— Leihbibliothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Vhrerätur von Eduard Oktmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih- und Leſebedingungen. Offensein der Bibliothek. ie Bibliothek ſteht zur pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, eines Buches, eine dem Werthe deſſelben hinterlegen, welche bei Em Morgens bei E ntgegennahme entſprchende Summe 3 deſſen Zurückgabe von mir zuruckerſtattet wir 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: 4 für nicenele 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ——— auf 1 Monat: 1 Mk.. I f. 2 Mk.— Pf. „ 3 2— 3„ 4 Auswärtige Ab vonnenten haben für Sin⸗ und der ieher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. Schadenersatz. 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Bis zum Ende des fünfzehnten Jahrhunderts hatte der europäiſche Handel ſich entwickelt, ohne eine merk⸗ liche Störung in ſeiner einmal angenommenen Rich⸗ tung erlitten zu haben. Amerika war noch nicht ent⸗ deckt worden, und man kannte keine andere Straße nach Oſtindien als über Land. Die Stadt Venedig, als Handelskönigin auf dem Mittelpunkt dieſer Straße angeſeſſen, zwang die Völ⸗ ker Europa's und Aſiens, in ihrem Schooße alle die Reichthümer der damals bekannten Welt umzutauſchen. Nur eine Stadt, das flämiſche Brügge, nahm einigermaßen, als Stapelplatz zwiſchen den Nationen des Südens und Nordens, Theil an dem Handels⸗ wohlſtand von Venedig; aber unaufhörliche Volks⸗ aufſtände und Bürgerkriege hatten bereits viele fremde Kaufleute beſtimmt, ihren Sitz aus Flandern na rabant zu verlegen, und die Wohlhabenheit von Brügge war, mindeſtens theilweiſe, nach Antwerpen übergegangen. Darauf traten zwei große Ereigniſſe ein, wodurch plötzlich die Handelsbeziehungen der Völker aus ihrer alten Richtung gerückt wurden. Chriſtoph Columbus entdeckte Amerika, die neue Welt, und Vaſco de Gama 1 fand, die Südſpitze von Afrika umſchiffend, eine neue Straße nach Oſtindien. Dieſe letzte Entdeckung beraubte, da ſie die große Weltſtraße veränderte, die Stadt Venedig aller Vor⸗ theile ihrer Lage, und verſetzte den Handel in die Nothwendigkeit, ſich nach einem neuen Mittelpunkt umzuſchauen. Portugal und Spanien war ur See; ihre zahlloſen Schiffe fuhren na Indien und brachten von da die Specereien, die Perlen und die koſtbaren Metalle, welche beſtimmt waren, über die ganze alte Welt ſich zu verbreiten. Aber zu dieſer Verbreitung bedurfte man eines Stapel⸗ platzes, der halbwegs zwiſchen dem nördlichen und ſüdlichen Europa lag, und wohin Spanier, Portu⸗ ſowohl, als Franzoſen, Eng⸗ gieſen und Italiener Schweden und Ruſſen mit ebenſo en am mächtigſten ch beiden känder, Deutſche, viel Bequemlichkeit, als nach einem fortdauernden die neue und die alte Welt Markt für Alles, was dem Handel zum Umtauſch zu bieten vermochten, ſich begeben konnten. Die brabantiſche Stadt Antwerpen wurde zum Mittelpunkt des europäiſchen Handels erkoren; und es dauerte nicht lang, ſo begrüßte man ſie als die glückliche Erbin nicht allein von dem ſtolzen Venedig, ſondern auch von dem reichen Brügge*). n, zu Brügge wohnhaften Kaufleute, panier, die daſelbſt blieben, ums folgend, vorthin üherſiedelten, zum große im Vortheil Antwer⸗ pens. Ludovicus Guie eſchreibung der Niederlande, Arnhem 1617. einige 9 Werpens Schiffe nen zw bis ſie 6 e neue große r Vor⸗ in die elpunkt htigſten bden in, die eeſtimmt breiten. Stapel⸗ hen und Portu⸗ 1, Eng⸗ t ebenſo azuernden Ite Welt hten, ſich urde zum ren; und e als die Venedig, 1 Kaufleute, ieben, um herſtedelten, eil Antwer⸗ bung der 5 Wenige Jahre vor dem Anfang der religiöſen Unruhen, die unſer Vaterland Unheil ſtürzen ſollten, hatte die H Antwerpen einen wunderbaren Auff von Maſten, deren buntes Flaggen⸗ Gegenwart aller handeltreibenden Völker der Erde verkündigte. Die portugieſiſchen Galeeren brachten Specereien und Sdelſteine aus dem Oſten; di niſchen Gallionen Gold und Silber aus die italieniſchen Fahrzeuge fei 1 Stoffe aus den ſüdlichen Ländern, die deutſchen Ge⸗ treide und Metalle im Ueberfluß.... und alle kehr⸗ wieder, mit andern Waaren beladen, nach einander in ihr Vaterland zurück, um aufs Neue den machen, deren einzelne, nach dem Zeugniß der Chroniken, bisweilen ihnen glückte, Völkerſchaften der benachbarten Küſten in den allge⸗ meinen Welthandel mit hereinzuziehen. Was den Transport nach dem Binnenlande betrifft, ſo geſchah derſelbe vermittelſt deren jeden Tag einige Hunderte nach allen Himmelsgegenden von *) C. Seribanius verſichert in ſeinen Origines Ant- Kerpensium, er habe mehr als einmal zweitauſend fünfhundert Schiffe in der Schelde geſehen, von denen die letztangekomme⸗ nen zwei bis drei Wochen vor 6 Anker liegen bleiben mußten, bis ſie zu den Kais gelangen konnten. machte, Antwerpen abgingen. Die ſchweren Fuhrwerke, welche geſchätzt die Güter auf der großen Straße nach Cöln bis in Ein das Herz von Deutſchland brachten, nannte man nannt, deſſenwigen ⸗.. nahefu — Die ungemeine Betriebſamkeit, welche auf dieſem die in großen Weltmarkt herrſchte, hatte ſchon frühe die möͤchte 8 remden Kaufleute veranlaßt, ſich in einer Stadt bigte Ür 5 wohnlich niederzulaſſen, wo das reichlich eirkulirende Dieſe 1 Gold einem Jeden Gewinn und Wohlſtand verhieß. Kaufleute Zu der Zeit, wovon wir reden, wohnten in Ant⸗ hatten de — werpen beinahe tauſend Kaufleute aus anderen Län⸗ daß der 4 dern, die ſämmtlich ihre eigene Dienerſchaft hielten; nungen g und eine Chronik verſichert ſogar, vielleicht mit eini⸗ gen und ' ger Uebertreibung, man habe auf einmal bei fünf⸗ ſowohl zu 85 zehn hundert fremde Handelsleute zählen können*n). Beſten de 3 Täglich kamen dieſe Fremdlinge zweimal auf der welche dur Börſe zuſammen, nicht allein, um Handelsgüter um⸗ fährlicher — 3 zuſetzen und die Verſicherung von Seeſchiffen zu be⸗ Faſt e ] ſorgen, ſondern wohl vornehmlich, um Wechſelgeſchäfte von Genn zu betreiben.. alpiniſchen 3 Um ſich eine Vorſtellung von den Schätzen zu auch mehr 5 machen, worüber die antwerpiſchen Häuſer damals mit den ri — zu verfügen hatten, mag es an der Angabe genügen, leſen ja ſel 3 daß der König von Portugal einmal auf der Börſe verſtanden 1 von Antwerpen drei Millionen Goldkronen aufnahm, italieniſche, 7 und die Königin Maria von England ein Anlehen— 1—* ſ*) Die Stallungen und Magazine, welche durch einen ſo ſchicht 4 1 1 lebhaften Verkehr nötig wurden, beſtehen noch heutzutage in 4. Thl. K. 5. Antwerpen. Währe ſie nunmehr zu Kaſernen dienen, haben**) Die A ſie ihren ur chen Namen, das Heſſenhaus, behalten. aall in der We =**) Vgl ſchichte von Antwerpen von Mer⸗ wenn ſie niem tens und Thl. K. 5. 7 machte, deſſen Betrag zu ſiebzig Millionen Francs welche geſchätzt wurde*). bis in Ein einziger Kaufmann, der reiche te man nannt, hinterließ bei ſeinem Tode ein Vermögen von nahezu ſechs Millionen Goldkronen, eine Summe fdieſem ddie in Betracht der Zeit uns fabelhaft erſcheinen ühe die möchte, wenn nicht deren Wirklichkeit durch Stadt bigte Urkunden über allen Zweifel erhoben ulirende Dieſer Reichthum und die Anweſenheit verhieß. Kaufleute, die einander zu übertreffen wet in Ant⸗ hatten die Pracht in Antwerpen ſo hoch geſteigert, en Län⸗ daß der Magiſtrat nicht ſelten Befehle und Verord⸗ hielten; nungen ausgehen ließ, um der Sucht nach Feſtgela⸗ nit eini⸗ gen und Geldverſchwendung entgegenzuarbeiten, nicht dei fünf⸗ ſowohl zur Aufſicht über die Fremdlinge, nen**). Beſten der edeln Geſchlechter und der Bürgerſchaft, auf der welche durch das Vorbild der Handelsherren zu ge⸗ iter um⸗ fährlicher Prachtentfaltung angetrieben wurden. zu be⸗ Faſt alle die italieniſchen Kaufleute von Lucca geſchäfte von Genua, von Florenz und von andern trans alpiniſchen Städten waren Edelleute, und darum ätzen zu auch mehr als andere in gemeinſchaftlichem Verkehr damals mit den ritterſchaftlichen Häuſern Antwer genügen, leſen ja ſelbſt von Frauen, die drei bis vier r Börſe verſtanden und ſich überdieß darauf legten, die ſüße ufnahm, italieniſche Sprache ſicher und wohlgefällig Anlehen—— *) Vgl. die Volkszählung von Ser einen ſo ſchichte von Antwerpen von Me tzutage in 1. Thl. K. 5. en, haben 2*) Die Antwerpener ſind erfahren und⸗ behalten. aall in der Welt ſich fortzubringen, ja auch dir⸗ on Mer⸗ wenn ſie niemals außer ibanius in der Ge⸗ rtens und Torfs geſchickt, um über⸗ Landes geweſen ſind voc zhen drei, — In dem Kipdorp, nicht weit von der St. Jakobs⸗ kirche, ſtand eine ſchöne Herrenwohnung, die vor⸗ zugsweiſe von der Elite der italieniſchen Kaufleute beſucht wurde. Es war der Hof von Willem Van de Werve, Herrn van Schilde. Obwohl dieſer Edelmann ſelbſt keine Handels⸗ geſchäfte betrieb, da die brabantiſchen Rittergeſchlech⸗ ter dergleichen als ein unedles Thun betrachteten*), zeigte er ſich doch freundlich und zuvorkommend gegen alle Fremdlinge, ſo weit deren hohe Geburt ihm eine Annäherung überhaupt geſtattete. Dabei war er ausnehmend reich, vornehm und ſtolz im Umgang und redete in drei oder vier Sprachen mit viel Kennt⸗ niß über Alles, was zu einer angenehmen und zu⸗ gleich nützlichen Unterhaltung gehörte. Es gab aber noch einen andern Grund für die⸗ ſes Zuſtrömen der fremden Edelleute nach dem Hauſe des Herrn Van de Werve. Er hatte eine Tochter, Namens Maria, ausnehmend ſchön von Antlitz und Geſtalt, und ſo liebenswürdig und zugleich ſo ſittſam und zurückhaltend mitten unter allen denen, welche wetteifernd ihren Reizen huldigten, daß die fremden Sdelleute in der Begeiſterung ihrer ſüdlichen Natur ſie la bionda Maraviglia, das heißt die blonde Wundermaid, nannten. oft vier, zuweilen fünf, ſechs und ſieben Sprachen zu reden, was eine angenehme und wunderbare Sache iſt. L. Guic⸗ cardini, Beſchreibung der Niederlande. *) Aber dieſe niederländiſchen Edelleute glichen auch allen andern dieſſeits den Alpen und wollten keine Kaufmannſchaft treiben, wie unzählige Italiener, beſonders Venetianer, Flo⸗ neurmies Genueſer und Luccheſer thaten. L. Guiccardini g. a. Jakobs⸗ ie vor⸗ aufleute m Van dandels⸗ eſchlech⸗ teten*), d gegen hm eine war er Umgang Kennt⸗ und zu⸗ für die⸗ n Hauſe Tochter, llitz und ſittſam welche fremden n Natur blonde zu reden, 2. Guic⸗ auch allen nannſchaft ner, Flo⸗ cardini 9 An einem Morgen des Jahres 1550 ſaß die ſchöne Maria Van de Werve in ihres Vaters Woh⸗ nung auf einem reich geſchnitzten Seſſel. Das Mäd⸗ chen mußte eben aus der Kirche gekommen ſein; denn ſie hielt noch ihren Roſenkranz von koſtbaren Perlen in der Hand, und ihr Kopftuch hing neben ihr auf einem andern Stuhle. Etwas Erfreuliches, Et⸗ was, das ihr Herz mit ſüßer Erwartung erfüllte, bewegte ſie ohne Zweifel in dieſem Augenblick; ein Lächeln, faſt unmerklich, doch innig wie ein Wieder⸗ ſchein der Seele, ſpielte auf ihren Lippen, während ſie den Blick in die Höhe richtete und flehend eine Bitte an Gott zu richten ſchien. Hinter ihr, an der Wand des Saales, hing ein Gemälde, worin der große Meiſter Johann van Eyk das Bild der heiligen Jungfrau dargeſtellt hatte, wie ſie, ihrer hohen Beſtimmung noch unbewußt, betend in der Einſamkeit ſitzt. In dieſem Werke hatte der Dichter deutlich den wärmſten Funken ſeines dichteriſchen und gottesfürch⸗ tigen Gemüths offenbart; denn das Bild ſchien zu leben und zu denken. Es bezauberte durch die ſanf⸗ ten Züge des Geſichtes, durch die majeſtätiſche Ruhe des Ausduucks, durch die Zartheit des Lächelns, durch den liebevollen, doch ſtillen Blick, den es von der Erde himmelwärts richtete. 4 Ueberraſchend war die Aehnlichkeit, die zwiſchen der Schöpfung des Künſtlers und dem Mädchen be⸗ ſtand, das beinahe in derſelben Haltung davor ſaß. In der That war die junge Maxia Van de Werve ebenſo ſchön, als die dichteriſche Abhildung — 8 — 6 2 — — 10 ihrer Schutzheiligen. Auch ſie hatte große blaue Augen, deren Blick, ſtets ruhig und gelaſſen, von einem tiefen Gefühl und einer zarten Seele zeugte; auch auf ihrer lilienweißen Stirne glänzten gold⸗ blonde Locken, und ihre zartberosten Wangen waren durch das reinſte Oval markirt, das die Hand eines Künſtlers malen konnte; auch in ihrem ganzen Weſen lag die Stille, die Innigkeit, der ergreifende Ernſt, wahre Poeſie der immateriellen Seele, allein begriffen von den gläubigen Künſtlern des Nordens, ehe die ſinnliche Inſpiration der heidniſchen Kunſt ihnen von dem Süden zugeführt wurde. Maria Van de Werve war wohl in ſehr reiche Stoffe gekleidet, doch herrſchte dabei in ihrer Tracht ein Mangel von Verzierungen, der in jener Zeit übermäßiger Pracht als etwas Abſonderliches erſchei⸗ nen mochte. Ein Leibchen von himmelblauem Sam⸗ met umfaßte ihre ſchlanke Hüfte, während ein Rock von geblümtem Damaſt in ſchweren Falten auf ihre Füße niederfiel. Nur an ihren geſchlizten Aermeln ſchimmerte einige Stickerei von Golddraht, und an der gemsledernen Taſche, die von ihrem Gürtel nieder⸗ hing, glänzten ſchlenkernde Eicheln mit eingelegten Steinen. Alles, was ſie umgab, zeugte von ihres Vaters Reichthum: große gemalte Fenſter mit den Wappen⸗ ſchildern ihrer Ahnen, warfen zauberiſche Farbentöne auf den marmornen Fußboden; eichene Tiſche, Stühle und Schränke, durch den Meißel berühmter Künſtler mit ausgezeichnetem Bildwerk geſchmückt, ſtanden längs den Wänden hin; ein Crucifix von koſtbarem Elfenbein erhob ſich in der Tiefe des Saales und bot das nem Si unter der lagen, n bildern Sei ihre Gede die Jung mit lang das auf Scheiben das tiefe hell bleib nung er Stirne er Ein b blick an d belbart Spitzbart etwas Ern gebietende denn obm ſeines Wa Körper ir dunkle Far Pelzwerk: „Gott ſprach er, „Sein lieber Vat wie blau! Licht der oße blaue ſſen, von le zeugte; gten gold⸗ ten waren and eines zen Weſen de Ernſt, begriffen „ehe die hnen von ehr reiche er Tracht ener Zeit s erſchei⸗ m Sam⸗ ein Rock auf ihre Aermeln und an ! nieder⸗ ggelegten Vaters Wappen⸗ bentöne Stühle Künſtler ſtanden ſtbarem les und 11 bot das Weihwaſſer in einem Becken von getriebe⸗ nem Silber. Selbſt die rieſigen Feuerböcke, die unter den großen Kaminen ſtanden oder in der Aſche lagen, waren theilweiſe vergoldet und mit Wappen⸗ bildern geſchmückt. Sei es, daß ihr Gebet zu Ende war, oder daß ihre Gedanken eine neue Richtung genommen hatten, die Jungfrau ſtand von dem Seſſel auf und trat mit langſamen Schritten auf das große Fenſter zu, das auf den Hof hinausging. Sie blickte durch die Scheiben und ſchaute in die Höhe, als wollte ſie das tiefe Himmelblau fragen, ob es lange Zeit ſo hell bleiben würde. Der Ausdruck einer ſüßen Hoff⸗ nung erhellte ihr ſchönes Geſicht, und auf ihrer Stirne erſchien der roſenfarbige Ton der Erregung. Ein bejahrter Mann zeigte ſich in dieſem Augen⸗ blick an der Thüre des Saales. Ein ſchwerer Kne⸗ belbart beſchattete ſeine Lippen und ein langer Spitzbart reichte ihm bis auf die Bruſt. Es lag etwas Ernſtes, etwas Strenges in ſeinem Ehrfurcht gebietenden Angeſicht, und ſelbſt in ſeinem Anzug; denn obwohl man auf ſeiner Bruſt den Goldbrokat ſeines Wamſes ſchimmern ſah, war doch ſein ganzer Körper in einen langen Mantel gehüllt, deſſen dunkle Farbe durch einen Umſchlag von ſchneeweißem Pelzwerk nur noch gehoben wurde. „Gott gebe Dir einen guten Tag, Maria!“ ſprach er, der Jungfrau ſich nähernd. „Sein Segen folge Dir, wohin Du gehſt, mein lieber Vater!“ antwortete ſie.„O, komm und ſieh, wie blau der Himmel iſt, und wie Alles unter dem Licht der Sonne erglänzt!“ AS „Liebliches Wetter: man möchte ſagen, wir be⸗ finden uns bereits in dem vollen Maimonat. „Es iſt heute Mai⸗Abend, Vater.“ Mit einem Lächeln der Freude auf ihrem Geſichte, zog ſie ihren Vater noch näher an das Fenſter und deutete mit dem Finger in die Höhe. Der Wind hat ſich gedreht,“ jubelte ſie,„er weht von England herüber.“ „In der That, ſeit geſtern ſchon Südweſt.“ „Ha, das iſt recht rief das Mädchen; njetzt können die Galeeren, die auf der See zurüͤckgehalten wurden, mit der Fluth von heute oder morgen dig Schelde herauffahren.“ „Und Du hoffeſt,“ murmelte Van de Werve, den Kopf ſchüttelnd,„daß die Galeere II Salvatore, die den alten Herrn Deodati aus Lukka mitbringen ſoll, unter der Zahl der herauffahrenden Schiffe ſein werde?“ „Ich habe ſo lange bereits Gott um dieſen gün⸗ ſtigen Wind angefleht,“ antwortete das Mädchen; „Dank ſei dem Herrn um ſeiner Güte willen: mein Gebet iſt erhört!“ Herr Van de Werve ſchaute in Gedanken zu Boden, als ob die Worte ſeiner Tochter einen un⸗ ſünſigen Eindruck auf ſein Gemüth hervorgebracht ätten. Indem ſie ihren Arm ihm ſchmeichelnd über die Schulter legte, ſprach die Jungfrau: „Lieber Vater, Du biſt wieder traurig. Du haſt mir doch verſprochen, daß Du die Antunfe von Sig⸗ nor Deodati wohlgemuth und mit Zufriedenheit er⸗ warten wolleſt.“ fühle ich erlauchten Schimmer Ruhm un Geronimo ſcheinſt, geht meh⸗ cher Ausg ritterlicher Welt erhel entweder: „Aber Deodati r hohem Ad „Hat nich nügende 2 „Und er die Bel will? Wa⸗ tretung ein Gunſten ſe Würde nich nicht übel rückſichten du Deine nimo geſche die Se können. Da viſi hat do Gunſt. wir be⸗ at. Geſichte, nſter und ner weht veſt.“ en; njetzt ckgehalten orgen die e Werve, Salvatore, nitbringen en Schiffe dieſen gün⸗ Mädchen; Uen: mein danken zu einen un⸗ orgebracht d über die . Du haſt von Sig⸗ denheit er⸗ 13 „Es iſt wahr, mein Kind,“ antwortete er;„aber nun der Augenblick der Entſcheidung ſich nähert, fühle ich mein Gemüth bekümmert. Wir ſind von erlauchtem Blute, Maria, und müſſen durch äußeren Schimmer und durch Prachtentfaltung den Glanz und Ruhm unſeres Geſchlechts aufrecht erhalten. Signor eronimo, den Du vor allen andern zu lieben ſcheinſt, lebt hier in Antwerpen ſehr ſparſam; er geht mehr als einfach gekleidet und enthält ſich ſol⸗ ſer Ausgaben, die als Beweiſe von Reichthum und ritterlicher Freigebigkeit einen Mann in den Augen der Welt erheben. Es läßt mich beſorgen, daß ſein Oheim entweder nicht ſehr reich, oder wohl ſehr karg iſt.“ „Aber, Vater, mit Deiner Erlaubniß, Signor Deodati von Lukka iſt ausnehmend reich und von hohem Adel,“ ſagte das Mädchen in traurigem Ton. „Hat nicht der Wechsler Marco Riccardi uns ge⸗ nügende Berichte darüber gegeben?“ „Und wenn er nun wirklich karg iſt, Maria, wird er die Bedingungen annehmen, die ich ihm ſtellen will? Was ich von ihm fordern muß, iſt die Ab⸗ tretung eines anſehnlichen Theils ſeiner Güter zu Gunſten ſeines Neffen Geronimo. Sollte es Deine Würde nicht verletzen, Maria, ſollten Deine Brüder nicht übel aufnehmen, wenn Deine Hand aus Geld⸗ rückſichten ausgeſchlagen würde? Ich bedaure, daß u Deine Neigung ſo unwiderruflich Signor Gero⸗ viſt hat doch mehr Recht auf meine und Dauur⸗ Gunſt 4 die Jungfrau, Turchi,“ wie Alles gethan, r Schelde: er der Straße ü Anſtatt dem gu Du Dich ihm ſo a ; 471 in Deinen Augen ſehr ten Turchi dankbar das Mädchen, .*) ßte die Hand ſein Van de Werve vielleicht hübſcher in und ſprach mit ſanf „Geronimo De *) Zwei angeſehen ati und Symon welche als Land gegen Theilh delsha beßfe Feiner 9 In gleichn „ Gebiet vor di er, ül hrend 1 ließ. te ihr 2 nicht zu be⸗ Honde rt und efallen. a; aber achts in Wunde gen ſehr kbar zu ich faſt Mädchen, o, lieber ſtattlicher ſenfreund er Tochter oſcher in tvon der ahren und Pürch da⸗ de von Adel, Symn und n 15 gegen iſt reich und von Jedermann hochgeachtet als Theilhaber und Vorſtand von dem berühmten Han⸗ delshauſe der Buonviſi. Laß Dich in Deiner Wahl beſſer berathen, Maria; erfülle den Wunſch von Feinen Brüdern und von mir; es iſt noch Zeit.“ In den Augen der Jungfrau blinkten Thränen; gleichwohl antwortete ſie mit ſanfter Gelaſſenheit: „Herr Vater, ich bin Deine niedrige Dienerin. Gebiete; ich werde ohne Murren gehorchen und in Demuth die verehrte Hand küſſen, die mir ein ſchmerzliches Opfer auferlegt.... Aber Geronimo, der arme Geronimo!“ Bei dieſen letzten Worten fühlte ſie ihre Seelen⸗ ſtärke ſchwinden; ſchluchzend legte ſie ſich die Hände vor die Augen; ihre Thränen fielen wie glänzende Perlen vor ihren Füßen auf den Marmorboden. Eine Weile ſchaute Herr Van de Werve ſeine Tochter mit aufſteigendem Mitleid an; dann faßte eer, überwunden von dem Anblick ihres Schmerzes, nochmals ihre Hand und ſprach, ſie zärtlich drückend: „Komm, meine liebe gute Maria, weine nicht länger. Wir wollen ſehen, was Signor Deodati auf die Erklärung meiner Bedingungen für eine Antwort gibt. Geronimo iſt von hoher Geburt; wenn ſein Oheim ihn mit zureichenden Gütern ausſtattet, wohlan, ſo ſei Dein Wunſch erfüllt.“ „O, lieber Vater,“ ſeufzte die Jungfrau zwiſchen ihren Thränen;„das hängt von Deiner Geneigtheit ab. Wenn Du unmögliche Dinge von Signor Deo⸗ Hati begehrſt...“— „‚Nein, nein, ſei gutes Muthes,“ unterbrach ſie Van de Werve;„ich werde ſuchen, meine Pflicht als Vater zu erfüllen, und zugleich alles Mögliche thun, um Dich vor größerem Schmerz zu bewahren. Biſt Du nun zufrieden?“ Das Mädchen fiel ihrem Vater ſchweigend um den Hals; doch lag eine ſolche innige Dankbarkeit in ihrem Augenaufſchlag, daß Herr Van de Werve ſich gerührt fühlte und lächelnd murmelte: „Zauberin! Was könnte man Dir verweigern? Alter, Erfahrung, Vorſicht, es muß Alles vor einem einzigen Blick Deiner Augen weichen.... Verbirg Deine Bewegung: man kommt auf dem Gang!“ Ein Diener öffnete die Thüre und rief, während er Jemand herein geleitete: „Signor Geronimo!“ Der junge Edelmann, der in dem Saal erſchien, zeichnete ſich durch hohen Wuchs und wohlthuende Zartheit in Haltung und Geberden aus. Wangen und Stirne waren mit dem ſanften und durchſichtigen Braun ſchattirt, das dem Angeſicht einiger ſüdlichen Nationen ſolche männliche Schönheit verleiht. Der junge Bart an ſeinem Kinn, die dunkeln Haare, die in glänzenden Locken über die Schläfe herabfielen, und das Feuer in ſeinen ſchwarzen Augen gaben ſeinem Geſicht einen ausdrucksvollen Ernſt, während ſein ſtilles Lächeln und etwas Träumeriſches, das über ſein ganzes Weſen ausgebreitet war, zugleich von Herzensgüte zeugten. Wiewohl er, bereits auf der Schwelle des Saa⸗ les ſtehend, ſeinem Geſicht die Heiterkeit der Freude zu geben ſuchte, blieb dennoch eine gewiſſe Betrüb⸗ niß darauf gelagert, die Maria's Auge nicht entging. Geronimo's Kleidung war einfach in Vergleichung mit der ſeiner Lo abhänger Wamms gefüttert, Atlas un ſeiner S glänzende und liefe bener Ar daß der „Che dieſem H Er ve und mur Zeichen v geſicht er nen, daß machte un nen glän⸗ ſie heiter. „Mar Signor ſprach mi Andenken, ren Geger Gedanke Die I . Ende: atte, faß ihn an de terhahn d Conſei 17 Mögliche mit der reichen Tracht der andern italieniſchen Edeln, bewahren. ſeiner Landsleute. Er trug einen Filzhut mit her⸗ abhängender Feder, einen ſpaniſchen Mantel, ein igend um Wamms von engliſchem Tuche, mit ſchwarzem Pelz ankbarkeit gefüttert, eng anliegende Beinkleider von violettem de Werve Atlas und graue Schuhe. Nur der Degen, der an ſeiner Seite hing, ſtach einigermäßen durch ſeinen weigern? glänzenden Griff von ſeiner ſchmuckloſen Kleidung ab vor einem und lieferte durch die Wappenzeichen, die in getrie⸗ Verbirg bener Arbeit darauf angebracht waren, den Beweis, jang!“ daß der Jüngling zu einem edeln Stamm gehörte. während„Che la pace sia in quella casa! Friede ſei in dieſem Hauſe!“ ſprach er, in den Saal tretend. Er verbeugte ſich tief vor Herrn Van de Werve l erſchien, und murmelte einen ehrerbietigen Gruß; aber die hlthuende Zeichen von Schmerz, welche er auf Maria's Ange⸗ Wangen geſicht erkannte, verſetzten ihn in ein ſolches Erſtau⸗ chſichtigen nen, daß er dieſer Höflichkeitsform ſchnell ein Ende ſüdlichen machte und das Mädchen fragend anſchaute. Thrä⸗ iht. Der nen glänzten in ihren Augen; aber dennoch lächelte Haare, die ſie heiter.. erabfielen,„Maria iſt abſonderlich reizZbar von Gemüth, en gaben Signor Geronimo,“ ſagte Van de Werve.„Ich während ſprach mit derſelben von ihrer guten Mutter ſeligen hes, das Andenkens; ſie weinte... Da erſcheint Ihr in de⸗ , zugleich ren Gegenwart und ſie lächelt, als ob kein trauriger Gedanke ſie bewegt hätte.“ des Saa⸗ Die Jungfrau wartete nicht, bis dieſe Erklärung er Freude zu Ende war; ehe ihr Vater zu ſprechen aufgehört 2 Betrüb⸗ hatle faßte ſie ihren Geliebten am Arm und führte t entging. ihn an das Fenſter. Indem ſie ihm auf den Wet⸗ rgleichung terhahn deutete, ſprach ſie: . Conſeienee, Simon Turchi. 2 — „Seht, Geronimo, der Wind iſt weſtlich!“ „Ich weiß es, ſeit dieſer Nacht, Maria,“ ant⸗ wortete der Junker mit einem unwillkürlichen Seufzer. „Aber ſo freut Euch doch: Euer Oheim kann heute noch vor der Stadt eintreffen!“ „Ich glaube nicht; es iſt jedoch möglich,“ ſagte der Jüngling in traurigem Ton. „Wie kalt ſagt Ihr das, Geronimo!“ ſprach das Mädchen verwundert.„Was umdüſtert Euch das Gemüth?“ „In der That, ich ſehe etwas Ungewöhnliches an Euch, Signore,“ bemerkte der Vater.„Ihr er⸗ ſcheint mir ſchwer bedrückt. Habt Ihr vielleicht un⸗ günſtige Nachrichten von Eurem Oheim?“ Der Jüngling ſchien in der Zerſtreuung nach einer Antwort zu ſuchen; doch ebenſo ſchnell ſchüttelte er kraiig das Haupt, als beſtrebte er ſich, der Ge⸗ danken, die ihn bekümmerten, los zu werden. Stam⸗ melnd antwortete er: „Ach nein, das iſt es nicht.. aber ich habe ſo eben, hinter den Minoriten, Etwas geſehen, was mich tief erſchüttert hat; ich zittere noch vor Schrecken. Hörtet Ihr niemals von einem florentiniſchen Kauf⸗ mann, Namens Maſſimo Barberi, reden?“ „Einem Edelmann?“ fragte Maria,„wir hörten ſeinen Namen noch nie.“ „Nein, einem Bürger; aber gleichwohl einem hochgeachteten Mann.“ „Ich kenne ihn ſehr gut,“ bemerkte Van de Werve.„Erſt kürzlich ſah ich ihn noch im Hauſe von Lopez de Galle, für welchen er einige Wechſel⸗ geſchäfte von ihm „Etwe hat den Brunnen Halſe. O und ermo „Es i pen ſo vie de Werve. nat! Jed Italiener, oder Eifer erkennen, dien unber Menſchen die auf ſo fägighten fallen und nimo, fürd des auch Der J „ Zum iſt heute 2 fragen, ob zu bringen. auf ſolche bezeigen. 1 vorübergehe Euch keinen auf das, n ſteht für d ich!“ aria,“ ant⸗ en Seufzer. heim kann ich,“ ſagte ſprach das Euch das ewöhnliches „Ihr er⸗ elleicht un⸗ uung nach Il ſchüttelte ), der Ge⸗ den. Stam⸗ ich habe ſo hen, was Schrecken. ſchen Kauf⸗ wir hörten ohl einem e Van de im Hauſe ge Wechſel⸗ 19 geſchäfte abgemacht hatte.— Was wolltet Ihr uns von ihm ſagen?“ „Etwas Schreckliches, Herr Van de Werve. Man hat den Leichnam des armen Barberi aus einem Brunnen aufgefiſcht; er hatte zwei Dolchſtiche im Halſe. Ohne Zweifel iſt er dieſe Nacht überfallen und ermordet worden...“ „Es iſt traurig, daß in unſerer Stadt Antwer⸗ pen ſo viele Mordthaten vorkommen,“ erwiderte Van de Werve.„Das iſt nun die vierte in einem Mo⸗ nat! Jedesmal ſind die Schlachtopfer Spanier und Italiener, und daß die Verbrechen einzig aus Haß oder Eiferſucht geſchehen, läßt ſich genugſam daraus erkennen, daß die Körper des Geldes und der Kleino⸗ dien unberaubt bleiben. Abſcheulich vor Gott und Menſchen iſt die Gewohnheit der ſüdlichen Völker, die auf ſolche Art plötzlich und oft aus dem gering⸗ füßigſten Grunde einander in der Finſterniß über⸗ fallen und tödten... Und Ihr ſelbſt, Signor Gero⸗ nimo, fürchtet Ihr nicht, daß die Hand eines Fein⸗ des auch Euch treffen könnte?“ Der Junker ſchüttelte verneinend den Kopf. „ Zum Beiſpiel,“ fuhr Maria's Vater fort,„es iſt heute Mai⸗Abend. Ich brauche Euch nicht zu fragen, ob Ihr geſonnen ſeid, Maria eine Serenade zu bringen. Es iſt Brauch bei Euren Landsleuten, auf ſolche Art den Jungfrauen ihre Huldigung zu bezeigen. und Ihr würdet dieſe Gelegenheit nicht vorübergehen laſſen, wenn ein beſonnener Mann Euch keinen beſſern Rath gäbe.— Geronimo, hört auf das, was meine ruhige Erfahrung Euch ſagt; ſteht für dießmal von Eurem Vorhaben ab. Es 2 haben ſchon ſo viele Eurer Landsleute um Mavia's Hand geworben, die minder glücklich waren, als Ihr, und Euch darum vielleicht beneiden. Der Jüngling antwortete mit einem Lächeln, das eine Ablehnung des empfangenen Rathes voraus⸗ ſetzen ließ. „Es iſt ſchwierig, Herr, im Beiſein derjenigen, welche der Gegenſtand unſerer Huldigung ſein muß, von dergleichen Dingen zu reden. Laßt mich, ich bitte Euch, ganz frei darüber entſcheiden, wie ich die Pflicht der Höflichkeit, wozu ich der Jungfrau ge⸗ genüber gehalten bin, nach Gebühr erfüllen kann. „Aber mit Eurer Erlaubniß, Signore,“ rief der alte Edelmann halb zornig aus,„es gereicht Euch nicht zur Ehre, wenn Ihr den Rath eines erfahrnen Mannes zurückweiſet, um einer bedeutungsloſen Laune zu willfahren. Vermeſſenheit iſt eher Unverſtand, als Muth.“ „Vater, Vater, ereifre Dich nicht,“ flehte Maria, „Signor Geronimo läuft keine Gefahr.“ „Unſinniges Vertrauen,“ ſiel der Greis ein; „was für ein Recht hat der Junker, um ſich mehr als andere über Gefahr und Unglück erhaben zu wähnen? Daß Geronimo ſo vermeſſen auftritt, iſt vielleicht verzeihlich; aber Du, Maria, verdienſt ſicher⸗ lich ſtrengen Tadel, daß Du Deinen Freund in ſei⸗ nem gefährlichen Wahn noch zu beſtärken wagſt.“ Die Jungfrau beugte das Haupt unter dem Verweiſe ihres Vaters und flüſterte zur Entſchuldi⸗ gung: „Geronimo hat ein Heiligthum, einen Talisman, Vater.“ Dieſe genheit z in Maric war, mi⸗ antworten in ſein W feinen ſtä Van de Kupfer, n Zeichen ſt ten Schw men den Fuß des ein graue Gegenſtan Mit Werve eit und wend tung der „Tali⸗ den krumt fremden Amulet; heilige Re „Nein m Maria's a, als Ihr, ächeln, das 1s voraus⸗ derjenigen, ſein muß, mich, ich wie ich die ingfrau ge⸗ en kann. „“ rief der reicht Euch erfahrnen loſen Laune Unverſtand, hte Maria, Greis ein; : ſich mehr erhaben zu auftritt, iſt dienſt ſicher⸗ zund in ſei⸗ wagſt.“ unter dem Entſchuldi⸗ Talisman, 21 Dieſe Enthüllung ſchien den Junker in Verle⸗ genheit zu ſetzen; denn er warf einen traurigen Blick in Maria's Augen. Dieſe ſagte bittend zu ihm: „Kommt, Geronimo, ſeid nicht böſe: zeigt meinem Vater den Talisman; dann wird er einſehen, warum Ihr das Unglück nicht fürchtet.“ Der Jüngling merkte wohl, daß es unmöglich war, mit einer Weigerung auf Maria's Bitte zu antworten. Er ſteckte alſo die Hand auf die Bruſt in ſein Wamms, zog ein Ding heraus, das an einer feinen ſtählernen Kette hing und trat dicht auf Herrn Dan de Werve zu, um es ihm in die Hand zu geben. Es war ein kreisrundes Plättchen von grünlichem Kupfer, worauf allerlei unbekannte Buchſtaben und Zeichen ſtanden. Ein Kreuz zwiſchen zwei gekrümm⸗ ten Schwerdtern und darunter ein Halbmond nah⸗ men den Raum innerhalb des Kreiſes ein. An dem Fuß des Kreuzes und ſo über dem Halbmond war ein grauer Stein auf rohe Art eingeſetzt. Der ganze Gegenſtand war grob und ſchwer. Mit Verwunderung betrachtete Herr Van de Werve eine Zeit lang das ſeltſame Zeichen, drehte und wendete es um, als ſuchte er über die Bedeu⸗ tung der Buchſtaben Etwas herauszubringen. „Talisman?“ murmelte er.„Seht da die bei⸗ den krummen Schwerdter, den Halbmond und die fremden Schriftzeichen. Es iſt ein mahomedaniſches Amulet; vielleicht gar eine Läſterung gegen unſere heilige Religion.“ „Nein, Herr, mit Eurer Erlaubniß, darüber täuſcht Ihr Euch ohne Zweifel,“ erwiderte Gero⸗ nimo. Steht nicht das Zeichen des Kreuzes in dem Ring über dem Halbmond, und ſoll das nicht eher bedeuten, daß der Glaube an Chriſtum über die Lehre Muhameds den Sieg davon getragen hat?“ „Aber warum nennt Ihr es ein Heiligthum?“ „Maria nennt es ſo; ich nicht. Es iſt ein amuleto, Herr; und hat es wirklich einige Kraft, ſo wird der Grund davon in dem grauen Steine lie⸗ gen, den Ihr da unter dem Kreuze bemerket. Die⸗ ſer Stein iſt ein Draconites, im Mohrenlande mit Lebensgefahr aus dem Kopfe eines Drachen ge⸗ wonnen.“ Ein halb ſpöttiſches Lächeln trat auf das Ange⸗ ſicht des alten Ritters, während er ſtillſchweigend den Ring anſchaute. Nach einem Augenblick ſagte er: „Mich dünkt, Signor Geronimo, ich habe im Plinius von dem Drakonites und ſeinen ungewöhn⸗ lichen Eigenſchaften geleſen; aber ich erinnere mich zugleich, daß der große Naturforſcher zu ſagen ver⸗ gißt, welches die eigentlichen Kräfte des Drachen⸗ ſteines ſind... So, ſo, Signore, Ihr vertraut auf dieſen Gegenſtand und meint, er vermöge Euch gegen die Mörderdolche zu ſchützen? Die Südländer Hahen eine ſonderbare Gottesfurcht; in ihrem Aberglauben verwechſeln ſie, was heilig iſt, mit Dingen, die ihre Kraft, wenn ſie wirklich einige Kraft beſäßen, den Beſchwörungen der Zauberer zu danken haben müßten!— Mit einer leichten Schaamröthe auf den Wangen antwortete der junge Edelmann: „Ihr irrt Euch, Herr— wenigſtens was mich anbelang gung ſag hört hat auf dem wird ehr nicht der einige K. Und nich mir, mit daß es und Ung „Es Eltern he lings ſelt „Nein iſt mir ei mal in n ließ. W Amulet i daß es n Geſchichte Antwerpe räubern der Berb an einen arbeiten würde, d derte Gero⸗ azes in dem 3 nicht eher n über die gen hat?“ ligthum?“ Es iſt ein ge Kraft, ſo Steine lie⸗ erket. Die⸗ enlande mit drachen ge⸗ das Ange⸗ llſchweigend ick ſagte er: h habe im ungewöhn⸗ innere mich ſagen ver⸗ 8 Drachen⸗ dertraut auf Euch gegen inder haben (berglauben en, die ihre ſſäßen, den cken haben den Wangen was mich 23 anbelangt. Ich könnte Euch zu meiner Rechtferti⸗ zung ſagen, daß dieſes Amulet einem Pilger zuge⸗ hört hat und in der Charfreitagnacht zu Jeruſalem auf dem Grabe des Heilandes gelegen iſt; aber es wird ehrlicher ſein, wenn ich Euch erkläre, daß ich nicht der Meinung bin, der Ring beſitze an ſich einige Kräfte, um mich vor Gefahr zu behüten... Und nichts deſto weniger trage ich dieſes Zeichen an mir, mit dem feſten und unverrücklichen Glauben, daß es mich zur Zeit der Noth gegen Mißgeſchick und Unglück beſchirmen wird.“ „Es ſtammt vielleicht von Euren verſtorbenen Eltern her?“ fragte Van de Werve, von des Jüng⸗ lings ſeltſamer Erklärung betroffen. „Nein, Herr,“ antwortete Geronimo,„das Amulet iſt mir eine theure Erinnerung, daß mich Gott ein⸗ mal in meinem Leben eine ſchöne That vollbringen ließ. Wohlan, ſo will ich Euch erklären, wie das Amulet in meine Hände kam und warum ich glaube, daß es mich beſchirmen kann, aber es iſt eine lange Geſchichte.“ „Es wird mir um ſo angenehmer ſein, wenn es Euch beliebte, meine Neugierde zu befriedigen,“ er⸗ widerte der alte Ritter. „Ihr wißt, Herr,“ begann er,„daß ich vor fünf Jahren, da ich zum erſten Mal von Lucca nach Antwerpen zu reiſen gedachte, von algieriſchen See⸗ räubern gefangen genommen und als Sclave nach der Berberei gebracht wurde. Man verkaufte mich an einen mauriſchen Herrn, der mich auf dem Felde arbeiten ließ, bis mein Oheim das Löſegeld ſenden würde, das man für meine Freilaſſung forderte. Auf demſelben Acker, wo ich ganze Tage, ohne viel Zwang, zu arbeiten hatte, ſah ich eine alte blinde Frau an eine Art kleinen Pfluges ſpannen und gleich einem Mauleſel mit Stockſchlägen vorwärts treiben. Sie war eine Chriſtenſclavin, der man aus lauter Grauſamkeit die Augen ausgeſtochen hatte. Ich er⸗ fuhr von ihr, daß ſie in Italien geboren war, und zwar in einem Dorfe unweit Porto⸗Fino, einem Ha⸗ fen in der Nähe von Genua. Sie hatte keine Bluts⸗ verwandten, welche ein Löſegeld für ſie bezahlen konnten, und deßhalb hatte man ſie wie ein Zug⸗ thier an den Pflug geſpannt, bis der Tod ſie erlö⸗ ſen würde. Das ſcbecliche Loos dieſer unglücklichen blinden Sclavin flößte mir ſo tiefes Mitleid ein, daß ich Thränen der Wuth und des Herzeleides ver⸗ goß, wenn ich aus der Ferne hören mußte, wie der Stock des Sclaventreibers ihr ein Schmerzensge⸗ ſchrei entriß. Einmal ſogar, als die heidniſchen Henker die arme Frau auf den Boden geworfen hatten und ſie grauſam mißhandelten, wurde meine Entrüſtung ſo heftig, daß ich mit Gewalt ſie zu ſchützen wagte. Hätte nicht mein mauriſcher Herr ein anſehnliches Löſegeld für meine Freilaſſung er⸗ wartet, mir wäre ſicherlich der bitterſte Tod zur Strafe für meine Keckheit geworden. Nach einigen Tagen Gefängniß und roher Behandlung ſandte man mich auf den Acker zurück, um wie vorher zu arbei⸗ ten. Der Zuſtand der blinden Sclavin hatte ſich nicht geändert; gleich unmenſchlich wurde ſie mit Stockſchlägen überhäuft. Mich jammerte ihr Loos unſäglich; doch mehr noch meine Unmacht, dieſe Frau, die mir doch durch Chriſtum und durch unſer ge⸗ meinſames gottloſen Gewalt durch and rend der den Scla⸗ jedesmal, thun konn meine bei der Hoffn fen ſchreck ihr, wenn käme, wür zu bewirke Jahre alle menzubrin terland, v ſcheinlichen die Hände Gott zuge durch die zu erhellen ihr in der meine Ann von dem eine bewa zuholen. Freiheit lie Hand ſtelle Waaren ne blinden Fr von dem 2 „ohne viel alte blinde n und gleich rts treiben. aus lauter e. Ich er⸗ war, und einem Ha⸗ keine Bluts⸗ e bezahlen e ein Zug⸗ 8d ſie erlö⸗ nglücklichen Nitleid ein, leides ver⸗ te, wie der merzensge⸗ heidniſchen geworfen urde meine alt ſie zu ſcher Herr laſſung er⸗ Tod zur ich einigen andte man zu arbei⸗ hatte ſich e ſie mit ihr Loos dieſe Frau, unſer ge⸗ 25⁵ meinſames Unglück eine Schweſter war, gegen die gottloſen Heiden zu vertheidigen. Da ich nutzloſe Gewalt nicht mehr anzuwenden wagte, ſuchte ich durch andere Mittel ihr Loos zu erleichtern. Wäh⸗ rend der wenigen Stunden, die uns oder vielmehr den Sclaventreibern zur Ruhe vergönnt wurden, ja jedesmal, wenn ich es, ohne geſehen zu werden, thun konnte, eilte ich zu der blinden Frau und theilte meine beſſere Nahrung mit ihr; ich ſuchte ſie mit der Hoffnung zu tröſten, daß Gott ſie nicht in die⸗ fen ſchrecklichen Ketten ſterben laſſen würde; ich ſagte ihr, wenn ich frei würde und wieder nach Italien käme, würde ich Alles anwenden, um ihre Freilaſſung zu bewirken, und müßte ich ſelbſt darüber einige Jahre aller Luſt entſagen, um ihr Löſegeld zuſam⸗ menzubringen; ich ſprach mit ihr von unſerem Va⸗ terland, von des Herrn Güte und von ihrer wahr⸗ ſcheinlichen Erlöſung. Die alte Blinde küßte mir die Hände und nannte mich einen Engel, ihr von Gott zugeſandt, um die Finſterniß ihres Lebens durch die milden Strahlen des Troſtes und Mitleids zu erhellen. Ich blieb nur noch einige Monate bei ihr in der Sclaverei. Mein Oheim, dem man auf meine Anweiſung von meiner Gefangennehmung und von dem geforderten Löſegeld berichtet hatte, ſandte eine bewaffnete Galeere nach Algier, um mich ab⸗ zuholen. Mit dem Betrag für den Preis meiner Freiheit ließ er mir zugleich die nöthigen Mittel zur Hand ſtellen, um aus der Berberei einige koſtbare Waaren nach Italien zu bringen. Als ich von der blinden Frau mich verabſchieden wollte, wurde ich von dem Anblick ihres Schmerzes ſo tief betroffen, daß in mir der Gedanke auftauchte, ihre Freiheit zu erkaufen. Allerdings mußte ich dazu ein gut Theil des Geldes verwenden, welches mein Oheim mir zum Ankauf von Waaren zugeſandt hatte; allerdings zitterte ich zum Voraus bei der Ueberzeugung, daß er, der in Handelsſachen die Ordnungsmäßigkeit als unumſtößliche Regel geachtet wiſſen wollte, ſeinen Zorn mir aufbürden würde, aber gleichwohl ſiegte das Herz, die chriſtliche Liebe in mir. Auf Nichts, als mein Mitleid hörend, erkaufte ich der unglückli⸗ chen Blinden die Freiheit und machte ſie mit eigener Hand vom Pfluge los... Ach, es war die ſeligſte Stunde meines Lebens!“ Maria und ihr Vater waren beide von der Er⸗ zählung des Junkers tief ergriffen; jedes von ihnen hatte eine ſeiner Hände gefaßt. „O, Geronimo,“ rief Maria,„dafür ſegne Euch der liebe Gott, daß Ihr gegen die arme Chriſten⸗ ſclavin ſo barmherzig waret.“ „In der That, Ihr habt wohl, ſehr wohl daran gethan,“ ſprach Herr Van de Werve.„Ich fühle, Geronimo, daß ich Euch um Eures Edelmuths willen gegen die unglückliche Blinde noch höher achte und mehr liebe... Sie war gewiß über die unerwar⸗ tete Erlöſung außerordentlich erfreut?“ „Das könnt Ihr Euch leicht vorſtellen,“ antwor⸗ tete der Junker.„Als ich ihr ſagte, ſie ſei frei und dürfe mit mir nach dem erſehnten Vaterland zurück⸗ kehren, wurde ſie beinahe wahnſinnig vor Freude; ſie fiel zur Erde und pries den Herrn mit aufgeho⸗ benen Händen; ſie ſchlang die Arme um meine Kniee und benetzte meine Füße mit ihren Thränen. Nicht wiſſend, n zog ſie d beſchwor! tragen. denjenigen retten, w machtlos lets anlan als daß e unfreiwilli wallfahrten hatte und von Eltern worden w deſſen Krö um ihren war überz Schutz verf eines Küſt gebracht, geben und Nun lebt Name— ort und bi denke ich, glaube ich durch eine bare Gebet Freiheit zu gut Theil Oheim mir allerdings igung, daß äßigkeit als lte, ſeinen wohl ſiegte Auf Nichts, r unglückli⸗ nit eigener die ſeligſte on der Er⸗ von ihnen ſegne Euch e Chriſten⸗ vohl daran „Ich fühle, uths willen achte und e unerwar⸗ “ antwor⸗ lei frei und and zurück⸗ or Freude; it aufgeho⸗ neine Kniee nen. Nicht 27 wiſſend, wie ſie mir ihre Dankbarkeit bezeugen ſollte, zog ſie das ſeltſame Amulet aus dem Buſen und beſchwor mich, es mir übergebend, es alle Zeit zu tragen. Sie erklärte mir dann, es beſitze die Kraft, denjenigen, welcher es beſitze, zu ſchirmen und zu retten, wenn alle menſchliche Hülfe geraubt oder machtlos geworden wäre. Den Urſprung des Amu⸗ lets anlangend, wußte ſie Nichts weiter zu ſagen, als daß einer ihrer Vorfahren, der zur Buße eines unfreiwilligen Mordes nach dem heiligen Lande ge⸗ wallfahrtet war, daſſelbe von Jeruſalem mitgebracht hatte und es ſeitdem als ein koſtbares Heiligthum von Eltern auf Kinder in ihrem Stamme vererbt worden war. Sie zweifelte nicht im Mindeſten an deſſen Kräften und erzählte mir wunderbare Dinge, um ihren Glauben daran zu rechtfertigen. Ja, ſie war überzeugt, das Amulet allein habe ihr meinen Schutz verſchafft und es ihr nunmehr möglich gemacht, ſo unverhofft wieder nach Italien zurückzukehren..“ „Ihr habt ſie wirklich mit Euch genommen? lebt die arme Blinde noch?“ fiel Maria ein. „Ich habe ſie im Angeſicht von Italien an Bord eines Küſtenfahrzeugs, das nach Porto⸗Fino ſegelte, gebracht, ihr noch eine kleine Summe Geldes über⸗ geben und ſie der Vorſorge des Schiffers anempfohlen. Nun lebt die arme Thereſa Moſtajo— dieß iſt ihr Name— ohne Zweifel zufrieden in ihrem Geburts⸗ ort und bittet Gott für mich..... Darum allein denke ich, daß das Amulet eine Kraft hat; darum glaube ich an den Schutz dieſes Zeichens, weil es durch eine That chriſtlicher Liebe und durch das dank⸗ bare Gebet der armen Blinden, die um des Namens Chriſti willen von den Heiden gemartert wurde, ge⸗ heiligt iſt.“ Der alte Ritter ſchwieg eine Weile ſtill, wie in Rachdenken verſunken. Dann ſagte er, von Neuem die Hand des Jünglings drückend: „Ich kannte Euch noch nicht, Geronimo. Ha, ich wünſchte, daß es mir möglich würde, Euch zu zeigen, wie ſehr dieſer Beweis Eures menſchen⸗ freundlichen Herzens Euch in meinen Augen ehrt und erhebt; aber wiewohl Euer Glaube an die Kraft des Amulets auf einem lobenswerthen Gefühl beruht, ſo würde ich doch an Eurer Stelle mich nicht allzuſehr darauf verlaſſen. Ihr wißt, wie es im Sprüchwort heißt: Hilf Dir ſelbſt, ſo hilft Dir Gott.“ „Fürchtet deßhalb von meiner Seite keinen blin⸗ den Uebermuth, Herr Van de Werve; ich weiß, daß der Blick der Augen und die Spitze des Degens gute Schildwachen ſein müſſen. Wenn ich in der Finſterniß über die Straße gehe, nehme ich allezeit gute Begleitung mit und meine Hand läßt von dem Griff der Waffe nicht ab. Seid alſo von dieſer Seite beruhigt, Herr, und laßt mich gegen diejenige, welcher ich Ehre und Huldigung ſchuldig bin, meine Pflicht nach Gebühr erfüllen.“ In dieſem Augenblick machte ein ſchwerer Glo⸗ ckenton die gemalten Fenſterſcheiben erzittern. Die junge Maria wurde dadurch plötzlich auf andere Ge⸗ danken gebracht. „Da ſchlägt es bereits zehn Uhr auf St. Jakob!“ ſagte ſie.„Wenn mein Herr Vater mit mir nach dem Kai ſpazieren wollte, um zu ſehen, ob noch keine Schiffe heraufkommen, würde er mich ſehr erfreuen.“ „Um fragte ihr „Um wortete de „Aber bemerkte d Tage verg ſcheint. S werde uns Don Pezo hat Auftre die Galeer erkannt w. Er wu brochen, w hoven, der in dem V Geronf ſich verabe Werve ſpr „Bleib Kammerfre leicht hält hoven mich dem Kai genießen. *) Der ſten zur Be Diener durf Fall der Er hohen Beam Lande Ryen S.„Alte wurde, ge⸗ ill, wie in von Neuem nimo. Ha, e, Euch zu menſchen⸗ en ehrt und e Kraft des (beruht, ſo hht allzuſehr Sprüchwort keinen blin⸗ hweiß, daß des Degens ich in der ich allezeit ßt von dem von dieſer en diejenige, bin, meine ſwerer Glo⸗ ttern. Die andere Ge⸗ St. Jakob!“ t mir nach Hnoch keine werfreuen.“ 29 „Um wie viel Uhr wird die Fluth eintreten?“ fragte ihr Vater Geronimo. „Um NMittag haben wir Hochwaſſer, Herr,“ ant⸗ wortete der Junker. „Aber was ſollen wir ſo früh an dem Kai thun?“ bemerkte der alte Edelmann.„Es können noch viele Tage vergehen, ehe II Salvatore in der Schelde er⸗ ſcheint. Fürchte doch nicht, Maria, Signor Deodati werde uns durch ſeine Ankunft überraſchen können. Don Pezoa, der Factor des Königs von Portugal, hat Auftrag gegeben, an mich zu berichten, ſobald die Galeere, welche wir erwarten, auf dem Strom erkannt würde. Auf den Mittag...“ Er wurde durch die Ankunft eines Dieners unter⸗ brochen, welcher meldete, daß Ritter Jan Van Schoon⸗ hoven, der Landvogt*), ihn zu ſprechen begehrte und in dem Vorſaal warte. Geronimo machte eine Bewegung, als wollte er ſich verabſchieden und fortgehen; aber Herr Van de Werve ſprach mit freundlichem Ton zu ihm: „Bleibt, Signore; ich werde Petronella, Maria's Kammerfrau ſenden, ihr Geſellſchaft zu leiſten; viel⸗ leicht hält die Unterredung mit Herrn Van Schoon⸗ hoven mich nicht lang auf. Dann wollen wir nach dem Kai gehen und ſo mindeſtens das ſchöne Wetter genießen. Bleibt, bleibt, ich bitte Euch.“ *) Der Landvogt(Schout) war Stellvertreter der Für⸗ ſten zur Beſtrafung von Miſſethaten. Er allein und ſeine Diener durften Miſſethäter greifen und verhaften, außer im Fall der Ertappung auf friſcher That. Man nannte dieſen hohen Beamten auch Markgrafen, weil der Markgraf vom Lande Ryen von Rechtswegen Vogt der Stadt Antwerpen war. S.„Alte Coſtüme von Antwerpen“ Tit. II. und XIII. Kaum hatte er den Saal verlaſſen, als eine alte Dienerin hereintrat und ſich auf einen Stuhl in der Ecke neben der Thüre ſetzte. Sie zog einen Roſen⸗ kranz aus der Taſche und that, als ob ſie in der Stille ſich mit Beten beſchäftige. Dieſes Thun mußte etwas Gewöhnliches ſein, denn weder das Mädchen, noch der Jüngling achteten im Geringſten auf die Kammerfrau. Maria trat näher zu ihrem Geliebten und ſagte zu ihm mit freudigem Ton: 3 „Seid heiter, Geronimo! Mein Vater hat mir ſoeben noch verſprochen, daß er Euxem Oheim keine allzuſchweren Bedingungen ſtellen werde.“ „Er ſoll für ſeine Güte bedankt ſein,“ antwortete der Junker mit trauriger Stimme. „Aber was habt Ihr?“ fragte Maria, über ſeine Kälte bekümmert.„Ich bemerkte ſchon bei Eurem Eintritt, daß Euch Betrübniß oder Angſt auf dem Herzen liege. Seid guten Muthes, die Galeere II Salvatore kann heute noch die Schelde heraufgefahren kommen.“ „Gebe Gott, daß ſie niemals käme!“ antwortete Geronimo. „Fürchtet Ihr denn die Ankunft Eures Oheims?“ rief die Jungfrau erſchrocken. „Sprecht nicht ſo laut, Maria; Eure Kammer⸗ frau möchte ſonſt hören, was ich Euch zu ſagen habe. Ja, ich fürchte die Ankunft meines Oheims ſeit ge⸗ ſtern Abend. Als eine Gunſt des Himmels habe ich um dieſe Ankunft gebetet und gefleht; aber jetzt, Maria, macht ſie mich erzittern.“ „Habt ſtige Botſe zulächelte, Gott für hendes Ur Mich dün Oheims de ewiger Tr Das 2 ihm fragen „Gute Geheimniß kann, und gen ſollte. geachteter fall wegen war, mit Kronen zu ſo war es alle Zeit ſichere Büt als er ve⸗ vor dem C meines Oh delte— ko lehen, um dieß kann die zehntar verſchreibun daß er mir zurückzahlen s eine alte tuhl in der inen Roſen⸗ ſie in der Thun mußte 8 Mädchen, en auf die und ſagte ter hat mir Dheim keine . antwortete über ſeine bei Eurem ſt auf dem Galeere II aufgefahren antwortete Oheims?“ e Kammer⸗ ſagen habe. ms ſeit ge⸗ mels habe aber jetzt, 31 „Habt Ihr denn Bericht von ihm? Eine ungün⸗ ſtige Botſchaft?“ „Ach, Geliebte, in dem Augenblick, da Alles mir zulächelte, da ich bereits in allen meinen Gebeten Gott für das höchſte Glück dankte, zieht ſich ein dro⸗ hendes Unwetter über meinem Haupte zuſammen. Mich dünkt, ich höre bereits die Stimme meines Oheims den grauſamen Spruch fällen, der mich zu ewiger Trauer verurtheilt...“ Das Mädchen erbleichte vor Angſt, während ſie ihm fragend in die Augen blickte. „Gute Maria,“ flüſterte der Junker,„es iſt ein Geheimniß, das ich Euch nur zur Hälfte erklären kann, und vielleicht aus Pflichtgefühl ganz verſchwei⸗ gen ſollte. Es ſind nun vier Wochen, daß ein hoch⸗ geachteter Kaufmann, der durch einen ſeltſamen Zu⸗ fall wegen baaren Geldes in Verlegenheit gerathen war, mit der Bitte zu mir kam, ihm zehntauſend Kronen zu leihen. Erfüllte ich ſein Anſuchen nicht, ſo war es um den Ruf ſeines Handelshauſes für alle Zeit geſchehen. Sein Name ſchien mir eine ſichere Bürgſchaft für mehr denn zehnmal ſo viel, als er verlangte. Auf alle Fälle— während ich vor dem Gedanken zurückbebte, daß ich den Befehlen meines Oheims auf erſchwerende Weiſe zuwider han⸗ delte— konnte ich doch nicht umhin, ihm das An⸗ lehen, um welches er mich bat, zu gewähren. Warum, dieß kann ich Euch nicht ſagen. Ich lieh ihm alſo die zehntauſend Kronen. Er gab mir eine Schuld⸗ verſchreibung, worin ausdrücklich verſprochen wurde, daß er mir das empfangene Geld nach einem Monat zurückzahlen werde. Geſtern war der Verfalltag; mein Schuldner bat mich um eine Friſt bis heute Morgen. Vor anderthalb Stunden begegnete ich ihm: er ſagte mir, daß er das nöthige Geld noch nicht habe auftreiben können!⸗ „Aber, wenn Euer Schuldner reich und mächtig iſt, wie Ihr ſagt, ſo habt Ihr doch Nichts zu be⸗ fürchten. Heute noch, morgen vielleicht, wird er Euch Genüge leiſten,“ bemerkte die Jungfrau mit ſchlecht verhehlter Angſt. „Ich weiß es nicht, Maria, ob mich die Furcht betrügt; aber ich glaube entdeckt zu haben, daß mein Schuldner in ſehr ſchlechte Umſtände gerathen iſt. Auf ſeine dringende Bitte habe ichdieſes Anlehen nicht in meinem Tagebuch aufgezeichnet, um die Kenntniß davon ſelbſt meiner Dienerſchaft vorzuent⸗ halten; aber doch fehlt der Betrag davon in meiner Kaſſe. O, Geliebte, mein Oheim hat in Handels⸗ geſchäften ein Alles durchdringendes Adlerauge; er wird ebenſo raſch entdecken, daß es hier an zehn⸗ tauſend Kronen fehlt— und zwar in Folge des An⸗ lehens fehlt, Etwas, das er mir ſeit meiner Kindheit abgerathen und erſt noch kürzlich auf's Strengſte ver⸗ boten hat! Mein Oheim iſt ſo gut gegen mich, wie ein Vater; aber dieſer Ungehorſam genügt, um mich für immer ſeiner Gunſt zu berauben... Ich fürchte ein Unglück, Maria!“ „Ach, warum ſeid Ihr auch ſo undorſichig ge⸗ weſen, Geronimo? Ihr hättet ein ſo beträchtliches Anlehen verweigern ſollen.“ „Ich konnte es nicht verweigern, durchaus nicht, Geliebte!“ „Ihr beſitzt doch eine Schuldverſchreibung und ein Zahlu⸗ vor dem mann gut „Unmö iſt ein Ma tungen hal ſeinen unhe hoffen, Ma um mir de verſprach n ten, ſie mi ſtellen.“ „Aber! „Eure Wor „Seine liebte. Laf ken; es he Geheimniſſe Maria terwerfen; traurig und Sei es, Herz der hatte, oder eine ſolche terem Ton: „Kommt überwältige fahr. Mein delshaus b Reichthum; was ſage ic Conſeie ſt bis heute nete ich ihm: Hnoch nicht und mächtig ichts zu be⸗ vird er Euch mit ſchlecht die Furcht =, daß mein eerathen iſt. ſes Anlehen t, um die ft vorzuent⸗ n in meiner in Handels⸗ lerauge; er r an zehn⸗ lge des An⸗ ner Kindheit trrengſte ver⸗ n mich, wie gt, um mich Ich fürchte eeſichtin ge⸗ eträchtliches chaus nicht, eibung und 33 ein Zahlungsverſprechen. Belangt den Kaufmann vor dem Gericht; hier in Antwerpen wird Jeder⸗ mann gut und ſchnell ſein Recht gethan.“ „Unmöglich!“ ſeufzte der Junker;„mein Schuldner iſt ein Mann, gegen den ich die größten Verpflich⸗ tungen habe; eine Klage von meiner Seite würde ſeinen unheilbaren Fall herbeiführen. Laßt uns lieber hoffen, Maria, daß er noch bei Zeiten Geld auftreibe, um mir die zehntauſend Kronen zu bezahlen. Er verſprach mir noch dieſen Morgen, darnach zu trach⸗ den, ſie mir in Wechſeln auf Spanien zur Hand zu ſtellen.“ „Aber von wem ſprecht Ihr doch?“ fragte Maria, „Eure Worte ſind ſo geheimnißvoll.“ „Seinen Namen darf ich nicht ausſprechen, Ge⸗ liebte. Laßt meine Zurückhaltung Euch nicht krän⸗ ken; es herrſcht zwiſchen Kaufleuten ein Geſetz des Geheimniſſes, das man nicht verletzen darf.“ Maria ſchien ſich gelaſſen dieſem Geſetze zu un⸗ terwerfen; doch beugte ſie das Haupt und ſchaute traurig und entmuthigt zu Boden. Sei es, daß der Erguß ſeines Kummers in das Herz der Geliebten dem Jüngling Stärke verliehen hatte, oder daß er beim Anblick ihres Schmerzes eine ſolche nur ſcheinbar annahm, er ſagte in mun⸗ terem Ton:. „Kommt, Geliebte, laßt die Furcht uns nicht überwältigen. Ich übertreibe wahrſcheinlich die Ge⸗ fahr. Mein Schuldner iſt ein Mann, deſſen Han⸗ delshaus bis jetzt keinem andern an Anſehen und Reichthum zu weichen brauchte. In einigen Tagen, was ſage ich, heute oder morgen vielleicht wird er Conſeience, Simon Turchi. 3 mich befriedigen. Kommt mein Oheim vor der Rück⸗ zahlung an, ſo werde ich die Uebergabe der Rech⸗ nungsbücher aufzuſchieben ſuchen.“ Er faßte die Hand des halb getröſteten Mäd⸗ chens und ſprach mit froher Begeiſterung in der Stimme: „O, Maria, meine Geliebte, möchte der Him⸗ mel einmal den Wunſch unſerer Herzen begünſtigen! Möchte der Segen des Prieſters unſere Ehe heiligen! Wir würden die erſten Monate des glücklichſten Le⸗ bens in Italien zubringen.... in Italien, dieſem Paradies der Erde, über welches Gott alle Schätze der Natur, und der Menſch alle Schätze der Kunſt ausgeſtreut hat!.“ Die Stimme des Herrn Van de Werve ertönte auf dem Gang; man hörte deutlich, daß er den Dienſtboten eilige Befehle gab. „Maria, da kommt Cuer Vater,“ ſagte Gero⸗ nimo;„o, ich bitte Euch, laßt kein Wort von dem, was ich Euch ſagte, Euren Lippen entſchlüpfen. Haltet mein Geheimniß verborgen, ſelbſt vor Eurem Herrn Vater. Bedenkt, daß das geringſte Wort davon den Fall eines ehrlichen Kaufmanns zur Folge haben kann!“ „Schnell, Geronimo!— Hänge Deinen Mantel um, Maria!“ rief Van de Werve, in den Saal tretend.„Signore Deodati kommt! II Salvatore iſt in Sicht! Don Pezoa ſendet mir eben Botſchaft und läßt mir ſagen, ſeine Gondel und ſeine Ruder⸗ knechte ſtehen am großen Krahnen uns zu Dienſten. Es iſt ſchönes und ſtilles Wetter: wir wollen II Sal vatore entgegenfahren.“ Mari⸗ ſchaft ſie jubelnd; ehe die§ nimo ſche griff ſeine entgegen In n geduldig dem Vor⸗ waren. Straße g Werve’s An d ein anreg Schiffen, Nordſee vor der S ausgeſpar Dyk, wo Ferne, h ſchienen, kündigen. Die 3 teten mit Anker zu zu halten or der Rück⸗ de der Rech⸗ ſteten Mäd⸗ ung in der te der Him⸗ begünſtigen! ehe heiligen! cklichſten Le⸗ lien, dieſem alle Schätze e der Kunſt zerve ertönte daß er den ſagte Gero⸗ rt von dem, entſchlüpfen. ſt vor Eurem ingſte Wort ns zur Folge inen Mantel n den Saal II Salvatore ben Botſchaft ſeine Ruder⸗ zu Dienſten. vollen Il Sal 3⁵ Maria ſprang, als ließe die unerwartete Bot⸗ ſchaft ſie vergeſſen, was ihr Geronimo geſagt hatte, jubelnd zur Seite und hing ſich den Mantel um, ehe die Kammerfrau ſich ihr genähert hatte. Gero⸗ nimo ſchien gleichfalls von Freude bewegt und er⸗ griff ſeinen Hut, um ohne Zeitverluſt ſeinem Oheim entgegen zu gehen. In wenigen Augenblicken waren alle bereit; un⸗ geduldig warteten ſie noch einige Augenblicke auf dem Vorplatz, bis die Pferde an die Kutſche geſpannt waren. Dann wurde das große Thor gegen die Straße aufgeriſſen, und der Wagen verließ Van de Werve's Hof. II. An dieſem Tage bot die Schelde vor Antwerpen ein anregendes Schauſpiel dar. Von den zahlreichen Schiffen, welche der Oſtwind ſeit drei Wochen in der Nordſee zurückgehalten hatte, waren bereits einige vor der Stadt angelangt; mehrere andere zeigten ihre ausgeſpannten Segel hinter der Ecke des flämiſchen Dyk, während den Strom hinab, in unbeſtimmter Ferne, hundert Maſten aus der Fluth aufzutauchen ſchienen, um die Ankunft einer ganzen Flotte zu ver⸗ kündigen. Die Matroſen der angekommenen Schiffe arbei⸗ teten mit rieſenmäßiger Kraftanſtrengung, um die Anker zu lichten und ihren Kiel nächſt der Stadt zu halten und einen günſtigen Platz an dem Kai 3 einzunehmen. Es war ein Wettſtreit zwiſchen allen, ſo heiß und ſo mächtig zugleich, daß der ſtarke Rumpf der ſchwerbelaſteten Seeſchiffe unter der Gewalt der ausgeſpannten Kabel zu zittern ſchien. Von jedem Schiff ſtieg Geſang zum Himmel, wild und rauh, wie der kreiſchende Ton der Kabelwinde, aber fröh⸗ lich und aufregend, wie das Triumphgeſchrei eines ſiegreichen Heeres. Dieſe Lieder, in allen Sprachen der Handelswelt der ſtark gewölbten Bruſt der See⸗ leute entſtrömend, brauſten mit unſäglichem Jubel über Stadt und Fluß hin. Nur die Stimme der Kapitäne, aus dem Sprach⸗ rohr ſchallend, vermochte es, den wirren Lärm zu durchbrechen; und wenn eine portugieſiſche Gallione aus Oſtindien ſich vor der Stadt zeigte, übertönte der donnernde Knall einer Kanonenſalve all dieſes disharmoniſche Geräuſch. Ddie Sonne beleuchtete in voller Pracht dieſes wimmelnde Schauſpiel menſchlicher Thätigkeit und liebkoſte, ſo zu ſagen, mit ihren warmen Strahlen die gefurchte Fläche des breiten Fluſſes. Hundert Flaggen und Wimpel von allerlei Farbe und Geſtalt flatterten in der Luft; ein Schwarm von Gondeln und Schaluppen durchkreuzte die Fluth; aus allen Ecken, von allen Fahrzeugen, über alle Kai' ſtiegen fröhliche Rufe mitten unter dem die Arbeit begleitenden Geſang zum Himmel. Selbſt die oberrheiniſchen Fuhrleute, welche mit ihren mäch⸗ tigen Heſſenwägen an dem Schloßkirchhof verſammelt waren, um Specereien nach Cöln in Ladung zu nehmen, konnten ſich des Einfluſſes von dem ſchönen Maiwetter und der allgemeinen Begeiſterung nicht erwehren; ſtimmten an, ſo ha daß er die Lärm aufl In die das Werf ſchaft der Augenblich Liedern de Ein Ji ein reich Alle U zogen ſich tiefer Ver Werve au ſeine ſchör Einige melten ſel werden: „Ecco Aber mit dem? zu warten des Fluſſe ſammt der Ort ander für ihn b Ueber Treppe de ein kleiner Geronimo ſchen allen, arke Rumpf Gewalt der Von jedem und rauh, aber fröh⸗ ſchrei eines n Sprachen iſt der See⸗ chem Jubel dem Sprach⸗ en Lärm zu he Gallione , übertönte e all dieſes racht dieſes itigkeit und en Strahlen Ulerlei Farbe n Schwarm te die Fluth; u, über alle ter dem die nel. Selbſt ihren mäch⸗ f verſammelt Ladung zu dem ſchönen ſterung nicht 37 erwehren; ſie vereinigten ſich an dem Werfthor und ſtimmten in ihrer deutſchen Sprache einen Geſang an, ſo harmoniſch, ſo weich und doch ſo männlich, daß er die umſtehenden Arbeiter entzückte und aller Lärm aufhörte, ſo weit deſſen Klänge reichten. In dieſem Augenblick kam ein Herrenwagen durch das Werfthor gefahren und hielt in der Nachbar⸗ ſchaft der deutſchen Fuhrleute ſtill, gerade in dem Augenblick, als der letzte Ton ihres Liedes mit den Liedern der arbeitenden Matroſen verſchmolz. Ein Jüngling, und nach ihm ein alter Herr und ein reich gekleidetes Fräulein ſtiegen aus der Kutſche. Alle Umſtehenden, ſowohl Kaufleute als Arbeiter, zogen ſich ehrerbietig bei Seite, während ſie mit tiefer Verbeugung den Namen des Herrn Van de Werve ausſprachen und zugleich mit Bewunderung ſeine ſchöne Tochter anſtarrten. Einige Italiener von geringerem Stande mur⸗ melten ſelbſt laut genug, um von Maria gehört zu werden: „Ecco la bionda maraviglia!“ Aber Herr Van de Werve gebot ſeinen Dienern, mit dem Fuhrwerk innerhalb des Werftthores auf ihn zu warten, und ging dann grüßend nach dem Ufer des Fluſſes, von wo die portugieſiſche Faktoreiflagge ſammt den in die Höhe gerichteten Rudern ihm den Ort andeutete, wo die Gondel von Lopez de Galle für ihn bereit lag. Ueber die Planke, welche als Brücke von der Treppe des Kai'’s an Bord der Gondel ging, wurde ein kleiner Teppich geworfen. Maria, ihr Vater und Geronimo ſtiegen in das Fahrzeug; die ſechs Ruder tauchten zugleich in das Waſſer, und die kräftigen Arme der portugieſiſchen Matroſen begannen mit angeſtrengter Kraft die Waſſerfläche zu durchſchneiden. Schnell, wie ein Fiſch, leicht, wie ein Schwan, ſchoß die Gondel über die ruhige Schelde dahin und lavirte und drehte, bis ſie endlich zwiſchen den Seeſchiffen angelangt war und nun den Strom hinab eine offene Bahn vor ſich hatte. Dann verdoppelten die Ma⸗ troſen die Kraft ihrer Arme, als wollten ſie dem ſchönen Fräulein zeigen, was ſie in ihrem Beruf zu thun vermochten. Die Gondel, der Gewalt der Ru⸗ derer gehorchend, ſprang gleichſam bei jedem Schlag der ſechs Ruder mit ihrer Spitze gegen das Waſſer auf und ſchaukelte lieblich auf den kleinen Wellen, die ſie ſelbſt durch ihre ſchnelle Bewegung auf⸗ regte. 9n dem Fahrzeug herrſchte eine vollkommene Stille: die Matroſen hielten mit ſchüchterner Be⸗ wunderung ihre Augen auf das bezaubernde Antlitz der flämiſchen Jungfrau gerichtet; Maria ſchlug den Blick zu Boden und träumte davon, daß Geronimo's Oheim unfehlbar zu ihrem Glück ſeine Zuſtimmung geben werde; der Junker war in Gedanken verſun⸗ ken und ſchwankte zwiſchen Freude, Hoffnung und Furcht. Van de Werve ſchaute nach der Stadt und ſchien an dem prächtigen Anblick ſich zu erfreuen, den Antwerpen bot, wenn man es aus der Ferne, als ein zweites Venedig, ſeine Thürme und Gebäude am Rande ſeines ſchönen Fluſſes erheben ſah. Bald drehte die Gondel um die Flämiſche Ecke; und da ſie, um in der Gegenfluth zu bleiben, ihre Bahn dicht neben dem Damm verfolgte, glitt ſie wie ein Pi balken vorn Plötzlich er mit den rend ſie i kommenden „Wo? ſeiner Flag „Nein, Kriegsſchiff auf ſeiner Erlöſers: Währe Unterbrech nach der wäre, die Deck ſich Plötzli und rief: „Geſes Oheim!“ Dieſer falls, in „Ihr neugierig. Mit Junker: „Seht Salvatore dung und kräftigen nen mit chneiden. an, ſchoß id lavirte beeſchiffen ne offene die Ma⸗ ſie dem Beruf zu der Ru⸗ n Schlag 8 Waſſer Wellen, ung auf— lkkommene rner Be⸗ de Antlitz chlug den eronimo's ſtimmung n verſun⸗ lung und Stadt und euen, den erne, als bäude am ſche Ecke; ben, ihre glitt ſie 39 wie ein Pfeil an dem wogenden Schilf der Stütz⸗ balken vorüber. Plötzlich ſprang Geronimo auf und rief, indem er mit dem Finger in die Ferne deutete, jubelnd aus: „Ah! II Salvatore! Dort!“ Maria folgte ſeiner Bewegung und fragte, wäh⸗ rend ſie ihr Auge in die Ferne zwiſchen den an⸗ kommenden Seeſchiffen gerichtet hielt: „Wo? Das Schiff mit dem rothen Kreuz auf ſeiner Flagge?“ „Nein, Maria; dort, weit hinter dem großen Kriegsſchiff das andere Schiff mit drei Maſten und auf ſeiner Flagge einem Bild! Es iſt das Bild des Erlöſers: II Salvatore!“ Während die Gondel ihre ſchnelle Fahrt ohne Unterbrechung fortſetzte, hielten Alle die Augen nach der Galeere gerichtet, um, wenn es möglich wäre, die Perſonen zu unterſcheiden, die auf ihrem Deck ſich bewegten. Plötzlich hob Geronimo freudig die Hände empor und rief:— „Geſegnet ſei Gott, ich ſehe meinen guten Oheim!“ Dieſer Ausruf bewog Herr Van de Werve gleich⸗ falls, in der Gondel ſich aufzurichten. „Ihr gewahrt Euren Oheim?“ fragte er ganz neugierig. Mit fröhlicher Eile in der Stimme ſagte der Junker: „Seht Ihr nicht auf dem Vorderkaſtell von II Salvatore fünf oder ſechs Paſſagiere in bunter Klei⸗ dung und mit einer Feder auf dem Hute? Und in ihrer Mitte einen Mann von hoher Geſtalt, ganz iw einen braunen Mantel gehüllt? Mit langen grauen Haaren, die an ſeinen Schläfen glänzen, und einem ſilberweißen Bart, der gleich einer Schnee⸗ flocke über ſein dunkleres Gewand ausläuft? Das iſt Signor Deodati, mein alter Oheim!“ „O, was für ein ſchöner Greis!“ rief Maria verwundert aus. „In der That,“ murmelte Van de Werve;„ſo weit ich aus der Ferne unterſcheiden kann, hat Euer Oheim ein ſehr ſtattliches Ausſehen.“ „Mein Oheim iſt ein Mann, der Ehrerbietung einflößt, wo er erſcheint,“ ſprach der Jüngling mit Begeiſterung.„Seine fünfundſechzig Jahre glänzen auf ſeiner Stirne wie der Stern der Weisheit; er iſt gelehrt, beſonnen, liebreich, edelmüthig...“ Und ſeinen Hut in der Luft ſchwenkend, jubelte er: „Ah, da hat er uns erkannt! Seht, er grüßt uns mit der Hand. Sein ſanftes Lächeln ſtrahlt mir entgegen... Wie klopft mir das Herz! Nach vier Jahren ſehen meine Augen ihn wieder! Dank, Dank, o Herr, daß Du ihn beſchirmt haſt!“ So innig war des Jünglings Freude, daß Maria und ihr Vater von Mitgefühl ergriffen wurden. „Es ehrt Euch, Geronimo,“ ſprach der Letztere, „daß Ihr Euren alten Oheim ſo ſehr liebt. Gott iſt den Dankbaren günſtig;— ſo möge er Euch heute geben, wornach Euer Herz begehrt....“ Aber der Jüngling hörte die ermuthigenden Worte nicht; auf der Gondelbank aufrecht ſtehend, ſchwenkte er die Hände und ſuchte in ſeiner Ungeduld durch Zeichen ſeinem Oheim begreiflich zu machen, welche ſelige F urſachte. So r einer anl langſam Die Seite des Che klammerte an und geſchrei d Deck und Herr Vorſicht. und wech Marig wie Geror merkte m Thränen Vergnüge ihr Vater chen und ſelten, al weſen. Nach Bord der Werve un Stadt zu „Hier indem er Der troffen, ſ alt, ganz it langen nzen, und Schnee⸗ ft? Das ef Maria erve;„ſo hat Euer rerbietung gling mit te glänzen sheit; er zubelte er: er grüßt trahlt mir Nach vier ink, Dank, aß Maria irden. r Letztere, bt. Gott Fuch heute den Worte ſchwenkte uld durch n, welche 41 ſelige Freude ihm ſein glückliches Wiederſehen ver⸗ urſachte. So näherte man ſich der Galeere, die in Folge einer anhaltenden Kühlte und der wachſenden Fluth langſam auf der Schelde angetrieben kam. Die Gondel drehte und lag in Kurzem an der Seite des großen Schiffes. Ehe noch die Falltreppe herabgelaſſen wurde, klammerte ſich Geronimo an dem Rumpf der Galeere an und erfaßte das Takelwerk. Unter dem Angſt⸗ geſchrei der erſchrockenen Maria ſprang er auf das „Deck und ſtürzte in die Arme ſeines alten Oheims. Herr Van de Werve erſtieg die Leiter mit mehr Vorſicht. Er näherte ſich gleichfalls Signor Deodati und wechſelte mit ihm einen höflichen Gruß. Maria war in der Gondel geblieben. Sie ſah, wie Geronimo ſeine Umarmung wiederholte, und be⸗ merkte mit Freuden, daß in des Greiſes Augen Thränen glücklicher Rührung blinkten. Noch größeres Vergnügen machte es ihr, zu ſehen, wie freundlich ihr Vater und Geronimo's Oheim mit einander ſpra⸗ chen und lächelnd die herzlichſten Händedrücke wech⸗ pten, als wären ſie ſchon lang gute Freunde ge⸗ weſen. Nach einer Weile trat Signor Deodati an den Bord der Galeere und ſtieg mit Herrn Van de Werve und Geronimo in die Gondel, um nach der Stadt zu fahren. „ ier meine Tochter,“ ſagte der flämiſche Ritter, indem er ihr den fremden Edelmann vorſtellte. Der Greis ſchaute, wie von Verwunderung be⸗ troffen, ſprachlos das bezaubernde Mädchenbild an, das vor ihm ſtand; nur eine wiederholte Verbeugung war ſein Gruß. Maria's engelgleiches Angeſicht erglänzte von einem milden Lächeln, das wie eine Bitte um Wohl⸗ wollen dem Greiſe in die Augen leuchtete; der Blick ihrer großen blauen Augen war ſo durchdringend, ſo ehrerbietig und ſo flehend, daß Signor Deodati, von frohem Erſtaunen ganz bewegt, ihr die Hand reichte, während er für ſich hin flüſterte: „O, la graziosa Donzella!“*) Aber Maria, durch den herzlichen Händedruck er⸗ muthigt und bewußtlos von einer geheimen Neigung angetrieben, ſtreckte beide Hände gegen den Greis aus, der ſich jetzt nicht länger zurückhielt und mit Freuden das Mädchen in ſeine Arme ſchloß. Der Kuß, den ſein alter Oheim auf Marig's weiße Stirne drückte, erregte Geronimo gewaltiges Herzklopfen, und er mußte den Kopf abwenden, um die beiden Thränen zu verbergen, welche ſeinen Augen entſchlüpft waren. „Iddio vi dia pace in nostra patria.“ Gott gebe Euch Frieden und Glück in unſerm Vaterland, Signor Deodati,“ ſagte Maria, die Hand des Greiſes faſ⸗ ſend.„Kommt, ſeid freundlich gegen Eure Dienerin; ſitzt da nieder auf dieſe Bank und laßt mich an Eurer Seite Platz nehmen; dieſe Gunſt ſoll mich ſehr erfreuen. Verwundert Euch nicht über meine Kühn⸗ heit; Geronimo hat mir ſo oft und ſo viel von Euch geſprochen, daß ich Euch lange ſchon ehre und liebe . und doch, ſo iſt es Sitte in unſern Niederlan⸗ *) O, die liebliche Jungfrau! A. d. U. den: ein kommen Sigr ſich auf laſſen. mit dem Stadt hi „Abe wäret I. O wie z ſprache i „Da Maria, „Nicl Beſcheide de Werv⸗ ſie iſt ſel „Sol Deodati, Angeſicht „Nun werpen n Werve. Töchter d Sprachen wendigkei Völker ur wollen ot mit ihrer Sign danke ihr zerbeugung änzte von um Wohl⸗ ; der Blick ringend, ſo vodati, von und reichte, dedruck er⸗ en Neigung den Greis lt und mit oß. f Maria's gewaltiges ſenden, um nen Augen Gott gebe nd, Signor Breiſes faſ⸗ Dienerin; t mich an l mich ſehr eine Kühn⸗ l von Euch und liebe Niederlan⸗ A. d. U. 43 den: ein Fremdling, wo er ſich zeigt, iſt uns will⸗ kommen wie ein Bruder.“ Signor Deodati hatte zu Marig's großer Freude ſich auf den angewieſenen Platz neben ihr niederge⸗ laſſen. Während die Gondel das Schiff verließ und mit dem Strom, ſchneller noch als zuvor, nach der Stadt hinſchoß, ſagte der Greis verwundert: „Aber, Jungfrau, Ihr ſprecht Italieniſch, als wäret Ihr aus unſerer Stadt Lukka ſelbſt gebürtig. O wie zauberiſch und wie ſüß klingt meine Mutter⸗ ſprache in Eurem Munde!“ „Da vorn ſitzt mein Lehrmeiſter,“ antwortete Maria, auf Geronimo deutend. „Nicht doch, Herr Oheim, ſie täuſcht Euch aus Beſcheidenheit,“ rief der Jüngling.„Fräulein Van de Werve ſpricht auch Spaniſch und Franzöſiſch; ja ſie iſt ſelbſt im Lateiniſchen nicht ganz unerfahren.“ „Sollte das Wahrheit ſein?“ fragte der alte Deodati, mit einem Lächeln des Zweifels auf ſeinem Angeſicht. „Nun, Signore, es iſt in unſerer Stadt Ant⸗ werpen nichts Außergewöhnliches,“ bemerkte Van de Werve.„Die meiſten Edelfrauen und ſelbſt die Töchter der Kaufleute reden zwei oder drei fremde Sprachen. Es iſt für uns ebenſo wohl eine Noth⸗ wendigkeit, als eine Luſt; denn da die ſüdlichen Völker unſere Mutterſprache entweder nicht erlernen wollen oder nicht können, ſo müſſen wir ſelbſt uns mit ihrer Sprache vertraut machen.“ Signor Deodati faßte, als ob ein plötzlicher Ge⸗ danke ihm in den Sinn käme, die Hand ſeines Nef⸗ * — — fen, der vor ihm ſaß und liebevoll ihm in die Augen ſchaute. „Geronimo,“ ſprach er in ruhigem Ton,„ich bin mit Dir zufrieden. Noch ſo jung, haſt Du hier zu Lande mein Handelshaus mit Klugheit geleitet; Du haſt Dich betragen wie ein beſonnener Mann; und um mir zu gefallen, haſt Du ſelbſt den Vergnügun⸗ gen entſagt, welche für die Jugend verlockend ſind. Ich weiß es. Als Stellvertreter Deines Vaters, habe ich ſelbſt von Ferne ein wachſames Auge auf Dich gehabt, und es hat mir in meinen alten Tagen Freude gemacht, zu wiſſen, daß ich einen tugendſamen Ritter und klugen Kaufmann als meinen Nachfolger und Erben hinterlaſſen werde. Ich ſehe, was Deine Augen mich fragen. Sei ruhig, mein Sohn; laß bei dieſem glücklichen Wiederſehen eine ſüße Hoffnung Dein Herz erfüllen; ich bin von ſo weiter Ferne allein über die See gekommen, um, wenn es irgend möglich wäre, den Lohn für Deine Dankbarkeit zu gewähren.“. Sich erhebend, ſagte er zu Maria: „Liebe Jungfrau, es wäre mir äußerſt angenehm, ſo, an Eurer Seite, eine lange Reiſe zu machen; doch Euer verführeriſcher Anblick, Euer herzlicher Willkormamm, Etwas, das ich nicht ausſprechen kann, das mich aber bezaubert, veranlaßt mich, einige ſtille Worte mit Eurem Vater zu wechſeln. Erlaubt mir: Geronimo ſoll ſo lang meinen Platz neben Euch einnehmen.“ Nach dieſen Worten ſprach er eine Weile in der Stille mit Herrn Van de Werve. Beide traten weiter zu der hinte Zitte wartung Angeſicht was ſie Lippen ſ redung k geſicht de faſt unbe wärmer teres Lä während an den der Brar verhande Gero muthig d bei dem Vaters Sehr es ſchein Gegenthe beugt un unzufried Danr gend auf Ihr Geſi Der⸗ der Betr. Gondel z die Augen n,„ich bin Du hier zu eleitet; Du Nann; und Vergnügun⸗ sckend ſind. 2s Vaters, Auge auf lten Tagen igendſamen Nachfolger was Deine Sohn; laß e Hoffnung liter Ferne es irgend kbarkeit zu angenehm, u machen; herzlicher echen kann, einige ſtille llaubt mir: neben Euch geile in der eide traten 45 weiter zurück in der Gondel und ſetzten ſich auf eine der hinterſten Bänke nieder. Zitternd vor Furcht, Hoffnung und freudiger Er⸗ wartung, ſuchten Maria und Geronimo aus dem Angeſicht ihrer Eltern zu errathen und zu erforſchen, was ſie mit einander ſprachen. Wohl ſahen ſie deren Lippen ſich bewegen, doch von der flüſternden Unter⸗ redung konnten ſie Nichts vernehmen, und das An⸗ geſicht der alten Herren blieb zuerſt ſehr ruhig und faſt unbewegt. Allein dennoch ſchien das Geſpräch wärmer zu werden; es ſchwebte Etwas wie ein bit⸗ teres Lächeln auf den Lippen von Marig's Vater, während Signor Deodati mit Ernſt eine Berechnung an den Fingern machte. Die große Angelegenheit: der Brautſchatz, das Erbgut wurde beſprochen. Man verhandelte gegenſeitig über eine Summe Geldes. Geronimo erbleichte, als er ſeinen Oheim miß⸗ muthig den Kopf ſchütteln ſah; die Jungfrau bebte bei dem Anblick von Verdruß, der ſich über ihres Vaters Geſicht verbreitete. Sehr lang dauerte das ſtille Geſpräch, ohne daß es ſcheinbar eine günſtigere Wendung nahm; im Gegentheil, die beiden Greiſe hatten das Haupt ge⸗ beugt und blieben ſtumm, wie wenn ſie miteinander⸗ unzufrieden wären. Dann ſtanden beide auf und ſetztn ſich ſchwei⸗ gend auf die Bank vor Maria und Geronimo nieder. Ihr Geſicht verrieth lebhaften Verdruß. Der Jüngling befragte ſeinen Oheim mit Thränen der Betrübniß in ſeinem Blick; Maria ſah in der Gondel zu Boden; aber das Wogen ihres Buſens verrieth, daß ſie mit Gewalt gegen Entmuthigung und Schmerz kämpfte.. Eine Weile herrſchte peinliche Stille in der Gondel. Van de Werve ſchaute mit Kummer auf ſeine Tochter, die von Schmerz niedergebeugt ſchien und den Blick noch nicht aufgeſchlagen hatte; Signor Deodati war durch die Bitte um Gnade, welche ihm aus Geronimo's Augen ſo flehend entgegentrat, tief bewegt. „Nun, Herr,“ ſprach der alte Luccheſe zu Van de Werve,„laßt uns Etwas thun, um die jungen Leute glücklich zu machen.“ „O, ich will es wohl,“ antwortete der Ritter, „aber Ihr, Signore? Meine Tochter iſt ein Spröß⸗ ling von hochedelm Blute; ſie muß in der Welt ihre Geburt behaupten können. Als Vater habe ich Pflichten zu erfüllen, die ich weder mißkennen noch verſäumen darf.“ „Mein armer Geronimo!“ ſeufzte Signor Deo⸗ dati mitleidig.„Du würdeſt mich der Grauſamkeit beſchuldigen, nicht wahr? Und die ſüße Jungfrau würde den hartherzigen Fremdling um ſeiner Gefühl⸗ loſigkeit willen wohl haſſen! Nein, darum bin ich in meinen alten Tagen nicht über die See gekommen.“ Er beſann ſich noch einen Augenblick. Dann reichte er Van de Werve die Hand und ſprach: „Kommt, Herr Ritter, ich will mich nachgiebig zeigen. Ich nehme Eure Bedingungen ganz und unbeſchränkt an. Eure Freundſchaft allein begehre ich zum Lohn meiner Aufopferung.... Das Glück unſerer Kinder iſt alſo beſchloſſen und geſichert.“ Var Hand u „M mann; Auf ſes; ein und ſel recht be gung d Ein Glückwi rufe ſeli Fahrzeu Stadt Barken, mit all vor den majeſtät Ein „0, rief er. gleich ei zum Hi gleich e ſeltſame ihre ſpit emporſtr der Anl ihn eini Herr des ital tmuthigung Ue in der ummer auf beugt ſchien te; Signor welche ihm gentrat, tief eſe zu Van die jungen der Ritter, ein Spröß⸗ r Welt ihre habe ich kennen noch bignor Deo⸗ Grauſamkeit e Jungfrau iner Gefühl⸗ um bin ich gekommen.“ ick. Dann ſprach: nachgiebig ganz und ein begehre Das Glück eſichert.“ 47 Van de Werve drückte herzlich die ihm gebotene Hand und ſagte erfreut zu ſeiner Tochter: „Maria, umarme nun frei den wackern Edel⸗ mann; er ſoll Dein Vater werden, mein Kind.“ Aufſpringend flog Maria an den Hals des Grei⸗ ſes; ein Freudenſchrei brach aus Geronimo's Bruſt; und ſelbſt die rudernden Matroſen, wiewohl ſie nicht recht begriffen, was geſchah, ſchienen von einer Re⸗ gung des Mitgefühls ergriffen. Einen Augenblick wurden in der Gondel freudige Glückwünſche, Segnungen der Dankbarkeit und Aus⸗ rufe ſeliger Rührung gewechſelt, bis endlich das leichte Fahrzeug um die Flämiſche Ecke ſich drehte und die Stadt Antwerpen mit ihren tauſend Schiffen und Barken, mit ihren Thürmen und hohen Gebäuden, mit all dem Lärm und Gewimmel ihrer Arbeiter vor dem Auge von Signor Deodati am Saum der majeſtätiſchen Schelde auftauchte. Ein Laut der Bewunderung entſchlüpfte ihm. „O, che bella citta! Was für eine ſchöne Stadt!“ rief er.„Was für ein prächtiger Thurm, der dort gleich einem ungeheuren Spitzenwerk ſeine ſtolze Krone zum Himmel erhebt und alle die andern Thürme gleich einem Rieſen überragt. Was ſind das für ſeltſame Gebäude, die dort ihre runden Kuppeln und ihre ſpitzigen Dächer ſo hoch über die andern Häuſer emporſtrecken? O, laßt die Gondel langſam fahren: der Anblick Eurer Stadt entzückt mich; ich wünſche ihn einige Augenblicke ruhig zu genießen.“ Herr Van de Werve deutete, um die Neugierde des italieniſchen Edelmanns zu befriedigen, ihm ge⸗ — horchend, auf einige der hervorragendſten Punkte der Stadt, indem er ſagte: „Seht dort, rechts vor Euch. Das iſt die Neu⸗ ſtadt, auf eigene Koſten durch Gillibert van Schoon⸗ beke erbaut, einem Mann, dem Antwerpen ſeine letzte Vergrößerung und die Anlage unzähliger Straßen und Häuſer zu verdanken hat.*) Die großen dicken Thürme mit Schießſcharten, die an vielen Orten ihren Fuß in dem Waſſer der Schelde baden, ſind die alten Feſtungswerke der Stadt. Das kleine Thürmchen, über jenem Wald von Seeſchiffen, iſt das Falkons⸗ Kloſter, Unſere Liebe Frau in Valkenbroek genannt. Dort weiterhin, dicht an der Schelde, ſteht die Schloß⸗ kirche, das älteſte Gotteshaus unſerer Stadt, da ſie ſchon im Jahr 642 als eine hölzerne Kapelle daſelbſt ſtand und im Jahr 1249, ſo wie ſie jetzt iſt, zur Parochialkirche eingeweiht wurde. Das hohe Gebäude am Fuß der rieſigen Thürme von Unſerer Liebfrauen⸗ kirche iſt das ſpaniſche Depot. So haben alle Na⸗ tionen in Antwerpen ihre eigenen Factoreien und Magazine, wo Jeder der Ihrigen im Namen ſeines Königs oder ſeines Landes Rath und Schutz findet, Der ſchwere unvollendete Thurm dort erhebt ſich über der Jakobskirche; er ſollte noch höher als der von Unſerer Lieben Frau aufgeführt werden, aber man hat den Bau vor einiger Zeit aus Mangel an Geld eingeſtellt. Seht Ihr nicht weit davon einen vierecigen Thurm, mit einer kleinen Kuppel wie *) Man rechnet, daß durch Van Schoonbecke und diejenigen, welche er hiezu aufmunterte, dreitauſend Häuſer erbaut wor⸗ den ſind. Geſchichte Antwerpens von Mertens und Torfs. 4, 3. A& einem ru dem Cri milian u Adelſtan ſieht er zuſtrömer es nicht Nationen lers büc kirche un wo unſe ſeine gur Wäh Strom Art fort Gebäude oder grö an der Augen gerichtet was in die Gen Mädchen der mitt, Dieſe ters eine Krämpe, Sein W *) In und Tor längs der die vornek Conſt Zunkte der die Neu⸗ n Schoon⸗ ſeine letzte r Straßen ben dicken Drten ihren d die alten Thürmchen, 8 Falkons⸗ k genannt. die Schloß⸗ adt, da ſie elle daſelbſt tzt iſt, zur he Gebäude Liebfrauen⸗ en alle Na⸗ oreien und amen ſeines chutz findet. erhebt ſich her als der erden, aber Mangel an davon einen Kuppel wie nd diejenigen, r erbaut wor⸗ tertens und 49 einem runden Ball? Das iſt der Palaſt von Fugger, dem Cröſus unſeres Jahrhunderts, von Kaiſer Max⸗ milian um ſeiner ungeheuren Schätze willen in den Adelſtand erhoben. Gläubiger der Fürſten und Völker, ſieht er noch täglich ſeinen Reichthum durch eine Fluth zuſtrömenden Goldes ſich vergrößern; und wenn Gott es nicht beſſert, werden ſich endlich noch Könige und Nationen unter der Macht des allvermögenden Wechs⸗ lers bücken!— Zur Rechten habt Ihr die Andreas⸗ kirche und daneben das gewaltige St. Michaelskloſter, wo unſer Kaiſer Karl Wohnung nimmt, wenn er ſeine gute Stadt Antwerpen beſucht....“*) Während die Gondel ſachte auf dem offenen Strom hintrieb und Herr Van de Werve auf ſolche Art fortfuhr, Signor Deodati Aufklärung über die Gebäude zu geben, die ſich durch ihre beſondere Form oder größere Höhe unterſchieden, ſtand auf dem Wall, an der äußerſten Ecke vom Kai, ein Mann, der ſeine Augen unverwandt auf die dahertreibende Gondel gerichtet hielt und mit dem Blick zu erforſchen ſuchte, was in dem kleinen Fahrzeug vorging, und welches die Gemüthsbewegungen des Jünglings und des Mädchens ſein mochten, die neben einander auf einer der mittelſten Bänke ſaßen. Dieſer Mann trug ungeachtet des ſchönen Wet⸗ ters einen weiten Mantel und einen Hut mit breiter Krämpe, von dem eine purpurrothe Feder herabhing. Sein Wamms war von Goldbrokat und ſeine Bein⸗ *) In der Geſchichte Antwerpens von Mertens und Torfs, 4, 3. findet ſich eine Anſicht von der Stadt, längs der Schelde, vom Jahre 1556, mit Erklärungen über die vornehmſten Gebäude, welche man darauf bemerkt. Conſeience, Simon Turchi. — kleider von gelbem Atlas. An ſeiner Seite ſchim⸗ Was merte der Griff eines Degens. Innern Er war hoch von Geſtalt; ſein ganzes Ausſehen fühlsmeſſ deutete deh Wheuaun an; ſeine Kleidung und die ſen, doe dunkle Farbe ſeiner Haare zeugten von italieniſchem Geiſte ar Urſprung. 3 zeugte v Das auffallendſte an ſeiner Perſon war eine lange Mißgunſt und feine Narbe, die ihm ſchräg über das Angeſicht Lang lief, als hätte einmal ein ſcharfes Meſſer ihm ſolchere Laufe de geſtalt Stirn und Wange durchſchnitten. Die zurück⸗ Rudern gebliebene Spur dieſer Wunde entſtellte jedoch ſein Wall nä 5 Feſicht nicht fehr, beſonders wenn es ruhig in ſei⸗ Jetzt 6 nem Herzen war; aber ſobald eine heftige Leiden⸗ die er ſi ſchaft oder eine unbezwingliche Erregung den Lauf gen. S ſeines Blutes beſchleunigte oder hemmte, da traten Streif d auf dem Streifen der Narbe alle Schattirungen von Freude ſ bleichem Weiß, glühendem Roth und violettem Pur⸗ und mit ur hervor.... dem Mu †* 3 We er ſein Auge mit einer Art bittern Neides wo die t nach der Gondel gerichtet hielt, glühte ein düſteres Bero * Feuer in ſeinen Augen und ſeine Lippen blieben be⸗ Narbe b wegungslos zu einem zornigen Grinſen verzerrt. Die das Fahr 1 Färbung der Narbe in ſeinem Angeſicht war der nef dom zunehmenden Heftigkeit ſeiner Bewegung gefolgt und hatte ſich bereits zu einer hochrothen Tinte geſteigert, Hund ſn — die ſich leicht in Purpur verlief. d 3 b 1 4 Er ſtand mit dem Fuß an dem äußerſten Rande as Gel des Waſſers, wahrſcheinlich um zu verhindern, daß gekomme Jemand an ihm vorübergehe und ihm in's Geſicht in meine 4 ſehe; ſo konnte er, ohne beobachtet zu werden, ſich um uns frei den ungeſtümen Bewegungen ſeines Gemüths nicht wa 8 hingeben.„d, beite ſchim⸗ 3 Ausſehen ng und die talieniſchem eine lange s Angeſicht ihm ſolcher⸗ Die zurück⸗ jedoch ſein uhig in ſei⸗ tige Leiden⸗ g den Lauf ‚da traten rungen von lettem Pur⸗ tern Neides ein düſteres blieben be⸗ erzerrt. Die ht war der gefolgt und te geſteigert, erſten Rande indern, daß in'’s Geſicht werden, ſich 2s Gemüths 51 Was dieſer Mann dachte und was in ſeinem Innern vorging, wäre ſogar bei dem ſeltſamen Ge⸗ fühlsmeſſer in ſeinem Antlitz nicht zu errathen gewe⸗ ſen, doch konnte fürwahr nichts Gutes in ſeinem Geiſte auf⸗ und abwogen, denn ſein ganzes Weſen zeugte von finſterer Verzweiflung und verzehrender Mißgunſt. Lange Zeit folgte er in derſelben Haltung dem Laufe der Gondel, bis er die Matroſen nach ihren Rudern greifen ſah und vermuthete, daß ſie ſich dem Wall nähern wollten. Jetzt zitterten ſeine Glieder unter der Gewalt, die er ſich anthat, um ſeine Bewegung zu bezwin⸗ gen. Sein Angeſicht wurde ſcheinbar ruhig, der Streif der Narbe auf ſeiner Wange wurde bläſſer, Freude ſchien plötzlich in ſeinen Augen zu leuchten; und mit freier Haltung, leichtem Schritt und lächeln⸗ dem Munde ſchritt er nach dem Rande des Kais, wo die Gondel anlegte. Geronimo, der von Ferne den Mann mit der Narbe bemerkt hatte, ſprang auf den Wall, noch ehe das Fahrzeug ganz zu der Treppe gelangt war, und lief ihm mit ſonderbarer Haſt entgegen. Seine Hand faſſend, fragte er mit zurückgehaltener Stimme: „E ben, caro mio Simone? Nun, habt Ihr das Geld gefunden, Simon? Mein Oheim iſt an⸗ gekommen. Entdeckt er, daß eine anſehnliche Summe in meiner Kaſſe fehlt, ſo iſt es um Euch und mich, um uns beide geſchehen! Aber Ihr habt das Geld, nicht wahr? Ihr werdet es mir heute noch geben?“ „O, beklaget mich, Geronimo,“ ſeufzte der An⸗ 5 4 dere,„ein Zuſammentreffen unglücklicher Umſtände macht meine Bemühungen nutzlos.“ „Ihr habt das Geld nicht gefunden?“ flüſterte der Junker erſchrocken. „Nein, morgen, übermorgen vielleicht.“ 8) „Himmel, ſo wird mein Oheim mich in ſeinem Zorn verſtoßen! Ich flehe Euch an, Simon, thut alles Mögliche, um die Summe aufzubringen: ſtürzt mich nicht in das Verderben!“ „O!“ ſtieß der Andere in ſchrecklichen Kehllauten hervor,„wenn ich die Urſache Eures Unglücks ſein ſollte, ich würde es blutig an mir ſelbſt rächen!“ „Nein, nein, hegt ſolche ſchreckliche Gedanken nicht,“ ſagte der Jüngling, indem er mitleidig ſeine Hand faßte.„Ich werde warten, Aufſchub ſuchen, die Aufmerkſamkeit meines Oheims einige Tage ab⸗ zulenken ſuchen... Wehe, wehe, Schrecken und Angſt erfüllt mich ſelbſt in dem Augenblick, da mein Oheim ſeine Zuſtimmung zu meiner Heirath mit Maria gegeben hat!“ Simons Angeſicht verzerrte ſich zu einem ab⸗ ſcheulichen Grinſen. „Cuer Oheim hat ſeine Einwilligung gegeben?“ grollte der Andere.„Und Herr Van de Werve?“ „Er gleichfalls. O, Simon, vergebt mir dieſes Glück! Ich weiß, armer Freund, daß eine ſolche *) Jeronimo begab ſich zu Simon und bat ihn um Be⸗ zahlung des ihm vorgeſchoſſenen Geldes kraft der darüber ausgeſtellten Urkunde.... Turchi ſuchte es unter allerlei Ausflüchten zu verzögern und ſchob die Bezahlung der Summe von einem Tag zum andern auf. Matteo Bandello in ſeiner Novella, überſetzt von J. F. Willems, in dem Bel⸗ giſchen Muſeum. Bd. 6, 256. Botſchaft wir nicht von uns Band un „Verd murrte de Werve,“ ſ laßt Nicht Sobald ie in Euren doch die willen... Der 2 ſich die äu welche in lächelnd a zu ſeinem „Mein Schlag erf Betrübniß Glück. Kü ſprach zu d grüßungen .„Ich ſt Signor Si an der Sp und mich n Umſtände „ flüſterte * in ſeinem non, thut gen: ſtürzt Kehllauten glücks ſein ächen!“ Gedanken eidig ſeine ub ſuchen, Tage ab⸗ ecken und , da mein irath mit linem ab⸗ gegeben?“ Werve?“ mir dieſes ine ſolche ihn um Be⸗ er darüber nter allerlei der Summe ndello in dem Bel⸗ 53 Botſchaft Euch das Herz zerreißen muß; aber haben wir nicht ehrlich einander gelobt, daß wir— wer von uns auch der Glüclliche ſein möchte— darum das Band unſerer Freundſchaft nicht zerreißen würden?“ „Verdammt, verdammt, Gott hat mich verlaſſen!“ murrte der Andere bebend, während er die Augen zu Boden ſchlug. „Da kommt mein Oheim mit Herrn Van de Werve,“ ſagte Geronimo.„Haltet Euch gut, Simon, laßt Nichts merken; zeigt ein gleichgültiges Geſicht. Sobald ich mein eigener Herr bin, werde ich Eu in Euren Handelsangelegenheiten Hülfe leiſten. Gebt doch die Hoffnung nicht auf, um des Himmels willen...“ Der Mann mit der Narbe bezwang, indem er ſich die äußerſte Gewalt anthat, die Leidenſchaften, welche in ſeinem Buſen ſtürmten; und indem er lächelnd auf Herrn Van de Werve zuging, ſagte er zu ſeinem Genoſſen: „Meine Erregung war natürlich; nun iſt der Schlag erfolgt und vorüber. Wie groß auch meine Betrübniß ſein mag, ich wünſche Euch von Herzen Glück. Könnte ich nur das Geld auftreiben, um Euch vor aller Verlegenheit zu bewahren. Ich werde ſuchen, raſtlos ſuchen...“ Van de Werve war nun herangekommen und ſprach zu dem alten Deodati nach gegenſeitigen Be⸗ grüßungen: „Ich ſtelle Euch mit Vergnügen meinen Freund, Signor Simon Turchi vor, der auf hieſigem Platze an der Spitze des Handelshauſes der Buonviſi ſteht und mich mit ſeinen Beſuchen zu beehren pflegt.“ „O, ich kenne ihn wohl, rief Deodati, indem er Simon herzlich die Hand drückte;„der Signor iſt ein Luccheſer, der Sohn eines Edelmanns, der zu ſeinen Lebzeiten ein guter Freund von mir war.“ „Willkommen in den Landen auf dieſer Seite,*) Signor Deodati,“ antwortete Simon Turchi:„Mein Vater ſprach oft mit mir von Eurer Freundſchaft. Gott gebe Euch alles Glück und Heil in Brabant.“ „Ich bin Euch zu großem Dank verpflichtet, Signore,“ erwiderte der alte Deodati,„innigem Dank für Eure Zuneigung zu meinem Neffen. In der That, wenn er hier zu Lande meine Handels⸗ geſchäfte ſo gut beſorgt hat, als ich ſelbſt hätte thun können, ſo müſſen er und ich Eurer Erfahrung und Eurem klugen Rathe dieſen Erfolg zuſchreiben. Aus Geronimo's Briefen habe ich genugſam erkannt, daß er Euch für Eure Güte lebhaft erkenntlich iſt.“ Simon Turchi war im Begriff, mit einigen be⸗ ſcheidenen Entſchuldigungen auf die Dankesbezeugung des Greiſes zu antworten; doch da die Kutſche an⸗ gefahren war, ſagte Van de Werve: „Ich hoffe, Signore, Ihr werdet uns, wenn es Euch beliebt, mit einem Abendbeſuch beehren. Wir werden mit unſerem edeln Gaſt einige frohe Stun⸗ den zuſammen verleben.“ Simon murmelte einige bittende Worte und lehnte unter dem Vorwand ab, daß er wichtige Geſchäfte noch abzumachen hätte; aber als Maria und Gero⸗ nimo gleichfalls in ihn drangen, die Einladung an⸗ *) Die Italiener und Spanier nannten die Niederlande „Lande von hier herüber“ als wären dieſelben an dieſer Seite der Alpen und Pyrenäen gelegen. 3 zunehme einige ft Mar den alle Mit dem Fu das Roll gänzlich krampfhe Haupt, heils ihr Eine Gedankeꝛ großem der Fuh geſſenhei Er t fragte e ſollte, u arbeitend men Sch giskirche hofs. 2 Augenbli vorſpring düſtern ſtehen bl gerichtet. Er l. den Sch⸗ Gewalt; zu zwing „indem er Signor iſt as, der zu ir war.“ er Seite,*) hi:„Mein reundſchaft. Brabant.“ verpflichtet, „innigem teffen. In 2 Handels⸗ hätte thun hrung und ben. Aus kannt, daß iſt.“ einigen be⸗ zbezeugung Kutſche an⸗ , wenn es hren. Wir rohe Stun⸗ und lehnte e Geſchäfte und Gero⸗ ladung an— Niederlande dieſer Seite 5⁵ zunehmen, da verſprach er, ſich Muͤhe zu geben, um einige freie Augenblicke zu finden. Man ſtieg in die Kutſche. Grüßend verſchwan⸗ den alle unter dem Kaithor. Mit flammendem Blicke ſchaute Simon Turchi dem Fuhrwerk nach und horchte bewegungslos, bis das Rollen der Räder und das Getrappel der Pferde gänzlich verſtummt war. Dann ſchlug er die Arme krampfhaft über der Bruſt zuſammen und ſenkte das Haupt, als ob die Gewißheit eines ſchrecklichen Un⸗ heils ihn vernichtet hätte. Eine Weile blieb er ſo in einen Abgrund von Gedanken verloren; aber ein Frachtwagen, der mit großem Geräuſch herankam, und der warnende Ruf der Fuhrleute weckten ihn aus ſeiner Selbſtver⸗ geſſenheit. Er trat auf die Seite und blickte umher, als fragte er ſich ſelbſt, welchen Weg er einſchlagen ſollte, um von den Kai's und dem Gedränge der arbeitenden Menge hinwegzukommen. Mit langſa⸗ men Schritten wandte er ſich nach der St. Walbur⸗ giskirche und überſchritt die Ringmauer des Kirch⸗ hofs. Auf dem Todtenfelde verweilte er einige Augenblicke zwiſchen den Gräbern, bis er hinter den vorſpringenden Strebemauern der Kirche ſich in einer düſtern Ecke befand und hier, beinahe verborgen, ſtehen blieb, den Blick auf einen großen Grabſtein gerichtet. Er legte ſich die Hand vor die Stirne und ſtieß den Schädel an die Platten, um ſein Gehirn mit Gewalt zu dem klaren Begriff von ſeinem Zuſtand zu zwingen. In dieſer Haltung blieb er lange Zeit 56 unbeweglich und finſtern Gedanken zum Raub; die Narbe auf ſeinem Angeſicht veränderte mehrmals Farbe und Schattirung, und bei dem leichten Zit⸗ tern, das bisweilen ſeine Glieder durchlief, war es ſichtbar, daß er von mancherlei Empfindungen erregt wurde. Endlich murmelte er, als hätten ſeine Gedanken eine deutlichere Form angenommen, mit erſticker Stimme: „Der Zwangsſtuhl? Er will nicht gehen! Und doch, es wäre zu langſam... Ein Dolch, ein De⸗ gen, ein Mord durch Ueberfall? Hätte Julio nur Herz im Leib! Aber er iſt ein feiger Schwätzer. Warum nahm ich auch einen ſolchen Prahlhans in meine Dienſte? Er wird den Schlag nicht zu füh⸗ ren wagen... Aber ich kann ihn zwingen, zwin⸗ gen ſelbſt zur Tollkühnheit. Ich brauche dazu nur ſeinen wahren Namen zu nennen... Doch ſchreck⸗ lich, ein Freundesmord... und vielleicht verrathen und entdeckt werden— und auf dem Schaffot ſter⸗ ben, als ein feiger Buſchklepper.... Das Haupt des Handelshauſes der Buonviſi!“*) Dieſer Gedanke machte ihn erzittern. Er blieb wieder eine Weile in Gedanken verſunken und mur⸗ melte dann mit mehr Ruhe: „Ich werde noch einmal zu Herr Schout Van Schoonhoven gehen. Er iſt mein Fürſprecher bei Herrn Van de Werve geweſen; er wird ihm viel⸗ leicht ſeine Mißbilligung ausdrücken, daß er ohne *) Die abſonderliche Rachſucht hatte ſich bei Simon auf das Gehirn geworfen und er dachte nur darauf, Jeronimo zu ermorden. Matteo Bandello, a. a. O. zehntauſt hauſes? der höll ſchreibun Werve; dieſen A Das rend er Er h Stimme ſie aus Hatt unvorſich anvertrat Voll nen, die und ihn Unter Edelmann wegen il war ihm men wor Er ſe ſo gut al Schrittes der Ring Raub; die mehrmals eichten Zit⸗ f, war es igen erregt Gedanken t erſtickter lhen! Und 9, ein De⸗ Julio nur Schwätzer. ahlhans in ht zu füh⸗ gen, zwin⸗ dazu nur och ſchreck⸗ verrathen Zaffot ſter⸗ as Haupt Er blieb und mur⸗ hout Van recher bei ihm viel⸗ er ohne Simon auf beronimo zu 57 Rückſicht auf ſeine dringende Empfehlung über Ma⸗ ria’s Hand verfügt hat. Wer weiß, ob ſein Ein⸗ fluß die Hochzeit nicht hinauszuſchieben vermag?“ Ein ſpottendes Lächeln zuckte plötzlich über ſein Geſicht. „Dummer Träumer!“ brummte er.„Und die zehntauſend Kronen? Und der Fall meines Handels⸗ hauſes? Und die Schande des Bankerotts?... O, der hölliſche Gedanke! Könnte ich meine Schuldver⸗ ſchreibung einem Leichnam abnehmen! Zu Van de Werve; ich muß Geronimo ſprechen: wiſſen, wo er dieſen Abend...“ Das Murmeln erſtarb auf ſeinen Lippen, wäh⸗ rend er in plötzlichem Schrecken zuſammenſchauderte. Er hatte hinter ſeinem Rücken eine menſchliche Stimme gehört, die keiſe redete und tönte, als käme ſie aus dem Munde eines Lauſchers. Hatte man wohl gehört, was Simon Turchi ſo unvorſichtig dem einſamen Winkel der Kirchenmauer anvertraut hatte? Voll Angſt ſich umdrehend, ſah er zwei Perſo⸗ nen, die drei oder vier Schritte hinter ihm ſtanden und ihn ſpöttiſch betrachteten.. Unter andern Umſtänden würde der italieniſche Edelmann die Unbekannten ſicherlich zur Rechenſchaft wegen ihrer Neugierde gezogen haben; nun aber war ihm durch ſeine Aufregung aller Muth benom⸗ men worden. Er ſenkte alſo den Kopf auf die Bruſt, verbarg ſo gut als möglich ſein Geſicht, marſchirte heftigen Schrittes über den Kirchhof und verſchwand hinter der Ringmauer. III. Signor Turchi hatte unweit der Weingartenbrücke eine prächtige Wohnung, worin die Factorei ſowie die Comptoirs des Handelshauſes der Buonviſi ſich befanden; aber er beſaß auch an dem äußerſten Ende der Stadt einen Luſtgarten, wo er in beſſern Zeiten gewohnt geweſen war, ſeine Freunde und Bekannten mit ergötzlichen Feſten, Gaſtmahlen und Abendmuſik zu unterhalten. Nicht weit von der St. Joriskirche, mitten auf den unbebauten Feldern, die man die Hoſpitalwieſen nannte, lag der Luſtgarten von Simon Turchi. Von Außen zeigte er den Vorübergehenden nichts Anderes, als eine blinde, von hohen Bäumen über⸗ ſchattete Ringmauer, mit der Ausſicht auf die glän⸗ zenden Wetterhahnen von zwei Thürmchen, die aus dem Dickicht der Bäume ſich erhoben; im Innern begegen dehnte ſich ein ſehr weiter Raum aus, deſſen eſchlängelte Pfade ſich bald um ein Blumenparterre henmwanden⸗ bald zu einem Hügel anſtiegen, bald wieder in ein tiefes Thälchen und in eine düſtere Grotte ſich verliefen. Da und dort ſtanden vor den Gebüſchen weiße Bildſäulen, meiſt Götter aus der heidniſchen Fabellehre vorſtellend; in der Mitte des Gartens lag zwiſchen künſtlich nachgemachten Felſen⸗ trümmern ein ausgemauertes Baſſin, worin viele ſeltſam geſtaltete Thiere, Drachen, Baſilisken, Eidech⸗ ſen und Salamander herumzuſchwimmen ſchienen. Es war ein Springbrunnen, und es mußte ſicher einen unterhaltenden Anblick gewähren, wenn die Hahnen aus Ma Richtung Meh allen Se ein alte Mauern aber trot Auß eiſernen fen vor fälligen Thürmch erhoben Der geblieber kraut ber noch die vorigen waren v Schtchte pringb Baſſin der Fäu Dieſe Menſchen Kahlheit und vor Platz ei etwas E trüben u ſchien. artenbrücke orei ſowie nonviſi ſich erſten Ende ſern Zeiten Bekannten Abendmuſik mitten auf pitalwieſen kurchi. nden nichts imen über⸗ f die glän⸗ 1, die aus im Innern aus, deſſen nenparterre iegen, bald ine düſtere en vor den r aus der Mitte des ten Felſen⸗ vorin viele ken, Eidech⸗ n ſchienen. außte ſicher wenn die 59 Hahnen geöffnet waren und die ſeltſamen Ungeheuer aus Maul, Naſe und Augen das Waſſer nach allen Richtungen in tanzenden Strahlen ausſpieen. Mehr nach der Tiefe des Gartens, doch nach allen Seiten von der Ringmauer ſehr entfernt, ſtand ein altes Schloß von grauem Avendelſtein, deſſen Mauern größtentheils mit Epheu überwachſen waren, aber tkotz ihrer Düſterkeit ſehr maleriſch ſich darſtellten. Außer einigen kleinen Fenſtern, ſämmtlich mit eiſernen Gittern verſchloſſen, und den ſteinernen Stu⸗ fen vor der einzigen Thüre war an dieſem ſchwer⸗ fälligen Gebäude Nichts zu bemerken, als zwei runde Thürmchen, die vom Grunde ſich weit über das Dach erhoben und ſelbſt die rieſigen Bäume überragten. Der Garten war ſichtbar ſeit langer Zeit verödet geblieben, denn alle Pfade waren mit üppigem Un⸗ kraut bewachſen, und auf den Blumenparterres lagen noch die verdorrten Stängel der Pflanzen, die im vorigen Spätjahr geblüht hatten. Die Statuen waren von Staub und Regen geſchwärzt; eine dünne Schichte Steinmoos bedeckte die Ungeheuer des Springbrunnens, und das wenige, noch in dem Baſſin vorhandene Waſſer war mit der grünen Haut der Fäulniß bedeckt. Dieſe allgemeinen Zeichen der Abweſenheit des Menſchen, das finſtere Ausſehen des Gebäudes, die Kahlheit vieler ſpätgrünender Bäume und Geſträuche, und vor Allem die ungeſtörte Stille gaben dieſem Platz einen traurigen Anſchein von Verlaſſenheit: etwas Einſames und Kaltes, was das Herz nur zu trüben und bittern Betrachtungen ſtimmen zu können ſchien.. Es war bereits ſpät am Nachmittag; die Sonne hatte beinahe das Ende ihrer Bahn erreicht; und ſchimmerten auch noch in ihr die Wetterhahnen über den Thürmen gleich goldnen Sternen, ſo gelangten doch ihre ſchrägen Strahlen nicht mehr auf den Bo⸗ den des Gartens. Zwiſchen den Gebüſchen und an dem Eingang der Grotten verbreitete ſich allmälig⸗ jenes prüuliche Zwielicht, welches das Hereinbrechen der Abenddämmerung ankündigte. Nicht das mindeſte Geräuſch ließ ſich hören. Wohl tönte durch die Luft ein Brauſen von der lebendigen Regſamkeit in der Stadt herüber, wohl ließen die Kirchenglocken ihr Geläute über die ein⸗ ſame Wohnung hin erſchallen, aber da kein Ton aus ihr ſelbſt oder aus ihrer Nachbarſchaft ſich vernehmen ließ, machten dieſe fernen Laute die Stille nur noch auffallender. Nur von Zeit zu Zeit ſchien ein dumpfes Ge⸗ räuſch, wie das Kreiſchen einer Feile, aus dem alten Gebäude zu kommen; aber es war ſo undeutlich und verging ſo plötzlich, daß ſelbſt dadurch die Stille und Einſamkeit nicht geſtört wurde. Plötzlich ertönten zwei ſchwere Schläge, wie von einem Hammer durch den Garten. Es war Jemand, der an der Außenpforte in der Mauer anklopfte, um Einlaß zu erhalten. Nach einigen Augenblicken neuer Stille erſchien ein Mann auf der Treppe vor dem Gebäude und ſtieg mit trägen Schritten in den Hof hinab. Er war hoch und dünn von Geſtalt und hatte rothes Haar und rothen Spitzbart mit aufgeſtrichenem Knebelbart. Seine Wangen, obwohl mager und ein⸗ gefallen, war ſein dern um Ungemei lag in etwas T⸗ ausgeren Sein einen ſch den Elln Hand ur in einer An d Schlüſſel ſcher Sp „Wer „MaY nardo,“ „Du einige Kr mir mind Mann m. Nichts? vor Durf Springfer Mit! band au⸗ ) Kam die Sonne eicht; und ihnen über gelangten af den Bo⸗ en und an h allmälig⸗ reinbrechen ſich hören. n von der lber, wohl er die ein⸗ n Ton aus vernehmen e nur noch mpfes Ge⸗ dem alten eutlich und Stille und e, wie von ir Jemand, klopfte, um lle erſchien bäude und nab. und hatte geſtrichenem er und ein⸗ 61 gefallen, waren dennoch roth gefärbt; aber noch röther war ſeine Naſe. Die Augen, von aſchfarbenen Rän⸗ dern umgeben, ſtanden ihm verwildert in dem Kopf. Ungemein lang waren ſeine Arme und Beine; es lag in ſeinem Gang und in ſeinen Bewegungen etwas Träges und Lahmes, als wären ſeine Glieder ausgerenkt und ſeine Muskeln ohne Kraft.— Seine Kleidung deutete einen Diener an; er trug einen ſchwarzen ledernen Koller, ein rothes Wamms und rothe Hoſen, ohne alle Borten oder Zierathen. In dieſem Augenblick hatte er die Aermel ſeines Kollers aufgeſtreift und ſeine magern Arme bis an den Ellnbogen entblößt. Er hielt eine Feile in der Hand und ſchien durch das Klopfen an der Thüre in einer harten Arbeit geſtört worden zu ſein. An der Außenpforte angekommen, zog er einen Schlüſſel aus ſeinem Wamms und fragte in italieni⸗ ſcher Sprache: „Wer klopft da?“ „Mach' auf, Julio, es iſt Dein Kamerade Ber⸗ nardo,“ wurde ihm in derſelben Sprache geantwortet. „Du haſt gewiß unterwegs in dem Kemel*) einige Krüge Hamburger Bier verſchluckt? Haſt Du mir mindeſtens eine Kanne mitgebracht?“ fragte der Mann mit dem rothen Bart.„Nichts? Du haſt Nichts? Ich arbeite hier, um zu berſten; ich erſticke vor Durſt, und Niemand denkt an mich. Laß die Springfeder ſehen!“ Mit dieſen Worten nahm er ein krummes Stahl⸗ band aus den Händen ſeines Kameraden und be⸗ *) Kameel. A. d. U. ſchaute und bog es, um über deſſen Form und Stärke urtheilen zu können. Bernardo war ein kurzer, mißgeſtalteter Mann, mit einem hohen Rücken, den man wohl für einen Höcker anſehen konnte. Sein Geſicht zeugte von Un⸗ terwürfigkeit und Aengſtlichkeit, doch leuchtete dabei auf dem Grunde ſeiner kleinen grauen Augen ein Funke von Verſchlagenheit, und mit einem Lächeln, das zu gleicher Zeit zu bitten und zu ſpotten ſchien, blickte er den rothhaärigen Mann an. Dieſer ſagte in gebieteriſchem Ton: „Die Feder ſcheint gut. Hol' mir eine Kanne Rheinwein hinter St. Jorisput!“ „Unſer Herr hat es verboten, weißt Du wohl. Laß mich fort: der Signor hat mir befohlen, unmit⸗ telbar nach der Factorei zurückzukehren.“ „Willſt Du Wein holen? Oder ich ſchlage die Feder auf Deinem Buckel in Stücken!“ „Immerfort ſchelten und Streit ſuchen,“ brummte Bernardo.„Du weißt doch gewiß, daß ich guten Willen habe? Ich werde Wein holen; gib mir Geld.“ „Geld? Ich kann mich auf den Kopf ſtellen, und es fällt nicht ein Pfennig heraus. Leg für mich aus, was die Kanne koſtet.“ „Mein Beutel iſt leer, Julio; aber der Deinige? Unſer Herr gab Dir doch geſtern, ich weiß nicht, wie viel Schillinge. Du ſelbſt haſt es mir geſagt.“ „Bah, die Würfel haben Alles werſünhen.⸗ „Verſtockter Spieler!“ ſeufzte Bernardo.„Du würdeſt Deine Seele auf einen Wurf wagen, wenn nun wenan einen Carolusgulden dagegen ſetzen wollte. oben iſt! wird Dich Der „Fahr mereien,“ Geld, ve ſchönen„ über lacht Menſchenf lege Dir: doch einm wird. B Julio zu und ſt „Laß verlegen; ich es der „Was rothhaarig gen werde dem Schu kommen, len einen Garaus g an mich ku Kirchweih auf den 5 ſtochen, un Form und ter Mann, für einen te von Un⸗ htete dabei Augen ein m Lächeln, tten ſchien, line Kanne Du wohl⸗ len, unmit⸗ ſchlage die „ brummte ich guten mir Geld.“ opf ſtellen, Leg' für er Deinige? 3 nicht, wie geſagt.“ „ungen.“ rdo.„Du igen, wenn gegen ſetzen 63 „Es iſt wohl möglich,“ antwortete Julio ſpot⸗ tend,„meine Seele iſt doch nicht viel mehr werth.“ „Pfui, was für gottloſe Worte ſind das! Wir befinden uns hier allerdings ganz allein, aber dort oben iſt doch Jemand, der hört, was wir ſagen. Er wird Dich ſtrafen, Julio.“ Der rothhaarige Mann zuckte die Achſeln. „Fahre nur ſo fort in Deinen nächtlichen Schlem⸗ mereien,“ ſprach Bernardo weiter,„verſpiele Dein Geld, vertrinke Deinen Verſtand: am Ende dieſes ſchönen Pfades ſteht Galgen und Rad... und dar⸗ über lacht hernach der Teufel, dem alle verlorenen Menſchenſeelen willkommen ſind.— Lebe wohl; über⸗ lege Dir meine Worte, bedenke, daß der gerechte Gott doch einmal Rechenſchaft von Deinem Leben fordern wird. Bis morgen!“ Julio ſprang nach der Pforte, warf das Schloß zu und ſteckte den Schlüſſel in ſeine Taſche. „Laß dieſe Kindereien,“ ſagte der Andere, ſichtbar verlegen;„mache die Thüre auf, Julio, ſonſt muß ich es dem Herrn klagen.“ „Was kümmert mich unſer Herr?“ lachte der rothhaarige Mann.„Du ſagſt, Bernardo, der Gal⸗ gen werde mein Ziel ſein. Nein, nein. Wer mit dem Schwerdt ſpielt, wird durch das Schwerdt um⸗ kommen, heißt es im Sprichwort. Ich habe ſo Vie⸗ len einen Stich mit meinem Meſſer gegeben und den Garaus gemacht, daß wohl auch einmal die Reihe an mich kommen wird. Vergangene Nacht iſt wieder Kirchweih geweſen, Bernardo. Ich habe wohl acht auf den Kopf geſchlagen, einen durch den Arm ge⸗ ſtochen, und was aus den zwei oder drei andern ge⸗ 4 worden iſt, die auf dem Boden liegen blieben, das weiß mein Meſſer eher als ich. Komm einen Augen⸗ blick mit mir in's Haus hinein: ich will Dir erzäh⸗ len, wie das zugegangen iſt.“ „Nein, ich habe keine Zeit.“ „Ha, Du mußt Dir Zeit nehmen: Du wirſt von hier nicht fortkommen, ehe Du meine Abenteuer von dieſer Nacht gehört haſt.“ „Es ſind immer dieſelben Geſchichten. Müßte ich Dir Glauben ſchenken, ſo gäbe es längſt ſchon kein Plätzchen mehr auf dem Kirchhof, um die armen Leute zu begraben, die Du getödtet haſt... Mach' die Thüre auf, Julio, und laß mich hinaus, ich bitte 1 4 Der Andere faßte ſeine Hand und ſagte, ihn mit Gewalt nach dem Gebäude ziehend: „Ich bin hier den ganzen Tag allein und kann mit Niemand ein Wörtchen ſchwatzen; die Zunge würde mir wohl im Munde erſtarren. Du ſollſt meine Abenteuer hören, Du magſt Luſt haben oder nicht. Urtheile nach der Erzählung meiner Groß⸗ thaten, Bernardo, wie ehrenvoll es für Dich iſt, ſolch einen unverzagten Mann zum Kameraden zu haben. Werde nicht unwillig; Du weißt, daß jede Gegenwehr bei mir nutzlos iſt. Lächle nicht; wollte ich es wirklich auf eine Probe ankommen laſſen, ich könnte mit Dir ſpielen, wie mit einem Ball; aber Du biſt mein Freund und dabei zu ſchwach, um mir den geringſten Widerſtand leiſten zu können. Fürchte alſo Nichts...“ In dem Gebäude und in einer Art Geſellſchafts⸗ zimmer angekommen, warf Julio die Feder auf den Tiſch, und Genoſſen: „Setz⸗ Dinge hör Er iſt ein Menſchen Fliege. 4 ſpiels iſt Augen ni Schenke i Nächte ger von denen Ich ging die Boekſt Ohr. Si iſt Etwas, anzieht; e in die Sc gärdſch. forderte C Ich gewan das Glück voll Geld zu erlieger ſten, hatte Wein zu l ten mich d ſchienen ei Man ſuch Es war e Bernardo wem ſie Conſei ieben, das ien Augen⸗ Dir erzäh⸗ wirſt von nteuer von a. Müßte ängſt ſchon die armen ... Mach' 1s, ich bitte te, ihn mit und kann die Zunge Du ſollſt haben oder iner Groß⸗ ir Dich iſt, neraden zu , daß jede icht; wollte laſſen, ich Ball; aber ch, um mir en. Fürchte zeſellſchafts⸗ der auf den Tiſch, und einen Stuhl nehmend, ſagte er zu ſeinem Genoſſen: „Setz' Dich, Bernardo, Du wirſt ſonderbare Dinge hören. Kennſt Du Brufferio, den Spitzbuben? Er iſt ein Kerl wie ein Rieſe, der das Leben eines Menſchen nicht höher anſchlägt, als das Leben einer Fliege. In allen Schenken des St. Andreas⸗Kirch⸗ ſpiels iſt nicht ein Mann, der vor dem Blick ſeiner Augen nicht bebt.— In der Boekſtege iſt eine Schenke in einem großen Keller; da wird ganze Nächte gewürfelt und für große Geldſummen geſpielt, von denen der Teufel wiſſen mag, wo ſie herkommen. Ich ging geſtern, ſpät am Abend, gleichgültig durch die Boekſtege; ein Geräuſch von Würfeln trifft mein Ohr. Siehſt Du, Bernardo, das Klirren derſelben iſt Etwas, das mich gleich einer bezaubernden Muſik anzieht; es iſt ſtärker als mein Wille. Ich ſteige in die Schenke hinab und verlange ein Glas Hoe⸗ gärdſch. Ich nahm Platz zwiſchen den Spielern und forderte Einige heraus, gegen mich zu ſpielen.... Ich gewann; ich verlor; doch endlich begünſtigte mich das Glück und in Kurzem hatte ich meine Taſche ſo voll Geld, daß ich unter dem Gewicht der Gulden zu erliegen fürchtete. Um die Verlierenden zu trö⸗ ſten, hatte ich der Wirthin befohlen, jedem eine Kanne Wein zu bringen; aber trotz meines Edelmuths ſchau⸗ ten mich die Burſchen mit funkelnden Augen an und ſchienen einander aufzuhetzen, mir an's Leben zu gehen. Man ſuchte Streit; man wollte Händel anfangen. Es war eine Geſellſchaft von Dieben und Mördern, Bernardo; aber die Spitzbuben merkten wohl, mit wem ſie es zu thun hatten. Ein Meſſer hält das Conſeienee, Simon Turchi. 5 andere in der Scheide, ſagt das Sprichwort. Mein ſtolzer Blick, mein feſtes Wort und mein unerſchro⸗ ckenes Geſicht hielten ſie in ehrerbietiger Ferne... Da trat plötzlich der gefürchtete Brufferio in den Keller! Nicht ſobald hatte er von ſeinen Kameraden vernommen, wie günſtig mir das Glück geweſen war, als er verlangte, daß ich gegen ihn würfeln ſollte. Ich wünſchte mir nichts Beſſeres. Wie es kam, iſt mir unbewußt, aber ich verlor bei jedem Wurfe. Wir verdoppelten immer den Einſatz; der kalte Schweiß lief mir vom Geſicht, als ich alle meine Gulden in die Taſche des glücklichen Spitzbuben übergehen ſah. Noch ein Wurf, und mir blieb kein Pfennig mehr übrig... Das Loos begünſtigte mich dießmal; aber Brufferio behauptete, einer von meinen Würfeln habe an dem Rand meiner Kanne angeſtoßen, raffte das Geld vom Tiſch zuſammen und ſteckte es in ſeine Taſche... Ich ſprang auf und ſchalt ihn einen Be⸗ trüger. Er ſchlug mir ſogleich mit der Hand in's Geſicht. Das war zu viel Unverſchämtheit. Außer mir vor Wuth, ſprang ich in eine Ecke des Kellers und zog mein Meſſer. Im Augenblick blinkten zwanzig andere Meſſer mir entgegen. Du meinſt, ich ſei erſchreckt geweſen und habe gezittert, Ber⸗ nardo? Du kennſt mich nicht: wenn ich mich in einer ſolchen Gefahr befinde, könnte der Anblick eines ganzen Heeres mich nicht außer Faſſung bringen; denn, ich darf es wohl ſagen, woran es mir am wenigſten gebricht, das iſt Unerſchrockenheit und Muth. Als ich bemerkte, daß all die Spitzbuben auf mich zuſtürzten, wickelte ich meinen linken Arm in den Zipfel meines Kollers und begann, wie ein Löwe vorſprin mich zu die Spi Keller e nach; d ſchlecht! einer M zwiſchen andern! das Haſe auf dem Noch ein um zu ſe gegenſtell für dieſe Bern Lächeln a er ſchwei „Nun fragte Ju Heldenmt „0, Andere p ich habe geſund lä „Unm „Es buben ſeh Schandpf „Iſt halbes I⸗ ort. Mein unerſchro⸗ Ferne... cio in den Kameraden weſen war, feln ſollte. kam, iſt mir urfe. Wir te Schweiß Gulden in gehen ſah. nnig mehr zmal; aber ürfeln habe raffte das s in ſeine einen Be⸗ Hand in's it. Außer des Kellers ck blinkten Du meinſt, tert, Ber⸗ ch mich in ablick eines bringen; 3 mir am und Muth. mauf mich m in den ein Löwe 67 vorſpringend, mit meinem Meſſer ſo grimmig um mich zu ſchlagen, zu ſtoßen und zu ſtechen, daß alle die Spitzbuben, ſelbſt der Rieſe Brufferio, aus dem Keller entflohen. Ich eilte ihnen auf die Straße nach; da fing der Kampf von Neuem an; aber ſchlecht bekam er meinen Feinden. In weniger als einer Minute lag Brufferio ſo todt wie ein Stein zwiſchen zwei ſeiner Kameraden auf dem Boden; die andern hatten, wer weiß, in welch elendem Zuſtande, das Haſenpanier ergriffen... Und da ſtand ich allein auf dem Schlachtfeld als triumphirender Sieger. Noch eine Viertelſtunde blieb ich auf dem Platze, um zu ſehen, ob keine neuen Feinde ſich mir ent⸗ gegenſtellen würden; aber die Schelmen hatten genug für dieſe Nacht.“ Bernardo hatte dieſe Erzählung mit ungläubigem Lächeln angehört; nun, da ſie zu Ende war, ſchüttelte er ſchweigend den Kopf. „Nun, was ſagſt Du zu ſolch einem Abenteuer?“ fragte Julio.„Sollte es nicht als ein Beiſpiel von Heldenmuth in den Chroniken aufgezeichnet werden?“ „O, ſicherlich. An Deiner Stelle wäre mancher Andere vor Angſt vergangen.... aber mich dünkt, ich habe den todten Brufferio dieſen Morgen ganz geſund längs der Meire hingehen ſehen.“ „Unmöglich; Du haſt Dich geirrt.“ „Es mag wohl ſein: ich kenne ſonſt den Spitz⸗ buben ſehr gut, denn ich ſah ihn ſchon zweimal am Schandpfahl ſtehen.“ „Iſt er wirklich nicht todt, ſo wird er doch ein halbes Jahr nicht auf die Straße kommen.“ 5*¾ — „Und Du haſt Brufferio Dein Geld wieder ge⸗ Juli nommen?“ Zähnen „Was meinſt Du?“ fragte Julio. wollte e „Nun, da der Spitzbube ausgeſtreckt zu Deinen„Wi Füßen lag, warum haſt Du nicht das Geld zurück⸗ denn D genommen, das Dir geſtohlen worden war?“ ich nur Der rothhaarige Mann ſchien um eine Antwort Berr verlegen und murmelte nach einem Augenblick: halb ſpi „Du haſt Recht. In der Aufregung des Streites„Ver habe ich nicht daran gedacht... Und überdieß hatte mir ſagt ich keine Zeit dazu: die Nachtwächter kamen auf den baren 2 Lärm herbeigelaufen, und Du begreifſt, daß ich keine übel, do 91 Luſt hatte, dem Richter in die Hände zu fallen.“ dieſes 6 „Ich verſtehe Deine Worte nicht recht; ich glaube Menſche gehört zu haben, Du ſeieſt eine ganze Viertelſtunde„Wo lang auf dem Platze ſtehen geblieben,“ ſagte Ber⸗ ſchen, ei nardo mit ſchüchternem Lächeln.„Es iſt ſicher viel bereits 4 Blut gefloſſen, Julio?“ Julio; „O, in Strömen, Du darfſt es glauben.“ mein M 6 Bernardo betrachtete ſeinen Genoſſen vom Haupt„Laf bis zu den Füßen und bezeigte eine große Verwun⸗ will au 6 derung. für Dich „Ich möchte Dich wohl Etwas fragen, aber Du„Ha kannſt den Scherz nicht ertragen und wirſt böſe auf Julio er mich werden,“ ſagte er. werden, „Sprich Deine Meinung frei aus,“ antwortete brauche ſein Kamerade. und der „Es befremdet mich auf's Aeußerſte, Julio, daß Kind de an Deinen Kleidern nicht das mindeſte Tröpfchen„Ab Blut, und ſelbſt kein einziger Flecken zu bemerken iſt. Dir zu Mit Deiner Erlaubniß, haſt Du dieß Alles vielleicht dem Sp nicht geträumt?“„Ne vieder ge⸗ zu Deinen eld zurück⸗ -2“ 2 Antwort blick: s Streites rdieß hatte n auf den z ich keine fallen.“ ich glaube eertelſtunde ſagte Ber⸗ ſicher viel en.“ dom Haupt 2 Verwun⸗ aber Du ſt böſe auf antwortete Julio, daß Tröpfchen merken iſt. s vielleicht 69 Julio ſprang vom Stuhle auf, knirſchte mit den Zähnen und rief, ſeinen Genoſſen anſchauend, als wollte er ihn verſchlingen: „Wie, Du wagſt, mich zu verſpotten? Biſt Du denn Deines Lebens müde? Wahnſinniger! Wenn ich nur meine Hand aufhebe, biſt Du zermalmt!“ Bernardo ſprang gleichfalls auf und ſagte mit halb ſpöttiſcher, halb flehender Stimme: „Vergib mir, Julio. Ich glaube Alles, was Du mir ſagſt, und habe noch nie an Deinem wunder⸗ baren Muth gezweifelt. Nimm es mir doch nicht übel, daß ich manchmal über ernſthafte Dinge lache; dieſes Scherzen und Spaßen iſt allen gezeichneten Menſchen eigen.“ „Wärſt Du nicht blos ein Stück von einem Men⸗ ſchen, ein ſchwaches und wehrloſes Weſen, Du lägeſt bereits zu meinen Füßen ausgeſtreckt,“ brummte Julio;„aber es wandelt mich doch die Luſt an, Dir mein Meſſer durch Bruſt und Buckel zu jagen.“ „Laß es um Gottes willen ſtecken, Julio; ich will auf der Stelle einen Krug Hamburger Bier für Dich holen.“ „Ha, Betrüger, Du haſt alſo doch Geld!“ rief Julio erfreut.„Wohlan, ich will wieder Dein Freund werden, wenn Du mir einen Dienſt erzeigſt. Ich brauche durchaus Geld; leihe mir einige Schillinge, und der Erſte, welcher Dich ſchief anſieht, iſt ein Kind des Todes!“ „Aber wenn ich einige Schillinge hätte, um ſie Dir zu geben, Julio, Du ließeſt alle wieder nach dem Spielhaus laufen, nicht⸗wahr?“ „Nein, Du irrſt Dich dießmal; ich muß damit gewiſſe Dinge bezahlen, die unſer Herr mir geſtern zu kaufen befahl.“ Bernardo zog einen kleinen Beutel aus ſeinem Wamſe, nahm das wenige Geld, welches darin war, heraus und reichte es ſeinem Kameraden. „Da ſind zwei Schillinge,“ ſagte er;„es iſt Alles, was ich beſitze. Ich fürchte, ſie werden zu dem an⸗ dern Gelde gerathen.“ Julio ſteckte die beiden Schillinge in ſeine Taſche und murmelte: „Ha, ich ſage nicht, daß ich dieſen Abend nicht nach dem St. Andreas⸗Kirchſpiel gehen werde, um zu ſehen, ob daſelbſt noch Jemand ſich gegen mich zu erheben wagt!“ „Julio, Julio, ich beklage Dich,“ ſeufzte Ber⸗ nardo.„Nicht daß ich Dich tadeln wollte; aber mit Deiner Erlaubniß, Du haſt eine alte, unglückliche Mutter, die Deines Beiſtandes bedarf. Du ſprichſt immer davon, ihr Unterſtützung zukommen zu laſſen, und ſeit ſechs Monaten haſt Du all Dein Geld nach dem Spielhaus getragen. Wer weiß, ob Deine arme Mutter nicht darum Hunger leidet?“ Dieſer Vorwurf ſchien Julio tief zu treffen. Er ſchlug den Blick zu Boden und blieb eine Weile in Betrachtung verſunken. Dann erhob er wieder den Kopf und ſagte traurig: „Sprich mir nicht mehr von meiner Mutter, Bernardo; Du triffſt damit die einzige Stelle in meinem Herzen, die noch einer Empfindung fähig iſt. — Und dennoch, Du haſt Recht: ich bin ein Unge⸗ heuer. O, dieſes vermaledeite Spiel! Aber ich will mich beſt Arbeit n „Abe „Es iſt und dazl „Das dem Her „Ein und ein „Kon der rothl ſein, als ſagen: ſe Er fü eines Zit offenſtehe cher der Seſſel gl Federn h „Sie vom M Möchte! Mich ha aber die einige A Bern ſtand mi ſchrocken. „Hin ſtuhl? 8 Julic Vor mir geſtern aus ſeinem darin war, es iſt Alles, zu dem an⸗ ſeine Taſche lbend nicht verde, um gegen mich eufzte Ber⸗ ollte; aber unglückliche Du ſprichſt zu laſſen, Geld nach Deine arme reffen. Er e Weile in wieder den r Mutter, Stelle in fähig iſt. ein Unge⸗ er ich will 71 mich beſſern..... Geh' nur fort, damit ich meine Arbeit wieder aufnehmen kann.“ „Aber was machſt Du denn?“ fragte Bernardo. „Es iſt jetzt die dritte Feder, die ich beſtellen muß, und dazu allemal bei einem andern Schmied.“ „Das iſt ein Geheimniß, von dem Niemand außer dem Herrn und mir Etwas weiß.“ „Ein Geheimniß?“ murmelte Bernardo;„Federn und ein Geheimniß? Was mag es ſein?“ „Komm, ich will es Dich ſehen laſſen,“ ſagte der rothhaarige Mann.„Der Signor mag ſo böſe ſein, als er will, was kümmert's mich! Aber Nichts ſagen: ſchweigen wie ein Taubſtummer...“ Er führte ſeinen Kameraden bis auf die Schwelle eines Zimmers und deutete ihm von da durch die offenſtehende Thüre auf einen großen Lehnſeſſel, wel⸗ cher der Form nach jedem der andern herumſtehenden Seſſel glich, aus deſſen Armen jedoch zwei gekrümmte Federn hervorragten. „Sieh', das iſt es, woran ich ſeit vier Tagen vom Morgen bis zum Abend ohne Raſt arbeite. Möchte der bezauberte Stuhl in die Erde verſinken! Mich hat er ſchon Ströme von Schweiß gekoſtet; aber die neue Springfeder wird recht ſein; noch einige Augenblicke, und ich bin fertig.“ Bernardo betrachtete den unvollendeten Gegen⸗ ſtand mit ſeltſamer Aufmerkſamkeit und ſchien er⸗ ſchrocken. „Himmel,“ ſeufzte er,„was iſt das. Ein Zwangs⸗ ſtuhl? Willſt Du Menſchen fangen?“ Julio nickte bejahend mit dem Kopfe. Vor Angſt erbleichend, murmelte Bernardo: „Gott bewahre mich, was ſoll hier noch geſche⸗ hen! Weiß unſer Herr Etwas von dieſem ſchreck⸗ lichen Ding?“ „Iſt er es nicht, welcher Dir allemal befohlen hat, mir die Federn zu bringen?“ Der Mann mit dem hohen Rücken machte das Beichen des Kreuzes und murmelte Etwas in der tille. Julio rief, indem er ihm plötzlich einen Schlag auf die Schulter gab, mit einem ſchallenden Ge⸗ lächter: „Ha, ha, der einfältige Burſche! Er ſieht bereits ein Schlachtopfer in dem Stuhl und ſtrömendes Blut, gerade wie in Altenweiber⸗Mährchen. Sei ruhig, Bernardo; was ich mache, dient nur dazu, eine Laune unſeres Herrn zu befriedigen. Er ge⸗ denkt den Garten auszuputzen und die Springbrunnen herſtellen zu laſſen. Der Stuhl ſoll unter einer Laube bei dem Springbrunnen ſeinen Platz finden. Wer darauf ſitzt, ſoll gefangen werden und die Sala⸗ mander des Baſſins ſollen ihr Waſſer auf ihn ſpeien, daß er davon trieft. So hat unſer Herr es im Sinn.“ „Wie albern bin ich doch!“ rief Bernardo, über ſeinen eigenen Schrecken lachend.„Das wird wirk⸗ lich ſpaßhaft ſein.... Nun, mach' die Pforte auf, Julio; man wird in der Factorei ſchon lange auf mich warten.“ Beide verließen ſchwatzend das Haus und bega⸗ ben ſich nach der Außenpforte. Bald kehrte der rothhaarige Mann allein zurück. Er nahm die Feder von dem Tiſch und begab ſich mit ihr nach dem Zimmer, wo er ſeinen Kameraden durch d ſo ſehr Zwangs nach eit fügen u Wirkund lachend I könnte Da hat und ſeit Evange. Heller Furcht Abend geht es Erſt ſp dann D Dießma merke, Dann n armen ihr jetzt Wer we den iſt? und blit ſeinen Henker kenbold, mir gün Der Sit über Lu ioch geſche⸗ ſem ſchreck⸗ al befohlen nachte das as in der ien Schlag enden Ge⸗ eht bereits ſtrömendes hen. Sei nur dazu, a. Er ge⸗ ngbrunnen mter einer atz finden. die Sala⸗ ihn ſpeien, im Sinn.“ ardo, über wird wirk⸗ Pforte auf, lange auf und bega⸗ ein zurück. begab ſich Kameraden 73 durch die Enthüllung des Geheimniſſes ſeines Herrn ſo ſehr erſchreckt hatte. Hier ließ er ſich vor dem Zwangsſtuhl auf den Boden nieder und begann, nach einigen Werkzeugen greifend, die Feder einzu⸗ fügen und zu probiren, ob ſie wohl die gewünſchte Wirkung hervorbringen würde. Dazwiſchen ſprach er lachend: „O über die Dummheit des Buckeligen; man könnte ihm weiß machen, daß die Katzen Cier legen. Da hat er wieder die ganze Erzählung von Brufferio und ſeinen Spitzbuben angehört, als wäre es ein Evangelium. Der Feigling! Um ihm den letzten Heller aus der Taſche zu holen, darf man ihm nur Furcht einjagen. Ich habe zwei Schillinge! Der Abend bricht herein, es wird bereits dunkel. Jetzt geht es in die Schenke zum ſilbernen Würfel. Erſt ſpiele ich um einige Pfennige, dann Kreuzer, dann Dreier und zuletzt um Gulden, ja um Kronen! Dießmal werde ich das Spiel aufgeben, ſobald ich merke, daß meine Taſche ſchwer von Geld wird... Dann wird es noch der Mühe werth ſein, um meiner armen Mutter Etwas zu ſchicken.... Wie mag es ihr jetzt überhaupt gehen, meiner armen Mutter? Wer weiß, ob ſie nicht bereits aus der Welt geſchie⸗ den iſt? Es wäre vielleicht beſſer für ſie. Arm und blind! Und ſtatt aller Stütze einen Sohn, der ſeinen wahren Namen verbergen muß, um dem Henker zu entgehen,— einen Spieler, einen Trun⸗ kenbold, einen wahren Galgenhund! Iſt das Glück mir günſtig, dann werde ich ihr doch Etwas ſchicken. Der Signor hat mir verſprochen, er wolle es ihr über Lucca zukommen laſſen.... Ha, da hält die —n in dem Gartenthor klirrt! Es iſt der Signor!.“ „Ach ohne Geld! Das macht mir Pein Dahin iſt Freud' und Friede; Ich möcht' ſo gerne luſtig ſein, Wenn es mein Beutel litte u. ſ. w.«*) Die Thüre wurde geöffnet, und Signor Simon Turchi erſchien auf der Schwelle des Zimmers; er blieb einen Augenblick daſelbſt ſtehen und betrachtete ſchweigend den Diener, welcher in ſeinem Geſang fortfuhr, als hätte er die Ankunft ſeines Herrn nicht bemerkt. Langſam näherte ſich der Signor ſeinem Diener *) Siehe J. F. Willems, Alte flämiſche Lieder, p. 494. und legt er ein V aus der als woll „0 0 rief Juli wie ein ſter: ſo „For tödtet N. man es „Ihr einmal, Einziger „Du nen Drei „Nocdh mir wert „Wol der Sign nach der pochen ur erfahren, voller M Julio Arm ſtol; ſein Herr „Kein die Lamp Schlafgen hre Schul⸗ die Lehne uf ſetzen; bas Schö⸗ Schlinge en Abend ich wohl igeklemmt lüſſel, der nor!.. mit dem den ſetzte, em Fleiße Ausſehen vorte von in ) r Simon ners; er etrachtete Geſang rrn nicht Diener p. 494. 75 und legte ihm die Hand auf die Schulter; aber ehe er ein Wort ſprechen konnte, zog Julio ſein Meſſer aus der Scheide und geberdete ſich, aufſpringend, als wollte er ſeinen Herrn durchbohren. „O cielo! d voi, Signore? Ihr ſeid es, Herr?“ rief Julio.„Ihr kommt in den Garten geſchlichen, wie ein nächtlicher Dieb. Es iſt beinahe ſchon fin⸗ ſter: ſo hätte Euch ein Unglück geſchehen können..“ „Fort mit dem dummen Scherz, Julio. Man tödtet Niemand, ohne erſt zu erforſchen, mit wem man es zu thun hat.“ „Ihr meint ſo, Signore! Doch kämen fünf auf einmal, um mich ſo zu überraſchen, es bliebe kein Einziger davon am Leben!. „Du ſprichſt, als ob Dir ein Menſchenleben kei⸗ nen Dreier merth wäre?“ „Noch weniger, Signore; keinen Heller iſt es mir werth.“ „Wohlan,, das wollen wir einmal ſehen!“ ſagte der Signor in einem ſeltſamen Ton, indem er ſich nach der Thüre wandte.„Jahre lang habe ich Dich pochen und ſchwatzen hören; heute Abend werde ich erfahren, was Du biſt: ein Feigling oder ein muth⸗ voller Mann.“ Julio warf ſich in die Bruſt und ſtemmte den Arm ſtolz in die Seite; er wollte Etwas ſagen, aber ſein Herr ließ ihm nicht Zeit dazu. „Keine eiteln Worte!“ gebot der Signor.„Stecke die Lampe an und komm dann zu mir nach dem Schlafgemach!“ Er verließ das Zimmer, ohne ſich nach dem Zwangsſtuhl zu erkundigen, und ſtieg eine Wendel⸗ treppe hinauf. Nachdem er die Thüre eines Ge⸗ machs geöffnet hatte, ließ er ſich in einen Lehnſeſſel fallen und begann ſich mit beiden Händen die Stirne zu reiben, gleich Jemand, der von unklaren, jedoch peinlichen Gedanken beſtürmt wird. Nach einem Augenblick dieſer heftigen Bewegung fielen ſeine Hände auf die Kniee und er murmelte, den Blick in das halb finſtere Gemach richtend: „Es iſt alſo beſchloſſen: ein Freundesmord!... Er, mein Freund? Er iſt mein Todfeind! Hat er mir nicht Maria's Liebe geraubt? Alle meine Hoff⸗ nungen vereitelt, meinen Sturz vorbereitet und mich zu ewiger Schande verurtheilt? Sein Oheim hat eingewilligt; er wird ſein Handelsgenoſſe, Miteigen⸗ thümer eines ungeheuren Vermögens, Gatte Maria's, Maria's, die mir von ihrem Vater zur Braut be⸗ ſtimmt war! Er wird mächtig, reich und glücklich ſein, in Luſt ſchwimmen, die Welt durch ſeine Pracht in Erſtaunen ſetzen und mit rechtmäßigem Stolz auf den gefallenen Turchi niederſchauen! O, verdammt! und was wird mit mir geſchehen? Signor Deodati wird entdecken, daß ich ihm zehntauſend Kronen ſchuldig bin; er wird mich vor Gericht verklagen; ich werde als Betrüger verurtheilt werden; man wird entdecken, daß ich mehr verſchwendet habe, als mein Eigenthum war;— gehöhnt, verachtet, ver⸗ ſpottet, werde ich in den Abgrund des Elends und der Schande auf ewig niederſtürzen? Ha, nein, nein, er ſterbe! Sein Tod allein kann mich retten. Fällt er, wie ich mir vorgenommen habe, dann iſt es mit den zehntauſend Kronen abgemacht; dann wird Ma⸗ ria meine Gattin, dann erhalte ich ihren Braut⸗ ſchatz; de geehrte? Aber es ſein!.. beruht a Der brennend „Nur wollt Il Nichts ſt ſtehen w⸗ „Sch da vor meine W hafter N Der einem ſch Freund; als wäre hat unau mich betr Vermöge liſchen En ringeres, mein Loc nes Wer um die Julio; e Deines eines Ge⸗ Lehnſeſſel die Stirne en, jedoch Bewegung murmelte, htend: mord!... ! Hat er neine Hoff⸗ und mich Oheim hat Miteigen⸗ e Maria's, Braut be⸗ id glücklich eine Pracht Stolz auf verdammt! rr Deodati d Kronen verklagen; den; man habe, als chtet, ver⸗ lends und nein, nein, ten. Fällt iſt es mit wird Ma⸗ en Braut⸗ 77 ſchatz; dann bleibe ich der mächtige, der ſtolze, der geehrte Vorſtand des Handelshauſes der Buonviſi l... AÄber es iſt Eile nöthig: morgen kann es zu ſpät ſein!... Da höre ich Julio kommen. Auf ihm beruht alle meine Hoffnung!“ Der Diener trat in das Zimmer und ſtellte eine brennende Lampe auf den Tiſch. „Nun, Signore,“ fragte er,„auf welche Probe wollt Ihr meine Unerſchrockenheit ſtellen? Es kann Nichts ſo ſchwer ſein, das ich nicht mit Ehren be⸗ ſtehen würde, davon ſeid überzeugt.“ „Schließe die Fenſterläden,“ gebot Turchi.„Sitz⸗ da vor mich hin, Julio, und horche aufmerkſam auf meine Worte; was ich Dir ſagen will, iſt ſehr ernſt⸗ hafter Natur.“ Der rothhaarige Mann ſchaute ſeinen Herrn mit einem ſchlauen, ungläubigen Lächeln an, nahm je⸗ doch ſtillſchweigend auf dem Stuhle vor ihm Platz. „Julio,“ begann der Signor;„ich bin betrübt und rathlos. Es iſt Jemand, der vorgibt, mein Freund zu ſein, und mich doch ſeit Jahren verfolgt, als wäre er nur zu meinem Unglück geboren. Er hat unaufhörlich, mit giftiger Bosheit, mich verläſtert, mich betrogen, mich an meiner Ehre und an meinem Vermögen beeinträchtigt. Nun iſt er in ſeinen höl⸗ liſchen Entwürfen ſo weit gekommen, daß nichts Ge⸗ ringeres, als ewige Schande und ewige Armuth mein Loos ſein muß, wenn ich nicht durch ein küh⸗ nes Werk der Rache das Netz zerreiße, das er mir um die Füße geſchlungen hat.... Schweig ſtill, Julio; es macht Dir Ehre, daß Du in Zorn gegen Deines Herrn Feind entbrennſt; aber höre weiter... Freund die Mörder gedungen hat, die mir die Wunde im Geſicht beibrachten. Alſo hat er mir zuerſt nach dem Leben getrachtet und mein Blut vergoſſen; jetzt will er mein Verderben und meine Schande. Was würdeſt Du an meiner Stelle thun, Julio?“ Der Diener ſprang in die Höhe, zog ſein Meſſer aus der Scheide und antwortete, es in'’s Weite ſchwingend, als durchſtöße er damit Jemand, unter einem Spottgelächter: „Ha, ha, was ich thun würde. Fragt mein Meſſer darum, Signore; könnte es ſprechen, es würde Euch wunderliche Dinge erzählen.“ „Du würdeſt alſo nicht zurückbeben vor einem kühnen Stoß?“. „Zurückbeben? Ihr höhnt mich, Signor; zwanzig Meſſer, die mir zu gleicher Zeit vor den Augen funkeln würden, könnten mich nicht einen Fuß breit zum Weichen bringen.“ „Du begreifſt wohl, Julio, daß ich Dir nicht von ſolchen ernſthaften Dingen ſprechen würde, wenn ich an Deiner Unerſchrockenheit zweifeln müßte. Ja, ich will Dir einen hohen Beweis von Vertrauen geben, dadurch, daß ich Dich mit meiner Rache be⸗ auftrage. Ich werde Dir ſagen, wer mein Feind iſt und wo Du ihn heimlich treffen kannſt. Tödte ihn; ich werde Dir eine ſchöne Belohnung geben.“ Dieſer Auftrag ſchien Julio ganz und gar nicht zu behagen. „Ja aber,“ ſtammelte er;„ſo gehe ich nicht an's Werk. Ich werde Euren Feind in einen Streit zu Ich weiß jetzt ſeit drei Tagen, daß derſelbe falſche „Al gethan. leute die Es iſt „Da ler wert & „Iſt führt Ih Die nahm eit ten ihm ſeine Auf Augenbli den Lipp gut, über elbe falſche die Wunde zuerſt nach ooſſen; jetzt ide. Was 52“ ein Meſſer in's Weite and, unter ragt mein techen, es vor einem *; zwanzig den Augen Fuß breit Dir nicht rde, wenn aßte. Ja, Vertrauen Rache be⸗ ein Feind ſt. Tödte geben.“ gar nicht nicht an's Streit zu 79 verwickeln ſuchen, und hebt er nur die Hand gegen mich auf, dann iſt er ein Mann des Todes.“ „Unmöglich, er iſt ein Edelmann.“ „Und wenn ich ihn höhnte, würden ſeine Diener mir eine Tracht Stockſchläge aufladen, nicht wahr?“ „Allerdings. Es gibt aber ein Mittel, Julio: ich werde Dir ſagen, wo er in nächtlicher Finſterniß ohne Gefahr zu treffen iſt.“ „Ich? Ich ſollte Eurem Feind verrätheriſch den Todesſtoß verſetzen? Mir hat der Edelmann Nichts gethan. Seit wann rächen die Diener der Sdel⸗ leute die Beleidigung, die ihrem Herrn widerfahren? Es iſt Eure Sache, Signore.“ „Das Leben eines Menſchen iſt Dir keinen Hel⸗ ler werth, ſagſt Du,“ rief Simon Turchi mit bitte⸗ rem Spott.„Jetzt ſuchſt Du hinter ſo kindiſchen Veden Dich zu verſtecken. Du biſt ein Feigling, ulio!“ le„Nein, nein, aber ich will kein Meuchelmörder ein.“ „Verſtellung: eine Ausrede, weil Du Angſt haſt.“ „Iſt es ſo etwas Geringes und Leichtes, warum führt Ihr dann ſelbſt den Schlag nicht?“ Die Narbe auf dem Angeſicht von Simon Turchi nahm eine bläuliche Farbe an; alle Glieder zitter⸗ ten ihm vor verhaltener Wuth; doch bezwang er ſeine Aufregung mit Gewalt und ſprach nach einigen Augenblicken mit einem Lachen der Verachtung auf den Lippen: „Es ſind mehr als vier Jahre, daß ich Dich in meinen Dienſt genommen habe; ich bezahlte Dich gut, überſah Dein unordentliches Leben, Deine Trunk⸗ und Deine Spielſucht und jagte Dich nicht fort, ob⸗ ſer noch wohl Du es hundertmal, verdient hätteſt.... Und Blutes ve nun Du zum erſten Mal mir zu Etwas nützlich ſein Der S kannſt, findeſt Du den Muth nicht dazu! Ha, ha, und brum ſo muß ich Dich erproben! Was ich Dir ſagte, war„Wentn nur Scherz; ich habe keinen Feind. Geh' jetzt fort, Undankba⸗ Julio; morgen verläſſeſt Du meinen Dienſt. Du viſſen ließ biſt ein Lügner und Haſenfuß!“ ich ihm ſe „Aber beurtheilt mich doch nicht zu ſtrenge, Sig⸗ Namen u nore,“ bat der Diener.„Ich will tauſendmal mein Niemand Leben für Euch wagen; aber Jemand— einem Un⸗ nicht more bekannten vielleicht— verrätheriſch auflauern und den, in de 1 ihn kaltblütig niederzuſtoßen, das iſt eine ſchändliche in Italien Uebelthat, wozu ich mich nicht gemacht fühle...“ Julio 6„Heuchler,“ ſchnaubte Simon Turchi ihm zu, Angſt geſe „Du ſprichſt, als ob mir Deine Geſchichte unbekannt den demü⸗ wäre. Wenn auf Deinen Kopf auf dem Gebiet von Er rang Lucca ein Preis geſetzt iſt und ein Todesurtheil auf falſche Be Dir laſtet, kommt es nicht daher, daß Du den Rich⸗ Menſchen; ter Volpar ermordet oder zu deſſen Mord geholfen Blick allen haſt?“ ſung geb Dieſe Worte ſchienen Julio mit plötzlichem ſchloſſenhen Schrecken zu ſchlagen. Er antwortete mit demüthi⸗„Woh gem Ton: reit.“ „Signore, ich habe es Euch bereits geſagt, ich„Woll war bei dieſer Sache mehr unglücklich als ſchuldig. Muth, ohr Ich befand mich allerdings zur Stelle und wurde„Ich mit denen angehalten, die den verhängnißvollen darum Ni Schlag führten. Glaubet mir, ich wußte Nichts von„Wem 3 deren Vorhaben. Ich will nicht ſagen, daß ich in„Gero Händeln und Schlägereien ein ſanftmüthiger Burſche Schrecken. bin; aber bis auf den heutigen Tag hat mein Meſ⸗ Sonſei —— 81 ht fort, obꝛ ſer noch niemals ungereizt einen einzigen Tropfen .. Und Zlutes vergoſſen.“ nützlich ſein Der Signor ſchaute ſeinem Diener in die Augen Il Ha, ha, und brummte drohend: ſagte, war„Wenn ich nun einmal, um Dich für Deine feige ) jetzt fort, Undankbarkeit zu beſtrafen, den Factor von Lucca ienſt. Du wiſſen ließe, wen ich in meinen Dienſten habe? Wenn ich ihm ſagte, der Mann, welcher ſeinen wahren enge, Sig⸗ Namen unter dem von Julio Julii verbirgt, ſei dmal mein Niemand anders als Pietro Moſtajo? Würde er einem Un⸗ nicht morgen Nacht, an Händen und Füßen gebun⸗ auern und den, in dem Raum einer Kriegsgallione ſchlafen, um ſchändliche in Italien auf dem Schaffot ſein Leben zu laſſen?“ hle...“ Julio erbleichte und bebte ſichthar; zu ſeiner i ihm zu, Angſt geſellte ſich noch das Gefühl der Scham über unbekannt den demüthigenden Zuſtand, worin er ſich befand. Gebiet von Er rang eine Weile die Hände und klagte über urtheil auf falſche Beſchuldigungen und die Ungerechtigkeit der den Rich⸗ Menſchen; aber ſein Herr folgte mit ſo ſpöttiſchem d geholfen Blick allen ſeinen Bewegungen, daß der außer Faſ⸗ ſung gebrachte Diener endlich mit fieberiſcher Ent⸗ plötzlichem ſchloſſenheit ausrief: t demüthi⸗„Wohlan, ſagt, was ich thun muß; ich bin be⸗ reit.“ eſagt, ich„Wollteſt Du meinen Wunſch erfüllen, mit feſtem ſchuldig. Muth, ohne die mindeſte Zögerung?“ nd wurde„Ich muß wohl; Ihr zwingt mich! Fürchtet gnißvollen darum Nichts: mein Beſchluß iſt gefaßt.“ tichts von„Wenn Geronimo Deodati mein Feind wäre?“ daß ich in„Geronimo Deodati!“ rief Julio im äußerſten er Burſche Schrecken.„Geronimo, Euer Buſenfreund? Der nein Meſ Eonſeience, Simon Turchi. 6 edle, gutherzige Ritter? Der Euch wie einen Bru⸗ der liebt und achtet? Er iſt ſanft und arglos wie ein Mädchen!“ „Er iſt ein Scheinfreund, ein Heuchler!“ „Geronimo ſollte Euch die Wunde im Geſicht beigebracht haben?*) Er ſollte Euch verrathen, Euer Verderben ſuchen? Irrthum, Irrthum, unmöglich.“ „Er iſt mein Todfeind. Ihn ſollſt Du tödten, ſage ich Dir!“ rief Simon Turchi mit drohendem Ton. „Signor Geronimo tödten, ich? Ach, zu welcher um Rache ſchreienden Uebelthat wollt Ihr mich trei⸗ ben!“ wehklagte Julio. Simon faßte ſeinen Diener am Arm, ſchüttelte ihn heftig und rief ihm mit heiſern Kehltönen in das Ohr: „Pietro Moſtajo, denk an den Factor von Lucca!“ Julio ſtand mit geſenktem Haupte wie vernichtet da, und gab keine Antwort. Der Signor ließ ihn los, trat auf die Thüre zu und ſagte: „Gut, ich gehe, Dein Haupt dem Henker zu überliefern...“ Der erſchrockene Diener ſprang ihm nach, hielt ihn flehend zurück und ſeufzte: „Nun, ich unterwerfe mich gänzlich Eurem Wil⸗ *) Einſt, da er bei Nacht über die Straße ging, wurde ihm von feindlicher Hand ein Schnitt im Geſicht beigebracht, der, wie er als gewiß annahm, von Geronimo herrührte, worin er ſich jedoch gänzlich betrog, da er ſpäter erfuhr, wer der Thäter war. Matteo Bandello. len, und iſt. No es ſei a ſein Blu wann u ziehen ſe tenſpiele zu ihm ich werd ſagen, ie len wiſſe habe. fen, die hängt; gehſt De weit von nen, an — vorü dem Brr nahe kon und verf einen ſo⸗ Leute; ſ reißeſt de die er in darin be inen Bru⸗ rglos wie 174 m Geſicht then, Euer möglich.“ du tödten, drohendem zu welcher mich trei⸗ ſchüttelte hltönen in on Lucca!“ vernichtet die Thüre Henker zu nach, hielt urem Wil⸗ ging, wurde beigebracht, » herrührte, erfuhr, wer ndello. 83 len, und nehme das Loos an, dem nicht zu entgehen iſt. Noch niemals habe ich einen Mord begangen; es ſei alſo zum erſten Mal! Signore, Ihr nehmt ſein Blut auf Euch, nicht wahr? Sagt mir jetzt, wann und wie ich dieſen ſchrecklichen Auftrag voll⸗ ziehen ſoll?“ „Noch heute, Julio.“ „Noch heute?“ „Morgen wäre es zu ſpät.“ „Wohlan, ſo ſprecht, je früher, deſto beſſer.“ „Es iſt Maiabend, Geronimo wird Maria Van de Werve eine Serenade bringen. Nur zwei Lau⸗ tenſpieler ſollen ihm folgen. Er hat mich erſucht, zu ihm zu kommen und ihm Geſelſſchaft zu leiſten; ich werde in der Factorei mich zu Bette legen und ſagen, ich befinde mich unwohl; die Diener alle ſol⸗ len wiſſen, daß ich meine Wohnung nicht verlaſſen habe. Du wirſt die alte ſpaniſche Kaputze umwer⸗ fen, die ſeit fünf Jahren droben auf dem Speicher hängt; ſie wird Dich unkenntlich machen. Dann gehſt Du vor eilf Uhr nach der Hobokenſtraße, nicht weit von dem Minoritenkloſter. Dort ſteht ein Brun⸗ nen, an dem Geronimo zwei Mal— hin und zurück — vorüber gehen muß. Du verbirgſt Dich hinter dem Brunnen, bis Geronimo in der Finſterniß ihm nahe kommt; dann ſchießeſt Du plötzlich auf ihn zu und verſetzeſt ihm einen tödtlichen Stoß; mehr als einen ſogar... Die Lautenſpieler ſind furchtſame Leute; ſie werden die Flucht ergreifen. Du ent⸗ reißeſt dem Leichnam des Geronimo eine Brieftaſche, die er in ſeinem Wams links auf der Bruſt trägt; darin befindet ſich eine Schrift, die er mit. diſ mir abgeſchwatzt hat.— Du verläſſeſt den Platz und entfernſt Dich durch die finſtern Straßen: die Nacht wird Dich nicht verrathen.... Vergiß die Brief⸗ taſche nicht!“ Julio's Angeſicht zeugte von Verwunderung und Schrecken; er hatte während der Auseinanderſetzung dieſes Planes den ſtarren Blick auf den Mund ſei⸗ nes Gebieters geheftet und ſchaute ihm, auch da er ſchwieg, noch voll Verwirrung in die Augen. „Nun,“ fragte ſein Herr,„iſt die Sache nicht kug ansgedatht⸗ Du ſiehſt, es iſt keine Gefahr abei.“ „Wunderbar, wunderbar!“ murmelte der Diener, zu Boden blickend. 3 „Du biſt alſo bereit, den Schlag zu wagen? Aber was ſtehſt Du ſo zweifelnd da? Haſt Du Furcht?“ „Nein, nein, laßt mich ein wenig überlegen,“ ſtammelte Julio. Nach einer kleinen Pauſe hob er den Kopf wieder in die Höhe und ſprach: „Mit Eurer Erlaubniß, Signor, der Plan, wie Ihr ihn entworfen habt, ſcheint mir höchſt gefahr⸗ voll für Euch. Angenommen, Geronimo bemerke mich zu früh und ſetze ſich zur Wehre, oder die Lau⸗ tenſpieler ſeien zufällig entſchloſſene Leute und ich werde verwundet oder ergriffen; dieß Alles iſt mög⸗ lich. Ich würde unfehlbar gerädert oder verbrannt. Dieß iſt das Mindeſte, und ich würde wenig darauf achten, wenn nur mein Tod Euch nützlich ſein könnte. Aber ich bin Euer Diener, das weiß Jedermann; und da ich keinen Grund zu Haß oder Neid haben meinen Sin auf un Zähnen folgte i einem l Freude. End ſtehen; und die „9 loren ſe übrig l Julio, „De Geronin erſtaunt. nore?“ *) W nehmen u Lehnſeſſel auf niede beide Bei Mann do Geſchich Platz und die Nacht die Brief⸗ erung und nderſetzung Mund ſei⸗ zuch da er gen. gache nicht ne Gefahr der Diener, u wagen? Haſt Du iberlegen,“ opf wieder Plan, wie hjſt gefahr⸗ o bemerke er die Lau⸗ e und ich es iſt mög— verbrannt. nig darauf ein könnte. gedermann; ſeid haben 8⁵ kann, gegen einen Ritter, der mir noch niemals ein hartes Wort gegeben hat, wird man auf der Stelle an Euch denken, als an denjenigen, der mir dieſen Mord anbefohlen hat.“ „Und Du, Du würdeſt mich verrathen, nicht wahr?“ ſpottete Turchi bitter. „Verrathen? Es würde mich nicht retten, Sig⸗ nor; aber auf der Folter könnte meine Zunge gegen meinen Willen Euren Namen ausſprechen.“ Simon Turchi ſchritt einige Mal im Gemache auf und ab und murmelte Etwas zwiſchen den Zähnen im Tone tiefer Verzweiflung. Sein Diener folgte ihm auf ſeinem Gang mit ſcheuem Blick und einem beinahe unmerklichen Lächeln triumphirender Freude. Endlich blieb der Signor mitten im Zimmer ſtehen; die Narbe auf ſeiner Wange ſchien zu glühen, und die Augen ſtanden ihm wie irre im Kopf. „O!“ ſtieß er hervor,„ich ſoll alſo für ewig ver⸗ loren ſein? Es ſoll mir Nichts mehr auf der Welt übrig bleiben, als Schande und Elend! Julio, Julio, geht der Stuhl?“*) „Der Stuhl! Der Stuhl war alſo beſtimmt, um Geronimo's ſich zu bemächtigen?“ rief der Diener erſtaunt.„Er geht. Was wollt Ihr ſagen, Sig⸗ nore?“ *) Weßhalb Symon Turk ſich vorſetzte, an ihm Rache zu nehmen und durch langes und kaltes Nachdenken einen hohen Lehnſeſſel zu Stande brachte, an welchem, wenn einer ſich dar⸗ auf niederließ, zwei runde ſtarke Eiſen hervorſprangen, die beide Beine über den Knieen und dazu ſo feſt faßten, daß der Mann darin feſt und geſchloſſen ſaß. E. van Meteren, Geſchichten aus den Niederlanden. 1. Buch. „Nein, nein, der Stuhl käme zu ſpät,“ murmelte Simon Turchi mit fieberiſcher Heftigkeit in der Stimme.„Ich will von Nichts mehr hören; Du wirſt dieſe Nacht Geronimo auflauern und ihn durch⸗ bohren... Es iſt beſchloſſen; es muß ſein!“ „Ich weiß ein Mittel, um ohne Gefahr für Euch und für mich daſſelbe Ziel zu erreichen, Signore,“ ſagte der Diener. „Ah, möchteſt Du Wahrheit ſprechen! Laß hören, dieß Rettungsmittel.“ „Seht Ihr, Signore,“ ſprach Julio,„es wohnt in dem St. Andreas⸗Kirchſpiel ein Mann, groß und ſtark wie ein Rieſe. Er heißt Brufferio; für Geld thut er Alles, was man will. Sagt ihm, daß Ihr Jemand mit Stockſchlägen belegt ſehen, oder ver⸗ wundet oder getödtet haben wollt, es gilt ihm Alles gleich. Immer vollzieht er ſeinen Auftrag zur Zu⸗ friedenheit derer, die ihn bezahlen, und niemals ver⸗ räth er ein Geheimniß. Er hat vier oder fünf un⸗ erſchrockene Genoſſen, die daſſelbe Handwerk betrei⸗ ben. Man kann ſich auf ihn verlaſſen. Wenn Ihr mir Geld gebt, um den Rabauw*) zu bezahlen, dann braucht Ihr Euch durchaus nicht weiter damit zu bemühen; Brufferio ſelbſt ſoll der Meinung ſein, daß ich aus eigener Rachſucht handle, und überdieß kennt er mich nicht. So wird Keiner von uns bei⸗ den verdächtigt oder beſchuldigt werden können, ſelbſt wenn die Sache mißlingt.“ *) Rabauw, von dem italieniſchen Wort Ribaldo, bezeich⸗ net im Mittelalter einen Landläufer, einen Menſchen, der kein ehrliches Auskommen hat, einen Spitzbuben oder Schurken. A. d. U. Die zu übe nach. Lippen, Vorſchle vorkam. kleine „n Silberg „Ge ich käme Eine Nun rückzukel ſchicklicht Ha, da Und die in die murmelte it in der ören; Du ihn durch⸗ in!“ r für Euch Signore,“ Laß hören, „es wohnt groß und für Geld daß Ihr oder ver⸗ ihm Alles ig zur Zu⸗ emals ver⸗ r fünf un⸗ verk betrei⸗ Wenn Ihr bezahlen, eiter damit nung ſein, d überdieß n uns bei⸗ men, ſelbſt ldo, bezeich⸗ hen, der kein Schurken. A. d. U. 87 Die Worte Julio's ſchienen den Signor Anfangs zu überraſchen und er dachte ſchweigend darüber nach. Allmälig trat jedoch ein Lächeln auf ſeine Lippen, und es zeigte ſich deutlich, daß der gemachte Vorſchlag ihm als ein glückliches Auskunftsmittel vorkam. Er öffnete ſeinen Geldbeutel und legte vier kleine Goldſtücke in Julio's Hand. „Wird dieß genügen?“ fragte er. „Ihr ſcherzt, Signor,“ antwortete der Diener; „vier Goldkronen für das Leben eines Edelmanns!“ Simon legte vier weitere Stücke zu. „Jetzt?“ fragte er. „Noch nicht genug.“ „Wie viel denn, glaubſt Du?“ „Ich weiß es nicht: zwanzig vielleicht.“ „Zwanzig? Ich habe nur fünfzehn und einiges Silbergeld bei mir.“ „Gebt Alles, Signore. Wäre es nicht genug, ich käme unverrichteter Sache wieder.“ Einen tiefen Seufzer ausſtoßend, ließ Simon den ganzen Inhalt ſeiner Börſe in Julio's Hand fallen. „Du wirſt mir zurückbringen, was zu viel ſein möchte, nicht wahr? „Ja gewiß; aber ich denke nicht, daß viel übrig bleiben wird.“ Nun, Julio, ich habe Eile, nach der Factorei zu⸗ rückzukehren. Vollziehe Deinen Auftrag mit Ge⸗ ſchicklichkeit, und ich werde Dich gut belohnen.... Ha, da ſchießt mir ein Gedanke durch den Kopf! Und die Brieftaſche? Sie darf dem Spitzbuben nicht in die Hände fallen.“ „Daran habe ich nicht gedacht,“ ſeufzte Julio verlegen. Beide ſchauten eine Zeit lang nachdenklich zu Boden. „Ah, ich hab' es gefunden!“ rief Simon Turchi nach einer Weile erfreut.„Du wirſt ein wenig vor zehn Uhr Dich nach Geronimo's Hauſe begeben und ihm ſagen, daß ich das Fieber habe und Dich an meiner Stelle ſende, um bewaffnet ihn zu begleiten. Halte Dich in ſeiner Nähe, und wenn er getroffen niederſtürzt, ſo entreiße ihm die Brieftaſche. Ver⸗ ſtändige Dich deßwegen mit dem Spitzbuben; ſag' ihm, daß es eine Schrift von keinem Belang iſt.“ Julio verzog beim Empfang dieſes neuen Auf⸗ trags ärgerlich das Geſicht. Er hatte ſich bereits mit der Gewißheit geſchmeichelt, bei dem verräthe⸗ riſchen Streich nicht gegenwärtig ſein zu dürfen. Nun wurde ihm geboten, doch einigermaßen Antheil daran zu nehmen. „Geh' jetzt nach dem Speicher,“ ſagte Turchi, „und hole den alten ſpaniſchen Mantel; er kann Dir dazu dienen, Dich bei Brufferio unkenntlich zu machen. Umgürte Dich zugleich mit einem Schwerdt, um Geronimo zu beweiſen, daß Du zu ſeiner Ver⸗ theidigung bewaffnet biſt.“ Indem er die Lampe vom Tiſche nahm, war der Diener im Begriff, den Befehl zu vollziehen. „Nun, was thuſt Du?“ rief ſein Herr.„Willſt Du mich hier im Finſtern laſſen? Wagſt Du nicht mehr, ohne Licht auf den Speicher zu gehen?“ „Ich werde mich an den Balken ſtoßen; ich kann mich nicht mehr erinnern, wo der Mantel liegt.“ „Es Händen heit, Ju Eine Er hatte Es war ganzen über da gänzlich Schu näherten Thüre i Lampe d Das und wie mit ſein Straße. Ein faßbaren in der E Der denn kei endliche der Str das vor weit ent ten dieſe ufzte Julio denklich zu ion Turchi wenig vor ꝛgeben und id Dich an begleiten. r getroffen ſche. Ver⸗ uben; ſag' ang iſt.“ euen Auf⸗ ich bereits verräthe⸗ zu dürfen. gen Antheil gte Turchi, her kann enntlich zu Schwerdt, einer Ver⸗ i, war der hen. *.„Willſt Du nicht hen?“ ; ich kann liegt.“ 89 „Es iſt erſt drei Tage, daß Du ihn noch in den Händen hatteſt. Du fürchteſt Dich in der Dunkel⸗ heit, Julio: Nimm die Lampe!“ Einen Augenblick darauf kam der Diener zurück. Er hatte den ſpaniſchen Mantel auf den Schultern. Es war ein weites Gewand, worein man ſeinen ganzen Körper hüllen konnte, und deſſen Kaputze, über das Haupt gezogen, das Angeſicht beinahe gänzlich verbarg. Schweigend ſtiegen Herr und Diener hinab und näherten ſich, unter dem Schein der Lampe, der Thüre in der Gartenmauer. Dann ſetzte Julio die Lampe auf den Boden und blies das Licht aus. Das Schloß knarrte, die Thüre wurde geöffnet und wieder geſchloſſen, und Simon Turchi verſchwand mit ſeinem Diener in der Einſamkeit der finſteren Straße. IV. Ein düſterer Schatten, gleich einem beinahe un⸗ faßbaren Fleck in der Finſterniß ſich bewegend, ſchlich in der St. Jansſtraße längs der Häuſer hin. Der Himmel mußte mit Wolken überzogen ſein, denn kein einziger Stern ſchimmerte durch das un⸗ endliche Wolkenmeer; nur hie und da an den Ecken der Straßen und Stegen flimmerte ein Lämpchen, das vor einem Marienbilde angezündet war; allein weit entfernt, die Finſterniß zu vermindern, glimm⸗ ten dieſe Flämmchen in der nebeligen Nachtluft gleich Glühwürmern im Gebüſch, die Licht beſitzen, aber nicht leuchten. Alles war ſtill in den einſamen Straßen. Hör⸗ ten die Einwohner hinter ihren eichenen Fenſterlä⸗ den zuweilen ein Geräuſch, ſo war es nichts Ande⸗ res, als der beeilte Schritt eines Bürgers, der von Furcht getrieben, um ſo lauter mit den Füßen auf⸗ trat, um Diebe und Räuber abzuſchrecken; oder der raſche Gang eines Gauners, der lauernd und den Blick durch die Finſterniß bohrend, nach einem Raub ausſpähte, oder auch die Nachtwächter, welche die Stunden riefen und ihre Hellebarden auf den Bo⸗ den ſtießen, als wollten ſie die Uebelthäter von ihrer Annäherung in Kenntniß ſetzen. Der Schatten, welcher gerade durch die St. Jans⸗ ſtraße ſchlich, war ein Mann, völlig in einen weiten Mantel gehüllt, und den Kopf unter einer Kaputze verborgen, die von dem Geſicht wenig mehr als Naſe und Augen unbedeckt ließ. Wenn er an einem Heiligenbild vorüberging, oder der ſchwache Strahl eines Lämpchens ihn erreichte, ſo konnte man be⸗ merken, daß er im Gehen die Fauſt an das Gefäß eines Degens gelegt hatte. War dieſe Perſon ein Böſewicht, zu einem ver⸗ brecheriſchen Ueberfall bereit, oder hielt er aus Furcht vor Gefahr ſich nur zur Selbſtvertheidigung fertig? Wie dem ſein mochte, er rückte vorſichtig weiter und erreichte endlich ohne irgend einen Unfall eine enge und krumme Gaſſe, aus deren Tiefe viele ver⸗ wirrte Stimmen außzuſteigen ſchienen. Der Mann mit der Kaputze blieb vor der Mün⸗ dung eines Kellers ſtehen, der mit einer Treppe auf die Stra Geräuſch Er ſt hellklinge „Der wie ſie d den Spie Einen ei Wie ſetzte er dann ſchi Bebend Eile von er ſtehen „Hin Spielen, verloren von Luc⸗ zauberun ſetzte.. werde? Geldes Nein, n keine Zei Thüre n Wäh er den dem Bru Stimme „Hie kaum die hat woh tzen, aber zen. Hör⸗ Fenſterlä⸗ chts Ande⸗ 3, der von Füßen auf⸗ ;oder der und den nem Raub welche die den Bo⸗ häter von St. Jans⸗ nen weiten r Kaputze mehr als an einem hhe Strahl 2 man be⸗ das Gefäß einem ver⸗ aus Furcht ng fertig? dtig weiter Infall eine viele ver⸗ der Mün⸗ Treppe auf 91 die Straße auslief, und horchte auf das fröhliche Geräuſch und Gejubel, welches dort unten erſcholl. Er ſteckte die Hand in die Taſche und ließ einige hellklingende Geldſtücke durch die Finger gleiten. „Der Silberne Würfel!“ ſeufzte er.„Hör', wie ſie da drinnen luſtig ſind! Die Würfel rollen über den Spieltiſch. Soll ich nicht einen Schilling wagen? Einen einzigen?“ Wie von einem übermächtigen Zauber beherrſcht, ſetzte er den Fuß auf die Treppe des Kellers, aber dann ſchien ein plötzlicher Gedanke ihn zurückzuhalten. Bebend ſprang er zurück und entfernte ſich in aller Eile von dem Keller. Weiter auf der Straße blieb er ſtehen und murmelte in ängſtlichem Tone: „Himmel, was war ich zu thun im Begriff. Spielen, würfeln? Ich hätte gewiß all das Geld verloren! Pietro Moſtajo, vergiß nicht den Factor von Lucca!... Ach, ich bin gerettet! Welche Be⸗ zauberung, es war mein Kopf, den ich auf's Spiel ſetzte.... Aber wer ſagt, daß ich unglücklich ſein werde? Kann ich nicht eben ſowohl einen Schatz Geldes gewinnen?— Da iſt der Zauber wieder! Nein, nein, Brufferio muß ich aufſuchen und darf keine Zeit verlieren. Dort wohnt er: wo die ſchwarze Thüre neben dem Pumpbrunnen iſt.“ Während er dieſe letzten Worte flüſterte, betrat er den Steg. Bald blieb er jedoch wieder neben dem Brunnen ſtehen und ſprach mit zurückgehaltener Stimme: „Hier wohnt Brufferio. Wie finſter! Ich kann kaum die Thüre ſehen; aber ich irre mich nicht: hier hat wohl der gefürchtete Gauner ſein Mordneſt... ——“ Das iſt ſeltſam. Warum wandelt mich ſo plötzlich ein heftiges Zittern an? Iſt es vielleicht eine War⸗ nung, daß da drinnen ein Unglück über mich kommen ſoll? Wenn man mir die Goldſtücke entriſſe und mich ermordete, um den Diebſtahl zu verbergen? Was thun? Wenn ich meinem Herrn ſagte, ich habe Brufferio nicht gefunden?... Ha, und der Factor von Lucca!“ Nach einem Augenblick ängſtlicher Ueberlegung ſchritt der Mann mit der Kaputze auf die kleine Thüre, indem er ſeufzte: „Fort, fort, es iſt Nichts daran zu ändern: von zwei Uebeln das kleinſte!“ Wiewohl dieſe Worte einen feſten Entſchluß an⸗ zudeuten ſchienen, faßte er nichts deſto weniger mit noch zitternder Hand den eiſernen Klopfer an der Thüre und ließ ihn zweimal niederfallen. Der Ton klang hohl und dumpf im Innern, als wäre die Thüre der Eingang zu einem Grabgewölbe geweſen. Es dauerte geraume Zeit, ohne daß irgend ein Geräuſch verrieth, man habe das Klopfen gehört. Noch mehr erſchrack der nächtliche Beſucher bei dem Gedanken, es möchte Niemand zu Hauſe ſein, und er müßte demgemäß unverrichteter Sache zu ſei⸗ nem Herrn zurückkehren, der ihm keinen Glauben ſchenken würde. In der ſchwarzen Thüre befand ſich ein vergit⸗ tertes Guckloch. Hinter den eiſernen Stäben waren zwei Augen auf die Perſon gerichtet, die angeklopft hatte; und verging viel Zeit, ehe er eine Antwort erhielt, ſo geſchah dieß wahrſcheinlich, damit die ſpä⸗ henden A um den Endlie das Guck „Wer Der 2 Frage, ſo ausgeſpro men und bezwang der Thür⸗ „Frau Italieniſch Sagt mir „Wer lieniſch ge „Wer legenheit Namen n „Ihr wollt mie laßt mich Der ſtücke aus „Ihr Brufferio“ ſind einig komme m Zwei Klammern „Tret mir nach ſo plötzlich teine War⸗ nich kommen ntriſſe und berbeinen, te, ich habe der Factor leberlegung die kleine zu ändern: itſchluß an⸗ veniger mit fer an der Innern, als rabgewölbe irgend ein u gehört. geſucher bei Hauſe ſein, ache zu ſei⸗ n Glauben ein vergit⸗ ben waren angeklopft ne Antwort nit die ſpä⸗ 9³ henden Augen durch die Finſterniß dringen könnten, um den unzeitigen Beſucher zu erkennen. Endlich fragte eine heiſere, rauhe Stimme durch das Guckloch: „Wer hat geklopft?“ Der Mann mit dem Mantel ſprang zurück; die Frage, ſo unerwartet und ſo dicht neben ſeinem Ohr ausgeſprochen, ſchien aus dem Nichts hervorzukom⸗ men und jagte ihm einen heftigen Schrecken ein. Er bezwang ſich jedoch ziemlich ſchnell, näherte ſich wieder der Thüre und antwortete in italieniſcher Sprache: „Frau, ich verſtehe kein Niederdeutſch; Ihr müßt Italieniſch können: Brufferio iſt aus der Romagna. Sagt mir, iſt Brufferio zu Hauſe?“ „Wer ſeid Ihr?“ wurde in gebrochenem Ita⸗ lieniſch gefragt. 4 „Wer ich bin? Ich muß eine geheime Ange⸗ legenheit mit Brufferio abmachen und mag meinen Namen nicht nennen.“ „Ihr ſeid ein Diener von dem Landvogt und wollt mich nur betrügen. Geht Eures Wegs und laßt mich in Ruhe. Brufferio iſt nicht zu Hauſe.“ Der Mann mit der Kaputze nahm einige Geld⸗ ſtücke aus ſeiner Taſche und klimperte leiſe damit. „Ihr irrt Euch, Frau,“ ſprach er.„Ich brauche Brufferio's Dienſte zu einer wichtigen Sache. Es ſind einige Goldkronen damit zu verdienen. Ich komme mit klingender Münze: Ihr hört es wohl.“ Zwei Riegel knarrten hierauf in ihren verroſteten Klammern und die Thüre wurde aufgeſchloſſen. „Tretet ein, Signor,“ flüſterte die Frau.„Folgt mir nach der Treppe.“ „Ich ſehe Euch nicht: es iſt hier ſo finſter wie in der Hölle; wo iſt die Treppe?“ ſtammelte der Andere. „Laßt Euch führen, Signore; gebt mir Eure Hand: ich werde vorangehen.“ Sie ergriff die Hand des Beſuchers, und ſprach, während ſie ihn bis an den Fuß der Treppe brachte: „Eure Hand zittert, Signore! Fürchtet Ihr Euch?“ „Ich mich fürchten?“ murmelte der Andere mit unſicherer Stimme.„Fürchten vor was? Es iſt die Finſterniß, die mir einiges Wanken verurſacht.“ „Möglich, Signore; ich glaubte zu fühlen, daß Eure Hand kalt iſt und zittert.... Nun ſeid Ihr auf der Treppe; folgt mir.“ Der Mann mit dem Mantel klimmte ihr nach, ſtrauchelte auf den halb ausgetretenen Stufen, ſtieß ſich Kopf und Ellenbogen an unſichtbaren Hinder⸗ niſſen, brummte und polterte, um den Schein zu er⸗ regen, als ob von Beſorgniß und Angſt bei ihm gar nicht die Rede wäre. Im erſten Stock angekommen, öffnete die Frau eine Thüre und führte ihren Begleiter in ein Zim⸗ mer, welches von der rauchigen Flamme einer eiſer⸗ nen Lampe erhellt war. Indem ſie ihm auf einen morſchen Stuhl deutete, ſprach ſie: „Nun, Signore, ſetzt Euch nieder. Wartet eine Weile; ich will Brufferio holen. Er iſt am Spiel⸗ tiſch in der Nachbarſchaft. Wenn man in meiner Abweſenheit klopft, ſo gebt keine Acht darauf; ich werde die Thüre von Außen ſchließen und den Schlüſſel mitnehmen....“ Der 2 ſam und runzeliges Stirne he ßen Zähn ſcheulichen die Genof Er h Schritte, Thüre kne Dann laufen un derung do die ſich de Es we ein Tiſch, chenholz, ein Bett i geräthe, 1 alltäglichen Blick geric tete, war an den A Zwiſch ſchwertern, Formen, nen Knöp ausſehend, und eine ihm unerk dergleichen ſein konnte finſter wie mmelte der mir Eure und ſprach, pe brachte: rchtet Ihr Andere mit Es iſt die ſacht.“ ühlen, daß n ſeid Ihr ihr nach, tufen, ſtieß en Hinder⸗ hein zu er⸗ dei ihm gar e die Frau n ein Zim⸗ einer eiſer⸗ auf einen Vartet eine am Spiel⸗ in meiner arauf; ich n Schlüſſel 95⁵ Der Mann mit dem Mantel ſchaute ihr furcht⸗ ſam und beſtürzt nach. Ihr knochiger Körper, ihr runzeliges Geſicht, die grauen Locken, welche auf ihre Stirne hereinhingen, ihr breiter Mund und ihre gro⸗ ßen Zähne hatten ſie in ſeinen Augen zu einem ab⸗ ſcheulichen Weſen gemacht, in jeder Hinſicht würdig, die Genoſſin eines Mannes, wie Brufferio zu ſein. Er horchte ängſtlich auf das Geräuſch ihrer Schritte, bis er den Schlüſſel in dem Schloß der Thüre knarren hörte. 4 Dann ließ er den Blick in der Runde herum⸗ laufen und betrachtete mit Mißtrauen und Verwun⸗ derung das Zimmer Brufferio's und die Gegenſtände, die ſich darin befanden. Es war in der That weder prächtig noch ſauber; ein Tiſch, drei hinkende Stühle, eine Bank von Ei⸗ chenholz, einige irdene Töpfe auf dem Kamin, und ein Bett in einem Alkoven, war das ganze Haus⸗ geräthe, welches man bemerkte. Aber nicht auf die alltäglichen Gegenſtände hatte der Beſucher ſeinen Blick gerichtet. Was er nicht ohne Schauder betrach⸗ tete, war die Menge ſonderbarer Waffen, die überall an den Wänden des Gemachs aufgehängt waren. Zwiſchen verroſteten Degen, breiten Schlacht⸗ ſchwertern, ſcharfen Dolchen und Meſſern von allen Formen, ſah er nicht minder kurze Stöcke mit eiſer⸗ nen Knöpfen, ſtählerne Ketten, wie Pferdegebiſſe ausſehend, ja ſelbſt Stricke mit laufenden Schlingen, und eine Menge anderer Dinge, deren Gebrauch ihm unerklärlich war, obwohl er vermuthete, daß dergleichen ſeltſame Dinge zu nichts Gutem beſtimmt ſein konnten. Auf dem Tiſch bei der Lampe lag ein großes Meſſer und daneben ein Lappen mit rothem Feg⸗ ſand; ſo daß ohne Zweifel die Frau damit beſchäf⸗ tigt geweſen war, dieſe Waffe zu putzen, als ſie durch das Klopfen an der Thüre in ihrer Arbeit ge⸗ ſtört worden war. Alle dieſe Mordwerkzeuge erfüllten das Herz deſſen, der ſie betrachtete, mit Angſt und Schrecken. Er wandte zitternd das Geſicht davon ab und ließ den Kopf auf die Bruſt fallen, um für ſich ſelbſt das Bedenkliche ſeiner Lage zu überlegen— aber es wurde ihm hiezu keine Zeit gelaſſen, da dieſen Au⸗ genblick die Hausthüre geöffnet wurde und er Je⸗ mand die Treppe heraufſteigen hörte. Die Frau trat in das Zimmer und ſagte: „Brufferio wird ſogleich kommen: noch drei Würfe. Wenn er einmal an das Spiel geräth, dann iſt er nicht davon loszubringen. Er wird jedoch kommen. Ich glaube, Signore, daß er bereits ein Bischen zu viel getrunken hat. Gebt Acht auf Euch ſelbſt und reizt ihn, wenn Euer Leben Euch werth iſt, nicht durch unwillige oder leichtſinnige Reden; denn er würde Euch ein Unheil anthun, mit eben ſo wenig Bedenken, als er einen Floh zerdrückte. Sonſt iſt er der beſte Mann von der Welt....“ Sie ſetzte ſich an den Tiſch nieder, ergriff das Meſſer und den Lappen und fuhr in ihrer Arbeit fort, während ſie ihr graues, forſchendes Auge auf den Fremdling gerichtet hielt. Dieſer hatte die Kaputze dicht über ſein Geſicht gezogen und ſaß ſchweigend da, den Blick unſtet in den leeren Raum gerichtet, gleich Jemand, den das lange We Aufregun der durch ſah, bege Weibes, ihn vom durchbohr oder was Zimmer Endlie widerſtehe „Frau warten; ie „Da fen,“ antn Schloß.“ Als w für den 8 pfen Seuf lich auf di Treppe kr Bruffe und ſtarrt von dem Der baut; um ſich bücken und hielt gen Gürte Angeſicht; Tuch, der vorſtehende Conſei ein großes othem Feg⸗ mit beſchäf⸗ n, als ſie Arbeit ge⸗ das Herz Schrecken. b und ließ ſich ſelbſt — aber es dieſen Au⸗ und er Je⸗ agte: drei Würfe. dann iſt er ch kommen. Bischen zu ſelbſt und hiſt, nicht ; denn er n ſo wenig Sonſt iſt er ergriff das hrer Arbeit „Auge auf ſein Geſicht ck unſtet in d, den das 97 lange Warten verdrießt. Er befand ſich in roßer Aufregung, und von Zeit zu Zeit lief ihm ein Schau⸗ der durch die Glieder. So oft er nach dem Tiſche ſah, begegnete er dem ſcharfen Blick des häßlichen Weibes, welche unter dem Putzen des breiten Meſſers ihn vom Kopf bis zu den Füßen betrachtete und durchbohren zu wollen ſchien, um zu erfahren, wer oder was er war und welche Abſicht ihn in dieſes Zimmer gebracht hatte. Endlich, da er ſeiner Beklommenheit nicht länger widerſtehen konnte, ſtand er auf und ſagte: „Frau, laßt mich hinaus; ich mag nicht länger warten; ich komme morgen bei Tage wieder.“ „Da höre ich Brufferio auf der Straße pfei⸗ fen,“ antwortete ſie.„Er ſteckt den Schlüſſel in das Schloß.“ Als wäre dieſe Botſchaft ein überraſchender Schlag für den Fremden geweſen, ſank er mit einem dum⸗ pfen Seufzer auf den Stuhl zurück und lauſchte ängſt⸗ lich auf die ſchweren Männertritte, unter welchen die Treppe krachend erbebte. 3 Brufferio erſchien auf der Schwelle des Gemachs und ſtarrte mißtrauiſch den Mann an, welcher ihn von dem Spieltiſch hatte holen laſſen. Der Gauner Brufferio war wie ein Rieſe ge⸗ baut; um in das kleine Gemach zu treten, mußte er ſich bücken. Er ging mit dem Kopf etwas rückwärts und hielt die Hand drohend an das Heft eines lan⸗ gen Gürtelmeſſers. Ein breiter Hut beſchattete ſein Angeſicht; ſein ganzer Anzug war von dunkelbraunem Tuch, der Farbe der nächtlichen Finſterniß. Unter vorſtehenden Augenbraunen funkelten ſeine kleinen Conſcienee, Simon Turchi, 7 Augen, und um ſeinen Mund ſpielte ein wildes, ſcharfes Lächeln. Er gab der Frau ein gebietendes Zeichen und wies ſie nach der Thüre. Brummend, doch ohne ihren Verdruß auf eine andere Weiſe merken zu laſſen, ſchlich ſie aus dem Zimmer. Der Gauner ſchloß von innen die Thüre, nahm einen Stuhl und ſagte dann zu dem Fremden mit einer hohlen, ſchwe⸗ ren Stimme, als käme ſie aus einem leeren Faſſe: „Perche me disturba? Warum ſtört Ihr mich? Wer ſeid Ihr?“ Dieſe Frage brachte den Andern in große Ver⸗ legenheit. Stammelnd antwortete er: „Es iſt nicht nöthig, Signor Brufferio, daß Ihr meinen Namen wißt, um mir einen Dienſt zu leiſten, wofür ich Euch ſehr gut bezahlen werde.“ Der Gauner tippte, da er dieſe Worte vernahm, an ſeine Stirne, als glaubte er, die Stimme des Beſuchers zu erkennen; doch beſann er ſich darüber nicht weiter, ſondern ſprach: „So ſagt mir eilig, was Ihr von mir begehrt; man erwartet mich in dem Silbernen Würfel: ich habe nicht viel Zeit.“ „Es iſt eine Sache von Wichtigkeit, Signor Bruf⸗ ferio.“ „Wirklich, mein Weib ſagte mir, daß einige Gold⸗ kronen zu verdienen ſeien. Laßt hören! Wozu ſind alle die Umwege nöthig? Was macht Euch ſo ver⸗ legen und bekümmert? Glaubt Ihr denn mit einem unredlichen Mann zu thun zu haben? Fürchtet Nichts; in meinem Hauſe ſoll kein Haar auf Eurem Haupte gekrümmt werden.“ Dieſe trauen; ſ „ Sigt ich habe und ins; „Ich mich?“ „Ja, Ihr für ſ „Das und nach Stockprüge Schnitte i ein tödtlich „Ein t „Und ger, reich „Er iſt habend, ol „Ein ſoll, was ſ „Ich bi Der Ge „So,“ Stelle. G Kopf. Ihr dem Spielt Wyngaerdb. wahr Ih Julio, Ueberraſchu in wildes, eichen und doch ohne merken zu der Gauner Stuhl und hlen, ue ren Faſſe: Ihr mich? große Ver⸗ o, daß Ihr ſt zu leiſten, te vernahm, Stimme des ſich darüber nir begehrt; Würfel: bignor Bruf⸗ einige Gold⸗ Wozu ſind Euch ſo ver⸗ n mit einem chtet Nichts; rem Haupte 99 Dieſe Zuſicherung gab dem Fremden einiges Ver⸗ trauen; ſeine Stimme wurde klarer. „Signor Brufferio,“ ſprach er.„Ihr müßt wiſſen, ich habe einen Feind, der mich höhnt und verfolgt und ins Verderben zu ſtürzen droht.“ „Ich begreife; Ihr wollt Euch rächen— durch mich?“ „Ja, Signore. Wie viele Goldkronen fordert Ihr für ſolchen Dienſt?“ „Das richtet ſich nach dem Stand der Perſonen und nach der Wichtigkeit der Dinge. Eine Tracht Stockprügel, eine Schramme im Geſicht, oder einige Schnitte über den Rücken koſten nicht ſo viel als ein tödtlicher Stich.“ „Ein tödtlicher Stich muß es ſein, Signore.“ „Und wer iſt Euer Feind? Edelmann oder Bür⸗ ger, reich oder arm?“ „Er iſt Edelmann, Signore, und ziemlich wohl⸗ habend, ohne Zweifel.“ „Ein Edelmann? Und Ihr, der mich bezahlen ſoll, was ſeid Ihr?“ „Ich bin ein armer Diener ohne Stelle.“ Der Gauner lächelte ungläubig. „So,“ ſpottete er,„ein armer Diener ohne Stelle. Geht, geht, werft die Kaputze Euch von dem Kopf. Ihr habt rothes Haar, Ihr ſitzt noch oft an dem Spieltiſch, Ihr ſeid Julio und wohnt an der Wyngaerdbrücke, im Hauſe von Simon Turchi, nicht wahr? Ihr wollt mich täuſchen?“ Julio, ſo unerwartet erkannt, ſchien ſtumm vor Ueberraſchung und ſchaute bebend den Gauner an, 7 —jjjj der jedoch nicht die mindeſte Erregung zeigte, viel⸗ mehr in beruhigendem Tone fortfuhr: „Nun, das macht Nichts zur Sache. Daß ich Euch kenne, laßt Euch nicht anfechten: mein Beruf bringt es mit ſich, die wichtigſten Dinge geheim zu halten. Fürchtet Nichts, ich werde Euch nicht ver⸗ rathen.“ Julio bekam erſt nach einigen Augenblicken ſeine Sprache wieder. „Es ärgert mich, daß Ihr meinen Namen kennt,“ ſeufzte er,„aber es iſt einmal ſo! Ich frage Euch, Signor Brufferio, was begehrt Ihr dafür, meinen Feind mir für immer aus dem Wege zu räumen?“ „Euren Feind?“ lachte der Gauner.„Ein Edel⸗ mann Euer Feind? Ihr ſucht mich wieder zu be⸗ trügen. Der Feind Eures Herrn, wollt Ihr ſagen.“ „Nein, meinen eigenen Feind, der mich bei mei⸗ nem Herrn verläſtert und mich mit Schande weg⸗ jagen will.“ „Und Ihr bietet mir Goldkronen an? Seit wann tragen Dienſtleute ſo ſchweres Gold bei ſich?.... Es iſt ein tödtlicher Schlag auf einen Edelmann, nicht wahr? Wohlan, Ihr gebt mir fünfzehn Gold⸗ kronen.“ „Fünfzehn Kronen,“ rief Julio mit verſtellter Beſtürzung.„Einen ſolchen Schatz? So viel beſitze ich nicht.“. „Nun, um es kurz zu machen, ich will es für zwölf thun; aber Bezahlung vor dem Schlag!“ „Sogleich, ehe ich von hier weggehe, werde ich bezahlen.“ „Nun wohl, Julio, gebt mir die Hand, der Ver⸗ trag iſt Ihr oder gegen de Da wär geweſen.“ „Seh Signore wird ein aus der an der gracht ſie Jakobskir ſteinernen der Hobo mit einig nen verbe daran vo begehrt, Aber wie muß?“ „Er t Feder au Nichts ſel res Zeich Bruff igte, viel⸗ Daß ich nein Beruf geheim zu nicht ver⸗ blicken ſeine men kennt,“ frage Euch, ür, meinen räumen?“ „Ein Edel⸗ eder zu be⸗ Ihr ſagen.“ ich bei mei⸗ hande weg⸗ Seit wann ſich?.... Edelmann, afzehn Gold⸗ it verſtellter o viel beſitze will es für Schlag!“ de, werde ich und, der Ver⸗ 101 trag iſt geſchloſſen. Sagt mir nun deutlich, was Ihr oder Euer Herr von mir verlangt.“ „Nicht mein Herr: ich allein.“ „Das iſt gleich. Was muß ich thun, und wann?“ „Noch dieſe Nacht, Brufferio.“ „Dieſe Nacht? Dann muß ich mein Würfelſpiel gegen den portugieſiſchen Matroſen fahren laſſen. Da wären auch einige Carolusgulden zu gewinnen geweſen.“ „Seht, die Sache verhält ſich folgendermaßen, Signore Brufferio. Dieſe Nacht, gegen eilf Uhr, wird ein junger Edelmann, mit zwei Lautenſpielern, aus der Gegend des Minoritenkloſters kommen und an der Ecke der Prinzenſtraße gegen den Padden⸗ gracht ſich wenden, um die Richtung nach der St. Jakobskirche einzuſchlagen. Er muß demnach an dem ſteinernen Brunnen vorüber, der ſich am Eingang der Hobokenſtraße befindet. Ihr werdet Euch nun mit einigen vertrauten Genoſſen hinter dem Brun⸗ nen verbergen und den jungen Edelmann, wenn er daran vorbeigeht, überfallen und tödten.“ „Die Sache iſt gut ausgedacht,“ bemerkte der Gauner.„Ich werde es wohl allein abthun können; nichts deſto weniger will ich, da Ihr es einmal begehrt, ein paar unverzagte Kameraden mitnehmen. Aber wie ſoll ich die Perſon erkennen, die ich treffen muß?“ „Er trägt ganz braune Kleider und eine weiße Feder auf dem Hut; in der Finſterniß werdet Ihr Nichts ſehen, als die weiße Feder: das iſt ein ſiche⸗ res Zeichen.“ Brufferio nickte überlegend mit dem Kopf. „Und dieß iſt Alles, was Ihr mir aufzutragen habt?“ fragte er. „Ich will Euch noch zur Verſtändigung ſagen, daß ich im Gefolge des jungen Edelmanns ſein und, nachdem er gefallen iſt, ihm Etwas abnehmen werde, deſſen Entdeckung mich ſonſt in große Gefahr bringen könnte. Ihr erkennt mich an dieſer ſpaniſchen Ka⸗ putze und ich werde großen Lärm machen und rufen, damit Ihr und Eure Leute wiſſen, es ſei kein Feind von Euch da.“ „Was ſind nun die Goldkronen?“ „Ihr übernehmt alſo den Auftrag, Brufferio?“ „Ich werde ihn vollziehen, als arbeitete ich für meine eigene Rechnung.“ Julio zog einige Goldkronen aus der Taſche und dann wieder eine und noch eine, bis er zwölf in der Hand hatte. Er ſuchte vor dem Banditen zu ver⸗ bergen, daß er noch mehr als die verſprochene Summe beſaß: doch Brufferio mußte ſeine Abſicht errathen, denn er lächelte auf eine verſtändliche Weiſe, und ſagte: „Ihr habt noch mehr Goldkronen. Ich weiß es wohl: man kommt in ſolchen Dingen nicht mit nur ſo viel Geld zu mir, als man gerade zu brauchen glaubt: Ihr müßt es vor mir nicht verbergen. Gebt mir nur den verſprochenen Lohn; ich begehre Nichts weiter.“ Sobald der Andere ihm das Geld in die Hand gelegt hatte, trat Brufferio zu der Lampe, unterſuchte jede Krone, ſie in der Hand wiegend, und ſagte darauf: „Das Geld iſt gut. So geht jetzt ruhig heim. Ich werd uns nicht „Sigt meraden empfanger „Ich ſeine Frei Geheimni die Thüre Als 2 er einige Als ob i holte er freudigem „Himn rathen! bin, ob ie Sache ab Feigling l dem Gemc dem verrr Geronimo. ich ungefä afzutragen ng ſagen, ſein und, ien werde, hr bringen iſchen Ka⸗ und rufen, kein Feind ufferio?“ ete ich für Taſche und bölf in der in zu ver⸗ ne Summe errathen, Veiſe, und ch weiß es ht mit nur 1 brauchen gen. Gebt ehre Nichts die Hand unterſuchte und ſagte uhig heim. 103 Ich werde meine Kameraden aufſuchen. Es bleibt uns nicht viel Zeit übrig: eine gute halbe Stunde.“ „Signor Brufferio, Ihr werdet doch Euren Ka⸗ meraden nicht ſagen, von wem Ihr dieſen Auftrag empfangen habt?“ „Ich ſage meinen Kameraden nie Etwas. Wer ſeine Freiheit verlieren will, darf Jemand nur ſein Geheimniß anvertrauen, ſagt das Sprichwort.“ „Ihr wißt nun ganz genau, was Ihr zu thun habt, nicht wahr?“ „Ja, ja, um eilf Uhr, hinter dem Brunnen in der Hobokenſtraße; ein junger Edelmann, mit einer weißen Feder auf dem Hut. Seid ruhig, ich werde ſelbſt den Stoß führen und ihn nicht verfehlen.“ „So lebt denn wohl, Brufferio.“ „Gleichfalls, Julio.“ Der Bandit brachte den Diener hinunter, öffnete die Thüre auf die Straße und ſchloß ſie wieder zu. Als Julio ſich wieder in freier Luft befand, lief er einige Schritte vorwärts und blieb dann ſtehen. Als ob ihm eine ſchwere Laſt vom Herzen wäre, holte er einen tiefen Athemzug und murmelte mit freudigem Ton: „Himmel, in welche Mördergrube war ich da ge⸗ rathen! Ich muß mich anfaſſen, da ich im Zweifel bin, ob ich noch lebe! Ah, nun iſt die mühevolle Sache abgethan. Der Signor ſagt, daß ich ein Feigling bin. Ich möchte ihn nur einmal ſehen, in dem Gemach da oben, mit dem hölliſchen Weibe und dem verruchten Brufferio!.... Nun zu Signor Geronimo. Das Aergſte muß noch folgen. Wenn ich ungefährdet davonkomme, darf ich ſagen, daß ich 1 unter keinem ſchlechten Stern geboren bin. Nun, eilig vorwärts; es iſt noch weit....“ Er beſchleunigte ſeinen Gang, um aus der krum⸗ men Gaſſe herauszukommen. Bald hatte er die Klo⸗ ſterſtraße erreicht, marſchirte an der Michaelsabtei und der Münze vorüber und endlich über den Großen Markt, ohne daß ihm irgend ein Hinderniß aufſtieß. Unterwegs hielt er ohne Unterlaß die Hand in ſeiner Taſche, um das Vergnügen zu genießen, die Goldkronen durch die Finger laufen zu laſſen. Er murmelte mit fröhlichem Ton, er habe drei Kronen bei der Sache gewonnen, und ſein Herr ſollte ſie nimmer zu ſehen bekommen, würde er auch hundert Jahre alt. Einmal aller dieſer Beſorgniſſe ledig, wollte er würfeln und vom Morgen bis zum Abend am Spieltiſch ſitzen und vielleicht Haufen Goldes ge⸗ winnen! In ſolche Gedanken verſunken, gelangte er in die Nähe des Minoritenkloſters und klopfte am Hauſe Geronimo's an. Man öffnete und führte ihn in ein Nebenzimmer, wo der junge Edelmann, mit dem Mantel um die Schultern und dem Hut auf dem Haupte, auf Je⸗ mand zu warten ſchien. „Friede dieſem Hauſe!“ ſagte Julio, ſich ver⸗ beugend.„Signore, ich bringe Euch eine Botſchaſt, von der ich wünſchte, daß ſie minder traurig wäre. Mein armer Gebieter iſt vom kalten Fieber befallen und liegt zu Bette. Er läßt Euch um Entſchuldi⸗ gung bitten, daß er Euch dieſe Nacht nicht bei der Serenade Geſellſchaft leiſten kann.“ Auf Geronimo's Angeſicht verbreitete ſich der Ausdruck Kopf und Der geben zu ria Van Freundes den könn gung ſeir „Hat fragte er⸗ „Sch Vielleicht nicht, ſich Gero „Sig mich nich zuzeigen, der Sere cherheit zurückwei ihrer auc „Wo Du haſt ner Dien nicht ang ſolle Dir Julio aber den geweckt h aus und Er 9 ner zu p din. Nun, der krum⸗ er die Klo⸗ chaelsabtei den Großen iß aufſtieß. e Hand in nießen, die laſſen. Er rei Kronen rſollte ſie ich hundert niſſe ledig, zum Abend Goldes ge⸗ ngte er in e am Hauſe benzimmer, tel um die te, auf Je⸗ , ſich ver⸗ e Botſchaſt, aurig wäre. ber befallen Entſchuldi⸗ icht bei der te ſich der 10⁵ Ausdruck tiefen Mitleids. Er ſchüttelte betrübt den Kopf und ſchaute zu Boden. Der Jüngling glaubte ſich dem Gedanken hin⸗ geben zu müſſen, ſein Glück, ſeine Heirath mit Ma⸗ ria Van de Werve habe das Herz ſeines armen Freundes zum Bluten gebracht, und das Uebelbefin⸗ den könne nur eine Folge ſeiner ſchmerzlichen Erre⸗ gung ſein. „Hat das Fieber ihn ſo plötzlich befallen, Julio?“ fragte er.„Steht es ſchlimm mit ihm?“ „Schlimm nicht, Signore; es iſt eine Erkältung. Vielleicht hat es keine weitere Folgen; aber er wagt nicht, ſich der feuchten Nachtluft auszuſetzen.“ Geronimo ſchien ſich Etwas zu überlegen. „Signore,“ fuhr Julio fort,„mein Gebieter hat mich nicht allein geſandt, Euch ſein Uebelbefinden an⸗ zuzeigen, ſondern mir zugleich aufgetragen, Euch bei der Serenade mich anzuſchließen und über Eure Si⸗ cherheit zu wachen. Er weiß, daß ich vor Nichts zurückweiche, ſondern mannhaft Frevlern, und kämen ihrer auch Sechſe, mich entgegenſtelle.“ „Wohlan, ich nehme Deine Dienſte an, Julio. Du haſt in der That immerdar wie ein unerſchrocke⸗ ner Diener ausgeſehen. Die Lautenſpieler ſind noch nicht angekommen. Geh in die Küche; ſage, man ſolle Dir einen Krug Bier bringen.“ Julio begab ſich an den bezeichneten Ort, fand aber den Diener daſelbſt ſchlafend. Nachdem er ihn geweckt hatte, richtete er ihm den Befehl ſeines Herrn aus und erhielt den Krug Bier. Er gedachte während des Trinkens mit dem Die⸗ ner zu plaudern, und war bereits an der Erzählung von Händeln, Schlägereien und Meſſern und von allen den Heldenthaten, welche er vollbracht zu ha⸗ ben verſicherte; aber kaum hatte jener wieder auf ſeinem Stuhle Platz genommen, ſo fiel er von Neuem wieder in Schlaf. Julio verweilte lange Zeit und leerte ein Glas nach dem andern, bis ein Klopfen an der Hausthüre und kurz darauf das Stimmen von Inſtrumenten ihm verkündigte, daß die Lauten⸗ ſpieler gekommen waren. Als Signor Geronimo ihn bei ſeinem Namen rief, begab er ſich nach dem Vorzimmer, wo er den jungen Edelmann mit den Lautenſpielern zum Ab⸗ gehen gerichtet fand. Julio bemerkte mit Verdruß, daß auch die Lau⸗ tenſpieler Waffen trugen. Waren es entſchloſſene Leute, ſo hatte Brufferio und ſeine Genoſſen den Kampf mit einer gleichen Anzahl von Männern auf⸗ zunehmen. Und wer konnte wiſſen, wie die Sache ablaufen mochte? Was indeſſen Julio noch einige Beruhigung einflößte, war der Gedanke, Geronimo und die Lautenſpieler würden bei dem unerwarteten Ueberfall in der Finſterniß keine Zeit zu ihrer Ver⸗ theidigung finden. Alle verließen das Haus und gingen an dem Minoritenkloſter vorüber, nach der Blindenſtraße. Bald erreichte die Geſellſchaft die Prinzenſtraße, an deren fernem Ende der ſteinerne Brunnen ſtand, hin⸗ ter welchem Brufferio mit ſeinen Spießgeſellen ver⸗ borgen ſein mußte, wenn er Wort gehalten hatte. Julio, der bis jetzt den Andern um ein paar Schritte voraus geweſen war, um ſich kühn und un⸗ erſchrocken zu zeigen, begann jetzt allmälig ſich auf gleiche Li ſelben zu Schuhe, konnte er werden. Bald erreichen; dem Bru Der j ihm droh an ſeinen von Kumt Bette lag auf dem Serenade ſchlechten gelobte ſi retten, ſo hängigen junge Ritt drei Mörd ſeiner Tö⸗ Gedanken ſamen Fei Jetzt der Hobol Blick die decken, ob Plötzli der an de näher kam Von 2 und von ſcht zu ha⸗ vieder auf don Neuem Zeit und i Klopfen Stimmen ie Lauten⸗ m Namen wo er den zum Ab⸗ h die Lau⸗ ntſchloſſene noſſen den nnern auf⸗ die Sache och einige Geronimo erwarteten ihrer Ver⸗ n an dem ndenſtraße. ſſtraße, an ſtand, hin⸗ ſſellen ver⸗ e hatte. ein paar n und un⸗ ig ſich auf 107 gleiche Linie mit den Andern und etwas hinter die⸗ ſelben zurückzuziehen. Das Herz ſank ihm in die Schuhe, denn ſo gut der Schlag auch berechnet war, konnte er doch mißglücken oder ungeſchickt ausgeführt werden. Bald ſollte die Geſellſchaft das Ende der Straße erreichen; noch hundert Schritte, und ſie ſollten an dem Brunnen vorbeikommen. Der junge Edelmann ſchritt, unbekannt mit der ihm drohenden Gefahr, nachſinnend einher; er dachte an ſeinen unglücklichen Freund Simon Turchi, der von Kummer und Herzeleid betroffen, jetzt leidend zu Bette lag, gerade in dem Augenblick, da Geronimo auf dem Wege war, Maria, ſeiner Verlobten, eine Serenade zu bringen. Ebenſo beklagte er innig den ſchlechten Zuſtand von Simons Angelegenheiten und gelobte ſich, ihn ſelbſt mit großen eigenen Opfern zu retten, ſobald er durch ſeine Heirath zu einer unab⸗ hängigen Stellung gelangt wäre. Hätte doch der junge Ritter errathen können, einige Schritte warten drei Mörder auf ihn, und Simon Turchi habe ſie zu ſeiner Tödtung gedungen! Aber nein, er war in Gedanken von Mitleid und Liebe gegen ſeinen grau⸗ ſamen Feind verſunken. Jetzt war die Geſellſchaft nicht mehr weit von der Hobokenſtraße entfernt. Julio ſuchte mit ſeinem Blick die Finſterniß zu durchbohren— und zu ent⸗ decken, ob nichts hinter dem Brunnen ſich bewegte. Plötzlich ſah er wirklich einen dunkeln Schatten, der an dem Brunnen ſich zu rühren ſchien und jetzt näher kam. Von Angſt ergriffen und bemüht, ſich den Ban⸗ diten zu erkennen zu geben, zog Julio plötzlich ſei⸗ nen Degen und begann zu ſchreien: „Al assassino! Ajuto! Ajuto! Mörder! Hülfe! Hülfe!“ nes Planes einen Laut von ſich gegeben; denn bei dieſer Warnung zog Signor Geronimo gleichfalls den Degen und ſtellte ſich gegen die Mauer eines 6 Hauſes, um nicht von hinten überfallen zu werden. Die Lautenſpieler flohen, heulend vor Schrecken, in die Prinzenſtraße zurück; Julio blieb mitten auf der Straße, ſchreiend und mit dem Degen in der Luft herumfahrend, ſtehen. Nur ein Augenblick war ſeit Julio's erſtem Ruf verfloßen. Der Mann, welchen er am Brunnen bemerkt hatte, ſtürzte jetzt in Begleitung zweier an⸗ dern Burſchen auf die Seite der Straße zu, wo 4 Signor Geronimo zur Vertheidigung gerüſtet ſtand. Der Bandit, der den Andern voraus war, lief mit 5 erhobenem Arm auf den jungen Edelmann zu und gedachte ihm den Degen in die Bruſt zu ſtoßen, aber durch eine geſchickte Bewegung wurde ſeine Waffe zur Seite geſchlagen und der Angreifer ſelbſt rannte mit ſolcher Gewalt in Geronimo's Degen, daß die Spitze deſſelben ihm zum Rücken herausdrang. Der Mörder ſtürzte bleiſchwer rücklings zu Bo⸗ gen und ſtieß noch, gleichſam zum Abſchied vom Leben, einen ſchmerzlichen Schrei aus. „0 mojo! Ach, ich ſterbe! Brufferio iſt todt!“ Ohne auf den gefallenen Böſewicht zu achten, ſprang der Edelmann vor, und ſtach den Andern der Banditen durch die Schulter. Ueberzeugt, daß Aber er hatte viel zu früh für das Gelingen ſei⸗ ſie es mi zu thun den Rück fliehen; o Brunnen Julio mit ſeine es mit e Als( zurückkehr ſtanden d die in ihr Köpfe zei Häuſer, Lampe in Als geſchehen Leichnam, zeichen a „Laß iſt Bruffe wüſte U Ende gef Der erklungen Stelle. Inzw er erzähl dern zugl geſtochen, hatte. konnte, 1 lötzlich ſei⸗ rl Hülfe! elingen ſei⸗ denn bei gleichfalls auer eines zu werden. Schrecken, mitten auf gen in der erſtem Ruf Brunnen zweier an⸗ e zu, wo üſtet ſtand. r, lief mit un zu und zu ſtoßen, urde ſeine reifer ſelbſt *s Degen, rausdrang. gs zu Bo⸗ ſchied vom Hiſt todt!“ zu achten, en Andern rzeugt, daß 10⁰9 ſie es mit einem ſtarken und behenden Rittersmann zu thun hatten, wandten die beiden Gauner ihm den Rücken und ſuchten ſeinen Schlägen zu ent⸗ fliehen; aber Geronimo verfolgte ſie weit über den Brunnen hinaus. Julio lief hinter ihm her und tobte und ſchlug mit ſeinem Degen in die Nacht hinein, als ob er es mit einer Menge Feinde zu thun hätte. Als Geronimo mit dem Diener nach dem Ort zurückkehrte, wo der Bandit zur Erde geſunken war, ſtanden daſelbſt bereits drei oder vier Nachtwächter, die in ihre Hörner ſtießen, um Hilfe zu rufen; viele Köpfe zeigten ſich an den Fenſtern der benachbarten Häuſer, und jetzt trat ſelbſt ein Bürger mit einer Lampe in der Hand aus ſeiner Wohnung. Als die Nachtwächter vernommen hatten, was geſchehen war, betrachteten ſie den regungsloſen Leichnam, um zu ſehen, ob vielleicht noch ein Lebens⸗ zeichen an ihm zu entdecken wäre. „Laß ihn nur liegen,“ ſagte einer derſelben;„es iſt Brufferio der Gauner. Gott ſei gelobt, daß dieſer wüſte Unmenſch doch einmal ſein wohlverdientes Ende gefunden hat!“ Der Ton der Hörner war in den fernen Straßen Ailungen und noch einige Nachtwächter kamen zur telle. Inzwiſchen war Julio mit Schwatzen beſchäftigt; er erzählte und wiederholte, wie er mit zwei Mör⸗ dern zugleich zu thun gehabt, den Einen ins Geſicht geſtochen, dem Andern gerade die Bruſt durchbohrt hatte. Daß dieſer letzte noch die Flucht ergreifen konnte, war ihm unbegreiflich; er zweifelte jedoch nicht, daß man ihn irgendwo todt oder im Sterben liegend finden würde. Der junge Edelmann, der gutherzig glaubte, was Turchi's Diener erzählte, dankte ihm für ſeinen Beiſtand und erklärte, daß er ihm in der That das Leben zu verdanken habe, da er es geweſen, welcher ihm von dem Andringen der Mörder Kunde gegeben hatte. Der Leichnam wurde vom Boden aufgehoben und hinter den Brunnen gebracht, bis eine Trag⸗ bahre zur Hand war, worauf man ihn wegſchaffen konnte. Der Erſte unter den Nachtwächtern trat jetzt auf Geronimo zu und ſprach: „Wo wohnt Ihr, Signore? Zwei meiner Leute ſollen Euch begleiten, damit Euch kein weiterer Un⸗ fall zuſtößt. Schlagt unſere Hilfe nicht aus. Die entſprungenen Böſewichter könnten Euch aufpaſſen, um den Tod ihres Kameraden zu rächen.“ „Was ſoll ich thun?“ ſagte der Edelmann über⸗ legend zu Julio.„Die Serenade iſt ohne Lauten⸗ ſpieler nicht möglich; und wie könnte ich dazu nach einer ſolchen Aufregung ſingen? Aber das Fräulein wird horchen und warten. Hört ſie die Serenade nicht, ſo wird ſie glauben, es ſei mir ein Unglück widerfahren. Fort, ich will nach Van de Werve's Wohnung gehen, um dort keinen Grund zur Beſorg⸗ niß zu laſſen. Nun, Wächter, ich nehme Eure Dienſte an und werde Euch gerne dafür belohnen. Ich muß da im Kipdorp auf einige Augenblicke eintreten. Ihr wartet auf der Straße, bis ich wieder herauskomme, um nach Hauſe zu gehen. Kommt, folgt mir nun.“ Geror Julio be erreichte de Werve als man Thüre ge Noch Dank geg zu ſagen, wichtigen Die 2 den Kipd⸗ Er w Gebieters ging die auf ihn g „Biſt Der 2 und trat Signor G Bruſt geſt Du ho „Dara zürnte der Sterben ubte, was ür ſeinen der That geweſen, der Kunde ufgehoben ine Trag⸗ begſchaffen jetzt auf ner Leute gterer Un⸗ ius. Die aufpaſſen, ann über⸗ e Lauten⸗ dazu nach Fräulein Serenade n Unglück Werve'’s r Beſorg⸗ re Dienſte Ich muß rten. Ihr uskomme, nir nun.“ 111 Geronimo ging, von den Nachtwächtern und Julio begleitet, an dem Paddengracht weiter und erreichte bald die Jakobskirche, in deren Nähe Van de Werve's Haus ſtand. Hier klopfte er an, und als man innen vernahm, wer es war, wurde die Thüre geöffnet. Noch einmal drückte der Edelmann ſeinen innigen Dank gegen Julio aus und verſprach, ſeinem Gebieter zu ſagen, wie muthig er ſich benommen und welchen wichtigen Dienſt er ihm geleiſtet hatte. Die Thüre ſchloß ſich wieder. Julio eilte über den Kipdorp nach der Winggertbrücke. Er war im Begriff, an der Wohnung ſeines Gebieters anzuklopfen; aber zu ſeinem großen Schrecken ging die Thüre von ſelbſt auf, als hätte Jemand auf ihn gewartet. „Biſt Du es, Julio?“ fragte Jemand im Finſtern. Der Diener erkannte die Stimme ſeines Herrn und trat innerhalb der Thüre ihm näher. „Nun?“ fragte man mit gedämpfter Stimme; „iſt er todt?“ „Wer?“ „Wer? Geronimo.“ „Still! im Gegentheil, Brufeferio iſt getödtet. Signor Geromino hat ihm ſeinen Degen durch die Bruſt geſtoßen. Du haſt alſo die Brieftaſche nicht?“ „Daran war wohl zu denken!“ „Und die Goldkronen?“ „Ich habe ſie Brufferio gegeben. „Pietro Moſtajo, Du haſt mich verrathen!“ zürnte der Signor ſeinem Diener ins Ohr, während er ihn krampfhaft am Arm faßte.„Komm, komm, gib mir Rechenſchaft von dem, was geſchehen iſt. Wehe Dir, einfältiger Feigling, wehe Dir: der Factor von Lucca ſoll Dich kennen lernen!“ „E ben, che sia!“ murmelte Julio.„Dann ſoll Geronimo auch erfahren, wer Brufferio zum Mord gedungen hat.“ Ein ſchrecklicher Kehllaut, einem erſtickten Geheul ähnlich, erſcholl durch den Gang.... Die Thüre wurde geſchloſſen. V. Herr Van de Werve, dem ſein Reichthum eine große Schauſtellung von Pracht zuließ, war gewohnt, jeden Monat die vornehmſten Edelleute von Ant⸗ werpen, ſowohl fremde als eingeborne, in ſeinem Hauſe zu einer geſelligen Abendunterhaltung zu vereinigen. Seine Liebe zu Kunſt und Wiſſenſchaft hatte ihn angetrieben, die beſten Künſtler und be⸗ rühmteſten Gelehrten ſeiner Zeit mit den edelſten, reichſten und angeſehenſten Perſonen der Antwerpi⸗ ſchen Geſellſchaft in Berührung zu bringen, und ſein Haus war demgemäß der Sammelplatz von Allem demwoden⸗ was die Stadt Ausgezeichnetes und Treff⸗ iches umfaßte. Beinahe die ganze Vorderſeite ſeines Hauſes war von einer großen Räumlichkeit eingenommen, welche er den Ahnenſaal nannte, weil er in ſeiner Ausſchmückung vielfache Erinnerungen an ſeine er⸗ lauchten Vorfahren darbot. 3 Die W beſtimmten ſo geiſtvol das Auge Tapete zu wiewohl a Eichenholze und Silber hellſte Gell unzähligen waren völl in ihrer Kle Aus de hoben ſich Style zu um die n Solcher Bo ren ebenfa Dekoration Getäfels g auszumünde gen Werkes reichen Bog dem hölzern Zwiſchen ſich in beſ Hauſes der mit es in eine Menge von Löwen und Kreuzer ſo glänzend Conſeier n, komm, chehen iſt. der Factor „Dann ſoll ſum Mord ten Geheul Die Thüre hthum eine r gewohnt, von Ant⸗ in ſeinem altung zu Wiſſenſchaft eer und be⸗ en edelſten, Antwerpi⸗ ;, und ſein von Allem und Treff⸗ nes Hauſes genommen, er in ſeiner n ſeine er⸗ 113 Die Wände dieſes Saales waren bis zu einer beſtimmten Höhe mit Bildwerk in Eichenholz bedeckt, ſo geiſtvoll entworfen und ſo fein geſchnitzt, daß das Auge bei dem erſten Anblick eine vielfarbige Tapete zu entdecken glaubte. Wirklich erglänzte, wiewohl an einigen Stellen die braunen Töne des Eichenholzes ſichtbar blieben, alles Uebrige von Gold und Silber, gehoben durch das prächtigſte Roth, das hellſte Gelb und das reinſte Himmelblau. Alle die unzähligen Bilder, in den Dekorationen fortlaufend, waren völlig nach dem Leben entworfen, außer daß in ihrer Kleidung eine Menge Goldes angebracht war. Aus der Tiefe des Holzgetäfels vom Saale er⸗ hoben ſich viele dünne Pfeiler, welche nach gothiſchem Style zu Bündeln vereinigt, in die Höhe ſtrebten, um die mächtigen Balken der Decke zu ſtützen. Solcher Balken konnte man ſechs zählen. Sie wa⸗ ren ebenfalls mit buntem Bildwerk bedeckt. Ihre Dekoration war nach Ausſehen und Form der des Getäfels gleich, und ſchien nur an einem Punkt auszumünden, als hätte der Urheber dieſes ſchwieri⸗ gen Werkes den Deckbalken den Anſchein einer ſchatten⸗ reichen Bogenlaube geben wollen, deren Stämme in dem hölzernen Getäfel wurzelten. Zwiſchen dieſem künſtlichen Holzwerk befanden ſich in beſondern Feldern die Wappenſchilder des Hauſes der Van de Werve und der Geſchlechter, wo⸗ mit es in Verſchwägerung getreten war. Dazu kam eine Menge von heraldiſchen Zeichen und Deviſen, von Löwen, Ebern, Adlern, Hermelinen, Streifen und Kreuzen in Gold, Silber, Zinnober, Azurblau, ſo glänzend und mannigfaltig, daß wenn das Mit⸗ Conſceienee, Simon Turchi. 8 tagslicht in dieſe Säle drang, das Auge des Be⸗ ſchauenden nur mit Mühe den Schimmer von all dieſer Pracht ertragen konnte. Das Wappen der Van de Werve, Herrn Van Schilde, auf einer größern Fläche, als die andern, abgebildet, befand ſich an dem äußerſten Ende des Saales. Es war ein goldener Schild mit einem Eber, durch drei ſilberne Querbalken getheilt, dar⸗ über ein Helm, mit Gold auf Schwarz verziert und mit einem ſchwarzen Eberkopf, gekrönt. Rund um dieſes ſtolze Wappenzeichen des Haus⸗ beſitzers prangten noch viele kleinere Schilde, darunter⸗ die Wappen Van Wynegſam, Van Immerſeel, Van Wilre, Van Weldert, Van Coolput, Van Bruloch und Van Zymaer, da dieſe Geſchlechter zu damaliger Zeit den Van de Werve am nächſten befreundet waren.*) Ueber dem Holzgetäfel hingen in den durch die aufſteigenden Pfeiler gebildeten Niſchen die Portraits von einigen der berühmteſten Vorfahren Willems Van de Werve, ſo wie ſein eigenes, worauf er als Anführer eines oberdeutſchen Fähnchens im Dienſte Kaiſer Carls V. dargeſtellt war. Die Portraits füllten aber nicht alle von der reichen Verzierung noch übrig gebliebenen Felder aus; es gab deren noch viele, die mit koſtbaren *) Der Grabſtein Willems Van de Werve, von welchem in unſerem Buch die Rede iſt, ſteht in der Liebfrauenkirche zu Antwerpen vor der zweiten Säule neben dem hohen Chor. Das hier beſchriebene Wappen iſt darauf zu ſehen. Deßglei⸗ chen in den Grab⸗ und Gedenkſchriften der Provinz Antwerpen(Domkirche) S. 45. Gemälden berühmteſ Da konn ſterblichen Quinten Weyden, emſigen 4 bewunderr mit Achtu In ei ſtand ein eingelegt, Violine. Muſik in Von von vergo den zwei aus den vor, ſo d kannten z Aiderſcheit Gold und dieſem Sa und das Glanz und gießung ſt Drei 2 welchen de trat wiede Herr Van zu empfang fall ſchmer ge des Be⸗ ter von all Herrn Van die andern, a Ende des mit einem theilt, dar⸗ verziert und des Haus⸗ de, darunter nerſeel, Van han Bruloch u damaliger befreundet in durch die ie Portraits en Willems drauf er als im Dienſte Ue von der enen Felder nit koſtbaren von welchem frauenkirche zu hohen Chor. den. Deßglei⸗ er Provinz 115 Gemälden geſchmückt waren, welche der Pinſel der berühmteſten Meiſter der Niederlande geſchaffen hatte. Da konnte man der Reihe nach die Werke der un⸗ ſterblichen Gebrüder Van Eyk, des gefühlvollen Quinten Maſſys, des geiſtvollen Rogier Van der Weyden, des phantaſtiſchen Hieronymus Boſch, des emſigen Lukas von Leyden und mancher Anderen bewundern, deren Namen damals in der Kunſtwelt mit Achtung genannt wurden. In einer Eckée des Saals, neben dem Kamin, ſtand ein Klavier, ſehr koſtbar mit vielfarbigem Holz eingelegt, und darauf lagen zwei Lauten und eine Violine. Man betrieb alſo auch die ſüße Kunſt der Muſik in Van de Werve's Hauſe. Von der Decke hingen ſechs getriebene Leuchter von vergoldetem Kupfer; auf der Kaminplatte ſtan⸗ den zwei große Kandelaber; längs der Wände ragten aus den Pfeilerbündeln zahlreiche Armleuchter her⸗ vor, ſo daß, wenn Herr Van de Werve ſeine Be⸗ kannten zu einer Abendunterhaltung empfing, der Piderſchein der unzähligen Wachslichter in all dem Gold und Silber, das hier zur Schau geſtellt war, dieſem Saal ein wahrhaft fürſtliches Ausſehen gab und das Herz der Gäſte durch all dieſen heitern Glanz und Farbenſchimmer zu freundſchaftlicher Er⸗ gießung ſtimmen mußte. Drei Tage nach dem Mordverſuch an Geronimo, welchen der Bandit Brufferio unternommen hatte, trat wieder der beſtimmte Abend ein, an welchem Herr Van de Werve Geſellſchaft in ſeinem Hauſe zu empfangen pflegte. Wiewohl er von jenem Vor⸗ fall ſchmerzlich betroffen worden war, und ſeine 8* Tochter Maria ſich noch nicht völlig von dem ver⸗ urſachten Schrecken hergeſtellt fühlte, hatte er den⸗ noch die Geſellſchaft nicht abſagen laſſen, da er hoffte, dieſelbe würde nur dazu beitragen, um ihnen allen das Geſchehene in Vergeſſenheit zu bringen. Zur beſtimmten Stunde ließ ſich auf der Straße die lebhafte Beleuchtung erkennen, welche aus Van de Werve's Wohnung von den gegenüberſtehenden Häuſern zurückſtrahlte. Das große Thor ſtand weit offen, und auf dem breiten Gang drängten ſich die wartenden Diener der Gäſte, welche bereits in das Haus getreten waren. Der große Saal war mit Perſonen von ver⸗ ſchiedenem Stand und Alter angefüllt; jedoch erblickte man darunter keine Frauen, da dieſe Geſellſchaft nur als eine Zuſammenkunft von Cdelleuten, Künſt⸗ lern, Gelehrten und vornehmen Handelsherren an⸗ gekündigt worden war. Schon lang mußten die erſten Begrüßungen zwiſchen den zahlreichen Gäſten von Van de Werve gewechſelt worden ſein, denn dieſelben hatten ſich je nach Luſt und Neigung in verſchiedene Gruppen vertheilt und waren meiſtens in freundlichem Ge⸗ ſpräche mit einander begriffen. Einige der älteſten Herren ſaßen um einen Tiſch herum und betrachteten mit vieler Aufmerkſamkeit fünf oder ſechs neue Bücher, welche ihre Bewunde⸗ derung zu erregen ſchienen; andere, welche man ihrer minder prächtigen Kleidung nach für Künſtler halten konnte, waren damit beſchäftigt, einige Zeichnungen einander zu zeigen; eine dritte Gruppe, augenſchein⸗ lich aus jungen Cdelleuten beſtehend, umringte Ge⸗ ronimo, Mordver In Kamin, l Antwerpe Erholung wohnheit wurden, dieſen Fr und man Spanier dem Flo nueſer, Deutſche auf der aus ſo ander ve⸗ Herr Nähe de empfange Geladene ſten Sta zur ander und Jede Der in der 2 niedergele hatte ihr Ankunft war gen Complim vielen S⸗ dem ver⸗ te er den⸗ n, da er um ihnen bringen. der Straße aus Van erſtehenden ſtand weit ei ſich die its in das von ver⸗ zch erblickte Geſellſchaft ten, Künſt⸗ herren an⸗ egrüßungen de Werve ttten ſich je e Gruppen lichem Ge⸗ einen Tiſch merkſamkeit Bewunde⸗ e man ihrer iſtler halten Zeichnungen augenſchein⸗ nringte Ge⸗ 117 ronimo, um ſich von ihm alle die Einzelnheiten des Mordverſuchs erzählen zu laſſen. In der Tiefe des Saales, nicht fern von dem Kamin, hielten ſich die fremden Edelleute, welche in Antwerpen Handel trieben. Obwohl zu Luſt und Erholung verſammelt, redeten ſie dennoch aus Ge⸗ wohnheit auch hier von den Schiffen, die erwartet wurden, von Geldkurs und Waarenpreiſen. Unter dieſen Fremdlingen waren mancherlei Kleider zu ſehen und mancherlei Sprachen zu hören. Da ſtand der Spanier neben dem Luccheſer, der Portugieſe neben dem Florentiner, der Engländer neben dem Ge⸗ nueſer, der Franzoſe neben dem Levantiner, der Deutſche neben dem Venetianer; und gerade wie auf der Börſe von Antwerpen, fanden dieſe Leute aus ſo verſchiedenen Ländern Mittel, um ſich ein⸗ ander verſtändlich zu machen. Herr Van de Werve hatte ſich meiſtens in der Nähe der Thüre gehalten, um die Eintretenden zu empfangen; aber nun, da er den größten Theil der Geladenen beiſammen glaubte, verließ er ſeinen er⸗ ſten Standpunkt und wandelte von einer Gruppe zur andern, ſich hie und da in das Geſpräch miſchend und Jedermann etwas Angenehmes ſagend. Der alte Deodati hatte an der Wand ungefähr in der Mitte des Saals ſich in einen Lehnſeſſel niedergelaſſen. Beinahe jeder der Eingeladenen hatte ihn willkommen geheißen und ihm zu ſeiner Ankunft in den Niederlanden Glück gewünſcht; er war genöthigt geweſen, ſo viele Begrüßungen und Complimente zu beantworten, daß er ſich von dem vielen Sprechen und langen Stehen ermüdet fühlte und bei Seite getreten war, um auf dem Lehnſeſſel ein wenig auszuruhen. Neben ihm ſaß Simon Turchi, der ſich vertraut und ſtill mit ihm unterhielt. Der Heuchler trug eine ausnehmende Freundſchaft für den alten Edel⸗ mann zur Schau und ſchmeichelte ihm, ſo viel er konnte, mit Beweiſen von Hochachtung und Dienſt⸗ fertigteit. Bereits hatten ſie den Mordverſuch mit einander beſprochen, und Simon Turchi hatte ſein Erſtaunen über dieſen Anſchlag ausgedrückt, da er nicht wußte oder nicht glaubte, daß Geronimo einen einzigen Menſchen auf Erden zum Feinde habe. Ohne Zweifel mußte der Mörder Brufferio ſich in der Per⸗ ſon geirrt haben, Etwas, das ſehr leicht in der tie⸗ fen Finſterniß an dem Abend, wo das Ereigniß ſich zugetragen hatte, geſchehen konnte. Waͤhrend Simon Turchi ſo anſcheinend ruhig mit dem alten Edelmann ſprach, mußte dennoch eine ge⸗ heime Abſicht, ein frevelhafter Entwurf in ſeiner Bruſt verborgen liegen; denn beinahe zwiſchen jedem Wort richtete er ſeinen Blick weithin in den Saal nach Geronimo, und ſuchte aus ſeinen Geſichtszügen zu errathen und aus ſeinen Geberden abzunehmen, was er ſprach. Nicht einen Augenblick verlor er Maria's Verlobten aus dem Angeſicht. Als das Geſpräch über den Mordverſuch zu Ende war, ließ der alte Deodati ſeine Augen über die verſchiedenen Gruppen der Geladenen hinlaufen und fragte endlich Turchi: „Wer iſt doch der Mann mit dem veilchenblauen Sammet⸗Oberkleide und den engen Aermeln, welchem die Kaufleute dort ſo viele Hochachtung zu bezeugen ſcheinen? Bekanntſch reiche Fut cher neben „Das Simon T heißt Laze des Hauſ ſeine Wor Handelsh.⸗ Gualterot Don Pezt im Geſpr Vaglio, d leute rin, Kaufleute denn ich Andeutun „Ich Signor Geronime aber er während wird er!: in keine Eurige g zu ſagen dem zwe zuhören, „An iſt der a Lehnſeſſel ch vertraut uchler trug alten Edel⸗ ſo viel er und Dienſt⸗ verſuch mit i hatte ſein ückt, da er nimo einen habe. Ohne in der Per⸗ in der tie⸗ s Ereigniß d ruhig mit och eine ge— f in ſeiner iſchen jedem n den Saal deſichtszügen bzunehmen, k verlor er uch zu Ende n über die llaufen und lchenblauen In, welchem zu bezeugen 119 ſcheinen? Nicht der hochgewachſene Greis; deſſen Bekanntſchaft habe ich ſo eben gemacht; es iſt der reiche Fugger von Augsburg:— der Andere, wel⸗ cher neben ihm ſteht.“ „Das iſt ein Wechsler, Signore,“ antwortete Simon Turchi.„Er iſt gleichfalls ſehr reich und heißt Lazarus Tucher. Vor ihm ſitzt das Haupt des Hauſes der Hochſtetter. Die Herren, welche auf ſeine Worte hören, ſind Cdelleute, die zu den großen Handelshäuſern der Gigli, der Spignoli und der Gualterotti gehören. Zur Seite, hinter ihnen, ſteht Don Pezoa, der Factor des Königs von Portugal, im Geſpräch mit Diego d'Aro und Antonio de Vaglio, Factoren der ſpaniſchen Nation. Die Edel⸗ leute ringsherum ſind italieniſche und portugieſiſche Kaufleute, deren Namen ich Euch zu nennen wüßte, denn ich kenne ſie alle; aber ſolche allzuweit gehende Andeutungen würden ohne Belang für Euch ſein.“ „Ich bin Euch dankbar für Eure Dienſtfertigkeit, Signor Turchi,“ antwortete Deodati.„Mein Neffe Geronimo ſollte mir alle dieſe Aufklärungen geben; aber er iſt dort von jungen Leuten umgeben, und während er von Zeit zu Zeit nach uns ausſchaut, wird er wahrſcheinlich ſich überzeugt haben, daß ich in keine beſſere und angenehmere Geſellſchaft als die Eurjge gerathen konnte. Beliebt es Euch, mir nur zu ſagen, wer der ſchöne Greis iſt, welcher dort an dem zweiten Tiſch Perſonen, die ihm aufmerkſam zuhören, Etwas erklärt.“ „An jenem Tiſch herum ſitzen die gelehrteſten Männer in den Niederlanden. Der greiſe Sprecher iſt der alte Grapheus, Sekretär der Stadt Ant⸗ — —“ werpen und Verfaſſer vieler ſchöner lateiniſcher Werke. Der junge Mann, auf deſſen Schulter er ſich ſtützt, iſt Alexander, ſein Sohn, auch ſehr ge⸗ lehrt. Vor ihm ſitzt Abraham Ortelius, der große Erdbeſchreiber, den man für den Ptolemäus ſeiner Zeit anſieht. Neben Ortelius ſitzt ſein Freund und Nebenbuhler, Gerard Mercator, gleichfalls als Ma⸗ thematiker und Erdbeſchreiber ein Licht unſeres Zeit⸗ alters. Der Einzige, in dem Ihr unter jenen ge⸗ lehrten Niederländern ſeiner Kleidung nach einen Italiener erkennen müſſet, iſt Ludovico Guiccardini, ein florentiniſcher Edelmann, der hier die Materia⸗ lien ſammelt, um eine ausführliche Beſchreibung von den ganzen Niederlanden und insbeſondere von dieſer mächtigen Handelsſtadt Antwerpen herauszugeben. Der einfach gekleidete Herr mit dem ſchwarzen Bart und ein Buch in der Hand haltend, iſt Chriſtoph Plantyn, der gegenwärtig damit beſchäftigt iſt, eine außerordentlich große Druckerei in Antwerpen zu errichten. So ausgedehnt ſoll dieſe Anſtalt werden, daß ſie viele Häuſer umfaſſen wird, hundert Men⸗ ſchen ſollen täglich darin an dem Setzen, Drucken, Durchſehen und Corrigiren der Bücher in allen Sprachen der Chriſtenheit in Arbeit ſtehen. Ihr müßt nicht unterlaſſen, Signore, die Anſtalt dieſes klugen Mannes in Augenſchein zu nehmen; wenn ſie auch noch nicht vollendet iſt, wird ſie doch nicht ermangeln, Eure Verwunderung zu erregen.“ „Die Niederlande ſind ein geſegnetes Stück Erde,“ bemerkte der alte Deodati.„Iſt auch die Luft nicht ſo mild, wie in unſerem ſchönen Italien, die Men⸗ ſchen ſind doch muthvoll, arbeitſam, klug, kunſtreich, gelehrt un theile ma⸗ nen Aufer ſind die Herrn Vo ſo oft ge umringen „Ja, Werve vo derung d „Nebe Haltung Lachen.“ „Es i der alle wie zum ſonſt ein Gemälde Kreuz zur dem Bild lateiniſcher Schulter er ich ſehr ge⸗ der große näus ſeiner Freund und s als Ma⸗ nſeres Zeit⸗ er jenen ge⸗ nach einen Guiccardini, ie Materia⸗ reibung von e von dieſer auszugeben. varzen Bart ſt Chriſtoph igt iſt, eine twerpen zu talt werden, ndert Men⸗ n, Drucken, r in allen tehen. Ihr nſtalt dieſes men; wenn e doch nicht gen.“ Stück Erde,“ ie Luft nicht 1, die Men⸗ ;, kunſtreich, 121 gelehrt und beſitzen im reichen Maaße alle die Vor⸗ theile materieller Wohlfahrt und ſittlicher Veredlung. — Mich wundert, Signore, daß Ihr, hier ein Fremd⸗ ling, mit der Stadt und deren Einwohner ſo bekannt ſeid, als wäret Ihr hier geboren.“ „Ich habe bereits ſeit einigen Jahren hier mei⸗ nen Aufenthalt,“ erwiderte Turchi.„Dieſe Männer ſind die gewöhnlichen Beſucher des Hauſes von Herrn Van de Werve, und ich habe ſie hier ſchon ſo oft geſehen, daß ich ſie wie alte Freunde kenne. ... Ihr ſchaut nach jener Ecke dort, wo man, bei dem Klavier, lauter ſpricht und lacht und ſcherzt, nicht wahr? Ohne Zweifel erkennt Ihr von ſelbſt, daß jene Leute, ſo verſchieden gekleidet und ſo frei in Sprache und Haltung, Künſtler ſind?“ 4 „In der That. Iſt das nicht der flämiſche Ra⸗ phael, Franz Floris, der ſchöne Mann, ſo edel von Angeſicht, welchen die Andern achtungsvoll zu umringen ſcheinen?“ „Ja, er war es, der Euch von Herrn Van de Werve vorgeſtellt wurde und mit ſo inniger Bewun⸗ derung das Lob der italieniſchen Kunſt ausſprach. „Neben ihm ſteht eine ſonderbare Perſon; ſeine Halnun ſogar iſt komiſch; ſeine Geberden reizen zum achen.“ „Es iſt Peter Breughel, ein phantaſtiſcher Maler, der alle ſeine Bilder in der Weiſe anlegt, daß ſie wie zum Spaß gemacht zu ſein ſcheinen. Er iſt ſonſt ein geachteter Künſtler. Ich ſah neulich ein Gemälde von ihm, worauf der Heiland, wie er ſein Kreuz zum Calvarienberge trägt, dargeſtellt iſt. Auf dem Bilde von Peter Breughel befinden ſich Pilg⸗ rime mit St. Jakobsmuſcheln auf dem Rücken, ſpa⸗ niſche Soldaten mit geſchlitzten Wämſern, Nonnen und Mönche kreuzen ſich auf den Straßen, und ſo⸗ gar ein Bild der heiligen Jungfrau hängt an einem Baum... und dieß Alles zu einer Zeit, da weder vom Chriſtenthum, noch St. Jakob von Compoſtella, noch von Klöſtern, noch Spaniern die Rede war!“ „Seltſam in der That!“ lächelte Deodati.„Mir ſcheint jedoch, daß eine ſo freche Launenhaftigkeit einem Künſtler nicht zur Ehre gereicht. Herrſcht in den Niederlanden auch noch bei Andern die Gewohn⸗ heit, die heiligſten Dinge auf ſolche Art ins Lächer⸗ liche zu ziehen?“ „Nein, Signore, dieſer Breughel bildet eine Aus⸗ nahme. Die andern Künſtler, welche Ihr noch in der Ecke um den flämiſchen Raphael herumſtehen ſeht, ſind alle ſehr ernſthafte Männer. Jener in dem grauen Pelzrock iſt Michael Coxien, ein acht⸗ barer Künſtler, vor Allem in Frauen⸗Portraits aus⸗ gezeichnet. Der ſchöne junge Mann hinter ihm iſt Martin de Vos, der Lieblingsſchüler von Meiſter Floris. Die Uebrigen ſind, ſo weit ich ſie aus der Ferne zu erkennen vermag, Lambert Van Noord, Aegidius Moſtaert, Gulielmo Key, Bernhard de Rycke, und die beiden Brüder Heinrich und Martin Van Cleef, welche ſich bereits alle als Hiſtorien⸗, Genre⸗ und Portraitmaler einen Ruf erworben haben. Zur Seite von den Andern befindet ſich Meiſter Grimmer, ein berühmter Landſchaftsmaler: und der Mann, welcher mit ihm ſpricht, iſt ein gewiſſer Herr Ack von Antwerpen, welcher das große Glasfenſter in der St. Gudula⸗Kirche zu Brüſſel gemalt hat. Der alte 2 Klavier ſte geſchickter beſonders dieſen Abe Simon Aufklärung unterhielt Greiſe. I ders über mannes er Stuhl ſitze keinen The Geron nem Oheit ſogleich m zurückgeſch an der l Turchi und ihm zu ſch Inzwif Gäſten all ler, Kaufl hatten ſich Rang und töſe von durch den ſchwarms. In die in den S platte in mit Wein Rücken, ſpa⸗ n, Nonnen en, und ſo⸗ gt an einem t, da weder Compoſtella, ede war!“ dati.„Mir nenhaftigkeit Herrſcht in die Gewohn⸗ ins Lächer⸗ et eine Aus⸗ Ihr noch in herumſtehen Jener in u, ein acht⸗ rtraits aus⸗ iter ihm iſt von Meiſter ſie aus der Van Noord, Zernhard de und Martin 3 Hiſtorien⸗, orben haben. ſich Meiſter er: und der gewiſſer Herr Glasfenſter gemalt hat. 123 Der alte Mann, der einſam und träumeriſch bei dem Klavier ſteht, iſt Herr Kerſtiaen, ein außerordentlich geſchickter Künſtler auf vielen Inſtrumenten, aber beſonders auf der Violine. Wahrſcheinlich wird er dieſen Abend hier ſpielen....“ Simon Turchi gab Signor Deodati noch weitere Aufklärungen über die anweſenden Perſonen und unterhielt ſich in freundlicher Vertraulichkeit mit dem Greiſe. Dieſer war über den Verſtand und beſon⸗ ders über die höfliche Dienſtfertigkeit ſeines Lands⸗ mannes entzückt, welcher augenſcheinlich auf ſeinem Stuhl ſitzen blieb und an dem allgemeinen Geſpräch keinen Theil nahm, um ihm Geſellſchaft zu leiſten. Geronimo war bereits zwei oder drei Mal ſei⸗ nem Oheim näher getreten, aber dieſer hatte ihn ſogleich mit freundlichem Scherz wieder in den Saal zurückgeſchickt, indem er ihm ſagte, es genüge ihm an der liebenswürdigen Geſellſchaft von Simon Turchi und er bleibe gerner hier, um ungeſtört mit ihm zu ſchwatzen. Inzwiſchen war die Unterhaltung unter den Gäſten allgemein geworden. Edelleute und Wechs⸗ ler, Kaufleute und Gelehrte, Factoren und Künſtler hatten ſich auf vielen Punkten zuſammengefunden: Rang und Stand ſchienen vergeſſen, und das Ge⸗ töſe von dem lebhaften Geſpräch der Gäſte tönte durch den Saal wie das Sumſen eines Bienen⸗ ſchwarms. In dieſem Augenblick traten ein Dutzend Diener in den Saal, jeder mit einer ſilbernen Präſentir⸗ platte in den Händen, worauf ſich kryſtallene Gläſer mit Wein von allen Farben ſammt Backwerk und auserleſenen Früchten, welche man den Gäſten zur Erfriſchung anbot, befanden. Die Diener zerſtreuten ſich in der Geſellſchaft und nannten, während ſie bei jedem der Anweſen⸗ den Halt machten, die Namen der verſchiedenen Weine. „Ein Glas Malvaſier, ihr Herren? Rheinwein? Franzöſiſchen Wein? Spaniſchen Wein? Muscgat⸗ wein? Burgunder? Hypokras?“ Während die ausgezeichneten Getränke und Lecke⸗ reien herumgereicht wurden, hielt Geronimo ſein Auge ohne Unterlaß auf Herrn Van de Werve ge⸗ richtet und folgte allen ſeinen Bewegungen mit Hoff⸗ nung und Verlangen im Blick. Als er endlich wahrnahm, daß Herr Van de Werve den Saal verließ, erhellte ein freudiges Lächeln ſein Angeſicht. Geronimo wußte, daß Van de Werve zuweilen ſeinen Freunden und Bekannten das Vergnügen ſchenkte, der Gegenwart der ſchönen Maria auf ein Stündchen zu genießen; und er war⸗ tete ſchon den ganzen Abend auf den glücklichen Augenblick, wo das Mädchen in den Saal treten würde. Simon Turchi, der, obwohl ſcheinbar gleichgültig, den jungen Bräutigam Maria's keine Minute aus dem Geſicht verloren hatte, bemerkte ſeine leuchtende Miene und ahnte, worauf derſelbe hoffte. Maria war im Begriff zu erſcheinen! Viielleicht ſollte die ganze Geſellſchaft vernehmen, daß ſeine Wünſche verworfen worden waren und Geronimo über den Vorſtand des mächtigen Hauſes der Buon⸗ viſi den Sieg davon getragen hatte! Dieſer ſchmerzlichen nach der ar vernichtende Andrang de Narbe auf legte im Ge um ſeine A Der alt „Was i unwohl?“ „Es iſt während er der Meiſter „Heiß?“ nicht zu wa Garten Get Aber T mit einem „Ich d. nahme, Sig zu lang au mir vor de mir etwas uns aufſtel Maria! La Herr T in der Thü ter an der Ein Ge allen Grup Gäſten zur Geſellſchaft er Anweſen⸗ derſchiedenen Rheinwein? 2 Muscat⸗ e und Lecke⸗ vonimo ſein Werve ge⸗ en mit Hoff⸗ err Van de n freudiges e, daß Van Bekannten der ſchönen ind er war⸗ u glücklichen Saal treten gleichgültig, Minute aus e leuchtende ! Vielleicht daß ſeine d Geronimo 3 der Buon⸗ 125 Dieſer Gedanke verſetzte ſeinem Stolze einen ſchmerzlichen Schlag. Er ſchleuderte Geronimo, der nach der andern Seite des Saales ſchaute, einen vernichtenden Blick zu. Unter dem unwiderſtehlichen Andrang des Grolls und der Mißgunſt begann die Narbe auf Simon's Wange zu erglühen, und er legte im Gefühl davon die Hand vor die Augen, um ſeine Aufregung zu verbergen. Der alte Deodati fragte theilnehmend: „Was iſt Euch, Signor Turchi? Fühlt Ihr Euch unwohl?“ „Es iſt hier ſo unerträglich heiß!“ ſeufzte Simon, während er ſich Gewalt anthat, um ſeiner ſelbſt wie⸗ der Meiſter zu werden. „Heiß?“ murmelte Deodati.„Mir ſcheint es nicht zu warm. Soll ich Euch einen Augenblick im Garten Geſellſchaft leiſten, Signore? Aber Turchi erhob wieder den Kopf und ſagte mit einem offenen Lächeln: „Ich danke Euch tauſendmal für Eure Theil⸗ nahme, Signore. Es iſt bereits vorüber. Ich hatte zu lang auf den großen Leuchter geſchaut, und da mir vor dem Schimmer die Augen vergingen, iſt es mir etwas ſchwindlig im Kopf geworden... Laſſet uns aufſtehen, Signore; dort kommt die ſchöne Maria! La bionda Maraviglia!“ Herr Van de Werve erſchien dieſen Augenblick in der Thüre des Saales mit ſeiner geliebten Toch⸗ ter an der Hand. Ein Gemurmel der Bewunderung entſtand unter allen Gruppen und Jedermann trat zur Seite, um Herrn Van de Werve und ſein Kind ungehindert durchzulaſſen. Die junge Maria war in der That unbeſchreib⸗ lich ſchön. Ein langes Gewand von ſilberweißem Atlas, ohne eine andere Verzierung als einen fun⸗ kelnden Gürtel von Golddraht, bildete ihre ganze Bekleidung. Ihr Kopf war von einem Kranze ihrer blonden Locken umgeben, worin zwiſchen glänzenden Perlen auch einige weiße Blumen dufteten. Aber was am meiſten die Bewunderung der Betrachten⸗ den an ihr erregte, waren die großen blauen Augen, die lilienweiße Stirne, die edle Zartheit ihrer Züge und vor allem das milde, einfache und züchtige Lä⸗ cheln, das ihr Antlitz erhellte und Jedermann als ein Strahl von Lebensfreude und Seelenfrieden ent⸗ gegenleuchtete. 4 Geronimo hatte Van de Werve's Tochter noch niemals ſo gekleidet geſehen. Sie war im Gegen⸗ theil gewohnt, dunkle oder zum mindeſten ſehr be⸗ ſcheidene Farben zu tragen. Jetzt war ſie ganz in Weiß gekleidet und hatte einigermaßen das Aus⸗ ſehen einer Braut. Ohne Zweifel hatte ihr Vater es ſo verlangt; aber was war ſeine Abſicht? Wollte er damit ankündigen, daß Maria verlobt war und bald in die Ehe treten ſollte? Dieſe Gedanken flogen durch Geronimo's erreg⸗ ten Geiſt, während er bebend die Jungfrau an⸗ ſchaute, welche jezt an ihres Vaters Hand in den Saal trat. Der alte Deodati hattee ſich von ſeinem Seſſel erhoben und war vorgetreten, um der Artigkeit ge⸗ mäß, wenn die Jungfrau vorüberginge, gleichfalls in deren N Genoſſe, S wenig von That hohe; den erſten empfangen krampfhaft ſittſame Ir ſein, wenn Lebens ent. Der Bl und Abgun kurz und fl desdrohung unverrückt vielleicht di Simon Tur boshaftes Herr V. Gäſten vor ihre Bewun ſie ſich glü⸗ Geſellſchaft Mit ſtil Jungfrau c leien, die a Ton ihrer viel Demut viel ſittſam der fragend ſo Etwas wunderbare ungehindert ubbeſchreib⸗ lberweißem einen fun⸗ ihre ganze ranze ihrer glänzenden eten. Aber Betrachten⸗ zwuen Augen, ihrer Züge züchtige Lä⸗ ermann als frieden ent⸗ ochter noch im Gegen⸗ ten ſehr be⸗ ſie ganz in das Aus⸗ ihr Vater icht? Wollte bt war und imo's erreg⸗ ingfrau an⸗ Hdand in den inem Seſſel b Artigkeit ge⸗ gleichfalls 127 in deren Nähe zu ſein. Dieſe Bewegung hatte ſein Genoſſe, Simon Turchi, wahrgenommen, um ſich ein wenig von ihm zu entfernen. Und es war in der That hohe Zeit; denn als Simon, gleich den Andern, den erſten Eindruck von der lieblichen Erſcheinung empfangen hatte, zog ſich ihm das Herz im Buſen krampfhaft zuſammen bei dem Gedanken, dieſe edle ſittſame Jungfrau würde ſeine Gattin geworden ſein, wenn ihm nicht Geronimo das Glück ſeines Lebens entriſſen hätte. Der Blick, den er gleich einem Blitz von Haß und Abgunſt auf Geronimo fallen ließ, enthielt, ſo kurz und flüchtig er auch war, eine ſchreckliche To⸗ desdrohung. Zum Glück hielt Jedermann die Augen unverrückt auf die Jungfrau gerichtet, ſonſt hätte vielleicht dieſer oder jener in der finſtern Seele von Simon Turchi geleſen und errathen, was für ein boshaftes Vorhaben darin verborgen lag. Herr Van de Werve führte ſeine Tochter an den Gäſten vorüber. Alle drückten in höflichen Worten ihre Bewunderung aus und gaben zu verſtehen, daß ſie ſich glücklich ſchätzten, einige Augenblicke in ihrer Geſellſchaft zuzubringen. Mit ſtillem lieblichem Lächeln antwortete die edle Jungfrau auf alle die Glückwünſche und Schmeiche⸗ leien, die an ſie gerichtet wurden. Es lag in dem Ton ihrer Stimme und in der Art ihrer Worte ſo viel Demuth, ſo viel Beſcheidenheit und zugleich ſo viel ſittſame Artigkeit, daß die Umſtehenden einan⸗ der fragend anſchauten, als wollten ſie damit ſagen, ſo Etwas hätten ſie noch nie gehört. Was noch wunderbarer erſcheinen mochte, obwohl die Gäſte ————— — — 128 aus Gewohnheit wenig darauf Acht gaben, war nämlich das ausnehmende Wiſſen der Jungfrau. Wer ſie auch anreden mochte, ſei es ein Spanier, Franzoſe, Italiener oder Deutſcher, ſie antwortete Jedem in ſeiner eigenen Landesſprache; aber es war vor Allem die ſchöne italieniſche Sprache, welche in ihrem Munde mit bezaubernder Süßigkeit erklang. Bei dem alten Deodati angekommen, faßte ſie ſeine beiden Hände und ſagte ihm einige ſo gefühl⸗ volle freundliche Worte, daß der Greis ſich bewegt fühlte und nur eine kurze Aeußerung der Dankbar⸗ keit ſtammeln konnte. Zu Simon Turchi ſprach ſie im Vorbeigehen mit freudigem Lächeln: „Gott ſei gelobt, Signor Turchi, daß er Euch wieder ſo ſchnell geneſen ließ. Es macht mir großes Vergnügen, dieſen Abend Euch hier zu ſehen. Ich muß Euch Hochachtung bezeugen und von ganzem Herzen erkenntlich ſein, Signore, da Ihr eine ſo treue Zuneigung zu Signor Deodati's Neffen hegt. Ihr habt ein gutes und edelmüthiges Herz; und ich danke dem Herrn, daß er meinem Vater und Gero⸗ nimo einen ſo erprobten Freund geſchenkt hat.“ Turchi gerieth durch die ſüßen Worte Maria's in einen unerträglichen Zuſtand. In ſeinen Adern brauste das kochende Blut; in ſeiner Bruſt zitterte das gefolterte Herz; auf ſeinem Angeſicht glühte die verrätheriſche Narbe... und dennoch mußte er ruhig erſcheinen und mit klarem Geiſte auf die freundliche Anſprache der Jungfrau antworten; denn um ihn herum ſtanden wohl zwanzig Perſonen, die ihr Auge auf ihn ger konnten. Durch e wurde er H Erregung d dere, verfa die man wi ſchmerzliche Selbſtverläu eines Freun ſtens für ei Hoffnung d Maria ihm erkennt „Habt in tiefgefüh noch weiter Die me aufrecht da, wärts drän weſenden ſi die Jungfra ihrer Wand Als Mo war und an ſpieler, einit italieniſche, ten, ihnen zone oder dürfen. Mit Er! Conſeie den, war Jungfrau. Spanier, untwortete er es war welche in erklang. faßte ſie ſo gefühl⸗ ich bewegt Dankbar⸗ orbeigehen ß er Euch nir großes ehen. Ich en ganzem ſr eine ſo effen hegt. 3; und ich und Gero⸗ hat.“ te Maria's nen Adern -euſt zitterte glühte die te er ruhig freundliche n um ihn e ihr Auge 129 auf ihn gerichtet hielten und, was er ſagte, hören konnten. Durch eine beinahe unnatürliche Kraftanſtrengung wurde er Herr ſeiner ſelbſt und rechtfertigte ſeine Erregung durch den Eindruck, dem er, wie alle An⸗ dere, verfallen ſei, und ſprach ſofort von Opfern, die man willig bringe, ſelbſt wenn ſie zuweilen eine ſchmerzliche Wunde im Herzen zurücklaſſen, von einer Selbſtverläugnung, welche man ſich für das Glück eines Freundes auferlegen könne, die aber, wenig⸗ ſtens für einige Zeit, mit der Finſterniß getäuſchter Hoffnung den Geiſt umhüllen müſſe... Maria verſtand, was er ſagen wollte, und war ihm erkenntlich für ſeine gute Geſinnung. „Habt Dank, habt Dank, Signore!“ flüſterte ſie in tiefgefühltem Ton, während ſie ſich entfernte, um noch weiter in dem Saal mit den Leuten zu ſprechen. Die meiſten der geladenen Gäſte ſtanden jetzt aufrecht da, und wiewohl man einander nicht vor⸗ wärts drängte, ſchien doch die größte Zahl der An⸗ weſenden ſich zu einer einzigen Gruppe rings um die Jungfrau vereinigt zu haben und derſelben auf ihrer Wanderung durch den Saal zu folgen. Als Maria in die Nähe des Klaviers gekommen war und an Meiſter Kerſtigen, den kundigen Violin⸗ ſpieler, einige freundliche Worte richtete, traten viele italieniſche Edelleute auf ſie zu und baten und fleh⸗ ten, ihnen das Vergnügen zu ſchenken, eine Can⸗ zone oder ein Lied aus ihrem Munde hören zu dürfen. Mit Erlaubniß ihres Vaters zeigte die Jungfrau Conſeienee, Simon Turchi. 9 — ſich bereit, dem freundlichen Verlangen der Gäſte zu willfahren; ſie ſchien jedoch eine Weile zu zweifeln, welche Sprache ſie für ihren Geſang wählen ſollte, und durchblätterte einige Bücher, welche Meiſter Kerſtiaen ihr dargereicht hatte. Der alte Deodati, welcher ſich dieſen Augen⸗ blick neben Herrn Van de Werve befand, drückte ſo lebhaft den Wunſch aus, einen Geſang in niederlän⸗ diſcher Sprache zu hören, daß die Jungfrau ſeiner Bitte nicht widerſtehen konnte. Sie entſchuldigte ſich gegen die italieniſchen Edelleute und erklärte, ſie werde in ihrer flämiſchen Mutterſprache ein Kyrie Eleison ſingen. Meiſter Kerſtiaen ſetzte ſich an das Klavier, um den eſang zu begleiten, und begann jetzt das Vor⸗ ſpiel. Die Jungfrau ließ die erſten Töne des Liedes nur leiſe aus ihrem Munde fließen und durch den Saal erklingen; allmälig aber legte ſie mehr Leb⸗ haftigkeit und Tiefe des Gefühls in ihre Stimme, bis nach jeder Strophe das Wort eleison gleich einem Lobgebet mit höherer Kraft aus ihrer Bruſt zum Himmel ſtieg. Die Weiſe des Lieds war jedoch auffallend lang⸗ ſam, ungekünſtelt, einfach und voll ſtiller Melodie. Maria mußte den eigenthümlichen Charakter ihres frommen Liedes wohl tief erkennen; denn anſtatt ihm einige Gewalt anzuthun und dadurch vielleicht etwas mehr Nachdruck und Glanz zu verleihen, hielt ſie ihre ſüße, weiche Stimme zurück, und ließ die Töne ruhig und langſam von ihren Lippen fallen, als wäre ſie, die Sängerin, in einer träumeriſchen Beſchauung Muſik von Zuerſt an und ſe wollen, da ſchimmernd liener keine ſtige Gefül riethen auc unter den zaubernder Saale, da welche ſich chens bewe Maria ihre blaue Alle, die ſ blick anſcho und glaub einen Enge Geroni rung; der hätte Mar ſelbſt Sim wältigt un Mißgunſt Buſen wü Mittler lautete alſ 1 8 r Gäſte zu 1 zweifeln, hlen ſollte, he Meiſter en Augen— drückte ſo niederlän⸗ frau ſeiner suldigte ſich kllärte, ſie ein Kyrie llavier, um t das Vor⸗ des Liedes durch den mehr Leb⸗ te Stimme, son gleich ihrer Bruſt lllend lang⸗ er Melodie. akter ihres enn anſtatt ch vielleicht leihen, hielt ad ließ die ppen fallen, äumeriſchen 131 Beſchauung, oder im Lauſchen auf eine himmliſche Muſik von der Erde entrückt. Zuerſt ſahen die italieniſchen Edelleute einander an und ſchienen dem Gedanken Worte geben zu wollen, daß dieſe niederländiſche Tonweiſe mit dem ſchimmernden und lebendigen Geſangſtyl der Ita⸗ liener keine Vergleichung aushalte. Dieſes ungün⸗ ſtige Gefühl hielt jedoch nicht lange an. Bald ge⸗ riethen auch jene Edelleute gleich den andern Zuhörern unter den unwiderſtehlichen Einfluß von Maria's be⸗ zaubernder Stimme. Es herrſchte ſolche Stille in dem Saale, daß man das Säuſeln der Blätter hörte, welche ſich im Garten von dem Hauch des Mallüft⸗ chens bewegten. Maria hatte endlich das Haupt erhoben und ihre blauen Augen betend zum Himmel gerichtet. Alle, die ſie ſahen, Alle, die ſie in dieſem Augen⸗ blick anſchauten, ſchwangen ſich im Geiſt nach oben und glaubten, in der ſüßen, züchtigen Jungfrau einen Engel, ſingend vor Gottes Thron, zu erblicken. Geronimo entfielen zwei Thränen der Begeiſte⸗ rung; der alte Deodati hielt die Hände gefaltet, als hätte Maria's Lied ihn genöthigt, mit ihr zu beten; ſelbſt Simon Turchi war von Bewunderung über⸗ wältigt und hatte vielleicht auf einen Augenblick die Mißgunſt und den Haß vergeſſen, welche in ſeinem Buſen wühlten. Mittlerweile ſetzte Maria ihren Geſang fort. Er lautete alſo: Kyrie— Gott iſt gekontlen Auf Erden uns zum Frommen, Daß wir aller Zeiten Uns deſſen freuten— Eleison. Kyrie— Gott iſt geboren, Von einer Magd erkoren, Daß wir Errettung finden Von unſern Sünden— Pleison. Kyrie— Wir ſind entlaufen Dem Feind in der Taufen; Gott mög' uns erretten Aus ſeinen Ketten— Pleison. Christe— Arzt der Herzen In unſern Schmerzen, Für unſre Noth Ging er zum Tod— Pleison. Christe— Treuer Hüter Deiner Brüder, Das gute Werk' In uns ſtärk'— Eleison. Christe— Sohn vom Vater, Uns Berather, Wenn Troſt gebricht, Verlaß' uns nicht— Pleison. Kyrie— Gott Vater, Sohn, Heil'ger Geiſt, in einer Perſon Ein Gott, laß uns Dich loben, Dort oben— Fleison*). * 9) In den Alten flämiſchen Liedern von J. F. Willems S. 434 weiter ausgeführt. Bereits aufgehört Stille fort. der ſüßen merkte, da hatte, und beifälliges hörern, die wünſchen ü Mitten Gegenſtand Geronimo, Thräne in allgemeiner daß ein w ihn zu, faß freundlichen eine italien Der ju wankend, doch als a ehrenden T ergriff er warf als e in einem T Entzücken Die W Feuerfunken Vortrag vr Vaterlande funkelten il rung... von J. F. Bereits hatte Maria einen Augenblick zu ſingen aufgehört und gleichwohl dauerte noch die tiefſte Stille fort. Jedermann fürchtete einen einzigen Ton der ſüßen Stimme zu verlieren; aber als man be⸗ merkte, daß Maria den Blick zu Boden geſchlagen hatte, und das Lied zu Ende war, da erhob ſich ein beifälliges und dankbares Gemurmel unter den Zu⸗ hörern, die Jungfrau wurde umringt und mit Glück⸗ wünſchen überhäuft. Mitten unter dieſen Höflichkeitsbeweiſen, deren Gegenſtand ſie war, erblickte Maria den gerührten Geronimo, der zwei Schritte von ihr, noch mit einer Thräne in den Augen, ſtand. Sei es, daß ſie den allgemeinen Lobſprüchen zu entgehen ſuchte, oder daß ein wirkliches Verlangen ſie antrieb, ſie lief auf ihn zu, faßte ihn bei der Hand und führte ihn mit freundlichem Drängen zu dem Klavier. Er ſollte eine italieniſche Arie ſingen, ſagte ſie. Der junge Edelmann, noch erregt und beinahe wankend, ſträubte ſich eine Weile gegen ihre Bitte, doch als auch ſein alter Oheim ihn aufforderte, dem ehrenden Wunſche der Jungfrau Genüge zu thun, ergriff er eine Laute, ſtimmte ſie in aller Eile und warf als erſte Note ſeines Liedes das Wort Italia! in einem Ton durch den Saal, der als ein Ruf zum Entzücken aller Herzen emporſtieg. Die Worte und Töne ſtrömten wie glühende Feuerfunken von des Jünglings Lippen; unter dem Vortrag von Verſen, welche das Lob ſeines theuren Vaterlandes beſangen, ſchwoll ihm die Bruſt und funkelten ihm die Augen von hinreißender Begeiſte⸗ rung... Aber beſonders am Ende jeder Strophe erfüllte ſeine mächtige Tenorſtimme wie Trompeten⸗ ſchall mit ihren beſeelten Tönen den Salon. Die Worte lauteten: Sei mir gegrüßt, o Paradies der Erde! Mein theures Land, Heil dir, Italia! Das Lied von Maria, die Umgebung, worin er ſich befand, die Gegenwart ſeines Oheims, dieß Alles mußte die Gefühle des jungen Edelmanns zu einer ungewöhnlichen Höhe geſteigert haben; denn ſeine Stimme zitterte, ſein Herz klopfte, ſeine Stirne flammte, und er ſchien im Begriff, der übermäßigen Bewegung zu erliegen. Und dennoch wuchs ſein Geſang immer mehr an Begeiſterung, Eindringlich⸗ keit und Kraft, bis endlich die Schlußzeile: Mein theures Vaterland, Heil dir, Italial gleich einem jubelnden Siegesruf durch den Saal erklang. Geronimo hatte ſeine Landsleute durch den ſeelen⸗ vollen Geſang ſo ſehr überwältigt und gerührt, daß alle, ſelbſt die älteſten, ſich ſo weit vergaßen, die Hüte zu ſchwenken und enthuſiaſtiſch den Freuden⸗ ruf:„Italia! Italia!“ zu wiederholen. In vie⸗ len Augen blinkte eine Thräne. Nun wurde Geronimo ſeinerſeits mit Glückwün⸗ ſchen beſtürmt; ſein alter Oheim nannte ihn ſeinen geliebten Sohn; Maria ſagte ihm ſüße Worte; Van de Werve drückte ihm die Hand. Was Simon Turchi betraf, ſo war er verwirrt, vernichtet; bei Allem, was er hörte und ſah, litt er ſo heftige Pein, nagte die Scheelſucht ſo verzehrend an ſeinem Herzen, daß er in den Abgrund des Nei⸗ des und Schritte r geſchlagen bemerkte; fand, und für gewiß gleich den Geſang ite rathen. Uebrig zu Boden ſchluß gef zeigte ihn um den H „Ach, habt meit habt mir len gemae Währe dem Jüng „Gero dieſen Ab gehen; ſu Freude m Nachd ſich zurüch chen Wecl dem Sän kennen ge Wiede und Lecke Meiſte Trompeten⸗ alon. Die de! g, worin er dieß Alles ns zu einer denn ſeine ine Stirne bermäßigen wuchs ſein Findringlich⸗ ile: Mein rlial gleich aal erklang. den ſeelen⸗ gerührt, daß egaßen, die en Freuden⸗ n. In vie⸗ t Glückwün⸗ e ihn ſeinen Worte; Van er verwirrt, ſah, litt er verzehrend ind des Nei⸗ 13⁵ des und der Rachſucht verſank. Er ſtand einige Schritte von Geronimo entfernt, den Blick zu Boden geſchlagen und ſichtbar zitternd vor Aufregung. Doch bemerkte Niemand, in welchem Zuſtand er ſich be⸗ fand, und hätte man es auch erkannt, ſo wäre nur für gewiß angenommen worden, Signor Turchi ſei gleich den andern Italienern durch den begeiſterten Geſang in eine ſo ungemein tiefe Bewegung ge⸗ rathen. Uebrigens ſchaute Turchi nur eine kleine Weile zu Boden. Wie Jemand, der einen plötzlichen Be⸗ ſchluß gefaßt hat, trat er gerade auf Geronimo zu, zeigte ihm ein lächelndes Angeſicht und legte, ihm um den Hals fallend, beide Arme auf ſeine Schultern. „Ach, Geronimo, Dank, Dank!“ rief er.„Ihr habt mein Herz in ſeliges Entzücken verſetzt, Ihr habt mir den Buſen von ſtolzem Patriotismus ſchwel⸗ len gemacht!“ Während der Umarmung ſagte er jedoch leiſe dem Jüngling in's Ohr: „Geronimo, ich muß Euch allein ſprechen, noch dieſen Abend. Ich werde ſogleich in den Garten gehen; ſucht mir dahin zu folgen; es wird Euch Freude machen...“ Nachdem er dieſe Worte geflüſtert hatte, zog er ſich zurück, um Herrn Fugger, dem unermeßlich rei⸗ chen Wechsler, Platz zu machen, welcher gleichfalls dem Sänger ſeinen Beifall und ſeinen Dank zu er⸗ kennen geben wollte. Wiederum traten die Diener mit allerlei Weinen und Leckereien in den Saal. Meiſter Kerſtigen war mit dem Stimmen ſeiner — 9— — Violine beſchäftigt. Man wußte, daß der ausge⸗ zeichnete Künſtler dieſen Abend ſpielen würde, und viele von den Gäſten traten auf's Neue zu dem Klavier, um Kerſtiaen deſto beſſer zu ſehen und zu hören. Geronimo war, beunruhigt und neugierig ge⸗ worden durch Simon Turchi's Worte, ſeinem Freunde mit dem Blick gefolgt und hatte auf eine Gelegen⸗ heit gedacht, ihn allein zu ſprechen. Er ſah in die⸗ ſem Augenblick, daß Turchi aus dem Saal ging, und während das Herumgeben der Erfriſchungen und die Vorbereitung zu dem Spiel von Meiſter Kerſtiaen viel Bewegung unter der Geſellſchaft ver⸗ urſachte, konnte der junge Edelmann gleichfalls un⸗ bemerkt den Saal verlaſſen, um ſeinem Freund in den Garten nachzugehen. Der Garten hinter Van de Werve's Haus war, obſchon nicht ſehr groß, dennoch von einigen ge⸗ ſchlängelten Pfaden durchſchnitten, und längs der niezuntnern ſtanden hohe Bäume und dichte Ge⸗ üſche. Als Geronimo in die freie Luft kam, bemerkte er, daß noch vier oder fünf Perſonen um der Kühle willen auf den Pfaden auf⸗ und abwandelten. Während er nun mit dem Auge durch die halbe Finſterniß zu dringen ſuchte, um Simon Turchi zu entdecken, kam dieſer hinter einem Gebüſch hervor, faßte ihn am Arm und führte ihn ſchweigend in die hinterſte Ecke des Gartens, wo er, auf einer Bank ſich niederließ und mit gedämpfter Stimme ſagte: „Setzt Euch neben mich, Geronimo; ich habe gute Botſchaft.“ „Ah, junge Ma „Ich und neigt uns Nieme ich vor eir eigenen Fo habe, will die zehnta laſſen.“ „Gott er ſo gut Vorſatzes „Morg dig bin.“ „Ah, 1 „Aber Geronimo „Nun, müßte ich „Nein, den Spita naht Jeme Nach ei „Es iſt daß der f kannt ſein in meinen zu halten *)„Jero der für jetz der ausge⸗ bürde, und ue zu dem hen und zu ugierig ge⸗ em Freunde de Gelegen⸗ ſah in die⸗ Saal ging, rfriſchungen on Meiſter llſchaft ver⸗ ichfalls un⸗ Freund in Haus war, einigen ge⸗ längs der dichte Ge⸗ , bemerkte der Kühle elten. 9 die halbe n Turchi zu üſch hervor, gend in die einer Bank me ſagte: d; ich habe 137 „Ah, habt Ihr das Geld gefunden?“ fragte der junge Mann. „Ich habe es gefunden;— aber noch näher, und neigt Euer Ohr zu mir, Geronimo: es darf uns Niemand hören. Ein fremder Kaufmann, den ich vor ein paar Jahren, beinahe auf Koſten meines eigenen Falls, von Schande und Verderben gerettet habe, will mir das Mittel an die Hand geben, um 3 zehntauſend Kronen in Eure Kaſſe fließen zu aſſen.“ „Gott ſei gelobt!“ ſeufzte Geronimo.„Und wird er ſo gut ſein, die Erfüllung ſeines edelmüthigen Vorſatzes nicht lang hinauszuſchieben?“ 3 Molgen werde ich Euch bezahlen, was ich ſchul⸗ ig bin.“ 3 Al, morgen; wie glücklich!“ „Aber ich kann Euch das Geld nicht bringen, Geronimo; Ihr müßt es ſelbſt holen.“ „Nun, das hat am wenigſten zu ſagen, und müßte ich dafür nach Keulen gehen.“ „Nein, ſo weit nicht. In meinen Luſtgarten auf den Spitalwieſen müßt Ihr kommen... Still! da naht Jemand näher, denke ich.“ Nach einem kurzen Stillſchweigen fuhr Turchi fort: „Es iſt vorüber... Ihr müßt wiſſen, Geronimo, daß der fremde Kaufmann in Antwerpen nicht ge⸗ kannt ſein will. Ich habe ihm darum geſtattet, ſich in meinem kleinen Garten einige Tage verborgen zu halten*). Er will mir helfen; aber er iſt ein *)„Jeronimo, da iſt ein Kaufmann aus Lyon gekommen, der für jetzt in Antwerpen noch nicht gekannt ſein will und vorſichtiger Mann und von Natur mißtrauiſch. Ich werde ihm eine Schuldverſchreibung für die Summe ausſtellen, welche er zur Einhändigung an Euch an⸗ leihen will; er fordert, daß Ihr als Bürge mit⸗ unterzeichnet.“ „Welche Geheimthuerei!“ murmelte der Jüng⸗ ling.„Ich ſoll als Bürge mitunterzeichnen? Wer iſt der fremde Kaufmann? Ein Verbannter?“ „Was thut das zur Sache? Es iſt nicht mein Geheimniß, Geronimo; ich habe ſeinen Namen zu verſchweigen gelobt. Wenn Ihr nur aus der miß⸗ lichen Verlegenheit gerettet ſeid, iſt unſer Ziel im⸗ merhin erreicht. Es iſt wahr, Ihr müßt Bürge für mich bleiben; aber die zehntauſend Kronen werden wenigſtens in Eurer Kaſſe liegen, und Euer Oheim wird keinen Gulden zu wenig finden. Es kann Euch nichts Unangenehmes widerfahren, außer wenn ich nicht im Stande ſein ſollte, meine Wechſel zu be⸗ zahlen. Dieß iſt jedoch nicht zu beſorgen; binnen einiger Monate werde ich Mittel im Ueberfluß haben. Was ich thue, geſchieht nur, um Euch aus einer beunruhigenden Lage zu retten. Lieber hätte ich Euch allein zum Gläubiger, das könnt Ihr leicht begreifen, Geronimo.“ „In der That, Simon, ich bin Euch dankbar für Eure Bereitwilligkeit. Und wird der fremde Kaufmann mir die Summe in baarem Geld zur Hand ſtellen?“ darum ſich in meinem Luſtgarten verborgen hält: er hat mich erſucht, Euch zu ſagen, daß Ihr ihn dort finden werdet.“ Matteo Bandello, erzählt im Belgiſchen Muſeum von J. F. Willem. Bd. 6. S. 256. „Nein, Lucca.“ „Gute, „Ihr Handelsſta Ihr ſollt „Wohl der Börſe recht?“ „Mir der Hand „Erwa ſechs Uhr. ſich über i Simon und ſetzte „Gerot helfen will allein von ren ſoll. Oheim, no mindeſte 2 vereiteln. „Es muß Euch Anbruch! hat mich i einmal ohr die Straß „Nein, In die in den Ge auiſch. Ich die Summe m Euch an⸗ Bürge mit⸗ der Jüng⸗ hnen? Wer ter?“ nicht mein Namen zu is der miß⸗ ſer Ziel im⸗ Bürge für nen werden Euer Oheim s kann Euch er wenn ich ſchſel zu be⸗ gen; binnen rfluß haben. aus einer err hätte ich t Ihr leicht uch dankbar der fremde n Geld zur : er hat mich nden werdet.“ en Muſeum 139 „Nein, in Wechſeln auf Mailand, Florenz und Lucca.“ „Gute, ſichere Wechſel, Simon?“ „Ihr mögt ſelbſt darüber urtheilen, da Ihr dem Handelsſtande angehört. Fürchtet jedoch Nichts; Ihr ſollt alle Befriedigung haben.“ „Wohlan, ich werde kommen. Nach dem Schluß der Börſe, zwiſchen fünf bis ſechs Uhr, iſt's ſo recht?“ „Mir iſt die Zeit gleichgültig, wenn ich nur vor der Hand die Stunde weiß.“ „Erwartet mich alſo morgen zwiſchen fünf und ſechs Uhr. Laßt uns jetzt hineingehen. Man wird ſich über unſere lange Abweſenheit verwundern.“ Simon Turchi erhob ſich; doch blieb er ſtehen und ſetzte noch hinzu: „Geronimo, ich habe dem Kaufmann, der mir helfen will, verſprochen, daß Niemand außer Euch allein von ſeiner Anweſenheit zu Antwerpen erfah⸗ ren ſoll. Sagt demzufolge Nichts, weder Eurem Oheim, noch Maria, noch wer es ſonſt ſei. Die mindeſte Rückſichtsloſigkeit könnte unſere Hoffnung vereiteln. Kommt allein, ohne Diener.“ „Es ſei ſo,“ antwortete Geronimo;„aber ich muß Euch voraus ankündigen, daß ich nicht bis zum Anbruch des Abends bleiben kann. Mein Oheim hat mich mit ſeiner Ungnade bedroht, wenn ich noch einmal ohne gute Bedeckung in der Dunkelheit über die Straße ginge.“ „Nein, eine halbe Stunde nur, und Alles...“ In dieſem Augenblick kam ein Diener vom Hauſe in den Garten und näherte ſich ſuchend dem Orte, wo Geronimo mit ſeinem Freunde im Geſpräch be⸗ griffen war. „Signor Geronimo,“ ſagte er,„man ſucht Euch 3 überall im Saale. Das edle Fräulein will de Es wa Geſellſchaft verlaſſen. Euer Herr Oheim iſt im Be⸗ die Arme griff, abzugehen. Man erwarket Euch mit Ungeduld, des Luſtge Signore.“ verſunken, Beide Edelleute folgten dem Diener; unterwegs gerichtet, flüſterte Turchi noch: machs geſte „Morgen alſo, zwiſchen fünf und ſechs Uhr!“ von Zeit 3 Der alte Deodati ſtand bereits unter der Thüre, ſchttelte. umgeben von fünf ſeiner Diener, welche ihn beglei⸗ Einige ten mußten. Er zeigte ſich beunruhigt über das werk über lange Wegbleiben ſeines Neffen, und dieſer hatte ſeiner tiefen 4 deßhalb eine ſtrenge Zurechtweiſung zu erleiden. über ſein Auf die Erklärungen von Turchi wurde ihm jedoch ſprach: die Unachtſamkeit vergeben und er erhielt ſogar die„Er nei Erlaubniß, in aller Eile noch in den Saal zurückzu⸗ Und ſchon kehren, und Maria und ihrem Vater Gutenacht zu unrdnden verfolgt.. wünſchen. ie S Einen Augenblick darauf war er wieder zurück, die Sache — und ſeinem Oheim den Arm bietend, verließ er nimo durchf Van de Werve's Wohnung. terſten Kelle Signor Turchi gab ihm noch beim Abgang ein than. Wer Zeichen mit den Augen, das zu bedeuten ſchien: uuß kln A anit den Augenee dene r g „Verſchwiegen, verſchwiege ſich das M that zu be raſen, ſo vi führen, oder hier....“ Julio ſ zeſpräch be⸗ ſucht Euch i will die iſt im Be⸗ t Ungeduld, unterwegs 8 Uhr!“ der Thüre, ihn beglei⸗ über das dieſer hatte zu erleiden. ihm jedoch lt ſogar die al zurückzu⸗ zutenacht zu eder zurück , verließ er Abgang ein ſchien: verfolgt.... 141 VI. Es war um fünf Uhr Nachmittags. Julio ſtand, die Arme über die Bruſt gekreuzt, in einem Gemach des Luſtgartens ſeines Gebieters. In Gedanken verſunken, hielt er das Auge auf einen Lehnſtuhl gerichtet, welcher an das einzige Fenſter des Ge⸗ machs geſtellt war, und bei deſſen Betrachtung er von Zeit zu Zeit in kummervollem Zweifel den Kopf ſchüttelte. Einige Männertritte, welche ſich in dem Stock⸗ werk über ihm vernehmen ließen, rißen ihn aus ſeiner tiefen Ueberlegung; ein höhniſches Lächeln zog iber ſein Geſicht, während er leiſe bei ſich ſelbſt ſprach: „Er nennt mich einen Feigling, der Rachſüchtige! Und ſchon läuft er eine Stunde von einem Gemach zum andern, als würde er von unſichtbaren Geiſtern Wie gemächlich für ſich ſelbſt hat er die Sache eingeleitet! Julio ſoll den armen Gero⸗ nimo durchbohren und ſeinen Leichnam in dem un⸗ terſten Keller begraben; Julio hätte Alles allein ge⸗ than. Wenn man mit falſchen Leuten zu thun hat, muß man auf ſeiner Hut ſein. Seine Abſicht iſt mir klar genug: er wollte für den Fall der Noth ſich das Mittel vorbehalten, mich allein der Greuel⸗ that zu bezüchtigen. Er mag jedoch drohen und raſen, ſo viel er will: ſelbſt ſoll er den Schlag aus⸗ ſühnn, oder Signor Geronimo geht ungehindert von ier... Julio ſchwieg eine Weile, fuhr ſich über die —QDññ?% 2 Stirne und ſagte, den Blick auf den Armſtuhl ge⸗ „Wiſſen, daß binnen einer Stunde in dieſem hölliſchen Seſſel ein Leichnam liegen ſoll! Der Leichnam des leutſeligſten Edelmanns, der mir je⸗ Möchte ſein guter Engel ihn von dem verhängnißvollen Beſuch in dieſer Mör⸗ dergrube zurückhalten! Signor Turchi wird ihn tödten... aber ich muß dazu helfen*). Was wird das Ende dieſes blutigen Trauerſpiels ſein? Das Schaffot für den Herrn und der Galgen für den Diener! Das ſind die Folgen meines zügelloſen Lebens. Hätte ich nicht in einem Augenblick von Trunkenheit unbewußt mich nach dem Orte begeben, man den Faden, der wieder zurück zum Guten lei⸗ ten kann. Ach, wäre ich nur bei meiner Mutter in Italien! Unſinniger! Es iſt zu ſpät; ich bin ver⸗ dannt, und auf meinen Kopf iſt ein Preis geſetzt!“ Nachdem er noch einige Augenblicke dieſen Ueber⸗ legungen ſich hingegeben hatte, machte er eine un⸗ geduldige Bewegung und murmelte dann: *) Als dieſer Stuhl erſonnen und vollendet war, hat er einen ſeiner Diener und Comptoirknechte, genannt Julio, einen italieniſchen Flüchtling, zu dem Mord beſtimmt. E. van Me⸗ teren, Niederländiſche Geſchichten, I. Buch. „Fort, Träumen 1 und will: aber iſt ein Frevelthat gegen ihn ihn, und d mon Turch ner, den 4 ihn; thäte hindern, er verbrecheriſ Factor von Italien geb meine alte als Kumme ich ihr zu nor herunte ich den Sc des unſchul Simon blaß war ſ welche ihm terte nicht; Haſt und e wie Jemand nigt wird. Schon: dem Kopf daſtand und Betrachtung ſprach er: rmſtuhl ge⸗ in dieſem ſolll! Der der mir je⸗ guter Engel dieſer Mör⸗ 143 „Fort, fort, wozu kann all dieſes Sinnen und Träumen mir frommen? Ich bin in ſeiner Gewalt und will mich der Nothwendigkeit unterwerfen;— aber iſt einmal der Schlag ausgeführt; hat er eine Frevelthat begangen, wobei thatſächliche Beweiſe gegen ihn zeugen können, dann bin ich Meiſter über ihn, und die Reihe iſt an mir, ihm zuzurufen:„Si⸗ wird ihn mon Turchi, fürchte den Landvogt und ſeinen Die⸗ Was wird ſein? Das gen für den zügelloſen genblick von rte begeben, , ich wäre und Signor egen meinen lichen Miſſe⸗ Pfarrer von Irrgebäuden , ſo verliert Guten lei⸗ r Mutter in ich bin ver⸗ reis geſetzt!“ dieſen Ueber⸗ er eine un⸗ m: et war, hat er nt Julio, einen E. van Me⸗ . Buch. ner, den Henker!“ Jetzt bin ich unmächtig gegen ihn; thäte ich jetzt Etwas, um den Anſchlag zu ver⸗ hindern, er wäre im Stande, um alle Zeichen ſeiner verbrecheriſchen Abſicht zu vertilgen, mich an den Factor von Lucca auszuliefern. Ich würde nach Italien gebracht und gerädert in dem Lande, wo meine alte Mutter wohnt. Sie hat von mir Nichts als Kummer gehabt, aber die äußerſte Schmach will ich ihr zu erſparen ſuchen... Da kommt der Sig⸗ nor herunter. Er wird wieder darauf dringen, daß ich den Schlag ausführe; aber ich will das Blut des unſchuldigen Edelmanns nicht auf mein...“ Simon Turchi trat in den Gang. Auffallend blaß war ſein Geſicht; ſelbſt noch bläſſer die Narbe, welche ihm über Wange und Stirne lief. Er zit⸗ terte nicht; aber ſeine Schritte zeugten von großer Haſt und er drückte ſich die Finger in die Fäuſte, wie Jemand, der von Ungeduld erregt und gepei⸗ nigt wird. Schon von Ferne ſah er, daß ſein Diener, mit dem Kopf auf der Bruſt, in träumeriſchem Sinnen daſtand und erſt bei ſeiner Annäherung aus dieſen Letrachtungen auffuhr. In das Gemach tretend, ſprach er: 1 — „Julio, die Stunde iſt nahe.— Woran denkſt Du wieder? Haſt Du Furcht?“ „Furcht?“ wiederholte Julio mit Lachen.„Vor was ſollte ich mich fürchten?“ „Allerdings, allerdings,“ murmelte der Signor, „da ich allein ſein Blut vergießen werde.“ „Aber,“ fuhr Julio fort,„wenn ich auch für mich ſelbſt Nichts fürchte, könnte ich wohl, aus Liebe zu meinem Herrn, in trübes Nachdenken verfallen. Das Spiel, welches Ihr ſpielt, iſt über alle Maaßen ge⸗ fährlich, Signore.“ „Wer weiß, was hier vor ſich geht?“ I „Wer? Iſt dort oben nicht ein Auge, das Alles ſieht? Und während Ihr hier im tiefſten Geheimniß ein Menſchenleben Eurer Rachſucht aufopfert, wird nicht Gott wenigſtens den Nothſchrei von Geronimo hören?“ Julio ſah mit verſteckter Freude, daß dieſe Worte bei ſeinem Herrn ein Zittern erregten, obwohl er ſich durch ein ſpöttiſches Gelächter den Schein von Gleich⸗ gültigkeit geben wollte. „Che cherzo! Wie lächerlich!“ murrte der Signor. „Pietro Moſtajo will von Gott ſprechen! Meine Maaßregeln ſind alle zu wohl berechnet; hat der unterirdiſche Keller das Geheimniß einmal aufgenom⸗ men, ſo wird kein Hahn darnach krähen.“ „Meint Ihr, Signore? Wann blieb ein ſolcher Mord jemals verborgen? Es iſt kein Wunder, daß ich den Kopf hängen laſſe und in Gedanken verſun⸗ ken bin. Es träumte mir, und ich ſah Dinge vor meinen Augen, ſo ſchrecklich und ſo qualvoll, daß ich es Eu⸗ ſtanden mi „Nun, zunehmende „Was die Jemand ihn als ein fortſchleppte Koth bewa Schaffot u Verurtheilte Sonne blit Haupt.... Der Di faßte ihn f ſerer Stimt „Und n „Und d über einen „Welche „Der C Simon ſeines mög ſchrie und ſtillſchweigen Julio Art zurückg ſchrecklichen Verſuch zu noch von ſe könnte; ſeit Conſeie oran denkſt hen.„Vor der Signor, 77 uch für mich us Liebe zu fallen. Das Maaßen ge⸗ 7 das Alles Geheimniß pfert, wird Geronimo dieſe Worte zwohl er ſich von Gleich⸗ der Signor. in! Meine et; hat der l aufgenom⸗ 41 Hein ſolcher Vunder, daß aken verſun⸗ Dinge vor ralvoll, daß 14⁵ ich es Euch nicht zu ſagen wage. ſtanden mir davon in den Augen.“ „Nun, was ſahſt Du?“ brummte Turchi mit zunehmender Angſt. „Was ich ſah? Den Landvogt und ſeine Diener, die Jemand die Arme auf den Rücken banden und ihn als ein ruchloſes Ungeheuer durch die Straßen fortſchleppten; das Volk, das den Gefangenen mit Koth bewarf und ihn als Mörder ausſchrie; ein Schaffot und darauf einen Nachrichter und einen Verurtheilten; und dann ein Schwert, das in der Sonne blitzte, einen Strahl Blut und ein fallendes Haupt.... Der Diener ſchwieg abſichtlich; aber ſein Herr faßte ihn fieberiſch am Arm und murmelte mit hei⸗ ſerer Stimme: „Und weiter? weiter?“ „Und die Volksmenge, welche jauchzte und Flüche über einen Namen ausſtieß....“ „Welches war dieſer Name?“ „Der Eurige, Signore!“ Simon Turchi war ſo ſehr von dieſer Darlegung ſeines möglichen Endes betroffen, daß er laut auf⸗ ſchrie und bebend zurückfuhr. Eine Weile heftete er ſtillſchweigend den Blick zur Erde. Julio ſchaute den beſtürzten Signor mit einer Art zurückgehaltenen Lächelns an. Er hatte den ſchrecklichen Traum nicht allein erdacht, um einen Verſuch zu machen, ob er vielleicht ſeinen Herrn Die Thränen noch von ſeinem gefahrvollen Unternehmen abhalten könnte; ſeine Abſicht war zugleich, ihm Conſeienee, Simon Turchi. Schrecken 10 einzujagen und ſich ſo auf ſeine Weiſe für den Zwang zu rächen, den derſelbe ihm auferlegte. Nicht lang jedoch blieb Simon Turchi unter dem Eindruck der Unheil verkündenden Worte. Den Kopf erhebend, fuhr er mit einem Grinſen der Verachtung heraus: „Scheinheiliger Feigling! die Furcht, die Beäng⸗ ſtigung läßt Dich von ſolchen Dingen träumen. Der entſchloſſenſte Mann ſoll mit den Schwachherzigen zum Haſenfuß werden! Wehe mir, daß ich unglück⸗ lich genug bin, Deiner zu bedürfen! Sonſt würde ich mich Deiner Gegenwart ſchon entledigen.... Aber ich will zum Mindeſten vor der Vollziehung deſſen, was ich begonnen habe, nicht zurückbeben. Nun, ſprich, ſage mir, was ich von Dir erwarten darf. Die Stunde verrinnt ſchnell, es iſt keine Zeit mehr zu verlieren.“ „Wir werden ſehen, wer am kaltblütigſten voll⸗ bringt, was er verſprochen hat. Ihr irrt Euch in mir, Signore: die Furcht bewegt mich nicht. Aus Zuneigung, aus Liebe zu Cuch verirre ich mich in ſolche trübe Betrachtungen. Ich glaubte, meine Pflicht damit zu thun, daß ich Euch noch einmal auf den Abgrund hinwies....“ „Schweig, es iſt zu ſpät!“ rief Turchi, faſt außer ſich.„Unſinniger, Du wünſcheſt alſo mein Verderben, mein Elend, meine ewige Schande? Ich ſoll meinen Feind leben laſſen, ihn glücklich ſein laſſen, ihn als Gatten von Maria Van de Werve auf mich herabſehen laſſen? O nein, nein, der Glückliche, der Reiche, der Stolze werde ich ſein! Und ſollte dieß alles mir entſchlüpfen, ſollte das Schaffot n. das meine ben.... wenn Du, legſt, ſo n ten, um! des Leben⸗ zum Zorn. Bei di die Hand hatte. Se bebten und dem Blick Dieſe erſchrecken, ſein Gebiet einem höhr paar Schr Meſſer und „Es n wenn Ger begriffen fo ken, um ſe „Wie, „Waru ſich zas eit „Horch Ueberraſchr Durch des eiſerne Ringmauer den Zwang hi unter dem . Den Kopf Verachtung „die Beäng⸗ äumen. Der wachherzigen ich unglück⸗ Sonſt würde ttledigen.... Vollziehung zurückbeben. Dir erwarten iſt keine Zeit ütigſten voll⸗ irrt Euch in nicht. Aus eich mich in ubte, meine noch einmal Turchi, faſt eſt alſo mein ſchande? J glücklich ſein an de Werve , nein, der erde ich ſein! , ſollte das Ringmauer. 147 Schaffot mein Ende werden, das Feuer der Rache, das meine Eingeweide verzehrt, muß Kühlung ha⸗ ben.... Nichts, Nichts kann mich zurückhalten; und wenn Du, Julio, mir ein Hinderniß in den Weg legſt, ſo werde ich ſelbſt über Deine Leiche hinſchrei⸗ ten, um denjenigen zu treffen, der mir das Licht des Lebens geraubt hat... O, reize mich nicht zum Zorn. Ich fühle mich zu Allem fähig!“ Bei dieſen letzten Worten legte Simon Turchi die Hand an den Dolch, den er im Gürtel ſtecken hatte. Sein Geſicht war bläulichroth, ſeine Lippen bebten und er ſchaute ſeinen Diener mit verzehren⸗ dem Blick an. Dieſe Drohung ſchien jedoch Julio nicht ſehr zu erſchrecken, wahrſcheinlich, weil er nicht glaubte, daß ſein Gebieter ſie in Ausführung bringen könnte. Mit einem höhniſchen Lächeln auf den Lippen trat er ein paar Schritte zurück, ſchlug mit der Hand an ſein Meſſer und ſagte ſpottend: „Es würde ſich ſeltſam ausnehmen, Signore, wenn Geronimo uns hier mit einander im Kampf begriffen fände. Es ließe ſich nichts Beſſeres erden⸗ ken, um ſein Leben zu retten.“ „Wie, Du wagſt zu drohen?“ „Warum nicht? Oder glaubt Ihr, Julio werde ſich wie ein Kalb tödten laſſen?“ „Horch! da iſt er!“ rief Simon Turchi, vor Ueberraſchung und Schrecken aufſpringend. Durch den Garten ertönte der wiederholte Schlag des eiſernen Klopfers an dem Außenpförtchen der 10* 148 „Julio, noch einmal, was darf ich von Dir er⸗ warten?“ fragte Turchi ängſtlich. „Ich werde thun, was ich verſprochen habe, we⸗ der mehr, noch minder.“ „Wohlan, ſo eile und öffne das Pförtchen. Kein unvorſichtiges Wort, keine Betrübniß auf Deinem Angeſicht! bring ihn hieher; ſag ihm, ich ſei mit dem fremden Kaufmann beſchäftigt; laß ihn warten. Sitzt er nicht gleich nieder, ſo ergreife einen günſti⸗ gen Augenblick und ziehe ihn auf den Stuhl. Dann komm und rufe mich; das Uebrige werde ich ſelbſt vollbringen.“ „Ihr wollt, daß ich Signor Geronimo in den Stuhl ziehe?“ brummte Julio. Das Gemach verlaſſend drohte Turchi mit flam⸗ menden Augen: „Pietro Moſtajo, denk an den Factor von Lucca!“ Julio kam aus dem Hauſe, ſchritt auf die Ring⸗ mauer zu und öffnete die Thüre. „Benvenuto*), Signor Geronimo,“ ſprach er. „Was gibt es gutes Neues, daß Ihr meinen Ge⸗ bieter in ſeinem Luſtgarten beſucht? Es iſt ſchon lange, daß Ihr nicht mehr hieher gekommen ſeid.“ „Allerdings, Julio, es iſt lange her;“ ant⸗ wortete der junge Edelmann mit einem offenen Lächeln, während er in den Garten und auf das Haus zuſchritt.„Mich dünkt, daß man noch nicht Willens iſt, hier Geſellſchaft zu empfangen, denn es liegt Alles noch wüſte und verlaſſen. Hat Signor *) Willkommen! A. d. U. Turchi nick beiten zu l „Ja m Zeit trübſig angenehmen laſſen.“ „Ich m „Ach, „Was Du machſt wohl?“ Der D müſſe, wen daß der E antwortete „Es iſt ſund und l rio's Degern mir Etwas unerwartet aufathmen, Unter mann in d ſtuhl ſtand. „Signo iſt oben; ie Euch einſtm Julio v zuſteigen, 1 ter einer T ſamkeit, olb ſchnappen l von Dir er⸗ n habe, we⸗ ttchen. Kein iuf Deinem . 2.* ich ſei mit ihn warten. inen günſti⸗ tuhl. Dann de ich ſelbſt aimo in den hi mit flam⸗ von Lucca!“ zuf die Ring⸗ “ ſprach er. meinen Ge⸗ Es iſt ſchon nmen ſeid.“ her;“ ant⸗ nem offenen und auf das i noch nicht gen, denn es Hat Signor A. d. U. 149 Turchi nichts davon geſprochen, in dem Garten ar⸗ beiten zu laſſen?“ „Ja wohl; aber mein Gebieter iſt ſeit einiger Zeit trübſinnig, und die Luſt zu vergnüglichen oder angenehmen Dingen hat ihn ganz und gar ver⸗ laſſen.“ „Ich weiß, Julio, aber es wird ſich beſſern.“ „Ach, möchtet Ihr die Wahrheit reden, Signore!“ „Was iſt das für ein tiefer Seufzer, Julio? Du machſt mich bekümmert. Iſt Dein Gebieter un⸗ wohl?“ Der Diener fühlte, daß er ſich in Acht nehmen müſſe, wenn er ſich nicht der Gefahr ausſetzen wolle, daß der Edelmann irgend ein Unheil beſorge. Er antwortete alſo mit freierer Stimme: „Es iſt Nichts, Signore. Mein Gebieter iſt ge⸗ ſund und heute guten Muthes. Seitdem ich Bruffe⸗ riys Degen gegen Eure Bruſt gezückt ſah, iſt bei mir Etwas zurückgeblieben, das mir manchmal ganz unerwartet das Herz beklemmt. Dann muß ich tief aufathmen, daß es wie ein Seufzer tönt.“ Unter dieſen letzten Worten hatte er den Edel⸗ mann in das Gemach gebracht, wo der große Arm⸗ ſtuhl ſtand. „Signore Geronimo,“ ſagte er,„mein Gebieter iſt oben; ich werde ihm Eure Ankunft melden. Setzt Euch einſtweilen nieder.“ Julio verließ das Gemach; aber anſtatt hinauf⸗ zuſteigen, verbarg er ſich am Ende des Ganges hin⸗ ter einer Thüre und horchte mit geſpannter Aufmerk⸗ ſamkeit, ob er die Federn des Zwangſtuhls nicht ſchnappen höre. 1⁵⁰ Nachdem er lange vergeblich hier gewartet hatte, trat er wieder auf den Gang; und zu dem Edel⸗ mann zurückkehrend ſagte er: „Signore, mein Gebieter läßt ſich bei Euch ent⸗ ſchuldigen. Er habe droben mit Jemand zu thun, von dem er Euch geſtern geſprochen, ſagt er. Sie ſind jetzt zuſammen an einem Schreiben, das Euch eingehändigt werden ſoll. Beliebt es Euch alſo, noch ein wenig in Geduld zu warten?“ Er glaubte, Geronimo werde ſich nun von ſelbſt in dem Armſtuhl niederlaſſen, und folgte mit klopfen⸗ dem Herzen allen ſeinen Bewegungen; aber der junge Edelmann ſtellte ſich vor das Fenſter und ſchaute nachdenklich in den Garten. Julio ſah ſich in ſeiner Erwartung betrogen. Da er in Erwägung zog, mit welchem Mißtrauen und mit welcher Ungeduld ſein Herr die Augenblicke, die verliefen, zählen würde, ſagte er zu Geronimo mit erheuchelter Gleichgültigkeit: „Es iſt ziemlich weit von den Minoritenbrüdern bis hieher: es mag wohl eine halbe Meile Wegs ſein, und man kann leicht davon etwas müde wer⸗ den, wenn man Eile hat. Nehmt auf dieſem Stuhle Platz, Signore.“ „Nein, ich danke Dir,“ antwortete der Edel⸗ mann.„Ich bin durchaus nicht müde; es iſt mir angenehm, da draußen die verwilderten Gebüſche in ihrem zarten Mailaub prangen zu ſehen.“ Eine unwillkürliche Bewegung von Verdruß ent⸗ ſchlüpfte dem Diener. „Du brauchſt meinetwegen nicht im Gemach zu bleiben, Julio,“ ſprach Geronimo.„Geh' ruhig an V Deine Ark mich nicht. „Ich k wenn ich o es nur, ur det vielleich „Durch was helfen mit Vergn innere, m Beiſtand 9 „Das hören, Il Werve heit freut; aber die Kunde Dieſe lobten loc Jünglings ſagte mit „Ja, „Wie „Aller höchſte Gr hoffen dur Dank ſag auch Etwe „Ich, „Jd, Werve ſe Dich für Brufferio vartet hatte, dem Edel⸗ ei Euch ent⸗ nd zu thun, „ ſagt er. reiben, das bt es Luch ten?“ un von ſelbſt mit klopfen⸗ er der junge und ſchaute etrogen. Da ßtrauen und genblicke, die eronimo mit ritenbrüdern Meile Wegs Gmüde wer⸗ eſem Stuhle te der Edel⸗ es iſt mir Gebüſche in t.“ Verdruß ent⸗ Gemach zu eh' ruhig an 1⁵¹ Deine Arbeit und laß mich allein: ich langweile mich nicht.“ „Ich habe kein dringendes Geſchäft, Signore:; wenn ich ohne Erlaubniß hier verweile, ſo geſchieht es nur, um Euch Etwas zu fragen; aber Ihr wer⸗ det vielleicht über meine Unbeſcheidenheit zürnen.“ „Durchaus nicht, Julio. Kann ich Dir in Et⸗ was helfen oder zu Dienſten ſein, ſo werde ich Dir mit Vergnügen beweiſen, daß ich mich dankbar er⸗ innere, wie muthig Du mir gegen die Banditen Beiſtand geleiſtet haſt.“ 3 „Das iſt es nicht, Signore. Ich habe ſagen hören, Ihr werdet das ſchöne Fräulein Van de Werve heirathen. Dieſe Neuigkeit hat mich ſehr er⸗ freut; aber darf Euer demüthiger Diener wiſſen, ob die Kunde Wahrheit iſt?“ 3 Dieſe Frage und vielleicht der Name ſeiner Ver⸗ lobten lockten ein Lächeln auf das Angeſicht des Jünglings. Er trat einige Schritte vorwärts und ſagte mit freudiger Stimme: „Ja, Julio, die Kunde iſt wahr.“ „Wie glücklich werdet Ihr ſein, Signore!“ „Allerdings, Julio, der liebe Gott hat mir die höchſte Gunſt geſchenkt, auf die ich hier auf Erden hoffen durfte. Ewig werde ich dafür ihm Lob und Dank ſagen... Du ſollſt an dem feſtlichen Tage auch Etwas haben, um froh zu ſein.“ „Ich, Signore?“ „Ja, Du, Julio. Es iſt Fräulein Van de Werve ſelbſt, welche es alſo beſchloſſen hat, um Dich für die Hülfe zu belohnen, welche Du mir gegen Brufferio und ſeine Geſellen geleiſtet haſt. An dem Tage meiner Hochzeit ſollſt Du einen neuen Mantel bekommen, ein neues Wamms und neue Hoſen, von ſchönem Tuch und guter Seide, dergleichen noch nie⸗ mals ein Diener getragen hat.“ Julio, durch dieſen Beweis von Güte betroffen, beugte das Haupt, indem er einige undeutliche Worte des Dankes murmelte. Er hörte wohl, daß der Junker noch in ſeiner Rede fortfuhr und ihm zu be⸗ weiſen ſuchte, daß er dieſes Geſchenk wohl verdient habe, gab aber in ſeiner Erregung nicht Acht dar⸗ auf, ſondern kämpfte lebhaft mit ſich ſelbſt, um Muth und Stärke genug zur Vollziehung des ihm von ſeinem Herrn gegebenen Befehles zu bekommen. Er ſah, daß Geronimo gerade jetzt vor dem Arm⸗ ſeſſel ſtand. Mit Widerwillen, aber angetrieben durch den Gedanken, wenn er dieſen Augenblick entſchlüpfen ließe, würde ein ſo günſtiger Zufall ſich vielleicht nicht mehr anbieten, näherte er ſich dem Edelmann, als wollte er ihm von Neuem ſeine Dankbarkeit be⸗ zeugen.. Mit einem Sprung legte er ihm nun beide Hände auf die Schultern und ſtieß ihn un⸗ widerſtehlich in den Armſtuhl zurück 5). Der Boden des verrätheriſchen Möbels ſank ein; aus den Armen ſprangen zwei mächtige Stahlfedern hervor, welche den Edelmann um die Mitte faßten und ihn ſo feſt gegen den Rücken des Stuhls drüct⸗ ten, daß er ſich nicht mehr rühren konnte. *) Und da kam der vorbeſagte Julio und ſtieß Jeronimo in einen großen Stuhl, der ſich ſogleich von ſelbſt ſchloß und zuſprang. Abkunft und Genealogie der Herzoge und Herzoginnen von Brabant. Antwerpen 1565. S. 308. „Julio iſt das?“ Gebieter 2 Aber ſprechen, Thüre hint „Nun? Diener au gefangen?“ „Der tete Julio; weiß, ob die Todesge len übernat iſt mir, al nen Schult Aber Scherz. E fuhr mit de ter, um ſe nimo zu be Der D ſtehen und die Thüre und ſich wi Anfängl räuſch; aber Geronimo, nes Herrn, ſchien. Nur über den E Gemach urt uen Mantel Hoſen, von i noch nie⸗ te betroffen, tliche Worte l, daß der ihm zu be⸗ ohl verdient t Acht dar⸗ ſelbſt, um ig des ihm bekommen. dem Arm⸗ durch den entſchlüpfen ich vielleicht Edelmann, kbarkeit be⸗ er ihm nun eß ihn un⸗ s ſank ein; Stahlfedern Nitte faßten tuhls drülk⸗ ieß Jeronimo iſt ſchloß und erzoge und ₰‿ 565. S. 308. 15⁵³ „Julio, Julio, was für ein abſcheulicher Spaß iſt das?“ rief er.„Ein Zwangſtuhl? Hat Dein Gebieter Dir befohlen, mich alſo zu fangen?“ Aber der Diener lief, ohne noch ein Wort zu ſprechen, aus dem Gemach hinaus und ſchloß die Thüre hinter ſich. „Nun? Nun, Julio?“ fragte Turchi, ſeinem Diener auf der Treppe entgegenkommend;„iſt er gefangen?“ „Der Stuhl hat ſein Werk verrichtet,“ antwor⸗ tete Julio;„thut Ihr das Eurige ebenſo gut. Wer weiß, ob ſein Hülferuf uns nicht verrathen wird: die Todesgefahr gibt den menſchlichen Lungen zuwei⸗ len übernatürliche Kraft.... Signore, Signore, es iſt mir, als ob mein Kopf nicht mehr feſt auf mei⸗ nen Schultern ſtände. Wie iſt es mit dem Eurigen?“ Aber Simon Turchi achtete nicht auf dieſen Scherz. Er murmelte nur einige undeutliche Worte, fuhr mit der Hand an ſeinen Dolch und ſtieg hinun⸗ ter, um ſeine Rachgier an dem unglücklichen Gero⸗ nimo zu befriedigen. Der Diener blieb halbwegs auf der Treppe ſtehen und lauſchte auf ſeines Herrn Tritte, bis er die Thüre des verhängnißvollen Gemachs aufgehen und ſich wieder ſchließen hörte. Anfänglich vernahm er nicht das mindeſte Ge⸗ räuſch; aber bald hörte er die Stimme von Signor Geronimo, die um Hülfe rief, und die Stimme ſei⸗ nes Herrn, der ſeiner zu ſpotten und ihn zu bedrohen ſchien. Nur nach dem Ton dieſer Laute konnte er über den Stand der Dinge in dem verſchloſſenen Gemach urtheilen, denn er war zu entfernt, um die Worte zu verſtehen. Aber von Unruhe und Neu⸗ gierde angetrieben, ſtieg er die Treppe vollends herab und trat näher, um an der Thüre zu horchen, hinter welcher die ſchreckliche Miſſethat vollbracht wer⸗ den ſollte. 1 Er hörte dieſen Augenblick, wie Geronimo flehend klagte: „Ach, lieber Simon, Eure Sinne ſind verfinſtert. Ihr mich tödten, Ihr, mein Freund! Es iſt nicht möglich. O, laßt dieſen Dolch aus Eurer Hand fallen; laßt mich nicht ſterben ohne Beichte! Sind es die zehntauſend Kronen, die Euch zu ſolcher Ver⸗ irrung trieben, ich ſchenke ſie Euch; zerreißt Euren Schuldſchein vor meinen Augen; ich werde nie mehr davon ſprechen....“ „Maria, Maria van de Werve!“ heulte Simon höhniſch. „O, ich will ihrer Hand entſagen, nach Italien abreiſen.... nie mehr ein Land beſuchen, das für mich, für Euch, für Alles, was ich liebe, ſo ver⸗ hängnißvoll war....“ „Zu ſpät, zu ſpät, Du mußt ſterben!“ „Nein, nein, Simon!“ rief Geronimo wieder. „Aus Erbarmen für Euch ſelbſt, taucht Eure Hände nicht in mein unſchuldiges Blut. Gott ſieht uns; Euer Gewiſſen wird Euch martern; keine Ruhe wird es mehr auf Erden für Euch geben. Ueberliefert Eure arme Seele nicht auf ewig dem Böſen. Nein, Simon, Simon, tödtet mich nicht.... Ach!“ Ein ſchrecklicher Seufzer entſchlüpfte ihm, als würde ihm die Bruſt zuſammengedrückt, und wirklich hörte Gere der auf M Gleicht war, nicht als zuvor rief: „Hülfe Gnade! C Aber d ſeiner Bru Kehle erſta „Gott, Der D gräulichen bis an den er hier, ſo und ſeinen So ſeh mon Turch⸗ Miſſethat u war nicht: ſeinem Har wildert in trockene Ke Err lief chen, erſtiee mach keuche Julio, ihn hin un „Nun, „Es iſt ſtöhnte Tur und Neu⸗ e vollends zu horchen, bracht wer⸗ imo flehend verfinſtert. Es iſt nicht zurer Hand hte! Sind ſolcher Ver⸗ reißt Euren de nie mehr . ulte Simon nach Italien en, das für ebe, ſo ver⸗ t 4!“ imo wieder. Eure Hände t ſieht uns; e Ruhe wird Ueberliefert zöſen. Nein, Ach 10 ee ihm, als und wirklich 1⁵⁵ hörte Geronimo einen Ausfall wie von einem Dolch, der auf Metall anſtieß. Gleichwohl konnte der Stich, wenn es ein Stich war, nicht tödtlich ſein, da Geronimo noch lauter 3 zuvor ſeine Stimme erhob und verzweifelnd rief: „Hülfe! Hülfe! o, Simon, laßt mich leben! Gnade! Gnade!“ Aber dann ertönte ein furchtbarer Schrei aus ſeiner Bruſt, und während die Stimme ihm in der Kehle erſtarb, ſtöhnte er: „Gott, o Gott, vergib ihm! ich ſterbe....“ Der Diener war, als er die Entwicklung dieſes gräulichen Trauerſpiels hörte, in den Gang zurück bis an den Fuß der Treppe entwichen. Kaum ſtand er hier, ſo ſah er die Thüre des Gemachs aufgehen und ſeinen Herrn erſcheinen. So ſehr die Rachgier zuvor das Geſicht von Si⸗ mon Turchi verzerrt hatte, jetzt war es durch die Miſſethat noch abſcheulicher geworden. Der Signor war nicht mehr kenntlich. Das Haar ſtand ihm auf ſeinem Haupte zu Berge, ſeine Augen glühten ver⸗ wildert in ihren Höhlen, aus ſeinem Munde rollten trockene Kehllaute, an ſeinen Händen klebte Blut. Er lief an ſeinem Diener vorüber, ohne zu ſpre⸗ chen, erſtieg die Treppe und ließ ſich in ſeinem Ge⸗ mach keuchend auf einen Stuhl fallen. Julio, der ihm nachgefolgt war, ſtellte ſich vor ihn hin und fragte: „Nun, Signore, iſt es vollbracht?“ „Es iſt vollbracht; laß mich Athem ſchöpfen!“ ſtöhnte Turchi.. — Nach einigen Augenblicken Wartens fragte Julio von Neuem: „Hat er denn Widerſtand geleiſtet, daß ich Euch ſo erſchöpft ſehe, Signore?“ „Widerſtand? Nein, aber als ich das erſte Mal ihm mit voller Gewalt den Dolch durch das Herz zu ſtoßen glaubte, traf meine Waffe auf Metall und es klirrte gewaltig. Er trägt eine Bruſtplatte, Julio. Vermuthete er vielleicht, was ſeiner hier wartete?“ Ohne Zweifel hatte Turchi's Dolch das Amulet getroffen, welches der junge Edelmann beſtändig um den Hals trug. „Es iſt möglich, Signore, daß Geronimo Etwas auf der Bruſt trägt,“ antwortete Julio;„es iſt die Stelle, welche von Dolchen allzeit geſucht wird; und Niemand kann wiſſen, ob er nicht einmal einem Feind oder Mörder in der Finſterniß begegnet; aber was iſt an dieſer Beſonderheit, das Euch ſo ſehr in Auf⸗ regung bringen kann?“ „Siehſt Du, Julio, es ſprang dennoch Blut aus der Wunde. Der Anblick dieſes Blutes und das ſchreckliche Geſchrei Geronimo's erfüllten mich mit Grauſen und Angſt. Ich wankte auf meinen Beinen und glaubte vor dem unvollführten Werr zu erliegen⸗ aber ich fand zum Glück noch Kraft, um zu vollen⸗ den, was ich begonnen hatte. Ein Stich durch den Hals hat auf immer die Stimme in ſeiner Kehle erſtickt.“ „Und er iſt jetzt ſicher todt?“ „Es bleibt kein Tropfen Bluts mehr in ſeinen Adern.“ Simon Turchi hatte ſich einigermaßen von ſei⸗ ner überm und ſagte: „Ich m das mich v ſen Abend einige Geſch Stunde me können; ſpe andern Vor chen. Ich mit vielen ſchleppe den alle Blutfle zu ſagen, d Sorgfalt fü abhängen k „Nein, i geſchehen, 1 der Sorge gehen, wenn „Wohla vollbringe „„SIch ſo ſchleppen? .„Ich ha die Stadt „ DDas it in dieſer M „Und w zornig aufſp „Es we mir arbeiten zagte Julio iß ich Euch erſte Mal as Herz zu tall und es tte, Julio. wartete?“ das Amulet ſtändig um imo Etwas „es iſt die wird; und einem Feind „aber was ſehr in Auf h Blut aus s und das mich mit inen Beinen zu erliegen⸗ zu vollen⸗ ) durch den einer Kehle r in ſeinen hen von ſei⸗ ner übermäßigen Aufregung erholt; er ſtand auf und ſagte: „Ich muß mich jetzt von dem geringſten Zeichen, das mich verrathen kann, waſchen und reinigen; die⸗ ſen Abend noch auf die Spätbörſe gehen und dort einige Geſchäfte abmachen, mit Leuten, die ſich der Stunde meiner Anweſenheit in ihrer Mitte erinnern können; ſpäter werde ich, unter dem einen oder dem andern Vorwand, bei Herrn Van de Werve vorſpre⸗ chen. Ich muß mich an vielen Orten zeigen und mit vielen Perſonen reden. Geh hinab, Julio, und ſchleppe den Leichnam in den Keller. Darnach ſuche alle Blutflecken zu verwiſchen. Ich brauche Dir nicht zu ſagen, daß unſer Beider Leben von der äußerſten Sorgfalt für die gehörige Vollziehung dieſer Arbeit abhängen kann.“ „Nein, in der That, Signore. Nun iſt der Schlag geſchehen, und ich bin der Mann nicht, der es an der Sorge fehlen laſſen wird, dem Galgen zu ent⸗ gehen, wenn es möglich iſt.“ „Wohlan, Julio, ich habe mein Werk vollbracht; vollbringe auch das Deinige.“ „„Ich ſoll allein den todten Körper in den Keller ſchleppen? Nein, nein, Ihr ſollt mir helfen, Signore.“ „Ich habe keine Zeit, Julio; ich muß ſogleich in die Stadt hinein.“ „Das iſt mir ganz gleich; ich bleibe nicht allein in dieſer Mördergrube.“ „Und wenn ich es Dir befehle?“ ſchrie Turchi, zornig aufſpringend. „Es wäre vergeblich, Signore. Ihr ſollt mit mir arbeiten, bis hier Alles gethan iſt.“ „Ha, Du wagſt mir zu drohen, und zwar in dem⸗ ſelben Augenblick, da mir das Blut noch in den Adern kocht? Gehorche mir und thue Dein Werk nach Ge⸗ bühr, oder dieſen Abend noch ſoll der Factor von Lucca wiſſen, wer Du biſt.“ „Ha, ha,“ lachte Julio,„ich ſpotte des Pietro Moſtajo und des Factors von Lucca. So lang keine thatſächlichen Indicien gegen Euch zeugen konnten, mußte ich Euch fürchten; aber jetzt ſolltet Ihr es wagen, meinen wahren Namen zu offenbaren, da ich mit einem einzigen Wort Euer Haupt unter das Schwert des Scharfrichters legen kann? Fortan wer⸗ det Ihr weder ſo hart, noch ſo übermüthig mehr mit mir ſprechen, Signore. In dieſer Sache gibt es weder Herrn noch Diener; wir ſind zuſammen an der Gräuelthat betheiligt.... Legt die Hand frei an Euren Dolch! Eitle Drohung, was könntet Ihr thun ohne mich?“ Simon Turchi knirſchte vor Aerger und Unge⸗ duld, aber bezwang bald ſeine Aufregung und ſprach, indem er die Hand ſeines Dieners faßte, in ſchmeichelndem Ton: „In der That, Julio, wir ſind eher zwei Freunde, als Herr und Diener einander gegenüber; aber laß mich jetzt als Freund und Genoſſe Etwas von Deiner Dienſtfertigkeit erbitten. Du begreifſt, daß ich, ohne länger hier zu verziehen, nach der Factorei gehen muß, um andere Kleider anzulegen. Zu unſerer Bei⸗ der Sicherheit iſt es nothwendig, daß ich mich un⸗ mittelbar nach der Stadt begebe, um allem Verdacht vorzubeugen, oder eine andere Richtung zu geben. — Geronimo bequem hit Der D barem Zwe „Nun, gutwillig,; wird.... großmüthig Abend noch Du getreu haſt.“ „Werde aus dem K „Ich w Blut gerein iſt möglich, werde auf torei erwar noch eine ſchenken.“ „Gut, i fällig zu ſe wendend. In dem Mord vollb⸗ Augenblick bleichte und Mitleids de Der arn ſchloſſenen den Arm de die Schulten dar in dem⸗ den Adern k nach Ge⸗ Factor von des Pietro lang keine en konnten, tet Ihr es rren, da ich unter das Fortan wer⸗ ig mehr mit he gibt es ſammen an Hand frei könntet Ihr und Unge⸗ egung und rs faßte, in vei Freunde, v; aber laß von Deiner aß ich, ohne torei gehen unſerer Bei⸗ ich mich un⸗ em Verdacht g zu geben. 159 Geronimo iſt nicht ſchwer von Körper: Du wirſt ihn bequem hinabſchleppen können.“ Der Diener ſchüttelte verneinend, doch mit ſicht⸗ barem Zweifel den Kopf. „Nun, Julio, ich bitte, ich flehe Dich an, thue gutwillig, was zu unſerem Schutz von Dir verlangt wird. Du zögerſt noch, Julio? Komm, ich will großmüthig gegen Dich ſein: ich ſchenke Dir dieſen Abend noch zwei Kronen, wenn Du mir meldeſt, daß du getreu und ſorgfältig mein Begehren vollzogen haſt.* „Werdet Ihr noch hier ſein, Signore, wenn ich aus dem Keller zurückkehre?“ fragte der Knecht. „Ich weiß es nicht, Julio; ſobald ich mich von Blut gereinigt habe, muß ich hin. Spute Dich; es itt möglich, daß ich noch nicht weggegangen bin. Ich werde auf alle Fälle dieſen Abend Dich in der Fac⸗ torei erwarten und Dir, außer den zwei Kronen, hachten gute Flaſche Malvaſier zur Belohnung eenken.“ „Gut, ich will mein Beſtes thun, um Euch ge⸗ fällig zu ſein,“ ſagte Julio, ſich nach der Treppe wendend. In dem Gemach angekommen, wo der abſcheuliche Mord vollbracht worden war, blieb der Diener einen Augenblick mit verſchränkten Armen ſtehen. Er er⸗ bleichte und ſchüttelte mit einem Ausdruck traurigen Mitleids den Kopf. Der arme Geronimo lag in dem Seſſel mit ge⸗ ſchloſſenen Augen; ſein Haupt war zur Seite auf den Arm des Stuhls gefallen und hing ſchwer über die Schulter; ſeine Hände waren noch krampfhaft — ——— — verſchlungen, wie zum Zeugniß, daß der unglückliche Junker, Gott bittend für ſeinen grauſamen Mörder, geſtorben war. Seine Kleider waren ganz bedeckt mit Blut, und ſeine Füße ſtanden gleichfalls in einer rothen Lache. Er hatte eine große Wunde an der Seite des Halſes und eine andere in der vollen Bruſt; ſein Angeſicht war jedoch nicht beſudelt und, wiewohl durch den Tod entfärbt, noch ruhig und mild, als wäre er nur in einen ſanften Schlummer verſunken. „Armer Signor Geronimo!“ ſeufzte Julio. „Schönheit, Edelmuth, Reichthum, gefallen vor der Zeit unter dem Schlag eines Böſewichts! Ach, was iſt doch das menſchliche Leben?... Er wird zum Mindeſten dort oben bei Gott Vergebung finden um ſeines bittern Todes willen.... Und wir?... Fort, es iſt jetzt keine Zeit zu überlegen und zu kla⸗ gen; mein Mitleid wird den Leichnam nicht wieder in's Leben zurückrufen. Schließen wir die Augen vor der drohenden Zukunft und vollbringen mit Ernſt und Eifer die ſchreckliche Aufgabe.“ Er kniete hinter dem Stuhl nieder, ſteckte ſeinen Arm darunter und drückte auf eine Schraube. Die Springfedern öffneten ſich von ſelbſt und ließen den Leichnam los. Julio griff ihm unter die Arme, hob ihn aus die dem Stuhl und ſchleppte ihn auf dem Boden über den Gang bis zum Anfang einer Treppe, die in einer finſtern Tiefe ſich verlief. 3 Hier ließ er den Leichnam liegen, trat in ein Nebenzimmer, von wo er nach einer Weile mit einer brennenden Lampe zurückkehrte. Mit dem Lichte in der Hand, ſt terirdiſchen( am Ende der⸗ mit einer ſch dieſe Thüre eine in der C Rand man d Nach die Lampe unten nieder und holen. Als er Gang gelang ermüdet. E um ſchnell v den, und ſch. ließ er ihn gedachte, na werfen und ſich eine We „Bah, d Vielleicht iſt Ich will erſt ich wieder, u Er nahm Thüre zu *) Unten in zuvor daſelbſt um den vorgen vollbracht wäre zoge und H 1565. S. 308. Conſeien unglückliche en Mörder, anz bedeckt lls in einer nde an der der vollen ſudelt und, ruhig und Schlummer tzte Julio. len vor der Ach, was r wird zum finden um wir?... und zu kla⸗ nicht wieder Augen vor mit Ernſt teckte ſeinen raube. Die hließen den 161 der Hand, ſtieg er die Treppe hinab, bis zu einem un⸗ terirdiſcen Gang. Sehr weit unter dem Boden und am Ende des Gangs war eine Art gewölbten Kellers, mit einer ſchweren Thüre geſchloſſen. Julio öffnete dieſe Thüre und betrachtete beim Schein der Lampe eine in der Ecke des Kellers befindliche Grube, an deren Rand man die ausgehobene Erde aufgeworfen hatte*). Nach dieſer flüchtigen Unterſuchung ſetzte er die Lampe unten im Keller an der Mauer des Ganges ſider und ſtieg wieder hinauf, um den Leichnam zu holen. Als er mit ſeiner Laſt in den unterirdiſchen Gang gelangt war, holte er tief Athem und ſchien ermüdet. Er ſpannte jedoch alle ſeine Kräfte an, um ſchnell von der ſchrecklichen Arbeit erlöst zu wer⸗ den, und ſchleppte den Leichnam in den Keller. Hier ließ er ihn am Rande der Grube niederfallen, und gedachte, nach einem Augenblick Ruhe ihn hineinzu⸗ werfen und mit Erde zu bedecken; aber er beſann ſich eine Weile und ſprach bei ſich ſelbſt: „Bah, der arme Junker wird nicht davon laufen. Vielleicht iſt Signor Turchi noch nicht abgegangen. Ich will erſt das Blut oben abwaſchen. Dann komme ich wieder, um die Leiche zu verſcharren.“ Er nahm die Lampe und verließ den Keller, ohne bob ihn aus die Thüre zu ſchließen. Boden über ppe, die in trat in ein ile mit einer m Lichte in *) Unten in dem Keller— in einem Grab, welches lange zuvor daſelbſt bereitet geweſen war von vorbeſagtem Julio, um den vorgenannten Jeronimo zu begraben, wenn der Mord vollbracht wäre. Abkunft und Genealogie der Her⸗ zoge und Herzoginnen von Brabant. Antwerpen 1565. S. 308. Conſceience, Simon Turchi. 11 3 —— ͦ—ññ Oben in dem Gemach angekommen, bemerkte er, daß ſein Herr den Luſtgarten bereits verlaſſen hatte. Die Einſamkeit, worin er ſich jetzt befand, ſchien ihn zu ängſtigen, um ſo mehr, als der Tag ſichtbar ſich zu Ende neigte und er nicht hoffen konnte, vor Einbre⸗ chen der Finſterniß mit dem Reinigen und Waſchen des beſchmutzten Hausflurs und der Treppen fertig zu werden. Er ſchien jedoch ſich in die Nothwendigkeit zu fügen, ſtieg wieder hinunter und holte Waſſer und Tücher, um ans Werk zu gehen. Es war bereits ſpät am Abend und Julio war noch immer mit Scheuern und Fegen beſchäftigt. Wie es kam, konnte er nicht begreifen; aber er dachte, es ent⸗ ſtänden immer neue Blutflecken, ſelbſt an Stellen, welche er bereits zweimal mit einer Maſſe von Waſſer abge⸗ waſchen hatte. Beſonders in dem Gemach, wo der Mord vollbracht worden war, vermochte er die Spu⸗ ren davon beinahe nicht zu verwiſchen. Der Schweiß lief ihm vom Angeſicht und er murmelte Worte des Unwillens und Aergers gegen ſeinen Herrn. Sei es, daß die beſchwerliche Arbeit, oder der Einbruch der Nacht ſein Nervenſyſtem empfindlicher gemacht hatte, bei dem mindeſten Rauſchen des Win⸗ des in den Blättern, bei dem leiſeſten Knarren des Wetterhahns über dem Hauſe, unterbrach er ſein Werk und ſchaute mit Angſt um ſich. Es hatte jedoch wieder einige Zeit gedauert, daß er von einer ſolchen Anwandlung nicht betroffen wurde, und er war inzwiſchen mit der Säuberung bis zu der Stelle vorgerückt, wo der Zwangsſtuhl geſtanden war. 3 Er erho betrachtete d über den g. einer gewiſſ „Endlich Spur entde Steine hine gebrochen; mehr gerad In einem h maledeiten worfen.“ Unter d ſtieg mit de hinab. Als er i angekommen vor Angſt un Etwas gehöt geheimnißvol deutlich.... Nachdem er überzeugt getäuſcht weo ſchloſſenheit die offene T nimo an den hingeworfen Während zögerndem S plötzlich der bemerkte er, aſſen hatte. ſchien ihn zu tbar ſich zu vor Einbre⸗ nd Waſchen epen fertig endigkeit zu Waſſer und llio war noch gt. Wie es ſchte, es ent⸗ tellen, welche Laſſer abge⸗ ach, wo der er die Spu⸗ Der Schweiß e Worte des errn. it, oder der empfindlicher hen des Win⸗ Knarren des rach er ſein gedauert, daß cht betroffen Säuberung Zwangsſtuhl Er erhob ſich, nahm die Lampe vom Boden auf, betrachtete die gereinigte Stelle, leuchtete aufmerkſam über den ganzen Hausflur hin und ſagte dann mit einer gewiſſen Selbſtzufriedenheit: „Endlich! Es iſt gethan. Wer jetzt die geringſte Spur entdecken wollte, müßte in das Innere der Steine hineinſehen können. Die Arme ſind mir wie gebrochen; ich kann beinahe meinen Rücken nicht mehr gerade machen. Jetzt noch die letzte Arbeit. In einem halben Stündchen bin ich von dem ver⸗ maledeiten Orte weg: ein Grab iſt ſchnell zuge⸗ worfen.“ Unter dieſen Worten verließ er das Gemach und ſlegnni dem Licht in der Hand die Kellertreppe inab. Als er in der Mitte des unterirdiſchen Ganges angekommen war, blieb er plötzlich ſtehen, erblaßte vor Angſt und ſchaute zitternd um ſich. Er glaubte Etwas gehört zu haben, etwas Unbekanntes, einen geheimnißvollen Ton, ſchier unvernehmbar, aber doch deutlich.... Nachdem er eine Weile gelauſcht hatte, meinte er überzeugt zu ſein, daß er von ſeiner Einbildung getäuſcht worden war. Er ſchritt mit neuer Ent⸗ ſchloſſenheit weiter nach dem Keller und ſah, durch die offene Thüre, den Leichnam von Signor Gero⸗ nimo an dem Rand der Grube liegen, wo er ihn hingeworfen hatte. Während er jetzt, bereits voll Unruhe und mit zögerndem Schritt, in den Keller hineintrat, traf plötzlich der Ton einer Menſchenſtimme ſein Ohr. 11* Es war kein geſprochenes Wort, nur ein Kehllauk, der mit einem Wimmern Aehnlichkeit hatte. Julio ließ, von Ueberraſchung und Schrecken be⸗ troffen, die Lampe zu Boden fallen. Im Oel erſtickte das Licht, und als er ſich nun in der Finſterniß ſah, entfloh er, mit den Händen längs der Mauer fort⸗ tappend, aus dem Keller. Das Herz ſchlug ihm gewaltig in der Bruſt und er wankte auf ſeinen Beinen vor Beſtürzung. Erſt als er eine neue Lampe angezündet hatte und ſich in einem Zimmer beſand, wo das Licht alle „Räume völlig erreichen konnte, wurde er ſeiner ſelbſt einigermaßen Meiſter. Er blieb jedoch lange Zeit ſtill neben der Lampe auf einem Stuhl ſitzen und ſchien tief über ſeinen Zuſtand nachzudenken; indeſſen wech⸗ ſelten mancherlei Regungen von Furcht, von Ver⸗ druß, ja ſelbſt von Spott auf ſeinem Angeſicht. Endlich ſtand er auf, zog ſein Meſſer aus der Scheide und murmelte, die Spitze davon betrachtend: „Ich kann ihn doch nicht lebendig begraben! Ich werde es alſo kurz mit ihm abmachen und ihm den Gnadenſtoß geben! Nein, nein, ich habe Allem Trotz geboten, ſelbſt der Rachgier meines gottloſen Herrn, um ſein Blut nicht zu vergießen; jetzt ſoll ich es dennoch thun.... Aber was dann? Es iſt mir keine andere Wahl gelaſſen. Ihn lebendig begraben oder ihn ermorden!— Ich kann hier ohnedieß nicht die ganze Nacht bleiben...“ Einige Augenblicke darauf nahm er ſchweigend die Lampe von dem Tiſch und ging mit langſamen, vorſichtigen Schritten nach der Kellertreppe. Von da ſtieg er hinab und gelangte nach langem Zögern zu der Thi Signor Ge gerade wie Julio k den ganzen mehr, daß i Schlachtopfe kannte, daß Körper entn ſich heben u Nachden murmelte J „Hier b iſt der letzte ſterben. Jc mein Werk mein Herr, Er darf von Fort, jetzt ſ wegzukomme Mördergrub Erinnerung Julio ſti Kurze Ze eilte durch d Herrn aufzu Kleider abzu a Kehllaut, le. chrecken be⸗ Oel erſtickte iſterniß ſah, Mauer fort⸗ Bruſt und ung. ündet hatte s Licht alle ſeiner ſelbſt ig Zeit ſtill und ſchien deſſen wech⸗ von Ver⸗ geſicht. er aus der betrachtend: raben! Ich nd ihm den Allem Trotz oſen Herrn, ſoll ich es Es iſt mir ig begraben nedieß nicht ſchweigend langſamen, reppe. Von gem Zögern 165 zu der Thüre des Gewölbes, wo der Körper von Signor Gerönimo noch immer auf der Seite lag, gerade wie er dort hingeſtreckt worden war. Julio hatte jetzt eine viel größere Lampe, die den ganzen Keller erleuchtete; er hörte auch nicht mehr, daß irgend ein Laut aus der Bruſt des armen Schlachtopfers ſich emporrang, obgleich er wohl er⸗ kannte, daß das Leben noch nicht gänzlich aus dem Körper entwichen war, da man ſein Herz noch leiſe ſich heben und ſenken ſah. Nachdem er eine kleine Weile gelauſcht hatte, murmelte Julio mit wahrer Freude: „Hier bedarf es keiner neuen Grauſamkeit. Es iſt der letzte Todeskampf; er wird wohl von ſelbſt ſterben. Ich werde die Thüre ſchließen und morgen mein Werk hier vollends zu Ende bringen... Und mein Herr, der wiſſen will, ob Alles abgethan iſt? Er darf von dieſem beſondern Fall Nichts erfahren.— Fort, jetzt ſchnell gemacht; es treibt mich, von hier wegzukommen... und möchte die Rache Gottes dieſe Mördergrube während der Nacht vertilgen, daß keine Erinnerung davon übrig bliebe!“ Julio ſtieg hinauf. Kurze Zeit hernach verließ er den Luſtgarten und eilte durch die finſtern Straßen hinweg, um ſeinen Herrn aufzuſuchen und zugleich ſeine beſchmutzten Kleider abzulegen. VII. Maria Van de Werve ſaß in ihrem Zimmer vor einem ſilbernen Crucifix, wie vernichtet unter dem Gewicht ihres Schmerzes. Ihr Haupt war auf den Betſchemel niedergeſunken und ruhte ſchwer und er⸗ ſchöpft auf den gefalteten Händen. Sie hatte bitter⸗ lich geweint, denn die Spuren ihrer Thränen glänzten noch neben ihrem Haupt auf dem Pulte vor dem Betſchemel. Wer die bedrückte Jungfrau in dieſer Haltung überraſcht hätte, wäre leicht auf den Gedanken ge⸗ rathen, ſie ſei im Gebet von dem Schlummer über⸗ wältigt worden; aber das Steigen und Fallen ihrer Bruſt und ihre ſchweren Athemzüge, welche ihr un⸗ bewußt den Schmerzenslaut der Klage noch verrie⸗ then, bezeugten genugſam, daß ſie wachte und nur von unendlicher Betruüͤbniß befallen war. Drei oder vier Schritte hinter ihr ſaß eine alte Frau, mit einem Paternoſter in der Hand. Es war ihre Kammerfrau. Sie hielt mit tiefem Mitleid den Blick auf Maria geheftet, ſchüttelte von Zeit zu Zeit den Kopf, oder wiſchte ſich eine aufſteigende Thräne aus den Augen, wenn die Seufzer des betenden Mädchens noch immer mit dem gramvollen Ton des Schmerzes aus ihrem Buſen ſich hoben. Es hatte bereits eine lange, faſt ununterbrochene Stille in dem Gemach geherrſcht; ſelbſt der Schmerz des Mädchens ſchien einigermaßen ſich gemildert zu haben... als ſie plötzlich unter dem Eindruck eines beängſtigend bild erhob „Gott, willen, ach, ren, nach taub für de Sie lief len, als hä erſchöpft;— ſie am Arm von dem B „Fräule ein Ziel ſet auf ſolche A in Gefahr Das M führen, wo und ſetzte f bleich; ihre lang geweir Nachden Weile mit ſie eine ihre „Maria Solch beha Tage entſcht Geronimo e Wiederkehr verurtheilt Euren Kum „Bei ſei ſie klagend 167 beängſtigenden Gedankens die Arme zu dem Chriſtus⸗ bild erhob und mit bewegter Stimme ausrief: „Gott, Seligmacher, um Deines theuren Blutes Zimmer vor willen, ach, erhalte ſein Leben! Laß ihn wiederkeh⸗ unter dem ren, nach Deiner Barmherzigkeit! O, bleibe nicht bar auf den taub für den Schrei meiner erſchütterten Seele!“ ver und er⸗ Sie ließ wieder das Haupt auf ihre Hände fal⸗ hatte bitter⸗ len, als hätte die innige Bitte ihre Kräfte vollends nen glänzten erſchöpft;— aber die Kammerfrau trat zu ihr, faßte te vor dem ſie am Arme und ſprach, indem ſie ſich bemühte, ſie von dem Betſchemel aufzuheben, in bittendem Ton: 1”. ſer Haltung„Fräulein, Ihr müßt aufſtehen und Eurem Gebet dedanken ge: ein Ziel ſetzen. Es möchte Gott mißfallen, daß Ihr mmer über⸗ auf ſolche Art Eure Geſundheit mit Wiſſen und Willen Fallen ihrer in Gefahr ſetzt. Kommt, folgt mir!“ lche ihr un⸗ Das Mädchen ließ ſich ſprachlos zu der Stelle noch verrie⸗: führen, wo die Kammerfrau ihr einen Stuhl anbot, hte und nur und ſetzte ſich dort ſtill nieder.— Ihr Antlitz war bleich; ihre Augen gaben Zeugniß, daß ſie viel und aß eine alte lang geweint hatte. d. Es war Nachdem die Kammerfrau das Mädchen noch eine Weile mit tiefem Mitgefühl betrachtet hatte, faßte k auf Maria ſie eine ihrer Hände und ſagte tröſtend: Kopf, oder„Maria, ſo kann es nicht länger bleiben, Kind. den Augen, Solch beharrliches Feſthalten am Leid müßte Eure noch immer Tage entſchieden verkürzen. Und würde der arme Z aus ihrem Geronimo es nicht Gott klagen, wenn er bei ſeiner 3 Wiederkehr Euch zu einem kurzen und ſiechen Leben nterbrochene verurtheilt fände? Ach, aus Liebe zu ihm bezwingt der Schmerz Euren Kummey!“ gemildert zu„Bei ſeiner Wiederkehr!“ ſeufzte Maria, indem ndruck eines ſie klagend die Augen zum Himmel erhob. Kammerfrau fort.„Warum verzweifeln, ehe man des Unglücks gewiß iſt? Es ſind ſchon wunderbarere Dinge geſchehen.“ „Bereits fünf Tage, fünf Jahrhunderte von Un⸗ „Ihr könnt es doch immer nicht wiſſen!“ fuhr die gewißheit und Angſt!“ jammerte die Jungfrau, in⸗ dem von Neuem Thränen ihren Augen entſtürzten. „O, Petronilla, die Nacht war mir ſo ſchrecklich! Ich ſah Geronimo auf der Erde ausgeſtreckt, mit Todes⸗ bläſſe auf ſeinem Angeſicht, mit einer breiten Wunde in der Bruſt.... und ſeine brechenden Augen auf mich gerichtet, als ſende er mir ſterbend noch ein letztes, klagendes Lebewohl zu...“ „Vorſpiegelungen Eures Schmerzes, Maria.“ „Zwanzigmal habe ich ihn ſo geſehen; und wie ich auch mich dem ſchrecklichen Anblick zu entziehen verſuchte, es war fruchtlos: der Tag allein brachte ihn zum Weichen.“ V Die Kammerfrau ließ einige Augenblicke vorüber⸗ gehen; dann ſprach ſie, die Hand des Mädchens wiederholt drückend: „Ihr habt Unrecht, Maria, auf ſolche Art den Grund zu Eurer Betrübniß noch zu ſteigern. Was die Nacht Euch vorgaukelte, war nichts Anderes als die Fortſetzung der Gedanken, denen Ihr wachend in Eurem Geiſte die Entſtehung gabet. Ich auch, ich ſah Geronimo mehr als einmal im Schlafe.“ „Du auch, Petronilla, Du ſaheſt Geronimo?“ rief die Jungfrau mit Ueberraſchung und Angſt, als fürchtete ſie die Beſtätigung ihres ſchrecklichen Traums. „Warum nicht? Denke ich weniger an ihn, als Ihr, Maria?“ „O, ni „Im wiederkehre fen, Euren Kind, ſah und Gott daß er Eu Maria cheln in di ſtenden Wo aufgehört Haupt in; „Du b leid,“ flüſte bar, mein⸗ könnteſt D Nun, thu' ich flehe T oder wahrſ Ueberre die Kamme „Folter iſt kein wa In grö tronilla vor heimniſſen, Freunden, verleitet ha brachte, lan es als Geſ für Geronik machen. 1“ fuhr die , ehe man underbarere rte von Un⸗ ingfrau, in⸗ entſtürzten. recklich! Ich mit Todes⸗ liten Wunde Augen auf id noch ein Maria.“ 1; und wie zu entziehen llein brachte V cke vorüber⸗ Mädchens che Art den gern. Was Anderes als hr wachend Ich auch, Schlafe.“ Geronimo?“ Angſt, als hen Traums. an ihn, als 169 „O, nicht wahr, Du ſahſt ihn ſterbend?“ „Im Gegentheil, Fräulein; ich ſah ihn jubelnd wiederkehren, ſich ſeinem Oheim in die Arme wer⸗ fen, Euren Herrn Vater umhalſen... und Euch, mein Kind, ſah ich an derſelben Bank hier niederknieen und Gott mit freudiger Stimme loben und preiſen, daß er Eure Träume Lügen ſtrafte.“ Maria ſchaute ihrer Kammerfrau mit einem Lä⸗ cheln in die Augen und horchte bewegt auf die trö⸗ ſtenden Worte; aber ſobald Petronilla zu ſprechen aufgehört hatte, ſenkte die Jungfrau wieder das Haupt in peinlicher Enttäuſchung. „Du betrügſt mich aus Freundſchaft, aus Mit⸗ leid,“ flüſterte ſie traurig;„ich bin Dir wohl dank⸗ bar, meine Gute; aber ſage mir, welche Gründe könnteſt Du Geronimo's Abweſenheit unterſtellen? Nun, thu' Deiner Einbildungskraft Gewalt an; ach, ich flehe Dich an, finde Etwas aus, das möglich oder wahrſcheinlich wäre!“ Ueberraſcht von dieſer directen Frage, ſchüttelte die Kammerfrau traurig den Kopf. „Foltere Deinen Geiſt nicht,“ ſagte Maria;„es iſt kein wahrſcheinlicher Grund zu finden.“ In größter Verlegenheit ſtammelte die alte Pe⸗ tronilla von einer unvorhergeſehenen Reiſe, von Ge⸗ heimniſſen, die dabei beſtehen könnten, ja ſelbſt von Freunden, die Geronimo zu einer weiten Luſtpartie verleitet haben mochten; aber Alles, was ſie vor⸗ brachte, lautete ſo unklar und zweifelhaft, daß Maria es als Geſtändniß betrachten konnte, es laſſen ſich für Geronimo's Abweſenheit keine Gründe ausfindig machen. —— ⁄ 170 Die Thränen floſſen wieder reichlicher über des Mädchens Wangen. „O, Petronilla,“ klagte ſie in ſtillem, gramvollem Ton,„das Licht meines Lebens iſt wohl für immer erloſchen. Geronimo, noch ſo jung, ſo gut, ſo edel von Herz und Geiſt... das unſchuldige Schlachtopfer geheimer Mörder! Schrecklicher Gedanke! Es iſt keine Möglichkeit, nicht die geringſte mehr, um noch zu hoffen... Gott, o mein Gott, Gnade, Gnade; mir bricht das Herz im Buſen! Wehe, meine Augen ſollen ihn nie mehr ſehen auf Erden!“ Sie legte ſich, einen Angſtſchrei ausſtoßend, beide Hände vor das Geſicht. „Ich geſtehe, Maria, daß Geronimo's Abweſen⸗ heit unerklärlich iſt,“ ſprach die Kammerfrau nieder⸗ geſchlagen.„Aber warum nur das Schlimmſte, das Schrecklichſte für wahrſcheinlich nehmen? Ihr wißt, daß man ſeit vier Tagen alles Mögliche aufgeboten hat, um zu erfahren, wo Geronimo ſich befindet, oder was aus ihm geworden iſt. Herr⸗Van Schoonhoven, der Landvogt, hat ſeine Ehre zum Pfand geſetzt, daß er Geronimo entdecken werde, ob ihm nun ein Un⸗ glück zugeſtoßen ſei, oder nicht.“ Maria weinte in der Stille und ſchien nicht ge⸗ hört zu haben, was die Kammerfrau geſagt hatte. „Wer weiß, mein Kind,“ fuhr die alte Frau fort, „ob man nicht heute das Räthſel löſen wird, das uns Allen ſeit fünf Tagen ſo viel zu leiden gibt? Verſchließet Euer Herz doch nicht ganz der geringen Hoffnung, Maria. Es iſt ſchon geſchehen, daß man auf ſolche Art, ſelbſt Wochen lang, nach Jemand fortſuchte und daß er endlich noch am Leben gefun⸗ den worde für die Ru vogt ſprach von einem deſſen noch da meine gewiſſen Li galt...“ Das die Kamm „Man wieder gef Reiſe ange zu thun, n „Nein, in der Vli gelauert ur um ein gr Diener de er iſt in v gekehrt. 2 hat, nicht Ihr ſ Läugnet I laufs der ſchwinden? den Sinn rend Ihr d hartnäckig Geiſte darl „Habe das Mädc er über des gramvollem (für immer gut, ſo edel Schlachtopfer ke! Es iſt hr, um noch ade, Gnade; neine Augen oßend, beide b 's Abweſen⸗ frau nieder⸗ limmſte, das Ihr wißt, aufgeboten efindet, oder bchoonhoven, geſetzt, daß nun ein Un⸗ ien nicht ge⸗ ſagt hatte. te Frau fort, n wird, das leiden gibt? der geringen en, daß man nach Jemand Leben gefun⸗ den worden iſt, während alle ſeine Freunde bereits für die Ruhe ſeiner Seele gebetet hatten. Der Land⸗ vogt ſprach dieſen Morgen mit Eurem Herrn Vater von einem ſolchen Vorfall; und ich erinnere mich deſſen noch wohl, ob ich ſchon noch ſehr klein war, da meine Eltern es mir erzählten. Es betraf einen bewiſſen Liebmans, einen Wechsler, der für ſehr reich alt... Das Mädchen hatte den Kopf erhoben und ſchaute die Kammerfrau mit zweifelnder Frage an. „Man hat ihn nach wochenlanger Abweſenheit wieder gefunden?“ murmelte ſie.„Er hatte eine Reiſe angetreten, ohne Jemand davon Etwas kund zu thun, nicht wahr?“ „Nein, man entdeckte ihn im Keller eines Hauſes in der Vlierſtege. Nächtliche Diebe hatten ihm auf⸗ gelauert und ihn gebunden in den Keller geworfen, um ein großes Löſegeld von ihm zu erpreſſen. Die Diener des Landvogts haben ihn dort entdeckt und er iſt in völliger Geſundheit zu ſeiner Familie zurück⸗ gekehrt. Warum könnte, wenn es Gott beſchloſſen hat, nicht daſſelbe eben jetzt mit Geronimo geſchehen? — Ihr ſchüttelt den Kopf und ſchweigt, Maria? Läugnet Ihr denn die Möglichkeit eines ſolchen Ver⸗ laufs der Umſtände in Bezug auf Geronimo's Ver⸗ ſchwinden? Nein, nicht wahr? Aber Ihr laßt Euch den Sinn verdüſtern durch Verzweiflung; und wäh⸗ rend Ihr den Herrn um Troſt anfleht, verſtoßet Ihr hartnäckig die Linderung, die ſich von ſelbſt Eurem Geiſte darbietet.“ „Habe Mitleid mit mir, liebe Petronilla,“ ſeufzte das Mädchen;„Deine freundlichen Worte erhellen wohl meine Betrübniß ein wenig, aber ich wage mein Herz dem glücklichen Zweifel nicht zu öffnen. Wenn ich auf Dich hörte und dann Geronimo's Tod doch vernähme, müßte ich von Neuem den furchtbaren Schlag aushalten.... Nein, nein, laß mich lieber bei der Ueberzeugung, daß keine Hoffnung mehr übrig bleibt.“ „Unverbeſſerlich!“ murmelte die Kammerfrau halb traurig, halb geärgert, indem ſie zu Boden ſchaute, als hätte ſie ſich entſchloſſen, ihre Bemühungen auf⸗ zugeben und das Mädchen ihrem Schmerz zu über⸗ laſſen. Bereits hatte die völligſte Stille einige Augen⸗ blicke in dem Gemach geherrſcht, als ein Geräuſch von Stimmen ſich unten vernehmen ließ. „Da höre ich Signor Deodati!“ ſprach die Kammerfrau;„er bringt vielleicht etwas Neues....“ Die Jungfrau ſtand plötzlich auf und war im Begriff, eiligſt hinab zu laufen; aber die Kammerfrau hielt ſie am Arm zurück und ſprach: „Maria, ſucht aus Mitleid mit einem troſtloſen Greiſe Euren Kummer zu bezwingen. Haltet an Euch, mein Kind; denn geſtern ging jedes Eurer Worte dem armen Deodati wie ein Dolchſtoß durch das Herz. Es wäre grauſam und unrecht von Eurer Seite, wenn Ihr heute dem guten Alten wieder Thränen entlocken wolltet, die bei ſeinen Jahren die Nerven angreifen und das Leben verkürzen.“— „Nein, nein, Petronilla, ich’ werde meinem Schmerz Gewalt anthun und mich ſtark ſtellen,“ ant⸗ wortete Maria.„Ich habe es wohl geſehen, wie der unglückliche Greis dem Schmerz und Kummer zu unterlieg zu erfahrer bringt mich Die Ko der Thüre mit Signor ließ dieſelb Sobald und darin ſchlüpfte ih die beiden Haupt an Signor wegt, inde ſtammelte, Stuhl; er und mit fr „Meine unſerem ar lich, nicht einige Jahr ich Italien die noch ar borgen lag und weinen dem Erguß lichen Schn der Thräne wo mag er meines Bru um mir die Mein Vern er ich wage t zu öffnen. onimo's Tod furchtbaren jmich lieber fnung mehr merfrau halb dden ſchaute, ihungen auf⸗ ierz zu über⸗ mnige Augen⸗ in Geräuſch 3. ſprach die Neues....“ und war im Kammerfrau em troſtloſen ltet an Euch, Eurer Worte rch das Herz. Lurer Seite, der Thränen die Nerven rde meinem ſtellen,“ ant⸗ geſehen, wie ind Kummer zu unterliegen drohte. Laß mich gehen: die Begierde, zu erfahren, ob Signor Deodati keine Kunde hat, bringt mich zum Zittern!“ Die Kammerfrau begleitete ihr Fräulein bis zu der Thüre des Zimmers, wo Herr Van de Werve mit Signor Deodati im Geſpräch begriffen war. Sie ließ dieſelbe jedoch allein hineingehen. Sobald Maria dem Blick des Greiſes begegnete, und darin keine Spur von Freudigkeit erkannte, ent⸗ ſchlüpfte ihr ein halb erſtickter Angſtſchrei.— Ihm die beiden Arme um den Hals legend, ließ ſie ihr Haupt an ſeine Bruſt fallen. Signor Deodati machte, im tiefſten Herzen be⸗ wegt, indem er einige tröſtende Worte dazwiſchen ſtammelte, ihre Arme los, und führte ſie zu einem Stuhl; er nahm neben ihr Platz und ſprach traurig und mit freundlichem Mitleiden in der Stimme: „Meine gute Maria, noch keine Nachricht von unſerem armen Geronimo! Wir ſind recht unglück⸗ lich, nicht wahr? Ach, warum hat mich Gott nicht einige Jahre früher von der Erde gerufen? Mußte ich Italien verlaſſen, um hier die Galle auszutrinken, die noch auf dem Grunde meines Lebensbechers ver⸗ borgen lag? Könnte ich es nur zu Thränen bringen und weinen wie Ihr, Maria! Vielleicht fände ich in dem Erguß derſelben Erleichterung für meinen tödt⸗ lichen Schmerz.... aber das Alter hat den Quell der Thränen in mir vertrocknet.... Wehe, wehe, wo mag er ſein, mein guter Geronimo? Der Sohn meines Bruders, das Kind, mir von Gott geſchenkt, um mir die Augen zu ſchließen auf dem Sterbebette? Mein Vermögen für ſeine Rettung! Was mir noch vom Leben übrig bleibt, um zu erfahren, ob er noch unter den Lebendigen iſt!“ Ein tiefer, ſchmerzlicher Seufzer entrang ſich der Bruſt des Mädchens, während ſie wieder ihr Haupt an die Bruſt des Greiſes legte, um ſo die Thränen⸗ fluth zu verbergen, welche ihr ſeine Wehklage ent⸗ riſſen hatte. Herr Van de Werve ſtarrte mit feuchten Augen auf ſeine Tochter und den bedrückten Greis. Er be⸗ zwang jedoch ſeine Rührung und ſprach: „Maria, ich habe Dich gebeten, auf Deinem Zimmer zu bleiben, da Du Dich in dem Ausdruck Deiner Betrübniß nicht mäßigen konnteſt. Du haſt meinen Wunſch nicht geachtet. Ich vergebe es Dir gern, mein Kind, in Rückſicht auf das Unglück, das uns zu bedrohen ſcheint. Aber wenn Du noch einige Augenblicke bei Signor Deodati zu bleiben begehrſt, ſo ſuche Dich ſelbſt zu beherrſchen, ſonſt rufe ich Deine Kammerfrau, um Dich von hier wegzu⸗ bringen.“ b Niit ſanfterer Stimme ſetzte er hinzu: „Nun, Maria, ich bitte Dich, ich flehe Dich an, mach Dir die Pflicht begreiflich, die Du zu erfüllen haſt, zeige Stärke und gieße einigen Troſt in das Herz unſeres unglücklichen Freundes....“ Maria bezwang ſich heldenmäßig und ſtammelte, den Kopf erhebend, zwiſchen ihren Thränen: „Ihr habt Recht, Herr Vater: wir überlaſſen uns der Trauer, als ob kein einziger Strahl der Hoffnung unſern Schmerz noch erhellen könnte; aber, aber.... Es ſchien, als wollte ſie in dem Wehe, das ſie mit Gewal auch dieſe „Ach, iſt ſo gut, „Allerd der Greis; unerforſchlie ſinden, um zu erklären „Der L dete Urſach ſehen, daß derkehre,“ „Ihr n Herr Vater „Ja, gleichfalls Tagen nutz bereits eine laſſen, als der fand, ten, um ihr zu zwingen „Ach, ſchehen ſein nung, als Vater in ſe Signor Seine einer Stim⸗ heit und V „Laßt 1 ob er noch ung ſich der rihr Haupt ie Thränen⸗ ehklage ent⸗ hten Augen eis. Er be⸗ iuf Deinem m Ausdruck Du haſt gebe es Dir inglück, das noch einige een begehrſt, nſt rufe ich hier wegzu⸗ 1: he Dich an, zu erfüllen Troſt in das 74 d ſtammelte, inen: r überlaſſen Strahl der önnte; aber, ehe, das ſie 175 mit Gewalt bezwang, erſticken, aber ſie unterdrückte auch dieſe ſchmerzliche Anregung und fuhr fort: „Ach, Signore, man kann es nicht wiſſen, Gott iſt ſo gut, und Geronimo war ſo rein von Herzen.“ „Allerdings, mein Kind, Gott iſt gut,“ murmelte der Greis;„Gott iſt gut, aber ſeine Rathſchläge ſind unerforſchlich. Könnte ich nur einen möglichen Grund finden, um die Abweſenheit meines armen Neffen. zu erklären; aber Nichts, Nichts!“ „Der Landvogt gab uns dieſen Morgen gegrün⸗ dete Urſache, es zum Mindeſten als möglich anzu⸗ ſehen, daß Geronimo noch wohlbehalten zu uns wie⸗ derkehre,“ bemerkte Herr Van de Werve. „Ihr wollt von dem Wechsler Liebmans ſprechen, Herr Vater.“ „Ja, von dem Wechsler Liebmans, dieſer war gleichfalls unerwartet verſchwunden; nach vierzehn Tagen nutzloſen Suchens hatten ſeine Angehörigen bereits eine Todtenmeſſe zur Ruhe ſeiner Seele leſen laſſen, als man ihn unverſehrt in einem Keller wie⸗ der fand, wo ihn nächtliche Diebe eingeſchloſſen hat⸗ ten, um ihn zur Bezahlung einer großen Geldſumme zu zwingen!“ „Ach, möchte ſo Etwas auch mit Geronimo ge⸗ ſchehen ſein!“ ſeufzte Maria, mit ſo viel froher Hoff⸗ nung, als ſie nur vorzugeben vermochte, um ihren Vater in ſeiner edelmüthigen Abſicht zu unterſtützen. Signor Deodati ſchüttelte ungläubig den Kopf. Seine Hand zärtlich drückend, ſagte Maria mit einer Stimme, in welche ſie einen Ton von Sicher⸗ heit und Vertrauen zu legen ſuchte: „Laßt uns noch hoffen, Signore. O, wollte Gott 17 in ſeiner Barmherzigkeit es noch zulaſſen, daß unſere trübe Beſorgniß Lügen geſtraft würde! Wie feurig ſollten unſer Lebenlang die Dankgebete von unſern Lippen zum Himmel ſteigen, nicht wahr?“ In Träumerei verſunken, nickte der Greis beſtä⸗ tigend mit dem Haupte. „Ja, ja,“ murmelte er,„unſer Lebenlang.... und ich ſchleppte meine ſteifen Glieder nach der Santa casa di Loretto*), um dort der wunderthätigen Ma⸗ donna meine unendliche Dankbarkeit zu bezeugen! Aber wenn der Mordſtahl ihn getroffen hätte.... Maria zitterte bei dieſem Angſt erweckenden Zwei⸗ fel; ſie fiel jedoch dem Greis in die Rede: „Geronimo beſaß ein Amulet, Signore: ein Wahrheit Güte, Got meine Toe ſein Haupt er Euch un ſehen, als zum Himm viel; ich ve Maria!“ Die J Schilderung zu haben g Bild, das auf dem Grab des Erlöſers zu Jeruſalem geruht hat. Er war überzeugt, daß es ihn ſtets vor einer Gewaltthat ſchützen würde, und er trug es alle⸗ zeit auf der Bruſt.“ V „Ich weiß, wo das Amulet ihm geſchenkt wurde,“ antwortete Deodati.„Ich ſelbſt habe einigen Glau⸗ ben an die Kraft von dem Bilde, weil es der Lohn für ein menſchenfreundliches Werk war; aber Nichts beweist uns, daß die Frau, die Geronimo das Amu⸗ let gab, von deſſen heilſamer Eigenſchaft feſt über⸗ zeugt war. Nun, laßt uns dennoch hoffen, Maria. Eure ſanfte Stimme hat meinen Schmerz gelindert.. Möchte ein Wunder meinen armen Neffen mir wie⸗ der geben! Das Glück, von welchem ich für meine Augen ſtan ihr gepreßt des Schme⸗ Vater nicht wußtſein ih Herr Vo achtete, der ben, ſagte „Vergeſ ſind, und d Mädchen vi Widerſtand beugen. H alten Tage zu träumen wagte, könnte dann noch zur *) Das heilige Haus Unſerer Lieben Fran zu Loretto. A „ d. I. nommen?. „Ich ho ſtunde geſp ruhiger.„ gener aus, gemagert, d gönnt ſich ſe Conſeien daß unſere Wie feurig von unſern 2 Greis beſtä⸗ nlang. ch der Santa hätigen Ma⸗ u bezeugen! hätte.. kenden Zwei⸗ de: 4 ignore: ein u Jeruſalem ihn ſtets vor trug es alle⸗ henkt wurde,“ inigen Glau⸗ es der Lohn aber Nichts no das Amu⸗ aft feſt über⸗ offen, Maria. gelindert.. fen mir wie⸗ ich für meine dann noch zur zu Loretto. A. d. U. 177 Wahrheit werden! Ihr, Maria, reines Bild milder Güte, Gottesfurcht und Liebe, Ihr ſolltet mein Kind, meine Tochter ſein! Und wenn der alte Deodati ſein Haupt zur ewigen Ruhe niederlegt, dann ſollte er Euch und Geronimo zur Seite ſeines Lagers ſtehen ſehen, als zwei Engel, die ſeiner Seele die Bahn zum Himmel weiſen.... O, nein, nein, es iſt zu viel; ich verirre mich.... aber doch laßt uns hoffen, Maria!“ 3 Die Jungfrau war tief erſchüttert durch die Schilderung des Glücks, das ſie auf immer verloren zu haben glaubte. Ihre Wangen zitterten und ihre Augen ſtanden voll Thränen. Wahrſcheinlich würde ihr gepreßtes Herz durch einen gewaltigen Ausbruch des Schmerzes ſich Luft gemacht haben, wenn ihr Vater nicht durch einen ſtrengen Blick ſie zum Be⸗ pußtſein ihres Pflichtgefühls zurückgerufen hätte. Herr Van de Werve, der es nun für möglich er⸗ achtete, dem Geſpräch eine andere Wendung zu ge⸗ ben, ſagte zu Deodati:— „Vergeſſen wir nicht, Signore, daß wir Männer ſind, und das Haupt aufrecht tragen müſſen, wo ein Mädchen vielleicht Recht und Grund hat, um ohne Widerſtand unter die peinliche Ungewißheit ſich zu beugen. Habt Ihr ſeit dieſem Morgen Nichts ver⸗ nommen? Habt Ihr Signor Turchi nicht geſehen?“ „Ich habe mit Signor Turchi vor der Börſen⸗ ſtunde geſprochen,“ erwiderte der alte Edelmann ruhiger.„Der gute Turchi! Er ſieht niedergeſchla⸗ gener aus, als wir. Dieſe fünf Tage iſt er ſo ab⸗ gemagert, daß er faſt nicht mehr zu kennen iſt. Er gönnt ſich ſelbſt keinen Augenblick Ruhe; vom Mor⸗ Conſeience, Simon Turchi. 12 ——— gen bis zum Abend iſt er auf den Beinen, und er mattet ſich ab, und irrt herum und ſucht, mit ebenſo viel Angſt und Trauer, als wäre ihm Geronimo ein vielgeliebter Bruder.“. b „Ach, es iſt ſehr wahr,“ ſeufzte Maria,„ſein Herz verſchließt einen Schatz von Edelmuth. Armer Simon! Ich bin nicht immer gerecht gegen ihn ge⸗ weſen; aber im Unglück lernt man ſeine ächten Freunde kennen. Nun werde ich ihm mein Leben⸗ kang Achtung und Dankbarkeit beweiſen.... „Er wird bald, nach der Börſenzeit, mich hier aufſuchen,“ fuhr Deodati fort.„Ich weiß nicht, ob er mir etwas Beſonderes zu ſagen hat; aber er ſchien mir ein Geheimniß anvertrauen zu⸗ wollen. Die Ankunft von einigen Kaufleuten, ſeinen Bekann⸗ ten, hat ihn verhindert, weiter mit mir zu ſprechen. Ich habe beinahe einen Streit mit Signor Turchi gehabt....“ „Einen Streit?“ fragte Van de Werve verwundert, „Ja wohl, aber doch einen freundlichen Streit, von ſeiner Seite wenigſtens. Sagte er mir nicht, es ſei ſein Vorhaben, zu dem Landvogt zu gehen und eine große Summe Geldes zum Vortheile deſſen auszuſetzen, der zuerſt eine gewiſſe Kunde von Gero⸗ nimo zu bringen vermöchte?“ „Dank ihm für ſeine edelmüthige Freundſchaft!“ ſeufzte Maria. „Nun begreift Ihr, daß ich Solches nicht zu⸗ laſſen wollte,“ nahm der Greis wieder das Wort. „Ihm meine Erkenntlichkeit für die gute Abſicht be⸗ zeugend, erklärte ich, daß ich ſelbſt dieß in Aus⸗ führung bringen würde. Indem ich Signor Turchi in Geſellſch nach dem erſten Uebe aber man Bürgermei welcher na⸗ blieben we wurden*). tag geſpro der eifrigſt der von B entdecken l loſen Leute ten das Lo wird erſt d *) Gebo Schoonhov pen und R verlaſſen und den iſt, und noch weiß, w Verdacht und delt oder gar und von wege merkten Herr mag, wo de ſein mag, al dem ſoll man Aus „Stadt Ant Muſeum,“ 179 in Geſellſchaft der Kaufleute ließ, begab ich mich eneundf nach dem Stadthauſe, um eine ſolche Belohnung dem zeronimo ein erſten Ueberbringer einer wahren Botſchaft zuzuſichern; aber man zeigte mir daſelbſt einen Beſchluß vom Naria,„ſein Bürgermeiſter und Schöppen, wornach demjenigen, uuth. Armer welcher nachzuweiſen vermöchte, wo Geronimo ge⸗ egen ihn ge⸗ blieben wäre, dreihundert Carolusgulden zugeſagt ſeine ächten wurden*). Ich habe den Herrn Landvogt um Mit⸗ mein Leben⸗ tag geſprochen. Er ſagte mir, man habe, ungeachtet der eifrigſten Erkundigungen, keine Spur mehr we⸗ t, mich hier der von Brufferio's Frau, noch von ſeinen Genoſſen eiß nicht, ob entdecken können. Es ſcheint, daß alle dieſe gott⸗. hat; aber er loſen Leute unmittelbar nach dem Tode des Bandi⸗ zu wollen. ten das Land verlaſſen haben. Aber der Landvogt inen Bekann⸗ wird erſt dieſen Nachmittag Bericht über den Erfolg 1 zu ſprechen— bignor Turchi*) Gebot und Verkündigung von Janne Van bigno Schoonhoven, Landvogt, Bürgermeiſtern, Schöp⸗ — dert.] bin und Räthen der Stadt Antwerpen.... e verwun ert. Dieweil zur Kenntniß von dem Herrn Landvogt, den Bür⸗ lichen Streit, germeiſtern und Schöppen dieſer Stadt gekommen iſt, daß n um vier brüdern er mir nicht, ſherenoninns Deodati, Naufmnann von Lucca, vo 3 r Nachmittags ſein Wohnhaus bei den M 4 ogt 3u gehen verlaſſen und nm letzten Mal hinter dem Mere geſehen wor⸗ ortheile deſſen den iſt, und daß man von demſelben Nichts mehr gehört hat de von Gero⸗ noch weiß, wo er geblieben ſein mag, alſo, daß daraus großer Verdacht und die Vermuthung entſteht, derſelbe möge mißhan⸗ delt oder gar ermordet worden ſein, ſo wird von den Herren 1 Freundſchaft!“ und von wegen der Stadt verordnet, wer zuerſt den vorbe⸗ merkten Herren angeben und mit Wahrheit nachzuweiſen ver⸗ ches nicht zu⸗ mag, wo der oben erwähnte Iheronimus Deodati geblieben er das Wort. ſein mag, alſo, daß man der Wahrheit auf die Spur geräth, Abſicht be⸗ dem ſoll man dreihundert Carolusgulden geben. te Abſicht e⸗ Auszug aus den Verordnungsbüchern der dieß in Aus⸗ Stadt Antwerpen Bd. 13. fol. 51, in dem Belgiſchen 5 3 i Muſeum, Thl. 6. S. 289. Signor Turchi N— 6. S. 9 12* 180 gewiſſer wichtiger Nachforſchungen, welche dieſen Mor⸗ um meine gen von ihm anbefohlen worden ſind, erhalten. Freundſcha Wenn er Etwas vernimmt, was für uns von Be⸗ Das 9 lang iſt, ſo wird er ſelbſt hieher kommen, um es Simon T uns mitzutheilen.... Mich dünkt, ich höre fünf Uhr vieder tiefe auf der Kirche nebenan ſchlagen. Jetzt wird Signor bangen Se Turchi bald hier ſein!“. Turchi Während dieſer Erklärung war Maria mit nieder: Ausdruck d geſchlagenem Angeſicht ſitzen geblieben. Wahrſcheinlich ſprach: hatte ſie nur zur Hälfte gehört, was zuletzt geſpro⸗„O, mi chen worden war; denn ſie ſah mit ſtarren Augen grenzenlos, zu Boden und ihre Gedanken waren ſichtbar ganz ich ſelbſt le anderswo. grauſame U Erſt als ein Diener die Thüre des Zimmers öff⸗ Das M nete und mit lauter Stimme Signor Turchi anmel⸗ daß zwei T dete, ſprang das Mädchen empor und eilte nach der begann ſie Thüre, als erwarte ſie von dem Eintretenden eine nelte ſchluch wichtige Botſchaft. 3„Dank, Van de Werve und Deodati gingen ihm gleich⸗ Gebeten Go⸗ falls entgegen; Maria faßte ſeine beiden Hände mit milde Freun unwillkürlicher Zärtlichkeit, und alle Drei zuſammen Das Ge ſchauten ihn fragend an. auffallenden — „Ach, Freunde, ach, Maria, ich weiß Nichts, Kummer ent Nichts!“ ſprach Turchi mit einer Stimme, die aus ſrom unter einer zerriſſenen Bruſt ſich zu erheben ſchien.„Alle denn dieſe S meine Bemühungen blieben fruchtlos. Ich habe vor inem roſenfe Gott gelobt, weder Zeit, noch Mühe, noch Geld zu ſeuchler gal ſparen, um zu entdecken, wo mein unglücklicher Freund heſaß Gewal geblieben iſt; aber eine undurchdringliche Nacht ver⸗ ur Bläſſe u hüllt das ſchreckliche Geheimniß. Ach, was ſollen— aber die wir jetzt thun?... Hoffen wir, daß der Landvogt— und ſeine Diener glücklicher ſind, als ich, der ich, 5 9, mein dieſen Mor⸗ um meine Schritte zu leiten, Nichts habe, als meine ¹, erhalten. Freundſchaft und meine Angſt.“ ns von Be⸗ Das Möädchen zog ſich, durch die Worte von nen, um es éimon Turchi mit bitterer Täuſchung geſchlagen, öre fünf Uhr vieder tiefer in das Zimmer zurück und ſank, einen wird Signor bangen Seufzer ausſtoßend, auf ihren Stuhl nieder. Turchi ſetzte ſich neben ſie, ſchaute ihr mit dem a mit nieder: Ausdruck des tieſſten Mitleids in's Angeſicht und Zahrſcheinlich ſprach: aletzt geſpro⸗„O, mia poveretta Maria!*) Euer Schmyrz iſt arren Augen grenzenlos, nicht wahr? Ach, ich fühle an dem, was ichtbar ganz ich ſelbſt leide, wie Euer liebevolles Herz durch dieſe 3 rauſame Ungewißheit zerriſſen werden muß.“ Bimmers öff⸗ Das Mädchen erhob den Blick zu ihm und ſah, zurchi anmel⸗ daß zwei Thränen über ſeine Wangen rollten. Dann llte nach der begann ſie gleichfalls bitterlich zu weinen und ſtam⸗ tetenden eine nelte ſchluchzend: 3 N„ Dank, Dank, Simon! Ich werde in meinen ihm gleich⸗ Gebeten Gott anrufen, daß er Euch belohne für Eure n Hände mit milde Freundſchaft... für Euren Edelmuth...“ ei zuſammen Das Geſicht von Simon Turchi bot jetzt einen ee auffallenden Anblick. Während ſeine Wangen von weiß Nichts, Kummer entfärbt waren, ſchien ein wärmerer Blut⸗ ne, die aus ſnom unter den Rändern ſeiner Narbe zu fließen, hien.„Alle denn dieſe Spur einer frühern Wunde lief nun gleich zch habe vor einem roſenfarbenen Streifen über ſein Antlitz. Der loch Geld zu Heuchler gab wohl eine äußerſte Betrübniß vor und licher Freund heſaß Gewalt genug über ſich ſelbſt, um ſein Geſicht e Nacht ver⸗ ur Bläſſe und ſeine Augen zu Thränen zu zwingen, was ſollen— aber die Narbe ſtand nicht ſo völlig unter der er Landvogt. ch, der ich,*) O, meine arme Maria. A. d. u. Herrſchaft ſeines Willens und verrieth die Freude, welche das Herz des Mörders bei den ſüßen und freundlichen Worten des Mädchens erfüllte. Wirklich ließen dieſe Worte ihn hoffen, er werde ſein Ziel vollſtändig erreichen. Wohl hatte er den Schuldbrief über die zehntauſend Kronen dem ermor⸗ deten Jüngling entriſſen; wohl waren jetzt, ſeiner Meinung zufolge, die Beweiſe ſeiner Miſſethat in einer finſtern Grube verſcharrt; aber dieß war ihm noch nicht genug. Um ſich für den ſchrecklichen Freundes⸗ mord bezahlt zu erachten, um reich, groß und geehrt zu bleiben, mußte er die ſchöne Maria Van de Werve zur Gattin bekommen. Er wußte wohl, daß dieß erſt nach Verfluß langer Zeit geſchehen konnte, doch hatte er von dem Tage nach dem Mord ſelbſt bereits damit angefangen, all ſein Reden und Thun ſo zu berechnen und einzurichten, daß er unfehlbar in Ma⸗g rig's Herzen ſo viel möglich die Stelle von Geronimo einnehmen müßte. Der Zuſtimmung ihres Vaters glaubte er ſich vor der Hand verſichert. Zur Errei⸗ chung dieſes Zweckes trug er eine auffallende Be⸗ trübniß zur Schau und brach in ſtille Thränen aus, während er die Augen auf Maria geheftet hielt, als ob des Mädchens Leid ihm durch die Seele dränge. Er faßte jetzt die Hand der weinenden Jungfrau und ſprach in tröſtendem Ton: „Seid nicht ſo niedergeſchlagen, Maria: alle Hoff nung iſt noch nicht verloren. Dieſe Nacht iſt mir ein Gedanke durch den Kopf gefahren, eine ſonder⸗ bare Idee.... Wenn dieſe Eingebung mich nicht täuſcht, dann iſt noch ein zuverläſſiger Grund vor⸗ handen, u erwarten.“ „O, ſ Lächeln. Simon Verlegenh. „Unmi mir nicht „Wehe Mädchen: „Komn Herr Van und Neugi Euer Still Namen, d hoffen dür Simon „Ah, ſend,„abe So eben, griff, mir würde es einiger Ka Sagt es: Simon und ſchien ihn, den a „Mari frau,“ ſag Aufregung krank. Er die Freude handen, um die glückliche Wiederkehr Geronimo's zu 8 erwarten.“ nliden und„O, ſprecht, Simon!“ bat Maria mit äͤngſtlichem Lächeln.„Sagt, welches war dieſer gute Gedanke?“ Ii, er merde Simon Turchi ſenkte den Kopf mit erheuchelter 6 kardi Verlegenheit. jetzt, ſeiner„uUnmoöglich, Jungfrau, es iſt ein Geheimniß, das tthat in einer mir nicht angehört,“ murmelte er. ar ihm noch„Wehe, der Troſt iſt mir verſagt!“ ſeufzte das en Freundes: Mädchen verzweifelt. 3 und geehrt„Kommt, Simon, ſeid nicht eigenſinnig,“ ſagte an de Werve Herr Van de Werve.„Warum auf ſolche Art Freude l, daß dieß und Neugierde bei uns erregen, um hernach durch konnte, doch(uer Stillſchweigen uns zu betrüben? Nennt kene ſelbſt bereis Namen, aber laßt uns doch wiſſen, wie weit wir Thun ſo zu hoffen dürfen.“ hlbar in Ma⸗ Simon Turchi zuckte die Schultern. on Geronimo„Ah, Signore,“ ſprach der alte Deodati verwei⸗ ihres Varers ſend,„aber es iſt nicht edelmüthig von Eurer Seite. Zur Errei⸗ So eben, vor der Börſenſtunde, waret Ihr im Be⸗ ffallende Be griff, mir das Geheimniß anzuvertrauen, und ich Thränen aus, würde es bereits wiſſen, hätte nicht die Ankunft ktet hielt, als einiger Kaufleute uns in unſerem Geſpräch geſtört. Seele dränge. Sagt es mir jetzt.“ den Jungfrau Simon ſchaute von der Seite auf die Jungfrau und ſchien ſagen zu wollen, ihre Gegenwart hindere ia: alle Hoff ihn, den ausgeſprochenen Wunſch zu erfüllen. „Maria, ich bitte Dich, geh' zu Deiner Kammer⸗ frau,“ ſagte Herr Van de Werve.„Dieſe fortgeſetzte Aufregung greift Dich zu ſehr an und macht Dich krank. Erfahre ich Etwas, das von einiger Bedeu⸗ Nacht iſt mir eine ſonder⸗ ig mich nicht r Grund vor⸗ —— tung für Dich wäre, ſo werde ich es Dir ſogleich mittheilen, mein Kind.“. 4 Das Mädchen ſtand ſchweigend von ihrem Seſſel auf und richtete einen Blick traurigen Vorwurfs nach Turchi's Augen. „Klagt mich nicht an, gute Maria!“ bat dieſer; „es ſchmerzt mich tief, daß ich Euch wehe thun muß; aber ſeid verſichert, was ich thue, geſchieht aus Liebe zu Geronimo und aus Liebe zu Euch.“ Ohne auf dieſe Entſchuldigung zu antworten, ge⸗ horchte die Jungfrau ihres Vaters Verlangen und ging langſamen Schrittes aus dem Zimmer. „Nun?“ fragte Van de Werve,„welches iſt das Geheimniß, das Ihr uns mittheilen wollt?“ „Ich bin in großer Verlegenheit,“ antwortete Turchi, indem er zweifelnd den Kopf ſchüttelte.„Ich gedachte, mit Signor Deodati allein über dieſe Sache zu ſprechen. Vielleicht werde ich mich einer ſtrafbaren Rückſichtsloſigkeit ſchuldig machen, indem ich auch Euch, Herr Van de Werve, ein Geheimniß offenbare, das unter andern Umſtänden zum Mindeſten...“ „Nein, nein, laßt um Gottes willen dieſe über⸗ flüſſigen Umſchweife!“ rief Signor Deodati mit wach⸗ ſender Ungeduld.„Warum ſollte Herr Van de Werve nicht erfahren, was uns, Eurer Meinung nach, auf die Spur meines armen Neffen bringen könnte?“ „Wohlan, ich bin dazu gezwungen!“ ſeufzte Turchi. „Tretet Beide näher und hört.“ Sobald Van de Werve und Desodati ihre Seſſel herangerückt hatten, fragte Simon mit zurückgehaltener Stimme, als wäre er beſorgt, Jemand anders könnte ihn hören: „Habt daß Geron mitten in weilen ſich daß eine ſ ſchien?“ „Wahr Van de W „Und „Ich g „Es iſt ich ihn na fragte, mir habe eine 2 verloren.. „War dati mit be⸗ „Es iſt um Geld, ſuhr Simon bemerkt, da ſcaft für de mir unmögli hatte. Wie mir gleichfal ſeine Bekümn Vorfall. Er Gewißheit, Büchern ſein iiner großen jerſelben, fel Dir ſogleich hrem Seſſel wurfs nach bat dieſer; thun muß; t aus Liebe worten, ge⸗ langen und ner. hes iſt das 12“ antwortete telte.„Ich dieſe Sache r ſtrafbaren n ich auch offenbare, ſten... dieſe über⸗ i mit wach⸗ n de Werve g nach, auf könnte?“ ifzte Turchi. ihre Seſſel cgehaltener ders könnte „Habt Ihr nicht bemerkt, Herr Van de Werve, daß Geronimo ſeit einiger Zeit unruhig war? daß mitten in dem fröhlichſten Geſpräch ſein Geiſt zu⸗ weilen ſich zu verirren ſchien? Mit einem Wort, zns ins ſonderbare Bekümmerniß ihn zu verfolgen ſchien?“ „Wahrhaftig, ich habe es bemerkt,“ anzwortete Van de Werve. „Und Ihr, Signor Deodati?“ „Ich gleichfalls. Was wollt Ihr ſagen?“ „Es iſt ungefähr ein Monat, daß Geronimo, als ich ihn nach dem Grund ſeiner trüben Stimmung fragte, mir mit undeutlichen Worten anvertraute, er habe eine Allem nach anſehnliche Summe im Spiele verloren...“. „Im Spiele!“ fiel Van de Werve verwundert ein. „War Geronimo denn ein Spieler?“ rief Deo⸗ zati mit bezwungener Entrüſtung. „Es iſt hier in Antwerpen etwas Gewöhnliches, um Geld, und zuweilen um viel Geld zu ſpielen,“ ſuhr Simon Turchi fort.„Ich habe jedoch noch nie bemerkt, daß mein Freund Geronimo einige Leiden⸗ ſcaft für das Spiel zeigte. Wie dem ſei, es war mir unmöglich, zu erfahren, gegen wen er verloren hatte. Wie hoch ſich ſein Verluſt belief, wollte er mir gleichfalls nicht ſagen. Seine trübe Stimmung, ſeine Bekümmerniß entſprang aus dieſem unglücklichen Vorfall. Er bebte vor Furcht und Angſt, bei der Gewißheit, ſein Oheim möchte in der Kaſſe, in den Büchern ſeines Handelshauſes entdecken, daß es an iner großen Summe, ohne Nachweis und Notirung herſelben, fehle. Ich habe ihm das mangelnde Geld vorſchießen wollen, aber er verweigerte es beharrlich, während der Gedanke, ſeinen Oheim zu betrügen, ihn noch mehr erſchreckte, als deſſen wahrſcheinlicher orn.“ Dieſe Offenbarung hatte den alten Deodati mit Verwirrung und Schmerz erfüllt. Dem ehrlichen und gewiſſenhaften Kaufmann konnte Nichts größeren Kummer verurſachen, als der Gedanke, Geronimo ſei unvorſichtig, leichtſinnig und undankbar genug gewe⸗ ſen, das Geld ſeines Handelshauſes auf das Spiel zu ſetzen. Faſt bebend vor Beſtürzung, fragte er: „Der Verluſt iſt anſehnlich, ſagt Ihr. Wie viel?“ „Ich weiß es nicht, Signore; vielleicht können die Handelsbücher Euch dieſes traurige Räthſel löſen.“ Es herrſchte eine Weile Stille. Herr Van de Werve ſtarrte zu Boden; Signor Deodati rieb ſich die Stirne in peinlicher Bewegung. Turchi ließ ihn einige Augenblicke unter dem Ein⸗ druck ſeiner Entdeckung und betrachtete inzwiſchen forſchend bald den Einen, bald den Andern, um zu ergründen, was in ihrem Innerſten vorgehe. Dann ſprach er zu Deodati:. „Ihr ſeht nur auf die ſchlimme Seite der Sache, Signore. Hätte ſie nicht auch eine glückliche Seite mein Mund würde wahrlich bis zum Grabe das Ge⸗ heimniß, das die Freundſchaft mir anvertraute, be⸗ wahrt haben. Wir Alle hegten bis jetzt die Beſorg⸗ niß— was ſage ich, wir hielten uns beinahe ver⸗ ſichert, der arme Geronimo ſei unter Mörders Hand gefallen, nicht wahr? Wißt Ihr, was ich ſeit dieſer Nacht zu glauben geneigt bin?“ 3 Die b Augen. Oheims e laſſen.“ „Unmi „Unm früher dar geboten, i zu laſſen. Signor D der Scheld an, ein e Tage von einen Plat begreift je haben mit abließ, als zu denken. „Aber Tochter au Liebe zu il nein, das „Seine Turchi,„it Gefühl, we ſich überze im Spiel immer zer dem ihn b Kummer ſe zu müſſen!: beharrlich, betrügen, rſcheinlicher Deodati mit n ehrlichen ts größeren eronimo ſei ſenug gewe⸗ das Spiel er: ie viel?“ eicht können thſel löſen.“ err Van de ati rieb ſich er dem Ein⸗ 2 inzwiſchen dern, um zu gehe. Dann e der Sache, ckliche Seite, abe das Ge⸗ ertraute, be⸗ t die Beſorg⸗ beinahe ver⸗ törders Hand ich ſeit dieſer V Die beiden Greiſe ſchauten ihm fragend in die Augen. „Ich glaube, Geronimo iſt dem Zorn ſeines Oheims entflohen und hat Stadt und Land ver⸗ laſſen.“ „Unmöglich!“ rief Van de Werve. „Unmöglich?“ wiederholte Turchi.„Er wäre wohl früher davon gegangen, hätte ich nicht Allem auf⸗ geboten, ihn auf die Vergebung ſeines Oheims hoffen zu laſſen. Selbſt an dem Tage Eurer Ankunft, Signor Deodati, als Geronimo auf dem Werft, an der Schelde, auf mich zugelaufen kam, flehte er mich an, ein engliſches Schiff aufzuſuchen, das nächſter Tage von hier abreiſen würde, und ihm insgeheim einen Platz darauf als Paſſagier zu beſorgen. Ihr begreift jedoch wohl, daß ich dieſes ſinnloſe Vor⸗ haben mit aller Kraft beſtritt und nicht eher davon abließ, als bis er mir gelobt hatte, nicht mehr daran zu denken.“ „Aber konnte er denn ſo leicht die Hand meiner Tochter aufgeben?“ murmelte Van de Werve.„Seine Liebe zu ihr ſollte nur Heuchelei geweſen ſein? Nein, nein, das werde ich nimmermehr glauben.“ „Seine Liebe war nicht Heuchelei,“ antwortete Turchi,„im Gegentheil, es iſt vielleicht einzig dieſes Gefühl, welches ſeine Sinne ſo verdüſterte. Er hielt ſich überzeugt, daß die Entdeckung ſeines Verluſtes im Spiel ſeine Hoffnung auf Maria's Hand für immer zerſtören würde. Armer Freund! er wird dem ihn bedrohenden Looſe entflohen ſein, um den Kummer ſeines geliebten Oheims nicht mit anſehen zu müſſen!“ Nach einem Augenblick völligſter Stille ſetzte Simon Turchi mit erheuchelter Verwunderung hinzu: „Aber Ihr ſeid beide ſo niedergeſchlagen? Ihr ſolltet Euch vielmehr über meine Enthüllung freuen. Iſt es nicht glücklicher, denken zu dürfen, Geronimo, wiewohl einer Verirrung ſchuldig, ſei noch am Leben, als glauben zu müſſen, ein ſchrecklicher Tod habe ihn für immer unſerer Zuneigung entriſſen?“ Der alte Deodati ſtand von ſeinem Seſſel auf und ſprach: „Meine Freunde, ich muß Euch verlaſſen; meine Sinne ſind verwirrt, ich fühle mich nicht wohl. Zu⸗ gleich treibt es mich heftig, in Geronimo's Handels⸗ büchern den Beweis für die Unwahrheit dieſer Offenbarung zu finden. Haltet mich nicht auf, ich bitte Euch... Ohne Abſchied; Gott mit Euch!..“ Simon Turchi erklärte ſeine Abſicht, den Greis nach ſeiner Wohnung zu begleiten; aber während darüber noch einige Worte gewechſelt wurden, trat plötzlich der Landvogt, Herr Jan Van Schoonhoven in das Zimmer, indem er zum Gruße ſprach: „Signori, miei, ho delle nuove, ich habe etwas Neues.“ Turchi bebte und erbleichte; aber da der über⸗ raſchende Gruß des Landvogts auch bei den Andern eine plötzliche Aufregung erzeugt hatte, vermochte Niemand zu erkennen, daß Schrecken allein die Ur⸗ ſache von Turchi's Gemüthsbewegung war. „Bleibt um Gottes willen ruhig, Signori, und erwartet nicht zu viel,“ ſprach der Landvogt, als er ſah, welche Wirkung dieſe Anzeige auf ſeine Zuhörer hervorbrachte.„Ich weiß noch nicht, wo der un⸗ glückliche, Grund zu wir ſind j hat mit ſeines Ver hinter der aus dem hat ihn d bemerkt, de zuging. 2 von meine verfolgen Wechsler i Mehr weiß Nachforſchu Richtung z das Tages über welche ſie in verf ihnen befeh einem gewit zwar mit kleinſten S⸗ ſelbſt in Pe gehen, um ten...“ Simon Geſicht geleg *) Der An alle Keller, S irgendwo friſche Geſchichten Stille ſetzte rung hinzu: Ihr ſolltet reuen. Iſt Geronimo, am Leben, 8d habe ihn ſſen; meine wohl. Zu⸗ 8 Handels⸗ heit dieſer t auf, ich t Euch!..“ den Greis er während rden, trat choonhoven rach: habe etwas 1 der über⸗ den Andern vermochte ein die Ur⸗ T. gnori, und ogt, als er ne Zuhörer vo der un⸗ glückliche Geronimo geblieben iſt; aber ich habe allen Grund zu hoffen, daß wir ihn bald auffinden werden: wir ſind jetzt zum Mindeſten auf ſeiner Spur. Man hat mit Sicherheit vernommen, daß er am Tage ſeines Verſchwindens ungefähr um fünf Uhr Abends hinter der Meire geſehen worden iſt. Ein Mönch aus dem Minoritenkloſter, der ihn ſehr gut kennt, hat ihn dort noch mit ſeinem Namen begrüßt und bemerkt, daß er nach der Gegend der Schützengärten zuging. Auf dieſe Andeutung ſich ſtützend, hat einer von meinen gewandteſten Dienern ſeine Spur zu verfolgen geſucht und wirklich gefunden, daß ein Wechsler ihn an dem Judenviertel vorbeigehen ſah. Mehr weiß ich nicht; aber es genügt, um meinen Nachforſchungen eine feſte und vielleicht glückliche Richtung zu geben. Von morgen früh an, ſobald das Tageslicht erſcheint, werde ich alle Diener, über welche ich verfügen kann, verſammeln; ich werde ſie in verſchiedene kleine Gruppen vertheilen und ihnen befehlen, alle Häuſer, Keller und Gärten von einem gewiſſen Theil der Stadt zu durchſuchen, und zwar mit der äußerſten Sorgfalt, und ohne den lleinſten Schlupfwinkel auszulaſſen*). Ich werde ſeibſt in Perſon von einer Gruppe zu der andern gehen, um die Arbeit auf gehörige Weiſe zu lei⸗ 1e...“ Simon Turchi hatte ſich beide Hände vor das Geſicht gelegt, um den Schrecken zu verbergen, wel⸗ *) Der Amptmann erklärte, der Magiſtrat habe beſchloſſen, alle Keller, Ställe und Gärten zu durchſuchen, ob man nicht irgendwo friſche Erde aufgeworfen finde. E. Van Meteren, Geſchichten der Niederlande, 1. Buch. 190 cher plötzlich ſein Geſicht entſtellt hatte und ihm das Herz in der Bruſt zu ungeſtümem Schlagen brachte. Ueber dieſe ſeltſame Bewegung verwundert, fragte der Landvogt: „Was liegt in meinen Worten, das Euch ſo ſehr aufzuregen vermag, Signor Turchi?“ „Ach, Ihr reißt mir beinahe die Nerven in Stücke!“ klagte Simon.„Ich glaubte aus Eurem Munde die Rettung von meinem armen Freunde Geronimo zu vernehmen, und was denkt Ihr in der That, daß der Erfolg ſein werde? Die Entdeckung ſeines Leichnams!“ „In der That, ich will Euch nicht täuſchen,“ antwortete der Landdogt.„Meine Meinung iſt, daß er irgendwo in einer abgelegenen Straße auf den Hoſpitalwieſen oder in einer der dunkeln Gaſſen zwiſchen St. Doris und St. Andreas unter dem Dolche eines Mörders gefallen iſt.... Aber es iſt Etwas, das ich entdecken will. Todt oder lebend, ich werde wiſſen, was aus ihm geworden iſt, und müßte ich den Boden von allen Kellern aufbrechen und den Grund von allen Gärten zehn Juß tief umgraben laſſen. Die ganze Stadt betheiligt ſich an dieſem Ereigniß, das Volt ſchreit und ſchilt gegen die Obrigkeiten von Antwerpen, als ob wir Schuld an der Miſſethat hätten. Es ſoll Klarheit in die Sache kommen, oder ich verliere meine Chre und meinen Namen!“ „Dank Euch, Herr Landvogt, für Euren Eifer in dieſer Sache,“ ſtammelte Turchi.„O, möchte Goit Eure Schritte lenken! Möchtet Ihr den armen Ge⸗ ronimo no zuſammen „Weni aber Alle⸗ kopfſchütte! Der a ſprach: „Herr pflichtet. werthen G unwohl u oben beſch „Und ab?“ fragt einem Win wegten G faßte er fr „Ich v lebt denn: Turchi unterſtützte Wohnung Thüre begl dernd ihne Paddengra *) Simon lenloſer Men ſchung von al ad ihm das gen brachte. ert, fragte zuch ſo ſehr Nerven in aus Eurem en Freunde Ihr in der Entdeckung täuſchen,“ Reinung iſt, Straße auf akeln Gaſſen unter dem Aber es iſt oder lebend, den iſt, und n aufbrechen hn Fuß tief hetheiligt ſich und ſchilt als ob wir ſoll Klarheit meine Ehre iren Eifer in möchte Gott armen Ge⸗ b b 191 ronimo noch am Leben finden, wie würden wir Alle zuſammen Euch ſegnen!“*) 4 „Wenig Hoffnung, wenig Hoffnung, Signore— aber Alles iſt möglich,“ murmelte der Landvogt kopfſchüttelnd. Der alte Deodati faßte ihn bei der Hand und ſprach: „Herr Van Schoonhoven, ich bin Euch tief ver⸗ pflichtet. Vergebt mir, daß ich nicht länger in Eurer werthen Geſellſchaft bleiben kann, aber ich fühle mich unwohl und muß nach Hauſe. Der Herr dort oben beſchirme Euch, Signore!“ „Und Ihr auch, Signore Turchi, Ihr geht auch ab?“ fragte der Landvogt;— aber als Simon mit einem Wink ihm zu verſtehen gab, daß er den be⸗ wegten Greis nicht allein gehen laſſen könne, da faßte er freundlich deſſen Hand und ſagte: „Ich verſtehe, Ihr habt Recht, Signore. So lebt denn wohl bis morgen.“ Turchi bot dem alten Deodati den Arm und unterſtützte ſeine Schritte. So verließen ſie die Wohnung von Van de Werve, der ſie bis an die Thüre begleitete und Simon Turchi's Güte bewun⸗ dernd ihnen nachſah, bis ſie hinter der Ecke des Paddengracht verſchwanden. *) Simon Turchi war bekannt als ein boshafter und ſee⸗ lenloſer Menſch; mit einem Wort, es lag in ihm eine Mi⸗ ſchung von allerlei Untugend und Uebel. Matteo Bandello. ———— Spur des 2 VIII. ſchen Wechsl Kurze Zeit, nachdem er den alten Deodati heim⸗ lerr hat d begleitet hatte, befand ſich Simon Turchi in ſeiner alle Keller de eigenen Wohnung an der Winggertbrücke, in einem der Zufall i Zimmer des erſten Stocks. Kenntniß de Er mußte von übermäßiger Bekümmerniß oder ſelbſt dem E 1 1 fieberiſcher Ungeduld gequält ſein, denn er ſtieg hin⸗ trü liche Ris ab, trat in ſein Bureau, ſtellte ſich, als ſuche er dn hätte? einige Papiere, ſtieg wieder hinauf, lief auf und ab ſeitel und nu in ſeinem Zimmer, öffnete das Fenſter, ſchaute nach Dieſe U allen Richtungen auf die Straße, ſchloß es unzufrie⸗ Er ließ ſchw den wiederum und murmelte endlich, vor Verdruß ſeine Glieder mit dem Fuße ſtampfend: ſſchwerer Seu „O, der vermaledeite Spieler! Er ſitzt in einer H oder der andern Schenke; er trinkt, er würfelt, er ewige 6 denn die Wieder trat er an das Fenſter, um binauszu ſii ſchauen. Die Nutzloſigkeit ſeines Thuns ſchien ihn jetzt zu entmuthigen. Einen ſchmerzlichen Seufzere ausſtoßend, ließ er ſich auf einen Stuhl fallen und, ſchaute einige Zeit ſtillſchweigend zu Boden. „Wehe, wehe, es wird alſo Wahrheit ſein; ſolcht bſ cheu's un Miſſethat kann nicht verborgen bleiben? Wer h 85 oid zu meinem Unglück den Minoritenbruder Geronimt Iif ge auf den Weg geſandt, um den Landvogt auf d Conſeien 193 Spur des Mordes zu bringen? Wer hat den jüdi⸗ ſchen Wechsler auf ſeinen Pfad geſtellt, um die Die⸗ naer des Geuichts nach meinem Luſtgarten zu leiten? eodati heim Wer hat dem Landvogt den Gedanken eingegeben, ſchi in ſeiner alle Keller durchſuchen zu laſſen? Der Zufall? Aber e, in einem der Zufall iſt blind und tritt nicht mit ſo klarer — Kenntniß der Dinge auf! Schrecklich, wenn Gott merniß oder ſelbſt dem Gericht die Hand führte! Wenn der un⸗ er ſtieg hine nügliche Nichter mir einen ſchändlichen Tod beſchie⸗ als ſuche er den hätte? Alle Hoffnung, alle Mühe wäre dann auf und ab ſitel und nutzlos!“ ſchaute nach Dieſe Ueberlegung erſchütterte Simon Turchi. es unzufrie⸗ Er ließ ſchweigend das Haupt auf die Bruſt ſinken; vor Verdruß ſgine Glieder bebten und bisweilen rang ſich ein ſchwerer Seufzer aus ſeiner Bruſt empor. ſitzt in einer Ohne Zweifel ſtieg vor den Augen ſeines Geiſtes würfelt, er ein, furchtbares Bild auf; vielleicht ſah er das Hauf glühen, Schaffot auf dem Platze errichten und den Henker Schrecken bei etn blitzendes Schwert zucken; vielleicht hörte er llte ich wider da Rachegeſchrei des Volks zum Himmel ſteigen denden Looſe und ewige Schande über ſein Geſchlecht ausrufen; r Deine Un⸗—(denn die Glieder des Mörders zitterten convul⸗ 4 ſiviſjch und es entſchlüpfte ihm ein plötzlicher Angſt⸗ an dhnenehuſ ei, als hätte ein geheimer Schlag ihn getroffen. 3 ſchien ihn Die Hand in ſein Wamms ſteckend, brachte er chen Seufzer f langſamer Bewegung ein Ding vor ſeine Augen Zl fallen undaſd beirachtete es mit einem ſtillen Grinſen des den⸗. ſolchtlbſcheu's und Schreckens. t ſein. ſo 1 Es war ein kleines Fläͤſchchen, zur Hälfte mit n? Wer h er goldgelben Flüſſigkeit gefüllt. er Geronim„Gift, tödtliches Gift!“ murmelte er.„Wer den vogt auf d 1 13 Conſeience, Simon Turchi. 194 Muth hat, nur ein wenig davon zu trinken, verfällt in einen ſanften Schlummer und erwacht nicht mehr .... Und dieß ſoll meine einzige Zuflucht ſein, um der Schande des Schaffots zu entgehen? Anſtatt des Reichthums und Glücks ein feiger Tod der einzige Preis meiner Miſſethat werden? O, nein, nein, ver⸗ jagen wir dieſe ſchrecklichen Gedanken!“ 3 Er verbarg das Fläſchchen von Neuem in ſeinem Wammſe und verfiel in äußerſt peinliche Betrach⸗ tungen; aber endlich ſiegte er doch einigsrmaßen über ſeine Muthloſigkeit: mit geringerer Verzmſeiflung, aber doch noch mit gleichem Kummer, fuhr ôr träu⸗ meriſch fort: „Alles ging doch ſo gut! Ich hatte meine verſchreibung zurück; der Zuwachs von zehnt Kronen geſtattete mir, den ſchlechten Stand meiner Angelegenheiten noch I g 3u men... Wehe! Warum ſchreit das Volk nimo? Seit Kurzem ſind viel wunderlichere Dinge vorgefallen, ohne daß die Menge ſich darum k merte!.... Dieſe offenbare Aufregung treibt Landvogt zu außerordentlichen Bemühungen, um entdecken, was aus Geronimo geworden iſt; es die Urſache meines Unglücks werden! Es ſollte wirklich einen geheimen Grund von der ungewö lichen Aufregung des Volkes geben? Ich ſollte vergeblich ſelbſt ſollte Die I jagte Sime die Stirne ſtill ſitzen. Plötzlich krampfhafte Stimme: „9, d auch dem muß zu En einen Leicht er ihn entd als in meit nen zum 2 verblendet. Wenn nur in welcher ſpiel ſitzt, laſſen....“ Währen er wieder o „Da ko „Sieh! er auf ſeinem und meines mißachtet n mich nur de heftigen Zo⸗ daß mir da inken, verfällt ht nicht mehr ucht ſein, um 2 Anſtatt des d der einzige in, nein, ver⸗ 8 I em in ſeinem iche Betrach⸗ einigsrmaßen Verzwſeiflung, fuhr or träu⸗ en. r ſicher, it mein 3 195 vergeblich mich bemühen, davon zu kommen? Gott ſelbſt ſollte es ſein, der mich verfolgt?....“ Die Wiederkehr dieſer verzweifelten Gedanken jagte Simon Turchi neuen Schrecken ein. Er legte die Stirne in beide Hände und blieb eine Zeit lang ſtill ſitzen. Plötzlich ſprang er auf und ſprach, während ein krampfhaftes Lachen ſeine Lippen verzog, mit heftiger Stimme: „O, die drängende Gewalt des Schickſals gibt auch dem Feigherzigſten Muth! Eitle Furcht! Es muß zu Ende gebracht werden! Der Landvogt ſucht einen Leichnam; er ſetzt ſeine Ehre zum Pfande, daß er ihn entdecken wird. Aber wenn man ihn anderswo als in meinem Luſtgarten fände? In einem Brun⸗ nen zum Beiſpiel! Ha, ha, der Schrecken hat mich verblendet.... Es gibt noch ein Mittel zum Siege! Wenn nur Julio käme! Könnte ich nur errathen, in welcher Schenke der verhaßte Schurke beim Würfel⸗ ſdie ſitzt, ich würde ihn durch Bernardo holen aſſen....“ Während er dieſe letzten Worte ausſprach, trat er wieder an das Fenſter und ſchaute auf die Straße. „Da kommt der Müßiggänger!“ murmelte er. „Sieh! er geht Schritt vor Schritt, als laſtete Nichts auf ſeinem Gewiſſen! Die Rettung meiner Chre und meines Lebens iſt ihm gleichgültig; er haßt und mißachtet mich ſeit Geronimo's Tod.... Aber laß 196 würde ſich übermüthig zeigen und vielleicht mit mei⸗ ner Angſt ſeinen Spott treiben.“ Sobald Julio auf der Straße bis auf eine ge⸗ wiſſe Strecke herangekommen war, ſuchte der Signor durch einen ziſchenden Ton mit der Zunge die Auf⸗ merkſamkeit ſeines Dieners zu erregen; und als ihm dieß gelungen war, machte er allerlei Zeichen von Ungeduld und Zorn, bis Julio endlich die Hausthüre erreicht hatte. Dann ſchloß Simon Turchi das Fenſter und wandte ſich mit dem Ausdruck der heftigſten Wuth nach dem Eingang des Zimmers. Julio trat in das Gemach. Ein leichtes ſpötti⸗ ſches Lächeln erſchien auf ſeinen Lippen, als er ſei⸗ nen Herrn mit überſchlagenen Armen und drohendem Blick daſtehen ſah. »Bricone impudente! Unverſchämter Tauge⸗ nichts!“ rief Simon Turchi, nachdem er die Thüre verſchloſſen hatte.„Habe ich Dir nicht befohlen, mich nach der Börſenſtunde hier zu erwarten? Gib Acht, Du ärgerſt mich über die Maßen, und ich werde einmal blutige Rache dafür nehmen! Lache nicht, oder ich zermalme Dich unter meinen Füßen!“ „Ei, ei, Signore,“ antwortete Julio,„warum wieder dieſen unnützen Zorn? Die Börſe iſt noch nicht ſo lang zu Ende. Es iſt nicht meine Schuld, daß Ihr auf mich habt warten müſſen.“ „Du biſt in der Schenke geſeſſen, nicht wahr? Gewürfelt, geſpielt haſt Du, wie Du nun ſeit fünf Tagen unaufhörlich thuſt.“ „Allerdings, ich habe unerträglichen Durſt.... aber wenn ich nicht zu rechter Zeit wieder da war, ſo gebt de hat die Uh Nun, Sigt doch nicht zu ſagen, ſem Zöger habe einig Empfang daß es mei ich Euren mir nicht höſes Blu Die u wundete T die Unmac antrieb, o Bemühung plötzlich ſe⸗ niß legte benetzten ſ Er ſetz ſchmerzliche „Ach, ich aus U zu frühe, ſuchen wol langes Au Der D müthige S „Herrſ Turchi klagend: eicht mit mei⸗ auf eine ge⸗ e der Signor nge die Auf⸗ und als ihm Zeichen von ie Hausthüre Fenſter und tigſten Wuth eichtes ſpötti⸗ „als er ſei⸗ d drohendem nter Tauge— r die Thuͤre hht befohlen, arten? Gib en, und ich men! Lache nen Füßen!“ io,„warum örſe iſt noch eine Schuld, / nicht wahr? zun ſeit fünf Durſt... der da war, 197 ſo gebt dem Liebfrauen⸗Thurm dort die Schuld: der hat die Uhr verkehrt ſchlagen laſſen, ſeid überzeugt.— Nun, Signore, beruhigt Euch; Euer Zorn rührt mich doch nicht, Ihr wißt es. Beeilt Euch lieber, mir zu ſagen, was Ihr von mir verlangt; mit all die⸗ ſem Zögern verlieren wir zu viel koſtbare Zeit. Ich habe einige Freunde verlaſſen, um Euren Befehl in Empfang zu nehmen, und ich darf Euch wohl ſagen, daß es mein Vorſatz iſt, zu ihnen zurückzukehren, ſobald ich Euren Wunſch erfüllt habe.... Nein, nein, droht mir nicht mit der Fauſt: Ihr macht Euch umſonſt böſes Blut!“ Die unehrerbietige Sprache ſeines Dieners ver⸗ wundete Turchi's Gemüth ſehr tief, aber ſei es, daß die Unmacht ſeines Wortes ihn zu neuer Heuchelei antrieb, oder daß die erkannte Fruchtloſigkeit ſeiner Bemühungen ihn völlig entmuthigte, er veränderte plötzlich ſeinen Ausdruck. Eine ausnehmende Betrüb⸗ niß legte ſich über ſein Angeſicht und ſeine Augen benetzten ſich mit Thränen. Er ſetzte ſich auf einen Stuhl und ſagte, einen ſchmerzlichen Seufzer ausſtoßend: „Ach, Julio, vergib mir die harten Worte, die ich aus Ungeduld gegen Dich äußerte. Es iſt noch zu frühe, das auszuführen, um was ich Dich er⸗ ſuchen wollte, und ich hatte alſo Unrecht, über Dein langes Ausbleiben zu klagen....“ Der Diener ſchaute, verwundert über eine ſo de⸗ müthige Sprache, ſeinen Herrn mißtrauiſch an. „Herrſcht irgendwo Gefahr?“ fragte er. Turchi faßte die Hand ſeines Dieners und ſagte klagend: „Wehe, Julio, mein Freund, morgen werden wir vielleicht beide geſeſſelt in einem Kerker liegen, um hernach des ſchändlichſten Todes zu ſterben!“ „Flößt Euch nicht die Angſt allein ſolche Gedan⸗ ken ein, Signore?“ fragte Julio nicht ohne auf⸗ ſteigende Beſorgniß. „Nein, nein; ich habe eine ſchreckliche Botſchaft. Man weiß, daß Geronimo am Tage ſeines Verſchwin⸗ dens unweit der Schützengärten und in der Juden⸗ ſtraße geſehen worden iſt und ſich von da nach den Hoſpitalwieſen gewandt hat. Der Landvogt hat be⸗ ſchloſſen, morgen frühe in dem Viertel, wo mein Luſtgarten liegt, alle Keller ausſuchen und nöthigen Falls den Boden davon aufreißen zu laſſen. Die Gerichtsdiener werden ſich in großer Menge bei Tagesanbruch über die Hoſpitalwieſen verbreiten, und, da es ihnen unfehlbar auffällt, daß die Erde in dem Keller friſch aufgeworfen iſt, auch entdecken, was ſie ſuchen. Du haſt Geronimo in den Zwang⸗ ſtuhl gezogen; Du haſt ſeinen Leichnam begraben; demnach wirſt Du mir auf dem Schaffot Geſellſchaft leiſten, wenn man Dich als Dienſtknecht nicht rädert oder an den Galgen hängt. O, Julio, wird dieſe bedenkliche Nachricht Dich nicht zum Bewußtſein un⸗ ſeres ſchrecklichen Zuſtandes bringen?“ „Und woher wißt Ihr das Alles?“ ſtammelte der Diener beſtürzt. „Von dem Landvogt ſelbſt.“ „Aus ſeinem Munde?“ „Ja, ja, Freund, aus ſeinem eigenen Munde. Trotz Deines Muthes, Deiner Gleichgültigkeit, möchte ich ſagen, haſt Du etwa Luſt, ſchon morgen gleich mir unter nicht wahr Julio ſeufzte im „Diavc tung! meit bereits der Schuld, S beſten Frei eine ſolche verborgen „Aber Miſſethat und Traue „Aber um dem H ner ſeufzer „Es g. quemes M „Aber es ein wen Darf ich u Deine Ber „Was Rad zu en „Nun, Landvogt er die Leie loren....“ „Allerd „Aber gen werden rker liegen, ſterben!“ lche Gedan⸗ ohne auf⸗ 2 Botſchaft. Verſchwin⸗ der Juden⸗ a nach den ogt hat be— „wo mein d nöthigen aſſen. Die Menge bei verbreiten, ß die Erde H entdecken, en Zwang⸗ begraben; Geſellſchaft nicht rädert wird dieſe ußtſein un⸗ immelte der en Munde. keit, möchte rgen gleich 199 mir unter den Händen des Nachrichters zu ſterben, nicht wahr?“ Julio legte ſeine beiden Hände an den Hals und ſeufzte im Ton der Beſtürzung: „Diavolo, diavolo! das iſt eine ſchlimme Zei⸗ tung! meine Gurgel zieht ſich zuſammen, ich fühle bereits den Strick an meiner Kehle. Das iſt Eure Schuld, Signore. Warum müßt Ihr auch Euren beſten Freund ermorden? Habe ich Euch nicht geſagt, eine ſolche um Rache ſchreiende Miſſethat werde nicht verborgen bleiben?“ „Aber meine gerechtfertigte Rache, ob Du ſie nun Miſſethat nennſt oder nicht, iſt doch geſtillt. Klagen und Trauern kann uns Nichts helfen.“ „Aber, Signore, was nun thun oder verſuchen, um dem Henker noch zu entwiſchen?“ fragte der Die⸗ ner ſeufzend. „Es gibt noch ein Mittel, ein ſicheres und be⸗ quemes Mittel.“ „Ah, es gibt noch ein Mittel?“ „Aber um es in Ausführung zu bringen, bedarf es ein wenig guten Willen und Entſchloſſenheit, Julio. Darf ich wenigſtens für dieſe letzte Anſtrengung auf Deine Bereitwilligkeit rechnen?“ „Was thut man nicht, um dem Galgen oder Rad zu entgehen?“ „Nun, ſo höre. Ich habe Dir geſagt, daß der Landvogt alle Keller durchſuchen laſſen wird. Findet er die Leiche in meinem Garten, dann ſind wir ver⸗ loren....“ „Allerdings, Signore.“ „Aber wenn er ihn fern von da, an einem an⸗ daß wir an dem Morde ſchuldig ſind?“ „O, das iſt ein glückliches Mittel!“ rief Julio erfreut.„Man muß den Leichnam nach einer fernen Straße tragen und ihn dort liegen laſſen.“ „Nein, man könnte leicht errathen, daß er von anderswoher dahin gebracht worden iſt. In den Schützenbrunnen auf dem Vlemincksfeld muß man ihn werfen. Das Gericht wird dann glauben, daß nächt⸗ liche Halsabſchneider Signor Geronimo überfallen und ermordet haben.“ „Noch beſſer. Ah, Signore, Ihr habt mich recht unnöthig erſchreckt! Ich gebe wenig um mein Leben; aber der Gedanke an einen gewiſſen Tod erſchüttert mir doch die Nerven auf eine ganz unangenehme Weiſe. Nun bin ich meiner ſelbſt wieder mächtig. Wie wollen wir es anfangen, um Geronimo's Leiche nach dem Vlemincksfeld zu tragen?“ „Eben darum wartete ich ſo ungeduldig auf Dich, Julio,“ erwiderte Simon Turchi;„weil ich Deiner Dienſte zur Ausführung dieſes Rettungsplanes be⸗ durfte. Nichts iſt einfacher. Du wirſt dieſe Nacht den Leichnam ausgraben und nach dem Schützen⸗ brunnen tragen ³). „Allein?“ fragte der Diener in einem Tone, der eine Weigerung vorausſehen ließ. „Warum nicht allein, da Du es ohne Hülfe thun kannſt?“ )„Geh' und thue, wie ich Dir geſagt habe. Der Leich⸗ nam muß ausgegraben werden; nimm ihn auf die Schultern und wirf ihn in den Brunnen, der auf dem Kreuzweg ſteht, wo drei Straßen zuſammenlaufen.“ Matteo Bandello. dern Orte fände, wie könnte er dann vermuthen, „AW Nimm drei od nimo n ſehr, ol nur zwe Sin ners ur „Ko guten T einen ſt kein and für Dich reichlich bar ſein „Nur wortete will es: ſchlecht müſſen u Gelingen ich mir d Schulter! Ding ſcht „Zu; doch, daß können?“ „Ich? ſollte den vermuthen, rief Julio iner fernen 44 daß er von In den aß man ihn daß nächt⸗ rfallen und mich recht ein Leben; erſchüttert angenehme r mächtig. no's Leiche auf Dich, ich Deiner planes be⸗ hieſe Nacht Schützen⸗ Tone, der Hülfe thun Der Leich⸗ e Schultern uzweg ſteht, ndello. 201 „Wie bequem iſt es für Euch, Signore, zu ſagen: „‚Nimm den Leichnam auf die Schuͤltern und lauf drei oder vier Straßen damit fort. Signor Gero⸗ nimo wiegt ſchwerer, als Ihr glaubt, und ich zweifle ſehr, ob ich ihn mit Anſtrengung aller meiner Kräfte nur zwanzig Schritte weit tragen könnte.“ Simon Turchi faßte die beiden Hände ſeines Die⸗ ners und ſprach in bittendem Tone: „Komm, Julio, mein Freund, zeige ein Bischen guten Willen. Es iſt keine beſchwerliche Arbeit für einen ſtarken Burſchen wie Du. Bedenke, daß es kein anderes Mittel zu unſerer Rettung gibt. Sei für Dich ſelbſt und mich dienſtwillig; ich werde Dich reichlich belohnen und mein ganzes Leben Dir dank⸗ bar ſein.“ „Nun, es iſt mir ganz gleich, Signore,“ ant⸗ wortete Julio.„Wollt Ihr, daß ich es verſuche, ich will es thun; aber ich fürchte mit Recht, es wird ſchlecht ablaufen. Ich werde unterwegs ausruhen müſſen und ſo viel mehr Zeit brauchen, als für das Gelingen der Sache erforderlich iſt. Und wie bringe ich mir dann den ſchweren Leichnam wieder auf die Schulter? Man muß zu Zweien ſein, um ein ſolches Ding ſchnell genug vollziehen zu können.“ „Zu Zweien!“ ſeufzte Turchi;„aber Du begreifſt doch, daß wir unſer Geheimniß Niemand anvertrauen können?“ „Um dem Tod zu entgehen, thut man Alles. Wenn Ihr ſelbſt mir helfen wolltet, Signore?“ „Ich?“ brummte Turchi mit Schrecken.„Ich ſollte den Leichnam durch die Straßen tragen? Ein 202 Edelmann! O, nein, nein, lieber noch den Kerker und das Schaffot!“ „Seltſames Ehrgefühl,“ murmelte der Diener verwundert.„Gäbe Gott, Signore, Ihr hättet früher daran gedacht, daß Ihr ein Edelmann ſeid. Wir müßten uns jetzt nicht in tödtlicher Angſt nach einem Mittel umſehen, um das Leben zu retten. Drehet und wendet die Sache jedoch, wie Ihr wollt, wenn ich den Todtenkörper allein tragen muß, ſo iſt Zehn gegen Eins zu wetten, daß das Unternehmen mißlingt.“ Während der Diener dieſe Worte ausſprach, war Simon Turchi in tiefe Betrachtung verſunken. Ein gewiſſer dumpfer Ton, der mit dem Athemholen aus ſeinem Munde kam, bezeugte, daß ſchmerzliche Ge⸗ danken ihn folterten. Nach einer Weile erhob er den Kopf und ſprach mit einem tiefen Seufzer: „Wehe, es gibt kein anderes Mittel! Es iſt zwar gefährlich, aber die Noth überwindet Alles.— Julio, geh' nach dem Garten; ich werde ganz ſpät am Abend Bernardo ſenden, um Dir Beiſtand zu leiſten.“ „Wie ſagt Ihr, Signore 2“ rief Julio mit ſpöt⸗ tiſchem Lachen,„Bernardo? wollt Ihr dem Euer Geheimniß offenbaren?“ „Nein, ich werde ihm auf ſein Leben gebieten, Dir Gehorſam zu leiſten. Drohe, ihn bei dem ge⸗ ringſten Zeichen von Widerwillen mit Deinem Meſſer zu durchbohren: er wird thun, was Du begehrſt.“ „Unmöglich, Signore! Bernardo iſt ein gottes⸗ fürchtiger und ehrlicher Mann. Seid überzeugt, er wird uns es wäre um den 5 Simo keit aller langen, ſo mer auf „Julio werden. unſere Ret Feigheit ſ rückzuweich Meſſer un nimo... Julio mit er würde ſchreien? erkennen die Spur Knirſc krampfhaft lauten: „Du Dein Wide nicht wahr 2„Ich ſenden und . Wenn mit einem den. Der 2 blick ertrunk Kerker Diener hättet nn ſeid. gſt nach retten. dr wollt, ß, ſo iſt rnehmen ach, war n. Ein olen aus iche Ge⸗ d ſprach Es iſt Alles.— ganz ſpät iſtand zu mit ſpöt⸗ em Euer gebieten, dem ge⸗ m Meſſer eggehrſt.“ i gottes⸗ zeugt, er 203 wird uns verrathen. Ich mag ſeinen Beiſtand nicht; es wäre gerade ſo, als ob ich mir ſelbſt den Strick um den Hals knüpfte.“ Simon Turchi, verzweifelt über die Fruchtloſig⸗ keit aller ſeiner Bemühungen, zu dem Ziel zu ge⸗ langen, ſchritt einige Augenblicke brummend im Zim⸗ mer auf und ab. „Julio, dieſem Zögern muß ein Ende gemacht werden. Es iſt uns keine Wahl gelaſſen, und was unſere Rettung auch koſten mag, es würde die äußerſte Feigheit ſein, im Angeſicht des drohenden Todes zu⸗ rückzuweichen!... Durchbohre Bernardo mit Deinem Meſſer und wirf ihn in den Brunnen über Gero⸗ nimo.) „O, o, Signore, was ſagt Ihr da?“ murmelte Julio mit Abſcheu.„Bernardo durchbohren? Und er würde ſich nicht wehren, meint Ihr? Und nicht ſchreien? Das Gericht würde Euren Diener nicht erkennen und dann unfehlbar den Schuldigen auf die Spur gerathen? Eure Sinne ſind verblendet!“ Knirſchend vor Aerger und Unruhe, rang Turchi krampfhaft die Hände und ſagte mit heiſeren Kehl⸗ lauten: „Du willſt die Sache nicht allein vollbringen? Dein Widerwille wird an dem Mißlingen ſchuld ſein, nicht wahr? Verwünſchter Feigling, wozu biſt Du *„Ich werde Dir den Piemonteſer(Bernardo) zu Hülfe ſenden und ihm befehlen, zu thun, was Du von ihm begehrſt . Wenn Du den Körper in den Brunnen wirfſt, kannſt Du mit einem behenden Stoß den Piemonteſen ihm auch nachſen⸗ den. Der Brunnen iſt tief, und wie er fällt, iſt er im Angen⸗ blick ertrunken.“ Matteo Bandello. anders gut als zum Schwatzen und in den Schenken Dir für beim Würfelſpiel zu ſitzen? O, hätte ich Dich nie⸗ ſein! Nit mals zu meinem Unglück geſehen!— Wohlan, laß drohende den Leichnam in dem Keller liegen; laß den Land⸗ iſt, will vogt entdecken, was geſchehen iſt: wir wollen ſehen, nun nach wer von uns Beiden dem ſchändlichen Tod ſich am hole ihn muthvollſten unterwirft!“ arbeiten Er ſank in äußerſter Erregung auf einen Stuhl, Keller wi und während er in zornigem Ton über den Wider⸗ die Zeiche willen ſeines Dieners klagte, raufte er ſich in wahrer zem da g oder erheuchelter Verzweiflung die Haare aus. Julio Der Anblick ſeines verzweifelnden Gebieters ſchien zu horche Eindruck auf Julio zu machen; er ſchaute ihn eine Stirne, Weile mit aufſteigendem Mitleid an und ſagte dann nem Geiſ in tröſtendem Tone:„Wor „Kommt, Signore, ſucht Euch zu beruhigen.„Dun Es iſt noch nicht Alles verloren, und wenn mein„Spr guter Wille mich in Stand ſetzt, Euch zu retten, ſo beunruhig werde ich Euch zeigen, daß Julio in der Stunde der„Hab Noth Muth und Entſchloſſenheit genug beſitzt, um Nacht de eine gefährliche Arbeit zu vollführen. Da Ihr glaubt, Vollmond daß ich den Todtenkörper allein bis zum Schützen⸗ riſcher H brunnen tragen kann, ſo will ich es von ganzem moöglich, Herzen verſuchen. Es iſt möglich, daß ich mich über Dieſe die Schwierigkeit der Sache täuſche. Beruhigt Euch von Ang alſo und vertraut auf mein Wort.“ und wie Der Signor wußte wohl, daß ſein Diener ge⸗ bar verfo wohnt war, einen gefaßten Beſchluß ohne Bedenken Dieners auszuführen, und erkannte an dem Ton ſeiner Stimme, merniß u daß ſein Verſprechen dießmal ernſtlich gemeint war. wurf; de Er drückte ihm alſo die Hand und ſagte freudig: Drohung „Habe Dank, Julio! o, habe Dank! Ich werde den Wide Schenken Dich nie⸗ hlan, laß den Land⸗ Ulen ſehen, d ſich am en Stuhl, en Wider— in wahrer aus. ters ſchien ihn eine ſagte dann beruhigen. denn mein retten, ſo Stunde der eſitzt, um hr glaubt, Schützen⸗ on ganzem mich über uͤhigt Euch Diener ge⸗ Bedenken r Stimme, neint war. reudig: Ich werde 205⁵ Dir für mein Leben und für meine Ehre verſchuldet ſein! Nimmer werde ich es vergeſſen; und wenn dieß drohende Schwert von meinem Haupte abgewendet iſt, will ich Dich großmüthig belohnen.... Geh' nun nach dem Garten; grabe den Leichnam aus und hole ihn herauf. Du wirſt ſpäter alſo weniger zu arbeiten haben. Mache zugleich den Boden von dem Keller wieder eben und verwiſche ſo viel wie möglich die Zeichen, welche verrathen könnten, daß vor Kur⸗ zem da gegraben worden iſt....“ Julio ſchien auf die Worte ſeines Herrn nicht zu horchen, und ſchlug ſich mit der Hand vor die Stirne, als wäre ein unerwarteter Gedanke in ſei⸗ nem Geiſt aufgeſtiegen. „Woran denkſt Du?“ fragte ſein Herr bekümmert. „Dummkopf, der ich bin!“ ef Julio. „Sprich leiſer,“ flüſterte Simon Turchi.„Was beunruhigt Dich ſo plötzlich?“ „Habt Ihr nicht geſehen, Signore, daß geſtern Nacht der Mond hell ſchien? Es iſt ſchon wieder Vollmond? Kann ich den Leichnam bei ſo verräthe⸗ riſcher Hele in den Schützenbrunnen tragen? Un⸗ möglich, daran iſt nicht zu denken!“ Dieſe Worte entlockten Simon Turchi einen Schrei von Angſt und Aerger. Er murrte eine Weile ſtill und wie vernichtet über das Schickſal, das ihn ſicht⸗ bar verfolgte. Die Feigheit und Abneigung ſeines Dieners hatten ihm bei weitem nicht ſolche Beküm⸗ merniß und Hoffnungsloſigkeit erregt, als dieſer Ein⸗ wurf; denn er wußte wohl, daß er entweder durch Drohungen oder Verſprechungen endlich doch über den Widerſtand ſeines Dieners den Sieg davon ge⸗ 206 tragen hätte— aber das verhängnißvolle Mondlicht, wie konnte er ihm wehren, zu leuchten? Es gab alſo kein Mittel, Geronimo's Körper aus dem Garten verſchwinden zu laſſen; und die Gerichtsdiener muß⸗ ten unfehlbar entdecken, wo die Miſſethat vollbracht worden war. Es hatte alſo doch ſeine Richtigkeit damit, daß ſein Untergang beſchloſſen war? daß eine geheimniß⸗ volle Macht alle ſeine Bemühungen vereitelte? daß wielleicht Gott ſelbſt alle dieſe Hinderniſſe vor ihm auftauchen ließ, um die Rettung ſeines Lebens ihm unmöglich zu machen? Dieſe Ueberlegung brachte ihn zum Erbleichen und Zittern; dennoch folterte er ſeinen Geiſt, um noch eine letzte Planke der Rettung zu finden; ungeſtüm flogen ihm allerlei Gedanken durch den Kopf. Konnte man den Todtenkörper nicht in einer fernen Ecke des Gartens vergraben, in das Baſſin des Springbrun⸗ nens verſenken, oder unter den Steinen der Grotte verbergen? Aber von dieſem Allen mußten Spuren zurückbleiben, und der Leichnam wäre minder verbor⸗ gen, als in dem Keller, wo er ſich jetzt befand. Nachdem er lange ſprachlos geblieben war, ſchien plötzlich ein glücklicher Gedanke ihm aufzuleuchten, und Etwas, wie ein Lächeln, erhellte ſein Angeſicht. Aufſtehend ſagte er: „Julio, Du mußt aus dem Lande entfliehen; es bleibt Dir kein anderes Rettungsmittel übrig.“ „Ich entfliehen?“ wiederholte Julio,„und Ihr, Signore?“ „O, könnte ich Dir folgen!“ ſeufzte Simon,„aber ich bin nicht gleich Dir, der ſagen könnte: Wo mein V V Leib iſt, Bezug au mir um allein.“ Der ſetzen. „Woh „In Ital in den je ſehen laſſ ſpät! M ſagiere m ſegeln. 2 thun, oh Mittel zue „Rette Julio,“ ſe Geld.“ Die h Herrn Wo Ausdruck Julio auf wollte. errathen; Geiſte. und rief: legen! 2 Mordes b arme Jul nicht mehr tragen ſol Mondlicht, s gab alſo m Garten ener muß⸗ vollbracht amit, daß geheimniß⸗ kelte? daß e vor ihm ebens ihm eichen und um noch ungeſtüm f. Konnte n Ecke des pringbrun⸗ der Grotte in Spuren er verbor⸗ fand. var, ſchien zuleuchten, Angeſicht. liehen; es rig.“ zund Ihr, on,„aber Wo mein 207 Leib iſt, da iſt auch Alles, was mir zugehört oder Bezug auf mich hat. Ich muß hier bleiben; es iſt mir um unendlich mehr zu thun, als um das Leben allein.“ Der Rath ſchien Julio in Verwunderung zu ſetzen. „Wohin wollt Ihr, daß ich gehe?“ brummte er. „In Italien iſt auf meinen Kopf ein Preis geſetzt; in den jenſeitigen Landen darf ich mich nicht mehr ſehen laſſen. Um nach England zu fahren, iſt es zu ſpät! Man findet kein Schiff, das bereit wäre, Paſ⸗ ſagiere mitten in der Nacht aufzunehmen und abzu⸗ ſegeln. Bleibt alſo Deutſchland; aber was ſoll ich thun, ohne die Landesſprache zu kennen und ohne Mittel zum Unterhalt zu haben?“ „Rette Dein Leben; fliehe nach Deutſchland, Julio,“ ſagte Turchi,„ich will Dir Geld geben, viel Geld.“ Die hochrothe Farbe, welche die Narbe auf ſeines Herrn Wange plötzlich angenommen hatte, und der Ausdruck froher Argliſt in ſeinen Augen brachten Julio auf die Vermuthung, daß er ihn betrügen wollte. Zuerſt konnte er die geheime Abſicht nicht errathen; aber jetzt wurde es plötzlich klar in ſeinem Geiſte. Mit Schrecken und Zorn trat er zurück und rief: „O, welches ſchnöde Netz wollt Ihr mir da legen! Ihr würdet in meiner Abweſenheit mich des Mordes bezüchtigen, nicht wahr? Und während der arme Julio, mit einem doppelten Fluch beladen, nicht mehr wüßte, wohin er ſein bedrohtes Haupt tragen ſoll, würdet Ihr hier in Reichthum und völ⸗ liger Ruhe den Preis des unſchuldigen Blutes ge⸗ nießen? Nein, nein, ich will keinen neuen Fluch auf mir!“ „Du biſt wahnſinnig, Julio,“ ſagte Simon Turchi mit einem Grinſen von Verachtung.„Spiele den Zartſühlenden im Punkte der Ehre, ich rathe es Dir. Wenn wir morgen ergriffen werden, und die Wahr⸗ heit an den Tag kommt, wird man Dich minder verfluchen, da Du es biſt, der Geronimo verräthe⸗ riſch in den Zwangſtuhl geworfen hat?“ „Nein, aber man wird doch erfahren, daß der Vorſatz zu ſolcher Uebelthat nicht in mir entſtanden iſt, und daß er nicht zu meinem Vortheil in Vollzug gebracht wurde.“ „Es wird ein ſchöner Troſt für Dich ſein, um minder an dem Galgen zu zappeln!“ ſpottete der Signor mit unterdrückter Ungeduld.„Komm näher, ich will klar und unbemäntelt mit Dir ſprechen. Ich werde Dir meine Bedingungen kund thun; und glaubſt Du Dich weigern zu müſſen, dann iſt Alles zwiſchen uns abgethan und gebrochen. Jeder von uns thut frei, um ſeine Rettung zu verſuchen, was möglich iſt, und wäre es auch auf Koſten von dem Andern. Das Schlimmſte für Dich wäre, glaube ich, wenn meine Sicherheit mich zwänge, Deinen wahren Namen dem Factor von Lucca zu erklären. Meinſt Du nicht auch, Julio?“ Der Diener ſchaute ſeinen Herrn mit einem Aus⸗ druck von Widerwillen im Geſicht an. „Sieh' hier meine Bedingungen, Julio,“ fuhr der Letztere fort.„Du wirſt auf der Stelle nach Rhein zu ge zweihundert Pferd in d reiſe immer Sicherheit Hinderniß he pfehlungsbri von Köln, z3 wegs nach d habeſt eine Deines Geb Falls den 2 zuchelli nicht iſt ein große zwei Jahre: 3 ob Du d Geld verſteht „Und we find, was da gerer Unzufri „Ich wer vortete Ture Deutſchland abreiſen und Dich beeilen, über den mich es wiſſe Dich vor alle daran; Du n nur berichten, dels Geld be bedeuten hat Marco Caſtag nicht rege zu Julio ſchi Etwas zwiſche Conſeiene glutes ge⸗ ien Fluch on Turchi piele den e es Dir. die Wahr⸗ h minder verräthe⸗ daß der entſtanden n Vollzug ſein, um ottete der im näher, chen. Ich un; und iſt Alles Jeder von chen, was von dem e, glaube „Deinen m erklären. inem Aus⸗ io,“ fuhr telle nach über den 209 Rhein zu gelangen. Ich werde Dir viel Geld geben: zweihundert Kronen! Nimm ein Fuhrwerk oder ein Pferd in der erſten Stadt, die Du erreichſt, und reiſe immer weiter ohne Aufenthalt, bis Du Dich in Sicherheit befindeſt. Um auf Deiner Flucht jedes Hinderniß hinwegzuräumen, werde ich Dir einen Em⸗ pfehlungsbrief an Signor Mazuchelli, einen Wechsler von Köln, zur Hand ſtellen. Fragt man Dich unter⸗ wegs nach dem Zweck Deiner Reiſe, ſo erkläre, Du habeſt eine ſchleunige Handelsbotſchaft im Auftrage Deines Gebieters auszurichten, und zeige nöthigen Falls den Brief; aber in Köln darfſt Du ihn Ma⸗ uuchelli nicht überreichen. Zweihundert Kronen! Es itt ein großer Schatz, Julio; Du könnteſt mehr als wei Jahre vergnügt damit leben. Und was thut 6, ob Du die Landesſprache kennſt oder nicht: das Geld verſteht und redet alle Sprachen.“ „Und wenn die zweihundert Kronen aufgezehrt ſind, was dann?“ fragte der Diener mit viel gerin⸗ gerer Unzufriedenheit. „Ich werde Dich nicht verlaſſen, Julio,“ ant⸗ vortete Turchi.„Sobald Du Geld brauchſt, laß ſnich es wiſſen; ich werde Dir genug ſenden, um dich vor aller Noth zu behüten... Aber ich denke daran; Du mußt Deinen Namen verändern und mir nur berichten, daß Du zur Fortſetzung Deines Han⸗ dels Geld bedarfſt. Ich werde wiſſen, was dieß zu bedeuten hat.... Dein neuer Name? Mich dünkt, Marco Caſtagno wäre gut, um die Aufmerkſamkeit nicht rege zu machen. Wohlan, was ſagſt Du?“ Julio ſchüttelte zweifelnd den Kopf und murmelte Etwas zwiſchen den Zähnen. Wiewohl die verſpro⸗ Conſcience, Simon Turchi. 14 chenen zweihundert Kronen ihn verlockten, zögerte er dennoch, den Vorſchlag ſeines Herrn anzunehmen. V „Aber wie kannſt Du doch ſo lang überlegen?“ ſprach der Signor.„Ich gebe Dir das Mittel an die Hand, um mit Sicherheit dem Galgen zu ent⸗ laufen, und Du vedenkſt Dich? Zudem verbürge ich Dir ein Leben ohne Arbeit, ohne Dienſtbarkeit und Sorge: ein freies und fröhliches Herrenleben, und Du ſträubſt Dich gegen mein Anerbieten?“ b Julio ſchien zu einem Entſchluß gekommen. „Ihr werdet mir zweihundert Kronen geben?“ fragte er. „Zweihundert Kronen in klingender Münze.“ „Bevor ich abreiſe?“ „Sogleich.“ „Wohlan, gebt her. Jetzt drängt es mich, von hier weg zu kommen.“ „Ich will ſie holen,“ ſagte Turchi, ſich nach der Thüre wendend. Er verließ das Zimmer und ſtieg die Treppe hinab. b Julio ſetzte ſich auf einen Stuhl und legte den Kopf in die Hände; aber es blieb ihm keine Zeit, viel zu denken, da ſein Herr eben ſo ſchnell wieder heraufkam. 1 Simon Turchi hielt einen leinenen Beutel in der Hand; er trat an einen Tiſch und zählte einige Häufchen kleiner Goldſtücke auf. Ohne Zweifel mußte der Anblick ſo vielen Geldes einen tiefen Eindruck auf das Gemüth von Julio machen, der aufgeſtanden und an den Tiſch getreten war. Ein Lächeln erhellte ſein Geſicht, und während er das bli gend mit! „Du ſ der Signo ſchwer. V und in De als ich hin in Erwägur möglich ſei, von Geron für Dich h Siehſt Du, mich zu enn nicht nöthig was es vie fahrung bri Julio, daß Wenn es ſie machen ließe würde es n. „Oh, ur Julio. „Weißt vorbehalten Abreiſe in gellers, ſo Sand und und dann d leeren Fäſſer „Aber di „Dieß iſ zögerte er unehmen. V überlegen?“ 3 Mittel an gen zu ent⸗ verbürge ich tbarkeit und ileben, und 2 mmen. een geben?“ Münze.“ b s mich, von ſich nach der die Treppe nd legte den 1 keine Zei,, ſchnell wieder Zeutel in der zählte einige dielen Geldes ) von Julio Liſch getreten und während 211 er das blinkende Geld betrachtete, nickte er beſtäti⸗ gend mit dem Kopf. „Du ſiehſt, daß die Summe richtig iſt,“ ſprach der Signor,„und an Goldmünze trägt man nicht ſchwer. Verſtecke nun das Geld in Deiner Taſche und in Deinem Wammſe. Du haſt alle Zeit. Da, als ich hinunterging, habe ich Deinen guten Willen in Erwägung gezogen und mich gefragt, ob es nicht möglich ſei, Dich mit der Bezüchtigung des Mordes von Geronimo zu verſchonen; meine Freundſchaft für Dich hat mir ein paſſendes Mittel eingegeben. Siehſt Du, nun ich ſicher bin, daß ich auf alle Fälle mich zu entſchuldigen vermag, glaube ich, daß es nicht nöthig iſt, ſelbſt vor dem Gericht anzuzeigen, was es vielleicht auf andere Weiſe niemals in Er⸗ fahrung bringt. Und darum thut es mir ſehr leid, Julio, daß ich auf immer von Dir ſcheiden muß. Wenn es ſich nach zwei oder drei Monaten wieder machen ließe, Dich mit Sicherheit zurückzurufen, ſo würde es mich unendlich erfreuen.“ 3 6605⸗ und mich nicht minder, Signore!“ ſeufzte ulio. „Weißt Du, wie wir dieſe Möglichkeit uns vorbehalten können, Julio? Du mußt vor Deiner Abreiſe in den Luſtgarten gehen, den Boden des Kellers, ſo weit es angeht, glatt und eben machen, Sand und Staub über das gegrabene Loch ſtreuen und dann den Keller mit Brennholz und etlichen leeren Fäſſern anfüllen.“ „Aber dieß Alles erfordert viele Zeit, Signore.“ „Dieß iſt das wenigſte. Es geht jeße iet Volk zu den Thoren hinaus. Es iſt beſſer, Du übernach⸗ teſt in dem Garten und begibſt Dich morgen früh, ſobald man die Stadtthore öffnet, auf die Reiſe. Bei Anbruch des Tages biſt Du ſicher, auf Deinem Wege Niemand zu begegnen, der zu frühe verrathen könnte, welche Richtung Du eingeſchlagen haſt. Es geſchieht nicht zu meinen Gunſten, daß ich mir das ſo ausgedacht habe, ſondern nur zu Deinem Beſten, Julio; denn für den Fall, daß die Gerichtsdiener meinen Luſtgarten durchſuchen, können dieſe Maaß⸗ regeln ihre Aufmerkſamkeit von dem Keller ablenken, wo ſie ſonſt unfehlbar entdecken würden, daß der Boden erſt vor Kurzem aufgegraben worden iſt. Vielleicht wird der Landvogt aus Achtung vor mir ſeinen Dienern befehlen, eben meinen Garten bei dem Abſuchen der Spitalwieſen allein auszunehmen. In beiden Fällen laſſe ich den Eindruck des MNordes allmälig vorübergehen und ſage nur von Dir, Du ſeieſt nach einer ſtrengen Zurechtweiſung von meiner Seite verſchwunden, ohne daß ich wiſſe, wo Du Dich jetzt aufhaltett. Sobald man von dem Ereigniß nicht mehr öffentlich ſpricht und mit den Nachfor⸗ ſchungen völlig aufgehört hat, laſſe ich Dich zurüc⸗ kehren. Willſt Du in den Garten gehen und pünkt⸗ lich vollziehen, was ich Dir anrathe?“ „Es ſoll geſchehen.“ „Vergiß Deinen neuen Namen nicht.“ „Marco Caſtagno, nicht wahr? Er iſt leicht zu behalten.“ „Ja, Marco Caſtagno, in Handelsgeſchäften rei⸗ ſend.... Da habe ich Deinen Empfehlungsbrieſ noch vergeſſen. Wart ein wenig; ich will ihn eiligſt ſchreiben. unten.“ Als I die Taſche, ſogar eine ſteckte er danken. „Könnt „Jetzt muß wünſchten( Geronimo Leiche liegt füllen, iſt Alles in 2 dem Gelde ich verſpro vollbringen. gegen mich dankbar bin „Schau mon Turchi auf den Na nun an De denn die m noch das L. ten, Julio. mit der H— wieder in A „Soll i Reiſemantel „Nein, ter, das iſ u übernach⸗ korgen früh, die Reiſe. auf Deinem de verrathen n haſt. Es ich mir das nem Beſten, erichtsdiener dieſe Maaß⸗ jer ablenken, n, daß der worden iſt. ung vor mir Garten bei uszunehmen. des Mordes Dir, Du von meiner wo Du Dich em Ereigniß den Nachfor⸗ Dich zurüc⸗ n und pünke⸗ t.“ . r iſt leicht zu geſchäften rei⸗ ffehlungsbrief vill ihn eiligſt 213 ſchreiben. Bleibe hier, Julio; zeige Dich nicht mehr unten.“ Als Julio ſich allein ſah, ſteckte er die Hand in die Taſche, ließ die Goldſtücke klingen und hielt ſich ſogar eine Handvoll unter die Augen; bald aber ſtecte er das Geld wieder ein und verfiel in Ge⸗ danken. „Könnte ich nur ſogleich fort!“ murmelte er. „Jetzt muß ich noch eeine ganze Nacht in dieſem ver⸗ wünſchten Garten zubringen.... Der Signor denkt, Geronimo ſei ſchon fünf Tage begraben und die Leiche liegt noch auf dem Boden. Die Grube zu füllen, iſt doch keine große Arbeit.... Wenn ich Alles in Brand ſteckte und dieſen Abend noch mit dem Gelde zum Thor hinauszöge? Nein, nein, was ich verſprochen habe, muß ich vollbringen, ehrlich vollbringen. Mein Herr iſt dießmal großmüthig gegen mich: ich will ihm zeigen, daß ich nicht un⸗ dankbar bin....“ „Schau hier den Empfehlungsbrief,“ ſagte Si⸗ mon Turchi, in das Zimmer tretend.„Er lautet auf den Namen von Marco Caſtagno. Vergiß von nun an Deinen andern Namen und ſei vorſichtig, denn die mindeſte Unbeſonnenheit könnte uns Beide noch das Leben koſten.... Geh' jetzt in den Gar⸗ ten, Julio. Ich drücke Dir die Hand zum Lebewohl, mit der Hoffnung und dem Wunſche, Dich bald wieder in Antwerpen ſonder Gefahr ſehen zu können.“ „Soll ich nicht einen Pack Kleider oder einen Reiſemantel mitnehmen, Signore?“ „Nein, Du haſt Deinen Mantel auf der Schul⸗ ter, das iſt genug. Man könnte unten und auf 214 der Straße Deine Abſicht merken, wenn Du mit Reiſegepäck beladen wäreſt. Du mußt gleichgültig erſcheinen; für Geld kannſt Du ſtets überall bekom⸗ men, was Du bedarfſt.“ Der Diener reichte gleichfalls ſeinem Herrn die Hand und ſprach, nach der Thüre gehend: „Lebt wohl, Signore; wenn Ihr mir die ver⸗ ſprochene Hülfe in Zeiten der Noth nicht verweigert, werde ich Euer Geheimniß getreulich bewahren.“ „Vollziehe doch Deine Arbeit ſorgfältig im Keller, Julio. Glückliche Reiſe, mein Freund!...“ Julio ſtieg die Treppe hinunter und trat lang⸗ ſam auf die Straße. Sein Herr hatte das Fenſter des Gemachs ge⸗ öffnet und folgte ihm mit den Augen, ſo lang und ſo weit, bis er ſeinem Blick entſchwunden war. Ein tiefer Seufzer, als fiele ihm ein Stein vom Herzen, entſchlüpfte Turchi. Sein Geſicht erhellte ſich zu einem Lächeln und er murmelte im Tone lebhafter Freude: „Er iſt fort! Nun habe ich nichts mehr zu fürch⸗ ten. Der Landvogt mag den Leichnam finden. Julio hat das Verbrechen allein begangen; ich weiß nichts davon; ich bin ſo unſchuldig wie ein Lamm! Ha, ha, und ich glaubte mich verloren. Richten wir Alles mit Feinheit und Liſt, als ob wir gewiß wä⸗ ren, daß man den todten Körper entdecken werde. . ich fühle mich wieder ſtark; die Hoffnung, die Sicherheit beleben von Neuem meine Bruſt! Ah, Maria, Maria, Dein Name, Dein Vermögen, Deine Liebe werden mir gehören: mein Leben wird noch umſtrahlt ſein von Anſehen, Reichthum und Glück!...“ Mit de dem Geſich Es ſch und die A das Pförte mit leichter bäude zuw Die ei als trüge ſeiner Taſe Turchi ihr Freude er! ſelbſt murn „Gott ſtanden! 2 Schwan aber die G dächtniß zu tige Pflicht meinem M Durſt und von dem wäre er ge hielte er fli Im Ha Flaſchen ar Mantel he⸗ in Du mit gleichgültig rall bekom⸗ Herrn die . nir die ver⸗ verweigert, pahren.“ rgfältig im reund!...“ dtrat lang⸗ Hemachs ge⸗ ſo lang und n war. Stein vom ſicht erhellte te im Tone ehr zu fürch⸗ iam finden. en; ich weiß ein Lamm! Richten wir r gewiß wä⸗ decken werde. pffnung, die Bruſt! Ah, ögen, Deine n wird noch Glück!..“ 215 Mit dem Lachen eines fieberiſchen Entzückens auf dem Geſicht ſchloß er das Fenſter. IX. Es ſchlug ſieben Uhr auf dem St. Joristhurm und die Abenddämmerung brach herein, als Julio das Pförtchen zu ſeines Herrn Garten öffnete und mit leichten Schritten durch denſelben ſich dem Ge⸗ bäude zuwandte. Die eine Hand hielt er unter ſeinen Mantel, als trüge er Etwas, mit der andern wühlte er in ſeiner Taſche unter den Goldkronen, welche Simon Turchi ihm gegeben hatte. Ein Schimmer von Freude erhellte ſein Geſicht, während er bei ſich ſelbſt murmelte: „Gott ſei Dank, ich habe der Verſuchung wider⸗ ſtanden! Man wollte mich in dem Gekrönten Schwanen zum Trinken und Spielen bringen, aber die Goldſtücke da drinnen haben mir in's Ge⸗ dächtniß zurückgerufen, daß ich erſt noch eine wich⸗ tige Pflicht zu erfüllen habe. Was ich hier unter meinem Mantel trage, ſoll mich für den erlittenen Durſt und die verlorene Zeit entſchädigen. Es iſt vwon dem beſten ſpaniſchen Wein, ſo koſtbar, als wäre er geſchmolzenes Silber, und kräftig, als ent⸗ hielte er flüſſiges Feuer.“ Im Hauſe in ein Zimmer tretend, zog er zwei Flaſchen aus ſeinem Wammſe und eine unter ſeinem Mantel hervor, ſtellte ſie neben einander auf den Ausdruck von Begierde an. „Nein, nein, noch nichts; erſt wenn das Werk abgethan iſt,“ ſagte er.„Euer liebliches Lächeln kann mich nicht verlocken. Geduld, meine guten Freunde, in einer Stunde wollen wir Bekanntſchaft machen: eine Grube ausfüllen und einige leere Fäſſer in den Keller wälzen iſt nur eine kurze Arbeit.... Aber es wird bereits hier ſo dunkel, daß ich das Bildniß des Kaiſers auf meinem Gelde nicht mehr unterſcheiden könnte. Zünden wir die Lampe an....“ Er nahm eine hölzerne Büchſe von dem Schorn⸗ ſtein und begann Feuer zu ſchlagen. Es dauerte jedoch ziemlich lang, bis der Zunder faßte. Julio murmelte dazwiſchen Worte ungeduldigen Scherzes; aber endlich glückten ſeine Bemühungen, und bald ſandte eine große Lampe ihre Strahlen durch das Gemach und verbreitete völlige Helle. An den Tiſch tretend, ſprach Julio: „Ha, nun werde ich doch einmal der Luſt nach⸗ geben dürfen, die ſeit mehr als einer Stunde mir die Nerven erregt! Zweihundert Kronen beſitzen, reich ſein wie ein Wechsler, die Schwere des Goldes in ſeine Taſchen drücken fühlen und keine Gelegen⸗ heit haben, ſeine Augen an der Betrachtung des Schatzes zu weiden! Nun bin ich allein; Niemand wird mich fragen, woher ich das Geld habe. Gs⸗ iſt Zeit genug.... genießen wir unbekümmert den Anblick unſeres Schatzes!“ Er zog einen Lehnſtuhl an den Tiſch, ſetzte ſich bequem mit ausgeſtreckten Beinen darauf nieder Tiſch und ſchaute ſie einen Augenblick mit einem b und bega Schein de Als Sack ſein hatte, de ausgebrei Fingern Gefunkel Augen w auf den Alſo des Glüc wunderun vielleicht nun die ſchien ſie zig aufein die ander dieſem S⸗ riſch auf Von d „Zwe anfangen Malvaſier der froh ich nimme feln um das wah reicher zu zu behalte mit einem a das Werk hes Lächeln neine guten Zekanntſchaft einige leere eine kurze r ſo dunkel, linem Gelde en wir die dem Schorn⸗ Es dauerte aßte. Julio n Scherzes; , und bald tdurch das r Luſt nach⸗ Stunde mir ien beſitzen, des Goldes ne Gelegen⸗ achtung des 1; Niemand b habe. Es unbekümmert ), ſetzte ſich rauf nieder 217 und begann die Goldſtücke handvollweiſe unter den Schein der Lampe zu legen. Als er recht tief in ſeine Taſche und in den Sack ſeines Wammſes gegriffen und ſich überzeugt hatte, daß ſämmtliche Stücke unter ſeinen Augen ausgebreitet lagen, wühlte er eine Weile mit ſeinen Fingern in dem Gold, um ihm ein ſchimmerndes Gefunkel und ein verführeriſches Klingen zu entlocken. Er ſchwieg und hielt einige Zeit den Athem an ſich, um keinen einzigen Laut zu verlieren; ſeine Augen waren weit offen und ſchauten bewegungslos auf den glänzenden Schatz. Alſo blieb Julio lange Zeit, mit einem Lachen des Glücks auf ſeinem Angeſicht, in ſtummer Be⸗ wunderung verſunken. Ebenſo ſtillſchweigend und vielleicht deſſen, was er that, unbewußt, legte er nun die Goldſtücke reihenweiſe neben einander und ſchien ſie zählen; bald häufte er ſie wieder zu zwan⸗ zig aufeinander, bald ließ er ſie von einer Hand in die andere gleiten.... bis er endlich ſeine Luſt an dieſem Spiel ganz geſtillt hatte, und nun träume⸗ riſch auf den Boden zu ſeinen Füßen ſchaute. Von dieſer Ueberlegung erwachend ſagte er fröhlich: „Zweihundert Kronen! Was werde ich damit anfangen? Wie kann ich ſie verzehren? Wein trinken? Malvaſier, Muskateller, Kanarienſect? Den beſten, der froh macht und das Herz ſtärkt? Aber ſo werde ich nimmer mit meinem Geld fertig. Spielen, wür⸗ feln um Gulden und Kronen? Ja, ja, dieß wäre das wahre Mittel, um in einem Tage hundertmal reicher zu werden, oder keinen einzigen Stüber mehr zu behalten. Es iſt zum Verwundern, der Reichthum macht mich geizig und furchtſam; ich ſpüre keine Luſt mehr in mir, zu würfeln! Nein, nein, ſo nicht: ich werde mich kleiden wie ein Edelmann, in Atlas, Sammt und Seide; eſſen und trinken von dem Köſt⸗ lichſten, das zu finden iſt; in Ueberfluß und Ver⸗ gnügen leben, als wäre die Welt ein Erzparadies für mich! Ha, ha, wie ſchön!“ Während er lachend die Betrachtung dieſes ver⸗ meintlichen Glückes im Stillen fortſetzte, ſchoß ihm plötzlich ein unangenehmer Gedanke durch den Kopf. Ein leichter Schrei der Ueberraſchung entſchlüpfte ihm; er ſchlug ſich die Fauſt vor die Stirne und murmelte mit einem Ausdruck von Betrübniß im Geſicht: „Ich bin doch ein nichtswürdiger Menſch, ein verächtlicher Schelm! Was mich jetzt bekümmert, iſt nur, zu wiſſen, wie ich dieſen anſehnlichen Schatz durchbringen oder lieber verſchwenden kann.... und da iſt fern pon mir vielleicht Jemand, der die⸗ ſen Augenblick die Hände um ein Almoſen nach mir ausſtreckt! Meine arme Mutter! ob es ihr nicht am Brod fehlt. Wenn ſie den undankbaren Sohn mit ihrem Fluche belaſtete, würde er es nicht hundertmal verdient haben? Wahrlich, ich erſchrecke vor mir ſelbſt. Mit nur zehn Kronen, mit dem zwanzigſten Theil deſſen, was ich in der Liederlichkeit verſchwenden will, kann ſie ein ganzes Jahr und länger noch ſich gegen Noth und Elend ſchützen. Warum habe ich meinem Herrn nicht etliche zwanzig Kronen zurück⸗ gegeben, um dieſelben an ſie gelangen zu laſſen? .... Wenn ich noch einmal nach der Factorei ginge, um dieſen guten Gedanken zu verwirklichen! Unmög⸗ lich, der men ſpeie In Deutſe zu erfahre nöthigen? laſſen. Er na von dem? ſie lange er ſie in „Zwan es kann m. Ich habe telchen; d bewahren. Sein? welches a Geldes ſch „Wie „Ich hielt ein einzige davon! 2 ergehen?! mich nicht und in's es nun ir mir Alles Kummer Der Sign wenn die Doch iſt d keine Luſt nicht: ich in Atlas, dem Köſt⸗ und Ver⸗ erzparadies dieſes ver⸗ ſchoß ihm den Kopf. ntſchlüpfte ttirne und rübniß im enſch, ein mmert, iſt hen Schatz .... , der die⸗ nach mir nicht am Sohn mit zundertmal mir ſelbſt. ſſten Theil eſchwenden rnoch ſich habe ich ien zurück⸗ zu laſſen? orei ginge, 1 Unmög⸗ 219 lich, der Signor würde vor Wuth Feuer und Flam⸗ men ſpeien— und überdieß traue ich ihm nicht. In Deutſchland werde ich wohl Gelegenheit finden, zu erfahren, ob ſie noch am Leben iſt, und ihr kürzigen Falls eine gute Unterſtützung zukommen zu aſſen...“ Er nahm zwanzig Kronen, eine nach der andern, von dem Tiſche, zählte ſie in ſeine Hand, betrachtete ſie lange wie betrübt und murmelte dann, während er ſie in ſeinen Hoſenbund gleiten ließ: „Zwanzig Kronen? Das iſt ſchrecklich viel; aber es kann meine arme blinde Mutter glücklich machen. Ich habe da in meinem Gürtel ein geheimes Beu⸗ telchen; darin will ich meiner Mutter Antheil auf⸗ bewahren.“ Sein Auge richtete ſich von Neuem auf das Geld, welches auf dem Tiſche glänzte. Der Anblick des Geldes ſchien ihn aber zur Traurigkeit zu ſtimmen. wenn die zweihundert Kronen ausgehen wollen!... Doch iſt darauf nicht viel zu trauen: der Nachrichter 220 könnte ihm wohl früher den Kopf vor die Füße le⸗ gen! In dieſem Fall wird es mir nicht beſſer er⸗ gehen! Die Armuth wird mich aus Deutſchland ja⸗ gen und nöthigen, nach Italien oder den Nieder⸗ landen zurückzukehren. Anſtatt reich zu ſein und luſtig zu leben, liefe ich ſo unfehlbar dem Wolf in den Rachen; der Galgen oder das Rad wäre mein wohlverdientes Ende... Vieleeicht eatdeckt man nicht, wer den Mord an Signor Geronimo verübt hat. Dann kann ich ruhig zurückkehren; und mein Herr wird mich freundlich aufnehmen, auch aus Furcht, ich möchte ſein Geheimniß offenbaren. Dieß hängt größtentheils von der Pünktlichkeit in Vollbringung der Aufgabe ab, welche ich noch zu vollenden habe. Ich werde rechtſchaffen und gut meine Pflicht erfüllen. Alſo fort, der Anblick dieſes Goldes macht mir doch keine Freude mehr... Noch einen guten Schluck Wein, und dann muthig an die Arbeit!“ Er entpfropfte eine der Flaſchen und trank ſie bei⸗ nahe zur Hälfte aus. Dann raffte er, in ſich ſelbſt hinein Etwas über die Kraft und die Vorzüge dieſer Flüſſigkeit murmelnd, die Goldſtücke zuſammen, ſteckte ſie in ſeine Taſche, nahm die Lampe von dem Tiſch und ſprach, den Blick auf die Flaſchen gerichtet: „Um den Leichnam in die Grube zu werfen und die Erde darüber wieder aufzufüllen, bedarf es nur einiger Augenblicke Zeit; der Reſt meiner Aufgabe wird mich wohl über eine Stunde beſchäftigen. Es muß alſo noch auf lange von euch geſchieden ſein, nicht wahr? Ich werde euren halbleeren Kameraden zur Geſellſchaft mitnehmen: eine einzige Flaſche wird mich doch nicht hindern, meine Arbeit, wie ſich's gebührt, und Stär Er ſte barg dieſe Dann beg nach dem Das Keller au⸗ des aufge ziemlich loͦ fluß des Wahrſcheit Geiſt erhe von dem merniß un ſtigen Lie Das 2 ein convu und er er Eine nen Keller Julio den Blick undeutliche Thüre au⸗ „Himm Beben in den un zwanzig S ſtehen. C verſunken ie Füße le⸗ t beſſer er⸗ tſchland ja⸗ den Nieder⸗ t ſein und m Wolf in wäre mein man nicht, derübt hat. mein Herr Furcht, ich dieß hängt ollbringung nden habe. hht erfüllen. ht mir doch en Schluck rank ſie bei⸗ ſich ſelbſt züge dieſer nen, ſteckte dem Tiſch richtet: verfen und arf es nur r Aufgabe tigen. Es ieden ſein, Kameraden laſche wird wie ſich's 221 gebührt, abzuthun; im Gegentheil, ſie wird mir Muth und Stärke geben... alſo eilig an's Werk!“ Er ſteckte den Pfropfen auf die Flaſche und ver⸗ barg dieſelbe auf der Bruſt unter ſeinem Wamms. Dann begab er ſich mit der Lampe in der Hand nach dem Keller und ſtieg langſam die Treppe hinab. Das unterirdiſche Gewölbe, welches nach dem Keller auslief, wo Julio Geronimo's Leiche am Rand des aufgeworfenen Grabes hingeworfen hatte, war ziemlich lang. Er hatte alſo noch Zeit, um den Ein⸗ fluß des kräftigen ſpaniſchen Weines zu fühlen. Wahrſcheinlich hatte der genommene Schluck ihm den Geiſt erhellt und das Herz erfreut; denn nicht weit von dem Keller ſpottete er ſeiner vorigen Beküm⸗ merniß und ſang ſelbſt die erſten Akkorde eines lu⸗ ſtigen Liedes.... Das Wort erſtarb ihm jedoch auf ſeinen Lippen, ein convulſiwiſches Zittern ergriff alle ſeine Glieder und er erbleichte vor Schrecken. Eine andere Stimme hatte hinter der geſchloſſe⸗ nen Kellerthüre auf die ſeinige geantwortet! Julio war verſtummt und richtete bewegungslos den Blick nach dem Keller; er ſuchte Etwas von den undeutlichen Worten zu verſtehen, welche hinter der Thüre aus der Höhlung des Kellers hervorkamen. „Himmel!“ ſeufzte er,„es iſt Geronimo; er lebt!“ Bebend vor unendlicher Beſtürzung, zog er ſich in den unterirdiſchen Gang zurück und blieb etwa zwanzig Schritte von dem Keller mit gebücktem Haupte ſtehen. Er mußte ganz in peinliche Betrachtungen verſunken ſein, denn während er mit ſtarrem Blick 222 den Boden zu befragen ſchien, ſtand er da, ſo re⸗ gungslos wie ein ſteinernes Bild. Endlich ſtöhnte er ſchwer auf und ſprach bei ſich ſelbſt im Tone tiefer Bewegung: „Was bedeutet das? Der Signor ſagte wirklich, ſein Dolch habe ſich das erſte Mal an einem metal⸗ lenen Gegenſtand geſtoßen; aber die Wunde im Halſe war doch tief und breit genug. Wenn dieſe Wunde zwiſchen Haut und Fleiſch beigebracht wor⸗ den wäre?.... Was nun zu thun? Ihn leben laſſen?“ Er blieb eine kleine Weile in ſchmerzlichem Zwei⸗ fel befangen. „Unmöglich!“ ſagte er„Es wäre ein Todes⸗ urtheil für mich und meinen Herrn! Es gilt zu entſcheiden zwiſchen ſeinem Leben und dem unſrigen. Das unerbittliche Schickſal zwingt mich; mir bleibt keine Wahl... Ein einziger Stoß, und es iſt ge⸗ than! Fort, fort, nicht gezögert: mein Meſſer iſt ſcharf...“ Sein Gürtelmeſſer aus der Scheide ziehend, hielt er es unter die Augen und prüfte die Spitze davon mit dem Finger.— Ein Zittern erfaßte ihn und ein Ruf des Abſcheu's entſtieg ſeiner Bruſt. 5 „Verhängnißvoller Zuſtand!“ murmelte er.„Ei⸗ nen Menſchen, einen unſchuldigen Menſchen kaltblütig zu ermorden! Der arme Signor Geronimo, was hat er mir jemals zu Leide gethan? Ihm dieſes Meſſer in die Bruſt zu ſtoßen? O, es gebricht mir an Muth zu ſolcher Grauſamkeit!“ Vor Verzweiflung die Hände ringend, ſtieß er endlich mit heiſerer Stimme hervor: „Und Verbrechen es iſt ihm von ſeiner ich dem C des Schie Sclave de Mit eilte Julit Meſſer zw die Kellert Licht der4 Schlachtop Er bli wiederum das Herz. ſer in die Stoß das ſchaute er lichen Edel und in gre Signor des Lochs, einer Seit die andere gen waren wenigen 2 nur die He ſtanden ihr da ſein Ha war, hing Schulter. da, ſo re⸗ ach bei ſich te wirklich, nem metal⸗ Wunde im Venn dieſe racht wor⸗ Ihn leben hem Zwei⸗ in Todes⸗ s gilt zu unſrigen. mir bleibt es iſt ge⸗ Meſſer iſt hend, hielt davon mit und ein er.„Ei⸗ kaltblütig mo, was hm dieſes bricht mir ſtieß er 223 „Und dennoch, es muß, es muß geſchehen! Das Verbrechen mag mir Abſcheu und Schrecken einflößen, es iſt ihm nicht auszuweichen. Nur um den Preis von ſeinem Leben kann mein Herr dem Schaffot und ich dem Galhen entgehen... Wohlan, die Geißel des Schickſals treibt mich vorwärts; ich bin ein Sclave des Verhängniſſes... Es ſei alſo!“ Mit wankenden Schritten und wie außer ſich, eilte Julio nach dem Ende des Gangs, nahm ſein Meſſer zwiſchen die Zähne, ſteckte den Schlüſſel in die Kellerthüre, öffnete ſie und leuchtete mit dem Licht der Lampe nach der Tiefe des Kellers, um das Schlachtopfer zu entdecken, das er treffen wollte... Er blieb ſchaudernd mitten im Keller ſtehen, und wiederum drang ihm ein Gefühl von Mitleid an das Herz. Zwar hatte er beim Eintritt ſein Meſ⸗ ſer in die Hand genommen, um mit einem ſchnellen Stoß das ſchreckliche Werk zu vollbringen; aber jetzt ſchaute er mit Rührung und Beben auf den unglück⸗ lichen Edelmann, der die Arme gegen ihn ausſtreckte und in gramvollem Ton ihn um Hilfe anflehte. Signor Geronimo lag niedergeſtreckt am Rande des Lochs, das ihm zum Grabe beſtimmt war. An einer Seite ſeines Geſichts klebte vertrocknetes Blut; die andere war außerordentlich bleich, und ſeine Wan⸗ gen waren ſo hohl, daß es ſchien, als hätten dieſe wenigen Tage des Schmerzes dem armen Junker nur die Haut auf den Knochen gelaſſen. Wie irre ſtanden ihm die Augen in den tiefen Höhlen; und da ſein Hals durch die ſchmerzhafte Wunde geſchwächt war, hing ihm das Haupt kraftlos auf die rechte Schulter. Seine Kleider waren beſchmutzt und mit 224 Erde bedeckt. Deutlich war es, daß er in ſei⸗ nem Kampf gegen den Tod verzweifelnd in dem Keller herumgekrochen war, um, wenn es möglich ſein würde, ſeinem finſtern Grabe zu entfliehen. „O, wer Du auch ſein magſt, um Gottes willen, einen Tropfen Waſſers! Trinken, trinken!“ rief Ge⸗ ronimo mit ſchwacher Stimme, doch in einem Ton, der das fühlloſeſte Herz zum Mitleid gezwungen hätte. Julio ſchüttelte ſchweigend den Kopf. „Trinken, trinken!“ wiederholte der Junker. „Meine Eingeweide ſind verzehrt, mir brennen die Lungen vor dem heftigſten Durſt. Waſſer, Waſ⸗ ſer, einen einzigen Tropfen! O, rette mich von dem ſchrecklichſten Tode!“ Von Mitleid bewegt und ſeiner ſelbſt beinahe unbewußt, ſteckte Julio die Hand in ſein Wamms, holte die Flaſche hervor, entpfropfte ſie und reichte ſie, ohne ein Wort zu ſprechen, dem leidenden Edel⸗ mann. Dieſer ließ einen Schrei der Freude durch den Keller ertönen, faßte die Flaſche mit fieberiſcher Kraft und küßte frohlockend die Hand, welche ihm den rettenden Trank dargeboten hatte. Julio trat wieder zurück und ſtarrte mit klopfen⸗ dem Herzen den armen Edelmann an, der bebend vor Freude ſich den Wein in den Mund goß, als müßte er mit der Flüſſigkeit ſeinem Herzen neues Leben zuführen. Und wirklich ſchien Geronimo, nachdem er einen langen Zug genommen hatte, mit mehr Kraft be⸗ ſeelt; denn ein ſanftes Lächeln zeigte ſich auf ſeinem Geſicht, und ſeine Augen glänzten vor lebhafter Er⸗ regung, wo len ließ un „O, G. von dem f der Himmel ſten Gericht Leben lang mich geblen biſt Julio, Dieſe 6. plötzlich mit Kopf ganz ſem, muthlo „Julio, riſſen hat!“ Den Kop Meſſer in In „Dieß I 9, Du komn vor Schrecker „Es iſt ſ Julio mit Stimme;„i nehmen; abe freiwillig und mir bebt das unſäglichen 2 „Ah, Du erbarmen!“ r. „Unmögli herrſcht uns Tode und mie Conſeiene er in ſei⸗ d in dem es möglich iehen. tes willen, „ rief Ge⸗ inem Ton, gezwungen unker. r brennen ſſer, Waſ⸗ von dem ſt beinahe Wamms, und reichte nden Edel⸗ ‚zude durch fieberiſcher belche ihm iit klopfen⸗ er bebend goß, als zen neues n er einen Kraft be⸗ auf ſeinem hafter Er⸗ 225 regung, während er die Flaſche auf den Boden fal⸗ len ließ und mit aufgehobenen Händen rief: „O, Gott ſegne Dich! Dank, dank, Du haſt mich von dem ſchrecklichſten Martertod gerettet! Möge der Himmel meine Bitte erhören und Dir beim jüng⸗ ſten Gerichte all' das Gute zurechnen, das ich mein Leben lang gethan haben mag!... Das Licht hat mich geblendet; mein Geſicht kehrt zurück... Du biſt Julio, nicht wahr?“ Dieſe Erkennung ſchien jedoch den Edelmann plötzlich mit Schrecken zu erfüllen; denn er ließ den Kopf ganz auf die Seite fallen und flüſterte in lei⸗ ſem, muthloſem Ton: „Julio, Julio, der mich in den Zwangſtuhl ge⸗ riſſen hat!“ Den Kopf von Neuem erhebend, bemerkte er das Meſſer in Julio's Hand und begann plötzlich zu zittern. „Dieß Meſſer, das mir in die Augen funkelt? 9, Du kommſt, um mich zu tödten!“ wimmerte er, vor Schrecken zurückweichend. „Es iſt ſo, wie Ihr ſagt, Signore,“ antwortete Julio mit einer auffallenden Betrübniß in der Stimme;„ich bin gekommen, Euch das Leben zu nehmen; aber glaubt nicht, daß ich dieſen Auftrag friwwillig und kaltblütig vollbringe: im Gegentheil, nir bebt das Herz vor Mitleid, und ich fühle einen unſäglichen Abſcheu vor dem grauſamen Schlag...“ „Ah, Du biſt nicht mitleidlos; Du wirſt Dich meiner erbarmen!“ rief Geronimo mit aufgehobenen Armen. „Unmöglich!“ fuhr Julio fort,„das Schickſal be⸗ herrſcht uns Beide: es hat Euch unwiderruflich zum Tode und mich zur Unmenſchlichkeit beſtimmt. Alles Conſeience, Simon Turchi. 15 226 Bitten iſt nutzlos; Nichts kann Euer Leben retten . Ich flehe Euch an, Signore, macht mir die ſchmerzliche Aufgabe nicht noch ſchwerer, unterwerft Euch geduldig dem Looſe, dem nicht zu entfliehen iſt.“ Ein lauter Schrei entwand ſich Geronimo's Bruſt, als die kalten Worte Julio's ihm die Ueber⸗ zeugung beibrachten, daß alle Hoffnung verloren war. „Mein Gott!“ rief er;„ſo ſoll es alſo wahr ſein und dieſe finſtere Höhle mein Grab werden! Ich ſoll ſterben ohne Beichte! Meine Gebeine werden nicht in geweihter Erde ruhen! O, Gnade, Gnadel“ „Das Schickſal übt ein erbarmungsloſes Gericht,“ antwortete Julio,„und ich habe mehr als Ihr über deſſen Grauſamkeit zu klagen. Ihr werdet wenig⸗ ſtens dort oben den Lohn der Unſchuld finden; ich muß mich hier belaſten mit einer Uebelthat, die mir unwiderſtehlich aufgedrungen wird und mir Schrecken einflößt; die aber nichts deſtoweniger dort oben ſchreckliches Zeugniß gegen meine arme Seele ab⸗ legen wird... Nein, nein, Signore, laßt keine trügeriſche Hoffnung in Eurer Bruſt aufkommen; es iſt keine Hoffnung mehr. Ehe ich von hier weggehe, muß dieß Grab Euren Leichnam umfaſſen. Wemn ich nicht gleich bei meinem Eintritt den traurigen Auftrag vollbracht habe, ſo geſchah es zum Theil, weil ein unwiderſtehliches Mitleid meinen Arm lähmte, mehr aber noch, weil ich Euch Zeit laſſen wollte, noch ein letztes Gebet zu ſprechen..... Alſo be⸗ reitet Eure Seele zu der letzten Reiſe. Ich will warten, geduldig warten, als wäre es ein Viertal Uhr. Betet mit Ruhe des Geiſtes; ich werde Cuch nicht überraſchen durch einen plötzlichen Tod.“ Mit den Bode ſetzte ſich Ecke des Der Worte Ju oder eiger blieb er! ſein ſchrech genommen des Todes „Ach, nicht wahr Freund, ſie Deine Füß Kniee umfe O, ich bei mich leben; Auf de Boden wo Julio zukrit aus der S mit der Ha Indem ſtieß, richtet wieder zurü wie erſchöp Erde nieder in bittere T Die ſchu Bruſt des Luft machten Leben retten acht mir die , unterwerft atfliehen iſt.“ Geronimo's n die Ueber⸗ derloren war. s alſo wahr rab werden! beine werden ide, Gnade!“ Zſes Gericht,“ als Ihr über verdet wenig⸗ d finden; ich that, die mir mir Schrecken r dort oben te Seele ab⸗ e, laßt keine ifkommen; es hier weggehe, ſſen. Wemn en traurigen s zum Theil, Arm lähmte, laſſen wollte, .. Alſo be⸗ ſe. Ich will s ein Viertel ) werde Euch Tod.“ 227 Mit dieſen Worten ſtellte den Boden, ſteckte ſein Meſſer in die Scheide und ſetzte ſich auf einen Holzklotz nieder, der in einer Ecke des Kellers lag. Der Edelmann, vernichtet durch die eiskalten Worte Julio's, hatte den Kopf völlig auf die Bruſt, oder eigentlich zur Seite fallen laſſen. Eine Weile blieb er bewegungslos und ſtumm, als hätte er ſein ſchreckliches Loos mit völliger Unterwerfung an⸗ genommen. Bald regte ſich jedoch der Schrecken des Todes mit neuer Kraft in ihm. „Ach, es iſt unmöglich!“ rief er.„Nein, nein, nicht wahr, Du wirſt mich nicht ermorden? Julio, Freund, ſieh', ich will kriechen vor Deinem Angeſicht, Deine Füße benetzen mit meinen Thränen, Deine Kniee umfaſſen: Du wirſt Dich erweichen laſſen... O, ich beſchwöre Dich bei Deinem Seelenheil, laß mich leben; tauche Deine Hände nicht in mein Blut!“ Auf den Knieen und mit den Händen auf dem Boden wollte der unglückliche Junker wirklich auf Julio zukriechen; doch dieſer zog ſein Meſſer wieder aus der Scheide und machte ein drohendes Zeichen mit der Hand. Indem er einen Schrei der Verzweiflung aus⸗ ſtieß, richtete Geronimo ſich auf und wankte zitternd wieder zurück bis an den Rand der Grube, wo er, wie erſchöpft an Kräften, den Kopf auf die kühle Erde niederfallen ließ und über ſein klägliches Loos in bittere Thränen ausbrach. Die ſchwachen Seufzer, die aus der beklemmten Bruſt des Edelmanns zwiſchen ſeinen Thränen ſich Luft machten, waren ſo ſchmerzhafter Art, ſo herz⸗ 15* Julio die Lampe auf 228 zerreißend und ſo eindringlich durch den jammer⸗ vollen Ton, womit die Todesfurcht ſie beſeelte, daß Julio bis in's Innerſte dadurch gerührt wurde und unbewußt ſich ſelbſt eine Thräne aus dem Auge wiſchte. Mit tiefem Mitleid in der Stimme ſagte er: „Nun, Signore, beruhigt Euch, beugt Euch mit Gelaſſenheit unter das unerbittliche Joch des Ge⸗ ſchicks. Wenn man gelebt hat wie Ihr, in Gottes⸗ furcht und Rechtſchaffenheit, dann iſt der Tod nur ein Uebergang in ein beſſeres Leben!“ Ein durchbohrender Laut, wie ein Schrei der Entrüſtung, miſchte ſich unter das ſchmerzliche Stöh⸗ nen des Edelmanns. „Ja, ja,“ fuhr Julio fort,„ich begreife es wohl: Ihr glaubt, mein Mitleid ſei nichts als ein grau⸗ ſamer Spott; Ihr beſchuldigt mich der Unmenſchlich⸗ keit, nicht wahr? Und bis in das Grab werdet Ihr den Henker verfluchen, der Euch nach eigenem Wihen und eigener Wahl das Leben nahm? Wehe, Signoöre, mir iſt weder Wahl noch Wille gelaſſen. Morgen wird das Gericht dieſen Garten und auch dieſen Keller durchſuchen....“ „Morgen!“ rief Geronimo, zu einer plötzlichen Hoffnung ſich aufraffend. „Wenn ich Euch am Leben ließe, würde man Euch unfehlbar hier finden,“ ſprach Julio weiter. „Die Hoffnung entreißt Euch einen Freudenſchrei; aber ſie iſt eitel, Signore..... wenn ſie ſich ver⸗ wirklichen könnte, müßte mein Herr auf dem Schaffot ſterben, und ich mein Mitgefühl an dem Galgen büßen.“ „Julic werde mich freiſprechen „Nützt Gnade. 2 theil ich glaubt Ihr daß ich Er „Rette müßte ich knieen, und Gnade wer nicht daran kennt, Sign „Ich bin G verurtheilt ren Namen. ner Seite: ausliefern, theilten fahr könnte? Abe herrn, wa ihn das S Schande üb das Rad, de un, Signor meidliches C erklärt mir, pfangen. N. nende Grab bittliche Wah en jammer⸗ heſeelte, daß wurde und dem Auge agte er: gt Euch mit ch des Ge⸗ in Gottes⸗ er Tod nur Schrei der zliche Stöh⸗ eife es wohl: ls ein grau⸗ Inmenſchlich⸗ werdet Ihr enem Wihen he, Signore, n. Morgen auch dieſen er plötzlichen würde man ulio weiter. reudenſchrei; ſie ſich ver⸗ dem Schaffot dem Galgen 229 „Julio, ach, Julio,“ flehte der Edelmann,„ich werde mich Deiner annehmen, Dich von einer Schuld freiſprechen und dankbar belohnen.“ „Nützt nichts, Signore; das Gericht ſtraft ohne Gnade. Mein Gebieter wird erklären, welchen An⸗ theil ich an dem Verbrechen genommen habe; und glaubt Ihr wohl, die Richter werden mir vergeben, daß ich Euch in den Zwangsſtuhl geworfen habe?“ „Rette mich, ſchenke mir das Leben, Julio; und müßte ich vor den Füßen des Landvogts nieder⸗ tnieen, und müßte ich an den Kaiſer ſelbſt mich um Gnade wenden, Du ſollſt frei ausgehen, o zweifle nicht daran!“ „Es gibt noch einen andern Grund, den Ihr nicht kennt, Signore,“ erwiderte Julio mit bitterem Lachen. „Ich bin ein Flüchtling, der in Italien zum Tode verurtheilt iſt; mein Herr allein kennt meinen wah⸗ ren Namen. Bei der geringſten Untreue von mei⸗ ner Seite wird er mich verrathen und Denjenigen musliefern, die ſeit fünf Jahren nach dem Verur⸗ theilten fahnden. Ihr glaubt, daß ich Euch ſchonen könnte? Aber es iſt mein Tod und der Tod meines Herrn, was Ihr begehrt. Und welcher Tod! Für ihn das Schwert des Nachrichters und die ewige Schande über ſein Geſchlecht, für mich die Folter, das Rad, der Galgen. Klagt mich alſo nicht länger un, Signore; ſträubt Euch nicht gegen ein unver⸗ meidliches Geſchick; ſprecht Euer leptes Gebet, oder erklärt mir, Ihr ſeid bereit, den Todesſtoß zu em⸗ pfangen. Nichts kann Euch retten; was dieß gäh⸗ nende Grab Euch zeigt, iſt eine traurige aber uner⸗ bittliche Wahrheit.... Noch einmal, Signore, wendet ——— 230 Eure Andacht zu Gott und zwingt mich nicht zu Ueberraſchung oder Gewalt!“ Geronimo ſtieß einen verzweifelnden Klageruf aus. „Ach! ſterben, ſo jung, ſo unſchuldig!“ wimmerte er.„Das Licht der Sonne nicht mehr ſchauen! O, Maria, meine Geliebte, wie wirſt Du mein Schickſal beklagen! O, mein armer Oheim! Muß ein ſo ſchreck⸗ liches Unglück Deine Tage auf Erden verkürzen? Lebewohl! Lebewohl!“ Die Stimme des Edelmanns war bei dieſem letzten Scheidegruß an das Leben ſo ſchneidend und verzweiflungsvoll, daß Julio unter deren Eindruck von innigem Mitleid erbebte. Er fragte jedoch in kühlem Ton: „Ihr ſprecht Euer letztes Lebewohl, Signore? Ihr ſeid bereit?“ „Noch einen Augenblick, noch einen Augenblick!“ flehte Geronimo.„Laß mich beten!“ Die Hände faltend, beugte er das Haupt auf die Bruſt und flüſterte ein inniges Gebet; aber ob⸗ wohl er leiſe ſprach und ſcheinbar gelaſſen ſein Ge⸗ ſchick annahm, wurde es nichts deſtoweniger ſichtbar, daß ein unſäglicher Schrecken von Zeit zu Zeit ſeine Glieder erſchütterte; denn alle ſeine Nerven bebten und der Ton ſeiner gedämpften Stimme war bewegt, gebrochen und zerreißend, als wäre es ſeine Seele ſelbſt, die im Streite gegen den nahen Tod keuchend ſich abhärmte. Allmälig jedoch ſchien das Gebet dem leidenden Junker einigen Troſt oder zum Mindeſten mehr Ge⸗ laſſenheit zu gewähren; denn das fieberiſche Zittern ſeiner Gli klarer und Julio, auf ihn g daß er zu betete; ab aus dem porſtieg un Schlachtop ließ Julio murmelte: „Alle 1 die Kraft 1 zu vollbrin Ein Ru als er dieſe „Ach!“ Himmels, ſelben Geht Julio n weit in der nicht. Den Bl Tone der 2 „Schrec betet er fü ſoll ſein B kein Entkom Der Ed Bedenken a und Hoffnu zu den Fü ) nicht zu ageruf aus. wimmerte hauen! O, in Schickſal n ſo ſchreck⸗ verkürzen? bei dieſem eidend und en Eindruck e jedoch in Signore? lugenblickl“ Haupt auf ; aber ob⸗ en ſein Ge⸗ ger ſichtbar, u Zeit ſeine rven bebten war bewegt, ſeine Seele dod keuchend m leidenden in mehr Ge⸗ iſche Zittern 231 ſeiner Glieder hörte auf und ſeine Stimme wurde klarer und ruhiger. Julio, der, außer ſich vor Bewegung, die Augen auf ihn gerichtet hielt, glaubte jetzt zu verſtehen, daß er zu Gott um Vergebung für ſeine Feinde betete; aber als auch ſein Name in flehendem Ton aus dem Munde des Edelmanns zum Himmel em⸗ porſtieg und er deutlich hörte, daß das unglückliche Schlachtopfer für die Seele ſeines Mörders bat, da ließ Julio das Meſſer aus der Hand fallen und murmelte mit einem tiefen Seufzer: „Alle meine Standhaftigkeit iſt dahin! Ich fühle die Kraft nicht mehr in mir, die grauſame Aufgabe zu vollbringen....“ Ein Ruf ängſtlicher Freude entſchlüpfte Geronimo, als er dieſe Worte aus Julio's Munde vernahm. „Ach!“ rief er,„es iſt eine Stimme des Himmels, die in Deinem Herzen ſpricht. Gib der⸗ ſelben Gehör. Erbarmen, Erbarmen, laß mich leben!“ Julio weilte, wie es ſchien, mit ſeinen Gedanken weit in der Ferne, denn er hörte des Junkers Bitte nicht. Den Blick zu Boden geſchlagen, murmelte er im Tone der Verzweiflung: „Schrecklicher Zuſtand! Am Rande des Grabes betet er für das Heil meiner Seele..... Und ich ſoll ſein Blut vergießen?.... Aber, aber, es iſt kein Entkommen, es muß, es muß geſchehen....“ Der Edelmann bemerkte, daß Julio gegen ſeine Bedenken ankämpfte. Beinahe erliegend vor Angſt und Hoffnung, ſank er zu Boden und bemühte ſich, zu den Füßen ſeines Feindes ſich hinzuſchleppen; manns bemerkte. Er raffte ſein Meſſer vom Boden auf, ergriff die Lampe und ſprach mit bekümmerter Stimme, wäh⸗ rend er ſich nach der Thüre wandte, um den Keller zu verlaſſen: „Vergeblich, Signore, das Verhängniß iſt mäch⸗ tiger als wir; und wie ſehr wir beide gegen den unabwendbaren Spruch uns ſträuben, vollzogen muß er ſein! Der Anblick Eures Schmerzes hat mir den Muth benommen.... Ich gehe, meine Kräfte wieder zu ſammeln..... Ich kehre ſogleich wieder zurück. Haltet Euch bereit dann; denn in weniger als einem Augenwink wird dießmal Alles vollbracht ſein.... Er ſchloß die Thüre oben und entfernte ſich lang⸗ ſam durch den unterirdiſchen Gang. Oben in dem Zimmer angekommen, ſetzte er die Lampe auf den Tiſch, kreuzte die Arme über der Bruſt und ſchaute lange Zeit bewegungslos zur Erde. Er ſtampfte mit den Füßen vor Verdruß und mur⸗ melte verzweiflungsvolle Worte, ſchlug ſich mit der Fauſt gegen die Stirne, heulte vor ÜUndeguld über die Widerſpenſtigkeit ſeines Geiſtes, der ihm allen Rath weigerte. Dann begann er, müde der quälen⸗ den Gedanken und wie von heftigen Zuckungen ge⸗ trieben, im Gemach auf und ab zu laufen. Er ballte die Hände zu zornigen Geberden, blieb ſtehen, lief von Neuem hin und her, bis er endlich, erſchöpft an Kräften, mit einem tiefen Seufzer auf den Stuhl am Tiſche niederſank. Still daſitzend, ſchaute er mit ſtarrem Blick in dieſer aber erſchrack, als er die Abſicht des Edel⸗ den fernſ leeren Ra fragen. Angſt und Geſichtszü Nothwend verſtändlic Auflehnun ſein Gehir ſeinen Zu ſein!“ gri ungefähr nicht fern Er betrach darauf ſch bildete ſich pen und e Plötzlie ſchluß gefa ſie und tr Keuchend dann die? Zu Be Julio den ſeinen Gei Zeit ſtill ſi Als er Flaſche an lebhaften? in ſonderbe Kaum Flaſche hit t des Edel⸗ „ergriff die mme, wäh⸗ den Keller iß iſt mäch⸗ gegen den llzogen muß 8 hat mir neine Kräfte leich wieder in weniger 8 vollbracht te ſich lang⸗ ſetzte er die e über der os zur Erde. ß und mur⸗ ſich mit der deguld über ihm allen der quälen⸗ ickungen ge⸗ n. Er ballte ſtehen, lief ), erſchöpft f den Stuhl em Blick in 233 den fernſten Winkel des Gemachs und ſchien den leeren Raum über das, was zu thun war, zu be⸗ fragen. Mancherlei Regungen des Verdruſſes, der Angſt und der Wuth verzerrten der Reihe nach ſeine Geſichtszüge. Er kämpfte verzweifelnd gegen die Nothwendigkeit des Mords und ſtieß bald eine un⸗ verſtändliche Klage aus, bald ein bitteres Wort der Auflehnung gegen das Geſchick; aber wie er auch ſein Gehirn anſtrengte, kein einziger Strahl erhellte ſeinen Zweifel, und das unerbittliche„Es muß ſein!“ grinste immer ſpottend ihm entgegen. Von ungefähr fiel ſein Blick auf die zwei Flaſchen, die nicht fern von der Lampe auf dem Tiſch ſtanden. Er betrachtete dieſelben zuerſt gleichgültig, aber bald darauf ſchienen ſie ihm Etwas zu ſagen, denn es bildete ſich eine Art frohen Lächelns auf ſeinen Lip⸗ pen und er nickte beſtätigend mit dem Kopfe. Plötzlich, als hätte er einen entſcheidenden Ent⸗ ſchluß gefaßt, ergriff er eine der Flaſchen, entpfropfte ſie und trank davon, bis ihm der Athem ausging. Keuchend ſetzte er einen Augenblick ab und trank dann die Flaſche bis auf den letzten Tropfen aus. Zu Boden ſchauend und bewegungslos ſchien Julio den Einfluß abzumeſſen, welchen der Wein auf ſeinen Geiſt ausüben würde. So blieb er lange Zeit ſtill ſitzen. Als er wieder den Kopf erhob und die andere Flaſche angriff, waren ſeine Wangen von einem lebhaften Roth gefärbt und ſeine Augen funkelten in ſonderbarem Glanze. Kaum hatte er die größere Hälfte der zweiten Faaſche hinuntergeſtürzt, ſo zog er ſein Meſſer aus der Scheide, nahm die Lampe vom Tiſch und ſchritt nach der Treppe des Kellers, während er bei ſich ſelbſt murmelte: „Nun wird es mir nicht an Muth gebrechen! Keine Worte mehr; ein einziger Stoß, und es iſt zu Ende!... In den Rücken muß ich ihn treffen: ſeine Bruſt iſt durch Metall geſchützt....“ Er ſtieg haſtig die Treppe hinab, lief durch den unterirdiſchen Gang und öffnete die Kellerthüre. Ohne zu ſprechen, ſtellte er die Lampe auf den Bo⸗ den und trat mit drohend erhobenem Meſſer gerade auf den armen Geronimo zu, der wimmernd die Hände ausgeſtreckt hielt, als wollte er den Mörder abwehren. Als er ſeinem Schlachtopfer bis auf ein paar Schritte nahe gekommen war, entſchlüpfte Julio ein Schrei der Verwunderung, und er blieb plötzlich ſtehen, als wäre er durch einen unerwarteten An⸗ blick gelähmt worden. Er ſchaute fragend auf einen Gegenſtand, den Geronimo in der ausgeſtreckten Hand hielt, als glaubte er in demſelben Schutz gegen den tödtlichen Schlag zu finden. Es war eine runde kupferne Platte, mit einem Kreuz und andern Zeichen in der Mitte, und hing an einer dünnen ſtählernen Kette, die über die Hand des Edelmanns niederfiel. Julio ſprang, vergeſſend weßhalb er hieher ge⸗ kommen war, herzu, ergriff das ſonderbare Bild, hielt es vor die Augen, wendete und drehte es und rief dann verwirrt: „Himn bedeutet de Geroni des Todes konnte; er drohenden „Spree dieſes Am „In A melte der „In A rief Julio, „Moſta Dieſer liche Wirkt und rief: „There blinden M „Alſo ronimo.„ nende Gra Dank, Da erhört!“ Aber 2 zu achten, ſagte träur „Dieſes in den Ge meine Mut ſehe mich ſ des Laſter⸗ Großvater und ſchritt er bei ſich gebrechen! und es iſt hn treffen: durch den Kellerthüre. if den Bo⸗ ſſer gerade mernd die en Mörder ein paar Julio ein eb plötzlich arteten An⸗ tand, den hielt, als tödtlichen mit einem und hing r die Hand hieher ge⸗ bare Bild, hte es und 23⁵ „Himmel! dieſes Amulet in Euren Händen! was bedeutet das, Signore? Woher habt Ihr dieſes Bild?“ Geronimo war noch zu ſehr von der Erwartung des Todes erregt, als daß er ihm gleich antworten konnte; er ſchnappte nach Athem und ſchien mit einer drohenden Ohnmacht zu ringen. „Sprecht, ſprecht, woher? Von wem habt Ihr dieſes Amulet bekommen?“ wiederholte Julio. „In Afrika.... von einer blinden Frau,“ ſtam⸗ melte der Junker faſt unverſtändlich. „In Afrika? Welches war der Name dieſer Frau?“ rief Julio, zitternd vor Ungeduld. „Moſtajo, Thereſa Moſtajo....“ Dieſer Name brachte bei Julio eine außerordent⸗ liche Wirkung hervor. Er hob die Hände empor und rief: „Thereſa Moſtajo! Er iſt der Erlöſer meiner blinden Mutter!“ „Alſo wirſt Du mich leben laſſen!“ ſeufzte Ge⸗ ronimo.„Es iſt alſo noch Hoffnung? Dieſes gäh⸗ nende Grab wird ſich nicht über mir ſchließen? O, Dank, Dank, barmherziger Gott, der mein Gebet erhört!“ Aber Julio hielt, ohne auf des Junkers Worte zu achten, das Auge auf das Amulet gerichtet und ſagte träumeriſch: „Dieſes Bild ruft mir das Dorf meiner Geburt in den Geiſt zurück; ich ſehe meinen Vater ſelig, meine Mutter, meine Jugend, meine Freunde, ich ſehe mich ſelbſt, ehe der Leichtſinn mich auf den Pfad des Laſters und der Sünde geführt hat. Mein Großvater brachte das Zeichen mit von Jeruſalem; es hat meinen Vater in vielen Gefahren beſchirmt; es hat meine Mutter von einem gewaltſamen Tod gerettet. Und Ihr, Signore? Das Amulet war es, welches den Dolch meines Herrn hinderte, Euch die Bruſt zu durchbohren! Wunderbare, geheimnißvolle Macht, die drohend ſich zwiſchen das Schlachtopfer und ſeinen Mörder ſtellt!“ Unter dieſen Worten hatte er ſich dem Edelmann genähert, um ihm das Amulet zurückzugeben. Die⸗ ſer umfaßte ſeine Kniee und rief flehend aus: „Julio, ach, laß' mich nicht in dem ſchrecklichen Zweifel! Sage mir, daß Du mich nicht tödten willſt. Laß ihn Gnade finden vor Deinen Füßen, den Men⸗ ſähe⸗ deſſen Namen Deine blinde Mutter geſegnet at!“ „Beruhigt Euch, Signore,“ antwortete Julio. „Seid ohne Furcht für Euer Leben. Ehe ich einen einzigen Tropfen Eures Blutes vergöße, brächte ich lieber mein Haupt dem Landvogt, zur Buße für mein ſchuldvolles Leben.... Meine Sinne ſind ver⸗ wirrt; es iſt dunkel in meinem Gehirn. Laßt mich ein wenig überlegen; ich werde vielleicht klar ſehen in dem Räthſel unſeres Zuſtandes. Aber ſtört mich nicht, ich bitte Euch!“ Er wich einige Schritte zurück und ließ ſich, mit dem Kopf in den Händen, auf den Holzklotz nieder, der ihm bereits zum Sitzen gedient hatte. So ver⸗ harrte er lange im Nachdenken, ohne daß eine ein⸗ zige Geberde, oder der geringſte Laut ſeine Gemüths⸗ bewegung verrieth. Geronimo hielt einige Zeit ſchweigend und mit einem Lächeln glücklicher Erwartung das Auge auf ihn geric Ausdruck habe die Darin irr die Augen „Jetzt Euch rette daß ich de werdet E⸗ müſſen. iſt noch la⸗ Euch dieſe tung mein bruch des Lande en werde ich heit ſetzen. meinen E mir wiede mich nun Stunde E Geronf „O, T zu Gott fü gleichwie .... Eir von Deine nicht.“ „Nun, „Es iſt keln Grabe weiß es ni beſchirmt; ſamen Tod let war es, 2, Euch die heimnißvolle ſchlachtopfer Edelmann ben. Die⸗ aus: ſchrecklichen ödten willſt. „den Men⸗ er geſegnet tete Julio. e ich einen brächte ich Buße für te ſind ver⸗ Laßt mich klar ſehen ſtört mich ß ſich, mit lotz nieder, So ver⸗ ß eine ein⸗ Gemüths⸗ d und mit Auge auf ihn gerichtet; endlich aber nahm ſein Geſicht den Ausdruck unruhiger Beſorgniß an; ihm dünkte, Julio habe die Augen geſchloſſen und ſei eingeſchlafen. Darin irrte er ſich jedoch, denn Julio öffnete endlich die Augen, ſtand auf und ſagte: „Jetzt ſehe ich doch ein Bischen Licht. Ich will Euch retten, Signore; aber es ſcheint mir unnöthig, daß ich darum an den Galgen gehängt werde. Ihr werdet Euch noch bis zur Morgenſtunde gedulden müſſen. Es wird jetzt neun Uhr Abends ſein. Es iſt noch lang, ich weiß es. Wie dem ſei, Ihr müßt Euch dieſem Verzug unterwerfen. Es iſt zur Erhal⸗ tung meines Lebens nothwendig. Morgen, mit An⸗ bruch des Tages, will ich aus der Stadt und dem Lande entfliehen. Im Augenblick meiner Abreiſe werde ich Euch aus dem Keller bringen und in Frei⸗ heit ſetzen.... Nein, nein, bittet nicht; verſucht nicht, meinen Entſchluß umzuſtoßen; der Zweifel möchte mir wieder das Meſſer in die Hand geben! Laßt mich nun gehen, Signore, und wartet ruhig die Stunde Eurer Erlöſung ab.“ Geronimo faltete die Hände und murmelte zitternd: „O, Dank, Dank! Ich werde mein Leben lang zu Gott für Dich beten, auf daß er Dir gnädig ſei, gleichwie Du Barmherzigteit gegen mich geübt haſt .... Eine Gunſt, eine Wohlthat möchte ich noch dan Deiner Gutherzigkeit erflehen, aber ich wage es nicht.“ „Nun, ſprecht, Signore, was begehrt Ihr?“ „Es iſt ſchon lang her, daß ich in dieſem dun⸗ keln Grabe vom Tode erwachte: Tage, Wochen, ich weiß es nicht. Durſt und Hunger verzehrten meine Eingeweide. den labenden Trank gegoſſen; aber nun ſchreit mein Körper nach Nahrung.... Ach, einen einzigen Biſſen Brodes!“ „Brod?“ wiederholte Julio überraſcht.„Es gibt nichts Genießbares im Garten.“ Der Junker ſchaute bittend Julio in's Angeſicht. „Wohlan,“ ſprach dieſer;„es iſt noch nicht ſo ſpät. Ich will ausgehen, um zu ſehen, ob ich ir⸗ gendwo noch einen Laden offen finde. Alſo bald. Haltet Euch ſtill und bleibt ruhig, Signore....“ Er hob die Lampe vom Boden auf, verließ den Keller, verſchloß ſorgfältig die Thüre oben und ſchritt langſam durch den unterirdiſchen Gang. Oben angekommen, ſtellte er das Licht auf den Tiſch, ſchlug die Arme über einander und murmelte in Gedanken: „Stupendo!*) Wie wunderbar! Der junge Kaufmann, der meine Mutter mit Gefahr ſeines eigenen Lebens gegen die Grauſamkeit der Mahome⸗ daner vertheidigte, der ihr die Freiheit erkaufte und ſie aus der Sclaverei erlöste.... der junge Kauf⸗ mann war Signor Geronimo! das Amulet ſtellte ſich durch eine geheime Kraft zwiſchen ſeine Bruſt und den Dolch ſeines rachſüchtigen Feindes.... und im Augenblick, da ich ſein Blut zu vergießen im Begriff war, iſt das Amulet wieder da, um meinen Arm zu lähmen! Unbegreiflich!“ Nachdem er eine Weile ſtillſchweigend den Kopf *)„Erſtaunlich!“ A. d. U. Du haſt mir Leben in die Bruſt durch geſchüttel Richtung trank ſie „Es Aufregun habe gen zu ſein; als ſtänd ich doch, ein wenig mein Her ſoll? Es aber ich hundert F anzufange ſelbſt unte zuſchauen einmal i Bah, we es hinder mir, uns widerfahre lichen Ede verlangt! holen, un heit, um Wein in Man wir früh ſchlo gehen!. verleiten Ha, ha, b Bruſt durch ſchreit mein nzigen Biſſen ht.„Es gibt 's Angeſicht. noch nicht ſo 7, ob ich ir⸗ Alſo bald. rore.... G verließ den en und ſchritt eicht auf den nd murmelte Der junge efahr ſeines der Mahome⸗ erkaufte und junge Kauf⸗ et ſtellte ſich Bruſt und ... und im n im Begriff nen Arm zu d den Kopf 239 geſchüttelt hatte, nahmen ſeine Gedanken eine andere Richtung an. Er ergriff die halbleere Flaſche und trank ſie aus. „Es iſt recht ſonderbar,“ fuhr er fort,„wie die Aufregung den Eindruck des Weines dämpft. Ich habe genug davon getrunken, um ganz von Sinnen zu ſein; und doch iſt es mir klar und hell im Geiſt, als ſtände ich eben vom Bette auf.... Nun fühle ich doch, daß dieſer neue Zug mir das Gehirn ein wenig erwärmt.... Alſo iſt es beſchloſſen, daß mein Herr, Signor Turchi, auf dem Schaffot ſterben ſoll? Es iſt ſchlimm genug für ihn und für mich, aber ich kann es nicht ändern.— Wenn die zwei⸗ hundert Kronen zu Ende ſind, werde ich Nichts mehr anzufangen wiſſen; die Noth wird mich zwingen, um ſelbſt unter dem Galgen mich nach andern Mitteln um⸗ zuſchauen; und wahrſcheinlich wird mein Hals doch einmal in den verhängnißvollen Strick gerathen! Bah, wenn es da oben geſchrieben ſteht, wer will es hindern, daß es geſchieht? Meinem Herrn und mir, uns Beiden wird dann nach unſerem Verdienſte widerfahren.... Aber ich vergeſſe, daß den unglück⸗ lichen Edelmann da unten nach einem Biſſen Brod verlangt! Ich muß ausgehen und Etwas zu eſſen holen, um ihn zu laben. Es iſt eine gute Gelegen⸗ heit, um unterwegs noch in aller Eile eine Pinte Wein in dem Gekrönten Schwan zu trinken. Man wird wohl noch öffnen: Spieler gehen nicht ſo früh ſchlafen. Nur eine einzige Pinte im Vorbei⸗ gehen!... denn wenn ich mich durch den Trunk verleiten ließe, wer weiß, was daraus entſtände? Ha, ha, deßhalb iſt Nichts zu fürchten: mein Leben ſteht auf dem Spiel.... Fort, ſchnell gemacht, in einer halben Stunde bin ich zurück....“ Er blies die Lampe aus, ſchritt in der Finſter⸗ niß durch den Garten und entfernte ſich von da. X. Simon Turchi war einige Zeit, nachdem die Börſe zu Ende war, in ſeine Wohnung zurückgekehrt und machte ſich fertig, wahrſcheinlich um wieder auszu⸗ gehen, denn er hatte ſein Wamms abgelegt und ein anderes von minder heller Farbe angezogen. Auch ſein Nachtmantel hing neben ihm auf einer Stuhl⸗ lehne. Der Signor ſah ſehr munter aus: er hielt den Kopf trotzig in die Höhe; ein helleres Lächeln er⸗ leuchtete ſein Geſicht, und wenn ein neuer Gedanke ihn zuweilen in ſeinen Vorbereitungen unterbrach, rieb er ſich mit triumphirender Selbſtzufriedenheit die Hände... Julio war nach Deutſchland abge⸗ gangen! Nichts hatte ſeine Reiſe verhindert! Denn es war jetzt beinahe Abend, und noch hatte man ihn nirgends in der Stadt geſehen. Simon Turchi hatte ſomit Nichts mehr zu fürchten; denn wenn man wider alles Erwarten ſeinen Garten durchſuchte und Gero⸗ nimo's Leiche entdeckte, ſo würde er nicht die ge⸗ ringſte Mühe haben, Jedermann zu überzeugen, daß Julio die Miſſethat begangen hatte. Bereits hatte Turchi durch einige unbeſtimmte Worte gegen ſeine Dienſtboten und Bekannten den Grund dazu gelegt, um die Beſchuldigung, wenn dieſelbe nö⸗ zu laſſen. Julio's nä weſenheit 1 Seinen Aeu vor ſeinen gelloſigkeit war darüben Haus verla den Ereigni Trunk Verg Herrn geſuc um den Ab zukehren. T die Bekümm ten; aber je habe er etn indem er d dem Kopf in ſelbe träume — habe er melte und b es ſei ihm vi Laſt auf de biſſen oder? Am frühe ner Bernard fahren, ob J ner Rückkehr nicht geſeher Anweſenheit auf einem T Conſcien gemacht, in der Finſter⸗ von da. m die Börſe gekehrt und eder auszu⸗ egt und ein gen. Auch iner Stuhl⸗ r hielt den Lächeln er⸗ er Gedanke unterbrach, ufriedenheit hland abge⸗ ert! Denn te man ihn kurchi hatte man wider und Gero⸗ ht die ge⸗ eugen, daß nbeſtimmte annten den ng, wenn 241 dieſelbe nöthig würde, als ſehr natürlich erſcheinen zu laſſen. Er hatte ſich nämlich ſehr unruhig über Julio's nächtliches Ausbleiben und über ſeine Ab⸗ weſenheit während des abgelaufenen Tags geſtellt. Seinen Aeußerungen zufolge hatte er den Abend zu⸗ vor ſeinen Diener ſtreng getadelt und ihm ſeine Zü⸗ gelloſigkeit und Pflichtvergeſſenheit verwieſen. Julio war darüber in Verzweiflung gerathen und hatte das Haus verlaſſen, indem er Etwas von einem drohen⸗ den Ereigniß fallen ließ. Vielleicht hatte Julio im Trunk Vergeſſenheit der ſtrengen Ermahnungen ſeines Herrn geſucht und ſaß in dieſer oder jener Schenke, um den Abend abzuwarten und nach Hauſe zurück⸗ zukehren. Dieß war die Meinung der Diener, welche die Bekümmerniß ihres Gebieters nicht begreifen konn⸗ ten; aber jetzt erklärte Turchi, ſchon ſeit einiger Zeit habe er etwas Geheimnißvolles an Julio bemerkt, indem er den gleichgültigen Burſchen zuweilen mit dem Kopf in den Händen überraſchte, während der⸗ ſelbe träumeriſch mit ſtarren Augen in's Weite ſchaute; — habe er gehört, wie Julio in der Einſamkeit mur⸗ melte und bange Seufzer ausſtieß: mit einem Wort, ſei ihm vorgekommen, als trüge Julio eine ſchwere Laſt auf dem Herzen und würde von Gewiſſens⸗ biſen oder Angſt gequält. Am frühen Morgen ſandte der Signor ſeinen Die⸗ ner Bernardo in den Garten, ſcheinbar um zu er⸗ fahren, ob Julio ſich zufällig dort befände. Bei ſei⸗ ner Rückkehr hatte Bernardo gemeldet, er habe Julio nicht geſehen, auch daſelbſt keine Spur von deſſen Anweſenheit entdeckt, außer etwa zwei leeren Flaſchen auf einem Tiſch in der Küche. Der Signor hatte Conſeience, Simon Turchi. 16 ——— ſich geſtellt, es wären die Flaſchen von ihm ſelbſt, Ein Läch⸗ oder doch auf ſeinen Befehl dahin geſtellt worden; zn, daß der und Bernardo hatte keine weitere Acht darauf ge⸗ geführt hatte geben. Simon Turchi wäre gern ſelbſt während des Ta⸗ Vaten n. ges in den Garten gegangen, um ſich zu überzeugen, NRachdem daß Julio wirklich abgereist war und ſeine Arbeit gatten ſagte ſorgfältig vollbracht hatte; aber er fürchtete, durh(he kel⸗ ſeine Gegenwart in dieſem Viertel die Aufmerkſam⸗ gege nung! keit der Diener des Landvogts zu erregen, oder viel⸗ Baufe„ leicht den Nachforſchungen beiwohnen zu müſſen, Nach in wenn man Willens war, dieſelben von Seiten des mterdrückter Gerichts auch über den Garten auszudehnen. Bei von meinem Einfall der Dunkelheit, wenn natürlicher Weiſe die Nein, S Nachforſchungen unterbrochen werden mußten, wollte den, das er nach dem Garten gehen und in den Keller hinab⸗ it, aber doc ſteigen, um zu ſehen, ob daſelbſt Alles ſorgfältig nacht Ich und genau ausgerichtet worden war. hauſe von H Die Stunde war jetzt gekommen. Da das Ta⸗ über ſagen: geslicht allmälig der Abenddämmerung zu weichen dinge zu Ver begann, mußten die Gerichtsdiener bereits ihre Nach⸗ Wohlan forſchungen eingeſtellt haben, und der Signor brauchte Vohnung zur deßhalb nicht zu fürchten, einem derſelben auf den borgener Unr Spitalwieſen zu begegnen. Wohin 1 Nachdem er den Mantel über die Schulter ge⸗ zer Landvogt worfen hatte, verließ Simon Turchi ſeine Wohnung, Ich woll wandte ſich mit leichtem Schritt und aufgeräumtem ſzer Schelde Gemüth um die Ecke der Straße und ſchlug längs zummer zu ſ des Kathelynewalls die Richtung nach der Meire ein. zen des ungl Kaum war er zur Hälfte auf der Straße, als er Was ich in der Ferne den Landvogt, Herrn Jan Van Schoon⸗ 2 hoven, auf ſich zukommen ſah. *) Welches g ihm ſelbſt, Allt worden; darauf ge⸗ end des Ta⸗ überzeugen, ſeine Arbeit btete, durch Aufmerkſam⸗ I, oder viel⸗ zu müſſen, Seiten des ehnen. Bei r Weiſe die zten, wollte beller hinab⸗ 3 ſorgfältig da das Ta⸗ zu weichen ihre Nach⸗ ior brauchte hen auf den Schulter ge⸗ Wohnung, fgeräumtem hlug längs Meire ein. aße, als er an Schoon⸗ Ein Lächeln trat auf Turchi's Angeſicht; es freute ihn, daß der Zufall ihm den Landvogt auf den Weg geführt hatte, da er dadurch Gelegenheit bekam, um von dem Erfolg der Nachſuchungen Kunde zu er⸗ halten. Nachdem beide einen höflichen Gruß gewechſelt hatten, ſagte Herr Van Schoonhoven: »Che felice evento!*) Was für eine glückliche Begegnung! Ich war auf dem Wege nach Eurem Hauſe.“ j„Nach meinem Hauſe?“ wiederholte Turchi mit unterdrückter Ueberraſchung.„Habt Ihr einige Kunde von meinem armen Freunde?“. „Nein, Signore; ich wollte mit Euch über Etwas reden, das zwar nicht von ernſtlicher Bedeutung ſt, aber doch eine Beſprechung zwiſchen uns nöthig macht. Ich könnte vielleicht auch dieſen Abend im Hauſe von Herrn Van de Werve Euch Etwas dar⸗ über ſagen; aber dort iſt der Ort nicht, um ſolche Dinge zu verhandeln.“ „Wohlan, Herr Landvogt, kehren wir in meine Pohnung zurück,“ ſtammelte Turchi mit ſchlecht ver⸗ borgener Unruhe. „Wohin wolltet Ihr gehen, Signore?“ fragte der Landvogt. „Ich wollte ein wenig ſpazieren gehen.... an der Schelde hin, um einige Zerſtreuung für den Kummer zu ſuchen, welchen ich über das Verſchwin⸗ den des unglücklichen Geronimo empfinde.“ „Was ich Euch zu ſagen habe, Signore, wird *) Welches glückliche Ereigniß! d. U. * 55 * Euren Spaziergang nicht ſtören. Ich will eine Strecke weit Euch begleiten und ſo die milde Abend⸗ luft genießen.“ Der Landvogt wandte um und ſchritt zur Seite von Simon Turchi weiter. Dieſer ſchaute, von banger Neugierde getrieben, ſeinen Begleiter fra⸗ gend an. Als Beide einige Schritte weiter waren und kein Vorübergehender ſich in ihrer Nähe befand, ſagte Herr Van Schoonhoven: „Die Sache, worüber ich mit Euch ſprechen will, würde ſolcher Vorſicht nicht bedürfen, wäre ich nicht der Landvogt, oder Euch nicht befreundet. Nun aber wird mein Auftrag durch dieſen doppelten Um⸗ ſtand ſehr peinlich, und ich halte mich verpflichtet, mir zum Voraus Eure Vergebung zu erbitten. Ihr wißt, daß meine Diener alle Häuſer, Gebäude und Gärten durchſuchen, vornehmlich auf den Spitalwieſen, wohin man Signor Geronimo zuletzt ſeinen Weg einſchlagen ſah. Der größte Theil dieſes Viertels iſt heute bis in die verborgenſten Schlupfwinkel durchwühlt worden, ohne daß man die mindeſte Spur der Miſſethat entdeckt hätte....“ Simon Turchi begriff die Abſicht und das Ziel von des Landvogts Worten. Obwohl ihm das Herz ängſtlich im Buſen klopfte, that er ſich Gewalt an, um ungezwungen zu ſcheinen, und ſagte in offe⸗ nem Ton: „Und Ihr meint, Herr Van Schoonhoven, daß man meinen Luſtgarten gleichfalls durchſuchen muß, nicht wahr? Das iſt natürlich; Niemand ſteht über dem Gericht: ein Edelmann ſo wenig, als ein Bürger.“ „Glaul Gedanken im Hauſe würde, zu guter Freu dieſer Hau hat. Die zwanzig an Bewohner Straße gel von einer als das V allein ausſ und das G Diener hal digen, ohne man Euren Wie dem n durch das des Bürgern ſtellten das durchforſcher zu ſeinen 2 „Alle d Landvogt, ihm Simon meinen Luſt gen auf der Sie wa gelangt und übergehende h will eine milde Abend⸗ itt zur Seite ſchaute, von zegleiter fra⸗ waren und tähe befand, prechen will, däre ich nicht undet. Nun oppelten Um⸗ hvverpflichtet, rbitten. Ihr Gebäude und Spitalwieſen, ſeinen Weg eſes Viertels Schlupfwinkel die mindeſte ind das Ziel hl ihm das ſich Gewalt ſagte in offe⸗ nhoven, daß hſuchen muß, nd ſteht über ein Bürger.“ 245 „Glaubt mir, Signore, daß ich niemals auf den Gedanken einer ſolchen reſpektswidrigen Nachforſchung im Hauſe eines achtbaren Edelmannes gekommen ſein würde, zumal dieſer Edelmann ſeit Jahren mein guter Freund iſt; aber ſeht, wie die Nothwendigkeit dieſer Hausſuchung ohne mein Zuthun ſich ergeben hat. Die Erſcheinung der Stadtdiener, mehr als zwanzig an der Zahl, auf den Spitalwieſen hat die Bewohner dieſes Viertels aufgeregt und auf die Straße gebracht. Die Nachforſchungen waren immer von einer großen Schaar Neugieriger begleitet; und als das Volk bemerkte, daß man Euren Luſtgarten allein ausſonderte, hat man zu ſchreien angefangen und das Gericht der Parteilichkeit beſchuldigt. Meine Diener haben, um ſich vor der Menge zu entſchul⸗ digen, ohne Zweifel geſagt, es ſei mein Befehl, daß man Euren Garten von der Durchſuchung ausnehme. Wie dem nun ſei, bereits dieſen Nachmittag gelangte durch das laute Gerücht der Vorfall zur Kenntniß des Bürgermeiſters und der Schöppen, und die Herren ſtellten das Anſuchen an mich, auch Euren Garten durchforſchen zu laſſen, um dem Volk keinen Grund zu ſeinen Beſchuldigungen zu laſſen....“ „Alle dieſe Erklärungen ſind überflüſſig, Herr Landvogt, wenigſtens ſo weit es mich betrifft,“ fiel ihm Simon Turchi in's Wort.„Man durchſuche meinen Luſtgarten ſo gut, wie die anderen Wohnun⸗ gen auf den Hoſpitalwieſen.“ Sie waren in der Nähe der Meire⸗Brücke an⸗ gelangt und ſchwiegen eine Weile, als ſie viele Vor⸗ übergehende rings um ſich herum ſahen. An dem Kirchhof von Unſerer Lieben Frau weiter hin ſchrei⸗ tend, ſprach Turchi: „Was mich an dieſer Sache ärgert und vor Verdruß beinahe zittern macht, iſt die Unehrerbietig⸗ keit, die Vermeſſenheit des Volks. Wie lächerlich und wie dumm! Sollte man nicht ſagen, daß man mich für fähig hält, meinen beſten Freund.... zu mißhandeln, zu ermorden? O, ich fühle, wie mein Blut bei dieſem ſinnloſen Argwohn ſich entzündet!“ Der Zorn von Simon Turchi war nur erheuchelt; aber er hatte mit Freude dieſe aufſteigende Leiden⸗ ſchaft zu Hülfe genommen, um die Angſt, die ihn erfüllte, zu verbergen. Er war wohl gefaßt auf die Anzeige einer Durchſuchung in ſeinem Garten; denn er hatte die Möglichkeit davon vorausgeſetzt und ſeine Maßregeln waren getroffen; aber nun regte ſich in ihm ein furchtbarer Zweifel über den Aus⸗ gang, den dieſe Hausſuchung haben könnte, und über die Art und Weiſe, wie man ſeine Erklärungen auf⸗ nehmen möchte. Der geringſte unvorhergeſehene Zu⸗ fall, der geringſte unerwartete Umſtand konnte ihn verrathen. „Es iſt ſchändlich!“ rief er, die Fauſt ballend. „Offenbar die Meinung ausdrücken, ein Edelmann wie ich könne ſich zu der Erbärmlichkeit eines Meu⸗ chelmörders erniedrigen! O, ich will mit einigen dieſer unverſchämten Leute Bekanntſchaft zu machen ſuchen, und dann wollen wir ſehen, Herr Landvogt, ob das Gericht von Antwerpen einen unſchuldigen Fremdling gegen das ehrenräuberiſche Geſchrei des Volkes zu ſchützen weiß.“ „Beruhigt Euch doch, Signore,“ ſagte Herr Van Schoonhor ſie ſcheint ſehr täuſch in Eurem Schöppen füllung, 1 mich betrif Sache nich —„Aber igung, H bar ruhige meinen Ge. ſchämtheit Pflicht und worauf ich ſuchen wert „Sagt liebt, mit: die Gericht laſſen?“ fre „Wann „Nein, nicht die g Simon ſagte dann „Morge geſchäfte a mich um J „Ich m nach dem. er hin ſchrei⸗ ert und vor Inehrerbietig⸗ Vie lächerlich en, daß man und.... zu le, wie mein ) entzündet!“ ur erheuchelt; gende Leiden⸗ ngſt, die ihn gefaßt auf die Garten; denn isgeſetzt und er nun regte er den Aus⸗ ite, und über ärungen auf⸗ rgeſehene Zu⸗ id konnte ihn fauſt ballend. in Edelmann eines Meu⸗ mit einigen t zu machen rr Landvogt, unſchuldigen Geſchrei des gte Herr Van 247 Schoonhoven.„Ich begreife Eure Entrüſtung, und ſee ſcheint mir ſehr gegründet; aber Ihr würdet Euch ſehr täuſchen, wenn Ihr glaubtet, die Hausſuchungs in Eurem Luſtgarten ſei für Bürgermeiſter und Schöppen etwas Anderes, als eine bloße Pflichter⸗ fülung, um das Volk zufrieden zu ſtellen. Was mich betrifft, ich bitte Euch als Freund, legt mir die Sache nicht übel aus.“ „Aber Ihr bedürft nicht der mindeſten Entſchul⸗ digung, Herr Landvogt,“ antwortete Turchi, ſchein⸗ bar ruhiger.„Was iſt natürlicher, als daß man meinen Garten durchſucht! Nur über die Unver⸗ ſchämtheit des Volkes ärgere ich mich. Thut Eure Pflicht und erhaltet mir Eure bisherige Freundſchaft, worauf ich ſtolz bin und die ich immer zu verdienen ſuchen werde.“ „Sagt mir, Signore Turchi, wann es Euch be⸗ liebt, mit mir in Euren Garten zu gehen, um durch die Gerichtsdiener die Hausſuchung vornehmen zu laſſen?“ fragte der Landvogt. „Wann? Es iſt mir ganz gleich.“ „Nein, wählt ſelbſt die Stunde; ich will Euch nicht die geringſte Mühe oder Störung verurſachen.“ Simon Turchi bedachte ſich eine Weile und ſagte dann: „Morgen früh habe ich unauſſchiebliche Handels⸗ geſchäfte abzumachen; die bequemſte Zeit wäre für mich um Mittag.“ „Wohlan, es ſei ſo. Alſo zwei Uhr?“ „Ja, zwiſchen zwei und drei Uhr.“ „Ich werde in Euer Haus kommen und mit Euch nach dem Garten gehen, Signore. Laßt dieſe Haus⸗ 248 ſuchung Euch nicht weiter kümmern; ſie hat nichts zu bedeuten, es geſchieht blos, daß man dem Volk 6 ſcheinbar ſeinen Willen thut. Ich werde dieſen Abend die Ehre und das Vergnügen haben, Euch im Hauſe von Van de Werve zu ſehen, Signore?“ „Ich weiß es nicht, Herr Landvogt,“ antwortete Turchi.„Die übermäßige Trauer von Fräulein Maria greift mir in's Herz und erregt mir die Sinne ſo heftig, daß ich ganze Nächte keinen Augenblick Ruhe habe. O, könnte ich dem unglücklichen Mäd⸗ chen nur den mindeſten Troſt bieten; aber was hilft es, daß ich meine Thränen mit den ihrigen miſche, wenn kein einziger Strahl die Nacht unſerer Betrüb⸗ niß erhellen kann?“ Herr Van Schoonhoven blieb ſtehen und drückte Simon die Hand. „Die innige Freundſchaft für Geronimo ehrt Euch, Signore. Wäre er Euer eigener Bruder, Ihr könntet ihn nicht tiefer betrauern. Wie edelmüthig muß Cuer Charakter ſein! Geronimo war Euer Freund, allerdings; aber er war zugleich ein Hinderniß für die Erfüllung des feurigſten Wunſches Eures Her⸗ zens. Aus Neigung zu ihm habt Ihr Eurem ſchön⸗ ſten Traum entſagt. Aber Alles wird mit dem un⸗ begreiflichen Ereigniß von Geronimo's Verſchwinden nicht unglücklich ſein. Mit der Zeit wird ſich Ma⸗ ria's Trauer vermindern; und wer könnte ihr end⸗ lich dieſen Schlag des Schickſals in Vergeſſenheit bringen, wer anders als Ihr, Signore, der nicht allein ihre Freundſchaft, ſondern auch die Achtung ihres Vaters in ſo hohem Grade beſitzt?“ „Ach, ſprechen wir nicht von ſolchen Dingen!“ feufzte Si hin, um zu ſehen „Dieß zu hegen Gott abg treuen F finden we Gott befo „Gleic Ritter ſchritt der Simon ihm ganz Dann ſich überze war. Die verſchaffen, Er hüllte in eine S die einſam nes Luſtga Er ſtee die Thüre in der Dur Im Ho eine Lamp welchem er zum Schla Zeiten die dem Luſtga ie hat nichts an dem Volk werde dieſen haben, Euch „Signore?“ “ antwortete on Fräulein nir die Sinne Augenblick klichen Mäd⸗ er was hilft rigen miſche, erer Betrüb⸗ und drückte o ehrt Euch, Ihr könntet nüthig muß zuer Freund, inderniß für Eures Her⸗ kurem ſchön⸗ nit dem un⸗ Berſchwinden rd ſich Ma⸗ nte ihr end⸗ Zergeſſenheit 2, der nicht die Achtung n Dingen!“ 249 feufzte Simon.„Ich gäbe all mein zukünftiges Glück hin, um meinen armen Freund wohlbehalten wieder zu ſehen.... aber wehe, wehe!“ „Dieß hindert mich nicht, Signore, die Hoffnung zu hegen, daß Ihr, wenn Geronimo wirklich von Gott abgerufen worden iſt, einſt den Lohn Eurer treuen Freundſchaft und Eures hohen Edelmuths finden werdet.... Alſo bis morgen um zwei Uhr. Gott befohlen Signore!“ „Gleichfalls, Herr Landvogt!“ Ritter Jan Van Schoonhoven wandte um und ſchritt der Meire zu. Simon Turchi ſchaute ihm ſinnend nach, bis er ihm ganz aus dem Geſicht verſchwunden war. Dann blickte der Signor um ſich, als wollte er ſich überzeugen, wie weit der Abend ſchon vorgerückt war. Dieſe Prüfung ſchien ihm die Gewißheit zu verſchaffen, daß er keine Zeit mehr zu verlieren hatte. Er hüllte ſich tiefer in ſeinen Mantel und bog in eine Straße linker Hand, welche ihn bald auf die einſame Spitalwieſe und vor das Pförtchen ſei⸗ nes Luſtgartens brachte. Er ſteckte den Schlüſſel in das Schloß, öffnete die Thüre und ſchritt durch den Garten, deſſen Pfade in der Dunkelheit beinahe nicht mehr ſichtbar waren. Im Hauſe angekommen, ſchlug er Feuer, zündete eine Lampe an und ſtieg hinauf in das Zimmer, zu welchem er allein den Schlüſſel beſaß, und das ihm zum Schlafgemach gedient hatte, da er in beſſeren Zeiten die Gewohnheit hatte, dann und wann in dem Luſtgarten zu übernachten. Er warf ſeinen Mantel ab und ſetzte ſich auf einen Stuhl neben dem Tiſch. Es mußten Anfangs wohl angſtvolle und pein⸗ liche Gedanken ſein, welche ihn befielen, denn ſein Geſicht zuckte krampfhaft unter dem Eindruck wech⸗ ſelnder Gemüthsbewegungen. 3 Er hatte ein kleines Fläſchchen aus ſeinem Wammſe genommen und wandte und drehte es, wie unbewußt, unter ſeinen Augen. Allmälig jedoch ſchien ſich die Finſterniß ſeines Geiſtes etwas aufzuklären. Er ſteckte das Fläſchchen wieder in die Taſche ſeines Wammſes und murmelte nach einigen Augenblicken ruhiger Ueberlegung: „Aber warum doch ſo viel Furcht und Zittern? Habe ich mich nicht auf die Hausſuchung gefaßt ge⸗ macht? Sind meine Maßregeln nicht ſorgfältig ge⸗ troffen? Was habe ich zu beſorgen? Julio iſt bereits ſo weit, daß Niemand ihn einholen kann. Findet man den Leichnam in dem Keller, wohlan, ſo werde ich Julio die Miſſethat zur Laſt legen. Meine Er⸗ klärung iſt ſo ſehr vorbereitet, daß kein Menſch einen Verdacht auf mich werfen wird.... Wer kann es jedoch wiſſen? O, der folternde Zweifel! welch ſchreckliches Würfelſpiel! Reichthum, Anſehen, Macht mit der Hand des Fräuleins Van de Werve, gegen mein Leben, gegen die Ehre meines ganzen Geſchlechts! Triumphiren und glücklich ſein, oder unterliegen und ſterben auf dem Schaffot! Wenn ich ſtehenden Fußes zu dem Landvogt ginge und Julio des Mordes anklagte? Man könnte ſo weniger mich in Verdacht ziehen.— Nein, nein, die Hausſuchung wird hier nur flüchtig geſchehen, um das Alles gel Blick in wird den werden n ben, daß Schimpf nicht, wie auf ewig Furcht ur faßt! Ste ob Julio vollbracht Er tr Flaſche W ein und l Lampe ur Unten aber als zögerte er „Wun plötzlich e aufgeregt als könnte und ſich i habt, um beben, da loſen Ueb⸗ mit der ki So fe war denne heftig, we 251 te ſich auf um das Volk zu befriedigen. Hat Julio da unten Alles gehörig abgemacht, ſo wird man ſich mit einem und pein⸗ Blick in den Keller begnügen. Meine Gegenwart denn ſein wird den Gerichtsdienern Reſpect einflößen und ſie druck wech⸗ werden nicht wagen, die Unterſuchung ſo weit zu trei⸗ ben, daß es mir als ein Zeichen des Argwohns zum zus ſeinem Schimpf gereichen könnte. Findet man die Leiche hte es, wie nicht, wie es wahrſcheinlich iſt, dann bleibt die Sache auf ewig verborgen und ich bin fortan von aller rniß ſeines Furcht und Bekümmerniß frei.... Alſo, Muth ge⸗ Fläſchchen faßt! Steigen wir in den Keller hinab, um zu ſehen, d murmelte ob Julio vor dem Abgang ſeinen Auftrag ſorgfältig ⸗ egung: vollbracht hat.“ d Zittern? Er trat zu einem hohen Schranke, nahm eine gefaßt ge⸗ Flaſche Wein heraus, ſchenkte ſich ein großes Glas rgfältig ge⸗ ein und leerte es ſtillſchweigend. Dann faßte er die iſt bereits Lampe und verließ das Zimmer. in. Findet Unten angekommen, ſchritt er auf den Keller zu; ,ſo werde aber als er den Blick in die dunkle Tiefe fallen ließ, Meine Er⸗ zögerte er und trat ein paar Schritte zurück. ein Menſch„Wunderbar,“ murmelte er,„da ergreift mich ... Wer plötzlich eine unwiderſtehliche Furcht! Ich fühle mich de Zweifel! aufgeregt und ſchrecke vor dem finſtern Loche zurück, „Anſehen, als könnten die Todten aus dem Grabe auferſtehen de Werve, und ſich rächen.... Was? Ich habe den Muth ge⸗ nes ganzen habt, um ihn lebend zu durchbohren, und ſoll jetzt ſein, oder beben, da ich mich der Stelle nähere, wo ſeine leb⸗ Atl... loſen Ueberreſte begraben liegen? Fort, fort, weg vogt ginge mit der kindiſchen Furcht!“ könnte ſo So feſt ſeine Worte auch klangen, der Signor tein, nein, war dennoch nicht ruhig, und das Herz klopfte ihm geſchehen, heftig, während er langſamen Schrittes auf's Neue — aber ſetzte endlich ſeinen Fuß auf die Treppe.... Plötzlich gerieth er in eine gewaltige Beſtürzung; er hielt ſeinen Schritt zurück und lauſchte bebend auf ein gewiſſes Geräuſch, das er oben im Hauſe zu vernehmen glaubte. „Was iſt das?“ rief er.„Täuſche ich mich nicht? Man öffnet das Pförtchen in der Mauer! Mit einem Schlüſſel? Will man mich hier überraſchen? Sollte ich verrathen ſein?“ Nachdem er einen Augenblick bewegungslos ge⸗ blieben war, ſprang er vom Keller hinweg, ſetzte das Licht auf einen Tiſch und murmelte, während ihm die Haare vor Schrecken zu Berge ſtanden: „Da öffnet man die Hausthüre! Man iſt im Hauſe. Man kommt! Himmel, was mag es ſein?“ Eine Perſon erſchien auf der Schwelle des Zim⸗ mers, wo Simon Turchi ſich befand. „»Oh, Julio, servo maledetto mio!*) Julio, es iſt Julio!“ rief der Signor im Tone der heftigſten Verzweiflung, während er wie erſchöpft auf einen Seſſel niederſank. Der Diener wankte ein wenig auf ſeinen Beinen und ſchien betrunken. Seine Wangen waren roth; die Augen ſtanden ihm verwildert im Kopf und auf ſeinen Lippen ſpielte ein Lächeln, welches erkennen ließ, daß ſeines Herrn Gegenwart ihn unangenehm überraſchte, jedoch zu gleicher Zeit die Vermuthung erregte, daß er deſſen Zorn mit völliger Ruhe ent⸗ *) O, Julio, mein verfluchter Diener. A. d. U. ſich dem Eingang des Kellers näherte. Er ſchaute ſelbſt einen Augenblick zweifelnd in die finſtere Tiefe, gegenſah. nes Waiz in ſeine 2 verbergen Nachd einem ver Simon T ſten an: „O, e trächtiger Hölle ſelb beiderſeitie kenbold, daß Du Schnell, o nieder!“ Julio melte mit „Wart ſüße Wein mich tödte daß einer hauchte; thun habe ſchaft able Dolch entt „Unve „meine ei Tropf, zu aber reize biſt Du n „Ha, Er ſchaute nſtere Tiefe, eppe.... Beſtürzung; bebend auf Hauſe zu mich nicht? Mit einem en? Sollte ungslos ge⸗ weg, ſetzte 2, während tanden: Nan iſt im g es ſein?“ e des Zim⸗ Julio, es r heftigſten auf einen nen Beinen aren roth; pf und auf s erkennen nangenehm bermuthung Ruhe ent⸗ A. d. U. 253 gegenſah. Er hatte bei ſeinem Erſcheinen ein klei⸗ nes Waizenbrod in der Hand, ſteckte es aber eilig in ſeine Bruſttaſche, als wollte er es vor dem Signor verbergen. Nachdem er eine kleine Weile ſeinen Diener mit einem vernichtenden Blick betrachtet hatte, ſprang Simon Turchi auf und fuhr ihn mit geballten Fäu⸗ ſten an: „O, es iſt zu viel! Schnöder Verräther, nieder⸗ trächtiger Schelm, woher kommſt Du? Iſt es die Hölle ſelbſt, die Dich hieher zurückführt zu unſerem beiderſeitigen Unglück? Sprich, vermaledeiter Trun⸗ kenbold, ſprich und ſuche mir einen Grund dafür, daß Du noch auf dieſem Platze biſt, anzugeben! Schnell, oder ich ſtrecke Dich leblos zu meinen Füßen nieder!“ Julio zog ſein Meſſer aus der Scheide und ſtam⸗ melte mit ſchwerer Zunge: „Wartet ein wenig, Signore. Der Wein, der ſüße Wein hat mir die Sinne verwirrt. Ihr wollt mich tödten? In der That, das wäre nicht übel, daß einer von uns hier ſeinen letzten Seufzer aus⸗ hauchte; der Henker würde dann um ſo weniger zu thun haben.... aber wer zuerſt dort oben Rechen⸗ ſchaft ablegen ſoll, dieß wird mein Meſſer oder Euer Dolch entſcheiden. Ich bin bereit....“ „Unverſchämter!“ heulte Turchi zähneknirſchend; „meine eigene Rettung und die Deinige, dummer Tropf, zwingen mich zu einer peinlichen Vorſicht; aber reize mich nicht!.... Nun, laß hören, warum biſt Du nicht unterwegs nach Deutſchland?“ „Ha, Ihr fragt mich Etwas, das ich ſelbſt nicht recht weiß, Signore. Laßt ſehen; als ich im Begriff war, abzureiſen, ging ich noch in den Gekrönten Schwanen und habe dort einige Pinten Wein ge⸗ trunken.... Dieſen Morgen erwachte ich vor einem Tiſch in dem Silbernen Würfel. Wie ich da⸗ hin gerathen bin, iſt mir unbekannt. Es war be⸗ reits zu ſpät, um zum Thor hinauszukommen. Ich beſchloß alſo, bis morgen zu warten; und jetzt will ich hier übernachten, um vor der Reiſe noch etwas auszuruhen.“ „Und Du haſt geſpielt, gewürfelt?“ fragte der Signor mit heiſerer Stimme. „Ich glaube, ja; denn das Klirren der Würfel tönt noch unaufhörlich in meinen Ohren.“ „Und das Geld? Die zweihundert Kronen?“ „Seid deßhalb ruhig, Signore. Ich begehre ge⸗ wiß Nichts von Euch. Habe ich einige Goldſtücke verzehrt oder verſpielt, was macht das Euch, wenn ich nur morgen mit Tagesanbruch nach Deutſchland gehe?“ „»Maledizione! Verdammt!“ brummte Simon Turchi verzweifelt.„Und in der erſten Schenke, die Du unterwegs antriffſt, vertrinkſt Du Deinen Ver⸗ ſtand und mein Geld, nicht wahr?“ „Nein, nein; ſeid verſichert, Signore, morgen früh reiſe ich mit Tagesanbruch ab; und trinke ich unterwegs, ſo ſoll es nur geſchehen, um den heißen du zu kühlen, der mich gleich einer Krankheit ver⸗ olgt.... Die Augen von Simon Turchi entzündeten ſich in geheimnißvoller Gluth und funkelten unter dem Eindruck eines plötzlichen Gedankens. Unmittelbar darauf ſchien er ſich zu beruhigen. Achſelzuckend ſagte er: den Wide gebenheit „Ich Rache neh mit ſeinen erwartete, heit uns Zum Glü tens bis noch kein gen; ich n angedeihen Sonnenau raſten bis „Seid Julio.„ und mit d ausgehen. ein Pferd jenige Flü wollte.... Er ſtre ſagte: „O, wi vor Müdig befehlen ha um ſo eher „Alſo, „Bekün Signore; d morgen nie im Begriff ekrönten n Wein ge⸗ vor einem Wie ich da⸗ Es war be⸗ imen. Ich d jetzt will noch etwas fragte der der Würfel rvonen?“ begehre ge⸗ Goldſtücke 9, wenn ich and gehe?“ ite Simon ſchenke, die einen Ver⸗ 2, morgen trinke ich den heißen inkheit ver⸗ deten ſich unter dem nmittelbar hſelzuckend ſagte er mit gefaßter Stimme, gleich Jemand, der den Widerwärtigkeiten ſeines Geſchicks ſich mit Er⸗ gebenheit unterwirft: „Ich ſollte wegen Deiner Treuloſigkeit eigentlich Rache nehmen. Wäre der Landvogt dieſen Morgen mit ſeinen Dienern gekommen, wie ich mit Grund erwartete, dann hätte Deine ſtrafbare Pflichtvergeſſen⸗ heit uns Beide in die Hände des Gerichts geliefert. Zum Glück hat man die Durchſuchung meines Gar⸗ tens bis morgen Nachmittag ausgeſetzt. Es iſt alſo noch kein Unheil aus Deiner Verſäumniß entſprun⸗ gen; ich will Dir alſo ehrlich meine volle Verzeihung angedeihen laſſen, unter der Bedingung, daß Du vor Sonnenaufgang die Stadt verläſſeſt und ohne zu raſten bis über den Rhein hinüber reiſeſt.“ „Seid dießmal ohne Furcht, Signore,“ antwortete Julio.„Ich werde die ganze Nacht hier zubringen und mit dem erſten Morgenſchimmer zum Thore hin⸗ ausgehen. In der nächſten beſten Stadt kaufe ich ein Pferd und laſſe es ſo ſchnell traben, daß der⸗ jnige Flügel haben müßte, welcher mich einholen wollte....“ Er ſtreckte die Arme über den Kopf aus und agte: 3„O, wie bin ich ſo ſchläfrig! Ich unterliege faſt vor Müdigkeit. Wenn Ihr mir anders Nichts anzu⸗ befehlen habt, ſo laßt mich ſchlafen gehen, Signore: um ſo eher werde ich zu rechter Zeit erwachen.“ „Alſo, Julio, ich darf mich auf Dich verlaſſen?“ „Bekümmert Euch nicht mehr um meine Abreiſe, Signore; das iſt meine Sache. Die Sonne ſoll mich morgen nicht mehr in Antwerpen finden.“ „Ganz gewiß?“ „So gewiß, als ein Strick mir über dem Kopf ſchwebt und über Euch, Signore, etwas Anderes, ebenſo drohend und unangenehm.“ 3 Bei dieſem Spott ſeines Dieners verzogen ſich Turchi's Lippen zu einem bittern Grinſen; doch be⸗ zwang er ſich ſelbſt und ſtand von ſeinem Seſſel auf. „Julio,“ fragte er,„wird Dir ein gutes Glas Malvaſier noch ſchmecken?“ „Wen fragt Ihr ſo Etwas, Signore?“ lachte der Diener.„Ich träumte eben, ein Schluck Mal⸗ vaſier würde der Trockenheit meiner Kehle abhelfen, als mein Wunſch in Eurem Geiſte ein Echo fand.“ „Ein einziges Glas: ein Abſchiedstrunk.“ „Nach Eurem Belieben, Signore; ein einziges Glas oder mehre, mir iſt Alles willkommen; aber vornehmlich der herrliche Wein, wovon Ihr oben in Eurem Gemach einige Flaſchen in dem großen Schranke eingeſchloſſen habt.“ „Wohlan, folge mir, Julio; ich will Dir einen Schluck davon einſchenken,— zum Lebewohl und einem guten Ausgang Deiner Reiſe.“ Er nahm die Lampe, ſchritt durch einen Gang und ſtieg die Treppe hinauf; der Diener folgte ihm wankend und mit den Händen ſich an der Mauer haltend. Oben in ſeinem Schlafgemach angekommen, ſagte Turchi, während er einen zweiten Stuhl an den Tiſch ſchob: „Setze Dich, Julio; hier iſt eine Flaſche; hier iſt eine bereits angebrochene Flaſche. Fürchtete ich nicht, Du würd hielt ſie; „Bah Gläſer de in Sorge Der Schranke ſchenkte ſi „Nun bekomm's Beide rend der ſchnalzte, „, mir durch Signore, Simon „Nun, warteſt, el Julio Wein gerie lächelte; o könnte er gen, gab i Inzwiſ mit einem glühte ein wiewohl zi Bosheit er Conſcie r dem Kopf s Anderes, erzogen ſich 1; doch be⸗ nem Seſſel gutes Glas re?“ lachte ochluck Mal⸗ le abhelfen, ſcho fand.“ itk.“ ein einziges imen; aber Ihr oben in en Schranke [Dir einen bewohl und einen Gang folgte ihm der Mauer nmen, ſagte ihl an den che; hier iſt ete ich nicht, 25⁵7 Du würdeſt zu feſt ſchlafen, könnten wir ſie zum Ab⸗ ſchied leeren.“ 8 Julio ſetzte ſich nieder, griff nach der Flaſche und hielt ſie zwiſchen ſein Auge und die Lampe. „Bah!“ rief er.„Es ſind vielleicht noch vier Gläſer darinnen. Es iſt der Mühe werth, deßhalb in Sorgen zu ſein.“ Der Signor hatte zwei große Römer aus dem Schranke genommen und auf den Tiſch geſtellt. Er ſchenkte ſie bis zum Rande voll und ſprach: „Nun, Julio, auf Deine glückliche Reiſe; wohl bekomm’s Dir!“ Beide leerten ihre Römer auf einmal; aber wäh⸗ rend der Diener vor Wohlbehagen mit den Lippen ſchnalzte, ſtreckte er ſein Glas aus und murmelte: „d, der göttliche Trank! Es iſt Balſam, der mir durch die verbrannte Kehle fließt. Noch eins, Signore, ich bitte Euch!“ Simon ſchenkte die beiden Römer voll und ſprach: „Nun, unter der Bedingung, daß Du ein wenig warteſt, ehe Du einen neuen Zug thuſt.“ Julio hielt mit Verlangen den Blick auf den Wein gerichtet, der ihm lockend aus dem Glaſe zu⸗ lächelte; aber die Hoffnung, durch ſeinen Gehorſam könnte er vielleicht noch einen dritten Römer erlan⸗ gen, gab ihm Kraft, ſeine Begierde zu unterdrücken. Inzwiſchen betrachtete der Signor ſeinen Diener mit einem ſeltſamen Ausdruck. In ſeinen Augen glühte ein düſteres Feuer, und ſeine Lippen ließen, wiewohl zitternd, ein bitteres Lachen triumphirender Bosheit erkennen. Auffallend war es, daß er ſeinen Conſcience, Simon Turchi. 17 258 Diener ſo abſichtlich beſpähte; aber was mochte ſein geheimes Vorhaben ſein? Plötzlich ſtellte er ſich, als wollte er nach ſeinem Glaſe greifen und warf es auf dem Tiſche um. Er ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus, ſtellte ſein Glas wieder aufrecht und ſprach: „Wie ſchade, daß ein ſolcher Wein nutzlos auf den Boden fließt! Jetzt habe ich keinen Schluck mehr, um Dir Beſcheid zu thun. Steh' auf, Julio, geh' nach dem Schranke und hole eine andere Flaſche: es iſt vielleicht doch zum letzten Mal, daß wir ſo mit einander trinken. Oben, auf dem dritten Brett; die Flaſche mit dem langen Halſe!....“ Julio erhob ſich mit Mühe von ſeinem Stuhle und tappte, ſo gut er konnte, nach dem Schranke hin, der in einer Ecke des Gemachs ſtand. Die Hand in ſeine Bruſttaſche ſteckend, holte Si⸗ mon Turchi ein kleines Fläſchchen hervor. Er goß haſtig den Inhalt davon beinahe ganz in Julio's vollen Römer, verbarg das Fläſchchen wieder, und ſagte, während er am ganzen Körper zitterte, in einem Ton, der nicht die geringſte Aufregung ver⸗ rieth: „Ein wenig höher, Julio; dort, ja, linker Hand. Das iſt ſie; bring' die Flaſche her.“ Der Diener brachte ſeinem Herrn die Flaſche und entpfropfte dieſelbe; aber im Augenblick, da er ein⸗ zuſchenken im Begriff war, ſprach er: „Nun, Julio, leere Dein Glas. Es iſt nicht derſelbe Wein; die Miſchung würde beider Geſchmack verderben.“ Julio goß den Inhalt ſeines Römers hinunter; doch er ha nen Herrn „Was bitter und ſchenkt hät „O, ch mon erblei „Ihr ſ ſchmeckt, der ſchlecht Nachder hatte, mur „In de zen Leben Aber nun Den B richtet, ſchie in ſeinem Inzwiſchen „Sorge Gehe zu F gutes Pfer! und Dieſt; daſelbſt ſich Haſt Du e Gefahr; hi Es kommer man würde Dich nicht ſchleppen m ter, über mochte ſein nach ſeinem che um. ſſchung aus, rach: nutzlos auf Schluck mehr, Julio, geh' dere Flaſche: daß wir ſo ritten Brett; inem Stuhle em Schranke ad. nd, holte Si⸗ or. Er goß in Julio's wieder, und zitterte, in fregung ver⸗ linker Hand. eFlaſche und , da er ein⸗ Es iſt nicht der Geſchmack rs hinunter; doch er hatte kaum ausgetrunken, ſo ſchaute er ſei⸗ nen Herrn mit Beſtürzung an und murmelte: „Was iſt da in meinem Glaſe? Es ſchmeckt ſo bitter und ſo fremd! Wenn Ihr mir Gift einge⸗ ſchenkt hättet!“ „»O, che pazzia, welche Dummheit!“ lachte Si⸗ mon erbleichend. „Ihr ſeid wohl im Stande dazu, Signore....“ „Der Bodenſatz der Flaſche iſt es, der bitter ſchmeckt, Julio. Komm, trink ein anderes Glas: der ſchlechte Geſchmack wird vergehen.“ Nachdem er auf's Neue ſeinen Römer geleert hatte, murmelte Julio: „In der That, es iſt vorbei. In meinem gan⸗ zen Leben habe ich ſo Etwas noch nie geſchmeckt. Aber nun iſt es hinabgeſpült und verſchwunden.“ Den Blick bewegungslos auf ſeinen Diener ge⸗ richtet, ſchien der Signor erſpähen zu wollen, was in ſeinem Gemüthe, oder in ſeinem Körper vorging. Inzwiſchen ſagte er mit erheuchelter Gleichgültigkeit: „Sorge nur, Julio, daß Du vor Tage aufwachſt. Gehe zu Fuß bis in die Stadt Lier, kaufe dort ein gutes Pferd und reiſe in aller Eile über Aerſchot und Dieſt; es iſt der kürzeſte Weg, und Du wirſt daſelbſt ſicherer ſein, als auf der großen Heerſtraße. Haſt Du einmal Cöln erreicht, ſo biſt Du außer Gefahr; hüte Dich aber wohl, in Cöln zu bleiben. Es kommen viele Kaufleute von Antwerpen dahin; man würde Dich erkennen, und wer weiß, ob man Dich nicht ergreifen und nach den Niederlanden ſchleppen würde? Du mußt weiter gehen, viel wei⸗ ter, über die Grenzen von des Kaiſers Grund und 17 260 Boden hinaus. Iſt der Vorfall einmal vergeſſen und bin ich durch meine Heirath mit Maria Van de Werve in den Beſitz eines anſehnlichen Reichthums gelangt, ſo werde ich Dich zurückrufen und eher als Freund, denn als Diener bei mir wohnen laſſen. Du wirſt ein gutes Leben führen und Dich nicht darüber zu beklagen haben, daß Du mir einen Dienſt geleiſtet haſt. Du ſagſt Nichts, Julio? Lächelt Dir ein ſo beneidenswerthes Loos nicht zu?“ „Ich unterliege, ich falle um vor Schläfrigkeit,“ ſtammelte Julio beinahe unverſtändlich und mit dem Kopf nickend, wie Jemand, der gegen überwältigen⸗ den Schlaf ankämpft. 71. Ein triumphirendes Lächeln erhellte Turchi's Angeſicht. „Morgen, um zwei Uhr Nachmittag,“ fuhr er fort,„werden die Gerichtsdiener in den Luſtgarten kommen, um Hausſuchung vorzunehmen; aber der Landvogt wird nicht geſtatten, daß man hier grabe oder etwas Anderes vornehme, was einem Verdacht gleich ſähe. Da Du den Keller mit Brennholz und leeren Fäſſern ausgefüllt haſt, wird man Nichts ent⸗ decken, und der Landvogt und ſeine Diener werden abgehen, mit der Ueberzeugung, daß hier nicht zu finden iſt, was ſie ſuchen. Vielleicht kann ich bereits binnen zwei oder drei Monaten Dich zurückrufen, Julio.“ Der Diener war mit dem Kopf auf den Tiſch geſunken: doch machte er von Zeit zu Zeit eine Be⸗ wegung und murmelte einige undeutliche Worte, welche bezeugten, daß er noch nicht eingeſchlafen war. Ohne ſeine forſchenden Augen von ihm abzu⸗ 8 wenden, f fort, obgle ſeine Worte Plötzlich Sein Kopf hätte ein Keuchen ſei Wangen zer Schlafe übe Simon im Stillen Lippen. D ner zu, ſchü „Jülio, „Geglüc frohlockend. laub und g Ner... löſchen und fängt. Jet Ha, erſt das Er öffn gefähr hund eiligſt auf d „Bereits Unmöglich! ihm vielleich und im Sch In ſein, und gelang Gürtel, wo nal vergeſſen Naria Van de n Reichthums ken und eher vohnen laſſen. d Dich nicht reinen Dienſt Lächelt Dir 2 Schläfrigkeit,“ und mit dem überwältigen⸗ ellte Turchi's ig,“ fuhr er en Luſtgarten n; aber der in hier grabe nem Verdacht rrennholz und i Nichts ent⸗ diener werden hier nicht zu an ich bereits zurückrufen, auf den Tiſch Zeit eine Be⸗ Worte, welche en war. n ihm abzu⸗ 8 261 wenden, fuhr Simon Turchi immer mit Sprechen fort, obgleich er wohl vermuthen konnte, daß Julio ſeine Worte nicht mehr hörte. Plötzlich ſtieß Julio einen hohlen Seufzer aus. Sein Kopf und ſeine Glieder wurden ſchlaff, als hätte ein plötzlicher Tod ſie befallen; aber das Keuchen ſeiner Bruſt und die lebhafte Farbe ſeiner Pangen zeigten an, daß er nur von einem ſchweren Schlafe überwältigt worden war. Simon Turchi betrachtete ihn noch eine Weile im Stillen und mit einem frohen Lächeln auf den Lippen. Dann ſprang er auf, trat auf ſeinen Die⸗ ner zu, ſchüttelte ihn heftig und ſchrie ihm in's Ohr: „Julio, Julio, erwache, Julio! „Geglückt! Geglückt nach Wunſch!“ murmelte er frohlockend.„Das Gift thut ſeine Wirkung. Er iſt jaub und gefühllos: er ruht in dem ewigen Schlum⸗ mer..... Allmälig wird das Leben in ihm er⸗ löſchen und vergehen, bis der Tod den Schlaf um⸗ ſängt. Jetzt ſchnell gemacht und Nichts vergeſſen! Ha, erſt das Geld!“ Er öffnete Julio's Taſche und fand darin un⸗ gefähr hundert und zwanzig Kronen; nachdem er ſie iilgſt auf dem Tiſche gezählt hatte, brummte er: „Bereits ſollen achtzig Kronen verſchwendet ſein? Unmöglich!.... Er hat gewürfelt; man ſtahl ſie ihm vielleicht, während er in der Schenke bewußtlos und im Schlafe dalag.“ In ſeinem Zweifel betaſtete er Julio's Kleider und gelangte endlich zu dem Beutel in Julio's Gürtel, wo dieſer die zwanzig Kronen verborgen hatte, welche von ihm zur Unterſtützung ſeiner Mutter beſtimmt worden waren. „Ha, ha,“ lachte Simon,„ich habe nicht Alles: da klingt noch Gold.“ Er legte die zwanzig Kronen zu dem übrigen Gelde und taſtete noch an Julio's Körper herum, bis er ſich überzeugt hatte, daß in ſeinen Kleidern keine andere Münze mehr verborgen war. Dann ſteckte er den Schatz in ſeine eigene Taſche. Aber während er damit beſchäftigt war, ſchoß ihm ein plötzlicher Gedanke durch den Kopf. „Wenn ich ihm dieß Geld ließe, möchte man denken, er ſei für Vollziehung des Mordes bezahlt worden; nähme ich ihm aber Alles, wie könnte man unterſtellen, er habe Signor Geronimo erſtochen, um ihn zu beſtehlen? Wie viel Geld trug wohl Gero⸗ nimo in der Taſche bei ſich? Fünf oder ſechs Kronen; zehn Kronen vielleicht. Ich will ſechs Kronen und alle die kleine Silbermünze in Julio's Taſche laſſen .... Und die Schlüſſel? Er muß ſie behalten; wie ſollte er ſonſt ohne mich hieher gekommen ſein? Aber wenn er im Todeskampf erwachte und noch die Kraft hätte, hinauszugehen? Ich werde ihm alle Schlüſſel laſſen, außer dem von der Hausthüre. Hier iſt Alles mit eiſernen Stangen verſchloſſen, er kann nicht einmal in den Garten gelangen.... Nun das EGiftfläſchchen in ſein Wamms; nein, in das Beutelchen an ſeinem Gürtel; man wird es dort ebenſo gut entdecken.... Nur die Weinflaſchen müſſen verſchwinden und Alles wird hier ſo gerichtet, daß man die Anweſenheit von zwei Perſonen nicht vermuthen kann....“ Mit haſt Römer in d zurecht und umgeſtürzten Inzwiſch „Nun iſt zu dem Land züchtigen. 2 in den Gart den. Wer nicht aus morgen früh Wann und bart?... I Hier iſt Alle und ſtellen Geiſte und 1 Er warf die Lampe hier blieb e mit frohlocken ſtieg haſtig d Unten bl. Garten, öffr der Finſterni Als Julic aus dem Kel ner Mutter licht Alles: m übrigen der herum, n Kleidern ur. Dann ſche. Aber oß ihm ein nöchte man des bezahlt könnte man ſtochen, um vohl Gero— hs Kronen; Kronen und aſche laſſen halten; wie imen ſein? und noch de ihm alle Hausthüre. hloſſen, er gen... nein, in a wird es Veinflaſchen ſo gerichtet, ſonen nicht 263 Mit haſtiger Bewegung ſchloß er die Flaſchen und Römer in den Schrank, ſtellte die Seſſel im Gemach zurecht und reinigte Tiſch und Fußboden von dem umgeſtürzten Wein. Inzwiſchen ſprach er bei ſich ſelbſt: „Nun iſt nicht mehr zu zögern; ich muß ſelbſt zu dem Landvogt gehen und Julio des Mordes be⸗ züchtigen. Dieſen Abend noch? Nein, man könnte in den Garten kommen und ihn noch am Leben fin⸗ den. Wer weiß, ob ein ſtarkes Arzneimittel ihn nicht aus dem Schlaf erwecken könnte? Morgen, morgen früh.... Aber wie die Sache erklären? Wann und wie hat Julio mir die Miſſethat offen⸗ bart?... Die Nacht wird mir Rath ſchaffen.... Hier iſt Alles vollführt; gehen wir jetzt nach Hauſe, und ſtellen wir uns vor Jedermann gelaſſen im Geiſte und unbefangen im Gemüthe.“ Er warf den Mantel über ſeine Schultern, nahm die Lampe vom Tiſch und ſchritt nach der Thüre; hier blieb er noch einen Augenblick ſtehen, ſchaute mit frohlockendem Lächeln ſein Schlachtopfer an und ſtieg haſtig die Treppe hinunter. Unten blies er das Licht aus, ging durch den Garten, öffnete das Pförtchen und verſchwand in der Finſterniß. XI. Als Julio mit dem Verſprechen, Brod zu holen, aus dem Keller gegangen war, hatte Geronimo ſich , 264 auf die Kniee geworfen, und lag in ein inniges Dankgebet verſenkt. Voll Dankgefühls gegen Gott und faſt der Freube über ſeine unverhoffte Rettung erliegend, fand der Junker vorerſt Geiſtesſtärke genug, um die Forderung ſeines Körpers zu unterdrücken und den Hunger zu bezwingen, der an ſeinen Eingeweiden nagte. Julio hatte geſagt„in Bälde....“ Aber es verfloß eine Stunde und noch eine, ohne daß die Thüre des Kellers ſich öffnete. Dann drang allmälig ein ſchrecklicher Zweifel in Geronimo's Bruſt ein. War Julio ein Unglück be⸗ gegnet? Hatte er mit unerhörter Grauſamkeit ſein Schlachtopfer verlaſſen? War er nach Deutſchland abgegangen, mit der Gewißheit, der Hunger werde demjenigen den Garaus machen, welchen ſein Meſſer verſchont hatte? Aber der unglückliche Edelmann hatte kein Mittel, um den Gang der Stunden zu meſſen. Was ihm in der unveränderlichen Finſterniß ſeines Kellers eine Ewigkeit ſchien, mochte wohl ein kurzer Zeitabſchnitt ſein, und das verheißene Brod ihm vielleicht als Stern der Rettung vor ſeinen Augen erſcheinen.. binnen einer Viertelſtunde, binnen einer Minute, ſogleich! Mit ſolchen Ueberlegungen beantwortete Gero⸗ nimo das Mahnen ſeines Körpers, bis ihn allmälig immer heftiger nach Nahrung verlangte.... Er lag mit dem Ohr am Schlüſſelloch, hielt ſeinen Athem zurück und lauſchte zitternd, ob kein Geräuſch ſeine Erlöſung ankündigen möchte.— Wehe, Nichts! Es verliefen wieder Stunden um Stunden... Beſaß C ren, ob es die immer Eingeweiden Gang der 8 Er hatt dem Gedank leißene Bro bringen un Freiheit ſche Dieſe H zuletzt gänzl zunker ſeine vurde ihm Erlöſung ſch Man ho peinlichſten Er ſollte ſt langſam ſter er leblos a ſikken würde Unter de ſprang der! keuchend und er dadurch verfolgte, en Seine l öffnen, ſein Gewalt hin Schmerz, ſe glühte unter als die Que n inniges der Freude fand der Forderung Hunger zu Zweifel in nglück be⸗ mkeit ſein heutſchland ger werde ein Meſſer iin Mittel, Was ihm ellers eine itabſchnitt lleicht als nen.... Minute, ete Gero⸗ mallmälig .. Er lag en Athem auſch ſeine ichts! Es 265 Beſaß Geronimo auch kein Mittel, um zu erfah⸗ ren, ob es Tag oder Nacht unter dem Himmel war, die immer heſtiger werdende Anſpannung in ſeinen Eingeweiden gab ihm eine Art Maaßſtab für den Gang der Zeit. Er hatte ſehr lange Troſt und Stärke aus dem Gedanken geſchöpft, Julio werde das ihm ver⸗ leißene Brod erſt mit dem Anbruch des Morgens bringen und ihm ſo zu gleicher Zeit Nahrung und Freiheit ſchenken. Dieſe Hoffnung ſchwand allmälig und verging uletzt gänzlich. Nicht länger konnte der leidende zunker ſeinen Geiſt und ſeinen Körper täuſchen: es vurde ihm klar und deutlich, daß die Stunde ſeiner erlöſung ſchon lange Zeit abgelaufen ſein mußte. Man hatte ihn demzufolge verlaſſen! ihn der peinlichſten Marter, dem ſchrecklichſten Tode geweiht! Er ſollte ſterben in den Zuckungen des Hungers, langſam ſterben und unſägliche Qual ausſtehen, bis er leblos am Rande ſeines gähnenden Grabes um⸗ ſinken würde. Unter der Laſt dieſer ſchreckbaren Ueberzeugung ſprang der Unglückliche in Verzweiflung auf und lief keuchend und heulend im Keller herum, als wollte er dadurch dem drohenden Hungertod, welcher ihn verfolgte, entfliehen. Seine leicht geſchloſſenen Wunden konnten ſich öffnen, ſein durchſtochener Hals, mit wahnſinniger Gewalt hin und her gereckt, verurſachte ihm heftigen Schmerz, ſeine gedrückte Bruſt entzündete ſich und glühte unter den ſchweren Athemzügen; aber lauter als die Qualen ſprach die Stimme in ſeinen Ein⸗ geweiden und er hörte nichts mehr als ihren Ruf nach Speiſe, und er fühlte nichts mehr, als die brennende Geißel des Hungers. Mit zuckendem Munde, die Haare zu Berge ſtehend und heulend wie ein wüthendes Thier, ſtürmte er von einer Ecke des Kellers in die andere, bis er endlich erſchöpft und halb ohnmächtig zu Boden ſank und keuchend neue Kräfte ſammelte, um kurz darauf mit noch heftigerer Raſerei ſeinen hoffnungsloſen Kampf gegen den Hungertod von Neuem zu beginnen. Bald hielt er plötzlich ſtill, mitten unter dem brennenden Fieber, das ihn vorwärts trieb. Dann ſtrich ein Lächeln über ſein krampfhaft verzerrtes Antlitz. „Julio kann noch kommen!“ war der Gedanke, der wie ein leuchtender Blitz durch ſeine finſtere Ver⸗ zweiflung hinſchoß.... Aber Julio, von Gift über⸗ wältigt, lag oben in einem tödtlichen Schlaf und ſollte vielleicht noch früher als Geronimo vor Gottes Richterſtuhl erſcheinen⸗ Unter dem Eindruck einer letzten Hoffnung hatte der Junker ſich wieder an dem Rande ſeines Grabes niedergeſetzt. Der Schmerz in ſeinen Eingeweiden ſchien erſchöpft und ließ ihm einige Ruhe; ſeine Gedanken flogen weit weg aus dem Gefängniß, da⸗ hin, wo Alles war, was er auf Erden liebte... doch einen Augenblick darnach ſtieß er einen furcht⸗ baren Schrei aus, als hätte ein geheimer Stoß ihm das Herz durchbohrt. Die Krämpfe in ſeinem Innern erneuerten ſich mit ſo intenſiver Stärke, wie ſie während ſeiner langen Marterſtunden ſich noch nie geregt hatten. Es brannt Eingeweid würde ihr Adern geg Währe krümmten, zehrende d zerreißende Nichts änd Er erf mit Gewir telte in bl kratzte ſich ſalzig ang ſeiner Fin Höhe und hätte der rung des geſchlagen. Endlich reißender nervt und ausgekämp ſinken und mit Ergeb tern Mart Denno ſein, dem Glieder, wiederkehre brach eine ſchweres E ihren Ruf r, als die zu Berge ler, ſtürmte ere, bis er Boden ſank kurz darauf nungsloſen u beginnen. unter dem eb. Dann verzerrtes r Gedanke, inſtere Ver⸗ Gift über⸗ Schlaf und vor Gottes nung hatte ies Grabes ingeweiden uhe; ſeine ngniß, da⸗ liebte... inen furcht⸗ Stoß ihm uerten ſich rend ſeiner egt hatten. 267 Es brannte ihm in dem Körper, als wären ſeine Eingeweide ſelbſt in Flammen ausgebrochen, als hie ihm plötzlich glühendes Metall in Bruſt und Adern gegoſſen. Während ſich alle ſeine Glieder convulſiviſch krümmten, riß er ſich die Bruſt auf, um das ver⸗ zehrende Feuer darinnen zu erſticken, rief mit herz⸗ zerreißender Stimme Gott um Hülfe an, aber Nichts, Nichts änderte ſein ſchreckliches Leiden. Er erfüllte ſeinen finſtern Keller mit Seufzern, mit Gewimmer, mit Geheul; er ſprang unpor⸗ rüt⸗ telte in blinder Raſerei an der unbeweglichen Thüre, kratzte ſich das Fleiſch von den Fingern an dem ſalzig angelaufenen Gewölbe, zeichnete die Spuren ſeiner Finger in die rauhen Steine, ſprang in die bohe und ſuchte gegen die Mauer anzurennen, als hätte der Hunger und die Furcht vor der Annähe⸗ rung des Todes ihn mit Wahnſinn oder Blindheit geſchlagen. Endlich fiel er zu Boden während ein herzzer⸗ reißender Schrei ihm wieder entfuhr. Kraftlos, ent⸗ nervt und überzeugt, daß er ſeinen letzten Kampf ausgekämpft habe, ließ er das Haupt auf die Bruſt ſinken und faltete betend die Hände, um ſtill und mit Ergebung zu warten, bis der Tod ſeinen bit⸗ tern Martern ein Ende machen würde. Dennoch mußte ſein Geiſt noch thätig geblieben ſein, denn es liefen einige Schauder über ſeine Glieder, die von anhaltendem Schrecken und von wiederkehrender Aufregung zeugten. Nach einer Weile brach eine Thränenfluth aus ſeinen Augen und ein ſchweres Schluchzen wallte von ſeiner Bruſt auf. Der Tod naht.... Ach, verjagen wir die Trauer über das Leben! Beten, beten und ſterben, das Auge zu Gott erhoben: er allein....“ Eine plötzliche Bewegung erhellte ſeine Augen mit dem neuen Glangder Hoffnung. „Himmell höre ich Nichts? Ein Geräuſch!“ Er lauſchte lange Zeit zitternd auf das undeut⸗ liche Geräuſch, welches er gehört zu haben glaubte; aber er begriff endlich, daß er ſich getäuſcht hatte, und murmelte mit einem ſtillen Hohnlächeln auf den Lippen: „Warum doch ſo hartnäckig hoffen, wo keine Hoff⸗ nung mehr möglich iſt? Suchen wir lieber Stärke in dem Gedanken, daß ein beſſeres Leben uns er⸗ wartet! Der Martertod wird mich reinigen von allen Sünden. Hat Gott in ſeinem unergründlichen Rath⸗ ſchluß über meine Tage auf Erden beſtimmt, ſo wird er mir do unſchuldig mir geſtat aufzuſchlag wieder da zu erſticken Er ra Hungers, ſeinem In fel eine einer Pau „Wie ſo grauſan der Welt des Glücks Auge wie Und nicht heit, Woh hatte, er l Jungfrau Maria Vo Allem, wo hienieden Keuſchheit, wehe, dieß wohl ſage mir vergörn . und bekannten Ein Ar eher die 2 willkürliche ggen; aber r der Wir⸗ ge in der pußte, daß äußerſter ich muß, i meiner gert, wird für meine en in der hräne auf kreuz über ie Trauer ben, das ne Augen ſſch!“ 8 undeut⸗ glaubte; cht hatte, rauf den eine Hoff⸗ er Stärke uns er⸗ von allen hen Rath⸗ , ſo wird 269 Er rang eine Weile gegen die Zuckungen des Hungers, aber der Sturm beruhigte ſich wieder in ſeinem Innern. Seine Gedanken hatten ohne Zwei⸗ fel eine andere Richtung angenommen; denn nach einer Pauſe flüſterte er in traurigem Ton: „Wie ſchön war doch das Leben, welches mir ſo grauſam geraubt wurde! Alles lachte mir auf der Welt entgegen; mein Pfad war mit den Roſen des Glücks beſtreut; die Zukunft glänzte vor meinem Auge wie ein Himmel voll leuchtender Sterne.... Und nicht genug, daß der gute Gott mir Geſund⸗ heit, Wohlfahrt und Frieden des Herzens geſchenkt hatte, er ließ mich noch hoffen, daß eine auserleſene Jungfrau mein Loos auf Erden theilen würde.... Maria Van de Werve! Das reine Abbild von Ein Angſtruf entſchlüpfte ihm. Es war jedoch eher die Natur ſeiner Gedanken, als das ausge⸗ die Arme empor und ſagte in flehendem Ton: „Vergebung, Vergebung, o Herr! Dein Geſchöpf hängt ſo unauflöslich an dem Leben; aber zürne nicht über die Schwachheit ſeiner Natur! Breche die letzte convulſiviſche Zuckung mein Leben! Er komme, der gefürchtete Hungertod; ich werde mich demüthig beugen unter Deinen Willen und ſterbend den Spruch ſegnen, der mich ſchlägt! Ach, barmherziger Gott, laß mich doch Gnade finden vor Deinem Auge!“ Wie beruhigt durch dieſen kurzen Anruf, fuhr er mit minderer Bewegung und in einem Tone fort, welcher bezeugte, daß ein Gefühl von Troſt ſein Ge⸗ müth erhellt hatte. vergehen, der kalte Todesſchweiß benetzt meine Stirne ... O Gott, in dieſem entſcheidenden Augenblick ſprochene Lebewohl, das ihn erſchreckte; denn er hob gib mir E allein im in meinem Aber bets von Schrei ihr das Auge gerichtet, ſchien. „O, m Licht? Ein Hoffnung cher grauſ bild!.... wächst, es eine Menſe die Hoffnu Auf ſei Mauer un fallen. S⸗ aber er be er ſich nic Schritt zu lange: er zitternd vo Schlüſſelloe wer es wa Er bem Lampe in Geberden züge ſo un ein menſchl denn er hob Ton: ein Geſchöpf aber zürne Breche die Er komme, ch demüthig den Spruch ziger Gott, Auge!“ zuf, fuhr er Tone fort, oſt ſein Ge⸗ enblick noch Barmherzig⸗ Laß ſeine werden; er lehrte mich, nem bittern hm gnädig! Gute, die eine weiße eſus, mein nem himm⸗ Fordere über mein zurückkehren Seele her⸗ eine Kräfte eine Stirne Augenblick 271 in meinem Munde!....“ Aber kaum waren die letzten Worte dieſes Ge⸗ bets von ſeinen Lippen gefallen, als ein ſeltſamer Schrei ihm entſchlüpfte und er zitternd ſich erhob, das Auge nach der fernſten Mauer ſeines Kerkers gerichtet, wo ein ſchwacher Lichtſchimmer zu tanzen ſchien. Hoffnung ſein? Ich ſollte nicht ſterben!.... Wel⸗ cher grauſame Traum! Welches ſchreckliche Gaukel⸗ bild! Aber nein, nein, es iſt wirklich Licht; es wächst, es vergrößert ſich!.... und es iſt wohl eine Menſchenſtimme, die ich höre.... Wehe, wehe, die Hoffnung iſt ſchmerzlicher noch, als der Tod.“ Auf ſeinen Beinen wankend, ging er nach der Mauer und ſuchte dort eine Stütze, um nicht zu fallen. Seine Abſicht war, die Thüre zu erreichen; aber er befand ſich in einer ſolchen Aufregung, daß er ſich nicht mehr im Stande fühlte, nur einen Schritt zu thun. Doch dauerte dieſe Lähmung nicht lange: er gelangte bald bis an die Thüre und hielt, zitternd vor ängſtlicher Erwartung, ſein Auge an das Schlüſſelloch, um in den unterirdiſchen Gang zu ſehen, wer es war, der in ſeinen Kerker kam. Er bemerkte in der Ferne einen Mann mit einer Lampe in der Hand; aber ſeine Haltung und ſeine Geberden waren ſo überraſchend, und ſeine Geſichts⸗ züge ſo unnatürlich, daß Geronimo zweifelte, ob es ein menſchliches Weſen oder eine Spuckgeſtalt ſeiner 272 erregten Sinne war, was ſich in der Ferne vor ſei⸗ nem Blick bewegte. Dennoch hörte er verwirrte Laute durch den Gang ertönen; es kam ihm jetzt vor, als ob die undeutliche Stimme klage, dann, daß ſie in Verwünſchungen ausbreche, dann wieder um Hülfe rufe. Allmälig näherte ſich die geheimnißvolle Erſchei⸗ nung. Dann erkannte er plötzlich den Diener von Simon Turchi;— aber warum krümmten ſich ſeine Glieder in ſo wüſten Zuckungen? Warum war ſein Geſicht ſo fürchterlich verzerrt? Warum ſtrömten Drohungen und Ausbrüche der Raſerei mit heiſerem Geheul aus ſeinem Munde? Eine ſchreckliche Ueberzeugung drängte ſich Gero⸗ nimo auf. Julio hatte in dem Wein den nöthigen Muth geſucht, um das Werk zu vollbringen, welches das Schickſal von ihm heiſchte. Nun war er blind durch den Trunk, und drohend kam er in den Keller, um ſein Schlachtopfer ohne Mitleid zu erwürgen. Dieſer Gedanke ſchlug Geronimo einen Augen⸗ blick mit Furcht und Angſt; doch eben ſo ſchnell er⸗ innerte er ſich, daß er Gott bereits ſeinen bittern Tod zur Sühne angeboten hatte. Er ging zurück in den Keller, kniete nieder am Rande ſeines Grabes und blieb ſo mit einem Lächeln auf den Lippen und das Auge zum Himmel erhoben, den entſcheidenden Stoß erwartend. Er hörte, wie Julio mit dem Schlüſſel an der Thüre herumfuhr, gleich Jemand, der mit unſteter Hand nach dem Scohlüſſelloch ſucht; er glaubte zu⸗ gleich zu erkennen, daß weder Wuth noch Zorn ſich in Julio's Stimme miſchte, vielmehr nichts Anderes, als Hülferr Bruſt ſich terer Ueber im Keller u Julio ſe wäre alle während er „O, Si geben! Ein Innern... willen, erlö „Himme Julio zular ſchehen? L „Simon trinken gege „hier im G mit mir ſte Brufferio zu Maria Van vernichten, d Gift zerreißt „Sprich, helfen? Arr terlicher Sch Mit dieſ riß ihm das zu machen u zu ſchnapper „Dank, Brod!“ juk Conſeier erne vor ſei⸗ ſch den Gang e undeutliche wünſchungen volle Erſchei⸗ Diener von ten ſich ſeine um war ſein im ſtrömten mit heiſerem te ſich Gero⸗ den nöthigen gen, welches Har er blind n den Keller, erwürgen. inen Augen⸗ 5 ſchnell er⸗ einen bittern ing zurück in ines Grabes Lippen und ntſcheidenden üſſel an der mit unſteter glaubte zu⸗ ch Zorn ſich hts Anderes, 273 als Hülferuf und klägliches Gewimmer aus ſeiner Bruſt ſich emporrang; aber ehe er noch Zeit zu wei⸗ terer Ueberlegung hatte, öffnete ſich die Thüre und im Keller wurde es hell. Julio ſetzte die Lampe zu Boden und fiel, als wäre alle ſeine Kraft zu Ende, zur Seite nieder, während er in flehendem Ton ausrief: „O, Signore, Hülfe, Hülfe! Man hat mir ver⸗ geben! Ein verzehrendes Feuer brennt in meinem Innern. Ach, habt Mitleid mit mir! Um Gottes willen, erlöst mich von der Folter!“ „Himmel! Vergeben!“ jammerte Geronimo, auf Julio zulaufend.„Unglücklicher, was iſt Dir ge⸗ ſchehen? O, der Tod ſteht auf Deinem Angeſicht!“ „Simon Turchi hat mir dieſe Nacht Wein zu trinken gegeben, der vergiftet war,“ ſeufzte Julio, hier im Garten, um das Geheimniß Eures Todes mit mir ſterben zu laſſen. Er war es, der mich Brufferio zu Eurem Morde dingen hieß.... Er will Maria Van de Werve heirathen.... den Zeugen vernichten, der ſein Glück ſtören könnte.— Ach, das Gift zerreißt mir die Eingeweide!“ „Sprich, Julio, was kann ich thun, um Dir zu helfen? Armer Märtyrer, wie krampfhaft Dein fürch⸗ terlicher Schmerz!“ Mit dieſen Worten kniete er neben Julio nieder, riß ihm das Wamms auf, um ihm die Bruſt frei zu machen und Luft zu ſchaffen, wornach er keuchend zu ſchnappen ſchien. „Dank, o Gott! Brod, meine Augen ſehen Brod!“ jubelte Geronimo, faſt wahnſinnig vor Conſeience, Simon Turchi. 18 — ——ͤ 274 Freude und die Hand mit fieberiſcher Haſt nach dem weißen Brödchen ausſtreckend, das Julio in ſeinem Wamms verborgen und ſeit ſeinem verhängnißvollen Einſchlafen gänzlich vergeſſen hatte. Der Junker hörte, nur mit der Befriedigung ſei⸗ nes blinden Hungers beſchäftigt, die erneuerten Kla⸗ gen Julio's nicht. Er hatte jedoch nur einige Biſſen von dem Brod verſchluckt, als er es bereits auf die Erde fallen ließ und Julio's beide Hände faſſend, ausrief: „Geſegnet, geſegnet ſeiſt Du! Der allmächtige Gott vergelte Dir dieſe Wohlthat in ſeinem ſchönen Himmel! Ich will Dich retten! Was muß ich thun? Gib mir die Freiheit; ich will hinausgehen, laufen, fliegen, nach einem Arzte, nach einem Prieſter.... Die Schlüſſel, die Schlüſſel!“ „Wehe,“ ſagte Julio mit ſchwacher, muthloſer Stimme,„mein grauſamer Mörder hat mir den Schlüſſel zur Hausthüre genommen. Wir ſind in dem Gebäude eingeſchloſſen.... aber ich kann ſo nicht ſterben, mit dieſem hölliſchen Feuer in meinen Eingeweide, ohne Beichte, ohne Hoffnung auf Gnade für meine Seele! Geht hinauf, Signore, ruft, ſchreit, erbrecht die Thüre, zertrümmert das eiſerne Fenſter⸗ gitter. O, wendet alle Eure Kraft, all' Euren Ver⸗ ſtand an; habt Mitleid mit mir, helft mir, helft mir!“ Geronimo ergriff die Schlüſſel, nahm die Lampe vom Boden, lief eilig durch den unterirdiſchen Gang und ſtieg die Treppe hinauf. Ein leichter Schimmer erhellte den Oſten und in das Gebäude drang ein zweifelhafter Schein, welchen für die Aug Finſterniß 1 lichts hatte. Ueberzer bare Hülfe birte Geroni des Gebäud den Riegeln heben und endlich erſch dem Hausfl kommen ſuch Er ſprar riß an allen gewaltig, l aber Alles, los, und der nungen entf ſeiner geſchu Wie ver laufend, um in die Küche ſah. Der 2 denſchrei. 6. großer Men weit abſchm wurde. Es und da es d noch ſcheiner Eingebung: Nachdem lief er dami ſt nach dem d in ſeinem ingnißvollen edigung ſei⸗ euerten Kla⸗ inige Biſſen eits auf die nde faſſend, allmächtige nem ſchönen iß ich thun? hen, laufen, rieſter.... , muthloſer at mir den Vir ſind in ich kann ſo in meinem Sauf Gnade ruft, ſchreit, erne Fenſter⸗ Euren Ver⸗ mir, helſft n die Lampe diſchen Gang dſten und in hein, welcher für die Augen des Junkers, gewohnt wie ſie an die Finſterniß waren, beinahe die Klarheit des Tages⸗ lichts hatte. Ueberzeugt, daß Julio's Zuſtand eine unmittel⸗ bare Hülfe erforderte, und von Haſt getrieben, pro⸗ birte Geronimo alle Schlüſſel an der Ausgangsthüre des Gebäudes, zerrte mit fieberiſcher Bewegung an den Riegeln, ſuchte die Thüre aus ihren Angeln zu heben und arbeitete ſich keuchend ſo ſehr ab, daß er endlich erſchöpft, mit einem ſchmerzlichen Seufzer auf dem Hausflur niederfiel und wieder zu Athem zu kommen ſuchte. Er ſprang jedoch nach einer Pauſe wieder auf, riß an allen Fenſtern, ſchüttelte die eiſernen Stangen gewaltig, lief hinauf und rief um Beiſtand.... aber Alles, was er verſuchte oder that, blieb frucht⸗ los, und der Garten war zu weit von andern Woh⸗ nungen entfernt, als daß er hoffen durfte, der Ton ſeiner geſchwächten Stimme werde bis dahin dringen. Wie verzweifelnd und irre durch das Gebäude laufend, um einen Ausgang zu ſuchen, gelangte er in die Küche, wo er einen Kübel mit Waſſer gefüllt ſah. Der Anblick deſſelben entriß ihm einen Freu⸗ denſchrei. Seiner Meinung nach konnte Waſſer, in großer Menge getrunken, vielleicht das Gift noch ſo weit abſchwächen, daß Julio am Leben erhalten wurde. Es blieb kein anderes Mittel zu verſuchen; und da es der einzige Hoffnungsſtrahl war, der hier noch ſcheinen konnte, begrüßte ihn Geronimo wie eine Eingebung von oben. Nachdem er einen ſteinernen Krug gefüllt hatte, lief er damit nach dem Keller, hob auterwegs die 1 276 Lampe auf, ſtieg die Treppe hinab und eilte froh⸗ lockend auf Julio zu, der beinahe nicht mehr die Kraft hatte, ſich auf dem Ellenbogen aufzurichten und mit ſchwacher Stimme fragte: „Kommt der Prieſter, kommt der Arzt? Ach, es iſt zu ſpät. Das Herz bricht mir im Buſen.“ „Trinke, trinke viel,“ ſagte der Junker, ihm den Krug an den Mund haltend,„das kühle Waſſer wird das Feuer in Deinen Eingeweiden löſchen.“ Julio nahm einen langen Zug; dann ſchob er den Krug mit der Hand zurück und ſagte: „Dank, Signore, für Euer Mitleid; aber es iſt nutzlos: ich habe bereits zu viel Waſſer getrunken!“ „Trink noch, ich bitte Dich, thue es mir zu lieb, Julio.... Noch, noch mehr, immerfort, ſo viel als Dein Körper faſſen kann.“ Julio gehorchte mechaniſch und trank aus dem Kruge ſo lang, bis ihm der Athem ausging. Dann keuchte er leiſe auf und rieb ſich mit der Hand den kalten Schweiß ab, der auf ſeiner Stirne perlte. „Nun, Julio, welche Wirkung hat das Waſſer?“ fragte der Junker, ſeine Hand faſſend.„Nicht wahr, Du befindeſt Dich beſſer?“ „Allerdings,“ murmelte Julio,„das Feuer in meinem Innern iſt gelöſcht....“ „Ha, es iſt noch Hoffnung!“ rief Geronimo mit freudigem Ton.„Halte Dich ſtark, Julio; faſſe Vertrauen zu Gottes Barmherzigkeit. Wenn alle menſchliche Hülfe uns verſagt iſt, dann offenbart er ſeinen allmächtigen Beiſtand.“ „Aber das Herz klopft mir ſo ſchwach,“ ſeufzte Julio;„es laufen mir ſolche ſonderbare Schauder durch die Gift iſt un „Sterb den Du haſt, ich Was thun „Laßt „es iſt kei Wehe, ich Eurem bitt riſchen Zw den wollen Mutter! S flehend Eur meiner arn zeihung! 2 „Ach, ſ nendem Au Verlauf de wäre das Wie? Du meine Verze ich für Die und Werke Seele voll Gottes Güt „Vertra Stimme. ner wartet. Tode trifft Auf des He Nichts, Nie d eilte froh⸗ ht mehr die aufzurichten Junker, ihm kühle Waſſer löſchen.“ ann ſchob er 6. aber es iſt getrunken!“ mir zu lieb, , ſo viel als nk aus dem ging. Dann r Hand den de perlte. as Waſſer?“ „Nicht wahr, as Feuer in eronimo mit Julio; faſſe Wenn alle offenbart er ich,“ ſeufzte re Schauder 277 durch die Glieder.. Gift iſt unerbittlich!“ „Sterben? Du ſollteſt ſterben, Julio? Und ich, den Du von dem ſchrecklichſten Hungertod erlöst haſt, ich ſollte unvermögend ſein, Dir zu helfen? Was thun? O Himmel, was verſuchen?“ „Laßt ab, Signore,“ murmelte der Sterbende, ges iſt keine Hoffnung mehr, ich fühle es wohl. Wehe, ich habe auch Theil an Eurem Unglück, an Eurem bittern Leiden; ich habe Euch in den mörde⸗ riſchen Zwangsſtuhl geſtoßen, ich habe Euch ermor⸗ den wollen, Euch, den Erretter meiner armen blinden Mutter! Seid doch barmherzig gegen mich! Ich küſſe flehend Eure Hände; laßt Euren gerechten Fluch nicht meiner armen Seele folgen nach dieſem Leben! Ver⸗ zeihung! Verzeihung!“ „Ach, ſprich nicht ſo,“ bat der Junker, mit thrä⸗ nendem Auge Julio in's Geſicht ſchauend und dem Verlauf des Todeskampfes folgend.„Ohne Dich wäre das gähnende Loch mein Grab geworden. Wie? Du gabſt mir das Leben, und ich ſollte Dir meine Verzeihung weigern? Nein, nein, beten werde ich für Dich, eine Wallfahrt für Dich unternehmen und Werke der Wohlthätigkeit zur Erlöſung Deiner Seele vollbringen laſſen! Vertraue, vertraue auf Gottes Güte....“ „Vertrauen?“ wiederholte Julio mit ſterbender Stimme.„Ich erſchrecke vor dem Urtheil, das mei⸗ ner wartet. Nun, in dem letzten Ringen mit dem Tode trifft eine ſchreckliche Klarheit mein Auge.... Auf des Herrn Gnade darf ich nicht hoffen: ich habe Nichts, Nichts gethan.... um ſie zu verdienen . Ich ſterbe, Signore, das 278 ... Da, da ſchwebt ein dunkler Flor über mein Geſicht... Julio ſank zur Seite auf den Boden; ein hei⸗ ſerer Gurgellaut ertönte aus ſeiner Bruſt, als wäre das Leben damit aus dem Körper entſchwunden. Indem er ihm ſeinen Arm unter den Hals legte, hob Geronimo ihm den Kopf von der Erde empor; und als er ſah, daß Julio's Augen, wie wohl nur irre, auf ihn gerichtet waren, ſprach er im Ton des innigſten Mitleids: „Julio, höre mich! Du darfſt auf Gottes Gnade wahr?“ Julio machte ein bejahendes Zeichen mit dem Kopf, „Ah!“ rief der Junker,„kann ich Deinen Körper nicht vom Tode erretten, ſo laß' mich doch Deine arme Seele bewahren vor ewiger Verdammniß.... Könnte ich ſo die Wohlthat bezahlen, welche Du mir erwieſen haſt! Julio, wenn es Gott noch gefiele, Dein Leben zu verlängern, würdeſt Du dem Böſen abſagen und den Pfad der Pflicht und Tugend wan⸗ deln mit Muth und feſtem Willen?.... Du ſagſt Ja? Du flehſt des Herrn Erbarmen an, nicht wahr? Du haſt Vertrauen auf den unendlichen Schatz ſeiner Gnade? Wohlan, wohlan, Julio, erhebe Dein bre⸗ chendes Auge zum Himmel, richte den letzten Ge⸗ danken De herzigkeit. Seele auff reits lächel Sünder en Ein ſti Hoſfnung er ſeine r ſuchte. „Berei Geronimo Ein kr alle ſeine fiel kraftlo beinahe un „Gnad „Todt! Deine See auf die en ſöhnung e Gerechtigke Er bei als hätte letzten Kre Augenblick nieder. Ke die Arme und ſeine ſeine Seer Julio's S geſellen. r über mein en; ein hei⸗ ſt, als wäre hwunden. n Hals legte, Erde empor; ie wohl nur im Ton des vottes Gnade nn vergeſſen, hat zur Er⸗ ißt Du nicht, hzen, wenn dem ewigen Himmel ein⸗ Reue, nicht nit dem Kopf⸗ einen Körper doch Deine ammniß.... elche Du mir noch gefiele, dem Böſen Lugend wan⸗ . Du ſagſt nicht wahr? Schatz ſeiner de Dein bre⸗ letzten Ge⸗ 279 danken Deines Geiſtes auf den Quell aller Barm⸗ herzigkeit... und laß dann mit Vertrauen Deine Seele auffahren vor den höchſten Richterſtuhl. Be⸗ reits lächelt von oben der höchſte Gott dem reuigen Sünder entgegen!“ Ein ſtiller, doch wunderbar heller Ausdruck von Hoffnung erhellte jetzt Julio's Angeſicht, während ſeine verglasten Augen zum Himmel zu erheben ſuchte. 1 „Bereit, bereit, ſeine Seele iſt bereit!“ frohlockte Geronimo mit triumphirender Freude. Ein kurzes Zucken fuhr über Julio's Glieder, alle ſeine Musylln erſchlafften plötzlich, ſein Haupt fiel kraftlos auf Geronimo's Arm und er murmelte beinahe unhörbar, den letzten Seufzer aushauchend: „Gnade, o mei Gott!“ „Todt! Er iſt todt!“ jammerte Geronimo.„Ach, Deine Seele empfange meinen Bruderkuß zum Troſt auf die ewige Reiſe! Möge dieſes Zeichen der Ver⸗ ſöhnung etwas gelten in der Waagſchale der ewigen Gerechtigkeit!“ Er beugte ſich über den Todten hin;— aber als hätte die Berührung des kalten Leichnams ſeine letzten Kräfte erſchöpft, hielt er ihn einen kurzen Augenblick umarmt und ſank dann ganz auf ihn nieder. Kein Glied verrührte ſich an ſeinem Körper; die Arme hingen ihm ſchlaff an der Seite herunter, und ſeine Augen hatten ſich geſchloſſen, als wäre ſeine Seele gleichfalls himmelwärts geflogen, um Julio's Seele vor Gottes Richterſtuhl ſich beizu⸗ geſellen. 280 XII. Es konnte noch nicht acht Uhr Morgens ſein, als Signor Deodati bereits durch den Kipdorp ſchritt, um ſich nach der Wohnung von Van de Werve zu begeben. Der greiſe Kaufmann ging ſehr langſam, die Augen meiſt zu Boden geſchlagen und von Zeit zu Zeit den Kopf in tiefem Nachdenken ſchüttelnd. Der Schmerz auf ſeinem Angeſicht hatte jetzt Verdruß und Unzufriedenheit Platz gemacht; und zeigte ſich auch eine Art Lächeln auf ſeinem Angeſicht, ſo war es nur ein bitterer Ausdruck von getäuſchter Erwar⸗ tung und Zorn. Der Diener, welcher die Thire vor ihm öffnete, brachte ihm einen Seſſel und verſprach, ſeinen Herrn zu rufen. Sprachlos ſetzte ſich Deodati nieder, legte den Kopf in die Hände und behartte ſo tief in kummer⸗ volle Gedanken verſunken, daß Herr Van de Werve vor ihm ſtand, ohne bei ſeiner Ankunft nur von ihm bemerkt worden zu ſein. „Gott gebe Euch einen guten Tag, Signore!“ ſprach der flämiſche Edelmann grüßend.„Was ver⸗ ſchafft mir die Chre eines ſo frühen Beſuches? Habt Ihr einige Kunde über unſern armen Geronimo?“ „Schlechte Kunde, ſchlechte Kunde, Herr Van de Werve,“ ſeufzte der Greis, beinahe mit Thränen in den Augen.„Setzt Euch zu mir, ich bitte Euch, denn ich bin äußerſt ermüdet, und der Athem fehlt mir, um laut genug zu ſprechen.“ In d Fühlt Il „Mei minder ſe gem Tor Eurer G Summe dieſem Lo rechten 8 Turchi's Wahrheit Handelsb ſeiner Un Unſchuld aufgeopfe zählen; qualvoller Verſtand gung vo warfen. Van de ſchaft ſür verſchwie Summe „Was Turchi he trogen?“ „Zehr mit einen „Zehr wiederholl korgens ſein, den Kipdorp don Van de angſam, die von Zeit zu ttelnd. Der tzt Verdruß zeigte ſich icht, ſo war chter Erwar⸗ ihm öffnete, ſeinen Herrn „ legte den in kummer⸗ nde Werve nur von ihm Signore!“ „Was ver⸗ iches? Habt Geronimo?“ err Van de Thränen in bitte Euch, Athem fehlt 281 In der That, Signore, mich dünkt, Ihr ſeid bleich. Fühlt Ihr Euch unwohl?“ „Meine Bewegung hat einen andern, aber nicht minder ſchlimmen Grund,“ ſagte Deodati in trauri⸗ gem Ton.„Vorgeſtern erklärte Signor Turchi in Eurer Gegenwart, Geronimo habe eine anſehnliche Summe Geldes verſpielt und vielleicht die Flucht aus dieſem Lande ergriffen, aus Furcht vor meinem ge⸗ rechten Zorn. Wie grenzenlos mein Vertrauen auf Turchi's Rechtſchaffenheit auch ſei, ich konnte an die Wahrheit ſeiner Enthüllung nicht glauben. In den Handelsbüchern meines Neffen wollte ich die Spuren ſeiner Undankbarkeit, oder lieber die Beweiſe ſeiner Unſchuld aufſuchen. Ich habe einen Theil der Nacht aufgeopfert, um zu zählen und zehnmal wieder zu zählen;— denn das unerbittliche Reſultat meiner qualvollen Berechnung war ſo ſchrecklich, daß mein Verſtand und mein Herz lange Zeit die Ueberzeu⸗ gung von der traurigen Wahrheit hartnäckig ver⸗ warfen. Es blieb kein Zweifel mehr möglich, Herr Van de Werve, Signor Turchi hat aus Freund⸗ ſchaft ſür Geronimo einen Theil der Wahrheit uns verſchwiegen: die von meinem Reffen verſpielte Summe iſt ein ungeheurer Schatz!“ „Was ſagt Ihr?“ rief Van de Werve.„Signor Turchi hat ſich alſo in ſeiner Vermuthung nicht be⸗ trogen?“ „Zehn tauſend Kronen!“ fuhr Signor Deodati mit einem tiefen Seufzer fort. „Zehn tauſend Kronen! Zehn tauſend Kronen!“ wiederholte der flämiſche Edelmann, die Hände em⸗ ————— 282 porhebend;„aber das kann nicht ſein; es iſt ein ganzes Vermögen!“ „Und doch iſt es ſo! Es fehlt in der Kaſſe mei⸗ nes Handelshauſes gerade eine Summe von zehn⸗ tauſend Kronen, und in den Rechnungsbüchern man⸗ gelt es an derſelben Summe, gerade ſo, ohne einen einzigen Pfennig Unterſchied. Keine Schrift, nicht die mindeſte Notiz über den Gebrauch oder die Be⸗ ſtimmung dieſer Gelder. Sie ſind alſo in Dingen, die mit dem Handel nichts zu thun haben, der Kaſſe entzogen; und da Geronimo ſelbſt Signor Turchi geſagt hat, er habe eine anſehnliche Summe im Spiel verloren, ſo können wir nichts Anderes thun, als uns demüthig der traurigen, doch klaren Wahr⸗ heit unterwerfen.... Zehntauſend Kronen! Es iſt alſo keine Tugend, keine Treue mehr auf der Welt? Ein Kind, das ich als meinen eigenen Sohn aufer⸗ zogen habe, das ich mit blinder Zärtlichkeit geliebt habe, für deſſen ſpäteres Wohlergehen ich bis auf meinem Todtenbett ſorgen und arbeiten wollte.... Und alſo mich für meine Liebe belohnen! Ach, glaubt mir, Herr, die Undankbarkeit iſt ein grauſames Schwert, das mir durch die Seele geht....“ Van de Werve ſchaute vor ſich hin und blieb eine Weile in Gedanken verſunken. Dann ſagte er in ſtrengem Ton: „Ihr ſeid recht unglücklich, Signore, und ich be⸗ greife völlig Euren Schmerz. Wie iſt es doch mög⸗ lich! Alles iſt heutzutage Betrug und Heuchelei. Signor Geronimo ſchien die Tugend und Recht⸗ ſchaffenheit ſelbſt; er lebte ſo ſparſam und hielt ſich ſo eingezogen, daß wer ihn nicht beſſer kannte, un⸗ vermeidlie einen frü der ſtille, und verſy thäter ge ſchnöde 6 „Und „das Her liebevoll! Blindheit weilen ar unwiderſt mal in ſ „War dig erklän gibt es k Entrüſtun danken, d grauſamſt gegenüber dem Schi ter anger ſchlecht r. Mißachtu hoffe ich, keine Red Tochter rückkehren aber an n an wird genoſſenſe ihn nieme es iſt ein Kaſſe mei⸗ von zehn⸗ chern man⸗ ohne einen hrift, nicht der die Be⸗ in Dingen, , der Kaſſe nor Turchi Summe im deres thun, rren Wahr⸗ nen! Es iſt der Welt? pohn aufer⸗ keit geliebt ich bis auf vollte.... Ach, glaubt grauſames 44 und blieb in ſagte er und ich be⸗ doch mög⸗ Heuchelei. und Recht⸗ d hielt ſich annte, un⸗ 283 vermeidlich ihn für einen armen Junker oder für einen frühzeitigen Geizhals anſehen mußte.... Und der ſtille, beſcheidene und ſorgliche Junge geht hin und verſpielt zehntauſend Kronen, die ſeinem Wohl⸗ thäter gehören. Sein löbliches Betragen war alſo ſchnöde Scheinheiligkeit!“ „Und doch war,“ murmelte der alte Deodati, „das Herz von meinem unglücklichen Neffen rein und liebevoll! Kann nicht ein einziger Augenblick ihn mit Blindheit geſchlagen huben⸗ Der Menſch trifft zu⸗ weilen auf verhängnißvolle Bezauberungen, die ihn unwiderſtehlich beherrſchen, aber welchen er nur Ein⸗ mal in ſeinem Leben unterliegt.“ „Warum dann geflohen und ſich ſelbſt für ſchul⸗ dig erklärt? Nein, nein, Signore, für ſolche Thaten gibt es keine Entſchuldigung! Ich fühle, wie ich vor Entrüſtung wahrhaft zittere bei dem bloßen Ge⸗ danken, daß man ſo die größten Wohlthaten mit der grauſamſten Undankbarkeit vergelten kann. Ich will gegenüber von Eurem Kummer nicht wagen, von dem Schimpf zu ſprechen, der mir und meiner Toch⸗ ter angethan worden iſt. Zum Glück iſt mein Ge⸗ ſchlecht rein und erhaben genug, um gegen ſolche Mißachtung zu beſtehen; aber, Signore, Ihr werdet, hoffe ich, bereitwillig mit mir einſtimmen, daß fortan keine Rede mehr von einer Heirath zwiſchen meiner Tochter und Eurem Neffen ſein kann. Er mag zu⸗ rückkehren und Eure Verzeihung erhalten; das kann aber an meinem Entſchluſſe Nichts ändern: von heute an wird Signor Geronimo mir und meiner Haus⸗ genoſſenſchaft fremd und unbekannt, als hätten wir ihn niemals geſehen!“ 284 Der greiſe Deodati ſchaute den erzürnten Edel⸗ mann mit feuchten Augen an und ſchien den ent⸗ ſcheidenden Spruch abwehren zu wollen. Ihn bei der Hand faſſend, fuhr Herr Van de Werve in ruhigerem Tone fort: „Aber, Signore, ſeid doch ehrlich und laßt Euch durch einen Ueberreſt von Gefühl nicht verblenden. Welche Schmach für meinen Namen, wenn ich in meine Familie Jemand zuließe, der mir einen ſolchen Flecken angehängt hat! Soll ich das Glück meines guten und edeln Kindes einem Manne anvertrauen, den der Genuß einer lebenslangen Wohlthat von verbrecheriſchem Spiele nicht zurückhalten konnte? Soll ich den Namen eines Sohnes Jemand geben, den ich nicht ſchätzen kann, den ich um ſeiner Un⸗ dankbarkeit willen verachten muß? Fort, ſagt mir, daß Ihr ſelbſt eine ſolche Verbindung fernerhin für unmöglich erkennt und ſprechen wir nicht mehr da⸗ von. Wollt mich jedoch nichts deſto weniger mit Eurer Freundſchaft beehren, ſo lange Ihr in Ant⸗ werpen bleibt.“ Der Kaufmann ſchüttelte ſtillſchweigend den Kopf und antwortete erſt nach einer Weile: „Ach, ich muß erkennen, daß alle Hoffnung auf die ehrenvolle Verbindung zu Nichte geworden iſt. Welch glückliches Leben hat der verirrte Geronimo auf einen einzigen Wurf geſetzt! Ach, der Unglück⸗ liche hat nicht gewußt, was er that. Ich danke Euch, Herr Van de Werve, für das Anerbieten Eurer auf⸗ richtigen Freundſchaft; aber in Antwerpen kann ich nicht lang mehr bleiben. Heute noch will ich Signor Turchi erſuchen, ſich mit der Regulirung der laufen⸗ den Geſch zu beſchw mehr zu ſ ich ſpare treiben. meine Ga vorräthen günſtigen 30„Jor ſchönes V Vergeſſenl „Gott ſehe!“ ſeu Signor T ſes Eiland Ich bewu der ſie ſo Signore. verkürzt C Eurer vier „Der murmelte kann ihn nimo trag⸗ ſtorbenen tenbett ge chen. We nicht, dur rnten Edel⸗ n den ent⸗ err Van de d laßt Euch verblenden. denn ich in nen ſolchen lück meines nvertrauen, hlthat von en konnte? and geben, ſeiner Un⸗ „ſagt mir, rnerhin für t mehr da⸗ deniger mit hr in Ant⸗ d den Kopf ffnung auf vorden iſt. Geronimo er Unglück⸗ anke Euch, Eurer auf⸗ i kann ich ich Signor der laufen⸗ den Geſchäfte meines Handelshauſes in dieſer Stadt zu beſchweren. Nun ich für Niemand auf Erden mehr zu ſorgen habe, nun ich nicht weiß, für wen ich ſpare und arbeite, will ich keinen Handel mehr treiben. Ich habe Befehl gegeben, ohne Zögern meine Galeere I1 Salvatore mit den nöthigen Mund⸗ vorräthen zu verſehen. Ich werde mit dem erſten günſtigen Wind abreiſen.“ „Ihr habt Recht, Signore; die Rückkehr in Euer ſchönes Vaterland wird Euch dieß Unglück ſchnell in Vergeſſenheit bringen.“ „Gott weiß, wann ich mein Vaterland wieder⸗ ſehe!“ ſeufzte der Greis mit einem Blick zum Himmel. „Segelt Ihr nicht nach Italien?“ fragte Van de Werve. „Nein, Herr, nach England!“ „Um Euren Neffen zu ſuchen! In der That, Signor Turchi ließ uns glauben, Geronimo werde die⸗ ſes Eiland ſich zu einem Schlupfwinkel erſehen haben. Ich bewundere Eure unendliche Liebe für Jemand, der ſie ſo wenig erkennt; aber Ihr habt Ruhe nöthig, Signore. Folgt meinem Rath, eilt nach Italien und verkürzt Euer Leben nicht durch Aufregungen, welche Eurer vielleicht in England harren.“ „Der Rath iſt wahrſcheinlich gut und gegründet,“ murmelte der alte Deodati in Gedanken,„aber ich kann ihn nicht befolgen. Welche Schuld auch Gero⸗ nimo tragen mag, er iſt der einzige Sohn meines ver⸗ ſtorbenen Bruders; ich habe dieſem auf ſeinem Tod⸗ tenbett gelobt, als Vater über ſeinem Kinde zu wa⸗ chen. Wenn ich Geronimo ganz verließe, würde er nicht, durch Noth und Armuth auf den Weg des Laſters, vielleicht auf den Weg der Schande ver⸗ irren? Meine Pflicht will ich vollbringen bis an's Ende. Kann ich ihn nicht mehr wie zuvor lieben, ſo werde ich zum Mindeſten ſuchen, ihn vor gänz⸗ lichem und entſchiedenem Verderben zu bewahren.“ „Wie edelmöthig ſeid Ihr doch!“ rief Van de Werve mit Verſdunderung aus.„Ihr macht Euch auf die Reiſe, um Euren undankbaren Neffen zu ſuchen; Ihr ſetzt Eure Geſundheit in Gefahr.... Ah, ich ſehe wohl voraus, das erſte Wort, das er aus Eurem Munde zu hören bekommt, wird ſeine Vergebung ſein.— Und ſolche grenzenloſe Aufopfe⸗ rung, ſolche großmüthige Liebe alſo bezahlt! Es iſt abſcheulich!“ „Nein, Herr,“ antwortete Deodati,„meine Ver⸗ zeihung werde ich ihm nicht ſchenken. Was Gero⸗ nimo für mich geweſen, kann er mir nie mehr wer⸗ den. Finde ich ihn, oder kehrt er ſelbſt zu mir zurück, ſo werde ich ihm eine jährliche Summe ausſetzen, um ihn gegen materielle Noth zu ſchützen. Iſt dieß ge⸗ than, ſo gebe ich alle weltlichen Geſchäfte auf und ziehe mich in die Einſamkeit eines Kloſters zurück, um dort in Stille und Frieden zu warten, bis es Gott beliebt, mich abzurufen.“ Van de Werve glaubte die Hausthüre aufgehen zu hören. Er ſagte in aller Eile zu dem alten Kaufmann: „Signore, meine Tochter iſt in der Kirche; ſie kann alle Augenblicke heimkehren. Ich erſuche Euch, ſprechen wir in deren Gegenwart nicht von dieſen Dingen. Seit Geronimo's Verſchwinden betet oder weint ſie in Einem fort; Alles iſt unmächtig gegen ihren Sch wir nun i auf einma enug, un gell Wa geſchehen? Er ſp Thüre des Simon ſprechen; aus dem ten im G Klagen. zu Berge. Auch ſogleich mi mir nach! ſchreckliche Sinne ſin und beſon Unglücklich Tage Euc „Ein *) Simo ihm anzuſag habe. E. lande. I. hande ver⸗ n bis an's vor lieben, vor gänz⸗ wahren.“ ef Van de nacht Euch Neffen zu hr... rt, das er wird ſeine e Aufopfe⸗ llt! Es iſt neine Ver⸗ Vas Gero⸗ mehr wer⸗ mir zurück, Zſetzen, um ſt dieß ge⸗ e auf und rs zurück, n, bis es eaufgehen dem alten Kirche; ſie uche Euch, don dieſen betet oder htig gegen 287 ihren Schmerz, Nichts kann ſie tröſten.... Wollten wir nun ihr damit an's Herz greifen, daß wir ſie auf einmal aller Hoffnung beraubten, ſo wäre es genug, um ſie vielleicht tödtlich zu treffen.... Him⸗ mel! Was iſt das? Signor Turchi! Was iſt ihm geſchehen?“ Er ſprang auf und ſchaute beſtürzt nach der Thüre des Saals. Simon Turchi trat ein und war im Begriff zu ſprechen; aber es ſchien, als ob die Worte ihm nicht aus dem Munde wollten; denn er blieb zitternd mit⸗ ten im Gemach ſtehen und murmelte unverſtändliche Klagen. Er war todesbleich; die Haare ſtanden ihm zu Berge. Auch der alte Deodati hatte ſich erhoben und ſchaute fragend den erregten Turchi an. Dieſer ſagte endlich wie mit wahnſinniger Haſt: „Ich bin im Hauſe des Landvogts geweſen; er war nicht daheim. Man hat ihn aufgeſucht; er wird ſogleich mit ſeinen Dienern hieher kommen. Er muß mir nach dem Luſtgarten folgen*). O, ich habe eine ſchreckliche Botſchaft.... Aber ich verirre mich, meine Sinne ſind verfinſtert. Hier will ich Nichts ſagen, und beſonders Euch nicht, Signor Deodati.... Unglücklicher Greis! Mußte Gott für Eure alten Tage Euch eine ſolche Prüfung aufbewahren!“ „Ein neues Unglück? Sprecht, Simon, ſprecht, *) Simon Turck ritt ſelbſt zum Markgrafen(dem Landvogt) ihm anzuſagen, daß Julius, ſein Diener, Theodati ermordet habe. E. Van Meteren, Geſchichten der Nieder⸗ lande, I. Buch. 288 ich bitte Euch!“ flehte Deodati, vor Angſt auf ſeinen Beinen wankend. Turchi ließ ſich, wie erſchöpft an Kraft, auf einen Stuhl fallen und antwortete keuchend: „Nein, Signore, fragt mich Nichts. Ich will es nicht ſein, der Euer Herz unter einem vernichtenden Schlag zermalmt. Wehe, wehe, wie konnte ich ein ſolches Unheil erwarten! Mein unglücklicher Freund, mein armer Geronimo!“ Eine Thränenfluth ſtürzte ihm aus den Augen; und während Deodati und Van de Werve flehend in ihn drangen, um zu erfahren, was ihn ſo unbe⸗ greiflich errege, ſtammelte er ablehnend: „Laßt mich ſchweigen. O, die Verzweiflung bricht mir das Herz. Mit dem Landvogt allein muß ich ſprechen; er wird hieher kommen.... Könnte ich nur noch zweifeln! aber nein, es iſt vollbracht: keine Hoffnung mehr. Möge der barmherzige Gott deſſen reine Seele in ſeinen Schooß aufnehmen.“ „Von wem ſprecht Ihr auf ſo ſchreckliche Weiſe?“ rief der alte Deodati.„Seine Seele? Geronimo's Seele?“ Es kam Jemand auf dem Gang nach dem Saale. Simon Turchi ſprang ihm entgegen und rief mit einer Art ängſtlicher Freude: „Da iſt er, der Landvogt! Er ſoll erfahren, wel⸗ ches Geheimniß mein Herz zu zerſprengen droht....“ Der Landvogt trat in den Saal, betrachtete Jeden mit Beſtürzung und fragte dann Simon Turchi, der wie ein Wahnſinniger jammerte und klagte, ohne daß etwas Beſtimmtes aus ſeinen Worten zu er⸗ kennen war: „Ihr um mir Ich eilte b Habt Ihr Simon, w „Etwa mein Mun meln wagt „Beru großer Kä vernommer „Aber, Herr Landt ſie vor Sie Unglück ve Der g. Seſſel nied in den Ar lächeln: „Wie g könntet Ih von Geron an und wo laſſen! S. Alles, heit und 4 machen, er ihren Verd Boden für Nun ſe werfen und „Wohla Conſeie auf ſeinen „auf einen zch will es rnichtenden nte ich ein er Freund, en Augen; ve flehend n ſo unbe⸗ lung bricht muß ich nte ich nur icht: keine Hott deſſen he Weiſe?“ Beronimo's em Saale. d rief mit hren, wel⸗ droht....“ betrachtete on Turchi, agte, ohne ten zu er⸗ „Ihr habt mich in aller Eile hieher entboten, um mir eine ſchreckliche Offenbarung zu machen? Ich eilte hieher. Meine Diener ſtehen vor der Thüre. Habt Ihr Geronimo's Mörder entdeckt? Nun, ſprecht, Simon, was wißt Ihr?“ „Etwas ſo Schreckliches, Herr Landvogt, daß mein Mund das grauſame Geheimniß nicht zu ſtam⸗ meln wagt,“ ſeufzte Turchi.„O, könnte ich ewig....“ „Beruhigt Euch, Signore,“ fiel der Landvogt mit großer Kälte ein.„Sagt mir klar, was habt Ihr vernommen?“ „Aber, aber, ich wollte allein mit Euch ſein, Herr Landvogt. Die Zeitung könnte wohl, wenn ich ſie vor Signor Deodati enthüllte, ein eben ſo großes Unglück verurſachen.“ Der greiſe Kaufmann war zitternd auf einen Seſſel niedergeſunken und ſprach nun mit Thränen in den Augen und mit einem ſchmerzlichen Hohn⸗ lächeln: „Wie grauſam Ihr ſeid, Signor Simon! Was könntet Ihr Schrecklicheres mir ſagen? Ihr ſprecht von Geronimo's Seele; Ihr kündigt mir ſeinen Tod an und wollt mich dem folternden Zweifel ausgeſetzt laſſen! Sprecht, ich beſchwöre Euch, ſprecht!“ Alles, was Simon geſagt hatte, war nur Falſch⸗ heit und Heuchelei, um ſeine Zuhörer glauben zu machen, er ſei bis zum Wahnſinn aufgeregt, und ihren Verdacht von ſich ſelbſt abzulenken, und den Boden für ſeine Erklärung vorzubereiten. Nun ſchien er ſich der Nothwendigkeit zu unter⸗ werfen und begann mit einem tiefen Seufzer: „Wohlan! Gott gebe, daß über der greulichen Conſeience, Simon Turchi. 19 290 Botſchaft nicht Euch das Herz blutet gleich dem mei⸗ nigen!.... Horcht.... ach, ich unterliege vor Angſt.... Ihr wißt, daß mein Diener Julio ſeit zwei Tagen aus meinem Dienſt weggelaufen iſt, weil ich ihn ſtreng wegen ſeines zügelloſen Wandels be⸗ ſtraft habe. Mich bekümmerte dieſes Verſchwinden, weil mir an Julio geheimnißvolle Beängſtigungen und ein ſonderbares Gefühl von Verzweiflung auf⸗ gefallen waren. Vor Kurzem, es iſt noch keine halbe Stunde, verließ ich meine Wohnung und begab mich nach der Minoritenbrüderkirche, um für meinen armen Freund zu beten.— Unterwegs dachte ich an Julio, meinen Diener; mich erſchreckte die Vorſtellung, er möchte wohl aus Verzweiflung ſelbſt ſeinem Leben ein Ende gemacht haben. Bei der Kuhthorbrücke höre ich plötzlich hinter mir eine furchtſame Stimme, die meinen Namen ausſpricht. Ich wende mich um und ſehe meinen Diener Julio vor mir ſtehen!— Ich begann, ihm wegen ſeiner Abweſenheit Vorwürfe zu machen; er aber legte den Finger auf ſeine Lip⸗ pen und ſprach ſehr leiſe: Signore, ich bitte Euch, folgt mir dorthin über die Brücke: ich muß Euch ein ſchreckliches Geheimniß anvertrauen, ehe ich ſterbe. Der Ton ſeiner Stimme war ſo ſonderbar und ſo eindringlich, daß ich mich davon überwältigt fühlte und ſprachlos ihm über die Brücke, bis zu einer ein⸗ ſamen Stelle an der Coppenolſtraße folgte. Was er mir da erzählte, ſchlug mich vor Schrecken und Pein faſt zu Boden. Ich mußte mich mit der Hand an der Mauer eines Hauſes ſtützen, um nicht zu fallen; und ſo empfing ich, halb taub und verwirrt, die Beichte eines bereuenden Mörders....“ Ein S Bruſt. F Van de A war der L beſtätigend der Schluf dieſer.„ grauſame( bezwingen. Mit vi er fort: „Verni hörte ich in den Oh einen ſchauf Gewiſſensa werde mei Binnen eit Hölle gefal Schlachtopf laſſen. Ge Keller, am Ihr den. finden.... Ein zer der alte De und währe Stöhnen v.⸗ fielen die h hinab auf Turchi ch dem mei⸗ tterliege vor r Julio ſeit ifen iſt, weil Wandels be⸗ zerſchwinden, ängſtigungen beiflung auf⸗ hkeine halbe Hbegab mich neinen armen ch an Julio, rſtellung, er einem Leben Luhthorbrücke ime Stimme, nde mich um r ſtehen!— ſeit Vorwürfe uf ſeine Lip⸗ h bitte Euch, nuß Euch ein ſe ich ſterbe. rbar und ſo wältigt fühlte zu einer ein⸗ folgte. Was Schrecken und nit der Hand um nicht zu und verwirrt, 4 . 291 Ein Schrei des Schreckens ertönte aus Deodati's Bruſt. Faſt athemlos vor ängſtlicher Neugier ſchaute Van de Werve den Sprechenden an. Viel ruhiger war der Landvogt; nachdenklich hörte er zu, nickte beſtätigend mit dem Kopf, als ſähe er voraus, was der Schluß von Turchi's Erklärung ſein würde. „Ich wage beinahe nicht, fortzufahren,“ murmelte dieſer.„Mein Gemüth ſträubt ſich gegen eine ſo grauſame Enthüllung; aber ich werde meinen Schmerz bezwingen.“ funut viel leiſerer Stimme und in tiefem Ton fuhr er fort: „Vernichtet und vor Abſcheu und Schrecken bebend, hörte ich Julio's Beichte als ein Todesurtheil mir in den Ohren klingen. Herr,“ ſagte er, ich habe einen ſchaudervollen Mord vollbracht. Mich verfolgt Gewiſſensangſt und der Fluch des Höchſten. Ich werde meinem ſchuldigen Leben ein Ende machen. Binnen einer Stunde werde ich auf ewig in die Hölle gefahren ſein; aber ich will die Leiche meines Schlachtopfers nicht in ungeweihter Erde verborgen laſſen. Geht nach dem Luſtgarten; in dem tiefſten Keller, am Ende des unterirdiſchen Ganges werdet Ihr den Körper von Signor Geronimo begraben finden....“ Ein zerreißender Schrei ertönte durch den Saal: der alte Deodati ſchlug ſich die Hände vor die Stirne, und während dumpfes Seufzen und ſchmerzliches Stöhnen von ſeiner gedrückten Bruſt ſich losmachten, ſielen die hellen Thränen ihm zwiſchen den Fingern hinab auf den Fußboden des Saales. Turchi fuhr fort: 19* — y—.RKK 292 „Signor Geronimo! rief ich außer mir ſelbſt vor Angſt und Schrecken. Was, was ſagſt Du? Haſt Du meinen armen Freund ermordet? Unmöglich! Aber Julio gebot mir mit einer ſtrengen Geberde Stillſchweigen und antwortete: Ich habe Signor Geronimo ermordet. Es fehlte mir an Geld, um in den Schenken zu ſpielen und zu trinken; Ihr wolltet mir kein Geld mehr geben. Ich habe den unglück⸗ lichen Edelmann durchbohrt und ihm das Geld ge⸗ nommen, das er in der Taſche hatte.... Lebt wohl, heute noch wird es mit mir aus ſein.... Ehe ich zum Bewußtſein kam und darauf dachte, Julio zu ergreifen, war er mir aus dem Geſicht entſchwunden. Wahrſcheinlich wird man heute noch....“ Simon Turchi ſchien plötzlich zu erſchrecken und rief bebend aus: „Himmell ich höre Fräulein Maria!“ „Um Gottes willen, Signore, kein Wort, kein Zeichen!“ flehte Van de Werve mit gefalteten Hän⸗ den.„Bezwingt Eure Bewegung; erſpart ihr einen tödtlichen Schlag.“ Maria Van de Werve trat mit fragendem An⸗ geſicht in den Saal. Sie hatte unter der Thüre vier bis fünf Stadtdiener ſtehen ſehen. Wiewohl die Anweſenheit dieſer Leute ihr unerklärlich war, hatte es doch keinen ſonderlichen Eindruck auf ſie gemacht und ſie richtete nun den Blick auf ihren Vater, um von ihm zu vernehmen, was die Gerichtsdiener in ſeinem Hauſe zu thun hatten. Sobald ſie jedoch bemerkte, wie bleich und ver legen ihr Vater war, ſchaute ſie auch die andern Perſonen an. Simon Boden; de geſicht mit Ein är Bruſt; ſie auf Deode aber Jeder mit Beſorg „Geh' Dich, Mar zu liebe. Die I großen Un mit gefalte „Ach, iſt geſchehe Laßt mich mir, daß i nicht gefun wahr?“ Und di ſie in herzz holte zwan Alle in ein Herr 2 zu geben, aber riß los, ſtürzt „Bei leid mit m Duldet nie lichen Uebe ir ſelbſt vor Du? Haſt Unmöglich! gen Geberde abe Signor Geld, um in Ihr wolltet den unglück⸗ as Geld ge⸗ Lebt wohl, *Ehe ich e, Julio zu ntſchwunden. 4 ſchrecken und 4 Wort, kein alteten Hän⸗ art ihr einen agendem An⸗ r der Thüre Wiewohl die ) war, hatte ſie gemacht, Vater, umf ichtsdiener in eich und ver⸗ ) die andern 293 Simon Turchi ſah in düſterer Verzweiflung zu Boden; der alte Deodati bedeckte weinend ſein An⸗ geſicht mit den Händen. Ein ängſtlicher Schrei entſchlüpfte des Mädchens Bruſt; ſie blickte der Reihe nach auf ihren Vater, auf Deodati, auf Turchi und auf den Landvogt; aber Jeder ſchwieg und ſchien ihrem fragenden Auge mit Beſorgniß auszuweichen. „Geh' auf Dein Zimmer, ich erſuche, ich bitte Dich, Maria,“ flehte Van de Werve.„Thue es mir zu liebe. Frage nichts.“ Die Jungfrau, betroffen über alle dieſe Zeichen großen Unheils, eilte auf ihren Vater zu und rief mit gefalteten Händen: „Ach, ſagt mir, was muß ich fürchten? Was iſt geſchehen? Sprecht, Herr Vater; beruhigt mich. Laßt mich nicht in dieſem gräulichen Zweifel. Sagt mir, daß ich mich täuſche, daß man Geronimo's Leiche nicht gefunden hat! Wehe, er iſt todt, todt, nicht wahr?“ Und die Arme um ſeinen Hals ſchlagend, begann ſie in herzzerreißendem Ton zu wimmern und wieder⸗ holte zwanzig Mal ihre Bitte, um zu erfahren, was Alle in eine ſo außerordentliche Bewegung verſetzte. Herr Van de Werve wollte, ohne eine Erklärung zu geben, ſeine Tochter aus dem Saale führen; ſie aber riß ſich, ganz von Sinnen, von ſeiner Hand los, ſtürzte vor Turchi auf die Kniee und flehte: „Bei Eurer Liebe zu ihm, o Signore, habt Mit⸗ leid mit mir! Sagt mir, was ihm widerfahren iſt. Duldet nicht, daß ich von hier gehe, mit der ſchreck⸗ lichen Ueberzeugung ſeines Todes im Herzen!“ 294 Signor Turchi ſchaute ſchweigend auf ſie nieder, mit einem Blick, der von grenzenloſer Betrübniß wie erloſchen ſchien. „Unbarmherzig, unerbittlich auch Ihr!“ jammerte Maria, vom Boden aufſpringend.„Ha, ſein Oheim, ſein Vater wird ſich meiner erbarmen!“ Sie eilte auf den weinenden Edelmann zu, ſank auf den Stuhl neben ihm, und ſeine Hände ihm vom Geſicht wegziehend, begann ſie mit kläglichen Worten ihn um eine Erklärung anzurufen, wodurch ſie von der entſetzlichen Beſorgniß, die ihr ſolche Qual verurſachte, befreit würde. Die Thränen brachen reichlicher aus Deodati's Augen; er ſchlang ſeine Arme um den Hals der Jungfrau, legte ſeine weißen Haare auf ihre Bruſt und murmelte ſtatt aller Antwort: „Segen, Segen, über Euch, Jungfrau, für Eure Liebe! Ach, laßt uns beten!“ Herr Van de Werve hatte den Saal verlaſſen, um Marig's Kammerfrau zu rufen; er kam nun mit der alten Wärterin zurück und ſprach zu ſeiner Tochter: „Maria, ſtehe auf! folge Deiner Kammerfrau; Du darfſt hier nicht länger bleiben.“ Das Mädchen, wie verſteinert in ihrem Schmerz, blieb bewegungslos und ſchien ihres Vaters Worte nicht zu hören. Dieſer ſagte nun ungeduldig und mit ſtrenger Stimme: „Maria, verlaß dieſen Saal; ich will es, ich be⸗ fehle es: ſtehe auf und folge Deiner Kammerfrau. Gehorche mir!“ Das Mädchen richtete ſich langſam auf und ging an der H Stille Th Augen; u wankte ſie auf die Se Werve in Maria mi ehe ſie nu Alle, ſahen ihr leid nach. Im 2 thüre vor ter dem ſtändlicher Die 5 Plötzl geſtreckten ſie eine ſ „Seir aus dem rufen!“ Dann Bewegun Ihre geliebten bewußtlo⸗ der jamn nebenſteh ſie nieder, rübniß wie jammerte ſein Oheim, in zu, ſank Hände ihm t kläglichen I, wodurch ihr ſolche Deodati's Hals der ihre Bruſt u, für Eure l verlaſſen, m nun mit ier Tochter: ammerfrau; m Schmerz, ters Worte nit ſtrenger es, ich be⸗ ammerfrau. uf und ging 295 an der Hand der Kammerfrau nach der Saalthüre. Stille Thränen rollten wie Perlen ihr aus den Augen; unter der Laſt ihres Kummers wie vernichtet, wankte ſie auf den Beinen und lehnte ſich ſchwer auf die Schulter ihrer Wärterin, ſo daß Herr Van de Werve in Angſt gerieth bei dem Gedanken, die arme Maria möchte von einer Ohnmacht befallen werden, ehe ſie nur ihr Gemach erreichte. Alle, außer vielleicht der heuchleriſche Turchi, ſahen ihr mit klopfendem Herzen und tiefem Mit⸗ leid nach. Im Augenblick, da die Kammerfrau die Saal⸗ thüre vor ihrer Herrin öffnen wollte, hörte man un⸗ ter dem Hausgang ein ſeltſames Geräuſch unver⸗ ſtändlicher Rufe.... Die Kammerfrau öffnete die Thüre.... Plötzlich taumelte Maria zitternd und mit aus⸗ geſtreckten Händen in den Saal zurück, als wollte ſie eine ſchreckliche Erſcheinung abwehren. „Seine Seele, ſein Geiſt!“ ſchrie ſie,„erſtanden aus dem Grabe, um über ſeine Mörder Rache zu rufen!“ Dann blieb ſie unter dem Eindruck einer neuen Bewegung ſtehen und ſtieß im Tone faſt wahnſinni⸗ ger Freude hervor: „Er lächelt mir zu! O mein Gott! Er lebt, er lebt! Geronimo!“ Ihre Kräfte verließen ſie beim Ausſprechen dieſes geliebten Namens. Sie brach zuſammen und fiel bewußtlos in die Arme des Landvogts, welcher, von der jammernden Kammerfrau unterſtützt, ſie in einen nebenſtehenden Lehnſtuhl trug. 296 Signor Geronimo erſchien in dem Saal. Sein Angeſicht war todesbleich und abgemagert, gleich einem Gerippe; noch konnte man, wie einen breiten Fleck vertrockneten Blutes, die Wunde an ſeinem Halſe bemerken; ſeine Kleider, obwohl einigermaßen geſäubert, waren noch unordentlich und beſchmutzt. Er glich in der That einem Spuckgeiſte, der aus ſeinem Grabe auferſtanden war. Sobald Turchi ſein Schlachtopfer erkannt hatte, war er mit einem Schrei der Beſtürzung zurückge⸗ wichen; und betroffen von der Vorſtellung, Gott habe hier ein Wunder zugelaſſen, um ſeine Uebelthat zu ſtrafen, hielt er die zitternden Hände gegen Gero⸗ nimo ausgeſtreckt und ſchien um Gnade zu flehen. Der Junker ſchleuderte ihm einen Blick des Ab⸗ ſcheu's und der Verachtung zu und rief: „Du hier? Mörder, abſcheulicher Mörder! Zittere, zittere! Der höchſte Richter wird Rechenſchaft von Dir fordern über mein Blut.... über Julio's Tod!....“ Ein Murren der Beſtürzung und des Schreckens erfüllte den Saal; Jedermann ſchaute auf Simon Turchi, welchen die Worte des Junkers vernichtet zu haben ſchienen. Geronimo ſchüttelte den Kopf, als wollte er die düſteren Gedanken aus ſeinem Geiſte verbannen, eilte mit offenen Armen auf den alten Deodati zu und ſchloß ihn frohlockend an ſeine Bruſt. „O, Freude!“ rief er mit Thränen auf den Wangen.„Unverhofftes Glück, ich ſehe meinen guten Oheim noch einmal auf Erden: Ihr habt gelitten, nicht wahr? Gelitten und getrauert, wie ein Vater, dem man Kummer theure Z1 und Euch Grabes. mich ſo rigen Tig Wo iſt 2 Himmel, Er li vor ihr 1 ſie mit h⸗ tem Ton Unter tigt, Mo zu waſche Wärterin mühungen bringen. Eine Eindruck nichtet ge und geda zu ergreif durchſchar die Oeffn Simo loren we vor dem Seine K ängſtliche gen aus aal. Sein gert, gleich nen breiten an ſeinem nigermaßen beſchmutzt. , der aus annt hatte, g zurückge⸗ Gott habe ebelthat zu egen Gero⸗ u flehen. ck des Ab⸗ er! Zittere, ſchaft von der Julio's Schreckens auf Simon vernichtet llte er die verbannen, Deodati zu auf den inen guten dt gelitten, ein Vater, 297 dem man ſein einziges Kind entriſſen hat? Kein Kummer mehr! Ich will Euch lohnen für Eure theure Zuneigung: Euch lieben, Euch dankbar ſein und Euch in Ehren halten, bis an den Rand des Grabes. O, Preis ſei dem barmherzigen Gott, der mich ſo wunderbar aus den Klauen dieſes blutgie⸗ rigen Tigers gerettet hat.... Aber, aber, Maria? Wo iſt Maria? Ach, dort auf dem Stuhl. Himmel, meine arme Geliebte, was iſt ihr geſchehen?“ Er lief auf die ohnmächtige Maria zu; kniete vor ihr nieder, faßte eine ihrer Hände und benetzte ſie mit heißen Thränen, während er mit bekümmer⸗ tem Ton ſie bei ihrem Namen rief. Unterdeſſen war die Kammerfrau damit beſchäf⸗ tigt, Maria's bleiche Stirne mit Waſſer und Eſſig zu waſchen; Herr Van de Werve unterſtützte die Wärterin voll Angſt und Beſtürzung in ihren Be⸗ mühungen, das Mädchen wieder zur Beſinnung zu bringen. Eine kurze Weile war Simon Turchi unter dem Eindruck der plötzlichen Erſcheinung Geronimo's ver⸗ nichtet geblieben. Dann hatte er ſich aufgerichtet und gedachte ſich der Thüre zu nähern, um die Flucht zu ergreifen; aber der Landvogt, der ſeine Abſicht durchſchaute, hatte ſeinen Degen gezogen und ſich an die Oeffnung der Thüre geſtellt. Simon Turchi bemerkte, daß Alles für ihn ver⸗ loren war. Mit gebücktem Haupt und die Hände vor dem Geſicht, ſtand er in der Tiefe des Saales. Seine Kniee wankten, alle ſeine Glieder bebten, ängſtliche Seufzer und verzweifeltes Gemurmel ſtie⸗ gen aus ſeiner beklemmten Bruſt empor. Wohl 298 regte ſich in ihm noch der Gedanke, zu fliehen oder durch demüthiges Flehen das Urtheil von ſich abzu⸗ wenden; doch erſtickte jedesmal eine drohende Ge⸗ berde des Landvogts alle Hoffnung in ſeinem Herzen und zwang ihn, das Haupt noch tiefer auf die Bruſt niederzubeugen. Maria erwachte aus ihrer Ohnmacht. Sie blickte verwundert und fragend im Saale herum und ſchien erſt ſich in das Gedächtniß zurückzurufen, was ge⸗ ſchehen war; aber als Geronimo mit einem Freuden⸗ ſchrei ihre Hände faßte, erhellte ein ſeliges Lächeln ihr Angeſicht; voll Entzücken ſchaute ſie ihm in die Augen und ſeufzte: „Ach, es iſt kein Traum; Ihr lebt! ich ſehe Euch wieder! Geronimo! Geronimo!“ Der junge Edelmann war von freudiger Rührung ſo überwältigt, daß er, während die Thränen ihm aus den Augen ſprangen, ſtatt aller Antwort nur den ſüßen Namen ſeiner Geliebten ſtammeln konnte. Seit dem Erſcheinen Geronimo's waren nur we⸗ nige Augenblicke verfloſſen: die wechſelnden Gemüths⸗ ſtimmungen waren bei allen anweſenden Perſonen einander ſo blitzſchnell gefolgt, daß Niemand Zeit dejunden hatte, um durch Worte ſeinem Erſtaunen zuft zu machen.... Aber der Landvogt, der wohl dachte, daß er hier eine traurige Pflicht zu erfüllen habe, beſchloß, von ſeiner Obergewalt Gebrauch zu machen und dieſem traurigen und erſchütternden Schauſpiel ein ſchnelles Ende zu ſetzen. Die Stimme erhebend, ſprach er mit gebieten⸗ dem Ton: „Signor Geronimo, beliebt es Euch, mit dem Erguß C Im Nam zu ſagen, Signor? und geho Geror beruhigte auf den Turch ſeiner abf ob er vo⸗ krümmte wagte er „Wol bot der „Ach „Es iſt f kam zu Zuſamme Lage ver nothwend Stelle, f für imme Monat lieh ihm Bitte ma Anlehen von in einem ſche Mit auf ſeine die Arme liehen oder mſich abzu⸗ dhende Ge⸗ nem Herzen ff die Bruſt Sie blickte und ſchien , was ge⸗ m Freuden⸗ ges Lächeln ihm in die h ſehe Euch er Rührung hränen ihm ntwort nur teln konnte. en nur we— Gemüths⸗ n Perſonen emand Zeit Erſtaunen t, der wohl zu erfüllen Bebrauch zu ſchütternden it gebieten⸗ , mit dem 299 Erguß Eurer Freude einen Augenblick einzuhalten. Im Namen des Gerichtes fordere ich Euch auf, mir zu ſagen, was Euch widerfahren iſt und warum Ihr Signor Turchi einen Mörder nennt. Tretet näher und gehorchet meinem Befehl!“ Geronimo drückte noch einmal Maria die Hand, beruhigte ſie durch einige leiſe Worte und trat dann auf den Landvogt zu. Turchi, vorausſehend, daß es jetzt zur Enthüllung ſeiner abſcheulichen Miſſethaten komme, war es, als ob er vor Angſt und Scham ſterben müßte, und er krümmte ſich in convulſiviſchen Zuckungen. Doch wagte er nicht, ſeinem Ankläger in's Geſicht zu ſehen. „Wohlan, Signore, erklärt, was Ihr wißt,“ ge⸗ bot der Landvogt. „Ach, es iſt ſo entſetzlich!“ begann Geronimo. „Es iſt fünf oder ſechs Wochen her. Simon Turchi kam zu mir und ſagte mir, ein unvorhergeſehenes Zuſammentreffen von Umſtänden habe ihn in eine Lage verſetzt, wo ihm zehntauſend Kronen dringend nothwendig wären. Fände er ſie nicht auf der Stelle, ſo würde ſein Handelshaus fallen und er für immer mit Schande bedeckt ſein. Nur auf einen Monat bedürfte er der erwähnten Summe. Ich lieh ihm die zehntauſend Kronen; und auf ſeine Bitte machte ich, um meine Gehülfen von dieſem Anlehen nichts wiſſen zu laſſen, keinerlei Eintrag da⸗ von in die Handelsbücher und begnügte mich mit einem ſchriftlichen Verſprechen der Zurückzahlung...“ Mit einem Freudenrufe kam der alte Deodati auf ſeinen Neffen zu und ſchloß ihn frohlockend in die Arme. —— — 300 „Ach, dafür ſei Gott ewig gedankt!“ rief er; „lieber, theurer Geronimo, Du haſt mir das Glück meines Lebens wieder gegeben! Der falſche Böſe⸗ wicht dort, der mich glauben ließ, Du habeſt zehn⸗ tauſend Kronen im Spiele verloren! Nein, Du biſt noch tugendhaft, dankbar, liebevoll, mein Sohn, mein guter Sohn!“ „Laßt ab, aus Achtung vor dem Gericht, Sig⸗ nor Deodati,“ ſagte der Landvogt.„Wohlan, Ge⸗ ronimo, vollendet Eure Erklärung.“ „Welche Falſchheit! mich für einen Undankbaren, für einen Spieler auszugeben!“ murmelte der Junker mit aufgehobenen Händen. Und ſich von Neuem zu dem Landvogte wendend, fuhr er fort: „Am letzten Abendfeſt hier im Hauſe ſagte mir Simon Turchi, ein fremder Kaufmann, der aber un⸗ bekannt bleiben wolle, werde mir die zehntauſend Kronen bezahlen. Ich müſſe allein und heimlich in ſeinen Luſtgarten kommen, um meinen Schuldbrief gegen gute Wechſel auf Italien auszutauſchen. Als ich dahin kam, riß mich Julio, Simon's Diener, in einen Zwangſtuhl. Mein Körper wurde von ſtäh⸗ lernen Bändern gefaßt und zuſammengedrückt. Jetzt kam Turchi mit einem Dolche auf mich zu; er ent⸗ riß mir den Schuldbrief und vernichtete ihn vor mei⸗ nen Augen. Dann ſtieß er mir ſeine Waffe in die Bruſt; aber ſie wurde durch ein kupfernes Amulet, das ich um den Hals hängen habe, abgehalten. Ein Stich, der mir durch den Hals beigebracht wurde, ſchien mir den Tod zu bringen; ich fühlte einen kur⸗ zen Augenblick das Blut mir entſtrömen; dann nahm ich, die? Leben.“ Der e nen Dege Luſt zu h der ſtreng ſchwang und ſtieß Mörder Geſicht, c 25 Geronime fenen Gr ſtimmt w zu begra mich tödt zu meine rettet. let ſchenk erlöst he vergange Julio im men geſte den Bau dungen l arbeitet, Nun iſt mir voll. lichſten auf Erde Gero die Aug⸗ 4 rief er; das Glück lſche Böſe⸗ abeſt zehn⸗ n, Du biſt Sohn, mein richt„ Sig⸗ ohlan, Ge⸗ dankbaren, der Junker e wendend, ſagte mir r aber un⸗ gehntauſend heimlich in Schuldbrief ſchen. Als Diener, in von ſtäh⸗ ückt. Jetzt zu; er ent⸗ on vor mei⸗ zaffe in die es Amulet, alten. Ein acht wurde, einen kur⸗ dann nahm 301 ich, die Augen ſchließend, auf ewig Abſchied vom Leben.“ Der alte Deodati hatte, vielleicht unbewußt, ſei⸗ nen Degen aus der Scheide gezogen und ſchien große Luſt zu haben, Turchi damit zu durchbohren; aber der ſtrenge Blick des Landvogts hielt ihn zurück. Er ſchwang aber noch immer den Degen in der Fauſt und ſtieß murmelnd heftige Drohungen gegen den Mörder aus, der noch immer, die Hände vor dem Geſicht, an der Wand ſtand. „Ich erwachte in einem düſtern Kerker,“ fuhr Geronimo fort,„am Rande eines friſch aufgewor⸗ fenen Grabes, das zu meinem ewigen Ruheplatz be⸗ ſtimmt war. Als Julio zurückkam, um meine Leiche zu begraben, fand er mich noch am Leben! Er wollte mich tödten, aber er erkannte das Amulet, das ich zu meinem Schutze ihm entgegenhielt. Ich war ge⸗ rettet. Die alte blinde Frau, welche mir das Amu⸗ let ſchenkte, weil ich ſie aus der türkiſchen Sclaverei erlöst hatte, die Frau war Julio's Mutter. Die vergangene Nacht hat Signor Turchi ſeinen Diener Julio im Wein vergiftet. Julio iſt in meinen Ar⸗ men geſtorben, mit der Erklärung, daß Signor Turchi den Banditen Brufferio zu meiner Ermordung ge⸗ dungen habe. Ich habe Stunden um Stunden ge⸗ arbeitet, um aus dem Luſtgarten herauszukommen. Nun iſt die wunderbare Beſchirmung des Herrn an mir vollbracht: hier bin ich, entgangen dem entſetz⸗ lichſten Tode, und in der Mitte aller Derer, die mir auf Erden theuer ſind.“ Geronimo kehrte zu Maria zurück, die weinend die Augen zum Himmel erhoben hatte, als dankte ſie dem Herrn für die wunderbare Errettung ihres Verlobten.... Aber die Stimme des Landvogts er⸗ tönte gebieteriſch in den Gang; Jeder vermuthete, was geſchehen ſollte, und ſchaute zitternd auf Simon Turchi. Dieſer hatte mit tödtlicher Beſtürzung den Sinn von des Landvogts Befehl errathen. Er warf ſich knieend auf den Fußboden, kroch in die Mitte des Saales und rief mit aufgehobenen Armen und thrä⸗ nenden Augen: „O, Herr Van Schoonhoven, o, Geronimo, ich habe mich einer abſcheulichen Miſſethat ſchuldig ge⸗ macht; ich verdiene Euren Haß, Eure Verachtung, den Tod.... aber Gnade, Erbarmen, habt Mitleid mit mir! Erſpart mir die Schande des Schaffots. Belaſtet mein Geſchlecht nicht auf ewig mit Schmach. Laßt mich fliehen bis an's fernſte Ende der Welt.... Ach, nein, nein, Verzeihung, Verzeihung, überliefert mich nicht dem Henker!“ Fünf Gerichtsdiener zeigten ſich am Eingang des Saals. „Was gebietet der Herr Landvogt?“ fragte der Erſte derſelben. „Man binde dem Signor die Hände auf den Rücken!“ war die Antwort. „O cielo, mi legate le mani? a me!“*) Mich binden? Mich binden wie einen Dieb?“ rief Turchi mit Abſcheu. „Einen Edelmann binden?“ wiederholte der An⸗ führer der Gerichtsdiener beſtürzt. *) O, Himmel, mir die Hände binden? mir! A. d. U. „Voll bot der Dieb und nach dem Haupt ſol In n Diener d den Rücker Widerſtan Nun ihn zum Miſſethät Kaum in dem C den, als ausſtießen Maric ronimo l die Bruſt dati mach „Lieb der Danl ſchuld be Mitte mi ner Trau beugen n Namen. Er kn Haupt ur Geror Greiſes; Erde. tung ihres dvogts er⸗ ermuthete, muf Simon den Sinn warf ſich Mitte des und thrä⸗ nimo, ich huldig ge⸗ gerachtung, bt Mitleid Schaffots. Schmach. Welt.... überliefert ngang des fragte der auf den **) Mich rief Turchi te der An⸗ A. d. U. 303 „Vollbringt meinen Befehl auf der Stelle!“ ge⸗ bot der Landvogt.„Der Edelmann iſt ein feiger Dieb und niederkrächtiger Mörder. Man führe ihn nach dem Stein, in den tiefſten Kerker: ſein ſchuldig Haupt ſoll auf dem Schaffot fallen!“ In weniger als einem Augenblick hatten die Diener des Landvogts dem Signor die Hände auf den Rücken gebunden, obwohl derſelbe zuerſt einigen Widerſtand leiſtete. Nun riſſen ſie ihn mit Gewalt fort und führten ihn zum Saal hinaus. Der Landvogt folgte dem Miſſethäter. Kaum war Simon Turchi mit ſeinen Wächtern in dem Gang und ihnen aus dem Geſicht verſchwun⸗ den, als Maria und Geronimo einen Freudenſchrei ausſtießen. Maria ſprang ihrem Vater um den Hals; Ge⸗ ronimo legte, vor Freude weinend, ſein Haupt an die Bruſt ſeines Oheims.... aber der alte Deo⸗ dati machte ſich aus ſeinen Armen los und ſagte: „Liebe Kinder, erfüllen wir erſt die heilige Pflicht der Dankbarkeit. Gott hat ſo ſichtbar hier die Un⸗ ſchuld beſchirmt, daß ſeine Gegenwart in unſerer Mitte mich vor Chrfurcht zittern macht. Unſer ſchö⸗ ner Traum wird Wahrheit werden. Ach, darum beugen wir uns vor dem Herrn und preiſen ſeinen Namen... Laſſet uns beten!“ Er kniete vor dem Crucifix nieder, beugte das Haupt und faltete die Hände. Geronimo und Maria knieten zur Seite des Greiſes; Van de Werve neigte ſich hinter ihnen zur Erde. 304 Lang, ſehr lang rauſchte das ſtille Dankgebet durch den Saal. XIII. Es war ſechs Uhr Morgens. Der Glanz des Tageslichts zu dieſer frühen Stunde und die Höhe der Sonne an dem hellen Himmel bezeugten, daß der heiße Sommer an die Stelle des milden Maimonats getreten war. Es mußte an dieſem Tage ohne Zweifel in Ant⸗ werpen etwas ganz Beſonderes, oder etwas Feſtliches geſchehen; denn durch alle Thore kamen die Außen⸗ wohner in großer Menge in die Stadt hineingezogen. Die Straßen waren mit Menſchen jedes Alters an⸗ gefüllt, die unter Schwatzen und Lachen ſich beeilten, nach der Mitte der Stadt zu gelangen, als warte ihrer dort ein frohes und prächtiges Schauſpiel. Beſonders durch das Bürgerholzthor ergoſſen ſich die Bewohner der volkreichen Vorſtädte und der nächſtliegenden Dörfer in fortdauerndem Strom durch die Stadt. Dort war das Gedränge unter dem engen Eingang zuweilen ſo heftig, daß Weiber und Kinder Gefahr liefen, erdrückt zu werden. Niemand ſchien jedoch auf ihre Angſtrufe ſonder⸗ lich Acht zu geben: alle ſetzten ihren Weg, ohne ſich umzuſehen und in vermehrter Eile fort, bis am Ende der erſten langen Straße ein außergewöhnlicher Zu⸗ ſammenlauf des Volks unerwartet deren Neugierde weckte. Vor der Wohnung des Herrn Van de Werve ſtand ein harren ſ das offen Ehrerbie rückgezog über da ſelbſt P vornehm ein zu b Der nach der wichtiger ſchnellen nicht um hatten kommen nach It fort, als belangre andern Viel nauer z dem Zuf Ein einige 8 ander er einen T Jahren und den was in ſich gin, Er Con Dankgebet er frühen dem hellen ner an die ar. fel in Ant⸗ Feſtliches die Außen⸗ iingezogen. Alters an⸗ h beeilten, als warte Schauſpiel. goſſen ſich und der trom durch dem engen ind Kinder ufe ſonder⸗ „ohne ſich am Ende alicher Zu⸗ Neugierde de Werve 30⁵ ſtand eine dichte Schaar Bürger, die auf Etwas zu harren ſchienen und mit ungeduldigem Verlangen in das offene Hofthor ſchauten. Aus einem Gefühl von Ehrerbietung hielten ſie ſich jedoch ſehr ſtill und zu⸗ rückgezogen, ſprachen nur mit gedämpfter Stimme über das, was geſchehen ſollte, und machten von ſelbſt Platz, ſobald ein Edelmann oder ſonſt eine vornehme Perſon ankam, um ſich in das Haus hin⸗ ein zu begeben. Der Zweck, welcher die unzählbaren Fußgänger nach der Mitte der Stadt rief, mußte ein ſehr ge⸗ wichtiger ſein; denn die Meiſten unterbrachen ihren ſchnellen Schritt nicht und wandten ſelbſt den Kopf nicht um. Andere näherten ſich dem Volkshaufen; hatten ſie jedoch auf ihre Frage zur Antwort be⸗ kommen,„Fräulein Van de Werve ſei im Begriff, nach Italien abzureiſen,“ ſo ſetzten ſie ihren Marſch fort, als wäre ihnen der Anblick dieſer Abreiſe nicht belangreich genug, um einen guten Platz bei einem andern größern Schauſpiel daran zu wagen. Viele blieben jedoch ſtehen und ſuchten noch ge⸗ nauer zu vernehmen, was der wirkliche Grund von dem Zuſammenlauf des Volks auf dieſem Platze war. Ein alter grauer Bauer erkannte, nachdem er einige Zeit vergeblich auf das, was die Bürger ein⸗ ander erzählten, gehorcht hatte, zwiſchen der Menge einen Mann von ſeinem Dorfe, der ſeit ein paar Jahren in der Stadt bei der Jakobskirche wohnte und demzufolge beſſer als die Andern wiſſen mußte, was in dem Hauſe des Herrn Van de Werve vor ſich ging. Er drängte ſich mit vorſichtiger Gewalt zu ſei⸗ Conſcience, Simon Turchi. 20 —. — nem Freunde durch, klopfte ihm auf die Schulter und fragte: „Was gibt es Neues hier, Meiſter Jan, daß das Volk hier haufenweiſe ſteht? Ich höre dahinten ſagen, Fräulein Van de Werve wolle nach Italien abrei⸗ fen.... „Ah, Baas Stephen!“ fiel ihm der Andere in's Wort,„Frau Geronimo Deodati müßt Ihr ſie nennen.“ „Iſt ſie denn verheirathet? Das Lied von Simon Turchi, welches ich letzten Freitag ſingen hörte, ſpricht von einem zarten, ſchönen Mägdlein.“ „Man ſollte glauben, Baas Stephen, unſer Dorf liege am andern Ende der Welt. Jedermann in Ant⸗ werpen, bis auf die Kinder herab, hat dieſe glück⸗ liche Hochzeit geſegnet und gefeiert, als einen klaren Beweis von Gottes Gerechtigkeit....“ „Allerdings, Freund Jan, ſo wie das Klagelied von Simon Turchi ſagt, hat der Herr dort oben in dieſer Sache ſichtbarlich die Tugend gerochen und die Miſſethat geſtraft. Der Mörder ſtirbt des ſchreck⸗ lichſten Todes, und ſein Schlachtopfer wird der Bräu⸗ tigam der edelſten und reichſten Jungfrau, welche in der ganzen Graſſchaft zu finden iſt.... Kennt ihr ſie, Meiſter Jan?“ „Ob ich ſie kenne? Sie kommt täglich zweimal an meiner Thüre vorbei, um zur Kirche zu gehen. Ich liefere Brod in ihr Haus und habe wohl zu⸗ weilen mit der freundlichen Jungfrau geſprochen.“ „Ich möchte ſie gleichfalls einmal ſehen,“ ſeufzte der Alte,„aber ich habe keine Zeit zu warten, ſonſt komme ich dort auf dem Großen Markt zu ſpät.“ Schulter daß das en ſagen, en abrei⸗ Andere t Ihr ſie n Simon te, ſpricht nſer Dorf n in Ant⸗ eeſe glück⸗ en klaren Klagelied oben in chen und es ſchreck⸗ der Bräu⸗ welche in Kennt ihr hzweimal zu gehen. wohl zu⸗ pochen.“ ,“ ſeufzte ten, ſonſt ſpät.“ 307 „Seid ohne Furcht,“ antwortete Meiſter Jan, „es vergeht wohl noch eine Stunde, ehe der Henker⸗ karren den Stein verläßt.“ Der alte Bauer ſchien im Zweifel darüber, was er thun ſollte. „Aber ſeid Ihr gewiß, daß die Jungfrau jetzt gleich abreiſen wird?“ fragte er. „Auf der Stelle, Baas Stephen; man beeilt ſich da drinnen ſo viel als möglich. Herr Van de Werve will aus der Stadt weg ſein, ehe der Nachrichter ſein Werk beginnt.“ „Das iſt wunderbar,“ bemerkte der Dorfbewoh⸗ ner.„Warum wartet er auf dieſen Tag? An ſeiner Stelle wäre ich ſchon lange abgereist.“ „Ah, das iſt wieder ein Beweis von Gottes Ein⸗ greifen bei dieſen ſchrecklichen Begebenheiten,“ ant⸗ wortete Meiſter Jan.„Bereits acht Tage lang liegt das Schiff bereit, welches mit ihm nach Italien ſegeln ſoll. Der Wind iſt aber unveränderlich Südweſt ge⸗ blieben. Erſt dieſe Nacht hat er ſich nach Oſten ge⸗ dreht und die Reiſe auf ſolche Art möglich gemacht; aber die Fluth geht noch hoch und wird erſt zu der Stinde zu fallen beginnen, welche für den Tod des Mrders beſtimmt iſt. Ihr ſeht wohl: Gott ſelbſt ha gewollt, daß Herr Van de Werve hier bleibe, bi ſeine allmächtige Rache gänzlich vollbracht iſt.“ „Und ſie reist nach Italien? Auf immer?“ „O, nein, es iſt eine Brautreiſe. Sie kehrt bin⸗ m eines Jahres zurück: ſo bald ſie in dem reichen id prächtigen Italien die Falſchheit und Grauſam⸗ it von Simon Turchi einigermaßen vergeſſen hat 20* 308 .... Aufgeſchaut, Baas Stephen! Aufgeſchaut, da ſind ſie, glaube ich.“ Aus der Mitte des Volks ertönte ein Freuden⸗ ſchrei und Jedermann drang vorwärts gegen das Thor, um Frau Geronimo Deodati in der Nähe vorübergehen zu ſehen. Wer ſie nicht kannte, wollte doch einmal die junge Edelfrau ſehen, deren Name in die blutige Geſchichte von Simon Turchi verwickelt war, und die man als ein Vorbild reiner Tugend, inniger Gottesfurcht und unbeſchreiblicher Schönheit rühmte;— die Verwandten und Bekannten ſtanden dort verſammelt, um ſie noch einmal zu begrüßen, ihr ein ehrerbietiges und herzliches Lebewohl zuzu⸗ rufen und ihr Glück auf die Reiſe zu wünſchen. Maria Van de Werve, jetzt Frau Geronimo Deodati, erſchien unter dem Thore, an der Hand ihres jungen Gatten. Sobald die Bürger und das Volk ſie bemerkten, brach ein langes Jubelgeſchrei aus Aller Munde; man ſchwenkte die Hüte; man erfüllte die Luſt mit dem freudigen Rufe„Heil, Heil!“ und man dringte vor, um einen einzigen Blick auf das engelgviche Angeſicht der ſchönen jungen Frau und auf die fine und edle Miene ihres Gatten zu werfen, der ſo wunderbar durch Gottes Dazwiſchenkunft aus an Klauen ſeines grauſamen Feindes, Simon Turé, erlöst und gerettet worden war. Herr Van de Werve ſchritt neben ſeiner Tochte einher; der greiſe Ritter und Handelsherr Deoda ging an der Seite ſeines geliebten Neffen Geronimo Dann folgten die beiden verheiratheten Brüder Maria's und eine große Zahl der nächſten Verwand⸗ — —,— 309 aut, da ten und Bekannten ihres Vaters; deßgleichen einige den⸗ Italiener, Spanier und Portugieſen, die ihrem Freund Teu d Signor Geronimo bis an das Ufer der Schelde das rn Na Geleit geben wollten. 3 MNüde Als Maria die Segnungen und Freudenrufe des 2 Name Volkes hörte, als ſie die tauſend Augen, die von erwickelt Begeiſterung und Liebe erglänzten, auf ſie gerichtet Tu end ſah, färbten ſich Stirn und Wangen mit einer leb⸗ G it haften Röthe, und ſie ſchlug gerührt den Blick zu Handen Boden. Aber ſogleich das Geſicht wieder erhebend, ſtan en grüßte ſie die entzückten Einwohner mit einem ſtillen Prüſen, Lächeln von Freundſchaft und Dankbarkeit, das in A zulsii⸗ Folge eines unbegreiflichen Eindrucks alle Herzen en. noch lauter klopfen machte, und noch lebhafter als * Hand zuvor ſtiegen die frohen Glückwünſche zum Himmel H empor. merkten Auf ein Zeichen von Herrn Van de Werve öff⸗ Munde nete die jubelnde Volksmenge ſich ehrerbietig, und jaſt mit der ganze Zug von Verwandten und Freunden trat dringte eiligen Schrittes auf die Straße. elgeiche Hinter ihnen ſchloß ſich wieder das verſammelte die ſäne Volk; und immer und unaufhörlich ſeine Segens⸗ der ſo wünſche wiederholend, wogte es hinter dem zahlreichen aus in Gefolge der Edelleute her. ¹ 1 Turd. Meberall, wo das geprieſene Paar vorüberkam, 7 liefen die Einwohner aus ihren Häuſern und bezeug⸗) Tochte ten mit lauter Freude ihre Ehrerbietung und ihre 3 Deoda Liebe gegen die Schützlinge des Himmels. zeronimo Dieſer Gang nach der Schelde glich einem wahren 1 Brüden Triumphzug. 3 9 Verwand⸗„Van de Werve, an Chrerbietung gewöhnt, ſchien 3 nicht beſonders durch dieſen begeiſterten Jubel des 310 Volks überraſcht. Er grüßte links und rechts mit kalter Höflichkeit. Der alte Deodati war hingegen tief bewegt. Er, der gewöhnlich etwas gebückt ging, hatte nun das Haupt ſtolz erhoben. Er ſchien verjüngt; ein ſüßes Lächeln ſpielte auf ſeinen Lippen, und er wandte die Augen von der erfreuten Menge auf Geronimo, als wollte er ſagen:„ich bin ſein Pflegevater und ſein Oheim.“ Geronimo's Rechte zitterte in der Hand ſeiner ſchönen Gattin; ſeine Bruſt klopfte heftig; auf ſeinem Angeſicht war Herzensfreudigkeit und Glückſeligkeit in leuchtenden Zügen ausgeprägt. Von Zeit zu Zeit ſchaute er mit einer auffallen⸗ den Zuverſicht auf Maria und bebte dann vor ge⸗ heimer Wonne. Jeder Schritt, den er machte, führte ihn ſeinem geliebten Vaterland, Italien näher, wo er mitten unter ſeinen Verwandten und Freunden, mit der ſchönſten und liebenswürdigſten, von Gott ſelbſt ihm geſchenkten Gattin erſcheinen ſollte! Wie würde ſein Leben ſüß und glücklich ſein! Welcher Genuß! Alſo, Hand in Hand mit ſeiner geliebten Maria, die duftende Luft ſeines Geburtslandes ein⸗ zuathmen, deſſen Hügel und Thäler zu durchwandern, und auf dem Gipfel ſeiner erhabenen Gebirge die Hände zu Gott auszuſtrecken und ihn für ſeine milde Güte zu preiſen! Er war noch in die Betrachtung dieſes erträum⸗ ten Glückes verſunken, als der Zug unter dem Werft⸗ thore anlangte und den Kai erreichte. Ein Ruf der Freude entſchlüpfte Geronimo. Dort, mitten auf der Schelde, lag die Galeere, II Salva- chts mit gt. Er, nun das n ſüßes ndte die mo, als und ſein d ſeiner f ſeinem kſeligkeit uffallen⸗ vor ge⸗ , führte der, wo reunden, on Gott te! Wie Welcher geliebten des ein⸗ andern, irge die ne milde rträum⸗ n Werft⸗ . Dort, Salva- — 311 tore, mit bunten Flaggen behangen, und als hätte das ſchwere Schiff gefühlt, welchen koſtbaren Schatz es den Niederlanden entführen ſollte, ſchwankte und wiegte es ſich mit lebhafter Ungeduld unter dem Hauche einer günſtigen Kühlte. (Ein Theil der Matroſen war damit beſchäftigt, den Anker aus dem Grunde zu heben. Man hörte bis auf den Kai die raſche Bewegung der Kabel⸗ wende. Die ganze übrige Mannſchaft ſtand auf den Maſten oder hing in dem Takelwerk und ſchwenkte die Hüte und erſchütterte die Luft mit dem lauten Willkommsgruße: „Benvenuto, benvenuto!.. nostra Signora!“*) Zu gleicher Zeit krachten fünf oder ſechs Kanonen⸗ ſchüſſe aus dem Rumpf vom II Salvatore, und der feſtliche Donner rollte in langem Wiederhall über die Fläche des Stromes hin. Die Volksmenge antwortete vom Wall durch einen dreimal wiederholten Jubelruf, und der letzte Knall der Kanonen verſchmolz in dem Rufe:„Heil, Heil!“ der über die Kais und die Schiffe ſich fort⸗ pflanzte. Mittlerweile wurden am Ufer der Schelde Hände⸗ drücke und Umarmungen zwiſchen Freunden und Verwandten gewechſelt. Manche vergoſſen Thränen, als ſie ihr Lebewohl ſtammelten. Mehr noch als die Andern mußte Maria Van de Werve gerührt ſein, denn ſie weinte heftig, als ihre beiden Brü⸗ . Viva, viva, la *) Willkommen, willkommen!.... Es lebe, es lebe un⸗ ſere Herrin! A. d. U ———— der einen ängſtlichen Kuß auf ihre Stirne drückten. Geronimo hatte ſich bis dahin bezwungen. Wohl glänzten ſeine Augen, wohl konnte man ſehen, daß Thränen darin aufſtiegen, doch er hielt ſich ſtark und weinte nicht. Die Galeere II Salvatore war von ihrem Anker gelöst; ihre Segel ſchlugen zuerſt heftig aneinander; doch hatten ſie jetzt Wind gefaßt und ſich anmuthig gewölbt. Das Schiff trieb ſtetig mit der Fluth den Strom hinunter. Van de Werve, Deodati und ihre glücklichen Kinder traten in das Boot, das ſie erwartete. Petronilla, die Kammerfrau, nahm Platz neben ihrer Herrin.... Noch ein letzter Gruß wurde gewechſelt, dann tauchten zu gleicher Zeit die acht Ruder in das Waſſer. Das Boot ſchoß, von den mächtigen Armen der Matroſen getrieben, vorwärts auf dem Strom, und trieb unter ſeiner ſchnellen Fahrt ſchäu⸗ mend die Wogen auf. In dieſem Augenblick liefen Geronimo die Thrä⸗ nen über die Wangen. Er legte dem greiſen Deo⸗ dati die Arme um den Hals und rief, indem er ihm einen warmen Kuß gab, laut aus: „O, lieber Oheim, guter Vater, Italia, Italia!“ Und das Antlitz zum Himmel erhebend, ſprach er mit feuriger Dankbarkeit in der Stimme: „Geprieſen, geprieſen ſeiſt Du, o Gott, für alle meine Leiden! Geprieſen für Deine unendliche Güte. Du haſt ſie mir zur Gattin geſchenkt; ſie geht mit mir als Lebensgefährtin in mein theures Vaterland .... Ach, habe Dank, tauſendmal Dank für dieſe höchſte Wohlthat!“ —— — 313 Kaum waren dieſe Worte ſeinen Lippen entfallen, ſo lag das Boot neben dem Rumpf der Galeere. Der Steuermann gab ein Zeichen: alle Segel wurden ausgeſpannt; das Schiff arbeitete ein wenig, als ſuchte es den Wind, und ſchoß dann plötzlich auf der majeſtätiſchen Waſſerfläche vorwärts. Wieder wurden fünf Kanonenſchüſſe an Bord des Il Salvatore gelöst, und auf dieſen donnernden Ab⸗ ſchiedsgruß antwortete das Volk von den Kais und Schiffen mit wiederholten Glückwünſchen, bis die Galeere hinter der Flämiſchen Spitze Allen aus dem Geſicht verſchwand. Als ob jeder Zuſchauer dieſen Augenblick von demſelben Gedanken beſeelt geweſen wäre, wandte die ganze Menge um, entfernte ſich durch alle Schelde⸗ thore und Ausgänge von dem Werft und begann mit großer Haſt nach dem Innern der Stadt zu laufen. Die Volksfluth, die ſo eilig die Stadt verlaſſen hatte, erreichte bald den großen Markt, aber fand dieſen und die umliegenden Straßen ſo ſehr mit Menſchen beſetzt, daß es kein Mittel gab, um nur zwei Schritte weit in die dicht geſchloſſene Menge einzudringen. Der weite Platz vor dem Stadthauſe war, ſo weit das Auge reichte, mit einem Meer von Köpfen bedeckt; alle Fenſter waren mit Frauen und ſelbſt mit Kindern angefüllt; auf den Dächern und Ka⸗ minen wimmelte es von Neugierigen; das Eiſenwerk an den Brunnen ſchien ſich unter dem Gewicht der Straßenjungen, die ſich daran feſtgeklammert hat⸗ ten, zu biegen. Es herrſchte jedoch eine unbeſchreibliche Stille, Kein Laut ließ ſich unter dem dumpfen Sauſen dieſer Tauſende und Tauſende von Menſchen unter⸗ ſcheiden, außer dem düſtern und Angſt erweckenden Geläute der Todtenglocke, die ihre Klagetöne, einen nach dem andern, in die Luft fallen ließ.... und hin und wieder einem erſtickenden Nothſchrei, ſo durch⸗ bohrend und entſetzlich, daß er mehr noch, als die traurige Stimme der Todtenglocke, die Zuſchauer mit Zittern und Beben erfüllte. Aller Augen waren ohne Unterlaß nach dem Stadthaus gerichtet und auf einen Punkt vor dem Gebäude gefeſſelt, vor dem eine dicke Rauchwolke, ſich kräuſelnd, in die Höhe ſtieg, und hin und wieder der ſchreckliche Schmerzensruf mit einer Feuergluth. ſich erhob. Was an dieſem Tag auf dem großen Markte geſchah, erzählt uns folgendermaßen Matteo Ban⸗ dello, Biſchof von Agen, der zu jener Zeit lebte und aus dem Munde eines Augenzeugen berichtet*). „Auf den beſtimmten Tag wurde Simon Turchi in denſelben Zwangſtuhl geſchloſſen.... und auf einem Karren durch die Straßen von Antwerpen ge⸗ führt, während der gute Pater ihm beſtändig Geſell⸗ ſchaft leiſtete und zuſprach. Als ſie auf den Großen Markt kamen, wurde der Stuhl, mit Simon darauf, von dem Karren genommen. Die Henkersknechte machten rings darum ein kleines Feuer, in das ſie von Zeit zu Zeit Holz nachlegten, jedoch ſo, daß die Hitze nicht zu groß wurde, aber völlig genügte, um den unglücklichen Turchi allmälig zu braten. Der *) Siehe Willems, Belgiſches Muſeum VI., 256. Kloſter Wärme ‚Simo Dulder Dem Simor ergab Tod. hatte, er gar aus d Kette womit hatte. pflanz und e einen Sauſen unter⸗ cenden einen . und durch⸗ als die ſchauer h dem dr dem gwolke, wieder ergluth Markte Ban⸗ te und n. Turchi nd auf den ge⸗ Geſell⸗ Großen darauf, knechte das ſie daß die te, um Der I., 256. 315 Kloſterbruder ſtand neben ihm, ſo dicht, wie die Wärme es geſtattete, und rief verſchiedene Male: „Simon, erkenne hier die Zeit der Buße! Der Dulder antwortete, ſo lange er konnte:„Ja, Vater!' Dem äußerlichen Gebahren nach zu urtheilen, zeigte Simon Turchi eine große Faſſung, viel Geduld und ergab ſich gelaſſen in den ſchmachvollen und bittern Tod. Als man ſah, daß er den Geiſt aufgegeben hatte, nahm man den halbverbrannten Leichnam, ehe er ganz unförmlich geworden war, und ſchleppte ihn aus der Stadt, wo man ihn mit einer eiſernen Kette an einem Pfahl anband, den Dolch zur Seite, womit er dem jungen Deodati einen Stich verſetzt hatte. Der Pfahl wurde an offener Straße aufge⸗ pflanzt, damit er, Jedermann zur Warnung, geſehen und erkannt werde als Schandmal und Strafe für einen ſo grauſamen Mord.“ Ende. Das Kabinets 8 P Kingston, König Ko Kowalews Larroir, 2 Lumartine, Lee, Halm Lever, Bek — Jack H — Tom 2 — Der S — O'Mal — O'Don — Arthur — Die N — Der R — Die D AMlanzoni, Maquet, — Die w Marryai, — Die A In unſerem Verlage ſind erſchienen: Das belletriſtiſche Ausland. Kabinetsbibliothek claſſiſcher Romane aller Nationen. Preis eines Bändchens 2 Sgr. oder 6 kr. Bändchen Kingston, Der Tſcherkeſſen⸗Häuptling.. König Karl XlI. und ſeine Günſtlinge. Hiſt. Roman Komalewski, Petersburg bei Tag und bei Nacht Lacroir, Die beiden Hofnarren. Hiſtor. Roman. Lamartine, A., Raphael. Eine Liebesgeſchichte.. Lee, Holme, Thorney⸗Hall...... „ever, Bekenntniſſe von Harry Lorrequer.... Jack Hinton, von der Garde...... 10 — Tom Burke........ 15 — Der St. Patriks⸗ Abend........ 3 — O'Malley, der iriſche Dragoner.... 18 — O'Donoghue. Eine Erzählung aus Irland.. 10 — Arthur O'Leary, ſeine Fahrten u. Erfahrungen ꝛc. 9 — Die Nevilles von Garretstown...... 10 „— Der Ritter von Gwynne....... 15 — Die Daltons oder drei Lebenäwege... 241 Mlanzoni, Die Verlobten....... 13 Maquet, Herzensſchulden......... 7 — Die weiße Roſe... 8 6 5 + Oo Oᷣ Marryat, Reiſen u. Abenteuer des Menßeur Violet — Die Anſiedler in Canada...... Marryat, Die Schlacht von Benevent.. — Die Kinder des Neuwalds........— Spiri Marsh, Emilie Wyndham........ 11 — Schloß Avon.......... 9 r Mlary Barton. Eine Erzählung aus Mancheſter 9— Iſidor Mellin, Die Blume auf dem Kinnekulle.... 1— Gilber 3 3 — Die ungeſehene Gattin. Novelle.....— Lucrez — Der Fremdling von Alſen....— Der Munter, Ein Funke......... 9 V— Bernh Murrey, Prairievogel.......... 12— Novel Murger, Adeline Protat... 5— Jſolde Niels Juel, Der däniſche Admiral, und ſeine Zeit. 16— Die k Uovellen, die, des Verfaſſers einer Alltagsgeſ chichte. 17— Schlof Ormington, oder:„Cecil als Pair“.. s8 Selbſt, R Palais Koyal, das, hiſtor. Roman von dem Verfaſſer Seribe, N des„Heinrich IW., oder die Tage der Ligue“. 5 Slich, Da Palmblad, die Familie Falkenſwärd... 7 Smith, Li Paſtor Arnold, der, oder die Flucht der Waldenſer. 8— Das Pfarrhaus auf dem Pande. Ein Familiengemälde.. 6 Der 3 Pignata, J., Flucht a. d. Kerker d. Inquiſit. in Rom 5— Die A Plouvier, Erzählungen für Regentage... 5— Milly Ronte, da, von Ceneda, Memoiren..... 6— Der C Pidderſtad, Der Fürſt.......... Sein — Der Trabant..21 Soulie, 2 — Das Gewiſſen, oder Geheimniſſe von Stocheim 28— Memof — Vater und Sohn.. 1 Stowe, P” — Königin Luife Ulrike und ihr Hof..... 2 Struenſee Rudbeck, Stockholms Vorzeit...... 8 Sue, Ther Kuth, von der Verfaſſerin von Mary Barton. 10— Der er Bändchen Bändchen . .„ Sand, G., Johantta........ 4 .— Spiribion.............4 . 4 1— Conſuelo... 15 .. 9— Der Müller von Angibault.... 7 heſter 3— Jiidvra und Deverino........ 4 .. 1— EGilberte. Roman.. 8 ... 4.— Lukrezig Floriani und: der Teufelsſumpf. 6 . 3— Der Piccinino.......... 9 .. 9— Bernhard........... 7 . 12— Novellen. 221 535— Iſolde....... 8 e Zeit. 16— Die kleine Fadette........ 3 ſchichte. 17— Schloß Oedenweiler.... 3 ...8 Selbſt, Roman von dem Verfaſſ er des„Ceeil ꝛc. 10 Verfaſſer Seribe, Novellen...... 5 gue“. 5 Slich, Das Leben in New⸗ York...... 5 7 Smith, Licht⸗ und Schattenſeiten des Lebens... 30 ldenſer. 8— Das Erbe oder die Lehin des Lehens... 32 lde. 6— Der Prätendent. 8..... 16 1— Die Abtei Carrow.......... 20 in Rom z rnrh Wogte........... . 6 Der Glücksſoldat........ 14 . 14— Sein und Schein.... 22 .. 21 Soulie, Von Tag zu Tag.. ockholm 28— Memoiren des Teufels...... 18 . 16 Stowe, Bercher, Onkel Tom's Hütte....11 . 24 Struenſee oder Günſtling und Königin.... 5 8 Sue, Thereſe Dunoyer.........5 . 10— Der ewige Jude..........27 . —— Sue, Die Fanatiker der Cevenner — Die ſieben Todſünden.. 1. Abth.: Der Neid. 7 Bdchn. III 1V. Abth.: Die Unkeuſchheit. 4 Bdchn. 2 Bdchn. VI. Abth.: Der Geiz. Schlemmerei. 2 Bochn. — Die Kinder der Liebe.. — Geheimniſſe des Volkes. — Die Prophezeiung.. 1 . Abrh: . . „.Bdhn . . — Miß Marie, oder die Erzieherin — Fernand Dupleſſis od. Denkwürdigk. e. Ehemannes — Die Marquiſe Cornelia d'Alfi — Johanne und Louiſe.. — Gilbert und Gilberte.. — Die Familie Jouffroy.. — Der Teufel als Arzt.. — Die Famitlienſöhne.. * * . * . — Die Geheimniſſe des Kopftiſſens Tautphoeus, Thackeray, Samuel Titmarſh. — Der Jahrmarkt des Lebens — Pendennis. . Die Anfangsbuchſtaben . . . * . — Die Geſchichte des Heinrich Esmond — Die Newcomes... Thomſon, Die weiße Maske. Tommaſen, Treue und Schönheit — Der Herzog von Athen. Touſſaint, Das Haus Lauerneſſe . . * . ViI. . * . Abth.: Die Hoffahrt oder die Herzogin. Mit 1 Kupf. 11 Bbchn. Der Zorn. 3 Bochn. Abth.: Die Trägheit. Abth.: Die . Bändchen 7 — Martin, d. Findling, od. Denkw. e. Kammerdieners 24 — Die Verſchwörung oder Ludwig XIV. und ſein Hof 9 . 32 5 . 40 .10 * 4 17 Bändchen ... 7 erdieners 24 pf. 11 Bdchn. un. 3 Bochn. die Trägheit. Abth.: Die ( h ue, — —— ⁄