S S—S Leihbibliothekt deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur von 6dnard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. 5 — . 0 6 2 — Leiß- und Keſebedingungen. 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von † jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ₰ den angenommen. ſ 3. Cäution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: — ſ [ 1 — — S Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr. 50 Pf. 2 Mi.— Pf. „„„„„—„ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder vefecte Buch ein Theil eines größeten Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen 6 der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ 4 ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ————— 4 7 * — S S* Dus Teid der Leit. Eine Geſchichte unſerer Tage. von Hendrik Conſcience. Aus dem Flämiſchen von Dr. C. Büchele. N 3 S Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. 1860. —— —— Heuck der K. Hofbuchdruckerei Zu Guttenberg in Stuttgact. Der Wulfhof erhebt ſich auf einer ſchönen An⸗ höhe in dem fruchtbarſten und ſchönſten Theile Weſt⸗ flanderns. Gegenwärtig ſcheint er blos ein ausgedehnter Pachthof zu ſein, mit einer ziemlich großen Herren⸗ wohnung, die möglicher Weiſe nur zum Sommerauf⸗ enthalt für den Eigenthümer beſtimmt iſt. Zu bei⸗ den Seiten des Eingangs ſind Ställe und Scheunen erbaut; nicht weit vom Herrenhauſe ſelbſt liegt ein umfangreicher Düngerhaufen, worauf Hühner, Tau⸗ ben, Truthähne und ſelbſt Schweine ihre einzige Nah⸗ rung ſuchen. Man ſieht Knechte, die mit den Kar⸗ ren vom Felde kommen, Mägde, die Futter für das Vieh bringen, Arbeitsleute, die Getreideſäcke auf igen Wagen laden; man hört den Schlag des 3 Iflegels, das Klappern der Kornmühlen, das Rühren vom Butterfaß, und dazwiſchen das Wiehern der Pferde, das Brüllen der Kühe und das Blöcken der Scfe... Es herrſcht Betriebſamkeit und Leben uj dem Wulfhof, und der Eigenthümer oder Pächter iſt ohne Zweifel ein Mann, der ſeinen Zweck mit feſtem Willen und mit Glück zu verfolgen weiß. 1 4 In frühern Zeiten mochte der Wulfhof ein herr⸗ ſchaftliches Schloß geweſen ſein. Man bemerkt zur Linken von dem neumodiſcheren Hauſe einen alten Thurm mit Schießſcharten und Zinnen; und die Brücke über den Graben, auf drei Bögen ruhend, wovon die beiden äußerſten beinahe in der Erde be⸗ graben ſind, gibt gleichfalls Zeugniß, daß ſie ehedem mit ſchweren, rohen Gebäuden in Verbindung ſtand. Dieſer Theil von Weſtflandern war ſonſt mit adeligen Schlöſſern bedeckt, von deren Pracht und Stärke die Chroniken piel zu ſagen wiſſen; aber in Folge des unaufhörlichen Anwachſens einer thätigen Bevölkerung wurden die Beſitzungen allmälig ſo ver⸗ theilt und das Gebiet der Lehnsherren dermaßen verkleinert, daß die alten Schlöſſer mitten auf den Feldern ohne Herrſchaft daſtanden, als Erinnerungen an geſellſchaftliche Verhältniſſe, welche für alle Zeiten verſchwunden ſind. Endlich kam der Pflug bis an den Fuß der verlaſſenen Schlöſſer, ſeine Furchen zu ziehen, und der Landmann, durch Reichthum ſtark, trug die nutzloſen Ueberbleibſel bis auf den Grund ab und baute ſich aus dem rumpfartigen Knochen⸗ gerüſte der mittelalterlichen Mauern ſelbſt Ställe und Scheunen. Daß der Wulfhof einem ähnlichen Looſe verfpl⸗ len war und ehemals eine ritterliche Behauſungßhe⸗ weſen ſein mußte, dieß ließ ſich vor allem aus ſeiner Lage auf der höchſten Anhöhe der Umgegend ſchlie⸗ ßen. Dieſe war allerdings für den Lanbeh nicht günſtig, während dagegen zu der Befeſtiguno eines adeligen Schloſſes ſich kein geſchickterer Pios ausfin⸗ dig machen ließ. err⸗ zur ten die nd, be⸗ em nd. mit ind in gen er⸗ ßen den gen ten zu ark, ind en⸗ und fol⸗ ner lie⸗ icht nes fin⸗ 5 8 Um ſich hievon zu überzeugen, durfte man ſich nur hinter dem Herrenhauſe auf ein von Steinen auf⸗ geführtes Belvedere ſtellen. Von dieſem Punkte aus beherrſchte man den ganzen Landſtrich. Gegen Süden ſah man, wie der Boden ſich plötzlich zu einem Thal abſenkte, dann ſich wieder erhob und in ſtets ſich vermindernden Wellenbewegungen allmälig zu einer grünen Fläche öffnete, über welche die Schelde in gekrümmtem Bogen hinſtrömte. Auf allen Seiten zeigten ſich Kirchthürme über den Bäumen; man konnte gleich einem Vogel, der durch die Lüfte fliegt, die Ortſchaften Avelghem, St. Denys, Moen, Buſſuyt, Autryve und noch viele andere mit einem einzigen Blick umfaſſen. In der Ferne, über der Schelde, erhob der Kluisberg ſeine Spitze, die mit dunkeln Tannenwäl⸗ dern bekrönt iſt; und endlich ruhte das Auge, ehe es ſich in der grenzenloſen Fernſicht verlor, auf den weichen und wellenförmigen Umriſſen des Dreifaltig⸗ keitsberges, der gleichſam als Mertzeichen die Stelle ankündigt, wo die walloniſche Stadt Doornick um den erhabenſten Tempel von Belgien herum erbaut iſt Kehrte man ſich nach Beſchauung dieſer maleri⸗ ſchen Strecke nordwärts, ſo ſah man zuerſt ein aus⸗ gedehntes Thal, gleich einem Becken zwiſchen vielen Hügeln. Die Wände dieſer Tiefe waren mit dichten Bäumen begrünt, die ſelbſt ſtufenweiſe in Gruppen ſich abzuſenken ſchienen; mehr nach dem Grunde des Thales zu und längs ſeiner Abhänge breitete die Rübenſaat ihre xlithen in goldgelbem Teppich aus; der Flachs zeigte ſein glänzendes Grün, das Getreide hob ſich wogend unter dem ſanften Athem der Lüfte. 6 Man bemerkte auf den gräulichen Wegen Pferde, de Karren und Landleute, die bei der Arbeit ab⸗ und we zugingen; auf den Feldern Hunderte von Frauen, 5 de die reihenweiſe damit beſchäftigt waren, die künftige de Flachserndte von dem wuchernden Unkraut zu rei⸗ nigen; auf den niedrigen Waiden ganz auf dem ſtr Grund der Tiefe eine Wolke ſcheckigter Kühe und vo zwiſchen dem graſenden Vieh kleine Knaben und in Mädchen, die mit den hellen Tönen ihrer Stimmen ur und dem luſtigen Knallen der Peitſche den Wieder⸗ w 1. hall des Thales weckten. 5 Nachdem der Beobachter an dieſem Schauplatz der . Arbeit, der ſich lebendig unter ſeinem Blicke aus⸗ P dehnte, erquickt hatte, erhob er ſein Auge wieder lö von dem Wulfhof und ſah über den erſten Hügel⸗ te . rücken und einige niedrigere Anhöhen in die weite A Ferne. Da ſtelite ſich vor ihm ein ſeltſames Schau⸗ ſä . ſpiel dar: alle die Bäume, wiewohl nur ſpärlich in th 1 jener Gegend fortkommend, verſchmolzen ſich zu ei⸗ B 2 nem einzigen endloſen Wald, deſſen Laubwerk zuerſt unter dem Sonnenlicht mit erkennbaren Formen in he feſten Tinten prangte, dann allmälig zu ungewiſſen de Umriſſen ſich abſchwächte und unter einem lichten zu Nebel verbläute, bis daß Alles am Horizonte hin S unfaßbar in der Luft verſchwamm, als ob die Unend⸗ F ₰ lichteit allein die Ausſicht von dem Wulfhof be⸗ ſc ſchränkt hätte. w Nur zwei oder drei dunklere Punkte unterbrachen de die Einförmigkeit dieſer nebelhaften Ferne; die graue 6 K Spitze gegen Nordweſten konnte nichts Anderes ſein, als der Thurm der St. Martinskirche zu Kortryk; he — te. de, nd en, ige rei⸗ em nd ind nen er⸗ der us⸗ der gel⸗ eite au⸗ in ei⸗ erſt in ſſen ten hin nd⸗ hen aue ein, und was noch undeutlicher, ganz gegen Norden, an dem Horizonte ſich hin und her zu bewegen ſchien, war ohne Zweifel der uralte Thurm zu Harelbecke, der Ort, wo die Wiege der erſten Grafen von Flan⸗ dern geſtanden hatte. Alſo beherrſchte der Wulfhof den ganzen Land⸗ ſtrich in der Runde, und das adelige Schloß, das vor Zeiten ſeine trotzigen Thürme emporſtreckte, glich in Wahrheit einem Neſte von Adlern, die von einem unerklimmbaren Felſen die umliegenden Thäler be⸗ wachten, bereit, auf Alles niederzuſtürzen, was deren Habgier verlockte, oder deren Uebermuth reizte. Ein Glück für die Menſchheit, daß Weberſchiffchen, Pflug und Hammer das ſtets gezogene Schwerdt ab⸗ lösten; daß der Wulfhof und ſo viele andere mit⸗ telalterliche Burgen nunmehr von dem Lärm der Arbeit ertönten, anſtatt unter den wüſten Kriegsge⸗ ſängen zu erzittern, die nichts zu preiſen hatten, als erkauften Ruhm und grauſam vergoſſenes t. Eines Tages, es mag nun drei oder vier Jahre her ſein, waren die Dienſtboten nach Gewohnheit auf dem Wulfhof mit allerlei Arbeit beſchäftigt. Die zwei Kuhmägde und ein Knecht kamen gerade in den Stall, mit einem großen kupfernen Keſſel, worin ſich Futter für das Vieh befand, und deſſen Inhalt ſehr ſchwer ſein mußte; denn der Knecht und die Mägde wankten auf den Beinen und erlagen beinahe unter dem Druck der dicken Stange, woran der rieſige Keſſel hing. Sobald ſie ihre Laſt in dem Stall niedergeſetzt hatten, begannen die Mägde tief und lang Athem Rentmeiſter nicht ſelbſt war?“ zu holen; der Knecht, welcher zornig erregt ſchien, ſchloß die Thüre, durch welche ſie gekommen waren, und ſagte mit gedämpfter Stimme: „Er iſt hinaufgegangen, der Menſchenſchinder!“ dann, ſich mit über der Bruſt gekreuzten Armen vor die Mägde hinſtellend, rief er grimmig aus: „Wahrhaftig, es iſt nicht mehr auf dem Wulfhof auszuhalten! DBer alte Jſegrim ſitzt uns vom Mor⸗ gen bis zum Abend auf dem Halſe; man kann von der Arbeit nicht aufſchauen, oder er ſteht daneben und durchbohrt Dich mit ſeinen Glasaugen. Ich glaube, daß dahinter Etwas ſteckt, das iſt ſo klar, wie Regenwaſſer. Gehe nach dem Holzplatz dahin⸗ ten, nach den Waiden da unten, verbirg Dich in dem Korn, verkrieche Dich in der Scheune, es iſt Alles gleich; ſobald Du Athem zu holen wagſt, ſteht der alte Quälgeiſt daneben! Und, was gewiß nicht mit rechten Dingen zugeht, er iſt geſtern an vier Orten zugleich erſchienen! Gott ſegne uns! Ich wage nicht zu ſagen, was ich denke.— Ja, ja, lache nur, Katharine: es werden hier noch ſeltſame Dinge vor⸗ gehen. „Du biſt ein Narr,“ antwortete eine der Mägde. „Seit einiger Zeit träumt Dir von Nichts, als Hexe⸗ rei und Spuck. Haſt Du Montag Abend nicht den ganzen Wulfhof in Schrecken geſetzt und geſchrieen wie ein Schwein, weil Du den Teufel im Stall ge⸗ ſehen zu haben meinteſt?“ „Ich hab ihn geſehen!“ verſicherte der Knecht, „geſehen, wie ich Zich ſehe, mit zwei Hörnern und Augen, glühend wie Feuer. Wer weiß, ob es der es er nit en cht ur, or⸗ de. re⸗ en en ge⸗ ht, ind der 9 „Wohl, wohl, Du Haſenfuß!“ ſcherzte die Magd; „es war eine Gabel, die in der Stallecke ſtand; Du haſt ihre zwei Spitzen für die Hörner des Teufels genommen; und der Wiederſchein Deiner Laterne in . Stall hat Dich zwei funkelnde Augen ſehen aſſen.“ „So? Du glaubſt, daß ich wegen einer ſolchen Kleinigkeit vor Schrecken durch die Miſtpfütze laufen werde? Und, auf alle Fälle, iſt es gleich, ich bleibe auf dieſem verwünſchten Hofe nicht mehr.“ Die andere Magd, eine junge, blühende Bäuerin, hatte keinen Antheil an dieſem Geſpräch genommen. Sie war damit beſchäftigt, das Futter aus dem Keſſel zu ſchöpfen und in Kübel für die Kühe zu ſchütten. „Und wann gedenkſt Du von hier weg zu gehen?“ fragte Katharine, die nun auch an der Arbeit mit⸗ zuhelfen begann. „Wenn ich es ſo lang noch aushalten kann, bleibe ich bis St. Peter; länger nicht.“ „Nun, dann gehe ich mit; es fängt an, mir auch hier unheimlich zu werden.“ „Wer möchte noch auf dem Wulfhof bleiben, bei einem ſo harten und verdrießlichen Leben?“ erwi⸗ derte der Knecht.„Als ich mich hieher verdingte,— es mag wohl zehn Jahre her ſein,— da war der junge Herr Daniel von Hoogeland noch zu Hauſe. Wie gut und fröhlich war es da auf dem Wulfhof! Jedermann war da zufrieden, man hörte nichts, als freundliche Worte, und Alles war recht, was geſchah; aber ſeitdem Junker von Hoogeland nach Paris ge⸗ gangen, iſt der alte Rentmeiſter allmälig ſo böſe und S— 10 habgierig geworden, daß man wohl ein Engel ſein müßte, um es mit ihm auszuhalten. Er gönnt uns keinen Augenblick mehr Ruhe, er zieht uns das Brod aus dem Munde; er gibt auf den geringſten Strohhalm Acht, der verloren geht. Immer vor der Sonne auf, immer wachend bis in die Nocht; niemals zufrieden, immer ſcheltend, habſüchtig und mitleidlos, als hätte er kein Herz mehr für den armen Arbeiter.“ „So? hat er Dich alſo mit Worten geſtraft?“ fragte die Magd verwundert.„Das iſt etwas Neues: er iſt nicht gewohnt, viel zu reden.“ „Es ſind ſeine Augen, die ich nicht vertragen kann!“ ſagte der Knecht.„Wenn er ſo unerwartet erſcheint und mit ſeinem bleichen Geſicht, gleich einem Geiſt, ſtumm und bewegungslos mich anſieht, dann wird es mir kalt bis in die Beine; daher kommen dann ſo häßliche Träume, die mich nicht ſchlafen laſſen. Siehe, Du magſt mich auslachen oder nicht; aber daß der Rentmeiſier eine ſchreckliche Sünde auf dem Gewiſſen liegen hat, das ſollſt Du mir nicht aus dem Kopfe reden; und ich möchte nicht gern ſeiner Seele nachgehen, wenn er ſtirbt.“ Die jüngſte der beiden Mägde ließ jetzt ihre Ar⸗ beit ſtehen und ſagte mit einer leichten Geringſchätzung in der Stimme: „Thomas, Du thuſt ſehr ſchlecht daran, ſo von Herrn Willibald zu ſprechen. Du ſollteſt vielmehr Mitleid mit ihm haben. Siehſt Du nicht, daß er leider von Tag zu Tag mehr abmagert? Wenn es ſo fortgeht, wird er nicht lange mehr leben!. Und daß er für unſern jungen Herrn Daniel ſorgt in ns as en or t: nd en 24 8: 11 ſpart, iſt das nicht rechtſchaffen und gut ge⸗ than?“ „Ja, Du haſt ihm gut das Wort reden, Barbara,“ fiel ihr der Knecht ein,„da Du alle Morgen die friſche Milch nach dem Londgute der Frau van Berg tragen darfſt und dort ein fettes Trinkgeld erhältſt. Du biſt auch ſo geldgierig und ſparſt, weil Du den Lumpen Jodokus zu heirathen hoffeſt, der mit nach Paris gegangen iſt, um unſerem jungen Herrn die Stiefel zu putzen. Du magſt ihn haben, den groben Dummkopf! Werde deßhalb nur nicht roth, Barbara. Und was das Sparen und Zuſammenſcharren von Rentmeiſtern und Einnehmern betrifft, ſo laß uns lieber davon gar nicht reden. Es iſt doch zu verwundern, daß ſie am Ende alle zu⸗ ſammen reicher werden, als ihre Herren.... Pſt! Still! Da iſt der Wehrwolf, glaube ich!“ Was ihn auf den Gedanken brachte, daß der Rentmeiſter auf dem Hofraume unter den Arbeitern ſich zeigte, war das plötzliche Verſtummen aller Stimmen und eine gewiſſe Stille, welche der Unter⸗ haltung der Arbeitsleute ein Ziel ſetzte. Die Mägde hoben, ohne ein Wort zu ſprechen, den leeren Kuhkeſſel vom Boden auf und gingen damit in das Haus; der Knecht griff nach einer Gabel und begab ſich auf den offenen Platz zu ſei⸗ nen Kamaraden, die mit Aufladen von Dünger be⸗ ſchäftigt waren. Er ſchien zu beben und wandte ſein Geſicht ab, um den Mann nicht zu ſehen, deſſen kalter und ſtarrer Blick ihm Schrecken einflößte. Herr Willibald, der alte Rentmeiſter vom Wulfhof, der nun auf der Thürſchwelle des Herren⸗ —— ——— 12 hauſes ſtand, verdiente ſicher die beſchimpfende Ver⸗ dächtigung des Knechtes nicht. Wohl ſchien ſein blitzendes Auge mit ſeltſamem Ausdruck unter den Arbeitsleuten zu weilen; wohl liefen über ſeine Wan⸗ gen zwei tiefe Runzeln, durch Kummer und düſtere Gedanken eingegraben, aber es lag in ſeinem ganzen Weſen etwas ſo Edles, ſo Melancholiſches und ſelbſt ſo Sanftes, daß ein nicht voraus eingenommener Beobachter auf den erſten Blick ohne Zweifel Achtung und Mitgefühl für den leidenden Mann empfinden mußte. Wenn man nur nach ſeinem magern und verwelkten Ausſehen und nach den weißen Haaren, die in ſchneeigen Locken über ſeine Schläfe fielen, urtheilte, würde man dem Rentmeiſter leicht ſiebzig Jahre gegeben haben, obwohl er die ſechszig noch nicht erreicht hatte; aber der Glanz ſeiner Augen und ſeine feſte Haltung ſtraften die erſte Vermuthung Lügen; und es war wohl zu erſehen, daß in dem Herzen dieſes Mannes neben einem nagenden Kum⸗ mer auch ein Schatz von Muth und Seelenkraft be⸗ graben lag. Er blieb eine Weile völlig bewegungslos auf der Schwelle des Hauſes ſtehen und ſchaute, wie in ferne Gedanken verſunken, über den Vorplatz und auf die Werkleute. Dieſe arbeiteten emſig und ſtille fort; aber es mochte wohl bei den meiſten eher ein Gefühl von Achtung als von Furcht ſein, was ſie zur eifrigen Verrichtung ihres Tagewerks antrieb. Herr Willibald trat endlich mit langſamen Schritten auf den Vorplatz und wandelte ſchweigend zwiſchen den Arbeitern hin. Hier las er einige Korn⸗ ähren zuſammen, welche die Dreſcher hatten fallen er⸗ ein den an⸗ ere zen bſt er ng en nd en, en, zig ch en g 13 laſſen, dort warf ex eine Kartoffel in den Schweins⸗ trog, damit ſie nicht zertreten würde; darauf hob er einen verlorenen Hufeiſen⸗Nagel vom Boden auf und ſteckte ihn in ſeine Rocktaſche. Die Arbeiter be⸗ obachteten verſtohlenen Blickes dieſe Zeichen einer übertriebenen Sparſamkeit, und einige zuckten ſelbſt insgeheim die Achſeln darüber. In dieſem Augenblick kam ein Herr über die Brücke des Wulfhofs. Als derſelbe von ferne den Rentmeiſter ſuchend und herumſpähend über den Vor⸗ platz ſchleichen ſah, blieb er ſtehen und ſchüttelte halb lächelnd, halb mitleidig den Kopf. Aber der alte Willibald bemerkte ihn ſogleich. Ein Ausdruck zurückgehaltener Freude erhellte des Greiſes Geſicht; er ging auf den Eintretenden zu, faßte offen ſeine Hand und führte ihn eilig ins Haus hinein, als wäre er beſorgt geweſen, die Arbeitsleute könnten hören, was er ſagen wollte. In einem Hinterzimmer, von wo ſich eine Aus⸗ ſicht auf das tiefe Thal am Fuß des Hügels er⸗ öffnete, bot er ſeinem Begleiter einen Stuhl an, verſchloß dann ſorgfältig die Thüre, kehrte zurück und ſagte: „Wie freut mich Ihre Ankunft, Herr Notar! Dieſen Morgen bin ich bei Ihnen geweſen; man ſagte mir, S wären nach Kortryk geritten: es that mir ſehr eid.“ „Haben Sie denn ſchlechte Nachrichten erhalten? Iſt etwas Wichtiges in Paris vorgefallen?“ fragte der Andere mit einer gewiſſen Ueberraſchung. „Nein, Herr Notar; aber ich wollte Sie daran erinnern, daß übermorgen der Wechſel von zwanzig⸗ 14 tauſend Francs zur Bezahlung präſentirt werden ſoll. Ich darf hoffen, daß Sie es nicht vergeſſen haben?“ „Ich bin auf Schwierigkeiten geſtoßen, Herr Willi⸗ bald. Frau van Ederdael, die nun bereits hundert⸗ tauſend Franes pfandweiſe auf den Wulfhof vorge⸗ ſchoſſen hat, iſt der Meinung, die Hypothek ſei zu ſchwer belaſtet, als daß ſie noch dieſelbe Sicherheit für ein neues Anlehen gewähren könnte.“ „Aber Frau van Ederdael irrt ſich!“ rief der Greis.„Hat die Schätzung, die wir unlängſt gewiſ⸗ ſenhaft mit einander vorgenommen haben, nicht einen von mehr als zweihunderttauſend Franes er⸗ geben?“ „Was hilft es, wenn Frau van Ederdael daran zu zweifeln geneigt iſt?“ „Sie weigert ſich alſo, uns die zwanzigtauſend Franes zu leihen?“ „Nein, aber ſie verlangt Vier und ein Halb vom Hundert.... Und weil ich durch den Verſuch, bei Andern ein Anlehen aufzunehmen, Ihr Geheimniß in Gefahr bringen müßte, habe ich die Bedingungen der Frau van Ederdael in Ihrem Namen ange⸗ nommen.“ Ein Seufzer ſtieg aus dem Herzen des Greiſes auf; er ließ das Haupt auf die Bruſt fallen und murmelte bei ſich ſelbſt: „Vier und ein Halb vom Hundert! Wie ſoll der Wulfhof alle die Zinſen aufbringen? Ach! die Zu⸗ kunft beginnt mich zu erſchrecken!“ „Morgen Vormittag ſollen die Gelder Ihnen eingehändigt werden,“ ſprach der Notar.„Belieben en ſen lli⸗ rt⸗ ge⸗ eit er iſ⸗ en er⸗ zu nd m bei iß en e⸗ es nd er u⸗ en en 15 Sie mir die Vollmacht anzuvertrauen, welche Ihnen von Junker Daniel ausgeſtellt iſt; ich brauche ſie, um das Dokument aufzuſetzen.“ Herr Willibald ſtand von ſeinem Stuhle auf und verließ ſchweigend das Zimmer. Kurz darauf kehrte er mit einem zuſammenge⸗ falteten Papier zurück, welches er dem Notar zu⸗ — Mit trauriger und tiefbewegter Stimme agte er: 86 danke Ihnen aus dem Grunde meines Her⸗ zens für Ihre freundliche Sorgfalt, Herr Notar; aber noch tiefer bin ich Ihnen dafür verpflichtet, daß Sie als guter Freund getreulich das Geheimniß be⸗ wahrt haben, welches ſo ſchwer auf dem Wulfhof zu laſten beginnt. Im Kummer fühlt die menſchliche Seele mehr als ſonſt die Nothwendigkeit, Troſt bei Gott zu ſuchen; ſeien Sie überzeugt, daß Ihr Name in meinen traurigen Gebeten nicht vergeſſen wer⸗ den ſoll.“ Thränen erſtickten die Stimme des alten Rent⸗ meiſters, als er die letzten Worte ausſprach und mit innigem Dankgefühl die Hand des Notars drückte. „Aber, Herr Willibald,“ rief dieſer in halb zorni⸗ gem Tone,„das geht wahrlich zu weit! Wären Sie ſein eigener Vater, Sie könnten ſich nicht ſo ſehr um das Loos des ſchuldigen Jünglings bekümmern. Sie verzehren Ihr Leben durch Beſorgniß für einen Un⸗ ſinnigen, der ſein elterliches Erbgut in Liederlichkeit vergeudet. Laſſen Sie ſich beſſer berathen: will er ſich in das Verderben ſtürzen, was geht das Sie an, wenn Sie im Uebrigen Ihre Pflicht als ehrlicher Mann erfüllt haben?“ 16 Ein leiſes ſchmerzliches Lächeln war die Antwort des Rentmeiſters. „Setzen Sie ſich nieder, Herr Willibald,“ nahm der Andere wieder das Wort.„Ich will nicht von hier gehen, ohne noch einmal der Stimme meines Gewiſſens Folge zu leiſten. Welche unbegreifliche Verirrung des Gefühls hat Sie ſo mit Blindheit ge⸗ ſchlagen, daß Sie noch an dem unfehlbaren Ende von Herrn Daniels ſtrafbarem Betragen zweifeln können? Er hat jährlich uber zwanzigtauſend Francs verbraucht, als ob ſein väterliches Erbtheil unerſchöpflich wäre, während dagegen noch zwei oder drei Jahre eines ſolchen Lebens es bis auf den letzten Stüber ver⸗ ſchlungen haben werden.“ Der alte Willibald hatte den Kopf geſenkt und ſchaute zu Boden. Eine Weile ſah ihm der Notar in dieſer Haltung zu; dann rückte er ſeinen Stuhl näher, faßte die Hand des Greiſes und ſprach: „Hören Sie, mein Freund, ich will Ihnen ein Mittel anbieten, um allem dieſem Verdruß zu ent⸗ gehen und den Reſt Ihrer Tage in Glück und Frie⸗ den zu beſchließen.“ Der Rentmeiſter ſah den Notar mit einer Art freudiger Verwunderung an. „Ich hätte zu allererſt davon ſprechen ſollen,“ fuhr der Notar fort,„denn deßhalb bin ich heute auf den Wulfhof gekommen. Die Sache iſt folgende: Frau van Ederdael iſt alt und kränklich, und ſie hat beſchloſſen, des Winters ihr Landgut nicht mehr zu verlaſſen. Sie wünſcht eine Perſon zu finden, die bejahrt und von guter Erziehung und Geburt iſt, um Auft Sie bezie und und Zufr finde ſelb Unn wär Her dael Dar mac ohn die frer abe ſetz nick der er ſpr erk e⸗ 17 um ihr Geſellſchaft zu leiſten. Ich komme in ihrem Auftrage, Sie zu erſuchen, dieſe Stelle anzunehmen. Sie ſollen ihr Rentmeiſter ſein, den gleichen Gehalt beziehen, überall mit vollkommener Freiheit ſchalten und walten, und in der Geſellſchaft einer verſtändigen und tugendhaften Edeldame die nöthige Ruhe und ſ zur Wiederherſtellung Ihrer Geſundheit nden.“ „Und Daniel?“ fragte der Greis. „Ueberlaſſen Sie ihn dem Schickſal, das er ſich ſelbſt mit Wiſſen und Willen bereitet hat.“ „Unmöglich, unmöglich!“ rief der Rentmeiſter mit Unwillen.„Wenn ich einer ſolchen Feigheit fähig wäre, für wen ſollte ich leben?.. Tauſend Dank, Herr Notar; bezeugen Sie, ich bitte, Frau van Eder⸗ dael meine volle Erkenntlichkeit;— aber Junker Daniel verlaſſen, nun er vom Unglück bedroht iſt? Schon der Gedanke einer ſolchen Unmenſchlichkeit macht mich zittern!“ Der Notar zuckte die Achſeln, während er nicht ohne Bitterkeit ſprach: „Herr Willibald, ich ſollte mich mit Recht über die Art und Weiſe gekränkt fühlen, womit Sie mein freundſchaftliches Anerbieten von der Hand weiſen; aber Ihre unbegreifliche Liebe zu dem Verſchwender ſetzt mich in ſolches Erſtaunen, daß ich den Muth nicht habe, Ihnen einen Vorwurf zu machen.“ Es ſchien, als ob der ſcharfe Ton des Notars den alten Rentmeiſter ſchmerzlich betroffen hätte; denn er gab ſeinem Geſicht einen flehenden Ausdruck und ſprach mit auffallender Sanftmuth, aber auch mit erhöhtem Nachdruck in der Stimme: Conſcience, Leid der Zeit. 2 —— — — ——— — 18 „Ach, Notar, klagen Sie mich doch nicht an. Was iſt zu verwundern an meiner Liebe für den armen, verirrten Jüngling? Sein ſeliger Vater war der Freund meiner Kindheit; ſpäter wurde er mein Wohlthäter und mein Retter.— Ich lief auch mit blindem Vertrauen auf meine eigene Kraft in die weite Welt hinaus. Meine Jugendjahre waren un⸗ geſtümer Art: ich verſchwendete nicht allein mein Erbtheil, ſondern erſtickte auch in meinem Herzen das Gefühl der Tugend und Pflicht ſo thöricht und auf ſo lange Zeit, daß ich machtlos, entzaubert und vor mir ſelbſt erſchreckend, kein anderes Mittel mehr ſah, um den nagenden Wurm in meinem Gewiſſen zur Ruhe zu bringen, als einen feigen Tod. Daniels Vater hat mich gerettet; ſeine uneigennützige Freund⸗ ſchaft hat mir allein wieder den Glauben an das Gute zurückgegeben. Auf dem Wulfhof fand ich Troſt, Erquickung und Ruhe für meine ermattete und niedergeſchlagene Sgele. Endlich, verſöhnt mit Gott und mit der Menſchheit, wurde ich zu einem neuen Leben geboren. Ich war erſt einige Monate auf dem Wulfhof, als die Gattin meines Retters ſtarb und ihm ein Kind von gerade einem Jahr als Pfand ihrer Liebe hinterließ. Herr van Hoogeland wurde von dieſem Schlag unglaublich tief betroffen; ſeine Geſundheit war ſchon in Folge erlittener Unglücks⸗ fälle wankend geworden. In ſeinem Teſtamente hatte er mich aufgefordert, bei ſeinem Kinde Vormundſchaft und Vaterſtelle zu übernehmen Sehen Sie, Herr Notar, meine Dankbarkeit gegen den Mann, der mich ſo liebreich aus dem Abgrund des Elends und der Verzweiflung emporgehoben hatte, war von unau⸗ einge, die h ſchah ner E theuer ein n deren Gott hat es ſten 2 gewac 54 zugeſte Ergeb verken warun Undan „2 ſchieht, Danie vielleie daß ic rung 1 gegen ie iſ gehen Einfach ßen, u nem H t an. den war mein mit die un⸗ mein das dauf r ſah, nzur miels eund⸗ das d ich und Gott euen auf ſtarb zfand urde ſeine lücks⸗ hatte ſchaft Sie, kann, lends von 19 unausſprechlicher Wärme. Nun, da er in den Himmel eingegangen war, wie konnte ich jemals gegen ihn die heilige Schuld der Dankbarkeit bezahlen? Ge⸗ ſchah es nicht damit, daß ich aus allen Kräften mei⸗ ner Scele das Weſen liebte, welches ihm über Alles theuer war, und worin er vor meinen Augen wieder ein neues Leben gewann? Ob ich dieſe Aufgabe mit der nothwendigen Einſicht erfüllt habe, darüber wird Gott mich richten; aber an Ergebenheit, an Liebe hat es mir nicht gefehlt! Ich habe Daniel die er⸗ ſten Worte zu ſtammeln gelehrt, ich habe über ihm gewacht, ihn erzogen, ihn unterrichtet.. „Es ſei ſo!“ ſiel der Notar ein.„Ich will gerne zugeſtehen, daß Sie dem Kinde Ihres Wohlthäters Ergebenheit ſchuldig waren; aber da er Ihre Liebe verkennt und blindlings in ſein Verderben rennt, warum ſollten Sie Ihr Leben zum Vortheil eines Undankbaren verkürzen?“ „Aber, Notar, wenn ich allein an dem, was ge⸗ ſchieht, ſchuldig wäre? „Sie, Herr Willibald? „Wer weiß? Bin ich bei meinen Bemühungen, Daniels Geiſt mit Kenntniſſen zu bereichern, nicht vielleicht am Ziele vorbeigeſtreift? Habe ich dadurch, daß ich mit ihm einzig von Edelmuth, von Aufopfe⸗ rung und von Seelengröße ſprach, nicht ſein Gemüth gegen die Verlockung der Welt unbewahrt gelaſſen? Wie iſt es, wenn ich es bin, der ihn nach Paris gehen hieß? Er konnte ſeine Tage in glücklicher Einfachheit auf ſeinem väterlichen Landgut beſchlie⸗ ßen, und er wünſchte nichts Anderes; aber in mei⸗ nem Hochmuth träumte ich für Daniel von Vor⸗ 20 theilen, welche eine feine Erziehung und der Verkehr mit der großen Welt dem Mann gewähren können. Bin ich alſo nicht die erſte Urſache ſeiner Verirrung? Und ich ſollte ihn nunmehr ſeinem Schickſale preis⸗ geben? Ihn in ſeinem Unglück verlaſſen? Bezahlt man ſo die unſchätzbare Wohlthat eines Vaters? Wer ſoll dann dem armen Jungen die Hand reichen, um ihn aus dem Verderben emporzureißen, wenn es Gott zuläßt, daß er zu Fall kommt?“ Der Notar hatte mit wahrer Theilnahme der gefühlvollen Erklärung des Rentmeiſters zugehört. Jetzt blieb er eine Weile in ſtilles Nachdenken ver⸗ ſunken; allein nichts deſto weniger begann er, den Kopf zweifelnd zu ſchütteln, und ſagte einen Augen⸗ blick darauf: „Ich bewundere Ihre edelmüthige Geſinnung, Herr Willibald; aber welchen Eindruck Ihre Worte auch auf meinen Geiſt gemacht haben, ſie können mich dennoch nicht verblenden. Im Gegentheil, je höher meine Achtung gegen Sie ſteigt, deſto deutli⸗ cher ſchaue ich in die Zukunft. Soll ich Ihnen ſa⸗ gen, was das Ende von dieſem Allem für Sie ſein wird? Nachtheil, Unehre, Schande! Bieten Sie Ihre letzte Kraft auf, belaſten Sie Ihre grauen Haare mit Unruhe und Kummer, verkürzen Sie Ihr Leben, um zum Vortheile eines Verſchwenders gegen das ſiegreiche Geſchick anzukämpfen; was, glauben Sie, wird Ihnen zum Lohne werden? Der Undank⸗ bare wird Ihnen vorwerfen, daß Sie ſeine Güter ſchlecht verwaltet haben. Vielleicht wird er Sie der Untreue, der Unredlichkeit beſchuldigen... Und auf alle Fälle wird er Ihnen zum Lohne nichts als erkehr nnen. rung? preis⸗ ezahlt ters? ichen, wenn ehört. ver⸗ „den ugen⸗ nung, Worte önnen il, je eutli⸗ en ſa⸗ e ſein Sie rauen e Ihr gegen auben dank⸗ Güter ie der Und s als 21 ſeine Verachtung und ſeinen Haß zu Theil werden laſſen.“ Während der Notar dieſe Worte mit vielem Nach⸗ druck ausſprach, ſchaute Herr Willibald ihm bebend in die Augen; und er hatte die Hand erhoben, als wollte er die ſchrecklichen Vorherſagungen abwehren, welche ihm das Herz grauſam durchbohrten. Bald jedoch erſchien ein krampfhaftes Lächeln auf ſeinem Angeſicht, und er rief voll Beſtürzung aus: „Seine Verachtung? Seinen Haß? Daniel ſollte mich haſſen? Ach, eine ſolche Beſorgniß würde mir, wenn ſie ſich wirklich meines Herzens bemächtigte, in kurzer Zeit den Tod bringen! Aber nein, Da⸗ niels Herz iſt ein Schatz von Güte und Liebe! Er kann ſich verirren, er kann ſich durch die Zerſtreuun⸗ gen von Frankreichs Hauptſtadt zur Geldverſchwen⸗ dung verleiten laſſen; aber daß er ſeinen alten Pfleg⸗ vater nicht mehr lieben ſollte! O, Notar, Sie ken⸗ nen Daniel nicht!“ „Aber Sie, Herr Willibald, wiſſen Sie denn, was aus ihm in dieſen fünf bis ſechs Jahren zu Paris geworden iſt? Solch ungeſtümes und zügelloſes Le⸗ ben ſtumpft den Geiſt ab und betäubt das Gefühl!“ „Nein, Notar, auf das liebevolle Herz Daniels hat es dieſe Wirkung nicht.“ „Welche Sicherheit haben Sie dafür?“ „Bin ich nicht über zwei Jahre bei ihm in Paris geweſen?“ „Nun wohl, was Sie da geſehen haben, war nicht ſehr beruhigend.“ „Es iſt wahr, er bewohnte ein prächtiges Haus, er hielt eine glänzende Equipage, engliſche Pferde, 22 Knechte und Lakaien. Er hatte einen Freund, Na⸗ mens Gumbert, einen ungläubigen Spötter, der mir ein ſehr gefährlicher Kamarade ſchien. Ich hörte mit Angſt in ihren Geſprächen von Spielhäuſern und Zweikämpfen, von Pferderennen und Wetten und vor Allem von Frauen, deren Stand in der Geſellſchaft mir ſehr verdächtig vorkam. Dieß Alles, Notar, war wohl der Art, um mir Furcht einzujagen; aber ich fand dabei Daniel noch ſo dankbar, noch ſo gut und liebevoll, daß ich nicht die Kraft in mir fühlte, um ihn mit der nöthigen Strenge zurechtzuweiſen. Bei meiner Abreiſe von Paris gewann ich es gleichwohl über mich, Daniel mit nachdrücklichem Ton einige bittere Ermahnungen und ernſtliche Rathſchläge hören zu laſſen. Er brauchte ſie nicht anzuhören, und hatte Recht, ſich darüber zu ärgern, denn er war volljäh⸗ rig und ich nur der Verwalter ſeiner Güter. Gleich⸗ wohl ſiel er mir weinend um den Hals, nannte mich ſeinen vielgeliebten Vater, und gelobte mir von ganzem Herzen, ſeine Lebensweiſe zu ändern und vor Allem ſich von einer Geſellſchaft loszuſagen, die ihn zur Vergeſſen⸗ heit von Tugend und Pflichtgefühl verleitet hatte. Dieſer Augenblick, Notar, war der ſchönſte meines Lebens. Die Erinnerung daran treibt noch eine Thräne in meine Augen!“ „Ein ſolches Bekenntniß ſeiner Verirrung würde in der That ein gutes Zeichen ſein,“ murmelte der Nötar,„wenn er ſein Gelübde nicht unmittelbar dar⸗ auf vergeſſen hätte.“ „Unmittelbar, nein: es vergingen wohl acht Mo⸗ nate, ohne daß er Geld verlangte.“ „Aber dann hat er das Verſäumte wohl doppelt n Bal eine eine grö Par mir ſein wo Jal Juc ſteck ſein die Nan mur Em Da fiel der Liel eine bre hal , Na⸗ e mir rte mit n und nd vor Uſchaft r war ber ich ut und , m . Bei chwohl einige hören hatte Gleich⸗ e mich ſanzem em ſich geſſen⸗ hatte. meines eine würde te der r dar⸗ Mo⸗ 23 nachgeholt,“ ſagte der Notar in traurigem Ton. „Dem Unglücklichen werden die Augen nicht aufge⸗ hen, als um ſein endliches Verderben einzuſehen.“ „Nein, nein, ich werde ihn bald auf die gute Bahn zurückbringen!“ antwortete der Rentmeiſter mit einer Art triumphirender Begeiſterung.„Innerhalb eines Monats, wenn die Frühlingsarbeit hier zum größten Theil beſtellt iſt, werde ich noch einmal nach Paris gehen. Daniel wird mich anhören und mit mir auß ſein väterliches Gut zurückkehren. Hier, an ſeinem Geburtsort, in dieſer ſchönen, ſtillen Gegend, wo ihm Alles von ſeinen friedſamen und glücklichen Jahren ſprechen wird, hier ſollen die Stürme der Jugend in ſeinem Herzen ſich legen, und hat die An⸗ ſteckung einer trügeriſchen Welt einige Wunden in ſeinem Herzen zurückgelaſſen, ſo werden ſie hier durch die Freundſchaft und Ruhe alſo ausheilen, daß keine Narbe und keine Erinnerung davon zurückbleibt.“ Der Notar zuckte zweifelnd die Schultern und murmelte: „Ein ſo lärmendes Leben raubt dem Herzen die Empfänglichkeit für ſtille und ruhige Empfindungen. Daniel kann nie mehr auf dem Wulfhof wohnen...“ „Aber angenommen, dieß Alles wäre unmächtig,“ fiel Herr Willibald ihm in die Rede,„wird dann nicht der ſanfte Blick von Celeſta, ihre Schönheit, ihre Liebe, Gewalt über ihn ausüben und um ihn herum einen Himmel von Seelenfrieden und Lebensluſt ver⸗ breiten, der ihn für immer an ſeinem Geburtsort feſt⸗ halten wird?“ „Celeſta van Berg?“ murmelte der Notar ver⸗ ———— 24 wundert.„Hofft ſie noch einmal Daniels Gattin zu werden?“ „Iſt dieſe Heirath nicht der Traum von beiden, ſeit ihrer Kindheit?“ „Aber weiß Celeſta, oder weiß ihre Tante denn nicht, daß Junker Daniel beinahe arm iſt?“ „Es iſt nicht nöthig, daß ſie es wiſſen, Notar.“ „Celeſta van Berg iſt ein Mädchen von gutem Hauſe; ſie hat ziemliches Vermögen. Ich begreife Sie nicht. Ich darf nicht annehmen, daß Ihre Liebe zu Daniel Sie geneigt machen ſollte, ein unſchuldiges und vertrauendes Mädchen über den Stand ſeines Vermögens irre zu leiten.“ „Wenn es ſo weit käme,“ murmelte der Rent⸗ meiſter,„ſo gäbe es vielleicht ein Mittel, um den Wulfhof von ſeinen meiſten Hypotheken zu entlaſten.“ Der Notar ſprang, wie von einer überraſchenden Offenbarung getroffen, auf und ſchaute dem Greiſe beſtürzt in die Augen. „Habe ich recht verſtanden?“ rief er.„Was? Sie wollten die Bürgſchaft für die Ruhe Ihrer alten Tage, das Erbgut Ihrer Schweſter aufopfern? Un⸗ möglich, das wäre eine allzu große Narrheit.“ Es wurde an die Thüre geklopft. „Wer iſt draußen?“ fragte der Rentmeiſter. „Ich bin es, die Kuhmagd, Barbara,“ war die Antwort. „Geh an Deine Arbeit, Barbara, und laß uns in Ruhe.“ „Herr Willibald, hier iſt ein Brief aus Paris, den die Poſt gebracht hat,“ rief die Magd. Der Rentmeiſter öffnete die Thüre, griff nach dem Bri ſchl ew u Arn Fre zurt Do nich den Fre Cel Cel wol hin alte tag mit auf e klär in zu iden, denn ar.“ utem greife Liebe diges eines Rent⸗ den ten.“ nden reiſe gas? lten Un⸗ die uns ris, dem 25 Briefe mit ſichtbarer Ungeduld und erbrach den Um⸗ ſchlag. Kaum hatte er einen Blick auf den Inhalt geworfen, als er fröhlich zu lachen begann, ſich die Augen rieb, als zweifelte er, recht zu ſehen, und die Arme emporhob, während er ausrief: „Dank Dir, o Gott, mein Gebet iſt erhört.“ Und zu dem Notar ſich wendend, ſagte er, vor Freude außer ſich: „Er kommt! Er kommt! Daniel kehrt von Paris zurück.... binnen acht Tagen, die nächſte Woche, am Donnerstag!“ „Auf immer?“ „Er ſagt nichts davon; ſein Brief iſt ſehr kurz; nichts Anderes, als die Anzeige ſeiner Rückkehr auf den Wulfhof... Aber es iſt genug. Ach, wie fühle ich mich ſo glücklich. Notar, vergeben Sie mir als Freund, ich möchte hingehen, laufen, dieſe Botſchaft Celeſta überbringen. Wie wird die gute, liebevolle Celeſta ſich freuen. Leben Sie wohl, leben Sie wohl, Notar, entſchuldigen Sie mich. Bis Morgen!“ Unter dieſem Gruße ſprang er zum Zimmer hinaus und rief einem Oberknecht zu: „Jan, gib jedem deiner Kamaraden eine Kanne altes Bier. Alle ſollen fröhlich ſein bis zum Mit⸗ tag.“ Die Arbeitsleute und Mägde ſchauten einander mit Beſtürzung und Schrecken an. Ihnen ſchien es außer Zweifel, daß der Rentmeiſter mit plötzlichem Wahnſinn geſchlagen worden war, um ſo mehr, als er nach der Brücke lief, ohne ihnen eine weitere Er⸗ klärung zu geben. An dem Thore drehte ſich Herr Willibald um, 26 machte einige haſtige Schritte auf den Vorplatz zurück und ſagte: „Seid fröhlich, unſer Junker Daniel kehrt von Paris heim!“ Jetzt begriffen die Arbeitsleute die Bedeutung von des Rentmeiſters Worten. Alle warfen mit einander ihre Mützen in die Höhe und riefen unter lautem Jubel: „Es lebe Herr van Hoogeland. Es lebe unſer Junker Daniel!“ An der Stallthüre ſtand Barbara, die guhmagd; ſie begann zu tanzen und in die Hände zu klatſchen, während ſie in Einem fort rief: „Hurra! Vivat! ich werde Hochzeit haben, ich werde Hochzeit haben: mein Jodokus kehrt zurück.“ II. An dem von Daniel für ſeine Rückkehr anbe⸗ raumten Tage, ein paar Stunden nach dem Mittags⸗ mahl, marſchirte der Rentmeiſter vom Wulfhof ab und ſchlug mit ſichtbarer Eile eine Straße ein, welche über den Rücken der Hügel ſich verlief. Der Greis hatte ſeine beſten Kleider angelegt; er trug einen ſchwarzen Anzug, eine weiße Hals⸗ binde, eine Spitzen⸗Chemiſette und feine glänzende Handſchuhe. War es, daß das Feſtgewand den natürlichen Adel ſeines Weſens erhob, oder daß er unter dem S———— 28 Jetzt hob er das Haupt noch mehr empor; aus ſeinem Blick ſtrahlten Glück und Stolz, man hätte ſagen mögen, der entzückte Greis habe ſich wohl um zehn Jahre verfüngt. Die alte Dame ſchien nicht minder von Freude erregt; wiewohl ihr Gang mühſam war und von einer gewiſſen Steifheit zeugte, ſuchte ſie eine hüpfende Bewegung anzunehmen und zog den Rentmeiſter am Arme fort, um ihn zu einer Beſchleunigung ſeiner Schritte zu zwingen. Ihr runzeliges Geſicht war von einem heitern Lächeln erhellt, und ſie jubelte mit lauter Stimme, gleich einem jungen Mädchen, das einem lang erſehnten Vergnügen entgegeneilt. Indeſſen war das Fräulein auffallend eingezogen und ſtill. Wohl erglänzte ihr reizendes Angeſicht von dem Ausdruck einer tiefen Freude, wohl lief das nebelartige Roth der Erregung über ihre lilien⸗ weiße Stirne; aber ſei es, daß die Annäherung eines feierlichen Augenblicks ſie in ſelige Gedanken verſunken hielt, oder daß ſie aus mädchenhafter Schaam zu verbergen ſuchte, was in ihrem Herzen vorging, ſie ſchwieg ſtill und ſchritt beinahe wankend weiter, das glänzende blaue Auge unſtet in den lee⸗ ren Raum gerichtet. Während der Rentmeiſter ebenſo tief als das Mädchen in die Betrachtung des erwarteten Glücks verſunken war, hatte noch Niemand ein Wort ge⸗ ſprochen, ſeitdem man auf die Landſtraße getreten war, außer der alten Dame, welche durch allerlei undeutliche Ausrufungen von der Heiterkeit ihres Herzens Zeugniß ablegte.— Sich dann zu dem Mädchen wendend, ſagte ſie endlich: ſeine ſüße entg nähe ſtimn geſer „jetz ſeher See faſt ich k halte rief Dan geſte ſtickt Wie ſteht mit verr bew reiß die aus ätte um ude von nde iner war elte en, 32 gen ſicht lief ien⸗ un ie fter zen end lee⸗ das ücks ten rlei res em 29 „Aber Celeſta, Kind, wie iſt es möglich, daß Du nicht vor Freude in die Höhe ſpringſt? Zu meiner Zeit liebten die Menſchen einander feuriger, und man ſchämte ſich nicht, es die Leute ſehen zu laſſen, wenn es in Ehre und Tugend geſchah. Wie? Du verlebteſt fünf Jahre in der völligſten Einſamkeit, an Niemand denkend, als an ihn allein; Du miſchteſt ſeinen Namen in alle Deine Gebete;— und da der ſüße Traum Deines Lebens ſeiner Verwirklichung entgegengeht, da jeder Schritt Dich dem Manne näher bringt, den Gott Dir zum Bräutigam be⸗ ſtimmt hat, da läufſt Du dahin, den Kopf zu Boden geſenkt, und vermagſt zu ſchweigen!“ „Aber, liebe Tante,“ murmelte das Mädchen, „jetzt, da die Stunde ſich nähert, daß ich ihn wieder⸗ ſehen ſoll, ſtrömen zu viele Gedanken mir durch die Seele und klopft mir das Herz ſo heftig, daß ich faſt außer mir gerathe. Ach, ich bin ſehr glücklich, ich danke Gott recht innig, daß er Daniel wohlbe⸗ halten heimkehren läßt.“ „Wie glücklich wird er ſein, wenn er Dich ſieht!“ rief die alte Dame mit begeiſtertem Ton.„Armer Daniel, ich erinnere mich noch, als wäre es erſt geſtern geſchehen, wie er beinahe vor Betrübniß er⸗ ſtickte, als er Deinen Namen beim Lebewohl ausſprach. Wie herzzerreißend war dieſer bittere Abſchied! Da ſteht er noch vor meinen Augen, der verliebte Junge, mit dem Kopfe auf der Bruſt, von dem Schmerz vernichtet, ſich vor Verzweiflung krümmend und ſo bewußtlos, daß man ihn mit Gewalt von Dir los⸗ reißen mußte. Mir laufen noch die Thränen über die Wangen, wenn ich daran denke...“ —— 30 „Ach, ſchweig, ſchweig', gute Tante,“ flehte das Mädchen, prich nicht von ſolchen Dingen!“ „Warum? Es iſt immer gut, wenn das Glück uns zulächelt, ſich an die trüben Stunden des Le⸗ bens zu erinnern: es gibt mehr Kraft und tiefere Empfänglichkeit für den Genuß der Freude.“ „Dieſes Mittel iſt hier überflüſſig, Frau van Berg,“ bemerkte der Rentmeiſter lächelnd.„Ich fühle wohl an mir ſelbſt, daß Fräulein Celeſta kei⸗ ner traurigen Erinnerungen bedarf, um von dem Gedanken erfreut und gerührt zu ſein, daß er viel⸗ leicht ſchon in einer halben Stunde uns jauchzend in ſeine Arme drücken wird.“ Es herrſchte nach dieſen Worten eine kurze Stille. Das Schweigen fiel der alten Dame ſchwer, ihr Herz hatte Luft nöthig und mußte ſeine Freude aus⸗ ſtrömen. „O, wie neugierig bin ich, ihn zu ſehen!“ rief ſie.„Er wird nun ein glänzender Kavalier gewor⸗ den ſein, voll Weltkenntniß, voll Geiſt, voll Erfah⸗ rung, und gewinnend durch die ernſte Anmuth ſei⸗ nes Benehmens und ſeiner Sprache. Als er den Wulfhof verließ, war er ein hübſcher, guter und freundlicher Junge. Wer weiß, welch ſtattlicher, welch ſchöner, ſtolzer Mann nun aus ihm geworden ſein mag? Celeſta, Celeſta, wie biſt Du ſo glücklich! Ich weiß nicht, ob ich Dich nicht beneide. Lache darüber nicht, Kind, ich liebe Daniel ebenſo ſehr als Du. Habe ich ihn nicht auf den Armen getragen und auf meinem Schooße geſchaukelt, ehe er ſprechen konnte? Habe ich dem guten Willibald nicht gehol⸗ fen, um das Kind durch Krankheit und Gefahren durck wäre bezei Herz den, rend Mög uns werd Seg auf lich, war chen Zerſ Ihre habt von ſeine teter van ner, dür cher, rden lich! ache als agen chen ehol⸗ 31 durchzubringen, als ob ich ihm eine zweite Mutter wäre? Hat er ſich nicht dankbar für meine Sorgen bezeigt und mich mit aller Tiefe ſeines zärtlichen Herzens geliebt? Ja, ja, ſollte ich ſeine Braut wer⸗ den, ich könnte nicht glücklicher ſein.“ Celeſta drückte der alten Dame die Hand, wäh⸗ rend ſie leiſe murmelte: „Gute, liebe Tante, habe Dank, habe Dank. Möge das heilige Band der Liebe und Freundſchaft uns für immer umſchlingen! Dein ſanftes Lächeln werde der Segen einer neuen Familie, wie es der Segen meiner Jugend geweſen iſt!“ Der alte Rentmeiſter ging ſeit einer Weile mit auf die Bruſt geſenktem Haupte dahin; es war deut⸗ lich, daß er wieder im tiefen Nachdenken begriffen war und nicht mehr hörte, was neben ihm geſpro⸗ chen wurde. Frau van Berg bemerkte nun erſt ſeine ſeltſame Zerſtreuung und ſprach zu ihm mit lauter Stimme: „Was iſt das, Herr Willibald? Was bekümmert Ihren Geiſt? Sollen wir jetzt traurig werden? Ihr habt beide eine ſonderbare Weiſe, glücklich zu ſein.“ Der Greis erhob den Kopf, ſein Angeſicht war von einem Ausdruck unſäglicher Freude erhellt, und ſeine Augen, von inniger Rührung befeuchtet, leuch⸗ teten mit verjüngtem Glanze. „Was Sie ſo heftig?“ wiederholte Frau van Berg verwundert. „Eine Viſion,“ antwortete Willibald,„ein ſchö⸗ ner, herrlicher Traum. Und glauben können und dürfen, daß er Wahrheit werden ſoll!“ „Was haben Sie geträumt, Herr Willibald?“ 32 „Ich wage faſt nicht, es zu ſagen. Es iſt auch allzu füß und ſchön, und könnte vielleicht die gefühl⸗ volle Celeſta zu tief erregen.“ „Es iſt mir ruhiger im Herzen geworden,“ erwi⸗ derte das Mädchen,„die freundlichen Worte meiner lieben Tante haben meinen Gedanken eine etwas andere Richtung gegeben. Sprechen Sie frei, Herr Willibald, was iſt es, das Ihren Augen einen ſol⸗ chen Glanz der Verklärung gibt?“ Mit zurückgehaltener Stimme, als wollte er den Eindruck ſeiner Stimme vermindern, ſagte der alte Rentmeiſter: „Mein Geiſt war in fernen Gedanken abgeſchweift. Ich ſah in dem großen Saale des Wulfhofs eine junge Frau und einen jungen Mann Hand in Hand ſizen. Ihre Seelen ſchienen ſich einander durch den Blick ihrer Augen zu nähern; wenn ſie ihr Geſicht abwandten, ſo geſchah es mit einem wunderſüßen Blick des Entzückens, um auf zwei Engel niederzu⸗ ſchauen, zwei liebe Kinderchen, blühend von Geſund⸗ heit und Lebensluſt, die zu ihren Füßen hüpften und ſprangen. Es war ein Mädchen und ein Knabe. Und ich ſah einen alten Mann mit grauen Haaren auf dem Boden herumkriechen und ſo einfach fröhlich mit dem Jungen ſpielen und lachen, als ob er ſelbſt ein Kind wäre... Und einen Schritt weiter ſah ich eine alte Frau das Mädchen umhalſen, es ſtreicheln und liebkoſen, und ich hörte, wie ſie daſſelbe die hei⸗ ligen Worte: Gott, Mutter, Vater ſtammeln lehrte. Da veränderte ſich plötzlich das ſchöne Ge⸗ mälde. Ich ſah einen abgelebten Greis auf dem Sterbebette ausgeſtreckt. Zu ſeinen Häupten ſtanden dieſe ſeine ſchaf ſchie Dan See eren emp weir treu zärt ken, rief: glüc als wor aufs bede ihre ihre dack rige lau der von auch efühl⸗ erwi⸗ meiner etwas „Herr n ſol⸗ er den r alte hweift. s eine Hand ch den Geſicht rſüßen ederzu⸗ eſund⸗ en und Knabe. Haaren fröhlich r ſelbſt ſah ich reicheln die hei⸗ ammeln öne Ge⸗ uf dem ſtanden 33 dieſelben Menſchen; viele Kinder drückten und küßten ſeine kalten Hände; Thränen der Liebe und Freund⸗ ſchaft floſſen in der Stille um ihn herum. Er allein ſchien nicht zu trauern; mit einem ſeligen Lächeln der Dankbarkeit ſchaute er zum Himmel, zu dem ſeine Seele ihre Flügel ſich entfalten fühlte. Dann hob er noch mit einer letzten Kraftanſtrengung ſeine Hand empor, ſegnete die ſchluchzenden Kinder, ſegnete die weinenden Eltern, drückte die alte Frau, ſeine liebe treue Freundin, an das Herz und ließ nach dieſem zärtlichen Abſchied das Haupt für immer niederſin⸗ ken, während ſeine Seele, auffahrend zum Himmel rief: Dank, Dank, o mein Gott, daß Du ſie alle glücklich ſein läſſeſt, die ich geliebt habe auf Erden!“ Der Rentmeiſter ſchwieg und ſchaute zu Boden, als wäre er über die Begeiſterung beſchämt geweſen, womit er ſeine Hoffnung ausgemalt hatte. Celeſta, aufs Tiefſte gerührt, hatte ihre Augen mit der Hand bedeckt, um die Thränen zu verbergen, welche über ihre Wangen rieſelten. Frau van Berg blieb allein ihrer Bewegung einigermaßen mächtig, und ſie ge⸗ dachte wahrſcheinlich, Herrn Willibald wegen des trau⸗ rigen Endes von ſeinem Traume zurecht zu weiſen; aber ihre Aufmerkſamkeit wurde plötzlich durch einen lauten Geſang unterbrochen, der ſich unerwartet an der Straße hören ließ. Es war eine junge Bäuerin, die hinter ihnen von einem Fußpfad auf die Hauptſtraße einlenkte und im Gehen mit ausgelaſſener Freude jubelte und ſang. Sie war ſehr aufgeputzt und hatte augenſchein⸗ lich ihren beſten Sonntagsſtaat angelegt. Ihr Anzug Conſecitence, Leid der Zeit. 3 that dem Auge um ſeiner ſchreienden Farben willen faſt wehe, aber was an ihr nichts deſto weniger ſich vortheilhaft auszeichnete, war das blühende Geſicht, welches in einer Fülle von Geſundheit und Kraft zu erglänzen ſchien. Celeſta kannte ſie wohl, denn ſie war es, welche täglich die nöthige Milch von dem Wulfhof auf das Landgut der Frau van Berg brachte. Wie ſiehſt Du ſo glücklich aus, Barbara!“ ſagte das Mädchen, ſeine Thränen unterdrückend, als die Bäuerin ihr nahe war und einen ehrerbietigen Gruß ſtammelte. „Ja wohl, Fräulein,“ rief das Mädchen, indem es gebührend mit dem Kopf nickte,„wie ſollte ich nicht fröhlich ſein? Mein Dokus kommt heute zurück; ich werde heirathen!“ „So eilig, Bärbelchen? verläſſeſt Du alſo den Wulfhof? Wo willſt Du denn Deine Wohnung auf⸗ ſchlagen?“ „Ach, ſehen Sie, Fräulein, das iſt mein Geheim⸗ niß; aber Ihnen will ich es, da Sie ſo freundlich gegen mich ſind, ſchon ſagen. Sie müſſen wiſſen, es wird innerhalb zwei Monaten ein kleiner Pachthof erledigt; er iſt nicht weit von hier: hinter Knocke, unter Sweveghem. Mein Oheim, der Schmied, wird uns ein Bischen unter die Arme greifen. Er hat von dem Eigenthümer das Verſprechen erhalten, daß man das heimfallende Bauerngütchen an Niemand, als an uns verpachten werde. Dieß wird Jodokus nicht wenig freuen, wenn er hört, daß ein nettes Häuschen und gute Felder ſeiner warten. Ja, ja, Fräulein, ich werde heirathen. Ich habe etwas er⸗ geſut nicht Dein Dan Ihr Bäu Zeit aufre geſic ihn entg halte gelar bis ſtau Ihre freu ( für nicht Ihre dort 4 porl willen er ſich meſicht, aft zu welche f das ſagte ls die Gruß indem lte ich urück; o den gauf⸗ eheim⸗ undlich en, es chthof Knocke, wird r hat n, daß mand, odokus nettes a, ja, as er⸗ 35 ſpart, Ihre Güte hat dazu mitgeholfen. Jodokus wird auch etwas verdient haben; ich bin ſtark und geſund: wir wollen einmal zeigen, ob Bärbelchen nicht gut auf dem Feld zu arbeiten verſteht!“ „Und Du haſt Dich ſo ſchön als möglich gemacht, Deinen Bräutigam zu empfangen?“ lächte die alte Dame. „Nicht mehr als Pflicht, Frau van Berg; mit Ihrer Erlaubniß, die ſchönen Kleider ſtehen einer Bäuerin auch nicht ſchlecht an. Dokus hat mich lange Zeit nicht geſehen; er ſoll nicht wenig die Augen aufreißen, wenn ich ſo flott gekleidet vor ſein An⸗ geſicht trete. Gott weiß, ob er mich noch kennt! Um ihn auf die Probe zu ſtellen, werde ich ihm nicht entgegen gehen und mich zu den andern Mädchen halten. Ich wette, daß er recht nahe auf mich zu⸗ gelaufen kommt!“ Plötzlich ſchaute ſie ſich das Fräulein vom Kopf bis zu den Füßen an; und während ihre Miene Er⸗ ſtaunen verrieth, ſagte ſie: „Aber Sie, Fräulein Celeſta, Sie haben nicht Ihre ſchönſten Kleider an! Sie ſcheinen ſich nicht zu freuen! Wollen Sie denn nicht auch heirathen?“ Dann ſich verbeſſernd, rief ſie aus: „Ach, dumme Bäuerin, die ich bin; Sie ſind für ſich ſelbſt ſchön genug. und ſind Sie auch nicht ſo ausgelaſſen, wie ich, ſo empfinden Sie in Ihrem Herzen doch nicht geringere Freude, nicht wahr?. O, o, hören Sie, man ſchlägt die Trommel dort! Schnell, ſchnell, da kommen ſie ſicherlich!“ Mit dieſen Worten ſprang ſie, die Hände em⸗ porhaltend, auf der Straße voraus. 3 Der Rentmeiſter, beſorgend, es möchte ſich wirk⸗ lich ſo verhalten, wie Barbara meinte, forderte Ce⸗ leſta und ihre Leute auf, ihre Schritte zu beſchleuni⸗ gen. Alle folgten eilig der Richtung, welche die äuerin eingeſchlagen hatte. Nicht weit von dem Ort, wo ſie ſich jetzt befan⸗ den, lief die Landſtraße durch ein Dörfchen von et⸗ lichen zwanzig Häuſern. Hier ſollte Junker Daniel von den Bauern der Umgegend und von einem Theil der Einwohnerſchaft des nächſtgelegenen Dorfes em⸗ pfangen und willkommen geheißen werden. Das Dörfchen war zu dieſer Feſtlichkeit ent⸗ ſprechend ausgeſchmückt. Man hatte einige zwanzig grüne Bäume längs des Weges aufgepflanzt und Pender von dreifarbigem Papier daran geſteckt; über der Thüre einer Schenke— und es waren meiſtens Schenken, die hier ſtanden— prangte ein Glück⸗ wunſch mit rothen und ſchwarzen Buchſtaben. Was die Aufmerkſamkeit noch mehr anziehen mußte, und was Bauern und Bäuerinnen gleich ei⸗ nem Wunderwerk mit Erſtaunen angafften, war eine hohe Triumphpforte von Kupfergrün und Laubwerk, welche die St. Sebaſtiansgilde zu Ehren Junkers van Hoogeland errichtet hatte. Man wollte Herrn Daniel mit Geleite einholen, und war nun vor einer der Schenken damit beſchäf⸗ tigt, hiezu ſich aufzuſtellen. Voran ſtand der Bürgermeiſter des Dorfes, mit der dreifarbigen Schärpe um die Hüfte, und begleitet von zwei Schöffen und einigen Leuten vom Gemeinde⸗ rath. Der Feldwächter hielt ſich mit gezogenem Säbel und in ſtolzer Haltung zur Seite des Bür⸗ gerr ſtiar Que ſchi geſc vorſ hiel kleid eine von eini der wür den Fla zu 1 ſchä um neu plöt ertö nett Ueb Luft Bat mor wirk⸗ e Ce⸗ leuni⸗ e die efan⸗ et⸗ aniel Theil em⸗ ent⸗ anzig und über iſtens Glück⸗ ziehen ch ei⸗ eine werk, nkers holen, ſchäf⸗ „ mit leitet einde⸗ enem Bür⸗ 37 germeiſters. Dann folgten die Leute der Seba⸗ ſtiansgilde, voran die Muſik, beſtehend aus einer Querpfeife, einer Klarinette und einer Trommel; her⸗ nach der Fähndrich in mittelalterlicher Tracht und ſchimmernd von hellen Farben und Flittergold; zwei geſchwärzte Kinder, welche die Sclaven der Gilde vorſtellen ſollten und deren gemaltes Wappenſchild hielten; zwei weitere Kinder, als kleine Türken ver⸗ kleidet, welche einige ſilberne Löffel und Gabeln auf einem verzierten Brette trugen— wahrſcheinlich die von der Gilde gewonnenen Preiſe— und endlich einige zwanzig alte abgelebte Männer, die Remrods*) der Gemeinde, mit Bogen und Pfeil bewaffnet, ehr⸗ würdige Ueberbleibſel jenes harten und ausdauern⸗ den Geſchlechtes, welches vor Zeiten das unterdrückte Flandern auf Kortryks Gröninger Feld ſo heldenmüthig zu vertheidigen und zu rächen wußte.... Man war noch mit Ordnung des Zuges be⸗ ſchäftigt; der Feldhüter hatte ſeinen Platz verlaſſen, um in der Nähe der kleinen Neger und Türken die neugierigen Dorfbewohner zurückudrängen. als plötzlich ein Piſtolenſchuß als Signal in der Ferne ertönte und Alles mit lautem Jubel zu rufen begann: „Da kommt er! da kommt er!“ Der Zug ſetzte ſich in Bewegung, während Klari⸗ nette, Flöte und Trommel mit großer Macht und Uebereilung einen Kriegsmarſch anſtimmten und die Luft mit Tönen erfüllten, welche die Begeiſterung der Bauern um ſo mehr erweckten, als deren Dishar⸗ monie ſelbſt den Nerven Gewalt anthat. *) Nimrods? A. d. U. WMan ſah in der Ferne auf der Landſtraße eine mit zwei Pferden beſpannte Kutſche in vollem Laufe heranfahren, und da man ſie oben mit vielen Koffern und anderem Reiſegepäck beladen ſah, zweifelte man daß Herr Daniel ſich in derſelben befinden müſſe. Jedermann wandte den Blick nach der Kutſche. Der Rentmeiſter mit Celeſta und ihrer Tante hielt ſich neben der Straße, an der Spitze des Zugs, jedoch in einigem Abſtande davon. Nicht fern davon, unter einem Haufen junger Bäuerinnen ſtand die Kuhmagd Barbara, die gleichfalls ihre Sehkraft an⸗ ſtrengte, um in dem Kütſcher ihren Jodokus zu er⸗ kennen. „Katharine,“ ſagte ſie, vor Furcht zitternd, zu einer ihrer Kamerädinnen,„ſieh doch einmal recht, mich dünkt, es iſt Jodokus nicht!“. „Dokus?“ erwiedere die andere;„biſt Du denn blind, Barbara? Es iſt Jan, der Kutſcher von Kor⸗ tryk; ich erkenne ihn wohl.“ „Wirklich, Katharine.— Jodokus ſitzt vielleicht in der Kutſche ſelbſt?“ „Thörin! Seit wann ſitzen die Diener innen in der Kutſche? Da fällt mir Etwas ein, Barbara. Es iſt ſchon ſo lang her, daß Du von Jodokus nichts n gehört haſt. Gott weiß, ob er nicht geſtor⸗ ben iſt.“ Barbara gab ihrer unbeſonnenen Freundin einen gewaltigen Stoß mit dem Ellnbogen in die Seite und murmelte mit erſtickter Stimme: 6 Weh mir, es geht mir wie ein Meſſer durch das erz!“ ohne das berg um ſeher Will 8 gebe ein! ganz vor von ſpra verg gold Ang und herei ihm ſetzt, unte: 5 du e Muſil eine Laufe ffern man inden che. hielt zugs, won, die an⸗ er⸗ u recht, denn Kor⸗ leicht n in Es ichts ſtor⸗ inen eite das 39 „Ich ſagte es nur im Scherze, Barbara.“ Aber das bekümmerte Mädchen entfernte ſich, ohne weiter ein Wort zu ſprechen, und miſchte ſich in das Gedränge des Volks, um die Beſtürzung zu ver⸗ bergen, wovon es betroffen worden war. Die Kutſche kam näher; Alles drängte vorwärts, um den Junker aus dem Fuhrwerk ausſteigen zu ſehen. Die Muſik begann ſo gut als möglich das Willkommslied:„Wo kann man beſſer ſein?“ Auf ein von dem Feldſchützen dem Kutſcher ge⸗ gebenes Zeichen hielt derſelbe mit ſeinen Pferden an; ein lauter Jubel ſtieg in die Lüfte empor und das ganze Volk ſchwenkte jauchzend die Hände. Der Bürgermeiſter ſtand zur Begrüßung bereit, vor dem Kutſchenſchlag... als dieſer ſich plötzlich von innen aufthat und unerwartet Jemand heraus⸗ ſprang. Dieſe Perſon trug einen langen Ueberrock mit vergoldeten Knöpfen. An ſeinem Hut glänzte ein goldenes Band. Sein rothes und aufgedunſenes Angeſicht ſprach von Gefräßigkeit und Dummheit, und die rothen Haare, die tief über ſeine Stirne hereingewachſen waren, trugen nicht wenig dazu bei, ihm ein grobes und mißfälliges Ausſehen zu geben. Kaum hatte er ſeinen Fuß auf den Boden ge⸗ ſetzt, als er ſich die Finger in die Ohren ſteckte und unter allerlei ſeltſamen Geberden ausrief: „Ay, ay! c'est pas pour souffrir! musique du diable!*) Es iſt bei allen Teufeln der Hölle, „O weh, das iſt nicht zum Aushalten! Teufliſche Muſik!“ R. d h. 40 um den Krampf davon zu bekommen. Schweigt, ſchweigt!“ „Es iſt Jodokus, Daniels Bedienter!“ murmelten einige Umſtehende. „Wie ſchön er gekleidet iſt!“ ſagte ein Mädchen. „Was ſchwatzt er da ſo viel, der lumpigte Kuh⸗ hirte!“ brummte ein Bauer. „Er iſt betrunken!“ fuhr ein Dritter heraus. Inzwiſchen hatten die Leute in das Fuhrwerk einen Blick geworfen und ſonſt Niemand darin ge⸗ funden; jetzt ſchauten ſie den Bürgermeiſter und die Schöppen und den Diener mit fragender Beſtürzung an. „Laßt um Gottes Willen die verwünſchte Klari⸗ nette mit ihrem ſchrecklichen Gequiek aufhören!“ rief Jodokus. Und als auf ein Zeichen des Bürgermeiſters die Muſik zum Schweigen gebracht worden war, fuhr der Knecht fort: „Sie fragen mich, wo Junker Daniel geblieben iſt? Eine halbe Stunde über Kortryk hinaus bekam er plötzlich Luſt, zu Fuß zu gehen, und hieß mich mit der Kutſche vorausfahren. Müſſen Sie mich darum angaffen, als wollten Sie mich verſchlingen? Was iſt daran zu verwundern? Sie werden noch andere Grillen von Herrn Daniel zu ſehen bekommen.“ Darauf legte er den Finger an ſeine Stirne und ſprach weiter:„ „Es iſt eine Schraube in ſeinem Gehirn ſosge⸗ gangen. Alle Augenblicke iſt es etwas anderes mit ihm; und man hüßte wohl ein Hexenmeiſter ſein, um ihm zu dienen. Er macht ein Geſicht, als ob ſich die Welt gegen ſeinen Willen drehte. Geben eigt, elten chen. Kuh⸗ werk ge⸗ ddie gan. lari⸗ rief s die fuhr ieben em mit arum Was ndere . und osge⸗ s mit ſein, ls ob 41 Sie nur Acht, binnen einer halben oder einer Drei⸗ viertelſtunde wird er mit Herrn Gumbert, ſeinem Freunde, ankommen. Das iſt ein anderer Burſche, und Sie werden davon zu ſprechen wiſſen, ſeien Sie überzeugt. Der kümmert ſich weder um Hölle noch Teufel und würde, ginge ſelbſt die Welt unter, ſeinem Lachen und Spotten kein Ziel ſetzen. Er ißt für Vier und trinkt für Sechſe.. Und Verſtand und Ge⸗ lehrſamkeit? So viel in ſeinem kleinen Finger, als alle die Paſtoren und Notare fünf Stunden in der Runde.. PEh, cocher, en avant!*) Fahre nur zu, nach dem Wulfhof: ich will ſehen, wie dieſes Kinderſpiel hier abläuft.“ Alle diejenigen, welche den Diener ſo ſprechen hörten, ſahen einander mit großer Verwunderung an; einige brummten mißbilligend und richteten auf den unverſchämten Schwätzer Blicke der Verachtung; ein einziger, es war der Hufſchmied, warf ihm höhniſch die Worte zu: „Lernt man alſo in Paris die Ehrerbietung vor ſeinem Herrn? Du biſt noch dummer geworden, als zuvor, Du rother Schuft!“ Jodokus entbrannte vor Zorn bei dieſem Ver⸗ weis und ſtieß ein ſo rohes Wort hervor, daß manche Bäuerin in der Stille das Zeichen des Kreuzes machte. Er bemerkte den ſchlechten Eindruck, den ſein brutaler Ausfall gemacht hatte, und rief lachend, während er ſich nach der Schenke wandte: „Bah, ſeid ihr nicht erſchrocken, als ſollte der Schwarze aus dem Boden auferſtehen, um mir den *) He, Kutſcher, vorwärts! A. d. U. 42 Hals zu brechen? Darüber lachen wir! Ich ver⸗ geſſe, daß ich von der Reiſe durſtig bin. Trinken, trinken!“ Und er brach ſich mit roher Gewalt durch die murrenden Zuhörer Bahn zu der Schenke. Der alte Rentmeiſter hatte den erſten Theil von des Dieners Erklärung gehört und daraus vernom⸗ men, daß Junker Daoniel erſt ſpäter ankommen würde. Die unverſchämte Sprache und die Unheil bedeuten⸗ den Worte von Jodokus hatten ihm tiefe Angſt ein⸗ geflößt und ein Zittern verurſacht, weil er beſorgte, Celeſta möchte verſtanden haben, was der Diener ſagte. Wäre die Aufmerkſamkeit des Fräuleins und der Tante nicht ganz durch das, was an der Kutſche geſchah, in Anſpruch genommen worden, ſo würden ſie geſehen haben, wie das Angeſicht des Greiſes plötzlich erblaßte und wie er dann, wenigſtens äußer⸗ lich, ſeine vorige Ruhe wieder annahm und ſie mit einer Art haſtiger Gewalt aus dem Gedränge führte. Herr Willibald ſagte, es wäre nicht ſchicklich, alſo unter dem gemeinen Volk ſich ſtoßen und drücken zu laſſen; über der Hoffnung, Junker Daniel wäre an⸗ gekommen, habe er einen Augenblick das Gebot der Wohlanſtändigkeit außer Acht gelaſſen; aber ſobald er zur Ueberzeugung gelangt wäre, daß die Kutſche Niemand als den Diener mitgebracht habe, ſei ihm plötzlich in Erinnerung gekommen, was er Frau van Berg, Fräulein Celeſta und ſich ſelbſt ſchuldig wäre. Während er dieſe Erklärung ſtammelte, führte er die Damen auf einen Seitenpfad und bemühte ſich, durch unbefangenes Geſpräch und fröhliche Worte. die durf denr nicht getri er h eines Hein und Endl Grei Läch zwiſc Wan 2 Mier Bäu aber nu tiege ihm, wiede ſie fe hatte 2 Kath von Jodo der k währ ver⸗ ken, die von om⸗ rde. ten⸗ ein⸗ gte, ener und tſche rden eiſes ßer⸗ mit hrte. alſo nzu an⸗ der bald tſche ihm Frau ldig te er ſich, 43 die Unruhe ſeines Gemüths zu verbergen. Es be⸗ durfte geringer Mühe, um dieſen Zweck zu erreichen, denn ſie hatten von des Dieners ſonderbaren Reden nichts vernommen. Herr Willibald ſelbſt, durch ſeine eigenen Worte getröſtet und ermuthigt, gerieth auf den Glauben, er habe ſich mit Unrecht durch das eitle Geſchwätz eines albernen Menſchen, der wahrſcheinlich bei der Heimkehr in ſeinen Geburtsort zu viel getrunken hätte und nicht wüßte, was er ſpräche, beunruhigen laſſen. Endlich ſenkte ſich das Vertrauen wieder in des Greiſes Bruſt. Ungeheuchelt wurde das heitere Lächeln, welches ſein Angeſicht erhellte, während er zwiſchen den beiden Damen, fröhlich ſchwatzend, ſeine Wanderung fortſetzte. Barbara, die Kuhmagd, ſtand mit betrübter Miene neben der Schenke, unter einem Haufen von Bäuerinnen. Sie ſchien geneigt, laut aufzuweinen, aber ſie bezwang ihre Thränen aus einem Gefühl von Scham. Seitdem Jodokus aus der Kutſche ge⸗ ſtiegen war, hatte ſie, in geringer Entfernung von ihm, alle ſeine Bewegungen verfolgt und ſich zu wiederholten Malen ſo geſtellt, daß ſein Blick auf ſie fallen ſollte. War ihr das nicht gelungen, oder hatte er ſie in der That nicht erkannt? Als ſie darüber ihre Beſorgniß ausſprach und Katharine ihr zu bedenken gab, ob es nicht unrecht von ihr geweſen wäre, ſich ſo ſchön aufzuputzen, da Jodokus ſie früher noch nie ſo geſehen hätte, kam der halbbetrunkene Diener aus der Schenke gelaufen, während er, ſaure Geſichter ſchneidend, ausrief: „Brr! was für ein Hundegetränk! Boisson de chiens!*) Es iſt kein Wunder, daß die Schweine hier ſo fett werden. Ach! könnte ich doch lieber gleich nach Paris zurückkehren! Das iſt ein Land! Da trinken alle Leute Wein, bis auf den Bettler herab!.. Er wurde durch den Ton einer Stimme unter⸗ brochen, die ihn bei ſeinem Namen rief. Es war die Kuhmagd Barbara, welche, unvermögend, ihre Ungeduld länger zurückzuhalten, aus dem Haufen ihrer Kamerädinnen getreten war und mit dem liebe⸗ vollſten Lächeln auf ihrem Angeſicht und Thränen der Rührung in den Augen, ausrief: „Dokus, ach, Dokus, kennſt Du Deine arme Barbara denn nicht mehr?“ Der Diener ſchien übervaſcht und ſchaute eine Weile die junge Bäuerin an, die bebend auf das Wiedererkennen wartete. Er brach in ein langes Gelächter aus, machte einen närriſchen Sprung und rief ſpottend: „Ah, Saperbleu! Eine Kuhmagd, ſo wahr ich lebei Welches ſüße Antlitz! Es glänzt wie Son⸗ nenſchein. Und ſo prächtig, ſo ſchön gekleidet! Du haſt ſicherlich einen Mann gefunden, der ſich ſeine Thaler zuſammengeſpart hat? Proficiat!“**) Das Mädchen, in ſeiner Erwartung ſo bitter betrogen, ſenkte den Kopf und ließ ohne Hehl die Thränen über ihre Wonhen fließen. „Wie, Du heulſt!“ ſagte Jodokus verwundert. „Was kommt die einfältige Schlurre jetzt an?“ *) Hundegetränk. **) Wohl bekomms. A. d. U. 309 geh' nur ich erſte ſchie gehe alle den Ent e5 eine Du Die mir vor noch haſt Hof eine erſp wir men im eine eber nd! ttler nter⸗ war ihre ufen iebe⸗ änen arme eine das nges und r ich Son⸗ Du ſeine bitter ldie idert. 4⁵ Aber die weinende Bäuerin faßte ſeine Hand und zog ihn von dem Volke hinweg, indem ſie flehend ſagte: „Komm, Jodokus, ich bitte, ich flehe Dich an, geh' ein bischen mit mir zur Seite. Ich will Dir nur zwei Worte ſagen... O Gott, o Gott! mußte ich darum fünf Jahre warten!“ Der Knecht, über Barbara's kummervollen Ton erſtaunt, ließ ſich aus der Menge hinwegführen und ſchien ſelbſt neugierig, zu erfahren, was ſie ihm ſo geheimnißvoll zu ſagen hätte. Als ſie ſich nun hinter der Ecke eines Hauſes allein befanden, wiſchte Barbara die Thränen aus den Augen und ſprach in dem Tone verzweifelter Entſchloſſenheit: „Du wagſt es, meiner zu ſpotten, Jodokus? O, es iſt grauſam und niederträchtig, alſo die Liebe eines armen Mädchens zu belohnen. Lache nicht, Du reißeſt mir das Herz entzwei!“ „Ich ſoll wohl heulen und ſchreien!“ ſpottete der Diener.„Das alſo ſind die zwei Worte, die Du mir zu ſagen haſt?“ „Nein, nein, ich will es kurz machen; ich will wiſſen, ob die unglückliche Barbara verurtheilt iſt, vor Kummer zu ſterben. Jodokus, Du weißt wohl noch, was Du mir vor Deiner Abreiſe verſprochen haſt, nicht wahr? Mein Oheim will uns auf ein Hofgütchen ſetzen, mit fünf Hufen guten Landes, einem Pferde, drei Kühen... Ich habe mir etwas erſpart; er wird uns das übrige vorſchießen. Wenn wir brav arbeiten, werden wir ein gutes Auskom⸗ men haben und ein Leben führen wie zwei Engel im Paradieſe.. 46 „Ha, ha, das iſt alſo das ſchöne Wort!“ rief Jodokus.„Heirathen! Ich ſoll heirathen, arbeiten, vom Morgen bis zum Abend, für einen Haufen Kinder, die Dir das Haar vom Kopfe freſſen. H, die einfältige Barbara, ſie meint, ich ſei von Paris gekommen, um mein Leben lang hinter dem Pflug herzulaufen und Buttermilch zu trinken! Komm, komm, ſchlag Dir die Gedanken aus dem Koypf, Bärbelchen. Nicht, daß Du kein flinkes und präch⸗ tiges Mädchen wäreſt; und ſicher, wenn ich lang hier bleiben muß, werde ich Dich wohl ein bischen ſehen können; aber heirathen? Allons donc,*) änner gleich mir heirathen niemals!“ Mit dieſen Worten ließ er ſie ſtehen und marſchirte mitten in das Dörſchen hinein. Das ſpöttiſche Lachen auf ſeinem Angeſicht war diesmal nur zweideutiger Art, und den Blick auf den Boden gerichtet, ſchüttelte er unzufrieden den Kopf, ols hätten die Worte der Bäuerin ihm Stoff zum Nachdenken ge⸗ eben. 9 Barbara blieb eine Weile wie vernichtet, mit der Schürze vor den Augen, ſtehen; dann entfuhr ihr plötlich ein Schrei der Verzweiflung; ſie wandte laut weinend auf einen Nebenweg von der Land⸗ ſtraße ab und verſchwand hinter dem Laubwerk eines jungen Erlenſchlags. *) Geh doch! rief eiten, aufen Paris Pſug omm, Kopf, präch⸗ lang ischen nc,*) ſchirte Lachen utiger üttelte te der en ge⸗ tit der hr ihr vandte Land⸗ eines Kopf höher von Geſtalt, als der andere, und mochte 47 III. Während die Dörfler mitten in ihrem kleinen— Orte haufenweiſe beiſammen ſtanden und über das unverſchämte Geſchwätz von Jodokus ſprachen, zogen zwei Herren, etwa eine halbe Stunde von dort ent⸗ fernt, auf der Landſtraße dahin. Der jüngſte von beiden mochte ungefähr ſechs⸗ undzwanzig Jahre alt ſein. Er war von mittel⸗ mäßiger Geſtalt, hohem Wuchſe und ſehr zart von Gliedern. Sein Angeſicht, das ſonſt wohl den meiſten Anforderungen von Regelmäßigkeit und Schönheit entſprach, war jetzt verdüſtert und, ſo zu ſagen, von einem bittern Ausdruck des Schmerzes und der Ver⸗ zweiflung verzerrt. Auf dem Grunde ſeiner Augen leuchtete, wiewohl dieſelben anſcheinend trübe und glanzlos waren, der verborgene Funke ununterbroche⸗ nen Nachdenkens; um ſeinen Mund liefen die bittern Züge des Verdruſſes; von ſeinen niedergeſenkten Augenbraunen zogen ſich zwei Furchen über die Stirne hinauf, welche von düſterer Träumerei und vielleicht auch von nagenden Gewiſſensbiſſen ſprachen. Den Blick zu Boden gerichtet, ſchritt der junge Mann ſchweigend auf der Straße fort, ohne daß ein anderes Zeichen, als von Zeit zu Zeit ein nervöſes Zucken ſeiner Lippen von den quälenden Betrachtun⸗ gen, welche ſeine Seele erſchütterten, Zeugniß gab. Sein Begleiter wandelte mitten auf der Straße und pfiff in der Zerſtreuung eine Melodie aus der Oper: der Prophet. Er war beinahe noch um einen 48 wohl zehn Jahre älter ſein. Sein Anzug war ſorg⸗ fältiger, als der ſeines Freundes, und ſelbſt auffallend geſucht. Wiewohl nicht ohne Spuren männlicher Schönheit, flößte ſein Geſicht eine Empfindung von Widerwillen und Mißtrauen ein. Es lag etwas Hartes, etwas Anmaßendes in ſeinen ſtarkgezeichne⸗ ten Zügen; ſeine dicken, feuchten Lippen ſprachen von Lüſternheit und finnlichen Neigungen; ein über⸗ müthiges Hohnlächeln ſchien mit ſeinem Munde ver⸗ wachſen und aus ſeinen Augen ſchoſſen dann und wann Seitenblicke, die in ihm ein bösartiges Ge⸗ müth, oder wenigſtens eine weitgehende Argliſt ver⸗ muthen ließen. Während er, ein ſpaniſches Röhrchen drehend und erhobenen Hauptes, pfeifend ſeinen Weg fort⸗ ſetzte, warf er von Zeit zu Zeit das Auge beobach⸗ tend auf ſeinen Begleiter, zuckte dann die Achſeln, oder drückte auf eine andere Weiſe bald ſpöttiſches Mitleid, bald ärgerliche Ungeduld aus. Auch gab es Augenblicke, wo eine Wolke des Nachdenkens ſein Angeſicht verdüſterte, als ob der Zuſtand des Jüng⸗ lings ihn bekümmerte; aber ein ſolcher Ausdruck mußte unmittelbar einem ſpöttiſchen Lächeln weichen, welches zu beweiſen ſchien, daß er ſeinen Genoſſen als ein ſchwaches und unmächtiges Weſen betrach⸗ tete, deſſen Bekümmerniß und Leiden weder Mitge⸗ fühl noch Schonung verdienten. Endlich näherte er ſich allmälig dem träumenden Jüngling und redete ihn in franzöſiſcher Sprache an: „Ei, Daniel, Sie beginnen mich ſchrecklich zu lang⸗ weilen! Auf ſolche Weiſe werden wir uns alſo hier beluſtigen? Es war wohl der Mühe werth, mich . nach wir die liche Zeit da l dahi zum Ton Ged zufü tend Tiefe mir Lufti Hoff mir Ich mich lacht es v die ſchei weld üben Rhei ſorg⸗ llend licher von twas ichne⸗ achen über⸗ ver⸗ und s Ge⸗ t ver⸗ ehend fort⸗ obach⸗ chſeln, tiſches h gab s ſein Jüng⸗ Sdruck eichen, noſſen etrach⸗ Mitge⸗ nenden he an: u lang⸗ ſo hier ,mich 6 49 nach Ihrer Heimath mitzunehmen. Ein Glück, daß wir nicht lange bleiben werden! Ich hatte gehofft, die Luftveränderung würde Sie von der unbegreif⸗ lichen Niedergeſchlagenheit, welche ſich ſeit einiger Zeit Ihres Gemüths bemächtigt hat, heilen... und da laufen Sie nun, mit dem Kopf auf dem Boden, dahin, als hätten Sie einen Mord begangen! An was, zum Teufel, denken Sie denn?“ „Ich weiß es nicht,“ murmelte der Andere dumpfen Tones;„meine Seele wühlt in meinem Innern, die Gedanken ſtürmen mir im Kopfe...“ „Daß Sie mir um Gottes willen Ihre Nerven⸗ zufälle nicht bekommen; Sie ſind ohnedieß unterhal⸗ tend genug!“ „Wehe mir,“ ſeufzte Daniel,„bis zu welcher Tiefe hat der Teufel den Brunnen des Gefühls in mir ausgetrocknet! Ich auch, ich habe geglaubt, die Luftveränderung würde meinen Geiſt aufheitern. Eitle Hoffnung! die Nähe meines Geburtsortes erfüllt mir das Herz mit einer ſchrecklichen Ueberzeugung. Ich fühle es jetzt erſt mit Gewißheit: es iſt um mich geſchehen, Gumbert!“ „Himmel! was für ein thörichtes Geſchwätz!“ lachte der Andere.„Und warum gerade jetzt? Iſt es vielleicht der Anblick dieſer abſcheulichen Pappeln, die hier alle andern Bäume verdrängt zu haben ſcheinen, oder ſind es vielleicht die Felder, welche nach etwas ganz Anderem, als nach Roſen riechen, welche auf Sie einen ſo unerwarteten Einfluß aus⸗ üben? Wären Sie in der Schweiz, oder an dem Rhein, ich könnte es begreifen, aber hier. Wenn es Conſcience, Leid der Zeit. 4 Ihnen auch beliebt hat, ſich in dieſem Landſtrich zur Welt kommen zu laſſen, werden Sie doch nicht zu leugnen wagen, daß hier Alles gemein, mager und beſchränkt ausſieht?“ Ein ſchmerzliches Lächeln, ein Zucken bittern Spottes fuhr über Daniels Lippen, während er mit fieberiſcher Erregung in der Stimme antwortete: „Ach, ach, es iſt wahr; Sie haben Recht, Gum⸗ bert: Alles iſt hier eindruckslos, gemein und be⸗ ſchränkt!... Und dennoch, wenn nur ein einziger Funken von Lebenspoeſie in meinem Herzen übrig⸗ geblieben wäre, ſo müßte dieſe Gegend, für mich wenigſtens, ſchön und entzückend ſein. Die Bäume haben meine Kinderſpiele beſchattet; ſie ſahen mich ſo oft träumend auf den Klang einer ſüßen Stimme lauſchen, als die Stimme einer Frau noch Zauber⸗ macht über mein Gemüth hatte! Sie waren in der Abendſtille ſo manchmal die Vertrauten meines Glau⸗ bens an das Gute, meiner Hoffnung auf die Zukunft, meiner Dankbarkeit gegen Gott! Und die Felder, von dem Schweiß der Dorfbewohner um mich her befruch⸗ tet, die Rübſaat mit ihren duftenden Blüthen, der Flachs, der auf dem Acker wogte, die Thurmſpitzen, in deren Schatten die Freunde meiner Kindheit woh⸗ nen, müßten ſie nicht die Vergangenheit mir vor Augen zaubern, mich erfreuen, mich tröſten durch die Erinnerung an Zeiten von Unſchuld und Glück? Aber nein, es iſt nur mein Geiſt und mein Koypf, welche dieſe Erinnerungen durch die Kraft des Ge⸗ dächtniſſes aufrufen: mein Herz bleibt unmächtig und kalt, und Nichts, Nichts fühlt es, als Lebensüber⸗ druß und Spott über ſeine eigene Leere!“ in d Wir Aus Ver ſehr Ihr zu mit fühl ſeuf Stir Ihr verz ich vern blin wer kaut Unt ung Sie dieſe nes fen. was zur ht zu und ittern r mit e: Gum⸗ d be⸗ tziger ibrig⸗ mich äume mich timme wber⸗ n der Glau⸗ kunft, , von efruch⸗ der pitzen, woh⸗ ir vor durch Glück? Kopf, Ge⸗ gund Süber⸗ 51 Gumbert ſchlug ein lautes Gelächter auf, klatſchte in die Hände und rief: „Bravo, bravo, gut hergeſagt; von wunderbarer Wirkung im Ausdruck; die Bezauberung iſt fertig! Aus welchem Trauerſpiel haben Sie die ungereimten Verſe auswendig gelernt? Sie ſpielen dieſe Rolle ſehr gut, aber Ihr Zuhörer läßt ſich gleichwohl durch Ihr Talent nicht betrügen. Sie glauben gefühllos zu ſein und drücken dieſe Meinung in Worten und mit einer Bewegung aus, welche Sie kindiſch ge⸗ fühlvoll erſcheinen laſſen.“ „O, gäbe Gott, daß Sie Wahrheit ſprächen!“ ſeufzte der Jüngling beinahe unhörbar. Der Andere milderte dann den Ton ſeiner Stimme und ſagte mit ſcheinbarem Mitleiden: „Wahrhaftig, mein lieber Daniel, der Anblick Ihrer Schwäche läßt mich völlig an dem Menſchen verzweifeln, und Sie wiſſen, wie wenig Glauben ich ohnedieß an ſeinen Werth hatte. Wie? Sie, der vermeſſene Philoſoph, der mitleidloſe Spötter, der blinde Genußjäger und wirkliche Lebemann, Sie werden nun der Spielball von Einbildungen, welche kaum das Herz einer Frau aufregen würden? Der Untergang männlicher Stärke bei Ihnen würde mich unglücklich machen, wüßte ich nicht, Daniel, daß Sie ſich in Kurzem mit verdoppelter Kraft von dieſem Fieberanfall aufraffen werden.“ Die halb ſpöttiſchen, halb mitleidigen Worte ſei⸗ nes Genoſſen hatten den Jüngling ſchmerzlich betrof⸗ fen. Mit Schamröthe auf der Stirne antwortete er: „Ach, ich bin krank, Gumbert; ich weiß nicht, was ich ſpreche; es iſt finſter in meinem Gehirn. 4* Unerklärliches Räthſel, das mich erſchreckt! Meine Seele hat ſich in zwei verſchiedene Weſen getheilt; nahr das eine ſteht unter dem Gebot meiner Rede und wier meines Willens; das andere iſt von mir unabhängig und denkt und handelt ohne meine Dazwiſchenkunft. meit Dieſe zwei Seelen ſtreiten in meinem Innern um die Oberhand; die heißen Kämpfe, die geheimnißvol⸗ moiſ len Stürme in meinem Herzen ſtürzen mich in fürch⸗ iſt, terlichen Zweifel, in düſtere Troſtloſigkeit, in bren⸗ nenden Lebensüberdruß. Es wird, es muß mit 3½ meinen Leiden ein Ende nehmen! Und wenn Gott häuj mir nicht den Tod ſchenkt...“ Sein Genoſſe legte ihm die Hand auf den Mund Im und ſagte in leichtem Tone: als „Schon wieder? Ich wartete darauf; ſeit einiger Zeit iſt es der Schlußſatz von Allem, was Sie ſagen.“ beri „Aber,“ rief der Jüngling,„warum leben, wenn ler uns Alles in der Welt zuwider iſt und keine Kraft verl mehr bleibt, zu fühlen und zu genießen?“ Vög „Kommen Sie, kommen Sie, Daniel, ſpotten Sie nicht über ſich ſelbſt. Daß ein armer Teufel, Dar unter dem ſchweren Druck des Elends, ſeine Zu⸗ heit, flucht zu dieſem äußerſten und feigſten Mittel nimmt, Bet weil er den Muth nicht hat, auf beſſere Tage zu meit warten, das iſt begreiflich; aber Sie, der vielleicht tet, noch über dreihunderttauſend Francs zu verzehren hat? Es iſt zum Lachen! Sie ſind krank, ſagen Sie. Gen Seien Sie doch aufrichtig und bekennen Sie, daß er ſ Ihr Leid in nichts Anderem beſteht, als in dem in d Verdruß darüber, daß Sie an einem Abend gegen den Marquis Dellatrie Alles, was Sie beſaßen, und ſein noch etwas mehr verloren haben. Bah, bah, Sie eine eine eilt; und ngig unft. um vol⸗ ürch⸗ bren⸗ mit Gott Nund niger gen.“ wenn Kraft otten eufel, Zu⸗ immt, ge zu lleicht hat Sie. daß dem egen und „Sie 53 ſind darum noch nicht arm, und was der Zufall uns nahm, gibt er bei einer günſtigen Gelegenheit uns wieder.“ „Sie täuſchen ſich, Gumbert, das iſt der Grund meines Leidens nicht,“ murmelte Daniel. „Sind Sie vielleicht krank geworden, weil Made⸗ moiſelle Aurora ſo plötzlich aus Paris verſchwunden iſt, ohne Ihnen nur Lebewohl zu ſagen?“ „Mademoiſelle Aurora war mir gleichgültig.“ „Es ſchien doch anders, Daniel. Warum über⸗ häuften Sie denn dieſelbe mit fürſtlichen Geſchenken?“ „Mein Hochmuth, mein ſinnloſer Hochmuth! Im Grunde meines Herzens fühlte ich nichts für ſie als Widerwillen und Verachtung...“ „Vielleicht hat es Sie überraſcht und ſchmerzlich berührt, daß unſere beſten Freunde, unſere Schmeich⸗ ler und hauptſächlich unſere Schmeichlerinnen uns verlaſſen haben, ſobald ſie dachten, die ſchönen Vögel haben ihre Federn verloren?“ „Es wirkte dieß Alles zuſammen,“ antwortete Daniel mit einer Art fieberiſchen Grolles;„die Falſch⸗ heit, die Selbſtſucht, die Bosheit der Menſchen; der Betrug, die Liſt und Gefühlloſigkeit der Welt: alle meine Hoffnungen vereitelt, all mein Glaube verſpot⸗ tet, all meine Liebe todt!“ Als ob Gumbert ſeine Bemühungen, Doniels Gemüth aufzuheitern, plötlich aufgegeben hätte, drehte er ſich auf den Ferſen um, ſchwang ſein Stöckchen in die Luft und begann, ein Liedchen zu ſingen. Der Junker ſchaute eine Weile ſtillſchweigend ſeinem luſtigen Freunde zu und ſagte dann mit einem tiefem Seufzer: 54 „Gumbert, Gumbert, wie glucklich ſind Sie! O, könnte ich unbeſorgt und lachend gleich Ihnen, auf dem Meere des Lebens hintreiben!“ „Sie können es, und das Mittel dazu iſt äußerſt einfach,“ antwortete der Andere, ſeinen Schritt ver⸗ kürzend.„Betrachten Sie die Welt, wie ſie iſt, und fordern Sie nicht, was dieſelbe nicht geben kann. Die Geſellſchaft iſt ein Krieg von Allen gegen Alle; ſie iſt ein Doppelſpiel mit falſchen Würfeln, worin jeder betrügt oder betrogen wird, und worin die, welche betrogen werden, ihrerſeits wieder betrügen, ſobald es ihnen möglich iſt. Wollen Sie wiſſen, welche Leute unfehlbar zur Rolle von Schlachtopfern beſtimmt ſind? Die ſchwachen Weſen, welche ſich durch den Schein der Dinge täuſchen laſſen und glauben, Tugend oder Edelmuth beſtehe darin, alle Zeit bei dem ewigen Spiel der menſchlichen Selbſt⸗ ſucht die Gefoppten zu ſein.“ „Welche Welt!“ murrte Daniel.„Es ſoll alſo Nichts geben, was man ehren und lieben kann? Keine ſittliche Wahrheit?“ „Es gibt auf Erden nichts Anderes, als was greifbar und materiell iſt: alles Uebrige iſt Wind und eitle Verblendung.“ Ein dumpfer Schrei entſchlüpfte des Jünglings Bruſt; ſeine Glieder zitterten. „Armer Daniel,“ ſagte ſein Genoſſe,„welche Mühe koſtet es Sie, um Wahrheiten aufzufaſſen, die nichts deſto weniger ſo klar ſind?“ „O, es iſt die unerbittliche Wahrheit Ihrer Worte nicht, welche mich mit Verzweiflung ſchlägt,“ rief der * auf ßerſt ver⸗ und kann. Alle: vorin die, ügen, iſſen, pfern ſich und „alle elbſt⸗ lalſo kann? was Wind glings welche n, die Worte ief der 55 Junker;„nein, ſondern daß dieſe verzweifelte Ueber⸗ zeugung unvertilgbare Wurzeln getrieben hat.“ „Wäre es ſo, ich würde ſagen: jauchzen Sie und ſeien Sie fröhlich, Daniel, damit Sie ſo über Ihre Schwachheiten den Sieg davon tragen; aber was nicht iſt, kann noch kommen. Was wird die Ver⸗ ſtörung Ihres Gehirns anders ſein, als der letzte Kampf zwiſchen den Wahnbegriffen, welche aus Ihrer Kindheit, von Ihrer erſten Erziehung her in Ihnen zurückblieben, und zwiſchen der Wahrheit, die mit Gewalt auf immer von Ihrem Weſen Beſitz er⸗ greifen wird. Wenn der Streit in Ihrem Herzen einmal zu Ende gegangen iſt, werden Sie die Dinge ſehen, wie dieſelben in der That ſind, all des Zau⸗ bers und all des falſchen Schimmers entkleidet, wo⸗ mit die Selbſtſucht, der Aberglauben und die Dumm⸗ heit ſie ausgeſtattet haben; und dann werden Sie in unzerſtörbarer Klarheit des Geiſtes über die feige Schaafheerde, die man Geſellſchaft nennt, ſich erhaben fühlen, gleich einem Rieſen unter den Zwergen.“ Nach einem kurzen Schweigen ſagte der Junker mit überraſchender Ruhe: „Sprechen wir von andern Dingen, Gumbert. Wahrſcheinlich täuſchen wir uns beide. Alle die ge⸗ waltigen Gemüthsbewegungen und dieſe Aufregun⸗ gen meiner Nerven ſind vielleicht nichts Anderes, als die Folge körperlichen Uebelbefindens.“ „Sie bringen mich zum Erſtaunen!“ rief Gum⸗ bert.„Auf einmal ſo ruhig, ſo vernünftig?.. Es iſt einerlei: da Sie nun aufzumerken im Stande ſind, will ich Ihnen ſagen, Daniel, daß mir das Zufußgehen langweilig wird. Iſt es noch weit?“ 56 „Noch eine kleine halbe Stunde.“ „Was! eine kleine halbe Stunde? gehen wir zufällig rückwärts?“ „Wirklich, eine gute Viertelſtunde.“ „Es iſt noch verteufelt lang! Ich will mir die Zeit wohl damit ein wenig verkürzen, daß ich von unſeren Angelegenheiten ſpreche; aber werden Sie wieder träumen und nicht zuhören?“ „Nein, ſprechen Sie, ich werde aufhorchen; ich fühle mich beſſer: meine Nerven beruhigen ſich.“ „Wiſſen Sie wirklich nicht, Daniel, wie hoch ſich der Werth Ihrer Güter belaufen mag 2“ fragte Gumbert ſehr ernſthaft. „Ich weiß es nicht; aber es iſt auf alle Fälle ſicher, daß der Rentmeiſter mir den wirklichen Werth verbirgt; ohne Zweifel aus guter Abſicht: um mich zu verhindern, den größten Theil meines Erbtheils in Paris zu verzehren.“ „Sie haben jetzt ungefähr hundertfünfundzwanzig Francs in Geld empfangen, nicht wahr? Sollten Ihre Güter gegen eine halbe Million betragen?“ „Vielleicht ſo viel nicht, Gumbert; aber doch wohl vierhunderttauſend Francs, oder ich müßte mich in meinen Berechnungen ſehr betrogen haben.“ „Laß ſehen, theihen wir die Differenz in zwei Hälften und nehmen vierhundertundfünfzigtauſend Francs an. Mit den ſechzigtauſend Franes, die Sie dort noch ſchuldig ſind, hat ſich Ihr Vermögen um hundertfünfundachzigtauſend Francs vermindert. Es werden Ihnen ſo nur zweihundertfünfundzwanzigtauſend Francs übrig bleiben; aber wir dürfen zum Minde⸗ ſten noch fünfundzwanzigtauſend Francs beifügen, als vert Abr auft iſt neu dert Sie ſolle Wie ma ſch ich Beſ auf mit wol ſcha ebe die mic mer nich ſich „w die leg Rei 57 vermuthlichen Ertrag Ihrer Güter während Ihrer Abweſenheit, nach Abrechnung der Zinſen für die aufgenommenen Anlehen. Der Schluß der Rechnung iſt demnach, daß Sie noch immer über zweihundert⸗ neunzig, das heißt in runden Ziffern, über dreihun⸗ derttauſend Francs zu gebieten haben. Ha, ha, und Sie haſſen das Leben, und Sie verzweifeln und Sie ſollen nicht mehr die Kraft haben, zu genießen!... Wie, Sie lachen nicht bei ſo herrlichen Ausſichten?“ „Was hilft mir das Geld, Gumbert? Kann man ſich eine neue Seele dafür kaufen?“ „Fangen Sie ſchon wieder an? Bemühen Sie ſich, Ihre unſinnigen Gedanken zu bezwingen, oder ich ſpreche kein Wort mehr... Ich bin nicht ohne Beſorgniß, Daniel. Der alte Rentmeiſter ſitzt mir auf der Naſe und ſagt mir, daß wir es nicht leicht mit ihm haben werden. Der ſchlechte Burſche kann wohl auf Ihre Koſten ein Vermögen zuſammenge⸗ ſcharrt haben; und iſt die Rechnung, welche ich ſo eben machte, nicht richtig, dann ſoll er es ſein, der die Verwirrung darein gebracht hat. Laſſen Sie mich nur machen, Daniel: ich werde ihm den Dau⸗ men an die Kehle ſetzen; und, er mag wollen oder nicht, der Blutſauger ſoll den letzten Tropfen von ſich geben, den er von Ihrem Erbgut eingezogen hat.“ Daniel ſchüttelte mißbilligend den Keß „Was wollen Sie ſagen?“ fragte der Andere, „wollen Sie den Rentmeiſter nicht Rechenſchaft über die Verwaltung und den Ertrag Ihrer Güter ab⸗ legen laſſen?“ „Das meine ich nicht, da es ja der Zweck unſerer Reiſe iſt, dieſe Rechnung genau kennen zu lernen.“ „Und zu dem Verkauf der Güter zu ſchreiten?“ „Und zu dem Verkauf der Güter, in der That; aber ich bitte Sie, Gumbert, ſeien Sie freundlich gegen den alten Rentmeiſter und behandeln Sie ihn nicht mit Härte: er war der Freund meines Vaters, er iſt es, der mich erzogen hat...“ „Bah, er oder ein anderer, darüber hat der Zu⸗ fall entſchieden. Sie glauben alſo, Sie liebe Einfalt, darum, daß der Rentmeiſter Sie erzogen habe, ſei er kein Menſch wie ein anderer? Sei er nicht gleich⸗ falls ein Sclave der angeborenen Selbſtſucht und des Eigennutzes?“ „Das iſt gleich, ich will, daß er nicht beleidigt werde!“ rief der Jüngling mit einer gewiſſen zorni⸗ gen Ungeduld in der Stimme. „Nun wohl, nun wohl, wir werden ihn mit aller möglichen Freundlichkeit zwingen, eine klare Rechen⸗ ſchaft abzulegen. Wie lang, glauben Sie, Daniel, daß es hier zu Land dauern wird, bis man zu dem öffentlichen Verkauf ſchreiten kann?“ „Drei Wochen, einen Monat, glaube ich.“ „Das iſt lang; dieſer Aufſchub bekümmert mich über die Maßen.“ „Warum denn?“ „Ich weiß es nicht; es iſt eine unbeſtimmte, eine geheimnißvolle Beſorgniß. So eben ſprachen Sie etwas von einer Frau mit füßer Stimme. Wenn Sie ſich nun in der Zeit von einigen Wochen noch einmal von ihr bezaubern ließen?“ Ein zweifelndes Lächeln lief über Daniels Lippen. „Jürchten Sie dieſes nicht, Gumbert,“ ſagte er; „ſeitdem ich die Frauen kennen gelernt habe, wird hat; dlich ihn ters, Zu⸗ nfalt, „ſei leich⸗ und eidigt orni⸗ aller chen⸗ aniel, dem mich eine Sie Wenn noch ppen. te er; wird 59 keine noch einmal ein Gefühl von Liebe in mir er⸗ wecken.“ „Ich möchte nicht darauf ſchwören. Den Briefen des Rentmeiſters zufolge muß die Dulecinea ganz ſchrecklich in Sie verliebt ſein. Haben Sie mich nicht getäuſcht, ſo hat ſie ſeit Jahren nichts mehr von Ihnen als die gewöhnlichen Grüße empfangen, welche Sie am Schluß Ihrer Briefe an den Rent⸗ meiſter für dieſelbe beiſetzten. Und ſie hat dieſe Grüße als die wiederholten Beweiſe Ihrer Treue aufgenommen. Es iſt Dummheit oder Liſt, ohne Zweifel... „Schweigen Sie, ſchweigen Sie davon,“ fiel ihm Daniel flehend in die Rede.„Erinnern Sie mich nicht daran, daß ich vor Zeiten eines reinen und innigen Gefühls fähig war.“ „So, ſo!“ murmelte der Andexe, den Kopf ſchüttelnd.„Sollte meine Beſorgniß gegründet ſein? Ha, ha, es wäre ein prächtiges Ding, wenn ich nach all den Opfern, welche ich Ihnen gebracht habe, allein nach Paris zurückkehren müßte. Dann müßte ich in der That ſagen, daß man ſelbſt auf ſeinen Buſenfreund, auf ſein zweites Ich nicht mehr ver⸗ trauen darf.“ „Sie ſpotten mitleidlos, Gumbert. Wie? Sie halten mich eines ſolchen Undanks fähig, daß ich den einzigen Menſchen verrathen könnte, der mir im Un⸗ glück getreu geblieben iſt.“ „Wie ſtark auch ein Gefühl ſein mag, es muß vor einem neuen Gefühl, das ſtärker iſt, unterliegen. Ob es nun geſchehe, oder nicht, ich werde darum den Kopf nachher nicht hängen. Allein werde ich 60 zu Paris betrauern können, daß mein unglücklicher Freund.. „Aber was ſchwatzen Sie denn da auf einmal?“ rief Daniel bitter.„Dieſe Celeſta iſt mir gleich⸗ gültig. Ich habe ſie geliebt, als mein Fes noch eben ſo unſchuldig war, als das ihre. Nun aber iſt dieſes Gefühl ſchon lange in mir vergangen und erſtorben... Und doch, wäre auch meine Neigung zu ihr ungeſchwächt geblieben, welchen Einfluß ſollte dieß auf unſere Freundſchaft ausüben? Gum⸗ bert, wir ſind durch das Schickſal an einander Nichts, Nichts kann uns ſcheiden, als der 0 1“ „So muß man ſprechen, Daniel. Ich weiß, daß das Herz bei Ihnen auf dem rechten Flecke ſitzt.“ „Schweigen Sie jetzt einige Augenblicke, ich bitte Sie, Gumbert,“ ſeufzte der Junker;„mein Gehirn iſt verwirrt; ich fühle, daß meine Nerven wieder in neuen Aufruhr gerathen, wenn ich meinem Geiſt nicht einige Ruhe gönne. Sie näherten ſich dem Punkte, wo die Land⸗ ſtraße eine neue Wendung machte und eine andere Ausſicht bot. Nicht lange waren ſie ſtillſchweigend Wegs fortgegangen, als Gumbert plötzlich aus⸗ rief: „Sieh, ſieh, was iſt das dort? All dieſes Volk? Ein Triumphbogen, eine Fahne, verzierte Bäume? Ah, ah, ich begreife: man will Sie einholen und als Herrn von dem Dorfe bewillkommnen. Es iſt mittelalterlich, in der That. Halten Sie ſich gut, Daniel, ernſthaft, ſtattlich und ſtolz, als ein ächter Dorfbaron.. Was mich betrifft, ſo werde ich, wer ſelb mel ege ſteh er an desl gru nen Lach und Mu in ſpiel Sie chen es! der anke zuſa und Fra deſte der alle cher 2 eich⸗ noch ber und ung fluß um⸗ ider der daß itte hirn in icht and⸗ dere en aus⸗ olk? me? und iſt gut, hter ich, 61 wenn es mir möglich iſt, das Lachen zurückzuhalten, ſelbſt bewundern.“ Daniel ſchaute in die Ferne nach den verſam⸗ melten Dorfbewohnern, unter welchen einige bereits ihre Hüte in der Luft ſchwangen. Er ſchien ver⸗ legen und unzufrieden und blieb auf der Straße ſtehen, wie Jemand, der im Zweifel darüber iſt, was er thun ſoll. „Kommen Sie, kommen Sie,“ rief Gumbert, ihn an der Hand faſſend,„beeilen Sie ſich, neuer Lan⸗ desherr; empfangen Sie den ehrerbietigen Willkomms⸗ gruß Ihrer Unterthanen und Vaſallen. Sie ſchei⸗ nen ſich zu fürchten? Nun, ſeien Sie nicht kindiſch. Lachen Sie zu den dummen Streichen der Bauern und laſſen Sie dieſelben machen... Horch, da iſt Muſik! Himmel, was iſt das? Sind es Neger, die in Ihrem Dorfe wohnen, Daniel? Mir ſcheint, ſie ſpielen den Tamtam. Kommen Sie, beſchleunigen Sie Ihren Schritt: ich werde neugierig...“ Man hatte ihn in der That ſchon von dem Dörf⸗ chen aus bemerkt; und als Jodokus, der Bediente, es beſtätigte, daß es der Junker van Hoogeland ſei, der dort mit ſeinem Freunde, Herrn Gumbert, her⸗ ankomme, waren die Leute von der Gilde plötzlich zuſammengetreten, man hatte die Fahne aufgezogen, und die Muſik begann zu ſpielen. Viele der Dorfbewohner, beſonders Kinder und Frauen, wollten auf der Straße vorausgehen, um deſto früher den erwarteten Junker zu ſehen; aber der Feldſchütze, mit ſeinem blanken Säbel, hatte ſie alle auf den Zug zurückgetrieben. Während der Bürgermeiſter und die Schöppen Herrn Daniel van Hoogeland mit einer Anrede begrüßen ſollten, durfte Niemand ihn willkommen heißen, bevor dieſer vor⸗ nehmſte Theil der Feſtlichkeit vorüber war. Der Rentmeiſter mit Celeſta und ihrer Tante ſtand ein wenig beiſeite, neben dem Zug und außer dem Gedränge des Volks. Das Fräulein koſtete es Mühe, ſeine Ungeduld zu bezwingen; ſie wäre am liebſten vorausgegangen, um vor allen Andern Daniel den freudigen Willkommsgruß zuzurufen, aber der Greis hatte ihr begreiflich gemacht, daß es ſchick⸗ lich ſei, zu warten, bis er von der amtlichen Feſtlich⸗ keit erlöst wäre. Mit den übereilten Tönen der Muſik, mit dem Schwenken von Hüten und Händen, mit allerlei Ge⸗ ſchrei und Jauchzen wurde der Junker bei ſeiner An⸗ näherung empfangen. Daniel war erregt, beſchämt und verwirrt. Ueber ſeine Wangen lief ein krampfhaftes Zucken, über ſeine Lippen ſchweifte ein Lächeln des Verdruſſes und der Ungeduld, und er wandte ſelbſt den Kopf ab, als ob das beißende Spottlächeln Gumberts ihn peinigte. Auf ein Zeichen, welches der Feldſchütze mit dem Säbel gab, verſtummte aller Lärm. Der Bürger⸗ meiſter zog ein Papier aus der Taſche, entfaltete es mit zitternden Händen und begann dem Junker eine Rede vorzuleſen. Der arme Bauer, welcher das Amt eines Bür⸗ germeiſters bekleidete, war wohl ein achtungswerther Mann, aber kein hochgelehrter, und vor Allem kein beredter Sprecher. Er las mit vieler Mühe und mit zahlreichen Unterbrechungen, was auf dem Pa⸗ Un geſi der mel nich ſein dau G hör bew zulo die inn die bew Ner Ste Her der Her den tere Hoo ihre die Lieb ufte vor⸗ ante ußer ſtete väre dern aber chick⸗ lich⸗ dem Ge⸗ An⸗ eber über uſſes Kopf ihn dem rger⸗ e es eine Bür⸗ rther kein und Pa⸗ 63 pier geſchrieben ſtand; dabei trieb das Gefühl ſeines Unvermögens ihm die Röthe auf ſein runzeliges An⸗ geſicht und preßte ihm perlenweiſe den Schweiß aus der Stirne. Die Angſt des Alten, ſein Zittern und Stam⸗ meln ergötzten Gumbert in hohem Grade, obwohl er nicht verſtehen konnte, was der Bürgermeiſter in ſeiner flämiſchen Mutterſprache ſagte. Was das Aergſte von Allem war, die Rede dauerte über die Maßen lang. Achtlos und in ſichtbarer Zerſtreuung hatte der Junker den erſten Theil der Willkommsrede ange⸗ hört. Die Hunderte weit aufgeriſſener Augen, welche bewegungslos auf ihn gerichtet blieben und ihm ab⸗ zulauern ſchienen, was in ſeinem Innern vorging, die Mienen von Leuten, an deren Namen er ſich er⸗ innerte, das freundliche Lächeln der jungen Männer, die ſeine Spielkamaraden geweſen waren, dieß alles bewegte ſeine Seele und erſchütterte ſein krankhaftes Nervenſyſtem. Als der Bürgermeiſter in ſeiner Rede an die Stelle kam, wo er von dem frühen Tod der Eltern Herrn Daniels ſprach, da begann des Alten Stimme zu zittern und nahm einen Ton des Gefühls und der Wahrheit an, der unwiderſtehlich in des Junkers Herz drang und ſeine Augen von einer aufquillen⸗ den Thräne erglänzen machte. Aber als er im wei⸗ teren Verlaufe die Wohlthätigkeit der Fran van Hoogeland rühmte, an ihre Gottesfurcht, ihre Güte, ihre Tugend erinnerte und dem Junker ſagte, daß die Wohlthaten ſeiner Mutter ihm für immer die Liebe und Dankbarkeit der Einwohner gewonnen hätten, da fühlte Daniel, daß er ſeine Rührung nicht länger verbergen könne. Vielleicht hätte er ſich be⸗ wußtlos dem Gefühl, das in ihm triumphirte, hinge⸗ geben, vielleicht wären ſeine Thränen ſelbſt im An⸗ geſicht der zuſchauenden Menge hervorgebrochen— aber der vorwurfsvolle Blick und das Spottlächeln von Gumbert? Von Ungeduld und Scham fortgeriſſen, ſagte Daniel in dumpfem Tone: „Genug, Genug! Ich danke Ihnen, Herr Bür⸗ ermeiſter. Sie ſind ſehr gut. Bezeugen Sie, ich itte, allen Einwohnern meine Erkenntlichkeit; aber entſchuldigen Sie mich jetzt: ich bin nicht wohl, ich habe ſchreckliche Kopfſchmerzen. Vergeben Sie mir...“ Nach dieſen Worten entfernte er ſich und ließ den Gemeindevorſtand in völliger Verblüfftheit ſtehen. Von Gumbert auf den Ferſen gefolgt, ging er einige Schritte neben dem Zug hin, ſchien aber plötzlich von einer überraſchenden Viſion getroffen, und begann zu zittern, während er den Blick abwandte und bei ſich ſelbſt murmelte: „Celeſta! O Gott, wie ſchön ſie iſt!“ „Geben Sie Acht, Daniel, Sie machen ſich lächerlich,“ ziſchte Gumbert ihm in das Ohr.„Die Bauern werden glauben, Sie ſeien aus dem Irren⸗ hauſe ausgebrochen.“ Mit Gewalt gegen ſeine Rührung ankämpfend, ſchaute Daniel wieder in die Augen der Jungfrau, die mit einem wunderſüßen Lächeln auf dem Ange⸗ ſicht ihm entgegen kam... aber dieſes Lächeln ſelbſt, voll Glauben und Vertrauen auf ſeine Beſtändigkeit, ſchlug ihn mit einer neuen Erſchütterung. Um ſeine auf ſie 1 freut Ren dank nicht die ihm ſagte ſchaf kinde mit ihren flehte Mun ( ſeufz flüſte aller Glüc Wieg nicht be⸗ nge⸗ An⸗ 1— cheln ſagte Bür⸗ „ich aber „ich ließ ehen. inige n gann 5 bei ſich „Die rren⸗ pfend, gfrau, Ange⸗ ſelbſt, igkeit, ſeine 65 auffallende Verwirrung zu verbergen, lief er gerade auf den Rentmeiſter zu, faßte ſeine Hände, drückte ſie mit unnatürlicher Heftigkeit und ſagte: „Ach, Willibald, mein guter Willibald, wie er⸗ freut bin ich, Sie wieder zu ſehen!“ „Gelobt ſei Gott für dieſes Glück!“ rief der alte Rentmeiſter mit Thränen in den Augen.„Ich danke, danke, Daniel!“ „Und ich! Kennen Sie denn Ihre gute Mutter nicht mehr?“ rief, lauter Lächeln, Celeſta's Tante, die ſich vor den Jüngling hingeſtellt hatte, um ſich ihm zu erkennen zu geben. „H, entſchuldigen Sie mich, Frau van Berg,“ ſagte er,„niemals werde ich die Lebe, die Freund⸗ ſchaft vergeſſen, die Sie einem unglücklichen Waiſen⸗ tinde erzeigt haben.“ Da ſtand Celeſta wiederum vor ſeinen Augen, mit demſelben Liebeslächeln auf dem Angeſicht. In ihrem ſüßen Blick gab ſich jetzt eine Bitte kund, als flehte ſie um ein Wort der Zuneigung aus ſeinem Munde. Er faßte, auf's Tiefſte bewegt, ihre Hand und ſeufzte in leiſem, traurigem Tone: „Celeſta, ach Celeſta!“ Dann ließ er ihre Hand los und blieb ſchweigend, mit geſenktem Haupte, vor der Jungfrau ſtehen. „Sie ſind recht tief gerührt, nicht wahr, Daniel?“ flüſterte ſic.„Ihr Herz ſtrömt beim Wiederſehen aller derer, von welchen Sie geliebt werden, von Glück über? Die Rückkehr nach dem Ort, wo unſere Wiege ſtand, wo Alles Ihnen durch eine ſüße Er⸗ Conſcience, Leid der Zeit. 5 ————— innerung zulächelt, erfüllt Sie mit Freude? Fünf Jahre Abweſenheit! Ich fühle es in mir ſelbſt, wie Ihnen das Herz klopfen muß..“ Der Ton von Celeſta's Stimme ſchien auf des Jünglings Gemüth einen gewaltigen, ja ſchmerzvollen Eindruck zu machen, denn bei jedem ihrer Worte zitterten ſeine Glieder, und entſchlüpfte ein dumpfer Seufzer ſeiner Bruſt. Nicht vermögend, ſeine Aufregung länger zu be⸗ meiſtern, wandte er ſich plötzlich zu dem Rentmeiſter und flehte mit fieberiſcher Ungeduld: „Willibald, mein guter Willibald, um Gottes willen, führen Sie mich von dieſem Volk, aus dieſem Gedränge hinweg! Kommen Sie, laſſen Sie uns nach dem Wulfhof gehen... Luft, Luft, das Blut ſteigt mir nach dem Kopfe!“ Mit dieſen Worten eilte er häſtig voraus, ohne auf ſeine Geſellſchaft zu warten. Die Andern folg⸗ ten ihm eine Weile ſtillſchweigend. In des Rentmeiſters Augen blinkten Thränen, Celeſta ſchaute mit trauriger Beſtürzung auf Daniel, die alte Tante murmelte Worte des Mitleids; aber alle warfen gleichzeitig fragende Blicke auf Gumbert, welcher lächeite und nicht die geringſte Bekümmerniß an den Tag legte. „Aber was fehlt denn dem armen Daniel?“ fragte Frau van Berg.„Sie, mein Herr, kommen als Freund mit ihm und ſcheinen doch ganz ruhig übet ſeinen Zuſtand?“ „Bah, bah, es iſt nichts,“ antwortete Gumbert; „ich weiß nicht, was der alte Bürgermeiſter ihm ge⸗ ſagt hat; aber ich habe wohl geſehen, daß das Ende der we rie ſpr dar der zen Tre All glei zur kem um zukt ſche bert als ſich bert Wer chen allei Sie ihm druc ſicht Fünf wie des ollen Lorte mpfer u be⸗ eiſter ottes ieſem uns Blut ohne folg⸗ ränen, aniel, aber mbert, merniß niel?“ ommen ruhig mbert; hm ge⸗ s Ende 67 der langen Rede Herrn Daniel auf's Aeußerſte be⸗ wegt hat.“ „Ha, dieß wird die Urſache ſeiner Erregung ſein!“ rief der Rentmeiſter freudig.„Der Bürgermeiſter ſprach zu ihm von ſeiner alten Mutter, und von der dankbaren Erinnerung, welche ihre Wohlthätigkeit in der Umgegend zurückgelaſſen hat...“ „Das wird es ſein,“ fiel Gumbert in halb ſcher⸗ zendem Tone dem Rentmeiſter in die Rede.„Die Trennung von ſeinen bisherigen Freunden, und vor Allem von einem gewiſſen ſchönen Fräulein, mag gleichfalls dazu beigetragen haben, ſeine Nerven auf⸗ zureizen. Seien Sie deshalb unbekümmert! Ich kenne Daniel. Laſſen Sie ihm einige Augenblicke, um ſeine Gedanken zu entwirren und ſein Blut ab⸗ zukühlen. Es wird dann ſein, als ob nichts ge⸗ ſchehen wäre.“ „Aber iſt er ſo krank?“ ſeufzte Celeſta. „Krank? Er iſt nicht krank,“ antwortete Gum⸗ bert.„Es ſind Grillen. Daniel iſt zu empfindſam.“ In dieſem Augenblick blieb der Junker ſtehen, als wollte er auf die Geſellſchaft warten, und wandte ſich darauf ganz um. „Sehen Sie, es iſt bereits vorüber,“ lachte Gum⸗ bert.„Jetzt wird er wenigſtens bei Sinnen ſein. Wenn ich Ihnen einen Rath geben darf, ſo ſpre⸗ chen Sie nicht viel mit ihm; die Stille, die Ruhe allein kann ſein Gemüth beſchwichtigen. Alles was Sie ihm ſagen könnten, was das Fräulein vor Allem ihm ſagen kann, würde unfehlbar einen tiefen Ein⸗ druck auf ſein Herz machen. Darum ſeien Sie nach⸗ ſichtig und zeigen Sie ihm ſo wenig Freude als 5* mößlich, und namentlich kein Mitleiden. Morgen wird er ruhig ſein.“ Sek es, daß des Junkers Aufregung ſich in der That gelegt, oder daß die Entfernung von dem Volke ſeinem Geiſte wirklich Erleichterung verſchafft hatte, er ſchien jetzt viel gefaßter. Man hätte ſogar glau⸗ ben können, er ſei zu ſeiner natürlichen Gemüths⸗ verfaſſung zurückgekehrt, wenn nicht der ſonderbare und unerklärliche Ausdruck ſeines Geſichts daran noch hätte zweifeln laſſen. Die Furchen von ſeiner Stirne waren jetzt verſchwunden; ſeine Augen ſchienen ein Gefühl von Freundſchaft auszuſprechen, und er be⸗ mühte ſich durch ein offenes Lächeln zu verſtehen zu geben, daß Frieden in ſein Herz gekommen wäre; aber es blieb in ſeinem Blick und auf ſeinen Lippen etwas Schmerzliches, ein leiſes Zucken, das von Kummer und Muthloſigkeit Zeugniß gab. Er ſagte mit traurigem Ton und mit vieler Wärme in der Stimme, während er zwiſchen dem Rentmeiſter und Celeſta weiter ſchritt: „O, meine lieben Freunde, entſchuldigen Sie mich! Es iſt unartig von mir, nicht wahr? Sie halten mich vielleicht für undankbar? Nein, nein, ich weiß, was Sie für mich gethan haben, Willi⸗ bald; ich weiß, Frau van Berg, daß Sie liebevoll die Stelle meiner Mutter eingenommen haben; ich weiß, Celeſta, ich weiß. O, die Erinnerungen ziehen mir ſtürmiſch durch das Haupt. Könnte ich vergeſſen, nur auf einen Augenblick!“ „Bleiben Sie ruhig, Daniel,“ flüſterte das Fräu⸗ lein ſanft;„ſprechen Sie nicht: es regt Sie auf. gen der ole atte, lau⸗ ths⸗ bare noch tirne ein be⸗ n zu är; ppen von ieler dem Sie Sie nein, Willi⸗ bevoll ; ich ungen te ich Fräu⸗ auf. 69 Morgen wollen wir Gott zuſammen für Ihre glück⸗ liche Rückkehr in das Vaterland danken.“ Wahrſcheinlich hörte der Junker nicht, wäs eine ſüße Stimme ihm in's Ohr flüſterte, denn er ſchritt in tiefem Nachdenken weiter, ohne irgend ein Zeichen von Aufmerkſamkeit zu geben. Einige Zeit herrſchte das völligſte Stillſchweigen. Alle hatten mit klopfendem Herzen und mit innigem Mitleid die Augen auf den träumenden Junker ge⸗ richtet; aber den von Daniels Freunde gegebenen Rath befolgend, verbargen ſie ſo viel als möglich ihre Bewegung und ſprachen nicht. Gumbert allein lächelte und ſchüttelte von Zeit zu Zeit den Kopf. Er war gleichfalls ſtiller, als ſein ſonſtiger Charak⸗ ter mit ſich brachte. Ohne Zweifel hatte er Dinge bemerkt, welche ihn bekümmerten und ihm Stoff zum Nachdenken gaben. Plötzlich erhob Daniel das Haupt und ſagte murmelnd zu Celeſta, obwohl er nicht zu wiſſen ſchien, zu wem er ſprach: „Der Menſch iſt doch ein wunderliches Geſchöpf, nicht wahr? Eine kleine Welt, die auch ihr Licht und ihre Finſterniß, ihre hellen Tage, ihre vernich⸗ tenden Stürme hat?.. Aber ſo verwickelt und gebrechlich, daß wenn an der geringſten Feder im Innern etwas fehlt, das ganze Räderwerk verkehrt läuft. Eine einzige kleine Wunde im Herzen reicht aus, ihn zu tödten; und eine einzige Störung im Gehirn genügt, ihn mit völligem Wahnſinn zu ſchla⸗ gen.. Arme Seele, die verurtheilt iſt, ewig die Sclavin des Körpers zu bleiben! Der dumme, hoch⸗ müthige Menſch, der ſich für einen Rieſen von Willenskraft, von Muth und Stärke hält und der leider der Spielball der materiellen Fäden iſt, die man Nerven nennt!“ Wiewohl Celeſta nichts Anderes von dieſer Rede verſtand, als daß er ſich über die Reizbarkeit ſeiner Nerven beklagte, wurde ſie doch von dem düſtern Ton ſeiner Stimme ſo heftig ergriffen, daß ſie ihre Bewegung nicht länger mehr bezwingen konnte, ſon⸗ dern den Kopf wegwenden mußte, um die Thränen zu verbergen, die aus ihren Augen drangen. Der Junker bemerkte es nicht. Sie waren jetzt ſo weit gekommen, daß ſie das Landgut der Frau van Berg unweit der Straße ſehen konnten. Die alte Dame ſchaute ſchweigend ihre Nichte an und ſchien ſie mit traurigem Blicke zu fragen, warum ihr ſo plötzlich das Weinen gekommen wäre. „Ach liebe Tante,“ ſagte ſie mit gedämpfter Stimme,„er iſt ſo krank! Unſere Gegenwart regt ihn noch mehr auf. Da iſt unſere Wohnung. Wir wollen nicht mit nach dem Wulfhof gehen. Gönnen wir ihm, aus Mitleid, Ruhe und Stille bis Morgen!“ „Du haſt Recht, Celeſta... In welchem Zu⸗ ſtande ſehen wir ihn wieder!“ Und mitten auf der Straße Halt machend, ſprach Frau van Berg mit lauter Stimme: „Herr Daniel, wir verlaſſen Sie hier. Sie kennen das blumenreiche Landgut noch wohl, wo jeder Baum eine angenehme Erinnerung Ihrer An⸗ weſenheit bewahrt hat. Vergeſſen Sie nicht zu lang, daß Leute dort wohnen, welche jederzeit Ihre guten wo Me Cel Th Un her nich ken wer trä Sc To: ſtel mit ent me vor der die Rede einer ſtern ihre ſon⸗ änen Der das traße ichte agen, nmen pfter regt Wir nnen gen!“ 1 Zu⸗ prach Sie „wo rAn⸗ lang, guten 71 Freunde geweſen ſind. Wir hoffen, daß Sie uns wohl mit einem Beſuche beehren werden..“ „Ich werde kommen, ich werde kommen,“ ant⸗ wortete der Junker. „Leben Sie wohl, Daniel, leben Sie wohl bis Morgen!“ ſeufzte das Mädchen. „Was! Thränen? Thränen in Ihren Augen, Celeſta?“ rief der erſchrockene Jüngling.„Hat die Thorheit, die Härte meiner Worte Sie ſo verwundet? Unglücklicher, der ich bin!“ „Nein, nein,“ flüſterte ſie:„das kommt nur da⸗ her, daß Sie leidend ſind, Daniel. Ich habe Ihnen nichts vorzuwerfen. Seien Sie unbeſorgt und ſchen⸗ ken Sie Ihrem Geiſte die nöthige Ruhe. Inzwiſchen werden Ihre Freunde für Sie beten... Bis morgen!“ „Bis morgen!“ wiedetholte Daniel faſt unhörbar. Er blieb ſtehen, um der Jungfrau eine Weile träumend nachzuſehen, ſo daß Gumbert ihn auf die Schulter klopfte und mit ſpöttiſcher Ungeduld im Tone ſagte: „Das Trauerſpiel iſt zu Ende! Die zweite Vor⸗ ſtellung morgen. Wir wollen ſie nichts deſtoweniger mit anſehen. Nun von ernſthafteren Dingen!“ Sich zu dem Rentmeiſter wendend, fragte er: „Sind wir noch weit vom Schloſſe entfernt?“ Aber der Greis ſchien in ferne Betrachtungen entrückt. Man hätte ſagen können, er habe nicht mehr gewußt, wo er ſich befand und was um ihn vorging. „Ich habe die Ehre gehabt, Sie zu fragen, Herr Rentmeiſter, ob wir noch weit vom Schloſſe entfernt ſeien,“ wiederholte Gumbert. „Zehn Minuten,“ antwortete der Greis zerſtreut. „„Wohlan denn, es genügt, um Ihnen zu ſagen, weßhalb wir hieher gekommen ſind. Gehen Sie nur voraus, Daniel; wir wollen dem Rentmeiſter unter⸗ wegs unſere Abſicht begreiflich machen.. Alſo, Herr Willibald, Sie heißen Willibald, glaube ich— ich will Ihnen vorerſt ſagen, daß ich der Kaſſier von meinem Freund Daniel, oder lieber von uns beiden bin, und daß ich ſeine Vollmacht habe. Was ihn betrifft, ſo hat er nicht die geringſte Kenntniß von materiellen Dingen; aber ich, der ich mich früher auf Wechſelgeſchäfte gelegt habe, ich weiß ganz gut mit Ziffern umzugehen, und es müßte eine ſchrecklich dunkle Rechnung ſein, worin ich nicht Tag ſehen könnte. Verſtehen Sie?“ „Nein, mein Herr, ich verſtehe Sie nicht,“ ant⸗ wortete der Greis einigermaßen verwundert.„Wa⸗ rum ſagten Sie mir das?“ „Es geſchieht, ſehen Sie, damit es Ihnen klar wird, mit wem Sie zu thun haben, und Sie keine nutzloſen Mittel verſuchen, uns die Wahrheit zu ver⸗ bergen.“ „Ich die Wahrheit verbergen? Warum?“ „Nun, ich will es kurz machen und deutlicher ſprechen. Sagen Sie mir einmal, Rentmeiſter, wie wagten Sie an meinen Freund Daniel zu ſchreiben, daß ſein väterliches Erbgut nur zweihunderttauſend Francs oder etwas dergleichen betrage?“ Der Greis ſchaute Gumbert mit außerordent⸗ lichem Erſtaunen an. „Wie ich es zu ſchreiben wagte?“ wiederholte er.„Es iſt die Wahrheit.“ un Au rie me es Het Rec der mei wo der geſt ſein beh lach wol hieh Zeit Alb ſehr reut. gen, nur nter⸗ Alſo, iſſier uns Was tniß üher gut cklich ehen ant⸗ Wa⸗ klar keine ver⸗ icher wie iben, ſend dent⸗ holte 73 „Fort, fort, machen Sie das einem Andern weiß,“ lachte Gumbert.„Geben Sie ſich keine Mühe, uns zu betrügen; ſie iſt völlig nutzlos.“ Ein Blitz der Entrüſtung funkelte in Willibalds Augen; er richtete das Haupt ſtolz in die Höhe und rief, vor Aufregung zitternd: „Solche Sprache? Zu mir? Wer ſind Sie denn, mein Herr, daß Sie das Recht zu haben glauben meine grauen Haare alſo zu beſchimpfen?“ „Nun, nun, weichen Sie der Antwort nicht aus; es wäre viel einfacher, uns zu ſagen, wie hoch ſich Herrn Daniels Vermögen in der That beläuft.“ „Es iſt hier nur eine Perſon, welcher ich das Recht zugeſtehe, mich darüber zu befragen,“ ſprach der Greis mit feſter Stimme.„Was Sie betrifft, mein Herr, ſo bin ich noch bereit, Ihnen zu ant⸗ worten, aus Höflichkeit, wenn Sie ſelbſt die Geſetze der Höflichkeit nicht vergeſſen.“ Dieſe letzteren, mit nachdrücklicher Würde aus⸗ geſprochenen Worte verletzten Gumbert ſehr tief in ſeinem Hochmuth. Um ſeinen Aerger zu verbergen, behielt er jedoch ſeinen ſpottenden Ton bei und rief lachend aus: „Ha, ha, ſo verſtehen Sie alſo die Sache? Wir wollen doch einmal ſehen. Kommen Sie einmal hieher, Daniel! Näher, nur näher: es iſt jetzt keine Zeit mehr, zu träumen. Und machen Sie jetzt Ihren Albernheiten ein Ende, ſonſt laufe ich davon.“ „Was wollen Sie?“ fragte der Junker, ſcheinbar ſehr ruhig. „Erklären Sie vorerſt Ihrem Rentmeiſter, daß ich Ihre Vollmacht habe, daß ich hier in Ihrem 7 Namen gebieten kann und daß Jedermann mir Ehrer⸗ bietung und Gehorſam ſchuldig iſt, wie Ihnen ſelbſt.“ „Pas iſt ſo, in der That, guter Willibald,“ be⸗ ſtätigte Daniel.„Zwiſchen Herrn Gumbert und mir iſt Alles gemeinſchaftlich. Für Alles, was Sie thun, um ihm gefällig zu ſein, werde ich Ihnen Dank wiſſen.“ „Fragen Sie jetzt den Rentmeiſter, ob er Ihnen die Wahrheit ſchrieb, als er Sie zu wiederholten Malen verſicherte, daß ſich Ihr Erbgut nicht höher, als auf zweihunderttauſend Francs belaufe.“ „Ich geſtehe, daß ich, gleich meinem Freunde, an der Wahrheit dieſer Angabe zweifle,“ ſtammelte der Junker. „Laſſen Sie ſich doch nicht zu ſolchen Gedanken verleiten, Daniel!“ flehte der Greis. „Aber es liegt nichts Beſchimpſendes für Sie in dieſer Meinung, guter Willibald. Im Gegentheil, ich bin Ihnen dankbar, daß Sie, aus väterlicher Beſorgniß, mir den Betrag meines Vermögens zu verbergen ſuchten.“ „Täuſchen Sie ſich nicht, Daniel; beharren Sie nicht auf einem nutzloſen Irrthum,“ ſprach der Rent⸗ meiſter.„Der Beweis für das, was ich ſage, iſt ſo leicht! Alle die Ländereien, welche Ihr väterliches Erbgut ausmachen, liegen um den Wulfhof herum; ich werde dieſelben Ihnen morgen zeigen und Sie über deren Werth ins Klare ſetzen. Dann werden Sie ſich überzeugen, daß ich Ihnen nichts, als die Wahrheit ſchrieb.“ „Alſo werde ich arm ſein?“ rief Daniel mit einem bittern Hohnlächeln auf den Lippen. deſt wer mir klar ſeli zien Etn den fra den und ihm der des geſe dert Stt und Bri natt hab dem glä in ſage hrer⸗ bſt.“ be⸗ und Sie hnen hnen olten öher, „an der nken ie in theil, icher 8 zu Sie Rent⸗ iſt ſo iches rum; Sie erden s die mit 75 „Arm? Wie ſo? Es bleiben Ihnen zum Min⸗ deſten noch hunderttauſend Francs, Daniel. Ich werde Sorge tragen, daß Sie auf keine Weiſe die Ver⸗ minderung Ihres Vermögens fühlen, und allezeit...“ „Aber, Herr Willibald,“ fiel ihm der Junker mit klarer und ruhiger Stimme in die Rede;„als mein ſeliger Vater noch lebte, dachte Jedermann, er ſei ziemlich reich; viele rechtſchaffene Leute, die wohl Etwas davon wiſſen mußten, ſchätzten ſeine liegen⸗ den und beweglichen Güter auf eine halbe Million an Werth.“ „Und wo iſt dann das Fehlende geblieben?“ fragte Gumbert. Der alte Willibald antwortete nicht. Er ſchaute den Junker an, der eben mit natürlicher Stimme und unverkennbarer Reihenfolge der Gedanken zu ihm geſprochen hatte. In dieſem kurzen Augenblick der Ueberlegung ſtrömten mancherlei Gedanken durch des Greiſes Haupt. War Daniel mit Verblendung geſchlagen? War es nur Celeſta's Gegenwart, welche dermaßen auf ihn wirkte, daß ſeine Gedanken eine Störung erlitten? Mußte er glauben, Daniel ſei undankbar gegen ihn, daß er die Richtigkeit ſeiner Briefe in Zweifel gezogen hatte? War dieß nicht natürlich, da er der Meinung geweſen war, man habe ihn aus edelmüthiger Abſicht getäuſcht? Wie dem ſein mochte, die Augen des Rentmeiſters er⸗ glänzten von zurückgehaltenen Thränen. „Die Frage meines Freundes Daniel ſcheint Sie in Verlegenheit zu ſetzen?“ ſpottete Gumbert.„Nun ſagen Sie, wo iſt das Fehlende geblieben?“ „Es fehlt Nichts, mein Herr,“ antwortete Willi⸗ 76 bald.„Ich bitte Sie, ſchonen Sie meine Gefühle, und beargwohnen Sie mich nicht, ehe Sie die Sache unterſucht haben.“ „In der That,“ bemerkte Daniel,„es wäre un⸗ gerecht. Sprechen wir alſo nicht weiter davon.“ „Sind zum mindeſten Bücher da?“ fragte Gum⸗ ert. „Es ſind Bücher da, mein Herr.“ „Klare, richtige Bücher?“ „Klare, richtige Bücher,“ wiederholte der Rent⸗ meiſter mit krampfhafter Stimme. „Sie werden uns dieſelben zeigen?“ „Ich werde dieſelben zeigen, wenn Junker Daniel es gebietet oder fordert.“ „Nun wohl, morgen. Nicht wahr, Daniel, morgen?“ „Ja, Herr Willibald,“ ſagte der Junker,„es wird mir äußerſt angenehm ſein, ſchon morgen deut⸗ lich zu erfahren, wie es mit meinen Angelegenheiten ſteht, wenn es Ihnen weder mühſam noch läſtig iſt.“ „Morgen werde ich Ihnen meine Bücher zeigen,“ verſicherte der Rentmeiſter.„Um welche Stunde verlangt Herr Daniel, daß ich erſcheine?“ „O,“ ſiel Gumbert ein,„nicht zu frühe. Wir ſind müde. Ich ſchlafe noch ſehr gern ein Loch in den Morgen hinein. Um zehn Uhr.“ „Es ſei ſo: um zehn Uhr, mein Herr.“ Sie ſahen den Wulfhof einige Bogenſchüſſe von der Straße. Vor dem Eingang ſtanden die Arbeits⸗ leute vom Hofe, welche das große Thor mit grünen Laubguirlanden und mit Blumen geſchmückt hatten. Es befanden ſich zugleich eine Menge Bewohner der uml zugl tritt ein Wer Wul laut unſe tönt pral durc über kaur war ſinn Einſ iſt n 22 reiſe ich: und folgt bliel fühle, Sache e un⸗ Gum⸗ tunde Wir och in e von beits⸗ rünen atten. er der 77 umliegenden Pachthöfe daſelbſt, und alle ſchwenkten zugleich die Hüte, um den Junker bei ſeinem Ein⸗ tritt in ſein väterliches Erbgut willkommen zu heißen. Dieſer Anblick ſchien Daniel nicht zu behagen; er ließ ein Gemurmel der Unzufriedenheit hören, und ein Zug lebhafter Ungeduld trat auf ſeine Lippen. Noch heftiger wurde jedoch ſeine Unruhe, als die Werkleute und Bauern, ſo wie er dem Thore des Wulfhofes nahe kam, ihm aus voller Bruſt einen lauten Gruß zuriefen. „Willkommen, Herr van Hoogeland! Es lebe unſer Junker, es lebe Daniel! Hurra, Hurra!“ er⸗ tönte der Freudenruf, daß er, von den Hügeln zurück⸗ prallend, durch das tiefe Thal weiter getragen wurde. Aber Daniel ſchritt geſenkten Hauptes gerade durch die jubelnden Leute hindurch und lief ſo eilig über den Vorplatz, daß ſeine beiden Begleiter ihm kaum folgen konnten. Als ſie auf die Schwelle des Hauſes gekommen waren, ergriff er die Hand des Rentmeiſters und ſagte: „Dieſer Lärm, dieſes Geſchrei raubt mir die Be⸗ ſinnung. Ich habe Ruhe nöthig, ich muß in der Einſamkeit wieder zu mir ſelber kommen. Wo, wo iſt mein Zimmer?“ „Es iſt Alles geblieben, wie es vor Ihrer Ab⸗ reiſe war,“ ſtammelte der Greis. „Nun wohl, lieber Willibald, vergeben Sie mir; ich muß allein ſein. Bis Morgen, bis Morgen!“ Und mit dieſen Worten öffnete er eine Thüre und verſchwand, von ſeinem Freunde Gumbert ge⸗ folgt, im Innern ſeines Hauſes. Der Rentmeiſter blieb eine kleine Weile ſtumm auf ſeinem Platze ſtehen und fuhr ſich mit der Hand über die Stirne, als wollte er ſich das, was geſchehen war, erſt verſtänd⸗ lich machen. Dann ſchritt er langſam und träumend durch den Gang, bis er hinter dem Hauſe auf dem von Mauerwerk aufgeführten Belvedere ſich befand, von wo ſich eine weite Ausſicht über die ganze Landſchaft eröffnete. Eine Zeit lang ſtarrte er hier bewegungs⸗ los in die Ferne. Bald jedoch ſchien er ſeinen Muth unter eine bittere Gewißheit zu beugen. Er legte den Kopf auf den Rand des Balkons und brach in unaufhaltſames Weinen aus; ſeine ſtillen Thränen fielen als glänzende Perlen in die Tiefe des Thales. IV. Die Nacht mußte dem armen Daniel wenig Ruhe gebracht haben; denn der erſte Morgenſchimmer über⸗ raſchte ihn, als er völlig angekleidet in einem Lehn⸗ ſtuhl vor ſeinem Bette ſaß und mit bewegungsloſen Blicke in das halb finſtere Zimmer ſtarrte. Auf ſeinem Angeſichte wechſelte der Ausdruck des Verdruſſes mit dem der Trauer ab; bald ſchüttelte er den Kopf mit einer Miene entſchloſſenen Zwei⸗ fels... Allmälig jedoch erheiterte ſich ſein Geſicht, und lange erglänzte es von einem milden Lächeln; aber endlich verdüſterten ſich ſeine Züge wieder und, als hätten ſeine Gedanken eine deutlichere Form an⸗ genommen, ſprach er murmelnd: „Was bedarf es denn, um glauben zu können? Ruhe über⸗ Lehn⸗ sloſen des ittelte Zwei⸗ eſicht, cheln; und, m an⸗ nnen? 79 Noch zweifeln, wenn die Seele eines Mädchens in ihrer reinſten Unſchuld aus einem Engelsantlitz uns entgegenlächelt? Grauſame Erfahrung des Le⸗ bens! Ich bin ſchon mehr ſolchen Geſichtern begegnet, die mit allem Zauber der Schönheit und des Ge⸗ fühls geſchmückt waren, und die nichts als Masken waren, um zu verlocken und zu betrügen!.. Läſte⸗ rung, Läſterung; Celeſta mit jenen geſallenen Weſen vergleichen, welche auf die Erde gekommen ſind, um allen Glauben und alle Hoffnung zu tödten!... der Glanz in ihrem Auge, das himmelreine Lächeln voll Mitleid mit meinem Schmerz, voll Entſchuldigung für meine Thorheit, ſollte nichts als eine Erregung der Selbſtſucht ſein? Gumbe, Gumbert, wenn Du irrteſt, welchen ſchändlichen Seelenmord hätteſt Du an mir begangen?... Armer Willibald, die Augen ſchienen ihm in der Fluth zurückgehaltener Liebe zu mir zu ſchmelzen. Der greiſe Freund meines Vaters, der wohlwollende Führer meiner Kindheit, er ſollte einzig von Eigennutz geleitet werden?... Gäbe es dann wirklich noch Aufopferung, noch Tugend und Wahrheit auf Erden?“ Er ſchwieg eine Weile und ſetzte dieſe Betrach⸗ tungen in der Stille fort; bald unzog ein bitteres Hohnlächeln ſeine Lippen, und er ſprach mit ſpotten⸗ dem Ton: „Was iſt Wahrheit? Was iſt Irrthum? Wer kann ſagen, wo die Weſenheit aufhört und die Täuſchung beginnt? Unerbittliche Zweifel, die meine Seele in einen Abgrund unentſchloſſenen Sinnens verſenkt haben!.. Und wo, wo iſt leider! der Stern, der die Nacht meines Geiſtes zu erhellen vermag?“ 80 „Ja, ja, ich weiß es wohl!“ rief er nach einer Pauſe.„Einfalt des Herzens, Vertrauen, Glauben an das Gute, himmliſche Gaben, die wir bei unſerer Geburt empfangen, als Schutzmittel gegen den vergif⸗ tenden Athem der kalten Wirklichkeit.. oder Schwach⸗ heiten, die dem Kinde eigen ſind, dem unreifen Men⸗ ſchen, dem Weſen, das gegen die mitleidloſe Wahr⸗ heit noch nicht gefeſtigt iſt... Ach, beſäße meine Seele noch Etwas von dieſen heilſamen Schwachhei⸗ ten! Könnte ich noch mit blindem Vertrauen glauben, wie glücklich würde ich ſein! Anſtatt nunmehr in meinem Innern eine Hölle zu fühlen, worin die ſtür⸗ menden Gefühle gleich böſen Geiſtern ſich den Sieg ſtreitig machen, würde ich mit einer Thräne der Dankbarkeit in den Augen die Hand des Mädchens annehmen, das keine andere Hoffnung als meine Liebe gekannt hat; würde ich ihn jubelnd in die Arme ſchlie⸗ ßen, den alten Freund meines Vaters, deſſen Herz von zärtlicher Neigung zu mir überfließt. Ach ja, ich würde mein kaltes Herz an dem Feuer ſeiner Freund⸗ ſchaft erwärmen, die Welt von Neuem lieben lernen, mich mit Menſchen und Verhältniſſen ausſöhnen, und noch mit Freudigkeit einer Zukunft voll Hoffnung ent⸗ gegengehen...“ Wieder erſchien das traurige Hohnlächeln auf ſeinem Angeſicht. „Einfalt, Vertrauen, Glauben an das Gute,“ wiederholte er,„vergängliche, zarte Blumen, die ſich im Lenze des Herzens entfalten, wie frühe hat euch der Hauch der Erfahrung zum Welken gebracht. Und wenn ihr einmal geknickt darniederliegt, kann nichts euren Stiel wieder aufrichten: der Zweifel bläst dar wirt und glar mög grij mal ſelbſ zurü es c imm und kreu den ſchät die Bedi nicht trat? nicht geme ſchen als Und rung Vertt letzte ſetzen 2 Tone C einer lauben inſerer vergif⸗ hwach⸗ Men⸗ Wahr⸗ meine achhei⸗ auben, hr in e ſtür⸗ Sieg e der chens Liebe ſchlie⸗ Herz a, ich reund⸗ ernen, n gent⸗ auf ute,“ ie ſich t euch Und nichts bläst 81 darüber hin, daß alles Leben in euch unterdrückt wird... Ich ſoll mich wieder mit den Menſchen und mit der Welt verſöhnen; blindlings an Alles glauben, was nur von Außen gut ſcheint... Un⸗ möglich! Das Auge, das ſich einmal vor dem Be⸗ griff der Weſenheit aufgethan hat, ſchließt ſich nie⸗ mals wieder, als ſchreckte auch die menſchliche Seele ſelbſt vor dem drohenden Abgrund der Entzauberung zurück... Was iſt der Wille und der Wunſch, wo es an Kraft gebricht? Wehe, verloren, verloren für immer, das Vermögen, zu lieben!“ Er ging eine Weile in dem Zimmer auf und ab und blieb dann ſtehen, die Arme über der Bruſt ge⸗ kreuzt und den Blick niedergeſchlagen, als wolite er den Boden erforſchen. Mit einer gewiſſen Gering⸗ ſchätzung in der Stimme rief er dann aus: „Aber die Unwiſſenheit, der freiwillige Irrthum, die Sclaverei des Geiſtes, dieß Alles ſollte die alleinige Bedingung des Glückes auf Erden ſein? War ich nicht einfältig und glaubensvoll, bis ich in die Welt trat? Hat mich nicht Alles betrogen? War ich nicht der Spielball und das Schlachtopfer der all⸗ gemeinen Selbſtſucht?... Die Oberfläche der Men⸗ ſchen und Dinge iſt es, welche glänzt: innen iſt nichts als Finſterniß, Eigennutz, Untugend, Bosheit.. Und jetzt, jetzt ſoll ich wieder die ſchmerzliche Erfah⸗ rung von Neuem beginnen? Mich mit blindem Vertrauen hingeben und vielleicht durch die aller⸗ letzte Entzauberung den blutigſten Wunden mich aus⸗ ſetzen?“ Nach einer kurzen Ueberlegung ſeufzte er dumpfen Tones: Conſcienee, Leid der Zeit. 6 „Aber, wenn ich es wäre, der irrt? Wenn die Helle, welche ich wahrzunehmen glaubte, nichts wäre, als der falſche Schimmer des Hochmuths?. Er ließ ſich entmuthigt wieder in den Seſſel fallen und blieb lange Zeit bewegungslos, in Ge⸗ danken verloren. Das bittere Lächeln machte zuletzt einem milderen Ausdruck Platz, während er in völli⸗ ger Selbſtvergeſſenheit Worte murmelte, worunter nichts als Celeſtas Name, in einem ſonderbaren Tone geſprochen, verſtändlich war. Jetzt vernahm man allmälig das erſte Geräuſch der Arbeit auf dem Vorplatze; die Kühe brüllten, die Schafe blöckten und die Pferde ſcharrten, als fragten ſie nach ihrem Morgenfutter... Sei es, daß dieſer Lärm den Junker in ſeinen Grübeleien ſtörte, oder daß eine neue Gedankenfluth ihn zur Bewegung trieb, er verließ das Zimmer, ſtieg die Treppe hinab und trat auf den Vorplatz. Die Dienſtboten begrüßten ihn mit Zeichen der Ehrerbietung; er aber ging, ohne Jemand anzu⸗ ſchauen, auf das Thor zu und ſchlug einen Fußpfad ein, der ihn, hinter dem Wulfhof, auf den höchſten Punkt der Hügelreihe führen mußte. Hier angekommen, lehnte er ſich an einen ein⸗ ſamen Baum, legte die Arme über die Bruſt und ſchaute über die Landſchaft hin, welche unter ſeinen Augen zu einer grenzenloſen und majeſtätiſchen Aus⸗ ſicht ſich entfaltete. Die Sonne hatte ſich ſeit einer halben Stunde aus den nächtlichen Dunſtwolken erhoben und warf nun einen Strom Lichtes in den hellen Himmel hinein. Gonz in der Ferne, jenſeits der Schelde, nn die Seſſel in Ge⸗ zuletzt völli⸗ runter rbaren eräuſch rüllten, n, als ſeinen enfluth immer, platz. en der anzu⸗ ußpfad öchſten en ein⸗ iſt und ſeinen n Aus⸗ Stunde warf Himmel chelde, 83 tauchte der Kluisberg gleichfalls aus dem blauen Nebel auf; ſeine öſtliche Seite ſchien in goldgeibem Glanze zu ſchimmern und zu prangen, während ſein weſtlicher Abhang noch in halber Finſterniß verſun⸗ ken blieb. Ebenſo leuchteten unter dem prächtigſten Lichte die Baumkronen auf den Hügeln; aber in der Tiefe der Thäler, längs der Kante, die noch des erſten Sonnenlichtes beraubt blieb, hing noch der purpurne Morgendunſt als durchſichtiges Nachtkleid über der Erde.. Die Vögel hüpften unter dem Einfluß des Maimonats— der Zeit der ſüßen Liebe und des kräftigen Lebens— zwiſchen dem jungen Laube auf und ab und ſandten aus ſchwellender Kehle ein ſchallendes Danklied zum Himmel, deſſen Gaben ſie genoſſen; die ſpäte Rübſaat breitete ihre duftige Blüthe gleich einem goldenen Teppich aus; der liebliche Flachs begann ſich unter dem Hauch der Morgenwinde hin und her zu wiegen; das Ge⸗ treide ſchüttelte ſeine erſte Blüthe ab und erfüllte die Luft mit einem zarten Safrandufte. Längs der Wege ſchimmerten Blumen, auf dem Grunde regten ſich die erwachenden Thiere, in der Luft flatterten bereits einige Schmetterlinge, und ſummten arbeit⸗ ſame Bienen: überall Lebensluſt, Vertrauen, Poeſie, außer vielleicht in dem zweifelnden Herzen deſſen, welcher auf dem Hügel dieſes prächtige, fröhliche Gemälde betrachtete. Nichtsdeſtoweniger mußte Daniel von allen den Schönheiten der verjüngten Schöpfung betroffen wer⸗ den; denn während er langſam ſein Auge über Hügel und Thäler ſchweifen ließ, entwickelte ſich allmälig ein heller Ausdruck von Bewunderung und Genuß 6* 84 auf ſeinem Angeſicht. Je länger er unter dem Ein⸗ fluß dieſes erhabenen Schauſpiels blieb, deſto mehr ſchien er ſeines Zuſtandes zu vergeſſen und lächelte zuweilen leicht und offen den Erinnerungen entgegen, die in Fülle aus ſeinem Herzen aufſtiegen. Kein Baum, kein Fußpfad, kein Hügel, der nicht zu ihm von ſeinem früheren Leben, von Unſchuld, von Liebe und Glück ſprach. Er ſah in der Ferne die demüthige Kirche, wo er zu dutzend Malen, mit ſüßem Glauben an Gottes Güte, gekniet hatte; das hölzerne Kreuz und die Kapelle, von ſeiner Mutter in der Tiefe des Thales errichtet; den Bach, an deſſen Ufer er ſo gern ſpielte, an deſſen Ufer er ſpäterhin ſo gern träumte... und nicht fern von da den alten Lindenbaum, den einzi⸗ gen Zeugen ſeiner erſten Liebesworte. Wahrſcheinlich hatte ſein Geiſt lange Zeit be⸗ wußtlos auf dem Strome der ſüßeſten Erinnerungen getrieben; nun aber wurde durch den Ton einer fröhlichen Männerſtimme und das Knallen einer Peitſche ſein ſtilles Sinnen geſtört. Er ſah von fern einen jungen Bauern auf ſeinem Karren, der auf dem Wege über den Hügelrücken an dem einſamen Baum vorbeikommen mußte. Daniel ſtieg langſam den ſüdlichen Abhang des Hügels hinunter, ohne ſcheinbar einen andern Zweck, als der Begegnung des Bauern auszuweichen. Sehr häufig blieb er jedoch auf dem Fußpfade, den er verfolgte, ſtehen, lauſchte mit Vergnügen dem Geſang der Vögel, pflückte hier und da eine Blume, ohne zu wiſſen, was er that, lächelte heiter, wenn er die unter ihm liegenden Tiefen mit einem weiten Blie geſſ Klaz Auf Aug weit Arb raſch oft Web her dart anw ſchne den habe vern über Jan chen bliel ſtehe ſah Stel Arbe jetzt es, Arm Ein⸗ mehr helte egen, Kein ihm Liebe wo ottes die hales ielte, und einzi⸗ be⸗ ngen einer einer fern auf men des weck, fade, dem ume, n er eiten 85 Blick umfaßte, und irrte in träumeriſcher Selbſtver⸗ geſſenheit dahin bis plötzlich das geſchäftige Klappern eines Webſtuhls ſein Ohr traf und ſeine Aufmerkſamkeit auf ganz beſondere Art erweckte. Er blieb halb erſchreckt ſtehen und richtete ſein Auge nach dem Häuschen, welches einen Bogenſchuß weit am Wege ſtand, und von wo das Geräuſch der Arbeit ſich vernehmen ließ. „Ach!“ ſeufzte er mit einer Art froher Ueber⸗ raſchung,„das Häuschen von Jan dem Weber! Wie oft ſtand ich dort mit kindlicher Neugierde an ſeinem Webſtuhl, um das flinke Schiffchen ruhelos hin und her fahren zu ſehen. Wie verwunderte ich mich nicht darüber, daß unter ſeiner Hand die Leinwand ſo anwuchs, aus der man die feinen Hemden für mich ſchneiden ſollte! Wie ſchnell konnte die gute Lisbeth den Flachs durch die Finger jagen... und wie oft habe ich ihr den Faden abgebrochen und den Flachs verwirrt!“ Dießmal von ſeinen Erinnerungen ganz und gar überwältigt, ging er geradezu auf die arme Wohnung Jan des Webers zu. Als er jedoch zu dem Häus⸗ chen gelangte und in die offene Thüre ſchauen konnte, blieb er mit einer Miene trauriger Verwunderung ſtehen. Hinter dem Fenſter und zur Seite in der Hütte ſah er wohl Jans bekannten Webſtuhl auf derſelben Stelle wie ehedem ſtehen, und das Klappern der Arbeit tönte nicht minder raſch und kräftig; aber jetzt ſaß eine noch junge Frau daran, und ſie war es, welche unter dem Nächdruck zweier muskulöſer Arme das fliegende Schiffchen mit Blitzesſchnelle hin 86 und her fahren ließ. Auf ihrem von Geſundheit gerötheten Angeſicht erglänzte ein Gefühl von Muth und froher Thätigkeit, und es ſchweifte ſelbſt ein leiſes Lächeln über ihre Lippen, während ſie in völliger Selbſtvergeſſenheit die abgelaufenen Spulen erneuerte und mit aller Eile wieder in ihrer Arbeit fortfuhr. Neben dem Stuhl ſaß ein Knabe von etwa zwölf Jahren, mit großen blauen Augen und blondem Krauskopf, der damit beſchäftigt war, das Garn ab⸗ zuhaſpeln und die Spulen, deren die Frau zum Weben bedurfte, herzurichten. Das Geſicht dieſer Frau ſchien Daniel mit Be⸗ trübniß zu erfüllen; er trat jedoch in das Häuschen hinein und ließ mit Stillſchweigen ſeine fragenden Blicke in der Runde herumgehen. Sobald die Frau, durch ſeine Ankunft überraſcht, ihm in das Geſicht geſehen hatte, ſprang ſie hinter ihrem Webſtuhle hervor und rief mit ungeheuchelter Freude: „Sie, Sie, Junker Daniel, in unſerem armen Häuschen! Ach, wie oft habé ich unſern Kindern mit Stolz die Stelle auf dieſem Boden gezeigt, wo Sie Stunden lang zu ſtehen pflegten! Karlchen, dieß iſt nun der junge Herr, von dem ich Dir immer er⸗ zählte. H, Gott ſei Dank, Herr Daniel, daß er Sie geſund und wohl wieder heimkehren ließ!“ Der Junker ſchaute bewegt auf die Frau, welche ihn ſo gefühlvoll begrüßte, und auf das Kind, das ihm freundlich zulächelte. „Aber Frau,“ murmelte er,„ich kenne Euch nicht.“ ware meh die Bru chen weil Jun die Herz wan Sch und bleil Vor borg ließ den Wie es, haſt Geſi Stu ſchic ſchle dheit Ruth ein e in ulen rbeit wölf idem ab⸗ zum chen nden aſcht, hinter helter men ndern „wo dieß r er⸗ r Sie velche „das Euch 87 „Das iſt möglich, Herr,“ war die Antwort,„Sie waren noch ſo jung!... Erinnern Sie ſich nicht mehr der Dienſtmagd von Pächter Lambrechts?. die an Sonntagen hier bei Jan dem Weber, ihrem Bruder, den Nachmittag zubrachte und dann Mähr⸗ chen erzählte und Liedchen ſang, um Ihnen Kurz⸗ weil zu machen, wenn Sie da waren?“ „Ach, Du biſt die gute, dicke Roſalie?“ rief der Junker;„ja, ja, ich erkenne Dich wohl! Gebt mir die Hand, Frau. So, habt Dank; es thut mir im Herzen gut.“ Als ob ſeine Bewegung ihn beſchämt hätte, wandte er das Geſicht ab und murmelte mit etwas Schmerzlichem in der Stimme: „Zeit des Glaubens und Glückes, des Vertrauens und der Poeſie! O, könnte der Menſch immerdar Kind bleiben und dürfte niemals den verhängnißvollen Vorhang lüften, hinter welchem die Wirklichkeit ver⸗ borgen liegt!“ Die Frau ſchaute ihn verwundert an; aber er ließ ihr keine Zeit zur Ueberlegung, ſondern fragte, den Blick ihr wieder zuwendend, mit ſcheinbarer Ruhe: „Sage mir, Roſalie, wo iſt Jan der Weber? Wie ſteht es mit Lisbeth, ſeiner Frau? Wie kommt . daß Du ſeinen Platz am Webſtuhl eingenommen haſt?“ Ein Ausdruck tiefer Betrübniß zog über das Geſicht der Frau, während ſie wieder hinter dem Stuhle hervorkam und näher auf Daniel zutrat. „Ach, Junker,“ ſagte ſie,„das ſind traurige Ge⸗ ſchichten! Mein armer Bruder hat während der ſchlechten Jahre der Hungersnoth ſeine Geſundheit 88 eingebüßt. Es gab keine Arbeit, Alles war über⸗ theuer, und Frau und Kinder mußten doch eſſen. Mit dem Stückchen Brod, das er noch verdienen konnte, aber ſich oft am eigenen Munde abſparte, ſchleppte er zwar ſein Leben noch hin; aber er war ſo mager, ſo bleich geworden! Und ſeine Frau, o weh! die hatte vor Kummer und Elend einen böſen, trockenen Huſten bekommen. Als es nun wieder für den Weber zu arbeiten gab und beſſere Zeiten vor der Thüre ſtanden, da iſt der Typhus ausgekom⸗ men, um die Unglücklichen wegzuraffen, deren Blut durch die Hungersnoth zu viel verwäſſert worden war. O, Herr, der Typhus iſt eine grauſame Plagel.. Meine Schwägerin Lisbeth ſtarb zuerſt; acht Tage darauf wurde mein Bruder gleichfalls von der Krank⸗ heit befallen. Ich habe ſie beide gepflegt und bin Tag und Nacht allein an ihrem Bett geſtanden; denn der Schrecken war unter den Menſchen ſo groß, daß von Verwandten oder Freunden wenig Hülfe mehr zu hoffen war... Mein armer Bruder! Er redete in ſeinen Fieberphantaſien von Nichts, als ſeinen vier unglücklichen Kindern, und klagte es dem Him⸗ mel ſo bitter, daß ſie ohne Stütze, allein und ver⸗ laſſen auf der Welt bleiben ſollten. Ich, um ihn zu tröſten, und ihm ſeinen Todeskampf zu erleich⸗ tern, ich gelobte ihm, ſeinen Kindern Mutter zu ſein, für ſie zu arbeiten, ſie als mein eigenes Fleiſch und Blut aufzuziehen, ſie niemals, nientals zu verlaſſen... In dieſer Gewißheit iſt er getroſt und Gott dankend geſtorben...“ Die Stimme der Frau hatte, während ſie die letzten Worte ausſprach, vor Rührung gezittert, und eine den 2 druck mußt ſüßes ſpreck ſo fr den! lieber auszi lobt tete 9 aber von 2 einen chen, für d iſt G brika ich ve Webſt Herr. Gott Nicht— len ſi 7 über⸗ eſſen. ienen arte, war un öſen, r für vor ekom⸗ Blut orden gel.. Tage rank⸗ bin denn daß mehr edete einen Him⸗ ver⸗ ihn leich⸗ ſein, n en... nkend e die und 89 eine Thräne war aus ihren Augen glänzend zu Bo⸗ den gefallen. Vaniel ſchaute ſie mit einem unbeſchreiblichen Aus⸗ druck an. Auch ſeine Augen wurden feucht, aber es mußte vor Freude oder Bewunderung ſein, denn ein ſüßes, mildes Lächeln ſtrahlte auf ſeinem Angeſicht. Nach einer Weile fragte er: „Und Du, Roſalie, Du haſt Dein heiliges Ver⸗ ſprechen erfüllt, nicht wahr? Darum haſt Du Dich ſo früh am Morgen und ſo fröhlichen Herzens an den Webſtuhl geſetzt? Kannſt Du aber mit Deiner liebevollen Arbeit wohl genug verdienen, um das auszuführen, was Du Deinem ſterbenden Bruder ge⸗ lobt haſt?“ „In der erſten Zeit ging es mühevoll,“ antwor⸗ tete Roſalie;„ich war nicht ſehr geſchickt im Weben; aber wir ſtammen alle, vom Vater auf den Sohn, von Webern ab; es dauerte nicht lang, ſo konnte ich einen guten Taglohn verdienen. Das fliegende Schiff⸗ chen, ſehen Sie, Junker, iſt eine göttliche Erfindung für den armen Handwerksmann in Flandern. Jetzt iſt Geſchäft und Nahrung im Ueberfluß da; die Fa⸗ brikanten laſſen mir die lohnendſte Arbeit zukommen: ich verdiene ſo immer einen ſchönen Stüber auf dem Webſtuhle. Sehen Sie nur mein Häuschen an, Herr. Iſt es nicht ſauber und nett? Und dem guten Gott ſei dafür gedankt, den Kinderchen geht auch Nichts ab. Wenn dieſelben mehr heranwachſen, ſol⸗ len ſie ſo fett werden wie Dächschen.“ „H, Du gute Frau,“ ſeufzte der Junker,„wie glücklich mußt Du ſein!“ „Ja, ja, Sie haben Recht, Herr,“ erwiderte Ro⸗ ſalie mit Selbſtzufriedenheit.„Sehen Sie den klei⸗ nen Schelm da mit ſeinem Krauskopfe. Des Mor⸗ gens geht er in die Schule, da ſoll er leſen und ſchreiben lernen! Und ſo ſollen auch ſeine zwei Schwe⸗ ſterchen und ſein Brüderchen, wenn ſie alt genug ſind, jedes der Reihe nach zur Schule gehen! Ich werde es nicht unterlaſſen, und müßte ich deßhalb auch ein Bischen Mangel leiden; mein armer Bru⸗ der ſoll doch aus dem Himmel ſehen können, daß ich vollbringe, was ich gelobt habe.“ Der Junker ſchien tief bewegt. Er ſagte nichts, obſchon die Frau zu ſprechen aufgehört hatte; aber er ſchaute ſie erwartend an, als ob er weitere Worte ihrem Munde entlocken wollte. „Sie ſind auch ſo ſchön und ſo lieb, meine Kin⸗ der!“ fuhr Roſalie mit frohem Stolz in ihrem Blicke fort.„Sie ſchlafen hier, hinter der Thüre, in dem Kellerkämmerchen. Ich will ſie nicht wecken; ein Kind muß völlig ausſchlafen: dann gedeiht es beſſer und bekommt rötheres Blut. Kommen Sie, Herr, ich will Sie meine drei Engelchen ſehen laſſen.“ Daniel war von Bewunderung der edelmüthigen Liebe dieſer Frau ſo ſehr beherrſcht, daß er ihr ſprach⸗ los folgte. An der Thüre der Kammer legte Roſalie den Finger auf ihren Mund und murmelte: „Ich bitte Sie, Herr, wecken Sie dieſelben nicht: ſie könnten ſonſt erſchrecken.“ Und dann, ganz vorſichtig die Thüre öffnend, zeigte ſie mit Augen, die von mütterlichem Stolze glänzten, ein nettes Bettchen, worin drei Kinder neben einander im Schlafe lagen. Auf den Geſichtern der ruhent die S das B ſie las der 3 ſchlafe ihn in rung, ſeine YM Anthe Geldb gend die Fr mit 3 zu be D Hütte ihre mich bin e⸗ wohl, Y aus d gute Fußpf D ſchaut auf ſe ( klei⸗ Mor⸗ und chwe⸗ genug Ich ßhalb Bru⸗ daß nichts, aber Worte e Kin⸗ Blicke n dem Kind n r, ich thigen ſprach⸗ e den nicht: ffnend, Stolze neben rn der 91 ruhenden Kleinen ſchwebte ein undeutliches Lächeln; die Sonne warf von der Seite einen Strahl auf das Bett und vergoldete deren blonde Krausköpfchen; ſie lagen Arm in Arm, als wären ſie mit Worten der Freundſchaft auf ihren rothen Lippchen einge⸗ ſchlafen. Es ging dem Junker ins Herz, als hätte man ihn in den Himmel ſehen laſſen: er zitterte vor Rüh⸗ rung, und Thränen der Bewunderung floſſen über ſeine Wangen. Mit einer Bewegung, woran ſein Wille keinen Antheil zu haben ſchien, zog er einen funkelnden Geldbeutel aus der Taſche und legte ihn ſtillſchwei⸗ gend auf das Bett, zu den Füßen der Kinder; aber die Frau ergriff das reiche Geſchenk und bemühte ſich mit Zeichen der Dankbarkeit, ihn zur Zurücknahme zu beſtimmen. Daniel ging aus der Kammer und wollte die Hütte verlaſſen; die Frau folgte ihm und erneuerte ihre Bemühungen. „Ach, ich bitte Dich,“ drängte der Junker,„laß mich auch Dir bei Deinem Liebeswerk helfen. Ich bin es, der Dir dankbar ſein muß. Lebe wohl, lebe wohl, Gott ſegne Dich, Frau!“ Mit dieſen Worten ſchlüpfte der gerührte Daniel aus der Hütte von Jan dem Weber und ſchritt eine gute Weile, ſeiner ſelbſt völlig unbewußt, auf dem Fußpfade weiter. Dann blieb er ſtehen, rieb ſich die Augen und ſchaute mit ſeltſamem Ausdruck die Thränen an, die auf ſeiner Hand glänzten. „Ich habe geweint,“ murmelte er.„Es iſt wohl eine Thräne, die an meinen Fingern blinkt. Es wohnt alſo noch Einfalt in meinem Herzen? Noch iſt nicht alles Gefühl todt in mir? Ha, ich habe an den Edelmuth, an die Liebe, an die Selbſtaufopfe⸗ rung dieſer Frau geglaubt!“ Nach einer kurzen Ueberlegung fuhr er fort: „Und warum nicht? Eigennutz? Welcher Eigen⸗ nutz kann ſie antreiben, eine ſolche Aufgabe zu voll⸗ bringen? Sie iſt ſchön, ſtark, entſchloſſen; ſie kann noch Liebe einflößen, eine eigene Haushaltung erlan⸗ gen;. aber nein, ſie vergießt ihren eigenen Schweiß für die armen Weſen; ſie verzichtet auf Alles, um die unglücklichen Kinder ihres Bruders mit ihrer Liebe zu überſchatten. O, ſie iſt nur eine Bäuerin, ein niedriges Weſen auf Erden... und doch ein Bild der Sietenßen Selbſtverleugnung!.. gleichwohl, wer weiß? die Springfedern unſerer Neigungen und unſe⸗ rer Thaten liegen manchmal ſo tief verborgen... Weg, weg mit dem verwünſchten Zweifel!“ Unter dem Druck einer ſchmerzlichen Gemüthsbe⸗ wegung ging er weiter, murmelte für ſich hin, fuhr ſich über die Stirne, zuckte die Achſeln, und ſchien gegen einen ihm Kummer verurſachenden Gedanken anzukämpfen... Nach einer Weile beruhigte ſich ſein Gemüth; ein ſtiller, träumeriſcher Ausdruck ſchwebte über ſeinem Geſicht, und ſeine Augen erglänzten wieder von einer Art unſchuldiger Freude. Er war beinahe bis in die Tiefe des Thales ge⸗ kommen und ſah ein paar Bogenſchüſſe entfernt eine Kapelle und daneben ein großes Kreuz, vor welchem ein Bauernmädchen mit gebeugtem Haupte betete. „Das von meiner Mutter aufgepflanzte Kreuz!“ murm aus 1 Gerat oder ausſtr Seele Mal, Herz ich mi brechl unnat gen, k ten M ſtimme ſchon Gott Er gebeu ſtehen war e und ſe kannt Geiſte leiten Ir pfad e folglick ſie gri nieder geweir Es och iſt e n fopfe⸗ 5 Figen⸗ voll⸗ kann erlan⸗ chweiß „um Liebe „ein Bild l, wer unſe⸗ thsbe⸗ fuhr ſchien anen h ſein webte änzten es ge⸗ t eine elchem tete. reuz!“ 93 murmelte er.„Wie oft habe ich von dieſer Bank aus meine unſchuldigen Gebete zum Himmel geſandt. Gerade wie die Bäuerin hier im Stillen ihre Wünſche oder Dankſagungen vor dem Bilde des Heilandes ausſtrömt, betete ich mit gefalteten Händen für die Seele meiner Eltern. Ach, ich weiß es noch, jedes Mal, da ich von der Bank aufſtand, klopfte mir das Herz vor Hoffnung und Vertrauen... Jetzt bemerke ich mit verhängnißvoller Klarheit, daß das Bild ge⸗ brechlich gemacht iſt; die düſtere rothe Farbe iſt ſo unnatürlich; und wie unmöglich ſind Bart und Au⸗ gen, die man darauf gemalt hat! Für den verfeiner⸗ ten Menſchen muß die Form mit dem Zweck überein⸗ ſtimmen... für die unſchuldigen Landleute thut es ſchon die Abſicht allein. Sollte es nicht auch vor Gott daſſelbe ſein?...“ Er ſah nun die Bäuerin, welche vor dem Kreuze gebeugten Hauptes geſeſſen war, von der Bank auf⸗ ſtehen und Thränen aus den Augen wiſchen. Es war ein junges Mädchen von blühendem Angeſicht und ſanften Zügen, welche Daniel nicht ganz unbe⸗ kannt vorkamen. Jetzt beſtrebte er ſich, in ſeinem Geiſte Erinnerungen wach zu rufen, welche ihn darauf leiten könnten, dieſelbe wieder zu erkennen. Indeſſen war das Mädchen, welches den Fuß⸗ pfad einſchlug, auf welchem der Junker ſtand, und folglich an ihm vorbei mußte, bald nahe gekommen; ſie grüßte ihn mit ſtiller Ehrerbietung und die Augen niederſchlagend, um ihn nicht ſehen zu laſſen, daß ſie geweint hatte. Aber der Junker ging auf ſie zu und fragte ſie mild lächelnd: 94 „Biſt Du nicht Bärbelchen? Bärbelchen, die kleine Kuhhirtin vom Wulfhof? Ach Gott, wie die Menſchen in fünf bis ſechs Jahren ſich verändern! Da biſt Du nun eine ausgewachſene Frau!“ „Ja, Herr Daniel,“ antwortete die Bäuerin;„ich bin Bärbelchen, Ihre Magd.“ „Wohl, wohl,“ rief der Junker,„ſich ſeinem Ge⸗ fühl ganz hingebend, weißt Du noch, wie gern ich mit Dir auf die Waide ging? Wie wir da heimlich Kartoffeln an einem Feuerchen gebraten haben? Nie⸗ mand durfte es wiſſen; aber wir waren doch ſo glück⸗ lich bei unſerer ſeltſamen Küche, nicht wahr?“ „Wie gütig iſt es von Ihnen, Herr, daß Sie ſich dieſer Zeiten noch erinnern!...“ ſagte Barbara mit Ehrerbietung in der Stimme.„Wir waren Kinder, Herr, da weiß man noch nicht genau, wo unſer Platz auf der Welt iſt. Jetzt ſind Sie Herr vom Wulf⸗ hof, und Barbara iſt Ihre demüthige Kuhmagd.“ „So? Du biſt noch auf dem Wulfhof? das freut mich. Bei Deinem Anblick erinnere ich mich der ſchönſten Jahre meines Lebens. Sag einmal, Bar⸗ bara, Du haſt geweint, glaube ich? Du haſt doch keinen Kummer, nicht wahr?“ „Keinen Kummer?“ wiederholte das Mädchen in dumpfem Ton und mit neuen Thränen in den Au⸗ gen.„Keinen Kummer? Ein Menſch ſoll ſich den Tod nicht wünſchen; aber ich möchte doch von ſelbſt ſterben können!...“ „Arme Barbara!“ ſeufzte Daniel.„Was iſt es? Sag' es mir; es wird mich freuen, wenn ich Dir helfen kann.“ Antt jetzt ſchaf aber mach zwiſe abre ben, mir ihm len. ein e dar alle gant Leid dacht men Güte und ſo g würt nem wohl gen Woh dieſe (G e kleine enſchen biſt Du n„ich em Ge⸗ ern ich heimlich n? Nie⸗ ſo glück⸗ Sie ſich ara mit Kinder, er Platz n Wulf⸗ d. as freut nich der al, Bar⸗ aſt doch dchen in den Au⸗ ſich den on ſelbſt s iſt es? ich Dir 95⁵ „Sie können es icht, Herr,“ war die muthloſe Antwort. „Iſt es vielleicht eine Liebes⸗Affaire? Wahrhaftig, jetzt fällt es mir ein: es beſtand eine kleine Bekannt⸗ ſchaft zwiſchen Dir und Jodokus, meinem Diener; aber das iſt fünf Jahre her.“ „Ja, ja, Jodokus iſt es, der mich unglücklich macht,“ klagte Barbara;„aber da liegt Etwas da⸗ zwiſchen, das Sie nicht wiſſen. Als er nach Paris abreiste, haben wir einander das Verſprechen gege⸗ ben, ſobald er zurückkäme, uns zu heirathen. Was mir Jodokus damals ſagte, und wie er mich anflehte, ihm treu zu bleiben, das will ich nicht wiederho⸗ len. In dieſen fünf langen Jahren bin ich nicht ein einziges Mal auf der Kirchweihe geweſen; immer⸗ dar zu Hauſe geblieben, zu ſeinem Gedächtniß, und alle Donnerstage, wie eben jetzt, zu dem Kreuze ge⸗ gangen, um zu Gott zu beten, daß er ihn vor allem Leid beſchirmen möge. An ihn allein habe ich ge⸗ dacht. Ich habe geſpart und ziemlich viel beiſam⸗ men; mein Oheim wollte uns behülflich ſein, ein Gütchen jenſeits Sweveghem für uns zu pachten und uns eine Haushaltung einzurichten. Ich war ſo glücklich, als ich hörte, daß Sie zurückkommen würden, Herr; ich träumte Tag und Nacht von mei⸗ nem Gütchen, und es kam mir vor, als könnte ich wohl für zwanzig arbeiten; ich ſah vor meinen Au⸗ gen fette Kühe, grüne Felder, Segen von Gott, Wohlfahrt auf meinem Gütchen.. und bei Allem dieſem Jodokus!“ Sie begann laut zu weinen und nahm die Schürze * vor die Augen, um die Thränen abzuwiſchen, welche ——— ihr über die Wangen liefen. Daniel, durch den Anblick von des Mädchens Schmerz gerührt, faßte ihre Hand und ſagte: „Beruhige Dich, Barbara; ſage mir, was der Grund Deines Kummers iſt: vielleicht kann ich Etwas thun, Dir zu helfen.“ „Ach, Sie ſind recht gut, Herr,“ ſeufzte die Bäuerin,„daß Sie Mitleiden mit einer Kuhmagd haben wollen! Denken Sie einmal, ich habe fünf Jahre gewartet... und als ich ihm entgegen lief, in dem Gedanken, er werde mich mit Freudenthränen wieder ſehen,.. da fängt er an, mich zu verſpotten, nennt mich eine dumme Bäuerin, und ruft, er werde mich niemals heirathen! Ja, er wagte mir zu ſagen, er habe in Paris nicht einmal an mich gedacht! So geht es mit dem Männervolk: ſie verreiſen, ſie beluſtigen ſich, ſie genießen das Leben; und kehren ſie zurück, ſo iſt ihnen aus dem Sinn gekommen, wen ſie mit Trauer im Herzen zurück ließen; und ſtatt alles Lohnes bringen ſie nichts Anderes mit, als Gefühlloſigkeit und Spott!“ Daniel ſchien über die Worte der Bäuerin ver⸗ legen und beſchämt, als wäre er der Schuldige, den man anklagte. Vielleicht flog ein Gedanke an ſeinen eigenen Zuſtand ihm durch den Geiſt; vielleicht er⸗ kannte er zwiſchen Barbara und einem andern jun⸗ gen Mädchen eine Aehnlichkeit, die gegen ihn ſelbſt zeugte. Wie dem ſein mochte, er verbannte dieſe Betrach⸗ tung aus ſeinem Geiſte und ſagte mit ſtiller Sanft⸗ muth: ren S„ Mäd ich einfa trinkt vor bara, haſt 0. Ich „Ich aber en eten ich e ſeien Kum auf d kus und wollt 2 elche chens s der twas e die magd fünf ef, in ränen otten, werde ſagen, 1 So ſie kehren nmen, und s mit, n ver⸗ e, den ſeinen cht er⸗ n jun⸗ ſelbſt etrach⸗ Sanft⸗ 97 „Geh' nur getroſt nach Hauſe, Barbara. Noch iſt nicht Alles verloren: ich werde Jodokus zu beſſe⸗ ren Gefühlen zurückbringen.“ „Nein, Herr, das iſt nutzlos,“ antwortete das Mädchen,„ich will ihn doch nicht mehr.“ „Warum, wenn er ſein Verſprechen erfüllen will?“ „Nein, nein, es iſt der Jodokus nicht mehr, den ich zu meinem Unglück geliebt habe. Er war gut, einfach, gottesfürchtig; jetzt iſt er hochmüthig, er trinkt, er flucht und wagt über Dinge zu ſpotten, vor welchen ein Chriſtenmenſch Ehrfurcht haben muß Nein, ich will ihn nicht mehr!“ „Es iſt nicht ganz richtig, was Du ſagſt, Bar⸗ bara,“ ſprach der Junker mit mildem Scherz.„Du haſt vorhin ſo inbrünſtig vor dem Kreuz gebetet. Ich weiß wohl, um was Du Gott bateſt.“ „Vielleicht, Herr,“ antwortete das Mädchen. „Ich will Jodokus nicht mehr zu meinem Mann; aber die wahre Liebe vergeht nicht an einem einzi⸗ en Tag. Ich kam hieher, für Jodokus zu Gott zu eten, ihn anzuflehen, er möchte die Seele deſſen, den ich einſt liebte, nicht verloren gehen laſſen... Nun, ſeien Sie hundertmal für Ihre Güte bedankt; mein Kummer wird ſich legen und allmälig vergehen.. Mit dieſen Worten ging die betrübte Bäuerin auf dem Fußpfad weiter und entfernte ſich von Daniel. „Aber Barbara,“ rief er ihr nach,„wenn Jodo⸗ kus zu Dir zurückkehrte; wenn er verſpräche, brav und gut zu ſein und Dich noch recht innig lieben wollte?“ Das Mädchen blieb ſtehen, hob die Augen zum Conſcience, Leid der Zeit. 7 Himmel empor und antwortete mit einem tiefen Seufzer: „Ach! mich dünkt, ich könnte ihm noch Alles ver⸗ geben.“ Und ohne die ermuthigenden Worte des Junkers weiter zu beachten, und ſicherlich beſchämt über dieſes Bekenntniß, ſetzte ſie eiligſt ihren Weg fort. Daniel ſah ihr eine Weile nach, ſchüttelte den Kopf und murmelte für ſich: „Reines Bild uneigennütziger Zuneigung! Fünf Jahre geliebt; einſam gelebt, als Sclavin eines Ge⸗ fühls; betrogen, gehöhnt, verſpottet;— und für den Ungetreuen, der ihr das Herz zerriß, noch beten? Bereit ſein, bei dem geringſten guten Wort ihm Alles zu vergeben? Welchen Schatz von Anhäng⸗ lichkeit bewahrt das Herz dieſer einfachen Bäuerin! Wir Männer der großen Welt, die wir uns mit verfeinertem Gefühl, mit Wiſſenſchaft, mit dem Begriff von Poeſie begabt erachten, wie unmächtig ſind wir in Vergleichung mit dieſem unſchuldigen Kinde vom Land! Wäre es vielleicht möglich, daß unſer Gemüth in dem Maße leer wird, als unſer Kopf ſich anfüllt?. Aber warum immerdar raiſonnirt, gefragt, unterſucht? Seit einer Stunde floß Balſam in mein Herz; mit Recht oder Unrecht, ich glaubte einen Augenblick an das Gute. Iſt es ein Zauber, warum ihn verſcheuchen, während er gleich einer tröſtenden Wahrheit auf mich wirkt?“ Plötzich wurde er in ſeiner Betrachtung durch eine Stimme aus der Ferne, die ihn bei ſeinem Namen rief, unterbrochen. Es war ſein Freund zuri bin fen, die ſn grun meir Sie will mein fehl! der für lache Bäu den men ſchli „Ko gebe mir Zau füllt von tiefen ver⸗ unkers dieſes e den Fünf es Ge⸗ ür den beten? t ihm chäng⸗ merin! r uns it dem ächtig ldigen „daß unſer nerdar Stunde nrecht, Iſt es end er kt?“ durch ſeinem Freund P Gumbert, der eilig auf ihn zukam und halb unzu⸗ frieden murmelte: „So, ſo, ich dachte, Sie wären allein nach Paris zurückgeflogen. Bereits ſeit einer halben Stunde bin ich auf und ſuche Sie. Haben Sie gut geſchla⸗ fen, Daniel? Was mich betrifft, ich habe beinahe die ganze Nacht die Augen nicht geſchloſſen. Ich laube, der alte Schelm hat ſich rächen wollen: ich hörte die Kühe brüllen, ich hörte die Schweine grunzen, ich hörte die Pferde ſcharren, als hätte ich mein Lager mitten in einem Stall gehabt... aber Sie hören nicht auf mich, glaube ich? Um Gottes willen, ſeien Sie heute etwas mehr Mann! Auf mein Wort, wenn es ſo fortgeht, werden Sie un⸗ fehlbar kindiſch oder närriſch!“ „Nein, nein, ich fühle mich ſehr wohl,“ antwortete der Junker.„Ich gäbe meinen Morgenſpaziergang für Nichts in der Welt.“ „Wie? Was?“ ſpottete Gumbert, indem er ihm lachend in die Augen ſah.„Ich bin da einer jungen Bäuerin begegnet. Als ich dieſelbe fragte, ob ſie den Junker nicht geſehen habe, gaffte ſie mich ſtum⸗ men Blickes an und lief davon, als ob ich ſie ver⸗ ſclngn wollte. Sie hatte geweint. Warum?“ „Laſſen Sie von Ihrem Spott ab,“ ſagte Daniel. „Kommen Sie, wir wollen noch ein wenig weiter gehen; ich werde Ihnen unterwegs erzählen, was mir das Gemüth erheitert und wie durch geheime Zauberkraft das Herz mit ſüßer Zufriedenheit er⸗ füllt hat.“ „Aber ich wollte Sie holen, um die Rechnungen von dem Rentmeiſter in Empfang zu nehmen; der 7 Form nach, verſteht ſich: ich bin es natürlich, der ſie zur Hond nehmen und prüfen wird.“ „Es hat keine Eile; wir wollen da hinab nach dem Wulfhof zurückkehren.“ Im Gehen erzählte der Junker Gumbert von ſeinem Beſuch im Häuschen von Jan dem Weber, und fing an, mit bewegter Stimme den Edelmuth der armen Frau zu ſchildern und zu preiſen. Sein Begleiter hatte von Zeit zu Zeit ein un⸗ glaubiges:„Ah, bah!“ ausgeſtoßen, oder ein ſcher⸗ zendes Wort vernehmen laſſen. Noch mehr ſchien ſeine Spottluſt anzuwachſen, als ihm Daniel von ſeiner Begegnung mit dem Bauernmädchen berichtete und die Unmenſchlichkeit ſeines Dieners Jodokus in düſtern Farben malte. Am Schluß ſeiner Erzählung ſprach der Junker: „Es iſt möglich, Gumbert, daß die uneigennützi⸗ gen Tugenden und die reinen Gefühle nur in dem Buſen einfältiger Menſchen wohnen; aber es iſt dennoch genug, daß ſie irgendwo beſtehen, um den Menſchen zu tröſten und hoffen zu laſſen. Sie lachen? Zweifeln Sie denn an der Aufrichtigkeit dieſer armen, unſchuldigen Leute?“ „Sie ſelbſt zweifeln daran,“ ſpottete Gumbert. „Warum ſollten dieſelben mich betrügen?“ „Vielleicht war es in der That deren heimliche Abſicht. Aber auf jeden Fall betrügen ſie ſich ſelbſt, das iſt gewiß.“ „Und der Beweis?“ „Sie müſſen blind ſein, Daniel, um das nicht zu bemerken. Die Frau, die an ihres Bruders Stelle webt? Sie war Magd bei einem Pächter; ſie mußte als Abe tritt Geb ſteh hän weic gea Päc eine ſcha Dan den das verd könn träu es 1 mäg Schi aus derb Dun ( und nicht gedr fuhr Alle er ſie nach von geber, lmuth n un⸗ ſcher⸗ ſchien l von ichtete us in unker: nnützi⸗ ndem es iſt m den Sie tigkeit bert. imliche ſelbſt, s nicht Stelle mußte 101 als Selavin gehorchen und vom Morgen bis zum Abend um ein Stück ſaures Brod arbeiten. Da tritt ein Fall ein; ſie erkennt darin das Mittel, als Gebieterin in ein Häuschen zu ziehen, wo Alles bereit ſteht und ihr mit offener Thüre Freiheit und Unab⸗ hängigkeit angeboten wird. Warum ſollte ſie ſich weigern? Arbeiten? Hat ſie nicht ihr Leben lang gearbeitet? Und ob es nun zum Vortheil von einem Pächter, oder von Kindern geſchieht, iſt das nicht einerlei? Gewinnt ſie mit dem Wechſel nicht Herr⸗ ſchaft und Unabhängigkeit?... „Um Gottes willen, ſchweigen Sie,“ murmelte Daniel.„Habe ich mich geirrt, ſo laſſen Sie mir den tröſtlichen Irrthum.“ „Noch ſchöner! Sie möchten alſo blind ſein, um das Licht nicht ſehen zu müſſen. Es iſt vielleicht verdrießlich, das Gaukelwerk nicht mehr finden zu können, von dem man in ſeinen Kinderjahren ge⸗ träumt hat; nichts deſto weniger meine ich, wenn es nur unter Bauern, groben Bengeln und Kuh⸗ mägden zu finden wäre, werde es ſchnell den falſchen Schimmer verlieren, womit unſere Einbildung es ausgeſchmückt hat. Geh', geh', es wäre allzu ſon⸗ derbar, wenn das Gute allein beſtehen könnte, wo Dummheit und Unwiſſenheit wohnen!“ Daniel ſchüttelte mit traurigem Zweifel den Kopf; und ob er auf die beißenden Worte ſeines Freundes nichts zu erwidern wußte, oder ob er von Mißmuth gedrückt ſchien, er ſagte nichts. „Und das Mädchen mit den rothen Wangen?“ fuhr Gumbert fort.„Dieſe Frage iſt noch einfacher. Alle Mädchen wollen heirathen; es iſt ein Wunſch, der fortdauert, bis er befriedigt iſt, und müßten ſie warten, bis ihnen die Haare grau werden. Die Kuhmagd war der Meinung, ihr fünfjähriger Wunſch werde ſich verwirklichen; ſie weinte, weil ſie ſich ge⸗ täuſcht hatte, und nun wieder auf's Neue wünſchen mußte, ohne zu wiſſen, wie lange. Daß ſie unſern einfältigen rothen Diener liebt, dieß iſt kein Wunder: die Frauen haben eine beſondere Vorliebe für Män⸗ ner, welche dumm und ſchwach ſind. Dieß kommt von einer geheimen Selbſtſucht her, deren ſie zu⸗ weilen ſelbſt unbewußt ſind, aber die in ihrem menſch⸗ lichen Herzen ſpricht. Richts ſchmeichelt mehr der Eitelkeit der Frauen, als über einen Mann herrſchen zu können. Die Kuhmagd iſt ſo dumm nicht, wenn ſie gemerkt hat, daß ſie in dieſem Sinn keinen beſſern Gatten als Jodokus bekommen könnte; und ſie hat ihn geliebt, weil dieſe Liebe ganz in ihrem Intereſſe lag.. Warum ſeufzen, Daniel? Was kümmert Sie die Kuhmagd und deren erlittene Täuſchung?“ „Sprechen wir nicht mehr von dieſen Dingen!“ ſagte Daniel im Tone ſchmerzlicher Se „Ich weiß nicht, aber es iſt mir, Gumbert, als ob Ihre Worte mir Gift ins Herz göſſen; und Sie könnten Ihre Sendung nicht beſſer erfüllen, wenn Sie der Teufel der Verführung ſelbſt wären.“ „Ha! ha!“ lachte Gumbert,„das iſt in der That eine freundliche Vergleichung. Es iſt mir jedoch lieber, daß Sie auf meine Koſten geiſtreich ſind, als daß Sie einem nervöſen Anfall zur Beute werden. Verlangen Sie es, Daniel? Ich werde aus Er⸗ gebenheit gegen Sie mich gleichfalls durch jeden Schein betrügen laſſen. aber es würde mich doch inko thur um ſcha übe Ein ände geſic Gla ſeine lung Zeit Glie an Wal erbe helle an, Laſſ habe ſind nunt Bem gefü der halt ſchor glau ohne n ſie Die unſch ge⸗ ſchen nſern nder: Rän⸗ ommt e zu⸗ enſch⸗ der rſchen wenn eſſern e hat tereſſe nmert ng?“ gen!“ gung. ls ob Sie wenn That jedoch d, als erden. s Er⸗ jeden h doch 103 inkommodiren, mein Haupt freiwillig unter den Irr⸗ thum beugen zu müſſen, als ob ich zu feig wäre, um der Wirklichkeit des Lebens frei in's Auge zu ſchauen.“ Gumbert mußte wohl eine grenzenloſe Herrſchaft über Daniels Gemüth ausüben, denn unter dem Einfluß ſeiner Worte war wieder eine völlige Ver⸗ änderung in dem Ausdruck von des Jünglings An⸗ geſicht und in ſeiner ganzen Haltung eingetreten. Glanzlos waren ſeine Augen wieder geworden, auf ſeinen Lippen grinſ'tte das Hohnlächeln der Verzweif⸗ lung, ſein Kopf hing auf die Bruſt herab, und von Zeit zu Zeit lief ein geheimes Zittern ihm über die Glieder. Sein Freund ſchaute ihn forſchend von der Seite an und ſagte: „Armer Philoſoph, der behauptet, Weſenheit und Wahrheit zu ſuchen, und bei dem geringſten Strahl erbebt, welcher die Nacht ſeiner Verblendung zu er⸗ hellen droht!... WMich dünkt, Sie fangen wieder an, die Arme zu ringen und Schauder zu bekommen. Laſſen Sie uns von anderen Dingen reden. Ich habe dort eben den Rentmeiſter geſehen. Seine Bücher find bereit, und er erwartet uns, um ſeine Rech⸗ nungen vorzulegen. Sehen Sie zu, daß Sie meine Bemühungen nicht durch ein ſchlecht angebrachtes Zart⸗ gefühl durchkreuzen. Es verſteht ſich von ſelbſt, daß der alte Geizhals die Hände mit Gewalt auf den Sack halten wird. Laſſen Sie mich machen; ich werde ihn ſchon zwingen, mit der Wahrheit herauszurücken. Er glaubt, uns zu betrügen; aber er hat die Rechnung ohne den Wirth gemacht. Ich habe allein Umſicht ge⸗ halten und mir durch Jodokus vom Balkon aus di⸗ Ländereien zeigen laſſen. Seien Sie verſichert, Daniel, die ganze Beſitzung zuſammengenommen mag wohl ihre vier bis fünfhunderttauſend Francs werth ſein. Wenn die Wechſelbriefe, die wir zu Paris unterzeichnet haben, bezahlt ſind, werden uns immer noch ſo etwa zwei⸗ hundertfünfzig bis dreihunderttauſend Francs übrig bleiben. Damit können wir unbeſorgt unſere vorige Lebensweiſe wieder beginnen. Ich habe einen Plan in meinem Kopf. Wenn wir einmal eine Bank zu errichten ſuchten? Es iſt ein Geſchäft, worin ich früher nicht unerfahren war. Ich werde der Direktor ſein. Wir könnten zu gleicher Zeit in den Fonds ſpekuliren. Es gibt noch viel dummere Leute als wir, welche auf der Börſe eine Goldgrube gefunden haben; und es wird gewiß kein Wunder ſein, wenn unſere dreihunderttauſend Francs ſich zu einigen Millionen vervielfältigen...“ Es war deutlich, daß Daniel nicht im Mindeſten auf ſeines Freundes Worte Acht gegeben hatte. Er ſchritt in einer Art von Bewußtloſigkeit dahin und ſchien ſelbſt noch nichts zu bemerken, als Gumbert zu ſprechen aufgehört hatte. Dieſer hielt eine Weile ſtill, den forſchenden Blick auf ihn gerichtet, ſchlug ihm dann heftig auf die Schulter und ſagte: „Welcher verführeriſche Traum, nicht wahr, der Sie bis in den dritten Himmel emporgehoben hat? Wie ſtarren Sie mich ſo an! Gleich Jemand, der aus einem ſchweren Traum auffährt. Ich will den⸗ 6 wetten, daß ich weiß, an wen oder an was Sie enken.“ Stir man fühl bezn Frei bare Sie wäre doch ſind, mutl wie ſein, morl ( Sein Dan geliel Gege nicht der 9 Verſt „Ich der ihrer s die aniel, hl ihre Wenn haben, zwei⸗ übrig vorige Plan nk zu in ich irektor Fonds te als unden wenn inigen deſten e. Er nund mbert Blick uf die , der hat? , der lden⸗ Sie 105 „Unmöglich,“ murmelte der Junker. „Unmöglich? Ha, ha, Sie denken an Celeſta?“ Die Röthe der Verlegenheit trat auf Daniel's Stirne, und er blieb ſprachlos wie ein Angeklagter, den man zum Bekenntniß einer Miſſethat gezwungen hat. Gumbert ſchien dieſe Entdeckung mit einem Ge⸗ fühl von Spott und Grimm aufzunehmen; aber er bezwang ſeine Aufregung, drängte ſich näher an ſeinen Freund und ſprach im Weitergehen mit einer merk⸗ baren Trauer in der Stimme: „Fürwahr, Daniel, dieſe Celeſta iſt nicht häßlich. Sie hat ſchöne blaue Augen und eine Stirne, als wäre dieſelbe aus Alabaſter geſchnitten. Schade je⸗ doch, daß ihre Züge im Ganzen ſo bewegungslos ſind, wie das Geſicht eines Geſpenſtes, und die Ver⸗ muthung erregen, ihr Herz müſſe kalt und gefühllos, wie ein Eisklumpen ſein. Ich möchte nicht verurtheilt ſein, mein Leben in Geſellſchaft eines ſolchen Mar⸗ morbildes hinſchleppen zu müſſen.“ Ein tiefer Seufzer entſchlüpfte des Junkers Bruſt. Sein Freund lächelte heimlich und fuhr fort: „Es ſcheint, daß meine Worte Sie verdrießen, Daniel? Es iſt ſo ſüß, glauben zu dürfen, man ſei geliebt, nicht wahr, ſelbſt dann, wenn man keine Gegenliebe fühlt? Armer Träumer, ſehen Sie denn nicht, daß dieſe Liebe nur eine Schlinge iſt, womit der Rentmeiſter Ihre Füße umſtrickt? Eine eigennützige Verſtellung?“ „Gumbert, Gumbert, Sie läſtern!“ rief der Junker. „Ich liebe Celeſta nicht; aber mein Herz huldigte der Aufrichtigkeit, der Einfalt, der Uneigennützigkeit ihrer Neigung zu mir.“ 106 „Es ſei ſo, Daniel; Sie ſind recht glücklich, Daniel, daß Gott zu Ihren Gunſten ein Wunder geſchehen ließ und für Sie allein eine Frau ſchuf, die nicht geich den andern eine Tochter unſerer ſelbſtſüchtigen utter Eva iſt. Und die köſtliche Perle ſoll in dieſer Wüſte verloren ſein! Fort, fort, erheben Sie Ihren Geiſt über dieſe kindiſche Hoffnung. Beſäßen Sie nichts als Ihre perſönlichen Eigenſchaften, gewiß, Fräulein Celeſta würde keine fünf Jahre ihr Herz zu Ihren Dienſten bewahrt haben. Die Frau ſchaut tiefer als wir; und wie unſchuldig und unwiſſend auch dem Scheine nach, ſie erräth mit einer wunder⸗ baren Klarheit, was ihren Hochmuth, oder ihren Vortheil verletzen kann. Jungfer Celeſta hat dem⸗ zufolge wohl ein Vorgefühl gehabt, warum ſie in Paris von Ihnen beinahe vergeſſen worden iſt. Sie geberdet ſich nichts deſto weniger, als traute ſie Ihnen nicht den geringſten Fehltritt zu. Die Gründe dieſes Betragens ſind ungemein leicht zu errathen. Sie ſind von einem alten edeln Stamme: dieß ſchmeichelt deren Ehrgeitz. Für eine ſo abgelegene Gegend ſind Sie reich und dieſelbe hält Sie für noch reicher: dieß kitzelt deren Eigennutz. Sie langweilt ſich in ihrem einſamen Mädchenleben und meint, daß Sie, gewöhnt, mit der großen Welt zu verkehren, ihr Ge⸗ kegenheit geben werden, dieſer Wildniß zu entfliehen: dieß reizt ihre Vergnügungsſucht. Und die Liebe, von dem alten Fuchs mit ſo viel Aufwand von Poeſie und ſo viel Liſt in ſeinen Briefen beſchrieben, was iſt ſie anders als ſchlecht verheimlichter Egvis⸗ mus? Sind Sie anderer Meinung, ſo über⸗ zeuge muß Dan ob G Und Ihre letzte erſtie Glau müſſe mich daran nie 1 Hauſ erma ſteht! Kom G Freut tief C in de führte 6 6 bald Nebe gehän aniel, hehen nicht tigen dieſer Ihren Sie ewiß, Herz ſchaut iſſend under⸗ ihren dem⸗ ſie in Sie Ihnen dieſes Sie eichelt d ſind eicher: ich in Sie, r Ge⸗ iehen: Liebe, n rieben, Egvis⸗ über⸗ 107 zeugen Sie mich, daß ich Unrecht habe: die Wohrheit muß leicht zu beweiſen ſein.“ „Alles, Alles auf der Welt iſt Eigennutz!“ murrte Daniel mit verzweifeltem Spott.„Was hilft es mir, ob Celeſta's Neigung uneigennützig iſt, oder nicht? Und warum reden Sie mir von ſolchen Dingen? Ihre unverſöhnlichen Worte ſind nicht nöthig, um den letzten Funken von Vertrauen in meinem Herzen zu erſticken. Es iſt ſchon lang geſchehen: ich habe keinen Glauben mehr an den Menſchen. Dieſe Geſpräche müſſen einmal endigen, Gumbert, und wollen Sie mich nicht überzeugen, daß Sie eine grauſame Freude daran finden, mich zu quälen, ſo ſprechen Sie mir nie mehr von Celeſta. Kommen Sie, eilen wir nach Hauſe; ich fühle mich an Geiſt und Körper äußerſt ermattet. Gott weiß, was für mich noch zu erwarten ſteht! Was für ein Tag! Möchte er der letzte ſein! Kommen Sie, kommen Sie!“ Er beſchleunigte ſeinen Schritt ſo ſehr, daß ſein Freund ihm zu folgen Mühe hatte. Mit triumphirendem Hohnlächeln auf dem Geſichte lief Gumbert hinter ihm her. Beide verſchwanden ſihte Hohlweg, welcher nach dem Mulfhof hinaus⸗ ührte. V. In einem Zimmer des Wulfhofs ſaß Herr Willi⸗ bald vor einem Schreibtiſch mit vorſpringendem Pulte. Neben ihm auf einem Tiſche lagen große Bücher auf⸗ gehäuft; alle Stühle waren mit Papier⸗Faſcikeln und 108 einzelnen Blättern beladen; der Fußboden ſelbſt war theilweiſe damit bedeckt. Ueber dem Schreibtiſch hingen einige Flinten und Piſtolen zwiſchen allerlei Jagdgeräthen. Zwei Por⸗ traits zierten die Wand zu beiden Seiten. Das eine war das Bildniß einer Frau mit ſtillem und ſanftem Antlitz, das andere zeigte einen Mann, deſſen Züge ſichtbar durch Kummer gealtert und abgemagert waren. Den Ellbogen auf den Pult geſtützt, ſaß der Greis in Gedanken verſunken. Er ſchüttelte den Kopf in traurigem Zweifel und bewegte die Lippen, ohne daß jedoch ein Laut ſeinem Munde entſchlüpfte. Rur von Zeit zu Zeit hob ſich ſeine Bruſt, um ſich unter dem Ausſtoßen eines tiefen Seufzers wieder gewaltſam zuſammenzuziehen. Die Portraits hatten ihre ſtarren Augen auf ihn gerichtet und ſchienen ihn zu befragen. Sei es, daß der Rentmeiſter den geheimnißvollen Eindruck dieſes Blickes fühlte, oder daß ein neuer Gedanke ihm durch den Geiſt flog, er hob den Kopf langſam in die Höhe und ſchaute die zwei Bildniſſe eine Weile an. Allmälig erfüllte aber dieſer Anblick ihn mit ſolcher Unruhe, daß er mit einem ängſtlichen Aufſchrei den Kopf wieder auf die Hand ſu ließ und zitternd flüſterte: „Sie fragen mich, was ich mit ihrem Kind ge⸗ than habe! Und ich, wehe mir, ich vermag, ich wage nicht zu antworten!“ Lange ſtarrte der bewegte Greis nach dieſer Klage ſtill und bewegungslos zu Boden. Nach und nach erheiterte ſich ſein Geſicht; Etwas, wie ein hoffnungs⸗ volle nend vor e Geiſt Wort wie aus Unbe laſſer digen ſolche Aber verdi Wurr Zwei Derſe hat! bis ir heit benen was der Die1 es m kein c ſehr g meine aus ſ Plank ſeinen verſch war und Por⸗ eine nftem Züge aren. Hreis f in edaß on dem ltſam f ihn daß ieſes durch tdie an. cher den ternd ge⸗ wage lage nach ngs⸗ 109 volles Lächeln ſchwebte auf ſeinen Lippen, und ſin⸗ nend murmelte er: „Was iſt es, das mich ſo bekümmert? Warum vor einem ungewiſſen Uebel zittern? Mein geängſteter Geiſt ſchafft ſich vielleicht Geſpenſter.... Iſt Daniel's Wort, iſt der Ton ſeiner Stimme nicht ſo liebreich wie zuvor? Sah ich nicht ſeine liebende Seele mir aus der Tiefe ſeiner Augen entgegenlächeln?.. Unbegreiflich! mich in ſeiner Gegenwart verhöhnen laſſen, mich der Falſchheit und des Betrugs anſchul⸗ digen laſſen! Und ihn ſeinen Freund nennen, der ſolche Läſterung auf meine grauen Haare häuft! Aber Daniel iſt krank; ſein Geiſt ſcheint irre; er verdient eher Mitleid als Tadel..... Ach, wenn der Wurm der kalten Selbſtſucht, des Hochmuths, des Zweifels den Weg zu ſeinem Herzen gefunden hätte? Derſelbe Wurm, der einſt mir am Herzen genagt hat! Nein, nein, wie könnte dann Celeſta's Blick ihn bis in die Tiefe ſeines Gemüths rühren? Seine Krank⸗ heit ſcheint im Gegentheil die Folge einer übertrie⸗ benen Empfindſamkeit zu ſein. Was muß ich fürchten, was darf ich hoffen? Sollte dieſer Gumbert nicht der Teufel ſein, welcher Daniel's Seele beſtürmt? Die mir von Jodokus gegebenen Erklärungen laſſen es mich glauben.... Vielleicht iſt Danieb's Leiden kein anderes, als der Verdruß, ſein Vermögen ſo ſehr gemindert zu wiſſen? Wenn ich ihm das Erbtheil meiner Schweſter ſchenkte? Es würde ihn vielleicht aus ſeiner Verzweiflung aufrichten. Nein, die letzte Planke der Rettung nicht zerbrochen! Kehrt er mit ſeinem Freunde nach Paris zurück, ſo wird er Alles verſchwenden, was ihm zugehört. Iſt es ſein Schickſal 6 110 und muß es ſich erfüllen, wohlan, ſo ſoll er noch immer ein Herz finden, um ihn zu lieben, und einen Schatz, um ihn vor Noth und Erniedrigung zu ſchützen. Ich muß Daniel allein ſprechen, ihm die Augen über ſeinen gefährlichen Freund öffnen; aber dieſer Herr Gumbert hat ihn geſtern keinen Augenblick verlaſſen. Möchte ich heute glücklicher ſein!.... Da höre ich ihre Schritte unten. Jetzt die Rechnung! Welchen neuen Hohn hat mir der unverſchämte Fremdling aufgeſpart? Hohn, Läſterung, was thut es mir? Aber mein unglücklicher, mein armer Daniel, Gott ſchütze ihn!“ Der Diener Jodokus klopfte an und ſagte, nach⸗ dem er die Thüre geöffnet, Herr Daniel erwarte den Rentmeiſter, um die Rechnungen in Empfang zu nehmen. Der Greis legte die großen Bücher dem Diener auf die Arme und ſtieg mit ihm die Treppe hinab. Mit einem ſtillen Gruße trat Willibald in den Saal. Erſt richtete er das Auge auf Daniel, mit einem leiſen Schimmer trauriger Freundſchaft; als er aber Gumbert ſich nähern ſah, hob er das Haupt empor und ſchaute dem Fremdling mit kaltem, ſtolzem Ausdruck entgegen. Jodokus ließ keuchend vor Erſchöpfung die ſchwere Ladung Bücher auf einen Tiſch niederfallen, worauf er ſich aus dem Saal entfernte. „Was ſoll das Alles?“ rief Gumbert verwundert. „Sie hoffen doch nicht, daß wir alle die Bücher durch⸗ gehen ſollen? Dazu wäre mehr als eine Woche nöthig.“ „Hier ſind die Rechnungen über meine Verwal⸗ tung,“ antwortete Willibald.„In dem Regiſter hier noch einen ützen. über Herr laſſen. re ich elchen ndling mir? Gott nach⸗ te den ng zu Diener inab. n den „ mit als Haupt tolzem chwere vorauf indert. durch⸗ thig. erwal⸗ r hier 111 oben ſind die Ausgaben für Unterhaltung und Ver⸗ beſſerung der Gebäude aufgezeichnet; das andere enthält die Ausgaben und Rahrung der Dienſtboten und Taglöhner. Dieß iſt das Buch für Ausgaben und Einnahmen, bezüglich des Anbaues der Lände⸗ reien und des Verkaufs der Früchte. Von den zwei dicken Regiſtern iſt das eine mein Tagebuch, worin alle Ausgaben und Einnahmen ohne Unterſchied, im Augenblick, da ſie erfolgten, eingetragen ſind; das andere iſt mein Hauptbuch, worin die Ausgaben und Einnahmen zuſammengeſtellt ſind, um am Ende jedes Jahres die allgemeine Rechnung abzuſchließen. Ich habe wohl noch dreimal ſo viel Bücher, welche ſich auf die erſten Jahre meiner Verwaltung beziehen. Ich werde ſie auf Ihr Verlangen holen, Sie dürfen nur befehlen. In dieſen letzten Regiſtern werden Sie endlich die Geſammtrechnung und den Abſchluß derſelben finden.“ Einige ſpöttiſche Worte murmelnd, hatte Gumbert das oberſte Buch genommen und es auſſchlagend auf den Tiſch geworfen. Daniel war aufgeſtanden und zu ſeinem Freunde getreten. „Was, zum Teufel,“ rief Gumbert,„das iſt eine ſchöne Art, Rechnungen abzumachen, worin der Satan ſelbſt kein Licht zu ſehen vermag! Vier Pfund Bretter⸗ nägel zu 25 Centim., thut 1 Franc;— Sechs Pfund grüne Farbe zu 25 Centim.,— eine Bürſte. Wenn wir ſo die Verrechnungen von hundert tauſend Franes Ausgaben ſuchen müßten, wäre es nöthig, hier ſechs Monate lang zu bleiben!“ „Es iſt möglich,“ antwortete der alte Willibald mit großer Kälte,„aber da der Herr Erfahrung in 112 ſolchen Dingen hat, wird er auch nicht zum erſten Mal erkannt haben, daß man in dieſen beſondern Aufzeichnungen den Abſchluß der Rechnung nicht finden kann. Da iſt das Hauptbuch.... 2 Gumbert öffnete das angedeutete Regiſter und ſtarrte geraume Zeit auf die offenen Blätter. „In der That,“ ſagte er,„es wird etwas klarer. Ich finde hier wohl größere Poſten aufgeführt; aber wer ſagt mir, daß alle die Gelder wirklich ausge⸗ geben worden ſind?“ Der Rentmeiſter zitterte, und die Röthe der Schaam ſtieg ihm auf die Stirne. Er gab auf Gumbert's Frage keine Antwort, ſah ihm aber mit gekränktem Stolze in die Augen. „Sie können es nehmen, wie Sie wollen,“ ſprach Gumbert;„ich wiederhole es: das iſt Alles ſchön und recht, und die Bücher ſind ſorgfältig geſchrieben; aber wer ſagt mir, daß dieſe Summen wirklich aus⸗ gegeben worden ſind?“ „Sie wagen es alſo, Herr,“ rief Willibald mit bitterem Lächeln aus,„mich der Verfälſchung fähig zu halten? Es iſt ein Schimpf, den ich nicht ertragen würde, wenn mich die Ehrerbietung und Ergebenheit gegen eine andere Perſon nicht zurückhielte!“ „Welchen Ton nehmen Sie an?“ ſpottete Gumbert. „Sind Sie vielleicht hier etwas mehr, als ein Diener?“ Der alte Willibald hatte Mühe, ſeine Entrüſtung zu bezwingen; er bebte ſichtbar, und Thränen fielen ihm über die Wongen. Bei dieſem Anblick ſprang Daniel auf ihn zu, faßte ſeine Hand und ſchrie, die Fauſt gegen Gumbert ausſtreckend: — alten ſen. grau⸗ und Sie: Sie Z auf d 3 Rentt Thrär 1 murm auffal nehme ich, m Freun tung: dieſen Ihner Dumt komm zu we er ſei ſtellte den E „ ſein. ein w C erſten ndern finden rund larer. aber usge⸗ chaam bert's inktem ſprach ſchön ieben; s⸗ d mit fähig ragen enheit mbert. ner?“ üſtung fielen n zu, mbert 113 „Ha, das iſt zu viel! nein, nein, ich werde den alten Freund meines Vaters nicht alſo beleidigen laſ⸗ ſen. Gumbert, haben Sie Ehrfurcht vor ſeinen grauen Haaren, oder ich werfe die Bücher in's Feuer und will von keiner Rechnung mehr hören. Lachen Sie nicht; um Gotteswillen, ſpotten Sie nicht! Was Sie thun, iſt eine ſchändliche Bosheit!“ Daniel's Geſicht war todesbleich, und er wankte auf den Beinen vor übermächtiger Erregung. „Dank, Dank, Daniel!“ ſtammelte der gerührte Rentmeiſter mit zwei neuen Thränen in den Augen, Thränen der Freude und füßen Glücks. „Ich verſtehe nicht mehr, was hier geſchieht,“ murmelte Gumbert mit wirklicher Verwunderung und auffallender Kälte.„Wenn Sie ohne Prüfung an⸗ nehmen wollen, was die Bücher ſagen, dann frage ich, wozu die Bücher dienen? Auf alle Fälle, da mein Freund Daniel ſich ſo gefühlvoll für Ihre Verwal⸗ tung zeigt, iſt es beſſer, Herr Rentmeiſter, wir machen dieſem lächerlichen Schauſpiel ein Ende. Ich wünſche Ihnen beiden Lebewohl und gehe, einzupacken. Dummkopf, der ich bin! Von ſo weiter Ferne her⸗ kommen, um hier das Opfer von Liſt und Feigheit zu werden!“ Dieſe Worte erſchreckten Daniel um ſo mehr, da er ſeinen Freund auf die Thüre zugehen ſah. Er ſtellte ſich vor ihn hin, führte ihn an der Hand in den Saal zurück und ſprach in bittendem Tone: „Kommen Sie, Gumbert, Sie müſſen nachſichtig ſein. Ich werde die Sache erleichtern. Haben Sie ein wenig Rückſicht für einen Greis.“ Conſcienee, Leid der Zeit. 8 114 Brummend ließ ſich Gumbert zu dem Tiſche füh⸗ ren; es lag jedoch immer noch ein leichter Hohn auf ſeinen Lippen, als ob das, was geſchah, ihm Mitleid einflößte. „Herr Willibald,“ fuhr der Junker fort,„aus dieſen Rechnungsbüchern können wir ohne Ihre Hülfe nicht klug werden; die Zeit gebricht uns zu einer gründlichen Prüfung. Haben Sie die Güte und er⸗ klären Sie uns, was wir zu wiſſen begehren. Sie werden mich verpflichten; ich werde Ihnen dankbar dafür ſein, Willibald.“ Daniels flehende Stimme mußte einen tiefen Ein⸗ druck auf den Greis machen; denn auf ſeinem Ange⸗ ſicht erſchien ein ſtilles Lächeln, welches anzeigte, daß aller Verdruß aus ſeinem Herzen verſchwunden war. „Für Sie, Daniel, will ich Alles thun, Alles er⸗ tragen,“ antwortete er. Und ſich zu Gumbert wendend, ſagte er mit einer gewiſſen Zuvorkommenheit: „Wohlan, mein Herr, da der Junker es verlangt, ſo laſſen Sie die unangenehmen Worte zwiſchen uns vergeſſen ſein. Ich werde die Quittungen für alle Ausgaben herbringen: es ſind deren jedenfalls genug, um den ganzen Tiſch damit zu bedecken. „Nein, nein, die Quittungen ſind nicht nöthig,“ fiel Daniel ein. „Nun denn, ſo werde ich ſpäter allein diejenigen ſuchen, welche Bezug auf die Ausgaben haben, wor⸗ über Herr Gumbert ſich größere Gewißheit zu ver⸗ ſchaffen wünſcht. Beliebt es Ihnen, mich anzuhö⸗ ren; ich will Ihnen in der Kürze den Stand Ihrer Angelegenheiten auseinander ſetzen und bin bereit, auf zu 9 wert . alle der einie Hau ſein; wie lion zeug aus und Vote bei i hatte See⸗ nehm order zur Zahl Vate tereſſ Geſel gen! außer einan Vater ſervef der ei he füh⸗ hn auf Mitleid „aus e Hülfe einer und er⸗ Sie anar en Ein⸗ Ange⸗ te, daß n war. lles er⸗ it einer erlangt, en uns ür alle genug, öthig,“ jenigen n, wor⸗ zu ver⸗ anzuhö⸗ hrer bereit, der eingezeichneten Kapitalien. Viele ſeltſame Gerüchte 8* 115 auf Ihre geringſte Frage die genaueſte Aufklärung zu geben. Laſſen Sie mich dazu niederſitzen; ich werde ſo leichter ſprechen.“ Die Andern folgten ſeinem Beiſpiele, und als alle drei an dem Tiſche Platz genommen hatten, ſagte der Rentmeiſter, indem er das Hauptbuch öffnete und einige Blätter Papier herausnahm. „Zu Ihres ſeligen Vaters Lebzeiten ſtand Ihr Haus, Junker, wirklich im Rufe, ziemlich reich zu ſein; man ſchätzte damals Ihres Voters Vermögen, wie Sie geſtern ſagten, auf ungefähr eine halbe Mil⸗ lion; aber es geſchah mit Unrecht, ſeien Sie über⸗ zeugt. Der Grund dieſer Ueberſchätzung entſprang aus der unerſchöpflichen Wohlthätigkeit Ihrer Mutter und zugleich aus dem beſondern Umſtande, daß Ihres Vaters Vermögen meiſtens in Staatsſchulden und bei induſtriellen Unternehmungen angelegt war. Es hatten ſich gerade um jene Zeit zu Antwerpen einige See⸗Aſſekuranzgeſellſchaften gebildet. Dieſe Unter⸗ nehmungen warfen in den erſten Jahren ſo außer⸗ ordentliche Zinſen ab, daß um die Wette Kapitalien zur Betheiligung dabei angeboten wurden und die Zahl dieſer Geſellſchaften ſich noch vermehrte. Ihr Vater ließ ſich durch die Hoffnung auf dreifache In⸗ tereſſen verleiten und verpflichtete ſich gegen dieſe Geſellſchaften für mehr, als ſein bewegliches Vermö⸗ gen betrug. Es trat hierauf ein Zeitraum ein, wo außergewöhnlich viele und große Unfälle zur See auf einander folgten. Die Geſellſchaften, bei welchen Ihr Vater betheiligt war, verloren nicht allein ihren Re⸗ ſervefonds, ſondern noch dazu den ganzen Betrag 116 liefen über die Art und Weiſe herum, wie dieſe Unternehmungen geleitet worden waren. Wie dem nun ſei, Ihr Vater verlor den größten Theil ſeines Vermögens. Dieſer Schlag traf ihn ſo hart, daß er von da an zu kränkeln begann, und von einem ſtillen, aber nagenden Kummer niedergebeugt, mit ſchnellen Schritten einem frühen Tod entgegen ging. Ich gebe Ihnen dieſe, für Sie und für mich ſo pein⸗ lichen Erklärungen, Herr Daniel, um Ihnen begreif⸗ lich zu machen, wie es kommt, daß diejenigen ſich täuſchen, welche der Meinung ſind, Ihres Vaters Vermögen ſei bei deſſen Ableben daſſelbe geblieben, was es in der That früher geweſen war!“ Daniel horchte bewegungslos und mit geſpannter Aufmerkſamkeit auf des Rentmeiſters Worte; vielleicht eher, weil er ihm von ſeinen verſtorbenen Eltern ſprach, als in Folge des Verlangens, den wahren Zuſtand ſeines Vermögens zu vernehmen. Auf Gumbert machten die Erklärungen des Grei⸗ ſes einen heftigeren Eindruck. Er drehte ſich auf ſei⸗ nem Seſſel und ſchüttelte zweifelnd den Kopf; auf ſeinem Geſichte gab ſich ein Ausdruck von Unzufrie⸗ denheit und wohl auch von Beſorgniß zu erkennen. Der Gedanke, daß er ſich ſelbſt getäuſcht haben könnte, begann ihn ernſtlich zu bekümmern. „Nun ich Ihnen dieſe vorläufigen Eröffnungen gemacht habe,“ fuhr der Rentmeiſter in einem offe⸗ nen und ſichern Ton, der Achtung einflößte, fort, zwill ich Ihnen, Junker, den gegenwärtigen Zuſtand Wres Vermögens in wenigen Worten zu wiſſen thun. Sehen Sie hier ein Blatt, worauf die Rechnung aufs Allergenaueſte geſtellt iſt. Um die Sache dentlicher zu meit der Sie Her weg verſ Fra Wil Gu Gre lieg Wer bäu chen Par tauſ um Sie Sie meiſ ſo ſ ſtrie hauf Wor e dieſe ie dem ſeines t, daß einem t mit ging. o pein⸗ begreif⸗ en ſich Vaters lieben, nnmter elleicht Eltern vahren Grei⸗ uf ſei⸗ f; auf tzufrie⸗ ennen. könnte, mungen n offe⸗ „fort, uſtand thun. 3aufs itlicher 117 zu machen, werde ich die verſchiedenen Gelder in meiner Erklärung übergehen; ſie ſind jedenfalls in der wirklichen Rechnung wieder zu finden. Belieben Sie, mir aufmerkſam zuzuhören, meine Herren. Bei Herrn van Hoogeland's Ableben wurden die unbe⸗ weglichen Güter aus ſeiner Verlaſſenſchaft durch ſach⸗ verſtändige Männer auf hundertfünfunddreißigtauſend Franes geſchätzt.“ „Wie? Sie haben ſich gewiß verſprochen, Herr Willibald?“ ſtammelte Daniel. „Wie? nur hundertfünfzigtauſend Francs?“ rief Gumbert ebenſo erſchrocken. „Es iſt ſo, wie ich Ihnen ſage,“ wiederholte der Greis.„Die Original⸗Urkunde über die Schätzung liegt da vor Ihnen, mit dem Anſchlag und dem Werthe von jedem Stück Land und von den Ge⸗ bäuden.“. „Ha, ha,“ ſagte Gumbert mit krampfhaftem La⸗ chen;„rechnet man alſo die Summen ab, die wir zu Paris empfangen haben, ſo ſollen nur noch fünfzehn⸗ tauſend Francs übrig bleiben? Noch nicht genug, um drei Monate elendiglich zu leben! Wahrhaftig, Sie treiben Ihren Spott mit uns!“ „Sie urtheilen zu ſchnell, meine Herren; ich bitte Sie, laſſen Sie mich fortfahren,“ nahm der Rent⸗ meiſter wieder das Wort.„Die Sachen ſtehen nicht ſo ſchlimm, als Sie glauben.“ „Und das Geld und die Actien für die indu⸗ ſtriellen Unternehmungen, die man in dem Sterbe⸗ ſ gefunden hat?“ fiel ihm Gumbert beißend ins ort. „Actien oder Werthpapiere,“ antwortete er,„hat 118 man nicht entdeckt, aus dem einfachen Grunde, weil als n keine mehr da waren. Was das wenige baare Geld ihn d betrifft, ſo reichte es kaum aus, um die Koſten des Begräbniſſes und der Seelenmeſſen zu bezahlen. ſtolze Werden Sie nicht ungeduldig, mein Herr, und hören heit! Sie mich ruhig an. Während meiner Verwaltung Dadr wurde es mir möglich, noch eine beträchtliche Summe ſeiner zu erſparen, und je nach Gelegenheit wurden dafür dann und wann einige Stücke Landes um den Wulf⸗ bezůg hof herum angekauft. Der Werth der Güter, womit hält, ich auf ſolche Art das Eigenthum von Herrn Daniel heute vergrößern konnte, beläuft ſich auf dreiundachtzigtau⸗ Fälle 1 ſend Francs. Das Ganze der unbeweglichen Güter der 2 beträgt demzufolge auf den heutigen Tag ungefähr unbet zweihundert achtzehntauſend Francs; und fügt man finder das bewegliche Gut, Möbel, Vieh, landwirthſchaftliches verſte 1 Geräthe u. ſ. w. im Werthe von fünfzehntauſend öffen Franes hinzu, ſo gelangen wir endlich zu einer allge⸗ dem meinen Ziffer von zweihundertdreiunddreißigtauſend Wie Francs. Werden nun davon die hundertzwanzigtauſend Rent 1 Franes, welche Frau van Everdael pfandweiſe auf den kauf 1 Wulfhof gelehnt hat, abgerechnet, ſo ergibt ſich, daß der„ 6 diſponible Saldo, das heißt, das gegenwärtige Vermö⸗ kauf? gen Herrn Daniel's ſich auf hundertdreizehntauſend fen? Franes, etwas mehr oder weniger, beläuft.“( Der Junker ſtarrte zu Boden und brummte einige er at unverſtändliche Worte. gefün Gumbert, durch die Mittheilung der verhängniß⸗„ vollen Ziffer überraſcht und verwirrt, blieb eine Weile ſolche in bittere Gedanken verſunken; aber bald erhob er ſtand 13 wieder den Kopf und ſchaute, die Arme über die— Bruſt gekreuzt, dem Rentmeiſter tief in die Augen, „weil eGeld ndes ahlen. hören Utung umme dafür Wulf⸗ womit aniel igtau⸗ Güter efähr man liches uſend allge⸗ uſend uſend f den ß der rmö⸗ ſend inige niß⸗ geile b er die gen, 119 als wollte er durch die Unverſchämtheit ſeines Blickes ihn der Falſchheit und des Betrugs anklagen. Der Greis hielt jedoch dieſe Prüfung mit einer ſtolzen Ruhe aus, welche Gumbert ſelbſt in Verlegen⸗ heit brachte und das Geſicht niederzuſchlagen zwang. Dadurch in ſeinem Stolze verletzt, ſprang er von ſeinem Seſſel auf und ſprach mit einem bitteren Lachen: „Wir werden ſehen, ob es mit den Rechnungen, bezüglich der Ausgaben und Einnahmen, ſich ſo ver⸗ hält, wie Sie behaupten. Ich werde die Bücher heute auf meinem Zimmer unterſuchen. Auf alle Fälle weiß ich wohl, Rentmeiſter, unter welchem Stein der Aal verborgen liegt.*) In der Schätzung der unbeweglichen Güter wird ſich das Fehlende wieder finden laſſen. Wofern nicht ein betrügeriſches Ein⸗ verſtändniß bei dem Angebot vorherrſchte, wird der öffentliche Kauf, beſſer als dieß Stück Papier, von dem wirklichen Werth der Güter Zeugniß ablegen.— Wie viel Zeit iſt in dieſer Gegend wohl dazu nöthig, Rentmeiſter, bis man die Güter zu öffentlichem Ver⸗ kauf bringen kann?“ „Wie? Was ſagen Sie? Ein öffentlicher Ver⸗ kauf?“ rief der Rentmeiſter.„Den Wulfhof verkau⸗ fen? o Himmel!“ Er ſchaute Daniel ängſtlich fragend an; und als er aus des Jünglings Munde die Beſtätigung des gefürchteten Vorhabens empfangen hatte, rief er: „Aber, Junker, es iſt nicht möglich, daß Sie ein ſolches Thun beſchloſſen haben. Auf dieſem Gute ſtand die Wiege Ihres Vaters und die Ihrige. Alle *) d. h. wo der verborgene Betrug ſieckt. A. d. U. 120 die Erinnerungen Ihres Geſchlechtes, alle die Erin⸗ nerungen Ihrer Kindheit ſind daran geknüpft. So lang es Ihr Eigenthum bleibt, wie ſehr es auch be⸗ laſtet iſt, kann es Ihnen zu einer endlichen Zuflucht werden, ein Ort, um Ruhe und Frieden nach den Stürmen der Jugend zu finden. Und Sie wollten es verkaufen, gegen eine Summe Geldes vertauſchen, welche in kurzer Zeit verſchwendet ſein wird? O Daniel, denken Sie an Ihren Vater, an Ihre Mut⸗ ter! denken Sie an den Namen, den Sie tragen, an die Zukunft, die Sie bedroht!“ „Genug, genug dieſer Predigt!“ rief Gumbert. „Was ſoll dieſes Gejammer bedeuten? Es iſt begreif⸗ lich, Rentmeiſter, daß Sie nicht gern Ihren Platz verlieren; aber berufen Sie ſich doch nicht auf lächer⸗ liche Gründe. Wenn Jedermann die Güter ſeiner Eltern behalten müßte, wie wäre dann nur ein ein⸗ ziger Verkauf möglich? Und dann, ſehen Sie, ich werde Sie wohl fragen dürfen, wer Ihnen das Recht gibt, mit Ihrem Herrn zu ſprechen, als wäre er ein thörichtes, unmündiges Kind?“ In einem bittern Lächeln zuckten die Lippen des Greiſes, und mit ungemeiner Schärfe antwortete er: „Mein Recht? Es iſt meine Ergebenheit gegen die Familie van Hoogeland, erprobt durch ſiebenund⸗ zwanzig Jahre von Aufopferung und Treue. Das Thun, wozu Sie meinen jungen Herrn antreiben, betrübt und erſchreckt mich, als ſähe ich meinen eige⸗ nen Sohn ſich in das Verderben ſtürzen. Ha, ich liebe Daniel; meine Neigung iſt uneigennützig und rein. Gebe Gott, daß alle ſeine Rathgeber ſo ſpre⸗ chen könnten!“ Erin⸗ S0 ich be⸗ uflucht ch den olten ſchen, Mut⸗ n, an nbert. greif⸗ Platz ächer⸗ ſeiner ein⸗ , ich Recht r ein des eer egen tund⸗ Das iben, eige⸗ „ich und ſpre⸗ 12¹ „Das iſt nicht mehr zum Aushalten!“ polterte Gumbert, ihm mit der Fauſt drohend.„Wären Sie kein Greis, gehörten Sie nicht der dienenden Claſſe an, Sie ſollten mir Rechenſchaft für Ihre Unver⸗ ſchämtheit geben!“ Und ſich zu dem Junker wendend, ſagte er: „Und Sie, Daniel, Sie laſſen alſo Ihren Freund durch Ihren Diener verhöhnen? Sie haben nicht ein einziges Wort, um ihn zu vertheidigen? Entſcheiden Sie zwiſchen uns, augenblicklich; geben Sie mir Ge⸗ nugthuung, ich fordere es: wo nicht, ſo laſſen Sie mich abreiſen... mögen Sie dann in dieſer Wild⸗ niß ein ſüßes und vergnügtes Leben führen!— Wohlan!“ Der Junker, ſo nachdrücklich aufgerufen, die Worte ſeines Freundes zu beſtätigen, richtete ſich auf. Sein Geſicht war blaß, er zitterte und ſeine Wangen zuck⸗ ten in krampfhaften Bewegungen. Beinahe in flehendem Tone ſagte er hierauf: „Nein, nein, beruhigen Sie ſich beide um meinet⸗ willen. Herr Willibald, Sie haben Unrecht, die Treue meines Freundes Gumbert zu verdächtigen; Sie, Gumbert, ſeien Sie nachſichtig gegen Jemand, der ſein ganzes Leben dem Dienſte von meinem Vater und von mir geweiht hat... Hören Sie, Willibald, ich werde Ihnen ſagen, was mein Wille und mein Begehr iſt; und ich bitte Sie, ſparen Sie darüber allen Rath; er wird doch niemals die Verwirklichung deſſen hindern, was unabänderlich beſchloſſen iſt. Ich kann auf dem Wulfhof nicht mehr wohnen; ich würde vor Langeweile und vor Unruhe des Gemüths ſter⸗ ben. In Frankreich, in Paris allein kann und will 122 ich leben; und da ich hiezu Geld nöthig habe, ſo verlange ich ausdrücklich, daß die Güter, welche mein väterliches Erbe ausmachen, ſo bald als möglich ver⸗ kauft werden.“ „Nun, was haben Sie dagegen einzuwenden?“ fragte Gumbert triumphirend. Mit gefalteten Händen und beinahe von Thränen erſtickter Stimme ſeufzte der Greis: „Daniel, Daniel, ach, ich flehe Sie an, verkaufen Sie mir den Wulfhof nicht.“ „Ich gebiete es Ihnen, Willibald!“ ſagte der Junker, den es die erſichtlichſte Mühe koſtete, dieſen harten Befehl nach dem Willen ſeines Freundes aus⸗ zuſprechen. Der Rentmeiſter ließ das Haupt auf die Bruſt fallen und ſtarrte in ſprachloſer Beſtürzung auf den Boden. Der Anblick ſeines Schmerzes traf Daniel ſo tief, daß er auf den trauernden Greis zu⸗ ging und mitleidig ſagte: „Nun, guter Wilübald, betrüben Sie ſich nicht ſo ſehr über meinen Beſchluß. Ich weiß, daß Sie nur aus Anhänglichkeit an mich den Wulfhof ungern in die Hände neuer Eigenthümer übergehen ſehen; aber das iſt nun unwiderruflich beſchloſſen, und nichts kann deſſen Ausführung verhindern. Tröſten Sie ſich doch: ich werde Sie niemals ohne einige Hülfsmittel laſſen. Wenn ich nicht irre, haben Sie vergeſſen, einen Jahresgehalt oder irgend eine andere Belohnung in Ihre Rechnung aufzunehmen. Mir bleibt leider nicht viel übrig, Sie wiſſen es; aber ich werde dennoch thun, was ich kann, und wird die Hoffnung meines Freundes Gumbert durch den Ver⸗ kau ein alt den leil den h ern noc jedt ſchi tete hin ich kau Zei pfli Wo der ſagt um dab „ſo mein ver⸗ en inen ufen der eſen aus⸗ ruſt auf traf zu⸗ icht Sie ern en; ind ten ige Sie ere Nir ber die er⸗ 123 kauf nur einigermaßen verwirklicht, ſo werde ich Ihnen eine Summe ausſetzen, welche zureichend iſt, um Ihre alten Tage wenigſtens vor Mangel zu ſchützen. Haben Sie nun die Güte und Geneigtheit für mich, um zu e ſchnellen Verkauf der Güter mir Ihre Hand zu leihen.“ Gumbert ſtampfte vor Ungeduld und Spott auf den Boden. „Willibald, darf ich nicht dieſes letzte Zeichen Ihrer Ergebenheit, Ihrer aufrichtigen Liebe von Ihnen erwarten?“ fragte der Junker. Der Rentmeiſter ſtand auf. Während ſeine Augen noch von zurückgehaltenen Thränen erglänzten, war jedoch auf ſeinem Geſicht ein Ausdruck der Ent⸗ ſchiedenheit erſchienen. Mit feſter Stimme antwor⸗ tete er: „Sie wollen es, Junker? Nichts kann die Sache hindern? Sie begehren meine Hülfe? Wohlan! ich bin bereit. Wann verlangen Sie, daß der Ver⸗ kauf geſchieht?“ „So bald als möglich. Kann Alles in kurzer Zeit beendigt ſein, ſo werden Sie mich mehr ver⸗ pflichten, als Sie glauben.“ „Das Schlimmſte von Allem iſt, daß wir noch Wochen lang hier bleiben müſſen!“ murmelte Gumbert. Einige Augenblicke blieb der Rentmeiſter, mit der Hand an der Stirne, überlegend ſtehen; dann ſagte er: „Noch Wochen hier bleiben? Es gibt ein Mittel, um die Sache in einigen Tagen abzumachen— und dabei den Namen van Hoogeland vor der Schande eines öffentlichen Verkaufs zu bewahren.“ 124 „Ho,“ rief Gumbert,„das iſt ein Wort zu rech⸗ ter Zeit! Und welches iſt das glückliche Mittel, wenn es ihnen beliebt?“ „Das Mittel iſt ſehr einfach,“ antwortete der Greis.„Frau van Ederdael, welche auf Ihre Län⸗ dereien bereits eine anſehnliche Summe hergeliehen hat, ſprach gegen mich mehr als einmal den Wunſch aus, den ganzen Wulfhof eigenthümlich zu beſitzen. Junker Daniel kann es ihr aus freier Hand ver⸗ kaufen.“ „Ja, aber wird ſie den wahren Werth dafür zahlen?“ „Gewiß; ich glaube nicht, daß Jemand mehr dafür bieten wird, als Frau van Ederdael. Laſſen Sie es mich auf alle Fälle verſuchen. Ich werde Sie ihr Anbot wiſſen laſſen; ſcheint daſſelbe Ihnen tich genügend, ſo wären nur ein paar Tage ver⸗ oren.“ „Ja, ja, verſuchen Sie dieſes Mittel, guter Willibald,“ ſagte Daniel;„aber da wir nicht ge⸗ wiß wiſſen, ob es gelingt, werden Sie ſich beeilen müſſen.“ „Ich begebe mich augenblicklich zu dem Notar, Junker. Ich werde den Knecht rufen, um dieſe Bücher wegzutragen.“ „Die Bücher wegtragen?“ rief Gumbert;„nein, nein, ich werde allein und in aller Ruhe ſie genau durchſehen. Es iſt kein Grund, dies übel aufzuneh⸗ men, Rentmeiſter: gute Rechnungen machen gute Freunde, heißt es im Sprichwort.“ „Thun Sie nach Ihrem Belieben, Herr,“ ant⸗ woriete der Rentmeiſter, während er den Saal verließ. des Viel mich And Vat Thi ben Per zuge bert S Sie Sie Ihr und ſchl ſchn ent ſpre zur Ih den rech⸗ wenn der Län⸗ iehen unſch itzen. ver⸗ dafür mehr aſſen verde hnen ver⸗ guter t ge⸗ eeilen Kotar, ücher „nein, genau zuneh⸗ gute ant⸗ erließ. 125⁵ Doniel folgte ihm bis zur Thüre; dort ſeine Hand nochmals faſſend, ſagte er: „Willibald, Sie beſchuldigen mich der Thorheit, des Unverſtandes, der Verſchwendung, nicht wahr? Vielleicht haben Sie Recht; aber beſchuldigen Sie mich nicht der Undankbarkeit. Was auch geſchehe, ich werde immer mit Erkenntlichkeit das lebendige Andenken an Alles bewahren, was Sie für meinen Vater und für mich gethan haben.“ Der Rentmeiſter zog den Junker ſanft aus der Thüre hinaus und ſprach: „Daniel, gewähren Sie mir eine Gnade: erlau⸗ ben Sie mir, allein mit Ihnen zu ſprechen; aber die Perſon, welche ſich Ihren Freund nennt, darf nicht zugegen ſein.. „Ah, ah, ich darf nicht zugegen ſein!“ rief Gum⸗ bert, der aus Mißtrauen an die Thüre getreten war. „So, ſo, Rentmeiſter, es iſt Krieg zwiſchen uns, und Sie wollen mit verborgenen Waffen ſtreiten! Bah, Sie können, ſo lang es Ihnen beliebt, allein mit Ihrem Herrn ſprechen. Halten Sie ihn für dumm und ſchwach genug, um jeden Augenblick einen Ent⸗ ſchluß zu ändern? Er muß wiſſen, ob er ſolche ſchmeichelhafte Vorſtellungen rechtfertigen will... Der Rentmeiſter hatte ſich bereits in den Gang entfernt, während Gumbert dieſe letzten Worte aus⸗ ſprach und, von dem Junker gefolgt, in den Saal zurückkehrte. „Gumbert, Gumbert,“ rief Daniel mit zornigem Vorwurf,„Ihr Betragen zeugt nicht immer von Ihrer Freundſchaft für mich. Sie ſehen, daß ich den greiſen Freund meines Vaters mit Achtung be⸗ handle: warum thun Sie nicht daſſelbe um meinet⸗ willen? Wiewohl ich den Rath, welchen er mir gibt, weder befolgen kann noch will, zeugt er doch von Willibald's aufrichtiger Liebe für mich. Höhnen Sie ihn nicht mehr, ſonſt möchte ich im Stande ſein, unerwartete Dinge zu thun.“ Sei es, daß der Junker beim Ausſprechen dieſer Worte ſich ſchmerzliche Gewalt angethan hatte, oder daß die Erregung ſeiner Nerven ihm zu ſtark wurde, er ſank am Schluß ſeines Ausfalls auf einen Stuhl nieder, während er voll Entmuthigung ſeufzte: „O mein Gott, wie lang wird dieſe Marter noch dauern?.. Wenn wir wieder nach Paris abreis⸗ ten, Gumbert? Könnte man den Verkauf nicht auch in unſerer Abweſenheit vornehmen?“ „Sie ſind wahrhaft wahnſinnig,“ erwiderte ſein Genoſſe.„Ich glaubte, das Recht zu haben, um über Ihr erbärmliches Benehmen gegen den alten Fuchs, der uns betrügt, wüthend zu ſein, und da fallen Sie über mich her, als wäre ich der Schuldige. Jetzt ſprechen Sie davon, nach Paris abzureiſen und Alles vollends der Plünderung preiszugeben!“ „Gumbert, Gumbert, was iſt nun zu thun?“ ſagte der Junker, von andern Gedanken befallen. „Wenn unſere Schulden, wenn die Wechſel zu Paris bezahlt ſind, bleiben uns nicht weiter als dreiund⸗ fünfzigtauſend Francs übrig!“ „Ich glaubte, das Geld habe keine Bedeutung für Sie.“ „O, wie ließ ſich ein ſolcher Ausgang erwarten! Ich bin rathlos, die Zukunft erſchreckt mich. Drei⸗ undfünfzigtauſend Francs? Und dann, und dann?“ meh dar daß Rul Ihr ſinn die wer mer lich den alle the nun ſob erſt Se zu öfft ein rä kre ver dre einet⸗ gibt, von Sie ſein, dieſer oder urde, Stuhl noch breis⸗ auch ſein „um alten id da ldige. und un allen. Paris iund⸗ utung wten! Drei⸗ dreizehntauſend Francs! Und ſechzigtauſend ſchuldig! 127 „Nun wohl, ich will Ihnen beweiſen, daß ich mehr Ihr Freund bin, als diejenigen, welche es darauf anlegen, Sie hier zu verführen. Ich ſehe, daß Sie wieder ſchrecklich aufgeregt ſind. Sie haben Ruhe nöthig, um ſich zu faſſen. Gehen Sie auf Ihr Zimmer. Während Sie dort wieder zur Be⸗ ſinnung kommen, werde ich hier in der Einſamkeit die Bücher durchgehen; und ſeien Sie verſichert, ich werde entdecken, wo der Knoten liegt. Der Rent⸗ meiſter iſt noch nicht fertig mit mir.“ Daniel rührte ſich nicht und ſchien ſich in ſchmerz⸗ liche Betrachtungen verirrt zu haben. Ihn bei der Hand faſſend, ſagte der Andere, in⸗ dem er ihn aufzuſtehen nöthigte: „Gehen Sie auf Ihr Zimmer, Daniel; Sie müſſen allein ſein, um Ihren Geiſt zu beruhigen; ich meines⸗ theils muß allein ſein, um ohne Störung die Rech⸗ nungen durchſehen zu können. Ich werde Sie rufen, ſobald ich mit meiner Unterſuchung fertig bin; dann erſt kann ich Ihnen ſagen, wie die Sachen ſtehen: Seien Sie überzeugt, ich werde Ihnen gute Botſchaft zu bringen haben.“ Der Junker murmelte einige zweifelnde Worte, öffnete, den Rath ſeines Freundes befolgend, eine Thüre in der Tiefe des Saales und verſchwand. Gumbert zog die Thüre hinter ihm zu und horchte eine Weile auf das immer ſchwächer werdende Ge⸗ räuſch ſeiner Schritte; dann trat er an den Tiſch, kreuzte die Arme über die Bruſt und murmelte in verdrießlichem Ton: „Verdammt, welche bittere Täuſchung! Hundert⸗ 128⁸ Ich, der meinte, es werden zum Mindeſten ſo etwa vierhunderttauſend Franes zuſammenzuraffen ſein! Ha, ha, ich muß noch lachen, ſo ſehr es mich ver⸗ drießt. Die ſchöne Flora, die jetzt zu Paris ſich träumt, daß wir einen Schmuck von zwanzigtauſend Francs ihr mitbringen werden! Fort, fort, der Menſch denkt, und das Schickſal lenkt...“ Er wollte nach einem der Rechnungsbücher greifen, verfiel aber wieder in ſeine Gedanken und murrte: „Und die magern hundertdreizehntauſend Francs, oder wie viel es am Ende ſein mag, wer birgt mir dafür, daß ich meinen Theil davon bekomme? Der Rentmeiſter iſt ein gefährlicher Feind! Bah, bah, Daniel iſt in meiner Macht; er kann wohl ein Bis⸗ chen zögern, aber am Ende muß er doch unter mei⸗ nen Einfluß ſich beugen. Er iſt ein ganz wunder⸗ licher Burſche; ich beginne zu glauben, das Irren⸗ haus werde ſeine letzte Wrhnuh ſein. Lächerlich! das iſt gelehrt, das will von Allem ſprechen, Alles prüfen, den Grund von Allem wiſſen, und doch wird ein Kind klarer in der Sache ſehen! Das iſt voll Hochmuth, das wähnt ſich Philoſoph, und ach! eine Frau kann ihn durch ihren Starkmuth beſchämen! Was wird der unverſtändige Tropf anfangen, wenn das bischen Geld vollends verzehrt iſt?— Er ſollte der Mann ſein, um, nachdem er betrogen worden iſt, noch Verſtand genug zu haben, nun ſeiner⸗ ſeits zu betrügen! Daniel iſt viel zu dumm dazu; er hat nicht einmal Verſtand genug, um einen Ge⸗ nuß von ſeinem Gelde zu haben, während er es verſchwendet. Das ſtürzt ſich blindlings und wie wüthend in den Strom lärmender Vergnügungen, um alber biſſer welc falle zen ſelig dieſe borg Rech bliel ſunt des wele Friſ durc ſchie oder lieb Tie ſehr ſtrie zwe grü twa ein! ver⸗ ſich ſend der ifen, 6 ncs, mir Der bah, Bis⸗ mei⸗ der⸗ ren⸗ lich! llles wird voll eine nen! venn ollte rden iner⸗ azu; res wie gen, 129 um ſich ſelbſt zu vergeſſen, um Gott weiß welchen albernen Gedanken, welchen eingebildeten Gewiſſens⸗ biſſen zu entfliehen! Und dieſes kindiſche Gefühl, welches ihn von einer Thorheit in die andere ver⸗ fallen läßt, nennt er einen Wurm, der ihm am Her⸗ zen nagt! Der Wurm ſitzt in ſeinem Gehirn. Arm⸗ ſeliger Träumer!... Nun wollen wir aufmerkſam dieſe Bücher durchſehen. Wenn ich darin einen ver⸗ borgenen Schatz entdeckte? Wer weiß?“ Er rückte einen Stuhl an den Tiſch, öffnete ein Rechnungsbuch, legte den Kopf in die Hände und blieb ſo bewegungslos in ſeine Unterſuchung ver⸗ ſunten. VI. Etwa zehn Minuten von dem Wulfhof, zur Seite des Weges nach dem Dorfe, lag ein kleines Landgut, welches die Aufmerkſamkeit des Beſchauers durch die Friſche ſeiner blühenden Geſträuche anzog und ihm durch den Duft von Lebensfreude, der es zu umgeben ſchien, gleichſam zulächelte. Ohne Zweifel mußte dieſes moderne Schlößchen, oder wie man es nennen wollte, eine angenehme und liebliche Wohnung ſein. Das Haus, welches in der Tiefe des Hofes ſtand, war weder ſehr hoch, noch ſehr breit; aber es war mit weißer Oelfarbe ange⸗ ſtrichen und glänzte von Nettigkeit. Von dem Balkon über der Thüre und von den zwei äußerſten Fenſtern des erſten Stocks ſenkten grüne Schlingpflanzen ſich in lieblichen Kränzen nie⸗ Conſcience, Leid der Zeit. 9 130 der, während alle Geſimſe der andern Fenſter mit Blumentöpfen und buntgemalten Vogelkäfigen beſetzt den waren. Auf der rechten Seite des Gebäudes glänz⸗ regt ten die Scheiben eines Gewächshauſes, um des Win⸗ hatt ters die Gewächſe wärmerer Himmelsſtriche aufzube⸗ beit wahren; auf der linken erhob ſich ein Vogelhaus ſanf von Kupferdraht, und man konnte aus dem unauf⸗ hörlichen Singen und Pfeifen erkennen, daß viele lich geflügelte Sänger darinnen gefangen ſaßen. Lan Vor dem Hauſe bis zum Eingang des Landgutes der lag ein reicher Grasteppich, worin man einige leere weit Stellen gelaſſen hatte, um ſie mit Körben von aller⸗ den lei prächtigen Blumen anzufüllen. Ein Waſſerſtrahl, der blinkend wie flüſſiges Silber, ſprang aus dem Schooße wegt des Raſens hervor und zeigte unter dem ſchönſten( Sonnenlicht alle Farben des Regenbogens. ſagte Trotz des ertönenden Geſangs der Vögel lag eine chen auffallende Stille über dem grünen Luſthauſe, und kein Geräuſch ließ auf die Gegenwart von Bewoh⸗ heute nern ſchließen. Das einzige Zeichen, daß im Augen⸗ blick Jemand auf dem Landgute ſich befand, war ein„ Frauenkopf, der von Zeit zu Zeit zwiſchen dem Laube ein eines grünen Syringenbuſches ſichtbar wurde, mit Ruhe geheimer Neugierde nach dem Eingang in der Hecke ſelbſt ſchaute und dann wieder verſchwand. der( Dieſe Frau war Celeſta van Berg. Sie ſaß an 5 einem Arbeitstiſchchen und hatte wahrſcheinlich dieſe worte Stelle unter freiem Himmel vorgezogen, um die er ſei warme Mailuft und das ſchöne Wetter zu genießen. ken? Auf dem Tiſche vor einem breiteren Seſſel lag ein Arme Strickzeug, als hätte eine andere Frau ſie ſo eben verlaſſen. er mit beſetzt glänz⸗ 3 Win⸗ ufzube⸗ elhaus unauf⸗ iele dgutes e leere aller⸗ ſtrahl, chooße önſten ig eine und zewoh⸗ lugen⸗ ar ein Laube , mit Hecke aß an dieſe m die ießen. ag ein eben 131 Das Mädchen mußte wohl Jemand erwarten, denn ſie ſchien von Ungeduld und Verlangen aufge⸗ regt; und während ſie nach der Zaunhecke geblickt hatte und das Geſicht dann wieder auf ihre Nähar⸗ beit richtete, zuckte eine Wolke der Trauer über ihr ſanftes Geſicht. So blieb ſie lange Zeit träumend und nachdenk⸗ lich ſitzen, bald ihre Augen nach dem Eingang des Landguts werfend, bald einen fragenden Blick nach der Sonne richtend, als wollte ſie berechnen, wie weit der Tag bereits vorgerückt wäre, dann wieder den Kopf ängſtlich ſchüttelnd, als verzweifelte ſie an der Verwirklichung des Wunſches, der ihr Herz be⸗ wegte. gEine bejahrte Dame trat aus dem Hauſe und“ ſagte, nachdem ſie ſich neben das träumende Mäd⸗ chen niedergeſetzt hatte: „Du mußt Dich darüber tröſten: er wird für heute nicht kommen.“ „Er hat es doch verſprochen!“ ſeufzte das Mädchen. „Aber, Celeſta, Du mußt gerecht ſein. Was thut ein Tag in dem Leben der Menſchen? Daniel hat Ruhe nöthig, Du weißt es. Und ſollte er heute, und ſelbſt morgen nicht kommen, wollteſt Du ihn deßhalb der Gleichgültigkeit beſchuldigen?“ „Ach, ich beſchuldige ihn nicht, liebe Tante,“ ant⸗ wortete Celeſta,„aber wenn er nicht kommt, wenn er ſein Verſprechen nicht erfüllt, was muß ich den⸗ ken? daß ſein Unwohlſein ſich verſchlimmert hat?... Armer Daniel!“ „Nein, darum noch nicht. Hat der Rentmeiſter 9* rmit in den ſerem . Ce⸗ oſſen. gute idheit greif⸗ ß iſt chkeit reckte yrin⸗ hen; war, wige euf⸗ ent⸗ agte zu ihn echt un⸗ auf em⸗ der er⸗ ut, 133 weil es mir ſagte, wie tief der gefühlvolle Daniel Dich noch immer liebt. Iſt Dir dieſe glückliche Ueber⸗ zeugung nicht gleichfalls ins Herz geſunken, Celeſta?“ Eine Röthe jungfräulicher Schaam, ſüßer Rüh⸗ rung vielleicht, erhellte Celeſta's Stirne. Als ob ſie der Frage der alten Dame ausweichen wollte, ſagte ſie nach einer augenblicklichen Stille: „Aber welches geheimnißvolle Leiden hat den armen Daniel betroffen? Sie waren doch ſo ſchreck⸗ lich, ſeine unverſtändlichen Worte; der Ton ſeiner Stimme war ſo ſeltſam, ſo leidend, ſo hoffnungslos. Wenn ſeine bittere Klage noch in meinem Ohre tönt, erbebt mein Herz vor Angſt.“ „Es ſind die Nerven, mein Kind. Du weißt noch nicht, was das Wort eigentlich bezeichnet. Viel⸗ leicht wirſt Du es einmal verſtehen, wenn Du älter biſt. Es iſt eine Krankheit gefühlvoller Seelen; ſie nimmt die ſeltſamſten Formen an und läßt den Men⸗ ſchen die ſonderbarſten Dinge ſagen und thun, ohne daß er es ſelbſt weiß; aber es iſt Etwas, das die Geſundheit wenig ſtört und allmälig durch die Ruhe des Gemüths weicht und vergeht. Daniel wird in dieſer ſtillen friedlichen Landſchaft wohl bald gene⸗ ſen ſein.“ Wie von einem unſichtbaren Schlag betroffen, drehte Celeſta den Kopf, ſchaute durch das Syrin⸗ genlaub hin, ſprang auf und rief zitternd: „Ach, da iſt er! Daniel!“ Die alte Dame ſtand gleichfalls auf und zrat einen Schritt zur Seite, um über den Fußpfad nach dem Eingang des Landgutes zu ſehen. Junker Daniel war durch die Hecke eingetreten; aber ſobald er den Fuß auf den lachenden Raum innerhalb derſelben ſetzte, wo er theilweiſe den ſchön⸗ ſten Theil ſeines Lebens zugebracht hatte, wo Alles, was er ſah, zu ihm von der glücklichen Vergangen⸗ heit ſprach, wo von jedem Gegenſtand eine ſüße Erinnerung ihm entgegen glänzte, war er betroffen ſtehen geblieben und hatte in einer Art Bewußtloſig⸗ keit die Augen rings herum laufen laſſen, um dieſe Blätter von dem Buche ſeiner Kindheit und ſeiner Jugend, eines nach dem andern, wieder durchzuleſen. „Komm, laß die Freude uns nicht ſo ſehr über⸗ wältigen, Celeſta,“ ſagte die alte Dame.„Daniel ſteht dort an der Hecke; er betrachtet das Vogelhaus, das Gewächshaus, den Springbrunnen als ſeine alten Freunde. Er lächelt ſo herzlich und ſo glück⸗ lich! Er iſt bereits geneſen. Komm, gehen wir ihm entgegen.“ Celeſta trat mit ihrer Tante auf den Fußpfad. Einen Augenblick darauf hielt jede eine von Daniel's Händen, und beide überhäuften ihn mit Freudenbezeugungen über ſeine ſchnelle Geneſung und über ſeinen Beſuch. Der Jüngling ſchien zuerſt verlegen; aber die ſüßen Worte von Celeſta übten dießmal einen gün⸗ ſtigen Eindruck auf ſein Gemüth; er hob bald den Blick zu ihr empor und flüſterte mit einem ſtillen Ausdruck von Glück auf dem Angeſicht: „Ach, ich danke Ihnen für ſo viele Zuneigung. Meine Nerven ſind in der That ein wenig beruhigt; aber es geht darum doch nicht gut mit mir.“ „Nur guten Muth, Daniel,“ ſagte die Jungfrau. „Die neue Luft, die ſtille Natur, der Friede, die Sie e dank ſich betr alle und ein emꝝ den aum chön⸗ llles, igen⸗ ſüße offen oſig⸗ dieſe einer eſen. über⸗ aniel as, ſeine ihm fad. von mit un die gün⸗ den tillen un. higt; frau. „die 135 Freundſchaft werden Ihnen bald Geneſung bringen. Das Leben iſt hier ſo ſchön und ſo ſüß! Und nun Sie da ſind, Daniel...“ Der Junker ſchritt, wie von einem andern Ge⸗ danken angetrieben, über den Raſenteppich und wandte ſich lächelnd nach dem Vogelhaus. Er blieb ſtehen, betrachtete einen nach dem andern, die geflügelten Sänger, die beim Anblick der herankommenden Celeſta alle miteinander zu zirpen und zu pfeifen begannen und ſich an das Drahtgeflecht hingen, als ſollten ſie ein Lieblingsfutter aus den Händen des Mädchens empfangen. In ſeiner Erwartung betrogen, ſagte Daniel zu den beiden Frauen, die ihm gefolgt waren: „Ich erkenne ſie nicht mehr. Meine armen Vögel ſind todt, nicht wahr?“ „Von welchem Zeitraum ſprechen Sie auch!“ rief die alte Dame mit erzwungenem Lächeln, als wollte ſie den traurigen Eindruck von Daniel's Worten ver⸗ nichten.„Damals waren Sie Kinder: die Vögel leben ſo lang nicht.“ Celeſta nahm des Jünglings Arm und jauchzte, ihn mit lauter Freude nach dem Gewächshaus führend: „Ha, es iſt doch noch ein Vogel da, der Sie kennt, Daniel. Kommen Sie, kommen Sie, ich werde Ihnen denſelben zeigen.“ Sie öffnete die Thüre des Gewächshauſes, deu⸗ tete mit dem Finger nach einem großen Vogelkäfig, welcher zwiſchen den wankenden Blättern einer Paſ⸗ ſionsblume hing und rief von ferne dem Vogel zu: „Kalle, Kalle, wer erwartet dich?“ „Daniel, Daniel.“ Sein Name, von der Elſter ausgeſprochen, mußte er r wohl ſchwer auf den Junker treffen, denn er blieb ſcher eine Weile in Gedanken verſunken. „Erinnern Sie ſich der Kalle nicht mehr?“ fragte lang ihn Celeſta mit triumphirender Freude.„Um dieſelbe die aus ihrem Neſte zu holen, haben Sie den höchſten Baum erſtiegen, der in der ganzen Gegend wuchs. heit Herr Willibald ſperrte Sie vier Tage in ein Zim⸗ es mer auf dem Wulfhof ein, um Sie für Ihre Ver⸗ dem wegenheit zu ſtrafen.“ und „Ob ich mich deſſen erinnere!“ wiederholte der Junker mit einer gewiſſen zurückgehaltenen Begeiſte⸗ allei rung in der Stimme.„Ich weiß es noch, als wäre jetzt es erſt geſtern geweſen, wie ich Tage lang herum entf lief, das Gebüſch durchſuchte, und zwiſchen den Blät⸗ tern aller Bäume herumſchaute, um die Neſter der ſeltenſten Vögel zu finden. Nichts konnte mich zurück⸗ Wiſſ halten, weder die väterlichen Ermahnungen von Herrn hat! Willibald, noch ſelbſt die drohende Lebensgefahr. Das Vogelneſterſuchen war mir zu Etwas wie ein ſetzt Fieber, ein Wahnſinn geworden...“ „Ha, ha, ich ſehe Sie noch mit einem Reſt in ſtock der Hand heranhüpfen,“ ſcherzte die alte Dame. ſtäti 3„Ich ſehe noch die Freude und das Glück in Ihren eine Augen leuchten, während Sie mit klopfendem Herzen und keuchend vor Erſchöpfung die junge Brut der liche jubelnden Celeſta auf den Schooß legten.“ ten, „Und ich, unſchuldiges Kind,“ flüſterte Celeſta, dort „ich war ſo vergnügt über das Geſchenk, als ob konr jedes Vogelneſt ein koſtbarer Schatz geweſen wäre.“ gepf „Kind?“ bemerkte die Tante.„Das will ſagen, Kro daß Daniel bereits beinahe ein Mann war, während ihn mußte blieb fragte eſelbe wchſten uchs. Zim⸗ Ver⸗ e der zeiſte⸗ wäre erm Blät⸗ r der urück⸗ errn fahr. e ein ſt in ame. hren erzen der leſta, ob re.“ gen, rend 137 er noch immer Dich mit Vögeln oder Blumen zu be⸗ ſchenken kam.“ „Es iſt wahr,“ ſeufzte der Junker,„ich bin ſo lang einfältigen Herzens geblieben! Glückliche Zeit, die leider nicht mehr wiederkehren kann!“ „Warum?“ ſagte die alte Dame.„In der Kind⸗ heit waren es Blumen und Vogelneſter. Jetzt ſollen es ernſtlichere Geſchenke ſein; aber worin beſteht denn die eigentliche Veränderung, wenn das Gefühl und der Vorſatz dieſelben geblieben ſind?“ Celeſta deutete auf ein Roſenbäumchen, das ganz allein an der Thüre des Gewächshanſes ſtand und jetzt ſein erſtes Frühlingsgrün in voller Ueppigkeit entfaltete. Mit einer Schaamröthe auf den Wangen fragte ſie: „Kennen Sie dieſen ſchönen Roſenſtock noch? Sie noch, Daniel, wer ihn hieher gepflanzt hat 2 „Sie waren damals wenigſtens kein Kind mehr,“ ſetzte die alte Dame hinzu. Der Junker ſchaute eine Weile auf den Roſen⸗ ſtock und nickte, in träumeriſchem Stillſchweigen, be⸗ ſtätigend mit dem Kopfe. In ſeinen Augen ſchien eine Thräne zu glänzen. „Ja, ja,“ ſagte er,„es war ein froher, ein glück⸗ licher Tag! Sie ſollten Ihr fünfzehntes Jahr antre⸗ ten, Celeſta, Ich war in Kortryk geweſen und hatte dort den ſchönſten Roſenſtock gekauft, den ich finden konnte; er war mit ungemeiner Kunſt und Sorgfalt gepflegt; wohl zwanzig Blumen prangten an ſeiner Krone. Wir nahmen ihn aus ſeinem Topf und ſezten ihn zuſammen hieher. Jedes von uns hielt ihn mit der Hand. Er ſollte ein Sinnbild unſerer Beſtän⸗ digkeit und Hoffnung ſein... Ich machte Verſe auf den Roſenſtock; mich dünkt, ich erinnere mich noch jetzt ein wenig daran...“ „Es mög' der Roſenſtock noch lange Jahre blühen Und trotzen Winter, Sturm und Zeit! Doch länger noch fortleben und erglühen Soll das Gefühl, Celeſta, Dir geweiht!“ Ein bitteres Lächeln zog ſeine Lippen zuſammen. Er murmelte mit trübem Spott: „Wehe, der Roſenſtock lebt noch!... Und das Gefühl, dem er zum Sinnbilde dienen ſollte?“ Celeſta verſtand den Sinn ſeiner verzweifelnden Worte nicht; ſie glaubte jedoch wahrzunehmen, daß der Roſenſtock als Erinnerung an einen der bezeich⸗ nendſten Tage ſeines Lebens ihn allzutief bewegte. Um ſeine Aufmerkſamkeit von dieſem Sinnbild ſeiner Neigung zu ihr abzuwenden, faßte ſie ſeine Hand und ſagte, ihn von da wegführend: „Kommen Sie, Daniel, die Pflanzen leben länger, als die Vögel. Ich will Ihnen noch viele zeigen, die nicht hier wären, wenn Ihre Freundſchaft für Celeſta ſie nicht gebracht hätte. Sehen Sie hier die zwei hochſtämmigen Camelien? Als Sie mir dieſel⸗ ben gaben, waren es kleine Pflanzen, welche Sie zu Gent gekauft hatten. Ich habe ſie wie zärtlich geliebte Kinder gepflegt. Nun ſind es beinahe Bäume. Da unten, in ihrer Rinde, ſtehen noch die zwei Buch⸗ ſtaben, die Sie lachend zum Andenken hineinſchnit⸗ ten.. Und die zwei geſtreiften Yuccas, und die Azaleen, und die Mimoſen... und all die ſchönen Pfla in d Grot geba zuſtel als t Wie freur Pfla zuſa einet ( Jun der bliel führ Han in d voll mäl gen Fre ihre Süſ mäc kom mül und Ant tere ſtill ſtän⸗ e auf noch en men. das lnden daß zeich⸗ vegte. ſeiner Hand inger, eigen, ft für er die dieſel⸗ Sie irtlich äume. Buch⸗ ſchnit⸗ d die hönen 139 Pflanzen rings herum, wer brachte ſie mir?... Dort in der Ecke an der Mauer ſteht noch die kleine Grotte, die Sie mit eigenen Händen aus Kieſelſteinen gebaut haben, um meine fleiſchigen Pflanzen hinein⸗ zuſtellen. Lieber Himmel, das war erſt eine Freude, als die ſchöne Grotte ihre Formen zu zeigen begann! Wie arbeitete im Schweiße ſeines Angeſichtes der freundliche Maurer! Welcher Feſttag, als wir unſere Pflanzen in die Höhlungen der Steine ſetzten und zuſammen Rath hielten, als wären wir beſchäftigt, einen Altar zu verzieren!...“ So fuhr die vertrauensvolle Celeſta fort, dem Junker Alles zu zeigen, was auf dem Landgut von der Zeit ſeiner Kindheit und ſeiner Jugend übrig ge⸗ blieben war. Sie brachte ihn um das Haus herum, führte ihn durch den Zaun, nahm ihn offen an der Hand und ſchien wirklich wie durch Zauber wieder in die Jahre der Einfalt und des Glücks, wovon ſie voll Freude ſprach, zurückverſetzt. Und wie ſie all⸗ mälig zu der Ueberzeugung kam, daß dieſe Erinnerun⸗ gen Daniel nicht ſchmerzlich bewegten, ließ ſie der Freude, wovon ihr Herz überſtrömte, freien Lauf; ihre Stimme bekam einen eindringlichen Ton von Süßigkeit, von Lebensluſt und von Liebe, deren mächtiger Wirkung der Junker nicht widerſtehen konnte, ſo ſehr er auch in ſeigem Innern ſich be⸗ mühte, ſich nicht völlig in die Welt des Glaubens und der ſüßen Träume hineinreißen zu laſſen. Er ſprach beinahe Nichts, oder gab nur kurze Antworten; aber auf ſeinem Geſicht glänzte ein hei⸗ teres Lächeln und in ſeinem Auge leuchtete ein Funke ſtillen Glückes. Es geſchah ſelten, daß ein plötzlicher ———— —— 140 Gedanke ſeine Stirne bewölkte und ſeine Züge ver⸗ düſterte; und auch dann rief ein neuer Ausbruch von Celeſta's Freude unmittelbar das vertrauende Lächeln wieder auf ſeine Lippen zurück. Während man ſolcher Art ziemlich geraume Zeit Daniel Alles gezeigt hatte, was zur Erinnerung an ſeine Anweſenheit heilig aufbewahrt worden war, nahm das Geſpräch allmälig eine minder günſtige Wendung. Die beiden Frauen ſchilderten ihm nun mit kindlicher Begeiſterung den Genuß des ruhigen Lebens auf dem unter dem freien Himmel, mitten in einer lachenden Natur, fern von der ſtürmi⸗ ſchen Welt, und allein mit Allem, was man liebte. Der Junker konnte beinahe aus jedem ihrer Worte erkennen, daß ſie an ſeinem Vorſatze, bis ans Ende des Lebens auf dem Wulfhofe zu bleiben, nicht im Mindeſten zweifelten. Seine unmittelbare Abreiſe war alſo ein Geheimniß für Sie? Und er war gekommen, um ihnen ein ewiges Lebewohl zu ſagen! Wie dieß Celeſta erklären? Sollte er dieſes Herz, ſo aufrichtig, ſo voll Glaubens, ſo überſtrö⸗ mend von reiner Liebe, brechen? Und dennoch konnte er dieſer grauſamen Nothwendigkeit ſich nicht entziehen. Er war feſt und unveränderlich entſchloſſen, einen Ort zu verlaſſen, wo Alles ihn anklagte, ihn aufregte und ihm zurief, daß es für ihn mitten in einer Natur, welche dem entzauberten und gefühlloſen Menſchen feindſelig geworden war, keine Ruhe mehr geben konnte. Gumbert ſtand vor ſeinen Augen, über ſeine Schwachheit ſpottend... Dieſe Erwägungen verdüſterten ſeinen Geiſt und fielen auf ſeine Nerven. Das Lächeln war von ſei⸗ nem zu 3 auf ( des mehr im frohe eine mein noch wo Sie von nun Cele daß meh gen auf und Tau ſchlo terd Bru da befa ſich der das e ver⸗ sbruch mende e Zeit ng an war, inſtige nnun chigen mmel, türmi⸗ liebte. ihrer is ans eiben, elbare nd er hl zu dieſes erſtrö⸗ ennoch mnicht loſſen, e, ihn en in lloſen mehr lugen, ſt und n ſei⸗ 141 nem Angeſicht verſchwunden und er ſtieß von Zeit zu Zeit einen Seufzer aus, als drückte ihn Etwas auf dem Herzen. Celeſta bemerkte dieſen unerklärlichen Wechſel in des Jünglings Gemüthsſtimmung und ſprach nicht mehr viei, aber die alte Dame, nun ſehr aufgeräumt im Herzen geworden, fuhr in der Entwicklung ihrer frohen Ausſichten fort. Sie war damit beſchäftigt, eine Skizze von dem Wulfhof zu entwerfen, wie ſie meinte, daß er eingerichtet werden müſſe, um Celeſta noch eine Erinnerung an den blumenreichen Luſthof, wo ſie ihre jungen Jahre verlebt hatte, zu erhalten. Sie ſprach von einer Winterwohnung zu Brüſſel, von Wagen und Pferden, und machte eine Berech⸗ nung von Daniel's vorausſetzlichem Vermögen, mit Celeſta's Mitgift zuſammengenommen, um zu beweiſen, daß ihr Einkommen zu einem minder einſamen und mehr abwechſelnden Leben ausreichend ſei. Mit eini⸗ gen verdeckten Worten ſpielte ſie auf die Hochzeit, auf das Vergnügen, eine Haushaltung zu haben, an, und ging endlich ſo weit, daß ſie von Kindern, von Taufe und Mutterſchaft redete. Da traf plötzlich den Junker ein heftiger Nerven⸗ ſchlag; alle ſeine Glieder zitterten und ein halb un⸗ Schrei der Verzweiflung entſchlüpfte ſeiner ruſt. Celeſta flüſterte Worte ängſtlichen Mitleids, und da man ſich gerade in der Nähe des Arbeitstiſchchens befand, leitete ſie ihn zu einem Stuhl. Er ließ ſich darauf niederfallen und gedachte, auf die Fragen der Frau van Berg eine Erwiederung zu geben, aber das Wort erſtarb ihm auf den Lippen. 142 Die alte Dame bemerkte, daß er Etwas ſagen wollte, daß ein Geheimniß auf ſeinen Lippen ſchwebte. Sie glaubte, ihre Gegenwart halte den Junker ab, zu ſprechen. Noch einen traurigen Blick auf ihn richtend, entfernte ſie ſich, indem ſie mit lauter Stimme, während ſie auf das Haus zuging, aus⸗ rief:„ich komme, Thereſe! ich komme!“ um da⸗ bers den Glauben zu erregen, daß man ſie gerufen abe. Als Celeſta ſich mit Daniel allein ſah, wußte ſie nicht, ſollte ſie ihm Troſt zuſprechen, oder ihm Zeit laſſen, bis ſeine Aufregung ſich gelegt hätte. Nach einer Weile flüſterte ſie faſt unhörbar, mit einem Tone tiefen Mitgefühls und ängſtlicher Liebe: „Daniel, armer Daniel, beruhigen Sie ſich, es wird vorübergehen.“ Der Junker erhob den Kopf, ſchaute mit irrem Blick rings herum, dann faltete et die Hände bit⸗ tend zuſammen und ſprach wie in fieberiſcher Haſt: „O, Celeſta, Vergebung! Vergebung! Ich muß Ihrem gefühlvollen Herzen eine blutige Wunde ſchla⸗ gen; aber mich beherrſcht ein unerbittliches Geſchick. Unſchuldige, liebende Seele, Ihr ganzes Leben haben Sie von einer Zukunft geträumt, welche uns die Erde in einen Himmel von Freude und Liebe ver⸗ wandeln ſollte. Haben Sie geglaubt, der Menſch könne zu ſo viel Glück beſtimmt ſein? Wehe, Celeſta! Ihre Träume waren eitel... Mein Mund ſträubt ſich gegen die grauſame Offenbarung, und doch, und doch kann ich der mitleidloſen Nothwendigkeit mich nicht entziehen... Celeſta, ich bin hieher gekommen, um Ihnen ein ewiges Lebewohl zu ſagen; ich ver⸗ laſſe wert doch bein ben Sel träu nen Glo Her die legt des lich ben Lac Gr dan das kal da Un nic rei agen hwebte. ker ab, uf ihn lauter „aus⸗ m da⸗ gerufen ißte ſie m Zeit Nach einem ich, es t irrem de bit⸗ Haſt: ch muß e ſchla⸗ eſchick. haben ns die be ver⸗ Menſch eleſta! ſträubt ch, und it mich mmen, ich ver⸗ 143 laſſe mein väterliches Gut für immer; meine Augen werden nie mehr Ihrer anſichtig werden!“ Die Jungfrau ſchaute ihn zitternd an, ſchien je⸗ doch ſeine ſchrecklichen Worte nicht zu begreifen. Er fuhr dumpfen Tones und mit von⸗Thränen beinahe erſtickter Stimme fort:. „Und dennoch gäbe ich mein ganzes übriges Le⸗ ben dahin, Celeſta, um nur ein einziges Jahr der Seligkeit genießen zu können, wovon uns beiden ge⸗ träumt hat, um nur ein Jahr hier wohnen zu kön⸗ nen, unter Ihrem ſüßen Blick, unter dem vollen Glauben an die Wahrheit des Glücks... Aber mein Herz iſt leer, der Zweifel erfüllt all ſeinen Raum, die Troſtloſigkeit, der Ueberdruß...“ Celeſta ſtieß einen durchbohrenden Schrei aus, legte ſich die Hände vor die Augen und rief im Tone des ſchmerzlichſten Schreckens: „Mein Gott, mein Gott, beſchütze ihn! Unglück⸗ licher Daniel!“ „Sie können an ſo traurige Dinge nicht glau⸗ ben!“ ſagte der Junker mit einer Art krampfhaften Lachens.„Sie halten mich einer ſo abſcheulichen Grauſamkeit unfähig! Sie beſchuldigen mich der Un⸗ dankbarkeit, der Falſchheit! Aber, Celeſta, nähme ich das Opfer Ihres Lebens, Ihres Weſens an, in der Hoffnung, daß Ihr reines und glaubendes Herz meine kalte, zweifelnde Seele erwärmen könnte— ja dann, dann hätten Sie das Recht, mich bei Gott als ein Ungeheuer der Selbſtſucht anzuklagen. Kann ich Sie nicht mehr lieben wie zuvor, ſo flößen mir doch Ihr reines Gefühl, Ihre ſanfte Tugend, Ihr engelgleiches Vertrauen noch Achtung genug ein, um vor einer 144 Miſſethat zurückzuſchrecken. Nein, ich werde Sie nicht zur Märtyrerin für meine Entzauberung machen; Sie ſollen nicht an der Seite eines Gatten leben, der Nichts mehr hat, Ihre Liebe zu belohnen, als Langeweile, Lebensüberdruß und unerträgliche Muthloſigkeit!“ „Schweigen Sie, ſchweigen Sie, Daniel; Sie tödten mich!“ jammerte das Mädchen mit ſchwacher, krampfhafter Stimme, während der herzzerreißende Ton den Junker zittern machte. Lang ſtarrte er Celeſta ſchweigend an, die noch die Hände vor das Angeſicht hielt und unter dem Gewicht ihres Schmerzens ſtöhnte. Eine nach der andern ſah er die glänzenden Thränen gleich Perlen von ihren Fingern rollen... Er beugte langſam das Haupt, und auch aus ſeinen Augen drangen ſtille Thränen. Bereits war der Abend angebrochen; die Sonne verſant allmälig am Horizont; der Schatten der Bäume verlängerte ſich bis ins Unendliche. Die alte Dame, vielleicht durch den Schrei Ce⸗ leſta's beunruhigt, kam aus dem Hauſe herbei und näherte ſich den beiden jungen Leuten. Als ſie die⸗ ſelben weinen ſah, rief ſie erſchrocken aus: „Himmel, was iſt hier geſchehen? Warum die Thränen?“ Celeſta ſprang, als ſie die Stimme ihrer Tante hörte, auf und warf ſich ihr laut weinend an den Hals. „Ach, ich fühle mich einer Ohnmacht nahe!“ rief ſie.„Daniel ſagt, er werde abreiſen, für immer: meine Augen werden ihn nimmer ſehen. Seine ſchrecklichen Worte haben mir das Herz zermalmt: mein Leben iſt gebrochen!“ e nicht Sie Nichts eweile, ih. ; Sie vacher, ißende e noch rdem ch der Perlen ngſam Sonne en der ei Ce⸗ ei und ie die⸗ m die Tante Hals. nahe!“ immer; Seine nalmt: 145⁵ „Komm, komm, beruhige Dich,“ flüſterte die Dame ihr ins Ohr.„Es ſind die Nerven! er weiß nicht, was er ſagt. Sieh, er hört ſelbſt Deine Kla⸗ gen nicht, der unglückliche Jüngling!“ Daniel ſprang, als erwache er aus einem Ab⸗ grund von Gedanten, mit ſieberiſcher Kraft auf und trat gerade auf das weinende Mädchen zu. Er wankte auf den Beinen und war todesbleich; man hätte ſagen können, er habe einen entſcheidenden, einen ſchmerzlichen Beſchluß gefaßt. Als jedoch ſein Blick auf Celeſta's in Thränen ſchwimmende Augen fiel, ſchien er wieder zu zögern; doch bezwang er ſeine Aufregung mit Gewalt und ſagte: „Ich rede irre, meine Sinne verwirren ſich. Ce⸗ leſta, was habe ich Ihnen geſagt? Ach, ich weiß es nicht. Daß ich den Wulfhof für immer verlaſſen werde, nicht wahr? Dieſe Botſchaft durchbohrt Ihnen das Herz? Sie beſchuldigen mich der Unmenſchlich⸗ keit. Daniel iſt der Henker, welcher Ihnen den To⸗ desſtreich verſetzen ſoll? Nein, nein, vielleicht wollen Sie Ihre ſchöne Seele aufopfern, nun denn, nun denn.. Beruhigen Sie ſich, Celeſta, verzweifeln Sie nicht; vielleicht werde ich das Opfer annehmen:; aber jetzt, jetzt iſt ein Schleier über meine Augen gezogen. Meine Gedanken ſind finſter und undeut⸗ üch wie die Nacht. O, ich bitte Sie, laſſen Sie mich gehen, laſſen Sie mich gehen! Haben Sie noch Ver⸗ trauen; warten Sie, warten Sie; alle Hoffnung iſt nicht verloren... bis morgen, bis morgen!“ Er drehte ſich um und lief, taumelnd wie ein Betrunkener, auf dem Fußweg nach dem Ausgang des Landgutes. Conſcience, Leid der Zeit. 10 146 „Daniel, ach, mein armer Daniel!“ rief die Jung⸗ frau, die Hände ausſtreckend, als wollte ſie ihm nach⸗ laufen. Aber die alte Dame hielt ſie zurück und bemühte ſich, wiewohl ihr gleichfalls die Thränen aus den Augen floſſen, Celeſta begreiflich zu machen, dieß Alles ſei nichts als eine Folge von des Jünglings Krankheit. Daß Daniel ſie noch wie zuvor, und ſelbſt noch mit übermäßiger Leidenſchaftlichkeit liebte, wurde ihr durch Alles, was an dieſem Tage ſelbſt geſchehen war, zu einer unbezweifelten Gewißheit. Indem ſie ſo ihre Nichte tröſtete und dazwiſchen das traurige Schickſal Daniel's beklagte, führte die gute Frau das unglückliche Mädchen in das Haus. Daniel hatte inzwiſchen den Weg nach dem Wulf⸗ hof eingeſchlagen. Er murrte und murmelte in ſich hinein, raufte ſich die Haare auf dem Haupte und wühlte mit den Nägeln in ſeiner Bruſt. Gegeißelt von den ſich durchkreuzenden Gedanken, ſtürzte er in den nächſten Seitenweg, der ſich vor ihm aufthat, und verſchwand zwiſchen den Bäumen, die ſich längs der Hügelabhänge in die Tiefe der Thäler hinabſenkten. VII. In einem hellerleuchteten Saal des Wulfhofes ſaß Herr Gumbert vor einem Tiſch, worauf noch die Ueberreſte eines Soupers ſtanden. Vor ihm blinkten einige halbleere Flaſchen verſchiedener Form. Jetzt war ſein Glas mit einem gelben Wein gefüllt, der un der La und d regt u ſeine fertige über! N lagen bücher Zeit z zuckte hafte als ei dieſem A Büche „ gen ſ worfe habe, nun, was tröſtli ſechzie bleibt und! recht Klein Mal ſehen auske Jung⸗ m nach⸗ emühte us den dieß nglings r, und t liebte, e ſelbſt heit. zwiſchen ete die Haus. n Wulf⸗ in ſich te und danken, ſich vor äumen, efe der ulfhofes uf noch or ihm Form. gefüllt, 147 der unter dem von der Seite hereinfallenden Schein der Lampen gleich einem geſchnittenen Topas funkelte; und das geiſtige Getränke mußte ihn bereits aufge⸗ regt und ſein Herz guter Dinge gemacht haben, denn ſeine Wangen waren ſtark geröthet und ein leicht⸗ fertiges, zufriedenes Lächeln ſchweifte ihm beſtändig über die Lippen. Nicht fern von ihm, an der Wand des Saales, lagen auf zwei oder drei Stühlen die Rechnungs⸗ bücher, welche er heute durchgegangen hatte. Von Zeit zu Zeit richtete er den Blick nach dieſer Seite, zuckte dann die Achſeln und murmelte einige ſpaß⸗ hafte Worte. Unterdeſſen leerte er ſein Glas mehr als einmal und koſtete dann wieder träumend von dieſem oder jenem Stück des Deſſerts. Auf's Neue richtete er ſein Auge wieder auf die Bücher und ſprach bei ſich: „Verwünſchter Rentmeiſter! er hat die Rechnun⸗ gen ſo ſchlimm geſtellt und ſo durch einander ge⸗ worfen, daß ich mich dumm und blind daran geſehen habe, ohne Etwas davon begreifen zu können. Nun, nun, wir wollen aufrichtig ſein: ich habe wohl Et⸗ was daraus begriffen, aber es iſt im Ganzen nicht tröſtlich. Hundertdreizehntauſend Francs; davon ab ſechzigtauſend zur Bezahlung der Wechſel in Paris, bleibt dreiundfünfzigtauſend Francs! Einige Monate, und dann? Was hilft hier raiſonniren? Ich wäre recht dumm wenn ich mich wegen einer ſolchen Kleinigkeit bekümmerte. Es wird nun das ſechste Mal ſein, daß ich auf den Grund meiner Börſe ge⸗ ſehen habe. Selbſt wenn ſie die andere Seite her⸗ auskehrt, ſoll das Glück, ſoll der Zufall mein Bankier 10 ſein. Bis jetzt habe ich mich nicht über die Vor⸗ ſehung zu beklagen.“ Er ſchaute wieder zurück auf die Tafel und mr⸗ melte nach einer kurzen Ueberlegung: „Inzwiſchen laſſe ich mich doch von dem Rent⸗ meiſter nicht überwinden. Fünfzigtauſend Francs iſt nicht viel; aber das Glück iſt ein Bankier, der nicht an feſtbeſtimmten Tagen die Wechſel bezahlt, die man auf daſſelbe zieht. Mit fünfzigtauſend Francs kann man den unbekannten Verſalltag abwarten. Ich muß das Auge offen halten, es iſt Gefahr an Vord. Die Luft dieſer Gegend wirkt nachtheilig auf Daniel. Bringe ich ihn nicht eilig von hier fort, ſo könnte er wohl Luſt bekommen, für immer hier zu bleiben... Wo wird er jetzt ſein? Er ging aus, um ein Bischen in der Einſamkeit um den Wulfhof herumzuwandeln, ſagte er. Bei dem Rentmeiſter iſt er nicht; denn ich habe dieſen zwei oder drei Mal auf dem Vorplatz geſehen. Er iſt wohl bei Celeſta? Ein anderer Feind, der mich zum Kampfe heraus⸗ fordert! Die Sache wird ernſtlich, ſehr ernſtlich..“ Er ſchüttelte mit Beſorgniß den Kopf; aber un⸗ mittelbar brach er in ein Gelächter aus und ſagte: „Läuft es mir nicht da wie ein Schauder über die Glieder? Soll ich auch der lächerlichen Nerven⸗ ſchwäche zum Raub werden? Gumbert ſich fürchten? Welche Ironie! Bah, bah, Daniel iſt mein Sclave; der Teufel ſoll eine verlorene Seele nicht feſter hal⸗ ten, als ich die ſeinige; ich kann ſein Herz wie ein Stück Wachs zwiſchen meinen Fingern kneten; er ſoll mir folgen bis an's Ende.“ Nach der Flaſche greifend, wollte er ſein Glas ſpotiet von N er und in den „3 letzte, Wein? 0 N „Der einand beizuſe und it vorkan S gewöh Dumn Friede Danie von ke zeit. Pfluge nach alte 2 iſt da Leben Flaſch erſpar Ei zwei wieder e Vor⸗ d mär⸗ Rent⸗ incs iſt r nicht lt, die Francs warten. ahr an lig auf r fort, er hier ig aus, Wulfhof iſter iſt ei Mal eleſta? 5 ber un⸗ ſagte: rüber Nerven⸗ rchten? Sclave; er hal⸗ wie ein en; er Glas 149 von Neuem füllen; da er ſie aber leer fand, klingelte er und ſprach zu dem Diener, der auf ſeinen Ruf in den Saal trat: „Jodokus, hole mir noch eine Flaſche, wie die letzte, welche Du gebracht haſt. Wie heißt der Wein?“ „Ich weiß es nicht,“ antwortete der Diener. „Der Rentmeiſter ſchien erzürnt, als ich ihm nach einander Ihre Befehle überbrachte, beſſern Wein her⸗ beizuſchaffen. Er hat mir den Kellerſchlüſſel gegeben und ich habe genommen, was mir als das Beſte vorkam.“ „Sage, was Dir am beſten ſchmeckte, Saufaus!“ ſpottete Gumbert.„Du ſiehſt noch röther aus, als gewöhnlich. Gib jedoch Acht, daß Du mir keine Dummheiten begehſt... Ach ja, haſt Du Deinen Frieden mit der Kuhmagd geſchloſſen, wie Herr Daniel Dir befohlen hat?“ „Ja wohl, ſogleich,“ lachte der Diener,„ſie will von keinem andern Frieden hören, als von der Hoch⸗ zeit. Ich muß ein Bauer werden und hinter dem Pfluge herlaufen. Nein, nein, ich kehre wieder mit nach Paris zurück. Herr Daniel hat hier auch eine alte Bekanntſchaft: er verläßt ſie gleichfalls.“ „Im Grunde haſt Du recht, Jodokus: heirathen iſt das verhängnißvolle Ende aller Freiheit, aller Lebensfreude... Geh nun, hol mir noch eine Flaſche. Bring lieber zwei: es wird Dir einen Gang erſparen.“ Einen Augenblick darauf brachte der Diener die ſ geforderten Flaſchen und verließ den Saal wieder. 150 Gumbert ſchenkte ſich das Glas bis an den Rand voll, leerte es und murmelte: „Es iſt ſpaniſcher Wein, ohne Zweifel: alter ſpaniſcher Wein; ein bischen ſüß, aber warm und geiſtreich. Es iſt ſchon lange her, daß ich mich nicht recht fröhlich gefühlt habe. Ich habe wohl Luſt, mich dieſen Abend für das lange Faſten zu entſchä⸗ digen.. Wer öffnet da die Vorthirèe Es iſt Daniel's Schritt.“ Der Junker trat ein und näherte ſich ſtumm dem Tiſche. Seltſam und unerklärlich war ſein Ausſehen: ſeine Haare waren verwirrt, ſeine Kleider in Unord⸗ nung, ſeine Wangen bleich. Auf ſeinem Geſichte ſtand jedoch ein Lächeln der Selbſtzufriedenheit, und wäre nicht etwas Kränkliches in ſeinem Ausdruck ge⸗ legen, man hätte denken können, er komme aus einem gewaltigen Kampfe und fühle nun die Genugthuung, Sieger geblieben zu ſein. Gumbert täuſchte ſich über Daniebs Gemüthszu⸗ ſtand; ein gefülltes Glas vor ihn ſtellend, rief er: „Himmel, was iſt nun wieder geſchehen? Wären Sie aus einer Räuberhöhle entflohen, Sie könnten nicht ärger ausſehen. Da, trinken Sie ſchnell dieſes Glas Wein: es wird Sie erquicken.— Sie wollen nicht?“ Ohne dieſe Aufforderung zu beachten, nahm der Jüngling einen Stuhl, und nachdem er ſich nicht weit von ſeinem Freunde niedergeſetzt hatte, ſprach er mit überraſchender Ruhe in der Stimme: „Gumbert, ich muß Ihnen Etwas ſagen, worüber Sie ſich ohne Zweifel verwundern werden. Ich habe beſchloſſen, hier zu bleiben und den Wulfhof nicht zu verl daß ic wieder den T ſeinen „S keine G aus ei ich no Verwi ſtrahl erfüllt und 1 Schein Kräfte Gefüh Zweife liegen trauen ſind. Gegen ſuchen „ ſpotte der V für de den 2 mir 1 nöthie 35 n den alter m und h vicht l Luſt, entſchä⸗ anmies m dem Sſehen: Unord⸗ Geſichte it, und uck ge⸗ einem huung, üthszu⸗ ef er: Wären könnten l dieſes wollen hm der ch nicht ſprach worüber ch hae of nicht 151 zu verlaſſen, da ich zu der Ueberzeugung gelangt bin, daß ich noch Glück und Frieden finden kann.“ „Sieh, ſieh, welche neue Grille hat Sie nun wieder beſchlichen?“ grollte Gumbert, beſtürzt über den Ton feſter Entſchloſſenheit, womit der Jüngling ſeinen Vorſatz erklärt hatte. „Spotten Sie nicht, Gumbert; es iſt dießmal keine Grille. Ich komme aus einem geiſtigen Kampfe, aus einer fieberiſchen Nervenerſchütterung, dergleichen ich noch nichts durchgemacht habe; aber aus der Verwirrung meiner Sinne ſelbſt iſt mir ein Licht⸗ ſtrahl aufgegangen, der mein Gehirn mit Klarheit erfüllt hat. Ich habe begriffen, daß das lärmende und verſchwenderiſche Leben zu Paris nichts als Scheinvergnügen iſt: ein Fieberwahnſinn, welcher die Kräfte der Seele verſchlingt, die Quelle jedes wahren Gefühls vertrocknet, und uns Nichts übrig läßt als Zweifel, Gewiſſensbiſſe und Lebensüberdruß. Es liegen in mir vielleicht noch einige Keime des Ver⸗ trauens und der Herzenseinfalt, die nicht ganz erſtickt ſind. Wer weiß, ob der Aufenthalt in dieſer ruhigen Gegend ſie nicht wieder erweckt? Ich will den Ver⸗ ſuch machen.“ „Ha, ha, da zeigt der Baum ſeine, Früchte!“ ſpottete Gumbert mit einem Grinſen des Zorns und der Verachtung auf den Lippen.„Ich danke Ihnen für den Abſchied, welchen Sie mir geben. Warum den Topf ſo rund drehen*), Daniel? Sie könnten mir viel kürzer ſagen: ich habe Sie nicht mehr nöthig, gehen Sie zum Teufel, Gumbert!... H *) v. h. warum ſo viele Umſchweife machen? A. d. U. ———— 152 der Einfaltspinſel, der ich war! Dumm genug, um zum Mindeſten an die Wahrheit unſerer Freundſchaft zu glauben!“ Die ſcharfen Worte ſeines Freundes machten einen peinlichen Eindruck auf den Junker; er antwortete mit lebhaftem Verdruß: „Nein, Gumbert, Sie haben ſich in der Wahr⸗ heit meiner Freundſchaft nicht betrogen. Es betrübt mich tief, hören zu müſſen, daß Sie mich der Un⸗ dankbarkeit gegen den einzigen Menſchen, der mir getreu in meinem Unglück blieb, fähig halten. Wenn ich den Vorſatz gefaßt habe, den Wulfhof nicht un⸗ mittelbar zu verlaſſen, ſo iſt es, weil ich hoffen zu dürfen glaubte, Ihre Zuneigung zu mir würde Sie beſtimmen, hier einige Monate zu bleiben. Es kann mich von der Verſtörung des Gehirns heilen; es kann mir die Ruhe des Gemüths, die ich verloren habe, wiedergeben. Warum ſollten Sie ſich dieſes Opfers weigern, wenn ich Sie um der Freundſchaft ſelbſt willen beſchwöre, es zu meiner Wohlfahrt zu bringen?“ Wiewohl Gumbert innerlich Srhigt und durch die Bitte des Jünglings in Verlegenheit ge⸗ ſetzt wurde, brach er doch in ein lautes Lachen aus und rief: „Noch ſchöner! Sie ſind wahnſinnig, auf mein Wort! Ich, Gumbert, ſoll mich hier in dieſes weite Grab zur Ruhe niederlegen? Nichts mehr hören als das Grunzen der Schweine und Brüllen der Ochſen? Nichts mehr ſehen, als dumme Bauern und abſcheu⸗ liche Pappelbäume? Und ſo einen guten Theil der wenigen Jahre von Kraft und Jugend, die mir noch * Sch Zun Que und Thre And fuhr als , m idſchaft neinen wortete Wahr⸗ betrübt er Un⸗ er mir Wenn cht un⸗ ffen zu de Sie s kann en; es erloren dieſes dſchaft ahrt zu t und eit ge⸗ en aus f mein weite ren als chſen? bſcheu⸗ ei der ir noch übrig bleiben, ich weiß nicht, welchen einfältigen Ge⸗ wiſſensbiſſen oder lächerlichen Hoffnungen zum Opfer bringen? Um Ihnen gefällig zu ſein, ſoll ich mich völlig getröſten; um Sie von Ihrer ſogenannten Nervenſchwäche zu heilen, ſoll ich Alles thun, um Sie noch außerdem in dem Irrthum zu beſtärken, der Sie wahrſcheinlich den Verſtand für das ganze Leben koſten wird.“ „Sie täuſchen ſich, Gumbert, ſeien Sie verſichert,“ erwiderte der Junker im Tone der Ueberzeugung. „Das Leben in Paris hat uns gefühllos gemacht für die Schönheiten der ſtillen Natur; aber es gibt ein Verſtändniß der Seele, welches ſchnell zurückkehrt. Unter dem Einfluß von Gottes unendlichen Werken erlangt das entmuthigte Herz neue Kräfte: ein neues Vermögen, um zu lieben, zu genießen. Allmälig ge⸗ langt unſer Gemüth wieder in Uebereinſtimmung mit der Schöpfung; bald entdecken wir in den Dingen, die rings um uns leben und gedeihen, verborgene Schönheiten und wunderbare Geheimniſſe, und end⸗ lich entſteht zwiſchen uns und der Natur eine Art Zuneigung und Liebe, die für uns zu einer milden Quelle ſüßen Glücks, unzerſtörbaren Herzensfriedens und dichteriſcher Begeiſterung wird.“ „Ah, welches rührende Hirtengedicht! Die Thränen ſtehen mir davon in den Augen!“ rief der Andere. Daniel ſchüttelte betrübt den Kopf bei dem Spotte ſeines Freundes, doch blieb er ruhig und fuhr fort: „Das Leben wird hier nicht ſo einförmig ſein, als Sie glauben, Gumbert. Wir würden zuweilen auf die Jagd gehen: es gibt viel Wild in der Ge⸗ gend. Es gibt deßgleichen ſchöne Spaziergänge; wir würden zuſammen über unſer früheres Leben plau⸗ dern, über Gegenſtände des Wiſſens, über die Ge⸗ heimniſſe und Wunder der Natur. Wir würden in der umliegenden Gegend, in Dörfern und Schlöſſern, und in Kortryk Bekanntſchaften machen. Es iſt eine ſchöne Stadt, wo man gute Geſellſchaft und ſehr ge⸗ bildete und freundliche Leute findet. Da man auf dem Wulfhof meint, ich würde für immer hier blei⸗ ben, wenn Sie nicht bei mir wären, ſo ſcheint man einigermaßen aufgebracht über Sie; aber ſobald man weiß, daß wir nicht abreiſen, wird Jedermann Ihnen mit Achtung und Liebe begegnen. Und fürchten Sie nicht, daß Sie mir jemals zur Laſt werden könnten. Wenn der Verſuch uns glückte und Sie damit ein⸗ verſtanden wären, Ihren bleibenden Aufenthalt hier zu nehmen, ſeien Sie verſichert, Sie würden von mir und allen den Meinigen als ein rechtmäßiges Glied der Familie geachtet und geehrt werden.“ Gumbert ſchaute zu Boden und murmelte jetzt einige unverſtändliche Worte in ſich hinein. „Eine Familie!“ dachte er.„Die Heirath ſitzt ihm in dem Kopf; er will eine Frau nehmen! Teufel, es wird drohend: unſere Angelegenheiten nehmen eine gefährliche Wendung.“ „Run, was ſagen Sie?“ fragte der Junker mit vertrauensvollem Lächeln, als glaubte er in Gum⸗ bert's Stillſchweigen das Vorzeichen ſeiner Zuſtim⸗ mung ſehen zu dürfen⸗ „Was ich ſage? Ich weiß nicht, was ich ſagen, ich weiß nicht, was ich denken ſoll,“ antwortete Gum⸗ Ge⸗ wir lau⸗ Ge⸗ n in ſſern, eine r ge⸗ auf blei⸗ man man hnen Sie nten. ein⸗ hier von ßiges jetzt ſitzt eufel, hmen mit Hum⸗ ſtim⸗ agen, Gum⸗ 15⁵ bert mit verſtellter Beſtürzung.„Reden Sie wirklich im Ernſte, Daniel? Wie, Sie wollen, daß ich hier in dieſer Wildniß mein Leben zubringe?“ „Nein, nein, nur einige Monate. Ach, ich bitte Sie, thun Sie es, aus Liebe zu mir!“ „Aus Liebe zu Ihnen, aus Freundſchaft für Sie ſollte ich zornig gegen Ihren unbegreiflichen Vorſatz mich erheben; aber ich finde wahrhaftig nicht die Kraft hiezu. Wiewohl Sie ſeit einigen Tagen der größten Thorheiten fähig geworden ſind, iſt es mir doch unmöglich zu glauben, Sie ſeien zu ſolcher ent⸗ ſchiedenen Selbſtvernichtung entſchloſſen.“ „Bleiben Sie wenigſtens einige Wochen!“ flehte Daniel. „Bis die Güter verkauft ſind; nicht länger.“ „Bis die Güter verkauft ſind!“ wiederholte der Junker ſeufzend, als erſchrecke er vor der Erinnerung an ein früheres Vorhaben. Aber er verdrängte dieſe Betrachtung aus ſeinem Geiſte und ſagte: „Nun, Gumbert, ich beſchwöre Sie, geben Sie mir dieſen Beweis Ihrer Freundſchaft!“ Der Andere zuckte die Achſeln und antwortete: „Daniel, Daniel, ich habe Mitleid mit der Ver⸗ wirrung Ihrer Sinne. Die Luft iſt hier nicht gut für Sie; um meine Pflicht zu erfüllen, möchte ich heute noch, ſelbſt mit Gewalt, Sie von dieſem ver⸗ hängnißvollen Orte hinwegbringen.“ „Sie ſchlagen alſo mein Anerbieten aus? Sie verwerfen alſo meine Bitte?“ fragte der Jüngling mit tiefer Betrübniß in der Stimme.„Sie bleiben unerbittlich?“ „Unerbittlich, in der That.“ Daniel ſchaute zu Boden und ſchüttelte in ſchmerz⸗ licher Ueberlegung den Kopf. „Ich ſollte den erprobten Freund verlaſſen, den ich bis ans Ende meines Lebens an meiner Seite zu ſehen hoffte,“ murmelte er.„Wie erſchreckt mich der Gedanke dieſer Trennung... welche neue Leere in meinem Herzen... welche peinliche Wahl!“ Gumbert ſah ſtillſchweigend und mit Beſorgniß auf den träumenden Jüngling; aber als er bemerkte, wie er die Arme zu ringen begann und ein gewiſſes leichtes Nervenzucken ihm über die Lippen lief, da entwickelte ſich ein heimliches Lächeln auf ſeinem Angeſicht, und ſeine Augen erglänzten von einem Funken triumphirender Hoffnung. Daniel ſtand plötzlich auf; ſeine Lippen bebten; ſein Geſicht zeigte einen Ausdruck von Schrecken, als hätte er ſich zu Etwas entſchloſſen, deſſen Nothwen⸗ digkeit ihm das Herz durchbohrte. „Gumbert, Sie wollen es? Sie verweigern mir die Gunſt, um welche ich Ihre Güte anflehte?“ rief er.„Nun denn, Sie können nicht auf dem Wulfhof bleiben; Sie können abreiſen; Sie ſind frei!“ Und als hätte mit dieſen Worten all ſein Muth ihn verlaſſen, ließ er ſich wieder auf den Stuhl fal⸗ len, während er noch ſeufzte: „Es liegt ein ſchwerer Fluch auf mir. Was ich thue oder läſſe, ich muß das Unglück derer, die mich lieben, ſein. Unerbittliches Geſchick!... wann wirſt du mir Ruhe gönnen? In dem Grabe, in den Ar⸗ men des Todes, in der ewigen...“ Das Wort erſtarb ihm in dem Munde, und wie⸗ wohl doch ( als ſ ſind bitte Ausf falſch gen; ab. ſich, gebe etr verlo ter 6 dieſe verle daß werd Ewie ich dieſe Sag ſtand Freu Jun germ k nerz⸗ den Seite mich Leere gniß erkte, viſſes „da inem inem bten; „als wen⸗ mir rief ifhof Muth lfal⸗ s ich mich wirſt Ar⸗ wie⸗ 157 wohl ſeine Lippen ſich noch bewegten, vermochten ſie doch keinen Laut mehr hervorzubringen Gumbert hatte vor Verdruß und Wuth gezittert, als ſein Freund ihm ſo entſchieden geſagt hatte:„Sie ſind frei!“ Und jetzt wiederholte er dieſes Wort mit bitterem Spott. Er gedachte durch einen heftigen Ausfall ſeinem Zorn Luft zu machen und den Junker falſcher Freundſchaft und der Undankbarkeit anzukla⸗ gen; aber eine geheime Ueberlegung hielt ihn davon ab. Nach einer augenblicklichen Stille bemühte er ſich, ſeinem Geſicht einen, Ausdruck von Trauer zu geben, und ſprach hierauf in einem Tone ſchmerzlicher etrübniß: „Es iſt gut, ich werde abreiſen. Einen Freund verlaſſen, an deſſen Treue man glaubte, iſt ein har⸗ ter Schlag, ſelbſt dann noch, wenn man weiß, daß dieſer Freund ohne uns glücklich ſein wird; aber ihn verlaſſen und die Ueberzeugung mit ſich fortnehmen, daß Schmerz und Unglück unfehlbar ſein Loos ſein werden, dieß iſt eine Wunde im Herzen, welche in Ewigkeit bluten muß. Morgen, Daniel, morgen ſoll ich Ihnen zum letzten Mal die Hand drücken? O, dieſer Gedanke erſtickt mich. Es iſt nicht möglich. Sagen Sie mir, Daniel, daß ich es nicht recht ver⸗ ſtanden habe, daß ich mich täuſche, daß Sie Ihren Freund nicht ſo grauſam von ſich jagen können! „Ach, haben Sie Mitleid mit mir!“ ſeufzte der Junker, ohne den Blick zu erheben. „Nun wohl, ſagen Sie, daß Sie nicht vor Lan⸗ gerweile auf dem Wulfhof ſterben wollen.“ „Ich muß, ich muß bleiben.“ Wiederum zeigte ſich ein zorniges Grinſen auf Gumbert's Lippen; doch wurde es bald durch einen Ausdruck tiefer Ueberlegung verdrängt. Es herrſchte eine Weile Stillſchweigen; hierauf wandte ſich Gum⸗ bert in traurigem Ton und mit eindringlichem Nach⸗ druck, während er die Augen unbeweglich auf ihn gerichtet hielt, als wollte er die Wirkung ſeiner Worte bemeſſen, zu dem Jüngling: „Es ſei denn ſo; ich unterwerfe mich dem Looſe, das uns beide ſchlägt: Sie mit Verwirrung der Sinne, mich mit der ſchmerzlichſten Entzauberung, die ich jemals über mich ergehen laſſen mußte. Was Sie auch thun wollen, Daniel, erinnern Sie ſich der traurigen Geſchichte von Jemand, der mir einſt ebenſo theuer war, wie Sie. Möge dieſe Geſchichte nicht die Ihrige werden!— Es war ein Jüngling, be⸗ gabt mit Gefühl, mit Wiſſenſchaft und mit ſtarkem Muthe. Er lebte in der großen Welt, und mit einem edeln und offenen Angeſicht neben einem glänzenden Geiſt begabt, wurde er überall angezogen und ge⸗ feiert. Die Männer beneideten ihn, die Frauen be⸗ ſtreuten ſeinen Pfad mit immer neuen Blumen. Sein Leben war eine einzige Luſtpartie, ein langer Triumph. Es verſtand ſich von ſelbſt, daß einem ſolchen verzo⸗ genen Glückskinde die erſte kleine Widerwärtigkeit als ein ſchreckliches Unheil erſcheinen mußte. Es kam ein Mißgeſchick, eine der gewöhnlichen Wandelungen der Dinge dieſer Welt. Anſtatt nun gegen den Zu⸗ fall ſich aufzuwerfen und lachend einer beſſern Zukunft entgegen zu ſehen, ließ er ſich völlig niederſchlagen und floh aus Paris auf ein altes, in einer fernen Provinz gelegenes Schloß. Dort begegnete er einem Mädchen, das er früher gekannt hatte; er ließ ſich von Me Liel Kett bra daß fant gent hatt gew Fiel ohn Bilt ihn ich: Lebe und Lebe dien fühl zu k nate er d herr Sch da war bele lang fühl zoge einen rrſchte Gum⸗ Kach⸗ uf ihn ſeiner Looſe, der erung, Was ich der ebenſo e nicht ig, be⸗ ſtarkem teinem tzenden ind ge⸗ len be⸗ Sein iumph. verzo⸗ keit als Fs kam elungen en Zu⸗ Zukunft ſchlagen fernen reinem ließ ſich 159 von der einſamen Schönen verlocken, und in der Meinung, einen verborgenen Schatz von Einfalt und Liebe entdeckt zu haben, legte er ſich die vergoldeten Ketten des Eheſtandes an.— Drei Jahre darnach brachte der Zufall mich in die Provinz, wo ich wußte, daß mein Freund wohnte. Ich ſuchte ihn auf und fand ihn auf einem verfallenen Schloß, in einer Ge⸗ gend, gleich dieſer. Als er mir vor Augen kam, hatte ich Mühe, ihn zu erkennen. Er war mager geworden, wie Jemand, der von einem langſamen Fieber verzehrt wird; ſeine Augen waren unſtet und ohne Leben, ſein Haupt hing zur Seite über die Schulter: mit einem Wort, er war das wahrhaftige Bild der Muthloſigkeit und Verzweiflung. Als ich ihn nach der Urſache ſeiner Krankheit fragte,— denn ich wähnte, eine ſchwere Krankheit unterwühle ſein Leben— da fielen zwei Thränen über ſeine Wangen, und er vertraute mir Dinge, die vieler Menſchen Leben vergiften, aber gleichwohl Niemand zur Lehre dienen. Armer Junge! Er hatte geglaubt, das Ge⸗ fühl der Liebe ſei ein dauerndes und werde allezeit zu dem Glück des Lebens genügen. Nur einige Mo⸗ nate hielt die Bezauberung Stand. Dann begann er die Leerheit zu bemerken, die rund um ihn hérum herrſchte. Das Geſicht ſeiner Frau war nicht ohne Schönheit; aber es war immerdar daſſelbe— und da es der Spiegel einer ſtillen, ſchlummernden Seele war, wurde es ſo ſelten durch einen neuen Ausdruck belebt, daß der Mann, der es alle Tage Stunden lang ſehen mußte, am Ende es unbedeutend und ge⸗ fühllos fand. Seine Frau, in der Einſamkeit aufge⸗ zogen, hatte keine Welterfahrung; ſie konnte zu einer geiſtvollen und Intereſſe erregenden Unterhaltung Richts beitragen, und wußte wenig mehr zu ſagen, als was das Alltagsgeſpräch von ſchönem und ſchlech⸗ tem Wetter, von der Annäherung des Winters oder von dem kommenden Sommer war, ſo daß die bei⸗ den Gatten bald die Gewohnheit annahmen, gähnend auf ihren Seſſeln neben einander in den Schlaf zu fallen, lang ehe die Ruheſtunde geſchlagen hatte. Der Mann träumte von dem herrlichen Leben in Paris, von luſtigen Freunden, von geiſtigem Genuß, von glänzenden Frauen; ſeine ſchlummernde Ehehälfte weinte in ihrem Traum über die ſchreckliche Zurück⸗ ſetzung, die ſie erfuhr. Anſtatt des wahrhaften Ca⸗ valiers, des ewig liebenden Bräutigams, welchen ihre einſame Phantaſie ihr vorgeſpiegelt hatte, war ſie nunmehr ihr Leben lang an einen Mann gebunden, der an ihrer Seite gähnte. Die unglückliche Frau klagte ihren Gatten der Gleichgültigkeit an und be⸗ mühte ſich, durch die Macht der Thränen und Seuf⸗ zer in ihm ein Gefühl zu erwecken, das bereits in ihrem eigenen Buſen erſtorben war. Daraus ent⸗ ſtand für beide noch mehr Langeweile, und endlich Widerwillen und verborgener Haß. Was ſoll ich noch ſagen? Der Mann ſuchte Zerſtreuung und machte Bekanntſchaft mit Leuten, welche ſeine Frau ihm nicht zu Freunden gewählt haben würde. Die Eiferſucht ſteckte das Gehirn der vernachläßigten Gattin an;— und dieſe unſchuldige, ſüße Taube wurde eine grau⸗ ſame, raſtloſe Harpye, die ihn überall verfolgte, ſeine geringſten Worte verdrehte und ihn jeden Tag mit Schauſtellungen des Zornes und der Verzweiflung beſtürmte. Es blieb noch ein Funke von Entſchloſ⸗ ſenhei ſeine vater, die S Frau ſelbſt das S telte lebeni man mein für S W altung ſagen, chlech⸗ oder ie bei⸗ ihnend laf zu Der Paris, „ von ehälfte Zurück⸗ en Ca⸗ velchen war ſie unden, e Frau ind be⸗ Seuf⸗ eits in us ent⸗ endlich ſoll ich machte m nicht iferſucht an;— e grau⸗ e, ſeine Lag mit veiflung ntſchloſ⸗ 161 ſenheit in ihm; er empörte ſich gegen das, was er ſeine Sclaverei nannte. Da kamen der Schwieger⸗ vater, die Schwiegermutter, die Tante, die Brüder, die Schweſter und klagten ihn an, er wolle ſeine Frau zu Tode martern,— und er, endlich an ſich ſelbſt zweifelnd, überwunden und entmuthigt, beugte das Haupt, heuchelte Neigung und Zufriedenheit, rüt⸗ telte an ſeinen Ketten in der Stille und wurde bei lebendigem Leibe von der ſchrecklichen Krankheit, die man Langeweile nennt, verzehrt. Er iſt nun todt, mein armer Freund!... Ach, und ein ſolches Loos für Sie fürchten müſſen, Daniel!“ Während dieſer ſchlau berechneten Geſchichte hatte der Junker kein Wort geſprochen und den Blick nicht zu Gumbert erhoben; aber es war deutlich genug, daß ſie einen tiefen Eindruck auf ihn gemacht hatte, da er auf ſeinem Sitze ſich hin und her bewegte und von Zeit zu Zeit krampfhaft die Arme rang. Jetzt, da ſein Genoſſe ihn geradezu bei ſeinem Namen aufrief, erhob er den Kopf und ſtieß mit einer Art fieberiſchen Spottes hervor: „Und dieſe Geſchichte ſoll die meinige werden? Ha, ha, nein, nein, Sie kennen Celaſta nicht!“ „Ich habe mich alſo doch nicht betrogen?“ ſprach Gumbert.„Es iſt Fräulein Celeſta, welche Ihnen die verhängnißvolle Binde um die Augen gelegt hat! Ich kenne dieſelbe nicht, glauben Sie? War ihr Bild in der Geſchichte meines unglücklichen Freundes denn nicht getroffen? Was fehlt daran?“ „Celeſta iſt ein Engel von Gefühl, von Güte und von Liebe!“ Conſcience, Leid der Zeit. 11 „Nun ja, ſie ſind alle Engel, ſo lange die Be⸗ zauberung dauert... Aber laſſen Sie uns einmal aufrichtig ſprechen, Daniel; es ſcheint mir, daß Sie etwas Weſentliches aus dem Auge ließen. Die Ge⸗ ſchichte meines Freundes kann in der That die Ihrige nicht werden. Ein ſchlimmeres Loos wartet auf Sie: die Erniedrigung muß ſich zu der Langenweile geſel⸗ len, um Sie noch früher hinweg zu raffen. Weiß Fräulein Celeſta, daß Ihr väterliches Erbgut bis auf fünfzigtauſend Francs zuſammengeſchmolzen iſt?“ Der Junker fuhr plötzlich zuſammen, als hätte die Frage ſeines Freundes einen ſchmerzlichen Licht⸗ ſtrahl in ſeinen Geiſt geworfen. „Sie ſchweigen?“ fuhr Gumbert fort.„Ich muß alſo glauben, daß weder ihr noch deren nächſten Verwandten der wahre Zuſtand Ihrer Geldange⸗ legenheiten bekannt iſt. Es wird angenehm für Sie ſein, wenn Sie Ihre Beichte ablegen und um Ver⸗ zeihung flehen müſſen, ohne zu wiſſen, ob man den Verſchwender nicht verſtoßen wird!“ Daniel ſchien von Schrecken und Trauer wie ver⸗ nichtet. „Aber laſſen wir Alles nach Ihrem Wunſche ab⸗ laufen,“ fuhr Gumbert fort.„Sie ſind alſo Bräu⸗ tigam mit einer Frau, deren Vermögen, wenigſtens dem Scheine nach, Ihnen zu eigen geworden iſt. Von deren Geld werden Sie leben: Alles, was Sie genießen, wird eine Vergünſtigung von ihr ſein. Sie werden nach deren Augen ſehen, um ihren geringſten Wunſch zu errathen; auf dem Spaziergang werden Sie ihr den Sonnenſchirm Se in der Geſell⸗ ſchaft wird man Sie als zu dem Gefolge Ihrer Frau Dan kann und oder von Art zuwi ſein nicht über mein ſten Ton einig das werd Dan ein hätt ſich wort er( heiſe nun heit Wei inmal ß Sie ie Ge⸗ Ihrige f Sie: geſel⸗ Weiß is auf 2. hätte Licht⸗ muß ichſten ne⸗ ir Sie Ver⸗ n den e er⸗ e a⸗ Bräu⸗ gſtens en iſt. Sie Sie ngſten verden Geſell⸗ Ihrer Frau gehörig betrachten. Sind Sie einfältig genug, Daniel, um zu glauben, daß die Liebe lang dauern kann, wo die Rollen ſo unnatürlich gewechſelt ſind, und wo der Mann ſich zu dem Stande des Dieners oder des Lakaien erniedrigt ſieht? Ich ſpreche nicht von der Feigheit, welche hier ſtattfindet, um ſolcher Art ſeine männliche Größe zu verleugnen und ein⸗ zuwilligen, bis zum Ende des Lebens ein Weſen zu ſein i Ziel und ohne Würde... Sie ſprechen nicht? Alle dieſe Vorſtellungen ſind ſo unmächtig über Ihr Gemüth?“ „Mein Gott, mein Gott, welche Finſterniß in meinem Gehirn!“ murmelte Daniel im Tone der tieſ⸗ ſten Verzweiflung. „Kommen Sie her,“ ſagte Gumbert fröhlichen Tones.„Beſchließen Sie noch nichts. Trinken Sie einige Gläſer Wein; Sie werden fühlen, wie Ihnen das Herz anſchwillt, es wird in Ihrem Geiſte klar werden... Unter einem ſeltſamen Aufſchrei griff der erregte Daniel nach ſeinem Glaſe, leerte es, ſchenkte wieder ein und trank es aus, dreimal nach einander. Er hätte noch mehr von dieſer geiſtigen Flüſſigkeit in ſich hineingegoſſen, wenn die Flaſche nicht leer ge⸗ worden wäre. Wie vom Fieber getrieben, ſtreckte er Gumbert die zitternde Hand hin und rief mit heiſerem, aus der Kehle heraufgeholtem Tone: „Geben Sie! noch mehr! Erſticken wir das Feuer des Zweifels in unſerem Herzen. Weigert die Ver⸗ nunft mir Aufklärung, ſo ſoll der Blitz der Trunken⸗ die Nacht meines Geiſtes erhellen! Wein! 164 Gumbert griff mit triumphirendem Lächeln auf dem Geſicht nach dem Tiſchglöckchen und klingelte. „Bring' noch zwei Flaſchen!“ ſagte er zu dem Diener, der halb taumelnd in den Saal trat.„Noch zwei Flaſchen von demſelben ſpaniſchen Weine. Und ſieh', ob Du in dem Keller nicht eine Flaſche Cognae finden kannſt. Wir werden die letztere nöthig haben.“ Im Augenblick, da Daniel der Verführung von ſeinem falſchen Freunde unterlag, war der alte Rent⸗ meiſter auf ſeinem Zimmer mit Schreiben beſchäftigt. Er ſaß über einen Tiſch gebeugt, bei einem kleinen ſparſamen Lämpchen, und ſtellte murmelnd eine An⸗ zahl Ziffern auf einem Blatt Papier, das eine ver⸗ wickelte Rechnung enthalten mußte, unter einander. Sonſt rührte er ſich nicht und war ſo tief in ſeine Calculationen verſunken, daß er ſich ſelbſt durch gewiſſe laute, lärmende Stimmen, die von Zeit zu Zeit zu ihm herauf ertönten, nicht ſtören ließ. So wenig Licht die Wände des Zimmers auch empfingen, dennoch ſchienen die Portraits ihre Augen feſt auf den Greis zu richten; es lag in dem ſchar⸗ fen Blick dieſer Bildniſſe, in der hier herrſchenden Stille und ſelbſt in der völligen Vertiefung des alten Mannes in ſein Werk eine gewiſſe Feierlich⸗ keit. Lange Zeit verfolgte der Rentmeiſter auf ſolche Art das Reſultat ſeiner Rechnung. Jetzt vermehrte ſich noch das Geräuſch unten, und hellere Töne klangen herauf aus der Tiefe. Bereits hatte er mehr als einmal ſeine Arbeit unterbrochen und mit traurigem auf te. dem Noch Und gnac en von Rent⸗ ftigt. einen An⸗ ver⸗ nder. ef in durch it zu auch lugen ſchar⸗ enden des rlich⸗ ſolche ehrte ngen r als rigem 165 Kopfſchütteln auf die ſeltſamen Laute gehorcht. End⸗ lich hörte er Stimmen, die ſich ſo kräftig und ſo wild vernehmen ließen, daß ſie den ganzen Wulfhof zu erfüllen ſchienen. Jetzt legte der Greis ſeine Feder nieder, warf einen traurigen Blick auf die Portraits und verließ langſamen Schrittes das Zim⸗ mer. Er ſtieg die Treppe hinab und ſchritt durch einen finſtern Gang, um hinter das Gebäude und in den kleinen Hof zu gelangen. Unterwegs mußte er durch ein Zimmer, welches mit einer Thüre nach dem Saale ging, wo das Souper für Daniel und ſeinen Genoſſen aufgetragen war. Hier hörte er, daß Gumbert mit einem ſeltſamen Ton von Ueber⸗ muth und Spott Etwas zu Daniel ſagte. Was der Greis von dem Geſprochenen verſtand, ließ ihn vor Schrecken erbeben; wie feſtgewurzelt auf dem Haus⸗ flur, horchte er mit klopfendem Herzen. „Ha, ha!“ rief Gumbert,„erheben Sie Ihren Geiſt über allen Aberglauben, über alle Schwachheit. Seien Sie ein Rieſe zwiſchen Zwergen und ſchauen Sie mit Verachtung nieder auf Alles, was von dem ſelbſtfüchtigen Menſchen erdacht worden iſt, um über den unwiſſenden oder minder ſtarken Menſchen, wie über einen Sclaven zu herrſchen. Was iſt Liebe? Eine Eingebung unſerer thieriſchen Natur, unter dem ſcheinheiligen Gewande einer ſittlichen Neigung ver⸗ borgen. Was iſt Aufrichtigkeit? Eine Maske, um ſicherer zu betrügen. Was iſt Edelmuth? Der Stolz, der bei eines Andern Erniedrigung triumphirt. Was iſt Einfalt des Herzens? Die Erkenntniß ſeiner Schwäche und die Ueberzeugung, daß man geboren iſt, um das Schaaf unter den Wölfen zu ſein. Was 166 iſt Vorſicht? Feigheit oder Liſt... Und was ſind alle die hochgerühmten Tugenden anders als Erfindungen des Egoismus, der Habſucht und des Ehrgeizes?“ „Ja, ja, Erfindungen der Habſucht und der Falſchheit!“ ſchrie Daniel mit ſtammelndem Munde. „Trinken, trinken!“ Ein peinlicher Seufzer entſchlüpfte der Bruſt des Rentmeiſters; bebend vor Schauder und Entrüſtung verließ er das Zimmer, öffnete eine Thüre, ſchritt in der Finſterniß über den Hof, bis er zu einem Pa⸗ villon gelangte, wo ein ländlicher Tiſch und eine Bank ſtand. Hier ſetzte ſich der beſtürzte Greis nieder und rchtete ſein Auge nach den hell erleuchteten Fenſtern des Saales. Die Gardinen waren herabgelaſſen, aber man konnte auf ihrer halbdurchſichtigen Fläche zwei Schatten hin und her fahren ſehen, mit den Armen in der Höhe, mit Glas und Flaſche in der Hand, und mit wilden Sprüngen ſich bewegend; man konnte den Lärm und das Geſchrei, das ſie ausſtießen, hören, man konnte theilweiſe die wahn⸗ ſinnigen Geſänge verſtehen, die aus voller Bruſt bis an das Ende des Hofs herüberſchallten. Wie vernichtet durch dieſen Anblick, ſo ſchrecklich für ſein liebendes Herz, hatte der Rentmeiſter ſich zwei Thränen von den Wangen gewiſcht und das Haupt zur Erde geſenkt. „Wehe, es iſt aus,“ ſeufzte er,„keine Hoffnung mehr! Iſt er mit der Abſicht hieher gekommen, ſein väterliches Gut zu verkaufen, wie wird er nach ſolcher Schmach noch bleiben können? Welcher Lichtſtrahl kann des Seite Das bens det i für 2 Zuſte hoffe 2 einen einen laufe ſank eine gelb dane Lach rühr auf tödt dieſe ſpru blick von Lärt weil feſt gan alle ngen 2 2 der inde. des ſtung tt in Pa⸗ eine und ſtern aſſen, läche den der en; s ſie ahmn⸗ Bruſt cklich ſich das nung ſein lcher trahl 16* kann ſeinen Geiſt noch erhellen, ſo lange der Teufel des Zweifels, ſo lange der falſche Gumbert ihm zur Seite ſteht? Nur ein Rettungsmittel gibt es noch. Das Elend! Der Feind ſeiner Ruhe und ſeines Glau⸗ bens wird ihn nicht verlaſſen, bis Alles verſchwen⸗ det iſt; und ſo könnte die Stunde der Armuth noch für Daniel die Stunde der Erlöſung werden. Welcher Zuſtand! Auf das Uebermaaß des Leidens noch hoffen müſſen!“ Plötzlich wurde ſein trauriges Nachdenken durch einen fremden Glanz unterbrochen. Er ſprang mit einem Schreckensrufe auf und wollte durch den Hof laufen: aber da fiel ihm ein, was es war, und er ſank wieder auf die Bank zurück. Durch die Gardinen ſah man auf dem Tiſche eine große Terrine ſtehen, woraus grüne, blaue und gelbe Flammen ſchlängelnd in die Höhe ſtiegen; und daneben zwei Schatten, die jubelnd und mit tollem Lachen das flüſſige Feuer mit langen Löffeln um⸗ rührten und anfachten. Der CognacPunſch flammte auf dem Tiſche; in der Bohle kochte das ſeelen⸗ tödtende Gift. Wäre des Rentmeiſters Aufmerkſamkeit nicht durch dieſes widrige Schauſpiel ganz und gar in An⸗ ſpruch genommen worden, er hätte in dieſem Augen⸗ blick gehört, wie auf dem Vorplatze die Stimmen von Arbeitsleuten und Dienſtmägden mit dem wüſten Lärm der Schatten ſich miſchten und denſelben bis⸗ weilen ſogar übertäubten; aber er hatte das Auge ſo feſt auf die blaue Feuergluth gerichtet, und ſein ganzes Denkvermögen war ſo völlig in dem Gefühl 168 des Schreckens und Kummers aufgegangen, daß ſeine Sinne wie erſtarrt waren. Nach langem Flackern und Züngeln verminderten ſich die Flammen auf dem Tiſche; bald verloren ſie ihren lichten Schein, und ihr Glanz ging in eine violette Farbe über, wie das erſterbende Kicht einer Grablampe. Der Rentmeiſter ſah einen großen Menſchenſchat⸗ ten, der einen andern von minder hoher Geſtalt an dem Arm nahm und mit Gewalt nach der Thüre führen zu wollen ſchien... die Schatten verſchwan⸗ den aus dem Saal, und eine Todtenſtille folgte auf das wüſte Gebrüll. Jetzt erſt vernahm der Rentmeiſter einen Lärm von Stimmen auf dem Vorplatz, und dazwiſchen das Wehklagen einer Frau. Er ſtand auf, ſchritt durch die Finſterniß dahin und ſchlug denſelben Weg ein, auf welchem er in den Hof gekommen war. Auf dem Hausflur blieb er ſtehen und horchte kummervoll auf die Klagen eines Mädchens, das einige Schritte von ihm außen vor der Saalthüre zu knieen ſchien. „O Herr, o Gott!“ ſchrie ſie,„er wird ſterben! Mein armer Jodokus, mein armer Jodokus! Hilfe! Hilfe! Seht ihn auf dem Boden ſtrampeln; hört ihn ſtöhnen! Was iſt zu thun? Ich gäbe die Hälfte meines Lebens darum, wenn ich ihn retten könnte. Es iſt wohl ein ſtrafbarer Sünder; aber der Tod! Ach, den hat er doch nicht verdient!“ Einige nebenſtehende Leute lachten über ihren Schmerz. 7 Eine rothe muß ken! einer ſagte „Stt bold ſtens G und Barl ihm den zu u der ſtürz Stü ben deckt Tiſck mit um daß derten en ſie eine einer ſchat⸗ lt an Thüre wan⸗ e auf Lärm das durch ein, orchte das re zu rben! ilfe! hört älfte nnte. Tod! ihren 169 „Laß das Schwein liegen, Bärbelchen,“ ſagte Einer.„Dießmal wird er noch nicht ſterben.“ „Schüttet ihm einen Eimer Waſſer über ſeinen rothen Kopf,“ brummte ein Zweiter. „Das hat man davon,“ ſpottete ein Dritter.„Er mußte auch Feuer aus einem ſilbernen Löffel trin⸗ ten! Nun iſt ſein Magen verbrannt!“ Dieſe Worte entlockten der weinenden Kuhmagd einen neuen Klageruf. „Kommt her, das hat jetzt lang genug gedauert!“ ſagte einer der Umſtehenden in befehlendem Tone. „Streckt die Hände aus: wir wollen den Trunken⸗ bold in den Stall tragen. Dort wird er ſich wenig⸗ ſtens mit ſeinem Schlägeln nicht Schaden thun.“ Sie hoben zuſammen Jodokus vom Boden auf und trugen ihn über den Vorhof nach dem Stall. Barbara, mit der Schürze vor den Augen, folgte ihm durch die Finſterniß. Als die Dienſtboten aus dem Gang verſchwun⸗ den waren, trat der Rentmeiſter auf die Saalthüre zu und öffnete ſie. Er blieb eine Weile zitternd auf der Schwelle ſtehen und blickte mit trauriger Be⸗ ſtürzung auf das Schauſpiel, das ſich ihm darbot. Stühle lagen umgeworfen auf dem Boden, Scher⸗ ben von zerbrochenen Gläſern und Flaſchen be⸗ deckten den Tiſch, Ströme Weins floſſen über das Tiſchtuch und ſelbſt die Fenſtergardinen waren da⸗ mit befleckt. Der Greis trat in den Saal und ging langſam um die Tafel herum; er ſchüttelte das Haupt mit einem Seufzer der Verzweiflung, und ſeine bittern Thränen fielen zwiſchen die Ueberbleibſel einer ſchmäh⸗ lichen Unmäßigkeit. Der Name des Unglücklichen, den er liebte und beklagte, ſchlich zuweilen über ſeine Lippen, und er ſchlug die Augen zum Himmel empor, um Schutz und Vergebung ſun den verlorenen Sohn zu erflehen. Langſam löſchte der Rentmeiſter ein Licht nach dem andern aus. In der Finſterniß trat er auf Trümmer und Scherben herabgefallener Flaſchen: widrig tönte ihm das klirrende Glas zwiſchen den Füßen. An der Thüre entſchlüpfte noch ein ſchmerzlicher Seufzer ſeiner Bruſt: „Daniel! armer Daniel!“ Dann ſchloß er die Thüre und drehte den Schlüſ⸗ ſel zweimal um. Einen Augenblick darauf war der Wulfhof in die tiefſte Stille begraben. VIII. Es war noch früh am Morgen, als Daniel des andern Tages wieder in ſeinem Zimmer auf⸗ und ab⸗ ſchritt, mit allen Kennzeichen einer leichenähnlichen Entſtellung und grenzenloſer Verzweiflung. Seine Wangen waren bleich, ſeine Augen entzündet und ſein ganzes Angeſicht verzerrt und abgeſpannt. Das ſchmerzliche Zucken ſeiner Glieder ließ vermuthen, daß ſein Magen und ſeine Eingeweide noch von dem ungelöſchten Feuer der Unmäßigkeit erglühten. Von Zeit zu Zeit blieb er ſtehen, drückte mit convul⸗ ſiviſche darin zurück ſcheher auf di Gumb ſchämt Gumb Wort Gang Gedat Er er tha dem g die 1 und k was war d welche zuleſet nen,: Abend D 1 abgele V er hie ſtarret dem ſ geſicht A* mäh⸗ ichen, ſeine mpor, enen nach r auf ſchen: nden licher chlüſ⸗ n die l des d ab⸗ lichen Seine und Das „daß dem nvul⸗ 171 ſiwiſcher Gewalt die Hand vor die Stirne, als wollte er darin eine klare Erinnerung aufrufen, und ſchien dann zurückzuſchaudern vor dem Gedanken an das, was ge⸗ ſchehen war. Ein anderes Mal horchte er beſtürzt auf die tiefen und ruhigen Athemzüge ſeines Freundes Gumbert, der in einem Nebenzimmer ſchlief; und als ſchämte er ſich ſeiner Reue und Angſt gegenüber von Gumbert's gefühlloſer Gleichgültigkeit, murmelte er das Wort:„Feigling!“ in ſich ſelbſt hinein, raufte ſich die Haare auf dem Haupte und ſetzte dann ſeinen Gang durch das Zimmer fort, um den grauſamen Gedanken, welche ihn verfolgten, zu entfliehen. Endlich ſtieg er, vielleicht ohne zu wiſſen, was er that, die Treppe hinab und öffnete die Thüre zu dem großen Saal. Er zitterte vor Abſcheu, als er die Ueberbleibſel ſeiner wüſten Schlemmerei hier und da noch auf dem Boden zerſtreut ſah; aber was ihm wie ein Schwerdt durch die Seele ging, war der feſte und forſchende Blick zweier Dienſtboten, welche damit beſchäftigt waren, die Glasſcherben auf⸗ zuleſen, und indem ſie ihn grüßten, zu fragen ſchie⸗ nen, wie es mit ſeiner Geſundheit nach einem ſolchen Abend ſtände. Der Junker ließ den Kopf ſinken, ſchaute zu Bo⸗ den und ſchritt ſchweigend durch den Saal in ein abgelegeneres Zimmer. Vernichtet durch das Gefühl ſeiner Schande, ſank er hier auf einen Seſſel nieder, ſchaute eine Weile ſtarren Auges ins Weite und murmelte dann mit dem ſcharfen Lachen der Verzweiflung auf dem An⸗ geſicht: „Ha, ha, iſt das Maaß jetzt voll? Bin ich tief 172 genug gefallen? Die Augen vor meinen Dienern niederſchlagen müſſen! Vor Schaam zittern unter dem Blick meiner Knechte!... Und ich ſoll fortan auf dem Wulfhof wohnen? Nein, nein, dieſer Boden iſt für mich verhängnißvoll: jeder Schritt führt mich dem entſcheidenden Ende, dem Lohn meiner abſcheu⸗ lichen Feigheit näher!... Welcher Fluch laſtet doch auf mir? Bin ich vielleicht wahnſinnig? In meinem Kopfe iſt es wie lauter Finſterniß und kreiſende Bewegung Geſtern hatte mein Herz ſich vor einem Strahl der Hoffnung aufgethan; ich fühlte die Achtung vor mir ſelbſt, das Vertrauen, die Liebe in meiner Seele ſich ausbreiten und als friſche Blumen des Lebens grünen. Seitdem iſt eine Ewigkeit vorübergegangen, eine lange ſtürmiſche Nacht. Das Feuer der Un⸗ mäßigkeit, der Blitz des Zweifels, der Wurm der Gewiſſensbiſſe haben die letzten Keime des Gefühls in mir vertrocknet, verſengt, verſchlungen. Es war das Aufflackern der erſterbenden Lampe, die noch einen hellen Schimmer von ſich gibt, vor dem Er⸗ löſchen alles Lichtes.. Er ſchwieg und ſchüttelte den Kopf, als wären ſeine Gedanken gänzlich in Verwirrung gerathen; aber bald fiel der Name Celeſta faſt unhörbar von ſeinen Lippen. Dieſer Name erregte ihm eine heftige Erſchütterung; ein bitteres Grinſen der Verachtung zeigte ſich auf ſeinem Munde.. „Gottloſer!“ murrte er;„Du wagſt es, das Andenken an Alles, was rein, ſchön und gut iſt, in dem Schlamm Deiner fluchwürdigen Gedanken her⸗ umzuziehen!... Und ich ſoll es noch wagen, mein Auge in Gegenwart des reinſten Bildes des Glau⸗ bens wie i denken der ve ſollte Ich ſt unter muß niemal Er Nach eigene fieberi „ rief er beharr und Er in ein kurz d meiſte fehl z Blick meiſte ſchien legte A überre druck alten ienern unter an auf den iſt t mich bſcheu⸗ och. auf Kopfe vegung Strahl ng vor Seele Lebens anen, er Un⸗ m der efühls war e noch m Er⸗ wären athen; ar von heftige ichtung „ das iſt, in n her⸗ „mein Glau⸗ 173 bens und der Tugend zu erheben? O, ſie ſoll wiſſen, wie ich ihre Liebe erwidert habe, wie ich das An⸗ denken an ihren Schmerz noch denſelben Abend in der verächtlichſten Schlemmerei erſtickt habe. Sie ſollte niederſehen auf den gemeinen Trunkenbold! Ich ſollte mich vernichtet fühlen und wie ein Wurm unter ihrem anklagenden Blick hinkriechen? Nein, nein, muß Jemand meine Schmach ſehen, ſo ſoll es doch niemals Celeſta ſein!...“ Er hielt inne und ſtarrte wieder unſtet ins Weite. Nach einer kurzen Ueberlegung lachte er über ſeine eigenen Gedanken; ſein ganzes Geſicht drückte eine fieberiſche Selbſtzufriedenheit aus. „Ihrem Blick entfliehen! Verreiſen, noch heute!“ rief er.„Und unerſchütterlich auf dieſem Entſchluß beharren; unerbittlich bleiben, gefühllos für Bitten und Hohn! Es iſt geſagt!“ Er ſpräng auf und trat zu dem Glockenzug, der in einer Ecke des Zimmers hing. Ein Diener öffnete kurz darauf die Thüre. „Geh,“ ſprach Daniel,„erſuche den Herrn Rent⸗ meiſter, hieher zu kommen; ſogleich, ohne Zögern.“ Der Diener verſchwand, um den erhaltenen Be⸗ fehl zu vollziehen. Eine Weile hielt der Junker den Blick nach der Thüre gerichtet, die Ankunft des Rent⸗ meiſters erwartend. Da dieſer nicht unmittelbar er⸗ ſchien, verſank er allmälig wieder in Gedanken und legte die beiden Hände an die Stirne. Als der Rentmeiſter endlich in das Zimmer trat, überraſchte er Daniel in dieſer Haltung. Ein Aus⸗ druck traurigen Mitleids zog über das Geſicht des alten Mannes; aber als er nach einem flüchtigen 174 Blick rings herum ſich verſichert hatte, daß Daniel dieſes Mal ganz allein war, erhellte ein Lächeln der Freude ſeine Augen. „Herr Daniel hat mich rufen laſſen?“ ſagte er mit ſanfter Stimme. „Nun wie?“ fragte der Jüngling, aus ſeinem Nachſinnen aufſchauend;„will Frau van Ederdael den Wulfhof kaufen oder nicht?“ „Sie will ihn kaufen,“ lautete die Antwort, aber ſie macht kein annehmbares Angebot. „Sie müſſen deren Angebot annehmen, wie es auch ſei.“ Der Rentmeiſter erſchrack über den ſcharfen, be⸗ fehlenden Ton in Daniel's Stimme. „Aber, mit Ihrer Erlaubniß, Herr,“ ſtammelte er, „Sie können doch Ihr väterliches Erbgut nicht unter dem Werthe verkaufen?“ „Sparen Sie die Ermahnungen, Herr Rentmei⸗ ſter,“ fiel ihm Daniel mit auffallender Härte in das Wort.„Der Wulfhof muß heute verkauft ſein, gleich viel, um welchen Preis. Wenn Frau van Ederdael geneigt wäre, mir einen guten Theil der Kaufſumme ſogleich zur Hand zu ſtellen, ſo würde ich auf einige Tauſende nicht ſehen. Ich will vor dem Abend abreiſen. Man gebe mir Geld... alles Uebrige iſt mir gleichgültig.“ In des Greiſes Augen erſchienen zwei helle Thränen; er bezwang jedoch ſeinen Schmerz und ſprach mit Ruhe: „Junker, ich mag die Hand zu ſo nachtheiligem Verkaufe nicht bieten. Frau van Ederdael bietet nur hunderttauſend Franes über die Summe, welche ſie bereit luſt v ein 1 ein 5 ſorgn pothe voller heißt dieſe thum. die A tröſtl ungli die R väter! lichen geſpr ſie m „ Sie erhalt des L trage. Vater in V dazu völlig res P Sie 17* 75 Daniel bereits vorgeſchoſſen hat. Es wäre ein ſicherer Ver⸗ n der luſt von mehr als fünfzehntauſend Francs. Ich habe ein beſſeres Mittel entdeckt. Da iſt eine Perſon, igte er ein Freund von Ihrem ſeligen Vater, der aus Be⸗ ſorgniß für die Ehre Ihres Namens gegen eine Hy⸗ ſeinem pothek auf den Wulfhof und ſeine Ländereien den derdael vollen unbelaſteten Werth herzuleihen geneigt iſt, das 1 heißt, gegen hundert dreizehntauſend Francs. Auf twort, dieſe Art bleibt der Wulfhof wenigſtens Ihr Eigen⸗ thum. Ueberlaſſen Sie mir die Sorge, dem Boden wie es die Aufbringung der Zinſen abzuzwingen, in der tröſtlichen Hoffnung, daß mein armer Herr, mein n, be⸗ unglücklicher Daniel noch einmal, und nicht fruchtlos die Ruhe und den Frieden des Herzens auf ſeinem lte er, väterlichen Gute aufſuchen wird.“ 3 unter Der Junker war tief betroffen von dem eindring⸗ lichen Tone, womit der Greis die letzten Worte aus⸗ entmei⸗ geſprochen hatte. Er faßte ihn bei der Hand, drückte in das ſie mit Wärme und ſagte: „gleich„Guter Willibald! Immer derſelbe! Nichts kann 3 derdael Sie in Ihrer Zuneigung zu mir ſtören. Wohlan, fſumme erhalten Sie, wenigſtens zum Schein, das Eigenthum einige des Wulfhofs auf den Namen, den ich ſo unwürdig Abend trage.. Aber die Perſon, der Freund meines lebrige Vaters, kann er mir Geld verſchaffen? Unmittelbar?“ „Ich zweifle nicht, daß er einen Theil der Summe helle in Wechſeln auf Paris flüſſig machen kann; aber rz und dazu wird er nach Kortryk gehen müſſen. Wenn zum völligen Abſchluß der Sache und zur Erfüllung Ih⸗ eiligem res Begehrens ein paar Tage nothig wären, würden tet nur Sie ſch wohl in Geduld faſſen, nicht wahr?“ ſche ſie„Ach, ich bitte Sie,“ flehte der Junker,„ver⸗ —— 176 ſuchen Sie das Unmögliche, um mir heute noch das Geld herbeizuſchaffen. Auf dem Wulfhof werde ich nicht mehr übernachten! Nichts vermag mich in die⸗ ſem Beſchluß wankend zu machen.“ „Sie haben das Recht, zu befehlen,“ ſagte der Rentmeiſter mit trauriger Gelaſſenheit.„Wie ver⸗ hängnißvoll Ihr Entſchluß auch ſein mag, ich werde Ihrem Wunſche gehorchen. Noch vor dem Abend ſollen Sie im Beſitz eines guten Theils von dem Anlehen ſein. Ich habe Ihre ſchriftliche Vollmacht und kann demzufolge ohne Ihre perſönliche Dazwi⸗ ſchenkunft handeln. Sind Sie nun mit mir zufrie⸗ den, Daniel?“ „Ich danke Ihnen, Willibald,“ lautete die Ant⸗ wort.„Ihre liebevolle Dienſtwilligkeit ſoll mir eine ſüße Erinnerung ſein; ach, ſie muß für mein leeres und gefühlloſes Herz eine Anklage und ein ewiger Vorwurf des Gewiſſens bleiben. Könnte ich Ihnen nur nach Verdienſt lohnen, ein wenig vergelten, aber materiell und ſittlich bin ich der tiefſten Unmacht verfallen.“ „Sie könnten mir eine Belohnung zu Theil wer⸗ den laſſen,“ ſagte der Rentmeiſter,„und ich wage, Sie zu erſuchen, mir dieſelbe jetzt zuzugeſtehen.“ „Alles, Alles, wenn ich nur dazu im Stande in.“ „Seitdem Sie von Paris zurückgekehrt ſind, Jun⸗ ker, habe ich vom Morgen bis zum Abend fruchtlos eine Gelegenheit abgepaßt, um mit Ihnen allein zu ſein. Ich hatte gehofft, meine Erfahrung, meine be⸗ wieſenen Dienſte und meine erprobte Ergebung wür⸗ den mächtig genug auf Ihr Gemüth eingewirkt ha⸗ ben, um Sie von Ihrer Rückkehr nach Paris abzu⸗ halter lich v Sie z aufklä zu de des„ nung, daß Gedu 8 7/ Mühe woller vermt Wohl da es D zu de c der 1 Fruch Zweif Aber rung auf, e den L ſeine Leid und t vollſte ſind. Kran! C das de ich die⸗ e der ver⸗ werde lbend dem macht azwi⸗ ufrie⸗ Ant⸗ reine s und rwurf nach teriell en.“ wer⸗ wage, 7 tande Jun⸗ chtlos ein zu e be⸗ wür⸗ kt ha⸗ abzu⸗ 177 halten. Wiewohl dieſe Hoffnung mir beinahe gänz⸗ lich vergangen iſt, denke ich noch eine Pflicht gegen Sie zu erfüllen, indem ich Sie über Ihren Zuſtand aufkläre und, iſt es möglich, vorbereite, um einmal zu der Einſicht der Wahrheit und zu dem Frieden des Herzens wiedergeboren zu werden. Die Beloh⸗ nung, die Gunſt, um welche ich Sie erſuche, iſt die, daß es Ihnen belieben möge, mit Ergebung und Geduld mir einige Augenblicke Gehör zu ſchenken.“ „Aus Mitleid, Willibald, geben Sie ſich keine Mühe, mich von der alsbaldigen Abreiſe abhalten zu wollen. Es würde Nichts gegen meinen Entſchluß vermögen und nur nutzloſes Leiden verurſachen.... Wohlan, ſprechen Sie, und ich werde Sie anhören, da es alſo Ihr Verlangen iſt.“ Der Rentmeiſter zog einen Stuhl heran, ſetzte ſich zu dem Junker und ſprach in ruhigem Tone: „Daniel, es gibt heutzutage eine Krankheit, von der unſere Voreltern nichts wußten. Es iſt eine Frucht unſeres Jahrhunderts von Unglauben und Zweifel. Einige nennen ſie das Leid der Zeit. Aber man könnte ihr ebenſo den Namen: Abzéh⸗ rung der Seele geben; denn ſie frißt langſam auf, erſchöpft die ſittliche Kraft und vertrocknet ſelbſt den OQuell alles Gefühls; aber ſie läßt dem Körper ſeine Stärke und tödtet das Herz allein. Dieſes Leid herrſcht faſt ausſchließlich in den großen Städten und trifft vornehmlich junge Leute, die am gefühl⸗ vollſten, vertrauensvollſten und am reichſten begabt ſind. Um Ihnen verſtändlich zu machen, wie dieſe Krankheit entſteht und allmälig zur Unheilbarkeit ſich Conſcience, Leid der Zeit. 12 178 verſchlimmert, werde ich Ihnen einen Jüngling vor den Augen ſtellen, einfältigen Herzens und voll Glaubens derp an das Gute, der eine große Hauptſtadt,— Paris laſſe zum Beiſpiel— beſuchte, um einige Zeit daſelbſt zu verweilen. Entgeht er der Verführung, welche ſeiner Erg bei jedem Schritte wartet, ſo findet er hier das allm Wahre, das Edle und Schöne, wie an allen andern nicht Orten, und das Leid, wovon wir ſprechen, bleibt jetzt ihm unbekannt; aber an dieſem Mittelpunkt menſch⸗ licher Civiliſation, aber auch menſchlicher Verdorben⸗ vipr heit, hat die Untugend alle ihre Mittel zur Verſu⸗* chung geſammelt. Jener Jüngling— nehmen wir als an— iſt minder glücklich. Ungewaffnet gegen die i6t Liſt der Welt, nur berathen von ſeinen Leiden⸗ ſchaften, läßt er ſich verlocken; und ohne es ſelbſt leite zu wiſſen, wird er beinahe unwiderſtehlich auf dem gend Strom der blinden Lüſte fortgeriſſen. Er, ein Engel ren. von Aufrichtigkeit, er bietet ſeine Liebe einer Frau er ohne Herz; er bietet ſeine Freundſchaft einem Mann flieh ohne Gefühl; er ſetzt ſein Vertrauen auf Menſchen, aber die ihn als ihre Beute anſehen und von keinem an⸗ Dan dern Geſetze, als von ihren ſinnlichen Begierden und von ihrer ſeelenloſen Habſucht wiſſen. Bei der verdor⸗ Vere benen Welt, worin er ſich bewegt, ſucht er Wahr⸗ er ſi heit, Edelmuth, Liebe; und ſindet natürlich nichts der als Falſchheit, Gemeinheit und Egoismus. Und als gun er ſich durch allen dieſen Betrug und alle dieſe Täu⸗ Alle ſchungen in ſeinem Glauben und in ſeiner Hoffnung zuer verletzt fühlt, da wagt er zu ſagen, es gebe keine t illi ehrbaren Frauen, keine treuen Freunde, keine edel⸗ müthigen Herzen mehr; dann läſtert er Gott durch Ausrufe, daß weder Tugend noch Wahrheit auf Er⸗ frag g vor ubens Paris bſt zu ſeiner r das idern bleibt nenſch⸗ orben⸗ Verſu⸗ n wir en die Leiden⸗ ſelbſt uf dem Engel rFrau Mann nſchen, em an⸗ en und verdor⸗ Wahr⸗ mnichts nd als ſe Täu⸗ offnung e keine e edel⸗ tt durch auf Er⸗ 179 den vorhanden ſeien— weil ſie nie in dem Mo⸗ derpfuhl der losgelaſſenen Leidenſchaften ſich finden laſſen.“ Daniel hatte zuerſt mit einer Art gezwungener Ergebung auf die Worte des Greiſes gehört; aber allmälig war der ruhige, ernſte Ton ſeiner Stimme nicht ohne Eindruck auf ſein Gemüth geblieben;— jetzt hatte er den Kopf auf die Hand geſtützt und hielt mit feſter Aufmerkſamkeit den Blick auf die Lippen des Rentmeiſters geheftet. „Es iſt noch Nichts,“ fuhr dieſer fort,„noch Nichts als die Empörung eines verirrten, aber noch tugend⸗ haften Gemüths gegen das Leid. Bald läßt er ſich zu wahrer Vergeſſenheit von Ehre und Pflicht ver⸗ leiten; und die Stimme ſeines Gewiſſens, der na⸗ gende Wurm beginnt in ſeinem Innern ſich zu rüh⸗ ren. Verfolgt von dieſem raſtloſen Ankläger, fühlt er hundert Mal die Neigung, dem Irrthum zu ent⸗ fliehen und ſeinen bedrohten Glauben zu retten; aber die Leidenſchaften behalten ſtets den Sieg. Dann bemüht er ſich, in ſeinem Geiſt den Begriff von Gut und Schlecht zu verwirren. Damit er der Verantwortlichkeit, die ihn erſchreckt, entfliehe, thut er ſich Gewalt an, um in der That an der Wahrheit der Tugend zu zweifeln, und ſucht eine Entſchuldi⸗ gung für ſeinen eigenen Irrthum in dem Vorgeben, Alles auf Erden ſei Falſchheit und Untugend. Was zuerſt ein Nothſchrei ſeiner geängſteten Seele war, dieß wird nun zu einer Binde, die er ſich ſelbſt frei⸗ willig um die Augen legt.“ „Willibald, wer hat Ihnen dieß Alles geſagt?“ fragte der Junker beſtürzt. Ohne auf Daniel's Frage zu antworten, fuhr der Greis mit größerem Nachdruck fort: „Aber nicht ſtraflos verleugnet man ſolcher Art das angeborne Gefühl der Tugend, und nicht mit eiteln Worten hebt man die Nöthigung unſerer ſitt⸗ lichen Natur auf, an das Gute und an das Wahre zu glauben. Unſer Jüngling fühlt, daß eine Leere in ſeinem Herzen entſteht, daß Finſterniß rings um ihn einfällt, daß ſeine Empfänglichkeit und ſeine Kraft, zu genießen, ſich vermindert, in dem Maße, als die Entzauberung gleich einer Schlange ihm nach dem Herzen kriecht. Bann kommen Augenblicke, wo er vor dem Ungeheuer des Zweifels, das ihn an⸗ grinst, zurückbebt; dann hört er auf die Stimme ſeines anklagenden Gewiſſens; und er würde— könnte es mit einer einzigen Anſtrengung geſchehen, — ſeine Lippen abwenden von dem vergifteten Kelche; aber ſein Hochmuth, die ſchlechten Vorbilder, der verderbliche Rath falſcher Freunde, erſticken immer die gute Einſprache ſeines Herzens.— Er, der mit ſtarkem Muthe begabt war, verfällt nun, ohne die wahre Urſache davon zu erkennen, in einen Zuſtand unbegreiflicher Schwachheit des Gemüths. Zwiſchen dem Schrei ſeines Gewiſſens und dem Rathe ſeines falſchen Hochmuthes wird er immer wieder einer er⸗ ſchlaffenden Unſicherheit zur Beute. Er will voll⸗ bringen, was gut iſt, und hat die Kraft nicht dazu; er will ſich beſtärken in dem Irrthum und thut nur Dinge, welche ihm ſelbſt Abſcheu einflößen und ſeinen Zuſtand immer mehr verſchlimmern. Aus dieſem Wechſel von Zweifel und Entſchloſſenheit, von Reue und neuen Fehltritten, von Vorſtellungen des Leids unk der ter daß ſtün ven ter alle bric ſich von Gek ich Geſ gen wäl gege „gä Zwe müt bar nun ( Jun Stir weit Aehr finde r der Art mit ſitt⸗ ahre Leere um ſeine Naße, nach , wo nan⸗ imme 12— een, elche; „der mmer r mit e die ſtand iſchen ſeines er er⸗ voll⸗ dazu; t nur ſeinen ieſem Reue Leids 181 und Unmacht zum Guten, entſteht in ſeiner Seele der peinlichſte Kampf, ein widriger Sturm unſte⸗ ter Ueberlegungen, ein Fieber ohne Raſt und Ruhe Und es iſt dann auch wohl möglich, Daniel, daß der Körper unſeres Jünglings durch das unge⸗ ſtüme Wühlen ſeines Geiſtes afficirt und ſein Ner⸗ venſyſtem krankhaft empfindlich wird. Armer, verirr⸗ ter Junge! Er iſt noch im Beſitz aller ſeiner Gaben, aller ſeiner ſittlichen Kräfte, all ſeines Glaubens. Iſt er nicht zu beklagen, daß es ihm an Muth ge⸗ bricht, durch einen einzigen Augenblick feſten Willens ſich aus dem Abgrund des Zweifels zu erheben, ſich von der ſchrecklichen Folter loszumachen, welche ſein Gehirn krank macht und ſeine Sinne verwirrt? Sollte ich mich betrügen, Daniel, wenn ich glaube, daß die Geſchichte dieſes Jünglings wohl Etwas mit derſeni⸗ gen gemein hat, welche in Ihrem eigenen Gemüth während Ihres Aufenthalts in Frankreich vor ſich gegangen iſt?“ „Ha, ha,“ ſagte der Junker mit bitterem Spotte, „gäbe Gott, daß ich nicht weiter auf der Bahn des Zweifels gekommen wäre! Ich verſtehe Ihre edel⸗ müthige Abſicht, Willibald, und bin Ihnen dank⸗ bar dafür; aber ich bitte Sie, geben Sie alle Hoff⸗ nung auf: es iſt zu ſpät!“ Der Greis erſchrack bei dieſen kalten Worten des Junkers. Mit einer gewiſſen Eilfertigkeit in der Stimme fuhr er fort: „Wohlan, ich werde die Geſchichte des Jünglings weiter verfolgen;— nicht um hierin die mindeſte Aehnlichkeit mit dem Zuſtande Ihres Gemüths zu finden, ſondern um Sie ſehen zu laſſen, was daraus entſteht, wenn man dieſe verhängnißvolle Bahn nicht bei Zeiten verläßt.— Ich habe geſagt, unſer Jüng⸗ ling habe ſeine Zuflucht zu dem verſtellten Zweifel genommen nnd ſolcher Art ſich bemüht, ſich ſelbſt eine Binde um die Augen zu legen. Und darin liegt der Beweis, daß es nicht zu ſpät iſt, wie Sie ſagen; denn wenn er eine Binde nöthig hat, um Böſes zu thun, erkennt er wenigſtens, daß das Böſe ihm Abſcheu einflößt: er huldigt noch des Menſchen ſittlicher Würde;— aber hört er nicht auf die wie⸗ derholte Warnung ſeines Gewiſſens, fährt er fort, mit dem verſengenden Feuer des Zweifels zu ſpielen, dann verſchwindet ſeine letzte Kraft für das Gute, und bald bleibt ihm kein Schatten von Macht mehr, als für das Laſter allein. Mit einer Art von Wuth wirft er ſich gegen ſein angebornes Gefühl auf; er will ſich befreien von der Unruhe, die ihn foltert; er will den Wurm tödten, der an ſeinem Herzen nagt: dann kommt der Hohn— der Blitz, hervor⸗ zuckend aus der Nacht eines ſchuldigen Gemüths, welches zu feig iſt, um zur Tugend und Wahrheit zurückzukehren. Die Gottesfurcht, die Sittlichkeit, die Geſetze der Aufopferung, das Gefühl der Pflicht, Alles, was die Leidenſchaften in ihrer Entwicklung hindert, muß dem Spotte preisgegeben werden. Und ſo, von Hohn zu Hohn übergehend— und während man denkt, ganz allein der Verneinung zu entfliehen — findet man endlich, daß man Richts verhöhnt hat, als ſein eigenes Weſen, daß man Nichts erſtickt hat, als ſeine eigene Seele. Wirft man jetzt einmal von einem klaren Standpunkte aus einen Blick in ſein eige gen mur mir Aug Her auc grür See brac Gen und unfe wele mei man gab muß Wel von mit zu l cher Auft Alſo dem Sch geſic Sop nicht züng⸗ weifel ſelbſt darin Sie „um Böſe nſchen wie⸗ fort, ielen, Gute, mehr, Wuth f; er oltert; erzen ervor⸗ nüths, hrheit it, die Bflicht, icklung Und ihrend fliehen nt hat, kt hat, al von n ſein 183 eigenes Herz, ſo bebt man zurück wie vor der widri⸗ gen Leere eines Abgrundes.“ „Schweigen Sie, ſchweigen Sie, Willibald,“ murmelte Daniel,„Sie machen mich zittern. Warum mir die unheilvolle Wahrheit ſo lebendig vor die Augen ſtellen? Ach, die furchtbare Wunde meines Herzens wird nicht heilen, ſo gewaltſam Sie dieſelbe auch aufdecken und mich zwingen, deren Tiefe zu er⸗ gründen... „Hat man eine von ſinnlichen Neigungen erfüllte Seele,“ fuhr der Greis fort,„dann iſt Alles voll⸗ bracht: der Sturm hat ausgewüthet, das erſtickte Gewiſſen beruhigt ſich in der thieriſchen Gefühlloſigkeit, und das nur im Materiellen befangene Herz wird unfähig zu jedem anderen Gefühl, als demjenigen, welches wir mit den unvernünftigen Geſchöpfen ge⸗ mein haben. Ach, ich habe geſtern gehört, wie Je⸗ mand Ihnen dieſen Zuſtand anpries, als die Auf⸗ gabe, wornach die menſchliche Wißbegierde ſtreben muß, als den Höhenpunkt der ſittlichen Größe. Welche gräuliche Läſterung! Der, welcher Etwas von ſeinem angebornen Vertrauen erhalten hat und mit dieſem Vertrauen die Macht, zu fühlen, zu lieben, zu hoffen, der ſollte ein Zwerg ſein; aber der, wel⸗ cher Nichts mehr glaubt, Nichts mehr fühlt, und der Aufopferung, der Liebe unfähig iſt, der iſt ein Rieſe! Alſo, um ſittlich groß zu ſein, muß man ſich erſt dem Thiere gleich machen! Und ſolcher Art den Schöpfer zu höhnen und der Menſchheit in das An⸗ geſicht ſpucken, das ſoll Weisheit ſein? Verächtliche Sophiſtik!“ 184 Daniel faßte die Hand des Greiſes mit convul⸗ ſiviſcher Kraft. „Willibald, o, Willibald, warum haben Sie mich nach Paris geſandt?“ rief er.„Es iſt Wahrheit, was Sie ſagen. So rollt man am Abhang des Zweifels hinunter, bis in die tieſſte Tiefe der Ent⸗ zauberung; und wenn man den Boden des Abgrun⸗ des fühlt, dann iſt das Herz eiskalt und todt für immer.“ „Das mag wahr ſein für gewiſſe Perſonen, die ich kenne,“ antwortete der Rentmeiſter.„Für Sie, Daniel, iſt es grundfalſch. Ich habe dieſe Geſchichte bis zum Aeußerſten geführt, um Ihnen zu zeigen, welches für ein Herz mit ſinnlichen Neigungen und auch, bei langer Dauer, für mehr begabte Seelen das Ende von dem Pfad des Zweifels und der Ver⸗ ſpottung iſt; aber, Gott ſei darum geprieſen, Daniel, Sie ſind ſo weit noch nicht! Glauben Sie mir, es bleibt Ihnen noch lebendige Kraft genug übrig, von der finſtern Nacht des Unglaubens ſich zu er⸗ heben.“ „Mir? Mir ſollte noch lebendige Kraft übrig bleiben? Der letzte Keim von Vertrauen ſollte nicht in meinem Herzen erſtickt ſein?“ murmelte der Jun⸗ ker mit bitterem Lachen.„Sie täuſchen ſich, Willi⸗ bald. Was iſt es anders, als die Ueberzeugung von dem Tode alles Glaubens und aller Hoffnung in mir, was mich ſo unerbittlich in der Hölle des Zweifels begraben hält?“ „Nein, Daniel, es iſt der Nothſchrei Ihrer er⸗ ſchreckten Seele, die zurückbebt vor der drohenden Entzauberung; es iſt die Stimme Ihres angebornen Tu Zei und war ein Gle ſchle zeu⸗ mei füll in Erg zwe ath dem und mei Sie den ling um heit lieb Gel find die und die nul⸗ mich rheit, des Ent⸗ grun⸗ dt für ugung ffnung e des rer er⸗ enden ornen 185 Tugendgefühls, welche Ihnen zuruft, es ſei noch Zeit, Sie zu retten. Wäre die Idee der Wahrheit und die Neigung zu dem Guten in Ihnen ertödtet, warum ſollte dann der Zweifel Ihnen Abſcheu einflößen? Warum ſollte der Gedanke, daß aller Glaube in Ihnen erſtorben ſei, Sie mit Verzweiflung ſchlagen?“ Der Jüngling ſchwieg und ſchien in ſeiner Ueber⸗ zeugung zu wanken; wenigſtens glaubte der Rent⸗ meiſter dieſes zu bemerken. Dieſe Vermuthung er⸗ füllte das Herz des Greiſes mit Freude. „O, Daniel,“ ſagte er,„haben Sie Vertrauen in meine lange Erfahrung und in meine erprobte Ergebenheit! Bleiben Sie hier, bleiben Sie nur zwei Monate hier. Sie ſollen ſehen, wie Ihnen bald Alles zulächelt, wie Ihr Geiſt durch das Ein⸗ athmen dieſer Luft, die noch nicht von dem Laſter, dem Zweifel und dem Spott angeſteckt iſt, erfriſcht und geſtärkt wird. Ja, ja, Daniel, mein Freund, mein Sohn, es iſt noch Nichts verloren! Seien Sie überzeugt, alle die Kräfte Ihres Herzens wer⸗ den wieder erblühen, gleich dem Grün des Früh⸗ lings nach einem langen Winter. Sie werden Gott um ſeiner Wohlthaten, die Natur um ihrer Schön⸗ heiten, das Leben um ſeiner ſüßen Eindrücke willen lieben. Sie werden hier, auf dem Boden Ihrer Geburt, den verlorenen Frieden des Herzens wieder finden, Leute, die Ihnen Achtung bezengen, Freunde, die Liebe für Sie empfinden, eine zärtliche Braut, und endlich auch eine theure Familie. Daniel, iſt die Zukunft nicht ſchön genug, um Sie zu einem einzigen Augenblick von Willenskraft und Entſchloſſen⸗ heit anzuſpornen?“ Der Junker ſchüttelte den Kopf, während ſeine Lippen einige unverſtändliche Worte murmelten. Er ſchien einem ſchmerzlichen Streite preisgegeben; denn bereits begann er die Arme zu ringen und über ſein Angeſicht liefen krampfhafte Zuckungen. Einige Augenblicke betrachtete der Rentmeiſter mit dem Glanz der Hoffnung auf ſeinem Angeſicht den träumenden Jüngling. Dann ſagte er mit nach⸗ drucksvollem Ton und flehend: „Daniel, ich war der Freund Ihres Vaters; ich habe Sie erzogen als meinen eigenen Sohn; ich habe auf Sie, mit einfältigem Vertrauen, alle meine Hoff⸗ nung, allen meinen Stolz, alle meine Liebe gehäuft. Ich bin Ihren verſtorbenen Eltern, meinen Wohl⸗ thätern, verantwortlich für Ihr Glück. Ach, verur⸗ theilen Sie meine grauen Haare nicht zu ewigen Gewiſſensbiſſen. Laſſen Sie mich nicht in die Grube fahren mit der Ueberzeugung, daß ich die Schuld an Ihrem Verderben tragei O, daß ich ohne Schrecken auf die Stimme Ihres Vaters antworten könnte, der mir aus dem Grabe zuruft: Willibald, Willibald, was haſt Du mit meinem Kinde gethan?“ „Mein Gott, mein Gott!“ rief Daniel in ver⸗ zweifelndem Ton,„wieder Ungewißheit und Zweifel! Was thun? Ich habe Mitleid mit Ihrer grenzen⸗ loſen Liebe, Willibald; ich gäbe die Hälfte von mei⸗ nem Leben, könnte ich thun, was Sie begehren; aber, aber Gumbert? Soll ich ihn verlaſſen, ihn verrathen?“ „Nein, er ſoll aus eigener Bewegung abreiſen, balt löſe ſie übe dere klan beb der „en ſpre wid blei ling „Ke Sie zuhe ohn eine mic Ste mei Abe Sie Sie oſſen⸗ ſeine Er denn r ſein er mit t den nach⸗ ; ich habe Hoff⸗ häuft. Wohl⸗ verur⸗ wigen Frube ld an recken e, der ibald, er⸗ eifel! enzen⸗ mei⸗ hren; „ ihn eiſen, Daniel. Ach, möchte der Herr in ſeiner Gnade Sie bald von dieſem grauſamen Feind Ihrer Seele er⸗ löſen!“ Sie hörten plötzlich außerhalb des Zimmers, wo ſie ſich befanden, einige ſchwere Männertritte, die über den Hausflur kamen, und eine luſtige Stimme, deren Töne durch die Gänge des Stockwerks er⸗ klangen. „O weh, o weh, da iſt er!“ rief der Rentmeiſter, bebend vor Verdruß und Trauer. „Gumbert! Es iſt Gumbert, der kommt!“ murrte der Junker. „Nun denn, nun denn, Daniel,“ ſagte der Greis, „entſcheiden Sie über Ihr Loos, über das meinige; ſprechen Sie, werden Sie Gumbert's falſchem Rath widerſtehen?— Werden Sie auf dem Wulfhof bleiben?“ „Nein, nein, es iſt beſchloſſen!“ rief der Jüng⸗ ling, während es ihn wie im Fieber ſchüttelte. „Keinen einzigen Tag mehr! Und, Willibald, wenn Sie noch weitere Anſtrengungen machen, mich zurück⸗ zuhalten, dann entfliehe ich von hier, ohne Mittel, ohne Lebewohl, um niemals, niemals wiederzukehren!“ „Ach, ſo ſteht es alſo!“ ſprach der Rentmeiſter, einen ſchmerzlichen Seufzer ausſtoßend.„Ich werde mich dem Schickſal unterwerfen; und, iſt Nichts im Stande, Sie von Ihrem Vorhaben abzubringen, mein Verſprechen erfüllen und Ihnen Geld vor dem Abend beſorgen; aber ich bitte Sie, Daniel, ſchenken Sie mir noch einen Augenblick Gehör, und vergeſſen Sie nicht, was ich Ihnen ſagen will. Das Geld, welches Ihnen übrig bleibt, wird einmal zu Ende 188 gehen. Dann wird wohl Etwas nach dem Ort Ihrer Geburt Sie zurückweiſen; aber Sie werden zögern; die Scham, der Hochmuth werden ſich beſtreben, Sie zurückzuhalten; Sie werden fürchten, die Armuth würde Ihnen hier zu einer bleibenden Erniedrigung werden. Hören Sie nicht auf die Eingebung dieſer Furcht: ſie iſt falſch. Ich werde durch Sorge und Arbeit Sie vor aller Noth, vor aller Erniedrigung bewahren. Sie ſollen in vollem Frieden auf dem Wulfhof leben. Zweifeln Sie nicht, meine Liebe wird mächtig genug ſein, um Sie bis dahin zu ſchützen. Daniel, glauben Sie mir, daß Sie einmal Ihr väterliches Gut und Ihren greiſen Freund Willi⸗ bald, den Frieden des Herzens und das Glück Ihres Lebens aufſuchen werden. Verſprechen Sie, mir einſt zu geſtatten, das für Sie zu thun, was Ihr ſeliger Vater für mich gethan hat!“ „Warum Sie täuſchen?“ ſeufzte der Junker mit einem traurigen Lächeln auf den Lippen. Der Ton von Gumbert's Stimme ließ ſich im Nebenzimmer hören und ſchien näher zu kommen. Mit gefalteten Händen und mit ängſtlicher Haſt ſprach der Rentmeiſter: „Vermag dieſe tröſtende Vorſicht Nichts über Sie, Daniel, ſo geben Sie das Verſprechen wenigſtens aus Dankbarkeit, aus Edelmuth. Haben Sie⸗Mit⸗ leiden mit dem alten Freund Ihres Vaters, haben Sie Mitleiden mit derjenigen, die nur gelebt hat, um Sie zu lieben. Erbarmen Sie ſich der unglück⸗ lichen Celeſta!“ „Celeſta, ja, Celeſta! Schreckliches Geſchick! Ich muß ihr Bräutigam ſein und ich ſchlage ihr eine grat ſeine Wot Won Gun mit Ant: und nehn keit woh aber war Rent cher über weni Und ſen? wahr als dort wün lacht 3 rief Ihrer gern; „ Sie rmuth rigung dieſer e n rigung f dem Liebe in zu einmal Willi⸗ Ihres r einſt ſeliger er mit ch im en. Haſt r Sie, gſtens „Mit⸗ haben hat, iglück⸗ Ich eine 189 grauſame Wunde!“ flüſterte der Junker, während ſeine Glieder krampfhaft erzitterten. „Und dennoch!“ rief er aus,„durch ein einziges Wort kann ich ſie mit Glück überhäufen! Dieſes Wort...“ Die Thüre des Zimmers wurde geöffnet, und Gumbert überraſchte den Rentmeiſter, während er noch mit gefalteten Händen den Junker um eine günſtige Antwort anflehte. Der Greis ließ die Hände ſinken und bemühte ſich, eine gleichgültige Haltung anzu⸗ nehmen. Daniel's Genoſſe ſchien die Folgen der Unmäßig⸗ keit von dem vorigen Abend nicht zu empfinden; wohl zeugte ſein Angeſicht von einiger Ermüdung; aber das Lächeln, weiches auf ſeinen Lippen ſpielte, war offener und weniger ſpöttiſch, als gewöhnlich. Auf Willibald zutretend, ſagte er: „Sie dürfen vor mir Nichts verbergen, Herr Rentmeiſter. Wenn man gewiſſe Numen mit ſol⸗ cher Kraft ausruft, daß ſie in den großen Saal hin⸗ über tönen, ſo darf man Etwas geheim zu halten wenig hoffen. Ha, ha, Sie ſprachen von Celeſta? Und Ihr junger Herr hat ſich wieder gewinnen laſ⸗ ſen? Er wird fortan auf dem Wulfhof leben, nicht wahr? Was mich betrifft, ſo bleibt mir Nichts übrig, als einzupacken und nach Paris zurückzukehren, um dort in meinem Gemach die falſchen Freunde zu ver⸗ Ha ha, wir wollen ſehen, wer hier zuletzt acht!“ „Laſſen Sie ab von dieſer Sprache, Gumbert,“ rief der Jüngling.„Wer ſich hier täuſcht, ſind Sie allein. Wir verlaſſen den Wulfhof und das Land noch heute, vor Anbruch des Abends. Und ſpotten Sie nicht: dießmal iſt mein Entſchluß ſo feſt gefaßt, daß weder Sie, noch irgend Jemand, wer es auch ſei, ſo viel über mich vermögen wird, um mich zum Bleiben bis Morgen zu beſtimmen.“ „So, ſo,“ murmelte Gumbert verwundert.„Der Wulfhof iſt alſo verkauft? Wie viel hat man dafür bekommen?“ „Er iſt nicht verkauft, und wird nicht verkauft.“ „Ach was, Daniel, keine dummen Streiche, wenn Ihnen beliebt. Halten Sie mich für einfältig genug, um Sie ohne Geld abreiſen zu laſſen?“ „Es wird Geld da ſein.“ „Ja, aber wie viel?“ Der Junker blickte den Rentmeiſter an, als wollte er ihm die Frage wiederholen. Vortretend ſprach der Greis zu Gumbert: „Erlauben Sie mir, Ihnen die Sache zu erklä⸗ ren. Frau van Ederdael will das Landgut mit den dazu gehörenden Feldern und Waiden wohl kaufen, aber ſie bietet um dreizehntauſend Franes weniger, als unſere Schätzung beträgt. Ich habe Jemand aufgefunden, der bereit iſt, Daniel dieſen ganzen Be⸗ trag, den unbelaſteten Theil, wohl zu verſtehen, auf ſeine Güter vorzuſchießen.“ „Teufel!“ brummte Gumbert,„das muß ein ſchlimmer Vogel, oder ein Einfaltspinſel ſein. Dieſe Perſon wird uns demzufolge hundertdreizehntauſend Franecs verſchaffen?“ „Jo, hundertdreizehntauſend Francs.“ „Heute? dann habe ich Nichts dagegen einzuwen⸗ län ode geg The zuzi ver Die das Land potten efaßt, ach h zum „Der dafür kauft.“ wenn genug, wollte erklä⸗ nit den kaufen, enier, emand zen Be⸗ en, auf uß ein Dieſe tauſend nzuwen⸗ 191 den. Ich ſtimme ſelbſt dafür, keine Minute länger hier zu bleiben, ſobald nur einmal das Geld klingt.“ „Wenn man ihm einige Tage Zeit läßt, ſo kann der Darleiher wahrſcheinlich die ganze Summe wohl zuſammenbringen,“ bemerkte der Rentmeiſter.„Sie begreifen, mein Herr, daß man nicht hundertdreizehn⸗ tauſend Francs baares Geld zu Hauſe behält, und daß man, um eine ſo anſehnliche Bezahlung zu ma⸗ chen, viele Papiere, Staatsobligationen in kurrente Werthe umſetzen muß.“ „Was bedeutet dieſe vorbereitende Erklärung?“ rief Gumbert mit ſpottendem Ton.„Wollen Sie uns mit leeren Händen abſchicken? Das wird Ihnen nicht gelingen, Rentmeiſter!“ Der alte Willibald behauptete, obwohl er ſich durch die Unart Gumbert's verletzt fühlte, ſeine ernſte Ruhe. Ein beinahe unſichtbares Lächeln heimlicher Verachtung war das einzige Zeichen ſeines Verdruſſes. „Möge Herr Daniel duf dem Wulfhof bleiben, je länger, je lieber!“ ſagte er.„Ich bin es nicht, der ihn antreibt, nach Paris zurückzukehren. Aber er will heute noch abreiſen; auf ſein Erſuchen habe ich ihm verſprochen, den Darleiher aufzuſuchen und allein oder mit ihm nach Kortryk zu fahren, um daſelbſt gegen Erlegung von Papieren zum Mindeſten einen Theil des Anlehens zu erheben.“ „So? das ſcheint mir nicht mit rechten Dingen zuzugehen. Wie viel werden Sie uns denn wohl verſchaffen?“ „Wahrſcheinlich ungefähr fünfzigtauſend Francs. Dieß ſcheint mir zureichend, um einige Wochen auf das Uebrige warten zu können.“ „So, das ſcheint Ihnen zureichend!“ ſpottete Gumbert.„Ich möchte doch wiſſen, was Herr Daniel davon denkt.“ „Das iſt nicht genug, Willibald,“ ſagte der Jun⸗ ker.„Ich bitte Sie, beſtreben Sie ſich, uns eine anſehnlichere Summe beizuſchaffen.“ „Nun wohl, ich will mir Mühe geben, um ſech⸗ zigtauſend Francs in Wechſeln auf Paris aufzubrin⸗ gen,“ antwortete der Rentmeiſter.„Iſt es ſo recht?“ Der Junker ſchüttelte verneinend das Haupt; doch ſcheute er ſich, wie es ſchien, eine größere Summe zu verlangen. „Fort, fort,“ rief Gumbert,„mit all dieſem Zau⸗ dern und Zögern kommen wir nicht zu unſerem Zwecke. Um abreiſen zu können, brauchen wir hunderttauſend Francs.“ „Hunderttauſend Francs?“ wiederholte der Greis. „Was wollen Sie denn mit dieſer Summe anfangen, daß Sie dieſelbe ſo auf der Stelle begehren?“ „Bah, bah, warum etwas verbergen, was ſo ganz gewöhnlich und natürlich iſt?“ ſagte Gumbert. „Sehen Sie, Rentmeiſter, wir haben zu Paris noch ſehr bedeutende Schulden. Die Richtigkeit derſelben iſt von Daniel und von mir anerkannt. Es iſt uns nicht möglich, den Fuß nach Paris zu ſetzen, wenn wir nicht die nöthigen Gelder haben, um unſere Hondſchrift einzulöſen. Sie allein belaufen ſich auf die Summe von ſechzigtauſend Franecs.“ „Himmel! Sie haben eine Schuld von ſechzigtau⸗ ſend Francs?“ rief der Rentmeiſter mit ängſtlicher Beſtürzung. „Nun, nun, was iſt daran ſo unnatürlich und ſo ſich wär ſein ger in 3 wir nich Ihn verſe hunt doch ſechz Dan keit abre ich War mir ith Uüh unſet Teuf den ( ottete aniel Jun⸗ eine ſech⸗ ubrin⸗ cht doch umme Zau⸗ wecke. mſend Greis. mgen, s ſo mbert. nch ſelben ſt uns wenn unſere ch auf igtau⸗ ſtlicher h und 193 ſo verwunderlich?“ ſagte Gumbert.„Stellen Sie ſich doch nicht, als ob Sie ſo ganz außer Faſſung wären, Rentmeiſter; es muß Ihnen wohl gleichgültig ſein, ob wir ſechzigtauſend Francs mehr oder weni⸗ ger zu verzehren haben; aber Sie werden, hoffe ich, in Folge meiner Erklärung ſich überzeugt halten, daß wir mit weniger als hunderttauſend Francs uns nicht auf den Weg machen können.“ Herr Willibald beruhigte ſich wieder und ſagte: „Es ſei ſo; ich werde mein Beſtes thun, um Ihnen heute noch die höchſt mögliche Summe zu verſchaffen. Bin ich nicht im Stande, die vollen hunderttauſend Francs aufzutreiben, ſo glaube ich doch vorausſagen zu können, daß ich Ihnen über ſechzigtauſend Francs bringen werde. „Mehr, viel mehr, Rentmeiſter.“ „Laſſen Sie mich es verſuchen; ich hoffe, Herr Daniel ſoll Grund haben, mit meiner Dienſtwillig⸗ keit zufrieden zu ſein. Ich werde auf der Stelle abreiſen. Wenn mir Alles nach Wunſch geht, werde ich den Nachmittag mit dem Gelde zurück ſein. Warten Sie alſo mit Geduld meine Rückkehr ab.“ Der Greis verließ das Zimmer. „Kommen Sie, Daniel,“ ſagte Gumbert,„es iſt mir etwas dumm im Kopfe; Ihrem Geſicht nach zu urtheilen, muß Ihnen das Gehirn auch ein Bischen glühen. Die friſche Luft wird uns wohl thun, und ich habe noch mit Ihnen ein ernſtes Wort über unſere Angelegenheiten zu ſprechen. Warum zum Teufel haben Sie ſich die Peitſche ſo plötzlich an den Hals gelegt, daß Sie gleich einem Schuldner, Conſcience, Leid der Zeit. 13 194 den man einkerkern will, von hier zu entfliehen ge⸗ denken? Kommen Sie, kommen Sie, wir wollen im Spazierengehen davon reden...“ Daniel folgte ſeinem Freund ſchweigend durch den Hausflur und über den Vorplatz: beide ver⸗ ſchwanden in den Krümmungen eines ſchattigen Fuß⸗ Am Nachmittag hielt ein Wagen mit zwei Pfer⸗ den beſpannt innerhalb des Thores vom Wulfhof, nicht fern von der Hausthüre. Jodokus, der Piener, ſtand am Kutſchenſchlag, bereit, den Tritt niederzulaſſen. Er ſchaute zu Boden und träumte; nur zuweilen wandte er den Kopf ein wenig beiſeite und richtete dann einen flüchtigen Blick nach einem fernen Winkel des Vorplatzes, wo ein mit der Schürze vor dem Geſicht, weinend tand. Unter den Thüren der Ställe und Scheunen ſah man Knechte und Mägde ſtehen, die von Zeit zu Zeit den Kopf herausſtreckten, behutſam um ſich ſchauten, einen Blick der Verachtung auf Jodokus warfen und ſich dann mitleidig wieder nach der armen Kuhmagd Barbara hinwandten.„Ein einfältiges, gutherziges Lamm,“ dachten ſie,„das noch Thränen vergießen kann, da der rothhaarige Taugenichts ab⸗ zit dem ſie doch allen ihren Schmerz zuzuſchreiben at!“ Alle ſchwiegen, aus einer Art Beſorgniß oder Scheu. Ueber dem Wulfhof hing eine feierliche Stille. Selbſt die Thiere, ihre Mittagsraſt haltend, en ge⸗ len im durch e ver⸗ nFuß⸗ Pfer⸗ ulfhof, ſchlag, Boden f ein n Blick vo ein einen en ſah eit ze m ſich odokus armen iltiges, hränen a⸗ reiben oder ierliche altend, 195 verriethen ihre Gegenwart nicht durch das mindeſte Geräuſch... Die Thüre des Hauſes wurde geöffnet. Daniel und ſein Freund traten auf den Vorplatz; der alte Willibald, bleichen Angeſichts, aber ſcheinbar ruhig, folgte ihnen. „Alſo, Herr Rentmeiſter,“ ſagte Gumbert,„Sie bleiben uns dreiunddreißigtauſend Francs ſchuldig? Wir dürfen uns feſt darauf verlaſſen, daß Sie uns dieſe Summe auf unſere erſte Aufforderung hin zu⸗ ſenden?“ „Nach Verfluß eines Monats, auf Herrn Daniel's erſte Aufforderung,“ war die ruhige Antwort. „Es iſt gut ſo. Kommen Sie, Daniel, nicht ge⸗ zögert! Wir reiſen!“ Der Junker faßte die Hand des Greiſes und ſprach, ſie warm drückend, mit erſtickter Stimme: „Leben Sie wohl, guter Willibald; haben Sie Mitleid mit meinem Looſe.. Und fragt Sie eine edelherzige Frau, die mir eine zweite Mutter war, und fragt Sie ein Engel, der meine Jugend mit dem Licht ihrer reinen Liebe beſtrahlte, welchen Gruß ich Ihnen beim Abgehen für ſie aufgegeben habe, ſo ſagen Sie denſelben, ich flehe ſie an, in ihren Gebeten des Unglücklichen nicht zu vergeſſen, der bis zu ſeinem letzten Seufzer das lebendige Andenken an ihre wunderbare Güte bewahren wird. Leben Sie wohl, leben Sie wohl!“ „Daniel, erinnern Sie ſich meiner letzten Worte von dieſem Morgen!“ ſtammelte der Rentmeiſter ſeufzend.„Ich werde zu Gott beten, reinere Herzen werden zu Gott beten, daß er Sie vom des Abgrundes zurückhalte. Leben Sie wohl und ver⸗ zweifeln Sie nicht... mein armer, mein unglück⸗ licher Daniel!“ Stille Thränen fielen über des Greiſes Wongen, und er legte ſeine beiden Hände über die Augen. Ein dumpfer Schrei entſchlüpfte des Junkers Bruſt Aber Gumbert faßte ihn lachend am Arm und zog ihn nach dem Wagen. Die Kutſche wurde geſchloſſen. „Jodokus, gib den Pferden die Peitſche!“ rief Gumbert.„Vorwärts! und zeige, daß Du Dein Handwerk verſtehſt.“ Peitſchengeknall ertönte über den Vorplatz; die Pferde, von den Hieben geſtachelt, ſtampften unge⸗ duldig zu Boden und ſchoſſen wie wüthend durch das Thor des Wulfhofes hinweg. Der Sand von der Straße flog in die Höhe und bald verſchwand die Kutſche in einer grauen Staubwolke. Der Rentmeiſter ging langſamen Schrittes in das Haus zurück... Die Todtenſtille blieb über dem Wulfhof hängen, als wäre nichts geſchehen. Ein einziger Schrei hatte ſich hören laſſen; es war ein Schmerzensſchrei, von der Kuhmagd Barbara ausgeſtoßen, als ſie den Mann, welchen ſie ſo viele Jahre geliebt hatte, ohne ein Wort des Abſchiedes verſchwinden ſah. das Wu und und Bah 2 ꝙCrj Frü ſant Blä wöl ließ auf ihre Zeit gab zwe ihre Ger ver⸗ glück⸗ ngen, n. nkers am rief Dein die unge⸗ das der d die s in über ehen. war bara viele iedes IX. Sobald Barbara die Kühe gemolken hatte und das erſte Morgenwerk abgethan war, verließ ſie den Wulfhof, mit einem blanken Milchkrug am Arme, und ſchlug die Landſtraße über die Hügel ein. Die Sonne ſtand bereits über dem Horizonte und ſchimmerte in voller Pracht auf ihrer tiefblauen Bahn. Unter ihrer heilſamen Wärme entfalteten die Frühlingsblumen ihre Kelche; die Vögel hüpften und ſangen von Lebensfreude zwiſchen den glänzenden Blättern; der letzte Nachtdunſt qualmte aus dem Schvoße der Gebüſche wie verſchwindende Weihrauch⸗ wölkchen in die Höhe.. Barbara, das ſtarkmüthige und fröhliche Mädchen, ließ nun den Kopf auf die Bruſt hängen und wankte auf dem Wege dahin. Ihre Augen waren roth und ihre Wangen bleich; und die Seufzer, die von Zeit zu Zeit ihrem gepreßten Herzen entſchlüpften, gaben Zeugniß von tiefem Kummer und bitterer Ver⸗ zweiflung. So ſetzte ſie, in tiefem Nachdenken dahinirrend, ihren Weg fort, ohne daß eine einzige Geberde ihre Gemüthsbewegungen verrieth. Nur einmal blieb ſie ſtehen. Beinahe vor ihren Füßen fielen zwei Vögelchen auf die Erde nieder und überraſchten ſie durch ihr heftiges Geſchrei. Die ar⸗ men Thierchen ſchienen mit einander kämpfen zu wol⸗ len, aber es war nichts als Scherz und Spiel; denn gleich darauf flogen ſie wieder empor, wirbelten hin⸗ ter einander in die Luft und bald ertönte aus den Bäumen ihr fröhliches Gezirp. Dann ſetzte ſich einer der Vögel kecken Muths auf den äußerſten Zweig einer Weide und ſandte von da ein Lied in die Höhe, ſo lebhaft, ſo kräftig und ſo begeiſtert, daß Barbara dadurch gerührt wurde. Der andere Vogel ließ ſich wieder auf den Boden nieder, nahm einen Stroh⸗ halm in ſeinen Schnabel und flog damit der Tieſe eines jungen Eichenſchlags zu. Zwei Thränen fielen glitzernd von den Wangen des träumenden Mädchens, und ſie richtete einen traurigen Blick zum Himmel, als wollte ſie Gott Etwas klagen; aber ſie ließ das Haupt wieder herab⸗ fallen, hängte den Milchkrug an den andern Arm und ſette ihren Weg mit mehr Eile als zuvor, wieder fort. Enblich trat ſie in eine Allee, welche vom Wege aus ſich an dem mäßigen Abhang des Hügels hin⸗ unterzog. Einige Augenblicke hernach trat ſie durch eine offenſtehende Zaunhecke, ſchritt über einen baum⸗ reichen Hof, bis ſie vor der Thüre eines kleinen, aber hübſch ausſehenden Landhauſes ſtand, wo ſie an⸗ läutete. Eine alte Magd, mit einer Kanne in der Hand, öffnete die Thüre und ſagte: „Ah, guten Tag, Bärbelchen. Du darfſt nicht fortgehen, hörſt Du? Fräulein Celeſta hat geſagt, ſie möchte Dich gern ſprechen. Gib mir die Milch und komm herein; ich will es unſerem Fräulein mel⸗ den. Aber täuſche ich mich nicht? Haſt Du geweint? Augen ſind roth, liebes Kind! Jodokus, nicht wahr?“ Barbara ſeufzte, während ſie die Milch in die Kanne goß. den pei ich einer weig öhe, bara ſich troh⸗ Tiefe ngen einen Gott erab⸗ und fort. Pege hin⸗ urch wum⸗ aber an⸗ and, nicht ſagt, Kilch mel⸗ int? nicht inne 199 „Ach, Thereſe, er iſt abgereiſt!“ „Abgereiſt? Wie meinſt Du das? Wohin?“ „Nach Paris, Thereſe, nach Paris, und für im⸗ mer! Ich werde ihn nie mehr auf dieſer Welt ſehen.“ Die Magd faßte ſie bei der Hand und zog ſie in das Haus hinein. „Komm in die Küche,“ ſagte ſie,„und erkläre mir einmal, was dieß bedeutet. Ich will Dir eine Taſſe Kaffee geben; wir wollen einen Augenblick mit einander plaudern. Unſer Fräulein iſt noch nicht herunter. Da, ſetz' Dich her.“ Sobald Barbara, ganz willenlos, ihr Begehren erfüllt und ſich an dem Tiſche niedergeſetzt hatte, ſchenkte die Magd ihr eine Taſſe Kaffee ein und fragte mit lebhafter Neugierde: „Abgereiſtt iſt er alſo, ſagſt Du? Allein?“ „Nein, Thereſe, mit Herrn Daniel und mit dem fremden Herrn. Sie ſind alle zuſammen nach Paris, und kommen nicht mehr.“ „Wie? Was?“ flüſterte die Magd.„Herr Da⸗ niel iſt nach Paris abgereiſt? Unmöglich, Barbara, unſer Fräulein weiß nichts davon!“ „Haſt Du geſtern, gegen Abend, keine Kutſche mit zwei Pferden vorbeifahren geſehen?“ „Ja, die Pferde flogen auf der Straße dahin und die Staubwolken ſtiegen bis über die Bäume hinauf.“ „Nun, in dieſer Kutſche ſaß Daniel mit dem frem⸗ den Herrn; und Jodokus war es, der die Pferde ſo peitſchte und antrieb... weil er vielleicht beſorgte, ich möchte ihn zu lange ſehen können!“ Während ſie die letzten Worte ſprach, führte ſie 200 den Zipfel ihrer Schürze vor die Augen und begann wie leiſe zu weinen. beſſe „Geh', geh', Du mußt darum nicht weinen, Bär⸗ zu t belchen,“ ſagte die alte Magd.„Ein Mädchen, wie 3 Du, friſch, arbeitſam und ehrlich, kann zwiſchen Hun⸗. Bar dert wählen, die beſſer ſind als er. Beklage eher unſer Fräulein. Für ſie iſt es ein ſchlimmes Ding, mein Kind. Sie iſt von Kindesbeinen an auferzogen und worden, Daniel's Frau zu werden, und jetzt iſt die mein Hoffnung ihres ganzen Lebens vernichtet! Aber ich gera begreife es nicht wie kann Herr van Hoogeland nach mir, Paris abreiſen, ohne Abſchied von unſerem Fräulein mich zu nehmen? Thomas, der Knecht vom Wulfhof, be⸗ woll gegnete mir geſtern, als ich aus der Kirche kam; und von Herrn Daniel ſprechend, legte er den Finger ſam? an die Stirne, als wollte er ſagen, ſeinem jungen dami Herrn fehle es im Kopfe. Das verhüte der barm⸗ herzige Gott! Es wäre ein ſchreckliches Unglück, und Elter unſer Fräulein würde ſich gewiß zu Tode härmen. Sage, Barbara, es iſt ſicher Nichts daran? Junker ſeine Daniel iſt im Beſitz ſeines vollen Verſtandes?“ „Ich weiß nicht, was ſie haben,“ antwortete die Mäd Kuhmagd zwiſchen ihren Thränen.„Sie ſcheinen zh bezaubert; aber es iſt gleich, Thereſe; ſie ſind doch Müh abgereiſt, und Jodokus iſt für immer fort.... Ach, mein wie iſt es möglich, daß die Menſchen einander ſo Jode viel Herzeleid anthun können? Glücklichſein iſt doch ren, etwas ſo Gemächliches!“ dann „Nun, Bärbelchen, Du mußt Dich tröſten,“ ſagte die alte Frau mitleidig.„Die Wahrheit zu ſprechen, brum Jodokus mit ſeinem rothen Kopf war doch nicht ſo die r ſchön, daß Du ihn lang betrauern ſollteſt; und ſo 7 egann Bär⸗ t, wie Hun⸗ eher Ding, zogen ſt die er ich nach iulein f, be⸗ kam; inger ingen am⸗ und men. unker e die inen doch Ach, r ſo doch agte chen, t ſo d ſo 201 wie ich Dir eben ſagte, wirſt Du recht bald eine beſſere Gelegenheit finden, um in Deinen Hausſtand zu treten.“ „Die Gelegenheit habe ich bereits,“ murmelte Barbara. „So! und iſt es eine gute?“ „Geſtern, gegen Abend, bin ich voll Betrübniß und Verzweiflung nach Sweveghem gelaufen, um meinem Oheim mein Unglück zu klagen. Da war gerade Francis Keukelaer, ein entfernter Vetter von mir, der mir immerdar Zuneigung bezeigt hat, und mich nun ſehr ernſtlich fragte, ob ich ihn heirathen wolle?“ „Und iſt er ein flinker Burſche? Iſt er arbeit⸗ ſam? Und hat er auch Etwas, um den Haushalt damit anzufangen?“ „Er iſt geſund und gut von Herzen, und ſeine Eltern können ihm vorwärts helfen.“ „Nun, Du einfältige Trine, warum nimmſt Du ſeinen Antrag nicht an?“ „Ja, Thereſe, das iſt leicht geſagt,“ ſeufzte das Mädchen.„Wenn Du Jahre lang nur ein Gefühl ſi haſt, dann koſtet es wohl viel Schmerz und Nühe, um es zu vergeſſen. Und doch, ich würde mein Leben lang keine Ruhe haben. Mein armer Jodokus muß einmal mit beſſern Gedanken heimkeh⸗ ren, und ſollte mich verheirathet finden? Würde ich dann nicht die Schuld an ſeinem Unglück tragen?“ „H, o, Du treibſt den Edelmuth zu weit,“ brummte die Magd;„für einen Mann, welcher nicht die mindeſte Zuneigung zu Dir hat?“ „Nein, nein, Du irrſt Dich,“ rief Barbara mit 202 neuen Thränen.„Jodokus iſt verführt, aber er liebt mich gleichwohl noch: ich habe es mehr als einmal an ſeinen Augen bemerkt; und als er geſtern da⸗ ſtand, um abzufahren, war er blaß und ich konnte ſehen, wie ihm das Herz unter ſeinem Rock klopfte!“ Man klingelte im Hauſe. „Unſer Fräulein ruft,“ ſagte die Magd;„ſie wird Deine Stimme gehört haben. Komm' mit mir; ich werde Dich in den Saal bringen, wo ſie auf Dich wartet.“ Von der weinenden Magd gefolgt, trat ſie in einen Gang, öffnete eine Thüre und ſagte: „Fräulein Celeſta, hier iſt Barbara, die Kuh⸗ magd, mit welcher Sie zu ſprechen wünſchen.“ Und indem ſie das Mädchen mit dem Arm in den Saal ſchob, flüſterte ſie ihr noch in das Ohr: „Wenn Du hier fertig biſt, ſo komm' in die Küche. Wir wollen noch ein wenig zuſammen ſchwatzen: ich werde Dir einen guten Rath geben und Dich tröſten.“ Damit zog ſie die Thüre hinter der Kuhmagd zu und verſchwand in dem Gang. Frau van Berg und Celeſta ſaßen an einem Tiſch, worauf das Frühſtück für ſie aufgetragen war. Beide ſtanden verwundert von ihren Stühlen auf, als ſie die Kuhmagd mit Augen voll Thränen er⸗ ſcheinen ſahen. „Ich gedachte, Dich nach Neuigkeiten vom Wulf⸗ hof zu fragen,“ ſagte Celeſta;„aber Du ſiehſt ſo bedrückt aus, Bärbelchen? Iſt Dir etwas Schlimmes widerfahren?“ „Warum weinſt Du ſo bitterlich, liebes Kind?“ fragte Celeſta's Tante. ſchluo mer gleich rigen antwi den L Jodo hieher . auszu Dich ſie w nach blau⸗ Berg. zeugt wahr, der c goſſe er liebt einmal rn da⸗ konnte opfte!“ „ſie mir; ie auf ſie in Kuh⸗ m in Ohr: n ich öſten.“ gd zu einem nwar. n auf, en er⸗ Wulf⸗ hſt ſo immes eind?“ 203 „Ach, gnädige Frau, ach, Fräulein Celeſta,“ ſchluchzte das Mädchen,„ſie ſind abgereiſt, für im⸗ mer abgereiſt!“ „Wer iſt abgereiſt?“ fragten beide Damen zu⸗ gleich, nicht ohne ein gewiſſes Vorgefühl der trau⸗ rigen Botſchaft. „Herr Daniel, Jodokus und der fremde Herr,“ antwortete Barbara.„Geſtern Nachmittag haben ſie den Wulfhof verlaſſen, um nach Paris zurückzukehren. Jodokus hat mir geſagt, ſie werden nie, nie mehr hieher kommen.“ „Jodokus hat dieß gewiß nur geſagt, um Dich auszulachen!“ rief Celeſta erbleichend.„Du haſt Dich anführen laſſen, Barbara. Es iſt unmöglich: ſie werden nach Kortryk, vielleicht nach Gent, oder nach Brüſſel gereiſtt ſein.“ „Ha, ha, die einfältige Barbara hat ſich einen blauen Dunſt vormachen laſſen,“ ſtotterte Frau van Berg.„Und darum weinſt Du alſo?“ „Ich weine, weil ich von meinem Unglück über⸗ zeugt bin,“ ſeufzte das Mädchen.„Wäre es nicht wahr, was Jodokus mir ſagte, warum ſollte dann der alte Rentmeiſter bei der Abreiſe Thränen ver⸗ goſſen haben?“ „Herr Willibald hat Thränen vergoſſen?“ rief Frau van Berg. „Ja; und ich habe gehört, wie er mit krampf⸗ hafter Stimme zu dem Junker ſagte: ich werde für Sie beten, mein armer, mein unglücklicher Daniel!“ Ein halberſtickter Schrei entſchlüpfte Celeſtas Bruſt, und ſie ſank, mit den Händen vor den Au⸗ gen, auf ihren Seſſel nieder. 204 Auf Frau van Berg brachte die Ueberzeugung von der Wahrheit der überraſchenden Kunde einen andern Eindruck hervor. Ihr Angeſicht ſchien ſich mit der Röthe der Entrüſtung zu färben und ihre Lippen zogen ſich zu einem bitkern Lächeln zuſammen. „Es iſt unbegreiflich!“ murrte ſie.„Abreiſen ohne Abſchied, ohne Lebewohl! Wenn er nicht mit völligem Wahnſinn geſchlagen iſt, muß er den letzten Funken von Gefühl für das, was ſchicklich iſt, ver⸗ loren haben. Komm näher, ſprich einmal deutlich, Barbara. Was iſt denn geſtern auf dem Wulfhof geſchehen? Was kann die Urſache einer ſo unerwar⸗ teten Abreiſe ſein?“ „Ich weiß es nicht, gnädige Frau,“ antwortete die Magd;„den Abend zuvor, wie ich geſtern The⸗ reſe, Ihrer Magd, geſagt habe, war Herr Daniel mit ſeinem Freunde recht luſtig geweſen; ſie hatten viel Wein getrunken und ſeltſame Lieder geſungen. Geſtern Morgen war Herr Daniel ſehr frühe auf; der Rentmeiſter iſt lang allein bei ihm geblieben. Was ſie mit einander geſprochen haben, iſt mir un⸗ bekannt; aber der Rentmeiſter ließ in aller Eile ein Pferd anſpannen und iſt nach Kortryk gefahren. Ich ſah ihn Nachmittags zurücktehren; er war bleich und ſchien äußerſt bekümmert und unruhig. Während er ſich im Hauſe bei Herrn Daniel befand, hat Jodo⸗ kus die alte Kutſche auf den Vorplatz gezogen und die zwei beſten Pferde eingeſpannt. Herr Daniel und ſein Freund ſtiegen ein; der Rentmeiſter begann zu weinen, und die Kutſche verſchwand in einer Staubwolke.“ „Mein Gott, was für ſeltſame Dinge ſind das!“ . eugung einen en ſich d ihre mmen. breiſen cht mit letzten ver⸗ eutlich, ulfhof erwar⸗ vortete n The⸗ Daniel hatten ungen. e auf; lieben. ir un⸗ ile ein . Ich ch und end er Jodo⸗ n und Daniel en einer das!“ . 205 murmelte die beſtürzte Dame.„Es iſt gut, Bar⸗ bara, wir danken Dir.“ Die Kuhmagd empfahl ſich mit einigen leiſen Worten und verließ gebeugten Hauptes den Saal. Eine Weile ſchaute Frau van Berg auf Celeſta, die wie vernichtet von der unglaublichen Botſchaft, noch ſtill, die Hände vor den Augen, daſaß. Dann rief ſie im Tone der Entrüſtung: „H, das geht wahrhaftig zu weit! Es iſt ein blutiger Schimpf. Das iſt alſo der Lohn meiner Aufopferung und meiner Liebe, der Lohn von zwan⸗ zig Jahren Sorge für ſein Glück! Eine Magd muß kommen und uns ſagen: er iſt abgereiſt. So hat er die Erinnerung an ein ganzes Leben in ſeinem Herzen erſtickt? Abſcheuliche Undankbarkeit!“ Die Jungfrau hielt beide Hände zu ihrer Tante empor und ſchien mit traurigem Blick um Schonung für Daniel zu flehen; aber die alte Dame, durch hre eigenen Worte gereizt, antwortete auf ihre ſtille itte: „Nein, nein, es iſt geſchehen: keine Entſchuldigung mehr. Ich werde dem Gebot meiner verletzten Würde Folge leiſten. Mein Beſchluß iſt unwiderruflich ge⸗ faßt. Seit langer Zeit habe ich, wie Du weißt, Luſt, zu meiner Schweſter nach Brüſſel zu ziehen. Sie iſt Wittwe, ohne Kinder, und langweilt ſich in ihrer Einſamkeit. Wenn ich Jahre lang ihren Bit⸗ ten widerſtanden habe, ſo geſchah es allein aus Liebe für Dich und für ihn. Ich hoffte hier einmal ein Mitglied einer glücklichen Familie zu werden. Nun iſt dieſe Hoffnung für immer vernichtet. Heute noch will ich an meine Schweſter ſchreiben und ihr an⸗ 206 zeigen, daß ich endlich ihrem Wunſche willfahren und bis ans Ende meines Lebens bei ihr zu Brüſſel woh⸗ nen werde. Man ſpreche mir nicht mehr von dem Undankbaren, der mit der bitterſten Entzauberung unſer Herz ſo ſchwer verwundet!“ „Beruhige Dich, liebe Tante!“ bat Celeſta. „Habe noch ein Bischen Mitleid mit dem unglück⸗ lichen Daniel!“ „Mitleid?“ wiederholte die erzürnte Dame,„Mit⸗ leid mit demjenigen, der nicht einmal ſo viel Er⸗ kenntlichkeit beſitzt, um uns gegenüber nur artig zu ſein?“ „So ſei wenigſtens barmherzig gegen mich!“ ſeufzte die Jungfrau.„Du nennſt ihn undankbar, Du klagſt ihn ſchonungslos an; ach, begreifſt Du denn nicht, daß jedes Deiner Worte mich erzittern macht und mir grauſam in's Herz ſchneidet? Daniel iſt krank; ſeine aufgeregten Nerven treiben ihn zu unerklärlichem Thun. Er iſt ſo unglücklich! Sollen wir, anſtatt ihn zu beklagen und Gott um ſeine Ge⸗ neſung zu bitten, uns gegen ihn erbittern laſſen und ihm ſeine Krankheit ſelbſt als eine Miſſethat an⸗ rechnen?“ Während die Jungfrau dieſe Vorte ſprach, floſſen ſtille Thränen ihr über die Wangen. Es war ſichtbar genug, daß ſie nicht ganz an ihre eigenen Worte glaubte. Frau van Berg erkannte das wohl; auch ant⸗ wortete ſie mit einem ſcharfen Lächeln auf den Lippen: „Nun, nun, Celeſta, täuſche Dich ſelbſt nicht, mein Kind. Krank oder nicht krank; ſo beträgt ein Men fühl gegr nicht gen arm hoffe mit van ſage Thre Aufk daß Dich druß nen wie blute Lebe e Seu Dam demi mußt das iſt H derm verw erfah ren n ſel woh⸗ n em uberung Celeſta. unglück⸗ „Mit⸗ viel Er⸗ artig zu mich!“ ankar, ifſt Du rzittern Daniel ihn zu Sollen ine Ge⸗ en und at n⸗ floſſen ſichtbar Worte h ant⸗ ippen: nicht, igt ein 207 Menſch ſich nicht, wenn noch das mindeſte gute Ge⸗ fühl in ihm übrig bleibt.“ „Aber, liebe Tante, wenn Barbara uns eine un⸗ gegründete Nachricht gebracht hätte? Du kannſt es nicht wiſſen. Herr Willibald wird uns dieſen Mor⸗ gen gewiß beſuchen; laß uns abwarten, ehe wir den armen Daniel verurtheilen.“ „Du machſt vergebliche Anſtrengungen, um noch hoffen zu können, Celeſta,“ ſagte Frau van Berg mit großer Kälte.„Es mag ſein, wie es will. Herr van Hoogeland iſt abgereiſt, ohne uns Lebewohl zu ſagen, und der alte Willibald hat bei ſeiner Abreiſe Thränen vergoſſen. Das iſt genug: eine andere Aufklärung iſt nicht nöthig, um mich zu überzeugen, daß Barbara uns die Wahrheit geſagt hat. Was Dich betrifft, Celeſta, ſo glaube nicht, daß mein Ver⸗ druß über Daniel's grobe Unhöflichkeit mich für Dei⸗ nen Schmerz gefühllos macht. Ich begreife völlig, wie unglücklich Du ſein mußt: wie Dir das Herz bluten muß bei dem Untergang der Hoffnung Deines Lebens.. Die Jungfrau fuhr wieder, einen ſchmerzlichen Seufzer ausſtoßend, mit der Hand nach den Augen. „Aber da das Schickſal uns trifft,“ fuhr die alte Dame fort,„was können wir anders thun, als demüthig unter ſeine Schläge uns beugen? Du mußt eine unmögliche Erwartung aufgeben, Celeſta; das Gefühl Deiner Würde gebietet es Dir. Nun iſt Herr van Hoogeland nach Paris abgereist. Je⸗ dermann wird ſich über dieſen unerklärlichen Schritt verwundern; man wird davon ſprechen, man wird erfahren, was geſchehen iſt. Könnteſt Du wohl ohne Schaam in die Kirche zu gehen wagen, wenn Jeder⸗ mann fragend Dir in's Angeſicht ſähe und Dich als ein unglückliches Mädchen beklagte, das in ſeiner Hoff⸗ nung und in ſeiner Liebe betrogen worden iſt? Du darfſt in dieſer Gegend nicht bleiben, Celeſta: Deine Ehre, Deine Zukunft erfordert, daß Du Dich von einem Orte entfernſt, wo Dir ſolcher Schimpf angethan wurde. Folge meinem Rath: ziehe mit mir nach Brüſſel.“ „O, nein, nein, ſprich davon nicht,“ flehte die Jungfrau.„Den Ort meiner Geburt verlaſſen? Nicht allein ihm, Allem, was ich geliebt habe, ein ewiges Lebewohl ſagen? ſondern auch allen den Gegenſtänden, die ſeine glückliche Jugend geſehen haben? Ich bitte Dich, liebe Tante, aus Mitleid mit meinem bittern Schmerz, laß ab von Deinem hoffnungsloſen Beſchluß!“ „Unmöglich, Celeſta! mein Vorſatz iſt unabänder⸗ lich. Du kennſt mich; ich bin gut und bis zum Aeußerſten duldſam; aber wenn ich durch Etwas tief verletzt werde, dann iſt es aus. Du biſt unabhängig durch Dein Vermögen; und willſt Du mir nicht folgen, ſo kannſt Du, nach Belieben, hier oder an⸗ derswo leben. Ich wage jedoch nicht zu denken, Celeſta, Du werdeſt Deine alte Tante, Deine gute Pflegemutter verlaſſen, um Dich an die Erinnerung von Jemand anzuklammern, der Deine Liebe mit Gleichgültigkeit lohnt.“ „Könnte ich an die Wahrheit dieſer Beſchuldigung glauben,“ ſeufzte die Jungfrau,„ich ſelbſt würde Dich bitten, mich weit von hier wegzuführen, damit niemals Etwas mir von meinem verlorenen Glück ſpreche; aber, liebe Tante, Du täuſcheſt Dich, Daniel liebt mich noch!“ L „ mit e „Als zittert ſah ſe zuläch ſeiner liegt in ihn Dich wie zi nung Jugen vergeſ iſt, ſe trauris wieder würde gen, n hatte, Di „V chen 1 meiſter Ih Paris 5 77 in tre . Jeder⸗ ich als Hoff⸗ Du Deine einem wurde. ſſel.“ hte die Nicht ewiges änden, h bitte bittern hluß!“ änder⸗ s zum as tief hängig nicht er an⸗ enken, e gute lerung e mit iun würde damit Glück Daniel 209 „Welcher unſinnige Gedanke!“ „Es iſt eine feſte Ueberzeugung,“ fuhr Celeſta mit einer gewiſſen Begeiſterung in der Stimme fort. „Als er hier mit uns in dem Hofe herumwandelte, zitterte er vor Rührung bei jedem meiner Worte; ich ſah ſeine Seele aus ſeinen leuchtenden Blicken mir zulächeln, und zwar ſo mild und ſo zärtlich, wie vor ſeiner erſten Abreiſe nach Paris. Glaube mir, es liegt etwas Geheimnißvolles, etwas Unbegreifliches in ihm; aber was ſein Herz betrifft, ſo iſt es gegen Dich und gegen mich dankbar und liebevoll geblieben wie zuvor. Sollte ich nun in Brüſſel meine Woh⸗ nung aufſchlagen, um den Erinnerungen unſerer Jugend zu entfliehen, und mit der Hoffnung, ihn vergeſſen zu können? Weil er krank und unglücklich iſt, ſoll ich mein Gelübde brechen und ihn ſeinem traurigen Loos überlaſſen? Ach, wenn er hergeſtellt wiederkehrte und vergeblich hier ſeine Verlobte ſuchen würde, wie ſollte er die nicht der Untreue beſchuldi⸗ gen, welche nicht Mitleid genug mit ſeiner Krankheit hatte, um ſeine Geneſung abzuwarten?„ Die Thüre wurde geöffnet. „Willibald! Da iſt Willibald!“ rief das Mäd⸗ chen mit großer Freude, während ſie dem Rent⸗ meiſter entgegenlief und ſeine beiden Hände faßte. Ihn zu dem Tiſche führend, fragte ſie: „Iſt es wahr, Herr Willibald, iſt Daniel nach Paris abgereiſt?“ „Er iſt abgereiſt, Celeſta,“ beſtätigte Her Greis in traurigem Ton. „Für immer?“ Conſeienee, Leid der Zeit. 14 210 „Nein, nein. Wer ſagt das?“ „Siehſt Du wohl, Tante?“ rief die Jungfrau. „Es iſt nicht für immer!“ Aber Frau van Berg blieb noch verdrießlich und kalt; ſie ſchob einen Stuhl vor, und ſprach: „Laſſen Sie ſich nieder, Herr Rentmeiſter; und wenn es möglich iſt, ſo ſuchen Sie mir das Betra⸗ gen von Herrn Daniel zu erklären. Ich bin ſehr erzürnt, und bloße Worte ſollen mich nicht überzeu⸗ gen, daß er durch das plötzliche Verlaſſen des Wulf⸗ hofs, ohne uns nur einmal Lebewohl zu ſagen, uns nicht gröblich beleidigt hat.“ Der alte Willibald ſchien bei dem ſcharfen Ton dieſer Worte zu erſchrecken; mit ſtiller Betrübniß in der Stimme antwortete er: „Er iſt geſtern gegen Abend abgereiſt. Ich würdé ſogleich hieher gekommen ſein und Ihnen Bericht von dem, was geſchehen iſt, erſtattet haben; S ich war ſehr aufgeregt und fühlte mich nicht wohl.“ „Sie haben Thränen bei ſeiner Abreiſe vergoſſen, nicht wahr?“ fiel Frau van Berg ihm in's Wort. „In der That,“ ſeufzte der Rentmeiſter,„dieſer Abſchied erſchütterte mir das Herz.“ „Ich glaube es wohl: ſolche Undankbarkeit!“ „Nein, gnädige Frau, deßhalb nicht,“ erwiderte der Greis.„Es erſchütterte mir das Herz, daß ich den armen Daniel ſo äußerſt krank und unglücklich ſehen mußte.“ „Nun, ſo ſagen Sie, warum iſt er ſo plözlich abgereiſt?“ „Ich weiß es nicht, gnädige Frau.“ „ wiſſen „C „Dani Nerver Aufreg er wei an ein war er F lick v Sie hi eine Y träumt lieben zu erſc der Ve müſſe zwiſche ſtandes Liebe Celeſta aus, a heil,“ „N nicht 4 allein ſich De „S gfrau. hund und Betra⸗ ſehr erzen⸗ Wulf⸗ „uns Ton niß in Ich Ihnen aen; nicht goſſen, ort. dieſer 1 iderte aß ich ücklich lötzlich 211 „Wie, Sie wiſſen es nicht? Wer ſoll es dann wiſſen?“ „Es iſt dennoch ſo,“ ſagte der Rentmeiſter. „Daniel hat eine unbegreifliche Krankheit. Seine Nerven gerathen bei dem geringſten Eindruck in Aufregung; ſeine Gedanken ſind verwirrt und düſter; er weiß nicht, was er will oder wünſcht; hundertmal an einem Tag verändert er ſeinen Entſchluß. Geſtern war er ſchrecklich bewegt. Hätten Sie ihn geſehen, Frau, Ihr gutes Herz hätte ſicher dem An⸗ lich von ſo vielen Leiden nicht widerſtehen können: Sie hätten aus Mitgefühl Thränen vergoſſen. Das eine Mal wollte er auf dem Wulfhofe bleiben, und träumte von einem ruhigen Leben, im Schooße einer lieben Familie; dann ſchien dieſes Glück ihn wieder zu erſchrecken, und während der Zweifel ihm Laute der Verzweiflung entriß, rief er, er wolle fliehen, er müſſe abreiſen, ohne Zögern, auf der Stelle. Und zwiſchen allen dieſen Zeichen ſeines kläglichen Zu⸗ ſtandes entfielen ihm Worte der Dankbarkeit und Liebe gegen Sie, gnädige Frau, gegen Fräulein Celeſta und gegen mich. Mit einem Wort, es ſah aus, als ob er mit Wahnſinn geſchlagen wäre!“ „O, mein Gott, beſchütze ihn vor ſolchem Un⸗ heil,“ rief die Jungfrau mit aufgehobenen Händen. „Nein, Celeſta, fürchten Sie ſo ſchreckliche Dinge nicht,“ ſagte der Greis tröſtend.„Seine Nerven allein ſind krank; wenn dieſe ruhig bleiben, erfreut ſich Daniel der vollen Klarheit des Geiſtes.“ „Sein Kopf mag gut ſein, ich zweifle nicht daran, aber ſein Herz, Rentmeiſter, ſollte dieß nicht gewiſſer⸗ 14* 212 maßen undankbar und gefühllos geworden ſein?“ fragte die alte Dame mit verdrießlichem Spott. „Gefühllos, undankbar, ſein Herz?“ wiederholte Willibald verwundert.„Ich glaube, ſeine Krankheit iſt nichts anderes, als übertriebene Steigerung des Gefühls. Und in der That, wie ſollte es möglich ſein, daß ein gefühlloſer Menſch durch ein einziges Wort, durch ein Zeichen, eine Erinnerung ſo übermäßig erregt werden kann? Sie haben ihn hier geſehen? War er gefühllos?“ „O, nein, nein,“ rief Celeſta,„es iſt ſo, wie Sie ſagen, guter Willibald: der arme Daniel ſcheint einer krankhaften Ueberreizung des Gefühls zu eiden.“ „Es iſt gleich,“ murrte Frau van Berg;„ich kann ihm doch nicht verzeihen, daß er abgereiſt iſt, ohne Abſchied von uns zu nehmen. Ein ſolches Be⸗ tragen iſt eines wohlerzogenen Mannes unwürdig.“ „Er verbarg es ſich nicht, gnädige Frau, daß er Ihnen Urſache zur Unzufriedenheit mit ihm gebe; dieſer Gedanke war ihm ſchmerzlich genug; aber das Uebel, von dem er beherrſcht wurde, flößte ihm Schrecken vor der Erregung ein, die ſeiner hier wartete. Mit Augen voll Thränen flehte er mich an, Ihnen ſeinen traurigen Abſchiedsgruß zu bringen.“ „Ah, er hat Ihnen aufgetragen, uns in ſeinem Namen Lebewohl zu ſagen?“ murmelte die alte Dame. „Hören Sie ſeine Worte, gnädige Frau, und urtheilen Sie darüber, ob er als ein Undankbarer abgereiſt iſt. Weinend und unter dem Gewicht ſeines Schmerzes beinahe erliegend, ſtöhnte er: Und fragt eine edelherzige Frau, die mir eine zweite Mutter war; Lichte welche aufgeg Gebet der bi denken .. reichlie „ bald. 7 „wenn noch unglüc und u 5W „Nach van 2 weiß, ob es ich, au ſprach „S bringet Seit z und g Unden erholte ankheit ng des ich ſein, Wort, rmäßig eſehen? vie Sie ſcheint hl zu 3„ich eiſ't iſt, e Be⸗ ürdig.“ daß er gebe; er ds te ihm er hier er mich ingen.“ ſeinem Dame. u, und nkbarer t ſeines d fragt Mutter 213 war; und fragt ein Engel, der meine Jugend mit dem Lichte ſeiner reinen Liebe meine Jugend überſtrahlte, welchen Gruß ich Ihnen bei meiner Abreiſe für ſie aufgegeben habe, ſo ſagen Sie, ich flehe ſie an, in ihren Gebeten doch des Unglücklichen nicht zu vergeſſen, der bis zu ſeinem letzten Seufzer das lebendige An⸗ denken ihrer wunderbaren Güte bewahren wird.“ „Ach, der arme Daniel!“ rief Celeſta, während reichliche Thränen ihrem Auge entſtürzten. „Hat er das geſagt?“ fragte die alte Dame, gleichfalls tief ergriffen. ſind ſeine eigenen Worte,“ beſtätigte Willi⸗ ald. „Nun wohl, liebe Tante,“ ſchluchzte Celeſta, „wenn Sie ſolche Dinge hören, können Sie dann noch ſagen, wir ſollen nach Brüſſel ziehen? Den unglücklichen Daniel verlaſſen? Es wäre grauſam und unmenſchlich!“ „Was ſagen Sie?“ rief der Rentmeiſter beſtürzt. „Nach Brüſſel ziehen?“ „Ja, dieß iſt mein Vorſatz,“ antwortete Frau van Berg.„Da Herr Daniel abgereiſt iſt, Gott weiß, auf wie lange Zeit, ſo zweifle ich in der That, ob es ſich wohl ſchickt, daß wir, meine Nichte und ich, auf ſeine Rückkehr warten.“ Der Greis faßte die Hand der alten Dame und ſprach in einem ſanften, bittenden Ton: „Sie werden dieſen Vorſatz nicht zur Ausführung bringen, nicht wahr, meine liebe, meine edle Freundin? Seit zwanzig Jahren haben wir zuſammen gewacht und geſorgt, um die elternloſe Waiſe zu beſchirmen. Und nun er mehr als jemals unſerer Hülfe bedarf, 214 und das ſchrecklichſte Leiden, das ihn foltert, ſelbſt dem Gefühlloſeſten Mitleid einflößen muß, nun woll⸗ ten Sie mich ganz allein mit dem Werke der Liebe und Barmherzigkeit belaſten, das wir zuſammen be⸗ gonnen haben? Ach, nehmen Sie ein Vorbild an der Seelengüte von Celeſta! Ich war hieher ge⸗ kommen, mit dem Gedanken, daß ich mir ſchmerzliche Mühe geben müſſe, um Daniel bei Ihnen zu ent⸗ ſchuldigen; denn hatte Jemand das Recht, ſich ge⸗ kränkt und verletzt zu fühlen, ſo müſſen ſicher Sie es ſein.. Und nun, im Angeſicht von Daniel's Unglück vergeſſen Sie Ihren eigenen Schmerz und denken an nichts Anderes, als an ſein Leiden allein „. DO, ſeien Sie geſegnet, mein Kind! Der An⸗ blick Ihres Edelmuths erfüllt mir das Herz mit Troſt, mit Vertrauen... und der alte Willibald hat dieſe Stütze wohl nöthig, um nicht dem Kum⸗ mer und der Verzweiflung zu unterliegen.“ „Nun, liebe Tante, laß Dich erbitten!“ flehte Celeſta.„Der arme Daniel konnte nicht hieher kommen, um uns Lebewohl zu ſagen; Du begreiſſt doch wohl, daß der Abſchied ihm zu ſchwer gefallen wäre? Wie ſehr mir auch bei ſeiner unerwarteten Abreiſe das Herz blutet, ich danke doch dem lieben Gott, daß er ihm den Schmerz dieſes traurigen Ab⸗ ſchieds erſpart hat.“ Die alte Dame, halb überwunden, ſchüttelte den Kopf und ſagte: „Das iſt Alles recht, und ich erkenne, daß ich zu ſtrenge über Daniel's Betragen geurtheilt habe. Die Worte, welche er bei dem Herrn Rentmeiſter für uns hinterließ, beweiſen, daß er nicht ganz undankbar und . gefüh tiefes ten u zurück wiede heit G ſelbſt ruhig bitte Ich Die Geiſt rung nichts er the wund wenn ſich l mung ziger ich m fügen keit g neſun, Gemi Liebe Fr legun hoffn hielter „ſelbſt woll⸗ Liebe ten be⸗ ild an er ge⸗ erzliche zu ent⸗ ſich ge⸗ er Sie aniels rz und allein e An⸗ z mit illibald 1Kum⸗ flehte hieher egreifſt gefallen arteten lieben en Ab⸗ lte den ß ich zu e. Die für uns ar n . 215 gefühllos iſt. Sein geheimnißvolles Leiden flößt mir tiefes Mitleid ein. Aber wozu kann längeres War⸗ ten uns führen? Wann wird er nach dem Wulfhof zurückkehren? Wer kann uns ſagen, daß wir ihn wieder ſehen werden? Es liegt in dieſer Ungewiß⸗ heit Etwas, das mich nicht allein bekümmert, ſondern ſelbſt erſchreckt. Können Sie mir darüber einige Be⸗ ruhigung geben, ſo thun Sie es, Herr Wilſibald, ich bitte Sie.“ „Was ſoll ich antworten?“ ſagte der Greis. „Ich habe ihn über ſeine Abſichten deßhalb befragt. Die Erſchütterung ſeiner Nerven verdüſterte ſeinen Geiſt ſo ſehr, und es herrſchte eine ſolche Verwir⸗ rung in ſeinen Gedanken, daß ich nichts Deutliches, nichts Verſtändliches aus ihm herausbringen konnte. Das wurde mir klar, daß er ſelbſt nicht wußte, was er that oder ſagte. Es würde mich ſogar weniger wundern, wenn er ſchon morgen wieder käme, als wenn er ſechs Monate lang uns ohne Kunde von ſich ließe. Das hängt von den krankhaften Stim⸗ mungen ſeines Gemüths ab. Hoffen iſt unſer ein⸗ ziger Troſt, Beten unſere einzige Zuflucht; und wenn ich mein Herz zu Rathe ziehe, ſo wage ich beizu⸗ fügen: Warten iſt uns eine Pflicht der Barmherzig⸗ keit gegen den Unglücklichen, welcher nach der Ge⸗ neſung von ſeinem ſchrecklichen Leid die Ruhe des Gemüths nur in unſerer Freundſchaft und in unſerer Liebe wieder finden kann.“ Frau van Berg blieb eine Weile in ſtille Ueber⸗ legung verſunken, während Willibald und Celeſta mit ſeh Ahnung den Blick auf ſie gerichtet ielten. — 216 „Wohlan,“ ſagte ſie endlich,„ich will für jetzt noch von meinem Beſchluß abſtehen; aber wenn das Räthſel von Daniel's unbegreiflichem Betragen ſich nicht bald löst, ſo werde ich auf mein Vorhäben zu⸗ rückkommen und es ſicherlich in Ausführung bringen.“ „D, Dank, Dank, liebe Tante,“ jubelte Celeſta. Der Rentmeiſter bezeugte durch einige Worte ſeine Erkenntlichteit für die edelmüthige Nachſicht der alten Dame und drückte ihr die Hände. Wenige Augenblicke hernach ſtand er auf und ſprach: „Gott ſei geprieſen, daß er in ſeiner Gnade zwei Engel an meine Seite geſtellt hat, um mir zu hel⸗ fen und zu der Erfüllung meiner mühevollen Miſſion Muth zu geben. Entſchuldigen Sie mich, daß ich Sie ſo eilig verlaſſe. Die Abreiſe von Daniel legt mir Pflichten auf, welche ich nicht verſäumen darf. Meine Gegenwart iſt auf dem Wulfhof nothwendig; die Dienſtboten und Taglöhner ſind unruhig und ver⸗ wundert; es ziemt ſich nicht, daß ihnen viel Zeit ge⸗ laſſen wird, um über das Geſchehene zu ſchwatzen... Bleiben Sie ruhig, liebe Freundinnen; morgen werde ich, ſo wie heute, Sie beſuchen. Haben Sie Ver⸗ trauen; die ſchmerzliche Prüfung wird vorübergehen: wir werden Daniel noch glücklich ſehen.“ Mit dieſen Worten wandte er ſich nach der Thüre und verließ den Saal. Die beiden Damen geleiteten ihn bis in den Hof. Hier ſprach der Greis noch einmal: „D, vergeſſen wir doch den angſtvollen Hülferuf nicht, der unſerem armen Daniel bei ſeiner Abreiſe entſchlüpfte: die, welche mich lieben, mögen meiner in ihren Gebeten gedenken.“ „ entfe 4 ter d wußt die 2 mit komn ich ft alſo wahr Arm Wort E Wul maue ſtill bis 6 — Flack wieg unter verri nahe Tinte ür jetzt in das en ſich en ze⸗ ngen.“ eleſta. Worte cht der Wenige de zwei zu hel⸗ Miſſion aß ich el legt darf. endi; nd ver⸗ eit ge⸗ werde e Ver⸗ gehen: ch der Damen Greis ülferuf Abreiſe meiner 217 Mit dieſen Worten betrat er den Fußpfad und entfernte ſich eilig. Die beiden Damen ſahen ihm nach, bis er hin⸗ ter der Umzäunung des Hofes verſchwunden war. Als käme Celeſta jetzt erſt zu dem klaren Be⸗ wußtſein ihres Zuſtandes, ſchlug ſie die Hände vor die Augen, brach in heftiges Weinen aus und rief mit kummervollem Ton: „Wehe, wehe, wie bin ich ſo unglücklich! Komm', komm', Tante, meine Kräfte wollen mich verlaſſen; ich fühle mich einer Ohnmacht nahe. Ach, dieß iſt alſo das langgeträumte Glück? Welche Zukunft be⸗ wahrſt Du mir auf, o Gott?“ Frau van Berg faßte ihre bedrückte Nichte am Arm und führte dieſelbe, indem ſie einige tröſtende Worte murmelte, in das Haus hinein. X. Der Rentmeiſter ſaß auf dem Balkon hinter dem Wulfhof, den Ellenbogen auf die lange Einfaſſungs⸗ mauer, das Haupt auf die Hände geſtützt, und ſchaute ſtill über die Thäler, welche vor ſeinem Auge ſich bis an den Fuß des Kluisbergs ausdehnten. Das Aeußere der Felder war verändert. Der Flachs hatte jetzt ſein volles Wachsthum erreicht und wiegte ſeine himmelblauen Blüthen in tiefen Wogen unter dem Hauch des leiſeſten Luftzugs; der Roggen verrieth durch ſeine gelbe Farbe, daß er der Reife nahe war, während der Weizen noch die dunkleren Tinten unverminderter Lebenskraft behielt, und der 218 Hafer hie und da, gleich Teppichen von meergrünem Sammet, längs des Abhangs der Hügel hernieder⸗ zuhängen ſchien. Die Rübſaat war bereits einge⸗ than, und das Heu von den Wieſen abgeführt. Es war deutlich, daß weder die Reize der Natur, noch der Reichthum der Felder die Aufmerkſamkeit des Rentmeiſters weckten, ſondern derſelbe, ſinnend und träumend den unſteten Blick ohne Ziel in dem leeren Raume herumſchweifen ließ. Nur zuweilen ſchaute er anhaltender auf eine Anzahl Arbeiter, welche am Fuß des Hügels, unweit des Wulfhofes, mit Ausdreſchen der Rübſaat beſchäftigt waren. Dann folgte er den Bewegungen derſelben einige Augen⸗ blicke; und, ſo traurig und ſtill der Ausdruck ſeines Geſichts auch blieb, ein freundliches oder verdrieß⸗ liches Lächeln zog über daſſelbe, je nachdem er mehr oder weniger Fleiß oder Trägheit bei den Arbeiten⸗ den bemerkte. Mehrmals verfiel er jedoch wieder in die ihn der Gegenwart entführende Träumerei und richtete ſein irres Auge nach der nebelhaften Krone des Kluisbergs, als ob die Aehnlichkeit, welche zwiſchen der Unendlichkeit des fernen Raumes und der Unſicherheit ſeiner Gedanken beſtand, durch eine geheimnißvolle Kraft ihn anzöge. Während er ſolchergeſtalt in ſcheinbare Selbſt⸗ vergeſſenheit verſunken war, trat Jemand in den Hof und ſtieg zu dem Balkon hinauf, öhne daß der Rent⸗ meiſter es bemerkte. Der Mann blieb eine kleine Weile hinter dem Greis ſtehen, ſchaute ihn mitleidig an und ſchüttelte traurig den Kopf; dann legte er ihm ſanft die Hand auf die Schulter und ſprach: „Immer träumend, immer ſinnend? Ich beklage Sie, ſund Freu eine Sie. reiſe Beze tiren voll— naht Ren begt Sie Wa mei Zwe heit in 1 füre tet notl Abſ ich dieſ nich Ein rünem nieder⸗ einge⸗ . Natur, amkeit innend n dem weilen beiter, fhofes, Dann lugen⸗ ſeines rdrieß⸗ mehr beiten⸗ wieder umerei haften welche s und h eine Selbſt⸗ en Hof Rent⸗ kleine tleidig gte er 219 Sie, mein armer Freund; unmöglich kann Ihre Ge⸗ ſundheit dieſem ewigen Nachdenken widerſtehen.“ Der Greis richtete ſich auf und ſagte mit ſtiller Freundlichkeit: „Guten Tag, Herr Notar; Ihre Ankunft iſt mir eine angenehme Ueberraſchung; eben dachte ich an Sie. Morgen iſt ein Monat ſeit Herrn Daniel's Ab⸗ reiſe verfloſſen. Man kann mir einen Wechſel zur Bezahlung von dreiunddreißigtauſend Francs präſen⸗ tiren, und mir fehlt noch Etwas, um die Summe vollzählig zu machen, wie Sie wiſſen.“ Der Notar zog eine Brieftaſche aus ſeinem Rock, nahm einige Bankbillets heraus und reichte ſie dem Rentmeiſter. „Hier iſt, was Sie begehren,“ ſagte er.„Ich begreife wahrlich nicht, mein guter Willibald, wie Sie in Betreff meiner Perſon unruhig ſein konnten. Wann ließ ich es jemals an der pünktlichen Erfüllung meines Verſprechens fehlen?“ „Noch niemals, Notar; aber Sie müſſen dieſen Zweifel bei mir entſchuldigen. Es iſt eine Gewohn⸗ heit, die unter dem Einfluß langdauernden Kummers in unſerem Herzen Wurzel faßt. Wenn man allezeit fürchtet und das Auge in eine dunkle Zukunft gerich⸗ tet hält, erzeugt ſich endlich der Wahn, Alles müſſe nothwendig gegen unſere Wünſche ausfallen. Meine Abſicht war, dieſen Nachmittag zu Ihnen zu gehen; ich danke Ihnen, daß Sie mir durch Ihre Ankunft dieſen langen Weg erſpart haben... Wollen Sie nicht eintreten, Herr Notar, und Etwas genießen? Ein Glas Wein?“ „Nein, Willibald,“ lautete die Antwort;„ich — — 220 habe keine Zeit. Mein Fuhrwerk ſteht auf dem Vor⸗ platz; ich muß einen Verkauf zu St. Denys vorneh⸗ men. Morgen ſollen alſo die letzten dreiunddreißig⸗ tauſend Francs von Herrn Daniel's Vermögen diſpo⸗ nibel ſein?“ „Morgen, den dreißigſten Juni.“ „Und erwarten Sie, Willibald, daß Herr Doniel ſie auf der Stelle einziehen wird?“ „Ich zweifle nicht daran.“ „Dieß ſcheint Ihnen keine ſonderliche Betrübniß zu verurſachen, Willibald?“ „Was wollen Sie, Notar? Es bleibt mir nur eine Hoffnung in meinem Kummer: es iſt die Er⸗ wartung, daß auch dieſes letzte Geld ſchnell verzehrt ſein wird.“ Der Notar ſchien über dieſe Worte höchlich ver⸗ wundert. „Ich begreife Sie nicht,“ murmelte er;„mir dünkt es wuͤnſchenswerther, Daniel behalte Etwas von ſeinem Vermögen, wie wenig es auch ſei.“ „Die Sache ſteht ſo traurig,“ antwortete der Greis,„daß ich nur auf das Uebermaaß ſeines Un⸗ glücks noch einige Hoffnung bauen kann. So lang Daniel noch Geld genug zu ſeiner Verfügung hat, um ein verſchwenderiſches Leben zu führen, wird der verderbliche Freund, welcher alle ſeine Neigungen be⸗ herrſcht, nicht von ihm abſtehen; aber laſſen Sie Da⸗ niel einmal wirklicher Armuth verfallen, dann wird der verhängnißvolle Rathgeber von ſeiner Seite ver⸗ ſchwinden, und ihm ſo auch die Freiheit ſchenken, um der Aufforderung ſeines Gemüths Folge zu leiſten.“ Vor⸗ rneh⸗ eißig⸗ anil übniß r nur e Er⸗ rzehrt her⸗ „mir Ftwas e der 3 lang g hat, d der en be⸗ ie Da⸗ wird e ver⸗ enen, ge zu 221 „Und wenn ſein Herz verdorben wäre, was würde es helfen, daß Herr Gumbert ihn verließe?“ 5 hofſe, der barmherzige Gott wird meine und Eeleſta's Gebete erhört haben,“ ſeußte der Rent⸗ meiſter in ſchmerzlichem Tone. „Ich will Ihr unbegreifliches Vertrauen nicht von Reuem anfechten, Willibald,“ ſagte der Notgr, die Achſeln zuckend;„ich habe ſchon lange den Be⸗ weis, daß alle meine Bemühungen fruchtlos bleiben. Ueberdieß habe ich jetzt keine Zeit; ich muß gehen.“ Von dem Rentmeiſter begleitet, ſtieg er von dem Balkon in den Hof hinab, und ſagte, indem er den Fußweg betrat: „Willibald, ich habe geſtern einen Beſuch bei Frau van Berg gemacht; wir ſprachen lange Zeit von Herrn Daniel.“ „Sie haben mein Geheimniß bewahrt?“ fiel der Greis ihm ängſtlich in die Rede. „Zweifeln Sie nicht daran; es iſt mir Nichts entſchlüpft, was ihr einiges Mißtrauen einflößen könnte, obwohl es mich peinigte, dieſe edelmüthigen Seelen in Unwiſſenheit über das, was ſie mehr als Jemand angeht, laſſen zu müſſen. Ich kann Ihnen nicht genug ausdrücken, Willibald, welche tiefe Be⸗ wunderung und welch inniges Mitleiden mir die Güte von Frau van Berg und die Liebe von Celeſta ein⸗ geflößt haben.“ „Ich glaube Ihnen, Notar,“ murmelte der Rent⸗ meiſter,„es ſind zwei Engel von Aufopferung und Vertrauen!“ „Aber was ich Ihnen beinahe nicht zu ſagen wage und doch ſagen muß, iſt das, Willibald, daß 222 Sie ſich irren und im Ganzen nicht wohl thun, vor Celeſta und deren Tante das ſtrafbare Betragen von Daniel, und vor Allem den Verluſt ſeines Vermö⸗ gens zu verbergen.“ „Das ſtrafbare Betragen von Daniel?“ wieder⸗ holte der Rentmeiſter.„So lang ſein Herz gut bleibt, läßt ſich all ſein Thun noch als eine Verir⸗ rung der Jugend betrachten. Kehrt er auf den Wulfhof zurück und findet er hier unter Celeſta's füßem Blicke den verlornen Seelenfrieden wieder, dann wird die Dankbarkeit ſeine Liebe in eine Art religiöſen Gefühls von Bewunderung verwandeln, und Celeſta wird mit ihm glücklicher ſein, als wenn er niemals ſein väterliches Landgut verlaſſen hätte.“ Sie waren nun durch das Haus gegangen und traten auf den Vorplatz. Der Notar zog den Rent⸗ meiſter ein wenig bei Seite und ſprach: „Ich will mit Ihnen über dieſe ſonderbare Hoff⸗ nung nicht ſtreiten; aber die Verſchwendung ſeines Vermögens iſt mindeſtens ein materieller Verluſt, der ſich durch das Gefühl nicht wieder herſtellen läßt!“ „Allerdings,“ antwortete der Rentmeiſter mit ge⸗ dämpfter Stimme:„aber wenn es ſo weit käme, daß Daniel Celeſta's Bräutigam würde, blieben ihm noch immer hundertfünfundzwanzigtauſend Francs. So viel beträgt Celeſta's Mitgift nicht.“ „Sie ſind alſo noch immer unveränderlich ent⸗ ſchloſſen, Ihr ganzes Beſitzthum zu ſeinen Gunſten aufzuopfern?“ „Unveränderlich, Notar. Fügen Sie Celeſta's Heirathsgut hinzu, ſo kann der Wulfhof von allen ſeinen Hypotheken entlaſtet werden; und Daniel kann in d Mitt und milie zu be Gott aber jenige wie Sie forſch die G leſta' die H die L Leben meine ſtand Fuhr fen. jedoch muth guthe E eben Geknc zu ſch „vor n von ermö⸗ ieder⸗ gut Perir⸗ den eſta's ieder, e Art deln, wenn ätte.“ und Rent⸗ eines er it ge⸗ daß noch So ent⸗ nſten eſta's allen kann 223 in dem Ertrage ſeines väterlichen Landgutes die Mittel finden, um ſeinem Stande Ehre zu machen und im Frieden mit ſeiner Gattin und mit ſeiner Fa⸗ milie zu leben. Um alle Bedenken in Ihrem Geiſte zu beſeitigen, will ich noch Etwas hinzuſetzen, Notar. Gott hat mich zum Beſchützer einer Waiſe beſtellt, aber ich werde zu gleiche Zeit über das Glück der⸗ jenigen wachen, deren reine Liebe mir eben ſowohl wie Ihnen Bewunderung abgezwungen hat. Laſſen Sie Damiel wiederkehren; ich werde ſein Gemüth er⸗ forſchen und ſein Herz prüfen; und finde ich, daß er die Eigenſchaften nicht mehr beſitzt, welche ihn Ce⸗ leſta's würdig machen können, dann werde ich ſelbſt die Heirath rückgängig machen und auf mich allein die Laſt nehmen, Däniebs Wunden zu heilen und ſein Leben zu verſüßen. Sind Sie jetzt in Bezug auf meine Perſon befriedigt?“ „Ich muß länger über dieſen gewichtigen Gegen⸗ ſtand mit Ihnen reden,“ antwortete der Notar, ſein Fuhrwerk erblickend,„aber meine Zeit iſt abgelau⸗ fen. Leben Sie wohl, Willibald; ich muß Ihnen jedoch bekennen, daß Sie ein Muſterbild von Edel⸗ muth ſind, wiewohl ich Ihren Entſchluß nicht völlig gutheißen kann.“ Er drückte dem Rentmeiſter die⸗Hand und war eben im Begriff, einzuſteigen, als plötzlich das ferne Geknall einer Peitſche ihn veranlaßte, nach der Straße zu ſchauen, die auf das Thor des Wulfhofes zulief. „Erwarten Sie Jemand, Willibald?“ fragte er. ſehe dort eine Kutſche, die in aller Eile hieher ährt.“ Der Rentmeiſter ſchaute eine Weile nach der an 2²⁴ gedeuteten Richtung; bald ſchien eine frohe Erwar⸗ tung ihn zu erregen, denn ſeine Augen begannen zu und ein heiteres Lächeln erhellte ſein An⸗ geſicht. „Ach, täuſche ich mich nicht?“ rief er zitternd. „Neben dem Kutſcher ſitzt ein Mann mit einer gol⸗ denen Borte um den Hut. Es iſt Jodokus, glaube ich. Ueber der Kutſche ſind zwei ſchwere Koffer mit kupfernen Nägeln! Notar, mein Freund, es iſt Daniel, der zurückkehrt.“. „Daniel?“ murmelte der Andere.„Wenn er nun für immer hier bliebe, dann wären auch die dreiunddreißigtauſend Francs gerettet.“ „Gott ſei gelobt!“ rief der Rentmeiſter.„Das Unheil wird nicht Zeit gehabt haben, ſein angebor⸗ nes Tugendgefühl zu erſticken; er kehrt zurück mit demſelben liebenden Herzen! Sehen Sie nun wohl, Notar, daß meine Hoffnung mich nicht betrogen hat?“ Kaum hatte er dieſe Worte ausgeſprochen, ſo fuhr die Kutſche unter dem Thore durch und hielt auf dem Vorplatz, nicht weit von der Stelle, wo der Rentmeiſter ſtand. Dieſer machte ein paar Schritte, um ſeinem jun⸗ gen Herrn entgegen zu gehen; aber der Kutſchen⸗ ſchlag flog 4 und Herr Gumbert ſprang heraus ſ ergriff des Greiſes Hand, indem er lachend agte: „Ach, guten Tag, Rentmeiſter. Wie geht es hier ſeit unſerer Abreiſe? Sie haben nicht geglaubt, mich ſo bald wieder zu ſehen, nicht wahr? Es iſt ſchreck⸗ lich heiß und zum Verſchmachten in dieſem Lande!“ Herr Willibald machte mit ſanfter Gewalt ſeine Han auf der Sie Gun lang ſeine der dann ken ( und Sach möch Flaſe ich 1 Sie Du, aber als ſtens falls 2 Frem einen daß grüß ſtieg G Frwar⸗ nen zu An⸗ tternd. r gol⸗ glaube er mit aniel, nn er ch die „Das gebor⸗ ck mit wohl, hat?“ n, ſo hielt vo der njun⸗ tſchen⸗ eras achend s hier mich chreck⸗ de!“ ſeine Hand von Gumbert's Händen los und ſchaute, ohne auf ſeine Worte zu achten, hinter ſeinem Rücken nach der Kutſche. „Ich bemerke, woher Ihre Zerſtreuung ſtammt. Sie glauben, Daniel ſei mitgekommen?“ ſpottete Gumbert.„Nein, nein, er iſt zu ſchlau, um eine ſo langweilige Reiſe zu unternehmen, und belaſtet lieber ſeine Freunde mit den unangenehmen Botſchaften.“ Halb vernichtet durch die bittere Täuſchung, wurde der Rentmeiſter zuerſt bleich und zitterte ſichtbar; dann ließ er das Haupt muthlos auf die Bruſt ſin⸗ ken und murmelte einige kummervolle Worte. Gumbert legte ihm die Hand auf die Schulter und ſagte: „Ah ſo, Rentmeiſter, ehe ich mit Ihnen über die Sache ſpreche, die mich von Paris hieher führt, möchte ich gern ein kleines Frühſtück, und eine halbe Flaſche von dem alten ſpaniſchen Wein trinken, denn ich bin ſehr durſtig und ausgehungert. Belieben Sie alſo, zu befehlen, daß man mir Etwas auftrage. Du, Jodokus, gib den Pferden Brod und Waſſer; aber ſpanne nicht aus: wir werden hier nicht mehr, als eine halbe Stunde bleiben, ich hoffe es wenig⸗ ſtens. Geh darum in die Küche und nimm gleich⸗ falls eilig Etwas zu Dir.“ Der Notar ſchaute mit ſpöttiſcher Neugier den Fremdling an, der mit übermüthigem Ton hier gleich einem Herrn zu gebieten ſchien; als er aber ſah, daß Gumbert's Aufmerkſamkeit ſich ihm zuwandte, grüßte er den Rentmeiſter mit lauter Stimme und ſtieg ein. Conſeienee, Leid der Zeit. 15 226 „Was für ein Dummkopf iſt das?“ brummte Gumbert, während das Fuhrwerk ſich entfernte.„Er ſchaut mich an, wie einen Wilden, und da ich ein höfliches Wort an ihn richten will, flieht er davon, als wollte ich ihn verſchlingen. Aber es ſieht hier aus, wie in einer rechten Wüſte. Wie einſam und ſtill iſt der Wulfhof, Rentmeiſter! Wo ſind alle die ſtarken Burſchen und die dicken Mägde, welche ich geſehen habe?“ „Die Dienſtboten arbeiten auf dem Felde,“ ant⸗ wortete Willibald. „Dann werden Sie oder ich das Frühſtück auf⸗ tragen müſſen?“ „Nein, die alte Hausmagd iſt in der Küche.“ „Nun wohl, Rentmeiſter, laſſen Sie uns hinein⸗ gehen, ich werde mit zwei Worten Ihnen den Zweck meiner Reiſe mittheilen. Sie errathen es gewiß?“ „Sie kommen um Geld?“ fragte Willibald, ihm folgend.“ „Ganz recht: Sie haben es errathen; und ich hoffe doch, daß es bereit liegt?“ „Belieben Sie, in den Saal zu treten,“ ſagte Willibald, die Thüre öffnend.„Ich werde ſorgen, daß man Ihnen ein Frühſtück bringe. Verlangen Sie Kaffee?“ „Nein, Fleiſch, Brod und Wein.“ „Da Sie ſo Eile haben, mein Herr, kann ich Ihnen nichts als kalten Braten und Schinken an⸗ bieten.“ „Es iſt genug. Vergeſſen Sie den ſpaniſchen Wein nicht.“ Der Greis entfernte ſich durch den Gang, wäh⸗ rend auf e blicke den bleibe erſchi 7 gen. Herrt geſi daß 7 7 mind Fran Z der 2 ſelbe Vollr inden ter ü lichke würd deute unve ſuche und ziges nicht ummte e.“ inein⸗ Zweck „ihm d ich ſagte rgen, angen n ich an⸗ iſchen wäh⸗ 227 rend Gumbert in den Saal trat und an dem Tiſch auf einen Stuhl ſank. Kaum war er einige Augen⸗ blicke dort geſeſſen, ſo begann er vor Ungeduld mit den Füßen zu ſtampfen und über das lange Aus⸗ bleiben des Rentmeiſters zu brummen; doch dieſer erſchien im Saal und ſagte:. „Man wird ſogleich das verlangte Frühſtück brin⸗ gen.... Sie kommen um Geld im Namen von Herrn Daniel?“ „Wozu dieſe Frage? Habe ich es Ihnen nicht geſagt? Weßhalb, zum Teufel, glauben Sie denn, daß ich ſonſt hieher komme?“ „Wie viel verlangen Sie, mein Herr?“ „Schau, ſchau, die einfältige Schlauheit! Nicht minder und nicht mehr als dreiunddreißigtauſend Franecs, mein guter Rentmeiſter.“ Des Greiſes Lippen zogen ſich zu einem Lächeln der Verachtung zuſammen; er ſagte jedoch mit der⸗ ſelben Ruhe: „Dann haben Sie ohne Zweifel Papiere? Eine Vollmacht, eine Quittung?“ „Ich habe alles Nöthige,“ antwortete Gumbert, indem er dem Rentmeiſter ein paar geſchriebene Blät⸗ ter überreichte.„Ha, ha, wir kennen Ihre Pünkt⸗ lichkeit und wiſſen, daß Sie das Geld nicht loslaſſen würden, und gäbe es nur an einem Buchſtaben zu deuteln. Auch haben wir Vorſorge getroffen, um nicht unverrichteter Sache von hier wegzugehen; unter⸗ ſuchen Sie die Vollmacht, vom Notar ausgeſtellt, und dieſen unterzeichneten Empfangſchein. Ein Ein⸗ ziges dieſer beiden Stücke würde genügen. Iſt es nicht ſo?“ 15* 228 Herr Willibald war noch mit dem Durchleſen der Vollmacht beſchäftigt. Nachdem er das Dokument, ſowie die Quittung genau unterſucht hatte, mur⸗ melte er: „Ich habe Nichts dagegen einzuwenden: es iſt ganz in der Regel... Indem er dieſe Worte ausſprach, zog er eine ſchwere Brieftaſche hervor, nahm ein Paket Bank⸗ noten heraus und ſagte, ſie vor Gumbert auf den Tiſch legend: „Hier iſt die Summe: dreiunddreißigtauſend Francs. Belieben Sie nachzuſehen, ob Richts fehlt.“ „Ha, Sie zeigen dießmal mindeſtens guten Wil⸗ len!“ rief Gumbert erſtaunt.„Ich ſtellte mich, als ob ich an der unmittelbaren Auslieferung des Gel⸗ des nicht zweifelte; aber nun darf ich Ihnen wohl bekennen, Rentmeiſter, daß ich mich auf Zögerung und Widerſtand von Ihrer Seite gefaßt machte. Ich danke Ihnen von ganzem Herzen; Sie ſind im Grunde ein braver Mann, glaube ich. Mit Ihrer Erlaubniß will ich dieſes Paket Banknoten einmal überzählen.“ Während Gumbert die Banknoten, eine nach der andern, durch ſeine Finger gleiten ließ, kam die alte Hausmagd mit einem großen Tragbrett in den Saal und ſtellte das Frühſtück ſammt einer Flaſche Wein auf den Tiſch. Sie war bereits wieder abgegangen, als Gumbert ſich von Neuem zum Rentmeiſter wandte und ſprach: „Die Rechnung hat ihre Richtigkeit: dreiunddrei⸗ ßigtauſend Francs. Es macht keinen dicken Pack Papier, nicht wahr? So könnte man wohl eine Milli zu fü Grei bei e noter verlie worte freun einen G Stüc dazu ſchlin kundi fragt ſten, Dani Narr, gange Iſte als z hat i nicht ihm: ſich, ſetzen ſen der ument, „mur⸗ es iſt eine Bank⸗ uf den auſend fehlt.“ n Wil⸗ h, als 5 Gel⸗ wohl erung d im Ihrer einmal ch der e ate Saal Wein angen, vandte ddrei⸗ Pack eine 229 Million bei ſich tragen, ohne dadurch ſich beſchwert zu fühlen.“ „Es ſind belgiſche Banknoten,“ bemerkte der Greis.„Sie würden wohl daran thun, dieſelben bei einem Bankier in Kortryk gegen franzöſiſche Bank⸗ noten auszutauſchen, um bei dem Wechſel weniger zu verlieren.“ „Das macht mir keine Sorge, Rentmeiſter,“ ant⸗ wortete Gumbert,„ich danke Ihnen jedoch für Ihren freundlichen Rath. Und nun zum Frühſtück, ich habe einen raſenden Hunger.“ Er ſetzte ſich bequem zurecht, ſchnitt ſich einige Stücke Braten ab und begann, einige Gläſer Wein dazu trinkend, ſie mit währem Heißhunger zu ver⸗ ſchlingen. „Darf ich nun meinerſeits mich bei Ihnen er⸗ kundigen, wie Herr Daniel zu Paris ſich befindet?“ fragte Willibald. „Alles, was Sie wollen; ganz zu Ihren Dien⸗ ſten, Rentmeiſter. Ich plaudere gern beim Eſſen. Daniel? Was kann ich von ihm ſagen? Er iſt ein Narr, der ſchon längſt die größten Dummheiten be⸗ gangen hätte, wenn ich nicht über ihn wachte.“ „Aber wie ſteht es mit ſeiner Nervenſchwäche? Iſt er vielleicht davon geneſen?“ „Geneſen?“ lachte Gumbert.„Es iſt noch ärger, als zuvor bei ihm. Sein Beſuch auf dem Wuffhof hat ihm nicht gut gethan. Nun wird er, ich weiß nicht von welchen heimlichen Gedanken verfolgt, die ihm weder Raſt noch Ruhe laſſen. Bald weigert er ſich, Wochen lang einen Fuß aus dem Hauſe zu ſetzen, und murmelt und murrt und nagt ſich am 230 Herzen; dann bricht er wieder los und ſtürzt ſich wie wüthend, Hals über Kopf, in den Abgrund der Vergnügungen, um das Bewußtſein ſeiner ſelbſt zu verlieren. Ach, Rentmeiſter, ich habe da einen Freund, der mir nicht viel Freude macht, Sie dürfen es glau⸗ ben. Nun wir einigermaßen ſparſam leben müſſen, nicht aus Liebhaberei, ſondern aus Mangel, nun iſt Paris nicht der rechte Boden mehr für uns. Ich habe Daniel vorgeſchlagen, eine Reiſe nach Kalifor⸗ nien zu unternehmen....“ „Nach Kalifornien!“ ſeufzte Willibald erſchreckt. „Ja wohl, Rentmeiſter; dort gibt es nicht allein Gold zu ſuchen und zu finden; ſondern San Fran⸗ cisco iſt ein wahres Paradies für Jemand, der, wie ich, ein großes Maaß von Entſchloſſenheit beſitzt und mit einem gewiſſen Geiſt der Thätigkeit begabt iſt.“ „Und Daniel hat eingewilligt?“ fragte der Rent⸗ meiſter ängſtlich. „Nein; der Gedanke einer ſo weiten Reiſe flößt ihm einen unbegreiflichen Abſcheu ein.“ „Ach, Gott ſei gedankt!“ flüſterte der Greis mit einem tiefen Seufzer.„Sie haben alſo die Reiſe aufgegeben?“ „Ganz und gar nicht, Rentmeiſter; wenn Daniel mich nicht begleiten will, ſo werde ich allein abreiſen müſſen.“ „In Kalifornien kann ein Mann wie Sie in der That ſich ſchnell ein Vermögen machen,“ beſtätigte Willibald mit einem Ausdruck zurückgehaltener Freude. „Haben Sie wirklich Luſt, die Reiſe nach dem Gold⸗ land bald zu unternehmen? Die Jahreszeit iſt jetzt die beſte hiezu, wenn ich mich nicht irre.“ der nich zu 1 dem dieſ dem ben Bli läch Rer hert war er Rer den gen mei ₰ mic pac dur zu „D Gu zu irzt ſich ind der elbſt zu Freund, glau⸗ müſſen, nun iſt . Ich Kalifor⸗ hreckt. allein Fran⸗ er, wie tzt und bt iſt.“ r Rent⸗ e flößt eis mit Reiſe Daniel breiſen in der ſtätigte reude. Gold⸗ iſt jetzt 231 „Schon vor mehr als drei Wochen würde ich auf der See geweſen ſein, wenn die Freundſchaft mich nicht zurückhielte. Ich wage nicht, Daniel ſich ſelbſt zu überlaſſen, er möchte ſich ein Leid anthun.“ „Was ſagen Sie?“ fragte der Rentmeiſter, von dem tiefen, geheimnißvollen Ton betroffen, womit dieſe letzten Worte ausgeſprochen worden waren. Es ſchien, als mache es Gumbert Vergnügen, dem Greiſe Dinge zu ſagen, welche ihn ſchmerzlich bewegen mußten, denn er hielt mit zweideutigem Blick das Auge von der Seite auf ihn gerichtet und lächelte in ſich ſelbſt hinein, als er die Miene des Rentmeiſters von dem tiefen Eindruck, den ſeine Worte hervorgebracht hatten, zeugen ſah. Ohne Zweifel waren dieſelben unwahr oder übertrieben; aber, da er unter dem Sprechen fortaß und ſehr ſelten dem Rentmeiſter gerade ins Geſicht ſchaute, konnte dieſer den Schimmer boshafter Freude, der in ſeinen Au⸗ gen funkelte, nicht bemerken. „Daniel ſollte ſich ein Leid anthun, ſagen Sie, mein Herr?“ ſtammelte Willibald beinahe flehend. „Ihre Worte machen mich zittern. Aber ich täuſche mich ohne Zweifel. O, es wäre zu greulich.“ „Nein, nein, Sie täuſchen ſich nicht. Seit ein paar Wochen ſpricht er davon, ſich eine Piſtolenkugel durch den Kopf zu jagen, um ſich von einem Leben zu befreien, das ihm peinlich iſt.“ „O weh, o weh!“ rief Willibald erbleichend. „Das ſollte Doniel's Ende ſein? Unmöglich!“ Die ungemeine Bewegung des Greiſes ſchien Gumbert einiges Mitleid einzuflößen; er wandte ſich zu ihm und ſagte: „Nun, beruhigen Sie ſich darüber, Rentmeiſter. Es wird nichts geſchehen. Daniel hat zu einer ſol⸗ chen That den Muth nicht.“ „Den Muth?“ rief Willibald entrüſtet.„Die Feigheit, wollen Sie ſagen.“ „Nun ja, den Muth der Feigheit,“ ſpottete der Andere.„Und überdieß, Rentmeiſter, bin ich nicht bei ihm, um ihn von ſolcher Dummheit abzuhalten? Sie müſſen mir für meine Sorgen dankbar ſein; denn wachte ich nicht mit der Pflicht der Freund⸗ ſchaft über Daniel, es wäre längſt ſchon eine That geſchehen, deren bloßer Gedanke Ihnen ſolchen Schrek⸗ ken einjagt. Was zum Teufel, Rentmeiſter, ſchickten Sie Daniel nach Paris, da Sie in ſeinen Geiſt und in ſein Herz kindiſche Einbildungen gepflanzt hatten, welche ihn in die tauſend und tauſend Fallſtricke führen mußten, welche dort ausgeſpannt liegen, um reiche und vor Allem einfältige junge Leute zu ver⸗ locken und zu verführen... Dieſer Schinken iſt vortrefflich, Rentmeiſter; und dieſer Wein ſchmeckt dazu wie wahrer Nectar. Man darf wohl ſagen: der Hunger iſt der beſte Koch.“ Herr Willibald hörte vielleicht die Anklagen nicht, welche Gumbert gegen ihn ausſprach; er ſtarrte mit den Augen zu Boden, bittern Betrachtungen preis⸗ gegeben. Endlich erhob er den Kopf wieder und ſprach mit fieberiſcher Haſt: „Ich gehe nach Paris; ich will mit Daniel ſpre⸗ chen; ihm Dinge ſagen, die ihn vielleicht von dem ſchrecklichen Gedanken abbringen! Laſſen Sie mich Se Geſellſchaft leiſten; ich werde mit Ihnen ab⸗ reiſen.“ 2 zu ko anwa Meiſt Wahr keit ringſt venkri Ich b erblick gen, Er h ſchuld von e vollen ob me viel g meinet ſagen, 7 ſeufzte Herr, „ deſten, wortet Beſore mehr eingeb wir ke ſproche Dieſe Worte ſchienen Gumbert höchſt unerwartet zu kommen. Es war, als ob ihn ein leichtes Zittern anwandelte; aber er wurde dieſer Ertegung ſogleich Meiſter und ſagte lachend: „Ha, ha, ich rathe es Ihnen! Sie wollten nach Paris? Es wäre genug, um Daniel zum äußerſten Wahnſinn zu treiben. Wir haben über die Möglich⸗ keit Ihrer Ankunft mit einander geſprochen, die ge⸗ ringſte Andeutung davon verurſachte ihm ſolche Ner⸗ venkrämpfe, daß es ſchrcklich zum Anſchauen war. Ich begreife die Urſache davon wohl. Wenn er Sie erblickt, erwachen in ſeinem Geiſte tauſend Erinnerun⸗ gen, die ihn foltern und ſein Nervenſyſtem erſchüttern. Er hält ſich, ich weiß nicht welcher Verirrungen ſchuldig. Der arme Junge, er iſt noch ſo weit da⸗ von entfernt, daß es ihm eine Miſſethat ſcheint, mit vollen Zügen aus dem Lebensbecher zu trinken, als ob man vyn dem, was gut und angenehm iſt, zu viel genießen könnte!... So, jetzt bin ich mit meinem Frühſtück fertig. Ich will Ihnen Lebewohl ſagen, Rentmeiſter.“ „Was muß ich thun? Was kann ich verſuchen?“ ſeufzte der Greis in großer Aufregung.„Ach, mein Herr, geben Sie mir doch einen guten Rath!“ „Sie müſſen hier bleiben und warten, zum Min⸗ deſten, bis Daniel's Leiden ſich vermindert hat,“ ant⸗ wortete Gumbert, vom Tiſche aufſtehend.„Ihre Beſorgniß iſt unbegründet, ſage ich Ihnen. Seit mehr als zwei Jahren ſpricht Baniel davon, ſeiner eingebildeten Verzweiflung ein Ende zu machen; aber wir kennen dieſes Liedchen: es iſt in den Wind ge⸗ ſprochen. Hat man ſo Etwas im Sinn, ſo ſagt ——— 234 man es nicht. Nun, leben Sie wohl, bleiben Sie geſund, und im Uebrigen vertrauen Sie auf mich.“ Der Rentmeiſter faßte Gumbert's Hand und ſagte, ſie fieberiſch drückend, mit Thränen in den Augen: „O, mein Herr, ſchenken Sie mir noch einen Augenblick Gehör und laſſen Sie mich von Ihrem Edelmuth eine Gunſt erflehen! Das Geld, welches ich Ihnen eingehändigt habe, wird nicht ewig dauern. Ich will Sie nicht fragen, was Sie thun werden, wenn es ganz verzehrt iſt. Das vom Zufall ab⸗ hängige Leben erſchreckt Sie nicht, und wahrſchein⸗ lich werden Sie die Mittel finden, um das Glück zu einer günſtigen Umkehr zu zwingen; aber Daniel iſt zu einfältigen Herzens, um gegen eine ſo mitleidloſe Welt anzukämpfen. Er wird der Erniedrigung, dem Gefühl ſeines Unvermögens unterliegen, ſo bald das völlige Ausgehen des Geldes ihn zu einer wahren Machtloſigkeit verurtheilt hat. Sie, Herr Gumbert, könnten ihm, zur Belohnung für ſeine Freundſchaft, eine unſchätzbare Wohlthat erzeigen und ihn vor einem ſchrecklichen Loos bewahren. Mit einigen Wor⸗ ten, mit einigen guten Worten könnten Sie ihn retten und für den Reſt ſeines Lebens glücklich machen.“ „Teufel!“ murmelte Gumbert,„Sie ſprechen, als ob Sie mich für einen Zauberer hielten. Nun, laſſen Sie hören; wenn Gutes thun ſo wenig Mühe koſtet, warum ſollte man es nicht probiren?“ „Sehen Sie, mein Herr, der Wulfhof iſt jetzt wohl bis zu ſeinem vollen Werthe mit Hypotheken belaſtet; aber mit Arbeit und Sorge kann man ihm noch einen viel größeren Ertrag abringen, als die Zinſen von den Pfansſchulden ausmachen. Daniel kanr den begt mit daß Lipf ſten daß liebe bark Sie ſage ten Sie Sie die ( erhö brin kran Glüe wem innet Woh folge weig Bart mein wort den en Siie mich.“ d ſagte, ugen: einen Ihrem welches dauern. werden, al ab rſchein⸗ lück zu miel iſt tleidloſe g, dem ald das wahren umbert, dſchaft, hn vor n Wor⸗ nretten hen.“ en, as „laſſen e koſtet, iſt jetzt otheen an ihm als die Daniel 235 kann hier, auf ſeinem väterlichen Gute, noch in Frie⸗ den leben. Ich flehe Sie an, machen Sie ihm das begreiflich; ſagen Sie ihm, daß treue, warme Freunde mit offenen Armen bereit ſtehen, ihn zu empfangen; daß niemals ein einziges Wort des Tadels ihren Lippen entſchlüpfen wird, daß ſie ihn vor der gering⸗ ſten Erniedrigung bewahren werden; mit einem Wort, daß ſeine Rückkehr das Glück aller derer, die ihn lieben, ausmachen wird, und daß ſie ihn mit Dank⸗ barkeit, mit Achtung und mit Liebe umgeben werden. Sie ſind allmächtig über ſein Gemüth, mein Herr; ſagen Sie ihm das, wiederholen Sie es ihm. Rich⸗ ten Sie ſeine Blicke nach dem Vaterland; zeigen Sie ihm den Stern der Rettung und überzeugen Sie ihn, daß er auf ſeinem väterlichen Gut allein die verlorene Seelenruhe wieder finden kann.“ Gumbert nickte beſtätigend mit dem Kopfe. „O, mein Herr, wenn Sie meine Bitte aufrichtig erhören wollten, welches Liebeswerk würden Sie voll⸗ bringen!“ rief der Greis.„Sie würden Ihrem armen, kranken Freund das Leben wieder ſchenken; all das Glück ſeiner Zukunft würde er Ihnen verdanken; und wenn er dann nach vielen Jahren ſich Ihrer er⸗ innerte, dann wäre es nur, um den Namen ſeines Wohlthäters zu ſegnen! Ich bitte Sie, mein Herr, folgen Sie der guten Eingebung Ihres Herzens, und weigern Sie ſich nicht, dieſes erhabene Werk der Barmherzigkeit zu vollführen!“. „Sie dürfen darauf rechnen: ich gebe Ihnen mein Wort, ich werde thun, was ich kann,“ ant⸗ wortete Gumbert mit einem ſeltſamen Lächeln auf den Lippen. 236 „Aufrichtig, mit Liebe, mit gutem Willen?“ flehte Willibald, die Hände faltend. „Nun ja, ganz aufrichtig und mit dem beſten Willen von der Welt, Rentmeiſter.“ „Ihr Einfluß auf Daniel's Gemüth iſt allver⸗ mögend.“ „Ich weiß es, Rentmeiſter, und ich habe noch ein Intereſſe dabei, mich ſo ſchnell als möglich von einem Genoſſen los zu machen, der mich fernerhin zu Paris oder in Kalifornien nur hindern kann und zuletzt mein Leben, wie das ſeinige verbittern wird. Ueberdieß iſt Daniel bei allen ſeinen Schwachheiten ein guter Junge; und kann er hier glücklich ſein, wohlan, ich werde Ihnen denſelben heimſchicken, Rentmeiſter. Aber unter der Bedingung, daß Sie nicht nach Paris kommen, ehe ich Ihnen ſchreibe, er ſei bereit, mit Ihnen nach Belgien zu⸗ rückzukehren.“ „Ach, Sie ſollten ſo gut und ſo edelmüthig ſein!“ rief der Greis, vor Freude zitternd.„Ich werde warten, mit Hoffnung, mit Vertrauen, und inzwiſchen Gott bitten, daß er Sie in Ihrem liebevollen Vor⸗ haben beſtärke!“ Gumbert wandte ſich nach der Thüre und ſagte: „Ob man ſich dort oben mit ſolchen Dingen be⸗ müht, das wollen wir unentſchieden laſſen. Es iſt genug, daß ich Ihnen mein Wort gegeben habe. Darauf können Sie ſich beſſer verlaſſen.“ Auf dem Vorplatz und bei dem Fuhrwerk ange⸗ kommen, fand er den Kutſcher von Kortryk bereits auf dem Bock ſitzen; Jodokus, der in der Küche war, ließ mit bert Sie vielle holer nem Tod zwei Sie Gum komm ſpät, 2 Pferd ſchien ausge mädch dem ſchrei und l zu, n Jodok D gehen, arme den, Zügel flehte beſten lwer⸗ noch n erhin und wird. eiten ſein, icken, daß hnen zu⸗ in!“ erde ſchen Vor⸗ gte: be⸗ s iſt abe. nge⸗ eits var, 237 ließ ſich wohl dreimal rufen und erſchien endlich noch mit vollem Munde. „Nun, leben Sie wohl, Rentmeiſter,“ ſagte Gum⸗ bert, ihm noch einmal die Hand drückend.„Bauen Sie auf mein Verſprechen. Binnen vierzehn Tagen vielleicht ſchreibe ich Ihnen bereits, daß Sie Daniel holen können, oder daß er allein die Reiſe nach ſei⸗ nem Vaterland machen wird.“ „D, mein Herr, ich werde Ihnen bis in den Tod dankbar ſein,“ ſchluchzte der Greis, während zwei Thränen über ſeine Wangen fielen.„Leben Sie wohl, Gott behüte Sie!“ „Kutſcher, laß Deine Pferde auslaufen!“ rief Gumbert;„es iſt ein Trinkgeld zu verdienen; aber komme ich nach Kortryk für den Eiſenbahnzug zu ſpät, ſo erhältſt Du Nichts.“ Die Peitſche knallte über den Vorplatz und die Pferde eilten davon. Im Augenblick, da ſie das Thor erreichten, er⸗ ſchien auf der Brücke mit einem ſchweren Bündel ausgejäteten Unkrauts auf dem Kopfe ein Bauern⸗ mädchen. Sie erkannte den Diener, welcher neben dem Kutſcher auf dem Bock ſaß, ſtieß einen Freuden⸗ ſchrei aus, ließ den Bündel Gras zu Boden fallen und lief mit ausgeſtreckten Händen auf die Kutſche zu, während ſie zu wiederholten Malen den Namen Jodokus ausrief. Der Kutſcher rief ihr zu, aus dem Wege zu gehen, und trieb die Pferde ſo wild an, daß ſie das arme Mädchen ſicher zu Boden getreten haben wür⸗ den, wenn nicht Jodokus mit zornigen Worten die Zügel gepackt und das Fuhrwert aufgehalten hätte; 238 aber ſogleich riß der Kutſcher die Zügel Jodokus wieder aus den Händen, und während beide auf dem Bock mit einander zankten, ſchoß die Kutſche durch das Thor und rollte mit verdoppelter Schnellig⸗ keit auf der Straße hin. Das Bauernmädchen blieb einen Augenblick ver⸗ wirrt ſtehen, dann trat ſie langſam wieder auf den Bündel Gras zu, um ihn auf den Kopf zu lüpfen. Unterwegs legte ſie den Finger an die Stirne und murmelte mit einem ſtillen Lächeln auf den Lippen: „Was kann Jodokus hier thun?. Er hat mich zornig vertheidigt. Er liebt mich alſo doch noch? XI. Gegen das Ende des Tages waren zwei Bauern⸗ mägde in dem Thal neben dem Wulfhof damit be⸗ ſchäftigt, das Unkraut aus dem Rübenfeld auszu⸗ hacken. Die völligſte Stille herrſchte rings herum, kein Lüftchen bewegte die Blätter der Bäume, kein einziger Laut in der Natur ließ ſich hören; die Vögel ſelbſt hatten ſich in den tiefſten Schatten der Gebüſche verborgen. Unter der bräunenden Sonnenhitze krochen die beiden Mägde auf den Knieen über das Feld hin und jäteten ohne Unterlaß das wuchernde Unkraut zwiſchen den jungen Rüben aus, bis ſie die andere Seite des Feldes erreichten. Dann ſetzten ſie ſich unter dem Schatten der Pappeln nieder, trockneten den Schweiß ab, holten eine Weile Athem und nah⸗ „ Borbat men den klopfe W ihren ten ſi Geſpr und„ 2 Keukel dießme ſchloſſe Ander Oheim mir ke „U S Oheim heirath ter Kn nie wi U Keukele am Lei „Je ungläu 6S „N ich hab danken odokus e a Kutſche nellig⸗ ck ver⸗ uf den üpfen. te und ippen: Fr hat doch auern⸗ mit be⸗ auszu⸗ herum, , kein Vögel ebüſche en die d hin Ankraut andere ſie ſich ockneten id nah⸗ 239 men ihre Arbeit wieder auf, ſobald die Ruhe ihnen den Kopf etwas abgekühlt und dem ſtarken Herz⸗ klopfen ein Ende gemacht hatte. Während ſie ſo erfriſcht und mit neuem Muth ihren Gang über das Feld wieder begannen, wechſel⸗ ten ſie einige Worte bei der Arbeit und ſetzten das Geſpräch fort, welches zu unterbrechen die Ermüdung und Hitze ſie gezwungen hatte. „Alſo, Bärbelchen, Du willſt Dich mit Francis Keukelaer von Sweveghem verheirathen?“ fragte dießmal die Aelteſte.„Iſt es nun wirklich be⸗ ſchloſſen?“ „Uebermorgen iſt es Sonntag,“ antwortete die Andere mit betrübtem Ton;„da muß ich zu meinem Oheim gehen, um Ja oder Nein zu ſagen. Er will mir keine längere Friſt mehr gewaͤhren.“ „Und Du wirſt gewiß das Jawort geben?“ „Ich muß wohl, Katharine; ſonſt wird mein Oheim böſe auf mich, denn wenn ich nicht ſchnell heirathe, ſo entgeht uns das ſchöne Hofgütchen hin⸗ ter Knocke, und eine ſolche Gelegenheit findet ſich nie wieder.“ „Und Du ſcheinſt Dich deßhalb zu betrüben, Barbara? Wäre ich an Deiner Stelle! Francis Keukelaer iſt ein wackerer Burſche, der geſunde Arme am Leib hat. Du wirſt mit ihm glücklich ſein.“ „Ich glaube es nicht,“ ſeufzte die jüngere Magd, ungläubig den Kopf ſchüttelnd. „So, was willſt Du denn haben?“ „Niemand hat ſich ſelbſt geſchaffen, Katharine; ich habe Unglück, ich weiß es wohl; aber die Ge⸗ danken ſind Meiſter über mich. Als wir erfuhren, ——— daß Herr Daniel auf den Wulfhof zurückkehren würde, hat mein Oheim mich nach dem Hofgütchen genom⸗ men, um es zu pachten und mich damit in ein Haus⸗ weſen zu ſetzen. Ich bin beinahe einen ganzen Tag daſelbſt geblieben und habe mit den Leuten gegeſſen und getrunken. Was für ein ſchöner Traum war das, Katharine! An dem Tiſch ſah ich mich ſelbſt als Hausfrau; über mir ſaß Jodokus, der mit ſanf⸗ tem Lächeln mir für den guten Kaffee dankte; in dem Hof ſah ich Jodokus den kieſigen Boden in Beete legen, um Grünes für unſere Kühe anzupflan⸗ zen; auf dem Felde hörte ich ſeine Stimme, wie er das Pferd am Ende der Pflugfurche umkehren ließ; in dem Stall hörte ich ihn von Glück und Zufrie⸗ denheit ſingen; am Kamin ſah ich ihn mit einem Pfeiſchen im Munde ſitzen, während ich bei der Abendlampe ſpann... Ach, Katharine, wohin ich mich an jenem Tag auf dem Gütchen drehte und wandte, immer ſchwebte mir Jodokus vor Augen; und ich machte mir mein Hausweſen ſo gut im Kopf zurecht, daß es ſchien, als wäre ich ſchon lang ver⸗ heirathet geweſen. Ich wage es faſt nicht zu ſagen, ſo albern iſt es; aber denk' einmal, ich hatte in meiner Einfalt ſchon den Platz beſtimmt, wohin die Wiege zu ſtehen kommen ſollte, um die Kinder vor dem Zug von Thüre und Fenſter zu ſchützen;— und ich habe Jodokus geſehen, der an dem Wiegen⸗ ſeil zog und das Kind wie ein braver, guter Vater in den Schlaf ſang... Barbara hatte dieſe Worte zuerſt mit tiefem Ge⸗ fühl und endlich mit krampfhafter Stimme geſpro⸗ chen. Ihre Kamerädin mußte davon betroffen ſein; denn ſagte — Fran dokus Keuke es; wenn werd müth mein wohl zuwei 7 gehen die G Mich fühler ſtand aber merkt beſtän Neigu wiede ſehen. er flu Baue um ſe C würde, genom⸗ Haus⸗ en Tag egeſſen m war h ſelbſt it ſanf⸗ kte; in den in upflan⸗ wie er n ließ; Zufrie⸗ einem bei der hin ich te und Augen; m Kopf ng ver⸗ ſagen, atte in hin die der vor en;— Wiegen⸗ Vater em Ge⸗ geſpro⸗ n ſein; 241 denn erſt nach einem augenblicklichen Stillſchweigen ſagte ſie: „Nun wohl, Bärbelchen, dieß Alles kann mit Fran Keukelaer ebenſo gut geſchehen, als mit Jo⸗ dokus.“ „Nein, nein,“ antwortete die Andere,„Franz Keukelaer iſt ein ehrlicher, guter Junge, ich geſtehe es; aber ich habe noch nie an ihn gedacht. Und wenn ich mit ihm nun auf dem Gütchen leben ſoll, werde ich vielleicht nicht Macht genug über mein Ge⸗ müth haben, um ſogleich zu vergeſſen, wie ich mir mein Hausweſen daſelbſt gedacht habe; und es iſt wohl möglich, daß die Geſtalt von Jodokus noch zuweilen in der Kaminecke vor mir auſſteigt.“ „Aber mit der Zeit, Barbara?“ „Ja, mit der Zeit, Katharine, wird es vorüber⸗ gehen; überdieß werde ich mir Gewalt anthun, um die Erinnerung aus meinem Geiſte zu verbannen. Mich dünkt, daß ich mehr Neigung für Francis zu fühlen beginne; ſeine Güte und ſein geſunder Ver⸗ ſtand flößen mir Dankbarkeit und Achtung ein.. aber es iſt doch niemals daſſelbe, Katharine.“ „Du biſt doch ein wunderliches Mädchen!“ be⸗ merkte die Andere.„Wie kannſt Du nur noch ſo beſtändig an Jodokus denken? Er ſpottet Deiner Neigung und geht und kommt in das Land und reiſt wieder von dem Wulfhof ab, ohne nach Dir umzu⸗ ſehen. Dabei iſt er ein ſchlechter Burſche geworden: er flucht und trinkt und meint, er ſei wohl über die Bauern weit erhaben, weil er ein goldenes Band um ſeinen Hut trägt. Ich wette, wenn er noch zu⸗ Conſcience, Leid der Zeit. 16 242 rückkehrte und Dir nur ein gutes Wort gäbe, Du wäreſt noch einfältig genug, um Franz zu verſtoßen und Jodokus zu nehmen.“ „Darin irrſt Du Dich,“ ſagte Barbara in ruhi⸗ gem, entſchloſſenem Ton.„Seit einiger Zeit habe ich meine Lage wohl erwogen und eingeſehen, daß ich mit Jodokus, wie er jetzt iſt, nicht mehr glück⸗ lich ſein kann. Es iſt nicht Hoffnung, was mich noch an ihn denken läßt, es iſt Verdruß und Kum⸗ mer, daß das ſchöne Leben, wovon ich ſo lang ge⸗ träumt habe, für immer unmöglich geworden iſt.“ „Nun, nun, heirathe nur Francis Keukelaer; es wird Dir noch beſſer gehen, als mit dem wüſten Jo⸗ dokus, der, unter uns geſagt, weder ſchön noch ver⸗ ſtändig iſt.“ Ein tiefer Seufzer war Barbara's Antwort. Jetzt waren ſie auf der andern Seite des Feldes und ließen ſich ſchweigend am Rande der Straße, die über Heeſtert nach Avelghem geht, nieder. Kaum waren ſie einen Augenblick dort geſeſſen, ſo wurde Katharina's Aufmerkſamkeit durch das Er⸗ ſcheinen eines Mannes an dem äußerſten Ende der Straße erregt. Sie vermochte ihn nicht zu erken⸗ nen; denn er war unten im Thal und noch zu weit entfernt. Da er aber eine blaue Blouſe auf dem Leibe und eine Kappe auf dem Kopfe trug, ſo glaubte Katharine, es wäre ein Knecht vom Wulfhof, und bemühte ſich zu errathen, welcher es wohl ſein möchte; aber der Reiſeſtock in ſeiner Hand und die Spuren der höchſten Ermüdung, welche ſein Gang verrieth, machten ſie in ihrer Meinung wieder irre. „Sieh' einmal, Barbara,“ ſagte ſie,„ob Du er⸗ kenn komt Sta dem zu 3 ſein und Wet hend ſchm Kath weiß hat Jodo Jodo ſ chred wied. ihn ſ mögi thung komm imme Du ſtoßen ruhi⸗ habe „ daß glück⸗ mich Kum⸗ 19 ge⸗ ſt.“ e n Jo⸗ er⸗ . eldes traße, eſſen, s Er⸗ e der erken⸗ weit dem aubte und chte; uren rieth, u er⸗ kennſt, wer da in der Ferne auf den Wulfhof zu⸗ kommt. Ich dachte erſt, es wäre Thomas, unſer Stallknecht.“ „Es wird der Viehhändler ſein, den man auf dem Wulſhof erwartet, um ihm unſere fetten Ochſen zu zeigen,“ murmelte Barbara gleichgültig. „Aber ſchau nar einmal, wie müde der Mann ſein muß, er läßt den Kopf auf die Bruſt hängen und ſchleppt ſeine Glieder nach. Iſt dieß auch ein Wetter, um über Feld zu gehen? Unter dieſer glü⸗ henden Sonne. Das Mark im Leibe ſollte davon ſchmelzen!“ „Komm, laß uns nicht ſo viel Zeit verlieren, Katharine,“ ſagte die jüngere Magd aufſtehend.„Du weißt, wie ſehr der Rentmeiſter uns Eile beſohlen hat.“ „Wart' ein wenig, Barbara. Der Mann dort hat rothes Haar....“ „Was macht das?“ „Ja, aber iſt rothes Haar, gerade wie das von Jodokus. Da, ſieh“ er hebt den Kopf auf. Es iſt Jodokus ſelbſt!“ „Du irrſt Dich, Katharine; Du willſt mich er⸗ ſchrecken,“ ſtammelte das Mädchen ſehr bewegt. „Nein, nein, ich täuſche mich nicht. Jetzt hat er wieder den Kopf herabfallen laſſen, ſonſt hätteſt Du ihn ſogleich wohl erkannt.“ „Jodokus mit einer blauen Blouſe? Es iſt nicht möglich.“ Aber ſie ſprach gewiß gegen ihre eigene Vermu⸗ thung; denn während ſie die Augen auf den heran⸗ kommenden Mann gerichtet hielt, begann ſie allmälig immer mehr zu zittern und ſagte endlich: 1 6 244 „Ach, Katharine, es iſt Jodokus, wahrhaftig! laß uns von hier weggehen, daß er mich nicht ieht!“ „Warum? Ich bin neugierig, zu erfahren, wie es kommt, daß Jodokus mit einer Kappe und einem Bauernkittel nach dem Wulfhof zurückkehrt. Was Dich betrifft, Barbara, ſo zeige ihm nun, daß Du Nichts mehr von ihm willſt. Halte Dich gleichgültig und ſtark.“ Die beiden Mägde ſchwiegen und ſchauten, die eine halb lachend, die andere zitternd, auf den Mann, welcher jetzt ſchnell, aber mit ſichtbarer Mattigkeit die Straße heraufkam. Er marſchirte immer noch mit hängendem Kopf und ahnte ſicher nicht, daß man ihn ſeit einer Weile ſo aufmerkſam beobachtete. Vielleicht wäre er an den Mädchen vorbeigegan⸗ gen, ohne ſie wahrzunehmen, hätte ihm Katharina nicht zugerufen: „He, Jodokus, wohin ſo eilig, daß Du keinen Menſchen mehr kennſt?“ „Barbara!“ rief Jodokus erbleichend und mit aufgehobenen Händen, als hätte die unerwartete Er⸗ ſcheinung der Magd ihn mit Schrecken und Beſtür⸗ zung geſchlagen. Das Mädchen ſchaute ihn ſprachlos an, während er ſich den Schweiß von der Stirne wiſchte; aber dann wandte ſie die Augen ab, um ihre Rührung zu bezwingen und Stärke gegen das Gefühl, welches ſie zu überwältigen drohte, zu ſuchen. „Woher kommſt Du, um Gottes willen?“ fragte Katharine lachend.„Du ſiehſt aus, wie Jemand, der aus einem Gefängniß entflohen iſt. Deine Haare ſind mens ſchön Bort ungli bitter Kleid und Richt abger holen komn gefall mit! aber müßt Dan blieb quar mich Brie ihn ſtand nibut und ftig! nicht wie inem Was Du — ültig „die kann, igkeit noch man egan⸗ arina einen mit e Er⸗ eſtür⸗ hrend aber ng zu es ſie fragte nand, Haare ſind in Unordnung, und da liegt der Staub dau⸗ mensdick auf Deinen Schultern. Wo haſt Du Deine ſchönen Kleider und Deinen Hut mit der goldenen Borte?“ „Ach, ſpotte meiner nicht, Katharine; ich bin ſo unglücklich!“ klagte Jodokus, indem er die Hände bittend zuſammenlegte.„Alles iſt verloren: meine Kleider, das Bischen Geld, das ich erſpart hatte, und das Weißzeug dazu! Ich habe auf der Welt Nichts mehr, als was mir an dem Leibe hängt,— ſo unglücklich und arm, wie ein Wurm!“ „Hat Herr Daniel Dich fortgejagt?“ „Ich habe Herrn Daniel nicht mehr geſehen, ſeit⸗ dem ich mit dieſem Schurken Gumbert von Paris bin, um das letzte Geld vom Wulfhof zu olen.“ „Das letzte Geld! Was ſagſt Du?.. Woher kommſt Du jetzt? Du biſt doch nicht aus der Luft gefallen?“ „Es iſt eine ſchreckliche Geſchichte. Wir ſollten mit dem Gelde nach Paris gehen, zu Herrn Daniel; aber der verrätheriſche Gumbert machte mir weiß, er müßte nach Antwerpen, um auf der Börſe für Herrn Daniel ein Geldgeſchäft abzumachen. Zu Antwerpen blieben wir einige Tage in einem großen Hotel ein⸗ quartirt. Eines Tages befahl mir Herr Gumbert, mich eilig anzukleiden, gab mir einen verſchloſſenen Brief und ſagte, ich müſſe ſogleich nach Brüſſel und ihn an die Perſon, deren Namen auf der Adreſſe ſtand, abgeben. Er ſpringt mit mir in einen Om⸗ nibus; er nimmt auf der Station ein Billet für mich und bleibt ſtehen, bis das Zeichen zur Abfahrt ge⸗ 246 geben wird. Ich hätte es riechen ſollen, daß man damit umging, mich zu verrathen; aber ich hatte nicht mehr Argwohn, als ein neugebornes Kind. Zu Brüſſel ſuchte ich den ganzen Tag; ich lief Straße auf, Straße ab; ich zeigte den Brief fünfzig Men⸗ ſchen; Niemand hat ſein Lebenlang von der Perſon ſprechen hören, für welche der Brief iſt. Ich kehre nach Antwerpen zurück; ich komme in das Hotel;— und denk einmal, wie erſchrocken und verblüfft ich daſtehe— man ſagte mir, Herr Gumbert ſei am ſel⸗ ben Mittag mit dem engliſchen Dampfboot nach Lon⸗ don abgereiſt!“ „Mit dem Geld von Herrn Daniel?“ unterbrach ihn Katharine verwundert. „Ja, mit all dem Geld,“ ſeufzte Jodokus ſchmerz⸗ lich,„und mit den Reiſekoffern und mit meiner Wä⸗ ſche und mit dem Bischen Geld, das ich mir ſo ſchwer erſpart habe.“ Barbara hatte nun wieder die Augen zu Jodo⸗ kus erhoben und hörte mit heimlichem Mitleid auf das, was er ſagte. „Ich glaubte vor Betrübniß zu ſterben,“ fuhr er fort;„ich raufte mir die Haare aus und klagte Gott meine Dummheit; aber meine Thränen halfen zu Nichts. Mit genauer Noth wollte man mich in dem Hotel aus Barmherzigkeit noch eine Nacht beherber⸗ gen. Des andern Tags lief ich in der Stadt her⸗ um, gleich einem Wahnſinnigen. Was ſollte ich an⸗ fangen? Ich hatte in Brüſſel ſehr viele Diener ge⸗ ſehen, die gleich mir gekleidet waren, und ich glaubte dort vielleicht einen Platz zu finden. Mit dieſem Gedanken reiſ'te ich Abends wieder nach Brüſſel ab. Da h Dienſ wenig meine Hung wegg ohne matte ich w Y Thrä melte um e Dani chen; Er iſ Centi „ belaf mehr das Du währ jedoe heite volle daue 247 Da habe ich wohl in zwanzig großen Häuſern einen Dienſt⸗geſucht; überall wurde ich abgewieſen. Das wenige Geld, das ich hatte, iſt aufgezehrt; ich habe meinen Hut und meinen Livreerock verkauft, um nicht Hungers zu ſterben. Zu Fuß bin ich von Brüſſel weggegangen, über Ninove und Audenaerde, beinahe ohne zu eſſen oder zu raſten; und da bin ich, abge⸗ mattet, unglücklich und ſo verzweifelt, daß ich wünſchte, ich wäre todt!“ Barbara wandte den Kopf zur Seite, um eine Thräne aus dem Auge zu wiſchen., „Aber was ſind das für dumme Streiche?“ mur⸗ melte Katharine.„Warum mußt Du nach Bräüſſel, um einen Platz zu ſuchen? Dein Platz iſt bei Herrn Daniel in Paris.“ „Ja, ja,“ antwortete Jodokus mit traurigem La⸗ chen;„Herr Daniel hat keinen Diener mehr nöthig. Er iſt noch ärmer, als ich; denn er beſitzt keinen Centime mehr, und hat obendrein noch Schulden.“ „Bah, ich glaube, Du träumſt. Und der Wulfhof?“ „Mit Zinſen für mehr, als ſeinen wirklichen Werth belaſtet. Der Wulfhof gehört Herrn Daniel nicht mehr.“ „Himmel, Himmel, was für ſchreckliche Dinge ſind das allzumal!“ rief Katharine voll Beſtürzung.„Biſt Du deſſen auch gewiß, was Du ſagſt?“ „Herr Gumbert hat mir Alles auseinandergeſetzt, während wir in Antwerpen blieben. Ich wußte es jedoch ſchon lange Zeit, daß es mit den Angelegen⸗ heiten unſeres Junkers ſchief ging; denn das Geld mit vollen Händen verſchwenden, das konnte nicht lang dauern.“ 248 Es herrſchte eine Weile Stille. Jodokus näherte ſich jetzt Barbara und ſprach in einem Ton ſchmerzlicher Betrübniß zu ihr: „Du willſt mich nicht mehr anſehen, Bärbelchen? O, Du haſt wohl Recht, mich zu verachten. Ich habe Dir grauſam wehe gethan; ich habe Deine reine Liebe mit Spott und Brutalität belohnt. Elender Dummkopf, der ich war! Um den falſchen Gumbert nachzuäffen, habe ich aus Hochmuth mich geſtellt, als liebte ich Dich nicht mehr.... und doch ſtandeſt Du allezeit, allezeit mir vor den Augen. Werde nicht böſe, Bärbelchen; ich ſage das nicht in der Hoffnung, daß Du mir noch vergeben könnteſt. Ich habe mein Loos verdient, und Du würdeſt ſehr Unrecht thun, wollteſt Du nicht Dein Leben lang mich haſſen und verachten.“ Das Mädchen ſtand nur halb gegen Jodokus gekehrt, und verbarg ſo die Thränen, die, eine nach der andern, ihr aus den Augen ſielen. Sie war tief gerührt und kämpfte mit Gewalt gegen das Liebesgefühl, welches ſie antrieb, dem armen Jodo⸗ kus Alles zu vergeben. „Aber ſag' einmal, was willſt Du jetzt thun?“ fragte Katharine.„Auf dem Wulfhof kannſt Du nicht bleiben. Seit dem Abend, da Du Dich faſt zu Tode getrunken haſt, iſt der Rentmeiſter gegen Dich aufgebracht: er wird Dich wegjagen.“ „Ich weiß es wohl,“ antwortete Jodokus.„Wenn ich nach dem Wulfhof gekommen bin, geſchah es blos, um den Rentmeiſter davon in Kenntniß zu ſetzen, daß Gumbert mit dem Geld nach England entflohen iſt. Herr Daniel wartet ſicher mit Kummer und Angſt ſchlief dieß wenn erfüll wiede G ſagte umn zu ſt wach ſicht ben der bisw C Kopf men 2 zitter Stre von in ſc ſeine einge Thre Ich ch in chen? 39 reine ender mbert „ als andeſt nicht nung, mein thun, nund dokus eine Sie ndas Jodo⸗ hun?“ ſt Du faſt zu n Dich „Wenn s blos, ſetzen, tflohen un 249 Angſt auf ſeinen Freund; der Rentmeiſter wird be⸗ ſchließen, was geſchehen muß, um unſerem Junker dieß zu wiſſen zu thun und ihm Hülfe zu ſenden, wenn es möglich iſt. Sobald ich dieſe letzte Pflicht erfüllt habe, gehe ich von hier weg, um nie mehr wiederzukehren.“ Er wandte ſich aufs Neue zu dem Mädchen und ſagte mit erſtickter Stimme: „Lebe wohl, Barbara; ich will Soldat werden, um mich für das Leid, das ich Dir angethan habe, zu ſtrafen. Ach Gott, wenn ich dann auf der Schild⸗ wach ſtehe, werde ich Dich allezeit vor meinem Ge⸗ ſicht ſchweben ſehen und werde keine Ruhe mehr ha⸗ ben auf der Welt. Vergiß den böſen Dummkopf, der Deine Liebe mißkannt hat; aber gedenke doch bisweilen des armen Soldaten in Deinen Gebeten!“ Er ſchlug ſich die Hände vor die Augen, ließ den Kopf auf die Bruſt ſinken und entfernte ſich langſa⸗ men Schrittes. Barbara blieb noch eine Weile unentſchloſſen und zitternd ſtehen; doch, als ob ſie plötzlich in dem Streit gegen ihr Gefühl unterlegen wäre, ſprang ſie von dem Rande des Ackers auf die Straße und rief in ſchmerzlichem Ton, während ſie ihm nachlief: „Jodolus, ach, Jodokus, bleib ſtehen!“ Er ſchien es nicht zu hören und beſchleunigte noch ſeinen Schritt. Das Mädchen hatte ihn jedoch ſchnell eingeholt. Neben ihm hergehend, drängte ſie ihre Thränen zurück und fragte: „Du willſt Soldat werden, ſagſt Du, Jodokus?“ „Ja, ja,“ ſeufzte er,„Soldat mein Leben lang! Ich werde unglücklich ſein, aber ich habe es verdient.“ 250 „Warum verzweifelteſt Du an meiner Zuneigung, Jodokus? Wenn ich Dir Alles vergäbe, würdeſt Du bleiben?“ „Ach, ſchweige, Barbara; Du biſt die Güte ſelbſt, ich weiß es wohl; und vielleicht wäreſt Du noch barmherzig genug, um mich zu tröſten; aber ich muß Ea werden, ich muß leiden für meine Miſſethat. aß mich gehen; überlaß mich meinem Schickſal: ich bin nicht werth, daß Du noch mit mir redeſt.“ „Jodokus,“ fragte das Mädchen faſt unhörbar, „haſt Du zwiſchen all Deinem Spott und trotz Dei⸗ ner verſtellten Kälte die arme Barbara nicht ein Bischen lieb behalten?“ „Die Frage ſchneidet mir durch das Herz, wie ein Meſſer!“ klagte Jodolus verzweifelnd.„Welcher thörichte Hochmuth hat mich verblendet! Jedesmal, ſo oft ich Dich ſah, begann mir das Herz zu klopfen: war ich allein bei meinen Pferden, ich ſah Dich vor mir ſtehen; des Nachts fuhr ich aus dem Schlafe auf, weil ich dachte, Du riefeſt mich bei meinem Namen. O, es iſt unbegreiflich! Um groß und ſtark zu ſcheinen, um als ein Affe, der ich war, dem ſpottſüchtigen Gumbert nachzumachen, gab ich Wider⸗ willen und Gefühlloſigkeit vor. Wenn es mir nicht um das Heil meiner Seele wäre, ich ginge da hin⸗ unter, um mich, hinter der Kapelle, in dem Teiche zu ertränken!“ Barbara faßte ſeine Hand und ſagte mit unge⸗ meiner Sanftmuth in der Stimme: „Jodokus, wenn ich vergeſſen wollte, welchen Kummer ich durch Dich erduldet habe; wenn ich Dich noch liebte, wie zuvor, und wenn wir das Verſpre⸗ chen nach brav, Du einen fluche mich in d Dein Miſſe Verg mich den Auge rathe geiſt gehe ling bara zurü inne Wol gen zins zu b eine biete Her will vegl gung, ürdeſt ſelbſt, nch muß ſethat. al: ich örbar, Dei⸗ ht ein wie Lelcher esmal, opfen: ch vor Schlafe neinem ß und r, dem Wider⸗ r nicht a hin⸗ Teiche unge⸗ welchen ch Dich gerſpre⸗ 251 chen erfüllten, das wir einander vor Deiner Abreiſe nach Paris gegeben haben, würdeſt Du dann wieder brav, arbeitfam und gottesfürchtig werden? Würdeſt Du arbeiten und Deine Fflichten erfüllen, wie es einem verſtändigen Hausvater ziemt? Nicht mehr fluchen, nicht mehr übermäßig trinken? Würdeſt Du mich achten und mich gern ſehen?“ „O Herr, o Herr!“ rief Jodokus mit Thränen in den Augen;„ich unterliege faſt, wenn ich nur Deine ſüße Stimme höre. Wenn ich keine neue Miſſethat begehen muß, daß ich Deine edelmüthige Vergebung annehme! Wenn das Glück noch für mich möglich wäre! Ich würde mir die Finger von den Händen wegarbeiten; ich würde nach Deinen Augen ſehen, um Deine leiſeſten Wünſche zu er⸗ rathen; ich würde Dich verehren wie meinen Schutz⸗ geiſt. Aber das darf nicht ſein. Laß mich gehen, Barbara, ich bin ein Böſewicht, ein Feig⸗ ling!“ 8, gleibe ſtehen und höre mich an!“ ſagte Bar⸗ bara, indem ſie ihn mit der Hand auf der Straße zurückhielt.„Das Hofgütchen hinter Knocke wird innerhalb eines Monats ledig. Es iſt eine nette Wohnung, mit allen Bequemlichkeiten und fünf Mor⸗ gen guten, fruchtbaren Landes; und dabei der Pacht⸗ zins billig genug, um in der Stille Etwas vor ſich zu bringen. Mein Oheim iſt deßhalb überzeugt, daß eine ſolche Gelegenheit ſich nicht zum zweiten Mal bietet, daß er unahänderlich beſchloſſen hat, mich zur Herrin auf dem Gütchen zu machen. und er will mich deßhalb mit Francis Keukelaer von Swe⸗ veghem verheirathen.“ 252 „Er will Dich verhéirathen?“ wiederholte Jodo⸗ kus, convulſiwiſch zitternd.„Mit Francis Keukelaer?“ Darauf ſank ihm der Kopf auf die Bruſt, wäh⸗ rend er, einen Seufzer ausſtoßend, muthlos flüſterte: „Dein Oheim hat Recht; Francis iſt ein guter Junge; Du wirſt glücklich mit ihm ſein, Barbara „Willſt Du der Pächter von dem Gütchen ſein, Jodokus?“ fragte die Magd. „Ich, Pächter von dem Gütchen? Wäre es auch möglich, Dein Oheim würde nicht ſo barmherzig ſein, wie Du, Barbara.“ „Mein Oheim wird mich zu Nichts zwingen, Jodokus. Wenn er ſich jetzt in den Kopf geſetzt hat, daß ich Francis Keukelaer heirathe, ſo iſt es nur ge⸗ weſen, weil Du mich verſtoßen hatteſt und abgereiſt wareſt. Komm, Jodokus, laß Alles vergeſſen ſein; werde wieder brav und gottesfürchtig wie zuvor, und erfüllen wir das Verſprechen, das wir dort unten vor der Kapelle und vor dem Kreuze einander ge⸗ geben haben.“ Wie vernichtet unter der unendlichen Güte des treuen Mädchens, ſtand Jodokus ſprachlos vor ihr. „O, Jodokus, wir werden ſo glücklich ſein!“ jubelte Barbara.„Alles, was wir früher geträumt haben, wird noch zur Wahrheit werden. Du arbeiteſt auf dem Feld, ich beſorge das Vieh. Wir find ſtark und geſund; Gott wird unſere Arbeit ſegnen; wir werden allmälig vorwärts kommen und ſparen, bis daß die Familie ſich vermehrt. Es wird allezeit Freude ſein; wir ſingen bei der Arbeit und danken dem Himmel für ſeine Güte. Ach, mich dünkt, ich ſehe nach der Arbeit Dich bereits neben mir in der Jodo⸗ er?“ wäh⸗ ſterte: guter ſein, auch herzig ingen, t hat, ur ge⸗ gereiſ't ſein; r, und unten er ge⸗ te des ihr. ſein!“ träumt beiteſt d ſtark wir n, bis allezeit danken kt, ich in der 25⁵3 Kaminecke ſitzen, mit dem Pfeifchen im Munde, und ſo zufrieden und ſo frohmüthig, wie ein König in ſeinem Palaſte... Da iſt meine Hand, Jodolus; Alles iſt Dir vergeben. Sage ja; und ehe ſechs Wochen vergangen ſind, ſtehen wir vor dem Altar, als Mann und Frau.“ Jodokus fiel auf die Kniee in den Sand der Straße; und während eine Thränenfluth über ſeine Wangen ſtrömte, hob er ſprachlos die Arme zu dem Mädchen empor. Barbara faßte ſeine Hand und wollte ihn auf⸗ richten; er aber widerſtand ihren Bemühungen und flehte: „O, laß mich Dir auf den Knien danken! Barbara. Barbara, wäreſt Du ein Engèl vom Himmel, Du könnteſt nicht gutherziger ſein. Ich habe nicht viel Verſtand, ich weiß es wohl; aber nun fühle ich doch, nun begreife ich doch klar, daß ich noch nicht werth bin, den Boden zu küſſen, worauf Du Deinen Fuß geſetzt haſt.“ Es gelang ihr jetzt, ihn zum Aufſtehen zu brin⸗ gen; er ſchien wie gelähmt und blieb ſtilk, es fehlte ihm die Kraft zu ſprechen. „Nun, Jodokus,“ fragte das Mädchen,„biſt Du jetzt zufrieden?“ „Ich werde Dein Knecht ſein, Dein demüthiger Knecht, mein Leben lang!“ ſeufzte Jodokus. „Nein, nein, mein Freund, mein Gefährte, mein Gatte. Nun, ſei fröhlich, Jodokus. Anſtatt Soldat zu werden, wirſt Du Pächter und Herr auf dem ſchönſten Gütchen werden, das auf fünf Stunden in der Runde zu finden iſt. Und bleibſt Du arbeitſam 254 und brav, dann wird Barbara Dich ehren und lieben, als wäre nie Etwas geſchehen.“ „Ach, wenn ich noch Gutes auf der Welt thun kann— und ich werde mir Mühe geben— dann möge der gute Gott alle meine Verdienſte auf Dich übertragen, Barbara!“ „Du ſprichſt ſo traurig,“ flüſterte das Mädchen verweiſend.„Warum lachſt Du nicht?“ „Es iſt mir unmöglich, Barbara; ich möchte weinen, laut weinen, oder ich erſticke in meinen Thrãä⸗ nen; aber es iſt vor Dankbarkeit, vor zu viel Freude, vor übermäßigem Glück!“ „Höre Jodokus,“ ſagte das Mädchen.„Ich darf nicht länger hier bei Dir bleiben. Die Arbeit dort muß abgethan werden, ſonſt wird der Rent⸗ meiſter böſe. Dieſen Abend werde ich ihn um Er⸗ laubniß bitten, mit Dir nach Sweveghem zu gehen. Er wird es mir nicht abſchlagen. Morgen in aller Frühe werden wir bereits bei meinem Oheim ſein und ihn um ſeine Einwilligung erſuchen. Fürchte doch Nichts; ſeiner Zuſtimmung bin ich zum Voraus gewiß. Nun, gib mir die Hand, Jodokus, und bleibe guten Muthes und ruhig, bis ich auf den Wulfhof komme. Bis vier Uhr werden wir mit der Arbeit hier fertig ſein. Bald, Jodokus, bald!“ „Gott ſegne Dich!“ flüſterte Jodokus, während Barbara langſamen Schrittes nach dem Rübenacker zurückkehrte. Katharine war am Rande der Straße ſtehen ge⸗ blieben und hatte ihrer Kamerädin und Jodokus zu⸗ geſehen. „Du haſt es dort etwas lang hinausgezogen, Barb Leben Einfa zu„ Du ſ mit e Ange „ dem 4„ Mone hinter F aber c A Schw Duk brave Jahre arbeit gehen bringe Bische zurück kusn Fräule „ lieben, t thun dann f Dich ädchen möchte Thrä⸗ Freude, „Ich Arbeit Rent⸗ um Er⸗ gehen. in aller im ſein Fürchte Voraus bleibe Wulfhof Arbeit vährend benacker hen ge⸗ us zu⸗ gezogen, 255 Barbara,“ ſagte ſie.„Ich begreife es, ein ewiges Lebewohl, nicht wahr? Viel Mitleid verdient der Einfaltspinſel nicht; aber doch geht mir ſein Unglück zu Herzen. Soldat werden ſein Leben lang!.. Du ſcheinſt verſtört?“ „Jodokus wird nie Soldat,“ antwortete Barbara mit einem ſtillen, aber innig frohen Lächeln auf dem Angeſicht. „So, Du haſt ihm alſo dieſen Gedanken aus dem Kopf geredet?“ „Er wird mein Bräutigam und binnen zwei Monaten iſt er Pächter auf dem ſchönen Hofgütchen hinter Knocke!“ jubelte das Mädchen. „Und Franz Keukelaer?“ „Es thut mir Leid um ihn; ich bin ihm dankbar, aber er kommt nicht auf das Gütchen.“ „Du willſt Jodokus heirathen? einen dummen Schwätzer, der flucht und trinkt?“ „Für alle Sünden iſt Vergebung, Katharine. Du kennſt Jodokus nicht. Im Grunde iſt er ein braver, guter Junge. Laß einmal nach ein paar Jahren ſehen, ob er nicht gleich dem beſten Pächter arbeiten kann... Laß uns jetzt eilig an die Arbeit gehen; wir wollen die verlorene Zeit wieder herein⸗ bringen. Unter der Arbeit können wir noch ein Bischen über das unerwartete Ereigniß plaudern.“ „Wart' einmal,“ ſagte Katharine, ihre Gefährtin zurickhaltend.„Da ſieh' dorthin! Da ſteht Jodo⸗ kus noch auf der Straße. Frau van Berg und Fräulein Celeſta ſprechen mit ihm.“ „Er wird ihnen erzählen, wie Herr Gumbert mit 256 dem Geld von unſerem Junker nach England ent⸗ flohen iſt.“ „Ich glaube eher, Barbara, es iſt davon die Rede, daß er ſich mit Dir verheirathen wird.“ „Um ſo beſſer; es iſt ein Zeichen, daß er darüber erfreut iſt.“ „Aber halt' einmal, Barbara, dünkt Dir nicht, daß Frau van Berg aufgebracht iſt? Sie fährt ſo lebhaſt mit den Armen in die Luft. Irre ich nicht, ſo tritt ſie in dem Sand herum, daß der Staub ihr am Leib hinauf fliegt!“ „Wirklich, Katharine, ſie ſcheint zornig. Was mag es ſein, das ſie ſo aufgeregt hat?“ Sie blieben eine lange Weile und betrachteten ſtill und verwundert das Geberdenſpiel von Frau van Berg. „Sieh', ſieh',“ murmelte Katharine,„Fräulein Celeſta fährt mit einem weißen Taſchentuch über die Augen! Sollte ſie weinen?“ „Ja, ſie weint!“ „Weiß Frau van Berg, daß unſer Junker all ſein Geld verſchwendet hat, und daß der Wulfhof ihm nicht mehr zugehört?“ „Nein, ſie weiß es nicht, Katharine; ſonſt würde die alte Frau mir Etwas davon geſagt haben.“ „O, der dumme Jodolus! Ich wette, er iſt daran, ihr die ſchönen Dinge weit und breit aus einander zu ſetzen Sieh! Frau van Berg nimmt Fräulein Celeſta am Arm und zieht ſie auf den Seitenweg. Jodokus geht wieder fort.“ „Komm, jetzt keinen Augenblick mehr verloren. Eilig an die Arbeit!“ ſagte Barbara. glänzt ſeinem einige ent⸗ n die rüber nicht, hrt ſo nicht, b ihr Was chteten Frau äulein er die er all of ihm würde er iſt it aus nimmt uf den erloren. 257 Beide knieten zwiſchen den Wurzeln nieder und begannnen einen neuen Gang über den Acker. XII. Barbara und Katharine hatten nach dem Abgang von Jodokus ihre Arbeit ſo eilig fortgeſetzt, daß ſie kurz nach drei Uhr das Ende von dem Feld erreich⸗ ten und nun vergnügten Gemüths und mit lebhafter Ungeduld nach dem Wulfhof zurückkehrten. Als ſie ſich dem Thore näherten und über den Vorplatz ſehen konnten, hielt Barbara ihre Gefährtin an und deutete mit jubelndem Lächeln, jedoch ſchwei⸗ gend, auf Etwas, wobei ihr Blick mit ungewöhn⸗ licher Freude zu verweilen ſchien. Der Vorplatz war ſehr einſam, denn die Dienſt⸗ boten und Taglöhner waren draußen auf dem Felde an der Arbeit. Man konnte dieſen Augenblick Nie⸗ mand bemerken, als einen ziemlich ſtarkgebauten Mann mit rothen Haaren, der damit beſchäftigt war, den Pferdeſtall zu ſäubern und den dampfenden Miſt auf einen Haufen zu ſchichten. Er hatte die Aermel von ſeiner Blouſe aufgeſtreift und arbeitete unter ſchweren Athemzügen mit ſichtbarer Emſigkeit und Luſt. Der Schweiß perlte ihm auf der Stirne und er keuchte zuweilen vor Ermüdung; aber dennoch er⸗ glänzte ein heiteres Lächeln der Zufriedenheit auf ſeinem Geſicht, und von Zeit zu Zeit trillerte er einige Akkorde eines fröhlichen Liedchens. „Nun, was ſagſt Du dazu?“ flüſterte Barbara Conſcience, Leid der Zeit. 17 258 in triumphirendem Ton.„Die Arme ſtehen Jodokus noch nicht verkehrt am Leibe!“ „Nein, wahrhaftig,“ antwortete Katharine;„aber was mag er wohl haben? Er wendet und ſticht mit der Gabel, wie ein Narr. Man könnte ſagen, er wolle gegen den Miſt zu Felde ziehen!“ „Siehſt Du es nicht, Katharine? Es geſchieht vor Freude. Der arme Junge iſt ſo glücklich, daß er ſich nicht zurückhalten kann. Ach, ſei verſichert, Jodokus wird ein arbeitſamer Mann ſein, und ich werde es niemals beklagen, daß ich ihm Verzeihung anſtatt ihn abreiſen und Soldat werden zu aſſen.“ „Sollte der Rentmeiſter ihm vielleicht eine be⸗ ſtimmte Arbeit auferlegt haben? Es wundert mich, daß Jodokus ſo munter und ſo uhig auf dem Wulf⸗ hof an der Arbeit iſt. Komm, Barbara, wir wollen im Vorbeigehen fragen, wie der Rentmeiſter ihn auf⸗ genommen hat.“ Sie traten durch das Thor und auf den Vor⸗ platz. Jodotus war ſo ſehr in ſeine Arbeit, oder in ſeine Gedanken vertieft, daß er die Ankunft der Mädchen nicht bemerkte, ehe ſie in ſeiner Nähe waren und zu gleicher Zeit lachend ausriefen: „Ha⸗ ha, der rüſtige Arbeiter!— Brav, Jodokus, rav!“ Jodokus önderte die Farbe, und noch röther wurden ihm Wangen und Stirne. Die Augen voll Dankbarkeit auf das Mädchen gerichtet, ſagte er: „Bärbelchen, Bärbelchen, ich weiß nicht, was Deine Güte aus mir gemacht hat; aber mich dünkt, ich könnte einen Monat lang raſtlos ſo fortarbeiten; meine Wie 1 nen 6 Bärb daß i ich m B Jodol Auger unruh keinen c halb Glück könne Scher es vi ſtreite Verſt laſſen baren Deine nur! ſolſt „ flüſter Ohr. viel( B hielt wiſſer dokus „aber ht mit n, er ſchieht daß ſichert, nd ich eihung den zu ne be⸗ tmich, Wulf⸗ wollen n auf⸗ n Vor⸗ der in ft der waren odokus, röther en voll er: was beiten; 259* meine Arme ſcheinen mir von Eiſen oder Stahl! Wie wird es erſt dann ſein, o Gott, wenn ich mei⸗ nen Schweiß für Dich vergießen darf! Sieh', liebes Bärbelchen, glaube mir oder nicht, ich bin ſo glücklich, daß ich tanzen möchte, wenn ich es wagte. Wenn ich nur nicht von Sinnen komme!“ Barbara fühlte, wie ihr bei dem Ausdruck von Jodokus Dankbarkeit gegen ſie Thränen in die Augen traten. Seine letzten Worte machten ſie faſt unruhig, als ob ſie an die Feſtigkeit ſeiner Sinne keinen großen Glauben gehabt hätte. „Du mußt ruhig bleiben, Jodokus,“ ſagte ſie in halb ermahnendem Ton.„Ein Menſch muß dem Glück ebenſo wie dem Kummer Widerſtand leiſten können.“ „Ach, Bärbelchen,“ rief er,„ich ſage es nur zum Scherz. Daß ich ein Dummkopf geweſen bin und es vielleicht bleiben werde, das will ich nicht be⸗ ſtreiten; dber ſei verſichert, Deine Güte hat mir den Verſtand geöffnet, um wenigſtens mich erkennen zu laſſen, was ich Dir ſchuldig bin, und mir zu offen⸗ baren, was ich thun muß, um Dir einigermaßen für Deine reine Zuneigung lohnen zu können. Wenn nur der barmherzige Gott mich geſund erhält; Du ſollſt es ſehen!“ „Was er da ſagt, iſt ſo unverſtändig nicht,“ flüſterte Katharina verwundert ihrer Gefährtin ins Ohr.„Ich beginne wahrhaftig zu denken, daß noch viel Gutes in ihm ſteckt.“ Barbara war gerührt und ſprach nicht; aber ſie hielt mit ſtiller Selbſtzufriedenheit und einem ge⸗ wiſſen Stolze den Blick auf Jodokus gerichtet. 17 260 „Aber ſag einmal,“ fragte Katharina,„wie hat der Rentmeiſter Dich aufgenommen? Wie kommt es, daß Du bereits hier an der Arbeit biſt, als ob Du den Wulfhof noch nie verlaſſen hätteſt?“ „Der Rentmeiſter hat mich zuerſt ſehr kalt auf⸗ genommen: es war vorauszuſehen,“ antwortete Jodo⸗ kus;„aber er iſt allmälig minder geworden, und war zuletzt ſo gütig gegen mich, daß mir die Thränen davon in den Augen ſtanden. Ich habe lauter Glück heute!“ „Und was hat er geſagt, als Du ihm von Herrn Gumbert's Flucht nach England erzählteſt? Er iſt ſicher furchtbar erſchrocken?“ „Nein, Katharina; er nickte ſchweigend mit dem Kopf, als ob die Sache im Ganzen ihn nicht wun⸗ derte.“ „Und daß der Wulfhof unſerem Junker Daniel nicht mehr gehört? Hat er dieß ebenſo kaltblütig vernommen?“ „Das brauchſt Du ihm nicht zu ſagen; er weiß es beſſer als irgend Jemand.. Aber, Katha⸗ rina und Du, Barbara, redet doch, um Gotteswillen, kein Sterbenswörtchen von dieſen Dingen. Der Rentmeiſter hat mich ſehr dringend aufgefordert, was ich davon wiſſe, geheim zu halten.“ „Ja! Ich wette, Jodokus, Du haſt dieſen Mit⸗ ta van Berg und Fräulein Celeſta Alles er⸗ zählt.“ „Es iſt wahr,“ ſeufzte Jodokus,„es war eine ſchreckliche Dummheit von mir; aber ich wußte nicht, daß ich daran Unrecht that.“ hat t es, Du auf⸗ odo⸗ rden, r die habe Herrn r iſt dem wun⸗ aniel blütig weiß katha⸗ villen, Der t„ was Mit⸗ es er⸗ r eine nicht, 261 „Iſt der Rentmeiſter auf dem Wulfhof?“ fragte Barbara. „Nein, er iſt ausgegangen.“ „Zu Fräulein Celeſia, dhne Zweifel. Ach, Jodo⸗ kus, er wird erfahren, daß Du zu viel geſprochen haſt! Du mußt vorſichtiger ſein, Jodokus.“ „Ja, ja, ich weiß es wohl. Ich könnte Dir zum Beiſpiel ſagen, was ich von des Rentmeiſters Ab⸗ ſichten denke; aber würde ich gut oder übel daran thun?“ „Meinſt Du denn, wir können nicht ſchweigen?“ brummte Katharina. „Uns kannſt Du es wohl ſagen, Jodokus,“ ſetzte Barbara hinzu,„und überdieß ſind es nur Gedanken, nicht wahr?“ Jodokus trat den beiden Mädchen näher und ſprach mit gedämpfter Stimme: „Seht Ihr, der Rentmeiſter zeigte ſich wohl ruhig und gefaßt vor mir; aber es war nur Schein. Ich bemerkte wohl, daß er im Innern heftig be⸗ wegt ſein mußte. Er fragte mich ſo neugierig aus, bezüglich der Straße und des Hauſes, wo unſer Junker Daniel zu Paris wohnt; er befahl mir, dem Grauſchimmel Hafer zu geben.... Was meint Ihr, daß das bedeutet?“ Die zwei Mädchen ſchauten ihn verwundert an. „Es bedeutet,“ ſagte Jodokus,„daß er mit dem Grauſchimmel heute noch nach Kortryk fährt und im Sinne hat, unſern Junker in Paris aufzuſuchen.“ „Aber der Grauſchimmel ſteht da noch im Stall,“ ſagte Katharina. „Der Rentmeiſter iſt in aller Eile ausgegangen, 262 da hinunter, den Querweg nach dem Dorfe. Ich möchte wetten, daß er mit dem Notar ſprechen will.“ „Warum mit dem Notar?“ „Begreifſt Du es nicht, Katharina? Um Geld für den Junker Daniel zu holen. Er hat ganz Recht; denn es wird dort noch eine ſchwere Rechnung zu bezahlen ſein.“ „Aber, Jodokus, haſt Du Herrn Willibald nicht ein Wörtchen von unſerem Vorhaben geſagt, morgen nach Sweveghem zu meinem Oheim zu gehen?“ fragte das Mädchen. „Ich habe ihm Alles geſagt, Barbara, und ihm zu verſtehen gegeben, daß ich fortan als ein einfäl⸗ ige Bauernkind leben und arbeiten und mich recht⸗ ſchaffen betragen wolle, um Dir für Deine Neigung dankbar ſein zu können. Er hat mir Glück gewünſcht und mir erlaubt, als Arbeiter bis zum Tage unſerer Hochzeit auf dem Wulfhof zu bleiben. Der Rent⸗ meiſter iſt auch ein Engel von Güte. Weißt Du, Barbara, mit wie viel Rückſicht und Achtung er von Dir ſpricht?“ „Und dürfen wir morgen nach Sweveghem gehen?“ „Herr Willibald läßt uns volle Freiheit; und er hat geſagt, wenn er uns in Etwas zu Dienſten ſein könnte, ſo würde er immerdar mit Freuden dazu be⸗ reit ſein, mit Rath und That.“ „O, der gute, brave Mann!“ ſeufzte Barbara gerührt.„Wir wollen zuſammen für ihn beten, nicht wahr?“ Anſtatt zu antworten, griff Jodokus nach ſeiner Gabel und flüſterte, während er ſeine Arbeit wieder aufnahm, erſchrocken: ℳ meiſte T aber Hand zieher 7 dem Kortr E ſichtb ſuch ich n reits vielle auf daß ſorg Art möch daß knech Du hie der man heir Ich will.“ Geld Kecht; ng zu nicht orgen fragte d ihm einfäl⸗ recht⸗ igung ünſcht mſerer Rent⸗ t Du, rn hen und er n ſein zu be⸗ arbara nicht ſeiner wieder 263 „Laß mich allein, Barbara! Da iſt der Rent⸗ meiſter, hinter uns!“ Die überraſchten Mägde wollten ſich entfernen, aber Herr Willibald gab ihnen ein Zeichen mit der Hand, daß ſie bleiben ſollten, und ſeine Uhr heraus⸗ ziehend, ſagte er zu Jodokus: „In drei Viertelſtunden muß das Fuhrwerk mit dem Grauſchimmel bereit ſtehen. Du mußt nach Kortryk mit mir fahren.“ Sich zu Katharina wendend, befahl er ihr mit ſichtbarer Eile: „Geh' auf das Feld hinter der Kapelle, und er⸗ ſuche den Oberknecht, auf den Wulfhof zu kommen; ich muß ihn ſprechen.“ „Barbara,“ ſagte er, während Katharina ſich be⸗ reits entfernte,„ich habe eine Bitte an Dich, Kind. Es iſt wahrſcheinlich, daß ich drei bis vier Tage, vielleicht noch mehr, abweſend bleibe. Ich kann mich auf Dich verlaſſen, nicht wahr, und verſichert ſein, daß Du auf das Vieh gut Acht gibſt und es ver⸗ ſorgſt?“ „Ach, Herr Rentmeiſter,“ rief Barbara mit einer Art gekränkten Stolzes,„was Sie mich fragen! Ich möchte lieber ſelbſt Hunger und Mangel leiden, als daß ich den armen Thieren Etwas abgehen ließe!“ „Ich weiß es, Barbara; aber wenn der Ober⸗ knecht mit den Arbeitern auf dem Felde iſt, mußt Du zugleich nach den andern Dienſtboten ſehen und hie und da ein gutes Wort ſprechen, damit ein Je⸗ der ſeine Arbeit redlich vollbringe. Von Dir nimmt man Alles mit Liebe an.— Du willſt Dich ver⸗ heirathen, Barbara? Jodokus hat es mir geſagt. 264 Es iſt ein Verluſt für den Wulfhof; aber da ich Grund zu denken habe, daß Du glücklich ſein wirſt...“ „Ach! Iſt das Ihre Meinung, Herr Willibald?“ rief das Mädchen erfreut. „Ja, mein Kind! Jodokus iſt noch einfältig von Gemüth; und die Wohlthat, die Du ihm erzeigt haſt, wird ihm Dankbarkeit und Achtung genug für Dich einflößen, um in Allem Deinem Rath zu folgen. Du haſt ein verirrtes Schaf auf den guten Weg zurückgeführt. Gott wird Dir dafür lohnen.... Alſo Barbara, Du wirſt ein Auge auf die Arbeit haben, nicht wahr? „O, Herr Willibald,“ rief das Mädchen,„könnte ich mich verviertheilen, damit Sie mir glauben, ich zögerte keinen Augenblick!“ Der Rentmeiſter entfernte ſich mit einem Lächeln und trat in das Haus. Auf ſeinem Zimmer angekommen, ging er gerade auf einen hohen Schrank zu, nahm einen ledernen Koffer heraus, ſtellte ihn auf einen Tiſch und be⸗ gann, ihn mit Leinwand und kleinen Kleidungsſtücken zu füllen, wie Jemand, der ſich zu einer langen Reiſe rüſtet. Als er damit fertig zu ſein ſchien, legte er den Finger an die Stirne, um zu überlegen, ob er nichts vergeſſen hätte. Dann nahm er eine Brieftaſche aus dem Rock, öffnete ſie, zählte einige darin enthaltene Banknoten und ſteckte ſie zwiſchen ein doppeltes Fut⸗ ter im Koffer. Jetzt ſetzte er ſich auf einen Stuhl, ſchaute eine Weile zu Boden und murmelte in ſich ſelbſt hinein. „Fünftauſend Franes! Es wird wohl genügen? Jodo zahle folger zahlt noch ſie m ſes d bare welch als z Klein einen würd erfrer Verg Leber mit ſ grunt lade, in de den ſchaut E verſun den zu be auf d S Gehö flohen Dich gen. Weg Urbeit önnte t, ich icheln erade ernen d be⸗ ücken ingen rden nichts e aus Utene Fut⸗ eine nein. gen? 265 Jodokus meint, es werden ſchwere Schulden zu be⸗ zahlen ſein. Wenn Daniel ſich weigerte, mir zu folgen, oder es nicht könnte, ehe Alles zu Paris be⸗ zahlt iſt?.... Welcher Gedanke! Ich habe da noch die Diamanten von meiner ſeligen Schweſter; ſie mögen wohl zehntauſend Francs werth ſein. Die⸗ ſes dauernde Andenken aufopfern? Das einzige ſicht⸗ bare Zeichen, das mir von ihr übrig bleibt? Zu welchem ſchönern Zwecke könnte ich es gebrauchen, als zur Erweiſung einer Wohlthat? Ach, ſollte dieſes Kleinod, welches ihr gehört hat, dazu beitragen, einen armen Jüngling vom Verderben zu retten, würde meine Schweſter ſich nicht im Himmel darüber erfreuen? Was iſt ein materielles Gedächtniß im Vergleich mit der Seele, mit dem Glück, mit dem Lebensfrieden eines Menſchen? Hat Daniel's Vater mit ſeinen Opfern gezögert, um mich aus dem Ab⸗ grund der Verzweiflung emporzuheben?“ Er trat zu dem Schreibtiſch, öffnete eine Schub⸗ lade, nahm ein ledernes Etui heraus und legte es in den Koffer zu den Banknoten. Dann ſchloß er den Koffer zu, ſteckte den Schlüſſel in die Taſche, ſchaute auf die Uhr und ſank wieder auf den Stuhl. Geraume Zeit blieb er in tiefe Betrachtungen verſunken und ſchüttelte von Zeit zu Zeit mißmuthig den Kopf. Bald jedoch ſchien er ſeine Betrübniß zu bezwingen und ſprach mit einem ſtillen Lächeln auf den Lippen: „Aber wozu ſolchen beunruhigenden Gedanken Gehör geben? Wenn Gumbert mit dem Geld ent⸗ flohen iſt, muß ich es nicht eher als eine Gnade von dem Herrn, als ein Glück anſehen? Wäre es beſſer 266 geweſen, wenn ſie dieſes Geld zu Paris verſchwen⸗ det hätten? Jetzt iſt doch der lang erſehnte Augen⸗ blick erſchienen. Daniel iſt von dem böſen Geiſt ver⸗ laſſen, der ihn beherrſchte und alle ſeine guten Nei⸗ Pugen erſtickte. Nun wird er auf den Rath, auf die itte von dem alten Freunde ſeines Vaters hören. Er wird auf den Wulfhof zurückkehren; er wird all⸗ mälig den Frieden des Gemüths wieder finden; ſein eingeſchläfertes Gefühl von Vertrauen wird ſich un⸗ ter dem Einfluß einer ſtillen Natur wieder beleben und vielleicht wird die ſchöne Zukunft, von der ich für ihn geträumt habe, ſich noch ganz ver⸗ wirklichen. Arme Celeſta, reines Bild der Güte und Liebe!.. Sollte Daniel's Herz wirklich erkaltet ſein? Sollte das Leben in Paris einige unvertilg⸗ liche Wurzeln von Unglauben und Zweifel in ſeinem Herzen zurückgelaſſen haben? Ach, dann möchte ich nicht ohne Miſſethat einen Engel für immer an eine verwelkte Seele knüpfen.... Immer wieder die traurige Beſorgniß! Aber ich habe mich nicht ge⸗ täuſcht: Daniel's Herz iſt noch gut, und all ſein Leiden, ſeine Krankheit, ſeine Verwirrung iſt nichts Anderes, als ein ſchmerzliches Ringen gegen das Böſe, das ihn erſchreckt.“ Ungeachtet der ermuthigenden Worte, welche der Rentmeiſter zu ſich ſelbſt ſprach, um ſeine kummer⸗ vollen Gedanken zu verjagen, ſchien er mehr und mehr in Traurigkeit zu verfallen. Nachdem er noch einige Augenblicke in der Stille ſeinen Betrachtungen ſich hingegeben hatte, wandelte ihn ſelbſt ein Zittern an, und mit Angſt murmelte er: „Armer Daniel, er wartet zu Paris auf das hwen⸗ ugen⸗ ſt ver⸗ Nei⸗ uf die hören. d all⸗ ſein ch un⸗ eleben „von z ver⸗ te und rkaltet ertilg⸗ einem te ich neine er die ht ge⸗ l ſein nichts das e der mmer⸗ run rnoch ungen Zittern f das 267 Geld, das ihn vielleicht vor bitterer Erniedrigung bewahren ſoll; er wartet auf den Freund, dem er ſo viel Vertrauen geſchenkt hatte. Wenn er uner⸗ wartet vernähme, wie das Geld verloren iſt, und wie ſein falſcher Freund grauſam und gottlos genug war, um ihn ſeines letzten Hülfsmittels zu berauben? O, wer weiß, wozu die Verzweiflung den unglück⸗ lichen Daniel treiben könnte? Aber wie könnte er es erfahren? Nein, nein, ich werde noch zu rechter Zeit nach Paris kommen, um ihn gegen dieſen ver⸗ hängnißvollen Schlag zu ſchützen.... Es wurde an die Thüre geklopft, und eine Frauen⸗ ſtimme rief von Außen: „Herr Rentmeiſter, ſind Sie da?“ „Nur herein, Barbara,“ antwortete der Greis. Das Mädchen machte die Thüre auf und über⸗ gab dem Rentmeiſter ein Packet, das ſorgfältig mit drei oder vier Siegeln geſchloſſen war. „Dieß Päckchen hat Fräulein Celeſta's Magd für Sie gebracht,“ ſagte ſie.„Das Fräulein hat ihr befohlen, es Ihnen unmittelbar zur Hand zu ſtellen. Thereſe wartet unten, um von mir die Verſicherung daß ich es Ihnen ſelbſt übergeben abe.“ Der Rentmeiſter ſchien durch dieſe Botſchaft äußerſt überraſcht und hielt das Packet einige Mal ſchwei⸗ gend vor die Augen. „Es iſt gut, Barbara,“ antwortete er.„Sage dem Oberknecht, er ſolle auf dem Vorplatz warten, ich werde ſogleich hinunter kommen.“ Sobald das Mädchen das Zimmer verlaſſen hatte, öffnete der Rentmeiſter das Packet; er fand darin 268 zu ſeinem großen Erſtaunen ein Bündel von Staats⸗ obligationen und Rentenſcheinen, neben einigen Bank⸗ noten von hohem Werth. Mit einem einzigen Blick konnte er beurtheilen, daß in dem Pocket eine ſehr anſehnliche Summe enthalten war. Zitternd vor Erregung öffnete er das Schreiben, welches ihm das Räthſel der überraſchenden Sendung löſen ſollte. Eine Weile hielt er den Blick ſprachlos darauf gerichtet; aber bald rieb er ſich Stirne und Augen, wie Jemand, deſſen Geſicht undeutlich iſt, oder der nicht glauben kann, was er ſieht. „Von Celeſta! Iſt es möglich?“ rief er aus. „Die Flecken! die Spur ihrer Thränen! Rein, nein, es iſt keine Verblendung.“ Und indem er von Neuem ſeine Blicke auf den Brief richtete, las er mit lauter Stimme, um ſich zu überzeugen, daß er keineswegs das Spielwerk eines Traumes war. „Mein guter Willibald! „Jodokus hat mir ein ſchmerzliches Geheim⸗ niß offenbart. Seitdem blutet mir das Herz von Mitleid, und meine Thränen fließen unauf⸗ hörlich. Daniel arm und ohne Vermögen; betro⸗ gen von einem fälſchen Freund; verlaſſen zu Pa⸗ ris, der Erniedrigung und dem Mangel zum Raub! O, dieſer Gebene zerreißt mir das Herz, ein geheimnißvoller Schrecken macht mich zittern; die Angſt verwirrt meine Sinne! Aber nicht Kla⸗ gen ſind es, die ihn retten. Erheben wir im An⸗ geſicht ſeines Unglücks unſern Muth zu der Höhe unſerer Liebe gegen ihn. Sie müſſen ihm zu Hülfe eilen, Willibald, keine Stunde verlieren; taats⸗ Bank⸗ Blick e ſehr eiben, ndung achlos e und „oder aus. nein, f den ſich zu eines eheim⸗ Herz unauf⸗ betro⸗ u Pa⸗ lzum Herz ittern; t Kla⸗ m An⸗ Höhe hm zu 269 ihn vor Verzweiflung behüten; ihm ſagen, das Herz ſeiner Freunde ſei reich genug an Zunei⸗ ung, um ihn dieſen Unglücksfall vergeſſen zu rſc Täuſchen Sie ihn, aus Mitleid, über den wahren Stand ſeiner Angelegenheiten; tröſten Sie ihn, indem ſie ihm zu bedenken geben, daß noch ein ſchöner Theil von ſeinem Vermögen übrig bleibt.— Ich ſende Ihnen, was ich von meinem ererbten Vermögen zur Verfügung hatte; nehmen Sie es mit nach Paris; und iſt es nö⸗ thig, Alles aufzuopfern, um ihn gegen eine ein⸗ zige Erniedrigung zu ſchützen, ſo zögern Sie, ich flehe Sie an, keinen Augenblick! Aber daß er doch niemals die Quelle, woher dieſe Hülfe kommt, erfährt. Sie werden zweifeln, ob Sie mein An⸗ erbieten annehmen dürfen. O, ich beſchwöre Sie, Willibald, ſchlagen Sie das Opfer der Liebe nicht aus! Wenn Sie die Macht dazu hätten, wür⸗ den Sie nicht mit Freuden thun, was ich mich vollbringen zu laſſen bitte? Haben wir ihn nicht zuſammen und gleich ſehr geliebt?.... Ich verreiſe nach Brüſſel; meine Tante iſt ſehr auf⸗ gebracht; ſie bleibt gefühllos für meine Thränen; ich muß ihr folgen; ſie wird ſich beruhigen.. Reiſen Sie ſogleich nach Frankreich's Hauptſtadt, Willibald; bringen Sie den armen Daniel auf den Wulfhof zurück. Ich werde ſogleich zurück⸗ kehren; wir wollen zuſammen arbeiten, um ihn zu tröſten und die Wunden ſeines Herzens zu heilen. Reiſen Sie nach Paris, Willibald! Leben Sie wohl, leben Sie wohl, Gott geleite Sie! Celeſta van Berg.“ 270 Thränen entfielen den Augen des Greiſes. „Wunderbare Seele!“ murmelte er.„Engel von Edelmuth und Ergebenheit! Sie opfert ihr väterli⸗ ches Erbe auf, um ihn vor Erniedrigung zu ſchützen — ohne Zögern, als wäre es etwas Gewöhnliches, etwas Natürliches! Aber ſie wähnt mich machtlos und weiß nicht, daß Willibald thun kann und bereits ge⸗ than hat, was ihre Liebe ihr eingibt. Sie hat ganz Recht, zu denken, daß ich ihre Hülfe ausſchlagen werde. Zwiſchen Daniel und Celeſta darf kein Geld niedergelegt werden, worüber er einmal erröthen könnte.“ Er ſchwieg einen Augenblick und ſagte dann: „Was thun? Wie die Papiere ihr zurückgeben? Sie will verreiſen; ich muß mich beeilen, um bei Zeit nach Kortryk zu kommen und den Zug nach Paris nicht zu verfehlen. Ich kann dieß Geld nicht behal⸗ ten: Celeſta würde der Meinung bleiben, ich habe Gebrauch davon machen wollen. Ich werde Barbara mit dem Packet abſenden. Schreiben wir in aller Geſchwindigkeit einen Brief..... 4 Er ging zu dem Schreibtiſch, und während er ein Blatt Papier aus einer Schublade nahm, mur⸗ melte er: „Ich will dem ſee Mädchen Nichts mehr verbergen; ihr Alles aufrichtig erklären; ihr ſagen, daß ich ſelbſt das Erbtheil meiner Schweſter auf den Wulfhof verpfändet habe, und daß ſich Daniel's Ver⸗ mögen zum Mindeſten noch auf hundertundvierzig⸗ tauſend Franes beläuft. Sie wird ſich darüber nicht verwundern. Sie weiß, daß ich keine Nachkommenſchaft habe Dan ſehr ſchne dann ſo m zwan er er ihn 1 Kopf man ſchluſ G ſchau in w man verlo van ander Fall ten 2 in die die T Scher gab i el on äterli⸗ chützen liches, s und its ge⸗ tganz hlagen Geld röthen nn: eben ei Zeit Paris behal⸗ hae werde wir in end er mur⸗ smehr ſagen, uf den s Ver⸗ ierzig⸗ r nicht nſchaft 271 habe, und daß Alles, was mir zugehört, nur für Daniel beſtimmt ſein kann.“ Er begann zu ſchreiben. Zuerſt lief ſeine Feder ſehr flüchtig über das Papier, und der Brief rückte ſchnell vor; aber dann zögerte er zuweilen und hielt dann und wann unzufrieden im Schreiben ein. Doch ſo mühevoll ihm die Arbeit auch ſcheinen mochte, er zwang ſich jedesmal, ſie wieder aufzunehmen, ſo daß er enhlich den unvollendeten Brief vom Tiſche nahm, ihn von vornherein ablas, während er zweifelnd den Kopf ſchüttelte. „Nein, nein,“ ſagte er,„dergleichen Dinge ſchreibt man nicht! Man weiß nicht, in welche Hände ein Papier gerathen kann ober ich muß einen Be⸗ ſchluß faſſen; die Zeit verfließt.“ Er zog ſeine Uhr heraus und ſagte, auf ſie ſchauend: „Vielleicht iſt es noch nicht zu ſpät; ich kann in weniger als einer halben Stunde zurück ſein. Läßt man das Pferd ein wenig auslaufen, ſo kann ich die verlorene Zeit wieder hereinbringen. Aber wenn Frau van Berg mich zurückhalten wollte? Es gibt kein anderes Mittel und ich kann im ſchlimmſten Fall um acht Uhr zu Kortryk ſein, um mit dem letz⸗ ten Zug nach Paris abzugehen.“ Haſtig legte er Celeſta's Brief mit dem ſeinigen in die große Schublade ſeines Schreibtiſches und ſtieg die Treppe hinab. Auf dem Vorplatz kam der Oberknecht aus der Scheune auf ihn zugelaufen; aber der beeilte Greis gab ihm ein Zeichen, zu bleiben. * 272 Zu Jodokus, der noch an dem Düngerhaufen ar⸗ beitete, ſagte er im Vorbeigehen: „In einer kleinen halben Stunde muß das Fuhr⸗ werk angeſpannt ſein. Ich laufe nur nach dem Land⸗ gute der Frau van Berg hinüber und wieder zurück. Halte Dich bereit, und mache, daß zu einer ſchnellen Fahrt es an Nichts fehlt.“ Während er dieſe letzten Worte ſprach, war er bereits am Thore und ſprang haſtigen Schrittes auf die Straße. XIII. Nach dem Abgang des Rentmeiſters hatte Jodo⸗ kus ſeine Gabel nicht niedergelegt; er arbeitete viel⸗ mehr mit neuer Anſtrengung darauf los, um ſämmt⸗ lichen Dünger ſorgfältig auf einen Haufen aufzuſchich⸗ ten. Durch die Größe des abgethanen Werkes wollte er zeigen, daß ihm das gemächliche Leben weder die Kräfte noch den Muth zu der Arbeit benommen hatte. Nur bisweilen hob er den Kopf auf und ſchaute nach der Stallthüre, von wo Barbara ihm bereits zwei⸗ mal im Vorbeigehen zugelächelt hatte. Seit langer Zeit hatte er keine Bewegung in dem Stall mehr bemerkt; er glaubte annehmen zu müſſen, ſeine Freun⸗ din ſei irgendwo im Innern des Gebäudes beſchäf⸗ tigt, und er ſah nicht mehr von ſeiner Arbeit auf. Während er ſtillſchweigend den letzten Reſt des verſtreuten Düngers auf den Haufen warf, erſchien ein Mann unter der Thüre des Vorplatzes. Derſelbe ſchien ſehr eilig und ermüdet; ſein Angeſicht war bleich, au Un vo zeu Kle met ein en ar⸗ Fuhr⸗ Land⸗ urück. nellen ar er s auf Jodo⸗ e viel⸗ immt⸗ ſchich⸗ wollte er die hatte. e nach zwei⸗ anger mehr Freun⸗ eſchäf⸗ bleich, — auf ſeinen Lippen zeigte ſich ein bitterer Ausdruck von Unzufriedenheit, und im Ganzen ſchienen ſeine Züge von Bekümmerniß, Ungeduld und ſelbſt von Zorn zu zeugen. Es ließ ſich an dem Staube, womit ſeine Kleider bedeckt waren, erkennen, daß er weit her kom⸗ men mußte und zu Fuß gegangen war. Die Einſamkeit des Wulfhofs ſetzte ihn in Ver⸗ wunderung; er ſchaute eine Weile mit bitterem Lä⸗ cheln herum; doch ſobald er Jodokus bemerkte und einen Augenblick betrachtet hatte, trat er gerade auf ihn zu und fragte in barſchem Ton: „Was thuſt Du hier?“ Der Ton dieſer Stimme erregte bei dem Knecht die höchſte Ueberraſchung; er ließ ſeine Gabel fallen und fuhr zurück, während er mit erhobenen Händen ausrief: „Himmel, Herr Daniel!“ „Schweig' ſtill und mache keinen ſolchen Lärm!“ befahl der Andere. Aber der Knecht betrachtete den Junker vom Kopf bis zu den Füßen und jammerte laut: „Mein armer Gebieter! Er hat unter dieſer bren⸗ nenden Sonne zu Fuß gehen müſſen! Ach, Herr, ich beklage Ihr Unglück!“ „Iſt Gumbert auf dem Wulfhof?“ fragte Daniel. „Gumbert? Gumbert iſt in England,“ ſtammelte der Knecht. „In England?“ wiederholte Daniel erbleichend. „Sprich deutlich: was willſt Du ſagen?“ „Wir waren hier, das letzte Geld zu holen. Herr Gumbert iſt nach Antwerpen gereiſt und von da mit Conſeienee, Leid der Zeit. 18 274 Allem, mit dem Geld, ſelbſt mit meinen Kleidern und mit meinen Sparpfennigen nach England entflohen.“ „Du biſt ein Narr; Du träumſt!“ grollte der junge Mann in heiſerem Ton. „Es wäre mir lieb, wenn ich träumte!“ ſeufzte Jodokus.„Dann hätte ich meine Livreekleider nicht verkaufen müſſen, um nicht Hungers zu ſterben. Mit Ihrer Erlaubniß, Herr, Sie können es nicht glauben; aber der Gumbert iſt der größte Schurke und der elendeſte Betrüger, der auf der Welt herumläuft.“ „Und hat er das Geld von dem Rentmeiſter empfangen?“ fragte Daniel. „Gewiß: ein ganzes Packet Banknoten; ich ſah ihn dieſelben zu Antwerpen gegen, ich weiß nicht welche andere weiße Papiere auswechſeln.“ „Wie viel hat der Rentmeiſter ihm gegeben?“ „Alles bis auf den letzten Centime, der hier noch aufzutreiben war. Gumbert ſelbſt hat mir geſagt, daß Ihnen Nichts mehr übrig bleibe.“ Daniel ließ den Kopf auf die Bruſt ſinken und murmelte unverſtändliche Worte. Er ſträubte ſich eine Weile mit peinlicher Gewalt gegen die Ueber⸗ zeugung von Gumbert's grauſamer Habſucht und ſchändlicher Untreue; aber er vermochte nicht lang der augenſcheinlichen Wahrheit Trotz zu bieten. Ein ſchmerzhafter Schrei entfuhr ſeiner krampfhaft zuſam⸗ mengezogenen Bruſt, alle ſeine Glieder begannen konvulſiviſch zu zucken, eine tödtliche Bläſſe entfärbte ſein Geſicht und er wühlte mit den Händen in einer Art wahnſinniger Wuth in den Haaren. Erſchreckt durch die furchtbare Aufregung ſeines Herrn, ſtammelte Jodokus einige Worte, um ihn zu 6 trö da ſag Cel ſoll me ſchl den Tht nöt in! Vor ſelb ſah umd ſchli Hau düſt walt ſich wan Thü nund hen.“ e der eufzte nicht Mit uben; dder ift.“ neiſter ſah welche n?“ rnoch t, daß und e ſich Aeber⸗ und lan uſam⸗ annen färbte einer ſeines hn zu 275 tröſten; aber der Junker hörte ihn nicht und ſchien das Bewußtſein verloren zu haben. „Beruhigen Sie ſich, um Gottes willen, Herr!“ ſagte der Knecht.„Der Rentmeiſter iſt zu Fräulein Celeſta gegangen; ich will hinlaufen und ihn holen. er wird Ihnen Dinge ſagen, die Sie zufrieden ſtellen ollen.“ Daniel war bei dem Namen Celeſta's zuſam⸗ mengefahren, und ein Ruf der Verzweiflung ent⸗ ſchlüpfte ihm. Mit einem gebietenden Zeichen und mit blitzen⸗ dem Auge ſtieß er hervor, während er ſich nach dem Thore wandte: „Bleib'! Es iſt geſchehen, ich habe Nichts mehr nöthig. Lebe wohl!“ Der Knecht ſchaute ſeinem Herrn mit Thränen in den Augen nach und ſchüttelte traurig den Kopf. Von Schrecken und Mitleid angetrieben, wollte er ſelbſt ihm nachlaufen und ihn zurückhalten; aber jetzt ſah er, daß der Junker plötzlich an dem Thore ſich umdrehte und ſtehen blieb, als hätte er ſeinen Ent⸗ ſchluß geändert. Eine Weile hatte Daniel den Blick nach dem Hauſe gerichtet; ein heimlicher Gedanke ſchien ſich ihm aufzudringen, und dazwiſchen ergoß er ſich in düſtern Klagen und griff ſich mit verzweifelter Ge⸗ walt in die Bruſt. Dann ſprang er, ehe der Knecht ſich ihm nähern konnte, an ihm vorbei, lief mit wankenden Schritten über den Vorplatz, riß eine Thür auf und verſchwand in dem Wohnhauſe. Jodokus ſtieß einen Freudenſchrei aus und eilte ſo ſchnell als möglich durch das Thor auf die 18 276 Straße, welche nach dem Landgute von Celeſta's Tante führte. In dem großen Saal hatte Daniel ſich auf einen Stuhl geworfen. Er zitterte, alle ſeine Nerven ſchie⸗ nen ſich heftig anzuſpannen, ein wahnſinniger, ein krankhafter Ausdruck ſpottender Freude ſchweifte auf ſeinen Lippen, und er brach in ein ſo lautes Geläch⸗ ter aus, daß es im Saale wiederhallte; aber jetzt ſprang er, von einem ſchrecklichen Gedanken berührt, empor, begann mit großer Eile auf und abzuſchreiten n ſprach, immer noch in bitterem Hohn, bei ſich elbſt: „O, die Welt, die Welt! Welcher Pfuhl! Welche Hölle von Falſchheit, Eigennutz, kalter Grauſamkeit. Gumbert, mein treuer Gefährte, mein Buſenfreund, mein ergebener Bruder? Ein elender Betrüger, ein ehrloſer Schurke, ein feiger Dieb? Und ich Einfälti⸗ ger, ich hatte ihm mein Glück, mein Leben, meine Seele anvertraut! Ha, ha, ich könnte nach ſolchem Beweis noch an den Menſchen glauben? Ich ſollte nicht ein endloſes Gelächter aufſchlagen, wenn ich nur die ſcheinheiligen Worte von Freundſchaft, Er⸗ gebenheit, Tugend und Treue höre? Mich dazu her⸗ geben, der Spielball einer Geſellſchaft zu bleiben, worin der Unſchuldigſte mehr Gift im Herzen führt, als die giftigſte Schlange? Entzaubert und in allen Neigungen meiner Seele betrogen, ein elendes Leben hinſchleppen? Wozu kann ich fortan gut ſein? Welche Bedeutung kann mein Daſein auf Erden noch haben? Schuldig in meinen eigenen Augen, unmächtig bis zur Feigheit, materiellem und ſittlichem Elende ver⸗ fallen? Was kann ich thun? Die Hülfe von Leu⸗ eſta's einen ſchie⸗ ein e auf eläch⸗ jetzt rührt, reiten i ſich Lelche mkeit. eund, , ein nfälti⸗ meine chem ſollte in ich „ Er⸗ u her⸗ leiben, führt, allen Leben Welche aben ig bis e er⸗ n Leu⸗ 277 ten anflehen, die mich eine dürftige Unterſtützung mit der blutigſten Erniedrigung bezahlen laſſen? Edel⸗ muth, Liebe? Sind es keine Menſchen? Hat Gum⸗ bert mich nicht verrathen, er, der Einzige, an wel⸗ chen ich noch glaubte? Soll ich von denen Beiſtand annehmen, deren Freundſchaftsbeweiſe ich mißkannt habe? Deren Achtung ich ſelbſt verwirkt habe? Ich ſoll betteln!... Rein, nein, iſt der Lebensbecher ein Kelch voll Galle, warum eine Ewigkeit von Eckel und Troſtloſigkeit daran trinken? Ha, ha, leeren wir ihn auf einen einzigen Zug!“ Er ſchritt durch den Saal und ſchaute ſuchend umher. Sein Blick war verwildert, ſeine Bewegun⸗ gen fieberiſch; von Zeit zu Zeit faßte ihn ein con⸗ vulſiviſches Zucken, und ein furchtbarer Schrei des Schmerzes und der Verzweiflung machte ſich los. Plötzlich ſchlug er ſich mit der Hand vor die Stirne; ein ſeltſamer Ausruf ließ ſich vernehmen, als ob ihm jetzt ein Einfall gekommen wäre. Er ſprang aus dem Saale, lief über den Gang, ſtieg die Treppe hinauf, öffnete die Thüre eines Zimmers und warf ſich mit blinder Haſt auf den Schreibtiſch, über welchem des Rentmeiſters Jagdgeräthe hing. Frohlockend riß er eine ſchwere Piſtole von der Wand, trat ein paar Schritte zurück, ſteckte den Lad⸗ ſtock in den Lauf und verſicherte ſich, daß die Waffe wirklich geladen war. Dann blieb er bewegungslos ſtehen und ſchien in dieſem letzten und ernſten Augenblick noch einmal ſeine ganze Denkkraft zuſammenzufaſſen. Zugleich erhob er den Kopf und ſchaute zum Himmel, als wollte er dem Schöpfer ſein Loos klagen, aber ſein 278 Auge traf auf die Porträts, die in einiger Entfer⸗ nung an der Wand hingen. Dieſer Anblick verſetzte ihm einen heftigen Schlag. „Meine Mutter!“ murmelte er.„Ach, ich habe ſie niemals gekannt. Das Vertrauen, die Liebe, die Güte ſtrahlen aus ihrem ſtillen, ruhigen Auge. Sie, ſie hat geglaubt! Hätte Gott ihr ein längeres Leben vergönnt, ſie würde ihr Kind vor der Erfahrung der entzaubernden Wahrheit geſchützt haben... WMein armer Vater! Wie glanzlos ſeine Augen, wie ver⸗ welkt ſein Angeſicht, wie bitter der Ausdruck des Kummers auf ſeinen Lippen! Er, er hat die Men⸗ ſchen gekannt! Er iſt der allgemeinen Selbſtſucht zum Raube geworden; er auch, er iſt geſtorben, mit der Schlange der Entzauberung in dem vertrock⸗ neten Buſen. geduldig, demüthig, gelaſſen wie ein Märtyrer!“ Dieſe letzten Worte hatte er in einem Ton des Zweifels geſprochen und gezittert, als ob ein ſchmerz⸗ licher Lichtſtrahl ihm plötzlich in den Geiſt gedrungen wäre. Einen dumpfen Schrei ausſtoßend, wandte er das Auge von den Bildniſſen ſeiner Eltern ab und ſtarrte eine Weile ſchweigend auf den Boden; in⸗ zwiſchen faßte er die Piſtole krampfhaft mit der Fauſt. Bald ſchien er zu der Empfindung ſeines Zuſtandes wieder zu erwachen. Der Gedanke, welcher durch den Anblick der Porträts unterbrochen worden war, knüpfte ſich wieder an. Langſam ließ er ſich auf die Kniee nieder, ſchaute himmelwärts und ſeufzte: „O mein Gott, vergib Deinem elenden Geſchöpfe ſeinen Wahnſinn, ſeine Verzweiflung! Du haſt in mei nac liche bei une die Her alle meh Sti daß Dei bin. meit gebt das erſch ſuch Hän Zim hin, ſeele kran wier verſ den 279 meine Seele die Neigung zum Guten, den Durſt nach Wahrheit, die Sehnſucht nach Freundſchaft und nach Liebe gelegt. Hätte ich nur an etwas Menſch⸗ liches glauben können; wäre ein Gefühl des Herzens, bei welchem Menſchen es ſein mochte, mir rein und uneigennützig erſchienen, ich hätte mit Unterwerfung die Laſ des Lebens getragen... aber nein, mein Herz blutet aus tauſend Wunden der Entzauberung: alles Vertrauen, alle Hoffnung iſt todt in mir: Nichts mehr als Eckel, Unmacht und Zweifel! Es iſt eine Stimme in meinem Innerſten, welche mir zuruft, daß ich eine ſchreckliche Feigheit zu begehen, daß ich Deinen gerechten Zorn auf mich zu laden im Begriff bin. Ach, ich habe den Muth nicht mehr zum Leben; mein Gehirn iſt krank; ich bin wahnſinnig. Ver⸗ gebung, Vergebung für ein armes, ſchwaches Weſen, das vor dem Uebel zurückſchreckt und ermattet und an Kraft eine letzte Zuflucht in dem Tode ucht!“ Er ſtand auf und faßte die Piſtole mit beiden Händen. Der Hahn krachte laut in dem ſtillen Zimmer. „Es iſt gethan! Der Kampf iſt zu Ende. Fahre hin, mein Leben! Fahre hin, Du böſe, niederträchtige, ſeelenloſe Welt!“ murmelte er, die Piſtole erhebend. Aber plötzlich hielt er inne, und ein bitteres, krankes Spottlächeln trat auf ſeine Lippen. Er hatte jetzt erſt bemerkt, daß ſeine Piſtole, wiewohl geladen, doch mit keinem Zündkäpſelchen verſehen war, alſo beim Abdrücken ſich nicht entzün⸗ den würde. Rach dem Schreibtiſch eilend, murrte er: 280 „Ha, ha, noch einen Augenblick leben! Es iſt nichts: ich werde finden, was nöthig iſt... Mit zitternden Händen und wilder Bewegung öffnete er nach einander alle die kleinen Schubladen und Fächer des Schreibtiſches und ſtöberte fieberiſch darin herum, endlich eine Schachtel mit den Zünd⸗ käpſelchen zu finden. Die Fruchtloſigkeit ſeines Suchens entriß ihm einen Schrei der Ungeduld; ſeine Hände zuckten, die Haare ſtiegen ihm zu Berge, der kalte Schweiß perlte auf der Stirne, und jetzt ſchien er mit völligem Wahnſinn geſchlagen. Endlich zog er auch die große Schublade heraus und ſchaute hinein, mit der ſchwachen Hoffnung, der geſuchte Gegenſtand möchte hier vielleicht ver⸗ borgen ſein. Aber als hätte aus der Schublade heraus ein ſchrecklicher Anblick ſein Geſicht getroffen, wurde er plötzlich bewegungslos; kein Seufzer entſchlüpfte ſei⸗ nem Buſen, der Athem ſelbſt ſchien ihm zu ſtocken. Das weit aufgeriſſene Auge auf die Lade gerichtet, ſtand er da, ſo ſtarr wie ein ſteinernes Bild. Allmälig durchlief ein convulſiviſches Zittern alle ſeine Glieder; die Beine wankten ihm unter dem Körper; die Piſtole fiel ihm aus der Hand und auf den Boden. Da er fühlte, daß ſeine Kräfte ihn verließen, wandte er ſich um, ging taumelnd auf einen Stuhl zu und ſank auf denſelben nieder. In jeder Hand hielt er ein beſchriebenes Blatt Papier: die beiden Briefe, welche der Rentmeiſter in die Schublade gelegt hatte. Als ob die Buchſtaben dieſer Blätter eine un⸗ Es iſt egung laden eriſch Zünd⸗ chens ände kalte en er eraus nung, ver⸗ s ein de er e ſei⸗ ocken. ichtet, malle dem d auf eßen, Stuhl Blatt ter in un⸗ 281 widerſtehliche Zauberkraft auf ihn ausübten, hielt er den ſtarren Blick darauf gerichtet und ſchaute ſie nach einander an, ohne daß ſein Angeſicht etwas Anderes, als eine ſchreckliche Verwirrung des Geiſtes verrieth. Ohne ſcheinbar zu wiſſen, was er that, ohne viel⸗ leicht die Laute zu verſtehen, die langſam von ſeinen Lippen fielen, las er, hier und da, in den beiden Briefen einige Worte, die in höherem Grade als andere, ſein Erſtaunen erregten. „Erheben wir unſern Muth zu der Höhe unſerer“ Liebe zu ihm!“ murmelte er, mit einem Auge auf Celeſta's Brief.„Iſt es nöthig, Alles aufzuopfern, um ihn vor einer einzigen Erniedrigung zu behüten, zögern Sie keinen Augenblick... Wir wollen zu⸗ arbeiten, um die Wunden ſeines Herzens zu hen Und indem er den Blick auf des Rentmeiſters Brief hinüber richtete, fuhr er murmelnd fort: „Daniel bedarf Ihrer großmüthigen Hülfe nicht. Ich beſitze eigenes Vermögen, das Erbe meiner Schwe⸗ ſter. Es wird dazu dienen, um an einen unglücklichen Sohn meine Schuld gegen den Vater abzutragen. Verwundern Sie ſich darüber nicht; von meiner Seite iſt es kein Opfer; ich lebe nur für Daniel; ein ein⸗ ziger Gedanke beſeelt mein Gehirn: ihn zu retten, ihn noch glücklich zu ſehen auf dieſer Erde... Daniel iſt zu vertrauensvoll, zu gläubig; die Einfalt ſeines Herzens hat ihn der Verlockung falſcher, ſelbſt⸗ ſüchtiger Menſchen unterliegen laſſen... Ich werde ihn auf den Wulfhof zurückbringen; wir werden ihn mit Freundſchaft, mit Liebe umringen; ihn vergeſſen 282 machen, was er gelitten hat.... Ich reiſe augen⸗ blicklich ab... O, Celeſta, reine, liebende Seele, Ihr Gebet wird mächtig ſein bei Gott. Flehen Sie zu ihm in meiner Abweſenheit, daß er zu einigem Lohn uns das Glück des armen Daniel gewähren möge Die zwei Briefe entſchlüpften ſeiner Hand und fielen zu Boden; das Haupt ſank ihm auf die Bruſt, während ein Thränenſtrom aus ſeinen Augen zu flie⸗ ßen begann. Lang weinte er in der Stille; aber ſein Geiſt mußte dennoch in ſchmerzhaften Erwägun⸗ gen begriffen ſein, denn von Zeit zu Zeit machte ſich ein leichtes Zittern in ſeinen Gliedern bemerklich und ein tiefer Seufzer löste ſich von ſeinem Herzen ab. Er lag in einen Streit verſunken zwiſchen allen ſei⸗ nen Irrthümern und einer neuen Ueberzeugung, die unwiderſtehlich, doch nicht ohne Gewalt, von ſeinem Weſen Beſitz nahm. 2 Endlich ſchien die Hitze des Kampfes in ſeinem Innerſten ſich zu legen; Etwas wie ein Lächeln von Glückſeligkeit erhellte ſein Geſicht, während er bei ſich ſelbſt flüſterte: „Ich habe ihre Liebe grauſam mißkannt; ich habe ſie gehöhnt, verletzt. Ich verdiene Nichts, als ihren Haß. Sie weint, ſie zittert, ſie unterliegt vor Angſt bei dem Gedanken an mein Unglück. Sie opfert ihr väterliches Erbgut auf, um mich vor einer einzigen Erniedrigung zu bewahren! Sie will ihr Leben, alle Neigungen ihrer engelgleichen Seele nur der Aufgabe die Wunden meines undankbaren Herzens zu heilen!.... Und der alte Willibald? Er hat meine jungen Jahre umgeben mit mehr Liebe, mit mehr zw da gli Ho Gl ſeir n⸗ le, ie em nd iſt, lie⸗ ber un⸗ ſich md ab. ſei⸗ die em em on ſich abe ren gſt ihr gen alle abe zu ine ehr 283 Sorge, als eine zärtliche Mutter ihrem theuerſten Kinde angedeihen laſſen kann. Welche Belohnung für ſo viel Güte? Ich habe ihm Nichts gegeben, als Urſache zum Kummer; ich habe ſeine Geſundheit unter⸗ graben und ſein Leben verkürzt. Und, es iſt ſchreck⸗ lich, ich habe ſeine grauen Haare dem Hohne eines ſeelenloſen Schwätzers preisgegeben; ich habe ihn er⸗ niedrigt geſehen vor dem elenden Gumbert.... und ihn nicht in Schutz genommen! Und er will ſich von Allem entblößen, was er beſitzt, um mich zu retten. Er muß wiſſen, daß man bei einem ſo ungeſtümen Leben auch das Geld der Wohlthaten verſchwenden kann. Was macht es ihm? Er wird das Elend für ſeine alten Tage auf ſich nehmen, wenn er nur den⸗ ken darf, er leide für Daniel!....“ Er faßte ſich heftig am Kopf. „Aber iſt es vielleicht ein Traum?“ ſeußzte er. „Seit einigen Augenblicken iſt eine ganze Welt von Gedanken mir durch den Kopf gegangen. Wie, wenn ich der Spielball einer Verblendung wäre?“ Das Geſicht auf die Briefe richtend, ſprach er mit einem frohen Lächeln: „Nein, nein, es iſt Wahrheit. Wie noch länger zweifeln, mit den Augen auf dieſen wunderbaren Worten: ich lebe nur für Daniel; ein einziger Ge⸗ danke beſeelt mein Gehirn: ihn zu retten, ihn noch glücklich zu ſehen auf Erden!“ Während ſeine Züge nun von dem Lichte der Hoffnung und von der Freude des zurückkehrenden Glaubens erhellt ſchienen, fielen noch Thränen aus ſeinen Augen. Er blieb eine Weile in Betrachtung verſunken und ſank dann von dem Stuhle wieder auf 284 die Kniee. Mit dem Blick zum Himmel rief er aus: „O, mein Gott, ich habe Dich geläſtert in Dei⸗ nem Werke! Dich geläſtert in dem Menſchen, in der Welt, in der Natur! Und während ich Deiner ſpot⸗ tete durch meinen übermüthigen Zweifel, durch meine wahnſinnige Verzweiflung, ſtellteſt Du zwei Deiner Engel auf meinen Pfad, um mich von dem Rande des Abgrundes zurückzuhalten, um mich zu retten von der greulichen Feigheit, um mich nicht vor Dir erſcheinen zu laſſen, belaſtet mit der Schuld eines Mordes! Ach, Vergebung, Vergebung, mein Gott: ich werde Buße thun...“ Ein durchbohrender Schrei, ein ſchrecklicher Aus⸗ ruf ertönte hinter ſeinem Rücken. Die Stimme erkennend, ſprang er auf, öffnete die Arme und ſtürzte mit einem Freudenſchrei vor. „Willibald, Willibald, mein Freund, mein Wohl⸗ thäter, mein Vater!“ rief er. Und, alſo jubelnd, warf er ſich dem Greiſe an die Bruſt, während ein Thränenſtrom aus ſeinen Au⸗ gen brach. Der Rentmeiſter hielt verſtummt und voll Angſt den Blick auf die Piſtole gerichtet, welche vor dem Schreibtiſche auf dem Boden lag. So ſehr erſchreckte ihn der Anblick dieſer Mordwaffe, daß er bei den Liebesbezeugungen des Junkers gleichgültig zu blei⸗ ben ſchien, und dieſer fühlte, wie der alte Mann in ſeinen Armen zitterte. Nach einer langen Umarmung ließ Daniel den Rentmeiſter los und ſchaute, von ſeiner Kälte ſchmerz⸗ lich betroffen, ihn ernſtlich fragend an. er ei⸗ der pot⸗ ine ner des der nen es! rde lus⸗ nete ohl⸗ an Au⸗ ngſt dem eckte den blei⸗ nin den nerz⸗ 285 Herr Willibald deutete ſprachlos auf die Piſtole. „Nichts, Nichts: der letzte Flecken in meiner Ver⸗ gangenheit!“ rief Doniel.„Wenden Sie Ihr Auge ab von der verfluchten Erinnerung. Ich bin wie⸗ dergeboren zu einem neuen Leben. Die Seele von Ihnen, von ihr hat mich aus dieſen Blättern ange⸗ ſprochen. Daraus fließen die Brunnen meines wie⸗ dergewonnenen Glaubens. Fürchten Sie Richts mehr für Daniel: er iſt verſöhnt mit dem Leben, mit der Menſchheit und mit Gott!“ Ein Ruf des Glücks wiederhallte in dem Zim⸗ mer; und nun ſchloß der alte Willibald den Junker kräftig an ſeine Bruſt. Thränen entfielen des Grei⸗ ſes Augen; er ſchaute betend in die Höhe, um dem Himmel für ſeine Barmherzigkeit zu danken, und wandte dann den Blick mit triumphirender Freude zu den Portraits, als wollte er ſagen: So, klaget mich nicht mehr an, Euer Kind iſt gerettet. Und dann ſich aus den Armen des Jünglings losmachend, ſprach er mit einer Stimme, die vor ſeliger Rührung zitterte: „Daniel, mein theurer Sohn, richten Sie mit unbeſchränktem Vertrauen den Blick in die Zukunſt. Ihr ſcheinbares Unglück iſt eine Gunſt des Herrn. Alles was Sie in Ihrer ſtillen Jugend geträumt haben, ſoll zur Wahrheit werden. Der Wulhof ſoll ein Paradies von Vertrauen, von Frieden und von Freundſchaft ſein. Ja, jetzt werden Sie ihn nicht mehr verlaſſen, den Ort, wo eine auser⸗ leſene Jungfrau Ihr Leben mit dem Lichtkranze einer ewigen Liebe umgeben wird!“ 286 Der Junker ſah ſchweigend zu Boden und ſchüt⸗ telte verneinend den Kopf. Er fühlte des Greiſes Hand in der ſeinigen zit⸗ tern und ſagte in traurigem Ton: „Ich muß Sie wieder verlaſſen, Willibald. „Sie kehren nach Paris zurück?“ rief der Rent⸗ meiſter.„O weh, ich habe mich betrogen!“ „Nein,“ antwortete Daniel;„ich habe auf immer dem Irrthum entſagt; aber ich erkenne, daß ich ſol⸗ chen Glückes unwerth bin. Ich habe Gott gelobt, für meine ſtrafbare Thorheit Buße zu thun.“ „Daniel, Daniel, Sie erſchrecken mich! Was iſt Ihr Beſchluß?“ Auf einen der Briefe deutend, ſprach der Jüng⸗ ling mit ſtiller Trauer in der Stimme: „Aus dieſer Schrift habe ich nicht allein erkannt, bis zu welchem Grade das menſchliche Herz groß⸗ müthig und liebevoll ſein kann; ich habe zugleich daraus vernommen, daß mir noch Etwas von mei⸗ nem väterlichen Erbtheil bleibt. Geben Sie mir einige tauſend Francs; ich will hinausgehen in die Welt, mich ſelbſt erproben, mich reinigen durch Arbeit. Glauben Sie mir, Willibald, der Gedanke an Ihre grenzenloſe Güte wird mich ungeſchwächt überall hin begleiten.“ „Und Celeſta?“ ſeufzte der Greis. „Celeſta?“ wiederholte Daniel.„H, es wäre ein abſcheulicher Uebermuth von meiner Seite, noch der Hoffnung mich hinzugeben, welche Sie aus über⸗ mäßiger Liebe vor meinen Augen aufleuchten laſſen. Celeſta ſteht zu hoch über mir, ich fühle zu tief meine Kleinheit und die Armuth meiner Seele, als daß ich — üt⸗ zit⸗ nt⸗ ner ſol⸗ bt, iſt ng⸗ nt, ich ei⸗ Sie rch nke cht äre och er⸗ en. ine — 287 nicht ohne Schaam, nicht ohne Beben zu ihr auf⸗ ſchauen müßte. Ich bewundere ſie; ich könnte ſie an⸗ beten, als das Abbild von Gottes unendlicher Güte; aber unwürdig, wie ich bin, darf ich das Opfer dieſes reinen und engelgleichen Weſens nicht annehmen.“ Herr Willibald, einigermaßen beruhigt, faßte von Neuem die Hand des Jünglings und ſagte: „Mein armer Daniel, der Irrthum, der Zweifel haben noch einige Finſterniß in Ihrem Geiſte zu⸗ rückgelaſſen. Wie? Sie bewundern Celeſta's Seelen⸗ größe? Sie könnten in ihr der Güte des Herrn eine fromme Huldigung darbringen, ſagen Sie? Und, aus einem Uebermaaß von Dankbarkeit, um deren Liebe zu belohnen, wollen Sie alle ihre Hoffnung vernichten, dieſelbe unglücklich machen, ihr Leben in langen bittern Kummer verwandeln? Und um Ihrem alten Freunde Willibald zu beweiſen, daß Sie ge⸗ fühlvoll für deſſen Ergebenheit ſind, wollen Sie den⸗ ſelben mit ewiger Verzweiflung ſchlagen, und ſeine alten Tage mit Schmerz beladen?“ Der Junker ſchwieg und drückte ſtatt aller Ant⸗ wort des Greiſes Hand mit fieberiſcher Heftigkeit. „Laſſen Sie ſich nicht verleiten durch den Hoch⸗ muth, durch dieſes falſche Gefühl von welches Sie ſo lang verblendet hat,“ fuhr Willibald in ſanftem Tone fort.„Die wahre Würde beſteht darin, Gottes Güte anzunehmen, ohne ſich mit dem Trotz des Zweifels gegen ſeine Wohlthat aufzuwerfen. O Daniel, ich habe vor Freude gezittert, als ich Sie von einem neuen Leben, von Ihrem wiedergewon⸗ nenen Glauben, von Ihrer Verſöhnung mit dem 288 Menſchen jubeln hörte. Ach, ich habe mich getäuſcht! Der Zweifel wohnt noch in Ihrem Herzen!“ „Nein, nein,“ rief der Jüngling, erſchrocken über dieſe Anklage.„Ich glaube, ich habe Vertrauen, alle Unſicherheit iſt aus meinem Geiſte verſchwunden.“ „Nun wohlan, warum beweiſen Sie es dann nicht?“ fordern Sie? Was muß ich thun, Willi⸗ ald?“ „Sie müſſen ſich ohne Widerſtand dem Glück hin⸗ geben, welches der Himmel Ihnen anbietet, und Ihr Wohl nicht durch das Zaudern des Stolzes vernich⸗ ten. Sie müſſen mit Dankbarkeit die Hand derjeni⸗ gen annehmen, welche Gott Ihnen zur Gattin be⸗ ſtimmte; ſie ehren, ſie lieben und ſie für ihre Liebe belohnen.“ Daniel ſträubte ſich noch gegen den Gedanken, vor Celeſta's Angeſicht erſcheinen zu müſſen. Es war ein Gefühl von Schaam, welches ihn bewegte. „Sie können mir beweiſen, daß Sie über den Zweifel geſiegt haben,“ fuhr der Rentmeiſter fort. „Jodokus iſt nach Celeſta's Hauſe gekommen, um mir Ihre unerwartete Rückkehr nach dem Wulfhofe zu melden. Ihre Aufregung, Ihr blaſſes Ausſehen, Ihre ſonderbaren Worte haben den grmen Burſchen erſchreckt. Er ſprach von einem Unglück, das ge⸗ ſchehen könnte, und flehte mich an, nach dem Wulf⸗ hof zu laufen, um ein ſchreckliches Unheil zu ver⸗ hüten, wenn es noch Zeit wäre. Ich habe Celeſta verlaſſen, während eine Thränenfluth aus ihren Au⸗ gen ſtrömte, während ſie ihre Wohnung mit Angſt⸗ geſchrei erfüllte und vor Beſtürzung und Angſt einer ht! ber en, mnn lli⸗ in⸗ Ihr ich⸗ ni⸗ be⸗ ebe en, Es te. den ort. um ofe en, hen ge ulf er⸗ eſta Au⸗ gſt⸗ ner 289 Ohnmacht nahe war. Denken Sie, was dieſelbe in ihrer tödtlichen Ungewißheit über Ihr Loos leiden muß! Erwägen Sie deren Schmerz, ſehen Sie die⸗ ſelbe zittern vor Furcht, man könnte ihr ſagen: Daniel iſt nicht mehr auf Erden!“ Wiſſen Sie, was ein Werk der Dankbarkeit, der Rechtſchaffenheit und Liebe wäre? Wiſſen Sie, wie man beweiſen könnte, daß der Glaube, der Muth und das wahre Gefühl für das Gute in Ihnen zurückgekehrt iſt? Sagen Sie mir, Sie wollen auf der Stelle zu Celeſta gehen, ſagen Sie mir, Sie kennen weder Erniedrigung noch Scham, wenn ſolche Schmerzen zu verkürzen ſind! O Daniel, ich beſchwöre Sie, zögern Sie nicht!“ „Kommen Sie, kommen Sie,“ rief der Jüng⸗ ling.„Ich unterwerfe mich; es iſt Etwas in meiner Unwürdigkeit, das mich erniedrigt, die Liebe Celeſta's ſoll mich in meinen eigenen Augen erheben. Kom⸗ men Sie, edelmüthiger Freund, thun Sie mit mir nach Ihrem Willen...5 Der alte Willibald hob die Augen zum Himmel empor und rief mit triumphirender Freude; „Geprieſen, geprieſen ſeiſt Du, o Herr; der Geiſt des Zweifels iſt überwunden!“ Und dann die Hand des Jünglings faſſend, zog er ihn zum Zimmer hinaus und ſtieg in aller Eile die Treppe hinunter. Gerade in dieſem Augenblick zeigten ſich Celeſta und ihre Tante unter dem Thore; ohne Zweifel hat⸗ ten beide Frauen nicht länger der Angſt widerſtehen können, und waren jetzt nach dem Wulfhof gekommen, um zu erfahren, was geſchehen war. Celeſta ging mit wankenden Schritten an dem Conſcience, Leid der Zeit. 19 290 Arme ihrer Tante; das erſchrockene Mädchen war bleich, und Thränen rollten ihr über die Wangen. PVor der Stallthüre ſtand die Kuhinagd Barbara, welche bei dem Anblick von Celeſta's Thränen die Hände emporhob und mitleidig ausrief: „Armes Fräulein! Wie unglücklich!“ Aber jetzt erſchien Daniel mit dem Rentmeiſter auf dem Vorhof.. Celeſta blieb zitternd ſtehen; Daniel, tief betroffen, hielt gleichfalls an. Aus Beider Augen ſtrahlte ein durchdringender Blick, auf Beider Angeſicht erſchien ein unbeſchreiblich ſüßes Lächeln und— als ob ihre Seelen mit der Schnelligkeit des Blitzes die Verſicherung ewiger Liebe gewechſeit hätten,— aus Beider Bruſt ertönte ein triumphirender Ruf, und, die Arme öffnend, liefen ſie auf einander zu, und ſanken Herz an Herz in eine lange Umarmung. „Celeſta! Daniel! meine Braut, mein Bräu⸗ tigam!“ wiederhallte es auf dem Vorplatz. Der Rentmeiſter drückte die Hand von Frau van Berg in der ſeinigen und flüſterte mit halb erſtickter Stimme: „Ach, liebe Freundin, ich erliege der ſeligen Rührung. Seien Sie fröhlich, jubeln Sie, danken Sie Gott: wir ſind belohnt!“ Barbara ſtand vor der Stallthüre, klatſchte in die Hände und tanzte wie ein einfältiges Kind, in⸗ dem ſie ausrief: „Hurta! Hurra! Fräulein Celeſta heirathet auch; ich werde nicht allein glücklich ſein!“ Ende.