— ttlirh. do o PBtn = 8 — — — S — — — — — S v0 „ * — Leihbibliothek ( deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von Edunard Ottmann in Gieſſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. SLeih- und eſebedingungen. 1. Ofensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Ruckgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. S 3.(aution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt: für wöcheutlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 M.— Pf. 1 Mt. 50 Pf. 2 Mk.— Pf. 3 „ 3„ 5—„„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 5. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ korene und defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders varauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. Seeeeeeeee aus dem Schottiſchen und Auſtraliſchen Leben. Von C. W. Cuird. Aus dem Engliſchen von helene Lobedan. Einzige autoriſirte deutſche Ausgabe. Erſter Band. Leipzig, Perlag von Parnhari Schlitht. 1876. Dieſer Roman erſchien als Original in„Good Words,“ unter dem Titel„Novantia,“ während der Titel des Buches zu lauten hat: „Ludy FHetty.“ Roman aus dem ſchottiſchen und auſtraliſchen Keben. Erſtes Kapitel. 4 ohn Peters, der Küſter der Sankt Peterskirche in Nickle Jarvieſton, war eines der konſe⸗ quenteſten Mitglieder eines konſequenten Standes. Die Kirche und Alles was dazu gehörte, gehörte ihm, ſelbſt den Pfarrer nannte er nur„unſern Paſtor,“ oder meiſtens ganz einfach:„unſeren.“ Zwar liegt die Peterskirche jetzt gewiſſermaßen als kirchliches Wrack eingekeilt in ſchmale Straßen und Winkelgäßchen, ſeit ſich die wohlhabende Bevölkerung auf den Weſten der Stadt beſchränkt; aber das Gotteshaus beſitzt ein hiſtoriſches Intereſſe und kannte in früheren Tagen berühmte Prediger und große Küſter. Als John Peters an einem Sonn⸗ tag Morgen vor der Kirche ſtand und nach frühen Caird, C. M.„Lady Hetty“ Bd. I. 1 — 2 Kirchgängern ausſchaute, oder abwechſelnd ungeduldig durch die weite Vorhalle ſchritt in Erwartung der beiden Aelteſten, die das Sammelbecken zu halten hatten, war er ſich der Vergangenheit und ihrer Größe voll bewußt. Ebenſo bewußt war er ſich ſeiner langen und verdienſtvollen Amtsführung, ſeines anſtändigen, ſogar ehrwürdigen Aeußeren, der Größe der Stadt, zu deren Patronat Sankt Peter gehörte und vor Allem fühlte er die Würde und Wichtigkeit ſeines eigenen Standes. Bieles Andere an der Kirche war dem Wechſel unterworfen: Prediger, Vorſänger, Allteſte, Inhaber der Kirchenſtühle, Bibelfrauen(letztere wechſel⸗ ten beſonders oft), er allein war das Weſentliche und Bleibende. Dies Bewußtſein verlieh ſeinem Be⸗ tragen jene Würde, die ihm ſtets eigen blieb, ſelbſt wenn er, wie das häufig geſchah, als Lohndiener bei öffentlichen und Familienfeſten aufwartete. Es konnte Einem dann nicht entgehen, daß John eine Seele be⸗ ſaß, die weit über ſeinen Stand ging, nur daß außer⸗ dem ſein Stand noch über jeden anderen hervorragte. Ganz beſonders würdig aber war ſeine Erſcheinung am Sonntag Morgen, wo er an der Thür ſtehend die Gemeinde gewiſſermaßen empfing und durch einen ernſten aber leutſeligen Ausdruck zu erkennen gab, daß alle Inhaber von Kirchenſtühlen, beſonders ſolche die ſeie gla für unk 3 die den höheren Ständen angehörten, ihm willkommen ſeien. Nur der kahle weiße Schädel und die weiße glatte Haut— ſehr empfehlenswerthe Eigenſchaften für einen Küſter, zeigten, daß er bald ſiebzig war, ſonſt beſaß er alle ſeine Fähigkeiten ungeſchmälert, und hätte dem Portal von Canterbury zur Zierde gedient, wie vielmehr hier der Peterskirche. Am Sonntag war er groß, und alle Gottesdienſte ſtanden ſo zu ſagen unter ſeiner Oberleitung; er fühlte ſich für alle verantwortlich und je nachdem ſie gut oder ſchlecht von Statten gingen, war er gehoben oder be⸗ ſchämt. Eine volle Kirche, als Beweis dauernder Popularität, ließ ſein Geſicht über und über glänzen; ein Steckenbleiben des Vorſängers war ein perſönlicher Schimpf. In Erwägung ſeiner Verantwortlichkeit war John wie gewöhnlich früh auf dem Poſten und verglich ſeine Uhr mit der Kirchenuhr, um zu ſehen, wie weit dieſe wieder zurückgeblieben ſei und um die Bemerkung zu machen, wie ſehr die ſtädtiſchen, ja wie überhaupt alle Uhren von ſeinem perſönlichen unfehlbaren Stunden⸗ zeiger abwichen. Er überlegte eben, wie lange er noch auf das Erſcheinen der Gemeinde zu warten habe, als ſein Auge eine gebückte Geſtalt entdeckte, die un⸗ ſchlüſſig vor dem Vorhof der Kirche ſtehen blieb, 1* einen Mann ſeines Alters, aber gekrümmt von den Jahren und der Arbeit. Er trug einen altmodiſchen Anzug, der ſichtlich ſeit lange für ſonntäglichen Ge⸗ brauch aufgeſpart worden. Nachdem er die Kirche angeſehen, als wundere er ſich, daß ſie noch auf der alten Stelle ſtehe, nahm er eine Haltung an, die entweder Ausruhen oder Nachdenken— vielleicht Beides — bedeuten konnte, und die außerordentlich komiſch war. Er neigte auf den Stock geſtützt, ſich vorn über, ſein Geiſt ſchien dem Körper entrückt, und die Augen ſtarrten auf eine Steinplatte am Boden. Es war überraſchend, einen Menſchen plötzlich für voll⸗ ſtändig abweſend zu ſehen. Auch gewahrte man keinen gewöhnlichen Kopf, als er den Hut, um ſich Kühlung zu verſchaffen, von der kahlen Stirn nahm. Die harten, ſcharfen Linien des Obergeſichts wurden weich und mild um Mund und Kinn, und die ge⸗ furchte Stirn ſo wie die dunkle Geſichtsfarbe hätten keine üble Studie für einen heiligen Petrus abge⸗ geben. „Ihr ſeid wohl fremd hier am Ort?“ ſagte John, der ſeine Neugier nicht länger zügeln Kht in ziemlich hochmüthigem Ton. Keine Antwort. „Ich meine, Ihr ſeid'n Fremder?“ S 5 Wieder keine Antwort. „Taub oder verrückt, vielleicht Beides,“ brummte der Küſter, ging näher an den Alten und ſchrie ihm in's Ohr: „Ihr ſeid wohl'n Fremder?“ „Ja,“ antwortete jener zu ſich kommend.„Seit dreißig Jahren haben meine Schuhſohlen mit Eurem Pflaſter keinen Umgang mehr gehabt,“ fuhr er wie im Selbſtgeſpräch fort,„ſeit Chalmer's Beredſamkeit wie'n Sturzbach durch dieſe Kirche donnerte.“ „Wenn Ihr ſo was erwartet, dürftet Ihr ent⸗ täuſcht ſein, denn„unſerer“ iſt heute verreiſt— ein Chalmers iſt er freilich auch nicht.—'s predigt nur ſo ein junger Probeprediger, und die meiſten von der Art verſtehen vom Predigen und Beten ſo wenig wie der Provoſt und die Kirchenälteſten.“ John zeigte gern, daß er im Staat und in der Kirche gleich gut zu Hauſe, und daß ſeine Stellung in beiden keine untergeordnete ſei; darum ſprach er in Ab⸗ weſenheit des Provoſt und der Aelteſten gelegentlich mit einer gewiſſen Geringſchätzung von ihnen. Des Fremden kleine, aber ſcharfe und lebhafte graue Augen zwinkerten, als ob ihm dieſer Charakter⸗ zug nicht entgehe, aber er antwortete nur: er ſei gerade gekommen den Probeprediger zu hören, habe darum einen weiten Weg gemacht, weiter als er ſeit Jahren gegangen ſei oder noch gehen würde um ſelbſt Chalmers zu hören. „Ja, das wundert mich nicht,“ meinte John, der im Bewußtſein ſeines Standes nicht frei von Dünkel war,„das iſt mir oft genug vorgekommen. Ihr ſeid wohl'n Verwandter oder gar der Vater von dem jungen Manne und haltet ihn für'nen zweiten Chalmers.“ Der Alte hörte das ſchweigend an und der Küſter fuhr fort:„Da war Geordie Wheeple,'n kleiner Kaufmann hier herum, der wollte ſeinen Sohn durchaus ſtudiren laſſen, und da hat er manch' Pfund Sand in den Zucker gemiſcht, um's möglich zu machen. Kennet Ihr ihn vielleicht?“ fragte er um den Hörer auf⸗ merkſamer zu machen.„Na, Tam Wheeple ſollte hier auch die Probepredigt halten, und ſein Alter denkt, die Kirche wird ſtickend voll ſein, und um nicht ſo viel geſehen zu werden, geht er auf die Galerie, und als er dann den Text ſagen hört, war er ganz von ſich. Aber bald war er der einzige, der nicht ſchnarchte oder im Stillen ſchimpfte, und er hätte 6 leid ge⸗ than, denn für'nen Vater“— „Spart den Rath bis Ihr wißt, von wem und mit wem Ihr redet,“ unterbrach der Andere, haſtig auf⸗ und abgehend.„Ein Prophet gilt nichts in ſeinem Vaterlande, das Bibelwort kennt Ihr wohl, weil Ihr die Bibel ſo lange dem Paſtor vorgetragen habet und hätte Tam Wheeple's Vater'nen großen Laden ſtatt nes kleinen gehabt und wäre in'ner Kutſche gefahren gekommen, hättet Ihr und Eures Gleichen ihn für nen zweiten Chalmers oder gar für'n Paulus ge⸗ halten. Aber,“ lachte er vor ſich hin,„heute wenigſtens kommt dieſer Bibelvers nicht in Anwendung.“ John's Würde, welche nicht ausſchließlich auf dem unerſchütterlichen Fundament der Dummheit und Dickfelligkeit beruhte, war durch dieſen unerwarteten Ausfall ziemlich erſchüttert, er ſchob ſich nur die Cravatte zurecht, brummte:„Kann ſein oder auch nicht,“ und trat in die Kirche zurück. Als er wieder vor die Thür kam, war„der un⸗ verſchämte alte Kerl,“ wie er im Stillen den erſten Kirch⸗ gänger heute nannte, verſchwunden. Da dieſer glaubte nach dem eben ſtattgehabten Geſpräch nicht auf des Küſters Gefälligkeit rechnen zu können, hatte er ſeinen Penny in das Sammelbecken gelegt und war die Treppe hinauf nach der Galerie geſchlüpft. Dort fand er einen Sitzplatz und müde von dem langen Wege ſchlief er bald ſo feſt, als ob die Luft in der 8 Peterskirche ebenſo ſchlafbefördernd wirke wie die vieler anderer kirchlicher Gebäude. Des Küſters ſchnelles Auge entdeckte beim Zurück⸗ kommen den einſamen Penny im Sammelbecken:„Potz tauſend, das hätte keiner von unſern Leuten gethan, nicht die Hälfte davon hätten ſie ungeſehen, reinge⸗ legt.'s muß ein komiſcher Kauz ſein, der Alte. Dem Probeprediger ſein Vater kann's nicht ſein, alſo das iſt nicht der Grund, daß er ſo freigebig mit ſeinem Geld umgeht— aber's iſt vielleicht ein Diſſenter, die geben mehr für die Kirche als bei uns geſchieht.'s iſt ganz natürlich, daß ſie mehr einnehmen; ihre Aelteſten ſind immer pünktlicher beim Sammelbecken als unſere.“ Dieſe Annahme erwies ſich ſofort als irrig, denn einer der ungeduldig Erwarteten kam, und zwar wenigſtens eine halbe Stunde früher, ehe das Sammelbecken auf erhebliche Einnahmen rechnen konnte. „Ich dachte eben bei mir, Bailie,“ ſagte der Küſter, als Mr. Bailie Gudgeon ſeinen Poſten eingenommen hatte,„daß es wohl an der Pünktlichkeit der Aelteſten bei den Diſſenters liegen mag, doß ſie immer ſo große Collekten haben. Das ſoll kein Stich auf Sie ſein, denn Sie ſind im Ganzen ſehr pünktlich. Aber ſehen Sie mal,“ und dabei hob er das metallene Becken aus ſeinem Mahagoniſtänder und hielt es dicht unter die Naſe des würdigen Magiſtratsbeamten, „dieſer Penny iſt überhaupt der erſte Penny der hier reingelegt worden iſt, während Niemand am Becken ſtand, und ich bin doch ſchon vierzig Jahr an dieſer Kirche.“ „Das weiß ich doch nicht John,“ meinte dieſer gelaſſen.„Hören Sie, was mir der Prediger von einer kleinen Diſſenterkapelle auf dem Lande erzählte, wo ich vorigen Sommer war. Nachdem er ſechs Monate an der Kapelle geweſen, wären zwei von den Aelteſten zu ihm gekommen und hätten geſagt, Sie wären froh ihm mittheilen zu können, daß ſeit ſeinem Antritt alle ſonſt leeren Kirchenſtühle ver⸗ miethet wären und die Collekten ſich meiſt verdoppelt hätten.„Das freut uns für Sie und für uns, denn mein Nachbar und ich mußten bis dahin immer jeder einen Penny in's Becken thun, damit wir auskämen; von nun an brauchen wir nur die Hälfte zu geben.“ Das iſt ein ſchönes Beiſpiel von der Freigebigkeit der Diſſenters.“ „Sie haben Recht, Bailie,“ ſtimmte der Küſter bei, der zwar wiſſen mochte, daß eine Ausnahme oft erſt recht die Regel beweiſt, der aber zu ſchlau war einer Magiſtratsperſon zu widerſprechen.„Sie haben 10 Recht, aber die chriſtliche Freigebigkeit bei uns und bei den Diſſenters iſt viel zu gering. Seh'n Sie, wenn ich ſo in der Woche in vier oder fünf Geſell⸗ ſchaften bei Leuten aus der Gemeinde aufwarte, die wohl ein Pfund Sterling für die Perſon koſten, noch gar nicht von dem Putz der Damen zu reden— denn da koſtet das Kleid einer Jeden ſeine vierzig oder funfzig 6— und ich ſtehe dann am Sabbathmorgen hier und ſehe dieſelben Leute höchſtens ein Dreipennyſtück in's Becken legen, da denke ich.....— Was er dachte, ging indeß der Nachwelt verloren, denn es fuhr ein unbekannter Wagen vor, der nach dem Livreediener auf dem Bock zu ſchließen, ganz etwas Vornehmes enthalten mußte. Er ſah nach dem Bailie hinüber mit einem Blick der:„Nicht wahr, in Ihren Stuhl?“ bedeutete, und der mit einem einverſtändnißvollen Nicken beantwortet wurde, dann ſchoß John an den Wagen, um ſeine Dienſte anzubieten. Als er den ältlichen Herrn und ſeine beiden Töchter nach der Thür geleitete, ſagte er:„Ich bedaure ſehr, unſer Paſtor iſt heute verreiſt.“ „Ja wohl, ihn vertritt ein junger Geiſtlicher, nicht wahr?“ war die gleichmüthige Antwort. Bailie Gudgeon's Stuhl war auf der Galerie der Kanzel gerade gegenüber, und John geleitete die Neuangekommenen dorthin. Er ſchritt mit ſo wichtiger, feierlicher Würde ihnen voran, daß er ſie damit der Mühe überhob ſelbſt etwas der Art zu thun; es ge⸗ ſchah um der ganzen Haupt⸗ und den beiden Seiten⸗ galerien, die ſich unterdeß ziemlich gefüllt hatten, kund zu machen:„Dies iſt Niemand von des Bailie Landverwandtſchaft.“ Bei dieſer Ueberraſchung für die Galerien blieb es noch nicht, denn kaum hatte ſich das Staunen etwas gelegt, als auch ſchon Mr. Peters mit einer anderen vornehmen Geſellſchaft erſchien, vielleicht einer noch vornehmeren, die aus zwei ältlichen Damen be⸗ ſtand, denen ein bejahrter Diener mit zwei großen Bibeln folgte. „Lady Mumps und ihre Schweſter,“ flüſterte die jüngere Dame in des Bailie's Kirchenſtuhl ihrer Schweſter zu.„Wie ſonderbar!“ eine Bemerkung, die nicht nur auf die Erſcheinung der Lady paßte, ſondern ſich auch auf ihre unvermuthete Anweſenheit in dieſem Theil Schottlands, wie auf den Umſtand bezog, daß die alte Dame ſtocktaub war. „Der junge Mann, der heute predigen ſoll, muß ganz'was Abſonderliches ſein,“ meinte John Peters zu dem Hüter des Beckens.„Sonſt begreife ich nicht, daß ſo viele vornehme Leute kommen. Wären's nur Herren, dann könnte ich mich eher d'raus vernehmen, aber mit den vielen Frauenzimmern, weiß man nicht, wie man d'ran iſt.“ „Wie ſo?“ fragte der Bailie. „Wenn's nur Männer wären, hielte ich's für ſo'ne Deputation, die den jungen Mann hören, und uns glauben machen will, daß ſie Alle nur ſo zu⸗ fällig hergekommen wären. Sehen Sie, ſolche Depu⸗ tationen kennen wir in der Kirche ſo genau wie der Provoſt und die Bailie's auf der Börſe bekannt ſind. Aber ſie möchten immer unvermuthet kommen; beſonders der Prediger, den ſie hören wollen, ſoll kein Sterbens⸗ wörtchen davon wiſſen, ſie wollen ihn überraſchen, wie der Teufel die arme Seele oder wie ein Beſuch meine Frau gerade bei der großen Wäſche überraſcht. Ihr Zweck iſt eben: keine ſeiner feierlichen Reden, ſondern ſo eine von ſeinen ganz einfachen Predigten zu hören. Aber der gute Bekannte, der ihn der Deputation empfohlen hat, bekommt Wind davon und macht'ne Anſpielung gegen ihn, und wenn ſie dann den nächſten Sabbath kommen, vier durch die eine und drei durch die andere Thür(ich hab' auch ſchon Deputationen zwölf oder achtzehn Mann ſtark ge⸗ ſehen), weiß die halbe Gemeinde, daß ſie erwartet werden, ſteckt die Köpfe zuſammen und ziſchelt:„Da 13 ſind ſie,“ und das Erſte wonach der Paſtor ſieht wenn er den Pſalm anſtimmt, iſt, ob ſie auch da ſind.— Na, ich möchte mein Gehalt verwetten, wenn das keine iſt,“ konnte der Küſter nur noch ſagen, als ein Omnibus vorfuhr und ſechs oder acht Herren eilig an das Becken traten und um Plätze baten. John hatte Recht. Dies war eine Deputation. Es iſt in einigen Theilen des presbyterianiſchen Schottlands jetzt eine ziemlich allgemein verbreitete Sitte für die kirchlichen Heerden, die ihren Hirten verloren und das Vorrecht haben ſeinen Nachfolger zu erwählen, eine Anzahl von Leithammeln auszu⸗ ſchicken um einen geeigneten Hirten herbeizuſchaffen. Viele geben dieſer Methode geiſtliche Lücken auszu⸗ füllen den Vorzug vor dem früheren Verfahren einer allgemeinen Wahl der Gemeindemitglieder. Früher wurden zu dieſem Zweck an mehreren auf einander folgenden Sonntagen verſchiedene Hirten der Heerde vorgeführt, damit dieſelbe eine Vergleichung ihrer paſtörlichen Gaben anſtellen könne. Die Vorzüge des neuen gegen das alte Verfahren ſollen ſehr zahl⸗ reich ſein. Namentlich meint man auf dieſe Weiſe Hader und Zwietracht beſſer vermeiden zu können, und den wählenden Leithammeln Gelegenheit zu un⸗ beobachteter Beobachtung guter Hirten zu gewähren, 14 unter denen ſie dann unfehlbar den beſten ausſuchen würden. Sei dem wie ihm wolle(und wir ſahen, daß wenigſtens John Peters die Sache etwas anders beurtheilte) eine ſolche Deputation beſuchte die Peters⸗ kirche. Nur ſelten entſchließt ſich die kirchenbeſuchende ſchottiſche Bevölkerung zu ſonntäglichen Reiſen, und noch dazu in einem Omnibus. Aber für ein ſo wichtiges oder ſogar heiliges Geſchäft erlaubten ſich die Leithammel der Gemeinde Inverſide ohne Be⸗ denken von dem Gaſtwirth zum Adler(der außerdem zu der Deputation gehörte) ein Fuhrwerk zu miethen, das ihrem Zweck, wenn auch nicht dem Tage ent⸗ ſprach. Zweites Kapitel. raidarden iſt ſo ziemlich die unfruchtbarſte und S ärmſte Grafſchaft eines armen Landes. Mr. Georg Fox meinte zwar: es gäbe keine ſchönere Gegend nördlich des Tweed und er kenne keinen Theil von Großbritannien, in welchem die Landfamilien ange⸗ nehmer, und die Tagelöhner zufriedener ſeien. Auch nennen es die Mönche von Novantia, der älteſten Abtei der Provinz, in ihren Chroniken häufig„ein lieblich Land gleich Kanaan, ſchön zu ſehen in Sommer⸗ und Winterszeit und bewohnt von einem ſanften und friedfertigen Volk.“ Aber Mr. Georg Fox kam nur für ein paar Monate zum Beſuch zu ſeinem Verwandten Lord Layton auf Schloß Sunbury und was er von der Gegend ſah, war der große, ſorgfältig gepflegte Garten, die ſchönen Wälder und 16 weiten Haiden, auf denen ſich ſo prächtig jagen ließ, daß er darüber vergeſſen mochte, daß ſie nur ſchlechtes Weideland abgaben. Was er von den Landleuten wußte, beſchränkte ſich ſo ziemlich auf ſeine Bekannt⸗ ſchaft mit den beiden Waldhütern und die unparteiiſche Beobachtung der drei oder vier Stalljungen. Im Auguſt, der beſten Jahreszeit für Braidarden pflegte Mr. Fox alljährlich zu kommen. Spazierte er über die grünen Terraſſen des Schloſſes, durch die zierlichen Wege zwiſchen Gebüſchen, welche wie durch Zauber aus Californien, Auſtralien, Japan, vom Himalaja und den Anden hierher verſetzt waren, ſtand er an den Ufern des großen See's, der mitten in ſo viel Herrlichkeit ſie voll wiederſtrahlte und ihr noch einen erhöhten Reiz verlieh, da mochte man es verzeihlich finden, daß er keinen ſchöneren Ort zu kennen meinte, beſonders wenn er bedachte, daß auch Miß Hetty Hope zu den Schönheiten dieſer Gegend gerechnet werden müſſe. Allein ſo oft auch Mr. Foy hier geweſen, hatte er nie darauf geachtet, oder daran gedacht, daß es außer dem Schloſſe und deſſen nächſter Nachbar⸗ ſchaft eine zahlreiche ländliche Bevölkerung gäbe. Freilich gehörte ein ſchärferer Beobachter als er dazu, die Behauſungen dieſer Bevölkerung zu bemerken. Wer Abends von der Fuchsjagd heimkam, hätte faſt ——— ————— 17 über ſie fortreiten können und ſie für etwas höhere Kartoffel⸗ oder Rübenhaufen gehalten. Sie ſtanden auch ganz zuſammengeduckt in Bodenſenkungen und auf abgelegenen Flecken; es ſchien ihr Hauptbeſtreben zu ſein ſich abſeits zu halten, damit ſie nicht einmal weggefegt oder fortgeweht würden. Darum verbargen ſie ſich hinter Erdwällen und Tännicht, und ihr Stroh⸗ dach und ihre Lehmwände ſtanden in den verſchiedenſten Winkeln gegen den Horizont. Manche ſahen aus wie umgefallene oder außer Dienſt geſtellte kleine Omnibuſſe; an e ſchienen die an anderen die S räder z die Seite gerutſcht. Eine Kette kahler oben roth von Haidekraut, am Fuß mit halbwüchſigem Tannwald bepflanzt, bildet die funfzehn bis zwanzig (engl.) Meilen lange Sehne eines halbkreisförmigen Landſtrichs, der von oben betrachtet flach erſcheint. Schreitet man aber zu Fuß durch ſeine vielgewundenen Wege, ſo findet man nicht nur viele größere Süß⸗ waſſerſeen(Lochs), ſondern auch noch kleine runde Bodenvertiefungen, wie von Seen, die ihr Geſchäft ſchon eingeſtellt haben oder es erſt beginnen wollen. Aus dem ganzen Diſtrikt Braidarden ſieht man die weißen Thürme von Schloß Sunbury ſcharf abge⸗ hoben gegen die nahe Hügelkette dahinter, ſie Caird, G. M.,„Lady Hetty“ Bd. I. das Land mit feudalem Stolz. Mit Ausnahme weniger Meierhöfe, denen man anſieht, daß ſie erſt vor Kurzem gebaut ſind, ſucht man vergebens nach menſchlichen Behauſungen. Die Bodenhebungen und Senkungen verbergen jene außer Dienſt geſtellten Omnibuſſe. Es war daher begreiflich, daß ein oberflächlicher Be⸗ obachter wie Mr. For, das Quadrimeer, ſo heißt dieſer Theil der Grafſchaft, für die glücklichſte Gegend Großbritanniens hielt. Von allen Himmelsrichtungen ſah man Schloß Sunbury und einen größeren und behaglicheren Edelſitz konnte man ſo leicht nicht finden. Was nun das Zeugniß der Mönche von Novantia über Braidarden und ſeine Bevölkerung betrifft, ſo iſt das neben ſeinem Alter gleichfalls dem Verdacht der Parteilichkeit ausgeſetzt. Sie geboten über einen Flächenraum, aus dem jetzt ein Dutzend großer Herrſchaften gemacht ſind und bezogen davon und von den„tadelloſen Aethiopen,“ welche hier wohnten, wahrhaft fürſtliche Einkünfte. Der letzte Abt John Lord Groſſet drohte mit ſeinem Anhang die Gegner der Königin Marie wegen ihres trotzigen Betragens zu züchtigen, und er und die Brüderſchaft verſchwinden in dieſer heroiſchen Haltung aus der Geſchichte. Die einſt wegen ihrer Sröße und Stattlichkeit berühmte Abtei, die jetzt noch er m en en ißt nd en nd en. tia cht en Ber nd en, mit gen ind hen rer 19 in ihrem Verfall ſchön und mächtig iſt, hätte keinen angemeſſeneren Platz finden können. Schon um ihrer Lage willen, auch abgeſehen von ihrem Reichthum und ihrer hochgeborenen Aebte wegen, würde ſie berühmt geworden ſein. Einer der vielen Seen der Gegend, der größte und ſchönſte, wird durch eine große Inſel in zwei Hälften getheilt und iſt bis zum Waſſer⸗ ſpiegel mit Ulmen und Buchen umkränzt. Auf dieſer unvergleichlich herrlichen Stelle ſteht die Abtei Novantia. Hier in lieblichſter Einſamkeit, doppelt abgeſchloſſen durch die Kloſtermauern, den breiten Waſſerſpiegel und den Kranz von Wäldern, ſangen die Mönche von Novantia heilige Lieder, lebten— hoffentlich— ein heiliges Leben und ruhen jetzt in geweihtem Boden. Konnte unter ſo günſtigen Umſtänden ihr Urtheil über die Gegend anders als parteiiſch ſein? Mußten ſie nicht glauben, da ſie ſelbſt eine ſo liebliche Gegend bewohnten, daß das ganze Land und die ganze Welt vollkommen ſei? Da ſie ſelbſt ſo viel Grund hatten der Vorſehung dankbar zu ſein, mußten ſie die Be⸗ völkerung, die ſanft und willig ihre Abgaben zahlte, nicht auch für glücklich und zufrieden halten? Doch leider iſt Braidarden an und für ſich eine arme Gegend; ein großer Theil des Bodens iſt Haide⸗ und Sumpfland, trefflich für die Jagd, aber reizlos 2* 20 für das Auge und unbrauchbar für Ackerbau. Wo der Boden bebaut, iſt er leicht und ſteinig. Natür⸗ licherweiſe gleicht die Bevölkerung wie die Rebhühner der heimathlichen Flur, ihre Unwiſſenheit und geiſtige Trägheit entſpricht durchaus der Unfruchtbarkeit und Härte des Bodens. Nur in einer Beziehung war Mr. Foy's Urtheil richtig. Die Landfamilien, nicht zu verwechſeln mit den Landleuten, ſind ſehr fein ge⸗ bildet und angenehm. In der That mag es mit den neueſten Theorien der Naturwiſſenſchaft und National⸗ ökonomie übereinſtimmen, daß dieſelben Urſachen, welche die Lebensbedingungen der Landleute beein⸗ trächtigen, den Stammbaum der Landfamilien ver⸗ längert und dadurch ihre Sitten verfeinert haben. Es war unmözlich ſowohl für die Grundbeſitzer, die unfruchtbaren Güter in Braidarden zu verkaufen, als es für die Landleute war, tarauf reich, dann ge⸗ bildet zu werden und angenehme Manieren anzu⸗ nehmen. Der große Grundbeſitz hat hier wegen der langen Zeit, während deren er in den Familien iſt, einen weit höheren Werth als ſein Marktpreis, ſo daß er gewiſſermaßen die Eigenthümer wider ihren Willen von einer Veräußerung ihrer Güter abhält. So ge⸗ hört der Laird hier mehr zu dem Gut, als das Gut ihm. Schärferen Beobachtern als Mr. For und un⸗ Wo ür⸗ ner tige und war icht ge⸗ den nal⸗ chen, ein⸗ ver⸗ ben. die ufen, ge⸗ nzu⸗ der einen er illen o ge⸗ Gut un⸗ 24 parteiiſcheren als den Mönchen von Novantia wäre es nicht entgangen, daß zwiſchen den Landfamilien und den Landleuten ein ebenſo großer Unterſchied beſteht, wie zwiſchen Schloß Sunbury und den außer Dienſt geſtellten Omnibuſſen. Im Quadrimeer und namentlich im Kirchſpiele Illtafend, zu dem die beiden Edelſteine Sunbury und Novantia gehören— giebt es indeſſen einige Land⸗ familien, deren Einſicht und Menſchenliebe die Schärfe dieſes Unterſchiedes erheblich zu mildern verſucht; aber in der Zeit, von der wir reden, beſtand er noch. Hätte es zu Zeiten der Mönche Augen gegeben auf ihn zu achten, ſo würden ſie ihn bemerkt haben, und er war noch vorhanden, als es ſich darum handelte wieder einen neuen Paſtor zu wählen. Denn das Pfarrhaus von Illtafend neben den Ruinen von Novantia, gleichfalls von See und Wald umgeben, ſteht jetzt leer wie die alte Abtei, bis man einen Nachfolger für den Prediger gefunden, den die Vorſehung und das Anerbieten eines größeren Gehalts auf eine ſtädtiſche Kanzel geführt hat. Illtafend, das ehemalige Novantia, iſt verwaiſt und es handelt ſich darum, wer der Nachfolger der Mönche werden wird? Dieſe Frage wurde im ganzen Kirchſpiel, während der Decemberwind durch die rauchgeſchwärzten Decken 22 zog, von den Tagelöhnern und ihren Familien ver⸗ handelt. Langſam, weitſchweifig verhandelt, auch nicht als ob ſie irgend einen Einfluß auf Löſung der Frage hätten, ſondern nur als ſchmackhafte Beigabe zu der Abendſuppe von Hafermehl. Während das glimmende Torffeuer die geplatzten Wände matt er⸗ hellte und ihren müden Leib erwärmte, belebte und erfriſchte ein Geſpräch darüber in gleichem Maße ihren Geiſt. Nirgend aber wurde es mehr beſprochen, als in dem Häuschen der alten Mrs. Carvie, das, am Kreuzungspunkt zweier Hauptwege ſtehend, einen bequemen Vereinigungsort für alle diejenigen bildete, die gern geſellig waren(in fremden Häuſern nämlich) und auf Koſten des Rufes anderer Leute. Die alte Carvie, eine jener vielen Hülfsbedürftigen, die von den edlen Eigenthümern von Sunbury unterſtützt wurden, war aber jetzt zu alt und zu ſchwach, um Theil an den Unterhaltungen zu nehmen, wegen deren ihre beſcheidene Hütte berühmt war. Allein ihre ält⸗ liche, aber ziemlich hübſch ausſehende Tochter Rahel machte dieſen Mangel unmerklich, durch das Geſchick, mit dem ſie Neuigkeiten einſammelte und den Eifer, mit dem ſie dieſelben verbreitete. Rahels beſte Eigen⸗ ſchaft war ihre Fürſorge für ihre Mutter. Für ihre Mutter lebte ſie, ja, ſie betheuerte oft, ſie wolle auch er⸗ cht ge zu s er⸗ ind aße en, , nen ete, ich) alte von um ren ält⸗ ahel ifer, gen⸗ ihre auch für ſie ſterben. Dieſer edle Charakterzug verſchaffte ihr(natürlicherweiſe ohne alle Berechnung) viel Theit⸗ nahme, beſonders von höher geſtellten Perſonen. Die Wirkung dieſer edlen Geſinnung wurde noch erhöht durch einen Beigeſchmack von Frömmigkeit, die aller⸗ dings oft abgeſchmackt und ungrammatiſch im Ausdruck, darum aber nur um ſo natürlicher und ungekünſtelter erſchien, beſonders den gebildeten und vornehmen Leuten. Rahel's Standesgenoſſen legten indeſſen weniger Werth darauf, vielleicht weil ſie die gram⸗ matiſchen und anderen Irrthümer, welche ihre Echt⸗ heit bewieſen, nicht bemerkten. In Folge von Rahel Carvie's Bekanntſchaft mit mehreren reichen und vor⸗ nehmen Damen der Nachbarſchaft, hatte ſie Zutritt zu verſchiedenen Küchen, wo ſie außer Speiſereſten auch ebenſo ſchmackhafte Neuigkeiten zu erlangen wußte, welche letztere ſie freigebig vertheilte. So hielt man ſie ſtets als im Beſitz der neueſten, glaubwürdigſten, auf geheimnißvollem Wege erlangten Nachrichten über die Angelegenheiten des Tages. Es braucht nicht noch bemerkt zu werden, daß es kaum eine einfluß⸗ reichere Perſönlichkeit in einer ſo armen Gegend geben konnte, in welcher Klatſch der einzige Luxus war, den ſich die Leute erlauben durften. Rahel genoß das Bewußtſein dieſes Einflußes in vollem Maß, wußte 24 es aber unter dem Deckmantel der Demuth zu ver⸗ bergen. Sie brannte heute darauf dem erwählten Kreis von Stammgäſten, der gemüthlich um das Feuer ſaß, ſehr wichtige Mittheilungen zu machen; allein um ihre Wirkung zu ſteigern, zögerte ſie möglichſt lange damit, dann platzte ſie auf einmal mitten in einem anderen Satz heraus: „Aber Sie wiſſen wohl noch nicht, daß es jetzt ſo gut wie abgemacht iſt?“ „Was Sie ſagen!“ riefen mehrere Stimmen zu⸗ gleich, obgleich Keiner ahnte, was ſie meinte und nur Alle nach ihrem Ton etwas Wichtiges vermutheten. „Er hat's ſelbſt geſagt— Mr. Garſegreen nämlich— daß er Prediger hier wird; na, Mrs. MRorie, Sie brauchen nicht gleich wegzurennen und es draußen auszupoſaunen.“ Dieſe Nachricht, der die beigefügte Warnung noch einen angenehmen Geſchmack von Geheimniß⸗ krämerei gab, wurde mit lebhaften Beweiſen des Staunens aufgenommen, und mit dem Selbſtgefühl eines Künſtlers, der ein gelungenes Werk betrachtet, fuhr Rahel fort:„Ja, aber ich weiß, wem's nicht recht ſein wird, das ſind die Damen in Laighlea. Ich ging gleich hin, nachdem Mr. Garſegreen fort zu⸗ nur ten. een ers. und ung niß⸗ des fühl htet, nicht lea. fort 25 war,— ja die Vorſehung iſt gütig“— eine Bemerkung, die ſich vielleicht auf den Schilling bezog, den er ihr in die Hand gedrückt hatte.„Alſo ich erzähle es James Wright, dem Hausmeiſter in Laighlea und der ging auch gleich rauf und ſagt's den Damen wieder. Aber als er zurückkam, merkte ich, daß es ihm nicht recht war, denn er fragte mich noch'mal, ob's auch wirklich wahr wäre, und da ſagte ich ihm, daß ich's von Mr. Garſegreen ſelbſt wüßte, und ich hätte noch nie was Unrechtes von ihm gehört, aber freilich ſagte er nicht, daß er's ſchon ganz beſtimmt wüßte.“ „Na, da iſt's wohl auch noch nicht ganz ſicher,“ meinte Mrs. MRorie. Rahel that ſehr beleidigt über dieſen leiſen Zweifel und fuhr dann fort den Eindruck zu ſchildern, den die Nachricht in Laighlea gemacht:„James Wright iſt darin wie ich, und ſchwatzt nicht über Dinge, die nicht ſeines Amtes ſind, aber ſein Geſicht ſagte ganz deutlich, daß ſeine Herrſchaft nicht zufrieden wäre, denn das weiß ein jeder, er meint was ſeine gnädige Frau und die Fräuleins meinen, und er war ärgerlich, das ſteht feſt, denn er ließ mich weggehn, ohne nach Mutter ihrem Befinden zu fragen und ohne ihr'ne Kleiſigkeit von Lady Hetty mitzuſchicken.“ Drittes Kapitel. ſ⸗ David Garſegreen, der wie Rahel Carvie behauptete, der Nachfolger der Mönche von Novantia werden und die auskömmliche, wenn auch nicht reiche Pfründe erhalten ſollte, war Hülfsprediger in dem benachbarten Kirchſpiel Kirkmawhaup. Sein Vater, ein frommer und fleißiger Pächter, hatte der Ueberredung ſeiner Frau nachgebend und ſeine eigenen Wünſche zurückſetzend, den Sohn ſtudiren laſſen. Von der Univerſität her brachte der junge Mann einen gewiſſen, allerdings unbeſtimmten Ruf von Begabung und Gelehrſamkeit mit und war in der Gegend,— was er auch verdiente— ziemlich beliebt und geachtet. Er hatte eine ganz anſehnliche Erſcheinung, freilich nur eine niedrige Stirn und kleine Augen, dafür aber einen großen Mund mit zwei prächtigen Reihen von Zähnen. Dabei beſaß er eine flinke Zunge, wenn auch gerade keinen ſehr ſcharfen Geiſt und der Schulmeiſter James Ogg pflegte zu ſagen: er donnere ſeine Predigten und Gebete wie ein Oſtwind durch die Kirche. Das bezog ſich auch auf ſeinen Dialekt, denn Mr. Garſegreen war aus einer der öſtlichen Grafſchaften gebürtig. Mr. Garſegreen's ſtarke Seite außer ſeiner Stimme waren ſeine Gebete— Von et praeterea aliquid. An und für ſich keine vor⸗ waltend religiöſe Natur, erzielte er doch große Erfolge durch das Gebet, namentlich der Gemeinde gegenüber. Um durchgängig als Prediger zu glänzen, dazu ge⸗ hörten andere geiſtliche Gaben, vielleicht auch noch zahlreichere Predigtſammlungen, als ihm zu Gebote ſtanden, obgleich er zuweilen ſo gut wie Chalmers predigte und zwar mit deſſen eigenen Worten. Aber das Material für begeiſterte extemporirte Gebete iſt leichter zugänglich, und ſein glückliches Gedächtniß befähigte ihn daſſelbe unumſchränkt und mit großem Epfolg zu benutzen. Außerdem beſaß er ein zweites Talent, auf das er gleichfalls ſtolz war, eine große Schreibfertigkeit, durch die er ſich ſchon auf der Schule ausgezeichnet hatte. Die vielen Preiſe und Medaillen, die er dadurch gewonnen, hatten hauptſächlich ſeine Mutter auf den Gedanken gebracht, ihn der Kirche zu weihen. Doch dieſe Gabe war nur wenig bekannt 28 und geſchätzt, die Meiſten bewunderten an ihm den unaufhaltſamen Strom ſeiner Gebete. Die Sündfluth, die Erzväter, die Israeliten in Aegypten, in der Wüſte, der Schatten des Geſetzes, die Arche Noah's und die Bundeslade, das ehrene Meer und das rothe Meer der Sitz der Gnade, Bruchſtücke aus den Epiſteln, Pſalmen, dem kleinen Katechismus und den alten puritaniſchen Schriftſtellern wirbelten bunt durch⸗ einander. Niemand wußte genau woher er den Ruf von Gelehrſamkeit erlangt und in der That war derſelbe wie mancher andere leicht erworben. Auch hatte er ſich als Student weder durch Fleiß noch durch Talent ausgezeichnet, aber ſeine Mutter darbte es ſich ab, um ihn gut mit Taſchengeld zu verſehen und einen Theil davon legte er in Griechiſch, Latein, Philoſophie und Mathematik an. Er kaufte nämlich ärmern und fleißigeren Studenten ihre Collegienhefte ab und er⸗ warb ſich durch dieſe fremden Federn einen gewiſſen Ruf von Begabung, obgleich er von der Univerſität keinen anderen Preis als einen für hebräiſche Kalli⸗ graphie mit heimbrachte. Solch ein unbeſtimmter Ruf hat indeſſen noch den Vortheil, daß man ihn ſchwerer verliert, ſelbſt wenn er nur zufällig iſt, namentlich wie in dieſem Fall, wo er mit einem gutmüthigen 1 en ſte, die eer n, ten ch⸗ von elbe lent ab, inen phie und er⸗ iſſen ſität alli⸗ Ruf verer ntlich higen 29 Herzen und freundlichem Weſen verbunden war. Doch Rahel Carvie hatte Recht, wenn ſie aus des alten Hausmeiſters Geſicht ſchloß, daß Mr. Garſegreen wenig beliebt in Laighlea ſei. „Unmöglich,“ rief Mrs. Hope's älteſte Stief⸗ tochter,„unmöglich kann Lord Layton dieſen unge⸗ bildeten Menſchen gewählt haben. Da müßten ja die Mönche von Novantia ſich im Grabe umdrehen.“ „Und aus Aerger darüber mit dem geſpenſtiſchen Lord Edgar in Sunbury ſpuken,“ ſetzte ihre Schweſter hinzu. „Hetty, wir ſind wirklich nicht in der Lage, Mr. Garſegreen's Fähigkeiten zu beurtheilen, da wir ihn erſt ein paar Mal haben predigen— und beten hören,“ entgegnete Mrs. Hope vorwurfsvoll, doch ſtimmte der Ausdruck ihres feinen griechiſchen Profils nicht ganz zu dem Ton.„Er iſt gewiß ein ganz braver Mann, freilich fehlen ihm die Manieren. Auch hat er ſich lange in einer untergeordneten Stellung plagen müſſen, und wenn er wirklich berufen werden ſollte unſer Seelſorger zu werden, ſo müſſen wir uns in ihn ſchicken, wie es eben geht. Können wir uns nicht auch an den Spruch erinnern von den Schätzen in irdenen Gefäßen?“ „Aber Mutter, wenn die Gefäße nicht allein 30 irden und häßlich ſind, ſondern auch nicht einmal einen Schatz enthalten?“ ſagte die jüngere Tochter. „Ja, das iſt's eben Beatty,“ ſtimmte Hetty ein. „Weißt Du, es iſt mir ganz gleich, ob die irdenen Gefäße häßlich ſind, wenn nur ein Schatz darin wäre. Es iſt eigentlich zu arg, daß wir von dem armen Mr. Garſegreen reden, als ob er ein Teller oder eine Schüſſel wäre!“ Was hätte Mr. Georg For gedacht, wenn er das gehört und dazu ihr ſilberhelles Lachen. Die Schönheit über Häßlichkeit reden und ſie den Aus⸗ ſpruch thun hören, daß es auf Schönheit nicht an⸗ komme, wäre Mr. Georg For ſehr intereſſant ge⸗ weſen. Nicht, daß er ſelbſt häßlich war, aber es ſchien ihm eben ſolch ein Unglück für einen Mann, arm zu ſein, wie für eine Dame, wenn ſie eine rothe Naſe hatte oder ſchielte. „Ich fürchte manchmal, Hetty, daß wir von der Einfalt des Evangeliums abkommen,“ ſagte die Mutter. „Dadurch, daß wir ſo viele neue Bücher leſen und ſo ganz ausſchließlich auf unſer eigenes Urtheil an⸗ gewieſen ſind in Angelegenheiten, die auch für die beſten und klügſten Menſchen zweifelhaft ſind. Ich wünſche oft, daß ich beſſer im Stande wäre Euch darüber zu belehren, allein je mehr ich über dieſe mal ter. ein. enen äre. men oder 3¹ Dinge nachdenke, je unklarer werden ſie mir. Und ich fürchte,“ ſetzte ſie wie zu ſich ſelbſt gewendet hinzu,„Mr. Garſegreen wird uns in dieſer Beziehung wenig beiſtehen können.“ Mrs. Hope und ihre beiden Stieftöchter lebten ſeit zwei oder drei Jahren in Laighlea, obgleich ſie urſprünglich einem anderen Theil der Grafſchaft an⸗ gehörten. Sie war die zweite Gemahlin des Kapitain Hope auf Hopeton, und da nach deſſen frühem Tode ſeine Güter auf einen entfernten Verwandten über⸗ gingen, war ſie auf das beſchränkte Witwengeld an⸗ gwieſen, das in Braidarden häufig in einem Miß⸗ verhältniß zu der Vornehmheit der Familie ſteht. Darum war es ihr erwünſcht das alterthümliche Witwenhaus zu beziehen, das mit ſeinen breiten Grasplätzen und langen Schattengängen mitten inne zwiſchen Lord Layton's Beſitzungen lag und nicht aufgekauft werden durfte. Ihre ſchwankende Ge⸗ ſundheit, die durch die Pflege und den Tod des Gatten noch mehr erſchüttert war, machte es unum⸗ gänglich nöthig, daß ſie in Zurückgezogenheit, fern von aller Unruhe lebe. Dazu kam der Wunſch, von ihrem Jahrgeld etwas für die ſehr beſcheidene Mit⸗ gift ihrer Töchter zu ſparen, welche ſie zärtlich, ja leidenſchaftlich liebte, ſo daß ſie viel länger hier ge⸗ 32 blieben war, als ſie urſprünglich beabſichtigt hatte. Auch war das Haus, daß ſie erſt nur als ein Obdach betrachtet, ihnen eine Heimath geworden, und wenn auch die Witwentrauer es überſchattete, war es doch ein außerordentlich glückliches Heimweſen. Der einzige Umſtand, der ſich ihnen oft ſchmerzlich fühlbar machte, waren weder die beſchränkten Mittel der Mutter noch das geringe Vermögen der Töchter, ſondern ihre faſt krankhafte Unruhe für das Wohlergehen ihrer Kinder zu ſorgen, und die Aengſtlichkeit derſelben um den Geſundheitzuſtand von Mrs. Hope. Oft, ſelbſt wenn die ſchönen Buchen, die Laighlea umgaben, friſch grünten und die Vögel in der blühenden Lindenallee ſangen, die nach dem Hauſe führte, war Mrs. Hope zwar von Herzen dankbar für alle die Schönheit, aber ſie vergaß es im nächſten Angenblicke und meinte, wie viel beſſer es für die Zukunft ihrer Töchter ſein würde, wenn dieſe ſtatt in ländlicher Einſamkeit, in London lebten und in die große Welt eingeführt würden. „Welchen wunderbaren Reiz Hetty beſitzt,“ dachte ſie im Stillen,„nicht nur in den Zügen, ſondern auch im Ausdruck. Wie ſchnell wechſelt dieſer Aus⸗ druck und einer iſt immer entzückender als der andere. Wie bezaubernd ſieht ſie aus, wenn ſie heiter und atte. dach enn doch izige chte, noch faſt nder den venn ſchelmiſch, wie unvergleichlich, wenn ſie ernſt und traurig iſt. Wie ſanft iſt ſie bei ſo viel Munterkeit, wie kindlich naiv und doch wie vriginell ſind ihre Einfälle. Und wie verſchieden von ihr und doch wie hübſch und liebenswürdig iſt Beatrice. Nun ſollen die Beiden hier in der Einſamkeit verblühen und nichts von ihrer Jugend haben, als mich zu pflegen. Das iſt doch zu troſtlos, ja, es wäre ein Unrecht, wenn ich das litte; ich muß wirklich auf einen Aus⸗ weg ſinnen.“ Dieſe Sorgen laſteten ſchwer auf ihren ſchwachen Kräften, und ſie wurden noch dadurch geſteigert, daß Hetty und Beatrice nicht ihre eigenen Töchter waren. Ihre Verantwortung ſchien ihr nur größer durch den Umſtand, daß die Mädchen von Seiten ihrer Mutter, Lady Sarah, zu dem vornehmen alten Ge⸗ ſchlecht der Merle gehörten, das hochberühmt iſt durch die Dichtkunſt und die Geſchichte. Von dieſen Sorgen bedrängt, wollte Mrs. Hope Zuflucht bei ihren alten religiöſen Troſtmitteln ſuchen, ſich hinter ihre alte theologiſche Bruſtwehr verſchanzen, von der aus ſie ſonſt den Verſuchungen der böſen Welt widerſtanden hatte, hinter das Gebet oder altbekannte und ihr theure Bibelſtellen, tröſtliche Anweiſungen auf die Vorſehung und den Himmel. Doch wenn ſie das Caird, C. M.„Lady Hetty“ I. Band. 3 jetzt verſuchte, drängte ſich ihr der Gedanke auf, daß auch dieſe Feſtungswerke ſchon angegriffen, daß ſie auch hier ſich vertheidigen müſſe und Manches ſchon in die Hand des Feindes gefallen ſei,— eben in Folge davon, daß ſie und ihre Töchter ſo viele der neuen Schriften geleſen hatten. Es kam ihr dann vor, als ſei ihr Loos recht ſchwer geworden und ihr Wunſch nach einem einſichtsvollen Rathgeber wurde immer lebhafter, nach einem Manne, der ſie auch über ihre Pflichten gegen ihre Stieftöchter belehren könne. Darum beſchäftigte ſie die Wahl eines Seel⸗ ſorgers in ſo hohem Grade. Rahel Carvie hatte alſo ganz richtig nach James Wright's Geſicht ge⸗ ſchloſſen, daß Mr. Garſegreens Ernennung nicht gern in Laighlea geſehen worden wäre. Nicht nur Mrs. Hope, ſondern Mr. Garſegreen ſelbſt, befand ſich im Irrthum, als er ſich für den von Lord Layton Erwählten hielt. Man konnte ihn nicht ehrgeizig nennen, noch weniger ſentimental oder romantiſch; ſein Hauptbeſtreben war, eine auskömm⸗ liche Pfarre zu erlangen und ſich dann für alle Zeiten wohl ſein zu laſſen. Allein zwei Vorſtellungen blendeten ihn und regten ihn auf, wenn er an die Möglichkeit dachte, Pfarrer in Illtafend zu werden, erſtens die alljährliche Anweſenheit des hohen Patrons daß ſie ſchon n in e der dann d ihr vurde auch lehren Seel⸗ hatte hbt ge⸗ nicht 25 30 und ſeiner Familie während der Herbſtmonate, und dann die allſonntägliche Gegenwart von Mrs. Hope mit ihren beiden Töchtern in der Kirche. Er wußte, daß dieſe ebenſo hochgeboren und vornehm waren als Lord Layton und mit dieſem wie mit der Hälfte des hohen Adels verwandt. Früher wäre er bei ruhigem Blute auch nicht auf den Gedanken gekommen, ſeine große plumpe Hand Miß Hope anzubieten. Allein jetzt, bei der Ausſicht, die Pfarre des Ortes zu erhalten, in dem ſie lebte, fielen ihm Beiſpiele von alle den wunderlichen Glücksfällen ein, die ſich in der Welt und namentlich mit ſeinen Amtsbrüdern zugetragen haben ſollten. Es ſollte Pfarrer geben, die, wenn ſie einmal im Vorwärtskommen waren, immer höher und höher ſtiegen und ſchließlich Erb⸗ oder ſogar Pairstöchter geheirathet hatten. Jeden⸗ falls aber wäre ſie in der Kirche, pflegte er ſich in ſolchen Augenblicken zu ſagen, mit dem goldenen Haar und den geſenkten Augen und er würde da ſein mit Talar und Bäffchen und ſeiner beſten Predigt (von dem Sohn der Sunamitin) und man konnte nicht wiſſen, was Alles daraus entſtehen werde. Wenn aber Mr. Garſegreen's Phantaſie ſich ſo weit vorgewagt und wenn das, was erſt ein Traum⸗ bild geweſen, nahe daran ſchien ſich zu verwirklichen, 3* 36 überwältigte und beängſtigte es ihn. Er fühlte ein Bangen, als er überlegte, daß Miß Hope ebenſo ge⸗ ſcheut als ſchön und vornehm ſein ſolle, es würde daher nicht nur ſchwierig ſein ihr einen Heirathsan⸗ trag zu machen, ſondern er hätte dann hinterher auch immer die Verpflichtung angeregt und liebenswürdig zu ſein, und ſich über alle Verhältniſſe der großen Welt zu unterrichten, um ihr dauernd zu gefallen. Das war freilich entſetzlich ſchwer, aber wie ſollte man es anders machen? Um ſich von dieſer Auf⸗ regung zu erholen, wußte er kein beſſeres Mittel als ſeine Zuflucht zur Feder zu nehmen, die für ihn war, was einem Anderen eine Flöte oder Geige iſt, eine Erleichterung für ſein bedrücktes Gemüth. Andere haben geliebte Namen in die Rinde der Bäume ge⸗ ſchnitten oder in eine Fenſterſcheibe geritzt. Mr. Garſegreen folgte dieſem Beiſpiel, nahm aus ſeiner Schieblade mehrere Bogen Papier und beſchrieb ſie mit den Namen„Hetty Hope“ und„Laighlea“ in den verſchiedenſten und kunſtvollſten Buchſtaben und mit den ausgeſuchteſten Schnörkeln. Dadurch und mit Hülfe einer Pfeife kam er wieder in eine ruhigere Stimmung. ein ge⸗ ürde Zan⸗ auch irdig oßen ullen. ſollte Auf⸗ l als ſeiner eb ſie i und und higere Viertes Kapitel. P⸗ äußere Erſcheinung des Reverend Henry Francis, der an jenem Tage in der Peters⸗ kirche predigte, war wenig geeignet lebhafte Theil⸗ nahme für ihn zu erwecken. Eine ſchottiſche Kirche, wenigſtens die nach dem echten, alten, presbyteria⸗ niſchen Styl, zu denen die Peterskirche gehörte, beſitzt außer den Kirchenſtühlen und dem Sammel⸗ becken kein Geräth, keinen Schmuck, außer zwei rothen Kiſſen, von denen das eine von der Kanzel, das an⸗ dere vom Pult des Vorſängers herableuchtet. Der Geiſtliche im ſchwarzen Talar mit Bäffchen, iſt Alles im Allem: Orgel, Dämmerſchein farbiger Glasfenſter, Altar und Gebotstafeln, er iſt Erſatz für Alles das⸗ jenige, das in einer engliſchen Kirche die Augen be⸗ ſchäftigt und den Eindruck hervorbringt, daß die 38 Stelle geheiligt iſt durch etwas Anderes, welches außer⸗ halb und über dem Küſter und dem Paſtor ſteht. Darum iſt eine ſchottiſche Gemeinde kritiſch, zwar reſpektwoll aber unerbittlich kritiſch in Bezug auf des Geiſtlichen Perſönlichkeit. Da ſie nichts anderes an⸗ zuſehen und zu beobachten hat, paßt die Gemeinde ihm ſcharf auf und beurtheilt ihn demgemäß. Schot⸗ tiſche Anekdoten haben meiſt eine kirchliche Färbung, wie man es auch erwarten kann, da das innere Leben des Volkes nach dieſer Seite neigt, und die am wenigſten glaubwürdig ſcheinenden Geſchichten in dieſer Beziehung ſind die verbürgteſten⸗ Da ſitzt zum Beiſpiel die alte Janet Dunn, wo ſie ſeit mehr als funfzig Jahren geſeſſen(mit Ausnahme der⸗ jenigen Sonntage, an denen ſie ihrem Manne die zwölf Kinder geboren). Nun betritt die Kanzel Mr. Doo, der junge geiſtliche Dandy, den alle jungen Mädchen wegen der rabenſchwarzen wohlpomadiſirten Locken bewundern, die ſeinen leeren Kopf ſchmücken. Jonet beſieht ihn durch ihre Brille, wiſcht die Gläſer ab, ſetzt ſie wieder auf die Naſe, wiſcht ſie noch ein⸗ mal ab, legt ſie in die große offene Bibel, ſchließt dieſe ſorgfältig und humpelt aus der Kirche. Aus einem ſo eiteln Kopf kann, ihrer Meinung nach, keine echte Lehre über den Sündenfall, den Antichriſt ßer⸗ teht. war des an⸗ einde chot⸗ bung, Leben am n in ſitzt mehr der⸗ ie die danzel ungen iſirten tücken. Gläſer h ein⸗ chließt Aus nach, tichriſt und die Rechtfertigung durch den Glauben kommen. Das kommt allerdings nicht alle Tage vor, aber es beweiſt, welcher ſcharfen Beobachtung der ſchottiſche Kanzelredner unterworfen wird. Henry Francis hätte freilich nicht Mrs. Dunn's Gefühle verletzt, denn er war kein Geck, aber dafür beſaß er auch nichts um weltlicher ge⸗ ſinnte Richter zu gewinnen. Außer einer breiten Stirn, die ſich in ſchön geſchwungenem Bogen über dunkelbraunen, lebendigen Augen erhob, waren ſeine Züge unbedeutend, und die ſchmächtige Geſtalt nicht mehr als mittelgroß. Sandy Ronald, der wie ge⸗ wöhnlich Thomas MGeorge die Doſe reichte, flüſterte: „N ſchwaches Gefäß!“ „Wird wohl auch nur ſchwach ſein,“ meinte der andere. Im Ganzen war das Vorurtheil nicht günſtig für Mr. Francis, die meiſten meinten, er würde ſich mit den herkömmlichen Immortellenkränzen begnügen, welche junge Prediger der Menſchheit zu weihen pflegen und gewöhnlich als erſten Text den Spruch wählen: „Der Menſch iſt in ſeinem Leben wie Gras.“ „Wiſſet aber, daß er(Eſau) hernach, da er den Segen ererben wollte, verworfen iſt, denn er fand 40 keinen Raum zur Buße, wiewohl er ſie mit Thränen ſuchte.“ Das war der Text, über welchen der Pre⸗ diger ſich verbreitete. Es ſei unmöglich, begann er, den wahren Cha⸗ rakter jener Handlung, jener Täuſchung oder Liſt— zu verkennen, durch welche Jakob den Bruder um den väterlichen Segen brachte, ebenſo unmöglich, wie den Charakter der verſchiedenen Theilnehmer an jener That. Wie Geſtalten, die ſich gegen den Morgen⸗ himmel abheben, erſcheinen ſie uns noch jetzt trotz ihrer Entfernung. Wie natürlich des ſchüchternen und frommen Iſaak Vorliebe für Eſau, den Schiffer der Wüſte, den friſchen, furchtloſen, unüberlegt groß⸗ müthigen Jüngling, der ein Jäger von Geburt war, wie Jakob ein Hirt. Und dann wieder, wie unver⸗ meidlich die Vorliebe der ſchönen, falſchen Rebekka für den glatten, zuthulichen, häuslichen Jakob! Unmög⸗ lich dieſe Charaktere zu verkennen, ebenſo wie die Rolle, die ſie bei der Entwendung des Segens ſpielen. Lange Jahre zuvor in einem kopfloſen Augenblick hat Eſau ſein Erſtgeburtsrecht verkauft, ein Recht verſchleudert, oder ſich abſchwatzen laſſen, das ein guter und weiſerer Menſch höher geſchätzt hätte. Damals hat er einen Irrthum, wenn nicht eine Sünde begangen, jetzt trifft ihn in Folge deſſen ohne änen Pre⸗ Cha⸗ um „wie jener rgen⸗ trotz ernen chiffer groß⸗ war, mver⸗ ka für nmög⸗ ie die pielen. enblick Recht as ein hätte. ht eine n ohne 4¹ eine Schuld ſeinerſeits der härteſte, unerſetzlichſte Ver⸗ luſt. Damals— es wird uns nicht genau erzählt wie, hatte der leibliche Hunger über die Bedürfniſſe des Geiſtes geſiegt, jetzt nach vielen Jahren, rangen Geiſt und Fleiſch wieder miteinander und rangen vergebens. „Es liegt ein Verhängniß über Jedem von uns,“ fuhr der Prediger fort,„oft ein ſo trauriges wie das von Eſau— das wir mit Gebet und Thränen abwenden möchten, und uns doch vergebens mühen. Es iſt das Verhängniß, das wir durch unſere eigenen Thaten heraufbeſchwören: „Unſere Thaten ſind unſre Engel, Engel gut und böſe, Die uns begleiten durch das ganze Leben.“ Kam es, weil des Geiſtlichen Auge plötzlich den unvermutheten Kahlkopf gewahrte, der ſich langſam erhoben hatte und nun wie ein Vollmond über den Bänken der Hauptgalerie leuchtete, daß er zögernd inne hielt und dann mit ſchwankender Stimme weiter ſprach? Sehr möglich. David Groats war aus der Beſtürzung, mit der er aufgewacht, wachend in eine noch viel größere verſunken. Jetzt ſtand er aufrecht in dem Kirchenſtuhl, weit vorgebeugt, mit offnem Munde, zugekniffnen Augen, Alles um ſich her ver⸗ geſſend über des Predigers Stimme und durch ſein Benehmen die Aufmerkſamkeit der Gemeinde und des Geiſtlichen auf ſich ziehend. Als letzterer ſtockte, öffnete David die Augen und murmelte als Antwort den Spruch aus ſeiner„anderen Bibel,“ wie er den Shakeſpeare nannte: ———„Schnöde Thaten, Birgt ſie die Erde auch, müſſen ſich verrathen.“ Dann ſetzte er ſich ſo beſchämt nieder, als ſei er bei„des Oheims“ Verbrechen auf friſcher That ertappt worden. Auch der Geiſtliche überwand die plötzliche Ver⸗ wirrung und fuhr fort zu erklären, daß, da der Charakter der Theilnehmer an jener Liſt ſo offen⸗ kundig ſei, man aus dieſem Grund leicht zu übereilten Schlüſſen über ihre Folgen kommen könne. Der Beſſere von beiden Brüdern war nicht der Betrüger, ſondern der Betrogene, nicht der glatte, ſchlaue Hirt, ſondern der thörichte, genußſüchtige Jäger. Wenn man nun annähme, wie das zuweilen geſchehen ſei, daß das, was unſer Text von Eſau's Reue ſagt, ſich auf ſein geiſtiges Leben und ewiges Heil beziehe, ſo würde der Schluß, den wir daraus ziehen müßten, unſere Vorſtellung von dem Weſen Gottes zerſtören. Wir müßten dann annehmen, daß er willkürlich errettet und verſtößt ohne Rückſicht auf den Charakter des ver ga ein gel abe nic das ſon Ar In des Menſchen, daß er den Einen zum ewigen Tode verdammt, wegen eines einzigen in der Jugend be⸗ gangenen und längſt bereuten Irrthums, daß er einen Anderen zum ewigen Leben erwählt, trotz un⸗ gebüßter Schuld und Verbrechen. So dürfe man aber dieſen Text nicht verſtehen. Er beziehe ſich nicht auf geiſtiges Leben und ewiges Heil, nein, auf das Erſtgeburtsrecht, auf die Stellung und Vortheile des älteſten Sohnes, nicht auf Himmel und Hölle, ſondern auf Beſitz, Macht und Anſehen in einem Araberſtamm, aus dem einſt ein Volk werden ſollte. In dieſem Sinn ſeien die Worte leicht verſtändlich, klar wie die Geſtalten ſei auch ihr Geſchick vorge⸗ zeichnet. Als Eſau durch ſeine Thränen um den verlorenen Segen die Schuld erkannte, die er vor Jahren gegen ſein Geburtsrecht geübt, hätte er ſie gern geſühnt, wenn er es vermocht, ſich gern geändert, gern das Geſchehene ungeſchehen gemacht; aber es war zu ſpät, alle Bitten umſonſt, alle leidenſchaft⸗ lichen Thränen vergebens. Er wurde nicht zu ewiger Unbußfertigkeit und Qual verdammt wegen dieſes einzigen Fehltritts, aber er wurde beſtraft dafür, daß er ſich in ſeiner Jugend ſelbſt betrogen durch die bittere Erfahrung, daß ihn der eigene Bruder in reiferen Jahren überliſtete. „So ſteht der Fall,“ fuhr der Redner fort,— „der Schlechtere erringt die Erbfolge und den Segen, er zieht Vortheil aus des Bruders Leichtſinn und der eigenen Bosheit, und des Beſſeren Loos iſt das Bewußtſein, ſchwerers Unrecht erlitten und ohnmächtige Thränen vergoſſen zu haben. Iſt das Recht? Kann das beſtehen bei der ewigen Gerechtigkeit und ewigen Liebe? Wir müſſen mit Nein antworten, wenn es immer heilſam wäre in der Welt vorwärts zu kommen, Reichthum, Macht und Vorrechte außerdem zu be⸗ ſitzen. Wir müſſen indeſſen mit Ja antworten, wenn es ſich zeigt, daß dieſe Dinge nur den Guten zum Heil gereichen, während andrerſeits Sorgen, Trübſal und Unrecht den Guten nicht zum Unheil, und den Böſen zum Heil gereichen. Betrachtet man alles dieſes, das ſcheinbare Glück und das ſcheinbare Unglück als Erziehungsmittel, dann können des guten Menſchen fruchtloſe Sorgen und Thränen und des ſchlechten Menſchen ſieggekrönte Niedrigkeit und Liſt wohl in Einklang gebracht werden mit der ewigen Ordnung, welche für das Gute und gegen die Bosheit iſt. „Wir ſehen viele von Gottes Gaben,“ moraliſirte der junge Mann,„vertheilt ohne Verdienſt, und Züchtigung, wo kein Vergehen geweſen iſt. Gott giebt dem Einen Reichthum und Ehren, obgleich der Menſch lück chen ten in ing, ſirte und iebt nſch 45 vielleicht eine gemeine Seele hat und ſein Leben durch Thorheit und Selbſtſucht erniedrigt iſt. Ebenſo gewährt er denen geiſtliche Gaben, die ſich ihrer nicht bedienen oder ſie mißbrauchen und damit beweiſen, daß ſie ihrer nicht würdig ſind. Niemand kann mir ſagen, warum in einer großen Stadt, wie in dieſer, Stadt⸗ viertel ſind, die himmelweit von einander verſchieden ſind; in dem einen wohnen dicht zuſammengepferchte Menſchenmaſſen, die zu lebenslänglicher Unwiſſenheit und harter Arbeit verurtheilt ſind, in einem anderen einige Hunderte oder Tauſende von Leuten die zu Wohl⸗ habenheit, Bequemlichkeit, Bildung geboren werden. An⸗ ſcheinend waltet kein ſittliches Geſetz in dieſen Dingen; Alles ſcheint vom Zufall abzuhängen. Vergleicht man jene Stadtviertel, den guten, armen Lazarus mit dem böſen, reichen Mann, ſcheint Gut und Böſe ohne Ver⸗ dienſt und Wahl vertheilt zu ſein. Aber ich ſage mir, daß alle Güter, Gaben und Vorzüge doch nur Mittel zum Zwecke ſind, daß ihre Gegenbilder: Elend, Trübſal und Entbehrung ſich gleichfalls als Mittel zu demſelben Zweck erweiſen, daß Geld, Gut und ein gepolſterter Kirchenſtuhl nur dem zum Beſten ge⸗ reichen, der ſie wohl zu benutzen verſteht und daß andrerſeits durch Kummer und Leid, in Unwiſſenheit und Sünde Gott ohne Zweifel ſeine eigenen Wege hat, ſich der Menſchenſeele zu offenbaren, um ſeine Gnadenzwecke unter den Menſchen zu erfüllen. Wenn ich das bedenke und ſehe, daß der Vorzug weltlicher und geiſtlicher Güter oft nur eine ſchwere Strafe herabzieht,(wie wir es am Beiſpiel der Juden ſehen) während das Entbehren ſolcher Wohlthaten eine wahr⸗ hafte und heilſame Erziehung ausübt auf Herz und Leben— wenn ich bedenke, wie das Gute zum Böſen und das Böſe ſich zum Guten wendet— nun, wenn ich mir dann auch im einzelnen Fall nicht das Glück des Schurken und das Unglück des Gerechten zu erklären vermag, ſo bin ich doch damit ausgeſöhnt, und ſehe ich keine Ungerechtigkeit darin, ſondern ahne die ewige Liebe und glaube, daß dies Schickſal zum Beſten des Einzelnen und der Menſchheit dient. Darum, ſo ſchloß er, liegt kein finſteres Verhängniß für uns in dem was Gott an uns thut, nur unſere eigenen Thaten ſind verhängnißvoll. Wir können dem nicht entrinnen, was wir geweſen ſind und gethan haben. Verkaufe Dein Erſtgeburtsrecht, betrüge Dich, beflecke Deine Jugend durch Leichtſinn, und indirekt oder direkt werden nach langen Jahren die Folgen Dich treffen, die Du dann tragen mußt, wie Du kannſt. Dann wirſt Du vergebens weinen und beten. Es folgt erfahrungsgemäß und ganz vernehmlich ein Ver⸗ — 0 1 ( „ eine enn icher rafe hen) ahr⸗ und öſen venn lück ären ſehe wige des 0 is in enen nicht aben. eflecke oder Dich annſt. Es Ver⸗ 47 hängniß jenen ſinnlichen und unſittlichen Neigungen und Handlungen, jenen Sünden des Fleiſches, gegen welche die heilige Schrift Eſau's Geſchick als Warnung anführt, und dies liegt nicht nur in ihren äußeren, ſondern in ihren inneren Folgen, denn ſie verhärten innerlich und ertödten das Gefühl, ſie ſind die Lava⸗ ſtröme, die in ihrem Lauf zu Stein erſtarren.“ Der Redner machte dies an dem Bilde des jungen und alten Eſau deutlich.„Sowohl Jakob als Eſau waren am Ende ihrer Laufbahn gänzlich anders als am Beginn derſelben. Weil Jakob bei allen ſeinen Fehlern doch eine Seele hatte, die über das Irdiſche erhaben war, ſo nahm ſein Leben mit zunehmendem Alter eine immer edlere Richtung. Und wie verſchieden war der ergraute Eſau von dem jugendlichen Schiffer der Wüſte, dem Liebling des Vaters geweſen. Jene Neigungen und Züge, die ihm mit zwanzig oder dreißig Jahren wohl anſtanden, ſind im Greiſenalter wider⸗ wärtig. In der überſtrömenden Jugendluſt war er entzückend, ſinnlich, im Greiſenalter wäre er abſcheu⸗ lich geweſen. Der Hunger in dem Jüngling war friſch wie ſein Muth, ſeine Geradheit und Frei⸗ gebigkeit. Aber wenn er in ſeinem reifen Alter noch immer Eſſen und Trinken höher achtete als geiſtige Güter, die Befriedigung ſeines Gaumens höher als Ehre und Fflicht, dann wäre uns ſein Hunger ſo verächtlich wie die häßlichen Züge ſeines ſinnlichen runzeligen Geſichts.“ So endete die Rede, denn obgleich der Geiſtliche noch einige Zeit weiter ſprach, und auf den ver⸗ lorenen Sohn hinwies, um die untrügliche Macht der Buße darzuthun, in Bezug auf des Menſchen inneres und ewiges Geſchick, ſo war doch das Bild von Eſau's würdeloſem Greiſenalter der Eindruck, der dem Hörer von der Predigt blieb. Fünftes Kapitel. P Eindruck nahm auch David Groats mit ſich, als er außerhalb der Stadt über die dürre Haide ſeinen beſchwerlichen Ruͤckweg antrat. Er hatte ſchon ein gutes Stück Weges zurückgelegt, ehe er die Augen erhob, um ſich wieder in der ſichtbaren Welt zurecht zu finden, die durch eine unſichtbare verdrängt worden war. Schwere Decembernebel wälzten ſich über die Berge auf beiden Seiten, als zögen ſie nach fernen Ebenen, um ſich dort eine Schlacht zu liefern; und ihre lautloſe Bewegung ließ die herrſchende Stille nur um ſo tiefer erſcheinen. „Ganz ſein Behaben dazumal!“ murmelte David, ſicher, daß ihn Niemand außer den Wolken hier hörte. „David, das warſt Du! Nicht etwa, daß er dabei an mich gedacht hätte! Liebt er mich doch, 3 wäre er Caird, C. M.„Lady Hetty“ 1. Bd. mein eigen Kind! Aber darum war ich's doch! Hab' ich's nicht auch geſehn, ſo oft ich mich'mal in'nem Spiegel ſah! Ja, der alte Eſau war wie David Groats. Das war ſein wohlgetroffenes Bild von einem jungen Rieſen gezeichnet.“ Dann legte er ſich ſinnend auf ſeinen Stock und murmelte weiter, mit plötzlich gemildertem Ausdruck:„Nur eins paßt nicht, eins nicht. Hübſch war ich nie; wahrhaftig, das hab' ich nicht bedacht. Ja, der Nebel und die Berge, die mich von klein auf kennen, können's mir bezeugen, ich war immer ſo häßlich wie die Sünde. S iſt nicht nur die Sünde, die mich entſtellt hat. Er, der Alles weiß, kennt meine Fehler— und ich habe ihrer viele, aber das iſt nicht wahr, daß ich ganz irdiſch, ſinnlich und verſtockt bin. Hörſt Du“, ſagte er in den Nebel, „'s iſt doch ein Troſt, daß ich in meiner Jugend keine Schönheit war. Ungeſchickt und häßlich pflegte meine Mutter zu ſagen. Erbſünde iſt eins und Erbhäß⸗ lichkeit ein ander Ding, und das gefällt mir beſſer; in meinem Fall kann ich mich immer noch ein Bischen an die Gerechtigkeit durch den Glauben halten.— Das ſteht feſt wie der Tod,“ ſetzte er nach einer langen Pauſe hinzu und humpelte mühſam weiter. Zwiſchen dem jungen Prediger, deſſen Rede ihn ſo beſchäftigte und David Groats beſtand ein eigen⸗ b' em vid on ſich mit cht, ab' die ich icht les iele, lich ebel, keine teine häß⸗ ſſer; chen einer eiter. eihn igen⸗ 51 thümliches Verhältniß. Der Reverend Henry Francis, ein Auſtralier von Geburt, hatte erſt Medizin, dann Theologie auf der Univerſität— ſtudirt. Er ver⸗ brachte meiſt ſeine Ferien in der Nähe von Greytown, wo David Thorwächter in einer Kattundruckerei war, die zu Cathay, einer der Beſitzungen von Lord Layton von Sunbury gehörte. Der junge Student machte bald die Bekanntſchaft des alten Aufſehers, der Bibliothekar des Arbeitervereins und der Bibliothek von Greytown war.— Beides ſtand unter dem Patronat von Lord Layton— und da er den Alten ungewöhnlich intelligent und eigenartig fand, ſuchte er ihn häufig auf. Der Verkehr wurde bald lebhaft, denn David kannte alle Vögel der Luft und Blumen des Feldes, und in der Begeiſterung, mit der er ihre Eigenſchaften ſchilderte, brachte er Beweiſe dafür aus Dichtern, namentlich aus Shakeſpeare herbei. Das machte es nicht nur angenehm mit ihm durch Berg und Thal zu wandern; für einen ſo eifrigen Natur⸗ freund, wie den jungen Mann, war es ebenſo nützlich als angenehm. Andrerſeits fühlte ſich David ange⸗ zogen, nicht nur von ſeines Begleiters Fähigkeiten, ſondern auch von ſeiner Friſche, ſeiner Empfänglichkeit für Eindrücke der Natur und des menſchlichen Lebens, die durch ſeine Jugend und ſeine Eigenſchaft als Aus⸗ länder bedingt waren, und ebenſo behagte ihm das Aroma der Wiſſenſchaft und der klaſſiſchen Bildung, das den„ſtudirten“ Herrn umgab. Doch die Innigkeit ihrer Beziehungen wuchs und vertiefte ſich noch durch übereinſtimmende moraliſche Neigungen, ähnliche reli⸗ giöſe Anſchauungen. Oft waren in den letzten Jahren, lange nachdem alle Lichter im Dorf erloſchen, die Beiden zwiſchen der Pförtnerwohnung und der Druckerei auf⸗ und abgeſchritten, den Flug der Stunden ver⸗ geſſend, verſunken in jene alten Fragen über das Leben und was ihm folgt, die zu löſen die Zeitlichkeit zu kurz ſcheint. In dieſen nächtlichen peripatetiſchen Geſprächen fand der junge Student, der allerdings einiges Wiſſen mitzutheilen hatte, an David's geſundem Menſchenverſtand und unverwüſtlichem Humor— an ſeiner Klarheit und ſeinen Geiſtesblitzen— eine große Stärkung ſeines Glaubens und eine beſſere Waffe gegen die Verzweifelung, als in den Lehren manches Profeſſors. Nachdem David die Aehnlichkeit zwiſchen Erb⸗ häßlichkeit und Rechtfertigung durch den Glauben entdeckt zu haben meinte, humpelie er leichteren Herzens weiter. Trotzdem lag ihm die Predigt noch im Sinn und zuerſt unbeachtete Wendungen fielen ihm ein, die ihn wieder verdüſterten:„Ob einer ihm'nen Wink 3 ig, eit vch eli⸗ en, die rei er⸗ das keit hen ngS dem an oße affe ches Frb⸗ uben zens Sinn die Link 53 gegeben von dem alten Kummer, der ſeinen Schatten auf mein Leben geworfen hat und der mit den Jahren immer länger geworden iſt? Schwerlich! Davon weiß er nichts. Aber„böſe Thaten“— und dann die Geſchichte vom verlornen Sohn—.“ Es mußten ſchmerzliche Beziehungen ſein, welche dieſe Erinnerung weckte; doch David war eine beweg⸗ liche Natur, die dunklen und hellen Wolken an ſeinem Horizont gingen fortwährend in einander über und die wiederkehrende Schwermuth war ſicher, von einer heiteren Anwandlung gefolgt zu werden.„Wahrhaftig, der dünkelhafte Eſel von'nem Küſter und die Gemeinde müſſen mich für verrückt gehalten haben und ich bin doch„mehr Schelm als Thor.“ Wie weit das richtig war, laſſen wir dahinge⸗ ſtellt, jedenfalls war er entſetzlich müde, kaum im Stande ſich fortzuſchleppen, trotzdem humpelte er tapfer weiter. Daher war er nicht wenig überraſcht und erfreut, als er hinter ſich Wagengeraſſel hörte, und beim Umdrehen einen Omnibus entdeckte, der in ſehr unſabbathlicher Eile daherkam. Zu müde um lange Umſtände zu machen, winkte er dem Kutſcher und eine mitleidige Hand zog ihn in die„theologiſche Arche Noah oder ſonntägliche Menagerie“, wie er ſie hinterher nannte. Es war natürlich die aus der Peterskirche heimkehrende Deputation, deren Mitglieder, nachdem ſie in einem Gaſthauſe zu Mittag gegeſſen, die vorher genoſſene geiſtliche Koſt beurtheilten, und ſich, nachdem ſie David Platz gemacht hatten, nicht weiter um ihn kümmerten. Mr. Frazer aus dem Adler erlaubte ſich noch einmal zu bemerken, obgleich ſeine Meinung ganz unmaßgeblich ſei, da ſo viel klügere Männer, als er, im Comité wären, es habe ihm gefallen und auch wieder nicht. „Sie ſind kein ſchlechter Richter in ſolchen Dingen,“ antwortete der Laird von Tuphead, der ein⸗ flußreichſte Mann der Geſellſchaft,„und meine Meinung iſt das auch.“ „Mir zu freiſinnig,“ brummte Mr. Parton, der dunkelroth wurde aus Aerger, daß jemand in ſolchen Dingen keine ganz beſtimmte Meinung beſäße. „Und der will ſtudirt haben,“ warf ein jäh⸗ zorniger Grundbeſitzer ein,„und behauptet, der eine Bruder wär' ein Schiffer geweſen, und dann ſagte er was von Raben.“ „O davon hat er nichts geſagt, Drumkap,“ ver⸗ theidigte der Dorfſchullehrer,„ich habe Alles gehört und nicht geſchlafen.“ Dieſer Stich ſchien Mehrere zu treffen, denn die übrige Geſellſchaft lachte hell auf. „Er ſagte,“ fuhr der Lehrer fort, um ſeine Weisheit leuchten zu laſſen,„es wären Araber— nicht Raben geweſen, und„Schiffer der Wüſte“ war ein bildlicher Ausdruck.“ „Das weiß ich auch;“ entgegnete Parton„8 iſt aber doch nicht die reine Lehre.“ „Alles was Ihnen paßt, iſt reine Lehre, Parton,“ ſagte der kleine Buckelige in der Ecke,„und was Ihnen nicht gefällt kathol'ſches Zeug.“ „Reine Lehre oder nicht,“ meinte Drumkap,„er hat auch keine Stimme wie der Paſtor vom vor'gen Sonntag.“ „Sie meinen Mr. Garſegreen?“ „Ei, freilich.“ „Und das Gebet von Mr. Garſegreen! So'was habe ich noch nicht gehört und meine Frau auch nicht.“ „Sie iſt ſeine Couſine,“ ergänzte ein anderes Mitglied. „Und er red't auch deutlicher,“ beſtätigte ſein Nebenmann. Nur wenn die ſchweigenden Mitglieder alle für Mr. Francis und außerdem die einflußreichſten der Deputation waren, konnte David hoffen, daß die Wahl auf ſeinen Freund fallen würde, ſonſt mußte er annehmen, daß dieſe Arche auf einem anderen Ararat landen würde, und mit dieſer Ueberzeugung ſtieg er in Inverſide aus. Lady Mumps war nach einem Blick auf ihre Schweſter zu einer günſtigeren Entſcheidung als die Inſaſſen der Arche gekommen, aber ihr wurde durch das Hörrohr ein entgegengeſetzter Rath ertheilt, der ſie beſtimmte das Suchen nach einem geeigneten Pfarrer anderweit fortzuſetzen. Allein Lord Layton, der mit ſeinen Töchtern des Bailie Kirchenſtuhl innegehabt, gab ſeiner Meinung am folgenden Tage dadurch Ausdruck, daß er Mr. Francis die Pfarre von Illtafend in Braidarden antrug. Ohne Ahnung davon entwarf David Groats eine Rede, die er bei nächſter Gelegenheit ſeinem jungen Freunde zu halten gedachte: „Wiſſen Sie, Ihr Freund, der Profeſſor in N., hat mal Carlyle's Geſchichte der Revolution'ne Ka nonade in drei Bänden genannt, daran hat mich Ihre Predigt erinnert,'s war'ne Füſilade, in zwei Abtheilungen. Sie müſſen's genauer nehmen mit der Theologie, Sie ſind zu frei auf der Kanzel. Nicht für mich und meines Gleichen oder für die ſtudirten Leute in den großen Städten, nein, für die Menſchen hier zu Lande. So was mögen ſie nicht, gerade weil ſie's verſtehen können; ſie wollen haben, was ſie von ——— 57 Alters her gewöhnt ſind, und das iſt, was ſie nicht verſteh'n, tönende Worte ohne Sinn. Ich muß meine Meinung auch für mich behalten, denn ich bin nur Thorwächter, und nicht'mal beim Tempel, ſondern nur bei'ner Druckerei, und Sie müſſen's auch und erſt recht, denn Sie ſind Geiſtlicher, und haben noch keine Pfarre und möchten gern eine kriegen.“ Sechſtes Kapitel. S weit iſt die angelſächſiſche Race über den Erd⸗ E boden verzweigt, daß jedes, auch das gering⸗ fügigſte Ereigniß, welches einem Einzelnen oder einer Familie in einem engliſchen Dorfe zuſtößt, an den Enden der Erde gefühlt wird und dort eine gewiſſe Aufregung hervorbringt. Mr. Henry Francis' Er⸗ nennung zum Paſtor in Braidarden hatte wichtige Folgen für verſchiedene Perſonen bei den Antipoden, deren flüchtige Bekanntſchaft wir deshalb machen müſſen. Wenn irgend eine antiquariſche Geſellſchaft oder eine vorſorgliche Regierung nicht bald Maßregeln trifft, ſo wird man nächſtens auf der Erde kein Stückchen terra incognita mehr finden, keine unbe⸗ kannte Guanoinſel im nebelhaften ſtillen Ocean, kein Erd⸗ ing⸗ iner den wiſſe Er⸗ htige oden, achen oder egeln kein unbe⸗ kein 59 Felſenriff im atlantiſchen Meer. Es wird nicht mehr möglich ſein in unentdeckte Fernen vorzudringen und die Abenteuerluſtigen werden Ausflüge auf den Jupiter, Saturn oder noch entferntere Planeten machen müſſen, denn Mittelafrika und Mittelaſien werden bald ebenſo bekannt ſein als die ganze übrige Welt. Schon findet man in den pfadloſen auſtraliſchen Wäldern in Ent⸗ fernungen von hundert zu hundert(engl.) Meilen leere Branntweinflaſchen, als Merkmale der letzten zögernden Fußtapfen der Civiliſation. Man braucht chon jetzt, wenn man von dem auſtraliſchen Buſch ſpricht, nicht erſt zu erklären, daß er keineswegs immer buſchig iſt. Man weiß im Gegentheil ſchon überall in England, daß der Buſch meiſt eine kahle Ebene iſt, eine weite Fläche mit einzelnen unförmlich hohen, aſtloſen, merkwürdig dürftig belaubten Bäumen; die ungefähr ſo dicht ſtehen wie die verſtreuten hohen Eichen und Buchen in einem engliſchen Park. Darüber denke man ſich ein weites Firmament, von dem eine glühende Sonne herableuchtet und man weiß, wie der „Buſch“ an vielen Stellen ausſieht. An anderen Stellen führt er allerdings ſeinen Namen mit Recht; da findet man Beſtände von Malleyholz mit dem glänzenden ſpitzen Laube und den geraden, dunklen⸗ Stämmen, die wie ſoldatiſch aufmarſchirte Lorbeer⸗ 66 bäume ausſehen. Die Stämme ſtehen ſo dicht bei einander, daß ſich keine Aeſte haben bilden können, undurchdringlich für Reiter und Fußgänger. Dann giebt es Haine von Akazien, die die Luft mit ihrem ſüßen, faſt betäubenden Duft erfüllen und der ſonſt flachen und farbloſen Landſchaft mit ihrem reichen, grünen Laub und goldgelbem Blüthenſchmuck Aus⸗ druck verleihen. Auch kleine Tannengruppen findet man, deren lang über den Sand geworfener Schatten dem müden Wanderer hoch willkommen iſt, Thäler und Schluchten mit üppigem Unterholz, ganze Graf⸗ ſchaften und Provinzen, in denen man nach allen Seiten immergrüne Nadelhölzer um ſich hat, aber im Ganzen iſt der„Buſch“ nicht dichter als ein offener Park bei einem engliſchen Edelſitz. Buſch bedeutet überhaupt nicht, daß die Bäume dicht, ſondern nur, daß die Menſchen dünn geſäet ſind, eine Wildniß, in der im Vergleich zu den Menſchen, die Känguru's zahlreich vorhanden. Es giebt keine größere Einſamkeit als die im auſtraliſchen Buſch. Nur jener einſame Wächter des Leuchtthurms auf dem Bell Rock, deſſen Gefährte ertrunken war, lebt in ähnlicher Einſamkeit wie der Schäfer im auſtraliſchen Buſch. Früh morgens verläßt er ſeine Hütte, kehrt Abends zurück und außer dem Wagen, 61 der alle vierzehn Tage oder alle Monate ihm Lebens⸗ mittel zuführt, hört er nichts als das Gekreiſch der Kakadus und der regenbogenfarbigen Perrikits, die ſich vergebens mühen, es den engliſchen Waldvögeln gleich zu thun, ſieht er nichts als ſeine Schafe, den ewig blauen Himmel, die weite Ebene, die Gummi⸗ bäume mit der ſtreifigen Rinde und dem dünnen Laub, und gelegentlich eine Heerde Kängurus, die aus Leibeskräften hüpfen, aber in der Ferne regungslos auf ihre Schwänze geſtützt zu ſitzen ſcheinen, während das Gras unter ihnen von einem friſchen Wind wie Wellen bewegt wird. In einer ſolchen Abgeſchiedenheit hatte William Francis, der Vater des Rev. Henry Francis, jahre⸗ lang gelebt, und er liebte ſie, denn um ſie ſich zu erhalten, hatte er mehrmals ſeine abgelegene Nieder⸗ laſſung mit einer noch abgelegeneren vertauſcht, ſo⸗ bald die Bevölkerung drohte dichter zu werden, und war dorthin gegangen, wo er der einzige Anſiedler war. Seine gegenwärtige Behauſung, ein großes, niedriges, gänzlich unregelmäßiges Holzhaus, lag auf einer Höhe dicht bei einem Gewäſſer, das ein langer und tiefer Teich im Sommer und im Winter ein großer Fluß war, wie man das bei den auſtraliſchen Flüſſen häufig findet, aus denen im Sommer Waſſer⸗ —— löcher werden mit breiten Sandſtrecken dazwiſchen, während ſie im Winter das Land meilenweit über⸗ fluthen. Eine weite Veranda umgab das Gebäude auf drei Seiten, um Schutz vor der faſt tropiſchen Sonne zu gewähren und eine mächtige, kaum zwei Jahre alte Paſſionsblume hatte ſich wie eine Rieſen⸗ ſchlange über die hölzernen Wände gezogen. Hinter dem Hauſe ſtanden roh gezimmerte Ställe für das Vieh und kaum weniger rohe Hütten für die Arbeiter. Zwiſchen dem Haus und dem Fluß lag der Garten, ein Sandfleck, der aber an den geradlinig gepflanzten Reben ein treffliches Gewächs lieferte. Rings um erſtreckte ſich bis zum fernen Horizont der endloſe Buſch, nur nach Norden ſchnitt eine undurchdringliche lebende Hecke das Vordringen anderer Anſiedlungen ab und ſchützte den Eigenthümer vor unwillkommenem Beſuch.„Dies iſt meine letzte Ruheſtätte,“ hatte William Francis geſagt, als er ſich vor ein paar Jahren in dieſer Einſamkeit niederließ und damit meinte er, daß die äußerſte Grenzmark eines wandern⸗ den, wechſelvollen Lebens erreicht ſei. Der Ausdruck Einſamkeit wird oft noch un⸗ richtiger gebraucht als Geſelligkeit. Unter Geſellig⸗ keit meint man meiſt nur ein wenig Verkehr mit Freun⸗ den oder guten Bekannten; Einſamkeit bedeutet häufig n, er⸗ de en wei en⸗ iter das iter. ten, zten um dloſe liche ngen enem hatte paar damit idern⸗ h un⸗ eſellig⸗ Freun⸗ häufig 63 Ueberfluß an der beſten Geſellſchaft. Auſtraliſche Schäfer ſollen ihre Einſamkeit ſo lieben lernen, daß ſie möglichſt eilig in ſie zurückkehren, und wenn ſie wegen der Auszahlung des Lohnes einmal heraus⸗ kommen müſſen, ſo verthun ſie denſelben in der ſchnellſten und unſinnigſten Weiſe. Doch wenn man die Sache genauer unterſuchte, fände man gewiß, daß ſelbſt in der Lage der auſtraliſchen Schäfer ein ge⸗ ringer Ueberreſt von Geſelligkeit, nicht das gänzliche Fehlen des Umgangs, den Reiz ſeines einſamen Lebens bildet, daß nicht das Aufhören des geſelligen Triebes eihn unwillig macht aus ſeiner Einöde zu treten, ſondern nur, daß er gelernt hat im Verkehr mit ſeinen Schafen und in der treuen Hingebung ſeines Hundes einen reichlichen Erſatz zu finden für den Verluſt eigennütziger Bekannten und langweiliger oder engherziger Verwandten. Die Einſamkeit, an der William Francis ſo großen Genuß fand, wurde von ſeiner Tochter Beſſy und von Jeremias Tippett getheilt, dem Schreiber, Aufſeher und Faktotum der Niederlaſſung, der dem Beſitzer faſt alle Sorgen und Mühen der Verwaltung abnahm. Buſchige Augenbrauen über ſanften blauen Augen, verriethen William's weiches träumeriſches Gemüth, 64 das eine tiefe Wehmuth nicht erkältet oder beengt, ſondern nur überſchattet hatte; es zeigte ſich gleich⸗ falls in dem zielloſen Herumſchweifen durch den Buſch in Begleitung ſeiner Tochter Beſſy, in der wiederholten Lektüre ſeiner Lieblingsſchriftſteller John⸗ ſon und Addiſon, Thomſon und Cowper und vor allem ſprach es ſich deutlich aus in den Klängen, welche er ſeiner geliebten Violine zu entlocken wußte. So hörte Mr. Francis mehr ſorgenvoll als mit Freude und Stolz von ſeines Sohnes Berufung als Pfarrer, denn ſein langgehegter Wunſch, ſeine Familie wieder um ſich vereint zu ſehen, wurde da⸗ durch vereitelt. Und mehr noch, eine Nachricht, die er ein paar Tage zuvor erhalten, bewog ihn auch für einige Zeit auf die Geſellſchaft ſeiner Tochter zu verzichten, die ihm immer unentbehrlicher wurde. Dies war eine Angelegenheit, die Jeremias Tippett ebenſo lebhaft und ſchmerzlich berührte, wie ſeinen Herrn. Nicht daß Jeremias für Beſſy eine romantiſche Liebe gehabt hätte, denn er war über funfzig und ganz der praktiſchen Seite des Lebens zuge⸗ wendet, nicht aus egoiſtiſchen Gründen fürchtete er ihre bevorſtehende Entfernung, nein, weil er ſich vor⸗ werfen mußte, Schuld zu ſein, daß ihre Reiſe noth⸗ wendig geworden war. —— cC— 65 Denn Major Me Sumph liebte Beſſy nicht ſo uneigennützig wie Jeremias Tippett es that, ſondern wie manche Funfziger und Sechsziger— Mädchen mit munteren Augen, friſchen Farben und ſchlanken Ge⸗ ſtalten lieben. Das waren des Majors Gefühle für Beſſy, die er bei ſeinem letzten Beſuch ſchon ausgeſprochen hatte; nun wollte er wiederkommen um ſeine Werbung zu erneuern, obgleich dieſelbe mit äußerer Höflichkeit und innerem Abſcheu ſowohl von dem Vater als der Tochter entſchieden abgelehnt worden war. An dieſer Werbung und was daraus entſtehen konnte, war Jeremias Tippett Schuld, das fühlte er mit ſchweren Gewiſſens⸗ biſſen. Er war es geweſen, der das Unheil von des Majors Bekanntſchaft und Leidenſchaft über ſeinen Herrn und das Fräulein heraufbeſchworen hatte. In dem Familienzimmer und Concertzimmer— Jeremias bildete meiſt das alleinige Publikum, wenn er ſich nicht ſelbſt auf dem Flageolet hören ließ— ſtand auf dem Bücherbret eine kleine angeblich Shakeſpeare darſtellende Büſte, von der Miß Francis behauptete, daß ſie Jeremias außerordentlich ähnlich, ſei, denn ſie ſah, daß es ihn jedesmal erfreute. Der runde Schädel, vorn auf der Stirn ſchon kahl, der Spitzbart und die längliche Geſichtsform, die hellblauen und dadurch blöde blickenden Augen hatten Caird, C. M.,„Lady Hetty“ 1. Band. 5 66 allerdings etwas von den Geſichtern aus Eliſabeth's Zeit. Jeremias'“ Kopf ruhte auf einer ſehr kleinen, aber wunderbar beweglichen Geſtalt, und er war ſo unnatürlich lebhaft, als habe er zwei Seelen ſtatt einer erhalten. Dieſer ungemeine Thätigkeitstrieb war gleichfalls Schuld an der augenblicklichen, pein⸗ lichen Verlegenheit, denn er war die Veranlaſſung für die Bekanntſchaft des Majors Me Sumph und der Familie Francis geworden. Die unbändige Energie und Selbſtſucht, die neben manchen andern guten und üblen Eigenſchaften in den kleinen Mann hinein ge⸗ pfropft war, fand noch keinen genügenden Spielraum in ſeinen mannigfachen Pflichten als Buchhalter, Auf⸗ ſeher und Faktotum in einer großen Schäferei, ſondern tummelte noch zwei Steckenpferde, von denen das eine harmlos, das andere gefährlich war, nämlich die Aufrechthaltung der britiſchen Conſtitution und theo⸗ retiſche und praktiſche Geſetzeskunde. Erſteres Stecken⸗ pferd konnte, wenn auch nicht viel Gutes, doch auch kein Unheil ſtiften. Allerdings war Miß Francis nahe daran zu lächeln, wenn Jeremias, der von Ge⸗ burt und Neigung Presbyterianer war, allſonntäglich, pünktlich um zehn Uhr den anglikaniſchen Morgen⸗ gottesdienſt zu leſen begann, denn ſie wußte, daß es ſich für ihn weniger um religiöſe Erbauung handelte, — noc geg ken⸗ uuch icis Ge⸗ lich⸗ gen⸗ es 67 ſondern daß er ſich verpflichtet fühlte, die engliſche Conſtitution auch im Buſch aufrecht zu erhalten, und daß die conſtitutionellen Beziehungen zwiſchen Kirche und Staat am deutlichſten durch das Prayerbook aus⸗ gedrückt wurden. Ebenſo ging er Abends nach dem Hauſe, in welchem Buſchgänger(arbeitſcheue, aber an⸗ geblich Arbeit ſuchende Vagabonden) beherbergt und beköſtigt zu werden pflegten, und hielt in der Thür ſtehend oder von einer Bank aus einen mit den leb⸗ hafteſten Geberden begleiteten, Vortrag über ſein Lieblingsthema. Der Erfolg war freilich meiſt der, daß die Hörer hinterher ſagten:„Laßt den Jerry nur über die Conſtitutſchon ſalbadern, ſein Schnaps iſt darum doch gut.“ Obgleich alſo Jeremias ſein Beſtes für Aufrechterhaltung der Conſtitution that, war im Buſch nicht viel damit auszurichten und er mußte ſich begnügen, nachdem er ſie ſtudirt und be⸗ wundert hatte, oder ſie bewunderte ohne ſie ſtudirt zu haben, ſie auf ſich beruhen zu laſſen. Jedenfalls aber entſtand daraus kein Schade für ihn oder Andere. Mit ſeinen juriſtiſchen Studien, denen er mit noch größerer Leidenſchaft oblag, verhielt es ſich da⸗ gegen ganz anders. Sie waren die Freude und Befriedigung für jahrelange Mühen, die Urſache ver⸗ 5* 68 ſchiedener denkwürdiger Triumphe, aber auch die Quelle mancher Ungelegenheiten, wie namentlich die letzten Ereigniſſe zeigten. Lange bevor Jeremias Ge⸗ legenheit gefunden hatte, ſein Studium Blackſtone's und anderer Rechtsbücher praktiſch zu verwerthen, pflegte er über Prozeſſen und Präcedenzfällen den Flug der Zeit gänzlich zu vergeſſen. Damals war die Bevölkerung im Buſch noch ſo dünn, daß man Schwierigkeit hatte, einen Nachbar zu finden, um mit ihm zu prozeſſiren. Aber ſeit er Recht bekommen hatte in dem großen Prozeß über Schäferhunde, „Crankey versus Tippett, oder Francis,“ in dem er, in dem richtigen Moment zum Verderben ſeiner Gegner und zur Bewunderung des Gerichthofs einen ſchottiſchen Juriſten citirte, nämlich:„daß man keinem Hunde das Bellen verwehren könne,“ ſeit jenem Siege kannte ſein juriſtiſcher Eifer keine Grenzen. Klagen und Prozeſſe, Strafanträge und Vertheidigungsreden folgten einander in ſchnellem Wechſel, trot Mr. Francis Abmahnungen; und während ſie Jeremias Gelegenheit gaben, ſeine juriſtiſchen Kenntniſſe zu erweitern, boten ſie ihm Spielraum für ſeine Energie. Nur in einem Punkt blieb Mr. Francis Herr ſeines Untergebenen, er beſtimmte unumſchränkt und trotz Jeremias' lebhaften Widerſpruchs ihren Wohnplatz und 69 zog den widerſtrebenden Querulanten ſo tief in den Buſch, daß er nur auf Entfernung von hundert Meilen Prozeſſe anhängen, aber ſie nicht perſönlich führen konnte. Jeremias hatte es daher nöthig ge⸗ funden, ſich für ſeine juriſtiſchen Geſchäfte mit dem Major Me Sumph zu verbünden, der den Vorzug beſaß, eine Stadt zu bewohnen, in welcher viertel⸗ jährlich der Diſtriktsgerichtshof ſeine Sitzungen hielt. Dies führte zu des Major's Bekanntſchaft mit der Famile Francis, die ihn als Rechtsbeiſtand annahm und ſchließlich zu ſeiner unwillkommenen Werbung um Beſſy's Hand. Siebentes Kapitel. M Tippett begriff, daß, obgleich Mr. Francis IWund ſeine Tochter eine lebhafte Abneigung gegen den Major Me Sumph fühlten, man doch einen offenen Bruch mit ihm vermeiden müſſe. Er hatte Grund zu fürchten, daß in Folge der Geſchäfts⸗ verbindung und zahlreicher Spekulationen, die der Major mit Mr. Francis' älteſtem Sohn Hubert unternommen hatte, und über welche Gerüchte zu ihm gedrungen waren, der letztere Schuldner des Majors geworden ſei und ſeines Vaters Namen und Credit gemißbraucht habe. Wie dem auch ſein mochte, ſo hatte Jeremias, der alle wichtigen Familien- und Gutsangelegenheiten entſchied, jetzt, da ein neuer Be⸗ ſuch des Majors drohte, ſich entſchloſſen, Miß Francis zu ihrem Onkel nach der Inſel Tasmanien zu bringen. 74 Willigte der Onkel, Mr. Jamieſon ein, ſo wollte er ſie auf ein Jahr zu ihrem Bruder Henry nach Eng⸗ land ſchicken. Sonſt wußte er keinen anderen Aus⸗ weg, die unangenehme Angelegenheit zu endigen. Bei Jeremias folgte die Ausführung dem Ent⸗ ſchluß ſtets auf dem Fuße, und ſeine Gefühle ordneten ſich ſchnell ſeiner Einſicht unter. Das leichte, vier⸗ rädige Wägelchen, das ihn und ſein junges Fräulein zur nächſten— funfzig Meilen entfernten— Eilwagen⸗ ſtation führen ſollte, ſtand frühmorgens vor der Thür, und er hielt das Pferd, während der arme, in den Trennungsſchmerz verſunkene Vater, noch nicht einmal ganz mit ſich im Klaren war, ob die Reiſe unvermeidlich ſei. Jeremias hatte ihm zum Abſchied mit der unwahrſcheinlichen Hoffnung tröſten wollen, die Tochter werde bald wieder heimkehren. Aber Beſſy's Schweigen und dichtverſchleiertes Geſicht, als ſie ſich neben Jeremias ſetzte, die lautloſe Stille im Haus, aus dem Niemand herauskam, ſchlugen ihn nieder, und er mußte ſich begnügen, der offenen Thür ſeinen tröſtenden Zuſpruch zuzuwinken. Aus verſchiedenen Urſachen, oder vielmehr in Folge verſchiedenen Tem⸗ peraments, waren Beide, Jeremias wie ſein Herr, Fataliſten, der eine, weil er ſo ſelbſtgewiß war, daß er ſeine oberflächlichſten Regungen und Eindrücke 72 für unumſtößliche Offenbarungen hielt, der andere, weil er ſo ſehr von Stimmungen abhing, daß er immer das Schlimmſte für das Wahrſcheinlichſte hielt. Beide aber fühlten mit ſchmerzlicher Vorausſicht, daß es ſich hier um eine lange Trennung handelte. Zwei Tage und Nächte ununterbrochener Fahrt im Eilwagen ſtanden ihnen bevor und Jeremias be⸗ mühte ſich, ſeiner Gefährtin die Zeit zu verkürzen. Er hatte ſich vorgenommen, daß ſie im Innern, er oben neben dem Kutſcher ſitzen ſolle, damit ſie ſchlafen und er ſich mit dem Kutſcher unterhalten könne. Doch hierin ſollte er eine Enttäuſchung erfahren, der Platz beim Kutſcher war ſchon vor ſeiner Ankunft beſetzt. Aber auf dem anderen Verdeckſitz fand er den ihm nöthigen geringen Raum, obgleich erſt Alles voll erſchien. „So'ne Herrn wie Sie, bringen wir noch'n halb Dutzend unter,“ bemerkte einer der Mitreiſenden. „Geduld'ge Schafe geh'n viel in einen Stall,“ meinte ein verſchmitzt ausſehender Mann mit einer Hakennaſe, deſſen ſchottiſcher Dialekt den Landsmann von Jeremias verrieth. Jeremias, der ſonſt nicht um eine Antwort ver⸗ legen war, hörte dieſe Bemerkungen nicht, denn er bog ſich eben über das Geländer, um Miß Francis nft en les en. U ner ann ver⸗ neis vor der Abfahrt noch mitzutheilen, daß die nächſte Station nur zwanzig Meilen entfernt ſei. Daher wurde ſeine Beredſamkeit nicht durch das Bedenken eingeſchränkt, ob er auch der Reiſegeſellſchaft genehm ſei, und bald hörte Beſſy, daß er ſich des Löwenan⸗ theils an der Unterhaltung bemächtigt hatte. Neben ſeiner Schwärmerei für die engliſche Conſtitution, hatte er eine ebenſo unbegrenzte Bewunderung für eine andere, in ihrer Art ebenſo unerreichte Conſti⸗ tution, nämlich für ſeine eigene, und es gewährte ihm ein unerſchöpfliches Vergnügen, ihre Vorzüge genau auseinanderzuſetzen, was er zu ſeinen Nach⸗ barn, von denen der Eine der Mann mit der Haken⸗ naſe war, ſehr bald that. „Paſſen Sie auf,“ ſagte er,„ich bin übermorgen am Ende der Reiſe ſo friſch wie jetzt. Das hält kein Pferd aus, nicht wahr?“ ſetzte er, zu dem Ver⸗ ſchmitzten gewendet, mit wohlgefälligem Lachen hinzu. „Nur ein Eſel,“ brummte dieſer leiſe vor ſich in, aber Jeremias hatte ihn trotzdem verſtanden. „Dann wären wir ein Geſpann,“ entgegnete er ſchnell; der Verſchmitzte war glänzend geſchlagen und Jeremias' Popularität ſo groß, daß er ungeſtört weiter reden konnte. 74 „Wir waren unſerer dreizehn,“ fuhr er in ſeiner unterbrochenen Perſonalbeſchreibung fort,„ich, der dreizehnte von uns, und dieſem Umſtande ſchreibe ich meine ungewöhnliche körperliche und geiſtige Beweg⸗ lichkeit zu.“ „Des Teufels Dutzend,“ brummte der Ver⸗ ſchmitzte. „Ja, dreizehn,“ fuhr Jeremias mit einem heraus⸗ fordernden Blick auf den Gegner fort,„alle Anderen bedeutend über Mittelgröße und aufgeweckt und klug obenein. Sehen Sie, meine Herren, ich bin unter Mittelgröße, mehrere Zoll ſogar, daher meine ich, — obgleich der Herr neben mir es nicht glauben wird,— aber Sie werden es bei eigenem Nachdenken auch finden, und ich behaupte es ſteif und feſt, es liegt am Gehirn. Daſſelbe Maaß von Verſtand und Energie, das meine anderen zwölf Geſchwiſter hatten, habe ich auch mit bekommen, und da ich ſo viel kleiner bin als ſie, treibt bei mir die gleiche Dampfkraft eine kleinere Maſchine und ſo kann ſie weiter und ſchneller gehen und ſetzt nie aus. Gerade ſo,“ er achtete nicht auf das Gekicher um ihn her,„als wenn Sie die Maſchine aus einem Schiff von fünfhundert Tonnen in eins von hundert Tonnen ſetzten; das ginge dann mit raſender Eile oder—“ Sie en 75 „Flöge in die Luft,“ ergänzte der Irländer vorn neben dem Kutſcher. „Sehr wahr, zerſprengte es in tauſend Stücke,“ entgegnete Jeremias, der es wie viele Theoretiker mit der Richtigkeit eines beiſtimmenden Zuſpruchs nicht gar zu genau nahm, wenn derſelbe nur ſchnell erfolgte. In ſolcher Weiſe verkürzte ſich Jeremias die Langeweile des Weges, und als der Irländer ſeinen Beſtimmungsort erreicht hatte, konnte er ohne Ein⸗ ſpruch der Mitreiſenden, den Platz neben dem Kutſcher, einem echten Yankee, einnehmen. Beſſy, die nicht an Jeremias anregender Unterhaltung Theil nehmen konnte, fand zum erſtenmal den Buſch mit ſeiner Einförmigkeit ermüdend, und war eingeſchlummert, als ſie aus ihren Träumen durch einen heftigen Streit aufgeſchreckt ward, in dem ſie eine wohlbe⸗ kannte Stimme heraushörte. Die Nacht war dunkel, es regnete in Strömen und der Wind heulte durch die Korkeichen am Wege, doch über dem Kampf der Elemente toſte das Gewitter von Scheltreden. Zwiſchen Jeremias und dem kutſchirenden Amerikaner war es zum Zwiſt gekommen, der ſich in ſolcher Heftigkeit Luft machte, daß die Pferde nahe daran waren durch⸗ zugehen. 76 Die amerikaniſche Conſtitution war der Gegen⸗ ſtand des Streits. „Herr,“ hatte Jeremias am Schluß einer langen und lauten Rede geſagt,„Ihre Verfaſſung gleicht Ihrer klapperigen Kutſche, gerade ſo als wären ſie beide von demſelben Fabrikanten gemacht. Man kann eine Weile drrin fahren, auch ſchnell vorwärts kommen durch die Nacht und den Buſch, aber— in's Ver⸗ derben; während unſere Verfaſſung, die engliſche Ver⸗ faſſung, Herr, die Kraft eines Laſtwagens mit der Eleganz eines Gig verbindet; man kann mit ihr auf allen Wegen fahren, ſie hält jedes Wetter aus, die Zeit verleiht ihr nur neuen Glanz und ſie iſt ebenſo brauchbar als ſchön, ebenſo ſchön als brauchbar; aber Ihre amerikaniſche Verfaſſung iſt wie Ihre Kutſche, Herr!“ Auf dieſe Beſchimpfung ſeines Fuhrwerks und ſeines Landes hatte der Kutſcher mit erhobener Peitſche geantwortet und gedroht, nach einer körperlichen Züchtigung, Mr. Tippett kopfüber vom Wagen herunter zu werfen. Doch kannte er ſeinen kleinen Gegner wenig, wenn er meinte ihn mit ſolchen Drohungen einzuſchüchtern; dieſer bezahlte ihn mit gleicher Münze. Zuletzt als er Ernſt mit ſeinen Drohungen machen wollte und gleiches von dem 77 Kutſcher erwartete, ſprang Jeremias auf, ſtieg, um die fehlende Länge zu erſetzen, auf den Sitz und forderte ſeinen großen Gegner heraus ſein Aeußerſtes zu thun. Dazu war dieſer umſomehr geneigt, denn der Verſchmitzte, der die Dunkelheit benutzte, klopfte ihn ermuthigend auf die Schulter. Aber in dem Augenblick, als man nicht wußte, was nun geſchehen würde, ſtreifte ein Aſt glücklicher- oder unglücklicher⸗ weiſe Jeremias von der Kutſche herunter und erfüllte ſeinen Gegner und die Mitreiſenden mit Angſt, ob er ſich auch nicht das Genick gebrochen habe. Doch er hatte ſich nicht einmal verletzt. Der Wagen war kaum zum Stehen gebracht, als Mr. Tippett ſich ſo⸗ fort aufraffte und aus Furcht zurückgelaſſen zu werden und zur großen Beruhigung von Beſſy in die Kutſche ſprang und dem Kutſcher ſeine glückliche Rettung in folgenden Worten mittheilte:„Alles in Ordnung! Sie können weiterfahren,— mit Ihrer alten, klap⸗ perigen Verfaſſungskutſche,“ ſetzte er leiſer hinzu. Es giebt mancherlei Arten von Geſchwätzigkeit, oder ſie rührt vielmehr aus verſchiedenen Charakter⸗ eigenthümlichkeiten her. Jeremias war geſchwätzig, weil er ein egoiſtiſches, aber grundehrliches Männchen war und nichts that, was er irgend Jemand zu ver⸗ heimlichen hatte. Der Verſchmitzte, der nach Jeremias' 78 Sturz deſſen Sitz einnahm und ſich mit dem Kutſcher unterhielt, war gelegentlich ebenſo geſchwätzig, als Jeremias, denn es gab kein größeres Vergnügen für ihn als Intriguen einzufädeln— und er ging dabei nicht ganz ehrlich zu Werke. „Der alte Plapperkaſten,“ raunte er dem Kutſcher zu,„redete über die engliſche Verfaſſung und ver⸗ glich ſie mit einem guten Wagen; ſie iſt ein Henkers⸗ karren für manche anſtändige Leute von meiner Be— kanntſchaft geworden, beſonders für ordentliche Arbeiter, die nur ihr gutes Recht verlangten, nichts als die Abſtellung ſchreienden Unrechts.“ Ob der Kutſcher je vom Dorf Crawfoot oben in den Bergen gehört habe, wo eine fleißige und aufgeklärte Bevölkerung von Webern wohne? Nicht! Nun in dem Dörfchen habe eine Erhebung der Radikalen ſtattgefunden; ein Freund von ihm ſei auch dabei geweſen und wiſſe davon zu erzählen, was die engliſche Verfaſſung be⸗ deute, wenn Leute ihr gutes Recht forderten. Die Patrioten verſammelten ſich in einem dunklen Keller, um eine allgemeine Erhebung zu berathen, aber die rohe Gewalt machte ihren edlen Plänen ein Ende, ſechs von den Getreuen wurden von Dragonern ge⸗ fangen genommen und eingeſteckt, der ſiebente, des Erzählers Freund, entkam, um monatelang die Angſt und Qual eines Geächteten zu erdulden, bis er das 8 Elend nicht länger aushielt und es ihm gelang nach it Amerika zu entfliehen. ei„Iſt Ihr Bekannter auch von Amerika hier herüber gekommen?“ fragte der immer noch ver⸗ 6 6 ſtimmte Kutſcher. 3 „Habe lange nichts von ihm gehört,“ entgegnete der Verſchmitzte. 6 Als der Eilwagen in Croydon hielt, blieben er, Jeremias und Beſſy darin ſitzen und ließen ſich die ie Gelegenheit entgehen ſich zu erfriſchen. Der Ver⸗ er ſchmitzte überzeugte ſich noch durch einen Blick, daß ſie da waren; er ſelbſt hatte ſein Reiſeziel erreicht. ig Major Me Sumph ahnte nicht, daß Beſſy in dem Ort war, wo er als Kronbeamter und Rechts⸗ konſulent, Agent für Bergwerke und Grundbeſitz ſſe lebte. Er ſaß Kühlung ſuchend in ſeiner Veranda, rauchte die Mittagspfeife und betrachtete mit ſeinen kleinen blauen Augen die ſcheinbar grenzenloſe Sand⸗ er, wüſte. Sein Titel war entweder der Ueberreſt einer früheren militäriſchen Laufbahn, oder eine Huldigung, de, welche die öffentliche Meinung ſeiner breitſchulterigen, großen ſoldatiſchen Geſtalt darbrachte. Jetzt ſaß er rauchend in Hemdärmeln da und die Pfeife ſchmeckte ihm um ſo beſſer, denn er hatte den ſchwarzen Rock 80 ausgezogen, den er beinahe ſein ganzes Leben über getragen, ſo daß er gleichſam ſeine zweite Haut ge⸗ worden war. Dieſe zweite Haut war allerdings wenig auf das Klima berechnet, und der Major ſchwitzte entſetzlich in ihr, aber um ſo beſſer paßte ſie für die Leute, mit denen er zu thun hatte; ihr ſchrieb er es vornehmlich zu, daß er nach einem bunt⸗ bewegten Leben hier in der Veranda ſaß, als ange⸗ ſehenſter Mann einer beträchtlichen, ſchnell wachſenden Stadt. Doch an einem ſo heißen Tage und in der Abgeſchiedenheit ſeines Hauſes bedurfte er der ſchützenden Haut nicht und er betrachtete daher die vor ihm liegende Sandwüſte mit ſeinen kleinen blauen Augen. Dabei ſah er aus wie ein großer Seevogel, der von ſeiner Felſentlippe über das Meer ſpäht, ein Vergleich, der wenig ſchmeichelhaft für die Geſtalt des Major, ſo wie für die Majeſtät und Schönheit des Oceans iſt, dennoch iſt dies Bild in mancher Hinſicht ſehr treffend. Der Ausdruck in des Major's kleinen Augen glich dem eines Seevogels; es war derſelbe in die Ferne ſpähende Blick, dieſelbe Wachſamkeit auf die nächſte Umgebung und die Beute, die ſie ihm liefern konnte. Des Major's Kopf war groß und mächtig, wie der eines Denkers und die Augen ob⸗ gleich klein, doch ſcharf und lebendig, aber es wohnte 81 ein kleiner Geiſt in der großen Behauſung, der ſtets am Fenſter ſaß und deſſen einzige Anlage und Thätigkeit in dem Herausſehen beſtand. In unſrer Zeit und in einem neuen Welttheil hat ein Mann verſchiedene Rollen zu ſpielen und auch der Major hatte ſich in zahlreichen Berufsarten verſucht. Man ſagte er ſei erſt ein vielverſprechendes Mitglied der Polizeibehörde geweſen, dann ein Molkerei⸗ beſitzer, in deſſen Milch leider der von der Regierung angeſtellte Chemiker einen ſtarken Zuſatz von Kreide entdeckt habe. Später hatte er den Bewohnern von Puncheon ſeine ärztliche Hülfe angedeihen laſſen, bis ihn der Brotneid akademiſch gebildeter Collegen auch hier vertrieb. Ein ſo wechſelvolles Leben hatte ſeine Spuren nicht nur in der Stellung, ſondern auch in dem Charakter des Mannes zurückgelaſſen, er hatte die Welt nach vielen Seiten hin kennen gelernt und war dabei zu manchen Schlüſſen und Eigenthümlichkeiten gekommen, zu letzteren gehörte auch ſeine Moralität. Dieſe ließ ſich in kurzen Worten zuſammenfaſſen: es gab ſo viel überflüſſige, ſinn⸗ und zweckloſe Bos⸗ heit in der Welt, daß man ſchon„ſehr ordentlich“ war, wenn man nicht mehr Schlechtigkeiten beging, als die Nothwendigkeit unumgänglich erforderte. Was Caird, C. M.„Lady Hetty“ Bd. I. 6 82 nun ſeine Religion betrifft, ſo hatte er ſeit ſeinem ärztlichen Beruf die Zugehörigkeit zu irgend einem religiöſen Bekenntniß aufgegeben, da er bemerkt, daß Quackſalber und Wunderdoktoren aller Art ſich nie zur Kirche hielten. Des Majors Cynismus und das unumwundene Bekenntniß ſeiner Irreligioſität erreichte ſeinen Zweck, ebenſo wie ihm ehemals ſeine Kirchlichkeit nützlich geweſen war. Es gab ihm den Anſchein eines konſe⸗ quenten Mannes, der an ſich ſelbſt glaubt und nach ſeinen eigenen Grundſätzen reſpektabel war und das genügte in der Geſellſchaft, in der er ſich bewegte, ihm eine gewiſſe Bedeutung und Einfluß zu geben. Hubert Francis war der rechte Vertreter jener Ge⸗ ſellſchaft, jenes Theils der Bevölkerung der Kolonie, auf welche der ſchnell erworbene Reichthum und der Mangel der Schranken, welche ältere Civiliſationen darbieten, ihren verderblichen Einfluß ausgeübt hatte. Hubert ſah mit Geringſchätzung auf des Majors geiſtige Fähigkeiten herab, fand ihn dumm und lang⸗ weilig, hatte aber einen gewiſſen Reſpekt vor ihm. Der Eilwagen war eben abgefahren— mit Jeremias wieder auf dem Bock— als Hubert, der ſeine Zeit zwiſchen Croydon und der Hauptſtadt theilte, ſich bei dem Major melden ließ. Dieſer ver⸗ 83 muthete ganz richtig eine Geldforderung, aber der junge Mann hatte noch eine andere Angelegenheit und ſagte, während der Major wieder in ſeine zweite Haut ſchlüpfte:„Griffen iſt eben mit dem Eilwagen gekommen und ich erſehe aus ſeiner Erzählung, daß Jeremias Tippett und meine Schweſter hier durch⸗ gefahren ſind.“ Der Major war von dieſer Nachricht noch ganz ſtarr, als Salomon Griffen auch ſchon um die Ecke der Veranda guckte. Er war der Verſchmitzte mit der Hakennaſe, und ebenfalls der ſchottiſche Patriot, der angeblich in Amerika Schutz vor der engliſchen Verfaſſung geſucht hatte. Von Natur gab es ur⸗ ſprünglich keinen harmloſeren Menſchen als Salomon Griffen, aber er war der geborene Verſchwörer. Doch in Wirklichkeit war die ganze Menſchheit, der ſeine äußere Erſcheinung einen Widerwillen erregte, in einer großen Verſchwörung gegen ihn geweſen, und ſie hatte es ihn bitter genug fühlen laſſen. Erſt ſeit ein paar Monaten war er Schreiber und Gehülfe für die juriſtiſchen Arbeiten des Majors geworden und hatte nicht nur einen weiten Spielraum für ſeine Talente, ſondern auch ſatt zu eſſen gefunden. Salomon beſtätigte dem Major Huberts An⸗ gabe. Was ſollte man nun machen? Hubert, der ſehr 6* 8⁴ ärgerlich war und dringend Geld brauchte, war ge⸗ neigt auf alle Vorſchläge einzugehen, wußte aber nichts vorzuſchlagen und nichts zu thun, als das Schickſal anzuklagen, was Salomon— mit Erlaubniß zu ſagen— ſehr unpraktiſch fand. Nach längerer flüſternd geführter Unterhaltung ſchlug Salomon vor, den Flüchtigen zu folgen, beſonders da ſie nach Tas⸗ manien zu reiſen ſchienen, zu dem Onkel der jungen Dame. Es ſchwebe über der Verwandtſchaft ein ge⸗ wiſſes Dunkel, das ſelbſt Mr. Hubert nicht auf⸗ klären könne, und das zu erforſchen auf alle Fälle nützlich ſein dürfe. So kam es, daß Jeremias, als er wie ein Perpen⸗ dikel auf dem Dampfſchiff hin und her lief, das auf dem breiten Waſſerſpiegel des Derwent nach der Haupt⸗ ſtadt Tasmaniens fuhr, ein bekanntes Geſicht zu ſehen meinte. Aber es verſchwand gleich wieder und die Sache kam ihm aus dem Sinn. Er ſelbſt war kein Bewunderer der Natur, doch Miß Francis war ent⸗ zückt von der Ausſicht, die ſich ihr darbot, und da fand er es für ſeine Pflicht wie ſein Vergnügen, ihr in ihrem Naturgenuß beizuſtehen. Er beſorgte das mit ſeiner gewöhnlichen Energie und Beweglichkeit und wirthſchaftete auf dem Verdeck herum, für ſeine junge Herrin die beſten Ausſichtspunkte für den Mount 85 Wellington zu ſuchen. In Bezug auf ſtrenge, ſchmuck⸗ loſe Schönheit, ohne den Zierrath ſchäumender Waſſer⸗ fülle oder reicher Bewaldung, nur verklärt durch köſtliche Lichtwirkung, giebt es kaum eine andere Aus⸗ ſicht, die ſich mit Hobarttown und Mount Wellington vergleichen ließe, wenn man Beides von einem Schiff auf dem Derwent aus ſieht. Die Stadt mit ihren weißen, engliſch ausſehenden Steinhäuſern iſt un⸗ regelmäßig und maleriſch, wie eine alte engliſche Stadt. Sie umgiebt eine Bucht des Meeresarms; die Mehr⸗ zahl ihrer belebteſten Straßen allerdings dem Blick verbergend, ziehen ſich unterbrochene Reihen von Land⸗ häuſern und Villen ſanft bergan, eine jede von Garten⸗ anlagen umgeben. Nur gerade ſo weit vom Fluß entfernt, um ſich in voller Majeſtät zu zeigen, erhebt der Wellington ſein bläuliches Haupt, das von mächtigen Baſaltſäulen getragen wird; er ſteigt aus weiten, grünen Wäldern auf, aus denen weiße, modernde Stämme wie Marmorſäulen herausleuchten. An ver⸗ ſchiedenen Stellen erheben ſich Ausläufer von ihm mit runden, bewaldeten Gipfeln und ſchließen das Bild nach der einen Seite ab, während kahles, wellen⸗ förmiges Weideland das Auge bis nach den fernen Bergen des öſtlichen Ufers ſchweifen läßt. Während Miß Francis ſich mit Jeremias an 86 der unvergleichlichen Landſchaft ergötzte, bot ſie einem anderen Reiſenden gleichfalls Stoff zu angenehmen Betrachtungen.„So,“ ſagte er, verſtohlen durch eine Luke des Zwiſchendecks blickend,„das alſo iſt der Ort, nach dem ich auf Staatsunkoſten geſchickt worden wäre, wenn ſie mich nicht gehängt oder geviertheilt hätten. Das war das Geſpenſt, was mich außer dem Galgen monatelang um den Schlaf brachte! Das ſieht wieder den Schafsköpfen ähnlich, die ſich von der Beraubung ihres Vaterlands nähren und ſich ſeine Retter und Beſchützer nennen. Die Heimath machen ſie zu'ner Galeere für die wohlmeinenden Bürger, und zum Verbannungsort ihrer Verbrecher wählen ſie das ſchönſte Land unter der Sonne. Wenn Mr. Jeremias Tippett vierzehn Jahr zwangsweiſe nach meiner Heimath Crawfoot verbannt worden wäre, dann würde er mit einer anderen Meinung über die britiſche Verfaſſung und den britiſchen Löwen zurückkommen! der Eſel!“ brummte Salomon. Das Ziel der Reiſenden lag landeinwärts. Nach⸗ dem ſie die Hauptſtraße verlaſſen, führte ihr Weg ſie lange Zeit durch eine ſanfte Thalſenkung, die man für eine engliſche Schlucht hätte halten halten können, wären nicht die feinen immergrünen Sträuche und Eriken, welche die Wände bekleideten, zu zart für den 87 rauhen, engliſchen Winter geweſen. Belebt wurde das Thal, wie alle in Tasmanien, durch einen friſchen, klaren Bach, der über ein kieſiges Bett ſtrömte. Am Ende der Schlucht ſahen ſie ihren Beſtimmungsort vor ſich, ein einfaches, anſpruchsloſes Steingebäude, trotzddem es das Herrenhaus für einen Grundbeſitz war, ber ſich nach jeder Richtung hin bis zu den fernen Bergen ausdehnte. Georg Jamieſon, allgemein„Herzog Georg“ ge⸗ nannt, war der Eigenthümer dieſer Güter, Parlaments⸗ mitglied für die Grafſchaft, von der ihm drei Viertel gehörten, ein liebenswürdiger Schotte, der weniger ſchottiſchen Scharfſinn als irländiſche etwas laute Herzlichkeit beſaß. Er begrüßte ſeine Nichte mit freudiger Ueberraſchung, küßte und ſegnete ſie wieder⸗ holt, führte ſie ſeiner Frau zu und hätte auch Jere⸗ mias umarmt, wäre dieſer ihm nicht geſchickt entſchlüpft. Jeremias wollte ſich nur ſo kurz als möglich aufhalten und er theilte daher dem„Herzog“ ſogleich die Verlegenheit mit, in der man ſich befand, und während man ſich am Nachmittag noch darüber unter⸗ hielt, ereignete ſich etwas, das die Entſcheidung be⸗ ſchleunigte. Des„Herzogs“ Aufſeher kam nämlich und erſuchte ſeinen Herrn einmal nach dem nahen 88 Herbergsſchuppen zu kommen und ſich davon zu über⸗ zeugen, daß unter den heute Angekommenen ſich ein beſonders verdächtig ausſehender Kunde befinde. Jeremias begleitete den Herzog und als ſie die Hütte betraten, wo die verdächtige Perſönlichkeit ihr Nachtlager aufgeſchlagen hatte, erkannte er ſogleich das Geſicht, das er auf dem Schiff geſehen, und zu⸗ gleich ſeinen alten Bekannten vom Verdeck des Eil⸗ wagens. Ränkeſchmied, Spion und Schelm ſtand auf ſeinem Geſicht geſchrieben, und Jeremias kam ſofort auf den Gedanken, daß er und Miß Francis von ihm bewacht werde. Die Kreuz⸗ und Querfragen, durch die Mr. Tippett ſeine juriſtiſchen Kenntniſſe darthun konnte und das Verhör, welches Mr. Jamieſon als Friedens⸗ richter anſtellte, beſtätigten dieſen Verdacht und er übte ſeinen Einfluß auf den Entſchluß, den ſie bei ihrer Rückkehr in das Haus faßten, nämlich: daß Miß Francis auf ein Jahr ihren Bruder beſuchen ſollte, um möglichſt ſicher zu ſein, und um Zeit zu gewinnen, die pekuniären Verbindlichkeiten der Familie Francis gegen Major Me Sumph genau zu unterſuchen. — Achtes Kapitel. Pie kennen noch nicht viele Leute aus der Ge⸗ meinde,“ ſagte Mrs. Hope zu Mr. Francis, der für einige Zeit in Laighlea wohnte, während das Pfarrhaus von Novantia für ihn eingerichtet wurde. „Nein,“ antwortete er,„ich habe nur einen Freund, aber einen guten, alten Freund hier.“ „Und das iſt?“ „Sie werden ihn kaum kennen. Er iſt Thor⸗ wächter in Sunbury.“ „David Groats! Wie merkwürdig!“ rief Miß Hope.„Er iſt auch ein guter Bekannter von mir, obgleich unſere Bekanntſchaft wunderlich anfing.“ „Erzähle es Mr. Francis,“ ſagte Beatrice. „Ich hörte, daß er krank ſei und ging zu ihm, bald nachdem er das Pförtnerhaus bezogen hatte um 5/ 90 zu fragen, ob ich ihm oder ſeiner Tochter irgendwie behilflich ſein könne; dabei merkte ich, daß er ein un⸗ gewöhnlicher Menſch ſei, ein Original.“ Erzähle nur, Hetty, wie es Dir mit dem Trak⸗ tätchen ging,“ ſagte Mrs. Hope.„Charlotte, das iſt Lady Beſt, Miß Hope's Couſine, war ganz entſetzt darüber; aber da Sie David kennen, wird es Sie weniger wundern, Mr. Francis. „Ich weiß nicht ob es recht iſt, es ſelbſt Ihnen zu erzählen. Es iſt dem Alten vielleicht unlieb.“ „Ich verſpreche die tiefſte Verſchwiegenheit.“ „Nun gut, als ich an jenem Tage in das Pförtnerhaus trat, war der alte Mann recht krank. Er ſaß, durch Kiſſen geſtützt, aufrecht im Bett, aber ſo matt, daß er meiſt die Augen geſchloſſen hielt und ſichtlich lieber allein war; die Tochter ſaß ſorgenvoll neben ihm. Ich blieb nur einige Minuten und hatte, wie ich meinte, die Bekanntſchaft mit ihnen ganz gut angeknüpft, durch die Theilnahme, die ich wirklich für ſie fühlte. Als ich mit dem Verſprechen, bald wieder zu kommen, aufſtand, trat ich aus Gewohnheit und ohne daran zu denken an das Bett des Alten und bot ihm ein Traktätchen an.“ „Und wie nahm er es?“ fragte Mr. Francis mit einem Lächeln, welches bewies, daß er ſich die Folgen vorſtellte. „Es nehmen! O, es iſt mir niemals ſo leid ge⸗ weſen eins angeboten zu haben.“ „Was ſagte er denn?“ „„Erlauben Sie mir, Ihnen ein Traktätchen hier zu laſſen,“ ſagte ich und wollte hinzuſetzen, es wäre ein kleines Büchelchen, in dem er vielleicht blättern möchte, wenn er zu müde ſei die dicken Bücher, die ich ſtehen ſah, zu leſen. Aber er unterbrach mich mit einem ſo traurigen Blick, einem Ausdruck tiefſten hoffnungsloſen Schmerzes, wie ihn der heilige Lorenz hatte, an dem Du ein halbes Jahr zeichneteſt, Beatrice. Ein Traktätchen ſagte er,„ein Traktätchen, Fräulein, Sie kennen mich nicht, ſonſt böten Sie mir keins an. Ein Traktätchen, fuhr er fort, und wurde dem Sankt Lorenz immer ähnlicher, vielleicht die Geſchichte von 'nem Scheuſal, das ſeine Mutter ermordet, im Ge⸗ fängniß ſeinen Frieden mit ſeinem Schöpfer gemacht und den Henker unter dem Galgen geküßt hat. Nein, Fräulein, ſo'was iſt nicht mein Fall. Ich bin ein alter Mann, aber's hat mir noch Keiner ein Trak⸗ tätchen angeboten, und Sie hätten's auch nicht gethan, oder ich müßte mich ſehr irren, wenn Sie unſereins kennten. Ein Traktätchen, wiederholte er immer 92 noch und ich hätte Alles darum gegeben mit Anſtand fortgehen zu können,„ein Traktätchen. Zum Sterben geh's mit mir noch nicht, da irren Sie ſich drin. Und dann iſt nicht jeder arme Mann ein Heide durch und durch, darin irren Sie ſich auch wieder, das haben Sie ſich nicht bedacht. Ein Traktätchen, Fräulein, ein Traktätchen;“ ich weiß nicht, wie oft er es noch wiederholt hätte, wäre er nicht erſchöpft zurückgeſunken; dann wendete er ſich mit Anſtrengung nach der Wand und zog die Decke über den Kopf.“ „Sie gingen nun?“ fragte Mr. Francis nach⸗ dem er ſich ausgelacht hatte. „Nicht gleich. So groß meine Verwirrung, ſo ſah ich, daß die Tochter noch beſtürzter war, und wir ſahen einander lange ſtumm an.“ „Kam David wieder zum Vorſchein?“ „Ja, nach einiger Zeit und zu meiner Freude mit einem ganz veränderten Geſicht, obgleich es immer noch einen traurigen Ausdruck hatte.„Verzeihen Sie, ſagte er, ſeine rothe Nachtmütze abnehmend. „Ich bin auch in meinen beſten Zeiten ein alter Quer⸗ kopf und das Reißen, das den gottſeligen Leuten zum Heil gereicht, verbeſſert bei ſo alten Sündern wie mir weder die Laune noch die Knochen. Sie haben's nur freundlich mit mir gemeint, und wäre ich nicht ein 93 ſo alter Thor, hätte ich das Traktätchen genommen und nichts geſagt, ſondern—“ „„Es in das Feuer geſteckt, ſobald ich zur Thüre heraus war,“ fuhr ich fort, da ich den Alten jetzt verſtand und zum erſten Mal begriff wie thöricht es ſei ohne Auswahl Traktätchen zu vertheilen.“ „„Doch nicht““ antwortete er, und richtete ſich mit Hülfe der Tochter wieder auf.„„Sie ſind keine Miſſionärin von der gewöhnlichen Sorte, aber da Ihr Beſuch der erſte Miſſionsbeſuch iſt, den ich be⸗ kommen habe, will ich es mir zum Andenken d'ran aufheben.““ „Sie ſchieden alſo als Freunde?“ „Gewiß, wir verſtanden einander wenigſtens in manchen Dingen beſſer, und halten jetzt viel von einander. Auch Beatrice iſt oft bei ihm, ſpricht jedes⸗ mal in der Pförtnerwohnung vor, wenn ſie vorbei⸗ kommt, und mag Niemand in der ganzen Gemeinde ſo gern leiden als ihn und ſeine Tochter.“ „Ja, er iſt ganz köſtlich,“ beſtätigte Beatrice, „früher war der Schulmeiſter mein Liebling, aber der alte Thorwächter hat ihn ganz verdrängt.“ Dieſe Unterhaltung bezog ſich natürlich auf David Groats, deſſen Poſten in Greytown dem alten Manne zu beſchwerlich geworden war. Es wurde 94 ihm ſauer, das Herein⸗ und Herausgehen der Jungen und Mädchen zu überwachen, und obgleich er ſie gern mochte, trotz der Streiche, die ſie ihm ſpielten, hätte er, wie er zu ſagen pflegte, entweder die Vor⸗ ſehung oder ſelbſt ein Junge ſein müſſen, um ihr Fortgehen zu verhindern, wenn ſie bleiben ſollten, und umgekehrt; der Rheumatismus wie ſein lahmes Bein erſchwerten es ihm immer mehr auf die leichtfüßige Jugend aufzupaſſen. Auch hatte ſeine Vorliebe für Greytown ſehr nachgelaſſen, ſeit ſein Pflegeſohn vor ein paar Jahren fortgegangen war. Das war ein weitläufiger Verwandter ſeiner verſtorbenen Frau, den er, trotz deren Widerſpruch, als Kind zu ſich ge⸗ nommen, ihn in die Gemeindeſchule geſchickt und ihn ſpäter als Ingenieur hatte ausbilden laſſen. Nun war der junge Mann Ingenieur an Bord eines Dampfers, der in den chineſiſchen Gewäſſern Handel trieb. Lord Layton, der als Patron der„Arbeiter⸗ ſtftung“ von dieſen Umſtänden unterrichtet war und David ſeit lange kannte, bot ihm den freigewordenen Pförtnerpoſten in Sunbury an. Da dies Anerbieten kurz nach der Berufung ſeines jungen Freundes an die Pfarre in Illtafend erfolgte und er den ſtilleren Ort auch ſeiner Tochter wegen vorzog, nahm er den Poſten gern an. Er ſei wie Ruth, meinte er bei ſich, rau, ge ihn Nun ines ndel iter⸗ und enen ieten s an leren den ſich, 95 freilich mit dem Unterſchiede, daß er kahlköpfig und nicht lieblich anzuſehen wäre, und er ſage auch: „Wo du hingeheſt, gehe ich auch, wo du bleibeſt, bleibe ich, dein Volk iſt mein Volk.“ Ein großer Theil der Unterhaltungen, während Mr. Francis' Aufenthalt in Laighlea, bezog ſich wie jene auf David Groats, auf religiöſe oder Gemeinde⸗ angelegenheiten. Es geſchah dies nicht als eine ge⸗ ſuchte Höflichkeit für ihn, noch weniger weil ſein Ausſehen oder ſein Betragen ſie ſtets an ſeinen Beruf erinnert hätten, ſondern weil viele Fragen in Bezug auf die Bibel und das Leben ſchon lange ihr Nachdenken beſchäftigt hatten. Darum nahmen Mrs. Hope und ihre Töchter gern die Gelegenheit wahr, dieſe Fragen zu erörtern. Mrs. Hope hatte ſo viele ſchwierige Punkte aufzuklären, die er,— eine ſo hohe Meinung hegte ſie bereits von ihm,— ihr gewiß mit Leichtigkeit auseinanderſetzen könne. Sie hielt ihn für eine Fundgrube theologiſcher Schätze, aus der man alles mögliche Wünſchenswerthe entnehmen könne. Im Ganzen war das auch nicht ſo unrichtig, manche der Räthſelfragen vermochte er ihr zu löſen. Theils ernſt, theils in einer heiteren humoriſtiſchen Weiſe, wußte er den dunklen Sinn einzelner aus ihrem Zuſammenhang geriſſener Bibelſtellen zu erhellen, 96 ſolche Schwierigkeiten zu heben, die durch das Hängen am Buchſtaben entſtanden; und indem er feſthielt an den einfachen Lehren der Wahrheit, die klar aus dem Geiſt des heiligen Buches hervorgehen, vermochte er ſo wenigſtens für ihr Gemüth viele jener Fragen zu löſen. Dafür war ſie ihm aufrichtig dankbar und äußerte gegen ihre Töchter, Mr. Francis' kurzer Beſuch ſei die angenehmſte Zeit geweſen, die ſie noch in Laighlea verlebt hätten. Welches Glück, daß Lord Layton gerade dieſe Wahl getroffen, ſie habe es ja immer geſagt, daß er ſtets Recht hätte. Nun hätten ſie merkwürdigerweiſe einen Rathgeber, wie ſie ihn ſich immer gewünſcht. Hätte ſie nicht Recht mit ihrer Behauptung, daß in dieſen Dingen eine Vor⸗ ſehung walte? „Uns ſcheint das ſo, Mama,“ ſagte Beatrice, „aber meinſt Du, daß z. B. Mrs. Corrypeel es ebenſo anſehen wird? Weißt Du, ſie ſagte nach Mr. Francis' erſter Predigt, er wiſſe nichts vom Evangelium?“ „Ja, leider,“ bemerkte Hetty,„iſt das, was dem Einen ein Fingerzeig der Vorſehung ſcheint, das Gegentheil davon für den anderen, und doch glauben Beide an dieſelbe Vorſehung. Halten wir nicht immer das für einen ſolchen Wink, wenn wir empfangen, was — S 8 n n 5 97 wir ſehr wünſchten, was wir kaum zu erreichen hofften und uns nicht ſelbſt verſchaffen konnten?“ Mrs. Hope und ihre Töchter konnten darüber nicht ganz in das Klare kommen und beſchloſſen, ſich wieder an Mr. Francis zu wenden. So ſagte Bea⸗ trice, am nächſten Morgen beim Frühſtück:„Sehen Sie, Mr. Francis, Mama und Hetty kommen immer ſpät Abends in meine Stube und halten mich wach mit ihren langen Geſprächen, wenn ich nicht doch manchmal darüber einſchlafe. Geſtern unterhielten ſie ſich, was Fingerzeige in der Vorſehung wären, oder vielmehr über einen beſtimmten Wink. Wir konnten uns nicht darüber verſtändigen, Hetty ſchlug vor, Sie zu fragen und ich unterſtützte den Antrag.“ Mr. Francis wurde roth, es fehlte ihm nicht an geiſtiger Kühnheit, aber ſein Betragen war ſchüchtern. So unbefangen über eine ſchwierige Frage zur Rede geſtellt zu werden, und vermuthend, daß ſeine eigene Fähigkeit ſie zu beantworten, gleichfalls ſchon be⸗ ſprochen worden, war ihm zu Muth, als blickten vier klare Augen ihn durch und durch und entdeckten, daß ſein Geiſt ein leeres Haus zwar mit Fenſtern, aber ohne Geräth ſei. Er antwortete indeſſen ſo gut er vermochte, daß Vorſehung ein Ausdruck ſei, der ſich deutlich ſowohl auf Gott und Weltall Caird, C. M.„Lady Hetty“ Bd. 1. Verſtanden wir nicht auch dieſes Wort ſo! Wir waren 98 beziehe, ſo wie auf das menſchliche Leben, daß es außerdem gebraucht werde für herkömmliche kirchliche Vorſtellungen und ſich dies Alles nicht in der Zeit abhandeln ließe, während der man beim Frühſtück ſein Ei eſſe.“ „Noch läßt es ſich in eine Eierſchale packen,“ meinte Beatrice. „Oder in eine Nußſchale, wie viele von den Philoſophen und Theologen zu thun pflegen.“ „Ich kann nicht behaupten,“ ſagte Mr. Francis,„daß es einer der Gegenſtände iſt, über die ich hauptſächlich nachgedacht habe, oder daß ich Ihnen eine erſchöpfende Definition davon geben kann. Nur Eines iſt mir klar, daß das, was die meiſten Leute darunter ver⸗ ſtehen, weit beſſer durch ein ganz anderes Wort aus⸗ gedrückt würde.“ „Glücklicher Zufall? meinen Sie das?“ fragte Beatrice. „Eben dies. Glücklicher Zufall iſt ein heidniſcher Wink der Vorſehung, ein chriſtlicher Ausdruck, oder kann es wenigſtens ſein; aber Viele haben in unſeren chriſtlichen Zeiten ganz heidniſche Auffaſſung, oder geben ihren chriſtlichen Worten einen heidniſchen Sinn.“ „Sagten wir das nicht auch geſtern Abend? es liche Zeit ſtück en,“ den „daß hlich ende mir ver⸗ aus⸗ ragte ſcher oder ſeren oder nn.“ end? aren 99 heidniſche Chriſten, oder chriſtliche Heiden,“ bekannte Hetty. „Sage Mr. Francis doch lieber, um was es ſich handelte,“ neckte Beatrice, während Mutter und Schweſter ſie vorwurfsvoll anſahen. „Ich nehme an, daß es ein ſehr glücklicher Zufall war, gewiß kann Ihnen nichts anderes begegnen, Miß Beatrice.“ „O, danke, davon bin ich doch nicht ſo über⸗ zeugt, aber ich glaube, wir hatten in dem Falle Recht; trage ihn doch vor, Hetty!“ Mr. Francis fühlte mehr, als daß er ſah, daß die ältere Schweſter ernſt geworden war, und um ihr die Verlegenheit einer Antwort zu erſparen, ſagte er:„Verſchieben Sie es auf ſpäter, Miß Beatrice, wenn ſich erſt herausgeſtellt hat, ob es ſich in der That um einen Wink der Vorſehung handelte, dann erzählen Sie es mir.“ Nach einer Pauſe, die durch das Leſen der eben angekommenen Briefe entſtanden war, fuhr er fort: „Eben erfahre ich, was mir ein beſonderer Wink der Vorſehung ſcheint. Meine Schweſter iſt von Auſtralien unterwegs nach England, und ich werde kaum zur Zeit nach London kommen, ſie dort zu empfangen.“ 7— 100 „Wie glücklich und unerwartet,“ ſagte Mrs. Hope, „bleibt ſie längere Zeit?“ „Das ſcheint mir, ich bin ſo überraſcht, daß ich den Brief kaum verſtanden habe— ja, ſie bleibt vielleicht ein ganzes Jahr. Ich hatte keine Ahnung, daß James in ſeiner Poſttaſche ſo große Neuig⸗ keiten für mich brächte,— er ſieht immer einen Tag wie den andern aus.“ „Ja, ledern wie ſeine Taſche, was auch ihr Inhalt ſein mag,“ ergänzte Hetty⸗ „Ob ihm die Schweſter wohl gleicht?“ fragte Beatrice, als ſie die Treppe hinuntergeſtiegen, um ihren Gaſt bei dem Spazierritt zu begleiten. „In wie fern? In der Erſcheinung oder im Weſen?“ fragte Hetty. „O, in allen Stücken.“ „Leiſer, Beatty, ſonſt hört er es unten.“ „Schadet nichts,“ entgegnete Beatrice,„es wäre nur ein glücklicher Zufall. Mag er immerhin wiſſen, daß er uns gefällt, und wie gern wir mit ſeiner Schweſter verkehren werden, wenn ſie ihm nur irgend gleicht; aber das glaube ich kaum, Schweſtern ſind nie ſo liebenswürdig als ihre Brüder. Jedenfalls iſt es eine glückliche Fügung.“ ch bt g, ag hr te m im re en, er nd nd 104 „Noch daſſelbe Thema?“ ſagte Mr. Francis, der unten das letzte Wort gehört hatte. „Ja, wohl,“ antwortete Beatrice und ſtieg mit ſeiner Hülfe auf das Pferd. „Wir ſprechen noch unterwegs davon.“ „Nicht doch,“ erwiderte Hetty,„wir haben den Gegenſtand ſchon erſchöpft; auch Mr. Francis hat ſicherlich genug davon.“ „Ich nicht,“ ſagte er, auf das Pferd ſteigend. „Ueber Schickſal, freien Willen und Erkenntniß iſt ſoviel zu ſagen, daß man manche Meile unterdeß zurücklegen könnte.“ „Mrs. Corrypeels Anſchauung der göttlichen Vor⸗ ſehung iſt ſchließlich nicht ſo wunderlich,“ fuhr Bea⸗ trice trotz der Abwehr ihrer Schweſter fort.„Sie ſagten beim Frühſtück, Mr. Francis, daß Alles un⸗ wartete Angenehme uns als eine Schickung der Vor⸗ ſehung erſchiene.“ „Allerdings ſagte ich ſo etwas und ich hätte hinzuſetzen können, daß wir auch die Unfälle als be⸗ ſondere Schickungen der Vorſehung anzuſehen geneigt ſind, welche Leuten zuſtoßen, die uns ſehr mißfallen. Aber bitte, Miß Beatrice, theilen Sie uns Mrs. Corry⸗ peel's Anſichten mit.“ „Verſprechen Sie nicht zu lachen?“ 402 „Wie ſollte ich dies bei einem ſolchen Gegenſtand?“ „Nun, Sie haben Mrs. Corrypeel geſehen. Sie nennt das Haus, welches ſie kürzlich ererbt hat und jetzt bewohnt, immer zihre Güter. Sie iſt eine gutmüthige, dicke, herzliche Frau und erdrückt Einen beim Kommen und Gehen faſt mit ihren Umarmungen, ſelbſt Lord Sunbury entging dieſem Schickſal nur mit genauer Noth. Als ſie nun neulich von ihrer Erbſchaft ſprach, ſchlug ſie die Augen gen Himmel— oder vielmehr nach der ſehr niedrigen Zimmerdecke, und ſagte:„„O, wie gnädig hat ſich der Herr gegen mich erwieſen. Wir waren unſrer ſieben, vier Brüder und drei Schweſtern; vor zehn Jahren lebten wir Alle noch und ich, als die jüngſte und ſchwächlichſte, hatte die geringſte Ausſicht auf die Erbſchaft; aber ſie ſind Alle vor mir dahin gegangen und die Güter gehören mir jetzt. Ja, ſeine Gnade iſt groß und unbegreiflich.“ „Das drückt allerdings ihre Anſicht von der Vor⸗ ſehung deutlich aus,“ ſagte Hetty. „Sie betrachtet als eine glückliche Schickung, was für ſechs ihrer nächſten Angehörigen Tod bedeutet,“ ſetzte Mr. Francis hinzu. Die Reiter hatten das Ende der Allee erreicht; jenſeits der Straße nach dem Meere hin, die ſie ein⸗ s t A t 103 zuſchlagen beabſichtigten, lag die Pförtnerwohnung, vor der ſie Halt machten, aber David erſchien nicht und ſo ſetzten ſie den Weg weiter fort. David hatte ſie langſam die Allee herunter kommen ſehen, und die ſpielenden Lichter beobachtet, die durch die hohen Linden auf ſie fielen; trotzdem begrüßte er ſie nicht. Ein ſchneller kaum einſtündiger Ritt brachte ſie an die Bucht, an deren ſüdlichem Ufer ſie weiter ritten. Die Schweſtern liebten dieſen Weg beſonders, nicht weil er der ſchönſte war, ſondern weil er ſie in die Richtung ihrer früheren Heimath brachte, die ſie zwar auch von hier nicht ſehen konnten, aber doch andere, ihnen altvertraute Gegenden. Mit den Eigen⸗ thümern der Güter bekannt, durften ſie über den grünen Raſen und durch die ſchattigen Privatwege reiten, und je weiter ſie kamen, deſto lieber und erinnerungsreicher wurde ihnen die Umgebung. „Denken Sie nicht, daß das Leben hier gar ſo einförmig iſt,“ ſagte Hetty zu Mr. Francis, der ſich an der Landſchaft entzückte. Es war eine prächtig geſchwungene Bucht mit hellen Ufern, die ſich in Flügelform ausbreitete, flach am Strand und ſanft anſteigend zu den bewaldeten Höhen weiter landeinwärts; jetzt lag klarer Sonnen⸗ ſchein auf dem glänzenden Waſſerſpiegel. 104 „Wenn Layton's erſt kommen, ſind alle jene leeren Häuſer dort am Strande bewohnt und dann beginnt eine ſehr lebhafte Geſelligkeit; das iſt die Saiſon für Braidarden.“ „O Mr. Francis wird ſich nicht langweilen, wenn ſeine Schweſter bei ihm iſt,“ meinte Beatrice. Er betheuerte, daß er das Landleben durchaus nicht einförmig finde, lobte die Schönheit der Gegend und meinte auch, daß ſeine Schweſter Novantia für ihn ſehr angenehm machen werde, aber es ſchien ihm doch irgend etwas zu fehlen, denn er war auf dem Rückwege ſichtlich zerſtreut und Beatrice entging dies nicht. „Warum kamen Sie heute früh nicht heraus,“ fragte er David Groats, den er täglich beſuchte. „Sahen Sie die Damen nicht?“ „Ich habe Sie alle drei geſehen.“ „Wie, und Sie waren abſichtlich unhöflich?“ „Nun, um die Wahrheit zu geſtehen, ich wollte nicht Spaßverderber ſein. Mein Geſicht kommt mir oft vor wie ein wanderndes Puppentheater, worauf ſie in einer Stunde ein halb Dutzend Schauerſtücke und Poſſen geben. Auf den Theatern iſt das Couliſſen⸗ 105 wechſeln die Hauptſache, das nimmt beinah die ganze Zeit fort, und macht das meiſte Halloh; da muß Alles mit helfen, Heldenſpieler und Narren. Jetzt, wo ich alt werde, will es mit dem Couliſſenwechſel auf meinem Geſicht nicht mehr von der Stelle, ent⸗ weder ſind die Muskeln zu ſteif geworden, oder ich weiß ſie nicht mehr zu hantieren. Bin ich ärgerlich oder traurig, ſo brauche ich jetzt'ne halbe Stunde, um aus der Laune'rauszukommen, auch wenn ich mir alle Mühe gebe.“ „Aber wie hängt das mit Miß Hope und ihrer Schweſter zuſammen?“ „Das werde ich Ihnen auch ſagen, denn ich kann Ihnen nichts verſchweigen, wonach Sie fragen. Wie Sie ſo heiter uud geſprächig durch die alte Lindenallee geritten kamen, da humpelte ich ein paar Mal die Stube auf und ab vor Vergnügen.*s lange ſchon her, daß ich auf Freiersfüßen ging, aber ich dankte Gott, daß er hübſche, junge Männer und Mädchen geſchaffen hat, an denen ſich ſo ein alter Krüppel wie ich erfreuen kann. Wie ich mich ſo freue, ſchießt mir auf einmal ein Einfall durch den Kopf, oder ich ſah vielmehr, was ich früher ſchon'mal geſehen hatte.“ 106 „Aber was denn in aller Welt?“ fragte Mr. Francis. „Es hatte mit Ihnen nichts zu ſchaffen, aber es zog über mich wie'ne Regenwolke im Sommer. Mir war, als ſähe ich ſie wieder, ein ander Paar, die auch wie Sie waren.'s iſt'ne alte Geſchichte und Sie haben nichts damit zu thun. Nur wie ich vorher ſagte, es veränderte die Couliſſen gegen meinen Willen, und als Sie d'rauf vor meinem Fenſter hielten, konnte ich ſie nicht wieder umwechſeln, obgleich ich alle Anſtrengung machte. Mein Geſicht war ſtarr wie der Tod und mit ſolch'nem Geſicht konnte ich nicht zu ihr und zu Ihnen herauskommen.“ Neuntes Kapitel. 6 oantia ſtand in voller Sommerpracht, als der D neue Inhaber davon Beſitz ergriff. Es kam ihm vor wie ein Traum, wie eine Inſel, die nicht im Waſſer, ſondern in den Wolken lag. Entzückend wie ihr Anblick für jedes gewöhnliche Auge war, be⸗ ſaß ſie für ihn noch den höheren Reiz: die Verkörperung gewiſſer Ideenverbindungen und Vorſtellungen zu ſein. Der nach Süden gelegene Obſtgarten mit den uralten Bäumen, die mit Moos und Flechten bis in die äußerſten Spitzen der Zweige bedeckt waren, hatte einſt den frommen Mönchen zum Spaziergang ge⸗ dient. Heilige Hände hatten die Bäume gepflanzt, und ſelbſt in ihrer altersſchwachen Unfruchtbarkeit fand die Phantaſie noch Nahrung. Nach Norden und Weſten folgte der Fußpfad den Windungen des See⸗ 108 ufers unter dichten Schattengängen von Buchen und Ulmen. Das war gewiß einſt der Abendſpaziergang des Abts und der Brüder geweſen, wenn die Sonne damals herrlich wie jetzt unterging und einen breiten Goldſtreifen über das dunkle Waſſer legte. „Wird man es nicht einſt barbariſch finden,“ dachte Mr. Francis,„daß man, um das Ewig⸗Gute und Schöne anzubeten, den Gottesdienſt in Kirchen und Häuſern gefeiert, da es ſolche Tempel giebt, die nicht von Menſchenhänden gemacht ſind; in denen, wenn die Liebe in der Menſchenſeele durch Schönheit entflammt werden kann, ſie in heller Flamme auf⸗ lodern müßte, in denen, wenn unſere Herzen ſtumm ſind, die Vögel Lobgeſänge anheben, in die wir freudig mit einſtimmen müſſen! Das Chriſtenthum hätte nicht in gewiſſe Formen, die es angenommen hat, erſtar⸗ ren und verknöchern können, wäre es immer gepredigt worden wie im Anbeginn: im Freien unter den Lilien des Feldes und wetteifernd mit dem Geſang der Vögel. Sollte nicht die Predigt in der Kirche nur ein Nothbehelf in ſchlechtem Wetter und im Qualm der engen Straßen ſein?“ So phantaſirte der letzte Nachfolger der Mönche, bezaubert von der Schönheit des Orts, der ſeinen Neigungen im höchſten Grade entſprach. Eo war —— 109 vor Allem ein romantiſcher Wunſch geweſen ein Land zu bewohnen, das eine große Vergangenheit beſaß ſich eine Bildung ſowie Erfahrungen anzueignen, die ein neues Land nicht darbot, ein Wunſch, der ihn aus ſeiner auſtraliſchen Heimath nach einer ſchottiſchen Univerſität geführt und ihn ſchließlich die Pfarre von Braidarden annehmen ließ. Aus einem Lande ſtammend, das glücklicher⸗ oder unglücklicherweiſe keine Geſchichte, keine Denkmale, keine normänniſche Eroberung, oder alten Adel und Ruinen wie Novantia beſaß, und mit einer Phantaſie begabt, welche für die poetiſche Seite aller dieſer Dinge empfänglich war, hatte ihn der Beſuch hiſtoriſch berühmter Orte entzückt. Alte Ruinen erfüllten ihn mit wehmüthigem Schauer, und er war begierig eine Familie wie die Laytons kennen zu lernen, deren Wappen Jahrhunderte zählte. Es genügte ihm, daß der Epheu einen großen formloſen Thurm oder Kloſterbau in ſeiner Nähe überzogen hatte, um ihm den Ort als ein Zauberland erſcheinen zu laſſen. Er war umſomehr dazu geneigt, da in ihm ein Frühling blühte, wie er ihn nie zuvor ge⸗ kannt und überdies konnte man Braidarden in keiner günſtigeren Beleuchtung ſehen, beſonders wenn das Herz jung und voll iſt. Nie hatte er geglaubt, wenn er die Vorzüge des alten und neuen Welttheils gegen⸗ 110 einander abwog, daß es ein ſo reiches, anregendes, beſeeligendes Daſein gäbe, wie es ihm jetzt hier zu Theil geworden war. Ein Umſtand, der bei Anderen dieſe Empfindung gedämpft hätte, diente bei ihm dazu ſie zu verſtärken; er wußte, daß in ſeiner Gemeinde nicht Alles ſo ſchön und harmoniſch ſei, wie Novantia ſelbſt, ſondern ſchon ein flüchtiger Blick lehrte ihn, daß es nur wenige Häuſer gäbe wie Laighlea und Novantia, aber viele, in denen Unwiſſenheit, Sünde und Elend ſich ſicher und gewiſſermaßen unantaſtbar verſchanzt hielten. Es war ihm bald klar geworden, daß ſeine Wirkſamkeit keine leichte ſein werde; aber das ſpornte ihn an. Jung, eifrig und enthuſiaſtiſch in ſeinen Hoffnungen und Beſtrebungen für das Heil ſeiner Mitmenſchen, wünſchte er ſich gerade ſolch' ein Feld, das ſeine Thatkraft anfeuerte und erprobte. Es war merkwürdig, daß er eine ſo hülfsbedürftige Ge⸗ meinde fand mit einem modernen Schloß und einer verfallenen Abtei, die nicht nur die Stätte und der Brennpunkt ariſtokratiſcher Sitte und Bildung, ſon⸗ dern auch des geiſtlichen Lichts und der Macht von Alters her geweſen war. Lag das nicht aber allein an der Nachläſſigkeit oder dem geringen guten Willen derer, die berufen geweſen waren in dem Weinberg zu arbeiten, und die ihn dennoch wüſt gelaſſen hatten? endes, er zu deren dazu reinde antia ihn, und ünde iſtbar rden, aber aſtiſch Heil ein Es Ge⸗ einer d der ſon⸗ von allein illen nberg tten? 1¹¹ Durfte er aber nicht auf die liebenswürdigen und aufgeklärten Beſitzer von Sunbury zählen, die ihn bei allen guten Werken unterſtützen würden, und außerdem auf Hope's Gehülfinnen und Miſſionärinnen von engelgleicher Güte. Nur einmal bei Gelegenheit von David Groats und dem Traktätchen hatte Miß Hope von ihrer Armenpflege geredet, aber ſchon ſeine oberflächliche Bekanntſchaft mit den Ortsarmen lehrte ihn, daß ſie ſie häufig beſuchte und unterſtütze mit Dingen, die noch höher geſchätzt wurden, wenn ſie auch nicht beſſer waren als Traktätchen. Von der Mutter hatte er erfahren,— er wußte nicht ob es Freude oder Schmerz war, was er dabei empfand, — daß ſeine Predigten über Selbſtverleugnung, die Wirkung gehabt: Hetty mit ſich und ihrem bisherigen Thun unzufrieden zu machen, und daß ſie ſich vor⸗ genommen mehr noch als bisher zu leiſten. Sie thue jetzt ſchon zu viel für ihre Kräfte, meinte indeſſen Mrs. Hope. Woher käme es aber, fragte er ſich, während ſich ſeine Gedanken mit Laytons und Hope's be⸗ ſchäftigten, daß er, je näher die Ankunft der erſteren heranrückte zweifelhaft wurde, ob er dieſelbe mehr fürchte als wünſche. Die Damen in Laighlea, die zu beſuchen er faſt täglich einen Vorwand fand, 112 waren wie die ganze Nachbarſchaft voll davon, ihr Kommen bildete das wichtigſte Ereigniß des Jahres für Jedermann, der etwas mehr als ein Tagelöhner war. Geſchah es, weil Hope's ſich ſo ſehr darauf freuten und ſo viel davon ſprachen, er es nicht be⸗ dauert hätte, wenn es hinausgeſchoben worden wäre, oder fand er Illtafend anziehend genug ohne Sunbury, daß er deshalb auf den Verkehr mit dem Schloſſe ver⸗ zichten wollte? So ſtand es, und wenn der Schluß, den man daraus ziehen konnte, ebenſo erwünſcht als deutlich geweſen wäre, hätte er Mr. Francis aus einer ſchwierigen Lage befreit. So aber wollte Beides nicht mit einander übereinſtimmen, und die Sache verwickelte ſich immer mehr und mehr. Nur Eins wurde ihm klar, und zwar ſchmerzlich klar. Er durfte mit Miß Hope nnr an ein freundſchaftliches Ver⸗ hältniß denken; es ſei nicht nur Thorheit etwas anderes zu verſuchen, es ſei ſogar Unrecht. Was würden Laytons, was ihre vornehmen Verwandten zu der Unverſchämtheit ſagen, wenn er auf die Verleihung der Pfarre mit einem Heirathsantrag antwortete. Und das ſei noch das wenigſte. Die Geringſchätzung der Anderen konnte man ertragen; wie hätte er es aber tragen können ſich ſelbſt zu verachten? Verdiente —-„ 6G— —9— —— 6 c, 11¹3 er, der die Wölfe in Schafskleidern haßte, der ihnen ſo gern auf der Kanzel die erborgte Hülle abriß, verdiente er zu leben und andere leben zu lehren, er, der es verſuchte ſich in die Gunſt vertrauens⸗ voller Frauen einzuſchleichen, ſich ihrer Geſellſchaft, ihrer Gaſtfreundſchaft zu erfreuen, um hinterher die ſchöne und vornehme Tochter zu heirathen, und das Alles unter dem Deckmantel von Amtseifer und Frömmigkeit? War dies die Selbſtverleugnung, dies das neue⸗alte Evangelium, deſſen begeiſterter Apoſtel er ſich nannte, er, der in ſeinem eigenen Leben ſtatt des geduldigen Kreuztragens bis zum ſchweren Ende, ſich nun als ein ſolcher erwies, der ſehr ſchlau welt⸗ liche Vortheile ſich anzueignen verſtand, und mehr noch als weltliche Vortheile! Nein, Mr. Francis wies eine Geſinnung mit Abſcheu von ſich, die eines Gentle⸗ man unwürdig und ſeiner Auffaſſung von Selbſtver⸗ leugnung entgegen war. Und da ihm feſt ſtand, daß jedes Gefühl für Miß Hope außer Freundſchaft nicht exiſtiren dürfe, ſo entſchied er, daß es überhaupt nicht exiſtire. Es durfte nicht ſein, daß Henry Francis Hetty Hope liebte, darum war es nicht der Fall. Dieſer Schluß, der nach einer bekannten Methode gezogen war, beruhigte ihn ſehr, und darum ging er nach Laighlea herüber, um zum zweiten Mal vor Caird, C. M.„Lady Hetty“ Band. I. 8 114 ſeiner Abreiſe Abſchied zu nehmen. Nach ſeiner Rück⸗ kehr mochte es gerathener und ihm zuträglicher ſein, nicht ſo oft hinzugehen; aber ſo lange er noch allein in Novantia war, würde es aufgefallen ſein, wenn er nicht ſo oft hinging, als er vorher zu thun pflegte. Zehntes Kapitel. 6 r. James Ogg, der Gemeindelehrer, verbrachte ſib meiſt ſeine Abende bei David Groats und deſſen Tochter,(ihretwegen behauptete man, denn der Schulmeiſter hatte immer wenigſtens eine Flamme). Er war noch im Pförtnerhauſe, als Mr. Francis auf dem Rückwege von Laighlea hier vorſprach. „Prächtig,“ rief der Schulmeiſter, zu deſſen Paſſionen auch Whiſt gehörte.„Wir wollen nun den Robber machen, der vorhin durch den Teufel unterbrochen wurde.“ de lu chte und der ne). ncis ſſen nun ufel 1¹5 „Durch den Teufel?“ fragte Mr. Francis lächelnd, den des Schulmeiſters wunderliches Weſen ſtets be⸗ luſtigte. „Ja, durch den Teufel,“ ſagte David.„Der Schulmeiſter pfuſcht Ihnen in's Handwerk, mit Ver⸗ laub zu ſagen, und hat'ne Art Abhandlung über den Teufel gemacht, mit Verſen am Ende.“ „Es iſt nicht das erſte Gedicht, das über den Gegenſtand gemacht iſt, noch hoffentlich das ſchlechteſte, obwohl es ſchwerlich das beſte ſein wird.“ „Geben Sie's zum Beſten, Schulmeiſter, damit der Pfarrer ſelbſt urtheilen kann.“ Der Schulmeiſter bedurfte keiner dringenderen⸗ Aufforderung. Auf ſeinem Geſicht lag ſtets ein ſelbſt⸗ zufriedenes Lächeln; aber wenn er beſonders erfreut war, ſah er aus wie Jemand, der eben eine bekannte und beliebte Melodie pfeifen will. Der Mund rundete ſich zu einem Kreiſe, die etwas ſchiefen Augenbrauen ſtanden ganz vertikal und verſtärkten ſo den Eindruck der einander ſehr nahe ſtehenden hellblauen Augen, von denen eines das andere zärtlich anblickte. Mit höchſter Selbſtzufriedenheit zog er ſofort ein Manuſcript aus der Bruſttaſche und begann ſeine Abhandlung zu leſen:„Ueber die geiſtigen Fortſchritte des Teufels“, die durch eine Bemerkung Rutherfords 8* 14¹6 hervorgerufen war, nämlich, daß der Teufel immer ſchlauer würde. Die Abſicht der Abhandlung, die mit Ausnahme der Verſe einen ernſten und belehrenden Ton hatte, war zu beweiſen, daß die größere Schlechtig⸗ keit unſerer jetzigen Welt(dies behauptete er wenig⸗ ſtens) der größeren Schlauheit des Böſen zuzuſchreiben wäre; der Verſucher ſei als ein endliches Weſen noth⸗ wendig eines Fortſchritts ſeiner Geiſteskräfte fähig, die er auf Koſten der gefallenen Menſchheit ausbilde. „Leſen Sie lieber erſt das Gedicht,“ ſagte David Groats, ehe noch die Abhandlung beendigt, denn er bemerkte, daß der Prediger weniger davon erbaut ſchien, als er erwartete, ſondern entſchieden zer⸗ ſtreut war. Mr. Ogg wendete ſich ſofort von der Proſa zur Poeſie und die kleinen blanken Augen zwinkerten ſo vergnügt, als wollten ſie in einander übergehen. Das Gedicht war kürzer als die Abhandlung und fing gleichfalls mit der jugendlichen Unerfahrenheit und Ungeſchicklichkeit des Helden an und ſchilderte dann die glänzenden Erfolge, welche er durch lange Uebung und Eifer für ſeinen Beruf erreicht hatte. „Die Flügel, die einſt lauten Lärm gemacht, Wie bei der Fledermaus jetzt geh'n ſie ſacht; Die Hörner deckt nun ein Cylinder zu, mn 2 Und tanzen ſelbſt kann er in'nem Hackenſchuh, Den er über den Klumpfuß gezogen.“ Dann wendete er ſich an die Vernunft des Leſers mit der Abſicht zu der naheliegenden Schlußfolgerung zu kommen: O Leſer, wenn Du mit gleichem Bedacht Dich viel tauſend Jahr an die Arbeit gemacht, Mit gleichem Scharfſinn, Witz und Verſtand In Teufelei geübt Deine Hand, e. Dann würdeſt Du mit der Zeiten Gunſt id Gewiß ein Meiſter der ſchwarzen Kunſt. er Mit einer Hoffnung, die einen wunderlichen Gegen⸗ ut ſatz bildete zu der von Burns ausgedrückten frei⸗ ſinnigen Anſicht über das endliche Geſchick des Erb⸗ feindes, einer Hoffnung für das Entrinnen ſeiner ur Opfer, ſchloß der Schulmeiſter: ſo Doch kommt der Tag, da wir Rechnung ablegen, n. Wird der Richter in ſeiner Gnade erwägen, i Wer der Feind war, dem wir widerſtanden, Denn der ſchlau'ſte Betrüger in allen Landen, eit Ein Stümper immer nur bleiben kann, rte Verglichen mit dem alten Satan. Zum großen Verdruß des Dichters, der nun e⸗ eine Kritik des Pfarrers erwartete, machte David Groats die Bemerkung, ihm komme der Schulmeiſter wie ein alter Grieche vor. 118 „Ein Grieche!“ rief dieſer.„Griechiſch verſtehe ich kein Wort, aber ich darf mich ſelbſt in des Pfarrers Gegenwart rühmen, daß mir das Lateiniſche ſo ge⸗ läufig iſt wie der Droſſel das Singen. Nach latein⸗ ſchen Vorbildern habe ich meinen Styl gebildet; wie kommen Sie dazu mich einen Griechen zu nennen?“ „Nicht den Styl von Ihrem Ding da, meinte ich, Schulmeiſter, ſondern Sie ſelbſt; und ein Grieche könnten Sie doch ſein, wenn Sie auch erſt vor funfzig oder ſechzig Jahren geboren ſind?“ „Sagen Sie vor dreißig oder vierzig, David,“ verbeſſerte der Schulmeiſter mit einem Blick auf die Tochter und ſchob ſeine Perrücke zurecht. „Nun, ich meinte blos, darauf käme es nicht an, und nur daß Sie ein alter Grieche ſein könnten, ob⸗ gleich Sie nicht vor zwei⸗ oder dreitauſend Jahren geboren ſind, denn ich habe mir ſagen laſſen, die alten Griechen hätten alles Sichtbare und Unſichtbare auf der Welt mit wenig Reſpekt und viel Neugier ange⸗ ſeh'n und das thun Sie auch.“ „Darin ſind Sie ein noch älterer Grieche,“ er⸗ widerte der Schulmeiſter.„Worüber haben Sie neulich mit mir geſtritten,'ne heiklere Frage iſt noch nie, weder in Proſa noch in Verſen behandelt worden.“ 2 2 c25 he er⸗ Sie iſt elt 1¹9 „Geſtritten habe ich nicht, zieh'n Sie mir keinen unverdienten Verweis von der Kirche zu, Schulmeiſter. Es iſt'ne Sache für ſich, ob Einem ſo'was unwill⸗ kürlich in den Kopf kommt, und ganz'was andres, ob man darüber redet wie ein Paſtor, mit Verlaub zu ſagen, der den Himmel kennt wie ſeine Gemeinde und ſeine Geſetze wie unſereiner die Polizeiverord⸗ nungen.“ Mr. Francis, der gern eine ganz andere Frage beantwortet haben wollte, wünſchte dies Geſpräch möglichſt abzukürzen und ſagte: „Was in aller Welt war es denn? Was für ein Schlimmeres kann es denn noch geben, als das eben behandelte Thema?“ „Eine nicht erwähnte Eigenſchaft,“ antwortete der Schulmeiſter. „Weſſen!“ „O, des göttlichen Weſens,“ ſagte der Schul⸗ lehrer lächelnd. „Kurz und gut,“ begann David,„der Schul⸗ meiſter und ich redeten von Dem und Jenem und die Sache, die er meint, möchte ich Ihnen vortragen, denn Sie verſteh'n ſich drauf. Aber erſt muß ich Ihnen ſagen, wie ich überhaupt d'rauf gekommen bin, das weiß der Schulmeiſter auch noch nicht.“ 120 „Nun ſo laſſen Sie es hören,“ ermuthigte Mr. Francis. „Seh'n Sie, der Schulmeiſter ſpekulirt über den Teufel, aber da ich weder Lehrer noch Prediger bin, gebe ich mich nicht beſonders damit ab, ſondern laſſe ihn in Frieden und bin froh, wenn er's auch mit mir thut. Aber der Allgütige muß eine Eigenſchaft haben, die mir neulich eingefallen iſt, und ich hoffe es iſt kein Mangel an Ehrfurcht bei mir, daß ich es denke,— nämlich Humor muß er haben, meiner Meinung nach, obgleich dieſer unter ſeinen Eigen⸗ ſchaften nicht genannt iſt.“ „Nun, es iſt womöglich noch intereſſanter eine neue Eigenſchaft zu entdecken, als geiſtige Fortſchritte zu beobachten, nicht wahr, Mr. Ogg?“ „Sie wiſſen,“ begann David wieder,„daß Nickle⸗ Jarvieſton der größte, ſchmutzigſte, häßlichſte Ameiſen⸗ haufen von einer Fabrikſtadt iſt, und Spinnet der allerhäßlichſte Theil davon. Einem wird ganz ſchwind⸗ lich, wenn man an einer Straßenecke dort ſteht und um die Feierzeit hunderte und tauſende von Menſchen aus den Fabriken ſtrömen ſieht: Männer, Weiber und Kinder, alle ſchmierig, fettig, rußig; und das haſtet ſich nun Hals über Kopf nach Hauſe zu kom⸗ „—„ e— ce——„—— + ——— — ——„ 12¹ men, zu ſeinem Bischen Eſſen. Aber zur Sache,“ denn er merkte dem Prediger die mühſam verborgene Ungeduld an.„Als mein Georg nach China ab⸗ ſegelte, kam ich'nen Sonnabend Abend durch's Spinnet, die Straßen waren wieder gedrängt voll von Fabrik⸗ arbeitern und ich wurde ſo dicht an ein paar von ihnen gedrängt, daß ich hören konnte, was ſie redeten. Es war Ablohnung geweſen und ſie hatten zuſammen ein Maß Bier getrunken, um die Woche mit'nem Knall⸗ effekt zu ſchließen. Der eine erzählte dem anderen von ſeinen Thaten, eine Prahlerei nach der anderen. Ob er nicht geſehen hätte, wie er drüben in der Kneipe das Glas in einem Zuge geleert, ohne einmal abzu⸗ ſetzen? Wäre es nicht ſo nah am Sonntag, ſo würde er noch ein Maß wetten, daß er von dem Fabrikthor bis nach Haus mit Bob Spiers und Tom Hamilton um die Wette gehen, und ſie um eine und eine Viertelminute ſchlagen würde. Ferner, daß er mit jedem in der Fabrik die Woche durch um die Wette arbeiten wollte und ſie alle überholen, und ſo redete er in dem Menſchengedränge mit noch mehr Feuer und Eifer als unſer Paſtor von der Kanzel.“ „Aber David, Sie kommen vom Thema ab,“ er⸗ mahnte der Schulmeiſter. „Wären Sie Prediger, Schulmeiſter, dann wüßten 122 — Sie, daß ich gerade darauf losſteuere und ſchon mit der halben Auslegung fertig bin.“ „Nur weiter,“ ſagte Mr. Francis und ſtand auf, um zu zeigen, daß er eilig ſei. „Das will ich, und die Nutzanwendung den Hörern überlaſſen. Ich dachte ſo unwillkürlich,“ dabei erhob er ſich, um dem Prediger zu zeigen, daß er bald zu Ende ſei,„es gehört mehr dazu als ein ſchmieriger Kittel, die menſchliche Natur zu verbergen, beſonders wenn Einer einen Schnaps getrunken hat.“ „In vino veritas,“ ſchaltete der Schulmeiſter ein. „'s iſt wahr, obgleich's Latein iſt; aber das war nicht, was ich eigentlich meinte. Der arme Kerl prahlte wie'n irländiſcher Patriot oder wie'n Miliz⸗ major, und trotzdem hatte er doch nicht viel verbrochen und nur ein Mäßigkeitsvereinler würde ihm den ſpäten Sonnabendſchnaps und ſein Geprahle zur Sünde an⸗ rechnen. Darum ſagte ich mir: Er, der ihn geſchaffen hat und alle ſeine Schwächen kennt, wird er ihn mit Zorn und Unwillen anſehen, um dieſer oder über⸗ haupt um ſolcher Kleinigkeit willen, wie es die Schrift⸗ gelehrten und Phariſäer thun? Aber wie ſieht er ihn überhaupt an? Sieht er ihn nicht vielleicht ähnlich an wie ich— Schulmeiſter, halten Sie das nicht für eine teufliſche Vermeſſenheit. Aber ſo ein Weber mit'nem Glas Schnaps im Leibe und einem Theil Selbſtgefälligkeit,—(die wir alle brauchen,)— um ſich über ſein Werkeltagselend zu erheben und ſich frei und glücklich wie ein Prinz zu fühlen, das iſt ſo was Komiſches, daß der Allgütige, wenn er's ſie ht ſich mehr d'rüber amüſiren, als ärgern muß.“ „Daraus ſchloſſen Sie auf das Vorhandenſein einer nicht erwähnten Eigenſchaft Gottes,“ ſagte Mr. Francis, ſich niederſetzend, um David ausreden zu laſſen. „Ja, ich dachte, als ich ſo die Weber anſah, daß außer jener Gerechtigkeit, die Unrecht und böſe Gedanken bei Heller und Pfennig heimzahlt, und jener Güte, die den Trunk Waſſer belohnt, den wir unſerm Nächſten reichen, in unſerm Schöpfer auch eine Eigenſchaft iſt, die Alles beobachtet, was an ſich weder gut noch böſe iſt. Davon giebt's viel in der Welt und in der Menſchenſeele, und manches davon iſt ſo komiſch, daß es wohl überhaupt nur epiſtirt, weil es ſo komiſch iſt. Mir wenigſtens erklärt das Manches, was mir ſonſt dunkel wäre. Ein Schöpfer ohne Humor, eine Gerechtigkeit ohne Gnade hätte nie ſo wunderliche Geſchöpfe gemacht, oder ſich hinter⸗ drein wenig an ihnen gefreut.“ 124 „Mir ſcheint David Recht zu haben,“ ſagte der Schulmeiſter,„und er iſt ſelbſt ein Beiſpiel für ſeine Behauptung. Ferner deucht mich, muß der, der uns ſchuf, das beſitzen, was er uns gab. Aber,“ ſagte er mit einem kritiſchen Kopfſchütteln gegen den Prediger, „in einen Punkt ſtimme ich David nicht bei. Ich halte es doch für eine Sünde, wenn ſo ein ver⸗ trunkener Weber ſeinen Wochenlohn verſäuft und Weib und Kind darben läßt. Sehen Sie, David, der Trunk iſt das Verderben von Tauſenden, Millionen unſerer arbeitenden Klaſſen, und was ihr Verderben iſt, muß ich auch ihre Sünde nennen und ich glaube nicht, daß ihre Sünde und ihr Verderben dem All⸗ gütigen ſo zu ſagen Spaß machen?“ „Das gebe ich Ihnen erſtens ganz zu, Schul⸗ meiſter, und zweitens leugne ich es ganz. Ich leugne, daß es ſich auf dieſen Fall anwenden läßt, denn Sie müſſen bedenken, daß ich erſtens vorausſetzte, daß mein Weber kein Trunkenbold war, ſo wenig wie wir Beide, die doch auch dann und wann ein Glas trinken; ferner daß er Frau und Kinder, wenn er nämlich welche hat, gut behandelt, daß er nur ein⸗ mal die Woche und dann mäßig trinkt— das Alles ſetze ich voraus. Und ferner, und das paßt mehr hierher, und mich wundert, daß ich Sie darauf auf⸗ 125 merkſam machen muß, ich habe Ihnen den Weber gar nicht als moraliſches Beiſpiel hingeſtellt, nur als Urſache, wie ich zuerſt auf jenen Einfall kam. Ich wollte nicht ſeinen Schnaps rechtfertigen, ſondern nur erzählen wie der Gedanke entſtand.“ „Sie trugen es hiſtoriſch, nicht philoſophiſch vor,“ ſagte Mr. Ogg, der ſich viel auf ſein feines Ver⸗ ſtändniß einbildete, und er forderte David gutmüthig auf, nur weiter zu reden. Dieſer behauptete erſt Alles geſagt zu haben, fuhr aber dann doch fort: „Erſtens erklärt es das, was unverſtändlich iſt und dann erſcheint die Welt noch größer, wenn wir dem Schöpfer Humor, oder etwas Aehnliches beilegen. Sehen Sie, eine Welt geſchaffen zu haben und ſo viele verſchiedene Geſchöpfe d'rin— gute und böſe, beſſere und ſchlechtere, das iſt freilich etwas Großes, aber es iſt noch größer, ſie untereinander zu ver⸗ gleichen und zu ſehen— was auch wir ſehen— wie wunderlich ſie ſind in den Dingen, in denen ſie ſich gleichen, ſowie in denen, in welchen ſie von einander abweichen. Nehmen Sie einmal die Weber, ernſt betrachtet, Sünde oder nicht Sünde, da wollen ſie nicht viel bedeuten. Aber ſehen Sie ihre komiſche Seite und vergleichen Sie die mit dem Komiſchen, das ſich ſonſt in der vornehmen und in der gewöhn⸗ lichen Welt und vielleicht in anderen Welten findet, eine ſolche Betrachtung erweitert die weite Welt noch mehr.“ „Mir fällt eine praktiſche Anwendung dieſes Ge⸗ dankens ein,“ ſagte der Schulmeiſter ſelbſtgefällig. „Würde dieſe überſehene Eigenſchaft allgemein aner⸗ kannt, ſo könnte man einen, ſeit Jahrhunderten in Vergeſſenheit gerathenen Beruf, für den ich immer eine Art Hochachtung empfunden habe, wieder neu beleben, nämlich den des Hofnarren. Im Staat wäre dieſer Beamte jetzt überflüſſig; nun das Volk ſouverän iſt, ſind alle ſeine Vertreter privilegirt und es giebt darunter genug Narren. Aber mir ſcheint, daß er der Kirche beigelegt werden könnte, um in den Kirchenworſtänden zu ſitzen.“ „Und mit was für Befugniß?“ fragte David. „In alten Zeiten ſagte er dem Herrſcher, was Andere ihm nicht ſagen durften. In Krieg und Frieden konnte er den Ausſchlag durch ein Lachen, einen Scherz geben. Wäre er jetzt an der Kirche angeſtellt, ſo könnte er denſelben Einfluß haben. In geiſtlichen Dingen und Berathungen, betrachten ſich alle die Herren als Könige, deren leiſeſtes Wort, als Offenbarung und unumſtößliches Geſetz geachtet werden ſoll. Keiner aus dem Kreiſe hat den Muth, h in hi D n ar ko ge nd n, he n. en rt, tet h, 2 die Anderen auszulachen, wenn Lachen einmal noth thut, und ein Witz von Jemand, der nicht vom Handwerk, aber zum Scherzen berechtigt wäre, würde in Ordnung bringen, was ſich jetzt durch lange und hitzige Debatten nur noch hoffnungsloſer verwirrt. Darum thäte uns ein Kirchennarr Noth.“ Mr. Francis war ſchon im Fortgehen und ſtellte nun die Frage, an die er den ganzen Abend gedacht; an welchem Tage die Herrſchaften in Sunbury an⸗ kommen würden? Er hatte danach ſchon in Laighlea gefragt, ließ es ſich aber noch einmal von dem Pförtner berichten. Dann erkundigte er ſich, obwohl er es eigentlich nicht gewollt, ob immer viele Gäſte mitzu⸗ kommen pflegten? Ob mehr oder weniger kämen, wiſſe er nicht, meinte der Schulmeiſter, aber das ſtehe feſt, Mr. George Fox ſei immer der erſte, der komme. Das war eben die Sache, die Mr. Francis wiſſen wollte und nach der er ſich doch zu fragen ſchämte. „Wer iſt denn Mr. For?“ „Ein Edelmann sans peur und sans reproche, ein vollkommener und echter Gentleman,“ erwiderte Mr. Ogg,„denn da er kein Vermögen hat, müßte er ſonſt einen Beruf ergreifen, aber das hat er auch nicht gethan. Trotzdem ſagen die Leute er wäre ein trefflicher Menſch, und ſoviel weiß ich von An⸗ ſehen, er ſieht ſehr gut aus. Er ſoll wegen Miß Hope jetzt immer noch viel länger, als ſonſt in der Gegend bleiben.“ „Sehr natürlich,“ dachte Mr. Francis, als er langſam und grübelnd nach Novantia zurück ging. „Der Name wurde drüben in Laighlea häufig er⸗ wähnt. Der unbemittelte Menſch iſt zu hochmüthig einen Beruf zu ergreifen und Miß Hope heirathet ihn nur, weil er Lord So und So's Vetter iſt!“ Mr. Francis fühlte ſich ſehr unglücklich, aber nach einiger Zeit beſann er ſich, daß er auch ſehr ungerecht ſei. „Iſt das chriſtliche Nächſtenliebe, einen Menſchen zu haſſen, ehe man ihn kennen gelernt hat? Der Schul⸗ meiſter hat ſo Unrecht nicht: der Verſucher wird immer ſchlauer. Wenn die Welt nach langer Kultur ein Weſen hervorgebracht hat, wie Miß Hope, ſo kann man ſich nicht leicht in ſolch' eine Welt finden. Außerdem iſt ſie mir nichts,“ ſagte er, ſich zur Reſig⸗ nation zwingend,„gleichviel, ob Mr. Foy ſie liebt, oder ſie ihn.“ Statt aber in das Haus und zu Bett zu gehen, wanderte er bis Mitternacht noch um die Inſel, als ob dies nichts ſein, doch Etwas wäre. Elftes Kapitel. enn man mit Abſicht Jemand kritiſch be⸗ S leuchtet, den man zu lieben und zu ehren ver⸗ pflichtet wäre, ſo iſt das ſo, als ob man heimlich an den Grundſteinen ſeines inneren Baues rüttelte, ſie aus⸗ einander nähme und ſich dann überlegte, ob man ſie wieder zuſammen ſetzen ſolle. Mr. Francis war zu edeldenkend ſo etwas zu thun, während er auf ſeine Schweſter in Plymouth wartete, aber er wünſchte und konnte die Hoffnung nicht unterdrücken, daß Beſſy auch Anderen als ihm gefallen werde. Er rief ſich ſo viel er konnte ihre Züge und ihr Weſen zurück, wie ſie als Kind, als ſeine jüngere Gefährtin, bei ihren Wanderung durch den Buſch ausſah. Daß ſie klug und witzig und für ein im Buſch aufgewachſenes Mädchen wohlunterrichtet und gebildet ſei, ſchloß er Caird, C. M.,„Lady Hetty“ Bd. 1. 9 130 aus ihren Briefen, in dieſer Beziehung war ihm nicht bange. War ſie aber trotz allem für den Um⸗ gang mit Miß Hope und ihrer Schweſter ſo geeignet, wie er es um Beſſy's willen wünſchte? Das war die Frage. Nein, eine Frage war es nicht. Sie war ſeine Schweſter, und wie ihr Geſicht oder ihre Manieren ſein mochten, liebte er ſie doch um des gütigſten und beſten Vaters und um der Mutter willen, deren Andenken ihm lebendig und theuer war, freute er ſich auf ſie und gönnte ſich kaum ihre theure Gegenwart, da der Vater ſie ſchmerzlich entbehren würde. Sechszehntauſend Meilen Salzwaſſer liegen zwiſchen der Küſte Englands und Auſtraliens. Aber ſo gewohnt iſt der Menſch mit unermeßlichen Fernen zu rechnen, daß dieſe Entfernung, die uns von unſern Freunden trennt und uns in der Vorſtellung uner— reichbar dünkt, vergeſſen wird, wenn des Meeres glänzender Spiegel zu unſern Füßen liegt. Dann ſagt uns die Phantaſie, daß Nichts zwiſchen uns und unſern Lieben liegt, als dies Waſſer und das, was uns trennt, bringt ſie uns ſcheinbar näher. So weckte der Anblick des Meeres in Mr. Francis EFrinnerungen, die jahrelang geſchlummert hatten. Es war ihm, als lege ſich eine leiſe Hand auf die Schulter, ſie des tter ar, ure ven gen ber nen ern ler⸗ res ann und vas So cis ter, 13¹ als blicke er in ein von langer Krankheit abgezehrtes, aber immer noch ſchönes Antlitz. So war die Mutter in ihren letzten Tagen geweſen, als ſie auf ſeinen Arm geſtützt, zu ihrem Lieblingsplatz in der Veranda ſchwankte. Es ſchwammen geheimnißvolle Thränen in ihren Augen, deren Grund er nicht errathen, die er aber nie vergeſſen konnte; auch lag eine ſo warme Liebe für Vater und Kinder in ihrem Antlitz, außer⸗ dem aber etwas, wie eine alte unvergeſſene ſchmerz⸗ liche Erinnerung. Auf dieſer ſchien ihr innerer Blick zu weilen, als ſie liebevoll Abſchied von den Ihren nahm und wünſchte, es hätte nicht ſo früh zu ſein brauchen, und doch fügte ſie ſich ſanft in den Willen deſſen, der ihnen in ſchweren und dunklen Zeiten Zuflucht und Erretter geweſen war. Dann ſah er in der Erinnerung den Vater neben ſich ſitzen, wie er monatelang geſeſſen in den langen Abenden, ohne ein Wort zu ſprechen, bis der Schmerz ſich allmählich etwas linderte. Bald ging er mit ihm zu dem Tannenhügel, auf dem ſie ihren Leib beſtattet hatten, oder er begegnete ihm, wenn er von dort zu⸗ rückkam. Unter ſolchen Gedanken verging die Zeit und endlich kam der Dampfer mit der Schweſter. Sie lehnte über das Geländer des Schiffs und ſuchte ihn 9* 132 mit den Augen unter der Flotte von Booten, die es umgaben. Schon winkte ſie einem Fremden zu, den ſie für ihren Bruder hielt, aber im nächſten Moment ſtand er neben ihr, ſchloß ſie in ſeine Arme und ſie blickten einander in die Thränen⸗überſtrömten Augen. „Wie groß biſt Du geworden und wie“— ſchön wollte er ſagen, aber er merkte, daß ſie es errieth und daß ein ſchelmiſches Lächeln über ihre Züge flog, darum unterdrückte er das Wort. Auf der Reiſe von Plymouth nach Braidarden fand er den erſten Eindruck beſtätigt. Sie war Miß Hope ſo unähnlich wie zwei junge Damen ſein können, die nach derſelben Mode gekleidet und friſirt ſind, dennoch waren Beide in ihrer Art hübſch, gleich hübſch. Was ihn aber noöch mehr freute, waren ihre Manieren, die er, obgleich nicht ſo ſalonmäßig wie Miß Hope's, dennoch durch ihre natürliche Anmuth ungewöhnlich anziehend fand. Ja, ſie mußte gefallen. Es war entzückend, eine ſolche Schweſter zu haben und ſie ſolchen Bekannten vorſtellen zu können und umgekehrt. Man konnte das Bewußtſein ertragen, ſelbſt dumm und linkiſch zu ſein, aber eine Schweſter mit den Manieren eines albernen Backfiſches und dem Ausſehen eines Bauermädchens wäre unerträglich geweſen. di ( „ ) — 133 Beſſy unterbrach dieſe angenehmen Gedanken und während ſie auf das Geländer des Dampfers gelehnt die ſich nähernde ſchottiſche Küſte betrachtete, fragte ſie: „Sind Hope's reich?“ „Nein.“ „Aber arm können ſie doch nicht ſein, da der Vater ihrer Mutter ein Graf war.“ „Sie ſind weder reich noch arm, aber es giebt hier zu Lande viele Unbemittelte unter den höheren Ständen, wie es bei uns viele reiche ungebildete Leute giebt. Es iſt hier Vieles anders. Unſere Natur in Auſtralien iſt wunderlich, wir haben Kirſchen, bei denen der Kern außen iſt, ähnliche Sonderbarkeiten findet man hier in den Charakteren und in der Geſellſchaft.“ „Iſt Beatrice ebenſo hübſch als Miß Hope?“ „Das kommt auf den Geſchmack an, ich zum Beiſpiel würde Beatrice hübſch, Miß Hope nicht hübſch, ſondern ſchön nennen; freilich iſt erſtere kaum erwachſen und die andere eine vollſtändige Dame. Doch Du wirſt ſelbſt urtheilen.“ „Ah ſo, erſt wußte ich nicht, welche von Beiden Dich erobert hätte.“ „Und jetzt?“ „Du haſt mir eben ſelbſt geſagt, daß die Eine noch ein Kind wäre.“ 134 „Nun ich liebte Dich doch auch, als Du noch ein Kind warſt.“ „Ja, und ich hoffe, Du giebſt mir auch noch einen ſchweſterlichen Antheil, obgleich ich ſo groß ge⸗ worden bin; aber mit Hope's verhält ſich die Sache ganz anders.“ Er lachte und ſagte dann mit möglichſtem Ernſt: „Beſſy, bilde Dir nur ſo etwas nicht ein. Ich könnte mich ebenſo gut in die ſchöne Helena verlieben, als in Miß Hope, das wirſt Du ſelbſt ſehen und be⸗ greifen, wenn Du ſie kennen lernſt.“ „Das werde ich nicht, wenn ſie wirklich ſo ſchön iſt, wie Du ſagſt: nur ſoweit werde ich Dir ge⸗ horchen, daß ich Niemand die Verlobung mittheilen werde, denn verlobt ſeid Ihr doch?“ Mr. Francis ſah erſt ernſtlich böſe aus, fing aber dann an zu lachen. „Ich bin ſehr neugierig, wie dieſe Bekannten von Dir ſind,“ ſprach Beſſy unbefangen weiter.„Du haſt nie bisher Damenbekanntſchaften gehabt. Iſt Miß Hope groß?“ „Größer als ihre Schweſter, aber nicht ganz ſo groß als Du.“ „Blond oder ſchwarz?“ 135 „Blond und blauäugig.“ „O, dann weiß ich, wie ſie ausſieht, gerade wie 6 eine von den hübſchen, blanken, flachshaarigen Puppen, 7 von denen ich einmal zwei ganz gleiche bekam. Weißt che Du noch? die Eine nannteſt Du Lea, weil ſie einen Fehler auf einer Backe hatte, die andere Rahel, denn ſt: ſie war tadellos ſchön.“ ite„Ja, Lea und Rahel hatten wundervolle 68 Augen.“ „Wie alle Puppen und natürlich haben alle Schönheiten und vornehme Schönheiten obenein wunder⸗ volle, glänzende Augen. Wenn Du einen Roman über Miß Hope ſchreibſt, vergiß die Augen nicht, Henry, das iſt die Hauptſache.“ „Ihre Augen ſind freilich wundervoll,“ ſagte u8 Mr. Francis, den ihre Heiterkeit anmuthete,„aller⸗ dings nicht, weil ſie denen von Lea und Rahel en gleichen, ſondern weil ſie ſo ſonnig und doch ſo be⸗ u deckt ſind, wie der blaue Himmel über uns.“ ſt „Das müſſen in der That wundervolle Augen ſein,“ kicherte Beſſy.„Ob ich das auch ſehen, oder i ob ich Miß Hope's Augen grau finden werde?“ Als er zu Hauſe angekommen war und Muße hatte über das nachzudenken, was die Schweſter ihm 136 von den häuslichen Verhältniſſen erzählt, fand Mr. Francis, daß die Freude über ihre Anweſenheit auf einem dunklen Grunde ruhte. Eben ſo groß wie die Freude über ihr Kommen, war ſein Bedauern über die Urſache deſſelben. Freilich konnte er dieſe Ver⸗ anlaſſung mehr vermuthen, als aus Beſſy's etwas ver⸗ worrenen Berichten erkennen; aber er ſah, daß ſie in mehr als einer Hinſicht bedenklich waren. Es war ihm klar, daß ſeines Vaters Vermögen entweder be⸗ droht, oder gar verloren ſei und es beſtätigte ſich, was er ſeit lange gefürchtet, daß ſein Bruder auf dem Wege in's Verderben wäre, der in neuen Ländern kürzer und abſchüſſiger iſt als anders wo. Wie würde es eine ſo feinfühlige, durch Schmerz und Unglück gebeugte Natur, wie die ſeines Vaters, tragen, wenn neue Sorgen auf ihn einſtürmten? Zu ſeiner eigenen Beruhigung ſetzte er ſich ſo⸗ fort hin, und obgleich der Brief erſt ſpäter abgehen konnte, richtete er an Jeremias die Bitte, dem Vater nichts von dem Inhalt zu ſagen, aber ihm von nun an keine Zulage mehr zu ſchicken. Er ſei jetzt in einer Stellung und müſſe ohne anderen Zuſchuß aus⸗ kommen. Dann bat er ihn im Stillen, den Stand der Vermögensverhältniſſe genau zu unterſuchen. Illtafend iſt zwar nicht eine der wenigen reichen die uf 437 Pfründen in Schottland, von denen die reichſte kaum der Einnahme eines gut beſoldeten Commis gleichſteht, und Mr. Francis konnte die Zulage, die ihm jeder Weih⸗ nachten gebracht, jetzt noch eben ſo gut als früher brauchen. Er war nie in der Lage geweſen ſich ein⸗ ſchränken zu müſſen, einige ſeiner Neigungen ſtellten ſeinem Geiſt ein gutes Zeugniß aus, aber legten ſeiner Börſe ſchwere Opfer auf und aus Gründen, die er ſich nicht eingeſtand, war es ihm in dieſem Augenblick doppelt unerwünſcht, ſich Einſchränkungen aufzuerlegen, wie es doch geſchehen mußte, wollte er ſich mit ſeinem Gehalt begnügen. Aber ſeine Pflicht war ihm klar vorgezeichnet und er hatte nur ſie er⸗ füllt, als er an Jeremias ſchrieb. Dann mußte noch ein Zweites geſchehen, oder vielmehr ungeſchehen bleiben. Novantia war nur theilweiſe möblirt, er hatte die übrigen Zimmer nach Beſſy's Ankunft und nach ihrem Geſchmack einrichten wollen. Beatrice Hope und er hatten von verſchiedenen geſchmackvollen nnd künſt⸗ leriſch ſchönen Möbeln geſprochen, als theils noth⸗ wendig, theils ſehr wünſchenswerth. Das war jetzt Alles außer Frage, und vor der Hand mußte die Einrichtung von Novantia ebenſo wie die Ruine ein Fragment bleiben, nur leider breitete ſich kein maleriſcher Schleier von Epheu über ihre Unvollſtändigkeit. 138 Als er zu dieſem Entſchluß gekommen war und ihn noch einmal erwog, that er es mit einer gewiſſen Herzbeklemmung. Es giebt noch andere Dinge als ſündige Freuden, an welche man nicht mit Ruhe, wenigſtens nicht mit behaglicher Ruhe denken kann. Das merkte Mr. Francis, als er eben ſeine Pflicht erfüllt hatte, und nun ſich hinſetzte darüber nachzu⸗ denken. Wie unangenehm würde es ſein, wenn man ihn nach dem Grunde ſeiner Einſchränkungen fragte, und das war noch das Mindeſte der veränderten Verhältniſſe. Als Student, als Geiſtlicher hatte es ihm eine ſtille aber große Befriedigung gewährt, daß die Kirche ihm nur ein Beruf, keine Erwerbsquelle war; keine niedrige Selbſtſucht, kein Eigennutz, keinen Schacher mit heiligen Dingen brauchte er ſich bisher vorzuwerfen. So lange er ſich geſagt hatte, daß er im Dienſt der Kirche mehr gab und verausgabte, als er empfing, kam er ſich wie ein Ritter vor, erſchien er ſich würdiger. Jetzt war es mit der Ritterſchaft zu Ende, er war plötzlich unter das Dienſtperſonal herabgeſunken, und das war ihm widerwärtiger als die leeren Zimmer und er konnte es noch weniger als das andere ſeinen Bekannten erklären. Eines allein war ihm lieb, nämlich daß er bei Zeiten weiſe geweſen und den feſten Entſchluß gefaßt 139 hatte, nur an Miß Hope's Freundſchaft— nicht an mehr zu denken. Wäre das nicht geweſen, um wie viel qualvoller würde ſeine Lage jetzt ſein. Wenn er ſeine Befriedigung darüber doch gegen Jemand hätte ausſprechen können, gegen Beſſy oder David Groats; aber Keinem von beiden konnte er die Gefahr klar machen, in welcher er geſchwebt, ſo würden ſie auch die glückliche Rettung, die ihm noch rechtzeitig zu Theil geworden, nicht begreifen können. Als Mr. Francis dies Alles bedachte, während er im Obſtgarten auf⸗ und abging, wunderte er ſich, daß man ſich ſo elend fühlen könne, wenn man ſich eben klar gemacht, man habe allen Grund glücklich zu ſein. Zwölftes Kapitel. E 8 F die Gärtner, Waldhüter und anderen Ar⸗ S beiter auf dem Gute gab es kein beſſeres Zeichen von der Rückkehr der Herrſchaft, als Mr. For mit den Händen in den Rocktaſchen in dem Park ſpazieren zu ſehen; das bewies die Anweſenheit der Familie noch deutlicher als das Wehen der roth und weißen Flagge auf dem Thurm. Sinnigeren Gemüthern war es zugleich ein erfreuliches Zeichen, denn man wußte, daß Mr. Fox arm wie eine Kirchenmaus ſei und doch kam er zuerſt, blieb bis zuletzt und war der will⸗ kommenſte von allen zahlreichen Gäſten. Bewies das nicht deutlich wie gütig Lord Layton und die Lady wären? Denn es fiel den einfachen Leuten nicht ein, die ſtets viele Wohlthaten von Lord Layton empfangen hatten, daß es zugleich auch ein Beweis war, daß Mr. For kein ganz übler Menſch ſein müſſe. 141 Mit jedem Herbſt ging Mr. Fox ſinnender zwiſchen den Beeten und Sträuchen umher. Das hätte eigent⸗ lich eine ſehr niederſchlagende Beſchäftigung ſein müſſen, denn viele der Gegenſtände, über die er dann nach⸗ dachte, waren geeignet ihn ſchwermüthig zu ſtimmen. Allein er beſaß ein unverwüſtlich heiteres Temperament und da ſeine Bedürfniſſe verhältnißmäßig anſpruchs⸗ los waren, und ſeine Erwartungen wenigſtens jetzt ziemlich beſcheidene geworden, ſo fühlte er ſich in ſeinem ariſtokratiſchen Müſſiggang, in ſeiner be⸗ ſchränkten Lage durchaus nicht unglücklich. Vor vielem Unheil, in das ihn ſein müſſiges Leben und ſchlaffer Charakter hätte bringen können, hatte ihn eine gewiſſe geiſtige Feinfühligkeit bewahrt, denn ſcharfer Verſtand ging ihm ab. Er beſaß eine an⸗ geborene Vorliebe für das Gute und Schöne; er ehrte es und wo er es in Menſchen fand, beugte er ſich unwillkürlich vor ihm. Auch beichtete er in unbe⸗ fangendſter Weiſe ſeine Fehler, ſeinen Mangel an einem Beruf, wie an Vermögen. Er, der nie ordent⸗ lich gearbeitet, nie einen feſten Plan länger als einen halben Tag verfolgt, war jetzt in reiferen Jahren nicht mehr geignet einen Beruf zu ergreifen, er ge⸗ hörte aber nach Sunbury als menſchliches Unkraut unter die koſtbaren Treibhauspflanzen. Vor dem 132 Diner pflegte er am häufigſten unter ihnen zu ver⸗ weilen, dann hatte er einen Zweck: die Zeit bis zum Anziehen hinzubringen. Sinnend und rauchend ging er auf und ab, und ließ nicht aus Wiſſensdurſt, ſondern nur zum Zeitvertreib, die Augen auf den Namensſchildern an den Blumen ruhen. Die Blumen waren aus allen Weltgegenden und ſo gingen ſeine Gedanken mehr in die Breite als in die Tiefe. „Japonika— ja, dahin hätte ich damals als Attaché gehen können. Die Diplomatie iſt gar kein ſo übles Handwerk. China iſt nicht weit von Japan, dahin wollte mich Onkel Ned, der alte, brummige Contre⸗Admiral mitnehmen. Neuſeeländiſcher Flachs, ſieh, ſieh! Wie gut Vetter Gottfried dort fortgekommen iſt, ich wahrſcheinlich auch, wenn ich mir die Mühe genommen hätte anzufangen. Ob's jetzt noch Zeit wäre? Und wenn man dann mit einem Sack Geld nach Hauſe käme, könnte man in Laighlea anfragen, ob Hetty noch zu haben wäre. Schwerlich— die wird fort ſein ehe man nur bis nach Neuſeeland kommt. Ach, Hispanienſis— wenn ich Dich ſehe, dann denke ich immer daran, daß ich beinah Wein⸗ händler geworden, ſo übel wäre es freilich nicht ge⸗ weſen.“ Wenn Mr. For's botaniſche Betrachtungen auch ohne allen wiſſenſchaftlichen Werth waren, dienten den ien ine als kein an, nige chs, men ühe Zeit Held gen, die land ſehe, ein⸗ ge⸗ ngen nten 143 ſie doch dazu die Zeit bis zum Diner hinzubringen. Zu Tiſch waren heute alte und neue Bekannte von Mr. Fox geladen, unter erſteren Hope's, Hetty in weißer Seide mit roſa Schleifen, unter letzteren Mr. Francis und ſeine Schweſter. Mr. Francis hatte Vormittags mit Beſſy einen Beſuch in Laighlea ge⸗ macht, und die Damen ſprachen auf der Fahrt nach Schloß Sunbury über die neue Bekanntſchaft mit einem ſich nicht erſchöpfenden Eifer. Sie waren ganz überraſcht und fanden ſie eine durchaus eigenartige Erſcheinung, nicht weil ſie wunderlich und originell, ſondern weil ſie einfach und originell ſei. „Der vollkommene Typus einer Brünetten,“ ſagte Beatrice zum dritten Mal. „Und dieſe dunkelgrauen Augen! ich weiß ihnen nichts zu vergleichen, als den kleinen Teich im Garten, wenn ihn die Sonne am Nachmittag trifft und das Waſſergekräuſel und die Sonnenſtrahlen ſo in einander ſpielen, daß man ſie nicht unterſcheiden kann.“ „Ich kenne Jemand, der eben ſolche Augen hat,“ verſicherte Beatrice. „Wer iſt das?“ frug Hetty. „Ihr Bruder.“ „Ihr Lachen gefällt mir noch beſſer als ihre Auzen,“ meinte Mrs. Hope,„es iſt ſo fröhlich.“ 144 „Wie groß ſie iſt!“ bewunderte Hetty. „Und wie anmuthig. Nicht allzu ſchlank oder gar feſt geſchnürt, aber jede ihrer Stellungen und Be⸗ wegungen iſt vollendet.“— „Wie ſie den Kopf trägt!“ fuhr Beatrice fort, „und ſo ungefähr läßt ſie den Arm herunterhängen; es iſt gar nicht leicht, etwas ſo Natürliches nach⸗ zumachen.“ „Ihr werdet auch bemerkt haben, daß ſie ganz ſicher, aber gar nicht vorlaut iſt, ganz frei von aller Schüchternheit,“ ſagte Mrs. Hope.„Sie gleicht auch darin ihrem Bruder.“ „Ich bin neugierig, wie es ihr in Sunbury gehen wird,“ ſagte Beatrice.„Sie wird gewiß ge⸗ fallen. Aber wie ſchade, daß ſie nicht immer hier bleibt, nur ein halbes Jahr. Könnte ſie nicht bei uns wohnen?“ „Liebe Beatrice, wir können ſie ihrem Bruder doch nicht gleich fortnehmen.“ „O, Mr. Francis käme gewiß gern mit, das wäre noch beſſer. Dann könnte er und Hetty immer Mary Reid beſuchen und Charles Romain, Beſſy und ich ſpazieren reiten. Was für ein Ver⸗ gnügen!“ u1 6) eit we au ſei die die y ge⸗ ier bei s tty in, er⸗ 145 Hetty ſchwieg, ſie fuhren eben durch das Gitter und nickten David Groats zu; dann fragte die ältere Schweſter, ob Beatrice„ihre Alleebeklemmung habe?“ Beatrice pflegte zu ſagen, daß ſie in der Allee immer eine beſondere Beklemmung fühle, wenn ſie nicht wiſſe, was für Geſellſchaft ſie treffen würde. „Ja, ein Bischen; denn ich weiß nicht wer außer Mr. Francis und ſeiner Schweſter noch da ſein wird; hoffentlich nicht die abſcheulichen Argalls, die kann ich nicht ausſtehen.“ „Beatrice, Argalls ſind nicht abſcheulich,“ ſchalt die Stiefmutter;„ſie ſind ſehr freundlich zu uns ge⸗ weſen; es ſind zuvorkommende und fromme Leute. Es wäre ſehr unrecht, wollten wir undankbar für ihre viele Güte ſein.“ Es war eine zahlreiche, glänzende Geſellſchaft in Sunbury verſammelt, darunter Vater Argall und Sohn. „Mr. George Argall iſt ein ſehr merkwürdiger Menſch,“ ſagte Mr. For zu Beſſy Francis, die er zu Tiſch führte,„ein ſehr kluger Mann, hat fabel⸗ haftes Glück gehabt. Er iſt ein finanzieller Napoleon — ſo nannte ihn ein illuſtrirtes Blatt, das immer Bilder berühmter Männer bringt. Freilich ſagt man,“ ſetzte er leiſer hinzu,„er hätte ein großes Caird, C. M.„Lady Hetty“ Bd. I. 10 146 Stück Geld dafür bezahlt, aber ich glaube es nicht. Er iſt ein gutmüthiger Menſch und ſehr höflich.“ Mr. For war ſofort entzückt von ſeiner Dame, ſie war klug wie Miß Hope, das ſah man ihr gleich an, noch ehe ſie ſprach, aber die beiden Mädchen waren doch verſchieden, ſehr verſchieden. Obgleich Miß Hope klug war, hatte ſie ſo eine Art, Einen mit ihren ſchönen Augen anzuſehen, als ob man auch ſehr viel und etwas beſonders Kluges zu ſagen habe, und wenn Einem nun gerade nichts einfiel, wurde Einem manchmal ganz heiß, weil man ſie doch nicht warten laſſen wollte. Mit Miß Francis war es viel leichter, da riß die Unterhaltung gar nicht ab; ſonſt war es oft ſo langweilig, ein fremdes, junges Mädchen zu Tiſch zu führen, beſonders die vom Lande waren ge⸗ wöhnlich erſt ſo verlegen in Sunbury; davon merkte man bei ihr keine Spur. Des Pfarrers Schweſter hatte etwas eigenthümlich Anziehendes. Klug und witzig war ſie, und ſehr hübſch außerdem; wenn man ſolche Mädchen häufig in Auſtralien träfe, ſo lohnte es der Mühe dort hinzugehen. Lord Layton's zweiter Sohn, der Honourable Charles Romain, hatte zwar nicht den Vorzug gehabt ſich mit Miß Francis zu unterhalten, aber er war zu ähnlichen Schlüſſen wie Mr. Fox gekommen⸗ Mr. Romain hatte eben ſeine ſie 147 Studien in Chriſt Church beendet und wollte, wenn die Saiſon in Braidarden vorüber wäre, auf Reiſen gehen, um die Welt kennen zu lernen. Er und Mr. For waren große Freunde, und als ſie Abends im Rauchzimmer zuſammenſaßen und ihre Anſichten über die verſchiedenen Gäſte austauſchlen, fand ſich, daß ſie über Miß Francis derſelben Meinung ſeien. „Sie hatten ſie früher nie geſehen— nein, das wäre ja unmöglich geweſen?“ fragte Mr. Romain. „Aber man verkehrt doch mit ihr wie mit einer guten Bekannten. Dieſe Auſtralierinnen— ſie iſt freilich die erſte, die ich ſehe— ſind entzückend. Ich werde morgen einen Beſuch in Novantia machen um ſie wiederzuſehen.“ „Da begleite ich Sie, wenn Sie nichts dagegen haben,“ antwortete Mr. Romain, und der Vorſchlag wurde angenommen.„Was würden Sie denn ſagen, wenn Ihre frühere Flamme Hetty,— denn die auſtraliſche Schönheit ſcheint ſie bei Ihnen verdrängt zu haben— ſich herabließe, Mr. Richard Argall zu erhören? Sie merkten doch die zarten Aufmerkſam⸗ keiten, die er ihr widmete? Außerdem ſind Hope's nach Tintrae eingeladen und haben die Aufforderung angenommen.“ „Wann gehen ſie hin?“ fragte Mr. Fox mit 10* 148 der gewohnheitsmäßigen Reſignation in ſein unver⸗ meidliches Schickſal. „Am Ende der Saiſon, wenn in jedem Flügel des Schloſſes ein Herzog und ein halb Dutzend Grafen und eben ſo viele Miniſter im Mittelbau wohnen!“ Schloß Tintrae war der Herbſtaufenthalt von Mr. George Argall, Parlamentsmitglied für Hempton und Flaxtonburgh. Dieſer Herr ſaß bei Tiſch neben Mr. Hope, und eine lange Reihe von Jahrhunderten, verkörpert durch die Reihe lebensgroßer Ahnenbilder der Laytons und Romains, ſah herab auf ſeinen kahlen Schädel(den indeſſen eine graue, die Würde des Alters nachahmende Perrücke bedeckte). Obgleich Mr. Argall ein Emporkömmling war, ließ er ſich weder durch die von den Wänden herabblickenden Jahrhunderte, noch die mit ihm ſpeiſende und trinkende Vornehmheit imponiren. An dieſe Dinge hatte er ſich längſt gewöhnt. Obgleich ihm der Adel noch fehlte, genoß er aller Vorrechte, welche eine vornehme Stellung ſonſt verleiht; ſein unermeßlicher Reichthum hatte ihm den Zutritt bei Fürſten und Herzogen ver⸗ ſchafft, die wiederum ſein Haus beſuchten, er konnte ſich ſeinen Umgang aus den erſten Kreiſen wählen; mehr hätte ihm der Adel auch nicht zu gewähren vermocht. unl dieſ gal Tr Au Fr übe nu er Fr au m r⸗ nte ht. 149 Sein Sohn, Mr. Richard Argall, der Miß Hope zu Tiſch geführt, war den ganzen Abend über äußerſt zuvorkommend gegen ſie. Wenn er wirklich Abſichten habe, meinte Mr. Foy bei ſich, ſo ſei Mr. Argall junior eine ſehr annehmbare Partie, ſowohl in der Erſcheinung, wie in den pekuniären Verhält⸗ niſſen. Das meinte auch Mr. Francis, der zwar Mrs. Argall wenig kannte, deſſen Augen aber immer unwillkürlich nach der Richtung ſchweiften, wo Miß Hope und Mr. Argall ſaßen. Mr. Francis fand plötzlich dieſen liebenswürdigen jungen Mann weit unleidlicher als Mr. For, und begriff nicht, wie er dieſen anfänglich ſo hart habe beurtheilen können; es gab noch weit ſchlimmere Dinge als Bettelſtolz und Trägheit, nämlich ſolche Liebenswürdigkeit und ſolche Ausſichten wie ſie Mr. Argall beſaß. Dieſes ſchnelle und bittere Urtheil gewährte Mr. Francis nicht die Erleichterung, die ſolche Urtheile über Nebenmenſchen ſonſt zu geben pflegen. Auch nachdem er es wiederholt bei ſich erwogen hatte, fühlte er ſich immer noch ſehr unglücklich und ſelbſt die Fröhlichkeit der Schweſter vermochte es nicht, ihn auf dem Heimwege zu erheitern, ſondern machte die Sache womöglich noch ſchlimmer. „Weißt Du, Henry, ich dachte es würde ungefähr 3 —— 150 ſo ſteif und feierlich wie in der Kirche zugehen, nur daß Livréediener die Stelle der Küſter verträten.“ „Es freut mich, wenn es Dir gefallen hat, Beſſy.“ „Dir nicht, Henry? Iſt das möglich? Das be⸗ greife ich nicht; es mußte Jedem gefallen. Sie ſind ſo freundlich und zuvorkommend, daß man an die Vornehmheit gar nicht denkt, und ſo ungezwungen, daß man ſich mit ihnen gleich behaglich fühlt; ich glaube dieſe Ungezwungenheit iſt bei ihnen eine förm⸗ lich ausgebildete Kunſt. Was Jeremias für Augen machen würde, wenn er das Sprechen und Lachen in einer ſolchen Geſellſchaft hörte, es würfe alle ſeine Vorſtellungen von der engliſchen Verfaſſung, vom König, den Lords und den Gemeinen über den Haufen; denn ein Lord iſt ſeiner Meinung nach zwei Köpfe größer als alle andere Leute. Wie wünſchte ich auch, daß der Vater dageweſen wäre.“ „Warum?“ „Um Miß Hope die ſchottiſchen Lieder ſingen zu hören; wie tief und ſympathiſch ihre Stimme iſt, wie poetiſch die Muſik und wie muſikaliſch die Worte klangen. Mir ging ihr Geſang zu Herzen und wiegte mich wieder ſo ſanft, wie auf dem Schiff, und all⸗ mählich wird man davon ganz hingenommen. So mn en vei hte zu wie wte gte all⸗ So 15¹ ging es mir bei den melancholiſchen langgetragenen Tönen. Wäre ſie nicht ſo ſanft und ſinnend, ſo würde man denken, daß es in ihr geſtürmt haben müßte, um der Stimme dieſen Wechſel des Aus⸗ drucks zu geben. Sie iſt ein entzückendes Weſen.“ „Ich dachte eine entzückende Puppe, nicht, Beſſy?“ Dreizehntes Kapitel. ahel Carvie's bisherige Erwerbsquelle wurde SG ihr plötzlich durch die Hand der Vorſehung entzogen. Ihre ſeit Jahren kränkelnde Mutter, deren Tod jedesmal als nahe bevorſtehend angekündigt wurde, ſobald es galt das Intereſſe ihrer Gönnerinnen neu zu beleben, hatte endlich das Zeitliche geſegnet. Es iſt vielleicht ein deutlicher Beleg für das wohlthätige Geſetz der Ausgleichung, das in allen menſchlichen Verhältniſſen ſtattfindet, daß Krankheit, ein ſo ge⸗ fürchteter Gaſt unter den Armen, namentlich unter den Armen des armen Braidarden, für ebenſo vor⸗ 152 nehm als gefürchtet gilt. Man betrachtet die Krank⸗ heit gewiſſermaßen wie einen lange verreiſt geweſenen, vornehmgewordenen Verwandten, der ſich einmal wieder nach ſeiner Familie umſieht und dieſer für eine Zeit lang eine gewiſſe Bedeutung verſchafft. Man ſpricht davon, die Bekannten kommen, erkundigen ſich nach dem ganzen Verlauf und beſonders, wenn das Leiden gefährlich iſt, werden ähnliche ſelbſt erlebte oder wenig⸗ ſtens gut verbürgt ſein ſollende Fälle auseinander⸗ geſetzt. Der Prediger kommt mit abgezogenem Hut herein, dem Doktor wird aufgelauert, damit er zwiſchen zwei anderen Krankenbeſuchen noch einmal mit der Uhr in der Hand den Puls fühle; ein gebetseifriger Nachbar fragt, ob nicht ein paar Worte willkommen ſein würden, kneift, ohne die Antwort abzuwarten, die Augen zu und ſagt ſo viele unzuſammenhängende Bibelverſe her, als ihm gerade einfallen. Auch kommen wohlthätige, ſtark parfümirte Damen und ſprechen ſo flüſternd und beſorgt, als ob Jemand von ihrer nächſten Verwandtſchaft krank läge. Alle dieſe Dinge, beſonders wenn der Kranke ſehr alt oder ein kleines Kind iſt, das heißt nicht zum Unterhalt des Haus⸗ halts beiträgt, erhöhen gewiſſermaßen die geſellſchaftliche Stellung der Familie und gewährten ihr eine nicht ge⸗ ringe Befriedigung bei aller Sorge. Nicht als ob ht en ig⸗ er⸗ ut en 153 die Armen gefühllos wären; im Gegentheil, wer ſie kennt, weiß, daß ihre einfachen, ungeſchriebenen Annalen mehr Selbſtverleugnung enthalten, als die um derent⸗ willen Heilige und Märtyrer berühmt geworden ſind. Aber die Armen haben glücklicherweiſe nicht jene ver⸗ feinerten Gefühle, wie die Leute, die in weichen Betten ſchlafen und in großen, wohlgeordneten Häuſern wohnen. Sie ſprechen mit einem ſterbenden Angehörigen von ſeinem Tode, ſeinem Begräbniß, in einer Art, die uns verletzend erſcheint. Aber der Tod, das heißt der Verluſt von allen Dingen, bedeutet für ſie keinen ſo großen Verluſt, wie für diejenigen, deren Leben leichter und reicher war. Und außer ihrem Gefühl haben ſie auch ihre Neigungen und ſehen es gern, wenn man ihnen etwas Beachtung ſchenkt, ſelbſt wenn die Ver⸗ anlaſſung dazu eine ſchmerzliche iſt. Rahel Carvie war dafür ein lebendiges Beiſpiel. Der Mutter lange Krankheit war eine ſchwere Laſt, aber ſie wurde ihr vielfach erleichtert. Es hatte ihr manchen ſtillen Triumph bereitet, wenn Lady Layton ſelbſt kam und ſie ihrer treuen Pflege wegen lobte, der ſie auch in der vornehmen Dame Gegenwart un⸗ unterbrochen und mit geräuſchvollem Eifer oblag. Solche Beſuche verliehen ihr ein unverlierbares An⸗ ſehen in ihrem Kreiſe. Außerdem war der Mutter 154 Krankheit ihr thatſächlicher Broterwerb geweſen und zwar ein ſo reichlicher, daß auch ein Stück Fleiſch und Gläs Wein ſelten gefehlt. Der unerbittliche Tod hatte das Alles vernichtet und Rahel war ſehr be⸗ trübt darüber. Sie weinte bitterlich und ihr Schmerz äußerte ſich noch ebenſo heftig, als Mr. Francis ihr nach vierzehn Tagen einen Beileidsbeſuch abſtattete, wenigſtens beſtätigte dies Mrs. M'Rorie und mehrere andere zufällig anweſende Nachbarinnen.„Sie ſollen ſich nicht ſo zu Tode weinen, Rahel,“ ermahnte die Freundin,„da der Mutter ſo viel Ehre von den Herrſchaften erwieſen wird.“ Aber Rahel beweinte nicht nur die Vergangenheit, hatte ſie doch auch für die Zukunft zu ſorgen! Wo war ein neuer Brot⸗ erwerb zu finden? Dieſe Frage wurde in einer Weiſe gelöſt, die ſie nie hätte erwarten können, und die, das muß man ihr laſſen, anfangs wenig nach ihrer Neigung war. Lady Beſt, die Witwe des Sir Joſeph Beſt, eine Couſine von Hetty und Beatrice, die den Herbſt in Laighlea zuzubringen pflegte, hatte vor Jahren Rahel Carvie kennen gelernt. Lady Beſt, Mrs. Argall, Mrs. Corrypeel und Mrs. Slipper, Gattin des Reverend Thomas Slipper in Whiſtles und mehrere weniger vornehme, aber gleichfalls um das Seelenheil die an ar. ine in hel des 155 der Bewohner Braidardens beſorgte Damen, ſahen in Rahel die geeignete Perſönlichkeit für den Poſten einer Bibelfrau. Sie wußten, daß ſie beſchränkt und unwiſſend ſei, daß ſie dummes Zeug in ſehr un⸗ grammatiſchen Wendungen ſchwatze, aber ſie hielten ſie trotzdem für ſehr bibelfeſt, und hofften oder wünſchten, daß wie in früheren Zeiten, die Schwachen der Welt die Starken beſiegen ſollten. Vier Wochen nach dem Tode ihrer Mutter, wurde Rahel als Bibelfrau für die Gemeinde Illtafend angeſtellt, frei⸗ lich mit noch ſehr unklaren Begriffen über ihre neuen Pflichten. Die Urheberin dieſes Planes, allerdings nicht die ſichtbare Leiterin, war Mrs. Slipper, die früher einer ſtrengen Sekte angehörend und noch mit ge⸗ heimem Stolz darauf zurückblickend, mit geiſtlichem Hochmuth auf ihren gutmüthigen, leichtlebigen, aber wohlmeinenden Mann herab ſah. Sie hielt es für ihre Pflicht, ſeinen Mangel an kirchlichem Eifer zu ergänzen, ihm die Gemeindeangelegenheiten von Whiſtles möglichſt aus der Hand zu nehmen und es allen Theilen unbehaglich zu machen. Das wäre für eine gewöhnliche Frau genug zu thun geweſen, aber Mrs. Slipper war keine gewöhnliche Frau und wollte keine ſein, beſonders da ihr Vater ein kleiner Kaufmann 156 geweſen, bei dem Mr. Slipper als Student gewohnt hatte. Wodurch ſie ſich außer durch ihre ungewöhn⸗ liche Energie über ihren urſprünglichen Stand er⸗ heben wollte, das waren ihre genauen Beziehungen zu vornehmen Leuten. Lady Layton gehörte zu ihren entfernteren, aber hoch geſchätzten Bekannten, ebenſo Mrs. Argall und Lady Beſt. Der zeitweilige Aufenthalt von Lady Layton in Illtafend, war die Urſache, daß Mrs. Slipper für das geiſtige Wohl dieſer Gemeinde eine lebhafte Theilnahme empfand. Als ſie nun entdeckte, daß man ſich in der Wahl des jungen Geiſtlichen vergriffen habe, deſſen Cha⸗ rakter, Lehre und Verkehr,(damit war der Schul⸗ meiſter und David Groats gemeint) nicht ihrer Auf⸗ faſſung des Evangeliums entſprachen, ſo fühlte ſie ſich als Freundin von Lady Layton berufen, dem Uebel abzuhelfen. Es wurde ihr nicht ſchwer, den gleichen Eifer für den wahren Glauben den anderen Damen mit⸗ zutheilen und die Folge langer Berathungen, ſchriftlich und mündlich, war Rahel Carvie's Anſtellung als Bibelfrau. Anfangs ſchreckte dieſe vor der ange⸗ votenen Stelle zurück. Wie viele beſſere Leute, war ſie ſich ihrer eigenen Mängel deutlich bewußt, und beſonders ihrer religiöſen Unzulänglichkeit. Obgleich N S— X 157 ſie immer im Verkehr mit Höhergeſtellten ſo viele Bibelverſe als möglich angeführt hatte, weil ihr dies bei feierlichen Gelegenheiten die paſſendſte Ausdrucks⸗ weiſe ſchien, wußte ſie doch, daß ſie von den zwei Klaſſen, in die ſich die Menſchen theilen, den reli⸗ giöſen und nicht religiöſen, entſchieden zu letzteren gehöre. Dazu hatte auch ihr bisheriger Verkehr bei⸗ getragen, und jetzt wünſchte ſie, daß ihr früheres Leben entweder ein religiöſes geweſen oder ihr neues Amt ein weniger religiöſes wäre. Indeſſen da die Damen ſie ein⸗ mal dazu ausgewählt hatten, ſchien es ihr unmöglich, ihnen aufrichtig die Wahrheit zu ſagen, und da ſich ihr kein anderer Lebensunterhalt bot, ſo beſchloß ſie den ihr, wie ſie ſagte, von der Vorſehung gewieſenen Weg zu wandeln. „Ja,*S iſt ein eigen Ding,“ ſagte ſie zu einem Kreiſe von Bekannten, der ſich theils noch aus Veran⸗ laſſung des Trauerfalls, theils wegen ihrer neuen Ernennung um ſie verſammelt,„alle Tage was zu thun, was eigentlich'ne Sonntagsbeſchäftigung iſt. So viel Ehre von den Herrſchaften— ſie waren zwar immer gut zu Muttern und mir— habe ich doch nicht erwartet,“ dabei wiſchte ſie ſich die Augen mit dem Schürzenzipfel.„Was würde Mutter ſtolz drauf ſein, und hätte ſie's noch erlebt,'s hätte ſie vielleicht noch beim Leben erhalten, denn was ich ihr an Neuigkeiten oder guten Biſſen aus den vornehmen Häuſern brachte, hielt ſie immer für'n Weile hin;“ dann aber ſchluchzte ſie wieder hinter der Schürze: „zu ihren Lebzeiten brauchte ich freilich nicht mit Bibeln und Traktätchens und Heftpflaſter von Haus zu Haus zu gehn.“ Letzteres Mittel war ihr von Mrs. Corrypeel für dringende Fälle übergeben worden. „Immer den Kopf oben halten, Mädchen,“ er⸗ munterte eine Nachbarin,„dafür kommſt Du jetzt auf alle Begräbniſſe und Einſargungen, ſo gut wie der Paſtor.“ „Der Paſtor geht lieber zum alten David Groats als auf Leichenfeiern,“ ſagte eine Andere, die ſich vergebliche Hoffnungen auf die Pförtnerſtelle gemacht hatte.„Der Alte iſt rein toll.“ „Wirklich!“ fragten die Uebrigen, denen ſtets die ſchlimmſte Nachricht die willkommenſte war. „Ja, er geht im Mondſchein'rum, wie ein Ver⸗ rückter und lacht und red't mit ſich. Er iſt ganz unheimlich und die Leute ſagen auch er wär'n Aus⸗ länder. Schwarz genug ſieht er dafür aus, und wenn 159 hr er hinter'm Gitter ſteht und Einen mit ſeinen funkeln⸗ 8 den Augen anſieht, denkt man, er iſt ein wildes Thier, 6 das auf Einen losſpringen will. Wo er her iſt, 6 weiß auch Keiner und ich meine immer er hätte'mal i was verbrochen und darum aus ſeiner Heimath fortmüſſen.“ r Da Rahel ihre Miſſion in bieſer Weiſe und ohne geiſtige Hülfsmittel begann, auch ohne jene Be⸗ geiſterung oder jenen Glauben an ſich ſelbſt, der manche er⸗ andere Mängel ergänzt, ſo konnte man von ihrer etzt 6 Wirkſamkeit keine großen Erfolge erwarten. Aber vie wie unter ihren Bekannten machte die Sache in der ganzen Gegend viel Aufſehen. In Laighlea war man id ſehr erregt darüber, denn Mrs. Hope hatte von den ere, hauptſächlich betheiligten Damen etwas über den eigentlichen Zweck der Maßregel erfahren. „James Wright hat diesmal Recht,“ ſagte Miß Hope;„zwar iſt er ſonſt manchmal hart und unge⸗ recht, aber Rahel Carvie iſt eins der einfältigſten nſte und beſchränkteſten Frauenzimmer in der ganzen Ge⸗ meinde. Wie kann Charlotte und Mrs. Slipper ſie ber⸗ anſtellen, noch dazu halb als Miſſionärin, halb als anz Spionin.“ lus⸗„Sage lieber ganz als Spionin und gar nicht als Miſſionärin,“ ſagte Beatrice. „Das thut mir ſehr leid,“ meinte Mrs. Hope, welche die Sache anfänglich nicht ſo aufgefaßt hatte, „ganz unbeſchreiblich leid, aber Charlotte ſchreibt doch, es wären jetzt überall Bibelfrauen angeſtellt, und wir brauchten hier dringend eine, denn unſere Armen wären gar zu unwiſſend und vernachläſſigt.“ „Ich würde noch nichts ſagen, wenn Leute Gutes, ſelbſt auch auf unverſtändige Weiſe zu thun ſuchten; aber das iſt mir unerträglich, wenn ſie nichts Gutes zu thun vermögen, ohne einem Anderen erſt eine Menge Uebeles nachzuſagen, und wenn ſie noch dazu von weit herkommen, um uns dieſe unerbetenen Wohl⸗ thaten zu erweiſen.“ Hetty drehte ſich nach dem Fenſter, um die auf⸗ flammende Röthe zu verbergen, und Mrs. Hope meinte ihr ſchönes Geſicht nie ſchöner geſehen zu haben. Der Zorn gab ihren Zügen einen neuen prächtigen Ausdruck, aber er war ihr doch ſo fremd, daß die Mutter darüber erſchrak. Sie ſah Beatrice an, nickte und gab der Unterhaltung eine andere Wendung. Hetth fing an das zu thun, was ihr früher an Mrs. Slipper mißfallen. Sie hatte ſonſt nichts Böſes von den Leuten denken können, jetzt lernte ſie es. Dies war noch dazu dem Einfluß des Lehrers zu⸗ „ S— mn es . u⸗ 161 zuſchreiben, den die Vorſehung und Lord Layton den Damen in Laighlea zugewieſen hatte. Als Lehrer und Leiter hatte er über die Familie und namentlich über ſie einen Einfluß und eine Macht gewonnen, die ihn mehr als befriedigt haben würde, hätte er ſie gekannt, oder die ihn vielmehr beunruhigen mußte. Denn da er ſich ſelbſt durchaus nicht für unfehlbar hielt, wünſchte er auch keineswegs von anderen dafür gehalten zu werden. Seine Predigten über„unbeſchränkte Haft⸗ barkeit, wie Mr. Ogg ſich ausdrückte, erſchienen ihr ebenſo neu und begeiſternd, wie ſie Mrs. Corrypeel entſetzten. Doch neuer und ſeltſamerweiſe noch an⸗ ziehender war ihr der bittere Spott, den er über alle Scheinheiligkeit und Heuchelei in der Religion wie im Leben ausgoß, jene Verachtung aller Unwahrheit, die einen Theil ſeines Weſens ausmachte und die darum ſo häufig zu Tage trat. Die Ehrfurcht und Bewunderung, welche man für diejenigen empfindet, die uns nicht allein das Leben durch ihre Gegenwart verſchönern, ſondern die uns die Welt auch kennen und genießen lehren und die ſie uns dadurch noch erweitern, bereichern und verklären, dieſe verehrende Zuneigung fühlte Hetty ſchon jetzt für Henry Francis. Sie lernte Stimmungen und Gefühle kennen, welche erſt die Sympathie für ihn in ihr erweckte; dieſe Caird, C. M.,„Lady Hetty“ Bd. 1. 11 162 waren ihr ebenſo anregend als neu und das Leben erhielt dadurch einen erhöhten Reiz für ſie. Die Atmoſphäre allgemeinen unterſchiedsloſen Wohlwollens, in der ſie gelebt und in der zu leben ſie für ihre Pflicht gehalten, hatte ſie Alles in einem unrichtigen Lichte ſehen laſſen, das Gute wie das Böſe, und ihren Geſichtskreis beſchränkt. Man war ſich des Edlen und des Guten um ſo viel bewußter, wenn man ſich die Freiheit nahm Gemeinheit und niedrige Geſinnung zu verachten. Man fühlte, daß es wirklich eine Wahrheit gäbe, wenn man wie Mr. Francis ſich erhob, um ihr Gegentheil und ihr Trugbild herunter zu reißen, wie allgemein anerkannt und täuſchend dieſes auch ſein mochte. Vierzehntes Kapitel. ſt Francis vermochte Schmerz beſſer zu tragen S als weniger empfindliche Menſchen. Er wollte etwas nicht halb thun oder halb leiden; mußte er unglücklich ſein, beſſer wenn er es dann gleich ganz und gar war. Da es richtiger ſchien Laighlea mehr zu meiden, wollte er es lieber gänzlich aufgeben. Das that er und fand eine ſeltſame Befriedigung in der Betrachtung, was für eine ſchwere Ueberwindung es ihn koſte, ſeltener hinzugehen. Es war recht, das Haus nicht zu beſuchen, und es iſt gut das Rechte zu thun; aber noch beſſer oder wenigſtens befriedigender als dies war das Bewußtſein ſeines bitteren Schmerzes — da er doch nicht unausſprechlich glücklich ſein durfte. Während er aber, um genügend unglücklich zu ſein, ſich den Verkehr mit Laighlea verſagte, ſorgte 11* 164 er dafür, daß ſich ſeine Schweſter deſſelben erfreute, und in Folge deſſen waren Hope's häufig zu Gegen⸗ beſuchen am Nachmittag in Novantia. Bei dieſen Gelegenheiten,— Mr. Francis war freilich häufig abweſend, denn er hatte ſich in die Arbeit geſtürzt, wuchs die genaue Bekanntſchaft zwiſchen den beiden Familien ſehr ſchnell, beſonders durch Beatrice's An⸗ ſtrengungen. Sie war ſtets voll von Fragen über Beſſy's Heimath, die Beatrice um der Freundin willen liebte und bewunderte; ſie fragte nach dem Vater und Jeremias Tippett und machte dafür ihrerſeits manche intereſſante Mittheilung über Hetty, ihre Eltern und Verwandten bis in das zehnte Glied und die höchſten Kreiſe der Ariſtokratie hinein. Beatrice wurde nicht müde ſich von Beſſy erzählen zu laſſen, wie ſie als Kind ohne weiße Spielgefährten ſich unter den Kindern der Eingeborenen getummelt habe, deren Lager in der Nähe der Anſiedlung war, wie ſie die Speiſe und die Spiele der ſchwarzen Kinder getheilt und ihre Sprache ſo gut, oder beſſer als das Engliſche geredet. Beſſy's Erzählungen von Zügen der An⸗ hänglichkeit von Seiten der Eingeborenen, der Ge⸗ lehrigkeit, die ſie im Dienſt derjenigen bewieſen, welchen ſie wohlwollen, liebte Beatrice wie Märchen, denn ſie machten ihre Freundin zu einer Art von 165 Märchenprinzeſſin. Wie hätten auch die Schwarzen anders gekonnt, als Beſſy zu lieben? Sie war ſo ſtrahlend und gut wie die Bilder von Rebekka am Brunnen und Eſther vor Ahasver, die man ſo oft in Wohnzimmern hängen ſah. Hetty konnte Beſſy's Fröhlichkeit, die Beatrice ſtrahlend nannte, nicht recht begreifen. Woher ent⸗ ſprang ſie? Denn ſie war weder Leichtſinn noch Ober⸗ flächlichkeit, noch weniger war ſie eine erhabene oder gar überſpannte Frömmigkeit, denn Beſſy ſprach we⸗ nig über religiöſe Angelegenheiten. Auch wäre man nicht darauf gekommen ſie einen Engel zu nennen, obgleich ſie wohlthätig wie einer wirkte; es ſpielte dafür zu viel Heiterkeit um Mund und Augen. Aber Beſſy las und dachte für ſich über das Geleſene oder Geſehene nach, wie wenige Damen. Wenn Hetty aber ihren eigenen Gedanken nachhängen wollte, da kam ihr ſo Vieles in den Sinn, ſo vieles Beunruhigende darunter, und es war ſo ſchwer die Gedanken klar auszugeſtalten. Lag vielleicht das Geheimniß von Beſſy's äußerer und innerer Fröhlichkeit in den Um⸗ ſtand, daß ſie entweder ſolche Gedanken nicht hatte, oder Jemand beſaß, dem ſie ſie mittheilen konnte? Hope's waren nicht die einzigen häufigen Be⸗ ſucher in Novantia. Mr. For hatte am Tage nach 166 dem Diner in Sunbury ſeinen Beſuch abgeſtattet und war von Mr. Francis, der ſich über ſein voreiliges Urtheil immer noch Vorwürfe machte, ſehr herzlich empfangen worden. Von Beſſy, die er im einfachen Hauskleide noch reizender, als in der weißen Atlas⸗ toilette fand, war er ſo entzückt, daß er den Beſuch bald wiederholte und ein täglicher Gaſt wurde. Der junge Mr. Romain begleitete ihn und brachte ſeine Schweſter Lady Cecilia und Lady Mary mit. In ihren Briefen an den Vater ſchilderte Beſſy alle dieſe Beſucher und oft ſehr humoriſtiſch; ſie ſtellte dabei Mr. Fox, wahrſcheinlich als den älteren Mann, in den Vordergrund. Die glücklichſten Stunden aber waren diejenigen, in welchen die ganze Geſellſchaft von Novantia oder Laighlea aus zu Pferde, bald ſeewärts, bald über die duftige Haide ritt. Mr. George Fox merkte bald, und Mr. Romain ſofort, daß Beſſy dieſelbe Natürlichkeit und Unbefangenheit zu Pferde zeigte, die Mrs. Hope an ihr auch im Salon bewundert hatte. Sie plauderte, lachte, geſtikulirte mit den Händen, redete ihrem Pferde gut zu, wendete es zu Mr. Romain oder ihren Begleiterinnen zurück und dabei blitzten die weißen Zähne und munteren Augen, daß Beatrice immer lebhafter an Eſther oder Rebekta erinnert wurde— freilich zu Pferde. 167 Bei der Rückkehr von dieſen Nachmittagsaus⸗ flügen fragte Mrs. Hope häufig, ob Mr. Francis auch dabei geweſen ſei. Es war ihr aufgefallen, daß er immer ſeltener nach Laighlea kam, oder wenn er da war, nur kurze Zeit blieb. Sie wiſſe den Grund davon, meinte ſie, er könne ſie nicht täuſchen: ſie hätte ihn ſogar ein paar Mal, leider vergebens, gewarnt. Er war einer von dieſen aufopferungs⸗ freudigen jungen Männern, die ſich in der Jugend zu Tode arbeiten, reine Märtyrer aus ſich machen. Als er gekommen, war er vielleicht etwas gar zu heiter und lebensluſtig geweſen. Wie viel Scherz hatten ſie ſogar mit ernſten Dingen getrieben, daß Hetty manchmal die Thränen über die Wangen ſtrömten. Jetzt war er ganz verändert, ſein Beruf, den er doch erſt ſeit Kurzem ausübte, ſchien ſeine Geſundheit ſchon erſchüttert zu haben, und doch klagte er nicht über Uebelbefinden. Es war allerdings eine ernſte Sache, für eine ſo große Gemeinde zu ſorgen, in der es ſo viel Noth und Unwiſſenheit gab. Er hatte jene Warnung mit einem Scherz abgelehnt, aber ſie ließ ſich dieſe Anſicht nicht ausreden, nun ſie ihn näher kannte. Man fand es ſeltſam, daß von Natur ſo heitere und lebendige Menſchen ſo eifrig in ihrem Beruf zu ſein pflegen. Aber im Grunde habe ſie es auch nicht anders von ihm erwartet, denn ſelbſt in ſeinen Scherzen ſei immer Ernſt geweſen, nun werde er ſich aufreiben, ehe er ein Jahr hier ſei. Warum nicht arbeiten und ſich dazwiſchen einige Erholung gönnen? warum konnte er ſie zum Bei⸗ ſpiel nicht wie ſonſt in Laighlea beſuchen? Ihre Töchter gefielen ihm, das wußte ſie ganz gut; er mußte auch ſehen, wie begabt Hetty ſei. Ja, er be⸗ wunderte ſie ſichtlich, erzeigte ihr früher ſo gern kleine Gefälligkeiten, ſchrieb ihr Noten ab, machte Ueberſetzungen für ſie und kritiſirte ihre Zeichnungen. Warum kam er denn nicht mehr, ſeit ſeine Schweſter da war? Sie verlangte jetzt mehr als je nach Unter⸗ redungen mit ihm, denn er ſagte ſo ſchöne Dinge in ſeinen Predigten, man hörte ſie ſo gern, ſchon ſeiner wohltönenden Stimme wegen, aber es war ſo vielerlei und ſo vieles Neue darin, über das ſie nähere Auf⸗ ſchlüſſe wünſchte. Konnte er in dieſer Beziehung nicht auch zu weit gehen? Mußte man nicht eine gewiſſe Grenze bei dem Neuen innehalten, damit man in der Wahrheit blieb? Obgleich Mr. Francis jetzt zu beſchäftigt zu ſein behauptete, um nach Laighlea zu kommen, hielt er doch den Verkehr mit dem Schulmeiſter und David Groats aufrecht, und wenn er ein paar Tage nicht im te 169 Pförtnerhaus geweſen war, ſahen die beiden Alten es für eine Aufforderung an, in der Abtei vorzu⸗ ſprechen. Sie wurden von den Geſchwiſtern ſtets ſo herzlich empfangen, daß ſich in Mr. Ogg der Ge⸗ danke regte, es könnten Abſichten vorhanden ſein, die ſeiner Eitelkeit außerordentlich ſchmeichelten. Er ver⸗ ehrte Miß Francis ein Exemplar ſeiner„Gedichte,“ die zwar eine Widmung an Miß Hope enthielten und die er deshalb erſt ausſchneiden wollte. Schließ⸗ lich aber begnügte er ſich nur damit, um Mißver⸗ ſtändniſſe zu vermeiden, ſie darauf aufmerkſam zu machen, daß man dieſe Widmung nicht ganz wörtlich nehmen und ſie nur als poetiſche Licenz auffaſſen dürfe. Für Beſſy war David Groats ein alter Bekannter; durch des Bruders Briefe hatte ſie ſeit Jahren von ihm gehört. David war dankbar, daß er mit Beſſy nicht erſt in der herkömmlich ſteifen Weiſe Bekannt⸗ ſchaft zu machen brauchte, ſondern nahm ſie gleich in ſein väterliches Vertrauen und ſchloß ſie in ſein liebevolles Herz ein. „Gott erhalte ihr hübſches Geſicht,“ ſagte er, an der Seite des Schulmeiſters nach Novantia humpelnd. „Sommer und Winter ſollen nicht aufhören unter der Menſchheit, ſie iſt ſo ein Stück von reinem 170 Sonnenſchein, es freut mich, daß ſie hier iſt, wäre ſie's doch von Anfang an geweſen.“ „Freilich!“ ſagte der Schulmeiſter und wurde roth. „So viel iſt klar, der Paſtor braucht ſie. Er iſt nicht mehr derſelbe wie vor ſechs Monaten, geſchweige denn vor ſechs Jahren. Damals, Schulmeiſter, hätten Sie manchmal gewiß Luſt gehabt mich und ihn durch⸗ zuhauen, die erſte und zweite Jugend, ſo ausgelaſſen warenwir, denn wahrhaftig, ne ſchöne Abendbeleuchtung, eine Blume oder ein Gang in's Holz konnte ihn außer ſich vor Entzücken bringen und mich auch. Na, nur nicht gleich zur Ruthe greifen, Schulmeiſter! er ſang wie'ne Lerche und tanzte! Ja, getanzt hat er! Er und die Schweſter haben dieſelben Augen und daſſelbe Lächeln— ja, das Lächeln, was er dazumal hatte.“ „Ein reizendes Lächeln!“ ſagte der Schulmeiſter, den Mund ſpitzend.„Ganz reizend!“ „Wenn ich ihn jetzt ſehe, beſonders wenn er zu mir kommt, denn zu Hauſe nimmt er ſich zu⸗ ſammen, iſt er ernſter und ernſter. Sonſt würde ich meinen er nähme die Farbe von ſeinem Handwerk an, wie's die Hände von den Färbern thun, aber ich argwöhne eine andere Urſache.“ „Was denn für eine?“ „Eine, die wie der Glaube Berge verſetzen kann,“ antwortete David feierlich,„und die noch mehr kann, denn ſie iſt noch größer als der Glaube, die da Berge ſchafft und aufthürmt, wo keine ſind.“ David und Miß Francis unterhielten ſich bei dieſen Beſuchen viel über Miß Hope, die den Alten beinah täglich beſuchte; manchmal trat ſie nur für einen Augenblick herein, zu anderen Zeiten für einen guten, langen Schwatz, wie ſie es nannte. „'s mag zu dreiſt ſein, wenn ich's ſage, Miß Francis, aber wenn Lady Hetty nicht eins von Gottes lieblichſten Geſchöpfen iſt, dann wäre ſie eins von den lächerlichſten. Giebt's doch genug einfältige Frauen⸗ zimmer mit hübſchen Lärvchen— ſie mögen es mir verzeihen, daß ich's hinter ihrem Rücken ſage,— denn für die Männer, die ſie heirathen, ſind ſie auch wohl noch lange klug genug; aber Miß Hope hat ein ſo ſüßes Geſicht, und wenn dahinter nicht auch Ver⸗ ſtand wohnte, und ſie eine von den thörichten Jung⸗ frauen wäre, von denen der Paſtor neulich ſprach, dann wäre ſie rein lächerlich.“ „Ich glaube ihr Geiſt iſt noch weit außerge⸗ wöhnlicher, als ihr Geſicht; ſie kann Alles und mit Geſchick und Geſchmack dazu. Aber die Mutter und Schweſter ſagen, ſie mache ſelten etwas fertig, laſſe 172 ihre Malergeräthſchaften ſtets in der reizendſten Un⸗ ordnung liegen, und frage dann immer, ob es noch ein ſo unvernünftiges Weſen gäbe als ſie.“ „Darum will ich ſie nicht ſchelten,“ warf David ein,„pedantiſche Leute ſind ſelten gute Künſtler.“ „Bis zu ihrem Tode hat mich meine Mutter allein unterrichtet, dann habe ich eine Zeit lang eine Schule beſucht; und was ich von Bildung beſitze, wenn man das ſo nennen kann, habe ſch durch Leſen mit meinem Vater, durch eigenes Nachdenken und durch den Briefwechſel mit Henry und mit ein paar Verwandten, erworben. Ich meinte, jedes, in einer guten, engliſchen Penſion erzogene Mädchen wiſſe Vieles, was mir abging; aber von einem ſolchen Weſen wie Miß Hope hatte ich doch keine Vorſtellung. Ihre Schönheit kommt gar nicht einmal in Betracht, die hat ſie vielleicht geerbt von der Urahne, die einſt an der Thür des Bauernhauſes ſtand und ihren ritterlichen Vorfahren bezauberte. Hübſche Geſichter ſollen ſich vererben, nicht wahr?“ „Mag ſein, daß ſich ein hübſches Geſicht ver⸗ erbt, ſchwerlich aber das, was ihre Erſcheinung ſo anziehend macht.“ „Jedenfalls hat ſie die Schönheit mitbekommen, ſie mochte wollen oder nicht, aber denken Sie was men, was 173 und wie ſie Alles thut. Sie macht ganz wunder⸗ hübſche Verſe; Beatrice zeigte mir eine Menge davon, und ſie zeichnet wie eine Künſtlerin.“ „Auch Köpfe?“ fragte David. „Ja und ſo charakteriſtiſche noch dazu.“ „Da ſollte ſie den Schulmeiſter zeichnen, wie er ihr gegenüberſitzt und ſie bewundert und ſich heimlich einbildet, ſie bewunderte ihn auch. Der Kopf könnte das größte Meiſterwerk des Jahrhunderts werden.“ „Dann ſpielt und ſingt Hetty vortrefflich, ſpricht mehrere Sprachen, ich weiß gar nicht wie viele; mir iſt es ſchon eine Freude ſie die Sprache ſprechen zu hören, die man kennt: in ihrem Munde klingt das Engliſche ſo ſchön.— Und zudem bedenken Sie, wie früh ſie aufſteht und an ihre Arbeit geht, um Zeit für die Armen und Kranken übrig zu haben. Das thut ſie nicht um dadurch bekannt und dafür gelobt zu werden, kaum die Mutter und Schweſter wiſſen davon und Beatrice hat es mir als großes Geheimniß anvertraut.„Es wäre ſo lächerlich,“ ſagt ſie,„die wohlthätige Fee mit zehn oder zwanzig£ zu ſpielen.“— Jo, ſie iſt ein entzückendes Geſchöpf, habe ich noch neulich zu meinem Bruder geſagt,“ ſetzte Beſſy hinzu. „Und was antwortete er?“ fragte David. „Wenigſtens beſtritt er es nicht.“ „Spricht ſie über ihn? Da er ihr Paſtor iſt, ſo wäre doch nichts dabei, wenn ſie was über ihn ſagte, Miß Francis?“ „Sie bezieht ſich manchmal auf ſeine Predigten, und ich glaube ſie hört ſie ſehr gern, aber ſie ſpricht es nicht ſo häufig aus wie ihre Mutter und Schweſter.“— „Sehen Sie den Schulmeiſter dort,“ begann David und zeigt auf dieſen, der neben dem Prediger einherging, und ihn anſah, wahrſcheinlich deſſen Bei⸗ ſtimmung für eine ſeiner kühnen Behauptungen er? wartend.„Das iſt ein wunderlicher Kauz, aber vielleicht giebt's drüben bei Ihnen noch wunderlichere. Wie wir eben bei dem Häuschen von der alten Carvie vorbeigehn— die kürzlich geſtorben iſt, ſprechen wir untereinander, daß ſie wohl an zwölf Jahr todtkrank geweſen iſt. Da ſagt der Schulmeiſter zu mir: „Ich hätte zu keiner anderen Zeit leben mögen, denn dann lebte ich jetzt nicht, aber am wenigſten gern hätt ich vor der Sündfluth gelebt, denn da lebten die Leute ſo lange ſie wollten. Damals muß doch Alles untereinander ebenſo in einem Verhältniß ge⸗ ſtanden haben wie jetzt und eine Art von Eintheilung geweſen ſein, wie bei uns. Wer damals lebte war Bei⸗ er⸗ aber chere. arvie wir krank mir: denn gern lebten doch iß ge⸗ eilung e war 175 hundert Jahre ein Kind, und ſaß wieder hundert Jahre unter der Schulruthe„beim ſauern Baum der Erkenntniß,“ und wenn man dann über die reiferen Jahre weg bis zum letzten Akt von dem merkwürdigen Trauerſpiel des Lebens gekommen war, dauerte der Rheumatismus wieder hundert Jahre und das Ab⸗ ſterben eben ſo lange. Wie lange mögen da wohl Keuchhuſten und Scharlach gedauert haben,“ ſagt er und weil wir eben über die Brücke gehen, fängt er an, es auf dem Geländer mit Bleiſtift auszurechnen, bis ich ermahnte den Oelanſtrich nicht zu verderben. „Sehen Sie, Miß Francis,“ ſagte David jetzt, auf die Nutzanwendung kommend,„ſolche Spekulationen ſchicken ſich wohl für'nen Mann wie den Schul⸗ meiſter, der auch noch nicht funfzig iſt. Bei alten Leuten, die zum Leſen eine Brille brauchen, gefällt mir's, wenn ſie einen Roman leſen, ſelbſt wenn's nur ein Schmöker iſt, und noch beſſer gefällt mir's, wenn ſo ein Alter durch ſeine Brille noch die Romane ſieht, die wie Frühlingsblumen rings um ihn aufblühn. Sommer und Winter, Frühling und Herbſt ſollen nicht aufhören, nicht nur auf dem Felde, ſondern auch unter den Menſchen. Sie leſen doch Romane, Miß Francis?“ 176 Beſſy, die ſich ſchuldig fühlte eben„Guy Manne⸗ ring“ zum dritten oder vierten Mal zu leſen, gab zu, daß ſie es gern thue. „Das iſt Recht; aber es iſt für Sie noch nicht ſo nöthig, wie für Leute meines Alters. Der eigene Roman iſt oft nur kurz, lange nicht in drei Bänden, oft nur in'nem halben Band und davon ſind noch viele Seiten ausgeriſſen oder unleſerlich— und das Meiſte verſteht man erſt, wenn es vorbei iſt. Darum iſt's ein Segen vom Himmel, daß in der Oede um Einen herum, wenn der eigene Roman lange vorüber iſt, andere aufblühen, die ſchöner und herrlicher ſind, als der eigene, und unſere Theilnahme daran iſt eine Freude, in die ſich zwar auch Wehmuth miſcht, aber keine Bitterkeit. Es macht die Welt wieder friſch und jung für den Greis, wenn er etwas von den lebendigen Romanen ſieht— oder ſeinen Shakeſpeare lieſt.“ gab nicht igene nden, noch das arum e m rüber ſind, t eine aber friſch n den eſpeare 3 Fünfzehntes Kapitel. ₰ r. Francis fand es leichter ſeinen Entſchluß St den Buchſtaben als dem Geiſt nach, zu er⸗ füllen, ein Unterſchied mit dem ihn ſowohl ſeine Ge⸗ müthsverfaſſung, wie ſeine Studien vertraut gemacht hatten. Es war leicht an der Thür von Laighlea vorüberzugehen; doch welchen Nutzen oder welches Verdienſt brachte dieſe Selbſtüberwindung, wenn er auf dem ganzen Weg hoffte und wünſchte, einer von den Damen zu begegnen? Was nützte das Meiden des Hauſes, in welchem ſie lebte, wenn er den nahen Verkehr mit Miß Hope nicht abbrach, ſondern auf verſchiedene Weiſe fortſetzte? Er traf mit ihr faſt täglich zuſammen; das war vielleicht unter den beſtehenden Verhältniſſen unvermeidlich. Es wäre zu abgeſchmackt geweſen, fortzugehen, ſobald er ſie Caird, C. M.„Lady Hetty“ Bd. 1. 12 im eigenen Hauſe, oder bei Bekannten traf. Und dann Beſſy's ununterbrochener Verkehr mit Hope's, den er nicht abſtellen konnte, ohne Andere für ſeine Schuld büßen zu laſſen. Hatte er aber nöthig ſo oft zu Mary Reid zu gehen, als er es that, oder in andere Häuſer, in denen er Miß Hope gleichfalls vermuthen konnte? Ging er nicht häufiger als nöthig dorthin, in der Hoffnung, nicht um ſie zu ſehen, ſondern damit ſie von ihm höre, wenn ſie das nächſte Maol käme. War es wirklich nur Intereſſe an der armen, unglücklichen Mary Reid, das ihn überhaupt zum Hingehen antrieb? Dachte er in ſeinen Predigten doch häufig nur an eine ſeiner Zuhörerinnen. Sprach er nicht Manches aus, von dem er hoffte, daß es ſie wohlthuend berühren werde; war es nicht für ſie allein gemeint, obgleich er es nach einer anderen Richtung hin ſagte? Schon war das dumpfe Brauſen eines auf⸗ ſteigenden Gewitters an ſein Ohr gedrungen. Jeder, der in leicht verſtändlicher Weiſe über religiöſe An⸗ gelegenheiten ſpricht, kann ſicher ſein, überall mißver⸗ ſtanden zu werden, namentlich in einem ſo theologiſch geſinnten Lande wie Schottland; und Henry Francis hatte ſich alle Mühe gegeben klar und einfach zu reden. Er begriff nicht die große Weisheit, daß man pe's, ſeine ſo r in falls öchig ehen, ächſte n der haupt digten prach aß es ür ſie nderen au⸗ Jeder, ſe An⸗ nißver⸗ ologiſch Francis ach zu aß man 19 einer ſolchen Gemeinde abſtruſe, ſcholaſtiſche Lehren in der ſchwülſtigſten, hohlſten Form vortragen müſſe; dann hören die Leute bekannte Klänge, kein klarer Gedanke fordert ſie zu eignem Nachdenken auf und je nachdem, ſchlafend oder wachend befinden ſie ſich in der wohlthuenden Zuverſicht, reine, unverfälſchte Lehre zu erhalten. Schon war ein Theil von Mr. Francis' Gemeinde mit ſeinen Predigten unzufrieden. Er ſagte Manches, was ſie nicht ganz begriffen, da ſie es noch nie gehört, oder nicht darüber nachgedacht hatten. Er war gegen alte, landesübliche Sitten und Gebräuche, und für Neuerungen, und da Alles für vortrefflich galt, was einmal beſtand, tadelte man dieſen Charakterzug. Das kam ihm natürlich zu Ohren, beunruhigte ihn aber nicht ſonderlich; es würde ihn noch weniger, oder gar nicht beſchäftigt haben, wäre nicht Miß Hope geweſen und hätte er ſich nicht gefragt, welchen Einfluß dieſe Unzufriedenheit auf ihr Urtheil und das ihrer Familie übte? Mr. Francis hatte ſich in der That ein ſchweres Gelübde auferlegt. In Folge jenes einen Umſtandes war alle die Befriedigung, die er aus einer Wirk⸗ ſamkeit auf althiſtoriſchem Boden erhofft, eines Wirkens im Schatten einer Ruine, einem Denkmal der Frömmigkeit alter Zeiten, umgeben von den 12* 180 Behauſungen vornehmer und gebildeter Familien, alle dieſe Vorzüge waren ungefähr auf die Genüſſe eines Tagelöhners zuſammengeſchmolzen, der an einem feuchten Wintermorgen zum Pflügen auszieht. Seit Rahel Carvie Bibelfrau geworden, war ſie und einige ihrer Anhängerinnen davon überzeugt, daß Mr. Francis bei verſchiedenen Gelegenheiten ausdrücklich gegen ſie gepredigt habe. Ganz beſonders habe er ſie und ihr Amt der Gemeinde verächtlich machen wollen durch eine Predigt über des Apoſtel Paulus Hoffnung auf eine Krone der Gerechtigkeit, von der er in dem Brief an Timotheus redet. In dieſer Predigt ſprach Mr. Francis über ähnliche und doch ſo wenig berechtigte Hoffnungen, wie ſie in unſerer Zeit, Geiſtliche und andere chriſtliche Arbeiter im Weinberge auch für ſich ſelbſt hegen. In ſchlichten Worten geißelte er ſolche Hoffnungen, um ſo mehr da die Betreffenden nicht ſowohl auf eine Krone der Gerechtigkeit, als vielmehr auf irdiſches Glück, nicht auf die Krone des Apoſtel Paulus, als vielmehr auf ſchnöden Lohn rechneten. „Es würde traurig ſein, wenn es nicht lächerlich wäre, wenn ein Geiſtlicher oder Miſſionär gewöhn⸗ lichen Schlages, ein Menſch mit wenig oder gar teinen Fähigkeiten, mit ebenſo geringer Bildung — le ies ten ſie igt, ten er lich ſtel keit, In und in eiter hten nehr der nicht auf rlich öhn⸗ gar dung 181 und geringer Energie, der ohne große körperliche oder geiſtige Anſtrengung ein Gehalt erwirbt, das er in kaum einem anderen Beruf mit ſo leichter Mühe verdienen könnte,— es würde traurig ſein, wenn es nicht lächerlich wäre, wenn ſolch' ein Mann ſich einem Märtyrer wie Paulus vergleichen wollte, wenn er neben ſeinem Gehalt und den Pfarreinkünften noch den Himmel um ſeiner Arbeit willen zu verdienen meinte. Dafür, daß Jemand ſeinen Beruf als Geiſtlicher oder Miſſionär gewiſſenhaft erfülle, ver⸗ dient er ebenſo wenig Dank wie ein Maurer oder Ackersmann, der den von ihm ergriffenen Beruf ge⸗ wiſſenhaft ausübt.“ In Anbetracht davon, daß Rahel Carvie's Ge⸗ halt nur zwanzig ₰ betrug, konnte man dafür keine hohe geiſtige Ausbildung von ihr verlangen. Sie be⸗ griff nicht, wie auch einige gebildetere Leute es nicht begriffen, daß er nicht auf ſie oder auf einen be⸗ ſtimmten Geiſtlichen zielte, ſondern nur in übertriebener Gewiſſenhaftigkeit die Meinung abwehrte, als ob er für ſeinen geiſtlichen Beruf und ſeine Dienſte noch eine beſondere Belohnung zu beanſpruchen habe. Rahel Carvie, die jene inneren Kämpfe nicht kannte, welche ſich in ſeinen öffentlichen Reden in dieſer Geſtalt Luft machten, ahnte nicht, daß er von ſich ſelbſt geſprochen, und ſie war daher zuerſt heftig ergrimmt, dann gelaſſen und reſignirt ergrimmt, denn die Re⸗ ſignation ziemte einer Bibelfrau, wie Mrs. Slipper ſie belehrt hatte. Es war klar, er wollte ihr Miſ⸗ ſionsamt herabſetzen und ihr ihr Fortkommen er⸗ ſchweren, und viele Leute ſtimmten ihr in dieſer Auf⸗ faſſung bei. Zwar hätten ſie ſie nicht ſelbſt zu dieſem Poſten ausgeſucht, aber da ſie ihn einmal bekommen, und doch erſt kürzlich das Unglück gehabt die Mutter zu verlieren, war es zu arg, von der Kanzel gegen ſie zu predigen! Lady Beſt, die von Tintrae aus für ein paar Tage nach Laighlea gekommen war, ergriff auf das wärmſte Rahels Partei. Mrs. Slipper hatte ihr die Sache mitgetheilt, ihr großes Bedauern für Rahel ausgeſprochen und ihr noch weit größeres für Mr. Francis, weil dieſer ſo ſehr Unrecht habe und weil es immer noch viel ſchlimmer ſei Böſes zu thun, als es zu leiden. Lady Beſt hatte zwar ſeit ihres Gatten Tode eine lebhaftere Theilnahme für religiöſe An⸗ gelegenheiten bewieſen, aber es lag nicht in ihrer Natur ſich ſehr dafür aufzuopfern und Jeder, der ſich mehr damit beſchäftigte, erſchien ihr daher ſehr verehrenswürdig und verdienſtvoll. Mrs. Slipper mit ihren zahlreichen Unternehmungen zur Hebung unt, Re⸗ oper Riſ⸗ er⸗ Auf⸗ ſem nen, itter egen paar das ihr ahel Mr. weil als atten An⸗ ihrer der ſehr ipper 183 der religiöſen Bildung von Tagelöhnern, Milchmädchen und Stallknechten, erſchien ihr als ein Muſterbild chriſtlicher Selbſtverleugnung. Dieſe vortreffliche Frau war ſo ſchmerzlich von dem Vorfall, von dem unpaſſenden Angriff auf den Charakter und Nutzen einer Bibelfrau berührt worden. Es ſei doch ſehr ſchade, wenn ein ſo junger, geſcheidter und ohne Zweifel auch wohlmeinender Mann ſo ſchnell ſein eigentliches Weſen verrathe, nämlich jene Geringſchätzung für Miſſionsarbeit durch ſchwache Werkzeuge, welche aber von der Vorſehung oft reicher mit Erfolg ge⸗ ſegnet worden ſeien, als andere Mittel. Mrs. Argall ſei derſelben Anſicht, ſei ebenſo betrübt und beſorgt über den Vorfall, obgleich ſie eben ſo wenig wie Mrs. Slipper zu dieſer Gemeinde gehöre, und ferner miß⸗ billige Mrs. Argall überhaupt Mr. Francis und ſeine Schweſter. Aus dieſen Gründen ergriff auch Lady Beſt Rahels Partei mit großer Wärme; ihre Beſorg⸗ niß über das Seelenheil der Gemeinde war wach geworden, und außerdem hatte ſie noch eine andere größere Furcht. „Mr. Francis iſt ein junger Mann,“ ſagte ſie zu Mrs. Hope,„es iſt ſchade, daß er ſich ſo etwas zu Schulden kommen läßt, es thut mir um ſeinet⸗ willen ſehr leid.“ 184 „Wie ſollte es ihm eingefallen ſein, dieſe Aeuße⸗ rung auf Rahel Carvie zu beziehen,“ erklärte Mrs. Hope,„er ſprach von dem Hochmuth der Geiſtlichen. Ungebildete Leute verſtehen häufig ſolche Sachen nicht richtig, dafür kann aber Mr. Francis nicht.“ „Nun, ich bin gar nicht geneigt Böſes von ihm zu denken, aber nachdem, was ich von ihm höre, ſcheint es mir nicht gerathen, daß Hetty und Beatrice ſo viel mit ihm und ſeiner Schweſter verkehren, es iſt unvorſichtig dieſen Umgang zuzulaſſen. Er iſt jung und Hetty auch; ſie iſt ſo geſcheidt und er ſoll, wie ich höre, ein genialer Menſch ſein. Ihre reli⸗ giöſen Grundſätze ſind noch nicht gefeſtigt und die ſeinigen jedenfalls auch noch ſchwankend— kurz, Hetty könnte für ihn eine Neigung faſſen.“ Mrs. Hope, deren zarte Geſundheit ſie außer⸗ ordentlich empfänglich für Gemüthsbewegungen machte, wurde blaß, und der Athem ſtockte ihr. Das war die Wolke, die ſich ſchon ſeit einiger Zeit an ihrem Horizont gezeigt hatte. Wer hätte vermuthet, daß es ein Berg ſei! Ja, es war möglich, Hetty konnte ſich für ihn intereſſiren und er ſich für ſie. Lady Beſt entging der Eindruck nicht, den ſie hervor⸗ gerufen hatte, aber da ſie die Farbe in Mrs. Hope's Wangen zurückkehren ſah, ging ſie wieder zum Angriff uße⸗ Nrs. hen. icht ihm öre, trice 5 iſt ſoll, reli⸗ die kurz, ßer⸗ chte, war rm daß nnte vor⸗ pes griff 185 vor. Es ſei beſſer, wenn die beiden Mädchen nicht mehr Miß Francis beſuchten, in ſpäteſtens zwei Monaten gingen ſie ohnehin nach Tintrae, und dann müßte für ein paar fernere Monate ein anderer Aufenthaltsort gefunden werden; es wäre überhaupt gut, wenn ſie die Welt kennen lernten. Letzterer Behauptung ſtimmte Mrs. Hope eifrig bei, darüber habe ſie auch ſchon häufig nachgedacht. Aber ſie liebte Mr. Francis aufrichtig, obgleich er ihrer Meinung nach zuweilen räthſelhaft, unverſtänd⸗ lich und ſogar verletzende Dinge auf der Kanzel ſagen konnte. Dennoch kam es ihr niedrig und lieblos vor, darüber zu ſtreiten, ob man ſeinen Verkehr überhaupt ſuchen oder meiden ſolle. Wenn ſie es auch über ſich gewann, dieſe Frage mit ſich ſelbſt oder Anderen zu erörtern, wie ſollte ſie ſie gegen Hetty oder Beatrice auch nur andeuten, und ſie fürchtete ſich vor Beiden, obgleich ſie ſie zärtlich liebte. Es war ſo ſchwer zum erſten Mal eine wichtige Sache im Kopf zu haben, die ſie nicht vertraulich mit ihnen beſprechen konnte. Doch die peinliche Lage, in der ſie ſich befand, kam ihr nach einiger Ueberlegung nur wie ein Hirnge⸗ ſpinnſt vor. „Wäre es denn überhaupt ſolch' ein entſetzliches Unglück, wenn Hetty Mr. Francis heirathete, Charlotte?“ 186 „Ein entſetzliches Unglück für Beide,“ erklärte Lady Beſt. „Er iſt von guter Familie,“ ſagte Mrs. Hope, welche meinte, als Stiefmutter die Wünſche der Ver⸗ wandten ihrer Töchter berückſichtigen zu müſſen, und Lady Beſt war deren nächſte Angehörige. „Von der Familie wiſſen wir nichts,“ entgegnete Lady Beſt. „Ja, leider,“ räumte Mrs. Hope ein, die auf dieſen Punkt leicht zu ſchlagen war, wußte ſie doch, daß Hetty nicht unter ihrem Stande heirathen dürfe, daß ſie eigentlich einen Pair heirathen müſſe. Die Lage war alſo wirklich kritiſch und ſie ſah keinen anderen Ausweg, als Mr. Francis durch Wort oder That zu beweiſen, daß aller Verkehr zwiſchen Laighlea und Novantia auf höheren Befehl unterbleiben müſſe. „Ich glaube aber nicht, daß Mr. Francis ſich um Hetty bemüht,“ ſagte ſie nach einiger Ueberlegung, „dazu iſt er zu ſtolz.“ „Sie wiſſen wie gut und nachſichtig Mrs. Slipper iſt, wie milde in allen Urtheilen; und ſie iſt durchaus nicht ihrer Meinung. Jemand, der es mit der Autorität der Bibel ſo leicht nimmt, wie er, nimmt auch auf andere Dinge wenig Rückſicht, und gerade au H A rte pe, er⸗ nd ete uf och, rfe, Die nen der le um ng, per us der umt 187 das traut ihm Mrs. Slipper zu, obwohl ſie es nicht ausdrücklich ſagte.“ „Gewiß, Sie thun ihm Unrecht,“ betheuerte Mrs Hope.„Nun ich mir die Sache überlege— beim Streiten vergißt man immer das Wichtigſte— er beſucht uns ja gar nicht mehr; er meidet unſer Haus förmlich. Sonſt kam er täglich und auf lange Zeit, jetzt iſt er ſeit Monaten nur immer für ein paar Minuten hier geweſen.“ „Das beweiſt gerade, daß er verſteckte Abſichten hat,“ entgegnete Lady Beſt.„Aber nun will ich Ihnen etwas anvertrauen, obgleich ich es eigentlich nicht verrathen darf; nur weil ich weiß, daß es Ihnen Freude machen wird; ein Anderer will um Hetty anhalten.“ „Wer?“ „Mr. Argall.“ „Mr. Argall bekommt einen Korb, wenn er überhaupt anhält, wenigſtens wenn er es jetzt thut. Argall's ſind freundlich zu uns geweſen, aber ſie ge⸗ fallen Hetty nicht. Und wenn ſie denn doch unter ih em Stande heirathen ſoll,“ fuhr Mrs. Hope erregt fort,„dann wünſche ich mehr, ſie heirathete einen be⸗ gabten Mann, den ſie liebt, als einen reichen, den ſie nicht leiden kann.“ 188 Die Entſchiedenheit, mit der Mrs. Hope gegen Lady Beſt auftrat, war ungewöhnlich und fieberhaft, und das Ergebniß ſehr gemiſchter und ſchwankender Empfindungen. Sie mochte Mr. Francis gern; er zog ſie von Anfang in hohem Grade an, und ſie hatte ſelten eine ſchmerzlichere Erfahrung gemacht, als die Entdeckung, wie ſehr ſie manche ſeiner Anſichten und Ausſprüche mißbilligte, wie ſie ſich durch dieſe beunruhigt und ſich dadurch ihm auch perſönlich ent⸗ fremdet fühlte. Sie hatte mit Schmerzen Bedenken über ihn in ihrem Inneren empfunden, die ſie nicht widerlegen konnte, Anklagen, die ſich nicht abweiſen ließen. Darum war es ihr ſo angenehm, Einwürfen und Verdächtigungen entgegentreten zu können, die von einer anderen Richtung herkamen. Sie hatte eine dunkle aber wohlthuende Empfindung, daß ſie in Bezug auf Mr. Francis Recht und jemand an⸗ deres Unrecht habe und ſtatt in ihrer Werthſchätzung zu ſinken, ſtieg er vielmehr. So hatte ſie auf die beſte Weiſe diejenigen Bedenken und Zweifel aus den Augen verloren, die ſie gegen den Geiſtlichen gehegt, als ſie ſah und Anderen begreiflich zu machen ſuchte, wie unbegründet jener Verdacht gegen den Mann ſei. Wenn gegen Mr. Francis weiter nichts vorgebracht werden konnte, als der Verdacht einer niedrigen, be⸗ rech den nich zu derl ahn Se reg eine ode der geb feſt wer Mr abe rat mit Mr gen aft, der e ſie als hten ieſe ent⸗ nken icht iſen rfen die atte ſie an⸗ ung die den egt, chte, ſei. acht be⸗ 189 rechneten, ſelbſtſüchtigen Geſinnung, das war nichts, denn das konnte einfach nicht wahr ſein. Er war nicht der Menſch ſich ſo etwas zu Schulden kommen zu laſſen, er konnte nichts Niedriges thun, wie ſon⸗ derbar auch ſeine Anſichten ſein mochten. Lady Beſt ahnte nicht, was in Mrs. Hope's menſchenfreundlicher Seele vorging, ſie wartete nur ab, bis ſich ihre Auf⸗ regung etwas gelegt und fuhr dann in ihrer Aus⸗ einanderſetzung fort: „Mrs. Argall wird aber ſicherlich über kurz oder lang Lady Tintrae ſein. In dieſer Abſicht hat der alte Mr. Argall den ihm von den Whigs an⸗ gebotenen Baronstitel abgelehnt und es ſteht ziemlich feſt, daß ſie ihm nächſtens den Pairstitel anbieten werden.“ „Darum gefällt er ihr nicht beſſer,“ erwiderte Mrs. Hope,„und ſobald ſie einen Anderen liebt— aber ich glaube nicht, daß es der Fall iſt— hei⸗ rathet ſie Mr. Argall nimmermehr.“ „Jedenfalls wäre es beſſer, wenn der Verkehr mit Novantia aufhörte.“ „Das können wir uns überlegen,“ antwortete Mrs. Hope, die ihrer ungewohnten Entſchiedenheit ſchon müde wurde.„Wir wollen abwarten, was ge⸗ ſchieht. Ich habe immer geſagt, daß uns dieſe Dinge von der Vorſehung geſchickt werden.“ Sonſt war Lady Beſt nicht um eine Antwort verlegen, aber wenn man ſich auf die Vorſehung be⸗ rufen hatte, beſann ſie ſich zweimal, ehe ſie etwas ſagte Sechszehntes Kapitel. Tarn, welcher weiter in den Bergen ent⸗ S ſpringt und ſich in den Loch Novantia er— gießt, iſt ein ſtilles kleines Flüßchen, das anfänglich lange Zeit zwiſchen ganz kahlen Ufern dahin fließt, die faſt ſo ſteinig ſind wie ſein Bett. Nur an einer Stelle, vier oder fünf(engl.) Meilen aufwärts vom Loch Novantia wird das Flüßchen munterer und bildet eine der reizendſten kleinen Schluchten. Längs des Waſſers und die Anhöhe aufwärts rankt ſich Jelängerjelieber, und Lärchen, Eichen, Buchen und Eſchen verſchlingen ſich zu einem ſo lieblichen Bild, daß es auch der Mühe lohnt, darum einen weiten Weg zu machen. Dieſe Schlucht wollte Miß Hope ihrer Freundin Beſſy zeigen und außer den Natur⸗ ſchönheiten, welche dieſe gewiß zu würdigen verſtehe, m( He inge wort be⸗ agte ent⸗ e iglich ließt, einer vom und ängs ſich und Bild, veiten Hope tatur⸗ rſtehe, 191 ſie mit den Bewohnern eines Häuschen bekannt machen, die ſie gleichfalls intereſſiren würden. „Sehen Sie, das iſt ein echtes Braidardener Haus oder eigentlich eine Hütte,“ damit deutete ſie mit dem Sonnenſchirm nach einem Gegenſtand, der wie ein ausgeräucherter Bienenſtock ausſah und der hinter einem mit Haidekraut überwachſenen Erdwall hervorragte. Dies war der Rauchfang des Hauſes, in dem die todtkranke Mary Reid lag. Ging man durch eine Einſenkung in dem Wall ein paar Schritte herunter, ſo ſtand man an der Rückſeite der Hütte, deren Dach des anſteigenden Bodens wegen, direkt aus der Erde aufſtieg, während vorn und an den Seiten die Lehmmauern ſich ſechs bis acht Fuß er⸗ hoben. Der Schornſtein über dem Strohdach, ein aus Stangen und Strohſeilen conſtruirter Bau, zeigte durch ſeine ſtrenge Uebereinſtimmung mit dem Stil des übrigen Gebäudes das Vorhandenſein von archi⸗ tektoniſchem Genie. Andere Gebäude verſchiedenſter Art ſind oft wohlgelungen bis auf den Schornſtein, daran ſcheitern ſie und man ſieht auf mancher ita⸗ lieniſchen Villa, franzöſiſche oder andere nicht dahin gehörige Eſſen, aber die Braidardener Hütte mit dem Bienenkorbſchornſtein oben darauf, war, vom künſt⸗ leriſchen Standpunkt aus, vollendet durchgeführt. 192 „Hier wohnt ein junges ſchwindſüchtiges Mädchen,“ flüſterte Hetty,„ein ſehr anziehendes Geſchöpf.“ Als ſie eintraten, ſaß Mary aufrecht auf ihrem Lager; ſechs Menſchen bewohnten das Häuschen und ſie war die Jüngſte darunter. Ihr ſchmales Bett nahm den Raum zwiſchen der Hinterwand und dem Ofen ein, ſo litt ſie bei Tage von der Hitze beim Bereiten der Mahlzeiten und fror Nachts, wenn das Feuer aus war. Auf der anderen Seite des Zimmers wurde ein ähnlicher Raum durch einen Tiſch und ein paar Kaſten eingenommen und von einigen Schemeln und Holzklötzen, welche die Stelle von Stühlen ver⸗ traten. Am Fußende von Mary's Bett ſtand quer und dicht an daſſelbe herangerückt ein Gardinenbett, in dem zwei oder drei andere Familienmitglieder ihre Nachtruhe zu halten pflegten, und welches das Haus in zwei Theile theilte, die„Stube“ und die Küche. Die„Stube“ die ungefähr ebenſo groß als die vor⸗ herbeſchriebene Küche war, enthielt gleichfalls ein Bett, einen kleinen Tiſch und ein paar wackelige Stühle. Ueber beiden Räumen erhob ſich das vom Rauch dunkelbraun gefärbte Strohdach, nur an einigen Stellen, wie z. B. über Mary's Bett ſah man ein⸗ zelne Breter, entweder die Reſte einer ehemaligen Decke oder nur zum Trocknen hingelegtes Holz. ſte gr tr kr ge ne ſu un di „6 de un ſte M git nic mo 7 rem und ett eim das ers eln er⸗ uer in hre aus Or ein lige m gen in⸗ gen olz. 193 Mary's Mutter buk Mehlfladen; es brannte daher ſtarkes Torffeuer auf dem Heerd, und da draußen große Hitze herrſchte, ſo war die Luft drin erſtickend, trotz der unbeſchränkten Ventilation des Daches. Des kranken Mädchens Backen glühten wie Kohlen. Ein Geranienſtrauß, den Hetty ihr vor ein paar Tagen gebracht, ſtand welk in einem Kruge auf dem Stuhl neben dem Bett. „Des Pfarrers Schweſter kommt Sie zu be— ſuchen, Mary,“ ſagte Miß Hope, aber da ſie ſah, daß die Kranke ſich nur mühſam aufrecht zu halten und kaum zu ſprechen vermochte, wartete ſie nicht die Antwort ab, ſondern wendete ſich an die Mutter: „Sie haben es hier ſehr warm, Mrs. Reid, beſon⸗ ders für eine Kranke, wie Mary.“ „Ja, S iſt hier heiß zu Zeiten,“ ſagte Mrs. Reid und ſtrich mit einem Flederwiſch das Mehl von dem Gebäck:„und weil ihr Bett ſo nah' beim Feuer ſteht, hat ſie's bald zu heiß, bald zu kalt.“ „Könnten Sie ſie nicht in die Stube bringen?“ „Nein, Lady Hetty, dran gedacht haben mein Mann und ich auch und*s auch probirt, aber das ging nicht, von wegen der Näſſe. Die kann ſie auch nicht vertragen, und ſo wiſſen wir nicht, was wir machen ſollen. Aber wir ſind dem gnäd'gen Fräu⸗ Caird, C. M.„Lady Hetty“ Band. I. 13 194 lein ſo dankbar, daß ſie uns beſucht. Und Ihr Bruder, der Paſtor,“ ſetzte ſie zu Beſſy gewendet hinzu, „iſt auch immer ſehr gut und Lady Hetty iſt kaum fort, da kommt er an, ſo daß ſie ihn wohl noch meiſt unterwegs treffen;'s iſt ein ſehr braver Herr, was auch Rahel Carvie und die Andern hinter ſeinem Rücken reden.“ Hetty, die am Feuer ſtand, wurde ſo dunkelroth wie die Kranke, ſie beugte ſich zu derſelben hinab, ſprach mit ihr und verabſchiedete ſich dann mit dem Verſprechen wiederzukommen, von der gutmüthigen, geſchwätzigen Mutter bis an den Erdwall begleitet. „Rahel iſt die Bibelfrau, nicht wahr?“ fragte Miß Francis, als ſie aufwärts nach der Schlucht ſtiegen. „Ja, die Gemeindemiſſionärin,“ antwortete Hetty immer tiefer erröthend. „Wie nur Henry ihren Zorn erregt hat,“ ſagte Beſſy.„Aber ich kann es mir ſchon denken, Bibel⸗ frauen ſind wohl hier unantaſtbare Gegenſtände und er hat die Gewohnheit, ſolche unantaſtbare und hoch⸗ würdige Perſonen gelegentlich ſcherzhaft zu behandeln.“ „Manchmal denke ich,“ ſagte Hetty, welche im Zorn gegen eine Miſſethäterin vergaß, daß ſie in ihrem Urtheil zu weit ging,„das Chriſtenthum hat ſich wa lehr wü flüſ Be ſche gen wen meh Ein ſie mit ihre tief Ihr ung auch daß von den hera Ihr inzu, aum noch Herr, inem lroth inab, dem igen, tet. ragte lucht Hetty ſagte ibel⸗ und hoch⸗ en. e im e in hat 195 ſich ſchneller verbreitet, als urſprünglich beabſichtigt war, denn von denen, die ſich unterfangen es zu lehren und zu verbreiten, ſcheinen mir Viele ſo un⸗ würdig, daß ſie nie daran hätten rühren dürfen.“ Beſſy's flüchtig aufgeſtiegener Aerger wurde über⸗ flüſſig durch die überaus warme Vertheidigung ihrer Begleiterin.„Henry wird wohl irgend etwas halb ſcherzend zu ihr geſagt und ſie es für bittern Ernſt genommen haben. Ich würde mich nicht wundern, wenn er ſie Hochwürden“ angeredet und dabei ſich mehr als ſie ironiſirt hätte. Er hat oft ſolche Einfälle.“. Hetty lächelte gezwungen, aber antwortete nicht, ſie hatte ſeine Sache der Schweſter gegenüber, ſchon mit mehr als ſchweſterlicher Wärme geführt, was nicht ihre Abſicht geweſen war. Sie blieb ſtehen, ſchöpfte tief Athem und fing an von Mary Reid zu ſprechen. „In ſolch' einem Haus zu leben und zu ſterben! Ihr Bruder gab mir einſt auf eine Frage zu, daß ungebildete Leute, wie Mary Reid, ſich den Himmel auch ungefähr wie ein ſolches Haus vorſtellen, nur daß es etwas bequemer wäre. Und doch kann man von ſolch' einem Mädchen viel lernen, und man bedauert den weiten Weg nicht, den man jedesmal bis hier heraus zu machen hat. Sie iſt zwar nicht beſonders 13* 196 geſcheidt, aber ſie hat eine ſo eigenthümliche Auf⸗ faſſung. Soll ich Ihnen davon erzählen, oder iſt es Ihnen langweilig, wenigſtens meine Art es zu thun, denn es würde Sie nicht ermüden dem Mädchen zu⸗ zuhören.“ „Bitte, thun Sie es, mir gefiel ihr Geſicht.“ „Fürchten Sie nicht, daß ich Ihnen eine Predigt halten werde, vor Predigten, Traktätchen und ſolchen Dingen habe ich Angſt, ſeit David Groats mich ein⸗ mal darüber zur Rede geſtellt hat; aber von Mary Reid erzähle ich Ihnen gern. Sie war früher im Dienſt und mußte nach Haus zurück kommen und nachdem ihr Kind geboren und bald darauf geſtorben war, bekam ſie die Schwindſucht; denn ſie iſt aus einer ſchwindſüchtigen Familie. Nun liegt ſie todt⸗ krank, eine kinderloſe Mutter von achtzehn Jahren.“ „Erſt achtzehn Jahr!“ „Ja, achtzehn; iſt das nicht traurig?“ „Entſetzlich! Unglaublich!“ „Ich habe es erſt vor Kurzem erfahren, aber leider iſt Mary's Schickſal ein häufig vorkommendes in dieſer Gegend— nur daß ſie ſelten ſo jung ſterben.“ „Iſt das arme Geſchöpf ſehr unwiſſend 2* „Doch nicht ſo ſehr, wie man oft meint; auch de ſů di we ſie bit ge wi me we bis vie ma ſie hei ſie ode noc Sie weſ wol Ihr Auf⸗ t es hun, zu⸗ digt chen ein⸗ Kary im und rben aus todt⸗ ren.“ aber ndes jung auch 197 der Arzt ſagte, ſie ſei geiſtig ſo rege, wie viele Schwind⸗ ſüchtige, und geſcheidter als die meiſten ihres Standes, die grobe Arbeit verrichten und grobe Koſt genießen, wo ſoll da die Verfeinerung herkommen? Aber weil ſie anders iſt, ließ ich durch Mama Ihren Bruder bitten, ſie zu beſuchen und er iſt ſehr gütig zu ihr geweſen.— Wie viel glaubt man von Allem zu wiſſen,“ fuhr ſie fort,„beſonders von Religion, bis man zur Einſicht darüber kommt, was man wirklich weiß. Manches meint man zu kennen, wie ſich ſelbſt, bis Einem plötzlich eine Frage geſtellt wird, wie Mary Reid ſie mir neulich ſtellte; da ſah ich wie viel man von ſolch' einem Mädchen lernen kann, wenn man nur achtſam iſt. Sie ſprach davon, wie froh ſie über ihren nahen Tod ſei,— ſie ſpricht ganz heiter und unbefangen darüber, und plötzlich fragte ſie mich, ob es nicht eine ſchlechte Zeit zum Leben oder vielmehr zum Sterben geweſen ſei, als Chriſtus noch lebte? Ich fragte ſie, weshalb ſie das meine? Sie habe ſich gedacht, antwortete ſie mir, daß, als Er hier auf der Erde war, Er doch nicht dort ge⸗ weſen ſei und wenn ſie dann geſtorben wäre, ſie wohl in die andere Welt gekommen, aber nicht zu Ihm.— Es kommt wohl daher, daß ſie noch ſo kindlich iſt und ſo wenig hat, an was ſie denken 198 kann, daß ſolch' ein ungebildetes Mädchen auf derartige ungewöhnliche Gedanken kommt. Ich erinnere mich ihrer Worte nicht mehr deutlich, aber das war der Sinn. Vielleicht hat es Ihnen Ihr Bruder ſchon erzählt, denn ich wußte ihr nichts darüber zu ſagen und verwies ſie an ihn.“ „Unter meinen auſtraliſchen Wilden giebt es vielleicht keine Mary Reid,“ ſagte Miß Francis,„aber wenn ich zu wählen hätte, würde ich lieber an ihrer Stelle ſein, als in einer ſolchen Braidardener Be⸗ hauſung leben. Hier ſagt man immer die Auſtralier ſeien die niedrigſte Menſchenklaſſe; wir drüben finden das nicht, und jedenfalls ſind ſie, was die Wohnung betrifft, beſſer daran als Ihre armen Leute. Iſt auch das aus Rinde angefertigte Mi⸗Mi nicht ſo groß wie jenes Häuschen, ſo iſt es für das Klima doch angemeſſener und ſauberer. Wird es alt und ſchmutzig, ſo braucht der Eigenthümer nur bis zu dem nächſten großen Gummibaum zu gehen und in einer Stunde kann er ſich ein neues Haus her⸗ ſtellen, das innen friſch austapezirt iſt und angenehm nach Harz duftet. Der Ruß und Schmutz in jener Hütte mag hundert Jahre alt ſein und die Flocken von Ruß, die an den Balken und an dem Stroh des tige nich der hon gen es ber hrer Be⸗ lier iben die men Mi das alt bis und her⸗ tehm jener ocken des 199 Daches hängen, haben gewiß ſchon Mary Reid's Urgroßvater das Athmen erſchwert.“ „Sie haben ſo viel unter den Wilden gelebt, daß ſie Ihnen lieb geworden ſind,“ ſagte Miß Hope und ahmte lächelnd Urgroßvater Reid's Huſten nach. „Begegnet man ihnen freundlich, ſo ſind ſie treu und anhänglich und folgen Einem wie ein ſchwarzer Schatten. Sie haben ſo viel Einfaches und Natür⸗ liches und ſind doch wieder ſo ſeltſam und geheimnißvoll, und was ſie ſind, ſind ſie ganz, daß der Verkehr mit ihnen immer neue Reize bietet. Und dann iſt es ſo romantiſch Freunde zu haben, die in ſchwarzen Häuten ſtecken. Ihre Wilden hier— verzeihen Sie den Ausdruck, aber es hört uns ja Niemand,— mögen beſſere Chriſten ſein, aber als Nachbarn und Bekannte ſind ſie nicht ſo anziehend und unterhaltend wie unſere Wilden.“ „Ich wünſchte, daß ſie gute Chriſten wären,“ ſeufzte Hetty,„ſie ſind es wohl, ſo weit es Wilde ſein können und ich glaube, ſie müſſen das letztere ſein um es auszuhalten, wo und wie ſie leben. Aber obgleich es rühmliche Ausnahmen giebt, fürchte ich, daß ſie nur in ſo fern Chriſten ſind, als daß ſie die Kirche beſuchen; im Uebrigen bleiben ſie ſehr un⸗ wiſſend und abergläubiſch.“ 200 „Dennoch würden Sie, wenn Sie unter ihnen lebten, ſie auch lieb gewinnen, denn ſie ſind für jede geringe Freundlichkeit aufrichtig dankbar.“ Unter ſolchen Unterhaltungen, die häufig unter⸗ brochen wurden auf dem Wege nach Glen Tarn und zurück, kamen ſie nach einem jener ſteinernen Häuſer, die Lord Layton an Stelle der alten Lehm⸗ hütten auf ſeinen Gütern zu errichten begann. „Sie müſſen müde ſein,“ begann Miß Hope,„es iſt von Mary Reid bis hierher drei Meilen und wir haben noch einen langen Weg. Wollen Sie ſich hier etwas ausruhen, und wenn auch keine zweite Mary, aber einen alten Braidardener Mann kennen lernen, der gleichfalls todtkrank iſt?“ Beſſy war nicht müde, doch ſehr bereit, trotzdem hereinzukommen. Der alte Peter More lag im Bett und hatte eben einem anderen Beſucher ſeinen kranken Fuß mit einem ſehr ſchmerzhaften Krebsſchaden ge⸗ zeigt. Dieſer Beſucher war Mr. Fox, den Lady Mary Romain zu den Ueberbringer einiger Erfriſchungen für dieſen, ihren Schützling, gemacht hatte. Einmal da, war das Fortkommen nicht leicht und Mr. For zu gutmüthig den Alten zu kränken. Erſt mußte er anhören, wie dieſer Lady Mary und Lady Hetty lobte, dann die ganze Krankheitsgeſchichte funfzehn ten ede 201 Jahre rückwärts bis zu den Rückenſchmerzen, mit denen das Leiden angefangen, ferner und vor Allem Peters religiöſe Erlebniſſe, von denen zwar wenig Thatſächliches, aber umſomehr Betrachtungen zu be⸗ richten waren. Peter war eben dabei und er ließ den Damen kaum Zeit Mr. For zu begrüßen und ſich nach ſeinem Befinden zu erkundigen, als er fort⸗ fuhr:„Ich erzählte eben Mr. Fox,— wir kennen ihn alle hier herum, aber geſprochen hatte ich nie mit ihm, nur ihn immer ſpazieren gehn ſehn, ja, ich er⸗ zählte ihm, was ich Lady Hetty auch ſchon früher erzählt habe, aber das thut nichts: daß ich heute vor gerade neunundzwanzig Jahren das Glück hatte Mr. Soorock zu hören. Er hat uns den Matthäus aus⸗ gelegt, fünf Jahre und iſt bis zum funfzehnten Kapitel, elften Vers gekommen, dann bekam er eine Stelle in Nikle⸗Jarvieſtone an'ner großen Kirche und Hundert das Jahr mehr. Ja, das war ein großes Glück für mich, denn er öffnete mir die Augen über die Schrift; etwas leſen konnte ich die Bibel zwar ſchon früher, aber ich that's nicht und nun iſt's mein Troſt beim langen Wachen in der Nacht.“ Mr. For war ſehr gerührt, beſonders da der Alte ab und zu ſtöhnte und vor Schmerz die Zähne zuſammenbiß.„Ja,'s iſt mein Troſt, und vor⸗ 202 geſtern Abend, nachdem der Paſtor fortgegangen, war's ſchlimmer mit mir wie je, und ich wußte mir nicht zu helfen. Da nahm ich das Wort, ſehen Sie, ich hab's hier immer im Bett und ſchlug es auf, merken Sie wohl, Mr. Fox,— und ſchlug es auf bei dem dritten Kapitel im fünften Buch Moſe, am ſechsundzwanzigſten Verſe, wo Moſes, der Mann Gottes, in das verheißene Land gehen will. Da ſpricht der Herr zu ihm: Laß genug ſein, ſage mir nicht mehr davon. Ja, das ſagt er, und da drehte ich mich um und ſagte auch zu mir, denn ich hatte Tag und Nacht gebetet, der Herr möchte meine Schmerzen lindern, und das war auch meine Antwort: Laß genug ſein, ſage mir nicht mehr davon.“ Peter's religiöſe Ueberzeugung war eine Alles umfaſſende unabänderliche Vorherbeſtimmung, wie er ſeinen Gäſten an der Geſchichte von Haman und Mardochai klar zu machen ſuchte. Mr. Fox begleitete die beiden Damen ein Stück ehe er nach Sunbury zurückkehrte. Er war ſehr mit der eben erlebten Scene beſchäftigt, die ihm einen großen Eindruck gemacht hatte.„Der Alte iſt ein merkwürdiger Menſch,“ meinte er,„der weiß Bibel⸗ verſe wie ein Paſtor, und noch dazu aus dem alten Teſtament, von dem man kaum etwas gehört hat, lic 70 er zu le ₰ 203 ſeit man aus der Schule iſt. Und dabei die fürchter⸗ lichen Schmerzen! Wenn er aber Einem nur den Fuß nicht zeigen wollte! Ja, Miß Hope, es wäre gar nicht ſo übel, ſolche alte, kranke Leute ab und zu zu beſuchen, und ſie haben's gern, das ſieht man.“ Er dachte noch darüber nach, als er allein ſeinen Weg nach Sunbury fortſetzte und kam zu dem Schluß, daß Miß Hope, Miß Francis und Lady Mary wohl ſchon auf denſelben Gedanken gekommen ſein möchten. „Ja, ich komme immer zuletzt auf ſo etwas!“ warf er ſich vor. „Saul unter den Propheten!“ ſagte Miß Hope zu Beſſy, als ſie allein waren.„Mich ſoll's nicht wundern, wenn er ſich auf das Traktätchen vertheilen legt; aber da will ich ihm von meinen Erfahrungen mit David Groats erzählen. Er iſt ein ſo gut⸗ müthiger, freundlicher Menſch. Schade daß es er nie über ſich gewonnen hat, etwas anzufangen.“ Siebzehntes Kapitel. was die Natur und die Verhältniſſe den Eltern an Heiterkeit entzogen, ſchien auf Beſſy Francis mit Zinſeszins übertragen worden zu ſein. Sie war keine überſchäumend luſtige, junge Dame, aber ſo wie es geborene Duckmäuſer giebt, ſchien ſie zur Fröhlichkeit erſchaffen zu ſein, und in wie hohem Grade ſie es war, fühlte man mehr, als daß man es ſah. Denn ihre munteren Augen widerſprachen ge⸗ wiſſermaßen ihrem ruhigen, geſetzten Betragen und was von beiden ihre eigentliche Natur war, blieb deshalb in einem anziehenden Dunkel. Ihre natür⸗ liche Beſcheidenheit verſchleierte den Frohſinn, mit welchem die Natur ſie ſo reich begabt hatte, und jene Zurückhaltung deutete an, daß ſie eines von jenen Gemüthern beſitze, deſſen Reichthnm ſich nur zur rn ſſy n⸗ ſie m 205 Hälfte offenbart. Ohne es zu wiſſen, war ſie eine echte Philantropin. Ihre Gegenwart allein that wohl, obgleich ſie weder Almoſen gab noch von irgend einem Wohlthätigkeitscomité ausgeſendet war. Höchſt merk⸗ würdig wirkte ihr Lächeln auf Mr. George Fox, ſein Geſicht ſtrahlte ſo ſelig, als wäre er ein Held, ein öffent⸗ licher Wohlthäter oder ein Arbeiterfreund bei Volks⸗ verſammlungen, was er allerdings auch gewiſſermaßen war, freilich nur privatim und ohne Geldmittel. Wenn Beſſy Sonntags die Kirche in Illtafend betrat, ernſt wie es der Gelegenheit ziemte, aber ſtrahlend in Jugendfriſche, wie ſie nicht anders konnte, beugten viele der armen Leute ihre Köpfe vor, denen ſie auf der Straße freundlich zuzunicken pflegte, um die ſtatt⸗ liche Geſtalt länger zu ſehen; aber dabei machten ſie ſo unnatürlich ernſthafte Geſichter, weil ſie es für gar zu unſchicklich hielten in der Kirche vergnügt auszuſehen. Mit ihrem Schatz von angeborenem Frohſinn hatte Beſſy in ihrem Vaterhauſe in einem Kreiſe ge⸗ lebt, der große Anſprüche auf ſie in dieſer Beziehung erhob. William Francis' Schwermuth, die der Tod ſeiner Gattin noch geſteigert hatte, konnte ſelbſt durch die Heiterkeit der Tochter nicht beſiegt werden. Sie mußte ſich begnügen ihr Zunehmen zu verhindern, und 206 dieſer Aufgabe— daß es eine ſei, war ſie ſich ſelbſt nicht bewußt— hatte ſie ſich jahrelang gewidmet. Nun ſie aus einer Hemiſphäre in die andere gekom⸗ men, fand ſie ſich, was die Bekämpfung der Schwer⸗ muth betraf, ganz in derſelben Lage. Es war ihr in der erſten Zeit des Wiederſehens mit ihrem Bruder keinerlei Sonderbarkeit in dem Betragen oder in der Stimmung deſſelben aufgefallen. Wahrſcheinlich war auch nichts davon vorhanden, denn in der Freude über ihre Ankunft ſchien er die Schwermuth, die er knrz vorher gezeigt, überwunden zu haben. Aber jetzt wurde ihre frühere Befürchtung zur Gewißheit, daß in ſeinen Zügen, wie in ſeinem Weſen ein tiefer Schmerz verborgen liege. Doch was war die Urſache? War es Heimweh, und noch dazu nachdem er zuerſt ſo beglückt über ſeine Niederlaſſung in der Pfarre geſchrieben hatte? War dieſe Befriedigung gänzlich geſchwunden, fand er ſeine Pflichten ſchwerer und drückender, als er erwartet hatte? Hatten die bis in die Nacht ſich ausdehnenden Studien ſeine Geſund⸗ heit untergraben? Oder hatte Beatrice in ihren über⸗ müthigen Scherzen und andere Leute mit ernſteren Winken Recht, daß es die alte, alte Geſchichte ſei, die überall vorkommt in Büchern, im Leben und auch in der Kirche? Er hatte noch, wie früher Freude an er Li wW bſt ar ide nd 207 Scherz und Fröhlichkeit— vielleicht ſogar zu viel für einen Mann ſeines Berufs, mochte Mancher meinen. Er war nicht ſo feierlich wie viele ſeiner Amtsbrüder, ſelbſt nicht auf der Kanzel, manchmal reizte er früher ſogar die Lachluſt ſeiner Zuhörer. Warum zog er ſich jetzt ſo vollſtändig in ſich ſelbſt zurück, oder war ſchweigſam in Gegenwart der Anderen? Trotz ſeiner feierlichen Verſicherung, es ſei unmöglich, daß ihm Miß Hope je etwas Anderes als Freundin ſein könne, war es nicht doch möglich, daß er mehr erwünſcht und erhofft habe? daß etwas zwiſchen ihnen vorge⸗ fallen ſei, das ſeine Theilnahmloſigkeit und Melancholie erklärlich mache, Zuſtände, die auf eine unglückliche Liebe deuteten? Hatte er ſich gegen Miß Hope aus⸗ geſprochen, ihr ſeine Liebe erklärt und war abgewieſen worden? Wollte er erſt ſprechen, welche Rückſicht hinderte ihn daran? Denn er konnte doch nicht thöricht genug ſein von ihrer Seite eine Erklärung zu er⸗ warten? Solche Fragen erwog Beſſy hin und her, ſo oft ſie allein war und ſie ſah dann immer ſehr nach⸗ denklich aus. Nicht, daß ſie daran zweifelte, es werde noch Alles einen erwünſchten Ausgang nehmen, dafür glaubte ſie zu ſehr an ihres Bruders Begabung und an ſein Glück, aber ſie bedauerte, daß ſich die Dinge 208 nicht ſchneller ſchickten damit ſie ſich noch an ihnen erfreuen könne. Denn es ſchien jetzt wahrſcheinlich, daß ſie einmal ſchnell werde abreiſen müſſen. Die Nachrichten aus Auſtralien drohten ihrem Aufenthalt in Novantia ein trauriges Ende zu bereiten. Mit einem kurzen Briefe ihres Vaters, dem unſchwer ſeine Sehnſucht nach ihrer baldigen Rückkehr anzumerken, war ein langes Schreiben von Jeremias Tippett ge⸗ kommen, das eine ausführliche Darlegung der Lage enthielt und in dem alle Gründe für und gegen ihre Abweſenheit mit großer Genauigkeit aufgeführt und vertheidigt worden waren. Aus dieſer Darlegung gingen viele unerwartete Nachrichten hervor. Bei ihrem Vater zeigten ſich Spuren von Altersſchwäche und Kränklichkeit— das war eine beängſtigende Nachricht. Ferner Salomon Griffen, der Geſchäfts⸗ führer von Major Me Sumph hatte ſich unerwartet auf der Anſiedlung gezeigt und der Erfolg der Ver⸗ handlungen war geweſen, daß der Major jetzt mit Prozeſſen drohe. Ferner habe ſich Hubert mit dem Major überworfen, was Jeremias ſonſt„ſehr günſtig“ fand; leider ſei der Bruder aber nicht nach Hauſe gekommen und vernünftig geworden, ſondern ganz verſchwunden. Und zu guter letzt, aber das ſei wirk⸗ lich etwas Gutes: Mr. Jamieſon(Herzog Georg) ſich ſch kla ꝙ wo na nen lich, Die halt Mit eine ken, age ihre und ung 209 ſei eben von Tasmanien herübergekommen um Alles in Ordnung zu bringen, was mit Mr. Tippetts Hülfe und dem Beiſtand der unparteiiſchen Gerechtig⸗ keit, welche die engliſche Verfaſſung jedem Unterthan gewähre, jedenfalls auch geſchehen würde. Kurz, Jeremias ſtand nach ſeiner eigenen Ausſage in der Breſche und es ſei daher keine Urſache ſich zu be⸗ unruhigen. Allein das Bewußtſein, daß dort eine oder mehrere Breſchen geſchlagen worden, war es eben, was die Geſchwiſter beunruhigte. Beſſy wollte ſo⸗ fort aufbrechen, trotz Herzog Georgs ausdrücklichem Befehl, zu bleiben, den Jeremias noch als Nachſchrift unter ſeinen Brief geſetzt hatte. Mr. Francis, der ſich ſeit längerer Zeit gewöhnt hatte trüben Gedanken ſchweigend nachzuhängen, ſagte wenig, aber er ſah klar das Verderben über ſeinem Vater und der ganzen Familie ſchweben und er erwartete, daß die nächſte Poſt die Nachricht bringen werde, es ſei thatſächlich hereingebrochen. Darum war es eine trübe Zeit für Beſſy's heiteren Sinn und die Sorgen um ihren Bruder gingen ihr näher als je. So konnte ſie ihn nicht verlaſſen, ohne etwas über den geheimen Grund ſeines Kummers zu erfahren. Schon mehrere Tage war ſie jeden Morgen zum Frühſtück gekommen, nachdem ſie ſich mit Beſorgniß um ihn gequält, ihn Caird, C. M.,„Lady Hetty“ Bd. I. 14 240 in dieſer Stimmung verlaſſen zu müſſen und hatte ſich feſt vorgenommen ihn zu fragen. Aber immer fehlte ihr die günſtige Gelegenheit oder der Muth. Als ob er argwöhnte beobachtet zu werden, und ihm ſeine Qual noch unerträglicher ſei, wenn ſie von Anderen bemerkt würde, hatte er ſeit Kurzem eine Heiterkeit angenommen, die zwar wenig geeignet war einen ſcharfen und achtſamen Beobachter zu täuſchen, die es aber erſchwerte ihn zu einem Bekenntniß über ſeine wahre Stimmung zu bringen. Doch dieſe wie andere Schwierigkeiten war Beſſy zu beſiegen entſchloſſen, denn ſie durfte keine Zeit mehr verlieren. Zu dieſem Entſchluß war ſie gekommen, als ſie eines Morgens wieder fertig war und ihn zum Frühſtück erwartete. Sie ſpielte mit den Nippesſachen auf dem Kamin⸗ ſims, trat bald an dies, bald an jenes Fenſter, zupfte an den Blumen, die ſie eben geordnet, bis die Zeit herankam. Obgleich ſie von Ratur nicht blöde war, beklemmte ſie das Bewußtſein einer geheimen Abſicht, ſo wenig ſie ſich hätte zu ſchämen brauchen, wenn dieſelbe entdeckt worden wäre. Wie gewöhnlich lenkte ſich bald das Geſpräch der Geſchwiſter auf den Vater und die trüben häuslichen Zuſtände, und mit einer Stimme, die etwas unſicher klang, fragte ſie:„Kann ich ihm ſagen, daß Du hier wirklich glücklich biſt?“ leib Au Ste tra frie ſag ein den er vor e ſich ehlte s ob ſeine eren keit einen ie es ſeine ndere oſſen, ieſem gens rtete. min⸗ upfte Zeit war, bſicht, wenn lenkte Vater einer Kann iſt?“ 24¹ „Gewiß,“ antwortete er,„nur ſo lange die Dinge zu Hauſe ſo ſtehen, wie ſie einmal ſtehen, kann man nirgends ganz glücklich ſein. Aber ſage ihm, Beſſy, wenn ich irgendwo glücklich ſein könnte, ſo wäre es hier der Fall. Sieh,“ ſagte er und trat mit melancholiſchem Lächeln von einem Fenſter an das andere,„ſieh nur dieſe Ausſicht und jene dort, die graue, alte Ruine mit dem verwitterten Glockenthurm, der wie ein erhobener Finger ausſieht!“ Beſſy that zwar wie der Bruder ſie geheißen, aber ſie ließ ihre Aufmerkſamkeit nicht von ihm ab⸗ lenken, und während ihre Blicke auf ſeinen ernſten Zügen ruhten, lachte ſie, bis ihr die Thränen nahe waren.„Wahrhaftig, Henry, Du ſiehſt aus wie das leibhaftige Glück, während Du ſo Dein Paradies in Augenſchein nimmſt und mich auf ſeine lieblichſten Stellen aufmerkſam machſt.“ Sie ſtand auf und trat zu ihm.„Es muß wohl jeder in der Welt zu⸗ frieden ſein; früher warſt Du es auch, Henry; jetzt ſagſt Du, Du hätteſt Grund es zu ſein; das iſt doch ein großer Unterſchied, nicht wahr?“ „Ich meine,“ ſagte er und verſuchte ſein Geſicht dem Paradieſe anzupaſſen, wendete ſich aber ab, da er des Erfolges nicht ſicher war,„es wäre hier Alles vorhanden mich glücklich zu machen, bin ich es nicht, 14* — 2⁴2 ſo iſt das meine Schuld. Hier im Schatten des alten Thurms zu leben, unter ihm einmal begraben zu werden, und den rauſchenden See dabei zu haben, das iſt doch Alles, was man wünſchen kann.“ „Die Leute aber ſcheinen Dir nicht zu gefallen?“ fragte ſie, da ſie nicht wie ſonſt geneigt war auf ſeine Naturſchwärmerei einzugehen. „O, die Leute gefallen mir gut genug, es wäre unmöglich einige von ihnen nicht leiden zu mögen;“ (Beſſy erröthete)„unter den reichen Familien, meine ich; die Armen gern zu haben, iſt nicht nur möglich, ſondern ſogar ſehr leicht. Streng genommen giebt es ja nur dieſe beiden Klaſſen hier, eine Mittelklaſſe iſt gar nicht vorhanden. So arm, unwiſſend, elend und hülflos ſind die Meiſten, daß es ſo leicht iſt, ſie zu bemitleiden und das heißt ja, ſie zu lieben. Aber ihnen zu helfen, iſt freilich ein ander Ding; dieſer Unterſchied drängt ſich Einem fortwährend auf. Hätte ich einen anderen Beruf, ſo würde ich weniger daran denken, oder es würde mich weniger quälen.“ „Du haſt ſchon einmal mit Deinem Beruf ge— wechſelt; wenn Du Dich noch einmal darüber entſcheiden ſollteſt, welchen würdeſt Du wählen?“ „Wahrſcheinlich jeden anderen als meinen jetzigen. Oft wünſchte ich, ich hätte mein urſprüngliches Studium ten zu ben, 2 nicht verlaſſen, ſondern wäre Mediziner geblieben. Ich habe wenigſtens lange genug Medizin ſtudirt, um zu wiſſen, daß mehr als meine Predigten und Gemeinde⸗ viſitationen, oder als die Predigten und Viſitationen meiner Amtsbrüder dazu gehören, den Bildungsgrad einer ſolchen Gegend zu heben, eine bedeutende Wirkung hervorzubringen, oder für die Leute zu thun, was die Kirche zu leiſten beabſichtigt und auch zu leiſten be⸗ hauptet. In dieſer Beziehung habe ich zu viel, in anderer zu wenig mediziniſche Kenntniſſe und hoffe außerdem zu wenig für die Zukunft. So lange das Volk hier in Behauſungen zuſammen gepfercht iſt, die ſelbſt für das Vieh zu ſchlecht wären, ſo lange ſie ſo unwiſſend ſind, wie es der Fall iſt, bleibt ihre Verkommenheit unvermeidlich und ich ſehe nicht, was wir mit unſern gegenwärtigen kirchlichen Einrichtun⸗ gen und Verſuchen darin verbeſſern oder wie dem bald abgeholfen werden ſoll. Man predigt Leuten Sittenreinheit, die nicht die Möglichkeit haben den Geſetzen des Anſtandes zu genügen; man fordert die Tugenden von Engeln und frommen Eremiten von dieſen Menſchen, deren Lebensgewohnheiten kaum eine Stufe über thieriſcher Rohheit ſtehen, man will Seelen retten, und doch zeigen uns die Seelen noch kaum die Merkmale, die ſie von den Körpern unterſcheiden; das iſt 214 ein trübſeliges, nutzloſes Geſchäft, in dem man Zeit, Kraft und Hoffnung vergeudet.— Wäre ich,“ ſetzte er ſeufzend hinzu und ſtarrte in das Feuer, während ſie fortfuhr in ſeinen Zügen zu leſen,„wäre ich hier Arzt ſtatt Prediger, dann würde ich gewiß mehr die Ueberzeugung haben, etwas Gutes zu wirken. Wenn ich umher ginge und Schmerzen linderte, ſelbſt wenn ich auch die Krankheiten nicht heilen könnte, das würde mir doch das Bewußtſein geben, ehrliche, gute Arbeit zu thun, und ſonderbarerweiſe war es einſt die Quackſalberei, nicht die Quackſalber allein, welche mich veranlaßte jenen Beruf aufzugeben. Manchmal frage ich mich, ob es noch eine andere gleich ehrliche und achtbare Arbeit giebt, wie die eines gewiſſen⸗ haften und kräftigen Tagelöhners, der ſich ſeines Tagewerks nicht zu ſchämen braucht. Giebt es da⸗ gegen irgend Jemand, der ſo unſicher iſt, wie der Geiſtliche, ob nicht alle ſeine Arbeit vergebens war? Sieh, die alte Ruine hier, Beſſy, das Denkmal ſechs⸗ hundertjähriger Inſtitutionen und kirchlicher Beſtrebun⸗ gen. Manche Leute ſind zwar von dem Reſultat der⸗ ſelben, wie es ſich in der gegenwärtigen moraliſchen Beſchaffenheit der Bevölkerung zeigt, ſehr erbaut; ich wünſchte nur, ich könnte ihnen beiſtimmen.“ „Aber es fehlt Dir nicht an ſolchen, die Dir ir 2¹5 helfen, Henry,“ ſagte Beſſy, die nicht wußte, welche Wendung ſie dem Geſpräch geben ſollte,„zum Bei⸗ ſpiel Rahel Carvie.“ Der Bruder lächelte.„Lady Mary,— und,“ ſetzte ſie nach einer längeren Pauſe hinzu,„Miß Hope, die—“ „Ja,“ unterbrach er ſie,„Miß Hope und Lady Mary mögen viele Mühe haben, das gut zu machen, was Andere verderben.“ Er zog die Uhr, um das Geſpräch abzubrechen— und es ſchien wieder er⸗ folglos zu bleiben, allein die Schweſter nahm noch einen Anlauf. „Beabſichtigſt Du hier für immer zu bleiben? Ich möchte das noch wiſſen, ehe ich von hier fort⸗ gehe.“ „Vielleicht wäre das Beſte,“ ſagte er, ſchon die Hand an der Thüre,—„für alle Theile das Beſte, wenn ich hier fortginge und zwar gleich. Ich habe ſchon viel darüber nachgedacht, aber vor der Hand— und ehe ſich ein ſchicklicher Vorwand oder Anlaß bietet, kann das natürlich nicht geſchehen.“ Beſſy war geſchlagen. Stand es ſo, fühlte er ſich ſo unglücklich, daß er an Flucht dachte? das war ſchlimmer als ſie erwartet hatte. Gegen ihre Gewohnheit, blieb ſie, nachdem er ſie verlaſſen, am Fenſter ſitzen, den Kopf auf den Arm geſtützt und ſtarrte in den Schatten des Kloſters, bis die ſchrägen Sonnenſtrahlen die Scheiben trafen. Dann fuhr ſie zuſammen und ging ihren häuslichen Pflichten nach. Ihr angeborener Frohſinn und ihre Zuverſicht waren während des langen Grübelns Herr über die meiſten Sorgen und Befürchtungen geworden.„Nach allem was ich jemals las,— rann nie der Strom der treuen Liebe ſanft“, viel⸗ leicht wäre es nicht treue Liebe geweſen, wenn Alles glatt ging, aber mit der Zeit werde es ſich ſchon in erwünſchter Weiſe ſchicken, meinte ſie. Wenn ſie auch gehen müſſe, blieb er doch, und Miß Hope ebenfalls. Liebte er ſie, ſo konnte ſie nicht umhin ihn wieder zu lieben. Und wäre nur dieſes erſt in Ordnung, dann würden alle ſeine Sorgen aufhören. Das war ja Alles ſo einfach. Wenn ſie zu Hauſe ankäme, würde ſie gewiß von der Nachricht empfangen werden, daß das Paar ſchon verlobt oder gar ver⸗ heirathet wäre und ſo glücklich ſei, wie im letzten Kapitel des Buches Hiob, welches Jeremias beſonders liebte und das ihn ſtets zu Thränen rührte, weil es den ſchließ⸗ lichen Sieg der Gerechtigkeit ſo glänzend ſchilderte. Henry's Sorgen um den Vater und die häuslichen Verhältniſſe ſchienen ihr gleichfalls ſehr übertrieben, des Vaters Geſundheit mochte durch die Sehnſucht 247 nach der Tochter gelitten haben, aber nach ihrer Rückkehr werde er ſich ſchnell erholen— und die Geld⸗ verhältniſſe— nun, die würden ſich auch wieder ordnen laſſen. Beſſy ſah noch einmal aus dem Fenſter nach dem Abtsweg, über dem ſich die jetzt kahlen Zweige der Ulmen verſchränkten, weiterhin glänzte der See in der Morgenſonne. Wie glückliche unvergeßliche Stunden hatte ſie dort verlebt. Den Weg war ſie an der Seite von Jemand gegangen, an den ſie immer denken würde. Eben hatte ſie Alle glücklich werden laſſen, Miß Hope, ihren Bruder und ihren Vater. Sie hatte es als feſtſtehend betrachtet, daß Alle, die ſie ſo bald, vielleicht für immer, verlaſſen mußte, nichts als ungetrübtes Glück genießen würden. Jetzt aber zog etwas durch ihren Sinn, das nicht ein Glücksgefühl war und die Frage, ob ſie ſo glücklich ſei, wie die eben von ihr in der Phantaſie Beglückten? Hetty, Beatrice, Mrs. Hope, Henry, Mr. For und — die Familie in Sunbuty, wie viele liebens⸗ würdige Menſchen ſollte ſie verlaſſen, vielleicht auf Nimmerwiederſehn! Und der Eine— ſobald ſie den See und den Garten ſah, mußte ſie an ihn denken, und doch, welche Thorheit, an ihn zu denken! Es war eine Bekanntſchaft, nichts mehr, die mit dieſem 218 ſchönſten Abſchnitt ihres Lebens ſchloß, von dem er einen Theil ausgemacht hatte. Beſſy nahm ſich zwar zuſammen, aber als ſie das Zimmer verließ, ſah ſie aus als ob ſie mit Jemand Mitleid habe, viel⸗ leicht mit ſich ſelbſt. Als Mr. Francis ſich in ſein Studirzimmer zu ſeinen vernachläſſigten Büchern und quälenden Gedanken zurückgezogen, fühlte er dumpf, daß er ſeiner Schweſter und der Welt gegenüber heuchele und er verachtete ſich darüber. Er war unglücklich über ſein Unglück. Was er ihr darüber geſagt, war vollkommen wahr geweſen, aber nicht die ganze Wahrheit. Auch abgeſehen von dem einen Mitglied der Gemeinde, deſſen Seelenzuſtand ihm ſo viel Verdruß bereitete, laſteten ſeine Pflichten als Geiſt⸗ licher ſchwer auf ihm, ſchwerer als ſie es ſonſt viel⸗ leicht gethan, denn er hatte noch nicht die wichtige Entdeckung gemacht, welche für ſo viele gute Menſchen das Feld ihrer Sorgen und Hoffnungen ſo merk⸗ würdig einſchränkt. Er hatte noch nicht eingeſehen, daß mit Ausnahme von einem geringen Theil von Unrecht und Elend, der Zuſtand der Welt ziemlich hoffnungslos iſt, daß das Meiſte, was hier verkehrt iſt, nicht abgeſtellt werden wird, und er war ſo tief bekümmert, die Welt nicht verbeſſern zu können, 219 obgleich ſie doch ſchon ſeit langer Zeit unverbeſſerlich iſt. Aber dieſer Gedanke— das Geſpräch mit Beſſy hatte ihn darauf geführt— war ſichtlich ſehr viel weniger die Urſache als die Folge ſeines Seelen⸗ zuſtandes. Er vermöge unbefangen, ſagte er ſich mit Beſſy und Anderen, über die Schwierigkeit ſeines Berufes und ſeine eigene Verzagtheit ſprechen; er könne das ſelbſt in Predigten ſeiner Gemeinde gegen⸗ über thun. Daß andere Sorgen, die dahinter ſtanden, noch größer ſeien, bewies ihm der Umſtand, daß er über dieſe weder ſprechen noch predigen konnte, und dies Inſichverſchließen ſteigerte ſie nur noch mehr. Er hatte die Gedanken an Miß Hope dadurch los werden wollen, daß er ſie ganz aus ſeinem Sinn verbannte. Der feſte Entſchluß, an die junge Dame nicht anders, als an alle anderen Frauen ſeiner Bekanntſchaft zu denken, hatte nur den Erfolg gehabt, ſeine Gedanken ganz allein auf ſie zu concentriren. Es wäre allerdings das Beſte geweſen, jenen feſten Entſchluß feſt auszuführen; das aber war eben nicht möglich. Es ſchien ihm nur fraglich, ob es in ihrer Abweſenheit oder in ihrer Anweſenheit am unmöglichſten ſei. Gab es aus dieſem unerträglichen Zuſtande keinen anderen Ausweg als dieſen, war die Frage, die er ſich nun zunächſt vorlegte. 220 Phantaſievolle Menſchen, welche die Beute eines be⸗ ſonders empfindlichen Schmerzes ſind, können ſich eine Zeit lang mit einem Gefühl von Befriedigung, der Vorſtellung an eine endloſe Zukunft von Elend und Verzweiflung hingeben; es betäubt das augenblickliche Weh, wenn man denkt, daß man es in einer langen dunkelen Zukunft auskoſten ſoll. Aber kein geſunder Menſch vermag ſich auf die Dauer einem endloſen Jammer mit Befriedigung hinzugeben, oder ſich dazu verdammt glauben. Während Mr. Francis zu Zeiten eine Art von Befriedigung über den Entſchluß fühlte, immer unglücklich zu ſein, gab es dazwiſchen Augen⸗ blicke der Empörung, in denen er fragte, ob dieſes Leiden eine Nothwendigkeit wäre? Sein lebhafter Geiſt führte dieſe Frage ſchneller und ſchärfer durch als andere, bei denen ſein Gefühl weniger betheiligt war. Hatte die alltägliche Auffaſſung der gewöhn⸗ lichen Vorgänge des Lebens, nicht Manches für ſich: zum Beiſpiel, daß ein Bettler eine Königstocher hei⸗ rathen kann, wenn ſie ſelbſt nur damit einverſtanden iſt? Waren die künſtlichen Unterſcheidungen von Rang und Stand wirklich ſo gut und richtig, daß man die Natur ihrer Abſicht beraubte und die tiefſten, wahrſten und ſtärkſten Regungen der Menſchenſeele mit Verdacht und Mißachtung brandmarkte? Ange⸗ be⸗ ine der ind che gen der ſen azu ten lte, en⸗ ſes ter ligt hn⸗ ich: hei⸗ den on ß en, ele ge⸗ 22¹ nommen auch, jene Standesunterſchiede ſeien gerecht⸗ fertigt, ſo konnte doch jede Stellung, ſelbſt die an einer armen Kirche, durch perſönliche Eigenſchaften gehoben und geadelt werden. Es konnten tauſend Umſtände eintreten, den Unterſchied des Standes zwiſchen zwei Perſonen minder fühlbar zu machen; ſolche Mög⸗ lichkeiten ruhen doch wenigſtens in dem dunkelen Schoße der Zukunft. War es nöthig, forderte es der geſunde Menſchenverſtand oder das Chriſtenthum, for⸗ derten es wirklich die Ehre und die Selbſtverleugnung, daß ein Mann, der weniger vornehm war, als der Gegenſtand ſeiner Liebe, über ſich zu Gericht ſaß, wie eine Verſammlung alter hochmüthiger Eheſtifterin⸗ nen? Mußte er ſich ſelbſt mit Schimpf und Schande fortjagen, um einem wirklichen oder möglichen Be⸗ werber ihres eigenen Standes Platz zu machen, der vielleicht ein Affe, ein Eſel oder ein Taugenichts war? Hieß das nicht vielmehr ſie opfern, als ſich ſelbſt— nicht die eigene Liebe, ſondern den Gegenſtand derſelben, nicht den niedrig geborenen Liebhaber, ſondern das hochgeborene Mädchen, deren Schickſal dadurch tragiſch wurde? Es leuchtete ein Hoffnungsſtrahl in dieſen Vor⸗ ſtellungen für Mr. Francis auf, der aber bald durch andere wieder unterdrückt wurde. Man hatte gut ſagen, ein Bettler könne eine Königstocher heirathen, aber wie? So etwas kam nur in der Dichtung vor. Was war bettelhafter als eine Pfarre in Schottland, wo die Geiſtlichkeit faſt durchgehends arm und immer plebejiſch iſt? Eine Königstocher, oder was daſſelbe ſagen will, die Enkelin eines verſtorbenen und die Couſine mehrer lebender Grafen, in ſolche Niedrig⸗ keit herabziehen, ſei wohl in einem Traum oder in der Dichtung denkbar; aber daran bei hellem lichten Tage zu denken, das konnte ein Mann nicht, der bei geſundem Verſtande und ehrlich war. „Stelle Dir eine Geſellſchaft vor, wie ſie ſich neulich in der Sankt⸗Georgs⸗Kirche im Hannover⸗ ſquare verſammelt hatte,“ ſagte er zu ſich,„um die Hochzeit von Miß Hope's Couſine, der Honourable Harriet Ailey zu feiern; wenn ſolch' eine Geſellſchaft hört, daß ſich ihre Verwandte Miß Hetty Hope mit einem gewöhnlichen ſchottiſchen Pfarrer ver⸗ heirathet! Oder denke Dir die Geſellſchaft hierher eingeladen zur Trauung! Wie ſie die Großartigkeit und Schönheit der Abtei bewundern würden, aber das Erſtaunen, wenn ſie den Betrag der Pfarrein⸗ künfte erführen und den beſcheidenen Zuſchnitt des Hausweſens ſähen!“ Er lachte laut auf, wie Jemand, der weiß, daß er in Zukunft doch der Spielball des bei ſich ver⸗ die able haft ope ver⸗ rher keit aber ein⸗ des and, des Geſchicks ſein wird, und nun ſchon ſein Schickſal vor⸗ weg nehmen möchte, um ſich über ſein eigenes Elend luſtig zu machen. Auf dieſe Weiſe ſchien Mr. Francis es ſich genügend klar gemacht zu haben, daß für ihn an die Königs⸗ tochter nicht zu denken ſei; dieſe Vorſtellung befeſtigte ſich nur noch mehr durch einen anderen Gedanken, der ſich ihm immer wieder aufdrängte. Er fühlte ſich verflichtet auf die Lehre von der Selbſtverleugnung in ihrem weiteſten und unverfälſchten Sinne, nicht nur als Geiſtlicher, ſondern auch als Menſch, in allen den Beziehungen, die einen Menſchen mit dem anderen verbinden. Dieſe Auffaſſung der Selbſtver⸗ leugnung hatte er beſtändig und eifrig gepredigt; an ſie glaubte er. Mit mehr Wärme als Vorſicht hatte er die Kirche verſpottet, daß ſie zwar an dieſe Lehre glaube, ſie aber in der Welt ſo wenig ausübe. Seine lebhaften Ausſprüche über dieſen Gegenſtand hatten ihm die erhöhte Theilnahme beſonders von Hope's gewonnen. Als er ſich zu ſeiner eigenen ſchmerzlichen Ueberraſchung klar gemacht, daß das Streben nach Hetty's Hand dieſer und nicht ihm einen Akt der Selbſtverleugnung auferlege— alſo gewiſſer⸗ maßen die logiſche Antitheſe zu ſeiner Lehre bilde— begann er nicht nur an ihrer Liebe, ſondern an ſich 224 ſelbſt zu verzweifeln.„Erſt mit allem Eifer eine Sache predigen,“ ſagte er bitter,„und dann ſelbſt das Gegentheil thun; Anderen Unaufrichtigkeit vor⸗ werfen und Beifall und Lohn für Eigennutz und Täuſchung einernten. Wie leicht iſt es mir der Welt zu entſagen, mit Ausnahme deſſen, das mir die ganze Welt iſt! Es koſtet mich nichts, kein Bedauern, keine Anſtrengung, mir leibliche Genüſſe, ſchöne Kleider, ſelbſt Bücher oder Bilder zu verſagen, mein Geld den Armen zu geben, weinen Feinden zu verzeihen, denn ich beſitze keine, die zu haſſen es der Mühe lohnte. Der einzige Punkt, in dem ich Selbſtver⸗ leugnung üben könnte, iſt der, wo ſie mir unmöglich ſcheint. Wenn Selbſtverleugnung und Chriſtenthum eins ſind, ſo bin ich ein Heide. Iſt Selbſtver⸗ leugnung das Geſetz eines guten Lebens, ſo bin ich ein Rebell an der einzigen Stelle, an der es Anwendung auf mich findet; und ich gehorche ihm nur da, wo mir ſeine Uebertretung läſtig wäre.“ Es gereichte ihm bei ſeiner ſonſtigen Milde nicht zum Troſt, Andere in ſeine Verurtheilung hineinzu⸗ ziehen; es verdüſterte ſeine peinliche Lage nur noch mehr, aber da er ſich hart gerichtet, maß er Andere natürlich mit demſelben Maß. „Warum von Selbſtverleugnung reden! Hier hat gut ein die no gu hö wi bel ha ſei ſo 225 handelt es ſich nur darum gut zu heirathen, etwas zu gut ſogar; in hundert und tauſend Fällen iſt dies eine Frage der Selbſtverleugnung und doch wird dieſe Frage nie, weder von einer chriſtlichen Kirche, noch in einem chriſtlichen Lande geſtellt.„Heirathe ſo gut Du kannſt, ſagt die Welt; Amen, ſagt die Kirche„und der Herr ſegne Euch, das heißt: in der höchſten Angelegenheit des menſchlichen Lebens laß außer Acht alle höchſten Grundſätze der Religion. Man iſt geneigt einen Menſchen für eine Art von Heiligen anzuſehen, der eine Kirche oder ein Hoſpital gründet, und die That koſtet ihn oft weiter keine Anſtrengung als ein paar Unterredungen mit ſeinem Notar. Aber wer glaubt, daß ein Mann ein chriſt⸗ liches Werk thut, wenn er das Mädchen ſeiner Liebe aufgiebt, da er ſich ihrer nicht ganz würdig findet? Sind nicht viele ſogenannte chriſtliche Werke nur Täuſchung, wenn man ſie genau betrachtet?“ Nur in einer Hinſicht hatte Mr. Francis ge⸗ wiſſermaßen Glück und doch konnte man dies kaum behaupten, da er es ſelbſt nicht wußte. Alle die harten Urtheile über ſich und Andere blieben feſt in ſeinem Buſen verſchloſſen. Hätte er ſie ausgeſprochen, ſo wären ſie zum Theil ſehr ſcharf widerlegt worden. Jene vortrefflichen Menſchen freilich, die immer das Caird, C. M.„Lady Hetty“ Bd. I. 15 S ——— — —— 226 Richtige thun und ſich nie eines Unrechts oder Miß⸗ griffs ſchuldig machen, würden einen Seelenzuſtand ſehr verdammens⸗ und beklagenswerth gefunden haben, in welchem perſönlicher Kummer, der noch dazu aus einer geringfügigen Urſache entſtanden war, die Aus⸗ übung eines kirchlichen Amtes beeinträchtigte. Sie hätten ihm vielleicht auch den Vorwurf gemacht, das Brod der Kirche zu eſſen, ſeinen Lebensunterhalt in einem ehrenwerthen Beruf zu gewinnen und doch nicht mit dem Herzen bei demſelben zu ſein. Die Kinder der Welt andrerſeits, die in dieſen Dingen weiſer oder thörichter als die Kinder des Lichts ſind, hätten die ſpitzfindige Logik, durch die ſich Mr. Francis zu lebenslänglicher Entſagung verdammte, nicht be⸗ griffen, ſie würden ihn für einfältig und thöricht gehalten haben. Denn es ſei eines jeden Menſchen Pflicht und Recht auch trotz ſeiner Ueberzeugungen ſo glücklich zu ſein, als andere Leute, die denſelben Zweck verfolgen, es ihm geſtatten wollen. Dasjenige, was zu ſeiner Entſchuldigung dient, war erſtens ſeine Jugend und zweitens der Umſtand, daß die Welt mehr als ſie es ſelbſt weiß, von Ideen beherrſcht wird, vornehmlich von ſolchen der moraliſchen Einbildungskraft(wenn es eine ſolche Fähigkeit giebt). Wie unklar oder wie verkehrt Anderen ſeine Gedanken ſchei leug went ſich wur obac daß ſuche Sac mög vor Mr. dieſe Stel in doch Die igen ind, neis be⸗ richt chen gen lben ient, and, deen chen ebt). nken 27 ſcheinen mochten, ihm waren ſie ſo lebendig und un⸗ leugbar, daß er eine härtere Verurtheilung verdiente, wenn er ſie nicht berückſichtigt hätte, als daß er ſich nach ihnen richtete. Daß er in hohem Grade von Ideen beherrſcht wurde, würde einem ruhigen und nüchternen Be⸗ obachter ſchon aus dem Umſtand klar geworden ſein, daß er ſehr viel weiſer gethan hätte erſt zu unter⸗ ſuchen, ob und was die junge Dame ſelbſt zu der Sache meine, ehe er ſich zur Reſignation zwang. Möglicherweiſe war ihr die Entſagung nicht erwünſcht, möglicherweiſe war ſie es; dieſer Punkt bedurfte doch vor Allem ſorgfältiger Ueberlegung. Wenn aber Mr. Francis überhaupt daran gedacht, ſo nahm dieſe Rückſicht jedenfalls eine ſehr untergeordnete Stelle in ſeinen Ueberlegungen ein. Achtzehntes Kapitel. i⸗ Francis wußte mehr von David Groats' Sfrüherem Leben, als irgend jemand von des Alten jetzigen Bekannten, oder vielmehr als irgend ein Menſch, ſeine Tochter nicht ausgenommen. Was er indeſſen wußte, war nur genug ſeine Neugier zu reizen, nicht ſie zu befriedigen, um ſo mehr, da er Grund hatte anzunehmen, daß das, was ihm ab⸗ ſichtlich verſchwiegen wurde, den Alten noch in der Erinnerung ſchmerzte und mehr mit einem begangenen Unrecht, als mit einem Unglück zuſainmenhängen müſſe. David's Gewohnheit, ſich im Geſpräch nicht nur als außerhalb der Kirchen oder der religiöſen Gemeinſchaften, ſondern ſogar als außerhalb der reſpektabeln Geſellſchaft ſtehend zu betrachten, ſeine Andeutungen, vom Stamme Kains und heimathlos zu ſein, ſeine zeitweiſe Niedergeſchlagenheit, in welcher er ſich in dunkelen Anſpielungen erging auf Geheim⸗ ats' des end Las Sü er ab⸗ der enen igen nicht öſen der ſeine hlos cher 229 — niſſe in der Menſchenbruſt, vornehmlich aber ſeine häufig wiederholte Behauptung, daß ſeine Rolle im Leben verſpielt ſei durch einen einzigen verfehlten Wurf im Beginn deſſelben, Alles dies und vieles Aehnliche, was er Mr. Francis geſagt, mochten wunderliche Greiſenlaunen ſein, die nichts zu bedeuten hatten; aber ſie konnten auch auf ein fernabliegendes Ereigniß in ſeiner Jugend deuten. Was für ein Geheimniß konnte das nun ſein? Ein Verbrechen gewiß nicht, dieſe Vermuthung ſchien bei Davids Charakter unzuläſſig. Handelte es ſich jedoch nur um eine Jugendthorheit oder einen Fehltritt, warum dann dies eiferſüchtig bewahrte Geheimniß? Seine Zurückhaltung in dieſem Punkt ſtand in ſeltſamem Widerſpruch mit ſeinem ſonſt offenen mittheilungs⸗ bedürftigen Weſen. Sicher mußte der Lebenslauf eines Menſchen wie David Groats an und für ſich intereſſant ſein; in dieſem Fall war er es doppelt. Aber es hing ein geheimnißvoller Schleier darüber, den zu lüften ebenſo verlockend als unmöglich war. Deſto ſorgfältiger bewahrte Mr. Francis jede Andeutung Davids in ſeinem Gedächtniß auf, und er erinnerte ſich ſehr deutlich der Unterhaltungen, in denen ſie vorkamen. Daraus war hervorgegangen, daß er Jahre lang ein unſtätes Leben geführt hatte, 230 welches für die Ausbildung ſeines Verſtandes günſtig geweſen war und die in ſeinem Stande ungewöhn⸗ liche Urtheilskraft erklärte, ihm aber viele Noth und Entbehrung auferlegt hatte. Ferner ging daraus hervor, daß er ſich erſt ſpät verheirathet habe. Es gäbe zweierlei Sorten von Handwerkerfrauen, pflegte er zu ſagen, immer ſchmutzige und immer ſcheuernde, und ſeine ſei von letzterer Art geweſen. Viel Glück hatte er in der Ehe nicht gefunden, da die Frau nicht viel Achtung und Vertrauen zu ihm gehabt, denn ſie ſah nur, daß er weniger verdiente als andere Arbeiter, und merkte oder würdigte nicht, daß er trotzdem mehr Verſtand beſaß als jene. Im Ganzen hatte er auf dem langen Lebenswege meiſt auf der Schattenſeite zu gehen gehabt, aber ab und zu war er doch auch an ein ſonniges Fleckchen gekommen. Nie wurde er müde den Namen eines gütigen Freundes rühmend zu erwähnen, der, wären nicht ungünſtige Verhältniſſe eingetreten, ſeinem Schickſal eine andere Wendung gegeben hätte. Er dankte dem Himmel, daß es ihm vergönnt geweſen ſei zu gleicher Zeit mit einem Manne zu leben, und mit einer ſo edlen Seele in Berührung zu kommen. John Jockſon hatte dieſen tiefen Eindruck anſcheinend auf ſehr einfache Weiſe hervorgebracht. Er hatte David in ſtig öhn⸗ und aus Es legte nde, lück Frau habt, dere 3 er nzen der war men. ndes ſtige idere mel, Zeit dlen ckſon ſehr d in 231 ſeiner Druckerei einige Zeit lang beſchäftigt, ſeine ungewöhnlichen geiſtigen Fähigkeiten erkannt und ihm ſeine Gunſt dadurch bewieſen, daß er ihm denſelben Lohn gab wie den anderen Arbeitern, obgleich ſeine Leiſtungen nicht ſo gut waren. Einmal hatte er im Allgemeinen davon geſprochen, daß er ihm zu einer höheren Stellung, als der eines gewöhnlichen Lohnarbeiters zu verhelfen gedenke, eine Abſicht, die durch veränderte Vermögensverhältniſſe vereitelt wurde. Trotzdem bewahrte ihm David noch nach zwanzig Jahren die wärmſte Dankbarkeit für dieſe Abſicht. Wenn David ſprach, ſo ſchweiften ſeine Augen im Freien fortwährend vom Himmel zur Erde; auch im Geſpräch verknüpfte er himmelweit von ein⸗ ander entfernte Gegenſtände und ſo würde der Geiſt des ehemaligen Druckers John Jackſon, wenn er ſeinen früheren Arbeiter umſchwebt hätte, ſehr erſtaunt geweſen ſein, ſich den Helden und Wohlthätern der Menſchheit, wie Abraham, Shakeſpeare, John O Gaunt und Sir William Wallace beizählen zu hören. Sehr häufig kam David auf ſeine Unzulänglichkeit als Handwerker zurück; einer ſeiner zahlreichen Arbeit⸗ geber,— denn keiner behielt ihn lange— hatte ihm einmal geſagt:„Da iſt Ihr Lohn, verdient iſt 232 er zwar nicht, denn Sie ſind auf beiden Händen links und Verſtand haben Sie auch nicht.“ Wenn er dieſe Geſchichte erzählte, lachte er bis zu Thränen und ſetzte dann hinzu:„Wahrhaftig, der Einfalts⸗ pinſel ſagte ſonſt kein vernünftiges Wort, aber damit hatte er Recht.“ „Wären Sie denn wirklich ein ſo unbrauchbarer Arbeiter, David?“ fragte ihn Mr. Francis. „Freilich, ich ſollte mich zwar ſchämen es zu ſagen; aber ich bin immer überall der ſchlechteſte Arbeiter geweſen; jetzt lache ich darüber, doch früher war es kein Spaß. In der Kirche wird nicht für den ſchlechten Arbeiter unter den beſonders Heim⸗ geſuchten gebetet, und Sie mögen Recht darin haben, beten hilft ihm wohl nicht mehr, aber er iſt ſchlimmer dran als manch andrer Unglücklicher. Jedem anderen Unglücklichen iſt irgend ein Troſt geblieben,“ fuhr er, den kahlen Kopf hin und her wiegend, fort, „ein untüchtiger Handwerker hat keinen Troſt, wenigſtens keinen nennenswerthen. Sehen Sie, in Ihrem eigenen Stande, mit Verlaub zu ſagen, wenn da Einer ein Eſel iſt, iſt er's gewöhnlich in einer ernſthaft feierlichen Art und da halten ihn die meiſten in ſeiner Gemeinde für den beſten Prediger und einen kreuzbraven Mann. Und wenn ein Doktor den enn nen lts⸗ mit rer zu eſte her für im⸗ en, mer ren uhr ort, oſt, in enn ner ten ind tor nichts verſteht, dann ſchwören die Frauenzimmer doch noch auf ihn und ſagen er wäre der geſchickteſte Chirurg, wenn er nur das Trinken laſſen wollte. Von'nem untauglichen Arbeiter aber will Niemand etwas wiſſen. Der Meiſter brummt ihn an, die Geſellen hänſeln ihn und ſelbſt ſeine Frau hält nichts auf ſich ſelbſt und ihn.“ Ueber dieſen Gegenſtand kannte Davids Geſprächigkeit keine Grenzen.„Sehen Sie, das iſt ein Beweis, daß die moraliſchen Wiſſen⸗ ſchaften hinter der Naturwiſſenſchaft zurück ſind, denn es giebt kein noch ſo kleines Pflänzchen oder Würmchen, dem nicht ſeine richtige Stelle in der Natur und den Büchern angewieſen iſt. Nur die Klaſſen⸗ eintheilung der Menſchen iſt ganz und gar veraltet. Wenn für die am ſchwerſten Heimgeſuchten gebetet wird, müßten alte heirathsluſtige Jungfern, Prediger, die ſich eine Pfarre wünſchen, ungeſchickte Hand⸗ werker mit leeren Beuteln und großen Familien obenan in der Kirche ſtehen, und für die wird gar nicht einmal gebetet.“ Trotz alledem lag ein gewiſſer Stolz in der Art und Weiſe, in welcher David von ſeinen Er⸗ fahrungen als Handwerker ſprach; ſeine Erinnerungen bezogen ſich zwar oft auf jene Epoche, aber ſie deuteten doch zugleich an, daß er nur vorübergehend 234 oder durch beſondere Umſtände dazu gebracht worden war; denn bei einem anderen Geſpräch erwähnte er gegen Mr. Francis auch einmal einer früheren Zeit. „Ich muß Ihnen ſagen, daß es nicht Mangel an Verſtand war, was mir bei allen Sachen, die ich unternahm im Wege ſtand. Wer ein guter Handwerker werden will, darf nichts anders ſein wollen; man muß jung als Lehrling anfangen und keinen andern Ehrgeiz kennen, als ein Meiſter in ſeinem Fache zu werden. Das aber war mein Unglück. Mein Vater und ſeiner und mein Urgroßvater hatten wie mein Freund Jackſon, geſegneten Andenkens, eine eigene kleine Druckerei— ſolcher gab's an die hundert im ganzen Lande dazumal, jetzt ſind ſie freilich alle von'nem Dutzend großer Druckereien verſchlungen worden. Da lernte ich vom Geſchäft nur ſo viel als gerade dazu gehörte es zu beaufſich⸗ tigen, aber das war herzlich wenig, ſo lange mein Vater noch lebte, und als er ſtarb, war's zum Lernen zu ſpät.“ „Sie ſetzten ſein Geſchäft nach dem Tode fort?“ fragte Mr. Francis. „Ja, aber ich machte Bankerott und zog fort, und mußte nun auf Tagelohn arbeiten, obgleich ich kaum halb ausgelernt hatte; ja, das kam ort, eich von Sachen her, die aber zu weitläufig zum Er⸗ zählen ſind.“ Mr. Francis erklärte zwar, daß er ſehr gern zuhöre, aber der Alte gab keine weiteren Thatſachen ſondern meinte nur:„Es mag Einem ſchon recht heilſam ſein, mal im Leben ein paar Stufen herunter⸗ ſteigen zu müſſen, beſonders im Anfang. Sie werden ſchon gemerkt haben, daß mancher, der glatt durch die Welt gekommen iſt, am Ende der Reiſe'nen vollen Beutel, aber auch'nen leeren Schädel hat. Für das Nachdenken iſt es nicht ſo übel, wenn man ſich im Anfang durchquälen muß, es giebt Einem Begriffe von dem, was in der Welt oben und unten iſt, und treibt Einen an, Vergleiche anzuſtellen, was doch die Grundlage von allem richtigen Urtheil und aller Erkenntniß iſt.“ Je mehr Mr. Francis unausgeſprochene Sorgen wuchſen und je mehr er ſich gedrungen fühlte, ſich den beobachtenden Blicken zu entziehen, um ſo mehr zog es ihn zu dem alten Manne hin, der auch ein⸗ geſtandenermaßen ein ſorgfältig bewachtes Geheimniß bewahrte. David wußte außerdem aus Erfahrung, daß es oft ebenſo unzart iſt, Jemand in die Augen zu ſehen, um in ſeiner Seele zu leſen, wie es un⸗ erlaubt wäre, wollte man auf eine Leiter ſteigen, 236 um durch die Fenſter in das Innere ſeines Hauſes zu ſehen. Er that ſeinem jungen Freunde daher ſehr wohl und wirkte beruhigend auf ihn, daß er keine Veränderung in ſeinem Weſen zu bemerken ſchien. Früher hatte er wohl über junge Leute und ihre Neigung zur Schwermuth und die Schwermuth ihrer Liebe geſcherzt, jetzt vermied er ſolche Be⸗ merkungen, da ſie ihm nicht angebracht ſchienen. Es verging daher ſelten ein Tag, an welchem die Beiden ſich nicht ſahen. Mr. Francis war des Alten Theilnahme ſo ſicher, hielt ſo viel von ſeinem Scharfblick, daß er ſich verſucht fühlte, ſich gegen ihn auszuſprechen, ihm die über der Familie ſchweben⸗ den Sorgen und dann den ihn perſönlich quälenden Gram mitzutheilen. Das Geſpräch mit der Schweſter hatte ihn darin noch beſtärkt, und da er David zu⸗ fälligerweiſe mehrere Tage nicht geſehen, ging er nach der Pförtnerwohnung von Sunbury und hoffte eine Gelegenheit zu finden, ſich einem mitfühlenden Herzen ausſprechen zu können. Allein David Groats war von einem Schlage betroffen worden, der Mr. Francis' Abſichten gänzlich vereitelte. Als er eintrat war David eben von Quaighnore zurückgekommen, hatte Rock und Schuhe abgeworfen und ſich mit geſchloſſenen Augen auf den zu⸗ ffte en ige on he 237 erſten beſten Stuhl geworfen. Doch war es weder Müdigkeit noch Anſtrengung vom Wege nach dem Marktflecken des Diſtrikts. Er hatte Tags zuvor die niederſchmetternde Nachricht von dem in China erfolgten Tode ſeines Adoptivſohns Georg erhalten und die Tochter meinte, er ſei nur in die Stadt gegangen Trauer für ſie und ſich ſelbſt zu beſorgen. Ihm war es überhaupt darum zu thun geweſen, irgend etwas vorzunehmen um dem Schmerz nicht immer nachzuhängen. Trauer zu beſorgen hätte es für ihn nicht bedurft, wenn man darunter nur ver⸗ ſteht ſeinen Schmerz zu zeigen; denn dieſer wurde deutlich durch ſein abgehärmtes Geſicht und die zu⸗ ſammengeſunkene Geſtalt bewieſen. Der Schlag hatte ihn ſo unerwartet, ſo plötzlich getroffen, daß er davon ganz betäubt war, und wie er ſo da ſaß glich er Einem, deſſen Leuchte durch einen miß⸗ günſtigen Windſtoß ausgelöſcht und dem plötzlich und für immerdar der Tag in Nacht verwandelt iſt. Er hatte ſeine Tochter geſtern mit einer höf⸗ lichen Meldung an Mr. Ogg geſchickt, welche den Zweck hatte, dieſen von einem Beileidsbeſuch ab⸗ zuhalten. Als David jedoch den Ton von Mr. Francis' Stimme hörte, freute er ſich. Nach einiger Zeit gab er ihm auch die Briefe des engliſchen Conſuls 238 und einiger Freunde ſeines Sohnes, welche ihm den Tod des jungen Mannes mittheilten und meldeten, daß derſelbe ſeinem„Vater“ einiges Vermögen ver⸗ macht habe. Er möge ſofort Schritte thun, es in Empfang zu nehmen. Nach einer langen Unterhaltung über die näheren Umſtände des Todes, kam David auf das Ver⸗ mächtniß zu ſprechen:„Daß der arme Junge über⸗ haupt ein Teſtament he mußte! Hätte er ſein Geld doch wenigſtens einem Anderen hinterlaſſen! Es kann nicht viel ſein, er war doch erſt ein paar Jahre fort und wenn ich auch nicht Geld im Ueber⸗ fluß habe, bin ich doch hundertfältig für Alles belohnt worden, was ich an ihm gethan, und ich wollt' es würde mir nicht noch hinterdrein in baarer Münze bezahlt.“ Mr. Francis widerſprach ihm und meinte, David ſolle ſich freuen, daß es ſeinem Sohn möglich geweſen, ihm auch auf dieſem Wege ſeine Dankbarkeit beweiſen zu können. „Da haben Sie vielleicht Recht,“ entgegnete David,„aber wenn man nur einmal in ſeinem Leben ein gutes Werk hat thun können und wird dann dafür hinterher bezahlt, ſo nimmt das„Einem die Befriedigung beſonders““, ſetzte er mit einem unt ode ank wi bei we wi en ete em ird em 239 unterdrückten Seufzer hinzu,„wenn dagegen eine oder mehrere böſe Thaten auf der Rechnung ſtehen.“ Es ſchien, daß die Erbſchaft wie in vielen anderen Fällen ein zweifelhafter Gewinn für den Empfänger war. Immerhin war aber der Schmerz an und für ſich ſo groß, daß geringfügige Neben⸗ umſtände wie dieſe nicht viel daran änderten. „Ich habe freilich noch Maggie“, ſagte er nach der Stube deutend, in der ſich ſeine Tochter aufhielt, „und ein beſſeres Kind kann ſich Keiner wünſchen. Aber gerade weil ich ihn nahm, obgleich ich nicht dazu verpflichtet war— denn er gehörte zur Ver⸗ wandtſchaft meiner Frau und ſie wollte erſt nichts davon hören— wurde er mir noch mehr als ein Sohn. Was für ein braver Junge er war und wie gut er ſich gleich für ſein Geſchäſt anließ, will ich gar nicht einmal anführen. Und alle die Freund⸗ lichkeiten, die er ,ſeinem Vater' erzeigte, ſeit er fort war— mein Sohn! mein Sohn!“ Mr. Francis war zu einſichtsvoll, einen Schmerz wie dieſen beſchwichtigen zu wollen; er blieb lange bei ſeinem alten Freunde, klagte mit ihm, aber ſprach wenig und gab keinen jener Troſtgründe an, die wir als ein unfehlbares Mittel zum Beſten der leidenden Menſchheit hier mittheilen könnten. Nach⸗ ——— 240 dem er ſich verabſchiedete, ging David noch ein paar hundert Schritt mit ihm und der Alte trennte ſich von ihm mit einem Lächeln, welches muthig geweſen wäre, hätte nicht ein plötzlich hervorbrechender Thränen⸗ ſtrom ſeine Wirkung beeinträchtigt. Auf dem Heimweg blieb David vor dem Gatter ſtehen und lauſchte noch geſenkten Hauptes auf die ſich immer mehr entfernenden Schritte des Predigers. Als er in ſein Häuschen trat, war er überraſcht, eine weibliche Geſtalt mitten in der Küche ſtehen zu ſehen; ſie hatte ſeine kurze Abweſenheit benutzt, leiſe herein⸗ zuſchlüpfen, ſo leiſe, daß die im Nebenzimmer befind⸗ liche Tochter ſie nicht einmal gehört. Rahel Carvie, (denn ſie war es,) hatte kurz vorher ſeinen Verluſt erfahren und kam nun, ihm von Amtswegen ihr Beileid auszuſprechen. Sie war noch neu in ihrem Amt und verſtand nicht die Kunſt ſich unangenehmer Pflichten zu entledigen, indem man ihnen nur ſchein⸗ bar nachkommt, oder die noch höhere Kunſt, bei der man es ſich zum Verdienſt anrechnet, ſeine Schuldig⸗ teit nicht gethan zu haben und eine Reihe ſchön klingender Entſchuldigungen dafür vorbringt. Ein gewiſſes Pflichtgefühl, nicht gerade der höchſten Art, aber wenigſtens das Bewußtſein, von Mrs. Slipper und den anderen Damen dafür beſoldet zu ſein, trieb —— aar ſich ſen en⸗ 24¹ ſie zu thun, wozu ſie eigentlich keine Neigung hatte. Sie wäre am Liebſten an David's Thür vorbeige⸗ gangen und hätte ihr Beileid anderswo zu Markte gebracht. Aber dies Pflichtgefühl, weches, wie man an dieſem Fall ſieht, neben ſehr rohen religiöſen Vor⸗ ſtellungen oder ſogar auch in Abweſenheit derſelben beſtehen kann, war ſtärker als ihre Abneigung gegen dieſe kirchliche Obliegenheit und bewaffnet mit einer Auswahl von Traktätchen, war ſie im Schlummern“ nach dem Pförtnerhauſe gegangen. „Ich bin Rahel Carvie— die neue Bibelfrau.“ „Hab' ſchon von Ihnen gehört,“ antwortete David und wies mit unerwarteter Höflichkeit nach einem Stuhl. Vielleicht ſtimmte ihn der Schmerz milder, vielleicht kamen andere Rückſichten Rahel zu Statten. Rahel ſetzte ſich und nahm den Korb voll Trak⸗ tätchen auf den Schooß; dann wiederholte ſie ein paar Mal verlegen: es ſei ein ſchöner Abend. All⸗ mählich faßte ſie Muth zur Sache zu kommen; denn David ſtand am Fenſter, kehrte ihr den Rücken zu und ſah hinaus. Mit abgewendetem Kopf ſagte ſie: „Was jetzt für viele Leute plötzlich ſterben. James Cowie geradeüber von mir iſt geſtern geſtorben— der war freilich ſeit funfzehn Jahren krank und Mary Caird, C. M.„Lady Hetty“ Bd. I. 16 Reid von Tarnhill iſt auch vergangene Nacht ent⸗ ſchlafen, war Schwindſucht bei ihr. Ja, ja, viel R plötzliche Todesfälle. Sie haben auch einen Ver⸗ ri wandten verloren?“ ha „Ja,“ ſagte David, ohne ſich umzuwenden. B „Er iſt wohl auch plötzlich geſtorben, denn man ſü hat doch nichts von ſeiner Krankheit gehört und wußte gar nicht, daß Sie außer der Tochter noch ſa ein ander Kind hätten.“ ke David fuhr fort aus dem Fenſter zu ſtarren, obgleich ſie ihm Zeit genug ließ, ſich zu entſchuldigen f wegen der verſäumten Mittheilung ſeiner Familien⸗ verhältniſſe. „Hatten Sie ihm ne Bibel mit gegeben?“ fragte ſie, da ſie ſich erinnerte, daß man Abreiſende damit zu beſchenken pflegte, und da ſie der Unterhaltung eine religiöſe Wendung zu geben wünſchte. .„Er hatte eine,“ ſagte er, noch näher an das Fenſter tretend und ſo lange hinausſtarrend, als habe er ſeinen Beſuch ganz vergeſſen. Plötzlich ſchien er ſich ihrer zu erinnern und als ob die Erinnerung 3 etwas Heiteres in ſich ſchließe, drehte er ſich ſchnell G herum und ſagte mit unbewußtem aber theatraliſchem i Pathos zu ihr:„Ich habe ihm auch'nen Shakeſpeare i mitgegeben.“ nt⸗ iel er⸗ nan und noch ren, igen lien⸗ agte amit tung das habe ner rung chnell ſchem peare 243 „Da haben Sie Recht d'ran gethan,“ antwortete Rahel, der es mehr um eine ſchnelle als um eine richtige Antwort zu thun war.„Man braucht aller⸗ hand Waffen dort unter den Schwarzen, nicht nur Bibeln;— aber was meine ſind, die verkaufe ich für zehn Pence das Stück.“ „Die Schwarzen ſind in der Gegend gelb,“ ſagte David, der der Verſuchung nicht widerſtehen konnte ihre Dummheit zu Tage zu fördern. „So, na, das macht nichts aus; ſie ſind jeden⸗ falls nicht weiß, und das iſt doch der Unterſchied zwiſchen ihnen und uns Chriſtenmenſchen. Wenigſtens war Ihr Pflegeſohn doch nur von der Freundſchaft von Ihrer Frau, nicht von Ihrer eigenen.“ „Mag ſein, aber ich liebte ihn, als ob er mein eigner Sohn wäre und mehr noch, gerade weil er'ne Waiſe war, als ich ihn annahm— und er iſt mir immer der beſte Sohn geweſen.“ „Jo,* iſt'n harter Verluſt,“ ſagte Rahel, die zu merken begann, daß es ſich hier um einen tiefen Schmerz handele, und einige Theilnahme fühlte;„8 iſt ein harter Verluſt, aber ſehen Sie, die Erbſchaft iſt doch auch ein Troſt. Die Vorſehung iſt immer gütig,“ ſetzte ſie von Amtswegen hinzu. 16* 244 „Ja,“ ſagte David und trat wieder an das Fenſter,„die Vorſehung iſt immer gütig und wunder⸗ bar, beſonders wenn ſie uns den beſten Freund nimmt und uns dafür ſeine Hoſen und den Geld⸗ beutel d'rin läßt. Freundſchaft iſt gut, aber baar Geld iſt noch beſſer, meint die Vorſehung— baar Geld geht über Alles. Rahel, Ihnen geht's wie vielen Gottesgelehrten, Sie ſind weiſer als Sie denken. Sie wollen ſagen, und es iſt auch wahr, wer viele Kupferdreier hat, hat viele Freunde; thut nichts, wie viele auch davon ſterben, oder wie wenig man ſelbſt ſolche Freunde verdient. Sorge zuerſt für Geld, dann wirſt Du Freunde haben— ein Bibelſpruch iſt's nicht— aber er könnte es ſein.“ Rahel ſuchte erſt in ihrem Kopf, dann in ihrem Korbe nach einer paſſenden Erwiderung und förderte dieſe dann in der Geſtalt eines Traktätchens heraus: „Troſtworte und Ermahnungen für die Hinter⸗ bliebenen.“ Um ſie auf dieſes beliebte und nützliche Schriftchen aufmerkſam zu machen, damit ſie es bei paſſender Gelegenheit anwende, war ihr nicht nur der Titel, ſondern auch die Nummer eingeprägt worden, nämlich Nr. 13. Sie ſtand auf, um es David anzubieten und berührte ſeine Schulter, da er ihr immer noch den Rücken zukehrte. — —— . * — 245 „Dies iſt Nr. 13, nämlich wenn man Kinder verloren hat.“ David hatte oft mit Beſchämung daran gedacht, wie er einſt aus einer anderen Hand ein Traktätchen genommen; nie hatte er deſſen gegen irgend Jemand erwähnt. Auch außer dieſem Grunde: Rahel nicht ſo wie einſt Miß Hope zu behandeln, begriff er, daß der Hochmuth, deſſen eine wohlthätige vornehme Dame ſchuldig ſein konnte, bei dieſer ungebildeten Bibel⸗ frau nicht vorauszuſetzen ſei. „Ich werde es mal leſen,“ ſagte er mit trau⸗ rigem aber gutmüthigem Lächeln. „Hier iſt auch Nr. 15, Doddridge— das iſt ſehr gut vor'm Sterben zu leſen,“ fuhr Rahel fort, die ſehr zufrieden mit ihrem Erfolg war und wieder in ihrem Korbe kramte,„aber vielleicht paßt das Ihnen jetzt nicht.“ „Nein, danke ſehr. So weit iſt's wohl noch nicht. Wir wollen erſt die Wirkung von Nr. 13 abwarten, ehe wir's mit dem anderen verſuchen; und 's mag auch nicht gut thun, die Nummern außer der Reihe zu leſen.“ Neunzehntes Kapitel. gg war ſehr überſchweng ich in ſeinen Beileidsbezeugungen, als er David beſuchte, denn er hörte ſich gern reden und bewunderte ſelbſt die ſchnellen Uebergänge, die er in der Unterhaltung vom Ernſt zum Scherz zu machen verſtand. Was nach ſeiner Anſicht das traurige Ereigniß noch trauriger machte, war der Ort und die Zeit, in der es geſchehen, denn da des jungen Mannes Gehalt mit jedem Dienſtjahr ſtieg, ſo wäre ſein Leben gewiſſermaßen von immer höherem Werth als früher geworden. Ferner ſei in den heißen Ländern die Lebensgefahr zu Anfang ſtets am größeſten; wer einmal acclima⸗ tiſirt ſei, wäre verhältnißmäßig nur wenig bedroht und brauche ſich nicht ſonderlich in Acht zu nehmen. Es ſei höchſt wunderbar, welche Fähigkeit der Menſch ernee — — A7 habe, ſich an jede Art von Klima zu gewöhnen, es frage ſich von welchen Umſtänden das abhänge und es lohne ſich der Mühe danach zu forſchen, ob es mehr von geiſtigen oder körperlichen Urſachen abhänge. Mr. Ogg war ſehr wortreich im Ausdruck ſeines Bedauerns; aber er würde es noch mehr geweſen ſein, hätte ihn nicht eine perſönliche Befriedigung ebenſo ſehr als David's Kummer beſchäftigt. Er war nämlich wieder durch einen Beſuch des Honou⸗ rable Charles Romain beglückt worden, den er früher während einiger Jahre in Sunbury unterrichtet hatte. Seitdem beſtand ein freundſchaftlicher Verkehr zwiſchen Lehrer und Schüler beſonders bei der diesjährigen Anweſenheit der Familie und namentlich ſeit den letzten paar Wochen kam Mr. Romain häufig in das Schulhaus und erwies ſich jedesmal noch freund⸗ licher als vorher. Das war beinah zu viel für Mr. Ogg, und war er auch ſonſt nicht leicht zu Rührung geneigt, dies rührte ihn ſichtlich. Seine Augenbrauen richteten ſich ganz vertikal in die Höhe, ſobald er davon ſprach. Es war dies eine Auszeichnung, die ſowohl dem Lehrer als dem Menſchen galt, um ſo mehr, da ſein ehemaliger Schüler ihn augenſcheinlich nicht nur beſuchte, um ſich zu unterhalten, ſondern um ſich zu belehren. Er wolle die Grenzen eines ſtarken und umfaſſenden Verſtandes noch weiter ausdehnen. Es wäre überraſchend, einen ſo jungen und vornehmen Mann, der der Gefahr des Müßiggangs und Leicht⸗ ſinns ſo ſehr ausgeſetzt ſei, das Wiſſen um ſeiner ſelbſt willen ſuchen zu ſehen, bei einem ſolchen Herrn dieſen Verſtand, dieſe Einſicht zu finden und die ernſte Lebensrichtung, welche eben die Veranlaſſung geworden, daß er ſeinen alten Lehrer ſo häufig be⸗ ſuchte. „Er iſt ein edler Jüngling,“ rief der Schul⸗ meiſter enthuſiaſtiſch,„ſo wohlgebildet an Geiſt wie an Körper, ſo edel in ſeinen Gedanken wie in ſeinem Betragen und ſeiner Herkunft. Die Familie hat Soldaten, Diplomaten und Staatsmänner aufzu⸗ weiſen; ich habe von jeher behauptet, daß er beſtimmt iſt den Familienruhm als Staatsmann zu erhöhen. Jener Drang nach praktiſchen Kenntniſſen iſt durchaus ſtaatsmänniſch.“ „Stopfen Sie ihn meinetwegen bis oben hin voll mit praktiſchen Kenntniſſen, aber füllen Sie ſeinen Kopf nicht mit dem Zeug an, was Sie Para⸗ dorien nennen,“ unterbrach ihn David.„Sie finden zwar viel Geſchmack d'ran für Ihre eigene Perſon und Ihnen behagt eine Wahrheit am Beſten, wenn ſie einen Beigeſchmack von dem Gegentheil hat. Aber — — 249 wenn Mr. Charles ein Staatsmann werden ſoll, dann muß er verſtehen, das, was ein paar weiſen Leuten als Wahrheit gilt, für die große Menge der Thoren verſtändlich zu machen, und wohl gelegentlich auch eine Lüge als unumſtößliche Wahrheit gelten zu laſſen.“ „Statt ſeinen Kopf mit Paradoxien zu füllen,“ entgegnete Mr. Ogg, etwas gekränkt aber doch gut⸗ müthig,„hat er ſich jetzt mit mir in die Wiſſenſchaft der Wiſſenſchaften vertieft; in ihr giebt es keine Paradoyien.“ „Anatomie? Phyſiologie? Will er einen Schädel, ein Skelett und einen anatomiſchen Atlas für die Schule ſtiften, und ſollen die kleinen Jungen und Mädchen lauter Doktoren werden?“ „Ganz recht,“ ſagte der Schulmeiſter, deſſen Lieblingsgeſpräch dieſes war.„Sie zweifeln freilich immer, ob dieſer Plan ausführbar iſt. Stehen Sie mal auf,“ fuhr er fort,„und beantworten Sie mir ein paar Fragen, gerade ſo, als ob Sie ein kleines Kind wären. Dann werden Sie ſehen, wie man ein Kind in der Wiſſenſchaft und zwar in der beſten und größten Wiſſenſchaft unterrichten kann.“ David, der ſich innerlich ſo gebrochen fühlte, ſtand unwillkürlich auf, aber ſein trauriges Geſicht 250 erinnerte Mr. Ogg an ſeinen herben Verluſt und er bat den Alten ſich wieder hinzuſetzen. „Ein andermal,“ ſagte er, ſich behaglich vor den Heerd ſtellend,„oder beſſer noch, kommen Sie einmal zu mir in die Schule und laſſen Sie ſich durch den Augenſchein belehren. Ich habe es Ihnen ſchon vorher geſagt,“ fuhr er mit großem Nachdruck fort,„in meiner Schule iſt kein Kind, das nicht in ſeinem Inneren ſo gut Beſcheid weiß, wie auswendig an ſeinem Körper. Es kennt die Stelle von ſeinem Magen und ſeiner Leber ſo gut wie ſeinen Kopf und ſeine Hände. Es weiß, was es in den Magen hineinthun und was es ihm fernhalten ſoll, wie das Blut kreiſt, das Herz ſchlägt und die Lungen arbeiten, welchen Nutzen friſche Luft, Licht, Bewegung und geſunde richtig bereitete Nahrung haben, welcher Schaden durch Schmutz, Feuchtigkeit, Ausdünſtungen, Goſſen und Schweinekoben angerichtet wird. Jedes kleine Mädchen, das kaum zu lautiren anfängt, weiß, daß ſie ihre gute Geſtalt und ihre Geſundheit ver⸗ dirbt und vor der Zeit alt und häßlich wird, wenn ihr die Mutter die Rockbänder zu feſt ſchnürt und daß ſie mit der Scheere oder dem Meſſer Alles durchſchneiden ſoll, was ſie einzwängt.“ „Wahrhaftig,“ fuhr er fort und wurde ſo eifrig, 251 wie er es bei dieſem Gegenſtand ſtets zu werden pflegte,„es iſt gar zu toll, den Kindern Abgeſchmackt⸗ heiten beizubringen, welche ſie im Augenblick quälen, ohne ihnen für die Zukunft zu helfen, und ſie nicht zu lehren, ſich ſelbſt zu bewahren und Leib und Seele zuſammenzuhalten. Es iſt nicht allein dumm und barbariſch, es iſt ganz verrückt. Ganz gewiß, David, wir ſind noch Barbaren, oder wenn wir ſchon einen Lappen beſitzen unſere Blöße zu bedecken, dann ſind wir Verrückte.“ David, dem er dies oder ähnliches ſchon oft geſagt, ſaß mit geſenktem Kopf da und war in Ge⸗ danken vertieft, aber der Schulmeiſter fuhr mit un⸗ vermindertem Eifer fort:„Bedenken Sie alle die Kirchen und Wohlthätigkeitsanſtalten, die von unſerem Gelde gebaut werden und vergeſſen Sie nicht, daß man uns den letzten Pfennig aus der Taſche zieht“ (der Schulmeiſter pflegte Sonntags einen Halfpenny in die Kollekte zu legen),„um die Kranken zu unter⸗ ſtützen, aber man rührt nicht den Finger die Krank⸗ heit zu verhindern. Es iſt entſetzlich! Es iſt hirn⸗ verbrannt!“ Da Mr. Ogg ſich außer Athem geſprochen hatte, fühlte David ſich verpflichtet, etwas zu der Unter⸗ haltung beizutragen:„Die Kirche will uns zu geiſtigen 7 Rieſen erziehen und die Schule zu phyſiſchen; Schul⸗ meiſter, ich fürchte Ihr handelt da wider die Natur und erreicht das erſt, wenn das tauſendjährige Reich kommt.“ „Wenn erſt Mr. Romain im Parlament iſt, was in Kurzem geſchehen muß, dann wird er die Sache bald ins Werk ſetzen. Er wird ein Geſetz einbringen oder unterſtützen über den Schulzwang und er will der Phyſiologie und Geſundheitslehre eine hervorragende Stelle in dem Unterricht anweiſen. Nichts lernen die Kinder leichter als das, ſie be⸗ greifen's ebenſo ſchnell, wie dumme Streiche zu machen.“ „Mr. Charles könnte auch ein Geſetz ein⸗ bringen, daß Jeder geſunden Menſchenverſtand haben muß, das kann Kirche und Schule doch auch brauchen, nicht wahr, Schulmeiſter? Aber das gebe ich Ihnen zu, es ſpricht für den jungen Herrn, daß er ſich um ſolche Dinge kümmert.“ „Der Grund dafür iſt leicht begreiflich,“ ſagte Mr. Ogg,„nämlich, daß er neben der praktiſchen, auch die theoretiſche Seite der Sache ſieht. Er ſtimmt meiner Anſicht ganz bei— die ich Ihnen auch oft mitgetheilt habe und die meinem Buche zu Grunde liegt— nämlich, was die Leute von dieſem Gegen⸗ „ 253 ſtand wiſſen und über ihn denken; die Vorſtellung, die ſie ſich über ihren Körper machen, iſt der beſte oder einer der beſten Maßſtäbe für ihre Kultur. Andere Schriftſteller, die über das große Epos geſchrieben haben, ſo nenne ich die Geſchichte der Menſchheit, erzählen vielerlei, was man von der Seele geſagt und gedacht hat, kurz, ſie ſprechen über die religiöſen Vorſtellungen der verſchiedenen Zeit⸗ alter und Völker, um ihre Zuſtände und ihre fort⸗ ſchreitende Bildung zu ſchildern. Das mag ſoweit ganz gut ſein, aber mein Plan iſt, die Kultur zu meſſen und zu zeichnen nach den Vorſtellungen, wie ſie in verſchiedenen Zeiten und Ländern nicht über die Seele, ſondern über den Körper vorhanden waren. Nichts zeigt beſſer, wie der Zuſtand und der Geiſt der Leute iſt, als die Art und Weiſe wie ſie ihren Körper behandeln und was ſie von ihm denken.“ „Das iſt wohl ein neues Verhältniß zwiſchen Körper und Geiſt?“ fragte David. „Alt oder neu, gleichviel; es iſt richtig,“ eiferte Mr. Ogg.„Ich möchte z. B. Mr. Romain klar machen, welchen Bildungsgrad die unteren Klaſſen dieſer Gegend beſitzen, in der ſeines Vaters Fluren ſich ausbreiten. Nun würde das ſehr ſchwer ſein, wenn ich ihm zu dem Zweck ihre religiöſen Vor⸗ ſtellungen ſchildern wollte, denn religiöſe Begriffe ſind nicht leicht zu umſchreiben, und außerdem weiß man nie, in welchem Sinn man die Worte zu nehmen hat, mit welchen ungebildete Leute ſolche Ideen bezeichnen. Aber ich kann die Sache meinem edlen jungen Freund gleich klar machen, wenn ich nicht die Vorſtellungen über die Seele, ſondern die über den Körper anführe, da iſt kein Mißverſtändniß möglich, man weiß ganz genau, was ſie meinen. Sehen Sie, dieſes wichtige Prinzip hat Mr. Romain ſo überzeugt, daß er, wie ich beſtimmt weiß, ſeit⸗ dem Miß Hope, deren Schweſter und Miß Francis wiederholt bei Krankenbeſuchen begleitet hat, um durch die eigene Anwendung dieſes Verfahrens ſich von dem wirklichen Bildungsgrad der unteren Klaſſen zu überzeugen.“ Das große Epos, oder vielmehr„Bilder zum großen Epos“, war der Titel, den Mr. Ogg ſeinem großen kulturgeſchichtlichen Werk geben wollte. Er hatte es größer angelegt, als er es nachher durch⸗ führbar fand, bei ſeinem geringen Vorrath an Büchern und ſeiner großen Vorliebe für abendliche Whiſtpartien. In der That war es bis jetzt eine wirre Maſſe von Fragmenten, Abhandlungen oder halbvollendeten Be⸗ ſchreibungen, die zu verſchiedener Zeit, in verſchiedenſter Stimmung und Ausführung niedergeſchrieben waren, ſo daß der Titel, dem man zwar eine gewiſſe An⸗ maßung vorwerfen konnte(der aber in buchhänd⸗ leriſcher Beziehung empfehlenswerth ſchien), nicht ganz unpaſſend gewählt war. „Ich verſichere Sie,“ fuhr er feierlich fort, „Mr. Romain hat das lebhafteſte Intereſſe für meine neueſten Arbeiten und beſonders gefiel ihm Mrs. Gatherſticks Beſchreibung des Reißens ſo ſehr, daß ich ihm das Kapitel abſchreiben mußte. Ich will's Ihnen erzählen, ſo gut ich es im Kopfe habe, obgleich noch nicht die letzte Feile an die Sprache gelegt iſt, die ich in meinem Buch anwende; Sie werden daraus ſehen, was es für ein Licht auf unſere hieſige Civiliſation und Kultur wirft: „Die alte Gatherſtick lag im Bett matt und fiebernd, augenſcheinlich ihrem Ende nahe, klagte über Schmerzen im Rücken, in den Beinen und dem Kopf, der in ſo dicke wollene Decken gewickelt war, daß er einen großen Theil des Bettes einnahm. Ich fragte, ob ſie ſchon ſeit lange an den Schmerzen gelitten hätte und ſie ſagte: Ja, Schmerzen hätte ſie auch dabei, aber die Hauptſache wäre das Reißen und das hätte ſie ſeit fünfundvierzig Jahren. Ich weiß noch ganz genau, wie ich's kriegte. Als wir 256 heiratheten, wohnten wir drüben beim Steinbruch, und da wurde unſer Aelteſter geboren und wir nannten ihn Johnny nach ſeinem Vater. Sehen Sie, da war ein ganz kleines Kämmerchen in dem Haus,'s wäre kaum gut genug für'nen Hühnerſtall geweſen, und das gab der Inſpektor der alten Nanny Bird— Antie Nanny, nannten ſie Alle.'s war gerade kein andrer Platz da und hierher gehörte ſie nun'mal her, und'ne Seele von'ner Frau war ſie und Jeder hatte ſie gern. Aber einen Fehler hatte ſie — na, aber Fehler hat ein Jeder— nämlich ſie war ſehr ſchmutzig— die gute Nanny. Kann ſein, daß es in dem Zimmer vorher auch ſchon nicht richtig war, aber nach dem ſie drin wohnte, wurde es noch viel ſchlimmer. O, du liebe Zeit, der Schmutz, und ſie wußte ſich nicht zu helfen, und dann hatte ſie'was an ſich, ſo ein Geziefer, das kein Chriſtenmenſch an ſich haben darf. Sehen Sie, Nanny war ganz verliebt in unſern Kleinen und wollte ihn Tag und Nacht herumſchleppen, und mein Mann zankte auf mich und wollte das nicht leiden aus Furcht, daß dem Kinde was ankriechen könnte.(Ich werde den lateiniſchen Namen des Inſekts beifügen, wenn das Werk veröffentlicht werden ſollte, damit in ſpäteren Zeiten darüber kein Zweifel 1——„— er nd as nd nd cht en e en 257 entſtehen kann),“ ſchaltete der Schulmeiſter in ſeine Geſchichte ein. „Alſo er ſagt mir, ich dürfte ſie nicht noch 'mal an das Kind'ranlaſſen; aber das that mir leid, denn ſie war doch auch ein Menſch und ich wollte ſie nicht gern beleidigen. Hören Sie, wie ich's da machte. Es war in einer hellen Nacht, gerade um dieſe Jahreszeit, vor fünfundvierzig Jahren, da machte ich mir einen großen Keſſel voll heiß Waſſer und Seife und mein Mann half mir und wir wuſchen Nanny's Bettzeug und ſcheuerten ihr Bett und jedes Stück im Haus, und dann ſetzte ich Nanny ſelbſt in den Zuber und habe ſie ganz und gar abgeſcheuert, und als ich fertig war, ging ich heraus. John war ſchon im Bett und es war heller Morgen, aber mir lag's wie Nebel vor den Augen und als ich in unſrer Stube war, fiel ich hin und war fort. Ob's mir die Morgenluft an⸗ gethan hat, weiß ich nicht, aber ſechs Wochen lag ich da und wußte nichts von mir, denn ich hatte das Reißen gekriegt und es war mir in den Kopf geſtiegen, und ſeitdem hat's mich nicht wieder los⸗ gelaſſen.“ Der Schulmeiſter wartete, daß David eine Bemerkung machen würde, aber David meinte, daß Caird, C. M.„Lady Hetty“ Band. I. 17 258 der Schulmeiſter eine Moral aus der Geſchichte ziehen wollte und ſo entſtand eine Pauſe. Endlich fragte Mr. Ogg:„Was für eine Art von Seele haben wohl ſolche armſeligen Geſchöpfe; welche Civiliſation und Kultur können ſie erlangt haben mit ſolchen Vorſtellungen über ihren Körper?“ „In der Geſchichte iſt mehr, als Sie zu ſehen ſcheinen,“ ſagte David, eifrig im Zimmer auf und ab humpelnd.„Wenn Sie damit beweiſen wollen, daß dieſe armen Leute ſo zu ſagen kein Seelenleben haben, dann haben Sie das Beiſpiel nicht gut gewählt. Ja, ich behaupte, daß das arme Weib, die ein andres armes altes Weib um Mitternacht ſäubert und vierzig Jahre lang hinterdrein krank iſt ohne darüber zu klagen, ich behaupte, daß ſie eine Seele hat und zwar eine gute, wie nur eine von den Traktätchen und Geld vertheilenden Damen, oder einer der Märtyrer oder Miſſionäre, die von Wilden aufgefreſſen ſind. Schulmeiſter, Sie müſſen das große Epos noch von einem höheren Standpunkt auffaſſen.“ „Jedenfalls müſſen Sie zugeben, daß ich meinem jungen Freunde nicht den Kopf voll Paradoxien pfropfe,“ ſagte Mr. Ogg, mit dem ſtillſchweigenden Urcheil, daß David zwar ein für ſeinen Stand ungewöhnlich intelligenter Menſch ſei, daß man aber 259 keine wiſſenſchaftliche Bildung von ihm verlangen könne.„Wir beſchränken uns, wie Sie ſehen, auf Thatſachen und verfolgen dieſelbe Methode bei dem zweiten Studium, dem mein junger Freund jetzt ſeine Aufmerkſamkeit widmet. Denn unſer Zweck iſt eben praktiſches Wiſſen zu erwerben.“ „Und was ſtudirt er denn?“ „Geographie, eine ſehr umfangreiche Wiſſen⸗ ſchaft. Während man ſich bei der Aſtronomie, die auch höchſt intereſſant iſt, nie zu Hauſe fühlen kann auf dem Saturn oder Mars, ſo verſetzt man ſich durch das Studium der Geographie auf die an⸗ genehmſte Weiſe in die Orangenhaine Weſtindiens und die Pinienwälder Californiens.“ „Ja,“ ſagte David, der an China dachte,„die Gedanken reiſen weit.“ „Dieſe Studien beziehen ſich ohne Zweifel auf ſeine Weltumſeglung; eine ſolche beabſichtigt er in der That. Nämlich des Paſtors Schweſter,“ er wurde roth und huſtete mit abſichtlicher Verlegenheit, „ja, Miß Francis hat ihm Schilderungen von den Antipoden gemacht, die ihn in hohem Grade in⸗ tereſſirt haben. Da ſie ganz friſch von dorther kommt,. ſo kann ſie in Bezug auf Auſtralien höchſt wichtige Aufſchlüſſe geben, und die Unterhaltungen, die er 17 260 mit ihr über die Kolonien geführt, haben ihn be⸗ geiſtert, Alles auf dieſen Gegenſtand bezügliche zu ſtudiren— denn jung wie er iſt, fühlt er ſich als Staatsmann; er iſt in der That ein geborener Staatsmann.“ „Junge Damen ſind vorzügliche Führerinnen nach fremden Ländern,“ entgegnete David, immer auf⸗ und ab humpelnd,„beſonders wenn ſie ſo hübſch ſind wie Miß Beſſy.“ Mr. Ogg verſchmähte es, auf dieſe Neckerei einzugehen, die Mr. Romains wiſſenſchaftlichen Eifer anzweifelte:„Wir nahmen uns dieſen Nachmittag meine große Weltkarte vor— Mercators Projectionen — und reiſten über Südamerika, mit genauer Angabe aller Stationen, nach Auſtralien, ſeinem fernſten Reiſeziel.“ „Möchte es ſelbſt noch ſehen, ehe ich nach einem anderen Planeten abreiſen muß,“ ſagte David mit einem tiefen Seufzer.„Ich wünſche die andere Seite dieſer ſchlechten Welt kennen zu lernen, ehe ich nach einer beſſeren überſiedele; ſeit funfzig Jahren ſtrebe ich danach. Ich hätte meine rechte Hand d'rum gegeben, Auſtralien zu ſehen!“ Ende des erſten Bandes. — — —— ———