich von Capri ab.“ Ich habe die Entfernung nicht angegeben, Capitain Cuffe, weil Herr Wincheſter mir keine Signale dafür gegeben hatte.“ „Und Ihr bliebt dabei, dieſe Signale jede halbe Stunde zu wiederholen, ſo lange es hell war, ſelbſt als die Proſerpina ſchon unter Segel ſtand.“ „Alles den Befehlen gemäß, Capitain Cuffe, wie Herr Wincheſter Euch ſagen wird. Ich ſollte jede halbe Stunde die Signale wiederholen, ſo lange der Logger Angeſichts ſtand und es Tag blieb.“ „Ja, Herr; aber Ihr hattet nicht Befehl, uns einem Irrwiſch nachzuſchicken, oder irgend eine Schebeke oder ein anderes Boot von einer der griechiſchen Inſeln für einen leichten, beweglichen franzöſiſchen Logger zu halten.“ „Dies habe ich auch nicht gethan, mit Eurer Er⸗ laubniß, Capitain Cuffe. Ich ſignaliſirte die Few-Folly, und nichts anderes, ich gebe Euch mein Wort darauf.“ Cuffe blickte den Maſter's Maat eine halbe Minute ſtreng an, und ſein Zorn ſänftigte ſich allmählich, wie er hinblickte. „Ihr ſeid ein zu alter Seemann, Clinch, um nicht zu wiſſen, was Ihr thut. Wenn Ihr den Kaper geſehen habt, ſo ſeid ſo gut und ſagt mir, was aus ihm ge⸗ worden iſt.“ „Dies iſt mehr, als ich zu ſagen im Stande bin, Capitain Cuffe; aber geſehen hab' ich ihn, und das ſo deutlich, daß ich ſelbſt ſeinen Jigger erkannte. Ihr wißt, Herr, wir haben ihm bei der Jagd vor Elba ſei⸗ nen Jiggermaſt entzwei geſchoſſen, und er ſetzte einen neuen ein, der ziemlich ſtark nach vorwärts neigte. Das habe ich bemerkt, als wir ihn in dem Kanal von Piom⸗ bino trafen; als ich ihn wieder ſah, mußte ich dies ſo⸗ gleich gewahren. Wer dieſe vorwitzige Few-Folly ein⸗ mal geſehen hat, kann ſich nicht in ihr irren; und ich weiß gewiß, daß wir ſie zur Zeit, wo ich ſignaliſirte, etwa vier Stunden ſüdlich von dem Kap geſehen habe.“ „Vier Stunden!— Ich dachte, ſie ſei wenigſtens acht bis zehn Stunden entfernt, und hielt auf dieſe Diſtanz ab, um ſie in das Netz zu bekommen. Warum habt Ihr uns ihre Entfernung nicht angezeigt?“ „Hatte kein Signal dafür, Capitain Cuffe.“ „Und warum habt Ihr uns kein Boot geſchickt, um uns von dieſem Umſtande zu belehren?“ „Hatte keinen Befehl, Herr. Wurde von Herrn Wincheſter bedeutet, den Logger und ſeinen Curs zu ſignaliſiren, und dies, werdet Ihr zugeben, Capitain Cuffe, haben wir verſtändlich genug gethan. Ueberdies Herr—“ „Nun, überdies was?“ fragte der Capitain, der ſah, daß der Maſter's Maat zögerte. „Wohl, Herr,— wie hätte ich wiſſen können, daß Jemand in dem Schiffe glauben könnte, der Logger ſtehe acht bis zehn Stunden entfernt? Das iſt ein langes Stück Waſſer, Herr, und man brauche wohl die Spieren eines ſchweren Schiffes, um hoch genug zu ſteigen, ſolch einen Ausguck zu bekommen.“ „Der Punkt, auf welchem Ihr Euch befandet, Clinch, war viel höher, als die Spieren irgend eines Schiffes.“ „Ganz wahr, Herr; aber dazu nicht hoch genug, Capitain Cuffe. Daß ich die Folly geſehen habe, weiß ich ſo gewiß, als ich weiß, daß ich jetzt in dieſer Cajüte bin.“ „Was iſt alſo aus ihr geworden? Ihr ſeht, daß ſie jetzt nicht im Golfe iſt.“ „Ich glaube, Capitain Cuffe, ſie blieb ſo lange darin, als ihre Zwecke es forderten, und als die Nacht einge⸗ S„— ͤ— brochen war, wandte ſie ſich ſeewärts. Sie hatte Raum genug ringsher, um wieder, zwiſchen den zwei Fregatten durch, in das Freie zu laufen, wobei ihr die Dunkelheit zu Hülfe kam.“ Die Vermuthung war hörbar genug, um Cuffe zu befriedigen, und dennoch war ſie nicht richtig. Clinch hatte das Irrlicht von ſeinem erhabenen Punkte aus ſüdwärts entdeckt, wie ſeine Signale auch angaben, und in allen ſeinen Angaben in Betreff des Loggers hatte er Recht, bis die Dunkelheit deſſen Bewegungen verbarg. Statt, wie Clinch glaubte, aus dem Golfe zu gehen, hatte er eine Viertelſtunde von Campanella aufgehohlt, dieſe Landſpitze umfahren, die Küſte entlang nach Norden, gerade in den Golf von Neapel hinein, abgehalten, und war dann, zwiſchen Iſchia und Capri, in die See hinaus gelaufen, wobei er gerade dwars ab von dem Ankerplatze kam, welchen die Kriegsſchiffe kurz vorher verlaſſen hatten. Als Raoul ſein Schiff verließ, befahl er, gerade von dem Lande adzuhalten und, unter dem Jigger liegend, Iſchia und Capri im Auge zu behalten. Bei ſo niedrigem Segel, wie denn die Logger ſelten viel Tuch in der Höhe zeigen, konnte er leicht unbeachtet bleiben, und Kreuzer dieſer Art pflegen es immer ſo zu halten, wenn ſie unbe⸗ merkt entſchlüpfen wollen. Monſieur Pintard, Raoul's erſter Lieutenant, hatte von eben dem Punkte, wo Clinch ſeine Station genom⸗ men, ein Signal von ſeinem Capitain erwartet; da er — 156— keines ſah, ſtreifte er nach dem Einbruche der Nacht die Küſte entlang, in der Hoffnung, ſeinen Aufenthalt durch ein blaues Licht angedeutet zu finden. Da auch dieſes ausblieb, hielt er zeitig genug von dem Lande ab, um vor der Wiederkehr des Tages in die offene See zu treten und ſich den Wind zu wahren. Die Kühnheit der Bewegung rettete den Logger; denn Lyon lief etwa zehn Minuten durch die Straße zwiſchen Capri und Campanella, bevor Pintard nur unter feinem Jigger und Klüver rund um die Felſen ſchoß, einem Signale von ſeinem Befehlshaber ängſtlich entgegen⸗ 1 ſehend. 3 Die Franzoſen ſahen die Schaluppe ganz deutlich, und verſicherten ſich mit Hülfe ihrer Nachtgläſer von ihrem Charakter; ſie hielten ſie aber für ein anderes, nach Sici⸗ lien oder Malta beſtimmtes Schiff, während ihr Logger. der Beachtung entging, weil er ſo wenig Segel führte und dem Lande ſo nahe ſtand, wo die Felſen ihm einen Hintergrund gaben. Clinch hatte die Bewegungen des Loggers nach dem Einbruche der Nacht nicht geſehen; denn er war in das Dorf St. Agatha gegangen und hatte eine Unterkunft geſucht, ſobald er bemerkte, daß ſein Schiff die Anker gelichtet und ihn mit ſeinen Bootsführern zurückgelaſſen hatte. Als er am folgenden Morgen die Proſerpina noch ſüdwärts entdeckte, ſtieß er ab und ruderte, wie berichtet, ſeinem Schiffe zu. + — „————— „Wo habt Ihr die Nacht hingebracht, Clinch?“ fragte der Capitain, nachdem ſie die Möglichkeit, wie der Logger entkommen ſei, beſprochen hatten.—„Doch nicht auf der Höhe, unter dem Zelte des Himmels?“ „Auf der Höhe und unter dem großen Zelte, das ſich über uns Beiden ſo oft ausgeſpannt hat, Capitain Cuffe; aber mit einem guten neapolitaniſchen Lehmdach zwiſchen ihm und meinem Kopfe. Sobald es dunkel war und ich ſah, daß das Schiff die Anker gehoben hatte, ſuchte ich ein Dorf auf, St. Agatha genannt; es liegt auf den Höhen, gerade dwars ab von jenen Felſen, welche man die Sirenen nennt, und da ſuchten wir uns eine Back, ſo gut ſie zu finden war, bis der Morgen kam.“ „Ihr habt Glück, daß Ihr Eure ganze Bootsmann⸗ ſchaft zurückgebracht habt, Clinch. Ihr wißt, wir haben eben jetzt in Bezug auf Matroſenhände ſeichtes Waſſer, und unſern Burſchen iſt nicht allen am Lande und in einer Gegend zu vertrauen, wo es ſo viele ſteinerne Mauern, guten Wein und hübſche Mädchen gibt.“ „Ich nehme mir immer ein Häufchen regelmäßiger, ruhiger Leute mit, Capitain Cuffe; ich habe dieſe letzten fünf Jahre nicht einen Mann aus meinem Boote ver⸗ loren.“ „Ihr müßt alſo im Beſitze irgend eines Geheimniſſes ſein, das ich wohl kennen möchte; denn ſelbſt Admirale verlieren zuweilen ihre Bootsleute. Ich möchte faſt behaup⸗ ten, die Eurigen ſind verheirathete Männer, welche zu ihren Frauen halten, wie Pflichtanker; man ſagt, dies ſei oft ein gutes Mittel.“ „Ganz und gar nicht, Herr. Ich habe dies verſucht, bis ich fand, daß die Hälfte der Burſche ausriſſen, um ihrer Weiber los zu werden. Die Portsmouth⸗ und Plymouth⸗Heirathen bringen nicht immer ein großes Ver⸗ mögen mit, Herr, und die jungen Eheherren machen ſich gern aus dem Staube, wenn der Honigmonat vorüber iſt. Erinnert Ihr Euch noch, als wir auf dem Blenheim beiſammen waren, Herr, verloren wir auf einmal eilf Leute von der Mannſchaft der Barkaſſe; und es ergab ſich, daß neun von ihnen Landſtreicher waren, Herr, welche ihre weinenden Frauen und dürftigen Kinder zu Haus ließen und Reißaus nahmen.“ „Ja,— jetzt, da Ihr es erwähnt, erinnere ich mich an etwas der Art; nehmt einen Stuhl, Clinch, und trinkt ein Glas Grog. Tim, ſtellt Herrn Clinch eine Flaſche Jamaica⸗Rum vor. Man hat mir geſagt, Ihr wäret ſelbſt verheirathet, mein wackerer Maſter's Maat?“ „Gott! Capitain Cuffe, das iſt eine von den Ge⸗ ſchichten der jungen Herren. Wenn man Alles glauben wollte, was ſie ſagen, würde die chriſtliche Religion bald quer vor die Klüſen kommen, und die Menſchheit in ihrer Sittlichkeit triftig werden;“ antwortete Clinch und ſchnalzte, nach einem ſehr behaglichen Zuge, mit der Zunge. „Wir haben in dieſem glücklichen Augenblicke eine tüch⸗ tige Schaar„Hochflieger,“ Capitain Cuffe, und Herr 8 159— Wincheſter hat alle Hände voll zu thun, Herr. Ich wun⸗ dere mich oft über ſeine Geduld, Herr.“ „Wir ſind ſelbſt einmal jung geweſen, Clinch, und müſſen mit den Thorheiten der Jugend Nachſicht haben. — Aber welche Art Back habt Ihr die vergangene Nacht dort auf jenen Felſen drüben gefunden, Mann? 2 e „Ei, Herr, eine ſo gute, als man ſie nur außerhalb Altengland wünſchen kann. Ich lief bei einer ältlichen Frau ein, die ſich Giuntotardi nennt,— was doch regel⸗ mäßig gebautes Italieniſch iſt, Herr, denk' ich?“ „Allerdings,— aber, Ihr ſprecht doch italieniſch, ſollt' ich meinen, Clinch?“ „Ei, Herr,— bin ſo lang und ſo weit in der Welt herumgetrieben, daß ich von Allem ein wenig ſpreche, wie ich es eben nöthig finde, wenn ich eſſen und trinken will. Die alte Dame und ich holten ein langes Tau mit einander über, Herr. Wie es ſcheint, hat ſie eine Nichte und einen Bruder zu Neapel, welche ſchon in der vor— letzten Nacht zurück ſein ſollten; die arme Frau war in großer Noth wegen ihrer, und wollte wiſſen, ob wir auf dem Schiffe vielleicht etwas von den Umſchwärmern geſehen hätten.“ „Bei Georg— Clinch? Da ſeid Ihr auf Lothgrund geweſen wenn Ihr es nur gewußt hättet! Unſer Gefange⸗ ner iſt in jenem Theile der Welt geweſen, und man hätte vielleicht einen Schlüſſel zu ſeinen Bewegungen erhalten, — 160— wenn Ihr die Dame gründlich ausgefragt hättet. Ich hoffe, Ihr ſeid als Freund von ihr geſchieden?“ „Wir trennten uns als die beſten Freunde, Capitain Cuffe. Wer mich gut nährt und mir eine gute Wohnung gibt, braucht mich nicht als Feind zu fürchten.“ „„Dafür ſteh' ich. Das iſt der Grund, warum Ihr ſo pflichtgetreu ſeid, Clinch.“ Das harte rothe Geſicht des Maſter's Maat arbeitete ein wenig, und obwohl es nicht alle Arten von Farben annehmen konnte, wendete es ſich doch nach allen Seiten, nur nicht dem Auge des Capitains zu. Seit zehn Jahren hätte Clinch jetzt Lieutenant ſein ſollen; denn er ſtand einſt, wenigſtens in Bezug auf die Dienſtzeit, wirklich über Cuffe; und ſein Gewiſſen ſagte ihm zwei Dinge ganz vernehmlich,— erſtens, welche lange, ſchwere Probejahre er beſtanden; und zweitens, daß dies, in hohem Grade, ſeine eigene Schuld ſei. „Ich liebe Seine Majeſtät, Herr,“ bemerkte Clinch unter einem ſchweren Seufzer,„und lege ihm nie etwas zur Laſt, was mir ſchwer auf das Herz fällt. Gedächt⸗ niß iſt aber immer Gedächtniß, und es fällt mir zuweilen ein, was ich ſein könnte, und was ich bin. Wenn Seine Majeſtät mich nährt, ſo geſchieht es mit eines Maſter's Maat's Löffel; und wenn er mir eine Wohnung gibt, ſo iſt es in dem Cockpit.“ „Ich bin oft, und jahrelang ununterbrochen, Euer Schiffsgenoſſe geweſen,“ antwortete Cuffe gutmüthig, aber — 161— doch ein wenig in dem Tone des Vorgeſetzten,„und Niemand kennt Eure Geſchichte beſſer. Nicht ſowohl Eure Freunde ſind Euch in der Noth untreu geworden, ſondern ein gewiſſer Feind, von welchem Ihr nicht laſſen zu wollen ſcheint, war gegen Euch; er pflegt Denen, die ihn am meiſten lieben, am weheſten zu thun.“ „Ja— ja, Herr,— dies iſt nicht zu läugnen, Capi⸗ tain Cuffe; immer aber bleibt es ein hartes Leben, das uns hoffnungslos dahinfließt.“ Clinch ſprach dieſe Worte mit dem Ausdruck ſo tie⸗ fen Schmerzes, daß es mehr für ſeinen Charakter ſprach, als Cuffe ſeit Jahren bei dem Manne bemerkt hatte, und es weckte viele frühere Eindrücke zu ſeinen Gunſten. Clinch und er waren einſt ſogar Tiſchkameraden geweſen, und obgleich ſeitdem Jahre von entſchiedener Ungleichheit im Range ihre Schranken der Etikette und der Gefühle zwiſchen ſie geſchoben hatten, konnte Cuffe dieſes Um⸗ ſtandes doch nie gänzlich vergeſſen. „Ihr habt Recht, Clinch,— es iſt in der That hart, ohne Hoffnung zu leben!“ erwiederte der Capitain;—„aber die Hoffnung ſollte ſtets das Letzte ſein, was ſtirbt. Ihr ſolltet Euch noch einmal zuſammen nehmen, ehe Ihr Euch der Verzweiflung anheim gebt.“ „Nicht ſowohl meinetwegen liegt mir die Sache auf dem Herzen, als wegen einiger, die auf dem Lande leben. Mein Vater gehörte zu den achtenswertheſten „Handelsleuten von Plymouth, und als er mich auf die 187— 189. 11 — 162— Schanze verſetzte, glaubte er gewiß, er mache einen Gentleman aus mir, und war dem Gedanken fern, ich würde mein Leben in einer Stellung hinbringen müſſen, welche jedenfalls unter der ſeinigen war.“ „Dann habt Ihr keine richtige Anſicht von Eurer Stelle an Bord, Clinch. Die Back eines Maſter's Maat in einer der ſchönſten Fregatten Seiner Majeſtät iſt Etwas, auf das man ſtolz ſein darf. Ich bin einſt Maſter's Maat geweſen,— ja, Nelſon hat ohne Zweifel ſelbſt dieſe Stelle bekleidet. Was dies betrifft, ſo kann ſelbſt einer der Söhne Seiner Majeſtät durch dieſen Rang gegangen ſein.“ „Ja, durch ihn gegangen, wie Ihr ſagt, Herr,“ verſetzte Clinch mit gedämpfter Stimme.„Es iſt nicht ſo übel, durch denſelben zu gehen,— aber es iſt ver⸗ zweifelnd, in demſelben zu bleiben. Ein Kadett thut ſich wohl etwas darauf zu gut, Maat zu werden; es iſt aber keine Ehre, ſein Ledenlang Maat zu bleiben, Capitain Cuffe.“ „Wie alt ſeid Ihr, Clinch?— Ihr könnt nicht viel älter ſein, als ich?“ „Aelter, als Ihr, Herr? Die Verſchiedenheit unſerer Jahre iſt nicht ſo groß, als die unſerer Stellung, obgleich ich das zwei und dreißigſte Jahr nicht mehr erleben werde. Dies aber iſt es überhaupt nicht ſo ſehr, als der Gedanke an meine gute Mutter, deren Herz daran hängt, mich mit dem Offiziers⸗Patent in der Taſche zu ſehen; und — 163— an eine Andere, welche ihr Herz Einem geſchenkt hat, welcher, fürcht' ich, nicht immer ihrer Liebe werth ge⸗ weſen iſt.“ „Dies iſt mir neu, Clinch,“ antwortete der Capitain mit Theilnahme.—„Man denkt ſo ſelten daran, daß ein Maſter's Maat heirathen wolle, daß die Idee, Ihr hegtet ſolche Wünſche, ſich mir nie anders, als ſcherz⸗ weiſe, darbot.“ „Maſter's Maate haben geheirathet, Capitain Cuffe, und das Ende war, daß ſie ſich großes Elend bereiteten. Aber Jane, und ich zumal, haben den Entſchluß gefaßt, unverehelicht zu bleiben, wenn ſich uns nicht glänzendere Ausſichten darbieten, als dies jetzt der Fall zu ſein ſcheint.“ „Iſt es auch recht, Jack, ein armes junges Weſen während einer Periode des Lebens, wo ſie die beſten Ausſichten hat, eine vortheilhafte Verbindung einzugehen, in ſolcher Ungewißheit mit Euch entlang zu tauen?“ Clinch blickte ſeinen Capitain an, bis die Thränen ſeine Augen füllten. Er hatte das Glas nicht an ſeine Lippen gebracht, ſeit die Unterhaltung dieſe Richtung ge⸗ nommen, und der gewöhnliche, harte, ruhige Ausdruck ſeines Geſichtes bekam wieder Leben und zeugte von tiefem, menſchlichem Gefühle. „Es iſt nicht meine Schuld, Capitain Cuffe,“ ant⸗ wortete er mit leiſer Stimme;„es ſind nun volle ſechs Jahre, ſeit ich auf unſerer Trennung beſtehe, aber ſie will nichts davon hören. Ein ſehr achtungswerther An⸗ 11* —; ⏑--— walt wünſchte ſie zur Gattin zu nehmen, und ich bat ſie dringend, ſeine Hand nicht auszuſchlagen; aber der einzige unfreundliche Blick, den ihr Auge je auf mich ge⸗ worfen, traf mich, als ſie mich einen Wunſch ausſprechen hörte, welcher ihr, wie ſie ſagte, faſt gottlos ſcheine. Sie will eines Seemannes Gattin ſein, oder als Jung⸗ frau ſterben.“ „Das Mädchen hat ſich unglücklicher Weiſe roman⸗ tiſche Anſichten von unſerm Berufe in den Kopf geſetzt, Clinch, und ſolche Geſchöpfe ſind ſtets am ſchwerſten von Dem zu überzeugen, was wahrhaft ihr Glück iſt.“ „Jane Weſton! nein, nein Herr; es iſt nicht ſo viel Romanhaftes an ihr, als auf dem weißen Vorder⸗ und Hinterblatt eines Gebetbuches. Sie iſt ganz Herz, die gute Jane, und wie ich es angefangen habe, daß ſie. ſehr an mir hängt, Capitain Cuffe, iſt für mich ſelbſt ein großes Geheimniß. Ich verdiene ſicher nicht ihre halbe Liebe und fange an zu verzweifeln, daß ich je im Stande ſein könne, ſie ihr zu vergelten.“ Clinch war noch ein hübſcher Mann, obgleich die Mühſeligkeiten ſeines Berufes und ſeine Schwäche Spuren auf einem Geſichte hinterlaſſen hatten, das von Natur frei, offen und einnehmend war. Es drückte jetzt den Kummer aus, welcher dann und wann ſein Herz über⸗ ſchlich, wenn die Hoffnungsloſigkeit ſeiner Lage ſich ſei⸗ nem Geiſte in ihrer ganzen Ausdehnung darſtellte. Cuffe fühlte Rührung und Theilnahme; denn er er⸗ — 165— innerte ſich der Zeit, wo ſie Tiſchkameraden waren und eine Zukunft vor ſich hatten, die dem Einen nicht mehr als dem Andern verſprach, die Vortheile allein ausge⸗ nommen, welche für Cuffe vielleicht aus ſeiner Herkunft erwachſen konnten. Clinch war ein tüchtiger Seemann und auch tapfer wie ein Löwe,— Eigenſchaften, welche ihm einen Grad von Achtung ſicherten, welche ſein gelegentliches Selbſt⸗ vergeſſen ihm nicht ganz entziehen konnte. Manche hielten ihn für den geſchickteſten Seemann an Bord der Proſer⸗ pina, und dies war vielleicht richtig, wenn man dieſes Berufsgeſchick ſtreng auf die Handhabung eines Schiffes und die Beachtung deſſelben in bedenklichen Augenblicken bezog. Alle dieſe Verhältniſſe veranlaßten Cuffe, die trau⸗ rige Lage des Maſter's Maats jetzt näher in das Auge zu faſſen, als er vielleicht ſonſt gethan hätte. Statt ihm jedoch die Flaſche zuzuſchieben, ſtellte er ſie, als fühlte er, wie ſehr getäuſchte Hoffnung jenen ſchon zu dem unklugen Gebrauche derſelben verleitet hatte, ſachte bei Seite, ergriff, für den Augenblick den Unterſchied des Ranges vergeſſend, die Hand ſeines alten Tiſchkameraden und ſagte in einem Tone der Güte und des Vertrauens, welche dem Ohre Clinch's längſt fremd geweſen: „Jack, ehrlicher Burſch, noch iſt guter Gehalt genug in Euch, wenn Ihr ihn nur ſich geltend machen laſſen wollt. Macht einen mannhaften Verſuch— nehmt Euch — 166— zuſammen und achtet Euch einige wenige Monate lang ſelbſt, und es kann ſich noch etwas begeben, das Euch Eure Jane verſchafft und Eurer alten Mutter Herz er⸗ freut.“ Es gibt in dem Menſchenleben Zeitabſchnitte, wo wenige gütige Worte, von einigen freundlichen Hand⸗ lungen unterſtützt, Tauſende von menſchlichen Weſen vor dem Untergange retten können. Der Art war dieſer Augenblick für Clinch. Er hatte faſt jeder Hoffnung ent⸗ ſagt, obgleich ihr Strahl dann und wann wieder in ihm erwachte, ſo oft er einen ermunternden Brief von ſeiner treuen Jane erhielt, welche ſich hartnäckig weigerte, etwas Nachtheiliges von ihm zu glauben und ſich zartſinnig jedes Vorwurfs enthielt. Aber man muß den Einfluß des Ranges an Bord eines Kriegsſchiffes vollkommen kennen, um die Wirkung zu begreifen, welche des Capi⸗ tains Worte und Gebahren jetzt auf den Maſter's Maat äußerten. Die Thränen quollen aus Clinch's Augen und er faßte ſeines Befehlshabers Hand faſt krampfhaft. „Was kann ich thun, Herr? Capitain Cuffe, was kann ich thun?“ rief er.—„Ich habe meinen Dienſt nie vernachläſſigt; aber es gibt Augenblicke der Verzweif⸗ lung, wo ich die Laſt zu unerträglich finde, um nicht die Flaſche zu Hülfe zu rufen.“ „So oft ein Mann aus ſolchen Beweggründen trinkt, Clinch, möchte ich ihm rathen, ganz davon zu laſſen. Er hat kein Vertrauen auf ſich ſelbſt, und was er ſeinen — 167— g Freund nennt, iſt in Wahrheit ſein ärgſter Feind. Weiſ't h ſelbſt das zurück, was man Euch an Bord als Euern „. Antheil bietet; entſchließt Euch, frei zu ſein. Eine Woche, ja ein Tag, kann Euch Kraft geben, den Sieg zu er⸗ 0 ringen, indem Ihr Herr Eurer Vernunft bleibt. Die 4 Abweſenheit von dem Schiffe iſt Euch jetzt zufällig zu n Hülfe gekommen, und was Ihr hier genoſſen habt, war er zu wenig, um Euch zu ſchaden. Wir haben jetzt einen t⸗ ſehr bedeutſamen Auftrag und Ihr ſollt auf eine Weiſe m 5 beſchäftigt werden, die Euch Nutzen bringen kann. Bringt er Euern Namen einmal ehrenvoll in einen Bericht und Ihr 18 könnt Eures Patents gewiß ſein. Nelſon befördert alte ig Seeleute gern, und nichts würde ihn glücklicher machen, 15 als Euch einen Gefallen zu erzeigen. Stellt es in meine en Gewalt, es von ihm zu begehren, und ich ſtehe für vi⸗ den Erfolg. Euer Beſuch in dem Hauſe dieſer Frau at zu St. Agatha kann Euch noch zu ſtatten kommen; ver⸗ nd geßt nicht, Euch in dem Fahrwaſſer der Fortuna zu er⸗ halten.“ as„Gott ſegne Euch, Capitain Cuffe!— Gott ſegne nſt Euch, Herr!“ antwortete Clinch faſt ganz außer ſich. if⸗„Ich werde mich bemühen, zu thun, wie Ihr es wollt.“ cht„Denkt an Jane und Eure Mutter. Wenn das Glück ſolcher Weſen von ſeinem Leben abhängt, muß der kt, Mann ein Ungeheuer ſein, der nicht jede Kraft aufbietet.“ en. Clinch ſtöhnte, denn Cuffe berühte ſeine Wunde rauh; aber er that es in der redlichen Abſicht, ſie zu heilen. Er wiſchte ſich jedoch den Schweiß von der Stirne, ſuchte ſich zu ſammeln und ſeiner Gefühle Herr zu werden, und zeigte ſich bald hinreichend gefaßt. „Wenn ein Freund mir nur die Mittel andeuten wollte, wie ich mich wieder zu heben vermöchte,“ ſagte er,„ich würde ihm mein ganzes Leben dankbar ſein, Capitain Cuffe.“ „Es bietet ſich ein Weg, Clinch. Nelſon legt eben ſo viel Gewicht darauf, dieſes Loggers habhaft zu wer⸗ den, als er es je that, mit einer feindlichen Flotte zu⸗ ſammen zu treffen. Des Mannes, welcher bei dieſer Gelegenheit ſich Verdienſte erwirbt, wird gewiß gedacht werden, und ich werde Euch jede Gelegenheit bieten, die in meiner Gewalt ſieht. Geht, kleidet Euch, ſo gut Ihr es vermögt und haltet Euch zum Bootdienſt fertig. Ich werde Euch einen Auftrag geben, der nur der Anfang guten Glückes ſein ſoll, wofern Ihr Eurer Mutter, Jane und Euch ſelbſt treu bleibt.“ Ein neues Leben war Clinch eingehaucht. Jahre lang war er überſehen, augenſcheinlich vergeſſen worden, aus⸗ genommen, wenn lüchtige Seemannskunde erforderlich war, und ſelbſt ſein Verſuch, an Bord eines Schiffes, welches ein alter Tiſchkamerad befehligte, verſetzt zu werden, war fehlgeſchlagen. Jetzt bot ſich jedoch eine Gelegenheit dar— ein Hoffnungsſtrahl, glänzender als bisher, leuchtete in die Nacht ſeiner Zukunft. Selbſt Cuffe fiel die Munterkeit des Geſichtes und — 169— die Lebhaftigkeit der Bewegungen des Maſter's Maat's auf und er machte ſich Vorwürfe, daß er ſo lange gleich⸗ gültig gegen die höchſten Intereſſen eines Mannes ge⸗ blieben, der gewiß einige Anſprüche an ſeine Freund⸗ ſchaft hatte. Bei all' dem war nichts Ungewöhnliches in den jetzi⸗ gen Beziehungen zwiſchen den beiden alten Tiſchgenoſſen. Cuffe hatte unter dem Schutze ſeiner Familie und Freunde nie nöthig gehabt, kleinmüthig zu werden, und er ver⸗ folgte ſeine Laufbahn mit Glück und Eifer; während der andere, der ohne Stütze war, und jeder unmittelbaren Gelegenheit, ſich vorwärts zu bringen, entbehrte, auf Abwege gerathen und nach und nach der Mann geworden war, wie wir ihn ſchilderten. Beiſpiele wie dieſes, ſind nicht ſelten und finden ſich ſelbſt in einer Flotte, wo die Beförderung ſo ſtreng geregelt iſt, wie in dem amerika⸗ niſchen Dienſte, obgleich es in der That ſelten vor⸗ kommt, daß ein Mann ſeinen verlornen Grund wieder erringt, wenn er in ſo prüfende Verhältniſſe verſetzt wird. Nach einer halben Stunde war Clinch in ſeinen beſten Kleidern und dienſtbereit. Die Herren von der Schanze ſahen alle dieſe Anſtalten nicht ohne Staunen; denn in der letztern Zeit war der Maſter's Maat in die⸗ ſem Theile des Schiffes überhaupt ſelten geſehen worden. In einem Kriegsſchiffe iſt aber die Mannszucht eine Art Glaubensſache, und Niemand nahm ſich heraus, eine Frage laut werden zu laſſen. — 170— Clinch blieb einige Minuten mit ſeinem Capitain allein in der Cajüte, nahm ſeine Befehle hin und eilte freudigen Angeſichts über des Schiffes Seite, um des Capitains Gig zu beſteigen— das raſcheſte Ruderboot des Schiffes. Sobald er Platz genommen, ließ er abſtoßen und der Landſpitze von Campanella, die etwa drei Stunden ent⸗ fernt ſein mochte, entgegenrudern. Niemand wußte, wohin er ging, aber Alle waren der Anſicht, ſein Auftrag ſtehe mit dem Logger im Zuſammenhange und fordere einen tüchtigen Seemann.. Cuffe, deſſen Gebahren bis jetzt unbehaglich und unſicher geſchienen, zeigte ſich ruhiger, als er ſeinen alten Tiſchkameraden auf den Wellen und mit einer Raſch⸗ heit dahin gleiten ſah, welche ihn im Laufe weniger Stunden ſelbſt nach Neapel bringen konnte, wenn ſeine Reiſe ſich ja ſo weit ausdehnen ſollte. Siebentes Kapitel. —— Seine Ehre Iſt an ſein Leben feſtgekettet; nie Könnt ihr ihm jene rauben wollen, ohne Nach dieſem auch zu greifen, oder beide Geh'n euch verloren. 3 Tatham. Es war nun gewiß,— das Irrlicht war nicht in dem Golf von Salerno. Mittelſt der hohen Spieren des Schiffes und durch Hülfe der Gläſer war die ganze Küſte auf das Genaueſte durchſucht worden, und keine Spur eines ſolchen Fahrzeugs war zu entdecken. Selbſt Lyon hatte es aufgegeben, durch den Wind gewendet, und hielt wieder landwärts, gegen Campanella, ab,— ſeiner Hoffnung baar. Da Cuffe den nächſten Wind von weſtwärts erwar⸗ tete, behielt er ſeinen Curs nach Norden bei, in der Abſicht, vor Amalſi zu gehen und die Fiſcher, welche er zu treffen hoffte, auszufragen. Laſſen wir alſo das Schiff langſam in dieſer Richtung dahin gleiten und unſere Aufmerkſamkeit ſich dem Zuſtande der Gefange⸗ nen zuwenden. Während dieſer ganzen Zeit war für Ghita und ihren Oheim anſtändig Sorge getragen worden. Des Konſtabel's Gattin war an Bord, und da Cuffe ſie als ein achtungswerthes Weib kannte, hatte er das Zart⸗ gefühl, das arme Mädchen vorwärts in die Cajüte und an den Tiſch dieſer Frau zu ſenden. Für ihren Oheim wurde in der Nähe geſorgt, und da weder er noch Ghita in irgend einer Weiſe betheiligt ſchienen, hatte man die Abſicht, ſie an das Land zu ſchicken, ſobald man ſich über⸗ zeugt hätte, daß man von ihnen keine Kunde in Betreff des Loggers erhalten könne. 3 Ithuel war dem Dienſte wiedergegeben und hatte den halben Morgen in dem Fockmars hingebracht. Das Boot von der Küſte, das auf dem Deck im Wege war, wurde jetzt in das Waſſer gelaſſen und am Spiegel in's Schlepptau genommen, und man wartete des Augenblicks, wo Carlo Giuntotardi und ſeine Nichte wieder in deſſen Beſitz geſetzt und ihnen erlaubt werden ſollte, ſich zu entfernen. Dieſer Augenblick wurde jedoch hinausgeſchoben, bis das Schiff Campanella umſegelt und wieder in den Golf von Neapel eingetreten war, da es grauſam geweſen wäre, Oheim und Nichte in einer weſentlichen Entfernung von ihrem eigentlichen Landungsplatz zu verabſchieden. Mit Raoul Yvard war es jedoch anders. Er harrte, unter der Obhut einer Schildwache, auf dem Backdeck, des ſchrecklichen Augenblicks, wo ſein Urtheil vollſtreckt werden ſollte. Der Spruch, welcher über ihn ergangen, war an Bord allgemein bekannt, und Manchen flößte ſein Schickſal Theilnahme ein, obgleich Beſtrafungen, Todesfälle in Schlachten und andere Unfälle des See⸗ lebens in einem ſolchen Kriege zu gewöhnlich waren, als daß ſie in einem thätigen Kreuzer, wie dieſe Fregatte, hätten Aufſehen erregen können. Einzelne gedachten jedoch, wie bemerkt, der Lage des Gefangenen theilnehmend. Wincheſter hatte ein füh⸗ lendes Herz, und hegte, zu ſeiner Ehre ſei es geſagt, wegen ſeiner Niederlage und ſeinen Wunden keinen Groll, während er, in ſeiner Eigenſchaft als erſter Lieutenant, es in ſeiner Gewalt hatte, Vieles zu thun, das zur Behaglichkeit des Verurtheilten beitragen konnte. Er hatte dem Gefangenen den Raum zwiſchen zwei offenen Pfortgaten überlaſſen, wo er friſche Luft athmen konnte— keine Kleinigkeit in einem ſo warmen Klima— und ließ ein Segeltuchſchot um ihn ausſpannen, wodurch Raoul ſich mit ſeinen Gedanken in einer ſo furchtbaren Stunde allein ſah. Auch ſeine Feſſeln waren als nutzlos entfernt worden, obgleich man Sorge getragen hatte, daß von dem Gefangenen Alles entfernt wurde, womit er Hand an ſich hätte legen können. Die Wahrſcheinlich⸗ keit, daß er durch eine der Pfortgaten ſpränge, war zwiſchen dem erſten und zweiten Lieutenant zur Sprache gekommen; die Schildwache war aber gemahnt worden, gegen jeden ſolchen Verſuch auf ihrer Hut zu ſein; auch hegte man in dieſer Hinſicht nur geringe Beſorgniß, da Raoul ſo gefaßt und es gar nicht wahrſcheinlich war, daß er einen ſo unbeſonnenen Schritt thun würde; denn das Schiff ging B 2— — 174— ſo langſam durch das Waſſer, daß man ihn gar leicht wieder aufgreifen konnte. Ueberdies hätten es Manche vorgezogen, ihn in den Wellen ertrinken, als an einem Raa⸗Arme hängen zu ſehen. In dieſem engen Gewahrſam brachte Raoul die Nacht und den Morgen hin. Wir würden ihn ſtoiſcher hinſtel⸗ len, als er wirklich war, wenn wir ſagten, er ſei uner⸗ regt geweſen. Weit entfernt davon, waren ſeine Stunden bitter, und ohne ſeine Entſchloſſenheit, welche ihn ſpornte, als ein echter Franzoſe dem Tode entgegen zu gehen, würde ſeine Qual furchtbar geweſen ſein. Die zahlreichen Hinrichtungen durch die Gulllotine hatten die Seelenſtärke unter ſolchen Verhältniſſen ſo zu ſagen in Mode gebracht, und es gab nur Wenige, die den Tod nicht mit Anſtand und Seelenruhe ertragen hätten. Mit unſerm Gefangenen war es aber doch ver⸗ ſchieden; denn er würde, von einem ſtolzen Geiſte unter⸗ ſtützt, dem großen Feinde des Menſchengeſchlechts in ſeiner rauheſten Geſtalt mit Feſtigkeit, wenn nicht mit Verachtung, in das Auge geſchaut haben. In dem Herzen eines jungen Mannes aber, und in dem eines Liebenden, mußten die letzten Stunden doch ein Gefühl der Hoff⸗ nungsloſigkeit erzeugen, welches, in Raoul's Falle, durch keinen erheiternden Blick in die Zukunft gehoben wurde. Er glaubte ſicher, ſein Schickſal ſei entſchieden, und zwar weniger in Folge ſeines eingebildeten Verbrechens — 175— der Späherſchaft, als wegen des allbekannten und aus⸗ gedehnten Schadens, welchen er dem engliſchen Handel zugefügt hatte. Raoul's Seele war in ſeinem Haß wie in ſeiner Liebe, und nach der Sitte vergangener Zeit, welche, wie wir trotz der Ausdehnung einer zweideutigen Philanthropie, die jetzt von Mund zu Mund und von Feder zu Feder geht, zu beſorgen Grund haben, auch die Mode künftiger Zeiten bleiben wird,— blickte er mit herzlichem Widerwillen auf das Volk, mit welchem er im Kriege begriffen war, und war folglich bereit, alles ihm Nachtheilige zu glauben, was politiſche Eiferſucht nur immer erfinden mochte;— eine Gemüthsſtimmung, welche ihn zu dem Glauben veranlaßte, ſein Leben würde als eine Kleinigkeit betrachtet werden, wenn man es mit engliſchem Uebergewicht oder engliſchem Vortheil auf die Wagſchale brächte. Er war gewöhnt, ſich das engliſche Volk nur als eine„Krämer⸗Nation“ zu denken; und während er ſelbſt einem Berufe folgte, welcher das Brand⸗ mal der Raubſucht an der Stirne trägt, blickte er auf ſein Thun als auf ein vergleichsweiſe kriegeriſches und ehrenvolles,— allerdings Eigenſchaften, welche demſelben auch bei weitem nicht abgingen, ſo weit von ſeinen eige⸗ nen Handlungen die Rede war. Kurz, Raoul verſtand Cuffe ſo wenig, als Cuffe ihn,— ein Umſtand, welcher bei der Zuſammenkunft, welche wir jetzt zu berichten haben, hinreichend hervortreten wird. Der Gefangene erhielt im Laufe des Morgens meh⸗ u6 rere freundliche Beſuche; Griffin beſonders erachtete es, in Folge ſeiner Kenntniß fremder Sprachen, für ſeine Pflicht, zu verſuchen, den verurtheilten jungen Mann zu erheitern. Die Feſtigkeit in dem ganzen Gebahren Raoul's entfernte aus dieſen Unterhaltungen jeden Schatten einer Düſterheit, die unter andern Verhältniſſen unausbleiblich geweſen wäre. Wincheſter hatte, um ſeine Verrichtung geſchmackvoll zu machen, das Segeltuchſchot, die Kanonen auf beiden Seiten einſchließen laſſen, wodurch natürlich mehr Luft und Licht in das enge Gemach kam, da ſo die beiden Stückpforten in die kleine Cajüte traten. Raoul deutete auf dieſen Umſtand hin, als er, bei Grif⸗ fin's letztem Beſuche, dieſen einlud, einen Stuhl zu neh⸗ men, während er ſich auf den andern ſetzte. „Ihr findet mich hier, von einem Achtzehnpfündner auf jeder Seite flankirt,“ bemerkte der Gefangene lächelnd, „wie es einem Seemanne geziemt, der dem Tode ent⸗ gegen ſieht. Käme mir der Tod aus den Mündungen Eurer Kanonen, Herr Lieutenant, ſo würde er mich nur einige Monate, ja vielleicht blos einige Tage, früher tref⸗ fen, als dies in dem gewöhnlichen Laufe der Begebniſſe auf dieſelbe Weiſe der Fall ſein möchte.“ „Wir wiſſen, wie wir für einen tapfern Mann in Eurer Lage fühlen müſſen,“ antwortete Griffin mit Rüh⸗ rung;„und nichts würde uns glücklicher machen, als wenn Euer Wunſch erfüllt werden könnte: Ihr, in einer guten heißen Fregatte, unſern Kanonen gegenüber, und 477 wir, in dieſem unſerm Schiffe, für die Ehre unſerer beider⸗ ſeitigen Länder ehrlich kämpfend.“ „Monſieur, das Kriegsglück hat es anders gewollt. Aber Ihr nehmt nicht Platz, Herr Lieutenant!“ „Um Verzeihung; Capitain Cuffe hat mich geſchickt, Euch zu bitten, ihm die Ehre Eurer Gegenwart in ſeiner Cajüte zu ſchenken, ſobald es Euch gefällig ſein würde, Monſieur Yvard.“ In dem feineren Ausdrucke der franzöſiſchen Sprache iſt Etwas, das es Griffin ſchwer gemacht haben würde, anders als zart in ſeinem Verkehre mit dem Gefangenen zu ſein, wenn er ſo geartet geweſen wäre; allein er dachte und fühlte nicht ſo; denn alle die tapfern Männer der Proſerpina fühlten ſich, ſeit ihr edler Gegner in ihrer Gewalt war, geneigt, ihn auf das Schonendſte zu behandeln. Dieſe Beweiſe des Edelmuths rührten Raoul, und da er, bei den verſchiedenen Verſuchen gegen ſeinen Logger, Griffin's Muth kennen gelernt hatte, begann er allmäh⸗ lich, von ſeinen Feinden beſſer zu denken. Er erhob ſich und erklärte, er ſei augenblicks bereit, ihm zu dem Capi⸗ tain zu folgen. Cuffe wartete in der Hinter⸗Cajüte. Nachdem Grif⸗ fin und ſein Gefangener eingetreten waren, bat er beide, Platz zu nehmen; denn der erſtere war erſucht worden, zu bleiben, nicht nur, um Zeuge Deſſen zu ſein, was vorging, ſondern auch im Nothfalle die Stelle eines Dol⸗ metſchers zu vertreten. 187— 189. Eine kurze Pauſe folgte, worauf Capitain Cuffe die Unterhaltung in engliſcher Sprache eröffnete, und ſich nur, wenn es unerläßlich war, des Beiſtandes ſeines Lieute⸗ nants bediente. „Ich muß ſehr bedauern, Monſieur Yvard, einen tapfern Mann in Eurer Lage zu ſehen,“ begann Cuffe, der nicht mehr als die Wahrheit ſagte,— wenn man, offen geſprochen, von dem beſonderen Zwecke, welchen er im Auge hatte, abſehen will.—„Wir haben Euerm Muth und Urtheile volle Gerechtigkeit widerfahren laſſen, wäh⸗ rend wir Alles verſuchten, Euch in unſere Gewalt zu bekommen. Aber die Kriegsgeſetze ſind nothwendig ſtreng, und wir Engländer haben einen Oberbefehlshaber, welcher nicht geneigt iſt, in Dienſtſachen mit ſich ſpielen zu laſſen.“ Cuffe ſagte dieſe Worte theils aus Politik, theils in Folge ſeiner Gewohnheit, ſich vor Nelſon's Charakter tief zu beugen. Raoul nahm ſie jedoch in dem günſtigſten Lichte auf, und der politiſche Theil des Beweggrundes ward ganz weggeworfen, wie ſich alsbald ergeben wird. „Monſieur, der Franzoſe weiß für die Sache der Freiheit und ſeines Vaterlandes zu ſterben,“ antwortete Raoul höflich, aber doch mit Nachdruck. „Ich bezweifle es nicht, Monſieur; dennoch ſehe ich keine Nothwendigkeit, die Dinge auf das Aeußerſte zu treiben. England iſt in ſeinen Belohnungen ſo freigebig, als es mächtig iſt, um Unbilden zu rächen. Vielleicht läßt ſich ein Mittel ausfindig machen, welches uns der Noth⸗ — 179— wendigkeit überhebt, das Leben eines tapfern Mannes 3 Hauf eine ſo grauſame Art zu opfern.“ e⸗„Ich werde mich nicht ſtellen, als ſpielte ich den Helden, Monſieur le Capitaine. Wenn ſich ein geeigneter en Weg, mich dieſer bedenklichen Lage zu entziehen, finden e, ſollte, ſo würde meine Dankbarkeit dem Dienſte gleich n, ſein, der mir erwieſen würde.“ er„Das nenne ich vernünftig und ſachgemäß ſprechen. th Ich zweifle nicht, daß, wenn wir uns gehörig verſtändigt h⸗ haben, Alles freundſchaftlich unter uns abgethan werden u wird. Griffin, habt die Güte, und gießt Euch ein Glas g, Waſſer und Wein ein,— etwas ſehr Erfriſchendes an 2 einem ſo warmen Tage. Monſieur Yvard wird unſerm Beiſpiele folgen; der Wein kommt von Capri und iſt nichts n weniger als ſchlecht, obgleich Manche den Lacrimae Christi ef vorziehen, der am Fuße des Veſuvs, glaub' ich, wächſt.“ n Griffin that, wie ſein Capitain gewünſcht hatte; aber :s ſein Geſicht drückte bei weitem nicht all das Vergnügen aus, welches aus Cuffe's Zügen ſprach. er Raoul lehnte das Anerbieten ab, und ſah der bevor⸗ te ſtehenden Erklärung mit einer Theilnahme entgegen, welche er nicht zu verhehlen ſtrebte. Cuffe ſchien unbe⸗ h) haglich und wollte nicht weiter vorſchreiten; da aber ſeine u beiden Gefährten das Schweigen nicht unterbrachen, mußte , er ſeinen Vorſchlag laut werden laſſen. zt„Oui, Monſieur,“ begann er wieder,„England iſt h. mächtig, zu rächen, aber auch bereit, zu verzeihen. Ihr V 12* — 180— dürft Euch glücklich ſchätzen, daß es in Eurer Macht ſteht, in einem ſo wichtigen Augenblicke Euch ſeine Ver⸗ zeihung für ein Vergehen zu ſichern, welches im Kriege— ſtets ſtrenger beſtraft wird, als jedes andere.“ „Auf welche Weiſe kann dies geſchehen, Monſieur le Capitaine? Ich gehöre nicht zu Denen, die das Leben verachten, beſonders wenn es auf eine ſo ſchmachvolle Weiſe endigen ſoll.“. „Ich freue mich, Monſieur Yvard, Euch in dieſer Gemüthsſtimmung zu finden; ſie wird mir die Erfüllung einer ſehr peinlichen Pflicht erleichtern, und das Mittel werden, manche Schwierigkeiten zu beſeitigen. Ohne Zweifel iſt Euch der Charakter unſeres berühmten Admi⸗ rals Nelſon nicht unbekannt geblieben?“ „Sein Name iſt jedem Seemanne bekannt, Mon⸗ ſieur,“ antwortete Raoul kalt; denn das Gefährliche ſeiner Lage hatte ihn bei weitem noch nicht von ſeinen natürlichen Antipathien geheilt.„Er hat ihn in blutigen Buchſtaben auf die Gewäſſer des Nils geſchrieben.“ „Ja,— ſeine Thaten dort, ſo wie an andern Orten, werden ſobald nicht vergeſſen werden. Er iſt ein Mann von eiſerner Willenskraft, und wenn er ſein Herz an Etwas geſetzt hat, ſo ſchreckt ihn keine Gefahr, beſon⸗ ders wenn die Mittel geſetzlich und das Ziel rühmlich iſt. Um offen zu ſein, Monſteur, er ſehnt ſich ſehr nach Euerm Logger, der Few-Folly. „Ha!“ rief Raoul aus und lächelte ironiſch,„Nel⸗ — 181— t ſon iſt nicht der einzige engliſche Admiral, der denſelben — Wunſch hegte. Le Feu-Follet, Monſieur le Capitaine, 3 iſt ſo reizend, daß er eine Menge Bewunderer gefun⸗ den hat.“ „Und unter ihnen iſt Nelſon einer der wärmſten. Nun, Eure Angelegenheit läßt ſich in Folge deſſen um ſo leichter ordnen und zum beſten Ausgang führen. Ihr braucht nur den Logger in unſere Hände zu geben, und Ihr werdet Verzeihung erhalten und als Kriegsgefan⸗ gener behandelt werden.“ „Hat Nelſon Euch beauftragt, mir dies Anerbieten zu machen?“ fragte Raoul ernſt. „So iſt's. Da ihm die Pflicht obliegt, für die In⸗ tereſſen ſeines Vaterlandes zu ſorgen, will er das Ver⸗ gehen gegen daſſelbe überſehen, wenn er den Feind der Mittel berauben kann, fortan ſo großen Schaden anzu⸗ richten. Gebt den Logger in unſere Hände und Ihr werdet auf ein gewöhnliches Gefangenſchiff geſchickt wer⸗ den. Ja, theilt uns nur das Geheimniß ſeiner Stellung mit, und wir wollen für ſeine Gefangennehmung Sorge tragen.“ „Monſieur Nelſon thut, ohne Zweifel, nicht mehr als ſeine Pflicht,“ antwortete Raoul ruhig, aber mit der Miene ernſter Selbſtachtung.„Sein Geſchäft iſt es, für die Wohlfahrt des engliſchen Handels zu ſorgen, und er hat ganz das Recht, dieſen Weg einzuſchlagen. Der Vertrag wird aber der gleichen Grundlagen entbehren; — 182— denn während er nicht mehr als ſeine Pflicht thut, habe ich keine Ermächtigung.“ „ Wie?— Seid Ihr nicht der Sprache mächtig? Denn es braucht nur eines Wortes, um uns das Ge⸗ heimniß der Befehle zu erſchließen, die Ihr dem Logger gegeben habt, und uns wiſſen zu laſſen, wo er in die⸗ ſem Augenblicke wahrſcheinlich zu finden iſt.“ „Nein, Monſieur;— ſelbſt dies liegt nicht in meiner Macht. Ich kann nichts thun, das mich mit ſo viel Schande bedecken müßte. Meine Zunge ſteht unter Geſetzen, die ich nicht gegeben habe, wenn von Verrath die Rede iſt.“ Hätte Raoul einen theatraliſchen Ton und Miene angenommen, wie wohl erwartet werden mochte, ſo hätte dies wahrſcheinlich auf Cuffe nur wenig Eindruck gemacht; aber ſeine ruhige Einfachheit und Feſtigkeit hatte die Ueberzeugung in ihrem Gefolge: die Wahrheit zu ſagen, der Capitain war in Verlegenheit.— Er würde Anſtand genommen haben, einen Offizier aus der regelmäßigen franzöſiſchen Flotte, ſo wenig dieſe auch zu jener Zeit, beſonders von dem Geſchwader, das Nelſon befehligte, geachtet war, ſeinen Antrag zu machen; von einem Kaper aber erwartete er ein raſches Eingehen in einen Vorſchlag, welcher das Leben als Belohnung für einen Verrath bot, wie der, welchen er antrug. Anfangs fühlte er ſich geneigt, Raoul durch den Widerſpruch zu demüthigen, welchen er, Cuffe, zwiſchen — 183— der Darlegung ſeiner Grundſätze in dieſem Augenblicke und ſeinem gewöhnlichen Berufe fand; aber die anmaßungs⸗ loſe Ruhe in des Andern Weſen und die Wahrheit ſei⸗ ner Gefühle hielten ihn zurück. Dann müſſen wir Cuffe auch die Gerechtigkeit widerfahren laſſen, daß er zu edel war, um den Gefangenen die Gewalt, welche er über ihn hatte, fühlen zu laſſen. „Ihr werdet wohl thun, die Sache zu überlegen, Monſieur Yvard,“ bemerkte der Capitain nach einer minutenlangen Pauſe.„So Gewichtiges ſteht hier auf dem Spiele, daß Nachdenken Euch vielleicht auf andere Entſchlüſſe bringt.“ „Monſieur Cuffe, ich verzeihe Euch, wenn Ihr Euch ſelbſt verzeihen könnt,“ ſagte Raoul mit ernſter Würde in ſeiner Miene, und erhob ſich bei dieſen Worten, als verachte er eine Höflichkeit, welche von ſeinem Verſucher ausging.„Ich weiß, wie Ihr von uns Korſaren denkt; aber ein Offizier im regelmäßigen Dienſte ſollte lange nachdenken, ehe er einen Mann in Verſuchung führt, eine ſolche Handlung zu begehen. Der Umſtand, daß das Leben Eures Gefangenen auf dem Spiele ſteht, ſollte einen tapfern Seemann noch zartfühlender in Betreff der Art machen, wie er ſeine Macht oder ſeine Grund⸗ ſätze geltend zu machen ſucht. Aber, ich wiederhole es, ich verzeihe Euch, wenn Ihr Euch ſelbſt verzeihen könnt.“ Cuffe war verwirrt. Das Blut ſtrömte zu ſeinem — 181.— Herzen, und dann ſchten es, als wär' es im Begriffe, durch die Poren ſeines Geſichtes zu brechen. Ein Trieb nach wilder Rache überkam ihn ungeſtüm; dann aber faßte er ſich wieder und begann, die Dinge anzuſehen, wie er ſie in nüchternen Momenten anzuſehen pflegte. Aber er fand die Sprache noch nicht, und kämpfte, in der Cajüte auf und nieder gehend, um ſeine Ruhe und Selbſtbeherrſchung. „Monſieur Yyard,“ ſagte er endlich,„ich bitte Euch aufrichtig und aus der Tiefe meines Herzens um Verzeihung. Ich habe Euch nicht gekannt, ſonſt würd' ein folcher Antrag Euch nie beleidigt, noch einen briti⸗ ſchen Offizier in meiner Perſon entehrt haben. Auch Nelſon iſt der letzte aller Sterblichen, der die Gefühle eines ehrenwerthen Feindes kränkt; aber wir haben Euch nicht gekannt. Nicht alle Kaper ſind Eurer Denkweiſe zugethan, und dies verführte uns zu dieſem Irrthume.“ „Touchez-là,“ ſagte Raoul, und ſtreckte freimüthig ſeine Hand aus,„Monſteur le Capitaine; Ihr und ich ſollten in zwei ſchönen Fregatten ſich begegnen, deren jede für die Ehre ihres Vaterlandes kämpft; was auch das Ergebniß ſein möchte, es würde den Grund zu einer ewigen Freundſchaft legen. Ich habe lange genug in Euerm England gelebt, um zu wiſſen, wie wenig Ihr unſer Frankreich kennt; mais wimporte— brave Männer verſtehen ſich in der ganzen Welt; die Spanne Zeit, welche mir noch bleibt, werden wir Freunde ſein.“ — 185— Cuffe faßte Raoul's Hand, und unter dem innigen Drucke derſelben entfiel ihm eine Thräne. „Dies war ein verd—t elendes Geſchäft, Griffin,“ ſagte der Capitain, ſobald er wieder ſprechen konnte, ohne Schwäche zu verrathen,„und niemals ſoll mich wieder Jemand dazu verleiten, wär' auch eine ganze Flotte, wie ſie jetzt drüben im Golfe liegt, der Preis.“ „Ich habe nie geglaubt, daß es gelingen würde, Herr; und, wenn ich die Wahrheit ſagen ſoll, ich habe es nie gehofft. Ihr werdet mich entſchuldigen, Capitain Cuffe,— aber wir Engländer halten die Feſtländer nicht ſo hoch, als ſie es verdienen; beſonders gilt dies von den Franzoſen. Ich habe von vorn herein gezweifelt, das es gelingen könne.“ Cuffe wiederholte jetzt ſeine Entſchuldigungen, und nach mehrfachen Freundſchaftsverſicherungen von beiden Seiten kehrte Raoul, der es ablehnte, eine beſſere Ca⸗ jüte in der Nähe des Capitains zu beziehen, in ſein klei⸗ nes Gemach zurück, und dann nahmen die beiden Offi⸗ ziere ihre Unterhaltung wieder auf. „Dies iſt in der That ein höchſt peinliches Geſchäft, Griffin,“ bemerkte Cuffe.„Die Sache von der geſetz⸗ lichen Seite betrachtet, iſt Monſieur Raoul ohne Zweifel- ein Spion, und der Richter kann nur das Schuldig über ihn ausſprechen; aber ich ſetze auch nicht den entfernte⸗ b ſten Zweifel in die Wahrheit ſeiner Erzählung. Dieſe Ghita Carraccioli, wie ſie ſich nennt, iſt das Bild der — 186— Wahrheit ſelbſt, und war wirklich vorgeſtern in Nelſon's Cajüte unter Umſtänden, welche an der Einfachheit und Wahrheit ihres Charakters nicht zweifeln laſſen, während jeder Theil der Erzählung mit dem andern übereinſtimmt. Selbſt der Viſchi. und der geſchäftige alte Podeſta beſtä⸗ tigen das Vorgebrachte; denn ſie haben Ghita zu Porto Ferrajo geſehen, und beginnen ſelbſt zu glauben, der Franzoſe ſei nur des Mädchens wegen dort eingelaufen.“ „Ich bin überzeugt, Capitain Cuffe, Lord Nelſon wird einen Aufſchub, ja vielleicht ſelbſt völlige Freiſpre⸗ chung gewähren, wenn die Thatſachen ihm gehörig vor⸗ gelegt würden,“ bemerkte Griffin, welcher ein großmü⸗ thiges Intereſſe fühlte, Raoul's Leben gerettet zu ſehen, obgleich er erſt wenige Wochen früher Alles aufgeboten hatte, ihn in den Flammen aufgehen zu laſſen; aber ſo wunderlich ändern ſich des Menſchen Wünſche, und ſo raſch wechſeln die Gefühle, die der Krieg gebiert. „Dies iſt der ernſteſte Theil der Sache, Griffin. Das Urtheil iſt beſtätigt und der Befehl liegt vor, daß es noch an dieſem Tage, zwiſchen den Stunden des Sonnen⸗Auf⸗ und Niedergangs, vollſtreckt werden ſoll; und jetzt iſt der Mittag bereits vorüber, und wir ſtehen noch ſüdlich von Campanella und von dem⸗Flaggenſchiffe ſo fern, daß von Signaliſiren keine Rede ſein kann.“ Griffin bebte; denn jetzt ſtellten ſich alle die ernſten Schwierigkeiten ſeinem Geiſte zumal dar. Nach den Vorſchriften des Dienſtes und überdies in einer ſo wich⸗ — 187— tigen, ernſten Angelegenheit war an einem Befehle nichts zu deuten,— er mußte vollſtreckt werden; nirgends zeigte ſich ein Ausweg. „Großer Gott, Capitain Cuffe;— wie unſelig! Könnte kein Eilbote zu Land in den Golf hinüber geſchickt werden, ſo daß er das Schiff noch zeitig genug erreichte?“ „Ich habe daran gedacht, Griffin, und Clinch iſt zu eben dieſem Zwecke aufgebrochen.“ „Clinch!— Verzeiht mir, Herr; aber ein ſolcher Auftrag hätte einen ſehr thätigen, nüchternen Mann gefordert.“ „Clinch iſt thätig genug, und ich weiß, daß ſeine gewohnte Schwäche heute keine Gewalt über ihn haben wird. Ich habe ihm eine Gelegenheit geboten, das Offi⸗ zierspatent zu verdienen, und Niemand an Bord des Schiffes kann in einem Boote raſcher nach Neapel gehen, als Clinch, wenn er es wirklich will. Er wird den Wind des Nachmittags nach Kräften benutzen, wenn ein ſolcher ſich regen ſollte, und ich bin wegen eines Signals mit ihm überein gekommen, durch welches er uns den Erfolg ſeiner Sendung ſelbſt in einer Entfernung von acht bis zehn(engliſchen) Meilen kund thun kann.“ „Laſſen Euch Lord Nelſon's Befehle keinen Ausweg, Herr?“ „Keinen; Raoul müßte denn beſtimmt einwilligen, den Logger aufzugeben. In dieſem Falle bin ich durch ein Schreiben berechtigt, die Vollſtreckung des Urtheils — 18— aufzuſchieben, bis ich unmittelbar mit dem Oberbefehls⸗ haber verkehrt habe.“ „Wie unglücklich ſich doch alles, alles geſtaltet. Gibt es keine Möglichkeit, einen Fall eintreten zu laſſen, der einen ſolchen Ausweg zuläßt?“ „Dies möchte bei Euch Unverantwortlichen thunlich ſein, Herr Griffin,“ antwortete der Capitain ein wenig ſcharf;„ich würde aber eher vierzig Franzoſen hängen laſſen, als mich von Nelſon wegen Dienſtnachläſſigkeit abkanzeln laſſen.“ Cuffe ſprach vielleicht ſtrenger, als er beabſichtigte; aber der Befehlshaber eines Kriegsſchiffes legt ſeine Worte nicht immer auf die Wagſchale, wenn er ſich herabläßt, einen Gegenſtand mit einem Untergeordneten zu beſprechen. Die Antwort mußte Griffin's Eifer mächtig mäßigen, obgleich das Geſpräch deßwegen nicht ins Stocken gerieth. „Nun, Herr,“ fuhr der Lieutenant fort,„ich bin überzeugt, es liegt Euch ſo viel als nur möglich am Herzen, dieſe Sache von unſerm Schiffe abzuwenden. Erſt vor wenigen Tagen haben wir uns in der Conſtabel⸗ Kammer gegen einige Offiziere von dem Kibitz, die bei uns auf Beſuch waren, gerühmt, die Proſerpina habe nie eine Hinrichtung oder eine kriegsgerichtliche Peitſchen⸗ ſtrafe an ihrem Bord gehabt, obgleich ſie jetzt beinahe vier Jahre die britiſche Flagge führt, und ſieben Mal im Feuer geweſen iſt.“ —. 480— „Gott gebe, daß Clinch den Admiral findet und zeitig zurück kommt.“ „Wie wär's, Herr, wenn man den Vice⸗Governa⸗ tore zu dem Gefangenen ſchickte und ihn ſein Heil ver⸗ ſuchen ließe? Vielleicht überredet er ihn, ſcheinbar einzu⸗ willigen oder irgend etwas herbeizuführen, das einen Auf⸗ ſchub rechtfertigen kann. Man ſagt, die Corſen ſeien die verſchlagenſten Burſche weit und breit auf dieſem Meer, und Elba liegt Corſica ſo nahe, daß man nicht annehmen kann, der Unterſchied zwiſchen den Bewohnern beider Inſeln ſei ſehr bedeutend.“ „Ha, dieſer Viſchi iſt ein wahrer Hexenmeiſter; er zeigte bei ſeinem erſten Zuſammentreffen mit Yvard ſo viel Scharfſinn, daß man ſeine Geſchicklichkeit, ihn bei einem zweiten zu beſiegen, in Zweifel ziehen kann.“ „Man weiß dergleichen nie, Capitain Cuffe. Der Italiener hat mehr Verſtand als viele andere, und Sig⸗ nore Barrofaldi iſt ein kluger, feinſinniger Mann, wenn er offnen Auges handelt. Das Irrlicht hat außer dem Vice⸗ Statthalter und ſeinem Podeſta manchen andern getäuſcht.“ „Ah, dieſen verd—ten Irrwiſchen iſt nie recht zu trauen. Es würde mich kaum überraſchen, wenn ich die Folly jetzt mit einem Winde von ſechs Knoten vom Land herausſchlüpfen und ſeewärts hingleiten ſähe, während wir ſo ruhig da liegen wie eine Stadtkirche, und nicht ſo viel Luft haben, daß der Rauch des Kombüſenfeuers ein wenig ſeitwärts getrieben würde.“ „Sie ſteht nicht landwärts von uns, Capitain Cuffe, — deß dürfen wir gewiß ſein. Ich bin auf der großen Marsraa geweſen und habe mit dem beſten Glaſe, das an Bord zu finden iſt, die ganze Küſte, von den Ruinen drüben, uns gegenüber, bis dort nach oſtwärts vor der Stadt Salerno, durchſpäht; es iſt nichts zu ſehen, das auch nur ſo groß, wie eine Sparanara wäre.“ „Man ſollte doch denken, dieſer Monſieur Yvard könnte endlich nachgeben, um ſein Leben zu retten.“ „Wir würden es kaum thun, hoff' ich, Capitain Cuffe.“ 4 „Ich glaube, Ihr habt Recht, Griffin; man fühlt ſich gezwungen, den Kapersmann, trotz ſeinem Gewerbe, zu achten. Vielleicht könnte man aber Etwas aus dieſem Bolt herausbringen. Er muß eben ſo viel von dem Logger wiſſen, als Yvard ſelbſt.“ „Sehr wahr, Herr; ich wollte in dieſem Augenblicke Etwas dieſer Art in Vorſchlag bringen. Dieſer Bolt iſt ein Burſch, den man mit eben ſo vieler Luſt niederreitet, als man den großen Hals niederreiten würde.*) Soll ich nach ihm ſchicken, Capitain Cuffe?“ 3 8 Der Capitain zögerte; denn die frühern Verſuche, Ithuel's Starrſinn zu beſeitigen, waren fehlgeſchlagen. *) Die Halſen ſind die Taue, womit die untern Enden der Segel befeſtigt werden. Die Halſen niederreiten, heißt den Segeln Luft machen, ſie den Wind kräftiger faſſen laſſen. el — 191— Aber der Wunſch, Raoul's Leben zu retten, und die Sehnſucht nach dem ſchönen Irrlicht theilten ſich jetzt in faſt ganz gleicher Weiſe in Cuffe's Herz, und er fühlte ſich geneigt, kein paſſendes Mittel zur Erreichung beider Zwecke zu verſäumen. Ein zuſtimmender Wink war Alles, was der Lieute⸗ nant brauchte, und nach wenigen Minuten ſtand Ithuel wieder vor ſeinem Capitaine. „Es bietet ſich hier eine Gelegenheit dar, Euch eine bedeutende Strecke leewärts zu bringen, Meiſter Bolt,“ begann der Capitain,„und ich will Euch behülflich ſein, voran zu kommen. Ich denke, Ihr wißt, wo Ihr die Few-Folly zuletzt verlaſſen habt?“ „Es wäre wohl möglich, daß ich dies könnte,“ ant⸗ wortete Ithuel und ließ ſeine Augen umher rollen, um ſich zu vergewiſſern, was Cuffe im Schild führe;„es wäre wohl möglich, daß ich dies könnte, Herr,— ja, ja! Aber, die Wahrheit zu ſagen, mein Gedächtniß iſt keines der allergetreueſten.“ „Nun denn, wo war es? Bedenkt, daß das Leben Eures frühern Bekannten, Raoul Yvard's, von Eurer Antwort abhängen könnte.“ „Das fehlt noch!— Ei, dieſes Europa iſt ein ſelt⸗ ſamer Theil der Welt, wie Jeder zugeben muß, der aus Ameriky kommt. Was hat denn Capitain Rule gethan, daß er in einer ſolchen Klemme iſt?“ „Ihr wißt, daß er der Späherſchaft überführt wor⸗ — 192— den, und mein Befehl lautet, ihn ſofort hängen zu laſſen, wenn wir den Logger nicht bekämen. Dann könnten wir ihn allerdings glimpflicher behandeln, da wir nicht mit Einzelnen, ſondern mit Nationen Krieg führen.“ Cuffe würde wahrſcheinlich in Verlegenheit geweſen ſein, die Anwendung ſeines eigenen Gefühls auf den vorliegenden Fall zu erklären; da er aber dachte, er habe einen Mann vor ſich, der weder ein Philoſoph, noch ein Logiker ſei, war er ziemlich gleichgültig in Betracht ſeiner eigenen Verfahrungsweiſe, ſo fern ſie nur zum Ziele führte. Man kannte jedoch Ithuel ſchlecht. Die Liebe zu Raoul, oder zu dem Logger oder überhaupt zu irgend Etwas, ſein eigenes Ich ausgenommen, bildete keinen Theil ſeines Charakters, während der Haß gegen Eng⸗ land mit ſeinem ganzen moraliſchen Syſtem— wenn man überhaupt ſagen kann, ein ſolcher Menſch habe ein moraliſches Syſtem gehabt— verkörpert war. Er ſah nicht, was er gewinnen könne, wenn er Raoul einen beſondern Dienſt erzeigte; während er einen ſo heftigen Widerwillen hegte, die Engländer in den Beſitz des Irr⸗ lichtes gelangen zu laſſen, daß er ſelbſt ſein Leben in die Schanze geſchlagen hätte, um es zu hindern. Sein Plan ging alſo dahin, ſich zu beſtreben, ſeine Abſicht mit ſo wenig Gefahr für ſich ſelbſt, als möglich, zu erreichen. „ und wenn Ihr den Logger habt, Herr, wollt Ihr Capitain Rule frei geben?“ fragte er mit Theilnahme⸗ — 193 „Ja, wir können ihn freigeben; doch hängt es von dem Admirale ab. Könnt Ihr uns ſagen, wo Ihr ihn verlaſſen habt, und wo er wahrſcheinlich jetzt ſteht?“ „Auf das erſtere hat Capitain Rule bereits ſelbſt geantwortet, Herr. Er hat in Betreff deſſen die Wahr⸗ heit vor dem Gerichte geſagt. Was aber die Frage angeht, wo der Logger jetzt ſei, ſo fordere ich männiglich auf, etwas dieſer Art zu ſagen. Seht, Herr,— zur achten Stunde bin ich eingekehrt und habe ihn verlaſſen,— nämlich zehn bis vierzehn Meilen todt leewärts von einer Inſel, oder einem Leuchtthurme vielleicht; und zur achten Glocke des Morgens bin ich wieder ausgekehrt, und fand ihn eben ſo weit windwärts von demſelben Punkte. Er iſt ein ſo unberechenbares Boot, wie ich je meinen Fuß an Bord eines ſolchen ſetzte.“ „Wahrlich,“ ſagte Cuffe ſpottend,„ich wundere mich nicht, daß ſein Capitain in einer Klemme iſt.“ „Klemme, Herr?— Die ganze Folly iſt nichts als eine Klemme. Ich habe mich daran verſucht, ſie zu berechnen.“ „IThr?“ „Ja, Herr, ich,— Ithuel Bolt, das iſt mein Name, zu Haus und in der Fremde, und ich hab' es verſucht, die Folly zu berechnen, mit allen den Vortheilen von Barometern und Lothlinien und Logarithmen und ſolchem Bedarf, wie Ihr wißt, Capitain Cuffe, und dennoch konnte ich ſie nie auf hundert Meilen von dem Platze feſtſtellen, wo ſie, wie ich ſah, wirklich ſtand.“ 187— 189. — 194— „Ich wundere mich gar nicht darüber, dies zu erfah⸗ ren; jetzt aber wünſche ich nur zu wiſſen, wo nach Euerm Bedünken die genaue Stellung des Loggers iſt, ohne Bei⸗ hülfe von Thermometern oder Logarithmen. Wie es mir ſcheint, thätet Ihr am beſten, dergleichen Andern zu überlaſſen.“ „Nun, es wäre möglich, daß ich es könnte, Herr. Meine Idee von der Folly eben jetzt iſt, daß ſie irgend wo vor Capri unter gekürzten Segeln ſteht und auf Capitain Rule und mich wartet, und einen ſcharfen Aus⸗ guck auf die feindlichen Kreuzer halten läßt.“ Nun war dieſes nicht nur die genaue Stellung des Loggers in eben dieſem Augenblicke, ſondern Ithuel glaubte auch zuverläſſig, daß er dort halte; allein demungeachtet war der Mann unendlich weit davon ent⸗ fernt, ſeine früheren Schiffskameraden verrathen zu wollen. Er war ſo verſchmitzt, daß er entdeckt hatte, wie wenig Cuffe geneigt war, ihm Glauben zu ſchenken, und er ſagte die Wahrheit, da er darin das ſicherſte Mittel fand, den Logger zu retten. Dieſe Liſt verfehlte auch ihren Zweck nicht. In ſeinem ganzen Weſen war ſo viel Verſchlagenheit und gemeine Liſt, daß weder Euffe noch Griffin ein Wort von dem glaubten, was er vorgebracht hatte, und nach⸗ dem man ihn noch ein wenig ausgefragt hatte, wurde er mißfällig und mit der ſcharfen Mahnung entlaſſen, es dürfe ungemein in ſeinem Intereſſe ſein, genau zuzu⸗ — 195— ſehen, daß er ſeinen Pflichten auf dem Schiffe nachzu⸗ kommen ſtrebe. „Es iſt vergeblich, Griffin,“ rief der Capitain ärger⸗ lich aus:„wenn Clinch etwas begegnet, oder wenn der Admiral zufällig mit dem Könige auf der Jagd iſt, ſo werden wir in die größte Verlegenheit gerathen. Wollte Gott, wir hätten den Ankergrund bei Capri nicht ver⸗ laſſen! Von dort aus wäre es leicht geweſen, mit dem Flaggenſchiff in Verbindung zu bleiben. Ich werde mir es nie verzeihen, wenn wirklich ein Unglück ſtattfinden ſollte.“ „Wenn man nach ſeinem beſten Wiſſen handelt, Capitain Cuffe, kann man ſich beruhigen; Ihr habt mög⸗ licherweiſe nicht vorherſehen können, was ſich begeben hat. Sollte nicht— es iſt zwar auch nicht angenehin⸗ aber die Nothwendigkeit iſt eine ſtrenge Herrin— „Heraus damit, Griffin,— lieber alles als dieſe Ungewißheit!“ „Nun, Herr, ich dachte eben daran, ob nicht viel⸗ leicht dieſe junge Italienerin etwas von dem Logger wiſſen ſollte, und da ſie den Franzoſen augenſcheinlich liebt, könnte es uns vielleicht gelingen, uns ihre Zunge durch ihr Herz zu erkaufen.“ Cuffe ſah ſeinen Lieutenant eine halbe Minute ſcharf an und ſchüttelte dann mißbilligend den Kopf. „Nein, Griffin,— nein,“ ſagte er;„dazu werde ich meine Einwilligung nie geben. Dieſem ausfluchtreichen, 13*† — 196— zweideutigen Yankee gegenüber, wenn er je ein Yankee iſt, brauchen Rückſichten des Zartgefühls ſich eben nicht in hohem Grade geltend zu machen; es hieße aber zu weit gehen, wollte man die Liebe eines armen,„unſchul⸗ digen Mädchens in ſolcher Weiſe verſuchen. Das Herz eines jungen Mädchen muß unter allen Umſtänden etwas Heiliges ſein.“’ Griffin wechſelte die Farbe und biß ſich die Lippe. Niemand ſieht ſich gern an Edelmuth, wär' es auch nur dem Schein nach, überboten, und er war ärgerlich, daß er einen Vorſchlag gewagt hatte, welchen ſein Vorgeſetzter als ungeziemend zurückwies. „Demungeachtet könnte ſie den Logger wohlfeilen Preiſes verkauft zu haben glauben, Herr,“ ſagte er mit Nachdruck,„vorausgeſetzt, daß ſie das Leben ihres Gelieb⸗ ten für das Boot eintauſcht. Etwas anderes wär' es, wenn wir ihr ſagten, ſie ſollte uns ihren Anbeter, ſtatt eines bloßen Kaperſchiffes verkaufen.“ „Gleichgültig, Griffin; wir wollen uns nicht in die Privatgefühle eines Mädchens miſchen, welches der Zu⸗ fall in unſere Hände gegeben hat. Sobald wir nahe ge⸗ nug an die Küſte hinan kommen, werde ich dem alten Mann ſein Boot nehmen und ſeine Nichte an das Land bringen laſſen. So werden wir ihrer wenigſtens ehren⸗ voll und anſtändig los. Gott weiß, was aus dem Fran⸗ zoſen werden wird.“ Dies endigte die Unterredung. Griffin ging auf das — 197— Deck, wohin ihn jetzt der Dienſt rief, und Cuffe ſetzte ſich nieder, um die Befehle des Admirals zum neunten oder zehnten Male zu durchleſen. Achtes Kanyitel. — Mir bangt vor nichts, Ich bin verflucht, nicht Menſchenfurcht zu kennen, Der Hoffnung Beben nicht zu fühlen, noch Der Liebe ſtille Macht zu etwas Ird'ſchem. Lord Byron. Mittlerweile war der Tag bedeutend vorgerückt und Cuffe hatte wohl Gründe zu dem Mißbehagen, das er ernſtlich zu fühlen begann. Die drei Schiffe waren noch in dem Golf von Salerno, obgleich ſie der Nordküſte immer näher gingen; die Proſerpina war noch am weite⸗ ſten zurück; die Terpſichore und die Ringeltaube hatten aber ſchon gegen Campanella ausgehohlt, ſobald ſie ſich überzeugt hatten, daß landeinwärts von ihnen nichts zu ſehen ſei. Die Berge, welche von der unmittelbaren Nähe der Stadt Salerno an bis zu dem Kap, welches nicht weit von Capri ausläuft, ſind ſeit langer Zeit nicht nur wegen ihrer Schönheit und Großartigkeit, ſondern auch durch die Geſchichte des Mittelalters berühmt. Da die Proſer⸗ vina früher nie in dieſem Golfe oder dem Kap ſo nahe — 198— geweſen war, fanden die Offiziere in dem Anblicke dieſer „Scenerie, welche ſelbſt in dieſem bevorzugten Theile der Erde merkwürdig erſcheint, für den Augenblick einige Erleichterung von der faſt allgemeinen Unbehaglichkeit, welche ſie in Betreff ihres Gefangenen fühlten. Das Schiff war Amalſi gegenüber und ſo nahe hinan gegangen, daß es kaum eine(engliſche) Meile von der Küſte entfernt war. Cuffe beabſichtigte, mit einigen Fiſchern zu ſprechen, welche man geſehen hatte; ihre Ausſagen beſtätigten die Thatſache, daß kein Fahrzeug, das dem Logger ähnlich, in dieſem Theile des Golfs geſe⸗ hen worden. Der Vordertheil des Schiffes wurde nun ſüdweſt⸗ wärts gewendet, um des Zephyrs zu warten, der bald eintreten müßte. Die ſchöne Fregatte ſah, von den ſchroffen Klippen aus geſehen, in Allem, ihr Ebenmaaß und ihre Bewaffnung ausgenommen, wie ein leichter Kauffarteifahrer aus. Die Natur hatte entlang dieſer Küſte Alles in ſo großartigem Maßſtabe geformt, daß Alles, was von des Menſchen Hand herrührte, dem Auge hier ungewöhnlich klein erſchien. Andrerſeits boten Land⸗ häuſer, Kirchen, Einſiedeleien, Klöſter und Dörfer, die überall an den Abhängen der Berge und Höhen klebten, ihre gleichfalls täuſchenden Formen, obgleich ſie dem Gemälde eine reiche Mannichfaltigkeit gaben, welche den Beſchauer in Zweifel ließ, ob er die wilde Erhabenheit oder die maleriſche Schönheit mehr bewundern ſollte. — 199— Der unbedeutende Lufthauch, der ſich merklich machte, ſtand noch ſüdwärts, und wie das Schiff ſich langſam dieſer wunderbar anziehenden Scene entlang bewegte, ſchien jede Kluft ein Dorf, jeder Felſenſpalt eine menſch⸗ liche Wohnung und jede natürliche Terraſſe eine Villa 1 oder einen Garten in's Leben zu rufen. In Bezug auf Gefühle, welche durch Neuheit und 1 reizende Landſchaftsgemälde erzeugt werden, ſind unter allen Menſchenklaſſen die Seeleute am ſchwerſten zu erre⸗ . gen. Es ſcheint theilweiſe in ihrem Berufe zu liegen, daß ſie die Erregungen der Landmenſchen unterdrücken, und in der Regel blicken ſie auf Alles, das ein wenig außer dem gewöhnlichen Lauf der Dinge iſt, mit der Kälte Derer, welche etwas Untergeordnetes darin ſehen, ohne Staunen zu verrathen. Selten ereignet oder bietet ſich dem Auge etwas dar, wozu der letzte Kreuzzug, oder wenn das Schiff dem Handel obliegt, die letzte Reiſe nicht wenigſtens ein Gegenſtück böte— und gewöhnlich b hat das von ihnen Erlebte oder Geſehene bei weitem den Vorzug. Wer einen hinreichenden Vorrath ſolcher Kenntniſſe und Erfahrung geſammelt hat, erfreut ſich eines großen Vorzugs vor Denen, welchen ein ſolcher abgeht, und iſt über die Nothwendigkeit erhaben, ein ſo demüthigendes Gefühl, wie das Staunen, zuzugeſtehen. Bei der jetzigen Veranlaſſung ließ jedoch die Neuheit der Stellung des Schiffes Wenige kalt, und die Meiſten an Bord geſtanden gern, daß ſie nie vorher an Felſen 8—' 2——ßy u 8 232 8 — 1 — 200— geſtanden, welche in ſo hohem Grade das Prachtvolle, Maleriſche und Milde vereinigten; Einige jedoch blieben feſt und bewahrten mit dem gewohnten Gleichmuth entſchloſ⸗ ſenen Eigenſinns den alten Charakter. Strand, der Bootsmann, gehörte zu Denen, welche bei allen ſolchen Gelegenheiten ſtarr blieben. Er war der letzte an Bord, der je einem Vorurtheile entſagte, und zwar aus drei verſchiedenen Gründen. Er war ein Londner und glaubte, in dem Mittelpunkte menſchlicher Weisheit geboren zu ſein; er war ein Seemann und kannte die Welt; er war Bootsmann und hielt auf ſeine Würde. Wie die Proſerpina langſam die Küſte entlang glitt, ſuchte ſich dieſer Mann einen Platz zwiſchen den Kardeel⸗ knechten auf dem Bugſpriet, wo er die Scene über⸗ ſchauen und zugleich die Unterhaltung auf der Back mit anhören konnte, ohne ſich etwas zu vergeben. Strand war vorwärts im Schiff eben ſo ſehr Alleinherrſcher, wie Cuffe hinterwärts, obgleich das Erſcheinen eines Lieute⸗ nants oder eines Maſters den Glanz ſeiner Herrſchaft dann und wann ein wenig trübte. Dennoch unterwarf ſich Strand eigentlich nur zwei Offizieren gänzlich— dem Capitain und dem erſten Lieutenant, und ſelbſt die⸗ ſen nicht immer in dem, was jenſeits des Dienſtkreiſes lag. Was dieſen betraf, ſo war er zu klug, um je zu zögern, einem Befehle zu gehorchen; wenn es ſich aber von Anſichten und Meinungen handelte, war er der Mann, der ſeibſt vor Nelſon die ſeinigen behauptete. 201— Der ſogenannte erſte Capitain von der Back war ein alter Seemann, Namens Catfall. In dieſem Augenblicke, wo Strand die ſogenannte Stelle zwiſchen den Kardeel⸗ knechten einnahm, war Catfall im Geſpräch mit drei oder vier von der Backmannſchaft, welche am Fuße des Bugſpriets bordein ſtanden; denn die Etiquette des Schiffes erlaubte dieſen Ehrenmännern nicht, ihren Kopf über den Finkenetten ſehen zu laſſen. Die ganze Geſell⸗ ſchaft hatte die Arme übereinander geſchlagen; jeder kaute Taback; jeder trug ſein Haar in einem Zopfe und jeder zog gelegenheitlich ſeine Beinkleider in die Höhe, ſo daß man ſehen konnte, daß er keines Trägers bedurfte, um die Bekleidung des untern Körpers an ihrem rechten Platze zu halten. Es ſoll auch noch bemerkt werden, daß die Trennungslinie zwiſchen dem Wamms und den Bein⸗ kleidern bei jedem durch den bauſchenden Wulſt eines reinen weißen Hemdes bezeichnet ward, wodurch ſich das Blau der Kleidung um ſo mehr hob. Wie es Cat⸗ fall's größerer Erfahrung und ſeinem Range gebührte, war er der Hauptſprecher unter Denen, die den Fuß des Bugſpriets beſetzt hielten. „Dieſe Küſte hier iſt gebirgig, wie Jeder zugeben muß,“ bemerkte der Backcommandant;„was ich aber ſage, iſt, daß ſie nicht ſo gebirgig iſt, wie manche, die ich geſehen habe. Als ich mit Capitain Cook um die Erde ſegelte, trafen wir Inſeln an, die ſo mit Felſen aufgetakelt und in die Höhe gerichtet waren, daß dieſe Dinger hier, dort an der Seite hin, für nicht mehr gel⸗ ten könnten, als für eine Art Noth⸗Berge*). „Da habt Ihr ganz recht, Catfall,“ ſagte Strand in vornehmem Schützertone,„wie wohl Jeder weiß, der um das Cap Horn gekommen iſt. Ich bin nicht mit Capitain Cook geſegelt; denn ich war damals der Boots⸗ mann des Huſſar, der nicht in Cook's Schwadron ein⸗ treten konnte, da er ein Poſtſchiff war und von einem. vollwichtigen Capitain befehligt wurde; aber ich bin als junger Burſch in jenen Meeren geweſen und kann Cat⸗ fall's Erzählung von der Sache mit meinem größten Anker, mittelſt der Geſchichte, ſtämmen. Ich will verd—t ſein, wenn man dieſe Erdblaſen in jenem Theile der Welt auch nur Noth⸗Berge nennen würde. Wie ich höre, gibt es viele Landhäuſer von Adeligen und reichen Kaufherren in der Nähe von Lunnun(London), wo man Berge macht, die in's Auge fallen; ich glaube, die Burſche hier zu Land haben es mit dieſen Dingern dort auch ſo ge⸗ macht. Ich werde nie weit von Wapping abtriftig, wenn ich zu Hauſe bin, und ſo kann ich ſelbſt nichts von die⸗ ſen künſtlichen Bergen, wie ſie ſie nennen, ſagen; wir haben aber einen gewiſſen Joſeph Shirk, der in dem St. Katharinen's Gäßchen wohnt, der regelmäßige Aus⸗ *) Der Noth⸗Maſt hat gewöhnlich die Größe des Maſtes nicht, den er erſetzen ſoll. — 2093— flüge in die umgegend macht, und den beſten Bericht von der Sache zu geben im Stande iſt.“ „Ich darf wohl behaupten, es iſt Alles wahr, Herr Strand,“ verſetzte der Backcapitain;„denn ich habe einen dieſer reiſenden Geſellen gekannt, der noch merk⸗ würdigere Dinge, als dies, geſehen hat. Wohl, Herr, ich nenne dieſe Berge nichts Großes; und was die Häu⸗ ſer und Dörfer auf denſelben angeht, ſo könnt Ihr ſagen, wo Ihr hier ein Dorf ſeht, ſind auf mancher jener wüſten Inſeln zwei zu ſehen.“ Ein gewiß höchſt wunderbarer Bericht über Capitain Cook's Entdeckungen kam plötzlich durch die Erſcheinung des Capitain Cuffe auf der Back in's Stocken. Der Capitain beſuchte dieſen Theil des Schiffes nicht oft; aber er mochte hinkommen, wohin er wollte, er galt für eine bevorrechtete Perſon. Bei ſeinem Erſcheinen verließen all' die alten Theere den Fuß der Spiere, die Preſeninge traten hübſch in eine Linie mit den Wulſtreefen der Hemden, und ſelbſt Strand trat in die Finkenetten, wodurch der Raum zwi⸗ ſchen den Kardeelknechten klarig wurde. Auf dieſen Platz ſtieg Cuffe leichten, feſten Schrit⸗ tes; denn er war erſt ein Sechs⸗ und Zwanziger, und berührte auf des Bootsmannes Verbeugung eben ſeinen Hut. Ein Bootsmann iſt an Bord eines engliſchen Kriegs⸗ ſchiffes eine wichtigere Perſon, als er es an Bord eines amerikaniſchen ſein kann. Weder der Capitain noch der 204 erſte Lieutenant findet es unter ſeiner Würde, ſich ge⸗ legentlich mit ihm zu unterhalten, und man ſieht ihn zuweilen mit einem oder dem andern dieſer hohen Würde⸗ träger auf der Steuerbordſeite der Schanze in tiefem Geſpräche auf und nieder gehen. Cuffe und Strand waren alte Schiffsgenoſſen, denn der letztere war bereits Bootsmann in dem Schiffe, in welchem Jener zuerſt ſegelte Dieſes Umſtandes gedachten beide Theile getreu⸗ lich, und der Capitain kam ſelten in freien Augenblicken in die Nähe ſeines Untergebenen, ohne daß er ein Wort an ihn gerichtet hätte. „Ein ziemlich merkwürdiger Küſtenſtrich dies, Strand,“ begann er bei dieſer Gelegenheit, ſobald er zwiſchen den Kardeelknechten Platz genommen hatte;„man kann in England eine ganze Woche darnach ausſehen, ohne es zu finden.“ „Ich bitte Euch um Verzeihung, Herr; aber ich bin dieſer Meinung nicht ganz. Ich habe den Backge⸗ ſellen dort unten eben geſagt, daß zu Haus mancher Edelmann und Herr in ſeinem Park und Garten ſchönere Berge, von Menſchenhand gemacht, aufzuweiſen habe.“ „Den T=—l habt Ihr! Und was haben die Back⸗ geſellen drunten dazu geſagt?“ „Was konnten ſie ſagen, Herr? Es zeigte ja, wie weit der Engländer dem Italiener überlegen iſt, und damit war die Sache abgethan. Habt Ihr Indien ver⸗ geſſen, Herr?“ — 205— „Indien? Nun, die Küſte zwiſchen Bombay und Calcutta iſt faſt überall ſo flach wie ein Pfannenkuchen.“ „Nicht jenes Indien, Herr, ſondern das andere— das weſtliche, mein' ich— die Inſeln und Berge, an denen wir in dem Rattler vorüberkamen, ſie wohl auch näher in Augenſchein nahmen. Euer Gnaden war damals nur ein junger Herr, aber viel zu lebendig, um den Anblick von irgend etwas verlieren zu wollen, beſonders Amerika entlang.“ Bei dieſen Worten blickte Strand ſelbſtgefällig um⸗ her, als wollte er den Hörern bemerklich machen, welch' einen alten Freund des Capitains ſie in der durſam ihres Bootsmannes hätten. „Ah, Weſtindien, Strand! Ja, da ſeid Ihr der Wahrheit näher; und doch iſt dort nichts, das ſich Dem hier gleichſtellen könnte. Hier ſind Berge, die mit Wohnungen bedeckt ſind, und jedes Fleckchen lebt, ſo zu ſagen, bis an das Meer herab.“ „Nun, Herr, die Wohnungen angehend, was iſt dies gegen eine Straße zu Lunnun? Fangt zum Beiſpiel an der Steuerbordſeite an, wenn Ihr von Cheapſide hinab geht, und zählt im Weiterſchreiten; ich wette mein Leben, Ihr reeft in einer halhen Stunde Wegs mehr Häuſer auf, als in allen jenen Dörfern dort drüben zu finden ſind. Dann müßt Ihr auch bedenken, Herr, daß die Steuerbordſeite nur die Hälfte zeigt, denn jeder Jack hat ſeine Jenny. Ich betrachte Lunnun als den ſchönſten — 206— Anblick in der ganzen Natur, Capitain Cuffe, nach allem, was ich auf ſo manchen Kreuzzügen geſehen habe.“ „Ich weiß es nicht, Herr Strand. Wenn man pon Küſten ſpricht, ſo dürfte man mit dieſer hier zufrieden ſein. Jene Stadt dort,— ſie heißt Amalſi— war, wie ich höre, einſt ein bedeutender Handelsplatz.“ „Handelsplatz, Herr? Nun, ſie iſt nichts als ein Stück von einem Dorfe, oder höchſtens einem Markt⸗ flecken, den man in eine Kluft gebaut hat. Kein Hafen, keine Docks, nicht einmal ein bequemer Platz, um ein Schiffsgerüſte auf dem Strande aufzuſtellen! Der Han⸗ del einer ſolchen Stadt muß lediglich mit Maulthieren und Eſeln betrieben worden ſein, wie man von dem Verkehre früherer Zeit in der Bibel lieſ't.“ „Wie man den Handel auch betrieben haben mag, — Amalfi war einſt eine Handelsſtadt. Es ſcheint, Strand, als ob ſich dieſe Küſte entlang kein Verſteck für einen Logger, wie die Folly, fände?“ Der Bootsmanm lächelte klug, während zugleich der Ausdruck ſeines Geſichtes der eines Mannes war, welchem es nicht beliebte, mit ſeinen Geheimniſſen herauszurücken. „Die Folly iſt ein Boot, das wir wahrſcheinlich mehr ſehen werden,“ antwortete er dann, als äußerte er ſo viel blos aus Achtung vor ſeinem Vorgeſetzten. „Wie ſo? Die Proſerpina faßt gewöhnlich Alles, was ſie jagt, feſt in das Auge.“ „Ja, ja, Herr,— als eine Regel mag dies ganz — 207— wahr ſein; aber ich habe nie gehört, daß man ein Fahr⸗ zeug gefunden hat, wenn man den dritten Ausguck nach ihm nahm. Alles in dieſer Welt ſcheint in der Zahl drei abgeſchloſſen zu ſein, Herr; und ich betrachte eine dritte Jagd ſtets als die Endjagd. Seht, Herr, es gibt drei Klaſſen von Admiralen,— drei Arten Flaggen,— ein Schiff hat drei Maſten,— die höchſten Schiffe ſind Dreidecker,— ſodann gibt es drei Planeten—“ „Den T=l gibt es! Wie denkt Ihr Euch dies, Strand?“ „Ei, Herr,— wir haben Sonne, Mond und Sterne; — nach meiner Rechnung machen dieſe gerade drei.“ „Ja; aber was ſagt Ihr zu Jupiter, Saturn, Venus, und all' den übrigen, die Erde mit eingerechnet?“ „Nun, Herr, dies ſind die übrigen Sterne, und ganz und gar keine Planeten. Sodann blickt um Euch, Herr, und Ihr werdet ſehen, daß Alles dreifach geht. Wir haben drei Marsſegel, drei Klüver, drei Oberbram⸗ ſegel—“ „Und zwei große Segel,“ ſagte der Capitain, welchem die Theorie von der Dreiheit neu war, ernſt. „Sehr richtig, Herr, dem Namen nach; aber Eure Gnaden wird ſich erinnern, daß der Spanker nichts iſt, als ein großes Segel für einen Maſt aufgetakelt, ſtatt für eine Göſchraa, wie es ſonſt geſchah.“ „Man hat in einem Schiffe weder drei Capitaine, noch drei Bootsmänner, Meiſter Strand.“ „Gewiß nicht, Herr; das wäre bedränglich, und ſie würden einander im Wege ſtehen; aber dennoch, Capitain Cuffe, hält die Dreizahl ſelbſt in allen dieſen kleinen Dingen ſich wundervoll. Wir haben die drei Lieutenants, — wir haben Bootsmann, Konſtabel und Zimmermann, — und—“ „Segelmacher, Waffenſchmied und Ausgucker auf dem Mars,“ ſiel ihm Cuffe lachend ein. „Nun, Herr, man kann Alles in das Zweifelhafte ziehen, wenn man eine Menge Gründe vorbringt; aber meine ganze Erfahrung ſagt mir, eine dritte Jagd führt nie zu Etwas, ſie müßte denn glücklich ausfallen; aber die nach der dritten Jagd darf man nur immer unver⸗ ſucht laſſen.“ „Ich glaube, Lord Nelſon folgt einer andern Theo⸗ rie, Strand. Er ſagt, wir hätten einen Franzoſen eher um die ganze Erde zu jagen, als wir ihn entſchlüpfen ließen.“ „Keine Frage, Herr. Folgt ihm rund um drei Erden, wenn Ihr ihn im Geſicht habt; aber nicht um vier. Nur das behaupte ich. Selbſt Frauen bekommen, wie ich höre, ihr Drittheil von dem Vermögen des Mannes—“ 3 „Gut, gut, Strand,— ich denke, es muß etwas Wahres in Eurer Lehre ſein, ſonſt würdet Ihr ſie nicht ſo hartnäckig vertheidigen; und was dieſe Küſte angeht, ſo muß ich auch nachgeben; denn ich glaube nie wieder eine zweite dieſer Art, geſchweige eine dritte zu ſehen.“ — 209— „Es iſt meine Pflicht, vor Euer Gnaden zurück⸗ zuſtehen; aber ich bitte um Erlaubniß, eine dritte Jagd ſtets als die letzte betrachten zu dürfen.— Wahrlich, Capitain Cuffe, es iſt für einen fühlenden Mann ein trauriger Anblick, den Mann zwiſchen den zwei Kanonen auf der Steuerbordſeite des Hauptdecks zu ſehen, Herr!“ „Ihr meint den Gefangenen? Ich wünſche von ganzem Herzen, er wäre nicht dort, Strand. Faſt möchte ich es vorziehen, ihn wieder in ſeinem Logger zu wiſſen, um eine vierte Jagd auf ihn zu verſuchen, von der Ihr eine ſo geringe Meinung habt.“ „Solche Henkerſchiffe ſind nimmer glückliche Schiffe, Capitain Cuffe. Nach meiner Anſicht ſollte,— mit Eurer Erlaubniß, Herr, in jeder Flotte eine Art ſchwimmen⸗ des Newaate ſein, auf welchem alle Gerichtsſitzungen ab⸗ gehalten und alle Urtheile vollſtreckt würden.“ „Es würde die Bootsmänner in ihrem Dienſte nicht wenig beeinträchtigen, wenn die Strafen nicht mehr in den verſchiedenen Schiffen ſtaͤtt fänden,“ ſagte Cuffe lachend. „Ja, ja, Herr,— die Strafen laſſ' ich gelten; aber, Eure Gnaden, das Hängen iſt eine Hinrichtung, und keine Strafe. Gott verhüte, daß ich je in meinem Leben auf ein Schiff geſchickt werde, an deſſen Bord es keine Strafe gibt; ich fange aber in der That an, zu alt zu werden, um mit irgend einer Art Vergnügen eine Hin⸗ richtung mit anzuſehen. Der Dienſt, den man nicht mit 187— 189. 14 . Vergnügen thut, iſt doch am Ende ein elender Dienſt, Herr.“ „Es gibt viele unangenehme und manche peinliche Pflichten, die vollzogen ſein wollen, Strand; die, einen Menſchen hinzurichten, iſt, ſein Vergehen ſei, welches es wolle, eine der peinlichſten auf Erden.“ „Was mich betrifft, Capitain Cuffe, ſo mache ich mir nicht viel daraus, einen Aufrührer hängen zu ſehen; denn er iſt ein Weſen, das die Welt nicht beherbergen darf; mit einem Feinde aber und mit einem Spion iſt es etwas ganz Anderes. Es iſt unſere Pflicht, für unſern König und für unſer Vaterland ſo gut als möglich herum⸗ zuſpähen, und man ſollte mit Dem, der ſeine Pflicht thut, nie zu hart verfahren. Mit einem Burſchen, der ſich den Befehlen widerſetzt und ſeinen Willen höher ſtellt, als das Wort ſeiner Vorgeſetzten, habe ich kein Mitleid; aber ich begreife nicht, warum die Herren, die in den Gerichten ſitzen, ſo ſtreng gegen Die ſind, welche ein wenig mehr als gewöhnlich recognosciren.“ „Der Grund iſt, weil die Schiffe den Verſuchen der Spione weniger bloßgeſtellt ſind, als die Armeen, Strand. Der Soldat haßt einen Spion eben ſo ſehr als Ihr einen Aufrührer haßt. Und nichts iſt begreiflicher; durch den Spion kann er überrumpelt und im Schlafe niederge⸗ metzelt werden. Für den Soldaten gibt es aber nichts unangenehmeres als Ueberrumpelungen, und das Geſetz gegen Spione, obgleich ein allgemeines Kriegsgeſetz, ging — 211— eher von den Soldaten aus, wie von uns Seeleuten, ſcheint mir.“ „Ja, Herr,— ich darf ſagen, Euer Gnaden hat Recht. Die Sache ſtellt ſich ganz ſo heraus— dies kann im beſten Fall nur von Soldaten herrühren, und dieſe Anſicht beweiſet es. Angenommen, Herr, Capitain Cuffe, ein Franzoſe von ungefähr unſerm Schrot und Korn ſetzte ſich es in den Kopf, die Proſerpina in einer dunkeln Nacht zu überrumpeln; was wäre wohl im Ganzen die Folge davon? Da ſind die Kanonen, und man braucht der Mannſchaft nur zu winken und Alees iſt geſchehen, gerade als wenn es gar keinen Spion in der Welt ge⸗ geben hätte. Sollten ſie es vorziehen, zu uns an Bord zu kommen und ihr Glück im Handgemenge zu verſuchen, ſo glaube ich, würden ſie der Ueberrumpelung geradezu in das Geſicht ſehen. Nein, nein, Herr; Spione ſind nichts für uns, obgleich es ſie Mores lehrt, wenn man ſie dann und wann ein wenig kielhohlt“*). Cuffe ſchwieg und wurde nachdenkend, und ſelbſt Strand wagte es nicht, zu ſprechen, wenn der Capitain in dieſer Laune war. Der Letztere ſtieg auf die Back und ging nach hinten, die Hände auf dem Rücken und *) Der Verbrecher bekommt ein Tau um den Leib gebunden, das unter dem Schiffe durchgeht, wird mit Steinen belaſtet und von der großen Raa berab, wo ein Ende des Tau's befeſtigt iſt, unter dem Kiele durchgezogen. Gewöhnlich bricht er Arm und Beine. Der Ueberſetzer. 14* — 212— den Kopf geſenkt. Natürlich trat Jeder, der im Wege war, bei Seite; bei einer ſolchen Stimmung bewegte er ſich durch das Gedränge des Kriegsſchiffes, wie Jemand, auf dem ein Zauber ruht. Selbſt Wincheſter achtete die Abgeſchloſſenheit ſeines Befehlshabers, obgleich er ihm ein ernſtes Geſuch vorzutragen hatte, deſſen wir jetzt gedenken wollen. Andrea Barrofaldi und Vito Viti blieben an Bord der Fregatte, und gewöhnten ſich nach und nach ziemlich an ihre neue Lage. Natürlich entgingen ſie den Scher⸗ zen des Kriegsſchiffes nicht; im Allgemeinen aber wurden ſie gut behandelt und zeigten ſich hinreichend zufrieden, beſonders als man wieder Ausſicht hatte, das Irrlicht gefangen zu nehmen. Es läßt ſich denken, daß ſie von Raoul's Lage Nach⸗ richt erhielten, und da Beide im Allgemeinen gute, wohl⸗ wollende Leute waren, wünſchten ſie den Gefangenen zu ſprechen und ihm zu beweiſen, daß ſie ihm nichts nach⸗ trugen. Man ſprach mit Wincheſter über die Sache; er hielt es jedoch für geeignet, keine Zugeſtändniſſe zu machen, ehe er den Capitain deßwegen angegangen. Endlich bot ſich eine Gelegenheit dar. Der Capitain richtete ſich plötzlich auf und ertheilte einen Befehl, der ſich auf die Stellung der Segel bezog. „Unſere zwei italieniſchen Herren da, Capitain Euffe,“ bemerkte Wincheſter,„hegen den Wunſch, mit dem Gefangenen zu ſprechen. Ich hielt es nicht für paſſend, — 213— ihn mit irgend Jemand in Verkehr treten zu laſſen, bevor ich wußte, daß es Euch nicht mißfällig wäre.“ „Der arme Burſch! Seine Zeit dürfte allgemach ſehr kurz werden, wir müßten denn Nachrichten von Clinch bekommen; und es iſt nichts dagegen zu ſagen, daß man ihm zu Willen ſei. Ich habe über dieſe Ange⸗ legenheit nachgedacht, und ſehe keine Möglichkeit, wie ich es vermeiden ſoll, die Hinrichtung zu befehlen, ich müßte denn von Nelſon ſelbſt Gegenbefehl erhalten.“ „Allerdings nicht, Herr. Aber Herr Clinch iſt ein thätiger, erfahrner Seemann, wenn er ernſtlich will; vielleicht dürfen wir immer noch etwas von ihm hoffen. Was ſoll ich den Italienern antworten, Herr?“, „Laßt ſie und Jeden, der dieſen armen Yvard ſehen will, hinab gehen.“ „Iſt es Euer Wille, daß dieſe Erlaubniß auch auf den alten Giuntotardi und ſeine Nichte ausgedehnt werde, Capitain Euffe? auch dieſer unſer Ausreißer, Bolt,— auch er hat ſo eine Art Wunſch ausgeſprochen, von ſeinem frühern Schiffsgenoſſen Abſchied zu nehmen.“ „Wir wären wohl berechtigt, dieſem Letztern ſeinen Wunſch zu verweigern, Herr Wincheſter; kaum aber den andern. Wenn aber Raoul es wünſchen ſollte, ſo habe ich nichts dagegen, daß ſelbſt jener zu ihm gelaſſen werde.“ Unter ſolchen Umſtänden brauchte Wincheſter nicht länger zu zögern, den verſchiedenen Wünſchen zu entſpre⸗ chen. Der Corporal der Wache mußte der Schildwache den Befehl überliefern, alle die in das Gemach des Gefan⸗ genen eintreten zu laſſen, welche dieſer zu ſehen wünſche. Ein Schiff iſt nicht wie ein Gefängniß auf dem Lande; hier iſt ein Entkommen faſt unmöglich, beſonders wenn das Schiff auf der See iſt. Die verſchiedenen Perſonen erhielten daher Kunde, daß ſie den Verurtheilten beſuchen könnten, wenn der letztere ſie empfangen wolle. Mittlerweile hatte eine allgemeine düſtere Stimmung ſich des Schiffes bemächtigt. Der wirkliche Stand der Dinge war Allen an Bord bekannt, und Wenigen ſchien es möglich, daß Clinch den Foudroyant erreichen, ſeine Befehle entgegen nehmen und zeitig genug zurück ſein könne, um die Hinrichtung zu verhindern. Man hatte jetzt nur noch drei Stunden bis zum Sonnenuntergang und die Minuten ſchienen Flügel zu haben, wo man gewünſcht hätte, ſie bewegten ſich ſo ſchwerfällig als möglich. Der menſchliche Geiſt hat das Eigenthümliche, daß die Ungewißheit ſeine Gefühle in der Regel ſteigert;— die Furcht vor dem Tode erregt ſehr häufig lebhaftere Gefühle, als deſſen beſtimmtes Heran⸗ nahen. So war es mit den Offizieren und der Mann⸗ ſchaft der Proſerpina; hätte man keine Hoffnung gehabt, der Hinrichtung ausweichen zu können, ſo würde man die Feſtigkeit gefunden haben, ſich dem Uebel als einem unaus⸗ weichlichen zu unterwerfen; aber der ſchwache Faden, an welchem man noch feſthalten konnte, brachte eine fieber⸗ hafte Erregung hervor, welche ſich bald männiglich mit⸗ theilte, gerade als wenn ſich ein gejagtes Schiff in der Nähe zeigte, und jeder begierig wäre, es zu ereilen. Dieſes Gefühl ſteigerte ſich jede Minute, bis man zuletzt, ohne die Grenzen der Wahrheit zu überſchreiten, ſagen konnte, man habe niemals eine ſo fieberhafte Stunde an Bord des Schiffes Seiner Majeſtät, der Proſerpina, erlebt, als zu der Zeit, von welcher wir hier reden. Unaufhörlich war jedes Auge auf die Sonne gerichtet, und viele junge Herren hatten ſich aus keinem andern Grunde auf der Back geſammelt, als um dem Kap ſo nahe als möglich zu ſein, um welches Clinch's Boot, wie man erwartete, wieder herum kommen mußte, da man es an dieſem Punkte zuletzt geſehen hatte. Der Zephyr hatte ſich zu der gewöhnlichen Stunde eingeſtellt; aber er war leicht und das Schiff ſtand den Bergen ſo nahe, daß man wenig von ſeiner Kraft gewahr ward. Mit den beiden andern Schiffen war es verſchieden. Lyon hatte ſich zeitig gerührt, um von den höchſten Ber⸗ gen klarig abzuſtehen, und ſeine obern Segel faßten Wind genug, um ihn ſeit drei bis vier Stunden ſchon in die offene See hinauszuführen; während die Terpſichore, unter Sir Frederick Daſhwood, nie nahe genug an das Land heran gekommen war, um ſtill gelegt zu werden. Bei dem erſten Erſcheinen des Nachmittagswindes hatte dieſe Fregatte ihren Vordertheil ſüdweſtlich geſtellt, und ging nun ſtracks ſeewärts; ſie faßte den Wind recht von — 216— der Seite, und wußte ihn auf ihrem Curſe zwiſchen Iſchia und Capri zu benützen. Was die Proſerpina betrifft, ſo ſtand ſie, als die Glocke in der Nachmittagswache drei ſchlug, gerade recht von der Seite(dwars ab) der berühmten kleinen Sire⸗ neninſeln; und obgleich der Weſtwind ſchwächer zu wer⸗ den begann, konnte ſie deſſen Hauch jetzt beſſer faſſen, und ging raſcher als ſeit der Wendung des Tages durch das Waſſer dahin. Die dritte Glocke in der Nachmittagswache zeigte halb ſechs Uhr an. In dieſer Jahreszeit geht die Sonne wenige Minuten nach ſechs Uhr unter. Es blieb alſo nur noch wenig mehr als eine halbe Stunde, um den Ausſpruch des Geſetzes zu vollſtrecken. Cuffe war noch nicht von dem Deck gekommen, und er bebte, als er den erſten Ton des Klopfers hörte. Winche⸗ ſter kehrte ſich mit einem fragenden Blick nach ihm um, denn ſie hatten vorher Alles unter ſich ausgemacht; der Capitain antwortete nur mit einer vielſagenden Geberde. Dieſe war jedoch hinreichend. Man erließ heimlich gewiſſe Befehle; dann machte ſich eine Bewegung unter den Fockmars⸗Leuten und auf der Back bemerklich, wo ein Tau an den Fockraa⸗Arm befeſtigt und ein Rüſterwerk zu einem Gerüſte hergerichtet wurde— ſichere Zeichen der bevorſtehenden Hinrichtung. So ſehr dieſe abgehärteten Seeleute daran gewöhnt waren, Gefahren jeder Art zu trotzen und Zeugen menſch⸗ licher Leiden faſt jeglicher Abſtufung zu ſein, überkam doch die ganze Schiffsmannſchaft ein ſeltſam menſchliches Gefühl. Raoul war allerdings ihr Feind, und acht und vierzig Stunden früher war er von männiglich aufrichtig verwünſcht worden; die Verhältniſſe hatten aber dieſen alten Groll in ein edleres, männlicheres Gefühl umge⸗ wandelt. Einmal war ein glücklicher, ſiegreicher Feind etwas ganz anderes, als ein Mann, welcher ſich in ihrer Gewalt befand, und ihnen auf Gnade und Ungnade überliefert war. Dann war die perſönliche Erſcheinung des jungen Kapersmannes ungemein anziehend und ſo ganz verſchie⸗ den davon, wie ſie ihnen früher, und zwar durch leben⸗ dige, von Bitterkeit nicht ganz freie Nebenbuhlerſchaft geſchildert worden war. Hauptſächlich aber wurde das edle Mitgefühl durch die Ueberzeugung geweckt, daß die allgewaltige Leidenſchaft, und keine der gewöhnlichen Verlockungen eines Spions, ihn in dieſe Lage gebracht hatten, und daß er, obgleich nach den Geſetzen ſchuldig befunden, nicht unter dem Einfluſſe ärmlichen Intereſſes gehandelt hatte, wenn man auch zugab, daß er mit ſei⸗ nen Liebesbewerbungen dann und wann auch Beweg⸗ gründe ſeines eigentlichen Berufes verband. Alle dieſe Erwägungen, verbunden mit dem Wider⸗ willen, welchen Seeleute immer gegen Hinrichtungen auf ihrem Schiffe fühlen, hatten das Blatt gänzlich gewen⸗ det, und da, wo Raoul vor ſo kurzer Zeit noch zwei bis drei⸗ — 218— hundert handfeſte, furchtbare Feinde gefunden hätte, konnte man faſt ſagen, er habe eben ſo viele theilnehmende Freunde. Kein Wunder daher, wenn die Vorbereitungen der Fockmars⸗Leute mit ungünſtigen Augen angeſehen wurden. Aber die ungeſehene Hand der Gewalt hielt Alle im Zaum. Cuffe ſelbſt wagte es nicht, länger zu zögern. Die nöthigen Befehle wurden, obgleich mit großem Wi⸗ derwillen, gegeben, und dann ging der Capitain hinab, als wollte er ſich vor den Augen der Menſchen verbergen. Die nun folgenden zehn Minuten waren höchſt qual⸗ voll. Alles war herbeigerufen worden, die Vorbereitun⸗ gen waren zu Ende gebracht, und Wincheſter harrte nur auf Cuffe's Wiedererſcheinen, um Befehl zu geben, den Gefangenen auf das Rüſterwerk zu bringen. Ein Kadett wurde in die Cajüte geſchickt, und nun kam der Commandant des Schiffes langſamen, zögernden Schrit⸗ tes auf die Schanze. Die Schiffsmannſchaft war auf der Back und in der Kuhl verſammelt; die Wache der Mari⸗ neſoldaten ſtand unter Gewehr; die Offiziere ſchaarten ſich um den Capitain, und eine feierliche, unbehagliche Erwartung herrſchte an Bord des ganzen Schiffes. Der leiſeſte Fußtritt wurde gehört. Andrea und ſein Freund Vito Viti ſtanden abſeits, in der Nähe des Hackebords; aber Carlo Giuntotardi und ſeine Nichte waren nicht zu ſehen. „Wir werden noch fünf und zwanzig Minuten Sonne haben, denk' ich, Herr Wincheſter,“ bemerkte Cuffe und — 219— blickte fieberhaft auf den weſtlichen Rand des Meeres, welchem ſich die Lichtkugel des Tages langſam zuneigte, und dieſe ganze Seite des Himmelsgewölbes mit dem ſanften Glanze dieſer Stunde und dieſer Breite vergoldete. „Nur noch zwanzig, fürchte ich, Herr,“ war die bebende Antwort. „Ich ſollte denken, im ſchlimmſten Falle ſind fünf Minuten hinreichend, beſonders wenn die Leute raſch verhohlen.“ Die Stimme des Capitains war faſt tonlos, und er blickte den Lieutenant beſorgt an. Wincheſter zuckte die Achſeln, und wendete ſich, ohne etwas zu erwiedern, hinweg. Capitain Cuffe hatte jetzt eine kurze Berathung mit dem Arzte, deren Zweck war, ſich der kürzeſten Zeit zu vergewiſſern, welche ein Mann leben könne, wenn er an den Raa⸗Arm einer Fregatte aufgehängt worden. Die Antwort fiel nicht nach Wunſch aus, und ein Zeichen wurde gegeben, den Gefangenen auf das Deck zu bringen. Raoul erſchien in Begleitung des Unteroffiziers und deſſen, der die Stelle eines General⸗Profoßes vertrat. Er war in der reinen, weißen Lazzaronitracht und trug die bereits erwähnte rothe phrygiſche Mütze. Sein Geſicht war zwar blaß, aber Niemand konnte in den ſchön geformten Muskeln, welche ſein loſer Anzug dem Auge bloß ſtellte, das geringſte Beben gewahren. Er hob vor der Gruppe der Offiziere ſeine Mütze höflich und warf 220 einen kundigen Blick auf die furchtbaren Vorbereitungen an der Fockraa. Als er das Rüſterwerk und das Tau erblickte, bebte er allerdings, aber er faßte ſich in demſel⸗ ben Augenblicke wieder, lächelte, verbeugte ſich vor Cuffe und ſchritt feſt, aber ohne das entfernteſte Zeichen von Prahlerei auf das Gerüſt zu. Eine grabähnliche Stille herrſchte, als die dazu befeh⸗ ligten Leute das Tau herrichteten und den Verurtheilten auf das Rüſterwerk brachten. Der ſchlappe Theil des Taues wurde eingehohlt, und die Leute erhielten Befehl, das Todeswerkzeug zu faſſen, und es das Deck ent⸗ lang zu legen. „Seht zu, meine Burſche, daß ihr raſch anhohlt und einen tüchtigen Zug thut, ſobald die Hände daran ſind,“ ſagte Wincheſter mit leiſer Stimme, als er die Linie entlang ging.„In einem ſolchen Augenblicke iſt Raſchheit eine Wohlthat.“ „Großer Gott!“ ſtöhnte Cuffe,„iſt es möglich, daß der Mann auf dieſe Weiſe, ohne ein Gebet, ſelbſt ohne einen Blick gen Himmel, der um Gnade fleht, ſterben ſoll?“ „Er iſt ein Ungläubiger, hör' ich, Herr,“ verſetzte Griffin.„Wir haben ihm jeden möglichen religiöſen Troſt geboten; er ſcheint jedoch keinen zu wünſchen.“ „Brait die Bramraaen noch einmal, Herr Winche⸗ ſter,“ ſagte Cuffe faſt tonlos. „Vorbramraaen dort?“ „Herr?“ „Kein Zeichen von dem Boot? Seht ſcharf in den Golf von Neapel; wir haben das Kap von Campanella jetzt faſt hinter uns und können einen weiten Ausguck nehmen.“ Eine minutenlange Pauſe folgte. Dann ſchüttelte der Ausgucker oben den Kopf verneinend, als wenn er nicht ſprechen möchte. Wincheſter blickte Cuffe an, der wendete ſich aber betrübt ab, ſtieg auf eine Kanone und ſtrengte ſein Auge an, um einen Ausguck nach Norden zu halten. „Alles bereit, Herr,“ ſagte der erſte Lieutenant, als abermals eine Minute dahin gegangen war. Cuffe wollte eben die Hand erheben, welches das Todesſignal geweſen wäre, als man den dumpfen ſchwe⸗ ren Schuß einer Kanone aus der Richtung von Neapel hernieder ſchallen hörte. „Angehalten!“ donnerte Cuffe, der fürchtete, die Leute möchten anziehen.„Laßt Eure Maate die Flöten von dem Munde nehmen, Herr. Noch zwei Kanonen⸗ ſchüſſe, Wincheſter, und ich bin der glücklichſte Mann in Nelſon's Flotte!“ Ein zweiter Schuß kam eben, als dieſe Worte heraus waren; dann folgte eine athemloſe Pauſe von einer halben Minute, und dann ſcholl ein dritter, dumpfer, aber nicht zu mißdeutender Schuß. „Man ſcheint zu ſalutiren, Herr?“ ſagte Griffin leiſe und fragend. 222 2— „Die Pauſen ſind zu lang. Hört! ich hoffe, wir hatten den letzten.“ Jedes Ohr in dem Schiffe lauſchte ängſtlich; Cuffe hielt ſeine uhr in der Hand. Zwei volle Minuten ver⸗ gingen und kein weiterer Schuß ward vernommen. Wie Secunde um Secunde verſtrich, wechſelte der Ausdruck in des Capitains Geſicht, und er hob die Hand trium⸗ phirend. „Es iſt, wie es ſein muß, meine Herren,“ ſagte er.„Nehmt den Gefangenen herab, Herr Wincheſter. Macht das Tau los und bringt das verd—te Rüſterwerk hinter die Kanonen. Flötet die Mannſchaft herab, Herr Strand.“ Raoul wurde ſogleich hinab geführt. Als er durch die Hinterlucke kam, verbeugten ſich alle Ofſiziere auf der Schanze vor ihm, und Niemand war auf dem Schiffe, der ſich durch den Aufſchub nicht glücklicher gefühlt hätte. Neuntes Kapitel. Der Mond ſtand rund vor ſeinen Augen va; Doch mit der Erde ſchien's ihm etwas bunt; Er reiſ'te jetzt zebn Stunden ſchon und ſah, Kein Merkmal noch, daß irgendwo ſie rund. Lord Byron. Raoul Yvard hatte Clinch's Vorſorge ſein Leben zu verdanken. Ohne die drei Kanonen, welche zu ſo gele⸗ gener Zeit von dem Foudroyant abgefeuert wurden, hätte die Vollſtreckung des Urtheils nicht aufgeſchoben werden dürfen; und ohne eine kluge Vorſorge des Maſters Maats würden die Kanonen nicht abgefeuert worden ſein. Die Erklärung iſt dieſe. Als Cuffe ſeinem Unter⸗ gebenen ihr Verhalten vorſchrieb, fiel dem letzteren die Möglichkeit einer Verzögerung ein, und er dachte an ein Mittel, wie dieſem Uebel abzuhelfen wäre. Auf ſeinen Wink erwähnte der Capitain in ſeinem Briefe an den Oberbefehlshaber des Signals mit den Kanonen, und deutete auf deſſen Wichtigkeit hin. Als Clinch die Flotte erreichte, war Nelſon zu Ca⸗ ſtellamare, und Clinch war genöthigt, ihm zu Land dort⸗ hin zu folgen. Er fand den Admiral hier in dem Palaſte Qui-si-sane, wo der Hof ſich aufhielt, und überlieferte ſeine Depeſchen. — 224 Nichts machte dem britiſchen Admirale größeres Ver⸗ gnügen, als Gnade walten zu laſſen; denn das oben erwähnte Beiſpiel von dem Gegentheile war ein Aus⸗ nahmsfall in ſeinem Privatcharakter und in ſeiner öffent⸗ lichen Laufbahn; und es iſt möglich, daß ein ſo neues, und ſeiner Denkart ſo entgegengeſetztes Begebniß ihn um ſo gewillter machte, ſeine gewöhnlichen Gefühle nun wal⸗ ten zu laſſen und den erbetenen Aufſchub um ſo raſcher zu gewähren. „Euer Capitain ſagt mir hier, Herr,“ bemerkte Nelſon, nachdem er Cuffe's Brief zum zweiten Male geleſen hatte,„es ſei kaum zu bezweifeln, daß Yvard in Liebesangelegenheiten in den Golf gekommen, und daß ſeine Abſichten wohl ſchwerlich die eines Spions geweſen?“ 1 „Dies iſt die allgemeine Anſicht in unſerm Schiffe, mein Lord,“ antwortete der Maſter's Maat.„Wir haben einen alten Mann mit einem hübſchen jungen Mädchen an Bord, welche, wie Capitain Cuffe ſagt, erſt vor wenigen Tagen in der Kajüte Eurer Herrlichkeit zum Beſuche waren.“ Nelſon bebte und Röthe überflog ſein Antlitz. Er nahm dann eine Feder und kritzelte mit der einen Hand, die ihm geblieben, eine Ordre, daß die Vollſtreckung des Urtheils bis auf weitere Befehle aufzuſchieben ſei. Er unterſchrieb das Blatt, behändigte es Clinch und ſagte: „Geht in Euer Boot, Herr, und rudert ſo raſch — ◻ᷣ☛— 2 als Ihr könnt, zur Fregatte zurück; Gott verhüte, daß Jemand unſchuldig leide.“ „Ich bitte um Verzeihung, mein Lord; aber ich habe jetzt nicht mehr Zeit genug, um das Schiff vor Sonnenuntergang zu erreichen. Allerdings habe ich in dem Boot ein Signal fertig gemacht; aber es iſt mög⸗ lich, daß die Fregatte nicht früh genug um Campanella wendet, und dann wär' all' dieſe Mühe vergebens. Spricht Capitain Cuffe nicht von einigen Kanonenſchüſſen, mein Lord, welche von dem Flaggenſchiffe abgefeuert werden könnten?“ „Allerdings, Herr; und dies iſt vielleicht die ſicherſte Mittheilungsweiſe. Bei dieſem leichten Weſtwinde hört man eine Kanone weit in die See hinaus. Nehmt die Feder und ſchreibt, was ich Euch ſage, Herr.“ Clinch nahm die Feder, welche der Admiral, der ſei⸗ nen rechten Arm erſt wenige Jahre früher verloren hatte, in der That mit Mühe handhabte, und ſchrieb folgende Zeilen: 4 „An den commandirenden Offizier des Schiffes Sei⸗ ner Majeſtät, des Foudroyant. „Herr— Ihr werdet ſogleich, nach Empfang dieſes, drei ſchwere Kanonen, in Pauſen von einer halben Mi⸗ nute, als Signal für die Proſerpina, eine Hinrichtung aufzuſchieben, abfeuern laſſen.“ Sobald die magiſchen Worte,„Nelſon und Bronte,“ und das Datum dieſem Befehle angefügt waren, ſchickte 187— 189. 15 ſich Clinch zum Weggehen an. Nachdem er ſeine Ver⸗ beugungen gemacht hatte, blieb er mit der Hand auf dem Drücker der Thüre ſtehen, als ob er ungewiß wäre, ob er eine Bitte wagen ſolle oder nicht. „Es handelt ſich hier von einer wichtigen Sache, Herr, und kein Augenblick darf verloren werden,“ ſetzte Nelſon hinzu.„Ich fühle große Beſorgniß, und Ihr werdet Capitain Cuffe meinen Wunſch mittheilen, Euch ſobald als möglich mit einem Bericht von Allem, was vorgegangen iſt, an mich zurückzuſchicken.“ „Ich werde Eure Befehle ausrichten, mein Lord,“ ſagte Clinch hocherfreut, denn es fehlte ihm nur eine günſtige Gelegenheit, von ſeiner Beförderung zu ſpre⸗ chen, und dieſe war ihm nun in Ausſicht geſtellt.„Darf ich dem commandirenden Offiziere des Flaggenſchiffes ſagen, die Unterdeck⸗Kanonen zu brauchen, mein Lord?“ „Er wird dies von ſelbſt thun, wenn er dieſen Be⸗ fehl geleſen hat— ſchwere Kanonen heißt, die ſchwerſten. Guten Nachmittag, Herr— um Gotteswillen, verliert keine Zeit!“ Clinch folgte dieſer Mahnung buchſtäblich. Er erreichte den Foudroyant kurz vor Sonnenuntergang, und über⸗ lieferte den Brief augenblicklich an den Capitain. Einige erläuternde Worte ſetzten Alles in Bewegung, und die drei Schüſſe wurden auf der, Capri zugewendeten Seite des Schiffes zu ſehr gelegener Zeit für unſern Helden abgefeuert. —— 8 H&—n Die folgende halbe Stunde war man an Bord der Proſerpina ganz Heiterkeit und Frohſinn. Alle freuten ſich, daß das Schiff einer Hinrichtung überhoben worden, und dann kam die Stunde, um die Hängematten herab⸗ zupfeifen und die Nachmittagswachen abzulöſen. Cuffe hatte ſeine ganze Lebhaftigkeit wieder und unterhielt ſich, mit Griffins Beihülfe, munter mit ſeinen italieniſchen Gäſten. Dieſe hatten den Gefangenen ihren Beſuch nicht gemacht, weil er den Wunſch geäußert hatte, allein zu bleiben. Jetzt ließen ſie ihre Abſicht abermals laut wer⸗ den, und man ſchickte hinab, um zu hören, ob Raoul ſie empfangen wolle. Da die Antwort nach Wunſch aus⸗ fiel, ſtiegen die beiden Würdeträger, welche noch nicht ganz zu ihren See⸗Beinen gekommen waren, die Leiter langſam hinab, und während ſie ihren Weg durch das“ Gedränge eines Kriegsſchiffes ſuchten, riß der Faden ihres Geſpräches nicht. „Cospetto!“ rief der Podeſta;„wir leben in einer Wunderwelt, Signor Andrea. Man kann kaum ſagen, ob man lebt oder todt iſt. Denkt nur, wie nahe dieſer falſche Signor Smit vor einer halben Stunde dem Tode ſtand. Und jetzt lebt und iſt er ohne Zweifel ſo vergnügt, wie irgend Einer von uns.“ „Es wäre bei weitem erſprießlicher, Freund Vito Viti,“ antwortete der philoſophiſche Vice⸗Statthalter, „daran zu denken, wie nahe die, welche leben, ſtets dem 15* — 228— Tode ſind, der nur ſeine Thore zu öffnen braucht, um die Kräftigſten und Schönſten in das Grab ſteigen zu heißen.“ „Bei St. Stefano! Ihr habt eine Art und Weiſe, Vice⸗Governatore, die einem Kardinal gut laſſen würde! Es iſt ewig Schade, daß die Kirche einer ſolchen Stütze beraubt worden iſt: obgleich ich glaube, Signor Andrea, wenn Euer Geiſt minder bei einem andern Zuſtande der Dinge verweilen wollte, würde er viel heiterer ſein und auch Die, mit welchen Ihr verkehrt, mehr erheitern. Es gibt ſchon Uebel genug auf dieſer Welt,— man braucht nicht ſtets an den Tod zu denken.“ „Es gibt Philoſophen, guter Vito, welche behaupten, nichts von all' dem, was wir rund um uns ſehen, habe wirklich ein Daſein; wir dächten uns alles; dächten uns, dies ſei ein Meer, welches das Mittelländiſche ge⸗ nannt werde; dachten, dies ſei ein Schiff— und drüben ſei das Land; dächten, wir lebten und— ſtürben, ja, ſelbſt das.“ „Corpo di Bacco, Signor Andrea!“ rief der Andere und hielt plötzlich an dem Fuß der Leiter, indem er den Vice⸗Statthalter an einem Knopfe feſthielt, als fürchtete er, jener möchte ihm in Folge einer wunderbaren Täu⸗ ſchung entführt werden;„Ihr ſcherzt doch nicht auf ſolche Weiſe mit einem alten Freunde? mit einem Manne, der Euch von Kind auf gekannt hat? Dächten, ich lebte!“ „Si,— ich habe Euch nur die Wahrheit geſagt. Die Einbildungskraft iſt ſehr mächtig, und kann unweſen⸗ haften Dingen leicht die Form von weſenhaften geben.“ „Und ich wäre nicht in der Wirklichkeit der Podeſta, ſondern nur einer in der Einbildung?“ „Ganz richtig, Freund Vito; und ich nicht ein wirk⸗ licher Vice⸗Governatore, ſondern nur ein eingebildeter.“ „Und Elba wäre keine wirkliche Inſel, und Porto Ferrajo keine wirkliche Stadt, und ſelbſt all unſer Eiſen, das wir in ſo großen Maſſen in guten, geſunden Schiffen in die Welt hinausſchicken, wäre nur ein Art Geiſt von wirklichem, feſtem Metall?“ „Si— si,— Alles, was wirklich zu ſein ſcheint, wäre in der That nur Schein,— Eiſen, Gold, ſo wie Fleiſch!“ „Dann bin, ich alſo nicht Vito Viti, ſondern ein Betrüger! Welch' eine ſchurkenhafte Philoſophie!— Nun, wir beide ſind eben ſo ſchlecht, wie dieſer Signor Smit, wenn Das wahr iſt, was Ihr da ſagt, Vice⸗Governatore — oder nur dem Scheine nach Vice⸗Governatore!“ „Kein Betrüger, Freund Vito Viti; denn es gibt kein wirkliches Weſen deines Namens, wenn du es nicht biſt.“ „Diavolo! Eine prächtige Theorie iſt das, welche die jungen Leute auf Elba lehren würde, es gebe keinen wirklichen Podeſta auf der Inſel, ſondern nur einen armen elenden Schatten⸗Podeſta; und ein Vito Viti ſei nicht auf Erden zu finden. Wenn ſie ſich dieſes Gedan⸗ kens bemächtigen, helfe Gott der Inſel, was Ordnung und Mäßigkeit betrifft.“ „Ich glaube nicht, Nachbar, daß Ihr die Sache voll⸗ kommen gefaßt habt, was vielleicht ſeinen Grund darin hat, daß ich nicht deutlich genug geweſen bin; wir ſind aber jetzt auf dem Wege zum Beſuche eines unglücklichen Gefangenen, und können die Beſprechung dieſes Gegen⸗ ſtandes auf eine ſpätere Zeit aufſchieben. An Bord eines Schiffes, deſſen Sprache Einem fremd iſt, gibt es immer viele freie Stunden, und dieſe können wir eben ſo nütz⸗ lich als angenehm verbringen, indem wir näher in dieſe Frage eingehen.“ „Verzeiht mir, Signor Andrea; der Augenblick ſcheint mir der geeignetſte dazu. Sodann gibt es auch, wenn die Theorie ſtichhaltig iſt, überhaupt keinen Gefan⸗ genen, oder höchſtens einen eingebildeten— und es kann Sir Smit nicht ſchaden, wenn er wartet, während ich, von der andern Seite, keinen Augenblick Ruhe haben werde, bis ich erfahren habe, ob es einen Mann, wie Vito Viti, gibt oder nicht, und ob ich er bin.“ „Bruder Vito, du biſt zu raſch; ſolche Dinge laſſen ſich überdies nicht in einer Minute lernen; denn jedes Syſtem hat einen Anfang und ein Ende, wie ein Buch; und wer würde je ein Gelehrter werden, wenn er ſich in den Kopf ſetzte, die Bücher von hinten nach vornen zu leſen?“ — 231— „Ich weiß, Signor Andrea, was inan Euch in Be⸗ tracht Eures höhern Ranges ſowohl, als Eurer größern Wiſſenſchaft und Gelehrſamkeit ſchuldig iſt, und will jetzt nichts mehr ſagen, obgleich es mehr iſt, als Fleiſch und Blut vertragen können, wenn ich an eine Philoſophie glauben lernen ſoll, die da lehrt, ich ſei kein Podeſta und Ihr kein Vice⸗Statthalter!“ Andrea Barrofaldi, der ſich freute, daß ſein Freund und Nachbar ſich für den Augenblick beruhigte, ſchritt nun auf Raoul's kleines Gefängniß zu und wurde von der Schildwache, die ihre Befehle in dieſer Hinſicht hatte, zugelaſſen. Der Gefangene empfing ſeinen Beſuch höflich und heiter; denn wir ſind weit entfernt, ihn ſo heldenmäßig darſtellen zu wollen, daß er ſich nicht ungemein gefreut hätte, dem Tode an dem Arm der Raa entgangen zu ſein, obgleich es ſich bis jetzt nur von einem Aufſchub, aber nicht von einer Begnadigung handelte. In einem ſolchen Augenblicke hätte ein junger Mann einen viel zudringlichern Beſuch entſchuldigen können; aber der plötz⸗ liche Wechſel ſeiner Ausſichten ſtimmte ihn zu einiger Heiterkeit, denn die Wahrheitsliebe zwingt uns beizu⸗ fügen, daß Dankbarkeit gegen Gott nur wenig Antheil an ſeinen Gefühlen hatte. Er betrachtete ſeine Rettung vom Tode, ſo wie ſeine Gefangennehmung und die übrigen Ereigniſſe ſeiner Kreuzerei einfach für die Ergeb⸗ niſſe des Kriegsglücks. Wincheſter hatte befohlen, Raoul's Gemach mit jeder kleinen Bequemlichkett zu verſehen, welche ſeine Lage for⸗ derte, und unter andern waren auch zwei gewöhnliche Schiffs⸗ ſtühle darin. Dieſe wurden den beiden Italienern überlaſſen, während der Gefangene ſich auf der Seitentalje einer der zwei Kanonen niederließ, welche ſein Gemach flankirten. Es war jetzt Nacht und das Himmelsgewölbe deckte Nebel, der die Sterne barg und eine vollſtändige Dunkel⸗ heit erzeugte. Dennoch hatte Raoul weder Lampe noch Kerzen, man hatte ihm Lichter angeboten, er hatte ſie aber nicht angenommen, weil er bemerkt hatte, daß fremde Augen dann und wann mit der müßigen Neugier gemei⸗ ner Seelen, welche ſehen wollten, wie ein zum Tode Verurtheilter ſich ausnähme und beſchäftige, durch die Oeffnungen des Segeltuches blickten. Er hatte in der vergangenen Nacht ſich in Folge dieſer Zudringlichkeiten peinlich berührt gefunden; und da man nicht minder er⸗ picht war, ſehen zu wollen, wie ein Gefangener den Auf⸗ ſchub hinnehme, hatte er ſich entſchloſſen, den Abend im Dunkeln zuzubringen. Indeſſen brannten die Laternen auf dem erſten(unterſten) Deck und verbreiteten ein ſchwaches Licht, das ſelbſt das kleine Segeltuchgemach ein wenig erhellte. Die Schoten des Tuches liefen, wie bereits geſagt worden, von einer Kanone zur andern, ſo daß Licht und Luft durch die Stückpforten Zutritt hatte. Dadurch kamen die Taljen auf einer Seite in das Gemach, und auf einer derſelben nahm Raoul jetzt Platz. — 233— Andrea Barrofaldi, der eine höhere Stellung im Leben einnahm und eine beſſere Erziehung erhalten hatte, auch einen feineren natürlichen Takt beſaß, als ſein Freund, übertraf denſelben weit in äußerm Anſtand und Sittig⸗ keit. Der Letztere hätte ſich ſogleich in medias res ge⸗ ſtürzt; aber der Vice⸗Statthalter begann die Unterhal⸗ tung mit allgemeinen Bemerkungen und beabſichtigte ſeine Glückwünſche zu dem Aufſchub erſt dann laut werden zu laſſen, wenn ſich eine paſſende Gelegenheit dazu böte. In einer Hinſicht war dies ein unglückliches Zögern; denn ſobald Vito Viti bemerkte, daß der Hauptzweck des Beſuches noch ausgeſetzt werden ſollte, wendete er ſich eifrig dem eben beſprochenen Gegenſtande, der durch den Eintritt in das Gemach unterbrochen worden war, wie⸗ der zu. „Der Vice⸗Statthalter hat eben, Sir Smit, eine Theorie laut werden laſſen,“ begann er, ſobald eine Pauſe in der Unterhaltung ihn zur Rede kommen ließ;„der Vice⸗Statthalter hat eben eine Theorie laut werden laſſen, die die Kirche, wie ich behaupte, verdammen muß, und gegen welche die menſchliche Natur ſich empört.“ „Nein,— guter Viti,— nein, Ihr ſtellt die Sache nicht gehörig dar,“ fiel Andrea ein) den ein ſo plötzlicher Ausfall unangenehm berührte.„Dieſe Anſicht iſt nicht die meinige; ſie wird beſonders von einem gewiſſen eng⸗ liſchen Philoſophen vertheidigt, der überdies, wie ich höre, ein Biſchof war.“ — 234— „Ein Lutheriſcher!— nicht wahr, Signor Vice⸗ Governatore,— ein ſogenannter Biſchof?“ „Nun, die Wahrheit zu ſagen,— er war ein Ketzer, und kann nicht als ein Apoſtel der wahren Kirche betrach⸗ tet werden.“ 1 „O, ich hätte darauf ſchwören wollen. Kein ächter Sohn der Kirche hätte je eine ſolche Lehre einzuſchwärzen geſucht. Denkt Euch nur, Signori, die Menge einge⸗ bildeter Scheiterhaufen, Zangen und anderer Marterwerk⸗ zeuge, welche nothwendig werden würden, wenn man unter dem Einfluſſe einer ſolchen Theorie Jemand ſtrafen wollte! Um folgerecht zu ſein, müßten ſogar die Teufel eingebildete Weſen ſein.“ „Comment, Signori?“ rief Raoul lächelnd, und ſeine Theilnahme an der unterhaltung erwachte plötzlich; „hat je ein engliſcher Biſchof eine ſolche Lehre vorge⸗ tragen? Eingebildete Teufel und eine eingebildete Hölle — das klingt ja faſt, wie in unſerm revolutionären Frank⸗ reich. Nun habe ich faſt Hoffnung, daß unſere ſo ſehr geſchmähte Philoſophie mehr Achtung findet.“ „Mein Nachbar hat die Anſicht, von welcher er ſpricht, nicht gefaßt,“ antwortete Andrea, der es mit der Kirche zu gut meinte als daß er über die Wendung, welche die Dinge nahmen, nicht unbehaglich hätte ſein ſollen;„und ſo fühle ich es nothwendig, guter Vito Viti, die ganze Sache in einiger Ausführlichkeit darzu⸗ legen. Sir Smit“— ſo nannten die Italiener Raoul 7 ——— — 235— immer noch aus Höflichkeit; denn nach all' Dem, was vor⸗ gefallen war, ſcheuten ſie ſich, ihn bei ſeinem eigentlichen Namen zu benennen,—„Sir Smit wird uns einige Minuten entſchuldigen; vielleicht gewährt es ihm einiges Vergnügen, zu hören, zu welchem Fluge ſich die Ein⸗ bildungskraft eines ſcharfſinnigen Mannes emporſchwingen kann.“ Raoul äußerte höflich ſeine Freude, einen Zuhörer abzugeben, und ſtreckte ſich auf der Kanonentalje aus, um deſto bequemer zu hören; er lehnte den Kopf ganz bis zu der Stückpforte zurück, während er ſeinen Fuß gegen das innere Rad des Rapports ſtemmte. Dies brachte ihn in eine etwas liegende Stellung, da man aber augen⸗ fällig ſah, daß er ſeinen eben nicht ſehr behaglichen Sitz dadurch nur etwas bequemer machen wollte, hielt ſie keiner der beiden Herren für unziemlich. Wir halten es nicht für nöthig, hier Alles zu wieder⸗ holen, was Andrea Barrofaldi für paſſend erachtete, zu ſeiner Rechtfertigung und zur Erläuterung der bekannten Lehre des Biſchofs Berkeley mitzutheilen. Eine ſolche Aufgabe ließ ſich nicht in einer Minute abthun; überdies gehörte die Weitſchweifigkeit ziemlich zu den Schwächen des Vice⸗Statthalters, ſobald er einen ſeiner Lieblings⸗ gegenſtände auf das Tapet gebracht hatte. Er war weit entfernt, dieſer Lehre beizutreten; verletzte aber ſeinen alten Freund ungemein, indem er die Sache in einer Weiſe darſtellte, welche ſie dem Anſcheine nach achtens⸗ — 236— werth, wenn auch nicht gründlich erwieſen oder erweisbar machte. Für Vito Viti war es ungemein widerſtrebend, ſich, wenn auch nur der Beweisführung wegen, zu denken, es gäbe keine Inſel Elba und er ſei ihr Podeſta nicht; und alle ſeine perſönlichen und ſelbſtſüchtigen Hinneigun⸗ gen kamen ſeinem dienſtlichen Widerwillen zu Hülfe, um ihn ganz gegen eine Lehre zu ſtimmen, von welcher er ohne Anſtand behauptete, ſie ſei„eine Schmach an eines jeden ehrlichen Mannes Natur.“ „Es gibt Burſche in der Welt, Signor Andrea,“ ſagte der geradſinnige Podeſta zur Bekräftigung ſeiner Ein⸗ wendungen,„die ſich recht ſehr freuen würden, wenn alles ſo eingebildet wäre, wie Ihr ſagt,— Geſellen, die des Nachts wegen ihres böſen Gewiſſens nicht ſchlafen können, und für die es ein großes Glück wäre, wenn die Erde ſie, wie man hier in dem Schiffe ſagt, über Bord würfe und in das große Meer der Vergeſſenheit fallen ließe. Aber es ſind dies abgefeimte Schurken, und ſie können unter ehrlichen Leuten nicht für etwas Weſen⸗ haftes und Wirkliches gelten. Ich habe viele ſolche Wichte zu Livorno gekannt, und darf wohl behaupten, auch in Neapel werde es nicht an ſolchen fehlen; dies iſt aber etwas ganz anders, als wenn man ſchönen tugendhaften jungen Mädchen ſagt, ihre Schönheit und Beſcheidenheit ſei blos ſcheinbar,— oder ehrlichen Beamten, ſie ſeien eben ſo große Betrüger, wie die Schurken, welche ſie in das Gefängniß oder vielleicht auf die Galeeren ſchicken.“ — — 9G 8—9 0ᷣ— v Dieſen und ähnlichen Reden ſetzte Andrea ſeine Er⸗ läuterungen und ſeine Philoſophie entgegen, bis die Ver⸗ handlung lebhaft und das Geſpräch laut wurde. Es ge⸗ hört mit zu den Eigenthümlichkeiten Italiens, daß eine der ſanfteſten Sprachen der Chriſtenheit durch die Art wie man ſie braucht, herb und unangenehm wird. Bei dieſer Gelegenheit milderte die Lebhaftigkeit der Strei⸗ tenden dieſes Uebel durchaus nicht. Griffin kam zufällig in dieſem Augenblick an der Außenſeite des Tuchvorhangs vorüber, und da er einige Worte auffing, blieb er ſtehen, um zuzuhören. Seine lächelnde Miene und einige Mitthei⸗ lungen aus dem Geſpräche ſammelten bald eine Gruppe von Offizieren, und da die Schildwache ſich ehrfurchtsvoll zur Seite ſtellte, wurde das Deck um das Gemach des Gefangenen bald eine Art Parterre, welchem ſich eine ganz unterhaltende Darſtellung bot. Mehrere junge Herren verſtanden ein wenig Italieniſch, und da Griffin raſch, obgleich mit gedämpfter Stimme, überſetzte, erſchien die Sache ungemein ergötzlich. „Das iſt ein ſeltſamer Curs,“ ſagte der Maſter leiſe,„einen Mann, der zum Tode verurtheilt iſt, zu tröſten. Ich wundere mich, daß der Franzoſe all ihren Unſinn aushält.“ „Ha,“ verſetzte der Marine⸗Offizier,„die Uebung macht Alles. Die Revolutioniſten ſind ſo in der Heuche⸗ lei geübt, daß ich darauf ſchwören will, der Burſch lacht die ganze Zeit über, als wenn er ſich herzlich ergötzte.“ Raoul hörte in der That mit nicht geringem Er⸗ götzen zu. Im Anfang hörte man ſeine Stimme dann und wann bei der Verhandlung, offenbar, um die Strei⸗ tenden zu beleben; aber die Wärme der letztern brachte ihn bald zum Schweigen, und er begnügte ſich gern, lediglich den Zuhörer abzugeben. Kurz nachdem die Verhandlung warm geworden, und als Griffin eben die Gruppe der Kameraden um ſich ſammelte, ſtreckte der Gefangene ſich noch weiter in die Pfortgate, um die Kühle des Abendwindes zu genießen, als er, zu ſeinem Erſtaunen, eine Hand auf ſeiner Stirne fühlte. „Still!“ flüſterte eine Stimme dicht an ſeinem Ohre,„es iſt der Amerikaner— Ithuel— ſeid rubig — jetzt iſt der Augenblick da, für's Leben zu rojen.“*) Raoul beſaß zu viel Selbſtbeherrſchung, um ſeine eberraſchung zu verrathen; im Nu war aber jede Gei⸗ ſteskraft, die ihm inne wohnte, erregt. Er wußte, daß Ithuel der Mann war, der in dringlichen Lagen Rath wußte. Die Erfahrung hatte ihn gelehrt, dieſes Mannes unternehmungsgeiſt und Kühnheit zu achten, wenn es galt, zu handeln. Gewiß mußte Etwas in dem Winde ſein, das ſeiner Aufmerkſamkeit höchſt werth war, ſonſt würde dieſer vorſichtige Burſch ſich nicht in eine Lage *) Mit dem Riemen, dem Ruder anhohlen. — 239— begeben haben, welche, wenn man ihn ertappte, ſicher zur Strafe führte. Ithuel ſaß rittlings auf einer der Ketten unter den großen Ruſten des Schiffes, eine Stellung, in welcher er möglicherweiſe, ſo lang es dunkel blieb, ohne Furcht vor Entdeckung bleiben konnte, die aber an ſich, wenn man ihn gewahr wurde, als ein Beweis einer böſen Ab⸗ ſicht gelten mußte. „Was wollt Ihr, Ithuel?“ flüſterte Raoul, der ſah, daß ſeine Beſucher viel zu beſchäftigt waren, um ſeine Bewegungen zu bemerken, oder ſeine Worte zu hören. „Der Italiener und ſeine Nichte ſind im Begriff, an das Land zu rudern. Alles iſt verabredet und bereit. Ich habe mir gedacht, Ihr könntet im Dunkeln aus der Pfortgate kommen und im Boote fliehen. Seid ruhig — wir werden ſehen.“ Raoul begriff, daß ſelbſt der Aufſchub ſeines Urtheils immer noch eine gefährliche Sache ſei. Unter den gün⸗ ſtigſten Umſtänden blieb ihm die Ausſicht auf ein engli⸗ ſches Gefangenſchiff, und auf der andern Seite bot ſich Ghita's Bild ſeinem Auge dar. Er war in einem Auf⸗ ruhr des Gefühls; da er aber an Selbſtbeherrſchung ge⸗ wöhnt war, entſchlüpfte ihm nicht der leiſeſte Ausruf. „Wann— lieber Ithuel,— wann?“ fragte er und ſeine Stimme bebte, ſo ſehr er ſich auch anſtrengte, ſich zu beherrſchen. „Jetzt— tuderſwiet(tout de suite)— das Boot — 240— iſt an der Laufplanke, und der alte Giuntotardi bereits in ihm— ſie machen einen Stuhl für das Madchen zu⸗ recht— ha, da wird ſie eben herabgelaſſen— hört Ihr die Pfeife nicht?“ Raoul hörte die Pfeife des Bootsmannes, der eben in dieſem Augenblicke„abgehalten“ flötete. Er ſtreckte ſich auf der Kanonentalje aus und lauſchte angeſtrengt; jetzt hörte er das Spritzen des Waſſers, als das Boot dichter angehohlt wurde, um es näher unter den Stuhl zu bringen. Auch das Klappen der Ruder war jetzt vernehmbar, wie Ghita den Sitz verließ und nach hinten⸗ wärts ging. „Eingehohlt!“ rief der Offizier auf dem Deck; das Tau kam herauf und Carlo Giuntotardi war jetzt im ruhigen Beſitze ſeines Bootes. Der Augenblick war überaus bedenklich. Nichts war wahrſcheinlicher, als daß man das Boot vom Deck aus im Auge behalten würde, und obgleich die Nacht dun⸗ kel war, bedurfte es doch der größten Vorſicht, um das Gelingen des Planes möglich zu machen. In dieſem Augenblicke hörte Raoul den Amerikaner flüſtern: „Die Zeit kommt heran. Der alte Carlo hat ſeine Weiſung und die kleine Ghita ſorgt, daß nichts verſäumt wird. Alles hängt jetzt von Stille und Raſchheit ab. In weniger als fünf Minuten muß das Boot unter der Pfortgate ſein.“ ⸗——.—— ,—— F — 241— Raoul begriff den Plan, aber er ſchien ihm unaus⸗ führbar. Es ſchien ihm unmöglich, daß man Ghita das Schiff verlaſſen ließe, ohne daß hundert Augen ihren Bewegungen folgten; und obgleich es dunkel war, ſo war dies doch nicht in ſo hohem Grade, daß man es für thunlich halten konnte, ungeſehen in das Boot zu kommen. Dieſe Gefahr mußte aber beſtanden werden, ſonſt war an die Flucht nicht zu denken. Ein Befehl, durch das Sprachrohr gegeben, flößte neuen Muth ein; durch ihn wurde der Offizier der Wache von dieſer Seite des Schiffes gerufen, und ſeine Aufmerkſamkeit anderweitig in Anſpruch genommen. Dies war ſehr günſtig; denn Niemand durfte es wagen, ab⸗ ſeits zu ſchauen, wenn dieſer Offizier die Aufmerkſamkeit der Leute in einer andern Richtung forderte. Raoul's Kopf war wirre. Die zwei Italiener hat⸗ ten, ſo zu ſagen, den Gipfel der Streitsverhandlung erreicht, und ihr Geſchrei war glücklicherweiſe am lau⸗ teſten. Selbſt das gedämpfte Lachen der Offiziere außer⸗ halb des Segeltuches erreichte ſein Ohr, obgleich die Streitenden nichts als ihre eigenen Stimmen hörten. Jeder Anſtoß des Bootes gegen des Schiffes Seite, jeder Klang der Ruder, wenn Carlo's Fuß an ſie ſtieß, jeder Schlag der kleinen Wellen war vernehmbar. Es ſchien, als wenn alle Intereſſen des Lebens— des künftigen, des gegenwärtigen und des vergangenen— alle Erregun⸗ gen des ganzen Herzens in dieſem einzigen Augenhlicke 187— 189. 16 ſich verſchmölzen. Da er nicht wußte, was Ithuel von ihm erwarte, fragte er ihn auf franzöſiſch, wie er ſich zu verhalten habe. k „Soll ich mich köpflings in das Waſſer ſtürzen, Ithuel? was wollt Ihr von mir gethan wiſſen?“ flüſterte er. „Bleibt ruhig liegen, bis ich Euch aufſtehen heiße. Ich werde das Signal geben, Capitain Rule; laßt die Italiener abſchärfen.“ 5 Raoul konnte nicht auf das Waſſer ſehen, da er mit dem Kopf innerhalb der Pfortgate lag; er mußte ſich daher ganz auf den einzigen Sinn des Gehörs verlaſſen. Tap— Tap— Tap! Das Boot ſchob ſich langſam an der Seite des Schiffes entlang, als ſchicke es ſich an, abzuſtoßen. All dies handhabte Carlo vortrefflich. Als er unmittelbar unter den großen Ruſten lag, würde es nicht leicht geweſen ſein, ſein Boot zu ſehen, ſelbſt wenn hier Jemand auf dem Ausguck geweſen wäre. Carlo legte jetzt an dieſer Stelle an, denn er war für äußerliche Dinge nicht ſo ganz verloren, daß er nicht völlig begriffen hätte, was man von ihm erwartete. Vielleicht ſchenkte man ihm auf dem Deck gerade deß⸗ wegen weniger Aufmerkſamkeit, weil ihn Niemand eines ſo weltlichen Beginnens fähig hielt. „Iſt bordeinwärts alles ſicher, um aufzubrechen?“ flüſterte Ithuel. Raoul erhob den Kopf und ſchaute um ſich. Daß ſich um ſein Gemach eine Gruppe Menſchen geſammelt hatte, bemerkte er aus ihren Bewegungen, der leiſen Unterhaltung und dem unterdrückten Gelächter; dennoch ſchien Niemand beſonders auf ihn zu achten. Da er jedoch ſeit einiger Zeit nicht geſprochen hatte; hielt er es für räthlich, ſeine Stimme hören zu laſſen; er ſorgte, daß ſie innerhalb der Pfortgate deutlich vernommen würde, und ließ eine der leichten Einwendungen gegen die Lehre des Vice⸗Statthalters laut werden, wie er ſie am Anfange der Unterhaltung hatte vernehmen laſſen. Wie er erwartet hatte, wurde dies wenig beachtet; aber es reichte hin, um Die draußen zu überzeugen, daß er noch in dem Gemache ſei, und konnte eine zu frühe Entdeckung verhindern. Sonſt ſchien Alles günſtig; er ſtreckte ſich wieder der Länge nach hin, und ſein Geſicht kam dem Ithuel's bis auf wenige Zoll nahe. „Alles ſicher,“ flüſterte er;„was ſoll ich thun?“ „Nichts, als daß Ihr Euch mittelſt Eurer Füße langſam vorſchiebt.“ Dies that Raoul, anfangs, ſo zu ſagen, nur Zoll um Zoll, bis Ithuel ihm das Ende eines Taues in die Hand gab, und ihm ſagte, es ſei an den Ruſten oben wohl befeſtigt. Das Seil machte das Uebrige leicht, denn die einzige Gefahr lag jetzt in zu großer Haſt. Nichts würde Raoul leichter geweſen ſein, als aus der Pfortgate zu kriechen und in das Boot zu ſchlüpfen; um aber zu ent⸗ kommen, war es nöthig, unbeachtet zu bleiben. 16* — 244— Das Schiff war eine gute halbe Stunde von dem Cap Campanella und demſelben gerade gegenüber; die Flüchtlinge hatten daher keine Ausſicht auf wirkliche Ret⸗ tung, wenn ſie nicht einigen Vorſprung vor möglichen Verfolgern gewannen. Dieſe Erwägung veranlaßte Ithuel zu der größten Behutſamkeit, und auch Raoul hatte ſie vor Augen. Dieſer war indeſſen ſo vollkommen Herr ſeiner Bewegungen geworden, daß er ſich mit einer mäch⸗ tigen Anſtrengung aus der Pfortgate heben konnte, und dann war nichts leichter, als in das Boot hinab zu ſteigen. Aber ein Druck von Ithuel's Hand hielt ihn zurück. „Wartet ein wenig,“ flüſterte der Amerikaner,„bis die Italiener ſich tüchtig in den Haaren liegen.“ Der Streit war jetzt ſo laut und warm geworden, daß man nicht mehr Zeit zu verlieren brauchte. Ithuel gab das Signal, und Raoul ſchob Kopf und Schultern mit ſeinen Armen vor, während er die Füße gegen die Kanone ſtemmte; im nächſten Augenblicke hing er ſenk⸗ recht unter den großen Ketten. Er brauchte nur eine Secunde, um ſich leicht und geräuſchlos in das Boot niederzulaſſen. Als ſein Fuß eine Doft berührte, bemerkte er, daß Ithuel vor ihm eingetreten war. Dieſer zog ihn neben ſich nieder, und beide bargen ſich auf dem Boden der Jolle, und warfen eines von Ghita's Tüchern über ſich. Carlo Giuntotardi war an die Führung eines Boo⸗ tes, wie das ihm jetzt anvertraute, gewöhnt; er ließ ſeinen Boothaken nur von einer der Ketten los, das Schiff ging langſam vorwärts, und er ſah ſich in einer Minute in deſſen Fahrwaſſer, hundert Fuß hinter dem Spiegel. Bis jetzt war Alles ungemein gut gelungen. Die Nacht war ſo dunkel, daß die beiden Flüchtlinge es jetzt wagen durften, ſich zu erheben und ihre Sitze auf den Doften zu nehmen; dies geſchah jedoch mit der größten Vorſicht und ohne alles Geräuſch. Die Riemen waren bald im Waſſer, Carlo nahm die Pinne, und ein Gefühl wonnigen Entzückens durchſtrömte Raoul's Bruſt, als er den Riemen faßte und das Boot von dem Anzug erzit⸗ tern fühlte. „NMacht es beſonnen, Capitain Rule,“ ſagte Ithuel mit leiſer Stimme;„wir haben eine lange Strecke vor uns, und die Fregatte kann uns noch hören. Noch fünf Minuten, und wir ſind weit genug entfernt, um nicht mehr geſehen werden zu können; dann können wir gerade aus in die See halten, wenn wir wollen.“ In dieſem Augenblicke ſchlug die Glocke der Proſer⸗ pina vier, das Zeichen, daß es acht Uhr war. Unmit⸗ telbar darauf wurde die Wache aufgerufen, und eine Bewegung erfolgte an Bord des Schiffes. „Man löſ't nur die Wache ab,“ ſagte Raoul, der bemerkte, daß ſein Gefährte anhielt, als ſei ihm unbe⸗ haglich zu Muth. „Für eine Ablöſung der Wache iſt dies eine unge⸗ wöhnliche Bewegung. Was war dies?“ — 246— Es war deutlich das Ueberhohlen von Takeln; das Klatſchen eines Bootes, welches in das Waſſer gelaſſen wurde, folgte. Zehntes Kapitel. Unſ're Freuden, unſere Gefahren— Sind nah verwandt, Geſchwiſter⸗gleich; Die ſchmucke Roſe und der Dorn Erwachſen an demſelben Zweig. Alleyn. Wir haben geſehen, daß in den Gemüthern der Mehrzahl an Bord der Proſerpina eine edle Theilnahme für Raoul die Stelle des feindſeligen Gefühles einge⸗ nommen hatte. Unter dem Einfluſſe einer ſolchen Stim⸗ mung hatten die Schildwachen Befehl erhalten, ihren Gefangenen nicht durch eine zu wiederholte und unnö⸗ thige Unterſuchung des Gemaches zu beläſtigen. Um dem Zartgefühle und der Vorſicht zumal Genüge zu thun, hatte Wincheſter befohlen, die Ecke des Segeltuches zu⸗ nächſt der Laterne der Cajütenthüre um einige Zoll zu öffnen, und die Wache ſollte jede halbe Stunde, oder ſo oft die Schiffsglocke den Fortgang der Zeit ankündigte, in das Gemach ſchauen. Der Zweck war lediglich, ſich zu vergewiſſern, daß der Gefangene noch in dem Ge⸗ mache wäre, und keinen Verſuch gegen ſein Leben machte, ein Schritt, welcher vor der Verkündigung des Aufſchubs vorzüglich gefürchtet wurde. Der ganze Streit zwiſchen den beiden Italienern und die Vorgänge unter den großen Ruſten des Schiffes hatten nicht mehr als ſechs bis ſieben Minuten hingenom⸗ men, und die kleine Gruppe der Offiziere wuchs immer noch, als Raoul bereits geborgen in der Jolle ſeines Loggers war. In dieſem Augenblicke ſchlug die Schiffsglocke halb acht Uhr. Der Marineſoldat trat mit der Ehrfurcht eines Untergebenen, aber mit dem Ernſte eines Mannes auf ſeinen Poſten, heran, um das Gemach zu unterſuchen. Obgleich die Herren eine ſolche Unterſuchung für unnöthig hielten, da die lauten Stimmen von Andrea und Vito Viti an ſich ſchon eine Art Bürgſchaft abgaben, daß der Gefangene in ſeinem Käfig war, machten ſie ihm dennoch Platz, denn ſie wußten, daß man einer Schildwache ſich nie wiederſetzen darf. Das Segeltuch wurde ein wenig geöffnet, das Licht der Laterne der Cajütenthür fiel hinein, und dort ſaßen der Vice⸗ Statthalter und der Podeſta, mit den Armen fechtend, und noch in heißem Streite ſich in die Geſichter ſehend,— aber Raoul Yvard's Platz war leer. Yelverton ſchaute zufällig mit der Schildwache in das Gemach. Er war ein junger Mann von ſtarkem Begriffsvermögen und hatte all' die phrenologiſchen Erhö⸗ hungen, welche zu einer ſolchen Eigenſchaft gehören; auf — 248— den erſten Blick ſah er, daß der Vogel entflohen war. Sein erſter Gedanke war, der Gefangene habe ſich in die See geſtürzt, und ohne ſeinen Kameraden umher ein Wort zu ſagen, flog er auf das Deck, berichtete im Fluge dem wachehabenden Offizier, was vorgegangen, und hatte in überraſchend kurzer Zeit ein Seitenboot im Waſſer. Seine erſtaunten Gefährten unten waren weniger eilig, obgleich das Weſentliche der Sache ihnen bald bekannt ward. Griffin gab einen ſchleunigen Befehl, und die Segeltuch⸗Schot flog, ſo zu ſagen auf einen Stoß, zuſammen, und das volle Licht fiel auf die beiden Strei⸗ tenden, welche von der Flucht ihres früheren Gefährten nicht die entfernteſte Ahnung hatten, und wüthend mit den Armen und Zungen fochten. „He da, Vice⸗Stathalter,“ ſchrie Griffin ohne weiteres, denn er ſah, daß es hier nicht Zeit war, bei Förmlichkeiten zu verweilen,„was habt Ihr mit dem Franzoſen angefangen?— wo iſt Raoul Yvard?“ „I Signor— Sir Smit? Monſieur Yvard, wenn Ihr lieber wollt? Wahrhaftig, Nachbar Vito Viti, was iſt aus einem Manne geworden, welcher eben noch hier ſaß? „Cospetto!— Nach Eurer Lehre, Signor Andrea, iſt nie ein Mann hier geweſen— es war nur die Ein⸗ bildung eines ſolchen— und ich wundere mich gar nicht, wenn ein ſolches Weſen vermißt wird. Aber ich ver⸗ wahre mich gegen alle Folgerungen, welche man von. dieſem Begebniſſe herleiten könnte. Alle Franzoſen ſind — 249— flüchtiger Natur und ungemein beweglich, und da ſie jetzt auch den Ballaſt der Religion abgeworfen haben, ſind ſie nichts mehr als moraliſche Federn. Nein, nein,— laßt einen Mann von achtbarer Verſtandeskraft, von geſun⸗ den Grundſätzen, Liebe zu den Heiligen und einem guten weſenhaften Körper, wie ich, nur einmal verſchwinden, und dann will ich zugeſtehen, es ſpreche zu Gunſten Eurer Lehre, Vice⸗Governatore!“ „Ein eigenſinniger Mann, Nachbar Vito, iſt ein Bild der Unvollkommenheiten, die ein—— „Verzeiht mir, Signor Barrofaldi,“ fiel Griffin ein,„dies iſt keine Zeit, philoſophiſche Streitfragen abzuthun— wir Seeleute haben jetzt andere Pflichten. Was iſt aus Raoul Yvard— Euerm Sir Smit, ge⸗ worden?“ „Signor Tenente,— ſo wahr ich ſelig zu werden hoffe, ich habe nicht die entfernteſte Vorſtellung davon. Hier auf dieſer Kanone ſaß er noch vor einer oder zwei Minuten, und ſchien eifrig und erbaut auf eine Verhand⸗ lung zu hören, welche wir über die berühmte Anſicht eines gewiſſen Biſchofs Eures eigenen Landes begonnen hatten, eine Anſicht, welche richtig erwogen— bedenkt, Nachbar Vito, richtig erwogen, ſag' ich, denn die Art, wie Ihr die Sache aufgefaßt habt, iſt—“ „Genug jetzt von dieſem Giegenſtand, Signori,“ ſetzte Griffin hinzu.—„Der Franzoſe war hier, als Ihr in das Gemach kamt?“ „Allerdings, Signor Tenente, und es ſchien, als wenn das Geſpräch ihn höchlich erfreute, das—“ „und Ihr habt nicht geſehen, daß er das Gemach durch das Tuch oder die Pfortgate verließ?“ „Ich nicht, auf meine Ehre; ich glaubte, er ſei von unſerm Geſpräch zu erbaut, um uns zu verlaſſen.“ „Ah, Sir Smit iſt eben in der Einbildung ver⸗ ſchwunden,“ murmelte der Podeſta,„das heißt, er iſt zu der großen logiſchen Familie heim gegangen, von wel⸗ cher er ein ideelles Glied war. Da es keinen Logger, keinen Korſaren, kein Meer und keine Fregatte gibt, machen wir Alle, wie es ſcheint, viel Geſchrei um gar nichts.“ Griffin hielt ſich nicht mit weitern Fragen auf. Raſch eilte er auf das Deck, wo er Capitain Cuffe fand, welchen ſo eben eine geflügelte Anzeige aus ſeiner Cajüte hierher geführt hatte. „Was den T=l ſoll das Alles bedeuten, meine Herren?“ fragte er in einem Tone, welchen höher Geſtellte ſo gern annnehmen, wenn etwas verkehrt geht. —„Wer den Gefangenen entſchlüpfen ließ, mag ſich gefaßt machen, von dem Admiral unmittelbar zu hören!“ „Er iſt nicht in ſeinem Gemache, Herr,“ antwortete Griffin,„und ich habe dem Bootsmanne, als ich die Lei⸗ ter herauf kam, befohlen, alle ſeine Bootsleute zuſam⸗ men zu flöten.“ Dies war kaum geſagt, ſo fiel ein Boot nach dem andern, und in zwei bis drei Minuten waren deren n nicht weniger als fünf auf dem Waſſer, das mitgerech⸗ net, in welchem Yelverton bereits um das Schiff ruderte, um den vermeinten Schwimmer oder Ertrunkenen auf⸗ zufangen.“ „Der Franzoſe iſt fort, Herr,“ ſagte Wincheſter, „und muß durch die Pfortgate entkommen ſein. Ich habe einem der Herren aufgetragen, Alles unterſuchen zu laſſen, wenn er ſich vielleicht unter die Ruſten geflüchtet hätte.“ „ Wo iſt das Boot des alten Italieners und ſeiner Nichte?“ Eine Pauſe folgte auf dieſe Frage, und jetzt ging plötzlich Allen ein Licht auf. „Dieſe Jolle ſtand an der Seite des Schiffes,“ rief Griffin;„Niemand aber war darin, als Giuntotardi und das Mädchen!“ „Bitt' Euch um Verzeihung,“ ſagte ein junger Fock⸗ marsmann, der eben von der Takelage herab kam;„ich habe das Boot von oben geſehen, Herr, und es hing eine zeitlang unter den großen Ruſten ſteuerbordwärts. Es iſt ſo dunkel, daß ich nichts genau ſehen konnte; etwas aber ſchien von der Pfortgate hinein zu gleiten. Das Aus⸗ ſehen des Dinges gefiel mir gar nicht, und ſo ließ mich unſer Ausguck auf das Deck herabſteigen und Bericht erſtatten, Herr.“ „Schickt Ithuel Bolt hierher, Herr Wincheſter; beeilt Euch, Herr, und laßt uns dieſen Gentleman auf das Korn nehmen.“ Wir brauchen kaum zu bemerken, daß der Aufruf unbeantwortet blieb, und jetzt begannen Alle an Bord die Art der Flucht zu begreifen. Offiziere ſtürzten ſich in die verſchiedenen Boote, und nicht weniger als fünf verſchiedene Geſellſchaften begannen die Verfolgung. Zu gleicher Zeit hißte das Schiff eine Laterne auf, als Signal für den Vereinigspunkt der Boote. Es iſt bereits bemerkt worden, daß die Proſerpina, als dieſes Begebniß ſtattfand, etwa eine halbe See⸗ ſtunde von dem Kap Campanella entfernt ſtand. Der Wind war leicht öſtlich oder was man die Landkühlte nennt, und das Schiff ging mit ihm ungefähr drei Kno⸗ ten. Das Kap war beinahe recht von der Seite und ſein Vordertheil blickte die Straße entlang, die Capri von der See ſcheidet, und vierte rundum in den Golf von Neapel, wo es den Ankerplatz wieder aufſuchen wollte, welchen es den vorigen Tag verlaſſen hatte. Die Nacht war zu dunkel, als daß man einen ſo kleinen Gegenſtand, wie ein Boot, in einiger Entfer⸗ nung hätte ſehen können; aber die ſchwarze Maſſe von Capri war in ihren Umriſſen deutlich zu unterſcheiden, und hob ſich faſt zweitauſend Fuß hoch in die Luft, wäh⸗ rend die Geſtalt der Küſte auf der andern Seite mit ziemlicher Beſtimmtheit und Deutlichkeit hervortrat. Der Art war der Stand der Dinge, als die fünf erwähnten Boote das Schiff verließen. Yelverton hatte ſich gebahrt, als wär' ein Mann — 253— über Bord gefallen, oder, er hatte nicht auf Befehle gewartet. Während er um das Schiff ruderte, gewahrte er, obgleich nur ſehr unbeſtimmt, die der Küſte entge⸗ gegen eilende Jolle, und auch er ſah, obgleich er mit Nie⸗ mand auf dem Schiffe in Verkehr trat, jetzt ein, wie Alles kam, und begann die Jagd. r Als die übrigen Boote bereit waren, ruderten die an der Außenſeite des Schiffes eine Strecke weit ſeewärts, um in dieſer Richtung einen Ausguck zu nehmen, wäh⸗ rend die beiden andern, welche die Riemen des leichten Gigs hörten, in welchem Yelverton dahin ſchoß, dem Tone in dem Glauben folgten, ſie ſeien der Jolle auf den Ferſen. So ſtanden die Dinge bei dem Beginne einer ungemein ſcharfen, heißen Jagd. Da Raoul und Ithuel, während man in und um das Schiff in Ungewißheit war, die Arme tüchtig rühr⸗ ten, hatten ſie ſelbſt vor Yelverton einen Vorſprung von ungefähr dreihundert Schritten. Ihr Boot ging unge⸗ wöhnlich ſchnell, und da es nur für zwei Ruderer ein⸗ gerichtet war, konnte es mit zwei ſo kräftigen Männern, wie ſie jetzt die Riemen führten, für völlig bemannt angeſehen werden. Dennoch war ſie dem ihr folgenden Gig und den vier auserleſenen Matroſen, die ſeine Mannſchaft ausmachten, nicht gewachſen; dies war das Boot, welches Yelverton in der Eile des Augenblicks genommen hatte. Die Jolle wußte nach einem Strich von anderthalb(engliſchen) Meilen gewiß, daß ſie einge⸗ 251— holt werden würde, und Raoul's geübtes Ohr verſicherte ihn bald dieſer Thatſache. Seine Riemen waren verhüllt. Er beſchloß, von dieſem Umſtande Nutzen zu ziehen und ſich ſeitwärts zu wenden, in der Hoffnung, ſeine raſchen Verfolger würden an ihm vorbeiſchießen, ohne ihn zu ſehen. Das Boot wurde ſofort gewendet, und ſtatt unmittel⸗ bar gegen die Küſte abzuhalten, nahmen die Flüchtlinge einen etwas weſtlichen Curs, indem das Meer in jener Richtung, wegen der Nähe von Capri, am dunkelſten ſchien. Dieſe Liſt gelang vollkommen. Yelverton war ſo erpicht auf ſeine Jagd, daß er ſeine Augen nicht von vornen wegwandte, und wirklich von Zeit zu Zeit glaubte, er ſähe das Boot ſich dort bewegen; er kam auf hundert fünfzig Schritte von der Jolle vorbei, ohne ihre Nähe auch nur zu ahnen. Raoul und Ithuel hörten auf zu rudern, um dieſen Wechſel der Stellung eintreten zu laſſen, und jener ließ einige anſpielende Bemerkungen über die Verblendung ſeiner Feinde laut werden, und ſein Herz klopfte leichter und freier. Keines der engliſchen Boote hatte verhüllte Riemen. Im Gegentheil, der Schall des Zugs regelmäßiger Kriegs⸗ ſchiffs⸗Arme war in jeder Richtung vollkommen vernehm⸗ bar; dieſer Ton war jedoch den Ohren der Proſerpina ſo bekannt, daß die Mannſchaft der zwei hinter Nelver⸗ ton herkommenden Boote dem Schalle ſeiner Ruder in — 255.— der Ueberzeugung, ſie ſeien im Fahrwaſſer der Flücht⸗ linge, wirklich folgten. Auf dieſe Weiſe ließ Raoul drei von den fünf feind⸗ lichen Booten an ihm vorbei nach vornen gehen. Die andern zwei waren ſo entfernt, daß man ſie nicht hören konnte, und als die vordern weit genug vorgeſchoſſen waren, folgte er und Ithuel ihnen mit bequemem Zuge, um ihre Kraft für irgend einen dringlichen Fall, der ſich begeben konnte, zu ſchonen. Die zwei Kutter machten tüchtig Jagd auf den Gig vor ihnen; jene hatten den Klang der Ruder des Gigs in den Ohren, und dies feuerte ihren Eifer ſtets friſch an; denn man glaubte, die Ruder der Verfolgten zu hören, während Yelverton vor Begierde brannte, es den nachkommendn Booten zuvorzuthun und ſich ſelbſt die Priſe zu ſichern. Dies machte denen in der Jolle, die jetzt bereits eine ganze Kabellänge hinter ihm war, die Arbeit leicht. „Faſt ſollte man glauben, Ghita,“ ſagte Raoul lachend, obgleich er die Vorſicht brauchte, leiſe zu ſprechen; „faſt ſollte man glauben, unſere alten Freunde, der Vice⸗ Statthalter und der Podeſta befehligten die Boote land⸗ einwärts von uns, wenn ich nicht wüßte, daß ſie in eben dieſem Augenblicke über die Frage ſtritten, ob es eine Inſel, Elba genannt, auf dieſem, unſerm großen Planeten gibt oder nicht.“ „Ach, Raoul,— denke an die letzten furchtbaren 256— acht und vierzig Stunden und halte dich nicht mit Scherzen auf, ehe wir wieder ſicher aus dem Bereiche deiner Feinde ſind.“ „Peste!— Ich werde es ſpäter nicht in Abrede ſtellen können, daß dieſe Engländer nicht ohne Edelmuth ſind. Ich werde mich über ihre Behandlung nicht be⸗ ſchweren, obgleich ich wünſchte, ſie wären etwas wilder mit mir umgegangen.“ „Dies iſt ein unfreundliches Gefühl, deſſen du dich entäußern ſollteſt.“ „Es iſt ſehr viel, Eapitain Rule— es iſt ſehr viel, einem Engländer Edelmuth zuzugeſtehen,“ fiel Ithuel ein.—„Sie ſind eine wilde Race und mäſten ſich an menſchlichem Elend.“. „Mais, bon Ituelle, Euer Rücken iſt diesmal frei ausgegangen, Ihr ſolltet dankbar ſein.“ „Es fehlt ihnen an Mannſchaft und ſie wollten einen Fockmann nicht verkrüppeln,“ verſetzte Jener aus dem Granit⸗Staat; denn er wollte edeln, hochherzigen Ge⸗ fühlen nicht das geringſte anheimgeben.—„Wäre die Schiffsmannſchaft vollſtändig, ſo hätten ſie nicht ſo viel Haut auf meinem Rücken gelaffen, daß man damit das kleinſte Nadelkiſſen bedecken könnte. Ich bin ihnen daher keinen Dank ſchuldig.“ „Bien; quant à moi, ſo werde ich die Brücke ſtets loben, die mich über den Strom getragen,“ ſagte Raoul. „Monſieur Cuffe hat ein gutes Eſſen, guten Wein, gute —ν — 257— Worte, ein gutes Gemach, ein gutes Bett und einen ſehr gelegen kommenden Aufſchub gegeben.“ „Iſt dein Herz, lieber Raoul, für den letztern nicht dankerfüllt gegen Gott?“ fragte Ghita mit ſo ſanfter, zärtlicher Stimme, daß Raoul vor ihr hätte knien und ſie anbeten mögen. Nach einer kurzen Pauſe antwortete er jedoch, als wollte er es abſichtlich vermeiden, eine leichtſinnige Er⸗ wiederung zu geben. 3 „Ich habe überdies noch der Philoſophie zu gedenken,“ ſagte er.—„Sie war nicht das ſchlechteſte, was man mir in der Proſerpina auftiſchte! Ciel! Es lohnte wohl, ſich einiger Gefahr preis zu geben, um den Vortheil zu haben, ſolche Weisheit mit anzuhören. Habt Ihr ver⸗ ſtanden, wackrer Ituel, worüber die beiden Italiener unter ſich ſtritten?“. „ Ich habe ihr italieniſches Geſchnatter gehört,“ ant⸗ wortete Ituel,„glaubte aber, es handle ſich lediglich von Feſttagen und Fiſchſpeiſen. Kein vernünftiger Menſch macht einen ſolchen Lärm, wenn er etwas Geſcheidtes ſagt.“.— „Pardieu,— es war Philoſophie. Man lacht uns Franzoſen aus, weil wir es vorziehen, nach den Geſetzen der Vernunft zu leben, und nicht nach denen der Vor⸗ urtheile; und hier ſollte man hören, was dieſe Philo⸗ ſophie nennen! Du wirſt es kaum glauben, Ghita,“ fuhr Raoul fort, der ſich jetzt leichten Herzens fühlte 187— 189. 17 — 258— und der Scene voll war, welcher er kurz vorher beige⸗ wohnt hatte,„du wirſt es kaum glauben, Ghita; aber Signor Andrea, ſo klug und gelehrt er auch iſt, hat behauptet, es ſei keine Thorheit, an eine Philoſophie zu glauben, die da lehrt, nichts von Allem, was wir ſehen, ſei wirklich vorhanden, ſondern Alles ſcheine nur zu ſein. Kurz, nach ihm leben wir in einer eingebildeten Welt, die mit eingebildeten Weſen bevölkert iſt; ſchwimmen auf einer eingebildeten See und kreuzen in eingebildeten Schiffen.“ „Und all dieſer Lärm war wegen einer Idee, Capi⸗ tain Rule?“ „Ja— die Menſchen ſchlagen ſich um eine Idee, um ein eingebildetes Ding eben ſo eifrig, als um das Weſentlichſte, Ituel. Hiſt! man jagt auch eingebildeten Dingen nach, wie die Boote vor uns in dieſem Augen⸗ blicke thun.“ „Hinter uns kommen noch mehrere,“ bemerkte Carlo Giuntotardi, welcher auf die Begebniſſe umher aufmerk⸗ ſamer war, als gewöhnlich, und in Folge ſeiner gewohnten Schweigſamkeit oft hörte, was den Sinnen Anderer ent⸗ ging.—„Ich habe den Klang ihrer Ruder ſchon einige Zeit gehört.“ Alle ſchwiegen, und die beiden Seemänner hörten ſelbſt auf zu rudern, um hören zu können. Allerdings war der Klang von Riemen, ſowohl meerwärts als land⸗ ein, vernehmbar, und man konnte nicht zweifeln, daß —— 8 n ————ꝗ v* — 259— noch Verfolger hinter der Jolle ſeien. Dies brachte die Flüchtlinge gewiſſermaßen zwiſchen zwei Feuer, und Ithuel ſchlug vor, in rechten Winkeln wieder nach dem Curſe abzuhalten, um der ganzen Geſellſchaft in den Rücken zu kommen. Dem ſetzte ſich jedoch Raoul ent⸗ gegen. Nach ſeiner Anſicht waren die Boote nach hinter⸗ wärts noch ſo fern, daß man hoffen konnte, die Küſte zeitig genug zu erreichen und zu entkommen. War man an den Felſen, ſo durfte man ſich der Gefahr, in der Dunkelheit eingeholt zu werden, überhoben ſehen. Da Raoul aber vor Allem im Auge hatte, nach Ghita's Lan⸗ dung ſo bald als möglich ſeinen Logger zu erreichen, wollte er ſein Boot keiner Art Gefahr bloßſtellen. Eine kurze Berathung folgte, und man kam endlich zu dem Schluſſe, einen Mittelweg einzuſchlagen, nemlich die Straße zwiſchen Capri und Campanella in der Hoff⸗ nung zu halten, die vordern engliſchen Boote würden, wenn ſie das Cap erreichten, die Jagd als erfolglos auf⸗ geben und zu dem Schiffe zurückkehren. „Wir können dich an der Marina grande von Sor⸗ rento ausſteigen laſſen, theuerſte Ghita,“ ſagte Raoul; „von dort iſt dein Weg nach St. Agatha weder lang noch ſchwierig.“ „Denke nicht an mich, Raoul; ſetze mich an dem erſten beſten Punkte an das Land, und begib dich auf dein Schiff. Gott hat dich aus dieſer großen Noth ge⸗ rettet, und es iſt deine Pflicht, daß du dich ſo zu han⸗ 17* — 260— deln beſtrebſt, wie Er es haben will. Was mich betrifft, ſo wird mir der Weg leicht werden, wenn ich nur dich in Sicherheit weiß.“ „Engel! du denkſt nie an dich!— Aber nicht einen Fuß dieſſeit Sorrento will ich dich verlaſſen. In einer oder zwei Stunden können wir dich dorthin rudern, und dann werde ich das Gefühl haben dürfen, einer Pflicht Genüge gethan zu haben. Biſt du an dem Lande, kön⸗ nen Ituel und ich unſer kleines Segel ausſetzen und durch die zwei Inſeln in das Meer hinauslaufen. Es iſt gar nicht zu beſorgen, daß wir dies bei einer ſol⸗ chen Landkühlte nicht vermöchten; draußen laſſen wir einige Raketen in die Höhe, und erfahren ſo, wo wir das Irrlicht zu ſuchen haben.“ Ghita verſuchte noch einmal, ihm ſeinen Plan aus⸗ zureden, aber vergeblich. Raoul beſtand darauf, und ſie mußte nachgeben. Die Unterhaltung hörte jetzt auf, und die beiden Männer rührten die Riemen mit Fleiß und vielem Erfolge. Gelegentlich ließen ſie die Arme raſten, um nach dem Schall der Ruder in den Booten der Fre⸗ gatte zu lauſchen, welche ſich, wie nicht zu verkennen, alle gegen das Cap Campanella hindrängten. Die Jolle hatte zu dieſer Zeit die Landſpitze dwars ab und ging bald ſo weit in den Golf hinein, daß ſie die meiſten ihrer Verfolger, wenn nicht alle, nach hinten⸗ wärts brachte. Bei der Dunkelheit, ohne eine andere Leitung, als den Klang der Ruder, und bei ſo vielen — 261— Verfolgern herrſchte natürlich einige Unſicherheit hinſicht⸗ lich der Stellung aller feindlichen Boote; es war jedoch kaum zu bezweifeln, daß die meiſten derſelben irgend in der Nähe des Kaps Campanella halten mußten. Da Raoul wußte, daß an dem Kap ein guter Anker⸗ platz war, und ſeine Jolle raſch vorſchritt, fand er ſich und ſeine Geſellſchaft jetzt, nach ihren in der letzten Zeit beſtandenenen Gefahren in verhältnißmäßiger Si⸗ cherheit. Man ruderte länger als eine Stunde eifrig fort, und die Jolle ging raſch der Marina grande von Sor⸗ rento entgegen. Als Raoul an Maſſa vorüber war, fühlte er keine Beſorgniß mehr, und erſuchte Carlo Giuntotardi, auf die Küſte zuzuwenden, wo die Kühlte weniger Wider⸗ ſtand bot, und wo man die genaue Stellung leichter erkennen konnte. 3 Man fürchtete die Boote jetzt nicht mehr, obgleich Ithuel von Zeit zu Zeit gedämpfte Ruderſchläge zu hören glaubte. Raoul lachte über dieſe Beſorgniſſe und Winke, und verſäumte, die Wahrheit zu ſagen, von neuem ſeine Pflicht in dem ſeligen Gedanken, ſich in Ghita's Geſell⸗ ſchaft in jeder Hinſicht, das Herz ausgenommen, wieder frei zu fühlen. Auf dieſe Weiſe bewegte ſich die Jolle, obwohl mit weſentlich verminderter Eile, nach vornen, bis Ghita aus der Geſtalt der Berge und dem Hervortreten der Lampen und Lichter an der Küſte deutlich erſah, daß ſie ſich dem 252— Einſchnitte des Strandes, in welchem die Stadt Sorrento liegt, näherten. „Sobald mein Oheim und ich an der Marina grande ausgeſtiegen ſind, Raoul,“ ſagte Ghita,„wirſt du als⸗ bald mit Ithuel abſtoßen und deinen Logger aufſuchen; dann verſprichſt du mir, die Küſte zu verlaſſen?“ „Warum forderſt du Dem ein Verſprechen ab, den du nicht genug achteſt, um zu glauben, er werde es halten?“ „Dies verdiene ich nicht, Raoul; zwiſchen dir und mir iſt nie ein Verſprechen nicht gehalten worden.“ „Es iſt nicht leicht, einem Mädchen Gelübde zu brechen, das deren weder gibt noch annimmt. Einer ſo weſenloſen Treue, wie dieſe, kann ich mich nicht rühmen. Tritt mit mir vor einen Prieſter, laß mich Alles beſchwö⸗ ren, was ein Mann nur beſchwören kann, Ghita, und dann wirſt du ſehen, wie ein Seemann ſeinem Gelübde treu ſein kann.“ „und warum vor einen Prieſter? Du weißt, Raoul, daß in deinen Augen alle Verrichtungen der Kirche eitle Mummereien ſind; daß dir nichts mehr heilig iſt, um es vor dem Altare Gottes und Angeſichts eines ſeiner from⸗ men Diener zu beſchwören.“ „Jeder Eid und jedes Verſprechen, welche dir gel⸗ ten, Ghita, ſind in meinen Augen heilig. Es bedarf keines heiligen Ortes, keiner geweihten Perſon, um ſie bindender zu machen, als dies durch deine Treue und — 263— Zärtlichkeit geſchieht. Du biſt mein Prieſter— mein Altar— mein——“ „Ich bitte dich,“ rief Ghita, die fürchtete, er möchte den Namen jenes hohen Weſens ausſprechen, gegen wel⸗ ches in dieſem Augenblicke ihr Herz aus Dankbarkeit für ihres Geliebten Rettung von dem Tode überfloß.„Du kennſt den Sinn deiner Worte nicht und möchteſt etwas hinzuſetzen, das mir tiefern Schmerz machen würde, als ich ertragen kann!“ „Boot, ahoi!“ rief eine tiefe Seemannsſtimme zwanzig Schritte von ihnen, landeinwärts; der Anruf kam ganz in jener raſchen, plötzlichen, fragenden Weiſe, welche die Anſprache der Kriegsſchiffs⸗Männer auszeichnet. Eine Pauſe von einer halben Minute folgte, denn die in der Jolle waren ganz Ueberraſchung. Endlich antwortete Ithuel, welcher fühlte, daß etwas geſagt werden mußte, wenn man das fremde Boot nicht ganz an die Seite der Jolle bringen wollte, in der her⸗ kömmlichen Weiſe der Italiener. Clinch,— denn dieſer war es, der auf ſeinem Wege nach der Proſerpina die Küſte recognoscirte, um des Loggers anſichtig zu werden,— brummte unwirſch, daß er in einer fremden Sprache ſprechen mußte, wenn er das Geſpräch fortſetzen wollte; dann nahm er all' das Italieniſch zuſammen, deſſen er bei dieſer Gelegenheit Herr war. Da er aber lange auf der Station gekreuzt hatte, war dieſes für ſeinen jetzigen Zweck ausreichend. — 264— „Iſt dies ein Boot von Maſſa oder von Capri?“ fragte er. „Keines von beiden, S'nore,“ antwortete Raoul, welcher ſich fürchtete, Carlo's Gewiſſen mit der Hand⸗ habung eines ſolchen Geſprächs zu belaſten.„Wir kom⸗ men von St. Agatha, haben das Kap umfahren und brin⸗ gen Feigen nach Neapel.“ „St. Agatha,— ja, dies iſt das Dorf auf den Höhen — ich habe ſelbſt eine Nacht dort, in dem Hauſe einer gewiſſen Maria Giuntotardi, hingebracht.“ „Wer mag dies ſein?“ flüſterte Ghita.„Meine Tante hat keine Bekanntſchaft unter den Foreſtieri.“ „Ein Ingleſe, nach ſeiner plumpen Ausſprache und Accentuirung. Ich hoffe, er verlangt keine Feigen von uns zu ſeinem Nachteſſen.“ Clinch hatte in dieſem Augenblicke andere Dinge im Sinne, und verfolgte, als er weiter ſprach, nur den Gang ſeiner eigenen Gedanken. „Habt Ihr etwas von einem Logger, der wie eine Felucca ausſah,— franzöſiſch aufgetakelt und franzöſiſch bemannt, irgendwo an der Küſte herumſchleichen ſehen?“ ſetzte Clinch hinzu. „Si— er ging, als die Sonne ſich eben ſenkte, nordwärts, auf den Golf von Gaeta zu, ohne Zweifel, um ſich unter den Kanonen ſeiner Landsleute vor Anker zu legen.“ „Wenn dies der Fall iſt, wird er ſich in heißem — 265— Waſſer finden,“ antwortete Clinch auf Engliſch.„Wir haben Schiffe genug da droben, um ihn aufzuhiſſen und wieder nieder zu ducken, daß er in einer einzigen Wache ſo klein werden ſoll, wie ein Fiſcherboot.— Habt Ihr dieſen Abend in der Nähe vom Kap Campanella etwas von einer Fregatte geſehen— ich meine, von einer eng⸗ liſchen,— einer tüchtigen Sechsunddreißiger, mit drei neuen Oberſegeln?“ „Si— das Licht, das Ihr dort, gerade in einer Linie mit Capri, ſeht, iſt an ihrer Gaffel; ſie war uns den ganzen Nachmittag und Abend im Auge. In der That, ſie nahm uns freundlich um das Kap in ihr Schlepptau, bis wir wohlbehalten in dieſen Golf einlau⸗ fen konnten.“ „Dann ſeid Ihr die Leute, wie ich ſie brauche. Iſt gegen Sonnenuntergang ein Mann an ihrem Bord ge⸗ hängt worden oder nicht?“ Dieſe Frage wurde mit ſo vieler Theilnahme vorge⸗ bracht, daß Raoul den Fragenden in ſeinem Herzen ver⸗ wünſchte; denn er glaubte, der Mann brenne vor Be⸗ gierde, zu erfahren, daß man das uUrtheil an ihm voll⸗ ſtreckt habe. Auch ward er jetzt inne, daß dies das Boot ſei, welches die Proſerpina am Nachmittag verlaſſen hatte. „Ich kann Euch ſagen, S'nore, daß dies nicht ge⸗ ſchah, wenn dies Euer Herz erfreuen ſollte. Man war im Begriff, einen Mann zu hängen, als Capitain Cuffe beliebte, zu befehlen, daß man ihn wieder abnähme.“ — 266— „Als man eben drei ſchwere Kanonen von der Stadt her abfeuerte— nicht wahr?“ fragte Clinch eifrig. „Diable! Dieſer Mann muß mein Retter geweſen ſein!— Ihr habt ganz recht, S'nore— eben als man drei ſchwere Kanonenſchüſſe von Neapel her abfeuerte, obgleich ich nicht wußte, daß dieſe drei Schüſſe mit der Hinrichtung das Geringſte gemein hatten. Könnt Ihr mir ſagen, ob ſie damit zuſammen hingen?“ „Ob ſie damit zuſammen hingen!— Habe ich ſie doch mit meiner eigenen Hand abgefeuert,— ſie waren die Signale, welche der Admiral geben ließ, um dem armen Raoul Yvard, für einige Tage wenigſtens, das Leben zu friſten. Ich freue mich, daß alle meine großen Anſtrengungen, die Flotte zu erreichen, nicht verloren waren. Ich bin gar kein Freund von dieſem Hängen, Herr Italiener!“ „S'nore, ich ſehe, Ihr habt ein gutes Herz, und ſolche edle Gefühle werden einſt ihren Lohn finden. Ich wünſchte, ich wüßte den Namen eines ſo menſchlich füh⸗ lenden Mannes, um ſeiner in meinem Gebete zu ge⸗ denken.“ „Ich hätte nie geglaubt, von Capitain Rule das zu hören,“ brummte Ithuel lachend vor ſich hin. „Was meinen Namen betrifft, Freund, ſo iſt nicht viel daran. Man nennt mich Clinch— ein Name, ſo gut wie mancher andere an Bord; aber es iſt kein Griff daran, oder doch kein beſſerer, als der eines armen Teu⸗ bt — 267— fels von Maſter's Maat; und der iſt von einem Alter, wo manche Andere breite Flaggen führen.“ 3 Der Ausdruck dieſer Worte, die auf Engliſch geſagt wurden, war bitter; als ſie heraus waren, hörte der angebliche Italiener das„buona sera,“ und der Gig ſchoß abſeits. „C'est un brave!“ ſagte Raoul mit Nachdruck, als as Boot ſchied.—„Wenn ich je wieder mit Monſteur Clinch zuſammentreffe, ſoll er erfahren, daß ich ſeine guten Wünſche nicht vergeſſen habe. Peste! wenn hun⸗ dert ſolche Leute in der engliſchen Flotte wären, Ituel, würden wir ſie lieb gewinnen.“ „Es ſind feurige Schlangen, Capitain Rule, und man darf ihnen nicht trauen, ſo viel ihrer ſind. Was ſchöne Worte betrifft, ſo ſind dieſe überall wohlfeil. Die⸗ ſer Herr Clinch iſt im Allgemeinen ein ziemlich guter Burſch; aber er iſt ſelbſt ſein ſihununſter Feind wegen des Grog⸗Glaſes. „Boot, ahoi!“ rief Clinch wieder, nachdem er etwa hundert Schritte in der Richtung gegen das Kap entfernt war. Raoul und Ithuel ließen den Riemen mechaniſch ſinken, da ſie glaubten, der Maſter's Maat habe ihnen noch etwas mitzutheilen. „Boot, ahoi! Antwortet ſogleich, oder Ihr ſollt von mir hören!“ wiederholte Clinch. „Ja— ja!“ verſetzte eine zweite Stimme, welche keine andere, als die Yelverton's war.„Clinch, ſeid Ihr's?“ ſollte doch Eure Stimme kennen, Herr?“ „Ja,— ja, Herr— Herr Yelverton, nicht? Ich „Ihr habt ganz recht: aber macht keinen Lärm— wen habt Ihr dieſen Augenblick gebraiet?“ Clinch begann zu antworten, da ſich aber die beiden Gigs während dieſer Zeit immer mehr genähert hatten, ſo war es bald unnöthig, ſo laut zu ſprechen, daß man es in einiger Entfernung hören konnte. Dieſe ganze Zeit lagen Raoul und Ithuel an ihren Rudern; ſie fürchteten beinahe das Waſſer zu berühren, und lauſchten mit einer Aufmerkſamkeit, die faſt athem⸗ los war. Bald überzeugten ſie ſich, daß die Ruder der Engländer jetzt verhüllt waren,— ein Zeichen, daß es ihnen mit der Jagd jetzt voller Ernſt war, und daß ſie die Küſte gründlich durchſtreifen wollten. Die beiden Gigs konnten nicht mehr als hundert Schritte von der Jolle entfernt ſein, und Ithuel wußte, daß ſie die zwei ſchnellſten Ruderboote in der engliſchen Flotte waren,— ſo ſchnell in der That, daß Cuffe und ſein Lieutenant gegen die Offiziere der verſchiedenen Schiffe mehrere Wetten gewonnen hatten. „Stille!“ ſagte Ghita, deren Herz zu ſpringen drohte.—„Ach, Raoul, ſie kommen!“ und ſie kamen allerdings, und mit großer Schnellig⸗ keit. So ſorgfältig aber war der Riemenſchlag, daß ſie bis auf hundert Fuß an die Jolle herankamen, ehe Raoul — 269— und ſeine Gefährten es gewahr wurden, und dann ihre eigenen Riemen wieder in das Waſſer tauchten. Jetzt konnte man die Gigs bereits ſchwach ſehen, obgleich die Schatten der Küſte die Dunkelheit der Nacht noch erhöheten, ſo daß die Gegenſtände ſelbſt in geringe⸗ rer Entfernung ganz unbeſtimmt wurden. Das Plötzliche und Bedrohliche der Gefahr ſchien alles aufzuregen, was Carlo Giuntotardi an Leben in ſich hatte. Er ſteuerte,— und er ſteuerte gut, denn er hatte ſo lange an der Küſte gelebt, daß er dieſe Kunſt vollkommen inne hatte; und er hielt landein auf die Felſen ab, in der doppelten Abſicht, zu landen, wenn es nöthig, oder noch tiefer in die Schatten zu treten. Bald war kein Zweiſel mehr vorhanden, daß die Engländer Vorſprung gewannen. Vier Ruder gegen zwei war ein mächtiger Unterſchied, und es war einleuch⸗ tend, daß die Jolle eingeholt werden würde. „O, lieber Oheim, auf den Bogen und die Waſſer⸗ grotte des Kaps zu!“ flüſterte Ghita und drückte ihre Hände auf ihre Bruſt, als wenn ſie ihre Erregung nie⸗ derpreſſen wollte.—„Das kann ihn noch retten!“ Die Jolle war im Begriff, um die Felſen zu wir⸗ beln, welche die tiefe Einbuchtung bilden, an der die Marina grande von Sorrento liegt. Carlo erfaßte den Gedanken des Mädchens und hielt ſeine Ruderpinne ganz an Backbord, zugleich bedeutete er Raoul und Ithuel, ihre Riemen ſo ſchnell als möglich einzunehmen. Dieſe — 270— gehorchten, indem ſie meinten, er beabſichtige zu landen und auf den Höhen Schutz zu ſuchen. Als ſie aber eben glaubten, das Boot ſei im Begriffe, gegen einen der ſenk⸗ rechten Felſen anzuſtoßen, und Raoul ſein Erſtaunen aus⸗ ſprechen wollte, daß er einen ſolchen Platz zum Landen wähle, gleitete es durch einen niedrigen Felſenbogen und trat in ein ſchmales Waſſerbecken, geräuſchlos, wie eine auf dem Bache ſchwimmende Blaſe. In der nächſten Minute kamen die zwei Gigs brau⸗ ſend um die Felſen; der eine ſchoß nahe an der Küſte daher, um die Flüchtlinge am Landen zu hindern, und der andere ging quer durch die Bucht. Noch eine Minute, und ſie waren hundert Schritte nach vornen und man hörte nichts mehr von ihren Bewegungen. Elftes Kapitel. — Und du, vor Allen, hoher Geiſt, Dem reine, edle Herzen lieber ſind, Als alle Tempel, ſei mein Lehrer; denn Du kannſt es ſein.. Milton. Die Stelle, wohin ſich Carlo Giuntotardi geflüch⸗ tet hatte, iſt an den Sorrentiner Küſten als die Waſſer⸗ grotte, bei den Trümmern des Landhauſes der Königin Anna, wohl bekannt. Eine Grotte iſt es eigentlich nicht, — 271— obgleich der Eingang durch einen niedrigen Felſenbogen führt; denn das Waſſerbecken iſt dem Himmel geöffnet, und der Ort gleicht einem kleinen künſtlichen Behälter, wo Boote Schutz finden, und denen der natürliche Ein⸗ gang zu ſtatten kommt. Der Urſprung dieſes kleinen Hafens ſei, welcher er wolle, die Kunſt hätte keinen paſſenderen und zumal ſicherern Zufluchtsort erſinnen können, als er unſern Flüchtlingen in einem ſehr bedenklichen Augenblicke dar⸗ bot. Als das Boot einmal durch den Bogen war, wär' es ſelbſt am hellen Mittags⸗Sonnenlichte vor ſeinen Ver⸗ folgern geborgen geweſen, und Niemand, der mit der ſeltſamen Einfahrt nicht bekannt war, würde auch nur geahnt haben, daß ein Boot in den Felſen des Vorge⸗ birgs ſo zu ſagen begraben liege. Weder Ghita noch ihr Oheim fühlten jetzt die geringſte Beſorgniß mehr; die erſtere erklärte ſofort, ſie wolle hier das Boot verlaſſen, und verſicherte Raoul, ſie könne den Weg, welcher zu dem Saumpfad nach St. Agata führe, leicht finden. Die verzweifelte Hitze der eben beſtandenen Jagd, die frühere faſt wunderbare Errettung von dem Tode und die Nothwendigkeit, nun von der Geliebten Abſchied zu nehmen, machten unſern Helden traurig, wenn nicht düſter. Er konnte Ghita nicht auffordern, ſeine Gefah⸗ ren länger zu theilen, und doch fühlte er, wenn er ſie jetzt ſcheiden ließe, würde die Trennung eine ewige ſein. — 22— Er wagte es aber nicht, ſich ihrem Entſchluſſe zu wider⸗ ſetzen; Ithuel erhielt den Auftrag, bei dem Boote zu bleiben, während er ſich anſchickte, Ghita durch die Klüfte an den Seiten des Beckens hinauf zu geleiten und ſie bis zu dem erwähnten Saumpfad zu bringen. Carlo ging beiden voran und ſagte ſeiner Nichte, ſie würde ihn in einer an dem Wege gelegenen, ihnen beiden wohlbe⸗ kannten Hütte wieder finden. Die Dunkelheit war ſo groß, daß das Gehen beſchwer⸗ lich wurde, und Raoul und Ghita verfolgten langſam ihren Weg die Felſen entlang; beide bedrängte daſſelbe Schmer⸗ gefühl über die Trennung, obgleich ſie der Zukunft mit ganz verſchiedenem Auge entgegen ſahen. Das Mädchen nahm des jungen Mannes Arm ohne Zögern, und es herrſchte eine Zärtlichkeit in dem Tone ihrer Stimme und in ihrem ganzen Weſen, welche verrieth, wie nahe ihr Herz bei dem, was vorging, betheiligt war. Aber die Vernunft war die ſtete Leiterin ihres Geiſtes, und ſie beſchloß, jetzt offen und der Lage der Dinge gemäß zu ſprechen. „Raoul,“ ſagte ſie, nachdem ſie einer, jener glühen⸗ den Liebeserklärungen gelauſcht hatte, welche einem Weſen von ſo liebevollem und treuem Herzen beſonders ſüß klingen mußte, obgleich ſie die Nothwendigkeit tief fühlte, die wohlthuende Bewerbung zurück zu weiſen,„dies kann nicht länger ſo bleiben. Ich kann die Scenen, welche in der letzten Zeit an mir vorüber gingen, nicht mehr durch⸗ leben, noch dir erlauben, dich ſolchen furchtbaren Ge⸗ fahren preis zu geben. Je eher wir uns verſtändigen, und ich darf ſagen, je eher wir uns trennen, deſto klüger, deſto beſſer wird es für unſer beiderſeitiges Wohl ſein. Ich muß mich tadeln, daß ich dieſes Verhältniß ſo lange duldete und ſo weit kommen ließ.“ „Und ſo ſpricht ein ſeelenvolles, italieniſches Mädchen von achtzehn Jahren, welches aus einem Lande ſtammt, wo man ſich rühmt, daß das Herz wärmer ſei, als ſelbſt die Sonne; welches einem Geſchlechte angehört, in dem man kaum eine,— oui, nicht eine einzige— findet, die nicht bereit wäre, Heimath, Vaterland, Hoff⸗ nungen, Glücksgüter— ja, ſelbſt das Leben hingäbe, um den Mann glücklich zu machen, welcher ſie unter ihren Geſpielinnen gewählt hat!“ „Es würde mir leicht werden, all dies zu thun, Raoul— si; ich glauhbe, ich könnte Alles, was du da genannt haſt, hinopfern, um dich glücklich zu machen. Eine Heimath habe ich nicht, man müßte denn des Fürſten Thürme ſo nennen; mein Vaterland iſt mir, wie ich ſeit dem traurigen Begebniſſe dieſer Woche fühle, für immer verloren; Hoffnungen gibt es für mich wenige in der Welt, mit denen dein Bild nicht verſchmolzen wäre; aber die, welche meinem Herzen einſt ſo theuer waren, ſind, fürchte ich, jetzt dahin; du weißt, daß ich keine Glücks⸗ güter habe, welche mich bewegen könnten, zu bleiben, oder dich zu feſſeln vermöchten; und was mein Leben 187— 189. 18 — 274— betrifft, ſo fürchte ich, es wird bald werthlos— weiß ich, es wird elend ſein.“ „Warum entſcheideſt du dich alſo nicht ſofort, theu⸗ erſte Ghita, die Laſt deines Grames auf die Schultern Deſſen zu wälzen, der Kraft genug hat, ſie zu tragen? Dein Herz hängt nicht an dem Rande der Kleidung, der äußern Erſcheinung, und du würdeſt dem ärmſten Lazza⸗ rone deine Hand geben, wenn du wüßteſt, daß er das Herz an der rechten Stelle hat. Du wirſt mich nicht verſchmähen, weil ich nicht geſchmückt bin, wie es dem Hochzeiter ziemt. Nichts iſt leichter, als in den Klöſtern dieſer Gegend einen Altar und einen Prieſter zu finden, und die Stunde des Meſſeleſens iſt nicht mehr ferne. Gib mir ein Recht auf deine Hand und ich werde dir einen Ort nennen, wo wir uns treffen, mit dem Logger morgen Nacht einlaufen und dich im Triumphe nach unſerer heitern Provence bringen, wo du Herzen ſo ge⸗ fühlvoll, wie das deinige findeſt, dich freudig zu bewill⸗ kommen und dich Schweſter zu nennen.“ Raoul's ganzes Weſen war ernſt und ſeine Bieder⸗ keit nicht in Zweifel zu ziehen; obgleich ein Lächeln der Selbſtzufriedenheit über ſein Antlitz flog, als er auf ſeine jetzige perſönliche Erſcheinung anſpielte; denn er kannte ſeine Vorzüge in dieſer Beziehung trotz der Lazza⸗ roni's Tracht zu gut. „Dringe nicht in mich, Raoul,“ antwortete Ghita, ſchloß ſich aber, ohne es zu wiſſen, inniger an ihn an, und Schmerz und Liebe zumal ſprachen ſich ſelbſt in dem Klang ihrer Stimme aus.—„Dringe nicht in mich, lieber Raoul; es iſt unmöglich. Ich habe dir bereits geſagt, welche Kluft zwiſchen uns liegt; du willſt ſie nicht überſpringen, um mein zu werden, und ich kann ſie nicht überſpringen, um dein zu werden. Nur ſie konnte uns trennen,— aber in meinen Augen wird ſie von Stunde zu Stunde breiter und tiefer.“ „Ha, Ghita, du täuſcheſt mich und dich: wären deine Gefühle, wie du ſagſt, nichts auf Erden könnte dich veranlaſſen, mich von dir zu weiſen.“ „Es iſt auch nichts auf Erden, was mich dazu treibt; es iſt Der über der Erde und über allem, was ſie um⸗ faßt, Raoul!“ „Peste! dieſe Geiſtlichen ſind wahre Geißeln, welche geſchickt worden ſind, den Menſchen in jeder Geſtalt zu quälen. Sie ſchärfen ſchwere Lehren in der Jugend ein, predigen Enthaltſambeit in der Jugend, und machen uns abergläubiſch und einfältig im Alter. Ich wundere mich nicht, daß meine wackern Landsleute ſie aus Frankreich gejagt haben. Sie thaten nichts als gleich Heuſchrecken freſſen und die Reize der Schöpfung verunſtalten.“ „Raoul,— du ſprichſt von den Dienern Gottes!“ bemerkte Ghita ſanft, aber ſchwermuthsvoll. „Vergib mir, liebſte Ghita; ich fühle mich von Un⸗ geduld übermannt, wenn ich bedenke, welche Kleinigkeit uns zu trennen droht. Du ſagſt, du liebſt mich?“ 3 18* 276— „Ich ſag' es nicht, Raoul, ich fühle es tief und, ich fürchte, ſchmerzlich.“ „Wie kann nur ein Mädchen von ſolcher Geradheit des Charakters, von einem ſo zärtlichen Herzen und ſo treuer Seele zugeben, daß etwas Untergeordnetes ſie von dem Manne ihrer Wahl trenne?“ „Es iſt nichts untergeordnetes, Raoul,— es ſteht oben an! O, könnte ich dich lehren, ſo zu denken; ich habe zwiſchen dir und Gott zu wählen; wär' es etwas Anderes, möchteſt du leicht den Sieg davon tragen.“ „Warum bekümmerſt du dich überhaupt um meine Religion? Gibt es nicht tauſende von Frauen, die ihre Männer ihr Ave beten heißen, während ihre Männer an Alles denken, nur nicht an den Himmel? Wir Beide können über dieſen Unterſchied wegſehen; Andere ſehen auch darüber weg, und doch vereinigt ſie nur Ein Herz. Ich würde dir in deiner frommen Andacht nie läſtig werden, Ghita!“ „Ach, Raoul, ich fürchte dies nicht,— ich fürchte für mich ſelbſt,“ antwortete das Mädchen mit naſſen Augen, obgleich ſie bemüht war, das Schluchzen zu unter⸗ drücken, das ſich ihrer Bruſt entkämpfte.„Man ſagt, ein gegen ſich getheiltes Haus könne nicht ſtehen; wie ſoll aber ein Herz, das deiner voll iſt, Raum für die Liebe finden, die es ſeinem Schöpfer ſchuldig iſt? Wenn der Gatte nur der Welt lebt, wird es dem Weibe ſchwer, an den Himmel zu denken, wie ſie es ſollte.“ 4 —— — 277— Das Gefühl, welches Ghita verrieth, rührte Raoul tief, während er ſie wegen der vertrauensvollen Offenheit, mit welcher ſie ihm dieſe Gewalt über ihr Herz einge⸗ ſtand, hätte anbeten mögen. In ſeiner Antwort war ein verführeriſches, zärtliches Etwas, das bewies, daß er des ſeltſamen Kampfes, welchen er in einer ſo zarten Bruſt hervorgerufen, nicht ganz unwürdig war. „Dein Gott wird dich nie verlaſſen, Ghita,“ ſagte er;„du haſt nichts zu fürchten als meine Gattin, oder als die Gattin jedes Andern. Nur die äußerſte Rohheit kann es ſich einfallen laſſen, dich in deiner Andacht zu ſtören, oder dir in irgend Etwas, was du für nöthig oder ſchicklich erachteſt, entgegen zu treten. Ich würde mir eher die Zunge aus dem Munde reißen, als einen Vorwurf, einen Hohn oder einen Scherz laut werden zu laſſen, der dir peinlich wäre, nachdem ich einmal ge⸗ fühlt, daß du dich meinem Schutze anvertraut hätteſt. Alles, was ich geſagt habe, rührt von dem Wunſche her, du möchteſt mich in einer Sache, welche, wie ich weiß, dir wichtig iſt, nicht mißkennen.“ „Ach, Raoul, wie wenig kennſt du das weibliche Herz! Wenn deine Gewalt über mich heute ſo groß iſt, daß ſie mich faſt meinen höchſten Pflichten zu entfremden vermag, wie würde ſie ſich ſteigern, wenn die Zärtlich⸗ keit des Mädchens ſich in die allverzehrende Liebe der Gattin verwandelt? Ich finde es jetzt ſchon ſchwer, die Liebe, welche ich Gott ſchuldig bin, mit dem mächtigen — 2— Gefühle in Eintracht zu bringen, welches du in meinem Herzen erzeugt haſt. Ein Jahr im Eheſtande würde mehr Gefahr herbeiführen, als ich dir in Worten aus⸗ drücken kann.“ 3 „Und dann iſt deine Furcht, deines Seelenheils ver⸗ luſtig zu werden, ſtärker als deine irdiſchen Neigungen.“ „Nein, Raoul, es iſt nicht das. Ich bin nicht ſelbſtſüchtig oder in Betreff meiner feig, hoff' ich; auch glaube ich überhaupt nicht an irgend eine Strafe, welche Die treffen könnte, welche ungläubig heirathen. Ich fürchte nur das Einzige, ich möchte lernen, meinen Gott weniger zu lieben, als ich ihn jetzt liebe, oder als das Geſchöpf ſeiner Gnade ihn lieben ſollte.“ „Du ſprichſt, als ob das Weſen, welches du anbe⸗ teſt, auf den Menſchen eiferſüchtig werden könnte. Ich habe ſtets gehört, die Liebe zur Gottheit und die Liebe, welche wir uns gegenſeitig weihen, ſeien ganz verſchiedene Dinge. Ich ſehe in der That nicht ein, wie ſie ſich feindlich begegnen können.“ „Nichts kann ſich unähnlicher ſein, Raoul; und dennoch kann eine die andere mindern, wenn nicht ganz vernichten. O! wenn du nur glauben wollteſt, daß dein Erlöſer dein Gott ſei, wenn du nur todt für ſeine Liebe, und nicht thätig gegen ihn wäreſt, ich könnte noch vieles, alles hoffen! Aber ich wage es nicht, alle meine irdiſchen Pflichten Jemanden hinzuopfern, der ein offener Feind meines erhabenen Schöpfers und Erlöſers iſt.“ 279— „Ghita, ich will— ich kann dich nicht täuſchen— ich überlaſſe dies den Prieſtern. Du kennſt meine An⸗ ſichten und mußt mich nehmen, wie ich bin, oder mich ganz verſchmähen. Dies ſage ich, obgleich ich fühle, daß getäuſchte Hoffnung, wenn du in deiner Grauſamkeit beharreſt, mich zu irgend einer verzweifelten That brin⸗ gen wird, die mich den Edelmuth dieſer Engländer noch einmal auf die Probe ſtellen läßt.“ „Sage dies nicht, Raoul; ſei vorſichtig, deines Va⸗ terlandes wegen—“ „Nicht deinetwegen, Ghita?“ „Ja, Raoul,— auch meinetwegen. Ich will es nicht in Abrede ſtellen, daß ich unendlich glücklicher ſein werde, wenn ich erfahre, daß es dir wohl ergeht und daß dein Herz in Frieden iſt. Selbſt als Feind meines Vaterlandes werde ich dich ſtets mit Vergnügen, fürcht' ich, ſiegreich nennen hören. Doch— hier iſt der Saum⸗ pfad— dort die Hütte, wo mein Oheim auf mich war⸗ tet,— wir müſſen ſcheiden. Der Himmel ſei mit dir, Raoul— meine Gebete werden deiner voll ſein. Setze dich— ich bitte— ſetze dich meinetwegen keiner Gefahr mehr aus, wenn aber——“ Das Herz des NMädchens war ſo voll, daß ſie zu erſticken glaubte. Raoul lauſchte eifrig auf das nächſte Wort, aber er lauſchte vergebens. „Wenn— was, Ghita? Du warſt im Begriffe, etwas Ermuthigendes zu ſagen.“ — 280— „O, wie hoffe ich, daß dem ſo ſei, mein guter Raoul! Ich wollte hinzuſetzen, wenn Gott je dein Herz rühren ſollte, und du als Gläubiger vor ſeinen Altar träteſt mit einem Weſen an deiner Seite, das bereit iſt und wünſcht, dir alles, alles, nur nicht ſeine Liebe zu dem Weſen, welchem es ſein Daſein dankt, und in deſſen Hand die Schätze ſeines künftigen Glückes liegen, zu opfern, dann ſuche Ghita auf, und du wirſt die finden, welche du ſuchſt.“ Raoul breitete ſeine Arme aus, um das zärtliche Mädchen an ſeine Bruſt zu ſchließen; ſie wich ihm aber, gegen ſich ſelbſt mißtrauiſch, aus, und floh den Pfad entlang, als ob ſie fürchte, verfolgt zu werden. Der junge Mann ſtand einen Augenblick, faſt geneigt, zu folgen; aber die Klugheit äußerte ihren Einfluß und er gedachte der Nothwendigkeit, einen ſichern Ort zu erreichen, ſo lang' es noch Nacht war. Die Zukunft bot ſich ſeinem Blicke noch hoffnungsreich dar, und dieſe Hoffnung ließ ihn andern Gelegenheiten, ſeine Bewer⸗ bung geltend zu machen, entgegen ſehen. Raoul Yvard kannte aber Ghita Carraccioli ſo hoch er ſie auch ſtellte, nur wenig. Allerdings war ihr gan⸗ zes Weſen weibliches Gefühl, und ihr Herz beſonders ganz von Zärtlichkeit für ihn erfüllt; aber ihre Ehrfurcht vor Gott hatte jenen ausdauernden Charakter, der bis zu dem Ende aushält. In Allem, was ſie ſagte und fühlte, war ſie die Wahrheit ſelbſt, und während keine falſche Scham ſie dahin bringen konnte, ihre Anhänglich⸗ keit zu verbergen, beſaß ſie eine Kraft und Stärke der Grundſätze, welche alle Angriffe der Welt zu nichte machten. Unſer Held fand Ithuel in dem Boote, vollkommen ſicher, entſchlafen. Der Granit⸗Mann kannte ſeine Lage genau, und da er vorher ſah, daß er eine lange Zeit an dem Ruder hinbringen müſſe, hatte er ſich in dem Spie⸗ gel des Bootes ruhig niedergelegt, und den Schlaf ſo ſorglos erwartet, als läg' er in ſeiner Hängematte an Bord des Irrlichts. Mit Mühe wurde er aufgerüttelt, und mit Widerwillen ging er an das Ruder. Raoul hatte, ehe er die Klüftung niedergeſtiegen, von den Felſen oben das Waſſer überblickt. Eifrig lauſchte er, ob er keinen Ton höre, der von den engliſchen Boo⸗ ten kommen konnte; es war jedoch in der Dunkelheit nichts zu ſehen, während die Entfernung oder die Vor⸗ ſicht es unmöglich machte, das Geringſte zu hören. Ueberzeugt, daß nach der Meeresſeite hin alles ſicher ſei, beſchloß er, in den Golf zu rudern, einen Umweg zu machen, um ſeinen Feinden zu entgehen und dann weſtwärts abzuhalten, in der Hoffnung, ſeinen Logger auf der Höhe des Meeres zu finden. Da die Landkühlte jetzt bedeutend und die Jolle nun um ſo viel leichter war, zweifelte er kaum, ſeine Abſicht, wenigſtens inſofern erreichen zu können, als er lange vor Tagesanbruch dem Feinde aus dem Geſichte zu ſein erwarten durfte. „Pardieu, Ituelle!“ rief Raoul, nachdem er den 282— Amerikaner zum dritten Male gerüttelt hatte,„Ihr ſchlaft wie ein Mönch, der bezahlt wird, um die Mit⸗ ternachtsmette zu halten. Kommt, Freund, unſere Reiſe⸗ zeit iſt jetzt gekommen; draußen iſt Alles ſicher.“ „Nun, die Natur iſt, ſagt man, eine gute Arbei⸗ terin, Capitain Rule,“ antwortete Ithuel, der gähnte und ſich die Augen rieb;„und nie hat ſie ein ſchönes Verſteck gebildet, als dieſes hier. Man ſchläft ſo ruhig hier. Hei ho! Ich glaube, wir müſſen die Riemen tüch⸗ tig rühren, ſonſt verlieren wir unſere Paſſage nach Frank⸗ reich zurück. Haltet hierher, Capitain Rule— hier— hier iſt die Höhle, die faſt eben ſo ſchwer zu finden iſt, als es ſein mag, ein Tau in ein Nadelöhr zu bringen. So, einen tüchtigen Strich und die Jolle läuft in das offene Waſſer hinaus.“ Raoul that, wie er geheißen worden. Ithuel griff an die Pinne, die Jolle gleitete durch die Bogenöffnung und fühlte die lange Grundwelle des herrlichen Golfs. Die beiden Abenteurer blickten, als ſie aus ihrem Verſteck waren, nicht ohne Beſorgniß ringsum; aber die Dunkelheit war ſo groß, daß man auf der Oberfläche des Waſſers nichts gewahren konnte. Das Licht, das den Gipfel des Veſuvs dann und wann überglänzte, glich ſtarkem Wetterleuchten, und würde die Lage dieſes be⸗ rühmten Berges deutlich angezeigt haben, wären ſeine dunkeln Umriſſe, die wie eine ſchwarze Maſſe vor dem Golfe ſtanden, nicht ſichtbar geweſen. Auch die zerklüf⸗ — 283— teten Bergſpitzen hinter und über Caſtelamare, ſo wie der ganze Zug der näheren Küſte lagen deutlich da; die gegenüber aber erkannte man nur an dem ſchwachen Schimmer von vielen tauſend Lichtern, welche drüben auf der andern Seite des ruhigen, großen Waſſerbeckens, wie Sterne in nebliger Nacht, auffunkelten und ver⸗ ſchwanden. Auf dem Golfe ſelbſt war nichts zu entdecken; eben ſo wenig an der nächſten Küſte, wo die Schatten der Felſen Alles in dichte Nacht hüllten. Nachdem die Männer faſt eine Minute ſchweigend um ſich geſchaut hatten, griffen ſie zu ihren Riemen und begannen gerade unter der Landſpitze abzurudern, in der Abſicht, ſich einen freien Raum zu ſchaffen, ehe ſie ihre kleinen Segel ausſetzten. Als ſie heraus waren, hörten ſie mit Schrecken den ſchweren Schlag eines Segels ganz nahe, und beide wen⸗ deten ſich inſtinetmäßig, um vorwärts zu ſchauen. Dort hielt wirklich ein Schiff gerade landwärts herein, und drohte ſelbſt, ihren Curs zu kreuzen. Es lag dicht am Wind, ſeine Backbordhalſen landeinwärts, und hatte augenſcheinlich ſo eben erſt alle Segel in der Erwartung gewendet, an dem Kap zu luven, ohne durch den Wind wenden zu müſſen. Wenn ihm dies gelang, ſo war es im Stande, bis unter die Klippen von der Stadt Sor⸗ rento heran zu gehen. Dies war in der That ſeine Ab⸗ ſicht; denn es wendete abermals alle ſeine Segel. „Peste!“ murmelte Raoul;„das iſt ein kühner — 284— Pilote; er liebt die Klippen, als wären ſie ſeine Wiege. Wir müſſen ruhig liegen, Ithuel, und ihn vorüber laſ⸗ ſen; er könnte uns ſonſt bedrohlich werden.“ „Es wird wohl das Klügſte ſein, Capitain Rule, obgleich ich das Fahrzeug für kein engliſches halte. Hört! das Rauſchen unter ſeinem Bug iſt wie das eines Meſ⸗ ſers, das eine reife Waſſer⸗Melone durchſchneidet.“ „Mon Feu-Follet!“ rief Raoul, ſprang auf und breitete die Arme aus, als wollte er das geliebte Fahr⸗ zeug an ſeine Bruſt drücken.„Jtuell, ſie ſuchen uns denn wir ſind lange ausgeblieben.“ Das fremde Schiff kam raſch näher; als ſeine Um⸗ riſſe ſichtbar wurden, war ein Verkennen nicht mehr möglich. Die zwei ungeheuern Logge, der kleine Jigger, der Rumpf und die ganze feenhafte Geſtalt trat ſchwach vor das Auge, wie der ſchnellbeſchwingte Vogel Farben und Geſtalt bekommt, wenn er aus der tiefen Himmels⸗ bläue niederſchwebt. Das Schiff war nur hundert Schritte entfernt; noch eine Minute, und es mußte vorüber ſein. „Vive la république!“ ſagte Raoul vernehmbar, obgleich er fürchtete, ſeine Stimme zum Anruf zu laut zu erheben. Abermals ſchlug das Segeltuch an, und das Trap⸗ peln von Füßen auf dem Decke wurde hörbar; dann wendete es reißend in den Wind, fünfzig Fuß von der Jolle. Raoul beachtete die Bewegung ſorgſam, und wäh⸗ rend es faſt triftig war, hielt er an der Seite und hatte — 285— ein Tau gefaßt. Im nächſten Augenblicke war er an Bord ſeines Loggers. Raoul betrat das Deck ſeines Loggers wieder mit dem Stolze eines Monarchen, der auf ſeinen Thron ſteigt. Der Segel Raſchheit gewiß, und im Bewußtſein ſeiner eigenen Geſchicklichkeit, war dieſer wackere See⸗ mann gegen den Umſtand, daß er ſich von mächtigen Feinden umgeben wußte, vollkommen gleichgültig. Wind und Stunde waren günſtig und kein Gefühl irgend einer Beſorgniß trübte die Wonne dieſes glücklichen Augenblicks. Die Verſtändigungen zwiſchen ihm und ſeinem erſten Lieutenant, Pintard, waren kurz und klar. Das Irrlicht hatte mit geſenkten Segeln— eine Einrichtung, in wel⸗ cher ein Fahrzeug von des Loggers Takelage und niedri⸗ drigem Bau nicht weiter als auf etwa zwei Stunden geſehen werden konnte— von dem Lande abgehalten, bis hinreichende Zeit verfloſſen war, worauf es dem Golf von Salerno entgegen ging, um der Signale von den Höhen des Dorfes St. Agatha gewärtig zu ſein. Da es kaum ſah, ging es, wie bereits gemeldet, wieder hinaus in die See und ſtreifte die Küſte entlang, in der Hoff⸗ nung, Nachrichten zu erhalten. Obgleich es von den Feinden nicht geſehen werden konnte, erblickte es die drei Kreuzer, die auf dem Ausguck waren, und große Unbehaglichkeit herrſchte an Bord in Betreff des Schick⸗ ſals der Abweſenden. Am Nachmittage dieſes Tages war der Logger dicht — 286— an die Nordweſtſeite von Iſchia hinangetreten und hatte in der Dämmerung dieſe Inſel umſchifft, als beabſichtige er, zu Bajä zu landen, einem Hafen, in welchem ſich gewöhnlich verbündete Kreuzer fanden; da der Wind aber vom Lande her blies, hielt er ab, ging zwiſchen Procida und Miſene durch, und kam etwa drei Stunden vor ſei⸗ nem Zuſammentreffen mit Raoul in dem Golf von Nea⸗ pel heraus, in der Abſicht, die ganze entgegengeſetzte Küſte zu unterſuchen, um der Jolle anſichtig zu werden. Er hatte das Licht an der Gaffel der Proſerpina geſehen, und daſſelbe anfangs für ein Signal pon dem vermißten Boote gehalten. Um ſich deſſen zu vergewiſſern, hatte man mit dem Logger weggehalten, bis die Nachtgläſer ein Schiff verkündigten; man brachte ihn jetzt in den Wind, machte nach und nach zwei bis drei halbe Schwen⸗ kungen, um das Kap, wo ſein Capitain ein Verſteck gefunden, zu umſegeln; denn die Marina Grande von Sorrento war von unſerm Helden in ſeinen letzten Inſtruc⸗ tionen als einer der Zuſammenkunftsorte genannt worden. Als Raoul ſo unerwartet auf dem Deck des Loggers erſchien, ſah man Alles in Bewegung, um ihn zu bewill⸗ kommen, und die Theilnahme war allgemein und wohl⸗ thuend. Er beſaß alle Eigenſchaften, ſeiner Mannſchaſt Liebe einzuflößen. Tapfer, kühn, thätig, großmüthig und zartfühiend— machten ihn dieſe Eigenſchaften in einem Grade beliebt, wie es ſelbſt bei dieſem ritterlichen Volke auf Schiffen ſehr ungewöhnlich iſt. Der franzöſiſche Seemann erträgt Vertraulichkeit leichter, als ſein großer Nebenbuhler und Nachbar, der Engländer; und es war für unſern Helden etwas ganz Natürliches, ſich offen und frei gegen Jeden zu zeigen, mochte ſein Stand ein höherer oder niedrigerer ſein, als ſein eigener. Die Menſchen, mit welchen man es zu thun hatte, waren nicht ſo rauh und ſchwierig zu behan⸗ deln, wie die angelſächſiſche Race, und der gerade, unum⸗ wundene Charakter Raoul's war gar abſonderlich geeig⸗ net, ihm die Bewunderung und die Liebe ſeiner Leute zu gewinnen. Ohne Scheu und Rückhalt drängten ſie ſich jetzt um ihn her, und jeder beeiferte ſich, ſeine guten Wünſche vorzutragen, ſeine Freude laut werden zu laſſen. „Ich habe euch lange um das Feuer tanzen laſſen, Kameraden,“ ſagte Raoul, von den Beweiſen der An⸗ hänglichkeit, die er erhielt, gerührt;„aber wir wollen uns jetzt rächen. In dieſem Augenblicke ſtreifen engliſche Boote die Küſte entlang, die mich zu jagen auszogen; wir wollen ſuchen, eines oder zwei derſelben aufzufan⸗ gen, um ſie wiſſen zu laſſen, daß es noch ein Schiff gibt, wie das Irrlicht.“ Ein Freudenruf hallte wider. Ein alter Quartiermei⸗ ſter, von welchem unſer Held ſeinen erſten Unterricht in der Schiffahrtskunde erhalten hatte, ſchob ſich durch das Gedränge und ließ ſeine Fragen mit einer Art gebieteri⸗ ſcher Stimme laut werden. — 288— „Mon Capitaine,“ ſagte er,„ſeid Ihr bei den Eng⸗ ländern geweſen?“ „Ja, Benoit,— etwas näher, als mir lieb war. Die Wahrheit zu geſtehen,— der Grund, warum Ihr mich nicht früher unter Euch geſehen, iſt der, daß ich meine Zeit an Bord unſerer alten Freundin, der Pro⸗ ſerpina, hinbrachte. Ihre Offiziere und das Schiffsvolk wollten meiner Geſellſchaft nicht verluſtig werden, nachdem ſie einmal das Glück hatten, ſich derſelben zu erfreuen.“ „Peste, mon Capitaine— wart Ihr gefangen?“ „Etwas der Art, Benoit. Wenigſtens hatten ſie mich auf einem Rüſterwerk mit einem Seile um den Hals, und waren im Begriff, mich als Spion an der Raa baumeln zu laſſen, als ein paar glückliche Kanonen⸗ ſchüſſe von Nelſon, da droben von der Stadt her, ihnen befahlen, mich herabzulaſſen. Da ich keine Freude an ſolchen Ergötzlichkeiten hatte und mein liebes Feu-Follet wieder zu ſehen verlangte, beſtiegen Ituel und ich die Jolle und verließen ſie mit dem Vorſatze, wieder zu kom⸗ men und uns hängen zu laſſen, wenn wir einmal nichts beſſer zu thun hätten.“ Dieſer Bericht machte eine Erläuterung nöthig, welche Raoul in möglichſter Kürze gab, und dann erhielt die Mannſchaft Befehl, auf ihre Plätze zu gehen, damit der Logger gehörig bedient würde. In den nächſten Minuten füllten ſich die Segel auf — 289— der Backbordſeite, wie vorher, und das Irrlicht zog wie⸗ der nach vornen und hielt auf die Klippen ab. „In der Nähe von Capri bewegt ſich ein Licht, mon Capitaine,“ ſagte der erſte Lieutenant,„ich glaube, es brennt an Bord eines feindlichen Schiffes. Sie ſind in dieſem Golfe ſo zahlreich wie die Möwen.“ „Ihr habt ganz recht, Monſieur. Es iſt die Pro⸗ ſerpina; ſie hat die Laterne für ihre Boote ausgehängt; indeſſen ſteht ſie uns zu fern, als daß wir uns um ſie bekümmern ſollten; auch dürfen wir vollkommen gewiß ſein, daß zwiſchen ihr und den Schiffen vor der Stadt nichts vorgeht, das uns bedrohlich werden könnte. Sind alle unſere Lichter geborgen? Laßt ſorgfältig nach ihnen ſehen, Monſieur!“ „Alles beſorgt, mon Capitaine. Le Feu-Follet zeigt ſeine Laterne nie, es müßte denn einen Feind in den Sumpf führen wollen.“ Raoul lachte und ſprach das Wort:„bon!“ in der nachdruckſamen Weiſe der Franzoſen aus. Als hernach der Logger raſch an die Felſen heranzog, ging er ſelbſt auf die Back, um einen gründlichen Ausguck nach vornen vorzunehmen; Ithuel war, wie gewöhnlich, an ſeiner Seite. Die ſogenannte Ebene von Sorrento endigt ſich, auf der Seite des Golfs, in ſenkrechten Tuff⸗Klippen von wechſelnder bis zu zweihundert Fuß aufſteigender Höhe. Die in der Nähe der Stadt ſind die höchſten; Villen, Klöſter und andere Gebäude ziehen ſich auf ihnen hin, 187— 189. 19 — 290— und ihre Grundmauern ſtehen häufig auf Felſenterraſſen, die fünfzig Fuß unter der nahen Straße liegen. Raoul war während der kurzen Herrſchaft der Rufo⸗Partei hier geweſen und faſt mit der ganzen Küſte vertraut. Er wußte, daß ſein kleiner Logger beinaͤhe überall an den Felſen hinſtreifen konnte; auch entging ihm nicht, daß, wenn überhaupt Boote von der Proſerpina hier zu finden wären, ſie ganz nahe an der Küſte geſucht werden müßten. Da der Nachtwind gerade den Golf herab kam und über die Campagna zwiſchen dem Veſuv und Caſtelamare blies, war es nothwendig, mit dem Irrlicht landab zu vieren, ſobald es dicht an den Klippen ſtand, wo die Dunkelheit am größten war, und die Verhältniſſe und Takelage des Loggers nur ganz nahe ſichtbar wurden. Als man eben im Winde wendete und ehe die vordern Dufte zogen, ſchlug ein plötzlicher Anruf an Raoul's Ohr. „Felucca, ahoi!“ rief Einer auf Engliſch aus einem Boote, dicht an des Logger's Bug. „Halloh!“ antwortete Ithuel, und hob den Arin damit Alle in der Nähe ſich ruhig hielten. „Was für ein Fahrzeug das?“ rief der im Boote wieder. „Eine Felucca, die der Admiral herausgeſchickt hat, um nach der Proſerpina zu ſehen, und da er ſie nicht zu Capri fand, ſind wir im Begriffe, wieder nach dem Ankerplatz der Flotte zurückzukehren.“ „Haltet einen Augenblick an, Herr,— ich will zu Euch an Bord kommen. Vielleicht bin ich im Stande, ——* D½ 80e Gᷣ ⸗ — 291— Euch aus der Verlegenheit zu helfen; denn ich weiß zufällig, wo dieſes Schiff zu finden iſt.“ „Ja,— ja,— aber eilt Euch, Herr; denn wir müſſen den Wind, ſo lange er hält, nach Kräften benutzen.“ Es iſt auffallend, wie leicht ſich der Menſch täuſcht, wenn der Geiſt einmal eine falſche Richtung genommen hat. Dies war jetzt der Fall mit dem Manne in dem Boote; denn er war der Anſicht voll, er ſehe die Umriſſe einer Felucca, wie deren ſo viele in jenen Gewäſſern zu finden ſind, und nichts war ihm ferner, als der Gedanke, daß er eben den Logger, welchen er ſuchte, vor Augen habe. In Folge dieſer Selbſttäuſchung war er bald an Bord und auf dem Deck ſeines Feindes. „Kennt Ihr dieſen Mann, Ituel?“ fragte Raoul, der auf die Laufplanke getreten war, um ſeinen Beſucher zu empfangen. „Es iſt Herr Clinch, der Maſter's Maat der ver⸗ wünſchten Proſerpina,— derſelbe, der uns in der Jolle drüben am Kap angeſprochen hat.“ „Wie?“ rief Clinch, und ſeine Stimme verrieth die Angſt, welche ihn erfaßte:„bin ich in die Hände der Franzoſen gefallen?“ „Allerdings, Monſieur,“ verſetzte Raoul höflich; „aber nicht in die Hände von Feinden. Dies iſt das Irrlicht und ich bin Raoul Yvard.“ „Dann iſt alle Hoffnung dahin, Jane glücklich zu ſehen! Welch einen verguügten Tag habe ich hingebracht, 19*½ „ 84 — 292— war er gleich mühevoll; denn ich begann zu glauben, das Glück wolle mir noch lächeln. Man kann Nelſon nicht ſehen, ohne Muth zu faſſen und zu wünſchen, es ihm nachzuthun; aber ein Gefängniß iſt der Ort nicht, wo man Beförderung hoffen kann.“ „Laßt uns in die Cajüte gehen, Monſieur, wir können dort mit mehr Muße ſprechen, und werden ein Licht haben.“ Clinch war in Verzweiflung; es lag ihm nichts daran, wohin man ihn brachte. Da ſaß er nun in der Cajüte, das Bild eines hülfloſen, zu Grunde gerichteten Mannes. Zufällig ſtand eine Flaſche Branntwein auf dem Tiſche; und auf dieſe blickte er ziemlich mit der wilden Gier, mit welcher der hungrige Wolf auf das Lamm blicken mag, ehe er ſich in die Hürde ſtürzt. „Iſt dies der Herr, den Ihr meintet, Ituel?“ fragte Raoul, als die Cajütenlampe auf das Antlitz des Gefangenen fiel,„derſelbe, der ſich ſo ſehr freute, als er hörte, daß ſein Feind nicht gehängt worden?“ „Derſelbe, Capitain Rule,— im Allgemeinen ein gutmüthiger Mann,— er ſchadet ſich ſelbſt mehr, als irgend einem Andern. In dem Schiffe hörte ich, er ſei nach Neapel hinauf geſchickt worden, um Euch auf eine oder die andere Art nützlich zu werden.“ „Bon! Ihr ſeid lange in Euerm Boote geweſen, Herr Elinch. Wir wollen Euch ein warmes Nachteſſen und ein Glas Wein geben, und dann wird es Euch frei — 293— ſtehen, Eure Fregatte wieder aufzuſuchen und zu Eurer Flagge zurückzukehren.“ Clinch ſtand verblüfft,— er konnte nicht glauben, was er gehört hatte; dann aber ward ihm Alles klar, und er brach in Thränen aus. Seine Gefühle waren den ganzen Tag in heftiger Erregung geweſen; die Hoffnung erſchloß ihm noch ein⸗ mal eine ſchöne Ausſicht auf eine glückliche Zukunft, als ſein Capitain ihm Vertrauen zeigte und mit ſeinem Rathe beiſtand. So weit hatte er Alles ganz gut gemacht, und das Streben, es noch beſſer zu machen, hatte ihn in des Feindes Hände gerathen laſſen. Ein Augenblick reichte hin, das ſchöne Gewebe, an welchem die wieder belebte Hoffnung den Tag hindurch ſo eifrig gearbeitet, zu zerſtören; aber Raoul's freundliche Zuvorkommenheit, ſeine Worte und Ithuel's Erläute⸗ rungen wälzten einen Berg von ſeinem Herzen, und ſeine ganze Kraft kehrte ihm zurück. Niemand ſinkt ſo tief, daß nicht ein Funke des glän⸗ zenden Geiſtes in ihm zurückblieb, welcher mit den mehr greifbaren Theilen ſeiner irdiſchen Natur in Verbindung ſteht. Clinch beſaß das lebendige Bewußtſein, daß er des Beſſeren fähig ſei, und er ertrug Augenblicke tiefen Schmerzes, wenn das Bild der geduldigen, ſelbſtauf⸗ opfernden, treuen Jane vor ſeines Geiſtes Auge trat, und ihm ſeine Schwäche vorhielt. Es iſt wahr, ſie ließ nie einen Vorwurf laut wer⸗ — 294— den,— im Gegentheil, ſie glaubte nicht einmal die Ver⸗ läumdungen derer, welche ſie für ſeine Feinde hielt: Clinch konnte aber den Geiſt in ihm nicht immer be⸗ ſchwichtigen, und er fühlte ſich oft tief gebeugt, wenn er gedachte, mit wie viel größerer Feſtigkeit Jane die Laſt der ſtets vereitelten Hoffnung ertrug, als er ſelbſt. Das letzte Zwiegeſpräch mit Cuffe hatte Alles, was an Selbſtachtung und Ehrgeiz noch in ihm war, von neuem belebt, und er hatte am Morgen das Schiff mit dem feſten, männlichen Entſchluß verlaſſen, ſich zu beſſern und alles aufzubieten, um ſich einer Offiziersſtelle und Jane's zumal würdig zu machen. Dann kam ſeine Ge⸗ fangennehmung und der Augenblick tiefer Verzweiflung; aber Raoul's Edelmuth überhob ihn der Laſt, und die Zukunft lag wieder glänzend vor ihm ausgebreitet. Zwölftes Kapitel. O, mancher Traum war in dem Schiffe, Noch eine Stunde vor dem Tod; Und unter Seußzern ſich die ſüße Heimath Dem innern Blick der Schläfer bot. Wilſon. Raoul hatte ſeinen Entſchluß gefaßt, während er Clinch ermuthigte, war Pintard der Befehl zugegangen, nach dem andern Gig zu ſehen; nach einem kurzen Aus⸗ 295— guck an den Klippen hin überzeugten ſich die auf dem Deck, daß nichts zu entdecken war, und der Bericht ging in die Cajüte hinab. Ithuel gab ſich alle Mühe, von der gefangenen Bootsmannſchaft ergiebige Nachrichten in dieſer Beziehung zu erpreſſen, aber vergebens ſtrengte er ſeinen Scharfſinn an. Unter den Proſerpinern herrſchte ein esprit de corps, welcher, bei einer Gelegenheit wie dieſe, Drohungen und Beſtechungen zumal vereitelt haben würde, und der Mann von dem Granit⸗Staate ſah ſich bald ge⸗ nöthigt, ſeine Verſuche als erfolglos aufzugeben; als er dies that, ſchrieb er aber die Weigerung dieſer Leute, ihre Schiffsgenoſſen zu verrathen, eher dem engliſchen Starrſinn, als einem ehrenhafteren Gefühle zu. Die Neigung, denen, welche er haßte, die ſchlimmſten Beweg⸗ gründe unterzuſchieben, war jedoch bei Ithuel oder ſeinem Vaterlande nichts Charakteriſtiſches; denn es iſt ziemlich gewiß, daß es ihm an Bord der engliſchen Fregatte unter ganz gleichen Umſtänden nicht beſſer ergangen wäre. Als Raoul ſich überzeugt hatte, daß das andere Boot ihm entgangen war und die Nothwendigkeit, aus dem Golf heraus zu gehen, ſo lange es noch dunkel war, immer dringlicher wurde, gab er wider Willen Befehl, abzuhalten und brachte den Logger mit den Flügelſegeln todt vor den Wind. Während dies geſchah, hatte das leichte Fahrzeug ſich ſo weit windwärts gewendet, daß es unter die ſtolzen Felſen kam, welche die Ebene von Sor⸗ rento von der Küſte von Vico trennen— einem pracht⸗ vollen Kap, das mit einer Wand von faſt tauſend Fuß ſenkrechter Höhe in die See hinausragt. Das Irrlicht fühlte jetzt die ganze Kraft der Land⸗ kühlte, und als ſein Ruder gehoben wurde und man die Schoten erleichterte, hätte ſich ein Vogel, der ſich auf ſeinen Schwingen wendet, nicht anmuthsvoller und kaum raſcher drehen können. Der Curs ging nun von Kap zu Kap, um in den Einbuchtungen der Küſte den Wind nicht einzubüßen, dies brachte den Logger eher dwars ab von der Bai von Sorrento, als hinein, und ließ folglich Yelverton, welcher an der kleineren Marina gelandet hatte, ganz außer der Curslinie des Irrlichts. So raſch war die Bewegung des kleinen Schiffes, daß Raoul und Ithuel, welche ihre Station auf der Back wieder eingenommen hatten, fünfzehn Minuten nach dem Aufbruche, des Kaps, wo ſie kurz vorher ein Verſteck ge⸗ funden, von neuem anſichtig wurden; das Ruder wurde an Backbord gehalten, um hinaus zu treten und freien Raum zu gewinnen. Fels um Fels, Bucht um Bucht, und Dorf um Dorf flogen jetzt vorüber, bis man die Straße zwiſchen Capri und dem Vorgebirge Campanella wieder erreichte. Als ſie ſo an der Küſte hinſtreiften, hatten ſie die Abſicht, die Boote, welche vielleicht noch in dem Fahr⸗ waſſer des Loggers zögerten, aufzufangen; denn während Raoul geneigt war, ſeinen Gefangenen frei zu geben, hegte er den lebhaften Wunſch, ſich der Offiziere von der N — 297— 4 Fregatte zu bemächtigen, die in den Booten ausgerückt waren. Alles Suchen erwies ſich aber als vergeblich, und als der Logger in die offene See hinaus kam, mußte man jeder Hoffnung auf einen fernern Erfolg in dieſer Beziehung wider Willen entſagen. Da das Irrlicht jetzt in einer gefährlichen Nähe von drei feindlichen Kreuzern ſtand, forderte der Augenblick Entſchloſſenheit und Muth. Glücklicherweiſe kannte Raoul die Stellungen der engliſchen Schiffe genau,— ein Um⸗ ſtand, welcher die Gefahr allerdings bedeutend minderte; aber es war nicht räthlich, lange, auf eine Seeſtunde weit, von ihrem Ankergrunde zu bleiben, da die Gefahr drohte, der Landwind könne fallen. Noch immer verbargen die Dunkelheit und die Schat⸗ ten des Landes den Kaper, und ſein Befehlshaber beſchloß, wenn auch nicht wörtlich das Heu zu wenden, ſo lange die Sonne ſchien, doch wenigſtens von deren Abweſen⸗ heit den möglichen Nutzen zu ziehen. Er befahl alſo, den Logger aufzuhohlen, Clinch's Boot an die Laufplanke leewärts zu bringen und alle Gefangenen auf das Deck— die Gemeinen in die Kuhl, den Maſter's Maat nach hinten zu rufen. 4 „Ich muß hier dem Vergnügen Eurer Geſellſchaft entſagen, Monſieur Clinch,“ fagte Raoul mit einer Artig⸗ keit, die man faſt national nennen möchte.—„Wir ſind Eurer ſchönen Proſerpina ſo nahe, als dies räthlich iſt, und ich ſehne mich nach unſerm ſchönen Frankreich. Der 298— Wind iſt günſtig, um uns von der Küſte abzutreiben, und zwei Stunden werden uns aus Euerm Geſichtskreiſe bringen, wenn es ſelbſt heller Mittag wäre. Ihr werdet die Güte haben, mich Monſieur Cuffe zu empfehlen— oui, pardieu,— und den zwei wackern Italienern, welche ſo große Freunde von Sir Smit ſind! Touchez là.“ Raoul lachte, denn ſein Herz war leicht, und wun⸗ derſam drollige Dinge tanzten ihm im Kopfe herum. Für Clinch war Alles dies hebräiſch, und nur das begriff er, daß die Franzoſen beabſichtigten, mit ihrem Schiffe von der Küſte abzuhalten,— ein Umſtand, welchen er nicht ungern vernahm, obgleich er, wenige Stunden zu⸗ vor, ſo viel darum gegeben, wenn er gewußt hätte, wo er den Logger finden ſolle. Raoul's Edelmuth hatte aber ſeinen Gefühlen eine ganz andere Wendung gegeben, und jetzt lag ſeinen Wünſchen nichts ferner, als gegen den berühmten Kapersmann dienen zu ſollen. Dennoch blieb ihm noch eine Pflicht gegen die Flotte, zu der er gehörte, eine gegen Jane, und eine gegen ſich ſelbſt, zu erfüllen. „Capitain Yvard,“ ſagte der Maſter's Maat und faßte die ihm dargebotene Hand,„ich werde die Güte, die Ihr mir erwieſen, nie vergeſſen; ſie kommt mir in dem glücklichſten Augenblicke zu ſtatten. Mein Glück in dieſem — und vielleicht in dem künftigen Leben—“ „Bah!“ dieſer Ausruf entſchlüpfte dem Hörer wider Willen. „Mein ganzes Glück hängt davon ab, daß ich frei — 299— bin. Ich halte es jedoch für angemeſſen, Euch nichts zu verhehlen. Ich muß Alles thun, was in meinen Kräften ſteht, um eben dieſen Logger hier, ſo wie jedes andere Schiff der feindlichen Flotte zu kapern oder zu vernichten, ſobald ich wieder mein eigener Herr bin.“ „Bon! Mir gefällt Eure Offenheit, Monſieur Clinch, ſo wie mir Eure Menſchlichkeit gefällt. Ich erwarte ſtets einen tapfern Feind zu ſehen, wenn ein Engländer gegen mich auftritt; ich werde nichts ſchlimmeres erwarten, wenn Ihr je unter dieſer Zahl ſeid.“ „Capitain Yvard, es wird meine Pflicht ſein, Capi⸗ tain Cuffe zu berichten, wo ich die Folly gefunden habe, wo ich ſie verließ, und wohin ſie, nach meinem Bedünken, ſteuerte. Selbſt Eure Ausrüſtung, die Mannſchaft und alle die kleinen Einzelheiten werden mir abgefragt wer⸗ den. Ich muß ehrlich antworten,“ „Mon cher, Ihr ſeid ein Ehrenmann, wie ich ſehe. Ich wollte, es wäre Mittag; Ihr könntet dann unſer Deck beſſer ſehen. Das Irrlicht iſt nicht ſo häßlich, daß es einen Schleier zu tragen braucht. Sagt alles, Clinch, mon brave. Wenn Capitain Cuffe wieder Leute gegen unſern Logger ausſchickt, ſo kommt in dem erſten Boote en personne. Wir werden uns ſtets freuen, Monſieur Clinch zu ſehen. Was unſern Curs betrifft, ſo ſeht Ihr, unſer Vordertheil iſt gegen la belle France gerichtet, und da fehlt es nicht an vollem Raum zu einer langen Jagd. Adieu, mon ami— au revoir!“ = 300— Clinch drückte nun allen Offizieren herzlich die Hand, ſprach noch einmal ſeinen Dank für die großmüthige Be⸗ handlung, die er gefunden, mit tiefer Rührung aus, und folgte dann ſeinen Leuten in das Boot, das ſogleich von der Seite des Loggers abſtieß und ſeinen Curs dem Lichte entgegen hielt, welches noch immer an Bord der Proſerpina brannte. In derſelben Zeit füllte das Irrlicht ſeine Segel und verſchwand in der Dunkelheit bald aus Clinch's Augen; mit den Flügeln zu beiden Seiten ſchoß es in weſtlicher Richtung dahin, als beabſichtige es wirklich, in aller Eile die Engen von St. Bonifacio aufzuſuchen und den Weg nach Frankreich einzuſchlagen. Raoul hatte aber einen andern Plan. Sein Kreuz⸗ zug war noch nicht vorüber, und ſeine jetzige Stellung, umgeben von Feinden, wie'er war, hatte etwas mächtig Anziehendes für einen Mann ſeines Charakters. Erſt den Tag vor ſeiner Erſcheinung in dem Gewande eines Lazzarone hatte er ein werthvolles Proviantſchiff gekapert, bemannt und nach Marſeille geſchickt; und er wußte, daß ein zweites ſtündlich in dem Golf erwartet wurde. Dies galt als Entſchuldigung vor ſeinen Leuten, daß er ſich da hielt, wo er war. Aber die Erregung des ſtets kampfbereiten Zuſtandes, die Wonne, die überlegene Segelkraft ſeines Loggers geltend zu machen, die Gelegenheiten zur Auszeichnung und jedes andere Berufsmotiv waren Kleinigkeiten im — 301— Vergleich mit dem Bande des Gefühls, welches ihn un⸗ widerſtehlich zu Ghita hinzog. Zu dieſer Liebe geſellte ſich allmählig eine Empfindung, die an Verzweiflung grenzte. Während Ghita die Huld, ja die Zärtlichkeit ſelbſt gegen ihn war, fand er ſie ſtets in ihren Grund⸗ ſätzen feſt und unerſchütterlich. In ihren letzten Zwie⸗ geſprächen— deren einige wir mittheilen zu müſſen glaubten, da ſie zu charakteriſtiſch waren— hatte Ghita ihren Widerwillen ausgeſprochen, ihr Schickſal in die Hände eines Mannes zu geben, deſſen Gott nicht ihr Gott war, und ſie hatte ſich mit einer Klarheit und einem Nachdrucke ausgeſprochen, der keinen Zweifel übrig ließ, daß es ihr mit ihren Anſichten ernſt ſei, und daß ſie die Kraft beſitze, dieſelben durch ihr Thun zu bewähren. Was ihren Entſchluß nur noch eindringlicher machte, war die ungezwungene Weiſe, mit welcher ſie ſtets offen Raoul's Gewalt über ihre Gefühle zugab, eine Offenheit, die jeden Gedanken, das Mädchen ſpiele eine Rolle, fern hielt. Die Unterhaltung dieſer Nacht laſtete ſchwer auf der Bruſt des Liebenden, und er konnte ſich nicht entſchließen, ſo hoffnungslos, vielleicht für Monate, zu ſcheiden. Sobald man daher ſah, daß der Logger weit genug auf der See war, um von Clinch's Boot nicht mehr bemerkt werden zu können, kam er wieder auf der Back⸗ vordſeite in den Wind, und hielt gegen die berühmten Ruinen von Päſtum, auf der öſtlichen Küſte des Golfs von Salerno, ab. — 302— Ein mit der See Bekannter würde den Wind nicht für hinreichend ſtark gehalten haben, um ſelbſt ein leich⸗ tes Fahrzeug mit der Geſchwindigkeit fortzudrängen, mit welcher das Irrlicht durch das Waſſer gleitete; aber die Landkühlte war mit den Feuchtigkeiten der Mitternacht geſchwängert, die auch die Segeltücher tränkten, und die bewegende Kraft wirkte faſt in verdoppeltem Maß⸗ ſtabe. 4 Eine Stunde, nachdem das Feu-Follet angehohlt hatte, wendete es durch den Wind, und ſtand volle acht (engliſche) Meilen von der Stelle, wo es ſeinen Curs geändert hatte, und weit genug windwärts, um unmit⸗ telbar auf die Klippen unter dem Dorfe St. Agatha, oder dem jetzigen Aufenthalte Ghita's abzuhalten. Bei dieſem Schritte hatte Raoul einen doppelten Zweck vor Augen. Engliſche Schiffe gingen unaufhörlich zwiſchen Neapel, Sicilien und Malta hin und her, und da die nordwärts⸗ ſegelnden an dieſem Punkte nothwendig näher an das Land treten mußten, konnte ihn ſeine Stellung in den Stand ſetzen, bei der Rückkehr des Tages einen raſchen Handſtreich auszuführen, wenn ein paſſendes Schiff an dieſem Morgen die See hielt. Sodann erwartete er wenigſtens ein Signal von Ghita, und ſolche Dinge waren ſeinem Herzen ſehr theuer; vielleicht führten auch Angſt und Liebe ſie an die Küſte herab, wo er ſie wieder ſprechen konnte. Das war die Schwäche der Leidenſchaft, und Raoul fügte ſich ihrer Macht, wie minder Starke — 303— und Entſchloſſene wohl thun; denn unter ihrem Einfluſſe wird der Held wenig beſſer, als der große Haufen. Die zwei oder drei letzten Tage und Nächte waren für die Offiziere und Mannſchaft des Loggers und für deſſen Befehlshaber zumal mühſame und ängſtlich beſorgte Stunden geweſen, und Alle an Bord fingen an, das Bedürfniß des Schlafes zu fühlen. Ithuel war ſeit einer Stunde in ſeiner Hängematte, und Raoul dachte nun alles Ernſtes daran, ſeinem Beiſpiele zu folgen. Er gab daher dem jungen Lieutenant auf dem Deck ſeine Befehle, ging hinab und war auch nach wenigen Minuten für alle augenblicklichen Hoffnungen und Beſorgniſſe verloren. Alles ſchien den Logger und die Abſichten ſeines Befehlshabers zu begünſtigen. Der Wind fiel nach und nach, bis kaum mehr Luft genug da war, um dem Schiffe ſeinen Steuerweg zu laſſen; das Kräuſeln des Waſſers verlor ſich, und es war nichts mehr geblieben, als die lange, ſchwere Grundſchwelle, welche ſtets die Bruſt des Meeres bewegt, dem ſchweren Athmen eines rieſigen Thieres nicht unähnlich. Gegen Morgen wurde es dunk⸗ ler, aber die Oberfläche des Golfs war ſpiegelglatt und ruhig, und ein unmittelbarer Grund zur Wachſamkeit und Sorgfalt war nicht vorhanden. Des Seemannes Leben bietet Augenblicke dar, wo ſich Alles nach Ruhe ſehnt. Mühevolle Tage bringen ſchläfrige Nächte, und die Ruhe der Natur führt ſtets die Verſuchung herbei, ihrem Beiſpiele zu folgen. Zu — 304— große Anſtrengung vernichtet die Luſt, ſich dem Geſange, dem Scherz, der Erzählung zu überlaſſen, und der Geiſt wie der Körper ſuchen Erholung von der Arbeit. Selbſt das murmelnde Anſpielen des Waſſers, das an die Sei⸗ ten des Schiffes anſchlägt und zurückprallt, klingt wie ein Wiegenlied, und der Schlaf ſcheint dann das Eine große Glück des Daſeins. Unter ſolchen Umſtänden darf man es daher nicht überraſchend finden, wenn die Wache auf dem Deck des Loggers ſich der nöthigen Ruhe überließ. In ſolchen Au⸗ genblicken iſt es den Matroſen erlaubt, zu nicken, wäh⸗ rend einige ſich munter halten; aber ſelbſt die Leute vom Dienſte fühlen, wenn keine Noth da iſt, ihre Aufgabe bedränglich und ſchwer zu erfüllen. Ein Ausguck nach dem andern ließ den Kopf ſinken; der junge Menſch, welcher auf einer Gewehrkiſte nach hinterwärts ſaß, begann, das Bewußtſein deſſen, was um ihn war, in träumeriſchen Erinnerungen an ſeine Heimath, die Pro⸗ vence, und das Mädchen ſeiner jugendlichen Bewunde⸗ rung zu verlieren. Der Seemann an dem Ruder allein hatte ſeine Augen offen, und alle ſeine Geiſteskräfte blieben munter. Dies iſt eine Stelle, wo Wachſamkeit ſtets gefordert wird; und es findet ſich oft, daß man ſich auf Schiffen, wo die ſtrenge Mannszucht des regelmäßigen Dienſtes nicht beſteht, auf dieſen Umſtand in ſo hohem Grade verläßt, daß viele ihrer Pflichten uneingedenk werden, da ſie ſich darauf verlaſſen können, daß der Mann am Rad die ſeinige auf das Getreueſte erfüllt. Dieſer Art war jetzt, bis auf einen gewiſſen Grad, das Verhältniß an Bord des Irrlichts. Einer der beſten Seemänner in dem Logger ſtand an dem Ruderrad, und jeder Einzelne war überzeugt, daß keine Wendung des Windes möglich, beine Aende⸗ rung der Segel nothwendig werden könne, ohne daß Antoine es bemerken und ſie von jeder Vorfallenheit in Kenntniß ſetzen werde. Ueberdies war in dieſer ruhigen Jahreszeit und auf dieſem üppigen Meere ein Tag dem andern ſo ähnlich, daß Alle an Bord den regelmäßigen Wechſel kannten, welchen die Stunden erzeugen. Der Südwind kam mit dem Morgen, der Zephyr am Nach⸗ mittag und die Landkühlte des Nachts— dies verſtand ſich von ſelbſt— wie der Auf⸗ und Niedergang der Sonne. Niemand fühlte die entfernteſte Beſorgniß, wäh⸗ rend Alle ſich dem Einfluſſe der Ermüdung und der Er⸗ ſchlaffung, welche das Klima erzeugt, hingaben. Nicht ſo Antoine. Seine Haare waren grau; der Schlaf war nicht mehr ſo ſehr Bedürfniß für ihn; er hatte auch vielen Berufsſtolz, große Erfahrung, und durch Uebung und viele Gefahren geſchärfte, vorſichtig gemachte Sinne. Wiederholt wendete er ſeine Augen Campanella zu, um zu ſehen, ob ſich kein Zeichen von dem Feinde erblicken laſſe; die Dunkelheit verhüllte aber Alles, und 187— 189. 20 306— nichts war ſichtbar, als die ſchwarzen Umriſſe der hohen, klippenumgürteten Felſen. Dann ließ er ſeine Augen über das Deck gleiten, und ward des Gefühls inne, wie ſehr Alles von ſeiner Wachſambeit und Treue abhing. Der Blick auf die Segel und nach windwärts flößte jedoch keine Beſorgniß ein. Im Gefühle ſeiner Einſamkeit begann er in gedämpf⸗ tem Tone ein Lied der Troubadour's zu ſingen, das er in ſeiner Kindheit in ſeiner heimathlichen provenzalen Sprache gelernt hatte. So vergingen die Minuten, bis Antoine die erſten Schimmer des Morgens durch die Dunkelheit brechen und die Bergſpitzen in der Nähe von Eboli ſich färben ſah. Antoine hatte ſich vereinſamt gefühlt und freute ſich jetzt, dieſe Anzeichen der Rückkehr zum belebten Thun und Schalten eines neuen Tages zu gewahren. „Pſt, mon lieutenant!“ flüſterte der alte Seemann, welcher ſeinen ſchlaftrunknen jungen Vorgeſetzten den Blicken der Mannſchaft nicht bloßgeſtellt wiſſen wollte; „mon leutenant,— ich bin's— Antoine.“ „O— bah,— ha, Antoine— du biſt's? Bon! was ſoll ich, mon ami?“ „Ich glaube, ich höre die Brandung, mon lieute- nant. Horch, iſt das nicht das Waſſer, das an die Fel⸗ ſen der Küſte anſchlägt?“ „Jamais! Ihr ſeht, das Land iſt eine Meile ent⸗ fernt. Dieſe Küſte hat keine Untiefen. Der Capitain ˙W——— — 307— befahl uns, dicht hinein zu halten, ehe wir anhohlten oder ihn riefen. Pardien, Antoine, wie die kleine Hexe ſich in meiner Wacht fortgearbeitet hat. Da ſind wir bis auf einen Flintenſchuß von den Höhen und Alles ohne Wind.“ „Pardon, mon lieutenant!— Ich liebe dieſen Klang der Brandung nicht; er iſt zu nahe, um von der Küſte zu kommen. Wollt Ihr die Güte haben, auf die Back zu ſteigen und nach vornen zu ſehen, Monſieur? Das Licht fängt an uns dienſtlich zu werden.“ Der junge Mann gähnte, dehnte und ſtreckte ſeine Arme und ging dann nach vornen, um die Unbehaglich⸗ keit eines alten Schiffsgenoſſen, deſſen Erfahrung er achtete, zu beſeitigen. Sein Schritt war aber nicht ſo raſch wie gewöhnlich, und es dauerte faſt eine Minute, ehe er die Backen erreichte oder an die Kardeelknechte kam. Sobald er aber hier ſichtbar wurde, ſchwenkte er ſeine Arme fieberhaft und ſchrie mit einer Stimme, die in den fernſten Winkeln des Schiffes wiederklang: „Ganz auf— ganz auf mit dem Ruder, Antoine! Laßt die Schoten fahren, mes enfans!“ Das Irrlicht hob ſich in dieſem Augenblicke auf einer ſchweren Grundſchwelle; im nächſten Momente ging es mit einem Stoße nieder, wie wir ihn fühlen, wenn wir ſpringen und auf den Boden kommen, ehe wir es erwar⸗ ten. Da lag es, in ein Felſenbett eingezwängt, ſo unbe⸗ weglich, wie eine der Steinmaſſen umher,— Steinmaſſen, 20* welche ſeit mehr als dreitauſend Jahren der Wellen des Mittelländiſchen Meeres geſpottet hatten. Kurz, der Logger war an eine jener berühmten kleinen Inſeln unter den Höhen von St. Agatha auf den Grund geſtoßen, die unter dem Namen der Sirenen⸗Inſeln bekannt ſind und deren, wie man annimmt, einer der älteſten Dichter, Homer, ſelbſt gedacht hat. Der Stoß war kaum erfolgt, ſo erſchien Raoul auf dem Deck. Das Schiff entleerte ſich alles Deſſen, was in ſeinem Innern Leben hatte, und plötzlich war es eine Scene der Unruhe, der Thatigkeit, der Anſtrengung. In ſolchen Augenblicken bewähren ſich die wahren Eigenſchaften eines Seecapitains am Eindringlichſten. Unter Allen umher war Raoul der ruhigſte, der gefaßteſte und der geeignetſte, um die Befehle zu geben, welche jetzt nöthig waren. Er ließ keine Ausrufungen hören, kein Vorwurf wurde vernommen, nicht einmal einen mißbilligenden Blick warf er auf irgend einen der Leute. Das Unglück war geſchehen; ihm, wenn möglich, abzu⸗ helfen, war das Einzige, was Noth that; die Sorge für die Mannszucht und die Vertheilung von Lohn und Strafe ward der Zukunft anheimgegeben. „Das Schiff liegt ſo feſt geankert, wie eine Kirche, mon lieutenant,“ bemerkte er eben dem Offiziere ruhig, deſſen Nachläſſigkeit den Unfall herbeigeführt hatte.„Ich ſehe nicht ein, wozu dieſe Segel dienen; nehmt ſie ſogleich — 309— ein; ſie könnten es noch weiter auf die Felſen treiben, wenn es ſich zufällig höbe.“— Der junge Mann, welchen das Gefühl ſeiner Schuld tief erſchütterte, eilte zu gehorchen, dann ging er nach hinten, warf einen Zlick auf die verzweifelte Lage des Loggers, und mit dem Ungeſtüm des Charakters, welcher ſeine Heimath auszeichnet, ſtürzte er ſich in die See, aus welcher ſein Körper nie wieder zum Vorſchein kam. Man benachrichtigte Raoul ſogleich von dem trau⸗ rigen Selbſtmorde. „Bon!“ antwortete er.„Hätte er dies eine Stunde früher gethan, ſo würde Le Feu-Follet nicht auf die⸗ ſen Felſen aufliegen, wie ein Schiff in einem Dock. Aber, mes enfans, courage! Wir wollen ſehen, ob unſer ſchöner Logger nicht gerettet werden kann.“ Wenn Stoicismus und Bitterkeit in dieſer Antwort war, ſo lag doch keine bedachte Grauſamkeit darin. Raoul liebte ſeinen Logger— nach Ghita— vor allem andern auf Erden, und in ſeinen Augen gehörte es zu den un⸗ verzeihlichen Sünden, ihn bei einem ſo ſtillen Wind zum Scheitern zu bringen. Das Begebniß war jedoch kein ſehr ſeltenes. Ein Uebermaaß von Zuverſicht bringt oft Schiffe wie Men⸗ ſchen in das Verderben; und die amerikaniſche Küſte, welcher ſich der vorſichtige Seemann vielleicht mit mehr Sicherheit, als irgend einer in der bekannten Welt, nähern kann, wegen der Regelmäßigkeit ihrer Lothtiefe,— hat — 310— manche traurige Sage von ähnlichen Unfällen, wie dieſer, zu erzählen, und die nur ſtattfanden, weil keine Anzei⸗ ſchen einer Gefahr vorhanden waren. Unſer Held würde ſich eine ſolche Nachläſſigkeit nicht verziehen haben, und was die Selbſtliebe uns nicht zu 1 verzeihen erlaubt, wird kaum der Philanthropie zuge⸗ ſtanden werden. Die Pumpen wurden gepeilt, und man vergewiſſerte ſich, daß der Logger ſo behaglich auf ſein jetziges Lager gekommen war, und mit ſo geringem Zug ſeiner Nahten „dalag, daß er dicht*) blieb wie eine Flaſche. Dies ließ jeder Hoffnung Raum, welche die Umſtände erlaubten, das Schiff noch zu retten. Raoul verſäumte keine ſeiner manchfachen Pflichten. Das Licht war mittlerweile ſtark genug, um ihn eine Felucca entdecken zu laſſen, die vor dem Winde langſam, oder dem Hauche, der von der Nachtkühlte noch übrig war, von Salerno herabkam, und Ithuel wurde mit einem bewaffneten Boote ausge⸗ ſchickt, ſie zu kapern und an die Felſen heran zu bringen. Bei dieſem Befehle hatte er den doppelten Zweck vor Augen, die Priſe, wenn möglich, zu benutzen, um ſein eigenes Schiff von den Felſen zu bringen, oder im ſchlimmſten Falle mit ihr ſeine und ſeiner Leute Flucht nach Frankreich zu bewerkſtelligen. 1 *„Dicht“ wird als Gegenſatz von„leck“ gebraucht. . Der Ueberſ. — 311— Raoul ließ ſich jedoch nicht herab, ſeine Beweggründe mitzutheilen; auch nahm ſich Niemand heraus, ihn darum zu fragen. Er war jetzt im ſtrengſten Sinne des Wor⸗ tes Befehlshaber, der in einer verzweifelten Lage ſchal⸗ tete und waltete. Es war ihm ſogar gelungen, die ein⸗ gefleiſchte Zungenfertigkeit ſeiner Landsleute zu beſchwich⸗ tigen und an deren Stelle jenes tiefe, aufmerkſame Schweigen geregelter Mannszucht treten zu laſſen,— eine der wichtigen Urſachen ſeiner ungewöhnlichen Erfolge in Seeunternehmungen. Dem Mangel dieſes Schweigens und dieſer Aufmerkſamkeit muß man viele Unfälle zu⸗ ſchreiben, welche unläugbar ein Volk von ſo großem Muth und Unternehmungsgeiſt zur See getroffen haben. Wer es gut mit ihm meint, wird gerne hören, daß dem Uebel in großem Maaße abgeholfen iſt. Sobald die Boote, welche die Felucca nehmen ſoll⸗ ten, abgegangen waren, wurde die Jolle in das Waſſer gelaſſen, und Raoul begann ſelbſt den Logger zu ſondiren. Die Felſen der Sirenen, wie dieſe Inſelchen bis auf dieſen Tag genannt werden, erheben ſich hoch genug über die Oberfläche des Meeres, um in einiger Entfernung ſichtbar zu ſein, obgleich es, da ſie mit der Küſte in einer Linie liegen, für die Ausgucke des Irr⸗ lichts nicht leicht geweſen ſein würde, ſie in dem Augen⸗ blicke, wo es auf den Grund kam, zu unterſcheiden, wären ſie auch munter und achtſam geweſen. Das wach⸗ ſende Licht ſetzte die Franzoſen jedoch in den Stand, ihre Lage genau zu erkennen und die Größe des Unfalls zu ermeſſen. Der Logger war von einer Grundſchwelle, die ſchwerer als gewöhnlich, in eine Spalte zwiſchen zwei Felſen ge⸗ ſchleudert worden, und obgleich rings um ſie her tiefes Waſſer war, konnte man nicht daran denken, ihn flott zu machen, wenn man ihn nicht erleichterte. So lange der Wind nicht blies und die See ſich nicht hob, war er ziemlich ſicher; aber eine Welle, welche den Rumpf zwang ſich zu heben und zu fallen, mußte unvermeidlich Lecke in dem Flach zur Folge haben. Dieſe Verhältniſſe ſtellten ſich, ſobald die Jolle fünf Minuten im Waſſer war, heraus, und Raoul freute ſich ſehr, Ithuel ſo raſch nach der Felucca ausgeſchickt zu haben. Man unterſuchte nun zunächſt die Klippen, um ſich zu vergewiſſern, in welcher Weiſe ſie bei dem Ausladen des Proviants benutzt werden könnten. Einige derſelben waren hoch genug, um Gegenſtände vor dem Anprall des Waſſers zu ſchützen; es iſt aber immer ſchwierig, an Felſen entlang zu liegen, welche der offenen See ausge⸗ ſetzt ſind, da das Heben und Fallen des Elements ſelbſt bei ſtiller Luft die Höhe der Oberfläche ſo ſehr wechſeln läßt. Bei der jetzigen Gelegenheit fanden die Franzoſen jedoch weniger Wellenprall als gewöhnlich, und man ſah, daß man an zwei bis drei Punkten Proviant an die Küſte bringen konnte. Raoul befahl jetzt, die Arbeit ernſtlich anzugreifen. — 313— Der Logger führte vier Boote,— nämlich eine Barkaſſe, einen Kutter, die Jolle und ein kleines Boot. Der Kutter war mit einer ſtarken Bemannung nach der Felucca ausgeſchickt worden; die drei andern wurden aber zum Transport des Proviants verwendet. Raoul bemerkte ſofort, daß es jetzt nicht Zeit zu halben Maß⸗ regeln ſei und daß große Opfer gebracht werden müßten, um den Rumpf des Schiffes zu retten. Dieſes und die Sicherheit ſeiner Mannſchaft waren die großen Gegen⸗ ſtände, die er vor Augen hatte, und alle ſeine Maßregeln zielten dahin ab. 4 Das Waſſer wurde in den Raum des Loggers ge⸗ laſſen, indem man die Boden der Fäſſer einſchlug, und die Pumpen wurden ſo bald als möglich in Bewegung geſetzt. Vorräthe aller Art flogen in die See; denn das Irrlicht hatte ſich dieſer Tage erſt aus einer Priſe friſch verſorgt und ging ein wenig tiefer, als ihm eigentlich zu⸗ kam. Kurz, Alles, was entbehrt werden konnte, wurde über Bord geworfen, und man behielt nur ſo viel Pro⸗ viant zurück, als unerläßlich war, um mit der Mannſchaft Corſica zu erreichen, denn dahin beabſichtigte Raoul zu gehen, ſobald er ſein Schiff wieder flott hatte. Das Mittelländiſche Meer hat bekanntlich keine eigent⸗ liche Ebbe und Flut, obgleich das Waſſer in unregel⸗ mäßigen Zwiſchenräumen in Folge der Stürme oder des Einfluſſes der nahen Meere ſteigt und fällt. Dieſem Umſtande hatte man es zu danken, daß das Schiff nicht — 314— bei hohem Waſſer an das Ufer kam, während er die Seeleute andererſeits abhielt, von der Flut Nutzen zu ziehen. Man blieb an der Stelle, wohin der Zufall das Schiff geſchleudert, und Alles hing von der Thätigkeit der Mannſchaft ab. Unter dieſen Verhältniſſen ging denn unſer Held an die Erfüllung der ihm obliegenden Pflichten. Eine Stunde gut geleiteter und ausdauernd fortgeſetzter Thätigkeit brachte eine weſentliche Veränderung hervor. Das Schiff war klein, während die Anzahl der Matroſen verhältniß⸗ mäßig groß war. Am Ende der erwähnten Zeit berich⸗ tete der Offizier, welcher dieſe Arbeit leitete, der Rumpf bewege ſich unter der Kraft der aufſtrebenden Wellen, und es dürfe bald erwartet werden, daß es mit einer Kraft auf den Grund ſtoße, die Planken und Rippen gefährden könne. Dies war das Zeichen, mit dem Ausladen inne zu halten und die bereits begonnenen Vorbereitungen, um den Logger abzuheben, zu Ende zu bringen; denn es war gefährlich, dieſes Geſchäft zu verzögern, nachdem die Wucht dazu hinreichend verringert worden. Die Barkaſſe hatte einen Anker ausgebracht und kehrte bereits wieder zurück, indem ſie beim Herankommen Tau ausſtach; aber die Tiefe des Waſſers machte dieſe Arbeit beſorglich, denn das Tauwerk war in Gefahr, triftig zu dreggen, wie man es nennt, wegen des Win⸗ kels, in welchem es lief. — 315— Mit Ausnahme der zuletzt genannten Schwierigkeit war in dieſem Augenblicke alles günſtiger Art. Der Wind war ganz gefallen, denn die Südluft hatte nur kurze Zeit angehalten und keine andere hatte ſich eingeſtellt. Die See war um nichts bewegter, als ſie den ganzen Morgen geweſen, das heißt, ſie war ſo ruhig als man ſie je geſehen hatte; der Tag verſprach ſtill und klar zu werden. Nirgends zeigte ſich ein Fahrzeug, mit Aus⸗ nahme der Felucca, und dieſe war nicht nur in Ithuel's Beſitz, ſondern ſtand auch nur noch eine halbe Meile von den Felſen ab, und kam mit jedem Augenblicke näher heran. In zehn Minuten mußte ſie an der Seite liegen. Raoul hatte ſich vergewiſſert, daß da, wo das Irr⸗ licht aufſaß, Waſſer genug war, um ein Fahrzeug, wie ſeine Priſe, bei ihm anlegen zu laſſen, und vieles lag und ſtand auf dem Deck umher, das ſogleich in das andere Schiff verladen werden konnte, ehe man es zu heben begann. Auch die Felſen waren mit Fäſſern, Tau⸗ werk, Kugeln, Ballaſt und andern Gegenſtänden dieſer Art, deren man habhaft werden konnte, bedeckt, und nur Bewaffnung und Munition waren zurück behalten wor⸗ den. Dieſe Gegenſtände beachtete Raoul ſtets mit der gewiſſenhafteſten Sorgfalt; in Allem, was er that, beur⸗ kundete er den feſten Entſchluß, ſich mannhaft zu ver⸗ theidigen. Es war jedoch kein Anzeichen ſichtbar, daß man in dieſen Fall kommen könnte, und die Offiziere begannen ſich mit der Hoffnung zu ſchmeicheln, es würde — 316— ihrer Geſchicklichkeit gelingen, den Logger flott und ſegel⸗ fertig zu ſehen, ehe die gewöhnliche Nachmittagskühlte ſich einſtellte. Um die Ankunft der Felucca zu erwarten und, wenn das Heben begonnen, ohne Unterbrechung an der Arbeit bleiben zu können, wurde der Mannſchaft erlaubt, ihr Frühſtück einzunehmen. Dieſe Minuten der Ruhe gaben Raoul Gelegenheit, um ſich zu blicken und nachzudenken. Zwanzig Mal wendete er das Auge ängſtlich auf die Höhen von St. Agatha, wo es Gegenſtände gab, die Anziehungskraft hatten und Beſorgniſſe einflößen konnten. Es iſt kaum nöthig, zu bemerken, daß der erſtere Ghita war, während die letzteren ihren Grund in der Furcht hatten, neugierige Augen möchten den Logger entdecken und ſeine Lage den Feinden kund thun, welche, wie man wußte, bei Capri, kaum zwei kleine Seeſtunden auf der andern Seite der Höhen, lagen.— Wie es jedoch ſchien, war Alles zu dieſer frühen Tagesſtunde dort ſtill und ruhig, und da der Logger, wenn ſeine Segel nicht geſetzt waren, nicht ſehr in das Auge fiel, konnte man hoffen, der Unfall ſei noch nicht beachtet worden. Das Herrannahen der Felucca mußte ihn wohl verrathen; aber man hatte die Vorſicht gebraucht, Ithuel zu warnen, die franzöſiſche Flagge nicht ſehen zu laſſen. Raoul Yvard war in dieſem Augenblicke der Muße — 317— und Unthätigkeit ein ganz anderer Mann, als er einige Stunden früher geweſen. Damals war er auf dem Deck ſeines kleinen Kreuzers ziemlich mit dem Gefühle Deſſen einhergeſchritten, der ſich ſeiner Kraft bewußt und des Gefühles ſeiner Jugend voll war. Jetzt fühlte er, wie Alle wohl fühlen, die von Unglück und Krankheit gebeugt ſind. Demungeachtet hatte ſein Charakter nichts von ſeiner Ritterlichkeit verloren, und ſelbſt jetzt ſaß er auf dem Hackebord des geſtrandeten Irrlichts und brütete darüber, wie er, wenn es ihm nicht gelingen ſollte, den Logger wieder flott zu machen, ein gutes engliſches Schiff über⸗ rumpeln und entern könne. Bei einem ſolchen Unter⸗ nehmen konnte die Felucca wohl dienſtbar werden, und ſeine Mannſchaft war ſtark und zumal geübt genug, um den beſten Erfolg hoffen zu laſſen. Seine Gedanken waren eben mit einem ſolchen Aus⸗ kunftsmittel beſchäftigt, als Ithuel, in Folge der ihm durch das Sprachrohr gegebenen Befehle, ſeine Priſe an die Seite des Loggers brachte und ſie befeſtigte. Die Leute, welche den Amerikaner begleitet hatten, wurden nun entlaſſen, um ihr Frühſtück einzunehmen, und Raoul lud ihren Anführer ein, ſein frugales Mahl da, wo er ſaß, zu theilen. 4 Während des Eſſens folgten ſich Fragen und Ant⸗ worten in Betreff deſſen, was ſich in der Zeit begeben hatte, wo ſie getrennt geweſen. Ithuel's Bericht war kurz: Raoul hörte aber mit Beſorgniß, daß die Mann⸗ — 318— ſchaft der Felucca in ihr Boot geeilt und ſich an den Landungsplatz des Scaricatojo geflüchtet hatte, ſobald ſie ſah, daß die Wegnahme ihres Fahrzeugs unvermeidlich ſei. Dies bewies, daß der Charakter des Logger bekannt war, und ließ nur wenig Hoffnung, daß ſeine Lage den Engländern nicht ſchon im Laufe dieſes Morgens gemeldet werden würde. Dreizehntes Kapitel. —— Nun auf den Weg! Ich muß hinweg— es hieße, bier verweilen, Ging ich mit dir; und jeder Aufenthalt Erſchwert das Gehen; du biſt Alles mir Auf dieſer Welt und unter dieſem Himmel. Milton. Die Nachrichten, welche Ithuel mittheilte, änderten Raoul's Anſicht von ſeiner gegenwärtigen Lage weſentlich. Ein rüſtiger Mann konnte von der Marinella an dem Fuße des Scaricatojo oder der Stelle, wo die Mann⸗ ſchaft der Felucca an das Land gegangen war, in einer Stunde die Marina grande von Sorrento erreichen. Hier waren ſtets Boote in der Bucht zu finden, und zwei fer⸗ nere Stunden brachten den Boten zu Waſſer, ſelbſt bei ſtillem Winde, zu den Schiffen vor Capri. Die erſte dieſer wichtigen Stunden war nun ſchon einige Zeit ver⸗ laufen, und er konnte nicht daran zweifeln, daß kräftige ———— ⏑— + — 319— Arme ſchon jetzt bemüht wären, über die kurze Waſſer⸗ ſtrecke wegzurudern, welche die Inſel von der Sorrenti⸗ ner Küſte trennte. Der Tag war allerdings windſtill, und es war unmöglich, die Schiffe zu bewegen; aber zwei Fregatten und eine ſchwere Kriegsſchaluppe konnten eine Maſſe Boote gegen ihn ſchicken, welche in ſeiner jetzi⸗ gen Lage den Widerſtand faſt hoffnungslos machen mußte. Raoul ließ von dem Frühſtücke und warf, auf dem Hackebord ſtehend, beſorgte Blicke um ſich. Seine kräfti⸗ gen, muthigen Genoſſen, welche mit all den Gefahren, die ſie umgaben, unbekannt waren, verzehrten ihr Mor⸗ genmahl mit jener Gleichgültigkeit gegen die Gefahr, welche das gewöhnliche Gebahren von Seeleuten in ſo hohem Grade auszeichnet. Selbſt Ithuel, der ſonſt in Betreff der Nähe ſeiner engliſchen Feinde ſo empfindlich war, und in der That Alles zu fürchten hatte, wenn das Unglück wollte, daß er wieder in ihre Hände fiel, verzehrte ſein Mahl mit dem ganzen Behagen Deſſen, der den Morgen in ſaurem Dienſte gearbeitet hatte. Alle ſchienen der bedenklichen Lage unbewußt zu ſein, und Raoul hatte das Gefühl, als wenn die ganze Verant⸗ wortlichkeit allein auf ſeinen Schultern laſtete. Glück⸗ licherweiſe war er der Mann nicht, der vor den Pflichten des Augenblicks bebte, und er brachte den einzigen müßi⸗ gen Moment, deſſen er ſich wahrſcheinlich an dieſem Tage zu erfreuen hatte, damit hin, daß er über ſeine Hülfsquellen nachdachte und ſeine Pläne zur Reife brachte. — 320— Alles zur Bewaffnung Gehörige blieb noch in dem Logger; es war jedoch zweifelhaft, ob er flott werden könne, ohne daß man es entfernte; mußte es aber her⸗ ausgebracht werden, ſo entſtand die Frage, was man damit beginne, um im Falle eines Angriffs davon Nutzen zu ziehen. Zwei, ſogar vier von den leichten Kanonen konnten auf die Decken der Felucca gebracht werden; und er befahl, dies ſofort ins Werk zu ſetzen; die nöthi⸗ gen Kugeln und Pulver folgten. Nach Ithuel's Bericht war dieſe Felucca eine gute, raſche Seglerin, und mit einer Bemannung von zwan⸗ zig Mann konnte ſie von großem Nutzen werden. So⸗ dann war auf einer der Inſelchen eine Ruine, welche man für die Ueberbleibſel eines alten Tempels hielt. Dieſes Mauerwerk war allerdings unbedeutend und aus einiger Entfernung kaum ſichtbar; als man es aber ge⸗ nauer unterſuchte, fand man, daß es eine kleine Schaar wohl bergen und ſie gegen leichtes Gewehrfeuer, wie Boote es wahrſcheinlich unterhalten würden, vollkommen ſchützen könne. Raoul beſtieg die Jolle und begab ſich ſelbſt an dieſen Punkt, um deſſen Brauchbarkeit ſorgfältig und genau zu prüfen. Als er zurückkehrte, war ſein Plan zu ſeiner Zufriedenheit entworfen. Die Frühſtückszeit war vorüber und die Leute gingen an die Arbeit. Die Offiziere erhielten die Befehle, welche jeder zur Erfüllung der ſeiner beſondern Ueberwachung anvertrauten Pflichten nöthig hatte. Da Ithuel die Fre⸗ —— — 82— G — 321— 4 gatte gekapert hatte, gebührte ihm der Befehl über die Priſe. Er wurde angewieſen, das Geſchütz und die Mu⸗ nition, welche die Vertheidigung forderte, an Bord zu nehmen, die Kanonen, ſo gut es ging, auf die Raperten zu legen und Alles zum Kampfe herzurichten; während eine andere Abtheilung der Leute alle die Gegenſtände, welche man zu retten wünſchte, aus dem Logger in den untern Raum der Felucca brachte. Eine andere Schaar, unter dem erſten Lieutenant, ſchiffte die übrigen leichten Karronaden, nur Zwölfpfün⸗ der, ſo wie die nöthige Munition auf die Inſel, und begann in den Ruinen die Batterie aufzuſtellen; auch ein kleiner Vorrath von Proviant und Waſſer wurde auf das Inſelchen gebracht. Während dieſe Vorrichtungen im Gange waren, ſchickte ſich Raoul, von ſeinem Segelmeiſter unterſtützt, an, den Logger von den Felſen winden zu laſſen. Bei dieſem Geſchäfte, welches in dieſem Augenblicke als das wichtigſte gelten konnte, übernahm unſer Held die Lei⸗ tung perſönlich; denn es forderte Geſchick, Urtheilskraft und Vorſicht. Die Mannſchaft hatte die phyſiſche Kraft dazu herzugeben. Endlich war Alles in Bereitſchaft und der Augen⸗ blick gekommen, wo dieſer wichtige Verſuch gemacht wer⸗ den ſollte. Nach Raoul's Berechnung mußten die Engländer zu Capri jetzt von ſeinem Unfalle Nachricht erhalten haben, 187— 189. 21 und es blieben wenige Augenblicke, in welchen Vieles und Wichtiges zu thun war. Die Matroſen wurden alſo alle an die Handſpaken gerufen, und das Hebewerk begann. Sobald das Kabel angezogen hatte, wußte Raoul, daß der Anker halten würde. Glücklicherweiſe hatte einer der Haken einen Fels gefaßt, ein Umſtand, von welchem man ſich nur durch die Folgen überzeugen konnte; ſo lange aber das Eiſen zuſammenhielt, drohte keine Gefahr, dieſer weſentlichen Hülfe entbehren zu müſſen. Der letzte Theil des Verladungsgeſchäftes ward nun ſo ſchnell als möglich zu Ende gebracht, und dann kam der Verſuch mit der Hebewinde. Alle Anſtrengungen waren aber vergeblich; man rückte nun Zoll um Zoll vor, bis es ſchien, als wenn das Garn des Kabels ſeine kleinſten Faſern ausdehnte, ohne daß der Rumpf ſich von den Felſen hob, auf denen er lag. Selbſt die Jungen wurden an die Spaken gerufen, aber die vereinigte Kraft Aller, die Offiziere nicht ausgeſchloſ⸗ ſen, brachte keine Aenderung hervor. Jetzt trat ein Augenblick ein, wo Raoul es für das Gerathenſte hielt, ſeinen Logger in Brand zu ſtecken, an Bord der Felucca zu gehen und zeitig genug nach Süden abzuhalten, ehe der erwartete Beſuch der Engländer ein⸗ traf. Er rief ſogleich ſeine Offiziere zuſammen und legte ihnen den Plan vor. Naoul begründete ihn aber zu ſchwach, und in der Bruſt ſeiner Hörer fand er zu wenig Anklang, als daß man an die Ausführung gedacht hätte. 8 — 3235— Der Gedanke, dieſes ſchöne, tadelloſe, kleine Fahrzeug aufzugeben, war zu ſchmerzlich, ſo lange noch die ent⸗ fernteſte Hoffnung vorhanden war, es zu erhalten. Raoul hatte ſeine Stunden mit der Genauigkeit eines klugen Feldherrn berechnet. Die engliſchen Boote konnten nun nicht mehr lange ausbleiben, und er begann zu hoffen, die Neapolitaner hätten den großen Mißgriff begangen, und ihre Nachricht an die Flotte im Golf geſchickt, ſtatt ſie an die Schiffe vor Capri gehen zu laſſen. War dies der Fall, ſo hatte er den ganzen Tag vor ſich, und konnte im Schutze der Nacht entkommen. Wie dem aber auch wäre,— der Logger ſollte nicht eher verlaſſen werden, als bis der Feind im Geſicht war, und die Mannſchaft wurde abermals an die Winde gerufen, um einen neuen Verſuch zu machen. Da man überall die Küſte entlang Waſſer einnehmen konnte, und die Entfernung von Corſica ſo unbedeutend war, wurden die letzten Fäſſer geleert und das Waſſer in der letzten Pauſe ausgepumpt. Unſer Held fühlte, daß dieſe Anſtrengung die letzte wäre. Der innere Raum des Irrlichts war im wört⸗ lichen Sinne leer, und alle Spieren, die man entbehren konnte, ſchwammen um die Felſen. Wenn es jetzt nicht gehoben werden konnte, gingen ihm die Mittel ab, es flott zu machen. Der Anker hielt; das Kabel ſtand, obgleich es die höchſte Spannung erreicht hatte; und außer ihm waren alle Hände an den Spaken. Die Grund⸗ 21* 324— ſchwelle hatte ſich den ganzen Morgen gemindert, und von dem Steigen des Waſſers war jetzt wenig Hülfe zu erwarten. Dies„wenig“ mußte aber benützt werden, ſonſt ſchien der Verſuch ohne alle Hoffnung. „Macht euch fertig, Leute,“ rief Raoul von dem Hackebord,„und greift auf das Wort an. Wir wollen auf eine Welle warten, und dann ſtrengt jeden Nerv an, bis der Erfolg ſichtbar wird. Pas encore, mes enfants— pas encore— haltet an— dort kommt eine Welle, die uns hülfreich werden kann— ſetzt an— drückt ſtärker— drückt, was Ihr könnt— drückt Alle mit⸗ einander!“ Die Mannſchaft gehorchte. Zuerſt zogen ſie ſanft an, dann folgte ein ſtärkerer Zug, und als eben die Grundſchwelle unter dem Boden des Loggers herrollte, ſtrengten ſie, dem Befehle gemäß, ihre ganze Kraft an, und der Rumpf bewegte ſich zum erſten Male. Die Bewegung war entſcheidend und hatte die rechte Richtung. Dieſer Erfolg gab den Leuten neue Kraft zu einer mächtigeren Anſtrengung. Es war wahrſcheinlich, daß ſie bei dem nächſten Zuge die zehnfache Kraft in ihren Muskeln ſammeln würden. Raoul wußte dies wohl und beſchloß, dieſe Stimmung zu benützen. „Encore, mes enfants,“ ſagte er. Macht euch fer⸗ tig.— Acht gegeben— jetzt kommt der Augenblick.— Hohlt an und reißt die Planken von des Loggers Boden auf— daran, Leute— daran!“ N— 8 S8—— — 325— Jetzt entſprach die Anſtrengung der Dringlichkeit des Augenblickes vollkommen; die Woge rollte herein, die Mannſchaft nahm alle ihre Kräfte zuſammen— man fühlte die hebende Welle, und das Irrlicht ſchoß von ſei⸗ nem Lager ab in das tiefe Waſſer, und rollte wegen des mangelnden Ballaſtes faſt bis an ſeine Finkenetten. Bald lag es gerade über ſeinem Anker. Dies war Glück! wonniges Glück! und zwar in einem Augenblicke, wo die Muthigſten zu verzweifeln begannen. Die Matroſen fielen ſich um den Hals, und jeder legte ſein Entzücken nach ſeiner Weiſe an den Tag. In Raoul's Augen traten die Thränen; und er konnte ſie nicht ver⸗ bergen, denn alle Offiziere drängten ſich um ihn, um ihre Glückwünſche laut werden zu laſſen. Dieſer Jubel mochte zwei Minuten gedauert haben, als Ithuel, ſtets kalt und berechnend, ſich durch die Leute zu ſeinem Befehlshaber drängte, und mit dem Finger bedeutſam in die Richtung von Campanella hin⸗ aufwies. Dort zeigte ſich in der That eine Abtheilung der erwarteten Boote. Sie hatten in dieſem Augenblicke um das Kap gewendet und ruderten auf den Logger zu. Ithuel's Geberde war zu bedeutſam, um der Auf⸗ merkſamkeit zu entgehen, und alle Augen folgten der Richtung des Fingers. Der Anblick, welcher ſich darbot, war nicht zu mißdeuten. Er änderte plötzlich den Strom der Gefühle bei allen Anweſenden. Jetzt war kein Zwei⸗ fel mehr in Betreff der Art, wie die Nachricht von dem Unfalle zu dem Feinde gekommen und wie die Englän⸗ der zu Capri ſie aufgenommen. Wirklich hatte der Padrone der gekaperten Felucca, in der bloßen Abſicht, ſein Fahrzeug wieder zu bekom⸗ men, bei der Marinella, am Fuße des Scaricatojo, ange⸗ legt, und war, ſo raſch es ihm möglich war, hinaufge⸗ ſtiegen; er eilte die engen Wege der Ebene und den Hügelabhang entlang an die Küſte von Sorrento, warf ſich in ein Boot, das vier flinke Sorrentiner Fiſcher führten,— und Europa hat ſie nicht flinker und verwe⸗ gener aufzuweiſen,— begab ſich an Bord der Terpſi⸗ chore, und berichtete, da er den eigentlichen Befehlsha⸗ ber der drei Schiffe nicht kannte, Sir Frederick Daſhwood, was ſich begeben hatte. Obgleich der junge Baronet weder ſehr ſcharfſinnig noch in ſeinem Berufe ſehr erfahren war, ſtrebte er doch nach Auszeichnung. Es flog ihm augenblicklich durch den Kopf, daß ſich jetzt eine paſſende Gelegenheit darböte, Lorbeeren zu ſammeln. Er war jetzt der zweite im Range, und kraft dieſes Anſpruches glaubte er, der erſte könne jetzt nichts anderes thun, als ihm die Leitung bei dem Angriffe gegen die Franzoſen übertragen, zu welchem, wie er richtig vorausſah, Cuffe Befehl geben würde. Hier aber erhob ſich eine Schwierigkeit. Sobald Sir Frederick dem älteren Capitain die Art der Kunde, welche er erhalten, mittheilte, und ihm ſeinen Wunſch aus⸗ drückte, bei dieſer Gelegenheit das Commando zu erhal⸗ 4 — 327— ten, machte Wincheſter ſeine Rechte geltend und es ent⸗ ſtanden Zweifel. Cuffe entſchloß ſich raſch genug, den Befehl ergehen zu laſſen, daß jedes Schiff zwei Boote bemannen und bewaffnen ſolle, und fügte dieſer Beſtim⸗ mung die nöthigen Einzelnheiten hinzu; aber er verlor koſtbare Minuten, bis er ſich entſchied, wer das Com⸗ mando erhalten ſollte. Dies war der Grund der Zöge⸗ rung, und ſo hatte Raoul Zeit bekommen, gewiſſen Hoffnungen Raum zu geben, welche ſpäter vernichtet werden ſollten. Sir Frederick trug zuletzt den Sieg davon, da ihn ſein Rang in entſchiedenen Vortheil ſtellte, und unter ſeinen Befehlen näherte ſich jetzt die Abtheilung der Boote. Raoul ſah, daß er wohl noch mehr als eine Stunde vor ſich hatte. In der Felucca allein, und überdies bei einer Windſtille, ſo viele Feinde zu bekämpfen, war nicht denkbar. Dieſes kleine, niedrige Fahrzeug konnte möglicher⸗ weiſe einige der vorderſten Boote vernichten; aber bei dem erſten Angriffe mußte es unvermeidlich erliegen. Die Zeit war zu kurz, um den Ballaſt und die Ausrüſtungen in den Logger zu ſchaffen, und ihn ſo zu geeignetem Widerſtande fähig zu machen; auch bot er, außer in raſcher Bewegung, nicht die Vortheile zu einer Verthei⸗ digung, wie die Ruinen. Man beſchloß daher, mit den beiden Schiffen die beſten Einrichtungen zu treffen, welche die Umſtände erlaub⸗ ten, während man die hauptſächliche Zuverſicht auf die — 328— feſten Schutzwehren von Stein ſetzen wollte. Zu dieſem Ende erhielt Ithuel die Weiſung, ſeine Felucca an einen paſſenden Ort vor Anker zu legen; der erſte Lieutenant wurde beordert, ſo viel als möglich an Bord des Irr⸗ lichts ſchaffen zu laſſen, um von jedem Begebniß Nutzen ziehen zu können, während Raoul ſelbſt dreißig ſeiner beſten Leute wählte und die Kanonen auf den Felſen zum Gebrauche herzurichten begann. Eine einzige halbe Stunde änderte den Stand der Dinge weſentlich. Es war Ithuel gelungen, für die Felucca eine Stellung zwiſchen den Inſeln aufzufinden, wo Boote nicht leicht an ſie herankommen konnten, und wo ihre Karronaden von großer Wirkung werden mußten. Der Ballaſt war größtentheils wieder an Bord des Log⸗ gers, nicht minder ſo viel von dem Proviant, als nöthig war, um ihn, ſo fern ein Wind ſich erheben ſollte, eini⸗ germaßen ſteif zu machen; auch hatte Raoul befohlen, die zwei Inſeite⸗Kanonen der Felucca an ſeinen Bord zu bringen und zu bemannen, um bei der Vertheidigung ein Flankenfeuer unterhalten zu können. Für Schiffe, die vor Anker liegen, iſt es ſtets ein ſehr mißlicher Umſtand, daß dem angreifenden Theile die Gelegenheit gegeben iſt, ſeinen Angriffspunkt zu wählen; und wenn der Vertheidiger mehrere ſeiner Schiffe in eine Linie bringt, werden ſie ſich natürlich im Feuern hinderlich. Um dieſem ſo viel als möglich zuvorzukom⸗ men, ließ Raoul ſeine zwei ſchwimmenden Batterien — 329— außer der Linie aufſtellen, obgleich es unmöglich war, ihnen eine ſolche Stellung zu geben, in welcher nicht jede an einem Angriffspunkte mehr als an dem andern bloßgeſtellt geweſen wäre. Dennoch war die Anordnung ſo getroffen, daß ein Schiff dem andern, oder die Ruine beiden Fahrzeugen, bei einem Angriffe auf den ſchwächſten Punkt Beiſtand leiſten konnte. Raoul beſuchte, als ſeine Kanonen aufgeſtellt waren und die beiden Schiffe ihre Ankerplätze eingenommen hat⸗ ten, ſowohl den Logger als auch die Felucca, um Augen⸗ ſchein von den Zurüſtungen zu nehmen und der Mann⸗ ſchaft ein ermunterndes Wort zu ſagen. Er fand faſt Alles nach ſeinem Sinne, und wo dies nicht der Fall war, ließ er ſogleich Hand an das Werk legen. Mit dem Lieutenant war ſeine Unterhaltung kurz; denn dieſer Offizier war in ſolcher Art Kriegführung ſehr erfahren, und er konnte ſich vollkommen auf ihn ver⸗ laſſen. Ithuel gegenüber war er mittheilſamer; nicht als hätte er dem Bürger aus den Granit⸗Staaten mißtraut, ſondern weil er wußte, daß er ein Mann von ungewöhn⸗ lichem Scharfſinn und Geſchick war, wenn der rechte Geiſt in ihm geweckt worden. „Bon, Ituel,“ ſagte er, als er von Allem Ein⸗ ſicht genommen hatte,„Vieles wird von dem Gebrauche abhängen, welchen Ihr von dieſen zwei Seitenkanonen macht.“ „Ich weiß dies eben ſo gut, wie Ihr, Capitain — 330— Nule,“ ſagte er, und biß wenigſtens zwei Zoll von einer halben Elle Streiftaback ab;„und was mehr iſt, ich weiß, daß ich mit einem Tau um meinen Hals fechte. Die ſcheußlichen Teufel werden kaum über all Das, was vorgegangen iſt, wegſehen, und obgleich es gegen alles Geſetz geſchieht, werden ſie doch alle ihre Enden gegen uns aufſtechen, wenn wir nicht unſere Enden gegen ſie aufſtechen. Nach meinem Bedünken iſt das letztere das Angenehmſte und auch das Gerechteſte.“ „Bon— verſchwendet Eure Kugeln nicht, Itbuel!“ „Ich— nun, Capitain Rule— ich bin von Natur ökonomiſch. Dies wär' eine Verſchwendung, und Ver⸗ ſchwendung gilt bei mir für Sünde. Die einzige Stelle, wohin ich Kugeln zu ſchleudern gedenke, iſt Geſicht und Auge der Engländer. Was mich betrifft, ſo wünſche ich, Nelſon ſelbſt wär' in einem jener Boote— ich wünſche dem Manne nichts Böſes— aber ich wünſche, er wär' in einem eben jener Boote dort.“ „und ich wünſche es nicht, Ituel. Unter uns ge⸗ ſagt, die Sache iſt ſo ſchon ſchlimm genug, und Nelſon wird mir einen Gefallen thun, wenn er an Bord ſeines Foudroyant bleibt; voilà! der Feind geht mit ſich zu Rath, wir werden bald von ihm hören! Adieu, mon ami!— denkt an unſre zwei Republiken!“ Raoul drückt Ithuel die Hand und betrat ſein Boot. Die Entfernung von der Ruine war unbedeutend, es war aber nöthig, einen kleinen Umweg zu machen, um —‿‿— ſie zu erreichen. Während der junge Seemann dies that, entdeckte er ein kleines Boot, das von der Richtung der Narinella am Fuße des Scaricatojo kam und ſich unbe⸗ achtet ſo nahe herangedrängt hatte, daß er lebhaft auf⸗ fuhr und über einen ſolchen Nachbar erſchrack. Ein zweiter Blick überzeugte ihn jedoch, daß er von dieſer Seite her nichts zu beſorgen hatte. Sein Auge täuſchte ihn nicht. In dem Boote waren Ghita und ihr Oheim; der letztere zog die Riemen und das Mädchen ſaß im Spiegel, das Haupt tief geſenkt, augenſcheinlich in Thränen. Raoul war allein und trieb die leichte Jolle mit einer einzigen Hand vorwärts; er ſtrengte ſich an, den uner⸗ warteten und, unter den jetzigen Umſtänden unwillkomm⸗ nen Beſuch ſo weit als möglich von den Felſen entgegen zu kommen. Alsbald lagen ſich die beiden Boote Seite an Seite. „Was ſoll dies bedeuten, Ghita?“ rief der junge Mann aus;„ſeht Ihr nicht die Engländer drüben, wie ſie ſich in dieſem Augenblicke anſchicken, uns anzugreifen? In wenigen Minuten werden wir inmitten eines Gefech⸗ tes ſein und du hier?“ „Ich ſehe jetzt alles, Raoul,“ antwortete ſie,„ob⸗ gleich dies nicht der Fall war, als wir die Küſte ver⸗ ließen; da wir aber einmal in dem Golfe heraus waren, wollten wir nicht mehr zurück kehren. Ich habe zuerſt in St. Agatha das Unglück entdeckt, das dich betroffen; von dieſem Augenblicke ließ ich nicht mit Bitten bei meinem Oheim ab, bis er einwilligte, hierher zu kommen.“ „Aus welchem Grunde, Ghita?“ fragte Raoul mit funkelnden Augen;„gibſt du endlich nach— willſt meine Gattin werden? In meinem Unglücke erinnerſt du dich, daß du ein Weib biſt!“ „Nicht gerade das, lieber Raoul; aber ich kann dich in dieſer Noth nicht ganz verlaſſen. Ich fürchte, das⸗ ſelbe Hinderniß beſteht noch, welches ſich immer unſerer Verbindung entgegen ſetzte. Wir haben dieſe Hügel hier entlang viele Freunde, welche dich gern verbergen helfen werden; und ich bin gekommen, dich und den Amerikaner an die Küſte zu bringen, bis ſich eine günſtige Gelegen⸗ heit bietet, dir nach Frankreich zu helfen.“ „Wie, Ghita? dieſe Tapfern ſoll ich verlaſſen, und in einem Augenblicke, wie dieſer? Und wenn es deine Hand gälte, liebſtes Mädchen, könnte ich mich einer ſo gemeinen Handlung nicht ſchuldig machen.“ „Deine Lage iſt von der ihrigen verſchieden. Das Todesurtheil iſt über dich verhängt, Raoul; wenn du wieder in die Hände der Engländer fällſt, wirſt du keine Gnade finden.“ „Assez; wir haben jetzt keine Zeit, die Sache weiter zu beſprechen. Die Engländer ſind in Bewegung und es wird dir kaum noch gelingen, eine ſichere Stelle zu erreichen, ehe ſie ihr Feuer beginnnen. Der Himmel mit dir, Ghita. Dieſe Beſorgtheit für mich zieht mein 1 — 333— Herz inniger als je zu dir hin; aber wir müſſen uns trennen. Signor Giuntotardi, haltet mehr auf Amalfi ab. Ich ſehe, die Engländer wollen uns von der Land⸗ ſeite angreifen— rudert mehr gegen Amalfi hin.“ „Du ſagſt uns dies vergeblich, Raoul,“ antwortete Ghita ruhig, aber feſt.—„Wir ſind nicht aus nichtigen Gründen hierher gekommen; wenn du dich weigerſt, mit uns zu gehen, werden wir bei dir bleiben. Die Gebete, von denen du eine ſo geringe Meinung haſt, könnten ſich als nützlich bewähren.“ „Ghita,— dies iſt unmöglich. Wir ſind ohne allen Schutz— faſt ganz vertheidigungslos— unſer Schiff kann dich nicht aufnehmen, und dieſes Zuſammentreffen wird ein ganz anderes ſein, als jenes vor Elba. Du kannſt gewiß nicht wollen, daß in einem ſolchen Augenblicke auch noch die Beſorgniß um dich meinen Geiſt zerſtreue.“ „Wir werden bleiben, Raoul. Der Augenblick kann kommen, wo du froh ſein wirſt, dich des Gebetes der Gläubigen zu erfreuen. Gott hat uns hierher geführt,. dich entweder mit uns zu nehmen, oder zu bleiben und in⸗ mitten des Kampfes dein Seelenheil im Auge zu behalten.“ Raoul blickte die ſchöne Begeiſterte mit einer Innig⸗ keit der Liebe und Bewunderung an, welche ſelbſt ihre Wahrhaftigkeit und Einfachheit nie in ihm erregt hatte. Ihre ſanften Augen glänzten von frommer Glut, ihre Wangen brannten, und es war, als wenn eine Art Hei⸗ ligenſchein ſich um ihr Antlitz gelegt hätte. — 334— Der junge Mann fühlte, daß die Zeit drängte; er ſah, daß er nicht hoffen konnte, des Mädchens Entſchluß zeitig genug zu ändern, um den herannahenden Booten zu entgehen; und es war möglich, daß Beide in irgend einem Verſteck der Ruine ſicherer waren, als wenn ſie verſuchten, an die Küſte zurückzukehren. Im Hinter— grunde lauſchte freilich auch der ſtets rege Wunſch, Ghita in ſeiner Nähe zu haben, und half ſeinem haſtigen Ge⸗ dankenzuge nach, ſo daß er beſchloß, das Mädchen und ihren Oheim auf die Inſel mitzunehmen, welche er per⸗ ſönlich vertheidigen wollte. Unter der Mannſchaft hatten ſich allgemach Zeichen der Unzufriedenheit bemerklich gemacht, ehe Raoul ſich entſchloß, welchen Weg er einſchlagen wolle. Als er aber, Ghita unterſtützend, an das Land ſtieg, änderten jene Ritterlichkeit des Charakters und der Ehrfurcht vor dem ſchönen Geſchlechte den Strom der Gefühle, und ihre beiden Bekannten wurden mit Freudenruf empfangen. Jede Selbſtverläugnung hat etwas Heldenmäßiges, und dies iſt ſtets hinreichend, Leute zu begeiſtern, die den Ruhm über Alles lieben. Aber die Zeit zu den nöthigen Anordnungen war kurz. Glücklicherweiſe hatte der Schiffsarzt ſein Standquartier auf dieſem Inſelchen aufgeſchlagen, da vorauszuſehen war, daß der Kampf hier am heißeſten werden würde. Es war ihm gelungen, hinter einer Seite der Ruine eine Felſenhöhle zu finden, wohin Verwundete gebracht werden konnten, — 335— und wo man ziemlich ſicher war. Raoul begriff die Vor⸗ theile dieſer Stellung, und führte, ohne länger zu über⸗ legen, Ghita und ihren Oheim dahin. Hier umarmte er das Mädchen zärtlich,— eine Freiheit, welche Ghita in einem ſolchen Augenblicke nicht zurückweiſen konnte— und riß ſich dann los, um ſich Pflichten zu widmen, die mit jeder Minute dringlicher wurden. Sir Frederick Daſhwood war nun mit ſeinen Anord⸗ nungen fertig und ſchritt dem Angiffe entgegen; bereits war er auf Kanonenſchußweite heran. Um die Franzo⸗ ſen zu hindern, ſich an die Küſte zu flüchten, wie dies zu erwarten war, wollte er ſich lieber ſelbſt von dieſer Seite nähern, eine Anordnung, welche Raoul's Wün⸗ ſchen entgegen kam; denn er hatte die Wahrſcheinlichkeit eines ſolchen Verfahrens vorhergeſehen, und in der Erwartung eines ſolchen Ergebniſſes ſeine Vorbereitun⸗ gen getroffen. Die Zahl der Boote, welche man ſah, belief ſich auf acht; aber nur ſieben kamen näher heran und hielten ſich in einer Linie. Sechs waren ſtark bemannt, bewaffnet und zum Gefechte bereits hergerichtet. Drei derſelben hatten leichte Bootkanonen in ihren Bugen, während die andern drei nur mit Kleingewehr verſehen waren. Das ſie⸗ bente Boot war das Gig der Terpſichore, mit ſeiner gewöhn⸗ lichen Mannſchaft ausgerüſtet. Der kommandirende Offi⸗ zier bediente ſich deſſen ſelbſt als eine Art cheval de bataille in dem ſtrengeren Sinne dieſes Wortes, oder, — 336— deutlicher zu ſprechen, Sir Frederick ruderte in demſelben durch die Linie, um ſeine Befehle zu geben und den Leuten Muth einzuſprechen. Das achte Boot hielt ſich fern ab, weit außer dem Bereich des Geſchützes; es war ein Küſtenboot, das nach Capri gehörte, und in welchem Andrea Barrofaldi und Vito Viti ausdrücklich gekommen waren, um Zeugen von der Gefangennehmung oder Zerſtörung ihres alten Fein⸗ des zu werden. Als Raoul in dem Golf von Neapel den Englän⸗ dern in die Hände fiel, glaubten dieſe würdige Herren, jetzt ſei ihre Sendung vollbracht; ſie könnten jetzt mit Ehren nach Elba und Porto Ferrajo zurückkehren, und unter den Beamten jener Inſel ihre Häupter wieder mit Würde und Behaglichkeit emporrichten. Aber die Flucht des Kapersmannes und die Art, wie ſie in dieſelbe verflochten erſchienen, änderte den Stand der Dinge vollkommen. Eine neue Verantwortlichkeit laſtete auf ihren Schultern; neuer Tadel trat ihnen ent⸗ gegen und mußte beſeitigt werden, und der neue Zuwachs des Lächerlichen ſchien die frühern Beweiſe ihrer Einfalt und Stumpfheit ganz in den Schatten ſtellen zu wollen. Wären Griffin und ſeine Genoſſen nicht mit in der Suhe verwickelt geweſen, würden wahrſcheinlich der Mice⸗Gover⸗ natore und der Podeſta dem Tadel noch 6* blos⸗ geſtellt worden ſein; wie aber die Sache war, mußten die neckiſchen Blicke, die lauten Scherzworte und die ———— — 337— handgreiflichen Anſpielungen Aller an Bord des Schiffes die guten Würdenträger zu dem Entſchluſſe bringen, bei der erſten Gelegenheit zu ihren Dienſtpflichten auf feſten Grund und Boden zurückzukehren. Um mittlerweile dem Spotte zu entgehen, und viel⸗ leicht an dem Ruhme, welchen man zu ernten hoffte, einen kleinen Antheil zu erhalten, hatten ſie ein Boot gemiethet, und begleiteten in der Rolle von Dilettanten den Zug. Es lag jedoch nicht in ihrem Plane, ſich bei dem Gefechte zu betheiligen, indem das Zuſchauen dabei — wie Vito Viti ernſt behauptete, als ſein Freund und Nachbar auf das Gegentheil hindeutete— mehr als aus⸗ reichend war, in den Augen eines jeden Elbaners ihr Benehmen und ihren Muth in das beſte Licht zu ſtellen. „Cospetto!“ rief Viti in der Hitze des Widerſpruchs, „Signor Andrea, Eure Vorſchläge ſind mehr in dem Geiſte eines ſorgloſen Knaben, als in dem eines nach⸗ denkenden Vice⸗Statthalters. Wenn wir Flinten und Säbel in das Boot nehmen, wie Ihr zu wünſchen ſcheint, kann der Teufel uns verſuchen, ſie zu brauchen, und was verſtehen wir beide von dergleichen Dingen? Die Feder iſt eine geeignetere Waffe für einen Beamten, als ein ſcharfſchneidiges Schwert oder ein ſchlecht riechendes Feuergewehr. Ich bin erſtaunt, daß Euer angebornes Gefühl Euch nicht beſſer belehrt. Es liegt etwas Unziem⸗ liches für den Mann darin, ſeine Pflichten zu mißkennen, und von Allem, was mir auf Erden begegnen kann, 187— 189. 22 — 338— bewahre mich der Himmel davor, daß ich in dieſen Fehler verfalle. Eine falſche Stellung macht verächtlich.“ „Du biſt warm geworden, Nachbar Viti, und zwar ohne allen Grund, Was mich betrifft, ſo glaube ich, daß der Mann auf jede Dringlichkeit, die ihn treffen kann, gefaßt ſein muß. Die Geſchichte bietet eine Menge Bei⸗ ſpiele, daß Beamte und Gelehrte, ja ſelbſt Geiſtliche ſich bei geeigneten Gelegenheiten durch Waffenthaten auszeich⸗ neten; und ich geſtehe, ich fühle eine Art philoſophiſcher Neugierde, mich über die Gefühle zu belehren, mit wel⸗ chen der Menſch nach Ruhm ſtrebt und das Leben preisgibt.“ „Dies iſt Eure eingefleiſchte Schwäche, Signor Andrea, und die Noth zwingt mich, die Achtung, welche ein Podeſta einem Vice⸗Governatore ſchuldig iſt, ſo weit aus den Augen zu ſetzen und Euch wider Willen meine Meinung zu ſagen. Die Philoſophie iſt der Teufel, der Euern Verſtand berückt; mit der Hälfte der Geiſtes⸗ gaben, die Ihr beſitzt, könntet Ihr einen der vorzüglich⸗ ſten Unterthanen des Großherzogs abgeben. Was die Geſchichte angeht, ſo glaube ich kein Wort von dem, was ſie ſagt— beſonders ſeitdem die nördlichen Nationen angefangen haben, ſie zu ſchreiben. Italien hatte einſt Geſchichten— aber wo ſind ſie jetzt? Ich ſelbſt habe nie gehört, daß Jemand in das Gefecht gegangen, der nicht regelmäßig für die Waffen erzogen war, ſolche Burſche allenfalls ausgenommen, die Grund hatten, zu wünſchen, ſie hätten nie das Licht der Welt geſehen.“ — 359— „Ich kann dir mehrere Namen, von Gelehrten beſonders, nennen, deren Ruhm als Krieger nur von dem verdunkelt wird, welchen ſie ſich durch ihre fried⸗ licheren Leiſtungen erwarben, ehrlicher Vito,— zum Bei⸗ ſpiel Michel Angelo Buonarotti, um nichts von mehreren kriegeriſchen Päbſten, Kardinälen und Biſchöfen zu ſagen. Aber wir können dieſen Gegenſtand gründlicher beſpre⸗ chen, wenn das Gefecht vorüber iſt. Du ſiehſt, die Eng⸗ länder beſteigen bereits ihre Boote und wir werden in der Nachhut der Kämpfenden ſein.“ „Um ſo beſſer, Corpo di Bacco! Wer hat je von einer Armee gehört, die ihr Gehirn in ihrem Kopf hatte, wie menſchliche Geſchöpfe?— Nein, nein, Signor An⸗ drea;— ich habe mich mit einem Roſenkranz verſehen, deſſen Körner ich abzubeten gedenke, ſo lange das Gefecht dauert, wie es einem guten Katholiken ziemt; wenn Ihr ſo hitzig und erpicht ſeid, an dieſem Strauß Theil zu nehmen, ſo mögt Ihr mit lauter Stimme eine Rede der Redner und Generale der Vorzeit vortragen, wie man ſie in jedem alten Buche findet.“ Vito Viti ſetzte ſeine Anſicht durch. Der Vice⸗Statt⸗ halter ſah ſich genöthigt, die Waffen zurückzulaſſen; doch machte dies keinen großen Unterſchied hinſichtlich des Aus⸗ gangs des Kampfes, denn die Bootsleute, welche ſie ge⸗ dungen, forderten nicht nur das Dreifache für ihre Zeit und Mühe, ſondern verweigerten es auch hartnäckig, ſich den Franzoſen auf mehr als eine halbe Stunde zu nähern. 22* — 340— So fern dies aber auch war, ſo entdeckte doch Raoul, als er den Feind mit einem Glaſe in das Auge faßte, die Anweſenheit der beiden Elbaner. Er lachte laut über dieſe Entdeckung, trotz der vielen ernſten Gedanken, welche natürlich in einem ſolchen Augenblicke ſeinen Geiſt bedrängten. Die Zeit war jedoch nicht geeignet, ſich der Heiter⸗ keit zu überlaſſen, und das Antlitz unſeres Helden drückte bald wieder Ernſt und Sorge aus. Da er ſich nun ver⸗ gewiſſert hatte, in welcher Weiſe die Engländer ihn anzu⸗ greifen beſchloſſen, hatte er ſeinen Untergebenen neue Befehle zu übermachen. Der Hauptzweck war, wie ſchon bemerkt, die verſchiedenen Kanonen ſo aufzuſtellen, daß ſie einander unterſtützten. Damit dies mit Erfolg geſchehe, war es nöthig, die volle Lage des Loggers mehr quer gegen die Felucca umſpringen zu laſſen; als dies geſchehen war, konnte Raoul ſeine Vorbereitungen als beendigt anſehen. Nun folgte die Pauſe, welche gewöhnlich zwiſchen der Vorbereitung und dem Kampfe einzutreten pflegt. Dies iſt in einem Schiffe immer eine Zeit tiefer, feier⸗ licher Stille. Das Schweigen wird in dem engen Raume und unter den lebhaften Schwenkungen eines Schiffes in Bezug auf Uebereinſtimmung, Ordnung und verſtändigen Gehorſam ſo wichtig, daß es eine der erſten Pflichten der Disciplin, deſſen unbedingte Nothwendigkeit ſcharf ein⸗ „Zuprägen iſt; und man ſieht tauſend Mann in ihren Bat⸗ —,& zkFEͤdSp, SG1— — 321— terien ſtehen, bereit, das wilde Kriegsgeſchütz zu bedienen, ohne daß unter ihnen auch nur ein Wort gehört würde, welches laut genug wäre, das leiſeſte Anſprühen der Wellen an das Schiff zu übertönen. Die Franzoſen waren jetzt allerdings nicht zu einem Seegefecht gerüſtet; aber ſie trugen auf den bevorſtehenden Kampf die Ge⸗ wohnheiten und die Mannszucht ihres beſondern Berufs i in jeder Pinſccht über. Vierzehntes Kapitel. Er lehnt ſich an den Felſen an, Den Fuß ſtemmt er mit Macht voran; „Kommt nur! Eh' ich den Platz verlaſſe, Fliegt himmelan die Felſenmaſſe.“ Walter Scott. Sir Frederick Daſhwood hatte, wie wir bereits meh⸗ rere Male zu bemerken Veranlaſſung nahmen, alle ſeine Vorbereitungen getroffen, um den Angriff von der Seite des Landes her zu beginnen, und er hatte dabei den Zweck vor Augen, einen Rückzug gegen die Küſte hin abzuſchneiden. Raoul hatte dies als wahrſcheinlich vor⸗ hergeſehen, und beſonders um den Feind zu hindern, die beiden Schiffe leicht zu entern, hatte er das eine wie das andere in Stellungen bringen laſſen, wo niedrige Felſenſchranken zwiſchen ihnen und jenem Theil des Golfs lagen. — 342— Dieſe Felſen waren aus einiger Entfernung nicht zu gewahren; denn ſie waren eben„waſchig,“ wie man es nennt, oder auf gleicher Höhe mit der Oberfläche des Waſſers, und boten dieſelbe Art Schutz gegen den An⸗ griff in Booten, welchen Sümpfe auf dem feſten Lande gegen einen Ueberfall gewähren. Dies war ein natür⸗ licher Vortheil bei der erwarteten Vertheidigung, und unſer Held zeigte ſeinen ſeemänniſchen Scharfblick, indem er denſelben benützte. Die Felucca hieß„St. Michael,“ und an ihrem Bord war Ithuel mit fünfzehn Mann und zwei zwölf⸗ pfündigen Karronaden, ſo wie ein geeigneter Vorrath von kleinerm Gewehr und Munition. Der Granit⸗Mann war der einzige Offizier, aber er hatte drei bis vier von des Loggers beſten Leuten bei ſich. Das Irrlicht war der Sorgfalt Jules Pintard's, ſei⸗ nes erſten Lieutenants, anvertraut, und unter ſeinem unmittelbaren Befehle ſtanden fünf und zwanzig Mann, welche vier weitere Karronaden zu bedienen hatten. Der Logger hatte nur einen Theil des Ballaſtes eingenommen, und vielleicht ein Drittel ſeines Proviants. Alles Uebrige lag auf den nahen Felſen und harrte des Ausgangs des Kampfes. Man nahm jedoch an, daß das Irrlicht für jeden Dienſt, welcher vor Anker von ihm erwartet wer⸗ den konnte, hinreichend ſtätig ſei, und bei leichtem Winde ſogar alle ſeine Segel tragen könne, ohne irgend eine Gefahr zu laufen. Seine vier Kanonen wurden alle auf — 343— die eine Seite herübergebracht, um in dieſer Richtung als Batterie gebraucht werden zu können. Durch dieſe Anordnung vermehrte der Franzoſe ſeine Vertheidigungsmittel bedeutend, indem er ſo ſeine ganze Artillerie zu gleicher Zeit ſpielen laſſen konnte, was un⸗ möglich geweſen wäre, wenn er die Seiten der Schiffe im Gefechte hätte brauchen wollen. Die übrigen vier Kanonen hatte Raoul in den Rui⸗ nen aufgeſtellt. Mit der Hülfe von Planken, Brahken, Takeln und anderer ähnlicher Gegenſtände war dies ohne Mühe bewerkſtelligt worden, und als er ſein Werk in Augenſchein nahm, ſchien er auf die Haltbarkeit ſeines Geſchützes großes Vertrauen ſetzen zu dürfen. Die Ruinen ſelbſt waren nicht von Belang; aus eini⸗ ger Entfernung waren ſie kaum bemerklich; aber die na⸗ türliche Bildung der Felſen kam ihm zu ſtatten; auch ließ er die Steine da und dort paſſender aufbauen, ſo daß die Stellung den Wünſchen des Seemannes ziemlich entſprach. Die Karronaden wurden en barbette aufgeſtellt; aber eine Senkung der Oberfläche des Felſens ſetzte die Leute in den Stand, ſich ſelbſt den Kopf zu decken, wenn ſie wenige Schritte zurücktraten. Die, welche die Kanonen zu laden hatten, waren allein der Gefahr bloßgeſtellt. Der Schiffsarzt, Carlo Giuntotardi und Ghita befan⸗ den ſich in einer Felſenhöhlung, wo ſie gegen Geſchoſſe jeder Art, ſo lange der Feind ſich auf der Landſeite dielt, vollkommen geſichert und dennoch nur fünfzig Schritte von der Batterie entfernt waren. Der Er⸗ ſtere machte hier ſeine gewöhnlichen blutigausſehenden, wenn auch nicht blutherzigen Vorrichtungen, um Schrau⸗ benbinden anzulegen und Amputationen vorzunehmen; aber die andern Beiden gewahrten nichts von all' Dem, denn in tiefes Gebet verſunken, waren ſie für Das, was um ſie her vorging, ganz verloren. Alle dieſe Anordnungen waren zu Ende gebracht, als Ithuel, der ſein Auge ſtets nach windwärts kehrte, Raoul anrief und fragte, ob es nicht gerathen ſei, die Ragen an die Maſttops laufen zu laſſen, da ſie oben weniger im Wege wären, als wenn ſie das Deck„be⸗ lammerten.“ Dieſe Maßregel konnte nicht wohl Wider⸗ ſpruch finden, denn der Wind war todtſtill; der Logger und die Felueca hißten ſonach ihre Raaen an ihre Plätze auf, die Segel wurden angeſchlagen und hingen in den Dempgordingen. Dies iſt der gewöhnliche Stand von Fahrzeugen letzterer Art, obgleich nicht immer der von Loggern; und der Granit⸗Mann, der ſah, daß ſeine Kardeele herab war, da die früheren Eigenthümer der Felucca ſie vor der Enterung geſenkt hatten, dachte an ein Mittel, Alles zu einem„Schnelllauf“ bereit zu halten. Er wünſchte den Logger auf gleiche Weiſe bereit und ge⸗ rüſtet zu ſehen; denn es war augenfällig, daß die Jagd mit zwei Schiffen die Engländer in nicht geringe Verle⸗ genheit ſetzen würde. Dies war der Grund ſeines Be⸗ — 345— gehrens, und als er ſah, daß ihm entſprochen worden, fühlte er ſich doppelt behaglich. Auf der andern Seite waren alle vorbereitenden Anſtalten mit nicht geringerer Sorgfalt getroffen worden. „Capitain Sir Frederick Daſhwood führte den Befehl, und die Lieutenants Wincheſter und Griffin mußten ſich nach einigen offenen Einreden, gewiſſen Grimaſſen und vielfachen ſtillen Flüchen in ihr Schickſal finden. Dieſe Verhandlungen hatten jedoch eine, den Proſerpinern nicht ganz ungünſtige Folge gehabt. Cuffe ſchickte vier ſeiner Boote gegen den Feind, während er die Terpſichore auf zwei— das Gig mitgerechnet— und die Ringeltaube auf zwei beſchränkte. Jedes Schiff gab, wie es ſich von ſelbſt verſtand, ſeine Barkaſſe mit einer zwölfpfündigen Bootkanone auf ihrem Rüſterwerk. Wincheſter war in der Barkaſſe der Proſerpina, Stothard, der zweite Lieu⸗ tenant der andern Fregatte, in der der Terpſichore, und MBean befehligte, wie es nicht anders ſein konnte, die der Ringeltaube. Griffin war in dem erſten Kutter ſei⸗ nes Schiffes, und Clinch hatte den zweiten unter ſeinem Befehle; der dritte ſtand unter Strand. Die übrigen Boote waren von Untergeordneten ihrer bezüglichen Schiffe befehligt. Alle waren freudigen Herzens, und während Alle wußten, daß ihnen ein harter Kampf bevorſtände, da ſie den tollkühnen Charakter ihres Feindes kannten, fühlte Je⸗ der in den Booten zuverſichtlich, daß der Logger doch zuletzt in britiſche Hände fallen müſſe; dennoch miſchte ſich eine ernſte Erwägung der möglichen Folgen für die Betheilig⸗ ten in das Frohlocken derer unter den Angreifenden, die weiter dachten. Sir Frederick Daſhwood, welcher die ganze mora⸗ liſche Verantwortlichkeit, die auf ihm ruhte, hätte fühlen ſollen, war unter allen anweſenden Offizieren am gleich⸗ gültigſten gegen die Folgen. Von Natur tapfer und muth⸗ voll, hatten perſönliche Erwägungen nur wenig Einfluß auf ihn. Er war ganz Zuverſicht und engliſche Tapfer⸗ keit, und ſah Sieg und Auszeichnung als etwas ſich von ſelbſt Verſtehendem entgegen; durch Geburt, Vermögen und parlamentariſche Intereſſen begünſtigt, kümmerte ihn die Möglichkeit des Mißlingens wenig, da er gewiß war — obgleich er dieſe Ueberzeugung ſich ſelbſt nicht einge⸗ ſtand,— daß irgend ein kleiner Unfall ſich durch den großen Mantel des Zufalls, welcher ihn ſo jung zu dem Range, welchen er inne hatte, erhoben, bedecken laſſen werde. Sirr Frederick hatte es jedoch nicht verſchmäht, bei ſeinen Vorbereitungen zu dem bevorſtehenden Kampfe, den Rath älterer und erfahrnerer Männer, als er war, zu hören. Cuffe hatte ihm, ehe er ihn verabſchiedete, manchen nützlichen Wink gegeben, und Wincheſter und Strand vorzugsweiſe als Seemänner empfohlen, deren Rath ſich als ſachgemäß ergeben würde. „Ich geb' Euch auch einen Maſter's Maat, Clinch — 347— genannt, als Commandant eines Bootes mit, Daſhwood,“ fügte der ältere Capitain hinzu, als er ſeine Bemer⸗ kungen ſchloß,—„und er gehört zu den erfahrenſten Seeleuten an Bord der Proſerpina. Er war oft bei dem Bootdienſte und hat ſich dabei ſtets wacker gehalten. Die „ ſchlechte Gewohnheit des Trinkens hat den armen Burſchen nicht emporkommen laſſen; er iſt jetzt aber entſchloſſen, ſich zuſammen zu nehmen, und ich erſuche Euch, ihn heute voran zu ſchicken, damit er Gelegenheit hat, ſich zu zeigen. Jack Clinch hat tüchtigen Gehalt in ſich, wenn ſich ihm nur Mittel bieten, ihn an den Tag zu legen.“ „Ich ſchmeichle mir, Cuffe, daß es der ganzen Mann⸗ ſchaft heute nicht an Gelegenheit fehlen ſoll, ſich zu zeigen, verſetzte Sir Frederick in ſeiner ſchleppenden Weiſe;„denn ich beabſichtige ſie Alle zuſammen in das Feuer zu ſetzen, wie eine tüchtige Meute, die alles um ſich her zerreißt und zerbeißt. Ich habe Lord Echo's Haſenhunde am Ende einer langen Jagd ſo dicht bei⸗ ſammen geſehen, daß man das Ganze mit unſeres Schiffes Marsſegel hätte bedecken können; und ich habe vor, es heute gerade ſo mit unſern Booten zu halten. Nebenher bemerkt, Cuffe, dies würde eine ſchöne Figur in einem Bericht abgeben und Bronte zum Lachen bringen,— ha— nicht wahr?“ „Verd—t ſeien Figur, Haſenhunde und der Bericht obendrein, Daſhwood; ſucht erſt den Sieg zu erringen, eh' Ihr Verſe darauf macht— Bronte, wie Ihr Nelſon zu nennen beliebt, hat Blitz und zumal Donner in ſich; und es gibt keinen Admiral in der Flotte, dem weniger an Herkunft und perſönlichem Range liegt, als ihm. Wenn man haben will, daß er lacht, muß man Alles gut und ſchön machen. Um Gottes Willen, Mann! habt ein Auge auf die Mannſchaft; es fehlt uns ohnedies an Leuten, und noch eine Schmarre, wie die von Porto Ferrajo, würde uns ſchlimm bekommen.“ „Ohne Beſorgniß, Cuffe,— ohne Beſorgniß!— Ihr werdet den Mann nicht vermiſſen, der durch mich ver⸗ loren geht.“. Jeder Capitain hatte ſeinen Offizieren ein Wort zu ſagen; wir brauchen derſelben jedoch hier nicht zu ge⸗ denken, mit Ausnahme Deſſen, was zwiſchen Lyon und ſeinem erſten Lieutenant vorging. „Ihr werdet nicht vergeſſen, Airchy, daß ein Schiff ſo gut wie ein Mann den Ruhm haben kann, ſparſam zu ſein. In der Admiralität ſitzen eben jetzt mehrere unſerer Landsleute, und Muth und Unternehmungsgeiſt vorausgeſetzt, haben ſie ihr Augenmerk ganz vorzüglich auf die Ausgaben gerichtet. Ich habe einen Admiral gekannt, der aus dieſem einen Grunde das rothe Band erhalten hat; man fand in ſeinen Rechnungen wohlfeilere Schiffe und wohlfeilere Geſchwader, als in allen andern. — Ihr werdet Alle Eure Pflicht thun, und für die Ehre Schottlands kämpfen; aber wir haben ſechs bis ſieben Burſche von Leith und Glasgow in den Booten, von — 349— denen ich nicht hören möchte, daß ſie ſich gemordet, wenn es nicht durchaus nöthig iſt. Wir haben ja die Themſe⸗ und Wapping⸗Jäger, und die Hälfte von ihnen wäre gewiß jetzt längſt in Botany⸗Bai, hätte man ſie nicht hierher geſchickt.“ „Gilt das Geſetz in Betreff Derer, die ſich heute auszeichnen, von den Booten oder von den Schiffen, Capitain Lyon?“ „Von den Booten, Menſch! wer T—ls, glaubt Ihr, würde ſonſt in Booten dienen wollen? Es iſt ein jämmerliches Ding zumal, wie es ſich geſtaltet hat, und die Ehre wird kaum größer ſein als der Nutzen, denk' ich; und doch iſt es nicht thunlich, daß Altſchottland in einem Handgemenge ſich ſpiegelwärts halte. Ihr werdet nicht vergeſſen, daß wir berühmt ſind wenn das Schwert in die Hand genommen wird, und ſo thut Euer Beſtes, jeder Mutter Sohn unter Euch.“ MBean brummte ſein„ja— ja,“ und begab ſich eben ſo methodiſch an das Werk, als wenn er eine alge⸗ braiſche Aufgabe vor ſich hätte. Der zweite Lieutenant der Terpſichore war ein jun⸗ ger Irrländer mit einer lieblichen muſikaliſchen Stimme; als die Boote von den Schiffen abſtießen, wurde er nur mit Mühe in der Linie zurückgehalten; denn er wollte durchaus voran, ſein Geſicht glänzte vor Entzücken und ſein Hurrah forderte die Mannſchaft zu ungehörigen und unvernünftigen Anſtrengungen auf. — 350— Dies iſt ein Umriß des Standes der Dinge bei den Engländern, als beide Theile zum Kampfe bereit waren. Wenn wir hinzuſetzen, daß zwei Uhr bereits vorüber war und daß männiglich wegen des Windes, der jetzt erwartet werden konnte, beſorgt zu werden anfing, ſo iſt das einleitende Gemälde genügend ſkizzirt. Sir Frederick Daſhwood hatte ſeine Linie etwa eine (engliſche) Meile innerhalb der Inſelchen ſo aufgeſtellt, daß eine Barkaſſe in dem Mittelpunkte und eine an jedem Flügel war. Die in dem Mittelpunkte ſtand unter dem Befehle O'Leary's, ſeines zweiten Lieutenants, die auf dem linken Flügel befehligte M'Bean und die auf dem rechten Wincheſter. O'Leary war von Griffin und Clinch in den Kuttern der Proſerpina flankirt, während die Zwi⸗ ſchenräume von den übrigen Booten ausgefüllt wurden. Der Capitain fuhr in ſeinem Gig umher und gab ſeine Befehle, ohne Zweifel ein wenig verwirrt, aber mit einer Heiterkeit und Gleichgültigkeit der Miene, welche nicht wenig dazu beitrug, die allgemeine Herzensmunter⸗ keit lebendig zu erhalten. Als Alles bereit war, gab er das Signal zum Vorrücken, und ruderte während der erſten halben Meile ritterlich in ſeinem Gig vor der Linie her. Raoul hatte die kleinſten Bewegungen des Feindes mit einem Glaſe und mit der ernſteſten Aufmerkſamkeit beachtet. Nichts entging ſeinem ſcharfen Blicke, und dald ſah er, daß Sir Frederick von vorne herein einen Haupt⸗ fehler hegangen hatte. ———„——,„ — 351— Hätte er ſeinen Mittelpunkt verſtärkt, indem er alle ſeine Karronaden, ſo zu ſagen, in eine Batterie ver⸗ einigte, ſo würde er die Wahrſcheinlichkeitsfälle eines Erfolges verdoppelt haben; indem er ſie theilte, ſchwächte er ſie in ſo fern, als jetzt keine der drei franzöſiſchen Bat⸗ terien von ihrem Feuer ganz vernichtet werden konnte. Dies legte den Engländern natürlich die ſchwierige Auf⸗ gabe auf, unter ſtetem Traubenfeuer und Kartätſchen an den Feind herankommen zu müſſen. Die wenigen Minuten, zwiſchen dem Befehle zum Vor⸗ rücken und dem Augenblicke, wo die Bote dem Felſen auf eine Viertelmeile nahe traten, vergingen in tiefem Schweigen, und auf keiner Seite wurde das geringſte Geräuſch gehört, obgleich es Raoul nur mit Mühe gelang, die angeborne Ungeduld ſeiner Leute, die den Kampf begin⸗ nen wollten, zu zügeln. Ein Boot iſt jedoch ein nur zu kleiner Gegenſtand für ſo wenig geübte Artilleriſten, wie Seeleute gewöhnlich ſind, die ſich mehr auf allgemeine Berechnungen ſtützen, als auf ein unmittelbares oder wiſſenſchaftliches Richten des Geſchützes, das auch in der Regel durch die Bewe⸗ gung der Wellen erfolglos gemacht wird. Raoul wollte daher ſeine Kugeln nicht vergeuden. Als Franzoſe aber konnte er ſich doch nicht lange mehr halten. Er richtete ſelbſt eine Karronade und feuerte ſie eigenhändig ab. Dies war der Anfang des Kampfes. Alle anderen Kano⸗ — 352— nen in der Ruine folgten, und der Logger hielt den Takt, als wenn er vom Notenblatt ſpielte. Die Engländer erhoben ſich, ließen ein dreifaches Hurrah hören, und jede Barkaſſe feuerte ihre Kanone ab. Die zwei Matroſen, welche das Zündkraut in der Feluccä hielten, brachten es in dieſem Augenblicke raſch an die Zündlöcher ihrer Stücke; zu ihrem Erſtaunen ging aber keines los, und als ſie ſie unterſuchten, fand es ſich, daß das Zündpulver verſchwunden war. Der Mann von dem Granit⸗Staat war, die Wahrheit zu ſagen, ſchlau mit de Hand über die Zündlöcher gefahren und hatte das Puive, weggewiſcht. Die Pulverhörner waren in ſeiner Hand, und er weigerte ſich entſchloſſen, ſie einem Andern anzuvertrauen. Glücklicherweiſe war Ithuel als ein entſchiedener Feind der Engländer bekannt, ſonſt hätte er wohl dieſe ſcheinbare Verrätherei mit ſeinem Leben büßen müſſen. Aber er hatte nichts weniger im Sinne, als ſeinen Pflich⸗ ten ſo ſchmachvoll treulos zu werden. Dieſer bedächtige, berechnende Mann wußte recht gut, daß es ihm unmög⸗ lich ſein würde, ſeine Leute vom Feuern abzuhalten, wenn ſie die Mittel dazu in den Händen hätten; er nahm daher ſeine Zuflucht zu dieſer Liſt, um ſeine Kräfte für den Augenblick aufzuſparen, wo ſie ſich, ſeinem Urtheile nach, am wirkſamſten zeigen konnten. Ithuel's Leute murrten; da ſie aber zu aufgeregt waren, um ſich untereinander zu verſtändigen, ließen ſie Q 2* ihr Kleingewehrfeuer laut werden,— das einzige ihnen jetzt bleidende Mittel, dem Feinde zu ſchaden. Selbſt Raoul warf einen Blick hinüber und wunderte ſich, daß er die Karronaden der Felucca nicht hörte; da er aber ſah, daß die Mannſchaft ihre Flinten tüchtig brauchte, beruhigte er ſich. Das erſte Feuer iſt bei ſolchem Zuſammentreffen gewöhnlich das vernichtendſte. Bei der jetzigen Gelegen⸗ heit war es nicht ohne ernſte Wirkung. Die Engländer, welche am meiſten bloßgeſtellt waren, litten auch verhält⸗ nißmäßig. Vier Mann waren in Wincheſter's Boot ver⸗ wundet, zwei in dem Griffin's, ſechs bis acht in den andern Barkaſſen und Kuttern. Einer von Sir Frederick's Gig⸗Leuten erhielt einen Schuß in das Herz,— ein Vorfall, welcher den Capitain veranlaßte, an einem Kut⸗ ter anzulegen und die Leiche gegen einen Lebenden aus⸗ zuwechſeln. Auf den Felſen war auch ein Mann verunglückt. Eine Kugel hatte einen Stein getroffen, ihn in Stücke zerſchmettert und einen tüchtigen Seemann in dem Au⸗ genblicke getödtet, wo er unerſchrocken an eine der Kanonen trat, um ſie zu laden. „Der arme Joſeph!“ ſagte Raoul, der den Mann ſtürzen ſah;„bringt ihn zu dem Arzt, mes braves!“ „Mon Capitaine— Joſeph iſt todt.“ Damit war die Sache abgethan, Joſeph's Leiche wurde abſeits gelegt, und ein anderer Matroſe trat vor 187— 189. 23 — — 354— und lud die Kanone. In dieſem Augenblicke fand Raoul Muße, einige Schritte nach hinten zu treten, um ſich zu vergewiſſern, ob Ghita in der Felſengrotte ſicher ſei. Das Mädchen lag auf ihren Knieen, für alles umher verloren, obgleich er, wenn er in ihrem Herzen hätte leſen können, dieſes zwiſchen dem Gebete zu der Gott⸗ heit und der Liebe zu ihm getheilt gefunden haben würde. Der Logger hatte keinen Schaden gelitten. O'Leary hatte in ſeiner Begierde, ſeine Kugeln ihr Ziel erreichen zu laſſen, über daſſelbe hinausgeſchoſſen. Nicht einmal eine Kartätſchenkugel hatte die Spieren getroffen oder die Segel zerriſſen. Das Glück ſchien, wie gewöhnlich, das ſchöne Irrlicht zu begleiten, und die Mannſchaft an Bord fühlte ſich von neuer Zuverſicht und Eifer beſeelt. Mit der Felucca verhielt es ſich anders. Hier hatte das Feuer der Engländer am meiſten gewüthet. Der vorſichtige, berechnende M'Bean hatte ſeine Aufmerkſam⸗ keit auf dieſen Theil der franzöſtſchen Vertheidigung ge⸗ wendet, und die Folgen zeugten von der Klugheit und dem Scharfſinne dieſes Mannes. Ein Kartätſchenſchuß war über das Deck der Felucca geflogen und hatte Ithuel's kleine Schaar mehr als decimirt; denn er hatte ihm einen Mann getödtet und drei verwundet. Das Kampfgetöſe hatte aber einmal begonnen, und man hatte nicht Muße einzuhalten. Das Feuer wurde von beiden Seiten lebhaft unterhalten, und die Leute fielen raſch. Die Boote riefen ihre Hurrah's und dräng⸗ — 355— ten ſich vorwärts, und das Waſſer war weitum nichts als Giſcht und Schaum. In ſolchen Augenblicken iſt es für die Angreifenden ſtets der ſicherſte Weg, voran zu dringen. Dies thaten die Engländer; bei jedem Klafter, das ſie an Grund gewannen, feuerten und hurraheten ſie, aber ſie litten auch bedeutend. Durch das ſtets wiederholte Abſchießen der Karro⸗ naden und dem gänzlichen Mangel an Wind ſammelte ſich vor den Felſen bald eine dichte Maſſe Dampf, wäh⸗ rend die Engländer eine andere mit ſich brachten, die das Gewäſſer entlang wogte und von ihrem Feuer herrührte. Bald vereinigten ſich dieſe zwei Dampfwolken, und jetzt kam ein Augenblick, wo man die Boote nur ſchwach zu ſehen im Stande war. Dies war Ithuel's Augenblick. Da die zehn bis zwölf Männer, welche ihm noch geblieben, mit ihren Gewehren beſchäftigt waren, richtete er die Karronaden ſelbſt, und ſchüttete aus den Hörnern, die er nicht aus der Hand gegeben, Zündpulver auf. Wegen der Felucca war er jetzt nicht in Beſorgniß. Wincheſter und alle Boote in dem Centrum der engliſchen Linie waren am weiteſten voraus, denn das Feuer aus den Ruinen zwang ſie zu der größten Anſtrengung. M⸗Bean aber war nicht nur entfernter, ſondern konnte auch nicht über den Fel⸗ ſen vor der Felucca, ohne einen Umweg zu machen; überhaupt mußte er bis jetzt noch nichts von dieſem Hin⸗ derniſſe wiſſen, deſſen wir oben erwähnt haben. 23*†⅞ Ithuel war ſowohl von Natur als durch Gewohn⸗ heit kalt und berechnend; der Umſtand aber, daß er in dieſem Augenblicke ſich von keinerlei Gefahr bedroht ſah, erhöhete wahrſcheinlich jetzt jene Beſonnenheit und Ruhe, — ſo weſentliche Eigenſchaften eines Kriegers. Seine Karronaden waren bis zu den Mündungen mit Kettenkugeln geladen und er winkte einem ſeiner beſten Leute und hieß ihn ein Zündkraut nehmen, wäh⸗ rend er ſelbſt das andere in der Hand hielt. Die leichten Stücke waren während des Gefechtes von Ithuel ſelbſt niedergedrückt worden, und es war jetzt nichts mehr zu thun, als des Augenblickes zu warten, wo ſie gebraucht werden ſollten. Dieſer Augenblick war jett nahe. Die Engländer beabſichtigten, an dem größten Inſelchen zu landen und die Ruine mit Sturm zu nehmen. Um dies zu bewerk⸗ ſteligen, wendeten ſich alle Boote ihres Centrums in ihrem Curſe demſelben Punkte zu und als der Dampf durch jeden Kanonenſchuß empor getrieben wurde, trat fünfzig Schritte von dem beabſichtigten Landungspunkte eine ſchwarze Gruppe feindlicher Boote aus der wild bewegten Rauchwolke. Ithuel und ſein Gefährte waren bereit. Sie ziel⸗ ten und feuerten zugleich ab. Dieſes Feuer, das unerwartet war und von einer Seite kam, die ſich bis⸗ her vergleichsweiſe ſtill verhalten hatte, überraſchte Freund und Feind zumal und warf augenblicklich einen neuen Dampfmantel über den Felſen und den offenen Raum vor demſelben. Aus dem dichten Kampfgewirre ließ ſich ein Schrei hören, der von dem des Siegesjubels und des ermuthi⸗ genden Zurufs ſehr verſchieden war. Körperlicher Schmerz hatte den muthigſten Herzen Angſtgeſtöhn entriſſen, und ſelbſt die Franzoſen in den Ruinen hielten inne, um ſich nach dem nächſten Akte des verzweifelten Dramg's um⸗ zuſehen. Raoul benützte dieſe Gelegenheit, alles zu dem erwarteten Handgemenge vorzubereiten; ſeine Sorgfalt war aber unnöthig. Das Feuer wurde auf beiden Seiten eingeſtellt, und dieſer ruhige Augenblick ließ dem Dampfe Zeit, den Vorhang von dem Waſſer zu lüften. Als der Dunſt ſich hoch genug gehoben hatte, um dem Auge Spielraum zu geben, ſah man das Ergebniß klar vor ſich. Alle engliſchen Boote, eines ausgenommen, hatten ſich zerſtreut und ruderten raſch in allen Richtungen von dem Kampfplatze weg. Indem ſie dies thaten, wichen ſie dem Feuer ihrer Feinde aus und theilten es— eine Auskunft, an welche ſie früher hätten denken ſollen. Das Boot, welches zurück blieb, gehörte zur Terpſichore. Es hatte die Wucht der Kartätſchen aus Ithuel's eigenem Geſchütz erhalten, und von ſechzehn Mann, die es faßte, als es von der Seite der Fregatte abſtieß, entkamen nur zwei. Dieſe armen Burſche hatten ſich in das Meer ge⸗ worfen und wurden von vorüberkommenden Booten ein⸗ — 358— genommen. Der Kutter ſelbſt trieb langſam gegen die Felſen ab, und das Aechzen und Stöhnen, das aus ſeinem „Raume hörbar wurde, verkündigte, welche ſchreckliche Fracht er führe. Raoul ließ aus Menſchlichkeit und Klug⸗ heit zumal das Feuer ſchweigen, das man den flüchtigen Booten noch nachgeſchickt hatte, und der erſte Akt des Kampfes war zu Ende. Dieſer Ruhepunkt bot beiden Theilen eine erwünſchte Gelegenheit, ſich der Lage, in welcher ſie waren, zu ver⸗ gewiſſern. Im Ganzen hatten die Franzoſen eilf Mann weniger im Dienſte. Die, mit Ausnahme der vier in der Felucca, alle in den Ruinen gefallen waren. Der Verluſt der Engländer belief ſich auf drei und dreißig, worunter mehrere Oberleute. Der Maſter's Maat, welcher den verwundeten Kutter befehligt hatte, lag über deſſen Spiegel flach auf ſeinem Ruder und hatte nicht weniger als fünf Kugeln in ſeiner Bruſt. Sein Uebergang in ein anderes Leben war ſo raſch, wie der Flug eines elek⸗ triſchen Funkens. Von ſeinen Bootsgenoſſen waren mehrere gleichfalls todt, die meiſten aber litten noch an den Qualen gebrochener Knochen und zerſchmetterter Glie⸗ der. Das Boot ſelbſt ſtieß leicht an die Felſen an, und. die Schmerzen, welche die Stöße der ſich hebenden und ſenkenden Grundſchwellen den Verwundeten verurſachten, entriß ihnen neues Angſtgeſchrei. Raoul war zu ſehr Herr ſeiner ſelbſt, um ſeinen Vortheil zu verkennen. Beſorgt, ſeine Mittel zu fernerer — 359— Vertheidigung in dem beſten Zuſtande zu erhalten, ließ er alle Kanonen ſchweigen und befahl, den angerichteten Schaden auszubeſſern. Dann begab er ſich mit einer kleinen Abtheilung ſeiner Leute zu dem Boote, welches in ſeine Hände gefallen war. Es wäre ein großer Miß⸗ griff geweſen, wann er ſich in ſeiner jetzigen Lage mit Gefangenen, welcher Art ſie auch ſein mochten, hätte beläſtigen wollen; es würde aber thöricht geweſen ſein, dies mit Verwundeten zu thun. In dem Boote waren Schraubenbinden und andere ähnliche Hülfsmittel, und er befahl einigen ſeiner Leute, ſie bei Denen, welche der⸗ ſelben am bedürftigſten waren, anzuwenden. Auch befeuch⸗ tete er die trockenen Lippen der Leidenden mit Waſſer; ſomit glaubte er ſeine Pflicht erfüllt zu haben, und be⸗ fahl das Boot auf die eine Seite anzuhohlen und es mit Gewalt aus der Linie, eines allenfallſigen ſpätern Kampfes wegen, zu ſchieben. „Halloh, Capitain Rule,“ rief Ithuel;„Ihr habt Unrecht dort. Laßt das Boot liegen, wo es liegt, und es wird hülfreicher wirken, als eine andere Bruſtwehr. Die Engländer werden kaum durch ihre eigenen Ver⸗ wundeten ſchießen.“ Der Blick, welchen Raoul ſeinem Bundesgenoſſen zuwarf, war ernſt, ſelbſt zürnend. Er achtete jedoch nicht auf den Rath, ſondern winkte ſeinen Leuten, den Befehl, welchen er ihnen eben gegeben, zu vollziehen. Dann ging er aber, als wenn er der Wichtigkeit Ithuel's, ſei⸗ ner eben noch ſo gelegen gekommenen Hülfe und der Nothwendigkeit, ihn nicht zu beleidigen, eingedenk wäre, auf die der Felucca zunächſt gelegenen Seite des Inſel⸗ chens, und redete denſelben Mann, deſſen Rath er ſo eben gleichgültig, wenn nicht verächtlich, von ſich gewieſen hatte, höflich und heiter an. Dies war nicht Heuchelei, ſondern Klugheit und Fügung in die Umſtände. „Bon,— brave Itouelle!“ ſagte er;„Eure Ketten⸗ kugeln waren willkommne Freunde und ſie langten in dem rechten Augenblicke an.“ „Ei, Capitain Rule, in dem Granit⸗Land vergeu⸗ den wir unſere Mittel nie leichthin. Man kann bei ſol⸗ chen Händeln ſtets warten, bis man das Weiße in den Augen der Engländer ſieht. Sie ſind im Ganzen dumme T= l und es ſcheint faſt, als hätten ſie alle kurze Augen. Bei Bunker⸗Hill kamen ſie auch ſo nahe, daß unſre Leute—“ „Bon,“ ſagte Raoul, der eine ſchon drei Mal erzählte Geſchichte nicht noch einmal hören wollte; denn Bunker⸗Hill brachte Ithuel ſtets auf ſein Paradepferd, und er betrachtete dieſen wichtigen Sieg nicht nur als einen Triumph für Neu⸗England, wie er dies auch wirklich war, ſondern er war ſehr geneigt, die Anſicht zu bethätigen, daß er in hohem Grade„Granit“ geweſen. „Bon, Ituelle!— Bunker war gut, aber die Sirenen⸗ felſen ſind noch beſſer. Wenn Ihr noch mehr von dieſen Kugeln habt, ſo ladet wieder.“ — 361— „Was haltet Ihr davon, Capitain Rule?“ fragte der Andere und deutete auf ein kleines Wimpel, welches an dem Top einer ſeiner Maſten zu flattern begann. „Da iſt der Weſtwind und es bietet ſich eine Gelegen⸗ heit dar, uns davon zu machen. Benützen wir den Wink und brechen auf.“ Raoul trat zurück und warf einen Blick auf den Himmel, das Wimpel und die Oberfläche des Meeres; das letztere begann ſich leicht zu kräuſeln und zu bewegen. Dann ſchweifte ſein Auge zu Ghita hinüber. Das Mäd⸗ chen hatte ſich von den Knieen erhoben und ihre Blicke folgten jeder ſeiner Bewegungen. Als ihr Blick dem ſei⸗ nigen begegnete, deutete ſie mit einem lieblichen, bitten⸗ den Lächeln himmelan, als flehte ſie ihn an, die Schuld der Dankbarkeit gegen jenes hehre Weſen abzutragen, welches ihn bis jetzt ungefährdet erhalten hatte. Er ver⸗ ſtand die Geliebte, warf ihr in liebevoller Artigkeit einen Kuß mit der Hand zu und wendete ſich zu Ithuel, um das Geſpräch fortzuſetzen. „Es iſt noch nicht Zeit,“ ſagte er.„Hier ſind wir ſicher, und der Wind iſt noch zu leicht. Noch eine Stunde und wir brechen Alle miteinander auf.“ Ithuel murrte, aber ſein Capitain achtete nicht darauf. Er hatte richtig geurtheilt. Die Boote ſammel⸗ ten ſich, ohne die Gefahr zu beachten, auf Flintenſchuß⸗ weite, und man ſah, daß der Angriff erneuert werden ſollte. Der Verſuch, in einem ſolchen Augenblicke zu — 362— flüchten, würde ihn des großen Vortheils beraubt haben, den ihm die Ruinen boten, und hätte Alle in Gefahr bringen können, ohne irgend einen Nutzen zu bringen. In der That war Sir Frederick Daſhwood des Ge⸗ fühls der Schmach lebhaft inne geworden, welche ſeiner harren würde, wenn das Schiff ſich wendete und er der Ehre verluſtig würde, das Irrlicht gekapert zu haben. Der gewöhnlich träge, ſchläfrige Charakter dieſes jungen Mannes war verſchwunden; und wie Alle, die ſchwer zu erregen ſind, wurde er achtungswerth, als ſeine Kraft erwacht war. Die Boote wurden alle geſammelt; die Dienſtunfä⸗ higen wurden in eines derſelben gebracht, das ſogleich gegen die Schiffe abhielt; die Uebrigen ſollten den Angriff erneuern. Es war ein Glück, daß Cuffe eine ſo ſtarke Abthei⸗ lung ausgeſchickt hatte; denn ungeachtet des Verluſtes hatten die drei Barkaſſen und die Kutter immer noch eine Anzahl Kampffähiger aufzuweiſen, welche die der Franzoſen um das Doppelte übertraf. Sir Frederick zeigte ſich jetzt geneigt, gutem Rathe ſein Ohr zu leihen. Wincheſter, M'Bean, Griffin und Strand ſtimmten vereint dafür, daß man die Boote tren⸗ nen und den Angriff auf verſchiedenen Punkten verſuchen ſolle. Dadurch allein würde es möglich, behauptete man, die Wiederholung eines Unfalls, wie er ſie bereits getrof⸗ fen, zu vermeiden. Der Schottländer wurde gegen die Felucca geſchickt; die Barkaſſe der Terpſichore ſollte das Irrlicht angreifen, während die zwei Kutter und das größere Boot auf die Ruinen einbrechen ſollten. Sir Frederick blieb noch in ſeinem Gig, um nach dem Punkte hinzurudern, wo ſeine Gegenwart nothwendig ſcheinen mochte. M'Bean ſollte bei dieſer Gelegenheit den erſten Schuß thun. Er richtete eine ſeiner Karronaden ſelbſt, zielte ſorgfältig und warf eine Bombe in die Felucca. Sie fiel auf eine von Ithuel's Karronaden, ſprang in zwölf Stücke, tödtete nicht weniger als drei Mann, beſchädigte andere ſehr ſchwer, und trieb die Kanone, auf welche ſie gefallen, von ihrem Geſtell in den Raum. Dies war ein rauher Anfang; und da alle Matroſen das Ergebniß ſahen, diente es als Ermuthigung für die Angreifenden. Drei herzhafte engliſche Hurrah's folgten, und Ithuel ward ſo außer Faſſung gebracht, daß er die eine ihm noch bleibende Kanone, welche, wie vorher, mit Kettenkugeln geladen war, wenigſtens zwei Minuten zu früh abfeuerte. Die See brauſte ſchäumend auf, aber kein Mann in den Booten war getroffen worden. Das Feuer wurde jetzt allgemein. Ein Kanonenſchuß folgte dem andern und das Kleingewehrfeuer ſpielte in den Pauſen. Die Boote näherten ſich mit ruhigem, kräf⸗ tigem Riemenzug, und überdies mit einer Ungeſtraftheit, welche man öfter bemerkt, die aber ſchwer zu erklären iſt. Mehrere Kugeln fielen in die Ruinen und warfen — 361— das Geſtein umher; und eine bis zwei Minuten war aller Nachtheil nur auf der einen Seite. Aber Pintard und Ithuel hegten das Gefühl der Sicherheit, welche ihnen die Felſen vor ihrem Stand⸗ punkte gaben, und Jeder ſtrebte ſeine Schüſſe ſo wirk⸗ ſam als möglich zu machen. Ithuel gelang es am mei⸗ ſten. Er bezahlte M'Bean mit ſeiner eigenen Münze, indem er eine tüchtige Ladung in die Bugen ſeiner Bar⸗ kaſſe ſchickte, welche dieſen klugen Offizier an die Noth⸗ wendigkeit mahnte, auf das Inſelchen der Ruinen abzu⸗ halten. Pintard's Angreifer wurde von den Felſen vor⸗ nen empfangen und mußte ſich gleichfalls ſeitwärts wenden. So ſtürzten ſich denn alle engliſchen Boote inmitten einer dichten Dampfwolke und unter Siegesruf, Flüchen, Geſchrei, Geſtöhn, Commandoworten und Kanonen⸗ gebrüll in einer Maſſe auf den Hauptpunkt, und wurden im Nu Herren der Batterie. Füufzehntes Kapitel. So ſchwebet raſch das Rad des Glückes In ſtetem Kreislauf auf und nieder; Und was wir glorreich heut errungen, Nimmt grauſam es uns morgen wieder. Daniel. Bei Scenen, wie die eben erwähnten, iſt es nicht leicht, der Einzelnheiten zu gedenken. Außer der unge⸗ ſtümen Art des Angriffs, der die Wegnahme der Ruine zur Folge hatte, ward nichts, als der traurige Ausgang bekannt. Die Hälfte der Franzoſen auf dem Inſelchen ſchwammen in ihrem Blute, und die Oberfläche der Fel⸗ ſen wimmelte von Feinden, welche nicht glücklicher gewe⸗ ſen waren. Es war ein furchtbarer Angriff, bei welchem Demüthigung und Aerger die natürliche Unerſchrockenheit ſteigerten, welcher man edeln Widerſtand entgegenſetzte, wo aber die überlegenere Zahl nothwendig ſiegen mußte. Unter den Engländern, welche den Tod gefunden hatten, war Sir Frederick ſelbſt; er lag nur wenige Schritte von ſeinem Gig, wo ihm eine Kugel den Kopf durchbohrt hatte. Griffin war ſchwer verwundet; aber CElinch ſtand unverſehrt auf der niedrigen Bruſtwehr und ſchwenkte die engliſche Flagge, nachdem er ein ähnliches franzöſiſches Sinnbild herabgeholt hatte. Sein Boot hatte den Felſen zuerſt berührt, ſeine Mannſchaft hatte die Ruinen zuerſt erreicht, und allen den Seinigen war er vorangegangen. Verzweifelt hatte er für Jane und ein Offizierspatent gefochten, und dieſes Mal ſchien das Glück ſeinen Anſtrengungen zu lächeln. Und Raoul? Er lag vor ſeiner Bruſtwehr, denn er war Clinch's Mannſchaft entgegen geſtürzt, und kreuzte eben ſein Schwert mit dem ſeines früheren Gefangenen, als eine Flintenkugel, welche M'Bean's Hand abfeuerte, ſeinen Körper durchbohrte. „Courage, mes braves? en avant!“ hörte man ihn rufen, als er über die niedrige Mauer ſprang, um die Eindringenden zurückzutreiben; und als er auf dem harten Felſen lag, war ſeine Stimme noch ſtark genug, um ſeinen Ruf vernehmen zu laſſen: „Lieutenant, nom de Dieu— sauve mon Feu- Follet!* Wahrſcheinlich würde Pintard, ſelbſt nach dieſem Befehle, ſeinen Platz nicht verlaſſen haben, hätte man nicht in dieſem Augenblicke die engliſchen Schiffe unter einem günſtigen Weſtwinde um das Vorgebirg Campanella kommen ſehen. Das Schlagen des Segeltuches war in der Nähe zu hören; als er ſich umkehrte, ſah er die Felucca unter ihrem Fockſegel abfallen und bereits das Steuer führen. Niemand war auf ihren Decken ſichtbar; denn Ithuel, welcher ſteuerte, lag ſo tief, daß er von den Schanzkleidern bedeckt wurde. Die Troſſe des Irrlichts waren heraus, und der Logger fuhr zurück wie ein erſchrecktes Pferd. Er brauchte nur ſeine Taue laufen zu laſſen, und ſein Fockſegel fiel. Leicht und die Kühlte fühlend, welche jetzt in ſtarken Strömungen kam, ſchoß er aus der kleinen Bucht und vierte kurz auf ſeiner Hieling um. Zwei bis drei engliſche Boote verſuchten zu folgen; zes war aber vergebens. Wincheſter, welcher nun den Befehl üdernommen hatte, rief ſie zurück, indem er bemerkte, es ſei nun die Sache der Schiffe, ihre Pflicht zu erfüllen. Der Tag war in der That zu blutig gewe⸗ ſen, um an mehr zu denken, als den errungenen Sieg zu ſichern und den Verwundeten beizuſtehen. Wir verlaſſen die kleinen Inſeln einen Augenblick und folgen den zwei Schiffen auf ihrer Flucht. Pintard und ſeine Schiffsgenoſſen verließen Raoul ſchweren Herzens; ſie ſahen ihn aber deutlich auf die Felſen hingeſtreckt, und die auf ſeine Seite gelegte Hand ließ ſie das Verzweifelte ſeiner Wunde erkennen. Wie er, fühlten auch ſie ziemlich das gleiche Intereſſe, das man einer theuern Geliebten weiht, an dem Schickſale des Irrlichts, und die Worte:„Sauve mon Feu-Follet!“ klangen in ihren Ohren wieder. Sobald der Logger im Winde gewendet hatte, ſetzte er ſeine hintern Segel, und jetzt begann er mit dem meſſergleichen Einſchnitt in das Element unter ſeinen Bugen durch das Waſſer zu gleiten. Der Curs, welchen 268— er ſteuerte, führte ihn geraden Weges aus dem Golf, während er durch die Vorderfüße der engliſchen Schiffe zu gehen ſchien. Ithuel ahmte dieſe Bewegung nicht nach. Er hielt mehr in der Richtung von Päſtum ab, indem er richtig ſchloß, ſeine kleine Felucca würde, bei der heißen Be⸗ gierde, des Loggers habhaft zu werden, unbeachtet blei⸗ ben. Der Eigenthümer dieſes Fahrzeugs war noch an Bord der Terſichore; aber der Lieutenant, welcher jetzt den Befehl führte, hatte für alle ſeine Vorſtellungen, alle ſeine Bitten, man möge ſeinem Schiffe folgen und es nehmen, kein Gehör. Für dieſen Offizier, ſo wie überhaupt für Alle, die an Bord etwas zu ſagen hatten, ſchien es jetzt nur einen Wunſch zu geben— und dieſer war, des Loggers habhaft zu werden. Natürlich wußte man jetzt noch nichts von dem verhängnkßvollen Charak⸗ ter des Gefechtes, noch von dem Tode des engliſchen Befehlshabers, obgleich die Art des Ausganges an der engliſchen Flagge, die auf den Ruinen flatterte, und an der Eile der zwei Schiffe hinreichend erkannt wurde. Die Jahreszeit war nun ſo weit vorgerückt, daß die bisherige Stätigkeit der Kühlten ein wenig unſicher wurde. Der Zephyr war früh und ziemlich friſch eingetreten; man gewahrte aber an dem Barometer und in der Luft Vorzeichen eines Sirocco. Dies flößte allen in den Schiffen den lebhaften Wunſch ein, ſich der Priſe zu ver⸗ ſichern, ehe ſich ein ſtaͤrkerer Wind einſtellte. Da jetzt && ,—— — 369— drei ſchnelle Schiffe auf der Jagd begriffen waren, zwei⸗ felte Niemand an dem endlichen Ausgang, und Cuffe ſchritt auf der Schanze der Proſerpina auf und ab und. rieb ſich die Hände vor Vergnügen, als er alle die gün⸗ ſtigen Zeichen des Augenblickes ſah. Die Ringeltaube erhielt durch Signal Befehl, ſüd⸗ ſüdweſtwärts oder dicht beim Wind aufzuhohlen, um einen freien Weg ſeewärts zu bekommen und es dem Logger unmöglich zu machen, aus den Schiffen herauszu⸗ treten und ihnen den Wind abzugewinnen,— ein Begin⸗ nen, mit welchem Cuffe wohl zu Stand zu kommen hoffen konnte, ſobald er den Logger einmal unter Um⸗ ſtänden in den Wind bekam, welches eines der drei Schiffe hinderte, ihn unter ihre Kanonen zu bringen. Die Terpſichore erhielt den Auftrag, tief in den Golf hinein zu gehen, um Acht zu geben, daß in jener Gegend nicht eine ähnliche Liſt geſpielt würde; während die Proſerpina ihren Curs auf den Winkel richtete, wo das gejagte Schiff, wenn es fortwährend ſo anhielt, empfangen werden mußte. Die Franzoſen fanden es leicht, all ihr Segeltuch auszubreiten, da das Tauwerk eines Loggers ſo ungemein einfach iſt. Dies war bald geſchehen und Pintard harrte des Erfolgs mit dem größten Intereſſe; denn er wußte wohl, daß jetzt alles von der Geſchwindigkeit abhing; aber er kannte die Wirkung nicht, welche die jetzige Segel⸗ ſtellung auf die Raſchheit des ſchönen Schiffes haben 187— 189. 24 — 370— würde. Glücklicher Weiſe hatte man, als der Balaſt wieder eingebracht wurde, einige Sorgfalt auf die Linien des Loggers verwendet, und es ergab ſich bald, daß das Schiff ſich wahrſcheinlich gut halten werde. Pintard hielt das Irrlicht für ſo leicht, daß er zärtlich damit verfahren zu müſſen glaubte; da er es aber nicht wagte, hoch genug aufzuhohlen, um es in dieſer Hinſicht auf die Probe zu ſtellen, ließ ſich darüber noch nichts Beſtimmtes ſagen. Es war ihm genug, daß der Logger ſo weit auf füdweſt⸗ wärts lag, daß er das Vorgebirg Piane zu umſegeln verſprach und daß er mit einer Geſchwindigkeit durch das Waſſer dahin ſchoß, welche hoffen ließ, er werde ſeinen drei Jagern den Vorſprung abgewinnen. Vor allem mußte er aber in das Freie kommen, wo er in der Nacht ſeinen Curs in mehr als einer Richtung zu ändern im Stande wäre; er luvte daher, wie der Wind es erlaubte, ſo daß er merklich vom Lande abhielt. Da die beiden gejagten Schiffe ihre Flucht eine ganze Meile ſüdwärts von den Engländern begonnen hatten, und die Stellung der Felſen ſie bei einem ſolchen Vor⸗ ſprung anfangs begünſtigte, ſahen ſich beide für die erſten Stunden der Jagd jeder Gefahr, von den feind⸗ lichen Kanonen erreicht zu werden, ziemlich überhoben. Der Curs, welchen Ithuel ſteuerte, brachte ihn bald außer dem Bereich des Geſchützes der Schiffe; und Cuffe wußte, daß wenig gewonnen, aber viel verloren werden konnte, wenn man einen Verſuch dieſer Art gegen den ——„„ — 371— Logger machte. So wurde denn keine Kanone abgefeuert, ſondern man verließ ſich wegen des Ergebniſſes lediglich auf die Segelkraft und die Segelgeſchwindigkeit der ver⸗ ſchiedenen Schiffe. Der Art war der Stand der Dinge bei dem Beginne der Jagd. Der Wind friſchte ſchnell auf und blies bald eine ſtarke Kühlte,— eine Kühlte, welche die Schiffe unter Wolken von Lee⸗ und Stagſegeln, welche letztere zu jener Zeit noch vielfach geführt wurden, mit einer Geſchwindigkeit von zehn Knoten in der Stunde nach vornen trieb. Keines aber kam dem Irrlicht näher. Der Curs war für den Logger keineswegs günſtig, da er den Wind recht an der Seite hatte, aber dennoch gewann er eher Vorſprung, als ihm ſolcher abgewonnen wurde. Alle vier Schiffe zogen raſch, wie es ſich von ſelbſt verſteht, nach Süden hin; auch dauerte es nicht lange, ſo kamen ſie leewärts von der Felucca, welche ihre Segel gekürzt und oſtwärts aufgehohlt hatte, ſobald ſich Ithuel überzeugte, daß man ihn nicht zu verfolgen beabſichtige. Nachdem eine hinreichende Zeit verſtrichen war, wendete der St. Michael im Wind, trat aus dem Golf und kreuzte das Fahrwaſſer der Terpſichore auf Kanonenſchußweite. Begreiflicherweiſe ſah man dieſe Bewegung von dem Deck der Fregatte und der Padrone der Felucca zerraufte ſich das Haar, warf ſich auf der Schanze nieder und ſpielte tauſend andere verzweifelte Streiche, um ſeiner 24*† — 372— Verzweiflung Luft zu machen oder die Theilnahme auf⸗ zuregen,— aber vergebens. Der Lieutenant war un⸗ barmherzig und wollte weder Curs noch Segel ändern, um einer elenden Felucca nachzujagen, während er einen ſo ruhmreichen Gegenſtand voll vor Augen hatte, wie der berühmte Logger Raoul Yvard's war. Ithuel ging, wie es ſich von ſelbſt verſteht, unbe⸗ läſtigt in die offene See hinaus, und wir wollen hier ſogleich hinzuſetzen, daß er zur gehörigen Zeit wohlbe⸗ halten Marſeille erreichte, wo die Felucca verkauft wurde und der Granit⸗Mann eine Zeitlang verſchwand. Wir werden nur noch ein Mal in dieſer Erzählung Gelegen⸗ heit haben, ſeiner zu gedenken. Der Verſuch, dem Logger Flügel zu geben, ließ Pin⸗ tard bald gewahren, daß er, ſelbſt wenn der jetzige Wind anhielt, von ſeinen Verfolgern wenig zu ſürchten hatte. Aber die Umſtände begünſtigten den Logger, der Wind wendete weſentlich nach Norden um und ſetzte den Fran⸗ zoſen, noch ehe die Sonne unterging, in den Stand, mit geflügelten Segeln zu gehen und ſtets vom Lande abzuhalten. Der Wind wurde bald ſo ſchwer, daß er die Schiffe zwang, ihre leichten Segel einzunehmen. Kurze Zeit vor dem Anbruch der Nacht waren die beiden Fregatten und die Schaluppe nur unter großen Bramſegeln, das große Mars und die untern Leeſegel auf jeder Seite. Das Irrlicht änderte nichts. Sein Jigger war ein⸗ genommen worden, ſobald es feſt weghielt; und dann ſchoß es unter ſeinen zwei ungeheuern Loggs vorwärts und vertraute auf ſeine Kraft und Ausdauer. Die Nacht war nicht ſehr dunkel; aber ſie ließ hoffen, den Logger noch vor der achten Glocke aus den Geſichtskreis ſeiner Feinde zu bringen, wenn der jetzige Segelunterſchied halt⸗ bar blieb. 3 Eine Spiegel⸗Jagd iſt ſprichwörtlich eine lange Jagd. Ein Schiff muß große Ueberlegenheit beſitzen, wenn es in einer Stunde ein anderes um eine einzige Meile über⸗ ſegeln will, und ſelbſt unter ſolchen Verhältniſſen können viele Stunden vergehen, ehe das eine das andere bei Tag aus dem Auge verliert. Die drei engliſchen Schiffe blieben ſich in ihrem Laufe überraſchend gleich und nur die Proſerpina trat ein wenig vor, während das Irrlicht am Ende einer ſechsſtündigen Jagd etwa vier Meilen vor ihr ſtehen mochte, von welchen es drei voraus be⸗ kommen hatte, ſeit es mit Flügelſegeln ging. Die Leich⸗ tigkeit des kleinen Schiffes kam ihm weſentlich zu ſtatten. Das Segeltuch hatte weniger Wucht nach hinten zu ziehen, und Pintard bemerkte, daß der Rumpf die Wellen nur zu übergleiten ſchien, ſobald der ſcharfe Vorſteven ſie ge⸗ theilt hatte und das Waſſer die Laſt des Schiffes nahm. Stunde um Stunde ſaß er auf dem Bugſpriet und achtete des Fortgangs, und ein Schaumkamm erſchien kaum vor⸗ wärts, ſo glänzte er auch ſchon unter des Loggers Boden. Dann und wann warf eine nachſtürzende Welle den Spiegel empor, als wollte er das leichte Werk überſtürzen; aber das Irrlicht war an eine ſolche Behandlung zu ge⸗ wöhnt, als daß es ſich hätte ſollen irre machen laſſen, und es hob ſich ſtets wieder auf der Woge, wie eine Blaſe, und dann übertraf kaum der raſche Pfeil die Eile, mit welcher es vorwärts ſchoß, als wollte es die verlorne Zeit einbringen. Cuffe verließ das Deck nicht, bis die Glocke in der mittlern Wache Zwei ſchlug,— bis es nämlich Ein Uhr war. Yelverton und der Maſter theilten die Wache unter ſich, aber der Capitain war mit ſeinem Rathe und ſeinen Befehlen ſtets in der Nähe. „Dieſes Fahrzeug ſcheint ſchneller zu gehen, wenn es ſeine Segel in Flügelform hat, als wenn ſie dicht gebraßt ſind, wie es mir vorkommt, Yelverton,“ be⸗ merkte Cuffe, nachdem er mit dem Nachtglaſe einen lan⸗ gen Ausguck nach dem gejagten Schiffe gethan hatte; „ich beginne zu beſorgen, es entgehe uns. Keines der andern Schiffe thut Etwas, das uns helfen könnte. Da ſind wir alle Drei, todt in ſeinem Fahrwaſſer, und gehen hinter einander her, wie eben ſo viele alte Jungfern, die Sonntagsmorgens in die Kirche gehen.“ „Es würde beſſer geweſen ſein, wenn die Ringel⸗ taube ſich mehr weſtwärts und die Fregatte weiter öſt⸗ lich gezogen hätte. So ſchnell der Logger mit ausge⸗ ſpannten Flügeln iſt, ſo iſt er noch ſchneller, wenn er ſie auf den Wind gepreßt hat. Ich erwarte jeden Augen⸗ — 375— blick, daß er weſtwärts abfährt und uns allmählich im Wind in ſein Fahrwaſſer bekommt. Ich fürchte, dies würde noch ſchlimmer werden, als es jetzt iſt, Herr.“ „Ich möchte ihn jetzt nicht für tauſend Pfund ver⸗ lieren. Ich begreife nicht, was T— ls Daſhwood vor⸗ hatte, daß er ihn nicht feſthielt, als er im Beſitz der Felſen war. Ich werde ihn ein wenig abkanzeln, ſobald wir zuſammen kommen.“ Cuffe würde erſchrocken ſein, wenn er gewußt hätte, daß Sir Frederick Daſhwood's Leiche in eben dieſem Augenblicke vor Neapel an Bord eines Zweideckers, deſſen Capitain ein Verwandter von ihm war, gebracht worden; aber er wußte es nicht, und erfuhr ſeinen Tod erſt eine Woche ſpäter, nachdem die Leiche bereits in die Erde verſenkt war. „Nehmt das Glas, Yelverton, und ſchaut nach ihm. Mir erſcheint er ſchwach,— er muß uns raſch verlaſſen. Seid ſorgſam, um zu ſehen, ob ſich irgend gewahren läßt, daß er weſtwärts zu wenden beabſichtigt.“ „Dies iſt kaum möglich, ohne ſein Vorderlogg zu durchkaien. Ich will verd—t ſeyn, Herr, wenn ich ihn überhaupt ſehen kann. Ah— da iſt er, feſt nach vornen, wie vorher, aber ſo geſtaltlos, wie ein Geiſt. Ich kann mit Noth das Segeltuch erkennen; er geht noch mit den Seitenflügeln,— verd—t ſei er,— und ſieht eher einem Geſpenſt von Schiff ähnlich, als einem weſenhaften Dinge. In dieſem Augenblicke habe ich ihn verloren, Herr— — 376— ich wünſche, Ihr nähmt ſelbſt das Glas, Capitain Cuffe. Alles umſonſt,— ich kann ihn nicht mehr finden.“ Cuffe machte einen Verſuch; er war aber vergeblich. Einmal glaubte er ihn noch zu ſehen, bei genauerer Un⸗ terſuchung überzeugte er ſich aber, daß er ſich geirrt hatte. Er hatte ſo lange nach demſelben Gegenſtande hingeſehen, daß nichts leichter war, als ſich der Täuſchung hinzu⸗ geben, er ſähe in dem geiſtigen Auge die ſchwachen Um⸗ riſſe des kleinen, mit ausgeſpannten Flügeln dahinſegeln⸗ den Loggers, der ſtets wieder in Nichts zerfloß und ſeiner Beobachtung zu ſpotten ſchien. Er träumte dieſe Nacht von ihm und es waren fünf glückliche Minuten, in wel⸗ chen ſeine irrenden Gedanken ſich mit der Beſitznahme der Priſe und der Bemannung derſelben beſchäftigten. Ehe ſich dies aber begab, waren den andern Schiffen Signale gegeben und ihnen befohlen worden, ihren Curs zu ändern, da man vorausſetzen konnte, daß auch der Logger den ſeinigen ändern würde. Lyon wurde weſt⸗ wärts geſchickt, die Terpſichore ein wenig öſtlich, während die Proſerpina nach Zwei Uhr ſüdweſtlich abzuhalten beſchloß.. Aber eine Stunde vor Tagesanbruch ſtellte ſich ein plötzlicher, heftiger Windſtrom ein. Es war der erwar⸗ tete, ja, der angekündigte Sirocco, und er brachte den Logger ohne allen Zweifel windwärts. Die Südkühlte kam mit dem erſten Stoße ſchon friſch und, ſtark, und obgleich ſte bis zum Nachmittage des nächſten Tages nicht — 377— zum Sturm ſtieg, blies ſie doch nach der erſten Stunde ſchwer und in Böen. Als der Tag anbrach, hatten die drei Schiffe ſich aus dem Geſicht verloren. Die Proſerpina, welche wir als eine alte Bekannte, und da ſie in dem, was folgen wird, eine Rolle ſpielt, begleiten wollen, war unter dop⸗ pelt gereeften Oberſegeln, das Vordertheil weſt⸗ſüd⸗weſt⸗ wärts gerichtet, und ſich durch die Höhlungen der Wellen, welche die Tramontana zurückgelaſſen, fortarbeitend. Das Wetter war„dick,“ Nebel und Regen kamen mit den Böen, und es gab Augenblicke, wo man das Waſſer nicht eine Kabellänge vom Schiffe ſehen konnte; der gewöhnliche Horizont war zu keiner Zeit ſichtbar. Auf dieſe Weiſe arbeitete ſich die Fregatte dahin; denn Cuffe wollte alle Hoffnung eines Erfolgs nicht auf⸗ geben, obgleich er kaum Ausſicht hatte, ſeine Wünſche erfüllt zu ſehen. Die Ausgucke waren in der Höhe, wie gewöhnlich; aber dies war mehr der Form wegen, als. weil ſie von Nutzen zu werden verſprachen; denn ſelten konnte ein Mann von den Owarsſahlingen weiter ſehen, als von dem Decke. Die Offiziere und die Mannſchaft zumal hatten ge⸗ frühſtückt. Eine Art mürriſcher Unzufriedenheit herrſchte in dem Schiffe, und die neulichen freundlichen Gefühle gegen Raoul Yvard verſchwanden faſt ganz in dem Miß⸗ behagen. Manche begannen von der Möglichkeit zu mur⸗ meln, die andern Schiffe könnten auf den Logger ſtoßen; — 378— Andere ſchworen,„es läge nichts daran, wer ihn ſähe, denn fangen könne ihn doch keiner, der nicht in uner⸗ laubtem Bunde mit dem Vater der Lügen ſtünde; mit Recht heiße er das Irrlicht; denn er ſei ein Irrlicht und werde ſich ewig als ein Irrlicht bewähren; man könne eben ſo gut einem trügeriſchen Feuer auf einer ſumpfigen Wieſe, wie einem ſolchen Fahrzeuge auf der See folgen; ſie wollten ſich glücklich preiſen, wenn die gegen ihn in den Booten ausgeſchickten Offiziere und Mannſchaft wieder wohlbehalten an Bord ihrer geſunden Schiffe zurückkämen.“ Inmitten dieſer Klagen und Wahrſagungen rief der Ausguck des Focktops die Worte: „Schiff, ho!“ Die gewöhnlichen Fragen und Antworten folgten, und die Offiziere wurden des Gegenſtandes anſichtig. Das fremde Schiff war auf eine halbe Stunde entfernt und konnte wehen des Nebels nicht beſtimmt geſehen werden; aber man ſah es. „Es iſt eine Schebecke,“ brummte der Maſter, einer der Unzufriedenen des Tages:„ein Burſch, der ſeinen innern Raum mit einem Wein vollgeſtopft hat, welcher das ſchönſte Frauengeſicht zu Lunnun in Runzeln ziehen würde.“ „Bei Jupiter Ammon!“ rief Cuffe,„es iſt das Irrlicht, oder ich kenne einen alten Bekannten nicht. Quartiermeiſter, gebt mir mein Glas— nicht das— das kürzere iſt das beſte.“ d 3— ——— „Lang oder kurz, Ihr werdet das nicht ausfindig machen,“ murmelte der Maſter.„Das Irrlicht iſt mehr in der Irre, als ich ihm zutraueé, wenn wir es dieſen Sommer wieder zu Geſicht bekommen.“ „Was haltet Ihr von ihm, Capitain Cuffe?“ fragte Yelverton eifrig. „Gerade, wie ich Euch geſagt habe, Herr; es iſt der Logger— und— ich kann mich nicht irren. Ja, bei Jupiter, da kommt er wieder mit ſeinen Flügelſegeln vor dem Wind herab. Das iſt eben jetzt, ſcheint es, ſeine Luſt, und er ſcheint deren noch nicht ſatt zu ſein.“ Ein aufmerkſamer Ausguck überzeugte Yelverton, daß ſein Befehlshaber Recht hatte. Selbſt der Maſter mußte bekennen, daß er Unrecht hatte, obgleich er es mürriſch und wider Willen that. Ja, es war der Logger; aber man ſah ihn ſo ſchwach, daß man zuweilen Mühe hatte, auch nur ſeine Umriſſe zu ſehen. Er lief in einer Linie, welche ihn etwa eine Meile ſpiegelwärts von der Fregatte bringen mußte; jetzt war er noch auf die dreifache Ent⸗ fernung windwärts.“* „Er ſieht uns gewiß nicht,“ ſagte Cuffe nachden⸗ kend.„Ohne Zweifel glaubt er, wir ſtünden windwärts und iſt bemüht, aus unſerer Nachbarſchaft zu kommen. Wir müſſen aufhohlen, meine Herren; und jetzt iſt ein günſtiger Augenblick. Sogleich das Schiff durch den Wind gewendet, Yelverton: ich denke, es läßt ſich thun.“ Man machte den Verſuch, und er gelang. Die Pro⸗ — 380— ſerpina arbeitete trefflich, und Yelverton wußte ſie mit Geſchick und Takt zu behandeln. In fünf Minuten hatte das Schiff gewendet und Alles für den andern Gang her⸗ gerichtet,— dicht gereefte Kreuz⸗, doppelt gereefte Fock⸗ und große Marsſegel; ein gereeftes großes Segel und die übrigen Segel in Uebereinſtimmung. Da es ein wenig abhielt, um den Logger nicht vorüber ſchlüpfen zu laſſen, mochte es fünf bis ſechs Knoten gehen. Die nächſten fünf Minuten waren für die Mann⸗ ſchaft der Proſerpina Augenblicke des geſpannteſten Inte⸗ reſſes. Das Wetter wurde dicker und alle Spuren des Feu-Follet waren verloren. Als man ſeiner jedoch zuletzt anſichtig geworden, flog er eher, als er ſegelte, auf den Weg der Proſerpina hernieder. Nach Cuffe's Berechnung mußten ſich die Schiffe in einer Viertelſtunde begegnen, wenn keines ſeinen Curs änderte. Man hielt⸗ mehrere Kanonen in Bereitſchaft, um auf ein ſolches Zuſammentreffen gefaßt zu ſein. „Laßt das Wetter noch einige Minuten dick bleiben, und wir haben ihn!“ ſagte Cuffe.—„Ihr müßt hinab⸗ gehen Herr Yelverton, und ſelbſt nach dieſen Kanonen ſehen. Faßt den Burſchen nur tüchtig, wenn Ihr Befehl bekommt, Feuer zu geben. Der Logger hat kein Tauge⸗ flecht, und ihn enttakeln wäre ein reiner Zufall. Macht ihm zu warm auf dem Deck, und er wird ſich geben müſſen, Raoul Yvard oder der T— l!“ „Da iſt er, Herr!“ rief ein Kadett von einem — 381— Krahnbalken; denn Jeder, der es wagte, hatte ſich nach vornen gedrängt, um das gejagte Schiff ſobald als mög⸗ lich zu Geſicht zu bekommen. Dort flog er in der That, zweigeflügelt, wie früher. Die Schläfrigkeit der Ausgucke des Loggers iſt, wie man ſich wohl denkt, nie erklärt worden; als man aber mit allen Umſtänden bekannt geworden, nahm man an, die Mehrzahl der Mannſchaft ſei in Schlaf verfallen, um ſich von den letzten außerordentlichen Anſtrengungen und einer Nacht zu erholen, wo Jeder auf dem Deck hatte bleiben müſſen, um zur Abfahrt bereit zu ſein; auch faßte das Schiff kaum über dreißig Seelen. Endlich klärte ſich das Wetter auf, und man ſah die Fregatte. Es war keinen Augenblick zu bald. Die beiden Schiffe ſtanden ſich in dieſem bedenklichen Mo⸗ mente ungefähr eine halbe(engliſche) Meile fern. Das Irrlicht hielt gerade auf die Luvſeite der Fregatte ab. Im Nu kaite jenes das Giekſegel durch; dann ſah man es an den Wind kommen, wobei es hinreichend Grund verlor, um in einer Linie mit den zwei Jagd⸗Kanonen luvwärts zu kommen. Cuffe gab ſogleich Befehl, das Feuer zu eröffnen. „Was Tls iſt in den Logger gefahren?“ rief der Capitain;„er taumelt wie ein Spott⸗Mandarin— er pflegte ſich doch ſtätig zu halten wie eine Kirche. Was mag das bedeuten, Herr?“ Der Maſter wußte es nicht; wir aber dürfen wohl demerken, daß der Logger für ſo viel Leinwand bei ſo ſchwerem Wetter zu leicht war, und die Zeit mangelte, um die Segel zu bergen. Unter den Wellen, welche nun unter ihm brachen, lummerte er ſchwer, und da ihn eine Bö traf, waren ſeine Leekanonen vollkommen begraben. In demſelben Augenblicke ſpie die Proſerpina ihre Flamme und Dampf aus. Das Auge konnte den Kugeln nicht folgen, und Niemand wußte, wo ſie eingeſchlagen hatten. Vier Kanonen waren abgefeuert worden, als eine Bö folgte, welche das gejagte Schiff einſchloß; das Feuer wurde natürlich eingeſtellt. Die augenblickliche Wirkung des afrikaniſchen Sturmwindes, ſei's, einſchlä⸗ fernd und erſchlaffend, wie er iſt, war ſo ſtark, daß die Proſerpina ihre Kreuzſegel gapte und ihr großes Segel praagte und aufſtach. Aber der große Hals wurde augen⸗ blicklich wieder zugeſetzt und das Oberſegel losgelaſſen. Ein Sonnnenſtrahl brach durch den Nebel, aber der Logger war verſchwunden. Die Sonne blieb nicht ſichtbar; ſelbſt jener Strahl war nur ſchwach und in einer Minute wieder verſchwun⸗ den; aber das Auge hatte Zeit, mehrere Meilen weit umher zu ſtreifen. Darauf wurde der Horizont beſchränkt, aber in der nächſten Viertelſtunde folgte keine Bö. Als der Logger vermißt wurde, hielt die Proſerpina einen halben Punkt von der Stelle, wo er geweſen ſein mußte. Kurze Zeit hernach kam ſie, vielleicht hundert Klafter leewärts, an dieſem Punkte vorbei. Hier wendete ſie, ſtreifte eine hinreichende Strecke ſüd⸗ und weſt⸗ wärts, wendete abermals, hielt nach Oſt⸗Süd⸗Oſt und glaubte das leere Kielwaſſer zu kreuzen. Keine Spur von dem vermißten Schiffe war zu ent⸗ decken. Die See hatte alles verſchlungen— Logger, Mannſchaft und Segel. Man nahm an, daß, weil die vielen leichten Gegenſtände auf den Felſen zurückgelaſſen worden, nichts geblieben war, das hätte ſchwimmen können. Alles war dem Irrlicht in die Tiefe des Meeres gefolgt. Boote hatte es keine gehabt, da man dieſe auf den Inſelchen gelaſſen hatte; und wenn ein Seemann in dem verzweifelten Beſtreben, inmitten des ſchäumenden Waſſerkeſſels, ſein Leben zu retten, emportauchte, ſo gelang es ihm nicht, oder er wurde bei dem Suchen der Eng⸗ länder überſehen. Auch konnten dieſe ſich in der Enfernung verrechnet haben und nicht⸗auf Kabellänge an die Stelle gekommen ſein, wo die Opfer, ſofern ſolche da waren, noch um ihr Daſein kämpften. Cuffe, und Alle um ihn, fühlten einen ſo unerwar⸗ teten, ſchrecklichen Unfall tief. Der Verluſt eines Schiffes bringt unter ſolchen Umſtänden dieſelbe Wirkung hervor, wie ein plötzlicher Todesfall unter Freunden. Es iſt dies ein Geſchick, das Alle treffen kann, und es fordert zum Nachdenken auf und ſtimmt die Seele traurig. Die Engländer gaben aber die Hoffnung noch nicht auf, Unglückliche zu retten, welche ſich vielleicht an eine ſchwimmende Spiere anklammerten oder ſich ſtundenlang — 384— durch übernatürliche Anſtrengungen über dem Waſſer hielten. Am Nachmittag vierte die Proſerpina jedoch ab, lief vor dem Winde gegen den Golf von Neapel, wendete ſich aber bald von ſeinem Curs und verfolgte eine feind⸗ liche Kriegsſchaluppe, welche ſie einige Tage ſpäter ge⸗ fangen nahm. Das erſte, was Cuffe that, nachdem er in der Flotte Anker geworfen, war, daß er ſich an Bord des Fou⸗ droyant begab, um ſeine Rückkehr dem Contre⸗Admiral zu melden und über ſein Thun Bericht zu erſtatten. Nelſon hatte, außer Dem, was ſich auf den Inſelchen begeben und der Trennung der Sihiiee nichts von dem Ausgang gehört. „Nun, Euffe,“ ſagte er und reichte ſeinem alten Agamemnon, als er in die Cajüte trat, freundlich die ihm noch bleibende Hand,„der Burſch iſt denn doch entſchlüpft? Es war ein ſchlechtes Geſchäft,— aber wir müſſen uns fügen. Wo mag nach Euerm Bedünken der Logger ſein?“ Cuffe erzählte, was ſich begeben, und übergab dem Admiral einen amtlichen Bericht, welcher das Verſchwin⸗ den des Loggers und die Wegnahme der feindlichen Schaluppe meldete. Nelſon freute ſich über das Letztere, das Erſtere überraſchte ihn. Nach langem, gedanken⸗ vollem Schweigen ging er in die Hinter⸗Cajüte und warf, als er zurückkehrte, eine kleine göſchähnliche Flagge auf den Boden. 385 „Als Lyon umherkreuzte,“ ſagte er,„und die Schaluppe ihre Krahnbalken einſetzte, wurde das Ding auf einen Nothanker getrieben und blieb hängen. Es iſt eine wunderliche Flagge. Sollte ſie in irgend einem Zu⸗ ſammenhange mit dem Logger ſtehen?“ Cuffe blickte hin und erkannte ſogleich die kleine ala-e-ala⸗Flagge, deren die Jtaliener in ihren Unter⸗ haltungen ſo oft gedacht hatten. Sie war die einzige Spur, welche man je von dem Irrlicht gefunden hat. Sechzehntes Kapitel. — Wie ſchön iſt, o, der Gram, Auf den der Jungfrau Unſchuld lindernd blickt; Das Glück erſcheint in Andern neben ihm Wie mißgeſtaltet. Davenant. Wir müſſen zu den Felſen und dem traurigen An⸗ blicke, welchen ſie boten, zurückkehren. Es wird jedoch unſerm Zwecke entſprechen, die Zeit bis zum Abend vor⸗ zurücken und Vieles zu übergehen, das ſich der Leſer denken kann, ohne daß wir es berühren. Es iſt kaum nöthig, zu bemerken, daß Andrea Bar⸗ rofaldi und Vito Viti keinen Theil an den blutigen Ver⸗ handlungen nahmen, deren wir erwähnt haben. Als 187— 189. — 386— jedoch Alles vorüber war, näherten ſie ſich den Felſen und blickten, in ihrem Boote ſitzend, auf das traurige Schauſpiel, welches der kleine Raum der Ruinen⸗Inſel darbot. Hier fand folgendes kurze Geſpräch zwiſchen ihnen ſtatt. „Vice⸗Governatore,“ fragte der Podeſta und deu⸗ tete auf die Stelle, wo Sir Frederick, eine regungsloſe Leiche, lag, wo Raoul blutete, und Andere unter ihren Wunden ſtöhnten,„nennt Ihr dies Wirklichkeit oder gehört es zu der verdammlichen Lehre, welche hinreicht, die ganze Erde in Streit und Hader zu verſetzen und die Menſchen zu Habichten und Tigern zu machen?“ „Ich fürchte, Nachbar Vito, hier wird ſich Alles als wahr bewähren. Ich ſehe die Leichen von Sir Daſh⸗ wood und Sir Smit; und Gott weiß, wie viele Andere heute in das Reich der Geiſter hinüber gingen.“ „Und nur ein Schattenreich hinter ſich ließen,“ mur⸗ melte Vito Viti; denn ſelbſt dieſes traurige Schauſpiel war nicht im Stande, ſeine Gedanken ganz von einem Gegenſtande abzuziehen, über welchen man nun faſt vier und zwanzig Stunden geſprochen hatte. Aber der Augen⸗ blick war zu ferneren Verhandlungen nicht geeignet, und die zwei Italiener ſtiegen an das Land. Dies war etwa eine halbe Stunde nach der Beendi⸗ gung des Kampfes, und unſere Abſicht iſt, die Zeit bis zu dem Augenblicke vorzurücken, deſſen wir am Anfange 2 AO— ½ à 2—2—y— ——— — 387— dieſes Kapitels gedacht haben. Doch berühren wir kurz das Hauptſächliche, das ſich bis zu jenem Momente, den wir im Auge haben, begab. Wincheſter muſterte, ſobald er eine freie Minute fand, das Schlachtfeld. Er fand viele ſeiner Leute getöd⸗ tet, noch mehr verwundet. Von den Franzoſen, welche ſich auf der Inſel befanden, war die Hälfte verwundet; aber die tödtliche Wunde, welche ihr Befehlshaber erhal⸗ ten, war der Schlag, den Alle bejammerten. Der Arzt erklärte Raoul's Lage für hoffnungslos, und ſelbſt edel⸗ herzige Feinde hörten dieſe Erklärung mit Bedauern. Die Vertheidigung war verzweifelt geweſen; ſie würde mit Erfolg gekrönt worden ſein, wäre es für ſo wenige muthvolle Männer irgend möglich geweſen, die doppelte Anzahl Derer zurückzuwerfen, welche gleich tapfer waren. Beide Theile hatten für die Ehre gekämpft, und wo dies der Fall iſt, harrt der Sieg gewöhnlich der Stärkeren. Sobald man bemerkte, daß wahrſcheinlich alle Schiffe weit nach leewärts auf die Jagd geführt würden, fühlten die engliſchen Offiziere die Nothwendigkeit, für ſich zu handeln. Die Aerzte waren vom erſten Augenblicke an beſchäftigt geweſen, und im Verlaufe einiger Stunden war Alles für die Verwundeten gethan worden, was unter den jetzigen Umſtänden möglich war. Gliederablö⸗ ſungen waren nur wenige nöthig, und da jedes Schiff einen Arzt geſchickt hatte, war man damit fertig. Die übrigen ärztlichen Hülfreichungen, welche erforderlich — 338 waren, hatte man da mit Erfolg zu Ende gebracht, wo ein ſolcher möglich war. Der Tag begann ſich zu neigen, und die Entfernung von der Flotte war ſo bedeutend, daß man alle Kräfte aufbieten mußte. Sobald ſich daher die nicht Verwundeten erquickt hatten, und für die Verwundeten geſorgt war, wurden die letztern, ſo gut es möglich war, in die Barkaſſen gebracht, und die Kutter nahmen ſie in das Schlepptau. Sobald die eine ihre traurige Fracht eingenommen hatte, ſtieß ſie von der Inſel ab, um dem Hoſpitalſchiffe der Flotte entgegen zu gehen; die andern folgten nach der Reihe. Die dienſtfähigen Franzoſen erboten ſich zur Hülfe bei dieſer frommen Pflicht. Jetzt blieben nur noch drei Boote zurück. Das eine war Sir Frederich's Gig, welchen Wincheſter für ſeinen Gebrauch behalten hatte; das andere war die Jollé des Signor Andrea Barrofaldi und das dritte das kleine Fahrzeug, in welchem Carlo Giuntotardi von der Küſte herüber gekommen war. Von den Franzoſen blieb nur der Arzt des Loggers, Raoul's Schiffshofmeiſter und Diener und Raoul ſelbſt zurück. Fügen wir zu dieſen noch die beiden Italiener und ihre Rudersleute, Carlo und ſeine Nichte, ſo wie Wincheſter und ſeine Bootsmannſchaft, ſo haben wir Alle aufgezählt, die ſich jetzt noch auf dem Felſen befanden.; Mittlerweile war die Sonne hinter die nahen Berge geſunken, und es war nöthig, einen Entſchluß zu faſſen. Wincheſter fragte den Arzt, ob es möglich ſei, den Kran⸗ — 380— ken wegzubringen; wenn es geſchehen könne, geſchehe es am beſten ſogleich. „Herr Lieutenant,“ antwortete der Franzoſe ein wenig trocken,„mein tapferer Capitain hat nur noch kurze Zeit zu leben. Er hat darum gebeten, hier auf dem Schauplatze ſeines Ruhmes und bei dem weib⸗ lichen Weſen zu bleiben, welches er ſo innig liebte; aber ihr ſeid die Sieger—“ ſetzte er achſelzuckend hinzu,— „und ihr werdet thun, was euch beliebt.“ Wincheſter erröthete und biß ſich in die Lippen. Der Gedanke, Raoul körperlich oder geiſtig zu quälen, war dieſem ſo menſchlich fühlenden Offiziere nicht in den Sinn gekommen; aber der ihm aufgebürdete Argwohn ſchmerzte ihn. Dennoch faßte er ſich, und erklarte nach einer höflichen Verbeugung, er werde bei dem Gefange⸗ nen bleiben, bis Alles vorüber ſei. Der Franzoſe war überraſcht; als er die Theilnahme des Andern in dem Ausdrucke ſeines Geſichtes las, bedauerte er, ihm miß⸗ traut, und mehr noch, es ausgeſprochen zu haben. „Mais, Monsieur,v antwortete er,„die Nacht wird kommen; Ihr werdet ſie auf dem Felſen hinbringen müſſen.“ „Und wenn dies der Fall iſt, Doctor, ſo iſt es nicht mehr, als was wir Seeleute zu thun gewöhnt ſind. Der Bootsdienſt kommt häufig an uns. Ich darf mich nur in meinen Mantel hüllen, um mich aller Behaglichkeit eines Seemannes zu erfreuen.“ Damit war die Sache abgethan, und man ſagte nichts — 390— mehr. Dem Arzte, der daran gewöhnt war, in ſolchen Fällen Rath zu ſchaffen, gelang es bald, ſeine Anord⸗ nungen für die Endſcene zu treffen. Als man den Logger klärte, hatte man auf der kleinen Inſel, wo er anlegte, hundert kleine Gegenſtände umhergeworfen, und unter dieſen befanden ſich auch mehrere grobe Matratzen der Matroſen. Man brachte einige derſelben herbei, legte ſie auf die glatteſte Oberfläche des Felſens und bildete ſo ein Bett für Raoul. Der Arzt und ein Seemann hätten gern aus einem Segel ein Zelt gemacht; aber der Ver⸗ wundete wünſchte dies nicht. „Laßt mich die freie Luft einathmen,“ ſagte er; „ich werde nur noch wenig davon genießen; aber dies Wenige ſoll frei ſein.“ Es war nutzlos, ſich einem ſolchen Wunſche zu wider⸗ ſetzen; auch war kein Beweggrund dazu vorhanden. Die Luft war rein, und für Ghita war von der Nacht nichts zu fürchten, da ſie von den reinen Fluten des Meeres umgeben war. Selbſt als die Tramontana, obgleich ſie kühl war, herankam, war ihre Kühle nicht unangenehm, da die umliegenden Höhen die Inſeln gegen deren unmittelbaren Einfluß ſchützten. Die Nothſpieren des Loggers lieferten den Matroſen hinreichenden Brennſtoff, und ſie zündeten auf dem Felſen, wo ſie ſie gefunden, ein Feuer an. An Nahrungsmitteln aller Art fehlte es nicht, und man hatte, in Erwartung einer Belagerung, mehrere Waſſerfäſſer herausgebracht, — —, S+—ͤ.—ͤ— — 391— die jetzt willkommen waren. Hier wurde Kaffe bereitet, und man kochte von dem Proviant, ſo viel als die anwe⸗ ſende Mannſchaft bedurfte. Die Entfernung von Denen, welche Raoul umga⸗ ben, war groß genug, um ſie nicht zu ſtören, während das Licht des Feuers, das luſtig emporflammte, eine maleriſche Glut auf die Gruppe um den Sterbenden warf, ſobald die Nacht angebrochen war. Auch machte es Lampen oder Fackeln entbehrlich. Wir übergehen die erſten Ergüſſe der Verzweiflung, als Ghita von Raoul's Verwundung hörte; eben ſo ihre! wiederholten glühenden Gebete und die Scenen, welche während der Zeit ſtattfanden, wo die Inſel noch mit Kämpfenden bedeckt war. Ruhigere Stunden folgten, als die Boote ſich entfernt hatten, nnd mit dem Vor⸗ rücken der Nacht folgte eine Art ruhiger, hingeben⸗ der Verzweiflung den erſten Regungen. Mit der zehnten Stunde erreichen wir den Augen⸗ blick, in welchem wir den Vorhang noch einmal lüften wollen, um dem Leſer die Hauptperſonen unſerer Erzäh⸗ lung vorzuführen. Raoul lag auf dem höchſten Punkte der Inſel, wo ſein Auge über die ſanften Gewäſſer hinſtreifen konnte, die an den Felſen anſchlugen, und wo ſein Ohr das Mur⸗ meln ſeines Elementes hörte. Die Tramontana hatte, wie gewöhnlich, alle bemerklichen Dünſte aus der Luft verjagt, und das Gewölbe des Himmels mit ſeiner dun⸗ keln Bläue, von tauſend und tauſend Sternen fun⸗ kelnd, breitete ſich über ihm aus— ein glorreicher Herold der Zukunft für den, der in Glaube und Hoffnung dem andern Leben entgegen geht. Durch Ghita's und der Uebrigen Sorgfalt war der Platz mit allen den kleinen Behaglichkeiten umgeben wor⸗ den, welche ihm das Anſehen eines, plötzlich ſeiner Decke und Wände entkleideten, aber freundlichen und beque⸗ men Gemaches gaben. Wincheſter, welchen ſein Tage⸗ werk ermüdet hatte, und der fühlte, wie Raoul natür⸗ lich wünſchen müſſe, mit Ghita allein zu ſein, hatte ſich auf eine Matratze geworfen und Befehl gegeben, ihn zu wecken, wenn ſich etwas begäbe, während der Arzt, der wußte, daß er nichts mehr thun könne, ſeinem Beiſpiele gefolgt war und den gleichen Wunſch ausgeſprochen hatte. Carlo Giuntotardi war überhaupt des Schlafes wenig bedürftig und betete in den Ruinen. Andrea und der Podeſta ſchritten auf den Felſen auf und ab, um ſich warm zu erhalten, wobei ſie es ziemlich bereuten, dem plötzlichen Gefühle der Theilnahme, welches ſie zum Blei⸗ ben verleitet, nachgegeben zu haben. Raoul und Ghita waren allein. Jener lag auf ſei⸗ nem Rücken, ein Polſter unter ſeinem Haupte und das Antlitz zu dem Himmelsgewölbe emporgekehrt. Der Schmerz war vorüber und das Leben ging raſch ſeinem Ende ent⸗ gegen. Der Geiſt war aber noch kräftig und der Gedanke, wie immer, geſchäftig. — 393— Sein Herz war noch voll von Ghita; aber ſeine außerordentliche Lage und vor Allem der prachtvolle Anblick, der ſich ſeinem Auge bot, war es, der gewiſſe Gemälde der Zukunft in ſeine Gefühle miſchte, welche ihm eben ſo neu waren, als ſie mächtig auf ihn wirkten. Bei Ghita war es anders. Als Weib hatte ſie die Wucht dieſes plötzlichen Schlages auf eine Weiſe gefühlt, welche ſie ſchwer zu ertragen fand. Dennoch dankte ſie dem Himmel, daß Alles, was geſchehen, ſo zu ſagen, in ihrer Gegenwart ſich begeben hatte; denn ſo blieben ihr die Mittel zu handeln und die Kraft des Gebetes. Wir würden unwahr ſein, wenn wir ſagten, ſie habe nicht die innigſte Liebe zu Raoul, nicht die ganze Zärt⸗ lichkeit gefühlt, welche in ſo hohem Grade das Weſen des Weibes ausmacht; aber ſie war jetzt auf das Schlimmſte gefaßt, und ihre Gedanken wendeten ſich einem andern Zuſtand des Daſeins zu. Eine lange Pauſe folgte, während welcher Raoul feſt auf das Sternengewölbe blickte. „Es iſt merkwürdig, Ghita,“ ſagte er endlich,„daß ich, Raoul Yvard— der Korſar— der Mann des Kriegs und der Stürme— der wilden Kämpfe und der gefähr⸗ lichen Abenteuer— auf dieſem Felſen hier ſterbend liege, von all dieſen Sternen, die aus deinem Himmel gleich⸗ ſam auf uns nieder ſchauen, und mir zu lächeln ſcheinen, umglänzt!“ „Warum nicht dein Himmel ſo gut wie der mei⸗ — 394— nige, Raoul?“ antwortete Ghita bebend.„Er iſt ſo unendlich, wie Er, Der darin wohnt— Deſſen Thron er iſt— und er kann alle faſſen, die Ihn lieben und Seine Gnade ſuchen.“ „Glaubſt du, ein Mann wie ich dürfe vor ſein Ant⸗ litz kommen, Ghita?“ „Zweifle nicht daran: Er ſelbſt iſt frei von allem Irrthum und aller Schwäche, und Sein erhabener Geiſt freut ſich des Sünders und des Bereuenden. O liebſter, liebſter Raoul, wenn du nur beten wollteſt!“ Ein Strahl, wie der des Triumphes, glühte auf dem Antlitz des Verwundeten; und Ghita ſtand in der freudigſten Erwartung auf und beugte ſich über ihn, wäh⸗ rend in ihrem eigenen Antlitz die Wonne der Hoffnung glänzte. „„ Mon Feu-Follet!“ rief Raoul, und ließ die Zunge den vorübergehenden Gedanken verrathen, welcher die Glut des Triumphes in ſeinem Antlitze entzündet hatte: „„Mon Feu-Follet! du wenigſtens biſt entſchlüpft. Dieſe Engländer werden dich nicht unter ihre Opfer zählen und ihre Augen an deinen reizenden Formen ergötzen!“ Ghita fühlte Kälte ihr Herz durchbeben. Sie ſank auf ihren Sitz zurück und fuhr fort, das Auge mit einem Gefühle der Verzweiflung auf des Geliebten Antlitz zu heften, obgleich eine unbeſiegbare Zärtlichkeit ihre Seele ſtets erfüllte. Raoul hörte die Bewegung; er wendete den Kopf und blickte das Mädchen eine volle Minute mit —— ———— — 395— einem Theile jener hohen Bewunderung an, welche in glücklicheren Augenblicken aus ſeinen Augen zu ſtrahlen pflegte. „Es iſt beſſer ſo, Ghita,“ ſagte er,„als wenn ich ohne dich leben müßte. Das Schickſal iſt freundlich ge⸗ ſinnt, daß es mein Elend ſo endigt.“ „O Raoul— es gibt kein Schickſal— der Wille Gottes fügt Alles. O täuſche dich nicht ſelbſt in dieſem fürchterlichen Augenblicke, ſondern beuge dein ſtolzes Herz in Demuth und flehe Ihn um ſeine Hülfe an.“ „Gute Ghita!— freilich, dein unſchuldiges Gemüth iſt unter den Millionen nicht das einzige, das die Prie⸗ ſter umgarnt haben, und ich denke, was ſchon mit dem Anfange begonnen hat, wird auch bis zum Ende dauern.“ „Der Anfang und das Ende iſt Gott, Raoul. Seit dem Anbeginne der Zeit hat Er Geſetze gegeben, denen zufolge Alles, was ſich begeben, und ſo auch dieſe trau⸗ rige Stunde kommen mußte.“ 3 „und glaubſt du, Er werde dir alle deine Sorgfalt für einen ſo Unwürdigen verzeihen?“ Ghita beugte ihr Haupt auf die Matratze nieder, über die ſie ſich gelehnt hatte, und bedeckte ihr Antlitz mit den Händen. Als die wenigen Augenblicke, welche ſie im Gebet hinbrachte, vorüber waren, und ihr Geſicht, in welchem ſich die Glut der Gefühle und die kindesreine Un⸗ ſchuld ſpiegelten, ſich wieder hob, lag Raoul auf ſeinem Rücken, das Auge wieder auf das Himmelsgewölbe gefeſſelt. — 396— Seine Berufsbeſtrebungen hatten ihn in dem Stu⸗ dium der Sternkunde weiter geführt, als ſeine Erziehung im Allgemeinen erwarten ließ; und da er mit der Mathe⸗ matik bekannt war, hatte das Thatſächliche jener Wiſſen⸗ ſchaft ſeine Phantaſie ergriffen, aber ſein Herz hatte es nicht zu berühren vermocht. Es hatte ſich in der That bisher des gewöhnlichen Fehlers beſchränkten Wiſſens ſchuldig gemacht, daß er in Dem, was ſeine Vernunft erfaßte, nur eine Beſtätigung ſeiner Zweifel fand. Der⸗ furchtbare Augenblick jedoch, welchem er ſo nahe ſtand, konnte nicht ohne Einfluß bleiben, und jene unbekannte Zukunft, an deren Rand er ſich ſah, und deren Tiefe ihn angähnte, führte ſeinen Geiſt unvermeidlich zu der Frage nach dem unbekannten Gott. „Weißt du wohl, Ghita,“ fragte er,„daß meine gelehrten Landsleute behaupten, alle jene glänzenden Sterne ſeien Welten, wahrſcheinlich wie unſere Erde von lebenden Weſen bewohnt, denen die Erde auch nur wie ein Stern, und zwar von mäßiger Größe erſcheine?“ „Und was iſt dies Alles, Raoul, gegen die Macht und Majeſtät Deſſen, der das Weltall geſchaffen. Ja, denke nicht an die Werke Seiner Hände, ſondern an Ihn, der dies Alles ſchuf!“ „Haſt du je gehört, meine gute Ghita, daß der Geiſt des Menſchen Inſtrumente zu erfinden im Stande war, welche uns die Bewegungen aller dieſer Welten kennen lehren, und daß er ſogar die Kraft hat, ihre — —— — 397— Bahn auf Jahrhunderte hinaus mit Sicherheit und Ge⸗ nauigkeit zu berechnen?“ „und weißt du, mein guter Raoul, was dieſer menſchliche Geiſt iſt?“ „Ein Theil ſeiner Natur,— die höchſte ſeiner Eigen⸗ ſchaften, welche ihn zum Herrn der Welt macht.“ „In einem Sinne allerdings ſeine höchſte Eigen⸗ ſchaft, und die, welche ihn zum Herrn der Welt macht; immer aber doch nur ein Bruchſtück— ein Pünktchen auf der Weite des Himmels— ein Theil des Geiſtes Gottes ſelbſt. In dieſem Sinn iſt er nach dem Eben⸗ bilde Gottes geſchaffen.“ „Du ſcheinſt alſo zu glauben, der Menſch ſei Gott?“ „Raoul, Raoul— wenn du mich nicht mit dir ſter⸗ ben ſehen willſt, ſo deute meine Worte nicht in dieſer Weiſe.“ 4 „Wävr' es denn ſo ſchwer, die Welt in meiner Ge⸗ ſellſchaft zu verlaſſen, Ghita? Ich würde es für das höchſte Glück halten, wenn wir unſern Wohnort tauſchten.“ „um wohin zu gehen? haſt du dies bedacht, mein Geliebter?“ Raoul gab lange keine Antwort; ſein Auge war auf einen glänzenden Stern gefeſſelt, und eine Welt von Gedanken begann in ſeinem Kopfe zu kreiſen. Es gibt in dem Leben eines jeden Menſchen Augenblicke, wo das geiſtige Auge klarer in die Zukunft, wie in die Vergan⸗ genheit blickt, wie es Tage gibt, wo die ungewöhnlich — 398— reine Atmoſphäre unſern Sinnen die Gegenſtände leben⸗ diger zeigt; der Geiſt iſt dann für den Augenblick Herr und faſt unumſchränkter Gebieter. Ein ſolcher Strahl der Wahrheit überglänzte die Seele des Sterbenden und konnte nicht ganz ohne Ein⸗ fluß bleiben. Neue Gefühle beſtürmten Raoul's Bruſt. „Glauben deine Prieſter, daß die, welche ſich in dieſem Leben gekannt und geliebt haben, ſich in der, welche nach ihrer Anſicht kommen ſoll, auch kennen und lieben?“ fragte er. „Das Leben, welches kommen wird, Raoul, iſt ganz Liebe oder ganz Haß. Ich darf hoffen, daß wir uns erkennen; ich ſehe keinen Grund, daran zu zweifeln. Nach meines Oheims Meinung muß es ſo ſein.“ „Dein Oheim, Ghita? wie, Carlo Giuntotardi— er ſchien nie an Das zu denken, was um ihn her vor⸗ ging— verweilt ein ſolcher Geiſt bei ſo fernen, erhabe⸗ nen Gedanken, wie dieſe?“ „Du kennſt und verſtehſt ihn nur wenig, Raoul. Sein Geiſt läßt ſich ſelten von ſolchen erhabenen Gedan⸗ ken abziehen, darum iſt ihm die Erde und Alles, was ſie enthält, ſo gleichgültig.“ Raoul antwortete nicht; da aber ſeine Wunde ſchmerz⸗ lich zu brennen ſchien, hatte Ghita unter dem Einfluſſe echt weiblichen Gefühls und einer zärtlichen Natur das Herz nicht, in einem ſolchen Augenblicke ihn ſelbſt mit ſeinem Seelenheile zu bedrängen. —— 4 r——— — 399— Sie bot ihm kühlende Getränke und pflegte ihn mit der unermüdlichſten Sorgfalt; und wenn ſeine Schmer⸗ zen nachzulaſſen ſchienen, fiel ſie auf ihre Kniee und betete, und ergoß ihre ganze Seele für ſeine künftige Wohlfahrt. Auf dieſe Weiſe verfloß eine Stunde; Alles auf und nahe dem Felſen ſchlief, von Müdigkeit bewältigt, nur Ghita und der Sterbende nicht. „Jener Stern verfolgt mich, Ghita,“ flüſterte Raoul endlich;„wenn er wirklich eine Welt iſt, muß eine all⸗ mächtige Hand ihn geſchaffen haben; der Zufall hat nie eine Welt geſchaffen, ſo wenig, als er ein Schiff geſchaf⸗ fen hat. Gedanke, Geiſt, Verſtand müſſen bei der Bil⸗ dung des einen ſo gut, wie bei der des andern vorge⸗ herrſcht haben.“ Seit Monaten hatte Ghita keinen ſo glücklichen Au⸗ genblick gekannt, wie dieſer war. Es ſchien, als wenn Raoul's Geiſt ſich ſelbſt den Banden einer ſchalen Mode⸗ philoſophie entſchlagen wolle, welche eine ſo edle Natur, einen gewöhnlich ſo klaren Geiſt bewältigt hatte. Wenn ſeine Gedanken nur einmal die rechte Richtung genom⸗ men, ſetzte ſie die größte Hoffnung auf die Klarheit ſei⸗ nes Blickes und vor Allem auf die Güte Gottes. „Raoul,“ ſagte ſie leiſe,„Gott iſt dort, wie er bei uns auf dieſem Felſen iſt. Sein Geiſt iſt überall.— Preiſe Ihn— preiſe Ihn in deiner Seele, mein Ge⸗ liebter, und werde für ewig glücklich.“ — 400— Raoul antwortete nicht. Sein Antlitz war aufwärts gewendet und ſein Auge hing noch an jenem Sterne. Ghita wollte ihn nicht ſtören, ſondern nahm ſeine Hände in die ihrigen, kniete ſich wieder hin und betete von Neuem. Eine Minute verfloß nach der andern und kei⸗ nes von Beiden ſchien geneigt zu ſprechen. Endlich ſiegte bei Ghita das Weib wieder und ſie gedachte der körperlichen Bedürfniſſe des Leidenden. Es war Zeit, ihm die Tropfen zu reichen, welche der Arzt ihr übergeben hatte, und ſie trat hervor, ſie ſeinen Lip⸗ pen zu bieten. 3 Sein Auge war noch auf den Stern gerichtet, aber ſeine Lippen begegneten ihr nicht mit dem gewöhnlichen Lächeln der Liebe. Sie waren zuſammengepreßt, als wenn er im Begriffe wäre, ſich in das Gewirr einer Schlacht zu ſtürzen; eine Art feſter Entſchloſſenheit ruhte auf ihnen. Raoul Yoard war todt. Die Entdeckung der Wahrheit war für Ghita ein fürchterlicher Augenblick; kein lebendes Weſen in der Nähe kannte ihre Lage, da alle in dem Schlafe der Müden lagen. Das erſte Gefühl war das, welches ihrem Geſchlechte gehörte. Sie warf ſich auf die Leiche, um⸗ ſchlang ſie wild und ließ allen jenen Gefühlen freien Lauf, welche der Geliebte ihr in ſeinen düſtern Stunden ſo oft abgeſprochen hatte. Sie küßte die Stirne, die Wangen, die bleichen ernſten Lippen des Todten und es war eine Zeitlang zu fürchten, ihre eigene Scele möchte — — — 401— in dem Sturme ihres Schmerzes aus ihrem Kerker flüchten. Aber es war moraliſch unmöglich, daß Ghita länger unter dem Einfluſſe der Verzweiflung blieb. Ihr ſanfter Geiſt hatte zu lange und zu innig mit ihrem himmliſchen Vater verkehrt, um nicht in allen gefähr⸗ lichen Augenblicken des Lebens zu Ihm ihre Zuflucht zu nehmen. Sie betete zum zehnten Male in dieſer Nacht und ſtand ruhig, wenn nicht ganz ergeben, von ihren Knieen auf. Die Lage Ghita's war jetzt ſo wild maleriſch, als ſie für ihren innerſten Geiſt aufregend war. Alle um ſie her ſchliefen noch und zwar, für das Auge, ſo feſt wie er, der nur wieder auferſtehen ſollte, wenn Meer und Land ihre Todten herausgeben. Die Erregungen und Anſtrengungen des vergangenen Tages brachten ihre Gegenwirkung hervor, und ſelten hat der Schlaf einen mächtigeren Einfluß ausgeübt. Das Feuer brannte noch hell auf den Felſen der Gig⸗Mannſchaft und warf ſeine Strahlen über die Ruinen, die verſchiedenen Schläfer auf denſelben und den regungsloſen Körper des Todten. Dann und wann ſchickte die Tramontana, welche jetzt friſch blies, einzelne Stöße hernieder, welche die Flamme anfachten, und der grelle Glanz, welcher dann folgte, ſchien Allem umher Leben und Wirklichkeit zu geben. Ghita war jedoch zu hohen Geiſtes, um andern Gefühlen, als ihrem Verluſte und der raſtloſen Beſorg⸗ niß für den hingeſchiedenen Geiſt, Raum zu geben. Sie 187— 189. 26 — 402— ſah, daß ſelbſt ihr Oheim ſchlief und ſie mit Raoul ganz allein ließ. Ein Mal überkam ſie das Gefühl ihrer Ver⸗ einſamung und ſie war im Begriffe, einige Schläfer zu wecken. Sie näherte ſich der Stelle, wo der Arzt lag, und ihre Hand war gehoben, um ihn zu wecken, als ein Lichtſtrahl von der Seite über Raoub's blaſſes Antlitz flog und ſie gewahren ließ, daß ſeine Augen noch geöffnet waren. Sie trat näher, beugte ſich über den Körper, blickte lange und forſchend in dieſe Spiegel der Seele, welche ſo oft ihren männlich-zärtlichen Strahl auf ſie geworfen, und ihr Gefühl glich dem des Geizhalſes, der ſeine reichen Schätze nicht mit andern theilen will. Die ganze, ganze Nacht wachte Ghita bei der Leiche ihres Inniggeliebten; bald beugte ſie ſich über ihn mit einer Zärtlichkeit, welche kein Wechſel der Dinge unter⸗ graben konnte, bald lag ſie dem Himmel mit ihren Ge⸗ beten an. Niemand erwachte, um das ſeltene Glück, das ſie in dieſem frommen Amte fühlte, zu ſtören, oder ihr Gefühl durch Staunen oder gemeinen Hohn zu ver⸗ wunden. Bevor der Tag kam, ſchloß ſie Raoul's Augen mit eigener Hand, bedeckte die Leiche mit einer franzöſiſchen Flagge, die auf dem Felſen lag und ſetzte ſich in ruhiger Ergebenheit hin, des Augenblickes gewärtig, wo Andere ſich bereit zeigen würden, ihr bei der Erfüllung der letzten Pflichten gegen den Hingeſchiedenen behülflich zu ſein. Als Katholikin fand ſie einen frommen Troſt in jenem ————„— — 8 — 2 2¶ ²—— —y— — 403— ſchönen Theil ihres kirchlichen Glaubens, welcher die ſtete Fürbitte für die Seelen der Abgeſchiedenen, ſelbſt bis zur letzten Stunde aller, irdiſchen Dinge, zuläſſig macht. Wincheſter war der erſte, der ſich regte. Als er empor fuhr, ſchien er über die Lage erſtaunt, in welcher er ſich ſah; ein Blick reichte aber hin, ihn über alles zu verſtändigen. Er ging auf Ghita zu und wollte ſie eben nach Raoul's Befinden fragen, als er, betroffen über den Ausdruck ihres engelgleichen Antlitzes, ſich nach dem Lager des Franzoſen wandte und an dem über ihn ge⸗ breiteten Mantel ſah, was ſich begeben hatte. Es war keine Zeit zu eigenem Erſchrecken oder zu Vorwürfen gegen Andere; leiſe und ernſt weckte er die Schläfer nnd gab dem Orte die ruhige, ſtille Heiligkeit einer Kirche. Carlo Giuntotardi erbat ſich bald darauf von den Siegern die Leiche. Es war kein Grund vorhanden, den Wunſch abzuweiſen; ſie wurde in ein Boot gelegt und im Geleite Aller, die geblieben waren, ruderte man ſie an die Küſte. Der ſchwere Sirocco, der bald folgte, trieb die Wellen recht von der Seite der Ruinen⸗Inſel hin und ſpülte die Blutflecken ſo wie jede Spur von dem Irrlicht und den Begebniſſen der letzten Stunden in die See. An dem Fuße des Scaricatojo richteten die Matroſen eine rohe Bahre her, trugen die Leiche ſo jenen wilden und doch lieblichen Abhang hinan und verharrten in ihrem menſchenfreundlichen Thun, bis ſie das Haus der Schweſter Carlo Giuntotardi's erreichten. — 401— Ein kleiner Zug war vom Anfange her der Leiche gefolgt, und da Ghita von den einfachen Bewohnern jener Anhöhen allgemein gekannt und geachtet war, hatte er ſich, als er die Straße von St. Agatha erreichte, zu einer Linie ausgedehnt, die über hundert Gläubige zählte. Das Kloſter, deſſen leere Gebäude den Gipfel einer der nahen Höhen noch krönen, war damals noch von Mönchen bewohnt, und der Einfluß Giuntotardi's reichte hin, ſie zu bewegen, dem Hingeſchiedenen den letzten Dienſt zu erzeigen. Drei Tage und drei Nächte lag die Leiche Raoul Yvard's, des Ungläubigen, in der Kirche dieſer frommen Mönche, welche Meſſen für ſeine Seele laſen; dann wurde er der geweihten Erde übergeben, um des Rufs der letzten Poſaune zu harren. 1 Das menſchliche Herz hat oft die ſeltſame Neigung, einem Lebenden das Lob zu verſagen, das ihm nach ſei⸗ nem Hinſcheiden in reichem Maaße geſpendet wird. Ob⸗ gleich wir glauben, daß der Neid, und ſein ſchlimmerer Begleiter, die Verläumdung, abſonderlich demokratiſche Laſter ſind,— wodurch wir andeuten wollen, daß die Demokratie das fruchtbarſte Feld, auf welchem dieſe menſchlichen Sünden wuchern,— ſo darf man darum doch nicht glauben, daß die uns verwandte Nation in der Darlegung der erſteren Eigenthümlichkeit ſich aus⸗ zeichnet. Was ſpäter Napoleon nach ſeiner Gefangen⸗ ſchaft und ſeinem Tode begegnete, zeigte ſich jetzt auch in Raoul Yvard's Falle, freilich in einem ſeinem Stande ——— .—— und Ruhm angepaßten Grade. Der früher in der eng⸗ liſchen Flotte Verhaßte wurde jetzt geehrt und geprieſen. Jetzt, da er todt und unſchädlich war, konnte ſein Ruhm als Seemann anerkannt, ſeine Ritterlichkeit als nach⸗ ahmenswerth dargeſtellt, ſein Muth hoch erhoben werden. Wincheſter, M'Bean, O'Leary und Clinch wohnten ſei⸗ nem Leichenbegängniſſe bei, als ob ſich dies von ſelbſt ver⸗ ſtünde; ſie hatten ſich würdig bewieſen, dabei zu ſein; aber viele Andere baten, ſie begleiten zu dürfen. Manche kamen, um einen ſo berühmten Abenteurer einmal zu 1 ſehen, wär' es auch nur in ſeinem Sarge; Andere woll⸗ 1. ten nur ſagen können, ſie ſeien bei dem Leichenbegäng⸗ 3 niſſe anweſend geweſen; und nicht Wenige wollten eines Mädchens anſichtig werden, deren romantiſche, aber un⸗ ſchuldige Liebe ſo oft in den Schiffen der Stoff der Un⸗ . terhaltung geweſen. So kam es, daß das Leichengeleite . und das Gepränge der Beerdigung den ruhigen kleinen Weiler von St. Agatha in die größte Bewegung verſetzte. Alle achteten auf jede Einzelnheit, und Alle waren er⸗ 4 freut, nur Ghita nicht. Bei ihr verfehlten dieſe ſäumi⸗ 2 gen Höklichkeiten ihre Wirkung; denn ihre Seele war 3 von der wichtigen Sorge erfüllt, den Himmel zu Gun⸗ ſten des Geſchiedenen anzuflehen. Andrea Barrofaldi und Vito Viti fehlten natürlich ⸗. bei dieſer Gelegenheit nicht; und der letztere war bedacht, 3 Jedem, der es hören wollte, zu verſtehen zu geben, wie genau er„Sir Smit,“ welcher jetzt nicht mehr für einen — 406— Betrüger angeſehen, ſondern als Held verehrt wurde, gekannt habe. Er ward ſogar Veranlaſſung zu einem kleinen Anſtand, indem er bei dieſer Gelegenheit den Vorrang der Civildiener vor dem Militär anſprach; denn er wußte wohl, daß, wenn der Vice⸗Governatore einen bedeutenden Platz bei der Feierlichkeit einnähme, der Podeſta durchaus in deſſen Nähe ſein müſſe. Die Sache wurde ganz zu Andrea's Zufriedenheit, wenn nicht zu der ſeines Freundes, geſchlichtet. Nelſon war, die Wahrheit zu geſtehen, mit dem, was ſich begeben hatte, nicht unzufrieden. Als er den verzweifelten Charakter der Vertheidigung Raoul's, und manche einzelne Züge ſeines edeln Benehmens bei ver⸗ ſchiedenen Gelegenheiten erfuhr, fühlte er ein groß⸗ müthiges Mitleid mit ſeinem Tode; dennoch glaubte er, es ſei beſſer ſo, als wenn er entkommen wäre. Als Cuffe an Bord kam und das Schickſal des Loggers berich⸗ tete, obgleich er deſſen Gefangennehmung vorgezogen hätte, ſtimmte man zuletzt allgemein in dem Gefühle überein, daß es dem Logger und deſſen Befehlshaber zumal ergangen ſei, wie ein Kaperſchiff und ſeine Be⸗ mannung es gewöhnlich verdienten. Wie es ſich von ſelbſt verſteht, erwuchſen Denen, welche bei den erzählten Begebniſſen thätig waren und ſie überlebten, einige Vortheile; denn England vergißt ſelten, beſonders bei der Flotte, ſeine Pflicht, das Ver⸗ dienſt zu belohnen. Als Cook von ſeinen berühmten —— 9— —— — 407— Seereiſen zurückkehrte, ſollte er nicht Verfolgung und Vernachläſſigung, ſondern Ehre und Gerechtigkeit finden. Nelſon wußte jenen Muth und Unternehmungsgeiſt zu würdigen, welchen er ſelbſt ſo oft an den Tag legte. Für Sir Frederick Daſhwood war freilich mehr nicht zu thun, als daß man ſeines Namens ehrenvoll unter Denen erwähnte, welche in dem Kampfe gefallen waren. Sein Erbe legte Trauer an, ſchien in Schmerz begraben und freute ſich in der Seele, Baronet zu heißen und einige tauſend Pfund jährliche Renten zu beziehen. Lyon bekam Sir Frederick's Schiff, und hörte von dieſer Stunde an auf, die Jagd und Alles, was mit dem Irr⸗ lichte in Verbindung ſtand, für unerſprießliche Dinge zu halten. Airchy folgte ihm auf die Terpſichore mit Träu⸗ men von Geldpriſen vor ſeinem Auge, welche im Ver⸗ laufe der nächſten fünf Jahre ziemlich verwirklicht wurden. Wincheſter kam auf die Ringeltaube, und Griffin wurde erſter Lieutenant in der Proſerpina. Dadurch wurde natürlich Yelverton zweiter Lieutenant, und eine Stelle blieb zu vergeben. So weit waren die Befehle ergangen, als Cuffe von dem Admiral zu einem Mittageſſen unter vier Augen ein⸗ geladen wurde. „Einer meiner Zwecke bei Eurer heutigen Einla⸗ dung, Cuffe,“ bemerkte Nelſon, als ſie bei dem Weine zuſammen ſaßen und die Cajüte leer war,„iſt der, ein Wort mit Euch von der noch zu beſetzenden Stelle an 2 — 408— Bord Eures Schiffes zu ſprechen; und der andere, Euch zu bitten, Berry als Maſter's Maat bei Euch aufzuneh⸗ men. Ihr erinnert Euch, daß einige Eurer Leute neu⸗ lich, ehe Ihr einlieft, an Bord hier waren?“ „Allerdings, mein Lord, und ich beabſichtigte, für die Gunſt meinen Dank darzubringen. Die Felſen drun⸗ ten haben den armen Burſchen warm gemacht, und ſie verdienten ein behagliches Lager, nach Allem, was ſie geleiſtet haben.“ „Ich glaube, wir haben dafür geſorgt; wenigſtens kenne ich Wenige, die ſich in dieſem Schiffe beklagen. Nun, unter ihnen war ein Maat, der ziemlich lange dient, und nach Dem, was ich gehört habe, wahrſchein⸗ lich da ſtecken bleibt, wo er iſt. Wir brauchen gerade einen ſolchen Mann für unſern innern Raum, und ich habe meinem Capitain verſprochen, ſeinetwegen mit Euch zu ſprechen. Laßt ihn nicht von Euch, wenn irgend ein Grund da iſt, ihn zu behalten; wir können Euch aber drei Seeleute für ihn geben, und tüchtige Burſche, wie ich höre.“ Cuffe ſpielte mit einer Nuß und ſchien wegen einer Antwort verlegen. Nelſon, welcher dies bemerkte, glaubte, Jener wolle ſeinen Maat nicht abgeben. „Nun, ich ſehe, wie die Sachen ſtehen,“ ſagte er lächelnd.„Wir müſſen ohne ihn fertig zu werden ſuchen, und Ihr mögt Euern Herrn Clinch behalten. Ein tüchtiger Maat in dem Raum eines Schiffes iſt ein — 8 —- — 409— Vortheil, den man nicht wegwerfen darf; und ich glaube, wenn Hotham etwas der Art vom alten Agamemnon gewünſcht hätte, ſo würde er ſich wohl gemeldet haben. Es wär' auch des T— ls, wenn wir irgendwo einen eben ſo guten Maat ſollten auftreiben können.“ „Es iſt nicht dies, mein Lord; Ihr ſollt den Mann haben, obgleich man keinen beſſern für dieſen Dienſt finden kann. Aber er lebte der Hoffnung, ſein gutes Betragen in der neuern Zeit, und ſeine langen Dienſte würden ihm zu der erledigten Offizierſtelle verhelfen. Der Admiral ſah erſtaunt aus, obgleich ihm die Sache nicht gerade zu mißfallen ſchien. „Es ſieht ſich ziemlich hart an, Cuffe, Ihr dürft mir's glauben, einen armen Teufel zehn bis fünfzehn Jahre in derſelben Stellung zu laſſen, und überdies noch, wenn er lange genug für eine Offiziersſtelle gedient hat. Ich war zehn Jahre jünger, denn dieſer Herr Clinch zu ſein ſcheint, als ich Capitain wurde, und es ſcheint hart, obgleich ich glaube, es iſt nicht mehr als gerecht. Ich habe ſelten geſehen, daß ein Kadett oder ein Maat in dieſer Weiſe übergangen wurde, ohne daß eine große Schuld zu Grunde lag. Wir müſſen des Dienſtes eben ſo eingedenk ſein, wie der Großmuth.“ „Dagegen iſt nichts zu ſagen, mein Lord; dennoch hoffte ich, Clinch's Sünden dürften endlich vergeſſen werden.“ „Wenn es beſondere Gründe dafür gibt, werd' ich dieſe gern hören.“ Cuffe erzählte nun Alles, was ſich zwiſchen ihm — 410— und dem Maſter's Maat begeben hatte, und verſäumte nicht, Jane in ſeiner Geſchichte den gehörigen Platz anzuweiſen. Nelſon begann mit dem Stumpf ſeines Arms zu zucken, und als die Geſchichte erzählt war, war Clinch's Beförderung beſchloſſen. Der Secretär erhielt ſogleich den Auftrag, die Befehle auszufertigen, und Cuffe nahm ſie noch in jener Nacht, als er auf ſein Schiff zurückkehrte, mit ſich an Bord der Proſerpina. Alle Beförderungen Nelſon's wurden, wie es ſich ziemlich von ſelbſt verſteht, von der Admiralität beſtätigt. Unter andern war auch die von Clinch, welcher jetzt der jüngere Lieutenant der Proſerpina wurde. Dieſe Erhe⸗ bung erweckte neue Gefühle in ihm. Er hielt mehr auf ſeine äußere Erſcheinung, mied die Flaſche, ſuchte ſeinen Geiſt mehr auszubilden, half ſeinen Sitten nach, indem er beſſere Geſellſchaft ſah und hatte im Verlaufe eines Jahres bedeutende Schritte in der guten Meinung ſeiner Vorgeſetzten gemacht. Nach Ablauf dieſer Zeit wurde das Schiff nach Hauſe geſchickt und Jane empfing, wie ſie wenigſtens dachte, den Lohn für alle ihre hin⸗ gebende Treue, indem ſie ſeine Gattin ward. Cuffe ließ es mit ſeinen freundſchaftlichen Dienſten nicht dabei bewenden. Es gelang ihm, Clinch zu der Befehlshaber⸗ ſtelle eines Kutters zu verhelfen, in welchem er vier Wochen ſpäter, nach einem hitzigen Gefechte, ein Kaper⸗ ſchiff wegnahm. Dieſer Sieg verſchaffte ihm eine Kano⸗ nenbrigg, und mit dieſer war er noch glücklicher; denn er kaperte mit ihren Booten eine franzöſiſche Kriegsſcha⸗ — 411— luppe, die allerdings nur halb bemannt war, aber doch für eine ſchöne Priſe angeſehen wurde. Für dieſe That erhielt er die Schaluppe, und es zeigte ſich ſo die Lau⸗ nenhaftigkeit des Glückes, welches ihn in weniger als drei Jahren vom Maſter's Maat zum Befehlshaber eines Schiffes vorrücken ließ. In dieſer Stellung blieb er jedoch lange Zeit, bis er in einem ungeſtümen Kampfe eine andere Schaluppe nahm und nun vorrückte. Von dieſem Augenblicke an haben wir ihn aus dem Geſichte verloren. Cuffe, welcher bald darauf in den Golf von Genua geſchickt wurde, nahm die Gelegenheit wahr, den Vice⸗ Statthalter und ſeinen Freund auf ihre heimathliche Inſel zurückzubringen. Der Ruf ihrer Thaten war ihnen natür⸗ lich durch das Gerücht vorausgeeilt. Es hieß, die beiden Elbaner ſeien wirklich in dem Gefechte geweſen, in wel⸗ chem Raoul Yvard fiel, und da Niemand da war, der es in Abrede ſtellte, glaubten Viele, Vito Viti habe den Korſaren mit ſeiner eignen Hand getödtet. Ein kluges Schweigen von Seiten des Podeſta hielt die Sache ſtets in ein ſo vollſtändiges Geheimniß gehüllt, daß wir bezwei⸗ feln, ob ein Reiſender, welcher ſelbſt heut zu Tage noch die Inſel beſucht, mehr zu erfahren im Stande ſein werde, als wir dem Leſer eben mitgetheilt haben. Kurz, in Folge eines jener geheimnißvollen Verläufe, welche den Menſchen zuweilen vielleicht eben ſo ſehr zu ihrem Erſtaunen, wie zur Ueberraſchung aller Andern, zum Ruhme verhelfen, galt der Podeſta von jetzt an ſtets für einen Helden. Ithuel kehrte erſt viele Jahre ſpäter nach Amerika zurück. Er brachte viele tauſend Dollars mit, ohne daß man wußte, wie er ſie erworben hatte; auch ließ er ſich nie auf Erläuterungen ein. Er heirathete eine Wittwe und nahm einen feſten Wohnſitz. Mit der Zeit„erprobte er die Religion,“ und iſt jetzt ein rüſtiger Abolitioniſt, ein Verfechter der Mäßigkeits⸗Angelegenheit, und unter dem Namen„Vorſteher Bolt“ ein allgemeiner Schrecken für Sünder. Ganz anders war es mit der ſanften, frommen, edeln Ghita, obgleich ſie der katholiſchen Kirche angehörte, und jener ein Proteſtant und überdies einer von der puritaniſchen Schule war. Unſere Heldin hatte wenig in dieſer Welt, das ihr das Leven werth machte. Sie blieb bei ihrem Oheim, ſo lange dieſer lebte; dann ging ſie in ein Kloſter, nicht ſowohl in Folge religiöſen Aber⸗ glaubens, als um im Stande zu ſein, ihre Tage unge⸗ ſtört im Gebete für Raoul's Seele hinzubringen. Bis zu ihrer letzten Stunde— und ſie ſtarb erſt in der neueſten Zeit— weihte ſich dieſes reine, edle Geſchöpf Dem, was ſie für die ewige Wohlfahrt eines Mannes hielt, welcher ſich mit ihren jungfräulichen Gefühlen ſo verwebt hatte, daß er einmal das erhabene Weſen, welches ſie geſchaffen, in ihrem Herzen zu verdrängen drohte. —,———— — 8 5 2. ““ — 4 2 ——