9 5 472 7—-—— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Jeſebedingungen. 1. Offensein der, Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehe enen Buches jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu den angenommen. 8 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Sumime 4 A vird von 4 Stun⸗ hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. ſ8 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und d beträgt: 1 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ſ —— 1 50 Vf.—— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mk. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 4 „ 2— 5. Auswärtige Abonnenten Hahen für Kin⸗ und Zurückſeudung' der Bücher auf ihre eigenen Koſten und C fahr ſe zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und t Kupfern ꝛc.) muß der 66 defeete Bücher(namentlich bei ſolchen u 1 Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ p lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz de Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. elbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. J. F. Cooper's ſämmtliche Werke. 127ſtes— 129ſtes Bändchen. Evchen Effingham oder die Heimath. Erſter Theil. —— Frankfurt am Main, 1839. Verlag von Joh. David Sauerländer. Evchen Effingham oder die Heimath. Eine Fortſetzung„der Heimfahrt“ von James Fenimore Cooper. Aus dem Engliſchen überſetzt von Dr. C. F. Nietſch. Erſter Theil. Frankfurt am Main, 1839. Verlag von Joh. David Sauerländer. + m°rocſ ͤ————————6——89—, Err ſtes Kapitel. „Guten Morgen, Vetter.“ „Guten Morgen, liebliche Hero.“ Shakſpeare. — Sobald Mr. Effingham den Entſchluß gefaßt, in die Heimath zurückzukehren, hatte er ſogleich an ſeinen Verwalter geſchrieben, er ſolle in ſeinem Hauſe in der Stadt New⸗York die nöthigen Vorbereitungen treffen, damit er den Winter dort zubringen könne; erſt mit Anfang des Frühlings wolle er ſein Landhaus beziehen. Kaum vom Schiffe an's Land geſtiegen, ſah demnach Evchen ſchon in der erſten Stunde ſich im Beſitz einer der weit⸗ läufigſten Haushaltungen in der größten nordamerikani⸗ ſchen Stadt. Glücklicherweiſe war ihr Vater billig genug, um einzuſehen, eine Frau oder Tochter dürfe nicht bloß als eine höhere Dienerin im Hauſe betrachtet werden, und ſein geſundes Urtheil beſtimmte ihn daher, eine verhältnißmäßige Summe von ſeinen Einkünften darauf zu verwenden, um vorzüglichere Dienſtleiſtungen einer treu anhänglichen Beſorgerin ſeines Hausweſens an⸗ ſprechen zu können, wodurch allein der jungen Gebie⸗ terin eine ſo ſchwierige Bürde wirklich erleichtert werden konnte. Er war nicht geneigt, wie manche Andere von gleicher Wohlhabenheit, in einer einzigen prunkenden und langweilenden Feſtlichkeit, worin die Einen mit den Andern in thörigter und geſchmackloſer Prahlerei wett⸗ eifern, ſo vieles Geld zu verſchwenden, daß man im Stande wäre, ein ganzes Jahr hindurch einen anſtän⸗ digen, wohlgeordneten Haushalt damit zu beſtreiten, wenn man nämlich Zeit und Fähigkeit wohlunterrichteter Perſonen, die ſich ſolchem Geſchäft unterziehen wollen, gehörig zu benutzen und zu würdigen verſteht. Wenig hielt er von jener zweckloſen Ueppigkeit, welche keinen wahren Genuß gewährt, vielmehr den Frauen und Töch⸗ tern größere Laſten aufbürdet, zu welchen ſonach das zartere Geſchlecht in dieſem Lande vorzugsweiſe beſtimmt ſcheint. Mr. Effingham dachte dagegen immer zuerſt an die weſentlicheren Bedürfniſſe des geſelligen Lebens, ehe er die entbehrlicheren Dinge äußern Glanzes berückſich⸗ tigte. Als Mann von Welt beſaß er die erforderliche eigene Einſicht und als billigdenkender Mann zugleich hinreichende Schonung gegen andere Menſchen, um allen, die von ihm abhingen, denjenigen behaglichen Lebensge⸗ nuß zu gönnen, der ihnen nach billigen Rückſichten aus der Theilnahme an den Glücksgütern hervorgehen konnte, womit die Vorſehung ihn und die Seinigen ſo reichlich begabt hatte. Mit andern Worten, durch den anſehn⸗ lichen Gehalt, den er für eine Haushälterin beſtimmte, ſorgte er wohlwollend für zwei Perſonen zu gleicher Zeit: für ſeine Tochter, die er dadurch von Beſchwerden befreite, die ebenſowenig einen Theil ihrer Obliegenheiten ausmach⸗ ten, als es zu ihren Beſchäftigungen gehörte, die Straße vor ihrer Hausthüre zu ſäubern; und ebenſo ſorgte er dadurch für ein achtungswürdiges Frauenzimmer, das ſich glücklich ſchätzte, unter ſo annehmlichen Bedingungen ein ſo gutes Unterkommen zu finden. Dieſer einfachen und wohlüberlegten Maßregel verdankte Evchen das Ange⸗ nehme, einer der ruhigſten, im wahren Sinn des Worts vorzüglich wohleingerichteten und auf's beſte geordneten Haushaltung vorzuſtehen, ohne daß ihre Zeit weiter in Anſpruch genommen wurde, als nöthig, um Morgens einige Weiſungen für den ganzen Tag zu ertheilen, und wöchentlich einige wenige Rechnungen durchzuſehen. Einer der erſten und angenehmſten Beſuche, welche Evchen empfing, war der ihrer Couſine Grace van Court⸗ landt, welche zur Zeit, als Evchen zurückkehrte, ſich eben auf dem Lande befand, aber ſogleich, um ihre ehemalige Mitſchülerin und Verwandte wiederzuſehen, eilig in die Stadt kam, ſobald ſie deren glückliche Ankunft erfuhr. Evchen Effingham und Grace van Courtlandt waren Geſchwiſterkinder und nur um einen Monat an Alter verſchieden. Da die letztere vater⸗ und mutterlos war, ſo waren beide Kinder faſt immer bei einander geweſen, bis erſtere von ihrem Vater auf der Reiſe mitgenom⸗ men wurde und dadurch eine unwiderrufliche Trennung entſtand. Mr. Effingham hatte ſehnlich gewünſcht und ſchon beſchloſſen, ſeine Nichte mit ſich nach Europa zu nehmen, aber ihr Großvater väterlicherſeits, der damals noch lebte, führte ihm ſein vorgerücktes Alter und ſeine Zuneigung zu der Kleinen als Gegengründe an, ſo daß der bereits gemachte Plan aller Widerrede ungeachtet aufgegeben werden mußte. Dieſer gute Großvater war unterdeſſen geſtorben, und Grace blieb ſeit der Zeit, bei einem anſehnlichen Vermögen, ziemlich unbeſchränkte Herrin ihres eigenen Willens. Der Augenblick des erſten Wiederſehens dieſer warm fühlenden Mädchen erregte in Beiden innige Theilnahme und zärtliche Sorge. Sie hatten einander die zarteſte „Zuneigung bewahrt, obgleich die Jahre, die ſeit ihrer Trennung verfloſſen, ſo manchen neuen Eindrücken und früher ungekannten Anſichten Raum gegeben, daß beide ihrer erſten Begegnung jetzt mit faſt ängſtlicher Beſorg⸗ niß entgegen ſahen. Ihr erſtes Zuſammentreffen fand etwa eine Woche ſpäter ſtatt, nachdem Evchen in ihrem Hauſe in State⸗ſtreet ſich eingewöhnt hatte, und eine Stunde früher, als man gewöhnlich Beſuche zu empfangen pflegte. Eine Kutſche hielt vor dem Eingange, die Schelle wurde angezogen; Evchen hörte es, blickte verſtoh⸗ len hinter einem Vorhang hinunter und erkannte beim Ausſteigen aus dem Wagen ihre Couſine. „Qu'avez-vous, ma chêre?“ frug Mademoiſelle Vief⸗ ville, bemerkend, daß ihre Zöglingin zitterte und bleich ward. -——& „Es iſt meine Couſine, Miß van Courtlandt, die ich lieb hatte wie eine Schweſter. Es iſt das erſte Mal, nach ſo vielen Jahren, daß ich ſie wiederſehe!“ „Eh bien;, c'est une très jolie jeune personne!“ entgegnete die Gouvernante, ſobald ſie von der Stelle, die Evchen eben verlaſſen, einen Blick auf den Beſuch geworfen.„Sous le rapport de la personne, ma chére, vous devriez étre contente au moins.“ „Wenn Sie mich entſchuldigen wollen, Mademoiſelle, ſo gehe ich allein hinunter. Mir wäre es lieber, bei dieſem erſten Zuſammentreffen Miß Grace ohne Zeugen zu ſprechen.“ Tres-volontiers.— Elle est parente, et c'est bien naturel.“ Nach dieſer ausdrücklichen Zuſtimmung ging Evchen allein, begegnete in der Thüre dem Dienſtmädchen, wel⸗ ches ihr mit der Meldung, Miß van Courtlandt ſei im Bücherſaal, entgegenkam, und langſam ging ſie die Treppe hinab, ihren Beſuch zu empfangen. Der Bücherſaal wurde von oben herab durch eine kleine Kuppel beleuch⸗ tet, und Grace befand ſich, ohne ſich deſſen bewußt zu ſein, genau an der Stelle, die ein Maler gewählt haben würde, um ſie abzuconterfeien. Ein ſtarkes, volles, glänzendes Licht fiel ſchräg auf ſie und beleuchtete die einnehmende Geſtalt und die ſchönen Züge auf das vortheilhafteſte, als eben Evchen eintrat; dieſe Züge, dieſe Geſtalt machten keinen alltäglichen Eindruck, auch nicht in einem Lande, wo weibliche Schönheit nicht zu den Seltenheiten gehört. Sie war zum Spazierenfahren angekleidet, und ihr Anzug war gewählter, als Evchen bis dahin zu bemerken Gelegenheit fand; doch däuchte letzterer, ſie habe kaum jemals eine liebenswürdigere Geſtalt erblickt. Aehnliche Gedanken mochten in der Seele von Miß Grace vorgehen, die mit weiblicher Ge⸗ wandtheit ſogleich die ſtrengdurchgeführte Einfachheit in Evchens Aeußerm in einem Blick auffaſſend, die Nettig⸗ keit ihres Anzugs gleichwohl nicht überſah, aber weit mehr noch den Eindruck des Anmuthigen in ihrer Hal⸗ tung und im Ausdruck ihrer Züge empfand. Im Gan⸗ zen beſtand eine auffallende Aehnlichkeit zwiſchen beiden Mädchen, nur unterſchied ſich Jede durch den Ausdruck ihres eigenthümlichen Charakters und ihrer verſchiednen Sinnesart. „Miß Effingham!“ ſagte Grace, einen Schritt vor⸗ wärts thuend, um der eintretenden Dame entgegen zu gehen, wobei ihre Stimme kaum hörbar war und ihre Glieder zitterten. „Miß van Courtlandt!“ erwiederte Evchen mit der⸗ ſelben halbunterdrückten Stimme. Dieſe förmliche Begegnung durchfröſtelte beide Mäd⸗ chen; unwillkührlich blieben beide ſtehen, ſich gegen ein⸗ ander höflich verneigend. Auf Evchen hatte die Kälte des amerikaniſchen Benehmens während der etwan acht Tage, die ſie in der Heimath zugebracht, ſo befremdend — 11— eingewirkt, und Grace war ihrerſeits in ſolchem Grade beſorgt wegen des Eindrucks, den ſie auf ein Mädchen machen werde, das ſo lange in Europa geweſen war, daß in dieſem entſcheidenden Augenblick ihr erſtes Zu⸗ ſammentreffen dem Anſchein nach wenig. Gutes für ihr künftiges gegenſeitiges Verhältniß hoffen ließ. Bis jetzt blieben beide in den Schranken ſtrengen Anſtandes, obgleich die heftigen Empfindungen, die in beider Herzen aufflammten, noch immer völlig niedergehal⸗ ten wurden. Aber das Lächeln während ihrer kalten, höflichen Verbeugungen, womit ſie einander anblickten, hatte doch Etwas von dem lieblichen Ausdruck kindlichen Gefühls und weckte in beiden die Erinnerung an die vereint verlebten Kinderjahre und ihre herzinnige Luſt. „Grace!“ ſagte Evchen halblaut, raſch einige Schritte näher tretend mit einigem Ungeſtüm, und ihre Wangen färbten ſich in ſanftem Morgenroth. „Evchen!“ entgegnete die Andere. Beide öffneten ihre Arme, und in demſelben Augen⸗ blick umſchlangen ſie einander in langer inniger Um⸗ armung. Damit war das frühere Band innigſten Ver⸗ trauens auf's Neue und feſter geknüpft, und ehe der Abend kam, war Grace völlig einheimiſch geworden im Hauſe ihres Oheims. Doch bemerkte Miß Effingham manche Einzelnheiten an Miß van Courtlandt, die ſie lieber weggewünſcht hätte; und ihrerſeits würde ſich Miß van Courtlandt in der Geſellſchaft von Miß Effingham — weit behaglicher gefühlt haben, wenn dieſe etwas weni⸗ ger Zurückhaltung in manchen Dingen gezeigt hätte, die man ſie gelehrt hatte, als unſtatthaft zu vermeiden. Ungeachtet dieſer Schattenſeiten und Wendepuncte in beider Charakter, war ihre gegenſeitige Zuneigung den⸗ noch warm und aufrichtig. War Evchen auch nach Grace's Begriffen bisweilen etwas förmlich, ſo konnte ſie ihr doch weder Höflichkeit noch Feinheit im Umgange abſprechen; und war nach Evchens Begriffen Grace zu⸗ weilen nicht beſonnen und ſelbſtbeherrſchend genug, ſo war doch weiblicher Zartſinn und natürliche Liebenswür⸗ digkeit in ihr nicht zu verkennen. Wir übergehen die minder wichtigen Vorfälle der nächſten drei oder vier Tage, während welcher Zeit Ev⸗ chen ihr neues Verhältniß beſſer zu begreifen begann, und erwähnen dagegen einer Unterredung, die zwiſchen den Couſinen ſtattfand, welche die Leſer weit inniger mit den Anſichten und Lieblingsmeinungen beider vertraut machen kann und ihnen zugleich die Hauptgegenſtände dieſer Erzählung näher bringen ſoll. Dieſe Unterredung fiel in demſelben Bücherſaale vor, in welchem die beiden Mädchen zum erſtenmale nach ihrer langen Trennung ein⸗ ander wiedergefunden. Sie hatten ſich bald nach dem Früh⸗ ſtücke dahin begeben, und beide waren hier allein beiſammen⸗ „Ich meine, Evchen,“ begann Grace,„Du wirſt doch den Greens einen Beſuch machen. Sie ſind Hadſhis und waren häufig in Geſellſchaft während des letzten Winters.“ ——,— „Hadſhis ſagteſt Du? Du wollteſt damit doch nicht behaupten, ſie ſeien wirklich in Mekka geweſen?“ „Ganz und gar nicht, meine Liebe. Die Greens waren bloß in Paris; und das gerade macht ſie zu Hadſhis in New⸗York.“ „Gibt dieſe Benennung den Pilgern auch das Vor⸗ recht, grüne Turbans zu tragen?“ fung Evchen lachend. „Das Vorrecht vielmehr, jede Farbe zu tragen: Grün, Blau, Gelb, wie es ihnen gefällt, und das Vorrecht, dieſes für geſchmackvoll gelten zu laſſen.“ „Und welche Farbe iſt demnach, beiläufig zu fragen, die Leibfarbe der von dir erwähnten Familie?“ „Eigentlich ſollte es die Grüne ſein, dem Namen zu Ehren*); doch, die Wahrheit zu ſagen, ſcheint es faſt, daß ſie allen Farben hold ſind, und von mehr als der Hälfte ſämmtlicher Farbennüancen obendrein.“ „Dann beſorge ich, die Greens dürften für uns et⸗ was zu ſehr prononcées ſein, nach deiner Schilderung zu urtheilen. Ich halte nicht viel, liebe Grace, von ſolchen wandelnden Regenbogen.“ „Zu grün für uns: hätteſt Du ſagen können, wenn Du Dir es getrauteſt. Aber du ſelbſt biſt ein Hadſhi, und ſogar die Greens wiſſen recht gut, daß die Hadſhis nie Wortſpiele machen,— ſie müßten denn aus Phila⸗ *) Green heißt nämlich: Grün. 14— delphia gebürtig ſein.— Aber, wirſt du dieſe Familie beſuchen?“ „Gewiß, wenn ſie zur guten Geſellſchaft gehört, und wir in ihren Beweiſen von Höflichkeit eine Veranlaſſung finden, ſolche zu erwiedern.“ „Sie gehören wirklich zur guten Geſellſchaft, ſchon vermöge ihrer Vorrechte als Hadſhis. Doch⸗ da ſie drei Monate in Paris waren, ſo werden dieſe Leute dir wahrſcheinlich nicht unbekannt ſein?“ „Sie mögen wohl nicht zu derſelben Zeit in Paris geweſen ſein, als wir dort waren,“ erwiederte Evchen gelaſſen;„dazu iſt Paris eine ſehr große Stadt. Hun⸗ derte von Fremden kommen täglich an und reiſen wieder ab, ohne daß man das Geringſte von ihnen gewahr wird. Ich erinnere mich durchaus nicht dieſer Familie, von der Du redeſt.“ „Ich wünſche, daß Du des Zuſammentreffens mit ihnen überhoben wäreſt; denn nach meinem nicht durch Reiſen ausgebildeten Urtheil ſind die Greens nichts weniger als angenehm, ſo Vieles ſie auch mögen geſehen haben, oder ſich deſſen berühmen.“ „Es iſt ſehr leicht, durch alle Lande der Chriſtenheit zu reiſen und demungeachtet äußerſt unangenehm zu bleiben; überdem iſt es eben ſo möglich, daß man recht Vieles geſehen haben kann, und doch nur ſehr Weniges, was wirklich ſehenswürdig iſt.“ n -—-V— Eine Pauſe von einigen Minuten folgte, während welcher Evchen einen Brief las und ihre Couſine in einem Buche blätterte. „Ich wollte, ich wüßte Dein aufrichtiges Urtheil über uns, Eochen,“ ſagte Grace plötzlich.„Weßhalb wollteſt Du gegen eine nahe Verwandte verſchloſſen ſein? ſage mir offenherzig, biſt du mit deinem Geburtslande wieder ausgeſöhnt?“ „Du biſt die Elfte, die mir dieſe Frage vorlegt, welche mir von Dir deſto unerwarteter iſt, da ich nie mich gegen mein Geburtsland ausgeſprochen habe.“ „So meine ich es auch nicht. Ich wünſchte nur zu wiſſen, wie unſer geſelliges Leben diejenigen berührt, die außer Landes erzogen worden ſind.“ „Dann verlangſt Du Urtheile zu hören, welche we⸗ nig Werth haben können, da meine Erfahrungen über das geſellige Leben in der Heimath kaum vierzehn Tage alt ſind. Es gibt indeſſen viele Bücher über unſer Land; manche haben wirklich urtheilsfähige Männer zu Ver⸗ faſſern. Warum befragſt du nicht lieber dieſe?“ „Die Reiſebeſchreiber meinſt Du! Keiner von ihnen verdient, daß man ihn wiederholt anſehe. Wir pflegen ſie ſammt und ſonders gebührend zu verachten. „Daran zweifle ich auf keine Weiſe, da ihr alle, ſammt und ſonders, dieſes einſtimmig behauptet, auf den großen Landſtraßen wie auf den Nebenwegen. Es gibt keinen größern Beweis von Verachtung, als wenn man die — 16— Stärke dieſer Verachtung wiederholt in ſtarken Ausdrücken zu erkennen gibt.“ Grace war nicht weniger ſcharfblickend als ihre Couſine. Wiewohl einigermaßen gereizt durch Evchens ruhig verſetzten Hieb, war ſie doch klug und gutherzig genug, um bloß zu lachen. „Vielleicht ſprechen wir dieſe Verachtung der Reiſe⸗ beſchreiber weit ſtärker aus, als es ſich mit den Forderun⸗ gen des guten Geſchmacks verträgt, wo nicht, um andere für unſere Anſicht zu gewinnen. Doch Du wirſt doch nicht in vollem Ernſte dieſe Reiſebeſchreiber in Hinſicht alles deſſen, was ſie von uns behaupten, in Schutz neh⸗ men wollen?“ „Nicht die Hälfte davon möchte ich in Schutz nehmen, deſſen bin ich überzeugt. Mein Vater und Vetter John haben dieſen Gegenſtand nur zu häufig in meinem Bei⸗ ſein abgehandelt, als daß es mir unter andern Dingen hätte entgehen können, welche Menge politiſcher Miß⸗ verſtändniſſe von fremdem Reiſenden über uns verbreitet worden ſind.“ „Politiſche Mißverſtändniſſe! davon weiß ich nichts, und hätte weit eher geglaubt, daß die Fremden in allen Dingen, die ſie in politiſcher Hinſicht von uns geſagt haben mögen, vollkommen Recht hätten. Doch gewiß wird weder Dein Vater noch Mr. John Effingham alles das beſtätigen, was dieſe fremden Reiſenden über die Zuſtände unſeres geſelligen Lebens geſagt haben. 17 „Was dieſes letztere betrifft, da kann ich weder für den Einen noch für den Andern einſtehen.“ „So ſprich doch nur Dein eignes Urtheil aus. Glaubſt Du, daß dieſe Reiſenden recht haben?“ „Du ſollteſt bedenken, liebe Grace, daß ich bis jetzt in New York noch in gar keinem geſelligen Verkehr ge⸗ weſen bin.“ „Noch in keinem geſelligen Verkehr, meine Liebe? Du warſt doch bei Henderſons und Morgans, und bei Drewetts ebenfalls; und dieſe gaben ja die größten Ge⸗ ſellſchaften, welche im vergangenen Winter, wie in die⸗ ſem gehalten wurden!“ Ich wußte nicht, daß Du dieſe widerwärtigen Zuſam⸗ menkünfte mit dem Namen von Geſellſchaften, von ge⸗ ſelligen Unterhaltungen beehren könnteſt! „Widerwärtige Zuſammenkünfte! Gleichwohl, liebes Kind, machen dieſe hier das geſellige Leben aus; meinſt Du es anders?“ „Ich habe dergleichen anders benennen gehört. Ich möchte Zuſammenkünfte ſolcher Art vielmehr ein Zuſam⸗ menſtrömen von allerlei Leuten nennen, aber durchaus nicht geſellige Unterhaltung.“ „Iſt denn das geſellige Leben in Paris etwas An⸗ deres?“ „Weit entfernt davon. Dieſe Zuſammenkünfte hier mögen ein Auswuchs des geſelligen Verkehrs ſein, eine beſondere Erſcheinung deſſelben; aber auf keinem Fall 127.— 129. 2 iſt in ihnen der wahre Geiſt des geſelligen Vergnügens zu finden. Eben ſo gut könnte man das Kartenſpiel, das bisweilen die Leere der Unterhaltung ausfüllen muß, geſellige Unterhaltung nennen, oder einen Tanz in klei⸗ nen überfüllten Sälen zu den Freuden der Geſelligkeit rechnen. Beides ſind höchſtens Verſuche, wodurch die Langweile in ihre Mittel, die Zeit zu vertreiben, einige Abwechſelung zu bringen ſich abmüht.“ „Doch bei uns gibt es ſonſt wenig, außer dieſen Bällen, den Morgenbeſuchen und den gelegentlichen Abend⸗ geſellſchaften in welchen nicht getanzt wird.“ „Es thut mir leid, dieſes zu hören; denn in dieſem Falle gibt es hier keine eigentliche Geſelligkeit.“ „Iſt das geſellige Leben denn etwas Anderes in Pa⸗ ris, in Florenz oder in Rom?“ „Allerdings. In Paris ſind viele Häuſer jeden Abend allen anſtändigen Beſuchern geöffnet; man erſcheint darin ohne viel Umſtände. Die Frauen ſieht man in ſol⸗ chen Geſellſchaften in den Anzügen, welche den ſpätern Zeitvertreiben oder Beſuchen angemeſſen ſind; einige näm⸗ lich ganz einfach gekleidet, die eine Freundin beſuchen wollen; andere dagegen in völligem Staat, weil ſie vorhaben, ſich in die Oper, in ein Concert zu begeben oder gar bei Hofe zu erſcheinen; einige von einem Di⸗ ner kommend; andere um ſpäter auf einen Ball zu ge⸗ hen. Dieſe verſchiedenen Zwecke tragen nicht wenig bei zur Annehmlichkeit der ungezwungenen Unterhaltung; igens ſpiel, muß, klei⸗ ikeit die inige ieſen dend⸗ eſem — 419— und mit Hülfe äußerſt feinen Benehmens, einer gewiſ⸗ ſen Bewandertheit in den wichtigern Tagesbegebenhei⸗ ten, einer lieblichen Art ſich auszudrücken, und einer achtſamen und gleichförmigen Unterhaltungsweiſe pflegen die Frauen ſich vorzüglich angenehm zu machen. Ihre Urtheile ſtreifen zuweilen in das Heroiſche hinüber, was man ihnen leicht nachſehen kann, und dieſe Eigenheit ſcheint ſich bei ihnen auch allmählig zu verlieren, ſeit ſie häufiger Gelegenheit finden gute Schriften zu leſen, als dieſes früher der Fall war!“ „Und ſolche Herzloſigkeit, Evchen, ziehſt Du wirklich der herzlichen Offenheit unſerer Heimath vor?“ „Ich weiß nicht, warum ein ruhiges, beſcheidnes Be⸗ tragen weniger herzlich ſein ſollte, als alberne Neckereien, Lachen und Kichern, oder kindiſches Betragen überhaupt. Letzteres mag freilich natürlicher ſein; aber eine ſolche Unterhaltung kann denen nicht mehr behagen, die be⸗ reits den Wärterinnen entwachſen ſind.“ Grace ſah etwas betroffen aus; ſie hatte aber ihre Couſine zu aufrichtig lieb, um böſe zu werden. Eine ge⸗ heime Ahnung davon, daß Evchen im Ganzen wohl Recht habe, wurde ſogar in ihr rege, wozu ihre Anhäng⸗ lichkeit an ſie nicht wenig beitrug. Ihr kleiner Fuß regte ſich unmuthig, aber ſie blieb doch bei guter Laune,— eine ſchwierige Aufgabe für diejenigen, welche meinen, daß ihre Hauptgebrechen noch lange nicht den geringfügigſten Gebrechen anderer Leute gleichkommen. In dieſem kri⸗ 2* tiſchen Augenblick, wo leicht ein vorübergehender Mißlaut die Harmonie der ſonſt ſo einſtimmigen beiden zjungen Mädchen hätte ſtören können, ging die Thüre des Bü⸗ cherſaals auf, und Pierre, der Bediente von Mr. Ef⸗ fingham, trat herein und meldete: „Monſieur Bragg.“ „Monſieur— wer?“ frug Eochen verwundert. „Monſieur Bragg,“ entgegnete Pierre franzöſiſch, wünſcht Mademoiſelle zu ſehen.“ „Ihr meint wohl meinen Vater; ich kenne Niemand dieſes Namens.“ „Zuerſt hat er nach Monſieur gefragt; ſobald er ver⸗ nommen hatte, daß Monſieur nicht zu Hauſe ſei, hat er ſofort um die Erlaubniß gebeten, Mademoiſelle ſeine Aufwartung machen zu dürfen.“ „Iſt er, was man in England eine Perſon nennt, Pierre?“ Der alte Pierre lächelte, als er antwortete:„Er ſieht darnach aus, Mademoiſelle; doch hält er ſich ſelbſt vermuthlich für eine Perſonnage, wenn ich mich ein Urtheil über ihn erlauben darf.“ „Erſucht ihn um eine Karte;— hier waltet ver⸗ unuthlich irgend ein Mißverſtändniß.“ Während dieſes kurzen Geſprächs war Miß van Courtland beſchäftigt die Umriſſe eines Landhäuschens mit flüchtigen Federſtrichen zu entwerfen, ohne ein Wort von allem, was vorkam, zu verſtehen. Als aber Ev⸗ — 24 chen die Karte von Pierre empfing und mit dem Aus⸗ drucke der Verwunderung, welche Neulingen das Eigen⸗ thümliche amerikaniſcher Namen abnöthigt, laut zu le⸗ ſen begann:„Ariſtobulus Bragg!“ da lachte die Cou⸗ ſine unwillkührlich. „Wer möchte das wohl ſein, Grace? Haſt Du je⸗ mals eine ſolche Perſon oder Perſonnage nennen gehört? und wie hält dieſer Menſch ſich befugt, mich beſuchen zu wollen?“ „Du darſſt ihn auf jeden Fall empfangen; es iſt der Verwalter von Deines Vaters Ländereien, und vermuth⸗ lich hat er eine Beſtellung an meinen Oheim. Früher oder ſpäter wirſt Du genöthigt ſein, ſeine Bekanntſchaft zu machen, und es kann ja jetzt eben ſo gut geſchehen als zu jeder andern Zeit.“ „Ihr habt den Herrn in das Beſuchzimmer vorn heraus geführt, Pierre?“ „Oui Mademoisselle“ „Ich werde nachher ſchellen.“ Pierre entfernte ſich, und Evchen öffnete ihr Schreib⸗ pult und zog ein kleines geſchriebenes Heft heraus, ſchnell dasſelbe durchblätternd.„Hier iſt es,“ ſagt ſie lächelnd, und las:„Mr. Ariſtobulus Bragg, Gerichts⸗ ſchreiber und Rechtsconſulent, und Verwalter des Gutes Templeton.“— dieſes koſtbare Büchlein nämlich, mußt Du wiſſen, liebe Grace, enthält kurze Charakterſchilde⸗ rungen derjenigen Perſonen, mit welchen ich höchſt wahr⸗ 22— 22 ſcheinlich zuſammentreffen könnte,— und dieſe Skizzen ſind von John Effingham. Es ſind ſonach bloß zu mei⸗ nem Gebrauch beſtimmte Mittheilungen; doch nehme ich keinen Anſtand, Dir das im Vertrauen vorzuleſen, was unſern dermaligen Beſuch betrifft. Mit Deiner Zuſtim⸗ mung alſo, bleibt die Sache unter uns beiden.“ „„Mr. Bragg iſt in einer der weſtlichen Grafſchaf⸗ ten von Maſſachuſets geboren; er ließ ſich, ſobald ſeine Erziehung beendigt war, in New York nieder, damals neunzehn Jahr alt. Im ein und zwanzigſten ward ihm geſtattet vor den Gerichtsſchranken zu treten, und wäh⸗ rend der letzten ſieben Jahre practicirte er mit vielem Glück als Anwalt bei den Gerichten der Umgegend von Otſego. Talente können ihm nicht abgeſprochen werden, da er ſeine Studien, im vierzehnten Jahre begonnen, ſchon im ein und zwanzigſten, ſein Rechtsſtudium mitein⸗ begriffen, rühmlich beendigt hat. Dieſer Mann iſt ein kurzer Auszug aller guten und böſen Eigenſchaften, die ſich in einer großen Anzahl ſeiner Mitbürger wahrneh⸗ men laſſen. Er iſt ſchnell in Urtheilen, in Geſchäften gewandt und pünctlich; zeigt Unternehmungsgeiſt überall, wo ihm ein ſicherer Vortheil winkt, und iſt jederzeit bereit, nicht nur die Hände zu regen, ſondern auch ſeine Nei⸗ gungen und ſelbſt ſeine Grundſätze nach den Umſtänden zu richten, wo irgend Gewinn zu hoffen iſt. Seiner Sinnesart gemäß, iſt nichts zu hoch für ſeine Anſprüche, oder zu niedrig für ſeine Handlungen. Er würde ebenſo eine tals ihm päh⸗ lem von den, nen, ein⸗ ein die neh⸗ ften rall, reit, Nei⸗ den iner iche, enſo eifrig nach der Stelle eines Landesgouverneurs als nach der eines Stadtſchreibers ſtreben, je nachdem die Umſtände das Eine oder das Andere ihm wünſchenswerth machten; in allen Wegen und Schlichen ſeines Beruſs iſt er durch⸗ aus erfahren; dabei hat er ein Vierteljahr Tanzen gelernt, drei Jahre ſich mit klaſſiſchen Studien beſchäftigt und ſich in theologiſchen und mediciniſchen Fächern umgeſe⸗ hen, ehe er ſich ganz den Rechtsſtudien widmete. Eine ſolche Miſchung von Spitzfindigkeiten, Unverſchämtheit, geſunden Urtheils, Anmaßung, Demuth, Feinheit, Ge⸗ meinheit, Offenheit, Doppelzüngigkeit, Selbſtſucht, Schein⸗ ehrlichkeit, moraliſchen Trugs und Mutterwitzes, durchkne⸗ tet mit einer gelehrten Würze und gewandtem Scharf⸗ blick in alltäglich vorkommenden Dingen, iſt kaum einer Beſchreibung fähig; denn überall hält ſeinen ausgezeich⸗ netſten Eigenſchaften irgend eine ſchlechte das Widerſpiel, die jenen ganzentgegengeſetzt iſt. Kurz, dieſer Mr. Bragg iſt nichts anders als ein Geſchöpf der zunächſt auf ihn einwirkenden Umſtände; denn ſeine Eigenſchaften befähi⸗ gen ihn einerſeits zu einem Congreßmitglied andrerſeits zu einem Provincialſherif,— beides Aemter, die er gleicher⸗ weiſe bereitwillig annehmen würde. Ich habe ihm die Obhut über das Landgut Deines Vaters, während des letztern Abweſenheit übertragen, weil erfahrungsgemäß derjenige, der ſelbſt in allen Schlichen und Ränken ein⸗ geweiht iſt, ſich am beſten dazu eignet, die Schliche und Ränke anderer Leute zu entdecken und an's Licht zu brin⸗ — 24— gen; und weil ich mich überzeugt halte, daß Niemand ungeſtraft Unrecht thun wird, ſo lange die Gerichte fort⸗ fahren, Koſtenberechnungen mit gleicher Nachſicht wie bisher zu beleuchten.““ „Du ſcheinſt dieſen Herrn zu kennen, Grace,“ ſagte Evchen als ſie mit Leſen fertig war.„Sage doch, iſt dieſe Charakterſchilderung treu?“ „Von den Koſtenberechnungen und Provincial⸗She⸗ rifs weiß ich nichts,“ antwortete Grace;„aber das weiß ich, daß Ariſtobulus Bragg eine unterhaltende Miſchung von Prahlſucht, Demuth, Gemeinheit, Ver⸗ ſchmitztheit und Scharfblick in ſich vereinigt. Doch er hat nun lange genug im Vorzimmer harren müſſen, und Du könnteſt endlich wohl ſeinen Beſuch annehmen, da Du ihn gleichſam zu den Angehörigen des Hauſes zäh⸗ len kannſt. Jetzt wirſt Du Dich entſennen, daß er ſeit der Zeit, wo Mr. John Effingham ihm die Verwaltung des Guts übertrug, fortwährend in Eurem Hauſe in Templeton gewohnt hat. Dort hatte ich zum erſten Mal die Ehre ihn zu ſehen.“ „Zum erſten Mal? Du biſt doch wohl ſonſt noch nicht mit ihm zuſammengetroffen?“ „Ja doch, meine Theure. Niemals kommt er in die Stadt, ohne mich mit ſeinem Beſuch zu beehren. Die⸗ ſes Glück wird mir zu Theil, weil ich die Ehre gehabt habe, eine Woche lang dort ſeine Hausgenoſſin zu ſein.“ Epchen zog die Klingel und Pierre erſchien. tand fort⸗ 23 „Erſuchet den Mr. Bragg, ſich hierher in den Bü⸗ cherſaal zu bemühen.“ Miß Grace nahm eine gelaſſene Miene an, während Pierre den Beſuch herein geleitete; Evchen ſann nach über das Gemiſch von Eigenſchaften, das John Effing⸗ ham ihm in ſeiner Schilderung beigelegt hatte, als die Thüre aufging und der Gegenſtand ihrer Betrachtungen eintrat. „Monsieur Aristobule,“ ſagte Pierre förmlich, mit einem Blick in die Beſuchkarte, doch gleich beim Leſen des erſten Namens ſtockend. Mr. Ariſtobulus näherte ſich mit zuverſichtlicher Leich⸗ tigkeit, um den Damen ſein Compliment zu machen; doch der Ausdruck höherer Bildung und würdevollen Anſtan⸗ des im Benehmen der Miß Effingham, welche ihn ſte⸗ hend erwartete, überraſchte ihn ſo ſehr, daß er ganz außer Faſſung gerieth. Wie Miß Grace kurz vorher geäußert, hatte dieſer Herr wegen ſeines dreijährigen Aufenthaltes im Landhauſe in Templeton ſich ſchon daran gewöhnt, ſich als Angehörigen der Familie zu betrach⸗ ten, und im Hauſe dort pflegte er von der jungen Her⸗ rin nicht anders zu reden, ohne ſie kurzweg„Evchen“ oder„Evchen Effingham“ zu nennen. Doch er fand, daß einiger Unterſchied beſtehe zwiſchen der Vertraulich⸗ keit, deren er unter ſeinen nähern Bekannten mit der Familie Effingham ſich rühmte, und der Entfernung, in welche er ihr gegenüber ſich zurückgedrängt fühlte. So wenig er ſonſt um Worte verlegen war, welcher Art ſie auch ſein mochten, ſo war er doch jetzt durchaus un⸗ vermögend, irgend Etwas zu ſagen. Eochen kam ſeiner Verlegenheit dadurch zu Hülfe, daß ſie, Pierre zuwin⸗ kend, ihm einen Stuhl anzubieten, ihn zuerſt anredete. „Es thut mir leid, daß mein Vater grade nicht zu Hauſe iſt,“ ſagte ſie, um ſich ſelbſt nicht den Beſuch zuzueignen;„aber er wird hoffentlich in wenigen Au⸗ genblicken wieder da ſein. Kommen Sie eben von Temp⸗ leton?“ Ariſtobulus athmete auf, und gewann hinreichenden Muth, wieder in ſeine gewohnte Weiſe einzulenken, um mit geziemender Rückſicht auf ſeine Perſönlichkeit und mit gehörigem Anſtand antworten zu können. Die ver⸗ trauliche Annäherung, die er unmittelbar beabſichtigte, fand er indeſſen für den Augenblick zurückgewieſen, ohne genau zu wiſſen, wie dieſes eigentlich zugehe; denn bloß das gelaſſene Benehmen der jungen Dame, verbunden mit der Zurückhaltung des Welttons, war es, was ihn in eine Entfernung zurückwies, deren Grund er nicht faßte. Er fühlte ſogleich und mit einem Tact, der ſei⸗ nem Scharfblick Ehre machte, daß er nur durch allmäh⸗ lige und vorſichtige Annäherung ſich in das gehoffte vertrauliche Verhältniß werde eindrängen können. Dem⸗ ungeachtet war Mr. Bragg ein kurz entſchloſſener Mann, und in ſeiner Art ſah er viel weiter als andere Leute. So ſonderbar es auch Manchen vorkommen mag, in dieſen darül 27— dieſem ungünſtigen Augenblicke ſogar, wurde er mit ſich darüber einig, daß es durchaus nicht anders ſein dürfe, als daß nicht lange hiernach Miß Evchen Effingham ſich in Mrs. Ariſtobulus Bragg verwandeln müſſe. „Ich hoffe, daß Mr. John Effingham ſich in er⸗ wünſchtem Wohlſein befinde,“ ſagte er, ein wenig be⸗ dächtig, wie ein in der Schule geſcholtenes Mädchen, verſchüchert ihre Aufgabe herſagt.„Er genoß, wie ich hörte, eine ſchlechte Geſundheit,“— Mr. Ariſtobulus Bragg war ungeachtet ſeiner Verſchlagenheit und Beob⸗ achtungsgabe, wie wir ſehen, nicht eben wähleriſch in ſeinen Ausdrücken—„als er nach Europa ging; und da er in ſo ſchlechter Geſellſchaft ſo weit gereiſt iſt, ſo wäre es nicht mehr als billig, daß er nun einige Ruhe vor dem Kränkeln habe, da er wieder in die Heimath und in die gewohnten Umgebungen zurückgekehrt iſt.“ Hätte Eochen vorher ahnen können, daß der Mann, welcher dieſe zierliche Anrede und noch dazu in eben ſo ge⸗ wählten und wohllautenten Ausdrücken vorbrachte, als ihr Sinn durchdacht und einleuchtend war, wirklich ſchon mit dem Gedanken ſich beſchäftigte, ſie als ſeine Lebens⸗ gefährtin heimzuführen, ſo würde es ſchwer geweſen ſein, zu entſcheiden, ob Kurzweil oder Aerger in ihrem In⸗ nern die Obhand behalten hätte. Mr. Bragg war aber durchaus nicht der Mann, der ſich ein Geheimniß vor der Zeit entſchlüpfen ließ; was in ihm vorging, hätte Niemand, es ſei denn ein Zauberer, auf andere Weiſe als durch unmittelbare mündliche oder ſchriftliche Mit⸗ theilung enträthſeln können. „Kommen Sie eben erſt von Templeton?“ wieder⸗ holte Evchen, ein wenig betroffen darüber, daß der höfliche Beſucher bis jetzt nicht der Mühe werth gehalten hatte, auf ihre Frage zu antworten, die doch die einzige war, wie ſie meinte, welche ſie beide gleich nahe anging. „Vorgeſtern erſt bin ich von zu Hauſe abgereiſt,“ bequemte ſich jetzt Ariſtobulus zu erwiedern. „Es iſt ſchon ſo lange her, ſeit ich unſre ſchönen Berge zum letzten Mal geſehen habe, und ich war da⸗ mals noch ſo ſehr jung, daß ich mich ungeduldig darnach ſehne, ſie wieder zu erblicken; doch werde ich dieſe Freude bis zum nächſten Frühjahr entbehren müſſen.“ „Ich ziehe den Schluß, daß es die ſchönſten Berge ſind, ſo weit die Welt bekannt iſt, Miß Effingham.“ „Das iſt weit mehr, als ich zu ihren Gunſten be⸗ haupten möchte; doch wenn ich nach meinem unvoll⸗ kommnen Gedächtniß urtheilen darf, oder, was mehr ſagen will, nach dem übereinſtimmenden Urtheil Mr. John Effingham's und meines Vaters, ſo müſſen ſie ſehr ſchön ſein.“ Ariſtobulus blickte auf, als ob er etwas Artiges vor⸗ bringen wollte, und er verſuchte ſogar zu lächeln, in⸗ dem er entgegnete: „Hoffentlich hat Mr. John Effingham Sie auf eine große Veränderung im Landhauſe vorbereitet?“ 29— „Wir wiſſen, daß es unter der Leitung meines Vet⸗ ters ausgebeſſert und verändert worden iſt. Es war der Wunſch meines Vaters.“ „Wir ſehen die vorgenommenen Veränderungen an als der herkömmlichen Sitte durchaus widerſprechend, Miß Effingham. Denn nichts Aehnliches iſt zu ſehen oder zu hören, wenigſtens weſtlich von Albany gar nicht.“ „Es würde mir leid thun; wenn mein Vetter einen ſolchen Vorwurf uns aufgebürdet hätte,“ bemerkt Ev⸗ chen, ein wenig räthſelhaft, wie es ſchien, dazu lächelnd; „zumal, da die amerikaniſche Baukunſt in der Regel ſo ſchlicht und einfach iſt. Mr. Efſingham belächelt übri⸗ gens ſelbſt ſeine vorgenommenen Verbeſſerungen, in de⸗ nen er, wie er ſagte, bloß bemüht geweſen iſt, den urſprünglichen Plan des erſten Baukünſtlers vollendet durchzuführen, welcher vorzüglich in einem, von ihm, wie ich glaube, mit dem Namen des„Zuſammengeſetzten“ benannten Bauſtyle ſich auszeichnete.“ „Sie meinen wohl: Mr. Hiram Doolittle, ich habe dieſen Herrn nie gekannt; doch habe ich gehört, daß er von ſeinen Leiſtungen mehre Denkmale in den neuen An⸗ ſtedelungen zurückgelaſſen hat. Ex pede Herculem,*) *)„Am Fuße erkennt man einen Hereules.“ Dieſe nicht paſſende Anſpielung dient zur Charakteriſtik des Redenden.— Uebrigens erinnern ſich die Leſer hoffentlich des erwähnten Hiram Doolittle aus den„Anſiedlern“ des Verfaſſers.. Anm. d. Ueberſ. — 30— wie wir in claſſiſcher Rede zu ſagen pflegen, Miß Ef⸗ fingham. Ich glaube, die allgemeine Meinung iſt, daß Mr. Doolittle's Bauſtyl einige Verbeſſerung erfahren habe; dagegen halten die Meiſten dafür, daß die grie⸗ chiſche und römiſche Bauart, deren wir uns in Amerika ſo häufig bedienen, weit republikaniſcher ſich ausgenom⸗ men habe uſpürde. Doch weiß Jedermann, daß Mr. John Effingham kein ſonderlicher Republikaner iſt.“ Evchen hatte keine Luſt über die politiſchen Anſichten ihres Vetters mit Mr. Ariſtobulus Bragg zu ſtreiten, ſondern bemerkte bloß beiläufig:„ſie habe nicht gewußt, daß die Nachahmung alterthümlichen Bauſtyls, wovon man ſo häufige Beiſpiele im Lande antreffe, der Anhäng⸗ lichkeit an republikaniſche Geſinnung zugeſchrieben wer⸗ den müſſe.“ „Welchem andern Beweggrunde ſollten wir ſie ſonſt zuſchreiben, Miß Evchen?“ „So viel iſt gewiß, daß dergleichen Nachahmungen,“ ſagte Miß van Courtlandt,„ſich wenig mit dem Bau⸗ material, dem Klima und dem Zweck der Bauten hier vertragen; folglich kann nur irgend ein mächtiger Be⸗ weggrund, wie der von Mr. Bragg erwähnte, die vie⸗ len Schwierigkeiten bekämpfen, die ſich ſolchen Unter⸗ nehmungen entgegenſtellen.“ Ariſtobulus ſprang auf und betheuerte unter man⸗ cherlei Entſchuldigungen, daß er die Anweſenheit der Miß van Courtlandt bisher nicht bemerkt habe. Er ſagte ha ß Ef⸗ , daß ahren grie⸗ nerika enom⸗ Mr. 7 ichten eiten, vuͤßt, ovon äng⸗ wer⸗ ſonſt en,“ Zau⸗ hier Be⸗ vie⸗ ter⸗ an⸗ der agte nicht mehr als die Wahrheit; denn im Innern nur zu ſehr mit ſeinen Abſichten auf ihre Couſine beſchäftigt, hatte er wirklich ihre Gegenwart nicht bemerkt, da ſie etwas ſeitab in einer Niſche ſaß. Miß Grace nahm ſeine Entſchuldigungen gütig auf, und das Geſpräch nahm ſeinen frühern Fortgang. „Es würde mir leid thun,“ ſagte Evchen,„wenn mein Vetter gegen die Sitte des Landes gefehlt hat; doch da wir das Haus ſelbſt bewohnen werden, ſo wird die Strafe am ſchwerſten auf uns zurückfallen, weil wir den Mißgriff veranlaßt haben.“ „Mißverſtehn Sie mich nicht, Miß Evchen,“ ent⸗ gegnete Ariſtobulus etwas verlegen,— denn er nahm hinreichende Rückſicht auf den Einfluß und den Reichthum John Effingham's, um ängſtlich auf ſeine Gunſt bedacht zu ſein,—„mißverſtehn Sie mich nicht; ich ſelbſt be⸗ wundere nur die im Hauſe gemachten Veränderungen und bin überzeugt, daß das Haus jetzt ein vollkomme⸗ nes Muſter reinen Bauſtyls darſtellt; nur muß ich ge⸗ ſtehen, daß die öffentliche Meinung bis jetzt ſich noch nicht dafür erklärt hat. Ich erkenne alle Schönheiten deſſelben an, und wünſche, daß Sie mich darin nicht verkennen;— allein, Viele,— vielleicht die Mehrheit,— ſind anderer Meinung; und die Leute meinen, man müſſe in dergleichen Dingen ſich nach ihren Anſichten bequemen.“ „Mich dünkt, Mr. John Effingham hält weit we⸗ 32 9 niger von ſeinen Bemühungen, als Sie davon zu hal⸗ ten ſcheinen, mein Herr; denn ich habe ihn öfter über die vorgenommenen Veränderungen ſcherzen hören, als ſeien es bloß Erweiterungen des dem Hauſe eigenthüm⸗ lichen, nach der„zuſammengeſetzten“ Ordnung ausge⸗ führten Bauplans. Er betrachtet ſeine Anordnungen mehr als eine Wirkung zufälliger Laune als des guten Geſchmacks. Uebrigens ſehe ich nicht ein, welches In⸗ tereſſe eine Mehrheit, wie Sie bemerkten, an einem Hauſe nehmen kann, das nicht ihr Eigenthum iſt.“ Ariſtobulus verwunderte ſich, wie Jemand bei dem Urtheil einer Mehrheit gleichgültig bleiben könne; denn in dieſer Hinſicht ſtimmte er ziemlich mit Mr. Dodge überein, obgleich er einigermaßen verſchiedne Wege zur Erlangung des Beifalls des großen Haufens einſchlug; wenigſtens war der Aufblick des Erſtaunens natürlich und offenherzig. „Ich bin zwar nicht der Meinung, daß die Oeffent⸗ lichkeit berechtigt ſei, den Geſchmack der einzelnen Bürger zu regeln,“ ſagte er;„aber in einer republikani⸗ ſchen Verfaſſung, Sie verſtehn mich ohne Zweifel, Miß Evchen, wird in der Regel die öffentliche Stimme zur herrſchenden in allen Dingen.“ „Ich kann mir wohl vorſtellen, daß der Eine oder Andere wünſchen mag, daß ſein Nachbar guten Geſchmack zeige, weil dieſes dazu beiträgt, den äußern Eindruck ei⸗ nes Landes zu verſchönern; wenn aber jeder Einzelne u hal⸗ r über m, als athüm⸗ ausge⸗ nungen guten s In⸗ Hauſe i dem denn Dodge ge zur ſchlug; türlich effent⸗ Zürger kani⸗ „Miß. ne zur 2 oder chmack uck ei⸗ nzelne 0 die ganze Nachbarſchaft um Rath fragen wollte, ehe er zu bauen beginnt, würde wahrſcheinlich in den Fall kom⸗ men, einen äußerſt verwirrten Bauplan befolgen zu müſ⸗ ſen, wenn er allen den verſchiednen Rathſchlägen ſeiner ſämmtlichen Nachbaren Gehör geben wollte; oder, was eben ſo wahrſcheinlich iſt, er würde gar nicht dazu kom⸗ men, ein Haus bauen zu können!“ „Ich meine, Sie irren ſich, Miß Effingham; denn die öffentliche Meinung iſt grade jetzt ausſchließlich und volksthümlich für die griechiſche Bauart eingenommen. Wir haben daher nur wenig andere als Tempelbauten; das ſehen Sie an unſern Kirchen, Wechſelbanken, Gaſt⸗ häuſern, Gerichtshöfen und ſelbſt Privatgebäuden; einer meiner Freunde hat erſt kürzlich ein Brauhaus nach dem Muſter eines Tempels des Gottes der Winde bauen laſſen.“ „Wäre es eine Windmühle geweſen, ſo hätte der Einfall einen vernünftigen Grund gehabt,“ ſagte Ev⸗ chen, welche anfing zu bemerken, daß ihr Beſucher eine verborgene Anlage zu launigen Scherzen habe; obgleich er ſeine Bemerkung auf eine Weiſe vorbrachte, die ihn durchaus nicht als angenehmen Spaßmacher bezeichnete. „Die Anhöhen mögen deſto ſchöner ſich ausnehmen, wenn ſie auf ſolche Art geſchmückt ſind, wie Sie ſagen. Ich wünſche von Herzen, Grace, daß ich unſere Hügelrei⸗ hen ſo reizend wiederfinden möchte, als ich ſie noch im⸗ mer in der Erinnerung vor mir ſehe!“ 427.— 129. 3 „Wenn unſre Berge in der Wirklichkeit Ihren an⸗ genehmen Vorſtellungen nicht entſprechen, Miß Effing⸗ ham,“ entgegnete Ariſtobulus, der nichts Unſchickliches darin fand, auf eine an Miß Van Courtlandt gerichtete Bemerkung, wie auf irgend eine andere zu antworten, „dann möchte ich Sie bitten, Ihre Meinung ja nicht laut vor Andern zu äußern.“ „Das iſt mehr als ich verbürgen kann; mein Ver⸗ druß möchte zu groß ſein, um ihn ganz verbergen zu können. Darf ich Sie indeſſen fragen, warum Sie mir eine ſo ſchreckliche Selbſtpeinigung auferlegen möchten?“ „Warum? fragen Sie, Miß Evchen,“ ſagte Ariſto⸗ bulus mit ernſter Haltung;„weil ich fürchte, daß die Leute bei uns es ſehr übel aufnehmen würden, wenn Sie ſelbſt dergleichen Urtheile in ihrem Beiſein äußern wollten.“ „Ich ſelbſt?— und weßhalb würden die Leute ins⸗ beſondere mir dergleichen Aeußerungen übelnehmen?“ „Vielleicht, weil Sie von der Vorſtellung ausgehen, daß Sie weite Reiſen gemacht und andere Länder ge⸗ ſehen haben.“ „Sind denn diejenigen, die nicht auf Reiſen waren, und daher keine Mittel beſitzen, um vergleichende Ur⸗ theile über das zu fällen, was ſie vor Augen haben, allein berechtigt, über den Werth oder Unwerth einer Gegend abzuſprechen?“ „Ich bin vermuthlich nicht im Stande, Ihnen meine Mei hoffe Miß dere wenn unſer rakte würd Ande im S darül fügte fühlt genhe thörit ſcher rung blicke ham ner, bulus won herzli nen e vergle ſchätzt ren an⸗ Effing⸗ ickliches erichtete worten, ja nicht in Ver⸗ rgen zu Sie mir chten?“ Ariſto⸗ daß die , wenn äußern ute ins⸗ ten?“ isgehen, der ge⸗ waren, nde Ur⸗ haben, th einer n meine Meinung deutlich zu machen; doch Miß Grace wird mich hoffentlich verſtehen. Geben Sie mir nicht darin Recht, Miß Van Courtlandt, daß Jemand, der noch nie an⸗ dere Berge geſehen hat, weit eher Entſchuldigung findet, wenn er über den Mangel an reizenden Anſichten in unſern Berggegenden und über den einförmigen Cha⸗ rakter derſelben ſich beklagt; als man es dem vergeben würde, der ſein ganzes Leben unter den Alpen oder den Anden zugebracht hat?“ Evchen lächelte, da ſie bemerkte, daß Mr. Bragg im Stande ſei, kleinſtädtiſche Anſichten zu würdigen und darüber zu ſcherzen, ungeachtet er ihrem Einfluß ſich fügte; Miß Grace dagegen erröthete flüchtig, indem ſie fühlte, daß ſie ſchon einige Male bei ähnlichen Gele⸗ genheiten in der Unterhaltung mit ihrer Couſine ſolche thörigte Empfindlichkeit in Hinſicht der Vorzüge heimi⸗ ſcher Gegenſtände hatte blicken laſſen. Einer Erwiede⸗ rung bedurfte es indeſſen nicht, weil in demſelben Augen⸗ blicke die Thüre geöffnet wurde und Mr. John Effing⸗ ham hereintrat. Die Begegnung der beiden Ehrenmän⸗ ner, denn wir ſetzen hier voraus, daß Mr. Ariſto⸗ bulus in dieſe Kategorie mitbegriffen werden müſſe, wo nicht mit Recht, doch aus Höflichkeit,— war weit herzlicher, als Evchen erwartet hatte; denn beide ſchie⸗ nen einander gegenſeitig zu achten und ihre Verdienſte vergleichungsweiſe wechſelſeitig anzuerkennen. Mr. Bragg ſchätzte in Mr. John Effingham den reichen, ſpottſüchti⸗ 5* — 36— gen Cyniker, und Mr. John Effingham ſah auf Mr. Bragg wie ein Hauseigenthümer auf einen nützlichen Haushund herabſieht. Nachdem ſie einige Augenblicke mit einander geſprochen, gingen Beide miteinander weg, grade in dem Augenblick, wo die Damen im Begriff waren, in das Beſuchzimmer hinabzugehen, ehe ange⸗ richtet wurde. Pierre meldete ihnen, es ſei auch für den Verwalter gedeckt worden. Zweites Kapitel. e jenen Ungeſtalteten; er r Jahre „Ich kenn Dieb dieſe ſie hin und her wie ein? Viel Lärmen um Nichts. Evchen und ihre Couſine trafen Sir George Temple⸗ more und Capitain Truck im Beſuchzimmer. Erſterer zögerte noch in Newyork, um in der Nähe ſeiner Freunde zu verweilen; der letztere war eben im Begriff ſeine re⸗ gelmäßige Fahrt nach Europa wieder anzutreten. Fügen wir zoch Mr. Bragg und die gewöhnlichen Hausgenoſſen hinzu, ſo kennt der Leſer die ſämmtliche Tiſchgeſellſchaft. Ariſtobulus hatte noch nie an einer ſo glänzenden Tafel geſeſſen, und zum erſten Mal in ſeinem Leben ſah er angezündete Kerzen bei einem Diner; doch er war nicht der Mann, der ſich durch eiwas Ungewohn⸗ tes it deſſel! ſo wi Nacht konnte wenn Benel dieſen ſen, Doch könner bemüh in ſeit reich, ſers, w Die C in ihr gehört blieb merkt, wollen uf Mr. ützlichen genblicke der weg, Begriff e ange⸗ auch für Nichts. Temple⸗ Erſterer Freunde ſeine re⸗ n. Fügen sgenoſſen eſellſchaft. länzenden em Leben . doch er ngewohn⸗ tes in Erſtaunen ſetzen ließ. Wäre er ein Europäer deſſelben Standes und in ähnlicher Lebenslage geweſen, ſo würde er einige Dutzend Mal vor dem Auftragen des Nachtiſches ſein Ungeſchick verrathen haben; dagegen konnte, wie er einmal war, ein flüchtiger Beobachter, wenn er eine gewiſſe geſchäftige Höflichkeit in ſeinem Benehmen, wodurch er ſich auszeichnen wollte, überſah, dieſen Herrn leicht für einen Menſchen durchgehen laſ⸗ ſen, der keine beſondere Aufmerkſamkeit erregen will. Doch Niemanden hätte die merkwürdige Art entgehen können, wie er während der Tafel für ſich zu ſorgen bemüht blieb. Zwar war er höflich genug, um allen, die in ſeiner Nähe ſaßen, von jeder Schüſſel, in ſeinem Be⸗ reich, anzubieten; nur bediente er ſich dabei ſeines Meſ⸗ ſers, wie ein Kohlenhandlanger ſeine Schippe gebraucht. Die Geſellſchaft in der er ſich befand, beobachtete zwar in ihrem eignen Benehmen den erforderlichen Anſtand, gehörte aber keinesweges zu der Silbergabeln⸗Partei*); blieb daher auch ſein auffallendes Benehmen nicht unbe⸗ merkt, ſo war man doch nicht geneigt, es bemerken zu wollen. Die eben erwähnte Eigenheit bezeichnete aber Silverfork School oder Silverforkism: die Partei der Beſitzer ſilbernen Gabeln, die Silbergabelnpartei, bezeichnet an mehren Stellen bei Cooper diejenige Claſſe geſchmackloſer Parvenüs, welche, hochmüthig über ihren Aufwand, ſich zu competenten Kritikern des Betragens anderer Menſchen aufwerfen, ohne öf⸗ ter die geringſte Ahnung von ächter feiner Lebensart zu haben. 58— den Charakter des Mannes zu deutlich, als daß ſie unbeachtet hätte bleiben können, und verdient daher auch einer beſondern Erwähnung. An der Tafel von Mr. Effingham pflegten alle Ge⸗ richte in der geräuſchloſen und geordneten Weiſe aufge⸗ tragen zu werden, welche eine franzöſiſche Mahlzeit ſo vortheilhaft vor andern auszeichnet. Jede Schüſſel wurde. dann der Reihe nach wieder abgenommen, zum Vorlegen von den Dienern tranchirt und den Gäſten herumgereicht. Doch der Aufſchub der bis zum anſtändigen Herumrei⸗ chen einer Schüſſel nach der andern entſtehen mußte, vertrug ſich nicht mit dem geſchäftigen„Friſch darauf los⸗ gehen“ und dem ungeduldigen Erwerbſinn unſeres Ari⸗ ſtobulus. Statt alſo den Erfolg der geordneten Thä⸗ tigkeit der Diener abzuwarten, war er ernſtlich bemüht, für ſich zu ſorgen, und dieſes that er mit einer Gewandt⸗ heit, die er durch den häufigen Beſuch von Garküchen ſich angeeignet hatte;— in dieſen Schulen feiner Lebens⸗ art ſchien er überhaupt ſich zu Allem ausgebildet zu ha⸗ ben, was er artiges Benehmen bei Tiſche nennen mochte. Eine oder zwei Schnitten Fleiſch verſchaffte er ſich auf dem üblichen Wege beim Vorlegen; dann aber, nachdem gleichſam der Grund zu weiterm Erwerb durch ein glück⸗ liches Ungefähr gelegt war, ſuchte er rechts und links um ſich greifend, ſeine Habe zu mehren, jede Gelegenheit benutzend, die ſich ihm darbot. Die verſchiednen„Zwi⸗ ſchengerichte“ oder kleinern Schüſſeln, die ein vorzüglich lockend ſeiner er, ſo die D ben ir wohl ſ wo er Mühe ſich üb um ur Bragg erſten Mitte und ur machte dere 5 davon in dop gen; k ſogar! Dinge Betrie mehrm gönnte ausgen gekomn könne, aß ſie r auch e Ge⸗ aufge⸗ zeit ſo wurde. orlegen ereicht. umrei⸗ mußte, uf los⸗ 8s Ari⸗ n Thä⸗ demüht, wandt⸗ den ſich Lebens⸗ zu ha⸗ mochte. ich auf nachdem n glück⸗ d links ggenheit „Zwi⸗ rzüglich lockendes Aeußere hatten, waren der erſte Gegenſtand ſeiner Begehrlichkeit; von allen dieſen Dingen häufte er, ſo viel ihm gutdünkte, auf ſeinen Teller, indem er die Dienſte ſeiner Nachbaren zu Herbeiſchaffung derſel⸗ ben in Anſpruch nahm; und außerdem verſuchte er auch wohl ſeinen Teller bald hier bald dorthin wandern zu laſſen, wo er irgend eine Schüſſel gewahr wurde, welche ſeine Mühe belohnen konnte. Durch ſolche Liſt,— wobei er ſich übrigens hinreichend bedächtig und beſcheiden benahm, um unnöthiges Aufſehn zu vermeiden,— bewirkte Mr. Bragg, daß ſein Teller bald eine Muſterkarte aller im erſten Gang angerichteten Speiſen darſtellte. In der Mitte war Fiſch, Fleiſch und Schinken zuſammengehäuft, und um dieſe wichtigern Gegenſtände hatte er Einge⸗ machtes, Nierenſchnittchen, Ragouts, Gemüſe und an⸗ dere Zukoſt geordnet, bis nicht bloß der Teller ganz davon bedeckt war, ſondern die verſchiedenen Gegenſtände in doppelten und dreifachen Schichten über einander la⸗ gen; kalt gewordene Butter, Senf, Salz und Pfeffer ſogar nahmen die noch übrigen Zwiſchenräume ein. Dieſe Dinge anzuhäufen, war der Erfolg von Geduld und Betriebſamkeit, und die Meiſten am Tiſche hatten ſchon mehrmals die Teller gewechſelt, ehe Ariſtobulus ſich Zeit gönnte, einen Biſſen zu genießen, die Suppe höchſtens ausgenommen. Endlich ſchien der glückliche Augenblick gekommen, wo er ſich des mühſam Geſammelten erfreuen könne, und der Gutsverwalter wollte eben anfangen, ganz dem angenehmen Geſchäft des Kauens oder viel⸗ mehr Verſchlingens ſich hinzugeben,— denn mit erſterem pflegte er ſich nie lange aufzuhalten;— da zog das Ge⸗ räuſch des Pfropfens einer geöffneten Flaſche ſeine ganze Aufmerkſamkeit auf den Champagner hin. Dieſe Art Wein kam unſerm Ariſtobulus niemals zu ungelegner Zeit; denn in dem innigen Behagen an dieſen, Zunge und Gaumen prickelnden Genuß hatte er ſich um die Tafelwiſſenſchaften zu wenig bekümmert, um den rechten Augenblick kennen zu lernen, wann dieſer Wein allein mit Erfolg genoſſen werden kann. Bei der übrigen Ge⸗ ſellſchaft war dieſer Augenblick wirklich ſchon gekommen; während er ſelbſt den bekannten Regeln zufolge, davon noch ebenſo weit entfernt blieb, als er es veim Nie⸗ derſitzen an der gaſtlichen Tafel geweſen war. Kaum bemerkte er alſo, daß Pierre im Einſchenken begriffen war, ſo reichte er ſein Glas hin, und genoß einen in⸗ nig vergnügten Augenblick, während er ein Getränk ausſchlürfte, das an Wohlgeſchmack Alles übertraf, was er jemals aus den verſiegelten und verbleieten Flaſchen⸗ hälſen hervorſprudeln geſehen, welche ſo manche Dorf⸗ ſchenke ſeiner Bekanntſchaft zierten, gleich eben ſo vielen feindlichen Geſchützen, die den Unvorſichtigen mit Kopf⸗ ſchmerzen und Bauchgrimmen bedrohen. Ariſtobulus leerte ſein Glas in einem Zuge, und als er wieder zu Athem kam, ſchmatzte er behaglich. Das war ein unglücklicher Moment für ihn; ſein Teller mit viel⸗ ſterem s Ge⸗ ganze e Art legner Zunge n die rechten allein en Ge⸗ nmen; davon 4 Nie⸗ Kaum griffen en in⸗ zetränk f, was aſchen⸗ Dorf⸗ vielen Kopf⸗ nd als Das er mit — 41— allen den hoch aufgeſtapelten köſtlichen Dingen wurde ihm in dieſem unbewachten Augenblicke weggenommen; der Bediente, der ihm dieſen unwillkommenen Dienſt er⸗ wies, hatte ſich eingebildet, daß irgend ein Widerwille gegen die auf ſeinem Teller liegen gebliebnen Speiſen die Veranlaſſung zu ihrer Zuſammenhäufung geweſen ſei⸗ Jetzt blieb ihm nichts anders übrig als von Neuem anzufangen; dieſes war indeß mit den bereits abgenom⸗ menen Speiſen des erſten Ganges nicht mehr möglich, und Ariſtobulus mußte ſich daher darauf beſchränken, daſſelbe Manöver beim Wildpret zu beginnen. Nothge⸗ drungen aß er jetzt, ſo wie die Speiſen herumgereicht wurden; und da er ſich des Meſſers und der Gabel mit ungewöhnlicher Schnelligkeit zu bedienen verſtand, ſo konnte er beim zweiten Abhub der Tafel ſich rühmen, mehr als jeder Andere gegeſſen zu haben. Da zuerſt be⸗ gann er in die Unterhaltung ſich einzumiſchen, und wir theilen das Tiſchgeſpräch ſeinetwegen von dem Au⸗ genblick an unſern Leſern mit, wo er ſich hinreichend im Stande fühlte, an den Unterredungen der Uebrigen Antheil zu nehmen. Von Mr. Dodge im Benehmen beträchtlich verſchieden, hatte er wenig beſonderes Intereſſe daran gezeigt, in der Geſellſchaft eines Baronet zu ſpeiſen; er war ein viel zu geſcheidter und bewanderter Mann, um auf ſol⸗ che Nebendinge größeres Gewicht zu legen, und für Mr. Bragg machte es keinen Unterſchied, ob er mit Sir George Templemore und Mr. Effingham redete, oder mit irgend einem ſeiner vertrauten Bekannten. Vorgerückte Jahre und vielfältige Erfahrung gaben in ſeinen Augen keinen Anſpruch auf größere Achtſamkeit, und in Anſehung des Standesunterſchiedes gab er zwar die Nothwendigkeit zu, daß dergleichen in der Miliz beſtehe, aber Titel und Würden, die nichts einbrachten, hatten in ſeinen Augen keinen ſonderlichen Werth. Sir George Templemore that eine Frage im Betreff der Protocollirung gerichtlicher Handlungen,— einen Gegenſtand der erſt kürzlich in England insbeſondere zur Sprache gekommen war;— in der Erwiederung von Mr. Effingham lag ein Mangel an genauerer Auf⸗ faſſung des Gegenſtandes; zwar kein weſentlicher Irrthum, den aber Ariſtobulus zu berichtigen nicht verfehlte, indem er damit zugleich ſeine Anſprüche auf Theilnahme an der Unterredung begründete. „Ich bitte um Vergebung, mein Herr,“ ſchloß er ſeine Erläuterung, indem er hinzufügte:„ich muß na⸗ türlich mit dieſen Spitzfindigkeiten genauer bekannt ſein, da ich eine kurze Zeit das Amt eines Diſtrictsſchreibers verſehen mußte, wegen durch einen Todesfall eingetrete⸗ ner Dienſtvacanz.“ „Sie wollten vermuthlich ſagen, daß Sie als Schrei⸗ ber in der Amtsſtube des Diſtrictsſchreibers Beſchäftigung erhielten,“ berichtigte John Effingham, der, ein Feind von aller Unwahrheit, durchaus keinen Anſtand nahm, — 48— allen Dingen, von deren Unrichtigkeit er wirklich über⸗ zeugt war oder überzeugt zu ſein glaubte, gradezu zu widerſprechen. „Als wirklicher Diſtrictsſchreiber war ich angeſtellt, mein Herr. Major Pippin ſtarb ein Jahr früher, ehe die Zeit ſeiner Anſtellung zu Ende ging, und da wurde mir das Amt übertragen.— Ich war ſo gewiß wirkli⸗ cher Diſtrictsſchreiber, als es irgend einer iſt in den ſechs und fünfzig Abtheilungen des Staates New⸗York.“ „Als ich die Ehre hatte, Sie zum Verwalter des Heren Effingham zu erkieſen,“ entgegnete der Andere ein wenig derb,— denn er fühlte, daß ſein eigner Cha⸗ rakter hier im Punct der Wahrhaſtigkeit bezweifelt wer⸗ den könne,—„ſo ſchrieben Sie, wie ich meine, wirk⸗ lich in der Amtsſtube des Diſtrictsſchreibers, aber ich hörte damals nichts davon, daß Sie der Diſtrictsſchrei⸗ ber ſelber wären.“ „Ganz recht, Mr. John,“ erwiederte Ariſtobulus, ohne die geringſte Empfindlichkeit zu verrathen;“ damals grade war ich bei meinem Nachfolger als Schreiber an⸗ geſtellt; aber einige Monate früher erfüllte ich ſelbſt die Obliegenheiten eines Diſtrictsſchreibers.“ „Wären Sie noch weiter in der regelmäßigen Folge der Beförderung vorwärts geſchritten, mein theurer Herr, zu welcher Höhe amtlichen Anſehens hätten Sie ſeitdem gelangen können?“ fiel Capitain Truck mit Nachdruck ein. —— — 2— „Ich glaube Siezu verſtehen, mein Herr!“ erwiederte der unerſchütterliche Ariſtobulus, als er ein allgemeines Lächeln ringsumher gewahr wurde.„Ich weiß recht gut, daß viele Leute einen hohen Werth darauf legen, ſich auf derſelben Stufe in amtlicher Beziehung zu behaup⸗ ten; ich bin aber durchaus nicht immer dieſer Meinung. Wenn das eine wünſchenswerthe Verhältniß nicht zu er⸗ reichen ſteht, ſo ſehe ich nicht ein, warum man irgend ein anderes verſchmähen ſollte. In dieſem Jahre be⸗ mühte ich mich um das Amt eines Sherif, und da ich einſah, daß es nicht in meiner Macht ſtand, die Stim⸗ men der Grafſchaft für mich zu gewinnen, ſo nahm ich das Anerbieten meines Nachfolgers an, bis ſich etwas Beſſeres finden würde.“ „Sie haben die ganze Zeit über, wie ich glaube, als Anwalt practicirt, Mr. Bragg,“ äußerte hierauf John Effingham. „Einiges arbeitete ich auch in dieſem Fach, Herr; oder vielmehr, ſo viel als ich konnte. Doch in Rechts⸗ ſachen iſt jetzt wenig mehr zu machen, und die meiſten Advocaten wenden deßhalb ihr Augenmerk auf andre Erwerbszweige.“ „Und welche, wenn ich fragen darf, mein Herr,“ ſagte Sir George,„iſt jetzt die gewöhnlichſte Beſchäfti⸗ gung, die ſie außerdem ſuchen?“ „Manche von unſerm Fach haben ſich dem Handel mit Pferden ergeben; doch die Meiſten ſind in dieſem ö — 43— Augenblicke grade mit Speculationen in Städten der Weſtgegenden vorzüglich beſchäftigt. „Mit Speculationen in Städten der Weſtgegenden, ſagten Sie!“ rief der Baronet mit einem Geſicht, als ob er eine Myſtification muthmaße. „In dieſem Artikel vorzüglich, meine ich; außerdem aber noch in Mühlenplätzen, in Eiſenbahnen, und an⸗ dern Gegenſtänden, welche künftig gut rentiren können.“ „Mr. Bragg meint, die Leute ſpeculiren im Ankauf von Ländereien, auf welchen zu hoffen iſt, daß alle die von ihm benannten Bequemlichkeiten ein Jahrhundert ſpäter exiſtiren könnten,“ fügte John Effingham erläuternd hinzu. „Die Hoffnungen, von denen ich rede, Mr. John, können vielleicht im nächſten Jahr, ja ſogar in der näch⸗ ſten Woche erfüllt werden,“ entgegnete Ariſtobulus mit ſchlauem Seitenblick,„doch was Verwirklichung über⸗ haupt anbelangt, mögen Sie im Ganzen Recht haben. Bedeutende Capitalien ſind im Artikel der Hoffnungen noch kürzlich in der Umgegend gewonnen oder verloren worden.“ „Und Sie haben ſich tapfer gehalten, allen dieſen Verſuchungen zu widerſtehen?“ fiel Mr. Effingham ein. „Ich fühle mich Ihnen doppelt verpflichtet, wenn Sie während dieſer Zeit das Intereſſe meiner Ländereien im Auge behielten, während ſich Ihnen ſo manche andere glänzendere Ausſichten darboten.“ „Das war nicht mehr als meine Pflicht, Herr,“— — 28— ſagte er, mit deſto tieferer Verbeugung, da er ſich wohl bewußt war, daß er ſeine Verwaltungsgeſchäfte mehre Monate lang verſäumt hatte, um ſich den Speculationen im Weſten zu widmen, mit denen ſo Viele ſich damals im Innern des Landes eifrig beſchäftigten,—„um nicht zu ſagen mein größtes Vergnügen,“ ſetzte er hinzu. „Es gibt übrigens manche vielverſprechende Gegenſtände in dieſem Lande, Sir George, welche von Manchen in der Wuth der Städteſpeculationen ganz überſehen wor⸗ den ſind.“ „Städteſpeculationen!“ „Mr. Bragg meint nicht Speculationen in irgend einer Stadt, ſondern Speculationen mit Städten,“ er⸗ läuterte John Effingham. „Ja, Herr; Speculationen in neuen Stadtanlagen. Indeſſen komme ich niemals hierher, ohne mein Augen⸗ merk auf Alles zu richten, was einigermaßen Vortheil bringen kann. Ich glaube allerdings, daß eben jetzt einige vortheilhafte Anlagen gemacht werden könnten, wenn Einer nur im Augenblick das Capital dazu in Händen hätte. In Milch ließe ſich ein vortheilhaftes Geſchäft machen.“ „Le lait!“ rief Mademoiſelle Viefpille unwillkühr⸗ lich aus. „Ja, Madame; ſie würde für Damen ſowohl ren⸗ tiren als für Herren. Von Pataten habe ich einige gute ren⸗ Fingerzeige erhalten; und durch Pfirſige werden manche reiche Leute noch reicher, als ſie ſchon ſind.“ „Alle Unternehmungen dieſer Art ſind weit zuverläſ⸗ ſiger und ehrenvoller als die von Ihnen früher erwähn⸗ ten Städteſpeculationen,“ bewerkte Mr. Effingham ge⸗ laſſen. Ariſtobulus ſah ihn einigermaßen erſtaunt an; denn in ſeinen Augen war alles erlaubt, was Vortheil ver⸗ ſprach, und alle Dinge ehrenhaft, die nicht ausdrücklich durch die Geſetze verboten waren. Doch bemerkend, daß die Anweſenden geneigt ſchienen, ihn anzuhören, und da er unterdeſſen das Verſäumte an Mundvorrath wieder eingeholt hatte, ſo ging er munter wieder zu demſelben Thema über. „Viele Familien haben, Mr. Effingham, in dieſem und im vorigen Sommer den Otſego verlaſſen, um nach den weſtlichen Gegenden auszuwandern. Das Fie⸗ ber hat ſich weit umher verbreitet.“ „Das Fieber! So hat das gute alte Otſegoland, der ſeinen Bewohnern ſo theuere heimiſche Boden ſeit einem halben Jahrhundert durch Gewohnheit ihnen ehrwürdig geworden, ſeinen unerſchütterlichen Ruf des heilſamen Klima's verloren?“ 3 „Ich meine nicht irgend ein animaliſches Fieber, ſondern das Weſtlandfieber.“ „Ce pays de l'ouest est-il bien malsain?“ flüſterte Mademoiſelle Viefville. — 48— „Apparemment, Mademoiselle, sur plusieurs rap- poris.“ „Das Weſtlandſieber hat Jung und Alt ergriffen, und es hat uns ſchon vieler ganzen Familien in der Gegend umher beraubt,“ fuhr Mr. Ariſtobulus fort, der die kleine Nebenunterredung nicht verſtanden hatte und daher das angeregte Mißverſtändniß nicht weiter beachtete;„in den benachbarten Bezirken hat es bereits den größten Theil der Bewohner mit fortgerafft.“ „Und diejenigen, welche das Fieber mit ſich reißt, gehören ſie zu den länger anſäſſigen Familien oder bloß zur ab⸗ und zunehmenden wandernden Bevölkerung?“ frug Mr. Effingham. „Die Meiſten gehören zu den regelmäßig umherzie⸗ henden Familien.“ „Regelmäßig umherziehenden Familien!“ rief Sir George abermals;„ſo gibt es alſo einen weſentlichen Beſtandtheil der Bevölkerung in dieſem Lande, welchem dieſer Name mit Recht beigelegt werden könnte?“ „Mit demſelben Rechte,“ antwortete John Effing⸗ ham,„womit man den, welcher ein Pferd beſchlägt, einen Schmied heißt; oder den, der das Gerüſt zu einem Heuſe aufſetzt, einen Zimmermann nennt.”“ „Gewiß, Herr,“ fuhr Mr. Bragg fort,„uns fehlt es nicht an hinreichendem Hefen dieſer Art in unſerm politiſchen Teig und in unſerm geſchäftigen Fortſchreiten überhaupt. Faſt möchte ich vermuthen, Sir George, rap- iffen, n der fort, hatte veiter ereits reißt, bloß ng?“ herzie⸗ f Sir tlichen elchem Effing⸗ chlgt, einem s fehlt unſerm hreiten zeorge, daß in Ihrem Lande die Leute vorzugsweiſe an demſel⸗ ben Boden haften bleiben.“ „Wir bleiben gern auf derſelben Stelle wohnen, von Geſchlecht zu Geſchlecht. Wir lieben die Bäume, die unſre Väter pflanzten, das von ihnen erbaute Obdach iſt uns werth, und der Heerd nicht minder, um den ſie geſeſſen, wie die Erdſcholle, welche ihre ſterblichen Ueber⸗ reſte deckt.“ „Recht dichteriſch, in der That; es gibt Augenblicke im Leben, in denen Empfindungen der Art ſich uns wider Willen aufdrängen. Doch läßt ſich nicht läugnen, daß ſolche Gefühle in Ihrem Lande öfters dem betriebſamen Fortſchreiten ein großes Hinderniß ſein mögen, mein Herr.“ „Betriebſames Fortſchreiten, ſagen Sie! Was iſt aber alle Betriebſamkeit, wenn ihr ein feſter Boden fehlt, die Anhänglichkeit an das Gewohnte, die Vorliebe für den heimiſchen Heerd und die ehrwürdigen Intereſſen der Geſchichte, die Ueberlieferungen aus grauer Vorzeit?“ „Was die Geſchichte betrifft, mein Herr, die macht uns in dieſem Lande die geringſte Sorge; was aber das Feſthalten an unſere Intereſſen betrifft, darin läßt ſich bei uns manches Erhebliche vorwärts bringen. Eine Nation iſt wirklich in mehr als einer Rückſicht zu bekla⸗ gen, die von der Wucht des Vergangenen gleichſam über⸗ wältigt und niedergedrückt wird, weil dann ihre Thätigkeit, wie ihr Unternehmungsgeiſt, überall auf Hinderniſſe ſtößt, 127.— 129. — — 30— die unaufhaltſam aus der Alles lähmenden Quelle alter Ueberlieferungen hervorgehen. Deſto mehr darf Ame⸗ rika ein glückliches und freies Land genannt werden, Mr. John Effingham, ſowohl in dieſer als in jeder an⸗ dern Rückſicht.“ Sir George Templemore war viel zu höflich, um ſich ohne Rückhalt auszuſprechen, was er in dieſem Augenblick empfand, weil er beſorgen mochte, ſeine gaſtlichen Freunde zu verletzen; in ſeinem Schweigen fühlte er ſich jedoch getröſtet durch die mitfühlend lächelnden Blicke von Miß Evchen und Miß Grace; und in dieſem Augenblick fand er letztere faſt eben ſo bezaubernd wie ihre Couſine; lag in ihren Benehmen auch weniger ausgezeichnete Anmuth, ſo nahm ihr einfaches Weſen deſto mehr für ſie ein. „Ich habe öfter ſagen hören, daß die meiſten Na⸗ tionen von höherm Alter als das unſrige mit mancher⸗ lei Schwierigkeiten, die aus ihrer Lage hervorgehen, kämpfen müſſen, von denen wir keine Ahnung haben,“ entgegnete Mr. John Effingham;„doch ich muß geſte⸗ hen, daß wir hierin vor andern Nationen einen Vorzug haben, an den ich bis jetzt noch nie gedacht habe.”“ „Die Staatswirthſchaftlehrer,“ bemerkte Mr. Bragg, „und ſelbſt die Geographen haben dieſen wichtigen Um⸗ ſtand ganz überſehen; praktiſche Menſchen aber ſehen und empfinden den Einfluß deſſelben täglich und ſtünd⸗ lich in den daraus für uns hervorgehenden Vortheilen. Man hat mir geſagt, Sir George Templemore, daß in alter Ame⸗ eden, an⸗ ſich ablick unde edoch Miß fand lag nuth, n. Na⸗ cher⸗ ehen, en,“ geſte⸗ orzug ragg⸗ Um⸗ ſehen tünd⸗ eilen. aß in — 31— England es äußerſt ſchwierig iſt, Landſtraßen durch Ge⸗ höfe und Wohnungen durchzuführen, und daß ſelbſt Ei⸗ ſenbahnen und Canäle Krümmungen machen müſſen, um Kirchhöfe und Grabſteine zu vermeiden?“ „Dieſen Tadel muß ich factiſch einräumen, Herr,“ ſagte der Baronet. „Unſer Freund, Mr. Bragg,“ warf John Effingham ein,„betrachtet das Leben als eine Reihe von Mitteln, ohne Zweck.“ „Kein Zweck kann erreicht werden ohne die Mittel, Mr. John Effingham; das werden Sie hoffentlich ſelbſt zugeben. Ich meines Theils ſuche den Zweck des We⸗ ges im Auge zu behalten, und kann daher wohl mit Recht ſagen, daß ich mich freue, in einem Lande gebo⸗ ren zu ſein, worin ſo wenig wie möglich Hinderniſſe dem innern Vorwärtsſtreben entgegenſtehen. Wer in unſerer Gegend einer Verbeſſerung aus Anhänglichkeit an ſeine Vorfahren ſich entgegenſtellen wollte, der würde ſchlecht ſtehen in der Meinung ſeiner Zeitgenoſſen.“ „Erlauben Sie mir wohl, Mr. Bragg, Sie zu fra⸗ gen, ob Sie ſelbſt keine Zuneigung für gewohnte Umge⸗ bungen empfinden?“ frug der Baronet, indem er durch das Sanfte und Gefällige im Ton ſeiner Stimme den Vorwurf oder gar den Tadel zu mildern bemüht war, den man vielleicht in dem Sinn ſeiner Worte hätte ſu⸗ chen können;—„ſehen Sie nicht irgend einen Baum lieber als jeden andern? iſt nicht das Haus, worin Sie 4* geboren wurden, in ihren Augen ſchöner, als ein an⸗ deres, welches Sie nie betraten? iſt der Altar, vor dem Sie zu beten gewohnt ſind, in ihren Augen nicht ehr⸗ würdiger, als irgend einer ſonſt, der nie Zeuge Ihrer Andacht war?“ „Nichts macht mir mehr Vergnügen,“ entgegnete Ariſtobulus,„als mich auf Fragen und Gegenfragen mit gebildeten Männern einzulaſſen, die unſer Land be⸗ reiſen. Denn ich bin überzeugt, je bekannter die verſchie⸗ denen Nationen mit einander werden, deſto größern Auf⸗ ſchwung erhält der wechſelſeitige Verkehr und deſto er⸗ folgreicher werden die gegenſeitigen Geſchäftsverbindun⸗ gen. Zur Beantwortung Ihrer Fragen bemerke ich vor⸗ erſt, daß ich ein menſchliches Weſen für etwas mehr halte, als eine Hauskatze, um aus Anhänglichkeit an Oertlichkeiten weſentlichere Intereſſen aus den Augen zu verlieren; ich habe allerdings manche Bäume lieber ge⸗ ſehen als andere; und am beſten von allen hat mir Ein Baum gefallen, der mein war, woraus der Holz⸗ ſäger mir tauſend Fuß gutes Scheitholz lieferte, Aſt⸗ und Reiſerholz ungerechnet. Das Haus worin ich ge⸗ boren bin, iſt kurz nach meiner Geburt niedergeriſſen worden, und das an deſſen Stelle erbaute ſpäterhin ebenfalls, ſo daß ich darüber nichts weiter ſagen kann; und was die Altäre betrifft, ſo bedarf ich deren nicht zu meiner innern Heiligung.“ „Die Kirche, zu der Mr. Bragg ſich bekennt, iſt ſo — 50— durchaus alles ſinnbildlichen Schmucks entkleidet, als er Alles in der Welt deſſelben berauben würde, ſtände dieſes in ſeiner Macht,“ ſagte John Effingham.„Es iſt noch die Frage, ob er jemals ſeine Kniee gebeugt hat; ge⸗ ſchweige denn vor irgend einem Altar.“ „Wir gehören zur ſtehenden Gemeine, das ſage ich ſelbſt,“ erwiederte Ariſtobulus, indem er nach den Da⸗ men hinblickte, um zu ſehen, wie ſie ſeinen Witz auf⸗ nähmen,„und Mr. John Effingham hat darin ganz recht, ſo weit man in Glaubensſachen Recht haben kann. Was nun die Häuſerangelegenheit zunächſt betrifft, ſo hält man bei uns allgemein dafür, Mr. Effingham, daß Sie das Ihrige lieber hätten niederreißen ſollen, als es ausbeſſern laſſen. Die Baumaterialien würden, wenn Sie ſolche hätten abgeben wollen, ſich gut verkauft ha⸗ ben; und hätten Sie eine Straße durch Ihr Grundſtück ziehen laſſen, ſo hätte dafür eine beträchtliche Summe realiſirt werden können.“ „In dieſem Fall, Mr. Bragg, hätte ich aber kein Haus mehr gehabt.“ „Daran hätte nicht viel gelegen, wenn Sie ein an⸗ deres auf wohlfeilerm Boden hätten aufbauen laſſen. Ihr altes Wohnhaus würde ſich überdieß ganz vortreff⸗ lich zu einem Manufacturgebäude oder zu einem Wirths⸗ hauſe geeignet haben.“ „Ich gehöre zu den Katzen, Herr; mein Herz hängt an der Stätte, die mir durch lange Gewöhnung theuer geworden iſt.“ Ariſtobulus ließ ſich zwar nicht leicht außer Faſſung bringen, doch fühlte er ſich durch Mr. Effingham's Aeu⸗ ßerung etwas verblüfft, und Evchen bemerkte, daß ihres Vaters freundliche Züge eine Röthe überzog, die ſeine innere Aufregung verrieth. Dieſe Unterbrechung gab dem Geſpräch eine andere Wendung; nur deßhalb haben wir ſolches umſtändlich mitgetheilt, um die Leſer mit dem Charakter eines Mannes, der uns noch öfter in die⸗ ſer Erzählung beſchäftigen wird, etwas genauer bekannt zu machen, als eine weitläufige Schilderung ſolches vermöchte“ „Ich hoffe, Capitain Truck,“ ſagte John Effingham, um dem Fortgange des Geſprächs eine andere Richtung zu geben,„daß Ihre Rheder vollkommen zufrieden ſein werden mit der Art und Weiſe, wie Sie das Eigenthum derſelben aus den Händen der Araber gerettet haben?“ „Die Menſchen pflegen, wo ihr Geld betheiligt iſt, ſich lebhafter daran zu erinnern, wie und wann Etwas verloren ging, als wieviel und durch wen ſie ſolches wie⸗ dererlangt haben. In dieſen Dingen ſtehen Religion und Gewinnſucht als feindliche Pole einander gegenüber.“ Solches erwiederte der alte Seemann mit ernſtblickendem Antlitz.„Im Ganzen, lieber Herr, habe ich demunge⸗ achtet Urſache, mit meinen Rhedern zufrieden zu ſein; und ſo lange Sie, meine Paſſagiere und meine Freunde, —Qb heuer ſſung Aeu⸗ ihres ſeine gab haben r mit 1 die⸗ kannt olches gham, htung n ſein nthum den?“ gt iſt, Etwas 6 wie⸗ ön und über.“ endem aunge⸗ ſein; eunde, — 33— nicht gewillet ſind, mein Benehmen zu tadeln, ſo lange will ich mich deſſen getröſten, wenigſtens zum Theil ge⸗ than zu haben, was meine Pflicht und Schuldigkeit war.“ Evchen erhob ſich von der Tafel, begab ſich nach ei⸗ nem Seitentiſchchen, und wieder zurückkehrend, ſtellte ſie mit zierlichem Anſtande vor dem Befehlshaber des Mon⸗ tauk eine reich und ſchön verzierte ſilberne Punchbowle, und faſt in demſelben Augenblick überreichte ihm Pierre einen Credenzteller, auf welchem eine ganz vorzügliche Uhr lag, ein kleines ſilbernes Kohlenzängelchen, und ein Sprachrohr von gediegnem Silber. Dieſes ſind einige ſchwache Beweiſe unſrer Empfin⸗ dungen,“ ſagte Evchen,„und Sie werden die Gefäl⸗ ligkeit haben, ſolche anzunehmen als Zeugniſſe der Hoch⸗ achtung, welche Ihre ſeemänniſche Trefflichkeit, Ihre freundſchaftliche Geſinnungen, Ihr heldenmüthiger Cha⸗ rakter uns eingeflößt haben.“ „Meine theure junge Dame!“ rief der alte See⸗ mann, tief in der Seele gerührt durch den herzlichen Ton in welchem Evchen dieſe wenigen Worte vorbrachte, —„meine theure junge Dame!— nun, Gottes beſter Seegen ruhe auf Ihnen!— Gott ſegne Sie alle!— und auch Sie, Mr. John Effingham, was das betrifft! — und Sir George,— wie habe ich nur jemals jenen Ausreißer für einen Ehrenmann und für einen Baronet halten können!— und gleichwohl mag es manche al⸗ berne Baronets ſo wie manche alberne Lords in der — 36— Welt geben, die an dergleichen feſthalten!“— und mit einem wüthenden Blick ſich zu Mr. Ariſtobulus Bragg jr wendend, fügte er hinzu.„Möge der Herr mein ver⸗ di geſſen im ſchwerſten Sturmwetter, wenn ich jemals ver⸗ ich geſſe, woher ich dieſe Dinge habe und mit welcher Herz⸗ lichkeit mir ſolche angeboten worden ſind.“ ch Hier ſah ſich der würdige Capitain genöthigt, etwas bl Wein hinabzuſchlürfen, um ſich in ſeiner Rührung zu d ſammeln. Dieſen Augenblick benutzte Ariſtobulus, griff nach der Bowle, die er, um uns eines ihm geläufigen d Ausdrucks zu bedienen, in der Hand wägend„probte“ bi um eine deutlichere Vorſtellung vom reinen Silberwerth zu erhalten. Capitain Truck ertappte ihn auf der That D und forderte ſein Eigenthum faſt mit demſelben Unge⸗ ſe ſtüm wieder zurück, womit jener ſich deſſelben bemächtigt bl hatte; nur die Gegenwart der Damen vermochte den ru Ausbruch ſeines Unwillens zurückzudrängen, der ſonſt K. in offene Feindſeligkeit ausgeartet ſein würde. „Mit Ihrer Erlaubniß, Herr,“ ſagte der Capitain J trocken, indem er nicht bloß gegen den Wunſch, ſondern pf zu nicht geringem Aerger des Andern die Bowle wieder vor ſich hinſtellte;—„dieſe Bowle iſt in meinen Au⸗ N gen ſo werthvoll als ob ſie aus den Gebeinen meines ne Vaters geſchnitzt wäre.“ ni „Darin mögen Sie vollkommen Recht haben,“ ent⸗ fir gegnete der Gutsverwalter,—„denn der koſtende Preis ka deſſelben möchte nicht unter hundert Dollars betragen.“ di mit agg ver⸗ ver⸗ derz⸗ was J zu griff ſgen bte“ verth That inge⸗ htigt den ſonſt itain dern ieder Au⸗ eines ent⸗ Preis gen.“ „Koſtender Preis, Herr!— Aber, meine theuere junge Dame, laſſen Sie uns von dem wirklichen Werth dieſer Geſchenke reden. Welches von dieſen Dingen habe ich Ihrem gütigen Andenken zu verdanken?“ „Die Bowle iſt mein Geſchenk,“ ſagte Evchen lä⸗ chelnd, eine Thräne glänzte in ihrem Auge bei'm An⸗ blick der heftigen Rührung in der treuherzigen Miene des alten Seemannes. „Ich hoffte, Sie würden ſich bei dieſer zu Ehren von „Liebchen und Weibchen“ wohlgefüllten Punſchſchale bisweilen meiner erinnern.“ „Das werde ich,— ſo wahr ich Gnade hoffe!— Das werde ich;— und Mr. Saunders ſoll mir ja zu⸗ ſehen, daß mir dieſes koſtbare Stück Arbeit jederzeit blinkend erhalten werde, wie der ſchimmernde Kupfer⸗ rumpf einer kreuzenden Fregatte. Wem bin ich für dieß Kohlen⸗Zängelchen verpflichtet?“ „Es iſt von Mr. John Effingham; er behauptet Ihrem herzlichen Andenken damit weit inniger ſich zu em⸗ pfehlen, als wir andern, obſchon die Gabe ſo wenig koſtet.“ „Er kennt mich wenig, meine theure junge Dame; Niemand war jemals meinem Herzen ſo nahe als Sie; nein, ſelbſt meine theure fromme alte Mutter iſt mir nicht werther als Sie. Aber ich danke Mr. John Ef⸗ fingham aus dem Innerſten meines Gemüths, und werde kaum jemals wieder rauchen, ohne ſeiner zu gedenken; die Uhr, das merke ich wohl, iſt ein Geſchenk von Ihrem — 38 Herrn Vater, und das Sprachrohr ſicherlich von Sir George.“ Die Verbeugung der beiden Herren überzeugte den Capitain, daß er ſich nicht irre. Er ſchüttelte jedem von ihnen treuherzig die Hand und verſicherte ſie aus voller Seele, Nichts würde ihm größere Freude machen, als noch⸗ mals mit ihnen alle die gefahrvollen Scenen zu durchleben, die ihnen ſämmtlich noch in friſchem Andenken waren. Während dieſer herzlichen gegenſeitigen Aeußerungen gab ſich Ariſtobulus, ungeachtet der ihm widerfahrnen abweiſenden Begegnung, alle Mühe, jedes einzelne Stück nach und nach zu betaſten, und durch prüfendes Wippen auf den Fingern und genaues Betrachten, ſo nahe als möglich den Werth an reinem Silber auszumitteln. Eben hatte er die Uhr geöffnet und durchmuſterte das Innere ſo genau, als es die Umſtände erlaubten. „Dieſe Dinge da haben in meinen Augen höhern Werth, als in den Ihrigen das Grab Ihres eigenen Va⸗ ters“ polterte Capitain Truck mit finſterem Blick, indem er die Uhr dem ruchloſen Angriff, wie er meinte, von Ariſtobulus Händen entwand;„Katze oder Nichtkatze, mir einerlei; dieſe Gaben ſinken oder treiben mit mir, ſo lange ich noch in See gehen kann. Gilltt ein letzter Wille noch Etwas, was, wie ich höre, leider bald nicht mehr der Fall ſein wird, ſo ſollen dieſe Dinge mit mir meine letzte Ruheſtätte theilen, mag man mich in die Erde beſtatten oder ins Meer! Meine theure junge Dame! Sir den von voller noch⸗ eben, aren. ungen hrnen Stück ippen de als tteln. te das böhern n Va⸗ indem , von htkatze, it mir, letzter d nicht nit wir in die Dame! was ich nicht ausſprechen kann, das denken Sie hinzu; aber das verſichre ich Sie, kein Punſch wird köſtlicher ſchmecken, als der, den ich aus dieſer Schaale genießen werde, und nie werden„Liebchen und Weibchen“ ſolcher Ehre ſich wieder erfreuen.“ „Dieſen Abend beſuchen wir einen Ball,“ ſagte Mr. Effingham,„in einem Hauſe, worin ich hinreichend be⸗ kannt bin, um mir die Freiheit nehmen zu dürfen, Fremde mitzunehmen; und ich bitte Sie daher, meine Herren,“ fügte er, um dem Geſpräche ſchnell eine an⸗ dere Wendung zu geben, ſich gegen Ariſtobulus und den Capitain verbeugend hinzu,„mir die Ehre Ihrer Gefell⸗ ſchaft nicht zu verſagen.“ Mr. Bragg gab ſein Verſprechen mit vieler Bereit⸗ willigkeit, als verſtehe ſich dieſes von ſelbſt; Capitain Truck aber ſchützte ſein Ungeſchick in ſolchen Geſellſchaf⸗ ten vor, und gab erſt dem wiederholten Zureden John Effingham's nach, als er endlich ebenfalls einwilligte. Die Damen verweilten nur noch einige Minuten länger— bei Tiſche; aber Mr. Effingham blieb ſeiner alten Ge⸗ wohnheit gemäß bei der Flaſche ſitzen, bis er nebſt den Gäſten in das Beſuchzimmer gerufen wurde,— ein Ge⸗ brauch in Amerika, der aus keinem andern triftigern Grunde fortwährt, als weil er bekanntlich in England beſteht, und wahrſcheinlich in New⸗NYork in derſelben Saiſon abgeſtellt werden wird, ſobald man dort erfahren würde, er beſtehe in London nicht mehr. Drittes Kapitel. „Du biſt ſo klug als ſchön.“ Shakſpeare. Kaum hatte Capitän Truck um die Erlaubniß gebeten, ſein neues Kohlen⸗Zängelchen mit dem Anzünden einer Cigarre einzuweihen, ſo nahm Sir George Templemore ſogleich die Gelegenheit wahr, ſeitab bei Pierre ſich zu erkundigen, ob die Damen geſtatten würden, daß er ihre Geſellſchaft ſuche. Nach erfolgter Verſicherung, daß ſie ſeine Geſellſchaft gerne ſähen würden, ſchlich der Ba⸗ ronet leiſe von der Tafel und war bald den Dünſten des Speiſeſaals entflohen. „Sie vermiſſen Rauchpfanne und Rauchwerk,“ ſagte Evchen lachend, als Sir George in das Beſuchzimmer eintrat;„doch Sie ſollten bemerken, daß wir hier weder Kirchengebräuche bei der Tafel dulden, noch mit den Ceremonien des Alters unſern Scherz treiben.“ „Das war eine vorübergehende Mode bei uns, wie ich glaube, die indeſſen keine der unangenehmſten war. Aber, Sie thun mir wirklich Unrecht, wenn Sie meinen, ich wollte bloß den Dünſten der Tafel entgehen.“ „Nicht doch, wir wiſſen zu gut, daß ſie außerdem mit den Dünſten der Schmeichelei zu thun haben, und wol⸗ len uns einbilden, daß Sie alles bereits ausgedrückt haben, chön.“ are. beten, einer emore ſich zu aß er 3, daß r Ba⸗ ünſten ſagte immer weder it den , wie n war. reinen, gerdem d wol⸗ haben, — 61— was die Gelegenheit zu fordern ſcheint. Aber ſagen Sie, iſt der biedere alte Capitain nicht ein Juwel in ſeiner Art?“ „Wahrlich, wenn Sie mir erlauben von den Gäſten Ihres Herrn Vaters zu reden, ſo glaube ich kaum, daß es möglich ſei, zwei einander mehr entgegen geſetzte Naturen zuſammenzubringen, als unſern Capitain Truck und dieſen Mr. Ariſtobulus Bragg. Der Letztere iſt für mich die wunderlichſte Perſon, mit der ich jemals bei irgend einer Gelegenheit zuſammengetroffen bin.“ „Sie nannten ihn eben eine Perſon,— Pierre hält ihn für eine Perſonnage; ich meine, bei ihm muß größ⸗ tentheils der Zufall entſcheiden, ob er ſein Leben hin⸗ durch in der einen oder in der andern Eigenſchaft auf⸗ treten werde. Vetter John hat mir von dieſem Men⸗ ſchen geſagt, daß er willig jede Leiſtung übernehme, die man ihm aufbürden wolle, und demungeachtet keinen Mißgriff darin finden würde, nach dem Thron ſogar in Whitehouſe zu ſtreben.“ „Doch wohl nicht mit der Hoffnung dahin zu ge⸗ langen?“ „Das iſt noch ſehr die Frage. Der Menſch muß freilich manche wichtige Veränderungen mit ſich vor⸗ gehen laſſen und weſentliche Fortſchritte im Denken und Handeln machen, ehe er ſeine Anſprüche an das Leben zu ſolcher Höhe ſteigern darf; aber von dem Augenblickan, wo Sie die Vorrechte erblicher Macht nicht gelten laſſen wollten, würden Sie den Weg zum höchſten Ziel für je⸗ den gebahnt finden, der unter begünſtigenden Umſtänden darnach ſtreben mag. Hat Alexander von Rußland ſich einen heureux accident genannt; ſo würde uns, wenn wenn wir jemals erleben müßten, Mr. Bragg als Prä⸗ ſidenten der Vereinſtaaten zu erblicken, nichts übrig bleiben, als in ihm einen malheureux accident zu erblicken. Ich meine darin liegt der ganze Unterſchied.“ „Ihre republicaniſche Geſinnung, Miß Effingham, iſt ſo unerſchütterlich, daß ich den Verſuch aufgeben muß, Sie mit gemäßigtern Anſichten zu befreunden; zu⸗ mal, da Sie an den beiden Herren Effingham einen ſo ſtarken Rückhalt beſitzen. So viel beide auch an ihrer Heimath zu tadeln finden, hängen ſie doch deſto inniger an ihrer Verfaſſung.“ „Mein Vater, wie mein Vetter, ſehen recht gut ein, daß Vollkommenes nicht erreicht werden kann, und beide tadeln Manches nur, weil ſie es verkehrt und thöricht finden, Fehlerhaftes zu loben. Aber ſie haben auch eine Vorliebe für ihre Heimath, weil ſie durch nähere Bekannt⸗ ſchaft mit andern Ländern ſich überzeugen konnten, daß ungeachtet bei uns vergleichungsweiſe Vieles ſchlimm genug iſt, wir uns doch beſſer befinden, als die meiſten andern Nationen. „Ich kann Sie verſichern,“ ſagte Miß Grace,„daß gar viele von den Anſichten, die Mr John Effingham insbeſondere äußert, nicht durchaus dieſelben find, die daß limm eiſten „daß gham , die — 65— man hier am meiſten vernimmt; er tadelt gar oft, was uns gefällt, und zieht Dinge vor, denen wir hier unſern Beifall verſagen. Daher gilt mein guter Oheim auch dafür, daß er in dieſer Hinſicht ein wenig heterodoxe Meinungen habe.“ „Das finde ich keineswegs ſonderbar,“ entgegnete Evchen gelaſſen.„Mein Vater und mein Oheim haben in Dingen, welche den guten Geſchmack und die höhern Annehmlichkeiten des Lebens betreffen, ſo vieles Beſſeres kennen gelernt, daß wir von ihrer Einſicht mehr erwar⸗ ten können, als daß ſie Dinge lobpreiſen ſollten, von welchen ſie aus Erfahrung wiſſen, daß ſie bloß relativen Werth haben. Wenn Du, liebe Grace, einen Augenblick nachdenken willſt, ſo wirſt Du zugeben, daß die Men⸗ ſchen immer nur das vorziehen, was ihrem Geſchmack am meiſten zuſagt, bis dieſer ſelbſt durch die Bekannt⸗ ſchaft mit vorzüglicheren Dingen ſich ändert und läutert; dann finden ſie erſt Manches widerwärtig, was ihnen früher ganz leidlich vorkam, und ihr Tadel trifft als⸗ dann oft Dinge, die weit erträglicher ſind, als die Ge⸗ genſtände, die an deren Statt ſich anderswo finden, wo ſie weniger zu Hauſe ſind, um das Unangenehme davon ganz zu erkennen. In dieſem Fall ſchätzen die Men⸗ ſchen das Treffliche, was ſie haben, weil das Treffliche gerade ihnen ſelbſt angehört, und ſie tadeln das Schlimme, was ſie haben, eben weil es ihnen ſelbſt, als das Schlimmſte erſcheint, da es ſie ſelbſt zunächſt angeht. Wir huldigen irgend einem Geſchmack, der Natur der Dinge gemäß, ohne irgend Vergleichungen anzuſtellen; denn ſobald ſich uns Mittel darbieten zu Vergleichungen, die uns das Beſſere erkennen laſſen, alsdann hört das früher Vorgezogene auf, ein Gegenſtand unſeres Geſchmacks zu ſein. Aber ebenſo natürlich ſcheint es, möchte ich behaupten, daß wir menſchlicherweiſe tadeln, was uns mißfällt.“ „Eine Republik“ ſagte Miß Grace,„hat für mich etwas Widerwärtiges!“ „La republique est une horreur!“ Miß Grace ſah eine Republik als etwas Widerwär⸗ tiges an, bloß weil für ſie unangenehme Verhältniſſe dar⸗ aus hervorgingen, obſchon ſie weder das Angenehme noch das Unangenehme anderer Verfaſſungen aus eigener Erfah⸗ rung kannte; dagegen nannte Mademoiſelle Vieſville eine Republik une horreur, weil in ihrem Vaterlande, während deſſen früheren Kämpfen für die Freiheit unſchul⸗ dige Opfer unter dem Richtbeil fielen, und Geſetzloſigkeit vorherrſchend geweſen war. Evchen hatte ſelten mit mehr Verſtand und Gelaſſenheit geſprochen, als eben jetzt, während ſie die erwähnten Anſichten äußerte; aber Sir George Templemore blieb doch im Zweifel über die vollendete Bildung und die Zahrtheit ihres Weſens, welche er früher ſo oft bewundert hatte; als dagegen Miß Grace in jenen plötzlichen und unüberlegten Ausruf ausbrach, da verweilte er mit Vergnügen auf ihren ein⸗ nehmenden und lebhaft aufgeregten Zügen, und wenigſtens emäß, d ſich zeſſere ogene Aber „daß mich rwär⸗ e dar⸗ e noch Erfah⸗ eſville lande, nſchul⸗ ſigkeit n mit eben aber ber die Jeſens, agegen Ausruf n ein⸗ igſtens — 65— in dieſem Augenblicke dünkte ſie ihm die liebenswürdigſte von beiden. Für Evchen ſtand noch die Erfahrung bevor, daß ſie in ihrer Heimath in die unduldſamſte Geſellſchaft gerathen ſei, ſofern geſellige Unterhaltung zunächſt der Zweck iſt, und in näherer Beziehung auf die freie Aeußerung von Anſichten, welche in der ganzen chriſtlichen Welt unter dem Namen liberaler Meinungen geduldet werden. Damit ſoll nicht behauptet werden, daß wohlwollende Aeußerungen über die gerechten Anſprüche aller Men⸗ ſchen auf Gleichheit vor den Geſetzen zu wagen, in Ame⸗ rika bedenklicher ſei, als in irgend einem andern Lande; denn die Geſetze und Einrichtungen unſeres Vaterlandes ſuchen dieſe Ideen überall zu verwirklichen; vielmehr ſoll damit nur angedeutet werden, wie hier der Widerſtand der gebildetern Stände gegen die Anmaßungen der Un⸗ gebildeten ein Gefühl von Unbehaglichkeit bervorbringt, — ein Gefühl von Verſtimmtheit, das ſelten gerecht und niemals mit ruhiger Mäßigung ſich äußert,— wel⸗ ches daher einen ſtillen aber einſtimmigen Widerwillen gegen manche aus der Verfaſſung hervorgehende Fol⸗ gen für das geſellige Leben hervorbringt, vorzüglich in unſerm ſogenannten Weltleben. In Europa äußert nicht leicht Jemand irgend eine Meinung, die gegen die Gleichheit der geſelligen Anſprüche aller Menſchen verſtößt, ſelbſt nicht unter Umſtänden, wo ſolches ganz am Orte ſein würde, ohne eines faſt allgemeinen Beifalls der 127.— 129. 5 — 66— Hörer verſichert zu ſein. In dem geſelligen Kreiſe aber, in welchen Eochen jetzt hineingerieth, hielt man es viel⸗ mehr für einen Verſtoß gegen alles Schicklichkeitsgefühl, auch nur im Geringſten auf die Gleichheit der Anſprü⸗ che aller Menſchen anzuſpielen, oder dem großen Hau⸗ fen überhaupt Rechte einzuräumen. Wir wünſchen nicht mißverſtanden zu werden, als ſagten wir irgend mehr, als wir wirklich meinen. Denn wir zweifeln gar nicht, daß eine große Anzahl der Andersdenkenden aus Un⸗ kunde, Mangel an Nachdenken, oder aus dem ganz na⸗ türlichen, von unſrer Heldin erwähnten Grunde, nicht anders urtheilen können; und deßhalb wünſchen wir ſo verſtanden zu werden, daß jene Abneigung gegen das Zugeſtändniß gleicher Rechte eine allgemeine äußere Er⸗ ſcheinung iſt, die jedem Fremden in amerikaniſchen Ge⸗ ſellſchaften ſogleich auffällt, und ebenſo jedem Eingebor⸗ nen, der nach längerm Verweilen in anderen Ländern wie⸗ der zurückkehrt, wunderlich vorkommen muß. Wie wenig richtiges Gefühl, oder ruhige Ueberlegung und beſcheidnes Benehmen ſolche Aeußerungen verrathen, davon wollen wir jetzt nicht reden; wir begnügen uns mit der Bemer⸗ kung, daß Miß Grace's Ausrufung auf Evchen einen ver⸗ ſtimmenden Eindruck machte, und daß ſie, ganz verſchie⸗ den von des Baronet's Urtheil, der Meinung war, ihre Couſine ſei nie weniger ſchön und einnehmend geweſen, als eben jetzt, wo ihre lieblichen Züge durch das unbehag⸗ liche Gefühl, das plötzlich in ihr aufſtieg, entſtellt wurden. er, el⸗ thl, rü⸗ au⸗ icht ehr, icht, Un⸗ na⸗ nicht r ſo das Er⸗ Ge⸗ ebor⸗ wie⸗ venig idnes dollen emer⸗ ver⸗ rſchie⸗ „ihre veſen, behag⸗ urden. = 67 Sir George Templemore errieth mit dem ihm eignen geſelligen Tact ſogleich, daß in den Empfindungen der beiden jungen Mädchen irgend Etwas ſtörend einwirke, und gab daher dem Geſpräch eine andere Wendung. Mit Evchen war er freilich in Anſehung kleinſtädtiſcher Anſichten ziemlich im Reinen, und ohne ſogleich zu über⸗ legen, welche Haltung Miß Grace bei ſolchen Gelegen⸗ heiten beobachten würde, machte er das geſellige Leben überhaupt, wie es ſich in New Jork geſtaltet, etwas un⸗ paſſend zum Gegenſtand der Unterhaltung. „Ich möchte doch gar gern wiſſen,“ ſagte er,„ob Sie hier ähnliche gewählte Geſellſchaften haben, wie wir ſolche in London und Paris gewohnt ſind? Gibt es bei Ihnen eine Art Fanbourg Saint-Germain, oder Chaussée d'Antin; eine Art Piccadilly, Grosvenor⸗ und Ruſſel⸗Square?“ „Wegen der Beantwortung dieſer Fragen muß ich Sie an Miß van Courtlandt verweiſen,“ ſagte Evchen. Miß Grace ſah erröthend auf; denn für ſie war es eine ungewohnte und zugleich reizvolle Lage, einem ge⸗ bildeten Fremden auf Fragen der Art antworten zu können. „Ich weiß nicht ob ich Ihre Meinung ganz richtig aufgefaßt habe,“ ſagte ſie,„und ich beſorge beinah, Sir George Templemore wünſcht zu wiſſen, ob wir Aus⸗ zeichnungen in unſern geſelligen Cirkeln geſtatten?“ 3* „Warum macht Sie dieſes beſorgt, Miß van Court⸗ landt?“ „Weil eine ſolche Frage einen Zweifel über unſere Fortſchritte in der Civiliſation vorauszuſetzen ſcheint.“ „Es gibt in unſern Geſellſchaften,“ bemerkte Evchen, „öfter weit mehr Auszeichnungen als wirkliche Unter⸗ ſchiede. Selbſt London und Paris können von dieſem Vorwurf nicht freigeſpochen werden. Wenn ich indeſſen Sir George Templemore recht verſtehe, ſo ſcheint er mir die höhern Stände in beſondern Straßen und aus⸗ gezeichnetem Rang an einzelnen großen Plätzen zu ſuchen⸗“ „Nicht grade das meine ich, Miß Effingham; ſon⸗ dern, ob hier unter den allgemein zu den höhern Stän⸗ den gezählten Herren und Damen ähnliche feinere Un⸗ terſchiede gemacht werden, wie an andern Orten?“ Ob Sie hier ebenfalls ſogenannte„excluſive“ und„ele⸗ gante“ Geſellſchaften haben, oder ob bei Ihnen alle auf derſelben Linie ausgezeichneter geſelliger Anſprüche ſtehen?“ „Les femmes américaines sont bien jolies!“ warf Mademoiſelle Viefville ein. „Es iſt kaum möglich, daß in einer Stadt von drei⸗ hunderttauſend Seelen ſich keine coôteries bilden ſollten.“ „Auch das meine ich nicht. Aber gibt es keine Aus⸗ zeichnungen unter dieſen Coterien? Steht nicht eine hö⸗ her als die andere in der öffentlichen Anſicht, ſei es ourt⸗ nſere nt.“ ychen, Inter⸗ dieſem deſſen nt er aus⸗ en zu ſon⸗ Stän⸗ ke Un⸗ ten?“ „ele⸗ n alle prüche warf n drei⸗ llten.“ e Aus⸗ ne hö⸗ ſei es — 69— durch ſtillſchweigende Anerkennung, ſei es durch feſtge⸗ geſetzte Normen?“—* „Gewiß kennen wir ſolche Unterſcheidungen, worauf Sir George Templemore anſpielt,“ ſagte Miß Grace, welche mehr Muth gewann, ſobald der Gegenſtand des Geſprächs für ſie weit verſtändlicher zu werden anfing. „Alle ältere Familien, zum Beiſpiel, halten weit mehr zuſammen, als die übrigen; nur iſt zu beklagen, daß ſie ſich nicht noch mehr abſondern, als ſie wirklich thun.“ „Die ältern Familien!“ rief Sir George Temple⸗ more mit ſo viel Betonung als ein Mann von feiner Bildung möglicherweiſe auf ſeine Worte legen durfte. „Die ältern Familien,“ wiederholte Evchen mit al⸗ lem dem Nachdruck, den der Baronet ſelbſt ſich nicht hätte erlauben mögen,—„wenigſtens ſo alt, als zwei Jahrhunderte ſie machen können; und überdieß von weit darüber hinausreichender Abſtammung, wie bei allen übrigen Menſchen. In der That können die Amerika⸗ ner weit glorreicherer Abkunft ſich rühmen; ſofern ihre Stammbäume nicht bloß in der Heimath ſich ausbreiten, ſondern auch in Europa wurzeln.“ „Ich bitte Sie, meine Worte nicht mißzuverſtehen, Miß Effingham; ich bin vollkommen darin einverſtan⸗ den, daß die Verhältniſſe Ihres Landes in dieſer Rück⸗ ſicht den Verhältniſſen aller civiliſirten Länder gleich⸗ ſtehen; nur das ſetzt mich in Verwunderung, daß es in einem Freiſtaate überhaupt eine Benennung, wie die der „alten Familien“, geben könne.“ „Weunn ich es ſagen darf, ſo wundern Sie ſich wohl nur deßhalb, weil Sie im Augenblicke die wahren Zu⸗ ſtände unſeres Landes überſahen, Es gibt ja überall zwei vorwaltende Gründe für Auszeichnungen: zufäl⸗ lige Glücksumſtände und wirkliche Verdienſte. Wenn alſo eine amerikaniſche Familie in ihrem beſondern ge⸗ ſelligen Kreiſe durch die eine oder die andere dieſer Ur⸗ ſachen mehre Geſchlechtsfolgen zhindurch einiges Anſehn behauptet, warum ſollte ſie nicht ähnlichen Anſpruch auf den Namen einer alten Familie bewahren, wie eine eu⸗ ropäiſche Familie unter gleichartigen Umſtänden? Die Geſchichte eines Freiſtaats hat eben ſo wohl ihre hiſto⸗ riſch merkwürdigen Perſonen, als die Geſchichte eines monarchiſchen Staats, und ein hiſtoriſcher Namen hat, wie mich dünkt, gleiche Anſprüche auf Auszeichnung in dieſem wie in jenem. Sie werden dieſes in Ihren europäiſchen Freiſtaaten gewiß zugeben, und folglich auch in unſerm Lande daſſelbe gelten laſſen.“ „Ich möchte Sie wirklich um einige erläuternde Bei⸗ ſpiele erſuchen; denn, wenn wir die Zurechtweiſung, die in dieſer Bemerkung liegt, ohne factiſche Begrün⸗ dung gelten laſſen, Mademoiſelle Vieſville, dann haben wir unſre Niederlage nur unſerer eignen Nachläſſigkeit zuzuſchreiben.“ der wohl Zu⸗ derall ufäl⸗ Venn ge⸗ r Ur⸗ nſehn ) auf e eu⸗ Die hiſto⸗ eines n hat, bnung Ihren olglich ſe Bei⸗ eiſung, egrün⸗ haben ſſigkeit „(C'est une belle illustration, celle du l'antiquité!“ bemerkte die Gouvernante leicht hin. „Wenn Sie auf beweiſende Beiſpiele beſtehen, welche Entgegnung bleibt Ihnen dann auf das:„Capponi, sonnez-vos trompettes, et je vais faire sonner mes cloches,“ oder auf die„Von Erlachs,“ eine Familie welche fünf Jahrhunderte lang an der Spitze des Wider⸗ ſtandes gegen innere Unterdrücker und äußere Feinde ſich befand?“ „Alles das iſt durchaus wahr,“ erwiederte Sir George,„und doch muß ich geſtehen, daß dieſes keines⸗ wegs der Geſichtspunct iſt, aus dem wir gewohnt ſind, die geſelligen Zuſtände Amerika's zu betrachten.“ „Demungeachtet dürfte eine Abſtammung von Wa⸗ ſhington, verbunden mit ausgezeichneter Perſönlichkeit und achtunggebietender ſocialer Stellung ebenſowenig gering geachtet werden.“ „Wahrhaftig, wenn Sie mir ſo arg zuſetzen, dann bin ich genöthigt, Miß von Courtland um ihren Beiſtand zu bitten.“ „In dieſer Beziehung dürfen Sie von dieſer Seite keinen Beiſtand erwarten; Miß van Courtlandt hat ſelbſt einen hiſtoriſchen Namen, und in verzeihlichem Selbſt⸗ gefühl möchte ſie wenig geneigt ſein, einen feindlichen Angreifer aus einer augenblicklichen Verlegenheit zu ziehen.“ „Wenn ich auch einräumen muß, daß langjähriger und bewährter Ruf in gewiſſer Hinſicht amerikaniſche 7 Familien in dieſelben Verhältniſſe von Auszeichnung ver⸗ ſetzen müſſen, als dieſes bei alten europäiſchen Familien ſtattfindet; ſo ſehe ich doch nicht ein, wie es mit den Inſtitutionen Ihres Landes ſich verträgt, gleichen Werth auf ſolche Umſtände zu legen.“ „Darin bin ich mit Ihnen völlig gleicher Meinung; denn ich denke, ein Amerikaner hat jedenfalls die beſte Urſache auf ſeine Familie ſtolz zu ſein,“ ſagte Evchen ganz gelaſſen. „Sie ſcheinen heute an gewagten Behauptungen Ge⸗ fallen zu finden, Miß Effingham; ich halte mich beinah überzeugt, daß es Ihnen ſchwer werden würde, Ihren eben ausgeſprochenen Satz genügend zu vertheidigen.“ „Wäre mein alter Alliirter, Mr. Powis, bei uns,“ ſagte Evchen, indem ihr niedlicher Fuß ohne ihr Wiſſen die Heerdplatte berührte, und die Lebhaftigkeit und Scherz⸗ haftigkeit ihrer Aeußerungen merklich in ſanftere, ja faſt trübere Betonung überging,—„dann würde ich ihn bitten, dieſen Gegenſtand mit Ihnen durchzukämpfen, denn er wußte immer die rechte Antwort in ſolchen Fäl⸗ len zu finden. Da er uns fehlt, ſo muß ich verſuchen, was meine ſchwache Kraft vermag. In Europa ſind Amt, Macht und folglich auch Anſehen, durchaus erblich, in dieſem Lande ſind ſie es nicht, ſondern hier hängt ſolches von der Wahl der Bürger ab. Folglich haben wir doch wohl weit mehr Urſache hier auf unſere Vor⸗ fahren ſtolz zu ſein, die gewählt worden ſind, um ver⸗ — 73— antwortliche Stellen im Staat einzunehmen, als wir es auf ſolche ſein können, die ſolche Stellen bloß vermöge zufälliger Umſtände einnahmen, heureux ou malheureux, oder bloß vermöge ihrer Geburt. Der einzige Unter⸗ ſchied zwiſchen England und Amerika beſteht in Bezie⸗ hung auf angeſehene Familien darin, daß bei Ihnen ein poſitiver Rang denen zugeſtanden wird, welchen wir bloß größere äußere Achtung zugeſtehen. Innerer Werth liegt unſerem Adel zu Grunde, dem Ihrigen das große Staatsſiegel Sofern Sie alſo wohl zugeben werden, daß es unsfactiſch an alten Familien nicht fehlen könne, dürfen wir wohl auf den Punct zurückkehren, von dem wir ausgingen und die Frage unterſuchen, wie weit ſich der Einfluß dieſer Familien auf den täglichen geſelligen Verkehr erſtreckt.“ „Und mit dieſer Frage müßten wir uns alſo an Miß van Courtlandt wenden.“ „Wenn ich meine Meinung ſagen darf,“ erwiederte Grace mit Lebhaftigkeit,„ich glaube, der Einfluß der alten Familien iſt bei uns weit geringer, als er ſein ſollte. Die außerordentliche Menge zuſtrömender Fremden hat Alles verkehrt, was andere Verhältniſſe ganz anders ge⸗ ſtaltet haben würden.“ „Doch möchte ich Dir den Einwurf machen,“ ſagte Evchen,„daß dieſe Fremden gleichwohl Gutes bei uns gewirkt haben. Ohne Zweifel haben viele derſelben in ihrem Vaterlande ſich in achtungeinflößender Stellung befunden, und mit Recht können wir ſolche als einen erwünſchten Zuwachs in einem geſelligen Verkehr be⸗ trachten, der ſeiner Natur nach einigermaßen nur ein⸗ 4 ſeitige und provincielle Bildung haben kann.“ „Nicht doch,“ rief Miß Grace,„die Hadſhis kann 5 ich durchaus nicht leiden!“ den „Die— höre ich recht?“ frug Sir George verwun⸗ den dert;„Erlauben Sie mir, daß ich Sie um nähere Er⸗ läuterung bitte, Miß van Courtlandt?“. „Die Hadſhis,“ erwiederte Miß Grace lachend, 36 doch bis zu den Augen erröthend. Hei Der Baronet ſah von der einen Couſine zur andern, 3 und dann wandte er ſich mit fragendem Blick an Ma⸗ bur demoiſelle Viefville. Dieſe machte eine leiſe Bewegung, 3 die ihr Unvermögen, ſeine Frage zu beantworten, be⸗ den zeugte, und ſchien die Erläuterung des unverſtändlichen Ausdrucks von der jungen Dame ſelbſt zu erwarten. ler: „Ein Hadſhi gehört in eine Claſſe, Sir George lei Templemore,“ ſagte Evchen endlich,„zu der ſowohl Sie als ich die Ehre haben, ebenfalls zu gehören.“ „Nein, Sir George Templemore auf keinen Fall,“ Har fiel Miß Grace ein, mit einer Lebendigkeit, welche ſie die ſogleich wieder bereuete;„denn er iſt kein Amerikaner.“ „So habe ich allein von allen Anweſenden dieſen Vorzug. Der Name deutet auf eine Pilgerfahrt nach tur Paris, anſtatt nach Mecca; und der Pilgrim muß ein wei Amerikaner ſein, anſtatt eines Mahomedaners.“ kön 3 einen ihr be⸗ ur ein⸗ s kann erwun⸗ ere Er⸗ lachend, andern, in Ma⸗ vegung, en, be⸗ ndlichen tten. George ſowohl n.“ Fall,“ elche ſie eikaner.“ n dieſen hrt nach muß ein 4 — 73— „Wahrhaftig Evchen, auch Du gehörſt eben ſowenig zu den eigentlichen Hadſhis.“ „Dann muß es eine ganz beſondere Berechtigung zu dieſem Namen geben, die mir noch völlig unbekannt iſt; löſe alſo lieber unſere Zweifel, Grace, und laß uns den ſpecifiſchen Character des merkwürdigen Geſchöpfs kennen lernen.“ „Du warſt zu lange Zeit in Paris, um Hadſhi zu heißen,— es bedarf dazu gleichſam bloß einer Ein⸗ impfung, nicht der wirklichen Anſteckung und erfolgten Heilung, um wirklich Hadſhi zu heißen.“ „Ich bin Dir für dieſe nähere Beſchreibung ſehr ver⸗ bunden,“ erwiederte Evchen in ihrer ruhigen Weiſe. „Ich hoffe, daß ich nach völlig überſtandener Krankheit keine Narbe zurückbehalten habe.“ „Ich möchte wohl einige von dieſen Hadſhis kennen lernen,“ rief Sir George aus.„Gibt es deren beider⸗ lei Geſchlechts?“ Miß Grace lachte und nickte bejahend. „Wollten Sie wohl die Gefälligkeit haben, mir einen Hadfhi zu zeigen, wenn wir das Glück haben ſollten, dieſen Abend einem ſolchen zu begegnen.“ Miß Grace lächelte wiederholt und nickte wie vorher. „Mir iſt eingefallen, Grace,“ ſagte Evchen nach einer kurzen Pauſe,„daß wir Sir George Templemore eine weit deutlichere Vorſtellung von den Geſellſchaften geben können, deren Ton er ſo begierig kennen zu lernen — 76— wünſcht, wenn wir thun, was nicht mehr als unſere Pflicht iſt, und ihn heute mitnehmen. Mrs. Hawker nimmt heute ohne Umſtände Beſuche an; an Mrs. Jarvis haben wir noch nichts zurückſagen laſſen, und wir können daher wohl ein halbes Stündchen bei ihr vorfahren, und alsdann könnten wir doch noch zeitig genug auf dem Ball der Mrs. Houſton erſcheinen.“ „Es wird doch wohl Dein Ernſt nicht ſein, Evchen, in eine Geſellſchaft, wie die der Mrs. Jarvis iſt, Sir George Templemore einzuführen?“ „Ich ſelbſt wünſche keineswegs, Sir George Temple⸗ more irgendwo einzuführen, denn die Hadſhis haben ihre beſonderen Anſichten bei ſolchen Dingen; doch be⸗ gleitet uns ja Vetter John, und dieſer wird ihm wohl dieſe wichtige Gefälligkeit nicht verſagen. Ich möchte wohl ſagen, daß Mrs. Jarvis ſolches nicht als eine zu große herausgenommene Freiheit anſehen wird.“ „Dafür will ich ebenfalls bürgen, daß nichts, was Mr. John Effingham ſich erlauben darf, von Mrs. Ja⸗ red Jarvis als etwas Ungehöriges betrachtet werden wird. Seine Stellung in der Geſelſſchaft iſt zu feſt be⸗ gründet und die ihrige noch viel zu ſchwankend, als daß darüber der geringſte Zweifel obwalten könnte.“ „Hiermit, wie Sie ſehen, werden auch Ihre Zweifel über das Beſtehen von Coterieen bei uns völlig beſeitigt,“ fuhr Evchen, gegen den Baronet gewendet, fort.„Es laſſen ſich dicke Bücher ſchreiben, um durchgreifende Grund⸗ unſere Hawker Jarvis können ffahren, ug auf Evchen, ſt 1 Sir Temple⸗ haben och be⸗ n wohl möchte eine zu „ was s. Ja⸗ werden feſt be⸗ als daß Zweifel eitigt,“ „Es Grund⸗ — 77˙— ſätze aufzuſtellen, wo es aber Leute gibt, die alles thun können, was ihnen gutdünkt, in welcher Geſellſchaft es auch ſei, da läßt ſich ohne Bedenken annehmen, daß ſolche zu den Bevorrechteten gehören.“ „Das iſt Alles ganz wahr, ſofern es factiſch nicht bezweifelt werden kann, Miß Effingham, doch wäre ich außerordentlich begierig, die Gründe davon zu erfahren“ „Dergleichen Dinge werden öfter ohne alle triftigen Gründe abgemacht. Sie fordern wirklich etwas zuviel, wenn Sie in New⸗NYork bei allen Dingen nach Grün⸗ den fragen, da doch dieſelben Dinge in London auch ge⸗ ſchehen, ohne daß wir uns um deren Gründe bekümmern. Es iſt hinreichend, daß Mrs. Jarvis erfreut ſein wird, Ihren Beſuch zu empfangen, ohne Sie eingeladen zu haben, und daß Mrs. Houſton es ſonderbar finden würde, wenn Sie bei ihr ſich dieſelbe Freiheit nähmen.“ „Daraus dürfte folgen,“ ſagte Sir George lächelnd, „daß Mrs. Jaxvis von den beiden Damen die am mei⸗ ſten gaſtfreundliche Geſinnung hegt.“ „Aber, Evchen, was machen wir unterdeſſen mit Ca⸗ pitain Truck und Mr Bragg?“— frug Grace;—„dieſe können wir doch nicht bei Mrs. Hawker einführen.“ „Ariſtobulus freilich würde in einem ſolchen Hauſe einigermaßen nicht an ſeiner Stelle ſein, allein der treff⸗ liche, redliche, grade alte Capitain iſt würdig in jeder guten Geſellſchaft zu erſcheinen. Ich ſelbſt werde mir ein Vergnügen daraus machen, ihn der Mrs. Hawker vorzuſtellen.“ Nach kurzer gegenſeitiger Berathung machten beide Damen mit einander aus, daß von den erſten beiden Beſuchen Mr. Bragg nichts erfahren, dagegen Mr. Ef⸗ fingham gebeten werden ſolle, zu gelegener Stunde mit ihm auf dem Ball erſcheinen; vorher aber wollten die übrigen ſich in der Stille an beide erſtere Orte hinbe⸗ geben, ohne von ihrem Vorhaben das geringſte merken zu laſſen. Sobald dieſes abgemacht war, zogen ſich die Damen in ihre Zimmer zurück, um ſich umzukleiden, und Sir George Templemore vertrieb ſich unterdeſſen die Zeit im Bücherſaale mit dem Durchblättern eines Buchs, worin ihn der Eintritt John Effingham's bald unter⸗ brach. Er fand ſomit gleich wieder Gelegenheit, das Geſpräch über die Auszeichnungen im geſelligen Leben wieder aufzunehmen und dabei dieſelbe Begriffverwir⸗ rung an den Tag zu legen, welche die Urtheile der Eu⸗ ropäer bezeichnet, ſobald die geſelligen Verhältniſſe Ame⸗ rikas irgend zur Sprache kommen. N dem wiede die a daß als i gende oder gerad Sorg ten d müſſe Baro weit als i mänt 8 geno glan, wker beide eiden Ef⸗ mit - die inbe⸗ erken h die und die uchs, nter⸗ das Leben rwir⸗ Eu⸗ Ame⸗ Niertes Kapikel. „Hier bin ich.“ „Ich auch.“ „Ich auch.“ „Wohin gehen wir?“ Sommernachtstraum. Miß Grace van Courtlandt war die erſte, die nach dem Verſchwinden der Damen aus dem Beſuchzimmer wieder erſchien. Man hat öfter behauptet, ſo hübſch auch die amerikaniſchen Frauen anerkanntermaßen ſein mögen, daß ſie ſich doch weit beſſer en demi-toilette ausnehmen, als im Ballanzuge. Von dem, was in andern Weltge⸗ genden Gallakleidung genannt wird, haben ſie wenig oder gar keine Vorſtellung; aber die europäiſche Sitte geradezu umkehrend, wo die Verheiratheten die äußerſte Sorgfalt auf ihren Putz verwenden, die Unverheirathe⸗ ten dagegen ſich der ſtrengſten Einfachheit befleißigen müſſen, erſchien Miß Grace den prüfenden Blicken des Baronets hinreichend geſchmückt, während er dennoch weit weniger Ueberladung an ihr zu bemerken glaubte, als ihm im allgemeinen ſolches an ihren jungen Lands⸗ männinnen auffiel. Hinreichende Fülle, um ſie unter ihren jetzigen Haus⸗ genoſſinnen bemerklich zu machen, ein zarter Teint, glanzvolle Augen, ſanftlächelnde Züge, reicher Haar⸗ — 80.— wuchs, und Händchen und Füßchen von der Art, wie er Sir George Templemore,— er wußte ſelbſt nicht aus al welchem Grunde,— ſich einbildete, daß nur Töchter der höchſten Stände ſolche haben könnten, machten Grace dieſen Abend ſo reizend, daß ſie dem jungen Baronet du allmählich ſogar weit ſchöner dünkte als ihre Couſine. de Dabei lag in der ungekünſtelten Einfachheit der Miß un Grace ſo viel Anziehendes, welches einem an das kalte wo und förmliche Benehmen der höhern geſelligen Cirkel in Gr England gewöhnten jungen Mann vorzüglich bezaubern ſch mußte. Dazu erhob Grace's Einfachheit ein zartſinniges un anſpruchloſes Benehmen; denn die Selbſtgenügſamkeit ſtin der neueſten Mode⸗Erziehung hatte weder entadelnd auf 1n ihr treffliches Inneres noch verzerrend auf ihre äußere Zei Erſcheinung eingewirkt. An ächt feiner weiblicher Bil⸗ um dung ſtand ſie zwar Evchen nach, weshalb vielleicht Sir mir George Templemore ſie weit natürlicher fand; doch deſt verrieth ihr Betragen weder Mangel an Weiblichkeit und Anmuth, noch würde Miß van Courtlandt unter Um⸗ nah ſtänden irgend einer Art für ein gewöhnliches oder all⸗ des tägliches Mädchen haben gelten können, nach welchen und 1 launenhaften und willkührlichen Modeanſichten man ihr Cou Benehmen auch hätte muſtern mögen. Hierin ſchien ihr eim die Natur hülfreich geweſen zu ſein; denn wenn ihre ihre Bildung ſie auch nicht über den Vorwurf des Gewöhn⸗ der lichen erheben konnte, ſo würde doch Niemanden eingefallen muß ſein, ſie tiefer zu ſtellen; ſelbſt dann nicht, wenn ſie in t, wie ht aus ter der Grace haronet ouſine. r Miß s kalte rkel in aubern inniges ſamkeit nd auf äußere er Bil⸗ cht Sir ; doch eit und r Um⸗ der all⸗ vwelchen an ihr ien ihr in ihre ewöhn⸗ gefallen ſie in 81— einer weniger günſtigen Lebenslage ſich befunden hätte, als es wirklich der Fall war. Es iſt eine bekannte Erfahrung, daß, wenn auch durch Erziehung eine hinreichende Gleichförmigkeit in der Entwickelung unſerer Neigungen bezweckt wird, um uns vor den Folgen heftiger Eindrücke im Leben zu be⸗ wahren, welche oftmals die Feſtigkeit unſerer beſſern Grundſätze bedrohen, demungeachtet diejenigen Men⸗ ſchen den meiſten Einfluß auf uns ausüben, deren Denk⸗ und Sinnesart am wenigſten mit der unſrigen überein⸗ ſtimmt. Das mochte wohl eine der Urſachen ſein, wa⸗ rum Sir George Templemore, da er ſchon ſeit längerer Zeit ſich von der Hoffnungsloſigkeit ſeiner Bewerbung um Evchens Neigung überzeugt hatte, ſich ihrer kaum minder liebenswürdigen Couſine mit neu erwachter und deſto lebhafterer Neigung zuwandte. Evchens natürlicher Scharfblick und ihre innige Theil⸗ nahme an Grace's Glück hatte dieſe Veränderung in des jungen Baronets Neigung längſt wahrgenommen, und ſo aufrichtig ſie ſich auch über dieſe Eroberung ihrer Couſine freuete, ſo machte ihr dieſes Verhältniß doch einige Sorge; denn ſie fühlte weit inniger, als eine ihrer Landsmänninnen es hätte ahnen können, wie ſehr der innere Friede einer Amerikanerin geſtört werden muß, ſobald ſie ſich in die künſtlicheren Umgebungen der alten Welt verſetzt ſieht. 127.— 129. „Ich will mich ganz vorzüglich auf Ihre Güte ver⸗ laſſen, Miß van Courtlandt, bei Mrs. Jarvis und Mrs. Hawker die Freiheit, die ich mir heute nehme, zu ent⸗ ſchuldigen,“ rief Sir George, als Grace in dem Glanz ihrer Schönheit, die durch den gefälligen Anzug noch mehr gehoben wurde, auf einmal im Bücherſaale vor ihm ſtand;„wirklich müßten beide Damen äußerſt kalt und lieblos ſein, wenn ſie einer ſolchen Vermittlerin widerſtehen könnten.“ Eine ſolche Schmeichelei war für Grace etwas Un⸗ gewohntes, denn obgleich der Baronet ſeine Worte mun⸗ ter und faſt ſcherzhaft betonte, ſo leuchtete gleichwohl zu viel Aufrichtigkeit in ſeinen bewundernden Blicken, als daß ſie dem weiblichen Scharfblick hätte entgehen Sie erröthete über und über; doch auf der ſie mit einer Natür⸗ t namenloſem Ent⸗ können. Stelle ſich wieder ſammelnd, ſagte lichkeit, welche ihren Bewunderer mi zücken erfüllte. „Ich ſehe nicht ein, warum Miß Effingham und ich einiges Bedenken haben ſollten, Sie bei der Einen oder der Andern einzuführen. Mrs. Hawker iſt mit uns nahe verwandt und innig befreundet,— wenigſtens mit mir, — und die gute Mrs. Jarvis iſt die Tochter eines Nach⸗ bars, ſie wird ſich freuen, unſern Beſuch zu empfangen, und nicht die geringſte Einwendung machen. Ich meine, Jeder wird ihr willkommen ſein, der von einem gewiſ⸗ ſen”“— Sie ſchwieg und lächelte verlegen. ——„ S, e ver⸗„Jeder— aus einem gewiſſen— 2“ wiederholte Mrs. Sir George in fragendem Ton. 4„Jeder aus dieſem Hauſe,“ fuhr die junge Dame 6. fort, ihren früheren Ausdruck verbeſſernd,„wird in Spring⸗ Glanz ſtreet willkommen ſein.“ 1„Reine, angeborne ariſtokratiſche Geſeinnung!“ rief ſt kalt der Baronet aus mit triumphirender Miene.„Sie ſe⸗ ttlerin hen, Mr. John Effingham, hierin einen Beweis für meine Behauptung?“ 8„Ich kann Ihnen nur beipflichten,“ erwiederte der 3 Un⸗ Angeredete,—„ſo viel angeborne ariſtokratiſche Geſin⸗ chaht nun⸗ als Ihnen gefällig iſt; aber durchaus keine erb⸗ iche.“ licken, Evchen und Mademoiſelle Viefville traten herein und aigehen unterbrachen dieſen Scherz, und weil ihnen eben gemeldet juf der wurde, daß die Kutſchen bereit ſeien, entfernte ſich John mei Effingham ſchnell, um Capitain Truck aufzuſuchen, der ſich bei Mr. Effingham und Mr. Ariſtobulus im Vor⸗ zimmer befand. und ich„Vetter Eduard iſt noch ganz in Grundſtreitigkeiten hen oder und Pachtrückſtänden mit ſeinem Gutsverwalter vertieft,“ ns nahe ſagte John Effingham, indem er Evchen bis zur Haus⸗ nit mir, thüre geleitete.„Bis zehn Uhr werden beide hoffentlich es Nach⸗ über eine tüchtige Koſten⸗ und Gebührenberechnung mit bfunaee einander einig werden können!“ d unwi Mademoiſelle Vieſville folgte John Effingham, und darauf kam Grace, und Sir George Templemore mit dem Capitain bildeten den Nachtrab. Miß Grace wun⸗ derte ſich, daß der junge Baronet ihr nicht den Arm an⸗ bot, weil ſie an ſolche Aufmerkſamkeit des andern Ge⸗ ſchlechts gewöhnt war, obſchon ſolche Artigkeiten bei hun⸗ derten Fällen eher läſtig werden als angenehm ſein kön⸗ nen; Sir George würde aber nicht gewagt haben, ſich ihr auf ſolche Weiſe dienſtfertig zu zeigen, weil er be⸗ ſorgt hätte, durch angemaßte Vertraulichkeit zu mißfallen. Da Miß van Courtlandt häufig Beſuche machte, ſo hatte ſie ihre eigne Kutſche, und in dieſer nahmen die drei Damen Platz, während die Herren ſich in Mr. Ef⸗ fingham's Wagen ſetzten. Die Kutſcher wurden angewie⸗ ſen nach Springſtreet zu fahren, wo ſie bald daranf an⸗ langten. Die Bekanntſchaft zwiſchen den Effinghams und Mrs. Jarvis rührte von ihrer nahen und in gewiſſem Sinn geſelligen Nachbarſchaft auf dem Lande her. Ihre Ver⸗ hältniſſe in der Stadt waren aber ſo ungleicher Art, als ob beide Häuſer ſich in zwei verſchiedenen Weltthei⸗ len befunden hätten. Sie ſahen einander höchſtens bei einem gelegentlichen Morgenbeſuch, und dann und wann bei einem Familien⸗Diner, welches Mr. Effingham gab⸗ Von dieſer Art waren die gegenſeitigen Berührungen, ehe noch die Familie des Letztern ſich auf Reiſen befand, und es ſchien, als ob dieſelben freundnachbarlichen Ver⸗ hältniſſe auf ähnliche Weiſe wieder angeknüpft werden ſollten. vun⸗ an⸗ Ge⸗ hun⸗ kön⸗ ſich cbe⸗ allen. 2, ſo n die . Ef⸗ ewie⸗ af an⸗ Mrs. Sinn Ver⸗ 1 Art, eltthei⸗ ns bei wann n gab. ungen, befand, en Ver⸗ werden — 83— Kaum konnte es zwei einander in Denkart verſchie⸗ denere Weſen geben als Mr. Jarvis und ſeine Frau. Erſterer war ein einfacher, betriebſamer, einſichtvoller Geſchäftsmann; während letztere eine unbezwingbare Begierde hatte, in der vornehmen Welt eine glänzende Rolle zu ſpielen. Er ſah ſeinerſeits recht gut ein, daß Mr. Effingham durch Erziehung, Lebensgewöhnung, Ver⸗ hältniſſe und Umgang einem von dem ſeinigen völlig verſchiedenen Kreiſe angehöre; ohne ſich damit zu befaſ⸗ ſen, worin wohl der Grund dieſer verſchiednen geſelligen Stellung liege; und ohne Neid und Verdruß darüber zu empfinden, blieb er gleichweit entfernt von unwürdiger Augendienerei wie von unmännlichem Trotz; er ließ die Dinge gehen wie ſie wollten und konnten. Seine Gattin dagegen zeigte ſich nicht ſelten höchlich verwun⸗ dert, daß ſich irgend Jemand in New Jork anmaßen könne, ſich beſſer zu dünken als ſie; und eine Bemer⸗ kung der Art war es, welche folgendes Geſpräch am Morgen deſſelben Tages veranlaßte, an welchem Mrs. Jarvis die Abendgeſellſchaft gab, in welche wir in Be⸗ griff ſind unſre Leſer einzuführen. „Wie weißt Du denn das ſo gewiß, daß es Leute gibt, liebe Frau, welche ſich für beſſer halten, als wir?“ frug ihr Gatte. „Warum, wenn es nicht ſo wäre, beſuchen dieſe Leute uns nicht alle?“ „Warum beſuchſt Du nicht ebenfalls alle Leute? Eine liebliche Wirthſchaft würde das werden, wenn Du alle werd Leute beſuchen wollteſt, die bloß in dieſer einzigen Straße wohnen.“ iſt, „Du wirſt doch wahrhaftig nicht verlangen, daß ich wir. zu allen den Krämersweibern an den Straßenecken gehe, und zu all dem Volk in der Nachbarſchaft umher! Meine 1 Meinung iſt bloß, alle Leute gewiſſer Art ſollen alle um Leute derſelben Art, die in der Stadt wohnen, ohne Aus⸗ 3 nahme beſuchen.“ aber „Du müßteſt doch wohl Ausnahmen irgend einer. lhri Art geſtatten, wenigſtens der großen Anzahl wegen. eine Noch heute las ich Nummer drei tauſend ſechs hundert daß und fünfzig auf einer Beſuchkarte und wenn die Frauen gebi aller dieſer Leute, welche Karten in den Häuſern abge⸗ dun ben, einander Beſuche geben und von einander empfan⸗ wird 4 gen wollten; dann könnten die Einzelnen täglich zehn des Beſuche abwarten und würden in Jahresfriſt nicht fer⸗ les tig werden.“ Eig „Es iſt mir bisher noch immer ſchlecht gelungen, Euch ſen, über dergleichen Dinge das richtige Verſtändniß zu er⸗ vern öffnen, Mr. Jarvis.“ ſent „Ich fürchte, liebe Frau, daß Du ſelbſt nicht weißt, was Du eigentlich ſagen willſt. Erſt ſagſt Du, Jeder⸗ wen mann ſolle alle Leute beſuchen, und dann behaupteſt Du Jar nes wieder, Du brauchteſt Niemanden zu beſuchen, als wer Dir gut genug dünkt, um von Mrs. Jarvis beſucht zu werden?“ „Meine Meinung iſt, daß in New York Niemand iſt, der berechtigt wäre, ſich für beſſer zu halten, als wir.“ „Beſſer? in welchem Sinne beſſer?“ „In dem Sinne, daß ſie ſich zu gut halten möchten, um uns einen Beſuch zu machen.“ „Das mag wohl Deine Anſicht ſein, liebe Frau; aber andere Leute mögen darüber ganz verſchieden ur⸗ theilen. Offenbar hältſt Du Dich zu gut, um Mrs. Onion, die Krämersfrau zu beſuchen, die in ihrer Art eine recht brave Frau iſt; und wer bürgt Dir dafür, daß nicht manche Leute uns ebenfalls nicht für hinreichend gebildet anſehen, um mit uns umgehen zu können? Bil⸗ dung iſt eine Eigenſchaft die nicht Jedermann zu Theil wird, Mrs. Jarvis, die aber auf die Annehmlichkeiten des geſelligen Lebens weit mehr Einfluß ausübt als al⸗ les Geld. Uns dürfen leicht Hunderte von empfehlenden Eigenſchaften abgehen, von denen wir nicht einmal wiſ⸗ ſen, worin ſie beſtehen, die aber Leuten, die an ſolche vermöge ihrer Erziehung gewöhnt ſind, als ganz we⸗ ſentliche Dinge erſcheinen.“ „Noch nie iſt mir ein Menſch vorgekommen, der ſo wenig den Geiſt des geſelligen Lebens verſteht, wie Mr. Jarvis! Wahrhaftig, ihr verdient kaum ein Bürger ei⸗ nes republicaniſchen Landes zu heißen.“ — 88— „Republicaniſch! Ich ſehe wahrhaftig nicht ein, was das Republicaniſche mit unſerm Geſpräche zu thun hat. des Denn erſtlich iſt es ganz verkehrt, daß Du Dich dieſes Wortes grade jetzt bedienſt; denn nach Deinem eignen Con Begriff von dem Worte, biſt Du ſo anti⸗republicaniſch ſoll geſinnt, als mir jemals eine Frau vorgekommen iſt. anfe Indeſſen verlangt eine Republik nicht nothwendig eine ber Gleichheit der Stände, oder ſelbſt eine Gleichheit recht⸗ Tal licher Anſprüche; eine Republik ſetzt bloß die Rechte ei⸗ Mo ner Volksgemeine überhaupt an die Stelle der perſönli⸗ chen Rechte eines Fürſten. Hätteſt Du Dich des Aus⸗ ab drucks: demokratiſch bedient, ſo wäre doch noch einiger⸗ 8* maßen Sinn in dem Worte geweſen, und dennoch wür⸗ deſt Du Dich alsdann dieſes Wortes auf eine folgewi⸗ drige Weiſe bedient haben. Bin ich ein freier Mann an und ein Demokrat, ſo hoffe ich, bin ich auch billig und übe gerecht, andern Leuten zu geſtatten, eben ſo frei und erhe eben ſo demokratiſch zu ſein, als ich ſelbſt.“ ne un „Verlange ich denn etwas Anderes?— Ich will ja beid 1 weiter nichts, als der Geſellſchaft eines Jeden, wer es Die 1 auch ſei, würdig gehalten werden,— im Bereich der hat Vereinigten Staaten von Amerika.“ Leut „Ich würde dieſe Vereinigten Staaten die nächſte Woche verlaſſen, wenn ich glauben könnte, daß man wol darin ein ſolches unerträgliches Verhältniß erzwingen er o wollte?“ laul vas hat. eſes nen niſch iſt. eine echt⸗ 2 ei⸗ önli⸗ Aus⸗ iger⸗ wür⸗ ewi⸗ Nann und und ill ja er es ) der ächſte man ingen lauben, Mr. Effingham einzuladen, bei uns zu ſpeiſen. — 89— „Mr. Jarvis!— das ſagt Ihr ſelbſt, ein Mitglied des Committee von Tamouny Hall!“ „Ja, Mers. Jarvis, ich ſelbſt, der ich Mitglied des Committee von Tamouny Hall zu ſein die Ehre habe! Was ſoll ich mit drei tauſend ſechshundert und fünfzig Leuten anfangen, die ihre Karten abgeben laſſen; ſollen die alle bei mir aus⸗ und eingehen, und in meinem Hauſe ihren Tabak kauen oder ihre Pfeifen rauchen, vom frühen Morgen bis zum ſpäten Abend?“ „Wer fragt nach dem Volk, das bei uns Karten abgibt, oder nach dem Krämergeſindel? Ich rede hier bloß von Leuten die in einigem Anſehen ſtehen.“ „Mit andern Worten, mein Kind, Du denkſt nur an ſolche Leute, von welchen Du glaubſt, daß ſie ſich über uns erheben, und diejenigen, über welche Du Dich erhebſt, beachteſt Du auf keine Weiſe. Von ſolcher De⸗ mokratie oder Freiheit halte ich nicht viel. Meiner Mei⸗ nung nach müſſen, wenn zwei mit einander verkehren, beide einwilligen; und bin ich zum Beiſpiel bereit, bei Dieſem oder Jenem zu ſpeiſen, und Dieſer und Jener hat keine Luſt mit mir zu ſpeiſen, ſo ſind wir geſchiedne Leute.“ „Jetzt ſind wir auf dem Punct, wo ich Dich haben wollte. Du haſt öfter bei Mr. Effingham geſpeiſt, ehe er auf Reiſen ging, und doch wollteſt Du mir nie er⸗ Das war meiner Meinung nach ein niedriges Be⸗ nehmen.“ „Das wäre es allerdings geweſen, wenn ich es ge⸗ than hätte, um mein Geld zu ſparen. Ich habe bei Ef⸗ fingham gegeſſen, weil mir der Mann gefiel, weil er ein alter Nachbar von mir war, und weil mir die an⸗ ſpruchloſe Gaſtlichkeit ſeines Mahles und ſeine gebildete Unterhaltung geſiel; und wenn ich meinerſeits ihn nicht einladen wollte, ſo geſchah es in der Vorausſetzung, daß ihm eine ſolche ſtillſchweigende Anerkennung ſeiner Ueber⸗ legenheit weit angenehmer ſein werde, als alle läſtige und vergebliche Anſtrengungen, es ihm gleich zu thun. Edward Effingham ſieht öfter Leute an ſeiner Tafel, ohne daß es ihm jemals einfiele, Abrechnung mit ſeinen Gä⸗ ſten zu halten, was auf meinem Standpunct mir eben⸗ falls etwas zu New⸗Yorkiſch vorkommen würde.“ „Läſtige und vergebliche Anſtrengungen, es ihm gleich zu thun!“ wiederholte Mrs. Jarvis beleidigt.„Ich wüßte nicht, in wiefern wir läſtiger und vergeblicher uns anſtrengen möchten, unſere Gäſte zu unterhalten, als Mr. Effingham.“ „Das will ich auch nicht von mir ſelbſt behaupten, liebes Kind; ich bin, dem Himmel ſei Dank, ein ſtiller anſpruchloſer Menſch, wie der größte Theil meiner Lands⸗ leute.“ „Warum alſo ſolche Unterſchiede machen, in einem Lande, wo die Geſetze dergleichen nicht gebieten?“ ge⸗ Ef⸗ l er an⸗ ldete nicht daß eber⸗ iſtige thun. ohne Gä⸗ eben⸗ gleich „Ich blicher alten, upten, ſtiller Lands⸗ einem 7 91— „Aus demſelben natürlichen Grunde, wie ich von einem Fluſſe, dort unterhalb unſerer Straße rede, weil ein ſolcher wirklich vorhanden iſt. Gar viele Dinge beſtehen in der Welt, ohne daß ein Geſetz ſie ausdrück⸗ lich vorſchreibt. Kein Geſetz gebot mir, dieſes Haus zu bauen, und doch iſt es erbaut worden. Kein Geſetz befiehlt, daß Mr. Verſa ein beſſerer Prediger ſein ſoll, als Mr. Prolix; und demungeachtet iſt und bleibt er ein viel beſſerer Prediger. Eben ſo wenig beſteht ein Geſetz, welches Mr. Effingham zu einem bei weitem ge⸗ bildeteren und artigeren Manne macht, als ich es zu⸗ fällig geworden bin; und doch bin ich nicht ſo närriſch, dies ableugnen zu wollen. Was aber das Aufſtellen einer Waarenrechnung betrifft, darin weiche ich ihm kei⸗ nen Schritt, dafür verbürge ich mich, und auch ſein Vetter, John Effingham, wird mir hierin nicht den Preis abgewinnen.“ „In allen dieſen Reden finde ich keinen geſunden Verſtand, und eitel anti⸗republicaniſche Anſichten,“ ſagte Mrs. Jarvis heftig, indem ſie von ihrem Sitze aufſtand, um das Zimmer zu verlaſſen.„So viel ſage ich, kom⸗ men die Effinghams dieſen Abend nicht zu mir, ſo be⸗ trete ich ihr Haus nicht wieder, den ganzen Winter hin⸗ durch, das ſage ich. Denn ich bin gewiß, ſie haben kein Recht, ſich herauszunehmen, beſſer ſein zu wollen, als wir, und ich fühle mich durchaus nicht aufgelegt, eine ſolche unverſchämte Anmaßung gutzuheißen.“ — „Ehe Du hinausgehſt, Hänschen, laß Dir noch ein Wörichen zum Abſchied ſagen,“ erwiederte der Ehemann, indem er nach dem Hut griff,„und zwar dieſes: Willſt Du in der Welt gleichgeachtet werden mit irgend Je⸗ manden, wer es auch ſei, ſo nimm Dich ja in Acht, un⸗ aufhörlich davon zu reden, damit die Leute nicht glau⸗ ben, Du ſeieſt ſelbſt in Zweifel, ob Du Dich ihnen gleich⸗ ſtellen könneſt. Wo Du wirklich Anerkennung verdienſt, wird ſolches andern Leuten ohne Deine Erinnerung ein⸗ leuchten. Glaube mir, diejenigen, welche die höchſten Anſprüche auf Achtung in der Welt rechtfertigen können, ſind gerade am wenigſten bemüht, dieſe Achtung zu er⸗ trotzen. Es iſt zwar richtig, daß eine Verletzung jener Gleichförmigkeit in den allgemein anerkannten geſelligen Anſprüchen bisweilen ſtattfinden kann, und in ſolchem Falle kann jeder ſich mit Recht beſchwert fühlen; nur darf man nie ſich die Blöße geben, als fühle man ſich hinter andern zurückſtehen, was nothwendig ſo ſcheinen muß, wenn man zu eiferſüchtig auf die Achtung ſich ge⸗ bärdet, die man von andern fordert.— Nun, einen Kuß zum Abſchied; hier iſt Geld für Deinen Aufwand dieſen Abend, und laß mich über den Beſuch der Mrs. Jewett von Albion⸗Place Dich ebenſo vergnügt wieder⸗ ſehen, als Du es über einen Beſuch von Mrs. Hawker jemals ſein könnteſt.“ „Mrs. Hawker!“ rief die Ehegattin, ſtolz ihr Haupt erhebend.„Nicht den kurzen Gang über die Straße Mrs. ieder⸗ awker Haupt btraße möchte ich thun, um Mrs. Hawker einzuladen, ſammt ihrer ganzen Sippſchaft,“— und darin ſagte ſie die Wahrheit, denn Mrs. Jarvis war vollkommen überzeugt, daß ein ſolcher Verſuch ganz vergeblich ſein würde, denn beſagte Dame ſtand ſo ziemlich auf der höchſten Sproſſe der Stufenleiter ausgeſuchter Geſelligkeit, als ſolches in einer Stadt möglich iſt, welche in bildlichem Sinne eben ſowohl mit einem fliegenden Lager, als mit einer bleibenden, langbeſtandenen Hauptſtadt verglichen wer⸗ den kann. Ungeachtet Mrs. Jarvis ſich alle erdenkliche Mühe gegeben, um zu ihrer Abendunterhaltung eine ſtattliche Anzahl angeſehener Perſonen zuſammenzubringen, ſo verdunkelte gleichwohl die einfache Pracht der beiden Kutſchen, in welchen die Effinghamſche Geſellſchaft vor⸗ gefahren kam, alle übrigen glänzenden Equipagen, die vor dem Hauſe hielten. Ihre Ankunft wurde in der That als ein ſo wichtiges Ereigniß betrachtet, daß der Dame des Hauſes, welche noch fortwährend im inneren Beſuchzimmer auf ihrem Poſten ſtand, beſondere Nach⸗ richt ertheilt werden mußte, daß eine Geſellſchaft vor⸗ gefahren ſei, weit glänzender als alle, die ſich bereits in den verſchiedenen Gemächern befanden. Zwar wurde dieſes nicht ausführlich in Worten ausgedrückt, aber offenbar genug durch die athemloſe Haſt und durch die wichtige Miene angedeutet, welche die Schweſter der Mrs. Jarvis blicken ließ, indem ſie, ſobald ein Bedien⸗ — 94— ter die Angekommenen gemeldet, in eigener Perſon der Dame des Hauſes dieſe angenehme Nachricht mittheilte. Die einfache, zweckmäßige, anſtändige, und für Leute, welche zahlreiche Beſuche empfangen, von denen ihnen viele dem Namen nach, aber nicht alle perſönlich be⸗ kannt ſein können, unentbehrliche Sitte, alle eben an⸗ kommenden Gäſte ſogleich beim Eintritt ins Beſuch⸗ zimmer durch die Diener namentlich anmelden zu laſſen, iſt bis jetzt in Amerika nur noch in wenigen Häuſern eingeführt. Mrs. Jarvis würde über eine ſolche Neue⸗ rung ganz erſtaunt und eifrig bemüht geweſen ſein, ſie ſogleich einzuführen, wenn ſie gewußt hätte, daß irgend⸗ wo in Europa ſolches als vornehme Sitte gangbar ſei; aber ſie war über dieſen Punct, ſo wie über manche andere Dinge, die zu den glänzenden Wichtigkeiten ge⸗ hören, worauf ſie ſolchen hohen Werth legte, noch in völliger Unwiſſenheit. Als daher Mademoiſelle Vieſville unbegleitet von einem Herrn eintrat, und Evchen und Grace ebenfalls allein ihr folgten, und hinter ihnen die Herren die zu der Geſellſchaft gehörten, ſo glaubte ſie anfänglich, hier müſſe ein Mißverſtändniß walten, und ihr erwarteter Beſuch habe ſich vielleicht gar in das Haus gegenüber begeben, worin zufällig ebenfalls große Geſellſchaft war. „Welches freche Benehmen!“ flüſterte Mrs. Abijah Groß, welche, kaum vor zwei Jahren erſt aus einem entlegenen Dörſchen in New⸗England herüber gekommen, der eilte. Leute, ihnen ) be⸗ an⸗ eſuch⸗ aſſen, auſern Neue⸗ n, ſie gend⸗ o ſei; ranche en ge⸗ och in tefville n und en die bte ſie , und n das große Abijah einem pömmen, ſich ſchon im Beſitz der feinſten großſtädtiſchen Bildung wähnte,—„da ſchreiten ja wahrhaftig zwei junge Damen durch den Saal, ganz allein, ohne geziemende Begleitung“ Doch es ſtand nicht in der Macht der Mrs. Abijah Groß, durch ihr hörbares Flüſtern, ihre unzweideutige Verhöhnung und ihr unverſtelltes Gelächter zwei ſo lieb⸗ liche Erſcheinungen, wie Evchen und ihre Couſine, der Verſpottung preiszugeben. Beider anſpruchloſe Kleidung und feine Bildung verrathendes Benehmen, vorzüglich der erſtern unbeſchreibliche Anmuth, und die ſeltene Schönheit der äußern Formen und der liebliche Ausdruck in den Mienen beider, ließ jede bekrittelnde Bemerkung nach jenem vorläufigen Ausruf der Gemeinheit verſtum⸗ men. Mrs. Jarvis hatte kaum Miß Effingham und ihren Oheim erkannt, als ihre überfluthende Begrüßung und ihre unverkennbare Freude alle Anweſenden be⸗ merken ließ, welche Wichtigkeit ſie auf die Ehre dieſes Beſuchs legen mochte. Mademoiſelle Viefville überſah ſie anfänglich in ihrer jetzigen Kleidung, ſobald ſie aber ſolche gleichfalls erkannte, überhäufte ſie auch dieſe mit den überſchwenglichſten Ausdrücken von Freude und Entzücken. „Ich wünſche insbeſondere, Mrs. Jarvis, Ihnen ei⸗ nen unſerer Freunde vorzuſtellen, den wir vorzüglich verehren,“ ſagte Evchen, ſobald ſie zu Worten Zeit fand,„Sie ſehen hier den Capitain Truck, den Ehren⸗ — 96— mann, welcher den Montauk befehligt, jenes Schiff, wo⸗ von Sie ſchon ſo Vieles gehört haben. Ah, Mr. Jarvis,“ fuhr ſie fort, dem Manne, den ſie von ihrer früheſten Kindheit her kannte, herzlich die Hand reichend, denn ſie hatte immer aufrichtige Hochachtung für ihn empfun⸗ den;„Sie werden den Freund unſeres Hauſes mit herzlichem Willkommen empfangen, deſſen bin ich gewiß.“ Darauf erläuterte Evchen, wer der ehrliche Capitain ſei, in wenigen Worten dem Mr. Jarvis, und dieſer nahm, ſobald er die übrigen Gäſte nach Gebühr bewill⸗ kommt, ſogleich den alten Seemann auf die Seite und ließ ſich mit ihm über die letzte Fahrt in eine ausführ⸗ liche Unterhaltung ein. John Efſingham ſtellte ſeinerſeits den Baronet der Dame des Hauſes vor, welche bloß aus reiner Un⸗ wiſſenheit, welchen hohen Rang derſelbe in ſeinem Vaterlande einnehme, ihn mit gewohnter Artigkeit und geziemendem Anſtande bewillkommte. „Wir haben jetzt nur wenige Männer von ausgezeich⸗ netem Ruf in der Stadt, wie mich dünkt,“ ſagte darauf Mrs. Jarvis zu Mr. John Effingham;—„ein weitge⸗ reiſter, äußerſt intereſſanter Mann, der einzige in ſeiner Art, deſſen Beſuch ich mir dieſen Abend ausbitten konnte, beehrt uns mit ſeiner Gegenwart, und es macht mir eine außerordentliche Freude, Ihnen dieſen Herrn vor⸗ zuſtellen. Dort ſteht er im dichten Gedränge, denn Alle wünſchen ihn kennen zu lernen; er hat wirklich Vieles eich⸗ arauf eitge⸗ ſeiner onnte, t mir vor⸗ 1 Alle Vieles erlebt! Mrs. Snow, erlauben Sie,— wahrlich, die Damen umringen ihn, als ob er ein Pawnee⸗Indianer wäre;— haben Sie die Gewogenheit, ein wenig näher zu treten, Mr. Effingham, Miß Effingham.— Mrs. Snow, reichen Sie ihm den Arm; ſagen Sie ihm, daß ich ihn einigen lieben Freunden vorzuſtellen wünſche. Mr. Dodge; — Mr. John Effingham, Miß Effingham, Miß van Courtlandt. Ich wünſche, meine Damen, daß Sie dieſen Herrn näher kennen lernen möchten; er kann Sie über alles unterhalten, was Europa betrifft,— er hat den König von Frankreich geſehen, wie er nach Neuilly ritt, und iſt wundervoll bekannt mit den Dingen jenſeit des Meeres.“ Es bedurfte bei Evchen einer ungewöhnlichen Selbſt⸗ beherrſchung, um ein Lächeln zu unterdrücken; doch be⸗ hielt ſie den hinreichenden Tact und die nöthige Beſon⸗ nenheit, ihren Reiſegefährten, als einen völlig Frem⸗ den zu begrüßen. Mr. John Effingham machte ein ſo ſtolzes Compliment, als es einem Mann irgend mög⸗ lich iſt; und darauf entſtand ein Flüſtern, beide ſeien eiferſüchtig auf einander, ihrer Berühmtheit als Rei⸗ ſende wegen. Das entfernende Benehmen des erſteren, und der Ausdruck in ſeinen Zügen, der keine Vertrau⸗ lichkeit weckte, trieb faſt äͤlle Anweſenden auf Steadfaſt's Seite hinüber, und bald war man darüber einverſtan⸗ den, daß Letzterer weit mehr ſich in der Welt umgeſehen, die geſelligen Verhältniſſe weit gründlicher erforſcht un⸗ 127.— 129. 7 98— ter allen Nationen Europa's, und überdieß das Innere von Afrika ſogar bis nach Timbuctoo bereiſt habe. Der Schwarm bewundernder Neugier vermehrte ſich zuſehens um Mr. Dodge, ſo wie Gerüchte der Art ſich durch die Gemächer verbreiteten; und diejenigen, welche die inter⸗ eſſanten„brieflichen Mittheilungen“ in dem„ Freien Nachforſcher“ nicht geleſen hatten, beneideten diejenigen, die ſich dieſes Genuſſes rühmen konnten.*) „Das iſt Mr. Dodge, der berühmte Reiſende,“ ſagte eine junge Dame, die ſich aus dem Schwarm, welcher den merkwürdigen Mann umlagerte, hervorgearbeitet hatte und ſich in der Nähe von Evchen und Grace be⸗ fand, ſelbſt ein kleines Wunder unter ihren nähern Be⸗ kannten;„ſeine ſchönen und genauen Schilderungen ha⸗ ben in England großes Aufſehen erregt, und man ſagt, ſeine Werke ſeien bereits zum zweiten Mal aufgelegt worden.“ „Haben Sie ſie geleſen, Miß Brackett?“ „Nicht die Briefe ſelbſt; das nicht; aber alle Beur⸗ theilungen derſelben in der„Hebdomas“ von voriger Woche. Durchaus ergötzlich müſſen die„brieflichen Mit⸗ theilungen“ ſein, nach dieſen Beurtheilungen zu ſchließen; ganz Natur, und immer das Wirkungsvollſte heraushe⸗ *) Hiernach ſcheint Mr. Dodge, den die Leſer aus der„Heim⸗ fahrt“ als den Herausgeber des„Thätigen Nachforſchers“ ſchon kennen, ſein Blatt nochmals umgetauft zu haben. Anm. d. Ueberſ⸗ nere Der dens die ner⸗ eien gen, Heim⸗ chers“ rſ. — 99— bend; dabei äußerſt genau in der Angabe der einzelnen Thatſachen. In letzterer Beziehung wirklich unſchätzbar! — denn oftmals, wie Sie wiſſen, entſchlüpfen außer⸗ ordentliche Irrthümer ſelbſt beſſern Reiſebeſchreibern!“ „Ich hoffe, Verehrteſte,“ ſagte John Effingham, mit ernſthaftem Geſicht:„daß dieſer Herr den Hauptmiß⸗ griff vermieden haben wird, über Dinge, die wirklich beſtehen, ſeine Bemerkungen niederzuſchreiben. Denn in der Regel pflegen die Leute diejenigen Mittheilungen von Reiſenden, die ſich auf wirklich beſtehende Dinge in ihrem Lande beziehen, äußerſt übel zu nehmen, ſie für unver⸗ ſchämt und ungerecht auszuſchreien; und der beſte Weg, es allen Recht zu machen, iſt der, mit der größten Frei⸗ heit ſich über alle möglichen Dinge zu äußern, die bloß in der Einbildung vorhanden ſind.“ Miß Brackett wußte nicht, was ſie auf dieſe Bemer⸗ kung erwiedern ſollte; denn die„Hebdomas“ hatte noch nie, in irgend einer ihrer gründlichen Abhandlungen, für gut gefunden, die von Mr. John Effingham ſtark angeſchlagene Seite auch nur leiſe zu berühren. Sie beharrte bloß bei ihrer Lobpreiſung von Mr. Dodge's brieflichen Mittheilungen, von denen ſie keine Zeile we⸗ der geleſen hatte, noch leſen wollte; denn dieſe junge Dame hat vorzüglich dadurch in dem Kreiſe ihrer Be⸗ kannten den Ruf gebildeten Geſchmacks und vorzüglicher Beleſenheit erworben, daß ſie die Beurtheilungen von Leuten, die ſelbſt die Werke, welche ſie zergliedern ſol⸗ — 100— len, nur flüchtig durchblättern, in wo möglich noch flüch⸗ tigern Bemerkungen wiederholte. Noch niemals war Evochen ſolche Unwiſſenheit vor⸗ gekommen. Sie konnte nicht begreifen, wie man einen gebildeten Mann, wie ihr Vetter war, überſehen und einen Menſchen, wie Mr. Dodge, ihm vorziehen könne. John Effingham kümmerte dieß äußerſt wenig; er zog ſich aus dem dichten Haufen in eine Ecke zurück, wo er mit dem jungen Baronet in ein kurzes Geſpräch ſich einließ. „Ich wünſchte wohl Ihre aufrichtige Meinung zu hören, was Sie von dieſer Geſellſchaft halten,“ begann er;„nicht als ob ich kindiſche Empfindlichkeit über das Urtheil von Fremden über Dinge, welche alle kleinſtäd⸗ tiſche Cirkel mit einander gemein haben, durch meine Frage rechtfertigen wollte, ſondern um Ihnen behülflich zu ſein, wenn Sie die Verhältniſſe unſeres Landes näher kennen lernen wollen.“ 1 „Da ich genau weiß, wie Sie zu unſerm Wirth ſtehen, ſo darf ich wohl eine offenherzige Antwort wa⸗ gen. Die Frauenzimmer finde ich ausnehmend zart und hübſch; auch ihr Anzug gefällt mir, könnte ich noch hin⸗ zufügen; doch, während ich hier im Ganzen artiges Be⸗ nehmen ſehe, ſo vermiſſe ich gleichwohl den eigentlich feinen Ton; dabei wundert es mich nur, daß mir bis⸗ jetzt noch keine entſchieden gemeine oder rohe Aeußerung aufgefallen iſt.“ 7 Leben Urth ligen würd lige zu n fenbe wenn ſtänd unte brech Glei gung ßigke den Dör unwe tiſche 7 ren Fehl 2 weni beme lichen Viel — 101— ftüch⸗„Ein Daniel kommt zu richten! Wer ſein ganzes Leben hier zubringt, wird nicht leicht ein ſo richtiges vor⸗ Urtheil fällen können; denn unvermögend, mit dem geſel⸗ Einen ligen Leben anderer Nationen Vergleichungen anzuſtellen, 4 und würde er manche Einzelheiten überſehen, welche vorei⸗ vntte. lige Urtheile berichtigen könnten. Sie ſind ein wenig r zog zu nachſichtig, wenn Sie ſagen, es gebe hier keine of⸗ to er fenbare Gemeinheit; denn dieſe iſt nicht zu verkennen, h ſich wenn ſie auch ſeltner durchbricht, als man es den Um⸗ ſtänden nach erwarten ſollte; doch von der Rohheit, die ig zu unter ähnlichen Verhältniſſen an andern Orten hervor⸗ egann brechen würde, ſieht man hier durchaus nichts. Die T das Gleichheit iſt in dieſem Lande ſo groß, und die Hinnei⸗ nſtãd⸗ gung zu einer alle Hochachtung verdienenden Mittelmä⸗ meine ßigkeit ſo überwiegend, daß derſelbe leidlich gute Ton, ülflich den Sie hier bemerken, auch in jedem Städtchen und näher Dörſchen landeinwärts ſich wiederfindet, wenn Sie einige unweſentliche Ausnahmen im Hausrath und anderes ſtäd⸗ Wirth tiſches Zubehör nicht in Anſchlag bringen wollen.“ t und„Eine ſolche Mittelmäßigkeit iſt ſicherlich aller Eh⸗ rt un 4 ren werth, wenn auch der feinere Geſchmack hier manche h hin⸗ Fehler entdecken würde.“ 8 Be⸗„Auf den feinern Geſchmack dürfen wir hier um ſo entlich weniger Rückſicht nehmen, denn während Sie Manches ir bis⸗ bemerken können, das nur ein äußerſt künſtlicher geſel⸗ gerung licher Zuſtand ungern vermißt; ſo werden Sie dagegen Vieles hier vergeblich ſuchen, was zur Annehmlichkeit — 102— und Zierde im Umgang recht eigentlich gehört. Die jungen Leute, die dort in der Ecke, vermuthlich über irgend ſchlechte Späßchen, vernehmlich kichern, betra⸗ gen ſich ohne Zweifel ein wenig gemein; Gleiches möchte ich von jener jungen Dame ſagen, die drüben rückſicht⸗ los einen Schwarm von Bewunderern um ſich zu ver⸗ ſammeln bemüht iſt; doch weder das Eine noch das An⸗ dere werden ſie häufig finden; ſelbſt unſre Wirthin, eine thörichte Frau, welche von der Begierde gequält wird, auf eine Art zu glänzen, die weder durch ihre Lage, ihre Erziehung, ihre Lebensgewöhnung, noch durch ihre innere Bildung möglich gemacht wird; iſt weit weniger zudringlich, anmaßend und beleidigend, als eine Frau, von ähnlicher Eingebildetheit beſeſſen, ſolches an andern Orten ſein würde.“ 7 „Ich bin ganz Ihrer Meinung; nur wünſche ich, daß Sie mir auch die Urſachen dieſer Erſcheinungen er⸗ klärten.“ „Die Amerikaner ſind nothgedrungen ein nachahmen⸗ des Volk, und in der Nachahmung des Benehmens ande⸗ rer Nationen ſind ſie beſonders gewandt. Außerdem ſind ſie in ihren Handlungen weniger umſtändlich als ältere und gebildetere Nationen; und daher finden Sie in dieſer Abendgeſellſchaft auch jene Einfachheit, die ein weſentliches Erforderniß angenehmen Umgangs ausmacht, wenn auch eben dieſe Einfachheit hier nicht natürlich, ſondern erworben iſt. Von dieſer Annehmlichkeit werden Die über etra⸗ öchte ſicht⸗ ver⸗ An⸗ eine wird, Lage, ihre niger Frau, ndern 2 ich, in er⸗ hmen⸗ ande⸗ erdem h als n Sie ie ein macht, ürlich, verden — 105— Sie eine Stufe aufwärts auf der ſocialen Leiter weit weniger gewahren, weil man mehr wagen zu dürfen glaubt, und ſchlechte Muſter dort zu Fehlern in Dingen verleiten, welche die zarteſte Behandlung fordern. Die Fehler dagegen, welche hier vorkommen, würden Sie erſt dann deutlich bemerken, wenn Sie ſich näher mit den einzelnen Gruppen unterreden und dabei den Sinn ihrer Unterhaltung, die Art ſich auszudrücken, auch ihre Bemühung, witzig zu erſcheinen, aufmerkſam beobachten wollten.“ „Dazu werden wir wohl dieſen Abend nicht gelangen; ich ſehe unſre Damen machen ſchon ihre Abſchiedscompli⸗ mente und ſcheinen aufbrechen zu wollen. Dieſe Unter⸗ ſuchung können wir daher auf günſtigere Gelegenheit verſparen.“ „Das können wir allerdings; denn eine ſolche Un⸗ terſuchung würde unſere Mühe ſchlecht belohnen.“ Darauf näherten ſich beide Herren der Mrs. Jar⸗ eis, ſich ihr höflich zu empfehlen, ſuchten den Capitain Truck auf, den ſie kaum mit Gewalt aus der herzlichen Unterhaltung mit Mr. Jarvis losreißen konnten, und geleiteten die Damen nach ihrer Kutſche. Während ſie weiter fuhren, verſicherte der würdige Seemann, Mr. Jarvis ſei der ehrlichſte Kerl, denn er jemals hier ken⸗ nen gelernt habe, und deshalb wolle er ihn in den nächſten Tagen zum Eſſen an Bord des Montauk ein⸗ laden. — 104— Das Haus der Mrs. Hawker befand ſich am Hudſons⸗ exiſt Platze, in einem Stadttheile, welchen die Liebhaber des abw Großartigen durchaus Saint John's Park genannt wiſ⸗ faſt ſen wollen. Es iſt nämlich eine wunderliche Eigenheit man einer Anzahl von Auswanderern, die ſeit den letzten drei⸗ Pele ßig Jahren im Staat New York zuſammenſtrömen, daß Two ſie die Dinge und ſelbſt die Menſchen*), nicht bei den lich ihnen von Alters her gebührenden Namen benennen, ßen ſondern jede Veranlaſſung ergreifen, eine Aenderung und hierin zu bewirken. Nur wenige Kutſchen hielten am loſer Eingang, obgleich die vielen Lichter und die gemachten vern Vorkehrungen eine zahlreiche Geſellſchaft vermuthen ließen. liche „Mrs. Hawker iſt die Wittwe und die Tochter von Anſ⸗ Männern, die zu den geachteſten Familien von New mach York gehören,!“ ſagte John Effingham unterwegs.„Sie dene iſt kinderlos, beſitzt ein großes Vermögen, und wird Sch 4 allgemein geſchätzt und geehrt von allen ihren Bekann⸗ beka ten, wegen ihrer vorzüglichen Bildung, ihres einneh⸗ bar menden Weſens und ihres vortrefflichen Herzens. Ii ner modiſchen Geſellſchaften dieſer Stadt werden Sie diee ner Dame vergebens ſuchen, und wollten Sie ihres Nameis kaut erwähnen, ſo würden Sie finden, daß unter Zehn kaim dab Eine weiß, daß ein ſolches Weſen in ihrer Nachbarſckaft eine — Allt *) Inſofern nämlich die Namen älterer geachteter Familien in Ver⸗ zen geſſenheit gerathen, um der Anmaßung neuer Eindränzlinge 1 Platz zu machen. Anm. d. Ueberſ. bem 105— ns⸗ exiſtirt. Denn in dem Durcheinander unſrer auf⸗ und des abwogenden Bevölkerung werden Perſonen ihrer Art viſ⸗ faſt ganz vergeſſen oder überſehen. Stundenlang wird heit man Ihnen hier von den glänzenden Häuſern der Mrs. rei⸗ Peleg Pond, Mrs. Jonah Twiſt und Mrs. Abiram daß Twattles ein Langes und Breites erzählen, die ſämmt⸗ den lich ſeit etwa fünf oder ſechs Jahren ſich hier niederlie⸗ aen, ßen, vergleichungsweiſe große Reichthümer ſammelten ung und nun mit einem Male in das hohe Meer geſchmack⸗ am loſen Vornehmthuns ſich hinauswagen; folglich ganz hten verwundert ſein würden, Mrs. Hawker als eine vorzüg⸗ ßen. liche Dame nennen zu hören, welche weit gegründetere von Anſprüche auf Auszeichnung in den beſten Geſellſchaften New machen könne. Selbſt hiſtoriſche Berühmtheit muß bei Sie denen, die den Ton angeben, dem vorübergehenden wird Schimmer derer weichen, die Mittel fanden, in dem un⸗ ann⸗ bekannten Winkel, wo ſie herkamen, von ihren Nach⸗ neh⸗ baren ſich anſtaunen zu laſſen; die gediegne Bildung ei⸗ Ji ner ſolchen Dame überſteigt die Vorſtellungen von fei⸗ die e ner Lebensart bei Menſchen, deren Nachahmungstrieb neis kaum die Oberfläche erreicht, und ihr ausgezeichnetes, kaum dabei einfaches Benehmen kann keine Anerkennung bei ſcaft einem verworrenen Haufen finden, der ſich über das Alltägliche nicht erheben kann, ohne gleichſam auf Stel⸗ Ver⸗ zen einherzuſchreiten.“ Klinge„Mrs. Hawkker iſt alſo im wahren Sinn eine Dame,“ bemerkte Sir George Templemore, ihm ruhig beipflichtend, — 106— „In jedem Sinne iſt ſie das; ihre Stellung, ihre kön Erziehung, ihre Lebensweiſe, wie ihre geſelligen Berüh⸗ Ku rungen; ihre innere Eigenſchaften, wie ihre äußeren Verhältniſſe eignen ſie dazu, eine Dame genannt wer⸗ ner den zu können. Ich will nicht behaupten, daß wir zu öfft irgend einer Zeit mehrere ausgezeichnete Damen ihrer Art b ker 1 beſeſſen haben; aber ihr Einfluß auf das ſociale Leben b Si war ehemals bemerklicher als zu jetziger Zeit.“ b ger „Ich ſtelle mir vor, Herr,“ ſagte Capitain Truck, lich „dieſe Dame iſt, wie wir es nennen, aus der guten ein alten Zeit.“ wie „Gewiß aus einer ehrwürdigen alten Zeit, welche Mr auch niemals, wie ich hoffe, in ihrer Fortwirkung auf⸗ Ja hören kann, wiewohl ſie nicht von allen Menſchen erb beachtet wird, wie ſie ſollte, weil dieſes der Lauf der Fre Dinge mit ſich bringt.“ ſuc 1*„Ich fürchte, Mr. John Effingham,“ erwiederte der Ca Capitain,„in einer ſolchen Geſellſchaft werde ich zappeln wie ein Fiſch im Trocknen. Ich weiß mich ſo ziemlich zu 1 zu benehmen, wenn ich einer Mrs. Jarvis, oder meiner ken theuren jungen Dame im andern Wagen, gegenüber ver ſtehe, aber eine ſolche Art von Frauen, wie Sie mir 6 die Mrs. Hawker ſchildern, muß durchaus einen einfa⸗ M chen, alten Matroſen, wie ich, in die größte Verwirrung tur bringen. Was in aller Welt wollte ich anfangen, wenn bar ſie mich aufforderte, eine Menuett zu tanzen?“ lich „Dann tanzen Sie eine Menuett, ſo gut als Sie un hre üh⸗ ren ver⸗ zu Art ben uck, iten lche auf⸗ chen der der peln alich iner über mir nfa⸗ rung venn Sie — 107— können,“ erwiederte John Effingham, als eben die Kutſche ſtillhielt. Ein ſtattlicher, gelaſſener, alter, ſchwarzer Hausdie⸗ ner geleitete die Gäſte, ohne ſie jedoch anzumelden; er öffnete bloß die Thüre des Beſuchzimmers. Mrs. Haw⸗ ker ſtand mit achtungsvoller Aufmerkſamkeit von ihrem Sitze auf, um Evchen und ihren Begleiterinnen entge⸗ genzugehen. Sie empfing die beiden Couſinen mit herz⸗ licher Umarmung und begrüßte Mademoiſelle Vieſville ſo einfach und achtungsvoll, daß ſich dieſe gleich überzeugte, wie ſehr ihre guten Eigenſchaften anerkannt würden. Mr. John Effingham, der etwa zwölf bis fünfzehn Jahre jünger war, als die alte Dame, küßte ihr ehr⸗ erbietig die Hand, und ſtellte ihr dann ſeine beiden Freunde vor. Nachdem ſie zuerſt den ausländiſchen Be⸗ ſuch artig bewillkommt hatte, wandte ſie ſich an den Capitain Truck mit den Worten: „So habe ich das Vergnügen, den Mann kennen zu lernen, deſſen Einſicht und Muth Sie ſo viel verdan⸗ ken,— dem wir alle, hätte ich ſagen ſollen, ſo viel verdanken,— den Befehlshaber des Montauk?“ „Wohl habe ich die Ehre, dieſes Schiff zu befehligen, Madame,“ erwiederte Capitain Truck, auf den die ach⸗ tungeinflößende Einfachheit der Frau vom Hauſe ſicht⸗ baren Eindruck machte, ſo ſehr auch das ruhige, natür⸗ liche, dabei feine Benehmen, das im Ton ihrer Stimme und in allen ihren Bewegungen ſich ausſprach, alle — 108— Vorſtellungen, die er ſich von ihr gemacht hatte, weit übertraf,„und wenn ich an die Paſſagiere denke, die dieſes Schiff bei der letzten Fahrt hatte, ſo kann ich nur bedauern, daß es nicht in ſo gutem Zuſtande ſich befin⸗ det, wie man es von dem fordern kann, der es be⸗ fehligt.“ „Ihre Paſſagiere ſehen die Sache aus einem ganz anderen Geſichtspuncte,“ entgegnete ſie;„um unpartei⸗ ſcher urtheilen zu können, erbitte ich mir von Ihnen die Gefälligkeit, ſich niederzulaſſen und mir einige nähere Auskunft darüber zu geben.“ Als ſie bemerkte, daß Sir George Templemore Ev⸗ chen nach der anderen Seite des Saals gefolgt war, nahm Mrs. Hawkker ihren Sitz wieder ein, und indem ſie weder ihre Gäſte im Allgemeinen vernachläſſigte durch zu langes Verweilen bei Einzelnen, noch irgend einem Anweſenden weniger Aufmerkſamkeit erwies, als jedem andern, brachte ſie es in wenigen Minuten dahin, daß der Capitain, keine Aufforderung zu einer Menuett be⸗ ſorgend, ſich in ihrem Kreiſe weit behaglicher fühlte, als dieſes der Mrs. Jarvis in einem Monate hätte ge⸗ lingen können. Unterdeſſen hatte Evchen ſich an der andern Seite des Saales einer Dame genähert, deren freundliche Miene ihr entgegenlächelte. Sie war eine junge, zartgliederige Geſtalt, von einnehmenden Zügen; doch zeichnete ſie ſich unter den übrigen Anweſenden durch keine vorzüglichen York — 109— äußere Reize aus. Aber ihr ſanftes Lächeln, ihr hold⸗ ſeliger Blick und der geiſtreiche Ausdruck ihrer Geſichts⸗ züge zogen unwiderſtehlich an. Da Sir George Tem⸗ plemore nachfolgte, ſo nannte Evchen ihr ſeinen Namen, indem ſie ſolche als eine Bekannte, als Mrs. Bloomfield anredete. „Sie ſcheinen auf noch angenehmere Ergötzlichkeiten dieſen Avend vorbereitet,“ ſagte ſie mit einem flüchtigen Blick auf den Ballanzug der beiden Couſinen.„Tragen Sie die Farben der Houſton⸗ oder der Peabody⸗Faction?“ „Bunte Farben lieben wir nicht,“ ſagte Evchen lächelnd,—„wir bleiben der unſrigen treu, dem ein⸗ fachen Weiß, wie Sie ſehen.“ „Demnach gehören ſie dieſen Abend der gemäßigten Partei an bei Mrs. Houſton. Weniger entſchiedener Beitritt dürfte dort eher verziehen werden, als bei der andern Faction.“ „Deuten denn Verſchiedenheiten im Anzug in New⸗ York auf beſondere Factionen?“ frug Sir George etwas neugierig. 3 „Fractionen, wäre vielleicht noch bezeichnender,“ er⸗ wiederte Mrs. Bloomfield.„Parteigeiſt zeigt ſich bei uns faſt in allen Dingen; in Politik, Religion, Mäßig⸗ keitsvereinen, Speculationen, Converſationen, Gegen⸗ ſtänden des Geſchmacks; warum alſo nicht auch in An⸗ zügen?“ „Ich beſorge, wir ſind nicht unabhängig genug, um — 110— eine eigene Partei in dieſer Hinſicht zu bilden,“ ſagte Evchen. „Darin haben Sie vollkommen Recht, Miß Effing⸗ ham; es gehört einigermaßen originelle Denkweiſe dazu, möge ſie auch noch ſo falſch ſein, um Kleidermoden auf⸗ zubringen. Wir haben aber alle Urſache, hierin unſere Unbedeutendheit einzugeſtehen.— Sie ſind erſt vor kur⸗ zem hier angekommen, Sir George Templemore?“ „Ich befinde mich erſt ſeit dem Anfange dieſes Mo⸗ nats hier; ich hatte die Ehre, in der Geſellſchaft des Mr. Effingham und ſeiner Familie die Ueberfahrt zu machen.“ „Und haben Schiffbruch, Gefangenſchaft und Hungers⸗ noth ausſtehen müſſen, wenn auch nur die Hälfte von dem wahr iſt, was man davon erzählt.“ „Das Gerücht mag unſere Reiſegefahren vergrößert haben; manche ernſthafte Unfälle haben uns betroffen, aber keine ſo ſchrecklichen Uebel als Sie erwähnen.“ „Ich bin nicht mehr unverheirathet und längſt über die Jugendgränze hinaus, wo Täuſchungen ihren Ein⸗ fluß ausüben; wenig verlaſſe ich mich daher auf das, was ich höre,“ erwiederte Mrs. Bloomfield lächelnd; „dennoch möchte ich zweifeln, ob Sie nicht genug er⸗ lebt haben, um als Helden und Heldinnen romantiſcher Reiſebeſchreibungen gelten zu können; doch bis ich Nä⸗ heres von Ihnen ſelbſt erfahre, erfreuet mich ihre wohl⸗ behaltene und glückliche Wiederkehr, wenn irgend“— ſetzte Frem glückl mehr komm dann wende eine 3 Anſich 25 dere i ſtädtch ſchaft, gen; 111— ſetzte ſie, Evchen fragend anblickend, hinzu,—„in der Fremde herangewachſene Damen ſich in der Heimath glücklich fühlen können.“ „Auch wer in der Fremde erzogen iſt, wird ſich in der Heimath glücklich fühlen, wenn auch nicht in dem Sinne, in dem die Welt ſolches gewöhnlich verſteht,“ entgegnete Eychen mit entſchiedenem Nachdruck. „Ohne Oper,— ohne Hofhaltung,— ohne großen geſelligen Verkehr?“ „Eine Oper, das gebe ich zu, würde mich recht an⸗ genehm unterhalten,— Hofhaltungen gehen mich wenig an, denn in Europa ſind unverheirathete Frauen Nullen,— und hier hoffe ich Beſſeres, als was großer geſelliger Verkehr mir bieten könnte.“ „Auch bei uns ſind unverheirathete Frauen nicht mehr als Nullen, außer wo deren mehrere zuſammen⸗ kommen mit einem ſtattlichen Einer voran; iſt dieſes, dann hat hier Niemand etwas gegen die Nullen einzu⸗ wenden. Ihnen freilich, Sir George Templemore, mag eine Stadt, wie unſere, etwas ſonderbar vorkommen.“ „Darf ich fragen, warum ſie bei mir eine ſolche Anſicht vermuthen?“ „Weil unſere Stadt weder das Eine noch das An⸗ dere iſt, weder wirklich eine Hauptſtadt, noch bloß Land⸗ ſtädtchen; im Innern etwas mehr als bloß Kaufmann⸗ ſchaft, doch dieſes Wenige unter einen Scheffel verbor⸗ gen; weit angeſehener als Liverpool, äußerſt unbedeu⸗ u2— tend gegen London; mehr als Edinburg in einiger Hin⸗ ſicht, in anderer noch geringer als Wapping.“ „Sie ſind weit gereiſt, Mrs. Bloomfield?“ „Keinen Fuß aus meiner Heimath, kaum aus mei⸗ ner nächſten Umgebung. Ich war einmal am Saint⸗ George See, an den Waſſerfällen, im Gebirge; und da man in keinem Luftballon dahin kommt, ſo habe ich auch Etwas von den zwiſchenliegenden Orten geſehen. Was darüber iſt, kenne ich bloß aus den Berichten an⸗ derer Leute.“ „Es iſt Schade, daß Mrs. Bloomfield dieſen Abend nicht mit uns bei Mrs. Jarvis geweſen iſt,“ ſagte Evchen lächelnd,„dort hätte ſie ihre Länder⸗ und Völ⸗ kerkunde beträchtlich erweitern können, wenn ſie einigen Rhapſodien des Epos von Mr. Dodge hätte zuhören mögen.“ „ Ich habe einiges vo vernommen,“ antwortete n der Weisheit dieſes Sehers Mrs. Bloomfield,„bin aber nicht ſonderlich erbaut worden. Es gibt ein Kennzeichen das nie trügt, um den wahren Werth eines Reiſebe⸗ ſchreibers wenigſtens im negativen Sinn zu erkennen.“ „Ein ſolches Kennzeichen wünſchte ich ebenfalls zu kennen,“ ſagte der Baronet,„es würde manche frucht⸗ loſe Anſtrengung der Augen uns erſparen.“ „Wenn ein Schriftſteller vollkommene Unbekanntſchaft mit den Verhältniſſen ſeines eigenen Landes verräth, ſo läßt ſich daraus ohne Weiteres ſchließen, daß er kein din⸗ mei⸗ nint⸗ d da ich ehen. an⸗ lbend ſagte Völ⸗ nigen hören hehers aber eichen eiſebe⸗ nen.“ Us zu frucht⸗ tſchaft ith, ſo r kein — 4115— ſcharfſichtiger Beobachter anderer Länder ſein könne. Zu dieſer Claſſe gehört Mr. Dodge, wovon mich eine einzige ſeiner brieflichen Mittheilungen genügend überzeugt hat. Doch fürchte ich beinahe, daß noch manche werthloſere Waare uns erſt kürzlich in großer Menge zugekommen iſt, mit dem Abzeichen des Towers geſtempelt.“ Evchen lachte und bemerkte, daß Sir George Tem⸗ plemore über den letzten Punct beſſern Aufſchluß geben könne, als ſie. „Man ſagt uns nach,“ fuhr Mrs. Blomfield fort, ohne dieſe Anmerkung zu beachten,„daß wir mehr an das Factiſche feſthalten, als an das Speculative, und daß daher bei uns jede Münze ſo lange gelte, bis ir⸗ gend eine andere beſſere oder ſchlechtere ſie verdrängt. Es iſt ein ſonderbarer, wenn auch allgemeiner Mißgriff der Leute in dieſem Lande, wenn ſie glauben, ſie könn⸗ ten unter den jetzigen Verhältniſſen fortbeſtehen, während Andern ſolches fehlſchlägt, ſobald ihre Meinungen mit der Zeit fortſchreiten oder ihr vorgreifen. Diejenigen, die mehr über die Zeitumſtände nachgedacht und ihren Einfluß erfahren haben, ſind ſämmtlich ganz andrer Meinung.“ „Dieſer Zuſtand, ſofern er unter rein conventionel⸗ len Einrichtungen wirklich ſtattfindet, iſt mir nicht ganz begreiflich,“ bemerkte Sir George mit theilnehmender Aufmerkſamkeit;„ein ſolcher Zuſtand iſt wenigſtens das Umgekehrte von Allem dem, was in Europa beſteht.“ 127.— 129. 8 144= „Letzteres gebe ich zu, und das Ganze iſt, wie mich dünkt, ziemlich klar. Manche zufällige Umſtände ſcheinen uns von Banden befreit zu haben, welche Sie in Eu⸗ ropa noch immer in ihrer freien Bewegung behindern. Wir ſind gleich einem auf dem Gipfel der Anhöhe an⸗ gelangtem Fuhrwerke, das von dem Augenblicke an, wo die rückwärtsdrängende Gewalt beſiegt iſt, vorwärts von ſelbſt hinabrollt, ohne daß es dazu der Pferde bedarf. Man mag ihm immerhin mit dem Geſpann nacheilen, und es einholen, ſobald es unten angelangt iſt, aber gleichen Schritt mit dem Fuhrwerk halten, ſo lange es noch im Hinabrollen begriffen iſt, bleibt unausführbar.“ „Sie meinen aber doch, daß das Fuhrwerk wieder auf ebne Fahrt anlange?“ „Warum nicht? wenn es überhaupt einen Boden gibt, der alle Dinge trägt,— das Gute wie das Böſe, Hoffnung und Furcht, Zufriedenheit und Mitleid; ſogar der Sinn eines Weibes muß auf Etwas gründen, wie⸗ wohl mir bisweilen der Gedanke auffuhr, es gebe nichts Bodenloſeres als Letzteres. Eben ſo mögen auch die Ein⸗ richtungen unſeres Landes ihren feſten Boden haben.“ Sir George horchte mit einer Aufmerſamkeit auf ihre Rede, die einem Engländer ſeiner Art natürlich iſt, jede Gelegenheit benutzend, um ein Zugeſtändniß aufzu⸗ faſſen, das ſeinen Lieblingsanſichten in der Politik ent⸗ ſprach, und er fühlte ſich ermuthigt, den Gegenſtand weiter zu verfolgen. —„—— mich inen Eu⸗ dern. an⸗ „wo von darf. eilen, aber ge es bar.“ dieder Boden Böſe, ſogar wie⸗ nichts e Ein⸗ en.“ it auf ich iſt, aufzu⸗ ik ent⸗ enſtand 413— „Und Sie ſind alſo der Meinung, das politiſche Getriebe Ihres Vaterlandes bewege ſich raſch abwärts dieſem Boden zu?“ fragte er, die Antwort mit einem Eifer erwartend, den er, wäre er ruhig und wohlgemuth in ſeiner eignen Heimath geblieben, ſelbſt von Herzen belächelt haben würde. Doch gewöhnlich werden em⸗ pfindliche Gemüther durch gegenſeitige Berührungen ge⸗ reitzt, und eben ſo oft werden entgegengeſetzte Geſinnun⸗ gen durch Widerſtreben einander befreundet. Mrs. Bloomfield beſaß raſchen Ueberblick, dabei na⸗ türlichen Verſtand, vielſeitige Bildung und Fertigkeit in Antworten. Mit einem Blick überſah ſie Sir George's Beweggründe, und obgleich ſie ſelbſt die Mißſtände und Verkehrtheiten der geſelligen Verhältniſſe ihres Vater⸗ landes hinlänglich begriff und nicht zu beſchönigen ſuchte, ſo bewahrte ſie dennoch eine treue Anhänglichkeit an die leitenden Grundſätze der vaterländiſchen Einrichtungen, wie dieß faſt überall bei den ſtärkſten und trefflichſten Charaktern unſerer Nation der Fall iſt. Sie wollte alſo durchaus nicht bei einem Ausländer irgend eine falſche Vorſtellung von ihren Anſichten in dieſer Hinſicht auf⸗ kommen laſſen. „Ohne Zweifel haben Sie ſich mit dem Studium der Logik beſchäftigt, Sir George Templemore?“ frug Sie ihn mit ſchalkhaftem Lächeln. „Ein wenig wohl; doch, fürchte ich, nicht genug, um dadurch ſcharfſinniger denken zu, lernen, ja ſelbſt * 8* — 116— auch nur, um mit allen Formen des Schließens genau bekannt zu ſein.“ „Es iſt keinesweges meine Abſicht, Sie mit verwik⸗ kelten Schlußweiſen zu plagen; denn darin möchte ich ebenfalls nicht viel ausrichten können; ich wollte Sie bloß daran erinnern, daß es auch Etwas gebe, was man den Boden, die Grundlage eines denkbaren Gegenſtan⸗ des nennen könnte, nicht bloß ſolcher Gegenſtände, die man mit Händen greifen kann. Wenn ich nun ſagte, daß wir raſch dem Boden unſrer ſocialen Einrichtungen uns nähern, ſo iſt dieß in intellectueller Beziehung zu ver⸗ 1 ſtehen, aber nicht in materieller, wie Sie zu vermuthen ſcheinen. Ich meine, daß wir unſern Inſtitutionen all⸗ 1 mählich bis auf den Grund uns nähern, daß wir ſie im⸗ u mer beſſer verſtehen lernen, wovon wir weit entfernt tl waren, als wir ſolche bei dem erſten Verſuch als Neu⸗ U linge nur oberflächlich ins Auge faßten.“ il „Doch werden Sie wohl zugeben, daß, jemehr Ihre 9 Nation in Bildung fortſchreitet, deſto wahrſcheinlicher ch manche materielle Veränderungen eintreten müſſen. Ihre iſ Nation kann unmöglich auf demſelben Standpunct be⸗ fü harren, ſie muß entweder vorwärts oder rückwärts gehn.“ be „Entweder ſteigen oder fallen, wenn Sie mir er⸗ fü lauben, Ihren Ausdruck zu verbeſſern. Die Bildung ge unſres Landes iſt Einer Beziehung rückgängig geworden. hü Ein Volk, welches nicht aufwärts fortſchreitet, ſteht im zu Begriff abwärts zu ſchreiten.“ daß uns ver⸗ then all⸗ im⸗ ernt Neu⸗ Ihre icher Ihre be⸗ hn.“ er⸗ dung den. t im „Sie ſprechen in Räthſeln, und ich beſorge faſt, daß ich Sie verſtehe.“ „Ich meine nur dieß, daß der Galgen allmählich verſchwindet, und daß das Volk,— nicht den Pöbel meine ich, ſondern: le beuple— anfängt, Geld anzu⸗ nehmen. In beiden Rückſichten iſt Verſchlimmerung bei uns eingetreten, ſo weit meine eigne Erinnerung reicht“ Bei dieſen Worten ging das Benehmen der Mrs. Bloomſield aus der muntern und heitern Laune, welche ihrer Unterhaltung den Reiz der Ueberraſchung verlieh und bisweilen ihren Zuhörern wirklich Bewunderung abnöthigte, in eine ernſte und ruhige Weiſe über. Die Unterredung berührte den Gegenſtand begangener Frevel, und wenige Männer hätten mit gleichem geſunden Ur⸗ theil, rechtlichem Sinn und beſonderer Erwägung der Umſtände dieſen Gegenſtand beſprechen können, als dieſe junge Frau von ſo ſchwächlichem Aeußern. Ohne den geringſten Anflug von Vielwiſſerei; in einer ſchönen Spra⸗ che, wie ſie dem männlichen Geſchlechte ſelten geläufig iſt; mit rückſichtsvoller Zartheit und ächtweiblichem Ge⸗ fühl verſtand ſie einen Gegenſtand theilnahmeweckend zu behandeln, welcher, ſo hochwichtiger an ſich ſein mag, doch für die wenigſten Menſchen anziehend iſt, indem ſie alle gehäſſigen und widerwärtigen Einzelnheiten in dem ver⸗ hüllenden Gewande ihres zarten und gebildeten Vortrags zu verbergen bemüht war. Evchen hätte die ganze Nacht hindurch zuhören kön⸗ — 118— nen; und bei jedem Worte, das aus dem Munde ihrer Freundin hervorging, fühlte ſie ihr Inneres wie von( einem errungenen Sieg befeuert; ſie war nicht wenig i ſtolz darauf, einem verſtändigen Ausländer eine Gelegen⸗ n heit zu geben, ſich zu überzeugen, daß Amerika Frauen L beſitze, die in Trefflichkeit ſich den vorzüglichſten Frauen a andrer Länder an die Seite ſtellen können; denn dieſe Ueberzeugung konnten, wie ſie wohl einſah, wenige a Fremde mit ſich nehmen, deren Umgang mit ihren Lands⸗ in männinnen ſich bloß auf flüchtige Unterhaltung in ge⸗ w miſchten, größern Geſellſchaften beſchränkte. In einer ſu Rückſicht war ſie geneigt, Mrs. Bloomfield vor andern Perſonen ihres Geſchlechts, die ſie in fremden Ländern in bewundert hatte, einen Vorzug einzuräumen; denn ihre E ¹ vielſeitige Bildung und ihre ſcharfe Unterſcheidungsgabe ni waren weder durch die Vorurtheile, die aus künſt⸗ ve lichen Inſtitutionen unvermeidlich hervorgehen, noch ſch durch das Anſtreben gegen ſolche, irregeleitet worden,— lig zwei Umſtände die oftmals das geſunde Urtheil und die D lautere Abſicht derer entſtellten, denen ſie in andern lich Ländern mit Vergnügen zugehört hatte. Der ächt weib⸗ ha liche Sinn, der ſich in allem, was Mrs. Bloomfield bö 1 dachte und ſagte, ausſprach, ohne daß ihre Aeußerun⸗ ein gen dadurch an Kraft und Würde verloren, vermehrte das Vergnügen, ſich mit ihr über etwas mehr, als all⸗ jed tägliche Dinge zu unterhalten. „Iſt der Kreis, zu dem Mrs Hawker und ihre Freun⸗ ſag — 119— dinnen gehören, von einigem Umfang?“ frug Sir George, während er Evchen und Grace bei'm Umlegen ihrer Mäntel behülflich war, nachdem ſie Abſchied genom⸗ men.„Eine Stadt die ſich eines halben Dutzend ſolcher Häuſer rühmen kann, hat keine Urſache, über Mangel an guter Geſellſchaft zu klagen.“ „Es gibt nur eine Mrs. Hawker in New York,“ antwortete Grace,„und nur wenige Mrs. Bloomfield in der Welt. Es hieße New York überſchätzen, wollten wir auch nur ein halbes Dutzend ſolcher Häuſer hier ſuchen.“ „Iſt ihnen die Annehmlichkeit der Unterhaltung in dieſer Geſellſchaft nicht unerwartet geweſen?“ ſagte Evchen halbflüſternd:„Höchſtens könnte man hier ei⸗ nigermaßen jene vorzüglichere Gewandtheit des Tons vermiſſen, die man ſonſt in den ausgezeichneten Geſell⸗ ſchaften des hohen Adels bewunderte, eine Art des geſel⸗ ligen Tons, der allmählig ganz zu verſchwinden droht. Dagegen waltet in Mrs. Hawker's Unterhaltung eine natür⸗ liche Herzlichkeit, ein würdevolles Benehmen, eine Wahr⸗ haftigkeit in allen Aeußerungen, die jedem Anweſenden völliges Vertrauen zu der Aufrichtigkeit der Uebrigen einflößt.“ „Mrs. Hawker iſt, das kann ich Sie verſichern, in jeder Hinſicht fähig, eine Herzogin vorzuſtellen.“ „Sie meinen wohl, eine franzöſiſche Herzogin,“ ſagte Evchen lächelnd; ndoch hat ſie ſchwerlich die Eigen⸗ ſchaften, die wir mit dieſem Begriff verbinden. Mrs. Hawkker iſt eine gebildete Frau, und einen höhern Titel erkenne ich nicht an.“ „Sie iſt eine recht liebenswürdige alte Frau,“ rief Mr. John Effingham;„wäre ſie etwa zwanzig Jahre jünger und geneigt ihre Hand zu vergeben, ſo wäre es für mich einigermaßen gefährlich, ihr Haus zu betreten.“ „Mein theurer Herr,“ fiel Capitain Truck ein, gleich morgen wollte ich ſie zur Mrs. Truck machen, und wollte von ihren Jahren durchaus nichts erwähnen, wenn ſie ſonſt Luſt hätte, mich zu heirathen. Wahrlich, Sir, ſte iſt kein Weib, ſie iſt eine Heilige in weltlichem Schmuck! Es war mir doch die ganze Zeit über, als edete ich mit meiner eignen Mutter; und das Seewe⸗ fen verſteht ſie ja faſt noch beſſer als ich ſelbſt, oder als jener Mr. Powis, der wirklich ein Wunder in ſeiner Art iſt.“ Alle lachten über die Stärke der Bewunderung, die der Capitain ausdrückte, und ſetzten ſich vergnügt in ihre Kutſchen, um den dritten Beſuch zu machen, den ſie die⸗ ſen Abend ſich vorgenommen hatten. nftes Kapitel. ief„So kehrt bei jedem Manne ſie die Seite hre 1 Fehls heraus. Der Wahrheit und der Tugend 8 ſie nimmer, was der Einfachheit k dem Verdienſt gebührt.“ 1.“— 2... . Shakſpeare's: Viel Lärm um Nichts. in, en, 5 Mrs. Houſton war, was man in New JYork eine enn Frau von Welt nennt. Sie gehörte gleichfalls einer öir, in der Stadt bekannten, wiewohl nicht in gleichem An⸗ em ſehen ſtehenden Familie an, wie die der Mrs. Hawker. als Doch wurden ihre aus früherer Zeit herrührenden An⸗ ve⸗ ſprüche auf die Achtung ihrer Mitbürger ſelbſt in den als ausgewählteren Geſellſchaften anerkannt, denn es gibt ner in New York immer noch Leute, welche bei der Aus⸗ wahl ihrer Bekannten auf die Abſtammung aus ältern die Familien Rückſicht nehmen. Da ſie ein hedeutendes hre f Vermögen beſaß, und ihr beſſerer Geſchmack ſie über die die⸗ Meiſten in ihrem Kreiſe erhob, ſo herrſchte in ihrem Hauſe ein vorzüglicherer Ton als im gewöhnlichen Um⸗ gang ſelbſt, der ſich als die vornehmſten dünkenden Ge⸗ ſellſchaften. Evchen kannte dieſe Frau nur oberflächlich; dagegen meinte Gr Mrs. Hou⸗ ſton ſei gerade diejenige, welche vor allen übrigen einen angenehmen Eindruck auͤf ihre Couſine machen werde. Ihr Wunſch, in dieſer Hoffnung nicht getäuſcht zu, wer⸗ Ce „ die Geſellſchaft der den, war ſo heftig, daß, als ſie vor dem Hauſe anlang⸗ ten, ſie ſich nicht enthalten konnte, Evchen einigermaßen auf das vorzubereiten, was ſie dort erwarten könne. „Obgleich Mrs. Houſton ein für New Jork ziemlich großes Haus bewohnt, und anſehnliche Geſellſchaften bei ſich ſieht, ſo wirſt Du doch keineswegs große Vor⸗ zimmer und aufeinanderfolgende Gemächer erwarten, Evchen,“ ſagte Miß Grace,„wie Du ſie in fremden Ländern gewohnt warſt.“ Wenn man in ein Haus mit vier bis fünf Fenſtern in der Fronte eintritt, liebes Couſinchen, ſo iſt es nicht nothwendig, daß man ſich nach den Einrichtungen eines Hauſes von zwanzig bis dreißig Fenſtern umſehe Ich müßte wahrlich recht einfältig ſein, nach einem italie⸗ niſchen Palazzo oder einem pariſiſchen Hôtel in dieſer guten Stadt zu fragen.“ „Dazu ſind wir noch nicht genug an Alter vorgerückt, Evchen; noch hundert Jahre, und dann Mademoiſelle Viefville, können wir hier ebenfalls größere Häuſer haben.”“ „Bien sür. C'est naturel.“ „Nach hundert Jahren werden, wie die Welt ſich zu geſtalten ſcheint, Grace, große Gebäude nicht leicht mehr als Paläſte und Hötels beſtehen, ſondern höchſtens noch als Wirthshäuſer, Hoſpitäler und Manufacturge⸗ bäude. Doch was kümmert uns, was in hundert Jah⸗ ren ſein wird? ſo jung wir auch ſind, doch können wir nicht hoffen, bis dahin noch zu leben!“ ther heft rin die Yor ihre Ant ein jun war bed ode ode ohn ein find es nat ihr da und Grare würde in nicht geringe Verlegegenheit gera⸗ then ſein, wenn ſie einen genügenden Grund für ihren heft igen Wunſch hätte angeben ſollen, daß ihre Begleite⸗ rinnen und Begleiter keine Erwartungen hegen möchten, die, wie ihre Sinne ſie überzeugen mußten, in New York nicht zu finden waren. Aber ſie ward unruhig auf ihrem Sitz und durchaus nicht zufrieden mit Evchens Antwort. „Ich meine nur ſoviel, Evchen,“ begann ſie nach einer Pauſe von Neuem:„daß man in einer noch ſo jungen Stadt, wie dieſe, nicht die Annehmlichkeiten er⸗ warten dürfe, wie ſie nur in Ländern, deren Civiliſation bedeutend älter iſt, erwartet werden können.“ „Trauſt Du vielleicht der Mademoiſelle Viefville oder mir die Thorheit zu, New York mit Paris, Rom oder Wien vergleichen zu wollen?“ Dieſe Aeußerung mißfiel Grace noch mehr; denn ohne ſich deſſen bewußt zu ſein, hatte ſie wirklich gehofft, ein Ball bei Mrs Houſton werde eben ſo viel Beifall finden, als in einer der genannten alten Hauptſtädte; es verdroß ſie daher nicht wenig, daß Evchen es ganz natürlich fand, daß dieſes nicht ſein könne. Sich mit ihr darüber zu verſtändigen, blieb ihr keine Zeit mehr, da die Kutſche ſchon ſtillhielt. Der Lärm, die Verwirrung, das Rufen, Schreien und Fluchen vor dem Hauſe der Mrs Houſton, gab keinen angenehmen Vorgeſchmack von der Vorzüglichkeit der hier getroffenen Einrichtungen. Die Kutſcher gehö⸗ ren nirgends zu den ſchweigſamen und höflichen Leuten; hier aber kam zu der bekannten Prahlſucht und Zank⸗ ſucht dieſer Peitſchenhelden noch die rohe höhnende An⸗ maßung hinzu, die den europäiſchen Landſtreicher be⸗ fällt, wenn er in New York ſich zum behaglichen Kut⸗ ſcherſitz aufzuſchwingen vermag. Die ſtattlichen Kutſchen von Miß Grace und NMr. Effingham brachten indeſſen auf die Mehrzahl der ungeſtümen Schreier dieſelbe Wirkung hervor, welche äußere Zeichen von Reichthum auf gemeine Seelen gewöhnlich hervorbringen. Die Damen fanden ihren Weg durch eine Doppelreihe von gaffenden Roſſebändigern und waren froh zwiſchen den drohenden Peitſchen ungefährdet ins Haus zu kommen. „Es iſt ſchwer zu ſagen, welches von beiden furcht⸗ barer iſt,“ bemerkte. Evchen unwillkührlich, ſobald ſich die Hausthüre hinter ihnen ſchloß,—„der Lärm drin⸗ nen oder der Lärm draußen.“ Zwar hatte ſie dieſes nur flüchtig und franzöſiſch ge⸗ gen Mademoiſelle Viefville geäußert, aber Miß Grace hatte dieſe Bemerkung gehört und verſtanden; zum er⸗ ſtenmale in ihrem Leben wurde ſie darauf aufmerkſam gemacht, daß eine Geſellſchaft von Mr. Houſton nichts weniger als Nachtigallentöne vernehmen laſſe; das Wunderbare davon war, daß ſie ſolches nicht ſchon früher bemerkt hatte. „Ich bin recht froh, mich hier zu beſinden,“ ſagte Sir Geo zuw bis zufo mack der — 125— George, als er, ſeinen Mantel dem eigenen Bedienten zuwerfend, mit den beiden andern Herren ſtehen blieb, bis die Damen, der unbequemen Anordnung im Hauſe zufolge, aus einem eine Treppe höher befindlichen Ge⸗ mache, wo ſie ihre Mäntel und Shawls ablegten, wie⸗ der herabkamen. „Man ſagte mir nänlich, dies ſei das vorzüglichſte Haus um die Schönen dieſer Stadt zu ſehen.“ „Sie zu hören, wäre ein weit richtigerer Ausdruck,“ entgegnete John Effingham in ſeiner trocknen Weiſe. „Hübſche Frauen finden Sie in New York überall, und Ihr Gehör wird Sie überzeugt haben daß ſie nicht bloß dazu in der Welt ſind, um geſehen zu werden.“ Der Baronet lächelte, war aber artig genug, weder beiſtimmend zu antworten, noch ihm zu widerſprechen. Mademoiſelle Viefville, ohne daran zu denken, daß ſie gegen den Anſtand fehle, ſpazierte ſogleich, als ſie die Treppe herabkam, in den Saal hinein, und Evchen folgte ihrem Beiſpiel; Miß Grace aber hielt ſich dicht an Mr. John Effingham's Seite und legte ihr Händchen in ſei⸗ nen Arm, um den Anſtand auf keine Weiſe zu verletzen. Mrs Houſton empfing ihre Gäſte mit geſellſchaftlicher Gewandtheit und achtungsvollem Benehmen. Sie war eine lebensluſtige Frau, wie man in Amerika ſagt; ihr Haus war jederzeit ziemlich gemiſchter Geſellſchaft geöffnet; zehnmal und öfter gab ſie große Abendunter⸗ haltungen während der Winterſaiſon, und die Einladun⸗ 9 gen, welche ſie von andern erhielt, nahm ſie mei⸗ ſtens an. In vielen Ländern würde dieſe Frau von Welt auch als ein Muſter frommer Pflichterfüllung als Gattin und Mutter gegolten haben, weil ſie ihrem Haushalt in eigener Perſon vorſtand und ihre Kinder ſämmtlich ſelbſt das Gebet des Herrn, den Glauben und die zehn Gebote gelehrt hatte. Zweimal jeden Sonntag ging ſie in die Kirche, und die Abendandachtübungen beſuchte ſie nur darum nicht, damit ihre Dienſtboten ſolche beſuchen könnten, die aber dieſe Gelegenheit, ſich zu belehren, nie benutzten. Ihr Gemüth war weiblich, und weltlich ihr Benehmen; dabei hatte ſie anſehnliches Vermögen und einnehmendes Aeußeres; da ſie von Na⸗ tur gutherzig war und an zahlreichem Umgang Ver⸗ gnügen fand, da ihr gefälliger Gatte ebenfalls gern fröhliche Leute um ſich ſah und den dazu erforderlichen Aufwand nicht ſcheute, ſo konnte es ihr nicht fehlen, ſich auf den Gipfel der modiſchen Geſellſchaften zu er⸗ heben und in Jedermanns Munde geprieſen zu werden, wo irgend von andern Leuten geredet wird, um ſich ſelbſt einen Schein von Wichtigkeit zu geben. Selbſt dieſes Gerede trug dazu bei, daß ſich Mrs. Houſton deſto glücklicher fühlte, oder ſich wenigſtens einbildete, es zu ſein. So wie jede Leidenſchaft wächſt, wenn man ihr nachgibt, war ſie auf ihrem geräuſchvollen Wege fort⸗ geſchritten, bis ſie, wie geſagt, auf dem Gipfel des mo⸗ diſchen Treibens ſtand. mei⸗ von als drem nder und ntag ngen oten ſich bich, iches Na⸗ Ver⸗ gern ichen hlen, t er⸗ rden, ſelbſt dieſes deſto es zu ihr fort⸗ mo⸗ 4127— „Dieſe Gemächer ſind doch etwas zu enge,“ ſagte Sir George, während ſeine Blicke in den zwei niedlichen kleinen Beſuchzimmern umherſchweiften, die wenigſtens prächtig, wenn auch nicht geſchmackvoll möblirt waren; nes iſt wirklich ſonderbar, daß dieſelbe gepreßte Bauart ſo gleichförmig in einer Stadt, wie dieſe, beibehalten wird, deren Bevölkerung ſo raſch zunimmt, wo die Vor⸗ nehmen keine beſtimmte Gegenden ausſchließlich bewoh⸗ nen, und wo kein Mangel an Raum zu bequemern Häu⸗ ſern ſolche Einſchränkungen gebietet.“ „Mrs. Bloomfſield könnte Ihnen ſagen,“ bemerkte Evchen,„daß unſere Häuſer einigermaßen Abbilder oder Vorbilder des geſelligen Zuſtandes unſeres Landes dar⸗ ſtellen, in welchem Niemanden freiſteht, mehr als ein ihm gebührendes Flächenmaß zu bebauen.“ „Gleichwohl finden ſich hier,“ entgegnete Sir George, „hin und wieder anſehnlich große Häuſer; Mrs Hawker iſt recht bequem eingerichtet, auch Ihr Herr Vater hat eine recht geräumige Wohnung; ſie würde ſogar in London dafür gelten; doch werden Sie zugeben, Miß Effingham, daß in New York faſt nirgends ein geräumiger Saal zu finden iſt.“ „Das will ich Ihnen bereitwillig zugeben; um einen geräumigen Saal zu finden, müſſen wir die Häuſer auf⸗ ſuchen, welche vor dreißig Jahren erbaut worden ſind;“ erwiederte Evchen,„die beſchränkten Wohnungen ſind übrigens ein Erbſtück von unſern Vorfahren; denn Lon⸗ — 128— don ſelbſt kann nicht ſonderlich auf geräumige Wohnun⸗ gen ſtolz ſein.“ „Was die Häuſer in der Stadt betrifft, können Sie Recht haben, antwortete er;„denn wir haben davon in London ſelbſt nur einige rühmliche Ausnahmen; nur dünkt mich, daß wir dort nicht ganz ſo beſchränkt woh⸗ nen wie hier. Kommt es Ihnen nicht auch ſo vor, als ob das Geräuſch der Stimmen ärger ſei, da der Raum hier um ſo viel enger iſt? Evchen lächelte und ſchüttelte/ verneinend den Kopf, indem ſie erwiederte:„das Ge⸗ töſe würde noch weit ärger ſein, wenn die Stimmen ſich 3 — mehr verbreiten könnten? Doch laſſen Sie uns die koſt⸗ bare Zeit nicht verlieren. Laſſen Sie lieber Ihre Au⸗ gen umherſchweifen, und forſchen Sie nach den Schö⸗ nen im neueſten Geſchmack. Grace, Du wirſt wohl die Güte haben, unſre Wegweiſerin zu ſein; zeige uns doch die Schönen des Tages, denen alles puldigt, was zur ſchönen Welt gehört.“ „Dites-moi premiêèrement que veut dire une belle à New York?“ fiel Mademoiſelle Viefville ein.„Appa- rement tout le monde est joli.“ „Eine Belle, Mademoiſelle,“ erwiederte John Ef⸗ fingham,„iſt nicht nothwendig eine Schöne von Ge⸗ ſtalt. Aeußerſt verſchiedne und bisweilen einander wi⸗ derſtreitende Eigenſchaften ſind es, welche hier Anſprüche auf dieſe auszeichnende Benennung geben. Bald iſt es viel Geld, bald eine geläufige Zunge, was hier zu X E 2ͤe——,— un⸗ Sie n in nur doh⸗ als rum elte Ge⸗ ſich koſt⸗ Au⸗ chö⸗ die — 129 einer Schönen macht; bald ein ermunternder Blick, oder ein niedlicher Fuß; bald iſt's einnehmendes Lächeln, oder ſind's weiße Zähne; auch wohl irgend ein andrer gefälliger Zug, oder ſonſt ein in die Augen fallender Reiz; aber noch nie hat eine ſich den Namen einer Schönen durch äußere und innere Anmuth zugleich erworben, wie mir es vorkommt. Doch wozu weitläufige Auseinanderſetzungen, wenn wir die Gegenſtände ſelbſt vor Augen haben? Die junge Dame, welche Sie dort uns grade gegenüber ſte⸗ hen ſehen, iſt eine ſolche Schöne*), von ſo ächtem Ton, als jemals Silber tönte. Iſt es nicht Miß Ring, liebe Grace?“ Die Antwort fiel bejahend aus, und die ganze Geſell⸗ ſchaft wandte ihre Augen nach dem Gegenſtande der eben gemachten Bemerkung. Das erwähnte junge Mädchen war etwa zwanzig Jahr alt, faſt zu ſchlank für eine Amerikanerin, nicht ausgezeichnet ſchön, aber, wie die meiſten andern im Saale, von zarten Formen und ein⸗ nehmender Geſtalt. Ihr Aeußeres zeigte alle Anlagen, die bei zweckmäßiger Ausbildung ſie zu einem Ideal weiblicher Lieblichkeit und Anmuth hätte machen können. Dazu beſaß ſie natürlichen Verſtand, wie dieß ihr ſpre⸗ chendes blaues Auge zeigte; nur ließ ſich darin auch der *) Im Engliſchen ſagt John Effingham ſtatt: a Belle, abſichtlich; a Bell(eine Schelle), um die vorlaute Schöne zu bezeichnen, ein Wortſpiel, das nur durch den Nachdruck auf Ton wieder⸗ gegeben werden konnte. Anm. d. Ueberſ. 127.— 129. 9 — 150— Wunſch nicht verkennen, ihren Rang als gefeierte Schöne zu behaupten. Um dieſes junge Mädchen ſtanden in einer Gruppe zuſammengedrängt nicht weniger als fünf junge Männer, nach der neueſten Mode herausgeputzt; ſämmtlich ſchie⸗ nen ſie in Entzücken verloren über die lieblichen Worte, die den reizenden Lippen der Schönen entglitten, jeder von ihnen ängſtlich bemüht, etwas recht Artiges und Tref⸗ fendes zu erwiedern. Sie lachten alle mit einander, das Mädchen am lauteſten“), und bisweilen ſprachen ſie ſämmt⸗ lich zu gleicher Zeit. Dieſes Eifers ungeachtet, leitete Mitß Ning dennoch faſt allein die ganze Unterhaltung mit ihnen, und wenn es bisweilen ſchien, als wandele dem einen oder andern der jungen Herrn ein Gähnen an, nach eben bewieſener ausgelaſſener Luſtigkeit, und als ſuche er eine Gelegenheit, ſich zu entfernen; dann ver⸗ ſtand ſie die Kunſt, durch eine an ihn gerichtete Frage oder Bemerkung, den Lauen und Abtrünnigen ſogleich wieder in ihren Zauberkreis zu bannen. „OQui est cette dame?“ frug Mademoiſelle Vieſville mit dem Ausdruck, wie Jemand fragen würde, wenn er einen Mann mit dem Hute auf dem Kopf in die Kir⸗ che kommen ſähe?“ An andern Orten, auch in der„Heimfahrt,“ ärgert ſich der Verfaſſer wiederholt über das unſchickliche Lachen der Frauenzim⸗ mer in New⸗York, welche meinen, ſolch ein Benehmen gehöre zum Vornehmthun. Anm. d. Ueberſ. — höne uppe aner, chie⸗ orte, jeder Tref⸗ das umt⸗ eitete tung ndele nan, als ver⸗ Frage gZleich fville wenn Kir⸗ ſch der enzim⸗ gehöre rſ. — 431— „Elle est demoiselle;“ erwiederte Evchen. „Quelle horreur!“ „Nicht doch, Mademoiſelle; auch in dieſer Beziehung erlaube ich Ihnen nicht, Ihr Frankreich als ein untadel⸗ haftes Muſter gelten zu laſſen,“ entgegnete John Ef⸗ fingham mit verſtelltem Aerger,„ein junges Mädchen darf allerdings mit einem jungen Mann reden, ohne deßhalb einen Frevel zu begehen. Doch fünf Zungen auf einmal ſind freilich zur angenehmen Unterhaltung nicht nothwendig; und fünf Zuhörer ſind mehr als hin⸗ reichend um die Weisheit von wenigſtens zwanzig Jung⸗ fern aufzufangen.“ „C'est une horreur!“ „Ich möchte behaupten, Miß Ring würde es noch weit ſchauderhafter finden, einen ganzen Abend hindurch in einer Reihe von Mädchen ſitzen zu müſſen, mit denen Niemand ſpricht, wenn nicht zufällig Einer die eine oder andere zum Tanz auffordert, und. demnach höchſtens von weitem bewundert zu werden. Laſſen Sie uns lieber auf dieſem Sopha Platz nehmen; hier können wir die Bewegungen Aller beobachten und theilnehmen Augen⸗ und Ohrenzeugen bleiben.“ In dieſem Augenblick wurden Miß Grace und Eyv⸗ chen zum Tanz aufgefordert; die Uebrigen folgten der Einladung John Effingham's. In den Augen der„Schö⸗ nen“ und ihrer fünf Bewunderer waren wohl dreißig, die vorübergingen, keiner Beachtung Werth; und unfre 9* Zuhörer ſetzten ſich in gehöriger Hör⸗Entfernung nieder, — die bei dem lauten Sprechen Jener ſo ziemlich ei⸗ ner Piſtolenſchußweite gleichkam,— ohne im Geringſten eine Unterbrechung der Scene zu veranlaſſen. Wir theilen einen Theil des Geſprächs mit, um eine mehr dramatiſche Darſtellung des unterhaltenden Spiels zu geben.. „Meinen Sie nicht auch, daß die jüngſte Miß Dan⸗ vers ſchön iſt?“ frug die Heldin des Stücks, während ihre Augen umherſpäheten, ob ſie nicht noch einen ſechs⸗ ten Herrn zu ihrer„Unterhaltung,“ wie man zu ſagen pflegte, haben könne„Nach meinem Urtheil iſt ſie durch⸗ aus das niedlichſte Mädchen unter allen, die heute Abend bei Mrs. Houſton verſammelt ſind.“ Die jungen Männer beſtritten, einer wie der andere, dieſes Urtheil und mit deſto größerer Aufrichtigkeit, da Miß Ring viel zu geſcheidt war, auf Reize anderer Mäd⸗ chen aufmerkſam zu machen, wenn dieſe ohnehin Jedem auffielen 3 „Es heißt jetzt, es werde Nichts aus der vermuthe⸗ ten Verbindung zwiſchen ihr und dem Mr. Egbert wer⸗ den, nachdem man ſchon allgemein behauptet hatte, es ſei dieß eine längſt abgemachte Sache. Was halten Sie davon, Mr. Edſon?“ Dieſe zur rechten Zeit geſtellte Frage verhinderte Mr. Edſon's Abtreten, der in dieſer berechneten Bewegung bereits ſo weit gekommen war, ſich zu verbeugen und neder, h ei⸗ ngſten t eine Spiels Dan⸗ ihrend ſechs⸗ ſagen durch⸗ Abend ndere, it, da Mäd⸗ Jedem nuthe⸗ t wer⸗ te, es n Sie te Mr. egung n und —-— 1335— ihr den Rücken zuzuwenden. Doch wieder zurückgerufen, gleichſam durch den Ton des Jagdhorns, ſah ſich Mr. Edſon, ſo ſauer es ihm auch ankam, dennoch genö⸗ thigt, eine Antwort zu geben. „Ohl ich bin ganz Ihrer Meinung; die Bewerbung hat ſicherlich zu lange gedauert, als daß von einer Hei⸗ rath die Rede ſein konnte.“ „Ich kann die lange dauernden Bewerbungen nicht leiden; ſolche müſſen wahrhaftig ein Gegenmittel gegen die Liebe ſein. Iſt es nicht ſo, Mr. Moreland?“ Der herumſchweifende Blick in Mr. Moreland's Au⸗ gen wurde wieder auf ſie gerichtet durch dieſe Anrede; ſtatt ſich nach einem Zufluchtsort umzuſehen, wurde er verwirrt und ſah wirklich ſchaafsmäßig aus. Er ſtimmte völlig der Meinung der jungen Dame bei, das ſchien ihm das ſicherſte Mittel, ſich aus der plötzlichen Verle⸗ genheit zu ziehen. „Sagen Sie mir doch, Mr. Summerfield, wie ge⸗ fällt Ihnen die neulich angekommene Hadſhi,— Miß Effingham? So viel ich ſie geſehen habe, iſt ſie leidlich genug, aber im geringſten nicht ſo hübſch, wie ihre Cou⸗ ſine, Miß van Courtlandt, die wahrhaftig gar nicht übel iſt.“ Da Evchen und Grace in der That die liebenswür⸗ digſten jungen Mädchen in der ganzen Geſellſchaft wa⸗ ren, ſo erregte dieſe Meinung, ſo wie die laute Stimme mit der ſie ausgeſprochen wurde, die Aufmerkſamkeit der Mademoiſelle Viefville ebenſo ſehr als die der Per⸗ ſonen ſelbſt, welche die„Schöne“ zum Gegenſtande ih⸗ rer öffentlichen Beurtheilung erkor. Die Gouvernante war wirklich im Begriff qufzuſtehen, da ſie nicht ſchick⸗ licher Weiſe ein Geſpräch mit anhören konnte, das auf ihr Mitanhören nicht berechnet war; doch Mr. John Ef⸗ fingham bat ſie, ſitzen zu bleiben, indem er ſie verſicherte, Miß Ring ſpreche ſelten in Geſellſchaften, ohne den Wunſch zu haben, von ſo vielen Perſonen als möglich gehört zu werden. Die Veränderung ihres Sitzes werde, meinte er, in der Hauptſache nichts ändern, da der Sinn des von ihnen aufgeführten Stückes gradezu die Aeußerung der Meinungen einzelner Perſonen auf öf⸗ fentliche Weiſe bezwecke. „Miß Effingham iſt gar einfach angezogen und iſt doch die einzige Tochter,“ fuhr das junge Mädchen in ihrem Redefluß weiter fort;„der Beſatz aber am Kleide ihrer Couſine beſteht aus ächten Spitzen! Ich wette um alles, ſie koſten keinen Cent weniger als zehn Dollars der Stab! Wie ich höre, ſind beide verſprochen und werden ſich nächſtens vermählen.“ „Ciel!“ rief Mademoiſelle Viefville voll Erſtaunen. „Nur Geduld! das iſt noch gar nichts!“ bemerkte John Effingham ganz gelaſſen.„Wenn Sie ein wenig warten wollen, ſo werden Sie bald erfahren, das beide ſchon ſeit ſechs Monaten im Stillen verheirathet ſind; wenn nicht gar noch Schlimmeres nachkommt.“ den — 13535— „Das iſt ja doch bloß albernes Gerücht?“ ſagte Sir George Templemore mit einem Ausdruck von inniger Theilnahme, welche ihn antrieb, ſeines beſonnenen Be⸗ nehmens ungeachtet eine Frage zu ſtellen, die er unter andern Umſtänden für durchaus unſtatthaft gehalten ha⸗ ben würde. „So wahr, wie ein Evangelium. Horchen Sie nur den Tönen der Glockenſtimme da drüben! Läutet ſie nicht zum Beſten der ganzen Gemeinde?“ „Das Verhältniß zwiſchen Miß Effingham und Mr. Morpeth, der ſie in der Fremde kennen gelernt hatte, iſt, wie ich höre, völlig abgebrochen. Einige meinen, der Vater ſei dagegen geweſen, weil Mr. Morpeth nicht reich ge⸗ nug war; Andere behaupten, die junge Dame ſei ver⸗ änderlich; und dann beſchuldigt man wieder Mr. Mor⸗ peth deſſelben Fehlers. Dünkt es Ihnen nicht abſcheu⸗ lich, einander zu foppen, ſei es Jüngling oder Mädchen, Mr. Moſely?“ Der eben abtretende Mr. Moſely ſah ſich aufs Neue in den Kreis gebannt und genöthigt, ihr beizupflichten, es ſei beiden Geſchlechtern nicht anſtändig, vergebliche Hoffnungen zu erregen. „Wäre ich ein Mann,“ fuhr die Schöne fort,„ich würde nie von einem Mädchen etwas halten, das ſchon einmal einen Liebhaber zum Narren hatte. Nach mei⸗ nem Urtheil zeigt ſich darin ein ſchlechtes Herz, und ein — 136— Mädchen mit ſchlechtem Herzen kann nie eine recht lie⸗ rere benswürdige Gattin werden.“ ſie, „Welcher wundervolle Verſtand in dem Mädchen es ſteckt,“ ſagte Mr. Moſely halblaut zu Mr. Moreland, lich und ergab ſich darein, ſtehen zu bleiben und ihre Unter⸗ haltung noch länger zu genießen. — „Ich meine, Mr. Morpeth verdient auf jeden Fall wir V unſer Mitleid. Denn kein Mann kann ſo thörigt ſein, Ge daß er einem Frauenzimmer in allem Ernſt einige Auf⸗ merkſamkeit ſchenke, wenn er in ihr keine Aufmunterung fuh⸗ gewahr wird. Aufmunterung iſt, meine ich, das ne plus thei ultra zärtlicher Annäherung, ſind Sie nicht auch der Ver Meinung Mr. Walworth?“ nig Mr. Walworth war der Fünfte der ihrer Unterhal⸗ alle tung horchenden jungen Herren; er verſtand lateiniſch, gle h wovon die Jungfrau, wiewohl ſie gerne fremde Ausdrücke Leb einmiſchte, gar nichts verſtand. Er lächelte beifällig, 3 und die Schöne pries ſich glücklich, ihn ſo effectvoll un⸗ die terhalten zu haben, und ihre Muthmaßung traf ziemlich allg richtig zu*). Abe „Man erzählt ſich in der That Mancherlei von meh⸗ als 3 dre ſch *) Miß Ring wollte vermuthlich ſa von Seiten 4 des Mädchens ſei ein Mittel, die Hofſnung des idenen Lieb⸗ daf habers zu beleben. Da nun der lateiniſche Ausdruck ihrer Rede einen Sinn gibt, den ſie in ihrer Einfalt nicht ahnt, ſo wurde dieſe Bemerkung unterhaltend genug für Mr. Walworth, nur in anderer Beziehung, als ſie beabſichtigte. Anm. d. Ueberſ. neh⸗ ſeiten Lieb⸗ Rede vurde ir in erſ. reren Herzensangelegenheiten dieſer Miß Effingham, die ſie, während ſie in Europa war, gehabt habe; doch ſcheint es faſt, als ſei ſie in allen dieſen nicht ſonderlich glück⸗ lich geweſen.“ „Mais ceci est trop fort! Je ne veux plus écouter.“ Meine gute Mademoiſelle, mäßigen Sie ſich doch, wir ſind noch lange nicht zu der Hauptſache gekom men. Gedulden Sie ſich doch ein wenig.“ „Wie ich höre, wechſelt ſie noch fortwährend Briefe,“ fuhr jene fort,„theils mit einem deutſchen Baron, theils mit einem italieniſchen Marcheſe, wiewohl die Verhältniſſe mit beiden durchaus abgebrochen ſind. Ei⸗ nige Leute erzählen auch, ſie gehe in Geſellſchaften ganz allein, ohne einem Herrn ihren Arm zu geben, und wolle gleichſam dadurch ihren feſten Entſchluß andeuten, ihr Leben hindurch allein zu bleiben.“ Ein gemeinſchaftlicher Ausruf des Erſtaunens, den die umſtehenden Fünf vernehmen ließen, drückte ihre allgemeine Mißbilligung aus, und noch an demſelben Abend wiederholten drei von ihnen dieſes Geſchichtchen als eine unbeſtreitbare Thatſache, und zwei von dieſen dreien, als ſie keinen Stoff mehr übrig hatten, um zu ſchwatzen, fügten als Zugabe noch die Nachricht hinzu, daß Evchen unwiderruflich verſprochen ſei.*) *) Nichts charakteriſirt wohl mehr das untreue Gedächtniß klatſch⸗ ſüchtiger Dummheit, als von derſelben Perſon in Einem Athem — 1538— „Es liegt etwas äußerſt Unzartos darin, wenn eine junge Dame durch ein Beſuchzimmer einherſchreitet ohne einen Herrn, dem ſie den Arm reicht! Solch ein Frauen⸗ zimmer erſcheint mir gar nicht an ihrem Platz zu ſein, und ich möchte ihr einen in der Küche anweiſen.“ „Aber Miß Ring, welch wohlerzogenes Frauenzimmer thut denn das?“ platzte Mr. Moreland heraus,„der⸗ gleichen war ja noch nie erhört in einigermaßen ach⸗ tungswürdiger Geſellſchaft!“ „Es iſt ganz abſcheulich! über alle Vorſtellung!“ rief ein Anderer. „Solch ein Benehmen kommt mir entſetzlich gemein vor!“ ein dritter. „O! ohne Zweifel,— ein durchaus ungeſchliffenes Benehmen!“ betonte Mr. Edſon. „Ich kann mir nichts gemeineres denken,“ fügte Mr. Walworth hinzu. „Dergleichen iſt mir noch nie vorgekommen in ächt gebildeten Geſellſchaften!“ ſagte Mr. Moſely⸗ „Ein junges Frauenzimmer,“ fuhr Miß Ring fort, „welches ſich ſo frech benehmen kann, in ein Geſell⸗ ſchaftszimmer einzutreten, ohne einem Herrn den Arm zu geben, gehört nach meinem Urtheil durchaus in keine gebildete Geſellſchaft, mag ſie Hadſhi ſein oder nicht, zu behaupten, ſie wolle nie heirathen, und ſie ſei unwiderruflich verſprochen. Anm. d. Ueberſ. and eine gleichviel. Mr Edſon haben ſie jemals zärtere Regun⸗ hne gen empfunden? Meines Wiſſens waren Sie wenigſtens ien⸗ ſchon Einmal in ihrem Leben ſterblich verliebt; beſchrei⸗ ein, ben Sie mir doch einige von den Zufällen, damit ich weiß, woran ich bin, wenn ich einmal ſelbſt von dieſem ner Leiden ernſtlich befallen werden ſollte.“ der⸗„Mais ceci est ridicule! L'enfant s'est sauvée du ach⸗ Charenton de New York.“ „Sagen Sie lieber aus der Kinderſtube, Mademoi⸗ 17² ſelle. Sie hören ja, das Kind kann noch nicht allein und ungeleitet gehen,“ bemerkte John Effingham. ein Mr. Edſon erwiederte der Schönen, er ſei zu un⸗ empfindlich, um ein ſo geiſtiges Gefühl, als die Liebe nes ſein ſolle, empfinden zu können, und er beſorge wirklich, die Natur habe ihn dazu beſtimmt, ſo ungerührt zu gte bleiben, wie ein Klotz“ „Man kann nicht wiſſen,“ ſagte das junge Mädchen icht aufmunternderweiſe,—„Niemand kann vorauswiſſen, Mr. Edſon, was ihm begegnen wird; ſchon Manche ort, meiner Bekannten, die ſich völlig unantaſtbar hielten, ell⸗ ſind plötzlich ergriffen worden von Liebespein, und ſind rm ſie auch nicht daran geſtorben, ſo hat ihnen ihr herbes ine Leid doch arg genug zugeſetzt, das können Sie mir ht, glauben.“ Darauf äußerten die jungen Leute, einer wie der lich andere, das ſei eine treffliche Bemerkung! Eine Pauſe . entſtand, indem Miß Ring mit ihren Augen einen ſechs⸗ ten Bewunderer in ihren Zauberring zu bannen bemüht war; ihr Ehrgeiz war nicht zufrieden, nur eine Fünfzahl von jungen Elegants zu unterhalten, weil ſie bemerkte, daß Miß Trumpet im anſtoßenden Gemach eine gleiche Anzahl um ſich verſammelt hatte. Ihre Geſellſchafter benutzten die in der witzigen Rede ihrer Dame entſtan⸗ dene Pauſe, um freien Athem zu ſchöpfen, und Mr. Ed⸗ ſon nahm dieſe Gelegenheit wahr, Mr. Summerfield mitzutheilen:„er habe gehört, in ſiebenhundert Straßen ſeien an dieſem Morgen Bauplätze verkauft worden, Platz für Platz zu zweihundert Dollars.“ Unterdeſſen war die Quadrille zu Ende, und Evchen kehrte zu ihren Freunden zurück. So wie ſie ſich der beſchriebenen Gruppe näherte, ſtellten alle Fünf unwill⸗ kührliche Vergleichungen an zwiſchen Evchens ruhigem, einfachen, weiblichem und gleichwohl achtungeinflößende Aeußern, mit dem unſtäten bewunderunghaſchenden und weltlobſüchtigen Umblick dieſer„Schönen,“ und wunderten ſich im Stillen, welche natürliche oder mo⸗ diſche Veranlaſſung dieſe ſo beißende Bemerkungen über jene habe bewegen können. Evchen war nie reizender erſchienen, als an dieſem Abend. Ihr Anzug umfaßte alle Achtſamkeit und Zierlichkeit einer pariſer Toilette, gleich entfernt von Uebertreibung und Vernachläſſigung, und ſie benahm ſich in ihrem Putz mit der anmuthigen Zwangloſigkeit, welche die Gewöhnung gibt, immer ele⸗ gant angezogen zu ſein, ohne jemals nach etwas — 141— Außerordentlichem zu ſtreben. Schon ihr Gang verrieth ihre vollendete Bildung, denn ſie erlaubte ſich weder das Tänzeln einer pariſer Griſette, ein Benehmen, das bisweilen auch bei den anſtändigeren Bürgermädchen bemerkt wird, noch ſchritt ſie gleich einer Londoner Spieß⸗ bürgerin einher, noch afefectirte ſie die eigne Fußſpitzen⸗ gewandtheit einer gefeierten Schönen; ihr Gang war natürlich und anſtändig, wie einem wohlerzogenen, ge⸗ bildeten Mädchen zukommt. Sie war überdieß wirklich im Stande allein zu gehen und ſie that es auch gewöhnlich, außer bei ceremoniellen Anläſſen, wo ſie durchaus eines Geleitsmanns bedurfte. Ihr Angeſicht, deſſen liebliche Züge durch keine Spur eines ihrer unwürdigen Gedan⸗ kens entſtellt wurden, war der Spiegel von Herzens⸗ reinheit, Sinnesfeſtigkeit und weiblichen Selbſtgefühls, das alle ihre Bewegungen beherrſchte, und hierin zeichnete ſie ſich von der fieberhaften Aufregung der Gedankenleerheit und der beifallhaſchenden Albernheit in Miß Rings Geſichtszügen unwiderſtehlich aus. „Sie mögen ſagen, was ihnen beliebt,“ murmelte Capitain Truck, indem er die Fauſt ballte,— denn er war bisher ein ſtiller Beobachter alles deſſen, was vor⸗ ging, geweſen—;„dieſe hier iſt mehr werth, als ſo viele, die jener dort gleichen, als ſich deren im Bauch des Montauk bergen laſſen.“ Sobald Miß Ring Evchen kommen ſah, wandelte ſie die Luſt an, einige Worte an ſie zu richten; denn — 142— eine Dame, die auf die Auszeichnung, Hadſhi zu ſein, Anſprüche machen konnte, war eine hinreichend wichtige Perſon, um eine entferntere, wo nicht gar eine vertrau⸗ lichere Bekanntſchaft wünſchenswerth zu machen; ſie wandte ſich daher lächelnd zu ihr und begrüßte ſie höf⸗ lich. Evchen erwiederte ihren Gruß, weil ſie aber keine Luſt hatte, ſich einer Gruppe von ſechs Perſonen zu nähern, unter denen nicht weniger als fünf junge Herren ſich befanden, ſo ging ſie weiter, um ihrer eignen Ge⸗ ſellſchaft ſich anzuſchließen. Dieſe Zurückhaltung ver⸗ anlaßte Miß Ring, ſich ihr um einige Schritte zu nä⸗ hern, und Evchen blieb aus Artigkeit ſtehen. Sich ge⸗ gen ihren Begleiter verneigend, dankte ſie ihm für die ihr bewieſene Artigkeit, entzog ihm ihren Arm und wandte ſich um, der jungen Dame näher tretend. In dieſem Augenblick entſchlüpften ſämmtliche fünf junge Herren ihrer unterhaltenden Schönen, gleich ſehr über ihre end⸗ liche Erlöſung erfreut, als ſie auf ihre Gefangenſchaft ſtolz geweſen waren. „Ich wäre beinah geſtorben vor Ungeduld, mich Ihnen zu nähern und mit Ihnen zu reden, Miß Effingham,“ begann Miß Ning;„aber dieſe fünf Rieſen,“ fuhr ſie fort, das letztere Wort betonend,„hielten mich ſo eng umlagert, daß an keine Flucht zu denken war. Man ſollte als Geſetz einführen, daß nur ein ein⸗ ziger Herr auf einmal mit einer Dame ſprechen dürfe.“ ſein, htige rau⸗ ſie höf⸗ keine n zu erren Ge⸗ ver⸗ nä⸗ )ge⸗ r die indte eſem erren end⸗ ſchaft ihnen im,“ fuhr ch ſo war. ein⸗ echen 145— „Ich glaubte nicht anders, als ſolch ein Geſetz ſei längſt vorhanden,“ erwiederte Evchen lächelnd⸗ „Sie meinen wohl ein Geſetzbuch der Wohlanſtändig⸗ keit; aber an dieſe längſt verſchollenen Vorſchriften denkt heutiges Tages Niemand mehr. Fangen Sie allmählig an, ſich wieder mit ihrem Geburtslande auszuſöhnen?“ „Eine Ausſöhnung kann da nicht wohl ſtattfinden, wo durchaus kein Mißverſtändniß beſtanden hat; ich wüßte nicht, daß ich jemals mit meiner Heimath unzu⸗ frieden geweſen wäre, oder meine Heimath mit mir.“ „Nicht doch! Das meine ich nicht ſo wörtlich. Kann man nicht ſich verſöhnen, ohne daß ein wirklicher Bruch vorherging? Was ſagen Sie dazu, Mr. Edſon?“ Weil nämlich Miß Ring einige Abtrünnigkeit in dem genannten Bewunderer bemerkt hatte, wollte ſie ihn durch dieſe Anrede abermals zurückhalten; als ſie aber, um die Wirkung ihrer Worte wahrzunehmen, ſich umwandte, gewahrte ſie mit Schrecken, daß ihre ſämmtlichen Anbeter das Weite geſucht hatten. Sie war unvermögend, ihr Erſtaunen, ihre Beſchämung, ihren Aerger in ihrem Antlitz zu verbergen, dazu geſellte ſich noch ein Ausdruck der Angſt. „Hier ſtehen wir den Blicken aller Leute preisgege⸗ ben, und an allem dem bin ich ſchuld!“ ſagte ſie, wäh⸗ rend zum erſtenmale an dieſem Abend ihre Stimme nicht lauter als geziemend war.„Nun befinden wir — 444— uns hier ganz allein, zwei Damen, mit einander redend, und kein Herr in unſerer Nähe.“ „Sind wir deßhalb Aller Blicken preisgegeben?“ frug Evchen mit einer Einfalt, die ganz Natur war. „Ich bin überzeugt, Miß Effingham, wer ſo weit gereiſt und ſo oft in Geſellſchaft geweſen iſt, wie Sie, kann nicht in vollem Ernſt ſo fragen. Ich entſinne mich nicht eine ſolche Unſchicklichkeit, ſeit ich fünfzehn Jahre alt wurde, jemals begangen zu haben. Und wie machen wir's?— Sie haben ihren Begleiter entlaſſen, und ich ſehe hier keinen bekannten Herrn, dem ich meinen Arm reichen könnte!“ „Wenn Ihre Verlegenheit durch meine Anweſenheit entſteht,“ ſagte Evchen,„dann bin ich glücklicherweiſe im Stande, Sie derſelben zu überheben.“ Mit dieſen Wor⸗ ten ſetzte Sie gelaſſen ihren Weg durch den Saal fort, und nahm Platz neben Mademoiſelle Viefpille. Miß Ring hob ihre Hände verwundert empor, und. zu ihrem Troſte einen ihrer Ausreißer in geringer Ent⸗ fernung von ihr erblickend, winkte ſie ihn zu ſich heran. „Thun Sie mir doch den einzigen Gefallen, mir Ihren Arm zu erlauben, Mr. Summerfield,“ ſagte ſie, „ich vergehe vor Angſt, noch länger in dieſer auffallen⸗ den Lage zu bleiben, ich wußte nicht, wie mich aus die⸗ ſer Verlegenheit retten;— hier ſtehe ich ſchon ein Jahr und harre; Sie ſind der erſte Ehrenmann, den ich an⸗ zureden wage. Nicht um die Welt möchte ich mich Gut mach heite ſpru⸗ dend, n?“ f. weit Sie, mich gahre achen und einen nheit ſe im Wor⸗ fori, und. Ent⸗ eran. mir e ſie, allen⸗ die⸗ Jahr han⸗ mich — 143— eines ſo frechen Benehmens erkühnen, wie Miß Effing⸗ ham ſich unterſtanden hat. Werden Sie glauben, daß es möglich ſei? Sie ſpazierte wahrhaftig ganz allein von dieſem Fleck wo ich ſtehe, dorthin nach ihrem Sitze, ohne alle männliche Begleitung!“ „Hadſſhis dürfen ſich ſchon mancherlei herausnehmen, und ſie ſind keck genug.“ 3 „Das ſind ſie ganz gewiß. Aber es iſt ja auch weltbekannt, wie unweiblich überhaupt die Franzöſinnen ſich benehmen. Indeſſen wäre zu wünſchen, unſre eignen Landsleute ſuchten nicht die frechen Gewöhnungen frem⸗ der Länder bei uns einzuführen.“ „Es iſt wahrhaftig Schade, daß Mr. Clay in ſeinem Gutachten nicht eine Ausnahme von dieſem Artikel ge⸗ macht hat. Ein Zolltarif auf ausländiſche Unverſchämt⸗ heiten würde hoffentlich in der Section keinen Wider⸗ ſpruch erfahren haben.“ „Dadurch würde allerdings die inländiſche Betrieb⸗ ſamkeit unterſtützt worden ſein,“ fiel John Effingham ein, denn die Lungen der Sprecher waren ſtark, und die Zimmer der Mrs. Houſton klein genug, ſo daß über⸗ haupt an dieſem Abend wenig geſprochen wurde, ohne daß es Alle hören konnten, welche Muße hatten, zuzu⸗ hören. Miß Ring aber hörte nie zu. Dieſe Rolle war viel zu gering in den Augen einer, Andere zu unterhal⸗ ten, berechtigten Schönen, und ſich auf den ſchützenden Arm des Mr. Summerfield verlaſſend, drang ſie mit 127.— 129. 10 — 16— geſteigertem Selbſtvertrauen ins Gedränge vor, wo es ihr bald gelang, ſogar ſechs junge Stutzer auf einmal zu unterhalten. Was Mr. Summerfield anlangt, ſo ge⸗ noß dieſer wohl ein Jahr lang den Triumph der witzi⸗ gen Aeußerung, die er ſo eben ſeinen Lippen hatte ent⸗ ſchlüpfen laſſen. „Da kommen Edward und Ariſtobulus,“ ſagte John Effingham, nachdem bereits der Glockenton im Lärm von fünfzig anderen verhallt war, die alle in demſelben Schlüſſel geſetzt zu ſein ſchienen.„A présent, Made- moiselle,“ ſchloß er,„je vais vous venger.“ Bei dieſen Worten faßte John Effingham Capitain Truck am Arm, und ging mit ihm, ſeinem Vetter und dem Gutsverwalter entgegen. Den letztern zog er bald darauf von Mr. Effingham ab, und mit ſeinem neuen Begleiter bemühte er ſich der Miß Ring ſo viel als mög⸗ lich ſich zu nähern, um ihre Aufmerkſamkeit zu erregen. Obſchon fünfzig Jahre alt, war John Effingham doch als ein wohlſtehender Junggeſelle bekannt, deſſen Verbindungen anſehnlich waren und deſſen Einkünfte ſiebenzehntauſend Dollars jährlich betragen mochten. Dazu kam noch, daß er, wie man zu ſagen pflegt, ſich gut con⸗ ſervirt hatte, und ein ausgezeichnet hübſcher Mann war. Dabei lag in ſeinem Benehmen ein Etwas, was alle anmaßende Vornehmthuerei bei Jedem in die gebühren⸗ den Schranken zurückwies. Solche Eigenſchaften pflegt keine modiſche Schöne gering zu achten, und eheliche es mal ge⸗ itzi⸗ ent⸗ John von Aben ade- itain und bald neuen mög⸗ egen. gham deſſen künfte Dazu t con⸗ war. 3 alle ühren⸗ pflegt heliche 1— Verbindungen unter Perſonen äußerſt ungleichen Alters begannen damals ſchon in New York einigermaßen Mode zu werden. Miß Ring glaubte aus ſeinem Benehmen zu errathen, daß er gern mit ihr ſprechen wollte; ſie ſäumte daher nicht, ihm die Gelegenheit dazu zu erleich⸗ tern. Die Ueberlegenheit John Effingham's in der Art, ein Geſpräch durchzuführen, ſein beißender Witz und ſeine Gewandtheit als Weltmann zerſtreuten in wenigen Au⸗ genblicken die fünf Stutzer; denn dieſe Leutchen haben einen natürlichen Widerwillen gegen jede Arten Ueberle⸗ genheit, die ſie ſelbſt in den Schatten ſtellt. „Ich hoffe,“ ſagte er,„Sie werden einer langen Be⸗ kanntſchaft, die ſchon mit Ihrem Großvater beſtand, die Freiheit vergeben, Miß Ring, wenn ich mir das Ver⸗ gnügen mache, zwei meiner vertrauteſten Freunde, Mr. Bragg und Mr. Truck, Ihnen vorzuſtellen. Beide Her⸗ ren werden Ihre neue Bekanntſchaft zu ſchätzen wiſſen.“ Die junge Dame verneigte ſich mit zierlichem An⸗ ſtande; bei ihr war es Gewiſſensſache, jeden Mann, der ſich ihr näherte, freundlich zu empfangen. Zwar empfand ſie zu viel Scheu vor den beobachtenden Blicken John Effingham's, um durch zuvorkommendes Benehmen auf die ihr vorgeſtellten Fremden unmittelbar einwirken zu können; doch jener befreite ſie von dieſer Verlegenheit, indem er ſich ſtellte, als wünſche er ein Geſpräch mit einer andern Dame anzuknüpfen. Nunmehr blieben die beiden Fremden ihr allein über⸗ 10*† laſſen. Die Schöne hatte gehört, die Effinghams hät⸗ ten einen vornehmen Engländer in ihrer Geſellſchaft, der unter falſchem Namen reiſe; ſie hielt ſich daher ſcharf⸗ ſichtig genug, ſogleich zu entdecken, dieſer könne kein an⸗ derer ſein als Mr. Ariſtobulus; und mit Hülfe ihrer lebhaften Einbildungskraft hielt ſie ſich ebenſo überzeugt, Mr. Truck ſei der Hofmeiſter deſſelben, der ihn auf ſei⸗ nen Reiſen begleite und folglich nichts anderes als Geiſt⸗ licher der engliſchen Kirche ſein könne. Sie war artig genug, auf das Incognito nicht anſpielen zu wollen, ſuchte indeſſen den beiden Herren merken zu laſſen, es ſei nicht ſo leicht, eine junge Dame von gutem Ton zu täuſchen, wenn dieſes auch bei andern Leuten nicht ſchwer ſei. Sie bildete ſich etwas darauf ein, daß ihrem Scharf⸗ blick der Mann von Stande und Bildung ſich nicht ver⸗ bergen könne, und ihre erſten Bemühungen, ſobald John Effingham ſie von ſeiner Gegenwart befreit hatte, gin⸗ gen dahin, den Fremden ſolches nuf eine verbindliche Weiſe zu verſtehen zu geben. „Wohl mag Ihnen der geringere Grad von Feinheit und die einfachere Art des Benehmens in unſern Geſell⸗ ſchaften auffallend ſein, Mr. Bragg,“ ſagte ſie, ihn be⸗ deutſam anblickend;„auch fühlen wir recht gut, daß nicht Alles bei uns iſt, wie es ſein ſollte; doch, meinen Sie nicht, daß unſer geſelliger Ton den Erwartungen ent⸗ ſpreche, die man irgend an Anfänger machen kann?“ Mr. Bragg war ſeinerſeits ſich bewußt, daß er in — 149— ſeinem ganzen Leben noch in keiner Geſellſchaft geweſen war, die den Namen guter Geſellſchaft verdiente; doch ihn hielt das Selbſtvertrauen, das ihn in jeder Lebens⸗ lage ſich jederzeit orientiren ließ,— ein bezeichnender Zug im Charakter dieſes Mannes,— auch jetzt aufrecht, als ihm oblag, eine der Frage entſprechende Antwort zu geben; daher entgegnete er wirklich mit einem richti⸗ gen Tact, welche den Behauptungen eines der entſchie⸗ denſten Elegants der Chauſſee dAntin Ehre gemacht ha⸗ ben würde:. „Ich finde hier in der That ſo wenig gekünſtelte Feinheit und ſolche offenbare Einfachheit des Benehmens, daß der hier übliche geſellige Ton Jedermann verſtänd⸗ lich ſein muß. Nur einen einzigen Fehler hat dieſe recht artige Unterhaltung, welche in meinen Augen ſo vieles Vollkommene in ſich vereinigt, und dieſer Fehler beſteht darin, daß der Raum hier viel zu klein iſt, um die Beine gehörig im Tanze zu regen.“. „Wirklich!— das hätte ich kaum erwartet.— Ge⸗ hört es alſo nicht zu den beſſern Gebräuchen in Europa, eine Quadrille in den kleinſten möglichen Raum zu be⸗ ſchränken?“ „Grade das Gegentheil, Miß. Jeder gute Tanz er⸗ fordert den möglicherweiſe größten Raum zur freieſten Bewegung. Tanzende Derviſche zum Beiſpiel würden wenigſtens ebenſoviel Platz brauchen, als die beiden Tanzpartien, die wir dort in ihren Touren ſich abmü⸗ — 130— hen ſehen; und ich meine, man iſt jetzt allgemein darin 1 einverſtanden, daß zu einer ächten Tanzluſtbarkeit hin⸗ reichend großer Raum, um die Beine zu regen, als eine 3 Gonditio sina qua non zu betrachten ſei.“ E „Freilich wohl mögen wir in dieſem entlegenen Lande weit hinter den neueſten Moden zurückbleiben. Sagen 20 Sie mir, Herr, iſt es jetzt Mode, daß Damen in Ge⸗ 1 ſellſchaften unbegleitet durch den Saal gehen?“ ſe „Das Weib ſſt nicht geſchaffen, um allein durchs Leben zu gehen, Miß,“ entgegnete Ariſtobulus mit einem 2 empfindſamen Blick;— denn er ließ keine Gelegenheit, ſ ſich beliebt zu machen, leicht entſchlüpfen, und ſchlug ihm vielleicht ſeine Bewerbung um Miß Effingham fehl, oder r um Miß van Courtlandt, deren Vermögen und Einfluß ihm ziemlich genau bekannt war, ſo dachte er ſchon im b Voraus daran, daß Miß Ring muthmaßlich keine ver⸗ 3 werfliche Partie ſei, und jede vortheilhafte Ausſicht der d Art war ihm willkommen.—„Daß dieſes wahr iſt,“ ſetzte r er hinzu,„wird Niemand beſtreiten können.“ 3 „Sie ſcheinen,“ antwortete ſie,„das eheliche Leben 2 zu meinen?“ 1 „Ja wohl, Miß; ein Mann meint immer eheliches Leben, wenn er dergleichen einer jungen Dame ſagt.“ Dieſes brachte Miß Ring einigermaßen außer Faſſung; ſie begann an ihrem Blumenſtrauß zu pflücken; denn ihr war es noch nicht vorgekommen, daß Herrn zu Damen von der Ehe redeten, ſondern bloß dieſe zu jenen. Doch arin hin⸗ eine ande agen Ge⸗ urchs inem gheit, gihm oder nfluß n im ver⸗ zt der ſetzte Leben liches gt.“ ſſung; in ihr damen Doch ihre Geiſtesgegenwart wieder aufraffend, ſagte ſie mit einer Gewandtheit, welche der Geſellſchaft, zu der ſie gehörte, zum Lobe gereichte: „Sie ſprechen, mein Herr, wie Jemand, der darin Erfahrungen gemacht hat.“ „Allerdings, Miß; ich war verliebt, als ich kaum zehn Jahr alt war. Ich kann wohl ſagen, Liebe gab mir das Leben und in Liebe hoffe ich es auch zu be⸗ ſchließen.“ Das war nun mehr, als Miß Ring im Stande war zu beantworten; doch eine Schöne, wie ſie, war nicht ſo leicht zum völligen Stillſchweigen zu bringen; ſie lä⸗ chelte anmuthig vor ſich hin, und erneuerte die Unter⸗ redung mit geſteigerter Lebhaftigkeit. „Die weitgereiſten Herren haben bisweilen ſonder⸗ bare Grillen,“ ſagte ſie,„zumal in Dingen ſolcher Art. Ich bin immer in einiger Verlegenheit, wenn ich über dergleichen Gegenſtände mit Fremden ſprechen ſoll; wäh⸗ rend ich meinen Landsleuten gewöhnlich zu antworten weiß. Sagen Sie mir doch, Mr. Truck, wie Ihnen Amerika gefällt? Entſpricht unſer Land wohl Ihren Er⸗ wartungen?“ „Gewiß, Madamchen,“— letztern Ausdruck verdankte der Capitain ſeinen„am Fluſſe“*) erhaltenen erſten Ein⸗ *) Der Connecticut heißt bei dem ſeefahrenden Theil der New Yorker Bevölkerung vorzugsweiſe„der Fluß.“ drücken von artiger Lebensart,—„Als wir von Ports⸗ mouth aus in See gingen, glaubte ich nicht anders, als mir das erſte Land, das wir erblicken würden, werde die was Hügelreihe von Naveſink ſein; wiewohl ich indeſſen in— b meiner Hoffnung betrogen wurde, ſo hatte ich am Ende und doch die Freude, das gehoffte Land wirklich zu ſehen.“ ſtene „Es iſt, fürchte ich, das gewöhnliche Schickſal aller, er y die von der Jenſeite des Meers herüberkommen, daß haus ſie in ihren Hoffnungen ſich getäuſcht ſehen.— Kann woh dieſe Wohnung der Mrs. Houſton wohl einen Vergleich chen mit dem Sitz eines vornehmen Adlichen in England aus⸗ nie halten, Mr. Bragg?“ wirk „Ich gebe erſterer den Vorzug, Miß; vorzüglich in iſt g dem, was ich republicaniſche Annehmlichkeit und Be⸗ alle quemlichkeit nennen möchte.“ auße Miß Ring, wie alle Schönen nach der Mode, hatte zu h einen Widerwillen gegen alles Republicaniſche, weil ihr tung Sinn auf ausſchließliche Bevorrechtung gerichtet bleibt; die C daher ſagte ſie etwas ſpitz und in gereiztem Tone: Kreif „Ich möchte einigermaßen die Vorzüge der von Ih⸗ ſten nen erwähnten Annehmlichkeit oder Bequemlichkeit be⸗— Grof zweifeln, Herr; ich wünſchte aber zu wiſſen, ob dieſe„ Säle einen Vergleich aushalten mit denen in Apfley ſagte Houſe und ähnlichen anſehnlichen Häuſern in London?“ nicht „Meine theure Miß, im Vergleich mit dieſen Pracht⸗ gezei ſälen iſt Apſley Houſe nur eine Zollthorſpelunke!— Ich gen! zweifle, ob ſich in ganz England eine Wohnung findet, halb ſo prächtig, wie dieſe.— Wahrhaftig, ich kann mir nichts Prächtigeres und Glanzvolleres denken, als was ich hier erblicke!“ Ariſtobulus war nicht gewohnt, etwas halb zu thun, und bei ihm war es ein Ehrenpunct, von Allem wenig⸗ ſtens Etwas wiſſen zu wollen. In der That, wußte er weder, wo Apſfley Houſe war, oder, ob es ein Wirths⸗ haus, ein Gefängniß, oder ſonſt etwas ſei; er war ge⸗ wohnt, von allen Dingen keck ſeine Meinung auszuſpre⸗ chen; wann es darum galt, Etwas zu ſagen, ſo war er nie geneigt die Unterredung zu hemmen, indem er ſeine wirkliche oder verſtellte Unwiſſenheit vorſchützte. So viel iſt gewiß, daß die Aeußerung, welche er eben vorbrachte, alle Erwartungen der Miß Ring weit übertraf; denn außer ihrem Streben, eine gefeierte Schöne des Tages zu heißen und die jungen Herren durch ihre Unterhal⸗ tung zu bezaubern, lag ihr nichts mehr am Herzen, als die Einbildung, ſie ſpiele ihre glänzende Rolle in einem Kreiſe des feinſten Welttons, der mit den ausgeſuchte⸗ ſten Geſellſchaften des„hohen und niedern Adels“ in Großbritannien ſich meſſen könne. „Nun das übertrifft meine kühnſten Erwartungen,“ ſagte ſie,„wiewohl ich mir geſchmeichelt hatte, daß wir nicht bedeutend von der Höhe des feinen Tons der aus⸗ gezeichnetern Cirkel Europa's entfernt wären; doch mö⸗ gen wir tiefer ſtehen im Vergleich mit der Höhe der ge⸗ ſelligen Bildung jenes Welttheils.“ — 154— „Tiefer ſtehen, Miß! Solche Rede ſollte nie Ihrem Munde entſchlüpfen. Sie ſtehen nicht tiefer gegen ir⸗ d gend Jemanden, weder in Europa oder Amerika, noch A in Afrika oder Aſien.“ S Miß Ring, welche gewohnt war, die meiſten Schmei⸗— chelreden ſelber zu ſagen, wie es einer modiſchen Schö⸗ ſt nen zukam, wurde durch die offenbar und rückhaltlos b. 1 vorgebrachten Artigkeiten unſeres Ariſtobulus, der gern f „das Eiſen ſchmiedete, ſo lang es glühete,“ etwas außer b Faſſung gebracht. Sichtbar verwirrt, wandte ſie ſich in— ihrer Verlegenheit an Capitain Truck. Verwirrt war ſie 1 6 wirklich; denn ſo ſehr das Benehmen der jungen Dame 1 P auch geeignet war, ihren Character in ungünſtigem Lichte zu zeigen, ſo wenig war ſie wirklich anmaßend, ſondern d überſah bloß die wahren Verhältniſſe der Dinge in der t Welt, worin ſie zu glänzen wünſchte; mit andern Wor⸗ d ten, durch Mißverſtehen ihrer Stellung zu Andern und durch Verwechſelung der Vorſtellungen des Modiſchen f mit dem Schicklichen kam ſie dahin, in ihrer Unterhaltung eine Rolle zu ſpielen,— welche Schauſpielerinnen bis⸗ 1 weilen auf Theatern übernehmen,— mit nur Männern d geziemenden Vorzügen glänzen zu wollen. „Sie ſollten, denke ich, Mr. Bragg überzeugen, mein Herr,“ ſagte ſie mit vertrauendem Blick den Capitain anſehend,„daß Schmeichelei eine gefährliche Sünde ſei, die am wenigſten einem ächten Chriſten ziemt.“ „Sünde iſt es allerdings, Madamchen; eine Sünde, —„ hrem 1 ir⸗ noch gmei⸗ Schö⸗ ltlos gern außer ch in ar ſie Dame Lichte ndern a der Wor⸗ r und iſchen lltung m bis⸗ nnern mein pitain de ſei, Sünde, — 133— deren ich mich niemals ſchuldig mache. Niemand, der unter meinen Befehlen ſteht, kann mich irgend einer Schmeichelei beſchuldigen.“ Die„unter Befehl“ von Mr. Truck Stehenden dachte ſich Miß Ring als Pfarrer und Pfarrvicarien, denn ſie bildete ſich ein, die Kirche von England müſſe eine Stu⸗ fenfolge von höhern und niedern geiſtlichen Würden ha⸗ ben, von denen man in Amerika nichts wiſſe. „Ich hoffe, mein Herr,“ ſagte ſie zu dem vermeint⸗ lichen Geiſtlichen hohen Ranges,„Sie werden uns nicht verlaſſen, ohne uns vorher mit einer Predigt zu er⸗ bauen?“ „Ich bin wenig dazu aufgelegt, Madamchen;— denn ohnehin bin ich vom frühen Morgen bis zum ſpä⸗ ten Abend genöthigt, meinen eignen Leuten vorzupre⸗ digen, und muß leider eingeſtehen, daß ich wenig aus⸗ richte mit allen dieſen Converſationirungen. Doch laſ⸗ ſen Sie mich einmal wieder auf den Planken ſtehen, wo ich mich behaglich fühle, und meine aufmerkſamen Zuhörer um mich her, eine gute Cigarre im Munde, dann ſoll mir kein Biſchoff in der Welt zuvorkommen.“ „Eine Cigarre!“ rief Miß Ring voll Verwunderung aus.„Pflegen denn Herren Ihres Standes Cigarren zu rauchen, während ſie ihre Amtspflichten erfüllen?“ „Beſteht nicht jeder Prediger auf ſeine Gebühren? Ich verſichere Sie, Miß, es gibt keinen einzigen unter uns, der nicht vom Morgen bis zum Abend raucht.“ „Doch gewiß nicht des Sonntags!“ 2 „Doppelt ſo viel an Sonntagen; wenigſtens mehr als an Werktagen.“ „Und Ihre Untergebnen, was thun dieſe, während Sie rauchen?“ „Ei, Madamchen, die meiſten von ihnen kauen ihren Tabak; und die das nicht thun, behelfen ſich mit einer Pfeife, und wenn ſie keine bei der Hand haben, wird ihnen die Zeit gewaltig lang. Ich ſelbſt könnte es, ſo gern ich bei ihnen bin, kaum längere Zeit aushalten, wenn das Cigarrenrauchen verboten wäre.“ Miß Ring war darüber äußerſt verwundert; doch ſie hatte ja gehört, daß die engliſche Geiſtlichkeit weit grö⸗ ßere Freiheiten genieße als die amerikaniſche, und bis⸗ her war ſie völlig überzeugt, daß alles, was in Eng⸗ land üblich ſei, durchaus vortrefflich ſein müſſe. Nach einiger Ueberlegung befreundete ſie ſich bald mit dieſer Neuerung, und Tags darauf bei einem Diner verthei⸗ digte ſie dieſe Sitte gegen diejenigen, welche ſie tadeln wollten, indem ſie zu beweiſen ſuchte, dieſer Gebrauch ſei an die Stelle des Rauchopfers getreten, das vormals auf den Altären angezündet worden. Im gegenwärtigen Augenblick aber verzehrte ſie die Ungeduld, was ſie Neues erfahren, Andern in der Geſellſchaft mitzutheilen, und machte deßhalb dem Capitain und Ariſtobulus artiger⸗ weiſe den Vorſchlag, ſie Beide einigen ihrer Bekannten vorzuſtellen, da ſie als Fremde ſich langweilen würden, wenn ſie gar Niemanden kennten. Vorzuſtellen und vorgeſtellt zu werden, gehörte, wie das Cigarren⸗ rauchen zu den Liebhabereien des Capitains, der ſich daher ihren Vorſchlag gern gefallen ließ; Ariſtobulus nahm den Vorſchlag eben ſo gern an, weil er be⸗ rechtigt zu ſein glaubte, Jedermann im Bereich der Vereinigten Staaten, weß Standes er auch ſei, förm⸗ lich vorgeſtellt zu werden, mit dem er irgend in Be⸗ rührung kam. Es bedarf kaum erwähnt zu werden, wie ſehr die Effinghamſche Geſellſchaft die Unterredung der beiden Herren mit Miß Ring beluſtigte, obgleich ſie ihre Theil⸗ nahme unter dem ruhigen Benehmen von Weltleuten verbargen. John Effingham nahm ſich ſorgfältig in Acht, ſeinem Vetter die Art und Weiſe, wie Miß Ring ge⸗ foppt wurde, zu verbergen, weil Mr. Effingham ſich ſonſt verpflichtet gefühlt hätte, ſchon aus Rückſichten ge⸗ gen Mrs. Houſton, eine eitle, ſonſt aber gutherzige Dame, dem ganzen Spaß ein Ende zu machen. Evchen und Grace lachten, wie muntere Mädchen bei ähnlichen Anläſſen zu lachen pflegen, und vertrieben ſich den übri⸗ gen Abend, öfter tanzend, die Zeit deſto angenehmer. Gegen Ein Uhr begab ſich die Geſellſchaft auf dieſelbe wenig förmliche Weiſe nach Hauſe, ohne ſonſt übliche Anmeldung der Wagen, wie ſie gekommen waren; die Meiſten legten bald ihre ſchläfrigen Häupter zur Ruhe; nur Miß Ring mochte vielleicht noch eine Weile über das feine Benehmen eines hochgebildeten jungen Eng⸗ länders nachſinnen und dann von einer Predigt träu⸗ men in einer tabaksrauch⸗umnebelten Verſammlung. Sechſtes Kapitel. Peter Quince. Mit Reſpeet zu ſagen: unſer Stück iſt das höchſt bejammernswerthe Luſtſpiel vom ſchrecklichen Tode von Pyranus und Thysby. Sommernachtstraum. Das Ziel das wir uns in der Schilderung der ge⸗ ſelligen Verhältniſſe von New Jork geſteckt haben, iſt bald erreicht. Die männlichen Glieder der Familie Ef⸗ fingham waren gemeinſchaftlich mit Sir George Temp⸗ lemore zu einigen Diners eingeladen worden, welche letz⸗ term in den Häuſern gegeben wurden, an die er in Ge⸗ ſchäften empfohlen war. Da von dieſen Gaſtmählern keines weſentlich von allen übrigen ſich unterſchied, ſo wird eine kurze Schilderung eines einzigen hinreichen, die Leſer in die Geheimniſſe ihrer Herrlichkeit einzuweihen. Eine reichlich beſetzte Tafel, vortreffliche Gerichte, em⸗ pfehlungswürdige Kocherei, wohlſchmeckende Weine fehl⸗ ten bei keinem dieſer Gelage. Zwei Reihen dunkelge⸗ kleideter Herren, eine einzelne Dame am Oberende der Tafel, oder, im günſtigeren Falle, deren zwei, bildeten ein Mal wie das andere die geſammte Tiſchgeſellſchaft. Stück vom ge⸗ iſt Ef⸗ mp⸗ letz⸗ Ge⸗ lern ſo die ihen. em⸗ fehl⸗ elge⸗ der deten — 159— Die Mißgriffe kleinſtädtiſcher Vornehmthuerei zeigten ſich beſonders in einem lächerlichen Umſtande. Der Wirth, oder vielleicht war es die Wirthinn, hatte gehört, es gehöre zum hohen Ton, daß die ſchwächere Beleuchtung des Empfangszimmers mit dem ſtärkern Licht im Tafel⸗ zimmer recht auffallend contraſtiren müſſe; John Effing⸗ ham hätte daher beinah beide Beine gebrochen, indem er über einen Stuhl ſtolperte, welchen er im abſichtlich dun⸗ kel erhaltenen Beſuchzimmer nicht ſehen konnte. War die Geſellſchaft glücklich um die Tafel verſam⸗ melt und der Hauptpflicht, für die leiblichen Bedürfniſſe zu ſorgen, auf gebührende Weiſe genuggethan, dann begann die Unterredung über die Preiſe der Bauplätze, über die Speculationen in neuanzulegenden Städten und Ortſchaften, über die correnten Handelsartikel. Darauf kam in der Regel das Prüfen von Weinſorten an die Reihe, wobei der Wirth leicht mit einem Wein⸗ händler oder Kellner hätte verwechſelt werden können; denn entweder ſah man ihn an einem Stechheber ſau⸗ gen oder eifrig mit dem Pfropfenzieher handthieren. Dann wurden die Unterredungen denen ähnlich, wie ſie an den jährlichen Feſten deutſcher Weinſpeculanten bei ihren gaſtlichen Gelagen in Rüdesheim, wo die Verſtei⸗ gerungspreiſe verhandelt werden, vorkommen mögen. Sir George war ſchon im Begriff, hiernach völlig unrichtige Urtheile über die amerikaniſchen Geſellſchaften zu fällen, als ihn Mr. Effingham noch zur rechter Zeit — 160— aus jenem Kreis herauszog und ihn in den ſeinigen einführte. Die Geſellſchaften, in welche er den Baronet einführte, boten demſelben manches Eigenthümliche, was einem Europäer auffallen mußte, ſelbſt manches Klein⸗ ſtädtiſche, was bei anſpruchloſen Leuten leichter überſe⸗ hen werden konnte; doch im Ganzen fand ſich Sir George in dieſem Kreiſe weit behaglicher. An guten Speiſen und Weinen fehlte es eben ſo wenig, wie bei jenen früher erwähnten Gaſtereien; doch hier belebte zu⸗ gleich geiſtreiche Unterhaltung die Freuden des Mahles, und ein gebildeter, wenn auch nicht durchaus gleichförmiger Ton befriedigte den einfachen und natürlichen Geſchmack von Leuten, die keinen durchaus großen Werth auf ſteife, herzloſe Gelage und auf gekünſtelte, modiſche Prunkliebe zu legen gewohnt ſind. Einzelne gelegentliche Verſtöße kamen hier bisweilen vor, aber keine weſentliche, allge⸗ meine Fehlgriffe, und Sir George Templemore ſah ſich genöthigt, die Wahrheit einzugeſtehen, daß er auf dem Wege war, von jenen frühern Eindrücken irregeleitet, äußerſt voreilige Urtheile über die amerikaniſchen Bräu⸗ che zu fällen. Während auf dieſe Weiſe faſt ein Monat verſtrich, wurden die vertraulichen Beſuche des jungen Baronet im Effinghamſchen Hauſe immer häufiger; Evchen ward allmählig offener und ungezwungener in ihrem Beneh⸗ men gegen ihn, jemehr ſie ſich überzeugte, daß er den Wunſch, ſich ihr als Bewerber zu nähern, völlig aufge⸗ ngen ronet was Llein⸗ verſe⸗ Sir guten 2 bei e zu⸗ und niger mack teife, liebe ſtöße llge⸗ ſich dem eitet, räu⸗ rich, onet vard neh⸗ den fge⸗ — 41— geben habe; in demſelben Maße wurde Grace immer vorſichtiger und ſchüchtener, je inniger dieſe ſich von ſeinen Bemühungen, ihr zu gefallen, und von dem zu⸗ nehmenden Antheil überzeugte, welchen er für ſie empfand. Drei Tage mochten nach jenem Ball bei Mrs. Hou⸗ ſton verfloſſen ſein, als die Familie in Stateſtreet einer Einladung zufolge, eine gewiſſe Mrs. Legend beſuchen ſollte, eine Dame von literariſcher Tournüre, wie man wohl zu ſagen pflegte, bei welcher Gelegenheit Sir George gebeten wurde, mit von der Partie zu ſein. Ariſtobulus war ſchon wieder zu ſeinen gewohnten Ge⸗ ſchäften in Templeton zurückgekehrt, wo wir ihm bald aufs Neue begegnen werden; dagegen hatte Capitain Truck ebenfalls eine Einladung von Mrs. Legend er⸗ halten, weil man ſich von ſeinem eigentlichen Beruf eine irrige Vorſtellung machte. Die Liebe zur ſchönen Kunſt und Literatur, wie zu andern Schönheiten, geht aus natürlichen Trieben her⸗ vor. So wohl Kunſtgeſchmack als Frauenliebe können allerdings durch Umſtände höher ausgebildet und zu außergewöhnlichen Wirkungen geſteigert werden; aber der freie Wille muß beide in ſolchen Fällen beflügeln. Der Strom der Empfindungen, das Innerlich⸗Ueber⸗ ſchwängliche, wie Manche ſagen würden, läßt ſich weder erzwingen noch hemmen, weder willkürlich wecken noch beſchwichtigen. Daher ſind alle voraus überlegte Ge⸗ nüſſe, ſobald ſie über das Sinnliche hinaus in das Ge⸗ 127.— 129. 11 biet des Geiſtigen ſich verſteigen, in der Regel falſch berechnet, und fehlgeſchlagene Erwartungen das gewöhn⸗ Sp liche Refultat. Aus keinem andern Grunde erregen aka⸗ ger demiſche Feſtlichkeiten, literäriſche Zuſammenkünfte, Co⸗ höt terien und Mahlzeiten meiſtentheils Langeweile. Es 4 du läßt ſich nicht läugnen, daß man allerdings Geſellſchaf⸗ für ten von geiſtreichen Perſonen veranſtalten könne, und red daß dieſe, wenn man ihnen keinen beſtimmten Zweck mö ihres Zuſammenkommens vorzeichnet, ihren natürlichen der Eingebungen überlaſſen, ſich alsdann in ihrem wahren ſel Charakter zeigen werden; ihr Witz wird Funken ſprühen, dar und Ein Gedankenblitz wird ſich an dem andern entzün⸗ den 3 den in freiem Spiel der geiſtigen Kräfte; aber jede Be⸗ Ab mühung, den Unerregbaren zu anmuthiger Rede und Ge⸗ Ca genrede zu ſpornen, indem man einen beſtimmten intel⸗ ein lectuellen Zweck den nur aus freiem Trieb erregbaren Eigenthümlichkeiten vorzeichnet, kann die Unfähigkeit nur faſt noch auffallender machen, indem alsdann der Contraſt tere mit dem wahren Witz, der nur ein Kind des Augenblicks ſter iſt, durch ſolche Vorausberechnung deſto greller erſchei⸗ net nen muß; ſowie ein ſchlechtes Gemälde deſto wider⸗ tere wärtiger einwirkt, jemehr man ſolches durch einen künſt⸗ glü lich gearbeiteten und prächtig verzierten Rahmen preiss bei gibt. Letzteres war das Schickſal der meiſten literäri⸗ den ſchen Abende von Mrs. Legend, bei welcher es ſogar von als Auszeichnung galt, wenn Jemand außer der Mut⸗ und terſprache noch eine fremde verſtand. Da man alſo er⸗ ein falſch wöhn⸗ n aka⸗ 2, Co⸗ 2. Es llſchaf⸗ , und Zweck rlichen vahren vrühen, entzün⸗ de Be⸗ nd Ge⸗ intel⸗ egbaren keit nur kontraſt enblicks erſchei⸗ wider⸗ n künſt⸗ n preis⸗ literäri⸗ s ſogar er Mut⸗ alſo er⸗ fahren hatte, daß Evchen in den meiſten europäiſchen Sprachen bewandert ſei, ſo war Mrs. Legend, ohne im geringſten daran zu denken, daß dieſe Art von Vorzug höchſtens als Bildungsmittel, aber keineswegs als Bil⸗ dungszweck betrachtet werden könne, bemüht geweſen, für dieſen Abend mehrere Gäſte, die fremde Sprachen redeten, einzuladen, damit Evchen Gelegenheit haben möchte, ſich bald mit Dieſem, bald mit Jenem, in eine der verſchiedenen Sprachen zu unterhalten, deren ſie ſelbſt mächtig war. Sie ſelbſt wurden zwar nicht vorher davon benachrichtigt; aber Mrs. Legend hatte alle er⸗ denkliche Mühe darauf verwandt, um dieſen literäriſchen Abend im Fache der Converſation, oder wie der ehrliche Capitain ſich ausdrückte, der Converſationirung, zu einem recht denkwürdigen Abend zu machen. Um dieſen Plan recht ins Große zu treiben, waren faſt alle Witzlinge, Schriftſteller, Kunſtfreunde und Li⸗ teraten, mit welchem letztern Namen die unverbeſſerlich⸗ ſten Mitglieder des Bücher⸗Clubs in New York bezeich⸗ net werden, auf das Angelegentlichſte gebeten, dem li⸗ teräriſchen Abend beizuwohnen. Ariſtobulus war ſo glücklich geweſen, als er auf dem erwähnten Ball bei Mrs. Houſton mit dem Baronet verwechſelt wor⸗ den, ſo großen Ruf zu erwerben, daß man allgemein von ihm, wie von einem vorzüglichen Literaten ſprach; und wirklich war ſogar in einer der vielen Zeitungen ein Artikel erſchienen, welcher eines„hochgelehrten und 11* — 164— hochwürdigen Mr. Truck“ belobend erwähnte,„eines viel⸗ ſeitig gebildeten Gelehrten, der unſer Land bereiſe, von deſſen liberaler und ſcharfſinniger Beleuchtung unſrer ſocialen Zuſtände zuverſichtlich erwartet werden könne, daß er unſerm Nationalcharakter wenigſtens volle Ge⸗ rechtigkeit werde angedeihen laſſen.“ Mit ſolchen Er⸗ wartungen ward alſo iedem Amerikaner und jeder Ame⸗ rikanerin ein freundlicher Wink gegeben, wo es galt, einem ſolchen Manne gegenüber, ſich von der beſten Seite zu zeigen. Es war dieß ein literariſcher Kunſt⸗ griff zur Hervorhebung des Trefflichen in unſern Inſti⸗ tutionen,— nicht doch, unſre Inſtitutionen ließ man gern ſich ſelbſt vertheidigen,— ſondern zur Hervorhe⸗ bung der eingebildeten Trefflichkeiten einer beifallſüchti⸗ gen Stadtgemeine. Es iſt, leider, in einer bildungbeſchränkten, einſeiti⸗ gen, weltunerfahrnen Gemeine weit bequemer, ſich auf dem Gipfel der Civiliſation zu dünken, als dieſe an⸗ maßlichen Anſprüche durch ſelbſtſtändiges Streben in der That zu erwerben; mag man eine handeltreibende Stadt auch mit dem Namen Emporium bezeichnen, ſo reicht dieſes doch allein nicht hin, ihr die unabhängige Haltung, die höhere Geſelligkeit, die überwiegende In⸗ telligenz, den verfeinerten Geſchmack einer Hauptſtadt zu geben. Die arme Mrs. Legend wollte gar zu gern alle lebende Sprachen an dieſem Abend in ihrem lite⸗ rariſchen Cirkel repräſentirt ſehen, und ſuchte ſich in Erm einig ſchen dei o befat Spre Zuzit lich redet Soire New V Mrs. dem ange. Eintr der ſ las. ganz ten Häfft als imme ganze tigſte Nove nen 3 viel⸗ Ermanglung beſſerer Subjerte dadurch zu helfen, daß ſie e, von einige holländiſche Wachholderliqueurhändler, einen deut⸗ unſrer ſchen Leinwandkrämer aus Sachſen, einen Italiener könne, dei cavalleri, der ſich mit dem Verkauf von Halsbändern le Ge⸗ befaßte, und einem in Portugal gebornen ſpaniſchen n Er⸗ Sprachlehrer einladen ließ, welche alle inſofern auf die Ame⸗ Zuziehung zu einer literariſchen Abendunterhaltung wirk⸗ galt, lich Anſpruch machen konnten, als ſie ihre Landesſprache beſten redeten, aber keine andere. Doch, gab es in Paris des Kunſt⸗ Soirées litéraires, warum ſollte es deren nicht auch in Inſti⸗ New York geben können? 3 man Wir übergehen die wonneſchaurige Empfindung, welche vorhe⸗ Mrs. Legend durchrieſelte, als an dem erfolgverkünden⸗ lſüchti⸗ dem Abende zum erſtenmal die Schelle an ihrer Thüre angezogen ward. Der angenehme Ton verkündete den inſeiti⸗ Eintritt der Miß Annual, eine ſo regelrechte Verehrerin ich auf der ſchönen Wiſſenſchaften, als jemals Eine im Abebuch ſe an⸗ las. Die Begegnung der beiden Freundinnen war den in ganz empfindſam und begeiſternd. Doch kaum vermoch⸗ eibende ten ſie gegenſeitig ihr überſtrömendes Innere von der en, ſo Häffte der vorausbedachten Redensarten zu entledigen, ängige als raſch hintereinander ſich wiederholendes Klingeln de In⸗ immerfort neue Beſuche anzeigte, und bald darauf der ptſtadt ganze Saal von den Repräſentanten der verſchiedenar⸗ u gern tigſten Talente eben ſo voll ward, wie eine moderne m lite⸗ Novelle von Späßen ſtrotzt. Unter den zuerſt erſchiene⸗ ſich in nen befanden ſich ſämmtliche Glieder der fremdſprach⸗ — 166— lichen Abtheilung; denn bei dieſen galten die erwarteten Erfriſchungen, von denen ſie keine verſäumen mochten, ziemlich als Hauptſache; und die dünkelhafteſten Damen der Stadt, die nur einigermaßen einladung⸗berechtigt in einem ſolchen Hauſe waren, ſtellten ſich ebenfalls früh ein, um bei einer Dame wie Mrs. Legend, deren Ge⸗ ſellſchaft ohne Zweifel zu den beſten gehörte, nicht zu ſpät zu kommen. Der Auftritt, der jetzt folgte, war bezeichnend in ſei⸗ ner Art. Die Genies von Profeſſion pflegen nämlich alle Dinge auf andere Weiſe zu behandeln als die ge⸗ wöhnlichen Menſchen. Nur in ſolchen Fällen, wo außer⸗ ordentliche Talente erforderlich ſind, ſtellen ſie ſich nicht geſcheidter an als andere. Doch bei ganz gewöhnlichen Dingen überbieten einander die männlichen wie die weiblichen Genies der erwähnten Art in erkünſtelter Originalität; denn ihre Seelen überwallen von immer⸗ währender Aufregung, und Originalität iſt es eben, wo⸗ rauf ihre Eitelkeit vorzugsweiſe ihr Augenmerk richtet. Hier könnten wir füglich uns der homeriſchen Weiſe bedienen, könnten die Muſterrolle der handelnden Per⸗ ſonen beiderlei Geſchlechts in eine Art cafalogue rai- sonné, wie die Franzoſen ſagen würden, durchführen; aber die engen Grenzen, die wir uns vorgezeichnet ha⸗ ben, erlauben uns nur, auf anſpruchloſere und einfachere Weiſe die Hauptgegenſtände flüchtig anzudeuten. Unter den Damen, die jetzt in dem Geſellſchaftsſaale teten hten, men gt in früh Ge⸗ ſpät ſei⸗ nlich 2 ge⸗ ußer⸗ nicht ichen die eelter mer⸗ wo⸗ chtet. Veiſe Per⸗ rai- hren; t ha⸗ chere ſaale — 167— der Mrs. Legend glänzten, verdienten außer der bereits genannten Miß Annual, vorzüglich erwähnt zu werden: Miß Monthly, Mrs. Economy, S. R. P., Marion, Longinus, Julietta, Herodotus, D. O. V. E. und Mrs. Demonſtration*); außer vielen andern weniger ausge⸗ zeichneten Genies und etwa ein Dutzend weiblicher Had⸗ ſhis, deren Anſprüche, in einer ſolchen ausgezeichneten Geſellſchaft zu erſcheinen, ſich auf den Umſtand gründe⸗ ten, daß ſie in fremden Ländern Gemälde und Bildſäulen geſehen hatten und daher ohne Zweifel befähigt waren, in der Heimath über Malerei und Bildnerei zu plaudern. Weit frucht⸗ oder furchtbarer war das Namenver⸗ zeichniß der anweſenden Herren, wo nicht durch ihre Talente, doch durch die größere Anzahl. Oben an ſtand, wie ſich erwarten ließ: Steadfaſt Dodge, Eſquire, deſſen Ruf als Hadſhi männlichen Geſchlechts außergewöhn⸗ lich geſtiegen war, ſeit er die„réunion“ der Mrs. Jar⸗ vis mit ſeiner Anweſenheit beehrt hatte, ſo daß er von nun anz, was ihm in ſeinem Leben noch nie begegnet *) Der Leſer erräth leicht, daß dieſe im Texte vorkommenden Be⸗ zeichnungen literariſcher Damen bloße Namenschiffern ſind, welche ſtatt der wahren Namen in Zeitſchriften ſich befinden. Ob aber im Geiſte der alten Komödie wirkliche, in den jetzigen amerikaniſchen Blättern nachweisliche Namenchiffern hier preis gegeben werden, iſt ſehr zu bezweifeln. In den gewählten er dichteten Namenschiffern mögen übrigens manche für New York verſtändlichere Anſpielungen liegen, als für die mit dem Localen völlig unbekannten Ausländer. Anm. d. Ueberſ. — 168— war, in allen angeſehenen Häuſern von New York ein⸗ geladen wurde. Sodann waren zugegen: die Verfaſſer des„Lapis Lazuli“, der„Frauen Baſen“, des„Refor⸗ mirten“, des„Conformirten“, des„Transformirten“, des „Deformirten“;— ferner: die Herausgeber der„Heb⸗ domas“, der„Nachtmütze“, der„Chryſalis“, der„ächten Laune“, des„Sucht nicht nach Anderem“; ſo wie des „Junius“, des„Junius Brutus“, des„Lucius Junius Brutus“, des„Capitain Kant“, des„Florio“;— ſodann die Verfaſſer der„Geſchichte von Billy Linkum Tweedle, eines berühmten Pottawattamier Sehers“, des„Einzel⸗ Reimers“, eines Kraftgenie's, das ſich vorſichtigerweiſe mit dem Ruhm begnügt hatte, in der Verſification ſich nur bis zu einer einzelnen gereimten Zeile aufzuſchwin⸗ gen;— und außerdem verſchiedene amaleurs und con- naisseurs, nebſt mehreren Hadſhis, die nothwendig ta⸗ lentvolle Männer ſein mußten, da ſie ihr Wiſſen ziem⸗ lich auf dieſelbe Weiſe erworben hatten, wie Amerika's „Eklipfis“*) den Preis auf der Rennbahn davon trug, mit Hülfe des unbehinderten Anreizes der Peitſche und der Sporen. *) So wie nun die aufgeführten Producte der ſchöngeiſteriſchen Herren ebenfa dichtet, und voll von uns unberannten Anſpie lungen ſein mögen; ſo ſcheint muthmaßlich mit der„Eklipſis“, kein wirkliches Rennpferd gemeint zu ſein, ſondern weit wahr⸗ ſcheinlicher irgend ein ausgepeitſchtes New Yorker Journal, das aller verdienten Rüge zum Trotz von deſſen Schützlingen fort⸗ — 169— Als Mrs. Legend in ihrer glänzenden Abendverſamm⸗ lung die Runde machte, fühlte ſie bei jedem Schritt ihre geiſtigen Schwingen höher gehoben, ihre Gedanken ſchweiften gleich zündenden Meteoren unter den Anwe⸗ ſenden umher, Verklärung fördernd gleich den unſicht⸗ baren Gewalten des animaliſchen Magnetismus, und ihr Herz wallte über von den zarteſten Sympathien ein⸗ ſtimmiger Begeiſterung für alles Große und Schöne. Sie wähnte ſich das Haupt aller ſchönen Geiſter Ame⸗ rika's, und in dem geheimſten Innern ihres Gemüths bewahrte ſie die unerſchütterliche Ueberzeugung, ſollte auch jemals das Unglück von Sodom und Gomorrah über ihre Vaterſtadt hereinbrechen, wie einige Uebelge⸗ ſinnte zu prophezeihen gewagt hätten, daß alsdann in dieſer Verſammlung eine hinreichende Anzahl Erwählter vorhanden ſei, um ihre übrigen Mitbürger vor ſolchem ſchmählichen Untergange zu bewahren! In dem Augenblick, als die begeiſterte Wirthin eben in ihrer Gedankenfülle zu dieſem troſtreichen Schlußſatz gekommen war, ertönte die Hausthürſchelle; die Geſell⸗ ſchaft aus Stateſtreet wurde angemeldet. Da nur Wenige von ihren Gäſten in Kutſchen ankamen, ſo er⸗ horchte Mrs. Legend ſogleich aus dem Dröhnen der Räder, daß die ausgezeichnetſte Zierde dieſes geiſtreichen während hochgeprieſen wurde,— wie dieß auch außer New York vorkommt. Anm. d. Ueberſ. — 170— Vereins eintreten werde, und, um den gefeierten Genius des Tages nach Gebühr zu empfangen, bat ſie ſchnell die ſämmtlichen Anweſenden, ſich in eine Doppelreihe zu ordnen, damit der große Mann, gleichſam durch eine ſpalierbildende Ehrenwache des Genie's, ſeinen feierlichen Einzug halten möge. Es iſt nöthig, vorher zu erinnern, ehe wir in unſerer Schilderung fortfahren, daß John Effingham von dem Irrthum vollkommen unterrichtet war, der ſich in Be⸗ ziehung auf den eigentlichen Beruf des Capitain Truck verbreitet hatte; er betrachtete dieſes Mißverſtändniß als ein dem ehrlichen Seemann widerfahrenes Unrecht; und da der alte Schiffer den nächſten Morgen darauf auf ſeine Fahrt nach London in See gehen wollte, ſo hatte er ihn überredet, dieſe Einladung anzunehmen, um das Publicum über dieſen Irrthum, welcher für ihn von un⸗ angenehmen Folgen ſein konnte, ein für allemal aufzu⸗ klären. Um dieſes auf einfache Weiſe und ohne alles Aufſehen zu bewirken, hatte er unterlaſſen, ſeinem ſee⸗ fahrtkundigen Freund die nähern Umſtände mitzutheilen, weil er glaubte, dazu werde ſich leicht im Verlauf der bevorſtehenden Abendunterhaltung eine ſchickliche Gele⸗ genheit darbieten, ohne daß es nöthig ſei, ſolche um⸗ ſtändlich herbeizuführen; denn er hielt viel auf das nur zu oft mißbrauchte Sprichwort: Wahrheit bricht durch die Nacht und ſtürzt der Lügen Macht.—„Da dieſes nicht anders ſein kann“, beſchloß John Effingham ſeine Erläuterungen, ſich zu Evchen wendend,„ſo gibt es vielleicht keinen ſchicklicheren Ort, wo die Wahrheit ihren ſiegreichen Einfluß wirkſamer beurkunden könnte, als unter dem Sternenhimmel ſo zahlreicher Genies, deren charakteriſtiſche Eigenſchaften ſie zu einer genauen Beleuchtung aller Dinge in ihren natürlichen Farben befähigen.“ Sobald ſich die Thüre zum Beſuchzimmer der Mrs. Legend in der gewohnten geräuſchloſen Weiſe öffnete, blickte Mademoiſelle Viefville überraſcht vor ſich hin, da ſie, gleichſam wie zum Spießruthenlaufen, durch eine Doppelreihe ſich ihren Weg bahnen mußte. Zum Glück gewahrte ſie am obern Ende der ſtattlichen Bewillkom⸗ mungſchaar Mrs. Legend ſelbſt, welche ſie durch freund⸗ liche Blicke näher zu treten einlud. Die Einladung lau⸗ tete: zu einem„literariſchen Feſte,“ und Mademoiſelle Viefville war viel zu ſehr Franzöſin, um von einem dra⸗ matiſchen Effect, der zu den Erforderniſſen eines Feſtes gehören konnte, ſich außer Faſſung bringen zu laſſen. Sie ſetzte vielmehr voraus, es ſei das erſte Mal, daß ſie einer amerikaniſchen Feſtlichkeit der Art beiwohne, und der Mangel an öffentlichem oder geſellſchaftlichem Gepränge war grade das, was ſie an den amerikani⸗ ſchen Sitten hauptſächlich tadelte. Sie ſchritt daher mit zuverſichtlicher Haltung der Dame des Hauſes entgegen, jedes Lächeln mit gleicher Freundlichkeit erwiedernd; denn eine ſolche Art des Empfangs vermag nicht leicht — 12— eine Pariſerin in Verlegenheit zu ſetzen. Eochen folgte d ihr, wie gewöhnlich, ohne Begleitung; dann kam Grace; 6 nach ihr Sir George; darauf John Effingham, und der 3 Capitain beſchloß den Zug. Zwiſchen den beiden Herren n war ein freundſchaftlicher Streit wegen des Vortritts entſtanden, weil jeder ſolchen dem andern aus Achtung p vor ſeinen höhern Verdienſten einräumen zu müſſen t glaubte; der Capitain blieb dabei, daß er nicht voran⸗ r gehen könne,„denn er ſegle hier in ihm völlig unbe⸗ A kannten Fahrwaſſer, und könne alſo nichts klügeres thun, a als ſich in die Hinterwacht eines ſo bewährten Lootſen d zu begeben, wie Mr. John Effingham einer ſei.“ n Als Hadſhis von erprobter Welterfahrung, wurden g die Perſonen, welche im Zuge vorangingen, mit ge⸗ 9 ziemender Aufmerkſamkeit und Ehrerbietung empfangen. 2 Doch ſofern das Anſtaunen bloßer Reiſenden ganz ge⸗ n wöhnliche Empfindungen verrathen hätte, warden die v 6 ausdrucksvollſten Aeußerungen bewundernder Hochachtung d aller Anweſenden für den gefeierten engliſchen Schrift⸗ b t ſteller und Schöngeiſt aufgeſpart, der wie man wußte, 4 im Zuge der Letzte war. Es war dieſes keine alltägliche h Geſellſchaft, wo Dollars den Vorrang haben und Mode⸗ 5 ſchönheiten das Wort zu führen pflegen; es war ein t Tempel des Genie's, wo Jeder ſich von einem Vorge⸗ r fühl der Hoffnung durchwärmt fühlte, welches die Treff⸗ lichkeit eines anerkannten ausländiſchen Schriftſtellers ihnen einflößen mußte, und dieſes Gefühl von Bewun⸗ derung ſteigerte ſich in dem Verhältniß, als hier die jährlichen ſiebzehntauſend Dollars John Effingham's und der faſt ähnliche Betrag von Evchens dereinſtigen Er⸗ wartungen nicht in Anſchlag kommen durften. Die äußere Erſcheinung des ehrlichen alten Seemanns paßte vortrefflich zu der Rolle, die er hier ſo unerwar⸗ tet zu ſpielen hatte. Sein Haar war ſchon ſeit länge⸗ rer Zeit allmählich grau geworden; aber die geſteigerte Angſt, die er während jenem Nachſetzen der Corvette ausgeſtanden, der Kummer, den ihm das Unglück, wel⸗ ches ſein Schiff betroffen, verurſachte, und die Unruhe, welche ihm die übrigen kürzlich überſtandenen Gefahren gemacht, hatten zuſammengenommen die Wirkung der Jahre beſchleunigt; ſein Kopf war jetzt faſt ſo weiß wie Schnee. Die derbe, friſche, faſt röthliche Färbung ſei⸗ nes Geſichts hätte man, wiewohl eine natürliche Folge von Sonnengluth und Sturmwetter, eben ſo leicht für die Wirkung des häufigen Genuſſes von Portwein hal⸗ ten können,*) und ſein Gang, der nie das Hin⸗ und Herſchwanken auf dem Hinterdeck ganz verläugnen konnte, hätte von einem Uneingeweihten ebenfalls mit dem unſichern Tritt eines unter der Wucht ſeines gelehrſamkeit⸗überfüll⸗ ten Hauptes ſchwankenden Körpers verwechſelt werden kön⸗ nen. Zum Glück für diejenigen, die alle Myſtificationen *) Vermuthlich kine Anſp cher engliſchen Schriftſteller. Anm. d. Ueberſ. ung auf die Portweinliebhaberei man — 174— haſſen, hatte ſich der alte Schiffer mit John Effingham über ſeine Abendtoilette berathen; und ſein wohlmeinen⸗ nu der und gefälliger Freund ihm ſchwarze Beinkleider als S die ſchicklichſte Tracht in einer Abendgeſellſchaft empfoh⸗ od len,— weil er ſelbſt dieſe bei ſolchen Gelegenheiten als die anſtändigſte Kleidung vorzog. Es war alſo kein ſch Wunder, daß das Aeußere des vermeintlichen großen eng⸗ re liſchen Schriftſtellers die Erwartungen aller Anweſenden S befriedigte, und die laute Beifallsbezeugungen womit de der alte Capitain empfangen wurde, waren um ſo auf⸗ ih richtiger, da ſich das Gefühl der erfüllten Erwartungen eit auch in Anſehung ſeiner äußern würdevollen Erſcheinung w in den Jubel der Anweſenden einmiſchte. un „Welch ein Byroniſch Haupt!“ flüſterte der Verfaſſer des„Transformirten“ der geiſtreichen D. O. V. E. zu, de „und ſahen Sie jemals einen ähnlichen kühnen Zug um de die Lippen irgend eines Sterblichen?“ ze Das Wahre, was dieſer Bemerkung zu Grunde lag, war, daß der Capitain ſeinen Tabak eben etwas ſeit⸗ ha lings geſchoben hatte, wie Affen bekanntlich eine aufge⸗ ge 1 ſparte Nuß oder ein Stück Zucker in den Backentaſchen zu verbergen pflegen. H „Däucht er Ihnen Byroniſch?“ entgegnete D. O. V. E.; S „meinen Augen erſcheint der Umriß dieſes Angeſichts eher ſo noch Shakſpeariſch zu ſein; doch kann ich Ihnen nicht H verbergen, daß in der eignen Wölbung dieſer edeln Stirn etwas Miltonſches liegt!“ „Sagen Sie mir gefälligſt,“ wandte ſich Miß An⸗ nual gegen Lucius Junius Brutus,„welches von ſeinen Schriften hält man für das beſte, das über—m—m—m, oder das über—n n n?“ Dieſe unter erwähntem Stottern verhehlte Unbekannt⸗ ſchaft mit den Werken des gefeierten Mannes hatte ih⸗ ren Grund in dem factiſchen Umſtande, daß im ganzen Saal keine lebende Seele auch nur das Geringſte von den Werken kannte, welche er geſchrieben haben mochte, ihn ſelbſt ausgenommen, und er ſelbſt hätte höchſtens einige Dutzend Logbücher anführen können. Nur ſoviel wußten alle, er ſei ein großer engliſcher Schriftſteller, und dieſes war für den Augenblick mehr als hinreichend. „So viel ich weiß, gibt das Publicum faſt allgemein dem erſtern über—m— m— m den Vorzug,“ erwie⸗ derte Lucius Junius Brutus,„doch die Gebildetern ſchäz⸗ zen am meiſten die letztere Schrift über—n—n— n.“ „Ohne Frage iſt dieſe weit vorzüglicher!“ riefen ein halb Dutzend Literaten, die die letzten Worte mit an⸗ gehört hatten. „Mit welcher ächtelaſſiſchen Beſcheidenheit er auf die Höflichkeiten der Mrs. Legend erwiedert,“— bemerkte S. R. P. gegen ihren Nachbar Florio.„Man erkennt doch ſogleich den Mann von ächtem Genie an ſeiner ganzen Haltung.“ „Er iſt durch und durch Engländer!“ rief Florio.“ Ach! es iſt und bleibt doch ein Volk, einzig in ſeiner Art!“ Dieſer Florio war einer von denjenigen Genies, die immerfort nach Dingen ſeufzen, die ſie am wenigſten unſ beſitzen. Kaum hatte Capitain Truck die ſchwierige Aufgabe, boſ die überſchwenglichen Bewillkommungsreden der Mrs. ich 8 Sair a. die Legend anzuhören, glücklich überſtanden, ſo ward er wie im Triumph von einer Schaar enthuſiaſtiſcher Literaten umdrängt, die ihn mit Fragen über ſeine Meinungen, ſen Anſichten, Urtheile, Erfahrungen, Ideen, Entwürfe, Em⸗ pfindungen, Beſtrebungen, Vorſätze, Unternehmungen ab⸗ die hetzten, ſo daß der geängſtigte alte Mann bald in tüchtigen. Schweiß gerieth. Wohl fünfzig Mal wünſchte er vom ihr Grunde ſeiner Seele,— die nach der Anſicht des And Schwarms um ihn her, nur in den obern Wolkenregio⸗ an nen ſchwebte,— vom Grunde ſeiner Seele wünſchte er, ruhig neben Mrs. Hawker ſitzen zu dürfen, die, wo⸗ der rauf er innerlich hätte ſchwören mögen, mehr werth war, gei 6 als alle Literaten der ganzen Chriſtenheit. Aber das 2s Schickſal hatte es anders beſchloſſen, und ſo wollen wir tun ihn demſelben eine Zeitlang überlaſſen, und uns einſt⸗ de weilen nach unſrer Heldin und der übrigen Geſellſchaft M. umſehen. hö Sobald Mrs. Legend die übernommene angenehme ue Pflicht, den Capitain geziemend einzuführen, erfüllt ker hatte, ſuchte ſie Eychen und Grace auf, denn ſie glaubte, auch dieſen beiden ſei ſie einige ausgezeichnetere Höf⸗ ſag lichkeiten ſchuldig. 3, die igſten gabe, Mrs. r wie raten ngen, Em⸗ n ab⸗ btigen vom t des regio⸗ nſchte „wo⸗ war, das n wir einſt⸗ ſchaft nehme rfüllt zubte, Höf⸗ „Ich beſorge, Miß Effingham, nach den beſſer vor⸗ bereiteten literariſchen Kränzchen in Paris, werden Sie unſre réunions, auch wenn ſie gleiches Streben haben, doch ein wenig langweilig finden. Gleichwohl ſchmeichle ich mir, die talentvollſten Perſonen in New York bei dieſer denkwürdigen Veranlaſſung bei mir vereinigt zu ſehen, indem ich Ihrem Freunde gebührende Ehre er⸗ weiſen wollte. Kennen Sie mehre unter den Anwe⸗ ſenden?“ Bis dieſen Abend hatte Evchen von allen, die in dieſer Geſellſchaft waren, Niemanden geſehen und auch ihre Namen nicht einmal gehört, den einzigen Mr. Dodge und ihre eigene Geſellſchaft ausgenommen, obſchon die meiſten Anweſenden ſeit manchen mühevollen Jahren Alles aufgeboten hatten, um einander wechſelſeitig in den Strahlenkreis eingebildeter Celebrität hineinzuzwän⸗ gen; und was die vorbereiteten Soireen betrifft, ſo kam es ihr vor, als habe ſie noch an keiner Abendunterhal⸗ tung Theil genommen, zu welcher halb ſo viele Vorbe⸗ reitungen gemacht worden wären als zu dieſer. Doch da ſie ihren Gedanken nicht Worte geben konnte, ohne Mes. Legend zu verletzen, ſo bat ſie ſolche bloß ganz höflich, ihr einige der ausgezeichnetſten Anweſenden zu nennen, damit ſie dieſe wenigſtens perſönlich kennen lerne. „Mit dem größten Vergnügen, Miß Effingham“, ſagte Mrs. Legend, die mit Stolz bei den ausgezeichne⸗ 127.— 129. 12 — 178— ten Eigenſchaften ihrer Gäſte verweilte,„dieſe ſchwer⸗ fällige Figur, von ſo grandioſem Aeußern, in deſſen Zügen man auf den erſten Blick intellectuelle Ueberle⸗ genheit und beiſpielloſe Beſcheidenheit erkennt, iſt Capi⸗ tain Kant, der Herausgeber eines unſerer entſchieden gottesfürchtigſten Zeitblätter. Sein Gemüth zeichnet ſich ganz beſonders aus durch die intuitive Auffaſſung von allem, was zart, rückſichtvoll und geziemend iſt, im Be⸗ reich der intellectuellen Sphäre; und dennoch in ſtren⸗ gem Gegenſatz mit dieſer Eigenſchaft, die durchaus weib⸗ lich iſt, zeichnet er ſich nicht weniger aus durch ſeine unerſchütterliche Wahrheitsliebe. Es iſt allbekannt, daß noch nie eine Unwahrheit aus ſeiner Feder floß, und für ſeine ausländiſche Correſpondenzartikel insbeſondere iſt er ſo überaus beſorgt, daß, wie er mich verſichert, jedes Wort nur unter ſeinen Augen niedergeſchrieben wird.“ „In Beziehung auf ſeine religiöſen Scrupel iſt er wirklich ſo ausgeſucht genau,“ fügte John Effingham hinzu, „daß, wie man mir geſagt hat, er über jeden Artikel der aus ſeiner Preſſe hervorgeht, ein Dankgebet ſpricht, und dankbar alles aufnimmt, was derſelben angeboten wird.“ „Sie kennen ihn alſo, Mr. Effingham, wie ich aus Ihrer Bemerkung ſchließen muß? Iſt er nicht wirklich ein Mann, der ſeinem Beruf Ehre macht?“ „Das iſt er allerdings, Madame.— Man könnte ihn a da er keiten wöhn daß ſe urſprü zu ſa verdie Abſich daran terwe ſeiner wo er ſtarre ausge mitthe einen giöſita ſeine Heilig „K die de fingha „8 daß n wäre. Mada wer⸗ deſſen berle⸗ Lapi⸗ jeden t ſich von Be⸗ tren⸗ veib⸗ ſeine daß und dere hert, leben ſt er inzu, eikel richt, voten aus klich nnte ihn auf die kürzeſte Weiſe eine Zeitungsſeele nennen, da er alle Gegenſtände der Natur und Kunſt in Neuig⸗ keiten umzuprägen verſteht, und ſeinen Neuigkeiten ge⸗ wöhnlich ſo viel von ſeiner Eigenthümlichkeit mittheilt, daß ſie alle Identität mit den Gegenſtänden, denen ſie urſprünglich angehören, verlieren müſſen. Es iſt ſchwer zu ſagen, was in dieſem Manne mehr Bewunderung verdient, ob die atmoſphäriſche Durchſichtigkeit ſeiner Abſichten,— denn er iſt ſo uneigennützig, daß er ſelten daran denkt ein Mittagseſſen zu bezahlen, wenn er un⸗ terwegs iſt, und gleichwohl ſo gewiſſenhaft, gleich bei ſeiner Rückkehr etwas Verbindliches über das Gaſthaus, wo er geſpeiſt hat, zu veröffentlichen,— oder ſeine ſtarre Rückſicht auf wirkliche Begebenheiten, oder ſeine ausgeſuchte Feinheit und Zartheit, die er jedem Ding mittheilt, das er berührt. Und alles dieſes hüllt er in einen prächtigen Glanznebel von Moralität und Reli⸗ giöſttät, ſo daß er ſelbſt in den hitzigſten Discuſſionen ſeine Hiebe nicht anders als mit der Salbung eines Heiligen austheilt.“ „Kennen Sie zufällig Florio?“ frug Mrs. Legend, die der Schilderung ihres Capitain Kant durch John Ef⸗ fingham nicht ſonderlich trauete. „Ich erinnere mich ſeiner nicht; doch könnte es ſein, daß mir zufällig etwas von ihm zu Geſicht gekommen wäre. Worin beſtehen ſeine vorzüglichen Eigenſchaften, Madame?“ 12* — 180— „Er iſt durchaus Gefühl, Begeiſterung, Zartſinn, und dabei ſchreibt er nur in Reimen. Sie haben ohne Zwei⸗ fel von ſeinem Triumph über Lord Byron gehört, Miß Effingham?“ Eochen war genöthigt, einzugeſtehen, daß ſie davon noch nichts gehört habe. „Nun, bekanntlich hat Byron eine Ode an Griechen⸗ lang gedichtet, die mit: „Griechen⸗Inſeln! Griechen⸗Inſeln!“ anfängt, eine matte Verszeile, wie Jedermann zugeben wird; denn ſie enthält nichts als unnütze und inhaltleere Wiederholung.“ „Sie könnten hinzuſetzen: ein ganz gemeiner Ge⸗ danke, Mrs. Legend,“ ſiel John Effingham ein,„weil er nichts als eine allgemein verſtändliche Anſpielung auf jene Allerwelts⸗Ideen einſchließt, die wir in uns ange⸗ regt fühlen, ſo oft wir an dieſe unſcheinbaren Inſeln erinnert werden. Aller der unnütze Kram von Kunſt, Philoſophie, Dichtkunſt, Beredſamkeit, und ſelbſt der alte Homer drängt ſich unſerer Einbildungskraft widerwärtig genug auf, bei dieſer unvernünftigen Ausrufung.“ „So dachte auch Florio, und um der Welt deutlich zu zeigen, welcher Unterſchied zwiſchen ächtem und un⸗ ächtem Gepräge der Genialität ſtattfindet, ſo dichtete er abſichtlich eine Ode an England, welche ihrerſeits an⸗ hebt, wie eine ſolche Ode anheben ſollte.“ n, und Zwei⸗ „Miß davon riechen⸗ ugeben altleere er Ge⸗ „weil ing auf 3 ange⸗ Inſeln Kunſt, der alte rwärtig 4 deutlich ind un⸗ htete er its an⸗ — 181— „Erinnern Sie ſich zufällig einiger Stellen daraus, Madame?“ „Nur die erſte Verszeile iſt mir im Gedächtniß ge⸗ blieben, welches ich ſehr bedaure, da der Reim Florio's größtes Verdienſt iſt. Aber die Eine Verszeile iſt an ſich hinreichend, ihren Urheber unſterblich zu machen.“ „So quälen Sie uns nicht länger, liebe Mrs. Le⸗ gend; ſondern theilen Sie uns um des Himmelswillen dieſe koſtbare Verszeile doch mit.“ „Die Ode fing mit dieſem erhabenen Schwung an: „Hinter Wogen! Hinter Wogen!“ nun fühlen Sie wohl, Miß Effingham. Das iſt, was ich Poeſie nennen möchte.“ „Das mögen Sie allerdings, Madame, und zwar mit Recht,“ erwiederte Mr. John Effingham, als er bemerkte, daß Evchen ſich kaum zurückhalten konnte, und beinah mit ziemlich unſentimentalem Gelächter die ernſthafte Unterredung geſtört hätte,—„viel Pathos!“ „Dabei ſo ſinnvoll und ſo fließend!“ „Eine Reiſe von drei tauſend unſrer Meilen, ſo zu ſagen, verdichtet in drei Worten nebſt Ausrufungszeichen. Es wurde doch hoffentlich das Ausrufungszeichen im Druck nicht ausgelaſſen, Mrs. Legend?“ „Zwei Fragzeichen, ſtatt eines! Jedesmal hinter: Wogen.— Es ſind aber auch Wogen! Mr. Effingham! — Wogen!—“ „Darin haben Sie ganz Recht, Mrs. Legend. Man — 182— bekommt in der That eine erhabne Vorſtellung von dieſen Wogen, da hinter ihnen England liegt.“ „Wie viel die einzelne Verszeile ausdrückt! Welch umfaſſender Sinn in wenigen Sylben!“ „Faſt könnte man ſagen: jede Klippe, Strömung. Sandbank; jeder Strudel, Felſenriff, Wallfiſch; jedes treibende Tangeiland, zwiſchen Sandy⸗Hook und Lands⸗ End, drängt ſich vor unſerm geiſtigen Auge.“ „Der Dichter geht mit dem Plan um, eine Epopöe zu dichten.“ „Gütiger Himmel, das ſoll er doch ja! Und zwar recht bald! Sonſt möchte er zurückbleiben: „Hinter der Mitwelt! hinter der Mitwelt!“ Hier wurde Mrs. Legend abgerufen, einen neuen Beſuch zu empfangen. „Vetter John!“ „Evchen Effingham!“ „Beſorgen Sie nicht bisweilen, die Leute zu belei⸗ digen?“ „Keine Frau wird leicht beleidigt, die damit anfängt, ein ſolch albernes Wörtchen, wie das, zu bewundern. Einer ſolchen Perſon dürfen Sie alles bieten, es ſei denn einen recht fühlbaren Naſenſchneller.“ „Mais tout ceci est bien drôle!“ „Noch niemals haben Sie ſich ärger geirrt, als eben jetzt, Mademoiſelle, Alle in dieſer Geſellſchaft, Sie aus⸗ dieſen Welch dmung. jedes Lands⸗ Epopöe zwar neuen belei⸗ fängt, ndern. es ſei 3 eben aus⸗ genommen, betrachten dieſe Albernheiten, als ob Leben oder Tod von ihnen abhänge.“ Der neue Gaſt war Mr. Pindar, einer jener unbe⸗ kümmerten, antiſentimentalen Geſellen, die, wenn ſie zu⸗ fällige Dichterlaune treibt, gelegentlich eine Ode nieder⸗ ſchreiben, die dann durch die ganze Chriſtenheit curſirt, wie harte Thaler von Norwegen bis China, und dem⸗ ungeachtet ſich niemals einbilden, durchaus mit einer Brille erſcheinen und mit feierlichen Mienen in jeder Abendgeſellſchaft ſich preisgeben zu müſſen, um deſto ra⸗ ſcher berühmt zu werden. Sobald er mit Mrs. Legend die gewöhnlichen Höflichkeiten überſtanden, näherte er ſich der Miß Effingham, die er flüchtig kannte, ſie ach⸗ tungsvoll begrüßend. „Hier befinden wir uns in der Region des Geſchmacks nach der Mode, Miß Effingham,“ ſagte er mit einem Zucken der Kinnbacken, die Schultern jedoch ſteif haltend. „Ich wundre mich alſo nicht, Sie hier zu ſehen.“ Darauf führte er ein kurzes Geſpräch mit Evchen und ihren Freunden, und begab ſich dann weiter, indem er ein tüchtiges Gähnen kaum verbergen konnte, als er im Vorbeigehn den Aeußerungen der gedrängtern Grup⸗ pen eine Weile zuhörte. Kurz nach ihm trat auch Mr. Gray ein, ein Mann, dem nichts fehlte, als eine ge⸗ bührende Würdigung beim Publicum, und die Aufmun⸗ terung, die aus einer ſolchen gerechten Würdigung des Talents hervorgeht, um ſich dem Gipfel unſeres Parnaſ⸗ — 184— ſes zu nähern, wo nicht, ihn zu erreichen. Auch dieſer blickte ſcheu nach dem Milchſtraßenflimmer der Geniali⸗ tät, ihm ausweichend und in eine Ecke flüchtend. Dann kam Mr. Pith, ein Mann, deſſen beißender Witz nur eines geeigneten Dunſtkreiſes bedarf, um ſich zu äußern; nur einer Sammlung von Charactern, um ſie zu ſchil⸗ dern, nur einer Geſellſchaft mit ſtark bezeichnenden Ei⸗ genthümlichkeiten, um in ihr einen Namen als vorzüglich begabter Satiriker zu erwerben. Nochmals erklang die Schelle, den Mr. Fun ankündigend, einen durch ſeltnen Humor und zierliche Schreibart ausgezeichneten Schrift⸗ ſteller, der indeſſen etwas zu viel Gefühl für ſeine Zeit hatte durchblicken laſſen und daher ſogleich von ſämmt⸗ lichen in dieſer Hinſicht übertreibenden Damen in Be⸗ ſchlag genommen wurdo, die ſich eben im Saal befanden. Die letzten genannten Literaten kamen erſt ſpät, ſo wie noch einige andere verſtändige Leute, die ſchon zu oft ſich von vergeblichen Erwartungen hatten täuſchen laſſen, um ſich der Langweiligkeit dieſer Zuſammenkünfte wiederholt preisgeben zu wollen. Die erwähnten Drei fanden ſich bald in demſelben Winkel zuſammen, und Evchen wollte bemerkt haben, daß ſie da ſich über die übrige Geſellſchaft luſtig machten; doch lachten ſie blos über irgend einen launigen Scherz, den ſie ſelbſt vorbrach⸗ ten, ohne ſich um die Anweſenden zu kümmern; ihre ſchnelle Ueberſicht zeigte ihnen die lächerlichen Züge des Lebens und die Ungereimtheiten des menſchlichen Trei⸗ ſo⸗ dieſer niali⸗ Dann nur zern; ſchil⸗ Ei⸗ glich g die ltnen hrift⸗ Zeit mmt⸗ Be⸗ nden. , ſo n zu ſchen ünfte Drei und r die blos rach⸗ ihre des Trei⸗ — 185— bens, wo ſie den Blicken ſchwachſichtiger Menſchen ge⸗ wöhnlich entgehen. „Wen, im Namen der zwölf Cäſaren, mag Mrs. Le⸗ gend wieder aufgetrieben haben, den ſie dort als Wun⸗ dermann zur Schau führt? Den mit dem weißen Gipfel und dem ſchwarzen Untergeſtell?“ frug der Odendichter. „Irgend ein engliſcher Zeitungsartikelſchreiber, ſo weit ich habe herausbringen können“, antwortete der Satiriker;„der Verfaſſer irgend einer naſeweiſen Kritik mag er ſein, oder er hat für die Minerva gearbeitet, und jetzt wird er bei uns angeſtaunt wie ein blühender Baum am grünenden Ufer; ein moderner Horaz oder ein Juvenal auf Reiſen mag er ſein.“ „Unſer Fun iſt arg i.n Gedränge“, bemerkte Mr. Gray,„ſehen Sie dort; Miß Annual, Miß Monthly und das junge Buchſtabenräthſel D. O. V. E. haben ihn in den Zauberkreis des Schürzenordens feſtgebannt; dort wird er den Märtyrertod eines Seufzenden aus⸗ ſtehen müſſen.“ „Ich ſehe ihn ſehnſüchtige Blicke hierher beflügeln. Eilen Sie, lieber Pith, zu ſeiner Erlöſung hinüber.“ „Das laſſe ich bleiben. Mag er Empfindſamkeiten in vollen Zügen trinken; ich bin kein Homöopath in ſolchen Dingen. Große Doſen und ſchnell hinterein⸗ ander genommen bewirken am ſchnellſten Heilung. Hier kommt ja das Weltwunder; er hat das Anſehn eines — 186— wilden Thiers, das aus dem Käfig bricht, nachdem man es mit Stöcken zur Wuth gereitzt hat.“ „Guten Abend, meine Herren,“ ſagte Capitain Truck, indem er ſein Angeſicht tüchtig abtrocknete, und ſeiner Befreiung aus dem Gedränge von Bewunderern froh, ſich eifrig in den Haven drängte, der ihm eine Zuflucht bot.„Sie ſcheinen ſich hier Ihres Lebens auf eine ver⸗ ſtändige und angenehme Weiſe zu erfreuen. Bei Ihnen hier im Winkelchen mag es kühl und labend ſein, ſo wahr ich wünſche geſund zu bleiben.“ „Dennoch zweifeln wir nicht, daß unſre verſtändige und angenehme Unterhaltung durch Ihre Geſellſchaft außerordentlich gewinnen werde, wenn Sie die unſrige nicht verſchmähen, Herr,“ entgegnete Mr. Pith.„Thun Sie uns den Gefallen, ſich zu uns zu ſetzen, und ruhen Sie aus, ganz nach Ihrer Bequemlichkeit.“ „Von Herzen gern, meine Herren; denn, die Wahr⸗ heit zu geſtehen, dieſe Damen können einem Fremden ordentlich warm machen. Ich bin noch glücklich mit heiler Haut durchgekommen. Das war einmal wieder, was ich eine Kategorie zu nennen pflege!“ „Sie ſind offenbar mit dem Leben davon gekommen, Herr,“ bemerkte Pindar, indem er ſeine ganze Geſtalt genauer betrachtete,—„ein Glück das nicht jedem an⸗ geſtaunten Löwen zu Theil wird, der aller Welt zur Schau in einem Käfig eingeſperrt worden.“ „Dem Himmel ſei Dank! mit dem Leben bin ich da⸗ — 187— von gekommen, aber das iſt auch Alles“, antwortete der Capitain, ſein Geſicht abtrocknend,—„ich habe im franzöſiſchen Kriege gedient,— im Trurtoniſchen Krieg, wie wir zu ſagen pflegen,— auch mit den Engländern hatte ich's zu thun, in den Caperſchiffhändeln zwiſchen den Jahren zwölf und fünfzehn, und noch kürzlich habe ich einen harten Kampf mit dem wilden Araber geſindel dort unten an der afrikaniſchen Küſte beſtanden, aber alles das möchte ich Schneedallgefechte nennen, im Ver⸗ gleich mit dieſem Raa⸗gegen⸗Raa⸗Gefecht von heute Abend. Es ſollte mich wundern, ob es einem ehrlichen Kerl vergönnt iſt, bei ſolchen Converſationirungen eine Cigarre zu rauchen, wie meinen Sie, meine Herren?“ „Ich meine, es geht ſchon, mein Herr,“ entgegnete Pindar gelaſſen;—„darf ich Ihnen eine anzünden?“ „O! Mr. Truck!“ rief Mrs. Legend dazwiſchen, welche den abgehetzten Löwen bis in ſeinen Zufluchts⸗ winkel verfolgte, wie man einen Ausreißer verfolgen würde. „Ein geheimer Zug des Innern hat Sie in dieſe gute Geſellſchaft geführt. Sie befinden ſich hier im eigentli⸗ chen Brennpuncte amerikaniſcher Schöngeiſter.“ „Dem Brennpuncte amerikaniſcher Quälgeiſter iſt er kaum erſt entflohen,“ flüſterte Pith. „Ich nehme mir die Erlaubniß, Sie bei dieſen Herren namentlich einzuführen. Mr. Truck;— Mr. Pindar, Mr. Pith, Mr. Gray,— meine Herren, ich hoffe Sie — 188— werden ſich freuen, einander gegenſeitig näher kennen zu lernen, da Sie ſämmtlich in der Hauptſache dasſelbe ſchöne Ziel erſtreben!“ Der Capitain ſtand auf und ſchüttelte allen dreien herzlich die Hände; er hatte wenigſtens den Troſt, an dieſem Abend einer großen Anzahl von Leuten vorge⸗ ſtellt worden zu ſein. Mrs. Legend war unterdeſſen ver⸗ ſchwunden, um irgend einem Andern etwas Artiges zu ſagen. 4 „Ich freue mich, Ihnen zu begegnen, meine Herren,“ ſagte der Capitain.„In welchen Geſchäften ſegeln Sie?“ „Welcher Art es auch ſei,“ antwortete Mr. Pindar,— „ſo können wir uns doch kaum rühmen, daß unſer Ge⸗ ſchäft vor dem Wind gehe.“ „Doch hoffe ich, daß es keine Oſtindienfahrt iſt, die Sie treiben, denn dann freilich geſtatten die Monſoons ſelten, die Leitſegel alle beizuſetzen.“ „Nein, Herr,— drüben aber ſitzt ein Herr Mocaſſin, der ſich vor kurzem erſt mit allem Eifer dem indiſchen Handel ergeben hat. Zwei Novellen hat er ſchon in dieſem Fach geliefert, und iſt eben mit einer dritten be⸗ ſchäftigt.“ „Treiben Sie ſärnmtlich regelmäßige Fahrten, meine Herren?“ „So regelmäßig, als innere Eingebung ſie zu leiten vermag,“ ſagte Mr. Pith,—„wie wohl manche von —„——4 — 4189— uns ſich nach Wind und Wetter richten, und einigen beſſer wäre, ſich gar nicht auf's hohe Meer zu wagen.“ „Aehnliches habe ich meinen Rhedern oft genug ge⸗ ſagt; aber das Friſch⸗darauf⸗los⸗ſegeln iſt nun einmal Mode geworden. Als ich noch ein Guck⸗in⸗die⸗Welt war; da blieb ein Schiff ſo lange im Hafen, bis der Wind günſtig war, aber jetzt lauft man, mir nichts dir nichts, aus und nimmt den Wind, wie man ihn hat. Die Welt wird, könnte ich ſagen, wieder jung, je mehr ich alt werde.“ „Das iſt ein Rumkneipen⸗Literatus, lieber Gray,“ flüſterte Pindar. „Hier beſteht offenbar eine Myſtification,“ antwortete Jener;—„die gute Mrs. Legend hat ſich irgend ein borſtiges Wunderwerk von Stachelſchwein aufſchwätzen laſſen, und hat ihn durch Berührung mit ihrem Zauber⸗ ſtabe in ein Prachtexemplar von Literaten umgewandelt. Die Sache iſt ſonnenklar; der ehrliche Burſch duftet nach Theerdunſt und Tabaksqualm. Auch ſehe ich drü⸗ ben Mr. Effingham ſchelmiſch aus dem einen Augen⸗ winkel herblinzeln. Deßhalb will ich gleich hinüber und in einer Minute das Geheimniß weghaben.“ Der Odendichter hielt Wort und kam bald wieder zurück, worauf er ſich beeilte, ſeine Freunde ſogleich in das wahre Verhalten der Sache einzuweihen. Sobald das Trio keinen Zweifel mehr über den eigentlichen Charakter des neuen Bekannten hegten, munterten ſie — 4190 ſogleich den alten Seemann auf, ſeine Rauchluſt zu be⸗ friedigen, und Mr. Pith fand Mittel, ihm ein Zünd⸗ papierchen zu reichen, ohne ſich offenbar als Theilnehmer an dem gemeinſchaftlichen Plan zu äußern. „Wollen Sie nicht ebenfalls ſich einer Cigarre be⸗ dienen?“ frug der Capitain, ſein Döschen Mr. Pindar anbietend. „Ich danke Ihnen, Mr. Truck, ich rauche nicht, ich rieche aber den Duft von Cigarren recht gern. Ich bitte Sie, ohne Umſtände gleich anzufangen.“ So aufgemuntert, that der Capitain ſogleich einige tüchtige Züge, und alsbald erfüllten ſich die Gemächer mit ächtem Havannahduft. Bei dem erſten Merkmal von Tabaksgeruch begab ſich das ganze Rudel der An⸗ weſenden ſogleich auf die Spur. Mr. Fun fand Mit⸗ tel, die Bewegung, die dadurch entſtand, aufs beſte zu benutzen und ſich zu den heitern Geſellen in die Ecke zu begeben, welche dem ganzen Auftritt mit dem behagli⸗ chen Ernſt beobachtender Derwiſche zuſchauten. „So wahr ich lebe,“ rief Lucius Brutus,„dort ſitzt der Verfaſſer des—m—m— m und raucht mir nichts dir nichts eine Cigarre!— Wahrlich über die Maßen piquant!“ „Täuſchen mich meine Augen, oder iſt es wirklich der Verfaſſer von n—n— n, der uns alle eindampft 20 flüſterte Miß Annual. „Nein, das kann unmöglich mit rechten Dingen zu⸗ gehel beton übere halte zurü⸗ Capi dazu dort einig — 191— gehen,“ ſagte Florio, indem er ſeine Worte nachdrücklich betonte.„Alle periodiſchen Schriften ſtimmen darin überein, daß das Rauchen in England für anſtößig ge⸗ halten wird.“ „Noch nie haben Sie ſich ärger geirrt, theurer Florio,“ erwiederte D. O. V. E. in ſanft beſchwichtigendem Ton, „die allerneuſte Novelle, welche erſchienen iſt, enthält ein Kapitel, in welchem der Held und die Heldin in der Erklärungsſcene rauchen.“ „Wirklich! nun, dann freilich!— Das ändert die Sache ganz natürlich! Niemand wird in der That wün⸗ ſchen mögen, hinter einer ſo großen Nation in Bildung zurückzubleiben, oder ihr vorzugreifen. Mit Erlaubniß, Capitain Kant, was ſagen Ihre Freunde in Canada dazu? Iſt das Rauchen in den beſten Geſellſchaften dort erlaubt oder nicht? Die Canadier müſſen wenigſtens einigermaßen uns vorangehen.“ „Durchaus nicht,“ ſagte der Zeitungsredacteur in dem ſanfteſten Ton, deſſen er fähig war.„Das Rauchen gilt dort für revolutionäre, jacobiniſche Sitte.“ Dieſem Einſpruch ungeachtet, drang die Meinung der Damen durch, und auf eine Weiſe, wie ſie einem„leicht⸗ gläubigen“ Zuſtand der Geſellſchaft eigen zu ſein ſcheint, trugen ſie den Sieg davon. Die Art, wie ſie dabei zu Werk gingen, beſtand in nichts anderm, als eine erdich⸗ tete Auctorität gegen die andern geltend zu machen. Das Factum, daß in England das Rauchen ſo allgemein — 192 beliebt ſei, daß ſogar die Geiſtlichen am Betpult und lich: auf der Kanzel ihre Cigarren nicht ausgehen ließen, heit wurde gradezu auf die Ausſage von Mr. Truck ſelbſt fort: 1 gegründet, und da er wirklich in dieſem Augenblicke Einig tüchtige Dampfwolken blies, ſo wurde dieſer Punct als„ völlig abgemacht angeſehen. Selbſt Florio ergab ſich, Zartt und ſein plaſtiſcher Sinn entdeckte auf der Stelle tau⸗ rückh ſend neue Annehmlichkeiten in dieſer Sitte, die ihm vor⸗ liſch! her gänzlich entgangen waren. Sämmtliche Literaten 5 drängten ſich jetzt in einen großen Kreis um den rau⸗ Dich chenden Seemann, ſich an dem ungewohnten Schauſpiel geiſt! weidend; während der Alte bemüht war, hinreichend Liede dichte Dampfwolken um ſich zu verbreiten, um den ö weltl Schwarm in ehrerbietiger Entfernung zu erhalten. Seine 9 ganz gelaſſen vor ſich hinblickenden vier nächſten Nach⸗ was baren, blieben geſchützt hinter der Dampfbarriere ſitzen, im a ſie ſich wenigſtens eine Zeitlang vor dem Anſtürmen 4 der weiblichen Literaten ſicher wähnten. zwiſe „Sagen Sie uns, ich bitte, Mr. Truck,“ frug ihn lein S. R. P.,„iſt man in den engliſchen literariſchen Cirkeln„ der allgemeinen Meinung, daß Byron als eine höhere nach Entwicklung von Shakeſpeare zu betrachten ſei, oder daß bläßt Shakſpeare nur eine Schattenvertiefung zu Byrons Re⸗— l lief darſtelle?“ „Beides, Madamchen,“ ſagte der Capitain, mit ei⸗ einer Gelaſſenheit, welche einem Ariſtobulus Ehre ge⸗ 9 macht hätte; denn er war genug gehetzt worden, um end⸗ It und ließen, ſelbſt nblicke ct als ſich, e tau⸗ vor⸗ eraten rau⸗ uſpiel ichend den Seine Nach⸗ ſitzen, ürmen g ihn irkeln böhere r daß 8 Re⸗ nit ei⸗ te ge⸗ n end⸗ — 1935— lich wild zu werden; und indem er bei dieſer Gelegen⸗ heit die Aſche von ſeiner Cigarre wegſchnellte, fuhr er fort:„im Allgemeinen iſt man erſterer Meinung, doch Einige ſind auch der letzteren.“ „Welche Feinheit!“ murmelte die Eine.— Welche Zartheit!“ flüſterte die Andere.„Welche würdevolle Zu⸗ rückhaltung!“ fiel eine Dritte ein—„Durchaus Eng⸗ liſch!“ rief Florio. „Meinen Sie nicht, Mr. Truck, daß die weltlichen Dichtungen von Little weit pathetiſcher ſeien als die geiſtlichen Lieder Mööre's, oder daß in den geiſtlichen Liedern Mööre's weit mehr Gefühl liege als in den weltlichen Dichtungen Little's?“ „Von beiden ein wenig, Madamchen, und noch et⸗ was darüber Ich meine, in dem einen iſt lüttel, und im andern möhr“ „Sagen Sie doch, Mr. Truck,“ rief S. R. P. da⸗ zwiſchen,„ſprechen Sie den Namen von Byron's Fräu⸗ lein Geliebten Guy⸗kee⸗o h⸗lee aus oder Gwy⸗kee⸗oh⸗le e?⸗ „Das hängt vom Stand des Windes ab. Bläſt er nach der Küſte, dann ſage ich gewöhnlich: oh!— leelllz bläßt er aber von der Küſte, dann ſage ich lieber: ohl!! — lee!“*) *) Während die Namen der engliſchen Dichter Moore(moor, r) und Little(littl', wenig) von einer affectirt redenden Literaten ausgeſprochen, auch im deutſchen etwa wie Möhr und 15 — 192— „Das war ſchön!“ rief Florio in einem Aufwallen von Bewunderung. Wer in unſerm Lande wäre fähig, ſich ſo ächt kräftig auszudrücken!“. „Recht witzig, in der That,“ ſetzte Miß Monthly hinzu,—„doch welcher Sinn liegt eigentlich in ſeinen Worten?“ „Welch ein Sinn! ein weit höherer, auf jeden Fall, als gewöhnliche Naturen zu faſſen vermögen. Ja wohl! die Engländer ſind in Wahrheit eine große Nation!— Wie innig behaglich er raucht!“ „Ich halte dafür, daß er bei weitem der intereſſan⸗ teſte Mann iſt, den wir von dorther bei uns geſehen haben, ſeit wir Walter Scott's Bruſtbild bekamen,“ be⸗ merkte Miß Annual. „Fragen Sie einmal, liebe D. O. V. E.,“ flüſterte Juliette, die noch etwas blöde war, weil ſie noch nie Etwas herausgegeben hatte,„welches Gefühl er für das am meiſten begeiſternde hält, Hoffnung oder Verzweif⸗ lung?“ Die erfahrnere Dame legte dem Capitain die Frage auf ihre Bitte vor; doch ſagte ſie vorher zu ihrer jün⸗ lüttel lauten können, und ſo nach das Wortſpiel des Originals ſich in der Ueberſetzung einigermaßen nachbilden ließ, ſo geht doch der Scherz mit dem o⸗lee! und o! lee verloren. Erſteres iſt das undeutlich ausgeſprochene Commandowort: On lee! (In den Wind! landwärts!) letzteres: off lee!(Mit dem Wind, landab!) mat wir allen ihig, athly inen Fall, vohl! — ſſan⸗ lehen be⸗ terte hnie das weif⸗ rage jün⸗ zinals geht ſteres lee! dem 195— gern Schweſter die flüchtigen Worte:„Du magſt bis jetzt noch wenig tief empfunden haben, liebes Kind, oder Du würdeſt wiſſen, daß Verzweiflung zu dem Höch⸗ ſten befähigt, wie ſich das von ſelbſt verſteht.“ Der redliche Schiffer dagegen nahm die Sache we⸗ niger leicht; denn er nahm dieſe Gelegenheit wahr, um eine friſche Cigarre anzuzünden, indem er den noch rau⸗ chenden Stumpf in Mrs. Legend's Feuerroſt hineinſchleu⸗ derte, und zwar mitten durch eine Doppelreihe von Li⸗ teraten, wie er nachmals erzählte, wobei er ſich eben ſo wenig entſchuldigte, als er dieſes ſonſt that, wenn er ſeinen Cigarrenreſt ins Meer warf. Zur Erhöhung ſei⸗ nes Rufs in genauer Beurtheilung überwältigender Ge⸗ fühle hatte er zufällig ſtatt: am meiſten begeiſtern⸗ des Gefühl, ganz falſch gehört und begeiferndes verſtanden, und als er ſich daher einiger unglücklichen Raſen⸗ den erinnerte, die er in letzterm Zuſtande geſehen hatte, ſo antwortete er, ohne ſich zu beſinnen: „Verzweiflung auf jeden Fall.“ „Das dachte ich gleich,“ ſagte die Eine. „Das liegt in der menſchlichen Natur,“ beſtätigte die Andere. „Es iſt eine Wahrheit, von der alle Menſchen ſich überzeugen müſſen,“ fügte eine Dritte hinzu. „Wir können dieſen Punct demnach als völlig abge⸗ macht anſehen,“ ſchloß Florio,„und ich hoffe, Niemand wird mehr etwas dagegen einwenden.“ 15*† — 196— „Eine Aufmunterung für die Wahrheitsforſcher,“ be⸗ merkte Capitain Kant hinterdrein. d „Mit Ihrer gütigen Erlaubniß, mein hochgelehrter, Mu. hochwürdiger Mr. Truck,“ begann Lucius Junius Bru⸗ 4 tus, auf die vereinigte Vorſtellung von Junius Brutus Glü und Brutus,—„ich wünſchte wohl zu erfahren, ob die Prinzeſſin Victoria raucht?“ „Wenn ſie nicht rauchen wollte, was hülfe es ihr, ſes! eine Prinzeſſin zu ſein?“ antwortete Capitain Truck; des —„Ihnen kann es doch nicht unbekannt ſein, daß aller Bra in den engliſchen Häven confiscirte Tabak, nach Abzug ſind deſſen, was die Angeber davon bekommen, der Krone gehört?“ Juli „Ich verwerfe das Rauchen,“ ſagte Capitain Kant, weit „weil es irreligiös, franzöſiſch iſt; ein Gebrauch, der von zum Sanscülotismus ſührt. Ich will gern eine oder 4 die andere ausgezeichnete Perſon als Ausnahme gelten wied laſſen; doch in allen andern Fällen wollte ich keck be⸗ gleie haupten, daß im Rauchen irgend etwas Abtrünniges groß ſteckt. Die Preußiſche Regierung, die beſte unſerer Zeit, gena gibt ſich nie mit Rauchen ab.“ daß „Dieſer Mann glaubt, er habe das Monopol des wirk Rauchens für ſich allein,“ flüſterte Pindar dem alten See⸗ b„ mann in's Ohr;—„aber rauchen Sie nur immer zu, Auct mein lieber Herr; nicht lange wird's dauern, ſo haben Sie ihn umnebelt.“ ginu Der alte Seemann nickte, zog ſeine Doſe hervor, kom omn be⸗ rter, Bru⸗ utus „ die ihr, ruck; aller bzug rone NKant, der oder elten k be⸗ niges Zeit, ldes See⸗ r zu, aben rvor, — 197— zündete noch eine Cigarre an, und als Entgegnung auf Capitain Kant's neidiſche Bemerkung ſteckte er in jeden Mundwinkel eine. Beide Glimmſtängel geriethen bald in leuchtende Gluth, und abſichtlich beförderte er ihr Glühen faſt eine Minute lang. „Das iſt das wahrhaft Maleriſche geſelligen Genuſ⸗ ſes!“ rief Florio aus, indem er beide Arme im Feuer des Entzückens emporſtreckte.„Ein ächt Homeriſcher Brauch, möchte man wohl ſagen! Gewiß, die Engländer ſind eine wahrhaft große Nation!“ „Gar zu gern möchte ich Gewißheit haben,“ ſagte Juliette, welche ſich durch den Erfolg ihrer erſten Frage weit ermuthigter fühlte,„ob es wirklich einen Baron von Münchhauſen gegeben hat?“ „Freilich hat es einen ſolchen gegeben, Miß,“ er⸗ wiederte er durch den halb offenen Mund, indem er zu⸗ gleich ſein Haupt bejahend verneigte.„Es war ein großer Reiſender, wie Sie wiſſen, und Einer, der ganz genau mit ihm bekannt war, hat mich heilig verſichert, daß er nicht die Hälfte von dem erzählt hat, was ihm wirklich begegnet iſt.“ „Wie unendlich beruhigend, dergleichen von ſo hoher Auctorität beſtätigt zu finden!“ rief Miß Monthley aus. „Iſt denn Jöhde(Göthe) wirklich todt?“ frug Lon⸗ ginus.„Oder hat die uns in dieſer Beziehung zuge⸗ kommene Nachricht bloß die Abſicht gehabt eine meta⸗ 198 phyſiſche Apotheoſe ſeines mächtigen Genie's anzu⸗ deuten?“ „Todt iſt er, Madamchen,— mauſetodt,— und wird nicht wieder aufſtehen,“ entgegnete der Capitain, dem es ordentlich Vergnügen gemacht hätte, deren noch eine Menge todt zu erklären, um ihrer für den Augenblick los zu werden, ſelbſt auf die Gefahr hin, daß ſie alle wieder auferſtänden. „Sie ſind in Frankreich geweſen? das bedarf wohl keiner Frage?“ bemerkte Lucius Junius Brutus in fra⸗ gendem Ton. „In Frankreich! Dort war ich, noch ehe ich zehn Jahr alt war. In Frankreich kenne ich jeden Fußbreit Landes von Havre de Graces bis nach Marſeille.“ „Wollten Sie wohl die Gewogenheit haben, uns zu erörtern, ob das Gemüth des großen Schattoberjang umfaſſender ſei als deſſen Geiſt, oder ſein Geiſt umfaſ⸗ ſender als ſein Gemüth?" Capitain Truck war mit den Abenteuern des Baron von Münchhauſen leidlich bekannt, ſo wie mit der Wahrhaftigkeit derſelben; aber von den Schriften Chaͤ⸗ teaubriant's hatte er in ſeinem Leben nichts gehört. Er machte eine Pauſe; doch bedenkend, daß ein Eingeſtänd⸗ niß von Unwiſſenheit hier ſeiner Unfehlbarkeit ſchaden müſſe, und einigermaßen angeſteckt durch den Dunſtkreis der ihn umgab, antwortete er ganz gelaſſen: „Ah, ſo! den Schattobriang meinen Sie!— Der iſt gar und Kar ſelb tait Anr tern alle beſte ſche die pita keck zug. Mor Abſe bein ( ereig etwa im d zuge falls anzu⸗ wird dem eine nblick 2 alle wohl fra⸗ zehn bbreit s zu jang nfaſ⸗ aron der Cha⸗ Er änd⸗ aden kreis r iſt 199 ganz Gemüth; durch und durch, wie ich Ihnen ſage; und Geiſt ſteckt in ihm, das will ich meinen!“ „Wie einfach! wie durchaus ohne Affectation!“ „Treffend!“ rief Florio. „Ein ausgemachter Jacobiner!“ brüllte Capitain Kant, ſtets ärgerlich, wenn irgend Jemand außer ihm ſelbſt neben der Wahrheit vorbei ging. Unterdeſſen bemerkten die vier Gefährten des Capi⸗ tain Truck im Winkel, wie einer nach dem andern von den Anweſenden ſich im Gedränge verlor, und daß die hin⸗ tern Reihen allmählig lichter wurden, und bald darauf alle verſchwanden, während Mrs. Legend augenſcheinlich beſtürzt war. Nach wenigen Minuten waren alle römi⸗ ſche Namen verſchwunden; bald darauf trat Florio ab die Zähne fletſchend in poetiſcher Wuth, und ſelbſt Ca⸗ pitain Kant, wiewohl anſcheinend bereit, der Wahrheit keck ins Angeſicht zu ſchauen, begab ſich auf den Rück⸗ zug. Die Alphabete folgten, ſogar Miß Annual und Monthly empfahlen ſich mit ſo ernſten und feierlichen Abſchiedscomplimenten, daß die beſtürzte Mrs Legend beinah in Verzweiflung gerieth. Evchen, im Vorgefühl, daß ſich etwas Unangenehmes ereignen könne, hatte ſich zu allererſt empfohlen, und etwa fünf Minuten nachher machte Mr. Dodge, welcher im dichten Schwarm ſich äußerſt thätig benommen, Allen zugeflüſtert und lebhafte Gebärden gemacht hatte, eben⸗ falls ſein Abſchiedscompliment. Niemand war jetzt noch — 200— im Saal, als die hinter den Dampfwolken verſchanzte Vierzahl, nebſt Capitain Truck und der Dame des Hau⸗ ſes. Pindar machte daher dem Capitain in gehöriger Form den Vorſchlag, mit ihnen zu gehen, und eine Auſternabendmahlzeit mit ihnen zu genießen, und ſobald dieſer Vorſchlag mit herzlicher Einwilligung angenom⸗ men worden, erhoben ſie ſich ſämmtlich von ihren Plätzen, um ſich wegzubegeben. „Ein äußerſt angenehmer Abend, Mrs. Legend,“ ſagte Mr. Pindar und meinte es wirklich;—„der an⸗ genehmſte, den ich jemals in einem Kreiſe genoß, wo mir ſchon ſo viele Abende angenehm verſtrichen ſind.“ „Ich bin nicht im Stande, Ihnen im vollen Sinne des Worts meinen Dank auszuſprechen, wie ſehr ich Ihnen für das Vergnügen verpflichtet bin, daß Sie mich Mr. Truck kennen lehrten,“ fügte Mr. Gray hinzu. „Ich werde ſeine Geſellſchaft zu ſchätzen wiſſen, ſo weit ich ſolches vermag. Ein herrlicherer Geſellſchafter iſt mir noch nie vorgekommen.“ „In der That, Mrs. Legend, Sie haben uns einen reizenden Abendgenuß bereitet!“ bemerkte Mr. Pith, in⸗ dem er ſeine Verbeugung machte.„Ich werde mich die⸗ ſer angenehmen Unterhaltung noch lange Zeit erinnern; ich bin der Meinung, dieſer Abend ſei es wer in Verſen beſungen werde.“ Mr. Fun gab ſich alle Mühe ſympathetiſch und em⸗ pfindſam auszuſehen, wie wohl die muthwillige Laune, th, daß er hanzte Hau⸗ öriger eine obald enom⸗ ätzen, end,“ an⸗ „ wo ind.“ dinne ich mich nzu. weit — 207— von der ſein Inneres überwallte, ihm kaum ſoviel Selbſtbeherrſchung ließ, Mrs. Legend's Blicken ſein heim⸗ liches Lächeln zu verbergen. Er ſcotterte einige höfliche Worte und machte ſich eilig davon. „Nun, gute Nacht, Madamchen,“ ſagte Capitain Truck, ihr ehrlich die Hand reichend;„ich habe, im Gan⸗ zen genommen, einen recht vergnügten Abend bei Ihnen erlebt, wiewohl mir anfänglich äußerſt warm gemacht worden iſt. Wenn Sie Gefallen an dem Leben auf Schiffen finden, ſo wird es mir angenehm ſein, Sie in der Cajüte des Montauk bei mir zu empfangen, wenn wir wieder zu⸗ rückkehren; und wenn Sie jemals Luſt haben, nach Europa zu reiſen, ſo glaube ich das nach London fahrende Pak⸗ ketboot als keines der ſchlechteſten Ihnen empfehlen zu dürfen. Wir wollen uns bemühen, Alles nach Ihrer Bequemlichkeit einzurichten, und verlaſſen Sie ſich auf mich, ich verſtehe mich auf die Erforderniſſe eines Paſ⸗ ſagiersgemachs; darin habe ich mir einiges Geſchick er⸗ worben.“ Von ſeinen neuen Bekannten lachte keiner eher, als bis ſie behaglich dem Auſternmahl zulangen konnten. Dann aber brachen ſie auf einmal los in einen einſtim⸗ migen Anfall langdauernder und überſchwänglicher Lu⸗ ſtigkeit, und während der verſchiednen Pauſen des Mah⸗ les erneuerte ſich ihr Lachen oftmals gleich den Schlußzeilen eines Geſellſchaftliedes. Capitain Truck, in der Regel mit ſeinem eignen Treiben vollkommen zufrieden, begriff 20² freilich den Grund dieſer jugendlichen Ausgelaſſenheit nicht; doch hat er ſpäter öfter behauptet, daß er noch nie mit einer herzlicher vergnügten und ſpaßluſtigern Ge⸗ ſellſchaft gezecht habe, als mit den vier luſtigen Brüdern an jenem Abend. Was die literariſche Soiree ſelbſt betrifft, ſo wurde über dieſe ein tiefes Stillſchweigen beobachtet. Kein Einziger der anweſenden Schöngeiſter fand für gut, ſie in Reimen zu beſingen, und Florio ſoll ſogar ein Ge⸗ legenheits⸗Inpromtü wieder vernichtet haben, das er Tags vorher ſchon niedergeſchrieben hatte. Siebentes Kapitel. „Stoff der Geſchichte birgt des Menſchen Sinn, Verſcholl'ner Zeiten Wirkung wiederſpiegelnd. Vergang'nes wägend, mag der Seher künden Verborg'nes blöden Aug', was nahe Zukunft Aus wirrem Traum hervorruft.“ König Heinrich IV. Am Morgen darauf fand ſich der Baronet in State⸗ ſtreet beim Frühſtück ein. Während des kurzen Mahls wurden die Vorfälle des vorigen Abends wenig berührt. Bloß zuweilen begegneten lächelnde Blicke einander, wenn die Erinnerung an jene Myſtification, lebhafter angeregt, ſich in ihren Mienen ausdrückte. Grace allein benahm ſich ernſthaft; denn ſie war gewohnt, Mrs. Le⸗ — 205 gend als eine ſcharfſinnige Dame zu betrachten, und hatte nicht daran gezweifelt, daß alle, die zu ihrem Um⸗ gang gehörten, wirklich ſo geiſtreiche Perſonen wären, als ſie ſolches ſelbſt glauben mochten. Der Vormittag war dazu beſtimmt, die Gegenden der Stadt zu beſuchen, welche dem geſchäftigen Treiben gewidmet ſind, und dazu ein Ausflug verabredet, deſ⸗ ſen Leitung man John Effingham einſtimmig übertrug. Weil das Wetter tüchtig kalt war, zog man vor, ſich der Kutſchen zu bedienen, und die Geſellſchaft fuhr ge⸗ gen Mittag ab. Grace hatte, wie es ſchien, alle Hoffnung aufgege⸗ den, ſich eines beifällig bewundernden Blicks von Ev⸗ chen zu erfreuen, den ihr irgend eine der noch nie ge⸗ ſehenen Herrlichkeiten von New York hätte abnöthigen können; zumal da der Vetter John wiederholt zu äu⸗ ßern für gut fand, daß im Vergleich mit größern nnd ſehenswürdigeren Dingen, ihren Augen hier Nichts be⸗ gegnen könne, was ihnen anders als gewöhnlich und mittelmäßig vorkommen müſſe. Selbſt Mademoiſelle Viefville, deren durchaus geringe Erwartungen übertrof⸗ fen worden, hatte, ſobald der erſte Rauſch vorüber war, allmählich angefangen, in Allem, was ſie ſah, wenig Ueberraſchendes mehr zu ſinden, und ſich über das, wor⸗ über man ſie befragte, wie über ganz gewöhnliche Dinge zu äußern; und Miß Grace war ſcharfſichtig genug, ſo⸗ gleich zu bemerken, daß, wenn die Gouvernante manche — 204 ſich ihr hier darbietenden Gegenſtände mit andern in Europa verglich, ſie nur von ſolchen redete, die ſie in irgend einer Provinzialſtadt dort angetroffen hatte. Dem⸗ zufolge beſtand gleichſam eine ſtillſchweigende Ueberein⸗ kunft, nicht mehr davon zu reden, in wiefern das, was New Jork zu bieten vermöchte, ähnlichen Gegenſtänden in großen europäiſchen Hauptſtädten an die Seite ge⸗ ſtellt werden könne. Kam bisweilen eine Bemerkung der Art vor, ſo war ſie zufällig, wie ſie der Gang der Unterhaltung abſichtlos mit ſich brachte. Sobald ſie im Wallſtreet angekommen waren, hiel⸗ ten die Kutſchen und die Herren ſtiegen aus; die ſtrenge Kälte bewog die Damen ſitzen zu bleiben, während Grace ſich, ſo gut ſie konnte, bemühte, ihren Gefährtin⸗ nen mitzutheilen, was ſie wußte. „Wornach eilen die vielen Leute alle mit ſolcher Haſt?“ frug Mademoiſelle Viefoille.— Der Leſer wird ſich leicht denken können, daß die nun folgende Unter⸗ redung franzöſiſch geführt wurde, wenn wir gleich vor⸗ ziehen, ſolche zu überſetzen— Wornach ſie eilen?— Nach Dollars, wie ich glaube, Mademoiſelle.— Habe ich Recht, Grace?“ „Ich glaube wohl, daß Du Recht haſt,“ antwortete Grace mit Lachen,„doch von dieſer Gegend der Stadt weiß ich wenig mehr als Du, Evchen.“ „Quelle foule! Iſt denn das Gebäude drüben mit Dollars angefüllt, wo die Herren eben hingehen? Die Stu gent 1 dort dem wele Sir drän zubl auf plem zeige und, der habe geſeh lebt, Pari daß liche Klein hen j V finghe local — 2043— Stufen, welche hinanführen, wimmeln von einander drän⸗ genden Menſchen!“ „Das iſt die Börſe, Mademoiſelle. Wohl mögen dort Dollars genug gewonnen werden, wenn wir nach dem Aufwand urtheilen dürfen, den diejenigen treiben, welche dieſen Ort häufig beſuchen; Vetter John und Sir George ſind beide, wie ich ſehe, mitten im Ge⸗ dränge.“ Laſſen wir den Damen das Vergnügen, ihnen nach⸗ zublicken, und begleiten lieber die Herren ein Weilchen auf die Börſe. „Bald habe ich das Vergnügen, Sir George Tem⸗ plemore,“ ſagte John Effingham,„Ihnen hier etwas zu zeigen, was Sie bloß in dieſem Lande finden können, und, wenn die erforderliche Verbeſſerung hinzukäme, in der That eine Reiſe über den Ocean werth wäre. Sie haben freilich die Londner und Pariſer Börſe oftmals geſehen, aber noch niemals haben Sie einen Auftritt er⸗ lebt, wie der, wovon Sie jetzt Zeuge ſein werden. In Paris haben Sie das ärgerliche Schauſpiel mit angeſehen, daß ſogar Weiber ſich mit dem Hazardſpiel in öffent⸗ lichen Fonds vor allen Augen befaſſen; doch das waren Kleinigkeiten im Vergleich mit dem, was Sie hier ſe⸗ hen ſollen.“ Während er dieſe Worte eilig ſagte, ging John Ef⸗ fingham voran, die Treppe hinauf, nach dem Geſchäfts⸗ local eines der anſehnlichſten öffentlichen Ausrufer. Die — 206— Wände waren dicht mit Planen behangen, welche Häu⸗ ſer, Landgüter, Bauplätze, Straßen, ganze Dörfer und Städte vorſtellten. „Hier befinden wir uns im Brennpuncte der von Mr. Ariſtobulus Bragg erwähnten Städteſpeculationen,“ ſagte John Effingham; ſobald ſie alle dieſe Herrlichkeiten ge⸗ nauer betrachtet hatten.„Hier, lieber Freund, können Sie ſich mit ſo vortrefflichen und ſo vielen liegenden Gütern nach Auswahl verſehen, als es Ihren Wünſchen zuſagt. Gelüſtet Ihnen nach einem großen Landgute, hier ſind ihrer ein Dutzend feil; wollen Sie lieber eine kleine Meierei, wohl hundert ſtehen Ihnen zu Dienſten. Dort ſtehn ein Dutzend Straßen zu Kauf, und hier größere und kleinere ganze Ortſchaften, nach Luſt und Belieben der Käufer.“ „Ich bitte um Erläuterung; denn das überſteigt meine Vorſtellungen.“ „Es iſt nichts mehr und nichts weniger, als was ich Ihnen ſage. Mr. Hammer, haben Sie die Gewo⸗ genheit, ein wenig näher zu treten. Bieten Sie heute feil?“ „Nichts von Bedeutung, Herr. Bloß ein paar hun⸗ dert Bauplätze auf der Inſel, etwa ſechs bis acht Meier⸗ höfe und ein nicht gar großes Dorf im Weſtgebiet.“ „Können Sie uns das Nähere über dieſes Grundſtück da mittheilen?“ „Mit dem größten Vergnügen, Mr. Effingham; Sie ſind ein wohlſtehender Mann, das iſt bekannt, und hof⸗ fentl her ſind Man hund Jahr genth oder den 7 John die C fünfu derſel der 4 abgef ſchaft tigte, laſſen ben, ganze ietend tauſer tioner nicht ähnli im W 207 fentlich werden Sie Ankäufe machen. Dieſes war frü⸗ her der Meierhof des alten Volkers van Brunt, das ſind nun fünf Jahre; auf dieſem Grundſtücke hatte der Mann und ſeine Vorfahren ſich vordem wohl ein Jahr⸗ hundert hindurch vom Milchverkauf ernährt. Vor zwei Jahren verkaufte der Sohn des alten Volkers ſein Ei⸗ genthum an Peter Feeler, den Acre zu hundert Dollars, oder vielmehr um die Summe von fünftauſend Dollars; den Frühling darauf verkaufte ihn letzterer wieder an John Search, einen unternehmenden Mann, der ſich auf die Güte des Bodens verſteht, wie es wenige gibt, um fünfundzwanzigtauſend; Search verkaufte ihn noch in derſelben Woche ſchon wieder an Nachbar Rieſe aus der Hand fär fünfzigtauſend; und ehe der Kauf noch abgeſchloſſen war, hatte ihn Rieſe ſchon einer Geſell⸗ ſchaft, die ein gemeinſchaftliches Unternehmen beabſich⸗ tigte, um hundert und zwölf tauſend Dollars baar über⸗ laſſen. Doch der Plan darf da nicht mehr hängen blei⸗ ben, denn es ſind bereits acht Monate, daß wir das ganze Grundſtück, in einzelne Bauplätze veriheilt, meiſt⸗ ietend um den Geſammtbetrag von dreimalhundert⸗ tauſend Dollars losgeſchlagen haben. Unſern Inſtruc⸗ tionen zufolge ſind dieſe Ländereien bis auf Weiteres nicht mehr feil.“ „Haben Sie noch andre Grundſtücke, Herr, welche ähnliche, wundervolle Geſchichten ſo raſchen Steigens im Werthe aufweiſen können?“ frug der Baronet. — 208— „Sie ſehen hier die Wände bedeckt mit Planzeichnungen von Gütern, deren Werth auf ähnliche Art geſtiegen iſt. Einige ſind binnen fünf Jahren um zwei bis dreitauſend Procent hinaufgegangen, andere blos um ein paar hun⸗ dert Procent. Darüber läßt ſich nichts im Voraus aus⸗ machen, das kommt auf die Liebhaber an.“ „Und worauf gründet ſich dieſes ungeheuer raſche Steigen des Werthes der Grundſtücke?— Erſtreckt ſich das Stadtgebiet bis zu dieſen Ländereien?“ „Noch viel weiter, Herr; das heißt, für jetzt, wohl zu merken, nur noch auf dem Papier. Die Häuſeran⸗ lagen erſtrecken ſich nicht ſo weit, da mögen leicht einige Meilen*) bis zu dieſer Ausdehnung fehlen. Gar viel hängt davon ab, unter welcher Rubrik oder Bennenung ein Stück Land feil geboten werden kann. Wäre hier auf dieſem Platz des alten Volkers van Brunt Grund⸗ ſtück ſchlechthin als Meierei feilgeboten worden, ſo hätte ſich blos ein Meiereipreis dafur machen laſſen; doch von dem Augenblick an, wo es gehörig aufgenommen, in Bauplätze vertheilt, und in einen regelrechten Plan ver⸗ zeichnet war—“ „In eine Planzeichnung?“ „Ja, Herr, in einen deutlichen Plan, eine genaue *) Engliſche Meilen, jede 5280 Fuß 320 Ruthen Engl.,(161 F. R.); oder 5134,08 Fuß= 427,81 Ruthen Rheinl. Duodec. = 25,02 Wegminuten. Anm. d. Ueberſ. kenne S nen ge zahln von de werder höher dere a Jene letztere thaten 127. ngen n iſt. iſend hun⸗ aus⸗ aſche ſich vohl ran⸗ nige viel ung hier ind⸗ ätte von in ver⸗ aue T — 209 Rißzeichnung, wie Sie ſehen, nach Fußen und Zollen genau abgemeſſen, ſtatt bloß nach den einzelnen Feldſtük⸗ ken. Sobald dieſes Grundſtück, wie ich ſage, in eine ſpecielle Rißzeichnung aufgenommen war, da ſtieg es natürlich zu ſeinem wirklichen Werth. Da iſt eine be⸗ deutende Strecke Land, jetzt noch vom Meer überſchwemmt, worin wir gute Geſchäfte gemacht haben, weil wir gute Rißzeichnungen davon hatten.“ Die Herren bezeigten ihre Erkenntlichkeit für die erhaltenen Aufſchlüſſe dem höflichen Ausrufer, und em⸗ pfahlen ſich. „Jetzt wollen wir in den Saal gehen, wo die Ver⸗ käufe vorgenommen werden,“ ſagte John Effingham;— „dort werden Sie den Geiſt, oder die Energie, wie man bei uns zu ſagen pflegt, wovon in dieſem Augen⸗ blick dieſe große Nation beherrſcht wird, ganz klar er⸗ kennen.“ Sie ſtiegen die Treppe hinab und begaben ſich in ei⸗ nen gedrängten Haufen, wo die Kaufluſtigen in großer An⸗ zahl mit großem Eifer einander gegenſeitig überboten, ganz von der furchtbaren Täuſchung bethört, immer reicher zu werden, indem ſie die eingebildeten Ländereienpreiſe immer höher ſteigerten. Einige boten auf Felſengebiete, an⸗ dere auf Strombetten, wieder andere auf Moorgründe. Jene mußten erſt geſprengt, die andern trocken gelegt, letztere abgedämmt werden; aber genaue Rißzeichnungen thaten das Beſte dabei. Unſre beiden Zuſchauer be⸗ 127.— 129. 14 — 240— obachteten eine Zeitlang ſchweigend Alles, was hier vor⸗ ging. „Als ich das erſte Mal in dieſen Saal eintrat,“ ſagte John Effingham, während beide hinausgingen,„da ſchien er mir mit Wahnſinnigen angefüllt. Nun bin ich oft genug Zeuge ſolcher Auftritte geweſen; aber noch immer bringt dieſe Verſammlung auf mich faſt eben dieſelbe unheim⸗ liche Wirkung hervor.“ „So wagen alſo dieſe Leute insgeſammt in einem gefährlichen Glücksſpiel ihr Vermögen um den eingebil⸗ deten Güterpreis, wie ihn die Ausrufer ankündigen?“ „Sie ſpielen allerdings ein eben ſo gefährliches Spiel, als diejenigen, die ihre ganze Habe auf einen Wurf im Würfelſpiel einſetzen. So überwältigend hat dieſer verblendende Wahn die Leute umſtrickt; daß die unleug⸗ bare Wahrheit, eine Wahrheit, ſo einleuchtend wie ir⸗ gend ein Geſetz der Natur, daß Nichts ohne feſten Bo⸗ den fortbeſtehen kann, völlig überſehen wird, und wer ſolchen Baumeiſtern von Luftſchlöſſern ſagen wollte, die bittre Erfahrung Aller werde ſie ihre Thorheit in den nächſten fünf Jahren ſchmerzlich empfinden laſſen, der müßte von Glück ſagen können, wenn er nicht geſteinigt würde. An andern Orten und zu andrer Zeit habe ich manche übertriebne Speculationen mitangeſehen, aber noch keine, die wie dieſe hier, ſo überwiegend, ſo ausgedehnt, ſo furchtbar in ihren Folgen ſich darſtellen.“ +& Ld r vor⸗ ſagte ſchien genug bringt heim⸗ einem gebil⸗ n 2 Spiel, Wurf dieſer aleug⸗ die ir⸗ Bo⸗ d wer 2, die n den , der einigt be ich r noch dehnt, — 211— „Sie ſehen wohl ernſthaften Unglücksfällen aus der unvermeidlichen Reaction entgegen?“ „In dieſer letztern Hinſicht ſind wir beſſer daran als ältere Staaten. Die jugendliche Kraft und der unver⸗ dorbne Stamm unſerer Nation ſchützt uns mehr als andre Völker vor ſolchen Gefahren; doch einen empfind⸗ lichen Schlag, der die Wohlhabenheit vieler Bürger zu Grunde richten wird, ſehe ich leider vorher, und der Tag iſt nicht mehr fern, wo die Einwohner dieſer Stadt ihren Wahn einſehen werden. Was Sie hier geſehen haben, iſt nur ein kleiner Theil der übertriebnen Spe⸗ culationswuth, welche die ganze Bevölkerung in der ei⸗ nen oder andern Weiſe ergriffen hat. Uebermäßiger Um⸗ ſatz von Capitalien in bloßem Papier, unbeſonnene An⸗ leihen, die von Europa ausgehen und ſich weit durch un⸗ ſer Land ausdehnen, falſche Begriffe von dem eingebil⸗ deten Werth von Beſitzungen bei Leuten, die vor fünf Jahren gar Nichts beſaßen, haben das gewohnte Gleich⸗ gewicht in allen Verhältniſſen geſtört, und das Geld iſt ſo durchaus das einzige Ziel aller lebendigen Regſamkeit geworden, daß man ganz und gar vergeſſen hat, ſolches nur als Mittel zu betrachten. Die Weltgeſchichte wird nicht leicht ähnliche Beiſpiele aufweiſen können, wo in irgend einem Lande der Einfluß des Geldes ſolche ver⸗ derbliche Wirkungen hervorgebracht hätte, als wir ſolche im gegenwärtigen Zeitpunct um uns erblicken. Alle Mo⸗ ralität ſcheint in der allesverſchlingenden Wuth reich zu 14* 212— werden, untergangen zu ſein; und die Kräfte des Staats, die Sicherung des Beſtehenden, die gewohnten Bande des geſelligen Lebens, unſre Geſetze wie unſre Verfaſ⸗ ſung, Alles was irgend den Bürgern theuer iſt, erſcheint unbeachtet, oder gar umgewandelt, um dieſe naturwi⸗ drige Geſtaltung der Dinge aufrecht zu erhalten.“ „Das iſt nicht bloß ohne Beiſpiel; es iſt ſchrecklich obendrein!“ „Es iſt beides. Die ganze Bevölkerung befindet ſich gleichſam in dem ſchwindelähnlichen Zuſtande des erſten Stadiums eines aufregenden, gifttrankbewirkten Taumels, welcher den Bethörten anreizt, ein Glas nach dem an⸗ dern von dem verführeriſchen Gift hinunterzuſchlingen, während er dem eiteln Wahn ſich hingibt, er unterſtütze bloß ſeine Lebenskräfte in ihren naturgemäßen Verrich⸗ tungen. Die Anſteckung dieſer verſtandverwirrenden Seu⸗ che verbreitet ſich von der Küſte bis zu den äußern Gren⸗ zen des Weſtlandes; denn, da zum Theil wirkliche Grund⸗ lagen für dieſe eingebildeten Reichthümer beſtehen, ſo er⸗ ſcheint das Wahre mit dem Falſchen in den Vorſtellungen dieſer Leute ſo durcheinander verwebt, daß nur die ſchärfſte Beobachtung im Stande iſt, hierin klar zu ſe⸗ hen, und demnach behält das Falſche gewöhnlich die Oberhand.“ „Nach Ihrer Meinung, Herr, war die Tulpen⸗Narr⸗ heit der Holländer eine kleine Narrheit im Vergleich mit — 215— „Ihrem Gehalt nach war ſie dieſelbe, aber in ihrem Einfluß auf das Allgemeine war ſie nicht von Bedeu⸗ tung! Könnte ich Sie durch die einzelnen Straßen die⸗ ſer Stadt herumführen, und Ihnen einen Blick durch den glänzenden Nebel vergönnen, der die Wünſche, Hoff⸗ nungen, Verkehrtheiten und Albernheiten einhüllt, wel⸗ che die Leidenſchaften dieſer Menſchen in Thätigkeit er⸗ hält, ſo würden Sie als ruhiger Zuſchauer fortwährend erſtaunen über die Art und Weiſe, wie das Menſchenge⸗ ſchlecht ſich durch Täuſchungen hinreißen läßt. Doch wir wollen lieber weiter gehen; wir werden wahrſcheinlich noch Mehres finden, was uns das Geſagte beſtätigen möchte.“ „Mr. Effingham,— erlauben Sie, Mr. Effingham,“ ſagte ein Handelsmann von durchaus anſtändigem, ach⸗ tungeinflößendem Aeußern, der ihnen außerhalb der Bör⸗ ſenhalle begegnete,—„was halten Sie jetzt von unſerm Streit mit Frankreich?“ „Alles, was ich Ihnen über dieſen Gegenſtand ſa⸗ gen kann, Mr. Bale, habe ich Ihnen bereits geſagt. Als ich noch in Frankreich war, ſchrieb ich Ihnen, daß die franzöſiſche Regierung nicht die Abſicht habe, den Tractat mit uns zu erfüllen; der Erfolg hat Ihnen un⸗ widerlegbar bewieſen, daß meine Meinung nicht grund⸗ los war; jetzt haben Sie die Erklärung des franzöſiſchen Staatsminiſters, daß ohne Nachgiebigkeit von Seiten unſrer Regierung, dieſe nicht auf die Zahlung der be⸗ treffenden Summe rechnen könne. Auch habe ich Ihnen ſchon geſagt, daß die Wetterfahne auf dem Thurm da drüben ſich nicht ſchneller drehen kann, als dieſe Maßre⸗ gel widerrufen werden würde, ſobald entweder in Europa ſelbſt ein Ereigniß einträte, das Frankreich dazu nöthi⸗ gen dürfte, oder ſobald die franzöſiſchen Miniſter dahin gebracht werden könnten, ſich von der bezweifelnden Möglichkeit zu überzeugen, daß wir Willens wären zur Aufrechthaltung unſrer Würde die Waffen zu ergreifen. Das iſt und bleibt meine Anſicht; Ihre Sache iſt es nun, ſie mit den bisherigen Reſultaten zu vergleichen und die Schlüſſe zu ziehn, die ſich Ihnen daraus ganz von ſelbſt ergeben.“ „An allem dieſen iſt bloß General Jackſon Schuld, Herr!— Dieſer Unmenſch hat uns in dieſen verdrieß⸗ lichen Handel verwickelt! Hätte er ſeine Erklärung an das franzöſiſche Miniſterium für ſich behalten; ſo hätten wir ſchon längſt unſer Geld bekommen.“ „Ohne eine ſolche nachdrückliche Erklärung, Mr. Bale, oder ohne eine noch weit nachdrücklichere Maßregel wür⸗ den Sie Ihr Geld niemals bekommen haben.“ „Doch, mein werther Herr. Ich bin zwar überzeugt, daß Sie es gut mit Ihrem Vaterlande meinen; aber ich beſorge, Sie ſind zu ſehr von Vorurtheilen gegen den vortrefflichen Charakter des Königs von Frankreich eingenommen. Vorurtheile, Mr. Effingham, können felbſt den gerechteſten Mann zu ungerechten Ausſprüchen verleiten.“ Bei dieſen Worten lächelte Mr. Bale, ſchüttelte den Kopf und verlor ſich im Gedränge, völlig überzeugt, daß John Effingham von Vorurtheilen beſeſſen ſei, und er ſelbſt dagegen ein liberaler und gerechter Mann. „Dieſem Mann da kann man weder Fähigkeiten noch Rechtſchaffenheit abſprechen, und dem ungeachtet läßt er ſich durch Gewinnſucht und durch den Einfluß eben derſelben Speculationswuth dermaßen bethören, daß er ſein Ge⸗ rechtigkeitsgefühl betäubt, ſonnenklare Ereigniſſe über⸗ ſieht, und alle geſunde Begriffe verläugnet, von welchen die Sicherheit und das Wohl ſeines Vaterlandes ab⸗ hängt.“ „Er fürchtet nur, daß es zu einem Kriege komme; folglich hat er keine Luſt, unbeſtreitbaren Thatſachen Glauben zu ſchenken, ſo lange dieſe ihm den wirklichen Ausbruch eines Kriegs noch wahrſcheinlicher machen.“ „Das iſt wirklich bei ihm der Fall; denn ſelbſt die Vorſicht kann am unrechten Orte angebracht werden, wenn Menſchen ſich unter dem Einfluß eines ſolchen Wahns befinden, wie er jetzt faſt Alle beherrſcht. Dieſe Menſchen gleichen jenem Narren, welcher behauptete, es gebe kein Tod!“ Unterdeſſen waren beide Herren wieder zu ihren Damen gekommen, und die Kutſchen fuhren jetzt durch — 216— eine Folge von engen und winklichten Gaſſen, längs welchen ſich rechts und links eine Menge von Waaren⸗ lagern und Packhäuſern ausdehnten, voll von den man⸗ nigfaltigſten Erzeugniſſen der civiliſirten Welt. „Vieles von dem, was ſich hier findet, gehört mit in das Bereich jener beklagenswerthen Täuſchungen,“ ſagte John Effingham, während die Kutſchen ihren Weg durch die krummen Gaſſen fortſetzten;„derjenige, dem es glückt, ſeine inländiſchen Bauplätze vortheilhaft zu ver⸗ kaufen, dünkt ſich, voll Vertrauen auf den erworbenen Credit, ein reicher Mann, und hiernach vermehrt er ſeine Lebensbedürfniſſe immer mehr; der Burſche vom Lande tritt, ohne gehörige Geſchäftskenntniß, hier als Kaufmann auf, oder als das, was man hier ſo nennt, und erlangt einen Credit in Europa, der ſeine Geld⸗ mittel um das Hundertfache überſteigt, und dieſer Credit gewöhnt ihn an Bedürfniſſe, die, ſeiner Lage unange⸗ meſſen, ihn immer mehr zu Wagniſſen anſpornen. Auf dieſe Weiſe werden der redlichen Betriebſamkeit alle Wege durch das Zudrängen von Abenteurern verſchloſ⸗ ſen, welche als Emporkömmlinge ſich nur durch die all⸗ gemeine Beförderung der Speculationswuth zu halten vermögen. Millionen an Werth gehn aus dieſen Gaſ⸗ ſen hervor, ſofern ſie ein ideelles Unterpfand für die Ueberzahlungen enthalten, wo baare Summen erforder⸗ lich ſind, wie bei den von dem Ausrufer erwähnten Ge⸗ genſtänden; eine Gewährleiſtung für die zu leiſtenden Zahlu von er mehr „A in der „D reich; fen. und w aller würde unſer ſes U es fort die Zei uns no um ähr Na ſchaft 1 tagseſſe genden nehmen Effingh bat ihn im Gel er zum geſetzt! — 217— Zahlungen, die nicht ſicherer iſt, als die Behauptung von einer höchſtens einen Dollar werthen Sache, daß ſie mehr als hundert gelte.“ „Aeußern ſich denn die Folgen ſolcher Mißgriffe nicht in den alltäglichen Verhältniſſen Ihrer Mitbürger?“ „Die Folgen zeigen ſich überall. Die Sucht, ſchnell reich zu werden, hat alle Claſſen der Einwohner ergrif⸗ fen. Sogar Frauen und Geiſtliche ſind davon angeſteckt, und wir befinden uns hier überhaupt dem verderblichſten aller Einflüſſe, der„Liebe zum Gelde“ hingegeben. Ich würde unter ſolchen Umſtänden das Schlimmſte für unſer Land beſorgen, wäre ich nicht überzeugt, daß die⸗ ſes Uebel ſchon zu arg um ſich gegriffen hat, als daß es fortwährend ſo bleiben könnte. Ich hoffe daher, daß die Zeit beſonnener Ueberlegung und erfolgreicher Reue uns nahe bevorſtehe und uns die Augen öffnen werde, um ähnliche Mißgriffe künftig zu vermeiden.“ Nach dieſem Ausflug in der Stadt kehrte die Geſell⸗ ſchaft nach Stateſtreet zurück, wo der Baronet zum Mit⸗ tagseſſen blieb, weil er ſich vorgenommen hatte, am fol⸗ genden Tag nach Waſhington abzureiſen. Das Abſchied⸗ nehmen am Abend war herzlich und freundſchaftlich. Mr. Effingham, der ſeinen Reiſegefährten aufrichtig ſchätzte, bat ihn angelegentlich, ihn im Juni auf ſeinem Landgute im Gebirg zu beſuchen; es war dieſes die Zeit, welche er zum Wiedereinzug in ſeine heimiſche Wohnung feſt⸗ geſetzt hatte. Als Sir George eben im Abſchiednehmen begriffen war, begannen die Glocken ein in der Stadt ausgebro⸗ chenes Feuer zu verkündigen. In New York gewöhnt man ſich bald ſo ſehr an den öftern Feuerlärm, daß faſt eine Stunde verſtrich, ehe man im Effinghamſchen Hauſe auf das lang anhaltende Rufen und Schreien aufmerk⸗ ſam wurde. Ein Bedienter wurde ausgeſchickt, um ſich nach den Umſtänden näher zu erkundigen, und ſein Be⸗ richt gab ihnen die Gewißheit einer außergewöhnlichen Gefahr. In den öfter wiederkehrenden Feuersbrünſten wett⸗ eifert, wie es ſcheint, New York mit Conſtantinopel. Das Abbrennen von zwanzig bis dreißig Gebäuden auf einmal, gehört zu den ganz gewöhnlichen Ereigniſſen, und oftmals erfahren ſogar die Bewohner deſſelben Stadtviertels dergleichen nicht eher, als bis ſie zugleich alle nähern Umſtände in den vielen täglich erſchei⸗ nenden Zeitungen leſen; denn die öftere Wiederkehr ſolcher Unglücksfälle ſcheint ihr Ohr wie ihr Mitgefühl vor dem Schreck zu bewahren. Eine bedeutende Feuers⸗ brunſt, die weiter als gewöhnlich um ſich griff, hatte bereits ein paar Nächte vorher gewüthet, und es ging das Gerücht, daß wegen der großen Kälte und des ſchlechten Zuſtandes der Schläuche und Spritzen das eben jetzt ausgebrochene Feuer in ſeinen Folgen noch weit furchtbarer zu werden drohe. Auf dieſe Nachricht hüll⸗ ten ſich die beiden Herren Effingham in ihre bequemen Ueberröck Feuer en „Das John Ef den Zeich wolken f Feuer ſch ſich zu g Inder ſie bald Waarenl tage ihn hatten. ſtand ber fährlich Schläuch kaum ül ſtrenge§ men, um entſetzlich Die New Yo⸗ derer St neu aus beſten S gen endl würdigen griffen gebro⸗ wöyhnt aß faſt Hauſe fmerk⸗ m ſich n Be⸗ llichen wett⸗ nopel. n auf niſſen, ſſelben gleich rſchei⸗ erkehr gefühl euers⸗ hatte ging d des 3 eben weit hüll⸗ iemen Ueberröcke, und begaben ſich nach der Straße, wo das Feuer entſtanden war. „Das iſt kein gewöhnlicher Brand, Edward,“ ſagte John Effingham, indem er aufwärts nach den dräuen⸗ den Zeichen am Himmel blickte, wo hinter düſtern Rauch⸗ wolken furchtbare Flammenblitze emporleuchteten.„Das Feuer ſcheint ganz in der Nähe zu ſein und weiter um ſich zu greifen, als ich mir vorſtellte.“ Indem ſie dem Zug des Gedränges folgten, kamen ſie bald an die Brandſtätte, recht in der Mitte jener Waarenlager und Packhäuſer, welche noch am Vormit⸗ tage ihnen ſo manchen Stoff zu Betrachtungen gegeben hatten. Eine kurze enge Gaſſe mit hohen Gebäuden ſtand bereits in lichten Flammen. Es war äußerſt ge⸗ fährlich ſich dem Brande zu nähern; die ſteifgefrornen Schläuche, die Erſchöpfung der Löſchmannſchaft von den kaum überſtandnen Anſtrengungen; dazu die äußerſt ſtrenge Kälte dieſer Schreckensnacht,— Alles traf zuſam⸗ men, um den Anblick des verheerenden Schauſpiels noch entſetzlicher zu machen. Die mit dem Löſchen beſchäftigte Mannſchaft hat in New Jork den Vorzug vor den Löſchmannſchaften an⸗ derer Städte voraus, welchen man geübten Kriegern vor neu ausgehobenen Rekruten zugeſtehen muß. Doch die beſten Streiter können von unausgeſetzten Anſtrengun⸗ gen endlich abgeſchwächt werden; und bei dieſem denk⸗ würdigen Brande waren dieſe ſonſt ſo kräftigen und ge⸗ — 220— wandten Löſchmannſchaften durch ein unglückliches Zuſam⸗ mentreffen ſo mancher Schwierigkeiten mit den bereits ausgeſtandnen Mühſeligkeiten ſo erſchöpft, daß ſie eine Zeitlang, unvermögend ihre gewohnte Thätigkeit zu äußern, ſich bloß als leidende Zuſchauer bei der ſchreck⸗ lichen Wuth des Feuers verhielten. Wohl zwei Stunden lang ſchien jede Hoffnung ver⸗ geblich dem immer raſcher um ſich greifenden Feuer eini⸗ gen erfolgreichen Widerſtand zu bieten; ſelbſt die kühn⸗ ſten und beharrlichſten bei'm Löſchen thätigen Arbeiter blieben ungewiß, wohin ſie ſich wenden ſollen, um nicht nutzlos ſich abzumühen. Der Mangel an hinreichendem Waſſer; die große Zahl von arg bedrohten Puncten, denen man nicht überall und zu gleicher Zeit beikommen konnte; die Verbreitung des Brandes in allen möglichen Richtungen von einem gemeinſchaftlichen Heerd aus, dazu die vielen engen, krummen Gaſſen, und die uner⸗ trägliche Hitze in den behinderten, raucherfüllten Zugän⸗ gen;— Alles traf zuſammen die Schrecken dieſes er⸗ ſchütternden Schauſpiels bis zu erſchlaffender Hoffnungs⸗ loſigkeit zu ſteigern. Diejenigen, welche ſich in der Nähe der in Flammen ſtehenden Gebäude befanden, erſtarrten von einer Seite durch die grönländiſche Kälte dieſer Nacht, während ihre Körper faſt bis zu Brandblaſen von der andern Seite durch die arge Gluth gepeinigt wurden. Es lag ein eigenthümlicher Schauer in dieſem Kampf der empörten Gewalter die engſt ihre zerſt terlich ſti ſen ſchien berührend gleich dar Alles herbeizuſt hört; den wo una Sir Ge dieſes Fe das Feue des Bra Magazin ſich im verſchiede „Hier alle Die gen,“ be das Geſ die Plan gegenübe „Ich commen „Die Ze 3 Zuſam⸗ bereits ſie eine gkeit zu rſchreck⸗ ung ver⸗ ier eini⸗ ie kühn⸗ Arbeiter im nicht chendem Juncten, kommen öglichen rd aus, ie uner⸗ Zugän⸗ eſes er⸗ fnungs⸗ ammen r Seite nd ihre Seite ag ein mpörten 221— 2 Gewalten; die Natur ſchien die fürchterlichſte Hitze in die engſten Räume zuſammendrängen zu wollen, um ihre zerſtörende Wirkung möglichſt zu erhöhen. Fürch⸗ terlich ſtieg die Wuth des Elements, ganze Häuſermaſ⸗ ſen ſchienen in glühenden Fluß zu gerathen, ſobald dieſe berührend die züngelnden Flammen ſie umſpielten und gleich darauf mit rieſigen Feuerwirbeln umgürteten. Alles innerhalb der Schallweite der Sturmglocke ſchien herbeizuſtrömen; das gewöhnliche Schreien hatte aufge⸗ hört; denn ſchwerlich ruft einer: Mord in einer Schlacht, wo unaufhörlich Menſchen fallen. Zufällig begegnete Sir George Templemore ſeinen Freunden am Rande dieſes Feuermeers. Der Morgen war nicht mehr weit; das Feuer hatte die höchſte Wuth erreicht; in der Mitte des Brandes war bereits eine Maſſe von hölzernen Magazinen niedergebrannt, und die Flammen hatten ſich im Umkreiſe ihres eigentlichen Heerdes nach den verſchiedenſten Richtungen verbreitet. „Hier vernehmen wir eine furchtbare Mahnung an alle Diejenigen, welche ihre Herzen an Reichthümer hän⸗ gen,“ bemerkte Sir George Templemore, weil ihm eben das Geſpräch vom vorigen Tage einfiel.„Was ſind die Plane der Menſchen den Beſchlüſſen der Vorſehung gegenüber!“ „Ich möchte beinah vorher verkünden, dieſes ſei le commencement de la fin,“ entgegnete John Effingham. „Die Zerſtörung hat ſchon ſo weit um ſich gegriffen, daß ich ernſtlich beſorge, daß die gewöhnlichen Rettungsmit⸗ tel bei ſolchen Verluſten, die Mittel der Aſſecuranzge⸗ ſellſchaften, meine ich, nicht ausreichen werden. Nehmen Sie dieſen Schlußſtein aus dem künſtlich aufgewölbten Bau, ſo muß nothwendig das Ganze zuſammenſtürzen und in Trümmer zerfallen.“ „Wird denn Nichts geſchehen, um den Flammen zu wehren?“ „So bald die Leute von ihrem lähmenden Schrecken ſich erholt haben; dann werden zweckmäßige Maßregeln, nicht ausbleiben, und ihre Thätigkeit wird den gewünſch⸗ ten Erfolg haben. Die breitern Straßen beſchränken ohne⸗ hin die Wuth der Flammen innerhalb beſtimmter Gren⸗ zen, und überdieß höre ich, daß der Wind ſich günſtiger für die Löſchenden anläßt. Fünfhundert Gebäude, heißt es, ſeien bereits niedergebrannt, und das in kaum ſechs Stunden Zeit!“ Dieſelbe Börſenhalle, die vor ſo kurzer Zeit noch als ein geräuſchvoller Tempel des Götzen Mammon er⸗ ſchienen war, zeigte jetzt nichts als düſterglimmende und rauchende Schutthaufen; ihre Marmorwände waren ge⸗ borſten, ihres Schmuckes beraubt und verwüſtet, und hin und wieder eingeſtürzt. Sie bildete gleichſam ein Vor⸗ werk des ungeheuren Trümmerhaufens, und unſre Freunde, die ſich in ihrer unmittelbaren Nähe befanden, konnten von hier aus das gräßliche Schauſpiel der weitverbreiteten Verwüſtung mit anſehen. Wo ſie ſtanden, war die Ge⸗ gend i währe! heit d den di Die n nen je des B Waſſen greifen tern 1 immer Rufen endlic ungsmit⸗ uranzge⸗ Nehmen wölbten nſtürzen men zu ſchrecken ßregeln, wünſch⸗ n ohne⸗ Gren⸗ inſtiger , heißt n ſechs t noch ion er⸗ de und een ge⸗ nd hin Vor⸗ eunde, onnten eiteten ie Ge⸗ gend in das ſchaurige Schweigen der Verödung gehüllt, während die zuckenden Flammenblitze durch die Düſter⸗ heit der fernen Umgebung ihnen den Weg andeuteten, den die immer weiter fortwüthende Feuersbrunſt nahm. Die mit der Oertlichkeit vertrautern Einwohner began⸗ nen jetzt über die natürlichen und zufälligen Grenzen des Brandes zu reden, in den Richtungen nämlich, wo Waſſer, offne Plätze oder breitere Straßen dem Umſich⸗ greifen der Flamme Einhalt thun würden. Das Knat⸗ tern und Praſſeln der brennenden Gebäude erſcholl in immer größern Abſtänden, und das Getöſe und das Rufen der mit Löſchen beſchäftigten Mannſchaft verhallte endlich ganz und gar. In dieſem Augenblick furchtbarer Erwartung gewahrte man einen Trupp Matroſen, welche Pulver herbeibrach⸗ ten, um raſch mehre Gebäude in die Luft zu ſprengen, welche in Gaſſen ſtanden, wo nicht zu erwarten war, daß ihre geringe Breite den Flammen Einhalt thun könne. Von ihren Officieren geleitet, die Werkzeuge der Zerſtörung auf ihren Armen tragend, begaben ſich dieſe tüchtigen Leute ruhig nach dem Rande des ſich raſch fortwälzenden Feuerſtroms, und ſetzten ihre Spreng⸗ kegel an, legten ihre Mienen mit dem beherzten Gleich⸗ muth, welche nur die Uebung verleiht, und mit einer Umſicht, welche ihrer Beſonnenheit alle Ehre machte. Dieſe klugberechnete Wagniß wurde mit vollſtändigem Erfolg belohnt, und ein Haus nach dem andern ſtürzte bei dem Explodiren in Trümmern zuſammen; aber glücklicher Weiſe kam Niemand dabei ums Leben. Von nun an ward die Gewalt der Flammen gebrochen, wiewohl der Tag anbrach und wieder ſich neigte, und noch eine Nacht verſtrich, ehe man ſagen konnte, daß das Feuer völlig gedämpft ſei. Wochen und Monate vergingen, ehe die glimmenden Schutthaufen gänzlich aufhörten zu rauchen; denn das unbändige Element ließ nicht nach, gleich einem verſchütteten Vulcan, gleichſam in den Eingeweiden der Erde zuwühlen, ehe es mit der ſchwierigen Abräumung des Schuttes völlig erſtickt werden konnte. Der Tag, der auf dieſes ſchreckliche Ereigniß folgte, war merkwürdig wegen der allgemeinen Lähmung, welche das unerſättliche Jagen nach Reichthümern befiel. Die Menſchen, deren Herzen am Golde hingen, und die ſich bläheten in deſſen Beſitz, aber auch nichts beſeſſen hatten, als Gold, empfanden auf einmal den vernich⸗ tenden Gedanken, wie unſicher ihr geträumter Reichthum ſei; die am Tage vorher, verachtend auf ihre Mitbürger herabblickend, gleich Göttern der Erde einhergingen, fühl⸗ ten nunmehr, wie wenig diejenigen gelten, die nichts weiter als reich ſind, ſobald ihr Reichthum dahin iſt.— Acht hundert Gebäude, darunter Werkſtätten aller Art und unermeßliche Niederlagen roher Stoffe, waren ver⸗ nichtet worden in einem furchbaren Moment. Eine ſchwache Stimme vernahm man von der Kanzel; es w che fr ten, Obm und heim Alleit Geld in ih ther ſchütt gewu ben, laſter meidl D 2 führli flor ü New barkei 127 aber ochen, und „ daß onate nzlich ement loan, „ehe öllig war delche Die die eſſen nich⸗ hum rger ühl⸗ ichts — 223 es war ein feierlicher Augenblick, in welchem diejenigen, wel⸗ che früherer beſſerer Zeiten ſich erinnerten, die Hoffnung nähr⸗ ten, vernünftige Grundſätze würden endlich wieder ihre Obmacht über die menſchlichen Leidenſchaften erringen, und gewiſſermaßen würden die Bewohner dieſer ſo hart heimgeſuchten Stadt zu beſſerer Einſicht gelangt ſein. Allein dieſe Hoffnung ſchlug fehl, und die allbethörende Geldgier hatte ſchon zu weit um ſich gegriffen und war in ihren verderblichen Einflüſſen zu tief in die Gemü⸗ ther eingedrungen, um ſelbſt durch dieſen Schlag er⸗ ſchüttert zu werden; und die gerechte Rüge der tiefein⸗ gewurzelten Erbärmlichkeit ward auf eine Zeit verſcho⸗ ben, wo die Natur nach unveränderlichen Geſetzen die laſterhaften Neigungen der Menſchen durch die unver⸗ meidlichen Folgen ihres entwürdigenden Treibens beſtraft. Achtes Kapitel. „Sagt mir vorerſt, war't jemals ihr in Piſa?“ Shakſpeare. Das im vorigen Kapitel mehr angedeutete, als aus⸗ führlich beſchriebene Brandunglück zog einen Trauer⸗ flor über die üblichen Luſtbarkeiten der Einwohner von New Jork, wenn man nämlich ſchicklicherweiſe das Luſt⸗ barkeiten nennen darf, was eigentlich nur als Wettſtreit 127.— 129. 13 226 zwiſchen unnützer Verſchwendung und geſchmackloſer Ei⸗ telkeit betrachtet werden kann. Evchen beklagte ſich nicht über dieſe Unterbrechung in der alltäglichen Unterhaltung, welche ihr keinen wahren Genuß bieten konnte; aber die unglückliche Veranlaſſung dazu ſchmerzte ſie deſto mehr, ſo oft ſie derer gedachte, die ihre ſämmtliche Habe dabei eingebüßt und einen großen Theil ihrer Hoffnun⸗ gen. Sie und Grace verlebten geräuſchlos den übrigen Theil der Winterſaiſon, indem ſie des freundſchaftlichen Umgangs mit Mrs. Hawker und Mrs. Bloomfield ge⸗ noſſen, und die Zeit zu Hauſe zur Ausbildung ihrer Kenntniſſe und ihres Geſchmacks verwendeten, ohne ſich jemals wieder innerhalb der abenteuerlichen Umgebun⸗ gen ähnlicher Geſellſchaften zu wagen, wie ſie ſolche bei Mrs. Legend angetroffen hatten. Eine von den unglücklichen Folgen jener geldſüchtigen Verblendung, welche wir vorher zu rügen Gelegenheit hatten, iſt die aufs höchſte geſteigerte Selbſtſucht, welche alle Erinnerungen an das Vergangene gänzlich erſtickt und alle beſonnene Erwägung des Zukünftigen abweiſet, indem ſie das menſchliche Leben mit allen ſeinen Ent⸗ würfen und Unternehmungen in einen Augenblick, den der Gegenwart, zuſammendrängt. Capitain Truck war daher bald völlig vergeſſen, und die Literaten, wie der würdige Seemann die Geſellſchafter und Geſellſchafte⸗ rinnen der Mrs. Legend genannt hatte, verharrten in derſelben Oberflächlichkeit, Selbſtüberſchätzung, Unwiſ⸗ behe ( Jah keite Thei Mai Leſer kömn einern unte in ſe ſenheit, Nachäfferei, Charakterloſigkeit und Erbärmlich⸗ keit, wie vorher. Jemehr die Jahreszeit vorrückte, deſto ſehnender ver⸗ langte unſere Heldin nach den Annehmlichkeiten des Land⸗ lebens Der Aufenthalt in Städten bietet in Amerika denen, welche ſolchen im ältern und geregeltern Verkehr in Europa ganz anders kennen lernten, wenig Erfreuli⸗ ches. Evchen war des Gedränges und Getöſes auf Bällen längſt überdrüßig, wiewohl noch einige hier und da gegeben wurden; ſie hatte ſich ſatt geſehen an den fruchtloſen Beſtrebungen geſchmackloſer Eitelkeiten, und die eingebildeten Annehmlichkeiten von Abendunterhal⸗ tungen hinreichend gekoſtet, wo thörichte Nachäffung und planloſe Uebertreibung äußerſt ſelten durch das Gefällige und Einnehmende ächter Geſelligkeit aufgewogen wurde, welche den wahren Werth der Dinge ſtets im Auge behält. Ein amerikaniſcher Frühling iſt unter den vier Jahrszeiten diejenige, welche die wenigſten Annehmlich⸗ keiten darbietet; das Charakteriſtiſche deſſelben liegt zum Theil in jenen Worten:„der Winter zögernd in des Maimonds Schooß.“ Mr. Effingham, von welchem der Leſer nunmehr längſt vermuthen konnte, daß er ein Nach⸗ kömmling desjenigen ſei, der unter dieſem Namen in einem andern Werke bereits gelegentlich vorkam, hatte unterdeſſen die erforderlichen Weiſungen ertheilt, damit in ſeinem Landhauſe alle nöthigen Einrichtungen zu ſei⸗ 13* nem und der Seinigen Einzug getroffen würden; und mit einem Gefühl innigen Entzückens begab ſich Evchen T an Bord des Dampfboots, das ſie raſch aus einer Stadt entführte, welche zwar ſo Manches einer Hauptſtadt T würdiges enthält, aber auch ſo Vieles was weder einer ei großen noch kleinen Stadt zur Zierde gereicht. Sie fühlte d ſich glücklich im Vorgenuß der reinen Luft und der ge⸗ ti räuſchloſen Freuden, welche das Landleben bietet Sir. d George Templemore war von ſeiner Reiſe nach den ſüd⸗ al lichern Gegenden bereits zurückgekehrt und gehörte ver⸗ m abredetermaßen mit zur Geſellſchaft. er „Nun, Evchen!“ ſagte Grace van Court!landt, wäh⸗ 8 rend das Dampfboot längs den Werftplätzen vorüberglitt, A „wäre es Jemand ſonſt, und nicht Du ſelbſt, ſo würde te ich mich überzeugt halten, daß ich im Stande wäre, 1 Dir bald Etwas zu zeigen, das Dir endlich einmal Be⸗ wunderung abnöthigen ſollte.“ 4 he „Dieſe Ueberzeugung kannſt Du immerbhin feſthalten, d Grace; denn etwas Impoſanteres, wahrhaftig, als eben S dieſes Fahrzeug, worin wir uns befinden, habe ich mit meinen Augen noch nie geſehen. Es iſt wirklich das 9. Prächtigſte, das einzig Prachtvolle, in der That, was ü ich hier ſeit unſerer Rückkehr geſehen habe; wenn ich 1 manche prächtige Profecte ausnehme, die aber noch nicht C verwirklicht worden ſind.“ li „So freut es mich wenigſtens, liebes Couſinchen. 229 daß dieſer eine prachtvolle Gegenſtand einigermaßen Deinen wähterlſchen Geſchmack befriedigt.“ Die Unruhe in Grace's Benehmen, und der gereizte Ton, in welchem ſie jene Worte ausſprach, veranlaßte ein allgemeines Lächeln, denn während jeder Einzelne der Reiſegeſellſchaft die Bemerkung Evchen's ganz rich⸗ tig fand, entging ihnen die Empfindlichkeit nicht, welche der Aeußerung der Couſine zu Grunde lag. Sir George aber, der zwar eben ſo wenig die Richtigkeit der Be⸗ merkung, welche erſtere machte, beſtreiten konnte, als er die Schwäche gutheißen mochte, die die andere in ih⸗ rer Erwiederung verrieth, nahm dennoch viel zu innigen Antheil an die einſeitige Voreingenommenheit der Letz⸗ tern für ihr Geburtsland, als daß er es ſich hätte ver⸗ ſagen können, dem jungen, ſchönen Mädchen beizuſtehen. „Sie ſollten bedenken, Miß van Courtlandt,“ ſagte er,„daß Miß Effingham bis jetzt noch keine Gelegenheit hatte, den Delaware, Philadelphia, die ſchönen Baien des Südens, noch irgend Etwas außer der einzigen Stadt New York kennen zu lernen.“ „Das iſt auch wahr. Ich hoffe daher noch immer, von ihr ein reuiges Bekenntniß zu vernehmen, daß ſie über ihr Geburtsland ſich nur zu unpatriotiſch geäußert hat. Sie aber, Sir George Templemore, haben das Capitol geſehen; iſt es nicht in Wahrheit eins der herr⸗ lichſten Gebäude in der Welt?“ „Die Sanct Peterskirche wirſt Du hoffentlich aus⸗ — 250— nehmen, mein Kind?“ bemerkte Mr. Effingham lächelnd, als er ſah, daß der Baronet diel zu verlegen war, um ſo⸗ gleich antworten zu können. „Und die Kathedrale von Mailand?“ ſagte Evchen lachend. „Et le Louvre!“ rief Mademoiſelle Viefville aus, welche eine ähnliche Verehrung für alles Pariſiſche hatte, wie Grace für alles Amerikaniſche. „Und ganz vorzüglich den nordöſtlichen Winkel des ſüdweſtlichen Endes und des nordweſtlichen Flügels von Verſailles?“ ſagte John Effingham in ſeiner gewöhnli⸗ chen trocknen Weiſe. „Ich ſehe, ſie ſind Alle gegen mich,“ entgegnete Grace,„aber ich hoffe noch den Tag zu erleben, wo ich ebenfalls den vergleichungsweiſen Werth der Dinge aus eigner Anſicht werde kennen lernen. Doch da die Natur die Flüſſe gemacht hat, ſo hoffe ich ebenfalls, meine Herren und Damen, daß wenigſtens der Hudſon Ihrer Bewunderung nicht unwürdig ſein werde.“ „Darin wirſt Du wenig Widerſpruch erfahren, Grace,“ antwortete Mr. Effingham;„denn wenig Flüſſe,— vielleicht kein anderer— bietet ſo mannichfache und überraſchende Schönheiten in einer ſo geringen Entfer⸗ nung hintereinander dar, als eben dieſer.“ Es war ein lieblicher, milder Frühlingsmorgen, in der letzten Woche des Maimondes, und die Erde ſchon in die ſanften Farben des Sommers gekleidet; die At⸗ — 251— moſphäre hüllte ſich in duftige, feierliche Stille, welche in dieſer Jahrszeit ſo trauliche und ſänftigende Empfin⸗ dungen weckte, da nunmehr die aufregenden und trotzi⸗ gen Kämpfe des Winters ſchwiegen. Unter einem ſol⸗ chen umflorten Frühlingshimmel erſcheinen die„Paliſa⸗ den“ im vortheilhafteſten Lichte; denn wenn ihnen auch das Furchtbar⸗Erhabene der Alpennatur mangelt und ſie dabei mit den Umgebungen kein landſchaftlich⸗ſchönes Ganzes darſtellen, ſo läßt ſich ihnen doch kühnes Empor⸗ ragen und eigenthümlicher Reiz nicht abſprechen. Das raſche Fortſchreiten des Dampfboots erhöhte den Reiz, gleichſam im Vorüberfluge genoſſen; denn dem forſchenden Blick blieb keine Zeit, von dem erſten über⸗ raſchenden Eindruck zurückzukommen. Kaum ſtellte ſich irgend ein Gegenſtand in flüchtigen Umriſſen dar, ſo ward er auch ſchon wieder von einem andern verdrängt. „Ein wunderlicher Geſchmack in den neuen Bauten, welcher die Landſchaft entſtellt!“ ſagte Mr. Effingham, während ſie da ſtanden und das öſtliche Ufer betrachte⸗ ten.„Es ſcheint, daß man bloß griechiſche Tempel als ſchickliche Wohnungen für Menſchen in dieſen claſſiſchen Zeiten anſteht. Drüben ſehe ich unter andern ein Ge⸗ bäude von wunderſchönen Verhältniſſen, und, aus dieſer Entfernung angeſehen, auch aus koſtbarem Bauſtoff auf⸗ geführt; aber dennoch ſcheint es mir geeigneter zu heid⸗ niſchem Götzendienſt, als zur häuslichen Bequemlichkeit und Behaglichkeit.“ „Dieſer kranke Geſchmack hat die ganze Nation an⸗ geſteckt“, entgegnete ſein Vetter,„geradeſo wie die Spe⸗ culationswuth. Wir ſpringen gern aus einem Extrem in's andere hinüber, in dieſen, wie in andern Dingen. Ein einzelner ſolcher Tempel in einer waldigen Umge⸗ 9 bung mag einen recht angenehmen Eindruck machen; aber wenn man die Ufer eines Fluſſes von ſolchen Ge⸗ bäuden eingefaßt ſieht, mit Kindern die vor den Thüren Reife rollen, Dienern, die Fleiſch in die Küche bringen, und Rauch, der aus höchſt unclaſſiſchen Schornſteinen aufwirbelt; ſo gehört dazu etwas mehr als guter Ge⸗ ſchmack. Eben ſo gut kann man ſich wohlfühlen, wenn man im Fieber liegt. Mr. Ariſtobulus Bragg, ein wunderlicher Kauz in ſeiner Art, hat mich verſichert, daß in einem weiter landeinwärts gelegnen Städtchen ein Markthaus ganz nach dem Plan des„Parthenion“ erbaut ſei.“ „Il capo di Bove würde ein weit paſſenderes Muſter an die Hand gegeben haben für ſolche Art von Bau⸗ ten,“ ſagte Evchen lächelnd;—„doch hat man mir auch geſagt, daß der claſſiſche Styl unſrer neumodiſchen Bau⸗ meiſter nichts weniger als ſtreng ſei.“ 4 war ſonſt weit mehr der Fall als jetzt,“ ent⸗ gegnete John Efünghant,„wie dieſes alle die Tempel dort beweiſen. Das Land hat einen raſchen und großen Schritt vorwärts gethan in der ſchönen Kunſt; und was wir werd wür! unſr ſowi ten uns ten, fehlt, ſich Erfit keine des de niſſe nicht Rück häßl wenn ſolche man nach ſchne Idee ſie a Satz Forn an⸗ Spe⸗ trem igen. mge⸗ hen; Ge⸗ üren agen, inen uſter Bau⸗ auch Bau⸗ ent⸗ dort koßen was wir da ſehen, zeigt hinreichend, was aus unſerm Volke werden könnte, wenn ſein Geſchmack richtig geleitet würde. Die Fremden, welche uns beſuchen, ſind gewohnt unſre einheimiſche Kunſt ſehr gering anzuſchlagen; doch, ſowie alle Dinge eine Vergleichung aushalten, ſo ſoll⸗ ten Fremde ſich nach dem Zuſtande, worin die Kunſt bei uns vor zehn Jahren war, erkundigen und dagegen hal⸗ ten, was Jeder heutiges Tages hier ſehen kann. Man fehlt, wie mich dünkt, jetzt hauptſächlich darin, daß man ſich zu genau nach den Büchern richtet und der eignen Erfindungsgabe gar keinen Spielraum geſtattet; denn keine Bauart, vorzüglich keine ſolche, die den Charakter des Familienlebens ausſpricht, kann jemals ernſtem Ta⸗ del überhoben ſein, wenn nicht auf klimatiſche Verhält⸗ niſſe, wie auf die beſondere Lage und Umgebung, und nicht minder auf den Zweck des Gebäudes vorzügliche Rückſicht genommen wird. Nichts kann, zum Beiſpiel, häßlicher ſein, als eine Hütte in ſchweizeriſcher Bauart, wenn man dieſe für ſich allein betrachtet; und doch iſt eine ſolche Hütte unter geeigneten Umſtänden das Schönſte, was man ſehen kann. Was daher dieſe, mir ihrem Zweck nach völlig unbekannten Tempel betrifft, welche bloß ſchnell erworbnem Reichthum, keiner höhern leitenden Idee ihre Entſtehung verdanken,— zu welchem Behufe ſie auch errichtet ſein mögen,— ſo läßt ſich der frühere Satz umgekehrt auf ſie anwenden. Ich meine, ſo ſchöne Formen ſie an ſich ſelbſt darſtellen mögen, ſo geſchmack⸗ los ſind ſie unter den Umgebungen und Umſtänden, unter welchen ſie dort errichtet ſind.“ „Wir werden bald Gelegenheit haben zu ſehen, was Mr. John Effingham im Fach der Baukunſt zu leiſten vermag,“ ſagte Grace, welche gern, ſo oft ſie ſich in ihren Lieblingsanſichten widerſprochen ſah, das ihr zu⸗ gefügte, eingebildete Leid dadurch zu vergelten ſuchte, daß ſie dem Gegner Gleiches mit Gleichem vergalt, „denn, wie ich höre, hat er Vorzügliches vollendet, in⸗ dem er den urſprünglichen Plan unſeres gefeierten Pal⸗ ladio, des Meiſters Hiram Doolittle, weiter ausführte.“ Die ganze Geſellſchaft lachte, und aller Augen wen⸗ deten ſich nach dem Angegriffenen, voll Erwartung, wie er darauf erwiedern werde. „Ihr guten Leutchen werdet hoffentlich nicht vergeſ⸗ ſen,“ entgegnete der Geneckte ausweichend,„daß mir der Bauplan meines großen Vorgängers behändigt wor⸗ den iſt, um mich darnach zu richten, und daß, wohl zu merken, alles im„zuſammengeſetzten“ oder„gemiſchten Bauſtyl“ bereits durchgeführt war. Wenn daher der Bau ein etwas verwirrtes und verzerrtes Anſehen hat, ſo dürft ihr mir das nicht zurechnen, was eine Folge des mir übergebenen Bauplans iſt. Auf jeden Fall habe ich die Bequemlichkeit und Annehmlichkeit der Be⸗ wohner berückſichtigt, was meiner Meinung nach, die ich ſogar gegen Vitruvius ſelbſt vertheidigen wollte, als ein w von2 „ Conn „und genar Auger digen lich in koſtſpe mäßig müßte ſten Wege begon Wund heiten Klein D liches —2,= ————, nden, „was leiſten ſich in hr zu⸗ ſuchte, ergalt, t, in⸗ Pal⸗ thrte.“ wen⸗ , wie vergeſ⸗ ß mir t wor⸗ ohl zu iſchten er der n hat, Folge a Fall er Be⸗ h, die e, als — 253 ein weſentliches Erforderniß bei der innern Einrichtung von Wohngebäuden betrachtet werden muß.“ „Vor einigen Tagen habe ich einen Abſtecher nach Connecticut gemacht,“ fiel Sir George Templemore ein, „und hatte Gelegenheit in einem Oertchen, New Haven genannt, die Anfänge eines geſchmackvollen Bauſtyls in Augenſchein zu nehmen, der ſolches zu einer ſehenswür⸗ digen Stadt emporbringen kann. Zwar kann man frei⸗ lich in jener Gegend keine vorzüglich ausgezeichnete und koſtſpielige Bauten erwarten, doch was zunächſt zweck⸗ mäßige Einrichtungen und gefälliges Aeußere betrifft, ſo müßte ich mich ſehr irren, vorausgeſetzt, daß die näch⸗ ſten fünfzig Jahre hindurch auf demſelben erfreulichen Wege fortgefahren wird, wie man etwa ſeit fünf Jahren begonnen hat, wenn dieſe kleine Stadt nicht dereinſt ein Wunder in ihrer Art werden ſollte. Einige Verkehrt⸗ heiten habe ich allerdings dort bemerkt, aber auch einige Kleinodien, möchte ich ſagen, im Fache des Bauſtyls.“*) Dieſe Bemerkung erwarb dem Baronet ein freund⸗ liches Lächeln von Miß Grace, und das Geſpräch nahm *) So abſichtlos dieſe Bemerkung in Sir George's Mund erſcheint, da der Baronet eben jene Gegend bereiſt hatte; ſo iſt doch die Abſicht des Verfaſſers nicht zu verkennen. Er läßt den vor⸗ nehmen Engländer, alſo eine in den Augen ſeiner amerikani⸗ ſchen Leſer vollgültige Auctorität, das vorurtheilsfreie Lob des wirklich Lobenswürdigen ausſprechen, was ſeine vorurtheilbe⸗ fangenen Landsleute deſto eher bewegen kann, das Rechte auch künftig recht zu machen. — 256— eine andere Wendung. Während das Dampfboot ſie allmählig den bergigten Gegenden näher brachte, wurde Evchen ſichtbar aufgeregt,— ein übrigens bei Ameri⸗ kanern und Amerikanerinnen häufig vorkommender See⸗ lenzuſtand*)— und Grace ſchien dagegen mit jedem Augenblick ängſtlicher zu werden. „Die Anſicht der Anhöhe dort iſt italieniſch,“ ſagte unſre Heldin, ſtromabwärts nach einem hohen Felſen⸗ vorſprung hindeutend, der im ſanften Farbenſchimmer der dunſterfüllten Ferne in der ſchweigſamen Umgebung großartig herüberglänzte.„Selten ſieht man ſelbſt an den Küſten des Mittelmeers ſanftere Umriſſe ſolcher im⸗ poſanten Maſſen.“ „Aber die Hochlande, Evchen!“ flüſtere Grace unruhig; —„wir nähern uns jetzt unſern Bergen!“ Der Fluß wurde plötzlich ſchmaler, und die Scenerie nahm einen wildern Charakter an; aber weder Evchen noch ihr Vater drückten das Entzücken aus, welches Grace erwartet hatte. „Ich muß geſtehen, John,“ ſagte der ſanfte, ſinnige Mr. Effingham,—„dieſe Felſenpartien machen auf mein Gemüth keinen ſolchen Eindruck mehr, wie ehe⸗ mals. Dieſe Windungen ſind ſchön, das leidet keinen *) Aufregung(exeitement ein Lieblingsausdruck amerikaniſcher 8 8 7 3 Publiciſten, über deſſen Mißbrauch Cooper an mehren Orten beißende Bemerkungen gemacht hat. Zweife nicht.“ „D ſagte herrlich italien dann Dieſe deſto n wir jer trifft, den w örterur unter drei b währen Fuß er und a verein hier ſ geht?“ „8 „ſcheit zu hal lich ha Weg „8 dot ſie wurde Ameri⸗ r See⸗ jedem ſagte Felſen⸗ dimmer gebung lbſt an eer im⸗ druhig; cenerie Evchen Grace ſinnige en auf ie ehe⸗ keinen ikaniſcher en Orten Zweifel; aber großartig iſt dieſe Scenerie ganz und gar nicht.“ „Deine Bemerkung iſt vollkommen richtig, Edward,“ ſagte John,„doch ſobald deinen geiſtigen Augen die herrlicheren Berganſichten längs den ſchweizeriſchen und italieniſchen See'n weniger lebendig vorſchweben werden, dann wirſt du dieſe hier mit größerm Genuß betrachten. Dieſe Hochlande zeichnen ſich weniger durch großartige, deſto mehr aber durch überraſchende Anſichten aus, wie wir jetzt gleich ſehen werden. Was das Großartige be⸗ trifft, dabei kommt es vorzüglich auf den Maßſtab an, den wir anlegen; und dieſes führt zu arithmetiſchen Er⸗ örterungen. Schon öfter ſind wir in kleinen Nachen unter ſchroffen Felſenwänden vorübergeglitten, die von drei bis zu ſechstauſend Fuß über uns emporragten; während hier die höchſte Erhebung keine zweitauſend Fuß erreicht.— Jetzt aber, Sir George Templemore,— und auch Dich, Evchen, fordere ich auf,— hier gilt es vereinte Anſtrengung, um zu errathen, woher der Fluß hier ſeinen Lauf nimmt, und wohin wohl unſer Weg geht?“ „In der Richtung dorthinaus,“ ſagte der Baronet, „ſcheint die Hügelkette einen ſchluchtähnlichen Eingang zu haben, und doch möchte man es beinah für unmög⸗ lich halten, daß eine ſolche Waſſermenge von daher ihren Weg nehmen könne!“ „Fließt der Hudſon wirklich durch dieſe Berge,“ ſagte Evchen,„dann will ich ihm alles Lob einräumen, was Du ihm billigerweiſe ertheilen möchteſt, Grace.“ „Welchen Weg ſollte er ſonſt nehmen?“ rief Grace frohlockend aus. „Es muß wohl ſo ſein, denn ich ſehe keinen andern.“ Die beiden, welche dieſen Fluß noch nicht geſehen hatten, blickten neugierig in allen Richtungen umher. Hinter ihnen dehnte er ſich in einen breiten, einem See ähnelnden Waſſerſpiegel aus, über den ſie eben erſt her⸗ übergeſchifft waren; zu ihrer Linken zog eine Kette von ſchroffen Hügeln, deren Höhe wenigſtens tauſend Fuß betragen konnte; rechts erhob ſich ein terraſſenförmig emporſteigendes Hochland, mit Landhäuſern, Meierhöfen und einzelnen Weilern beſetzt, und vor ihnen öffnete ſich die tiefe, vorhin erwähnte, ſchluchtähnliche Bai. „Keinen eigentlichen Ausgang ſehe ich,“ rief der Baronet luſtig aus,„wenn wir nicht etwa wieder um⸗ wenden müſſen.“ Eine unerwartet ſchnelle Wendung des Dampfboots in einem beträchtlichen Winkel, zog ſeine Aufmerkſamkeit links; und gleich darauf ſchwenkten ſie um eine Ecke des Bergabſturzes, und befanden ſich in einem engüber⸗ hangenen Theil des Stroms, zwiſchen jähen Abhängen, durch welche er rechtwinklicht mit der vorigen Richtung ſeinen Weg nahm. „Dieſes iſt eine von den Ueberraſchungen, deren ich vorhin erwähnte,“ ſagte John Effingham,„welche die⸗ ſen H leihen munge ſich m läßt.“ Di wunde Landſe entzüc hing Zärtli liebte, ihres liebe Bezeic gebrat Geſcht worde gen g ſich do kannt Be˖ übern ſchöne macht „8 lieb h — 259— ſen Hochlanden einen ſolchen eigenthümlichen Reiz ver⸗ leihen. Denn, wiewohl der Rhein viele ſchöne Krüm⸗ mungen und Buchten bildet, ſo hat er doch nichts, was ſich mit ſolchen Wendepuncten, wie dieſer, vergleichen läßt.“ Die andern Reiſenden ſtimmten herzlich in die be⸗ wundernden Aeußerungen über dieſe und ähnliche ſchöne Landſchaftanſichten ein, und Grace war darüber ganz entzückt. Warmfühlend, leichterregbar und offenherzig, hing Miß Grace an das Land ihrer Kindheit mit einer Zärtlichkeit, wie ſie ihre Verwandten und Freundinnen liebte, und mit Stolz hörte ſie Andere die Schönheiten ihres heimiſchen Bodens preiſen. Evchens Vaterlands⸗ liebe dagegen,— wenn dieſer erhabnere Ausdruck zur Bezeichnung angeborner Anhänglichkeit an die Heimath gebraucht werden darf,— war mehr geiſtiger Art; ihr Geſchmack war durch vielſeitigere Ausbildung geläutert worden, und ihr Urtheil auf vergleichende Anſchauun⸗ gen gegründet, die ihr in größerer Mannigfaltigkeit ſich darboten als ihrer Couſine, welche bloß ihre Heimath kannte. Bei Weſt Point landete die Geſellſchaft, um dort zu übernachten, und alle waren innig erfreut über die ſchöne Gegend; Grace, die ſchon öfter dieſen Weg ge⸗ macht, war weit weniger entzückt als die übrigen. „Jetzt, Evchen, weiß ich doch, daß Du Dein Land lieb haſt,“ ſagte ſie, indem ſie den Arm ihrer Couſine zärtlich in den ihrigen preßte.„Jetzt haſt Du einmal gefühlt und geſprochen, wie ein amerikaniſches Mädchen und wie es einem Mädchen, wie Du biſt, geziemt!“ Evchen lächelte, aber ſie antwortete nicht; ſie merkte wohl, wie ſehr kleinliche Empfindlichkeit in allen Din⸗ gen, welche der Heimath angehörten, ſich ihrer Couſine bemächtigt hatte, und fühlte, daß jeder Verſuch, ſich mit ihr hierüber zu verſtändigen, fehlſchlagen müſſe. Mit aufrichtiger Beredtſamkeit äußerte ſie ſich vielmehr über die einzelnen Schönheiten der Gegend, in der ſie ſich eben befanden, und ſeit ihrem Wiederſehen ſchien Grace dieſer Augenblick der erſte, in welchem ſie in allen Din⸗ gen mit Evchen übereinſtimme. Der folgende Morgen, der erſte im Juni, verſprach abermals einer der dämmer⸗lichten, träumeriſchen Tage zu werden, welche jeder ſchönen Landſchaft einen mil⸗ dern Reiz verleihen. Die Geſellſchaft ſchiffte ſich ein in das erſte abgehende Dampfboot, und kaum hatten ſie die Newburg Bai erreicht, da erkannten Alle einſtimmig dem Hudſon den Vorrang vor allen andern Strömen zu. Dieſe Stelle macht einen lieblichen, beruhigenden Ein⸗ druck, wie wenige andere, auf das Gemüth; doch Grace fühlte nur das Sanfte, nicht das Erhabne der Landſchaft. Landhäuſer oder vielmehr Sommerhäuschen,— denn wenig mehr waren dieſe,— umſtanden ſie in großer Anzahl, und zierten die Gegend durch ihr freundliches Aeußere wie durch ihre anmuthige Lage. Vorzüglich auf mmal dchen 1 erkte Din⸗ uſine mit Mit über ſich Prace Din⸗ orach Tage mil⸗ n in die mmig n zu. Ein⸗ race haft. denn voßer iches auf — 241— den Anhöhen um den Ort Newburg gewährten ſie einen herrlichen Anblick;— Mr. Effingham aber ſchüttelte ſein Haupt, je mehr griechiſche Tempelbauten er unter ihnen nach und nach gewahr wurde. „Je weiter wir uns außer dem Bereich des regelmä⸗ ßigen Baugeſchmacks entfernen,“ ſagte er,„deſto mehr finde ich planloſe Nachahmungsſucht über gründliches Wiſſen hier den Vorrang behaupten; eine große Anzahl von dieſen Gebäuden zeigt offenbar fehlerhafte Ver⸗ hältniſſe, und wenn dieſe nicht beobachtet werden, ſo machen dergleichen Gebäude, wiewohl ſie griechiſchen Geſchmack bekunden ſollen, in ihrer lächerlichen Anmaßung einen weit widrigeren Eindruck als ſelbſt die alte hol⸗ ländiſche Bauart.“ „Ich wundere mich in der That, in dieſer Gegend ſo wenig Holländiſches zu finden,“ ſagte der Baronet, nich ſehe faſt nirgends eine Spur, welche dieſes Land als ehemalige holländiſche Beſitzung charakteriſirt. Und doch vermuthete ich, daß dieſes Volk Ihrem Lande die erſte Form gegeben habe; denn Holländer haben, wenn ich nicht irre, die Kindheit Ihres jetzt herangereiften Staats gepflegt.“ „Wenn Sie uns erſt beſſer werden kennen lernen, ſo werden Sie ſich nicht mehr darüber verwundern, daß uns nur Wenig von allem Frühern erhalten bleibt, was binnen etwa zwölf Jahren nach und nach ſpurlos ver⸗ ſchwindet,“ entgegnete John Effingham.„Unſre Städte 127.— 129. 16 vergehen wie ſie entſtanden, kaum ein Menſchenalter ausdauernd, gleich ihren unſtäten Bewohnern. Selbſt die Namen unſrer Ortſchaften erleiden ähnliche periodi⸗ ſche Veränderungen, wie faſt alle Dinge in unſerm veränderlichen Lande. Es ſcheint wirklich unſer Volk ein charakteriſtiſches Merkmal in dieſer Veränderlichkeit erwerben zu wollen.“ „Aber, Vetter John, überſehen Sie vielleicht die Veranlaſſungen zu dieſer Veränderlichkeit während Ih⸗ rer Rüge?“ hob Evchen an.„Wenn eine in Wohlha benheit und Anzahl raſch zunehmende Bevölkerung nach beſſeren Wohnungen verlangt, als ihre Vorfahren ſolche zu bauen Mittel beſaßen, oder Geſchmack ſie zu ver⸗ ſchönern, ſo iſt das doch eben ſo natürlich, als daß die Namen mit den Menſchen wechſeln.“ „Das iſt Alles wahr, Miß Efſingham, doch hat die⸗ ſes nichts mit der Veränderlichkeit zu thun, von welcher ich rede. Nehmen Sie Templeton zum Beleg deſſen, was ich ſage. Dieſer kleine Ort hat an Bevölkerung nicht weſentlich zugenommen, ſo lange ich mich zu erin⸗ nern vermag, und demungeachtet iſt die Hälfte der Namen der Einwohner, auch wohl darüber, ganz neu. Wenn Ihr Vater nach Hauſe kommt, wird er nicht die Hälfte ſeiner alten Nachbaren wiederfinden. Nicht bloß lauter fremden Geſichtern wird er begegnen, ſondern veränderten Lebensanſichten, neuen Meinungen und Ge⸗ wohnheiten; keinem Menſchen beinah, der noch der frü⸗ alter elbſt odi⸗ ſerm Volk — 245— hern Zeiten gedenkt; lauter Fremden, denen alles gleich⸗ gültig iſt, außer was der gegenwärtige Augenblick bie⸗ tet. Selbſt die Wenigen, welche noch übrig ſind von ſolchen, deren Geſinnungen noch die alten bleiben, deren Herzen noch einige Anhänglichkeit an das Gewohnte be⸗ wahren, ſcheuen ſich ihre Gefühle zu offenbaren, weil ſie überzeugt ſind, von Niemanden mehr verſtanden zu werden.“ „Hauskatzen wollen keine mehr ſein, wie Mr. Bragg ſagen würde.“ „Vetter John gehört zu denen, die beſtändig grau in Grau malen,“ ſagte Mr. Effingham. Ich würde mich übrigens ſehr betrüben, erleben zu müſſen, daß eine kurze Zeit von zwölf Jahren ſolche weſentliche Ver⸗ änderungen in meiner alten Nachbarſchaft hervorgebracht hätte.“ 4 „Eine kurze Zeit von zwölf Jahren, ſagſt Du, Ed⸗ ward! Du ſprichſt da von einem langen Zeitraum! Spprich lieber von drei oder vier Jahren. Schon dieſe Zeit iſt reich an mannigfachen Umwandlungen. Nach drei bis vier Jahren kannſt Du indeſſen noch hoffen, Amerika wieder zu finden, wie Du es verließeſt! Das ganze Land iſt in einer immerwährenden Umwandlung begriffen; ſo daß das Treiben unſrer Bevölkerung leicht mit jenem Kinderſpiel ſich vergleichen läßt, wo der Eine aus einem Winkel läuft, welchen ſogleich ein Anderer einnimmt, und derjenige, welcher keinen Winkel findet, 16* — 244— von den übrigen ausgelacht wird. Denken wir uns je⸗ nes Gebäude als die Wohnung eines Mannes von ſei⸗ ner Kindheit an; dann, daß er ſie auf einige Jahre ver⸗ laſſe; denken wir uns, daß er zurückkehrend ſein Haus von einem Fremden beſetzt fände, welcher ihn, den recht⸗ mäßigen Eigenthümer, als einen anmaßenden Eindräng⸗ ling behandeln wollte, weil er zwei Jahre lang nicht zu Hauſe geweſen, während jener ſich ſeit der undenkli⸗ chen Zeit von zwei Jahren in ungeſtörtem Beſitz frem⸗ den Eigenthums wähnte. Wahrlich, ein Amerikaner er⸗ kennt kein Herkommen an, daß ſich über eine Zeit von achtzehn Monaten rückwärts erſtreckt. Kurz, alle ſeine Gedanken ſind lediglich auf den gegenwärtigen Augen⸗ blick gerichtet. Früher geleiſtete Dienſte, genoſſene Wohl⸗ thaten, Gutes wie Böſes, kurz alle Dinge verlieren ihren Werth in ſeinen Augen, wofern ſie nicht in un⸗ mittelbarer Beziehung zum täglichen Erwerb gehören.“ „Das iſt die Färbung eines ausgemachten Spötters,“ bemerkte lächelnd Mr. Effingham. „Die Geſetze aber, Mr. John Effinham?“ frug der Baronet haſtig,„Ihre Geſetze werden hoffentlich nicht zugeben, daß ein Fremder ſich auf ſolche Art in die Rechte rechtmäßiger Beſitzer eindränge?“ „Die geſchriebenen Geſetze würden vermuthlich nie⸗ mals ſolche freventliche Eingriffe in die Rechte der Be⸗ theiligten gutheißen; was vermögen aber geſetzliche Vor⸗ ſchriften gegen die Ruchloſigkeit des täglichen Treibens?“ — 245— „Les absents ont toujours tort“ iſt ein Grundſatz, der in Amerika nur zu häufige Anwendung findet.“ „Das Eigenthum wird in dieſem Lande billigerweiſe beſchützt,“ fiel Mr. Effingham ein,—„daran brauchen Sie nicht zu zweifeln, Sir George, und Sie werden deßhalb aus den Bemerkungen meines Vetters auf Rech⸗ nung der übeln Laune, die ſich in ſeiner Rüge ausſpricht, keine uns beſchämenden Schlüſſe ziehen wollen.“ „Schon gut, mit der Zeit wirſt Du erfahren, daß ich Recht habe, Edward,“ entgegnete John Effingham. „Ich wünſche von Herzen, daß Du Dich nicht täuſcheſt, wenn Du Dir die jetzigen Verhältniſſe couleur de rose ausmalſt. Wohl Dir, wenn Du wieder in den ruhigen Beſitz Deines Hauſes gelangſt. Du wirſt es, weil ich einen Cerberus als Wächter beſtellt habe, der ſeinem Geſchäft gewachſen iſt und eine eben ſo große Freude an Koſtenberechnungen hat, wie ein Schelm an hinter⸗ liſtigen Streichen. Hätte ich Dir aber keinen ſolchen Wächter Deiner unbeſtreitbaren Rechte hingeſetzt, dann möchte ich Dir auf keinen Fall dafür einſtehen, daß Du nicht vielleicht gar genöthigt werden könnteſt, Dein Nacht⸗ lager auf der Landſtraße zu ſuchen.“ „Ich hoffe, Sir George Templemore weiß recht gut, wie viel in den Schilderungen von Mr. John Effingham auf Rechnung ſeiner übeln Laune gehört,“ rief Grace aus, welche ſich nicht länger halten konnte, wenigſtens Etwas zu erwiedern. — 246— Die Andern lachten, und die Schönheiten der Ufer⸗ landſchaften äußerten aufs Neue ihre anziehende Wir⸗ kung. Je weiter das Dampfboot ſtromaufwärts kam, deſto vergnügter ward Mr. Effingham, indem er trium⸗ phirend verſicherte, daß die Gegenſtände, die ihm begeg⸗ neten, ſeine Erwartungen befriedigten, und Evchen und der Baronet beharrten dabei, es ſei kaum denkbar, daß es eine anmuthigere Folge ſchöner Landſchaften geben könne, als eben hier. „Dieſe Annehmlichkeiten gleichen übertünchten Grä⸗ bern!“ murrte John Effingham;„es gibt hier nichts Erfreuliches, als die Außenſeite der Dinge. Geduldet Euch ein wenig; die Mißgeſtalt des Innern, wird Euch nur zu bald in ihrer ganzen Erbärmlichkeit offenbar werden.“ Sobald das Dampfboot ſich Albany näherte, äußerte Evchen ihre Freude in noch ſtärkeren Ausdrücken. Grace fühlte ſich ganz glücklich, wenn ſie hörte, wie ihre Cou⸗ ſine und Sir George einſtimmig darüber ſprachen, daß dieſe Gegend in jeder Hinſicht ihre Erwartungen über⸗ treffe. „Es freut mich, liebes Eochen, daß Dein ächt ame⸗ rikaniſches Gefühl ſich immer mehr zu erkennen gibt,“ ſagte ihre reizende Couſine, nachdem ſie den Bekennt⸗ niſſen ihrer angenehmen Ueberraſchung eine Weile zu⸗ gehört hatte, während ſie bei einer ſpäten Mahlzeit bei⸗ einander ſaßen.„Du haſt endlich Worte gefunden, die Um deß übe Yor ſer Anf vor trag ſchö Vor als gen Ver mei ich nat Alb zirk tun zu mar der eber trif nich — 227— Umgebungen von Albany ſchön zu finden; und ich hoffe deßhalb, wenn wir wieder zurückkommen, wirſt Du auch über New Nork ganz anders urtheilen.“ „Ich hatte mir vorgeſtellt, Grace, die Stadt New York als eine Hauptſtadt kennen zu lernen; aber in die⸗ ſer Erwartung habe ich mich außerordentlich getäuſcht. Anſtatt dort den ausgezeichnet guten Geſchmack, den vorzüglichen geſelligen Ton, das Einnehmende im Be⸗ tragen, die bequemeren Wohnungen, breiteren Straßen, ſchöneren Kirchen, die geſchmückten Kaufläden und ſonſtigen Vorzüge einer Hauptſtadt zu finden; ſo ſah ich nichts als das alltägliche, geſchäftige Gewühl eines weitläufi⸗ gen Handelsplatzes, und einen ſo regelloſen geſelligen Verkehr, als mir jemals vorgekommen iſt. Waren nun meine Erwartungen von New York ſo groß, und fand ich dieſe in keiner Beziehung verwirklicht, ſo war es natürlich, daß ich mich nicht befriedigt fühlte. Aber in Albany,— iſt dieſer Ort auch ein Hauptort in ſeinem Be⸗ zirk, ſo kenne ich doch ſeine geringere politiſche Bedeu⸗ tung hinreichend, um hier mehr als ein Landſtädtchen zu ſuchen— in Albany fand ich mehr Vorzügliches, als man vergleichungsweiſe in Provinzialſtädten andrer Län⸗ der antrifft. Ich kann alſo nicht läugnen, daß Albany eben ſo ſehr meine Erwartungen in einer Hinſicht über⸗ 3 trifft, als New York dagegen in anderer Hinſicht ſie nicht erfüllt hat.“ 4 „In dieſem einzelnen Beiſpiel, Sir George Temple⸗ 248— more,“ ſagte Mr. Effingham,„können Sie hinreichend den wahren Zuſtand unſeres Landes erkennen. In allen Dingen, wozu etwas mehr erfordert wird, als das Gewöhnliche wird, ſtehen wir hinter allen andern Län⸗ dern weit zurück; in allen Dingen dagegen, wozu nicht mehr als gewöhnliche Ausbildung und Anſtrengung nöthig iſt, ſind wir andern Völkern weit vorangeeilt. Bei uns zeigt ſich ein Streben, alles das, was an andern Orten gering geachtet wird, zu einem achtunggebieten⸗ den Standpunct zu erheben, und ſo bald dieſer ver⸗ gleichungsweiſe hohe Standpunct wirklich erreicht iſt, tritt dann eine Erſchlaffung ein, welche alles nach einem gemeinſchaftlichen Schwerpuncte drängt,— und zwar in eine gemeinſchaftliche Nähe, die nicht immer wün⸗ ſchenswerth iſt.“ „Ja, ja, Eduard. Das klingt ganz gut mit Deinem Zuſammendrängen und Annähern in einem gemeinſchaft⸗ lichen Mittelpunct; aber gib Acht und urtheile nicht zu voreilig über die Trefflichkeit dieſer gemeinſchaftlichen Mitte, oder vielmehr über den Werth dieſer allgemeinen Mittelmäßigkeit, bis Du ſolche erſt in ihrem eigentlichen Weſen wirſt durchſchauen und degreifen können.“ „Nun wohl, John, ich bediente mich eines entlehnten Bildes, und zwar aus Deinen eignen Schilderungen. Iſt das Bild verfehlt, ſo haſt Du ſelbſt die Fehler deſ⸗ ſelben zu verantworten.“ „Man hat mir geſagt,“ bemerkte Evchen,„in Ame⸗ chend allen das Län⸗ nicht gung geeilt. ndern ieten⸗ ver⸗ t iſt, einem zwar wün⸗ einem ſchaft⸗ cht zu tllichen neinen llichen ehnten ingen. er deſ⸗ Ame⸗ — 249— rika ſeien alle Dörfer durchaus Städte im Kleinen; gleichſam Kinder in Reifröcken und Perücken. Iſt das wahr, Grace?⸗ „Das kann wohl ſein. Das Verlangen, den größern Städten alles gleich zu thun, iſt vielleicht größer als es die Mittel der kleinen Orte zulaſſen; vielleicht überſteigt auch die Vorliebe für das Stadtleben etwas zu ſehr die Luſt am Landleben.“ „Das iſt, meine ich, eine natürliche Folge, wenn die Einwohner das ganze Jahr hindurch in demſelben größern oder kleinern Ort zubringen,“ bemerkte Sir George Templemore.„Daſſelbe ſehen wir auf dem europäiſchen Feſtlande häufig, weil die ländliche Bevöl⸗ kerung dort ebenfalls auf ſich ſelbſt beſchränkt iſt, ohne ſich abwechſelnd mit der ſtädtiſchen zu vermengen; in Eng⸗ land aber iſt dieſes weit weniger der Fall, weil dort diejenigen, die zu den höhern Ständen gehören, in der Regel abwechſelnd in der Stadt und auf dem Lande zu wohnen pflegen.“ „La campagne est vraiment délicieuse en Amerique,“ rief Mademoiſelle Viefville aus; aber in ihren Augen war freilich das ganze amerikaniſche Gebiet nichts mehr als ein Leben à la campagne. Den Morgen darauf ſetzten unſere Reiſenden ihren Weg über Schenectady fort, und von dort aus fuhren ſie in einem Canalboot das ſchöne Bergthal des Mohawk hinauf. Denn zu jener Zeit waren die ſchnellen Wagen — 250— noch nicht vorhanden, die jetzt geſchäftigen Flugs dort hin und her ſtäuben. Alle waren von den reizenden Landſchaften entzückt; dieſe Gegend zeigte einen von den der bisher durchreiſten Strecke völlig verſchiednen Cha⸗ rakter; immer neue Schönheiten beſchäftigen ihre Auf⸗ merkſamkeit, und ein anmuthiger Wechſel erhöhte den Genuß. An der Stelle, wo der Weg in die heimiſchen Ge⸗ genden von der Richtung des Canals abbog, ſtanden Wagen bereit, welche Mr. Effingham gehörten. In dieſe nahmen die Reiſenden ihre Plätze ein und ſahen ſich zugleich durch die Geſellſchaft des Mr. Bragg beglückt, der ihnen in der zuverſichtlichen Meinung entgegenge⸗ reiſt war, daß dieſer Beweis von achtungsvoller Auf⸗ merkſamkeit ſowohl den jungen Damen angenehm ſein, als auch von ſeinem Gutsherrn aufs beſte aufgenommen werden müſſe. Neuntes Kapite l. „Bild, das meine Sehnſucht hegt, Sprich! was iſts, das mich bewegt? Herz und Sinn bezaubernd regt? Wo entſtanden? Wie gepflegt?“ Lied von Shakſpeare. Mehre Stunden hintereinander brachten unſre Rei⸗ ſenden mit Berganfahren zu, auf einem Landweg, der kaum aushie an de es ſehr Vorre beſſern mittel auf be Er Stelle dieſem muthi wärts terein ſen er von folge den 2 daß f älteſt ſeien. 85 „wien ren. Stra „ Verle dort nden den Cha⸗ Auf⸗ den Ge⸗ nden dieſe ſich lückt, enge⸗ Auf⸗ ſein, nmen — 251— kaum mit einem franzöſiſchen Nebenwege einen Vergleich aushielt. Wohl zwanzigmal kam Mademoiſelle Vieſville an demſelben Morgen auf die Bemerkung zurück, daß es ſehr zu beklagen ſei, daß Mr. Effingham nicht das Vorrecht beſitze, die Straßen durch Frohnarbeiter aus⸗ beſſern zu laſſen, wie der hohe Adel in Frankreich, und mittelſt dieſes, einem Grundherrn unentbehrlichen Rechts auf beſſeren Wegen ſeine Ländereien bereiſen zu können. Endlich erreichten ſie den Gipfel der Anhöhe an einer Stelle, wo die Gewäſſer ſüdwärts abfließen, und von dieſem Puncte aus wurde der Weg gemächlicher und an⸗ muthiger. Ihre Fahrt ging von nun an raſcher vor⸗ wärts, und ſo ſetzten ſie ihre Reiſe mehre Stunden hin⸗ tereinander in ziemlich gleichem Trabe fort. Unterdeſ⸗ ſen eröffnete Ariſtobulus ſeinen Reiſegefährten, daß, den von Mr. John Effingham erhaltenen Inſtructionen zu⸗ folge er dem Kutſcher geheißen habe, einen von dem gra⸗ den Weg etwas ſeitablenkenden Weg zu nehmen, und daß ſie daher eine ziemliche Strecke weit, auf einer der älteſten nach Templeton führenden Straßen gefahren ſeien. „Das habe ich wohl bemerkt,“ ſagte Mr. Effingham, „wiewohl ich nicht wußte, warum wir dieſen Weg fuh⸗ ren. Wir ſind nämlich hier auf der großen weſtlichen Straße.“ „Ganz richtig, Herr; und zwar auf ausdrückliches Verlangen von Mr. John Effingham. Wir hätten “ 1 — 232— einen weit kürzern Weg gehabt, und meines Dafürhal⸗ tens, hätten wir auch die Pferde weit mehr ſchonen kön⸗ nen, wenn wir den gewöhnlichen Weg nach dem See hinab gefahren wären.“ „John wird uns ſeine Gründe für dieſes Ablenken vom kürzern Weg zu ſeiner Zeit mittheilen, wann es ihm gefallen wird,“ entgegnete Mr. Effingham.„Er läßt den Kutſcher halten, und ſteigt aus ult Sir George Templemore; ein Wink, wie ich glaube, daß wir ſeinem Beiſpiel folgen ſollen.“ Wirklich hielt in dieſem Augenblick der andere Wa⸗ gen, und Sir George öffnete eilig den Kutſchenſchlag. „Mr. John Effingham macht hier den Cicerone,“ rief der Baronet,„er ladet uns alle mit einander ein, hier auszuſteigen; er behauptet, daß ihn wichtige Gründe zu dieſer Maßregel beſtimmen, er verſchließt aber dieſe Gründe als Geheimniß in ſeinen Buſen.“ Die Damen fügten ſich dieſer Aufforderung und ſtie⸗ gen aus; man ließ die Kutſchen mit der Dienerſchaft weiter fahren; die übrigen Reiſenden blieben zurück, und befanden ſich, wie es ſchien, mitten in einem Walde. „Wir wollen hoffen, Mademoiſelle, daß es in Amerika keine Banditen gibt,“ ſagte Evchen, als ihre Gefährtin⸗ nen umblickten und verwundert ſchienen über die neue Lage, in welche ſie ſo unerwartet hineingerathen waren, um einem Einfall ihres Vetters zu genügen. „Ou des Sauvages,“ entgegnete die Gouvernante welche Ueber; unruh jede d gelege „ und 5 aus, Dick! Treue ville D gefall Geor nicht geher vor, heit w offen Vorſ zu di geſch N ſicht als beine fürhal⸗ n kön⸗ n See blenken es ihm r läßt George ſeinem be Wa⸗ hlag. erone,“ der ein, Gründe er dieſe nd ſtie⸗ erſchaft ick, und alde. lmerika fährtin⸗ ie neue waren, ernante — 255— welche ihres natürlichen Verſtandes und ihrer beſſern Ueberzeugung ungeachtet, oftmals an dieſem Tage mit unruhigen und mißtrauiſchen Blicken jedes Dickicht und jede düſtere Waldpartie betrachtet hatte, an welchem ſie gelegentlich vorübergekommen waren. „Ich übernehme die Aſſecuranz für Ihre Geldbörſen und Kopfhäute, Mesdames,“ rief John Effingham luſtig aus,„unter der Bedingung jedoch, daß Sie mir durch Dick und Dünn nachfolgen, und zum Unterpfand meiner Treue bitte ich mir die Ehre aus, Mademoiſelle Vief⸗ ville an dieſem unwürdigen Arm geleiten zu dürfen“ Die Gouvernante ließ ſich lachend dieſe Bedingung gefallen; Evchen nahm ihres Vaters Arm, und Sir George bot Grace den ſeinigen an; Ariſtobulus war nicht wenig verwundert, daß man ihn ſo ganz allein gehen ließ. Ihm kam es überhaupt äußerſt unſchicklich vor, daß eine junge Dame bei einer ſolchen Gelegen⸗ heit von ihrem eigenen Vater ſich geleiten ließ, ſo daß er offenherzig und dienſtfertig zugleich Mr. Effingham den Vorſchlag machte, ihm dieſe Mühewaltung abnehmen zu dürfen, ein Anerbieten, welches eben ſo beſtimmt aus⸗ geſchlagen als angeboten wurde. „Ich vermuthe, Vetter John hat eine beſondere Ab⸗ ſicht bei ſeinem melodramatiſchen Einfall,“ ſagte Evchen, als ſie ſich tiefer in den Wald begaben,— nich möchte beinah errathen, lieber Vater, Du weißt recht gut, was — 234.— folgen wird, wenn Dein Antlitz auch den feſten Vorſatz zeigt, das Geheimniß zu bewahren.“ „John hat uns vielleicht eine Höhle oder einen vor⸗ züglich hohen Baum zeigen wollen; denn dergleichen Gegenſtände gibt es mancherlei in dieſer Gegend.“ „Wir ſind wirklich recht vertrauensvolle Geſchöpfe, Mademoiſelle Viefville; denn ich merke Verrätherei in allen Geſichtern um uns her; ſogar Miß van Court⸗ landt ſieht aus wie eine Mitwiſſerin des Geheimniſſes; ſie ſcheint ſich verſchworen zu haben mit irgend Jeman⸗ den oder mit irgend Etwas. Wollte der Himmel, daß wir argloſen Lämmer keinen Wölfen in die Klauen ge⸗ rathen!“ „Des loups!“ rief Mademoiſelle Viefville und blieb ſtehen, und ihre Mienen drückten ſolche unverholene Angſt aus, daß Alle lachten, während ſie fortfuhr:„Est ce qu'il y a des loups et des sangliers dans cette forét?“ „Nein, Mademoiſelle,“ entgegnete ihr Begleiter;— „wir ſind, bedenken Sie doch, hier im barbariſchen Amerika, nicht im civiliſirten Frankreich. Befänden wir uns unter Umgebungen, wie dieſe, im déparlement de la Seine, dann hätten wir freilich einige Urſache, der⸗ gleichen Gefahren zu befürchten; doch hier in den Berg⸗ forſten des Otſego ſind wir durchaus ſicher.“ „Je l'espère,“ ſagte die Gouvernante halblaut, in dem ſie ängſtlich und widerſtrebend weiter ging und da⸗ bei fortwährend bald rechts bald links um ſich ſah. T oftm ſchier Weg imme deutl in di lich vom zu ei gekon II Effing aus ſerer wo e Fehlſe det he 85 befind ſehe durch leicht Natty „L Räthſ S Vorſatz en vor⸗ glleichen 4 ſchöpfe, rrei in Court⸗ niſſes; geman⸗ „ daß en ge⸗ blieb Angſt Est ce orét?“ er;— riſchen n wir ent de der⸗ Berg⸗ t, in d da⸗ — 258— Der Pfad wurde allmählig ſteiler und ſchwieriger, oftmals in ſolchem Grade, daß Niemand aufgelegt ſchien, ein Geſpräch anzufangen oder fortzuſetzen. Ihr Weg führte unter dem dichten Gezweig hoher Tannen immer mehr bergan, und hin und wieder zeigten ſich deutlichen Spuren der Verwüſtungen, welche die Menſchen in dieſen herrlichen Waldungen angerichtet hatten. End⸗ lich ſahen ſich Alle genöthigt ſtehen zu bleiben, um ſich vom anſtrengenden Steigen zu erholen, nachdem ſie bis zu einer beträchtlichen Höhe über dem Fahrweg hinan⸗ gekommen waren. „Ich hätte bald vergeſſen zu ſagen,“ bemerkte John Effingham gegen Evchen,„daß die Stelle, von welcher aus wir dieſen Bergpfad betraten, in der Geſchichte un⸗ ſerer Familie berühmt iſt; es iſt nämlich dieſelbe Stelle wo einer unſerer Vorfahren den andern durch einen Fehlſchuß nach einem Hirſch an der Schulter verwun⸗ det hat.“ „Nun dann kenne ich die Gegend, wo wir uns jetzt befinden!“ rief unſere Heldin überraſcht aus.„Doch ſehe ich noch immer den Grund nicht ein, warum wir durch dieſen Wald gehen mußten, wenn wir nicht viel⸗ leicht irgend eine Stelle aufſuchen, die durch eine von Natty Bumppo's Thaten merkwürdig geworden iſt!“ „Die Zeit wird dieſes Räthſel löſen, wie ſie alle Räthſel löſt. Nur vorwärts!“ Sie ſtiegen immer weiter bergan, und nachdem ſie — 256— noch eine beſchwerliche Strecke Weges glücklich uͤberſtan⸗ den, erreichten ſie eine Art von Bergebene und wandten ſich einer Lichtung des Waldes zu, wo ein kleiner Be⸗ zirk augenſcheinlich ausgerodet war, der jedoch von ge⸗ ringem Umfang und noch nie urbar gemacht zu ſein ſchien. Evchen blickte neugierig rings umher, ſo wie die andern, die hier zum erſten Mal waren, und verlor ſich im Zweifeln und Rathen. „Dort ſcheint eine Vertiefung vor uns zu ſein,“ ſagte der Baronet;„ich möchte die Vermuthung wagen, daß Mr. John Effingham uns an einen Abhang führen will, wo uns eine Ausſicht erwartet.“ Dieſer Andeutung folgend, ſetzte ſich die ganze Ge⸗ ſellſchaft ſchnell in Bewegung, und ſämmtlich fanden ſie ſich für die Mühe des beſchwerlichen Berganſteigens durch eine Ausſicht belohnt, die durchaus einer ſchwei⸗ zeriſchen an Eigenthümlichkeit und Schönheit gleichkam. „Jetzt, wahrhaftig, weiß ich beſtimmt, wo wir ſind,“ rief Evchen, indem ſie entzückt die Hände faltete. „Dieſes iſt der„Viſions“⸗Berg, und drüben iſt unſere liebe Heimath!“ Die vorbereitete Ueberraſchung leuchtete nun Allen ein, und ſobald die erſten ungeſtümen Aeußerungen des Entzückens nachgelaſſen hatten, fühlten alle, die die⸗ ſen Anblick zum erſten Mal genoſſen, daß ſie unendlich verloren haben würden, wenn ſie dieſe wirkungsvolle Einführung in ihren nunmehrigen Aufenthalt hätten rſtan⸗ ndten - Be⸗ an ge⸗ ſein b wie verlor ſein,“ dagen, kühren e Ge⸗ anden eigens chwei⸗ chkam. ) wir altete. unſere Allen ungen e die⸗ ndlich svolle hätten 237 entbehren müſſen, dieſen überraſchenden Hinabblick in das anmuthige Bergthal des Suſquehannah. Damit die Leſer ſich die Urſachen dieſes allgemeinen Freudenrauſches erklären und den Grund begreifen kön⸗ nen, weßhalb John Effingham ſeinen Freunden dieſe entzückende Ueberraſchung bereitete, wollen wir einen Au⸗ genblick bei der flüchtigen Beſchreibung der Gegenſtände verweilen, welche hier die Blicke der vergnügten Reiſen⸗ den feſſelten. So viel wiſſen wir bereits, daß unſre Reiſenden ſich auf einer kleinen abgetriebenen Waldfläche, in einer Lichtung befanden, am Rande eines ſteilen Berghanges. Von allen Seiten waren ſie von Bäumen umgeben; außer vor ihnen, wo ſich ein weites Panorama vor ih⸗ ren Blicken ausdehnte, wenn gleich die hohen Gipfel ſchlanker Tannen, reihenweiſe faſt gleichlaufend mit dem Abhang emporragend, an manchen Stellen faſt bis zu ihren Augen ſich erhoben. Mehre Hundert Fuß thalab, grade vor ihnen, er⸗ ſtreckte ſich meilenweit rechtshin ein klarer See, von Wald und Hügeln umragt; an der Seite, wo die Reiſenden ſtanden, entzog eine Waldabtheilung ihnen den Anblick des Ufers und durchbrach hin und wieder den freien Ueberblick des Waſſerſpiegels, und an der Jenſeite. be⸗ grenzte die Landſchaft eine Reihe terraſſenförmig anſtei⸗ gender Hügel, die an einigen Stellen in Bergkuppen ſich erhoben. Die Höhen deckten Maierhöfe und einzelne 127.— 129. 17 — 238— Waldpartien erhoben die Landſchaft, welche einige Aehn⸗ lichkeit mit Parkſcenerie entfaltete oder mit den groß⸗ artigen Anlagen eines königlichen Luſtgeheges. Zwiſchen den Erhebungen öffneten ſich höherliegende Bergthäler und in allen Richtungen zierten die reichen Gefilde an⸗ muthige Wohnungen. Die dunkeln Farben des Nadel⸗ holzes, welche die Anhöhen zunächſt dem Waſſerſpiegel beſchatteten, wechſelten in ſanften Uebergängen mit dem lebhaften Grün der lichteren Laubhölzer, und die Wei⸗ deplätze und Wieſen prangten in einem ſchimmernden, üppichen Graswuchs, deſſen Friſche den engliſchen und ſchweizeriſchen Wieſenſchmelz weit übertraf. Buchten und Vorländchen verſchönerten die ausgezeichneten Umriſſe des ſpiegelglatten See's längs den Ufern, während eine von den Buchten ſich nordweſtlich dem Anblick entzog, ſo daß das Auge zweifelhaft blieb, ob es das Ende der durchſichtigen Fluth erreichen könne oder nicht. Nach Süden zu beſchränkten die Ausſicht ebenfalls kühn an⸗ ſtrebende, mit Thälern wechſelnde Hügel, wie jene, treff⸗ lich angebaut, überreich an Früchten menſchlichen Flei⸗ ßes, überall gehoben durch einzelne Waldpartien, wie in der vorherbeſchriebenen Richtung, gleicherweiſe einer parkähnlichen Landſchaft zu vergleichen. Eine ausge⸗ dehnte, tiefe, ebene Thalgegend erſtreckte ſich von dem ſüdlichen Ende des See's, faſt genau der Stelle gegen⸗ über, wo die Reiſenden ſtanden, immer weiter ſüdwärts, bis ſie ſich in einer Einbiegung der Bergkette verlor. Wie alle Gipfel ringsum, prangte auch dieſe Ebene im üppigen Schmuck von Fluren, Waldungen und Woh⸗ nungen. Zwar Wald war hier weniger, aber ein deſto lebendigeres Gewühl menſchlicher Thätigkeit, Landſtra⸗ gen durchzogen die friedlich heraufblickenden Wohnungen in mannigfachen Krümmungen, und bis zu den ſteilen Abſtürzen und den mühſamen Berghängen hinan ver⸗ mochte das Auge den einzelnen Pfaden fernhin zu folgen. Am nördlichen Ende dieſes anmuthigen Thals und am Rande des See's dehnte ſich das Dorf Templeton unmittelbar vor den betrachtenden Blicken der Reiſen⸗ den aus. Der Abſtand von der Lichtung, wo ſie ſich befanden, bis in die Mitte der Häuſermaſſe, mochte in grader Linie nicht viel weniger als eine Meile be⸗ tragen; aber die Luft war ſo durchſichtig und das Wet⸗ ter ſo ruhig, daß ihnen die Entfernung weit geringer vorkam. Deutlich konnten ſie die Kinder und die Hunde ſogar auf den Straßen erkennen, und das laute Lärmen der Knaben bei ihren Spielen drang vernehmlich zu ih⸗ ren Ohren. Da dieſes Dorf oder Städtchen das den Leſern aus den„Anſiedlern“ bekannte Templeton war, und die fortſchreitende Civiliſation während eines halben Jahr⸗ hunderts in dieſem Bergſtädtchen in manchen ſichtbaren Spuren nachgewieſen werden konnte, ſo wollen wir uns bemühen, durch eine etwas genaue Schilderung ſei⸗ nes gegenwärtigen Anſehens, den Leſern eine deutlichere 17* — 260— Vorſtellung von ſeinen jetzigen Zuſtande zu geben, als dieſes durch gelegentliche Anſpielungen auf einzelne Umgeſtal⸗ tungen möglich iſt. Wir verweilen bei dieſem Gegen⸗ ſtande mit deſto größerm Vergnügen, weil dieſer Ort nicht zu denen gehört, welche gleichſam in einem Tage durch die unnatürlichen Anſtrengungen der Speculations⸗ wuth aus einem Nichts hervorgingen, oder unter begün⸗ ſtigenden Umſtänden raſch zunehmenden Handelsverkehrs in großſtädtiſchen Prunk ausarten, während die Baum⸗ ſtümpfe noch an die erſte Ausrottung erinnern; Temple⸗ ton war vielmehr ein beſcheidenes Landſtädtchen, das ſich aus ſeinem frühern dörfiſchen Aeußern, ganz all⸗ mählich und gleichen Schritt haltend mit ſeinen nächſten Umgebungen, erweitert und verſchönert, ein treues Ab⸗ bild des natürlichen und bezeichnenden Fortſchreitens eines Volks von den erſten Spuren der Entwilderung zu den erfreulichen Wirkungen der Geſittung und den reifen Früchten der Civiliſation. Die Anſicht von Templeton, wie ſolche ſich den be⸗ trachtenden Blicken der Reiſenden von der Höhe des „Viſtons“⸗Berges darſtellte, und wie wir hoffen auch dem geiſtigen Auge des Leſers in dieſem Augenblicke vorſchwebt, war im Ganzen ſchön und einer gelungenen Rißzeichnung nicht unähnlich. Wohl ein Dutzend brei⸗ tere Hauptſtraßen zeichneten ſich vor den übrigen aus, in rechten Winkeln einander durchſchneidend, jedoch in einem lebhafteren Relief, um nicht durch ſteife Regelmäßig⸗ — 261— keit das Auge zu ermüden. Etwa die Hälfte der Ge⸗ bäude war weiß übertüncht, wie dieſes in den mei⸗ ſten kleinern amerikaniſchen Ortſchaften häufig vorkommt; doch ließ ſich der Einfluß beſſern Geſchmacks darin nicht verkennen, daß eine große Anzahl derſelben die ernſtere und beſcheidnere Schattirung der grauen Bauſteine zeigte, aus welchen ſie größtentheils aufgeführt waren. Ueberall verweilte der Blick auf der anmuthigen Wir⸗ kung zierlicher und bequemer Einrichtungen, und hierin gewährte dieſer Ort einen ſo wohlthuenden und von den meiſten kleinern Ortſchaften auf dem europäiſchen Feſtlande, zumal den ſüdlich vom Rhein gelegenen, durchaus abweichenden Eindruck; wovon wir höchſtens die maleriſchen Ortſchaften der ſchweizeriſchen Bergthäler ausnehmen können. In England hätte Templeton für einen kleinen Marktflecken gelten können, ſofern die Größe allein in Betracht kam; in Frankreich für einen anſehnlichen offenen Ort; während es in Amerika nach der gemeinen Sprechweiſe, wie der officiellen Benennung nach, nicht anders als ein Dorf genannt werden konnte. Unter den Gebäuden im Ort ſelbſt waren etwa zwanzig von hinreichendem Umfang, um den höhern Wohlſtand ihrer Beſitzer anzudeuten, und daß Aeußere bewies, daß die Bewohner derſelben gewohnt waren, be⸗ quemer und gemächlicher zu leben, als die größere Zahl ihrer Mitbürger. Etwa ſechs von ihnen hatten kleine ſchattige Zugänge, geräumige, zum Umwenden von Kut⸗ — 262— ſchen eingerichtete Höfe und außer dieſen noch andere Auszeichnungen von Häuſern, welche demzufolge der Ehre gewürdigt wurden, nach ihren Beſitzern genannt zu werden. Nicht weniger als fünf kleine Thürmchen, oder Kup⸗ peln oder Warten,— keine dieſer Benennungen iſt hin⸗ reichend bezeichnend,— erhoben ſich über den Dächern der übrigen Gebäude, und dieſe Wunder baukünſtleriſcher Laune deuteten die Lage von eben ſo vielen verſchiednen der Gottesverehrung geweihten Gebäuden an; denn jedes amerikaniſche Dorf hat wenigſtens eine gleiche, wo nicht eine weit beträchtlichere Anzahl dem abweichenden Cultus verſchiedner Secten gewidmeter Gebäude aufzu⸗ weiſen, als Zeugniß der Denkfreiheit in Glaubensſa⸗ chen;— oder, wie manche behaupten möchten, des Ei⸗ gendünkels— ſo weit nämlich die Dollars und Cents der Vetterſchaften und Nachbarſchaften ausreichen, ſich in eigner kirchlicher Selbſtſtändigkeit zu behaupten. Ver⸗ ſchiedene Arten leichter Fuhrwerke, auf die bergige Ge⸗ gend berechnet, ſah man hin und her rollen durch, die Straßen, und hier und da ſtand ein einſpänniger Wa⸗ gen, vor einem Kaufladen oder der Amtsſtube eines Rechtsgelehrten wartend, welches auf die Anweſenheit eines Kunden oder Clienten aus den umliegenden Berg⸗ ſchluchten hindeutete. Dennoch war Templeton noch kein in ſolchem Grade vielbeſuchter Vereinigungspunect der umliegenden Ort⸗ — 265— ſchaften, um eins jener abgeſchmackten Prunkgebäude zu beſitzen, wie die modiſchen amerikaniſchen Gaſtyäuſer zu ſein pflegen, welche die Dächer der übrigen Gebäude, ja ſogar die der Kirchen überragen; die Wirthshäuſer im Ort waren demungeachtet geräumige und bequeme Höfe, und erfreuten ſich eines zahlreichen Zuſpruchs, auch ohne durch unmäßige Prahlſucht zu imponiren. Ungefähr in der Mitte des Dorfes ſtand, umgeben von hübſchen Anlagen, doch von geringer Ausdehnung, noch wie vor Alters, jenes Muſter des zuſammengeſetz⸗ ten Bauſtyls, welches ſeine Entſtehung dem vereinten Scharfſinn und Geſchmack von Mr. Richard Jones und Mr. Hiram Doolittle verdankte. Wir können nicht be⸗ haupten, daß dieſes Gebäude einen modernen Zuſchnitt erhalten, vielmehr war das Gegentheil der Fall, wenig⸗ ſtens dem äußern Anſchein nach; aber ſeit jener Zeit wo unſre Leſer daſſelbe kennen, hatte es manche Ver⸗ änderungen erfahren, und weſentliche Umgeſtaltungen waren erſt kürzlich unter Anleitung des gereiften Ur⸗ theils von John Effingham mit dem Ganzen vorgenom⸗ men worden. Dieſes Gebäude war durch ſeine Lage und Form ſo auffallend, daß unſre Reiſenden kaum die ganze vor ihnen ausgebreitete Landſchaft in flüchtigem Ueberblick genoſſen, und dabei ihre Gefühle von Ueberraſchung und Freude in wiederholten jauchzenden Ausrufungen ein⸗ ander mitgetheilt hatten, als ſich aller Augen dieſem An⸗ ziehungspuncte gemeinſchaftlichen Intereſſes zuwandten. Ein langes, einſtimmiges Schweigen drückte den gemein⸗ ſamen Antheil unverkennbar aus, und nachdem ſie das Gebäude eine Weile betrachtet, hatte die ganze Geſell⸗ ſchaft auf in der Nähe befindlichen Baumſtümpfen und zerſtreut umherliegenden Stämmen nach und nach ſich niedergelaſſen, ehe noch ein Wort geſprochen worden war. Ariſtobulus allein ließ ſeine Blicke hin und her ſchweifen, und ſchaute neugierig forſchend Mr. Effing⸗ ham, neben welchem er ſeinen Sitz erwählt hatte, in das gedankenvolle Antlitz, aus ſeinen Zügen zu enträth⸗ ſeln begierig, ob Billigung oder Mißbilligung der von ſeinem Vetter vorgenommenen Bauveränderungen ſich in ihnen ausdrücke. „Mr. John Effingham hat beträchtliche Erneuerun⸗ gen, Wiedererweckungen und Umgeſtaltungen mit dem alten Gebäude vorgenommen,“ ſagte er, ſich vorzugs⸗ weiſe ſolcher Ausdrücke bedienend, welche ſeine eigne Anſicht über die vorgenommenen Veränderungen zwei⸗ felhaft ließen;„und was er geſchaffen, hat einige Specula⸗ tionen, mancherlei Nachforſchungen und ziemliches Ge⸗ rede im Bereich der Grafſchaft veranlaßt. Kurz, dieſe Geſchichte hat in der That eine Aufregung bewirkt.“ „Als das Haus noch in dem Zuſtande war, wie ich es von meinem Vater ererbte,“ ſagte Mr. Effingham, veſſen ſanfte, ſchöne Züge allmählich einen lächelnden Ausdruck annahmen,— ada kannte ich die Geſchichte deſ⸗ ſelber thüͤm Jeder ich 1 meng Ausn eines chen Auct ſelben genau, und wenn Jemand mich über die Eigen⸗ thümlichkeiten dieſes Gebäudes befragte, ſo konnte ich Jedem leicht die erforderlichen Aufſchlüſſe geben, indem ich mich auf die verwickelten Vorſchriften des zuſam⸗ mengeſetzten Bauſtyls bezog. Doch Du haſt mir dieſen Ausweg jetzt verſperrt, John, da Du Dich, wie ich ſehe, eines Bauſtyls von eigner Erfindung bedient haſt, wel⸗ chen zu erläutern, ich mich künftig auf Deine höhere Auctorität in Geſchmackſachen werde berufen müſſen.“ „Haſt Du an meinem Geſchmack etwas zu tadeln, Edward? Meinen Augen präſentirt ſich das Aeußere des Gebäudes gar nicht übel, beſonders von dieſer Stelle Haus betrachtet.“ „Zweckmäßigkeit und Bequemlichkeit ſind unbedingte Erforderniſſe bei dem Bau von Privatwohnungen, um mich Deines eignen Ausdrucks zu bedienen. Biſt Du wirklich ganz gewiß, daß die Burgzinnen ähnliche Form jener Dächer ganz zweckmäßig ſei bei dem tiefen Schnee⸗ fall in unſern Berggegenden?“ John Effingham pfiff ſo leiſe als er vermochte, um nicht durch laute Aeußerung ſeines Verdruſſes gegen den Anſtand zu fehlen, er bemühte ſich eine kaltblütige Miene anzunehmen; denn er erinnerte ſich gar wohl, daß gleich im erſten Winter die Unzweckmäßigkeit der erwähnten Form der Bedachung ſich unwiderlegbar er⸗ wieſen und deutlich gezeigt hatte, wie ein ſolcher Bau⸗ plan gar nicht für dieſes Klima paſſe. Er hatte ſich — 266— ſchon vorgenommen, dieſen Uebelſtand auf ſeine eigne Koſten abändern zu laſſen; doch überlegend, daß ſein Vetter ein ſolches Benehmen nicht gutheißen würde, weil es den Anſchein haben konnte, als weigere er ſich die Koſten der an ſeinem Eigenthum erforderlichen Ver⸗ beſſerungen ſelbſt zu tragen, hatte er dieſes unterlaſſen, zumal, da es ihm ſchwer ankam, im Angeſicht der gan⸗ zen umwohnenden Bevölkerung einzugeſtehen, daß er einen ſolchen Hauptmißgriff in einem Kunſtzweig ſich habe zu ſchulden kommen laſſen, worin er mehr als ge⸗ wöhnlich leiſten zu können ſich einbildete; wenigſtens eben ſo viel als ſein großer Vorgänger, Mr. Ri⸗ chard Jones. „Wenn Dir das Aeußere Deines Hauſes nicht ge⸗ fällt, Edward,“ ſagte er endlich,„ſo haſt Du wenig⸗ ſtens den Troſt, manche von den Häuſern Deiner Nach⸗ baren vor Augen zu haben, welche ſich noch weit gar⸗ ſtiger ausnehmen. Doch von allen verunglückten Bauten dieſer Art, halte ich indeſſen eine verfehlte Nachäffung des griechiſchen Bauſtyls für die abſcheulichſte. Mein verunglückter Verſuch iſt höchſtens eine Verunſtaltung des gothiſchen Styls zu nennen, und zwar des anſpruch⸗ loſeſten in ſeiner Art, ſo daß ich mir vorſtellte, daß keine Kritik, es müßte denn eine recht leidenſchaftliche ſein, meine Verſuche haarſcharf beurtheilen wird.“ Es war ein ſo ungewöhnliches Ereigniß, John Ef⸗ fingham ſich ſelbſt vertheidigen zu hören, daß die ganze Geſellſe ſtobulus und im ſich unt „No entgegr „ich to bei die meine Rückſich kung d Rühml ges G achtet Ganzer ten, n quemer Bauar lichen „3 erunge haben, deutlie wohltl das, n wieder eigne ſein hürde, r ſich Ver⸗ aſſen, gan⸗ iß er ſich 8 ge⸗ ſtens Ri⸗ t ge⸗ enig⸗ Nach⸗ gar⸗ ruten fung Nein tung ruch⸗ daß liche Ef⸗ Geſellſchaft ſchalkhaft zu lächeln begann; während Ari⸗ ſtobulus in heilſamer Scheu vor ſeinem beißenden Witz und im Zweifel, wie Alles gemeint ſei, kaum zu lächeln ſich unterſtand. „Nein, Vetter, verſtehe meine Worte nicht falſch,“ entgegnete der Eigenthümer des beſprochenen Hauſes, „ich tadele keinesweges den guten Geſchmack, den Du bei dieſem Bau bewieſen, ſondern ich äußerte Dir bloß meine Zweifel, ob Du auf die Jahreszeiten gehörige Rückſicht genommen haſt. Was die äußere gefällige Wir⸗ kung des Ganzen betrifft, darin, meine ich, haſt Du Rühmliches geleiſtet; denn Du haſt ein wahrhaft garſti⸗ ges Gebäude in ein recht hübſches umgeſtaltet, unge⸗ achtet der Dir im Wege ſtehenden Mißverhältniſſe des Ganzen, und der beſchränkten Dir ertheilten Vollmach⸗ ten, wornach Du Dich bei Deinen Veränderungen be⸗ quemen mußteſt. Dennoch iſt von der frühern gemiſchten Bauart noch genug übrig geblieben, um den urſprüng⸗ lichen Plan nicht zu vermiſſen.“ „Ich hoffe, Vetter John, daß Sie mit Ihren Neu⸗ erungen im Innern nicht das rechte Maß überſchritten haben,“ rief Evchen dazwiſchen.„Ich erinnere mir noch deutlich, meine ich, wie Alles ſonſt war, und nichts iſt wohlthuender, als dieſe„Hauskatzen“⸗Anhänglichkeit an das, woran wir von Kindheit an gewohnt ſind;— Alles wieder ſo zu finden, wie wir es in unſerer Kindheit — 268— kannten, iſt doch wohl Allen angenehm, die von der Wuth der Veränderlichkeit nicht ergriffen ſind.“ „Beunruhige Dich deßhalb nicht unnöthigerweiſe, Miß Effingham,“ entgegnete der Vetter mit einer Empfind⸗ lichkeit im Ausdruck, welche bei einem Manne vorzüglich auffallen mußte, der gewöhnlich in ruhigem und gefaß⸗ tem Ton zu ſprechen pflegte;—„Alles was Dir als ſpielendes Kätzchen lieb und theuer war, wirſt Du wie⸗ der finden, jedes an ſeinem gehörigen Ort. Zwar bin ich nicht im Stande geweſen, die Aſche der Königin Dido wieder zu ſammeln, welche die Winde bereits nach allen Weltgegenden entführt haben mögen; ebenſo we⸗ nig konnte ich eine leidliche Büſte Homers auftreiben; aber ganz annehmbare Gegenſtände haben ihre Stelle eingenommen; und manche von dieſen Dingen haben den großen Vorzug, alle Beſchauer derſelben in die größte Verlegenheit zu ſetzen, wenn ſie rathen ſollen, was ſie eigentlich vorſtellen; was eine der intereſſante⸗ ſten Eigenthümlichkeiten iſt, die, wie ich meine, ſämmt⸗ liche geniale Einrichtungen von Mr. Jones charaktere⸗ ſirten.“ „Ich bin ausnehmend erfreut, Vetter John, daß Sie ſich wenigſtens Mühe gegeben haben, dem ganzen Ge⸗ bäude eine ſtattliche„Wolkenfarbe“ mitzutheilen.“ „Mir blieb bloß die Wahl zwiſchen dieſer und dem „unſichtbaren Grün,“ antwortete er artiger als vorher, indem ſeine augenblickliche verdrießliche Laune von ſei⸗ ner na wurde; ſichtbar dieſem ſo naht das in ähnlich „Ii teſten 2 faſt D Beifall „W aus, d nung d ſchaft Glanz ſchöner taſie v Stimn eines „J bezaub der Bo ſchön „A Nemi⸗ ihn de Wuth e, Miß npfind⸗ züglich gefaß⸗ dir als u wie⸗ ar bin königin s nach ſo we⸗ reiben; Stelle haben in die ſollen, eſſante⸗ ſämmt⸗ raktere⸗ aß Sie in Ge⸗ d dem vorher, on ſei⸗ — 269— ner natürlichen Hinneigung zum Scherzhaften beſiegt wurde;—„doch indem ich mir vorſtellte, daß das un⸗ ſichtbare Grün während der häuſigen Regen, die uns in dieſem Klima heimſuchen, nur zu ſichtbar werden möchte, ſo nahm ich lieber mit dieſem ſchmutzigen Gelb vorlied, das in der That manchem ſtattlichen Gewölke nicht un⸗ ähnlich ſieht.“ „Im Ganzen alſo, meine ich, haben Sie die gerech⸗ teſten Anſprüche, um mich der Ausdrucksweiſe von Stead⸗ faſt Dodge, Esquire, zu bedienen, den unqualiſizirten Beifall von uns Allen entgegenzunehmen.“ „Welch ein herrliches Plätzchen!“ rief Mr. Eſſingham aus, der ſchon gar nicht mehr an ſeine veränderte Woh⸗ nung dachte, während ſeine Blicke über der ganzen Land⸗ ſchaft hin und her ſchweiften, welche eben der lichte Glanz der Juni⸗Mittagsſonne in reicher Pracht ver⸗ ſchönerte.„Dieſes iſt wahrlich ein Ort, wo die Phan⸗ taſie von der ruhigen Glückſeligkeit und der zufriedenen Stimmung träumen mag, wornach das Herz am Abend eines ſorgenvollen und bekümmerten Lebens ſich ſehnt.“ „In der That, ich erinnere mich nicht, eine mehr bezaubernde Landſchaft geſehen zu haben,“ antwortete der Baronet;„die See'n von Cumberland ſind kaum ſo ſchön wie dieſer hier.“ „Auch nicht der Brienzer⸗, der Lungerner⸗ oder der Nemi⸗See,“ ſagte Evchen mit einem Lächeln, welches ihn deutlich merken ließ, daß ſie ihn wegen ſeiner Vor⸗ eingenommenheit für ſein Geburtsland ein wenig necken wollte. „C'est charmant!“ ſagte Mademoiſelle Viefpille, ih⸗ ren eignen Gedanken nachhängend,„un si beau calme fait penser à P'éternité!“ „Der Maierhof, welchen Sie dort am Walde drü⸗ ben liegen ſehen, Mr. Effingham,“ bemerkte Ariſtobu⸗ lus ganz kaltblütig,„iſt im vorigen Frühling, Acre für Acre um dreißig Dollars verkauft worden, und den Som⸗ mer zuvor war er um zwanzig gekauft worden.“ „Chacun a son goòt!“ ſagte Evchen. „Gleichwohl fürchte ich, daß dieſe großartige Scene durch den Neid, die Habſucht, die Liebloſigkeit, und wer weiß, welche ſchlimme menſchliche Leidenſchaften noch ſonſt, arg entſtellt wird,“— fuhr ihr in ſeinen Betrach⸗ tungen verlorner Vater fort;„vielleicht wäre es beſſer, läge dieſe Gegend noch jetzt, wie vormals, in der ein⸗ ſamen und friedlichen Vergeſſenheit des Urzuſtandes, ein Aufenthalt von Geflügel und Raubwild!“ „Das gegen einander wüthete, theuerſter Vater, wie die ſchlechteſten Menſchen gegen ihre eigne Gattung wüthen.“ „Alles wahr, mein Kind, ſehr wahr; und gleichwohl vermag ich nie ſolche Landſchaftſcenen anzuſchauen, in welchen feierliches Schweigen erhabener Ruhe mich um⸗ fängt, ohne daß ich innigſt wünſche, der hehre Bundes⸗ tempel der Schöpfung möchte nur von ſolchen Weſen erfüllt mögen. „S eben g Mit de ham d benenne ſehen, gleich „Je hierher „G. Viſions nach h Vaters in Ge zu Ihr den iſt. Evc Mr. B Weiſe Kreiſe wohl r einer K dageger ſtauner „Al necken le, ih⸗ calme e drü⸗ iſtobu⸗ ere für Som⸗ Scene nd wer n noch hetrach⸗ beſſer, er ein⸗ es, ein r, wie hattung ichwohl en, in ſch um⸗ zundes⸗ Weſen erfüllt werden, welche ſeine Herrlichkeit zu faſſen ver⸗ mögen.“ „Sehen Sie die Dame,“ ſagte Ariſtodulus,„welche eben auf den Platz vor dem Wigwam heraustritt?“— Mit dem Namen„Wigwam“ hatte nämlich John Effing⸗ ham das veränderte und ausgebeſſerte Wohnhaus zu benennen für qut befunden;—„hier können Sie ſie ſehen, Miß Effingham, in grader Richtung mit der Fichte gleich unter uns.“ „Ich ſehe die Perſon, von der Sie reden; ſie ſcheint hierher nach uns herauf zu ſehen.“ „Ganz recht, Miß; ſie weiß es, daß wir auf den Viſionsberg uns begeben wollten, und allem Anſchein nach hat ſie uns erblickt. Dieſe Dame iſt Ihres Herrn Vaters Köchin, Miß Effingham, und iſt vermuthlich eben in Gedanken mit dem Frühſtück beſchäftigt, welches ſie zu Ihrem Empfang bereit zu halten angewieſen wor⸗ den iſt.“ Evchen verbarg ihre Lachluſt, als ſie bemerkte, daß Mr. Bragg ſich der bekannteſten Ausdrücke auf eine Weiſe bediene, die entweder bloß ihm ſelbſt, oder ſeinem Kreiſe eigenthümlich ſein mochte. Von Sir George, der wohl noch nie in ſeinem Leben gehört hatte, daß von einer Köchin wie von einer Dame geſprochen wurde, war dagegen nicht zu erwarten, daß er ein Lächeln des Er⸗ ſtaunens unterdrückte. „Aha!“ rief Ariſtobulus aus, indem er nach dem See hinwies, über den mehre kleine Fahrzeuge in demſelben Augenblick in verſchiedenen Richtungen vorüberglitten.— „Dort ſehe ich einen Kahn, in welchem höchſt wahrſchein⸗ lich unſer Dichter ſchifft!“ „Ein Dichter!“ wiederholte John Eiſingham;„iſt der Luxus in Templeton ſo hoch geſtiegen, daß Ihnen auch dergleichen Artikel nicht fehlen?“ „Hilf Himmel, was höre ich! Mr. John Effingham, Sie müſſen wahrhaftig äußerſt gering und verächtlich von Templeton denken; wenn Sie im Ernſt ſich vorſtel⸗ len, daß dergleichen hier zu den Seltenheiten gehören. Unſre Anhöhen, unſer See ſind ſeit den letzten zehn Jahren wohl wenigſtens ein Dutzendmal beſungen wor⸗ den. Bedenken Sie doch, daß hier Jahr aus Jahr ein Menagerien von wilden Thieren gezeigt werden!“ „Das iſt wirklich ein Fortſchritt in der Civiliſation, den ich den Bewohnern Templeton's nicht zugetraut hätte. Hier in dieſem Bezirk, der noch kürzlich der gewohnte Aufenthalt von Raubthieren war, bringt man alſo jetzt die Thiere des Waldes als merkwürdige Seltenheiten herein! Hierin können Sie erſt recht die raſchen Fort⸗ ſchritte wahrnehmen, Sir George, mit welchem ſich un⸗ ſer Land dem Gipfel menſchlicher Geſittung nähert!“ „Daran zweifle ich keineswegs; doch möchte ich wohl von Mr. Bragg erfahren, welche Art von Thieren, in ſolchen durchziehenden Menagerien hier gezeigt werden.“ ſelben en.— ſchein⸗ eiſt Ihnen gham, ächtlich vorſtel⸗ ehören. n zehn n wor⸗ ihr ein liſation, t hätte. ewohnte lſo jetzt enheiten en Fort⸗ ſich un⸗ ert!“ ich wohl ren, in werden.“ „Thiere aller Art, Sir George, vom Affen bis zum Elephanten. Erſt kürzlich ſahen wir hier ein Nashorn.“ „Ein Nashorn!— das iſt viel; in Europa iſt, meine ich, bis jetzt erſt ein einziges zu ſehen geweſen. Weder im zoologiſchen Garten in London, noch im Jardin des Plantes in Paris war bis jetzt ein Nashorn. Ich ſelbſt habe nur ein einziges Mal ein Nashorn geſehen, und das war in einer Menagerie in Rom, welche von Neapel bis Petersburg herumzog.“ „Wie ich Ihnen ſage, Herr; hier zeigt man Nas⸗ horne und Affen und Zebras, und auch Dichter, Ma⸗ ler, Congreßmitglieder, Biſchöfe, Statthalter, und wie alle die Wunderthiere heißen mögen,— an dem Allem fehlt es uns nicht.“ „Und wer mag denn wohl der Dichter ſein, Mr. Bragg, von dem Sie eben redeten“, frug Evchen,„der unſer Templeton in dieſem Augenblick mit ſeiner Ge⸗ genwart beehrt?“ „Dieſe Frage kann ich Ihnen leider nicht beantwor⸗ ten, Miß Effingham; etwa acht bis zehn von uns ha⸗ ben ſich in der letzten Woche alle erdenkliche Mühe ge⸗ geben, ſeinen Namen zu erforſchen, ohne bis jetzt auch nur dieſe Kleinigkeit erfahren zu können. Er ſowohl als der Herr, der mit ihm hierher gekommen iſt, ſind beide äußerſt verſchloſſen in dieſer Hinſicht, und gleichwohl möchte ich behaupten, daß wir in Templeton Leute ha⸗ 127.— 129. 18 ben, die beſſer als an irgend einem andern Orte verſte⸗ hen, die Geheimniſſe anderer Leute zu ergründen.“ „Alſo noch ein Herr iſt bei ihm,— vermuthen Sie, daß ſie beide Dichter ſind?“ „O, nicht doch, Miß; der andere Herr iſt bloß der Aufwärter des Dichters. Letzteres iſt uns nicht entgan⸗ gen; denn bei Tiſche wartet er ihm auf, und ſonſt be⸗ ſorgt er ebenfalls des Andern Angelegenheiten, bürſtet ſeine Kleider und räumt auf in ſeinem Zimmer, und dergleichen mehr.“ „Da kann der Dichter ſich glücklich preiſen; denn Leute dieſer Art pflegen bisweilen etwas unordentlich und nachläſſig zu ſein. Darf ich Sie fragen, weßhalb Sie vermuthen, daß der Herr ein Dichter ſei, da doch der Diener ſo ämſig alles in Ordnung hält?“ „Nun, wer kann er ſonſt ſein? Für's erſte, Miß Ef⸗ fingham, verhehlt er ſeinen Namen.“ „Das iſt kein gültiger Grund,“ ſagte John Effing⸗ ham,„heutigen Tags haben wenige Dichter einen Namen.“ „Ferner bringt er wenigſtens die Hälfte ſeiner Zeit auf dem Waſſer zu, und blickt auf nach der„ſchweigſamen Fichte,“ oder unterhält ſich mit den„ſprechenden Felſen,“ oder trinkt aus der„Elfenquelle.“ „Das ſind allerdings verdächtige Umſtände, vorzüg⸗ lich die Unterredungen mit den ſprechenden Felſen; aber Ef⸗ fing⸗ einen Zeit amen ſen,“ rzüg⸗ aber es laſſen ſich gleichwohl keine entſcheidende Folgerungen daraus ableiten.“ „Aber, Mr. Effingham, dieſer Menſch ißt und trinkt nicht einmal wie andere Leute. Ganz früh pflegt er aufzuſtehen, und den ganzen Morgen vertreibt er ſich die Zeit auf dem Waſſer oder in den Wäldern hier um⸗ her; und dann kehrt er in der Mitte des Vormittags zurück um zu frühſtücken. Dann geht er wieder in den Wald oder in ſeinen Kahn und kommt erſt zum Eſſen wieder, wenn ich eben im Begriff bin, meinen Thee zu trinken.“ „Das freilich entſcheidet die Sache. Denn, wenn ein Menſch ſich anmaßt, Mr. Bragg, dergleichen Dinge nach ſeinen eignen Launen zu thun, ohne erſt von andern Leuten ſich Zeit und Ort vorſchreiben zu laſſen, der ver⸗ dient wahrhaftig, mit einem weit ärgern Namen bezeich⸗ net zu werden, als mit dem Namen eines Dichters. Sagen Sie mir, ich bitte, wie lange iſt es ſchon, ſeit dieſer auffallende, ſonderbare Menſch ſich in Templeton aufhält?“ „Pſt!— da iſt er ſelbſt, ſo wahr ich ein Sünder bin! Ich irrte mich alſo; denn unmöglich konnte er es ſein und ſein Begleiter, die ich im Kahne zu erkennen glaubte.“ Der Ausdruck ängſtlicher Ueberraſchung in dem Be⸗ nehmen von Ariſtobulus und der gedämpfte Ton ſeiner Stimme bewogen die ganze Geſellſchaft der Richtung 18* ſeines Blicks zu folgen. Wirklich näherte ſich ihnen ein Herr in der halb ländlichen Kleidung, welche ein Welt⸗ ſehe mann bisweilen anzulegen pflegt, wenn er auf dem Ste Lande ſich aufhält,— eine Art ſich zu kleiden, die ohne⸗ Aus hin zu tadelnden Bemerkungen in einem Dorfe führen mußte, wo Jedermann eifrig bemüht war, in allen geg Dingen ein ſtädtiſches Aeußere zu affectiren. Der Fremde Zur kam aus dem Walde, längs der erwähnten Bergebne, ver welcher den Gipfel der Anhöhe eine beträchtliche Strecke ſon weit einhüllte, und folgte einem der Fußpfade, welche ſcha zu der Stelle führten, wo unſere Reiſenden noch immer im lan Anſchauen der ſchönen Thallandſchaft begriffen waren, ſam und von wo dieſe Pfade ſich in mehren Richtungen durch geſt den anmuthigen Wald erſtreckten. Sobald er die Lich⸗ ſam tung erreichte und dieſe ſchon im Beſitz einer zahlreichen ter Geſellſchaft fand, grüßte er höflich, im Begriff vorüber unv zu gehen; eine rückſichtsvolle Beſcheidenheit, welche Mr. run Bragg freilich nicht anders als ſonderbar und excentriſch eini vorkommen mußte. Doch plötzlich ſchien er ſich zu be⸗ ſtör ſinnen, einen Blick theilnehmender Ueberraſchung warf liche er auf die Geſellſchaft, ein Lächeln überflog ſeine Züge, — raſch trat er näher hinzu, ſo daß ihn Alle deutlicher jung ins Auge faßten. hier „Ich hatte keinen Grund, mich zu verwundern,“ mer ſagte er, als er der Geſellſchaft ſich ſo weit genähert Hän hatte, daß kein Zweifel des Wiedererkennens mehr übrig blieb;„ich wußte, daß Ihre Ankunft ſtündlich erwartet — 277— 1 wurde, und ich ſehnte mich darnach, Sie alle wiederzu⸗ ſehen; aber das Zuſammentreffen mit Ihnen an dieſer Stelle hat mich dennoch ſo überraſcht, daß ich im erſten Augenblick meinen Sinnen nicht trauete.“ Es bedarf kaum erwähnt zu werden, welche herzliche gegenſeitige Begrüßungen dem Wiedererkennen folgten. Zur großen Verwunderung des Mr. Bragg erſchien ſein verkappter Dichter nicht bloß als ein lieber Bekannter, ſondern als ein augenſcheinlich von der ganzen Geſell⸗ ſchaft aufrichtig geſchätzter junger Mann; Miß van Court⸗ landt allein ausgenommen, welcher er von ihnen insge⸗ ſammt auf die freundlichſte Weiſe als Mr. Powis vor⸗ geſtellt wurde. Evchen nahm allen weiblichen Stolz zu⸗ ſammen, um die Innigkeit ihrer freudigen Gefühle un⸗ ter einem ruhigen Benehmen zu verbergen, und dieſes unverhoffte Wiederſehen ging unter gegenſeitigen Aeuße⸗ rungen von Ueberraſchung und Vergnügen vorüber, ohne einige Merkmale tieferer Rührung zu verrathen, welche ſtörenden Anweſenden eine Veranlaſſung zu außergewöhn⸗ lichen Bemerkungen hätte geben können. „Wir haben weit gegründetere Urſache, mein theurer junger Freund, uns zu verwundern, Sie noch vor uns hier anzutreffen,“ ſagte Mr. Effingham, der noch im⸗ mer Paul's eine Hand mit Herzlichkeit in ſeinen beiden Händen hielt;—„und ſelbſt jetzt, da meine eignen Au⸗ gen mich überzeugen, daß Sie uns wiedergegeben ſind, fällt es mir doch ſchwer, mir zu erklären, wie es mög⸗ lich war, daß Sie in New York ankommen konnten und wieder abreiſen, ohne uns die Freude Ihres Beſuchs zu gönnen.“ „Darin würden Sie nicht Unrecht haben, Herr; denn, gewiß, Nichts hätte mich bewegen können, mir das Ver⸗ gnügen zu verſagen, Sie zu beſuchen, als die Beſorg⸗ niß, daß Ihnen mein Beſuch nicht willkommen geweſen wäre. Indeſſen wird Ihnen mein plötzliches Erſcheinen in dieſer Gegend nicht länger räthſelhaft bleiben, wenn ich Ihnen ſage, daß ich von England über Quebec zu⸗ rückkehrte und von dort über die großen See'n und die großen Waſſerfälle hierherkam; mein Freund Ducie war die Veranlaſſung, daß ich dieſen Weg nahm, denn ſein Schiff war nach dem Saint Lawrence⸗Strom beſtimmt. An allem Uebrigen iſt bloß der Wunſch ſchuld geweſen, ſchöne Gegenden zu ſehen und den weltberühmten Waſ⸗ ſerſturz zu beſuchen, dieſes mit Recht berühmte Natur⸗ wunder des amerikaniſchen Bodens.“ „Wir freuen uns, daß Sie wieder bei uns ſind; das iſt die Hauptſache, und ich erkenne es als einen Beweis Ihrer Freundſchaft, daß Sie nicht an uns vorbeigehen. Sie ſind wohl ſchon einige Tage hier?“ „Schon eine Woche lang. In Utica verließ ich die Hauptſtraße, um dieſen Ort zu beſuchen; ich ſtellte mir aber nicht vor, Sie ſobald ebenfalls hier zu finden; dieſe Freude hatte ich nicht erwartet. Hier vernahm ich, daß Sie erwartet würden, und daher entſchloß ich mich, und ſuchs denn, Ver⸗ ſorg⸗ weſen einen wenn ec zu⸗ d die Ducie denn immt. peſen, Waſ⸗ katur⸗ ;z das eweis gehen. ch die e mir nden; m ich, hier zu verweilen, indem ich mir mit der Hoffnung ſchmeichelte, die mich zu meiner innigſten Freude nicht getäuſcht hat, daß es Ihnen nicht unangenehm ſein werde, Ihren alten Reiſegefährten noch einmal zu ſehen.“ Nochmals drückte Mr. Effingham ſeine Hände herz⸗ lich und warm, ehe er ſie los ließ, und dieſen Be⸗ weis aufrichtig gemeinten Willkommens empfing Paul mit einem Schauer des Entzückens. „Ich bin in Templeton nun ſchon lange genug ge⸗ weſen,“ begann der junge Mann mit lachender Miene, „um mich zu einem Bewerber um die öffentliche gute Meinung aufzuſchwingen, wenn ich damit den Anſprü⸗ chen eines Eingebürgerten nichts vergebe. So weit ich nach einzelnen Bemerkungen ſchließen kann, bewährt ſich das alte Sprüchwort: Neue Beſen kehren gut, recht treu durch die ganze Umgebung.“*) „Haben Sie vielleicht eine Reinſchrift ihrer letztgedich⸗ teten Ode oder ein Gelegenheitsepigramm in der Taſche?“ frug ihn John Effingham. Paul blicte ihn verwundert an, und ſogar Ariſtobu⸗ **) Anſpielung auf die amerikaniſche Vorliebe für das Neue, welche indeß auch ſonſt in der Welt das bewährte Gute überſehen läßt. Paul Powis meint, ſobald er längere Zeit in Templeton ſein werde, müſſe er auf die gute Meinung ſeiner neuen Mit⸗ bürger verzichten. Dem Verfaſſer erging es nicht beſſer! Anm. d. Ueberſ. — 280— lus,— was bei ihm freilich ein äußerſt ſeltner Fall war,— ſah ein wenig verwirrt aus. Paul mußte na⸗ türlich über eine ſolche Frage erſtaunen; denn wiewohl er ſeit ſeiner Ankunft in Templeton öfter gequält wor⸗ den war durch die neugierigen Ausforſchungen, welche die ſchöpferiſche Einbildungskraft von Dorfbewohnern zu allerlei Ungebühr verleitet, ſo war es ihm doch bisher noch nicht eingefallen, daß man ſeine Freude an der Betrachtung der ſchönen Natur ihm als einen Hang zu dichteriſcher Schwärmerei auslegen werde. Weil er aber jetzt aus den lächelnden Geberden derer, die um ihn waren, abnahm, daß ein verſteckter Sinn in jener Frage liegen mochte, ſo hielt er es für das Klügſte, die Er⸗ läuterung von demienigen zu erwarten, der die Frage gethan, falls es überhaupt darauf ankam, ihren Beweg⸗ grund näher zu erforſchen. „Wir wollen uns das Vergnügen über dieſen Ge⸗ genſtand zu reden, auf eine ſchickliche Gelegenheit vor⸗ behalten,“ fuhr John Effingham fort.„Denn eben jetzt bemerke ich, daß die Dame der Hausflur drüben etwas ungeduldig zu werden anfängt, und das déjeuner à la fourchette, welches ich vorſorglich beſtellt habe, wird vermuthlich ſchon auf unſre Ankunft warten. Da das Frühſtück einmal beſtellt iſt, ſo müſſen wir auch uns darüber hermachen, wenn wir uns nicht der Gefahr aus⸗ ſetzen wollen, im ganzen Lande ſämmtlich für mond⸗ ſüchtige Reimſchmiede angeſehen zu werden. Wohlan, — 281— Fall Edward, wenn Du Dich, wie ich hoffe, genug an dem Anblick na⸗ des Wigwam aus dem Vogelperſpective ergötzt haſt, ſo vohl laß uns jetzt hinab gehen, und die Annehmlichkeiten der wor⸗ ſchärfern Prüfung einer genauern Betrachtung in der elche Nähe unterwerfen.“ n zu Dieſer Vorſchlag wurde bereitwillig angenommen; sher aber Alle ſchieden widerſtrebend von der lieblichen Stelle, der und erſt, nachdem ſie öfter wieder ſtill geſtanden und g zu wiederholt zurückgeblickt, gewannen ſie es über ſich, ſich aber von der herrlichen Ausſicht zu trennen. ihn„Stellen wir uns vor: die Ufer dieſes See's drüben von rage geſchmackvollen ländlichen Wohnungen eingefaßt,“ ſagte Er⸗ Evchen;„zwiſchen den Hügeln dort feierlich emporra⸗ rage gende Thürme altersgrauer Kirchen, die Berggipfel ge⸗ veg⸗ krönt mit ſtattlichen Schlöſſern oder halbverfallenen Burgen, und alle beredten Zeugen ereignißvoller Ver⸗ Ge⸗ gangenheit ringsumher; wie weit reizender würde als⸗ vor⸗ dann dieſe Ausſicht ſich geſtalten!“ jetzt„Weit weniger Reiz würde ſie dann haben, als ſie was jetzt beſitzt, Miß Effingham,“ ſagte Paul Powis,„denn à la wenn auch der Dichter——; Sie lächeln alle,— iſt wird es verboten, dieſe Saite zu berühren?“ das Durchaus nicht, wenn Sie vorhaben, uns mit un⸗ uns tadelhaften Verſen zu beglücken,“ entgegnete der Baro⸗ aus⸗ net.„Sie müſſen wiſſen, daß wir von Ihnen nichts ond⸗ anders erwarten, als daß Sie uns mit Reimen aus dem Stegreif erfreuen werden.“ 282— Paul ſchwieg, ungewiß ob er etwas geſagt, weßhalb er ſich entſchuldigen ſolle, und die ganze Geſellſchaft verließ das liebgewonnene Plätzchen in heiterer, luſtiger Stimmung; Ariſtobulus war wenigſtens eben ſo munter als alle andern, obſchon er den Grund ihrer Fröhlichkeit nicht wußte. Aber es war herrſchender Zug ſeines Cha⸗ rakters, daß er in keinem Dinge hinter ſeinen Zeitge⸗ noſſen zurückbleiben wollte. Zehntes Kapite l. „Der alte Friedhof muß es ſein! Des Vaters Grabmal ſchließt er ein;— Dieß iſt der Ort, von mir erſehnt, Deß grau'nvoll oft die Sag' erwähnt.“ Bryant. Von der Zeit an, ſeit unſere Freunde in New York angekommen waren, oder dem Tage, an welchem der Bericht von der Gefangennehmung ihres Reiſegefährten durch das engliſche Kriegsſchiff in den Zeitungen erſchie⸗ nen, war wenig oder gar nichts mehr von Paul Powis geſprochen worden; vielmehr vermieden Alle von der auffallenden Weiſe zu reden, wie er das Paketboot faſt in demſelben Augenblicke verlaſſen hatte, als dieſes eben in den längſt erſehnten Haven einlaufen ſollte. Es iſt zwar nicht zu läugnen, daß Mr. Dodge, ſobald er wie⸗ der nach Dodgeopolis zurückkehrte, in ſeinem Wochen⸗ Shalb ſchaft ſtiger unter chkeit Cha⸗ eitge⸗ blatt ſich weitläufig über dieſen Gegenſtand ausließ, und mancherlei Nebenumſtände und Vermuthungen aus eig⸗ ner Machtvollkommenheit hinzufügte, in der wohlberech⸗ neten Abſicht, die Aufmerkſamkeit des Inlandes zu reizen; doch weil in der Regel diejenigen, die bei Nachrichten vom Auslande her vor allen Dingen nach den Quellen derſelben fragen, niemals ſich um die Berichte von Leu⸗ ten zu bekümmern gewohnt ſind, von denen ſie überzeugt ſind, daß ſie nicht mehr wiſſen können als ſie ſelbſt; ſo hatten auch die Effinghams und ihre Freunde ſich um den Inhalt der Mittheilungen des Mr. Dodge nicht weiter bekümmert. Wiewohl jetzt Alle die unerwartete und plötzliche Rückkehr ihres ehemaligen Reiſegefährten als ein nicht gewöhnliches Ereigniß betrachteten; ſo hatte doch keiner Luſt ein voreiliges Urtheil über ihn zu wagen. Die Männer wußten wohl, daß die ſtrenge Dienſtpflicht im Seeweſen wie bei der Landmacht bisweilen harte Maß⸗ regeln nothwendig machen kann, ohne daß deßhalb der innere Werth des Betheiligten gradezu bezweifelt wer⸗ den dürfe; und die Damen bewahrten eine zu lebhafte Erinnerung an ſeine trefflichen und einnehmenden Ei⸗ genſchaften, als daß es ihnen hätte einfallen können, irgend einem ſeichten Argwohn Gehör zu geben, oder dem Charakter des jungen Ehrenmannes nachtheilige Vermuthungen zu hegen. Gleichwohl konnten ſie ſich nicht ganz und gar von beunruhigenden Gedanken frei⸗ — 284— ſprechen, die ſich ihnen gleichſam wider Willen aufdräng⸗ ten; deſto aufrichtiger war aber auch jetzt ihre Freude, ihren liebgewonnenen Reiſegefährten wieder zu ſehen, und ihn in Verhältniſſen wieder zu finden, welche weder ein Verſchulden noch eine Herabwürdigung deſſelben ver⸗ muthen ließen. Als die Geſellſchaft den Berg verließ, gab Mr. Ef⸗ fingham, gewohnt, ſeine Verwandte, Miß Grace, mit väterlicher Aufmerkſamkeit, gleichſam wie eine andere Tochter, zu behandeln, dieſer ſeinen Arm, indem er Evchen der Obhut ſeines Vetters John überließ. Sir George bot ſeinen Arm der Demoiſelle Viefville, und Paul hielt ſich abwechſelnd an der Seite unſerer Heldin und ihrer Couſine, und überließ Ariſtobulus die Wahl, ob er, wie er es nannte, ein„gemiſchter Geſellſchafter“ ſein, oder ſich bald der einen oder der andern Partei anſchließen wollte, wie Neigung oder Zufall es fügen würde. Die einzelnen Paare unterredeten ſich im Gehen natürlich bloß untereinander, oder die Vorangehenden blieben auch wohl ſtehen, um den Nachfolgenden etwas zu ſagen, und beim Bergabſteigen kamen auch einige Vertauſchungen der Begleiter vor, welches wir, wo nöthig, nicht unterlaſſen werden gehörig zu bemerken. „Ich hoffe Sie hatten angenehme Fahrten,“ ſagte John Effingham zu Paul, einen Augenblick benutzend, wo er bei'm Vereinzeln der Paare mit ihm zuſammentraf. „Dreimal über den Ocean, ſo kurz hintereinander, wäre für eine war rede ein: treff mer daß land Ver ſie ſein mit nich cher wuf eine wer ger dig gen ſten lich — 2854— für einen Landgewöhnten eine harte Aufgabe; aber für einen Seemann, der wie Sie, ſo Vieles verſucht hat, waren dieſe drei Reiſen nur Kleinigkeit.“ „In dieſer Beziehung kann ich wirklich von Glück reden; denn Sie wiſſen aus Erfahrung, daß der Foam ein tüchtiger Schnetiſegler iſt, und Ducie iſt nicht bloß ein trefflicher Seeofficier, ſondern auch ein äußerſt angeneh⸗ mer Reiſegeſellſchafter. Ich habe Ihnen bereits geſagt, daß ich den Rückweg hierher wie die Hinfahrt nach Eng⸗ land mit ihm gemacht habe.“ Dieſe Worte waren ſo einfach, und während ſie die Veranlaſſung ſeiner Reiſe durchaus nicht berührten, hoben ſie gleichwohl alle ſtörende Ungewißheit; indem alle, die ſeine Worte hörten, daraus abnehmen konnten, daß er mit dem Manne, welcher ſein Verfolger zu ſein ſchien, nicht in feindlichen, ſondern vielmehr in freundſchaftli⸗ chen Verhältniſſen geſtanden habe. Ivhn Effingham wußte recht gut, daß Niemand von dem Befehlshaber eines Kriegsſchiffes als Reiſegeſellſchafter betrachtet werde auf dem Schiffe, welches er befehligt, ſobald der geringſte Grund vorhanden iſt, ihn ſolcher Ehre unwür⸗ dig zu halten. „Sie haben übrigens einen tüchtigen Umweg hierher gemacht, denn die Entfernung über Quebee iſt wenig⸗ ſten um den vierten Theil größer als der gewöhn⸗ liche Weg.“ „Ducie wünſchte ſehr, daß ich ihn hach Quebee be⸗ — 286— gleitete; ich konnte es nicht über mich gewinnen, ihm es abzuſchlagen. Er beſtand ſogar anfänglich darauf, die Erlaubniß erwirken zu wollen, mich in New York, wo er mich endlich gefunden, wie er ſagte, ans Land ſetzen zu dürfen. Doch dieſes gab ich nicht zu, weil ich fürchtete, er könnte alsdann leicht ſeine gehoffte Beför⸗ derung verfehlen, wozu eben ſo gute Ausſichten, wegen ſeines wichtigen, zur Wiederhabhaftwerdung der bewußten unterſchlagenen Summe geleiſteten Dienſtes vorhanden waren. Statt Urlaub zu nehmen, lieber in ſteter Be⸗ rührung mit ſeinen Vorgeſetzten in der Erfüllung wich⸗ tiger Aufträge zu bleiben, hielt ich für ihn vortheilhaf⸗ ter, und ſeine Beförderung ſchien mir alsdann gewiſſer zu ſein.“ „Hat ſeine Regierung wirklich ſeine Beharrlichkeit in der Verfolgung des treuloſen Beamten einer ſolchen Be⸗ lohnung würdig gehalten?“ „Wohl hat ſie das. Er commandirt jetzt eine See⸗ ſtation, und verdankt dieſe Auszeichnung einzig und al⸗ lein ſeinem beſonnenen Benehmen und gutem Glück bei jener Gelegenheit; wiewohl in ſeinem Lande die Ränke des Privatlebens denen des öffentlichen Lebens in kei⸗ ner Hinſicht nachſtehen.“ Eochen freute ſich über die Betonung, die er unwill⸗ kührlich auf die Worte: in ſeinem Lande legte, und es däuchte ihr, daß ſeine Bemerkung überhaupt einen Sinn verrathe, welchen nicht leicht ein Engländer mit ſeinen Worten verbinden könne.*) „Iſt es Ihnen nicht irgend einmal eingefallen,“ frug John Effingham im Förtgang des Geſprächs,„daß un⸗ ſer unverhofftes und plötzliches Scheiden von einander zur Verabſäumung einer wichtigen Pflicht von meiner Seite Veranlaſſung gegeben, oder daß wir vielmehr Beide gefehlt haben?“ Paul blickte ihn erſtaunt an, und ſeine Gebärde ſchien eine Erklärung von Seiten des Fragenden zu erwarten. „Erinnern Sie ſich nur an das verſiegelte Pack des armen Mr. Monday, welches wir beide gleich nach unſe⸗ rer Ankunft in New York mit einander öffnen wollten, und von deſſen Inhalt, wie wir einige Urſache hatten, zu vermuthen, die Wiederausgleichung irgend wichtiger Rechtsverletzungen von Privatperſonen abhängen mochte⸗ Ich behändigte Ihnen das Päckchen in dem Augenblick, als ich es von dem Sterbenden im Empfang nahm, und in der Eile Ihres Abſchiedes vergaßen Sie dieſe Angelegenheit.“ „Das iſt alles nur zu wahr, und zu meiner Be⸗ ſchämung muß ich bekennen, daß bis dieſen Augenblick *) Die Leſer werden ſich aus der„Heimfahrt“ erinnern, daß Paul Powis jeder Erklärung, ob Amerika oder England ſein Vater⸗ land ſei, beharrlich auswich. Wie ſehr Evchen Effingham bei ihrer Vaterlandsliebe daran gelegen ſein mußte, daß er ein Amerikaner ſei,— haben die Leſerinnen nicht vergeſſen. — 288— mir die ganze Geſchichte völlig aus dem Gedächtniß ge⸗ kommen war. So lange ich in England war, beſchäf⸗ tigte meine Gedanken ſo Mancherlei, daß ich ohne be⸗ ſondere Veranlaſſung mich nicht wieder an dieſes Ge⸗ ſchäft erinnert haben würde, zumal da während der ganzen Zeit das Packet nicht wieder in meine Hände ge⸗ kommen iſt.“ „Es iſt doch nicht verloren gegangen, will ich hof⸗ fen!“ ſiel John Effingham ein. „Gewiß nicht; es iſt wohlaufgehoben; zweifeln Sie nicht daran, es liegt noch ruhig in der Schreibſchatulle, worin ich es ſelbſt eingeſchloſſen habe. Aber, ſogleich nach unſerer Ankunft in Portsmouth, begaben wir uns, Ducie und ich, ohne zu verweilen, nach London, und ſobald er ſein Geſchäft bei der Admiralität beendigt, be⸗ gaben wir uns nach Yorkfhire, wo wir mit für uns beide äußerſt wichtigen Privatangelegenheiten vollauf zu thun hatten, während ſein Schiff ſich in den Docks befand, und darauf war es nöthig, mehre Beſuche bei unſern Verwandten abzuſtatten—“ „Verwandten!“ wiederholte Evchen unwillkührlich, ob⸗ gleich ſie nicht aufhörte ſich während des übrigen Theils des Weges über dieſen unbeſonnenen Ausruf ſtille Vor⸗ würfe zu machen. „Bei unſern Verwandten—“ entgegnete Paul lã⸗ chelnd.„Capitain Ducie und ich ſind nämlich Geſchwi⸗ ſterkinder; und folglich hatten wir die Stammwohnun⸗ 3 ge⸗ ſchäf⸗ e be⸗ Ge⸗ der e ge⸗ hof⸗ Sie tulle, gleich uns, und t, be⸗ uns ollauf Docks he bei h, ob⸗ Theils Vor⸗ ul lä⸗ eſchwi⸗ hnun⸗ — 289— gen mehrer Familienglieder zu beſuchen. Die Erfüllung dieſer Pflicht nahm unſre ganze Zeit in Anſpruch, ſo daß uns kaum ein paar Tage übrig blieben um unſere Vor⸗ bereitungen zur Abreiſe nach Quebee zu treffen. Sobald wir im Haven anlangten, verließ ich das Schiff, um die großen See'n und den Waſſerſturz des Niagara zu be⸗ ſuchen. Meine meiſten Sachen blieben unter Obhut des Capitain Ducie zurück; er verſprach mir ſolche mit⸗ zubringen, ſobald er mir nachkommen würde, was, wie er hoffte, bald geſchehen könne, da er nach Weſtindien abgehen ſollte, um dort den Befehl einer Fregatte zu übernehmen. Er ſagte, dieſe Aufmerkſamkeit ſei er mir ſchuldig, da er die einzige Veranlaſſung ſei, daß ich ihm zu Gefallen einen ſo weiten Weg mit ſo vielem Gepäck habe machen müſſen. Das Packet des unglücklichen Mon⸗ day befindet ſich glücklicher Weiſe bei den übrigen Sa⸗ chen, welche Ducie mir wieder zuſtellen wird.“ „Erwarten Sie alſo, daß Capitain Ducie bald in dieſe Gegend kommen werde? Das dieſe Papiere be⸗ treffende Geſchäft darf auf keinen Fall länger aufge⸗ ſchoben werden; denn ein einem Sterbenden gegebenes Verſprechen iſt doppelt verbindlich, ein ſolches nimmt unſer Aller Gefühl am dringendſten in Anſpruch. Statt dieſen Gegenſtand noch länger aufzuſchieben, würde ich lieber vorziehen, einen beſondern Boten nach Quebec abzufertigen.“ „Das würde ganz unnöthig ſein; denn es würde in 127.— 129. 19 — 290— dieſem Augenblick nichts nützen. Ducie hat geſtern ſchon Quebec verlaſſen und hat ſeine und meine Sachen auf dem kürzeſten Weg nach New Jork expedirt, wohin ſie ſein Steward*) ſelbſt hinbringt. Die Schreibſchatulle aber, welche noch andere wichtige Papiere enthält, welche uns beide angehen, hat er mir verſprochen nicht aus den Augen zu laſſen; er nimmt ſie mit und ſie begleitet ihn auf demſelben Weg, den ich gemacht habe; denn er wünſcht ebenfalls die großen See'n und den Niagarafall zu ſehen. Er folgt jetzt meiner Spur und wird ſogleich an mich ſchreiben, ſobald er in Utica eintrifft, damit wir einander an irgend einem Ort an dem Verbindungs⸗ canal, der hier vorbeiführt, treffen können, um alsdann unſre Reiſe nach New York gemeinſchaftlich fortzuſetzen.“ Die Andern horchten auf dieſe kurze Mittheilung ih⸗ res Reiſegefährten mit geſpannter Aufmerkſamkeit und mit einer Theilnahme, welche auf Mr. Monday's Pa⸗ piere nicht die geringſte Beziehung hatte. John Effing⸗ ham näherte ſich ſeinem Vetter und machte ihn in we⸗ nigen Worten mit den Umſtänden bekannt, wie ſie eben von dem jungen Mann erzählt worden, ohne jedoch der Papiere des Mr. Monday zu erwähnen, weil er über *) Steward ein vielbedeutendes Wort: Burgverwalter, Schloßauf⸗ ſeher, Haushofmeiſter, Küchenmeiſter,— auf größern Schiffen, der Aufſeher über Speiſe und Trank,— der Tafelmeiſter. Anm. d. Ueberſ. ſchon auf ſie tulle elche aus eitet n er gfall leich amit ngs⸗ dann en.“ ih⸗ und Pa⸗ fing⸗ we⸗ eben der über ßauf⸗ iffen, 29— dieſe Angelegenheit bisher als ein ihn zunächſt betreffen⸗ des Geſchäft ſich gegen die Andern nicht äußern mochte. „Es würde bloß eine Erwiederung von Höflichkeiten ſein, wenn wir den Capitain Ducie einladen wollten, von ſeiner Reiſerichtung abzulenken und einige Tage mit uns im Gebirge zuzubringen,“ fügte er hinzu;„um welche Zeit etwa glauben Sie, Powis, daß er an dem Canal eintreffen werde?“ „In den nächſten vierzehn Tagen. Ich halte mich überzeugt, daß es ihm Vergnügen machen wird, Ihnen hier ſeine Achtung zu beweiſen; denn öfter hat er ge⸗ äußert, wie leid es ihm thue, daß ſeine Dienſtpflicht ihn damals genöthigt habe, die Damen ſo vielen Gefahren und einer ſo langwierigen Reiſe auszuſetzen.“ „Capitain Ducie iſt ein naher Verwandter von Mr. Powis, lieber Vater,“ ſagte Evchen, um zugleich ihrem Vater zu zeigen, wie angenehm ihr ſelbſt der Beſuch eines Verwandten Pauls ſein werde; denn Mr. Effing⸗ ham berückſichtigte gern die Wünſche ſeiner Tochter und pflegte ſelten einen Gaſt in ſein Haus einzuführen, ohne vorher ſich zu überzeugen, daß er auch der Gebieterin des Hauſes willkommen ſei. „Ich werde mir das Vergnügen machen, noch die⸗ ſen Abend ſelbſt an Capitain Ducie zu ſchreiben, um ihn einzuladen, uns mit ſeiner Geſellſchaft zu beehren,“ entgegnete Mr. Effingham.„Wir erwarten in wenigen Tagen noch einige andere Gäſte, und wir wollen uns 19* 292— bemühen, ihm die Zeit nicht lang werden zu laſſen, welche er in dieſer Einſamkeit unſern Wünſchen widmen wird. Mr. Powis wird die Gewogenheit haben, meinen Brief in einem der ſeinigen einzuſchließen und meine Bitte durch ſeine gütige Fürſprache zu unterſtützen.“ Paul ſagte einige Höflichkeiten, welche ſein Vergnü⸗ gen über dieſen Vorſchlag ausdrückten, und darauf ſetzte die Geſellſchaft ihren Weg fort; nur hatte dieſe Unter⸗ brechung eine ſolche Veränderung in der Vertheilung der ſämmtlichen Spaziergänger bewirkt, daß ſich der junge Mann jetzt allein an Evchens Seite befand. Sie hatten unterdeſſen nicht bloß die Landſtraße erreicht, ſon⸗ dern waren auch wieder von derſelben abgelenkt, indem ſie einen ſeitwärts führenden, alten, längſt aufgegebenen Fahrweg folgten, welcher ſich den Abhang thalwärts hinabwand, ein weiterer und gefährlicherer Umweg, als ſolches den auf Kürze und Bequemlichkeit berechneten neuen Weganlagen zuſagt, ein nothdürftiger, bloß das augenblickliche Bedürfniß berückſichtigender, roher Fahrweg, wie die erſten Anſiedler eines neu urbargemachten Bo⸗ dens dergleichen anlegen, ſo lange es ihnen an der Zeit und den Mitteln gebricht, welche vortheilhaftere und angenehmere Einrichtungen uöglich machen. Wenn auch beſchwerlicher und unſicherer als die neu angelegte Landſtraße, war dennoch dieſer, an die Kindheit der An⸗ ſiedlung erinnernde Weg weniger geräuſchvoll und weit anmuthiger. Fußgänger pflegten deßhalb dieſen Weg — 293— vorzuziehen, wenn ſie den Viſions⸗Berg beſuchen wollten, um die Ausſicht dort zu genießen. Der Einfluß der Witterung hatte ſeine Breite vermindert, und junger Nach⸗ wuchs mit verſchränkendem Gezweig ihn faſt ganz über⸗ wölbt, ſo daß er in einen Fußpfad mit ſchattiger Laub⸗ bedachung umgewandelt war. Evchen äußerte ihr Wohl⸗ gefallen an dieſen romantiſchen und erquicklichen Schat⸗ tengängen, die mit der Kühnheit der Abſtürze das Be⸗ hagliche eines verſteckten Bergpfades vereinigten. Durch die Oeffnung des Dickichts wechſelten fortwährend neue Anſichten des See's und des Dorfes je weiter ſie ihren Weg fortſetzten, und diejenigen, welchen dieſe Scenerie noch neu war, äußerten laut ihre Empfindungen von Befriedigung und Bewunderung. „Die meiſten Perſonen, welche dieſes Bergthal noch nicht geſehen haben,“ bemerkte Ariſtobulus,„pflegen, wenn ſie es zum erſten Mal betrachten, es ſehr zu lo⸗ ben; und was mich betrifft, ich finde es ſelbſt wunder⸗ lich genug.“ „Wunderlich!“ rief Paul,„der Herr iſt wirklich ein⸗ zig in der Wahl ſeiner Ausdrücke.“ „Sie ſind wohl ſchon öfter mit ihm zuſammengetrof⸗ fen,“ ſagte Evchen lachend; denn an dieſem Tage ſchien Evchen vorzüglich aufgelegt, um auch über Kleinigkeiten zu lachen.„Wir wiſſen ſchon, daß Sie einander ken⸗ nen; denn er hat uns einigermaßen vorbereitet, daß 294— wir Sie als einen Dichter kennen lernen würden, wäh⸗ rend wir in Ihnen nur einen alten Freund erkannten.“ „Nur? Miß Effingham! ſchätzen Sie die Dichter ſo hoch und alte Freunde ſo wenig?“ „Dieſer ſonderbare Mann, Mr. Ariſtobulus Bragg⸗ verwirrt unſere Anſichten und Urtheile wirklich in ſol⸗ chem Grade, daß wir, wie es ſcheint, beinahe die ge⸗ wöhnliche Bedeutung unſrer Worte vergeſſen. Er iſt ſo durchaus überall in ſeiner Sphäre und doch nirgends am rechten Orte, wie mich dünkt;— zu gleicher Zeit ſo liſtig und ſo einfältig,— ſo ungeſchickt in allem, was er treibt, und dabei ſo bereitwillig zu allem Mög⸗ lichen,— daß ich mich wirklich in der größten Verle⸗ genheit befinde, die rechten Worte zu finden, wenn von ihm und ſeinem Reden und Treiben geſprochen wird. Ich beſorge beinah, daß er Ihnen ſeit Ihrer Ankunft in Templeton beſtändig nachgeſtellt hat?“ „Ganz und gar nicht; ich bin mit Leuten ſeiner Art ſo ziemlich bekannt, um mir einen Tact zu erwerben, wie ſolche behandelt werden müſſen. Sobald ich bemerkte, daß er von der Einbildung befangen war, ich habe vor, „den See zu poetiſiren,“ wie er ſich ausdrückte, ſorgte ich dafür, ein paar gereimte Zeilen, flüchtig hingekritzelt, gleichſam ungekünſtelte Ergüſſe des Gefühls, denen alle nöthige Feile noch fehlt, an Stellen fallen zu laſſen, wo ich überzeugt war, daß er ſie finden müſſe, und es Art rben, erkte, vor, orgte ttzelt, 1 alle laſſen, nd es — 2935— iſt mir geglückt, durch dieſe befriedigte Neugier eine ganze Woche lang ſeine Zudringlichkeit los zu werden.“ „Es ſcheint demnach, daß Sie wirklich dergleichen poe⸗ tiſche Launen haben?“ ſagte Evchen ſchalkhaft dazu lä⸗ chelnd. Ich bin ebenſo unſchuldig an dichteriſcher Anmaßung als an dem Wunſch die Erbin des Britiſchen Throns zu ehe⸗ lichen, welches wirklich in dieſem Augenblick das ehr⸗ geizige Streben aller Icarus⸗Seelen der jetzigen Zeit ausmacht. Ich bin nichts weiter als ein verſchmitzter Plagiarius; denn die Reime, deren Trefflichkeit mir eine ganze Woche lang rühmliche Anerkennung erwarben, be⸗ ſtanden in nichts anderm als in ein paar Verſen von Pope, einem Dichter, der in dieſen palmenreichen Ta⸗ gen der gegenwärtigen Literatur, wo alles Wiſſen und Können ſich einzig um die neueſten Erzeugniſſe der letz⸗ ten zwei bis drei Jahre herumdreht, ſo ganz vergeſſen iſt, daß man ſich ohne Furcht vor unwillkommener Ent⸗ deckung ſich ſeiner Verſe bedienen und damit als ein claſſiſcher Dichter eigner Art auftreten kann. Es wa⸗ ren dieſes bloß die erſten gereimten Zeilen ſeines„Ver⸗ ſuch über den Menſchen,“ welche, glücklicherweiſe eine Anſpielung auf den„Stolz der Könige“ enthaltend, für originelle Gedanken, und vielleicht in neunzehn unter zwanzig amerikaniſchen Dörfern ſogar für treffliche Ge⸗ danken gelten können, zumal in dieſen großſprecheriſchen Zeiten des Ultra⸗Republicanismus! Ich zweifle kaum, daß Mr. Bragg nichts anders erwartete, als eine gereimie Lobrede auf das„Volk“ werde demnächſt folgen, und dieſer dann eine glühende Schilderung der Herrlichkeiten von Templeton und deſſen Umgebungen.“ „Ich weiß nicht, wie ich dieſe Anſpielungen auf unſre freiſinnige Denkart bei einem Fremden aufnehmen ſoll,“ ſagte Evchen, indem ſie eine ganz ernſthafte Miene an⸗ nahm, welche indeſſen wenig zu ihrer innern Stimmung paßte; denn in ihrem Leben noch nie hatte unſre Heldin ſich ſo glücklich gefühlt, als an dieſem Morgen. „Bei einem Fremden! Miß Effingham! einem Frem⸗ den! wie verſtehn Sie das?“ „Wie, erinneren Sie ſich nicht mehr, daß Sie ſich ſelbſt einen Weltbürger nannten? Und muß nicht der Vetter von Capitain Ducie auf jedem Fall ein Englän⸗ der ſein?“ „Für das müſſen oder ſein ſollen kann ich in dieſem Fall nicht einſtehen. Doch das einfache Verhält⸗ niß, in welchem ich zu ihm ſtehe, beantwortet Ihre Frage hinreichend. Der Vetter des Capitain Ducie iſt nämlich kein Engländer, noch hat er jemals in der britiſchen Marine gedient, noch in irgend einer, als in der ſeines Geburtslandes.“ 3 „Das heißt wahrhaftig unſre Zweifel durch Ueber⸗ raſchung beſiegen, und dazu auf eine recht erwünſchte Weiſe!“ antwortete Evchen, indem ſie mit unverſtellter Freude zu ihm aufblickte, während ein lglühendes Roth Ausd ter niſch woh dara zuge Jah verg Zeit Eri bis dig der auf Eir bis Ab hol ſich der län⸗ h in hält⸗ rage nlich ſchen eines eber⸗ iſchte ellter Roth 297— ihre ſchönen Züge überwallte.„Wir konnten nicht wohl anders als einige Theilnahme fühlen für einen Mann, der uns ſo weſentliche Dienſte erwieſen hat, und ſowohl mein Vater als Mr. John Effingham—“ „Vetter John!“ unterbrach ſie Paul mit eigenthümli⸗ chem Nachdruck. „Vetter John alſo; wenn Ihnen meine zu förmliche Ausdrucksweiſe mißfällt;— beide, mein Vater und Vet⸗ ter John haben in dem Namensverzeichniß der amerika⸗ niſchen Marineofficiere nach dem Ihrigen geſucht, wie⸗ wohl vergeblich, wie ich hörte, und der Schluß den ſie daraus zogen, war wahrſcheinlich genug, wie Sie ſelbſt zugeben werden.“ „Hätten beide ein Namensverzeichniß von einigen Jahren früher nachgeſchlagen, ſo würde ihre Mühe nicht vergeblich geweſen ſein. Ich habe ſchon ſeit längerer Zeit den Seedienſt verlaſſen, und bin nur noch in der Erinnerung ein Seemann. Während der letzten vier bis fünf Jahr habe ich mich, wie Sie ebenfalls, beſtän⸗ dig auf Reiſen, zu Waſſer und zu Lande, befunden.“ Eochen ſagte nichts weiter; aber jedes Wort, das der Jüngling äußerte, faßte ſie mit aufmerkſamen Ohren auf und bewahrte es in gewiſſenhaft treuem Gedächtniß. Eine Strecke weit gingen ſie ſchweigend neben einander, bis ſie die Anlagen eines Hauſes erreichten, das am Abhang des Berges in der Nähe eines reizenden Nadel⸗ holzwäldchens äußerſt angenehm gelegen war. Indem ſie durch die Anlagen ſpazierten, kamen ſie zu einer Terraſſe an der Vorderſeite des Hauſes; grade gegen⸗ über lag das Dorf Templeton, vielleicht einige hundert Fuß tiefer im Thale, vor ihnen, doch in ſolcher Nähe, daß ſelbſt die kleinſten Gegenſtände darin deutlich ge⸗ ſehen werden konnten. Hier verweilten ſie abermals, um einen noch deutlichern Ueberblick des Ortes zu genießen, der für die meiſten von ihnen von ſo großem Inte⸗ reſſe war. „Ich hoffe, Sie ſind mit den Oertlichkeiten ſeit Ihrer Anweſenheit ſchon hinreichend vertraut geworden, um uns als Cicerone zu dienen,“ ſagte Mr. Effingham zu Paul,„während eines wochenlangen Aufenthaltes in einem Dörfchen wie dieſes hier, werden Sie den„Wig⸗ wam“ wohl nicht überſehen haben.“ „Vielleicht ſollte ich mit der Antwort zögern, oder vielmehr erröthend meinen Fehl geſtehen,“ antwortete der junge Mann, indem er ſeine Worte in letzterer Be⸗ ziehung beſtätigend, unbewußt bis zu den Schläfen er⸗ röthete;„aber meine Neugier hat wirklich über die gute Lebensart den Sieg bei mir davon getragen Ich bin ſo weit gegangen, von der Höflichkeit dieſes Herren Ge⸗ brauch zu machen, um mir in ihrer Wohnung Zutritt zu verſchaffen, und in derſelben und in den ſchönen An⸗ lagen umher länger zu verweilen, als wahrſcheinlich den Hausgenoſſen lieb und angenehm war.“ „Ich hoffe, der Herr wird der Sache keine zu große iner gen⸗ dert ähe, ßen, inte⸗ hrer um n zu s in Wig⸗ oder riete Be⸗ n er⸗ gute h bin Ge⸗ utritt An⸗ ) den große — 299— Wichtigkeit geben,“ ſagte Ariſtobulus,„in unſerm Lande treiben wir alles möglichſt gemeinſchaftlich, und bei mir gilt es als Regel, ſo oft ein Gentleman einkehrt, ſei er Fremder oder Nachbar, ihm ſogleich die Höflichkeit zu erzeigen, ihn zu bitten, ſeinen Hut abzunehmen.“*) „Mir kommt es beinah vor,“ ſagte Evchen, welche gern dem Geſpräch eine andere Wendung geben wollte, „als ſei in Templeton eine ungewöhnliche Menge von Thürmen. Zu welchem Zweck mag wohl ein ſo kleiner Ort einer ſo großen Anzahl ſolcher Bauten bedürfen?“ „Alles der Rechtgläubigkeit wegen, Miß Eochen,“ entgegnete Ariſtobulus, in dem er ſich als denjenigen betrachtete, der ſolche Fragen am beſten beantworten könne.„Jeder dieſer Thürme bewacht eine beſondere Abweichung religiöſer Anſichten.“ „Wollen Sie damit ſagen, Herr, es gebe ſo viele abweichende Meinung in Glaubensſachen in Templeton, als ich da Thürme ſehe, welche ſich über Gebäuden be⸗ finden, die demnach zu gottesdienſtlichen Zwecken zu dienen ſcheinen?“ „Nehmen Sie die Zahl nur gleich doppelt, Miß, und noch Einiges dazu. Hier finden Sie bloß fünf Ver⸗ *) In manchen Geg enden Nordamerika's behält man in anderer 8 9 Leute Häufern den Hut auf dem Kopfe, ſo lange man bloß in Geſchäften kommt, und nimmt den Hut erſt ab, wenn man ſich als angenehmen Beſuch betrachtet. Anm. d. Ueberſ. — 300— ſammlungshäuſer, außer den der Graſſchaft gehörigen Bethäuſern; wir zählen aber allein ſieben einander ausſchließende Hauptgemeinden, ohne diejenigen in An⸗ ſchlag zu bringen, welche von der einen oder andern nur in Kleinigkeiten abweichen. Das Gebäude, welches Sie von hieraus in grader Richtung mit den Schorn⸗ ſteinen des uns zunächſt ſtehenden Hauſes ſehen können, iſt die„Neue Saint Paulskirche“, die alte Kirche des Mr. Grantz ein ſo rechtgläubiges Gotteshaus als irgend eines im ganzen Bezirk zu finden iſt, wie Sie ſolches ſchon an ſeinen Fenſtern abnehmen können. Dieſer Um⸗ ſtand gereicht dieſer Kirche zu beſonderm Gewinn; doch hat der zahlreiche Beſuch derſelben ſeit kurzem nachge⸗ laſſen, weil den Prediger eine Erkältung befallen, und dieſe ihm eine Heiſerkeit zugezogen hat. Indeſſen bin ich ge⸗ wiß, daß er bald von ſeinem Uebel befreit werden und nach wie vor zahlreichen Zuſpruch haben wird; denn das iſt kein triftiger Grund ein ſolches Gotteshaus auf⸗ zugeben, ſo ſchlimm auch im Augenblick die Sache ſtehen mag. Eine kleine Anzahl der Unſrigen ſind feſt ent⸗ ſchloſſen bei der Neuen Saint Paulskirche beharrlich feſtzuhalten, ſo lange dieſe Kriſis auch dauern mag, und ich ſelbſt habe meinen Kopf darauf geſetzt, wenig⸗ ſtens die Hälfte meiner Kirchengänge nur nach dieſer zu thun.“ „Es freuet mich, daß Sie uns ſo oft Geſellſchaft leiſten, Mr. Bragg,“ ſagte Mr. Effingham,„denn dieſe Kirche getau giöſer Wort 5 ham, unſre der 9 Anda und finſte drübe nicht Meth Gem faßt, weite imme fel d halte fort — 301— Kirche iſt auch die unſrige, und in ihr iſt meine Tochter getauft worden. Aber theilen Sie vielleicht Ihre reli⸗ giöſen Meinungen in Hälften ab, oder wie ſoll ich Ihre Worte verſtehen?“ „Wir theilen ſolche in ſo viele Theile, Mr. Effing⸗ ham, als es unterſcheidende kirchliche Benennungen in unſrer Nachbarſchaft gibt, und ich wende demungeachtet der Neuen Saint Paulskirche den größern Theil meiner Andacht zu, vorzüglich des erwähnten Umſtandes wegen, und ganz beſonders wegen ihrer Fenſter. Das dunkle, finſterblickende Gebäude, Miß, ganz im Hintergrunde drüben, iſt der Methodiſten⸗Betſaal, von dem ich Ihnen nicht ſonderlich viel Rühmens machen kann, weil die Methodiſten nur wenig bei uns vermocht haben, ſeit die Gemeinde des„Neuen Lichts“ bei uns feſten Fuß ge⸗ faßt, welche die religiöſen Aufregungen jener bei weitem überboten hat. Doch dünkt mich, daß ſie noch immer an der alten Lehre feſthalten, welche ohne Zwei⸗ fel der Hauptgrund ihres dermaligen gleichgültigen Ver⸗ haltens iſt, denn die Leute ſind, wie wir wiſſen, immer⸗ fort auf Neuerungen verſeſſen!“ „Darf ich fragen, Herr, welches Gebäude das da drü⸗ ben iſt, faſt in derſelben Richtung von hieraus, wo die neue Paulskirche ſteht, und dieſer einigermaßen ähnlich an Farbe und Aeußerem?“ „Nur keine ſolche Fenſter; es hat vielmehr zwei Reihen regelmäßiger, vierkant⸗giebligter Fenſter, Miß Effingham, wie Sie ſehen. Das iſt die Kirche der ältern Preſbyterianer, ganz nach den alten Lehrſätzen; ein recht anſehnliches Gotteshaus, auch ein recht guter Glauben, wie es die Zeit mit ſich bringt. Ich habe mir vorgenommen und ſetze es auch durch, alle vierzehn Tage wenigſtens ein Mal dem Gottesdienſt dort beizu⸗ wohnen; denn Abwechſelung liegt nun einmal in des Menſchen Natur. Ich will jedoch nicht in Abrede ſtel⸗ len, Miß Effingham, daß, ſo weit ich darüber urtheilen kann, ich jedenfalls der Neuen Saint Paulskirche den Vorzug geben, und es hat mich daher nicht wenig ge⸗ ſchmerzt, daß dieſe Preſbyterianer erſt kürzlich uns aus⸗ geſtochen haben, und zwar in einem weſentlichen Puncte, meine ich.“ „Es thut mir leid, dieſes zu erfahren, Mr. Bragg; denn da ich ſelbſt zur biſchöflichen Gemeinde gehöre, und große Verehrung für das hohe Alterthum und die reine Lehre meiner Kirche bewahre, ſo würde es mich ſehr ſchmerzen, wenn ihr von einer andern die Nachrede ge⸗ ringerer Rechtgläubigkeit widerführe.“ „Ich fürchte, wir werden demungeachtet unſere Sache faſt verloren geben müſſen; denn dieſe Preſbyterianer, haben unſre Kirchenleute faſt ganz um ihren Verſtand gebracht.“ 1 „Und in welchem Punct haben Jene eigentlich ein ſo großes Uebergewicht über uns erlangt?“ „Das will ich Ihnen ſagen, Miß. Die neue Glocke der die d Ton ſes 2 Abree ſo l mache Sehe Thal, kleine Beſtit dazu trifft, „2 wirkli Sie v gionen 7„ wir ſe Gerich ſagte zu hal ſes G allen: men, mit de den Un — 505— der Preſbyterianer wiegt einen guten Theil mehr, als die der neuen Paulskirche, und hat überdieß den beſten Ton von allen. Ich weiß recht gut, daß ſie ſich die⸗ ſes Vortheils über uns dereinſt bei der letzten großen Abrechnung nicht ſonderlich werden rühmen können, aber ſo lange noch unſre Prüfungszeit hienieden währt, machen dergleichen Dinge einen großen Unterſchied.— Sehen Sie das gelbliche Gebäude, dort quer über dem Thal, von einer ſtarken Mauer umgeben und mit einem kleinen Thürmchen geziert? Das iſt ſeiner eigentlichen Beſtimmung zufolge, der Gerichtshof der Grafſchaft ſammt dazu gehörendem Gefängniß, was aber die Religion be⸗ trifft, ſo geht es dort ziemlich durcheinander her.“ „Wollen Sie damit im Ernſte ſagen, es werde dort wirklich gottesdienſtliche Feier gehalten, oder meinen Sie vielleicht nur, daß dort Verbrecher aus allen Reli⸗ gionen gerichtlich verhört werden?“ „„Es würde der Wahrheit weit näher kommen, wenn wir ſagen wollten, daß dort alle Religionsſecten das Gerichtsgebäude verhören, oder ſich darin hören laſſen,“ ſagte Ariſtobulus; in der Meinung etwas Witziges geſagt zu haben, ſelbſt ſeine Worte belächelnd,—„denn die⸗ ſes Gebäude hat, ſo lange es beſteht, meines Wiſſens, allen möglichen Secten, die Juden höchſtens ausgenom⸗ men, zum Betſaal dienen müſſen.— Das Gebäude da, mit dem gothiſchen Thurm aus grünem Holze, gehört den Univerſaliſten, und jenes griechiſche, das noch nicht — 304— getüncht iſt, den Wiedertäufern. Die Quäker halten, wie ich glaube, ihren Gottesdienſt in ihren eigenen Häu⸗ ſern, und die verſchiedenen Nebenzweige der Preſbyteria⸗ nergemeinde kommen in verſchiedenen Betſälen in dazu eingerichteten Privatgebäuden zuſammen.“ „Hiernach gibt es alſo noch Unterſchiede unter den einzelnen unterſchiedlichen Secten ſelbſt,“ frug Evchen mit unverſtellter Verwunderung,„und das an einem ſo kleinen Orte, deſſen Bevölkerung ſo wenig zahl⸗ reich iſt?“ „Wir leben ja in einem freien Lande, Miß Evchen, und Freiheit wirkt Verſchiedenheit der Anſichten. Viel Köpfe, viel Sinne!“ „Das gebe ich zu, Herr,“ ſagte Paul;„aber hier finde ich ſogar viel Sinne in wenig Köpfen. Damit iſt es aber nicht abgethan; ſondern Ihrer eignen Darſtel⸗ lung zufolge, wiſſen manche dieſer Köpfe ſelbſt nicht, weß Sinnes ſie ſind. Doch können Sie uns vielleicht einigen Aufſchluß darüber geben, in welchen Puncten dieſe verſchiednen Meinungen der verſchiednen Secten unter⸗ einander weſentlich abweichen?“ „Dieſe Unterſuchung würde zu weit führen, Herr, eine ganze Lebenszeit könnte dazu erfordert werden, dieſe Puncte gehörig feſtzuſtellen. Die Einen ſetzen das We⸗ ſen der Religion in der Aufregung, die Andern in der Seelenruhe. Eine Partei beſteht auf gute Werke als es pl lten, Häu⸗ eria⸗ dazu den chen nem ahl⸗ hen, Viel hier iſt tel⸗ cht, icht ieſe ter⸗ — 303— Früchte des wahren Glaubens, eine andere verwirft ſolche durchaus. Dieſer behauptet, er werde ſelig wer⸗ den, wenn er Gutes thut, und Jener behauptet dagegen, thue er bloß Gutes, ſo werde er verdammt. Dem Einen ſcheint ein geringer Antheil am Uebel als nothwendiges Erforderniß zur Heiligung; einem Andern dünkt die Be⸗ kehrung am nächſten, wann er ſich am tiefſten in Sün⸗ den verſenkt fühlt.“ d „Unterabtheilungen gehören wnd zur Tages⸗ ordnung,“ bemerkte John Effingham;„jede Grafſchaft bedarf ihrer Unterabtheilungen, damit es deſto mehr Haupt⸗ orte in jeder Grafſchaft gebe und eine deſto größere Anzahl von Beamten. Deßgleichen theilt ſich auch jede religiöſe Secte in immer mehr Unterabtheilungen, da⸗ mit ſie einer deſto größern Verſchiedenheit ſich erfreue, und deſto verſchiednere Abarten von Heiligen aufweiſen könne.“ Ariſtobulus nickte mit dem Kopfe und würde vielleicht noch deutlichere Winke des Einverſtandenſeins gegeben haben, wenn er es gewagt hätte, ſich ſolche Freiheiten in Gegenwart eines Mannes zu erlauben, vor dem er eine ſolche habituelle Scheu empfand, wie vor John Effingham. „Monsieur,“ frug je es denn keine église, pleton?" 127.— 129. tzt Mademoiſelle Viefville,„gibt keine vöritable église in Tem⸗ 20 „Ja wohl, Madame, es gibt deren mehre,“ erwie⸗ derte Ariſtobulus, der eben ſo leicht zu bewegen geweſen wäre, ſein Nichtwiſſen, was ſie mit ihrer véritable église meine, einzugeſtehen, als eine der von ihm genannten Secten und deren Sectionen zu bewegen geweſen wären, zuzugeben, daß ſie nicht in dem alleinigen Beſitz der unfehlbar richtigſten und befeligendſten Auslegung der chriſtlichen Lehre ſich befänden;—„es gibt deren mehre,“ ſagte er,„aber von dieſer Stelle aus können wir ſolche nicht ſämmtlich ſehen.“ „Wie weit maleriſcher würde es ſein, und ſelbſt chriſtlicher, wenigſtens dem äußern Verhalten nach,“ ſagte Paul,—„wenn dieſes gute Völkchen insgeſammt ſich zu einer gemeinſchaftlichen Gottesverehrung vereinigen wollte!— Und wie grell tritt dagegen in dem hier waltenden Treiben die Schwäche und Unwiſſenheit der Menſchen hervor, wenn wir ſie um haarſcharf zerſplit⸗ ternde Unterſcheidungen ſich zanken ſehen, wo es ſich doch von Lehrſätzen handelt, die in den einfachſten Worten zu jedem Herzen reden; von Lehrſätzen, deren Hauptinhalt kein anderer iſt, als das gläubige Vertrauen zu einem allgütigen und allmächtigen Weſen, deſſen Wollen und Wirken zu faſſen unſre Fähigkeiten unvermögend ſind!“ „Das iſt durchaus wahr an ſich,“ warf John Effing⸗ ham ein;„was würde aber aus der Gewiſſensfreiheit werden, wenn alle Einwohner ſich in eine einzige Kirche ͤä d8 vereinigen müßten?— Die meiſten Menſchen verſtehen heutiges Tages unter Glauben das feſte Vertrauen auf ihre eigne Meinungen.“ „In ſolchem Falle würden wir,“ ſetzte Ariſtobulus hinzu,„auch dieſer ſchönen Schauſtellung verſchiedner kirchlichen Gebäude entbehren müſſen, welche unſerm Dorfe zu großer Zierde gereichen. Und noch andere Vortheile gehen aus der beſtehenden Spaltung hervor; denn Jedermann wird weit lieber ein Eigenthumsbeſitzer in einem Ort ſein wollen, der fünf Kirchen beſitzt, als in einem andern, wo nur eine einzige vorhanden iſt. So wie jetzt die Sachen ſtehen, kann ſich Templeton einer ſo herrlichen Auswahl von ſchönen Kirchen rühmen, als man irgendwo ſonſt finden kann.“ „Sagen Sie lieber: eine Auswahl von Biberhütten, denn eine auffallendere Aehnlichkeit mit Eſſigfläſchchen und Senfgläschen, als wir hier auf dieſen baukünſt⸗ leriſchen Meiſterwerken aufgeſtülpt ſehen, dürfte wohl Niemanden vorgekommen ſein.“ „Es bleibt demungeachtet ein ſchöner Anblick, wenn die Spitzbogenbedachung eines Gotteshauſes über die menſchlichen Wohnungen emporragend, dieſe gleichſam ſchützend um ſich verſammelt, wie wir ſolches in andern Ländern ſahen,“ bemerkte Evchen,—„einen erhabnern Eindruck macht ein ſolcher Anblick, als ein ungeheurer Wirthshausbau, den wir hier an manchen Orten über alle 20* — 508— andern Gebäude ſich erheben ſehen, in unſerm lieben Vaterlande.“ Nach dieſer Bemerkung ſtiegen Alle die Stufen der Terraſſe hinab, und ſetzten ihren Weg nach dem Dorfe fort. Als ſie bis an das Einfahrtthor des„Wigwams“ gekommen waren, blieb die ganze Geſellſchaft eine Weile ſtehen, um die Wirkung dieſes eigenthümlichen Bauſtyls von John Effingham in der Nähe zu betrachten; ſeine Verſchönerungen des urſprünglichen Baues von Hiram Doolittle waren ſo vorzüglich in ihrer Art, daß jener vormals ausgezeichnete Baukünſtler wenige Spuren von ſeinen eignen Leiſtungen würde haben auffinden können.“ „Ich möchte dieſes,“ bemerkte Mr. Effingham ganz trocken,„eine Ausführung in Bauſch und Bogeu nennen, John, wie Du den Bauplan des zuſammengeſetzten Styls umgeſtaltet haſt.“ „Es würde mir leid thun, wenn Dir Dein Haus nicht mehr gefallen ſollte, Edward, da es jetzt ausgebeſ⸗ ſert und verbeſſert worden iſt.“ „Ei, Vetter John, das iſt ja ein wunderliches Ge⸗ miſch des griechiſchen und des gothiſchen Bauſtyls,“ rief Eochen aus.„Ich möchte wohl Ihre Auctoritäten für folche Willkührlichkeiten kennen.“ „Was halten Sie von der Facade der Kathedrale von Mailand, Miß?“ frug ihr Vetter, das letzte Wort auf eine Weiſe betonend, wie Ariſtobulus pflegte.„Iſt Lar har päi des iſt en V — 309— es denn etwas ſo ganz Unerhörtes, die beiden Arten von Bauſtyl in demſelben Gebäude verbunden zu ſehen? oder iſt die Baukunſt in Amerika ſo wähleriſch, daß Sie mich eines unverzeihlichen Fehlers zeihen dürften?“ „Nein, nichts, was wider die Regel verſtößt, darf in einem Lande auffallen,“ erwiederte ſie,„wo Nach⸗ ahmung in allen unweſentlichen Dingen die Oberhand behält, und Eigenthümlichkeit alles vernichtet, was uns heilig und theuer iſt.“ „Zur Beſtrafung ſolcher kühner Aeußerungen möchte ich wünſchen, daß ich das alte Eulenneſt gelaſſen hätte, wie ich es vorfand, damit deſſen urſprüngliche Schön⸗ heiten Eure Augen entzückt hätten, ſtatt dieſer unge⸗ ſchickten Maſſe, welche Eurem verwöhnten Geſchmack nicht zuſagt. Mademoiſelle Viefville, erlauben Sie mir, Sie zu fragen, wie Ihnen dieſes Haus behagt?“ „Mais c'est un petit chäteau." „Un chaàteau Effinghamisé,“ ſagte Evchen lachend. „Effinghamisé, si vous voulez, ma chêre; pourtant c'est un petit chateau.“ „Die allgemeine Anſicht in dieſer Gegend unſeres Landes iſt,“ ſagte Ariſtobulus,„daß Mr. John Effing⸗ ham ſeine Bauveränderungen nach irgend einem euro⸗ päiſchen Muſter vorgenommen habe; der Namen aber des Gebäudes, deſſen Plan er dabei benutzt haben ſoll, iſt mir entfallen; ein Tempel war es; aber es war weder das Pantheon, noch der Tempel der Minerva.“ 1 — 310— „Ich hoffe wenigſtens,“ ſagte Mr. Effingham, indem er der übrigen Geſellſchaft durch den von Bäumen be⸗ ſchatteten Hofraum voranging,„daß es nicht am Ende gar der Tempel des Gottes der Winde war.“ Bei J. D. Sauerländer in Frankfurt am Main iſt erſchienen und in allen Buch⸗ handlungen zu haben: Fenimore Cooper in zehn Bänden. Da die dritte Auflage von Cooper's Erzählungen — als erſte Bändchen der Ausgabe von Cooper's ſämmtlichen Werken in Taſchenformat— zu Ende geht, iſt es nothwendig geworden, davon eine neue Ausgabe zu veranſtalten. Dieſelbe wird unter dem Titel: F. Cooper's ausgewählte Romane nur ſeine beliebteſten Erzählungen enthalten; nämlich: Der Spion, Die Steppe, Der Letzte der Mohikaner, Der Freibeuter, Die Anſiedler, Die Grenzwohner, Der Lootſe, Die Waſſernixe, Lionel Lincoln, Der Bravo; bis zur Herbſtmeſſe 1839 vollendet ſein, und zehn Bände in groß Octav füllen, welche in fünf Lieferungen à Rthlr. 2. fl. 3. 30 kr. rhein. fl. 3. C. M. verſchickt werden. Das ganze Werk koſtet ſonach Rthlr. 10. fl. 17. 30 kr. rhein. fl. 15. C. M. Einzelne Bände werden mit Rthlr. 1 ½. fl. 2. 24 kr. rhein. fl. 2. C. M. berechnet. Geiſt, Originalität, Lebendigkeit der Darſtellung, Neuheit und Reiz der Scenerie, Kraft und Wahrheit der Charakterſchilderung und der Sittengemälde aus der neuen Welt feſſeln und entzücken den Leſer in den Werken Cooper's, während die ſittlichen Tendenzen derſelben die reinſten und edelſten ſind— und ſeinen genialen Produkten ſchon darum eine ſo außerordentliche Theilnahme in der gebildeten Leſewelt erwarben. Die fortdauernd lebhafte Nachfrage nach des beliebten Schriftſtellers ſämmtlichen Werken, berechtigt zu der Er⸗ wartung, daß die ausgewählten Romane in dieſer höchſt eleganten und wohlfeilen Ausgabe und in den anerkannt gelungenſten Ueberſetzungen ein großes Publikum finden dürften. 1 Die beiden erſten Bände, enthaltend den Spion und den Letzten der Mohikaner, ſind bereits in allen Buchhandlungen vorräthig.