Tittrhr deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Eduard( Oftmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeihe und Leſebedingungen — Bilt —— 1. biensein der Pibliothek. Die B zibliothek ſteht zur Em⸗ Sthne und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 3 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. lesepreis. Bei Rückga abe eines geliehenen Buches wird von Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſf den angenommen. ſ 3. Caution. Unbekannte Perſt eines Buches, eine dem Werth hinterlegen, welche bei deſſen wird. ſonen müſſen, bei Entgegennahme e deſſelben entſprchende Summe Zuvückgabe von mir zurückerſtattet I 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt:. für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: .———— auf 1 Monat; 1 Mk.— Pf 1 Mk. 50 Pf 2 N— Pf . 2 3 Auswärt tige Wonner nten haben für der Pün und Zurückſendung ahr ſelbſt zu ſorgen. zerriſſene, verlorene und ſolchen' mit Kupfern ꝛc.) muß der — Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ ein Theil eine größeren Werkes, ſo iſt Ganzen verpflichtet. auf ihre eigenen Koſten und Gef 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, defecte Bücher(namentlich bei Ladenpreis erſetzt werd lorene oder defecte Bu der Leſer zum Erſatz des 3 Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſohrers darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ſ A Vella Stoch. — r 5 Bilder aus dem Leben der flämiſchen Fiſcher — ⸗ von Hendrik Conſcience. A us dem Flämiſchen 5 53 =— * von br. C. Büchele. n. 4 6 ſ S Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1862. — — S be de ſel Druck der K. Hofbuchbruckerei Zu Guttenberg in Stuttgart. Die nungn zahlreich Mündur berghe1 ſie allm zwiſchen wüſten halbe S ſpiel, d er inmit klimmt herumlar verſchiede Häupter überall, mit ſpät grünt, e licht; vi ſich zum Kettengel ttgart⸗ I. Die flämiſche Küſte iſt in ihrer ganzen Ausdeh⸗ nung mit Hügeln und Flugſand umſäumt. Wenig zahlreich und wenig tief ſind ſeine Dünen, von der Mündung der Schelde bis hinaus über Blanken⸗ berghe und Oſtende; doch gegen Süden hin gewinnen ſie allmälig immer mehr Grund und bilden endlich zwiſchen Nieupoort und Dünkirchen eine Barre Sand⸗ wüſten von vielen Stunden Länge und über eine halbe Stunde in der Breite. Es liegt etwas Furchtbares in dieſem Schau⸗ ſpiel, das ſich vor dem Wanderer ausbreitet, wenn er inmitten dieſer ſeltſamen Natur eine Höhe er⸗ klimmt und ſeinen erſtaunten Blick in der Runde herumlaufen läßt. Tauſend und tauſend Sandhügel, verſchieden an Form und Größe, erheben ihre Häupter nach allen Seiten hin und ſchließen ihn überall, ſo weit ſein Auge reicht, ein. Einige ſind mit ſpärlichen Halmen oder dunkelm Moos be⸗ grünt, andere ſind kahl und erglänzen im Sonnen⸗ licht; viele ſind vom Wind ausgefreſſen und neigen ſich zum Fall; einzelne verlängern ſich gleich einem Kettengebirge und ziehen mit ihrem rauhen Rücken 1 quer über alle Höhen hin, um endlich in ein tiefes Thal ſich zu ſenken und zu verſchwinden. Zuerſt gewahrt der Beobachter hier Nichts als eine grauſe Verwirrung, eine wilde Umwühlung des Bodens; und er fühlt ſich zu glauben geneigt, daß dieſes traurige Stück Land nur der Ueberreſt einer furchtbaren Umwälzung iſt, von welcher vor Zeiten die Erde hier heimgeſucht worden ſein müßte. Aber in Kurzem wähnt er, einer Bezauberung ſeines Ge⸗ ſichts und ſeiner Sinne nachgebend, in den Tauſen⸗ den von Hügeln die Wogen einer ungeſtümen See zu ſehen, welche durch den Willen Gottes plötzlich mit Bewegungsloſigkeit geſchlagen worden ſind und alſo ſeit Jahrhunderten das unveränderliche Bild des wüthenden Oceans darſtellen. Das Rauſchen der See in der Ferne, die feier⸗ liche, zwiſchen den Dünen herrſchende Stille, der Mangel aller Bäume, die ungeſtörte Einſamkeit— Alles trägt dazu bei, um den Geiſt des Beſchauers zu überraſchen und in träumeriſche Gedanken zu ver⸗ ſenken. Erklimmt er die Spitze mehrer Hügel, um damit ſeine Ausſicht zu verändern, ſo wird er in der Ferne eine begrünte Tiefe entdecken, und daneben vielleicht einen rothen Fleck, der ſich gleich einer Blutlache gegen die Sanddünen abhebt. Eine gräuliche Rauch⸗ ſäule, gleich einem Wetterhahn der Richtung des Windes folgend, wird ihn auf die Vermuthung bringen, daß er die Dachziegel einer Wohnung ſieht. Und in der That, die Dünen verbergen hie und da in ihrem Schooße ein einſames Häuschen oder eine Hütte, das Aſyl armer Leute, welche mit dem Garne halt f oder den g mehr und t Da kr Gras, Kräute daß m Ar dem N Fiſcher eine g Erzeu dieſem Stolze De zwiſche des ve Fiſcher in der Ei die ar geglau ſtehe, aber ganzen der H daß de tiefes s als ig des t, daß t einer Zeiten Aber es Ge⸗ auſen⸗ n See lötzlich id und ild des feier⸗ der eit— hauers u ver⸗ damit Ferne ielleicht utlache Rauch⸗ uthung ſieht. ie und n oder it dem 5 Garneelen⸗ oder Fiſchfang ihren mühſamen Unter⸗ halt finden. Sind die Sandhügel nackt, oder nur mit Moos oder ſpärlichen Halmen bewachſen, ſo thut ſich in den gegen den Seewind geſchützten Tiefen die Natur mehr Gewalt an, um einige Vegetation hervorzurufen und den Grund zu ſpäterer Fruchtbarkeit zu legen. Da kriecht die Zwergweide über den Boden, zwiſchen Gras, Hahnenfuß, Wegerich, Steinklee und andern Kräutern, doch alle ſo mager und klein im Maaße, daß man Mühe hat, ſie zu erkennen. Auf ſolchen zwiſchen den Dünen gelegenen, mit dem Namen Pfanne bezeichneten Erdflecken baut der Fiſcher ſein Häuschen; er gräbt den Boden auf eine gewiſſe Strecke um, ſucht ihn durch Dünger zur Erzeugung von einigem Gemüſe und von Kartoffeln für die Winterszeit zu zwingen, und iſt zufrieden auf dieſem Beſitzthum, welches er mit einem gewiſſen Stolze ſeinen Sand nennt. Da wo die flämiſchen Dünen am breiteſten ſind, zwiſchen Adinkirchen und der See, ſtanden zu Ende des vorigen Jahrhunderts fünf oder ſechs dergleichen Fiſcherhütten, nicht fern von der franzöſiſchen Grenze, in der Tiefe zwiſchen den Sandhügeln zerſtreut. Eines dieſer Häuschen war merklich größer als die andern; man hätte ſogar auf den erſten Blick geglaubt, daß es aus einer doppelten Wohnung be⸗ ſtehe, da man zwei Eingangsthüren daran bemerkte, aber ein Eſel und eine Kuh, welche beinahe den ganzen Tag in der Nachbarſchaft auf dem Abhang der Hügel weideten, gaben genugſam zu erkennen, daß der zweite Theil der Hütte ein Stall ſein müßte. An einem Frühlingsmorgen des Jahrs 1794, da die Sonne kaum die Spitzen der Dünen zu er⸗ leuchten begann, ſaß in dieſem Häuschen an einem Tiſche ein Mann, welcher damit beſchäftigt war, ein Fiſchernetz mit ſehr großen Maſchen zu ſtricken. Der Mann arbeitete mit geſchloſſenen Augen, und ſeine Bewegungen— wenn er zuweilen nach dem Garnknäuel auf dem Tiſche greifen wollte, um davon wieder auf ſeine Nadel zu bringen,— waren un⸗ ſicher und taſtend, wie bei einem Blinden. Er war von hoher Geſtalt und ſchien noch ziemlich ſtark von Körper; aber ſein gekrümmter Rücken und die weißen Haare, die in Locken über ſeine Schultern fielen, be⸗ wieſen, daß ſein Haupt ſich unter der Laſt der Jahre zu beugen begann. Sein Angeſicht ließ vermuthen, daß er ſein arbeitſames Leben auf der See zugebracht hatte, denn die Muskeln ſeiner Wangen waren trocken, hart und braun wie gegerbtes Leder. Er trug eine Jacke von grobem rothem Flanell, ſehr weite blaue Hoſen, die nur bis unter die Kniee reichten, grobe Strümpfe von weiß und ſchwarz melir⸗ ter Wolle, und auf dem Kopfe gleichfalls eine ſchwarz⸗ wollene Mütze mit kraushaariger Einfaſſung. Die tiefſte Stille umgab den arbeitenden Greis: nur die Uhr ſetzte ihr monotones Ticken fort und die Katze ſchnarchte leiſe an dem ſeuerloſen Herde. Das Gemach ſah ſehr ärmlich aus. Der Fuß⸗ boden beſtand nur aus einer Schichte getrockneten Lehms, und die Decke war ſo niedrig, daß der alte Mann, wenn er ſich ganz aufrichtete, unfehlbar mit ſeinem Kopfe bis an die nackten Balken reichen mußte. Nichtsdeſtoweniger war Alles ſo ſauber, daß es Einen ———FÜFÜF, anläch geordn welche W Schro Taſſen allerle von 2 war. figürch Waſſer auf ei Stück konnte und g Blume St wohnu Netze, von D fang f ſich a glänzer De ſonſt 1 großen deckt, ſicherli die Ar 1794, zu er⸗ einem ar, ein . n, und h dem davon en un⸗ r war rk von weißen en, be⸗ Jahre nuthen, ebracht trocken, Flanell, Kniee melir⸗ hwarz⸗ Greis: ind die Fuß⸗ ckneten r alte ar mit mußte. Einen 7 anlächelte, und die Sorgfalt, womit das Hausgeräthe geordnet war, zeugte von der Gegenwart einer Frau, welche Liebe zu ihrer niedrigen Wohnung hatte. Was zuerſt die Aufmerkſamkeit erregte, war ein Schrank, deſſen oberer Theil bis zum Einbrechen mit Taſſen, Cafékannen, Milchtöpfen und Schüſſeln von allerlei Form und Farbe, doch meiſtens einer Glaſur von Braungold oder tiefem Himmelblau, beladen war. Dazwiſchen prangten einige grobe Porzellan⸗ figürchen, Matroſen, Bergſchotten, oder kraushaarige Waſſerhunde*). All dieſes bunte Tiſchgeräthe war auf eine Weiſe zuſammengeſtellt, daß kein einziges Stück dem Blicke des Beſchauers verborgen bleiben konnte; die Schüſſeln ſtanden aufrecht an der Wand und glänzten in aller Pracht ihrer blauen oder rothen Blumen. Solche Gegenſtände ſchmückten damals jede Fiſcher⸗ wohnung. Man bekam ſie im Austauſch gegen alte Netze, oder wurden ſie von den jungen Leuten, welche von Dünkirchen aus nach Island auf den Stockfiſch⸗ fang fuhren, zum Geſchenke mitgebracht. Auch ließ ſich auf den erſten Blick erkennen, daß all dieſes glänzende Hausgeräthe aus England ſtammte. Der Theil der weißgetünchten Wand, welcher ſonſt nackt geblieben wäre, erſchien hier mit einer großen Anzahl Heiligenbildchen behangen und über⸗ deckt, in Einfaſſungen von ausgeſchnittenem Papier, ſicherlich grob und einfach, aber zierlich und ſchön in die Augen fallend durch die bunte Menge von hun⸗ *) Pudel. A. d. U — pünktchen als Metallperlen funkelten. In einer Ecke befand ſich ein Alkoven mit weiß⸗ und rothcarrirten Gardinen, er mußte dem alten Mann zur Schlafſtätte dienen; denn er war jetzt leer, und an deſſen Rande hing ein Oberrock, wie ihn die Fiſcher trugen. Ein hölzernes Krucifix mit einem Weihkeſſelchen und einem geweihten Palmzweig hing über der Bett⸗ ſtätte. Daneben lagen auf einem Brettchen an der Wand zwei Bücher: das Eine, klein und die Spu⸗ ren ehmaliger Vergoldung am Einband zeigend, glich einem Gebetbuch; das Andere, groß, abge⸗ nützt und beinahe auseinanderfallend, mußte ohne Zweifel ſeit vielen Jahren unter dem Lichte der Abendlampe gelegen ſein, um der Fiſcherfamilie nach der ſchweren Arbeit einige geiſtige Erholung zu ge⸗ währen. Es konnte demnach Jemand in der Hütte leſen? In der That Etwas, das damals unter den Fiſchern als ſehr ungewöhnlich betrachtet werden mußte. Die Standuhr, ein gypſernes Krucifix, der drei⸗ eckige Speiſeſchrank in der Ecke, ein Spiegelchen an der Wand, vier oder fünf große Stühle, ein Back⸗ trog, deſſen Deckel als Bank diente, ein Spinnrocken, welcher am Herde den Platz der Hausfrau bezeich⸗ nete, waren die übrigen Gegenſtände zur Ausſchmückung des Gemachs, welche das arme, doch freundliche Fiſcherhäuschen darbot. Seit einer Weile mußte ein vorherrſchender Ge⸗ danke ſich des Greiſes bemächtigt haben, denn er hatte ſeine Arbeit unterbrochen und ſaß mit der dert Farben, unter welchen die Gold⸗ und Silber⸗ Strickn Augen ken au ſamkeit Pl Züge Seite zernen Der fr ſes, ſt dem k dieſes aufhör von Li O, mi milden gelaſſe Er Di und le Schwel Trauer Blick e ihre L ſeliger Da ihren ſames gegen Seewi Silber⸗ it weiß⸗ mn alten jetzt leer, ihn die eſſelchen er Bett⸗ an der ie Spu⸗ zeigend, „abge⸗ te ohne hte der lie nach zu ge⸗ r Hütte iter den werden er drei⸗ chen an n Back⸗ nrocken, bezeich⸗ nückung undliche der Ge⸗ denn er nit der 9 Stricknadel in der bewegungsloſen Hand da. Einige Augenblicke ſpäter raffte er ſich aus ſeinem Nachden⸗ ken auf und ſetzte ſtill, doch mit träumeriſcher Lang⸗ ſamkeit ſeine Arbeit fort. Plötzlich erhellte ein Ausdruck milder Freude ſeine Züge und er neigte verlangend das Ohr nach der Seite des Zimmers, wo eine Thüre über zwei höl⸗ zernen Stufen ein Schlafgemach vermuthen ließ. Der freudige Ausdruck umſpielte die Lippen des Grei⸗ ſes, ſo lang das Geräuſch von Schritten ſich aus dem kleinen Kämmerchen hören ließ. Als endlich dieſes Geräuſch undeutlicher wurde und zuletzt ganz aufhörte, da murmelte er mit einem hellen Schein von Liebe und Dankbarkeit auf dem Angeſicht: „Sie betet zu Gott für mich, immerdar für mich! O, möge der Herr ihn gnadenvoll beſchirmen, den milden Engel, den er dem armen Blinden zum Troſte gelaſſen hat!“ Er faltete die Hände und beugte das Haupt. Die Thüre von dem Kämmerchen wurde langſam und leiſe geöffnet. Ein Mädchen zeigte ſich auf der Schwelle. Bei ihrem Erſcheinen war eine gewiſſe Trauer über ihr Angeſicht verbreitet; aber ſobald ihr Blick auf den Greis fiel, trat ein helles Lächeln auf ihre Lippen, und ſie betrachtete ihn mit einer Art ſeliger Zufriedenheit. Das Mädchen war von mehr als gewöhnlicher Größe und ſtark von Gliedern. Man konnte an ihren muskulöſen Armen ſehen, daß ſie ein arbeit⸗ ſames Kind der Dünen war und ſich nicht fürchtete, gegen das ſtrenge Wetter und gegen den ſcharfen Seewind anzukämpfen. Nichtsdeſtoweniger war ſie eine auffallend ſchöne Frau. Nicht ſo wie der ver⸗ feinerte Geſchmack die Frau ſich denkt, aber ſo, wie Gott wahrſcheinlich die erſte Genoſſin des Mannes geſchaffen hat, deſſen Leben eine ewige Mühſal, ein ewiger Streit auf Erden ſein ſollte. Obwohl dieſes Mädchen die Merkmale von Gei⸗ ſteskraft und Körperſtärke an ſich trug, lag dennoch etwas Wunderſüßes, etwas Bezauberndes ſelbſt in ihren Geſichtszügen. Ihre Wangen waren noch von der zarten Roſenfarbe der Kindheit erhellt, ihre großen ſchwarzen Augen ſchwammen in funkelnden Kryſtal⸗ len, ihr Mund ſchloß Perlen ein, deren Ränder von durchſichtiger Reinheit waren.— Aber was ihr den höchſten Reiz verlieh, war die unerklärliche Sanft⸗ muth ihres Lächelns, die heitere Einfalt ihres Aus⸗ drucks und eine gewiſſe leichte Fagon ihrer Kleidung. Als einzigen Schmuck hatte ſie jedoch Nichts als ein rothwollenes Leibchen, ein weißes Halstuch, einen ſchwarzen Rock und ein blauzitzenes Häubchen, welches von den reichen Locken ihrer braunen glänzenden Haare gehalten wurde;— aber dieſer geringe Putz that der Schönheit ihrer Glieder ſo wenig Eintrag, ihre Wangen waren ſo friſch, ihre Augen ſo hell und ſüß, daß ſie daſtand, ſichtbar geſchmückt mit aller Pracht einer reinen und milden Natur. Nur einen kurzen Augenblick verweilte ſie auf der Schwelle ihrer Kammer; dann kam ſie herab, näherte ſich ſtill dem Greiſe, bückte den Kopf und ſprach in feierlichem Ton: „Vater, Deinen Segen!“*²) *) Es iſt noch heute Gewohnheit unter den Adinkircher Fiſchern, daß Söhne und Töchter, ſo lang ſie bei ihren Eltern Der auf ihr „G Unt er ſie ſie zär „A „Du b haben geblieb war. Licht d des M A ich un ment Geſchic immerd S Buch ich we Louis großes vorzule D „ich he iſt es gehört wohnen Abends er er⸗ o, wie Rannes al, ein on Gei⸗ dennoch elbſt in och von großen Kryſtal⸗ der von ihr den Sanft⸗ leidung. hts als , einen welches nzenden ge Putz Fintrag, ſo hell nit aller ſie auf herab, p und inircher n Eltern 11 Der alte Fiſcher machte das Zeichen des Kreuzes auf ihrer Stirne und murmelte: „Gott ſegne Dich, mein Kind!“ Und dann das Mädchen um den Leib faſſend, zog er ſie auf ſeine Kniee und ſtreichelte und umarmte ſie zärtlich. „Ah, Bella!“ ſagte er mit freundlichem Tadel, „Du biſt heute ſpät zum Schlafen gekommen. Wir haben geſtern zu lang geleſen, und Du biſt noch ſitzen geblieben, nachdem ich bereits zu Bette gegangen war. Verderbe doch Deine Augen nicht, Kind. Das Licht der Augen, ſiehſt Du, iſt wie die zweite Seele des Menſchen.“ „Allerdings, Vater,“ antwortete ſie;„aber wenn ich unſer Buch: Das Alte und Neue Teſta⸗ ment nur aufſchlage, dann laſſen mich die ſchönen Geſchichten ganz vergeſſen, daß der Zeiger der Uhr immerdar vorwärts geht.“ „Sei vernünftig, liebes Kind, und laß das ſchöne Buch Dir nicht die nöthige Nachtruhe rauben, oder ich werde wohl noch bedauern müſſen, daß Oheim Louis Dich leſen lehrte, wiewohl es für mich ein großes Vergnügen iſt, Abends auf das, was Du mir vorzuleſen pflegſt, zu hören.“ „Der arme Oheim Louis!“ ſagte das Mädchen, „ich habe dieſe Nacht von ihm geträumt. Wie lang iſt es wohl, Vater, daß wir Nichts mehr von ihm gehört haben?“ „Zwölf Jahre, mein Kind,“ antwortete der Greis. wohnen, ihren Vater um ſeinen Segen bitten, namentlich des Abends bei Schlafengehen und wenn ſie in See ſtechen. A. d. V. ————— „Ach, er iſt vielleicht todt. Untergegangen in der isländiſchen See!“ „Betrübe mich nicht, Bella. Wir haben Grund zu hoffen, daß Gott ihn bis jetzt in ſeinen Schutz genommen hat. Als Sieſſen Bordinkr von Island zurückkehrte, hat er uns die Kunde gebracht, daß Oheim Louis aus dem Schiffbruch gerettet und in Amerika gelandet ſei. Sei überzeugt, er wird den einen oder andern Tag wieder einmal unerwartet zurückkehren. Daß er keine Rachricht ſendet, darf uns nicht verwundern; er iſt herzensgut, aber leicht von Gemüth und flüchtiger Art wie ein ächter Matroſe; und er vermuthet ſicherlich nicht, daß wir, die wir hier gemächlich in den Dünen leben, uns deßhalb Kummer machen, weil er Nichts von ſich hören läßt. Ah, Bella, mein armer Bruder Louis, das war ein Mann, der Dich lieb hatte!“ „Mir dünkt, Vater, ich ſitze noch auf ſeinen Knieen, auf denen er mich reiten ließ“ murmelte das Mäd⸗ chen in traurigem Ton;„ich höre noch ſeine ſtarke Stimme, mit der er nach dem Takte des Pferdchens ſingt. Wenn er doch todt wäre, Vater? Wir wür⸗ den ihn niemals auf Erden wiederſehen!“ „Ich weiß nicht, Bella, Du haſt ſchlecht geſchlafen. Es liegt etwas Trauriges in Deiner Stimme.“ „Ich habe dieſe Nacht geweint.“ „Geweint? Warum?“ fragte der Blinde beſorgt. „Die Geſchichte von dem armen Hiob auf ſeinem Düngerhaufen iſt mir vor den Augen geblieben und hat mir Thränen verurſacht. Welches Unglück und welche Geduld!“ „Einfältiges Kind, dieſe Dinge ſind vor tauſend und ta wegen der jet „De Mutter im Tra unglück und di Augen „De ſagte d hat m meine er ließ erheiter gelobt, nigen Unt und dr Eir grobe „H Dich r theil,( jedoch, De unter an Sch einer g war. ließen ſchen b gen in Grund Schutz Island t, daß und in ird den rwartet „ darf r leicht ächter aß wir, t„ uns on ſich Louis, Knieen, Mäd⸗ ſtarke rdchens r wür⸗ chlafen. beſorgt. ſeinem en und uck und tauſend und tauſend Jahren geſchehen. Sollteſt Du Dich wegen des Schickſals von einem Menſchen betrüben, der jetzt bei Gott den Lohn ſeiner Leiden genießt?“ „Das iſt es nicht allein, Vater. Ich habe meine Mutter und meine Brüder geſehen; und ſo bin ich im Traume auf den Gedanken gerathen, daß Du auch unglücklich geweſen biſt, gleich dem heiligen Hiob; und die Vorſtellung Deiner Schmerzen hat meinen Augen Thränen entlockt.“ „Der heilige Hiob läßt Dich an mich denken!“ ſagte der Greis mit Rührung.„In der That, Gott hat mir viel genommen: meine wackern Söhne, meine gute Frau, ja ſelbſt mein Augenlicht; aber er ließ mir doch einen Schatz, welcher mir das Leben erheitert und verſüßt. Darum ſei der Herr ewig gelobt, daß er mir geſtattet, Dein Herz an dem mei⸗ nigen klopfen zu fühlen, meine holde, liebe Bella!“ Und er ſchloß das Mädchen feſter an ſeine Bruſt und drückte einen Kuß auf deren Stirne. Ein Lachen ertönte durch das Gemach, und eine grobe Stimme rief ſcherzend: „Ha, ha, die Sonne ſcheint hier im Hauſe. Laß Dich meinetwegen nicht ſtören, Bella. Im Gegen⸗ theil, Gott helfe Dir bei dem ſchönen Werke. Schade jedoch, daß Joſeph Dein Vater nicht iſt.“ Der Mann, welcher dieſe Worte ſprach, ſtand unter der Thüre. Er trug einen großen Korb, der an Schulterriemen ihm auf dem Rücken hing und mit einer ganzen Fracht von Netzen und Schnüren beladen war. Die rieſigen Waſſerſtiefel an ſeinen Beinen ließen errathen, daß er ſich an den Strand zum Fi⸗ ſchen begab. S N — 2 14 Es war ein kräftiger Burſche mit breiten Schul⸗ tern und gedrungenen Gliedern. Durch die Oeffnung ſeines Wammſes konnte man ſehen, wie ſeine gewölbte Bruſt mit krauſen Haaren bedeckt war. Seine nack⸗ ten Arme waren gleichfalls haarig bewachſen und bei einem oberflächlichen Blick hätte man leicht auf den Glauben gerathen können, er trage eine Art von Pelzhandſchuhen. Obwohl grob gemeiſelt, zeigten ſeine Geſichtszüge viel Regelmäßigkeit; aus ſeinen blauen Augen ſtrahlte ein klarer, offener Blick, und auf ſeinem Munde ſchien ein heiteres Lächeln ſeinen Sitz aufgeſchlagen zu haben. Es lag wohl Etwas von den plumpen Formen eines Bären in ſeinen Gliedern; aber ſein Geſicht war ein Spiegel von Offenherzigkeit und Milde des Gemüths, und ſicherlich mußte er, ehe Arbeit und Alter ſeine Stirne und Wangen mit Runzeln durch⸗ furcht hatten, ein flinker Junge geweſen ſein. „Nun, Vetter, was bleibſt Du ſo unter der Thüre ſtehen?“ rief das Mädchen, während ſie ihre Arme von dem Halſe ihres Vaters los machte und von ſeinen Knieen ſprang.„Komm doch einen Augenblick herein!“ Der Fiſcher ſtellte ſeinen Korb auf den Boden und ſagte mit einem Blick auf den Herd: „Tante Klär hatte geſtern Abend ein Bischen Kopfweh. Ich habe ſie nicht wecken wollen und ge⸗ dachte unterwegs hier um eine Schale Café zu bit⸗ ten; aber der Schornſtein raucht hier ſo wenig, als bei uns. Joſeph wird wohl mit nüchternem Munde und leerem Magen in die See müſſen... „Ja wohl, das wäre ſchön!“ fiel ihm das Mäd⸗ —— chen ir das H Keſſel 5 7 einmal Steinb Di fragte franzöſi Oeſterr ber, we „B Fiſchen hat un beinahe wir wi raden l Lieber das Bt Wir h Kirchwe bis nac Schul⸗ ffnung wölbte nack⸗ nund ht auf rt von zeigten ſeinen , und ſeinen ormen Geſicht de des it und durch⸗ er der nd ſie machte einen Boden ischen nd ge⸗ zu bit⸗ g, als Munde Mäd⸗ 15 chen in's Wort.„Du ſpotteſt immer, Vetter. Sieh, das Holz liegt ſchon gebrochen auf dem Herde, der Keſſel mit Waſſer hängt darüber: ein Schwefelhölz⸗ chen darunter, und es kocht im Umſehen! Du haſt Zeit genug; die See iſt noch weit vom Boot.“ „Nun, ich werde warten, bis der Cafe hell iſt, Bella. Ich habe allerdings teine Eile.“ Er trat auf den Greis zu, drückte ihm freundlich die Hand und ſagte: „Guten Tag, Vater Stock. Wir wollen endlich einmal probiren, ob es wohl einige Rochen oder Steinbutten fangen gibt.“ „Die engliſchen Kriegsſchiffe liegen noch in Sicht?“ fragte der Blinde.„Und Du wiliſt es dennoch wa gen, Joſeph?“ „Es iſt keine Gefahr, mein guter Vater.“ „Und die Kaper von Dünkirchen? Seitdem die franzöſiſche lik im Kriege mit England und Heſterreich iſt, gilt in Dünkirchen Alles für Seeräu⸗ ber, was nur ein Segel führen kann.“ „Bah, wir konnten doch nicht ewig gleich todten Fiſchen auf dem Strande liegen bleiben. Die Sonne hat uns ſo ſehr ausgetrocknet, daß ich meinen Finger beinahe durch die Spalte ſtecken konnte. Nun ſind wir wieder dicht geworden und die luſtigen 3 raden haben uns geſtern wieder in's Waſſer gelaſſen. Lieber Himmel, was das eine Freude war, als wir das Boot wieder auf den Wellen ſich wiegen ſahen! Wir haben zu tanzen angefangen, wie bei einer Kirchweih, und haben geſungen, daß man es wohl bis nach Rieupoort hören konnte. Und daß wir ein gutes Schlückchen darauf geſetzt haben, daran zweifelt Ihr gewiß nicht, Vater Stock?“ „Ich bin nicht ſo ruhig wie Du, Joſeph; die engliſchen Schiffe liegen ſehr tief in See. Sollte Dir der geringſte Unfall begegnen, Tante Klär würde davon den Tod haben.“ „Wir gehen nicht weit und werden mit ſcharfen Augen ausſchauen ob... ob in der Richtung von Dünkirchen keine Gewitterwolke aufſteigt... Was ſag' ich nun? Ich meine ein Sehe Der blinde Greis nahm wieder das Wort, um ſeinen Kameraden zur Vorſicht zu ermahnen, und machte ihn darauf aufmerkſam, wie ein Nieupoort⸗ ſcher Fiſcherkahn noch unlängſt von einem ſtark be⸗ mannten Boote aus Dünkirchen weggenommen wor⸗ den ſei; aber Joſeph, ganz von anderen Gedanken in Anſpruch genommen, hörte nicht mehr auf das, was er ſagte. Das junge Mädchen war bisher von einer Seite nach der andern gelaufen, um herbeizubringen, was zum Frühſtück nöthig ſein mochte. Jetzt war ſie damit beſchäftigt, den Café einzuſchenken und ſtand aufrecht an dem Tiſche. Joſeph hielt ſeinen Blick auf ſie gerichtet und folgte mit einem ſeltſamen Lä⸗ cheln allen ihren Vewegungen. Seine Augen glänz⸗ ten und ſein Geſicht zeigte zu gleicher Zeit den Aus⸗ druck von Freude, Liebe und Achtung. Bella überraſchte ihn in dieſer Haltung; ſie ſah auf ihre Kleider und ſagte mit einer gewiſſen Ver⸗ legenheit: „Habe ich mich vielleicht ſchwarz gemacht?“ „O, n Roſen, d der Fiſche „Aber ſeltſfam a Joſep ſich lebha die Stirn „Sei ſo werde Zeit treil ein Schiff „Du Veurne g Klär.“ „Es i ſelig; ih „Wär⸗ murmelte Jahre zu wohl der „Du biſt „Ach „Bereits dreißig J jedoch jü ſchlägt; 1 genug ki Kopf lau Conſei nzweifelt eph; die Sollte lär würde t ſcharfen tung von Was ort, m ten, und ieupoort⸗ ſtark be⸗ nen wor⸗ Gedanken auf das, er Seite en was war ſie nd ſtand en Blick men Lä⸗ n glänz⸗ en Aus⸗ ſie ſah ſen Ver⸗ 17 „O, nein, nein: Dein Geſicht iſt ſo rein wie die Roſen, die in des Paſtor's Garten blühen,“ fagte der Fiſcher. „Aber Joſeph, warum ſiehſt Du mich denn ſo ſeltſam an?“ Joſeph ſchien verwirrt; ſeine Wangen rötheten ſich lebhaft; aber er ſchlug ſich mit der Fauſt vor die Stirne und rief lachend: „Sei überzeugt, liebe Nichte, wenn es ſo fortgeht, ſo werde ich dummer als ein Roche! Seit einiger Zeit treiben meine Gedanken ſo unſtet herum, wie ein Schiff ohne Steuer.“ „Du haſt zu viel Blut, Vetter; Du ſollteſt nach Veurne gehen und Dir zur Ader laſſen, ſagt Tante Klär.“ „Es iſt Nichts, Bella; ich dachte an meine Frau ſelig; ihre Augen waren auch ſo ſchwarz und ſo het „Wäre ich nur nicht ſo alt und ſo häßlich!“ murmelte er bei ſich.„Aber ich bin fünfundzwanzig Jahre zu früh auf die Welt gekommen. Das war wohl der dummſte Streich, den ich begehen konnte.“ „Alt, ſagſt Du, Joſeph?“ bemerkte der Greis. „Du biſt noch jung.“. „Ach ja, vom Jahr 1746,“ ſeußzte der Fiſcher. „Bereits achtundvierzig, Vater Stock. Und zweiund⸗ dreißig Jahre See auf den Knochen! Das Herz iſt jedoch jünger, als der abgenutzte Kaſten, worin es ſchlägt; und ich bin ſo alt nicht, ſonſt würden nicht genug kindiſche Gedanken mir durch den grauen Kopf laufen.“ Conſtience, Bella Stock. 2 ——4 die Kaninchen in den Dünen Jagd machen, der Greis. 18 Aufſtehend näherte er ſich der Wand, wo der kleine Spiegel hing, und betrachtete ſich in dem Glaſe. Er trat einen Augenblick zurück ſchüttelte den Kopf, bedrohte ſein Abbild mit der Fauſt und murmelte unverſtandene Worte des Tadels, während ſeine Lip⸗ pen ſich zu einem Ausdruck von Abſcheu und Ver⸗ achtung verzogen. „An den Tiſch! Der Café iſt hell!“ rief das ädchen. Sie trat zu ihrem Vater und leitete ihn an den Tiſch. Dann brachte ſie ſich zu ihm nieder⸗ ſetzend, ſeine Hand an die Taſſe und an die Butter⸗ ſchnitten, die daneben lagen. Es entſtand ein Streit zwiſchen dem Greiſe und ſeiner Tochter, weil ſie, trotz ſeiner Verweiſe, wieder Zucker in ſeinen Kafs gethan und zu viel Butter auf ſein Brod geſtrichen hatte. Das Mädchen ver⸗ ſprach zum hundertſten Male, fortan dem Befehle ihres Vaters Gehorſam zu leiſten, obſchon ſie wohl wußte, was ihm am beſten ſchmeckte;— und als er noch nicht zufrieden ſchien, warf ſie ihm die Arme um die Schulter und umarmte ihn zärklich. Damit war der Streit zu Ende; und Joſeph konnte jetzt, um ſeine Rührung zu verbergen, das Wort nehmen. „PVater Stock, habt Ihr dieſe Nacht keine Piſto⸗ len⸗ oder Flintenſchüſſe gehört?“ fragte er. „Nein!“— Und Du auch nicht, Bella? Dann werde ich wohl geträumt haben. Ich träume noch allzu viel gegenwärtig „Vielleicht franzöſiſche Wildſchützen, welche auf bemerkte „Schlechte Neuigkeiten von dort,“ ſagte der dort mi Dorf zr Strömer „La Vaterlc bewahrt ſich ber ſchreiten warf ſic ihre Sch „Ach jubelnd, Grund brechen. Tant ſchaute war ein und aus ihre Aus ungewöh lichkeit i i marſch!“ Frau ni „Im „Jetzt ſe Hauſe! d, wo der dem Glaſe. den Kopf, murmelte ſeine Lip⸗ und Ver⸗ rief das leitete ihn hm nieder⸗ ie Butter⸗ Freiſe und iſe, wieder iel Butter dchen ver⸗ n Befehle ſie wohl nd als er die Arme Damit nnte jetzt, nehmen. ne Piſto⸗ nn werde och allzu Ache auf bemerkte igte der 2¹ dort mit der Guillotine von Stadt zu Stadt, von Dorf zu Dorf umher und vergießt Menſchenblut in Strömen.“ „Laſſet uns Gott danken, Kinder, daß er unſer Vaterland bis jetzt vor ſolchem ſchrecklichen Unglück bewahrt hat,“ ſeufzte der Blinde. „Er gebe, daß es ſo fortdaure!“ ſetzte der Fiſcher hinzu. „Der Strandrabe ſagt, die Franzoſen machen ſich bereit, um wieder unſere Grenzen zu über⸗ ſchreiten.“ Das Mädchen ſtieß einen Angſtſchrei aus und warf ſich ihrem Vater um den Hals. „Fürchte Richts, meine gute Bella,“ ſprach der Alte. „Die Dünen ſind es nicht, wo die Guillotine ihre Schlachtopfer ſucht...“ „Ach, da iſt Tante Klär!“ rief das Mädchen jubelnd Grund brechen. „als wäre ſie erfreut, daß es nur einen⸗ gab, um dieſes traurige Geſpräch zu unter⸗ 5 7 Tante Klär ſtemmte die Arme in die Seite und— ſchaute mit einem zornigen Blick auf Joſeph. Es“ war eine ſehr alte Frau, klein von Geſtalt, mager und ausgetrocknet, und mit zitterndem Kopfe; aber ihre Augen waren noch lebendig und es lag etwas ungewö lichkeit hnlich Reizbares in der fieberiſchen Beweg⸗ ihrer Geſichtszüge. „Zieht Alles ein; es iſt ein Windſtoß im An⸗ marſch!“ murmelte Joſeph, ſo leiſe, daß es die alte Frau nicht hören konnte. „Immer ſchlimmer, immer ſchlimmer!“ rief ſie. „Jetzt ſchleicht er bei Nacht wie ein Dieb aus dem Hauſe! Ich glaubte, Du ſeieſt ſchon zwei Stunden ———————— auf der See, und da finde ich Dich in lauter Luſt an keinem Cafetiſche! Menſch, Menſch, ich weiß nicht, was ich allmälig von Dir denken muß. Ich glaube wahrhaftig, Joſeph, daß Du von Sinnen kommſt!“ „Bah, liebes Mütterchen, ich wollte Deinen Schlaf nicht ſtören: Du weißt es wohl.“ „Lauter leeres Geſchwätz,“ entgegnete Tante Klär. „Es wird Dir langweilig, bei einer alten Frau ſo allein wohnen zu müſſen. Hier iſt es beſſer, nicht wahr? Hier iſt man jung, und man lacht und ſcherzt allezeit?“ Tante Klär mußte die Gewohnheit haben, mit Joſeph zu zanken; denn Alle, die ihre Klagen hör⸗ ten, ſelbſt der blinde Greis, lächelten, als ob ſie deren Worten nicht den geringſten Ernſt beilegten. „Nun, liebe Tante, ſetze Dich und trinke eine Schale Café,“ ſprach Bella in ſanftem Ton.„Sei verſichert, daß wenn Joſeph Dich nicht geweckt hat, es nur geſchah, damit Du von Deinem Kopfweh Dich erholen könnteſt.“ Frau Klär nahm Platz an dem Tiſche und brachte die Taſſe, welche das Mädchen eingeſchenkt hatte, an die Lippen. Nach einem augenblicklichen Stillſchwei⸗ gen fuhr ſie fort: „Das iſt nicht der einzige Grund meines Verdruſſes, Bella. Der Junge wird ſo dumm, daß man darüber wei⸗ nen möchte. Was er geſtern nach dem Gottesdienſte zu Adinkirchen gethan hat, will ich Dir gar nicht ſagen. Mit ſeiner kindiſchen Heftigkeit hat er beinahe ein Un⸗ glück angerichtet. Lache nicht, Joſeph: es koſtet mich ſechs Schillinge! Sechs Schillinge in dieſer unglücklichen Zeit, de denkt ei Bank ve Haufen tern.( ſetzen 1 von all ihn ent Hund den Ki W Fiſcher. Kinder ich die ich nu T zuſchla T „— da vor mit be Junge um zu knecht das 2 laufen das„ ihm z der L Eſel einen Ich ſ dem auter Luſt ich weiß muß. Ich n Sinnen nen Schlaf ante Klär. n Frau ſo ſſer, nicht und ſcherzt aben, mit agen hör⸗ als ob ſie eilegten. trinke eine ei weckt hat, fweh Dich nd brachte hatte, an tillſchwei⸗ zerdruſſes, rüber wei dienſte zu cht ſagen. e ei Un⸗ oſtet mich glücklichen 23 Zeit, das iſt ein Schatz! Ja, Bruder, ja, Bella, denkt einmal, der Burſche ſitzt Stunden lang auf der Bank vor dem St. Sebaſtian zu Adinkirchen, mit einem Haufen Kinder auf dem Schooße und auf den Schul⸗ tern. Er läßt ſich Schwefelhölzchen auf die Naſe ſetzen und ſich das Haar aus dem Kopfe raufen, von allen den Bengeln aus dem Dorfe. Als ich ihn endlich ſah, dachte ich unwillig an den großen Hund von dem Brauer, der gleich Joſeph ſich von den Kindern herumziehen und zerren läß „Was iſt Uebels daran?“ unterbrach ſie der Fiſcher.„Da der Herr meine gute Frau, ohne mir Kinder zu ſchenken, in den Himmel gerufen hat, muß ich die Kinder anderer Leute gern haben. Ach, hätte ich nur ein Söhnchen oder ein Töchterchen!“ „Das iſt kein Grund, um Jemand beinahe todt⸗ zuſchlagen, aus Liebe für die kleinen Taugenichtſe.“ „Das iſt etwas Rechtes, Mütterchen. Ich ſitze da vor der Thüre von dem St. Sebaſtian, und bin da⸗ mit beſchäftigt, ein Schiffchen für des Schuhmachers Jungen zu ſchneiden. Viele Kinder ſtehen daneben, um zuzuſehen. Da kommt auf der Straße ein Bauern⸗ knecht angefahren, auf einem Eſelskarren; er ſchlägt das Thier ſchrecklich und läßt es in vollem Trabe laufen, ohne darauf Acht zu geben, daß er unfehlbar das Kind des Küſters überfahren wird. Ich rufe ihm zu, ich ſchreie, er möchte zur Seite weichen; aber der Lumpenkerl lacht mich aus und treibt ſeinen Eſel noch mit größerer Gewalt vorwärts. Noch einen Schritt, und das Kind liegt unter dem Rad! Ich ſpringe auf und werfe mich entgegen; ich gebe dem Karren einen Stoß, einen kleinen Stoß und da fällt unglücklicher Weiſe das ganze Zeug, Eſel, Knecht und Karren über einander in den Koth.“ „D., i. hitige Blut!“ ſeufzte Frau Klär. „Ja, Mutter, Du haſt gut ſagen, dieſes hitzige Blut!“ wiederholte Joſeph,„aber was kann ich dafür?“ Er näherte ſich der Alten, umarmte ſie, obwohl ſie ſich noch verdrießlich zeigte, und ſagte: „Komm', komm', laß uns wieder Freunde ſein. Hätte ich das arme Kind überfahren laſſen ſollen? Du würdeſt es mir Dein Leben lang nicht vergeben haben. Und was die Schillinge betrifft, welche Du für den Schaden an dem Katren bezahlt haſt, ſo tröſte Dich über dieſen Verluſt. Sobald es Friede wird, fahre ich nach Island und bringe Dir einige hundert neue Schillinge in Deinen Sparhafen.“ „Nach Island? Es iſt immerdar daſſelbe. Und ich ſoll dann wieder Monate lang allein bleiben, mit der Angſt, daß Dir ein Unglück widerfahren könnte. Nein, nein, Joſeph, ſprich mir nicht mehr von Island.“ „Nun, Mütterchen, Alles, was Du willſt. Ich wünſche nur ein Ding: daß Du zufrieden ſeiſt, das Uebrige iſt mir Alles gleich.“ In dieſem Augenblick glitt ein Menſchenſchatten an dem kleinen Fenſter vorüber und eine grobe Mannsſtimme rief laut: „Guten Morgen! Vater Stock!“ „Es iſt Niel Ras, der nach dem Boote geht,“ ſagte Joſeph, ſeinen Korb aufnehmend.„Die See muß ſchon ſtark angewachſen ſein. Nun Vater, Müt⸗ terchen, Bella, Gott behüte Euch!“ „Er und ein während Kamera „Nir Dich ve muß da ſorgen nach de Vater i Die ſamkeit Stallthi näher z geſtande hatte. „Ab daran, Sie iſt bei noc Jahre, haſt ſel ſelbe ſ Andere zum H Hochme Junger Zeg, n Koth.“ lär. s hitzige kann ich obwohl de ſein. ſollen? eeen lche Du aſt, ſo Friede r einige n.“ e Und en, mit könnte. hr von ſt. Ich iſt, das ſchatten grobe geht,“ ie See „Müt⸗ 25 „Er gebe Dir, Joſeph, einen glücklichen Fang und eine gute Heimkehr!“ ertönte es hinter ihm her, während er eilig zur Thüre hinausging, um ſeinen Kameraden einzuholen. „Nimm es mir nich übel, liebe Tante, daß ich Dich verlaſſe,“ ſagte das Mädchen aufſtehend.„Ich muß dahinten einige Arbeit abmachen, die Kuh ver⸗ ſorgen und den Eſel richten, um Snſere Garneelen nach der Kirchenpfanne zu führen. Leiſte Du dem Vater inzwiſchen ein Bischen Geſellſchaft.“ Die alte Frau ſah ihr mit beſonderer Aufmerk⸗ ſamkeit nach und ſchüttelte den Kopf. Sobald die Stallthüre geſchloſſen war, rückte ſie ihren Stuhl näher zu dem Blinden hin, welcher vom Tiſche auf⸗ geſtanden war und ſeine Arbeit wieder aufgenommen hatte. „Aber Bruder, ſprach ſie,„denkſt Du noch nicht daran, einen guten Mann für Deine Bella zu ſuchen? Sie iſt jetzt in ihren ſchönſten Jahren.“ „Du ſcherzeſt damit, Schweſter,“ entgegnete der Greis.„Sie iſt wohl gerathen, allerdings, aber da⸗ bei noch ein unſchuldiges Kind.“ „Eine ausgewachſene Frau.“ „Und gleichwohl noch ſo bitter jung!“ „In ihrem neunzehnten, Bruder. Es ſind eilf Jahre, daß Du ſie nicht mehr mit Deinen Augen haſt ſehen können, und Du meinſt, ſie ſei immer die ſelbe ſeitdem geblieben. Da gibt es eine Menge Anderer, die wohl merken, daß es für Bella Zeit zum Heirathen geworden iſt. Wenn ſie nach der Hochmeſſe über den Kirchhof geht, ſtellen ſich die Jungen von der Pfanne und ſelbſt von Adinkirchen 26 auf den Weg, um auf ſie zu warten, um einen freundlichen Blick oder einen liebreichen guten Tag von ihr zu bekommen; aber ſie geht lachend vorüber und ſcheint nicht zu merken, daß all dieß junge Volk mit dem Herzen auf der Hand daſteht.“ „Sie iſt alſo wirklich ſchön, meine ſüße Bella?“ rief der Alte freudig aus. „Schön? ich glaube es wohl; zu ſchön ſogar für Ruhe von Vielen, die ſie ſehen.“ „Verſteht ſie in ihrer Unſchuld noch nicht, was die Augen der jungen Leute ihr ſagen, ſo wird dieſe Erkenntniß auch zur Zeit kommen, liebe Schweſter, und läßt ſie dann ihre Wahl auf Jemand fallen, der brav und arbeitſam iſt, ſo werde ich ſie nicht hindern, ihrer Neigung zu folgen.“ „Wir müſſen Verſtand für ſie haben, Simon, und ihr guten Rath geben; denn wenn wir nicht in's Mittel treten, ſo ſei überzeugt, daß ſie ledig bleibt, bis die Blüthe ihrer Jugend vorüber iſt. Alles hat ſeine Zeit, und wer ſie nicht wahrnimmt, handelt unvorſichtig. Ich weiß wohl, daß Bella einen Abſcheu vor dem Gedanken an Heirath hat, weil ſie ihre Liebe zu Dir mit Niemand theilen will. Das gute Schäfchen trägt ſich mit dem Gedanken, daß Du das Geſicht verloren haſt, um ihr das Leben zu ret⸗ ten; und ſie ſtürbe eher, als daß ſie Etwas thäte, was Dir einigen Verdruß verurſachen könnte. Aber Bruder, wir dürfen bei unſern Kindern nicht ſo ſelbſt⸗ ſüchtig ſein. Jeder muß an ſeine Reihe kommen auf dieſer Welt.“ „Es iſt wahr, Schweſter; ich werde ſo im Stil⸗ len allmälig daran denken.“ — di S * Tante von d Du, Stra Viele beſſe ihn geſic müh neel um einen guten Tag nd vorüber junge Volk e Bella?“ ſogar für nicht, was wird dieſe Schweſter, and fallen, ch ſie nicht „Simon, wir nicht ß ſie ledig orüber iſt. arnimmt, Bella einen t, weil ſie vill. Das n, daß Du en zu ret⸗ was thäte, ite. Aber t ſo ſelbſt⸗ mmen auf im Stil⸗ — M „Ich weiß einen guten Mann für ſie,“ ſagte Tante Klär, den Greis auf die Schultern klopfend. „So?“ lachte er;„Du ſprichſt alſo abſichtlich mir von dieſen Dingen?“ „Gewiß, Simon.“ „Iſt es ein junger Burſche, ein Fiſcher?“ „Er iſt nicht alt, er hat Geld. Fiſcht er jetzt nicht mehr, ſo iſt er doch Fiſcher geweſen.“ „Meinſt Du vielleicht Ko, den Strandläufer?“ „Jakob Snel, allerdings.“ „Hat er Dich mit dieſer Botſchaft beauftragt?“ fragte der Blinde. Der arme Junge iſt ein Bischen ſchüchtern, er cht, ſelbſt zu kommen und anzuhalten, und hat michebeten und angefleht, ein gutes Wort für ihm ein „Das wird ſich nie machen, Tante Klär. Der Strandläufer iſt zu alt und zu häßlich.“ „Fünfunddreißig Jahr für einen Mann, das iſt die ſchönſte Zeit des Lebens!“ rief die alte Frau. „Ja, aber doch in ſeiner Art, nicht wahr?“ „Und dann ſein Geld, Simon? Das Geld, ſiehſt Du, das iſt Alles: viel mehr als Schönheit. Der Strandläufer muß etwas Rechtes haben, denn er leiht Vielen und kann warten, bis der Häringsfang in beſſern Zeiten ſeinen Schuldnern es möglich macht, ihn zu bezahlen. Bella wird ſo gegen alle Noth geſichert ſein und muß ſich nicht mehr, wie jetzt, ab⸗ mühen, um ganze Tage in der See hinter den Gar⸗ neelen herzulaufen.“ „Nein, Schweſter, ſprich mir nicht von einer ſolchen Ehe. Ko iſt aus dem Franzöſiſchen in unſere Dünen 28 gekommen. Er weiß nicht einmal, wo er ren iſt.“ „Wollteſt Du ihn verſtoßen, weil ſeine Eltern unmenſchlich genug waten, ihr Kind zu verlaſſen?“ „Und ſein Geld, ſiehſt Du, Klär; wäre es in meinem Hauſe, ich würfe es hinaus.“ „Warum?“ „Weil ich mich vor Geld fürchte, deſſen Urſprung ich nicht kenne.“„ „Ei, Simon, was ſind das für Gedanken? Wenn man zwölf Jahre lang, beinahe Tag und Nacht, längs des Strandes hinläuft, dann findet man ge⸗ gebo⸗ wiß dus Eine und das Andere. Villſ uch ungerecht werden gleich vielen And o be⸗ neiden, weil er Etwas mehr he gemeine Mann?“— „Du darfſt mir glaud, yabe Nichts gegen Ko; aber es wüve mir ſicherlich großen Kum⸗ mer machen, wenn ich meine gute Bella jemals als Hausfrau von Jemand ſehen müßté, der lieber am Strand läuft, als arbeitet. Nein, nein, denk an ſo Etwas nicht mehr. Du haſt Deine Botſchaft aus⸗ gerichtet; laß es dabei bewenden. Wenn Bella hei rathen muß, ſo ſoll ſie, hoffe ich, einen braven Ge⸗ fährten wählen, der ihrer würdig iſt.“ „Da iſt Bella. Soll ich einmal mit ihr von der Sache ſprechen?“ fragte die alte Frau. „Nein, um Gotteswillen, rede von ſolchen Din⸗ gen nicht in ihrer Gegenwart: Du würdeſt ſie be⸗ trüben, gewiß.“ Das Mädchen war mit dem Eſel vor der Thüre erſchiene den zu, „Nu— Du muß Es iſt je meinen mit freun lichen Ge antreiben Garneele behüte D Sie Schlag „Hi, Bella durch die mußte in ohne es Trauerlie Dieſe aufgegan rend ihre nen erleu riefen, 1 gräulicher der Beleu Sandwüſt Farben, a er gebo⸗ ne Eltern rlaſſen?“ äe es in Urſprung Wenn id Nacht, man ge⸗ auch No 6 gemeine e Nichts en Kum⸗ nals als eber am k' an ſo aft aus⸗ ella hei ben Ge⸗ von der n Din ſie be⸗ Thüre 29 erſchienen. Sie öffnete dieſelbe, lief auf den Blin⸗ den zu, umarmte ihn eilig, während ſie ſagte: „Nun, lieber Vater, gehe ich. Halt' Tich wohl! Du mußt Dich nicht ſo ſehr mit der Arbeit beeilen. Es iſt ja nicht nöthig. Lebe wohl, Tante; nimm' meinen Vater mit Dir und unterhalte ihn ein Bischen mit freundlichem Geplauder, während Du Deine häus⸗ lichen Geſchäfte abmachſt. Ich werde den Eſel etwas antreiben und ſchnell zurückkehren, ſobald ich unſere Garneelen in der Kirchenpfanne abgegeben habe. Gott behüte Dich, Vater; bald hin ich wieder da, Tante...“ Sie ſprang nach der Thüre, gab dem Eſel einen Schlag it der Gerte und rief: „Hi, 3 m b Hi, nach der Pfanne!“ ulenen. Bella Stock ſchritt Jangſam neben ihrem Eſel durch die gekrümmien Tjefen der Dünen dahin; ſie mußte in Gedanken verſunken ſein, denn ſie ſummte, ohne es zu wiſſen, die ſchleppenden Töne eines Trauerliedes und hielt die Augen zur Erde gerichtet. Dieſen Morgen war die Sonne in voller Pracht aufgegangen und verhieß einen ſchönen Tag. Wäh⸗ rend ihre erſten Strahlen die öſtliche Seite der Dü⸗ nen erleuchteten und Dünſte aus dem Moos hervor riefen, ließen ſie die weſtlichen Abhänge noch in gräulicher Dämmerung. Aus dieſer Verſchiedenheit der Beleuchtung entſtand auf der ganzen Strecke der Sandwüſte eine bunte Miſchung von Tinten und Farben, als hätte die Himmelsfackel ihre Kräfte und 30 ihren Reichthum zuſammengezogen, um dieſen ver⸗ laſſenen Ort mit all ihrem Glanze zu überſtrömen. Eine ergreifende Stille herrſchte zwiſchen den Dünen. Wohl ließ ſich in der Ferne das rollende Rauſchen der ſteigenden See vernehmen; wohl ertönte in der Luft das Lied einer unſichtbaren Lerche; aber eben dieſe Laute machten die Ruhe der ſchlafenden Natur nur noch fühlbarer. Auf einer Düne, hinter einer halbverlaſſenen Höhe und fern von dem Orte, wo die junge Bella träumeriſch dahinſchritt, ſtand ein Mann der Art, daß nur ſein Kopf über den Sand hervorragte, und er, ohne bemerkt zu werden, in die Tiefe niederſchauen konnte. Er war von mittlerer Geſtalt und auffallend mager von Gliedern. Seine kleinen Augen, in tiefen Höhlen beinahe verborgen, glänzten ganz ungewöhnlich. Er hatte Lippen ſo dünn, als wären ſie mit einem Meſſer geſchnitten geweſen. Von Grund häßlich war der Mann jedoch nicht; aber ſein Geſicht ſprach ſo deutlich von Arg⸗ liſt und Verſtocktheit, daß er nur Abneigung und Mißtrauen einflößen konnte. Ueber der gewöhnlichen Fiſcherkleidung trug er noch einen kurzen wollenen Kittel, um ſeine Bruſt gegen den kalten Seewind zu ſchützen. Sein Kopf war mit einem Südweſter, das heißt einem Hut von getheertem Segeltuch be⸗ deckt, und deſſen hinterer Rand hing über den Rücken hernieder. Lange Zeit war er bereits dageſtanden, den Blick in die Tiefe gerichtet und horchend, ob kein Geräuſch ſeine Einſamkeit ſtören werde. Bisweilen ſchüttelte er ungeduldig den Kopf, aber alsbald wurde der Verdruß auf ſeinem Geſicht von einem triumphiren⸗ den Le Lippen mit eir lichen dann daß er kämpft Sieg i Pl trafen ſich un A Hände einen Di näher. den Te Ein A ſicht, a ſtändlie „Und i „Gebar „Ihn e S brumm ben? M melte e iſt unt ieſen ver⸗ erſtrömen. den Dünen. Rauſchen nte in der aber eben en Natr nter einer Orte, wo ſtand ein den Sand en, in die mittlerer 1. Seine erboren, ippen ſo eſchnitten nn jedoch on Arg⸗ ung und öhnlichen wollenen wind zu weſter, tuch be⸗ nRücken en Blick Heräuſch chüttelte irde der phiren⸗ 31 den Lächeln verdrängt, während er ſeine dünnen Lippen krampfhaft bewegte, als ſpräche er ſehr ſchnell mit einem unſichtbaren Genoſſen. Seine leidenſchaft⸗ lichen Geberden und die Selbſtzufriedenheit, die als⸗ dann in ſeinen kleinen Augen funkelte, bezeugten, daß er im Geiſte gegen drohende Hinderniſſe an⸗ kämpfte, jedoch vor der Hand über einen gewiſſen Sieg im Stillen frohlockte. Plötzlich und da er es am wenigſten erwartete, trafen einige hellere Klänge ſein Ohr. Er bückte ſich und verbarg ſich hinter dem Rande des Hügels. „Ah, ſie kommt!“ murmelte er, ſich freudig die Hände reibend;„ſie iſt gut gelaunt; es verheißt mir einen glücklichen Erfolg!“ Die Töne der ſüßen Stimme kamen näher und näher. Bald vermochte der niedergeduckte Mann den Takt und die Weiſe des Liedes zu unterſcheiden. Ein Ausdruck plötzlichen Neides zog über ſein Ge⸗ ſicht, als folgende Worte vom Fuße des Hügels ver⸗ ſtändlich zu ihm emporſtiegen: „Und iſt er nun wieder nach Island gefahren, „Mög' Gott ihn vor Sturm und vor Schiffbruch be⸗ wahren. „Gebaut iſt ſein Häuschen und bereit iſt ſein Sand; „Ihn erwartet die Braut in dem Vaterland...“ „Sie hat immer daſſelbe Lied im Munde,“ brummte er.„Sollte ſie Jemand Treue gelobt ha ben? Wer könnte es ſein?“ „Nun, nun, ich weiß nicht, was ich rede,“ mur⸗ melte er, ſich wieder faſſend;„die Fahrt nach Island iſt unterbrochen; der Schulmeiſter von Adinkirchen hat das Lied gemacht. In meinem Hauſe ſoll ſie wohnen; meine Frau ſoll ſie werden!“ Er richtete ſich langſam auf und horchte noch einige Augenblicke auf die Töne der Stimme, welche nun ſich zu verlieren begannen; dann eilte er längs des gegenüberliegenden Abhangs in die Tiefe, ſchritt eine Weile raſch vorwärts, wandte ſich dann hinter einen Hügel und erſchien unverſehens an der Stelle, wo die junge Bella Stock mit ihrem Eſel vorüberzog. „Der Strandläufer! Himmel, heißt das Einen erſchrecken!“ rief das Mädchen.„Ei, Ko, mein lieber Mann, Ihr ſolltet einem Chriſtenmenſchen nicht den Tod in den Leib jagen! Steigt Ihr nur ſo plötzlich aus dem Boden auf, daß ich Euch nicht kommen ſah!“ „Ich gehe nach Hooge, Bella,“ antwortete der Strandläufer.„Von dort, hinter den Dünen, hörte ich Deine ſüße, bezaubernde Stimme. Mir klopft das Herz ſo heftig vor Freude. Ach, wenn Du es nur einmal wüßteſt, Bella!“ „Warum? Habt Ihr einen guten Fund gethan? Das wäre merkwürdig. Seit langer Zeit hat es keinen Sturm mehr auf der See gegeben. Der Strand iſt ſo ſauber, als hätte man ihn mit Beſen gekehrt.“ „Ach, Bella, ich wollte Dich um Etwas bitten, nun da wir ſo ganz allein ſind,“ ſprach der Strand⸗ läufer mit gefalteten Händen und Feuerfunken in ſeinen kleinen grauen Augen. „Mich um Ftwas bitten?“ wiederholte das Mäd⸗ chen, ihn mit Verwunderung anſchauend.„Sprecht, Ko, wenn es Etwas iſt, was ich oder mein Vater Euch gewähren kann, warum ſollten wir es verwei⸗ gern* keine Si und w ihmen druck v Mädche ſeinen Bitte u „Ihr Matchen Schlimm geregt?“ „Nei Dir erbi klären w „Abe mals erf denn ſo Munde k Nähet ner Stim „Belle Traum g Augen dr Schein ge Conſei ſoll ſie te noch welche längs ſchritt hinter Stelle, berzog. Einen nlieber icht en plötzlich nſah!“ tete der t, hörte klopft Du es gethan? hat es Der t Beſen bitten, Strand⸗ nken in Mäd⸗ n Vater verwei⸗ 33 gern? Aber bleibt nicht ſo keine Zeit zu verlieren.“ ſtehen, denn ich habe Sie gab ihrem Eſel einen Hieb mit der und während das Thier plötzlich davontrabte, ihm nach. Ko folgte ihr mit druck von Verdruß auf dem Geſicht; aber ſobald das Gerte; lief ſie einem bittern Aus⸗ Mädchen ihm den Kopf zukehrte, erſchien wieder auf ſeinen Lippen das Lächeln der Liebe und flehender i ie Hände zuſammen. 2 Begehren?“ fragte Bella. „Ach, willſt Du mich mit Güte anhören?“ ſagte der Strandläufer.„Ich zittere, denn wenn Du mir es abſchlügeſt, ſo dünkt mir, ich könnte in die See laufen, bis daß keine Rückkehr mehr möglich iſt.“ „Ihr macht mich unruhig, Ko,“ murmelte das Mädchen mit ſichtbarer Beſorgniß.„Iſt Euch Etwas Schlimmes widerfahren? Wie ſeid Ihr doch ſo auf⸗ geregt?“ „Nein, nein, Bella; aber von dem, was ich von Dir erbitten muß und was ich beinahe nicht zu er⸗ klären wage, hängt all das Glück meines Lebens ab.“ „Aber wenn Ihr ſo fortfahrt, Ko, werde ich nie⸗ mals erfahren, was Ihr mir ſagen wollt. Iſt es denn ſo ſchrecklich, daß es Euch nicht aus dem Munde kann?“ Näher zu ihr tretend, gab der Strandläufer ſei⸗ ner Stimme einen flehenden Klageton und ſeufzte: „Bella, dieſe Nacht habe ich einen ſo ſchönen Traum gehabt, daß mir die Thränen noch in die Augen dringen, wenn ich denke, es ſei nur eitler Schein geweſen.“ Conſeience, Bella Stock. 3 „Ha, und davon ſeid Ihr noch ſo ſeltſam auf⸗ geregt?“ rief das Mädchen verwundert aus,„aber lieber Ko, was kann ich Euch dabei helfen?“ „Höre, Bella, was mir träumte. Ich ſtand in der Kirche vor dem Altar; neben mir ſtand ein Mädchen wie ein Bild, mit großen, ſchwarzen Augen, mit blühenden Wangen, und ſo ſchön, daß man von Sinnen kommen mochte vom bloßen Anſehen der⸗ ſelben.. Du warſt es, Bella.“ „Ich? Was wollt Ihr mir da für ſeltſame Dinge erzählen?“ „Ja, Du, Bella. Du gabſt mir das Jawort, und des Paſtors Segen machte uns zu Mann und Frau. Ich war ſo glücklich, daß ich aus dem Schlafe auffuhr und wie ein Kind zu weinen begann, weil es nicht in Wirklichkeit ſo wgr.“ „Was! Was!“ rief das Mädchen ärgerlich.„Ihr wagt zu träumen, ich ſei Eure Frau geworden? Das iſt ſehr ſchlecht von Euch, Ko! Aber Gott ſei gelpbt, Träume ſind Schäume, wie es im Sprichwort heißt.“ „Und glaubſt Du denn, Bella, Du würdeſt mit mir nicht viel glücklicher ſein, als mit einem Andern?“ „Ich will nicht, daß man von mir träume!“ ſagte das Mädchen. „Welch prächtiges Leben würden wir zuſammen haben!“ fuhr der Strandläufer in ſchlauem, eindring⸗ lichem Ton fort.„Ich habe Geld, Bella; ich würde Dir ſchöne Kleider kaufen; Du wäreſt Herrin in einem netten Häuschen und brauchteſt nicht mehr zu arbeiten, als wozu Du Luſt hätteſt. Ach, ich würde machen, daß Du mit erhobenem Haupte unter all den Leuten von Adinkirchen gehen könnteſt.“ 6 an1 währ er ſi Euch Ich 1 in die geßt iſt, un zu ſor ſolcher Ke um de glückli und r aber 2 betroff Seite, lauten A „— Strand D beinahe Leichna Sie lichen ſtreckt ¹) Zr m auf— „„aber ſtand in and ein Augen, tan von en der⸗ e Dinge Jawort, ann und Schlafe n, weil G. hr n Das i gelobt, t heißt.“ deſt mit ndern?“ räume!“ S uſammen eindring⸗ hwürde erri in mehr zu ch würde unter all 35 Das Mädchen ſah ihn eine Weile ſtillſchweigend an und brach dann in ein lautes Gelächter aus, während ſie rief: „Ei, ei, der arme Ko! Was für Grillen*) hat er ſich in den Kopf geſetzt! Aber nein, Ihr macht Euch nur einen Spaß damit, nicht waht5 Heirathen? Ich werde niemals heirathen, und käme ein König in die Dünen, um mich zur Ehe zu begehren. Ver⸗ geßt Ihr denn, Ko, daß mein Vater alt und blind iſt, und daß er Niemand auf Erden hat, um für ihn zu ſorgen, als mich allein? Nun, ſchweigen wir von ſolchen lächerlichen Dingen, und eilen wir vorwärts Hi, Brauner, hi!“ Ko gedachte noch weitere Verſuche zu machen, um das Mädchen zu überzeugen, daß ſie mit ihm die glücklichſte Frau von ganz Adinkirchen ſein würde, und redete bereits wieder von ſeinem Gelde.. aber Bella drängte, von einem ſchrecklichen Anblick betroffen, ihren Eſel mit einem gewaltigen Stoß zur Seite, hob die Arme in die Höhe und ſtieß einen lauten Angſtſchrei aus. „Was gibt's? Was haſt Du?“ fragte der Strandläufer beſtürzt. „Dort! Dort!“ rief Bella mit einer vor Schrecken beinahe erſtickten Stimme.„Ein Mann! Blut! Ein Leichnam!“ Sie deutete mit zitternder Hand auf einen menſch⸗ lichen Körper, welcher am Fuß einer Düne ausge⸗ ſtreckt lag. Ohne Zweifel hatte der Unglückliche ) Im Texte: Mäuſeneſier. A U. 3* einen heftigen Schlag auf den Kopf bekommen, denn ſein Haar war von geronnenem Blut zuſammenge⸗ klebt und neben ſeiner Schulter färbte ein dunkel rother Fleck den nackten Grund. Seine Kleider waren beſchmhtzt und der Sand ringsum aufgewühlt, als hätte er in dem letzten Todeskampf convulſiviſch mit Händen und Füßen um ſich geſchlagen. „Komm, Bella,“ ſagte Ko,„laß uns näher treten; wir wollen ſehen, was es iſt. Fürchte Dich nicht, die Todten thun Niemand Uebels.“ Das Mädchen folgte zögernd. „Armer Mann!“ ſeufzte ſie;„hebt ihm den Kopf auf, Ko; es iſt vielleicht noch Leben in ihm.“ „Das werden wir ſogleich erfahren,“ murmelte Ko mit gelaſſener Stimme und mit einem ſeltſamen Lächeln. Er faßte den Körper bei den Beinen, zog ihn ein paar Schritte über den Sand und ließ ihn dann mit Gewalt niederfallen. Ein dumpfer Schrei entſchlüpfte des Mädchens Bruſt und ſie blickte den Strandläufer mit einem Ausdruck des Abſcheus auf dem Geſichte an. „Er iſt ganz und gar todt,“ ſagte dieſer.„Es iſt nicht mehr Gefühl in ihm, als in einem Stein. Wie mag dieſer Burſche doch in die Dünen gelangt ſein? Er iſt noch jung er iſt ein reicher Mann, denn ſieh, er hat Kleider von feinem Tuche und Spitzen an ſeinem Hemde.“ Dieß ſagend beugte er ſich mit wilder Haſt zu Boden und begann in den Taſchen des Todten zu wühlen. Bella faßte ſeine Hand und wollte ihn zurückhalten. „YN machen ſeiner! ermord Deut b Ebe Bruſt t geben. Das ſprang aus, de Freude O „O, Unte braucht! um den mit einer und die Das aufgehobe n, denn menge dunkel Kleider wühlt, ulſiviſch treten ch nicht, en Kopf wurmelte eltſamen ihn ein nn Kädchens it einem n Stein. gelangt r Mann, uche und Haſt zu odten zu ollte ihn 37 „Ko, Ko, was thut Ihr?“ rief ſie. ſucht Ihr Geld an einem Leichnam?“ „Bah, dieß iſt immer das Erſte was man thut,“ antwortete er. Und Ihr würdet dieſes Geld beMlten?“ „Wenn Niemand es zurückverlangt! W der Todte damit thun?“ „Abſcheulich!“ klagte Bella,„Ihr habt alſo kein Herz, daß Ihr bei einem ſo furchtbaren Unglück an Geld denkt?“ „Mein Mitleid wird ihn doch nicht lebendig machen,“ ſpottete der Strandläufer, während er in ſeiner Unterſuchung fortfuhr.„Er wird von Räubern ermordet worden ſein, denn ich finde keinen kupfernen Deut bei ihm.“ Eben war er mit der Hand nach der nackten Bruſt des Körpers gefahren und rief: „Ha, da finde ich doch Etwas; gewiß eine Uhr; aber es hängt feſt an einer Kette, die nicht nach⸗ geben Das Wort erſtarb ihm in dem Munde, und er ſprang erſchrocken zurück. Bella ſtieß einen Schrei aus, deſſen ſcharfer Laut ebenſowohl Furcht als Freude verrieth. „O, mein Gott, er lebt, er lebt!“ rief ſie. Unter der Gewalt, welche der Strandläufer ge⸗ braucht hatte, um die Kette, welche dem Unglücklichen um den Hals hing, loszureißen, hatte dieſer plötzlich mit einer krampfhaften Bewegung den Arm erhoben und die Hand an die Bruſt gehracht. Das Mädchen blieb nur einen Augenblick mit aufgehobenen Händen ſtehen. Nachdem der Schauder „Himmel! as kann in das iter zu bewe⸗ Hals⸗ ſanfte das ge⸗ ſchen. Du iſt. Es m Dein Deinem Jemand ier blei⸗ kommt.“ „indem ottendem Du ihm itteng, Strand⸗ e Seele och nicht Rädchens endes in und ein⸗ zu leiſten. Waſſer in ei dieſem 39 „Nein, nein, dort hinter der hohen Düne iſt eine Waſſerpfütze. Seid doch ſo gut, Ko, und lauft ſchnell dort hin.“ „Ja, aber worin ſoll ich das Waſſer holen?“ „Ach, in Eurem Schuh, in Eürem Hute!“ rief Bella.„Ihr müßt gleich zurüͤck ſein!“ Der Strandläufer wandte ſich um und begab ſich nach der bezeichneten Düne, aber mit ſo lahmen Schritten, daß das Mädchen beim Anblick ſeiner Trägheit vor Ungeduld bebte. Sobald er hinter einer Anhöhe verſchwunden war, richtete das Mädchen ſeinen Blick auf das be⸗ ſchmutzte Autlitz des Verwundeten und ſchob mit einer Bewegung, deren ſie ſich ſelbſt wahrſcheinlich unbewußt war, ihren Arm unter ſeinen Kopf und hob ihn ſanft in die Höhe. Ihre Augen erglänzten von unend⸗ lichem Mitleiden; auf ihren Lippen ſchwebte ein himmliſch ſüßes Lächeln von Troſt und Ermunterung, als wollte ſie diefem gefühlloſen Opfer Hoffnung auf Rettung, und Muth gegen das Leiden in's Herz flößen. Bald nahmen jedoch ihre Gedanken eine andere Richtung, und während Thränen aus ihren Augen auf die Stirne des Unglücklichen fielen, ſeufzte ſie: „So ſterben! Einen graufamen Tod in den öden Dünen finden! Armer Junge! Du haſt eine zärtliche Mutter, einen alten Vater, nicht wahr? Sie erwar⸗ ten Deine Ankunft... Ach, ſie werden Dich nicht mehr wiederſehen auf Erden! Möchten ſie niemals das ſchreckliche Schickſal ihres armen Kindes verneh⸗ men! Aber es iſt noch Hoffnung; nein, nein, Du wirſt nicht ſterben, Freund.. Die Bruſt des Verwundeten hob ſich langſam und ſenkte ſich wieder, während mit dem Athemzug ein langer Seufzer ihr entſchlüpfte. Bella hielt ſich ſtill und betrachtete in ängſtlicher Spannung den Körper, der nun wieder ganz be⸗ wegungslos geworden war. Sie hob ihre Augen mit einem Strahl hoffnungsvollen Flehens zum Himmel und rief: „O Gott in Deiner Barmherzigkeit, habe Mit⸗ leiden mit Deinem armen Geſchöpfe! Wende den Tod von ihm ab! laß ihn geneſen! Erhöre, er⸗ höre mein Gebet! ich werde Deinen heiligen Namen ſegnen jeden Augenblick meines Lebens!“ „Nun, ich komme zu ſpät mit dem Waſſer, nicht wahr? Er iſt gewiß ſchon ſtarr?“ rief der Strand⸗ läufer aus der Ferne. „Beeilt Euch, lieber Ko, beeilt Euch! Er hat geathmet; er lebt!“ rief das Mädchen. Aber als ob dieſe Kunde dem widerwilligen Burſchen mißbehagte, verkürzte er ſichtbar ſeine Schritte. Bella ließ den Kopf des Leidenden ſanft auf den Sand niedergleiten und ſprang, von Ungeduld ge⸗ trieben, dem Strandläufer entgegen. Sie riß ihm den Hut aus der Hand und kehrte damit zu dem noch immer bewegungsloſen Körper zurück. Nieder⸗ knieend tauchte ſie ihr Halstuch in das friſche Waſſer und begann damit das Angeſicht des Verwundeten zu waſchen. Inzwiſchen war Ko näher getreten und ſprach, indem er mit einem zurückgehaltenen Lächeln des Zweifels die Bemühungen des Mädchens beobachtete: „Bah, bah, Alles iſt vergeblich. Er hat keinen Tropf ſtirbt darum einma hänget Al Liebes fuhr i mit V Ko mit ei kennba S ein ju Jahre. ein ree hat er ſo wei Ah zurück. die Hä Wi ſog die Bruſt. keit ein Weile allerlei W einmal rührte ngſam hemzug ſtlicher inz be⸗ Augen s zum e Mit⸗ de den e Namen r, nicht Strand⸗ Er hat willigen Schritte. auf den ge⸗ riß ihm zu dem Nieder⸗ Waſſer undeten ſprach, e des bachtete: t keinen 41 Tropfen Blut mehr in den Adern. Ob er jetzt ſtirbt oder binnen einer halben Stunde, es wird darum nicht minder mit ihm ausgehen. Befühle einmal ſeine Bruſt, Bella, was er da für eine Kette hängen hat. Es iſt vielleicht Gold!“ Aber das Mädchen, ganz vertieft in ihr edles Liebeswerk, hörte dieſe eiskalten Worte nicht, ſondern fuhr immer fort, das Angeſicht des Unglücklichen mit Waſſer zu beſprengen und abzuwiſchen. Ko kam noch näher zu dem Mädchen, und blickte mit einer gewiſſen Ueberraſchung auf das jetzt er⸗ kennbare Geſicht des Verwundeten. „Schau,“ ſagte er,„das war in der That noch ein junger Mann! nicht älter als fünfundzwanzig Jahre. Da er noch am Leben war, muß er wirklich ein recht flinker Burſche geweſen ſein. Gearbeitet hat er ſicherlich nicht; denn ſeine Wangen ſind noch ſo weiß und ſo ſauber wie Milch.“ Ah, ah, er kommt zu ſich! Sein Athem kehrt zurück. Dank, dank Dir, o Gott!“ frohlockte Bella, die Hände erhebend. Wirklich bewegte der Leidende ſeine Glieder und ſog die Luft mit einem langen Athemzug in ſeine Bruſt. Noch einmal trat eine kurze Bewegungsloſig⸗ keit ein; dann öffnete er die Augen, ſtarrte eine Weile mit irrem Blick um ſich und begann ſofort allerlei undeutliche Worte zu ſtammeln. „Was ſagt er, Ko?“ fragte das Mädchen.„Hört einmal in der Nähe: ich verſtehe es nicht.“ „Bah, es iſt ein Franzoſe!“ brummte Ko.„Wäre ich an Deiner Stelle, ich ließe ihn liegen und be⸗ rührte ihn mit keiner Hand mehr.“ „Pfui, was für häßliche Wotte!“ rief Bella mit Entrüſtung aus. Franzoſen, Flamänder, ſind wir nicht Alle miteinander Menſchen und Brüder auf der Welt? Ihr ſelbſt ſeid ja auch wohl ein Fran⸗ zoſe, Ko?“ „Ich bin deſſen nicht ganz gewiß.“ „Aber was ſagt der lünglückliche? Ihr verſteht Franzöſiſch.“ „Er plappert Etwas von Mördern und von einem Schaffot. Sollte er vielleicht der Guillotine von Bürger Lebon entlaufen ſein? Er wird nicht viel damit gewonnen haben!“ „Flieht, flieht!“ murmelte der Leidende mit hoh⸗ ler Stimme.„Da ſind ſie! Vater, Vater, in die Dünen, in die Dünen!“ „Da ſpricht er jetzt Flämiſch!“ ſeufzte Bella. Ach, der arme Junge, er hat einen Vater!“ Und dieſe einzige Vorſtellung entlockte ihr eine ſolche Fluth von Thränen, daß ſie die Schürze vor die Augen drückte und laut zu ſchluchzen begann. Aber ſie verharrte nicht lang in dieſer Haltung. Plötzlich ließ ſie ihre Schürze fallen und ſagte zu dem Strandläufer: „Hier kann der Menſch nicht liegen bleiben. Wir müſſen ihn nach unſerem Hauſe führen.“ „Denkſt Du denn, doß ich dieſen Burſchen auf meinem Rücken tragen ſoll?“ ſpottete Ko unwillig. „Nein, auf den Eſel wollen wir ihn ſetzen und ihn auf jeder Seite halten.“ „Und Dein Vater, Bella? Der wird gewiß nicht ſehr erfreut einen Fremdling in ſein Haus auf⸗ nehmen.“ 7 herzi ſo 1 Kom nicht, allein Verw ter 31 Bruſt ſeine „Acht ich g Euch rief Kopfe T Arme aufge wirkl E half „Sei daß ſtütze Schri P hange lla mit ind wir der auf n Fran⸗ verſteht neinem ine von icht viel mit hoh⸗ in die e Bella. ihr eine ürze or gann. Haltung. ſagte zu bleiben. n. ſchen auf nwillig. etzen und wiß nicht s auß⸗ au 43 „Mein Vater? Glaubt Ihr, er ſei ſo unbarm⸗ herzig wie Ihr? Ach, ich wußte nicht, Ko, daß Ihr ſo wenig Liebe zu Euren Nebenmenſchen habt. Kommt, ſtreckt Eure Hand aus... und wollt Ihr nicht, ſo geht Eures Wegs; ich werde mich bemühen, allein zu vollbringen, was mir mein Herz eingibt.“ „Nun,“ brummte Ko,„ich bin bereit.“ Mit dieſen Worten näherte er ſich dem Kopf des Verwundeten und bückte ſich, um ihn unter der Schul⸗ ter zu faſſen; aber er glaubte noch einmal auf deſſen Bruſt nach dem Gegenſtand taſten zu müſſen, der ſeine Neugierde erregt hatte. „Halt!“ befahl Bella, ſeinen Arm abwehrend. „Achtet das Unglück dieſes Menſchen, ſonſt möchte ich glauben, ihr ſeid geneigt, Etwas zu nehmen, was Euch nicht zugehört.“ „Ich Etwas nehmen von Jemand, der noch lebt?“ rief Ko mit zornigen Blicken und ſtolz erhobenem Kopfe.„Ich biſſe mir lieber die Finger ab!“ Das Mädchen hatte bereits den Körper mit ihren Armen umſchloſſen und ihn beinahe ganz vom Boden aufgehoben. Ko bemerkte mit Erſtaunen, daß ſie wirklich ſtark genug war, die ſchwere Laſt zu tragen. Er faßte den jungen Mann an den Beinen und half ihn auf den Eſel zu ſetzen. „Jetzt ſachte vorwärts,“ ſagte das Mädchen. „Seid gut und vorſichtig, Ko; haitet ihn ſorglich feſt, daß er nicht fällt. Ich werde ihn auf diefer Seite ſtützen. Hi, Brauner, hi. Aber langſam, Brauner! Schritt für Schritt!“ Der Leidende ſaß aufrecht auf dem Eſel; ſein hängender Kopf zeugte von überwiegender Schwäche; aber ſeine Augen waren weit geöffnet, und in dem glaſigen Blick, womit er gleich einem Irrſinnigen in's Weite ſtarrte, war ein unendlicher Schrecken zu leſen. Offenbar hatte er alles Bewußtſein verloren, und wußte nicht, wo er ſich befand, noch was mit ihm geſchah. Seine Lippen bewegten ſich ſchnell; verwirrte Laute ohne Sinn glitten in Menge aus ſeinem Munde. Ko horchte; einige deutlichere Worte hatten ſelbſt ſeine Neugierde ſo ſehr erweckt, daß er mit zur Seite geneigtem Kopfe neben dem Eſel herging, in der Hoffnung, das Geheimnißvolle dieſes Vorfalls er⸗ rathen zu können. Seine Mühe war jedoch ver⸗ geblich. Der irre Jüngling nannte wohl die Guillo⸗ tine und ſprach verſtändlich von ſeinem Vater, von ſeiner Mutter und ſelbſt von ſeiner Schweſter; er befand ſich augenſcheinlich noch unter dem Einfluß eines tödtlichen Schreckens und ſchien in ſeiner Gei⸗ ſtesabweſenheit vor Feinden zu fliehen; aber die einzelnen Worte waren ſo gebrochen und unordent⸗ lich, daß ſich nichts Beſtimmtes daraus erkennen ließ. Hin und wieder trat eine Pauſe in des Jüng⸗ lings irrem Selbſtgeſpräch ein. Dann richtete Bella die ſüßeſten Worte, welche das Mitleid eines liebe⸗ vollen Herzens eingeben konnte, an ihn. Sie wollte dem Unglücklichen zu verſtehen geben, daß Gottes Güte unendlich ſei, und bemühte ſich, ihm ihre Hoffnung auf Geneſung mitzutheilen. Dann redete ſie ihm wieder von ſeinem Vater, und verſicherte ihn, daß er ſeine Eltern wieder ſehen würde. In ihrem menſchenfreundlichen Beſtreben, ſich dem armen Jüng üch Thrä Geſpi ſamm word Mitte ſprach ſchöne aber armer ſein* Ko i gab i B Mal; worde Bedar ohne Stock „ heben Mühe ſchreckt Mann Mädch denden Junge meiner in dem innigen cken zu erloren, as mit ſchnell; ge aus n ſelbſt ur Seite in der alls er⸗ och ver⸗ Guillo⸗ er, von ſter er Einfluß ner Gei⸗ aber die mordent⸗ erkennen Jüng⸗ ete Bella es liebe⸗ ie wollte ß Gottes ihm ihre nn redete verſicherte de In em armen 45⁵ Jüngling verſtändlich zu machen, ſtreichelte ſie zärt⸗ lich ſeine Hand, während ſie ſeine kalten Finger mit Thränen ſchmerzlichen Mitgefühls befeuchtete. Mehr als einmal verſuchte der Strandläufer das Geſpräch wieder aufzunehmen, welches durch das Zu⸗ ſammentreffen mit dem Verwundeten unterbrochen worden war. In der Meinung, dieß wäre das rechte Mittel, um auf des Mädchens Gemüth zu wirken, ſprach er mit Uebertreibung von ſeinem Gelde, von ſchönen Kleidern und von einem gemächlichen Leben; aber Bella, die ausſchließlich mit der Bewachung des armen Jünglings beſchäftigt war und ihr Auge auf ſein Angeſicht geheftet hielt, zeigte ſich unwillig, daß Ko in dieſem Augenblick Luſt zu ſpaßen hätte, und gab ihm zuletzt gar keine Antwort h. Braun, der Eſel, ſtrauchelte nicht ein einziges Mal; der Strandläufer ſchien endlich gutwilliger ge⸗ worden zu ſein und unterſtützte den Leidenden nach Bedarf.— So langte zuletzt die traurige Bürde ohne einen Unfall vor dem Häuschen des alten Stock an. „Helft mir nun, Ko, ihn ſachte von dem Eſel zu heben,“ ſprach das Mädchen.„Wir wollen uns Mühe geben, ihm jeden Schmerz zu erſparen.“ „He, Vater Stock!“ rief der Strandläufer;„er⸗ ſchreckt nicht, wir bringen Euch einen ſterbenden Mann!“ „Mein Vater iſt nicht zu Hauſe,“ bemerkte das Mädchen, während ſie, von Ko unterſtützt, den Lei⸗ denden von dem Eſel hob.„Sobald wir den armen Jungen auf das Bett gelegt haben, laufe ich zu meiner Tante, um meinen Vater zu holen.“ „Ei, welche Dummheit!“ murmelte Ko,„dieſen blutigen Körper auf ein Bett? Leg' ihn auf den Boden am Herde, dann wirſt Du wenigſtens nicht vergeblich Deinen Leinenzeug verderben.“ „Ich werde das Leinenzeug waſchen, Ko. Die Treppe muß er hinauf. Seid vorſichtig und ſtrengt Eure Kraft ein wenig an.“ „Auf Dein eigenes Bett willſt Du ihn legen, Bella?“ „Ich will meinen Vater nicht in ſeiner Nachtruhe tören.“ „Und Du, Bella, wo willſt Du ſchlafen?“ „Ich werde dort oben ſchon ein Plätzchen finden. Da ſteht noch die alte Bettlade von Oheim Louis. Nun, ſachte voran! Laß ihn mit dem Kopf auf das Kiſſen niederſinken. Nicht ſo! Mit der leiden⸗ den Seite nach oben Armer Menſch! Seht, er lächelt uns ſo dankbar zu.“ „Bah, er lächelt wie ein Irrſinniger,“ ſpottete Ko.„Sei üherzeugt, Bella, es ſind nur die Phan⸗ taſien eines Sterbenden. Ich verſtehe mich darauf: noch eine Stunde gebe ich ihm, und nicht mehr.“ „Jetzt laufe ich eiligſt zu Tante Klär, um mei⸗ nen Vater zu holen,“ ſprach das Mädchen.„Be⸗ wache den armen Jungen mit chriſtlicher Liebe, Ko. Und begehrt er zu trinten, dort in dem Krug ſteht friſches Waſſer Mit dieſen Worten war ſie die Treppe hinabge⸗ eilt und im Begriff, das Haus zu verlaſſen. Sich noch einmal umwendend, ſah ſie den Strandläufer über den Körper des leidenden Jünglings gebeugt. Ein l kehrte „ Dun Vater Menſe nicht Herz Geht, aus 3 dafür nehm e — gen!“ zu gek . De ſtillſcht deſſen waren haft k Sie fe Worte auf ſei ſie gar De bewog zu hol „dieſen uf den nicht o. Die ſtrengt leen, achtruhe finden. Louis.. auf das rleiden⸗ Seht, er ſpottete e Phan⸗ darauf: lehr.“ um mei⸗ n.„Be⸗ ebe, Ko. rug ſteht hinabge en. Sich andläufer gebeugt. 47 Ein halb erſtickter Angſtſchrei entſchlüpfte ihr und ſie kehrte in ihre Schlafkammer zurück. „Sieh' da!“ rief Ko überraſcht,„warum kommſt Du noch einmal?“ „Ich dachte ich dachte, Ko, daß Ihr meinen Vater rufen ſollt. Das Schickſal dieſes unglücklichen Menſchen flößt mir ſolches Mitleid ein, daß ich ihn nicht einen Augenblick verlaſſen kann.“ „Es iſt gerade, Bella, als fürchteſt Du, ich möchte ihm ein Leid zufügen?“ „Rein; aber Ihr Männer habt kein mitleidiges Herz und Ihr wißt die Kranken nicht zu behandeln. Geht, Ko; laßt mich glauben, Ihr ſeid dienſtfertig, aus Freundſchaft für mich; ich werde Euch dankbar dafür bleiben und ſpäter auch verſuchen, Euch ange⸗ nehm zu ſein, wo ich kann.“ „Das rechte Mittel, um Dir Etwas abzuſchla⸗ gen!“ rief Ko, indem er ſich lachend die Hände rieh. „Ich hoffe, Bella, Du wirſt Dich dieſes Verſprechens zu gehöriger Zeit erinnern. Ich laufe, ich fliege!“ Das Mädchen ſetzte ſich an das Bett und blickte ſtillſchweigend auf das Geſicht des Verwundeten, deſſen Augen ſtarr in den leeren Raum gerichtet waren, und deſſen Lippen noch immer ſich krampf⸗ haft bewegten und undeutliche Laute ſtammelten. Sie faßte wieder ſeine Hand und ſprach tröſtende Worte in ſein Ohr; er aber gab in ſeinem Delirium auf ſeine liebevolle Pflegerin ſo wenig Acht, als ob ſie gar nicht gegenwärtig geweſen wäre. Der trockene Anſchlag der Lippen gegen einander bewog endlich Bella, aufzuſtehen und den Waſſerkrug zu holen. Sie hob den Kopf des Jünglings von den Kiſſen, brachte eine Schale ihm an den Mund und goß ihm das Waſſer langſam ein. Er mußte ſeit langer Zeit von einem brennenden Durſt verzehrt worden ſein, denn er trank das erfriſchende Naß in gewaltigen Zügen und mit fieberiſcher Haſt. „Nun iſt es genug, Freund,“ ſagte Bella.„Ruhe jetzt ein wenig, dann will ich Dir noch eine Schale Waſſer geben. Sei nur guten Muths! Mein Vater wird ſogleich kommen; man wird einen Doctor ho⸗ len. Wir wollen Alle zuſammen Gott bitten, daß er Dich ſchnell geneſen laſſe.. Ach, wie ſiehſt Du mich an! Was willſt Du mir ſagen, Freund?“ Bella hatte den Kopf des Verwundeten auf die Kiſſen ſinken laſſen. Vielleicht hatte das Gefühl von Erfriſchung, oder der mächtige Eindruck des kalten Waſſers ihm auf einen Augenblick das Bewußtſein zurückgegeben; denn er ſchaute jetzt das verwirrte Mädchen mit leuchtenden Augen und einem wunder⸗ ſüßen Lächeln von Dankbarkeit und Liebe an. Bewegt und zitternd ſtand das Mädchen an dem Bette; ſie konnte den Strahl ſeines Blickes nicht er⸗ tragen und bückte den Kopf, um noch einmal die Hände zum Himmel zu erheben und an den Herrn ein feuriges Dankgebet zu richten. Sie wurde jedoch in ihrer Hoffnung getäuſcht: ein tiefer Seufzer ent⸗ ſchlüpfte dem Verwundeten; ſein Mund begann auf's Neue verwirrte Laute zu ſtammeln, und ſeine Augen nah⸗ men ihre frühere glaſige Bewegungsloſigkeit wieder an. Einige ſtille Thränen rollten über des Mädchens Wangen; ſie faltete die Hände und begann zu beten aber jetzt hörte ſie die Stimme von Tante Klär draußen vor der Thüre ertönen, und ſie ſtieg die Treppe auf die loſen Bella k ihn nae „V geſagt in den los, at todt. wenn C Be Fremdli vorſichti vielleicht gegnete „Nicht: zeit woh e ſprach et „Laf Lies ihr dem Ner wie der than haf ſeufzte d „Kon Mädchen „Es iſt ſanfter J Conſe Mund mteßte verzehrt Naß in „Ruhe Schale in Vater ctor he⸗ daß er iehſt Du auf die fühl von es kalten wußtſein verwirrte wunder⸗ be an. an dem nicht er⸗ nmal die en Herrn rde jedoch ufzer ent⸗ ann auf's ugen nah⸗ wieder an. Mädchens zu beten ante Klär ſtieg die 49 Treppe hinab, ihrem Vater entgegen zu eilen. Ohne auf die Erkundigungen ihrer Tante, oder die gefühl⸗ loſen Redensarten des Strandläufers zu achten, faßte Bella den Arm des Greiſes und ſprach, während ſie ihn nach der Thüre leitete: „Vater, komm, komm ſchnell. Ko wird Dir geſagt haben, wie ich einen unglücklichen Menſchen in den Dünen liegend gefunden habe, ganz bewußt⸗ los, aus ſchrecklichen Wunden blutend und beinahe todt.. Ich habe ihn auf mein Bett gelegt. Ach, wenn Gott ihn geneſen ließe!“ „Bella, Bella!“ hrummte die alte Frau;„einen Fremdling ſo in's Haus nehmen! Kind, Du biſt un⸗ vorſichtig. Einen Franzoſen, einen Republikaner vielleicht!“ „Es iſt ein Menſch, Tante, das iſt genug!“ ent⸗ gegnete das Mädchen mit einer gewiſſen Ungeduld. „Nicht wahr, lieber Vater, was Gott gefällt, iſt alle⸗ zeit wohl gethan?“ Der Blinde ſchloß ſeine Tochter in die Arme und ſprach erfreut: „Laß die Tante nur reden, mein braves Kind. Lies ihr dieſen Abend das Gebot der Liebe aus dem Neuen Teſtament vor, und ſie wird erfahren, wie der Erlöſer ſelbſt zu thun gebietet, was Du ge⸗ than haſt.“ „Aber ein Republikaner! Ein Republikaner!“ ſeufzte die alte Klär mit Abſcheu. „Komm, Vater, komm an das Bett,“ ſagte das Mädchen, während ſie den Greis hinauf leitete. „Es iſt ein junger Mann, ſo unglücklich, mit ſo ſanfter Miene! Ein Republikaner? Nein, nein, das Conſcience, Bella Stock. Da, da iſt ſeine Hand... iſt nicht möglich. Pater: er wird ihm Gottes Gib ihm Deinen Segen, Gnade bringen.“ Tante Klär war gleichfalls chen hinauf geſtiegen. Einen Augenblick betrachtete ſie mit dem Ausdruck ſtillen Schreckens das Antlitz des Leidenden und das vertrocknete Blut am Kopfe; da ſtürzten ihr die Thränen ſtromweiſe über die Wangen, und ſie rief ſchluchzend: „Ach, der arme Junge! Schnell, ſchnell, nach Veurne zu einem Wundarzte. Soll ich ſelbſt hin⸗ laufen? Könnte ich nur beſſer gehen! Ko, Ihr ſeid noch gut auf den Beinen. Fliegt nach Veurne! Ich bitte Fuch, trabt Euch den Athem aus der Bruſt. Ich will Euch mein Leben lang dafür danken. Gott wird es Euch lohnen!“ „Laufen?“ murmelte Ko;„es ſind beinahe an⸗ derthalb Stunden von hier. Ich will jedoch thun, was ich kann. Allein, Tante Klär, ich muß Euch darauf aufmerkſam machen, daß ich zu gleicher Zeit wie Bella den Mann in den Dünen habe liegen ſehen. Wenn er ſterben ſollte und Etwas für die Finder übrig bliebe, ſo müßte ich mit Recht die Hälfte vom Ganzen erhalten.“ „Das iſt zu lang gezögert!“ rief Bella, welche ſich ein friſches Halstuch um die Schulter warf. „Ich will ſelbſt den Doctor holen; mir ſoll der Athem nicht ausgehen, um nach Veurne zu laufen. Ko ſoll die Garneelen nach der Pfanne bringen. Du, liebe Tante, bewachſt und verſorgſt den unglücklichen Menſchen, bis ich wiederkomme! Gott behüte Euch Alle mit einander!“ in das kleine Kämmer⸗ Ke Bella die Dr deſſen den 6 flehend Gang dem ſ nachen des Ur angeru „N zu, we ſtehen mit ihr mer ur phanta verſtehe wir, Te mildern mir, ich Der hinauf. Gottes kämmer⸗ trachtete s Antlitz nKopfe; über die ell, nach elbſt hin⸗ Ihr ſeid ne! Ich er Bruſt. en. Gott inahe an⸗ thun, was ich darauf Zeit wie gen ſehen. ie Finder älte wom , welche lter warf. r ſoll der zu laufen. ngen. Du, nglücklichen ehüte Euch 51 Mit dieſen Worten ſchoß ſie wie ein Pfeil aus dem Hauſe, und eilte über Berg und Thal in der Richtung nach Adinkirchen dahin. III. Kaum konnten zwei Stunden verfloſſen ſein, als Bella bereits in Geſellſchaft eines Wundarztes durch die Dünen marſchirte. Es war ein bejahrter Mann, deſſen Miene, obwohl ſehr feſt und ruhig, dennoch den Stempel der Gutherzigkeit trug. Durch die flehenden Bitten des Mädchens zu einem ſchnellen Gang angetrieben, lief er mit großen Schritten auf dem ſandigen Pfade dahin, nur dann und wann nach weiteren Aufklärungen fragend, um den Zuſtand des Unglücklichen, zu deſſen Beſtem man ſeine Hilfe angerufen hatte, genau kennen zu lernen. „Nun, liebe Tante,“ rief Bella der alten Frau zu, welche ſie von Ferne auf der Schwelle der Hütte ſtehen ſah,„wie ſteht es drinnen? Es geht doch gut mit ihm, nicht wahr?“ „Es iſt noch immer daſſelbe, Bella; nicht ſchlim⸗ mer und nicht beſſer,“ antwortete Tante Klär.„Er phantaſirt und ſpricht von der Guillotine, aber wir verſtehen ihn nicht.“ „Hier iſt Herr Darings, der Wundarzt. Hoffen wir, Tante, daß er die Leiden des armen Jünglings mildern kann.. Kommen Sie, Herr, folgen Sie mir, ich will Sie an das Bett bringen, wo er liegt.“ Der Wundarzt folgte ihr in das Kämmerchen hinauf. Während er ſtillſchweigend den Verwundeten 4* betrachtete und ihm den Puls fühlte, bemühte ſich das Mädchen, bleich vor Angſt und zitternd, auf ſei⸗ nem Geſichte zu leſen, welcher Art ſeine Gedanken waren. Das Unheil verkündende Schütteln des Kopfes und das traurige Zuſammenziehen ſeiner Lippen ent⸗ riſſen ihr einen halb erſtickten Seufzer und lockten Thränen in ihre Augen. Der Wundarzt ſagte zu ihr in freundlichem Ton: „Du kannſt nicht hier bleiben, mein Kind. Dein Herz iſt zu gefühlvoll; Deine Gegenwart würde mich bei der Unterſuchung und dem Verband ſeiner Wunden hindern.“ „Ach, mein Herr,“ flehte das Mädchen,„ſagen Sie mir doch ein gutes Wort! Er iſt wohl recht krank; aber er wird doch davon kommen, nicht wahr?“ „Darüber kann ich noch Nichts ſagen, mein Kind. Ich hoffe bald Gründe zu finden, um Dein mitleidi⸗ ges Gemüth zu beruhigen. Geh jetzt hinunter zu Deinem Vater; dieſe gute Frau muß mir bei der Arbeit helfen.“ Bella ſtieg ganz entmuthigt die kleine Treppe hinab. Als ſie hinter ſich die Thüre des Kämmer⸗ chens ſchließen hörte, quillten Thränen aus ihren Augen und mit einem Angſtruf ſetzte ſie ſich neben ihren Vater und legte ihm die Arme um den Hals. „Was gibt es, Bella?“ fragte der Greis er⸗ ſchrocken.„Verzweifelt der Wundarzt an ſeiner Ge⸗ neſung?“ „Nein, nein,“ antwortete ſie,„aber Herr Darings ſchüttelte ſo bedenklich den Kopf; er ſchien ſo betrübt! Ach, wenn der arme Junge noch ſterben müßte, was für ein ſchreckliches Unglück, nicht wahr?“ e wenn Dich!“ Mann Er ha herabſe ſuchen. fürchte bringer Du ve ſend. ſollen erfüllen ſelbſt d „Je wäre d nicht ti lichen es, die ſelbſt z Geſchöp zu erret „Ko geleiſtet „Ne Ohne m ſein. D ſo habe Begreifſt mich rüh ühte ſich auf ſei⸗ Hedanken s Kopfes pen ent⸗ d lockten em Ton: d. Dein t würde id ſeiner „ſagen ohl recht wahr?“ in Kind. mitleidi⸗ unter zu bei der e Treppe Kämmer⸗ us ihren icneen en Hals. iner Ge⸗ Darings betrübt! ißte, was 53 „Gewiß, gewiß, Bella! Dennoch, mein Kind, wenn Gott über ſein Leben beſchloſſen hat...“ „Vater, lieber Vater, ſprich nicht ſo, ich bitte Dich!“ rief ſie.„Herr Darings iſt ein erfahrener Mann; er wird ihn nicht ſo elend ſterben laſſen! Er hat ſeinen Kopf noch nicht beſehen, als er mich herabſchickte; jetzt iſt er daran, die Wunden zu unter⸗ ſuchen. Wir dürfen nicht voreilig ein Unglück be⸗ fürchten. Vielleicht wird er uns bald gute Botſchaft bringen.“ „Bella, wie biſt Du doch ſo ſchrecklich aufgeregt! Du vergießeſt Thränen?“ ſprach der Greis verwei⸗ ſend.„Der Mann iſt ein Unglücklicher, und wir ſollen gegen ihn unſere Pflicht als Chriſtenmenſchen erfüllen; aber in Allem, Kind, iſt Maaß zu halten: ſelbſt das Mitleid darf man nicht übertreiben.“ „Ich weiß nicht, Vater, wie es kommt; aber wäre der Mann mein eigener Bruder, ich könnte nicht tiefer ergriffen ſein beim Anblick ſeines ſchreck⸗ lichen Zuſtandes. Siehſt Du, lieber Vater, ich bin es, die ihn gefunden hat; ich glaube, Gott hat mich ſelbſt zu dem Orte geleitet, um ſeinem leidenden Geſchöpfe zu helfen.. vielleicht um ihn vom Tode zu erretten!“ „Ko Snell hat ihn gleichfalls gefunden und Hilfe geleiſtet.“ „Nein, Vater, der Strandläufer hat kein Herz. Ohne mich würde der Arme in den Dünen verblichen ſein. Davon bin ich überzeugt. Wird er geneſen, ſo habe ich einem Menſchen das Leben gerettet! Begreifſt Du nicht, Vater, wie ſolch ein Gedanke mich rühren muß?“ „Jo, mein Kind, ich begreife es.“ „Und was noch mehr iſt, er hat einen alten Vater, er ruft ihn in ſeinem irren Zuſtande, er ruft ihn mit ſo viel Liebe! O, ſo an Deiner Bruſt ruhend, fühle ich mein Herz beklommen von Schrecken und Nitleid, bei dem Gedanken an die Verzweiflung, die den unglückſeligen Vater treffen würde, wenn ſein Kind hier unterliegen ſollte.“ „Sein Vater könnte davon den Tod haben!“ ſeufzte der Greis.„Bella, Bella, Du machſt mich zittern vor Angſt. Ich bitte Dich, ſei vernünftig und bezwinge Deine Aufregung. Wenn Du mir noch krank würdeſt, ſo hätte Dein armer blinder Vater für Dein allzu großes Mitleid zu büßen.“ „Nein, nein, fürchte Nichts für mich. Selig ſind die Barmherzigen, denn ſie werden Barmherzig⸗ keit erlangen!“ ſprach Bella mit einer gewiſſen Er⸗ hebung in der Stimme. „In der That, ſo ſprach der Heiland von dem Berge herab zu dem Volke. gehorche Deinem liebevollen Herzen, mein Kind,“ murmelte der Blinde. Es herrſchte eine Weile Stillſchweigen.. das Mädchen horchte ängſtlich auf das ſchwache Geräuſch, das ſich von dem verſchloſſenen Kämmerchen herab vernehmen ließ. Sie glaubte zwiſchen dem Krachen von Schritten auch einige ſchmerzliche Seufzer zu hören, und bildete ſich ein, der Wundarzt ſei eben damit beſchäftigt, die Wunden des armen Jünglings zu verbinden. Sie ſagte jedoch Nichts, ſondern hielt die Augen ſtarr auf die Thüre des Kämmerchens gerichtet. Endlich ſprach der Greis: e ℳ Bische dern. Mann F der? Tante etwas nicht, „ das Y gen u voll w Mitlei „V arzt zu zu mat Er zitt beſtänd ſpricht ſter un ſie vor faſt nie zu grat duldig! Worte doch d vorgehe Schrecke „Di nalten er ruft ruhend, en und g, die nn ſein aen ſt mich rnünftig du mir blinder Selig mherzig⸗ ſſen Er⸗ m Berge ebevollen das Heräuſch, herab Krachen ufzer zu ſei eben ünglings ern hielt merchens „Dein Herz klopf ſehr heftig, Bella; laß uns ein Bischen plaudern; das wird Deine Aufregung min⸗ dern. Tante Klär zufolge iſt er noch ein junger Mann? Für wie alt hältſt Du ihn, mein Kind?“ „Höchſtens fünfundzwanzig Jahre, Vater.“ „Und er trägt feines Weißzeug und feine Klei⸗ der? Es iſt wahrſcheinlich ein reicher Mann? Deine Tante ſagt, er habe ein ſchönes Geſicht? Es liege etwas Edles in ſeinen Zügen? Und ſie zweifelt nicht, daß er von gutem Hauſe ſein müſſe?“ „Ja, Vater, wer kann dieß wiſſen?“ antwortete das Mädchen,„aber er hat glänzende ſchwarze Au⸗ gen und ſchöne ſchwarze Haare; ſein Geſicht iſt ſo voll wunderbarer Sanftmuth, daß Du zum tiefſten Mitleid bewegt würdeſt, wenn Du es ſehen könnteſt.“ „Während Du weg wareſt, Bella, um den Wund⸗ arzt zu holen, habe ich gehorcht und mir verſtändlich zu machen geſucht, was er in ſeinem Irrſinn redet. Er zittert bei dem Namen der Guillotine und ſcheint beſtändig das Schaffot vor Augen zu ſehen. Er ſpricht oft von ſeinem Vater und von ſeiner Schwe⸗ ſter und ruft ſie mit ängſtlichem Ton, als wollte er ſie vor einer ſchrecklichen Gefahr warnen. Ich wage faſt nicht zu ſagen, was ich denke, Bella; es wäre zu grauſam.“ „O Vater, wie werde ich ſo ängſtlich und unge⸗ duldig!“ ſeufzte das Mädchen, als ob ſie auf ſeine Worte nicht geachtet hätte.„Wie lang dauert es doch da drinnen! Was mag hinter jener Thüre vorgehen? Die Todtenſtille erfüllt mein Herz mit Schrecken.“ D „Die Todtenſtille beweist, daß der Chirurg an ſeiner Arbeit iſt, Bella. Stände es ſchlimm dabei, ſo würdeſt Du Deine Tante wohl klagen hören.“ „Ah, da öffnet man die Thüre! Da iſt Herr Darings!“ rief Bella, dem Wundarzte entgegeneilend. „Nun, nun, darf man hoffen? Sie lächeln, Herr? Der arme Menſch wird alſo geneſen?“ Der Chirurg faßte die Hand des Mädchens, führte ſie an den Tiſch und ſagte, ſich neben ihr niederſetzend: „Das iſt ja ein ganz wunderbares Mitleiden für einen unglücklichen Fremdling, meine Tochter; ſicher⸗ lich ein köbliches und chriſtliches Gefühl, aber Dein Puls läßt mich befürchten, ich möchte hier einen zweiten Kranken zu behandeln bekommen. Du mußt Deine Aufregung zu bezwingen ſuchen.“ „O, Herr, geben Sie mir doch einen günſtigen Bericht!“ flehte das Mädchen mit gefalteten Händen. „Ja, das wollte ich eben thun; aber Du läſſeſt mich nicht zum Wort kommen, liebes Kind. Ich be⸗ kenne Dir mit Freuden, daß ich den Zuſtand unſeres Leidenden viel weniger ſchlimm gefunden habe, als ich auf den erſten Anblick vermuthete.“ „Gott ſei dafür gelobt!“ ſeufzte das Mädchen. „Seine Wunden— denn er hat deren verſchie⸗ dene,“ fuhr der Chirurg fort,„ſeine Wunden ſind nicht tief und das Schädelbein nicht ſichtbar beſchä⸗ digt. Sein linker Arm iſt gebrochen; aber hier iſt es nicht ſchwer, Heilung zu bringen.“ „Ah, ah, Vater, lieber Vater, er wird nicht ſterben!“ frohlockte Bella, indem ſie erfreut die Hände des Greiſes faßte. „Ja, Nichte, aber Du darfſt deſſen nicht allzu ge⸗ wiß theil Lein ben hefti ein wirri muth hier lich von worde ſehr! Tage verſch lich! muß ſprach und 2 irren; Jüngl 5 Kind? 3 Lächel Si meine wundet dabei, en iſt Herr neilend. „Herr? ben ihr den für ſicher⸗ er Dein er einen du mußt ünſtigen Händen. u äſſeſt Ichbe unſetes abe, als ädchen. verſchie⸗ iden ſind w beſchä⸗ r hier iſt ird nicht die Hände tallzu ge⸗ 57 wiß ſein. Alle Gefahr iſt nicht vorüber: im Gegen⸗ theil!“ bemerkte Tante Klär, die mit einem Pack Leinwand unter dem Arm im Zimmer ſtehen geblie⸗ ben war. „Der Leidende hat das Fieber und liegt in einem heftigen Delirium,“ fuhr der Wundarzt fort.„Hat ein großer Schrecken allein ihm die Sinne in Ver⸗ wirrung gebracht, wie ſeine undeutlichen Worte ver⸗ muthen laſſen, dann iſt Alles gut, und wir haben es hier nicht mit Wunden zu thun, die an ſich gefähr⸗ lich ſind; aber ſind die Fieberphantaſien eine Folge von Schlägen, welche ihm auf den Kopf beigebracht worden ſind, dann könnte ſein Zuſtand ſich auf eine ſehr bedenkliche Weiſe verſchlimmern. Es ſind einige Tage nöthig, um ſich darüber genaue Gewißheit zu verſchaffen.. Da! da erbleichſt Du mir nun plötz⸗ lich! Ei, mein Kind, ein ſtarkes Mädchen wie Du muß mehr Macht über ihr Gemüth haben.“ Er faßte auf's Neue die Hand des Mädchens und ſprach: „Soll ich Dir Etwas ſagen, um Dich zu tröſten und Dir Vertrauen einzuflößen? Wohl, ich kann mich irren; aber mein Gedanke iſt, daß wir den armen Jüngling retten werden. Und wenn ich ſolchen Glau⸗ bens bin, warum ſollteſt Du dann verzweifeln, mein Kind?“ „Dank, Dank!“ murmelte Bella mit dem hellen Lächeln der Freude in den Augen. Sich erhebend, ſagte der Wundarzt: „Lieben Leute, ich habe der guten Frau hier meine Anweiſungen gegeben. Ihr werdet dem Ver⸗ wundeten, wenn ſeine Unruhe ſich vermehrt, einige Tropfen aus dem kleinen Fläſchchen hier in einem Glaſe Waſſer zu trinken geben, bis ſein Fieber ſich ein wenig legt. Morgen früh komme ich wieder; aber ſollte der Zuſtand des Verwundeten ſich augenſchein⸗ lich in hohem Grade verſchlimmern, ſo laſſe man mich rufen. Ich werde unterwegs dem Paſtor von Adin⸗ kirchen Nachricht geben, damit er den Kranken be⸗ ſuche. Inzwiſchen, Freunde, gebe ich Euch den drin⸗ genden Rath, ſo wenig als möglich Geräuſch zu machen und mit dem Verwundeten nicht zu reden. Stille, äußerſte Stille iſt ihm nothwendig.“ Er machte einen Schritt nach der Thüre; doch als ob ein plötzlicher Gedanke ihm durch den Kopf ſchöſſe, ging er auf den Greis zu und fragte, ihn an der Hand faſſend: „Ihr ſeid der Hausherr, nicht wahr? Ich möchte wohl einige Worte mit Euch allein ſprechen. Wollt Ihr mir vor die Thüre folgen?“ Bella und Tante Klär riſſen die Augen weit auf vor Ueberraſchung und Schrecken. Dieſes geheim⸗ nißvolle Geſpräch ſchien ihnen lauter Unheil zu ver⸗ künden. Vor der Thüre angekommen, ſagte der Wundarzt mit gedämpfter Stimme zu dem Blinden: „Mein braver Mann, Ihr werdet den unglück⸗ lichen Jüngling wohl einige Tage, vielleicht ein paar Wochen in Eurem Hauſe behalten müſſen; denn in dem Zuſtand, worin er ſich befindet, kann er unmög⸗ lich weiter gebracht werden. Gebt Ihr Euch gut⸗ willig dazu her?“ „Er mag bleiben, ſo lang er der Hülfe bedarf,“ antwortete Vater Stock,„einen Monat, ein Johr. Wenr unſer fort. ſie ſir reiche beſont wie d in Fr auf d auf n lich r nicht, den 3 daß e ſpricht weit 1 ein M blik er langte, die Gr nicht b Des N Freund der Ern kommt, möglich daſſelbe von de Ich we „Si „wir w Glaſe ch ein aber chein⸗ mich Adin⸗ en be⸗ drin⸗ iſch zu reden. och als ſchöſſe, an der möchte Wollt eit auf eheim⸗ zu ver⸗ undarzt nglück⸗ npaar en in unmög⸗ ch gut⸗ edarf,“ Jahr. 59 Wenn Gott ihn geneſen läßt, werden wir uns für unſere Sorge hundertfältig belohnt erachten.“ „Ich zweifle nicht daran,“ fuhr Herr Darings fort.„Die Fiſcher haben nicht viel Wohlſein, aber ſie ſind milder und menſchenfreundlicher als manche reiche Leute. Dieß war es jedoch nicht, was ich Euch beſonders ſagen wollte. Ihr wißt vielleicht, Freund, wie die Sachen gegenwärtig in Frankreich und ſelbſt in Franzöſiſch Flandern ſtehen. Man macht Jagd auf die Königlichgeſinnten und auf die Edelleute wie auf wilde Thiere. Die Guillotine raucht unaufhör⸗ lich von dem edelſten Menſchenblut. Wir wiſſen nicht, wer er iſt, der Unglückliche, der da drinnen in den Fieberphantaſien liegt, aber aus dem Umſtand, daß er Franzöſiſch und Flämiſch zu gleicher Zeit ſpricht, läßt ſich mit Grund ſchließen, daß er nicht weit von der Grenze zu Hauſe iſt. Wenn er nun ein Mann wäre, welcher der Verfolgung der Repu⸗ blik entflohen iſt, und dorthin die Kunde von ihm ge⸗ langte, wer verſichert uns, daß die Leute, welche für die Guillotine Futter ſuchen, die entſchlüpfte Beute nicht bis in die flämiſchen Dünen hinein verfolgen? Des Nachts iſt hier wenig Hülfe zu erwarten. Nun, Freund, wie dem auch ſei, ich denke, Ihr werdet, in der Erwartung, daß der Kranke wieder zur Beſinnung kommt, ſehr klug daran thun, wenn Ihr ſo wenig als möglich von dieſem Vorfall ſprecht;— und legt daſſelbe Stillſchweigen allen Denen auf, welche bereits von dem, was geſchehen, Kenntniß haben könnten. Ich werde dieſen Rath gleichfalls dem Paſtor geben.“ „Sie haben Recht, Herr,“ beſtätigte der Greis, „wir werden thun, wie Sie ſagen.“ „Alſo morgen, Freund, morgen.“ „Gott behüte Sie, Herr Chirurg.“ rief Bella im Ton äußerſter Bekümmerniß. „Dieſe Heimlichkeit erregte mir Zittern,“ mur⸗ melte Tante Klär. „Aber ihr ſeid beide recht unvernünftig,“ ant⸗ wortete der Greis.„Nicht von der Krankheit des Jünglings wollte der Wundarzt mit mir ſprechen. Seine einzige Abſicht war, mich zu überzeugen, daß wir von dem traurigen Vorfall Niemand Etwas ſagen ſollten, wenigſtens bis daß wir wiſſen, wer der leidende Fremdling iſt. Die Zeiten ſind ſchlimm und ſchrecklich, Kinder; es gibt jetzt Tauſende von Menſchen, welche ihr Leben nur dadurch retten, daß ſie ſich in ein undurchdringliches Geheimniß verber⸗ gen. Unſer armer Kranker kann Einer dieſer Men⸗ ſchen ſein.“ „Ach, Niemand ſoll Etwas erfahren von dem, was hier vorgeht!“ ſeufzte das Mädchen.„Ich flehe Dich an, liebe Tante, ſprich nicht davon, ſelbſt mit Freunden in den Dünen!“ „Du willſt doch nicht ſagen, daß Tante Klär nicht ſchweigen kann, wo es am Platze iſt?“ entgegnete die alte Frau halb ärgerlich.„Welcher Gedanke! Wenn das Leben eines Menſchen vielleicht davon ab⸗ hängt, dann ſoll ich meinen Mund nicht halten können?“ „Aber der Strandläufer?“ bemerkte der Greis. „Er iſt ein geſchwätziger Burſche, der eine Freude daran findet, alle Neuigkeiten, welche er zu wiſſen bekommt, in Adinkirchen herumzutragen.“ O, Vater, was hat Dir Herr Darings geſagt?“ Tant mir umil bei il nung Krank ihme gegebe Bellg „ los ir auf de W kämen⸗ ihn der „N ich wer glücklich liegt?“ „De weiß ni wachen Geſundl ſter, wir „Si Nichte. zeug zu eſagt?“ “ mur⸗ „ ant⸗ eit des prechen. en, daß Etwas n, wer ſchlimm nde von en, daß verber⸗ er Men⸗ on dem, ch flehe lbſt mit lär nicht tgegnete edanke! won ab⸗ t halten r Greis. Freude u wiſſen 61 „Ich nehme Ko Snell auf mich,“ antwortete die Tante.„Ihn brauchſt Du nicht zu fürchten; er wird mir Folge leiſten; ich beſitze ein unfehlbares Mittel, um ihn geſchmeidig zu machen. Noch mehr wird Bella bei ihm vermögen, wenn ſie ihm nur einige Hoff⸗ nung geben wollte... Du hörſt nicht, Bella? Der Kranke iſt beruhigt worden, nachdem der Chirurg ihm einige Tropfen aus dem Fläſchchen zu trinken gegeben hat. Nun ſchläft er wahrſcheinlich.“ „Mir dünkt, er habe ſich bewegt,“ antwortete Bellg zerſtreut.„Soll ich einmal nachſehen?“ Du mußt ihn in Ruhe laſſen und nicht zweck⸗ os in das Kämmerchen gehen. Gib einmal Acht auf das was wir ſagen. Jedes von uns hat ſein Werk zu verrichten; es wäre gut, wenn wir überein⸗ kämeſ, wie wir am beſten unſere Rollen vertheilen, damit immerdar Jemand den Kranken bewache.“ „Laß Dich das nicht bekümmern, Tante; ich werde ihn den ganzen Tag nicht verlaſſen.“ „Ja, aber, Bella, die Nacht?“ „Nun, in der Nacht? Glaubſt Du, liebe Tante, ich werde Luſt zum Schlafen haben, ſo lang der un⸗ glückliche Menſch in dem ſchrecklichſten Fieber da liegt?“ 26 Tante hat Recht,“ ſagte der Greis.„Man weiß nicht, wie viele Tage man bei dem Kranken wachen muß. Ich darf nicht zugeben, daß Du Deine Geſundheit nutzlos in Gefahr bringſt. Nun, Schwe⸗ ſter, wir nehmen Deinen guten Beiſtand an.“ „Sieh hier, wie wir es einrichten wollen, liebe Nichte. Ich gehe jetzt nach Hauſe, um dieſes Leinen⸗ zeug zu waſchen und einige Geſchäfte abzumachen. Hernach komme ich wieder, um Dir gleichfalls einige freie Zeit zur Arbeit zu laſſen. So wollen wir ein— ander ablöſen bis zum Abend. Ich will bis nach Mitternacht wachen; Du legſt Dich inzwiſchen ſchla⸗ ſfen „Aber,“ fiel das Mädchen ein,„wäre es nicht beſſer, Tante, wenn ich bis zum Morgen wachen würde?“ „Warum, Kind?“ Dann könnteſt Du mich bequem ablöſen, wäh⸗ rend ich nach dem Strand muß, um Garneelen zu fangen... „Nein, Bella, Du würdeſt ermüdet ſein,“ unter⸗ brach ſie der Greis;„laß den Fang auf Se oder zwei Tage unterbleiben.“ „Ich bin ſtark genug; ich habe Kraft in Ueber⸗ fluß,“ ſagte das Mädchen.„Sollte es mir an Muth gebrechen, wenn ich weiß, daß ich für den armen jungen Mann arbeite? Die Beſuche des Wundarztes und die Fläſchchen werden auch Etwas koſten, und der Kranke hat kein Geld.“ „Allerdings,“ bemerkte Frau Klär,„der Wund⸗ arzt hat alle ſeine Kleider durchſucht, um zu ſehen, ob er Etwas entdecken könnte, woraus ſein Name oder ſein Wohnort zu entnehmen wäre. Der Kranke hat durchaus kein Geld, aber er trägt auf ſeiner Bruſt an einer ſtählernen Kette ein rundes Ding wie ein flaches Döschen. Es iſt von Silber; wir . konnten es nicht öffnen. Wahrſcheinlich iſt es ein Amulet...“ Bella ſchien mit Schrecken aus einem Traum aufzu mit getär er ru A Stim Zärtl 3 D Trep ſie zu Schw verwi Etwä den 3 und b den ſich u ihrem „C wollen beim Euch Di ihrem ſchlug einige ir ein⸗ is nach ſchla s nicht wachen wöh⸗ eelen zu unter⸗ en oder Ueber⸗ an Muth n armen indarztes ten, und r Wund⸗ zu ſehen, in Name er Kranke uf ſeiner des Ding ber; wir iſt es ein m Traum 63 aufzufahren und blickte ihre Tante und ihren Vater mit ängſtlicher Verwirrung an. „Wer ruft mich?“ ſeufzte ſie.„Habe ich mich getäuſcht? Wo ſind doch meine Sinne? Hört, hört, er ruft mich! Er kennt mich!“ Aus dem kleinen Gemach ließ ſich eine ſchwache Stimme vernehmen, welche im Ton einer innigen Zärtlichkeit und deutlich rief: „Iſabella! Iſabella!“ Das Mädchen ſprang auf und wollte nach der Treppe zu dem Kämmerchen eilen; ihre Tante hielt ſie ruck und ſagte: Eifeltiges Kind! Es iſt der Name ſeiner Scheſtet. Er ruft oft nach ihr in ſeiner Geiſtes⸗ vewirrung.“ Laß mich einmal ſehen, liebe Tante, ob er Etwäs nöthig hat. Ich will mich ſtill halten und auf den Zehenſpitzen gehen. Nur einen einzigen Blick!“ Sie ſtieg vorſichtig in das Kämmerchen hinauf und blieb auf der Thürſchwelle ſtehen. Nachdem ſie den Kranken eine Weile betrachtet hatte, drehte ſie ſich um und flüſterte mit dem Glanz der Freude auf ihrem Angeſicht: „Er ſchläft! Aber er lächelt in ſeinem Traume!“ „Komm, ich muß fort,“ ſprach Frau Klär.„Wir wollen bei meiner Rückkehr über die Reihenfolge beim Wachen einen Entſchluß faſſen. Gott ſei mit Euch, Freunde.“ „Er behüte Dich, liebe Tante.“ Die alte Frau faßte ihr Leinenzeug beſſer unter ihrem Arm zuſammen, verließ eilig das Haus und ſchlug den ſandigen Weg durch die Dünen ein. IV. Es wehte ein ſtarker Wind aus dem Norden; der Himmel war mit grauen Wolken überdeckt; traurig war das Wetter und kalt die Morgenluft. Am Fuß eines hohen Sandhügels, da wo die Dünen den Strand erreichen, ſaßen drei Frauen dicht zu⸗ ſammengekauert, als wollten ſie ſich gegenſeitig vor dem ſcharfen Luftzug ſchützen. Neben ihnen lagen einige Körbe, deren fpeihän⸗ gende Schulterriemen vermuthen ließen, daß dieſe Frauen hieher gekommen waren, um irg Laſt weiter zu ſchaffen. Schweigend und bewegungslos gleich i meiſelten Bildergruppe hielten ſie den Blick ch dem Horizont der See gerichtet und ſtarrten frahend in den unergründlichen ſchwarzen Abgrund, welcher in der Ferne den Ocean wie mit einer feſten Mauer zu begrenzen ſchien. Außer dem grollenden Brauſen der Wellen ſtörte Nichts die unbeſchreibliche Stille dieſes Ortes, als die fröhlichen Laute eines Knaben und eines Mädchens, welche an den Dünen hinauf und hinab ſtiegen und ſich zuweilen jubelnd von der Spitze der Sandhügel zu dem Strande hinunterrollen ließen. Die Frauen achteten nicht auf das Spiel der Kinder und rührten ſich nicht, bis daß der Knabe, auf der Spitze einer Düne ſtehend, freudig ausrief: „Mutter, Mutter, da iſt der Vater!“ Die Frauen ſchauten zu dem Kind hinauf, das mit der Hand nach der See deutete. „E ihnen. Se Fleck Stund Die loſigkei dann a wieder mit ei wird? langer wir es Sclave, ſammen ringsnet wir mer Endlich kleinen greifen. ſchöne B Nichts a wollten noch, ſac Conſe torden; erdeckt; genluft. Dünen cht zu⸗ tig vor reihän⸗ ß dieſe id eine ner ge⸗ ch frähend welcher Mauer n ſtörte als die ädchens, zen und ndhügel ie er Knabe, ausrief: f, das 65 „Sie kommen wirklich,“ ſagte die jüngſte von ihnen. „Sieh dort, in der Ferne, Käthy, den graulichen Fleck auf der dunklern Wolke; das iſt das Boot. Sie haben den Wind von hinten; noch eine halbe Stunde, und ſie ſind am Strande.“ Die Frauen fielen von Neuem in ihre Bewegungs⸗ loſigkteit zurück, und es herrſchte eine Weile Stille; dann aber fragte die Jüngſte, als ob ſie ihre Gedanken wieder aufnähme: „Es iſt alſo richtig, Käthy, daß dein Sohn Berten mit einem Mädchen aus Coryde ſich verheirathen wird? Das iſt etwas weit hergeholt.“ „Was kann man thun, Wanna, da in der Nach⸗ barſchaft keine heirathsfähigen Töchter zu finden ſind?“ „Und Bella Stock?“ murmelte die dritte Frau. „Ja, Bella Stock! Mein Sohn hat ſchon ſeit langer Zeit ein Auge auf ſie gehabt, ohne daß wir es wußten. Der arme Junge arbeitete wie ein Selave, um alles Erforderliche für ſein Fahrzeug zu⸗ ſammen zu bekommen; er hatte bereits einige Hä⸗ ringsnetze und einige Päcke Stocknetze gemacht, ehe wir merkten, daß der Burſche an's Heirathen dachte. Endlich bat er ſeinen Vater, ihm bei dem Bau eines kleinen Häuschens ein wenig unter die Arme zu greifen. Da kam es heraus: wir mußten um die ſchöne Bella für ihn zur Ehe anhalten. Wir richteten Nichts aus: weder der alte Stock, noch ſeine Tochter wollten Etwas vom Heirathen hören. Bell wäre noch, ſagten ſie, um fünf oder ſechs Jahre zu jung. Conſcience, Bella Stock. 5 So lang konnte mein Berten nicht warten. Er hat nun ein braves Mädchen zu Coryde gefunden, und er wird ſeinen alten Vater als Genoſſe auf dem Boote von Joſeph Strooms ablöſen.“ „Ich glaube, Vater Stock iſt ein Bischen hoch⸗ müthig, Käthy, weil er etwas Mehr als die andern Fiſcher in den Dünen beſitzt.“ „Was hat er mehr, als wir?“ „Gehört das Boot nicht zur Hülfte Vater Stock? Wenn die Fiſcherei gut geht, zieht er einen ſchönen Nutzen davon. Sieh einmal, das Boot bekommt allein ein Fünftel von dem Fang. Werden nun zehn Gulden erlöst, ſo fällt immerdar ein Gulden für Vater Stock dabei ab. Die Stock's haben einen Eſel und eine Kuh. Es geſchieht wohl aus Stolz, daß Bella nicht heirathen will.“ „Nein, nein, glaube das nicht, Wanna. Die Stock's ſind brave Leute, freundlich und liebreich gegen Jedermann. Das iſt es nicht. Du weißt, wie unglücklich Vater Stock mit ſeinen Kindern ge⸗ weſen iſt, und was er gelitten hat. Von ſeiner ganzen Familie iſt ihm nur Bella geblieben. Er hat ſie ſo gern, daß es ſich gar nicht ſagen läßt. Sie ihrerſeits liebt ihren blinden Vater dermaßen, daß kein Plätzchen für andere Gedanken in ihrem Herzen übrig bleibt. Du ſollteſt es einmal ſehen, Wanna! Der alte Stock und ſeine Tochter, ſie ſtrei⸗ cheln einander und ſpielen zuſammen gleich zwei einfältigen Kindern. Die Thränen kommen Einem a in die Augen, wenn man es ſo mit an⸗ ſieht.“ „Armer Stock, er hat ſo viel Kummer ausge⸗ ſtanden Geſicht ſie ihre niemals „We Sieh eit etwas S ſcheint. „De es iſt de derlich, ſobald t der ein hinwand Korb, W Die langſame die Kind Waſſezla Strande ſehr kalt Kinder n ſorgniß Knabe d dem Kop ebenſo lu So ſtärkt Körper 3 cher die Das Unter de Er hat und er Boote n hoch⸗ andern Stock? ſchönen e0mmt en nun Gulden n einen g. Die liebreich weißt, dern ge⸗ n ſeiner en Er gen läßt. ermaßen, n ihrem al ſehen, ſie ſtrei⸗ eich zwei n Einem mit an⸗ ase⸗ 67 ſtanden!“ ſeufzte die junge Frau.„Und dabei das Geſicht verloren! Es iſt recht ſchön von Bella, daß ſie ihren alten Vater ſo ſehr liebt. Sie wird wohl niemals heirathen, ſo lang er lebt?“ „Wahrſcheinlich. Bella ſagt es wenigſtens... Sieh einmal, Wanna, dort, fern auf dem Strande, etwas Schwarzes, das längs des Waſſers fortzurollen ſcheint. Es gleicht einem großen Hund.“ „Deine Augen beginnen ſchwach zu werden, Käthy: es iſt der Strandrabe.“ „Ah, Ko Snel! In der That, es müßte wun⸗ derlich zugehen, wenn er nicht gegenwärtig wäre, ſobald das Boot ankommt. Das iſt einmal Einer, der ein gutes Leben hat. So immerdar am Strande hinwandeln, ohne Etwas zu thun!. Nimm Deinen Korb, Wanna, es iſt Zeit.“ Die drei Frauen ſtanden auf und begaben ſich langſamen Schrittes nach der See. Unterwegs liefen die Kinder ſingend und frohlockend durch die hreiten Waſſeglachen, welche die zurücktretende Fluth auf dem Strande zurückgelaſſen hatte. Obwohl der Wind ſehr kalt war und die Frauen deßhalb die ſpielenden Kinder warnten, ſich nicht naß zu machen, aus Be⸗ ſorgniß vor einer ſchlimmen Verkältung, ſprang der Knabe durch die Lachen, daß das Waſſer ihm über dem Kopf zuſammenſpritzte; und das Mädchen hüpfte ebenſo luſtig, doch einigermaßen zögernd, ihm nach. So ſtärkten die aunſchuldigen Kleinen ſchon jetzt ihren Körper zum Kampfe gegen Wind und Waſſer, wel⸗ cher die Beſtimmung ihres ganzen Lebens ſein ſollte. Das Boot kam in der Ferne ſchnell angefahren. Unter dem quer einfallenden Nordwind neigte ſich 5 das leichte Fahrzeug tief zur Seite, und indem es die Wellen gleichſam mit Leidenſchaft durchſchnitt, trieb es den Schaum brauſend und kochend vor ſich her. Bald erreichte das Boot den Grund und ſchau⸗ kelte ſich etwa ſechzig Schritte vom Strande auf der Brandung. Auffallend war die Ruhe und Stille der Fiſcher und der Frauen bei dieſem Wiederſehen. Dieſe hielten die Körbe in Bereitſchaft; jene waren eifrig damit beſchäftigt, die Segel einzuholen und das Boot vor Anker zu legen. Rur der Knabe, welcher bis über die Kniee in die See gelaufen war, rief ſeinem PVater einen frohen Willkommsgruß zu. Das kleine Mädchen blieb am Rande des Waſſers ſtehen und klatſchte jubelnd in die Hände. Einer der Fiſcher ſtieg aus dem Fahrzeug und kam quer durch die Wellen nach dem Strande. Unter⸗ wegs ging er auf den Knaben zu, der ihm die Arme um den Hals ſchlug und das ſüße Wort Vater ihm in die Ohren flüſterte. Der Mann hob das Kind auf ſeinen Rücken und trug es nach dem Strande. Ein anderer Fiſcher, der ihm gleich darauf gefolgt war, nahm das Mädchen auf ſeinen Arm und küßte es mehrmals, mit Thränen der Zärtlichkeit in den Augen. So hin und her durch die See watend, brachten die Leute vom Boot ihre Fiſche auf den Strand. „Es ſcheint, Joſeph, der Fang iſt nicht ſehr reich ausgefallen?“ fragte der Strandläufer, welcher näher etreten war.„In drei Körben wird man ſie bequem fortſchaffen können. Es ſind jedoch ſchöne Rochen. Ein Paar Kabeljaus? Keine Steinbutten?“ * 2 eines Joſepl 8 Werth fordert uns ei genug nach J „Ko Der als wol während „Nit werde T habe Di Frau und mit mann J wieder z indem es chſchnitt, vor ſich d ſchau⸗ e auf der er Fiſcher n. Dieſe ren eifrig das Boot eche bis ief ſeinem das kleine ſtehen und rzeug und de. Unter⸗ die Arme Vater ihm das Kind Strande. uf gefolgt und küßte eit i den d, brachten Strand. t ſehr reich lcher nüher man ſie doch ſchöne einbutten?“ 69 „Wir haben zwei Körbe davon an die Offiziere eines engliſchen Kriegsſchiffes verkauft,“ antwortete Joſeph, während er die Fiſche in die Körbe packte. „Theuer, gewiß? Die Engländer kennen den Werth des Geldes nicht. Wo man einen Gulden fordert, geben ſie ein Goldſtück.“ „Nein, der Preis war ehrlich; aber ſie ſchenkten uns einen guten Schluck Rum, der uns wohl Muth genug gegeben haben muß, um mit unſerem Boot nach Jsland zu fahren.“ „Ihr ſeid ſo weit in See geweſen?“ „Auf der Untiefe war Nichts zu fangen.. Sag' einmal, Ko, weißt Du, ob ein Kaufmann in Hooge iſt?“ „Dieſen Morgen war Niemand da.“ „Dann müſſen wir die Fiſche nach Veurne brin⸗ gen. Hänschen, lauf' zu Vater Stock und bring' den Eſel auf den Weg nach der Zankpfanne.“ Das Kind nahm ſeinen Weg durch die Waſſer⸗ lachen und verſchwand in den Dünen. „Ko, wie geht es dort bei uns?“ fragte Joſeph. „Alles Wohl?“ Der Strandläufer gab ihm insgeheim ein Zeichen, als wollte er Joſeph Stillſchweigen auferlegen, und während dieſer ihn mit einiger Beſtürzung anſah, ſagte er: „Nimm Dein Schiffsgeräthe auf, Joſeph; ich werde Dich eine Strecke Wegs begleiten, denn ich habe Dir etwas Beſonderes zu melden.“ Frauen und Fiſcher, mit den gefangenen Fiſchen und mit den Netzen beladen, wünſchten dem Steuer⸗ mann Joſeph ein Lebewohl, bis man am Abend wieder zuſammenträfe, um noch einmal zur See zu gehen. Joſeph entfernte ſich mit dem Strandläufer in entgegengeſetzter Richtung. „Nun, Ko, was haſt Du mir zu ſagen?“ fragte er.„Selten weißt Du etwas Gutes. Iſt Tante Klär krank geworden?“ Der Strandläufer erzählte nun die ganze Ge⸗ ſchichte von dem verwundeten Jüngling und ſuchte ſeinen Gefährten zu überzeugen, daß Bella ſehr un⸗ vorſichtig gethan hatte, einen ſterbenden Fremdling in's Haus zu nehmen. Er ſprach deßgleichen von der Uhr, welche der Leidende ſeiner Meinung nach auf der Bruſt trug, und die wohl von Gold ſein konnte. Joſeph dachte eine Weile in der Stille über die⸗ ſen ſonderbaren Vorfall nach und fragte dann: „Und Niemand weiß, wer er iſt?“ „Das heißt, ich glaube, daß ich es weiß. Ich habe dieſen Morgen Jan Zwarts*) von Ghyvelde ge⸗ ſprochen; dieſer hat mir von einem ſchrecklichen Ge⸗ fecht erzählt, das geſtern Nacht auf der Grenze zwi⸗ ſchen Schmugglern und franzöſiſchen Gendarmen vor⸗ fiel. Du weißt, es haust gegenwärtig um Dünkirchen herum eine große Schmugglerbande. Ihr Anführer iſt ein junger Mann, Namens Boſacq. Ich bin über⸗ zeugt, der leidende Fremdling iſt Boſach ſelbſt; und es wundert mich ganz und gar nicht, daß der Schelm ſich vor der Guillotine fürchtet.“ „Möglich, Ko; aber wie kommt es, daß er dann nicht ein Stück Geld bei ſich hatte, wie Du ſagſt? Es iſt ein Mann, der von Dieben angefallen wurde.“ „Nein, Joſeph, die Gendarmen haben ihn für *) Johann Schwarz. K. todt g man aneign „— Erfind: allein oder ir „N duldig, ſagſt, e Stellen liegt ir „He „N mittag möchte dem Vr haltung tet. St Schmug gleich:: ich von Sie in den einen P „Gel will ich andläufer “ fragte ſt Tante nze Ge⸗ und ſuchte ſehr un⸗ Fremdling ichen von nach au in konnte. über die⸗ inn: eiß. Ich elde ge⸗ ichen Ge⸗ renze zwi⸗ men vor⸗ dünkirchen Anführer bin über⸗ bſt; und er Schelm er dann Du ſagſt? nwurde.“ nihn für A. d. U. 71 todt gehalten und ihm ſein Geld genommen. Was man an einem Leichnam findet, das darf man ſich aneignen.“ „Das Geſetz ſagt aber anders.“ „Ja, das Geſetz ſiehſt Du? Das iſt eine bloße Erfindung, weil ſie drinnen im Lande gern Alles allein haben möchten, ſelbſt was an unſerem Strande, oder in unſeren Dünen gefunden wird.“ „Nun, beeile Dich ein wenig, Ko; ich bin unge⸗ duldig, zu erfahren, wie die Sachen dort ſtehen. Du ſagſt, er werde ſicherlich bald ſterben?“ „Wie anders? Sein Kopf iſt an zwei oder drei Stellen geſpalten; all ſein Blut iſt ausgefloſſen; er liegt in einem tödtlichen Fieber.“ „Haſt Du ihn ſeitdem nicht mehr geſehen?“ „Nein, Joſeph; aber Tante Klär iſt geſtern Nach⸗ mittag bei mir geweſen, um mich zu erſuchen, ich möchte keinem Menſchen auf der MWelt Etwas von dem Vorfall ſagen. Der Doctor hat dieſe Geheim⸗ haltung befohlen. Ich weiß nicht, was man fürch⸗ tet. Sollte man vielleicht wiſſen, daß man den Schmuggler Boſach im Hauſe hat? Mir iſt es gleich: mit einem andern Menſchen außer Dir werde ich von der Sache nicht reden.“ Sie kamen an eine Stelle, wo eine Art Heffnung in den Dünen war und wo bie Spur von Fußtritten einen Pfad anzudeuten ſchien. „Gehſt Du nicht mit zu Vater Stock?“ fragte der Fiſcher jetzt Ko, welcher vor den Dünen ſtehen blieb. „Ich muß noch den Strand nach Coryde hin be⸗ ſuchen,“ antwortete der Andere.„Später, morgen will ich anfragen, wie es geht. Lebe wohl!“ Aber ſeinen Schritt noch einmal anhaltend, rief er dem Fiſcher nach: „Ei, Joſeph, ſuche Dir doch Gewißheit darüber zu verſchaffen, was es iſt, das er auf der Bruſt trägt. Es muß Gold ſein, ohne Zweifel, denn die Schmuggler gewinnen Geld in ganzen Haufen!“ Der Fiſcher ſetzte ſeinen Weg nachdenklich und zuweilen in ſich hineinmurmelnd fort. Er empfand in ſich ſelbſt nicht viel Achtung vor jener Art von Leu⸗ ten, welche gleich Nachtdieben insgeheim und oft unter Blutvergießen verbotene Waaren über die Gren⸗ zen ſchmuggeln; aber der Gedanke, daß er einen ſter⸗ benden Menſchen ſehen ſollte, bewegte ihn und be⸗ klemmte ſein Herz. Als er ſich der Hütte von Vater Stock näherte, blieb er einen Augenblick vor dem Fenſter ſtehen und ſchaute hinein. Es fiel ihm auf, daß er hier Alles ſo ruhig fand. Der Blinde war mit dem Stricken ſeines Netzes beſchäftigt; Bella ſaß in der Ecke am Herde und ſchälte Kartoffeln; Tante Klär nähte an einem rothen Wammſe für ihren Joſeph. „Was iſt das? Hat der Strandrabe mich mit ſeiner traurigen Geſchichte für Narren gehalten?“ fragte der Fiſcher, in das Zimmer tretend. „Still, ſtill, Joſeph!“ rief Bella mit gedämpfter Stimme.„Es iſt ein Kranker im Hauſe. Störe ſeine Ruhe nicht!... Setz' Deinen Korb ab und komm' näher, Du wirſt etwas Wunderliches er⸗ fahren.“ „Der Strandläufer hat mir Alles erzählt,“ mur⸗ melte der Fiſcher.„Alſo, er iſt noch nicht todt?“ Du de Klär. ruhe 2 wiß ſe geſtern Fieber nachder chen e Jetzt Athem verlaſſe „N Joſ heimniß bande.“ Bell fallen; Beſtürzu „Bo lung ha Geräuſch Schlafe end, rief t darüber e Bruſt denn die fen!“ klich und npfand in von Leu⸗ und oft die Gren⸗ inen ſter⸗ und be⸗ näherte, er ſtehen ß er hier mit dem ſaß in Tante ür ihren mich mit halten?“ dämpfter Störe ab und iches er⸗ t,“ mur⸗ todt?“ 73 „Sprich nicht ſo laut, Unvorſichtiger! Glaubſt Du denn noch auf der See zu ſein?“ tadelte Tante Klär.„Du wirſt ermüdet ſein, geh' nach Haus und ruhe ein Bischen aus, mein Junge.“ „Todt? Er wird geneſen, deſſen darfſt Du ge⸗ wiß ſein,“ antwortete das Mädchen freudig.„Bis geſtern Abend ging es ſehr ſchlecht mit ihm; ſein Fieber war heftig und er phantaſirte beſtändig; allein nachdem wir ihm einige Tropfen aus ſeinem Fläſch⸗ chen eingegeben hatten, wurde er allmälig ruhiger. Jetzt hat er beinahe acht Stunden geſchlafen; ſein Athem iſt frei und leicht; das Fieber hat ihn ganz verlaſſen.“ „Weiß Du, wer er iſt, Bella?“ „Nein; er iſt gut gekleidet und noch jung.“ Joſeph dämpfte ſeine Stimme und ſagte mit ge⸗ heimnißvoller Miene: „Es iſt Boſach, das Haupt der Schmuggler⸗ bande.“ Bella erbleichte der Blinde ließ ſeine Stricknadel fallen; Tante Klär ſprang mit einem Schrei der Beſtürzung auf. „Boſacq!“ „Der Anführer der Schmuggler!“ „Der wüſte Burſche, der bereits vier oder fünf Menſchen todtgeſchoſſen hat, die ihn anhalten wollten, wie ihre Pflicht ihnen zu thun gebot?“ „Ein Mörder? Himmel, das kann nicht ſein!“ Unter dem Eindruck dieſer unerwarteten Enthül⸗ lung hatte Jedermann beinahe vergeſſen, doß das Geräuſch den Kranken aus ſeinem wohlthuenden Schlafe wecken konnte. =— „Joſeph, Joſeph, wer hat Dir das geſagt?“ rief das Mädchen zitternd vor Erregung. „Ko Snel.“ „Der Strandläufer? Und Du willſt ihm glau⸗ ben, Joſeph?“ „Nun, liebe Bella, recht oder unrecht, der muß wohl glauben, der ſelbſt Nichts weiß. Ko vernahm dieſe Neuigkeit von Jan Zwarts aus Ghyvelde. Es iſt geſtern Nacht in den Dünen zwiſchen den franzö⸗ ſiſchen Gendarmen und den Schmugglern Boſacq's ein Gefecht vorgefallen.. Der Blinde hatte den Kopf in traurigem Nach⸗ denken ſinken laſſen; die Frauen ſahen einander ängſt⸗ lich an. „Wie bringen wir ihn aus dem Hauſe?“ ſeufzte Tante Klär.„Wenn Jemand von uns nach Veurne ginge, um das Gericht davon in Kenntniß zu ſetzen? Ich wage hier Nachts nicht mehr zu wachen.“ „Nein, nein,“ flehte das Mädchen,„ſprich nichts davon. Man würde den Unglücklichen mit Gewalt von hier wegſchleppen; er würde unterwegs ſterben.“ „Ein Mörder, Bella?“ „Aber er kann Reue empfinden; ſtürbe er nun, ſo wäre ſeine arme Seele verloren... Ah, ich ſehe Herrn Darings. Wir wollen ihn um Rath fragen.“ Der Wundarzt legte ſeinen Hut und Stock auf den Tiſch und ſagte, mit Ueberraſchung um ſich blickend: „Wie es hier ſo gut riecht! Man ſollte ſich in dem Gemach einer Gräfin glauben. Welcher ſüße, erfriſchende Duft!“ dem 2 Chir Es ſi Tocht halt ſuchſt. Ichen aus? beinah Kämm Athem— Puls 1 über S ganz w Ich wit Plö riß ſein wie irr äußerſte NRr gto“ rief ihm glau⸗ der muß ernam elde. Es en franzö⸗ Boſac's em Nach⸗ ider ängſt⸗ 7 ſeufzte ch Veurne zu ſetzen? n.“ rich nichts it Gewalt s ſterben.“ be er nun, Ah, ich um Rath Stock auf um ſich llte ſich in lcher ſüße, 75 „Es iſt der Krähborn*) dort in dem Topfe, auf dem Schranke,“ bemerkte Tante Klär. Zu dem Blumenſträußchen tretend, fragte der Chirurg mit einem Lächeln: „Ihr nennt die lieben weißen Blumen Krähdorn? Es ſind Dünenroſen, Freunde. Wohl gethan, meine Tochter, daß Du einem armen Kranken den Aufent⸗ halt durch erquickende Gerüche angenehm zu machen ſuchſt... Und wie geht es unſerem Leidenden? Ich weiß nicht, Ihr ſeht Alle zuſammen ſo traurig aus? Dauert das Phantaſiren noch fort?“ „Rein, Hert,“ war die Antwort:„er ſchläft ſeit beinahe neun Stunden ganz ruhig.“ „O, o, er könnte wohl zu lang ſchlafen!“ mur⸗ melte der Chirurg.„Wir wollen ihn wecken, um zu ſehen, ob dieſer tiefe Schlummer wohl natür⸗ lich iſt.“ Alle ſtiegen hinter Herrn Darings in das kleine Kämmerchen hinauf. Dieſer horchte erſt auf den Athemzug des leidenden Jünglings, fühlte ſeinen Puls und ſagte, während er ihm mit der Hand ſanft über Stirn und Wangen fuhr: „Sein Schlaf ſcheint natürlich; das Fieber iſt ganz weg. Er wird geneſen, ich zweifle nicht daran. Ich will ihn aufwecken.“ Plötzlich machte der Kranke eine Bewegung und riß ſeine großen ſchwarzen Augen weit auf. Er ſchaute wie irrſinnig auf den Wundarzt und murmelte in äußerſter Beſtürzung: Rruei heißt im Flämiſchen ſowohl Kräht als Weiderich. „Wo bin ich? Wer ſind Sie?“ Während er rings in dem Gemach herumſtarrte, fiel ſein Blick auf das Mädchen. Ein Schrei ent⸗ ſchlüpfte ihm, und er rief mit einem ſonderbaren Lächeln auf den Lippen: „Iſabella! Iſabella!“ Aber als ob nun das Bewußtſein ihm zurück⸗ kehrte, blieb er eine Weile regungslos liegen, mit einem Ausdruck unendlichen Schreckens in den Augen, und ſagte dann, indem er ſich die Hand vor das Geſicht ſchlug: „Ja, ja, ich weiß, ich weiß! Unglückſeliger, der ich bin! Mein armer Vater, o Gott!“ Es lag ſo viel Schmerz in ſeiner Stimme, daß Bella vor Rühruug zitterte; und als ſie unter den Fingern des Kranken Thränen hervorbrechen ſah, konnte ſie ihrem Mitgefühl nicht länger Gewalt an⸗ thun, und begann gleichfalls in der Stille zu weinen. Der Wundarzt wondte ſich zu den Umſtehenden und ſagte: „Liebe Leute, geht jetzt hinunter. Man darf den Kranken nicht ſo aufregen. Außerdem muß ich den Verband ſeiner Wunden erneuern: Eure Gegenwart würde mir hinderlich ſein. Dieſe gute Frau da, die mir ſchon einmal geholfen hat, mag allein bei mir bleiben. Seid guten Muths; es iſt eine merkliche Beſſerung eingetreten.“ Alle verließen die Kammer und der Wundarzt ſchloß wieder die Thüre. Sie ſetzten ſich um den Tiſch herum und beobachteten Stillſchweigen, bis Jo⸗ ſeph nachdenklich das Wort nahm: „Wenn diefer Mann Boſacg iſt, ſo müſſen wir bekenn der ar Sie ſi täuſcht dende einer dieſer gen di zeigt ſi viel zä Stein Wahrſc Marter ſung d möchte wäre.“ Franzoſe „Da iſtarrte, ei ent⸗ erbaren zurück⸗ n, mit Augen, vor das ger, der ne, daß e unter hen ſah, valt an⸗ weinen. tehenden darf den ich den genwart da, die bei mir merkliche Lundarzt um den bis Jo⸗ ſſen wir 77 bekennen, daß er ganz und gar nicht wie ein Mör⸗ der ausſieht. doch die großen ſchwarzen Augen? Sie ſind ſchön, aber wie ſie funkeln!“ „Der Strandläufer hat Dich ohne Zweifel ge⸗ täuſcht, Joſeph,“ bemerkte Vater Stock.„Der Lei⸗ dende klagt und ſpricht, als ob er ſeinen Vater in einer drohenden Gefahr ſchweben ſähe. Was kann dieſer Umſtand mit dem Gefecht der Schmuggler ge⸗ gen die Gendarmen gemein haben?“ „Wer weiß? Wenn Boſacq's Vater einmal bei dem Kampfe gegenwärtig geweſen wäre?“ „Aber er ruft unaufhörlich nach ſeiner Schweſter,“ fiel das Mädchen ein.„Iſabella heißt ſeine Schwe⸗ ſter. Wenn dieſer Name von ſeinen Lippen fällt, zeigt ſich in ſeiner Stimme und in ſeinen Augen ſo viel zärtliche Freundſchaft, ſo viel Liebe, daß es einen Stein erbarmen müßte. Ein Mörder? Der Menſch? Unmöglich!“ „Es iſt in der That nicht anzunehmen, daß Boſacq eine Schweſter hat, welche mit der Bande ſchmug⸗ gelt,“ murmelte Joſeph.„Ich bin zu einfältig, als daß ich den Faden aus dieſer Wirrſal herausfinden könnte Horcht, der Doctor ſpricht dort drinnen! Wahrſcheinlich werden wir bald Etwas erfahren. Martern wir unſer Gehirn nicht länger mit der Lö⸗ ſung dieſes Räthſels.. Seiner Ausſprache nach möchte man wohl ſagen, daß er ein Weſtflamänder wäre.“ „Er ſpricht auch Franzöſiſch, Joſeph. Als wir ihn zuerſt fanden, ſchien es uns gewiß, daß er ein Franzoſe ſei.“ „Das iſt er in der That, mein Kind,“ bemerkte der Greis.„Seine Ausſprache iſt unverkennbar Dün⸗ kirchiſch. Er iſt ohne Zweifel in Franzöſiſch⸗Flandern zu Hauſe.“ „Hört! Es iſt ſeine Stimme, die jetzt ſo ſanft ſich hinter der Thüre vernehmen läßt!“ rief Bella mit unterdrückter Ueberraſchung... Er ſpricht lang. Wohrſcheinlich erklärt er, wer er iſt. Wir können ſeine leiſen Worte nicht verſtehen, aber wir werden von dem Wundarzt erfahren, was deren Inhalt war Lange Zeit horchten ſie noch auf die faſt unver⸗ ſtändlichen Worte, welche aus dem Kämmerchen ſich vernehmen ließen. Pon Zeit zu Zeit hörten ſie den Wundarzt das Wort an den Leidenden richten; endlich glaubten ſie zu unterſcheiden, daß der unglück⸗ liche junge Mann bitter klagte, und daß ſeine Rede durch trauriges Schluchzen unterbrochen wurde. Während ſie, von der Angſt der Neugier und von tiefem Mitleid bewegt, ſchweigend ihre Augen nach dem Kämmerchen richteten, wurde die Thüre geöffnet und der Chirurg ſtieg die Treppe herab. Er griff nach ſeinem Hut und Stock, als hätte er Eile fortzukommen, und ſagte: „Der unglückliche Jüngling! O, es iſt eine trau⸗ rige Geſchichte. Wie kann Gott ſo viel Grauſamkeit zugeben? Er wird geneſen; aber er muß noch Ruhe haben, wenigſtens bis morgen. Man ſtöre ihn deß⸗ halb nicht unnützer Weiſe. Ich habe keine Zeit, Freunde, Euch zu erzählen, was der Kranke uns mit⸗ getheilt hat. Die gute Frau da droben wird Euch Alles ſagen. Sie hat Verſtand und ein gutes Herz⸗ Folgt ihrem Rath. Morgen Nachmittag komme ich wieder. hergeſe fahr.“ Ebe Tante ihre W ein Sch aus der Bell ten in Die alt kehrte ſ rafft, u lung zu zu und S wenn ſe preßt, ſo beinahe Iſt „Wa ganz An Sie Andern ſagen im „Der franzöſiſc „Ein ſichtiger Ja mals in ar Dün⸗ landern ſo ſanft ef Bella ht lang. können werden Inhalt t unver⸗ nmerchen örten ſie richten; unglück⸗ ine Rede de. und von gen nach geöffnet als hätte ine trau⸗ mſamkeit och Ruhe ihn deß⸗ ne Zeit, uns mit⸗ ird Euch tes Herz. mme ich 79 wieder. Fürchtet Nichts mehr; wenn nicht unvor⸗ hergeſehene Zufälle eintreten, iſt er außer aller Ge⸗ fahr.“ Eben als der Chirurg die Thüre erreichte, kam Tante Klär die Treppe herab. Thränen rollten über ihre Wangen, und ihre Bruſt arbeitete heftig, um ein Schluchzen zu unterdrücken, das von Zeit zu Zeit aus derſelben hervorzubrechen drohte. Bella und Joſeph eilten ihr entgegen und richte⸗ ten in lebhafter Erregung allerlei Fragen an ſie. Die alte Frau blieb eine Weile ſprachlos; dann kehrte ſie, als hätte ſie ihren Muth zuſammenge⸗ rafft, um von dem, was ſie gehört hatte, Mitthei⸗ lung zu machen, auf die Treppe zurück, zog die Thüre zu und ſagte, indem ſie an den Tiſch trat: „Setzt Euch nieder und macht keinen Lärm. Und wenn ſein unglückliches Schickſal Euch Thränen aus⸗ preßt, ſo laßt keine Klage laut werden!“ „Du weißt alſo, wer er iſt, Tante?“ fragte Bella beinahe mit unhörbarer Stimme. „Iſt es wirklich Boſacq?“ flüſterte Joſeph. „Was Boſacq? Alberner Junge! Du wirſt etwas ganz Anderes hören.“ Sie bückte den Kopf über den Tiſch, während die Andern den Hals ſtreckten, um zu hören, was ſie zu ſagen im Begriff war. „Der junge Herr da,“ flüſterte ſie.„Es iſt ein franzöſiſcher Edelmann.“ „Ein Edelmann?“ riefen die Andern mit unvor⸗ ſichtiger Erhebung der Stimme. „Ja, ja, und was noch mehr iſt, er hat noch nie⸗ mals in ſeinem Leben Jemand Etwas zu Leide ge⸗ 80 than. Im Gegentheil, er iſt ein unſchuldiges Opfer der gottvergeſſenen Leute, welche in Frankreich ſo viele Menſchen unbarmherzig morden.“ „Ah!“ ſeufzte das Mädchen, mit einem ſtrahlen⸗ den Lächeln,„wie bin ich ſo froh!“ „Still, Bella, er wird Dich hören.“ „Er iſt alſo ein reicher Mann?“ fragte Joſeph. „Reich?“ wiederholte Tante Klär.„Er wohnt auf einem Schloß zwiſchen Bergues und Dünkirchen!“ „Dann muß Jemand zu ſeinen Eltern, um ſie zu benachrichtigen, daß man ihn hole.“ „Schweig', Joſeph, Du ſprichſt immerdar vor⸗ eilig „Aber, Schweſter, erzähle uns doch, was Du weißt,“ fiel der Greis ihr in's Wort.„So dauert es fort, ohne daß wir zum Ende gelangen.“ „Der Vater hat Recht, liebe Tante,“ ſetzte Bella bittend hinzu. „Nun, ſo ſoll Joſeph ein Bischen ſchweigen. Hört wohl zu; denn ich muß ſehr leiſe ſprechen. Wie ich geſagt habe, der junge Herr wohnte auf einem Schloß, herwärts von Bergues. Sein Name iſt Edmund de Milval.“ „Edmund de Milval? Was für ein ſchöner Name!“ ſeufzte das Mädchen. „Sein Vater war ein Königlichgeſinnter,“ fuhr die Tante fort,„das will ſagen, einer von den Leu⸗ ten, die gottesfürchtig ſind und gll dieſes Menſchen⸗ gemetzel dort verabſcheuen. Es ſcheint, daß die Männer der Guillotine es wußten; denn ſie umring⸗ ten eines Abends das Schloß und ſchleppten den alten Herrn de Milval aus ſeiner Wohnung. Wäh⸗ E ihnen. E Fleck Sie h Stund Die loſigkei dann a wieder mit ei wird? „W barſchaf ſind?“ „Un a langer wir es Sclave, ſammen ringsnet wir mer Endlich kleinen greifen. ſchöne Be Nichts a— wollten noch, ſag Conſe es Opfer kreich ſo ſtrahlen⸗ Joſeph. wohnt rkirchen!“ im ſie zu rdar vor⸗ was Du dauert . tzte Bella en. Hört Wie ich m Schloß, dmund de n ſchöner r fuhr den Leu⸗ Menſchen⸗ daß die ten den 65 „Sie kommen wirklich“ ſagte die jüngſte von ihnen. „Sieh dort, in der Ferne, Käthy, den graulichen Fleck auf der dunklern Wolke; das iſt das Boot. Sie haben den Wind von hinten; noch eine halbe Stunde, und ſie ſind am Strande.“ Die Frauen fielen von Reuem in ihre Bewegungs⸗ loſigkeit zurück, und es herrſchte eine Weile Stille; dann aber fragte die Jüngſte, als ob ſie ihre Gedanken wieder aufnähme: „Cs iſt alſo richtig, Käthy, daß dein Sohn Berten mit einem Mädchen aus Coryde ſich verheirathen wird? Das iſt etwas weit hergeholt.“ „Was kann man thun, Wanna, da in der Nach⸗ barſchaft keine heirathsfähigen Töchter zu finden ſind?“ „Und Bella Stock?“ murmelte die dritte Frau. „Ja, Bella Stock! Mein Sohn hat ſchon ſeit langer Zeit ein Auge auf ſie gehabt, ohne daß wir es wußten. Der arme Junge arbeitete wie ein Sclave, um alles Erforderliche für ſein Fahrzeug zu⸗ ſammen zu bekommen; er hatte bereits einige Hä⸗ ringsnetze und einige Päcke Stocknetze gemacht, ehe wir merkten, daß der Burſche an's Heirathen dachte. Endlich bat er ſeinen Vater, ihm bei dem Bau eines kleinen Häuschens ein wenig unter die Arme zu greifen. Da kam es heraus: wir mußten um die ſchöne Bella für ihn zur Ehe anhalten. Wir richteten Nichts aus: weder der alte Stock, noch ſeine Tochter wollten Etwas vom Heirathen hören. Bella wäre noch, ſagten ſie, um fünf oder ſechs Jahre zu jung. Conſecience, Bella Stock. 5 So lang konnte mein Berten nicht warten. Er hat nun ein braves Mädchen zu Coxyde gefunden, und er wird ſeinen alten Vater als Genoſſe auf dem Boote von Joſeph Strooms ablöſen.“ „Ich glaube, Vater Stock iſt ein Bischen hoch⸗ müthig, Käthy, weil er etwas Mehr als die andern Fiſcher in den Dünen beſitzt.“ „Was hat er mehr, als wir?“ „Gehört das Boot nicht zur Hälfte Vater Stock? Wenn die Fiſcherei gut geht, zieht er einen ſchönen Nutzen davon. Sieh einmal, das Boot bekommt allein ein Fünftel von dem Fang. Werden nun zehn Gulden erlöst, ſo fällt immerdar ein Gulden für Vater Stock dabei ab. Die Stock's haben einen Eſel und eine Kuh. Es geſchieht wohl aus Stolz, daß Bella nicht heirathen will.“ „Nein, nein, glaube das nicht, Wanna. Die Stocks ſind brave Leute, freundlich und liebreich gegen Jedermann. Das iſt es nicht. Du weißt, wie unglücklich Vater Stock mit ſeinen Kindern ge⸗ weſen iſt, und was er gelitten hat. Von ſeiner ganzen Familie iſt ihm nur Bella geblieben. Er hat ſie ſo gern, daß es ſich gar nicht ſagen läßt. Sie ihrerſeits liebt ihren blinden Vater dermaßen, daß kein Plätzchen für andere Gedanken in ihrem Herzen übrig bleibt. Du ſollteſt es einmal ſehen, Wanna! Der alte Stock und ſeine Tochter, ſie ſtrei⸗ cheln einander und ſpielen zuſammen gleich zwei einfältigen Kindern. Die Thränen kommen Einem in die Augen, wenn man es ſo mit an⸗ ſieht.“ „Armer Stock, er hat ſo viel Kummer ausge⸗ ſtande Geſich ſie ih niema „2 Sieh etwas ſcheint „T es iſt „A derlich ſobald der ein hinwan Korb, Die langſan die Kin Waſſerl Strande ſehr kal Kinder ſorgniß Knabe dem Koz ebenſo 1 So ſtärt Körper;, cher die Das Unter de Er hat n er m Boote en hech⸗ e andern r Stock? ſchönen bekommt den nun Gulden en einn us Stolz, na. Die liebreich weißt, ndern ge⸗ on ſeiner ben. Er igen läßt. dermaßen, in ihrem nal ſehen, ſie ſtrei⸗ leich zwei en Einem mit an⸗ er ausge⸗ 67 ſtanden!“ ſeufzte die junge Frau.„Und dabei das Geſicht verloren! Es iſt recht ſchön von Bella, daß ſie ihren alten Vater ſo ſehr liebt. Sie wird wohl niemals heirathen, ſo lang er lebt?“ „Wahrſcheinlich. Bella ſagt es wenigſtens... Sieh einmal, Wanna, dort, fern auf dem Strande, etwas Schwarzes, das längs des Waſſers fortzurollen ſcheint. Es gleicht einem großen Hund.“ „Deine Augen beginnen ſchwach zu werden, Käthy: es iſt der Strandrabe.“ „Ah, Ko Snel! In der That, es müßte wun⸗ derlich zugehen, wenn er nicht gegenwärtig wäre, ſobald das Boot ankommt. Das iſt einmal Einer, der ein gutes Leben hat. So immerdar am Strande hinwandeln, ohne Etwas zu thun!.. Nimm Deinen Korb, Wanna, es iſt Zeit.“ Die drei Frauen ſtanden auf und begaben ſich langſamen Schrittes nach der See. Unterwegs liefen die Kinder ſingend und frohlockend durch die breiten Waſſerlachen, welche die zurücktretende Fluth auf dem Strande zurückgelaſſen hatte. Obwohl der Wind ſehr kalt war und die Frauen deßhalb die ſpielenden Kinder warnten, ſich nicht naß zu machen, aus Be⸗ ſorgniß vor einer ſchlimmen Verkältung, ſprang der Knabe durch die Lachen, daß das Waſſer ihm über dem Kopf zuſammenſpritzte; und das Mädchen hüpfte ebenſo luſtig, doch einigermaßen zögernd, ihm nach. So ſtärkten die unſchuldigen Kleinen ſchon jetzt ihren Körper zum Kampfe gegen Wind und Waſſer, wel⸗ cher die Beſtimmung ihres ganzen Lebens ſein ſollte. Das Boot kam in der Ferne ſchnell angefahren. Unter dem quer einfallenden Nordwind neigte ſich 5 das leichte Fahrzeug tief zur Seite, und indem es die Wellen gleichſam mit Leidenſchaft durchſchnitt, trieb es den Schaum brauſend und kochend vor ſich her. Bald erreichte das Boot den Grund und ſchau⸗ kelte ſich etwa ſechzig Schritte vom Strande auf der Brandung. Auffallend war die Ruhe und Stille der Fiſcher und der Frauen bei dieſem Wiederſehen. Dieſe hielten die Körbe in Bereitſchaft; jene waren eifrig damit beſchäftigt, die Segel einzuholen und das Boot vor Anker zu legen. Nur der Knabe, welcher bis über die Kniee in die See gelaufen war, rief ſeinem Vater einen frohen Willkommsgruß zu. Das kleine Mädchen blieb am Rande des Waſſers ſtehen und klatſchte jubelnd in die Hände. Einer der Fiſcher ſtieg aus dem Fahrzeug und kam quer durch die Wellen nach dem Strande. Unter⸗ wegs ging er auf den Knaben zu, der ihm die Arme um den Hals ſchlug und das ſüße Wort Vater ihm in die Ohren flüſterte. Der Mann hob das Kind auf ſeinen Rücken und trug es nach dem Strande. Ein onderer Fiſcher, der ihm gleich darauf gefolgt war, nahm das Mädchen auf ſeinen Arm und küßte es mehrmals, mit Thränen der Zärtlichkeit in den Augen. So hin und her durch die See watend, brachten die Leute vom Boot ihre Fiſche auf den Strand. „Es ſcheint, Joſeph, der Fang iſt nicht ſehr reich ausgefallen?“ fragte der Strandläufer, welcher näher getreten war.„In drei Körben wird man ſie bequem fortſchaffen können. Es ſind jedoch ſchöne Rochen. Ein Paar Kabeljaus? Keine Steinbutten?“ eines Joſep — Werth forder uns e genug nach„ Der als wol währent „Ni werde 2 habe Di Frar und mit mann wieder ndem es chſchnitt, vor ſich id ſchau⸗ auf der r Fiſcher Dieſe en eifrig das Boot lcher bis f ſeinem as kleine ehen und zeug und e. Unter⸗ die Arme ater im Kind Strande. f gefolgt und küßte itin den brachten trand. ſehr reich her näher man ſie ch ſchöne ibutten?“ 69 „Wir haben zwei Körbe davon an die Offiziere eines engliſchen Kriegsſchiffes verkauft,“ antwortete Joſeph, während er die Jiſche in die Körbe packte. „Theuer, gewiß? Die Engländer kennen den Werth des Geldes nicht. Wo man einen Gulden fordert, geben ſie ein Goldſtück.“ „Nein, der Preis war ehrlich; aber ſie ſchenkten uns einen guten Schluck Rum, der uns wohl Muth genug gegeben haben muß, um mit unſerem Boot nach Jsland zu fahren.“ „Ihr ſeid ſo weit in See geweſen?“ „Auf der Untiefe war Nichts zu fangen.. Sag' einmal, Ko, weißt Du, ob ein Kaufmann in Hooge iſt?“ „Dieſen Morgen war Niemand da.“ „Dann müſſen wir die Fiſche nach Veurne brin⸗ gen. Hänschen, lauf' zu Vater Stock und bring' den Eſel auf den Weg nach der Zankpfanne.“ Das Kind nahm ſeinen Weg durch die Waſſer⸗ lachen und verſchwand in den Dünen. „Ko, wie geht es dort bei uns?“ fragte Joſeph. „Alles Wohl?“ Der Strandläufer gab ihm insgeheim ein Zeichen, als wollte er Joſeph Stillſchweigen auferlegen, und währenddieſer ihn mit einiger Beſtürzung anſ ah, ſagte er: „Ninm Dein Schiffsgeräthe auf, Joſeph; ich werde Dich eine Strecke Wegs begleiten, denn ich habe Dir etwas Beſonderes zu melden.“ Fraren und Fiſcher, mit den gefangenen Fiſchen und mit den Netzen beladen, wünſchten dem Steuer⸗ mann Joſeph ein Lebewohl, bis man am Abend wieder zuſammenträfe, um noch einmal zur See zu gehen. Joſeph entfernte ſich mit dem Strandläufer in entgegengeſetzter Richtung. „Nun, Ko, was haſt Du mir zu ſagen?“ fragte er.„Selten weißt Du etwas Gutes. Iſt Tante Klär krank geworden?“ Der Strandläufer erzählte nun die ganze Ge⸗ ſchichte von dem verwundeten Jüngling und ſuchte ſeinen Gefährten zu überzeugen, daß Bella ſehr un⸗ vorſichtig gethan hatte, einen ſterbenden Fremdling in's Haus zu nehmen. Er ſprach deßgleichen von der Uhr, welche der Leidende ſeiner Meinung nach auf der Bruſt trug, und die wohl von Gold ſein konnte. Joſeph dachte eine Weile in der Stille über die⸗ ſen ſonderbaren Vorfall nach und fragte dann: „Und Niemand weiß, wer er iſt?“ „Das heißt, ich glaube, daß ich es weiß. Ich habe dieſen Morgen Jan Zwarts“) von Ghyrelde ge⸗ ſprochen; dieſer hat mir von einem ſchrecklichen Ge⸗ fecht erzählt, das geſtern Nacht auf der Grenze zwi⸗ ſchen Schmugglern und franzöſiſchen Gendarmen vor⸗ fiel. Du weißt, es haust gegenwärtig um Dunkirchen herum eine große Schmugglerbande. Ihr Anführer iſt ein junger Mann, Namens Boſacg. Ich bin über⸗ zeugt, der leidende Fremdling iſt Boſaeq ſelbſt; und es wundert mich ganz und gar nicht, daß der Schelm ſich vor der Guillotine fürchtet.“ „Möglich, Ko; aber wie kommt es, daß er dann nicht ein Stück Geld bei ſich hatte, wie Du ſagſt? Es iſt ein Mann, der von Dieben angefallen wurde.“ „Nein, Joſeph, die Gendarmen haben ihn für *) Johann Schwarz. 2. d. U. todt g man aneign 2 „ Erfind allein oder i duldig ſagſt, „V Stellet liegt i mittag möchte dem A haltun tet Schmu gleich: ich von Si in den einen Fiſcher „N ſuchen will ic ze Ge⸗ d ſuchte ehr un⸗ emdling n uch auf konnte. ber die⸗ n: 6 Ich elde ge⸗ hen Ge⸗ nze zwi⸗ nen vor⸗ ünkirchen Anführer in über⸗ bſt; und Schelm er dann u ſagſt? wurde.“ ihn für todt gehalten und ihm ſein Geld genommen. Was man an einem Leichnam findet, das darf man ſich aneignen.“ „Das Geſetz ſagt aber anders.“ „Ja, das Geſetz ſiehſt Du? Das iſt eine bloße Erfindung, weil ſie drinnen im Lande gern Alles allein haben möchten, ſelbſt was an unſerem Strande, oder in unſeren Dünen gefunden wird.“ „Nun, beeile Dich ein wenig, Ko; ich bin unge⸗ duldig, zu erfahren, wie die Sachen dort ſtehen. Du ſagſt, er werde ſicherlich bald ſterben?“ „Wie anders? Sein Kopf iſt an zwei oder drei Stellen geſpalten; all ſein Blut iſt ausgefloſſen; er liegt in einem tödtlichen Fieber.“ „Haſt Du ihn ſeitdem nicht mehr geſehen?“ „Nein, Joſeph; aber Tante Klär iſt geſtern Nach⸗ mittag bei mir geweſen, um mich zu erſuchen, ich möchte keinem Menſchen auf der Welt Etwas von dem Vorfall ſagen. Der Doctor hat dieſe Geheim⸗ haltung befohlen. Ich weiß nicht, was man fürch⸗ tet. Sollte man vielleicht wiſſen, daß man den Schmuggler Boſach im Hauſe hat? Mir iſt es gleich: mit einem andern Menſchen außer Dir werde ich von der Sache nicht reden.“ Sie kamen an eine Stelle, wo eine Art OHeffnung in den Dünen war, und wo die Spur von Fußtritten einen Pfad anzudeuten ſchien. „Gehſt Du nicht mit zu Vater Stock?“ fragte der Fiſcher jetzt Ko, welcher vor den Dünen ſtehen blieb. „Ich muß noch den Strand nach Coxyde hin be⸗ ſuchen,“ antwortete der Andere.„Später, morgen will ich anfragen, wie es geht. Lebe wohl!“ Aber ſeinen Schritt noch einmal anhaltend, rief er dem Fiſcher nach: „Ei, Joſeph, ſuche Dir doch Gewißheit darüber zu verſchaffen, was es iſt, das er auf der Bruſt trägt. Es muß Gold ſein, ohne Zweifel, denn die Schmuggler gewinnen Geld in ganzen Haufen!“ Der Fiſcher ſetzte ſeinen Weg nachdenklich und zuweilen in ſich hineinmurmelnd fort. Er empfand in ſich ſelbſt nicht viel Achtung vor jener Art von Leu⸗ ten, welche gleich Nachtdieben insgeheim und oft unter Blutvergießen verbotene Woaren über die Gren⸗ zen ſchmuggeln; aber der Gedanke, daß er einen ſter⸗ benden Menſchen ſehen ſollte, bewegte ihn und be⸗ klemmte ſein Herz. Als er ſich der Hütte von Vater Stock näherte, blieb er einen Augenblick vor dem Fenſter ſtehen und ſchaute hinein. Es fiel ihm auf, daß er hier Alles ſo ruhig fand. Der Blinde war mit dem Stricken ſeines Netzes beſchäftigt; Bella ſaß in der Ecke am Herde und ſchälte Kartoffeln; Tante Klär nähte an einem rothen Wammſe für ihren Joſeph. „Was iſt das? Hat der Strandrabe mich mit ſeiner traurigen Geſchichte für Narren gehalten?“ fragte der Fiſcher, in das Zimmer tretend. „Still, ſtill, Joſeph!“ rief Bella mit gedämpfter Stimme.„Es iſt ein Kranker im Hauſe. Störe ſeine Ruhe nicht!... Setz' Deinen Korb ab und komm' näher, Du wirſt etwas Wunderliches er⸗ fahren.“ „Der Strandläufer hat mir Alles erzählt,“ mur⸗ melte der Fiſcher.„Alſo, er iſt noch nicht todt?“ — Du de Klär. ruhe e T wiß ſe geſtern Fieber nachde chen e Jetzt! Athem verlaſſ V — „N Jo heimni „E bande. Be fallen; Beſtür— D S) „— Menſch wie ihr lung h Geräuſ Schlafe d, rief darüber Bruſt enn die n!“ ch und fand in on Leu⸗ und oft e Gren⸗ ten ſter⸗ und be⸗ näherte, ſtehen er hier tit dem ſaß in Tante r ihren lich mit alten?“ ämpfter Störe ab und hes er⸗ mur⸗ odt?“ 73 „Sprich nicht ſo laut, Unvorſichtiger! Glaubſt Du denn noch auf der See zu ſein?“ tadelte Tante Klär.„Du wirſt ermüdet ſein, geh' nach Haus und ruhe ein Bischen aus, mein Junge.“ „Todt? Er wird geneſen, deſſen darfſt Du ge⸗ wiß ſein,“ antwortete das Mädchen freudig.„Bis geſtern Abend ging es ſehr ſchlecht mit ihm; ſein Fieber war heftig und er phantaſirte beſtändig; allein nachdem wir ihm einige Tropfen aus ſeinem Fläſch⸗ chen eingegeben hatten, wurde er allmälig ruhiger. Jetzt hat er beinahe acht Stunden geſchlafen; ſein Athem iſt frei und leicht; das Fieber hat ihn ganz verlaſſen.“ „Weiß Du, wer er iſt, Bella?“ „Nein; er iſt gut gekleidet und noch jung.“ Joſeph dämpfte ſeine Stimme und ſagte mit ge⸗ heimnißvoller Miene: „Es iſt Boſach, das Haupt der Schmuggler⸗ bande.“ Bella erbleichte; der Blinde ließ ſeine Stricknadel fallen; Tante Klär ſprang mit einem Schrei der Beſtürzung auf. „Boſach!“ „Der Anführer der Schmuggler!“ „Der wüſte Burſche, der bereits vier oder fünf Menſchen todtgeſchoſſen hat, die ihn anhalten wollten, wie ihre Pflicht ihnen zu thun gebot?“ „Ein Mörder? Himmel, das kann nicht ſein!“ Unter dem Eindruck dieſer unerwarteten Enthül— lung hatte Jedermann beinahe vergeſſen, daß das Geräuſch den Kranken aus ſeinem wohlthuenden Schlafe wecken konnte. =— „Joſeph, Joſeph, wer hat Dir das geſagt?“ rief das Mädchen zitternd vor Erregung. „Ko Snel.“ „Der Strandläufer? Und Du willſt ihm glau⸗ ben, Joſeph?“ „Nun, liebe Bella, recht oder unrecht, der muß wohl glauben, der ſelbſt Nichts weiß. Ko vernahm dieſe Neuigkeit von Jan Zwarts aus Ghyvelde. Es iſt geſtern Nacht in den Dünen zwiſchen den franzö⸗ ſiſchen Gendarmen und den Schmugglern Boſacq's ein Gefecht vorgefallen.. Der Blinde hatte den Kopf in traurigem Nach⸗ denken ſinken laſſen; die Frauen ſahen einander ängſt⸗ lich an. „Wie bringen wir ihn aus dem Hauſe?“ ſeufzte Tante Klär.„Wenn Jemand von uns nach Veurne ginge, um das Gericht davon in Kenntniß zu ſetzen? Ich wage hier Nachts nicht mehr zu wachen.“ „Nein, nein,“ flehte das Mädchen,„ſprich nichts davon. Man würde den Unglücklichen mit Gewalt von hier wegſchleppen; er würde unterwegs ſterben.“ „Ein Mörder, Bella?“ „Aber er kann Reue empfinden; ſtürbe er nun, ſo wäre ſeine arme Seele verloren... Ah, ich ſehe Herrn Darings. Wir wollen ihn um Rath fragen.“ Der Wundarzt legte ſeinen Hut und Stock auf den Tiſch und ſagte, mit Ueberraſchung um ſich blickend: „Wie es hier ſo gut riecht! Man ſollte ſich in dem Gemach einer Gräfin glauben. Welcher ſüße, erfriſchende Duft!“ dem 2 Chir Es ſi Tocht halt ſuchſt. Ichen aus? beinah Kämm Athem— Puls 1 über S ganz w Ich wit Plö riß ſein wie irr äußerſte NRr gto“ rief ihm glau⸗ der muß ernam elde. Es en franzö⸗ Boſac's em Nach⸗ ider ängſt⸗ 7 ſeufzte ch Veurne zu ſetzen? n.“ rich nichts it Gewalt s ſterben.“ be er nun, Ah, ich um Rath Stock auf um ſich llte ſich in lcher ſüße, 75 „Es iſt der Krähborn*) dort in dem Topfe, auf dem Schranke,“ bemerkte Tante Klär. Zu dem Blumenſträußchen tretend, fragte der Chirurg mit einem Lächeln: „Ihr nennt die lieben weißen Blumen Krähdorn? Es ſind Dünenroſen, Freunde. Wohl gethan, meine Tochter, daß Du einem armen Kranken den Aufent⸗ halt durch erquickende Gerüche angenehm zu machen ſuchſt... Und wie geht es unſerem Leidenden? Ich weiß nicht, Ihr ſeht Alle zuſammen ſo traurig aus? Dauert das Phantaſiren noch fort?“ „Rein, Hert,“ war die Antwort:„er ſchläft ſeit beinahe neun Stunden ganz ruhig.“ „O, o, er könnte wohl zu lang ſchlafen!“ mur⸗ melte der Chirurg.„Wir wollen ihn wecken, um zu ſehen, ob dieſer tiefe Schlummer wohl natür⸗ lich iſt.“ Alle ſtiegen hinter Herrn Darings in das kleine Kämmerchen hinauf. Dieſer horchte erſt auf den Athemzug des leidenden Jünglings, fühlte ſeinen Puls und ſagte, während er ihm mit der Hand ſanft über Stirn und Wangen fuhr: „Sein Schlaf ſcheint natürlich; das Fieber iſt ganz weg. Er wird geneſen, ich zweifle nicht daran. Ich will ihn aufwecken.“ Plötzlich machte der Kranke eine Bewegung und riß ſeine großen ſchwarzen Augen weit auf. Er ſchaute wie irrſinnig auf den Wundarzt und murmelte in äußerſter Beſtürzung: Rruei heißt im Flämiſchen ſowohl Kräht als Weiderich. „Wo bin ich? Wer ſind Sie?“ Während er rings in dem Gemach herumſtarrte, fiel ſein Blick auf das Mädchen. Ein Schrei ent⸗ ſchlüpfte ihm, und er rief mit einem ſonderbaren Lächeln auf den Lippen: „Iſabella! Iſabella!“ Aber als ob nun das Bewußtſein ihm zurück⸗ kehrte, blieb er eine Weile regungslos liegen, mit einem Ausdruck unendlichen Schreckens in den Augen, und ſagte dann, indem er ſich die Hand vor das Geſicht ſchlug: „Ja, ja, ich weiß, ich weiß! Unglückſeliger, der ich bin! Mein armer Vater, o Gott!“ Es lag ſo viel Schmerz in ſeiner Stimme, doß Bella vor Rühruug zitterte; und als ſie unter den Fingern des Kranken Thränen hervorbrechen ſah, konnte ſie ihrem Mitgefühl nicht länger Gewalt an⸗ thun, und begann gleichfalls in der Stille zu weinen. Der Wundarzt wandte ſich zu den Unſtehenden und ſagte: „Liebe Leute, geht jetzt hinunter. Man darf den Kranken nicht ſo aufregen. Außerdem muß ich den Verband ſeiner Wunden erneuern: Eure Gegenwart würde mir hinderlich ſein. Dieſe gute Frau da, die mir ſchon einmal geholfen hat, mag allein bei mir bleiben. Seid guten Muths; es iſt eine merkliche Beſſerung eingetreten.“ Alle verließen die Kammer und der Wundarzt ſchloß wieder die Thüre. Sie ſetzten ſich um den Tiſch herum und beobachteten Stillſchweigen, bis Jo⸗ ſeph nachdenklich das Wort nahm: „Wenn dieſer Mann Boſacg iſt, ſo müſſen wir bekenn der ar Sie ſi täuſcht dende einer fiel da ſter. zeigt ſ viel z Stein Unmöt „G eine G gelt,“ daß ic könnte Marter ſung möchte wäre.“ ihn zue Franzo „D ſtarrte, ei ent⸗ rbaren zurück⸗ n, mit Augen, or das er, der e, daß unter en ah, alt an⸗ weinen. henden arf den ich den enwart da, die bei mir erkliche undarzt um den bis Jo⸗ ſen wir bekennen, daß er ganz und gar nicht wie ein Mör⸗ der ausſieht. doch die großen ſchwarzen Augen? Sie ſind ſchön, aber wie ſie funkeln!“ „Der Strandläufer hat Dich ohne Zweifel ge⸗ täuſcht, Joſeph,“ bemerkte Vater Stock.„Der Lei⸗ dende klagt und ſpricht, als ob er ſeinen Vater in einer drohenden Gefahr ſchweben ſähe. Was kann dieſer Umſtand mit dem Gefecht der Schmuggler ge⸗ gen die Gendarmen gemein haben?“ „Wer weiß? Wenn Boſacq's Vater einmal bei dem Kampfe gegenwärtig geweſen wäre?“ „Aber er ruft unaufhörlich nach ſeiner Schweſter,“ fiel das Mädchen ein.„Iſabella heißt ſeine Schwe⸗ ſter. Wenn dieſer Name von ſeinen Lippen fällt, zeigt ſich in ſeiner Stimme und in ſeinen Augen ſo viel zärtliche Freundſchaft, ſo viel Liebe, daß es einen Stein erbarmen müßte. Ein Mörder? Der Menſch? Unmöglich!“ „Es iſt in der That nicht anzunehmen, daß Boſacq eine Schweſter hat, welche mit der Bande ſchmug⸗ gelt,“ murmelte Joſeph.„Ich bin zu einfältig, als daß ich den Faden aus dieſer Wirrſal herausfinden könnte Horcht, der Doctor ſpricht dort drinnen! Wahrſcheinlich werden wir bald Etwas erfahren. Martern wir unſer Gehirn nicht länger mit der Lö⸗ ſung dieſes Räthſels. Seiner Ausſprache nach möchte man wohl ſagen, daß er ein Weſtflamänder wäre.“ „Er ſpricht auch Franzöſiſch, Joſeph. Als wir ihn zuerſt fanden, ſchien es uns gewiß, daß er ein Franzoſe ſei.“ „Das iſt er in der That, mein Kind,“ bemerkte der Greis.„Seine Ausſprache iſt unverkennbar Dün⸗ kirchiſch. Er iſt ohne Zweifel in Franzöſiſch⸗Flandern zu Hauſe.“ „Hört! Es iſt ſeine Stimme, die jetzt ſo ſanft ſich hinter der Thüre vernehmen läßt!“ rief Bella mit unterdrückter Ueberraſchung... Er ſpricht lang. Waohrſcheinlich erklärt er, wer er iſt. Wir können ſeine leiſen Worte nicht verſtehen, aber wir werden von dem Wundarzt erfahren, was deren Inhalt war Lange Zeit horchten ſie noch auf die faſt unver⸗ ſtändlichen Worte, welche aus dem Kämmerchen ſich vernehmen ließen. Von Zeit zu Zeit hörten ſie den Wundarzt das Wort an den Leidenden richten; endlich glaubten ſie zu unterſcheiden, daß der unglück⸗ liche junge Mann bitter klagte, und daß ſeine Rede durch trauriges Schluchzen unterbrochen wurde. Während ſie, von der Angſt der Neugier und von tiefem Mitleid bewegt, ſchweigend ihre Augen nach dem Kämmerchen richteten, wurde die Thüre geöffnet und der Chirurg ſtieg die Treppe herab. Er griff nach ſeinem Hut und Stock, als hätte er Eile fortzukommen, und ſagte: „Der unglückliche Jüngling! O, es iſt eine trau⸗ rige Geſchichte. Wie kann Gott ſo viel Grauſamkeit zugeben? Er wird geneſen; aber er muß noch Ruhe haben, wenigſtens bis morgen. Man ſtöre ihn deß⸗ halb nicht unnützer Weiſe. Ich habe keine Zeit, Freunde, Euch zu erzählen, was der Kranke uns mit⸗ getheilt hat. Die gute Frau da droben wird Euch Alles ſagen. Sie hat Verſtand und ein gutes Herz. Folgt ihrem Rath. Morgen Nachmittag komme ich wieder hergeſ fahr.“ El Tante ihre V ein S aus d Be ten in Die a kehrte rafft, lung z zu und S wenn preßt, Andern ſagen i ₰ franzöſi ſichtige mals i Dün⸗ landern ſo ſanft f Bella t lang. können werden Inhalt uner⸗ merchen rten ſie richten; unglück⸗ ne Rede e. und von en nach geöffnet ls hätte ne trau⸗ uſamkeit ch Ruhe ihn deß⸗ ne Zeit, uns mit⸗ ird Euch tes Herz. mme ich wieder. Fürchtet Nichts mehr; wenn nicht unvor⸗ hergeſehene Zufälle eintreten, iſt er außer aller Ge⸗ fahr.“ Eben als der Chirurg die Thüre erreichte, kam Tante Klär die Treppe herab. Thränen rollten über ihre Wangen, und ihre Bruſt arbeitete heftig, um ein Schluchzen zu unterdrücken, das von Zeit zu Zeit aus derſelben hervorzubrechen drohte. Bella und Joſeph eilten ihr entgegen und richte⸗ ten in lebhafter Erregung allerlei Fragen an ſie. Die alte Frau blieb eine Weile ſprachlos; dann kehrte ſie, als hätte ſie ihren Muth zuſammenge⸗ rafft, um von dem, was ſie gehört hatte, Mitthei⸗ lung zu machen, auf die Treppe zurück, zog die Thüre zu und ſagte, indem ſie an den Tiſch trat: „Setzt Euch nieder und macht keinen Lärm. Und wenn ſein unglückliches Schickſal Euch Thränen aus⸗ preßt, ſo laßt keine Klage laut werden!“ „Du weißt alſo, wer er iſt, Tante?“ fragte Bella beinahe mit unhörbarer Stimme. „Iſt es wirklich Boſach?“ flüſterte Joſeph. „Was Boſacq? Alberner Junge! Du wirſt etwas ganz Anderes hören.“ Sie bückte den Kopf über den Tiſch, während die Andern den Hals ſtreckten, um zu hören, was ſie zu ſagen im Begriff war. „Der junge Herr da,“ flüſterte ſie.„Es iſt ein franzöſiſcher Edelmann.“ „Ein Edelmann?“ riefen die Andern mit unvor⸗ ſichtiger Erhebung der Stimme. „Ja, ja, und was noch mehr iſt, er hat noch nie⸗ mals in ſeinem Leben Jemand Etwas zu Leide ge⸗ than. Im Gegentheil, er iſt ein unſchuldiges Opfer der gottvergeſſenen Leute, welche in Frankreich ſo viele Menſchen unbarmherzig morden.“ „Ah!“ ſeufzte das Mädchen, mit einem ſtrahlen⸗ den Lächeln,„wie bin ich ſo froh!“ „Still, Bella, er wird Dich hören.“ „Er iſt alſo ein reicher Mann?“ fragte Joſeph. „Reich?“ wiederholte Tante Klär.„Er wohnt auf einem Schloß zwiſchen Bergues und Dünkirchen!“ „Dann muß Jemand zu ſeinen Eltern, um ſie zu benachrichtigen, daß man ihn hole.“ „Schweig, Joſeph, Du ſprichſt immerdar vor⸗ eilig „Aber, Schweſter, erzähle uns doch, was Du weißt,“ fiel der Greis ihr in's Wort.„So dauert es fort, ohne daß wir zum Ende gelangen.“ „Der Vater hat Recht, liebe Tante,“ ſetzte Bella bittend hinzu. „Nun, ſo ſoll Joſeph ein Bischen ſchweigen. Hört wohl zu; denn ich muß ſehr leiſe ſprechen. Wie ich geſagt habe, der junge Herr wohnte auf einem Schloß, herwärts von Bergues. Sein Name iſt Edmund de Milval.“ „Edmund de Milval? Was für ein ſchöner Name!“ ſeufzte das Mädchen. „Sein Vater war ein Königlichgeſinnter,“ fuhr die Tante fort,„das will ſagen, einer von den Leu⸗ ten, die gottesfürchtig ſind und all dieſes Menſchen⸗ gemetzel dort verabſcheuen. Es ſcheint, daß die Männer der Guillotine es wußten; denn ſie umring⸗ ten eines Abends das Schloß und ſchleppten den alten Herrn de Milval aus ſeiner Wohnung. Wäh⸗ Jerich und d ſchiede und kam e ſah it Levite gin S ihn ge trat hi Wein nes Tl Sorge reiſen ſie den was T meiner dünkt unter Antwor than he und tht Na der Kr ) D Neuen lichen Jahrhun Brabant Auflage Conſ s Opfer reich ſo ſtrahlen⸗ Joſeph. wohnt irchen!“ n ſie zu dar vor⸗ was Du daert te Bella n. Hört Wie ich Schloß, mund de ſchöner ühr den Leu⸗ Renſchen⸗ daß die umring⸗ oten den Wäh⸗ 97 Jericho; und er fiel in die Hände von Mördern; und dieſe, nachdem ſie ihn ausgezogen und ihm ver⸗ ſchiedene Wunden beigebracht hatten, gingen davon und ließen ihn halb todt liegen. Von Ungefähr kam ein Prieſter deſſelbigen Weges gegangen; der ſah ihn an und zog dann weiter. Deßgleichen ein Levite; und da er kam zu der Stätte und ihn ſah, ging er gleichfalls vorüber. Ein Samariter aber, der auf der Reiſe war, kam eben dahin; und da er ihn gewahr wurde, jammerte ihn des Menſchen. Er trat hinzu, verband ihm ſeine Wunden, goß Oel und Wein hinein, und ſetzte den Leidenden auf ſein eige⸗ nes Thier und brachte ihn in eine Herberge und trug Sorge für ihn. Des andern Tages, als er weiter reiſen wollte, zog er zwei Denare heraus und gab ſie dem Wirthe, und ſprach: Pflege ihn wohl, und was Du weiter daran wendeſt, das will ich Dir bei meiner Rückkehr erſetzen. Wer von dieſen Dreien, dünkt Dir, wird der Nächſte geweſen ſein dem, der unter die Mörder gefallen war?— Er gab zur Antwort: Der, welcher die Barmherzigkeit ihm ge⸗ than hat.— Da ſprach Jeſus zu ihm: So gehe hin und thue deßgleichen“ 4. Nach dieſem Abſchnitt trat eine kurze Stille ein; der Kranke war tief gerührt und blickte dankbar Das Buch, betitelt: Hiſtorie des Alte nund Neuen Teſtaments, mit chriſtlichen und erbau⸗ lichen Anmerkungen u. ſ. w. war zu Anfang dieſes Jahrhunderts beinahe in allen Familien von Flandern und Brabant die gewöhnliche Abendlektüre. Es erſchien in neuer Auflage 1836 zu Mecheln. A. d. V. Conſcience, Vella Stock. 7 hinab auf dieſe einfachen Menſchen, welche ſo edel⸗ müthig das erhabene Gebot der Liebe erfüllt hatten. „Und ſollten wir an einige Opfer denken, Va⸗ ter,“ fragte endlich das Mädchen,„da Gott uns die Gelegenheit gibt, dem guten Samariter in der Barm— herzigkeit zu folgen? Du mußt dem Wundarzte be⸗ greiflich machen, daß Herr de Milval uns nicht zur Laſt fallen kann, und daß er hier bleiben mag, bis er vollkommen geneſen iſt. Ich werde etwas mehr arbeiten und den Garneelenfang nicht verſäumen; ſo werden wir es niemals empfinden, daß ein Menſch mehr im Hauſe iſt.“ „Das iſt auch mein Gedanke, Bella,“ antwortete der Blinde.„Und bliebe er ein halbes Jahr hier, ich bin es gewiß nicht, der ihm vom Abreiſen ſpre⸗ chen wird.“ „Ah, welcher Lohn für uns, Vater, wiſſen zu dürfen, daß wir vollbringen, was der Erlöſer ſelbſt als ein heiliges Gebot verkündigt hat!“ „Es iſt allerdings, meine gute Bella, ein ſüßer und tröſtender Gedanke.“ „Geh' jetzt ſchlafen, Vater, denn Tante Klär wird ſogleich kommen,“ ſagte das Mädchen, von ihrem Stuhle aufſtehend. „Noch eine ganze Stunde wird Deine Tante aus⸗ bleiben,“ bemerkte der Blinde. „Das iſt gleich, Vater; das Wachen könnte Dich krank machen... Komm', ich ſtehe hier vor Dir: gib mir Deinen Segen!“ Herr de Milval ſah das Mädchen in der Stille das Haupt vor ihrem Vater beugen; er ſah den armen blinden Fiſcher das Zeichen des Kreuzes auf der 6 feierl ſah, ſchlof besw ten, Mitg 5. Ruhe warte was ebenſt Geht gegen N hatten Bella e dem 2 Te ſtillſch der o beſtim De Ir kleiden gen a ſo edel⸗ hatten. en, Va⸗ uns die rBarm⸗ uzte be⸗ licht zur ag, bis as mehr men; ſo Menſch twortete hr hier, ſen ſpre⸗ viſſen zu er ſelbſt in ſüßer lär wird irem nte aus⸗ nte Dich or Dir: er Stille ſah den uzes auf 99 der Stirne ſeines Kindes machen und hörte ihn einen feierlichen Segen ausſprechen... Aber als er noch ſah, wie Vater und Tochter einander in die Arme ſchloßen und unter dem Geflüſter der zärtlichſten Lie⸗ besworte den ſüßen Abendkuß mit einander wechſel⸗ ten, da rollten zwei Thränen der Rührung und des Mitgefühls aus ſeinen Augen. Die Thüre wurde geöffnet, Tante Klär trat auf den Zehenſpitzen ein. Das Mädchen machte ihr ein Zeichen, daß der Kranke ſchliefe. „Gut,“ ſagte die alte Frau,„ich werde ſeine Ruhe nicht ſtören. Du haſt mich nicht ſo früh er⸗ wartet, Bella? Ich war aufgewacht und wußte nicht, was ich mit meiner Zeit anfangen ſollte. Ich kann ebenſowohl hier allein ſitzen und ſtricken wie dort. Geht jetzt nur beide zu Bette. Joſeph wird mich gegen Morgen ablöſen.“ Nachdem ſie der guten Frau ihren Dank bezeugt hatten, verſchwand der Blinde in dem Alkoven, und Bella begab ſich nach dem Speicher, um dort unter dem Dache der Ruhe zu pflegen. Tante Klär ſetzte ſich zu der Lampe und begann ſtillſchweigend an einein großen Strumpfe zu ſtricken, der offenbar für Niemand anders, als für Joſeph beſtimmt ſein konnte. VI. Der Kranke war vom Bette aufgeſtanden. Joſeph, als eifriger Diener, hatte ihm beim An⸗ kleiden geholfen und wollte ihn nun beim Hinabſtei⸗ gen auf der Treppe führen und uterſtt „Ich danke Euch, mein Freund,“ ſagte der junge Edelmann.„Eure große Güte bringt mich wahrlich in Verlegenheit. Ihr gebt Euch zu viele Mühe. Fürchtet Nichts; ich fühle mich ſtark genug, um allein zu gehen.“ „Es iſt möglich, Herr,“ entgegnete der Fiſcher; „aber ich wage mich nicht darauf zu verlaſſen. Ich habe meiner Nichte verſprochen, über Sie zu wachen. Wenn Sie nur leicht ſtrauchelten, würde ich es mir nie vergeben.“ Der junge Mann ließ ſich, ohne weitere Einrede, am Arm faſſen. Joſeph unterſtützte ihn mit einer Art kindlicher Beſorgniß und murmelte halb beſchämt, während er ihn hinabbrachte: „Ihr Krankenwärter hat wohl grobe Hände, Herr, und er weiß beſſer ein Tau anzufaſſen, als den Arm eines leidenden Menſchen, aber wie es im Sprichwort heißt: was man hat, zu geben, macht ſchon werth, zu leben.“ Der Leidende trat einen Schritt zur Seite und faßte bewegt die Hand von Vater Stock, der wie⸗ derum an ſeinem Netze fortſtrickte. „Mein braver Mann,“ ſagte er,„ich weiß nicht, wie ich mich jemals für Eure milde Gaſtfreundſchaft erkenntlich zeigen kann. Ich werde Euch reichlich für die Opfer, die Ihr bringt, entſchädigen, aber was ich Euch nie vergelten kann iſt die milde Zuneigung, die mir hier von Jedermann bewieſen wird. Welches Loos mir auch in der Zukunft beſchieden ſein mag, nimmer werde ich dieſes Haus und ſeine edelmüthi⸗ gen Bewohner vergeſſen.“ „Wahrlich, Herr,“ antwortete der Greis,„Sie ſchla viel eine 2 möcht brach inden Stuh ſſt zu 4 Befeh Int Joſep Züger Edles ner b Mund meiſte und ein G zudeut Er Bruſt. ihre e lerin mit 2 Arm Uebrig rjune wahrlich Mühe. m allein Fiſcher; n Ich wachen. es mir Einrede, nit einer eſchämt, Hände, als den es im „macht eite und der wie⸗ iß nicht, undſchaft chlich für was ich ung, die Welches ein mag, emüthi⸗ s,„Sie 101 ſchlagen das Wenige, was wir für Sie thun können, viel zu hoch an. Werden Sie nur ſchnell geſund: eine andere Belohnung begehren wir nicht.“ Joſeph, der wahrſcheinlich fürchtete, der Kranke möchte müde werden, wenn er zu lang ſtände, unter⸗ brach das Geſpräch und führte den jungen Mann, indem er ihn am Arm faßte, an den Herd zu einem Stuhl, worauf ein weißes Kiſſen gelegt war. „Welche Sorgfalt!“ ſprach der Edelmann.„Das iſt zu viel! Ich bedarf dieſes Kiſſens nicht.“ „Bella hat es dahin gelegt,“ bemerkte der Fiſcher. Als wären dieſe Worte ein unwiderſprechlicher Befehl, ſetzte ſich der Leidende auf den Stuhl.— In tiefe Gedanken verſunken, ſtarrte er in's Weite. Joſeph ſchaute ihn an, achtete aber ſein Stillſchweigen. Herr de Milval war ein ſchöner junger Mann. In ſeiner hohen Geſtalt, in ſeinen regelmäßigen Zügen und ſeinem ruhigen Gebahren lag etwas Edles und Feſtes, das noch durch die Reinheit ſei⸗ ner bleichen Wangen und den ernſten Ausdruck ſeines Mundes gehoben wurde. Was jedoch an ihm am meiſten auffiel, waren ſeine langen ſchwarzen Haare und ſeine großen dunkelbraunen Augen, deren Blick ein Gefühl von Hoheit oder großer Seelenſtärke an⸗ zudeuten ſchien. Er trug ſehr weißes Leinenzeug an Hals und Bruſt.— Tante Klär hatte, um es zu reinigen, ihre ganze Geſchicklichkeit als Wäſcherin und Büg⸗ lerin aufgeboten.— Sein Kopf war noch theilweife mit Tüchern umwunden; ſein linker geſchindelter Arm ruhte bewegungslos in einer Binde. Im Uebrigen war er beinahe ganz ſchwarz gekleidet, und ſeine Erſcheinung war eher ſtreng und Achtung er⸗ weckend, als zur Annäherung auffordernd. Nach langer Stille ließ er ſeine Augen im Zim⸗ mer herum laufen, und als Joſeph aufſpringend ihn fragte, was er verlange, antwortete er: „Nichts, mein Freund! Ich ſehe das junge Mädchen nicht, das mich ſo liebevoll in meiner Krankheit gepflegt hat.“ „Bella? Sie iſt auf den Garneelenfang gegan⸗ gen,“ antwortete Joſeph. „Ja,“ murmelte der Jüngling bei ſich ſelbſt,„ich weiß es von geſtern Abend. Edelmüthiges Kind, das ſo früh ausgegangen iſt, um für mich zu arbei⸗ ten!... Es ſcheint mildes und ſonniges Wetter zu ſein, mein Freund?“ fragte er nach einer Weile. „Es iſt ein Wetter ſo lind und mild, wie Milch, Herr,“ antwortete der Fiſcher. „Bella iſt alſo am Strand?“ „Sie iſt nach der See gegangen, Herr.“ „Iſt die See weit entfernt?“ „Vier oder fünf Bogenſchüſſe.“ „Vergebt mir, guter Freund, daß ich Euch ſo viele Laſt verurſache. Ich würde Euch dankbar ſein, wenn Ihr ſo gut wäret, mir den Strand zu zeigen; ich möchte die See gern ſehn.“ „Hört Ihr, Vater Stock?“ rief Joſeph ganz beſtürzt,„der Herr möchte gern an den Strand gehen.“ „Wenn es nur nicht unvorſichtig iſt, bemerkte der Greis.„Den erſten Tag, da Sie vom Kranken⸗ bette aufgeſtanden ſind!“ „Seid deßhalb unbekümmert, Meiſter, ich fühle mich warm ein 1 Geſel die S vor meine anbie Joſep Louis Dienſ ʒ Schre damit über tete e Sie liegt mich was, nachd pflegt trägt in ih ſeufze h ung er⸗ m Zim⸗ end ihn june meiner gegan⸗ bſt,„ich s Kind, u arbei⸗ etter zu Leile. e Milch, Euch ſo ar ſein, zeigen; h ganz Strand bemerkte Kranken⸗ ich fühle 103 mich ſtark genug. Die Sonne ſcheint; es iſt draußen warm. Ich möchte unter dem freien Himmel mich ein wenig ergehen; dieſer brave Mann wird mir Geſellſchaft leiſten.“ „Thun Sie nach Belieben, Herr. In der That, die Seeluft iſt geſund und ſtärkend für die Kranken.“ „Aber der Herr hat keinen Hut, um ſeinen Kopf vor der Sonne zu ſchützen,“ ſagte Joſeph.„Und meine häßliche wollene Mütze darf ich ihm doch nicht anbieten.“ „Zieh die unterſte Schublade im Schranke auf, Joſeph; dort findeſt Du den Strohhut von Oheim Louis. Wenn er nicht zu groß iſt, wird er gute Dienſte leiſten.“ Der Strohhut, welchen der Fiſcher aus dem Schranke holte, ſchien ganz neu. Er näherte ſich damit dem Edelmann, und nachdem er ihm den Hut über die Binden auf den Kopf geſetzt hatte, betrach⸗ tete er ihn halb erſtaunt und ſagte: „Ja, Herr, es mag unhöflich oder dumm ſein, Sie mit Leuten unſerer Art zu vergleichen; aber es liegt ganz ſicher Etwas in Ihrem Angeſicht, was mich an Oheim Louis erinnert. Nicht viel: ſo Et⸗ was, wie ein entfernter Familienzug.“ „Wunderlich genug!“ murmelte der Leidende nachdenklich;„das junge Mädchen, welches mich ge⸗ pflegt hat, gleicht meiner Schweſter; und überdieß trägt ſie denſelben Namen!“ Aber, als ob dieſe Worte ſchmerzliche Gedanken in ihm weckten, näherte er ſich der Thüre, indem er ſeufzend ſprach: „Laßt uns gehen, Freund, ich habe Luft nöthig.“ Joſeph nahm ſeinen Arm und führte ihn auf den Fußpfad, welcher nach dem Strande hin ſich durch die Dünen ſchlängelte. Als ſie eine Strecke Wegs gegangen waren, ſagte der Edelmann: „Es iſt recht einſam in den Dünen; es wohnen wenige Leute in dieſer Gegend, nicht wahr?“ „Sehr wenig, Herr,“ antwortete der Fiſcher. „Auf eine halbe Stunde rings herum wohnen ſechs oder ſieben Familien, zuſammen ungefähr fünf und zwanzig Seelen; aber dort, wo Sie den hohen Hü⸗ gel ſehen, den wir den Preßhügel nennen, wohnen wohl zwanzig Fiſcherfamilien. Es iſt die Kirch⸗ pfanne, die man zuweilen St. Joſephsdorf heißt.“ „Steht dort Eure Kirche?“ „Nein, Herr; eine ſtarke halbe Stunde hinter uns liegt das Dorf Adinkirchen; dort ſind wir ein⸗ gepfarrt.“ „Die Fiſcher ſind gottesfürchtige Leute?“ „Gewiß, Herr, wie auch das Wetter ſei, und wie weit er ſich in See befinde, niemals wird ein flämi⸗ ſcher Fiſcher es unterlaſſen, Samſtags nach Hauſe zu kommen, um ſeine Sonntagspflichten nach Gebühr erfüllen zu können.“ Der junge Mann ſchwieg einige Augenblicke, dann fragte er wieder: „Ihr heißt Joſeph, nicht wahr, Freund? Obwohl Ihr den blinden Mann Vater nennt, könnt Ihr doch Bella's Bruder nicht ſein.“ „Ich bin ihr Vetter, Herr. Tante Klär, die alte Frau, welche an Ihrem Bette gewacht hat, iſt die leibliche Schweſter von Vater Stock. Ich bin mit ihrer Tochter verheirathet geweſen, einer Frau, welche derlich ihm ſ Sand ſich ei ſtand. Städte die vie ſind A zu A: ich hei Seite Sie, n den zw See. günſtig werden können, Der äußerſte hn auf h durch Wegs vohnen Fiſcher. n ſechs nf und nHü⸗ vohnen Kirch⸗ ßt.“ hinter ir ein⸗ nd wie flämi⸗ uſe zu ebühr nblicke, bwohl r doch e alte iſt die n mit welche 105 die Güte ſelbſt war und die ich mehr liebte, als ein Vater ſein Kind. Gott hat ſie mir leider früh ge⸗ nommen... Ich ſpreche nicht gern davon. Es kommt mir allzeit Etwas in die Kehle, als legte man mir einen Strick um den Hals. Es iſt traurig, ſo allein zu ſein auf der Welt, Herr. Wenn ich Tante Klär nicht hätte, wüßte ich nicht einmal, für wen ich arbeiten könnte.“ „Ihr könntet noch einmal heirathen,“ bemerkte Herr de Milval. „Nein,“ war die Antwort;„junge Burſche und Mädchen heirathen hier ſehr früh. Sobald ein Fiſcherknecht ſeine Ausrüſtung, das heißt, den erfor⸗ derlichen Vorrath von Retzen beiſammen hat, hilft ihm ſein Vater ein Häuschen bauen und ein Stück Sand zu einem Aeckerchen umzuſchaffen;— er wählt ſich eine Braut und gründet ſeinen eigenen Haus⸗ ſtand. Ich habe wohl ſagen hören, daß in den Städten ſehr junge Mädchen ſich mit alten Leuten, die viel Geld haben, verheirathen; aber die Fiſcher ſind Alle gleich reich, und hier gilt die Regel: Art zu Art. Wäre es anders, ich wüßte wohl, wen ich heirathen möchte. Jetzt wäre es von meiner Seite eine Albernheit, daran zu denken. Sehen Sie, wir nähern uns dem Strande. Da, zwiſchen den zwei Dünen, der dunkelgrüne Fleck, das iſt die See. Noch einige Schritte, und wir werden eine günſtige Stelle finden, um uns niederzuſetzen. Sie werden nach Bequemlichkeit Stunden weit ſehen können, Herr.“ Der junge Edelmann ſetzte ſich am Rande des äußerſten Sandhügels nieder und blickte überraſcht auf das erhebende Schauſpiel, das ſich plötzlich vor Flece ſeinen Augen aufthat. Lange Zeit ſtarrte er ſtill⸗ ſchein ſchweigend auf die unermeßliche Tiefe des Seehori⸗ zontes, welcher gleich einem bodenloſen Abgrund den Sdri 4 Gedanken an die Ewigkeit fühlbar in ſeinem Geiſte 3 erregte. Sein Auge langſam zurückwendend, ſah er allmälig die ſchwarzen Tinten der Unendlichkeit zu 65 einem tiefen und mindertiefen Blau, dann bald zu und ſ einem lichten Kupfergrün ſich erhellen, um dann noch dichter am Strande in ein ſanftes und ſtrahlendes birgt Gelb zu verlaufen. Aber dieſer Effekt, dieſes Spiel ſechs von Licht und Schatten auf der großen Waſſerfläche Un bildete Schichten und Streifen von vielen Meilen Joſepl Länge und Breite, und wohin der Beſchauer ſeinen Blick richtete, nirgends war in dieſem grenzenloſen Eltern Raume ein Ruhepunkt oder ein Ziel für ſein Auge nein, zu finden. 62 zu ſag Der Strand entrollte ſich jetzt, da es Ebbe war, De am Fuß der Dünen gleich einer zweiten See. Die verleg warmen Sonnenſtrahlen entlockten dem feuchten Sande ihren Dampf und Rauch; die Perſpective über der Fläche Er an war durchſichtig wie Glas und wiederſtrahlte das Bild der Gegenſtände, welche die einförmige Nacktheit ſchreckt des Strandes hie und da unterbrachen. So ſchienen nicht g drei oder vier Kühe, welche in der Ferne aus den De Dünen auf den Strand gekommen waren, in Folge ſchmerz dieſer Spiegelung auf ſo hohen Beinen zu ſtehen, gend ſ daß man ſie leicht für Thiere von monſtröſer Größe ſcheinli hätte halten können. bemeiſt „Was iſt das dort?“ fragte der Jüngling. zu ern „Jener Punkt, der gleich einem rieſigen grauen über d ch vor r ſtill⸗ eehori⸗ id den Geiſte ſah er eit zu ald zu in noch lendes Spiel erfläche Meilen ſeinen enloſen Auge e war, Die Sande Fläche is Bild acktheit ſchienen us den Fole ſtehen, Größe ngling. grauen 107 Flecken in der nebeligen Perſpective ſich zu bewegen ſcheint?“ „Das ſind die Thürme von Dünkirchen,“ ant⸗ wortete der Fiſcher. „Dünkirchen? Wir ſind ſo nahe bei Dünkirchen?“ „Längs des Strandes vier Stunden Weges, Herr.“ Der Edelmann erhob die Augen zum Himmel und ſeufzte. „Mein Gott, welche ſchrecklichen Ereigniſſe ver⸗ birgt man vor mir? Nur vier Stunden? Und ſeit ſechs Tagen flehe ich vergebens nach Kunde von dort!“ Und ſich mit einer Art fieberiſcher Erregung zu Joſeph wendend, ſprach er in befehlendem Tone⸗ „Was weiß der Wundarzt über das Loos meiner Eltern und meiner Schweſter? Sprecht!... Ach nein, ich bitte Euch, Freund, ſeid ſo mitleidig, es mir zu ſagen.“ Der Fiſcher ſchien zu erbleichen und war ſichtbar verlegen. Ohne Zweifel hatte er durch Bella oder ihren Vater Kenntniß von der ſchrecklichen Botſchaft. Er antwortete jedoch nach einiger Zögerung: „Ihre plötzliche Aufregung, Herr, hat mich er⸗ ſchreckt. Ich habe den Wundarzt ſeit vier Tagen nicht geſehen.“ Der junge Mann ſenkte den Kopf und verſank in ſchmerzliche Gedanken. Lange Zeit blieb er ſtillſchwei⸗ gend ſitzen, den Blick zu Boden gerichtet und wahr⸗ ſcheinlich in ſeinem Innern beſtrebt, ſeine Angſt zu bemeiſtern.— Endlich ſchien er aus der tiefen Trauer zu erwachen und ſchaute wieder über die See und über den Strand. „Wo iſt Bella?“ fragte er.„Ihr habt mir ge⸗ ſagt, daß ſie auf den Garneelenfang gegangen ſei.“ Joſeph reckte den Finger aus und wies in die Ferne, rechts ab den Strand hinunter. „Sehen Sie, Herr,“ antwortete er,„dort, eine kurze Strecke in der See, über dem Käsbauernhügel, einige ſchwarze Punkte, welche auf dem Waſſer zu treiben ſcheinen? Es ſind unſere Frauen und Töch⸗ ter, welche eben am Garneelenfang ſind. Sie bedie⸗ nen ſich hiezu eines Netzes, das ſie gleich einem offenen Sack an einem langen Stock vor ſich her ſchieben.“ „Und Bella iſt dabei?“ „Bemerken Sie wohl, Herr, die zweite von hier aus geſehen, mit einem lichtblauen Mützchen und einem hellrothen Leibchen? das iſt meine Nichte.— Sehen Sie, dieſelbe muß uns erkannt haben; denn ſie grüßt uns mit den Händen.“ „Armes Kind! welche ſchwere Arbeit! wie lang dauert wohl ſolcher Fang?“ „Zwei bis drei Stunden, Herr.“ „Und dieſe Frauen bleiben dieſe ganze Zeit in dem eiskalten Seewaſſer ſtehen?“ „Es iſt jetzt noch ſchön Wetter, Herr. Es kom⸗ men auch kältere Tage; aber unſere Frauen fürchten das Seewaſſer nicht; ſie ſind von Kindesbeinen daran gewöhnt.“ Herr de Milval hielt nachdenklich ſein Auge auf Bella gerichtet und antwortete mit einem leichten Schwenken des Hutes auf den wiederholten Gruß, welchen ſie ihm zuzuſenden ſchien. Mäde ſamer Herz komm Düne merkt ihr H D darf wenig meine alt un dem a blinde „C alten hat m gelockt. „TD ſeph. zu thu iſt, die „C ich wer 3 Blinde ben ge und ſo der, v nir ge⸗ ſei in die t, eine nhügel, ſſer zu d Töch⸗ bedie⸗ einem ich her on hier en und hte.— ; denn ie ln Zeit in kom⸗ fürchten n daran uge auf leichten Gruß, „Eure Nichte iſt ein gutes und edelmüthiges Mädchen,“ ſagte er. „Gut?“ wiederholte der Fiſcher mit einer ſelt⸗ ſamen Begeiſterung in der Stimme;„ſie hat das Herz eines Engels! Der, welcher ſie zur Frau be⸗ kommt, darf ſagen, daß er eine köſtliche Perle in den Dünen gefunden hat; denn, Sie müſſen es wohl be⸗ merkt haben, Herr, ihr Angeſicht iſt ebenſo ſchön, als ihr Herz.“ Der Edelmann ſchaute den Fiſcher verwundert an. „Ja, ja, Herr,“ rief Joſeph, halb verlegen,„ich darf es wohl ſagen: wenn ich nur fünfzehn Jahre weniger auf den Schultern hätte, ſo ſollte Niemand meine Nichte zur Braut bekommen, als ich. Aber alt und abgenutzt, wie ich bin!. Und doch, wie dem auch ſei, Bella wird nicht heirathen, ſo lang ihr blinder Vater lebt.“ „Es iſt in der That unbegreiflich, wie ſie ihren alten Vater liebt. Der Anblick ihrer Liebe zu ihm hat mir Thränen der Bewunderung in die Augen gelockt.“ „Das hat ſeine Gründe, Herr,“ antwortete Jo⸗ ſeph.„Und ſehen Sie, da wir doch nichts Beſſeres zu thun haben, will ich Ihnen, wenn es ſo genehm iſt, dieſe Gründe auseinanderſetzen.“ „Gewiß, Freund, es wird mir Vergnügen machen; ich werde Euch dankbar dafür ſein.“ „Jenun, ich beginne. Simon Stock, ſo heißt der Blinde, hat bis zu ſeinem fünfzigſten Jahre ein Le⸗ ben gehabt wie wir Alle. Er war mit einer guten und ſorgſamen Frau verheirathet und hatte fünf Kin⸗ der, vier Söhne und eine Tochter. Er hatte auch einen jüngern Bruder, der bei ihm wohnte. Es iſt der Oheim Louis, deſſen Hut Sie jetzt auf dem Kopfe haben, Herr. Es geſchieht noch immerdar, daß alles Unglück zu gleicher Zeit über einen Menſchen kommt, der bis dahin glücklich geweſen iſt. So geſchah es wenigſtens mit Simon Stock. Seine Frau bekam ein ſchlimmes Seitenſtechen und begann ſeitdem er⸗ ſichtlich abzuzehren. Es war Nichts zu machen; ſie mußte langſam daran ſterben. Sein Bruder Louis ſchiffte ſich in Dünkirchen auf den Labberdanfang ein. In der Isländiſchen See ging das Fahrzeug unter und man hat ſeitdem von der Mannſchaft Nichts mehr gehört. Doch hat ein Fiſcher einmal die Nach⸗ richt gebracht, daß Louis Stock dem Schiffbruch ent⸗ ronnen iſt; ja er hat Jemand zu Dünkirchen erzählen hören, daß man Louis Stock als Soldat auf der See der Inſel Guadeloupe auf einem franzöſiſchen Kriegsſchiff geſehen habe.“ „Soldat auf einem franzöſiſchen Kriegsſchiff?“ wiederholte der junge Mann.„Es läßt ſich alſo faſt mit Gewißheit annehmen, daß Oheim Louis noch lebt?“ „Ach, nein, Herr, dieſe Nachrichten waren ſehr unklar und ohne Zweifel nur erfunden, um den blin⸗ den Stock zu tröſten... Ich nehme meine Erzäh⸗ lung wieder auf. Kaum hatte Simon Stock ſeit einigen Tagen die Nachricht von ſeines Bruders Schiffbruch erhalten, ſo fiel ſein älteſter Sohn, wel⸗ cher bereits als Gehülfe mit ihm fuhr, in einer ſtür⸗ miſchen Nacht über Bord und ertrank. Kurz darauf brachen die Kinderpocken zu Adinkirchen und in den Dünen mit ſchrecklicher Heftigkeit aus. Fünf Minu⸗ ten von hier, an der einſamſten Stelle, zwiſchen vier hoher ein g Kinde Kind kirche nehm gehör und1 Aber — Krank arme Verſch dern. ſten u keine Schme ſeiner ten ſei daß ih haben ſie git Tag, der th übrig, ren, 1 Er gla dieſes von de beinah Nacht, er una Es iſt n Kopfe aß alles kommt, ſchah es beam dem er⸗ en; ſie r Louis ang ein. unter t Nichts ie Nach⸗ uch ent⸗ erzählen auf der zöſiſchen ſchiff?“ faſt mit lebt wen ſehr en blin⸗ Erzäh⸗ tock ſeit Bruders hn, wel⸗ ner ſtür⸗ z darauf in den f Minu⸗ hen vier 111 hohen Hügeln, ſteht ein Fiſcherhäuschen. Da wohnte ein gewiſſer Peter Mulle mit ſeiner Frau und zwei Kindern. Die Seuche hat Peter Mulle Frau und Kinder geraubt; er iſt aus Verzweiflung nach Dün⸗ kirchen gelaufen, um Dienſte auf einem Schiff zu nehmen, und ſeitdem hat man Nichts mehr von ihm gehört. Sein Häuschen iſt verlaſſen und fällt mehr und mehr in Trümmer mit jedem ſchweren Sturm. Aber ich vergeſſe, was ich Ihnen ſagen wollte, Herr. — Drei Kinder Simons wurden von der ſchlimmen Krankheit befallen und lagen auf den Tod. Der arme Vater war Tag und Racht allein mit einer dem Verſcheiden nahen Frau und drei ſterbenden Kin⸗ dern. Was er gethan hat, um ſie zu laben, zu trö⸗ ſten und ihnen Geneſung zu verſchaffen, das vermag keine Feder zu beſchreiben. Stellen Sie ſich ſeinen Schmerz, ſeine Verzweiflung vor, Herr: als die Leiche ſeiner Frau nach dem Kirchhof getragen wurde, wuß⸗ ten ſeine Kinder in ihren Fieberphantaſien noch nicht, daß ihre Mutter mit Tod abgegangen war, und ſie haben es auch auf Erden nicht mehr erfahren; denn ſie gingen bald, eines nach dem andern, Tag auf Tag, deſſelben Wegs. Nach drei Wochen blieb von der theuren Familie dem armen Stock nichts mehr übrig, als ein Mädchen von ſieben oder acht Jah⸗ ren, welche bisher der Anſteckung entgangen war. Er glaubte, die grauſame Seuche werde wenigſtens dieſes Kind verſchonen; aber es wurde gleichfalls von den Kinderpocken befallen; Simon Stock wurde beinahe wahnſinnig; er blieb Wochen lang, Tag und Nacht, über ſein armes Kind gebeugt; und während er unaufhörlich das Angeſicht des armen Wichtchens mit ſüßer Butter beſtrich, nicht allein, um ſein Le⸗ ben zu retten, ſondern auch, um ſein Geſicht vor Ver⸗ unſtaltung zu bewahren, vergoß er Thränen des Mit⸗ leids und der Angſt über dem Bette, wo ſeine letzte Hoffnung im Sterben lag.— Das Kind genas und wurde im Angeſichte nicht entſtellt. Sollten Sie es glauben, Herr, das kleine Mädchen wußte ſo gut, was der Vater ihm gethan hatte, daß es von da an ſei⸗ nen Schritten wie ein Schatten folgte und zu weinen begann, ſobald ſeine Augen ihm nicht mehr begeg⸗ neten. Wir, die wir die unendliche Liebe des Kin⸗ des betrachteten und es ganze Tage lang ſchmeichelnd an ſeinem Halſe hängen ſahen, geriethen allmä⸗ lig auf den Gedanken, das arme Lamm möchte ſchwachſinnig ſein; aber Gott ſei gelobt, wir irrten uns. So weit ging ihr heftiges Verlangen, bei ihrem Vater zu ſein, daß er oft das Mädchen mit in See nehmen mußte, wenn das Boot nicht gerade die Nacht über ausbleiben wollte.— Ein Paar Jahre hernach bekam Simon Stock böſe Augen, und das Uebel griff ſo ſchnell um ſich, daß er in kurzer Zeit erblindete. Bella hielt dieß für eine Folge von dem Gifte der Kinderpocken, welches ſich ſeinen Augen mitgetheilt hätte, als er Tag und Nacht die Blattern von dem Geſichte wegzuküſſen ſich bemühte. Das iſt wahrſcheinlich eine ungegrün⸗ dete Einbildung; aber Sie werden dennoch jetzt be⸗ greifen, Herr, warum meine Nichte ihren alten blin⸗ den Vater ehrt und liebt, als wäre er ein Gott in ihren Augen!“ „Gewiß begreife ich es,“ antwortete der junge Mann mit einer Stimme, die von Rührung halb erſtickt Stock! forſchl Se in der mals Beſorg ſagte Luft n noch ke auszur 3 V „Der l umgibt Aber k kann al mich ſte „Ge Mit verſchwe Kau haben, über ein zu mar Conſ ſein Le⸗ or Ver⸗ es Mit⸗ ne letzte tas und Sie es ut, was an ſei⸗ weinen begeg⸗ e Kin⸗ teichelnd allmä⸗ möchte t wir rlangen, Mädchen ot nicht — Ein Augen, ß er in ür eine ches ſich ag und zuküſſen igegrün⸗ jetzt be⸗ en blin⸗ Gott in er junge ng halb 113 erſtickt ſchien.„Welches Loos! Ach, der arme Vater Stock! Die Rathſchlüſſe des Himmels ſind uner⸗ forſchlich, Freund... Seit einigen Augenblicken, und ſelbſt während er in der Erzählung begriffen war, hatte Joſeph mehr⸗ mals den Kopf umgedreht und nmit einer gewiſſen Beſorgniß nach den Dünen hineingeſchaut. Jetzt ſagte er: „Herr, wir ſitzen hier wohl allzu lang. Die ſcharfe Luft möchte Ihnen Schaden bringen. Haben Sie noch keine Luſt, nach Hauſe zu gehen und ein wenig auszuruhen?“ „Ich ſitze hier ſo gut,“ antwortete der Edelmann. „Der blaue Himmel und die Unendlichkeit, die mich umgibt, erheitern meine ſchmerzlichen Gedanken. Aber kümmert Euch deßbalb nicht um mich. Ich kann allein hier bleiben! Fürchtet Nichts, ich fühle mich ſtark.“ „Gewiß?“ „Ganz gewiß, mein braver Mann.“ „Nun, da kann ich es um ſo eher wagen. Sehen Sie, Herr, ich habe meinen Tabak vergeſſen. Ich laufe nach Hauſe, um ihn zu holen. Von hier bis zu Tante Klär iſt es nicht weit. Ich werde mich eilen. In einigen Minuten bin ich wieder zurück.“ Mit dieſen Worten eilte er nach der Tiefe und verſchwand hinter den Dünen. Kaum mochte er einige Bogenſchüſſe ſich entfernt haben, als ein ols Fiſcher gekleideter Mann ſich über einem hohen Sandhügel zeigte. Er ſchien ſchnell zu marſchiren und ſich nach Vater Stocks Wohnung Conſeience, Bella Stock. 8 wenden zu wollen; aber ſobald er den Herrn mit dem Strohhut bemerkte, überlegte er einen kurzen Augenblick und ſtieg dann den Hügel hinab, um von da die Düne zu erklimmen, auf welcher der Fremdling ſich niedergelaſſen hatte. „Guten Tag, Herr; Ihr Name iſt wohl de Mil⸗ val, nicht wahr?“ fragte er, als er ihm nahe ge⸗ kommen war. „Allerdings. Wer ſeid Ihr, Freund? Ich kenne Euch nicht,“ antwortete der junge Mann überraſcht. „Wie, Sie kennen mich nicht? Ich bin Ko Snel, der Strandläufer, der Sie in den Dünen liegend fand und Sie mit größter Sorgfalt und Vorſicht nach der Wohnung von Vater Stock gebracht hat.“ „Ach, ich bin Euch recht dankbar und werde Euch reichlich für Eure Mühe und Menſchenfreund⸗ lichkeit belohnen.“ „Ja dieß iſt mehr als ungewiß,“ ſagte der Strand⸗ läufer mit einem ſpöttiſchen Lächeln.„Ich bin zu Bergues geweſen und komme gerade von dort. Ihr Schloß iſt abgebrannt und alle Ihre Güter ſind in Beſchlag genommen. Sie ſind arm geworden, und ich bin reicher als Sie.“ „Das Schloß abgebrannt?“ murmelte der Jüng⸗ ling mit ſteigender Angſt.„Ihr kommt von Bergues? Wißt Ihr, was man mit meinem Vater gethan hat?“ „Ich weiß Alles. Was man mit Ihrem Vater gethan hat, das können Sie ſich wohl denken.“ „Ach, ja, ja, ich zweifelte nicht an ſeinem un⸗ glücklichen Looſe!“ ſeufzte der Edelmann. „Er iſt erſchoſſen worden,“ ſagte Ko. von Herr nen ling! ſager Arra ihrer G der( und er u lieger K Neug melte Opfer S der S oder war, den E in all der S die B Thrän vermu dem L dem errn mit kurzen ab, um che der de Mil⸗ nahe ge⸗ ch kenne erraſcht. do Snel, liegend Vorſicht t hat.“ werde nfreund⸗ Strand⸗ bin zu ri Ihr ſind in en, und rJüng⸗ nt von n Vater n Vater tem un⸗ „ 11⁵5 „Aber in's Himmels Namen, gebt mir Nachricht von meiner Mutter, von meiner Schweſter!“ flehte Herr de Milval. Der Strandläufer fuhr mit der Hand über ſei⸗ nen Hals. „O, mein Gott! iſt es möglich!“ rief der Jüng⸗ ling zitternd und todtenbleich.„Was wollt Ihr ſagen?“ „Man hat Ihre Mutter und Ihre Schweſter nach Arras gebracht.— Vorgeſtern ſind ſie mit drei ihrer Nachbarn durch die Guillotine gegangen.“ Ein furchtbarer Schrei ertönte über die Dünen; der Edelmann ſchlug ſich die Hand vor die Augen und ſenkte den Kopf tief auf die Bruſt, als wollte er unter der vernichtenden Laſt ſeines Unglücks er⸗ liegen. Ko betrachtete ihn mit einer Art gefühlloſer Neugierde oder triumphirenden Spottes, und mur⸗ melte dazwiſchen einige Worte, ſcheinbar um das Opfer ſeiner grauſamen Rückſichtsloſigkeit zu tröſten. Sei es, daß Bella von Ferne geſehen hatte, wie der Strandläufer mit dem kranken Jüngling ſprach, oder daß ſein Angſtſchrei in ihrem Herzen erklungen war, ſie ſprang aus dem Waſſer, warf ihr Netz auf den Strand, ſetzte ihren Korb nieder und kam nun in aller Eile nach den Dünen gelaufen. Als ſie an der Stelle erſchien, wo der Edelmann noch mit auf die Bruſt geſenktem Haupte ſaß, bemerkte ſie, daß Thränen zwiſchen ſeinen Fingern hervordrangen. Als vermuthe ſie, was geſchehen war, kniete ſie neben dem Leidenden nieder und rief in tadelndem Ton dem Strandläufer zu: 8* „Ko, Unglücklicher, was habt Ihr dieſem Manne geſagt oder gethan?“ „Jetzt ſoll ich wohl noch die Schuld haben!“ murmelte Ko Snel.„Ich glaubte ihm einen großen Dienſt zu leiſten, wenn ich ihm Kunde von Bergues brächte.“ „Nein, ſuche mich nicht zu tröſten, Engel des Mitleids,“ ſtöhnte Milval.„Wehe, mein armer Vater, meine zärtliche Mutter, meine gute Schweſter! Der Tod hat mir Alles geraubt, was mir theuer war auf Erden! Könnte ich doch ſterben, ſogleich!“ „Was geht hier vor? Strandläufer, ich weiß nicht, aber ich fühle eine ſchreckliche Luſt, Dir den Hals zu brechen!“ drohte Joſeph, der mit der Pfeife im Munde plötzlich auf der Düne erſchie⸗ nen war.„Es ſollte mich wundern, wenn Du hier nicht ein Unglück angerichtet haſt. Wo Du Dich zeigſt, da folgt Verdruß...“ „Aber, Joſeph, was kann ich dafür?“ fiel der Strandläufer ihm in's Wort.„Ich komme von Bergues und habe Herrn von Milval geſagt, was mir dort zu Ohren gekommen iſt.“ „Und was haſt Du ihm geſagt, hölliſcher Schwätzer?“ „Daß ſein Schloß abgebrannt iſt, und daß ſeine Mutter und ſeine Schweſter...“ Er machte daſſelbe Zeichen mit der Hand an ſeinem Halſe. Ein dumpfer, furchtbarer Schrei rang ſich aus Joſephs Kehle los, und ſeine Augen ſchienen plötz⸗ lich mit Blut zu unterlaufen. Mit einem Sprung hatte er den Strandläufer am Halstuche gefaßt und zerrte Opfer Bella D rend gewiß „ „Ich Aber er nie will. einma thuſt, Kumm Gnade nicht n ſprich ſchauer von M De und d Düne! Bel nahm Er an ſich lei aufgeht bleich 1 im Koz grund Manne haben!“ großen Bergues gel des armer weſter! theuer leich!“ ch weiß ſt, Dir mit der erſchie⸗ u hier Dich fiel der ne von „ was lliſcher ß ſeine nd an ch aus plötz⸗ prung ßt und 117 zerrte und ſchüttelte ihn daran ſo wüthend, daß ſein Opfer ſchwarz und blau wurde und vor Schrecken Bella um Hülfe rief. Das Mädchen lief auf Joſeph zu und bat, wäh⸗ rend ſie ihm zu wehren ſuchte: „O, lieber Joſeph, beruhige Dich: Ko hat es gewiß nicht in böſer Abſicht gethan!“ „Möglich, möglich,“ brummte der wüthende Fiſcher. „Ich will die Schlange jetzt noch nicht erwürgen. Aber er ſoll mir verſprechen, heilig verſprechen, daß er niemals mehr unſerem Kranken nahe kommen will.. Sieh, Ko, ſei verſichert, wenn Du Dich noch einmal in unſere Angelegenheiten mengſt, oder Etwas thuſt, was dieſem Mann nur einen Schein von Kummer verurſachen kann, ſo zerſchlage ich Dir ohne Gnade den Kopf auf dem Sande, nicht mehr und nicht minder, als ob Du ein Kabeljau wäreſt. Ver⸗ ſprich es, Ko, verſprich es, denn mein Blut kocht ſchauerlich!“ „Laß los, Joſeph; ich will thun, als ob ich Herrn von Milval noch nie geſehen oder gekannt hätte.“ Der Fiſcher gab dem Strandläufer die Freiheit und dieſer ſtieg brummend, doch in aller Eile, die Düne hinab. Bella wandte ſich wieder zu dem Kranken: ſie nahm ihn am Arm und nöthigte ihn zum Aufſtehen. Er antwortete nicht auf ihre Tröſtungen und ließ ſich leiten wie ein Kind. Seine Thränen hatten aufgehört zu fließen, aber ſein Geſicht war todten⸗ bleich und ſeine Augen ſtanden ihm glaſig und ſtarr im Kopfe. Der Unglückliche lag verſunken im Ab⸗ grund ſeines Schmerzes. 118 Bella flüſterte die ſüßeſten Worte in ſein Ohr und bejammerte ſein ſchreckliches Loos. Joſeph ging murrend hinter her und ſchlug ſich mit der Fauſt auf die Stirne, während er ſich ſelbſt der Dummheit anklagte. So ſtiegen ſie den Sandhügel hinab und gelang⸗ ten auf den Fußpfad, welcher nach der Hütte von Vater Stock führte. VII. Herr de Milval, zerſchmettert unter dem Schlage jener ſchrecklichen Rachrichten, blieb gefühllos fur die liebreichen Verſuche, welche Bella, ihr Vater und Joſeph machten, um einiges Licht in ſeine düſtere Verzweiflung zu werfen. Er ging ſogleich zu Bette und bat ſo dringend, man möchte ihn ganz allein laſſen, daß Niemand in dem Kämmerchen zu bleiben wagte. Es herrſchte Schrecken und Angſt in der Woh⸗ nung von Vater Stock; denn man befürchtete mit Recht, der arme junge Mann möchte, krank und ſchwach wie er war, den grauſamen Schlag nicht überleben. Der Wundarzt ſelbſt, welchen man durch Joſeph hatte rufen laſſen, wußte Nichts zu ſagen, um die erſchreckten Leute zu beruhigen, und ver⸗ mehrte noch ihre Beſorgniß durch ſeine zweifelnden Worte und ſeine ſichtbare Bekümmerniß. Die ganze Nacht, welche auf die unvorſichtige Enthüllung des Strandläufers folgte, wachten ſie alle zuſammen. Vater Stock und ſeine Tochter, Tante Klär und Joſeph ſaßen unten bei dem Nachtlichte um de ob nich deuten dem kl Stock ſich hi heftige gefalle: Be ſie beh nicht 3 niß ſei die An hörte ten Br zurückh ſchreckli Na ihrer? lich zu Weile Treppe Augen. „A aber ſc Die Mitleid Klage So erwarte reits e in Ohr h ging Fauſt mmheit gelang⸗ te von chlage os für er und düſtere Bette allein bleiben Woh⸗ te mit ik und nicht durch ſagen, d ver⸗ enden ſichtige ſie alle Tante tlichte 119 um den Tiſch und horchten mit klopfendem Herzen, ob nicht ein Ruf, eine Klage, ein Seufzer ihnen an⸗ deuten würde, daß der Kranke ihre Hülfe bedürfe. Aber Nichts: die völligſte Stille herrſchte in dem kleinen Kämmerchen, und Tante Klär und Vater Stock glaubten, endlich der erfreulichen Gewißheit ſich hingeben zu dürfen, der Kranke werde trotz ſeines heftigen Schmerzes in einen wohlthuenden Schlaf gefallen ſein. Bella theilte dieſen tröſtenden Gedanken nicht; ſie behauptete vielmehr, der Unglückliche werde noch nicht zu weinen aufgehört haben und in der Finſter⸗ niß ſeine Thränen reichlich fließen laſſen. Während die Andern nicht das mindeſte Geräuſch vernahmen, hörte ſie die ſchweren Athemzüge aus ſeiner gepreß⸗ ten Bruſt und das ſchmerzliche Stöhnen, welches er zurückhielt und unterdrückte, um nicht in ſeiner ſchrecklichen Verzweiflung geſtört zu werden. Nachdem ſie lange Zeit die traurige Meinung ihrer Nichte beſtritten hatte, ſtieg Tante Klär end⸗ lich zu dem Kämmerchen hinauf und blieb dort eine Weile horchend ſtehen. Als ſie wieder von der Treppe herabſtieg, ſtanden ihr die Thränen in den Augen. Sich an dem Tiſche niederſetzend, ſprach ſie: „Ach, Bella hat Recht, der arme Menſch weint, aber ſchläft nicht!“ Dieſe Worte erfüllten Jedermann mit tiefem Mitleid; alle Augen wurden naß, und ein Laut der Klage drang aus jeder Bruſt.. So ſaßen ſie in der Stille trauernd und den Tag erwartend da und blieben wach, bis die Sonne be⸗ reits eine Stunde über dem Horizont aufgeſtiegen 120 war. Tante Klär und Joſeph gingen nach Hauſe, mit dem Verſprechen, bald wieder zu kehren; Vater Stock hatte ſeine gewöhnliche Arbeit äufgenommen und Bella war mit dem Reinigen und Aufbewahren der Taſſen und Kannen beſchäftigt, woraus man den Morgencafé getrunken hatte. Plötzlich ließ ſie eine Taſſe aus der Hand fallen und ſtieß einen Schrei der Ueberraſchung aus.. Herr von Milval ſtieg völlig angekleidet von der Treppe in das Zimmer herab. Einen Gruß flüſternd, trat er an den Kamin und ſank dort auf einen Stuhl. Es war augenſcheinlich, daß das Mädchen ſich in ihrer Meinung nicht getäuſcht hatte; denn die Augen des jungen Edelmanns, ſelbſt ſeine bleichen Wangen verriethen die Spuren von Thränen, welche lang und unaufhaltſam gefloſſen ſein mußten. Jetzt waren ſeine Augen jedoch trocken, und ſein Angeſicht trug den Ausdruck ruhiger Gelaſſenheit und Ergebung; ja ein ſtilles Lächeln ſchweifte auf ſeinen Lippen, als er den Blick zu Bella erhob, um ihr für ihre milde Theilnahme zu danken. Die Gewißheit, daß Gott dem armen jungen Mann ſo viel Kraft geſchenkt hatte, um nicht unter dem Gewicht ſeines Elends zu erliegen, machte auf Bella einen ſolchen Eindruck, daß ſie hoch erfreut zu ihm trat, ſich neben ihn ſetzte und in dem ſüßeſten Ton ihrer Stimme allerlei Worte des Troſtes und der Ermunterung an ihn zu richten begann. Aber bald wurde ſie wieder von einer zunehmenden Be⸗ ſorgniß befallen, und allmälig erbleichte ſie unter der Regung ängſtlicher Beſorgniß. V Antw Gefül dem das Gedri der E Hoffn . baren gebroc verſchl geraul gelaſſe ſeinem Leben liche 2 grinste det ha all her der M ſich m umhüll Grabe De mung drückt, edelmü Es wa hätte, reien deren Hauſe, Vater nommen ewahren nan den d fallen n der üſternd, f einen ſich in Augen Vangen e lang twaren ht trug ng; ja n, als milde jungen unter te a eut zu üßeſten s und Aber n Be⸗ ter der Was der Edelmann auf ihre Ermunterung zur Antwort gab, war äußerſt freundlich und von dem Gefühl inniger Dankbarkeit beſeelt; aber es lag in dem Ton ſeiner Stimme und ſelbſt in dem Lächeln, das auf ſeinen Lippen ſpielte, etwas ſo Leidendes, Gedrücktes und Hinſterbendes, daß das Mädchen bei der Erkenntniß eines Schmerzes ohne Ende und ohne Hoffnung zurückbebte. Herr de Milval bat mit einer wahrhaft furcht⸗ baren Ruhe das Mädchen um Vergebung, wenn ſein gebrochenes Herz für ihre edelmüthigen Bemühungen verſchloſſen bliebe. Das Schickſal hatte ihm Alles geraubt, was ihm theuer war; ihm Nichts zu lieben gelaſſen und für immer das Licht der Hoffnung in ſeinem Buſen ausgelöſcht; denn ſchaute er auf ſein Leben zurück, ſo gewah te er Richts, als eine entſetz⸗ liche Blutſpur; und blickte er in die Zukunft, ſo grinste ihm die Bosheit, welche ſeine Eltern gemor⸗ det hatte, triumphirend und ſpottend entgegen. Ueber⸗ all herrſchte die Gottvergeſſenheit mit ſo überwiegen⸗ der Macht, daß deren Opfer Nichts übrig blieb, als ſich mit Gefühlloſigkeit gleich einem Leichentuche zu umhüllen, und ſich in der Verzweiflung gleich einem Grabe niederzulegen. Der junge Mann hatte dieſe trübe Gemüthsſtim⸗ mung nur allmälig und in kurzen Worten ausge⸗ drückt, bis er ſich endlich genöthigt ſah, auf das edelmüthige Andringen des Mädchens zu antworten. Es war deutlich, daß er am liebſten ſtill geſchwiegen hätte, um ganz einſam ſeinen ſchmerzlichen Träume⸗ reien nachhängen zu können; aber Bella und auch deren Vater fühlten ein ſo ſchmerzliches Mitleiden 122 mit ſeinem elenden Looſe, daß ſie immer ihre Be⸗ mühungen erneuerten, um ihn aus dem Abgrund der Verzweiflung empor zu richten. Allein Nichts machte Eindruck auf ſein Gemüth; er war wie verſteinert in ſeinem Leide und unzugänglich für Alles, was ihm das Bild ſeines grenzenloſen Unglücks ſchwächen konnte. Ermüdet von der liebreichen Gewalt, welche ſie ſich anthat, und entmuthigt durch die Nutzloſigkeit ihrer Bemühungen, hatte Bella ſich ſtill am Tiſche nieder⸗ geſetzt. Während ſie ſcheinbar an ihrem Leinenzeug fortnähte, heftete ſie mit klopfendem Herzen und feuchtem Auge den Blick auf den kranken Edel⸗ mann, welcher träumend den Kopf auf die Bruſt geſenkt hielt. Plötzlich ſtand Herr de Milval von ſeinem Stuhle auf und äußerte das Verlangen, ein Bischen in den nächſten Dünen herumzuwandeln. Die Sonne war noch wärmer als geſtern, und man brauchte nicht zu fürchten, daß die freie Luft ihm Schaden bringen würde. Bella zeigte ſich bereit, ihm Geſellſchaft zu leiſten; aber er bat um die Gefälligkeit, ihn doch allein ausgehen zu laſſen: die Einſamkeit würde vielleicht einige Ruhe in ſeine erſchütterten Sinne bringen. Er hatte jedoch kaum die Hütte einige Minuten verlaſſen, als Bella von einer fieberiſchen Ungeduld angetrieben wurde, ihm zu folgen. Sie widerſetzte ſich dem Rathe ihres Vaters unter dem Vorwande, man dürfe den unglücklichen jungen Mann nicht allein ſeiner düſtern Verzweiflung überlaſſen; und als ſie endlich Erlaubniß erhielt, eilte ſie ſchnell aus dem Hauſe und verſchwand in den Dünen. Er benetzt ihren began Herrn gefreu Kraft aber! noch ſe lichen der S eine e die H Märtr vergoſ Vo indem des ju ſchreckl die Ze M gezoge achten ſelbſt Be ſich hi Vaters genom zu de Vater men, worin e Be⸗ und der machte ſteinert s im konnte. che ſie it ihrer nieder⸗ nenzeug en und Edel⸗ Bruſt Stuhle in den e war nicht zu bringen haft zu n dch würde Sinne tinuten igeduld derſetzte wande, tnicht i; und ell aus Erſt lang hernach kehrte ſie wieder. Thränen benetzten noch ihre Wangen; ſie ſetzte ſich neben ihren Vater, legte ihm den Arm um den Hals und begann in traurigem Ton das ſchreckliche Loos des Herrn von Milval zu beklagen. Ach, ſie hatte ſich gefreut, daß Gott während der Nacht ſeinem Körper Kraft genug gegeben hatte, um nicht zu unterliegen; aber die verhängnißvolle Nacht hatte ihn mit einer noch ſchrecklicheren Krankheit geſchlagen: einer ſchmerz⸗ lichen Krankheit des Herzens, einer furchtbaren Qual der Seele! Der Unglückliche! Er haßte das Leben; eine einzige Hoffnung glühte noch in ſeinem Herzen: die Hoffnung, daß der Tod ihn bald zu den heiligen Märtyrern, deren Blut die Guillotine ſo grauſam vergoſſen hatte, emporheben würde. Vater Stock ſuchte ſeinem Kinde Muth einzuflößen, indem er ihr begreiflich machte, daß die Verzweiflung des jungen Mannes ſo kurz nach dem Empfang der ſchrecklichen Nachrichten ſehr natürlich wäre; daß aber die Zeit alle Wunden heilte und alle Schmerzen milderte. Man ſollte demnach nur einige Tage die Zurück⸗ gezogenheit und das Leid von Herrn von Milval achten und überzeugt ſein, daß er allmälig ſich von ſelbſt aus ſeiner Verzweiflung aufraffen würde. Bella ſchien anfänglich dieſer tröſtenden Hoffnung ſich hinzugeben; ſie hatte ſogar auf Anrathen ihres Vaters ihre unterbrochene Hausarbeit wieder auf⸗ genommen; aber es dauerte nicht lang, ſo wollte ſie zu dem kranken Jüngling zurückkehren. Um ihren Vater zur Einwilligung in ihr Verlangen zu beſtim⸗ men, ſchilderte ſie mit tiefem Gefühl den Zuſtand, worin der arme Milval ſich befinden mußte, ſo ganz allein mit ſeinem unermeßlichen Schmerz, ohne daß er Jemand ſein Weh klagen ohne daß Jemand ihn gegen ſeine fürchterliche Verzweiflung ſchützen könnte. Sie ging wieder in die Dünen und ſuchte einige Erquickung in das zerriſſene Herz des leidenden Jünglings zu gießen, aber ſie kehrte eben ſo unge⸗ tröſtet zurück. Dieſer liebevolle Kampf Bella's gegen die Ver⸗ zweiflung von Herrn de Milval, gegen ſeine ent⸗ ſchiedene Muthloſigkeit und ſeinen Lebenshaß dauerte nicht blos bis zum Abend dieſes traurigen Tages; ſie ſetzte jedoch ihre edelmüthige Anſtrengung auch am folgenden Tage fort. Und obwohl alle ihre Mühe lange Zeit fruchtlos blieb, gab ſie doch das menſchenfreundliche Werk nicht auf. Es war als hätte ſie in der Verzweiflung des jungen Mannes eine Widerſacherin gefunden, durch welche ſie zum Kampfe herausgefordert wurde. Auch ſchien das menſchenfreundliche Mädchen an Entſchloſſenheit und Geiſteskraft in dem Maße zu gewinnen, als die Untröſtlichkeit des Herrn von Milval ihr Widerſtand bot. Ihr Verſtand gelangte unter dem Antrieb ihres feurigen Verlangens, hier den Sieg davon zu tragen, zu einer wunderbaren Entwicklung; ſie wurde beredt, reich an Erfindungsgeiſt und unbegreiflich fein von Gefühl. Sobald ſie ihre Geſchäfte mit aller Eile abgethan hatte, war ſie an der Seite des Herrn von Milval und wohin er auch ging, ſie folgte ihm; und welcher ſchmerzliche Gedanke ihn auch bedrückte, ſie errieth ihn auf ſeinem Geſichte; und wie er auch ſein Herz allem Troſte verſchloſſen hielt, ſie wußte es zu Lichtſt K chen Sieg der ji Schme Mitlei Fiſche los b den m zärtlich W Engels Liebe beganr behage Be zu ihr nicht n glück Betrüb ſeine L gegeng entſtan wegung heit ve lich ſü So Kopfe ſein ge und hi ne dß ind ihn könnte. einige idenden o unge⸗ ie Ver⸗ ine ent⸗ dauerte Tages; g auch le ihre och das ar als Mannes ſie zum en das ei als die derſtand b ihres tragen, beredt, ein von bgethan Milval n; und kte, ſie er auch wußte 125 es zu öffnen und hin und wieder einen flüchtigen Lichtſtrahl dahin zu ſenden. Kein Wunder, daß endlich, nach Tagen und Wo⸗ chen ſolcher Aufopferung und ſolchen Streites, der Sieg ihr entſchieden zu lächeln begann. Wie hätte der junge Mann, nun der Balſam der Zeit ſeine Schmerzen gelindert hatte, all den Beweiſen von Mitleid und Anhänglichkeit, welche ihm das edle Fiſchermädchen gab, widerſtehen können? Wie gefühl⸗ los bleiben können für die ſüße Beredtſamkeit, für den milden Blick ihrer Augen und für die tauſend zärtlichen Sorgen, womit ſie ihn umringte? Weit entfernt, noch länger die Tröſtungen des Engels abzuweiſen, welcher die Hoffnung und die Liebe zum Leben wieder in ſeinem Buſen anfachte, begann Herr von Milval mit unerklärlichem Wohl⸗ behagen auf ihre ſanften Worte zu horchen. Bald fühlte er ſich durch eine geheime Neigung zu ihr hingezogen; und wirklich überfiel ihn, wo ſie nicht war, die ſchmerzliche Erinnerung an ſein Un⸗ glück und beugte ſein Haupt unter der Laſt der Betrübniß; aber wo ihre freundliche Stimme in ſeine Ohren klang, wo ihr zärtlicher Blick ihm ent⸗ gegenglänzte, da war für ihn Troſt und Muth, da entſtanden in ſeinem Herzen ſolche mächtige Be⸗ wegungen, daß ſie ihn oft ſeine ſchmerzliche Vergangen⸗ heit vergeſſen und auf dem Strome eines unausſprech⸗ lich ſüßen Zaubers dahin treiben ließen. So verliefen vier Wochen. Die Wunden am Kopfe des Herrn von Milval hatten ſich geſchloſſen; ſein gebrochener Arm war noch nicht ganz geheilt und hing noch bewegungslos in einem Tragbande; 126 aber der Chirurg hatte die Verſicherung gegeben, daß er in vierzehn Tagen den freien Gebrauch ſeines Armes wieder erlangen würde. Um dieſe Zeit ging beinahe plötzlich eine gründ⸗ liche Veränderung in dem Betragen des Jünglings gegen Bella vor. Sie hatte ſeit einigen Tagen be⸗ merkt, daß er ſehr zum Stillſchweigen geneigt war; ſie hatte ihn zwei oder drei Mal beobachtet, wie er die Augen mit einem ſeltſam feſten Blick— voll Betrübniß und hinſterbend wie eine Klage, dünkte ihr, auf ſie gerichtet hielt. Bekümmert über die Wiedererſcheinung einer Feindin, die ſie mit ſo viel Kraft bekämpft hatte, vermehrte das Mädchen ihre Anſtrengungen, um dem trauernden jungen Mann neuen Muth und neues Vertrauen einzuflößen! aber er ſchien nicht länger an dem Geſpräch mit ihr und an ihrer Gegenwart Vergnügen zu finden. War ſie zu Hauſe, ſo ſchützte er Unpäßlichkeit vor und blickte ganze Morgen durch das kleine Fenſter ſeines Kämmerchens hinaus in die Ferne; war ſie abweſend, ſo verlief er ſich ſo tief in die Dünen hinein, daß Niemand ihn finden konnte; ſaß er des Mittags oder Abends an dem gemein⸗ ſamen Tiſche, ſo ſchlug er meiſtens die Augen zu Boden, als fürchte er, des Mädchens Blicken zu begegnen. Er ſprach in ſich ſelbſt hinein, wenn er allein zu ſein wähnte; eine auffallende Unruhe ver⸗ folgte ihn, und es war deutlich, daß ein geheimer Schmerz ihm an dem Herzen nagte, obwohl er es nicht geſtehen wollte. Aber bei dieſem Allem blieb ſein Wort ſehr freundlich, und er bat ſo demüthig um Entſchuldigung, daß Bella in ſeinem neuen Ge⸗ müth leiden fand. den G denn gegen den ſchaft verſar E wiede ſeinen fühl daß Erreg mann ſchaute einige plötzli Lipper drohte, Gl anderr war T und A Europ um m und d Nachri hatte Gent daß di gegeben, ch ſeines e gründ⸗ ünglings agen be⸗ igt war; wie er voll „dünkte g einer ft hatte, um dem d neues t länger genwart ſchützte en durch s in die ſo tief konnte; gemein⸗ ugen zu icken zu wenn er the ver⸗ eheimer er es m blieb müthig len Ge⸗ 127 müthszuſtand Nichts als einen Grund zu mehr Mit⸗ leiden und zu zärtlicheren Bemühungen, ihn zu tröſten, fand. Allein es waren eben dieſe Bemühungen, welche den Edelmann zu betrüben und zu erſchrecken ſchienen; denn ſo oft das einfache Mädchen in dem Kampf gegen ſeine Betrübniß ihm in wunderſüßen Worten den Ausdruck ihrer Zuneigung und ihrer Freund⸗ ſchaft wiederholte, wurde er ſchmerzlich bewegt und verſank noch tiefer in ſeine düſtere Verſchloſſenheit. Eines Mittags, da Bella nach dem Eſſen ſich wieder viele Mühe gegeben hatte, einiges Licht in ſeinen verfinſterten Geiſt zu bringen, ſchlug das Ge⸗ fühl ihrer Unmacht ſie mit ſolcher Entmuthigung, daß ſie plötzlich in Thränen ausbrach. In ihrer Erregung äußerte ſie Worte, welche auf den Edel⸗ mann einen unerklärlichen Eindruck machten: er ſchaute ſie mit erſchrockenem Blicke an, murmelte einige undeutliche Entſchuldigungen und beugte dann plötzlich ſtillſchweigend den Kopf, als hätte er die Lippen einem Geheimniſſe, das ihm zu entſchlüpfen drohte, verſchloſſen. Glücklicher Weiſe rettete ihn der Eintritt einer andern Perſon aus dieſer traurigen Verlegenheit. Es war Tante Klär, welche mit einem Schwall von Worten und Ausrufen die Zeitung brachte, daß alle Könige Europa's einen Bund mit einander geſchloſſen hätten, um mit vereinigter Macht in Frankreich einzufallen und die Republik zu vernichten. Man durfte dieſe Nachricht für gewiß anſehen, denn der Strandläufer hatte ſie zu Adinkirchen von einem Kaufmann aus Gent erzählen hören. Dieſer hatte ſogar verſichert, daß die verbündeten Mächte bereits durch Brabant 128 marſchirt wären, und man deßhalb jeden Tag die Nachricht von einer großen Feldſchlacht erwarten dürfte. Herr von Milval nahm nur geringen Antheil an dieſem Geſpräch und verlor ſich in ängſtlichen Betrachtungen. Sei es, daß die Botſchaft von einem entſcheidenden Krieg gegen diejenigen, welche er als die Unterdrücker ſeines Vaterlandes anſah, ihn tief bewegt, oder daß die Thränen des Mädchens einen ſchmerzlichen Eindruck auf ſein Gemüth gemacht hatten; er hörte nicht auf das, was geſagt wurde, und ſchien bekümmert und von einem geheimen Schrecken ergriffen. Bella verſuchte wieder, ihn zu tröſten; doch er, dadurch nur noch mehr erregt, ſtand auf und erklärte, er wolle einen Spaziergang in den Dünen machen und einige Kraft gegen ſeine unruhigen Gedanken ſuchen. Er verließ die Hütte und eilte über Hügel Thäler in der Richtung der Kirchenpfanne da⸗ Als er lang hernach in die Hütte zurückkehrte, fand er weder den Blinden, noch ſeine Tochter. Dieß verwunderte ihn nicht. Vater Stock hatte die Ge⸗ wohnheit, von Zeit zu Zeit mit ſeiner Arbeit zu Tante Klär zu gehen, um ihr einige Geſellſchaft zu leiſten. Es war hohe Fluth; demnach konnte Bella nicht auf den Garneelenfang aus ſein; aber wahr⸗ ſcheinlich befand ſie ſich in den Dünen, um die Kuh i den Eſel in den grünſten Thälern weiden zu aſſen. Herr von Milval ſetzte ſich unter dem Kamin auf einen Stuhl. Ohne Zweifel verfolgten ihn noch dieſelben ängſtlichen Gedanken, denn ſein Auge war weit ge bisweil gleich Nichts bekomm End und ba Laute. Dankba in mir ich lebe gedenker zwingen ſüßen 3 wurde. aus ihr mich eit iſt? Ac Abend niſſes m Kind! ihres lie Licht de gießen. die inni ſie dem ich, was zu verge den Her Trauer; Ruhe a Conſe Tag die ndürfte. Antheil gſtlichen niem e er als ihn tief s einen gemacht wurde, heimen doch er, erklärte, machen edanken r Hügel mne da⸗ ckkehrte, r. Dieß die Ge⸗ rbeit zu chaft zu te Bella rwahr⸗ die Kuh iden zu Kamin hn noch ige war 129 weit geöffnet und zur Erde gerichtet, und er ſchüttelte bisweilen ungeduldig und verdrießlich den Kopf, gleich Jemand, der ſein eigenes Herz befragt und Nichts als traurige oder entmuthigende Antworten bekommt. Endlich begannen ſeine Lippen ſich zu bewegen und bald entſchlüpften ſeinem Munde verſtändliche Laute. „Ich bin Mann,“ murmelte er,„die Pflicht der Dankbarkeit ſoll mir die Kraft geben, um das, was in mir vorgeht, geheim zu halten. Gewiß, ſo lang ich lebe, werde ich der Wohlthaten dieſer guten Leute gedenken! aber der Name, den ich trage, wird mich zwingen, zu vergeſſen, daß meine Seele hier von dem ſüßen Zauber, welchen man Liebe nennt, befangen wurde.— Aber Bella? Sollte es wahr ſein, daß aus ihrem Mitleiden und aus ihrer Freundſchaft für mich eine nicht zu befriedigende Neigung erwachſen iſt? Ach, ich fürchte es ſeit einigen Tagen. Geſtern Abend hat die Vermuthung eines ſolchen Geheim⸗ niſſes mir Schmerz und Schrecken eingeflößt. Armes Kind! Sie hat mir das Leben gerettet; alle Schätze ihres liebevollen Gemüths hat ſie erſchöpft, um das Licht der Hoffnung in meine zerriſſene Bruſt auszu⸗ gießen. Selbſt den Schweiß ihres Angeſichtes, ſelbſt die innigſten Gebete ihrer gottliebenden Seele hat ſie dem unglücklichen Fremdling geweiht... und ich, was ſoll ich thun, um dieſe wunderbare Güte zu vergelten? Ich ſoll in dieſem reinen und lieben⸗ den Herzen den vergiftenden Dolch einer ewigen Trauer zurücklaſſen?.. Wehe, kann ich noch einige Ruhe auf Erden haben, wenn mein erregter Geiſt Conſcience, Bella Stock. 9 130 und mein anklagendes Gewiſſen ſie mir zeigen, in den Dünen herumirrend, verkümmernd vor Schmerz, und Thränen vergießend über die Abweſenheit des Mannes, deſſen Geburt und Blut eine unüberſteig⸗ liche Scheidewand zwiſchen ihrem und ſeinem Herzen aufgeführt haben? Nein, nein, nicht gezögert. Viel⸗ leicht iſt es noch Zeit; wahrſcheinlich hat das Liebes⸗ gefühl, das mich erſchreckt, noch keine feſten Wurzeln in dem Herzen dieſes einfachen Kindes getrieben... Der Abſchied wird ihr ſchmerzvoll ſein.— Und mich, wird das grauſame Lebewohl mich denn gefühllos laſſen? Er ſenkte den Kopf tiefer auf die Bruſt und blieb lang in ſtilles Nachdenken verloren. Sein Geſicht erhellte ſich und ein träumeriſches Lächeln ſchweifte auf ſeinen Lippen, während er ſagte: „Edel? Aber ſind ſie nicht edel, dieſe niedrigen Menſchen, die ungekannt und unbelohnt Tugend üben und Opfer bringen, ohne daß ein erlauchter Name ihnen ein Geſetz daraus macht? Was kann edler und reiner ſein als das Herz dieſes einfachen Mäd⸗ chens? Unſchuldig wie eine Taube, liebreich wie ein Engel, muthig und ſtark wie eine Jungfrau alter Zeiten— und ſchön, ſchön wie meine arme Schwe⸗ ſter!... Hier in den Dünen wohnen, an ihrer Seite, fern von der gottloſen Welt, in einer Atmoſphäre von Seelenfrieden, von Freundſchaft und Liebe? Ein ganzes Leben unzerſtörbaren Glückes!“ Er reckte auf einmal die Glieder, als wäre er von einer plötzlichen Wandlung ſeiner Gedanken ergriffen. Stolz das Haupt erhebend, ſprach er im Tone der Entrüſtung: „T die mi in ſole erregte Verwir Schant „V vergeſſ ſollte ſein G ausſter niedrig nein, niederſe mich n und W das Lel entſtehe Thräne gen, ab rechtfer die me Haß ge und rie Vaterla verwun wollte, unt geheilt aus der ihr Glü zeigen, in Schmerz, nheit des rüberſteig⸗ m Herzen rt. Viel⸗ as Liebes⸗ Wurzeln rieben... Und mich, gefühllos ruſt und n. Sein s Lächeln gte niedrigen gend üben te Name ann edler hen Mäd⸗ h wie ein frau alter e Schwe⸗ rer Seite, tmoſphäre iebe? Ein äre er von ergriffen. Tone der 131 „Thorheit! Welches iſt denn die geheime Macht, die mich ſo ſehr beherrſcht, daß ich immer von Neuem in ſolche ſinnloſe Träumereien mich verirre? Meine erregte Seele ergötzt ſich an einem Gedanken, deſſen Verwirklichung eine Niederträchtigkeit und eine ewige Schande wäre! „Wie? Der letzte Abkömmling der Milvals ſollte vergeſſen, welches Blut in ſeinen Adern fließt? Er ſollte das Erbtheil der väterlichen Ehre aufgeben, ſein Geſchlecht hier in der Einſamkeit der Dünen ausſterben und ſein fleckenloſes Wappenſchild zwiſchen niedrigen Fiſchern verloren gehen laſſen? O, nein, nein, mein Vater ſoll aus Gottes Schooße nicht niederſehen auf einen ausgearteten Sohn. Ich will mich nicht zu beſchuldigen haben, daß ich mit Wiſſen und Willen in dem Buſen derjenigen, welche mir das Leben rettete, eine verhängnißvolle Neigung habe entſtehen laſſen. Ach, es iſt wohl grauſam, die Thränen dieſes guten Engels zum Fließen zu brin⸗ gen, aber das unerbittliche Geſetz der Pflicht gebietet! Was ihr ſagen? Wie den unerwarteten Beſchluß rechtfertigen? Aber wenn die Emigranten, ſie, die meine Brüder ſind, durch das Unglück und den Haß gegen die Mörder meiner Eltern, einen letzten und rieſigen Verſuch machen, um das verlorene Vaterland wieder zu gewinnen, ſollte es dann zu verwundern ſein, wenn ich gleichfalls mich aufmachen wollte, um unter ihren kapfern Fahnen zu ſtreiten? und mein gebrochener Arm, der noch nicht ganz geheilt iſt? Es iſt gleich, ich muß mich losreißen aus dem Zauber, welcher meinen Geiſt verdüſtert, ihr Glück, die Ruhe ihres Lebens ſtehen auf dem 9* 132 Spiele: die geringſte Zögerung iſt eine Niederträch⸗ tigkeit und eine Miſſethat.“ Mit dieſen letzten Worten ſtand er auf, verließ die Hütte und marſchirte in die Dünen. Nachdem er viele Hügel hinauf und in ebenſo viele Tiefen wieder herabgeſtiegen war, blieb er endlich auf dem äußerſten Rande einer Art von Becken ſtehen, welches auf allen Seiten von ſandigen Höhen wie mit einer Ringmauer umſchloſſen war. Hier ſah er Bella auf dem Boden ſitzen, und nicht fern von ihr den Eſel und die Kuh, welche die ſpärlichen Gräſer abweideten, womit der feuchte Boden begrünt war. Es ſtieg ihm der Gedanke auf, das Mädchen habe dieſen Platz gewählt, um in der völligſten Einſamkeit ſich ihren Träumereien überlaſſen zu können; denn abgeſehen von dem faſt unhörbaren Brauſen der See, war es hier ſo ſtill und todt wie in einem Grabe und der Blick konnte nirgends ſich frei ergehen, als hoch oben in dem unermeßlichen Blau des Himmels.. Dieſe Vermuthung betrübte ihn, aber zugleich ſchien er daraus mehr Entſchloſſenheit und mehr Willenskraft zu ſchöpfen; denn er ſtieg mit feſtem Schritt den Abhang hinunter und ging auf das Mädchen zu. Bella ſaß, obwohl ſie ein Strickzeug in der Hand hielt, faſt bewegungslos, mit zu Boden geſchlagenem Auge, da, und ſo tief mußte ſie in ihre Träume verſunken ſein, daß ſie wie aus dem Schlafe auffuhr, als Herr de Milval endlich hart in ihrer Nähe war. Sie hatte geweint; gleichwohl grüßte ſie ihn durch ihre Thränen mit einem ſtillen, ſanften Lächeln. Der zens ge in tröſte für alle „Be Vorgefü begehrſt We Nachſicht viel ſag ich wag Ihnen es wohl als ich bin ich mir die Ihnen C gabe ha! men; un chen, ſie peinigt: viel von loſigkeit verbergen daß ein „Du Betrübni ederträch⸗ „verließ Nachdem le Tiefen auf dem welches mit einer Bella auf den Eſel weideten, Mädchen völligſten aſſen zu hörbaren todt wie ends ſich meßlichen zugleich nd mehr it feſtem auf das der Hand hlagenem Träume auffuhr, ihe war. hn durch eln. 133 Der junge Mann, durch die Zeichen ihres Schmer⸗ zens gerührt, ſetzte ſich neben ihr nieder und fragte in tröſtendem Tone: „Bella, armes Kind, Du weinſt in der Einſam⸗ keit? Haſt Du Kummer?“ „Ach, ich bin ſeit einiger Zeit ſo unglücklich!“ ſeufzte ſie.„Es iſt recht grauſam von Ihnen, Herr, mir die einzige Belohnung zu verweigern, welche ich für alle meine Mühe begehre.“ „Belohnung?“ murmelte Milval faſt bebend im Vorgefühl einer gefürchteten Offenbarung.„Was begehrſt Du denn von mir?“ „Wenig,“ antwortete das Mädchen,„ein Bischen Nachſicht. Seit einer Woche habe ich Ihnen oft und viel ſagen wollen, was mich ſo traurig macht; aber ich wagte es nicht. Nun Sie mich fragen, will ich Ihnen antworten. Sehen Sie, Herr, Sie werden es wohl hochmüthig von meiner Seite finden; aber als ich Sie in meines Vaters Wohnung brachte, bin ich zu denken geneigt geweſen, daß Gott ſelbſt mir die Pflicht auferlegt habe, über Sie zu wachen, Ihnen Geſundheit und Troſt zu geben. Dieſe Auf⸗ gabe habe ich mit Dankbarkeit und Liebe angenom⸗ men; und ich habe in meinen Gebeten Gott verſpro⸗ chen, ſie zu Ende zu bringen. Seit einiger Zeit aber peinigt mich die traurige Ueberzeugung, daß ich zu viel von meinen Kräften erwartet habe. Die Muth⸗ loſigkeit drückt ſchwerer als je auf mir, Herr; Sie verbergen mir Ihren Kummer, aber ich ſehe wohl, daß ein grauſamer Wurm an Ihrem Herzen nagt.“ „Du irrſt Dich, Bella, das iſt der Grund meiner Betrübniß nicht,“ ſagte der junge Mann tiefgerührt. 134 „Sie können nicht immer hier bleiben, Herr,“ fuhr das Mädchen fort.„Ich weiß wohl, daß ein Mann von Ihrer Geburt und von Ihrem Rang einen andern Beruf auf der Welt hat, als unter armen Fiſchern ſein Leben zu beſchließen. Sie werden alſo von hier abreiſen, ſobald Sie geneſen ſind. Ach, ich werde nicht einmal denken dürfen, daß ich Ihren Schmerz zu ſtillen vermochte! Ich werde im Geiſte Sie unter einer ewigen Verzweiflung gebeugt ſehen! Ihre Abweſenheit, Herr, wird mich auf lange Zeit traurig machen; aber hätte ich Sie weggehen ſehen mit einigem Muth und einiger Hoffnung auf das Leben, welch ein ſüßer Troſt wäre es für mich geweſen, denken zu dürfen, daß Sie nicht ganz un⸗ glücklich auf Erden ſein würden!“ „Du wünſcheſt alſo recht innig das Glück des armen Fremdlings?“ rief der junge Mann, eine Weile verſtummt über ſo viel Selbſtaufopferung. „Innig, Herr!“ wiederholte ſie„Etwas für Sie thun zu dürfen, war für mich eine Quelle un⸗ ausſprechlich ſüßer Empfindung; Ihr Aeußeres, Ihre Sprache, der Adel Ihres Gemüths haben meinen Geiſt mit einem unbekannten Licht erhellt und das arme Fiſchermädchen hat ſich in ſeinen eigenen Augen erhoben gefühlt. Die wenigen Wochen ſind ein ganzes Leben für mich. Nun, glauben Sie mir, Herr, um den glücklich zu wiſſen, welchen Gott meiner Sorge anvertraute, könnte ich mir ſelbſt gefallen laſſen, daß ich ihn nie geſehen hätte...“ Der Edelmann unterlag einer plötzlichen Rührung. Sich ſelbſt vergeſſend, faßte er das Mädchen bei der Hand und flüſterte Worte feuriger Dankbarkeit.. Hin einer A Derjenie ſchien ü beinahe Furcht, unterbre benheit Milval. Du ſoll gehrſt; Leben. liches U Bild zu Stärke 1 „Da „Zw wahr; i ligen Ve Herr rung au und ſcha dauern Mädchen ihren Si um Entſ ſprechen er war nicht me einen Gr Ankündie Herr,“ „ daß ein ang einen ter armen erden alſo Ach, ich ich Ihren im Geiſte ugt ſehen! auf lange weggehen fnung auf für mich ganz un⸗ Glück des ann, eine ferung. Ftwas für Quelle un⸗ eres, Ihre en meinen t und das nen Augen ein ganzes Herr, um ner Sorge laſſen, daß Rührung. en bei der arkeit. 135 Hinter der gegenüber befindlichen Düne war ſeit einer Weile der Kopf eines Mannes aufgeſtiegen. Derjenige, welcher die jungen Leute ſo beobachtete, ſchien überraſcht durch das, was er ſah, und zog ſich beinahe ganz hinter die ſandige Höhe zurück, aus Furcht, daß ſeine Erſcheinung das wichtige Geſpräch unterbrechen möchte. „O, Bella, Du biſt wunderbar in Deiner Erge⸗ benheit und in Deinem Edelmuth!“ rief Herr de Milval.„Habe Dank, habe Dank! Fürchte Nichts, Du ſollſt ſie erhalten, die Belohnung, die Du be⸗ gehrſt; ich werde Muth haben, und Glauben an das Leben. Und umdüſtert die Erinnerung an ſchreck⸗ liches Unglück meinen Geiſt, ſo will ich immer Dein Bild zu Hülfe rufen und Dich, wenn auch fern, um Stärke bitten gegen den Kummer.“ „Darf ich das hoffen?“ „Zweifle nicht daran. Was ich Dir ſage, iſt wahr; ich werde mein Verſprechen gleich einer hei⸗ ligen Verpflichtung erfüllen.“ Herr de Milval nahm, nachdem er dieſe Verſiche⸗ rung ausgeſprochen, ſeine vorige Haltung wieder an und ſchaute ſtillſchweigend zu Boden, als ob er Be⸗ dauern über das, was geſchehen war, fühlte. Das Mädchen war ſehr froh und ergoß ſich, entzückt über ihren Sieg, in zärtliche Worte, um für ihre Keckheit um Entſchuldigung zu bitten und ihm für ſein Ver⸗ ſprechen wie für eine Wohlthat zu danken. Aber er war wieder in Gedanken verloren und horchte nicht mehr auf. Er fragte ſich ſelbſt, ob es wohl einen Grund gäbe, um die gute Bella durch die Ankündigung ſeiner Abreiſe zu betrüben. Es ſchien 136 ihm unverkennbar erwieſen, daß er ſich über den wahren Grund von des Mädchens Neigung zu ihm gänzlich getäuſcht habe; denn hatte die Liebe— dieſes Gefühl, das die Seele beherrſcht und die Sinne erregt— Beſitz von ihrem Herzen genommen, wie konnte ſie ſo frei und offen, mit klarem und ruhigem Gemüthe dieſe höchſten Beweiſe von Anhänglichkeit geben? Aber er ſelbſt? War er, von Bewunderung hingeriſſen, wohl Meiſter ſeiner Bewegung geblieben? Und mußte er nicht vor ſeiner eigenen Schwachheit beſorgt ſein? Er ſuchte neue Kraft aus der Ueberzeugung ſei⸗ ner Pflicht zu ſchöpfen und ſchaute nach einer Weile wieder auf. „Bella,“ ſagte er,„ich war hieher gekommen, um Dir eine Mittheilung zu machen, welche Dich vielleicht überraſchen wird; aber Du wirſt mir ver⸗ geben, nicht wahr, wenn ich gegen meinen Willen mich gezwungen ſehe, Dir einigen Verdruß zu machen? Bella, ich muß abreiſen: eine unerbittliche Pflicht ruft mich fern von hier.“ „Noch zehn oder zwölf Tage,“ murmelte das Mädchen;„ich werde mich an den Gedanken Ihrer Abreiſe zu gewöhnen ſuchen.“ „Nein, nein, ich muß dieſen Ort verlaſſen, heute oder morgen.“ „Was? Was ſagen Sie? Sehen Sie, wie ich zittere! Heute oder morgen?“ „Beruhige Dich, Bella, und höre gleichfalls mit Nachſicht auf das, was ich Dir ſagen will,“ fuhr der Edelmann in feſtem Tone fort.„Du haſt durch Deine Tante gehört, daß die Könige von Europa ihre ver Dieſe H ſind nie geſetzt. reich ent Tauſend Rache fi ſeit lang melt, un lorenen Edelman allein de Namen Pfücht d ger Auf Vater a hinterlaſſ Dir ſpre Blut Fr Kampfe Vaterlan cher der Gewiſſen unſchuldi beunruhie Das den Anr Sie ſchier und hatte begreiflic „Nur ich nicht übe den ng zu ihm Liebe— die Sinne men, wie d ruhigem änglichkeit vunderung geblieben? chwachheit ugung ſei⸗ iner Weile gekommen, elche Dich tmir ver⸗ en Willen u machen? che Pflicht melte das en Ihrer ſſen, heute „wie ich hfalls mit fuhr der haſt durch Europa 137 ihre vereinigte Macht gegen die Republik führen. Dieſe Heere, welche für die heiligſte Sache ſtreiten, ſind nicht aus fremden Soldaten allein zuſammen⸗ geſetzt. Tauſende von Edelleuten, welche aus Frank⸗ reich entflohen ſind, um der Guillotine zu entgehen, Tauſende von muthigen Männern, deren Herz nach Rache für den abſcheulichen Königsmord dürſtet, ſind ſeit langer Zeit in Deutſchland, in Holland verſam⸗ melt, um von dort zur Wiedergewinnung ihres ver⸗ lorenen Vaterlandes auszuziehen. Ich bin auch ein Edelmann, Bella: aber glaube nicht, daß der Adel allein darin beſteht, einen mehr oder minder alten Namen zu tragen. Er beſteht vor Allem in der Pfiicht der Seelengröße, in der Pflicht heldenmüthi⸗ ger Aufopferung, welche in einem Geſchlecht vom Vater auf den Sohn, als ein geheiligtes Erbtheil hinterlaſſen und empfangen wird. Während ich mit Dir ſpreche, Bella, fließt vielleicht ſchon das edelſte Blut Frankreichs ſtromweiſe in dem ſchrecklichen Kampfe gegen die Unterdrücker meines unglücklichen Vaterlandes Und ich ſollte der Mann ſein, wel⸗ cher der Erfüllung dieſer Pflicht ausweicht, ich, deſſen Gewiſſen durch den Ruf um Rache, welcher aus dem unſchuldigen Blute meiner Eltern aufſteigt, ſtets beunruhigt wird?“ Das Mädchen hatte ihn während dieſer glühen⸗ den Anrede mit ſteigender Beſtürzung angeblickt. Sie ſchien verſtummt, vor Bewunderung oder Achtung, und hatte wahrſcheinlich vergeſſen, was er ihr hatte begreiflich machen wollen. „Nun, Bella,“ fragte der Jüngling,„ſprich, muß ich nicht dieſer höchſten Pflicht Folge leiſten?“ 138 „Ach, wie iſt Ihr Ausſehen ſo unbeſchreiblich,“ murmelte ſie,„ſo, mit dieſem Lichtſchimmer auf Ihrer Stirne, mit dieſem Feuer in Ihren Augen! wie ſchön!“ „Einfache Seele!“ feufzte der Fdelmann.„Du hörſt nicht, Bella. Wenn ich hier bliebe, während meine Landsleute ihr Blut für die Befreiung des Vaterlandes vergießen, ſo wäre ich für immer ent⸗ ehrt; ich würde unglücklich für das ganze Leben, denn ich wäre in meinen Augen Nichts als ein ver⸗ ächtlicher Feigling, unwürdig ſeiner Ahnen und ſei⸗ nes Vaterlandes!““ „Himmel! Sie wollen in den Krieg? Auf das Schlachtfeld? Und wenn eine feindliche Kugel Sie trifft?“ rief das Mädchen, wie aus einem Traum erwachend... Aber ſie ſenkte dann den Kopf und ſprach mit Ergebung:„Feigling? Sie, Herr? O, nein, nein, thun Sie Ihre Pflicht. Ich werde zu Gott beten, daß er Sie behüte.“ „Dank, Bella,“ ſagte der Jüngling,„Du biſt ein edles Kind. Tröſte Dich, ich werde Dich nie ver⸗ geſſen. Ich werde Dir oft ſchreiben;— ſobald ich frei werde, will ich zurückkehren, um noch einmal dieſen Ort zu ſehen, wo ich der Gegenſtand der groß⸗ müthigſten Aufopferung war. Es iſt möglich, daß das väterliche Vermögen mir zurückgegeben wird. Sei verſichert, ich will den Himmel für dieſe Wohlthat ſegnen, allein weil mir dadurch geſtattet wäre, Dich ſo, wie Du es verdienſt, zu belohnen. Gehen wir nun zu Deinem Vater, meine Freundin. Hilf mir, um ihm begreiflich zu machen, daß ich einer unerbittlichen Pflicht gehorchen muß. Wäre es mög⸗ lich, ich würde noch dieſen Nachmittag abreiſen.“ Das und git um ſie drückt 1 hängen. Als merkte Verbünd Das von Neu dem Ein „Arn Weile;, alle Sclo Ihre Bella: „Heu hreiblich,“ auf Ihrer ie ſchön!“ n. Du während iung des nmer ent⸗ ze Leben, ein ver⸗ und ſei⸗ Auf das ugel Sie n Traum Kopf und e O, werde zu u biſt ein nie ver⸗ obald ich h einmal der groß⸗ ich, daß n wird. ür dieſe geſtattet belohnen. reundin. ich einer 139 Das Mädchen hob eine Gerte vom Boden auf und ging ſtillſchweigend zu dem Eſel und der Kuh, um ſie nach Hauſe zu treiben. Sie ſchien ſehr be⸗ drückt und ließ mißmuthig den Kopf auf die Bruſt hängen. Als Herr von Milval an ihre Seite trat, be⸗ merkte er, daß Thränen ihr aus den Augen fielen. „Ach, Bella,“ ſagte er,„mach' mir den Abſchied nicht ſo ſchwer. Glaube mir, ich habe Muth nöthig, um Dich ſo plötzlich zu verlaſſen.“ „Schon dieſen Nachmittag!“ ſeufzte das Mädchen. „Und Sie wollen alſo weit von hier fortgehen?“ „Ich weiß es nicht; wahrſcheinlich in das Wal⸗ loniſche.“ „In das Walloniſche! Unbekannt und ohne Geld!“ „Geld bedarf ich nicht, Bella. Du weißt, daß das Bildniß meiner Mutter mit kleinen Diamanten beſetzt iſt. In der erſten Stadt kann ich einige da⸗ von verkaufen.“ „Aber, Herr, mit einem ungeheilten Arm können Sie doch nicht fechten.“ „Er wird geheilt ſein, bis ich das Lager der Verbündeten erreiche.“ Das Mädchen ſchwieg, und ihre Thränen floßen von Neuem; ihre Bruſt hob und ſenkte ſich unter dem Eindruck des Schmerzes. „Armes Kind,“ fagte der Edelmann nach einer Weile;„der Muth geht Dir aus. Bedenke, daß wir alle Sclaven des Schickſals und der Pflicht ſind.“ Ihre gefalteten Hände zu ihm erhebend flehte ella: „Heute ſchon? Dieſer Gedanke zerreißt mir das 140 Herz. O, ich bitte Sie, erzeigen Sie mir eine Wohlthat. Der Wundarzt wird in drei Tagen kom⸗ men, um Ihren Arm zu beſichtigen. Bleiben Sie bis dahin!“ „Nein, Freundin, verlange das nicht.“ „Ich werde Sie ſegnen für dieſe Rachgiebigkeit. Der Wundarzt wird Ihnen ſagen, ob Sie die lange Reiſe ohne Gefahr unternehmen können.“ Der junge Mann beſann ſich einen Augenblick, dann ſagte er mit einem Seufzer: „Drei Tage? Wohlan, es ſei ſo.“ „Ach, Dank Ihnen,“ rief das Mädchen,„noch drei Tage!“ Sie hatten den oberſten Rand des Baſſins er⸗ reicht und ſtiegen nun hinter der hohen Düne in die Vertiefung hinab. Kaum waren ſie verſchwunden, ſo kam ein Mann hinter dem Hügel zum Vorſchein. Es war der Strandläufer, der den jungen Leuten ſeit langer Zeit aufgepaßt hatte, und nun wahrſcheinlich von Ferne ihnen folgen wollte, um zu ſehen, ob er nicht einem wichtigen Geheimniß auf die Spur kommen könnte. Aber auf einer Anhöhe ſtehend, gewahrte er plötzlich den Fiſcher, welcher langſam auf dem Fuß⸗ pfade nach Adinkirchen dahin ſchritt, Dieſer Anblick ſchien Ko Snel zu erfreuen. Während eine Art von boshaftem Lächeln ſeine Lip⸗ pen zuſammenzog, beſann er ſich einen Augenblick. Dann ſtieß er einen Freudenruf aus und eilte, zur Seite von den Hügeln hinabſteigend, haſtig hinter den Dünen dahin, bis er an einen Ort gelangte, wo Joſeph unfehlbar vorüberkommen mußte. Hier ſetzte ſich der barg de der unte Joſe Strandle vor den Haltung trat dam „Ei, Sich tiefen Ve kann ſell um in de „Ich da Du LT wiß das iſt es der ſeufzte de ſchon nich warten. was weiß „Wen zu*); un ) Im den Brunne mir eine gen kom⸗ iben Sie iebigkeit. ie lne genblick, „noch ſſins er⸗ e in die am ein war der ger Zeit n Ferne teim önnte. ahrte er m Fuß⸗ erfreuen. ine Lip⸗ genblick. lte, zur g hinter igte, wo ier ſetzte 141 ſich der Strandläufer auf den Sand nieder und ver⸗ barg den Kopf in beiden Händen, gleich Jemand, der unter der Laſt eines ſchweren Kummers gebeugt iſt. VIII. Joſeph nahte ſich pfeifend dem Orte, wo der Strandläufer am Fuß einer Düne, mit den Händen vor den Augen ſaß. Als er Ko Snel in dieſer Haltung bemerkte, blieb er zuerſt verwundert ſtehen, trat dann einige Schritte näher und rief: „Ei, Ko, Junge, biſt Du krank oder ſchläfſt Du?“ Sich aufrichtend ſagte der Strandläufer im Tone tiefen Verdruſſes: „Es iſt doch, um aus der Welt zu fahren! Man kann ſelbſt in den Dünen keine Stelle mehr finden, um in der Einſamkeit zu trauern.“ „Ich glaube es wohl,“ lachte Joſeph,„beſonders da Du Tich gerade an den Weg ſetzeſt! Das iſt ge⸗ wiß das Mittel nicht, um allein zu ſein. Und was iſt es denn, das Tich betrübt, Ko?“ „Ach, ein ſchreckliches Unglück bedroht uns Alle!“ ſeufzte der Strandläufer. „In der That, ſobald man Dich ſieht, darf man ſchon nichts Anderes, als ſchlimme Neuigkeiten er⸗ warten. Halt' nicht ſo lang zurück. Laß hören, was weißt Du wieder?“ „Wenn die Kuh hinaus iſt, macht man den Stall zu ²); und wer blind ſein will, ſieht klar, wenn es Im Terte: Wenn das Kalb ertrunken iſt, füllt man den Brunnen auf. A. d. U. 142 zu ſpät iſt... Dann wird man ſagen: Ach, lieber Ko, hätten wir nur Deinen Rath nicht verachtet, ſo würden Schande und Verdruß uns niht das Leben auf immer verbittern.“ „Aber was für unbegreifliche Dinge bringſt Du da vor?“ rief Joſeph.„Von wem oder von was ſprichſt Du?“ „Arme Bella,“ klagte der Strandläufer,„ſie wird für die Schlechtigkeit von Allen zahlen und büßen.“ „Sollte meine Nichte Etwas bedrohen? Sprich, Ko, wahrſcheinlich iſt Deine Furcht unbegründet.“ „Nein, Joſeph, was ich weiß, weiß ich viel zu gut für mein Glück, und es iſt keine ſchlimme Ein⸗ bildung, welche mir das Herz vor Betrübniß und Wuth zuſammenzieht; aber ich habe Dir verſprochen, mich ſo halten zu wollen, als ob mir dieſer Herr de Milval ganz unbekannt wäre. Was ich heute ſah, zwingt mich, dieſem Verſprechen ungetreu zu werden. Ich will nicht feige wie Du und die Andern dieſes unſchuldige Lamm von dem Wolfe zerreißen laſſen, ohne daß ich zum Mindeſten verſuche, es zu rächen...“ Dieſe Worte, obwohl ſehr dunkel, ſchienen einen tiefen Eindruck auf Joſeph zu machen. Mit einer gewiſſen Unruhe in der Stimme ſagte er „Ko, es iſt als ob Du Vergnügen daran fän⸗ deſt, mich zu erſchrecken. Warum ſprichſt Du nicht klarer von der Leber weg?“ „Ich möchte es wohl, Joſeph; aber Du mit Dei⸗ nem aufbrauſenden Blute würdeſt mich ſogleich unter⸗ brechen; und wer weiß, ob Du in Deiner Tollheit nicht wieder Hand an mich legſt?“ erzähler gib Ack daß De ſchließer mich m Der geduld währent gen Fu gend ar „Nu Strandl ſchönes geweſen hätte, von der „Ko, verirrſt „Sie gen und „Nei „Dei wunderb ch, lieber achtet, ſo s Leen ringſt Du von was fer,„ſie hlen und prich, ündet.“ ch viel zu mme Ein⸗ ibniß und rſprochen, r Herr de heute ſah, u werden. ern dieſes en laſſen, ächen...“ nen einen Mit einer aran fän⸗ Du nicht tmit Dei⸗ eich unter⸗ rTollheit 143 „Sei ruhig, ich gebe Dir mein Wort, daß ich mich nicht aus der Faſſung bringen laſſen will.“ „Gewiß, Joſeph?“ „Du kannſt Dich darauf verlaſſen, ſage ich Dir. Aber rücke um Gotteswillen mit den ſchlimmen Neuig⸗ keiten heraus. Du könnteſt mir mit dieſem ewigen Zaudern einen Schlag verurſachen!“ „Du mußt nach Adinkirchen, nicht wahr? Ich will ein Stück weit mit Dir gehen und unterwegs erzählen, was mich ſo ſehr betrübt. Dann, Joſeph, gib Acht auf Dich ſelbſt; denn ſo bald ich bemerke, daß Deine Augen flammen oder Deine Fäuſte ſich ſchließen, ſo ſpringe ich in die Dünen und Du ſiehſt mich micht mehr, ehe ich mich gerächt habe.“ Der Fiſcher that ſich Gewalt an, um ſeine Un⸗ geduld zu bemeiſtern und brummte in ſich hinein, während er neben ſeinem Gefährten auf dem ſandi⸗ gen Fußpfad langſam vorwärts ſchritt und ihn fra⸗ gend anblickte. „Nun höre gelaſſen auf meine Worte,“ ſagte der Strandläufer.„Nicht wahr, Joſeph, Bella iſt ein ſchönes und braves Mädchen? Glücklich würde der geweſen ſein, der ſie zu ſeiner Hausfrau bekommen hätte, ehe dieſer Herr de Milval uns zum Unglück von der Hölle hieher in die Dünen geführt wurde.“ „Ko, Ko, paß' auf!“ brummte der Fiſcher.„Du verirrſt Dich auf einen gefährlichen Weg!“ „Siehſt Du, Joſeph? Ich will alſo lieber ſchwei⸗ gen und Dich verlaſſen.“ „Nein, ſprich, ich werde mich bezwingen.“ „Dein Zorn iſt natürlich, Joſeph. Es wäre recht wunderbar, wenn Du ſeit der Ankunft des Herrn von Milval ſo blind geweſen wäreſt, um nicht zu ver⸗ muthen, was ich Dir ſagen will. Du haſt in der That Deine Nichte recht gern, nicht wahr? Denn wie oft wiederholteſt Du mir ſelbſt, Niemand anders als Du ſollte ſie zur Frau bekommen, wenn Du ſo etwa zehn Jährchen jünger wäreſt? Ich, nicht ſo alt wie Du und außerdem im Beſitze der nöthigen Geldmittel, um ſie glücklich zu machen, ich war über⸗ zeugt, daß ſie endlich doch meine Frau geworden wäre.“ „Ei, ei,“ brummte der Fiſcher mit einem Lächeln der Verachtung auf den Lippen,„ſie Deine Frau? Bella? Ein ſo häßlicher Schelm? Du träumſt!“ „Häßlich oder nicht: Geld macht Alles ſchön. Aber laſſen wir das auf ſich beruhen; denn ſo wie die Sachen nun ſtehen, würde ich nicht mehr wagen, Bella zur Frau anzunehmen, aus Furcht, daß der Fiſch Joſeph ſprang einen Schritt rückwärts, zog den Kopf zwiſchen den Schultern zurück und rief dann, mit flammendem Auge den Strandläufer anſehend: „Was iſt das? Was wagſt Du von meiner Nichte zu denken? Biſt Du des Lebens müde?“ Ko Snel wich gleichfalls mit erheucheltem Schrecken zurück und antwortete: „Es iſt unmöglich mit Dir zu ſprechen. Warum warteſt Du nicht, bis Du wenigſtens über das, was ich zu ſagen habe, urtheilen kannſt? Ich beſchuldige Bella nicht: ſie iſt die Unſchuld ſelbſt; aber was ich mit meinen eignen Augen geſehen habe, das zu glauben, ſoll mich Dein wahnſinniges Aufbrauſen nicht hindern. Lebewohl, Joſeph; da Du mich nicht anhören willſt, werde die Pf richtige einer 2 fallende⸗ weder ſagt, di die gute „Ah Joſephl Schuld. hüllung Edelman Nichte n einer töd bewahrer gern ben immer il anheimzu ſem Lieb er zweife mag es Conſe te er⸗ aſt in der r Denn nd anders nn Du ſo „nicht ſo nöthigen war über⸗ geworden m Lächeln ne Frau? iumſt!“ les ſchön. nn ſo wie hr wagen, daß der z eden rief dann, nſehend: n meiner tüde?“ Schrecken Warum das, was eſchuldige rwas ich glauben, t hindern. ren willſt, 145⁵ werde ich von mir ſelbſt allein Rath annehmen und die Pflicht zu erfüllen trachten, welche meine auf⸗ richtige Liebe zu ihr mir auferlegt.“ „Hieher! da geblieben!“ befahl der Fiſcher mit einer Aufregung, welche er nicht bezwingen konnte. „Ich werde bleiben; aber ſei doch ein Mann, Joſeph, und habe den Muth, die Wahrheit zu hören, ſo unangenehm ſie auch iſt. Nun, laß' uns weiter⸗ gehen; ich werde meine Worte auf ſolche Weiſe zu ſetzen ſuchen, daß ſie Dein Gemüth nicht verletzen. Daß Bella ganze Tage mit dem Edelmann allein in den Dünen bleibt, darin ſcheinſt Du gar nichts Auf⸗ fallendes zu finden. Daß ſie in ſeiner Abweſenheit weder Raſt noch Ruhe hat, wie Tante Klär ſelbſt ſagt, dieß iſt natürlich, nicht wahr? In der That, die gute Seele muß den Unglücklichen tröſten. „Ah, ah, Du faſelſt wie ein Irrſinniger!“ rief Joſeph lachend.„Was damit geſchieht, iſt allein Deine Schuld. Hätteſt Du durch Deine unvorſichtige Ent⸗ hüllung des greulichen Todes ſeiner Eltern dem armen Edelmann nicht das Herz zerriſſen, ſo hätte ſich meine Nichte nicht ſo viel Mühe geben müſſen, um ihn vor einer tödtlichen Krankheit und Geiſtesverwirrung zu bewahren. Was Wunders, daß Bella den Menſchen gern bewacht, der ihr das Leben verdankt und noch immer ihrer Hülfe bedarf, um nicht der Verzweiflung anheimzufallen? Warum ſollte meine Nichte von die⸗ ſem Liebeswerk ablaſſen, ehe es ganz vollführt iſt?“ „Ja, Joſeph,“ brummte der Strandläufer, indem er zweifelnd die Achſel zuckte,„was Bella betrifft, ſo mag es wohl ſo ſein, wie Du ſagſt. Ich weiß es Conſeienee, Bella Stock. 10 146 ſo wenig wie Du; aber Du wirſt doch nicht behaup⸗ ten, daß ein Mädchen und ein Mann, die beide jung und ſchön ſind, und wovon die Eine ſo einfach wie ein Fiſcherkind, der Andere raffinirt und ſchlau iſt, wie ein Stadtherr, Monate lang in der Einſamkeit von Nichts ſprechen werden, als von dem ſchönen Wetter, und von wannen der Wind weht. Siehſt Du, Joſeph, ein Edelmann achtet alle andere Men⸗ ſchen nicht mehr und nicht minder, als den Koth zu ſeinen Füßen, und wenn er ſo ein armes Mädchen unglücklich machen kann, dann geht er hin und läßt ſie ſitzen in dem Kummer und in der Schande, ohne ſelbſt noch einmal in ſeinem Leben an ſie zu denken. Armer Vater Stock, wenn ein ſolches Unglück ſeine alten Tage vergiften ſollte!“ Mit einem heiſern, halb erſtickten Laute packte der Fiſcher den Strandläufer am Arm und mur⸗ melte, während er ihm die Musleln zuſammenpreßte: „Es wandelt mich die Luſt an, Dich unter mei⸗ nen Füßen zu zertreten, Du bösartiges Unthier, das Du biſt! Ich halte Dich feſt; Du ſollſt beweiſen, daß Du zum Mindeſten einen Scheingrund haſt, um Herrn de Milval ſolcher ehrloſen Abſichten zu zeihen; aber gib Acht auf Dich ſelbſt, denn wenn Du aus bloßer Bosheit mir die Sinne aufregſt, ſo reiße ich Dir ge⸗ wiß die giftige Zunge aus dem Munde!“ „Ich werde nicht ſprechen,“ antwortete Ko. o lang Du mich feſthältſt kommt kein Wort über meine Lippen. Die Beweiſe, welche Du begehrſt, wollte ich Dir gerade geben; aber Du glaubſt doch nicht, daß ich mich todtſchlagen laſſe, um Dir eine Wahrheit zu ſagen, welche Du nicht hören willſt? Wenn Du nicht„ zuzuhö zen Le mühun Laß n ſchweig „Y ziehend De Dünen welchen gedämz Zufall ſind w gen, w kannſten Dein ſein. G kam vo ich Hert und dich Wangen machte ich Bell Ich blie ich könn heimniß Joſeph? Der und brur „Nun t behaup⸗ eide n nfach wie ſchlau iſt, inſamkeit n ſchönen Siehſt ere Men⸗ Koth zu Mädchen und läßt ide, ohne udenken. ück ſeine te packte nd mur⸗ npreßte: iter mei⸗ hier, das beweiſen, at, um zeihen; is bloßer Dir ge- er meine ollte ich cht, daß rheit zu enn Du 147 nicht Liebe genug zu der armen Bella haſt, um ruhig zuzuhören, wo ihre Ehre und das Glück ihres gan⸗ zen Lebens auf dem Spiel iſt, dann ſind meine Be⸗ mühungen, Dir die Augen zu öffnen, ganz umſonſt. Laß mich fort; ich verlange nichts Beſſeres als ſchweigen zu dürfen.“ „Wohlan,“ ſeufzte Joſeph, ſeine Fauſt zurück⸗ ziehend,„ſage ſchnell, welche Beweiſe haſt Du?“ Der Strandläufer ſchaute zur Seite nach den Dünen, als wollte er nach einem Wege ſuchen, auf welchem er ſich flüchten könnte, und ſprach dann mit gedämpfter Stimme: „Ich habe ſeit langer Zeit Beweiſe; denn der Zufall ließ mich viele Tinge ſehen, die nicht ſo klar ſind wie Regenwaſſer; aber ich werde Dir nur ſa⸗ gen, was da eben unter meinen Augen vorfiel. Du kannſt mir den Hals brechen, Joſeph, wenn Du willſt; Dein Zorn kann jedoch, was iſt, nicht hindern zu ſein. Es iſt noch keine halbe Stunde vergangen; ich kam vom Strande durch die Dünen. Plötzlich ſah ich Herrn de Milval in einer einſamen Tiefe ſitzen; und dicht neben ihm, Seite an Seite, Bella, deren Wangen von Thränen erglänzten. Dieſer Anblick machte mir Angſt und Verdruß. Wie anders, da ich Bella aufrichtig liebe und ein Unglück fürchte? Ich blieb halb verborgen ſtehen; denn mir dünkte, ich könnte hier wohl hinter ein beklagenswerthes Ge⸗ heimniß kommen. Weißt Du, was ich geſehen habe, Joſeph?“ Der Fiſcher ſchien aus dem Schlafe zu erwachen und brummte mit zitternder Stimme: „Nun?“ 10* „Ich habe geſehen, wie ſie einander leidenſchaft⸗ lich bei den Händen faßten und ſie drückten!“ „Und das iſt Alles, was Du weißt?“ rief Jo⸗ ſeph mit einem tiefen Seufzer, als fiele ihm ein ſchwerer Stein vom Herzen.„Was will das heißen?“ „O, es iſt alſo noch nicht genug, um Dir begreif⸗ lich zu machen, was geſchieht?“ ſpottete der Strand⸗ läufer, während er den Blick auf die Fäuſte des Fiſchers gerichtet hielt.„Um Dir jede ſchwere Auf⸗ regung zu erſparen, wollte ich das Schlimmſte ver⸗ ſchweigen; aber da Du mich dazu zwingſt, werde ich es ſagen, in der Ueberzeugung, daß Du nicht ſo ungerecht ſein wirſt, mich für meine Nachgiebigkeit gegen Dein Verlangen zu ſtrafen. Was ich noch geſehen habe, fragſt Du? Ich habe geſehen, daß Herr de Milval ſeinen Arm um den Hals Deiner Nichte ſchlang und ſie an ſein Herz zog... Und ſie, obwohl gewiß unſchuldig, leiſtete ihm keinen Wi⸗ derſtand. Im Gegentheil!“ rief er noch, während er nach den Dünen lief, um dem wüthenden Fiſcher, welcher ihm mit geballter Fauſt nacheilte, zu ent⸗ fliehen. Joſeph blieb wie vernichtet am Fuß der Düne ſtehen; er ſchien den Strandläufer zu vergeſſen und in peinliche Gedanken ſich zu verlieren. Nachdem er jedoch eine Weile bewegungslos auf den Sand geblickt hatte, ſchüttelte er heftig den Kopf und ſetzte ſeinen Weg nach Adinkirchen fort. „Was bin ich doch ſo dumm und kindiſch!“ mur⸗ melte er.„Den Läſterworten dieſer Schlange Glau⸗ ben beimeſſen? Meine Nichte? Was iſt reiner, als ihr einfaches Herz? Und ſie ſollte im Stande ſein, die R Gefah Herr! ſeine G ter.( ner N lohnen wünſch lich zu ich lach ihn die nun, n Un wärts, entflieh mälig Augen vergeſſe Achtung ich ſollt Schlacht danke! Herz m dem Str ſchrecklich ich wohl einen Bü enſchaft⸗ 1 rief Jo⸗ ihm ein heißen?“ begreif⸗ Strand⸗ uſte des ere Auf⸗ nſte ver⸗ erde ich nicht ſo iebigkeit ich noch en, daß Deiner Und nen Wi⸗ hrend er Fiſcher, zu ent⸗ r Düne ſen und los auf en Kopf “ mur⸗ Glau⸗ er, als de ſein, 149 die Ruhe und das Glück ihres blinden Vaters in Gefahr zu bringen? Ha, ha, welcher Wahnſinn! Herr de Milval iſt ein Mann, edel nicht allein durch ſeine Geburt, ſondern noch mehr durch ſeinen Charak⸗ ter. Sollte er fähig ſein, die unendliche Güte mei⸗ ner Nichte durch eine niederträchtige Verführung zu lohnen? Nein, nein, es iſt Etwas, das der ver⸗ wünſchte Strandrabe erfunden hat, um mich unglück⸗ lich zu machen. Er wird ſein Ziel nicht erreichen: ich lache ſeiner boshaften Schwätzerei. Aber ich ſoll ihn dießmal unter meine Hände bekommen!... Nun, nun, nicht mehr daran gedacht!“ Und Joſeph marſchirte mit fieberhafter Eile vor⸗ wärts, als wollte er den ihn verfolgenden Gedanken entfliehen. Wenige Minuten ſpäter mäßigte er all⸗ mälig ſeine Schritte und blieb wieder ſtehen; ſeine Augen waren ſtier und ſeine Wangen bleich. Kopf⸗ ſchüttelnd murmelte er: „Aber die Liebe? Die Liebe iſt Etwas, das den Menſchen blind macht und ihn möglicher Weiſe Alles vergeſſen läßt! Wie? Ich, der Jahre lang aus Achtung geheim hielt, was mir die Sinne verwirrte, ich ſollte Bella, die einfache, die ſchöne Bella als Schlachtopfer ſehen müſſen von... Gräßlicher Ge⸗ danke! Ich weiß nicht: es iſt mir, als würde mein Herz mit glühenden Zangen gezwickt. Ich glaube dem Strandläufer nicht. Warum kann ich denn dieſe ſchreckliche Angſt nicht überwinden? O, nun fühle ich wohl, wie ſehr ich Bella liebe!“ Er ſtampfte ſo gewaltig mit den Füßen, daß der Sand vor ihm hinflog. In ſeiner Wuth faßte er einen Büſchel Seedornen und riß ſie mit ihren zähen 15⁰ Wurzeln aus dem Boden: das Blut floß ihm von den Händen... Dann ſetzte er ſeinen Marſch nach Adinkirchen fort, indem er von Zeit zu Zeit anhielt, um zu überlegen und mit ſich ſelbſt zu reden.. aber endlich wurde er einigermaßen ruhiger, und ob es nun Faſſung oder Muthloſigkeit war, er ging langſam weiter, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, je⸗ doch ohne daß noch heftige Geberden von der Auf⸗ regung ſeines Gemüths Zeugniß gaben. So gelangte er aus den Sandhügeln heraus und auf die fruchtbaren Felder, welche Adinkirchen von den Dünen ſcheiden. Als er noch einige Bogen⸗ Wegs zurückgelegt hatte, erreichte er das orf. Nachdem er eine Zeit lang dem Kanal von Dün⸗ kirchen gefolgt und in die lange Straße gekommen war, welche zugleich den Gemeindemarktplatz bildet, traf ſein Auge auf Etwas, das ihn nicht wenig über⸗ raſchte. Er ſah vor der Thüre von dem St. Seba⸗ ſtiun eine große Volksmenge, Männer und Weiber bei einander, wovon einige die Hände in die Höhe hoben, als ob ſie über ein geſchehenes Unglück laute Klage führen wollten. Er zweifelte nicht daran, daß Jemand vom Dache gefallen oder von einem Wagen überfahren worden ſei, und daß man wahrſcheinlich den Verunglückten nach dem St. Sebaſtian getragen habe; aber was er nicht begreifen konnte, war, daß er hie und da Leute ſah, welche mit Körben in der Hand oder mit Päcken auf dem Rücken aus den Häuſern gelaufen kamen und davon eilten, als ob ſie ihre Habe aus einem Brande zu retten ſuchten. Der Fiſcher trat zu den vor dem St. Sebaſtian verſar kannte C X ſo in Ander Franz melt viel, überzi nur d von L Ir Gaſthe wie d fürchte geſchla daß de Stadt genom es zu Jo Leuten die Br wie di drohte. franzöſ erſchein dürſtete gangen Bruſt ſich ſel ihm von rſch nach tanhielt, den und ob er ging ſenkt, je⸗ der Auf⸗ heras dinkirchen e Bogen⸗ er das von Dün⸗ gekommen atz bildet, enig über⸗ St. Seba⸗ d Weiber die Höhe lück laute arn, daß m Wagen einlich den gen habe; daß er hie der Hand n Häuſern ob ſie ihre Sebaſtian 151 verſammelten Leuten und fragte, einen ſeiner Be⸗ kannten auf die Schulter klopfend: „Jan, Freund, was iſt vorgefallen, daß man hier ſo in Haufen daſteht? Iſt ein Unglück geſchehen?“ „Ein Unglück, Joſeph? Ein Unglück?“ rief der Andere.„Es iſt noch ſchlimmer, viel ſchlimmer! Die Franzoſen ſind in Veurne! Die ganze Stadt wim⸗ melt von Soldaten, mit Kanonen, ſo groß und ſo viel, daß die Häuſer einzuſtürzen drohen wo ſie vor⸗ überziehen!... Du willſt es nicht glauben? Frage nur den Schulmeiſter da drinnen. Der kommt gerade von Veurne.“ Joſeph drang durch den Haufen und trat in das Gaſthaus. Hier hörte er den Schulmeiſter erzählen, wie die Franzoſen das Heer der Alliirten in einer fürchterlichen Schlacht bei Fleurus unweit Charleroi geſchlagen hätten. Er theilte außerdem noch mit, daß das ganze Land verloren und wahrſcheinlich die Stadt Brüſſel bereits von den Franzoſen in Beſitz genommen wäre, da keine Macht mehr beſtände, welche es zu hindern vermöchte. Joſeph verfiel mitten unter dieſen ſchwatzenden Leuten in tiefes Nachſinnen; er ſenkte den Kopf auf die Bruſt und blickte zu Boden. Er erkannte wohl, wie dieſe ſchreckliche Botſchaft Herrn de Milval be⸗ drohte, denn ſeiner Meinung zufolge mußte mit den franzöſiſchen Heeren auch die Guillotine im Lande erſcheinen, welche nach dem Blute eines Edelmanns dürſtete der ihr nur wie durch ein Wunder ent⸗ gangen war; aber der Strandläufer hatte in ſeine Bruſt einen Keim von Haß gelegt, und Joſeph fragte ſich ſelbſt, ob er ſich wohl um das Loos von Je⸗ 152 mand zu bekümmern hätte, welcher vielleicht dieſes Opfer mit Verrath lohnen würde. Noch einer Weile gewann ſein angeborner Edelmuth wieder die Ober⸗ hand. Er verdrängte dieſes böſe Bedenken mit Ge⸗ walt aus ſeinem Geiſt und begann die anweſenden Leute zu befragen, um genau zu vernehmen, was man über den Stand der Dinge wußte. Er wollte nach Empfang dieſer Aufklärungen in aller Eile die Aufträge, womit Tante Klär und Bella ihn belaſtet hatten, vollziehen und dann nach Hauſe eilen, um Herrn de Milval zu warnen und zu ſeiner Rettung beizutragen, wenn es nöthig ſein ſollte. Während er ſo ſprach, entſtand plötzlich auf der Straße ein ſchrecklicher Lärm, und die Leute von draußen ſtürzten voll Verwirrung in das Gaſthaus und riefen: „Flieht, flieht, da ſind die Franzoſen! Da ſind ſie! Da ſind ſie!“ Und die meiſten eilten zur Hinterthüre hinaus, um über Hecke und Hag einen geſchützten Weg nach ihrer Wohnung zu ſuchen. Nur Einige blieben in dem St. Sebaſtian und ſchauten beſtürzt durch die Fenſterſcheiben. In dieſem Augenblick zeigten ſich wirklich zwei franzöſiſche Soldaten auf der Straße. Es waren ſchöne Männer mit barſcher Miene und ſtarkem, herab⸗ hängendem Knebelbarte. Sie trugen aufgeſtülpte Federhüte, von einem wallenden Federbuſch beſchattet, Piſtolen im Gürtel und Schleppſäbel mit ſtählerner Scheide. Eine dreifarbige Schärpe, welche ihre Hüfte umſchloß, ſchien anzudeuten, daß es Officiere waren. Einer von beiden war älter als der Andere, und auch w Jünger des Ge An ſer vere ſeinen flieht h Erſchein ſie denn „Si unſere? „S und Ty als hier mit gan die Frei ſtoßen!“ „So Lächeln, gab,„ hat meh Volk di einziger Freiheit, Erbtheil wenn w ſie uns die ſchre Freiheit lichem S „Die ht dieſes er Weile ie Oer⸗ mit Ge⸗ weſenden en, was Fr wollte Eile die belaſtet len, um Rettung au der eute von Gaſthaus Da ſind e hinaus, Leg nach lieben in durch die klich zwei waren m herab⸗ fgeſtülpte beſchattet, ſtählerner hre Hüfte e waren. ere, und 153 auch wirklich höher von Geſtalt; das Angeſicht des Jüngern zeugte von mehr Stolz und beſonderer Härte des Gemüths An dem St. Sebaſtian vorübergehend, lachte die⸗ ſer verächtlich und ſagte zu ſeinem Gefährten, ohne ſeinen Gang zu unterbrechen: „Wie ſie ſo dumm ſind, die groben Bären! Das flieht hinweg, wie eine Heerde Schafe, bei der bloßen Erſcheinung eines franzöſiſchen Soldaten! Glauben ſie denn Menſchenfreſſer in uns zu ſehen?“ „Sie ſind in ihrer Einfalt geängſtigt, weil ſie unſere Abſicht nicht kennen,“ bemerkte der Andere. „Sage vielmehr, es ſind Anhänger von Königen und Tyrannen, und möchten uns lieber in der Hölle, als hier ſehen. Und denken müſſen, daß Frankreich mit ganz Europa zu kämpfen hat, um ſolchen Weſen die Freiheit zu bringen, welche ſie mit Haß von ſich ſtoßen!“ „So meinſt Du,“ ſprach der Andere mit einem Lächeln, worin ſich ein gewiſſer freudiger Stolz kund gab,„aber Du irrſt Dich. Kein Volk auf Erden hat mehr Blut für die Freiheit vergoſſen, als das Volk dieſer Lande. Seine ganze Geſchichte iſt ein einziger rieſiger Kampf für die Behauptung der Freiheit, welche von alten Zeiten her ſein nationales Erbtheil war. Aber Du darfſt verſichert ſein, daß, wenn wir nichts Anderes, als die Freiheit brächten, ſie uns mit offenen Armen aufnehmen würden; aber die ſchreckliche Schweſter, welche man zu Paris der Freiheit gegeben hat, ſchlägt alle Völker mit unend⸗ lichem Schrecken.“ „Die Guillotine?“ ſagte der andere Ofſicier. 154 „Es iſt ein nothwendiges Uebel. Wie könnte man Frankreich von allen Feinden Freiheit er⸗ löſen und die Republik gegen die eimen Intri⸗ guen der Ariſtokraten ſchützen, wenn mi das wuchernde Unkraut nicht mit der Wurzel abſchnitte und im Blut erſtickte?“ „Wahrſcheinlich iſt die Guillotine zur Erhaltung der Republit in der That nothwendig, da die Volks⸗ abgeordneten zu Paris alſo darüber urtheilen,“ ſeufzte der älteſte der beiden Officiere kopfſchüttelnd;„aber es iſt doch ſchmerzlich für einen Soldaten, welcher Nichts als das Schlachtfeld kennt, um einer guten Sache zum Siege zu verhelfen, wenn er denken muß, doß der Henker mehr Arbeit abthut, als er.“ Mit dieſen Worten bog er in ein Gäßchen ein, welches auf den Kirchhof auslief. Er ſchien Träu⸗ mereien nachzuhängen und gab auf die Bemerkungen ſeines Gefährten keine Antwort mehr. Als ſie mitten auf den Gottesacker gelangt wa⸗ ren, blieb er plötzlich vor einem hölzernen Kreuze ſtehen, das ſich vor vielen andern nur durch ſeine größere Höhe auszeichnete. Er nahm den Hut ab, beugte das Haupt und hielt ſich ſtill. „Was thuſt Du?“ fragte der Andere über⸗ raſcht. „Es iſt das Grab meiner Eltern; hier ruhen mein Vater und meine Mutter,“ war die leiſe Ant⸗ wort. „Du beteſt? Sollteſt Du zufällig an die dum⸗ men Erfindungen der Prieſter glauben?“ „Bei dem Grabe ſeiner Eltern fühlt der Sohn ſeine Seele aufwällen zu dem höchſten Weſen, in deſſen S cier mit „O res: ſo falls das Nach einem L „We könnten! hölzerner gleich 3 glauben „Kor ſetzen,“ drei Vie reichen. Ort erin früheres Sie dem St Ende de an dem plötzlich reichen. derung c lichen F Bogenſch Sein Ka grenzung fetten P flämiſchet ſcheinlich önnte iheit er⸗ n Intri⸗ uchernde im Blut rhaltung ie Volks⸗ ſeufzte „aber es er Nichts en Sache uß, daß chen ein, en Träu⸗ terkungen angt wa⸗ n Kreuze urch ſeine Hut ab, er über⸗ ier ruhen leiſe Ant⸗ die dum⸗ der Sohn Leſen, in 15⁵ deſſen Schooße ſie wohnen,“ murmelte der alte Offi⸗ cier mit eiß glicher Feierlichkeit in der Stimme. „O! das höchſte Weſen! Das iſt etwas Ande⸗ res: ſo begreife ich es,“ ſprach der Andere, gleich⸗ falls das Haupt entblößend. Nach einer Weile Stillſchweigen bemerkte er mit einem Lächeln: „Wenn die Kameraden von drüben uns ſo ſehen könnten! Zwei franzöſiſche Kapitäne, vor einem hölzernen Kreuze gebückt und Gebete murmelnd, gleich zwei Frömmlern, welche an das Fegfeuer glauben!“ „Komm', laß uns jetzt eilig unſern Weg fort⸗ ſetzen,“ erwiederte der Andere,„wir haben noch volle drei Viertelſtunden zu gehen, um den Strand zu er⸗ reichen. Ich werde ſchon wieder hieherkommen; der Ort erinnert mich ganz an meine Kindheit, an mein früheres Leben.“ Sie gingen auf demſelben Weg zurück, eilten an dem St. Sebaſtian vorüber und folgten bis zum Ende des Dorfes der Straße, welche eine Zeitlang an dem Dünkirchiſchen Kanal hinführt und ſich dann plötzlich landeinwärts zieht, um die Dünen zu er⸗ reichen. Der jüngere Officier drückte ſeine Verwun⸗ derung aus, daß die Felder hier ſo reichlich mit köſt⸗ lichen Früchten bedeckt ſtänden, während er einige Bogenſchüſſe weiter Nichts als Sandhügel ſähe. Sein Kamerade erklärte ihm, daß eine ſo ſtrenge Ab⸗ grenzung zwiſchen den unfruchtbaren Dünen und den fetten Polderlanden an einem großen Theile der flämiſchen Küſte hin zu bemerken ſei.„Es iſt wahr⸗ ſcheinlich,“ fuhr er fort,„daß vor Zeiten die Binnen⸗ 156 gewäſſer, von den Dünen zurückgehalten, hier Jahr⸗ hunderte lang einen ausgedehnten Moraſt gebildet, und daß die torfartige Erde und der fette Schlamm ſich auf dem Seeſand niedergeſchlagen haben; denn man ſtößt in einer gewiſſen Tiefe unter dem fruchtbaren Boden wieder auf Dünenſand. Derſelbe auffallende Unterſchied zeigt ſich nicht allein in der Natur des Bodens, ſondern noch mehr in den Sitten und in der Sprache der Bewohner, ja ſo zu ſagen, in dem Geſchlechte ſelbſt; denn obwohl die Fiſcher und die Adinkirchner in ſehr freundlichen Beziehungen zu ein⸗ ander leben, vermiſchen ſie ſich doch niemals durch Heirath...“ Alſo ſprechend, ſchritten die beiden Officiere an dem Elſt vorbei und traten in die Dünen. Ihr Weg war beſchwerlich, denn ſie ſahen ſich beinahe jeden Augenblick genöthigt, einen Hügel Flugſandes zu erklimmen und auf der andern Seite in die Tiefe hinabzuſteigen, um von Neuem gegen eine ſteile Höhe anzulaufen. Der Andere erwiederte auf die Bemerkung ſeines Kameraden: „Ja, es iſt ganz ſo: ich erkenne genau den Weg, den wir zu verfolgen haben. Der Wind verweht ſehr oft die eine oder andere Düne und läßt eine Höhe entſtehen, wo vorher eine Tiefe war. Es gibt jedoch beträchtliche Hügel, welche unveränderlich ſchei⸗ nen; denn ſeit Jahrhunderten dienen ſie den Fiſchern auf der See zu Zeichen und zu Backen. Alle tiefen Flächen in den Dünen nennt man hier Pfannen und jede Erhebung einen Hill. Es hat mich ver⸗ wundert, als ich in Amerika unter den Engländern lebte, die ihrer S halb der braucht: raſcht D in den 2 hen ſie ſ Stunde: bloß die Die Strecke 2 ten Tha Augenbli der umge Aeltere n darauf at Aehnlichke fen und! als der 2 zu ihm ſe „Sieh iſt wohl ſeinem get Die C digen Kle erfreuen; Landbauer zigen bege einem ſol Jahre me ich mich ſ. ier Jahr⸗ gebildet, Schlamm en; denn uchtbaren uffallende tatur des nund in ei dem rund die en zu ein⸗ als durch ficiere an nen. Ihr h beinahe lugſandes die Tiefe teile Höhe ing ſeines den Weg, erweht läßt eine Es gibt rlich ſchei⸗ n Fiſchern Alle tiefen 6fannen mich ver⸗ ngländern 157 lebte, dieſes Wort Hill mit derſelben Bedeutung in ihrer Sprache wieder zu finden, während es außer⸗ halb den Dünen nirgends in den Niederlanden ge⸗ braucht wird.— Die Einſamkeit dieſer Gegend über⸗ raſcht Dich? Sonſt ſtanden mehre Fiſcherhäuschen in den Dünen; aber ſeit fünfundzwanzig Jahren zie⸗ hen ſie ſich mehr nach einer großen Fläche, eine halbe Stunde von hier, welche man die Kirchenpfanne oder bloß die Pfanne nennt.“ Die beiden Officiere hatten bereits eine gute Strecke Wegs zurückgelegt und waren in einer brei⸗ ten Thalvertiefung ſtehen geblieben, um einige Augenblicke die ſeltſame Ausſicht zu genießen, welche der umgewühlte Grund dieſes Ortes darbot. Der Aeltere war eben damit beſchäftigt, ſeinen Gefährten darauf aufmerkſam zu machen, welche überraſchende Aehnlichkeit zwiſchen dieſen Tauſenden von Sandhau⸗ fen und den Wogen einer erregten See beſtände,— als der Andere, welcher den Kopf umgedreht hatte, zu ihm ſagte: „Sieh', da kommt Jemand hinter uns her. Das iſt wohl ein Fiſcher, nicht wahr? Man ſieht es an ſeinem getheerten Hut und an ſeinen weiten Kleidern.“ Die Erſcheinung eines Fiſchers, in ſeiner vollſtän⸗ digen Kleidung, ſchien den andern Kriegsmann zu erfreuen; denn zu Adinkirchen, wo alle Einwohner Landbauern oder Handwerker ſind, war er keinem ein⸗ zigen begegnet. „Ja,“ antwortete er,„das iſt ein Fiſcher. Unter einem ſolchen rothen Kittel habe ich die ſchönſten Jahre meines Lebens hingebracht. Es iſt, als ob ich mich ſelbſt in dieſem Manne wiederſähe.“ Ae0hce. 15⁵8 „Was für ein gewaltiger Burſche!“ ſpottete der Andere.„Er nimmt Schritte wie ein Vogel Strauß und wackelt auf dem Weg hin und her, wie ein Elephant.“ „So gehen meiſtens alle Fiſcher: es iſt das Schwanken des Bootes auf den Wogen, das ihnen in die Beine gefahren. Und was ſeine Geſtalt be⸗ trifft, ſo iſt ſie nichts Ungewöhnliches in dieſer Ge⸗ gend. Ein paar Stunden von hier liegt ein flämi⸗ ſches Dorf, Oſtdünkirchen genannt. Die Fiſcher die⸗ ſes Dorfes ſind ſelbſt unter den andern Dünenbe⸗ wohnern durch ihre rieſige Geſtalt bekannt.“ „Ja, aber der Burſche dort hält noch mehr in die Breite. Ich glaube, es dürfte nicht angenehm ſein, mit einem ſolchen ungeleckten Bären ſich in einen Kampſ einlaſſen zu müſſen, ohne eine andere Waffe, als ſeine Fäuſte... Aber was hat er denn? Sollte er ſich vor uns fürchten? Er geberdet ſich, als ob er uns nicht bemerkte und hält das Geſicht unter ſeinem Hut verborgen...“ Der Fiſcher ſprang, als er in die Nähe der Offi⸗ ciere kam, zur Seite von dem Weg ab und eilte an ihnen vorüber, ohne aufzuſehen. „Gott mit Dir, Kamerad!“ rief der alte Kriegs⸗ mann in weſtflämiſchem Dialekte nach.„Du haſt ſehr eilig. Fürchteſt Du Dich vor uns?“ Voll Ueberraſchung unterbrach der Fiſcher ſeinen Gang, als wollte er zu demjenigen zurückkehren, wel⸗ cher ihn in ſeiner eigenen Mundart und in ſo freund⸗ lichem Tone angeſprochen hatte; aber eine blitzſchnelle Ueberlegung ſagte ihm, daß er voraus müßte, um die Ankunft der Franzoſen in dem Hauſe von Vater Stock zu eines M mit verd Höhe un „Er Jüngere. Fiſcher d „Das iſt im Gege ſind beka Jedermar Mann w Schrecken wir ſind „Sag nichts we körper! begangen „Dari in's Wor furchtſam; Gefahr ſe Könnteſt eigenes L das Leben wunderun viele Hel feder, als andern Lt bleiben.“ Es i ttete der el Strauß wie ein iſt das s inen eſtalt be⸗ ieſe Ge⸗ in flämi⸗ ſcher die⸗ Dünenbe⸗ mehr in angenehm e andere er denn? erdet ſich, 1s Geſicht der Offi⸗ eite n te Kriegs⸗ „Du haſt her ſeinen hren, wel⸗ ſo freund⸗ litzſchnelle üßte, um von Vater 159 v Stock zu melden. Von ſeiner Eile konnte das Leben eines Menſchen abhängen. Er begann alſo wieder mit verdoppelter Schnelligkeit zu laufen, erſtieg eine Höhe und verſchwand den Officieren aus dem Geſicht. „Er hat den Teufel auf den Ferſen!“ lachte der Jüngere.„Sie ſind höflich wie wilde Thiere, die Fiſcher dieſer Gegend!“ „Ich begreife es nicht!“ erwiederte der Andere. „Das iſt nicht das gewöhnliche Thun der Fiſcher; im Gegentheil, die Leute vom Adinkirchiſchen Strande ſind bekannt durch ihre freundliche Höflichkeit gegen Jedermann. Nun, beeilen wir uns, ſonſt möchte der Mann wohl noch Zeit haben, dort auch den albernen Schrecken zu verbreiten. Noch einige Minuten und wir ſind am Ziele unſerer Wanderung.“ „Sag' was Du willſt, Deine Landsleute ſind nichts weniger als Helden. Haſenherzen und Rieſen⸗ körper! Die Natur hat hier gewiß eine Dummheit begangen!“ „Darin irrſt Du ſicherlich,“ fiel ihm ſein Gefährte in's Wort.„Dieſe einfachen Leute ſcheinen Dir furchtſam; könnteſt Du ſie jedoch im Augenblick der Gefahr ſehen, kämpfend gegen Sturm und Wogen! Könnteſt Du ſie namentlich ſehen, wenn ſie ihr eigenes Leben wagen, um einem andern Menſchen das Leben zu retten, Du würdeſt Achtung und Be⸗ wunderung fühlen für ſo viele Aufopferung und ſo viele Heldenhaftigkeit, welche keine andere Trieb⸗ feder, als den Adel des Herzens haben, und keinen andern Lohn empfangen, als den, unbekannt zu bleiben.“ „Es iſt möglich. Sie laſſen alſo ihren Muth auf der See, ſobald ſie an's Land kommen?“ brummte der junge Officier, während er ſeine Schritte ver⸗ doppelte, um ſeinem Kameraden zu folgen. IX. In der Wohnung von Vater Stock ſaß man an dem Nachmittagscafé um den Tiſch herum. Herr de Milval mußte ſeinen Entſchluß, in drei Tagen abzureiſen, bereits ſeit einiger Zeit angekündigt ha⸗ ben, denn man ſprach mit einer gewiſſen Ruhe von der langen Reiſe, welche er, noch nicht völlig geneſen, unternehmen wollte. Bella hatte ſich neben ihm niedergelaſſen und verbarg ihren eigenen Kummer, um mit ſanften Worten ſeine Schwermuth zu be⸗ kämpfen. Ohne Zweifel in gleicher Abſicht äußerte Tante Klär ſchon im Voraus ihre Freude über den wahrſcheinlichen Sieg der verbündeten Könige und über den bevorſtehenden Fall der Republik. Sie ſagte mit Entzücken voraus, daß der Edelmann bald nach Frankreich zurückkehren und in den Beſitz ſeines väterlichen Vermögens wieder eingeſetzt würde. Endlich war es ihr ſo weit gelungen, durch ihre heitern Vorſtellungen dem Geſpräche Etwas von ſeiner Traurigkeit zu benehmen, als plötzlich die Thüre aufgeriſſen wurde, und Joſeph, außer Athem und Schweiß auf der Stirne, in dem Zimmer erſchien. Er wollte ſprechen, aber ſein Blick fiel auf Herrn de Milval und auf Bella, welche an ſeiner Seite ſaß. Dieſer Anblick ſchien einen ſchmerzlichen Ein⸗ druck a Lippen „Wo Du Tol fällſt in' Art und Der einen lä dann ha „Ach Franzoſe geſchlage genomme daten, m O möglich! zugleich, „Ein habe ſelk „Du ſehen? „Nei von hier an dieſer einem A warnen,! „Weh ſie ſich ſtellte, al— beſchützen „Verl Frau Klä Conſci brummte ritte ver⸗ man an m. Herr i Taen indigt ha⸗ Ruhe von g geneſen, eben ihm Kummer, h zu be⸗ rte Tante über den nige und lit. Sie Edelmann den Beſitz tzt würde. urch eihre was von tzlich die er Athem r erſchien. auf Herrn ner Seite chen Ein⸗ 161 druck auf ihn zu machen und das Wort auf ſeinen Lippen zurückzuhalten. „Was für ein Dorn hat Dich wieder geſtochen, Du Tollkopf?“ fragte Tante Klär zornig.„Du fällſt in's Haus wie ein Donnerſchlag. Iſt dies die Art und Weiſe eines vernünftigen Menſchen?“ Der Fiſcher ſchüttelte heftig den Kopf, als ob er einen läſtigen Gedanken verjagen wollte, und ſprach dann haſtig: „Ach, ich bringe eine traurige Kunde! Die Franzoſen haben die Alliirten in einer großen Schlacht geſchlagen; das ganze Land iſt verloren; Brüſſel iſt genommen; Veurne iſt voll von franzöſiſchen Sol⸗ daten, mit Reiterei und Kanonen!“ „O Himmel, welche ſchreckliche Nachricht! Un⸗ möglich! Das iſt ein Mährchen!“ riefen ſie Alle zugleich, von dem Tiſche aufſpringend. „Ein Mährchen?“ wiederholte Joſeph.„Ich habe ſelbſt zwei franzöſiſche Soldaten geſehen...“ „Du haſt ſie geſehen? Mit eigenen Augen ge⸗ ſehen? Zu Adinkirchen?“ unterbrach ihn Tante Klär. „Nein, in den Dünen, nur einige Bogenſchüſſe von hier, und auf dem Pfade, der nothwendig ſie an dieſem Haus vorbeiführen muß. Ich komme in einem Athem gelaufen, um Herrn de Milval zu warnen, damit er vor ihrer Ankunft ſich flüchte.“ „Wehe, wehe! Was thun?“ rief Bella, indem ſie ſich zitternd vor Angſt vor den jungen Mann ſtellte, als wollte ſie ihn gegen die drohende Gefahr beſchützen. „Verbergen Sie ſich in dem Keller, Herr,“ fagte Frau Klär. Conſcience, Bella Stock. 11 162 „Auf dem Speicher, unter den alten Retzen!“ ſeufzte das Mädchen.„Kommen Sie, kommen Sie!“ „Warum ſolcher Schrecken?“ bemerkte der Edel⸗ mann ruhig.„Die franzöſiſchen Soldaten begeben ſich wahrſcheinlich nach dem Strande. Wer ſagt uns, daß ſie hier eintreten werden? Und thäten ſie es auch, ſie würden mich doch darum nicht erkennen. Seid alſo ruhig, Freunde; laſſet uns wieder Platz nehmen und thun, als ob wir Nichts fürchteten.“ „Nein, Sie müſſen ſich verbergen, Herr,“ wieder⸗ holte Joſeph.„Ich habe Grund zu denken, daß dieſe Soldaten in der Abſicht hieher kommen, Sie zu ſuchen. Der Strandläufer hat mir ſo etwas davon geſagt, daß er ſich an Ihnen rächen würde.“ „An mir? Warum?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete der Fiſcher ver⸗ legen. „Glaubt das nicht,“ rief Tante Klär, welche vor der Thüre ſich als Schildwache auſgeſtellt hatte und auf den Fußweg ausſchaute.„Der Strandläufer plagt unſern Joſeph immerdar; aber er iſt ein allzu guter Junge, um Jemand ein Leid anzuthun.“ „Und ich ſage, daß er Herrn von Milval ver⸗ rathen wird, wenn er es nicht ſchon gethan hat. Um Gotteswillen, verbergen Sie ſich, Herr, und eilen Sie, denn dieſelben können nicht mehr ferne von hier ſein.“ Der Edelmann faßte, als wäre er zu einem plötz⸗ lichen Entſchluß gekommen, zu gleicher Zeit die Hand des Blinden und ſeiner Tochter und ſprach mit tiefer Rührung: „Lebt wohl, lebt wohl, liebe Freunde, ich werde niemals ling ver „Ach S Augen d wortete! verrather bei Euch meinetwi haben. keit! No Mit nach den einem Kle Joſeph de ſagte, wä „Was Von Veut daten; Si „Schn zitternd i ſie! Sie „Geh', von Milv Peter Mul die Soldat thun iſt. Begehren! Darf Mä och en. Etwas zu Netzen!“ en Sie!“ der Edel⸗ n begeben ſagt uns, en ſie es erkennen. der Platz teten. wieder⸗ daß dieſe zu ſuchen. on geſagt, iſcher ver⸗ velche vor hatte und andläufer ein allzu un.“ ilval ver⸗ than hat. und eilen ferne von nem plötz⸗ die Hand mit tiefer ich werde 163 niemals Eure wunderbare Liebe ling vergeſſen.. „Ach, was wollen Sie thun? Sie?“ rief Bella, Augen drangen. „Ich muß abreiſen, augenblicklich abreiſen,“ ant⸗ wortete der Jüngling.„Wenn man meinen Verſteck verrathen hätte und franzöſiſche Soldaten mich hier bei Euch verborgen fänden, ſo würdet Ihr um meinetwillen eine grauſame Verfolgung zu erleiden haben. Gott bewahre mich vor ſolcher Niederträchtig⸗ keit! Noch lieber tauſendmal den Tod!“ Mit dieſen Worten wollte er durch den Stall nach den Dünen eilen; aber Bella faßte ihn unter einem Klageruf am Arm und wollte ihn zurückhalten. Joſeph dagegen war vor die Stallthüre getreten und ſagte, während er ihm den Weg verſperrte: „Was Sie thun wollen, iſt unmöglich, Herr. Von Veurne bis Brügge wimmelt Alles von Sol⸗ daten; Sie rennen unfehlbar in Ihr Verderben!“ „Schnell, ſchnell!“ rief Tante Klär, indem ſie zitternd in das Gemach zurückſprang.„Dort ſind ſie! Sie kommen hieher!“ „Geh' Joſeph,“ ſprach der Blinde;„bringe Herrn von Milval nach dem verlaſſenen Häuschen von Peter Mulle. Dort kommt Niemand verüber. Wenn die Soldaten fort ſind, wollen wir ſehen, was zu thun iſt. Ich bitte Sie, Herr, folgen Sie meinem Begehren! zögern Sie keinen Augenblick.“ „Darf ich mit Joſeph gehen, Vater?“ fragte das Mädchen.„Aber nein! Wenn die Soldaten Dir Etwas zu Leide thun wollten!“ zu dem armen Fremd⸗ Wohin wollen während Thränen ihr aus den 164 „Wer ſollte einen armen Blinden beleidigen? Fürchte Nichts, mein Kind.“ „Ich komme zurück, Vater, ſobald er in Sicher⸗ heit iſt.“ Sie lief Joſeph nach, der den Edelmann am Arm gefaßt und durch den Stall auf die Dünen ge⸗ leitet hatte. Tante Klär hatte ſich tief in das Gemach zurück⸗ gezogen und richtete von da, Todtenbläſſe auf den Wangen, den Blick nach der Thüre; der Blinde ſaß am Tiſch mit geſenktem Haupte und ſchien ruhig ab⸗ zuwarten, was geſchehen ſollte. Ein halb erſtickter Angſtſchrei entſchlüpfte Tante Klär, und ſie lehnte ſich zitternd an die Wand, als die beiden Officiere in die Thüre traten und ſtill⸗ ſchweigend ſtehen blieben, wie verwundert über den Schrecken, welchen ihre Ankunft hier verurſachte. „Ihr fürchtet Euch vor mir? Ihr erkennt mich alſo nicht!“ ſagte der alte Kriegsmann in betrübtem, jedoch freundlichem Ton. Mit einem lauten Schrei von ſeinem Stuhle aufſpringend, ſtreckte der Greis die zitternden Hände vor und rief: „H, Himmel! Die Stimme meines Bruders! Louis! Louis!“ Der Kapitän fiel dem Blinden in die Arme und drückte ihn mit tiefer Rührung an die Bruſt. „Louis! Es iſt Louis, mein lieber Bruder! Ich danke Dir, o Gott!“ rief die alte Tante, während ſie dem Kapitän an den Hals flog und ihn mit Entzücken küßte. Einige Augenblicke verharrten ſie ſo in einer engen! einande Tar und hi holten 1 Der dem Hi emporh „Ge Ich hal und Du Erden i „Dr „Ich ſc alſo nic Wäl mit ein ſeinen ſeine Pi ich bein alle Hof der Gre zu mild Achte n daß Gott Ert Bruders „Kor leidigen? n Sicher⸗ nann am ünen ge⸗ ch zurück⸗ eauf den linde ſaß ruhig ab⸗ fte Tante zand, als und ſtill⸗ über den ſachte. ennt mich betrübtem, n Stuhle en Hände Bruders! Arme und uſt. uder! Ich während ihn mit in einer 165 engen Umarmung, allerlei Ausrufe der Freude mit einander wechſelnd. Tante Klär überhäufte den Kapitän mit Fragen und hinderte ihn zu gleicher Zeit durch ihre wieder⸗ holten Umarmungen, eine deutliche Antwort zu geben. Der Blinde zog zuerſt ſeine Arme zurück, um dem Himmel für ſeine Güte zu danken. Die Hände emporhebend, rief er aus: „Geprieſen, geprieſen ſei Dein Name, o Gott! Ich habe ſo lang den Tod meines Bruders betrauert, und Du ſchenkſt mir das Glück, ihn noch einmal auf Erden in meine Arme ſchließen zu dürfen!“ „Du glaubteſt mich todt?“ ſagte der Kapitän. „Ich ſchrieb Dir doch dreimal. Du haſt meine Briefe alſo nicht erhalten?“ Während er ſprach, fühlte er, wie ſein Bruder mit einer ſonderbaren Bewegung ſeine Hände über ſeinen Anzug gleiten ließ und ſeine Schärpe und ſeine Piſtolen betaſtete. Er ſprang zurück und rief ängſtlich: „Blind? Mein armer Bruder blind? Ach, ſage, daß ich mich irre. Es wäre allzu ſchrecklich!“ „Mein Geſicht iſt in der That ſo ſchwach, daß ich beinahe Nichts mehr unterſcheiden kann; aber alle Hoffnung iſt noch nicht verloren,“ antwortete der Greis lächelnd, um den Kummer ſeines Bruders zu mildern.„Meine Augen können noch geneſen. Achte nicht darauf, Louis; laß mich nur froh ſein, daß Gott mir geſtattet, Dich wieder lebend zu ſehen.“ Er trat einen Schritt vor, ſuchte die Hand ſeines Bruders und drückte ſie mit erhöhter Zärtlichkeit. „Komm, Louis,“ flüſterte er,„beklage mich nicht 166 und ſei munter; denn ich bin nicht unglücklich, wie Du meinſt. Ich bin wohl hart geprüft worden ſeit Deiner letzten Fahrt nach Island, doch legt der Herr eine Laſt auf, ſo hilft er ſie auch tragen. Er hat mir eine Quelle von Troſt und Freude gelaſſen...“ Plötzlich fragte der Kapitän, als würde er durch dieſe Worte auf andere Gedanken gebracht: „Aber, Simon, ich ſehe Deine Frau nicht. Wie geht es den Jungen? Sie ſind zu ſtarken Männern herangewachſen, nicht wahr? Und meine kleine Bella? Was für eine herrliche Frau muß ſie geworden ſein?“ Der Greis ſenkte den Kopf und ſchwieg; Tante Klär ſtieß einen ſchmerzlichen Seufzer aus. „Du antworteſt nicht,“ rief der Kapitän erſchrocken. „Schweſter, warum treten Dir Thränen in die Augen? Du machſt mich zittern...“ „Bella iſt in der That ein ſchönes Mädchen ge⸗ worden,“ ſagte der Greis.„Wie erfreut, wie glück⸗ lich wird ſie ſein, wenn ſie Dich ſieht; ſie ſpricht noch täglich...“ „Aber die Andern?“ fiel ihm der Kapitän ängſt— lich in's Wort.„Philipp, Klas, Peter, Jan? Sie leben, nicht wahr?“ „Gott hat ſie in ſeinen ſchönen Himmel aufge⸗ nommen,“ flüſterte der Blinde. „Und Deine Frau?“ „Sie iſt dort oben mit ihren Kindern vereint,“ war die leiſe Antwort. „Todt! Sie ſind Alle todt!“ klagte Louis. „Armer Bruder, und Du ſagſt, Du ſeieſt nicht un⸗ glücklich? Blind und trauernd über dem Grabe Deiner ganzen Familie!“ Greis; Vaters Menſche und me derfinder Sch Trauer nen Aus Officier verſtand Kamerat lich betr ſuchte il D franzöſiſ kehre ne Ich glat meine A Bruder der Tod vier Sö ihm die „Ach Güte, v Bella en greifen, noch gli Engeln und mei gewiß ſc aber pre cklich, wie orden ſeit der Herr Er hat ſſen er durch icht. Wie Männern ne Bella? en ein g; Tante rſchrocken. ie Augen? idchen ge⸗ wie glück⸗ ſie ſpricht tän ängſt⸗ an? Sie nel aufge⸗ vereint,“ te Louis. nicht un⸗ m Grabe 167 „Die Zeit heilt alle Wunden,“ antwortete der Greis;„ſelbſt die, welche der Tod dem Herzen eines Vaters ſchlägt. Und doch, iſt Sterben nicht Aller Menſchen Loos? Ich werde meine lieben Kinder und meine theure Frau in dem andern Leben wie⸗ derfinden.“ Schweigend und faſt vernichtet unter ſeiner Trauer hielt der Kapitän den Blick auf die erloſche⸗ nen Augen des Greiſes geheftet. Obſchon der jüngere Officier Nichts von dem, was geſprochen wurde, verſtanden, hatte er doch ſo viel begriffen, daß ſein Kamerad durch die Blindheit ſeines Bruders ſchmerz⸗ lich betroffen worden war. Er näherte ſich ihm und ſuchte ihm Muth einzuflößen und ihn zu tröſten. „O, es iſt entſetzlich!“ ſprach Kapitän Louis in franzöſiſcher Sprache.„Bedenke, mein Freund, ich kehre nach zwölfjähriger Abweſenheit hieher zurück. Ich glaubte eine zahlreiche und blühende Familie in meine Arme drücken zu dürfen; ich hoffte meinen Bruder glücklich zu finden. Wehe, er iſt blind, und der Tod hat ſeine Familie hinweggerafft. Von ſeinen vier Söhnen bleibt ihm nicht ein einziger mehr, um ihm die Augen zu ſchließen!“ „Ach, wüßteſt Du, Louis, welchen Schatz von Güte, von Tugend und von Liebe das Herz meiner Bella enthält,“ ſprach der Greis,„Du würdeſt be⸗ greifen, daß ich, ſelbſt nach ſo vielen Unglücksfällen, noch glücklich ſein kann! Hätte Gott mir dieſen Engel nicht geſchenkt, um meinen Muth zu ſtützen und meine alten Tage zu erheitern, dann wäre ich gewiß ſchon unter der Laſt des Lebens erlegen; nun aber preiſe ich den Herrn für ſeine Barmherzigkeit.“ 168 „Wo iſt meine Nichte?“ fragte Louis, ſich mit Gewalt aus ſeinem Schmerz aufraffend. „Sie iſt mit einem Auftrag ausgeſchickt worden und wird bald zurückkehren,“ war die Antwort. „Ich glaube, ich höre ſie die Hinterthüre öffnen,“ bemerkte Tante Klär. Mit einem Lächeln der Erwartung auf den Lippen blickte der Kapitän nach dem bezeichneten Eingang; er ſah in der That ein junges Mädchen, das, von Schrecken ergriffen, Schritt für Schritt aus dem Stall hervorkam und endlich mit dem Kopf unter der Thüre erſchien... aber dann blieb ſie ſtehen und begann zu zittern, während ſie, bleich vor Be⸗ ſtürzung, das fragende Auge auf das Geſicht des Kapitäns gerichtet hielt. Ein plötzlicher Schrei ent⸗ ſchlüpfte ihr; faſt außer ſich vor Bewegung faltete ſie die Hände und näherte ſich ſo dem Officier, aus deſſen Auge Freude und Liebe ihr entgegenſtrahlte. „Sollte es wahr ſein!“ rief ſie.„Nein, es iſt unmöglich; ich würde vor Glück vergehen! Vergeben Sie mir, Herr! O, es iſt, als ſehe ich meinen guten Oheim Louis!“ „Liebe Nichte, Du erkennſt mich alſo doch?“ mur⸗ melte der Kapitän, tief gerührt. „Er iſt es, o Gott!“ jubelte das Mädchen,„mein Oheim, mein Oheim Louis!“ Und ſie warf ſich, ihrer ſeligen Bewegung faſt unterliegend, an den Hals des Kapitäns. Ohne ihm Zeit zu laſſen, ein Wort auszuſprechen, rief ſie zwi⸗ ſchen wiederholten Küſſen: „Ach, wie oft habe ich geweint! Wir wähnten, Du wäreſt todt! Der Vater, der niemals verzwei⸗ felt, ſag es viell Bella li Mühe 2 wie ich jeden B Und Dr „Oh „Ka bei den mich gli ein zwei Dich no die ihre Der ſeinem „La Zeit laſſ liche Fa ein Kind auf me Schmeich die Wal manches geſehen; gegnet, „Ko: unterbra Bewegu— Café ge Feuer. gute Taſ ſich mit tworden wort. eöffnen,“ en Lippen Eingang; das, von aus dem opf unter ſie ſtehen Be⸗ eſicht des chrei ent⸗ ng faltete icier, aus iſtrahlte. in, es iſt Vergeben nen guten h“ mur⸗ en,„mein zung faſt Ohne ihm f ſie zwi⸗ wähnten, verzwei⸗ 169 felt, ſagte wohl, Du würdeſt wiederkehren. Du haſt es vielleicht vergeſſen, Oheim, wie Du die kleine Bella liebteſt; aber ich weiß es noch ſehr gut, welche Mühe Du Dir gegeben haſt, mich leſen zu lehren; wie ich auf Deinen Knieen ſaß, und Du mich für jeden Buchſtaben, den ich nennen konnte, küßteſt. Und Du biſt nun Soldat?“ „Oheim Louis iſt Kapitän!“ rief Tante Klär. „Kapitän!“ wiederholte das Mädchen.„Kapitän bei den Franzoſen? Aber es iſt gleich, ich fühle mich glücklich, ſo an dem Herzen deſſen, der mich wie ein zweiter Vater geliebt hat! Nein, nein, laß mich Dich noch einmal umhalſen. Es iſt die kleine Bella, die ihrem guten Oheim Louis für ſeine Liebe dankt.“ Der Kapitän machte die Arme ſeiner Nichte von ſeinem Halſe los und ſagte mit heiterem Scherz: „Laß nun ab, Bella; Du wirſt mir nicht einmal Zeit laſſen, Dich zu betrachten. Als ich die unglüd⸗ liche Fahrt nach Island unternahm, warſt Du noch ein Kind; aber nun? ha, ha, nun darf ich ſtolz ſein auf meine Nichte! Sieh', Du wirſt mich einen Schmeichler heißen, und doch werde ich Nichts als die Wahrheit ſagen. Seit meiner Abreiſe habe ich manches Land durchwandert und viele ſchöne F Frauen geſehen; aber doch bin ich noch keiner einzigen be⸗ gegnet, die ſchöner wäre, als meine Nichte Bella...“ „Komm, laß uns Platz nehmen, lieber Dheim,“ unterbrach ihn das Mädchen, indem ſie mit ſchneller Bewegung die Stühle vorſchob.„Wir haben gerade Café getrunken; aber der Topf iſt noch über dem Feuer. Ich werde Dir und Deinem Kameraden eine gute Taſſe einſchenken, und Du ſollſt unter dem Trin⸗ 170 ken uns einmal erzählen, wie Gott in ſeiner unend⸗ lichen Güte Dich aus dem Schiffbruch gerettet hat.“ Zu dem jungen Kapitän tretend und ihm einen Stuhl anbietend, ſagte ſie in ſanftem Tone: „Machen Sie ſich's bequem, Herr; thun Sie, als ob Sie zu Hauſe wären. Wenn der Herr eine Taſſe Café bei uns trinken wollte, würde es eine große Ehre für uns ſein.“ Der Kriegsmann lächelte ihr freundlich zu; und indem er in franzöſiſcher Sprache dankte, ſuchte er ihr begreiflich zu machen, daß er keine Luſt zum Sitzen hätte. Er näherte ſich ſeinem alten Kameraden und flüſterte mit gedämpfter Stimme: „Beim Teufel! Deine Nichte iſt ein prächtiges Mädchen. Sie hat Augen wie eine italieniſche Frau. Wie rein ihre Wange, wie bezaubernd ihr Lächeln iſt! Es iſt eine Roſe, in den Dünen verloren. Schade, daß hier Niemand Franzöſiſch verſteht. Geſtehe, daß es für mich langweilig ſein muß.“ „Ich habe es Dir zum Voraus geſagt,“ bemerkte der Andere.„Du wollteſt mich begleiten, um das Haus zu ſehen, wo ich geboren bin; tröſte Dich um meinetwillen; es iſt nicht anders zu machen.“ Der junge Officier ſtellte ſich an das Fenſter und ſchaute hinaus; inzwiſchen wechſelte der Kapitän einige Worte mit ſeinem Bruder Simon und ſeiner Schweſter Klär. Bella beeilte ſich, den doppelt ſtar⸗ ken Café einzuſchenken. Als ſie damit fertig war, und die Taſſe dampfend vor ihrem Oheim ſtand, ſetzte ſie ſich neben ihn und rief ganz vergnügt: „Jetzt werden wir alſo erfahren, wie Gott mei⸗ nem lieben Oheim das Leben erhalten hat, und wie es komn König 1 „Ja Geſchich ſie gan— der Kür widerfal lang ge mir mö können Nach m ſchlechtes bis bein Nacht vt auf dem Steuerrt den wir geworfer in der, langen; Als der uns befe war, de blöcke tr Kräfte c kam, un zerſchellt unmittel der See Nothruf verſtumn Stoß üb ter unend⸗ ettet hat.“ ihm einen thun Sie, Herr eine es eine zu; und ſuchte er um Sitzen aden und prächtiges ſche Frau. r Lächeln Schade, ſtehe, daß bemerkte um das Dich um Fenſter Kapitän nd ſeiner pelt ſtar⸗ tig war, m ſtand, ügt: zott mei⸗ und wie 17¹ es kommt, daß wir ihn wiederſehen, gekleidet wie ein König und als Kapitän in franzöſiſchen Dienſten.“ „Ja, Nichte,“ ſagte Louis Stock,„das iſt eine Geſchichte, die viele Tage dauern würde, wenn ich ſie ganz erzählen müßte. Ich werde Dir nur in der Kürze eine Vorſtellung von dem geben, was mir widerfahren iſt. Wahrſcheinlich werden wir noch lang genug in dieſer Gegend bleiben, und ſo iſt es mir möglich, Dich mehr als einmal zu beſuchen. Wir können demnach ausführlicher darüber ſprechen... Nach meiner Abreiſe von Dünkirchen hatten wir viel ſchlechtes Wetter, doch eine ziemlich günſtige Fahrt bis beinahe nach Island; aber da wurden wir in der Nacht von einem ſo heftigen Sturm befallen, daß Alles auf dem Schiff in Verwirrung gerieth und wir unſer Steuerruder verloren. Drei Tage und drei Nächte wur⸗ den wir von dem Winde auf den Wogen hin⸗ und her⸗ geworfen; wir ſahen wohl dann und wann ein Schiff in der Ferne, aber es gab kein Mittel, Hülfe zu er⸗ langen; die See wüthete und ging ſchrecklich hohl. Als der Sturm ſich legte, wußten wir nicht, wo wir uns befanden. Was uns tödtliche Angſt einflößte, war, daß wir hie und da auf der See große Eis⸗ blöcke treiben ſahen; und nicht ſelten mußten wir alle Kräfte aufbieten, um ihnen auszuweichen. Die Nacht kam, und was wir fürchteten, traf ein: unſer Schiff zerſchellte zwiſchen zwei treibenden Eisbergen und ſank unmittelbar. Meine armen Gefährten wurden von der See verſchlungen; ich hörte in der Seele ihren Nothruf eine kurze Weile ertönen und dann allmälig verſtummen. Was mich betrifft, ich war durch den Stoß über Bord geworfen und befand mich auf dem 172 Eiſe. Dir zu ſagen, was ich dieſe Nacht gelitten habe, iſt unmöglich. Obwohl meine Kleider trocken geblieben waren, erſtarrten meine Glieder doch von der heftigen Kälte; denn ich wagte nicht, mich ſtark zu bewegen, aus Furcht, auszuglitſchen und in die See zu ſtürzen. Der Tod ſtand mir vor Augen und ich rief Euch Allen ein trauriges Lebewohl zu...“ „Armer Oheim!“ ſagte Bella, indem ſie ihm mit Zittern die Hand drückte.„Dein entſetzliches Loos treibt mir die Thränen in die Augen.“ „Mein Herz ſchlägt nicht mehr!“ ſeufzte Tante Klär. „Nein, ſeid unbeſorgt,“ fuhr Kapitän Louis fort. „Der gute Gott hatte beſchloſſen, daß ich noch nicht ſterben ſollte. Des Morgens, bei Tagesanbruch ſah ich ein kleines Schiff, das alle Segel aufgezogen hatte und ſich anſtrengte, aus dem Treibeis heraus zu kommen. Es hatte gleichfalls in Folge der vielen Stürme ſeinen Cours verloren. Man bemerkte mich und holte mich mit einem Boote ab.“ „Ah, ah!“ rief Bella, mit kindlicher Freude in die Hände klatſchend,„mein Oheim Louis iſt geret⸗ tet! Ich ſtarb beinahe vor Angſt; aber jetzt bin ich wieder ſo glücklich... „Warte noch ein Bischen, liebe Nichte,“ fuhr der Kapitän fort,„ich bin noch nicht am Ende meiner Geſchichte. Das Schiff, welches mich aufgenommen hatte, war eine engliſche Brigg, welche nach St. John auf Neu⸗Fundland ſegelte. Wir hatten gut Wetter und gelangten ohne Gefahr in die Gewäſſer der großen Bank, als ein ſchrecklicher Sturm uns auf's Neue überfiel und nordwärts verſchlug. Unſer Schiff wurde a Strand Boot w ten nich wüſte E Runde 1 unſern 2 ſüdwärt⸗ dem wir welche ſ terlagen, mager u Ort, wo aus Thi Es war die kleit Nordküſt Dir ein ſonderba Ein und ſie im Zimt „Wo tän erſte Schrecker ſchichte 1 „Wo Mädchen weilt ſic da vor Das t gelitten er trcken doch von mich ſtark nd in die ugen und ihm mit che Los zte Tante ouis fort. noch nicht bruch, ſah gen hatte eraus zu er ielen erkte mich Freude in iſt geret⸗ bin ich fuhr der e meiner enommen St. John it Wetter äſſer der ns auf's ſer Schiff 173 wurde auf die Küſte geworfen und auf dem felſigen Strand zerſchmettert. Es gelang uns noch, mit dem Boot wohlbehalten das Land zu erreichen. Wir wuß⸗ ten nicht wo wir uns befanden, denn es war eine wüſte Gegend, wo ſich auf hundert Stunden in der Runde nicht ein Menſch entdecken ließ. Wir traten unſern Marſch über den Schnee an und wandten uns ſüdwärts, um einen bewohnten Ort aufzuſuchen. Nach⸗ dem wir drei unſerer Kameraden verloren hatten, welche ſämmtlich dem Elend und der Krankheit un⸗ terlagen, gelangten wir endlich, von Hunger verzehrt, mager und bleich wie lebendige Leichen, an einen Ort, wo etwa ein Dutzend Familien in Hütten, die aus Thierfellen gemacht waren, beiſammen wohnten. Es war eine Art halbwilder Menſchen, welche man die kleinen Eskimo's nennt. Wir hatten auf der Nordküſte von Labrador Schiffbruch gelitten. Ich will Dir ein andermal viel wunderliche Binge von dieſem ſonderbaren Volke erzählen...“ Ein halbunterdrückter Schrei entſchlüpfte Bella, und ſie ſprang auf, indem ſie mit ſichtbarer Angſt im Zimmer umherſchaute. „Was haſt Du, liebe Nichte?“ fragte der Kapi⸗ tän erſtaunt.„Man möchte ſagen, ein plötzlicher Schrecken habe Dich befallen. Es iſt doch meine Ge⸗ ſchichte nicht, wodurch Du ſo aufgeregt wirſt?“ „Wo iſt Dein Kamerad geblieben?“ murmelte das Mädchen.„Ich ſehe ihn nicht mehr!“ „Kümmere Dich nicht um ihn, Bella. Er lang⸗ weilt ſich, weil er nicht Flämiſch verſteht, und geht da vor der Thüre in den Dünen umher“ Das Mädchen ging an's Fenſter, um durch die 174 Scheiben hinauszuſehen, und kehrte mit einem hellen Freudenlächeln zu ihrem Oheim zurück. Ihren erſten Platz wieder einnehmend, ſagte ſie: „Er ſitzt auf dem Bänkchen vor dem Hauſe und pfeift ein Liedchen. Er ſcheint ein guter Menſch zu ſein, der Herr?“ „Ja ein ſehr guter Menſch,“ bemerkte der Ka⸗ pitän mit einem Lächeln des Zweifels.„Ein treuer Freund, ein tapferer Soldat, ein edelmüthiges Herz; aber unbarmherzig bis zur Grauſamkeit gegen alle diejenigen, die er nur der Feindſchaft gegen die Republik verdächtig hält... Du erbleichſt, Bella! Deine Hand zittert! Fürchte Nichts, Liebe; die fran⸗ zöſiſchen Soldaten thun friedlichen Leuten Nichts zu Leide.“ „Biſt Du lange Zeit bei den wilden Menſchen geblieben, Louis?“ fragte der Blinde.„Wie biſt Du aus dieſem wüſten Lande hinweggekommen?“ „Ei,“ ſagte der Kapitän,„meine Nichte könnte mir ganz in Vergeſſenheit bringen, daß Du den Ver⸗ lauf meiner Geſchichte erwarteſt. Nein, wir blieben nur einige Wochen bei den Eskimo's. Nach ihren Andeutungen und von zwei derſelben geführt, reisten wir tiefer landeinwärts, bis wir einen Ort erreichten, wo eine Station engliſcher Pelzjäger errichtet war. Hier wurden wir freundlich aufgenommen und ver⸗ pflegt. In Erwartung einer Gelegenheit, die ſich darbieten würde, um nach einem Seehafen zu gelan⸗ gen, vertheilte man uns auf verſchiedene Stationen und verwendete uns zu dem Pelzhandel mit den wilden Eskimo's Ich trat wirklich in die Dienſte der Geſellſchaft und drang Hunderte und Hunderte von Stunder nes Leb Zweima ſellſchaft Sorge t laſſen; daß ich Der mer und meraden gerade a daß er Burſche, möchte.“ Voll zu ſehen Officier rück und „Es wenig ve Louis zu „Ah, tän Louis „Er war und ich k „Joſe liche Neu ihren Vet auf den Siéh „Him m hellen en erſten auſe und kenſch zu der Ka⸗ in treuer es Herz: gen alle egen die „Bella! die fran⸗ ſichts zu Menſchen Wie biſt ten?“ e könnte den Ver⸗ blieben ch ihren reisten reichten, tet war. ind ver⸗ die ſich gelan⸗ tationen nit den enſte der erte n Stunden noch tiefer landeinwärts. Fünf Jahre mei⸗ nes Lebens verbrachte ich in dieſen wüſten Strichen. Zweimal habe ich einen Brief den Dienern der Ge⸗ ſellſchaft anvertraut, mit der Gewißheit, daß man Sorge tragen würde, denſelben an Euch gelangen zu laſſen; aber ich finde nun zu meinem großen Leide, daß ich mich betrogen habe...“ Der jüngere Kapitän trat lachend in das Zim⸗ mer und ſagte, nach außen weiſend, zu ſeinem Ka⸗ meraden: „Dort in der Ferne kommt der Bär von vorhin gerade auf dem Fußpfad angewackelt. Ich wünſchte, daß er hier Etwas zu verrichten hätte; es iſt ein Burſche, den ich gern einmal in der Nähe betrachten möchte.“ Voll Beſorgniß trat Bella vor die Thüre, um zu ſehen, wer die Perſon ſein möchte, welche der Officier anzukündigen ſchien. Sie kehrte ſchnell zu⸗ rück und rief: „Es iſt Vetter Joſeph! Der wird auch nicht wenig verwundert und erfreut ſein, wenn er Oheim Louis zu ſehen bekommt!“ „Ah, ah, der Bär iſt mein Vetter!“ ſagte Kapi⸗ tän Louis, indem er ſich an ſeinen Kameraden wandte. „Er war mein beſter Freund faſt mein Leben lang, und ich habe ihn nicht erkannt.“ „Joſeph, lieber Joſeph, ſchnell, ſchnell, eine glück⸗ liche Neuigkeit!“ rief das Mädchen. Und indem ſie ihren Vetter am Arme in das Haus zog, deutete ſie auf den Kapitän mit den Worten: „Sieh, der ſchöne Soldat iſt mein Oheim Louis!“ „Himmel, iſt es möglich? Er iſt es in der That!“ 176 rief Joſeph, die Hand des Kapitäns in tiefer Be⸗ wegung ſaſfend; aber Louis Stock zog ſeinen alten Genoſſen in die Arme und drückte ihn an ſein Herz. Nachdem ſie beide in der frohen Umarmung einige herzliche Worte der Freundſchaft gewechſelt hatten, fragte Joſeph im Tone äußerſter Verwunderung: „Alſo Du biſt nicht todt, Vetter? Welch ein Wunder ließ der liebe Gott zu Deinem Beſten ge ſchehen, daß Du dem Schiffbruch entkommen biſt? Denn das Fiſcherboot, worauf Du abfuhreſt, iſt wirk⸗ lich in der Isländiſchen See untergegangen, nicht wahr?... Und nun biſt Du zuletzt in franzöſiſche Dienſte gegangen!“ „Ich war damit beſchäftigt, meine Geſchichte in der Kürze zu erzählen,“ antwortete der Kapitän. „Bereits habe ich auseinandergeſetzt, wie ich nach zweimal erlittenem Schiffbruch in einem wilden Lande Nordamerika's fünf Jahre lang Pelzjäger geweſen bin. Setze Dich nieder, Joſeph, und höre zu; Du wirſt vernehmen, mir hernach widerfahren iſt. Es wird nicht mehr l ang ſein.“ Der Fiſcher nahm einen Stuhl; er bemerkte ſofort, daß der andere Officier ihn ſcharf anfah⸗ mit einem Lächeln, welches anzudeuten ſchien, daß er geneigt war, ſich über ihn luſtig zu machen. Joſeph erhob den Kopf und ſchaute dem Kriegsmann furchtlos in die Augen; das Geſicht dieſes Mannes gefiel ihm nicht; er fühlte eine Art von Widerwillen gegen ihn. Seine Geſchichte wieder aufnehmend, erzählte Kapitän Louis, wie er endlich das Land der Eskimo's verlaſſen und in Quebek, einem engliſchen Hafen, als Matroſe auf einem Küſtenfahrer Dienſte genommen und vi ſtadt zi größern anlangt geanten „Von d ich glei ben, ab Brieffell Englänt Joſe ſichtlich ten ſich und wer tete, fun Blut ihn jedoch ne er am m wohl ſie den Aus ihn befra heit ſei, Blick des Bella in Edelmanr Fiſchers: ſie ihn de einigerma worin er ſtand, daf Conſei efer Be⸗ en alten ein Herz. ng einige t hatten, rung: Lelch ein weſten ge en biſt? iſt wirk⸗ en, nicht anzöſiſche chichte in Kapitän. ich nach den Lande geweſen zu; Du ahren iſt. kte ſofort, nit einem geneigt eph erhob rchtlos in eſiel ihm een ihn. erzählte Eskimo's afen, als enommen und viele kleine Reiſen von einer amerikaniſchen See⸗ ſtadt zur andern gemacht hatte, bis er mit einem größern Schiffe auf der franzöſiſchen Inſel Guadeloupe anlangte. Hier nahm er mit dem Grade eines Ser⸗ geanten als Seeſoldat Dienſte auf einem Kriegsſchiffe. „Von der Inſel Guadeloupe aus,“ fuhr er fort,„habe ich gleichfalls einen Brief an meinen Bruder geſchrie⸗ ben, aber wahrſcheinlich iſt das Schiff, welches das Brieffelleiſen nach Europa bringen ſollte, von den Engländern gekapert worden.“ Joſeph ſchien nicht Acht zu geben; er war er⸗ ſichtlich ſehr ſchlechter Laune, denn ſeine Lippen hat⸗ ten ſich zu einem ſcharfen Ausdruck zuſammengezogen, und wenn er den Blick auf den jüngern Officier rich⸗ tete, funkelten ſeine Augen, als ob das aufwallende Blut ihm in den Adern kochte. Sein Verdruß mußte jedoch noch andere Gründe haben, und vielleicht war er am meiſten auf ſeine Nichte ergrimmt, denn ob⸗ wohl ſie ſchon drei⸗ oder viermal mit einem bitten⸗ den Ausdruck des Geſichts und mit geheimen Zeichen ihn befragt hatte, ob Herr von Milval in Sicher⸗ heit ſei, hatte ihr Joſeph nur mit einem ſtrengen Blick des Vorwurfs geantwortet. Ohne Zweifel hatte Bella in ihrer Angſt für die Rettung des bedrohten Edelmanns Worte geſprochen, welche das Herz des Fiſchers mit Argwohn und Betrübniß erfüllten, indem ſie ihn denken ließen, der Strandläufer müſſe wohl einigermaßen die Wahrheit geſagt haben. Was Joſeph in der ſchlechten Gemüthsſtimmung, worin er ſich befand, noch verſtärkte, war der Um⸗ ſtand, daß der jüngere Officier, während ſein Kame⸗ Conſcience, Bella Stock. 12 178 rade erzählte, auf ſehr unehrerbietige Weiſe die Heiligenbilder von der Wand nahm, als wollte er ſeinen Spott damit treiben. Schon hatte Joſeph der Katze einen gewaltigen Stoß gegeben und ſich da⸗ durch einen ſtrengen Verweis von Tante Klär auf den Hals geladen. Trotz dieſer Unterbrechung ſetzte Kapitän Louis ſeine Erzählung fort. Er war eben daran, von ſeinen Gefechten zur See gegen die engliſchen Kriegsſchiffe zu berichten, und wollte weiter erklären, wie er wieder nach Europa gekommen war, als Joſeph plötzlich, brüllend wie ein Löwe, aufſprang und mit ſeinen beiden Fäuſten dem jüngeren Officier auf den Leib wollte. Tante Klär und Bella hatten kaum Zeit, dem wüthenden Fiſcher ſich an den Hals zu werfen und ihn auf ſolche Art zu verhindern, ein Unglück an⸗ zurichten. Der Officier, über die Drohungen Joſephs er⸗ grimmt, hatte die Hand an ſeine Piſtolen gelegt und ſagte mit einem Lächeln der Verachtung zu ſeinem Kameraden: „Was hat dieſes wilde Thier? Weil ich unab⸗ ſichtlich ein elendes Ding zu Boden fallen ließ! Er komme! Thut er noch einen einzigen Schritt vor⸗ wärts, ſo jage ich ihm eine Kugel durch den Kopf und ſtrecke ihn zu meinen Füßen nieder!“ Zwiſchen Beide tretend, ſprach der Kapitän in ſtrengem, befehlendem Ton zu Joſeph: „Vetter, Vetter, Du biſt unverſtändig. Mein Gefährte erklärt, er habe das gypſerne Krucifix nur betrachten wollen, und es ſei ihm unglücklicher Weiſe aus der Hand gefallen. Empfängt man auf ſolche Weiſe Tage „ murn der E danke wird 3 Dich fünf Angſt ganz über meine digun Fiſche mit T einzul fall en Veurn ſäglich es bes ben. eiſe die vollte er ſeph der ſich da⸗ te Klär brechung Er war egen die te weiter ten war, ufſprang Officier it, dem rfen und glück an⸗ ephs er⸗ legt und u ſeinem ic n⸗ ritt vor⸗ den Kopf pitän in Mein rcifix nur her Weiſe auf ſolche 179 Weiſe Freunde, die ich mit mir bringe, noch an dem Tage meiner frohen Wiederkehr?“ „Ich hatte Unrecht, ich bin ein Dummkopf,“ murmelte Joſeph mit der Röthe der Beſchämung auf der Stirne.„Ich bin unglücklich, Vetter, trübe Ge⸗ danken wühlen mir im Kopfe; das erregte Blut wird Herr über mich.“ „Geh' nach Haus, einfältiger Junge, wenn Du Dich nicht wie Jemand zu betragen weißt, der ſeine fünf Sinne hat!“ fuhr jetzt Tante Klär heraus, deren Angſt ſich in Zorn verwandelt hatte. „Ich bitte Dich, Vetter Louis,“ murmelte Joſeph ganz beſtürzt,„ſage Deinem Kameraden, daß ich mich über ſeine Abſicht getäuſcht habe und ihn wegen meines unſinnigen Auffahrens um Vergebung bitte. Achte nicht mehr auf mich; ich will mich ſtill halten. Ich erkenne, daß ich unverſtändig gehandelt habe. Was kann der Herr dafür, daß ich Kummer habe?“ Mit dieſen Worten ging er unter den Kamin, ſetzte ſich dort auf eine hölzerne Bank und ſenkte den Kopf tief zu Boden. Der jüngere Officier antwortete auf die Entſchul⸗ digungen, welche ihm Louis Stock im Namen des Fiſchers vortrug: „Nun, nun, es iſt gut. Ich habe keine Luſt, um mit Deinem barſchen Vetter mich in einen Streit einzulaſſen. Sprechen wir von dem ſeltſamen Vor⸗ fall nicht länger; aber ich bitte Dich, laß uns nach Veurne zurückkehren. Ich langweile mich hier un⸗ ſäglich; es iſt ſchon ſpät; der Wind erhebt ſich und es beginnen ſchwarze Wolken durch die Luft zu trei⸗ ben. Es iſt Zeit, daß wir aufbrechen. Willſt Du 12* 180 bleiben, ſo ſag' es; ich werde allein meinen Weg durch die Dünen zu finden ſuchen.“ „Nein, noch einige Augenblicke, und dann gehe ich mit Dir. Ich kann ja morgen wieder hieher kommen.“ Und ſich zu ſeinem Bruder und ſeiner Nichte wendend, ſprach er: „Seid nicht unruhig über das Geſchehene; mein Kamerad hat ein gutes Herz; die Sache iſt bereits vergeſſen. Heute kann ich meine Geſchichte nicht zu Ende erzählen, denn ich muß nach Veurne zurück. Ich werde Dich morgen wieder beſuchen, und über⸗ morgen und wahrſcheinlich noch viele Tage. Wir ſind gekommen, um Nieupoort zu belagern. Es wird noch eine Zeit lang dauern, ehe die Stadt kapitulirt; denn unſern Berichten zufolge befinden ſich wohl gegen tauſend Emigranten innerhalb der Mauern der Stadt. Dieſe Leute werden ſich ver⸗ zweifelt vertheidigen, da ſie wohl wiſſen, daß es keine Gnade für ſie gibt. Nieupoort iſt eine Maus⸗ falle für ſie: binnen drei Wochen wird kein Einziger von ihnen mehr am Leben ſein. Wie dem nun ſei, ich werde lang genug in dieſer Gegend bleiben, um Gelegenheit zu haben, meine Geſchichte noch mit allen ihren Einzelnheiten zu erzählen. Gebt mir nun die Hand und laßt mich abziehen, denn die Pflicht ruft mich.“ Er wechſelte einen Gruß mit ſeinem blinden Bruder, umarmte ſeine Schweſter und ſeine Nichte, drückte dem betrübten Joſeph die Hand und verließ das Haus mit ſeinem Kameraden. Alle Andern, mit Ausnahme Joſephs, gaben ihm ein E freun Morg beider ſchwu doch 1 brumn Streck und T armſel Gebur Es wi fixen. für Di gnügen mit me wirſt ſ einem L Freiheit Abergla einem nicht ge n Weg in gehe hieher Nichte ;mein bereits licht zu zurück. düber⸗ t. Es Stadt efinden alb der ch ver⸗ daß es Maus⸗ inziger mun ſei, en, um h mit bt mir enn die blinden Nichte, verließ en ihm ein Stück weit das Geleite und riefen ihm noch ein freundliches Lebewohl nach.„Morgen, lieber Oheim! Morgen Louis!“ tönte es durch die Dünen, bis die beiden Officiere hinter einem hohen Sandhügel ver⸗ ſchwunden waren. „Ah ſo, nimm es mir nicht übel, aber ich kann doch nicht umhin, Dir eine Bemerkung zu machen,“ brummte der jüngere Officier, nachdem ſie eine Strecke Wegs zurückgelegt hatten.„Dein Bruder und Deine ganze Verwandtſchaft liegen noch in der armſeligſten Bigotterie befangen. Das Haus Deiner Geburt iſt mit kindiſchen Heiligenbildern behangen. Es wimmelt von Marienbildniſſen und von Kruci⸗ firen. Hätte mich nicht die Freundſchaft und Achtung für Dich abgehalten, mir dünkt, ich würde mit Ver⸗ gnügen über alle die lügenhaften Bagatellen einmal mit meinem Säbel hergefahren ſein.“ „Sollteſt Du etwa das Krucifir abſichtlich zer⸗ brochen haben?“ fragte der Kapitän in ſtrengem Ton. „Nein; Du warſt in Deinem Hauſe. Was ſich dort befindet, das berührt mich nicht; und wiewohl der Anblick dieſer elenden Dummheiten mich langweilte und ärgerte, ſo würde ich mich doch wohl gehütet haben, die Familie Deines Bruders zu höhnen oder zu kränken. Ich bin auf alle Fälle überzeugt, Du wirſt ſchon morgen dort zu verſtehen geben, daß in einem Lande, wohin die Republik Aufklärung und Freiheit bringen will, ſolche Ueberreſte eines alten Aberglaubens verſchwinden müſſen.“ „Wir wollen ſehen,“ antwortete der Andere mit einem gewiſſen Verdruß in der Stimme.„Ich bin nicht gekommen, um meinen Bruder in ſeinem ein⸗ 3 4 182 fachen Leben zu ſtören. Die Republik hat meines Frachtens wenig Intereſſe dabei, zu wiſſen, wie ein armer Fiſcher ſeine Hütte verziert.“ Der jüngere Officier machte eine Geberde der Unzufriedenheit und war eben im Begriff, die Worte ſeines Kameraden heftig zu beſtreiten; da hörte er ein Geräuſch hinter ſich und ſagte: „Sieh', da kommt ein Fiſcher auf uns zugelaufen. Wahrſcheinlich eine Botſchaft von dort.“ Sie blieben ſtehen, um den Mann zu erwarten, der ihnen von ferne Zeichen machte und ſeinen Hut abnahm und deſto tiefer ſenkte, je näher er ihnen kam. „Der ſcheint zum Mindeſten höflich und zahm,“ murmelte der jüngere Officier,„und irre ich mich nicht, ſo ſpricht er franzöſiſch. Ruft er nicht: Cito- yens Capitaines? „Allerdings, ſo ſcheint es mir gleichfalls.“ „Citoyens*),“ ſprach der Mann in verſtändlichem Franzöſiſch, als er bei den Officieren angelangt war; „vergebt mir meine Kühnheit. Ich bin ein guter Republikaner, ein Franzoſe von Geburt. Seit zwei Stunden laufe ich mich außer Athem, um Sie zu ſuchen: zu Adinkirchen, in den Dünen, auf dem Strande. Gott ſei geprieſen, daß ich Sie doch endlich fand!“ „Du haſt uns alſo etwas Wichtiges zu ſagen,“ fragte Kapitän Louis. „Etwas ſehr Wichtiges. Bleibt nicht ſtehen, Bürger; ich muß gleichfalls nach Adinkirchen. Ich werde im Gehen ſprechen, wenn Ihr es mir erlaubt; Ihr könnt ſo Euren Weg fortſetzen.“ *) Bürger. weite 6 wäre Edeln jenige gute — 6 „Das 5 Emigr unter „2 die ni franzö demjer der R zunehr „ Dienſt wortet die V „Du fünf Düner . „ ſtunde dem L De Beſtür meines vie ein de der Worte örte er laufen. warten, en Hut en kam. zahm,“ ch mich : Cito- . idlichem gt war; n guter eit zwei ſuchen: Strande. fand!“ ſagen,“ ſtehen, en. Ich erlaubt; 183 „Wohlan, wir hören,“ ſagte der jüngere Officier, weiter gehend. „Angenommen, Bürger,“ ſprach der Fiſcher,„es wäre hier irgendwo in den Dünen ein geflüchteter Edelmann, ein Emigrant verborgen, würde man dem⸗ jenigen, welcher ſeinen Verſteck angibt, wohl eine gute Belohnung zukommen laſſen?“ Die Officiere ſchauten einander überraſcht an. „Eine Belohnung?“ antwortete der Jüngere. „Das iſt alſo die Hauptſache.“ „Es iſt doch ſicher, nicht wahr, Bürger, daß alle Emigranten, wenn man ihrer ſich bemächtigen kann, unter die Guillotine kommen?“ „Alle ohne Ausnahme: es gibt keine Gnade für die niederträchtigen Landesverräther.“ „Und wenn der Emigrant einmal vier oder fünf franzöſiſche Soldaten ermordet hat, ſollte man wohl demjenigen eine Geldbelohnung verweigern, welcher der Republik die Mittel an die Hand gibt, ihn feſt⸗ zunehmen?“ „Gewiß nicht, die Republik iſt immer bereit, die Dienſte, welche man ihr leiſtet, anzuerkennen,“ ant⸗ wortete der jüngere Officier, deſſen Neugierde durch die Worte des Fiſchers ſehr erregt worden war. „Du kennſt alſo den Verſteck eines Emigranten, der fünf franzöſiſche Soldaten ermordet hat? In den Dünen?“ „Ja, Bürger, in den Dünen. Eine ſtarke Viertel⸗ ſtunde von hier, nicht weit von dem Strande, in dem Hauſe eines alten blinden Fiſchers.“ Der jüngere Officier ſchaute ſeinen Gefährten mit Beſtürzung an; dieſer gab ihm bittend und zugleich 184 befehlend ein Zeichen zu ſchweigen und ſprach dann, ſich zu dem Fiſcher wendend: „Ich werde bewirken, Freund, daß Du eine gute Belohnung erhältſt. Laß das meine Sorge ſein. Du ſagſt, nicht wahr, daß der Emigrant, von wel⸗ chem Du redeſt, in der Wohnung eines alten blinden Fiſchers, Namens Simon Stock, verborgen ſei? Wie iſt Dein Name, und wo wohnſt Du?“ „Ich heiße Jakob Snel. Es iſt ſchwer, Ihnen von hier aus mein Haus in den Dünen zu zeigen; aber fragen Sie in Adinkirchen oder in der Umgegend nach Ko Snel, dem Strandläufer, und Jedermann wird Sie nach meiner Wohnung bringen... Man hat mir in dem Dorfe geſagt, daß ein franzöſiſcher General zu Veurne auf dem Markte ſein Abſteigquartier genom⸗ men hat. Ich war Willens, dieſen Abend noch nach der Stadt zu gehen.“ „Thue das nicht, es würde Dich ſicherlich um Deine Belohnung bringen,“ ſagte Kapitän Louis mit einer Bewegung, die er nur mit Mühe zu be⸗ herrſchen und zu verbergen im Stande war.„Komm morgen eine halbe Stunde vor Mittag in die Edle Roſe und frage nach dem Kapitän⸗Adjutanten. Nimm Dich wohl in Acht und ſprich mit Niemand von der Sache. Du wirſt zufrieden ſein. Lebe wohl, bis morgen!“ Er faßte ſeinen Kameraden am Arm, und bat ihn, ſeinen Schritt zu beſchleunigen. Der Strandläufer blieb ſtehen und blickte ihnen eine Weile mit Verwunderung nach. Es kam ihm vor, als ob die beiden Officiere in einen zornigen Wortwechſel mit einander gerathen wären; denn Einer von ih ſchen z froh di Es Kamin, betet, o Auf ſchwache die äuße Heiligen Taſſen a goldung ſtörte hi Windes, zu Zeit ſcheiben Der Er glau Thür zu mit einer einem Ki dem ſie Laſt auf faßte ſein „Ach, „Ich dann, ne gute e ſein. n wel⸗ aten rborgen ien von ; aber nd nach ird Sie mir in eral zu genom⸗ ch nach ich um Louis zu be⸗ „Komm ie Edle Nimm o0 der l, bis nd bat ihnen m ihm ornigen Einer 185 von ihnen ſtampfte auf den Boden und machte hef⸗ tige Geberden. Bald jedoch verſchwanden ſie in einer Tiefe zwi⸗ ſchen zwei Dünen, und der Strandläufer kehrte, ſich froh die Hände reibend, auf dem Fußpfade zurück. X. Es war Abend; der blinde Fiſcher ſaß unter dem Kamin, mit gefalteten Händen, gleich Jemand, der betet, oder in trübe Gedanken verſunken iſt. Auf dem Tiſche ſtand ein Lämpchen, deſſen ſchwache Flamme nicht Licht genug verbreitete, um die äußerſten Winkel des Zimmers zu erreichen; die Heiligenbilder an der Wand und die Kannen und Taſſen auf dem Schranke funkelten wegen ihrer Ver⸗ goldung gleich Sternen in der Finſterniß. Nichts ſtörte hier die Stille, als das ſanfte Wehen des Windes, der vom Lande ſeewärts ging und von Zeit zu Zeit mit größerer Gewalt gegen die Fenſter⸗ ſcheiben anſchlug. Der Greis erhob plötzlich den Kopf und horchte. Er glaubte das Geräuſch von Schritten vor der Thür zu vernehmen. Wirklich war es Bella, welche mit einer wollenen Decke, ein paar Leintüchern und einem Kiſſen unter dem Arm in's Haus trat. In⸗ dem ſie einen leichten Gruß murmelte, legte ſie ihre Laſt auf einen Stuhl, trat dann zu dem Greiſe, faßte ſeine Hand und ſeufzte: „Ach, Vater, ich bin ſo unglücklich!“ „Ich begreife es, mein Kind,“ antwortete der 186 Blinde;„mich erſchreckt gleichfalls die Todesgefahr, wovon der arme Herr von Milval bedroht iſt; aber laß uns nicht vergeſſen, daß in den mißlichſten Um⸗ ſtänden, wenn alle menſchliche Hülfe machtlos ge⸗ worden iſt, Gottes Hülfe dennoch allmächtig bleibt.“ „Ja, ja, Vater, und ſeine Güte iſt unendlich. Ich will hoffen; aber ſchreckliche Ahnungen verfolgen mich; wo ich gehe, oder was ich denke, immer ſind franzöſiſche Soldaten da, die ihn ergreifen; immer das gräuliche Meſſer der Guillotine, das mir vor den Augen funkelt.“ „Du mußt Deine Einbildung bezwingen, mein Kind,“ ſagte der Greis in traurigem Ton.„Sicher⸗ lich kann das, was Du fürchteſt, eintreffen; aber gibt es denn für Herrn von Milval keine Ausſicht mehr, um ſeinen Feinden zu entrinnen? Warum an Gottes Schutz verzweifeln?“ Es trat eine Weile Stille ein. Dann fragte der Blinde: „Hat Herr von Milval nunmehr das Nöthige für die Nachtruhe?“ „Er hat Alles abgelehnt,“ antwortete das Mäd⸗ chen.„Tante Klär hat ihren neuen Strohſack auf die Schultern genommen; ich habe mich mit unſern beſten Decken und mit einem Kiſſen belaſtet. Wir ſind zu ihm gegangen, um ihm in dem verlaſſenen Häuschen ein Bett zu machen; aber er hat uns ſo lang gebeten und beſchworen, alle dieſe Gegenſtände wieder zurück zu bringen, daß wir ſeinem Verlangen Folge leiſten mußten.“ „Es iſt eine Thorheit von ſeiner Seite, und er wird ſie wahrſcheinlich bedauern; denn ſollte auch die Bekümn ein Aus unwider „Di val unt Willen vor Au bin ich chen ka Steine ten. E ruhen, ſeinen 2 das Be deßhalb ein dar ſterben, zu beſch ich würt zu befre „Seitde ich meit überall „No Joſeph auszuku gehen. esgefahr, iſt; aber ten Um⸗ tlos ge⸗ bleibt.“ mendlich. verfolgen mer ſind immer mir vor 7 n, mein „Sicher⸗ n; ber Ausſicht arum an ragte der Nöthige Mäd⸗ hſack auf lit unſern tet. Wir erlaſſenen at uns ſo egenſtände Verlangen te, und er te auch die 187 Bekümmerniß ihn am Schlafen hindern, es wird doch ein Augenblick kommen, wo ſeine ermüdeten Glieder unwiderſtehlich nach Ruhe verlangen.“ „Du irrſt Dich, Vater; der arme Herr von Mil⸗ val unterwirft ſich mit einer wunderbaren Ruhe dem Willen des Herrn. Und ſtände der Tod ſelbſt ihm vor Augen, ſein Muth würde nicht wanken, davon bin ich überzeugt. Als wir in das verlaſſene Häus⸗ chen kamen, lag er mit dem Kopf auf einem Haufen Steine und ſchlief ſo feſt, daß wir ihn wecken muß⸗ ten. Er weigerte ſich auf einem weicheren Bett zu ruhen, einzig aus Edelmuth. Er meinte, wenn man ſeinen Verſteck entdeckte, würde man erkennen, woher das Bettzeug ihm gebracht worden wäre, und uns deßhalb verfolgen. O, Vater, Herr von Milval hat ein dankbares Herz; er möchte lieber hundertmal ſterben, als uns die geringſte Unannehmlichkeit ver⸗ urſachen.“ „Ja, mein Kind, es iſt ein guter, ein edler Jüng⸗ ling. Hätte ich die Macht, ihn gegen ſeine Feinde zu beſchirmen, und wäre es mit der größten Gefahr, ich würde es thun, ohne ihn um feine Einwilligung zu befragen. Aber, ach, was können wir für ihn thun?“ „Nichts, ach Nichts!“ ſeufzte das Mädchen. „Seitdem Oheim Louis weggegangen iſt, martere ich meinen Geiſt, um einen Ausweg zu finden: überall die gleiche Gefahr und dieſelbe Dunkelheit!“ „Noch eine Hoffnung bleibt uns, mein Kind. Joſeph wird morgen früh abgehen, um die Wege auszukundſchaften. Er wird weit in's Land hinein⸗ gehen. Wenn er eine Richtung entdeckt, wo keine 188 franzöſiſche Soldaten ſind, kann er vielleicht Herrn de Milval noch retten.“ „Ich weiß nicht, Vater, was Vetter Joſeph hat. Man möchte ſagen, er ſei böswillig. Er hat ſich geweigert, den Strohſack zu tragen und uns nach der Hütte von Peter Mulle zu begleiten. Er ſagte, er ſei ſehr ermüdet; und er iſt unmittelbar hernach zu Bette gegangen.“ „Er hat jedoch verſprochen, morgen, ſobald es wieder Nacht geworden, Herrn de Milval in's Land hineinzubringen.“ „Ja, Vater, er hat es verſprochen.“ „Dann ſei unbekümmert; Joſeph hat ein edles Herz und die Furcht iſt ihm unbekannt. Sein Ver⸗ ſprechen wird er getreulich erfüllen. Es iſt ſogar möglich, daß er Herrn de Milval mitten durch das franzöſiſche Heer brächte, ohne daß man ihn ent⸗ deckte.“ „O, Vater, wenn Deine günſtige Ahnung ſich beſtätigte!“ Sie erbleichte und ſprang auf. „Himmel, man kommti Ich höre das Klirren eines Säbels. Da ſind die franzöſiſchen Soldaten, um ihn zu ergreifen!“ „O, Gott ſei Dank! Es iſt mein Oheim Louis!“ rief ſie, als die Thüre ſich geöffnet hatte. Der Kapitän trat ein und gebot mit einem Zei⸗ chen Stille. Auf ſeinem Geſichte lag ein Ausdruck, der feierlich, ſtreng und geheimnißvoll zugleich war; ſeine Lippen waren verdrießlich zuſammengepreßt und ſein Blick ſchien vorwurfsvoll. Wä am Tiſe niß zu 2 Warum und me bringt?“ i borgen, franzöſiſ das, wo „Du Edelman „Ach gehobene „Bel grant kö dem Spe „Er ten von „Du fuhr der denn.. „Abe unterbrac unterliege „Neir men, kenr lieren; la was ich Bella Herrn de ſeph hat. hat ſich nach der ſagte, er ernach zu ſobald es n's Land ein edles ein Ver⸗ iſt ſogar uch das ihn ent⸗ nung ſich Klirren Soldaten, Louis!“ em Zei⸗ lusdruck, ich war; reßt und 189 Während Bella ihn zitternd anſah, ſetzte er ſich am Tiſche nieder und fragte: „Es verwundert Dich, Simon, mich ſo bald wie⸗ der zu ſehen, nicht wahr? Ich kehre in der Finſter⸗ niß zu Dir zurück, bewegt von Unwillen und Schrecken. Warum haſt Du mir Etwas verborgen, das Dein und meiner armen Nichte Leben in große Gefahr bringt?“ „In der That, Bruder, ich habe Dir etwas ver⸗ borgen, das nicht von der Art war, daß es ſich einem ſranzöſiſchen Soldaten anvertrauen ließ; aber iſt es das, wovon Du ſprechen willſt?“ „Du haſt einen Emigranten, einen franzöſiſchen Edelmann im Hauſe?“ „Ach, er iſt verrathen!“ rief Bella mit empor⸗ gehobenen Händen. „Beherrſche Dich, Nichte, ſprich leiſe; der Emi⸗ grant könnte Dich hören! Er ſchläft da oben auf dem Speicher, nicht wahr?“ „Er iſt in den Dünen verborgen, einige Minu⸗ ten von hier,“ antwortete der Blinde! „Du haſt Recht, Nichte, er iſt verrathen,“ fuhr der Kapitän fort;„ſein Loos iſt entſchieden, denn„ „Aber Du, Du allein kennſt das Geheimniß?“ unterbrach ihn das Mädchen, ihrer Angſt beinahe unterliegend. „Nein, der Kamerade, der mit mir hieher gekom⸗ men, kennt es gleichfalls. Es iſt keine Zeit zu ver⸗ lieren; laß alles Mitleid bei Seite und höre auf das, was ich Dir ſagen will.“ Bella faßte die Hände des Kapitäns, und die⸗ 190 ſelben fieberiſch drückend, bat ſie, während ihr Thrä⸗ nen in die Augen traten: „Lieber Oheim, Du haſt mehr Erfahrung und mehr Verſtand, als wir. Du biſt ſo edelmüthig und ſo gut. O, gib uns Rath! Du mußt das Mittel kennen, um den armen Edelmann zu retten. Nenne dieſes Mittel; werde der Beſchützer eines unſchuldi⸗ gen Schlachtopfers, und ich werde Deinen geſegneten Namen in allen meinen Gebeten nennen.“ „Aber das geht zu weit!“ rief der Kapitän zor⸗ nig.„Du wagſt zu hoffen, daß ich die Hand zur Rettung eines Mannes hergeben werde, der nicht allein ein Feind der Republik, ſondern noch obendrein ein abſcheulicher Mörder iſt? Du rufſt meinen — Schutz für einen Menſchen an, der fünf franzöſiſche Soldaten ermordet hat?...“ „O, mein Oheim, das iſt elend erlogen! Wer hat ihn deſſen angeklagt?“ „Es iſt ein gewiſſer Ko Snel. Er hat den Emi⸗ granten verrathen, um Geld zu erhalten.“ „Der Strandläufer? Gott ſoll ihn ſtrafen!“ murmelte der Blinde. „Der falſche Judas!“ rief Bella in furchtbarer Bewegung.„Nicht Herr de Milval iſt es, der die franzöſiſchen Soldaten ermordet hat; ſie ſind es im; Gegentheil, die ihn ermordet haben. Laß' mich Dir ſagen, was geſchehen iſt, lieber Oheim, und Du wirſt ſehen, daß er Deine Bewunderung und Ach⸗ tung verdient, um ſeines Muthes und ſeiner...“ „Schweig', Nichte,“ befahl der Kapitän mit einer zornigen Geberde.„Sprich nicht mehr; ich will Dich nicht anhören. Die Zeit iſt verloren. Was er ge⸗ than k Haupt chen, nur du Du zu Nichte, Bel einem Augen. S Geſetze Einfalt eine M wird. Republ leute, o greift a jenigen bergen, Morgen men ſe meiner binden; ker brir ihnenn ein gehe Euer M glaubt Gott an durch ſo nes Kin — ihr Thrä⸗ rung und üthig und as Mittel Nenne unſchuldi⸗ geſegneten — pitän zor⸗ Hand zur der nicht obendrein t meinen ranzöſiſche en! Wer den Emi⸗ ſtrafen!“ furchtbarer , der die ind es im, mich Dir und Du und Ach⸗ e mit einer will Dich zas er ge⸗ 191 than habe, oder nicht, er iſt ein Emigrant: ſein Haupt wird fallen. Ich muß Dich aufmerkſam ma⸗ chen, daß Dein eigenes und Deines Vaters Leben nur durch die Aufopferung des Mannes ſelbſt, den Du zu retten wünſcheſt, erhalten werden kann. Alſo, Nichte, unterbrich mich nicht mehr.“ Bella ſank auf einen Stuhl und ſchlug ſich mit einem halberſtickten Angſtſchrei die Hände vor die Augen. Sinn ſprach der Kapitän,„Du kennſt die Geſetze der franzöſiſchen Republik nicht; in Deiner Einfalt kannſt Du nicht begreifen, daß Dein Mitleid eine Miſſethat iſt, welche mit der Guillotine geſtraft wird. Es iſt aber dennoch ſo: die franzöſiſche Republik verfolgt nicht allein die geflüchteten Edel⸗ leute, als Verräther ihres Vaterlandes; ſondern be⸗ greift auch unter ihrer unerbittlichen Strafe alle Die⸗ jenigen, welche die Emigranten unterſtützen, ſie ver⸗ bergen, oder ihnen den geringſten Beiſtand leiſten. Morgen werden franzöſiſche Soldaten hier angekom⸗ men ſein; man wird meinem blinden Bruder und meiner unſchuldigen Nichte die Arme auf den Rücken binden; man wird ſie nach Frankreich in einen Ker⸗ ker bringen... und nie mehr wird Jemand von ihnen wieder ſprechen hören, denn die Guillotine oder ein geheimer Tod im Kerker iſt ihr unfehlbares Loos. Euer Mitleiden für den Edelmann mag groß ſein; glaubt ſelbſt, ein Werk der Liebe zu vollbringen, das Gott angenehm iſt, aber, Bruder, wirſt Du Dich da⸗ durch ſoweit hinreißen laſſen, daß Du das Leben Dei⸗ nes Kindes für einen Fremdling aufopfern möchteſt?“ „O, nein, nein, Du haſt Recht, Louis,“ ſeufzte 192 der Greis erſchrocken.„Wir müſſen den Unglück⸗ lichen ſeinem Looſe überlaſſen. Der Himmel be⸗ ſchirme ihn!...“ „Das genügt nicht,“ unterbrach ihn der Kapitän. „Du haſt den Emigranten verborgen gehalten. Es gibt nur ein einziges Mittel, um die Uebelthat zu ſühnen.“ „Und dieſes Mittel?“ „Ich werde dort den Glauben zu erregen ſuchen, daß Du aus eigener Bewegung mir die Gegen⸗ wart des Edelmanns offenbart haſt, und wenn man morgen kommt, um ihn zu ergreifen, mußt Du ſelbſt ſeinen Verſteck angeben und ihn in die Hände der franzöſiſchen Soldaten liefern.“ „Ich, ich ſollte den armen jungen Mann ſeinen Henkern ausliefern?“ rief der Blinde mit Abſcheu. „Und fühlte ich das tödtliche Meſſer der Guillotine ſchon am Halſe, ich beginge eine ſolche Niederträchtig⸗ keit nicht!“ „Der Menſch iſt ein Spielball in den Händen des Schickſals,“ ſagte der Kapitän.„Dein Abſcheu vor einer ſolchen That iſt natürlich, aber Du wirſt ſie nichts deſto weniger vollbringen. Das Leben Deines Kindes und Dein eigenes Leben können nur um dieſen Preis gerettet werden.“ „Entſetzlich! Wäreſt Du wohl einer ſolchen Un⸗ menſchlichkeit fähig, Louis, wenn Du, wie ich, nicht ein Soldat der Republik, ſondern ein freier Bürger wäreſt?“ „Ich habe kein Kind,“ murmelte der Kapitän traurig. Und ſich zu dem Mädchen wendend, fragte er:„Und Du, Bella, ſollteſt Du nicht ſo vernünftig ſein, armen daß 3 die A um ei Be die Tl Bruſt nen, 1 ihr du nicht z und v Antwo ſtamme De nemt Dich zu wie D ich bin den Pr einer N Unehrer entwede lieren. dem A geben. muß ich zu ergr Dr mit Sch Conſ Unglück⸗ mmel be⸗ rKapitän. ten. Es belthat zu en ſuchen, e Gegen⸗ en man Du ſelbſt ände der nn ſeinen Abſcheu. Huillotine rträchtig⸗ Händen Abſcheu Du wirſt Leben nnen nur chen Un⸗ ich, nicht Bürger Kapitän d, fragte rnünftig 193 ſein, mir zu helfen? Wird die Liebe zu Deinem armen, blinden Vater Dir nicht begreiflich machen, daß Zuſtände eintreten können, welche dem Menſchen die Aufopferung ſeines Gefühls zur Pflicht machen, um einem viel größern Unglück vorzubeugen?“ Bella ſaß mit den Händen vor den Augen da; die Thränen drängten ſich durch ihre Finger; ihre Bruſt hob und ſenkte ſich unter ſchmerzlichem Stöh⸗ nen, und man konnte ſehen, daß fieberiſche Schauer ihr durch die Glieder liefen. Sie ſchien die Worte nicht zu hören, welche Oheim Louis an ſie richtete, und verharrte vielleicht in Stillſchweigen, um einer Antwort auszuweichen, welche ihr Mund nicht zu ſtammeln wagte. Der Kapitän rückte ſeinen Stuhl zu ihr hin, legte ihr die Hand auf die Schulter und ſprach bewegt: „Meine arme Bella, ich habe Mitleid mit Dei⸗ nem tiefen Schmerz. Könnte ich Etwas thun, um Dich zu tröſten! Allein, wehe, ich bin ſo unmächtig wie Du gegen das unerbittliche Geſchick. Bedenke, ich bin Officier, Kapitän: ich habe meinen Rang um den Preis meines Blutes gewonnen; und wer mich einer Niederträchtigkeit fähig glaubte, oder nur der Unehrenhaftigkeit zu verdächtigen wagte, würde mir entweder das Leben nehmen, oder das ſeinige ver⸗ lieren... und dennoch bin ich verpflichtet, mich zu dem Amte eines Gendarmen und Henkers herzu⸗ geben. Aus Liebe zu Deinem Vater und zu Dir muß ich morgen ſelbſt kommen, um den Emigranten zu ergreifen.“ „Du? Du, Louis, mein Bruder?“ rief der Blinde mit Schrecken und Beſtürzung. Conſcience, Bella Stock. 13 194 „Ich, oder mein Kamerade, oder Soldaten, welche Dich grauſam behandeln würden. So ſehr eine ſolche Sendung mich auch ſchmerzt, ich muß ſie doch voll⸗ ziehen, um im Stande zu ſein, Dich zu beſchützen und Deine Entſchuldigung einzuleiten.“ Bella ſprang plötzlich auf und wiſchte ſich mit Gewalt die Thränen aus den Augen; es funkelte ein ſeltſames Feuer in ihrem Blick, und ein unbe⸗ greiflicher Ausdruck verzerrte, gleich dem Lächeln eines Wahnſinnigen, ihre Lippen, während ſie mit fieberi⸗ ſcher Haſt ausrief: „Nein, nein, es iſt nicht möglich, es iſt nicht wahr: der Strandläufer hat Dich getäuſcht. Du ſollſt mich anhören, Du ſollſt Mitleid haben mit dem Looſe eines Unſchuldigen. Der Vater des Herrn von Milval wohnte unweit Bergues auf einem Schloſſe. Nie hatte er Etwas gegen die Republik geſagt oder gethan. Da holte man ihn eines Nachts aus ſeiner Wohnung, um ihn unter die Guillotine zu ſchleppen. Herr von Milval hat ſeinen unglüclichen Vater aus dem Gefängniß befreit; er hat ſich mit ihm nach den flämiſchen Dünen geflüchtet; Soldaten haben ihn ein⸗ geholt, ihm ſeinen Vater fortgeſchleppt, ihm etliche Säbelhiebe in den Kopf gegeben, ihm den Arm ge⸗ brochen und ihn ſterbend in den Dünen liegen laſſen. Wie? ihn wollte man einen Mörder nennen, den Sohn, der ſein Blut vergießt, um ſeinen Vater zu retten? Er ſollte ſchuldig ſein, der ſein Leben auf⸗ opfert für denjenigen, welcher ihm das Leben gab? Gott ſelbſt hat mich gerufen, um den Tod von ihm abzuwenden; ich habe ihn leblos in den Dünen lie⸗ gend gefunden und hieher gebracht. Wir haben ihn gelabt beinal haben wie n licher nein, haben. möger durchl treten wird irre, 1 Morg man entſchl ſo un müßte ſoi nicht: Kräfte Haupt Blut? was l U ſo ſch alle il D und flüſter 2 regt, vertra en, welche eine ſolche doch voll⸗ beſchützen ſich mit s funkelte ein unbe⸗ heln eines it fieberi⸗ iſt nicht ſcht. Du mit dem Herrn von n Schloſſe. eſugt oder aus ſeiner ſchleppen. Vater aus n nach den n ihn ein⸗ ihm etliche n Arm ge⸗ gen laſſen. nnen, den Vater zu Leben auf⸗ eben gab? d von ihm Dünen lie⸗ haben ihn 195 gelabt, gepflegt und getröſtet. Der arme Junge iſt beinahe geneſen. O, wir ſollten ihn nur gerettet haben, um ihn der Guillotine zu überliefern, gleich⸗ wie man ein Thier hingibt dem Schlächter? Schreck⸗ licher Gedanke, der ſich nicht verwirklichen ſoll! Nein, nein, Deine Republik, Deine Guillotine ſoll ihn nicht haben. Gott iſt da, um ihn zu beſchirmen. Sie mögen nur kommen, Deine Soldaten; ſie mögen mich durchbohren mit ihren Säbeln, ſie mögen mich zer⸗ treten unter ihren Füßen; der unglückliche Edelmann wird erſt ihr zweites Opfer ſein... Ach, ich rede irre, meine Sinne verwirren ſich; er wird vor der Morgenſtunde hinweggehen, weit, weit fort von hier; man wird ihn nicht ſehen, er wird ſeinen Feinden entſchlüpfen... O, Himmel, ſchüttle den Kopf nicht ſo unbarmherzig; laß mir die Hoffnung! Denn müßte ich mich für überzeugt halten, daß er ſterben ſoll, ich würde zu Deinen Füßen niederſtürzen, um nicht mehr auſzuſtehen. Gott, mein Gott, ſtütze meine Kräfte! Ich erliege vor Angſt und Schrecken! Sein Haupt? Unter der Guillotine? Sein unſchuldiges Blut? Man will mich auch tödten? Wehe, wehe, was habe ich Uebels gethan?“ Und mit einem lauten Schrei ließ ſie ihren Kopf ſo ſchwer auf den Tiſch fallen, als wären plötzlich alle ihre Nerven aus einander geriſſen worden. Der Blinde legte ſeinen Arm um ihren Hals und verſuchte, ſie zu küſſen, während er klagend flüſterte: „Ach, meine arme Bella, Deine Sinne ſind er⸗ regt, Dein Geiſt verirrt ſich. Komm' zu Dir ſelbſt; vertraue noch auf Gottes Güte!“ 13* 196 Der Kapitän betrachtete ſeine Nichte mit trauri⸗ ger Beſtürzung; ſeine Augen glänzten vor Rührung und Mitleid. Ueber die abgelebten Wangen des Greiſes rollten gleichfalls Thränen. „Louis, Louis, Du biſt recht grauſam!“ ſagte er. „Ich habe den Herrn für Deine frohe Rückkehr ſo innig geprieſen! Warum machſt Du mein Kind un⸗ glücklich?“ Oheim Louis ſenkte den Kopf und ſchaute in tiefen Gedanken zu Boden, während Vater Stock mit ſanften Worten ſeine Tochter aus dem Abgrunde ihrer Verzweiflung zu erheben ſuchte. „Ich begreife es nicht. Ihr ſeid wunderliche Menſchen: einfältig, unvorſichtig wie Kinder; auf⸗ opfernd und großmüthig bis zur Heldenhaftigkeit!“ Und die Hand des weinenden Mädchens faſſend, ſprach er in ſanftem Tone: „Komm', tröſte Dich, Bella. Es iſt vielleicht noch einige Ausſicht für den Emigranten da, um ihn dem Tode zu entziehen. Es hängt von Gottes Schutze ab.“ Das Mädchen erhob den Kopf und blickte mit einem Lächeln durch ihre Thränen ihrem Oheim bit⸗ tend in die Augen. „Niemand kennt das unheilvolle Geheimniß, als mein Kamerad,“ fuhr der Kapitän fort.„Es iſt ein harter, aber doch edelmüthiger Mann. Ich habe auf dem Schlachtfeld ihm mit dem Preiſe meines eigenen Blutes das Leben gerettet; er wird mich nicht Lügen ſtrafen bei dem, was ich ſagen könnte, um Euch vor Verfolgung zu bewahren. In der That, habt Ihr mir nicht ſelbſt ſeinen Verſteck ge⸗ offenba entflieh hinderr Bella. ihn feſ A flander Lande. A es, lieb Hollant tung li poort; Wochen ſamen ein Mit Wä Worte ſeinem der Em Namen kommt: es ſoll Veurne meine le Bell it trauri⸗ Rührung s rollten ſagte er. ckkehr ſo Kind un⸗ haute in Stock mit nde ihrer inderliche er; a⸗ igkeit!“ faſſend, icht noch ihn dem tze a. ickte mit heim bit⸗ niß, als „Es iſt Ich habe meines ird mich nkönnte, In der rſteck ge⸗ 197 offenbart? Und wenn er inzwiſchen aus den Dünen entfliehen wollte, wie hättet Ihr es erfahren oder ver⸗ hindern können? Er muß fort, noch dieſe Nacht, Bella. Wenn ich morgen mit Soldaten hieher komme ihn feſtzunehmen, ſo werden wir ihn nicht finden.“ „Aber wohin ſoll er gehen?“ ſeufzte das Mädchen. „Ich weiß es kaum, Nichte; es wimmelt in Weſt⸗ flandern von franzöſiſchen Soldaten, ja im ganzen Lande.“ „Ach, ſage, was er thun ſoll! Du allein weißt es, lieber Oheim!“ bat Bella. „Vielleicht könnte er durch die Moore entkommen, und ſo nach Wulveringhem und Iſenberge gelangen; — aber nein, es iſt keine Hoffnung, daß er Deutſch⸗ land erreiche, ohne angehalten zu werden. Nach Holland kann er ſich nicht begeben; in dieſer Rich⸗ tung liegt ein ganzes Heer zerſtreut. Bleibt Nieu⸗ poort; aber dieß hieße nur ſein Leben um ein paar Wochen verlängern, um ihn einem ſichern und grau⸗ ſamen Tode entgegenzuführen. Es gibt wohl noch ein Mittel; aber das iſt umanwendbar und unrecht.“ Während Bella mit wogendem Buſen ihm die Worte an dem Munde abſah, ſtand der Kapitän von ſeinem Stuhle auf und ſagte: „Daran iſt nicht zu denken. Sorge, Bella, daß der Emigrant gewarnt werde. Er ziehe in Gottes Namen längs der Moore ab. Wer weiß? Er ent⸗ kommt vielleicht. Was Dich betrifft, ſo ſei ruhig: es ſoll Dir kein Leid geſchehen. Laß mich nur nach Veurne zurückkehren; es wäre gefährlich, wenn man meine lange Abweſenheit bemerkte.. Bella ſprang ihm an den Hals und ſtreichelte 7 198 ihn mit verführeriſcher Zärtlichkeit, indem ſie mit dem ſüßeſten Ton ihrer Stimme bat: „O, lieber Oheim, ſage mir, welches iſt das Mit⸗ tel, das Du mir verſchweigſt? Du haſt mich ſo ge⸗ liebt, Du biſt ſo gut! Laß mich nicht in dieſem ſchrecklichen Zweifel. Das Mittel iſt wahrſcheinlich unanwendbar; aber ich bitte Dich, ſag' es dennoch. Ich könnte keine Ruhe haben in dieſer peinlichen Un⸗ ſicherheit.“ „Das Mittel? Es liegen engliſche Schiffe in der See, vor Nieupoort. Könnte der Emigrant an Bord eines ſolchen Schiffes gelangen, ſo wäre er vollkom⸗ men gerettet.“ „Ah, ah, Gott ſei geprieſen!“ rief das Mädchen. „Unſer Boot liegt auf dem Strande.“ „Thörin!“ bemerkte der Kapitän mit traurigem Lächeln.„Es ſind zum Mindeſten vier Mann nöthig, um mit dem Boot zu fahren. Dieſe Männer ſind Hausväter, oder Söhne, die das Brod für ihre El⸗ tern verdienen müſſen. Kann wohl in Dir der ſtraf⸗ bare Gedanke aufſteigen, alle die Freunde unter das Meſſer der Guillotine zu liefern und die Dünen hier mit Unglück und ewigem Weh zu erfüllen. zu Gunſten eines einzigen Menſchen? Eines Fremd⸗ lings?“ „Nein, nein, es wäre wahrhaftig eine Miſſethat,“ ſprach der Greis ſchaudernd. „Du haſt Recht, lieber Oheim, das Mittel iſt un⸗ anwendbar,“ ſagte das Mädchen mit überraſchender Ruhe.„Nichts deſto weniger bin ich Dir für Dein Wohlwollen äußerſt dankbar.“ „Dr Du haſ Der verließ „Ar ein Wu zu behi langen, am Leb „W Mädche Je vor Au würde Boot b Bord e möchte und vo— heilige „W für ihn eine P nimm⸗ manu ſagſt: Kenne ¹ Hi ſie mit s Mit⸗ h ſo ge⸗ ndieſem ſcheinlich dennoch. chen Un⸗ e i der an Bord vollkom⸗ Rädchen. raurigem nöthig, mer ſind ihre El⸗ er ſtraf⸗ nter das inen hier ü Fremd⸗ iſſethat,“ iſt un⸗ aſchender für Dein 199 „Du willſt alſo den Emigranten warnen, daß er ſich vor der Morgenſtunde davon machen ſoll?“ „Ich werde ihn warnen.“ „Nun denn, ſo lebe wohl bis morgen. Sei ruhig; Du haſt Nichts zu fürchten.“ Der Kapitän drückte ſeinem Bruder die Hand und verließ das Haus. „Armer Jüngling,“ ſeufzte der Blinde;„es iſt ein Wunder nöthig, ihn vor dem ſchrecklichen Tode zu behüten. O, könnte ich das Geſicht wieder er⸗ langen, nur für dieſe Nacht! Herr von Milval ſollte am Leben bleiben!“ „Was, was würdeſt Du thun, Vater?“ rief das Mädchen, zitternd vor Erregung und Hoffnung. „Ich würde Joſeph wecken und ihm die Gefahr vor Augen ſtellen, der getrotzt werden muß. Er würde nicht zurückbeben. Ich würde mit ihm das Boot beſteigen, um den franzöſiſchen Edelmann an Bord eines engliſchen Kriegsſchiffes zu bringen. Es möchte dann kommen, was da will. Vor dem Herrn und vor meinem Gewiſſen hätte ich wenigſtens das heilige Gebot der Liebe bis zum Ende vollbracht.“ „Wie, Vater, Du würdeſt ſo weit Dein Leben für ihn wagen? Und Du nennſt ein ſolches Opfer eine Pflicht?“ „Was ſtehet geſchrieben, Kind? Unterlaß' es nimmermehr, diejenigen zu retten, die man um's Leben bringen will. Wenn du ſagſt: ich habe die Macht nicht dazu, der Kenner der Herzen weiß es“). Sehend hätte *) Hiſtorie des Alten und Neuen Teſtaments. A. d. V. 200 ich die Macht dazu: blind kann ich es nicht. Wie Dein Oheim Louis ſagt, ſo hat Herr de Milval keine andere Hoffnung mehr als Gottes Gnade. Du mußt ihm die traurige Botſchaft bringen, Bella, und Vet⸗ ter Joſeph wecken, damit er den unglücklichen Edel⸗ mann durch bie Moore geleite und ihn auſ einen unverfehlbaren Weg bringe.“ „Ich gehe, Vater. Begib Dich zu Bette; warte nicht auf meine Rückkehr, denn Joſeph kennt die mancherlei Wege durch die Moore nicht, während ich dem geringſten Fußpfad mit verbundenen Augen fol⸗ gen könnte. Ich werde ihm Geſellſchaft leiſten, um ihm den Weg zu zeigen. Bleibe ich etwas lang aus, ſo ſei deßhalb nicht unruhig; es iſt die letzte An⸗ ſtrengung, die wir für Herrn von Milval machen können.“ Sie umarmte ihren Vater und erſtickte unter einem zärtlichen Kuß die Bemerkungen, welche er noch machen wollte. Mit einem Sprung war ſie zu der Thüre hinaus und eilte ſeewärts durch die Finſterniß. XI. Wenige Minuten ſpäter klopfte Jemand leiſe, jedoch zu wiederholten Malen ſchnell nach einander an das Fenſterchen der Wohnung von Tante Klär. „Wer iſt da?“ fragte man ſogleich hinter der Thüre. 5 bin es, Tante; ſei ohne Furcht und mache auf.“ „Liebe Tante,“ ſagte Bella, als ſie hereingelaſſen worden 1 heißen. der Stell hat den „Wa man hat Bosheit „Mei läufer, d von Milr Soldaten zunehmen „Abet fen? Je gen hielt „Es aber ich wecke me mich, ihn „VU hört,“ be Das ſtehen un „Vett kleiden, d den vielle Ein der unzuf war die „Ich ſagte die „Es cht. Wie val keine Du mußt und Vet⸗ e Eel⸗ u einen e; warte ennt die hrend ich ugen fol⸗ ſten, um ang aus, etzte An⸗ machen te unter e er ench e zu der inſterniß. nd leiſe, einander Klär. nter der d mache ngelaſſen 201 worden war,„Du mußt Joſeph ſogleich aufſtehen heißen. Er iſt verrathen; Herr de Milval muß auf der Stelle aus den Dünen fort. Der Strandläufer hat den armen Edelmann verrathen.“ „Was ſagſt Du, Bella? Das iſt nicht möglich; man hat Dich getäuſcht. Ko Snel iſt einer ſolchen Bosheit unfähig.“ „Mein Oheim Louis war dabei, als der Strand⸗ läufer, der ihn nicht kennt, den Verſteck des Herrn von Milval anzeigte. Morgen kommen franzöſiſche Soldaten in die Pünen, um den Unglücklichen feſt⸗ zunehmen und unter die Guillotine zu ſchleppen.“ „Aber was wird man endlich noch glauben dür⸗ fen? Ich, die Ko Snel für einen gutherzigen Jun⸗ gen hielt!“ „Es iſt ein böſer und gefühlloſer Menſch, Tante; aber ich bitte Dich, laß mich keine Zeit verlieren und wecke meinen Vetter Joſeph. Mein Vater ſchickt mich, ihn zu holen.“ „Da ſteigt er aus dem Bette; er hat uns ge⸗ hört,“ bemerkte Tante Klär. Das Mädchen blieb unten an der ſteilen Treppe ſtehen und rief: „Vetter, Du mußt Dich wie zu einer Reiſe an⸗ kleiden, denn es geht ein ſtarker Wind, und wir wer⸗ den vielleicht noch weit gehen müſſen.“ Ein undeutliches Gemurr, wie ſvon Jemand, der unzufrieden iſt, daß man ihn im Schlafe ſtört, war die einzige Antwort, die ſie bekam. „Ich will Feuer ſchlagen und Licht machen,“ ſagte die alte Frau. „Es iſt unnütz, Tante, wir müſſen ſogleich fort.“ 202 „So, ſo, der Strandläufer ſoll den Edelmann verrathen haben! Iſt es auch gewiß?“ „Ganz gewiß, Tante.“ „Der arme Herr von Milval! Es koſtet recht viel Mühe, Bella, ihn zu retten.“ „Viel Mühe. Sprich ein Gebet für ihn, liebe Tante, während wir dieſen letzten Verſuch noch ma⸗ chen wollen.“ „Ach, wenn man ihn entdeckt, wird er alſo wahr⸗ haftig getödtet?“ „Die Guillotine oder eine Kugel, Tante.“ „Es iſt entſetzlich! Die Franzoſen ſind grau⸗ ſamer geworden, als Wölfe. Was hat Herr von Milval ihnen Uebels gethan?“ „Er iſt ein Edelmann, Tante.“ „Aber welche Schuld hat er daran?“ Joſeph kam herab und fragte in mißvergnüg⸗ tem Ton: „Nichte, warum weckſt Du mich, ſo mitten in der Nacht?“ „Du mußt mit mir gehen, Vetter: der Strand⸗ läufer hat Herrn von Milval verrathen für Geld.. „Ich werde dem Strandläufer den Hals brechen!“ brummte Joſeph. „Wir müſſen Herrn de Milval ohne Zeitverluſt aus den Dünen fortbringen.“ „Immerdar der Fremdling!“ murrte der Fiſcher unzufrieden. „Ein Fremdling?“ wiederholte Bella.„Iſt ein Unglücklicher, deſſen Leben bedroht wird, für Dich ein Fremdling, Joſeph? Ich habe Dir, noch letzten Sonntag, die Geſchichte vom barmherzigen Samari⸗ ter vorgel geſſen!“ „Ganz lang mit „O li dieſen letzt Sollteſt T niß gehen wie erſchr ſprochen, werde ich um ſo fri Er gi Beide ſchr Dünen, bi nung entf ſich befan „Bleil ſie ſeine„ uns ruhig muß Dir einen Die mein Lebe „Wie fürchteſt 2 zweifle.“ „Du „Den Du ſchein von Milv delmann ſtet recht n, liee noch ma⸗ ſo wahr⸗ . nd grau⸗ Herr von vergnüg⸗ nitten in Strand⸗ Geld.. brechen!“ eitverluſt er Fiſcher „Iſt ein für Dich och letzten Samari⸗ 203 ter vorgeleſen. Du haſt das Gebot der Liebe ver⸗ geſſen!“ „Ganz und gar nicht! Aber es dauert viel zu lang mit dieſem Herrn von Milval.“ „O, lieber Joſeph, ſollteſt Du Dich weigern, ihm dieſen letzten, dieſen höchſten Dienſt noch zu leiſten? Sollteſt Du mich allein mit ihm durch die Finſter⸗ niß gehen laſſen?“ „Dich allein mit ihm?“ wiederholte der Fiſcher wie erſchrocken.„Wer redet davon? Ich habe ver⸗ ſprochen, mich ihm anzuſchließen. Mein Verſprechen werde ich erfüllen. Komm', laß uns eilen; es wird um ſo früher abgethan ſein.“ Er ging mit dem Mädchen zur Thüre hinaus. Beide ſchritten eine Weile mit großer Haſt durch die Dünen, bis ſie einige Bogenſchüſſe von Joſephs Woh⸗ nung entfernt waren und in einer abgelegenen Tiefe ſich befanden. „Bleib hier ſtehen, Vetter,“ ſagte Bella, indem ſie ſeine Hand faßte, um ihn zurückzuhalten.„Laß uns ruhig ſprechen, wir haben Zeit genug dazu. Ich muß Dir ein Geheimniß offenbaren und Dich um einen Dienſt anflehen, der mir ebenſo theuer iſt, wie mein Leben.“ „Wie zittert Deine Hand, liebe Nichte? Du fürchteſt Dich?“ murmelte Joſeph überraſcht. „Ich zittere, weil ich an Deinem Edelmuthe zweifle.“ „Du haſt Unrecht, Nichte.“ „Den ganzen Tag haſt Du Dich böswillig gezeigt; Du ſcheinſt erzürnt auf dieſen unglücklichen Herrn von Milval.“ 204 Joſeph murmelte einige unverſtändliche Worte. „Ich werde es bald erfahren,“ ſagte das Mäd⸗ chen im Ton eines feſten Entſchluſſes.„Du glaubſt, daß wir den Edelmann in's Land hinein führen wer⸗ den? Du irrſt Dich: da iſt keine Rettung für ihn möglich. Die See iſt die einzige Straße, die noch für ihn offen bleibt; nur auf einem engliſchen Kriegs⸗ ſchiff kann er einen ſichern Zufluchtsort finden. Der Wind iſt Südweſt, und das Boot wird bald Fluth bekommen.“ „Du erwarteſt doch nicht, daß wir mit ihm auf die See gehen ſollen?“ rief der Fiſcher.„Bei einem ſolchen Wetter?“ „Seit wann fürchteſt Du das Wetter, Joſeph?“ fragte das Mädchen mit bitterem Tadel in der Stimme. „Der Wiederſchein dort in der Ferne hinter der See, Bella; es kann ein Sturm ausbrechen.“ „Vetter, Vetter, ſollte ich mich in Dir getäuſcht haben?“ ſeufzte das Mädchen traurig.„Ich habe an Deine Liebe zu mir geglaubt; ich hatte Vertrauen in Deinen Muth. Warum wirfſt Du den Zweifel in mein Herz? Warum ſprichſt Du gleich Jemand, der ſich fürchtet?“ „Fürchtet?“ wiederholte der Fiſcher.„Ich fürchte mich vor Nichts; aber jetzt in die See zu ſtechen, um den Fremdling zu retten, daran iſt nicht zu denken.“ „Nun, ſo gehe heim, Joſeph. Gott wird mich erleuchten und mir Kraft geben, um allein das Ge⸗ bot der Liebe zu erfüllen.“ Es herrſchte einen Augenblick Stillſchweigen. „Bah Fiſcher. er ſelbſt ſchaft des erwartete dem Frer Dir alleit darum bi „Du ſagte das „Aber nicht ferti „Mit Gott und Boot iſt Mann ſei Andere a gieren w Steuerma „Wie teſt mit „Was wt „Er1 denn ich Zögern g nicht zur gutwillig! Joſep Worte. das Mäd⸗ u glaubſt, ihren wer⸗ ig für ihn die noch en Kriegs⸗ den. Der a Fluth t ihm auf Bei einem Joſeph?“ in der hinter der n.“ getäuſcht „Ich habe Vertrauen n Zweifel Jemand, ch efürchte u ſtechen, nicht zu wird mich das Ge⸗ igen. 205 „Bah, Joſeph iſt ein guter Junge,“ ſagte der Fiſcher.„Um Dich nicht zu betrüben, Bella, würde er ſelbſt durch's Feuer gehen. Wenn die Mann⸗ ſchaft des Bootes benachrichtigt iſt und in die un⸗ erwartete Reiſe eingewilligt hat, nun, ſo will ich mit dem Fremdling in die See gehen, nicht ihm, ſondern Dir allein zu lieb, Bella, weil Du mich ſo dringend darum bitteſt.“ „Du wirſt nur einen Genoſſen haben, Joſeph,“ ſagte das Mädchen. „Aber zu zweien können wir mit den Segeln nicht fertig werden.“ „Mit einem feſten Willen, mit Vertrauen auf Gott und mit Muth kann man Alles, Vetter. Das Boot iſt klein; zur Zeit der Noth kann ein ſtarker Mann ſeine Segel wohl allein richten, während der Andere am Steuerruder ſitzt.“ „Es iſt allerdings nicht unmöglich, wenn mein Genoſſe ein wackerer Burſche iſt. Iſt es der rothe Peter?“ „Nein, Joſeph, ich bin es, welche das Ruder re⸗ gieren wird. Du weißt, daß ich ein geſchickter Steuermann bin.“ „Wie, Du? Du, Bella, meine Nichte, Du woll⸗ teſt mit mir in die See gehen?“ rief der Fiſcher. „Was würde Dein Vater ſagen?“ „Er wird mich loben, um meines Muthes willen, denn ich thue nichts Anderes, als was er ſelbſt ohne Zögern gethan hätte, wenn er durch ſeine Blindheit nicht zur Unmacht verurtheilt wäre. Komm, ſei doch gutwillig!“ Joſeph antwortete nur durch ein abweiſendes —— 206 Gemurmel; das Mädchen legte ihren Arm um ſeinen Hals und flehte: „Joſeph, lieber Vetter, widerſetze Dich nicht länger, die Zeit iſt koſtbar. Die Angſt preßt mir Thränen aus. Wenn Du Dich weigerteſt, dieſen letzten Verſuch zur Rettung des Herrn von Milval zu machen, ſo fiele er morgen in die Hände ſeiner Feinde. Man würde ihn ermorden. O, glaube mir, ich würde ſeinen Tod nicht überleben.“ „Wäre es für einen Andern; aber für ihn! Für einen undankbaren Menſchen, den ich haſſen muß, ſelbſt gegen meinen Willen.“ „Himmel, was habe ich gehört!“ rief das Mäd⸗ chen.„Du haſſeſt Herrn von Milval? Was hat er Dir gethan?“ „Er liebt Dich!“ brummte Joſeph mit verbiſſe⸗ nen Zähnen und von ausbrechendem Neide fortgeriſſen. „Er liebt mich!“ ſtammelte Bella, den Arm von ihres Vetters Halſe zurückziehend.„Er liebt mich! . Wie zornig Du dieſe Worte ausſprichſt! Und Du, Vetter, liebſt Du mich denn nicht?“ „Mehr und feuriger als je; aber ich wußte, daß meine Neigung eine Thorheit war; und meine Ach⸗ tung vor Dir, Nichte, iſt größer, als mein Wahnſinn. Er hingegen, der edel iſt durch ſein Blut, zeigt ſich unedel genug von Herzen, um ein armes Fiſcher⸗ mädchen zu einer unglücklichen Liebe zu verleiten.“ Bella ſchwieg einen Augenblick. Was ihr Vetter ſagte, bewegte ſie ſehr tief und lockte in der Finſter niß die Röthe der Schaam auf ihre Stirne. Dann ſchöpfte ſie neue Kraft aus der Nothwendigkeit und aus der zwingenden Lage der Umſtände, worin ſie ſich befe Stimme „Wie druſſes? recht.„ ner Nich mir zu fiel der es geſeh „Unt ſeufzte 2 Du lieb durch die aufregen „Alſ „Pft de Milv Dankbar „Abe Falſchhei „Kor glückliche liſtigen? „De: ſeph mi Arg das um ſeinen Dich nicht preßt mir ſt, dieſen on Milval inde ſeiner laube mir, ihn! Für aſſen muß, das Mäd zas hat er it verbiſſe⸗ ortgeriſſen. Arm von iebt mich! chſt! Und wußte, daß meine Ach⸗ Wahnſinn. zeigt ſich es Fiſcher⸗ verleiten.“ ihr Vetter er Finſter ne. Dam ieit und worin ſie 207 ſich befand. Bekümmert, doch zugleich mit feſter Stimme ſagte ſie: „Wied Das iſt alſo der Grund Deines Ver⸗ druſſes? Joſeph, Deine Beſchuldigungen ſind unge⸗ recht. Herr de Milval hat mehr Achtung vor Dei⸗ ner Nichte, als Du. Er würde nicht gewagt haben, mir zu ſagen, was Du eben geſagt haſt.“ „Er umarmte Dich in der Einſamkeit der Dünen,“ fiel der Fiſcher biſſig ein.„Der Strandläufer hat es geſehen.“ „Und Du glaubſt die Lügen dieſes Verräthers?“ ſeufzte Bella mit Entrüſtung.„O, Joſeph, nein, Du liebſt mich gewiß nicht, ſonſt ließeſt Du Dich durch die falſchen Anklagen dieſes Verleumders nicht aufregen.“ „Alſo ſollte der Strandläufer auch diesmal ge⸗ logen haben? Herr von Milval hat Dich heute in den Dünen nicht umarmt?“ „Weder heute, noch jemals.“ „Es iſt alſo nicht wahr, was der Strandläufer mir ſagte?“ „Pfui, Vetter, was wagſt Du zu denken? Herr de Milval hat niemals andere Worte, als die der Dankbarkeit zu mir geſprochen.“ „Aber es iſt unglaublich, eine ſo teufliſche Falſchheit!“ „Komm, ſei vernünftig, Joſeph; mach dieſen un⸗ glücklichen jungen Mann nicht zum Opfer eines arg⸗ liſtigen Menſchen, der Dir wehe thun wollte.“ „Der Strandrabe hat mich betrogen!“ ſagte Jo⸗ ſeph mit einem ſchweren Seufzer.„Ich habe ohne Arg das Gift in mich aufgenommen, als ob die bös⸗ 208 artige Schlange mir nicht bekannt wäre! Ich bin ein Dummkopf. Ich bitte Dich um Verzeihung, Nichte. Da es ſo iſt, ſoll Herr von Milval dieſe Nacht ſicherlich gerettet werden, es müßte denn Gott ſelbſt es nicht ſo haben wollen. Komm, Bella, ich werde Dir zeigen, daß Joſeph nicht zurückweicht, wenn es ſich um den Vollzug eines menſchenfreund⸗ lichen Werkes handelt, und geſchähe es auch mit großer Lebensgefahr. Komm, verlieren wir keinen Augenblick mehr.“ „Es hat keine Eile; die See reicht noch nicht bis an das Boot,“ ſprach das Mädchen.„Ich habe Dir noch Etwas zu ſagen, Joſeph. Es iſt ein Vorſatz, den ich gefaßt habe, ſeitdem ich mich aufmachte, um an Deine Thüre zu klopfen. Ich begriff, daß, was ich von Dir fordern wollte, ein großes Opfer iſt. Wirklich, Joſeph, ſobald die Franzoſen erführen, was Du zu thun im Begriff biſt, um einen Emigranten zu retten, würden ſie vielleicht ihre Rache gegen Dich kehren. Ich habe beſchloſſen, Dich für Deinen Edelmuth zu belohnen, Joſeph.“ „Es iſt nicht nöthig, Bella; nun mein Herz von dieſem Stein entlaſtet iſt, bedarf ich keiner Belohnung mehr, um zu thun, was das Gebot der Liebe befiehlt. Es iſt der vermaledeite Strandläufer, der mich wahnſinnig gemacht hat.“ „Du haſt mir da ſo eben Dinge geſagt, welche mich in meinem Beſchluß nur noch mehr beſtärken,“ fuhr das Mädchen fort.„Joſeph, ſeit langer Zeit hat der Herr Deine Frau von der Erde genommen; Du biſt allein; Du liebſt mich; ich vermuthe es ſeit einiger Zeit; nun weiß ich es durch Deine eigenen Worte. annehme Der erwartete hörbar i „Un werden Joſeph? „Wi verwirre gut, ſo nicht, es ſinnig v „Nur ders, als anderes Glück m den Edel hat, un ſeine Zu ſie uns nun nach Boote; i auch wo mich ein retten; werde ih „Bell Conſe Ich bin erzeihung, lwal dieſe en Gtt Bella, ich rückweicht, henfreund⸗ auch mit wir keinen mnicht bis habe Dir n Vorſatz, nachte, um daß, was Opfer iſt. hren, was migranten iche gegen ür Deinen Herz von Belohnung be befiehlt. der mich gt, welche beſtärken,“ anger Zeit enmmen the es ſeit ne eigenen 209 Worte. Joſeph, würdeſt Du wohl Bella zur Frau annehmen?“ Der Fiſcher ſchwieg, als wäre er über dieſe un⸗ erwartete Frage verſtummt; aber ſein Herz klopfte hörbar in der nächtlichen Stille. „Und wenn ich Dich bäte, mich Deine Braut werden zu laſſen, würdeſt Du Dich dennoch weigern, Joſeph?“ „Wie? Was? Mir ſchwindelt, meine Sinne verwirren ſich,“ rief der Fiſcher.„Du, ſo jung, ſo gut, ſo ſchön, meine Frau? O, nein, nein, es kann nicht, es darf nicht ſein.“ „Aber wenn es ſein könnte, würdeſt Du wohl Dich glücklich fühlen, meine Hand anzunehmen?“ „Glücklich? Der Gedanke allein macht mich wahn⸗ ſinnig vor freudiger Erregung.“ „Nun, Joſeph, da iſt die Hand. Niemand an⸗ ders, als Du, ſoll dann mein Bräutigam ſein. Kein anderes Ziel werde ich auf Erden haben, als das Glück meines Vaters und das Deinige. Retten wir den Edelmann, den Gott meinem Schutze anvertraut hat, und morgen ſchon will ich meinen Vater um ſeine Zuſtimmung bitten. Fürchte Nichts, er wird ſie uns ohne Widerſtreben gewähren. Begib Dich nun nach dem Strande, Joſeph, und richte Alles im Boote; ich will Herrn von Milval holen. Er wird ſich auch wohl widerſetzen wollen; er wird ſich weigern, mich einer Gefahr preiszugeben, um ſein Leben zu retten; aber die Noth hat mich ſtark gemacht: ich werde ihn zwingen, mir zu gehorchen...“ „Bella? Bella, meine Braut?“ murmelte der Conſcience, Bella Stock. 14 21⁰ Fiſcher bei ſich ſelbſt, als hätte er den Befehl des Mädchens nicht gehört.„Unmöglich, ich träume!“ „Geh nur nach der See, Joſeph,“ wiederholte das Mädchen,„es iſt ein Traum, der bald zur Wahrheit werden ſoll.“ „Ich gehe, ich laufe, Nichte,“ ſagte er.„Es ſcheint mir, ich könnte wohl einen Berg auf meinen Schultern tragen. Was iſt Wind oder Sturm für mich? Bella, Bella meine Frau?“ Und alſo murmelnd ſtieg er eine Düne hinauf und lief in der Finſterniß über Höhen und Tiefen hinweg gerade nach dem Strande. Die wachſende See hatte das Boot erreicht: ob⸗ wohl ihre Wogen auf der einen Seite des leichten Fahrzeugs anſchlugen, war es doch noch nicht flott; aber eine Viertelſtunde ſpäter mußte es ſich vom Boden heben und in der Brandung ſich wiegen und gleich einer leichten Feder tanzen. Joſeph war in das Boot geſtiegen und hatte Dieß und Jenes darin zurecht gemacht; er hatte mit Anſpannung ſeiner ganzen Rieſenkraft ſich eine Zeit abgearbeitet, um den Maſt in der Mitte aufzurichten, und es endlich zu Stande gebracht. Dann ſetzte er ſich auf die Seite des Decks und ſuchte nun, mit dem Auge landeinwärts, die Finſterniß zu durchdrin⸗ gen, um zu ſehen, ob Bella noch nicht auf den Di⸗ nen zum Vorſchein käme. Plötzlich wandelte ihn eine ſeltſame Bewegung an. Er bückte ſich tief über den Bord des Fahrzeugs und that ſich Gewalt an, um über die Fläche des Strandes hinwegzuſehen. Es kam ihm vor, als ob einige Schritte weiterhin eine Menſchengeſtalt längs der See hinſchliche und ſich dem Gedanke, Strandläé Augenbli Schein kannte d Die einen An folge Ko ſein auft Gewaltth gehen. Zweifel auf den ſcheinlich mand c vor dem ſchien ein heit zu l Joſer Strandlä alſo erfa wollte. des edel falls den O Joſeph p ſtrahl ſch vorſichtig Er ſt den Well Snel hin Befehl des träume!“ wiederholte bald zur er.„Es uf meinen Sturm für ine hinauf, und Tiefen reicht: ob⸗ es leichten flott; aber om Boen und gleich und hatte rhatte mit eein Zeit ufzurichten, nn ſetzte er nun, mit durchdrin⸗ f den Dü⸗ ndelte ihn ch tief über Hewalt an, vegzuſehen. weiterhin chliche und 211 ſich dem Boote näherte. Was ihn erregte, war der Gedanke, der undeutliche Schatten möchte wohl der Strandläufer ſein... und wirklich wurde dieſen Augenblick der Seehorizont durch den ſchwachen Schein eines fernen Blitzes erhellt, und Joſeph er⸗ kannte den Verräther. Die erſte Bewegung des wüthenden Fiſchers war, einen Anſprung zu nehmen, um ſeinem Gelübde zu⸗ folge Ko Snel den Hals zu brechen; aber er bezwang ſein aufbrauſendes Blut. Die Beſorgniß, mit dieſer Gewaltthat eine verhängnißvolle Dummheit zu be⸗ gehen, hielt ihn zurück. Er rieb ſich in peinlichem Zweifel die Stirne, während er voll Angſt den Blick auf den nahenden Schatten gerichtet hielt. Wahr⸗ ſcheinlich hatte Ko Snel gleichfalls bemerkt, daß Je⸗ mand auf dem Fahrzeug ſich befand; denn gerade vor dem Boote blieb er auf dem Strande ſtehen und ſchien einen neuen Lichtſtrahl abzuwarten, um Gewiß⸗ heit zu bekommen, daß er ſich nicht getäuſcht hatte. Joſeph zitterte vor Angſt und Zorn. Der Strandläufer verſperrte Bella den Weg! Er mußte alſo erfahren, daß der Emigrant zur See entfliehen wollte. Dieſes Geheimniß, an welchem das Leben des edelmüthigen Mädchens hing, konnte er gleich⸗ falls den franzöſiſchen Soldaten verkaufen. „O, was für ein wunderbarer Gedanke!“ rief Joſeph plötzlich in ſich ſelbſt hinein.„Welcher Licht⸗ ſtrahl ſchießt mir durch den Kopf! Geſchwind und vorſichtig...“ Er ſtieg langſam aus dem Boote in die rollen⸗ den Wellen und ſchritt den Strand hinab bis zu Ko Snel hin, der ihn erkannte und ſcherzend fragte: 14* 212 „Willſt Du in der See Donnerſteine ſammeln, Joſeph? Es hängt dort in der Ferne ein Gewitter, das ſeit ein paar Stunden aus der See zu ſteigen ſich bemüht. Legt ſich der Wind nur ein Bischen, ſo wird es eine teufliſche Kirmis geben... ah, ah, Du zerdrückſt mir den Arm! Warum thuſt Du mir ſo wehe, Joſeph?“ „Höre, Ko,“ ſagte der Fiſcher mit einer Stimme, die wie ein halb erſticktes Geheul klang,„höre und gib Acht auf Dich ſelbſt; denn ſtößeſt Du nur einen einzigen Schrei aus, ſo drehe ich Dir den Hals um, wie einer Schlange, die Du biſt, und ich nehme Deinen Leichnam in die See, um ihn in dem großen Matroſengrabe zu begraben.“ „Sag, was verlangſt, was forderſt Du von mir? Ich bin Dir zu Gefallen zu Allem bereit,“ ſtöhnte Ko Snel, der an dem Ton von Joſephs Stimme wohl merkte, daß er von einem Unglück bedroht war „Was ich verlange, Ko? Ich habe in der Eile eine Botſchaft nach den engliſchen Kriegsſchiffen zu bringen. Ich bedarf hiezu eines Genoſſen. Wähle, lebend oder todt, ob Du mitfahren willſt?“ „Nein, nein, ich will nicht auf die See. Hülfe! Hülfe!“ ſchrie der Strandläufer. Aber eine Hand, die ihm den Hals zuſammen⸗ ſchnürte, erſtickte ſeine Stimme, während er ſich mit unwiderſtehlicher Kraft von dem Boden aufgehoben fühlte. Er konnte erſt wieder Athem holen, als er wie ein Stein auf den Boden der Barke niederfiel. „Stehe auf,“ befahl Joſeph,„und rufe nicht mehr nach Hülfe, oder ich ſchlage Dich ohne Gnade todt. Höre, es iſt nicht viel Zeit übrig. Du haſt den Verſteck! Kriegsleu „Ich „Sch See, un Kriegsſch Stunden nen wir recht, da lichen Ed Rettung „Aber „Dar Es ſteht werde mi werde bei empfanger Fahrt nic zuſammen Der 6 er murme nen und aus dem Joſephs l „Glat gen geger ſort.„B ich Dir di ſie ihre 9 theile ſelk ner Nichte oder ſage ſammeln, Gewitter, zu ſteigen Bischen, ah, ah, Du mir — Stimme, „höre und nur einen Hals um, ich nehme em großen 3 von mir? ſtöhnte s Stimme droht war. der Eile ſchiffen zu . Wähle, Hülfe! zuſammen⸗ r ſich mit ufgehoben en, als er niederfiel. nicht mehr nade todt. haſt den 213 Verſteck des Herrn von Milval den franzöſiſchen Kriegsleuten verrathen.“ „Ich glaubte...“ „Schweig, bei Deinem Leben! Wir gehen in See, um Herrn von Milval nach den engliſchen Kriegsſchiffen zu bringen. Nieupoort iſt nur drei Stunden von hier. Mit einem ſolchen Winde kön⸗ nen wir vor Tagesanbruch zurück ſein. Es iſt ganz recht, daß Du, der als ſchnöder Judas den unglück⸗ lichen Edelmann für Geld verkauft hat, zu ſeiner Rettung mithilfſt. „Aber, Joſeph, die Guillotine ſteht darauf!“ „Darum eben mußt Du Dich mir anſchließen. Es ſteht Dir hernach frei, uns zu verrathen: ich werde mich eben ſo ſchlecht machen, wie Du biſt; ich werde beweiſen, daß Du von Herrn de Milval Geld empfangen haſt, um ihn zu retten. Wenn dieſe Fahrt nicht verſchwiegen bleibt, Ko, ſo werden wir zuſammen das Schaffot beſteigen.“ Der Strandläufer war mehr todt als lebendig; er murmelte brünſtige Gebete, er vergoß ſelbſt Thrä⸗ nen und machte noch einen hoffnungsloſen Verſuch, aus dem Boote zu ſpringen, aber der eiſerne Arm Joſephs hielt ihn an der Seite des Decks feſtgenagelt. „Glaube nicht, daß es mir mit meinen Drohun⸗ gen gegen Dich nicht Ernſt ſei,“ fuhr der Fiſcher fort.„Bella Stock geht mit uns in die See. Wenn ich Dir die Mittel ließe, uns zu verrathen, ſo würde ſie ihre Menſchenliebe mit dem Tode bezahlen. Ur⸗ theile ſelbſt. Iſt Dein Leben wohl das Leben mei⸗ ner Nichte werth? Unterwirf Dich ohne Widerſtand, oder ſage, daß Du lieber ſtirbſt. Ich werde Dich 214 von Deinem Schrecken durch einen einzigen Schlag heilen.“ „Ach, thue mit mir nach Deinem Willen, Joſeph!“ ſeufzte der Strandläufer, der alle Hoffnung und allen Muth verloren hatte. Es herrſchte eine augenblickliche Stille, während welcher der Fiſcher mit der linken Hand in der Finſterniß herumtappte, um nach Etwas zu greifen. „Himmel, Du bindeſt mir die Arme!“ rief der Strandläufer mit neuem Schrecken.„Was willſt Du thun?“ „Fürchte Dich nicht,“ antwortete Joſeph,„ich muß an den Strand, um Herrn von Milval in das Boot zu tragen. Ich werde Dich los machen, ſobald wir ſegelfertig ſind; denn Du mußt auf der Schanze ſtehen und für das Fockſegel ſorgen. Aber erfülle Deine Pflicht rechtſchaffen, Ko, ſonſt werfe ich Dich mitten auf der See über Bord!... Paß auf, da kommt meine Nichte. Bei Deinem Leben kein ein⸗ ziges Wort!“ Er band Ko Snel mit einem dreifachen Doppel⸗ knoten an den Maſt und lief dann durch die Wellen nach dem Strande. Es waren kaum einige Minuten verfloſſen, als er mit dem Edelmann auf ſeinem Rücken, und ge⸗ folgt von ſeiner Nichte Bella wiederkam. Das Mädchen nahm ſeinen Platz am Steuer⸗ ruder; Herr von Milval ſetzte ſich im Hintertheil des Bootes neben ihr nieder. Ohne Zweifel hatte Joſeph ihnen ſein Verfahren mit dem Strandläufer erklärt und ſeine Abſicht mit⸗ getheilt; denn obgleich ſie bei Betretung des Bootes den uner beinahe Niemand Verwunt Joſe ihn, mit tau in ein Reeſ ſelbſt da „Da den Wir Und legend, gegen d Wen „Da Wind ge Die das Bot ein Pfei den rolle Lant ein neu Herr vt Bella. wenn d ſuchte, o Zwang, ſolches S Der auf der keine w n Schlag Joſeph!“ und allen während d in der u greifen. rief der zas willſt eph,„ich al in das en, ſobald rSchanze er erfülle e ich Dich , d kein ein⸗ n Doppel⸗ die Wellen ſſen, als und ge⸗ n Steuer⸗ Hintertheil Verfahren bſicht mit⸗ es Bootes 215 den unerwarteten Genoſſen wohl geſehen hatten und beinahe über ihn weggeſchritten waren, hatte doch Niemand von ihnen ein Wort geſprochen oder einige Verwunderung bezeigt. Joſeph machte den Strandläufer los und zwang ihn, mitzuarbeiten und das Boot auf ſeinem Anker⸗ tau in die See zu bringen; darauf gebot er ihm, ein Reef in das Fockſegel zu ſtecken, und band dann ſelbſt das große Segel an den Maſt. „Das Fockſegel geviert!“ rief er nach vorn.„Vor den Wind gebracht!“ rief er nach hinten. Und das kleine Fahrzeug, auf die Leeſeite ſich legend, ſprang, heftig arbeitend, in ſchräger Richtung gegen die ſchäumenden Wogen auf... Wenige Minuten darauf rief Joſeph wieder: „Das Fockſegel ſtraff angezogen! Jetzt vor dem Wind gelaufen!— Kurs gehalten!“ Die Segel ſchwollen an, der Maſt beugte ſich; das Boot faßte den Wind von hinten und ſchoß wie ein Pfeil quer durch ein Bett kochenden Schaumes, den rollenden Wogen voran... Lange Zeit dauerte dieſe ſchnelle Fahrt, ohne daß ein neuer Befehl von Joſeph die Stille unterbrach. Herr von Milval ſaß mit geſenktem Kopfe neben Bella. Er ſchien in trübe Gedanken verſunken; und wenn das Mädchen ihn dann und wann zu tröſten ſuchte, antwortete er nur durch eine Klage über den Zwang, den ſie ihm angethan hatte, um ihn ein ſolches Opfer von ihrer Seite annehmen zu laſſen. Der Strandläufer ſtand bei dem Vorderſteven auf der Schanze und horchte ängſtlich, ob Joſeph keine weitern Befehle ertheile; denn er hatte ſich 216 demüthig in ſein Loos ergeben, in der Ueberzeugung, daß die geringſte Verſäumniß oder der mindeſte Ver⸗ dacht eines böſen Willens für ihn die See zum Grabe machen würde. Was Joſeph betrifft, ſo hielt er ſich aufrecht auf dem Deck, die Hand an den Maſt gelegt und das Auge in ernſter Stille auf den Horizont der See ge⸗ richtet, um auf die ſchwarze Wolke Acht zu geben, aus deren Tiefe von Zeit zu Zeit ſtärkere Blitze auf⸗ leuchteten. Es war ihm außer Zweifel, daß ein ge⸗ waltiges Unwetter im Anzug wäre; aber da es ſchon den ganzen Tag gedroht hatte, ſo hoffte er, daß man die engliſchen Schiffe erreichen könnte, ehe der Sturm losbräche. Zuweilen richtete er den Blick landwärts, um in dem ſchwachen Schein des Blitzes die Thürme von Veurne und die Hügel am Strande zu erkennen und ſo die Entfernung, welche ſie zurückgelegt hatten, zu bemeſſen. Sie waren an dem Boveryshill vorüber und ſahen den Leuchtthurm von Nieupoort ſchräg vor ſich. Joſeph ließ ſein Auge über die bewegte See⸗ fläche laufen, in der Hoffnung, die engliſchen Schiffe zu entdecken; aber wie er daſſelbe auch anſtrengte, um bei dem falben Blitzſtrahl einen Fleck zwi⸗ ſchen den Wellen zu unterſcheiden, ſeine Bewihi blieben fruchtlos. Eine unausſprechliche Angſt ſiel ihm auf's Herz. Hatten die engliſchen Schiffe, aus Furcht, von dem ſtürmiſchen Wetter wieder auf die Untiefen getrieben zu werden, ſich von der Küſte ent⸗ fernt und nach der hohen See gewendet? Vielleicht könnte man ſie doch entfernter von dem Lande er⸗ reichen. Noch hinflieger ſich befan Das Das Kurs; al Seite. ruder zu ihren Se drohender ergriffen verſenkte und ſein „Alle Es g riß, und muthigen Wellen, Die geſtiegen dunkeln von eine Donnerſc Herr als ſprä Blick au vergeſſen fahr; ſei nes Inn all das„ Gefühl t Wie gro rzeugung, eſte Ver⸗ m Grabe recht auf und das Slee ge⸗ zu geben, litze auf⸗ ß ein ge⸗ es ſchon daß man rStum ndwärts, Thürme erkennen t hatten, über und räg vor gte See⸗ n Schiffe nſtrengte, leck zwi⸗ ühungen ngſt fiel iffe, aus au die Küſte ent⸗ Vielleicht ande er⸗ 217 Noch eine Weile ließ er das Boot vor dem Winde hinfliegen, bis er beinahe gerade über von Nieupoort ſich befand. Dann rief er: „Das Fockſegel geviert! Bei den Wind gelegt!“ Das Fahrzeug gehorchte und nahm einen andern Kurs; aber es arbeitete heftig und legte ſich auf die Seite. Bella war, um das widerſtrebende Steuer⸗ ruder zu regieren, aufgeſtanden. Die Wogen warfen ihren Schaum über ſie herein; die See, die bei dem drohenden Unwetter von einer geheimen Aufregung ergriffen ſchien, hob das leichte Boot in die Höhe, verſenkte es in die Tiefe, daß ſeine Fugen krachten und ſein Maſt wie ein Schilfrohr ſich krümmte. „Alle Reefe eingebunden!“ befahl Joſeph. Es ging noch gut; Nichts brach, kein Segel zer⸗ riß, und das ſchwache Fahrzeug, von dem Arm des muthigen Mäbchens regiert, ſpaltete ſiegreich die Wellen, welche heulend ihm entgegengerollt kamen. Die ſchwarze Wolke war höher am Horizont auf⸗ geſtiegen; feurige Schlangen ſprangen aus ihrem dunkeln Schooße; der Luftraum wurde bisweilen von einem blendenden Lichte erfüllt und gewaltige Donnerſchläge überboten das Brauſen der Wogen. Herr von Milval hielt mit gefalteten Händen, als ſpräche er im Stillen ein Gebet, ſtumm den Blick auf Bella geheftet. Er hatte das Unwetter vergeſſen; er war gefühllos geworden für die Ge⸗ fahr; ſein Geiſt hatte die krampfhafte Erregung ſei⸗ nes Innern überwunden. All ſein Denkvermögen, all das Leben ſeiner Seele war in dem unendlichen Gefühl der Achtung und Bewunderung concentrirt. Wie groß war es in ſeinen Augen, das junge Mäd⸗ 218 chen, das in ſeiner Menſchenliebe und in ſeiner Auf⸗ opferung für ihn die OQuelle einer übernatürlichen Stärke gefunden hatte! Wie edel erſchien ſie ihm, die Heldin, welche, ohne zu erbleichen, Sturm und Wogen trotzte, um einem armen Fremdling das Le⸗ ben zu retten! Wie ſchön, wie engelgleich war ihr Angeſicht; wie erhaben ihre Haltung, wenn die Ge⸗ ſtalt des kämpfenden Mädchens, umfloſſen von dem Schimmer des Blitzes, ſich gegen den dunklern Grund der Wogen erhob! Er wurde aus ſeiner leidenſchaftlichen Betrach⸗ tung erſt aufgeſchreckt, als eine rieſige Woge das Boot auf der Luvſeite faßte und es beinahe zum Umſchlagen brachte. Bella glitt aus und wurde heftig gegen den Rand des Fahrzeugs geſtoßen; aber ſie faßte ſogleich wieder das Steuer und brachte den Vorderſteven vor den Wind. „O, Bella,“ rief Herr von Milval, indem er die gefalteten Hände zu ihr erhob,„höre doch auf meine Bitte! Laß' ab, um Gotteswillen! Kehre heim. Welchen Werth kann ein ſo theuer erkauftes Leben für mich haben? Mein Gewiſſen wird mir keine Ruhe laſſen; die Reue wird an meinem Herzen nagen bis in's Grab. Engel, Engel, ſei barmherzig gegen mich; belaſte mich nicht mit einer ſo grauſamen Ver⸗ antwortlichkeit!“ „Alles eingezogen! Laßt's gehen mit Gottes Gnade!“ erklang die Stimme Joſephs als ein ſchreck⸗ licher Nothſchrei... Und kaum war dieſer Befehl ausgeführt, ſo erhoben ſich die Winde, chaotiſch durch einander brauſend, und griffen das ſchwache Fahr⸗ zeug an und ſtießen und ſchleuderten es mit entſetz⸗ licher G auseinan laß; der Sturzflut Gewirbe war es Das landeinw ſah man ben. A rend des und Her zeugs ſit auf der Boot be jedoch m ker und cher es See hin und bra jetzt, da war, als Er f tretend, „Gib Zu „Da „Hin rief das Der in der E „Es iner Auf⸗ atürlichen ſie ihm, turm und das Le⸗ war ihr die Ge⸗ von dem rn Grund Betrach⸗ boge das ahe zum d wurde en; aber achte den em er die auf meine e heim tes Leben mir keine zen nagen zig gegen men Ver⸗ tGottes in ſchreck⸗ er Befehl tiſch durch che Fahr⸗ it entſetz⸗ 219 licher Gewalt hin und her. Der Luftraum borſt auseinander; hundert Blitze folgten ſich ohne Unter⸗ laß; der Donner erſchütterte Erde und Meer; eine Sturzfluth von Regen und Hagel fiel in wildem Gewirbel nieder. Trotz des blendenden Blitzſtrahles war es ſchwarz und finſter, wie in einem Abgrunde. Das Unwetter, von einem mächtigen Nordwind landeinwärts getrieben, legte ſich ſchnell;— und bald ſah man die ſchwarze Wolke über Nieupoort abtrei⸗ ben. Als Joſeph zu erkennen vermochte, was wäh⸗ rend des Sturmes geſchehen war, ſah er ſeine Nichte und Herrn de Milval noch im Hintertheile des Fahr⸗ zeugs ſitzen und den Strandläufer zuſammengekauert auf der Vorderſchanze; zugleich bemerkte er, daß das Boot beinahe zwei Fuß Waſſer hatte. Was ihn jedoch mehr bekümmerte, war, daß nunmehr ein ſtar⸗ ker und anhaltender Wind aus Norden wehte, wel⸗ cher es ihm zu einer Unmöglichkeit machte, in die See hinauszufahren. Die Wellen gingen ſo hohl und brachen ſich mit ſolcher Wuth, daß das Boot jetzt, da der Sturm ſich legte, in größerer Gefahr war, als mitten unter dem Gebrüll deſſelben. Er faßte endlich einen feſten Entſchluß. Zu Bella tretend, ſprach er in gebietendem Ton: „Gib' mir das Steuer!“ Zu gleicher Zeit rief er dem Strandläufer zu: „Das Fockſegel aufgehißt und ſtraff angezogen!“ „Himmel, was willſt Du thun, lieber Joſeph!“ rief das Mädchen erſchrocken. Der Fiſcher antwortete mit einer gewiſſen Härte in der Stimme: „Es wäre wahnſinnig, dieſem wüthenden Nord⸗ 220 wind Trotz zu bieten; die engliſchen Schiffe ſind weg; die See geht ſchrecklich hohl; ich bin für Dein Leben verantwortlich; wir kehren zurück...“ „Ach, nein, nein, Joſeph,“ flehte ſie;„Du über⸗ lieferſt Herrn von Milval einem ſichern Tod!“ „Klage nicht vergeblich, Nichte.“ „Du haſt verſprochen, Herrn von Milval zu retten.“ „Ja, im Fall Gott es zuließe. Du ſiehſt, Nichte, Gott will es nicht.“ Bella ſchlug ſich, indem ſie einen Jammerſchrei ausſtieß, die beiden Hände vor die Augen und be⸗ gann zu weinen; Herr von Milval ſuchte ihren Muth wieder zu beleben, doch ſie blieb, vernichtet von Schmerz, taub gegen ſeine Tröſtungen. „Es bleibt noch eine Wahl!“ ſagte Joſeph plötz⸗ lich.„Wenn wir in den Hafen von Nieupoort ein⸗ liefen?“ „Nieupoort?“ ſeufzte das Mädchen.„Nieupoort wird binnen einigen Wochen von den Franzoſen ein⸗ genommen.“ „Aber einige Wochen, Nichte, das iſt ein ganzes Jahrhundert für Jemand, der ſich in Lebensgefahr befindet. Wähle ſelbſt: Nieupoort oder die Dünen!... Wir müſſen eilen; der Wind iſt günſtig; es wird nicht mehr blitzen, wenn wir den Hafen erreichen. Iſt eine feindliche Wache daſelbſt, ſo wird ſie uns nicht ſehen.“ „Wehe, wehe!“ klagte das Mädchen.„Nun es ſei! Nieupoort! Gib' mir das Steuer.“ Joſeph nahm ſeinen Platz wieder auf dem Deck ein und löste ein Reef von dem großen Segel; das Boot len Sp es wat hatte die G Haupte Mann barkeit der ba los la würde zes vo Al— drehte minder Joſeph ſie geſ wieder ſobald würde „N „lege ſein. Oh ſchnell ken Ftr He ließ, d nen de chiffe ſind für Dein „Du über⸗ od!“ Rilval zu ſt, Richte, mmerſchrei n und be⸗ hren Muth ichtet von ſeph plötz⸗ poort ein⸗ Nieupoort zoſen ein⸗ in ganzes bensgefahr Dünen!... ;es wird erreichen. d ſie uns „Nun es dem Deck eel; das 221 Boot drehte ſich vor dem Wind und flog mit ſchnel⸗ len Sprüngen über die Wellen. Bella weinte jedoch; es war ihr ſchmerzlich, daß ſie ihr Liebeswerk nicht hatte vollbringen können; und ihrem Auge ſchwebten die Gefahren vor, welche noch drohend über dem Haupte des Herrn von Milval hingen. Der junge Mann äußerte in den feurigſten Worten ſeine Dank⸗ barkeit und ſuchte ihr die Hoffnung einzuflößen, daß der barmherzige Gott ſo viel Edelmuth nicht frucht⸗ los laſſen, ſondern ihn für ſie zum Lohne retten würde; aber ſie wies alle Linderung ihres Schmer⸗ zes von der Hand. Als ſie nicht mehr fern von Nieupoort waren, drehte ſich der Wind allmälig nach Oſten und wurde minder heftig, obwohl noch eine ſtarke Kühlte ging. Joſeph freute ſich dieſer günſtigen Veränderung: denn ſie geſtattete ihm, auch mit ziemlicher Schnelligkeit wieder aus dem Hafen von Nieupoort auszulaufen, ſobald er den Edelmann an's Land geſetzt haben würde.. „Nichte,“ ſagte er, ſich dem Mädchen nähernd, „lege an dem Fort Vierfvet*) an; da müſſen wir ſein. Still, kein Wort mehr!“ Ohne einem Hinderniß zu begegnen, fuhren ſie ſchnell in den Hafen ein und landeten bei dem ſtar⸗ ken Fort Vierfvet. Herr von Milval faßte, ehe er das Boot ver⸗ ließ, die Hand des Mädchens und ſprach mit Thrä⸗ nen der Rührung: „Bella, ich verſtumme bei Deinem Edelmuth. *) Vierfuß. A. d. U. 222 Wie ſoll ich Dir meine Dankbarkeit ausdrücken? Ich bewundere Dich, ich verehre Dich, als wärſt Du eine Heilige! O, glaube mir, Dein Bild wird in meinem Herzen leben, neben den Bildern meines Vaters und meiner Mutter. Wie auch mein Schick— ſal ſich geſtalte, mit meinem letzten Gebet auf Erden wird Dein Name noch aus meinem Munde zum Him⸗ mel ſteigen!... Joſeph unterbrach die feurige Anſprache und hob den Edelmann mit unwiderſtehlicher Kraft an das Land, wo bereits einige Soldaten der Beſatzung be⸗ reit ſtanden, ihn zu empfangen. Dann ſtieß Joſeph ohne Zeitverluſt mit dem Boote vom Wall ab, gab ſeiner Nichte einen leiſen Befehl und eilte an den Maſt, um das große Segel ganz aufzuhiſſen. Herr von Milval blieb am Rande des Hafens ſtehen und ſchaute ſeinen Rettern nach. Sie hatten die Mündung des Hafens erreicht und verſchwanden eben zwiſchen den Wogen, als ein Flintenſchuß von der rechten Seite herüber ertönte. Augenblicklich folgte eine Gewehrſalve und der ſchwere Donner einer Kanone rollte über die Dünen hin. Der Edelmann hob mit einem Angſtſchrei beide Arme zum Himmel und flehte den Herrn um Gnade für das heldenmüthige Mädchen an. Bleich und zitternd vor Schrecken folgte er den Soldaten in die Feſtung. Das dehnten Nieupoo mit den ten. Di Lombard hinaus: Van De Moreau, weſtliche Auf Batteriet aber vor foet woll griffe ri das Geſ durch zal Lager he beinahe! werfen,: in der J Unter Dejean achthunde ſchäftigt gefördert hatte, um in die S felte, da drücken? wärſt Du wird in n meines in Schick⸗ auf Erden zum Him⸗ und hob t an das tzung be⸗ em Boote n Befehl egel ganz s Hafens ie hatten chwanden ſchuß von enblicklich Donner wei beide m Gnade eich und n in die 223 XII. Das franzöſiſche Heer hatte, ſo weit die ausge⸗ dehnten Ueberſchwemmungen es zuließen, die Stadt Nieupoort ganz umſchloſſen und ihr alle Verbindung mit dem Lande und mit der See völlig abgeſchnit⸗ ten. Die Nord⸗ und Oſtlinie der Feſtung, von der Lombardſeite über Mannekensveere und Schoorbake hinaus war von Truppen unter dem Brigadegeneral Van Damme beſetzt, während der Diviſionsgeneral Moreau, der Oberbefehlshaber des Heeres, auf der weſtlichen Linie kommandirte. Auf der Wetterſeite des Hafens waren mächtige Batterien aufgeworfen, um die Stadt zu beſchießen; aber vornehmlich gegen das vorgeſchobene Fort Vier⸗ foet wollten die franzöſiſchen Truppen ihre erſten An⸗ griffe richten. Durch die hohen Dünen hier gegen das Geſchütz der engliſchen Kriegsſchiffe gedeckt und durch zahlreiche Bataillone, die bei Oſtdünkirchen ihr Lager hatten unterſtützt, konnten die Schanzarbeiter beinahe ohne Verluſt von Leuten die Laufgräben auf⸗ werfen, um den Angriff auf das Fort Vierfoet mehr in der Nähe zu ermöglichen. Unter der geſchickten Leitung des Genieoberſten Dejean und des Artilleriegenerals Eblé hatten die achthundert Mann, welche mit den Grabarbeiten be⸗ ſchäftigt waren, in kurzer Zeit ihre Arbeit ſo weit gefördert, daß man Kanonen außzufahren begonnen hatte, um die Breſche zu eröffnen, durch welche man in die Stadt einzudringen gedachte. Niemand zwei⸗ felte, daß das Fort beim erſten Sturm unterliegen 224 würde; und wahrſcheinlich konnte die Stadt, nach dem Verluſte ihres ſtärkſten Vertheidigungswerkes, keinen langen Widerſtand mehr leiſten. Dieſe Ueberzeugung verdoppelte den Eifer der Befehlshaber und Arbeiter; ohne Unterlaß arbeitete man die ganze Nacht in der Finſterniß an den Ka⸗ nonen, um mit der erſten Morgenſtunde fertig zu werden und der Beſatzung des Forts einen Gruß zu⸗ zuſenden, der ſie wiſſen laſſen ſollte, was für ein Loos ſie erwarte. Während man ſo an der äußerſten Ecke der Dü⸗ nen mit Anſtrengung arbeitete, herrſchte die vollſtän⸗ digſte Ruhe im Lager bei Oſtdünkirchen. Unter dem Schutze zahlreicher Wachen ſchliefen die Soldaten eben ſo ruhig und unbekümmert, als könnte keine Gefahr irgend welcher Art ihren feſten Schlummer ſtören. Als jedoch der erſte Morgenſchimmer anbrach, wurden ſie plötzlich durch Trommelſchlag, durch ſtarke Gewehrſalven und unaufhörlichen Kanonendonner ge⸗ weckt.— Es war Jedermann klar, daß die Belager⸗ ten einen Ausfall gegen die Laufgräben gemacht hatten, in der Abſicht, die Kanonen zu vernageln und die aufgeworfenen Batterien zu vernichten. Die Schanzarbeiter waren nicht ohne Truppen zu ihrer Vertheidigung; aber da man nicht wußte, ob nicht ein größeres Corps der Beſatzung an dem Ausfall ſich betheiligt hatte, mußte man ſich beeilen, um der Mannſchaft der Vorhut die etwa nöthige Hülfe zu leiſten. In weniger als einem Augenblick waren alle Truppen des Lagers auf den Beinen; einige Com⸗ pagnien Jäger wurden im Geſchwindſchritt längs der Dünen v ten unmi Bald doppeln. ſchen Tri terlaß mi ſo widerl barſten„ Feuer al Streites Eine kehrten di Oſtdünkir Belagerte wohl ſie führten, voll Bege Zeugniß ungefähr hatte und Dieſe verſche S faſt bürge flüchtete e Kleidung Regiment— chem Zuſ Reihen de Währi Kriegsgeb die Emigr Conſci nach dem , keinen Eifer der arbeitete den Ka⸗ fertig zu Gruß zu⸗ für ein der Dü⸗ vollſtän- lnter dem aten eben e Gefahr ſtören. anbrach, uch ſtarke onner ge⸗ Belager⸗ gemacht vernageln ten Die zu ihrer ob nicht Ausfall „um der Hülfe zu aren alle ige Com⸗ längs der 225 Dünen vorausgeſchickt; die andern Compagnien folg⸗ ten unmittelbar, jedoch mit mehr Ordnung. Bald hörte man die Salven an Zahl ſich ver⸗ doppeln. Die Belagerer feuerten, um den franzöſi⸗ ſchen Truppen die Annäherung zu wehren, ohne Un⸗ terlaß mit dem Geſchütz der weſtlichen Werke, und ſo widerhallte die Luft lange Zeit von dem furcht⸗ barſten Kanonendonner... aber dann wurde das Feuer allmälig ſchwächer, bis das Getümmel des Streites an die Stelle deſſelben trat. Eine gute Stunde nach dem Beginn des Gefechts kehrten die franzöſiſchen Truppen nach dem Lager bei Oſtdünkirchen zurück. Sie mußten den Ausfall der Belagerten ſiegreich zurückgeſchlagen haben; denn ob⸗ wohl ſie viele ihrer verwundeten Kameraden mit ſich führten, ſangen ſie doch frohe Lieder und ſchienen voll Begeiſterung. Was noch mehr von ihrem Siege Zeugniß gab, war der Umſtand, daß ihre Hinterhut ungefähr zweihundert Kriegsgefangene in ihrer Mitte hatte und vor ſich hertrieb. Dieſe unglücklichen Leute waren meiſtens hannö⸗ verſche Soldaten; die Uebrigen konnte man an ihrer faſt bürgerlichen Kleidung für Emigranten oder ge⸗ flüchtete Edelleute erkennen; ja Einige trugen die Kleidung und die ſchwarze Kokarde des berühmten Regiments loyal emigré, welches bereits bei ſo man⸗ chem Zuſammenſtoße Tod und Vernichtung in die Reihen der republikaniſchen Truppen getragen hatte. Während man die hannöverſchen Soldaten nach Kriegsgebrauch ohne Härte behandelte, hieb man auf die Emigranten mit Säbeln ein, und nicht ſelten Conſcience, Bella Stock. 15 226 bohrte man ihnen die Spitze des Bajonnets in die Glieder, unter dem Vorwande, daß ſie zu langſam vorwärts marſchirten. Die Wachen, noch vom Streite erhitzt, überhäuften ſie mit Schimpfworten und Be⸗ drohungen; blind vor Haß und Rachſucht hielten ſie ihre Bajonnete den armen Opfern auf die Bruſt, und forderten ihren unmittelbaren Tod. Andere ver⸗ ſpotteten mit unmenſchlichem Vergnügen ihren eiteln Muth und ſuchten ihnen die Ueberzeugung einzuprä⸗ gen, daß man ſie nach der Schlachtbank führe, weil es unbekannt wäre, daß jemals einer dieſer edlen Paterlandsverräther ſich der gerechten Rache der Re⸗ publik zu entziehen gewußt hätte. Ohne Zweifel wären viele der Emigranten unter⸗ wegs von den wüthenden Soldaten ermordet worden, wenn nicht eine Anzahl Officiere den Kriegsgefange⸗ nen beigegeben worden wäre, um mindeſtens ſolche äußerſte Gewaltthat zu verhindern. Der Officier, welcher die Hinterhut zu führen ſchien, war ein noch junger Hauptmann. Obwohl er zuweilen durch einen kurzen Befehl, oder eine zor⸗ nige Geberde den Blutdurſt ſeiner Leute bezwang, hielt er dennoch die Augen mit ebenſo viel Haß auf die Emigranten geheftet, und ſeine Sprache war, wenn er das Wort an ſie richtete, nicht minder höh⸗ niſch und grauſam. Neben ihm ging ein ſchon bejahrter Officier, wel⸗ cher die linke Hand mit einem Stücke blutiger Lein⸗ wand umwunden hatte. „Alſo,“ ſagte der Anführer der Hinterhut zu ihm, „es iſt ein Emigrant, welcher Dir die Hand durch⸗ bohrt hat?“ „Eir „in drei zu ſehen „Unt niederge „Nei reichen; getödtet. iſt unter „So ſagen, u zig Bajo „Nin Officier fangenen „Wa „Das wenigſter über ſie „Bal hat man bald wi: eine Reil Pelotonfe Rechenſch legen.“ „Ma warten n reist; de aller Eil werden a Tod zu r in die langſam n Streite und Be⸗ ielten ſie ie Bruſt, dere ver⸗ ren eiteln einzuprä⸗ hre, weil eſer edlen e der Re⸗ iten unter⸗ et worden, gsgefange⸗ ens ſolche zu führen Obwohl r eine zor⸗ bezwang, el Haß auf rache war, ninder höh⸗ fficier, wel⸗ itiger Lein⸗ hut zu ihm, and durch⸗ „Ein leichter Bajonnetſtich,“ ſcherzte der Andere;“ „in drei oder vier Tagen wird Nichts mehr davon⸗ zu ſehen ſein.“ „Und Du haſt den Verräther zu Deinen Füßen niedergeſtreckt, als einen Hund, der er war?“ „Nein, in dem Getümmel konnte ich ihn nicht ex⸗ reichen; ich habe ein paar Andere an ſeiner Stelle getödtet. Der, welcher mir dieſe Wunde beibrachte, iſt unter den Gefangenen.“. „So! Zeige mir ihn; ich will ein leiſes Wort ſagen, und er wird unter Deinen Augen, von zwen⸗ zig Bajonneten durchbohrt, niederfallen.“ „Nimm' Dich wohl in Acht,“ ſprach der ältere Officier ſtreng.„Der General hat verboten, die Ge⸗ fangenen zu mißhandeln.“ „Was kann der General davon erfahren?“ „Das iſt gleich; da ſie doch ſterben müſſen, laß wenigſtens den Kriegsrath einen regelmäßigen Spruch über ſie fällen.“ „Bah, ein ſolcher Spruch iſt eitle Form. Wann hat man je einem Emigranten Gnäde gewährt? So⸗ bald wir in das Lager kommen, wird man ſie in eine Reihe gegen die Dünen ſtellen, und durch ein Pelotonfeuer in die andere Welt ſchicken, um dort für ihre ſchnöde Handlungsweiſe abzu⸗ egen.“ „Man wird die Rückkehr des Befehlshabers ab⸗ warten müſſen; er iſt dieſe Nacht nach Oſtende ge⸗ reist; der Obergeneral Pichegru hat denſelben in aller Eile zu ſich beſchieden. Dieſe Unglücklichen werden alſo noch einen Theil des Tages g0 ihren Tod zu warten haben.“ — * 228 „Sieh' dort den hochgewachſenen Emigranten, mit bleichem Geſicht und weißen Haaren, welcher das Auge faſt unausgeſetzt auf uns richtet. Ich wollte wetten, daß er es iſt, welcher Dir die Wunde an der Hand beigebracht hat.“ „Nein, Du irrſt Dich,“ antwortete der ältere Of⸗ ficier.„Es iſt im Gegentheil der junge Mann mit den langen ſchwarzen Haaren, der träumend neben ihm hinſchreitet und nicht zu wiſſen ſcheint, was um ihn vorgeht.“ „Der Milchbart? Er ſcheint kein ſchlimmer Burſche zu ſein. Du mußt Dich auf ſein Bajonnet geworfen haben. Solche Leute laufen dem Feinde nicht ent⸗ gegen.“ „Hätteſt Du den jungen Mann an der Arbeit geſehen, wie ich,“ erwiederte der Andere,„Du wür⸗ deſt eine ganz andere Vorſtellung von ihm bekommen haben. Er focht wahrhaftig wie ein wüthender Löwe. Ehe ich den Unſrigen zu Hülfe eilen konnte, hatte er bereits drei oder vier Mann niedergeſtreckt.“ „Wie kommt es, daß er nicht verwundet iſt? Du wirſt mich doch nicht glauben machen wollen, daß die Paternoſters und Reliquien, welche dieſe Leute bei ſich tragen, ihn gegen die Kugeln der Republikaner beſchützen?“ „Man hat plötzlich einen Theil der Ausfallenden mit Uebermacht umzingelt; die hannöverſchen Solda⸗ ten haben ſich kriegsgefangen ergeben und ſelbſt die Emigranten entwaffnet. Du begreifſt wohl, daß die Edelleute, wäre es ihnen möglich geweſen, den Kampf ihrerehhnheit nach bis zum Tode fortgeſetzt hät⸗ ten, da 66 keiner von ihnen auf Gnade hoffen darf.“ O In widerfal iſt mind der ver „Di dünkirch halb de— eingeſpet langt, ſi Die dem Ha Stabe, Ferne ſi „No Hauptqu „Au Als hatte, ge granten mit den wünſchu „Me Träumer ſchlagen ten, mit her das h wollte an der ltere Of⸗ ann mit d neben was um rBurſche geworfen icht ent⸗ Arbeit Du wür⸗ emmen der Löwe. hatte er 7 daß die Leute bei publikaner Sfallenden en Solda⸗ ſelbſt die l, daß die en Kampf zeſett här ffen darf.“ 229 „In der That, das ſchlimmſte Loos, das ihnen widerfahren kann, iſt, in unſere Hände zu fallen. Es iſt mindeſtens noch einigermaßen ehrenvoll, auf dem Schlachtfelde zu fallen, wäre es auch für eine ſchlechte Sache.“ „Wohin bringſt Du die Kriegsgefangenen?“ fragte der verwundete Officier. „Die hannöverſchen Soldaten wird man in Oſt⸗ dünkirchen unterbringen; die Emigranten ſollen inner⸗ halb des Landhauſes, welches hinter dem Lager liegt, eingeſperrt und bewacht werden, bis der Befehl an⸗ langt, ſie vor den Kopf zu ſchießen.“ Die Nachhut näherte ſich bald den erſten Zelten des Lagerplatzes. „Nun, lebe wohl,“ ſagte der ältere Officier, ſei⸗ nem Gefährten die Hand drückend,„ich gehe nach dem Hauptquartier, um die Zurückkunft des Gene⸗ rals abzuwarten.“ „Du haſt noch immer Deine Wohnung bei dem Stabe, auf dem Pochthofe, den man dort in der Ferne ſieht?“ „Noch immer, ein paar Bogenſchüſſe von dem Hauptquartier.“ „Auf Wiederſehen alſo!“ Als ſein Kamerade ſich einige Schritte entfernt hatte, gebot der jüngere Officier, den Gang der Emi⸗ granten zu beſchleunigen; und auf den jungen Mann mit den ſchwarzen Haaren deutend, rief er, eine Ver⸗ wünſchung ausſtoßend: „Man laſſe ihn vorwärts marſchiren, den dummen Träumer, welchen der Schrecken mit Lähmung ge⸗ ſchlagen zu haben ſcheint!“ —— 230 Kaum waren dieſe Worte ſeinem Munde entfal⸗ len, ſo wurde mit einem Gewehrkolben der junge Mann ſo heftig auf den Rücken geſtoßen, daß er kopfüber mit dem Angeſicht zu Boden ſtürzte; aber er ſtund auf und ſetzte ſeinen Gang fort, ohne zu klagen; er drehte nicht einmal den Kopf nach dem jenigen um, welcher ihn ſo grauſam mißhandelt hatte. Hinter dem Lager wurden die gefangenen Edel⸗ leute in den ummauerten innern Hofraum eines Land⸗ hauſes gebracht. Man kündigte ihnen an, daß ſie nur noch einige Augenblicke zu leben hätten, und gab ihnen unmenſchlich ſpottend den Rath, inzwiſchen alle Heiligen des Himmels anzurufen, damit ſie mit der Litanei ganz fertig wären, ehe die Kugeln dieſelbe für immer unterbrechen würden. Ein Bataillon Soldaten wurde rings um das, Landhaus gelegt, um die Emigranten zu bewachen; der Hauptmann, welcher den Befehl über die Nach⸗ hut geführt hatte, übergab ſeine Function einem an⸗ dern Officier und entfernte ſich mit ſeiner Mannſchaft in das Lager. Es war ein ſchmerzliches und eindringliches Schau⸗ ſpiel, welches der offene Platz des Landhauſes darbot. Auf der einen Seite ſtand eine Reihe Soldaten, auf ihren Gewehren ruhend, während ein Dutzend andere mehr vorwärts als Schildwachen auf⸗ und abſchritten. Die Augen dieſer Männer funkelten von Haß; ihre Lippen waren von Rachſucht oder Blut⸗ durſt verzerrt; aus ihrem Munde ergoßen ſich die, ſchrecklichſten Verwünſchungen, und mit dem glühen⸗ den Blick ſchienen ſie die Gefangenen, die unter ihre Hut geſtellt waren, verſchlingen zu wollen. Auf Emigra verſchiet Mauer genswer Greiſe, gekrüm dem Kn Geſicht Geſicht Viel Blut tr oder D mit ent war de Wunder genoſſen Blick zu ſucht de ſollte, u Faſt waren trug ni fechtes, Feinde. in dieſe burt ur ihr Ant den Gl doch au Stolz, welches e entfal⸗ er junge „doß er ſte; aber ohne zu iach dem elt ehatte. nen Edel⸗ nes Land⸗ „daß ſie und gab iſchen alle e mit der n dieſelbe um das bewachen; die Nach⸗ einem an⸗ Rannſchaft hes Schau⸗ ſes darbot. Soldaten, n Dutzend auf⸗ und kelten von oder Blut⸗ n ſich die, m glühen⸗ unter ihre 231 Auf der andern Seite des Platzes hatten die Emigranten, ungefähr vierzig an der Zahl, ſich in verſchiedenen kleinen Gruppen längs einer hohen Mauer aufgeſtellt. Unter dieſen Opfern eines bekla⸗ genswerthen Bürgerkriegs befanden ſich hochbejahrte Greiſe, deren Rücken bereits von der Laſt der Jahre gekrümmt war; ja ſelbſt junge Leute, welche kaum dem Knabenalter entwachſen waren, und deren feines Geſicht noch ſo ſanft und rein ſich zeigte, wie das Geſicht eines Mädchens. Viele dieſer Unglücklichen waren verwundet; das Blut träufelte ihnen von Antlitz und Händen. Zwei oder Drei lagen zuſammengeſunken an der Mauer, mit entfärbten Wangen und brechenden Augen. Es war deutlich, daß dieſen das Leben durch unſichtbare Wunden langſam entſchwand. Während ihre Unglücks⸗ genoſſen ſie zu tröſten verſuchten, hielten ſie den frohen Blick zum Himmel gerichtet und ſchienen mit Sehn⸗ ſucht den Weg abzumeſſen, welchen ihre Seele betreten ſollte, um zu einem beſſern Vaterland ſich zu erheben. Faſt Alle hatten zerriſſene Kleider; ihre Lippen waren mit Pulver beſchmutzt; ihr ganzer Körper trug nicht allein die Spuren von der Wuth des Ge⸗ fechtes, ſondern auch von der Gewaltthätigkeit ihrer Feinde. Nichts deſto weniger hatten ihre Züge, ſelbſt in dieſem Zuſtande, den Stempel einer hohen Ge⸗ burt und einer ſorgfältigen Erziehung behalten, und ihr Antlitz ſtrahlte noch von dem Ehrfurcht erwecken⸗ den Glanze menſchlicher Würde. Keine Muthloſigkeit, doch auch kein Trotz in ihrem Blicke; nur der ſtille Stolz, die unverhüllte Gelaſſenheit eines Gemüthes, welches ſeine Kraft aus der Ueberzeugung ſchöpft, 232 ſeine Pflicht erfüllt zu haben, und den Tod ohne Be⸗ kümmerniß und Trauer erwartet. Ein Einziger der Gefangenen, ein alter Mann mit weißen Haaren, ſchien unter dem Schmerz ver⸗ nichtet und wiſchte dann und wann eine Thräne von ſeinen Wangen. Er hatte ſich am Fuß der Mauer niedergeſetzt; auf ſeinen Knieen, gegen ſeine Bruſt gelehnt, lag ein Jüngling, beinahe noch ein Knabe, mit dem Tode ringend. Das arme Opfer war von einem Bajonnetſtoß in der Seite getroffen worden. Sein alter Vater hatte ihn unterſtützt, beinahe getra⸗ gen. So war derſelbe mit den andern Gefangenen in das Landhaus gelangt; aber nun beſchleunigte die innerliche Verblutung ſein Ende, und er war im Be⸗ griff, in den Armen ſeines unglücklichen Vaters den Geiſt auszuhauchen. Während die Einen ſich zur Aufgabe machten, die Verwundeten zu tröſten, und die Andern in der Stille nicht ihr eigenes Loos, ſondern das Loos ihres theuern Vaterlandes beklagten, hatte ein junger Mann ſich verſtohlener Weiſe in einer Ecke mit dem Rücken gegen ſeine Wachen gekehrt und war damit beſchäf⸗ tigt, auf ein Blatt Papier, woran ein rothes Siegel hing, mit einem Bleiſtift einige Worte zu ſchreiben. Einer von ſeinen Gefährten meinte, es wäre vergeb⸗ lich, ſein Teſtament zu machen oder an ſeine Eltern zu ſchreiben, da man ja doch nicht hoffen dürfte, daß jemals etwas dergleichen an den Ort ſeiner Beſtim⸗ mung gelangen würde. Der junge Mann ſchien in das, was er that, allzu vertieft, um eine Antwort auf dieſe Bemerkung zu geben. Er ſetzte noch einen Augenblick, zitternd vor Eile, ſeine Arbeit fort, verbarg dann! Bruſt zu, w Poſten Au tete det ſeine 2 dritter den Pl von de machen ſein, de nicht fe gen un endlich In auf den einer de zu dem ſeines daß de den Ar Landha Als das In ſich ihm anzuhör keit wir Der ohne Be⸗ er Mann merz ver⸗ räne von Maee ine Bruſt in Knabe, war von worden. he getra⸗ efangenen migte die im Be⸗ aters den machten, rn in der os ihres ger Mann m Rücken it beſchäf⸗ es Siegel ſchreiben. ee ne Eltern ürfte, daß r Beſtim⸗ ſchien in Antwort och einen t, verbarg 233 dann das Blatt Papier in ſeinem Kleide auf der Bruſt und ſchritt gerade auf eine der Schildwachen zu, welche mit dem Gewehr im Arm auf ihrem Poſten ſtanden. Auf das, was der Emigrant ihm ſagte, antwor⸗ tete der Soldat mit Scheltworten, ein zweiter fällte ſeine Waffe und drohte ihn zu durchbohren, ein dritter ſtieß ihn mit dem Gewehrkolben mitten auf den Platz zurück. Das, was der junge Edelmann von den Soldaten erbitten oder ihnen begreiflich machen wollte, mußte wohl von großer Wichtigkeit ſein, denn trotz ihrer grauſamen Begegnung blieb er nicht fern von ihnen ſtehen, mit unruhigem Verlan⸗ gen um ſich ſchauend, ob nicht einer von ihnen endlich ſeine Bitte anhören wollte. In dieſem Augenblick trat der Wachcommandant auf den offenen Platz; man hatte ihm gemeldet, daß einer der Emigranten eben geſtorben wäre. Er ging zu dem Greiſe hin, welcher noch den lebloſen Körper ſeines Kindes an die Bruſt drückte, überzeugte ſich, daß der alte Mann nicht mehr als eine Leiche in den Armen hielt, und gab Befehl, dieſelbe aus dem Landhauſe hinauszutragen. Als er den Platz wieder verlaſſen wollte, um in das Innere des Landhauſes ſich zu begeben, näherte ſich ihm der junge Emigrant, welcher von den Schild⸗ wachen mißhandelt worden war. „Bürger⸗Kapitän,“ ſprach er mit gefalteten Hän⸗ den,„ich bitte Sie, haben Sie doch die Güte, mich anzuhören. Ein einziges Wort, und meine Dankbar⸗ keit wird unendlich ſein!“ Der Officier ſchaute den jungen Mann mit einem 234 zornigen Blick an, aber es ſchien, daß die männliche Schönheit und der bittende Ausdruck ſeiner Miene dem Kriegsmann einiges Mitleiden einflößte; denn er ſagte in einem keineswegs barſchen Tone: „Sprechen Sie!“ „Darf ich Sie fragen, Bürger⸗Kapitän, ob ein gewiſſer Kapitän Louis Stock unter den Belagerungs⸗ truppen von Nieupoort iſt?“ „Der tapfere Kapitän Louis Stock?“ wiederholte der Officier.„Er iſt einer meiner beſten Freunde. Was kann für eine Beziehung ſtattfinden zwiſchen einem Emigranten und Louis Stock?“ „Keine, Bürger, ich habe ihn noch nie geſehen.“ „Was wollen Sie dann von ihm?“ „Ich möchte ihm ein Geheimniß anvertrauen.“ „Ein Geheimniß?“ brummte der Officier ver⸗ wundert.„Sie wollen Enthüllungen machen? Bah. es wird Sie nichts helfen; die Kugel, mein Junge, iſt das einzige mögliche Ende.“ „Ich weiß es und bin bereit, Bürger; aber ich flehe Sie an, laſſen Sie den Kapitän Louis Stock wiſſen, daß ein Kriegsgefangener ihn zu ſprechen wünſcht, ehe er ſtirbt.“ „Es iſt alſo ein wichtiges Geheimniß, das Sie ihm offenbaren wollen?“ „Wichtig, ſehr wichtig vielleicht für Perſonen, die ihm theuer ſind.“ „Gut; ich werde Kapitän Stock davon benach⸗ richtigen; willigt er ein, hieher zu kommen, ſo ſollen Sie ihm ſehen.“ Der Officier entfernte ſich, und der Emigrant, getröſtet durch das Gelingen ſeiner Bemühungen, begab Unglü welchet genom ſtehen, nen ir unendl glücklie in zor hannöðt Unglü herumſ nahe n ihres„ fehlbar drohte, Al geſproe ſprach 5D fahren Wir v Anblick macht ſendmo meinen „T junge S daſſelb der An ort fü ännliche r Miene denn er „ob ein gerungs⸗ ederholte Freunde. zwiſchen geſehen.“ rauen.“ cier ver⸗ n Bah n Junge, aber ich is Stc ſprechen das Sie rſonen, die n benach⸗ , ſo ſollen Emigrant, mühungen, 235 begab ſich zu der Mauer zurück, an deren Fuß ſeine Unglücksgefährten ſich aufhielten. Er ſah den Greis, welchem man den Leichnam ſeines Sohnes ſo eben genommen hatte, zwiſchen einigen andern Emigranten ſtehen, mit Todtenbläſſe auf den Wangen, mit Thrä⸗ nen in den Augen und mit den Zuckungen einer unendlichen Verzweiflung auf den Lippen. Der un⸗ glückliche Vater, durch den Schmerz verbittert, brach in zornige Klagen gegen die engliſchen, gegen die hannöverſchen Soldaten und ſelbſt gegen ſeine eigenen Unglücksgenoſſen aus. Diejenigen, welche um ihn herumſtanden, hörten mit auffallender Ruhe, ja bei⸗ nahe mit Gleichgültigkeit zu; ſie ehrten den Kummer ihres greiſen Gefährten; aber im Angeſicht des un⸗ fehlbaren Todes, welcher ihnen Allen gleichzeitig drohte, vermochten ſeine Klagen ſie nicht zu rühren. Als der junge Mann, welcher mit dem Officier geſprochen hatte, ſich dem alten Edelmann näherte, ſprach er mit tief gefühltem Mitleide: „Der arme Georg iſt alſo zum Himmel aufge⸗ fahren? Sie müſſen recht unglücklich ſein, Herr Graf! Wir verlaſſen nur ein Leben, welches uns durch den Anblick der triumphirenden Bosheit unerträglich ge⸗ macht iſt; aber Sie ſind Vater, Sie ſterben tau⸗ ſendmal.“ „Es iſt der dritte meiner Söhne, den ich ſo in meinen Armen dahin ſterben ſehe!“ ſeufzte der Greis. „Tröſten Sie ſich doch, Herr Graf,“ fuhr der junge Mann fort,„mit dem Gedanken, daß uns Allen daſſelbe Loos beſchieden iſt: der Eine etwas früher, der Andere etwas ſpäter. Keine Ruhe, kein Zufluchts⸗ ort für die Edeln von Frankreich, als in dem 236 Schooße der Gottheit. Ich werde meine gemordeten Eltern wiederfinden; Sie werden mit ihren theuren Kindern wieder vereinigt werden.“ „Sie irren ſich, Herr von Milval,“ antwortete der alte Graf.„Es iſt nicht die Trauer über den Tod meiner Kinder, welche mir das Herz zerreißt und mir vor Verdruß faſt die Beſinnung raubt. Nein, es iſt die ſchmerzliche Ueberzeugung, doß ihr Blut nutzlos für das Vaterland vergoſſen wird Wehe, ich habe noch zwei Söhne: die letzten, die meinen Namen führen. Sie ſind in Nieupoort! Noch einige Tage, und mein Geſchlecht wird auf immer vernichtet ſein!“ „Hoffen wir, Herr Graf, daß Entſatz kommen wird.“ „Entſatz für Nieupoort? Aber von welcher Seite?“ ſpottete der alte Edelmann bitter.„Die ganzen öſtreichiſchen Niederlande ſind von den ſiegreichen Heeren der Republik beſetzt; die engliſchen Schiffe können oder wollen ſich der Küſte nicht nähern. Es gab nur ein Mittel; ich habe es vorgeſchlagen; aber Sie Alle haben es mit Geringſchätzung verworfen. O, der blinde Muth, die Nichts berechnende Ver⸗ meſſenheit hat bewirkt, daß das edelſte Blut von Frankreich fruchtlos in Strömen vergoſſen wird! Sie auch, Herr von Milval, haben meinen Vorſchlag mißbilligt. Da ſehen Sie nun die beklagenswerthen Folgen dieſer unſinnigen Hartnäckigkeit.“ „Fliehen, ehe man gekämpft hat!“ „Das iſt es, was den franzöſiſchen Adel zu Grunde richten wird,“ fuhr der alte Graf fort.„Ein Kriegsmann, der aus eitler Tapferkeit ſein Leben nutzlos und ve W einigen Emigra „Al theidigt landen und wi unfehlb lich be ſichern aus mi tapfere dern S Vaterla Gott d fruchtlo unſere chen, u dert ſe mordeten theuren ntwortete über den zerreißt g raubt. daß ihr wird ten, die ieupoort! vird auf kommen r Seite?“ e ganzen ſiegreichen n Schiffe enn s gen; aber verworfen. ende Ver⸗ Blut von vird! Sie Vorſchlag nswerthen Adel zu fort.„Ein ſein Leben 237 nutzlos aufopfert, ſchwächt die Sache, wofür er ſtreitet, und verräth ſein Vaterland...“ „Wir hätten alſo Nieupoort verlaſſen ſollen, ohne einigen Widerſtand zu leiſten?“ fiel ihm ein anderer Emigrant mit unterdrückter Entrüſtung in's Wort. „Aber ſagen Sie mir einmal, wozu kann die Ver⸗ theidigung von Nieupoort unſerem unglücklichen Vater⸗ lande nützen?“ entgegnete der Greis.„Wir wiſſen Alle, und wußten es vom erſten Tage an, daß die Feſtung unfehlbar unterliegen muß. Wir haben alſo wiſſent⸗ lich beinahe tauſend franzöſiſche Edelleute einem ſichern Tod geweiht. Iſt es nicht eine Uebelthat, aus mißverſtandenem Fanatismus der Ehre tauſend tapfere Degen zu zerbrechen, welche auf einem an⸗ dern Schlachtfeld die Befreiung unſeres unglücklichen Vaterlandes erkämpfen helfen konnten? Wer weiß, ob Gott da oben nicht Rechenſchaft von uns für das fruchtlos vergoſſene Blut fordern wird. Ach, möchten unſere Freunde in Nieupoort ſich meines Vorſchlags erinnern und denſelben in Ausführung bringen!“ „Sie haben vielleicht Recht, Herr Graf,“ bemerkte Einer der Umſtehenden.„Nun iſt es jedoch zu ſpät: die beiden Seiten des Hafens ſind mit Kanonen beſetzt.“ „Nein, es iſt nicht zu ſpät,“ war die ärgerliche Antwort.„Bei halber Fluth beſtreichen die Kanonen des Feindes das Waſſer des Hafens nicht. Man würde alſo nur das Gewehrfeuer zu beſtehen haben. Ohne Zweifel wären einige Mann verloren; aber die Boote könnten ſicherlich die engliſchen Schiffe errei⸗ chen, und Frankreich würden zum Mindeſten achthun⸗ dert ſeiner edelſten Söhne für andere Beſtrebungen 238 erhalten. Derjenige, welcher dort in Nieupoort ſeine Genoſſen zur Ausführung eines ſolchen Ent⸗ ſchluſſes beſtimmen könnte, würde dem Vaterland einen viel ausgezeichneteren Dienſt leiſten, als die⸗ jenigen, welche ſich unnützer Weiſe der Kugel des Feindes darbieten, ohne eine andere Folge, als daß ſie ihm die Freude eines grauſamen Triumphes machen...“ „Freunde, laſſet uns beten,“ ſeufzte Einer der Emigranten.„Da holt man uns, um uns vor den Kopf zu ſchießen!“ „Wohlan, Kinder, Muth und Würde bis vor die Kugel!“ ſagte der alte Graf.„Zeigen wir zum Mindeſten unſern Mördern, daß ein franzöſiſcher Edelmann beim Anblick des Todes weder zittert noch erbleicht.“ Der Officier der Wache war mit etwa zehn Soldaten aus dem Innern des Landhauſes auf den offenen Platz gekommen und ſchien mit den Augen Jemand oder Etwas zu ſuchen. Als er den Jüng⸗ ling, welcher eine Bitte an ihn gerichtet hatte, zwi⸗ ſchen den andern Emigranten bemerkte, gebot er ihm durch ein Zeichen, ſich zu nähern. Soldaten und Gefangene ſchauten mit Erſtaunen dem jungen Mann nach, während er auf den Officier zutrat; und ſie fragten ſich ſelbſt, was dieſer Ruf wohl zu bedeuten hatte? Sollte man ihn von ſeinen Genoſſen ausſondern und ihm das Leben ſchenken? An ſo Etwas war nicht zu denken. Wahrſcheinlich gedachte man ihn alsbald zu tödten⸗ Er hatte ſich allerdings in dem Gefecht durch ſeine Tapefrkeit und durch Lebewo Mann, gen, et Empfar wollen. Die führten mers; mit de Fenſter Abe auf da mit Sc Stock e mandar „W pitän. Als hatte 1 Zuſamr zu ihm „B Sie m Krieges Ich bek Muth ich höre Sie zu eupoort en Ent⸗ terland als die⸗ gel des als daß umphes iner der vor den vor die vir zum nzöſiſcher tert noch va zehn auf den n Augen n Jüng⸗ tte, zwi⸗ t er ihm Frſtaunen n Officier ieſer Ruf on ſeinen ſchenken? rſcheinlich hatte ſich rkeit und 239 durch ſeinen Grimm hervorgethan.— Das traurige Lebewohl ſeiner Freunde tönte ihm nach. „Folgen Sie,“ ſagte der Officier zu dem jungen Mann,„der Kapitän, den Sie zu ſprechen verlan⸗ gen, erwartet Sie drinnen, um das Geheimniß in Empfang zu nehmen, welches Sie ihm offenbaren wollen.“ Die Soldaten umringten den Gefangenen und führten ihn vor die Thüre eines verſchloſſenen Zim⸗ mers; der Wachcommandant öffnete ſie und deutete, mit dem Emigranten eintretend, ihm auf einen am Fenſter ſtehenden Officier und ſagte: „Hier iſt Kapitän Louis Stock.“ Aber kaum hatte der junge Mann einen Blick auf das Geſicht des Kapitäns gerichtet, ſo fuhr er mit Schrecken zurück; auch dem Munde von Louis Stock entſchlüpfte ein Ruf der Ueberraſchung. „Ihr kennt alſo einander?“ fragte der Wachcom⸗ mandant verwundert. „Wunderbare Bekanntſchaft,“ antwortete der Ka⸗ pitän.„Er iſt es, der mir die Hand durchſtochen hat.“ Als er ſah, daß der Emigrant den Kopf geſenkt hatte und unter dem Eindruck dieſes unerwarteten Zuſammentreffens faſt vernichtet ſchien, ſo ſagte er zu ihm in ermunterndem Tone: „Bekümmern Sie ſich nicht um die Wunde, die Sie mir beigebracht haben. Das iſt das Loos des Krieges. Sie oder ein Anderer, was liegt daran? Ich beklage Sie vielmehr, daß Sie einen ſo ſchönen Muth an eine ſo hoffnungsloſe Sache wenden. Nun, ich höre: Offenbaren Sie mir das Geheimniß, das Sie zu beſitzen behaupten.“ 240 „Herr Kapitän,“ ſprach der junge Mann im weſtflämiſchen Dialekt,„ich wollte mit Ihnen ſprechen von Ihrem blinden Bruder und von Ihrer Nichte Bella...“ Louis Stock wurde bei dieſen Worten lebhaft ergriffen. Er ſchaute den Emigranten mit lebhafter Verwunderung an; doch bezwang er ebenſo raſch ſeine Bewegung und wechſelte einige leiſe Worte mit dem Wachcommandanten. Dieſer verließ das Zimmer und ſchloß die Thüre hinter ſich. „Wie?“ rief der Kapitän auf Flämiſch;„iſt es möglich! Sie wären der Edelmann, welcher... „In der That, ich bin de Milval.“ „De Milval!“ wiederholte Louis Stock, mit Au⸗ gen, die vor Zorn und Entrüſtung funkelten.„Und Sie wagen zu hoffen, daß ich Etwas thun werde, um Ihr Loos zu ändern?“ „Rein, Herr Kapitän, das vermögen Sie nicht. Ich weiß, daß die Sonne morgen über meinem Grabe aufgehen wird; der nahende Tod erſchreckt mich nicht.“ „Undankbarer!“ ſprach der Kapitän bitter,„wel⸗ cher der Gegenſtand der edelmüthigſten Gaſtfreiheit war und die Wohlthat mit dem Unglück eines un⸗ ſchuldigen Kindes bezahlt hat!“ „O, mein Gott, behüte mich vor dieſem Schlag! Unglücklich? Wie?“ rief der Emigrant, vor Angſt erbleichend. „Sie ſtellen ſich nicht zu wiſſen, daß ich von meiner Nichte ſpreche.“ „Verhängnißvolle Nacht, welche das höchſte Opfer ſah, deſſen ein menſchliches Weſen fähig ſein kann!“ klagte der Edelmann.„Bella, die großmüthige, die menſchenf aus dem troffen w Der ordentlich ihn einen „Sie er.„Bell wohlerhal Die richtete de Gott emp „Ich ſtrafbares chen. nutzlos; laſſen hal Sie ſchnel Der G ſeines Kle Papier ur ſilbernes Kapitän Siegellack „Herr dankbarkei nes Herze lichteit da an Gotte Den 2 Kapitän: Conſei unn im ſprechen Nichte lebhaft ebhafter ſo raſch Worte ieß das „iſt es mit Au⸗ .„Und n werde, ie nicht. m Grabe ch nicht.“ er,„wel⸗ ſtfreiheit eines un⸗ Schlag! r Angſt ich n hſte Opfer in kann!“ thige, die 241 menſchenfreundliche Bella, ſie iſt beim Herausfahren aus dem Hafen von Nieupoort von den Kugein ge⸗ troffen worden? Iſt ſie verwundet, iſt ſie todt?“ Der Kapitän ſchien verwundert über die außer⸗ ordentliche Erregung des Jünglings und betrachtete ihn einen Augenblick mit zweifelndem Mitleiden. „Sie mißverſtehen den Sinn meiner Worte,“ ſagte er.„Bella iſt von ihrem wahnſinnigen Unternehmen wohlerhalten heimgekehrt.“ Die gefalteten Hände zum Himmel erhoben, richtete der Emigrant ein feuriges Dankgebet zu Gott empor. „Ich ſollte Ihnen blutige Vorwürfe über Ihr ſtrafbares Benehmen gegen meine arme Nichte ma⸗ chen.— Nein, entſchuldigen Sie ſich nicht! es iſt nutzlos; vor dem Abend werden Sie dieſe Welt ver⸗ laſſen haben. Gott wird über Sie richten. Sagen Sie ſchnell, warum Sie mich rufen ließen?“ Der Emigrant ſteckte die Hand in die Bruſttaſche ſeines Kleides und zog ein zuſammengefaltetes Blatt Papier und einen metallenen Gegenſtand, der wie ein ſilbernes Döschen ausſah, hervor. Er reichte dem Kapitän das Papier, woran ein Sigill von rothem Siegellack hing „Herr Kapitän, Sie beſchuldigen mich der Un⸗ dankbarkeit! Ach, könnten Sie auf dem Grunde mei⸗ nes Herzens leſen, wie würden Sie meine Erkennt⸗ lichkeit darin feurig und endlos, wie meinen Glauben an Gottes Allmacht, leben ſehen!“ Den Blick auf das Papier gerichtet, murmelte der Kapitän: Conſcience, Bella Stock. 16 242 „Ein Teſtament? Sie haben ein Teſtament durch einen Notar von Nieupoort machen laſſen? Sie ver⸗ mutheten alſo, daß Sie heute ſterben würden? Aber was ſehe ich? Sie machen meine Nichte zur Uni⸗ verſalerbin der Güter Ihres Vaters und Ihrer Mut⸗ ter? Wahnſinniger, was ſoll dieſes eitle Stück Pa⸗ pier bedeuten? Vie Güter ſind confiscirt; die Repu⸗ blik hat ſie eingezogen.“ „Allerdings, mein Herr; aber ſollte es auch wahr ſein, daß Frankreich nie mehr ſeine legitimen Könige den alten Thron beſteigen ſieht, ſo kommt viel⸗ leicht doch eine Zeit, wo die Republik ſelbſt zu dem unveränderlichen Gefühl der Gerechtigkeit zurückkehrt. Was dann noch von den eingezogenen Gütern übrig geblieben, iſt ſie vielleicht den geſetzlichen Erben zu⸗ rückzugeben geneigt. Es iſt eine Hoffnung; aber dieſe Hoffnung iſt das Einzige, was mir auf Erden noch bleibt. Um die Gaſtfreiheit Ihres Bruders und den heroiſchen Edelmuth Ihrer Nichte zu belohnen, gäbe ich mit Freuden zehnmal ein freies und glückliches Leben hin! Aber ach, entſchuldigen Sie die Unmacht eines Mannes, dem das Schickſal Alles geraubt hat, und laſſen Sie ihn in das Grab den tröſtenden Ge⸗ danken mitnehmen, daß Bella dieſes Teſtament zu ſeinem Gedächtniß aufbewahren wird!“ „Es ſei ſo, mein Herr,“ ſagte Louis Stock, von der tief bewegten Stimme des jungen Mannes er⸗ griffen,„ich werde meiner Nichte dieſes Papier zur Hand ſtellen, allein um Ihre Bitte zu erfüllen.“ Das ſilberne Etui öffnend, überreichte der Edel⸗ mann es dem Kapitän und ſprach: „Dieß iſt das Bildniß meiner vielgeliebten Mut⸗ ter. Es Klopfen: heit „Mit überraſcht „Die Kapitän; mir aus nicht bloß zugleich d Wollen S an denjen in ihrem trait meit und das geſſen in „Iſt Sie ihr: werde der „Sie wortete d Teſtament ſtehen. C ſchrieb es ner Wache Der L kurzen Bl „Bell ſal hat den Sc worden. vielleich ment durch 5 Sie ver⸗ den? Aber e zur Uni⸗ Ihrer Mut⸗ Stück Pa⸗ die Repu⸗ auch wahr nen Könige mmt viel⸗ bſt zu dem zurückkehrt. itern übrig Erben zu⸗ aber dieſe Erden noch und eden hnen, gäbe glückliches ie Unmacht eraubt hat, ſtenden Ge⸗ ſtament zu Stock, von Nannes er⸗ Papier zur üllen.“ der Edel⸗ ebten Mut⸗ 243 ter. Es iſt auf meiner Bruſt gehangen und hat das Klopfen meines Herzens gefühlt ſeit meiner Kind⸗ i „Mit Diamanten beſetzt?“ murmelte der Kapitän überraſcht. „Die Diamanten haben keinen hohen Werth, Herr Kapitän; aber das Bildniß von Derjenigen, welche mir aus dem Himmel liebevoll die Arme öffnet, iſt nicht bloß das Einzige, was ich noch beſitze; es iſt zugleich das Theuerſte, das ich jemals beſeſſen habe. Wollen Sie es Bella geben? Sollte die Erinnerung an denjenigen, welchem ſie zweimal das Leben rettete, in ihrem Geiſte ſich abſchwächen, ſo mag dieſes Por⸗ trait meine arme Mutter ihr in's Gedächtniß rufen, und das gutherzige Mädchen wird ihrer nicht ver⸗ geſſen in ſeinen Gebeten.“ „Iſt dieß Alles?“ fragte Louis Stock.„Haben Sie ihr nichts Anderes zu ſagen? Es iſt gut, ich werde derſelben Ihr Lebewohl überbringen.“ „Sie haben nicht bemerkt, Herr Kapitän,“ ant⸗ wortete der Emigrant,„daß auf der Rückſeite des Teſtaments einige Worte mit Bleiſtift geſchrieben ſtehen. Es iſt mein letztes Lebewohl. Ach! ich ſchrieb es mit ſinnloſer Haſt, unter den Augen mei⸗ ner Wachen.“ Der Officier drehte das Blatt um, warf einen turzen Blick auf daſſelbe und las: „Bella, Engel von Güte und Liebe, das Schick⸗ ſal hat über mein Leben entſchieden. Ich bin von den Soldaten der Republik gefangen genommen worden. Noch einige Stunden, einige Minuten vielleicht, und ich werde bei meinem Vater und 16 244 meiner Mutter in dem Himmel ſein. Weine nicht ſicht und über meinen Tod, Theure; ich ſterbe mit Ruhe; nur ein einziger Kummer umwölkt meinen Geiſt. Wehe, ich muß die Welt verlaſſen, ohne daß ich Dich für Deine wunderbare Aufopferung belohnen konnte. O, Bella, wäre es mir vergönnt geweſen, verhängnif niedergeleg greife, Ihr lich niemal mein Vaterland befreit zu ſehen! Wie würde ich i meine Tage, bis zum letzten Seufzer, der Aufgabe, ₰ Dich glücklich zu machen, geweiht haben! Dich als 3 immerdar zu ſehen, immerdar Deine Stimme zu Ab hören, Dich zu vertheidigen gegen den geringſten iit Verdruß. Ach, es liegt mir ein Geheimniß auf ziele 358. dem Herzen: mein Grab wird es unmſchließen. nite Umarme für mich Deinen guten Vater und den edelmüthigen Joſeph; und Du, Bella, denke zu⸗ is un weilen in Deinen Gebeten an den Unglücklichen, vd deſſen Lippen noch Deinen Namen murmeln wer⸗ Ihre den, wenn die feindliche Kugel ihn zu Boden ſtreckt. Louis ee Lebe wohl, theure Freundin, lebe wohl!“ ien 8 Lvuis Stod ſchüttelte den Kopf und rieb ſich die gne Fiſe Augen mit der Hand, als verdunkelte eine Thräne hie en ſeinen Blic. Jy't „Ich war gegen Sie erzürnt, mein Herr,“ ſagte gater Gt er,„und wollte Ihnen bittere Vorwürfe machen; aber ſie des ich fühle nicht die Kraft dazu: Sie ſind mehr un⸗ netrs ſiht glücklich, als ſchuldig. Seitdem meine Nichte ihr Bella 8 Leben auf der See wagte, um Sie zu retten, trauert ſchen i Da ſie und verkümmert. Jedermann denkt, die Angſ Lrhet d der Zweifel über Ihr Loos ſei die einzige Urſace Hinneſ m ihres Kummers. Ich allein vermuthe den wahren han ſ Grund davon, und ich fühlte meinen Zorn gegen ie 6 Sie entbrennen bei dem Gedanken, daß Sie mit Ab⸗ 26 eine nicht nit Ruhe; nen Geiſt. ne daß ich belnen t eweſen, würde ich rAufgabe, en! Dich timme zu geringſten imniß auf mſchließen. un eden denke zu⸗ glücklichen, meln wer⸗ den ſtreckt. eb ſich die ne Thräne err,“ ſagte chen; aber mehr un⸗ Nichte ihr en, trauert die Angſt, ge Urſache n wahren zorn gegen ie mit Ab⸗ 245 ſicht und Willen den Keim einer unmöglichen und verhängnißvollen Liebe in das Herz meiner Nichte niedergelegt und daſelbſt genährt haben. Ich be⸗ greife, Ihr waret beide jung. Sie haben wahrſchein⸗ lich niemals von Liebe mit meiner Nichte geſprochen?“ „Niemals, Herr Kapitän.“ „Aber Sie lieben dieſelbe gleichwohl?“ „Ich bewundere, ich verehre, ich liebe ſie, mehr als die menſchliche Sprache auszudrücken vermag.“ „Aber, armer Thor, Sie haben alſo niemals daran gedacht, daß eine ſolche Liebe zu keinem andern Ziele, als zu ewigem Kummer für meine Nichte füh⸗ ren könnte? Zur Unehre vielleicht!“ „Sie irren ſich, Herr Kapitän. Hätte Gott mich bis zur Befreiung Frankreichs leben laſſen, Bella würde meine Lebensgefährtin geworden ſein.“ „Ihre Frau? Bellas Welcher Wahnſinn!“ rief Louis Stock.„Vergeſſen Sie denn, daß ſie ein armes Fiſchermädchen iſt, und daß Ihr Adel und Name einer ſolchen Verbindung ein unüberſteigliches Hinderniß in den Weg legen würde?“ „Ich kenne keine edlern Menſchen auf Erden als Vater Stock und ſein großmüthiges Kind,“ antwor⸗ tete der junge Mann,„nichts Edleres, nichts Erhabe⸗ veres, nichts Ehrwürdigeres, als das Herz der ſüßen Bella. Ha, ſollte die Geburt ein Hinderniß ſein zwi⸗ ſchen mir und Derjenigen, welcher ich zweimal das Leben zu danken habes Meine Eltern, die aus dem Himmel mitangeſehen haben, was ſie für mich ge⸗ than, hätten meine Dankbarkeit mit Entzücken aufge⸗ nommen.. 246 „Träume, edelmüthige Träume,“ fiel Louis Stock ein,„eine ſchöne Unmöglichkeit!“ „Aber, Herr Kapitän,“ entgegnete der Edelmann mit einer gewiſſen Begeiſterung,„Sie, der Sie mich der Undankbarkeit fähig achteten, warum mißkennen Sie die Macht der Dankbarkeit?.. Ich werde ſterben; laſſen Sie mich denken, daß der Bruder von Simon Stock an die Reinheit und Uneigennützigkeit meiner Liebe glaubt!“ Der Kapitän faßte die Hand des Edelmanns, druckte ſie freundſchaftlich und ſprach: „Ich glaube es, Herr von Milval, und ich be⸗ klage Sie von Grund meines Herzens. Sie verdien⸗ ten ein beſſeres Loos; aber bedenken Sie, daß das Grab unſer Aller Ende iſt. Ich werde Ihre Bot⸗ ſchaft ausrichten. Leben Sie wohl!“ Der Kapitän öffnete die Thüre und winkte den Wachen. Zwiſchen einigen bewaffneten Soldaten wurde der junge Mann auf den offenen Platz zu ſeinen Unglücksgefährten zurückgeführt. XIII. Joſeph befand ſich allein in ſeiner Wohnung. Er ſtützte ſich mit geballter Fauſt auf den Rand des Tiſches und ſtarrte zu Boden; über ſeine Lippen ſchweifte ein trauriges Lächeln und von Zeit zu Zeit ſchüttelte er, unter dem Eindruck ſchmerzlichen Nach⸗ ſinnens den Kopf. Endlich richtete er ſich mit einer kurzen, jedoch kräftigen Bewegung auf, als hätte er ſeinen kum⸗ mervollen Ende gem ſetzte ſich digtes Ne nadel, un len; abet macht, ſo der in die Aufſte fallen und Hütte.„ den auf, ohne zu n dann acht kehrte in an das 3 Waſſer hi die praſſe Währ Gedanken Thürſchwe in der Hi mit heller „Es kümmern unſer He wohl, da die kluge ſeph, war tiefen Tre genwart * uis Stock Edelmann Sie mich mißkennen c werde ruder von nnützigkeit delmanns, nd ich be⸗ e verdien⸗ „daß das Ihre Bot⸗ winkte den aten wurde zu ſeinen nnn r Rand des ine Lippen eit eze Zeit ichen Nach⸗ zen, jedoch einen kum⸗ 247 mervollen Betrachtungen plötzlich mit Gewalt ein Ende gemacht und ſie verjagt. Er trat an die Wand, ſetzte ſich auf einen Stuhl nieder, nahm ein beſchä⸗ digtes Netz auf die Kniee und griff nach der Strick⸗ nadel, um einige zerriſſene Maſchen wieder herzuſtel⸗ len; aber kaum hatte er ein Dutzend Knoten ge⸗ macht, ſo unterbrach er ſeine Arbeit und verſank wie⸗ der in dieſelbe Träumerei. Aufſtehend, ließ er das Netz von ſeinen Knieen fallen und ſchritt langſam und nachdenklich aus der Hütte. Hier hob er einen kleinen Anker vom Bo⸗ den auf, wandte und drehte ihn in den Händen herum, ohne zu wiſſen, was er eigentlich that, und ließ ihn dann achtlos wieder auf den Sand niederfallen. Er kehrte in das Haus zurück, ſetzte ſich auf eine Bank an das Feuer, über welchem ein großer Keſſel mit Waſſer hing, und ſtarrte lange Zeit unverwandt in die praſſelnden Flammen. Während er ſolchergeſtalt in tiefe, fernabführende Gedanken verſunken lag, erſchien Tante Klär auf der Thürſchwelle mit einer Holzſchüſſel voll grüner Seife in der Hand. In das Zimmer tretend, murmelte ſie mit heller Stimme: „Es iſt unbegreiflich. Krank werden und ver⸗ kümmern aus Mitleid allein! Man möchte ſagen, unſer Herz kann nicht zu gut ſein; aber ich ſehe wohl, daß für das Herz wie für alle andern Dinge die kluge Mittelſtraße noch das Beſte iſt.. Jo⸗ ſeph, warum arbeiteſt Du nicht? Du ſitzeſt da in ſo tiefen Träumereien, daß Du nicht einmal meine Ge⸗ genwart bemerkſt.“ „ 248 „Von wem ſprichſt Du da eben, Mutter? Von meiner Nichte, ohne Zweifel?“ fragte der Fiſcher. „Biſt Du dieſen Morgen ſchon bei Simon Stock geweſen?“ „Nein, Joſeph; als ich von hier wegging, um nach Adinkirchen zu eilen, holte ich Bella ein, welche auf dem Fußpfade vor mir herſchritt. Sie begab ſich nach der Kirchenpfanne, um eine Botſchaft aus⸗ zurichten, ſagte ſie; aber ſie weiß nicht mehr, was ſie thut, und ſchweift den ganzen Tag von einem Orte zum andern herum. Dieſen Morgen iſt es noch viel ſchlimmer mit ihr; ſie iſt äußerſt bleich; die Augen ſtehen ihr wirr im Kopfe; ihre Stimme iſt ſo dumpf und klagend, daß es Einem wie ein Meſſer durch's Herz ſchneidet.“ „Armes Kind,“ feufzte der Fiſcher;„es wäre wahrhaft grauſam und niederträchtig, ihr Weh nicht zu mildern.“ „Was kannſt Du dabei thun, Joſeph?“ Mit dem Kopfe nickend, gleichſam um ſeine Ge⸗ danken zu beſtätigen, murmelte der Fiſcher: „Seit der ſchrecklichen Nacht, da Bella ſich mir auf der See anſchloß, um den Edelmann zu retten, nagt ein geheimer Kummer an ihrem Herzen.. In jener Nacht verſprach ſie, meine Frau zu werden.“ „O, Du denkſt an den Vorfall von geſtern Abend?“ ſagte Tante Klär. „Du haſt alſo auch bemerkt, Mutter, daß meine Nichte plötzlich erblaßte und in einen Thränenſtrom ausbrach?.. „Ich glaube es wohl,“ unterbrach ihn die alte Frau,„ mand zu niß gedr vier Tag denn ich rath me „Ba len in 1 mal ein er von von Nie mal Be iſt, mög wird die wird bal kommt a „Die Fiſcher. „Abe ſein, do ſelbſt Hi an, Joſ Sieh ein Leben! 2 ten Bella beiſamme plaudern tröſten u ihn keine ſeine alte g⸗ Von Fiſcher. n SStock ing, um n, welche ie begab at as⸗ h, was neiem ſt es noch eich; die imme iſt in Meſſer „es wäre beh nicht ſeine Ge⸗ ſich mir zu retten, zen werden.“ Abend?“ ß meine nenſtrom die alte 249 Frau,„iſt es nicht grauſam, von Heirathen mit Je⸗ mand zu ſprechen, der von einer tödtlichen Betrüb⸗ niß gedrückt iſt?“ „Du ſprachſt davon; ich nicht, Mutter. Seit vier Tagen vermied ich das geringſte Wort darüber; denn ich ſehe wohl, daß der Gedanke an dieſe Hei⸗ rath meine Nichte erſchreckt und peinigt.“ „Bah, Joſeph, ſetz' Dir doch nicht wieder Gril⸗ len in den Kopf. So iſt der Menſch: hat er ein⸗ mal einen Grund zu großem Kummer, ſo wird er von Allem ſchmerzlich berührt. Die Belagerung von Nieupoort wird nicht lange dauern. Weiß ein⸗ mal Bella, was aus Herrn von Milval geworden iſt, möge er nun gerettet oder gefallen ſein, dann wird die traurige Ungewißheit aufhören und Bella wird bald wieder ihre Gemüthsruhe erlangen. Dann kommt auch die Zeit, um vom Heirathen zu ſprechen.“ „Dieſe Heirath wird nie vollzogen,“ brummte der Fiſcher. „Aber ſie ſoll vollzogen werden, es müßte denn ſein, daß Du mit Deinen albernen Gedanken ihr ſelbſt Hinderniſſe in den Weg legteſt. Ich flehe Dich an, Joſeph, ſei nur dießmal klug und vernünftig. Sieh einmal, was für ein frohes und gemüthliches Leben! Wir würden mit Vater Stock und mit der gu⸗ ten Bella in demſelben Häuschen wohnen; immerdar beiſammen ſein, vom Morgen bis zum Abend, und plaudern und dem Vorleſen zuhören und einander tröſten und lieben! Mein blinder Bruder, ich dürfte ihn keinen Augenblick verlaſſen. Wie könnte ich ihm ſeine alten Tage erheitern und verſüßen!“ „Ja, aber, Mutter, wenn wir dieſes fröhliche Le⸗ 2⁵⁰0 ben um den Preis des Glücks meiner armen Nichte erkaufen müßten?“ „Was ſagſt Du, Bella ſollte nicht glücklich mit Dir ſein?“ „Sie iſt jung und ſchön; ich bin alt und abge⸗ nützt; ſie hat Verſtand, ich bin ein Dummkopf,“ ſeufzte der Fiſcher. „Ei, ei, iſt es möglich, daß ein Menſch einen ſo ſchlechten Glauben an ſich ſelber haben kann?“ rief Tante Klär.„Alt und abgenützt? Du, Joſeph? Du biſt ein Burſche wie ein Baum. Wenn Du über allzu viel Geſundheit und Stärke klagteſt, würde ich es begreiflich finden. Weil ich Dich manchmal we⸗ gen Deines aufbrauſenden Weſens tadle, bildeſt Du Dir ein, Du habeſt keinen Verſtand! Aber was noch beſſer iſt, Du haſt ein Herz, ſo gut wie Waizen⸗ brod und biſt unfähig, Jemand Kummer zu machen.“ „Es iſt ſchlimm, Mutter, Dinge an einander fügen zu wollen, die Gott nicht zur Vereinigung ge⸗ ſchaffen hat.“ „Was Du da ſagſt, Joſeph, haſt Du gewiß nicht ſelbſt ausgedacht. Haſt Du vielleicht in meiner Ab⸗ weſenheit den Strandläufer geſehen?“ „Seit geſtern Mittag, da ich ihm den Topf mit Fleiſchſuppe brachte, kann ich ihn nicht geſehen haben, da er krank zu Bette liegt. Ueberdieß ſpricht Ko Snel nicht mehr von Belia.“ Die alte Frau hob den ſiedenden Keſſel vom Feuer, und während ſie damit nach der Hinterthüre ging, ſagte ſie: „Nun, Joſeph, ſchlag' Dir die Grillen aus dem Sinn. Laß die Belagerung von Nieupoort zu Ende gehen, 1 dringen iſt nicht lich mit Der bitteres Worte Geiſt ge ſelben( In „Ko zum Ein ein wen leidet v Zeige T Deiner Joſe die Thü wie ein den Dü wenn T Deine k „Vi als Dir „W melte T nicht w beginge Nichte lich mit d abge⸗ ſeufzte einen ſo piöf Joſeph? Du über ürde ich mal we⸗ deſt Du e was Waizen⸗ machen.“ einander ung ege⸗ wiß nicht iner Ab⸗ Topf mit nhaben, richt Ko ſſel vom nterthüre aus dem zu Ende 251 gehen, und Du wirſt ſehen, daß Deine Nichte darauf dringen wird, Deine Frau zu werden. Ihre Wahl iſt nicht ſo ſchlecht, als Du denkſt: ſie wird glück⸗ lich mit Dir ſein.“ Der Fiſcher ſchüttelte verneinend den Kopf; ein bitteres Lächeln auf ſeinen Lippen bezeugte, daß die Worte der alten Frau wenig Eindruck auf ſeinen Geiſt gemacht hatten, und er noch immer von dem⸗ ſelben Gedanken beherrſcht wurde. In die Stube zurückkehrend, ſagte Tante Klär: „Komm', Joſeph, meine Wäſche liegt im Zuber zum Einweichen; wir wollen hin und meinem Bruder ein wenig Geſellſchaft leiſten. Der arme Vater, er leidet vielleicht mehr, als ſein unglückliches Kind! Zeige Dich munter, Joſeph, und ſprich nicht von Deiner Heirath.“ Joſeph ſtand auf und trat mit Tante Klär vor die Thüre; hier kehrte er jedoch plötzlich um und ſagte: „Adieu! Komm bald wieder.“ „Wie? Ich dachte, Du werdeſt mit mir zu Va⸗ ter Stock gehen?“ rief ſie.„Du haſt einen Kopf wie eine Windmühle! Willſt Du wieder müſſig in den Dünen herumſchlendern? Wäre es nicht beſſer, wenn Du Deine Zeit wenigſtens dazu anwendeteſt, Deine betrübten Freunde zu tröſten?“ „Vielleicht, Mutter, wird mir das beſſer gelingen, als Dir,“ antwortete Joſeph, ſich entfernend. „Was geht ihm wieder im Kopfe herum?“ mur⸗ melte Tante Klär, ihm nachſehend.„Es ſollte mich nicht wundern, wenn er heute wieder eine Dummheit beginge!“ 252 Joſeph beſchleunigte ſeinen Gang, bis er tief in den Dünen einen Fußpfad erreichte, welcher links nach der Kirchenpfanne führte. Dann verkürzte er allmälig wieder ſeine Schritte. Es war erſichtlich, daß ihm eine Fluth von Gedanken durch den Kopf ging, denn er blieb zuweilen ſtehen und rieb ſich die Stirne, oder er machte eine Geberde mit der Hand, oder murmelte leiſe Worte in ſich ſelbſt hinein. Nachdem er ſo lange Zeit den Krümmungen einer vielgewundenen Tiefe gefolgt war, erſtieg er endlich einen hohen Sandhügel. Ein leichter Schrei der Ueberraſchung entſchlüpfte ihm, denn er ſah in der Ferne ſeine Nichte daher kommen. Das arme Mädchen, welches ſonſt durch die Feſtig⸗ keit und leichte Anmuth ihres Gangs Aufmerkſamkeit erregte, ließ nun den Kopf auf die Bruſt hängen und ſchleppte ſich mit wankendem Schritte auf dem Fuß⸗ pfade fort. Der Fiſcher, von Mitleid ergriffen, ſtieß einen tiefen Seufzer aus und ſtieg den Hügel hinab, um ſeiner betrübten Richte entgegen zu gehen. Er war ihr ſchon ſehr nahe, ehe ſie ihn bemerkte. „Ach, Joſeph, ich bin ſo unglücklich!“ rief ſie, während Thränen ihr aus den Augen ſtürzten.„Die⸗ ſen Morgen frühe hat es ein ſchreckliches Gefecht bei Nieupoort gegeben: über eine Stunde hat die Erde vom Kanonendonner erdröhnt. Der unglückliche Herr von Milval! Wer weiß? Vielleicht iſt er todt!“ „Du mußt Deine Angſt zu mäßigen ſuchen, liebe Nichte,“ ſagte der Fiſcher, indem er gerührt ihre Hand faßte.„Bei der Belagerung einer Stadt ſchießt man fortwährend mit Kanonen. Das hat noch Richts zu bede keine b iſt. O wäre!“ „W Gedank bin bei Sicherh „Er mit eir kennſt i nützlich „S und we ten Ha weiß es den St Leben daß ein könnte! Gott w Der „Be ich bekl ich fühl ich bed „S ſehen,“ tief in nks nach allmälig im g, denn Stirne, d, oder en einer endlich rei der in der Feſtig⸗ kſamkeit gen und m Fuß⸗ ß einen b, um Fr war rief ſie, „Die⸗ echt bei ie Erde he Herr odt!“ n, liebe rt ihre t ſchießt Nichts zu bedeuten. Hat man in der Pfanne noch immer keine beſondern Nachrichten von Nieupoort?“ „Keine andere, als daß es ſehr heiß hergegangen iſt. O, Vetter, wenn Herr von Milval gefallen wäre!“ „Warum Dich ſelbſt, Bella, mit beunruhigenden Gedanken, die keinen Grund haben, peinigen? Ich bin beinahe überzeugt, daß der Edelmann nun in Sicherheit auf einem engliſchen Kriegsſchiffe iſt.“ „Er der Gefahr entfliehen?“ rief das Mädchen mit einem Funken von Stolz in dem Blicke.„Du kennſt ihn nicht, Vetter.“ „Wozu kann er den Seinigen innerhalb Nieupoort nützlich ſein? Mit einem gebrochenen Arm?“ „Sein Arm muß jetzt völlig geheilt ſein, Joſeph; und wäre es auch anders, ſo kann er mit der rech⸗ ten Hand einen Degen führen. Das genügt. Ich weiß es: er wird mit blindem Muthe ſich mitten in den Streit werfen; zu ſeiner Rettung unſer eigenes Leben gewagt haben und dann noch denken müſſen, daß eine feindliche Kugel ſein edles Herz durchbohren könnte! O, ich bin zu ſtolz geweſen auf mein Werk. Gott weigert mir die Gnade, es ganz zu vollführen.“ Der Fiſcher ſagte mit theilnahmvoller Stimme: „Bella, armes Kind, Du haſt Unrecht. Gewiß, ich beklage ſo ſehr wie Du Herrn von Milval, und ich fühle mir das Herz vor Mitleid klopfen, wenn ich bedenke, wie das Schickſal ihn verfolgt...“ „Seinen Vater unter ſeinen Augen ermorden ſehen,“ ſeufzte Bella,„die Häupter ſeiner Mutter und ſeiner Schweſter unter der gräulichen Guillotine fallen ſehen— und nachdem man ſo hundertmal 254 geſtorben iſt, dann noch in ſeinem Blute auf dem Schlachtfelde niederſtürzen müſſen!“ „Es iſt allerdings ſehr unglücklich,“ fuhr Joſeph fort,„aber Du weißt noch nicht, Bella, was der Herr dort oben über Milval beſchloſſen hat. Wenn er an Bord der engliſchen Schiffe gegangen wäre, wie ich davon mich überzeugt halten möchte, oder wenn er auf eine andere Weiſe gerettet worden wäre, würde dann Dein Kummer nicht eitel geweſen ſein, Bella? Warte doch, um zu verzweifeln, bis keine Hoffnung mehr da iſt.“ Dieſe Worte ſchienen einigen Eindruck auf das Gemüth des Mädchens zu machen; ſie ſchüttelte zwei⸗ felnd den Kopf und murmelte: „H, Joſeph, könnte Deine tröſtende Weiſſagung zur Wahrheit werden! Aber nein, nein, mein Oheim Louis ſagt ſelbſt: kein Emigrant kann aus Nieupoort entrinnen.“ „Und wir ſind dennoch, mitten durch Musketen⸗ ſchüſſe und Kanonenkugeln entkommen, Nichte. Ei, Du mußt vernünftig ſein und Deine Trauer bezwin⸗ gen. Meinſt Du, Bella, es werde Dir nicht als eine große Sünde angerechnet, wenn Du Deiner Ge⸗ ſundheit aus übertriebener Furcht vor einem Unglück, das vielleicht nicht einmal eintrifft, ſchaden würdeſt?“ Das Mädchen drückte dem Fiſcher beide Hände mit tiefgefühlter Dankbarkeit. „Joſeph, gute Seele,“ ſagte ſie,„Du allein wirſt mir Muth geben können, wenn ich nicht von ſchreck⸗ lichen Geſpenſtern verfolgt werde, die mich um Ruhe und Verſtand bringen. Die ganze Nacht habe ich nicht geſchlafen; ich habe gezittert und gebebt, als ſchüttelt kaltem durchbo Blut fl ſein tra „Es „Ur befinde bewälti ich hör plötzlich Einmal Nähe! einem befindet Zw Fiſchers „Ac nen Hé „Pt meinem Deine „Laß T Du haſ hoffen.“ „Be nicht, Deine bringen alten, b er ſein er nicht auf dem rJoſeph der Herr in er an wie ich wenn er , würde „Bella? Hoffnung auf das elte zwei⸗ eiſſagung in Oheim Kieupoort Nusketen⸗ chte. Ei, bezwin⸗ nicht als einer Ge⸗ Unglück, vürdeſt?“ e Hände lein wirſt n ſchreck⸗ um Ruhe habe ich et, as ſchüttelte mich das Fieber; meine Stirne triefte von kaltem Schweiße. Zwanzigmal habe ich ihn mit durchbohrter Bruſt niederfallen ſehen; ich habe ſein Blut fließen ſehen, ich habe ſeinen Todesſchrei gehört; ſein trauriges Lebewohl hat mir das Herz zerriſſen!“ „Es ſind Träume, Bella.“ „Und ſo iſt es immerdar, Vetter. Wo ich mich befinde oder was ich thue, um meinen Kummer zu bewältigen, ich ſehe ihn allezeit vor meinen Augen, ich höre ihn ſprechen... zuweilen wende ich mich plötzlich um, in dem Gedanken, daß er mich ruft. Einmal habe ich geglaubt, ſein Geiſt ſei in meiner Nähe! Joſeph, kann die Seele eines Menſchen an einem andern Orte ſein, als wo ſein Körper ſich befindet?“ Zwei Thränen erglänzten in den Augen des Fiſchers. „Ach, meine arme Nichte,“ klagte er mit erhobe⸗ nen Händen,„möge Gottes Güte Dich beſchirmen!“ „Du weinſt, Joſeph? Du haſt Mitleid mit meinem Schmerze, nicht wahr? Dank, Dank für Deine milde Anhänglichkeit,“ ſagte das Mädchen. „Laß Dich nicht erſchrecken; Du haſt mich getröſtet, Du haſt mir Muth gegeben; ich werde verſuchen zu hoffen.“ „Bella, Bella,“ murmelte der Fiſcher,„Du handelſt nicht, wie es recht iſt. Wenn die Beſorgniß um Deine eigene Geſundheit Dich nicht zur Vernunft bringen kann, warum vergiſſeſt Du, daß Du einen alten, blinden Vater haſt? Glaubſt Du denn, wenn er ſein Kind alſo leiden und verſchmachten ſieht, daß er nicht hundertmal mehr leidet als Du?“ 256 Bella ſenkte den Kopf und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. „Ich bin ſchuldig,“ murmelte ſie,„ſehr ſchuldig. Mein armer Vater! O, ich weiß es, er muß ſchreck⸗ lich leiden... und ich Unglückliche, ich habe nicht Kraft genug in mir ſelbſt, um ihn zu tröſten!“ „Komm, Nichte,“ ſagte der Fiſcher,„laß uns heimkehren. Gib Dich der Hoffnung hin, daß Herr von Milval gerettet ſein kann;— denn Du haſt in Wahrheit keinen Grund, das Schlimmſte zu glauben. Zeige ein Bischen Muth und erfreue Deinen betrüb⸗ ten Vater durch einige Worte des Vertrauens und der Hoffnung.“ „Ja, komm, lieber Joſeph,“ antwortete ſie vor⸗ ausgehend,„Du biſt ſo gut gegen mich! Du haſt Recht; komm, ich werde mir ſelbſt Gewalt anthun, um Deinen klugen Rath zu befolgen.“ Sie gingen eine Weile neben einander, ohne zu ſprechen. Vielleicht war Bella ſchon wieder von be⸗ ängſtigenden Gedanken beſtürmt; was den Fiſcher betraf, ſo hatte dieſer zweimal eine Bewegung ge⸗ macht, als wollte er Etwas ſagen; doch war ihm das Wort ſogleich auf den Lippen geblieben. Nachdem er haſtig den Kopf geſchüttelt hatte, als wollte er ſich ſelbſt Muth machen, ſprach er: „Bella, höre mir einmal aufmerkſam und ruhig zu, und glaube, daß ich ehrlich meine, was ich Dir zu erklären im Begriff bin. Als Du mich riefeſt, um den Edelmann nach den engliſchen Schiffen zu bringen, haſt Du mir verſprochen, mich zu heirathen, nicht wahr?“ „Warum fragſt Du das, Joſeph?“ murmelte das Mät überraſch „Nur „Wie Joſeph!“ „Vor ſprechen „We um mich rem Sch werden! Dich die „Du wiederte ſern Nel Jedem 1 „Ab ſchläaſt „Un „We Herzens nehmen, ich acht meine wenn ic Conſ n tiefen ſchuldig. ß ſchreck⸗ ich habe tröſten!“ laß uns daß Herr haſt in glauben. n betrüb⸗ lens und ſie vor⸗ Du haſt t anthun, ohne zu on be⸗ n Fiſcher gung ge⸗ war ihm n. hatte, als und ruhig ich Dir ich riefeſt, chiffen zu heirathen, murmelte 257 das Mädchen, durch den ernſten Ton ſeiner Worte überraſcht. „Nun, Bella, ich lehne dieſe Heirath ab.“ „Wie, Du ſchlägſt meine Hand aus? Unmöglich, Joſeph!“ „Von dieſem Tage an will ich nicht mehr davon ſprechen hören.“ „Wehe, habe ich Dir denn einen Grund gegeben, um mich zu verſtoßen?“ rief das Mädchen mit wah⸗ rem Schrecken. „Nein, Bella; aber dieſe Heirath würde Dich nicht glücklich machen.“ „Sprich nicht ſo, Joſeph; Du erfüllſt mich mit Angſt. O, laß mich die Gefährtin Deines Lebens werden! Laß mich in Sorgfalt und Liebe gegen Dich die Schuld der Dankbarkeit bezahlen.“ „Du haſt keine Schuld gegen mich, Bella,“ er⸗ wiederte der Fiſcher.„Was wir zuſammen für un⸗ ſern Nebenmenſchen gethan haben, das wird Gott Jedem von uns beſonders anrechnen.“ „Aber Du redeſt nicht im Ernſt, Joſeph. Du ſchlägſt mich als Braut aus?“ „Mein Entſchluß iſt unwiderruflich.“ „Und Du ſagteſt, Du liebeſt mich!“ „Wenn ich Pich nicht mit aller Kraft meines Herzens liebte, Bella, ſo würde ich Deine Hand an⸗ nehmen,“ antwortete Joſeph in feſtem Ton;„aber ich achte Dich genugſam, um nicht auf Koſten der Ruhe Deines ganzen Lebens glücklich ſein zu wollen.“ „Ich hegreife Dich nicht, Vetter; Du ſchlägſt meine Hand aus, und ſagſt, Du wäreſt glücklich, wenn ich Deine Frau würde?“ Conſcience, Bella Stock. 17 258 „Ob ich glücklich wäre, wenn es geſchehen könnte, ohne Dich unglücklich zu machen, das weiß Gott, der Alles ergründet; aber es darf nicht ſein, Bella. Du biſt ein Engel von Güte, ich weiß es, und obwohl Dich dieſe Heirath ſchon vor deren Vollzug erſchreckt, würdeſt Du Dich dennoch aus Edelmuth in dieſelbe fügen, nicht wahr? Aber es liegt in dem Herzen des einfältigen Fiſchers mindeſtens ein Gefühl der Rechtſchaffenheit, und er wird nicht zugeben, daß Du Dich für ihn aufopferſt.“ „Dieſe Heirath erſchreckt mich?“ wiederholte das Mädchen;„aber Du irrſt Dich, Joſeph.“ Sie erſtiegen einen Sandhügel; als ſie die Spitze deſſelben erreicht hatten und ſich wieder nach der Tiefe wandten, nahm der Fiſcher abermals das Wort: „Ich irre mich nicht, Bella. Laß uns mit Ruhe dieſe wichtige Angelegenheit überlegen, gleich Leuten, die eine reine Neigung zu einander haben und auf⸗ richtig ſein dürfen. Seit einigen Tagen, wenn von dieſer Hochzeit geſprochen wird, erbleichſt Du und ſcheinſt zu beben.“ „Ich? Deine Augen haben Dich betrogen, Joſeph.“ „Geſtern Abend, als Tante Klär nur ein Wort davon fallen ließ, biſt Du bleich geworden, und die Thränen floßen Dir über die Wangen. Deine Tante hat es gleichfalls recht wohl bemerkt.“ „Ach, einfältige Menſchen,“ rief Bella mit ver drießlicher Stimme,„es iſt nur ein böſer Traum.“ „Warum begannſt Du dann ſo plötzlich zu wei⸗ nen, Nichte?“ Das Mädchen ſchien über dieſe Frage verlegen und beſtürzt. danken, „Ne unwillkt dung er ich klag Das Ueberlel „Es iſt trachten Jahre, Jahren Da ſtill we Geiſtesl Entſchli und ſ „Di Joſeph. „Un glücklich ben zu „Gl Nein ſe es mic ſeph, n nen wi tigam ſprocher nkönnte, Gott, der ella. Du d obwohl erſchreckt, dieſelbe n Herzen fühl der daß Du holte das die Spitze nach der mit Ruhe ch Leuten, und auf⸗ wenn von Du und Joſeph.“ ein Wort „und die ine Tante mit ver Traum.“ h zu wei⸗ verlegen 259 „Ich weiß es nicht,“ murmelte ſie,„meine Ge⸗ danken, die wahrſcheinlich ſich verirrten...“ „Nein, nein, Bella, es iſt Dein Herz, das ſich unwillkürlich gegen eine ſolche unglückliche Verbin⸗ dung erhebt. Laß Dich meine Worte nicht betrüben, ich klage Dich nicht an.“ Das Mädchen ſchwieg und ſchaute in tiefer Ueberlegung zu Boden. „Komm, ſei aufrichtig, Nichte,“ ſagte Joſeph. „Es iſt beſſer, die Sache mit Kaltblütigkeit zu be⸗ trachten, ehe es zu ſpät iſt. Noch zehn oder zwölf Jahre, und ich bin alt und gebrechlich; in zehn Jahren biſt Du erſt in der Blüthe Deines Lebens Da Bella nicht antwortete, gingen ſie eine Weile ſtill weiter; aber als hätte das Mädchen alle ihre Geiſteskräfte zuſammengenommen, um ihres Vetters Entſchluß zu beſtreiten, erhob ſie plötzlich den Kopf und ſchaute ihn mit durchdringendem Blick an. „Du liebſt mich?“ fragte ſie in zitterndem Tone. „Wie das Licht meiner Augen,“ antwortete Joſeph. „Und wenn Du jünger wäreſt, würdeſt Du Dich glucklich ſchätzen, mir den Namen Deiner Gattin ge⸗ ben zu können?“ „Glücklich, wie ein Engel im Himmel.“ „Es geſchieht alſo bloß aus Edelmuth, daß Du Nein ſagſt? Du opferſt Dein Glück, aus Furcht, daß es mich einige Betrübniß koſten würde? Ha, Jo⸗ ſeph, wir wollen ſehen, wer von uns Beiden gewin⸗ nen wird! Deine Frau will ich werden; mein Bräu⸗ tigam ſollſt Du ſein. Wir haben es einander ver⸗ ſprochen...“ 16 260 „Schlag' Dir dieſen Gedanken aus dem Sinne, Bella,“ ſagte der Fiſcher.„Wir ſind dicht bei dem Hauſe. In Gegenwart Deines Vaters oder Deiner Tante dürfen wir nicht über dieſe Sache ſprechen. Ich flehe Dich an, gib mir meine Gemüthsruhe wieder: laß mich nicht in dem betrübenden Zweifel!“ „Aber ich, Joſeph, ich flehe Dich mit gefalteten Händen an, wirf nicht dieſen neuen Grund zu Ver⸗ druß in mein Herz. Komm' von Deinem Entſchluß zurück. Geſtatte mir, Dich glücklich zu machen!“ „Es darf nicht ſein, Bella; Gott würde meine Seele wegen einer ſo feigen Selbſtſucht zur Rechen⸗ ſchaft fordern.“ „Wie?“ rief Bella,„ich gebe ein feierliches Ver⸗ ſprechen, im Angeſicht einer ſchrecklichen Gefahr; und nachdem Du Dein Leben gewagt haſt, ſoll ich mein Gelübde brechen?“ „Du haſt Dein Leben allerdings gewagt, Bella, und Du biſt nur eine Frau. Ich bin es, der unſer Gelübde brach... Wir ſind zu Hauſe: laß es ſo beſchloſſen bleiben.“ „Nein, Deine Frau werde ich ſein.“ „Eine Freundin, die ich ehre und liebe, ja, ſo lang ich lebe,“ rief der Fiſcher nachdrücklich,„aber meine Frau niemals!“ „Joſeph, Joſeph, Du kennſt mich noch nicht. Wir wollen ſehen! Ach, geſiele es dem barmherzigen Gott, meine Gebete zu erhören! Wäre ich nur über⸗ zeugt, daß der arme Herr von Milval dem Tode entgangen iſt, mit welchem Glück wollte ich Dich zum Altar führen, ſogleich, ohne einen Tag zu ver⸗ lieren!“ „Sti ſterte d hören!“ Sie ten in Vater 3 melnd. Klär, r bemerke der Kir nichts Da⸗ Joſeph tem To daß es wird o Stadt, gen. noch ei Felde; durch keine G We Bella leid n Sinne, ei dem Deiner rechen. thsruhe eifel!“ falteten meine Rechen⸗ es Ver⸗ r und ch mein Bella, r unſer ß es ſo ja, ſo „aber ht. Wir herzigen ur über⸗ em Tode ich Dich zu ver⸗ 261 „Stille, Bella, ſprich Nichts mehr davon,“ flü⸗ ſterte der Fiſcher,„man könnte uns da drinnen hören!“ Sie endeten ihren edelmüthigen Streit und tra⸗ ten in das Haus. Das Mädchen ging auf ihren Vater zu und umarmte ihn, liebevolle Worte mur⸗ melnd. Joſeph ſetzte ſich an den Tiſch neben Tante Klär, welche unter Brummen ihm wieder Vorwürfe zu machen begann. „Siehſt Du wohl, mein Kind, daß Deine Angſt unbegründet war?“ ſagte der Greis, welcher in dem Tone von Bella's Stimme geringere Traurigkeit zu bemerken glaubte.„Welche Nachrichten hat man in der Kirchenpfanne? Iſt dort drüben immer noch nichts Beſonderes geſchehen?“ Das Mädchen zögerte mit einer Antwort; aber Joſeph, der es vernommen hatte, rief in leich⸗ tem Ton: „Bah, was ſollte geſchehen ſein, Vater Stock? Man hat dieſen Morgen die Stadt mit Kanonen beſchoſſen. Das iſt natürlich; man muß erwarten, daß es ſo fortdauern wird, bis Nieupoort entſetzt wird oder kapitulirt. Man beſchießt die Mauern der Stadt, um eine Breſche in derſelben zu bewerkſtelli⸗ gen. Wahrſcheinlich werden die Franzoſen darüber noch einige Leute verlieren, denn ſie ſtehen in freiem Felde; aber die Beſatzung von Nieupport, welche durch ſtarke Wälle geſchützt iſt, läuft für jetzt noch keine Gefahr.“. Während er dieſe Worte ſprach, machte der Fiſcher Bella ein Zeichen mit den Augen, um ſie zum Mit⸗ leid mit dem Schmerz ihres Vaters zu ermahnen. 262 Sie verſtand ihn und ſagte beinahe in heiterem Tone: „Ja, lieber Vater, wir haben Unrecht, ſo ängſt⸗ lich zu ſein; Vetter Joſeph hat mir unterwegs viel Gutes geſagt; er hat mir Hoffnung gemacht, daß Herr von Milval auf den engliſchen Schiffen einen ſichern Zufluchtsort gefunden haben wird. Ich fühle mich getröſtet; es iſt einiges Licht in meinen Geiſt gekommen...“ „Ach, Gott ſei Dank!“ rief Vater Stoch die Hand ſeiner Tochter faſſend.„Bleibe ſo muthig, mein Kind;— laß Dich nicht mehr von der ſchrecklichen Verzweiflung überwältigen. Aus Liebe zu mir, faſſe Vertrauen; denn, Bella, Du weißt gar nicht, was ich ſeit einigen Tagen gelitten habe.“ „Vergib mir, Vater,“ bat das Mädchen.„Ich habe übel gethan; ich ſah es wohl, daß Du viel Kummer haiteſt, und oft mußte ich darüber weinen vor Mitleid und Beſorgniß; aber ich hatte die Kraft nicht, gegen meine Gedanken anzukämpfen. Immer⸗ dar ſein Bild vor meinen Augen; ſein Blut, das ſtrömt, ſeine Stimme, die mich ruft!... Nein, nein, lieber Vater, ſei nun wieder froh; ich werde mir Gewalt anthun; ich werde die ſchrecklichen Träume verbannen und warten mit Vertrauen auf Gottes Barmherzigkeit... Himmel, ein Soldat zu Pferd vor unſerer Thüre! was mag es ſein!“ Ein dreifacher Schrei der Ueberraſchung ertonte in dem Zimmer; Joſeph und Tante Klär ſprangen auf; Bella, als fürchte ſie eine verhängnißvolle Bot⸗ ſchaft, zitterte auf ihrem Stuhl und heftete die weit aufgeriſſenen Augen auf die Thüre. „H flämiſck Und a waren, „S „E e „W Tar den ge erfüllte „W ſein?“ Fiſcher. der Th hafter? ſich entt „Ge mit den in die ⸗ nicht w befohlen von Jet Botſchaf auf der 263 eiterem õ„Holla! Jemand drinnen?“ rief der Soldat flämiſch, ohne von ſeinem Pferde abzuſteigen.— o ängſt⸗ Und als Joſeph und Tante Klär zu ihm getreten egs viel waren, fragte er mit leiſer, zurückgehaltener Stimme: ht, daß„Sprecht, liebe Leute, wer wohnt in dieſem Hauſe?“ en einen„Simon Stock“ wurde ihm geantwortet. ch fühle„Ein alter, blinder Fiſcher?“ en Geiſt„Ja, ein Blinder.“ „Wo iſt er? Ich muß ihn ſelbſt ſehen.“ i Hand Tante Klär und Joſeph, im höchſten Grade über „ mein den geheimnißvollen Ton des Soldaten überraſcht, ecklichen erfüllten nicht eilig genug ſein Verlangen. ir, faſſe„Wie? ſollte der blinde Mann nicht zu Hauſe ht, wa ſein fragte er. „Er iſt zu Hauſe; ich will ihn holen,“ ſagte der 1.„ J ch Fiſcher. Du viel Vater Stock trat, von ſeiner Tochter gefolgt, aus weinen der Thüre. Alle umringten den Soldaten mit leb⸗ die Kraft hafter Neugierde; er aber gab ein Zeichen, daß ſie Immer⸗ ſich entfernen ſollten und ſprach: ut, das„Geht zurück in's Haus, ihr Leute; ich muß allein in, nein, mit dem Blinden ſein.“ erde mir Sobald man gehorcht hatte, zog er ein verſiegel⸗ Träume tes Packet aus der Taſche ſeiner Uniform; und ſich Gottes zu dem Greiſe herüberbückend, ſteckte er ihm daſſelbe zu Pferd in die Hand, während er ihm in das Ohr ſagte: „Der Kapitän⸗Adjutant Stock iſt Euer Bruder, ertonte nicht wahr? Hier iſt ein Packet, welches er mir ſprangen befohlen hat Euch zu überbringen; es iſt ein Geſchenk olle Bot⸗ von Jemand, den Ihr wohl kennt. Ihr müßt dieſe die weit Botſchaft geheim halten und mit keinem Menſchen auf der Welt davon ſprechen. Lebt wohl!“ 264 „Wollt Ihr nicht abſteigen und Etwas zu Euch nehmen, Freund?“ fragte der Greis.„Ein Glas friſche Milch, eine Schale Café?“ „Nein, ich muß ſtehenden Fußes wieder abgehen! Alſo lauten meine Befehle.“ Und mit dieſen Worten wandte er das Pferd um, drückte ihm den Sporn in die Seite und eilte in vollem Trabe ſeewärts, durch die Dünen davon. „Nun, nun, was hat der Soldat Dir geſagt?“ war die Frage, welche Vater Stock bei ſeinem Ein⸗ tritt entgegen tönte. Der Blinde zeigte das Packet, während er ver⸗ wundert ſagte: „Eine Botſchaft von meinem Bruder Louis; wir ſollen aber keinem Menſchen auf der Welt davon ſagen; es iſt ein Geſchenk von Jemand, den wir wohl kennen.“ „Von Herrn de Milval!“ rief das Mädchen. „Nein, Kind, rege Dich nicht zum Voraus durch ſolche Erwartung auf. Wie ſollte Herr von Milval Dir Etwas durch Deinen Oheim zuſenden können? Da, öffne das Packet; wir wollen ſehen, was das Geheimniß bedeutet.“ Bella riß den Umſchlag von dem Packet ab; ein ſilbernes Etui kam daraus hervor und fiel auf den Tiſch. „Ah, das Portrait ſeiner Mutter!“ rief Bella. „Schaut! Schaut! Ein Geſchenk für Dich, Bater, um uns für unſere Sorge zu belohnen.“ Und dieß ſagend, öffnete ſie das ſilberne Etui und zeigte es mit einer vor Erregung zitternden Hand. Eltern, hat. E den iſt. geſſen n „Ab meines die Erkl den ſein kann vo Beinen Das während auf die ſehr lan „H uns, Edmu reich: zu Euch in Glas abgehen! as Pferd und eilte daon. geſagt?“ nem Ein⸗ d er ver⸗ is; wir t daon den wir dchen. aus durch n Milal önnen was das ta; eein auf den tief Bella. Vater, erne Eti zitternden 265 „All die Diamanten? Bruder, Bruder, nun biſt Du reich!“ jubelte Tante Klär. „In der That, das iſt ein ganzer Schatz!“ fiel Joſeph gleichfalls ein. „Der edelmüthige Herr von Milval!“ rief Bella mit Freudenthränen in den Augen.„Dieſes Portrait war das einzige Andenken an ſeine unglücklichen Eltern, welches ihm das grauſame Schickſal gelaſſen hat. Er gibt uns, was ihm das Theuerſte auf Er⸗ den iſt. Ich wußte wohl, daß er uns nicht ver⸗ geſſen würde.“ „Aber wie kommt dieſes Portrait in die Hände meines Bruders?“ murmelte der Blinde. „Hat es der Soldat Euch nicht geſagt?“ fragte Joſeph. „Nein; es iſt unbegreiflich.“ „Vielleicht hat Herr von Milval es mit einem geheimen Boten an Oheim Louis geſendet. Aber es iſt ein Papier in dem Packet. Siehſt Du es nicht, Bella?“ bemerkte Tante Klär.„Darin wird die Erklärung dieſer Botſchaft wahrſcheinlich zu fin⸗ den ſein. Lies einmal und mache ſchnell, denn ich kann vor Neugierde beinahe nicht mehr auf meinen Beinen ſtehen.“ Das Mädchen entfaltete das Blatt Papier, und während die Andern mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf die Worte aus ihrem Munde horchten, las ſie ſehr langſam und mit Mühe: „Heute, den 15. Juli 1794, iſt erſchienen vor uns, kaiſerlichem Notar der Stadt Nieupport, Herr Edmund de Milval, geboren zu Bergues in Frank⸗ reich und hat, geſund von Körper und Geiſt, und 266 im Beiſein der hiernach genannten Zeugen erklärt, daß er zu ſeiner Univerſalerbin einſetze Jungfrau Bella Stock, Tochter von Simon Stock, Fiſcher zu Adinkirchen...“ Bella erbleichte und blickte ihre Tante mit Be⸗ ſtürzung und Schrecken an. „Das iſt ein Teſtament,“ ſeufzte die alte Frau. „Ein Teſtament! Ach, er liegt alſo im Ster⸗ ben? Er iſt vielleicht todt!“ jammerte das Mäd⸗ chen, indem ſie ſich unter einem Thränenſtrom an den Hals ihres Vaters warf. „Ei, Bella,“ ſagte der Blinde,„Du biſt wahn⸗ ſinnig. Haſt Du denn nicht ſelbſt geleſen, daß Herr von Milval geſund war, als er dieſes Teſtament aufſetzen ließ?“ „Nichte, Nichte, jetzt biſt Du recht unvernünftig,“ ſetzte Joſeph bei. „Aber warum macht er dann ſein Teſtament? Man macht ein Teſtament, wenn man dem Tode nahe iſt, nicht wahr?“ „Einfältiges Kind,“ antwortete der Vater,„ſo iſt es allerdings Gewohnheit; aber bemerkſt Du denn nicht, welches die Abſicht des Herrn von Milval ge⸗ weſen iſt? In der Ungewißheit, ob ihn Gott wohl der ihm drohenden Gefahr entkommen laſſen werde, hat er vor der Hand ſein Teſtament aufſetzen laſſen. Nun wiſſen wir doch, daß er in voller Geſundheit ſich noch zu Nieupoort befindet. Du mußt froh ſein, Bella; kein anderes Gefühl ſollte Dich bewegen, als Bewunderung für die Dankbarkeit und den Edelmuth des armen Herrn von Milval.“ „So geht übe „Wa— Thränen „Nun Grund he den ohne ſem Pap der That Sie wollt Außenſeit ſtanden. denn ſie aus und „Ah, Hand geſ Tante ſchauten Aber pier gew an. Sie Beinen. entſchlüpf Stimme„ „Die ſterben! Raſch, raf Sie 3 die Kräft vor ſeinen n erklärt, Jungfrau Fiſcher zu mit Be⸗ te Frau. im Ster⸗ das Mäd⸗ nſtrom an biſt wahn⸗ daß Herr Teſtament rnünftig,“ eſtament? dem Tode ater,„ſo t Du denn Rilval ge⸗ Gott wohl ſen werde, tzen laſſen. Geſundheit froh ſein, vegen, als Edelmuth 267 „So großmüthig!“ murmelte Tante Klär.„Es geht über meinen Verſtand.“ „Was für ein edles Herz!“ ſeußzte Joſeph, ſich Thränen der Rührung aus dem Auge wiſchend. „Nun, Bella, Du ſiehſt wohl, daß Du keinen Grund haſt, alſo zu erſchrecken. Lies weiter es wer⸗ den ohne Zweifel noch weitere Erklärungen auf die⸗ ſem Papier ſtehen.“ Das Mädchen, durch die Worte ihres Vaters in der That beruhigt, nahm das Papier wieder auf. Sie wollte es öffnen, aber ſie bemerkte, daß auf der Außenſeite einige Zeilen, mit Bleiſtift geſchrieben, ſtanden. Wahrſcheinlich erkannte ſie die Schrift, denn ſie ſtieß einen Laut freudiger Ueberraſchung aus und rief: „Ah, Worte, die Herr von Milval mit eigener Hand geſchrieben hat!“ Tante Klär und Joſeph ſprangen herzu und ſchauten das Mädchen mit ängſtlicher Neugierde an. Aber kaum hatte Bella einen Blick auf das Pa⸗ pier geworfen, ſo wandelte ſie ein heftiges Zittern an. Sie wurde todtenbleich und wankte auf ihren Beinen. Ihre Lippen bewegten ſich, aber kein Laut entſchlüpfte ihrem Munde. Endlich machte ſich ihre Stimme Luft; in ſchneidendem Tone rief ſier „Die Franzoſen haben ihn gefangen! Er muß ſterben! Vater, Vater, ſchnell! Nach Oſtdünkirchen. Raſch, raſch, oder er iſt todt!...“ Sie zog mit Gewalt an ihres Vaters Arm; aber die Kräfte verſagten ihr, und ſie brach bewußtlos vor ſeinen Füßen zuſammen. 268 XIV. Im Hinterzimmer eines Landhauſes, nahe bei dem Lager von Oſtdünkirchen, ſaß Kapitän Louis Stock an einem Tiſche und war mit Schreiben be⸗ ſchäftigt. Die Wunde an ſeiner Hand mußte ihm nicht viel Schmerz verurſachen, denn obſchon er ſie nur mit Vorſicht bewegte, gebrauchte er ſie dennoch, um ſein Papier auf dem Tiſche feſt zu halten. Es wurde an die Thüe geklopft und ein Liente⸗ nant trat ein. Dieſer hielt ein geſchloſſenes Schrei⸗ ben in der Hand und ſagte nach der gewöhnlichen Begrüßung: „Kapitän, ich bringe eine Botſchaft von dem Genieoberſten Dejean.“ Louis Stock öffnete das Schreiben, ſchaute einen Augenblick hinein und fragte: „Sie kennen den Inhalt Ihrer Botſchaft?“ „Ja, Kapitän,“ war die Antwort,„der Comman⸗ dant begehrt dreihundert Arbeiter mehr.“ . „Der Feind hat alſo die Laufgräben ſtark beſchä⸗! digt? Ich glaubte im Gegentheil, ſein Verſuch ſei ganz mißlungen?“ „Einige Schanzkörbe hat er umgeworfen und zwei Kanonen vernagelt,“ antwortete der Lieutenant.„Dieß iſt der Grund meiner Botſchaft nicht. Da der Aus⸗ fall der Beſatzung ſiegreich abgeſchlagen iſt, hat man kein unmittelbares Hinderniß von ihrer Seite zu be fürchten. Der Commandant will aber die Breſche⸗ batterie vor dem Fort Vierfvet in Bereitſchaft ſetzen, ehe der Feind neuen Muth faſſen könnte.“ „Es bbinnen e an den V Der tragen, ih zu bringer ſchlimm iſ „Nein Hand.“ „Der Kapitän?“ „Noch Augenblick von mein gräben.“ Sobal hatte, ſetz nieder. E Blätter P Malen ar herbeizuru Zu de ſchien, ſag „Man man im E woraus ſie angekomm „Nicht „Gehe „Kapit des Landh nennen un nahe bei itän Louis chreiben be⸗ mußte ihm 269 „Es iſt gut, Lieutenant,“ ſagte Louis Stock; „binnen einer Stunde ſollen die dreihundert Mann an den Werken ſich befinden.“ ſchon er ſie ſie dennoch, alten. ein Liente⸗ nes Schrei⸗ ewöhnlichen t von dem haute einen aft? Comman⸗ . tark beſchä⸗ Verſuch ſei en und zwei iant.„Dieß a der Aus⸗ ſt, hat man eite zu be⸗ ie Breſche⸗ ſchaft ſetzen „Der Bürger⸗Commandant hat mir noch aufge⸗ tragen, ihm Nachricht über den Zuſtand Ihrer Wunde zu bringen: aber ich ſehe, Kapitän, daß es nicht ſo ſchlimm iſt.“ „Nein, ein unbedeutender Bajonnetſtich in der Hand.“ „Der Befehlshaber iſt noch nicht zurückgekehrt, Kapitän?“ „Noch nicht, Lieutenant; wir erwarten ihn jeden Augenblick. Leben Sie wohl; grüßen Sie, ich bitte, von meiner Seite die Freunde dort in den Lauf⸗ gräben.“ Sobald der Lieutenant das Zimmer verlaſſen hatte, ſetzte ſich Louis Stock wieder zum Schreiben nieder. Er faltete und verſiegelte nach einander drei Blätter Papier und ſtampfte dann zu wiederholten Malen auf den Fußboden, um dadurch Jemanden herbeizurufen. Zu dem Sergeanten, welcher unter der Thüre er⸗ ſchien, ſagte er, ihm die Schreiben einhändigend: „Man überliefere ſogleich dieſe Befehle. Hat man im Hauptquartier noch keine Bewegung entdeckt, woraus ſich ſchließen ließe, daß der Oberbefehlshaber angekommen iſt?“ „Nicht die mindeſte Bewegung, Kapitän.“ „Gehen Sie, beſorgen Sie eiligſt dieſe Schreiben.“ „Kapitän,“ ſagte der Sergeant,„vor der Thüre des Landhauſes ſtehen Leute, welche Ihren Namen nennen und ohne Zweifel Sie zu ſprechen wünſchen; 270 aber ich kann nicht verſtehen, was ſie ſagen. Es iſt ein blinder Greis, mit einem Mädchen, die ſehr be⸗ drückt ausſieht, und ein ungemein ſtarker Burſche, wie ein Fiſcher gekleidet.“ Dieſe Meldung ſchien Louis Stock unangenehm zu überraſchen; jedoch bezwang er ſeinen Verdruß und ſprach: „Führen Sie dieſe Leute augenblicklich zu mir, Sergeant.“ „Wie unvorſichtig bin ich geweſen!“ murmelte Loui⸗ Stock, als er ſich allein befand.„Ich über⸗ ſandte fogleich die Botſchaft des Herrn von Milval an meinen Bruder, in der Ueberzeugung, daß der General zurückgekehrt und die Emigranten vor den Kopf geſchoſſen ſeien, ehe noch mein Bote Adinkirchen er⸗ reicht haben würde. Da iſt nun meine Nichte! Wozu können ihre eiteln Klagen dienen? Suchen wir we⸗ nigſtens ſie zu tröſten. Sobald Bella in dem Gang erſchien und ihren Oheim erblickte, hob ſie die Arme in die Höhe und begann zu jammern; aber der Kapitän legte ſich den Finger auf den Mund und ſprach in ſehr ſtrengem Tone: „Still, Nichte, Du biſt im Lager der Franzoſen. Es iſt Gefahr für uns Alle!“ Das Mädchen bezwang Angſt mit Gewalt trat ſchweigend in das Zimmer, aber als ſie ſah — daß ihr Oheim die Thüre hinter Joſeph geſchloſſen hatte ging ſie auf ihn zu und fragte, bleich und zit⸗ ternd, gleich Jemand, der einer ſchrecklichen Kunde entgegenſieht: „Ach, arme Her „Neir „Him Lächeln a Iſt es m „Wah „ Mädchen. lebt! He Und von dem Hände ur Der telte den ihm ſteher „Mein wahr?“ „Unm für ihn.“ „Kein denn nicht mit begeif ben in de zum Leber rathen; S gerufen, il ſchon ſeit bohren ſol hat er ge Oheim, n biſt, glauk n. Es iſt e ehr be⸗ Burſche, angenehm Verdruß hzu mir, murmelte Ich über⸗ on Milval „daß der r den Kopf kirchen er⸗ hte Wozu n wir we⸗ und ihren Höhe und te ſich den r ſtrengem Franzoſen. it Gewalt als ſie ſah, geſchloſſen ch und zit⸗ hen Kunde — 271 „Ach, Oheim Louis, er iſt todt, nicht wahr, der arme Herr von Milval?“ „Nein, Bella, noch nicht,“ war die Antwort. „Himmel!“ rief ſie mit einem krampfhaften Lächeln auf den Lippen.„Du täuſcheſt mich nicht? Iſt es möglich?“ „Wahrhaftig, Herr von Milval lebt noch.“ „O, Dank Dir, barmherziger Gott!“ jubelte das Mädchen.„Er lebt! Vater, er lebt! Joſeph, er lebt! Habe ich es nicht vorausgeſagt?“ Und ſie lief, von wahnſinniger Freude getrieben, von dem Einen zu dem Andern und drückte deren Hände und umarmte ſie wie außer ſich. Der Kapitän betrachtete ſie mitleidig und ſchüt⸗ telte den Kopf; ſie blieb mit gefalteten Händen vor ihm ſtehen und flehte: „Mein guter Oheim, Du wirſt ihn retten, nicht wahr?“ „Unmöglich, Nichte; es gibt keine Hoffnung mehr für ihn.“ „Keine Hoffnung, ſagſt Du? Aber ſiehſt Du denn nicht, daß Gott ſelbſt ihn beſchirmt?“ rief ſie mit begeiſterter Stimme.„Einmal lag er im Ster⸗ ben in den Dünen; ich werde geſandt, ihn wieder zum Leben zu erwecken. Einmal hat man ihn ver⸗ rathen; Soldaten ſollten ihn feſt nehmen: ich werde gerufen, ihn nach Nieupoort zu bringen! Nun hätte ſchon ſeit Stunden eine Kugel ſein edles Herz durch⸗ bohren ſollen; der Herr hat es nicht gewollt;— mich hat er geſandt, ihn noch zu erlöſen! Ah, lieber Oheim, wenn Du Kapitän im Heere der Franzoſen biſt, glaubſt Du, ein bloßer Zufall habe hiezu Veran⸗ 272 laſſung gegeben? Nein, nein, es iſt der Himmel ſelbſt, der es alſo gefügt hat, um Dir es möglich zu machen, ein unglückliches Opfer gegen den grauſamen Tod zu vertheidigen!“ Louis gab auf dieſen feurigen Anruf keine Ant⸗ wort; er trug einige Stühle herbei und ſprach mit ergreifender Ruhe: „Setzt Euch nieder; Du gleichfalls, Nichte, und ſuche Deine Aufregung zu bewältigen. Was ich Dir ſagen muß, wird Dich ohne Zweifel betrüben; aber es iſt Nichts daran zu ändern: das Schickſal iſt mäch⸗ tiger als der Menſch, und er muß das Haupt beu⸗ gen unter deſſen unerbittliche Beſchlüſſe. Setze Dich, Bella, ich bitte Dich, und ſprich nicht mehr ſo laut; Niemand darf hören, was hier geſprochen wird.“ „Wehe, wehe, Du durchbohrſt mir das Herz!“ ſeufzte das Mädchen erſchrocken. „Bruder, Bruder, ſchone mein Kind!“ flehte der Blinde. „Habe doch Mitleid mit Deiner armen Nichte!“ murmelte Joſeph. „Ihr ſeid ſeltſame Menſchen,“ ſagte Kapitän Stock, im Tone verdrießlicher Ungeduld.„Ihr ver⸗ langt, daß ich Herrn von Milval vom Tode errette. Es iſt keine Macht auf Erden groß genug, um ein Schmerze ſolches Wunderwerk zu vollbringen. Könnte man nur vermuthen, daß ich Etwas verſuchen wollte, um einen Emigranten der Rache der Republik zu ent⸗ ziehen, ich würde ſelbſt zur Kugel verurtheilt.“ Das Mädchen ſah den Kapitän mit ſtarren Augen voll Angſt und Verzweiflung an. „Aber, lieber Oheim,“ ſtammelte ſie,„der General ſchätzt T iſt Gebi er Herrt „Ein publiken „O, litten ha ner Elte ihm Gne „Gar „Nur flehte da— werfen, ſ Thränen „Ebe ſchrecklich, keit; abe der Welt „Dr ſchieden ſ ſten nach Armer J Sinne ſch Und „Loui an unſere doch barn . meines ur „Mitl nen ſtehen gegen das Conſei Himmel öglich zu rauſamen eine Ant⸗ prach mit ichte, n s ich Dir en; ee iſt mäch⸗ aupt beu⸗ etze Dich, ſo laut; wird.“ s Herz!“ flehte der Nichte!“ Kapitän Ihr ver⸗ „V de errette. „um ein Schmerzensrufe ihr Haupt an der Bruſt ihres Vaters. nnte man vollte, um k zu ent⸗ i ren Augen er General 273 ſchätzt Dich, Du haſt es ſelbſt geſagt; der General iſt Gebieter; mit einem Zeichen ſeines Fingers kann er Herrn von Milval die Freiheit geben.“ „Einfältiges Kind, Du kennſt die Geſetze der Re⸗ publik nicht.“ „O, ſage ihm, was der arme Junge bereits ge⸗ litten hat; ſprich ihm von dem ſchrecklichen Tod ſei⸗ ner Eltern; er iſt Menſch, er hat ein Herz; er wird ihm Gnade ſchenken.“ „Ganz nutzlos, Bella,“ brummte der Kapitän. „Nun, guter Oheim, führe mich zu dem General,“ flehte das Mädchen.„Ich will mich vor ihm nieder⸗ werfen, ſeine Kniee umfaſſen, ſeine Füße mit meinen Thränen benetzen...“ „Ebenſo vergeblich,“ ſagte der Kapitän.„Es iſt ſchrecklich, allerdings, die verhängnißvolle Unmöglich⸗ keit; aber ſei überzeugt, Nichte, es gibt Nichts auf der Welt, was Herrn von Milval retten könnte.“ „O, mein Gott,“ rief Bella,„es ſollte alſo ent⸗ ſchieden ſein! Die grauſamen Soldaten! Sie dür⸗ ſten nach Blut; ſie ſchmachten nach ſeinem Tode! Armer Jüngling, er ſoll ſterben! Ich fühle meine Sinne ſchwinden...“ Und ſie verbarg mit einem verzweiflungsvollen „Louis, ich beſchwöre Dich bei der Erinnerung an unſere ſelige Mutter,“ ſprach der Blinde,„ſei doch barmherzig; habe Mitleid mit dem Schmerze neines unglücklichen Kindes!“ „Mitleid?“ wiederholte der Kapitän;„die Thrä⸗ nen ſtehen mir in den Augen; aber was vermag ich gegen das unerbittliche Verhängniß?“ Conſcience, Bella Stock. 18 274 „Geh' zu dem General, Bruder, und flehe ihn um Gnade an für Herrn von Milval; er wird Dich anhören.“ „Nein, der General vermag Nichts zu Gunſten eines Emigranten. Alle Hoffnung iſt eitel.“ „Louis, Louis,“ rief der Greis,„ſag' nicht doß es keine Hoffnung mehr gibt. Gott iſt allmächtig, und Du weißt nicht, was er beſchloſſen hat.“ Der Kapitän machte eine Bewegung der Unzu⸗ friedenheit und ſprach mit ärgerlicher Stimme: „Du gleichfalls, Simon, vertrauſt auf die Da⸗ zwiſchenkunft einer übernatürlichen Macht, in Dingen, die ganz menſchlich ſind? Deine Einfalt betrübt mich. Verſteh' doch die Sache recht. Der General iſt ſo gut wie ich ein Diener der Republik; er muß dem Geſetz gehorchen, welches alle Emigranten zu einem unmittelbaren Tode verurtheilt. Er iſt gut und edel von Herzen; das Blut, welches nicht auf dem Schlacht⸗ feld vergoſſen wird, flößt ihm Abſcheu ein, ich weiß es; und dennoch, wenn ſein Bruder, ja wenn ſein eigener Sohn unter den Gefangenen wäre, er könnte ſeine Rettung nicht verſuchen, ohne ſeinen Generals⸗ degen, ja ſelbſt ſein Leben an einen ſolchen Verſuch zu wagen. Laß ab zu klagen; gib alle Hoffnung auf und beuge mit Geduld das Haupt unter den unver⸗ änderlichen Beſchluß des Schickſals. Du biſt Mann und Vater, Simon; Du mußt Deinem Kinde Stärke geben, nicht durch eitle Vorſpiegelungen, ſondern durch das volle Bewußtſein der Wahrheit.“ Der Greis beugte, als hätte er ſich ſchuldig er⸗ kannt, den Kopf über ſeine Tochter; zwei Thränen rollten glänzend über die Furchen ſeiner Wangen. Joſer nur mit die Glied und trat in der H Kampfes Währ der Fiſche „Wo freien!“ traurigen „Wir Gefängniß kennen, w „Aber es mir,“ denn zu tl „Was ſcher, kram dieſe Nach den armen len, ihn 1 Boote nac „Wahn Bataillon geln würd ſeine Nähe „Das eines Opfe „Ein( binnen ein flehe eihn wird Dich Gunſten l.. nicht daß allmächtig, t.“ der Unzu⸗ mme: uf die Da⸗ in Dingen, trübt mich. eral iſt ſo muß dem zu einem edel m Schlacht⸗ ich weiß wenn ſein er könnte Generals⸗ en Verſuch ffnung auf den unver⸗ biſt Mann nde Stärke dern durch chuldig er⸗ i Thränen Wangen. 275 Joſeph, der bis jetzt Nichts geſagt hatte, ſondern nur mit der Röthe der Wuth auf ſeiner Stirne ſich die Glieder faſt verrenkt hatte, ſprang plötzich auf und trat mit geballter Fauſt vor den Kapitän hin, in der Haltung von Jemand, der zum Beginn eines Kampfes bereit iſt. Während Louis Stock ihn verwundert anſah, rief der Fiſcher mit heiſerer Stimme: „Wo iſt Herr von Milval? Ich werde ihn be⸗ freien!“ „Du, Joſeph?“ ſpottete der Kapitän mit einem traurigen Lächeln.„Du weißt nicht, was Du ſagſt.“ „Wir wollen ſehen, Louis; zeige mir nur ſein Gefängniß; gib mir ein Mittel, um den Ort zu er⸗ kennen, wo er ſich befindet.“ „Aber Joſeph, Du täuſcheſt Dich gewaltig, glaube es mir,“ murmelte der Kapitän.„Was gedenkſt Du denn zu thun?“ „Was ich zu thun gedenk?“ wiederholte der Fi⸗ ſcher, krampfhaft ſeine Fäuſte ballend.„Ich werde dieſe Nacht, nur mit einigen entſchloſſenen Geſellen, den armen jungen Mann aus ſeinem Gefängniß ho⸗ len, ihn nach dem Strande tragen und in meinem Boote nach den engliſchen Kriegsſchiffen bringen...“ „Wahnſinniger Gedanke! Er wird von einem Bataillon tapferer Soldaten bewacht. Hundert Ku⸗ geln würden Dich durchbohrt haben, ehe Du nur in ſeine Nähe gelangen könnteſt.“ „Das iſt gleich; ich will es verſuchen; anſtatt eines Opfers werden es zwei ſein; das iſt Alles.“ „Ein Glück für Dich wenigſtens, Joſeph, daß binnen ein paar Stunden bereits ſein Geſchick voll⸗ 18* 276 zogen iſt. Wäre Dein hoffnungsloſer Verſuch mög⸗ lich, Du würdeſt das Gefängniß leer finden. Nein, Freund, verhalte Dich ruhig und nimm auch Du mit Gelaſſenheit an, was nicht zu ändern iſt.“ Joſeph kehrte, durch die Eitelkeit ſeines Vorhabens entmuthigt, brummend zu ſeinem Stuhle zurück und ſank ſchwer wie Blei auf denſelben nieder. Auf Bella zutretend, faßte Kapitän Louis ihre Hand, drückte ſie zärtlich und ſprach: „Liebe Nichte, Du beſchuldigſt mich vielleicht der Gefühlloſigkeit! Du irrſt Dich: nicht allein habe ich Mitleid mit Deiner Angſt, ſondern ich beklage auch das Loos des Herrn von Milval aus der Tiefe meines Herzens. Wahrhaftig, wenn ich Etwas zu ſeiner Rettung thun könnte, und müßte ich mich da⸗ bei ſogar einer weſentlichen Gefahr ausſetzen, ich würde es mit Freude und Liebe verſuchen; aber es iſt unmöglich. Tröſte Dich mit dem Gedanken, daß wir Alle ſterblich ſind und früher oder ſpäter, wie an Jeden die Reihe kommt, die Welt verlaſſen müſ⸗ ſen. Es iſt eine Schickung Gottes, gegen welche der unmächtige Menſch ſich vergeblich zu erheben ſucht. Ich habe Herrn von Milval in ſeiner Gefangenſchaft geſehen; er zeigt ſich wenigſtens vernünftig und muthig; der Tod erſchreckt ihn nicht; im Gegentheil, er ſcheint ihm als einer Erlöſung entgegenzuſehen und freut ſich, zu ſeinen theuren Eltern, welche ihm auf dem Wege zum Himmel vorangegangen ſind, aufgenommen zu werden. Bella, mein Kind, komm zu Dir ſelbſt; bezwinge Deinen Schmerz aus Mitleid mit Deinem armen Vater. Kehre heim; die Zeit wird ſchnell Dein Leid mildern; Du wirſt überdieß Stärke fit gethan he Der denen ſein lung empt liche Wor Menſch ſi Hoffnung ohne Einfl doch kam obwohl ſie heftige Kl ſo unaufh Endlic wunden zr Augen un „Wohl beuge mie Rathſchlüſ doch die 1 Deiner Gt „Sprie Dir gewäl Gelingen zuflößen. Strom vo jammern 1 und ſtark. 277 rſuch mög⸗ enn Nein, uch Du mit Stärke finden in der Ueberzeugung, daß Du Alles gethan haſt, was möglich war, ihn zu retten.“ Der Blinde vereinigte ſeine Bemühungen mit denen ſeines Bruders, um Bella aus der Verzweif⸗ Vorhabens lung emporzureißen; Joſeph ſelbſt ſprach einige freund⸗ zurück und liche Worte, um ihr begreiflich zu machen, daß der Menſch ſich geduldig unterwerfen müſſe, wenn alle⸗ Louis ihre Hoffnung verſchwunden wäre. Lange Zeit blieb Alles ohne Einfluß auf das zermalmte Herz des Mädchens; ielleicht der doch kam allmälig mehr Ruhe in ihr Gemüth, und llein habe obwohl ſie noch bitterlich weinte, legte ſich doch das ich beklage heftige Klopfen ihres Herzens und ſie ſtöhnte nicht s der Tiefe ſo unaufhörlich, wie zuvor. Etwas zu Endlich ſchien ſie ihren Schmerz wirklich über⸗ mich da wunden zu haben; ſie wiſchte die Thränen aus ihren sſetzen, ich Augen und ſprach aufſtehend mit einem tiefen Seufzer: aer es„Wohlan, es iſt Gottes Wille; es ſei ſo! Ich anken, daß beuge mich demüthig vor ſeinen undurchdringlichen päter, wie Rathſchlüſſen... aber, lieber Oheim, Du wirſt mir laſſen müſ⸗ doch die letzte Gunſt nicht verweigern, welche ich von welche der Deiner Güte erflehen will.“ een eſucht.„Sprich, Nichte, Alles was möglich iſt, werde ich angenſchaft Dir gewähren,“ ſagte der Kapitän, erfreut über das inftig und Gelingen ſeines Verſuches, ihr einigen Muth ein⸗ Gegentheil, zuflößen. genzuſehen„Ich möchte Herrn von Milval noch einmal welche ihm ſehen vor ſeinem Ende,“ murmelte das Mädchen. gen ſind,„O, Bella, entſage dieſem unklugen Wunſche. ind, komm Du würdeſt ihn nicht ſehen können, ohne in einen us Mitleid Strom von Thränen auszubrechen. Du würdeſt ; die Zeit jammern und ſein Loos beklagen. Jetzt iſt er ruhig t überdieß; und ſtark. Warum dem Unglücklichen den Muth 278 — rauben wollen? Warum ſeine letzten Augenblicke ihm verbittern? Aus Mitleid, erſpare ihm dieſen herzzerreißenden Beſuch!“ „Nein, ich werde nicht weinen, nicht klagen,“ ant⸗ wortete das Mädchen.„Lieber Oheim, haſt Du mich jemals geliebt, ſo gewähre mir dieſe Gnade, wofür ich Dich wie für die höchſte Wohlthat ſegnen will!“ „Aber, Bella...“ „Ich beſchwöre Dich, bei dem Haupte meines Vaters, verweigere es mir nicht!“ „Wie? Sollteſt Du noch hoffen?“ rief der Kapitän, durch das ungewöhnliche Feuer ihrer Bitte überraſcht. „Ich will ihn tröſten,“ ſagte ſie, ohne auf dieſe Frage zu antworten;„weit entfernt, ihm ſein Ver⸗ trauen und ſeine Ruhe zu rauben, will ich ihn ſtärken gegen den Tod. Gott hat mir geſtattet, ihn ſo lang und ſo oft zu beſchützen. Warum ſollte ich meine Sendung nicht bis zum Ende erfüllen?“ „Du biſt ein wunderliches Mädchen,“ murmelte Louis Stock;„ſo eben verſunken in Schmerz, und nun gelaſſen und muthig!“ „Ich werde noch oft Thränen vergießen, lieber Oheim: noch lange werde ich in der Einſamkeit darüber weinen, daß ich ihn nicht gegen das unbarm⸗ herzige Geſchick zu vertheidigen vermochte; aber der Gedanke allein, daß meine Betrübniß ihm in einem ſolchen Augenblick Leid verurſachen könnte, gibt mir Stärke genug, um ihn zu ſehen, ohne ſelbſt durch den Klang meiner Stimme zu verrathen, welche blutige Wunde ich in meinem Herzen trage... Nicht wahr, guter Oheim, Du wirſt mir geſtatten, ihn noch ein⸗ mal zu ſehen, ehe er dieſe Welt verläßt?“ 4 Per murmelte „Dieſ Was ſoll Für einer beinahe e klärung e granten h unter Oeſ die Gebie Ihr ſeid tichte.. triumphire „Ich Tone;„ja Sobald i erſcheinen gen begin Flehen, n lich finder beſtehen k „Habe lens, lieb „Nun wollen ihr mandant ich einen Sie r mit dem Soldaten nach, wäh lugenblicke hm dieſen gen,“ ant⸗ t Du mich de, wofür len will!“ te meines rKapitän, überraſcht. auf dieſe ſein Ver⸗ lich ihn tattet, ihn ſollte ich murmelte nerz, und en, lieber Finſamkeit unbarm⸗ aber der in einem gibt mir durch den he blutige icht wahr, noch ein⸗ 279 Pet Kapitän überlegte einen Augenblick und murmelte bei ſich: „Dieſes Begehren bringt mich in Verlegenheit. Was ſoll man von einem ſolchen Beſuch denken? Für einen Emigranten Theilnahme zeigen? Es iſt beinahe eine Miſſethat... Aber ich kann eine Er⸗ klärung geben, wenn es nöthig wird. Den Emi⸗ granten habt Ihr gekannt, als die Niederlande noch unter Oeſtreich ſtanden; ſeitdem die Republik hier die Gebieterin iſt, habt Ihr ihn ſih mehr geſehen. . ſeid einfache Fiſcher: mein Bruder und meine Nichte...“ „Ah, Dank, Du willigſt ein!“ rief Bella mit triumphirender Freude. „Ich willige ein,“ ſagte der Kapitän in ſtrengem Tone;„ja, Nichte, aber vergiß Dein Verſprechen nicht. Sobald ich eine einzige Thräne in Deinen Augen erſcheinen ſehe, ſobald Du ſchwach wirſt und zu kla⸗ gen beginnſt, unterbreche ich den Beſuch, und alles Flehen, welcher Art es auch ſei, wird mich unerbitt⸗ lich finden. Ich zweifle, Kind, ob Du die Probe beſtehen kannſt.“ „Habe Vertrauen zu der Feſtigkeit meines Wil⸗ lens, lieber Oheim.“ „Nun, ſo komm, Bruder, komm, Joſeph, wir wollen ihn aufſuchen. Ein Glück, daß der Wachcom⸗ mandant einer meiner beſten Freunde iſt, ſonſt dürfte ich einen ſo gefährlichen Verſuch nicht wagen.“ Sie verließen das Landhaus und begaben ſich mit dem Kapitän als Führer in das Lager. Die Soldaten ſahen verwundert auf und ſchauten ihnen nach, während ſie allerlei Bemerkungen über die hohe 280 Geſtalt dieſer Leute, über die Schönheit des bleichen Mädchens und über die ungemeine Kraft des Fiſchers austaufchten. Da die Gegenwart des Kapitäns den Soldaten Achtung abnöthigte, ſo hielten ſie ſich in gehörigem Abſtande, und Nichts hinderte den Gang derſelben nach dem Ort des Gewahrſams. Bald deutete der Ka⸗ pitän auf das Landhaus hinter dem Lager, und ſprach: „Seht, dort drinnen ſind die Emigranten. Schon geraume Zeit würden ſie nicht mehr auf der Welt ſein, wenn der General nicht abweſend wäre. So⸗ bald er zurückkehrt, wird ihr Geſchick ſich erfüllen. Es iſt in dem Landhauſe ein leeres Zimmer; ich werde Herrn von Milval rufen laſſen; wir werden allein mit ihm ſein.“ Er, brachte ſeine Begleiter auf einem Fußwege an die Rückſeite des Landhauſes, wo etwa zwanzig Soldaten, auf ihre Musketen geſtützt, vor einer klei⸗ nen Thüre Wache hielten. Man rief auf Verlangen des Kapitäns den Com⸗ mandanten; und nachdem die beiden Officiere eine Weile in der Stille mit einander geſprochen hatten, wurden die Fiſcher in ein abgelegenes Zimmer geführt. „Nun, Bella, ſuche Deiner ſelbſt mächtig zu bleiben,“ ſagte Louis Stock;„er wird ſogleich kommen.“ Das Mädchen erbleichte; ein Schauder ſchien ihre Glieder zu durchlaufen; aber ſie bezwang ihre Auf⸗ regung mit Gewalt und zeigte dem Kapitän, der auf ſie Acht gab, eine Miene, die wohl tiefe Traurigkeit verrieth der Gel Der Thüre h „Hir val, mit laufend. Hände, unverſtä „Da Mitleids grenzenli „Und thäter!“ eilend., den edelt Der Mädchen Vaters 2 ſeine Lie barmen krampfha glänzten Blick von bewirkte, zuletzt ſie kämpfte. und ließ Herr s bleichen s Fiſchers Soldaten ehörigem ben nach der Ka⸗ er, und n. Schon der Welt ire. So⸗ erfüllen. mer; ich r werden Fußwege zwanzig iner klei⸗ den Com⸗ ciere eine n hatten, Zimmer ichtig zu ſogleich chien ihre ihre Auf⸗ „der auf raurigkeit 281 verrieth, jedoch zugleich von dem milden Ausbruck der Gelaſſenheit erhellt war. Der Emigrant trat herein; Louis Stock ſchloß die Thüre hinter ihm. „Himmel! Iſt es möglich?“ rief Herr von Mil⸗ val, mit ausgeſtreckten Atmen auf das Mädchen zu⸗ laufend.„O Bella, welch ein Glück, Dich noch ein⸗ mal zu ſehen!“ Er ſchien ſie umarmen zu wollen, bezwang aber dieſe Bewegung und faßte und drückte ihre beiden Hände, während er im Ton äußerſter Freude faſt unverſtändlich murmelte: „Dank, Dank, Bella; Du biſt der Engel des Mitleids ſelbſt, der Himmel wird Dich für ſo grenzenloſe Güte lohnen!“ „Und Ihr, Ihr auch, mein Vater, mein Wohl⸗ thäter!“ rief er, dem blinden Greiſe an den Hals eilend.„Darf ich ihn noch einmal an's Herz drücken, den edelmüthigen Beſchützer des armen Fremdlings!“ Der Anblick dieſer Umarmung erſchütterte das Mädchen gewaltig. Herr von Milval lag in ihres Vaters Armen und bezeugte ſeine Dankbarkeit und ſeine Liebe durch Worte, die einen Stein hätten er⸗ barmen können. Auch zogen über Bella's Wangen krampfhafte Schauer; ſie zitterte und ihre Augen glänzten von zurückgehaltenen Thränen; aber ein Blick von Kapitän Louis, der auf ſie gerichtet war, bewirkte, daß ſie alle ihre Kräfte zuſammennahm und zuletzt ſiegreich gegen ihre ſchreckliche Erregung an⸗ kämpfte. Doch fühlte ſie, wie ihre Beine wankten, und ließ ſich langſam auf einen Stuhl niederfallen. Herr von Milval lief gleichfalls auf Joſeph zu, ———————— 282 umarmte ihn mit derſelben Wärme, nannte ihn ſei⸗ nen Freund und Retter und kehrte dann wieder zu dem Mädchen zurück. Er ſetzte ſich neben ſie, faßte auf's Neue ihre Hand und ſagte mit einem ſeligen Lächeln auf dem Angeſicht: „Bella, gute, liebe Freundin, ſieh, wie glücklich ich bin! Ach, der Gedanke des Menſchen, bei der Annäherung der ernſten Stunde, verirrt ſich bis in das Gebiet der Unmöglichkeit. Ich habe zu Gott gebetet, gebetet, ohne hoffen zu dürfen, daß er mir geſtatte, Dich noch einmal mit meinen Augen ſehen zu dürfen. Er, in ſeiner unendlichen Barmherzigkeit, läßt ein Wunder geſchehen, um mir dieſen höchſten Troſt zu gewähren!“ „Sein heiliger Name ſei geprieſen!“ flüſterte das Mädchen. „Du biſt betrübt, Bella? Du beklagſt mein Loos, nicht wahr?“ ſagte der junge Mann.„Warum trauern, Freundin? Die Welt hat mir Nichts ge⸗ geben als entſetzliches Leid und unermeßlichen Kum⸗ mer. Fortan müßte ich leben ohne Vaterland, ohne Zufluchtsort, ohne zu wiſſen, wo ich mein Haupt außerhalb des Bereichs der Kugeln meiner triumphi⸗ renden Feinde hinlegen kann. Was iſt der Tod für mich? Eine Gunſt des Herrn, eine Erlöſung. Meine Seele blickt bereits in die Höhe und lächelt meinem Vater und meiner Mutter entgegen, welche frohlockend die Arme ausſtrecken, um den vielgelieb⸗ ten Sohn zu empfangen. Nun mir Gott geſtattet, Dir noch die Hand zu drücken und ein ſüßes Lebe⸗ wohl aus. Deinem Munde zu hören, nun vermag keine Betrübniß meine letzte Stunde zu umdüſtern. Erhebe und fre oft die wunder Stimme ſchien. haben? Unt fand da um der Sinne: Luft zu chen, he Lauf la möchte dermaße nahe di Bewegu „0 Herr v wiederht Dir geſ das Gr bleiben und der hat es meine 2 ſeine Fü mein Ve wird Dit Bel ihn ſei⸗ iede ze ie, faßte nſeligen glücklich bei der h bis in zu Cott er mir en ſehen erzigkeit, höchſten terte das in Loos, „Warum ichts ge⸗ en Kum⸗ nd, ohne n Haupt riumphi⸗ der Tod rlöſung. d lächelt „welche elgelieb⸗ geſtattet, es Lebe⸗ vermag ndüſtern. 283 Erhebe das Haupt, Freundin, zeige mir das ſüße und freundliche Antlitz, deſſen Anblick allein mir ſo oft die Hoffnung und das Vertrauen zurückgab!“ „Ja, Herr, ja, Freund, bewahren Sie dieſen wunderbaren Muth!“ ſeufzte Bella mit ſchwacher Stimme, welche durch innerliche Thränen erſtickt ſchien.„Sie waren ſo unglücklich auf Erden! Sie haben Nichts zu betrauern...“ Unter dem Zwang, welcher ihr auferlegt war, fand das arme Mädchen noch Worte und Gedanken, um der Angſt und dem Schmerze, wodurch ihre Sinne verdüſtert und ihre Nerven erſchüttert wurden, Luft zu machen. Hätte ſie nur in Klagen ausbre⸗ chen, hätte ſie nur dem Strom ihrer Thränen freien Lauf laſſen dürfen! Aber die Furcht, Kapitän Louis möchte ſie aus dem Zimmer weiſen, beherrſchte ſie dermaßen, daß ſie mit übernatürlicher Gewalt bei⸗ nahe die Schläge ihres Herzens hemmte und alle Bewegungen ihres erſchütterten Gemüthes bezwang. „Ich habe Nichts zu betrauern, Bella?“ ſagte Herr von Milval, die letzten Worte des Mädchens wiederholend.„Ja wohl, Freundin. Ich habe es Dir geſchrieben: der einzige Kummer, welchen ich in das Grab mitnehme, iſt, daß ich nicht auf Erden bleiben kann, um mein ganzes Leben Deinem Glücke und dem Glücke Deines Vaters zu weihen. Gott hat es anders beſchloſſen, aber ich werde dort oben meine Trübſal, mein Leiden und meinen Tod vor ſeine Füße niederlegen und ihn anflehen, daß er all mein Verdienſt Deiner ſchönen Seele anrechne. Er wird Dir die Schuld des armen Fremdlings bezahlen .. Bella, bewahre das Bildniß meiner guten Mutter — 284 mit heiliger Sorgfalt; aus Liebe, aus Mitleid trage es auf Deinem Herzen und denke zuweilen in Dei⸗ nen Gebeten an ſie und an mich!“ „Ich werde für Sie beten, für Ihre Eltern, für Ihre Schweſter, alle Tage, noch auf meinem Sterbe⸗ bette!“ ſeufzte das Mädchen. „Bewahre gleichfalls mein Teſtament,“ ſagte der junge Mann.„Für jetzt hat es keinen Werth, aber es mag eine Zeit kommen, daß meine Seele auf Dich niederſchauen kann, da Du reich, glücklich biſt und auf dem Schloſſe ſelbſt wohnſt, wo meine Wiege geſtanden iſt.“ Bella erhob plötzlich den Kopf, unter dem Ein⸗ druck eines plötzlichen Gedankens, und fragte in ſelt⸗ ſamem Ton: „Herr von Milval, Sie haben ein Geheimniß auf dem Herzen; Ihr Grab ſoll es umfangen. Ach, ich bitte Sie, vertrauen Sie mir dieſes Geheimniß; vielleicht finde ich die Kraft, um die letzte Betrübniß Ihrer Seele zu überwinden.“ Der junge Mann ſchien bei dem Anhören dieſer Frage zu erbleichen. Er ſchaute dem Mädchen in die Augen mit einem unbegreiflich tiefen Blick, der ihr einen leiſen Schrei entriß. „Dieſes Geheimniß,“ murmelte er mit dumpfer Stimme, wie erſchrocken,„dieſes Geheimniß muß mit mir ſterben.“ Aber Bella hatte wahrſcheinlich in ſeinen leuch⸗ tenden Augen eine rührende Offenbarung geleſen; denn ſie begann laut zu ſchluchzen und legte ſich die Hände vor das Angeſicht, um die Thränen zu ver⸗ bergen, die ſtromweiſe über ihre Wongen floßen. Ka und ur er wur danten Sprach wieder 8 der Ka blicke ke Bel Schrecke mernd ihn mi Henker dungsk zu führ „He ernſten pitän. Sie der Wä ſeine B junge 2 dem Fi „N müthige Hand. Himmel zu ſchm Das der Ver „M id trage in Dei⸗ ern, für Sterbe⸗ agte der th, aber ee au lich biſt e Wiege em Ein⸗ in ſelt⸗ heimniß n. Ach, eimniß; etrübniß n dieſer chen in ick, der dumpfer nuß mit n leuch⸗ geleſen; ſich die zu ver⸗ ßen. 285 Kapitän Louis war im Begriff, ſich ihr zu nähern und unerbittlich dem Beſuche ein Ende zu machen; er wurde aber durch die Ankunft des Wachcomman⸗ danten zurückgehalten, welcher ihm in franzöſiſcher Sprache einige Worte ſagte und dann das Zimmer wieder verließ. „Schnell, man ſage ſich das letzte Lebewohl!“ gebot der Kapitän.„Der General iſt im Lager; alle Augen⸗ blicke kann der verhängnißvolle Befehl kommen.“ Bella, nun ganz ihrem Schmerz und ihrem Schrecken preisgegeben, ſprang auf, warf ſich jam⸗ mernd Herrn von Milval um den Hals und umſchloß ihn mit ihren Armen, als wollte ſie ihn gegen die Henker vertheidigen, welche ihre erſchütterte Einbil⸗ dungskraft bereits erſcheinen ſah, um ihn zum Tode zu führen. „Herr von Milval, Ihnen geziemt es, in dieſem ernſten Augenblick Muth zu zeigen,“ ſprach der Ka⸗ pitän.„Aus Mitleid mit meiner Nichte verkürzen Sie den traurigen Abſchied.“ Während Bella ihn ängſtlich umarmt hielt und ſeine Bruſt mit ihren Thränen benetzte, ſtreckte der junge Mann die zitternden Hände dem Greiſe und dem Fiſcher entgegen und ſagte: „Nun, mein guter Vater, Joſeph, mein edel⸗ müthiger Freund, kommt, drückt mir noch einmal die Hand. Lebt wohl; auf Wiederſehen dort oben im Himmel! Bella, laß mich gehen; zwinge mich nicht zu ſchmerzlicher Gewalt!...“ Das Mädchen hob mit einem entſetzlichen Schrei der Verzweiflung die Arme empor und rief: „Mein Gott, mein Gott, ich habe auf Deine 286 Barmherzigkeit gehofft bis zu dieſer Stunde! Wehe, Du haſt ihn alſo verlaſſen? Du überlieferſt das arme Schlachtopfer dem triumphirenden Tode? Da ſind ſeine Henker; ich höre ihre Schritte, das Klirren ihrer Waffen... Schrecklich, ſchrecklich, er muß ſterben!“ Und ſie ſank auf ihren Stuhl zurück, die ſtarren Augen regungslos nach der Thüre gerichtet, vor welcher in der That das Geräuſch ſchwerer Schritte und klirrender Waffen ſich vernehmen ließ. Die Thüre wurde geöffnet; es erſchien ein Kriegs⸗ mann, welcher ohne Zweifel von ſehr hohem Rang mußte, denn ſeine Uniform war mit goldenen Verzierungen beſetzt und ſein Hut von einem präch⸗ tigen Federbuſch beſchattet. „Sie ſind verwundet, mein Kapitän Stock?“ ſagte er.„Zum Glück iſt es nicht ſchlimm, wie ich ſehe.“ „Der General⸗Befehlshaber!“ rief Louis Stock mit Ueberraſchung und Schrecken. Aber kaum war dieſes Wort ſeinen Lippen ent⸗ ſchlüpft, ſo lag Bella auf den Knieen vor dem Ge⸗ neral. Sie ſchaute ihn mit feuriger Bitte durch ihre Thränen an, hob die Arme flehend zu ihm empor und rief: „General, General, Gott ſelbſt ſendet Sie. Ach, ſchenken Sie ihm das Leben! Er hat bereits ſo ſchrecklich auf Erden gelitten. Ich werde Ihren Na⸗ men ſegnen, ich werde für Sie beten. Erhören Sie mich, ſchlagen Sie es mir nicht ab. O, ſeien Sie barmherzig, ſehen Sie, ich küſſe Ihre Füße, ich bade ſie mit meinen Thränen. Gnade, Gnade, für ihn!“ Der Augenb der; de den au melte. blieb 1 Lippen Sich General wöhnlic Gegenn bemerkt gann L gen En lich vor von de denn d der Rei ders da ſeines( einem anſchaut Nac Kapitän blicke in Zweifel plötzlich Geſicht. wandte Bell einen Kniee, 3 Wehe, erſt das e Da Klirren er muß ſtarren t, er Schritte Kriegs⸗ Rang goldenen n präch⸗ Kapitän ſchlimm, is Stock pen ent⸗ em Ge⸗ urch ihre empor e. Ach, reits ſo ren Na⸗ ren Sie ien Sie ich bade rihn!“ 287 Der Genetal ſchien betroffen und ſchaute einen Augenblick mitleidig auf das betrübte Mädchen nie⸗ der; dann hob er ſie mit ſanfter Gewalt vom Bo⸗ den auf, während er einige tröſtende Worte mur⸗ melte. Bella verſtand nicht, was er ſagte; aber ſie blieb mit einem hoffnungsvollen Lächeln auf den Lippen und mit gefalteten Händen vor ihm ſtehen. Sich zu dem Kapitän wendend, begehrte der General wahrſcheinlich eine Erklärung von der unge⸗ wöhnlichen Betrübniß des Mädchens und von der Gegenwart der Perſonen, welche er in dem Zimmer bemerkte. Mit leiſer, faſt unhörbarer Stimme be⸗ gann Louis Stock das unglückliche Geſchick des jun⸗ gen Emigranten zu erzählen; er ſprach wahrſchein⸗ lich von der Gutherzigkeit ſeines blinden Bruders, von der heldenmüthigen Aufopferung ſeiner Nichte; denn der General war tief bewegt und betrachtete der Reihe nach den Greis, den Edelmann und beſon⸗ ders das Mädchen, welches die geringſte Bewegung ſeines Geſichtes ergründen zu wollen ſchien und mit einem Lächeln wahnſinniger Hoffnung ihn bittend anſchaute. Nachdem der General die lange Erzählung des Kapitäns angehört hatte, verſank er einige Augen⸗ blicke in Nachdenken; dann ſchüttelte er in traurigem Zweifel den Kopf und zuckte die Achſeln; doch plötzlich erhellte ein Ausdruck der Zufriedenheit ſein Geſicht. Er ſagte dem Kapitän einige leiſe Worte, wandte ſich um und ging nach der Thüre. Bella, in ihrer letzten Hoffnung betrogen, ſtieß einen Jammerſchrei aus und ſank wieder in die Kniee, zu Boden; aber ihr Oheim, der dem General 288 gefolgt war, kehrte mit einem Schritt in das Zim⸗ mer zurück und ſprach in geheimnißvollem Ton: „Still, halte Dich ſtill? Bete! Vielleicht iſt noch Hoffnung!“ Nach dieſen Worten eilte er wieder auf den Gang und warf die Thüre zu. „Vater, Joſeph, Milval, mein armer Freund!“ rief das Mädchen,„es iſt noch Hoffnung! Ich wußte es wohl; Gott iſt ſo gut. O, laſſet uns beten!“ Sie faltete die Hände und murmelte ein inniges Gebet; der Greis und Joſeph entblößten das Haupt; der Edelmann, durch einen flehenden Blick des Mäd⸗ chens bewogen, ſetzte ſich neben ſie und faltete gleich ihr die Hände, um den Himmel um eine Hülfe an⸗ zurufen, an deren Möglichkeit er jedoch nicht glaubte. Feierlich war die Erwartung, ergreifend die Stille. Man hörte nicht allein das ſanfte Mur⸗ meln des Gebetes im Zimmer, man hörte, wie die Bruſt der Unglücklichen ſich hob und ſenkte; ja man konnte die Schläge ihrer erregten Herzen zählen. Ein Schauer durchlief ihre Glieder und ein Angſt⸗ ſchrei entſchlüpfte ihrer Bruſt, als die Thüre ſich wieder öffnete. Kapitän Louis trat in die Mitte des Zimmers, bedeutete ihnen durch ein Zeichen, näher zu treten und ſprach mit gedämpfter Stimme: „Laßt mich ſprechen: die Zeit iſt koſtbar. Der General iſt gerührt von dem Schmerze und den Bit⸗ ten meiner Nichte. Noch ein Mittel läßt ſich ver⸗ ſuchen, um Herrn von Milval ſeinem unglücklichen Looſe zu entziehen. Zögert er, von demſelben Ge⸗ brauch z nimmt e unfehlba lich!“ ſe unterlieg „Sas Oheim; keit an.“ „Hör heben S keiten, d gegenſehe einer W Macht ſe Soldater müſſen? Sache, n leicht ve daß Sie verſuchen nach Nie Uebergal „Ich zu einer bin ein ber den Namen! „Mi mir!“ fl „Ab Conſe iſt noch en Gang Freund!“ g Ich ſſet uns inniges Haupt; e Mäd⸗ ete gleich üle an⸗ glaubte. fend die te Mur⸗ wie die je man hlen. in Angſt⸗ hüre ſich Zimmers, zu treten ar. Der den Bit⸗ ſich ver⸗ lücklichen lben Ge⸗ 289 brauch zu machen, ſo iſt alle Hoffnung verloren; nimmt er es dagegen mit Unterwerfung an, ſo iſt er unfehlbar gerettet.“ „O, wie bin ich ſo froh, wie bin ich ſo glück⸗ lich!“ ſeufzte das Mädchen, vor Rührung beinahe unterliegend. „Sag' es an, ſag' es an, dieſes Mittel, lieber Oheim; er nimmt es mit unbegrenzter Dankbar⸗ keit an.“ „Hören Sie mich an, Herr von Milval, und er⸗ heben Sie ſich über gewiſſe menſchliche Bedenklich⸗ keiten, denen ich mit Beſorgniß um Ihretwillen ent⸗ gegenſehe. Binnen zehn oder zwölf Tagen, binnen einer Woche vielleicht, wird Nieupoort in unſerer Mocht ſein: aber wer kann ſagen, wie viele hundert Soldaten noch von beiden Seiten zuvor ihr Leben laſſen müſſen? Dieſes Blutvergießen iſt nutzlos für die Sache, welche Sie vertheidigen; Sie können es viel⸗ leicht verhindern. Was man von Ihnen verlangt, iſt, daß Sie zum Mindeſten ſich bereit erklären, es zu verſuchen. Sagen Sie mir, daß Sie als Friedensbote nach Nieupoort gehen wollen, um die Beſatzung zur Uebergabe der Feſtung aufzufordern.“ „Ich?“ rief de Milval erbleichend,„ich ſollte mich zu einer ſolchen Botſchaft gebrauchen laſſen? Ich bin ein franzöſiſcher Edelmann, mein Herr! Viel lie⸗ ber den Tod, als einen ſolchen Flecken auf meinen Namen!“ „Milval, Freund, ach, haben Sie Mitleiden mit mir!“ flehte das Mädchen. „Aber wollte ich dieſe Sendung auch annehnen, Conſcience, Bella Stock. 19 290 ich könnte ſie nicht vollziehen, ich habe keinen Ein⸗ fluß auf die Befehlshaber der hannöverſchen Truppen.“ „Laſſen Sie ſich dieſes nicht bekümmern. Sie müſſen nur verſprechen, daß Sie thun wollen, was Sie können.“ Der junge Mann ſchüttelte verneinend den Kopf. „Es iſt keine Zeit zu verlieren,“ ſagte der Kapi tän.„Jaſſen Sie einen ſchnellen Entſchluß, ich bitte Sie. Sie fürchten den Tod nicht, ich weiß es; aber wenn die Liebe zum Leben machtlos iſt, um Sie zur Annahme dieſes Rettungsmittels zu beſtimmen, ver⸗ geſſen Sie nicht, daß hier Menſchen ſind, welche Ihre Zuſtimmung als den Lohn für Alles, was ſie Ihnen gethan haben, verlangen.“ Bella war in ihrer ängſtlichen Ungeduld eben im Begriff, ſich dem Edelmann an den Hals zu werfen, aber der Kapitän hielt ſie kraftvoll zurück. „Nun, mein Herr?“ fragte er.„Sprechen Sie; es bleibt Ihnen nur ein kurzer Augenblick.“ „Ich ſollte die hannöverſchen Soldaten zur Ueber⸗ gabe der Feſtung zu bereden ſuchen?“ murmelte der junge Mann mit einem traurigen Spottlächeln auf den Lippen.„Und meine unglücklichen Gefährten in Nieupoort? Die Republik weigerte ſich ſtets, die Emigranten unter der Zahl der Kapitulirenden mit⸗ zubegreifen. Ich müßte ſie alſo in die Hände ihrer unerbittlichen Feinde liefern? Herr Kapitän, Sie ſind edelmüthig; Ihr Bruder und Ihre Richte haben mir zu viel Liebe erzeigt, um zu verlangen, daß ich mich zum Verräther der Meinigen machen ſollte. Nein, laſſen Sie mich mein Loos erfüllen; entehrt will ich nicht leben.“ geg len wol entr ben mit wer wel Tod des mar unte Wa ſein gab Vat blüt wag dure wel das ſchie ſchm wür Ern tet zwi rief, inen Ein⸗ ruppen.“ n Sie en, was en Kopf. der Kapi ich bitte es; aber Sie zur len, ver⸗ lche Ihre ie Ihnen uld eben Hals zu zurück. en Sie; tr Ueber⸗ nelte der heln auf hrten in ets, die den mit⸗ de ihrer in, Sie te haben daß ich n ſollte. entehrt 291 „Ihre Gefährten, die in Nieupoort ſind,“ ent⸗ gegnete der Kapitän,„werden in unſere Gewalt fal⸗ len, ehe vierzehn Tage verfloſſen ſind; Sie wiſſen wohl, mein Herr, daß keiner von ihnen der Kugel entrinnen wird... und dennoch können Sie dieſel⸗ ben retten.“ „Ich?“ rief der junge Mann erſtaunt. „Ja, Sie, Sie allein,“ verſicherte Louis Stock mit gedämpfter Stimme.„Ihre Unglücksgefährten werden wahrſcheinlich den einzigen Weg erkennen, welcher ihnen noch offen ſteht, um dem drohenden Tode zu entgehen. Mittelſt einer letzten Anſtrengung des Heldenmuths, welcher dem franzöſiſchen Edel⸗ mann angeboren iſt, werden ſie mit Gewalt und unter Kampf aus dem Hafen zu gelangen ſuchen. Was mich betrifft, ich würde dem Himmel dankbar ſein, wenn er meinen Soldaten die abſcheuliche Auf⸗ gabe erſparen würde, hier in den Dünen meines Vaterlandes ein Tauſend unglücklicher Edelleute kalt⸗ blütig ermorden zu müſſen. Und Sie, mein Herr, wagen Sie wohl zu denken, Ihr Name werde da⸗ durch befleckt, daß Sie eine Botſchaft auf ſich nehmen, welche einigen Hunderten Ihrer Unglücksgefährten das Leben retten kann?“ Der junge Mann hatte den Kopf geneigt und ſchien in Zweifel verſunken. Sein Zögern, ſein Still⸗ ſchweigen ſelbſt ließen vermuthen, daß er annehmen würde. Jedermann hielt ſein Auge mit ängſtlicher Erwartung und klopfendem Herzen auf ihn gerich⸗ tet.. aber Bella konnte ihre Aufregung nicht be⸗ zwingen. Sie ſank dem jungen Mann zu Füßen und rief, in Thränen ausbrechend: 19 292 „Milval, Freund, ich flehe Sie auf den Knieen an, benützen Sie das angebotene Rettungsmittel! Geben Sie mir den Lohn für meine Sorgen, meine Schmerzen, meine Liebe! Weigern Sie ſich nicht länger: Sie ſträuben ſich vergeblich. Was hier ge⸗ ſchieht, war in dem Himmel beſchloſſen; Sie müſſen, Sie müſſen einwilligen: es iſt Gottes Wille!“ „Nun, für meine armen Freunde dort, und für Dich, Bella; nicht für mich. ich nehme die Bot⸗ ſchaft an!“ ſprach der Edelmann mit einem dumpfen Seufzer. „Dank, Donk!“ rief das Mädchen.„Haben Sie mehr Hoffnung, Freund; ein guter Engel wacht über Ihnen... „Kommen Sie, Herr von Milval,“ ſprach der Kapitän, indem er die Hand des jungen Mannes faßte,„folgen Sie mir. Eine Wache und ein Trom⸗ peter mit der weißen Fahne ſtehen bereit. Binnen weniger als einer BViertelſtunde werden Sie in dem Fort Viervoet ſein.“ Das frohe Lebewohl des Mädchens tönte ihm nach.„Auf Wiederſehen, Freund, auf Wiederſehen!“ rief ſie noch, als er bereits in dem Gange ver⸗ ſchwunden war. Einige Zeit hernach kehrte der Kapitän zurück und ſprach mit aufrichtiger Freude: „Er iſt abgezogen; Nichts kann ihn auf dem Wege nach Nieupoort aufhalten. Er muß bereits ziemlich weit ſeit. Dort von den Dünen aus kann man ihm mit den Augen folgen bis zu den Wällen von Fort Viervoet.“ „Komm', komm', Vater,“ rief Bella,„laß uns — geh es Vat und näck Ern trop erſti Ebe den ten kom die ihn läng für Krü gege mel blin Netz eine Knieen mittel! meine h nicht ier ge⸗ müſſen, ind für e Bot⸗ umpfen en Sie ht über ch der tannes Trom⸗ Binnen ndem te ihm ehen!“ e e zurück Wege emlich n ihm Fort ß uns 293 gehen. Lieber Oheim, Gott wird Dir es lohnen!“ Und mit unwiderſtehlicher Gewalt zog ſie ihren Vater durch den Gang aus dem Landhauſe hinaus und nöthigte ihn, ſeine Kräfte Aſ um die nächſten Dünen zu erreichen. Lang war der Weg; Ermüdung und Ungeduld trieb ihnen die Schweiß⸗ tropfen auf die Stirne, ehe ſie einen hohen Sandhügel erſtiegen hatten, von wo ſie Stunden weit über die Ebene hinwegſehen konnten. „Dort, dort, nicht fern von dem Fort, zwiſchen den Erdhaufen!“ rief Bella.„Hinter dem Solda⸗ ten mit der weißen Fahne!... Seht, ſeht, man kommt ihm entgegen... er iſt in dem Fort... die franzöſiſchen Soldaten kehren ohne ihn zurück!“ „Ha, er iſt gerettet!“ ſprach Joſeph. „Gerettet noch nicht!“ erwiederte Bella, mit Au⸗ gen, die von Hoffnung erglänzten,„aber Gott wird ihn beſchirmen! Komm' nun, Vater, laß uns ſtille längs des Strandes nach Hauſe gehen. Wir wollen für ihn beten den ganzen Tag.“ Und den Hügel hinabſteigend, folgten ſie den Krümmungen der 5. in der gegen die See 2 ſei geſegnet; Zwei Lage ppäter tnieie Bel la auf einem Sche mel mit gefalteten Händen vor einem Krucifige. Ihr blinder Vater ſtrickte in der Stille an einem Netze fort. Plötzlich wurde das Gebet des Mädchens durch eine kräftige Stimme unterbrochen, welche ihr in freudigem Tone zurief: 294 „Bella, ſei glücklich, Kind; Gott hat Dich erhört!“ „Oheim Louis!“ jubelte das Mädchen.„Him⸗ mel, habe ich recht verſtanden? Meine Hoffnung täuſcht mich nicht!“ „Ich bringe eine gute Botſchaft, liebe NRichte,“ ſprach der Kapitän, indem er ihre Hand faßte. „Geſtern, gegen Abend, haben die Emigranten, auf drei Küſtenſchiffen unter fortgeſetztem Kampfe aus dem Hafen von Nieupoort auszubrechen verſucht. Einem einzigen dieſer Schiffe iſt es geglückt, die See zu er⸗ reichen und zu der engliſchen Flotte zu gelangen.. Auf dieſem begünſtigten Schiffe war Herr von Mil⸗ val. Während ſeine Genoſſen ihren Körper hinter der Schanze zu bergen ſuchten, ſtand er, mit einer Flinte in der Hand, am Fuß des Maſtes. Hätte ich ihn nicht ganz in der Nähe geſehen, ich würde ihn erkannt haben an ſeinen langen Haaren, welche zu⸗ weilen im Winde ihm um das Haupt flatterten. Ich folgte ihm mit ängſtlichem Blicke und mit klopfen⸗ dem Herzen; ich fürchtete ihn todt niederſtürzen zu ſehen, denn ein Hagel von Musketen⸗ und Kanonen⸗ kugeln flog rund um ihn her durch die Luft. Ich glaube in der That, Bella, daß er durch eine höhere Moacht beſchützt wird, denn ich habe ihn aufrecht ſtehen ſehen, bis er die engliſchen Schiffe erreicht hatte.“ Ein Schrei unendlicher Freude ertönte durch das niedrige Fiſcherhäuschen; und während Bella mit emporgehobenen Händen auf den blinden Greis zu⸗ lief, rief ſie aus: „Vater, Vater, vollbracht iſt das heilige Gebot der Liebe!“ den von etwas nen nen lichke ziemli ben; unern zu be mich T nahm maßet gen da, d rhört!“ offnung Kichte,“ faßte. n, auf us dem Einem zu er⸗ angen. n Mil⸗ hinter t einer itte ich de ihn che zu⸗ . Ich lopfen⸗ zen zu nonen⸗ Ich höhere ufrecht rreicht h das mit is zu⸗ Gebot Schluß. „Ja,“ ſagte der alte Apotheker, ſeine Pfeife auf den Tiſch legend,„ich wollte wetten, daß Niemand von allen denen, welche hier im Weißen Löwen ſitzen, etwas ſo Wunderbares und Rührendes aus den Dü⸗ nen zu erzählen weiß, wie ich.“ „Nun, was zögern Sie?“ fragte einer von ſei⸗ nen Tiſchgenoſſen. „Ihr wißt, daß ich gern nach meiner Bequem⸗ lichkeit Alles haarklein erzähle. Die Geſchichte iſt ziemlich lang, und ich fürchte, über die Zeit auszublei⸗ ben; aber dennoch, da der Herr, welcher uns ſo unerwartet mit einem freundlichen Beſuche beehrt, es zu begehren ſcheint, ſo will ich damit beginnen und mich ſputen.“ Der alte Apotheker griff nach ſeinem Bierglaſe, nahm einen guten Schluck und begann folgender⸗ maßen: „Es ſind bereits ſechsundvierzig Jahre vergan gen, von den Meiſten von Euch war noch Niemand da, denn wenn ich mich nicht irre, ſo ſind hier kaum 296 vier oder fünf, welche vor Achtzehnhundert und zwölf ihre Naſe in die Welt geſteckt haben. Mein Oheim, ein Apotheker, der keinen andern Geruch, als den Duft von Ochſenbraten und Bordeauxwein vertragen konnte, wollte mich nicht zum Erben ſeiner mancher⸗ lei Töpfe und Flaſchen machen. Er beſchloß in ſei⸗ ner Weisheit, ich ſollte Künſtler werden, und that mich als Lehrling zu einem Landſchaftsmaler in Ant⸗ werpen. Einſt, da ich im Sommer bei meinem Oheim zu Hauſe war, machte ich mich mit meiner Farben⸗ ſchachtel in der Hand und einem kleinen Feldſtuhl unter dem Arm auf den Weg, um, wie mir mein Meiſter anbefohlen hatte, in den Dünen Skizzen zu ſammeln, was mir ſpäter bei der wirklichen Ausfüh⸗ rung von Gemälden wunderbar zu Statten kommen würde. Am dritten Tage hatte ich mich auf einer kleinen Anhöhe niedergeſetzt, von welcher ich die aller⸗ ſchönſte Ausſicht vor mir hatte. Auf der einen Seite einige tauſend nackte Sandhügel, aufrecht ſtehend, umgeſtürzt und durch einander geworfen, als hätten die Teufel hier Kegel geſpielt; auf der andern Seite ein einziger grüner Hügel wie ein Bergring, reich geſchmückt mit allen Tinten, welche nur auf der Pa⸗ lette des Malers zu finden ſind und, auf mein Wort, viel Aehnlichkeit mit einer alten Gobelintapete hat⸗ ten, welche ein halbes Jahrhundert in einem feuchten Saale gehangen iſt. Am Fuß dieſer Anhöhe ſtand in der Ferne ein Häuschen, mit einem rothen Dache und einem rauchenden Schornſteine„ „Aber die Geſchichte?“ rief Jemand.„So dauert es unfehlbar bis morgen.“ „Nein, ich bitte Euch, laßt den Herrn fortfahren; er erz Fremt „( der 2 Hügel welche rings hörte, lebend ein Y ſeewät den H ein G ſechzig — Di pflanz gen, z dem erſcheit Wetter daran wandt meiner Lächelt kleinen Gemäl Berufs wie S nd zwölf Oheim, als den ertragen mancher⸗ in ſei⸗ nd that in Ant⸗ Oheim Farben⸗ eldſtuhl ir mein izzen zu Ausfüh⸗ kommen f einer ie aller⸗ n Seite ſtehend, hätten n Seite reich er Pa⸗ Wort, te hat⸗ euchten ſtand Dache dauert ahren; 297 er erzählt auf eine intereſſante Weiſe,“ bemerkte der Fremdling. „Geduld, wir kommen ſchon daran,“ antwortete der Apotheker.„Ich ſaß alſo auf einem kleinen Hügel und malte, ſo gut ich konnte, die Ausſicht, welche ſich vor meinen Augen entfaltete. Es war rings um mich ſo ſtill, daß ich die See rauſchen hörte, den ganzen Morgen hatte ich noch kein lebendes Weſen außer Kaninchen geſehen— als ein Mann aus dem kleinen Häuschen kam und ſich ſeewärts wandte; aber da er mich bemerkte, ſtieg er den Hügel herauf, um ſich mir zu nähern. Es war ein Greis in Fiſcherkleidung, er mochte wohl über ſechzig Jahre alt ſein, aber er ging noch ganz gerade. — Die Art, wie er ſeine Füße in dem Sand auf⸗ pflanzte, und etwas Gewaltiges in ſeinen Bewegun⸗ gen, zeugten bei ihm von einer Muskelkraft, die nach dem Anblick ſeiner ſilberweißen Haare wunderbar erſcheinen mußte.“ „Gott mit Ihnen, Herr,“ ſagte der Fiſcher, ſich hinter meinen Rücken ſtellend, um zu ſehen, was ich that. Ich wechſelte einige Worte mit ihm, über das Wetter, die See und die Dünen; aber er dachte nur daran, meinem Pinſel Zug für Zug zu folgen und wandte wohl eine halbe Stunde ſein Auge nicht von meiner Arbeit ab. Dann ſagte er plötzlich mit einem Lächeln: „Alſo das nennt man Malen? Alle die tauſend kleinen Kleckſe, woran ich mich blind gucke, ſollen ein Gemälde werden? Es gibt doch recht ſonderbare Berufsarten auf der Welt. Müßte ich Maler ſein, wie Sie, Herr, ich ſtürbe daran in drei Monaten. — 298 Iſt dieß eine Arbeit für Männerhände? Man kommt damit weniger vorwärts, als mit Spitzennähen. Sehen Sie einmal, wie mir der Schweiß auf der Stirne ſteht, von nichts Anderem, als daß ich Ihnen zuſehe.“ „Nicht der Fiſcher iſt es; wir ſind es, die hier ſitzen und denen der Schweiß vor Ungeduld ausbricht!“ rief einer der Zuhörer.„Die Geſchichte, die Ge⸗ ſchichte!“ „Geduld, wir kommen daran,“ wiederholte der Apotheker.„Der alte Fiſcher war ein heiterer Burſche, der gern lachte. Was er ſagte, will ich der Kürze halber verſchweigen.— Während wir ſo munter mit einander ſchwatzten, ſtand unerwartet hinter uns ein Mann mit einem Tragkorb auf dem Rücken, und den Körper auf eine ganz ſeltſame Weiſe vorwärts ge⸗ beugt, ſo ſehr, daß er im Gehen beinahe die Erde mit den Händen berührte. Er ſah uns mit einem verwilderten Blicke und voll Angſt an und ſprach in hohlem Tone: „Horcht, es ſtürmt ſchrecklich auf der See! Es iſt ein Schiff dieſe Nacht untergegangen. Habt Ihr die Leiche von dem Kapitän geſehen? Er lebte nicht mehr. Glaubt mir, er war todt... O, da iſt er! Da iſt er! Um Gotteswillen, haltet ihn zurück: er wird mich ermorden...“ Und mit dieſen Worten ſprang der ſeltſame Mann die Anhöhe hinab, erſtieg wieder eine Düne, auf Händen und Füßen, gleich einem Thiere, und verſchwand uns aus dem Geſichte. „Was für ein Menſchenſchlag iſt das?“ fragte ich beſtürzt. . „Der L Zeit ei gangen. Strand war, de ihn fan Ko Sn Kapitän Papierg hartnäc und far vergrab Kettenſt niß hat blödſinn beinahe wie er der ihr Gutes mit ſeir und Je gern zu nkommt nnähen. auf der h Ihnen die hier bricht!“ die Ge⸗ ote der Burſche, r Kürze iter mit uns ein ind den irts ge⸗ ie Erde t einem rach in e Es bt Ihr te nicht iſt er! ück: er eltſame Düne, e, und fragte . 299 „Armer Strandläufer!“ ſeufzte der alte Fiſcher. „Der Mann iſt wahnſinnig, Herr. Es iſt in früherer Zeit ein engliſches Schiff an unſerer Küſte unterge⸗ gangen. Der Körper des Kapitäns wurde an den Strand getrieben. Ob damals noch Leben in ihm war, das weiß ich nicht; aber als die Küſtenwächter ihn fanden, war er ſicherlich eine Leiche. Man hat Ko Snel, den Strandläufer, angeklagt, daß er dem Kapitän oder ſeinem Leichnam eine Brieftaſche voll Papiergeld abgenommen habe. Der Mann läugnete hartnäckig; aber das Gericht begab ſich in ſein Haus und fand die Brieftaſche in einer Ecke des Fußbodens vergraben. Ko Snel wurde zu zwanzig Jahren Kettenſtrafe verurtheilt. Nach zehn Jahren Gefäng⸗ niß hat man ihm die Freiheit geſchenkt, weil er ganz blödſinnig geworden war. Jetzt irrt der Unglückliche beinahe Tag und Nacht am Strande umher allezeit, wie er meint, von der Leiche des engliſchen Kapitäns, der ihn ermorden will, verfolgt. Er hat nie viel Gutes in ſeinem Leben gethan; aber aus Mitleid mit ſeinem ſchrecklichen Looſe helfen ihm die Fiſcher, und Jeder trägt Etwas bei, um ihn nicht verhun⸗ gern zu laſſen.“ „Endlich beginnt die Geſchichte!“ rief einer der Zuhörer. „Noch nicht; aber Geduld, jetzt kommen wir ſchnell daran,“ bemerkte der Apotheker. „Sehen Sie nur auf die Uhr,“ ſagte ein Anderer. „Zum Teufel, meine Stunde naht,“ brummte der alte Erzähler,„meine Frau iſt bereits daran, ihre Schlafhaube aufzuſetzen. Ich werde es kurz machen. Kaum war der Blödſinnige einige Augenblicke 300 verſchwunden, ſo erſchien auf dem Hügel ein uraltes Frauchen, welches die geballten Fäuſte gegen den Fiſcher ausſtreckte und ihn zornig anfuhr: „Einfältiger Junge! Da ſteht er, um zu gaffen, und denkt nicht daran, daß mein Eſſen kalt wird und verdirbt. Seit einer halben Stunde ſchreie ich mir das Herz aus dem Leibe. Nach Hauſe, ſchnell, oder es wird heut aus dem Norden wehen!“ „Einfältiger Junge? Ein ſeltſamer Junge!“ murmelte ich bei mir ſelbſt, ganz überraſcht, daß ich einen Mann mit weißen Haaren wie ein Kind be⸗ handelt ſah. „Nun, nun, liebes Mütterchen,“ ſagte der Fiſcher lächelnd,„mache Dir kein böſes Blut. Ich komme, ich komme; ich werde früher bei Tiſche ſein, als Du.“ Die alte Frau ſtieg brummend den Hügel hinab; ihr Kopf und ihre Hände zitterten heftig. „Iſt das Eure Mutter?“ fragte ich. „Nein,“ ontwortete der Fiſcher,„aber doch faſt ebenſo viel.“ „Sie ſieht nicht ſehr liebenswürdig aus; ich dachte, ſie werde Euch die Augen aus dem Kopfe reißen„ „Sie?“ fiel der Fiſcher mit überraſchendem Nach⸗ druck ein.„Dieſe alte Frau iſt gut und liebreich wie ein Engel des Himmels. Sie kann auf einem Schloſſe wohnen, ſie kann ein Leben haben, wie eine Prinzeſſin; aber um bei mir zu bleiben und für mich ſorgen zu können, beſchließt ſie ihr Leben in den Dünen.“ „Auf einem Schloſſe wohnen?“ wiederholte ich verwundert. „W einem 6 konnte traurig täglich und dun Er ſeiner„ wollte; lehnte e alten Fr das Hä „Ab gerufen. „Ge theker m kam der ein Sch Arme, u „Da Ich hab zwei Mi ſcher ſei rothes 2 Spiegel ein Ster Namen „Un für Euck „Ne chen rotl ein Pinſ nuraltes egen den zu gaffen, kalt wird ſchreie ich e, ſchnell, 1 Junge!“ t daß ich Kind be⸗ er Fiſcher komme, als Du.“ el hinab; doch faſt mus; ich m Kopfe m Nach⸗ liebreich uf einem wie eine für mich in den holte ich 301 „Wir haben bereits ſechs oder ſieben Monat auf einem Schloß gewohnt,“ antwortete er;„aber ich konnte es nicht aushalten. Ich werde krank und traurig: der Seewind muß mir einige Stunden täglich über die Stirne blaſen, ſonſt werde ich fade und dumm wie ein Fiſch.“ Er fragte mich haſtig, ob ich nicht mit ihm nach ſeiner Hütte gehen und ſein Mittagsmahl theilen wollte; aber ich hatte meinen Imbiß bei mir und lehnte es ab. Den Hügel hinabſteigend, rief er der alten Frau nach, und ich ſah ſie Beide, Arm in Arm, das Häuschen betreten. „Aber, um Gotteswillen, die Geſchichte!“ wurde gerufen. „Geduld, wir ſind daran,“ ſagte der alte Apo⸗ theker mit unzerſtörbarer Ruhe.„Richt lang hernach kam der Fiſcher wieder zu mir. Dießmal hielt er ein Schiffchen mit Maſt und Segeln unter dem Arme, und als er ſich mir genähert hatte, ſagte er: „Das Mütterchen macht ihr Mittagsſchläfchen. Ich habe hier ein kleines Schifſchen, woran ich ſeit zwei Monaten gearbeitet habe. Es würde viel hüb⸗ ſcher ſein, nicht wahr, Herr, wenn rings herum ein rothes Band gemalt wäre;— und wenn auf dem Spiegel ſo Etwas wie eine Sonne, ein Mond oder ein Stern ſtände, damit man dem Schifſchen einen Namen geben könnte?“ „Und Ihr wollt mich erſuchen, das Schifſchen für Euch zu malen?“ fragte ich, laut auflachend. „Nein, Herr, ich wollte Sie bitten, mir ein Bis⸗ chen rothe und gelbe Farbe aus dieſen Bläschen, und ein Pinſelchen zu geben. Ich werde mich eine Weile 302 damit unterhalten, daß ich das Schiffchen bemale, ſo gut ich kann. Es ſoll nur zu einem Spielzeug für ein Kind dienen.“ „Ihr habt Kinder, Freund?“ fragte ich. „So glücklich bin ich nicht,“ antwortete er mit einem Seufzer.„Das Schifſchen iſt für den kleinen Joſeph, mein Vetterchen. Das iſt ein Kind, Herr, ſo ſchön, ſo bezaubernd, ſo gewandt, ſo geſcheidt, wie das Kind eines Königs! Die Zeit naht, da ſein Vater und ſeine Mutter uns gewöhnlich in den Dünen einen Beſuch machen. Ich habe meinem Vetterchen Joſeph ein hübſches Schiffchen verſprochen. Das Kind wird verwundert ſein und nicht begreifen können, woher ich alle die ſchönen Farben bekommen habe.“ Während er dieſe letzten Worte ſprach, hatte der alte Fiſcher ſich hinter mir auf dem Sande nieder⸗ geſetzt, mit dem Schiffchen auf den Knieen. Er ver⸗ tiefte ſich nun ſo ganz und gar in ſeine Malerei, daß unſer Geſpräch abbrach, und wir, jeder nach ſeiner Weiſe, im Stillen unſere Arbeit fortſetzten. „Nun, machen wir's kurz, Sie treiben Spott mit uns,“ ſagte derjenige, welcher dem Erzähler zunächſt ſaß.„Wann wird die Geſchichte einmal beginnen?“ „Sogleich, nur Geduld,“ antwortete der alte Apotheker, in ſeiner Erzählung fortfahrend.„Einige Zeit hernach ſah ich unerwartet zwiſchen zwei Dünen einen uralten Mann von beſonders hoher Geſtalt, zwiſchen zwei Kindern einherſchreitend, einem Knaben und einem Mädchen, die ihn, jedes an einer Hand, hielten und zu leiten ſchienen. Ich zweifelte nicht, daß der Greis blind ſein mußte, denn ſeine Schritte * — — waren Auge ſo vi den o aus d immer erſchie ein H vermu wöhnl Mutte an ſei ten ih Je dieſer brecher mich i der A chen, der ſch mir e Fürſti höchſte über e zu der im Sc vergaß ſagt n auf E iſt ein „G emale, ſo elzeug für h. te er mit en kleinen nd, Herr, heidt, wie da ſein i den meinem rſprochen. begreifen emmen hatte der e nieder⸗ Er ver⸗ Malerei, eder nach etzten. pott mit zunächſt ginnen?“ der alte „Einige ei Dünen Geſtalt, Knaben er Hand, lte nicht, Schritte — — 303 waren wankend und unſicher. Ich richtete jedoch mein Auge mehr auf die zwei lieben Kinder, welche mit ſo viel Sorge und den Zeichen der äußerſten Liebe den alten Mann jedem Seedorn oder Grasbüſchel aus dem Wege gehen ließen, damit er ſeinen Fuß immer auf freien, ebenen Grund ſetzen könnte. Bald erſchienen hinter dem Greiſe noch andere Perſonen: ein Herr, deſſen Kleidung einen ſehr reichen Mann vermuthen ließ, und eine Frau von mehr als ge⸗ wöhnlicher Größe, welche ſeine Gattin und die Mutter der lieben Kinder ſein mußte; denn ſie ſchritt an ſeinem Arme einher, und zwei Dienſtmägde folg⸗ ten ihr. Ich weiß nicht, wie es kam; aber die Gruppe dieſer Leute beſtimmte mich, meine Arbeit zu unter⸗ brechen, und feſſelte meine Aufmerkſamkeit. Was mich überraſchte und nachdenklich machte, war wohl der Anblick des blinden Greiſes und der zwei Engel⸗ chen, die ihn führten; aber noch mehr der Anblick der ſchönen, impoſanten Frauengeſtalt, deren Gang mir edel und ruhig ſchien, wie der Gang einer Fürſtin. Ich zweifelte nicht, dieſe Leute mußten der höchſten Claſſe der Geſellſchaft angehören. Um dar⸗ über einige Aufklärung zu erhalten, wandte ich mich zu dem Fiſcher um, der noch mit ſeinem Schiffchen im Schooße über dem Malen Alles um ſich herum vergaß. „Ei, Freund,“ ſagte ich,„ſteht einmal auf und ſagt mir, wer die Perſonen ſind, welche dort unten auf Euer Häuschen zugehen zu wollen ſcheinen? Es iſt ein blinder Greis und eine wunderſchöne Frau..“ „Ein blinder Greis? Eine wunderſchöne Frau? 304 Unmöglich!“ rief der Fiſcher in freudigem Ton, und ſo ſchnell ſich aufrichtend, als wären ſeine Nerven Springfedern geweſen. Sobald er einen Blick in die Tiefe geworfen hatte, hb er die Arme jubelnd in die Höhe; und während Thränen ihm über die Wangen floßen, ſchrie er, daß es über Düne und Thal erſchallte: „Ah, mein guter Simon! Bella Stock, meine Nichte! Mein liebes Vetterchen Joſeph! Herr von Milval!“ Und indem er dieſen Willkommsruf ausſtieß, lief er die Anhöhe hinunter;— aber die Kinder hatten ihn bemerkt. Sie verließen den blinden Greis und kamen jubelnd dem Fiſcher entgegengeſtürmt. Ich hörte den Ruf:„Vetter Joſeph! Lieber Pathe!“ zehnmal aus der Bruſt der Kinder aufſteigen; ich ſah, wie das Mädchen dem Fiſcher die Hände küßte und ſtreichelte, während der Knabe, raſch wie ein Eichhörnchen, ſich ihm auf die Schultern ſetzte und ſo die Aermchen ihm um den grauen Kopf ſchloß. Ich ſah eine Weile hernach, wie der Fiſcher den Blinden umhalste, und wie er mit dem Herrn und der Dame lange Zeit die zärtlichſten Händedrücke wechſelte. Ich glaubte ſogar zu bemerken, daß auf den Geſichtern von allen dieſen Perſonen Thränen in der Sonne erglänzten. Wie dem ſein mochte, es iſt leicht begreiflich, daß dieſes Schauſpiel mich leb⸗ haft intereſſirte und meine Neugierde in hohem Grade erregt hatte. Der alte Apotheker nahm ſein Glas vom Tiſche, trank es halb aus und ſagte: „Nun, die Geſchichte.“ — „C ſeinen Ei theker Fiſche ſpäter um di ſeltſan „( der 6 „Die mädch ſteht dieſer gen i Je rung mögli ein E ſtand gethan vom Sturn ſie ha laden Jahr zurück Co Ton, und e Neren Blick in juben über die 5 üne nd meine Herr von ſtieß, lief er hatten reis und nt. Ich Pathe!“ gen; ich ide küßte wie ein etzte und f ſchloß. cher den errn und ndedrücke daß auf Thränen ochte, es mich leb⸗ hem n Tiſche, „Gott ſei gelobt, es iſt Zeit!“ rief einer von ſeinen Genoſſen. Ein Augenblickchen noch Geduld,“ fuhr der Apo⸗ theker fort.„Ihr ſollt Wunderdinge hören.“— Der Fiſcher, welcher ſein Schiffchen vergeſſen hatte, kam ſpäter mit den zwei Kindern an der Hand zu mir, um daſſelbe zu holen. „Aber Freund,“ ſagte ich zu ihm,„entſchuldigt meine Neugierde. Iſt die Mutter dieſer allerliebſten Kinder, iſt die auffallend ſchöne Dame Eure Nichte? Mein Verſtand ſteht mir darob ſtill: das iſt ein ſeltſames Räthſel.“ „Gewiß, Herr, ein ſeltſames Räthſel,“ antwortete der Greis mit ſichtbarem Stolze in ſeinem Blicke. „Die Frau, ſo ſchön wie eine Königin, iſt ein Fiſcher⸗ mädchen, und das Häuschen, das ſie bewohnt hat, ſteht drei Bogenſchüſſe von hier. Und ſehen Sie! dieſer ſchwarze Krauskopf mit ſeinen funkelnden Au⸗ gen iſt mein Pathenkind, Joſeph von Milval.“ Ich ſchaute ihn mit einem Ausdruck der Verwir⸗ rung an. „Sie können nicht' begreifen, wie ſolche Dinge möglich ſind?“ ſagte er.„Herr von Milval war ein Emigrant, zur Zeit der Republik; ſein Kopf ſtand auf dem Spiel. Meine Nichte hat Wunder gethan, ihn zu retten; ſie hat ihn, ſo zu ſagen, vom Tode auferweckt; ſie hat ihn im ſchrecklichen Sturm auf einem Fiſcherboote dem Tode entführt; ſie hat ihn erlöst, als bereits die Musketen ge⸗ laden waren, ihn vor den Kopf zu ſchießen. Im Jahr 1803 durfte Herr von Milval nach Frankreich zurückkehren, und Kaiſer Napoleon hat ihm den größ⸗ Conſeienee, Bella Stock. 20 ten Theil ſeiner väterlichen Güter zurückgegeben. Herr von Milval iſt ein edelmüthiger und dankbarer Mann; er hat vor der Kugel erklärt, wenn er vom Tode verſchont geblieben wäre, ſo würde er ſein Leben dem Glück meiner Nichte geweiht haben. Nun, die Löſung des Räthſels iſt, daß er ſein Wort ge⸗ halten und meine Nichte zu ſeiner vielgeliebten Gattin gemacht hat. Gott iſt gerecht, Herr. Er hat dieſe Ehe mit ſeinem Segen überhäuft. Von jener Zeit an iſt das Glück dieſer theuern Familie noch nicht durch einen einzigen Augenblick von Kum⸗ mer oder Krankheit geſtört worden. Auf dem Schloſſe, wo ſie wohnen, Herr, iſt es gerade wie im Himmel. Nichts als Liebe und Freundſchaft! Ich werde wohl auch noch dorthin ziehen müſſen: Frau von Milval will ihre Tante Klär auf dem Schloß haben, um dem blinden Simon Stock Geſellſchaft zu leiſten. Ich habe jetzt keine Zeit, um dieß Alles der Länge und Breite nach zu erklären; aber wenn Sie morgen noch in den Dünen ſind, ſo will ich Ihnen Wunder⸗ dinge erzählen von meiner Nichte Bella Stock und von ihrem gegenwärtigen Gemahl, dem Emigranten de Milval.“ „Gewiß werde ich in den Dünen bleiben, und wäre es auch nur, um dieſe intereſſante Geſchichte von Euch erzählen zu hören,“ ſagte ich. „Iſt es jetzt aus?“ fragte einer der Zuhörer. „Noch lange nicht; jetzt fängt es erſt recht an,“ antwortete der Apotheker, einen Schluck aus ſeinem Glaſe nehmend.„Des andern Tags, am Morgen, als der Fiſcher zu mir kam, begann er ſeine Erzäh⸗ lung folgendermaßen.. Ei brach ſpran ſagte „ nicht aus k daß e Jemat „Mor Herrc ſo we aller Morg Ur gen ſe D in das den b! geſtütz von 8 Ge nicht anders aufme hörte, beſtim dem l falls e gegeben. ankbarer er vom er ſein Nun, Lort ge⸗ eliebten Er Von Familie nKum⸗ Schloſſe, Himmel. de wohl Milval n um leiſten. Länge morgen Lunder⸗ ock und granten n, und eſchichte örer. ht an,“ ſeinem Rorgen, Erzäh⸗ 307 Ein Metallklang, wie von dem Schlag einer Uhr, brach die Rede des Apothekers plötzlich ab. Er ſprang auf, leerte ſein Glas bis auf den Boden und ſagte heftig: „Himmel, es ſchlägt zehn Uhr! Meine Frau wird nicht wenig ſauer ſehen! ich höre ſie ſchon von hier aus keifen. Gute Nacht!“ „Aber jetzt laſſen Sie den Herrn daſtehen, ohne daß er das Ende Ihrer Geſchichte weiß,“ bemerkte Jemand. „Ja, ich kann nicht helfen,“ ſagte der Apotheker. „Morgen Abend will ich weiter erzählen. Will der Herr am Vormittag mich mit einem Beſuche beehren, ſo werde ich ihm die Geſchichte von Bella Stock in aller Ausführlichkeit erzählen. Adieu, Adieu bis Morgen!“ Und er lief zur Thüre hinaus, trotz der Bemühun⸗ gen ſeiner Freunde, ihn zurückzuhalten. Des andern Tages begab ſich der fremde Beſucher in das Haus des Apothekers. Mehr als zwei Stun⸗ den blieb er, mit dem Ellenbogen auf den Ladentiſch geſtützt, und hörte der Erzählung der Begebenheiten von Bella Stock und dem geflüchteten Edelmann zu Geneigter Leſer, Du haſt es bereits errathen, nicht wahr? Der fremde Beſucher war Niemand anders, als Dein ergebener Diener. Wenn er ſo aufmerkſam der Erzählung des alten Apothekers zu⸗ hörte, ſo wurde er dabei nur durch die Hoffnung beſtimmt, daß er ſeinerſeits Dir die Geſchichte von dem liebreichen und muthvollen Fiſchermädchen gleich⸗ falls erzählen könnte. 308 Um dieß nach Gebühr zu thun, hat er ſeitdem mehrmals den Strand von Adinkirchen beſucht; er hat die einfachen Sitten der Fiſcher erforſcht, ihren Gewohnheiten nachgeſpürt, mit ihnen verkehrt und gegeſſen, mit ihnen Tag und Nacht auf der See zugebracht und ſo keine Mühe geſpart, um die Natur und die Menſchen der flämiſchen Seeküſten kennen zu lernen. Möge dieſes Werk, die Frucht aufrichtiger Be⸗ ſtrebungen, ſeinen Freunden willkommen ſein! Ende. ſeitdem cht; er ihren rt n e See Natur kennen er Be⸗