— Leihbibliothek deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Oltmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. ſe cLeih- und eſebedingungen. ⸗ 1. Offensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 3 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. ſ 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſ den angenommen.* 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe. ſ † — welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und †t beträgt: 2 für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: —————— auf 1 Monat: TW— Pf. 1 N f 2 F.. „ 3 3 ſ 5. Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung der Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt vas zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ f lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, vaß das Weiterverleihen. der Bücher nicht ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ f ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. R — * 3 Hendrik Conſcience. Mutter Hiob. ————— Hendrik Conſeience. Mutter Hiob. Aus dem Vlämiſchen von Prot. Karl Arenz. Autoriſirte Ausgabe. —0o——————— Leipzig Perlag von L. Wiedemann. 1856. V ſehen, und Ht neigen mit pu fängt mender verſetzt Felder ren, al glitten Dreſch Ich ha zes, m wo die Grün, und Fr . N des M Mut Mutter Hiob. I. Wispelbeke iſt ein anmuthiges Dorf. Ich habe es ge⸗ ſehen, im Herbſte, wann die Bäume, rings um ſeine Höfe und Hütten, ſich unter der Laſt der ſich röthenden Früchte neigen, wann das Laub mit bunten Farben und die Luft mit purpurnem Hauche ſich zieren; wann das Laubwerk an⸗ fängt zu fallen und dieſes traurige Vorzeichen des kom⸗ menden Naturſchlafes den Dichter in wehmüthige Träume verſetzt.... Ich habe es geſehen in dem Winter, als ſeine Felder unter dem glänzenden Schneegewande verborgen wa⸗ ren, als die Kinder vor der Schule auf der glatten Eisbahn glitten, als die Luft wiederhallte unter dem Schlage der Dreſchflegel und unter dem Knalle der Jagdgewehre..... Ich habe es gleichfalls geſehen während des lieblichen Len⸗ zes, wo die Nachtigallen die Jugend der Natur beſingen, wo die Bäume und Kräuter ſich ſchmücken mit dem zarteſten Grün, wo in Allem, was lebt, das Gefühl der Zuneigung und Freundſchaft friſch und zart entſteht..... Nun iſt es Sommer. Die Erde, durch den Schweiß des Menſchen befruchtet, wird bald ſeine Arbeit belohnen. Mutter Hiob. 1 2 Mutter Hiob. Ueber den Feldern— aus deren Schoos das liebliche Dörf⸗ chen ſich erhebt, wie ein Eiland inmitten eines weiten Korn⸗ ſees— glänzt die Mittagsſonne mit reifender Glut. Kein Lüftchen bewegt die gebogenen Aehren. Alles iſt regungs⸗ los und ſchweigend, die Vögel haben ſich verborgen und ſitzen lechzend unter dem Laube, ſelbſt die kleinen Kerbthierchen, die ſonſt ſo gern in dem Sonnenfeuer ſich baden, entfliehen nun vor der trocknen und verſengenden Luft nach kühleren Orten. Eine feierliche Stille ſcheint ſich meilenweit über das Dorf geſenkt zu haben. Die Einſamkeit iſt vollſtändig, kein Fuß betritt die Pfade, die— gleich den Strahlen eines un⸗ Wald und Gehöfte ſich „ ermeßlichen Rades ſchlängelnd, durch das Korn hinlaufen, um ſich zu vereinigen an dem Fuße des demüthigen Kirchleins, an der Stelle, wo Aller Väter ruhen, wo Aller Leben beginnt und endet, wo in dieſem Augenblick Aller Hoffnung und Aller Dankbarkeit in einem brüderlichen Chorgeſange zum Himmel ſteigen. Wahrlich es iſt Sonntag, der Tag der Ruhe und des Gebetes. Die Dorfbewohner ſind nach der Kirche gegangen, um dem Lobe beizuwohnen..... und indem ſie mit gefal⸗ teten Händen Gott um eine reiche Ernte bitten, verleiht der gute Vater ſeiner Sonne die glühende Kraft, die das Brod der Armen und Reichen mit Lebensnahrung erfüllen muß. Aber bald wird der letzte Ton des Lobgeſangs unter der Buche des Kirchleins verhallt ſein; dann, nach Beendigung der heiligen Feier, wird die Frende beginnen, das Dorf wird wiederhallen von frohem Jauchzen, und auf die Stille des Gebets wird lautes Feſtjubeln folgen! 6 ein b rothe Kind ( Antli des( 2 rund Kopf er di Man eines ben i Trin zang Beſte davo Sieg dien« bei fe niede Dörf⸗ Korn⸗ Kein inigen le, wo et, wo barkeit en. nd des angen, gefal⸗ erleiht s Brod muß. ter der digung rf wird ille des Mutter Hiob. 3 Sieh! Da ſtrömt die Menge zur Kirche heraus. Es iſt ein bunter Schwarm von Frauen mit Spitzenhauben und rothen Halstüchern, von Männern mit blauen Kitteln, von Kindern mit blonden Krausköpfen und rothen Wangen..... Eine Ueberraſchung trifft die bunte Schaar. Auf dem Antlitze eines Jeden glänzt ein Ausdruck der Wonne und des Glücks: die Trommel iſt gerührt worden. Da läuft der Diener der St. Sebaſtiansgilde trommelnd rund um die Kirche, er hebt die nervigen Arme über ſeinen Kopf und läßt ſie mit ſolcher Kraft niederfallen, als wollte er die donnernde Eſelshaut in Stücke zerſchlagen.— Der Mann iſt wol ſeltſam aufgeputzt: auf ſeinem Kopfe ſteht ein wunderlich großer Claquehut, über welchem eine rothe Feder mit grünen Spitzen hin und her flattert. Seine Klei⸗ der ſind mit gelben Borden beſetzt, er trägt weiße Strümpfe, die über ſeinen Knieen mit Bändern von Flittergold be⸗ feſtigt ſind, himmelblaue Litzen verzieren ſeine Schuhe. Seine Bruſt und ein Theil ſeines Rückens ſind ganz mit ſilbernen Gegenſtänden behangen und das vorzüglichſte von dieſen iſt eine Platte, auf welcher das Bild des St. Sebaſtian getrie⸗ ben iſt. Rund um dieſelbe glänzen Medaillen, ſilberne Löffel, Trinkbecher, ja ſelbſt eine Pfefferbüchſe und zwei Zucker⸗ zangen: das ſind die Preiſe, welche die Gilde ſeit ihrem Beſtehen auf anderen Dörfern mit dem edlen Handbogen davongetragen hat. Dieſe Denkzeichen der gemeinſchaftlichen Siege machen einen Theil von dem Feſtgewande des Gilde⸗ dieners aus; und er wird ſie immer tragen und ſollte er auch bei fernern reicheren Siegen der Geſellſchaft einmal darunter niederſinken. Während er den lautſchallenden Ruf an alle 1. 4 Mutter Hiob. die Schützen nach den verſchiedenen Seiten der Gemeinde ſendet, und die Kinder jauchzend vor ihm hertanzen, kehrt ein Theil der Dorfbewohner nach Hauſe zurück, die Uebrigen begeben ſich durch eine Lindenallee nach einer großen Her⸗ berge, deren Giebel mit Blumen und Laubkränzen verziert iſt, und aus deren Speicherfenſter die dreifarbige Flagge nie⸗ derhängt. Man zeigt einander eine Jahresinſchrift, welche ihre rothen und ſchwarzen Buchſtaben über der Thür ent⸗ faltet; die alten Leute zählen auf den Fingern, ob der Küſter bei der Abfaſſung der Jahresinſchrift ſich nicht geirrt habe, einige Jünglinge lachen ob der artigen Verſe, die darunter zu leſen ſind. LaM6 LRVR BaRoN XAVRRIVS VaR CRLLE, oxn NIRWn RooxDMan!*) Er hat der Gilde eine ſilberne Tabaksdoſe gegeben zum Preis beim Bogenſchießen. Wenn er hundert Jahre glücklich lebte, wen ſollte das verdrießen? Der Küſter⸗Schulmeiſter hat in aller Eile ſein Kirch⸗ gewand abgelegt und kommt nun nach der Herberge gelaufen. Unterwegs reibt er ſich die Hände vor Freude und Stolz, da er ſo viele Leute voller Bewunderung vor ſeinem Werke ſtehen ſieht. „Nun, Studioſus, was ſagt Ihr dazu?“ rief er ſchon von fern dem Sohne des Bürgermeiſters zu.„Werden die freien Künſte nicht mit Ehre in Wispelbeke geübt? Zählt nur nach, Alle mit einander, Ihr werdet kein Jota daran zu verbeſſern finden.“ *) Lang lebe Baron von Celle, unſer neuer Hanptmann! glaul ſteher mach und ger f ſchän Allu erhol Entſ verſit beke neu gelel Veri fen, den Rech Sie „ neinde kehrt brigen n Her⸗ erziert ge nie⸗ welche ür ent⸗ Küſter t habe, wunter en zum ßen. lte das Kirch⸗ laufen. Stolz, Werke er ſchon den die Zählt daran tmann! Mutter Hiob. 5 „Zählt nur,“ wiederholte der Student lachend. Ich glaube es wol, wenn Ihr die Buchſtaben, die Euch im Weg ſtehen, bei Seite ſchafft, ſo iſt es leicht, Jahresinſchriften zi machen. Ihr hattet fünf Jahre zuviel in Eurer Rechnung, und darum ließt Ihr das U aus nieuwe durch die Fin⸗ ger fallen.“) Alle umſtehenden Bauern ſahen gaffend den be⸗ ſchämten Küſter an. Es ſchien ihnen nicht möglich, daß der Allwiſſer des Dorfs ſich vergriffen haben könnte. Dieſer erholte ſich jedoch ſehr bald und antwortete mit einer ſtolzen Entſchiedenheit, die ihn in den Augen der Bauern des Siegs verſicherte: „Es iſt dies die letzte neue Schreibweiſe. In Mispel⸗ beke geht der Unterricht voraus mit den beſten Schriftſtellern.“ „Die letzte neue Schreibweiſe?“ wiederholte der Student. „Möglich! Aber ſie iſt noch nicht angenommen.“ Run, wenn ſie angenommen wäre, würde ſie nicht mehr neu ſein.“ „Das begreife ich.“ „Ich glaube es wol, Ihr ſeid ja doch kein Sprach⸗ gelehrter. Das iſt die Natur unſerer Mutterſprache: in der Veränderlichkeit der Fortſchritte.“ Die Bauern, obgleich ſie des Küſters Rede nicht begrif⸗ fen, nickten zuſtimmend mit dem Kopfe; der Student ließ den fraglichen Punkt auf ſich beruhen und ſagte ſcherzend: „Nun das ſind Schulmeiſterſachen. Ihr habt vielleicht Aber auf Eure Verſe weiß ich doch Etwas zu ſagen. Sie Sie ſind viel zu kurz.“ In Inſchriften wird u immer durch v erſetzt. — Mutter Hiob. „Wie, zu kurz? „Ja, zu kurz. Es würde beſſer geweſen ſein, wenn Ihr ſie an der Thür der Kirche begonnen und ſo lang gemacht hättet, daß der Reim erſt unter dem Aushängeſchild des Goldnen Adlers zu finden geweſen wäre; man hätte ſie dann im Gehen leſen können.....“ Der Küſter wollte auf dieſen Spott antworten und rief ſchon laut, daß die längſten Verſe die beſten wären; doch jetzt kam der Diener der Gilde, von einem Trupp Schützen beglei⸗ tet, trommelnd nach der Herberge und zwang Diejenigen, welche die Jahresinſchrift betrachteten, ſich zu zerſtreuen. Alle folgten dem Trommler und ſeinen Geſellen nach dem Gold⸗ nen Adler. Während nun die beſtimmte Stunde des Preisſchießens herannahte, und immer mehr und mehr Schü⸗ tzen und Zuſchauer zur Herberge ſich begaben, kam von einem andern Ende des Dorfes eine Familie langſam daher ge⸗ ſchritten, um ebenfalls dem Feſte beizuwohnen. Vor der⸗ ſelben ſchritt mit dem Bogen in der linken Hand der Brauermeiſter Hiob, ganz unter ernſten und trüben Ge⸗ danken gebeugt; denn im Gehen ſchaute er in den Sand des Weges und machte mit der rechten Hand kurze verdrießliche Bewegungen. Seine Geſichtszüge waren einigermaßen un⸗ freundlich, ſeine Augen klein und ſeine Lippen dünn; er hatte ganz das Ausſehen eines harten und grämlichen Mannes; aber das Bemerkenswertheſte an ihm war, daß er, obgleich Brauer, ein echter hagerer und dürrer Mann war. Zwei oder drei Schritte hinter ihm kam Mutter Hiob, ſeine Gattin, eine ſtattliche Frau, welcher das herannahende funfzigſte Jahr die Farbe der Geſundheit noch nicht von den War Lebe dig auße rade wöh welc der von und mel Bäu der wol Rul ſein das in Ihr emacht ld des hätte d rief ch jetzt beglei⸗ nigen, n. Alle de des Schü⸗ einem er ge⸗ der⸗ id der n Ge⸗ nd des eßliche en un⸗ rhatte innes; bgleich Hiob, ahende on den Mutter Hiob. Wangen gewiſcht hatte, ihre Augen glänzten von wonniger Lebensfreude und Zuverſicht, um ihren Mund ſpielte beſtän⸗ dig ein Lächeln der Freundlichkeit, und obſchon von einer außergewöhnlich langen Geſtalt, trug ſie doch den Kopf ge⸗ rade auf ihren Schultern. Ihre Bewegungen waren unge⸗ wöhnlich. In ihrer ganzen Perſon war etwas Gravitätiſches, welches eine ſtarke, muthige und gute Frau andeutete. An der rechten hielt ſie einen dicken und blühenden Knaben von ungefähr zehn Jahren, der tanzend an ihrer Seite hüpfte und ſich bemühte ſie fortzuziehen, um raſcher bei der Trom⸗ mel zu ſein, deren eigenthümliches Raſſeln noch durch die Bäume ſchallte. An ihrer anderen Seite ging Hugvo, ihr älteſter Sohn, der Liebling und der Stolz ihres Herzens. Dieſer konnte wol ſein ſiebenundzwanzigſtes Jahr erreicht haben, denn die Ruhe und der Ernſt des männlichen Alters lag bereits auf hn noch friſchen und jugendlichen Antlitze. Er bewohnte s väterliche Dorf nicht mehr; ſeit einigen Jahren hatte er in die Stadt begeben, um ſein Glück im Handel zu verſuchen. Seine Eltern hatten einige ihrer Güter mit Ren⸗ ten belaſtet, um ihm ein Kapital zu verſchaffen. Er hatte ſich mit einem erfahrenen Kaufmannsdiener verbunden, und Beide hatten zuſammen ein kleines Se errichtet, deſſen Beziehungen ſich allmälig ausgebreitet und nun einen glücklichen Fortgang hatten. Sein Handelsgeſellſchafter Herr Walter folgte zwei oder drei Schritte hinter ihm. Er machte den Eindruck eines vor⸗ trefflichen Mannes, war mit Sorgfalt gekleidet und hatte einen Gang und Anſtand, welcher von einer gewiſſen Ge⸗ —— 8 Mutter Hiob. zwungenheit oder von einer geſuchten Höflichkeit zeugte. Roſina, Hugo's ſchöne und liebevolle Schweſter, ging an ſei⸗ ner Seite. Das Mädchen horchte mit Aufmerkſamkeit und Freude auf die feine ſtädtiſche Sprache des Herrn Walter, welcher Alles ſo ſchön zu ſagen wußte, daß es ein Wunder war. Vielleicht auch ging das beſtändige Lächeln um Ro⸗ ſina's Mund und die Aufmerkſamkeit ihrer großen blauen Augen nur aus einem Pflichtgefühle hervor— denn war Herr Walter nicht der Handelsgenoſſe ihres Bruders? Und mußte ſie ihn nicht ehren und ihm nicht freundlich ſein, ihm, deſſen Namen ihr Bruder nur mit Lob und Dankbarkeit aus⸗ ſprach? Alle dieſe Perſonen außer dem Brauer ſchienen, während ſie gingen und ſich unterhielten, ſehr mit dem Kinde beſchäftigt zu ſein. Es war auch ein ſo liebes und artiges Knäblein, und Mutter Hiob ſchien ſich ſehr zu erfreuen an allen den Lobſprüchen, die man an ſie über des Kindes Schön⸗ heit und ſein liebliches Geſichtchen richtete. Man konnte bemerken, daß ſie es mit Vorliebe gekleidet und ſeine blon⸗ den Haare mit Sorgfalt gekräuſelt hatte. Indem ſie das Kind wegen ſeiner allzugroßen Eile, um bei der Trommel zu ſein, liebevoll zurechtwies, hielt Hugo mit Nachdenken das Ange auf ſeinen Vater gerichtet und be⸗ merkte mit einer gewiſſen Unzufriedenheit deſſen ungeduldige Geberden— die Rede ſeiner Mutter unterbrechend, ſagte er: „Der Vater ſieht ganz verdrießlich aus. Es iſt doch trau⸗ rig, daß jedes Mal, wenn ich zuweilen einen Tag hier im Hauſe zubringen kann, immer Etwas fehlt.“ „Es ſind Launen, Hugo, das weißt Du wol,“ antwortete die Frau lächelnd.„Laß Dir das nicht zu Herzen gehen. Dein biſt, habe gem gut Weg ſchle wie oder auf wah ſtütz Hio! und Mat falle geei dru ſten grir tern bin ihn⸗ gen eugte. in ſei⸗ t und alter, under n Ro⸗ lauen twar Und ihm, aus⸗ ienen, Kinde rtiges en an chön⸗ onnte blon⸗ e, um mit d be⸗ ldige te er trau⸗ er im ortete ehen. Mutter Hiob. 9 Dein Vater iſt vielleicht froher als ich, daß Du gekommen biſt, aber es liegt in ſeiner Art, immer Etwas im Kopfe zu haben, um ſcheinbar dagegen zu knurren. Es iſt nicht ſo gemeint. Später, wenn er beim Schießen iſt und es ihm gut geht, wird er ſchon fröhlich und gutes Muthes ſein.“ Meiſter Hiob wandte ſich um, ſtampfte in den Sand des Weges, daß er ihm rund um die Kniee ſtäubte, und rief mit ſchlecht unterdrücktem Aexger: „Kommt Ihr nicht? Die Weiber, ſie kriechen einher wie die Schnecken. Nun, eilt Euch was, um Gotteswillen, oder ich komme zu ſpät zu meinem Schuſſe. Man würde, auf mein Wort, da hinten froh genug darüber ſein. Es iſt wahrlich ſo, als ob Ihr meine Feinde gegen mich unter⸗ ſtützen wolltet, aber ich werde ſie lehren, die Mißgünſtigen.“ „Herr Walter, nehmen Sie es nicht übel,“ ſagte Mutter Hiob, den Kopf umwendend,„daß wir etwas ſchneller gehen,“ und ſie ſelbſt beſchleunigte den Schritt, um ihren knurrenden Mann zu befriedigen. Hugo, dem das Wort Feinde auf⸗ fallend in dem Ohre geklungen hatte, war zu ſeinem Vater geeilt, und ihn beim Arme nehmend, fragte er ihn: „Aber Vater, iſt Jemand in dem Dorfe, der Dir Ver⸗ druß bereitet? Du haſt niemals Feinde gehabt, zum wenig⸗ ſten nicht, daß ich es wüßte.“ „Nun, ich habe deren doch,“ knurrte der Brauer wie er⸗ grimmt.„Wenn ſie dieſen Bogen in meiner Hand zerſplit⸗ tern könnten, ſie würden es nicht laſſen. Unglücklicherweiſe bin ich heute nicht in meiner guten Laune, ſonſt würde ich ihnen einmal zeigen, wie Meiſter Hiob ſich rächt an Denieni⸗ gen, die ihn beneiden.“ Mutter Hiob. „Aber von wem ſprichſt Du doch?“ „Zuerſt von dem Notar?“ „Von Gabriels Vater?“ „Ja, von dem Feinen. Zweitens vom Pachter Wyns, drittens von dem Secretair, viertens vom Bauer Daems und noch von allen Anderen.“ „Nun Vater, Du nennſt ja Deine älteſten Freunde, und wenn ich mich nicht irre, die beſten Schützen des Dorfes.“ „Ich bin der beſte Schütz,“ rief der Brauer,„und Jeder⸗ mann weiß es.“ „Gewiß! Wenige können auf dem Schießſtande mit Dir auftreten. Aber das beweiſt keineswegs, dünkt mich, daß die Freunde aus der St. Sebaſtiansgilde Deine Feinde ge⸗ worden ſind. Haben ſie Dir wirklich etwas Uebles gethan?“ „Sie haben mich dieſen Morgen ausgelacht. Sieh, Hugo, als die Hochmeſſe zu Ende war, bin ich nach dem Schieß⸗ ſtande gegangen, um einige Probeſchüſſe zu thun. Auf zehn Schüſſe nur eine Roſe und zweimal neben dem Weißen! Neben dem Weißen! Das iſt mir in ſechs Monaten nicht geſchehen. Ich wußte es ja doch ſeit dem frühen Morgen. Beim Aufſtehen aus dem Bette ſtieß ich die Lampe des Licht⸗ tiſchchens um, ich zog meine Schuhe verkehrt an, und bei dem Oeffnen der Thür trat ich die Katze auf ihren Leib, daß ſie wimmerte. Jedesmal Vorzeichen von Unglück.“ „Ich begreife, daß Dich alles Dieſes beunruhigte, Vater. Aber Deine Freunde haben daran doch keine Schuld, und wenn ſie zufällig ins Weiße ſchießen, lachſt Du da nicht auch, wie alle die anderen Gildebrüder?“ „Ja, ja, aber die ſilberne Tabaksdoſe,“ murmelte Meiſter Hio iſt i eine dri füh ant Si ein zu Du ſchi we tio Wyns, aems e, und 6 Jeder⸗ it Dir , daß e ge⸗ han?“ Hugo, chieß⸗ fzehn eißen! nicht orgen. Licht⸗ i dem aß ſie higte, chuld, nicht Reiſter 11 Mutter Hiob. Hiob unter einem tiefen Seufzer.„Ich bin verzaubert. Es iſt immer dasſelbe. Alles mislingt mir. Gibt es wol einen unglücklicheren Menſchen, als ich bin?“ „Vater, Vater, das iſt doch nicht Dein Ernſt,“ ſprach der Jüngling mit dem Tone eines liebevollen Verweiſes. „Wir ſind alleſammt geſund, Deine Brauerei bewahrt ihren alten Ruhm in der Umgegend; meine Handelsunternehmun⸗ gen nehmen täglich einen beſſern Fortgang; unſere Roſina wird eine gute Heirath thun; die Mutter iſt die Munterkeit und Herzensgüte ſelbſt, die Leute des Dorfes nennen uns die Glücklichen und, zum Uebermaß des Segens! Jeder⸗ mann liebt uns. Wir werden von Niemand gehaßt, noch beneidet. Sind wir Gott keine Dankbarkeit für alles Dieſes ſchuldig?“ Hugo's Stimme war bei dieſen letzten Worten ſo ein⸗ dringlich und ſo weich geworden, daß der Vater ſich gerührt fühlte. „Du haſt Recht, Hugo, wir müſſen Gott dankbar ſein,“ antwortete er.....„aber die Tabaksdoſe, die Tabaksdoſe! Sie kommt mir zu, und ich werde ſehen müſſen, daß ſie von einem Andern gewonnen wird, es iſt, um vor Aerger krank zu werden.“ „Was iſt denn eine ſilberne Tabaksdoſe? Verlangſt Du wirklich eine ſolche? Ich werde ſie Dir mit Freuden ſchenken.“ „Ach, es iſt nicht um die Doſe, ich kann ja eine kaufen, wenn ich will; aber meine Ehre als Schütze; meine Reputa⸗ tion, ein ganzes Jahr für einen Pfuſcher gelten zu müſſen und in der Gilde ausgelacht zu werden. Wenn ich mich ————— 12 Mutter Hiob. . nicht zurückhielt, ich ſchlüge meinen Bogen an dieſem Baume Roſi in Stücke; dann würde ich doch nicht beſiegt ſein.“ höfl „Du kannſt es nicht wiſſen, Vater; vielleicht wirſt Du das beſſer ſchießen, als Du meinſt, und ſollte es einmal geſchehen, Geſ daß die Doſe von einem andern Gildebruder gewonnen Her würde, ſo wird es doch morgen beſſer gehen.“ Gel „Ja, ja, das haſt Du von Deiner Mutter gelernt:„Nach n Leiden kommen Freuden; wenn es regnet, wird ſchönes ſcha Wetter folgen; ſo lange noch das Leben, iſt auch noch Hoff⸗ daß nung.... u ſ. w.““ Immer dasſelbe Liedchen. Deine ant Mutter läßt ſich Nichts ſehr zu Herzen gehen. Ich glaube, verl wenn ihr der Kirchthurm auf den Leib fiele, daß ſie dann noch rufen würde, es wird morgen beſſer gehen..... Aber che ſieh, die Kutſche des Herrn Baron ſteht vor der Thür des Hit Goldnen Adlers. Der Vorſtand der Gilde muß ihn pe empfangen. O Schande! ich bin der Einzige, welcher nicht Vie p. gegenwärtig ſein wird. Frau, Frau, das iſt Deine Schuld.“ ſelt Und die Fauſt ärgerlich gegen Mutter Hiob erhebend, lief er nach der Stelle, wo er aus der Ferne die Bauern ihre Hu Mützen in die Höhe ſchwenken ſah, um den neuen Haupt⸗ Ar mann der St. Sebaſtiansgilde zu bewillkommnen. Meiſter Hiob kam wirklich zu ſpät, denn als er herangekommen war, verſchwand die jauchzende Menge in die Herberge und der St Wagen des Barons wurde von einem Galakutſcher auf den Weg nach dem Schloſſe hin gelenkt. iſt Einige Augenblicke ſpäter ſaß Mutter Hiob bei ihrer Fa⸗. es milie auf dem Hofe des Goldenen Adlers, ihr kleines ge Knäblein zur Seite, und ſprach mit ihrem Sohne Hugo über ſeinen Handel in der Stadt. Herr Walter hatte ſich neben aume t Du ehen, nnen Nach önes off⸗ eine ube, dann Aber rdes ihn nicht uld.“ end, ihre upt⸗ eiſter war, der den Fa⸗ ines über eben Mutter Hiob. 13 Roſina geſetzt und fuhr ununterbrochen fort, freundliche und höfliche Worte an ſie zu richten, dann ſie um Aufſchlüſſe über das Feſt der Gilde zu fragen, dann ihr wieder ergötzliche Geſchichten von Bogenſchützen und Jägern zu erzählen, denn Herr Walter hatte für derlei Dinge ein reiches und gutes Gedächtniß. Mochte es ſein, daß Roſina nun zuweilen ſehr unaufmerkſam wurde und mit ihren Augen rund um ſich ſchaute, um Jemand zu ſuchen, ſo konnte man doch bemerken, daß ſie ſich dieſer Zerſtreuung ſchämte und ſich Gewalt anthat, um ſie vor dem Geſchäſtsfreunde ihres Bruders zu verbergen. Der ganze Hof war erfüllt mit Leuten, die laut ſpra⸗ chen und lachten und jauchzten. An der Seite, wo Mutter Hiob ſich befand, ſaßen Frauen— meiſtens Pachterin⸗ nen und Bäuerinnen— mit ihren Töchtern und Kindern. Viele hielten den Blick auf Mutter Hiob gerichtet und wech⸗ ſelten unter einander einige ſtille Worte. „Ja, Katrien, dieſen ſchönen Herrn mit ſeinem weißen Hute,“ ſagte eine alte Bäuerin,„den habe ich oft auf den Armen getragen.“ „Den Hugo? Von dem Brauer?“ „Ja, ja, nun iſt er reich und hat ein Handelshaus in der Stadt.“ „Die Mutter Hiob, das iſt eine Frau von Verſtand, das iſt wahr: aber ſagt, was Ihr wollt, wo das Glück iſt, will es ſein und bleiben. Sie hat Alles, was ihr Herz verlan⸗ gen kann.“ „Geld genug.“ „Geſundheit zu verkaufen.“ Mutter Hiob. „Die ſchönſte Tochter in dem Dorfe.“ „Ein Kind wie eine Roſe, ſo lieb und ſo blühend und ſo dick.“ „Einen Sohn, der ſie noch auf ein Schloß bringen wird.“ „Eine Tochter, welche ſich verheirathen wird mit Gabtiel von unſerm Notar..... und da liegen auch Scheiben in der Kaſſe.“ „Das will ſagen, da ſind acht Kir „Das thut Nichts. Die Hio ſi 3 ie chſten Leute von der Welt. Wennd der Brauer nur nicht ein ſolcher Murr— kopf wäre.“ „Sieh, da kemmt er gelaufen. In welchen Dorn hat er n getreten?“ Meiſter Hiob näherte ſich ſeiner Frau und ſagte ver⸗ eßlich: „Da hinten wird wieder ſo getrödelt und gezögert, daß man das Fieber davon bekommen ſollte. Sie haben ſchon zehnmal die Namen ausgerufen und noch ſind ſie nicht fer⸗ tig. Haſt Du für unſere Geſellſchaft noch Nichts zu trinken? Ich glaube, daß D Du immer ſitzeſt und träumeſt.“ Zu dem vorübergehenden Knechte ſagte er: „He, Faullenzer, warum kommſt Du nicht hierher, zu ſragen, was uns beliebt? Eine Kanne Bier. Lauf! Scht., wie der Schelm ſeine Füße ſchleppt, um mich zu ärgern, aber ich werde ihn finden!“ „Nun, nun,“ lachte Mutter Hiob,„der arme Junge hat ſeinen Fuß verſtaucht, das weißt Du doch wol?“ Als der Knecht wieder zurückgekehrt war und die Gläſer gefü haup geru hört dara Nert von der Kat Jah dere geg daß die kön übe ner dul 15 Mutter Hiob. gefüllt hatte, fiel der Brauer zornig gegen ihn aus und be⸗ d und hauptete, daß das Bier ſauer wäre, und wollte den Wirth gerufen haben, um ſich darüber zu beklagen— aber nun ingen hörte er den erſten 6 il durch die Schießbahn ſauſen und darauf das Roſe mit lauter Stimme ſchreien. Ein abriel Wan durchfuhr ſeine Glieder, und er lief murrend en in von ſeiner Familie weg, um zu ſehen, wer der Glückliche wäre, der bei ſeinem erſten Schuſſe ſchon die Roſe getroffen hatte. „Der Brauer iſt ſchrecklich kurz angebunden,“ ſagte Leute Katrien zu der Bäuerin, welche neben ihr ſaß.„Seit dreißig Nurr⸗ Jahren, wo ich ihn kenne, habe ich von ihm noch nichts An⸗ deres gehört, als Keifen und Zanken, als ob die ganze Welt at er gegen ihn wäre. Es iſt noch gut, daß Jedermann weiß, daß kein Arg darin liegt, und daß er eine Frau hat, welche ver⸗ die Geduld ſelbſt iſt. Ich würde es gewiß nicht vertragen können dieſes ewige ſaure Geſicht.“ daß„Und St. Hiob auf dem Miſthaufen iſt ſein ſchon Patron. Das hat ſein Pathe gewiß zum Spott gethan, fer⸗ gleich als habe er vorausſehen können, was für ein auffah⸗ ken render Mann dieſes Kind einmal werden könnte.“ „Nein, nein, Hiob iſt ſein Familienname.“ Ja, aber ſein Taufname iſt auch Hiob.“ — „zu„So, dann heißt er Hiob Hiob.“ Seht,„Wißt Ihr das nicht? Unſer Kobe lacht täglich dar⸗ abei über, und wenn er von unſerm zankſüchtigen Brauer ſpricht, nennt er ihn immer den doppelten St. Hiob, weil er ſo ge⸗ hat iſt.“ Ja Trees, das kommt von der ſchwarzen Galle, Kind. „ „— läſer Der Mann kann Nichts dafür, daß er ſo geboren wurde 16 Mutter Hiob. „Gewiß, gewiß, ich weiß es wol, Katrien, denn Meiſter Hiob gibt viel an die armen Leute, und wenn er Jemand helfen kann, ſo wird er es bei all ſeinem Knurren doch nicht laſſen. Im vergangenen Jahre ſchien er ſchrecklich auf uns erbittert zu ſein, weil mein Mann, ohne es zu wiſſen, in ſei⸗ nen Hag gefahren war, und es war ſogar ein heftiger Zank unter ihnen geweſen. Einen Monat ſpäter geriethen wir durch den Todesfall unſers Herrn in eine ſehr bedrängte Lage. Meiſter Hiob, der dies vernommen hatte, kam ſelbſt, ohne daß er darum erſucht worden war, um uns die nöthige Hilfe zu bringen und uns zu retten. Daß wir noch auf unſerm väterlichen Pachthofe ſitzen, Katrien, das mögen wir Demjenigen Dank wiſſen, der unſer Feind zu ſein ſchien, dem Meiſter Hiob....“ Das Preisſchießen wird ſeinen Anfang nehmen. Die eine Hälfte der Gildebrüder that ihre erſten ſieben Schüſſe, darauf ſollte die andere Hälfte gleicherweiſe auf den Kampf⸗ platz treten, dann wieder die erſte Abtheilung und ebenſo noch einmal die zweite. Wer in dieſen beiden Reihenfolgen die meiſten Roſen geſchoſſen haben wird, ſoll als Sieger aus den Händen des Herrn Barons die ſchöne ſilberne Ta⸗ baksdoſe empfangen. Viele Zuſchauer blieben bei dem Schießſtande ſtehen und lehnten an dem Lattenverſchlage, mit welchem die Schieß⸗ bahn abgeſchloſſen war. Unter dieſen und das Auge auf das Weiße geheftet, ſtand Meiſter Hiob der Brauer, welcher zur zweiten Abtheilung gehörte und mit ſichtbarer Ungeduld wartete, bis die Reihe an ihn käme. Schoß einer der be⸗ hendeſten Gildebrüder etwas von dem Mittelringe ab, dann ſtieg ei Angeſ Mittel zuſam 3 ein Tr Ander und ei einen garre einen wohln Muth ſeine über Schul Wend Geme unfeh Name Glück mit de dem „Gew Dank Päch welch Han eigen M eiſter mand nicht f uns in ſei⸗ Zank nwir ängte ſelbſt, thige h auf nögen ſein Die hüſſe, ampf⸗ benſo olgen ieger e Ta⸗ tehen chieß⸗ e auf elcher eduld r be⸗ dann Mutter Hiob. 17 ſtieg ein zweifelhafter Ausdruck der Freude über des Brauers Angeſicht; kündigte aber der Ruf Rrroſe! an, daß der Mittelpunkt getroffen ſei, dann kniff er die Lippen vor Aerger zuſammen und ſtampfte verdrießlich in den Sand. Zwanzig Schritte von dem Schießſtande entfernt ſtand ein Trupp Bauern, Einige mit dem Bogen in der Hand, Andere mit entblößtem Haupte, doch Alle auffallend ſtill und eingezogen für einen ſolchen frohen Tag. Sie bildeten einen Kreis rund um den Herrn Baron, der mit einer Ci⸗ garre im Munde, einen Livreebedienten an ſeiner Seite und einen Jagdhund zwiſchen den Beinen, von Zeit zu Zeit ein wohlwollendes Lächeln unter Diejenigen austheilte, welche Muth genug hatten, um ihm eine Beglückwünſchung über ſeine Ernennung zum Hauptmann, oder eine Schmeichelei über ſein Geſchenk an die Gilde darzubringen. Der Küſter⸗ Schulmeiſter wiederholte zwanzig Mal, und in verſchiedenen Wendungen, die Verſicherung, daß es ein Segen für die Gemeinde wäre ſolchen Baron zu haben, und daß die Gilde unfehlbar unter dem Schatten eines ſolchen durchlauchtigen Namens zu ihrem höchſten Gipfelpunkte der Glorie und des Glückes aufſteigen werde, und Anderes mehr. Die Bauern, die mit den Mützen in den Händen daſtanden und fortwährend mit dem Kopfe nickten und bei jeder Schmeichelei ausriefen: „Gewiß, Herr Baron! Das iſt wahr, Herr Baron! Gott ſei Dank, Herr Baron!“ waren unzweifelhaft ſeine eigenen Pächter; denn es waren auch einige Dorfbewohner zugegen, welche die Lippen zum Lächeln verzogen und mit bedecktem Haupte dieſes Alles anhörten. Gewiß ſaßen dieſe auf ihrem eigenen Gute, oder pachteten von Eigenthümern, welche die⸗ Mutter Hiob. 2 18 Mutter Hiob. ſes Dorf nicht bewohnten; ſie betrachteten ſich aus dieſem Grunde als freie Leute und zeigten dieſes deutlich genug durch ihre ungezwungene Haltung. Der Schulmeiſter war eben beſchäftigt, dem Baron in hochtrabenden Rathhausworten zu beweiſen, daß ſeine durch⸗ lauchtige Gegenwart für das Dorf und die Gilde ebenſo wohlthätig und fruchtbar wäre, als der Thau des Himmels, der nach einem Kraut und Bäume verſengenden Sommer⸗ tage auf das ſchmachtende Erdreich niederſinkt, die Natur labt, die Gewächſe tränkt und die Menſchen erfreut..... als der Gildediener mit voller Kraft ſeiner Stimme einen Auf⸗ ruf erſchallen ließ. „Männer vom zweiten Plotton“) macht Euch fertig, Männer vom zweiten Plotton tretet an!“ Dieſer Ruf erlöſte den Baron von dem Schulmeiſter und noch anderen ſeiner Schmeichler, und er wollte gerade einige Schritte vorwärts ſetzen, als er ſich ebenſo raſch wie⸗ der aufs Neue von den abgelöſten Schützen umringt ſah, die ihm Einer nach dem Andern mit vielen Complimenten und ſchmeichelnden Worten Bericht erſtatteten über die Anzahl Roſen, welche jeder der Männer vom erſten Plotton ge⸗ ſchoſſen oder nicht geſchoſſen hatte. Mochte nun der Baron Gefallen finden an den Huldbeweiſen, welche ihm darge⸗ bracht wurden, oder mochte er aus Nachgibigkeit den Bauern Gehör leihen; er ließ ſie gewähren, lächelte huld⸗ voll und ſchenkte einem Jeden nach der Reihe ein freund⸗ liches Wort. *) Peloton, Trupp, Rotte. Wo und da dem Ei begann Buchen den Ge Kleidu hätten ling un ſei. G meiſten gerichte glänzen hagsen um vie Dann Lippen, Vergeſſ peinige ſtemmt Aufwal liegend mißmut er ſo ſti nes Se Bauer bemerkt Schulte s dieſem h genug Baron in ne durch⸗ e ebenſo immels, Sommer⸗ ie Natur als nen Auf⸗ ch fertig, ulmeiſter e gerade aſch wie⸗ t ſah, die nten und e Anzahl otton ge⸗ er Baron m darge⸗ keit den lte huld⸗ nfreund⸗ Mutter Hiob. 19 Während das Preisſchießen ziemlich langſam vorſich ging, und das Geräuſch auf dem Hofe des St. Sebaſtian unter dem Einfluſſe der Kannen Bier mehr und mehr zuzunehmen begann, ſtand ein Jüngling abgeſondert von Allen hinter dem Buchenhag, welcher den Scheibenſtand gegen den tiefer liegen⸗ den Gemüſegarten der Herberge abſchloß. Seine ſtädtiſche Kleidung, ſeine feinen Geſichtszüge und ſchlanken Glieder hätten die Vermuthung erwecken können, daß er hier Fremd⸗ ling und nur durch Zufall an dieſe Stelle geführt worden ſei. Eine tiefe Betrübniß war auf ſeinem Geſichte zu leſen; meiſtens hielt er das Haupt gebogen und den Blick zur Erde gerichtet, zuweilen aber erhob er ſich und ſah dann mit glänzenden Augen durch eine kleine Oeffnung des Buchen⸗ hags nach der Stelle, wo die Frauen der Gildebrüder rund um viele Tiſche ſaßen und ſich unterhielten und lachten. Dann ſpielte etwas Fieberhaftes rings um ſeine bebenden Lippen, ſein Angeſicht verblich, und er hielt den Hals in Vergeſſenheit ausgeſtreckt nach dem Gegenſtande, der ihn zu peinigen ſchien. Er hatte ſeine Hände in die Seiten ge⸗ ſtemmt, und tiefe Seufzer entſtiegen ſeiner Bruſt, bis die Aufwallung in ihm ſich wieder gelegt hatte und er, wie er⸗ liegend einer zerſchmetternden Ueberzeugung, aufs Neue mißmuthig den Kopf auf die Bruſt ſinken ließ. Während er ſo ſtill und regungslos in die Erwägung der Urſache ſei⸗ nes Schmerzes verſunken zu ſein ſchien, kam ein junger Bauer hinter dem Buchenhag daher und näherte ſich un⸗ bemerkt dem leidenden Träumer. Ihm die Hand auf die Schulter legend, ſprach er mit theilnehmendem Tone: „Gabriel, wenn ich an Deiner Stelle wäre, ich tränk 2 20 Mutter Hiob. eine gute Kanne Bier darauf. Habe ich es Dir nicht ſchon vor ſechs Monaten geſagt, daß der ſtädtiſche Aufſchneider mit ſeinem Kinnbarte Dir noch bitteres Bier brauen werde? Es iſt eine Schande, ſo vor dem ganzen Dorfe ihre Ohren nach dem Geſchwätze eines Fremden hängen zu laſſen!“ Gabriel ſah den Sprecher mit thränenden Augen an, während ein peinlicher Seußer aus ſeiner Bruſt aufſtieg. Der Andere fuhr fort: „Der Schmied meinte es gut, als er vor drei Mona⸗ ten ſagte, daß dieſer Herr Walter Dich aus dem Sattel heben werde. Weißt Du, was er nun behauptet?— Daß eine Heirath zwiſchen ihm und Roſina im Werke ſei.“ Ein Ausdruck des Unglaubens gab ſich auf dem Ge⸗ ſichte Gabriels kund, und er hob den Ellenbogen drohend auf, als wollte er dieſen folternden Gedanken von ſich ſtoßen. „Nun, nun, zeige, daß Du ein Mann biſt,“ ſagte der Andere.„Es iſt ja deutlich genug, daß Etwas im Werke iſt. Iſt nicht der Herr Walter ſeit den letzten Monaten faſt jeden Sonntag in Wispelbeke, und verbirgt Roſina ihre Hoff⸗ nung, daß ſie, wie ihr Bruder Hugo, einmal in der Stadt wohnen werde? Iſt dieſer Walter in ihren Augen nicht ein Wunder von Edelmuth, von Höflichkeit und Weisheit und ſpricht ſie nicht von ihm, wie von einem Muſter von Verſtand und allen anderen Tugenden?“ Verzweifelnd und leidend ſchüttelte der Jüngking den Kopf. „Man wird Dich nicht eher abweiſen, Gabriel, als wenn Alles fertig iſt; aber an Deiner Stelle würde ich ihnen die Zeit nie laufen zensluſ viel gel und un und iſt über D wie ein Ge dem ju „Trink' laufen, Ro einer ſt noch in Allmäl ken, u entgan trübniß war, eh brochen nach de ter Hit und no Wir ſ und T und Ur ht ſchon chneider werde e Ohren en igen an, aufſtieg. i Mona⸗ n Sattel — Daß dem Ge⸗ hend auf, oßen. ſagte der Werke iſt. faſt jeden hre Hoff⸗ er SStat nicht ein sheit und Verſtand in den als wenn ihnen die Mutter Hiob. Zeit nicht laſſen, um über mich zu ſpotten. Ich ließ ſie laufen und vergnügte mich mit meinen Freunden nach Her⸗ zensluſt, um zu zeigen, daß mir an ihrer Falſchheit nicht viel gelegen ſei. Komm, komm, und bleibe nicht ſo allein und unſchlüſſig daſtehen. Der Schmied hat Dich geſehen, und iſt bei dem Schießſtande ſchon damit beſchäftigt, ſich über Dich luſtig zu machen. Komm und halt Dich aufrecht, wie ein Mann.“ Gabriel folgte ſchweigend und mit geſenktem Haupte dem jungen Bauer, der noch beim Gehen wiederholte: „Trink' eine Kanne oder drei und laß die ſtädtiſche Mamſell laufen, wie ſie's verdient.“ Roſina, welche, ohne es zu wiſſen, von dem Hag aus mit einer ſolchen fieberhaften Andacht belauſcht worden war, ſaß noch immer neben dem Handelsgenoſſen ihres Bruders. Allmälig war eine unerklärliche Betrübniß in ihr Herz geſun⸗ ken, und dieſe Gemüthsſtimmung war Herrn Walter nicht entgangen. Aus Höflichkeit, gleichſam als wollte er ihre Be⸗ trübniß, deren Urſache er fruchtlos zu ergründen bemüht war, ehren, hatte er ſeit einer Weile die Unterhaltung unter⸗ brochen und hielt nun das Auge mit ſcheinbarem Intereſſe nach der Schießbahn und auf das Preisſchießen gerichtet. „Warum biſt Du ſo traurig, Roſina?“ fragte Mut⸗ ter Hiob.„Ich weiß es nicht; aber Du und Dein Vater und noch alle Anderen Ihr ſeid doch ſonderbare Menſchen. Wir ſind hier auf einem Feſte, um uns zu vergnügen, und Du ziehſt Geſichter, als ob wir unglicklich wären und Urſache hätten, verdrießlich zu ſein.“ ——— 22 Mutter Hiob. „Wo mag doch Gabriel ſein? Er weiß, daß wir hierher kommen mußten,“ flüſterte die Jungfrau. „Ich glaube, daß ich ihn dort hinten ſehe.“ „Daß Du ihn ſiehſt, Mutter?“ wiederholte Roſina außer ſich vor Freude. „Dort hinten, hinter dem Herrn Baron! Er ſteht da, mit dem Rücken nach uns gewendet, und ſpricht mit dem Sohn des Bauers Adrian.“ „Und er kommt nicht einmal uns zu begrüßen. Das iſt doch nicht ſchön von ihm. Gabriel iſt ein guter Junge, Mutter, aber er hat oft ſonderbare Gedanken im Kopfe. Was mag ihm nur wieder fehlen? Sie gewiß. Er iſt böſe auf mich. Warum? Das weiß Gott. Er iſt doch traurig. Ach, er kehrt ſich um, er ſieht mich.“ Der Name Gabriel entfloh ihren Lippen und aufſtehend winkte ſie mit der Hand. „Ach Mutter!“ ſeußzte ſie,„er geht von hier fort. Sein Blick iſt ſo ſtreng.“ „Was Du Dir doch für Sorgen machſt, Roſina!“ ſagte Mutter Hiob lachend.„Der Himmel iſt ſo hoch, und doch ſteigen zuweilen Wolken in ihm auf.... Schlag Dir das aus dem Sinne.— Sieh, da iſt der Vater. Er ſieht auch wieder ſo verſtört aus.“ Meiſter Hiob verließ in dieſem Augenblick den Schieß⸗ ſtand, um ſich ſeiner Familie zu nähern. Schon von ferne konnte man an ſeinen Geberden und andem ſcharfen Ausdruck ſeiner Lippen wahrnehmen, daß er mit dem Erfolg des Schießens unzufrieden war. „Habe ich es nicht geſagt, daß ich behext bin?“ rief er aus.„ Beſten u nacheina wundern Stücke z „Un Mutter: „Ge nen. V „Un „Un lichen S nur etwe gewinne Unt Bier ge ich nicht Nieman in derz Ihr ſeh „La Mutter Sei ver „A beſſer wird; ſe „Ni widerte hierher ia außer ſteht da, mit dem 1. Das n guter inken im gewiß. Er iſt mich.“ fſtehend ſagte und doch Dir das Er ſieht Schieß⸗ on ferne Ausdruck folg des rief er Mutter Hiob. 23 aus.„Drei Roſen in acht Schüſſen! Ich wette gegen den Beſten um eine halbe Tonne Bier, daß ich morgen fünf Roſen nacheinander ſchieße, aber heute,— es ſollte mich nicht ver⸗ wundern, wenn ich meinen Pfeil in den hölzernen Blenden in Stücke zerſchöſſe.“ „Und wer hat die ſilberne Tabaksdoſe gewonnen?“ fragte Mutter Hiob. „Gewonnen, gewonnen? Es iſt noch gar Nichts gewon⸗ nen. Wir müſſen Jeder noch ſieben Schüſſe thun.“ „Und welche iſt die größte Zahl der geſchoſſenen Roſen?“ „Der Notar hat wol vier.“ „Und Du, Hiob, Du haſt doch drei? Mit einem glück⸗ lichen Schuß kannſt Du den Notar einholen, und ſchießt er nur etwas weniger gut, ſo kannſt Du die Tabaksdoſe doch gewinnen und Primus ſein.“ Unterdeſſen hatte der Brauer in aller Eile ein paar Glas Bier getrunken und antwortete nun mit Ungeduld:„Daß ich nicht geboren wäre, um unglücklich zu ſein. Ja dann würde Niemand anders die Doſe erhalten. Aber nun? Ich werde in der zweiten Reihenfolge noch ſchlechter ſchießen, das ſollt Ihr ſehen!“ „Laß Dich doch ein Augenblickchen bei uns nieder,“ ſagte Mutter Hiob mit freundlichem Tone,„und ſei gutes Muthes. Sei verſichert, es wird ſpäter ſchon beſſer gehen.“ „Ach mit dieſem ewigen Leiern von: es wirdſ ſchon beſſer gehen. Ich ſage Dir, daß es nicht beſſer gehen wird; ſchlechter wird es gehen“ „Nun, lieber Mann, ſei doch auf mich nicht ſo böſe,“ er⸗ widerte Mutter Hiob.„Wenn es nicht beſſer gehen will, Mutter Hiob. ich kann Nichts dafür. Es muß doch Einer gewinnen, und in jedem Falle werden keine Arme und Beine dabei gebro⸗ chen ſein.“ „Ich weiß wol, daß Du nicht viel darum geben wirſt, und müßte ich vor Scham aus dem Goldnen Adler gehen,“ fiel Meiſter Hiob gegen ſie aus.„Roſfina, warum ſitzeſt Du ſo allein und ſo mürriſch da?“ fragte er ſeine Tochter,„wozu das ſaure Geſicht? Herr Walter ſitzt in einer heiteren Geſellſchaft; Hugo läuft weg und raucht Cigarren mit dem Baron, und Du kehrſt faſt unſerm Gaſte den Rücken zu. Das iſt ſehr höflich.“ Hugo's Handelsgenoſſe wollte einige Worte zu Roſina's Entſchuldigung ausſprechen, aber Meiſter Hiob ſchien nicht auf ihn zu hören und fragte, indem er den Blick auf das Kind geheftet hielt: „Engelbertchen iſt ſo bleich! Warum läſſeſt Du das Kind ſo daſitzen, ohne mit ihm zu ſprechen? Es iſt krank.“ Unzweifelhaft hätte der Brauer ſeinem Mißmuthe noch länger durch unleidige Verweiſe Luft verſchafft, wenn der Diener der Gilde jetzt nicht von fern gerufen hätte: „Männer vom zweiten Plotton, macht Euch fertig!“ Und Meiſter Hiob ſpannte in aller Eile ſeinen Bogen und lief, ohne weiter auf ſeine Geſellſchaft zu achten, nach dem Schießſtande. Roſina begann aus Rückſicht der Höflich⸗ keit eine Unterhaltung mit Herrn Walter und ſprach über die ſchlichte Freude der Bauern und die Ungebundenheit des Landlebens. Mutter Hiob unterhielt ſich laut mit der Katrien über die Kinder und das Scharlachfieber, welches in dem Dorfe herrſchte, jetzt aber glücklicherweiſe abzunehmen ſchien. Hugo ſp ſcheinlic Na Händek liefen a Haufen falls au wol der Ro beſſer, e zu rufer niß die „M der He chen vo „G Meiſter Un dem du damit wenigſ Ri ter der Sie ſp muß ſ ihm a men, und ei e⸗ ben wirſt, Adler a, warum er ſeine t in einer Cigarren en Rücken Roſina's hien nicht das Kind Du das iſt krank.“ uthe noch wenn der rtig!“ en Bogen ten, nach r Höflich⸗ hüber die nheit des er Katrien s in dem en ſchien. Mutter Hiob. 25 Hugo ſprach noch immer mit dem Baron über den wahr⸗ ſcheinlichen Marktpreis des Getraides nach der Ernte. Nach einer langen Weile erhob ſich plötzlich ein lautes Händeklatſchen bei dem Schießſtande, und die Dorfbewohner liefen alle nach dem einen Ende des Hofes in einen dichten Haufen zuſammen. Aus Neugier ſtanden die Frauen eben⸗ falls auf..... Die Doſe war gewonnen! Aber wer mochte wol der Glückliche ſein? Roſina, die auf ihren Stuhl geſprungen war und gewiß beſſer, als alle Anderen ſah, was vorging, fing plötzlich an zu rufen, indem ſie in gänzlicher Vergeſſenheit ihrer Betrüb⸗ niß die Hände mit kindlicher Freude in einander ſchlug: „Mutter, Mutter, ach der Vater hat gewonnen ſieh, ſieh, der Herr Baron gibt ihm die ſilberne Doſe.“ „Iſt es wahr?“ ſagte Mutter Hiob, indem ſie ihr Söhn⸗ chen vor Freuden außer ſich in die Höhe hob. „Gewiß, gewiß, höre, da rufen ſie ſchon, es lebe, es lebe Meiſter Hiob!“ Und in der That, dieſer Glückwunſch erſcholl nun über dem durcheinanderwimmelnden Haufen, in welchem der Baron damit beſchäftigt war, dem Sieger den Preis zu überreichen. „Gott ſei Dank!“ jauchzte Mutter Hiob,„nun wird er wenigſtens zufrieden ſein.“ Roſina bemerkte in dieſem Augenblick, daß Gabriel hin⸗ ter dem Hag hervorkam und ſich den Gildebrüdern näherte. Sie ſprang vom Stuhle auf und ſagte: „Mutter, Mutter, ich will auch einmal ſehen. O, das muß ſchön ſein, wie der Herr Baron zum Vater ſpricht und ihm alle freundlichen Dinge ſagt.“ 26 Mutter Hiob. —— Bei dieſen Worten begab ſie ſich nach der verſammelten Gewinne Menge. Der Handelsgenoſſe ihres Bruders ſtand ebenfalls ihrer Lip auf unverkennbar, um ſie aus Höflichkeit zu begleiten. im Mund Die Jungfrau war ihm aber vorausgeeilt und ſchien mit Der einer beſondern Abſicht ſich hinter den jauchzenden Haufen her, und der Dorfbewohner zu begeben; und wahrlich, ſie ſtand plötz⸗„Laß lich vor Gabriel, ihn mit betrübtem Blicke anſehend während bin ärge ihre ſanfte Stimme ihn flüſternd fragte: am Son „Gabriel, warum biſt Du auf mich ſo böſe?“„Prr Der Jüngling bebte erſt und verblich dann vor Ueber⸗ nicht geſe raſchung; aber ebenſo ſchnell erſchien wieder ein ſtilles Lächeln nun ein der Glückſeligkeit um ſeinen Mund..... Jetzt erſt hatte Hug Herr Walter die Tochter des Brauers eingeholt, und er ſtellte wie alle ſich an ihre Seite, als wäre er ihr Begleiter.„Da Mit einem Mal verzog ſich das Geſicht Gabriels zu ei⸗„Au nem Spott; er wandte ſich um, indem er unverſtändliche brummte Worte murmelte und entfernte ſich auf dem Wege, der neben N dem Wirthshauſe hinführte und verſchwand aus den Augen Herr W des verſtummten Mädchens.„Ja Zwei Thränen fielen auf Roſina's Wangen; aber ſie be⸗ wiederht wältigte ihren Schmerz aus einem Gefühle der Scham und„Ich drang kühn durch die verſammelten Männer, um durch dieſe Hiob.„ That ihre peinliche Aufregung zu verbergen. W ð Mutter Hiob ſah endlich, wie ihr Mann mit der ſilber⸗ mit Ver nen Tabaksdoſe in der Hand aus der Menge ſich hervor⸗„Zu drängte und abmühte, um von den Dorfbewohnern befreit gegen ſi zu werden, welche nicht aufhörten, ihm Glück zu wünſchen in fünfz und„es lebe Meiſter Hiob!“ zu ſchreien. Einige von ihnen hätte ih riefen ſogar laut, daß wol eine halbe Tonne Bier von dem A mmelten ebenfalls en. chien mit Haufen nd plötz⸗ während r Ueber⸗ s Lächeln rſt hatte er ſtellte ls zu ei⸗ tändliche er neben n Augen er ſie be⸗ ham und uch dieſe r ſilber⸗ hervor⸗ nbefreit vünſchen nihnen von dem Mutter Hiob. E Gewinne abfallen könne, und man konnte an der Bewegung ihrer Lippen bemerken, daß ſie den koſtenfreien Trank ſchon im Munde zu haben wähnten. Der Brauer ſah jedoch nicht aufgeräumter aus, als vor⸗ her, und er fuhr einen Jeden grob und ärgerlich an. „Laßt mich gewähren, es iſt der Mühe nicht werth, ich bin ärgerlich über mich ſelbſt. Die Tonne Bier werde ich am Sonntag geben, geht nur mit all dieſem Geſchrei.“ „Proficiat! Proficiat!“ rief Mutter Hiob.„Habe ich nicht geſagt, daß es beſſer gehen werde? Komm, Hiob, trink nun ein Gläschen mit uns auf den guten Erfolg.“ Hugo und Walter ergriffen ihre Gläſer und hoben ſie wie alle übrigen Freunde in die Höhe. „Das iſt zur Ehre des Meiſter Hiob,“ rief man. „Auf die Geſundheit von uns Allen miteinander!“ brummte der Brauer. „Nein, nein, zur Ehre des glücklichen Siegers!“ rief Herr Walter. „Ja, ja, auf die Geſundheit des glücklichen Siegers!“ wiederholte die Brauerin. „Ich trinke eine ſolche Geſundheit nicht,“ ſagte Meiſter Hiob.„Ach, das nennt Ihr glücklich?“ „Was fehlt denn nun noch daran?“ fragte ſeine Frau mit Verwunderung.„Biſt Du denn noch nicht zufrieden?“ „Zufrieden?“ fiel der Brauer, gleichwie im Mißmuth gegen ſie aus, Zufrieden? Ich bin beſchämt. Sieben Roſen in fünfzehn Schüſſen! Wenn ich nicht unglücklich wäre, ich hätte ihrer zehn geſchoſſen.“ „Ach,“ ſagte Mutter Hiob mit leiſer Stimme zu ſich —————= ——— 28 Mutter Hiob. ſelbſt,„der Mann iſt nur froh, wenn er murren kann. Jeder hat ſeinen Fehler... „Kommt, kommt,“ befahl der Brauer mit Ungeduld; „laßt uns nach Hauſe gehen. Dieſes Geſchrei langweilt mich. Solltet Ihr nicht ſagen, daß ich einen goldnen Berg ge⸗ wonnen hätte? Sieben Roſen in fünfzehn Schüſſen Kommt, ſage ich, oder ich gehe allein weg.“ Nachdem nun das Schießen beendigt war, waren die meiſten Frauen aufgeſtanden, um den Goldnen Adler zu verlaſſen. Mutter Hiob und ihre Familie willfahrten ſtillſchweigend dem Befehle ihres verdrießlichen Mannes und folgten ihm nach dem Ausgange des Hofes. Roſina ſah noch mit einem traurigen Blicke in die Runde, aber ſie bemerkte Gabriel nicht mehr.. Denſelben Abend ging ein Jüngling mit langſamen und unterbrochenen Schritten neben dem Rande des großen Kirchweges. Nachdem die Sonne ſich hinter dem weſtlichen Horizonte verborgen hatte, waren allmälig Nebelwolken auf⸗ geſtiegen, die Luft war merklich abgekühlt, und eine ſo dicke Finſterniß bedeckte Feld und Wald, daß man den verirrten Jüngling nur aus der unmittelbarſten Nähe als einen ſchwar⸗ zen Schatten hätte bemerken können. Zuweilen blieb er ſtehen, kreuzte die Arme über die Bruſt und murmelte ſeltſame Worte der Liebe, des Zornes und der Verzweiflung; dann beſchleunigte er wieder ſeine Schritte, gleich als werde er fortgetrieben von einem ſchreck⸗ lichen Gedanken, oder er ging plötzlich mit trägen Schritten, um mit geſenktem Haupte in tiefes Nachſinnen zu verſinken. Am( auf die g dehnte. des Weg Spazierg rend des volle Fin Der einer die Baumes tenen Ze legte er dieſe Ber ihn von Nac überſchw Klagen er weint „Ac ſeufzte e vergeſſe dem Bu die Zeic ſen ſind ſie läche aus den Augen, Welt w an ein nn. Jeder Ungeduld; weilt mich. Berg ge⸗ n Kommt, waren die n Adler villfahrten annes und a ſah noch e bemerkte ſamen und es großen weſtlichen olken auf⸗ ne ſo dicke verirrten en chwar⸗ über die es Zornes eder ſeine em ſchreck⸗ Schritten, verfſinken. Mutter Hiob. 20 Am Ende des Kirchweges wandte er ſich rechts und trat auf die große Wieſe, die ſich bis an das Caſtell des Barons dehnte. Große Buchenbäume erhoben ſich zu beiden Seiten des Weges und vereinigten ihre Kronen, um aus dieſem Spaziergange eine ſchattenreiche Laube zu bilden, wo wäh⸗ rend des Tages Kühlung und des Abends eine geheimniß⸗ volle Finſterniß herrſchte. Der Jüngling näherte ſich mit wankenden Schritten einer dieſer Buchen. Er ſchien auf der flachen Rinde des Baumes mit der zitternden Hand nach gewiſſen eingeſchnit⸗ tenen Zeichen zu ſuchen, und nachdem er dieſe gefunden hatte, legte er ſeine glühende Stirne dagegen, als glaubte er, daß dieſe Berührung des Gedenkzeichens eines ſüßen Gelöbniſſes ihn von ſeinen folternden Schmerzen erlöſen könnte. Nach einer Weile der vollkommenſten Stille begann ſeine überſchwängliche Bruſt peinlich zu arbeiten; unterdrückte Klagen und ſchwere Athmenzüge entſtiegen ſeinem Munde; er weinte J.... „Ach, tie Treue des Herzens iſt eine tödtliche Plage!“ ſeufzte er.„Könnte ich auch, wie ſie, mein voriges Leben vergeſſen und die Wurzel des verkannten Gefühls mir aus dem Buſen reißen! Unſere Liebe ſollte länger währen, als die Zeichen, welche dort in der Rinde des Baumes verwach⸗ ſti Und ſie, ſie iſt jetzt einem Fremden zugeneigt, ſie lächelt ihm zu mit Bewunderung, ſie ſieht ihm die Worte aus dem Munde ab, ſie wird ihn heirathen..... unter meinen Augen, unbekümmert und glücklich, als ob ich nicht in der Welt wäre.— Aber, es iſt nicht möglich, Roſina kann doch an einem Tage nicht grauſam, nicht unbarmherzig werden. —.——— 30 Mutter Hiob. Wenn ihre Zuneigung zu mir vermindert oder geſchwunden wäre, ſo müßte ſie doch Mitleid mit dem armen Gabriel ha⸗ hen aber wer weiß? Sie glaubt vielleicht, daß ich ſie ebenſo leicht vergeſſen werde? Sie vergeſſen? Er rang verzweifelnd die Hände und ſprach wehklagend: „Roſina, Roſina, was haſt Du gethan? Weißt Du, wie Dein Verrath mir das Herz zerreißt? O, warum hat Gott das Weib mit Schönheit begabt und ihr zugleich die Standhaftigkeit verweigert!“ Wahrſcheinlich wäre Gabriel noch lange in ſeinen trüben Klagen fortgefahren, aber nun ſchien ein fernes Geräuſch ſein Ohr getroffen zu haben. Was es auch geweſen ſein mag, es mußte jedenfalls einen mächtigen Eindruck auf ſein Gemüth hervorgebracht haben; denn er eilte fort von dem Baume, kauerte zuſammen bis zum Boden, um ſo durch die Dunkelheit aufzuſchauen und verharrte zitternd in dieſer Stellung. „Roſina! Walter!“ murmelte er mit dumpfer Stimme, indem er unter einer tödtlichen Angſt die Kraft der Kniee verlor und zu Boden ſank..... er erhob ſich jedoch bald wieder und kroch bis hinter den Baum, von wo er mit der größten Spannung den flammenden Blick nach den ſich nähernden Perſonen gerichtet hielt. Bald glaubte er von dem Unglück, das er befürchtete, überzeugt zu ſein. Ein undeutlicher Schrei entſtieg ſeinem zerriſſenen Buſen, und er floh, mit dem Kopfe voran, wie ein Wahnſinniger zwiſchen den Bäumen dahin.. Einige Laute des Schreckens und der Ueberraſchung ant⸗ worteten auf ſeine Stimme. Vier oder fünfPerſonen, unter welchen beigeeilt, ſie glaub gerufen! „Nur „Hier an es wäre e vor Schr ſo erſchre „Kon ein Spaf haben zu „Na mit ſchm welche de „Roſ Beängſti Noch milie an noch ein auf And Abendſp weg nach Unte ihrer M „Mu „Ach Antwort Mutter Hiob. 31 eſchwunden welchen drei Männer und ein junges Mädchen, kamen her⸗ abriel ha⸗ beigeeilt und bemühten ſich, den Platz zu ermitteln, wo, wie daß ich ſie ſie glaubten, Jemand in Lebensgefahr ſchwebend um Hilfe gerufen habe. ehklagend:„Nun, das iſt doch wunderbar!“ brummte Meiſter Hiob. Weißt Du,„Hier an dieſem Baume war es, ſage ich Euch. Ich glaubte, warum hat es wäre ein Unglück geſchehen,“ ſeufzte Hugo, ganz außer ſich ugleich die vor Schrecken. Mich dünkt, ich bin in meinem Leben nicht ſo erſchreckt worden.“ „Kommt, kommt,“ bemerkte Herr Walter.„Es wird ein Spaßvogel geweſen ſein. Die Bauern auf den Dörfern haben zuweilen ſonderbare Manieren, um witzig zu ſein.“ „Nach dieſer Richtung hin iſt er gelaufen,“ ſagte Roſina mit ſchmerzlichem Tone, indem ſie die Richtung bezeichnete, welche der Jüngling in ſeiner Flucht genommen hatte. „Roſina, Roſina, komm her,“ rief Mutter Hiob mit nen trüben Geräuſch weſen ſein ick auf ſein rt von dem odurch die in dieſer r Stimme, Beängſtigung. der Kniee Noch eine kurze Weile blieb der Brauer mit ſeiner Fa⸗ edoch bald milie an der Stelle ſtehen, um zu horchen, ob ſich vielleicht er mit der noch ein Geräuſch vernehmen ließe; dann aber traten ſie den ſich auf Andringen der Mutter, welche behauptete, daß der Abendſpaziergang jetzt lange genug gewährt habe, den Rück⸗ efürchtete, weg nach Hauſe an. eg ſeinem Unterwegs lehnte Roſina ihren Kopf an die Schulter n, wie ein ihrer Mutter und ſeufzte unter Thränen: „Mutter, Mutter, es war Gabriel!“ hung ant⸗„Ach, was ſind das für Gedanken!“ erhielt ſie zur nen, unter Antwort.„Seit heute Mittag träumſt Du von nichts An⸗ 32 Mutter Hiob. derem, als von Gabriel. Was ſollte er hier in der Dunkelheit zu thun haben? Ich würde es ihm ſo leicht nicht vergeſſen, wenn er ſolche närriſche Späße anfinge, um uns zu er⸗ ſchrecken.“ Roſina neigte den Kopf und folgte ſchweigend und be⸗ trübt, als die Thüre der Brauerei ſich Allen geöffnet hatte. S Die gedehnte ten hohe bemalten der einen 3 Pferde b bald die war der mit ihrer mit welch wurde. blühend ein Luſtl Bodens, gnügen ſehen, eines ſo Ein Adler mit Pur Mutte Dunkelheit vergeſſen, ins zu er⸗ id und be⸗ ffnet hatte. II. Die Brauerei des Meiſter Hiob war zugleich eine aus⸗ gedehnte Ackerwirthſchaft. An der Straße, unter dem Schat⸗ ten hoher Linden, ſtand das Wohnhaus mit ſeinen grün⸗ bemalten Fenſterrahmen. Hinter demſelben dehnten ſich an der einen Seite die Ställe, in welchen ſich zehn Kühe und drei Pferde befanden, und die geräumige Scheune aus, welche bald die neue Ernte aufnehmen ſollte; an der anderen Seite war der Hinterhof, begrenzt durch die eigentliche Brauerei mit ihren Lagerräumen, vor denen eine hohe Pumpe ſtand, mit welcher das Waſſer aus dem Brunnen in die Keſſel geleitet wurde. Ein wenig weiter feldeinwärts, zwiſchen mancherlei blühenden Sträuchern und zierlichem Buſ ſchwerk, erhob ſich ein Luſthäuschen, das mit den lieblichen Ranken des Geiß⸗ blattes bedeckt war.— Man konnte an der Ausdehnung des Bodens, der hier zum Blumengarten und allein zum Ver⸗ gnügen und zur Erholung beſtimmt war, hinlänglich ſehen, daß die Familie des Hiob wohlh abend war und ſich eines ſorgenfreien D Daſeins erfreute..... Einige Tage nach dem Preisſchießen in dem Goldnen Adler war der Knecht Jan auf dem Hinterhofe der Brauerei mit Pumpen beſchäftigt. Seine Bewegungen waren zuweilen Mutter Hiob. 3 —— Mutter Hiob. ſehr langſam, und manchmal unterbrach er ſeine Arbeit, als habe ein ergreifender Gedanke ihn abgezogen; dann blieb er, das Auge auf die hölzerne Rinne gerichtet— in welcher das Waſſer brauſend dahinfloß— nachdenkend ſtehen, bis ihn das Aufhören des Brauſens aus ſeiner Zerſtreuung weckte, und er wieder den ſchweren Arm der Pumpe in die Höhe hob. Einige Schritte weiter rollte ein alter Küfer die Tonnen, welche er an dieſem Tag ausgebeſſert oder gereinigt hatte, nach dem Thore der Brauerei— kein anderes Weſen war auf dem geräumigen Hinterhofe zu bemerken. Obgleich die letzten Strahlen der Abendſonne ihre Pur⸗ purtöne auf die Gebäude warfen und lieblich zwiſchen dem Laube des Weinſtocks, der an das Haus gelehnt war, ſpiel⸗ ten, ſo herrſchte doch eine ungewöhnliche und trübe Stille, nur unterbrochen durch das ſcharfe Gekreiſch der Pumpe und das eintönige Geräuſch des fließenden Waſſers. Die Kuhmagd Lina zeigte ſich an der Thüre des Stalles und ſchritt mit geheimnißvollen Geberden nach der Pumpe. Jan ließ von ſeiner Arbeit ab und ſah der Magd neugierig entgegen, während der Küfer mit derſelben Neugierde ſich ebenfalls näherte. „Der Doctor iſt im Hauſe,“ flüſterte die Magd. „Und was ſagt er?“ fragte Jan. „Es iſt das Scharlachfieber,“ fügte der Küfer hinzu. „Ich weiß es nicht,“ antwortete Lina.„Er iſt in die Kammer gegangen, wo das Kind in ſeinem Bette liegt; man hat die Thüre verſchloſſen, der Schlüſſel ſteckt von innen daran, ich kann durch das Schloß weder ſehen noch hören.“ 52 ſeufzte 2 das S De antwor das Kit en gab, hi ſeine L wollte: halb at ſterben legen unſer Klage. ſo nicht ſterben c „3₰ bin bei das W meine 2 fünf eig von All und wi! Aber d Arbeit, als an bi in welcher tehen, bis erſtreuung npe in die ie Tonnen, nigt hatte, Peſen war ihre Pur⸗ ſchen dem var, ſpiel⸗ be Stille, zumpe und es Stalles erPumpe. neugierig gierde ſich hinzu. iſt in die iegt; man ten daran, Mutter Hiob. 35 „Wenn es wirklich das Scharlachfieber wäre, Lina!“ ſeufzte Jan. „Ach Gott, unſer armes Engelbertchen! Aber es wird das Scharlachfieber doch nicht ſein.“ Der alte Küfer brachte den Finger an ſeine Auge und antwortete mit einem traurigen Seußer. „Wer kann das wiſſen— vor acht Tagen iſt Mariechen, das Kind unſerer Trees, auch an dem Scharlachfieber geſtor⸗ ben. Das Kind ſah mich ſo gern. Als es den Geiſt auf⸗ gab, hielt es noch ſeine brechenden Aeuglein auf mich gerichtet, ſeine Lippchen bewegten ſich und mich deuchte, daß es ſagen wollte:„lieber Großvater..... Seitdem bin ich nur noch halb am Leben, Lina. Wenn ich wüßte, daß ich morgen ſterben müßte, ich würde ohne Klagen mein Haupt nieder⸗ legen— denn wenn Gott mir gnädig wäre, ſo würde ich unſer Mariechen dort oben noch wieder ſehen können..... 5 Eine Pauſe der tiefſten Stille folgte auf dieſe trübe Klage. „Ach, Küfer,“ ſprach Lina tröſtend,„Ihr dürft den Muth ſo nicht ſinken laſſen. Denkt, daß wir alleſammt einmal ſterben müſſen.“ „Ja, ja, Lina,“ ſagte der Küfer,„ſo iſt es, Kind. Ich bin beinahe ſiebzig Jahre alt— ſollte ich nicht wiſſen, was das Wort Tod bedeutet? Ich habe meinen Vater und meine Muter begraben, drei Brüder, zwei Schweſtern und fünf eigene Kinder. Und überdies habe ich an dem Grabe von Allen, welche lebten, als ich noch jung war, geſtanden, und wir ſind nur noch unſerer zehn, welche übriggeblieben. Aber das Herz verſchleißt ſo raſch nicht, als der Körper. 8* 36 Mutter Hiob. „₰ Unſer Mariechen, ach Gott! Ich ließ mir den linken Arm abhauen, wenn ich es noch im Leben ſehen könnte.“„Es iſt „Das Scharlachfieber?“ murmelte der Knecht.„Das Kind d iſt doch eine bösartige Krankheit. Seit St. Peter ſind ſchon„U ſieben Kinder im Dorfe daran geſtorben.“ unſer E „Nein, nein, Jan; Ihr vergeßt gewiß die zwei Mädchen eine E von dem Torfſtecher aus dem Moore.“ ſchmerz „Sind die beiden Kinder des Torfſtechers Franz todt?“„S „Sie werden morgen begraben.“ andere „Was wird Meiſter Hiob nun ſagen, wenn er nach Hauſe ₰ kommt? Er, der unſer Engelbertchen ſo gern hat, daß es Es wol nicht zu ſagen iſt. Wenn das Kind nur einmal huſtete, dann A war er ſo verdrießlich und ſo böſe, daß die ganze Brauerei Körper davon zu leiden hatte.“„ 4„Er iſt nach dem Hagelande, ¹) um ein Pferd zu kaufen. Scharle Aber das Hageland iſt groß, und Kobe, den unſere Wirthin§ mit der Poſt hat abreiſen laſſen, um ihnzu ſuchen, könnte 6. leicht fehlgehen.“ 3 „Ach,“ ſprach Jan,„ich glaube, daß es beſſer wäre, daß er ihn nicht fände. Unſere gute Wirthin hat ſchon Verdruß des We genug; denn ſage es lieber ſelbſt: was wird Meiſter Hiob„H anders thun als murren, zanken und böſe ſein? Davon i Ko wird das Kind nicht geſund werden.“ ſtürzen „Ja, aber er iſt doch der Vater, und wenn einmal etwas ſchehen Arges geſchähe— wenn Engelbertchen einmal— Gott!„T und er ſollte das Kind finden, wenn er nach Hauſe kommt.“ rigen 2 „Was bleibt der Doetor lange im Hauſe!“ ſeußzte Lina.„A weinte Umgegend von Sant Truiden und Thienen in Belgien. 3 iken Arm „Das ind ſchon Mädchen todt?“ ch Hauſe , daß es ete, dann Brauerei u kaufen. Wirthin önnte äre, daß Verdruß ſter Hiob Davon al etwas — Gott! kommt.“ zte Lina. Belgien. Mutter Hiob. 37 „Ja, ich glaube es wol,“ antwortete der alte Küfer. „Es iſt im erſten Augenblicke nicht ſo leicht zu ſagen, ob das Kind das Scharlachfieber habe oder etwas Anderes.“ „Und woran iſt das denn zu ſehen?— Geſtern wollte unſer Engelchen nicht eſſen, es war ſtill und verkroch ſich in eine Ecke, um allein zu ſein, und es klagte über Hals⸗ ſchmerzen.“ „So beginnt das Scharlachfieber. Aber es gibt noch andere Kinderkrankheiten, die ſo beginnen.“ „Dieſen Mittag war ſein Köpfchen ſo heiß, wie Feuer. Es wollte immer trinken.“ „Aber hatte es keinen rothen Ausſchlag auf ſeinem Körper?“ „Ja, an dem Halſe. Lieber Gott, es ſoll alſo das Scharlachfieber ſein!“ „Hat Engelbert die Maſern ſchon gehabt?“ „Nein, noch nicht.“ „Dann werden es gewiß die Maſern ſein. Das Kind des Webers, da hinten, liegt auch krank an den Maſern.“ „Himmel!“ rief das Mädchen plötzlich, die Arme über den Kopf erhebend.„Da iſt unſere Jungfrau, die Thränen ſtürzen ihr aus dem Auge— es iſt gewiß ein Unglück ge⸗ ſchehen.“ „Die beiden Dienſtboten und der Küfer gingen der trau⸗ rigen Jungfrau mit mitleidsvoller Neugierde entgegen. „Ach Freunde, Freunde, beklagt meine arme Mutter, weinte Roſina, es iſt die Krankheit—“ „Das Scharlachfieber?“ fragte Lina erſchrocken. . 38 Mutter Hiob. „Ja, das Scharlachfieber,“ wiederholte die Jungfrau. einige S „Ach, das unſchuldige Schäfchen.“ indem ſ „Jungfrau Roſina,“ ſagte der alte Küfer,„Ihr dürft wandte: das ſo ſchlimm nicht nehmen. Von Vieren, welche die Krank⸗„Lin heit haben, ſtirbt doch nur Einer; Gott wird Euer liebes auf mein Brüderchen wol verſchonen.“ Brüderch „Dank für die guten Worte!“ ſprach Roſina leiſe,„Gott Das 8 wird es verſchonen; denn, Freunde, die Mutter wird es nicht mit want ſagen, daß ihr das Herz vor Leid vergeht, aber ſeid ver⸗ und ließ ſichert, wenn unſer Engelbertchen ſterben müßte, wie Euer Nachdem armes Mariechen, ſo würde die Mutter auch wol den Kopf über ihr ſinken laſſen und..... und..... dann würden wirAlle mit⸗ und hob einander noch unglücklich auf dieſer Welt ſein..... und der ein feuri . Vater, wenn er nach Hauſe kommt, ach, er wird wahnſinnig derchen u werden vor Gram!“ Die Lina, die Kuhmagd, brachte die Schürze vor die Augen aber ſie; und begann aus Mitgefühl zu weinen. Jan ſchüttelte den frohen Al Kopf und biß ſich auf die Lippen; der alte Küfer allein hielt Grün Ri ſich ſtandhaft und antwortete in einem tröſtenden Tone: und Gol „Nein, nein, ſo arg wird es nicht ſein. Wenn man das ſüßen, f Kind warm hält, dann wird der Doctor es wol wieder ge⸗ erquicken ſund machen.“ bevor ſie „Aber, was hat der Doctor geſagt?“ ſchluchzte die einige ſa Magd.„Er muß doch wiſſen, ob es wieder geneſen wird, nehmend oder nicht.“ Roſi „Der Doctor iſt noch bei dem Kinde,“ antwortete Ro⸗ die Bruſt ſina.„Man hat mich weggehen heißen.“ loſen Bl Einen Augenblick blieben Alle ſtillſchweigend und wie bewältig niedergebeugt bei dieſer trüben Mittheilung. Roſina that danken ungfrau. hr dürft eKrank⸗ r liebes „„Gott es nicht eid ver⸗ ie Euer en Kopf llle mit⸗ und der ninnig Augen elte den ein hielt ne nan das eder ge⸗ hzte die n wird, ete Ro⸗ ind wie na that Mutter Hiob. 39 einige Schritte, um ſich zu entfernen, und ſagte zu der Magd, indem ſie ſich langſam nach dem Eingange des Gartens wandte: „Lina, rufe mich, wenn der Doctor weggeht. Ich kann auf meinen Füßen faſt nicht mehr ſtehen. Mein unglückliches Brüderchen, ach Gott!“ Das Mädchen, in ſchmerzvollem Nachſinnen verſunken, trat mit wankenden Schritten auf den Pfad des Blumengartens und ließ ſich endlich auf die Bank in der Laube nieder. Nachdem ſie eine Weile ſtill und regungslos die Thränen über ihre Wangen hatte fließen laſſen, faltete ſie die Hände und hob die Augen gen Himmel, ohne Zweifel, um durch ein feuriges Gebet zu Gott Gnade für ihr leidendes Brü⸗ derchen und ihre gute Mutter zu erflehen. Die Sonne verſchwand hinter dem weſtlichen Horizonte, aber ſie ſandte noch in roſenfarbigen Tönen der Natur ihren frohen Abendgruß. Die Laube, unter deren durchſcheinendem Grün Roſina ihre innigen Gebete ſprach, ſchien mit Purpur und Gold übergoſſen zu ſein. Sie umfing eine Wolke von ſüßen, friſchen Wohlgerüchen, die aus allen Blumen in erquickenden Düften aufſtiegen. Die Vögel hüpften noch, bevor ſie ſich zur Ruhe begaben, zwiſchen den Blättern, und einige ſandten die perlenden Klänge ihrer Stimme dem ab⸗ nehmenden Tageslichte zu..... Roſina hatte endlich, ohne es zu wiſſen, ihren Kopf auf die Bruſt ſinken laſſen. So wie ſie nun, mit dem bewegungs⸗ loſen Blicke in die Weite ſtarrend, von einem tiefen Traume bewältigt zu ſein ſchien, war es ſichtbar genug, daß ihre Ge⸗ danken fern von dem kranken Kinde und ihrer Mutter ab⸗ v „ 40 Mutter Hiob. geirrt waren. Zuweilen ſchüttelte ſie den Kopf zweifelhaft. oder ein Zittern ergriff ſie, oder eine ſtille trübe Miene be⸗ wegte ihre Lippen. Plötzlich ſchoß ſie aus ihrer Zerſtreuung auf brachte die Hände an die Stirne und ſprach mit faſt unhörbarer Stimme: „Gabriel! Gabriel!.... mein armer Vater, wie wird er erſchrecken. Sein Engelbertchen, das Licht ſeiner Augen. Ach, wäre Gabriel hier, er würde uns tröſten. Wenn er gutes Muthes iſt, kann er ſo ſchön und gefühlvoll ſprechen, und die Mutter würde ihm glauben. Aber ach, er iſt nach Brüſſel. Warum? Die Menſchen ſind doch ſonderbar. Ga⸗ briel war gegen mich erzürnt, er ging weg aus dem Gold⸗ nen Adler, als ich mich ihm näherte. Des andern Tages iſt er mit Sonnenaufgang abgereiſt, ohne daß ich es wußte. Was mag das bedeuten? Seine Mutter ſagt, daß er wegen einer eiligen Sache von ſeinem Vater nach Brüſſel geſchickt worden ſei, aber die Thränen ſtanden in ihren Au⸗ gen. Sollte der Notar Unglück haben?... und das Angſt⸗ geſchrei auf der Wieſe des Caſtells? War es Gabriels Stimme? Ach, ich bebe. Es iſt mir, als ob uns noch viele Un⸗ glücksſchläge drohten.... Wenn mein Brüderchen nur ge⸗ neſen könnte! Wenn Gott in ſeiner Güte meinen armen Eltern dieſen ſchrecklichen Schlag nur erſparen wollte!“ Ein Geräuſch von Tritten unterbrach ihre qualvollen Gedanken. Sie erhob den Kopf und ſah auf dem Pfade des Gartens Philomena, die Tochter des Bürgermeiſters, ſich nähern, welche geheimnißvoll und mit dem Finger auf dem Mund zu ihr kam.— Roſina erſchrack. Was ſollte ihre Freundin ihr zu berichten haben? Ein Unglück? Ind mena mi und Dir „Ach chen hat Lii mit Dir wo Gab „Ne D „D „ G S „— Roſ Erinner in ihr fragte fi N Du alle Des M rufen, n ſeine G Bett un ſeinen( gannen hinzuſit und aut Thräne weifelhaft, Miene be⸗ rachte die Stimme: wie wird er Augen. Wenn er lſprechen, er iſt nach bar. Ga⸗ m Gold⸗ es andern daß ich es ſagt, daß ch Brüſſel ihren Au⸗ das Angſt⸗ Gabriels h viele Un⸗ en nur ge⸗ en amen ollte!“ qualvollen Pfade des ſters, ſich rauf dem ſollte ihre Mutter Hiob. 41 Indem ſie ſich auf die Bank niederließ, ſprach Philv⸗ mena mit leiſer Stimme: „Aber Roſina, ſage mir doch, was iſt das mit Gabriel und Dir?“ „Ach, liebe Mena,“ ſchluchzte Rofina,„unſer Engelbert⸗ chen hat das Scharlachfieber.“ „Lina hat es mir geſagt. Aber ich bin gekommen, um mit Dir von etwas Anderem zu ſprechen. Roſina, weißt Du, wo Gabriel iſt?“ „Nach Brüſſel v eiliger Angelegenheiten.“ „Du irrſt Dich.“ „Seine Nutter hat es mir geſagt.“ „Seine Mutter weiß es nicht und ſein Vater auch nicht.“ Roſna begann ſichtbar zu beben, denn nun kam die Erinnerung an das Angſtgeſchrei auf der Wieſe des Caſtells in ihr Gedächtniß zurück.„Wo, wo ſoll Gabriel ſein?“ fragte ſie mit Beklommenheit. „Niemand weiß es,“ war die Antwort,„als vielleicht Du allein, Roſina. Horche, ich will Dir ſagen, was ich weiß. Des Morgens ging Gabriels Mutter hinauf, um ihn zu rufen, weil das Frühſtück auf dem Tiſche ſtand, und er gegen ſeine Gewohnheit noch nicht unten war. Sie fand Gabriels Bett unangerührt und einen Brief auf dem Tiſche, worin er ſeinen Eltern Lebewohl ſagte.... 5 Ein Schrei entfuhr der Bruſt Roſina's, ihre Glieder be⸗ gannen heftig zu zittern, und ſie ſchien unter dem Schlage hinzuſinken. Dennoch konnte ſie nicht glauben, was ſie hörte, und aus ihrem Zweifel ſchöpfte ſie die Kraft, um unter einem Thränenſtrome zu ſagen: Mutter Hiob. „O, es iſt nicht wahr, es kann nicht ſein. Gabriel iſt doch nicht wahnfinnig geworden. Welche Urſachen zu einer ſolchen Flucht?“ „Ja, Roſina, ich weiß es nicht. Vielleicht hat die Magd des Notars falſch verſtanden. Was ſie ſagt, hängt ſo ſchlecht zuſammen. Ich würde es wol wünſchen, Roſina, denn es wäre doch unglücklich für Dich, wenn Eure Heirath ſo uner⸗ wartet aufgelöſt werden ſollte... und wenn man Jemand ſo gern ſieht, nicht wahr?... Gabriel hat, obgleich er ein guter Junge war, immer eigenthümliche Launen gehabt, er iſt zu tiefſinnig, und ſein Kopf ſteckt voller Träume. Aber, wenn er auch wirklich weggelaufen wäre, ſo wird er doch innerhalb einiger Tage wol von ſelbſt wieder zurück⸗ kehren.“ „Aber die Urſache, die Gründe!“ ſchrie Roſina. „Weißt Du, was die Magd davon hält? Seit einigen Wochen war Gabriel immer zerſtreut, und wenn ſein Vater ihm Etwas zu ſchreiben gab, ſaß er ſtundenlang mit dem Kopfe in die Hände geſtützt da, und ſann und träumte, und er verdarb nicht ſelten die wichtigſte Arbeit. Samstag iſt darüber einiger Zank bei dem Notar geweſen, und die Magd behauptet, daß Gabriel aus Verdruß und Verzweiflung weg⸗ gelaufen ſei. Seine Eltern haben es aus Schaam verſchwie⸗ gen, und man ſagte in dem Dorfe, daß Gabriel nach Brüſſel wäre, weil man in der That meinte, er wäre zu ſeinem Oheim gegangen. Sein Vater iſt ihm alsbald auf der Eiſenbahn nachgereiſt. Er hat einen ganzen Tag in Brüſſel umher geſucht bei allen ſeinen Freunden und Bekannten. Eben erſt iſt er zurückgekommen. Gabriel iſt nicht zu finden, und die Magt Thränen raufen.. Roſir und ließ i in ihren 2 der ſpukte chens. D ihr Ohr. „An darum ſei aus der A morgen n ſagen. hi die Magd weggeſchi Lina „Ro Und Stimme Arm des indem ſie „Ro der geſur daran he muß es geſund i kommt, e abriel iſt zu einer die Magd o ſchlecht denn es ſo uner⸗ Jemand ich er ein habt, er e. Aber, er doch zurück⸗ . einigen n Vater mit dem mte, und tag iſt ie Magd ng weg⸗ rſchwie⸗ Brüſſel Oheim ſenbahn mer Eben en, un Mutter Hiob. 43 die Magd ſagt, daß der Notar und ſeine Frau in ihren Thränen vergehen und ſich die Haare vor Verzweiflung aus⸗ rauſen 4 Roſina verbarg das Angeſicht in ihre beiden Hände und ließ ihre Freundin ohne ein Zeichen der Aufmerkſamkeit in ihren Mittheilungen fortfahren. Allerlei ſchreckliche Bil⸗ der ſpukten drohend vor den Augen des unglücklichen Mäd⸗ chens. Der nächtliche Angſtruf klang ſchreckenerregend in ihr Ohr. „An Deiner Stelle, Roſina, würde ich nicht ſo traurig darum ſein,“ ſagte die Andere.„Gabriel iſt ja doch nicht aus der Welt, und er kehrt unzweifelhaft entweder heut oder morgen wieder zurück. Aber Du darſſt Keinem Etwas davon ſagen. hörſt Du? Auch Deiner Mutter nicht, ſonſt würde die Magd, welche mir mit halben Worten die Sache erzählte, weggeſchickt werden..... 4 Lina, die Dienſtmagd, rief von ferne auf dem Fußpfade: „Roſina, Fräulein Roſina, die Mutter ruft Euch.“ Und da Roſina regungslos blieb, gleich als ob ſie die Stimme der Magd nicht hörte, kam dieſe näher, ergriff den Arm des betrübten Mädchens und nöthigte es, aufzuſtehen, indem ſie vor Freuden ſagte: „Roſina, der Doetor hat geſagt, daß Engelbertchen wie⸗ der geſund werde. Kommt, die Thränen werden doch Nichts daran helfen. Habt jetzt nur gute Hoffnung. Der Doctor muß es doch wol wiſſen. Und wenn Engelbertchen wieder geſund iſt, dann werden wir froh und munter ſein; kommt, kommt, es iſt ſo arg nicht, wie wir glaubten.“ 44 Mutter Hiob. Und mit dieſen Worten geleitete ſie die ſchweigende und untröſtliche Jungfrau über den Pfad des Gartens. Auf dem Hinterhofe verließ Philomena ihre Freundin. „Nun, Roſina,“ ſprach ſie,„bis morgen früh. Sei ver⸗ nünftig und ſage Nichts— und wenn ich etwas Anderes über die Sache vernehmen kann, werde ich es Dir morgen ſagen.“ Roſina, ohne auf dieſe Worte zu achten, folgte geduldig der Magd bis in das Haus, und ſcheinbar ebenſo gefühllos trat ſie in das Zimmer ihrer Mutter ein, wo ſie, wie zer⸗ ſchmettert, auf einen Stuhl hinſank. Mutter Hiob, welche entfernt an dem Bette ihres leiden⸗ den Kindes ſaß, näherte ſich ihrer Tochter in der Meinung, daß Roſina ſo um die Krankheit ihres armen Brüderchens traure, faßte ſie bei der Hand und ſagte mit ſüßem Tone: „Roſina, weine doch nicht, unſer Engelchen wird noch geneſen. Das Scharlachfieber, ſiehſt Du, iſt wol eine böſe Krankheit für die armen Schäfchen von Kindern, welche der nöthigen Pflege entbehren; aber wir werden un⸗ ſer Engelbertchen ſo gut abwarten, daß es kein Lüftchen berühren kann. Sei nur gutes Muthes.“ Das Mädchen antwortete nicht. Die einzige Wir⸗ kung der tröſtenden Worte ihrer Mutter war ein heftiges Schluchzen. „Denke doch ein wenig an Gottes Barmherzigkeit, Ro⸗ ſina,“ fuhr Mutter Hiob fort.„Du mußt Vertrauen haben auf ſeine Güte..... Ueberdies ſagte ja der Doctor, daß der Brand gut hervorkäme, und wir Nichts zu fürchten hätten.“ „O weh, o weh, mein Hals, trinken, trinken,“ ſchrie das leidende eilte zum und kehr „We doch ſein verzweife liches Un wird ſch— bertchen dann wi Roſina! weggehe Die um den⸗ „Ach man find und ſein der Wie Mut getroffen rief erſch „Hil ihn dort arme Ir zu ſpät.“ Und ſten Ve gende und . Freundin. Sei ver⸗ Anderes ir morgen 85 e geduldig gefühllos „wie zer⸗ es leiden⸗ Meinung, üderchens n Tone: e wir „iſt wol Kindern, erden un⸗ Lüftchen ige Wir⸗ heftiges eit, Ro⸗ en haben daß der hätten.“ chrie das Mutter Hiob. 45 leidende Kind mit trockner röchelnder Stimme. Die Frau eilte zum Bette, reichte dem Kindlein den erquickenden Trank und kehrte dann zu ihrer Tochter zurück. „Wenn Du mich ſo beruhigt ſiehſt, Roſina, ich, die ich doch ſeine Mutter bin,“ ſeußte ſie,„warum ſollteſt Du denn verzweifeln und trauern, gleich als ob uns ſchon ein ſchreck⸗ liches Unglück betroffen hätte; darum tröſte Dich nur, es wird ſchon beſſer gehen. In einigen Tagen wird Engel⸗ bertchen wieder auf dem Hofe ſpielen, wie zuvor, und dann wird unſer Kummer vergeſſen ſein..... Sprich doch, Roſina! Du zitterſt, dünkt mich. Sahſt Du den Doctor weggehen?“ Die Jungfrau ſchlug mit einem Angſtgeſchrei die Arme um den Hals ihrer Mutter und ſchluchzte faſt unverſtändlich: „Ach, liebe Mutter, Gabriel iſt weg... geflohen... man findet ihn nicht.. ſchon drei Tage ſein Vater und ie vergehen in Thränen.. der Hilferuf auf e der Wieſe des Caſtells, das war ſeine Stimme!“ Mutter i von einer unwid getroffen, wich einen Schritt zurüc rief erſchrocken: erſtehlichen Ueberraſchung k, ſah ihre Tochter an und „Wie, was ſagſt Du? Ich begreife Dich nicht.“ „Himmel, Himmel,“ ſchrie Roſina,„wenn Böſewichte ihn dort in der Finſterniß angefaßt hätten..... ach, der arme Junge! er rief um Hilfe..... aber es war, es war zu ſpät.“ Und ſie ſank wieder mit den Geberden der äußer⸗ ſten Verzweiflung auf den Stuhl zurück. Das kranke 46 Mutter Hiob. Kind befiel ein fieberhafter Huſten und ſchien in einem ner⸗ vöſen Halskrampf zu erſticken. Mutter Hiob war einen Augenblick in peinlicher Unge⸗ wißheit, wem ſie zu Hilfe eilen ſollte, ob ihrer Tochter, welche in Ohnmacht von ihrem Stuhl zu fallen drohte, oder dem Kinde, das unter heftigen Leiden ſich wand, und unter dem Huſten klagend nach Labung jammerte. Sie ſandte einen flehenden Blick zum Himmel empor und eilte zu ihrem Kinde, deſſen Köpfchen ſie in den Arm nahm und aufgerich⸗ tet hielt— ihre Augen waren aber nach ihrer Tochter gewandt. Der Huſten des Kindes legte ſich, es ließ ſich eine Frauenſtimme in dem Vorzimmer des Hauſes vernehmen, Roſina ſprang auf und rief im frohen Tone: „Ach Gott ſei Dank, das iſt Gabriels Mutter.“ Mit den Händen voran, nach der Thür eilend, hielt ſie ſich bereit, um ſich der Eintretenden um den Hals zu werfen, aber kaum war Gabriels Mutter vor den Augen des Mäd⸗ chens erſchienen, als dieſe vor Schrecken zurückwich und auf ihren Stuhl niederſank, die Hände vor die Augen haltend. Eine ziemlich bejahrte Frau hatte die Thüre mit Kraft aufgeſtoßen, ihre Augen, obgleich roth geweint, ſchoſſen Strahlen von Zorn, und ſie ſah mit dem Ausdrucke des bit⸗ terſten Verweiſes, ja der Mißachtung der zitternden Roſina ins Angeſicht. Mutter Hiob ſchien verwundert, doch ſie er⸗ holte ſich ſogleich, rückte einen Stuhl herbei und ſagte: „Nehmet Platz, Frau Styns. Soll es wahr ſein, was ich vernommen habe? Iſt Gabriel wirklich verſchwunden? Betrübt Euch dann doch nicht zu ſehr um eine ſolche gering⸗ fügige iſt tuget Fre Zuge a plötzlich Ihr ha noch Et mit fort „Je bedeutet „Je den Irr brauch e wiederſe habe ih mein eig „JIh indem ſi „ihre F das Her willſt, Tage nr rathe D nicht gli Roſina. Ein einem ner⸗ cher Unge⸗ ter, welche oder dem und unter Sie ſandte e zu ihrem aufgerich⸗ e Tochter ſich eine ernehmen, r. hielt ſie u werfen, e Mäd⸗ n a haltend. nit Kraft ſchoſſen des bit⸗ Roſina ch ſie er⸗ ein, was unden? gering⸗ Mutter Hiob. 47 fügige Sache. Es iſt ein Jugendſtreich. Ihr wißt, Gabriel iſt tugendhaft und er wird ſchon zurückkehren.“ Frau Styns hatte zitternd und mit einem höhniſchen Zuge auf den Lippen dieſe Worte angehört. Nun fiel ſie plötzlich heftig aus: „Es iſt ein Jugendſtreich? Gabriel iſt tugendhaft? Ihr habt meinen Sohn wahnſinnig gemacht, ſpottet nur noch Etwas mit ſeiner unglücklichen Mutter. Fahrt nur da⸗ mit fort, vollendet Euer Werk..... 4 „Ich hätte Euern Sohn wahnſinnig gemacht? Was bedeutet das?“ „Ja, Ihr ſeid die Schuld, daß mein armer Gabriel auf den Irrpfad gerathen iſt, Ihr habt von ſeiner Güte Miß⸗ brauch gemacht..... Ach, vielleicht werde ich ihn nie mehr wiederſehen!“ „Ich?“ rief Mutter Hiob mit Verwunderung.„Ich habe ihn immer gut und liebevoll behandelt, als wäre er mein eigener Sohn geweſen.“ „Ihr nicht, Eure Tochter,“ antwortete Frau Styns, indem ſie ſich mehr nach der weinenden Jungfrau wandte, „ihre Falſchheit iſt es, welche meinem unſchuldigen Gabriel das Herz zerſchmettert hat; ja, ja, Roſina, weine ſoviel Du willſt, Dein loſes Betragen iſt ein Fleck, der am jüngſten Tage noch an Deinem Namen kleben wird— und verhei⸗ rathe Dich nur mit einem andern Manne, Du wirſt doch nicht glücklich ſein!“ „O weh, o weh, ich werde davon ſterben!“ klagte Roſina. Eine ſtrenge und einigermaßen heftige Miene ſpiegelte 48 Mutter Hiob. ſich auf dem Geſichte der Mutter Hiob ab. Sie wollte reden, aber Frau Styns ließ ihr keine Zeit und fuhr mit Heftig⸗ keit fort: „Und das iſt nun der Lohn für ſechs Jahre der Liebe. Er ſah Dich zu gern, dieſer arme Unglückliche, darum mußteſt Du ihn verſpotten, und ihn vor Jedermanns Augen lächerlich machen. Nur von Dir ſprach und träumte er den ganzen Tag, und anſtatt die Schriftſtücke auszufertigen, die ſein Vater ihm übergab, machte der einfältige Junge Ge⸗ dichte auf Dich..... und Du, Du beſchäftigteſt Dich damit, ihn zu verrathen. Ein Herr mit einem Barte, ein Compli⸗ mentenmacher aus der Stadt, der gefiel Dir beſſer und ſchmeichelte mehr Deinem Hochmuthe, und darum mußteſt Du meinen Gabriel wahnſinnig machen und tödten.. Nutter Sinb legte ihre Hand auf den Mund der erzürn⸗ ten Frau, um ſo ihre Rede zu unterbrechen und ſprach dann mit ſtolzer Kälte. „Ich darf Euch nicht in dieſem Tone fortfahren laſſen. Ihr ſeid von Sinnen. Sagt deutlich, was Ihr wollt. Seid verſichert, daß hier ein trauriges Mißverſtändniß obwaltet. Setzt uns mit Gelaſſenheit auseinander, was Eure Meinung durch Gram ift Du, Roſina, weine doch nicht ſo bitterlich wegen ungegründeter Vorwürfe; es wird ſich Alles von ſelbſt auf⸗ Fäten Nun, Frau Styns, iſt der ſtädtiſche Herr, von dem Ihr ſprecht, vielleicht Herr Walter?“ „Kein Wunder, daß Ihr es wißt. Es iſt eine Schande. Seit einem Monate iſt er wöchentlich im Wiſpelbeke; er wird in Eurem Hauſe empfangen, als ob der Boden für ſeine Füße ni und ſo niß nin freundl größer gehört? barmhe druck de meinen das im Tochter, brechen, digunge ſina iſt wollen.“ „Es „daß im und Ro dürfen? ſagt mir ken in d In nach Tr Styns vergoß Vor ihrer alt Mutte te reden, t Heftig⸗ hre der e, darum Augen iumte er fertigen, inge Ge⸗ h damit, Compli⸗ ſſer und mußteſt h Gram erzürn⸗ ich dann nlaſſen. t. Seid bwaltet. Neinung hwegen bſt auf⸗ err, von chande. er wird ir ſeine Mutter Hiob. 49 Füße nicht gut genug wäre. Roſina iſt immer an ſeiner Seite und ſo vertraulich mit ihm, daß Jedermann daran Aerger⸗ niß nimmt. Er beugt ſich, ſie lacht; er verneigt ſich, ſie iſt freundlich. Ihr glaubt, daß das ganze Dorf dieſe immer größer werdende Vertraulichkeit nicht tadelt, ſo wie ſich das gehört? O, es iſt ſchrecklich, meinen armen Gabriel ſo un⸗ barmherzig zu martern.“ „Seht, Frau Styns,“ ſagte Mutter Hiob mit dem Aus⸗ druck der Güte und Betrübniß in der Stimme,„ich habe allen meinen Muth nöthig, um nicht bei meinem armen Kinde, das im Fieber ſchmachtend liegt, bei meiner unglücklichen Tochter, die ihr ſo ungerecht beſchuldigt, in Thränen auszu⸗ brechen, ſonſt würde ich wol über dieſe kindiſchen Beſchul⸗ digungen lachen. Walter iſt Hugo's Handelsgenoſſe, Ro⸗ ſina iſt gegen ihn höflich und freundlich, weil wir es ſo wollen.“ „Es iſt gewiß nicht wahr,“ fuhr Frau Styns biſſig aus, „daß im Geheimen ſchon von einer Heirath zwiſchen Walter und Roſina geſprochen wird. Solltet Ihr dieſes leugnen dürfen?“ „Es iſt nie der geringſte Schein davon geweſen. Aber ſagt mir doch um Gottes willen, wer hat Euch ſolche Gedan⸗ ken in den Kopf geſetzt?“ In dieſem Augenblicke ſchrie das kranke Kind nochmals nach Trank.— Als Mutter Hiob es gelabt hatte und zur Frau Styns zurückkehrte, hielt dieſe ein Papier in der Hand und vergoß einen Strom von Thränen. Von Mitleid getroffen, ergriff Mutter Hiob die Hand ihrer alten Freundin und ſprach leiſe einige tröſtende Worte; Mutter Hiob. 4 50 Mutter Hiob. aber die Andere zog ihre Hand mit Heftigkeit zurück, wiſchte die Thränen mit Haſt aus ihren Augen und ſagte: „Das Aergſte habe ich verſchwiegen, ich ſchämte mich, es auszuſprechen, denn wahrlich, es iſt zu ſchändlich. Hört und antwortet dann, wenn Ihr es könnt und den Muth dazu habt, vielleicht wird es Euch unglücklich machen, denn Ihr ſeid auch Mutter. Ach, daß ich Euch dieſen Schlag nicht erſparen kann!“ „Was enthält denn dieſes Papier?“ ſeufzte Mutter Hiob mit einer gewiſſen Angſt.„Es muß wol ſchrecklich ſein.“ „Es iſt der Brief meines armen Gabriel,“ war die Ant⸗ wort.„Sein trauriges Lebewohl. Ich fand ihn auf dem Tiſche neben ſeinem Bette..... Was darin ſteht, werdet Ihr gewiß nicht beſtreiten, und Eure Tochter noch viel weniger.“ Roſina hatte den Kopf ein wenig aufgerichtet und zit⸗ terte vor ängſtlicher Neugierde. Sie ging, um die Worte Gabriels ſelbſt zu hören. Wahrſcheinlich konnte ihr Leiden dadurch vergrößert werden; aber wie dem auch ſein mochte, die Stimme war ihr theuer, und bei der Gewißheit, ſie zu hören, war ein lichter Strahl der Freude in ihren beängſtig⸗ ten Buſen gefallen. Frau Styns, aus deren Augen wieder einige Thränen fielen, las mit gerührter und oft unterbrochener Stimme: „Lieber Vater, liebe Mutter!“ „Ich bitte Euch auf den Knien und mit gefalteten Hän⸗ den, vergebt mir, was ich nun thun werde. Dieſes Papier habe ich die ganze Nacht mit meinen Thränen benetzt. Wenn Ihr es findet werde ich weit von Wispelbeke ſein. Ach, be⸗ ſchult zurüc glück Sie, Falſe diene rath bitter mich Geiſt aber rückke ſein? helft ſchent von Gefü meiné liches Hand lungs ſtand Stim mach Welec — U Walt ſina. ( Mutter Hiob. 51 ck, wiſchte ſchuldigt mich nicht, bewahrt mir Eure Liebe bis ich wieder zurückkehren werde. Meine Sinne ſind verwirrt, ich bin un⸗ mte mich, glücklich, ich weiß es, Mutter, wie ich Roſina geliebt habe. h. Hört Sie, ſie hat mich verrathen, ihre Liebe war Schein und kuth dazu Falſchheit. Der häßliche Herr Walter beſitzt ihr Herz. Ich denn Ihr diene ihr zum Spott. Es wird ſchon im Geheimen eine Hei⸗ lag nicht rath zwiſchen ihr und dem Betrüger, der mir mein Leben ver⸗ bittert, vorbereitet. Ich kann hier nicht bleiben, ich muß tter Hiob mich dahin begeben, wo ich fern von ihr bin, ſie aus meinem ſein.“ Geiſte verbannen, ſie vergeſſen— oder ſterben.— Fürchtet die Ant⸗ aber nicht für mich, ich werde nichts Böſes thun— und zu⸗ auf dem rückkehren, wenn mein Herz von der ſchrecklichen Qual erlöſt „werdet ſein wird. Bewahrt mir Eure Liebe, geliebte Eltern, und noch viel helft mir doch durch Eure Gebete, daß Gott mir die Gnade ſchenke, das Andenken an ſie zu beſiegen. Ohne die Hülfe und zit⸗ von Oben kann ich es nicht bezwingen, dieſes grenzenloſe ie Worte Gefühl der Liebe für ſie, welches mit meinem Herzen und Leien meinem Leben verwachſen iſt..... Ach, ich wollte Schreck⸗ mochte, llcches verſchweigen. Zwanzigmal fiel mir die Feder aus der t, ſie zu Hand; aber ich muß, wie ſolltet ihr ſonſt meine verzweif⸗ ängſtig⸗ lungsvolle That begreifen? Mutter, Vater, Sonntag Nacht ſtand ich traurig auf der Wieſe des Caſtells.... ich höre Thränen Stimmen, und vor allen Eine, die mich vor Schrecken zittern mme: ach zwei Schatten nähern ſich auf der Wieſe... Welche ſind es, die ſo allein in der Dunkelheit luſtwandeln? en Hän⸗— Unglück, Unglück! Ein Mordſtahl bohrt durch mein Herz. Papier Walter, der Verführer Walter.. und und..... Ro⸗ Wenn ſ daß meine Augen ſich.....“ Ach, be⸗ Ein Schrei, wie ein dumpfer Todesſchrei entfuhr Ro⸗ 4* 51 Mutter Hiob. ſina's Bruſt. Das unglückliche Mädchen hatte ihre Kräfte zu ſehr angeſtrengt, um Gabriels Worte bis zu Ende zu hören; aber von der letzten Beſchuldigung niedergeſchmet⸗ tert, war ſie mit dem Kopfe bleiſchwer auf die Lehne des Stuhles niedergeſtürzt. Bei dem Anblicke der Ohnmacht ihrer Tochter konnte Mutter Hiob ihre Thränen nicht mehr länger bezwingen; ſie ſprang weinend zu ihrer Tochter, nahm ihren Kopf in den Arm, und bemühte ſich, ihr Kind durch liebreiche Worte wie⸗ der zum Leben zurückzurufen. „Alles, was Gabriel ſagt, iſt Irrthum, Unverſtand, Wahnfinn,“ ſchrie ſie.„Ach, meine Roſina, die ſo unſchul⸗ dig leiden muß! Frau Styns, Gott vergebe Euch dieſe grauſame Ungerechtigkeit. Unglückliche Frau, Ihr wißt nicht, was Ihr thut.“ Gabriels Mutter ſchien mit einem Male ihre Entrüſtung beſchwichtigt zu haben; ſie lief mit bekümmerter Haſt nach dem Tiſche, brachte Waſſer und begann die bleiche Stirn Roſina's zu waſchen. Unter aller liebevollen Anſtrengung, welche angewendet wurde, um das Mädchen aus ihrer Ohn⸗ macht wieder zum Leben zu rufen, ſagte Mutter Hiob: „Aber Frau Styns, urtheilt ſelbſt über die Beſchuldi⸗ gung Gabriels. Auf der Wieſe des Caſtells, da waren wir des Sonntags Abends Alle; mein Mann und ich, Hugo und Walter und Roſina, und wir ſprachen alle miteinander über das Preisſchießen, als Gabriel mit einem Schrei durch die Bäume davoneilte.“ „Ihr waretAlle zuſammen?“ verſetzte Frau Styns.„Iſt Gabriel denn wirklich von Sinnen?“ „ mitle Kind briel Roſin einen Sogl Hänt allzu . Mäd Mäd lung Gott ten n mit! zu ih gehe leicht Kräfte de zu chmet⸗ ie des konnte en; ſie in den te wie⸗ rſtand, nſchul⸗ dieſe t nicht, üſtung t nach Stirn igung, Ohn⸗ chuldi⸗ en wir und r über ch die Mutter Hiob. 53 „Ach nein, er träumt.. „Arme Rofina,“ wehklagte Gabriels Mutter, ihren Arm mitleidsvoll um den Hals der Ohnmächtigen legend.„Komm, Kind, tröſte Dich nur. Wir ſind Beide unglücklich und Ga⸗ briel auch. Der ſeelenvolle Ton dieſer Stimme mußte in dem Herzen Roſina's wiedergehallt haben, denn ſie öffnete die Augen mit einem langen Athemzuge und ſchaute verwundert um ſich. Sogleich aber erinnerte ſie ſich des Geſchehenen, ſchlug die Hände über dem Kopfe zuſammen und ſeufzte ergreifend: „Es iſt ſchrecklich! Gabriels Hand hat das geſchrieben!“ „Vergib ihm, vergib ihm,“ flehte Frau Styns.„Seine allzu große Liebe führte ihn auf den Irrweg.“ „Gott bitten, um mich vergeſſen zu können!“ fuhr das Mädchen fort. „Er wird es nicht können, Roſina.“ „Und ach, wo iſt nur der arme Gabriel,“ ſchrie das Mädchen.„Er täuſcht ſich. Aber ich fühle ſeine Verzweif⸗ lung wol. Wenn ihm etwas Schreckliches geſchähe! Gott, Gott, was bin ich unglücklich!“ Ihre Worte machten Gabriels Mutter zittern und preß⸗ ten neue Thränen aus ihren Augen. Roſina ſtand langſam auf ging zu ihrer Mutter, die da⸗ mit beſchäftigt war, ihr leidendes Kind zu laben, und ſagte zu ihr: „Mutter, mein Kopf iſt ſo verwirrt, laß mich in die Luft gehen. Die Einſamkeit und die Abendkühle werden mir viel⸗ leicht wieder neue Kraft geben.“ „So allein, Kind? Das darf nicht ſein.“ — Mutter Hiob. „Ich werde Lina ſagen, daß ſie mir den Arm gebe.“ „Dann iſt es gut. Roſina, Du darfſt nicht mehr trauern, es wird wol beſſer gehen. Vielleicht iſt Gabriel morgen ſchon zurück... Das Mädchen wandte ſich nach der Thür, richtete leiſe einen betrübten Gruß an Gabriels weinende Mutter und verließ die Stube. Mutter Hiob ſetzte ſich neben Frau Styns, ergriff ihre Hand und ſprach mit Mitleid: „Die letzten Worte Roſina's haben Euer Herz mit Trau⸗ rigkeit erfüllt, nicht wahr? Bedenkt, daß Roſina ein furcht⸗ ſames Kind iſt, und die Liebe ſie ebenſo wie Gabriel träumen macht.“ „O wenn Gabriel aus Verzweiflung ſich ein Leides thäte,“ ſeufzte Frau Styns.„Bin ich nicht Mutter, und muß ein ſolcher Gedanke mich nicht vor Schrecken ſterben machen?“ „Wenn Eure Befürchtung auch nur einigermaßen einen Grund hätte, ſo würde ich Eure Angſt begreifen; aber der Brief des armen Gabriel ſagt Euch ja, daß er nichts Böſes thun werde. Er bittet Euch ſchon um Verzeihung, bis da⸗ hin, wo er zurückkehre. Gabriel iſt ein tugendhafter und gottesfürchtiger Junge. Wenn ſeine erſte Aufregung vor⸗ über iſt, wird er an Euren Schmerz denken und zurückkehren. Wer weiß, ob er in dieſem Augenblicke nicht ſchon wieder auf dem Wege nach Wispelbeke iſt.“ „Wie gut Ihr tröſten könnt! Habt Dank für Eure ſüßen Worte,“ ſagte Frau Styns leiſe, indem ſie die Hand der Mutter Hiob dankbar drückte. laſſen dem oder Gabr auf e daß e ben? Roſir niem er iſt mals ihn e den G wol inder ſeine wahr tern, rgen leiſe und ihre rau⸗ cht⸗ men ides und rben inen der öſes da⸗ und vor⸗ ren. eder ßen der Mutter Hiob. 55 „Ein Menſch darf ſich nicht vom Kummer niederbeugen laſſen,“ verſetzte Mutter Hiob.„Man kann ſich ſo gut in dem Böſen als in dem Guten irren, und Alles zu weiß oder zu ſchwarz anſehen. Was iſt es doch, das Euch und Gabriel und Roſina zu Tode leiden macht? Es beruht allein auf einem Schein— und wenn Gabriel überzeugt ſein wird, daß er ſich geirrt hat, was wird dann noch davon übrig blei⸗ ben? Eine erprobte und feſtere Zuneigung zwiſchen ihm und Roſina.“ „Aber ſein Vater, Mutter Hiob! Ach, der wird ihm niemals vergeben, daß er das elterliche Haus verlaſſen hat; er iſt ſo verdrießlich, ſo verdrießlich, er ſagt, daß er ihn nie⸗ mals mehr unter ſeinen Augen ſehen wolle.... er will ihn enterben.“ „Worte der Aufregung, Frau Styns, laßt Euren Mann den Gabriel einmal derb zurechtweiſen. Der Junge verdient wol eine Ermahnung; aber der Notar iſt auch Vater, und indem er jenes ſagt, betet er in ſeinem Herzen, daß Goitt ihm ſeinen Sohn wiedergebe. Meint Ihr nicht, daß Dieſes wahr ſei?“ „In der That, das iſt wahr.“ „Nun, Ihr ſeht alſo auch, daß es ſo ſchlimm nicht iſt! Wer weiß, ob wir binnen vier oder fünf Monaten nicht auf der Hochzeit unſerer Kinder über unſere Betrübniß lachen.“ „Hochzeit! Hochzeit!“ murmelte Frau Styns;„ich glaube nicht, daß der Notar noch Etwas davon hören mag.“ „Und wenn ihm nun Alles klar auseinandergeſetzt wird? Er iſt ein gutherziger, vernünftiger Mann.“ „Ja, aber er ſagt, daß Ihr in jedem Falle, ſelbſt wenn 56 Mutter Hiob. die Vermuthung Gabriels ungegründet wäre, aus Mitleid ſeines Zartgefühls hättet ſchonen müſſen. Der Notar iſt ſchrecklich erzürnt auf Euch und auf Rofina.“ „Das wird ſchon beſſer werden, Frau Styns. Kommt, geht nun zu ihm und beweiſt ihm, daß Gabriel mit Unrecht alle die ſchwarzen Bilder in ſeinem Kopfe trug. Ich will die Magd rufen, um einen Augenblick bei unſerm Engelchen zu ſein;— denn ich muß auch zuweilen zu meiner Roſina gehen, um ihr Etwas zur Linderung ihres Schmerzes zu ſagen.“ „Euer Engelbertchen hat das Scharlachfieber?“ fragte Frau Styns mit nachdrücklichem Tone.„Armes Schäſchen! Was müßt Ihr Kummer haben, Mutter Hiob! Und noch findet Ihr Kräfte, um Jedermann zu tröſten.“ „Was hilft das Klagen und das Murren, Frau Styns? Gott da oben iſt der Meiſter. Denen, welche auf ſeine Güte vertrauen, gibt er Kraft, in den Leiden auszuharren. Darum haltet Euch aufrecht und trauert nicht mehr, es wird ſchon beſſer gehen.“ Und ihre getröſtete Freundin beim Arme nehmend, führte ſie dieſe zur Stube hinaus, indem ſie zu einer Magd ſagte: „Kath, geht zu Engelbertchen ans Bett, und wenn er zu trinken verlangt, gebt ihm einen Löffel aus dieſem Fläſch⸗ chen. Ich will einen Augenblick mit Roſina auf dem Hinter⸗ hofe bleiben. Wenn Du mich ruſſt, werde ich Dich hören können.“ nebe hatte felha bega und zwiſe daſel Gra die( Tiſq ſtört Kop abw und unte ten war itleid ir iſt mmt, recht ll die en zu III. ehen, In der Kammer, wo Mutter Hiob ſeit dem vorigen Tage ragte neben dem Bette ihres leidenden Engelbertchens gewacht hen! hatte, brannte ein kleines Nachtlicht, deſſen Schein in zwei⸗ noch— felhaften Ringeln an der Wand auf und niederſtieg. Schon begann der erſte Morgenſchimmer ſich im Oſten zu zeigen, yns? und ſchon miſchte ſich von dieſer Seite eine graue Klarheit Züte zwiſchen das trübe Licht der Lampe. rum Die tiefſte Stille herrſchte in der Kammer. Es wäre ſchon daſelbſt ſo einſam und ſchweigend geweſen, wie in einem Grabe, wenn nicht der Laut eines ermüdeten Athemholens tend, die Gegenwart eines lebenden Weſens verrathen hätte. Lagd Kath, die Hausmagd, war mit dem Kopfe auf einem Tiſche in Schlaf gefallen. Das ſchwere Keuchen ihrer Bruſt in er ſtörte allein die beängſtigende Stille. äſch⸗ Neben Engelbertchens Bett ſaß Mutter Hiob mit dem nter⸗ Kopfe auf den Knieen; ermattet von dem Wachen und den ören abwechſelnden Erregungen der Hoffnung, des Schmerzes und des Schreckens hatte ſie ihren Kopf geſenkt und war unter traurigen Gedanken eben eingeſchlummert. Aber hat⸗ ten ſich auch ihre Augen geſchloſſen, ihr Herz und ihr Geiſt waren dennoch wach geblieben. Mit geſpannter Aufmerk⸗ 58 Mutter Hiob. ſamkeit lieh ſie dem geringſten Geräuſch ihr Ohr— und hätte eine Klage, ein Ton, ein Seufzer aus der glühenden Bruſt des Kindes ſich losgemacht, die zärtliche Mutter wäre mit ängſtlicher Beſorgniß aufgeſprungen, zu laben, zu lieb⸗ koſen und zu tröſten. Die verfloſſene Nacht war für das Herz dieſer Frau eine ſchreckliche und qualvolle geweſen. Mit einem Blicke, der ſich nie von ihrem Kinde abwandte, hatte ſie das brennende Fieber Schritt vor Schritt in ſeiner drohenden Entwickelung verfolgt, und alle die Laute und erſtickten, aber herzzerreißen⸗ den Klagen Engelbertchens in ihrem Buſen aufgenommen. Allmälig hatte auch das Feuer der innerlichen Entzündung das Gehirn dieſes Kindes angegriffen; es fing an, irre zu reden und mit ſchrecklichem Kehltone ſich in ſchmerzhaften Krämpfen zu winden, es raßte, ſchrie und lachte, es rief nach ſeiner Mutter die es nicht wiedererkannte; nach ſeinem Va⸗ ter, der, von ſeinem Unglück Nichts wiſſend, fern von Haus und Hof verweilte und vielleicht bei ſeiner Rückkunft, anſtatt den geliebten Sohn, eine Leiche finden ſollte. Die arme Frau hatte mit hartnäckigem Zartgefühl gegen dieſen Schmerz angekämpft, aber ſo ſehr ſie auch von Gott mit Kraft und Vertrauen beſchenkt war, ſo hatte ihr Mutter⸗ herz doch peinliche Wunden erhalten und ſtark geblutet. Als das Fieber endlich bis zum Gipfel ſeiner Glut ge⸗ ſtiegen zu ſein ſchien, empfand die gemarterte Mutter Etwas, das ihr wie ein Dolchſtich den Buſen durchbohrte und ihr zum erſten Male einen lauten Angſtſchrei abpreßte. Das Kind hatte unter verwirrten Worten und Lauten noch ein⸗ mal gerufen, um zu trinken. Als der Löffel an ſeine Lippen gehal ſtend Es n 2 war entſte nem nicht erſcht blind ſtron ſinke ſo fei gewe Seu ſie b geric gefu ſchie nach ſein woh die ſchli und enden wäre lieb⸗ eine „der nende elung ißen⸗ men. dung re zu aften nach Va⸗ Haus nſtatt gegen Gott utter⸗ t ge⸗ twas, d ihr Das ein⸗ ippen Mutter Hiob. 59 gehalten hob es die Hand in die Höhe und focht ta⸗ ſtend um ſich, ls bemühte es ſich, ſeine Mutter zu ſuchen. Es war blind..... Blind! Schreckliches Wort! Wol ſeit einer Stunde war das Angeſicht Engelbertchens angeſchwollen und ganz entſtellt, wol war ſeine Haut roth, als hätte man es in ei⸗ nem Blutbade getauft, wol konnte die Mutter ihr Kind nicht mehr erkennen, in dieſem entſtellten Geſichte, das ſie erſchreckte..... aber das war Alles Nichts.... aber blind! Dann brach die Kraft der muthigen Frau. Ein Thränen⸗ ſtrom ſtürzte aus ihren Augen, und auf ihren Stuhl nieder⸗ ſinkend erhob ſie flehend die Hände zu Gott. Eine Bitte, ſo feurig, als wäre ſie ein aufwallender Theil ihrer Seele geweſen, entſtieg ihren Lippen. In der tiefen Inbrunſt ihres Seufzers hörte ſie das Schreien des Kindes nicht mehr, und ſie blieb eine lange Weile wie bewußklos mit zum Himmel gerichtetem Blicke. Als ſie endlich im Gebete ſelbſt Troſt und Linderung gefunden hatte, wandte ſie ſich wieder zu ihrem Kinde. Es ſchien zu ſchlafen, und in der That, die Glut der Stirne hatte nachgelaſſen, das Röcheln in ſeiner Kehle hatte aufgehört, ſein Athemholen war frei, und es lag ſo ruhig, als hätte ein wohlthuender Schlummer ſein Leiden unterbrochen. Frau Hiob hatte den Kopf bis auf die Kniee ſinken laſſen. In dieſer Stellung ſaß die betrübte Muttter noch, und die Magd, welche durch die große Stille überwältigt war, ſchlief auch noch an dem Tiſche, als der Morgenſchimmer das herannahende Sonnenlicht verkündigte. 60 Mutter Hiob. Bald vernahm man in dem andern Theile des Hauſes das Geräuſch der Dienſtboten, die herunter kamen, um die rſten Hausarbeiten zu verrichten und die Kühe zu verſorgen. Ein leiſes und ſchüchternes Pochen an der Thür machte, daß Mutter Hiob ſich aufrichtete, und nach der anderen Seite der Kammer ging.— Lina, die Kuhmagd, ſteckte ihren Kopf durch die Thür und fragte: „Meiſterin, nehmt es nicht übel, wenn es Euch beliebt; wie es mit unſerm armen Engelbertchen?“ „Gut, gut,“ antwortete Mutter Hiob,„das Kind ſchläft. Sei nur unbeſorgt, Lina, es wird wol beſſer gehen.“ „Ach, Gott ſei Dank,“ ſeufzte die Kuhmagd,„ich habe die ganze Nacht nicht ſchlafen können. Aber das iſt Nichts, wenn Engelbertchen nur beſſer wird.“ Und mit dieſen Worten zog ſie die Thüre wieder zu. „Kath,“ ſagte Mutter Hiob zu der Hausmagd, die durch die Stimme Lina's erwacht war, und ſich dehnend die Augen rieb,„gehe zum Doctor und ſage ihm, daß ich ihn erſuche, ſo bald als möglich zu kommen.“ Kaum hatte Kath die Kammer verlaſſen, ſo kehrte ſie zurück und ſagte: „Meiſterin, der Knecht Hugo's iſt eben aus der Stadt angekommen und bringt Euch eine eilige Nachricht.“ „Für mich? Von Hugo? Zu dieſer Stunde?“ mur⸗ melte Mutter Hiob überraſcht. „Ja, und er muß Euch ganz allein ſprechen, ſagte er. Hugo hat ihm dieſes auf das Beſtimmteſte anbefohlen.“ „Nun, laß ihn kommen,“ ſeufzte Mutter Hiob.„Was mag das bedeuten!“ — aus ſpra zu 6 ſche mir nen öffn ſo9 die hiel wes ant bef ſtü ber ſta gel Ko än ſo aues m die orgen. achte, Seite Kopf liebt; hläft. habe ichts, . durch lugen ſuche, te ſie mur⸗ te er. . Was Mutter Hiob. 61 Der Knecht trat ein und holte einen verſiegelten Brief aus der Taſche hervor, und ihn Frau Hiob darreichend, ſprach er: „Herr Hugo hat mich beauftragt, dieſes ſeiner Mutter zu geben, daß es Niemand ſähe. Ich weiß nicht, was ge⸗ ſchehen iſt; aber mein Herr iſt wie von Sinnen, und als er mir dieſe Nacht den Brief gab, rannen die Thränen aus ſei⸗ nen Augen.“ Mutter Hiob ging an das am meiſten erhellte Fenſter, öffnete den Brief und verſuchte zu leſen, was ihr Sohn ihr ſo geheimnißvoll mitzutheilen habe. Voller Verwunderung hielt der Knecht das Auge auf die leidende Frau geheftet. Er ſah die Hand, die den Brief hielt, zittern und beben, er hörte das Papier durch die Be⸗ wegung raſcheln; er bemerkte, wie Hugo's Mutter mit der andern Hand eine Stütze auf dem Fenſterbrette ſuchte, als vefürchtete ſie, unter ihrer heſtigen Erregung niederzu⸗ ſtürzen. Eine lange Weile blieb Mutter Hiob von ihrer Erregung bewältigt; doch allmälig kam ſie zum Bewußtſein ihres Zu⸗ ſtandes und kämpfte mit peinlicher Anſtrengung ihrer Kräfte gegen die Entmuthigung. Als ſie ſich ſtark genug glaubte, wandte ſie ſich mit feſter Kaltblütigkeit zu dem Knechte, der, über dieſe plötzliche Ver⸗ änderung ganz erſtaunt, ſie gaffend anſah. „Hat Herr Hugo Euch nicht beauſtragt, mir etwas Be⸗ ſonderes zu ſagen?“ fragte ſie. Nein, kein Wort.“ 62 Mutter Hiob. Mutter Hiob nahm ein kleines Silberſtück aus ihrer Taſche, legte es dem Knechte in die Hand und ſagte: „Das iſt für Euch. Kehrt nun raſch zu Eurem Herrn zurück, und wenn er fragt, was ich geantwortet habe, ſo ſagt nur dieſe Worte: Eure Mutter hat geſagt, keinen Muth ver⸗ loren, Hugo, es wird morgen wol beſſer gehen.“ Den Kopf in zweifelhafter Verwunderung ſchüttelnd, ging der Knecht zur Stube hinaus. Kaum war der Bote verſchwunden, ſo veränderte ſich der Ausdruck des Angeſichts der Mutter Hiob ganz. Ein ſchar⸗ fer Schrei entfuhr ihr und, den verhängnißvollen Brief in der krampfigen Hand, ſprang ſie von neuem zum Fenſter, wo ſie ebenſo zitternd, wie zuvor, den Blick auf die Schrift Hugo's heftete. Kaum konnte ſie einen klaren Begriff von dem Inhalte desſelben erhalten haben, als ſie halb ohnmächtig in einen Seſſel niederſank, eine Weile in ſtummem Nachſinnen ſitzen blieb und die weitgeöffneten Augen in die Kammer gerichtet hielt. Dann ſtieg plötzlich ein Seußer, wie ein Ausbruch des Leidens aus ihrem Buſen auf und über ihre Wangen floß ein heißer Thränenſtrom. „Gott!“ ſeufzte ſie,„iſt es möglich, Hugo, mein Sohn, er ſoll verfolgt, von den Gendarmen ergriffen, in das Gefäng⸗ niß geworfen werden, oder er muß fliehen..... nach Amerika, verurtheilt als Dieb, als Bankerottirer! O ich träume. es iſt das Leiden von dieſer Nacht, es hat mein Gehirn zer⸗ tte Sie betaſtete ſelbſt mit bebender Hand Kopf und Schul⸗ tern, als wollte ſie ſich von Etwas überzeugen. es iſt ſeine tauſe Sch könn liche wird Hug und nicht Him Rat Sch Erd arm ſterl eing We Sch Ehe bree ner ſegt daß Mu die s ihrer Herrn ſo ſagt th ver⸗ ttelnd, ich der ſchar⸗ rief in enſter, chrift thalte einen ſitzen ichtet bruch ingen Sohn, fäng⸗ rika, zer⸗ chul⸗ Mutter Hiob. 63 „Schrecklich!“ rief ſie mit dumpfem Tone.„Ich wache, es iſt kein Traum: Um ihn zu retten, um ſeinen Namen, ſeine Ehre vor der ewigen Schande zu bewahren, dreißig tauſend Franes, dreißig tauſend Francs. Ach, wo ſolchen Schatz herholen! Wenn doch mein Blut hinreichend ſein könnte! Sein Vater, ſein armer Vater! Welch eine ſchreck⸗ liche Begrüßung wartet ſeiner. Meine? Bewillkommnung wird ihn niederſchmettern und ein Donnerſchlag.... aber Hugo! Ich muß, ich muß ihn retten..... Wehe! wehe! und kein Aufſchub, kein Tag, keine Stunde, und Hiob, der nicht hier iſt! O, was iſt zu thun?“ Sie ſank kniend auf den Boden, erhob die Hände gen Himmel und ſchrie mit durchdringendem Tone: „Guter, barmherziger Gott! ſteh' mir mit Deinem Rathe bei, erleuchte meinen Geiſt, oder ich unterliege der Schwere meines Schmerzes. Herr, Dein Wille geſchehe auf Erden wie im Himmel. Habe doch Mitleid, Mitleid mit einer armen Mutter! Ach, mildthätiger Vater, ſieh herab aufmein ſterbendes Kind, welches vielleicht in den Armen des Todes eingeſchlafen liegt— auf meine Tochter, deren Herz vor Weh blutet— auf meinen guten Sohn, das unſchuldige Schlachtopfer des Betrugs und der Falſchheit, auf meinen Ehegatten, deſſen Leben unter all den ſchrecklichen Schlägen brechen wird— auf mich, auf mich, Deine demüthige Die⸗ nerin, welche vor Deinem Angeſihte liegt, und den Arm ſegnet, der ſie prüfen will..... Herr, ich verlange nicht, daß ein Wunder das Leiden von mir abwende, aber ich bin Mutter. Nächſt Dir, o Gott, bin ich allein der Troſt und die Linderung aller Leiden um mich herum..... Ach, ver⸗ 64 Mutter Hiob. leihe mir Kräfte, unterſtütze meinen Muth, gib mir Ver⸗ trauen, laß mich hoffen.“ Gleich als wenn dieſe fieberhafte Bitte ſie ganz erſchöpft hätte, ließ ſie die Hände neben ihren Körper ſinken und den Kopf auf die Bruſt fallen. Sie blieb ſehr lange regungs⸗ los, wie ein ſteinernes Bild knieend am Boden. Ob ſie alles Bewußtſein verloren, oder ob ſie ihr Gebet in der Stille fortſetzte, das wäre ſchwerlich zu ſagen geweſen Als endlich eine Bewegung des Körpers verkündigte, daß ſie aus dieſem Zuſtande ſich erheben wollte, hob ſie wieder Augen und Hände gen Himmel und ſprach mit deutlichem Tone: „Dank, Dank, o Herr! Muth und Vertrauen, ſagt Deine göttliche Stimme. Wohlan, ich werde meine Pflicht thun, meine Schmerzen mit Gewalt in meinem Herzen ver⸗ ſchließen.... Ach, nicht wahr, es wird wol beſſer gehen.“ Sie richtete ſich auf, näherte ſich dem kranken Kinde, ſah es mit forſchendem Blicke an und horchte auf ſein Athmen. „Es ſchläft, es ſchläft,“ ſagte ſie erfreut.„Engelbert⸗ chen wird bei ſeinem Erwachen beſſer ſein. Ach nun für mei⸗ nen armen Hugo geſorgt! Muth, Muth!“ An ein kleines Nachttiſchchen gehend, tauchte ſie ein Tuch in das Waſſer des Waſchbeckens und befeuchtete ſich damit das Angeſicht, um die Spuren ihrer Thränen ſoviel als mög⸗ lich zu verwiſchen. In dieſem Augenblicke kehrte Kath, die Hausmagd, welche ihren Auftrag ausgerichtet hatte, zurück und ſagte: „Meiſterin, der Doctor iſt nicht zu Hauſe. Man hat ihn in aller plötzlich Noordv bald de ſage, de Mit Er etwas 2 Mu warf no verbars blieb ſt einige ſ ſelbſt ü wahren durch i Frau a Ro begeber ten Ge gem S gehefte Roſina ſchwelle ſchläft: der zuſ Kinden Mut mir Ver⸗ erſchöpft nd den regungs⸗ ſie alles er Stille s endlich s dieſem gen und en, ſagt ePflicht zen ver⸗ beſſer nKinde, uf ſein gelbert⸗ für mei⸗ in Tuch damit ls mög⸗ th, die zurück hat ihn Mutter Hiob. 65 in aller Eile gerufen, zu der Frau des Pachters Daems, die plötzlich krank geworden iſt. Pachter Daems wohnt an dem Noordven, es iſt wol eine halbe Stunde von hier, aber ſo bald der Doctor zurückkommt, wird man ihn ſchicken.“ Es iſt gut, Kath; gehe nun in die Kammer zu Roſina, ſage, daß ich ſie bäte, außuſtehen, aber beängſtige ſie nicht. Mit Engelbertchen geht's viel beſſer. Ich will mit ihr von etwas Anderem ſprechen.“ Mutter Hiob wandte ſich wieder in die Stube zurück, warf noch einen Blick auf den verhängnißvollen Brief und verbarg ihn dann an ihrem Buſen. Sie ging auf und ab, blieb ſtehen, rieb ſich die Stirn mit der Hand und murmelte einige ſtille Worte. Unzweifelhaft berathſchlagte ſie bei ſich ſelbſt über die Mittel, um ihren Sohn vor der Schande zu be⸗ wahren. Schon war Roſina an ihr vorbeigegangen, und erſt durch ihren liebevollen Morgengruß war die nachſinnende Frau aus ihrer tiefen Erwägung erwacht. Rofina hatte ſich ſogleich nach dem Bette Engelbertchens begeben. Der Anblick ſeines aufgeſchwollenen und entſtell⸗ ten Geſichts preßte ihr einen Angſtſchrei aus, und mit hefti⸗ gem Schrecken hielt ſie das Auge auf ihr armes Brüderchen geheftet. Aber Mutter Hiob näherte ſich ihr und ſagte: „Du meinſt, daß es mit Engelbertchen nicht gut gehe, Roſina? So iſt das Scharlachfieber immer. Das Auf⸗ ſchwellen des Geſichts iſt nichts Beſonderes. Engelbertchen ſchläft ruhig, Du ſiehſt es ja. Sein Köpſchen wird wol wie⸗ der zuſammenfallen. Das Fieber iſt vorüber. Nun wird das Kind wieder geſund werden. Alles iſt nach beſtem Wunſche. Mutter Hiob. 5 66 Mutter Hiob. Jetzt aber, Roſina! muß ich mit Dir von ſchlimmeren Din⸗ gen ſprechen.... 3 „Von ſchlimmeren Dingen?“ ſeufzte das Mädchen von dem feierlichen und nachdrücklichen Tone dieſer letzten Worte mit Angſt getroffen. „Ja, von ſchlimmeren Dingen, Roſina. Aber wie groß auch das Unglück ſei, wir müſſen uns darin tröſten und den⸗ ken, daß Gott uns doch nicht verlaſſen werde..... 4 „Ach, der Vater, der Vater! Iſt ihm Etwas zugeſtoßen?“ fragte Roſina zitternd. Mutter Hiob, welche die düſteren und unheilverkündenden Worte geſprochen hatte, nur um ihre Tochter ohne viele Um⸗ ſchweife auf die traurige Nachricht vorzubereiten, ſah, daß ſie einen Fehlgriff gethan hatte. Sie ſprach dann aber mit feſtem Tone: „Nein, nein, vom Vater habe ich keine Nachricht, Du erſchrickſt mit Unrecht, Roſina! Komm, ſetze Dich, ich will Dir ſagen, welch neuer Schlag uns getroffen hat, aber be⸗ halte Deinen Muth, ich habe Deinen Rath nöthig, Kind.“ Sich niederſetzend begann Roſina ſchon zu weinen, da ſie überzeugt war daß ein Ereigniß, welches ihre Mutter ſo unglücklich zu machen ſchien, ein großes Unglück ſein müſſe. Mutter Hiob zog das Papier aus ihrem Buſen und ſagte mit einigermaßen ſchnellem Tone: „Roſina, es iſt ſveben ein Bote aus der Stadt mit einem Briefe von Deinem Bruder Hugo hier geweſen. Habe den Muth, um ihn bis zu Ende anzuhören. Lieber hätte ich Dir allmälig die traurige Nachricht mitgetheilt, aber die Zeit gebricht mir. Preßt das Leſen der ſchmerzlichen Klage Dei⸗ nes Bru Unglück ſei mir de in dieſem welche ve als mit? fall ſprec Mit dumpfen fühle des Hugo ge Mei der Dich dieſen Br ſo muß i gemeine Walter, Güte bet rathen. unſer Cr von Oliſ ſtellt hab zehntauſ mich auf zu retten Sache z Briefe, Stelle n en Din⸗ hen von en Worte wie groß und den⸗ „ ſtoßen?“ indenden iee Um⸗ „ daß ſie ber mit cht, Du „ich will aber be⸗ Kind.“ nen, da Nutter ſo müſſe. ſen und it einem abe den ich Dir die Zeit ge Dei⸗ Mutter Hiob. 67 nes Bruders Dir Thränen ab, ſo weine und traure über ſein Unglück; aber höre aufmerkſam zu, unterbrich mich nicht und ſei mir dann mit Herz und Geiſt behülflich. Der Vateriſt leider in dieſem entſcheidenden Augenblicke abweſend. Jede Stunde, welche verläuft, iſt ein unheilbarer Verluſt. Mit Niemand, als mit Dir, mein Kind, darf ich über den unglücklichen Vor⸗ fall ſprechen.“ Mit einer anfangs klaren Stimme, die aber in einen dumpfen Ton überging, und bisweilen ganz unter dem Ge⸗ fühle des Schmerzes erſtickte, las Mutter Hiob den ihr von Hugo geſchickten Brief: „Gute, liebe Mutter! Mein Herz zerreißt bei dem Gedanken an den Kummer, der Dich und meinen theuren Vater treffen wird, wenn Du dieſen Brief leſen wirſt; aber ſo ſehr ich auch Thränen weine, ſo muß ich doch die traurige Pflicht erfüllen, bevor das all⸗ gemeine Gerede Dir mein Unglück meldet. Ach Mutter, der Walter, den wir als das wahre Bild der Tugend und der Güte betrachteten, hat mich elendiglich betrogen und ver⸗ rathen. Montag, als ich wohlgemuth von Wispelbeke auf unſer Comtoir kam, fand ich die Nachricht, daß das Haus von Oliſſe und Comp. im Hennegau ſeine Zahlungen einge⸗ ſtellt habe. Wir haben an dieſes Haus eine Forderung von zehntauſend Francs. Auf den Rath des Walter begab ich mich auf Reiſen, um zu vernehmen, was von unſerer Schuld zu retten wäre. Ich kehrte zwei Tage ſpäter unverrichteter Sache zurück. Walter war verſchwunden, und in einem Briefe, den er auf dem Comtoir an meiner gewöhnlichen Stelle niedergelegt hatte, vernahm ich ſeinen ſchnöden Ver⸗ 5„ 68 Mutter Hiob. rath. Er iſt abgereiſt, nach Amerika ſagt er, aber bevor er ſich zu dieſem Schritte entſchloß, hat er die Wechſel, welche wir beſaßen, zu Gelde gemacht. Er hat unſere Kaſſe geleert und läßt mich, ohne alle Mittel, der zerſchmetternden Ver⸗ antwortlichkeit eines betrügeriſchen Bankerotts bloßgeſtellt; — denn Mutter— Du wirſt es nicht glauben können— Walter hat ſchon ſeit Monaten dieſen elenden Schlag vorbe⸗ reitet, unſere Bücher gefälſcht und ohne mein Wiſſen Wechſel auf unſern gemeinſchaftlichen Namen ausgegeben.— Seit heute Morgen liege ich mit bekümmertem Herzen und der Glut in dem Gehirn über unſern Büchern. Ich kann Dir keine weitern Mittheilungen machen, liebe Mutter, es würde zu weit führen und für Dich unverſtändlich ſein. Urtheile über meine Lage. Bevor vier Tage verſtrichen ſind, muß ich dreißigtauſend Franes haben, oder ich werde als Bankerot⸗ tirer angeklagt, von Gensdarmen gefaßt und ins Gefängniß geworfen. Ich bin unſchuldig. Mein allzu großes Ver⸗ trauen iſt die einzige Urſache meines Falles; aber ich habe in der Eile und ohne es zu wiſſen, Schriftſtücke gezeichnet, die mich wenigſtens ſcheinbar mitſchuldig machen. Wird das Geſetz meine Rechtfertigung genügend finden? Du aber, liebe Mutter, wirſt von meiner Unſchuld überzeugt bleiben, nicht wahr? Und Du wirſt den Vater tröſten über dieſen ſchrecklichen Verluſt. Ich weiß wol, daß Dein liebevolles Mutterherz verſuchen wird, die Mittel zu finden, um mich zu retten; ja, daß Du Dich nicht weigern wirſt, und müßteſt Du deshalb in Armuth gerathen— aber das darf nicht ge⸗ ſchehen! Gott ſei mein Zeuge, daß ich es weder wünſche noch verlange. Schon haſt Du und der Vater das Erbtheil Eurer El delscapite Brüderch der ihnen ich beſchn meiner L — Mir in Ameri auf mir leiben, unausble der ſchreck ich Herz hartes G Lieb Strome aus Lieb Vater dr als um n an ihn zt ſei Du Schatz 2 weiſen, zu waffn Sell das Com rechnen, Dürfte i Mutter, r bevor er ſel, welche iſſe geleert nden Ver⸗ oßgeſtellt; können— lag vorbe⸗ en Wechſel n.— Seit n und der ann Dir „es würde Urtheile id, muß ich Bankerot⸗ Gefängniß oßes Ver⸗ r ich habe gezeichnet, en. Wird Du aber, gt bleiben, iber dieſen liebevolles um mich zu nd müßteſt rf nicht ge⸗ er wünſche s Erbtheil Mutter Hiob. 69 Eurer Eltern mit Hypotheken beſchwert, um mir ein Han⸗ delscapital zu verſchaffen. Meine Schweſter und mein armes Brüderchen verlieren, ſchuldloſer noch als ich, einen Theil der ihnen zukommenden Mittel. Behalte, behalte das Uebrige, ich beſchwöre Dich bei meiner unverlöſchlichen Ehrfurcht, bei meiner Liebe für Dich, mache ſie nicht arm um meinetwillen. — Mir ſchwebt auch der Gedanke im Kopfe, eine Zuflucht in Amerika zu ſuchen; aber dann klebte die Schande ewig auf mir und auf dem Namen meines Vaters. Ich werde leiben, und mich noch nach Mitteln umſehen, um meinen unausbleiblichen Fall hinauszuſchieben— und kommt dann der ſchreckliche Augenblick wohlan! in meiner Unſchuld werde ich Herz und Auge zu Gott erheben und ergeben in mein hartes Geſchick auf ſeine Gerechtigkeit hoffen..... Liebe Mutter, ich ſchreibe Dir dieſes Alles unter einem Strome von Thränen; aber wenn ich traure, ſo iſt es mehr aus Liebe zu Dir, und mehr darum, daß mein gefühlvoller Vater durch dieſen traurigen Schlag unglücklich ſein wird, als um mein eignes Schickſal. Ich wagte es nicht, ſogleich an ihn zu ſchreiben. Du, die Du ſo gut zu tröſten weißt, ſei Du die Unglücksbotin, Mutter. Der unerſchöpfliche Schatz Deiner liebevollen Seele wird Dir die Mittel an⸗ weiſen, um ſein Herz gegen den zerſchmetternden Schlag zu waffnen. Selbſt kann ich nicht kommen. Du wirſt begreifen daß ich das Comtvir nicht verlaſſen darf und zudem muß ich rechnen, rechnen, Tauſende von Zahlen überſehen und vergleichen..... Dürfte ich Dir um den Hals fallen, Dich in die Arme ſchließen, Mutter, und Deine Stimme hören! Ach, es ſcheint mir, daß 70 Mutter Hiob. dieſe Wohlthat mich ſtärken würde gegen den Schlag, der mich zu vernichten droht! Dein unglücklicher Sohn Hugo.“ Mutter Hiob hatte zu ſehr auf ihre Standhaftigkeit ge⸗ baut. Denn als ſie den Briefzu Ende geleſen hatte, ſtrömten die Thränen über ihre Wangen, und ſie behielt nicht Kraft genug, Roſina aus ihrer ſtummen Trauer außzuwecken. Die erſchütterte Frau ließ den Kopf zur Seite auf die Schulter ihrer Tochter ſinken, legte den Arm ihr um den Hals und weinte ſtill mit ihr..... Dieſe Vergeſſenheit währte aber nicht lange. Mutter Hiob drängte die Thränen in ihren überfüllten Buſen zurück, faßte die Hand ihrer Tochter und fragte: „Liebe Roſina, was werden wir thun?“ „Kannſt Du fragen?“ weinte Roſina.„Ach Gott, der unglückliche Hugo! Du mußt ihn retten! ihn retten!“ „Dreißigtauſend Franes,“ ſeufzte die Mutter; vielleicht iſt die Brauerei und Alles, was wir noch beſitzen, nicht ſo viel werth. Und Du, Roſina, und Engelbertchen und Dein Vater? Ihr werdet Alle miteinander arm ſein,“ „Gott, Gott, was iſt das weiter?“ rief das weinende Mädchen.„Nimm das diamantne Herz, welches ich von meiner Großmutter geerbt habe; nimm mein Gold— Alles, Alles,— nur rette Hugv. Ach, ich bitte Dich, Mutter, er⸗ löſe ihn von ſeiner ſchrecklichen Angſt.“ „Ihre Tochter mit Innigkeit umarmend, ſprach die ge⸗ rührte Frau: „Ha belohner Ich wer was ich ſein Sch hier not wahren. thun wi tauſend er ſie ſe verfügbe Vater k aber All ſein, un ihm wir nicht we Engelb ihre Kr Hugo v. noch All und un— die Wel nicht we chen, g unſerm Nieman werde 1 aller E über di hlag, der Sohn tigkeit ge⸗ ſtrömten icht Kraft cken. Die ſen zurück, Gott, der en!“ vielleicht , nicht ſo tchen nd ein,“ weinende s ich von — Alles, kutter, er⸗ ch die ge⸗ Mutter Hiob. 7 „Habe Dank, Roſina. Gott wird Dich dafür im Himmel belohnen. Deine edelmüthige Aufopferung gibt mir Kraft. Ich werde ihn retten, wenigſtens werde ich verſuchen, zu thun, was ich kann. Käme nur Dein Vater bald. Ach, möchte ſein Schutzengel ihm doch einflüſtern, daß ſeine Gegenwart hier nothwendig ſei, um ſein Kind vor der Schande zu be⸗ wahren. Aber ich darf nicht zaudern; höre, Roſina, was ich thun will. Ich werde zu Herrn Styns gehen und die dreißig⸗ tauſend Francs von ihm auf unſere Güter erbitten. Wenn er ſie ſelbſt nicht hat, ſo weiß er als Notar unzweifelhaft verfügbare Gelder auf Hypothek zu finden. Ohne Deinen Vater kann dieſe Sache nicht entgültig abgethan werden; aber Alles muß bis dahin, wo er zurückkehrt, vorbereitet ſein, und mit einem Federzuge, mit einem Handzeichen von ihm wird Hugo gerettet ſein. O, möchte es ſo geſchehen nicht wahr, Roſina? Du ſiehſt, wie feſt und ruhig unſer Engelbertchen ſchläft; es wird geneſen; die Krankheit hat ihre Kraft verloren. Könnten wir das Geld finden, um Hugo vor dem drohenden Untergange zu beſchützen, ſo würde noch Alles gut gehen können. Wir würden arbeiten. ſparen und uns plagen und doch mit Gottes Hülfe ſo ſtille durch die Welt kommen..... Sei nur getroſt.... Gabriel, nicht wahr? Ach, das wird ſich noch am allerleichteſten ma⸗ chen, glaube mir..... Bleibe Du nur hier und wache bei unſerm Engelchen, Roſina. Laß von dertraurigen Nachricht Niemand wiſſen; ich gehe zum Notar. Habe nur Muth, ich werde mit guten Nachrichten zurückkehren.“ Sie ordnete in aller Eile einigermaßen ihre Kleider, warf ein Halstuch über die Schultern und verließ die Kammer. 72 Mutter Hiob. Die Sonne war ſchon hoch am Horizonte aufgeſtiegen, was der Mutter Hiob Hoffnung gab, daß der Notar ſein Bett verlaſſen habe und bereits auf ſeinem Bureau anzu⸗ treffen ſei. Mit leichten Schritten und mit einer gewiſſen Freude in dem Herzen lief ſie über den Fußpfad, welcher ſie nach der Wohnung von Gabriels Vater führen mußte. Zuweilen ſchien ein plötzlicher Gedanke ſie zurückzuhalten, und dann verfinſterte ein trauriges Nachſinnen ihr Geſicht. Der No⸗ tar war auf ſie ergrimmt, denn er glaubte, daß Roſina an Gabriels Verzweiflung und an ſeinem Verſchwinden ſchuld ſei. Der Junge war wahrſcheinlich noch nicht zurückge⸗ kehrt. Sollte Herr Styns in ſeiner Betrübniß, in ſeinem Aerger ihre Bitte nicht verwerfen? Aber dann waffnete ſich die muthige Frau mit einem Entſchluſſe und bemühte ſich, von der aufrichtigen Gutherzigkeit des Notars ſich ſelbſt zu überzeugen. Er könnte ſich ihrer alten Freundſchaft erin⸗ nern, mit ihrem Schmerze Mitleid haben und ihr helfen, und ſollte er auch ſelbſt einige Opfer bringen. So in ihrem ei⸗ genen Gemüthe Kraft ſuchend, pochte Mutter Hiob an die Thür der Wohnung des Herrn Styns und wurde auch ſofort zu ihm eingelaſſen. Als der Notar ſie eintreten ſah, ſtand er überraſcht von ſeinem Schreibpulte auf und ſchaute ſie mit ärgerlicher Un⸗ geduld an. „Seht, Mutter Hiob,“ ſagte er,„ich muß nun meine Acten ſelbſt abſchreiben und habe darum nicht viel Zeit. Ich kann leicht errathen, warum Ihr mich beſucht. Es iſt mög⸗ lich, daß Gabriel einen Mißgriff gethan hat; jedoch will ich von Mein G nütze M „Je ſchenkt: mit Eu „N murrte nicht un und Un habe.. ohne zu ob er ſi oder ob hättet edelmüt Ei Augen unglück daß die den mu barer haben überzer Kinder nichts Gefühl jenige, eſtiegen, tar ſein au anzu⸗ reude in nach der zuweilen nd dann Der No⸗ oſina an en ſchuld zurückge⸗ nſeinem fnete ſich ühte ſich, ſelbſt zu aft erin⸗ lfen, und hrem ei⸗ an die ich ſofort ſcht von cher Un⸗ in meine eit. Ich iſt mög⸗ och ewill Mutter Hiob. 73 ich von ſeiner Heirath mit Roſina Nichts mehr hören. Mein Entſchluß iſt gefaßt, erſpart Euch deshalb jede un⸗ nütze Mühe.“ „Ich bitte Euch, Herr Notar,“ ſagte Mutter Hiob flehend, ſchenkt mir einen Augenblick Gehör. Ich bin gekommen, um mit Euch von etwas Anderem zu ſprechen..... 4 „Nein, nein, um Gottes willen, laßt mich in Ruhe,“ murrte Styns.„Eure Gegenwart iſt mir peinlich. Iſt es nicht unglücklich, einen Sohn zu haben, für deſſen Erziehung und Unterricht ich mir, ſo zu ſagen, das Nöthige verſagt habe..... und ihn dem elterlichen Hauſe entlaufen ſehen, ohne zu wiſſen, ob er nicht auf ſchlechte Wege gerathen oder ob er ſich nicht ſelbſt aus Verzweiflung ein Leides thun wird, oder ob er in dieſem Augenblicke, wo ich rede, noch lebt. O, hättet Ihr es vorherſehen können, Ihr hättet ihn beſſer und edelmüthig behandelt, nicht wahr?“ Eine Thräne der peinlichen Ungeduld glänzte in den Augen der Mutter Hiob. Sie hätte gern ſogleich für ihren unglücklichen Hugo um Hülfe gefleht. Gleichwol fühlte ſie, daß die Gemüthsſtimmung des Notars erſt beſchwichtigt wer⸗ den mußte. Sich Gewalt anthuend, antwortete ſie mit ſchein⸗ barer Ruhe: „Herr Styns, ich will Euch nur, wenn Ihr die Güte haben wollt, mich anzuhören, Dinge erzählen, die Euch überzeugen werden, daß ich an keine Heirath zwiſchen unſeren Kindern mehr denken kann. Ich werde meine Tochter durch nichts Anderes entſchuldigen, als allein dadurch, daß kein Gefühl der Liebe reiner und inniger ſein kann, als das⸗ jenige, welches ſie für Gabriel hegt..... Betrübt Euch 74 Mutter Hiob. nicht zu ſehr über das Verſchwinden Eures Sohnes. Ihr anhöre kennt ihn. Er iſt zu nichts Schlechtem fähig; in einigen treue? Tagen, vielleicht in einer Woche, wird er wiederkommen, ſich zu Euren Füßen werfen und Euch für den Schritt, den ſeine verirrte Phantaſie ihn thun ließ, um Verzeihung ———— — Unglü bitten. Ihr werdet ihn ſtrafen, dann ſeine Verirrung ver⸗— geſſen und am Ende Eurer Tage an ſeinem tugendhaften Wandel und ſeiner Arbeitſamkeit Freude erleben. Es iſt z wahr, daß Gabriel zu gefühlvoll iſt und ſich durch Alles, ſelbſt durch den trügeriſchſten Schein blenden läßt. Aber mit H dies iſt ein Beweis, der zum Vortheile ſeines einfachen und liebevollen Herzens ſpricht. Es iſt ſeit Jahren mein ſüßeſter Traum geweſen, daß meine Roſina einmal ſeine Ehegattin rita p werde. Ein anderer nicht zu beſeitigender Umſtand hindert gen mich, noch die geringſte Hoffnung für dieſe Verbindung zu Wechſ bewahren.“ Ganz verwundert über den traurigen Ton ihrer Stimme proht. und über die Ruhe, welche in ihren Worten lag, fühlte der S Notar ſeinen Groll beſchwichtigt werden. uns g „Von welchem Umſtande wollt Ihr reden?“ fragte er. E „Ein unvorhergeſehenes Unglück hat uns betroffen.§ Wir ſind arm geworden,“ ſagte Mutter Hiob. 5 „Arm— arm, Ihr? Das iſt nicht möglich!“ rief mehr Styns. aus. „Gott hat es ſo gewollt,“ ſagte ſie leiſe. Verzn „Aber Ihr erſchreckt mich. Arm geworden! Wie meint als 2 Ihr das?“ Thrän „Vergönnt mir, daß ich Euch erzähle, was über uns„ gekommen iſt. Werdet Ihr mich mit Eurer gewohnten Güte licher s. Ihr einigen kommen, ritt, den rzeihung ng ver⸗ dhaften Es iſt h Alles, . Aber hen und ſüßeſter hegattin hindert dung zu Stimme hlte der agte er. troffen. rief ie meint ber uns en Güte Mutter Hiob. 75 anhören und Euch erinnern, daß wir von Kindesbeinen an treue Freunde geweſen ſind?“ „Himmel!“ ſeufzte der Notar,„hat Euch wirklich ein Unglück betroffen? Laßt Euch nieder, Mutter Hiob, redet; was iſt geſchehen?“ „Ihr wißt, Notar, daß wir auf die Güter, welche wir von unſern Eltern erbten, fünfundzwanzigtauſend Francs aufgenvmmen haben, um unſerm Hugo ein kleines Handels⸗ haus in der Stadt einzurichten. Ihr wißt auch, daß er ſich mit Herrn Walter vereinigt hatte, der im Handel mehr als er erfahren war und als ein ehrlicher und rechtſchaffner Mann gerühmt wurde, und nun iſt dieſer Walter nach Ame⸗ rika geflohen. Er hat alles Geld aus der Kaſſe mitgenom⸗ men, die Bücher gefälſcht und ohne Wiſſen meines Sohnes Wechſel ausgefertigt. Ich verſtehe von ſolchen Dingen nichts Anderes, als daß ein ſchreckliches Lvos meinem armen Hugo droht. Seht hier einen Brief von ihm; beliebt ihn zu leſen, dann werdet Ihr begreifen, was für ein ſchrecklicher Schlag uns getroffen hat.“ Sie reichte bei dieſen Worten Hugo's Brief dem Notar. Je mehr dieſer das Leſen des Briefes förderte, deſto mehr prägte ſich auf ſeinem Geſichte das größte Erſtaunen aus. Wahrſcheinlich flößte die ſtille, aber tiefgefühlte Verzweiflung Hugo's ihm ein inniges Mitleiden ein, denn als er bis zum Ende des Briefes gelangte, zeigte ſich eine Thräne in ſeinem Auge. „Der Schelm, der Betrüger,“ murmelte er;„unglück⸗ licher Hugo!“ 76 Mutter Hiob. Er gab den Brief zurück, faßte Mutter Hiob bei der Hand und ſagte; „Ach, Ihr ſeid unglücklich..... dreißigtauſend Franes, wo die finden? Und doch könnt Ihr Euer ſchuldloſes Kind nicht in dieſem Zuſtande laſſen..... Selbſt das Unmög⸗ liche muß verſucht werden. Käme er in das Gefängniß, ſo wäret Ihr Alle— Roſina mit— Ihr Alle wäret in den Augen der Welt für immer entehrt. Sagt, was wollt Ihr thun, um ihn zu retten?“ „Ich will die erforderliche Summe aufunſere Beſitzungen aufnehmen und ich komme, um Euch zu bitten, mir dabei be⸗ hülflich zu ſein.“ „Dreißigtauſend Franes, das geht über meine Kräfte. Ich kann nicht.“ „Aber Ihr habt unzweifelhaft verfügbare Gelder, um ſie auf Zinſen zu leihen.“ „Leider in dieſem Augenblicke nicht. Ein Dorfnotar hat ſolche Gelder nur zufällig.“ Mutter Hiob erblich. Gegen ihre Erwartung in ihrer Hoffnung ſo grauſam getäuſcht, fühlte ſie ihre Stimme von einer Thränenflut erſtickt werden; aber ſie ermuthigte ſich wieder ſelbſt zur Standhaftigkeit, bezwang ihre Verzweiflung und ſagte flehend: „Ach, Notar, bei unſerer alten Freundſchaft, bei der Freundſchaft unſerer Eltern zu einander, helft mir. Sinnet Etwas aus, um Hugo zu retten. Ich würde Euch dankbar ſein und Euch ſegnen, bis auf mein Sterbebett.“ „Könnte ich es thun, und koſtete es mir auch ſelbſt die größten Opfer, ſo würde ich mich keinen Augenblick bitten laſſen ichzeh halten habt, E Weile rechne ſie, ie iſt nick mich: genoſſ zweite man zu ſeh und e Ihrm 2 derge wand Freut werde Geda Wolv Tage bei der Franes, es Kind Unmög⸗ niß, ſo in den ollt Ihr tzungen abei be⸗ Kräfte. er, um rfnotar in ihrer me von igte ſich eiflung bei der Sinnet anar bſt die k bitten Mutter Hiob. 77 laſſen,“ antwortete Styns.„Ihr wißt, Mutter Hiob, daß ich zehn Kinder habe, ſie koſten viel zu erziehen und zu unter⸗ halten. Ich habe in dieſem Jahre zahlreiche Verkäufe ge⸗ habt, und faſt all mein Geld iſt auf Zinſen ausgeliehen. Er legte die Hand an ſeine Stirn und bedachte ſich eine Weile. „Wenn ich Alles, was ich aufbringen kann, zuſammen⸗ rechne, ſo habe ich vielleicht ſechstauſend Franes. Nehmt ſie, ich werde ſie Euch ohne Zinſen leihen..... Aber das iſt nicht hinreichend— Gott, was iſt zu thun! Ich könnte mich nach der Stadt begeben und einige von meinen Amts⸗ genoſſen aufſuchen; aber ich bin überzeugt, daß ſie auf eine zweite Hypothek kein Geld leihen werden. Ueberdies wird man die Beſitzungen beſichtigen und abſchätzen wollen, um zu ſehen, ob ſie noch dieſe zweite Hypothek tragen können, und es werden Tage und ſelbſt Wochen verlaufen— und Ihr müßt das Geld ohne Verzug haben, oder es iſt zu ſpät.“ Mutter Hiob, von einer fürchterlichen Enttäuſchung nie⸗ dergeſchmettert, ſchaute den Notar bebend und mit unver⸗ wandtem Auge an. Ihr Blick ſchien zu ſagen: „Ueberlegt, denkt nach, gebt mir Hoffnung!“ „Ah!“ rief Styns mit einer plötzlichen Bewegung der Freude,„ich habe es gefunden!“ „Ihr habt es gefunden?“ jauchzte Mutter Hiob.„Ihr werdet ihn retten. Ach, Gott belohne Euch für dieſen guten Gedanken.“ „Ich habe Grund, um es zu hoffen. Der Notar von Wolvelaer— ich erinnere mich jetzt— hat mir vor acht Tagen geſagt, daß der Herr Bres von dem Grünhofe ein 78 Mutter Hiob. anſehnliches Erbe eingezogen habe und fünfzigtauſend Franes auf Güter in dieſer Umgegend auszuleihen ſuche. Ich habe für Herrn Bres ſchon einige Male Geſchäfte beſorgt, er ſetzt Vertrauen in mich.“ „Uns kennt er gleichfalls,“ ſprach Mutter Hiob erfreut. „Wir liefern Bier auf den Grünhof. Wenn er wiſſen wird, daß er uns eine große Wohlthat erweiſen kann— daß es geſchieht, um unſern Sohn vor der Schande zu retten..... 4 „Nein, nein, man darf ihm von dem Vorfalle Nichts ſagen. Das Geld hat kein Herz, Mutter Hiob, es liebt nichts Anderes, als ein ſicheres Unterpfand und hohe Zinſen. Ueber⸗ dies könnte es gefährlich ſein, Aufſchlüſſe über die Verhält⸗ niſſe Hugo's zu geben. Laßt mich nur machen; ich weiß, wie man in ſolchen Dingen zu Werke gehen muß..... Während er ſprach, ging er nach der Ecke der Stube und zog an der Klingelſchnur. „Triene,“ ſagte er zu der Magd, welche ſich an der Thüre zeigte,„laß Jan augenblicklich das Pferd einſpannen; ich muß unverzüglich nach Wolvelaer.“ Dann wandte er ſich zu Mutter Hiob und ſprach tröſtend: „Seid jetzt nur wohlgemuth. Ich hoffe, daß mein Ver⸗ ſuch gelingen wird; ja, ich bin beinahe davon überzengt. Euer Mann iſt wahrſcheinlich noch nicht zu Hauſe? Glaubt Ihr, daß er zu dieſer Anleihe ſeine Einwilligung geben wird?“ „Gewiß, gewiß, wie könnte er anders?“ Der Notar zuckte die Achſeln. „Ich verſtehe Euch,“ ſagte Mutter Hiob.„Er wird viel⸗ leicht i aber zu c „— auf Eur „Wenn „— „Ah mit den ſeinen 2 das All tauſend undfünf Francs vier Pr ſo würt für Zin lich—“ I denken. rei wirt Schürze was wit „He kündigt „De „Ni werde( Roſina Mutter Hiob. 79 Franes leicht im erſten Augenblicke einige Einwendungen machen ch habe aber zuletzt thut er doch immer, was gut iſt.“ er ſetzt„Ihr ſagt, daß bereits fünfundzwanzigtauſend Franes auf Euren Gütern laſten?“ murmelte der Notar nachſinnend. erfreut.„Wenn ich mich nicht irre, ſtehen ſie zu vier Procent?“ n wird,„Drei und ein halb.“ daß es „Ah, drei und ein halb; um ſo beſſer. Zuerſt die Brauerei mit den Vorräthen und Ausſtänden; zweitens der Hof mit Nichts ſeinen Aeckern; drittens die Weiden in den Mooren..... t nichts das Alles kann zuſammen einen Werth von fünfundſechszig⸗ Ueber⸗ tauſend Fraues haben. Fünfundzwanzig und dreißig iſt fünf⸗ zerhält⸗ undfünfzig. Es blieben alſo nicht mehr, als zehntauſend eiß, wie Franes übrig. Wenn ich nun die gewünſchte Summe gegen vier Procent— nehmt vier und ein halb— bekommen könnte, Stube ſo würdet Ihr jährlich weit über zweitauſend Franes allein für Zinſen aufzubringen haben. Dieſer Zuſtand iſt ſchreck⸗ rThüre lich—“ en; ich„In der That, Notar; aber laßt uns jetzt nicht daran denken. Daß mein armer Hugo nur gerettet wird! Die Braue⸗ öſtend: rei wird doch im Gange bleiben, ich werde mir eine grobe Ver⸗ Schürze vorbinden und Roſina auch. Wir werden vergeſſen, e was wir waren und mehr arbeiten als vorher.“ Glaubt„Herr, das Pferd wird augenblicklich angeſpannt ſein,“ geben kündigte die Magd an. „Der Notar faßte Mutter Hiob bei der Hand und ſprach: „Nun, nun, habt Muth, wie es auch ablaufen möge. Ich werde Euch immer helfen und beiſtehen..... Und was Roſina betrifft, wenn Gabriel mit anderen Gedanken zurück⸗ 80 Mutter Hiob. ſhit Nun, ich gehe hin. In einigen Stunden kann ich mit dem Gelde zurück ſein.“ Unter dem Ausſprechen von Worten der Dankbarkeit verließ Mutter Hiob das Haus. Auf dem Wege, unter dem blauen Himmel, ſtrahlte ihr Geſicht von einem hellen Lächeln, und mehr laufend als gehend, ſprach ſie ſich ſelbſt allerlei hoffnungsvolle Ermuthigungen ein. Sie fand ihre Tochter weinend neben dem Bette ihres kranken Kindes ſitzen; aber Roſina ſprang auf, als ſie die Stimme ihrer Mutter hörte und fragte wehklagend:„Ach, ach, iſt es geſchehen? Iſt Hugo erlöſt?“ Mutter Hiob umarmte ihre Tochter und ſprach: „Sei froh und Gott dankbar Roſina. In zwei Stunden erhalten wir das Geld.“ Als hatte ſie1 und ſich auf eine Wahrſche den Gran ſächlich de wahrlich, Augen geſ geſehen h dem Tode Schlage, Sohn mit und ihre Endli Gemüthes ſetzen. A Worte wu ein peinie Stille, w Kindes un Mutter H nden kann ankbarkeit unter dem nLächeln, ſt allerlei ette ihres ls ſie die d„Ach⸗ 6 iStunden IV. Als Mutter Hiob von dem Notar zurückgekehrt war, hatte ſie noch einige Augenblicke mit ihrer Tochter geſprochen und ſich bemüht, ihren Muth aufzurichten und Vertrauen auf eine beſſere Zukunft in ihrem Herzen rege zu machen. Wahrſcheinlich war die gute Frau von einem überwältigen⸗ den Grame niedergebeugt, und dienten ihre Worte haupt⸗ ſächlich dazu, um gegen die Verzweiflung zu kämpfen. Denn, wahrlich, wenn ſie nicht mit Gewalt über ihren Zuſtand die Augen geſchloſſen gehalten hätte, was würde ſie dann Anderes geſehen haben, als die ſchrecklichſte Zukunft? Ihr Kind mit dem Tode ringend, ihre Tochter niedergeſchmettert von einem Schlage, der ihre Jugend für immer zerſtören mußte, ihr Sohn mit Gefängniß und Unehre bedroht..... ihr Mann und ihre Kinder mit Erniedrigung und Armuth. Endlich begann auch der Mutter Hiob die Kraft des Gemüthes zu ſchwinden, um ihre tröſtenden Reden fortzu⸗ ſetzen. Allmälig nahm der Ton ihrer Stimme ab, und ihre Worte wurden ſeltener— Mutter und Tochter verſanken in ein peinigendes Nachſinnen, und es herrſchte eine lange Stille, welche nur durch das leichte Athmen des ſchlafenden Kindes unterbrochen wurde. Mutter Hiob. 6 82 Mutter Hiob. Plötzlich hörten ſie in der Straße und unmittelbar dar⸗ auf in dem Hausflur die Stimme von Jemanden, welcher zu keifen und zu drohen ſchien— Beide ſprangen zugleich auf, und die Worte:„Da iſt der Vater!“ erſchollen mit frohem Tone durch die Stube. Roſina lief mit fröhlichem Geſicht nach der Thüre; Mut⸗ ter Hiob blieb ſtehen, wurde bleich und bebte.— Sah ſie vielleicht voraus, daß die Gegenwart ihres Ehegatten ſie zu einem peinlichen Kampfe, zu einer noch härteren Prüfung verurtheile?— Wie dem auch ſei, der Ausdruck ihres Geſichts veränderte ſich doch augenblicklich, und ihr Haupt ſchüttelnd, als verwies ſie ſich ihre Schwäche, ging ſie mit einem liebe⸗ vollen Lächeln auf dem Antlitze ihrem Manne entgegen. Meiſter Hiob ſtieß die Thüre mit Kraft auf, lief an das Bette des Kindes, ſchaute es eine Weile an und dann den Boden mit den Füßen ſtampfend, fiel er aus. „Ich bin verwünſcht. Es iſt immer Dasſelbe; ich darf mich nicht umwenden, oder es kommt ein Unglück über mein Haupt. Das kommt davon. Habe ich es Euch nicht geſagt? Ihr mußtet das Kind über die Straße laufen laſſen. Es iſt Eure Schuld; nun hat es das Scharlachfieber; es iſt mit ihm zu Ende. Ach Gott, mein Engelbertchen!“ Mutter Hiob hielt ſchweigend den Kopf geneigt, ihre Lippen bewegten ſich fieberhaft und es war deutlich zu er⸗ kennen, daß ſie nur mit Mühe gegen den aufwallenden Strom ihrer Thränen ankämpſfte. „Ja, ja, ſchweige nur,“ rief Meiſter Hiob, welcher ver⸗ zweiflungsvoll in der Stube auf und ablief und verwirrte Blicke auf das Kind warf.„Schweige nur; da ſiehſt Du es nun, daßr für unſer zu gern, mußte Go wäre, ſo n Alles. N wirdwo zu ſagen, 1 nig um me Auf di gegen ſein des Grame in Wahrhe ſeine Klage derſüßen 2 er aber au noch nicht gerathen. „Imm „Da lacht; „Ich! es ohne m erfreut... „Was indem ern ſtarren Bli Gefühlloſe Solche We Die le elbar dar⸗ welcher zu gleich auf, nit frohem üre; Mut⸗ Sah ſie itten ſie zu nPrüfung es Geſichts ſchüttelnd, inem liebe⸗ gegen. lief an das dann den eich darf über mein icht geſagt? laſſen. Es es iſt mit neigt, ihre utlich zu er⸗ iden Strom welcher ver⸗ id verwirrte ſiehſt Du es Mutter Hiob. 83 nun, daß wir zum Unglück geboren ſind; laßt nur einen Sarg für unſer unglückliches Engelbertchen machen. Ich ſah es zu gern, ich war zu ſehr vernarrt in das Kind, und dafür mußte Gott mich ſtrafen..... wenn es mein Kind nicht wäre, ſo würde es wol geſund werden, aber mir mißglückt Alles. Nun, wo bleibſt Du jetzt mit Deinem Liedchen:„Es wirdwol beſſergehen?“ Sprich; weißt Du noch Nichts zu ſagen, um mich zu tröſten? Es ſcheint als ob Du Dich we⸗ nig um meinen Gram kümmerteſt. Sprich, ſage ich Dir.“ Auf dieſe Weiſe ſuchte der Brauer durch Beſchuldigungen gegen ſeine Frau und durch Ausbrüche der Verzweiflung und des Grames dem Gefühle des Schmerzes, welches ſeine Bruſt in Wahrheit zuſammenpreßte, Luft zu machen.— Als er ſeine Klagen beendete, ſah Mutter Hiob ihm mit einem wun⸗ derſüßen Blicke von Mitleid und Liebe in die 2 lugen. Als er aber auf ihrem Geſichte bemerkte, daß die Hoffnung ſie noch nicht ganz verlaſſen hatte, ſchien er darüber in Zorn zu gerathen. „Immer Dasſelbe,“murmelte er mit grimmiger Geberde. „Da lacht ſie nun.“ „Ich lache?“ ſeufzte Mutter Hiob ſchmerzlich;„dann iſt es ohne mein Wiſſen, vielleicht, daß mein Mutterherz ſich erfreut. 2 „Was unterſtehſt Du Dich zu ſagen?“ ſchrie ihr Mann, indem er mit gekreuzten Armen vor dem Bette ſtand und den ſtarren Blick auf das Kind geheftet hielt.„Du biſt froh? Gefühlloſe Mutter; ſchweig', ſchweig' und ſchäme Dich. She Worte bei dem Todeskampfe Deines Kindes.“ Die leidende Frau, welche keine Gelegenheit ſa 6 h, um 84 Mutter Hiob. von Hugo's Unglück zu ſprechen, erlag ihrer Entmuthigung und den harten Worten ihres Ehegatten. Sie ließ ſich ſtill auf einen Stuhl nieder, verbarg ihr Geſicht in den Händen und fing an zu weinen. Roſina, die bis jetzt noch kein Wort geſprochen hatte, rief mit ſchmerzlichem Tone; „Lieber Vater, Ihr ſeid ungerecht; ach Gott! was kann die Mutter dafür, daß Engelbertchen ſo krank iſt? Wenn Du wüßteſt, was ſie in dieſer Nacht Alles ausgeſtanden hat, ſo würdeſt Du Mitleid mit ihr haben..... 2 „Was kümmerſt Du Dich darum?“ brummte er.„Ja, ja, verbünde Dich mit Deiner Mutter gegen mich; es ge⸗ ſchieht das gewöhnlich ſo.“ „Ach, ſieh einmal, Vater, wie du ſie marterſt. Sei doch um Gottes willen barmherzig.“ Meiſter Hiob wandte ſich um und bemerkte, daß Thränen über die Wangen ſeiner Ehegattin floſſen. „Thränen!“ ſagte er verdrießlich,„das iſt Alles, was Du kannſt. Es wird doch Nichts helfen. Höre auf Du wirſt morgen noch Thränen genug nöthig haben..... Gott, mein armes Engelbertchen wird ſterben! Was hat es Böſes auf dieſer Welt gethan! Nichts, Nichts! Aber es iſt mein Kind, das iſt genug.“ Mutter Hiob erhob den Kopf und ſagte flehend unter Thränen: „Hiob, Du thuſt nicht recht. Ich höre und ſehe, daß Du die bitterſten Schmerzen leideſt. Laß mich ſprechen; ich werde Dich tröſten.“ „Mich tröſten?“ geſund gehen⸗ D ihres G ſie abe liebevr wir ha heit ni bruche Gipfel mattet Schm den, daß e hätte. alle Z und v geſun erwac men Spie! ein G Aber auße uns uns nuthigung eß ſich ſtill n Händen hen hatte, was kann t? Wenn inden hat, h; es ge⸗ ei doch um Thränen llles, was Du wirſt Gott, tes Böſes iſt mein end unter e, dß Du ich werde Mutter Hiob. Ach ja. Du irrſt Dich, Gott wird unſer Engelbertchen geſund werden laſſen.“ „Das ſah ich wol voraus. Nicht wahr, es wird ja beſſer gehen,“ murrte der Brauer mit bitterm Spotte. Die Frau bewältigte ihre Thränen und faßte die Hand ihres Ehegatten. Dieſer riß ſie verdrießlich aus der ihrigen; ſie aber ſchien auf dieſe Härte nicht zu achten und ſprach mit liebevollem Tone: „Höre mich einen Augenblick an und Du wirſt ſehen, wir haben Urſache, anzunehmen, daß Engelbertchens Krank⸗ heit nicht ſo ſchlimm ſei. Seit geſtern iſt das Fieber zum Aus⸗ bruche gekommen und iſt immer geſtiegen, bis es endlich den Gipfelpunkt ſeiner Heftigkeit erreicht hatte. Dann iſt das er⸗ mattete Kind in einen erquickenden Schlaf geſunken; ſeine Schmerzen haben abgenommen, ſein Athem iſt frei gewo'⸗ den, und es ruht nun ſchon drei oder vier Stunden, ohne daß es noch ein einziges Zeichen von ſeinen Leiden gegeben hätte. Das Fieber hat alſo ſeinen gewöhnlichen Gang ohne alle Zufälle verfolgen können. Es hat ſeine Kraft verloren, und von dieſem Augenblicke an wird Engelbertchen anfangen, geſund zu werden. Sei nicht ſo betrübt; wenn das Kind erwacht, wirſt Du ſehen, daß es wieder ganz zu ſich gekom⸗ men ſein wird. Morgen wird es vielleicht ſchon nach ſeinem Spielzeug rufen. Ich fühle wol, ich, die Mutter, welch ein Schlag Dein väterliches Herz getroffen haben muß. Aber Hiob, Du täuſcheſt Dich. Die Gefahr, welche Dich ſo außer Faſſung gebracht hat, iſt nicht vorhanden. Gott iſt uns gnädig geweſen, er wird Engelbertchen leben laſſen, um uns in unſerm Unglücke zu tröſten.“ 86 Mutter Hiob. „Ah, Du bekennſt alſo doch einmal, daß wir unglück⸗ lich ſind.“ „Wie ſoll ich es ihm ſagen?“ ſeufzte Mutter Hiob. Die Hausmagd ſteckte ihren Kopf durch die Thüre. „Nun, was willſt Du?“ ſchrie Meiſter Hiob.„Wer ruft Dich, Unverſchämte! Fort, die Thüre zu!“ „Meiſterin,“ ſprach die Magd,„ich bin zum zweiten Male beim Dyetor geweſen, er iſt noch nicht zurück gekommen.“ Als der Brauer einen Schritt vorwärts that und der Magd drohte, zog dieſe den Kopf zurück und verſchwand. Das Kind war endlich von all dieſem Geräuſche in ſei⸗ nem tiefen Schlafe geſtört worden und erwacht, und rief nun mit ſchwacher Stimme!„Vater! Vater!“ Dieſer Ton zwang Meiſter Hiob wider Willen zu einem Ausruf der Freude, und er ſprang nach dem Bette. Da verſetzte eine ſeltſame Bewegung des Kindes ihn in einen tödtlichen Schrecken. Während Engelbert die Worte der Liebe ſtammelte, bewegte er die Hand über der Decke und ſchien umhertaſtend nach ſeinem Vater zu ſuchen. „Gott, blind blind!“ heulte Meiſter Hiob vor Schrecken zitternd und die Hände des Kindes krampfhaft drückend.— Dann ſprang er zurück, lief mit erhobenen Armen durch die Kammer, raufte ſich das Haar aus und entlud ſeine über⸗ füllte Bruſt durch allerlei Ausrufe des Zornes und der Ver⸗ zweiflung. Seine Frau, welche bei Engelberts Erwachen eiligſt das Fläſchchen mit dem labenden Tranke ergriffen hatte, kam nun zu ihrem Manne, und indem ſie mit tiefgefühltem Mitleid den Arm um ſeinen Hals legte, ſprach ſie: 2 ſehen Es iſt Nichts „ Krank Geſich ſo unl Auger blicke zu wi ſetzen morg ich n trau auf auf verſ wo ihre unglück⸗ iob. üre. Wer ruft ten Male men.“ und der amn. e in ſei⸗ rief nun einem te. Da neinen orte der ecke und chrecken — urch die e über⸗ er Ver⸗ eiligſt hatte, ühltem Mutter Hiob. „Aber Hiob, wie kannſt Du ſo handeln, Alles ſchwarz ſehen und Dich ſelbſt unglücklich machen, wie ein Märtyrer. Es iſt nicht wol gethan von Dir; das Blindſein hat ja Nichts zu bedenten.“ l, das hat Nichts zu bedeuten!“ ſchrie er. iſt eine Folge der Entzündung. Wenn die Engelbertchens „Himme „Aber, es Krankheit verſchwindet, dann kommt auch Geſichtwieder, und die Blindheit iſt vorüber. Dein Schmerz, ſo unbegründet er auch iſt, preßt mir die Thränen aus den Augen. Komm, ſetze Dich nieder und laß Dein Gemüth ruhig werden. Sei verſichert, Hiob, es wird morgen wol beſſer gehen.“ „Schon wieder!“ rief der Brauer. Der tröſtende Spruch, den ſeine Ehegattin in Augen⸗ blicken des Kummers und der Widerwärtigkeiten oftmals zu wiederholen pflegte, ſchien Meiſter Hiob in Zorn zu ver⸗ ſetzen, ſo oft er ihn hörte. „Blind, blind!“ murmelte er,„blind..... und es wird morgen wol beſſer gehen.... weg, laß mich in Ruhe, ich will allein ſein. Rede mich nicht mehr an; laß mich trauern.“ Und bei dieſen Worten lief er an das Bette, ſetzte ſich die Hand des Kindes, ließ den Kopf auf den Stuhl, ergriff d blieb in ſtummem Gram auf die Bruſt niederſinken ur verſunken. Roſina, welche dem Auſtritte weinend, aber ſtill gefolgt war, erhob ſich, näherte ſich ihrer Mutter und den Kopf an ihre Bruſt lehnend, ſagte ſie faſt unhörbar: 88 Mutter Hiob. „Arme Mutter, wie fanr wie unglücklich Du doch biſt!“ „Es wird wol vorübergehen, Roſina,“ antwortete die ge⸗ duldige Frau,„Deines Vaters Gram wird ſich legen! „Wirſt Du nun nicht von Hugo ſprechen?“ fragte das Mädchen bittend. Mutter Hiob ſchüttelte den Kopf. „Bedenke nur einmal;“ fuhr Roſina fort Stadt in Furcht und S blick, welcher verläuft, der Leiden.“ „In der That!“ rief M Wohlan! Gott verleihe mir „wie er in der chrecken ſitzt und bebt. Jeder Augen⸗ iſt für ihn eine Hölle der Angſt und utter Hiob;„ich muß, ich muß. die nöthige Kraft...... Und als hätte ſie einen feſten Entſchluß gefaßt, erhob ſie die Stimme und ſprach zu ihrem Manne: „Hiob, ich muß Dir etwas Wichtiges mittheile „Laß mich in Ruhe,“ murrte d rühren. „Du wirſt mich anhören,“ fuhr ſie fort.„Es gilt die Freiheit und die Ehre Deines Hugv.“ Sie erhielt noch keine Antwort. „Wenn Du Dich weigerſt, mich anzuhören, wird Hugo wie ein Dieb ergriffen und ins Gefängniß geführt werden,“ ſagte ſie mit betrübtem Tone. „Aber was ſagſt Du da Alles?“ glaube, Du biſt von Sinnen.“ „Ich wiederhole es Dir. Höre mich an, Sohn wird morgen von den Ge nung geholt. er Brauer, ohne ſich zu rief ihr Mann;„ich oder Dein nsdarmen aus ſeiner Woh⸗ Zweifle nicht daran, ich rede die Wahrheit.“ iſt Du Dieſes ertragen! Ach, 2 getro Auge Spric Fluch ter. ſitzt n Ruhe ewig 5 und w was g terſt Z lich od M gatten aus ih . beſeiti Sohn daß D Al den B reitend das P von de ch die ge⸗ 7„ „ gte das rin der Augen⸗ gſt und h muß. hob ſie ſich zu ilt die Hugo den,“ „ich Dein Voh⸗ eit. Mutter Hiob. 89 Meiſter Hiob, der wie von einem gewaltigen Schlage getroffen war, ſprang auf und ſah ſeine Frau mit ſtarrem Auge und bebenden Lippen an. „Habe ich recht gehört?“ rief er. „Hugv, mein Sohn, ins Gefängniß! Hugo ein Dieb! Sprich, ſprich! Alles muß mich zerſchmettern! Es liegt ein Fluch auf mir ſeit meiner Geburt!“ „Du machſt es ſchon wieder zu arg,“ ſtammelte die Mut⸗ ter.„Hugo hat Niemand betrogen noch benachtheiligt, er ſitzt nicht in dem Gefängniß; aber wenn Du mich nicht mit Ruhe anhören willſt, ſo wird die Schande ihn vielleicht für ewig treffen.“ „Anhören! Ich ſtehe hier in der Hölle der Ungeduld und warte und bitte und flehe, daß Du mir ſagen mögeſt, was geſchehen iſt, und wie eine grauſame Peinigerin mar⸗ terſt Du mich mit Deinen unklaren Worten. Sprich deut⸗ lich oder ich falle vor Deinen Füßen nieder.“ Mutter Hiob ließ ſich durch die Vorwürfe ihres Ehe— gatten nicht außer Faſſung bringen. Sie zog ein Papier aus ihrem Buſen und ſagte ruhig: „Das Unglück iſt allerdings groß, doch fönnen wir es beſeitigen. Du biſt Vater, und es iſt Deine Pflicht, Deinen Sohn zu retten, wenn es Dir möglich iſt. Zeige nun, Hiob, daß Du Mann biſt und den Unglücksfall wagſt.....* Aber der Brauer ſtampfte mit fieberhafter Ungeduld auf den Boden. Es war ihm unmöglich, das Ende der vorbe⸗ reitenden Rede ſeiner Frau anzuhören. Vermuthend, daß das Papier, welches ſie in der Hand hielt, die Aufklärung von dem angekündigten Unglücke enthalte, ſprang er plötzlich Mutter Hiob. 90 auf und ergriff Hugo's Brief— Mutter Hiob ſtieß einen Schrei aus und machte eine Bewegung, um das Papier wie⸗ meit der aus ſeiner Hand zu nehmen; aber er lief an ein Fenſter weß und begann das unheilverkündende Schreiben zu leſen. urth 16 Seine Ehegattin und Roſina hielten zitternd die Augen Soh auf ihn geheftet. Sie ſahen, wie er die Fauſt gegen den heit Körper preßte und ſich zornig auf die Bruſt ſchlug; ſie hör⸗ bevv ten ein heiſeres Röcheln aus ſeiner Bruſt aufſteigen und Ver⸗ das wünſchungen ſeinen Lippen entfallen. wen Endlich riß er den Brief wüthend in Stücke und trat daß die Ueberbleibſel mit Füßen; dann berührte er, ſei es durch mein Zufall oder in allzuheftigem Zorne ein Waſchbecken ſo ge⸗ iſt ei waltig mit der Hand, daß es in Scherben zu Boden fiel. nicht „Dreißigtauſend Francs!“ rief er.„Dummkopf! lächer⸗ n licher Narr! Der läßt ſich wie ein Kind betrügen! Ja ja, Mutter Hiob, Dein Sohn mußte Kaufmann werden; da haſt Gela Du es nun. Es wird wol beſſer gehen, nicht wahr, wenn Engelbertchen todt iſt; wenn wir Alle betteln gehen müſſen; der wenn Hugo Hiob unter den Dieben in dem Gefängniß ſitzt; Geſe wenn wir im Elende vor Schande und Schaam vergehen. Der Tölpel, er hat nicht mehr als er verdient. Dreißigtau⸗ ſonn ſend Franes! Und Du wagſt zu ſagen, daß wir das Un⸗ glück beſeitigen könnten. Was meinſt Du denn, das wir Zeit thun ſollen?“ Du „Das erforderliche Geld zu erhalten ſuchen und Hugo zwiſc retten,“ antwortete die Frau. das c „Du biſt von Sinnen. Wo wirſt Du dreißigtauſend Franes finden?“ „Man wird ſie uns auf unſer Beſitzthum leihen.“ leidei ß einen ier wie⸗ Fenſter en. Augen gen den ſie hör⸗ ndVer⸗ nd trat es durch ſo ge⸗ iel. lächer⸗ Ja, ja, da haſt , wenn müſſen; iß ſitzt; rgehen. ißigtau⸗ das Un⸗ das wir d Hugo tauſend leiden, unglücklich ſind und Deiner Hilfe bedürfen. Das iſt Mutter Hiob. 91 „Ah, ah,“ höhnte Meiſter Hiob mit bitterm Spotte.„Du meinſt, daß ich Dich und mich, Roſina und Engelbert— wenn er wieder geſund werden ſollte— zum Bettelſtab ver⸗ urtheilen ſoll, um einem unvernünftigen und unverſtändigen Sohn aus einer Noth zu helfen, in welche ſeine eigene Thor⸗ heit ihn geſtürzt hat, und daß ich mich von Allem entblößen ſoll, bevor ich zur Ruhe eingehe? Nein, nein, ſage was Duwillſt, das wird nicht geſchehen. Gewiß, es iſt eine Schande für uns, wenn Hugo ins Gefängniß gebracht wird; aber glaube nicht. daß ich ſeinetwegen meine anderen Kinder enterbe. Er iſt mein Sehn, darum muß er leiden und unglücklich ſein. Es iſt ein Verhängniß, dem Alles, was den Namen Hiob trägt, nicht entgehen kann..... und überdies iſt es ſeine Schuld — mag er darum auch büßen.“ Mutter Hiob trat näher zu ihrem Mann und ſagte mit Gelaſſenheit: „Hiob, Du haſt vielleicht recht. Gewiß, alle unſere Kin⸗ der müſſen uns gleich theuer ſein, wenigſtens ſcheint es das Geſetz der Natur ſo zu wollen..... 3 „Du gibſt mir recht, welche neue Liſt haſt Du auser⸗ ſonnen?“ „Ach, keine Liſt. Sei doch gut, um Gottes willen. Die Zeit iſt ſo koſtbar, Du biſt Vater und als ſolcher mußt Du nach dem wahren Geſetze der Natur einen Unterſchied zwiſchen Deinen Kindern machen, nnd das eine mehr als das andere lieben..... „So! Du meinſt wol den einfältigen Hugo?“ „Du mußt ſie Alle in dem Maße lieben, in welchem ſie 92 Mutter Hiob. das Gefühl der Gerechtigkeit und der Liebe, welches der urb 1 Schöpfer in das Hetz der Eltern gelegt hat. Hugo liegt ge⸗ Ma beugt unter dem ſchrecklichſten Lvoſe, welches einen Mann ſine nur treffen kann. Sieh, ſeinen guten Namen, ſeine Freiheit, auf Alles will man ihm rauben— Du verurtheilſt ihn als einen hei 5 Schuldigen; er iſt ſchuldlos. Der größte Verſtand kann ſo zu durch Verrath betrogen werden. Sein Brief die edle, innige zu Klage einer liebevollen Seele hat Dir keine Thränen abge⸗ find preßt; er machte Dich nur zornig. Ach Hiob, warum willſt ſchy Du böſe ſcheinen? Wenn ich Dich nicht beſſer kennte, ſo würdeſt Du mich glauben machen, daß Du kein Herz be⸗ Bo ſäßeſt. Aber Dumagſt ſagen, was Duwillſt ich weiß, daß Du gut und großmüthig biſt und jetzt ſchon zur Rettung unſeres rett armen Hugo einen Entſchluß gefaßt haſt und müßte ſie uns Ma noch viel mehr koſten, als jetzt verlangt wird.“ ach „Diesmal nicht, o diesmal nicht,“ murrte der Brauer. Ach „Siehſt Du, Hiob, ich bin beim Notar geweſen, er iſt gib ausgefahren, um dreißigtauſend Franes auf unſere Güter zu ſob leihen.“ „Aber mit den Renten, mit welchen ſie ſchon belaſtet ſind, ver ſind ſie kaum noch ſo viel werth. Willſt Du denn, daß ich die Brauerei verlaſſen und mit Euch Allen mein Brod er⸗ un betteln ſoll.“ „Nein, nein, die Berechnung iſt gemacht; unſere Be⸗ flel ſitzungen werden außerdem noch einen freien Werth von un⸗ gefähr zehntauſend Franes behalten. Es iſt allerdings wahr, um daß wir allein an Zinſen jährlich mehr, als zweitauſend fen Franes aufzubringen haben; aber mit Gottes Hülfe, mit Ta Geduld und Sparſamkeit werden wir uns doch ſchon durch⸗ ſes der egt ge⸗ Mann reiheit, s einen kann ſo innige wabge⸗ nwillſt nte, ſo er da — e⸗ u unſeres ſie uns S mer. „er iſt üter zu et ſind, daß ich rod er⸗ re Be⸗ on un⸗ wahr, auſend e, mit durch⸗ Mutter Hiob. 93 arbeiten und auf beſſere Zeiten hoffen. Ich werde eine Magd entlaſſen und ſelbſt die Hausarbeiten verrichten; Ro⸗ ſina wird das Vieh verſorgen helfen; Du wirſt mehr Sorge auf die Brauerei verwenden..... und was uns dann noch heimſuchen möge, in der Ueberzeugung, unſerePflicht gethan zu haben, werden wir leben und arbeiten, und in der Liebe zu unſerm unglücklichen Sohne werden wir Muth und Kräfte finden, um mit Vertrauen, vielleicht mit Wohlbehagen unſere ſchwere Aufgabe in dieſer Welt zu vollbringen.“ Meiſter Hiob ſchien betroffen; ſeine Augen, die er zu Boden gerichtet hielt, glänzten vor Rührung. „Und Hugo wird gerettet ſein,“ rief ſeine Ehegattin,„ge⸗ rettet durch ſeines Vaters Güte. Du wirſt ihm zum zweiten Male das Leben geſchenkt haben; er wird Dich lieben, ehren, achten als das Bild der göttlichen Vorſehung auf Erden. Ach, lieber Mann, ſage mir, daß Du Deine Zuſtimmung gibſt, daß Du die Schuldverſchreibung unterzeichnen wirſt, ſobald der Notar zurückkommt.“ Ein plötzlicher Schrecken ergriff den Brauer und er rief verzweiflungsvoll: „Unterzeichnen? Meinen Untergang? Die Armuth von uns Allen?“ Roſina ließ ſich knieend vor ihrem Vater nieder und flehte: „O Vater, rette meinen armen Bruder, ſei nicht beſorgt um mich; ich werde arbeiten wie eine Dienſtmagd, Dir hel⸗ fen, Dich lieben, bei Dir bleiben bis an das Ende Deiner Tage, Dich tröſten, für Dich arbeiten, Dir dankbar ſein für Deine Güte; aber zögere nur nicht länger ſeibarmherzig..... ——————— Mutter Hiob. und möge dann kommen, was da wolle, ſelbſt die bitterſte Armuth, ich werde mein Loos mit dem Gedanken ſegnen, daß Gott Dich und uns alle im Himmel für unſere Liebe beloh⸗ nen wird.“ Wie überwältigt von dieſen letzten Worten ſchüttelte der Brauer ſtillſchweigend den Kopf. Ohne Zweifel war er be⸗ reit ſeine Zuſtimmung auszuſprechen; wenigſtensſtrahlten die Augen ſeiner Ehegattin vor Freude, als ſie ihm mit keuchen⸗ dem Buſen das erflehte Jawort aus dem Munde abſah. In dieſem Augenblicke wurde an der Thüre gepocht; Ro⸗ ſina ſtand auf und näherte ſich ihrer Mutter. „Ah, da iſt der Notar mit dem Gelde,“ rief dieſe erfreut. Aber das Geſicht des Herrn Styns ſchien, als er ein⸗ trat, ihren hoffnungsvollen Ausruf nicht zu rechtfertigen. Meiſter Hiob ſprang zuerſt auf und fragte in höchſter Auf⸗ regung: „Ihr habt die dreißigtauſend Franes gefunden, nicht wahr?“ „Unglücklicherweiſe nicht, war die Antwort. Der Herr Bres von dem Grünhofe hat geſtern ſein Geld auf Hypothek ausgeliehen.“ „Ach Gott, ach Gott!“ rief die erſchrockene Mutter. Meiſter Hiob preßte die Zähne mit Ingrimm auf ein⸗ ander, ſtampfte auf den Boden und ſchrie: „Ich dachte es wol, Hugo iſt mein Sohn, und Alles muß mir entgegenwirken..... Aber Notar, es muß Euch doch leicht ſein, das Geld zu ſinden, es iſt Euer Geſchäft.“ „Ja Freunde, das iſt wol einigermaßen wahr, aber eine zweite die S ich a leicht Verka Sohn unden 6 Thrär bin ei Er iſt wo er getha ich fü „ was r unbeg 9 ſina's „ terem was mein Schic * S S und r rathe itterſte n daß beloh⸗ te der er be⸗ en die ichen⸗ ;Ro⸗ dieſe ein⸗ igen. Auf⸗ nicht Herr othe ein⸗ muß doch Mutter Hiob. 95 zweite Verſchreibung erfordert viel Hin⸗ und Herlaufen, und die Sache geſtattet keinen Verzug. Ich wünſchte nur, daß ich augenblicklich nach der Stadt fahren könnte. Viel⸗ Kicht aber Ihr wißt es, dieſen Morgen habe ich den Verkauf in dem Sterbehauſe des Pachters Lvelof.“ „Und wenn auch, was hindert das denn? Schickt Euren Sohn Gabriel nach der Stadt. Er iſt ja bekannt genug, und man wird ihm ſchon Vertrauen ſchenken.“ „Mein Sohn Gabriel!“ ſeufzte der Notar, während Thränen in ſeine Augen traten.„Ach, Freund Hiob, ich bin ein unglücklicher Vater; mein Gabriel iſt verſchwunden. Er iſt aus dem elterlichen Hauſe gelaufen. Niemand weiß, wo er iſt; ſeine Mutter hat ſeit vier Tagen nichts Anderes gethan, als geweint— und ich? ich verliere meinen Muth, ich fühle, daß ich krank werde...... „Schon wieder etwas Neues!“ rief der Brauer.„Gott, was wird uns noch treffen! Was ſind die Urſachen dieſer unbegreiflichen That? Warum iſt Gabriel geflohen?“ Niemand antwortete; nur die peinlichen Seufzer Ro⸗ ſina's unterbrachen die Stille. „Warum? Warum?“ rief dann Meiſter Hiob mit bit⸗ terem Spotte.„Weil Roſina meine Tochter iſt, weil Alles, was meinen Namen trägt oder Einen der Unſrigen liebt, mein Unglück theilen muß. Freund Styns, o beklage mein Schickſal. Es liegt ein Fluch auf mir.“ Seine Tochter flog ihm mit einem Schrei um den Hals und rief mit herzergreifendem Tone: „Ach nein, Vater. Gabriel glaubte, daß ich ihn ver⸗ rathen wollte, daß ich wünſchte, mich mit dieſem Wal⸗ 5 96 Mutter Hiob. ter zu verheirathen, der meinen Bruder unglücklich ge⸗ macht hat!“ „Wer hat das geſagt? Welche Läſterzunge hat dieſe Verleumdung ausgeſprochen?“ rief der Brauer ergrimmt aus.„Hätte ich ihn in meinen Händen, ich weiß nicht, ob ich ihm nicht den Kopf einſchlüge. Meine Roſina ſo beſchuldi⸗ gen, ihren guten Namen beflecken! Und wer hat das geſagt?“ „Nun, nun, beruhigt Euch, Freund Hiob,“ ſprach der Notar.„Laßt dieſe Angelegenheit jetzt bei Seite; laßt uns lieber auf Mittel ſinnen, um Hugo zu retten.“ „Nein, nein, ich will den Ehrenräuber kennen.“ „Nun denn,“ verſetzte der Notar,„Gabriel ſelbſt hat es geſchrieben. Ihr kennt ihn, er liebte Roſina ſo ſehr, daß der geringſte Schein ihn bis zum Tode betrübte. Seine Phantaſie hat ihn irregeleitet. Ihr müßt ihm vergeben.“ „Schein, Schein! was Schein?“ rief Meiſter Hiob mit den Füßen ſtampfend.„Euer Sohn iſt ein Unverſchämter, wenn erſich noch einmal unter meinen Augen ſehen läßt..... Aber es iſt wahr, wir ſind arm, man darf uns ungeſtraft ver⸗ ſpotten und verachten.“ Schon verkündete das Antlitz des Notars, daß in ſeiner Bruſt auch ein Gefühl der Entrüſtung aufwallte. Aber der flehende Blick und die gefalteten Hände, welche Mutter Hiob zu ihm empor gerichtet hielt, ließen ihn mitleidsvoll ſeine Aufregung bezwingen.“ „Es mag ſo ſein,“ ſprach er,„Gabriel hat nicht recht“ gethan. Ich habe wenig Zeit und muß wegen dringender Geſchäſte nach Hauſe. Heute Nachmittag, wenn der Ver⸗ kauf abgelaufen iſt, werde ich nach der Stadt fahren und verſuch Rettun meiner Wunſe Hoffnr ſichtige theilen die Urt ſehen, erwägt ausfint ſchafts ſofort; ich Ni Verlie Nun, Nachri M „A 3 bleiber verbor Tochte nehme wollen ten ſti blick d ſagen, Mu at dieſe grimmt cht, ob ſchuldi⸗ eſagt?“ rach der aßt uns that es r, daß Seine geben.“ iob mit hämter, ſeiner ber der rHiob ll ſeine t recht gender erVer⸗ nund Mutter Hiob. 97 verſuchen, ob ich irgendwo Hülfe finden kann, welche zur Rettung Hugos hinreicht. Hätte ich eine ganze Woche zu meiner Verfügung, ſo würde es mir wahrſcheinlich nach Wunſch gelingen. Aber nun darf ich Euch nicht zu viel Hoffnung machen. Wenn der Geldverleiher Eure Güter be⸗ ſichtigen will, um den Werth des Unterpfandes zu beur⸗ theilen, dann können noch mehrere Tage vergehen, bevor die Urkunden ausgefertigt ſind. Ich will Hugo beſuchen und ſehen, ob ſein Fall nicht zu verſchieben iſt. Denkt nach und erwägt gemeinſchaftlich, ob Ihr keine zuverläſſigen Mittel ausfindig machen könnt, ob Niemand von Eurer Verwandt⸗ ſchaft Mittel genug beſitzt um Euch den erwünſchten Dienſt ſofort zu erweiſen Uebrigens könnt Ihr verſichert ſein, daß ich Nichts verſäumen und mein Möglichſtes thun werde. Verliert daher bis zu meiner Rückkunft den Muth nicht. Nun, bis heute Abend. Vielleicht bringe ich Euch gute Nachricht.“ Meiſter Hiob ging mit dem Notar nach der Thüre. „Ach, bleib doch hier,“ bat ſeine Ehegattin. „Nein, nein,“ antwortete er biſſig,„das kann nicht ſo bleiben. Ich will wiſſen, was unter der Flucht des Gabriel verborgen liegt. Wie? Man will den guten Ruf meiner Tochter beflecken, und ich ſollte es, wie ein Bube, ruhig hin⸗ nehmen. Das wollen wir doch ſehen. Wohlan, Avtar, wir wollen es unter uns Beiden abmachen. Und mit dieſen Wor⸗ ten ſtieß er die Thür hinter ſich zu;— aber einen Augen⸗ blick darauf hörte man wieder ſeine Stimme. „Kommt, Doctor, kommt,“ ſagte er,„Ihr werdet mir ſagen, ob ich hoffen oder fürchten muß. Aber mit Auftichtig⸗ Mutter Hiob. 7 98 Mutter Hivb. keit nicht wahr? Schonet mich nicht; denn ich weiß, daß immer nur das Schlimmſte mein Lvos ſein kann.“ Der Arzt war ein Mann von kleiner Geſtalt, ganz ſchwarz gekleidet und mit einer angenommenen Miene, ernſt, traurig, gefühllos und kalt. Er näherte ſich mit gemeſſenen Schrit⸗ ten und geheimnißvoller Stille dem Bette des Kindes, fühlte nach ſeinem Puls, unterſuchte ſeine Zunge und horchte auf ſeinen Athem. Mutter Hiob hatte den Kopf aufgerichtet und beobachtete des Doetors Angeſicht, um zu ſehen, ob ſie keine Bewegung auf demſelben wahrnehmen könne. Sie blieb ruhig ſitzen. „Nun, was muß ich befürchten?“ fragte Meiſter Hiob, nachdem er einige Zeit gewartet hatte. Der Doctor ſchwieg. „Sprecht, unmenſchlicher Peiniger!“ rief der Brauer vor Ungeduld zitternd. Statt aller Antwort zuckte der Arzt die Achſeln und ſchüttelte bedenklich den Kopf. „Ach, nicht wahr, es wird ſterben?“ rief der erſchrockene Vater. „Das ſage ich nicht,“ murmelte der Doctor. „Aber um Gottes willen, was ſagt Ihr denn?“ „Es kann ſterben, Alles iſt möglich, aber..... „Ach, mein armes Engelbertchen! Nun iſt mir Alles gleichgültig; will der Himmel ſelbſt auf mich niederſtürzen, ich bin bereit.“ „Es kann noch geſund werden,“ fügte der Doctor ſeiner erſten Bemerkung hinzu. „Es kann ſterben, es kann geſund werden,“ wiederholte Meiſter dürften des ſtel oder n wiſſen Sieg Kriſis mäßige „ „A erſchöp machtli Pulsſe werden 52 Kind. 72 D mit de zweiflu Ehega 52 Doctor die ich wie me darf. iß, daß ſchwarz traurig, Schrit⸗ s, fühlte chte auf bachtete wegung ſitzen. r Hiob, Brauer ln und rockene „ Alles türzen, ſeiner rholte Mutter Hiob. Meiſter Hiob ärgerlich,„Hdas weiß der dümmſte Bauer. Ihr dürft mit einem Vater, welcher am Sterbebette ſeines Kin⸗ des ſteht, keinen Spott treiben. Wird es geſund werden oder wird es unterliegen? Das iſt es, was ich von Euch wiſſen will.“ „Gott weiß es. Die Natur kann zurückwirken und den Sieg davon tragen. In dem Zuſtande des Kindes iſt eine Kriſis eingetreten. Bis jetzt hat die Krankheit einen regel⸗ mäßigen Verlauf genommen, aber, ber „Was für aber?“ „Aber es kann zurückfallen; die Natur kann ihre Kräfte erſchöpſt haben und gegen die allgemeine Abſchwächung zu machtlos ſein. Wenn alsdann die Lebensſäfte durch den. Pulsſchlag des Herzens nicht mehr durch den Körper geleitet werden können, dann..... 4 „Dann?“ „Dann füllen ſich die Glieder mit Waſſer und das Kid „Stirbt!“ „Wie Ihr ſagt.“ Der Brauer that einen durchdringenden Schrei und lief mit dem Kopfe gegen die Wand, als wollte er ſich vor Ver⸗ zweiflung den Schädel zerſchmettern. Seine unglückliche Ehegattin ſprang auf erhob die Arme und rief wehklagend: „Mutter ſein und dieſes Alles ſehen und hören müſſen! Doctor, Doctor, warum vergeßt Ihr, daß ich hier bin, ich, die ich es mit meiner Milch genährt habe? Ich, die ich fühle, wie mein Herz vor Wehmuth bricht. und nicht weinen darf. O, Ihr ſeid unbarmherzig. Widerruft Eure ſchreck⸗ 7* ———— ———— 100 Mutter Hiob. liche Prophezeiung. Ihr ſelbſt habt geſagt, daß es Gott allein weiß; warum ſprecht Ihr denn ein Urtheil über das Kind in Gegenwart ſeiner Mutter?“ Mit der vorigen Kälte entgegnete der Arzt: „Frau, ich antwortete auf die Frage Eures Mannes, aber Keiner von Euch Beiden hat mich begriffen. Warum unterbricht Euer Ehegatte meine Rede. Ihr glaubt, daß ich Euch etwas Böſes vorausſagen werde;— im Gegen⸗ theil.“ Meiſter Hiob eilte herbei, ſchaute den Doetor verdrieß⸗ lich und beſtürzt an und rief: „Wie, im Gegentheil? Wird es geſund werden?“ „Das ſage ich auch nicht. Die Wahrheit iſt, daß ſich das Kind nicht ganz außer Gefahr befindet. Morgen werde ich Euch mit mehr Grund, jedoch nicht mit Sicherheit, ſagen können, was Ihr hoffen dürſt.“ Während er dies ſprach, ſchrieb er Etwas in ſein Tage⸗ buch; er riß das beſchriebene Blatt heraus, legte es auf das Nachttiſchchen und ſagte, indem er nach der Thüre ging: „Alle Stunden einen Theelöffel voll, und wenn das Kind Durſt hat, Gerſtenwaſſer. Morgen muß ich ſehr früh ausfahren, um einen reichen Kranken in der Stadt zu be⸗ ſuchen. Ich werde hier vorbeikommen. Haltet das Kind warm, daß weder ein Zug von der Thüre noch vom Fenſter es berühren kann. Bis Morgen...... Meiſter Hiob ſah dem Doector nach, bis er aus der Kam⸗ mer war; dann begann der ungeduldige Mann ſich die Haare auszuraufen, zu murren und zu klagen und Verwünſchungen auszuſtoßen. Seine Frau verſuchte ihn anfangs noch zu tröſten ihren lief in Verzw Haupt men 2 A ſtrebun auf ih nes E die Au wie ei ließ ſi ohne e maß i N erhob auf, i klärt zu ſich C Schre leidig größte wahnf der in das Y es Gott iber das Mannes, Warum bt, daß Gegen⸗ erdrieß⸗ n?“ daß ſich n werde it ſagen in Tage⸗ auf das ing: enn das ehr früh t zu be⸗ as Kind Fenſter er Kam⸗ Haare chungen noch zu Mutter Hiob. 104⁴ tröſten, obgleich ſie ſelbſt vor Erſchöpfung kaum noch auf ihren Füßen zu ſtehen vermochte. Aber er ſtieß ſie zurück. lief im Zimmer hin und her und überließ ſich der äußerſten Verzweiflung. Roſina ſaß noch weinend und mit geſenktem Haupte da. Sie ſchien nicht Acht zu geben auf die ungeſtü⸗ men Bewegungen ihres Vaters. Als Mutter Hiob erkannte, daß ihre liebevollen Be⸗ ſtrebungen Nichts fruchteten, warf ſie einen thränenden Blick auf ihre trauernde Tochter, betrachtete mit Schmerz ihr klei⸗ nes Engelbertchen, faltete die Hände zuſammen und erhob die Augen gen Himmel. Nachdem ſie eine Weile regungslos wie ein ſteinernes Bild in dieſer Stellung verharrt hatte, ließ ſie ſich in der Ecke auf einem Stuhl nieder und ſank ohne einen Laut zuſammen, gleich, als wäre ſie dem Ueber⸗ maß ihrer Betrübniß erlegen. Nachdem ſie aber kaum einige Minuten dageſeſſen hatte, erhob ſie plötzlich den Kopf und blickte mit heiterer Miene auf, ihre waren von dem Feuer der„ ver⸗ klärt und ſie bewegte die Lippen, als ſpräche ſie frohe Worte zu ſich ſelbſt. „Ihr Mann, der bei dem Anblicke ihrer Aufregung von Schrecken ergriffen wurde, näherte ſich ihr und ſagte mit⸗ leidig: „Ach, liebe Frau, beruhige Dich. Es wäre noch das größte Unglück, das mich treffen könnte! Wahrlich, es iſt zum wahnfinnig werden, nicht wahr?“ „O Himmel!“ rief ſeine Ehegattin mit dem Ausdrucke der innigſten Freude;„Gott hat mich erleuchtet, ich habe das Mittel gefunden.“ 102 Mutter Hiob. „Nein, nein, ſei ſtill und bleibe ruhig, Dein Geiſt iſt verwirrt— was ſollteſt Du gefunden haben?“ „Das Mittel zur Rettung Hugo's.— Verwirrt ſein?— Eine Mutter wahnſinnig werden, während alle ihre Kin⸗ der leiden und ihrer Hülfe bedürftig ſind! Nachher viel⸗ leicht! wer weiß es? Höre, ich werde Dich an Etwas er⸗ innern, was wir alle ſchon vergeſſen hatten. Vor acht Jahren war Hugo mit dem jungen Baron Van Hove, deſſen Vater das Kaſtell von Lindhout ſeit ſeiner Kindheit bewohnt, und mit noch einigen anderen Herren aus der Stadt auf der Jagd. Der Baron war ein beherzter Jüngling, er wagte ſich auf das Eis in der Mitte des großen Teiches und fiel in das Waſſer. Das Eis war noch ſchwach und brach unter den Füßen Der⸗ jenigen, welche dem Baron zu Hülfe eilen wollten. Ein Ein⸗ ziger wagte es, mit Lebensgefahr über das Eis zu kriechen und den Ertrinkenden bei den Haaren zu faſſen und oben zu halten. Dieſer war Hugo. Er fiel ebenfalls ins Waſſer und ſchwebte in Todesgefahr; aber man kam mit Leitern zur Hülfe und Beide wurden gerettet. Hugo blieb vierzehn Tage im Bette liegen und machte eine gefährliche Krankheit durch. — Du weißt doch, wie der Vater des Barons uns allerlei Dienſtleiſtungen anbot und uns bat, ihm zu geſtatten, uns oder Hugo zu belohnen. Wir ſchlugen damals Alles aus, weil es uns an Nichts gebrach. Aber jetzt— nun gehe ich zu ihm, um von ihm den Preis für Hugo's Leben zu fordern, ihn zu bitten, daß er nns das nöthige Geld leihe und Den⸗ jenigen vor der Schande rette, der einſt ſeinen Sohn vor einem ſichern Tode bewahrt hat.“ „Der junge Edelmann, welchem Hugo auf dem Eiſe zu Hülfe wovor Baro Meiſt ſchen Muth das 2 mit 2 Kutſe in de G Eile dreiv ſina, Hugt den, es w Geiſt iſt ſein?— hre Kin⸗ her viel⸗ twas er⸗ tJahren zater das und mit er Jagd. hauf das Waſſer. en Der⸗ Ein Ein⸗ kriechen oben zu Waſſer itern zur ehn Tage eit durch. s allerlei en, uns lles aus, he ich zu fordern, nd Den⸗ ohn vor Eiſe zu Mutter Hiob. 103 Hülfe eilte, iſt ſeitdem geſtorben. Sein Vater wird das, wovon Du ſprichſt, ſchon lange vergeſſen haben. Barone! Barone! Erwarte keine Daukbarkeit von ihnen,“ murmelte Meiſter Hiob, indem er den Kopf ſchüttelte. „Ach, ſie haben ebenſo gut ein Herz, wie andere Men⸗ ſchen,“ rief ſeine Ehegattin.„Sprich ſo nicht, laß mich den Muth bewahren; ich vertraue auf Gottes Güte, die mir das Mittel offenbarte.“ „Es iſt eine gute Stunde von hier,“ bemerkte der Brauer mit Betrübniß,„und gerade jetzt iſt das Rad von unſerer Kutſchkarre gebrochen. Ueberall Widerwärtigkeiten, ſelbſt in den kleinſten Dingen.“ Seine Ehegattin war bereits damit beſchäftigt, in aller Eile ihre Kleider in Ordnung zu bringen. „Ich bedarf weder Wagen noch Pferd,“ ſagte ſie;„in dreiviertel Stunden werde ich den Weg zurücklegen.— Ro⸗ ſina, bleibe bei Engelbertchen.— Ach, der gute Einfall! Hugo wird gerettet ſein! Engelbertchen wird geſund wer⸗ den, und Gabriel zurückkehren. Ja, ja, habt nur Hoffnung, es wird noch beſſer gehen.“ Und indem ſie dieſe Worte ſprach, verließ ſie die Stube. V. Unter der Glut der Morgenſonne, welche ſengend über den Feldern brannte, eilte Mutter Hiob frohen Muthes vor⸗ wärts über den Pfad, der ſie durch das Korn und auf den Weg nach Lindhvut führen ſollte. Ihr Schritt war unge⸗ wöhnlich raſch, ſie ſchien eher zu laufen, als zu gehen... Keuchend vor allzu großer Haſt ſchaute ſie in die Fert nach den Bäumen oder Häuſern, welche ihren Weg beze 3 neten, und verſchlang ſo den Abſtand mit den Augen. Zu⸗ weilen bewegten ſich ihre Lippen und ſie ſprach im Gehen, vielleicht ohne ſich deſſen bewußt zu ſein: „Wenn ich laufen dürfte! Der Poſtwagen kommt dieſen Mittag vorbei..... Hugo würde das Geld noch dieſen Nachmittag haben..... Ach, warum kann ein Menſch nicht fliegen! Wenn ich zu ſpät käme.... Wie es heiß iſt; es wird heute noch ein Gewitter aufſteigen..... Die Sonne ſticht komm, komm, wenn Gott nur will, daß mein Plan gelingt! Ja, ja, er war es, der mir dieſen letzten Ver⸗ ſuch eingab..... In einer Stunde werde ich das Geld haben O, dann werde ich laufen, zurückkehren, in den Poſtwagen ſpringen, die Stadt erreichen und meinen armen Puso P Aerger „ D Menſe Eine Hiob zählen nigſter — St peinlic gegne! Da iſt ein Pf Thier . muß e ihr de . man d daß E Eure? wird? wird 2 chen! ſchreck d über s vor⸗ uf den unge⸗ dieſen ieſen nicht ſt; es onne mein Ver⸗ Geld nden rmen Mutter Hiob. 105 Plötzlich mäßigte ſie ihren Schritt. Ein Gefühl des Aergers zeigte ſich auf ihrem Geſicht, indem ſie zu ſich ſagte: „Himmel! da iſt die alte Pachterin, Katrien.“ Der Fußpfad durch das Korn war ſoeng, daß nicht zwei Menſchen an einander vorüber gehen konnten, ohne daß die Eine oder ſelbſt Beide auf die Seite traten; und da Mutter Hiob wol wußte, daß Katrien viel vom Reden und Er⸗ zählen hielt, ſah ſie mit Beklommenheit voraus, daß ſie we⸗ nigſtens einen Augenblick von ihr aufgehalten werden würde. — So gering der Zeitverluſt auch war, ſo war er ihr doch peinlich. „Seht, ſeht,“ rief die alte Bäuerin,„wem ich da be⸗ gegne! Geht Ihr nicht auf den Verkauf des Jan Loelof? Da iſt ein Wagen, der Euch dienlich ſein könnte, Ihr habt ein Pferd nöthig; Lvelofs Gaul iſt ein ſchönes und ſtarkes Thier ch ehabe keine Zeit, Katrien, laßt mich gehen. Ich — muß ein ſehr dringendes Geſchäft abmachen,“ ſagte Mutter Hiob flehend. Aber Katrien öffnete lachend die Arme und verſperrte ihr den Weg, indem ſie ſcherzend ſagte: „Nun, es brennt nirgends, ſo viel ich weiß. So rennt man doch an den Freunden nicht vorbei. Sagt, iſt es wahr, daß Gabriel, der Sohn des Notars, weggelaufen iſt, weil Eure Roſina ſich mit einem Herrn aus der Stadt verheirathen wird? Proficiat! Alles fällt zu Eurem Glücke aus; dann wird Roſina eine reiche Dame ſein. Und Euer Engelbert⸗ chen hat das Scharlachfieber, nicht wahr? Das iſt doch ſchrecklich. Morgen wird das Knäbchen des Bauern Thys —— — 106 Mutter Hiob. begraben; vor zehn Tagen lief es noch hinter den Kühen..... Nächſten Sonntag gibt Euer Mann der Gilde eine Tonne Bier zum Beſten... Der Küſter hat ein Gedicht auf die ſilberne Tabaksdoſe gemacht. Es kommt Etwas darin vor von einem Gotte Pebus auf einem Berge. O, es iſt ſo ſchön und ſo hoch, daß ſelbſt unſer Kobe mit all ſeinem Verſtande kein einziges Wort davon begreifen kann..... Iſt Euer Mann zu Hauſe? Wird er auf dem Verkaufe ſein? Wird er ſein Augenmerk auf den Wagen haben? Hat er Luſt, Während die geſchwätzige Bäuerin alle dieſe Fragen hintereinander und ſehr ſchnell ausſprach, machte Mutter Hiob eine Bewegung mit den Füßen, als wollte ſie durch dieſe ſcheinbaren Schritte ihre Einbildung betrügen und ihre Haſt beruhigen— ihre Geduld ging aber endlich aus, und ſich ſeitwärts durch das Korn drängend, um an Katrien vorbei zu kommen, ſagte ſie: „Um Gottes willen, haltet mich nicht länger aufz ver⸗ gebt es mir, Katrien. Ich werde heute Abend oder morgen früh zu Euch kommen. Dann werden wir über Alles in Freundſchaft plaudern.“ Die Bäuerin drehte ſich auf dem Pfade um, kreuzte die Arme über die Bruſt, ſah mit Erſtaunen der Brauerin nach und ſeufßzte: „Ich glaube, daß ſie einen Sonnenſtich weg hat. Sollte ihr Engelbertchen vielleicht geſtorben ſein? Seht ſie einmal laufen! Da ſteckt Etwas dahinter. Was mag es ſein? Ich werde nach Lvelofs Hof eilen; da finde ich Leute, die mir ſagen, was bei dem Brauer vorgefallen iſt.“ zurück entge hatte, wege von 2 dem Z und die L Seite ſie gl 2 aber Küſte entge meiſt um( zu H bat A ſein; ( ziehe laſſer ich n geſat Tonne auf die rin vor ſo ſchön rſtande ſt Euer Wird er Luſt, Fragen Mutter e durch en und ch aus, Katrien fz ver⸗ norgen lles in tzte die in nach Sollte einmal i mir Mutter Hiob. Mutter Hiob hatte wirklich ein großes Stück im Trabe zurückgelegt, ſowol um der Verfolgung der alten Katrien zu entgehen, als auch, um die koſtbare Zeit, welche ſie verloren hatte, wieder einzuholen. Ueberdies hoffte ſie, aus dem Feld⸗ wege auf die breitere Straße zu gelangen, ohne noch Jemand von Denjenigen zu begegnen, die ſich von allen Seiten nach dem Verkaufe begaben. Sie ſah ſchon das Ende des ſich ſchlängelnden Pfades und mäßigte ihre Schritte, um nicht durch zu große Haſt die Leute in Verwunderung zu ſetzen, welche ſich auf den Seitenwegen befinden konnten. Ihr Herz war froh, weil ſie glaubte, jedem weiteren Aufenthalte entgangen zu ſein. Noch einige Schritte, und ſie ſollte in das Korn gelangen; aber da erſchien plötzlich zu ihrem größten Schrecken der Küſter, der den Fußpfad betrat und mit froher Miene ihr entgegen kam. „Welches Glück, daß ich Euch begegne,“ rief der Schul⸗ meiſter jauchzend.„Ich wollte eben nach der Brauerei gehen, um Euch Etwas zu ſagen; aber Euer Mann iſt vielleicht zu Hauſe? Er darf es nicht hören.“ „Seid doch ſo gut, Küſter, und haltet mich nicht auf“ bat Mutter Hiob;„laßt mich gehen; ich werde Euch dankbar ſein; ach, ich habe ſolche Eile!“ Ein großes Blatt Papier aus ſeiner Taſche hervor⸗ ziehend, antwortete der Schulmeiſter: „Nein, nein, ich darf die Gelegenheit nicht vorübergehen laſſen. Ich habe ein Gedicht zu Ehren Hiobs gemacht. Hört, ich will es Euch vorleſen. Hundert Verſe ſind ſchnell her⸗ geſagt.“ 108 Mutter Hiob. „Ich kann nicht darauf hören, ich habe keine Zeit; meine Gedanken ſind anderswo. Ich bitte, laßt mich.“ Aber der Küſter hatte ſchon ſeine Brille aufgeſetzt und las mit dem Ausdrucke der Begeiſterung: O Phöbus, Dichter⸗Gott, von aller Kunſt die Sonn“, Ihr Muſen, Dreimaldrei, die wohnt auf Helicon, Wollt von dem Parnaßberg in meinem Buſen gießen Den Strom des kräft'gen Naß, das Hyppokren' läßt fließen! Leiht mir anf eine Stund' das wilde, edle Pferd Pegas, das Blitzesfener ſprüht auf ſeiner Fährt'. Es führe meinen Geiſt nach höherm Himmelskranze, Wo ich mich baden mag im Abendſonnenglanze! Ich ſing den ſtolzen Held, der ſchoß ſo manche Roſ', Das Kleinod dann gewann, die ſilbern' Tabaksdoſ“ Die Fam' beſchwingte Frau, mit hundert breiten Münden, Wird Kindeskindern noch des Helden Ruhm verkünden. Auch ſing' ich's edle Blut von unſerm Herrn Baron, Der dieſes Dorf beſcheint, wie eine milde Sonn' Ah, wo iſt ſie nun? Mutter Hiob! Mutter Hiob!“ Der Küſter ſah nach beiden Enden des Pfades, blickte in das Korn und ſchaute ſelbſt in die Höhe. „Wie eine Sonne! Wie findet Ihr das, Mutter „Was bedeutet das?“ murmelte er erſtaunt.„Sie iſt verſchwunden wie ein Rauch. Nun arbeite einen Tag und eine Nacht und ſpanne die Saiten deiner Leier ſo an, daß der Schweiß von der Stirne rinnt! Wie gefühllos die Menſchen für Pveſie geworden ſind! Wenn Orpheus aus ſeinem Grabe aufſtände, er würde in dieſem eiſernen Jahrhunderte die Bäume und Thiere nicht mehr rühren. Die Bauern ſelbſt würden ihm den Rücken kehren und davon laufen, wie Mutt gen. U men, dem 2 A Weg. noch! Nachf ſich m fort. was i als h ängſti wäre! auf ſ weige würd werde zwiſch die U bertch chen; Arme er lei birgt ich ve fühle meine tzt und ließen! nden, blickte Sie iſt gund ß der nſchen Frabe te die ſelbſt „wie Mutter Hiob. 109 Mutter Hiob es jetzt thut. Ich werde meine Harfe zerſchla⸗ gen. Es ſind doch nur Perlen für die Säue.“ Und mit innerem Aerger faltete er das Papier zuſam⸗ men, ſteckte es in die Taſche und begab ſich brummend nach dem Dorfe. Mutter Hiob trabte ſchon weit von da über den großen Weg. Die Befürchtung, daß ſolche Begegnungen ihrer noch warteten, hatte ſie troſtlos gemacht. Allmälig in tiefes Nachſinken verſinkend ließ ſie den Kopf hängen und ſchleppte ſich mit ſehr ſchnellen, aber zuweilen wankenden Schritten fort. Lange Zeit blieb ſie ruhig, ohne daß eine Miene Das, was in ihren Gedanken vorging, verrathen hätte. Bald aber, als hätte die Verzweiflung ſie überwältigt, ſeufzte ſie be⸗ ängſtigt: „Himmel, wenn der Baron Van Hove nicht zu Hauſe wäre! wenn ich ihn heute nicht ſprechen könnte. Wenn er auf ſeinem Hofe wäre und mir die verlangte Hülfe ver⸗ weigerte! Ach, dann wäre mein armer Hugo verloren, er würde von Gensdarmen geholt, in das Gefängniß geworfen werden und entehrt..... verurtheilt vielleicht! Er würde zwiſchen Dieben und Mördern leben, er, mein geliebter Sohn, die Unſchuld ſelbſt— ſchrecklich! Und ach? mein Engel⸗ bertchen! Der Doetor hat ſolche ſchreckliche Worte geſpro⸗ chen; es befindet ſich in Gefahr, es kann ſterben.... Armer Hiob! ihm wurde wenig Geduld zu Theil; was muß er leiden? Meine Roſina, die ihren eigenen Schmerz ver⸗ birgt und über ihren Bruder weint, und ich, ihre Mutter, ich vereinige in meinem Herzen die Leiden von Allen, ich fühle, wie Meſſerſtiche des Schmerzes mir den Buſen grau⸗ 110 Mutter Hiob. ſam durchbohren..... aber ich darf nicht weinen, nicht klagen, nicht erliegen— ich muß mich aufrecht halten, Hülfe ſuchen, tröſten, retten.... Ach, Gott ſei mir gnädig, daß er in ſeiner Güte mir Kraft verleihe, um meine traurige Auf⸗ gabe zu vollenden!“ Und gleichwie von einem geheimen Schlage getroffen, lief ſie nun ſo ſchnell, daß der Sand auf dem Wege wie Wolken um ihre Füße aufſtäubte. Ihr Angeſicht glühte von der Sonnenhitze, vor Ermüdung und Eile; auf ihrer Stirne perlte der Schweiß in hellen Tropfen, ihre Bruſt keuchte ſch Aber ohne Zweifel hatte ſie den Faden ihrer Gedanken ununterbrochen verfolgt, denn nach einiger Zeit erhob ſie mit einem Male den Kopf, blickte zum Himmel empor und rief: „Nicht wahr, o Gott, Du wirſt mich nicht verlaſſen? Warum ſollte ich an Deiner Barmherzigkeit zweifeln, der Du der gütige Vater meiner Kinder biſt? Bisher haſt Du uns mit einem ungetrübten Glücke überreichlich geſegnet; aber unſere Dankbarkeit iſt vielleicht in dem glücklichen Fort⸗ gange nicht hinreichend? Werden wir auch im Uglücke dankbar bleiben und auf Deine Güte vertrauen, ſelbſt wenn Alles uns bedroht, und der Gram mein Mutterherz erdrückt? Ja, prüfe mich, wirf mich zu Boden, ich werde dennoch aus der Tiefe meines Leidens das Auge gläubig zu Dir erheben, Dich ſegnen und hoffen!“ Einige Schritte weiter ſagte ſie mit ruhigerem Tone zu ſich ſelbſt: „Es iſt wahr; wozu kann die Verzweiflung nützen; ſie läßt dem Menſchen im Voraus alle Qualen eines Unglücks, das Kräft mit d fürcht nicht Hofft C aus e Schr als J er ih beitet von( mach⸗ faſt v Mols chen, will Kind weſen n, nicht n, Hülfe ig, daß ige Auf⸗ etroffen, ege wie hte von Stirne keuchte en ihrer ger Zeit Himmel rlaſſen? ln, der aſt Du ſegnet; nFort⸗ glücke ſt wenn drückt? och aus rheben, one zu en; ſie glücks, Mutter Hiob. das vielleicht nie geſchehen wird, erleiden; ſie raubt ihm ſeine Kräfte, ſie verwirrt ſeinen Verſtand und macht ihn unfähig, mit dem Geſchicke zu ringen und das Schlimmſte, welches er fürchtet, zu beſiegen. Fort, fort, mit dieſem feigen Gefühl— nicht den Muth verloren: ſo lange wir leben, gibt's auch Hoffnung.“ In dieſem Augenblicke trat ein ſchon bejahrter Bauer aus einem Seitenpfade auf den Hauptweg. „Ah, Mutter Hiob,“ rief er,„wo wollt Ihr ſo eilig hin?“ „Ich habe keine Zeit, Freund Mols,“ rief ſie, ohne ihren Schritt zu mäßigen;„guten Tag, guten Tag.“ „Wie? Ihr glaubt, daß ich nicht ſo ſchnell gehen könne, als Ihr? Da irrt Ihr Euch,“ antwortete der Bauer, indem er ihr nacheilte.„Das Pferd wird alt und hat viel gear⸗ beitet, aber, Gott ſei Dank! die Beine find noch gut. Um von Euren Weg zu reden, geht Ihr nach Lindhout?“ „Ja, nach dem Hofe.“ „Ich auch, Mutter Hiob, wir werden den Weg zuſammen machen.“ „Aber, Ihr ſeht, daß ich große Eile habe; ich renne faſt vor Ungeduld.“ „Nun, ſo rennt dennz ich kann es auch.“ „Ihr geht auch nach dem Hofe des Barons, Freund Mols?“ „Ja, ich muß ſeinen Pachter wegen einer Milchkuh ſpre⸗ chen, die er verkaufen will; aber er iſt zu theuer damit. Ich will ein Stückchen Vieh mehr einſtellen, Mutter Hiob, die Kinder werden groß, und es iſt kein ſchlechtes Jahr ge⸗ weſen.“ 112 Mutter Hiob. „Iſt der Baron auf dem Hofe?“ „Gewiß; ich habe ihn noch heute Morgen zu Pferde geſehen.“ O, das freut mich; ich muß ihn wegen einer dringenden Angelegenheit ſprechen. Wie iſt der Baron? Iſt er ein gut⸗ herziger Mann?“ „Hm, hm,“ murmelte der Bauer,„wie man's nehmen will. Die großen Herren haben Launen und Grillen. Den einen Tag ſind ſie freundlich und den andern Tag ſehen ſie mürriſch darein, ohne daß man weiß, warum. Es iſt je nach⸗ dem ſie des Morgens mit dem rechten oder linken Fuße zu⸗ erſt aus dem Bette ſteigen... Mutter Hiob, Ihr geht doch ſchrecklich ſchnell.“ „Aber, iſt er wol noch geneigt, Jemanden einen Dienſt zu erweiſen?“ „Ja, das weiß ich nicht; ich habe ihn niemals um Et⸗ was gebeten, denn ich wohne nicht auf ſeinem Gute..... Es hat vor acht Tagen in Strömen geregnet; meine Schuhe waren ganz durchweicht; ich habe vergeſſen, ſie einzuſchmieren; nun find ſie ſo hart wie Horn und drücken mich. Ihr lauft wirklich wie ein Pferd.“ „Ich darf nicht langſamer gehen,“ Bauer Mols. Nehmt es mir nicht übel, bleibt lieber zurück und geht nach Eurer Gemächlichkeit.“ „Nein, nein; ſollte eine Frau mir vorauslaufen? Geht doch ein wenig langſamer. Ich will Euch Etwas von un⸗ ſerm Baron erzählen, wonach Ihr über ſeinen Charakter urtheilen könnt. Ihr kennt wol den Pachter Vleugels? Der Baron iſt immer freundlich gegen ihn geweſen; aber als er neulic ihn d men 2 ihm d um, i ſollte, ſich zu Baro Vleug Pacht jährli der B Nachl ſchon ſeinen Zaun meine ſo raſ Hiob gegen „ ſonde erhiel unbeg vond gab, Kirm Mu Pferde igenden ein gut⸗ nehmen n. Den ſehen ſie je nach⸗ Fuße zu⸗ hr geht Dienſt um Et⸗ Schuhe mieren; Ih Nehmt h Eurer 2 Geht von un⸗ harakter ls? Der er als er Mutter Hiob. 113 neulich zu ihm geht, um ſeinen Pacht zu bezahlen, begrüßt ihn der Baron ohne allen Grund mit ſo vielen unangeneh⸗ men Worten, daß der arme Mann nicht mehr wußte, wo ihm der Kopf ſtand. Es wurde ihm geſagt, daß ſein Pacht um, ich weiß nicht wie viele, hundert Franes erhöht werden ſollte, und daß er, falls ihm die Erhöhung nicht gefiele, den Hof nur verlaſſen und anderwärts ſuchen könne, ſein Brod ſich zu erwerben. Es war Nichts dagegen einzuwenden: der Baron jagte ihn ſo zu ſagen wie einen Schelm vom Hofe. Vleugels begegnete in der Baumallee ſeinem Nachbar, den Pachter Bos, der auch mit Geld beladen war, um ſeinen jährlichen Pacht zu bezahlen. Als Vleugels ihm ſagte, daß der Baron wie ein böſer Teufel geweſen wäre, wagte es ſein Nachbar beinahe nicht, nach dem Hofe zu gehen; aber er war ſchon zu weit gegangen, um zurück zu kehren; er raffte all ſeinen Muth zuſammen und zog an der Klingel des großen Zaunes.. Mutter Hiob, mir iſt der Athem ausgegangen; meine Beine ſind noch gut, aber um Gottes willen, geht nicht ſo raſch.“ „Und wie ging es dem Pachter Bos?“ fragte Mutter Hiob mit ängſtlicher Neugier.„War der Baron auch ſo barſch gegen ihn?“ „Wie Ihr ſagtet, Brauerin; die großen Herren haben ſonderbare Launen. Pachter Bos wurde gut empfangen und erhielt ein Glas Wein. Aber, was Euch gewiß wundern und unbegreiflich vorkommen wird, iſt, daß der Baron die Hälfte von dem Pachtgeld nahm und ſie dem Bos zum Geſchenkzurück gab, der darauf halb närriſch vor Freude und tanzend wie ein Kirmeßvogel zu ſeinem Nachbar in die Baumallee gelaufen Mutter Hiob. 8 ——— 114 Mutter Hiob. kam. Sie gingen Beide nach Hauſe, aber Jeder mit einem anderen Geſichte: der Eine weinte und der Andere lachte.... Da höre ich ſchon die Pfauen des Barons ſchreien. Wir ſind ſogleich an der Hecke. Geht nun etwas langſamer.“ Den Kopf in trüben Gedanken ſchüttelnd bemerkte Mut⸗ ter Hiob: „Wahrſcheinlich kennt Ihr die Urſachen nicht, warum der Baron ſeine beiden Pachter ſo verſchieden empfing.“ „Ich kenne ſie wol,“ ſagte der Andere mit einer gewiſſen Biſſigkeit;„aber ſie ſind ſo kindiſch, daß ich ihnen keinen Glauben ſchenken kann. Hört, wie man lange Zeit danach die Sache erklärte. Ihr müßt wiſſen, daß der Baron ſchreck⸗ lich vernarrt iſt auf Haſen, Schnepfen und anderes Wild. Wenn es nach ſeinem Willen ginge, ſo würden ſeine Be⸗ ſitzungen von Haſen und Feldhühnern wimmeln, aber nicht um eine reiche Jagd zu haben, denn er jagt nicht; ſondern um zu wiſſen, daß die Thiere auf ſeinem Grund und Boden laufen und er darauf Jagd machen kann, wenn es ihn be⸗ liebt. Niemand im Dorfe mag mit der Hand ein Wild be⸗ drohen, oder der Baron nimmt es ihm ſehr übel. Und fräßen Euch die Haſen die Haare vom Kopfe, während ihr daliegt und ſchlaft, ſo dürftet Ihr ſie noch nicht ſchlagen, oder der Baron würde Rache an Euch nehmen. Nun, Pachter Vleu⸗ gels hatte einmal, als er des Morgens aus der erſten Meſſe kam, auf ſeinem eigenen Felde ein wildes Kaninchen todt geworfen und an demſelben Mittag verzehrt. Pachter Bos hat dagegen ſeinen Hund in dem Mühlbrunnen erſäuft, weil er einen Haſen gefangen hatte. Das iſt der Unterſchied.“ „Glaubt Ihr wirklich, Mols, daß der Baron ein barſcher und der von erwi aber folgt ſelbſt ſuche werd überz wie e viel pelbe guter Livre antw ſeln; ausri daßt „ t einem Lir ſind te Mut⸗ warum g.“ zewiſſen keinen danach ſchreck⸗ s Wild. ine Be⸗ er nicht ſondern Boden ihn be⸗ Lild be⸗ fräßen daliegt der der rVleu⸗ n Meſſe en tt ter Bos ift, weil i arſcher Mutter Hiob. und gefühlloſer Mann iſt?“ fragte Mutter Hiob mit ſteigen⸗ der Beklommenheit. „Ach nein,“ antwortete der Bauer,„ich kann Euch auch von Wohlthaten erzählen, welche er unglücklichen Menſchen erwieſen hat. Es gibt Tage, wo er viel zu mildthätig iſt; aber ich wiederhole es, ſo ſind die großen Herren: ihr Geiſt folgt den Vierteln des Mondes.— Wollt Ihr den Baron ſelbſt ſprechen?“ „Ja, und ich muß ihn ſelbſt um etwas Wichtiges er⸗ ſuchen.“ „Nun, Gott gebe, daß er in ſeiner guten Laune iſt, ſonſt werdet Ihr den Teufel zum Neujahr bekommen, ſeid davon überzeugt. Nun, wir ſind da. Es iſt Zeit! Ihr lauft wie ein Dragoner. Ich ſehe dahinten den Gärtner. Nun, viel Glück, Mutter Hiob. Ich werde am Sonntag in Wis⸗ pelbeke in die Hochmeſſe gehen und zu Euch kommen, um guten Tag zu ſagen.“ Mutter Hiob beeilte ſich, um die Klingel zu ziehen. Ein Livreebedienter öffnete ihr und fragte, was ihr Begehr ſei. „Ich möchte gern den Herrn Baron ſprechen,“ ſagte ſie. Der Diener beſah ſie von Kopf bis zu den Füßen und antwortete erſt nach einer langen Weile, indem er die Ach⸗ ſeln zuckte: „Das wird ſchwierig ſein. Kann ich den Auftrag nicht ausrichten?“ „Ach nein, ich muß ihn ſelbſt um Etwas bitten.“ „Um Etwas bitten?“wiederholte der Diener.„Ich glaube, daß der Herr nicht zu Hauſe iſt. Wer ſeid Ihr, Frau?“ „Ich bin Mutter Hiob, die Brauerin von Wispelbeke. 8* 116 Mutter Hiob. Seid doch ſo gut, Freund, und macht, daß ich den Herrn Baron ſprechen kann, ich werde Euch dankbar ſein.“ „Folgt mir, ich werde ſehen, ob der Herr dieſen Morgen zu ſprechen iſt.“ Er führte die bittende Frau in ein halbdunkles Kämmer⸗ chen, wies ihr einen Stuhl an, zog die Thüre zu und ver⸗ ſchwand. Hier in völliger Stille und Einſamkeit, begann Mutter Hiob vor Angſt zu zittern. Nichts als ungünſtige Votzeichen hatten ſich ihr auf der mühſeligen Reiſe dargeboten, und ſie fürchtete, ja ſie glaubte beinahe, daß ihr Verſuch mißlingen würde. Das Benehmen und die Worte des Dieners beſtärk⸗ ten ebenfalls die betrübende Vermuthung in ihr; aber wer konnte es wiſſen. Da der Baron ſeine guten und ſchlechten Launen hatte, ſo konnte ſie ja wol einen günſtigen Augen⸗ blick getroffen haben, So dachte unter der verzweiflung svollen Vorausſicht ihr muthiges und hoffendes Herz. Man ließ ſie ſo lange allein ſitzen und warten, daß ſie Zeit genug hatte, um zehn Mal auf s Neue alles Schreckliche ihres Zuſtandes zu ergründen und ſich zehn Mal wieder ſiegreich über den Mißmuth zu er⸗ heben. Das Herz pochte ihr gewaltig vor Ungeduld. Bei dem geringſten Geräuſche, welches ſie vernahm, zeigte ſich ein Lächeln der Freude auf ihrem Angeſichte; ſie hielt das Auge ſtarr auf die Uhr gerichtet, welche den Kaminſims zierte; ſie folgte dem trägen Laufe des Zeigers, zählte die Minuten und Secunden und ſeufzte ſchmerzlich bei jedem Felde, wel⸗ ches den Weiſer erreichte. Der Poſtwagen könnte vorbei ſein, noch ehe ſie Wispelbeke würde erreicht haben! Run, war es ſitzen, E ſem A ſie zu will n Bier z Tonne 8 komme Bittet nur ei Freun 0 Tone fern? Herr für E Dienſ Herr warte Sagt und 1 dieſe en Herrn Morgen Kämmer⸗ und ver⸗ Mutter orzeichen und ſie ißlingen beſtärk⸗ ber wer hlechten Augen⸗ ſicht ihr e allein hn Mal ründen h zu er⸗ Bei ſich ein s Auge rte; ſie einuten e, wel⸗ vorbei Nun, Mutter Hiob. war es noch Zeit..... aber man ließ ſie in dem Stübchen ſitzen, als hätte man ihre Gegenwart vergeſſen. Ein unterdrückter Ausruf der Freude entfuhr ihr in die⸗ ſem Augenblicke; ſie hörte Tritte in dem Gange, man kam, ſie zu holen und zu dem Baron zu führen..... „Frau,“ ſprach der Diener,„der Herr iſt beſchäftigt; er will nicht gern geſtört ſein. Ihr kommt gewiß, um Euer Bier zu empfehlen. Der Herr ſagt, Ihr möchtet eine halbe Tonne zur Probe ſchicken.“ „Nein, das iſt nicht der Grund meines Beſuches. Ich komme wegen einer Sache, die keinen Aufſchub geſtattet. Bittet, fleht den Herrn in meinem Namen an, daß er mir nur einen Augenblick Gehör ſchenke. Ach, ſeid mir behilflich. Freund, Gott wird es Euch lohnen.“ Der Diener ſah ſie verwundert an, ſchien aber von dem Tone ihrer Stimme betroffen zu ſein und antwortete: „So, es wäre alſo nicht, um Bier auf den Hof zu lie⸗ fern? Ihr ſeid ſo ſehr aufgeregt, Frau; beruhigt Euch, der Herr iſt ein gutherziger Menſch. Ich werde ein gutes Wort für Euch einlegen, damit er Euch empfängt. Iſt es ein Dienſt, den Ihr von ihm erbittet?“ „Ja, ja, ein ſehr wichtiger Dienſt, eine Wohlthat.“ „Dann will ich Euch einen guten Rath geben. Der Herr iſt ſehr reizbar. Wenn man ihn überraſcht oder uner⸗ wartet aufregt, ſo wird er ungeduldig und verdrießlich. Sagt ihm nicht mit einem Male, was Ihr wünſcht, ſeid ruhig und vorſichtig in Euren Mittheilungen. Wenn man auf dieſe Weiſe mit ihm umgeht, iſt er die Güte ſelbſt. Wartet 118 Mutter Hiob. noch ein wenig, ich komme ſogleich zurück, um Euch zu holen.“ Unter innigen Dankbezeugungen der Mutter Hiob ver⸗ ſchwand der Diener in dem Gange. Eher geneigt, an die guten als an die ſchlechten Vor⸗ zeichen zu glauben, jauchzte Hugo's Mutter in dem einſamen Kämmerchen mit ſolcher Freude, als glänzte ſchon das ret⸗ tende Geld vor ihren Augen. Sie faltete die Hände und erhob die Augen zum Himmel, um Gott für die ſüße Hoff⸗ nung zu danken.— Sie blieb nur noch einige Augenblicke allein; bald kam der Diener, um ſie zu holen und führte ſie in einen großen und prächtig verzierten Saal, wo Alles von goldenen Verzierungen, ſeidenen Stoffen und bunten Tape⸗ ten glänzte. Sie verlaſſend bot der Diener ihr diesmal keinen Sitz an; ſie hätte es auch nicht gewagt, ſich auf einen dieſer koſt⸗ baren Armſtühlezu ſetzen, deren rother Sammet mit goldenen Borden geſäumt, vor ihren Augen ſchimmerte. Ein Zittern ergriff ſie, als der Baron in einem bunt⸗ farbigen Hausrocke vor ihr erſchien, und ohne ein Wort zu reden ſie anſah, als fragte er mit den Augen, was ſie be⸗ gehrte. „Herr Baron,“ ſtammelte ſie,„vergebt es einer betrüb⸗ ten Mutter, daß ſie es wagt, auf Eure Güte zu hoffen. Euer Name wurde ihr von Gott ſelbſt eingegeben..... 4 Wahrſcheinlich gefiel dieſer traurige Ton dem Baron nicht, denn er bezwang einen Ausdruck der Ungeduld und fragte: „Frau, wer ſeid Ihr? Ich kenne Euch nicht.“ D 2 Mutte „ e die S mann c 7 C nicht? wieder einer 6 Ihrſe meine dem e Frau, Euch weige murm ſtrahl ſo ſch chen! beſtün ſern So, ſ Hand uch zu ob ver⸗ n Vor⸗ nſamen as ret⸗ de und e Hoff⸗ enblicke hrte ſie les von Tape⸗ en Sitz er koſt⸗ ldenen bunt⸗ zort zu ſie be⸗ etrüb⸗ hoffen. Baron n Mutter Hiob. Die Kälte des Geſichts erfüllte Mutter Hiob mit Angſt. „Mein Mann iſt Brauer zu Wispelbeke. Ich bin die Mutter von Hugo.“ „Hugo, Hugv—“ murmelte der Baron, den Finger an die Stirn haltend,„meint Ihr von Hugo Hiob, der Kauf⸗ mann in der Stadt iſt?“ „Ja, Herr Baron, von Hugo Hiob.“ „Iſt das auch wahr, was Ihr ſagt? Täuſcht Ihr mich nicht?“ „Euch täuſchen, Herr Baron! Erkennt Ihr mich nicht wieder? Ihr kamet einmal in unſer Haus, um uns wegen einer That Hugo's zu danken.“ „Wahrhaftig, ich glaube, Euch wieder zu erkennen. So, Ihr ſeid die Mutter Deſſen, der einmal ſein Leben wagte, um meinen Sohn zu retten,“ ſagte der Baron nachdenkend, in⸗ dem er nach einem der ſchönen Armſeſſel griff.„Setzt Euch, Frau, und vergebt mir meinen kalten Empfang. Macht es Euch bequem, ich wünſche es.... wenn Ihr Euch zu ſetzen weigert, dann werde ich ebenfalls ſtehen bleiben müſſen.“ „Nun, es ſei denn Euch zu Gefallen, Herr Baron,“ murmelte Mutter Hiob, indem ihre Augen vor Freude ſtrahlten. „Ihr nehmt es mir doch nicht übel, Frau, daß ich Euch ſo ſchlecht empfangen habe?“ ſprach der Baron.„Wir rei⸗ chen Leute werden ſo ſehr mit Bitten und Fragen aller Art beſtürmt, man betrügt uns ſo oft, daß wir ſelbſt gegen un⸗ ſern Willen mißtrauiſch gegen Jedermann werden... So, ſo, Ihr ſeid die Mutter des Hugo Hiob. Gebt mir Eure Hand, Frau, ich freue mich, daß ich Euch ſehe. Ihr wollt 120 Mutter Hiob. mich um Etwas fragen, wie der Diener ſagt. Sprecht, was kann ich für Euch thun?“ Der freundliche Ton der Worte des Barons und die überraſchende Hoffnung, die plötzlich in ihren Buſen drang, griffen Mutter Hiob ſo heftig an, daß ihr die Stimme im Munde erſtickte, und ſie ſtatt aller Antwort in Thränen ausbrach. „Frau, Ihr ſeid betrübt,“ ſagte der Baron noch ihre Hand haltend.„Seid getroſt, Euer Sohn Hugo hat edel⸗ müthig meinen Sohn gerettet, als Keiner ſeiner Freunde es wagte. Er hat jede Belohnung verweigert verlangt ſie nun von mir..... Ihr ſcheint unglücklich zu ſein, laßt mich Euch helfen.“ „Ach,“ rief Mutter Hiob,„ich weine vor Freude, vor Dankbarkeit gegen Gott, daß er Euch ein ſo edelmüthiges Herz gegeben hat! daß er meinen Schutzgeiſt mir Euren Namen nennen ließ, als Alles Nacht um mich war, wie in einem Abgrunde. O, könntet Ihr mir auch die gewünſchte Hülfe nicht geben, ſo ſegne ich Euch doch für Eure troſt⸗ reichen Worte.“ Der Baron wartete einige Augenblicke, um ſich zu er⸗ holen, und ſprach dann: „Nun, ſagt mir unbefangen und ohne Furcht, was Euer Verlangen iſt.“ „Herr Baron, Euch, der Ihr ſo gut ſeid, wird es viel⸗ leicht betrüben; aber vergebt es mir, wenn ich Euch Schmerz bereite. Mein Sohn Hugo war Kaufmann in der Stadt— ich höre mit Freuden, daß Ihr es wißt. Er hatte ſich aſſo⸗ eirt mit einem gewiſſen Herrn Walter, der als ein erfahre⸗ ner un iſt nach fälſcht, wichtig iſt ver eines b Gefäne N Mutter 9 mit du trag de — iſt viel. Y unſerm geſchät einer„ welche zu bild iſt, daf ſchreibr tauſent meinen ben zu Belieb ben, un 2 Lächel t, was nd die drang, me im ränen heihre edel⸗ ide es enun Euch , vor higes Furen vie in nſchte troſt⸗ Euer viel⸗ merz — aſſo⸗ hre⸗ Mutter Hiob. 12¹ ner und vorſichtiger Mann gerühmt wurde. Dieſer Walter iſt nach Amerika geflüchtet, er hat die Handelsbücher ge⸗ fülſcht, Wechſel gemacht und von meinem unglücklichen Sohne wichtige Unterſchriften erſchlichen. Hugo, von Allem beraubt, iſt verantwortlich für die Schulden des Hauſes und wird eines betrügeriſchen Bankerotts angeklagt, ergriffen und in's Gefängniß geworfen werden.“* „Was ſagt Ihr da?“ rief der Baron mitleidig..„Arme Mutter! Aber wie hoch belaufen ſich die Schulden?“ „Auf dreißigtauſend Franes,“ murmelte Mutter Hiob mit dumpfer Stimme und wie beſchämt über den hohen Be⸗ trag der Hülfe, um welche ſie ihn bitten wollte. „Dreißigtauſend Franes,“ wiederholte der Baron;„das iſt viel.“ „Wir beſitzen Güter, welche von dem Notar Styns in unſerm Dorfe auf ungefähr fünfundſechzigtauſend Franes geſchätzt werden. Sie ſind bei der erſten Einſchreibung mit einer Hypothek von fünfundzwanzigtauſend Franes belaſtet, welche dazu gedient haben, um das Handelscapital Hugo's zu bilden, jetzt aber verloren ſind. Meine Bitte, Herr Baron, iſt, daß Ihr die außerordentliche Güte habt, eine zweite Ein⸗ ſchreibung auf unſere Güter anzunehmen und mir die dreißig⸗ tauſend Franes zu leihen, welche ich nöthig habe, um Hugo, meinen Sohn, vor der Schande und dem gänzlichen Verder⸗ ben zu retten..... wir werden einen Zinſenſatz nach Eurem Belieben annehmen und uns das Brod vom Munde abdar⸗ ben, um Euch jährlich zu befriedigen. „Welchen Zinſenſatz?“ fragte der Baron mit einem Lächeln. 422 Mutter Hiob. „Vier, fünf Procent, ganz nach Eurem guten Willen, Herr Baron.“ „Und das nennt Ihr eine Wohlthat von meiner Seite, Frau?“ „Ach, Alles, Alles, nach Eurem Belieben, wenn mein armer Hugo nur gerettet wird.“ „Ihr wißt, daß ſolche Dinge nur durch beſondere Schrift⸗ ſtücke abgemacht werden können, die eine Frau nicht unterzeichnen kann. Seid guten Muthes, geht nach Hauſe und ſchickt mir Euren Mann. Ich will die Sache mit ihm abmachen..... Ihr werdet bleich? Ihr bebt? Warum?“ „Gott, Gott, daran hatte ich nicht gedacht!“ rief Mutter Hiob die Arme erhebend.„Wie ſchrecklich! In der Minute ſeiner Rettung verſichert zu ſein und ſie noch entgehen zu ſehen!“ „Ruhig, ſeid doch ruhig,“ ſagte der Baron,„was bedeu⸗ tet dieſe plötzliche Verzweiflung?“ „O, mein Herr, heute noch, ſpäteſtens morgen früh, muß Hugo die dreißigtauſend Franes haben, um die Wechſel zu bezahlen, oder er wird für bankerott erklärt, und Alles iſt verloren. Ich komme zu Fuß in der Sonnenhitze zu Euch gelaufen, um keine Zeit zu verlieren. Der Kummer hat mei⸗ nen Verſtand geſchwächt. Ich vergaß, daß die Gegenwart meines Mannes hier nöthig iſt. Nun iſt alle Hoffnung für mich verloren: morgen iſt es zu ſpät.“ „Ihr ſeid zu aufgeregt, Frau,“ ſagte der Baron mit ruhiger Gutherzigkeit.„Warum habt Ihr nicht mehr Ver⸗ trauen nun b G Kaſtet Papie A Was retten Baro! Zeiler den 2 zu ihr beke ten, hout emp jähr ſond ter das n ſollte Sagt mich ordne Ihr Willen, rSeite, nmein Schrift⸗ mnicht Hauſe he mit bebt? Mutter Minute hen zu bedeu⸗ h, muß chſel zu lles iſt u Euch at mei⸗ enwart ing für on mit Ver⸗ „ Mutter Hiob. 123 trauen zu mir? Ich wollte Euer Zartgefühl nicht verletzen, nun begreife ich die Sache beſſer. Wartet einen Augenblick.“ Er wandte ſich nach der Ecke des Saales, öffnete einen Kaſten von geflammten Palliſanderholz, nahm ein Blatt Papier heraus, und fing an, Etwas zu ſchreiben. Mutter Hoib hielt bebend das Auge auf ihn gerichtet. Was that er? Dieſe Schrift konnte doch ihren Hugo nicht retten, Geld allein beſaß dieſe Macht..... Nun nahm der Baron ein zweites Blatt Papier und ſchrieb ebenfalls einige Zeilen darauf, dann näherte er ſich der Mutter Hiob und, den Blick auf eines der beiden Blätter geheftet, ſagte er zu ihr: „Hört, was hierauf geſchrieben ſteht: Ich, FrauHiob, bekenne hierdurch im Namen meines Ehegat⸗ ten, von dem Herrn Baron Van Hove von Lind⸗ hout die Summe von dreißigtauſend Franes empfangen zuhhaben, welche Summe nebſtden jährlichen Zinſen von zwei Procentdurch be⸗ ſondere Urkundeals Hypothekaufunſere Gü⸗ ter angenommen wird...... „Unterzeichnet dieſes nun mit Eurem Namen.“ „Aber guter Herr Baron,“ rief Mutter Hiob;„ich darf das nicht annehmen; zwei Procent?“ „Und wenn Ihr mir vier Procent bezahltet, Frau; wo ſollte denn der Dienſt bleiben, um den Ihr mich bittet? Sagt Eurem Manne daß er in acht Tagen oder noch ſpäter mich beſuche; ich werde dann die Angelegenheit mit ihm ordnen. Vehmt dieſe Feder, unterzeichnet das Papier— Ihr dürft ſo nicht zittern.“ 124 Mutter Hiob. „Nicht zittern!“ murmelte Mutter Hiob mit feuchten Augen,„nicht beben vor Freude und Dankbarkeit! Ach, was ich unterzeichne, iſt die Ehre, das Leben, die Erlöſung meines Kindes.“ „Ihr ſeid eine gute brave Frau,“ ſagte der Baron. „Wenn die Zahlung der Zinſen Euch ſchwer fallen ſollte, ſo bekümmert Euch deshalb nicht. Nehmt nun dieſes Pa⸗ pier; verliert es nicht: es iſt ein Zahlungsauftrag an meinen Banguier in der Stadt. Bei Vorzeigung deſſelben werden dreißigtauſend Franes an die Perſon, welche ſie vor⸗ zeigt, gezahlt. Ihr habt Eile: geht nun;— und ſollte Euch wieder ein Unglück treffen, Mutter Hugo's, ſo kennt Ihr den Weg, der nach meinem Hofe führt. Ich bitte Euch, ver⸗ geßt ihn nicht.“ Die überglückliche Frau konnte vor Wonne kein Wort hervorbringen. Sie ſank zu Boden und umfaßte weinend die Kniee ihres Wohlthäters, aber dieſer löſte tiefgerührt ihre Hände und ging zum Saale hinaus, indem er ein freund⸗ liches und wohlwollendes Lebewohl ſtammelte. Der Livreebediente trat ein und verhielt ſich ſtill, bis Mutter Hiob einigermaßen von ihrer übermäßigen Freude wieder zu ſich gekommen, zu ihm ſagte: „O,Freund, was Ihr für einen guten Herrn habt! Gott iſt gerecht, er wird ihn ewig im Himmel belohnen!“ „Ich habe es Euch ja geſagt,“ antwortete der Diener; „aber kommt, Frau, der Herr hat mir befohlen, Euch bis an die Hecke zu begleiten. Die geringſte Saumſeligkeit in der Erfüllung ſeiner Wünſche macht ihn verdrießlich; mein Herr iſt ſehr nervös. Es iſt eine traurige Krankheit.“ . Er kr O Hecke dem 1 E Stock ner al dem„ Stück gegan mit b ihn i Enge Enge ſchon Nun Mols bis S MWols keit 1 ſchwe 8 Mutter Hiob. feuchten„Ich will alle Tage für ihn beten,“ ſeufzte Mutter Hiob. t! Ach, Er krank? Solch ein Mann* Ach, es wird wol beſſer gehen.“ rlöſung Ohne weiter zu ſprechen, geleitete der Diener ſie an die Hecke, wünſchte ihr eine gute Rückkehr und wandte ſich auf Baron. dem Pfade um.... nſollte, Einige Schritte weiter ſtand Bauer Mols mit ſeinem ſes Pa⸗ Stocke in der Hand. Er hatte ſeine Sache mit dem Gärt⸗ rag an ner abgemacht und da er wußte, daß Mutter Hiob noch auf eſſelben dem Hofe war, hatte er auf ſie gewartet, um mit ihr ein ſie vor⸗ Stück Weges bis an ſeinen Hof zu gehen. te Euch„Nun, habt Ihr den Baron geſehen? Wie iſt es Euch nt Ihr gegangen?“ fragte er. 1 ch, ver⸗„Pfui, es iſt eine Schande,“ antwortete Mutter Hiob mit bitterm Vorwurf.„Von einem ſolchen Menſchen ſo viel Wort Böſes ſprechen zu dürfen! Ein Engel von Güte!“ einen„Ja, ja, ich weiß es wol,“ lachte der Andere;„Ihr habt erührt ihn in ſeiner guten Laune angetroffen, darum war er ein reund⸗ Engel. Kommt morgen zurück und Ihr findet wieder einen Engel, aber er wird ein ſchwarzer ſein..... Beginnt Ihr ll, bis ſchon wieder zu rennen und zu traben, wie heute Morgen? Freude Nun hat es doch keine ſolche Eile mehr.“ „Eine noch größere. Gebt Euch keine Mühe, Bauer Gott Mols, mich dünkt, ich habe Flügel. Lebt wohl, lebt wohl bis Sonntag!“ iener;„So lauft denn in Gottes Namen allein,“ rief Bauer ch bis Mols ihr nachſehend, indem ſie mit wunderbarer Schnellig⸗ eit in keit um die Ecke der Baumallee ihm aus dem Geſichte ver⸗ mein ſchwand. Als Mutter Hiob eine Viertelſtunde lang ihrer großen 126 Mutter Hiob. Haſt durch einen ermüdenden Gang nachgegeben hatte, blieb ſie ſtehen, als wäre ihr plötzlich ein Gedanke gekommen. Sie ſteckte die Hand unter ihr Halstuch und ſchien nach Etwas zu ſuchen; es entfuhr ihr ein Schrei der Angſt und des Schreckens und ihre Wangen, ſo ſehr ſie auch glühten, wur⸗ den weißer als der Schnee. Aber ebenſo ſchnell entfuhr ihr ein neuer Schrei, der wie ein Ton der Freude über die um⸗ ſtehenden Sträucher erſcholl. „O, Gott, ich glaubte, daß ich es verloren hätte,“ ſeufzte ſie noch von der doppelten Aufregung bebend.„ Ach nein, hier iſt ſie noch die glückliche Schrift..... 2 Sie hielt das Auge mit Bewunderung auf die Zahlungs⸗ anweiſung geheftet, welche der Baron ihr übergeben hatte, und ſagte zu ſich ſelbſt: „Was der menſchliche Geiſt doch erfindet! Dieſes Stück⸗ chen Papier— es ſind dreißigtauſend Franes, das Leben meines Sohnes, die Ehre, das Glück einer ganzen Familie! Aber ach, ich vergeſſe; ich habe Athem geſchöpft; ich muß fort; der Poſtwagen wird vielleicht noch nicht vorbei ſein. Vorwärts, vorwärts.“ Und ebenſo ſchnell als vorher ſchritt ſie durch den Staub des Weges. Die Sonnenglut brannte über ihrem Kopfe; die drückende und heiße Luft konnte ihrer Bruſt ſchwerlich die Lebenskraft zu einem ſolchen mühſamen Gange verſchaf⸗ fen. Der Schweiß rann ihr tropfenweis von der Stirne, und ſie keuchte hörbar..... Aber ſo ſehr auch ihre Kräfte allmälig mehr und mehr unter der Ermattung abzunehmen drohten, ſo gab ſie doch ihren Vorſatz nicht auf und trabte immer weiter und weiter, von Zeit zu Zeit Hugo's Rettung aus d dieſe G es, d ihre 2 zu wa an ein S bis d laſſen dem 2 vorwä U tung der H und) uns d Franc Hiob, gehe: S Hand Auger lachen lachſt Kuß tte, blieb len. Sie Etwas und des en, wur⸗ fuhr ihr die um⸗ ſeußzte ch nein, hlungs⸗ nhatte, Stück⸗ 3 Leben amilie! pft; ich vorbei Staub Kopfe; werlich rſchaf⸗ Stirne, Kräfte ehmen trabte ettung Mutter Hiob. aus dem Buſen ziehend, um aus einem einzigen Blicke auf dieſe Zauberſchrift neue Kraft und neuen Muth zu ſchöpfen. Endlich bemerkte ſie den Thurm des Dorfes; aber ſei es, daß ſie der Ermüdung unterlag oder daß dieſer Anblick ihre Nerven abgeſpannt hatte, ſie fing an, auf ihren Füßen zu wanken und ſah ſich bald genöthigt, ſich mit der Hand an einen Baum zu lehnen. Sie blieb eine kurze Weile in dieſer Stellung ſtehen, bis das heftige Keuchen ihrer Bruſt einigermaßen nachge⸗ laſſen hatte; dann erhob ſie den Kopf ſchaute lächelnd nach dem Thurme des Dorfes und rief: „Muth, Muth!.. Hugo!..... der Poſtwagen..... vorwärts.. vorwärts!“ Und ſie verließ den Baum, um auf's Neue in der Rich⸗ tung nach ihrer Wohnung zu laufen..... „Ach, Gott ſei gelobt!“ rief ſie mit dem Schriftſtücke in der Hand, als ſie in die Stube ſprang, in welcher ihr Mann und Roſina ſich befanden,„der Baron hat eingewilligt und uns das Geld geliehen. Seht, ich habe die dreißigtauſend Franes, ſeine Erlöſung, ſeine Ehre, unſer Glück: Hier, hier, Hiob, Du biſt angekleidet, der Poſtwagen kommt, ſchnell, gehe nach der Stadt und bringe Hugo dieſes Papier.“ Sie drückte ihrem erſtaunten Ehegatten das Papier in die Hand und lief jauchzend an das Bett Engelbertchens. Die Augen des Kindes waren halb geöffnet und es verſuchte zu lachen, ſo ſehr auch ſein Angeſicht noch geſchwollen war. „Habe ich es nicht geſagt, es wird geneſen. Ach, Du lachſt, unſchuldiges Kind!“ rief ſie, indem ſie einen feurigen Kuß auf Engelbertchens Lippen drückte. Aber ebenſo ſchnell tagender elte ver⸗ meiner abei zu gehen.“ Heißt Komm! Meiſter mmen.“ eßlichen nit aus⸗ . „Habe 1 VI. Anſtatt, wie ſeine Frau ihn gebeten hatte, ſich in aller Eile nach dem Steinwege zu begeben, ging Meiſter Hiob langſamen Schrittes und murrte bei ſich über das Schickſal, das ihn verfolge. Unter ſeinen verdrießlichen Gedanken und ungeduldigen Geberden hatte er beinahe vergeſſen, daß er keine Zeit zu verſäumen habe, um den Poſtwagen zu erreichen. Glück⸗ licherweiſe ließ ſich das Knallen der Peitſche über die ſtillen Felder von Weitem vernehmen und weckte ihn aus ſeiner Zerſtreuung auf. Mit dem Fuße in den Staub des Weges ſtampfend rief er aus: „Ja, ich hätte es wol denken können! Nun wird er vorbei ſein, ehe ich den Steinweg erreiche. Ich habe den Poſtwagen nöthig, darum kommt er heute viel zu früh.“ Er begann jedoch zu laufen und trabte weiter, ſeinen Schritt immer mehr beſchleunigend, je mehr er glaubte, daß der Wagen ihm entgehen könnte. Worüber er aber beſon⸗ ders auf ſeinem ſchnellen Gange vor Befürchtung und Aerger tobte, war der Anblick vieler Perſonen, ſelbſt von Frauen, die oben auf dem Poſtwagen ſaßen und gewiß wegen Mangel Mutter Hiob. 9 — 128 Mutter Hiob. ſprang ſie wieder zurück und ſah ihrem Manne mit fragender Verwunderung in die Augen. Dieſer, der noch nicht aufgeſtanden war, murmelte ver⸗ drießlich: „Ich ſoll zu Hugo gehen, um ihm das Erbtheil meiner anderen Kinder zu bringen? O, ich werde mich dabei zu ſehr aufregen. Nein, ich thue es nicht.“ „Gib her, gib her,“ rief Mutter Hiob,„ich will gehen.“ „Du willſt gehen? Du würdeſt krank werden. Heißt das laufen? Du biſt ja in voller Glut 4 „Das iſt einerlei, es iſt keine Zeit zu verlieren. Komm! Gib her, damit ich mich auf den Weg mache.“ „Dann will ich doch lieber ſelbſt gehen,“ murrte Meiſter Hiob.„Ich kann doch nur einen Schlag davon bekommen.“ Unter dem Murmeln von einigen anderen verdrießlichen Worten lief er zur Thüre hinaus. Roſina flog ihrer Mutter um den Hals und rief mit aus⸗ gelaſſener Freude: „O, Mutter, iſt es wahr, daß Hugo gerettet iſt?“ „Gott iſt gütig, mein Kind,“ jauchzte die Frau.„Habe nur Hoffnung, Roſina, es wird noch Alles gut gehen!“ Ar Eile n langſa das ih Ur Geber verſäu lichern Felder Zerſtre M er aus vorbei Poſtw E Schrit der W ders a tobte, die ob Mut 130 Mutter Hiob. an Raum im Innern desſelben ſo hoch hinauf geſtiegen waren. Wahrſcheinlich konnte man ihn nicht mehr aufneh⸗ men. Nach der Meinung des Meiſter Hiobs war dieſes kein gewöhnlicher Fall; blos, weil er an dieſem Tage nothwendig einen Platz brauchte, mußte natürlicherweiſe keiner mehr übrig ſein. Keuchend und mit von Schweiß triefender Stirne kam der Brauer noch zeitig genug, um ſich mit ausgebreiteten Armen vor die Pferde des Poſtwagens zu ſtellen und ſo den Kutſcher zum Anhalten zu zwingen. „Unmöglich!“ lautete die Antwort;„es kann keine Katze mehr hinein.“ „Ich muß und will mit,“ rief Meiſter Hiob, oder ich ſetze ſonſt in meinem Leben keinen Fuß mehr in Euren Wagen.“ „Kommt, wir wollen ſehen, ob die Leute drinnen ein wenig zuſammen rücken wollen,“ ſagte der Kutſcher, indem er von ſeinem Tritte herunterſtieg und den Wagen öffnete. „Meine Herren, hier iſt Jemand, der durchaus nach der Stadt muß. Sollte es nicht möglich ſein, für den Brauer von Wispelbeke ein wenig Platz zu machen?“ „Ein Brauer!“ rief ein Soldat mit langem Schnurbarte, wahrſcheinlich ſo dick, wie ein Bierfaß. Das geht nicht. Wir werden hier ſchon ſo platt gedrückt wie eingepackte Häringe.“ Eine Frau, die einen Mannshut trug und ein Genepre⸗ fäßchen auf den Knien liegen hatte, ſteckte den Kopf heraus und rief: „Nein, nein, Korporal, es iſt nur ein magerer Brauer. Die Menſchen müſſen einander helfen, ich werde mich etwas klein mich tung ſteige Bürg Zwiſ der Poſtr wiede heiße 2 ausfo um d hinte 2 gen, das Kutſe Bock Laufe 8 Reiſe lebt um v Meiſt morg eſtiegen aufneh⸗ eſes kein hwendig er mehr rne kam reiteten ſo den ne Katze ich ſetze zagen.“ nen ein indem fnete. ach der Brauer rbarte, nicht. epackte nevre⸗ eras rauer. etwas Mutter Hiob. kleiner machen. Kommt herein, Mann, ſetzt Euch neben mich Meiſter Hiob machte ein Geſicht voll bitterer Verach⸗ tung und indem er ſich zu weigern ſchien, auf den Tritt zu ſteigen, murmelte er: „Wenn die Soldaten im Wagen fahren, dann muß der Bürger wol zu Fuße gehen! Bah, welche Geſellſchaft! Zwiſchen den rohen Kerlen! Ich bleibe lieber zu Hauſe.... „Ha, was raſt der Lump da von rohen Kerlen?“ polterte der Korporal mit drohender Fauſt.„Wagt es nur, in den Poſtwagen zu kommen, undankbarer Bauer, ich werfe Euch wieder durch das Fenſter hinaus, ſo wahr ich Eiſenarm heiße.“ Der Brauer wollte gegen den Korporal in heſtige Worte ausfallen; aber der Kutſcher faßte ihn mit ſtarken Armen um den Leib, ſchob ihn in den Wagen und ſchloß die Thüre hinter ihm zu. Augenblicklich hörte man heſtige Worte und bittere Kla⸗ gen, zwiſchen welchen die Stimme der Marketenderin und das Gekreiſch der Kinder ſich miſchten..... Aber der Kutſcher ſprang, ohne auf dieſen Lärm zu achten, auf den Bock, gab den Pferden die Peitſche und trieb ſie in vollem Laufe voran. Ohne Zweifel hatte Meiſter Hiob während der kurzen Reiſe in dem Poſtwagen keine angenehmen Stunden ver⸗ lebt denn als der Wagen an dem Stadtthore anhielt, um von den Steuerbeamten unterſucht zu werden, ſprang Meiſter Hiob hinaus, rief dem Fuhrmanne zu, daß er ihn morgen bezahlen wolle und lief in aller Eile in die erſte 9 132 Mutter Hiob. beſte Straße, um den Augen ſeiner Reiſegefährten zu ent⸗ gehen. Sobald er ſich in dieſer Hinſicht ſicher glaubte, blieb er ſtehen, zerraufte ſich in Verzweiflung das Haar und pol⸗ terte mit lauter Stimme: „Behext! Ich bin behext! In zehn Jahren wird es nicht wieder geſchehen, daß der Poſtwagen voller Soldaten ſitzt— und was für Soldaten? Aber es iſt genug, daß ich den Fuß hineinſetze! Stundenlang ausgelacht zu werden, zerdrückt, geſtoßen, zerquetſcht... Das Gehirn zerriſſen durch das wüſte Geſchrei des ſchrecklichen Soldatenkindes..... und dann noch mich beinahe ſchlagen müſſen mit einem Korporal, der Eiſenarm heißt, und Genevre trinkt, daß man davor ſchaudern ſollte!— Wenn in die ganze Stadt nur ein ein⸗ ziger Stein fallen müßte, ſo fiele er unfehlbar auf meinen Kopf. Und dabei habe ich noch eine Frau zu Hauſe, die über Alles lacht und nichts Anderes zu ſagen weiß, als: es wird wol beſſer gehen! Ja, wenn es ſo bleibt,„beſſer gehen,“ dann weiß Gott, was noch daraus werden wird. Die Arme an ſeinen Körper preſſend murrte er mit unter⸗ drückter Stimme: „Ich bin meines Lebens müde; wenn ich ſterben müßte, mich dünkt, ich würde mir Nichts daraus machen. So zum Unglück geboren zu ſein! Es iſt um den Verſtand zu ver⸗ lieren und ach, ich falle aus einem Brunnen in den andern. Nun muß ich gehen, um mich ſelbſt und meine Kinder arm zu machen, mit Weib und Kind elend die Betrügerei eines ſcheinheiligen Quackſalbers und die Dummheit eines unvorſichtigen Sohnes zu bezahlen. Solche Dinge geſchehen ſein es ge kündi keit z S won Hugt Freu dann aber Tone So, beſtel und nung zu ent⸗ e, blieb ind pol⸗ es nicht ſitzt— den Fuß rdrückt, irch das und orporal, n davor ein ein⸗ meinen ſe, die 5 — S müßte, So zum zu ver⸗ in den Kinder rügerei t eines ſchehen Mutter Hiob. 133 Keinem als mir allein! Das wird nicht beſſer werden, bevor ich todt bin!“ Und den Kopf ſchüttelnd lief er mit ſeltſamen Geberden der Verzweiflung weiter, ſo daß die Vorübergehenden ihm verwundert nachſahen und zu einander ſagten:„der Mann iſt von Sinnen.“ Als er an die Thüre der Wohnung Hugo's kam, fand er ſie halb geöffnet. Er trat brummend ein und bemühte ſich, ſein Geſicht noch verdrießlicher und finſterer zu falten, als es gewöhnlich war, um dadurch ſeinem Sohne ſogleich anzu⸗ kündigen, daß er keineswegs geneigt ſei, ſeine Unvorſichtig⸗ keit zu ſchonen. Bei dem Erſcheinen ſeines Vaters auf dem Comtvir, wo noch ein Commis mit Schreiben beſchäftigt war, erblich Hugo vor Ueberraſchung, obwol zugleich ein Strahl der Freude in ſeinen Augen glänzte. „So, was geſchieht hier Alles?“ fragte Meiſter Hiob mit ſtrengem Blicke. Aber Hugo geleitete ihn, indem er eine Begrüßung mur⸗ melte, in ein anderes Zimmer, verſchloß die Thüre und wollte dann ſeinem Vater um den Hals fallen; dieſer verhinderte aber die liebevolle Umhalſung und ſprach mit ſtrafendem Tone: „Setze Dich, es iſt jetzt keine Zeit zu ſolchen Dingen. So, ſo? Du haſt Dich betrügen laſſen? Wie ein NarrDich beſtehlen laſſen..... und mich und Deine Mutter, Roſina und Engelbertchen arm gemacht. Das iſt alſo die Beloh⸗ nung für Alles, was wir für Dich gethan haben?“ „Ach, lieber Vater,“ ſagte Hugo flehend,„ſprich doch nicht 134 Mutter Hiob. ſo zu mir. Ich habe keine Schuld an dieſem Unglücke. Wüß⸗ teſt Du, was ich in den wenigen Tagen gelitten habe! Siehſt Du nicht auf meinem Geſichte, daß Schrecken, Angſt und Gram mich verzehren? Ach, ſeit dem unglücklichen Augenblicke habe ich mein Bett noch nicht geſehen..... Fröſte h oder überlaſſe mich meinem Unglücke. Um Gottes willen, mache mich nicht noch unglücklicher.“ „Ich ſollte Dich noch obendrein preiſen müſſen,“ murmelte Meiſter Hiob mit Bitterkeit.„Unvorſichtig und einfältig bis zum Kindiſchen! Der will Handel treiben! Wäreſt Du Bauer geblieben und Dein Lebenlang hinter dem Pfluge hergelaufen! Ach, Du meinſt, daß es genug ſei, wenn Du ſagſt: es iſt ein Unglück? Nein, nein, es iſt eine Dummheit, ein ſorgloſes Vertrauen auf das Schickſal; derſelbe blinde Glaube an das Glück, den Deine Mutter Dich gelehrt hat durch das ewige Lied:„es wird wol beſſer gehen..... 4 Und ſehe ich es ſelbſt in dieſem Augenblicke nicht an Dir? Du biſt unglücklich, arm, von Allem beraubt..... Und Deine prächtigen Kleider laſſen nicht allein vermuthen, daß Du iu Ueppigkeit ſchwelgſt; ſondern auch, daß Du Dein Leben in Luſt und Freude verbringſt. Hugo ſaß wie vernichtet mit geſenktem Haupte vor ſei⸗ nem Vater. Seine Wangen zitterten unter der Gewalt, welche er ſich anthat, um nicht in Thränen auszubrechen. Bei dem letzten Vorwurfe, der ihm wegen der Pracht ſeiner Kleider gemacht worden war, ſtieg ein äußerſt ſchmerzlicher Seufzer aus ſeiner beklommenen Bruſt auf. Mit ſanfter et⸗ gebener Stimme antwortete er: „Vater, Du irrſt Dich; ich habe meine Geſchäfte mit Fleiß übern Walt kannt wir u mehr Glau mir ei nöthie ich, u habe, Hiob Münz 5 mehre mit be dem L Herz ſie her das C „ daß T ſchuld durch Abgru Gewiſ noch e Wüß⸗ habe! „Angſt cklichen urmelte ltig bis eſt Du Pfluge nn Du amheit, blinde hrt hat nDir? . Und n, daß Dein or ſei⸗ zewalt. rechen. tſeiner rzlicher fter er⸗ fte mit Mutter Hiob. Fleiß, Liebe und ſelbſt mit frohem Stolze beherzigt und überwacht; aber wer konnte es wiſſen oder vermuthen? Walter war Jedermann als ein Muſter von Ehrlichkeit be⸗ kannt, er ſchien die Rechtſchaffenheit ſelbſt zu ſein. Haben wir uns nicht Alle in ihm getäuſcht? Warum ſollte ich allein mehr Verſtand, mehr Einſicht haben, als alle Anderen? Glaube mir, daß ich unſchuldig bin. Es iſt möglich daß mir einige von den Eigenſchaften mangeln, die zum Handel nöthig ſind, aber ich habe trotzdem die Ueberzeugung, daß ich, um meinen Beruf zu erfüllen, alle Mittel angewendet habe, die mir Gott in ſeiner Güte verliehen hat.“ „Wenn Deine Worte Gold wären,“ ſpöttelte Meiſter Hiob mit Bitterkeit,„es würde wahrhaftig eine ſchöne Münze ſein.“ „Und meine Kleider, die Du prächtig nennſt, weil ſie mit mehr Sorgfalt als gewöhnlich behandelt werden?“ fuhr Hugo mit betrübtem Tone fort.„O Vater, ſie brennen mir auf dem Leibe. Jedesmal, wenn ich ſie anſehe, bebt mir das Herz vor Scham..... denn die Kleider, ſiehſt Du, Vater, ſie heucheln und betrügen. Sie müſſen glauben machen, daß das Glück mich nicht verlaſſen hat.“ „Wie!“ rief der Brauer aufbrauſend aus,„nicht genug, daß Du unglücklich biſt, Du machſt Dich noch des Betruges ſchuldig. Ich will es nicht, hörſt Du? Glaubſt Du Dich durch dieſes Mittel zu retten, ſo verſink dann lieber in den Abgrund des Elendes; aber halte Deine Seele und Dein Gewiſſen rein!“ „Du irrſt Dich in meinen Abſichten, Vater. Ich hatte noch einige Hoffnung bewahrt, daß ich irgendwo das nöthige 136 Mutter Hiob. Geld finden könnte, um die verfallenen Wechſel zu bezahlen. So hätte ich das Beſtehen meines Geſchäfts verlängern und auf unvorhergeſehenen Beiſtand warten können. Der Menſch darf die Hoffnung nicht aufgeben, ſo lange noch ein Schim⸗ mer vor ſeinen Augen ſcheint! Wenn ein Kaufmann ſein drohendes Unglück durch das geringſte Zeichen verräth, dann verlieren die Leute das Vertrauen zu ihm und er fällt der allgemeinen Verachtung anheim, ſelbſt wenn ihm auch dann die Mittel nicht fehlen, um ſich zu retten. Ich muß deshalb meinen Zuſtand verheimlichen, darf nicht bekümmert ſcheinen, muß lachen, fröhlich ſein, mich von Außen mit dem Scheine des Glückes umgeben, obgleich mir innerlich das Herz vor Furcht und Betrübniß bricht.“ „So, Du hoffſt noch Mittel zu finden, um Deine Gläu⸗ biger zu befriedigen?“ fragte Meiſter Hiob verwundert. „Nein, jetzt iſt es zu ſpät,“ ſeufzte Hugo;„morgen wer⸗ den die verfallenen Wechſel zur Zahlung präſentirt; meine Kaſſe iſt leer.“ „Und dann?“ „Ach, Vater. Dann wird das Gericht ſich der Sache annehmen. Es ſind in unſern Handelsbüchern Poſten nicht ausgefüllt worden, von denen Walter ohne mein Wiſſen den Betrag empfangen hatte, und man wird noch andere Nach⸗ läſſigkeiten oder vielmehr Fälſchungen darin entdecken. Man wird mich ergreifen und ins Gefängniß führen, wenn auch nur als der Nitſchuld an einem betrügeriſchen Bankerot verdächtig„ Bei dem Ausſprechen dieſer Worte befeuchteten ſich die Augen rigen? ( ewige mit tie S „ faſſend rechtig melt,! nen w ſchlagt ſen. L ſehr, hoffen mich r E tete di ſchuld danke die U litten abger Dein die F mich für ſe wie„ hoffe zahlen. ern und Menſch Schim⸗ nn ſein h, dann ällt der ch dann deshalb cheinen, Scheine erz vor eGläu⸗ ert. en wer⸗ meine Sache en nicht ſen den e Nach⸗ t. Man nn auch ankerot ſich die Mutter Hiob. 137 Augen Hugo's nicht, aber es lagen Thränen in dem trau⸗ rigen Tone ſeiner Stimme. „Gott, Gott! Hugo mein Sohn ins Gefängniß! Eine ewige Schande für alle meine Kinder,“ rief Meiſter Hiob mit tiefempfundenem Schmerze. „Nein, Vater,“ ſprach Hugo ihn zärtlich bei der Hand faſſend.„Verzweifle nicht ſo ſehr an der menſchlichen Ge⸗ rechtigkeit. Ich habe die Beweiſe von Walters Betrug geſam⸗ melt, dann einem guten Advveaten, der mein Freund iſt, mei⸗ nen wahren Zuſtand mitgetheilt und mit ihm darüber berath⸗ ſchlagt. Er iſt bereit, meine Unſchuld ſonnenklar zu bewei⸗ ſen. Laß mich ins Gefängniß gehen, betrübe Dich nicht zu ſehr, tröſte meine arme Mutter und laß uns alle zuſammen hoffen, daß Gott zuletzt einen barmherzigen Blick auf mich richtet.“ Erſt floſſen Thränen aus Hugo's Augen. Er fal⸗ ie Hände und bat: „Ach, ſage mir, Vater, daß Du mich nicht länger be⸗ ſchuldigſt— daß Du mein Unglück mir vergibſt. Der Ge⸗ danke, daß ich nicht an dem Verluſte ſchuld, ſondern blos die Urſache desſelben bin. Daß Du und meine Mutter ge⸗ litten, hat mir in den bangen Nächten ſo viele Thränen abgepreßt, daß ich faſt nicht mehr weinen kann— aber Deine Erbitterung gegen mich drückt mein Herz mehr als die Furcht und die Schande. O, das größte Unglück, das mich treffen kann, iſt das Bewußtſein daß mein Vater mich für ſchuldig hält. Wenn er mir ſeine Verzeihung verweigert, wie wenig kann ich dann auf Freiſprechung von Richtern hoffen, die mir fremd ſind.“ — tete 138 Mutter Hiob. Indem er dies ſagte, lehnte er den Kopf an die Bruſt ſeines Vaters und rief: „Um des Himmels willen, laß mir wenigſtens Deine Liebe!“ Meiſter Hiob, der lange ſein väterliches Gefühl unter⸗ drückt hatte, wurde plötzlich vom Mitleid überwältigt. Er ſchwieg, aber heiße Thränen floſſen in der Stille aus ſeinen Augen und fielen auf das Haupt ſeines Sohnes, der an ſei⸗ ner Bruſt lag. „Hugo,“ ſeufzte er, indem er die Arme um den Hals ſeines Sohnes zu legen ſuchte,„Kind, ich vergebe Dir; es iſt nicht Deine Schuld. Mein unglückliches Geſchick, das ſeit meiner Geburt auf mir laſtet, hat Dich getroffen. So mußte es ſein, es konnte nicht anders ſein. Steh' auf Hugo, in das Gefängniß ſollſt Du nicht; ich bringe Dir die dreißig⸗ tauſend Franes, die Dich retten ſollen.“ Hugo ſchaute zitternd ſeinen Vater an, welcher ein Pa⸗ pier aus ſeiner Taſche hervorzog und es ſeinem Sohne über⸗ reichte, indem er ſagte: „Das iſt das Letzte, was wir beſitzen; alle unſere Güter ſind verpfändet; aber Deine Ehre wird gerettet ſein. Be⸗ denke, Hugo, daß dieſes mein Schweiß und das Erbtheil Deiner Schweſter und Deines Bruders iſt. Kannſt Du ohne Betrug Etwas davon retten, ſo ſpare es auf aus Liebe zu Deiner Mutter..... Hier, nimm die Hülfe an iſt Dir vom Herzen gegönnt.“ Hugo ſchloß ſeinen Vater ſprachlos in die Arme und flüſterte feurige Worte der Dankbarkeit. „Nun, nimm jetzt die Schrift,“ ſprach der Brauer.„Es iſt ein Zeit un De an und V Du die 365 Kälte u nehmen tung m tern ur und m leidend büßen, opfer b mir bel anzune Hoffnu Schickſ verſiche Gerich Stirne entſche ſuchen liche G M faßt. ie Bruſt Deine lunter⸗ igt. Er s ſeinen an ſei⸗ n Hals ir; es ck, das n. So Hugo, reißig⸗ in Pa⸗ über⸗ Güter Be⸗ rbtheil ohne ebe zu ſie e und „Es Mutter Hiob. 139 iſt ein Zahlungsauftrag an einen Banquier. Verliere keine Zeit und hole das Geld.“ Der junge Mann ſah ſeinen Vater mit ſeltſamer Miene an und ſchüttelte weigernd den Kopf. „Was ſoll das heißen?“ fragte Meiſter Hiob,„nimmſt Du die Hülfe nicht an?“ „Nein, ich nehme ſie nicht an,“ antwortete Hugo mit Kälte und Feſtigkeit.„Ich habe nicht das Recht, ſie anzu⸗ nehmen. Wie, ich ſollte meinem Vortheile und der Erhal⸗ tung meiner Ehre die einzigen Exiſtenzmittel meiner El⸗ tern und das noch übrig bleibende Erbe meiner Schweſter und meines Bruders opfern? Euch Alle arm und noth⸗ leidend machen, um für das Verbrechen eines Andern zu büßen, von welchem ich das erſte und unglücklichſte Schlacht⸗ opfer bin?“ „Du ſollſt unſere Hülfe annehmen!“ gebot der Vater. „Nein,“ wiederholte Hugo,„nein; die Liebe, die Du mir beweiſeſt, verpflichtet mich noch mehr, die Hülfe nicht anzunehmen; ſie hat mir Muth und Kraft gegeben, mir Hoffnung und Vertrauen eingeflöſt. Ueberlaſſe mich meinem Schickſale, behalte die Früchte Deines Schweißes. Ach, ſei verſichert, ich werde nicht mehr traurig ſein. Selbſtvor dem Gerichte werde ich mich Deiner Güte erinnern und mit freier Stirne das Urtheil erwarten, welches über meine Zukunft entſcheiden ſoll. Nein, nein, Vater, laß ab von Deinen Ver⸗ ſuchen: ich will nicht ein ſo hohes Blutgeld für meine menſch⸗ liche Ehre geben!“ Meiſter Hiob war auf dieſen Widerſtand nicht ge⸗ faßt. Bei der feſten Entſchloſſenheit ſeines Sohnes fing er 140 Mutter Hiob. an, zu befürchten, daß dieſe in Wahrheit unüberwindlich bleibe. Anſtatt aber darüber ungeduldig zu werden, be⸗ ſänftigte er ſein Gemüth und fragte nur mit ſcheinbarer Strenge: „Und wenn ich es Dir geböte, wenn ich es verlangte Kraft meines väterlichen Anſehens über Dich?“ „Ich ſollte glauben, Vater, daß allein Deine Liebe mir den Befehl gibt, und aus Liebe zu Dir und meiner Mutter würde ich es ebenſo ſtandhaft verweigern. Begreifſt Du nicht, Vater, daß mir das Leben eine Hölle werden würde, wenn ich Tag für Tag daran denken müßte, welche Noth und wel⸗ ches Elend Ihr Alle um meinetwillen zu habt. Ich bitte Dich, verlange es nicht länger von mir. Laß mich doch mit meinem Herzen und meinem Gewiſſen in Frieden. Nein, nein, es darf nicht ſein!“ „Hugo,“ ſagte der Brauer in einem kalten und feier⸗ lichen Tone, der ihm ungewöhnlich war,„denke an Deine Mutter. Sie hat, um dieſes Geld zu Deiner Rettung zu erhalten, gefleht, gebetet, vielleicht gekniet. Stundenweit hat ſie die Hülfe geſucht, und als ſie dieſelbe erhalten hatte, iſt ſie vor Freude ſo gelaufen, daß ſie davon ernſtlich krank werden kann. Für ſie war Deine Ehre mehr als ihr Leben. In dem Unglücke, welches uns Alle trifft, dankt ſie Gott mit erhobenen Händen, weil er es ihr vergönnt hat, Dich vor der Schande zu bewahren. Komme ich nun mit d den Worten nach Hauſe: Hugo hat die Hülfe verweigert, Hugo wird morgen feſtgenommen werden, Mutter, Dein Sohn iſt auf immer entehrt 4 „Gnade, Gnade, Vater!“ wehklagte der Jüngling. MW „W fen muf ner M ſein, je wird vi Be als zög De „J Dein A rief Hu Dank, nes Va keit wie Engelb Knecht ter und ermüde Sohne heiten Er ver zu kom troſtrei N Hiob an die chen u rwindlich den, be⸗ eiarer erlangte iebe mir rMutter Du nicht, e, wenn ind wel⸗ bt. Ich rich doch Nein, id feier⸗ Deine tung zu denweit nhatte, h krank Leben. tt mit ich vr Worten o wird iſt auf ig. Mutter Hiob. 141 „Wie ſchrecklich wird der Schlag ſein, der ſie dann tref⸗ fen muß. Komm, Hugv, nimm das Geld aus Liebe zu Dei⸗ ner Mutter. Verwirf ihre Liebe nicht. Wir werden arm ſein, ja; aber wir werden arbeiten;— und wer weiß, es wird vielleicht in der That doch einmal beſſer gehen.“ Bebend ſtand der Jüngling da mit ausgeſtreckter Hand, als zögere er noch, die Schrift zu nehmen.“ Der Brauer fügte die Hände zuſammen und bat: „Nun, Hugo, mein Sohn, nimm Deine Rettung an. Dein Vater fleht Dich darum.“ „Es ſei denn! Gott verleihe mir ein langes Leben“ rief Hugv,„damit ich Deine Güte vergelten kann! O, Vater Dank, Dank für Deine grenzenloſe Liebe.“ Er nahm die Zahlungsanweiſung aus den Händen ſei⸗ nes Vaters, indem er die feurigſten Ausdrücke der Dankbar⸗ keit wiederholte. Dann begann er, ſich nach dem Zuſtande Engelberts zu erkundigen, deſſen Krankheit er durch den Knecht vernommen hatte. Ferner ſprach er von ſeiner Mut⸗ ter und von Roſina. Sein Vater, welcher von der Aufregung ermüdet war und glaubte, daß es wohlgethan ſei, ſeinem Sohne Zeit und Freiheit zu laſſen, um ſeine Angelegen⸗ heiten in Ordnung zu bringen, wollte nicht länger bleiben. Er verſprach zu Ende der Woche noch einmel nach der Stadt zu kommen, um Hugo zu beſuchen und nahm dann einen troſtreichen und vielleicht frohen Abſchied von ihm. Noch niemals in ſeinem ganzen Leben hatte Meiſter Hiob ſeinen Sohn ſo zärtlich und ſo herzlich umarmt, als an dieſem Tage und anſtatt eine verdrießliche Miene zu ma⸗ chen und zu trauern, lächelte er nun mit unverhohlener, 142 Mutter Hiob. innerer Freude, indem er aus Hugo's Wohnung auf die Straße trat, um ſich nach Wispelbeke zu begeben. Er ging mit aufrechtem Haupte und leichten Schrittes, als glaubte er ein Glücksbote zu ſein. Als er jedoch vor der Stadt war und über den einſamen Steinweg nach Wispelbeke eilte, fing er an, zuweilen das Haupt zu ſchütteln, und allmälig legte ſich auch eine düſtere Wolke des Nachſinnens über ſein Geſicht. Von den ergreifenden Worten Hugo's getroffen, hatte der Brauer ſeine zornige Stimmung einen Augenblick unter⸗ drückt gefühlt, aber der Weg, dem er nun folgte, brachte ihn wieder zu ſeiner Ehegattin zurück. In ihrer Gegenwart durfte er doch nicht wohlgemuth zu ſein ſcheinen! Es war ja Nichts in ſeinem beklagenswerthen Zuſtande verändert. Noch lag er gebeugt unter den wiederholten Schlägen des Schickſals: Armuth für Alle, eine lebenslange Trauer für ſeine Roſina, eine troſtloſe Zukunft für ſeinen Sohn;— und für ſeinen Liebling, für Engelbertchen, vielleicht ein pein⸗ licher Tod. Solche Gedanken verſetzten den Geiſt Meiſter Hiobs wieder in ſeine frühere trübe und verzweiflungsvolle Stim⸗ mung. Als er in der Ferne den Thurm von Wispelbeke wahr⸗ nahm, war er ſchon ſo ſehr in ſeinen düſteren Gedanken ver⸗ ſunken, daß er unter betrübten Worten und Geberden ſich auf die Bruſt ſchlug und es dem Himmel bitter klagte, daß er als ein Unglückskind zum Verderben geboren zu ſein ſchien D Hiob ſtande der kl der B und ſc chen la M fernt. ſputete ſie ein dem E Trauer S Meiſter fragte: — 3 auf die Er ging glaubte einſamen ilen das e düſtere n, hatte ck unter⸗ chte ihn genwart Es war rändert. igen des auer für — und in pein⸗ Hiobs Stim⸗ e wahr⸗ en er⸗ den ſich te, daß zu ſein VI. Drei oder vier Tage waren ſeit der Reiſe des Meiſters Hiob nach der Stadt verfloſſen. In ſeinem traurigen Zu⸗ ſtande war keine andere Veränderung eingetreten, als daß der kleine Engelbert, den man bereits auf dem Wege der Beſſerung geglaubt, einen Rückfall bekommen hatte, und ſcheinbar ganz erſchöpft und gefühllos in ſeinem Bett⸗ chen lag. Mutter Hiob ſaß nicht weit von dem kranken Kinde ent⸗ fernt. Sie war damit beſchäftigt, Leinwand zu nähen und ſputete ſich ſehr bei der Arbeit. Von Zeit zu Zeit aber warf ſie einen Blick des Mitleids auf ihren Ehegatten, der, mit dem Ellenbogen auf den Tiſch geſtützt, da ſaß und in düſterer Trauer das Auge auf den Boden gerichtet hielt. Schon lange hatte Stille in der Stube geherrſcht, als Meiſter Hiob plötzlich den Kopf erhob und mit ſcharfem Tone fragte: „Wo iſt Roſina?“ „Sie iſt in die Kirche gegangen,“ antwortete die Mutter. „Warum?“ „Ohne Zweifel, um für Engelbertchen zu beten.“ Hat ſie ihre graue Schürze umgethan?“ Mutter Hiob. „Ich glaube es nicht.“ „Ich möchte wiſſen, wer hier Herr im Hauſe iſt.“ „Du biſt es, Hiob;— aber Du begreifſt wol, daß wenn der Mann Etwas will oder befiehlt, die Frau doch auch ein kleines Wörtchen drein ſprechen darf— warum fragſt Du das?“ „Ich will nicht, daß Roſina länger mit der groben Schürze läuft; hörſt D ſie ſoll ſich anders kleiden als die Magd oder..... „Aber Hiob, Du i doch ſonderbar. Du weißt, daß wir nur durch Arbeit und Sorge das Unglück bewältigen können. Jetzt, wo wir eine Dienſtmagd entlaſſen haben, muß Roſina im Hausweſen und bei dem Beſorgen des Viehes helfen. Wie willſt Du, daß ſie das thue, ohne ſich danach zu kleiden?“ Das iſt einerlei. Ich will dieſes Zeichen unſerer Ar⸗ muth nicht immer vor Augen haben. Ich vergehe darüber vor Aerger, und es macht mich unfähig, um etwas Ordeng liches auszuführen.“ „Hiob, Hiob,“ ſeußzte ſeine„Du handelſt wahr⸗ lich nicht vernünftig. Vergib mir, daß ich es Dir ſage. Ge⸗ wiß, unſer Lvos iſt für den genbt ick ſehr hart; aber da wir es durch Klagen doch nicht verbeſſern können, warum ſollen wir dann nicht unſerer Armuth mit Stolz ins Ange⸗ ſicht ſehen und ſie mit feſtem Willen bekämpfen? Du ver⸗ lierſt Deine Zeit und verbitterſt Dein Gemüth mit Murren und Zanken. Was haben wir davon? Es wäre beſſer, Du ſuchteſt in der Arbeit eine Erleichterung für Deinen Kummer zu finden. Die Brauerei würde Nichts dadurch verlieren, wenn D auch ein „S weit wi bitten n „Ur es Dir dann g theile il ſuche ſie uns aus nigſtens „M Zeit no Freund iſt, ſind wärtige „Ne ſchwarz ohne Zi für ſein ich vere um eine ſelbſt fe neue Ku „₰ wol noc D „— in das Mutte „ aß wenn auch ein agſt Du groben kleiden ßt* daß vältigen haben, Viehes danach ſt wahr⸗ e Ge⸗ aber da warum Ange⸗ Du ver⸗ Murren ſer, Du dummer rlieren, Mutter Hiob. 145 wenn Du die Arbeit der Geſellen nachſäheſt, und zuweilen auch einmal mit Hand anlegteſt.“ „So, ſo,“ rief Meiſter Hiob mit bitterem Spotte,„wie weit wird das noch gehen! Ich werde noch um Erlaubniß bitten müſſen, um in's Haus kommen zu dürfen.“ „Und überdies,“ fuhr Mutter Hiob gelaſſen fort,„wenn es Dir nicht behagt, immer in der Brauerei zu bleiben, dann gehe aus, beſuche unſere Freunde und Bekannte, theile ihnen das Unglück, das uns betroffen hat, mit und ſuche ſie zu bewegen, Bier von uns zu nehmen. Man wird uns aus Mitleid den Pfennig vergönnen, und Du wirſt we⸗ nigſtens Deine Zeit nützlich angewendet haben.“ „Mitleid!“ murmelte ihr Ehegatte,„wer hat in dieſer Zeit noch Mitleid. Wenn es uns wohlgeht, dann findet man Freunde und Hülfe überall; aber für Jemand, der in Noth iſt, ſind alle Thüren verſchloſſen. Der Eigennutz iſt in gegen⸗ wärtiger Zeit die Seele der Welt.“ „Nein, nein, Hiob, ſo ſprechen nur Leute, welche Alles ſchwarz ſehen, wie Du. Wollte uns der Notar Styns nicht ohne Zinſen die einzigen zehntauſend Franes leihen, die er für ſeine laufenden Geſchäfte zur Verfügung hatte? Klopfte ich vergebens an die Thüre des Herrn Baron Van Hove, um eine ſo bedeutende Hülfe zu erhalten, und habe ich nicht ſelbſt faſt ohne Mühe ſeit den beiden letzten Tagen acht neue Kunden gefunden?“ „Ja Du; Du biſt eine Frau, und für Dich wird man wol noch Etwas thun. 2 „Das iſt der Grund nicht, Hiob; aber ich ergebe mich in das Schickſal; ich erweiſe mich geduldig und laſſe den Mutter Hiob. 10 146 Mutter Hiob. Muth nicht ſinken. Du aber, anſtatt die Leute ergeben um ihren Beiſtand zu bitten, murrſt und verwünſcheſt Dich ſelbſt, Du ſprichſt bittere Worte und ſchiltſt auf die Menſchen im Allgemeinen. Das iſt nicht der Weg, der zum Hetzen führt und nicht das Mittel, um die Zuneigung der Leute zu ge⸗ winnen.“ Der Brauer knirſchte mit den Zähnen vor Ungeduld, indem er unwillig brummte: ja, ſage es nur gerade heraus, daß ich ein Eſel und ein Dummkopf bin; es iſt ja möglich, denn es wäre gewiß ein Wunder, wenn Gott mir meinen vollen Verſtand gegeben hätte.“ „Das habe ich nicht gemeint; ich wollte Dich nur über⸗ zeugen, daß Du Dich ſelbſt dadurch unglücklich machſt, daß Du von allen Dingen nur die ſchlechte Seite ſiehſt.“ „Laß mich in Ruhe,“ erwiderte Meiſter Hiob, ſich auf dem Stuhle halb abwendend;„ich habe keine Predigt nöthig — ich wünſchte, daß ich todt wäre.“ Mutter Hiob ſah ihn eine Weile ruhig an, während die Verzweiflung in ſeiner Bruſt wühlte und er einen dumpfen Laut vernehmen ließ; dann aber rückte ſie einen Stuhl näher zu ihm heran und ohne ihre Arbeit zu unterbrechen, ſagte ſie mit liebevollem Tone: „Aber, Hiob, lieber Mann, Du thuſt, als ob alle Hoff⸗ nung auf Verbeſſerung unſerer Lage verloren wäre. Ich kann mich mit aller Mühe von der Welt nicht überzeugen, daß es ſo ſchlimm mit uns ausſieht. Wir ſitzen doch in einer guten Brauerei und auf einem großen Hofe, wovon uns noch zehn⸗ tauſend Franes eigenthümlich gehören. Mit etwas Muth und vieler Sorge können wir noch zurecht kommen. Es ſind Unglüc auch w was G Dich i Famili bleibt. ren wi Augenl Konnte Tone. iſt; ab und m ſagte je überſtel „N beſſer i „Al überdie leicht fi „F „Jedest ſchweiß anzuſtr Kopf b bitter. nem lel Etwas eben um ich ſelbſt, ſchen im zen führt tte zu ge⸗ ngeduld, eheraus, möglich, meinen ur über⸗ hſt, daß ſich auf t nöthig rend die dumpfen hl näher t, ſagte⸗ le Hoff⸗ re. Ich gen, daß er guten ch zehn⸗ 3 Muth Es ſind Mutter Hiob. Unglücksſchläge über uns gekommenz aber es kann uns ſpäter auch wieder Glück zu Theil werden. Was Gott gab und was Gott nahm, kann er uns wieder zurück geben. Sieh' Dich in der ganzen Gemeinde um und Du wirſt kaum zehn Familien finden, welche ſo viel beſitzen, als uns noch übrig bleibt. Verzweifle doch nicht und ſei nicht undankbar. Wa⸗ ren wir nicht glücklich in dem Unglücke? Konnte in dieſem Augenblicke unſer armer Hugo nicht im Gefängniſſe ſitzen? Konnte unſer Engelbertchen nicht ſchon im Himmel ſein?“ „Engelbertchen!“ ſeufzte Meiſter Hiob mit ſchmerzlichem Tone.„Ach, rede nicht von meinem unglücklichen Kinde.“ „Warum? Ich weiß wol, daß das Schäſchen ſehr krank iſt; aber ſo lange noch ein Funke des Lebens glimmt, darf und muß man auf Gottes Güte vertrauen. Der Doctor ſagte ja geſtern, daß es gerettet ſei, wenn es dieſen Rückfall überſtehe.“ „Nein, er ſagte, daß es ſterben wird, wenn es heute nicht beſſer iſt.“ „Aber es iſt beſſer; ſiehſt Du nicht, daß es ſchläft? Und überdies wird ja der Doctor kommen. Er wird uns viel⸗ leicht froh machen; Du kannſt Das ja nicht wiſſen.“ „Froh machen! Der Doetor!“ murrte Meiſter Hiob. „Jedesmal, wenn ich ihn kommen ſehe, bricht mir der Angſt⸗ ſchweiß aus. Ich weiß nicht; aber unſer Doctor ſcheint ſich anzuſtrengen, um die Menſchen zu erſchrecken. Er iſt von Kopf bis zu den Füßen ſchwarz gekleidet wie ein Leichen⸗ bitter. Er tritt mit einem Geſichte in das Haus, welches ei⸗ nem lebendigen Todtenzettel gleicht, und wenn man ihn um Etwas fragt, dann ſchüttelt er ſchweigend wie ein Geſpenſt, 10 1 —— 148 Mutter Hiob. welches nicht ſprechen kann, den Kopf. Ich ſollte einmal König ſein! Alle Dvetoren müßten ſich weiß kleiden und lachen und geſprächiger ſein. Ich würde ſie ſchon verhin⸗ dern, die Geſunden beben und die Kranken vor Schrecken ſterben zu laſſen. Da höre ich Jemand. Es wird der Menſchenquäler ſein. Ich weiß nicht, ob ich nicht davon⸗ laufen ſoll.“ Die alte Magd trat ein und reichte ihrem Herrn einen Brief, den der Poſtbote für ihn gebracht hatte. Meiſter Hiob las die Adreſſe und ſteckte den Brief in die Taſche, ohne ihn zu öffnen. „Von Hugo?“ rief die Mutter erfreut. „Ja, von Hugo,“ antwortete er,„wahrſcheinlich wieder eine ſchlechte Neuigkeit.“ „Aber das weißt Du doch nicht? Lies doch den Brief.“ „Nicht wiſſen! Was ſollte es anders ſein, als daß die dreißigtauſend Franes nicht ausgereicht haben.“ „Hiob, Hiob, Du ſagſt zuweilen, daß Du behext ſeieſt; ich werde es endlich doch glauben müſſen,“ rief ſeine Ehe⸗ gattin mit einiger Ungeduld.„Gib den Brief her, ich werde ihn leſen.“ „Haſt Du ſolche Eile, um etwas Schlimmes zu erfahren? Da ſieh doch!“ Mutter Hiob öffnete den Brief, hielt die Augen eine Weile darauf gerichtet und rief dann freudig aus: „Ach nein, Hiob, es iſt eine gute Neuigkeit.“ „So; gewiß ſchöne Worte.“ „Höre, es wird Dich erfreuen.“ Sie las mit lauter Stimme den Brief ihres Sohnes, welcher folgendermaßen lautete: — Da was zu einer n der Be tauſend Worter meine E ich Euc ein Gl Euch n Betrüb biger i Er mu haben, zu ihm wie ich wie Il mich in theilte aufgeb tvir un Eurer ſo unt wärtig um ſei kerotte leid m helfen Mutter Hiob. „Liebe Eltern! Das Coneursverfahren iſt beendigt, Niemand hat Et⸗ was zum Nachtheil unſeres Hauſes geltend gemacht. Bei einer näheren Aufſtellung der Rechnungen fand ich, daß nach e einmal iden und nverhin⸗ Schrecken. nit ſer der Bezahlung der Wechſel meine Activa beinahe um fünf⸗ Zh tauſend Francs meine Paſſiva überſteigen; mit anderen U ₰ Worten: daß ich dieſe Summe noch zu ziehen habe, und da meine Schuldner ehrliche und wohlhabende Leute ſind, werde ich Euch dieſes Geld unverweilt ſenden können.— Es iſt mir ein Glück widerfahren, liebe Eltern, und ich beeile mich, es Euch mitzutheilen, in der Hoffnung, daß es Euch in Eurer Betrübniß einigermaßen tröſten wird. Unſer Hauptgläu⸗ d biger iſt ein reicher und angeſehener Kaufmann dieſer Stadt. Er mußte nahe an zwanzigtauſend Franes von dem Gelde ½ haben, welches mir der Vater gebracht hat. Ich ging ſelbſt zu ihm, um die Schuld zu bezahlen und habe ihm mitgetheilt, wie ich das Opfer eines ſchnöden Verrathes geworden und wie Ihr, liebe Eltern, Euch von Allem entblößt habt, um mich in den Stand zu ſetzen, einen Jeden zu befriedigen. Ich theilte ihm zugleich mit, daß ich nun arm ſei, meinen Handel aufgeben und mich nach einer Copiſtenſtelle auf einem Comp⸗ tvir umſehen müſſe, um leben zu können. Was ich ihm von Eurer Liebe zu mir ſagte, rührte ihn tief. Ueberdies geht es gen eine ſo unter den Kaufleuten: wenn Einer in Folge von Wider⸗ wärtigkeiten fällt, und man ſieht, daß er lieber Alles opfert, um ſeine Schulden zu bezahlen, ſtatt zu der Liſt eines Ban⸗ kerottes ſeine Zuflucht zumehmen, dann hat ein Jeder Mit⸗ leid mit ſeinem Unglücke, und Alle zeigen ſich bereit, ihm zu helfen. An meiner Ehrlichkeit konnte mein Gläubiger nicht rrn einen ſter Hiob ohne ihn ch wieder n Brief.“ daß die t ſeieſt; ine Ehe ich werde rfahren? — — Stimme autete: 150 Mutter Hiob. zweifeln, da ich ſelbſt das Vermögen meiner Eltern hingab, um Das zu bezahlen, was der ſchändliche Walter geſtohlen hat. Der Kaufmann hörte lange, aber wohlwollend und ſchweigend meinen Worten zu. Als ich ſchließlich ſagte, daß ich mein Lvos mit Muth tragen und mein ganzes Leben der Arbeit widmen wolle, um meinen Eltern das wieder zu er⸗ ſtatten, was ſie um meinetwillen verloren hätten, drückte er mir die Hand und ſagte: Herr Hiob, Sie ſind unglücklich ge⸗ weſen; der Beſte von uns kann ſo betrogen werden. Ich werde Ihnen helfen, denn Sie ſind ein ehrlicher Mann und verdienen ein beſſeres Lvos. Mein Kaſſirer verläßt mein Haus, um für eigene Rechnung zu handeln. Wollen Sie ſeine Stelle übernehmen? Der Gehalt beträgt im Anfang viertauſend Franes, ſpäter werden wir ſehen, ob ich ihn er⸗ höhen kann. Ach, liebe Eltern, ich kann Euch nicht ſagen, was ich antwortete. Die Thränen ſtürzten mir aus den Augen, nicht nur aus Dankbarkeit gegen Gott und gegen den edelmüthi⸗ gen Kaufmann, ſondern vor Allem, weil ich an Eure Liebe und die Freude dachte, welche die gute Nachricht Euch ver⸗ urſachen werde.— In der Meinung, daß ich Geld nöthig habe, hat mir mein neuer Principal auf drei Monate meinen Gehalt vorauszahlen laſſen; morgen wird der Kutſcher des Poſtwagens ſechstauſend Franes für Euch mitbringen. In drei Monaten wird Euch eine gleiche Summe zukommen. Nehmt dieſes Geld ohne Bekümmerniß an. Als junger Mann nur eine Stube bewohnend, habe ich wenig zu mei⸗ nem Unterhalte nöthig und ich hoffe, daß mir zu Ende des Jahres wol noch Etwas übrig bleiben wird, um Euch und Roſina Vater, um Euc morgen Muth u und m armen nen, n worden daß es und Er feurigſt allein d ehrt un ſchreibt ich wer lichſte 2 Di Briefes Worte reichlic das B A Himme dankba von Hi Gottes hingab, eſtohlen end nd gte, daß eben der rzu er⸗ rückte er klich ge⸗ en. Ich unn und ßt mein llen Sie Anfang ihn er⸗ was ich en, nicht elmüthi⸗ re Liebe uch ver⸗ nöthig meinen cher des en In ommen. junger zu mei⸗ nde des uch und Mutter Hiob. Roſina und Engelbertchen ein Neujahrsgeſchenk zu ſchicken. Vater, Mutter, ich bin ſo froh, daß mir die Worte fehlen, um Euch fühlen zu laſſen, wie glücklich ich bin. Seit geſtern morgen thue ich Nichts, als ſingen und lachen. Habt nur Muth und Vertrauen, es wird Alles wol noch beſſer gehen, und mit der Zeit werde ich zieinet Schweſter und meinem armen Brüderchen zum geöſen Theile Das zurückgeben kön⸗ nen, was von ihrem, Erbe zu meiner Rettung verwendet worden iſt. Was auchegſchehen mag, Gott ſei mein Zeuge, daß es das einzige Beſtreben meines Lebens iſt, Eure Güte und Eure Liebe zu vergelten. Alle meine Gedanken, meine feurigſte Hoffnung und mein unaufhörliches Arbeiten ſollen allein dahin zielen, Euch zu beweiſen, wie ſehr Hugo Euch ehrt und liebt! Gebt Engelbertchen einen Kuß für mich und ſchreibt mir, daß das Kind wieder geneſen iſt.... und ich werde Gott auf den Knieen danken, als wäre ich der glück⸗ lichſte Menſch auf Erden. Euer unterthäniger und dankbarer Sohn Hugo.“ Die Stimme der Mutter Hiob war am Schluſſe dieſes Briefes dumpf und faſt unverſtändlich geworden. Die letzten Worte waren ihr auf den Lippen erſtorben. Nun brachen reichliche Thränen aus ihren Augen hervor, indenk ſie an das Bett des kranken Kindes eilte und ausrief: „Ach, der brave, gute Hugo! Wir klagten gegen den Himmel und er hat uns ſolch einen Sohn gegeben! Un⸗ dankbarkeit! Da, da, mein Engelbertchen, da iſt ein Kuß von Hugo; er ſteige herab auf Deine Lippen wie ein Segen Gottes.“ — 5 7 Mutter Hiob. Das Kind öffnete langſam die Augen und ſchien zu lächeln, doch war dieſer Ausdruck ſo zweifelhaft, daß die ge⸗ rührte Mutter ſich getäuſcht zu haben glaubte. Meiſter Hiob ſtänd mitten in der Stube mit träumendem Geſichte, als wenn er mik ſich ſelbſt darüber zu Rathe ginge, ob er ſich freuen ſollte oder Kicht. Man konnte jedoch an dem einigermaßen milderen Ausdck ſeines Geſichtes bemer⸗ fen, daß Hugo's Brief ihn tief erſchüttert hatte. „Nun, Hiob,“ rief ſeine Frau behkiſtert aus,„habe ich es Dir nicht geſagt, lieber Mann, daß es noch beſſer gehen werde? Warum lachſt Du nun nicht?“ „Lachen?“ murmelte der Brauer,„ich laſſe mich nicht ſo leicht durch den Schein blenden.“ „Wie iſt das doch möglich!“ ſprach ſeine Frau mit einem Verweiſe.„Fünftauſend Franes auf einmal zurückerlangt— Schein? Ein Jahrgehalt von viertauſend Franes— Schein? Solch reine Liebe und edelmüthige Zuneigung in dem Hetzen Deines Sohnes— Schein? Alle dieſe unvorhergeſehenen Wohlthaten von Gott, da Du von dem Briefe nichts An⸗ deres erwarteteſt als ſchlechte Nachrichten— Schein? Was willſt Du denn haben?“ „Das iſt kein Grund, um ſich zu geberden, als ob Dir eine Million aus der Luft vor die Füße gefallen wäre.“ „Aber ſage mir doch, unbegreiflicher Mann, iſt denn bei Anhören dieſes Briefes nicht das mindeſte Gefühl der Freude in Dir entſtanden?“ „Das ſage ich nicht, aber zwiſchen fünftauſend und drei⸗ ßigtauſend iſt ein großer Unterſchied.“ „Aber, was Du abſichtlich überſiehſt, um Dich nicht freuen zu m Hugt ausm geſich Hiob niem ſen, t biſt. er fri esn dankl geleg elend wort murr das und habe täuſi er ur gleic hatte zuſeh Mutter Hiob. 153 ſchien zu zu müſſen, iſt, daß die viermalſechshundert Franes, welche die ge⸗ Hugo ſchicken wird, die Zinſen von fünfzigtauſend Franes ausmachen und daß wir mit dieſer Hülfe gegen alle Noth mendem geſichert ſind und Nichts mehr zu befürchten haben. Ach, e gine Hiob, wenn Du Dich diesmal nicht freueſt, ich würde es Dir edoch an niemals können. Unſer armer Hugo ſollte es wiſ⸗ s bemer⸗ ſen, daß Du bei der glücklichen Nachricht gefühllos geblieben biſt 2 be ich es Meiſter Hiob gerieth in Verlegenheit. Bekennen, daß r gehen er froh ſei, das that er nicht gern, aber er fühlte auch, daß es nicht recht ſei, ſo kalt zu bleiben gegen den Beweis der nicht ſo dankbaren Liebe, den Puge in ſeinem Briefe an den Tag 6 gelegt hatte. it einem„Du vergißt unſer unglückliches Engelbertchen, das ſo angt— elend daliegt,“ ſagte er, um nicht zu einer unmittelbaren Ant⸗ Schein? wort genöthig zu ſein. Herzen„Ach,“ ſeufzte Mutter Hiob,„ich glaube, daß Du noch eſehenen murren und verzweifeln würdeſt, ſelbſt wenn Gott Dich in hts An⸗ das Paradies verſetzte.“ 2 Was Meiſter Hiob zeigte mit dem Finger nach der Thüre und ſagte, als wäre er erfreut, daß er ein Mittel gefunden ob Dir habe, dieſer Unterredung eine andere Wehduing zu geben: Da höre ich den Doetor im Vorzimmer. Dieſes Mal enn bei uſh ich mich gewiß nicht. Gott weiß, welches Unglück Freude er uns nun verkünden wird.“ Der Doctor— allerdings ſchwarz gekleidet und mit nd drei⸗ gleichgültiger Miene, wie Meiſter Hiob ſo grimmig geſagt hatte— trat ein und nahm, ohne ſich nach dem Kinde um⸗ tfreuen zuſehen, einen Stuhl. Mutter Hiob. „Wie iſt die Nacht verlaufen?“ fragte er. „Ruhig, ſehr ruhig,“ antwortete Mutter Hiob;„das arme Kind hat ſich beinahe nicht gerührt.“ „Hat es oft zu trinken verlangt?“ „Nur drei Mal ſeit geſtern Abend.“ „Hat es viel Krämpfe gehabt?“ „Welche Frage!“ fiel Meiſter Hiob dazwiſchen ein. „Meine Frau ſagt Euch eben, daß es ſich nicht gerührt habe!“ „Stand noch immer Schweiß auf ſeiner Stirne?“ fragte der Doctor, ohne auf die Worte des Brauers zu achten. „Nein, die Glut iſt ausgeblieben.“ „Und hat das Kind geſchlafen?“ „Dieſen Morgen ſehr lange.“ „Und ruhig?“ „Ja, ruhig.“ Meiſter Hiob ſtampfte bei dieſen Fragen ungeduldig auf den Boden. „Aber, Doetor,“ ſagte er,„da liegt das Kind im Bette, ſeht es an und ſagt uns nun gerade heraus, was daraus werden wird. Wenn Ihr uns Nichts als ein ſchreckliches Unglück mitzutheilen habt, ſo iſt es wenigſtens grauſam und nutzlos, uns ſo lange mit all den Fragen auf die Folter zu ſpannen.“ „Aber ſchweige doch um Gottes willen,“ rief die Frau; „Hiob, Hiob, Du wirſt immer ſchlimmer. Laß den Doctor das Seinige thun, wie er es verſteht.“ Der Doctor zog, ohne Etwas zu antworten, den Stuhl neben das Bett und ſetzte ſich nieder, indem er den Kopf etwas über das Kind beugte. Nachdem er es eine Weile ſtarre ſelbſt Endli ſeinem Y unden ſuchun jähe G genäh richtet hinter ſeinen A Nerve dritter ( „. gerüh nicht. D ten A ſagte: ich gl zu M und ſ “ „das ein. abe!“ ragte gauf Bette, raus liches mund ter zu rau; octr Stuhl Kopf Weile Mutter Hiob. ſtarr angeſehen hatte, fühlte er nach deſſen Puls und legte ſelbſt das Ohr auf ſeine Bruſt; dann verhielt er ſich ſtill. Endlich weckte er das Kind, indem er es ſchüttelte und bei ſeinem Namen rief. Mittlerweile ſchritt Meiſter Hiob durch die Stube auf und nieder. Seine Nerven waren durch dieſe lange Unter⸗ ſuchung ſehr aufgeregt und er drückte ſeine Ungeduld durch jähe Geberden aus. Schon zwei Male hatte er ſich dem Arzte genähert und jedes Mal die Frage:„Und nun?“ an ihn ge⸗ richtet, ohne eine Antwort zu erhalten. Mutter Hiob ſtand hinter dem Doctor und folgte mit pochendem Herzen allen ſeinen Bewegungen. Als Meiſter Hiob der fieberhaften Aufregung ſeiner Nerven nicht länger widerſtehen konnte, näherte er ſich zum dritten Male dem Bette und rief: „Ihr werdet es noch ſo weit treiben, daß ich vom Schlage gerührt werde. Sprecht, was wird daraus? Fürchtet Euch nicht. Wenn es ſterben muß, ſagt es nur.“ Der Doetor ſtand auf, faßte mit dem gewöhnlichen kal⸗ ten Ausdrucke ſeines Geſichtes die Hand des Brauers und ſagte: „Proficiat, es iſt geſchehen.“ „Was, was iſt geſchehen?“ heulte Meiſter Hiob bebend. „Es iſt geſchehen, und Ihr wünſcht mir Proficiat. Himmel! ich glaube, Ihr ſeid von Sinnen.“ „Ihr unterbrecht mich,“ ſagte der Doctor, indem er ſich zu Mutter Hiob wendete und gleichfalls ihre Hand faßte und ſprach: „Frau, ich wünſche Euch Glück, das Kind iſt gerettet.“ Mutter Hiob. „Mein Kind, mein Engelbert iſt gerettet!“ ſchrie die glückliche Frau mit erhobenen Armen.„O, Gott ſei Dank für dieſe Wohlthat! Aber, mein Herr, was Ihr da ſagt, iſt doch gewiß wahr? Ihr täuſcht mich doch nicht aus Mit⸗ leid? Iſt die Hoffnung nicht unbegründet, die Ihr mir gebt!“ „In das, was Ihr da ſagt, Doctor,“ murmelte der Brauer,„habe ich gar kein Vertrauen. Es iſt möglich, daß das Kind etwas beſſer iſt; aber Ihr könnt doch nicht wiſſen, wie es morgen damit ſein kann.“ „Allerdings,“ antwortete der Doctor,„nur Gott allein kann wiſſen, ob Ihr und ich morgen noch leben werden. Aber ich urtheile nur über die Krankheit des Kindes.“ „Und Ihr meint, daß es ſo ſchnell geſund wird? Das iſt unmöglich. Ihr täuſcht Euch und uns zugleich. Seht einmal meine Frau, wie ſie daſteht und mit den Füßen trip⸗ velt, als hätte ſie Luſt zu tanzen. Für ſie iſt ein Wort genug. Ich laſſe mich ſo leicht nicht rühren.“ „Hört nicht auf ſeine Worte, Doctor,“ rief Mutter Hiob mit ausgelaſſener Freude.„Er wird ſelbſt an der Güte Gottes zweifeln. Ihr habt Recht, mein Engelbertchen wird geſund werden. Ich glaube Euch, ich will Euch glauben, weil Ihr mir eine glückliche Nachricht bringt. O, mein Kind, mein liebes Kind Dieſer freudenvolle Augenblick über⸗ wiegt alle meine Schmerzen!“ „Sie hatte ihren Arm unter das Köpfchen des Kindes gelegt und küßte es nun mit inniger Liebe. „Hiob, Hiob, Ungläubiger komm her,“ rief ſie,„da ſieh, es lacht, das arme Schäfchen lacht.“ 2 Doch chen 2 nen Enge ſeines lich ü 2 legte ſeiner „. 9 Halſe ſichz es m als d „Als Ihr theil Ich der( Sach ich, bürg hüte dang rie die Dank ſagt, Mit⸗ rmir te der „daß viſſen, allein Aber Das Seht trip⸗ enug. Hiob Güte wird uben, mein über⸗ indes ſieh⸗ Mutter Hiob. 157 Der Brauer näherte ſich langſam und mit Mißtrauen. Doch ſobald Engelbertchen ihn ſah, ſtreckte es ſeine Händ⸗ chen aus und lallte das Wort:„Vater!“ Dieſes ergriff Meiſter Hiob ſo gewaltig, daß die Thrä⸗ nen ihm wider Willen aus den Augen ſtürzten. Er liebte Engelbertchen leidenſchaftlich und konnte bei dem Zeichen ſeines Wiederauflebens der Freude, welche ſein Herz plötz⸗ lich überwältigte, nicht widerſtehen. Mutter Hiob bemerkte ſeine Rührung. Sie ſprang auf, legte den Arm um ſeinen Hals und ihre Thränen mit den ſeinen vermiſchend rief ſie aus: „O, wie glücklich wir ſind! Nicht wahr?“ Meiſter Hiob nahm ſchweigend ihren Arm von ſeinem Halſe und da er ſah, daß der Arzt gehen wollte, wandte er ſich zu ihm: „Engelbert iſt beſſer, ich ſehe es auch; aber, Doctor ſagt es nur gerade heraus, Ihr habt uns mehr Hoffnung gegeben, als der Zuſtand des Kindes geſtattet.“ „Ihr ſeid ein ſeltſamer Mann,“ antwortete der Arzt. „Als ich Euch nicht viel Gutes zu ſagen hatte, übertriebt Ihr meine Aeußerungen; jetzt, wo ich Euch eine frohe Mit⸗ theilung mache, gebt Ihr Euch Mühe, ſie nicht zu glauben. Ich würde Euch erklären können, worauf ich die Gewißheit der Geneſung Engelberts ſtütze, aber Ihr werdet weder die Sache noch die Worte begreifen. Es ſei Euch genug, daß ich, was die Krankheit betrifft, für das Leben des Kindes bürge. Morgen wird es nicht mehr im Bett bleiben wollen; hütet es noch einige Tage vor der Kälte und gewöhnt es danach allmälig an die Luft. Vor Allem laßt es des Abends 158 Mutter Hiob. nicht ausgehen. Hier iſt ein Recept für ein Fläſchchen. Wenn das Kind Etwas zu eſſen verlangt, ſo gebt ihm auf einmal wenig, aber gebt ihm oft. Nun, ich wiederhole es Euch, Pro⸗ ficiat! Morgen werde ich kommen, um zu ſehen, wie es geht.“ Kaum war der Doetor verſchwunden, ſo lief Mutter Hiob zu ihrem Ehegatten, ergriff ſeine beiden Hände und rief: „Hiob, Hiob, nun biſt Du doch froh, nicht wahr?“ „Ja, ja,“ murrte der Brauer, als wollte dieſes Bekennt⸗ niß nur mit Mühe aus ſeinem Munde. „Nun ſind wir doch glücklich, nicht wahr? Und hatte ich nicht Recht, als ich Dir ſagte,„es wird wol beſſer gehen?“ „Ja, ja,“ wiederholte Meiſter Hiob, ſeine Hände zurück⸗ ziehend. „Sieh einmal,“ jauchzte ſeine Ehegattin mit begeiſter⸗ tem Tone,„welche Wohlthaten der gute Gott uns an einem Tage ſendet! Engelbertchen iſt gerettet, er wird geneſen; be⸗ vor ein Monat verlaufen iſt, wird er wieder rothe Wangen bekommen, fröhlich ſein, ſpielen, hüpfen und aufblühen wie eine Blume des Feldes. Er wird wie früher mit Dir ſpazie⸗ ren gehen, Dich durch ſein verſtändiges Geſpräch erfreuen, Dich ſtreicheln, Dich lieben und unſer Troſt ſein bis auf un⸗ ſere alten Tage. Hugo iſt nun auch glücklich. Er verdient nun ein ſchönes Geld und wird uns den Verluſt, der uns ge⸗ troffen hat, wol vergeſſen machen. Roſina trauert aller⸗ dings noch, aber ein Wölkchen, welches den Himmel der Liebe verdunkelt, iſt ſo ſchnell wieder verſchwunden; das wird ſich auch wol geben. Und Du, Hiob, ſei etwas leichtern Sinnes. Gehe morgen mit dem Bogen zu der St. Sebaſtiansgilde und ſchieße mit den Freunden wie zuvor. Wenn ich es wohl erwäg ſtoßen ſchon worde einen daß 1 Verdr Im C gen M Deine Ach d nun, etwas uns r ich. hen.. AV ſter H Kuß a ohne; gegan men u Frau und ſi 2 Glück Wenn inmal Pro⸗ geht.“ Hiob ſi kennt⸗ tte ich n? urück⸗ iſter⸗ nem ʒ be⸗ ngen nwie azie⸗ euen, f un⸗ dient s ge⸗ ler⸗ iebe ſich nes. gilde wohl Mutter Hiob. erwäge ſo weiß ich nicht, ob uns etwas Unglückliches zuge⸗ ſtoßen iſt. Es iſt eine Sache, welche Zeit erfordert. Es wird ſchon Alles wieder in Ordnung kommen. Wir ſind geprüft worden; aber das Sprüchwort ſagt: Gott ſchlägt mit der einen Hand und lindert mit der andern. Nun ſiehſt Du wol, daß man mit der Verzweiflung Nichts gewinnt;— aller Verdruß, den Du erlitten haſt, war voreilig und nutzlos. Im Gegentheil, die Verzweiflung beraubte Dich des nöthi⸗ gen Muthes, um mit dem Schickſale zu ringen, ſie verdüſterte Deinen Geiſt und machte, daß Dualles Schlimmeübertriebſt. Ach die Hoffnung beſitzt eine wunderbare Kraft. Bekenne es nun, lieber Hiob, und habe fortan mehr Vertrauen. Sei etwas milder gegen Dich ſelbſt und gegen Andere, und ſollte uns noch einmal eine Widerwärtigkeit treffen, ſo thue wie ich. Halte Dich aufrecht und ſage: es wird wol beſſer ge⸗ Während ſeine Ehegattin dieſe Worte ſprach, war Mei⸗ ſter Hiob zuerſt zu Engelbertchen gegangen und hatte einen Kuß auf des Kindes Lippen gedrückt; dann war er ſcheinbar ohne zu hören, durch die Stube gedankenvoll auf und nieder⸗ gegangen, und ſtand nun mit über die Bruſt gekreuzten Ar⸗ men und den Blick auf den Boden geheftet da. „Aber, Hiob, wie kannſt Du doch ſo ſein?“ fragte die Frau mit verdrießlicher Verwunderung.„Da ſtehſt Du nun und ſinnſt, als wäreſt Du noch nicht zufrieden.“ „Laß mich denken,“ murrte er. „Woran könnteſt Du aber anders denken, als an unſer Glück und an Gott, der ſo huldvoll gegen uns iſt?“ „Ich denke an Engelbert.“ —— — 160 Mutter Hiob. „Was fehlt ihm denn noch? Er iſt ja gerettet.“ „Gerettet, gerettet!“ murmelte der unbegreifliche Mann, vielleicht, es mag ſo ſein; ich denke darüber nach, daß das Kind vor ſeiner Krankheit wohlhabend war und nun vielleicht in der Welt Armuth leiden muß.“ Mutter Hiob, durch die unbeſiegbare Unzufriedenheit ihres Ehegatten entmuthigt, ſeufzte vor ſich hin: „Es iſt eine Plage, die auf ihm liegt. Es läßt ſich nicht ändern... Sie näherte ſich dem Bette, faßte die Hand des Kindes und ſah es mit ſtiller, mütterlicher Wonne an. Meiſter Hiob rieb ſich unabläſſig die Stirne und dachte an den Verluſt des Erbtheils ſeiner Kinder. Schon ſeit einiger Zeit hatte Stille in dem Gemache ge⸗ herrſcht, als Roſina weinend eintrat und auf einen Stuhl ſank, indem ſie mit verzweiflungsvoller Klage ausrief: „Ach, ach, wie bin ich unglücklich!“ „Was hat das nun wieder zu bedeuten?“ murrte der Vater. „Mutter, liebe, liebe Mutter,“ rief Roſina,„ich habe Ga⸗ briel geſehen.“ „Nun, Kind, um ſo beſſer!“ jauchzte die Frau,„das iſi ja eine frohe Nachricht.“ „Ach, nein, nein, er hat mir das Herz gebrochen, ich werde davon ſterben... „Hat er Dich verhöhnt, der wahnſinnige Schwärmer?“ polterte Meiſter Hiob mit aufwallendem Zorne.„Das wollte ich ſehen! Wir ſind arm, aber daß man uns nicht auf den Kopf trete, oder ich werde zeigen, wer ich bin.“ —— — Nann, ß das Ueicht enheit hnicht kindes Hiob ſt des he ge⸗ Stuhl te der eGa⸗ — — — werde ter?“ vollte f den S—— —— Mutter Hiob. „Sage doch, Roſina, was geſchehen iſt,“ ftagte die Mut⸗ ter,„es wird ſo ſchlimm nicht ſein.“ „Denke einmal,“ ſagte das Mädchen,„ich hatte länger als eine Stunde vor dem Krerze hinter der Kirche gekniet und für Engelbertchen und für ihn gebetet. Als ich nach Hauſe gehen wollte, ſchwebte mir ſein Bild vor den Augen; ich hielt den Kopf auf die Bruſt geſenkt, denn ich trauerte über ſein Schickſal.... Da ſehe ich plötzlich Jemanden aus einem Seitenpfade näher kommen, mit unſaubern Kleidern und verworrenem Haar mein Herz fing an zu beben, ein Schrei von banger Freude entfuhr mir— es war Gabriel! Ich, nicht wiſſend, was ich thue, ſtrecke die Hände aus wie eine Einfältige und laufe ihm lachend entgegen— er, bleich wie der Tod, zitternd wie ein Rohr, ſchaute mich mit einem Blicke an, der mir wie ein Meſſer durch den Buſen drang; Verachtung, Hohn, Spott lachten mir aus ſeinen Augen ent⸗ gegen,— ein ſchaudererregendes Murren iſt ſein grauſamer Gruß, und er läuft mit einer Geberde von mir weg, daß ich vor Schrecken zurückbebe.... O Mutter, der Schlag traf mich ſo hart, daß ich den Kopf an einen Baum lehnte, wie lange, weiß ich nicht, eine Stunde vielleicht. Alles drehte ſich um mich laß mich weinen...“ „Das ſoll er büßen!“ polterte der Brauer,„daß er es in ſeinem Leben nicht wage, Dich anzuſehen! Es würde ſein Unglück ſein!“ Mutter Hiob faßte die Hand ihrer Tochter und ſagte. tröſtend: „Nun, nun, liebe Roſina, Du biſt auch ſchon ein wenig ſo, wie Dein Vater. Du härmſt Dich mit Deinem Kummer Mutter Hiob. 11 162 Mutter Hiob. ab. Was geſchehen iſt, muß Dir natürlich vorkommen. Ga⸗ briel hat ſeine Eltern wahrſcheinlich noch nicht geſehen; er lebt noch immer in ſeinen thörichten Gedanken. Was Wun⸗ der iſt es denn, daß er Dich ſtrafend anſieht, und mit Aerger von Dir wegläuft. Wenn er von ſeiner Mutter ver⸗ nommen haben wird, was hier während ſeiner Abweſenheit geſchehen iſt, und wie er ſich durch ſeine Einbildungskraft hat täuſchen laſſen, dann wird er Dich vielleicht ſelbſt bitten, ihm ſeinen Irrthum zu vergeben.“ „Ja,“ rief Meiſter Hiob,„er ſoll nur kommen, ich werde es ihn lehren!“ „Er wird nicht kommen,“ wehklagte das Mädchen,„er iſt allein aus Wispelbeke geflohen, um mich vergeſſen zu kön⸗ nen. Ich habe es wol in ſeinen Augen geſehen, daß er in ſeinem grauſamen Vorhaben glücklich geweſen iſt. Ach, Du lachſt über meinen Kummer, Mutter; aber Du ſollteſt nur wiſſen, wie es in meinem Herzen ausſieht.“ „Ich lache über Deine Einfalt, Roſina, wenn man gegen Jemand gleichgiltig geworden iſt dann wird man nicht bleich, wie ein Todter, dann bebt man nicht bei dem Erſcheinen De⸗ rer, die man einſt geliebt hat. Seinur gutes Muthes, glaube mir, es wird mit der Sache auch beſſer gehen, als Du meinſt.“ Ein Klopfen an der Thüre unterbrach ihre tröſtende Rede. Meiſter Hiob ſprang auf um die Thür zu öffnen; aber gleich als ob eine plötzliche Erſcheinung ihn erſchreckt hätte, wich er einige Schritte in die Stube zurück. „Gabriel!“ riefen Alle zugleich. „Aus meinem Hauſe, Unverſchämter!“ ſchrie der Brauer; entferne Dich; mein Blut beginnt zu kochen!“ trat, hielt geric flehe Flutl mich Stin Müh rung alsen den i nem( Dein mert ſinn: meine mich kehrte zu eit lichſte einath meine Verbl —— 3—— Mutter Hiob. 163 3 Aber als der Notar gleich nach ſeinem Sohne in die Stube 7 Wun⸗ trat, mäßigte Meiſter Hiob einigermaßen ſeinen Zorn und hielt mit einer Art von Verachtung ſeinen Blick auf Gabriel gerichtet, der mit gefalteten Händen vor Roſina ſtand und ſenheit flehend ſeufzte: skraft„O Roſina, verzeihe mir, ich habe geirrt!“ bitten,„Nein, nein, Gabriel,“ ſeufzte das Mädchen unter einer Fluth von ſüßen Thränen,„laß mich nur trauern, Du haſt werde mich vergeſſen..... 4 eriſ 1„Dich eeſeni“ rief der Jüngling mit zitternder 5 kön⸗ Stimme.„O, ſoll ich es bekennen? Ich habe mir allerdings enit Mühe genug darum gegeben! Ich habe mit Verzweiflung ge⸗ Pu rungen; ich habe Dich in meinen Augen ſchuldiger gemacht, als meine krankhafte Einbildungskraft Dich zu ſehen glaubte, Dich vor dem Altare Hand in Hand mit ihm geſehen, gegen den ich als den Wörder iier Seele betrachtete; auf Dei⸗ leich nem Geſichte habe ich den Spott mit meinem Leiden bemerkt, Ve Deine Stimme gehört, indem ſie lachend ſagte: was küm⸗ lalbe mert mich der Gram des Träumers? Und mich ſo zum Wahn⸗ inſt.“ ſinn treibend, habe ich geglaubt, daß ich Dich vergeſſen und Rede. meine Liebe zu Dir beſiegen könnte. Vergebens! Ich hielt mich von Etwas überzeugt, das mich tödten müßte, und doch 6 kehrte ich nach Wispelbeke zurück. Warum? Ach, verurtheilt zu einem langſamen Hinſterben oder beſtimmt zum glück⸗ lichſten Looſe. Ich muß leben, wo Du biſt, Roſina, die Luft einathmen, die Dich umgiebt.... und nun weiß ich von meiner Mutter, daß ich der Spielball einer unbegreiflichen Verblendung war, daß ich allein der Schuldige bin.... 14½ 164 Mutter Hiob. D Roſina, habe Mitleid mit mir, vergib meinen Wahnfinn; laſſ Alles wieder ſo ſein, wie es früher geweſen!“ „Armer Gabriel, was mußt Du gelitten haben!“ ſagte Rofina leiſe, indem ſie ſeine Hand drückte.„Sei nur ge⸗ troſt, ich kann ja nicht böſe auf Dich ſein.“ „Das ſieht da ſchön aus!“ rief der Brauer.„Wie, Du glaubſt, daß es damit genug ſei?“ Gabriel wandte ſich zu Roſina's Vater und ſprach flehend: „Verzeiht mir, Meiſter Hiob. Ich weiß, daß ich Euch erſt hätte um Verzeihung bitten müſſen; aber ich habe Ro⸗ ſina ſo lange nicht geſehen. Ihr werdet mir auch wieder gut ſein, nicht wahr?“ „Gut ſein, gut ſein?“ brummte der Brauer,„ja, das kann doch ſo ſchnell nicht gehen. Es müſſen vorher noch an⸗ dere Dinge ins Reine gebracht werden.“ „Nun, nun,“ ſagte der Notar mit heiterem Tone,„Ihr ſeht wol, daß ich Gabriel ſeine Unvorſichtigkeit verziehen habe. Laßt uns nun keine Schwierigkeiten machen, Freund Hiob. Wer betrügt ſich nicht einmal in der Welt? Und iſt ſelbſt das Geſchehene kein Beweis, das Gabriel Eure Ro⸗ ſina bis zum Wahnſinn liebt? Alles kehrt auf den alten Fuß wieder zurück— und wir werden die„große Sache“ nur etwas beſchleunigen, damit unſern Kindern ein derartiger Verdruß nicht wieder begegnet.“ „Weiß Gabriel, daß wir arm geworden ſind?“ fragte Meiſter Hiob mit einem bitteren Lächeln. „Er täuſcht Euch, Notar, wir ſind nicht arm!“ fiel Mut⸗ ter Hiob ein. — uns kein der beite Aere Mar rum ten, Amt lebe fürc rath mög wor verſ wert ſein Wu ſagt Qu⸗ nſinn; ſagte ur ge⸗ e, Du ſprach Euch e Re⸗ er gut „ das ch an⸗ „Ihr ziehen reund nd iſt e Ro⸗ nFuß ür rtiger fragte Mut⸗ — Mutter Hiob. „Gabriel weiß Alles,“ antwortete Herr Styns;„für uns iſt der Zuſtand, ſo beklagenswerth er auch ſein mag, kein Hinderniß.“ „Ich kann Roſina Nichts zur Ausſteuer mitgeben,“ ſagte der Brauer,„trotzdem daß ich mein Leben lang dafür gear⸗ beitet habe! Wenn ich daran denke, vergehe ich faſt vor Aerger und ich weiß nicht, ob ich wol als ehrlicher Mann meine Zuſtimmung geben darf.“ „Höre, Freund Hiob,“ ſagte der Notar,„macht Euch da⸗ rum keinen Kummer. Ich werde meinen Sohn gut ausſtat⸗ ten, und von nun an Maßregeln treffen, um ihm einſt mein Amt zu übertragen. Wir wollen zuſammen als gute Freunde leben, ich werde Euch in Euren Geſchäften beiſtehen. Be⸗ fürchtet Nichts mehr; gebt Eure Zuſtimmung zu der Hei⸗ rath unſerer Kinder, damit ſie wenigſtens glücklich ſein mögen.“ „Nun, ich werde einmal darüber nachdenken,“ ant⸗ wortete Meiſter Hiob. „Darüber nachdenken! Warum?“ „Ich will erſt noch einmal darüber ſchlafen.“ „Nein nein, zeigt guten Willen. Ich habe meiner Frau verſprochen, daß ich mit Eurer Zuſtimmung zurückkehren werde. Gebt ſie mir.“* „Hiob, Hiob, wie kannſt Du doch ſo verſtockt ſein,“ rief ſeine Ehegattin.„Was der Notar von Dir verlangt, iſt der Wunſch Deines Herzens— und doch weigerſt Du Dich?“ „O, Meiſter Hiob, Ihr habt mich immer ſo gern gehabt,“ ſagte Gabriel flehend;„erurtheilt mich nicht zu neuen Qualen.“ 166 Mutter Hiob. „Vater, lieber Vater,“ ſeufzte Roſina ſich ſchmeichelnd an ſeinen Hals werfend,„habe doch Mitleid mit dem armen Gabriel! Er iſt ſo unglücklich geweſen.“ Meiſter Hiob zuckte die Achſeln und ſagte murrend: „Wenn's nicht anders ſein kann, ſo heirathet in Gottes Namen und ſehtzu, daß esEuch etwas beſſer gehe als mir.“ „Ach Dank! So iſt es recht! Dank, Dank!“ erſcholl es durch das Zimmer. Nach den erſten Worten der gegenſeitigen Beglückwün⸗ ſchungen, gegen welche Meiſter Hiob ſcheinbar gefühllos blieb, ſtand er wieder mit zu Boden geheſteten Augen und wie in ernſtes Nachſinnen vertieft da. Gabriel ſaß neben Roſina und ſprach ſtill mit ihr; der Notar ſah den Brauer ver⸗ wundert an. „Freund Hiob,“ fragte er,„was liegt Euch noch auf dem Herzen, daß Ihr ſo betrübt ausſeht?“ „Es liegt ihm Nichts auf dem Herzen,“ ſagte Mutter Hiob.„Er will es nicht merken laſſen, aber er iſt ſo erfreut, ſo entzückt, daß er nicht weiß, wie er es verbergen ſoll.“ „Entzückt! Entzückt!“ murmelte Meiſter Hiob. „Gewiß, und was anders? Bedenkt einmal, Notar, Ihr wißt, was für Unglücksfälle uns getroffen haben. Unſer ar⸗ mes Engelbertchen, das dort liegt und lächelt, mußte, wie wir glaubten, ſterben— und ſoeben ſagt uns der Doctor, daß es geneſen wird, er bürgt ſelbſt für ſein Leben. Unſer armer Hugo ſollte unſchuldig im Gefängniß ſitzen; er würde entehrt ſein. Wir ſchienen zu einem tiefern Falle und zum Elende verurtheilt zu ſein— Alles iſt beigelegt; die Ehre Hugo's iſt gerettet, er hat eine Stelle, die ihm jährlich vier tauſe ſchön Fran Roſit Ungl kehrt es fü tigke und bar; Dein ſelig fen,, aber Schn iſt ve Sinn guter ſich d Char „Abe chelnd rmen zottes mir.“ oll es wün⸗ blieb, ie in oſina ver⸗ h auf utter freut, Ihr r ar⸗ wie etor, nſer ürde zum Ehre vier Mutter Hiob. tauſend Franes einbringt; er ſendet uns heute ſchon eine ſchöne Summe und theilt uns mit, daß er noch fünftauſend Franes aus ſeinem Handelsgeſchäft übrig behalten werde. Roſina war krank vor Gram, ihr Leben ſchien ein endloſes Unglück ſein zu ſollen— und da iſt Gabriel nun zurückge⸗ kehrt, und Alles iſt wieder in Ordnung. Wir dachten, daß es für uns Nichts mehr auf der Welt gäbe, als Wiederwär⸗ tigkeit— und Gott überſchüttet uns mit Freude!“ Sie lief zu ihrem Ehegatten, faßte ſeine beiden Hände und rief mit einer glänzenden Thräne in den Augen: „Nun, lieber Mann, ſei gegen den Himmel nicht undank⸗ bar; bekenne nur, daß Du von Wonne erregt biſt. Sieh Deinen Sohn wieder aufleben; ſieh Deine Tochter in Glück⸗ ſeligkeit ſchwelgen.“ „In der That, Frau,“ antwortete Meiſter Hiob betrof⸗ fen,„wir ſind glücklicher, als wir hoffen durften..... aber, ab 4 „O, das häßliche Wort Aber!“ rief Mutter Hiob. „Aber wir ſind doch arm,“ fuhr der Brauer fort,„der Schweiß unſeres ganzen Lebens, das Erbe unſerer Eltern iſt verloren.“ „Nein, nein, Hiob, ſchlage Dir die Gedanken aus dem Sinne. Du haſt mir nie glauben wollen, als ich Dich mit guten Worten zu tröſten ſuchte; und wie Du nun ſiehſt, hat ſich dennoch Alles, was ich vorausſagte, verwirklicht.“ „Ich gebe es zu, Frau; ich habe einen unglücklichen Charakter,“ antwortete Meiſter Hiob in milderem Tone. „Aber was den Verluſt unſerer Güter betrifft, ſo iſt es doch ——— 168 Mutter Hiob. ein unheilbares Unglück— und ich traure deshalb nicht für mich; nein, um meine Kinder.“ „Das wird ſich auch wol wieder geben,“jauchzte Mutter Hiob.„Es fängt bereits an. Nun, nun, ſeifröhlich, es wird damit, wie mit allem Uebrigen, auch wol einmal beſſer gehen.“ Der Brauer ſchüttelte den Kopf mit einem ſtillen zwei⸗ felhaften Lächeln. In dieſem Augenblicke hörte man ein heftiges Peitſchen⸗ knallen auf der Straße ertönen, und dicht vor dem Fenſter des Zimmers hielt ein Wagen an, deſſen zwei Pferde von der Erhitzung der ſchnellen Fahrt dampften. „Gott, mein Gott, da iſt Hugo!“ rief Mutter Hiob. „Ein Unglück!“ ſeußzte der Brauer ängſtlich. Aber eben ſo ſchnell flog die Thür auf und Hugo ruhte an der Bruſt ſeines Vaters unter liebevollen Küſſen aus⸗ rufend: „Ach, jauchzt! Seid froh! Vater, Mutter! Walter iſt an der preußiſchen Grenze von den Gensdarmen ergriffen wor⸗ den! Man hat ihn in das Stadtgefängniß gebracht. Er war noch im Beſitze der Banknoten und des geſammten Gel⸗ des. Es iſt Nichts verloren, ich werde Alles zurückerhalten. Ich komme gefahren, geflogen, um Euch die frohe Nachricht zu melden.. Und wen ſehe ich da?— Gabriel? Und Engelbert, mein Brüderchen, das mir entgegen lacht! O, der Himmel öffnet ſich vor meinen Blicken!“ Indem Hugo zu ſeiner Mutter eilte und unter unver⸗ ſtändlichen Worten der Freude und Liebe ſie und Roſina in ſeine Arme ſchloß, ſtand Meiſter Hiob mit erhobenen Hän⸗ den da, als ſendete er ein Dankgebet zum Himmel. — Geft rief ſ Brat Arm Ehe Euc halt es ſein glüc des cht für Nutter s wird ehen.“ zwei⸗ ſchen⸗ enſter e von ruhte aus⸗ iſt an wor⸗ Er Gel⸗ alten. hricht Und nver⸗ na in Hän⸗ — Mutter Hiob. Thränen, diesmal milde Thränen der Freude und des Gefühles der Glückſeligkeit ſtrömten über ſeine Wangen. „Nun, nun, lieber Hiob, habe ich es Dir nicht geſagt?“ rief ſeine Frau. „Ja, ja; o Gott iſt barmherzig und gut,“ antwortete der Brauer mit begeiſterter Stimme. „Komm, komm her,“ rief Mutter Hiob ihm zu. Und als ſie Alle, welche ihr theuer waren, in ihre beiden Arme geſchloſſen hatte, ſagte ſie mit feierlichem Tone: „Kinder, liebe Kinder, und Du, der Du mein geliebter Ehegatte biſt, vergeßt doch nie die Lehre dieſes Tages. Was Euch auch Unangenehmes in dieſem Leben widerfahre, be⸗ haltet das Vertrauen auf Gottes Güte und denkt immer; es wird wol beſſer gehen! Wer dieſe Worte in ſeinem Herzen geſchrieben bewahrt, iſt ſtärker, als das Un⸗ glück; denn ſie ſind ein unerſchöpflicher Quell der Kraft und des Muthes. Druck der Ries ſchen Buchdruckerei in Leipzig- — verlag von L. Wiedemann in Leipzig. H. Conſcience. Geſammelte Schriften. Elegante und wohlfeile Cabinet⸗Ausgabe in Bändchen à 10 Ugr. Erſchienen ſind: Jakob von Artevelde. Hiſtoriſcher Roman. Unter Mitwirkung des Verfaſſers deutſch von Prof. Dr. O. L. B. Wolff. Mit einer biographiſchen Skizze des Ver⸗ faſſers und deſſen Portrait in Stahl geſtochen nach Aren⸗ donck. 6 Bände. Der Rekrut. Eine Erzählung. Deutſch von Prof. Dr. O. L. B. Wolff. 1 Band. Baas Ganſendonck. Eine Erzählung. Deutſch von Prof. Dr. O. L. B. Wolff. 1 Band. Die hölzerne Clara. Eine Erzählung. Deutſch von Dr. R. Müldener. 1 Band. Der arme Edelmann. Die blinde Roſa. Zwei Erzählungen. Deutſch von Prof. Dr. O. L. B. Wolff und Dr. R. Müldener. 2 Bände. Der Geizhals. Was eine Mutter leiden kann. Zwei Erzählungen. Deutſch von Dr. E. Wegener. 2 Bände. Mutter Hiob. Eine Erzählung. Deutſch von Prof. Karl Arenz. 1 Band. H. Roberts, E. verlag von L. Wiedemann in Leipzig. Boz(Dickens). Gesammelte Werke. Ueberſetzt von v. A. Moriarty und J. Seybt. Meue Gabinel⸗usgabe in kl. 8. Nach den letzten Ausgaben der engliſchen Originale auf's Neue revidirt von J. Seybt. Mit einer literar⸗hiſtoriſchen Einleitung von Dr. Julian Schmidt. Subſeriptions⸗Preis 16 Thlr. Einzelne Bände koſten 1 Thaler. Vollſtändig ſind erſchienen: 1. und 2. Band. 3. und 4. Band. 5. und 6. Band. 7. Band. 8. und 9. Band. 10. und 11. Band. 12. und 13. Band. 14. und 15. Band. 16. und 17. Band. 18. Band. 19. Band. 20. Band. 21. Band. Im Erſcheinen begriffen: . und 23. Band. *) Dieſe beiden Werke erſchienen in der erſten Ausgabe des Originals unter dem gemeinſamen Titel: Maſter Humphrey's Wanduhr. Wir glauben dieſe ſorgfältig revidirte vollſtändige und gleichmäßig ausgeſtattete, zugleich ſehr wohlfeile Ausgabe mit Recht der Gunſt des Pablicums empfehlen zu dürfen. Yavid Copperfield. Bleakhouſe. Die Pickwichier. Oliver Ewiſt. Uikolas Mickelby. Der Raritäten-Laden.*) Barnaby Budge. ¹) Martin Chuzzlewit. Dombey und Fohn. Weihnachtsmärchen. Londoner Skizzen. Reiſeſkizzen. 3 Harte Zeiten. Blein Yorrit. riginals e nd be mit — —— —— —