Leihbibfiothet deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur Ednard Ottmann in Gieſen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Veſebedingungen. 1. offensein der Bibliothek. Die Vibliothek ſteht zur Em⸗ Ftaahrre und Rückgabe der Bücher jeden Tag von M korgens Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. hesepreis. Bei Ruckgabe eines Leliehener jedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines den angenommen. 3.(aution. Unbekannte Perſone bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurt ückgabe von mir zurückerſtattet wird. . 4. Abonnement. Daſſelbe muß v beträgt: für 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 M. 57 Pf 2M Mk. 6 S 2 3 Auswäptige honnenten“ haben für Hin⸗ der Vun auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſelbſt zu forgen. . Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene unx veece Bücher(namentlich bei ſolchen“ mit Kupfern c.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmützte, ver⸗ korene oder defeete ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt 6 Buches wird von Tages iſt zu 24 Stun = n müſſen vraus bezahlt werden und —— — .„ und Zurt endung der Leſer jun e de Ganzen verpflichtet. 7. Aus oihenelt* Dieſelbe iſt auf 14 feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, der Bücher nicht ſtattfinden d darf, ſelben von mir ge auch —— 5 das Weiterverleihen indem Diejenigen, welche die⸗ dafür zu ſtehen — Das eiſerne Grab. Von Hendrik Conſcience. Ausden Fläniſchen von Dr. C. Püchele. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. — Vorwort. Die Dorſfſchule iſt aus.. Da geht Miekchen, das liebe blonde Kind, mit ſeiner Schreibtafel unter dem Arm, nach Hauſe. Hannchen, der ſchwarze Krauskopf aus deſſen Nach⸗ barſchaft, folgt ihm. Unterwegs pflücken ſie blaue Kornblumen und rothen Feldmohn aus dem Roggen. Auf der ſteinernen Stufe am Eingang zu dem Kirchhofe ſetzen ſie ſich nieder. Hannchen flicht aus den Blumen einen Kranz. Das Mädchen findet, daß es zu lange dauert, und äußert ein ungeduldiges Verlangen, den Kranz zu beſitzen. Aber Hannchen arbeitet, von ihrem Werke völ⸗ lig in Anſpruch genommen, fort. Ohne des Antriebs dazu ſich bewußt zu werden, ordnet und ändert ſie die Blumen, ſtrebt nach Harmonie der Farben und ſetzt zur Probe dann und wann den Kranz auf den Kopf der ſüßen Freundin. 1 — — —— — — —— — — Hat ein Gefühl von Freundſchaft oder von Liebe ſchon ſo frühzeitig dieſes Kind zu einer Künſtler⸗ natur gemacht? Hinter den unſchuldigen Geſpielen breitet das Feld der ewigen Ruhe ſich aus, mit ſeiner ungeſtörten Stille, mit ſeinen begrünten Gräbern und ſeinen umgefallenen Kreuzen... Das niedrige Kirchlein erhebt ſich über den Todten⸗ acker. Sein alter Thurm, ſchwer und knochig am Fuße, gleicht einem Greiſe, der Leid trägt über Kinder, die nicht mehr ſind; aber bald werden ſeine Formen feiner, er ſteigt gleich einer Nadel zum Himmel em⸗ por und zeigt den goldenen Stern der Hoffnung, leuchtend über den Geſchlechtern, welche in dem Schooße der Erde ſchlafen. Die Sonne gießt ihr erheiterndes Licht über den Kirchhof aus; Blumen wiegen ſich in dem warmen Südwinde über den Gräbern; Vögel ſingen in den Lindenbäumen, welche den geweihten Raſen beſchat⸗ ten; bunte Schmetterlinge flattern über den höl⸗ zernen Kreuzen„ aber Nichts ſtört die eindring⸗ liche Stille und die ergreifende Einſamkeit dieſes Todtengartens. Hannchen hat ihr Werk vollendet. Auf Miekchens Haupte prangt der rothblaue Kranz, den ſie ihr ge⸗ flochten hat. Beide treten auf den Fußpfad, welcher ſich über den Kirchhof hinſchlängelt. Hannchen ſieht ein Maßliebchen gleich einem ſilbernen Stern auf einem Grabe erglänzen. Sie ſpringt zur Seite, bricht die Blume vom Stiel und befeſtigt ſie auf der Stirne ihrer Freundin. —— tler⸗ das rten nen ten⸗ der, nen em⸗ ng, em ber nen den a⸗ öl⸗ ng⸗ ſes ns ge⸗ ber em Sie nd 5 Es iſt das Centralkleinod in dem Diadem einer Königin— einer Königin, deren beginnendes Reich das Leben, deren Scepter die Schönheit, deren Schatz Einfalt und Glauben iſt.... Miekchen ſchritt frohlockend weiter; ihre blonden Augen leuchteten von kindlichem Stolze und ver⸗ miſchten ihren ſanften Schimmer mit den lieblichen Kornblumen, die auf ihrer Stirn ſich wiegten. Aber jetzt blieb ſie ſtehen und blickte lächelnd zu einem hölzernen Kreuzchen nieder, deſſen friſcher Blumenkranz auf ein kaum geſchloſſenes Grab hinwies. „Der Kranz, den Du trägſt, iſt viel ſchöner!“ ſprach Hannchen. Da liegt Wagners Lottchen begraben,“ murmelte das träumeriſche Mädchen. „Unglückliches Lottchen,“ klagte die Andere,„jetzt kann ſie mit uns nicht mehr in die Schule gehen...“ „Aber ſie iſt doch in dem Himmel?“ „Ja, ſie iſt in dem Himmel, ach die Arme!“ „Warum biſt Du ſo betrübt, daß Lottchen im Himmel iſt?“ fragte das Mädchen verwundert.„In dem Himmel iſt es doch ſo gut! Da kann man vom Morgen bis zum Abend luſtwandeln mit den lieben Engelein; man bekommt Schürzenvoll Lecker⸗ biſſen; da iſt es alle Tage Sonntag, und man ſpielt und ſingt immerdar;— und wenn man ſich müde geſpielt hat, dann nimmt der gute Gott uns in ſeinen Schvoß und küßt uns in den Schlaf... „Ja, ja, es muß gut ſein in dem Himmel!“ ſeufzte Hannchen in Gedanken verloren. „Ich habe Lottchen geſehen, als ſie bereits ein Engelein geworden war und noch einen langen Schlaf ſchlief, ehe ſie nach dem Himmel gehen ſollte,“ fuhr Miekchen fort.„Ach, wie ſchön war ſie! Sie hatte ein feines weißes Kleid an, und ihr Angeſicht und ihre Hände waren noch weißer, als das Kleid;— und auf ihrem Kopfe trug ſie eine Krone von gol⸗ denen und ſilbernen Blumen, mit Sternchen und Perlen, gleich dem Jeſuskinde in der Kirche;— und Lottchen lächelte ſo ſüß in ihrem Schlafe, als ob ſie bereits von dem Himmel träumte. Ich ſah ihre Flügelein nicht, aber meine Mutter ſagte mir, daß ſie zuſammengefaltet unter ihrem Rücken liegen, um für die lange Reiſe auszuruhen.... denn der Himmel iſt ſehr weit, arg weit von hier, Hannchen“).“ „Komm, Miekchen,“ murmelte die Kleine, während ſie dieſelbe mit der Hand von dem Gräbchen weg⸗ zog.„Ich möchte doch nicht ſterben; denn ich könnte dann nicht mehr mit Dir ſpielen.“ „Aber wenn wir zuſammen nach dem Himmel gehen könnten? So wäre es recht, nicht wahr?“ „Nein, nein, ſprich nicht mehr davon,“ erwiederte Hannchen traurig.„Es macht mir Schmerz. Ach, Miekchen, biſt Du nicht zufrieden auf der Welt?“ Sie gelangten auf die andere Seite der Kirche. Hier befindet ſich gegen die Mauer hin eine kleine Vergitterung von eiſernen Stäben, ſicherlich zu dem Zweck, um ein Grab vor dem Fuß der Vorbeigehenden zu ſchützen. Eine Thüre mit Schloß iſt in dem Gitter angebracht; und auf ein paar Stufen ſteht eine Bank von Eichenholz, deſſen Ober⸗ 0 Es iſt in einigen Gegenden Belgiens gebräuchlich, den Kopf der todten Kinder mit einem Kranze künſtlicher Blumen zu ſchmücken. A b n 2 1 — —„„— fuhr atte und gol⸗ und und ſie ihre daß mel end beg⸗ nte mel erte ch, che. eine lich der loß aar ber⸗ den men 7 fläche ausgeſeſſen iſt und die Spuren jahrelanger Benützung verräth. Kein Stein innerhalb des Gitters trägt den Namen des theuren Vorſtorbenen, aber auf dem Grunde ſproſſen allerlei köſtliche Blumen empor. Es iſt deutlich, daß eine gottesfürchtige Hand die Blumen beſorgt und pflegt; denn während das Gras auf dem Kirchhofe theilweiſe verdorrt iſt, zeigen die Blumen auf dem eingefriedigten Grabe eine Friſche und Lebenskraft, welche in Verwunderung ſetzen. „Sieh!“ ruft das kleine Mädchen,„wieder neue Blumen auf dem eiſernen Grabe! So aus dem Boden geſchoſſen und blühend in einer einzigen Nacht! Das iſt doch ſeltſam, nicht wahr? Blumen, die nirgends zu finden ſind, weder auf den Waiden, noch Feldern, noch im Walde!“ „Ach, einfältiges Miekchen, es iſt der Klausner, welcher ſie allezeit pflanzt.“ „So? Und was bedeutet denn die ausgeſeſſene Bank? Das kommt von der weißen Jungfrau her, welche alle Nacht kommt und auf der Bank an dem eiſernen Grabe ſitzen bleibt, bis der Hahn räht „Nein, es iſt der alte Klausner, welcher alle Tage auf der Bank ſein Gebet verrichtet.“ „Aber wer mag da begraben liegen, Hannchen? Meine Mutter weiß es nicht.“ „Ich habe meinen Vater darum befragt. Das iſt eine häßliche Geſchichte, die ich nicht verſtehen kann. Ich glaube, der Klausner iſt mit einer Perſon ge⸗ traut worden, die bereits todt war.... „Sieh, Hannchen, das iſt eine ſchöne Blume, nicht wahr?“ unterbrach ſie das Mädchen zerſtreut. „Mit Blättern, ſo gelb wie Gold, und einem Herzen, ſo roth wie Blut!“ Hannchen ſchaute nach allen Seiten ſchüchtern um und ſagte dann: „Ich möchte die Blume wohl pflücken, um ſie in Deinen Kranz zu ſtecken; aber ich fürchte, der Klaus⸗ ner könnte es ſehen.“ „Nein, nein, pflücke ſie nicht,“ flehte das be⸗ ſtürzte Mädchen;„die weiße Jungfrau wird es er⸗ fahren.“ Aber Hannchen beugte ſich über die eiſerne Ein⸗ friedigung und ſtreckte ſich, um die ſchöne Blume zu erreichen. „Fliehe, fliehe! Da iſt der Klausner!“ ruft Miekchen Und die beiden Kinder eilten erſchrocken von dem Kirchhofe hinweg. in⸗ ime I. An einem ſchönen Sommertage ſchritt ich mit dem Reiſeſtabe in der Hand auf einer der Straßen dahin, welche von Antwerpen aus nach dem Kempen⸗ lande führen. Träumeriſche Luſt und Naturgenuß waren von mir gewichen, denn der lange Marſch hatte meine Glieder ermattet, und die erſchlaffende Hitze die Gefühlsthätigkeit meines Gehirns aufgezehrt. Nicht daß ich bereits eine gute Tagereiſe zurück⸗ gelegt, oder durch Eile meine Kraft überſpannt hätte. Mit dem frühen Morgen war ich aus der Stadt abgezogen; ich war gegangen, ich hatte mich am Saume der Straße niedergeſetzt, ich hatte mit den Leuten in den Gaſthäuſern geplaudert; ich hatte Kräuter gepflückt, Blumen entblättert— und ſo, träumend, ſpielend und kindlich genießend, erſt drei Stunden Wegs gemacht, als die Sonne am weſt⸗ lichen Rande des Himmels zu ſinken begann. Es freute mich, in dieſem Zuſtande ein fernes Geräuſch von rollenden Rädern hinter mir zu ver⸗ nehmen und in der Perſpective der Straße den rie⸗ ſigen ſchwarzen Fleck zu ſehen, welcher mir die An⸗ kunft des Poſtwagens verkündigte. Als das ſchwere Fuhrwerk ſich endlich der Stelle näherte, wo ich mich befand, machte ich dem Po⸗ ſtillon ein Zeichen, der bereits von ferne, als ein alter Bekannter, mir ſeinen Gruß zugeſandt hatte. Er hielt ſeine Pferde an, öffnete den Wagen und antwortete auf meine Frage: „Noch Platz in dem Cabriolet. Wo gehen wir bei dieſem erſtickend heißen Wetter hin?“ „Setze mich an der Straße nach Bodeghem ab.“ „Gut, mein Herr.... Alles in Ordnung!“ Ich ſprang in den Wagen, und ehe ich mich niedergeſetzt hatte, waren die Pferde in ihren ein⸗ förmigen Lauf wieder eingefallen. In dem Coupé ſaß noch eine Perſon: ein alter Mann mit grauen Haaren, der meinen Gruß mit einem Nicken„Guten Tag, mein Herr!“ beinahe ohne mich anzuſchauen, beantwortet hatte und augen⸗ ſcheinlich nicht ſehr geneigt ſchien, ſich in ein Ge⸗ ſpräch einzulaſſen. Ich hatte ebenſo wenig wie er in dieſem Augen⸗ blick Luſt zu ſchwatzen, dennoch verdroß mich die Kälte ſeines Empfangs einigermaßen. Eine Weile blickte ich zum Poſtwagen hinaus und betrachtete gedankenlos die Bäume an der Straße, welche tanzend und ſpringend in wahnſinniger Eile an dem Fenſter des Fuhrwerks vorüberflogen. Aber dann lenkte eine Anwandlung von Neugier meine Aufmerkſamkeit wieder meinem Reiſegenoſſen zu. Da er mit gebücktem Haupte daſaß und die Augen niedergeſchlagen hatte, konnte ich ihn nach Gefallen beobachten und erforſchen. Es war nicht viel Beſonderes an ihm. Er konnte S 8 elle Po⸗ ein te. und wir nich ein⸗ lter mit ahe en⸗ Ge⸗ en⸗ die aus aße, Eile gier ſſen die ach 11 wohl über ſechzig Winter erlebt haben; ſein Haar war ſilberweiß und ſein Rücken etwas gekrümmt; ſeine Geſichtszüge, obwohl verwelkt, waren milde und ließen vermüthen, daß der Greis einſt ein ſchöner Mann geweſen ſein mußte. Nach ſeiner Kleidung, ein⸗ fach aber anſtändig, war in ihm ein Mann zu er⸗ kennen, welcher der guten Bürgerclaſſe angehörte.— Die Bewegungsloſigteit ſeiner weitgeöffneten Augen, ein Lächeln, das zuweilen ſeine Lippen umſpielte, und die Falte des Nachdenkens über ſeinen Augenbrau⸗ nen bezeugten, daß er zur Zeit in ferne Betrachtun⸗ gen völlig entrückt war. Was jedoch meine Aufmerkſamkeit beſonders feſ⸗ ſelte, war ein kleiner Block Alabaſter, welcher neben ihm auf dem Sitze lag. Da dieſer Gegenſtand, obwohl noch roh, ſo ziemlich dem Fußgeſtell einer Standuhr glich, und daneben in ein Papier gewickelt, drei oder vier ſtählerne Werkzeuge von beſonderer Form ſich bemerklich machten, ſo glaubte ich nicht irre zu gehen, wenn ich mir in meinem Reiſegeſell⸗ ſchafter einen Uhrenmacher dachte. Nach langem Stillſchweigen wagte ich es, mit der gewöhnlichen Redensart ihn anzuſprechen. „Es iſt heute ſehr heiß, nicht wahr, mein Herr?“ Er ſchaute wie aus einem tiefen Traume auf, wandte ſein Angeſicht mir zu, lächelte freundlich und antwortete: „In der That, es iſt ſehr heiß, mein Herr.“ Aber dann kehrte er ſeine Augen wieder ab und nahm ſeine vorige Haltung an. Ich fühlte keine Neigung, mich in eine nähere Bekanntſchaft mit einem Manne einzulaſſen, der ſo W 8 —— — — ———— — — —— karg mit ſeinen Worten und offenbar einem Ge⸗ ſpräche ſo abgeneigt war. Ueberdieß hatte ſein An⸗ tlitz, das ich jetzt erſt ganz zu ſehen bekommen, mir durch ſeine ernſte Würde und durch unverkennbare Zeichen von Gefühl und Geiſt eine Art Reſpect eingeflößt. Mich in die Ecke des Poſtwagens zurücklehnend, ſchloß ich die Augen;— und ich träumte und machte mir in der Stille ſo vielerlei Gedanken, bis ein leichter Schlummer mich der Wirklichkeit entführte. „Die Paſſagiere nach Bodeghem!“ rief der Po⸗ ſtillon, indem er den Wagenſchlag öffnete. Ich ſprang auf die Straße und bezahlte das Poſtgeld. Der Poſtillon kletterte auf den Bock, legte die Peitſche den Pferden auf den Rücken und rief als Gruß mir zu: „Glückliche Reiſe, Herr C.! Und erzählen Sie nur nicht zu viel Mährchen von dem eiſernen Grabe!“ Ganz überraſcht ſtand ich da und ſchaute dem Poſtillon nach. Wer mochte ihm den Zweck meiner Reiſe nach Bodeghem geoffenbart haben, da ich doch mit Niemand unterwegs ein Wort darüber geſpro⸗ chen hatte? Eine Stimme, welche meinen Namen hinter mir nannte, bewog mich, den Kopf umzudrehen. Da näherte ſich, mit dem Hute in der Hond, mit einem ſtillen Lächeln um den Mund und mit dem Alabaſterblock unter dem Arm— mein ſonder⸗ barer Reiſegeſellſchafter aus dem Poſtwagen! Er mußte nach mir ausgeſtiegen ſein, ohne daß ich ihn bemerkt hatte. als Sie e em ner och or⸗ mir 13 Jetzt verbeugte er ſich vor mir unter Bezeugun⸗ gen einer herzlichen Freundſchaft und ſagte: „Sie ſind Herr C., der Sänger unſeres niedri⸗ gen Kempenlandes? O, ich bitte Sie um Vergebung. Geſtatten Sie mir, Ihnen die Hand zu drücen: es iſt ſchon ſo lange her, daß ich Sie einmal zu ſehen wünſchte.“ Ich murmelte einige Worte, um dem guten Greiſe für ſeinen freundlichen Wunſch zu danken. „Und Sie gehen nach Bodeghem?“ fragte er. „Ja, ich werde jedoch nicht lang mich daſelbſt aufhalten; denn ich gedenke noch vor Abend in Beukelhout zu ſein, um dort zu übernachten.“ „Dann werde ich doch das Glück haben, bis Bodeghem Ihr Reiſegenoſſe und vielleicht Ihr Ge⸗ leitsmann zu ſein; denn Sie ſind noch nie in unſe⸗ rem armen, vergeſſenen Dörſchen geweſen?“ „Nein, mein Herr, noch nie,“ war meine Ant⸗ wort,„und ich werde mit Freuden von Ihrer Ge⸗ fälligkeit Gebrauch machen, vorausgeſetzt, daß Sie mir geſtatten, Ihnen dieſen Stein abzunehmen.“ „Achten Sie nicht darauf,“ ſagte er;„mein Haar iſt weiß und mein Rücken beginnt ſich zu krüm⸗ men, aber die Beine und das Herz ſind noch gut.“ Ich drang in ihn, mir den Stein zu überlaſſen, und berief mich auf ſeine hohen Jahre, auf meine jüngeren Kräfte und auf die Achtung, welche man dem Alter ſchuldig iſt; aber er entſchuldigte und wehrte ſich beharrlich, bis ich ihm den Stein faſt mit Gewalt abnahm und ihn dadurch nöthigte, mir auf dem ſandigen Wege zu folgen. — — —— Um die Erklärungen ſeines Bedauerns über mein Thun zu unterbrechen, fragte ich ihn: „Der Alabaſterblock iſt gewiß zum Fußgeſtell für eine Uhr beſtimmt? Der Herr iſt wahrſcheinlich ein Uhrenmacher?“ „Uhrenmacher?“ antwortete er lachend.„Nein, ich bin Bildhauer!“ „So! ich befinde mich in Geſellſchaft eines Künſt⸗ lers? Das freut mich.“ „Eines Dilettanten, mein Herr.“ „Und Sie wohnen zu Bodeghem? Schon ſeit lange?“ „Seit mindeſtens vierzig Jahren.“ „Vielleicht iſt Ihr Name mir nicht unbekannt.“ Der Greis ſchüttelte den Kopf und ſagte nach einer Pauſe: „Sie ſind noch zu jung, mein Herr, um meinen Namen zu kennen. Nicht daß man in der Kunſtwelt dieſem Namen nicht einigen Ruf angehängt hätte, aber es dauerte nur kurze Zeit; es ſind ſeitdem über dreißig Jahre verfloſſen.“ „Haben Sie niemals ein Werk Ihrer Kunſt zur Ausſtellung gebracht?“ fragte ich. „Ein einziges Mal,“ antwortete er.„Es war im Jahr 1824. Es herrſchte damals eine große Bewegung auf dem Gebiete der Künſte, da der Friede alle Volkskräfte zur Entwicklung trieb. Un⸗ glücklicher Weiſe war Jedermann an die engen Re⸗ geln gebunden, welche durch die ſogenannte Schule Davids als Bedingung der Schönheit geboten wur⸗ den; aber man hatte von ihm nur das Aeußerliche, die ſtofflichen Formen entlehnt, und bei dem Mangel 15 einer Seele, welche die Schöpfungen der neuen Schule zu beleben vermochte, ſeine Zuflucht zu thea⸗ traliſchen Haltungen und übertriebenen Geberden genommen. Jedes Bild, gemalt oder gemeißelt, das nicht ſteif, ceremoniell und ſeelenlos war, konnte vor den Augen eines irregeleiteten Publitums keine Gnade finden. Unter ſolchen Umſtänden ſtellte ich mein erſtes Werk öffentlich aus.— Es war ein lie⸗ gendes Bild in Marmor: ein junges Mädchen, auf dem Todtenbette ausgeſtreckt, mit dem Kreuze noch in den gefalteten Händen, als ob der Tod ſie über⸗ raſcht hätte. Ich hatte dem lebloſen Angeſicht meines Bildes ein frohes Lächeln eingeprägt: einen Ausdruck von Vertrauen, von Hoffnung und von Seligkeit. Mein Ziel war, gerade den Augenblick darzuſtellen, wo die Seele den Körper verläßt und entzückt durch die Gewißheit eines beſſern Lebens noch den Leich⸗ nam zur Kundgebung ihrer Freude nöthigt. Dieſes Wert, welches ich„das Vorgefühl der Ewigkeit“ ge⸗ nannt hatte, erregte eine große Aufregung unter den Künſtlern. Beinahe alle warfen ſich mit einer Art von Wuth gegen mich auf und verdammten mein Bild als das Product eines kranken Geiſtes und als eine Ketzerei gegen die damals herrſchenden Be⸗ griffe. In der That, die Formen meines Bildes waren etwas mager, weich, fein und traumartig; die materielle Form war daran dem ſittlichen Aus⸗ drucke eines Gedankens oder eines Gefühles aufge⸗ opfert. Es gab auch wohl Perſonen, die mein Werk zu vewundern ſchienen und mich aufmunterten, indem ſie mir ſagten, ich wäre dazu beſtimmt, eine Wand⸗ lung in die Schule zu bringen und die chriſtliche W S —— — Kunſt über die heidniſche zu erheben; aber je mehr Vertheidiger ich fand, deſto mehr erbitterte Feinde ſah ich gegen mich aufſtehen. Hätte der Streit ſich nur auf die Beſprechung der Gebrechen oder Ver⸗ dienſte meines Bildes beſchränkt, es würde nie mit mir zum Unterliegen gekommen ſein; meine Gegner begannen jedoch aus leidenſchaftlicher Verblendung in meiner Vergangenheit Gründe aufzuſuchen, um mich dem Spotte des Publicums preiszugeben. Sie ſchlu⸗ gen, ohne es zu wiſſen, meinem Herzen tiefe Wunden und entheiligten Erinnerungen, die mir theurer als das Leben ſelbſt ſind. Seit jenem Augenblick hat mich ein Schrecken vor der Heffentlichkeit befallen, und ich habe nie mehr ein Werk zur Schau geſtellt.“ Es lag eine ergreifende Ruhe und eine eindring⸗ liche Würde in den Worten des Greiſes. Sein An⸗ geſicht ſchien mir in dieſem Augenblick ſo edel und ſo majeſtätiſch, daß ich tief davon betroffen wurde und erſt nach einigem Beſinnen ihn fragte: „Und Sie arbeiten jetzt durchaus nicht mehr?“ „Ich arbeite immerdar noch, dann und wann. Und wollte ich es laſſen, es würde mein Unglück ſein. Die Kunſt iſt ein unentbehrliches Bedürfniß meines Herzens geworden, da ſie die Zauberruthe iſt, womit ich die ſüßeſten Erinnerungen aus meiner Vergangenheit heraufrufe und mich in den Lenz meines Lebens zurückverſetze.. Der Weg war ſehr ſandig geworden, und wir hatten viele Mühe, vorwärts zu kommen. Dieſe Unterbrechung unſeres Geſpräches dauerte einige Minuten. Ais ich wieder neben dem Greiſe weiter marſchiren konnte, fragte ich ihn: mehr Feinde eit ſich r Ver⸗ ie mit Hegner ung in n mich e ſchlu⸗ zunden er as ick hat efallen, ſtellt.“ ndring⸗ ein An⸗ e wurde nehr?“ wann. Unglück dürfniß errthe meiner n Lenz ind wir Dieſe einige weiter 17 „Wenn ich mich nicht irre, ſo haben Sie einige meiner Werke geleſen. Der Herr iſt alſo ein Freund der Literatur?“ „Ich leſe nicht ſehr viel,“ anwortete er,„aber beſitze doch faſt alle Ihre Werke.“ „Und haben dieſelben Ihren Beifall gefunden?“ „Ihre Erzählungen von den Kempen und Ihre Sittenſchilderungen insbeſondere; ja noch in höhe⸗ rem Maaße, als Sie wohl vermuthen. Es finden ſich darunter ſolche, die ich bereits zehnmal geleſen habe. Es ſind nicht die ungekünſtelten Geſchichten, welche durch wiederholtes Leſen mir noch Intereſſe ein⸗ flößen; es iſt der Ton, eine Art geheimnißvoller Muſik, welche mit meinem Gemüthe harmonirt und mich anzieht.“ Ich ſchaute den Greis mit fragenden Augen an, um ihn dadurch zu einer nähern Erklärung zu veranlaſſen. „In den Erzählungen, wovon ich ſprechen will,“ ſagte er,„herrſcht ein Ton ſtiller Einfachheit, ſanfter Lebensluſt und unzerſtörbarer Hoffnung, ein inniges Gefühl von Naturbewunderung, von Dankbarkeit gegen Gott und von Liebe zu den Menſchen. Die Lectüre derſelben verurſacht mir zuweilen eine tiefe Rührung, aber ſie ermüdet mich nicht; und wenn ich das Ende eines ſolchen Werkes, ſo anſpruchs⸗ los es auch ſein mag, erreicht habe, dann fühle ich mich getröſtet, gläubiger, liebevoller, und juble in mir ſelbſt bei der Entdeckung, daß ſo zarte, reine Saiten, welche allein der Kindheit eigen ſcheinen, in meinem Herzen noch wach ſind und nachtönen.“ Ich ſtammelte einige Entſchuldigungen und ſuchte Conſcienee, Das eiſerne Grab. 2 dem Greiſe zu erkennen zu geben, daß er wahrſchein⸗ lich meine Werke in Folge eines Gefühls von Vor⸗ liebe oder Sympathie überſchätze, aber er lehnte meine Zurechtweiſung ab und ſagte am Schluß ſei⸗ ner Rede: „Es iſt wahr, jeder Menſch fühlt auf ſeine eigene Art, die ihm wohl theilweiſe angeboren ſein mag, aber dennoch aus den Wahrnehmungen ſeiner Ju⸗ gend, aus den Ereigniſſen, welche ſein Leben be⸗ herrſcht haben, ſich weiter fortpflanzen. Ich will alſo nicht behaupten, daß Jedermann nothwendig ſo fühlen muß, wie ich. Doch, wie dem nun ſei, hätte ich auch nichts Anderes in Ihren Werken ge⸗ funden, als die Liebe der Erinnerung und den Glauben an eine beſſere Zukunft, es wäre genug geweſen, um ſie mir theuer zu machen. Das ſind Gründe, welche ich nicht zu erklären vermag.“ Zwei oder drei Landleute, welche uns auf der Straße entgegenkamen, waren jetzt dicht bei uns an⸗ gelangt. Wir ſchwiegen alſo, bis ſie vorüber ge⸗ gangen waren.— Dann fragte mich der Greis: „Sie wollen alſo nur Bodeghem paſſiren, um heute noch in Beukelhout zu übernachten? Es iſt alſo keine beſondere Abſicht, welche Sie nach unſerem Dorfe führt?“ „Ja wohl,“ war meine Antwort.„Ich gedachte im Vorbeigehen einige Aufklärungen über Etwas einzuziehen, was mir erzählt worden war; aber da Sie, mein Herr, ſo gut und ſo gefällig ſind, warum ſollte ich nicht Sie nach dem fragen, was ich zu er⸗ fahren begehre?. Es iſt auf dem Kirchhofe zu Bodeghem ein eiſernes Grab, nicht wahr?“ 7 die e nenne iſt; a D nach gleich dieſen verkür aus d anzuſte Uebert verurt Ich he rſchein⸗ Vor⸗ lehnte uß ſei⸗ eigene mag, er Ju⸗ en be⸗ ch will wendig un ſei, en ge⸗ d den genug s ſind uf der ns an⸗ er ge⸗ eis: „um Es iſt nſerem dachte Etwas e varum zu er⸗ fe zu 19 „Es iſt in der That ein Grab daſelbſt, welches die einfältigen Dorfbewohner das eiſerne Grab nennen, weil es von einem Gitterwerk umſchloſſen iſt; aber dieſes Grab bietet nichts Beſonderes dar.“ Die Stimme des Greiſes ſchien mir dem Tone nach ganz verändert: ſie war zurückhaltend und gleichgültig, als hätte er einem Geſpräche über dieſen Gegenſtand auszuweichen, oder daſſelbe zu verkürzen gewünſcht. „Es wachſen immerdar friſche Blumen auf die⸗ ſem Grabe?“ fragte ich. „Es wachſen immerdar Blumen,“ beſtätigte er. „Es ſteht eine hölzerne Bank neben dem Grabe, und die Bank iſt ausgeſeſſen, weil ein Geiſt— die weiße Jungfrau— Jahr um Jahr alle Nacht kommt, und ſich darauf niederläßt?“ „Ein Kindermährchen,“ ſagte der alte Mann mit einem Lächeln auf den Lippen. „Nun, ich weiß wohl, mein Herr, daß dieß nur ein Mährchen ſein kann; aber es iſt doch Jemand da, welcher die Blumen auf dem Grabe beſorgt, weil es ebenſo gewiß eine Fabel ſein muß, daß dieſe Blumen von ſelbſt aus dem Boden hervor⸗ ſchießen.“ Da mein Reiſegenoſſe nicht unmittelbar auf meine Frage antwortete, fuhr ich fort: „Es iſt erſt einige Tage her, daß eine Bäurin aus dieſer Gegend mich um Rath fragte, wie es anzuſtellen ſei, um für ihren Sohn, welcher wegen Uebertretung der Jagdgeſetze zu einer ſchweren Buße verurtheilt worden war, Begnadigung zu erhalten. Ich habe ſie zum Plaudern gebracht. So verſchaffe 2* ich mir Kenntniß von den Beſonderheiten des ein⸗ fachen Lebens der Landleute.— Sie hat mir von dem eiſernen Grabe erzählt, von den allezeit ſich erneuernden Blumen, von der weißen Jungfrau und von einem Klausner, welcher ganze Tage an dem Grabe ſitzt und betet. Seien Sie ſo gut, mir zu ſagen, was an der Erzählung der Bäurin Wahres iſt?“ „Die Sache iſt ganz einfach,“ antwortete mein Genoſſe.„Der Mann, welchen man wegen ſeiner einſamen Lebensweiſe den Klausner nennt, pflegt und verziert das Grab von Jemand, der ihm theu⸗ rer war, als das Licht ſeiner Augen. Dadurch, daß er ſeit der verhängnißvollen Trennung an einem Grabe lebt und ſeine Liebe auf einem Grabe con⸗ centrirt, überwindet er den Tod ſelbſt; denn wie kann man ſagen, die Ehegattin, welche das Grab ihm zu entreißen meinte, habe ihn in Wirklichkeit verlaſſen, während er alle Augenblicke dieſelbe ſieht und hört und ſie zu hundertmalen an einem Tage in ſeinen Gedanken wiedergeboren wird?“ Ich blickte den Greis verwundert an, denn ſeine Augen erglänzten auf eine ganz ſeltſame Weiſe, und ſein Angeſicht ſchien von dem Lichte der Begeiſterung verklärt. Er bemerkte den Eindruck, welchen ſeine Worte auf mich gemacht hatten, und bezwang ſeine Erre⸗ gung. Indem er mit dem Finger auf der Straße vorwärts deutete, ſagte er in ruhigem Tone: „Dort ſteht unſer Kirchlein! Hätten wir den Feldweg eingeſchlagen, ſo könnten wir bereits von fern das eiſerne Grab ſehen.“ Al „6 Verwe „2 C NN Je Ton ten V regun ein, d verber den h G ging, riß m rather ſuchte die Ve meine meine aufen ſagte zeigen die 2 Grab 5 es ein⸗ nir von ezeit ſich au und an dem t mir Bäurin te mein nſeiner pflegt m theu⸗ adrch, neinem be con⸗ enn wie s Grab rklichkeit be ſieht m Tage in ſeine iſe, und iſterung Worte e Erre⸗ Straße vir den its won 21 Aber ich achtete kaum auf dieſe Hindeutung und fragte träumend: „Ehegattin, ſagen Sie, mein Herr? Es war alſo eine verheirathete Frau, welche in dem eiſernen Grabe ruht?“ „Eine Jungfrau und rein wie die Lilie vor ihrem Verwelken,“ murmelte er. „Aber verheirathet?“ „Jungfrau und Ehegattin, allerdings.“ Ich wußte nicht, was ich von dem feierlichen Ton denken ſollte, womit der alte Mann dieſe letz⸗ ten Worte ausgeſprochen hatte. Eine ſeltſame Er⸗ regung bemächtigte ſich meiner. Ich bildete mir ein, das eiſerne Grab müſſe eine rührende Geſchichte verbergen, und meine Neugierde ſteigerte ſich auf den höchſten Grad. Gewiß errieth der Greis, daß ich darauf aus⸗ ging, eine nähere Erklärung zu erhalten. Er ent⸗ riß mir das Alabaſterſtück, ehe ich ſeine Abſicht er⸗ rathen konnte, und während ich ihn zu beſtimmen ſuchte, mich die Laſt ferner tragen zu laſſen, und er die Verſicherung gab, er müſſe, wenigſtens im Dorfe, meine Dienſtleiſtung ablehnen, entſchlüpfte er zu meinem großen Verdruß den Fragen, die bereits auf meinen Lippen ſchwebten.— Nach dem Eingang des Kirchhofs ſich wendend, ſagte er: „Kommen Sie, ich will Ihnen das eiſerne Grab zeigen.— Sehen Sie, dort an der Kirchenmauer, die Blumen hinter einem Gitter, das iſt das eiſerne Grab.“ Ich näherte mich der angezeigten Ruheſtätte und blickte verwundert in die kleine Einfriedigung hinein. Vergebens ſuchte ich einen Stein oder eine Gedenk⸗ tafel, worauf zum Mindeſten der Name der be⸗ trauerten Todten zu leſen ſein möchte. Nichts als Blumen; aber ſo ſchöne, ſo beſondere Blumen, und ſo gefühlvoll nach Farbe und Form geordnet, daß nur eine liebende Hand dieſe höchſte Stufe von Pracht und Harmonie erreichen konnte. Für mich war es außer Zweifel, daß der Klausner— wenn wirklich ein Klausner über dem Grabe wachte— jung und noch mit dem ſchönſten Zauber des Lebens begabt ſein mußte. Aber wenn ich die ausgeſeſſene Holzbank anſah, begann ich an meiner erſten Ver⸗ muthung irre zu werden. „Wie lang ſteht die Bank denn wohl hier?“ fragte ich den Greis. „Vierzig Jahre,“ war ſeine Antwort. „Und es iſt vielleicht der Klausner, der hier ſich niederlaſſend und betend ſie ſo ausgeſeſſen hat?“ „Es iſt der Klausner,“ beſtätigte mein Begleiter. „Aber dieß geht über menſchliche Kraft!“ rief ich mit Verwunderung aus.„Vierzig Jahre an einem Grabe ſitzen! Wenn es Liebe iſt, welch un⸗ meßbares, welch unendliches Gefühl muß es ſein! Aufopferung, Selbſtverläugnung, Verſchmelzung einer Seele, die auf Erden lebt, mit einer Seele, die be⸗ reits in dem Himmel wohnt. O, es müßte Ab⸗ götterei genannt werden, wenn ſolcher Aufflug nach Oben nicht von einem mächtigen Glauben an Gottes Güte und an eine Zukunft ohne Ende Zeugniß gäbe! Leben für eine Todte und mit einer Todten!“ „Sie iſt nicht todt!“ flüſterte der Greis. heim Blut ſagt doch Abe ſie! aus ich mir der ſo c gleit Ala heili dieſe Sie Sie Fol wele halt hier eine ghinein. Gedenk⸗ der be⸗ ichts als en, und tet, daß ufe von ür mich — wenn achte— s Lebens geſeſſene ten Ver⸗ lhier?“ hier ſich hat?“ egleiter. t rief ahre an elch n⸗ es ſein! ing einer „ die be⸗ ßte Ab⸗ lug nach Gottes ß gäbe! 1 23 „Nicht todt?“ wiederholte ich.„Welche Ge⸗ heimniſſe, welche Wunder verbergen dann dieſe Blumen?“ „Sie ſtellen ſich, als ob Sie mich nicht begriffen,“ ſagte der alte Mann in ſtillem, tiefem Tone,„und doch hat mich Ihr Herz ſo wohl begriffen! Todt? Aber während ich zu Ihnen ſpreche, ſehe ich dieſelbe; ſie lächelt mir zu; ich höre ihre Stimme, die mir aus den Blumen heraus zuruft: die Zeit wird kurz, ich warte, ich warte!“ „Sie ruft Ihnen zu!“ ſtieß ich, beinahe außer mir vor Beſtürzung, hervor.„Sollten Sie es ſein, der die hölzerne Bank während ſeiner Anweſenheit ſo ausgeſeſſen hat?“ „Niemand anders, als ich.“ „Der Klausner?“ „Der Greis, welchen der Zufall Ihnen zum Be⸗ gleiter gab,“ antwortete er,„der Bildhauer, deſſen Alabaſter Sie getragen haben, ohne zu wiſſen, welche heilige Erinnerung derſelbe daraus meiſeln würde— dieſer Mann iſt der Klausner!.... Aber kommen Sie mit mir; fragen Sie mich nicht weiter. Sehen Sie, da hinter der Kirchhofmauer iſt meine Wohnung. Folgen Sie mir; ich will Ihnen Dinge ſagen, von welchen kein anderer Menſch je ſo gute Kunde er⸗ halten hat, wie ſie Ihnen zu Theil werden ſoll.“ Ich ließ mich ſprachlos über den Kirchhof leiten. — Der Greis ſagte mir noch unterwegs: „Ich habe noch nie, ſeitdem das eiſerne Grab hier ſleht, das Gefühl meines Herzens in den Buſen eines Menſchen ergoſſen. Ich liebe Sie, weil ich, nach ihren Werken, Sie befähigt geſunden habe, ein Leben zu begreifen, welches die Andern einen langen Wahnſinn nennen. Meine Zeit auf Erden geht zu Ende: eine geheime Ahnung ſagt mir, daß ich ſie bald anders, als durch die Augen der Erinnerung ſehen werde. Empfangen Sie die Enthüllung deſſen, was ich gehofft und gelitten habe; und wenn ich neben ihr in dem eiſernen Grabe ruhe, dann mögen Sie, wenn es Ihnen der Mühe werth erſcheint, aus meinem niedrigen und ſchmerzlichen Looſe ein Buch machen.“ Er blieb hinter der Kirchhofmauer ſtehen und klingelte an einem Hauſe mit weißem Giebel, an welchem alle Fenſter mit grünen Läden geſchloſſen waren. Eine alte Magd öffnete, und während wir ein⸗ traten, ſagte der Greis: „Katharine, hier iſt ein Freund, der mit mir wird. Setze einen zweiten Teller auf den i ch.“ Die Magd entfernte ſich, ohne ein Wort zu er⸗ wiedern. Ich wollte wegen der Laſt um Entſchuldigung bitten, welche meine Gegenwart dem Greiſe und der alten Magd verurſachen würde; er faßte mich aber bei der Hand und führte mich nach dem hinterſten Theil des Hauſes, in ein großes Zimmer, welches auf einen großen blumenreichen Garten hinausging. Das Ausſehen zieſes Zimmers überraſchte mich. Ich hätte mir einbilten können, ich ſei plötzlich durch Zauber in einen Studienſaal der antwerpiſchen Aka⸗ demie entrückt worden; denn es befanden ſich hier unendlich viele Dinge, welche mir mehr als einmal hun bei nen wil dar zu ich auc Au von Thi mit lag ſigt von Ta dar mit ſilb der von Naſ wei tho ſtieſ langen eht zu ich ſie nerung deſſen, nn ich mögen t, as Buch ingelte echm ren. ir ein⸗ it mir uf den zu er⸗ digung ind der h aber terſten velches sging. mich. dch n Aka⸗ ch ehier einmal 25 durch die Hand gegangen waren, dergleichen ich hundert und hundert Mal ſchon geſehen hatte. „Werfen Sie einen flüchtigen Blick auf dieſe Gegenſtände,“ ſagte der alte Mann.„Sie ſpielen beinahe ſämmtlich eine mehr oder minder bezeich⸗ nende Rolle in der Geſchichte, die ich Ihnen erzählen will; aber fragen Sie mich nach keiner Erklärung darüber. Es wäre Zeit verloren und es würde mich zu langweiligen Wiederholungen zwingen.“ Was mein Begleiter mir zuerſt zeigte, das hatte ich zum Mindeſten noch nie geſehen, und ich konnte auch keine Beſtimmung oder Bezeichnung dafür finden. Auf einem Tiſche ſtanden allerlei unförmliche Bilder von Hunden, Kühen, Pferden, Vögeln und andern Thieren, ſehr ſchlecht und grob aus weißem Holz mit einem Meſſer geſchnitzelt: ohne Zweifel das Werk eines Kindes. Auf einem Stück blauen Sammets lagen gleichfalls zwei oder drei kleine Menſchen⸗ figuren, ebenſo mangelhaft neben einer ſchönen Doſe von Opal, ſo wie die Frauen wohl noch jetzt in der Taſche tragen, um Pfeffermünz⸗ oder Citronzeltchen darin aufzubewahren. Ebendaſelbſt lag noch ein Meſſer mit einem Perlmutterheft und einige goldene und ſilberne Medaillen mit grünen entfärbten Bändern. An der Wand des Zimmers hingehend, ſah ich der Reihe nach die gewöhnlichen Studienzeichnungen von jungen Zöglingen der Antwerpener Akademie: Naſen, Ohren, Hände, Köpfe und ganze Bilder; weiterhin dieß Alles wiederholt in getrocknetem Töpfer⸗ thon, und endlich theilweiſe auch in Gyps. Nur auf eine einzige eigenthümliche Compoſition ſtieß ich am Ende des Zimmers. Der Künſtler . 26 mußte derſelben einen hohen Werth beilegen, denn er hatte ſie in einem Glaskaſten verſchloſſen, um ſie vor Staub und Feuchtigkeit zu bewahren. Es war eine Gypsgruppe, eine junge Frau darſtellend, welche die eine Hand auf dem Haupte eines Kindes ruhen ließ, während ſie die andere in die Ferne gerichtet hielt, als wollte ſie dem Kinde die Bahn der Zukunft weiſen. In dem ſchützenden Lächeln der Frau und in dem Ausdruck von Dankbarkeit auf des Kindes Angeſicht lag eine geheimnißvolle Tiefe, welche mich rührte und in träumeriſches Sinnen verſetzte. Nachdem ich das Kunſtwerk ſtillſchweigend eine Weile betrachtet hatte, ſagte ich „Dieß Bild iſt keine Schöpfung der Phantaſie, wiewohl es gleichfalls nicht nach den Regeln der Schule aufgefaßt iſt. Die Natur allein war hier das Vorbild des Künſtlers. Nicht wahr, mein Herr, die Frau hat gelebt?“ „Sie hat gelebt,“ antwortete der Greis mit einem Seufzer, wovon mich der ſeltſame Ton überraſchte. „Wie?“ rief ich verwundert aus;„ich ſehe das Bildniß der Frau, welche in dem eiſernen... „Welche in dem eiſernen Grabe ruht,“ murmelte mein Begleiter. „Sie war ſo ſchön?“ „Schön wie der ewige Traum des Dichters!“ Ich ſchwieg, aus Furcht, durch meine unbeſchei⸗ denen Fragen den alten Künſtler zu betrüben. Er wandte ſich nach der Tiefe des Zimmers, öffnete eine große Thüre und ſprach: „Bis jetzt haben Sie nur die Studien des Lehr⸗ lings geſehen: Erinnerungen, die jedoch mein Leben aus auch ihm Ihr zu4 Lich Geſ und mich druc Fort dem Lebe Fü beſſe Unſt wac war in e die es 1 eine ſchlo welc geal und der vorſ Inn denn um ſie war welche ruhen erichtet ukunft und Kindes e mich d eine mtaſie, ln der r hier Herr, einem raſchte. he das urmelte rs!“ beſchei⸗ n. mmers, s Lehr⸗ n Leben 27 ausmachen! Treten Sie hier ein; Sie werden nun auch über den Künſtler urtheilen können. Es wird ihm eine wahre Freude ſein, wenn ſeine Arbeit ihm Ihren Beifall oder zum Mindeſten Ihre Theilnahme zu gewinnen vermag.“ Der Saal, wohin er mich brachte, empfing ſein Licht von Oben. Längs der Wände, auf hölzernen Geſtellen, befanden ſich viele Bilder von Alabaſter und Marmor, deren Ausſehen auf den erſten Blick mich mit Bewunderung erfüllte. Alle dieſe Schöpfungen waren ſichtbar der Aus⸗ druck eines einzigen Gedankens, in verſchiedenen Formen dargeſtellt. Nichts war da, was nicht von dem Tode und von der Auferſtehung zu einem beſſern Leben ſprach. Es war ein Engel mit entfalteten Flügeln, welcher ein ſchlafendes Mädchen in das beſſere Vaterland führt;— es war der Geiſt der Unſterblichkeit, welcher ein Grab öffnet und der er⸗ wachten Seele den Pfad des Lichtes weist;— es war daſſelbe junge Mädchen, ſich halb aufrichtend in einem Grabe und mit einem verlangenden Lächeln die Hände ausſtreckend, als riefe ſie nach Jemand; es war ein Jüngling, knieend auf einem Grabſtein, einen ſinnbildlichen Anker mit ſeinen Armen um⸗ ſchloſſen haltend;— es war der Vogel Phönix, welcher mit neuer Kraft aus dem Feuer, das ſeinen gealterten Körper verſchlungen hat, ſich erhebt;— und ſo noch mehrere Bilder, welche das Fortleben der Menſchen nach dem Tode in deutlicher Sprache vorſtellten. Alle dieſe Compoſitionen athmeten die tiefſte Innigkeit des Gefühls und ſchienen zu leben, nicht durch körperliche Vollkommenheit, ſondern durch et⸗ was Höheres, durch den Stempel von Beſeelung, den der Künſtler allen Theilen ſeines Werkes dadurch aufgedrückt hatte, daß er Funken ſeiner eigenen Seele dahin überſtrömen ließ. Wohl waren die Formen der Bilder vielleicht etwas dünn oder mager; aber es lag in dem Ganzen dieſer Schöpfungen ein ſo vollendeter Ausdruck der Gedanken, ſo viel Har⸗ monie der Verhältniſſe, ſo viel Natur und ſelbſt ſo viel Poeſie, daß ich bei der Betrachtung derſelben in eine Welt geheimnißvoller und überirdiſcher Ge⸗ danken entrückt wurde. „Wie ſchön iſt dieß Alles!“ rief ich in Begei⸗ ſterung aus.„Ach, mein Herr, Sie dürfen dieſe erhabenen Meiſterſtücke nicht länger verborgen hal⸗ ten. O, geben Sie Ihrem Vaterlande einen glanz⸗ reichen Namen, eine ſchimmernde Perle mehr in ſeine Kunſtkrone!“ Er lächelte bei meiner Aufforderung; es ſchien ihn zu erfreuen, daß ſeine Kunſt einen ſo günſtigen Eindruck auf mich gemacht hatte; es leuchtete aus ſeinen Augen ein gewiſſer zweifelnder Spott, als wollte er mich der Uebertreibung beſchuldigen. „Ich ſprach Wahrheit, glauben Sie mir!“ fuhr ich fort.„Zeigen Sie Ihre Werke, und ein Ruf der Bewunderung wird ſich unter den Künſtlern er⸗ heben. Wurden dieſelben früher zur ausſchließlichen Schätzung äußerer Volltommenheit mißleitet, ſo herrſcht jetzt ein mächtiges Streben nach der Darſtellung deſſen, was der Menſch, das Tieſſte und Edelſte, in Geiſt und Seele denkt und fühlt. Nein, nein, be⸗ raul treff mur Her Miſ laſſe hera Thu Mit ſicht Tiſch S eine ſtell Zeit kom mac nen ein nun ſelti eine zen kun ch et⸗ ,den durch Seele ormen aber n ein Har⸗ lbſt ſo ſelben er Ge⸗ Begei⸗ dieſe n hal⸗ glanz⸗ ehr in ſchien inſtigen te aus tt, als . 1“ fuhr in Ruf lern er⸗ ießlichen herrſcht rſtellung elſte, in tein, be⸗ 29 rauben Sie die flämiſche Schule nicht länger ſo trefflicher Vorbilder!“ Der Greis hatte den Kopf ſinken laſſen und murmelte in ſich hinein: „Meine Erinnerungen, all' das Klopfen meines Herzens dem Raub der Menge preisgeben? Die Mißgunſt den Schleier von meinem Leben lüften laſſen und den Spott über das, was mir heilig, heraufrufen?...5 In dieſem Augenblick öffnete die alte Magd die Thüre des Saales und meldete ihrem Herrn, daß das Mittagsmahl aufgetragen ſei. „Kommen Sie, mein Herr,“ ſagte der Bildhauer, ſichtbar erfreut über dieſe Unterbrechung.„Der Tiſch des Klausners kann Ihnen keine ausgeſuchten Speiſen darbieten; aber es wird genug ſein, um einem Freunde des Landlebens, wie Sie, zur Her⸗ ſtellung ſeiner Kräfte zu verhelfen.“ Wir gingen zu Tiſche und genoßen in kurzer Zeit zwei oder drei gute Gerichte, die mir ſehr will⸗ kommen waren, je mehr die Gegenwart der Dienſt⸗ magd mich von dem zu ſprechen hinderte, was mei⸗ nen Geiſt beſchäftigte. Nach dem Mahle führte mich der Greis durch ein gläſernes Gewächshaus von ziemlicher Ausdeh⸗ nung. Ich begriff nun, woher die fremden und ſeltſamen Blumen auf dem eiſernen Grabe kamen. Am Ende des Gewächshauſes traten wir in einen üppigen Garten mit allerlei blühenden Pflan⸗ zen, was mich in ſcherzhafter Laune zu der Bemer⸗ kung veranlaßte, es möchte wohl Mancher geneigt ſein, in einer ſo angenehmen Einſiedelei das Leben des Klausners zu führen. Aber der Greis führte mich, ohne dieſe Worte zu beachten, in eine von Clematis und Gaisblatt beſchattete Laube, ließ ſich auf einer Bank nieder, wies mir einen Platz neben ſich an und ſprach: „Sie werden in meinem Hauſe übernachten. Keine Entſchuldigung. Meine Geſchichte iſt länger als Sie glauben. Wollen Sie dieſelbe ganz kennen lernen, ſo müſſen Sie ſich dieſer Nothwendigkeit unterwerfen. Für mich iſt es keine Laſt. Die Magd hat bereits Befehl erhalten, für Sie ein Lager zu richten. Sie werden in einem Feldbett ſchlafen, aber doch nicht ſchlechter liegen, als in dem Adler zu Beukelhout, wo Sie heute Ihre Herberge zu nehmen gedachten. Es iſt ſchon geſagt: Sie werden der Gaſt des Klausners ſein. Waffnen Sie ſich mit Geduld und vergeben Sie einem Greiſe, der nur noch von Erinnerungen lebt, wenn er Ihnen bis⸗ weilen Beſonderheiten kindlicher Wahrnehmungen er⸗ zählt, welche vielleicht für ihn allein von einigem Belang ſein können. Mit einem Wort, geſtatten Sie mir, durch meine Erzählung mich noch einmal ganz in die Vergangenheit hineinzuleben. Nachdem ich dieß erbeten und vorausgeſchickt habe, beginne ich meine Geſchichte ohne weitere Vorbereitung. I. Eine Viertelſtunde von hier, an einem klaren Bache und umgeben von Wieſen und Gehölz, ſteht Leben Worte isblatt nieder, nachten. länger kennen ndigkeit e Magd ager zu n, aber dler zu nehmen den der ſich mit der nur ten bis⸗ ngen er⸗ einigem geſtatten einmal Nachdem beginne ung. m klaren lz, ſteht 31 ein ſehr kleiner Pachthof, das Waſſerhaus genannt. Dort wohnte vor fünfzig Jahren Meiſter Wolvenaer, ein Holzſchuhmacher, der unter den Krämern der Stadt wegen der hübſchen Schuhe, welche er zu ſchneiden wußte, bekannt war. Sein Gewerbe brachte ihm, bei dem täglichen Vergießen ſeines Schweißes, Verdienſt genug, um die Bedürfniſſe ſeiner zahl⸗ reichen Familie zu beſtreiten;— denn er hatte nicht weniger als ſechs Kinder, die alle noch ſehr jung waren. Da er zugleich einiges Land im Pacht hatte und ſeine Frau die meiſte Feldarbeit beſorgte, herrſchte in dem Hauſe des Holzſchuhmachers eine Art von Wohl⸗ ſtand, oder wenigſtens von Zureichenheit. Wirklich wäre der arbeitſame Handwerker ganz glücklich geweſen, hätte nicht ein unaufhörlicher Grund von Betrübniß ſein Gemüth verdüſtert. Unter ſeinen ſechs Kindern war eines— ein Knabe von eilf Jahren, welcher ſich durch beſondere Schönheit des Geſichts auszeichnete. Er hatte ſchwarze krauſe Haare, braune funkelnde Augen, roſige Wangen und Züge von auffallender Reinheit.. aber das arme Kind konnte nicht ſprechen. In den erſten Monaten ſeines Lebens war er aus ſeiner Wiege mit dem Kopf auf den Boden gefallen; er hatte ſchreckliche Convulſionen bekommen und in Todes⸗ gefahr geſchwebt. Man gab ſich der Vermuthung hin, die Zunge des Kindes ſei durch dieſes Unglück gelähmt worden; denn obwohl er keinen verſtänd⸗ lichen Laut von ſich geben konnte, hörte er dennoch ſehr gut. Der Holzſchuhmacher war mein Vater; das ſtumme Kind war Niemand anders, als ich ſelbſt, der jetzt mit Ihnen ſpricht. Mein Vater hatte mich lieb und beklagte mein Loos. Nicht ſelten, wenn ich ſtill neben ſeiner Werk⸗ bank ſtand, unterbrach er plötzlich ſeine Arbeit und ſchaute mich mit einem tiefen Blick voll Mitleids und Kummers an. Dann liebkoste ich ihn dankbar und ſuchte ihn durch Geberden und Töne über mein unglückliches Schickſal zu tröſten; aber anſtatt ſeine Betrübniß zu vermindern, lockten meine Bemühun⸗ gen beinahe immerdar nur Thränen in ſeine Augen. Und wirklich that ich mir die äußerſte Gewalt an, um zu ſprechen. Aus meiner Kehle entſprang nur ein rauhes, ſcharfes Kreiſchen: ein wüſtes, unarti⸗ kulirtes Geſchrei, deſſen ſchneidender Ton dem Her⸗ zen wehe that. Ueberbieß hatte ich gleich allen Stummen eine übertriebene Empfindlichkeit, und meine geringſte Geberde, meine geringſte Bewegung, um dem, was ich wünſchte, oder was mich erregte, Ausdruck zu geben, war leidenſchaftlich und heftig, wie bei einem Wahnſinnigen. Meine Eltern hegten Zweifel, ob nicht mein Ge⸗ hirn durch jenen unglücklichen Fall eine Störung er⸗ litten hätte; meine Schweſtern und Brüder hielten mich für blödſinnig; die Kinder aus dem Dorfe ſcheuten ſich vor dem wüſten Jungen aus dem Waſſer⸗ hauſe und nannten mich den Narren. So jung ich noch war, ſchmerzte mich dennoch die allgemeine Mißachtung, welche auf mir laſtete, ſehr tief. Wenn ich, unſere Kühe hütend, ganze Tage einſam am Rande der Weide ſaß, geſchah es zuweilen, daß ich Stunden lang bittere Thränen vergo ander verſpo den T Narre Freun lag ſ mir e dieſe W Streb Beſche hingal einige bemül von 2 Tage Arbeit meinet Bildni lachte aber d ohne mißmu Aerger M hölzert Achſel. meine den ſc Grund zweifel Cr er jetzt mein Werk⸗ eit und titleids amnkr rmein t ſeine mühun⸗ Augen. alt an, ng nut unarti⸗ m Her⸗ llen i vegung, erregte, heftig, ein Ge⸗ ung er⸗ hielten Dorfe Waſſer⸗ dennoch laſtete, „ganze chah es Thränen 33 vergoß, weil ich nicht ſprechen konnte, und deßhalb von andern Kindern, mit welchen ich ſo gerne geſpielt hätte, verſpottet und gemieden ſein ſollte. Ich fühlte in mir den Drang, zu beweiſen, daß ich den Namen eines Narren nicht verdiente; ich hatte einen Durſt nach Freundſchaft, ja ſelbſt nach Achtung; und vielleicht lag ſogar eine Art von Hochmuth in mir, welcher mir ein krankhaftes Verlangen einflößte, mich durch dieſe oder jene Eigenſchaft auszuzeichnen. Wahrſcheinlich durfte man in dieſem undeutlichen Streben meines Geiſtes den Grund für die ſeltſame Beſchäftigung ſuchen, welcher ich mich unaufhörlich hingab. Niemals ging ich zur Viehhut ab, ohne einige Blöckchen Weidenholzes in der Taſche. Ich bemühte mich, mit einem Meſſer daraus Figuren von Thieren oder Menſchen zu ſchnitzen, und blieb Tage lang mit Schweiß auf der Stirne in meine Arbeit verſunken. Glückte es mir, aus dem Holze meiner Meinung nach ein mehr oder minder ähnliches Bildniß herauszubringen, ſo jubelte und tanzte und lachte ich wie über einen errungenen Triumph; war aber das Stück Holz, ungeachtet meiner Anſtrengung, ohne erkennbare Form geblieben, dann warf ich es mißmuthig zu Boden, und meine Glieder bebten vor Aerger und Verdruß. Mein Vater zuckte, wenn ich ihm eine meiner hölzernen Figuren zeigte, mit traurigem Mitleide die Achſel. Der ſonderbare Stolz, welchen ich über meine unförmliche und lächerliche Arbeit zu empfin⸗ den ſchien, ſchmerzte ihn, als ſähe er darin einen Grund mehr, an der Klarheit meiner Sinne zu zweifeln. Conſcience, Das eiſerne Grab. 3 Was mich betrifft, ſo war es mir genug, daß meine Mutter zuweilen meiner Arbeit zulächelte, daß meine Schweſtern gern mit meinen Figürchen ſpielten, und daß keiner von meinen zwei Brüdern, obwohl älter als ich, Etwas dergleichen machen konnte. Einſt hatte ich von Morgen bis ſpät in den Nachmittag unabläſſig daran gearbeitet, die Geſtalt unſeres alten Paſtors nachzubilden. Sähe ich jetzt dieſe elende Arbeit an, ſo müßte ich vor Schaam erröthen, wenn ſich nicht eine wichtige, eine heilige Erinnerung für mich daran knüpfte;— aber damals ſchien ſie mir ſo gelungen, daß ich beinahe außer mir vor Freude war, und mit den Kühen nach Hauſe ziehend, wohl hundertmal die komiſche Figur aus meiner Taſche nahm, um ſie zu bewundern. Ob der Körper oder der Anzug nah oder fern der Geſtalt des Paſtors glich, das war es nicht, was mich bekümmerte; aber den dreieckigen Hut hatte ich mit Leichtigkeit nachgebildet, und der war wenigſtens auf den erſten Blick zu erkennen. Aus Furcht, meine Schweſtern würden mit der Figur ſpielen wollen, hielt ich ſie verborgen und zeigte ſie nicht, als ich nach Hauſe kam. In einer Ecke des Zimmers ſetzte ich mich nieder, indem ich mit der Hand in der Taſche mein Meiſter⸗ ſtück ſtreichelte und in ſüße Gedanken verloren war. Mein Vater war ſeines Gewerbes wegen in der Stadt; meine Mutter, meine Brüder und Schweſtern waren zu Hauſe und ſprachen von dem Eigenthümer unſeres Pachthofes. Sie hatten vernommen, daß er es war, welcher das Schloß von Bodeghem ge⸗ kauft hatte, und daß er eben heute in einem ſchönen Wag neue umn zu er und gelaſ L Ereig und Wohr das herrn ſie m ihr ir in fre hauſe daß währe ſucher von„ Y was A ſtand Meine Bewu ſchwie der h D Mutte , daß ielten, bwohl e. den eſtalt ejetzt chaam heilige amals außer nach Figur . Ob n der tte ich gſtens it der n und nieder, keiſter⸗ war. in der veſtern hümer „daß m ge⸗ chönen 35 Wagen nach dem Dorfe gekommen war, um ſein neues Beſitzthum in Augenſchein zu nehmen. Meine Mutter ſprach mit gedämpfter Stimme, um nicht die Aufmerkſamkeit des einfältigen Stummen zu erwecken; denn er konnte Nichts als ſchweigen und bewegungslos verharren, oder ſchreien und aus⸗ gelaſſen lärmen. Während meine Mutter noch von dem wichtigen Ereigniß ſprach, wurde unerwartet die Thüre geöffnet, und es trat eine reich gekleidete Dame in unſere Wohnung, mit einem kleinen Fräulein an der Hand, das nur um ein Jahr jünger als ich ſein konnte. Dieſe Dame war die Gemahlin unſeres Grund⸗ herrn, und ſie kannte meine Mutter ſehr gut, da ſie mehr als einmal in der Stadt den Pachtzins von ihr in Empfang genommen hatte. Sie begann nun in freundlichem Tone von dem Ankaufe des Land⸗ hauſes zu ſprechen und drückte die Hoffnung aus, daß ſie nun Gelegenheit habe, mehr als einmal während der ſchönen Jahreszeit die Leute zu be⸗ ſuchen, welche in der Umgegend auf den Pachthöfen von Herrn Pavelyn, ihrem Gatten, wohnten. Meine Schweſtern und Brüder lauſchten auf das, was die Dame ſagte. Was mich betrifft, ſo war ich aufgeſprungen und ſtand nun wie erſtarrt vor dem kleinen Fräulein. Meine Glieder bebten, meine Augen glänzten vor Bewunderung, mein Herz klopfte gewaltig, und ich ſchwieg ſtill, zum erſten Mal in meinem Leben, trotz der heftigen Erregung, die mich durchzuckte. Die Erſcheinung eines Engels, ſo wie meine Mutter ſie mir dargeſtellt hatte, würde mich nicht 3* tiefer betroffen haben; denn ſchöner konnte doch ein Engel nicht ſein, als dieſes Fräulein in meinen Augen war. Ihre Wangen und ihre Stirne waren weiß und rein wie makelloſer Alabaſter; ihre kleinen Lippen ſanftglühend wie das ſauberſte Roſenblatt; ihre Augen blau und tief wie der Himmel an einem heiteren Tage, und um das feine Oval ihres An⸗ geſichtes wiegten ſich in überwallenden Locken ihre krauſen blonden Haare.— Sie war in Seide und Atlas gekleidet, ſie trug Korallen um den Hals, goldene Bändchen an den Armen und rothe Schüh⸗ lein an den Füßen. Alles an ihr entzückte und erfüllte mich mit grenzenloſer Bewunderung, ſelbſt ihre Bläſſe und ihre kränkliche Magerkeit; denn dadurch erſchien ſie mir nur als ein zartes und edles Weſen, deſſen Na⸗ tur unendlich erhaben war über diejenige der robuſten und dicken Kinder unſeres Dorfes. Das Mädchen hielt eine Weile ihre blauen Augen mit einiger Beſtürzung auf mich gerichtet und ſchien mich nach der Erklärung meines ſonderbaren Ver⸗ haltens zu fragen; dann trat auf ihre Lippen ein ſtilles, ſüßes Lächeln, das wie ein Lichtſtrahl in meine Seele drang und mir einige wüſte Schreie entriß, als wäre das Lächeln auf des Mädchens Lippen etwas Wunderbares, das mir die Beſinnung raubte. Mein ſeltſames Geſchrei zog die Aufmerkſamkeit der Dame auf mich. „Was fehlt denn dem Knaben hier?“ fragte ſie meine Mutter. „Es iſt unſer kleiner Leo,“ erhielt ſie zur Antwort. ger wei ein 6 ſelk ein Sie ch ein meinen waren kleinen blatt; einem s An⸗ n ihre Seide Hals, Schüh⸗ ch mit e und ien ſie en Na⸗ buſten Augen ſchien nVer⸗ en ein ahl in Schreie idchens innung ſamkeit igte ſie ntwort. 37 „Achten Sie, Frau Pavelyn, nicht auf den Lärm, den er macht. Er iſt ſtumm und thut ſich vergeb⸗ lich Gewalt an, um zu ſprechen.“ Dieß ſagend, legte ſie den Finger an ihre Stirne, um der Dame zu verſtehen zu geben, daß ich einige Entſchuldigung verdiene, da ich meinen vollen Ver⸗ ſtand nicht beſäße, und blödſinnig wäre. Sehr oft hatte ich über einem ſolchen Zeichen meinen Vater oder meine Mutter betroffen, und ich wußte recht wohl, was man dadurch andeuten wollte. Jedesmal hatte es mich betrübt; aber jetzt, in Gegen⸗ wart des engelgleichen Weſens, das mich anſchaute, ſchmerzte mich dieſes erniedrigende Zeichen ſo ſehr, als ob man mir ein Meſſer durch das Herz geſtochen hätte. Auch war der Laut, welcher aus meiner Bruſt aufwallte, kein Schrei, es war eine ſtille, tiefe Klage, gleichſam eine Bitte um Erbarmen. Ich bückte den Kopf zur Erde und begann zu weinen: meine Thränen fielen blinkend zu meinen Füßen nieder. „Ein ſo ſchöner Knabe! Er iſt recht unglücklich, in der That,“ ſeufzte die Dame. Und ſich zu dem Fräulein neigend, ſagte ſie: „Roſa, das arme Kind iſt ſtumm; er möchte ſo gern ſprechen! Aber weil er dieß nicht vermag, weint er ſo bitterlich. Gib ihm die Hand, Roſa: ein Zeichen von Mitleid wird ihn tröſten.“ Ermuthigt durch die Theilnahme der Dame, richtete ich den Kopf wieder in die Höhe. Da ſah ich das edle Kind auf mich zukommen, mit dem⸗ ſelben Zauberlächeln auf den Lippen, welches bereits einen ſo tiefen Eindruck auf mich gemacht hatte. Sie faßte meine Hand und drückte und ſtreichelte ſie, 38 während ihr Mund Worte ſprach, die in meinen Ohre wie die Töne einer entzückenden Muſik klangen. Ich warf auf meine Brüder und meine Schwe⸗ ſtern einen Blick voll Stolzes; der Beweis von Freundſchaft, welchen mir das ſchöne Fräulein ge⸗ geben, hatte mich für die lange Mißkennung gerächt und mit Freude und Muth erfüllt. Gewiß konnte das mitleidige Mädchen in meinen funkelnden Augen eine unendliche Dankbarkeit leſen; denn ſie drückte mir noch freundlicher die Hand und ſagte in ſo ſüßem Tone, daß ich darüber an allen meinen Gliedern erbebte: „Du heißeſt Leo? Das iſt ein ſchöner Name. Ach, wie verdrießlich, daß Du nicht ſprechen kannſt!“ Die Aufregung trieb mich, einige unartikulirte Laute auszuſtoßen. „Du mußt nicht ſo ſchreien,“ ſagte das Fräulein, „das iſt häßlich. Wirſt Du niemals ſprechen lernen, armer, kleiner Leo? Niemals?“ Ich wußte nicht, was in mir vorging; es ſchien mir, als hätte ich mir in dieſem Augenblick die Hand abſchneiden laſſen, um ein Wort, ein einziges verſtändliches Wort hervorbringen zu können. Ein heftiges Zittern ergriff mich; alle meine Glieder zuckten krampfhaft, mein Geſicht wurde blau. Ich ſchrie nicht, that mir jedoch Gewalt an, zu ſprechen, eine tödtliche Gewalt, um den bezaubernden Namen derjenigen auszuſprechen, welche zweimal meinen Namen ſo liebevoll genannt hatte. Ach! da ſprang Etwas in meiner Kehle, und ein doppelter Laut:„Roſa! Roſa!“ ertönte klar und mächtig aus meinem Munde durch das Zimmer. ich a mit auf ſproc Aug 6 bat wied loſen ſo h würt Sieg daß ſprec ſchön zu b mein dank um Erke Frer Zwe den! geb ſein beu meinem klangen. Schwe⸗ i n lein ge⸗ gerächt meinen t leſen; ind und n allen Name. annſt!“ tikulirte räulein, lernen, s ſchien lick die inziges . Ein Glieder . 36 rechen, Namen meinen , n ar und ner. 39 Erſchöpft durch die rieſige Kraftanſtrengung, ſank ich auf einen Stuhl und blieb dort ganz entkräftet, mit dem Lächeln des Glücks und der Verzückung auf dem Angeſicht liegen. „O, Gott ſei Dank, mein armer Sohn hat ge⸗ ſprochen!“ rief meine Mutter mit Thränen in den Augen. Sie eilte auf mich zu, faßte meine Hände und bat mich, noch einmal das geſprochene Wort zu wiederholen; aber ich fühlte wohl, nach langen frucht⸗ loſen Verſuchen, daß ich für jetzt nicht mehr einer ſo heftigen Ueberſpannung meiner Kräfte fähig ſein würde. Jedoch froh und begeiſtert durch den errungenen Sieg, ſuchte ich durch Zeichen verſtändlich zu machen, daß ich Vertrauen hätte und hoffte, wohl noch ſprechen zu lernen. Ich wies beſtändig auf das ſchöne Mädchen und faltete die Hände vor ihr, um zu bezeugen, daß ich ihr die Sprache, das Glück meines Lebens ſchuldig ſei und ihr als einem Engel danke, den Gott mir aus dem Himmel geſandt hätte, um mir Hülfe und Erlöſung zu bringen. Roſa war ſichtbar durch alle dieſe Beweiſe meiner Erkenntlichkeit gerührt, und es ſtrahlte nicht geringere Freude aus ihren ſanften blauen Augen. Ohne Zweifel that es ihrem mitleidigen Herzen wohl, denken zu dürfen, daß ihre Gegenwart für ein armes, gebrechliches Kind, wie ich, eine Wohlthat geweſen ſein könnte. Sie bewog ihre Mutter, ſich zu ihr niederzu⸗ beugen, ſagte ihr fragend Etwas in's Ohr, und als ſie ein bejahendes Nicken erhalten hatte, näherte ſich das Fräulein mir wieder. Sie ſteckte die Hand in ihren Beutel und zog eine kleine Doſe von einem weißen, durchſichtigen Stein und mit Blümchen und Sternlein von Gold und Silber beſetzt, heraus. Sie legte das glänzende Ding in meine Hand und ſagte: „Da, Leo, das iſt für Dich; es iſt Zucker darin, der Dir recht ſchmecken wird. Du mußt Dir Ge⸗ walt anthun, um ſprechen zu lernen. Und wenn Du ſprechen kannſt, werde ich Dir noch viel ſchönere Dinge geben.“ Das gute Kind hatte fürwahr keine andere Ab⸗ ſicht, als mich zu tröſten; aus Barmherzigkeit und als ertheilte ſie einem Unglücklichen ein Almoſen, ſprach ſie ſo ſüße Worte zu mir. Aber auf mich machte ihr freundliches Mitleid einen tiefern Ein⸗ druck, als ſie hätte erwarten können. Ihre Worte ſielen, eines nach dem andern, in mein klopfendes Herz und prägten ſich unvergänglich meinem Ge⸗ dächtniß ein. Ich war ſo ganz außer mir über das, was ſie mir ſagte, daß ich gedankenlos das präch⸗ tige Döschen in meinen Händen drehte und umwandte und nicht einmal bemerkte, wie meine Mutter es mir nahm, um es gleichfalls zu bewundern. Dann erwachte ich aus meiner Verwirrung und ſuchte durch allerlei Zeichen dem milden Fräulein begreiflich zu machen, wie ſehr es mich betrübte, Nichts zur Erkenntlichkeit für ihr Geſchenk thun zu können; aber plötzlich ſchoß mir ein Gedanke durch den Kopf und ein Freudenſchrei entſchlüpſte meiner Taſche1 indem habe ur Als blickte, Meine dem ſie dem S glauben Schweſt Wahn. Roſ ſtellte e ergötzte Wa Arbeit meiner ſamkeit ſeliges mein ihr das ihrer ei es iſt Vater S die Da Pupper haben, Bruſt.— Ich holte das Paſtorfigürchen aus meiner ergötzet eſich 309 tigen Gold zende arin, Ge⸗ wenn önere und oſen, mich Ein⸗ Porte endes Ge⸗ das, räch⸗ andte eres und mulein übte, in zu durch einer einer 41 Taſche und legte es in die Hand meiner Beſchützerin, indem ich ihr andeutete, daß ich es ſelbſt gemacht habe und aus Dankbarkeit ihr zum Geſchenk gebe. Als die Dame den unförmlichen Gegenſtand er⸗ blickte, ſchien ſie durch meine Einfalt überraſcht. Meine Mutter bat um Entſchuldigung für mich, in⸗ dem ſie ſagte, ich beſchäftige mich Tage lang mit dem Schnitzen ſolcher Figürchen und müſſe natürlich glauben, daß ſie einigen Werth haben. Meine Schweſtern und Brüder lachten ſpöttiſch über meinen Wahn. Roſa betrachtete ſchweigend das elende Geſchenk, ſtellte es aufrecht in ihrer Hand, drehte es um und ergötzte ſich offenbar daran. Was lag mir daran, ob die ganze Welt meiner Arbeit ſpottete, wenn nur ſie allein, die ſich zu meiner Beſchützerin gemacht hatte, es ihrer Aufmerk⸗ ſamkeit nicht unwerth erachtete Ach, was für ein ſeliges Gefühl von Selbſtzufriedenheit überſtrömte mein Herz, als Roſa ſich wehrte, da meine Mutter ihr das Paſtorchen nehmen wollte, und darauf zu ihrer eigenen Mutter ſagte: „Nein, ich bitte Dich, laß mich es behalten. Der arme, kleine Junge hat es ſelbſt gemacht, und es iſt recht artig und hübſch. Ich will es meinem Vater zeigen und dieſen Abend damit ſpielen.“ „So ſind die Kinder, Frau Wolvenaer,“ ſagte die Dame achſelzuckend.„Gebt ihnen Spielzeug und Puppen, die einen ganzen Haufen Geldes gekoſtet haben, ſie werden ſich an einem werthloſen Ding ergötzen; aber nach einigen Stunden vergeſſen ſie es wieder und laſſen es liegen, ohne es noch ein mal anzurühren.“ Meine klagenden Augen und meine Geberder richteten an Roſa die Frage, ob dieß auch das Loos meines geringen Geſchenkes ſein würde. Ein un merkliches Schütteln ihres Kopfes beruhigte mich ſie hatte mich verſtanden und ſchien ſagen zu wollen, daß ſie das Paſtorchen aufbewahren werde. „Nun leben Sie wohl und geſund, Frau Wolve naer,“ ſprach die Dame,„wir müſſen gehen. Hen Pavelyn wird auf uns warten. Vielleicht ſteht der Wagen ſchon angeſpannt. Sie begreifen, daß wir dieſes Jahr nicht auf dem Schloſſe bleiben können denn es ſteht ganz leer und muß erſt hergeſtell und gemalt und mit Möbeln verſehen werden. In Frühling kommenden Jahres wird es erſt fertig ſein Dann werde ich Sie noch einmal beſuchen, denn ic bin gern unter den Landleuten. Für jetzt ſind wit nur gekommen, um das Schloß einmal in Augen⸗ ſchein zu nehmen... Roſa, wir müſſen gehen, Kind. Gib dem armen Leo noch eine Hand zun Lebewohl, und laß uns dann zu Deinem Vater eilen.“ Es war auf meinem Geſichte deutlich zu ſehen, daß die Ankündigung dieſer plötzlichen Abreiſe mich betrübte. Roſa drückte mir noch einmal die Hand und ſagte mir in's Ohr: „Du mußt nicht traurig ſein, Lev. Lerne ſchnell ſprechen, dann komme ich wieder; und mache noch ſolche Figürchen für mich; ich werde eine recht Freude daran haben.“ 30 um ſie: 30 meine 2 loſigkeit meinem zu ſetzen Es Eindruc gemacht in mir war es ſelten e meinem gewöhn bewegu Blick in allezeit nung, mir fre ſprechen Jetz Brüder ringſte Dorfes einzige unaufh genug h ein berden Loo n un mich vollen, Wolve⸗ Hen ht der ß wir önnen geſtell . In g ſein nn ich id wir Augen⸗ gehen, d zum Vatet 43 Ich legte mir die beiden Hände vor die Augen, um ſie nicht weggehen zu ſehen. Ich beharrte ſo lang in dieſer Stellung, daß meine Mutter mich heftig über meine ſtarre Leb⸗ loſigkeit zu ſchelten begann und mir drohte, von meinem unſinnigen Betragen den Vater in Kenntniß zu ſetzen. MI. Es war ſchwer zu erklären, welchen mächtigen Eindruck der Beſuch des kleinen Fräuleins auf mich gemacht hatte. Meine Eltern ſelbſt vermochten kaum in mir den wüſten Schreier noch zu erkennen. Jetzt war es ernſt in meinem Gemüthe geworden, und ſehr ſelten entſchlüpfte noch von Zeit zu Zeit ein Schrei meinem Munde. Wenn ich zu Hauſe war, kroch ich gewöhnlich in eine Ecke des Zimmers und blieb dort bewegungslos und ſchweigend ſitzen, den unſteten Blick ins Weite gerichtet. Vor meinem Auge ſtand allezeit und ohne Unterlaß die zarte, weiße Erſchei⸗ nung, die mir zulächelte, mir die Hände drückte und mir freundlich in's Ohr flüſterte:„Lerne ſchnell ſprechen, dann komme ich wieder.“ Jetzt ſpielte ich beinahe nie mehr mit meinen Brüdern und Schweſtern, zeigte ſelbſt nicht die ge⸗ ringſte Neigung mehr, mit den andern Kindern des Dorfes zu ſpielen:— an ſie zu denken, war die einzige Beſchäftigung meines Geiſtes, ihre Worte unaufhörlich in meinem Herzen zu wiederholen, war genug für mein Leben. Ich fürchte, mein Herr, Sie beſchuldigen mich in Innern der Uebertreibung. Eine ſolche Tiefe dis Gefühls bei einem Kind von elf Jahren ſchein Ihnen vielleicht unnatürlich. Nichts deſto wenige muß Ihnen, da Sie mehr als Andere die lebendig Erinnerung an die Eindrücke Ihrer Jugend bewahtt haben, klar geworden ſein, daß das Herz eines Kindes inniger afficirt wird, als das Herz von Jemand, deſſen angeborne Leidenſchaften durch den Zügel der Vernunft und der Erfahrung mehr oder minder gebändigt werden. Es iſt wahr, die Erre⸗ gungen des Kindes ſind gewöhnlich nicht ſo anhal⸗ tend; aber ich befand mich, des Sprachvermögen⸗ beraubt, damals in einem ganz beſonderen Zuſtande welcher mich zu einſamer Keberlegung zwang. Die ſelben Gedanken tauchten hundertmal von Neuem in meinem Geiſte auf, und durch dieſe ununterbrochen⸗ Rückwirkung meiner Seele auf ſich ſelbſt erlangt mein Gefühl eine Innigkeit, welche bei einem mit der Sprache begabten Kinde hätte übertrieben und krankhaft erſcheinen mögen. Wie es nun ſei, durch die Bezeugungen freund lichen Mitleids, welche das ſchöne Fräulein mit allein hatte zukommen laſſen, war ich von einem auf fallenden Stolze erfüllt worden; und— ob es nun Hochmuth, Dankbarkeit oder geheime Sympathie war, was in mir vorging— vom Morgen bis zun Abend und ſelbſt im Schlafe noch ſtand das Bild meiner Beſchützerin mir vor den Augen, und es war, als ob die Kräfte meiner Seele ſich auf dieſen einzigen Gedanken concentrirt hätten. Dieſe verwunderliche Abſchweifung des Geiſts und den u langen T ein ſchlin daß meir Verirrune Mehr ſorgniß machen, lärmte ie und da bekam ic loſe Beſt zu mache So mir wied ſuche vo bald nic den peir ſo viel r ganze 2 gehen. Hier konnte i bis die aber nic Dinge h ſprechen Was dieſen 1 lernen! Dieſ für mich ich in de chein nige ndige wahtt eines von den oder Erre⸗ mhal ögens tande, Die em in ochen angt n mit und eund⸗ mit n auß z nun pathie s zum Bild d es dieſen zeiſtes 45⁵ und den unſteten Blick meiner Augen während meiner langen Träumereien betrachteten meine Eltern als ein ſchlimmes Vorzeichen, und ſie zweifelten nicht, daß meine Sinne nunmehr von einer entſchiedenen Verirrung bedroht waren. Mehr als einmal, wenn meine Eltern ihre Be⸗ ſorgniß äußerten, ſuchte ich ihnen begreiflich zu machen, daß ſie ſich täuſchten; aber dann ſchrie und lärmte ich wie früher. Dieß betrübte ſie noch mehr, und da ich jetzt mein eigenes Geſchrei verabſcheute, bekam ich auch einen Widerwillen gegen dieſes nutz⸗ loſe Beſtreben, mich durch die Sprache verſtändlich zu machen. So gelangte Alles zwiſchen meinen Eltern und mir wieder in denſelben Zuſtand, wie vor dem Be⸗ ſuche von Frau Pavelyn. Man beſchäftigte ſich bald nicht viel mehr mit mir, und um meinem Vater den peinlichen Anblick ſeines blödſinnigen Sohnes ſo viel wie möglich zu entziehen, ließ meine Mutter g Tage mich mit den Kühen auf die Weide ehen. 4 Hier, in völliger Einſamkeit mich niederſetzend, konnte ich denken und träumen, vom frühen Morgen, bis die einbrechende Dunkelheit mich nach Hauſe rief; aber nicht unthätig verbrachte ich meine Zeit. Zwei Dinge hatte meine Beſchützerin mir geſagt:„Lerne ſprechen, und mache mir noch andere Figürchen.“ Was den zweiten Wunſch betraf, ſo konnte ich dieſen leicht erfüllen; aber den erſten? Sprechen lernen! Dieſes Verlangen von ihr war jedoch ein Gebot für mich, ein Gebot, deſſen Unerbittlichkeit mich er⸗ ſchreckte, und das ich doch erfüllen wollte, und hätte die Kehle unter meiner Anſtrengung zerreißen müſſen Zwei lange Monate ſuchte ich unaufhörlich ihren Namen noch einmal zu wiederholen; ich ſchnitt aller⸗ lei Geſichter, ich verkrampfte mir die Lippen, ich ſteckte mir verſchiedene Stückchen Holz in den Mund, ich rückte grauſam an meiner widerſpenſtigen Zunge; aber wenn auch der Schweiß mir zuweilen von der Stirne ſtrömte, nicht deutlich, ſelbſt nicht erkennbar wollte der theure Name mir aus der Kehle heraus. — Es war ein wunderliches Ding. Ich hörte gut und vermochte ſo ſelbſt über die Richtigkeit und den Werth der vorgebrachten Laute zu urtheilen; es war auch keine Aeußerung der menſchlichen Stimme, welche der Zufall nicht zuweilen ganz unerwartet mich vollbringen ließ, kein Buchſtabe, den ich nicht ausſprechen konnte. Aber es war, als ob die Sprach⸗ nerven in mir wirr durch einander lägen und dem Willen meines Gehirns nicht Folge leiſten könnten. Wenn ich einen Buchſtaben oder ein Wort aus⸗ ſprechen wollte, dann kamen unfehlbar andere Laute über meine Lippen; und wenn ich auch Stunden lang mich vorbereitete und dann einen Ton aus⸗ ſtieß, mit der Gewißheit, dießmal wenigſtens ſollte die Stimme meine Bemühungen lohnen, wurde ich doch mit derſelben bittern Täuſchung geſchlagen. Es dürfte nicht übertrieben ſein, wenn ich ſage, daß ich hundertmal Thränen vergoſſen, mir die Haare ausgerauft und convulſiviſch mich auf dem Boden gewälzt habe, in einer Verzweiflung und Raſerei, welche in der That dem vollendetſten Wahnſinn glichen. Allmälig jedoch mußte ich mein Unvermögen er⸗ kennen ſchiede und v durch hatte: im St erhebe hatte zwiſche Zukun geſenkt bleiben Dankb klagter Be dieſer lich, o mir e mit G mein; Je holz z oder n dern d trieb Pflicht Werk könnte Ir gürche den 2 Schwe nd hätte müſſen. ch ihren tt aller⸗ en, ich Mund, Zunge von der kennbar heraus. rte gut ind den en; es timme, rwartet ch nicht Sprach⸗ nd dem önnten. t aus⸗ e Laute tunden n aus⸗ s ſollte rde ich en. ſage, Haare Boden aſerei, lichen. en er⸗ 47 tennen und alle Hoffnung, ſprechen zu lernen, ent⸗ ſchieden aufgeben. Jetzt wurde ich traurig, muthlos und verkümmert. Das Gefühl von Stolz, welches durch Roſa's Mitleid in mir erweckt worden war, hatte mich einen Augenblick glauben laſſen, daß ich im Stande ſei, mich ſelbſt aus der Erniedrigung zu erheben. Dieſe tröſtende, dieſe glanzreiche Ausſicht hatte ſich wieder vor meinen Augen geſchloſſen; zwiſchen mir und dem ſchimmernden Stern, der meine Zukunft erhellte, hatte ſich eine dunkle Wolke nieder⸗ geſenkt. Ich ſollte ewig der blödſinnige Stumme bleiben; ein unglückliches Weſen, das ſelbſt ſeine Dankbarkeit für das Mitleid derer, die ihn be⸗ klagten, nicht ausdrücken konnte. Beinahe einen gonzen Monat blieb ich unter dieſer ſchrecklichen Ueberzeugung wie vernichtet. End⸗ lich, als auch der geringſte Funke von Hoffnung in mir erloſchen war, nahm ich mein trauriges Loos mit Gelaſſenheit auf, und es kam mehr Friede in mein zerſtörtes Gemüth. Jetzt fing ich wieder an, Figürchen aus Weiden⸗ holz zu ſchneiden. Nun aber nicht mehr aus Stolz oder mit der Hoffnung, mich vor den andern Kin⸗ dern doch durch Etwas auszuzeichnen; nein, Richts trieb mich an, als das ausdauernde Gefühl von Pflicht und Dankbarkeit— zu wiſſen, daß mein Werk dem barmherzigen Fräulein angenehm ſein könnte, war der einzige Grund meines Fleißes. In kurzer Zeit hatte ich eine gewiſſe Anzahl Fi⸗ gürchen fertig. Es waren Geſtalten, welche ich mit den Namen von Kühen, Pferden, Schafen oder Schweinen bezeichnete, obwohl ſie alle eine ſtarke S Aehnlichkeit mit einander hatten; es waren auch Häuſer, Kirchen, Vögel und Menſchen; aber was mir am meiſten gefiel, und worauf ich mit Ver⸗ trauen blickte, war die Figur des Feldwächters mit ſeinem großen Tſchako auf dem Haupte und ſeinem blanken Säbel in der Hond. Ich hatte nach langem Andringen von meiner Mutter den Schlüſſel zu einer Kommodeſchublade bekommen. Darin verbarg und bewahrte ich meine Figürchen, bis Roſa wieder kommen würde. Nie⸗ mand durfte die Erzeugniſſe meiner Kunſt ſehen. Sie allein, für welche ſie gemacht waren, ſollte ſie aus meinen Händen empfangen, ehe ſie Jemand be⸗ rührt hätte. So verfloßen Monate und es kam der Winter, welcher ihrer Wiederkehr vorangehen mußte. Um das neue Jahr ſollte meine Mutter in die Stadt gehen, um den verfallenen Theil des Pacht⸗ zinſes zu bezahlen. Durch Bitten und Flehen bewog ich ſie, mein Figürchen von dem Feldwächter mitzu⸗ nehmen und mir zu verſprechen, daß ſie es dem Fräulein von unſerem Grundherrn geben wolle. Während der Abweſenheit meiner Mutter war ich äußerſt aufgeregt; ich lief rings um das Haus und auf den Feldern herum, als würde ich von einer heftigen Bekümmerniß gejagt. Würde ſie lächeln und erfreut ſein über mein Geſchenk? Auf alle Fälle würde meine Mutter zu ihr von mir ſprechen, und ſie gleichfalls Etwas ſagen, was mich anging. Es kam mir in meiner ängſtlichen Erwartung vor, als höre ich Roſa meinen Namen nennen;— denn es konnte keine andere Stimme als die ihrige ſein, die⸗ ſer ſil mich Mein „Arm N von 1 auszu käme. entger und wächt H tracht ihre? danke Frühj würd möcht L Bewe zu ſp war. E lich z meine Leo mir in's V ſprech der 2 ihres Co n auch er was it Ver⸗ ers mit ſeinem meiner hublade meine Nie⸗ ſehen. ollte ſie and be⸗ Winter, in die Pacht⸗ bewog mitzu⸗ es dem Me. er war s Haus ich on lächeln le Fälle n, und g. Es or, als enn es in, die⸗ 49 ſer ſilberne Ton, welcher in meiner Seele klang und mich aufſpringen machte, um herumzublicken in der Meinung, daß ſie neben mir mitleidig flüſterte: „Armer, kleiner Leo!“ Nachmittags ſtand ich wohl eine halbe Stunde von unſerem Dorfe entfernt auf der Straße, um auszuſchauen, ob meine Mutter noch nicht zurück⸗ käme. Sobald ich ſie gewahr wurde, lief ich ihr entgegen und fragte ſie mit aufgehobenen Armen und funkelnden Blicken, wie man dort mein Feld⸗ wächterchen aufgenommen habe. Herr Pavelyn hatte das Figürchen neugierig be⸗ trachtet und herzlich darüber gelacht. Roſa hatte ihre Freude bezeugt und ließ mir für mein Geſchenk danken; ſie hatte außerdem geſagt, daß ſie nächſtes Frühjahr mit ihren Eltern auf das Schloß kommen würde und dann recht viele ſolche Figürchen haben möchte, um damit ſpielen zu können. Meine Freude war unausſprechlich; von meiner Bewegung überwältigt, begann ich zu ſchreien und zu ſpringen, wie ich es früher zu thun gewohnt wa Einige Worte meiner Mutter brachten mich plötz⸗ lich zur Beſinnung und vernichteten auf einmal alle meine Freude. Roſa hatte gefragt, ob der arme Leo noch nicht ſprechen könnte! Dieſe Frage rief mir meine Unmacht und das Gefühl meines Unglücks in's Bewußtſein zurück. Wehe, die gute Roſa hatte mir geſagt:„Du mußt ſprechen lernen,“ und ich unmächtiger Auswürfling der Welt, ich war ebenſo ſtumm, wie zur Zeit ihres Beſuchs bei uns! Ich hätte die Hälfte meines Conſeience, Das eiſerne Grab. 4 um ihrem liebreichen Befehl Folge leiſten zu können; aber dieſen Beweis meiner Dankbarkeit ihr zu geben, war mir nicht geſtattet Ich ließ den Kopf ſinken und ging ſchweigend an der Hand meiner Mutter auf der ſandigen Straße einher; und wiewohl ſie mir noch mehr von den reizenden Fräulein, um meinen Muth aufzurichten, erzählte, gelang es ihr doch nicht, mich zu tröſten. Lebens aufgeopfert, IV. Der Winterfroſt war gewichen, und Thauwette hatte den Schnee von den Feldern weggenommen Der Frühling kam, und mit ihm das engelgleich Weſen, welches ſeit ſieben Monaten in allen meinen Gedanken lebte. In meiner Ungeduld wandelte ich jeden Morge längs der Wälder und Feldwege dahin, um zu ſehen ob die Frühgewächſe noch kein Zeichen ihres G wachens gaben. Ich beobachtete die Kätzchen der Haſel ſtauden und Erlen, welche unter den erſten Strahlen der neuen Sonne ſich entwickeln mußten; ich wartet mit ungeſtümem Verlangen auf das Blatt de Waldanemone, welche zuerſt am Fuße des Eichen ſchlags zum Vorſchein kommen mußte; ich folgte der Vögeln mit dem Blick, um in ihrem Schnabel de Strohhalm zu entdecken, der von ihrem Vertrauer auf das ſchöne Wetter Zeugniß geben konnte. Nach vielen langen, kalten Nächten wurde die Luft milde, und ich konnte zu meiner großen Freudi allmälig mehr und mehr Zeichen des Wiederen wache am ſ blume liebch junge Schw ihre! allmãä Knöp Mail ſollter D mehr laſſen das 1 lockte. A meine all m Angſt Stun E ſprech auf t Schm ſo ſtu danke in Fr maaß mein meine die v Befehl meiner geſtattet weigend Straße 0n de urichten, tröſten. awette nommen gelgleich n meiner Morge zu ſehen ihres G der Haſel Strahler ch wartet Blatt de s Eichen olgte den nabel den Vertrauen nte wurde di en Freudt Wiederer 51 wachens der Natur bemerken— bald dufteten Veilchen am ſüdlichen Saume der Gräben, gelbe Schlüſſel⸗ blumen vergoldeten die Wieſen, während die Maß⸗ liebchen ihre tauſend ſilbernen Sternchen zwiſchen dem jungen Gras erglänzen ließen. Darauf zeigten der Schwarzdorn, die Erdbeere und das Lichtröschen ihre Blüthen, die Geſträuche und Bäume entfalteten allmälig ihre Blätter, und die Syringe trieb die Knöpfe zu den Blumenbüſcheln, welche die friſche mit dem ſüßen Gewürznelkenduft erfüllen ollten. Der langerwartete Augenblick war alſo nicht mehr fern: jeden Tag konnte Roſa die Stadt ver⸗ laſſen, denn es war ein mildes und ſonniges Wetter, unwiderſtehlich zum Luſtwandeln auf das Feld ockte. Armer Wahnſinniger, der ich war! Anſtatt daß meine Freude ſich erhöhte, fühlte ich im Gegentheil all meinen Muth mir entſchwinden und eine geheime Angſt mein Herz ergreifen, je näher die erwünſchte Stunde herankam. Sie würde mich fragen:„Kannſt Du noch nicht ſprechen?“ Und ich mußte ihr mit der Schaamröthe auf den Wangen und erliegend vor Verdruß und Schmerz durch Zeichen zu verſtehen geben, daß ich ſo ſtumm war wie zuvor! Und daß ein ſolcher Ge⸗ danke in mir aufgeſtiegen war, ſteigerte meine Furcht in Folge der Selbſtaufreizung ſchnell bis zum Ueber⸗ maaße. Nun erbleichte ich zuweilen plötzlich, wenn mein erregter Geiſt das Bild der kleinen Roſa vor meinen Augen aufſteigen ließ; ich bebte, wenn ich die verhängnißvolle Frage:„kannſt Du noch nicht 4* 52 ſprechen?“ von ihren Lippen fallen hörte— ich wurde wieder einſiedleriſch, traurig und verirrte mich in ſchmerzliche Träumereien. Bis dahin war ich mit dem Schnitzen von Fi⸗ gürchen eifrig beſchäftigt geweſen. Da meine Schub⸗ lade ſchon ſeit langer Zeit voll war, hatte ich die mindeſtgelungenen meinen Schweſtern gegeben und immerdar neue und meiner Meinung nach beſſere gemacht. Meine Muthloſigkeit ging nun ſo weit, daß ich weder Luſt noch Kraft mehr fand, meine Arbeit fortzuſetzen und den Schlüſſel meiner Schublade wohl zwei Wochen unberührt in meiner Taſche ließ Schlimmer wurde es noch in meinem Gemüthe als mein Vater, eines Montags aus der Stadt zu rückkehrend, uns ankündigte, daß Herr Pavelyn mi ſeiner Frau und ſeinem Töchterchen nächſten Sams tag das Schloß beziehen würden. Von dieſem Augen blick an war es, als ob ein geheimes Leiden mein Nerven erſchütterte. Ich erzitterte zwanzigmal in einer Stunde und erbleichte eben ſo oft, ohne eine ſcheinbaren Grund. Meine Mutter dachte, ich ſe krank, und kochte mir Frühlingskräuter, welche gu gegen das Fieber ſein ſollten. Ich trank das Hei mittel, ohne die Urſache meiner ſonderbaren A regung zu erklären; aber ſobald ich fort konnte, lie ich weit weg vom Hauſe und verbarg mich im Gehölz als könnte die Einſamkeit daſelbſt mich vor der Frag bewahren:„kannſt Du noch nicht ſprechen?“ die un aufhörlich in meinen Ohren ertönte und als Anklaß mich verfolgte. Ich weiß nicht, wie es zu erklären iſt: abe obwo herbe umen wärti nach ſchlag Wohl weg, ſelber E Jahr im C allee Gebä umge mich ſchau L verſu weckt freud G alleze jetzt glaul G Roſa Herr aus ( Hant — ich rte mich von Fi⸗ Schub⸗ ich die en und beſſere daß ich Arbeit chublade che ließ. emüthe tadt zu⸗ elyn mi Sams n Augen en mein gmal i nnte, lie Gehölz der Frog die un s Anklag iſt: ab⸗ 53 obwohl ich nun Roſa's Ankunft eher fürchtete, als herbeiwünſchte; obwohl ich mich im Gehölze verkroch, um nicht bei ihrem Beſuche in unſerem Hauſe gegen⸗ wärtig zu ſein, trugen meine Füße mich doch immer nach dem Schloſſe und auf die Straße, die ſie ein⸗ ſchlagen mußte, um in unſere Wohnung zu gelangen. Wohl floh ich wenige Augenblicke hernach von dort weg, aber kehrte nach Verfluß einiger Zeit an den⸗ ſelben Ort zurück, faſt ohne es zu wiſſen. Eines Tags— es war der zwanzigſte Mai des Jahrs 1806— war ich vom frühen Morgen an im Gehölze herumgeirrt und endlich in die Schloß⸗ allee gekommen. Nach langem Ausſchauen auf die Gebäude hinter den Syringenbüſchen hatte ich mich umgewandt. In ſchmerzlicher Träumerei hatte ich mich mit dem Kopf gegen einen Baum gelehnt und ſchaute zur Erde. Wie lang ich auf ſolche Weiſe in meine Gedanken verſunken blieb, weiß ich nicht;— aber plötzlich weckte mich der ſilberne Ton einer Stimme, welche freudig aus der Ferne rief: „Leo! Leo!“ Es war Roſa's Stimme, dieſelbe Stimme, welche allezeit in meinen Träumen zu mir redete! Auch jetzt drehte ich nur langſam den Kopf um; denn ich glaubte noch an die Bezauberung meiner Sinne. Ein heftiges Zittern ergriff mich. Da ſah ich Roſa, Roſa ſelbſt, die zwiſchen einem vornehmen Herrn und einer Dame und gefolgt von einer Zofe aus dem Schloßhof in die Allee trat. Sie zog den Herrn, der ihr Vater war, an der Hand, um deſto ſchneller zu mir zu gelangen;— aber der Herr hemmte ihre Eile und hielt ſie zurück, bis ſie nur noch vier oder fünf Schritte von mir ent⸗ fernt war und ihre freundliche Ungeduld nicht mehr bezwingen konnte. Sie ſprang voraus und faßte meine zitternde Hand; ich war bleich und ſah, mit Angſt in den Augen, auf ihren Lippen der gefürchteten Frage entgegen. In der That waren ihre erſten Worte: „Nun, Leo, kannſt Du ſprechen?“ Ich ließ den Kopf auf die Bruſt fallen und gab durch ſtille Thränen zu erkennen, daß ich noch ſo ſtumm war wie zuvor. „Armer Leo!“ ſagte das gutherzige Kind,„Du mußt deßhalb nicht weinen. Habe nur Muth; ver⸗ gangenes Jahr haſt Du meinen Namen gut zu nennen vermocht. Du wirſt allmälig doch noch ſprechen lernen.“ Inzwiſchen waren ihre Eltern zu uns getreten⸗ Der vornehme Herr legte die Hand auf meinen Kopf und nöthigte mich durch eine ſanfte Bewegung nach hinten, zu ihm aufzuſchauen. Mit einem ge⸗ wiſſen Wohlwollen in der Stimme ſagte er: „Das iſt alſo der kleine Junge, der Dir das Paſtörchen und das Feldwächterchen gegeben hat? S Augen, prächtige Haare! Es iſt ein hübſches ind!“ „Und Du kannſt durchaus nicht ſprechen?“ fragte er mich.„Ein netter, flinker Junge, wie Du, ſollte ſtumm ſein und ſtumm bleiben? Das wäre ſicher ein großes Unglück.. Und warum weinſt Du, Kleiner? Hat Dir Jemand weh gethan?“ fruchtl noch e zu kör Er auf m wegur ihm ſt ich m den li Er meine Dann 0 ein ſch Frau Gehir: Das genthe ick, bis ir ent⸗ tmehr itternde in den Frage nd gab noch ſo „Du h; ver⸗ nennen prechen etreten. meinen wegung iem ge⸗ i ds n hat? übſches fragte u, ſollte e ſicher inſt Du, 55 „Nein, Vater, er weint, weil er nicht ſprechen kann, der Arme!“ ſeufzte das Fräulein. „Nun, da er hört und Deinen Namen hat ſagen können, muß es ihm nicht unmöglich ſein, ſprechen zu lernen. Wenn er ſich nur ein wenig Mühe geben wollte; aber die Bauernkinder, man läßt ſie in der Wildniß laufen, und durch ſich ſelbſt erkennen ſie den Werth der Sprache nicht.“ Als ich dieſe Worte hörte, konnte ich mich nicht mehr bezwingen; die Beſchuldigung, welche darin lag, kränkte mich ſchmerzlich. Ich begann, mit allerlei Geberden und unter gewaltigem Geſchrei Verſuche zu machen, um Roſa's Vater zu überzeugen, daß es mit nicht an gutem Willen gefehlt und ich fruchtlos Monate lang Allem aufgeboten hatte, um noch einmal den Namen ſeiner Tochter wiederholen zu können. Er ſchaute beſtürzt, doch mit ſichtbarer Zuneigung auf mich nieder; meine Augen funkelten, meine Be⸗ wegungen waren eckigt und voll Kraft, und ich gab ihm ſogar durch deutliche Zeichen zu erkennen, daß ich mir im Austauſche für die Gabe der Sprache den linken Arm wollte abſchneiden laſſen. Er faßte mich an den Händen, hemmte dadurch meine Geſtikulationen und brachte mich ſo zur Ruhe. Dann hörte ich, daß er zu der Dame ſagte: „Ein unglücklicher Junge, nicht wahr? Es iſt ein ſchönes und Theilnahme erweckendes Kind. Und Frau Wolvenaer behauptet, es ſei nicht richtig im Gehirn mit ihm? Nein, nein, ſie irrt ſich, gewiß. Das Kind iſt durchaus nicht ſchwachſinnig; im Ge⸗ gentheil, es hat einen wackern, klaren Geiſt.“ Der Blick unendlicher Dankbarkeit, der aus meinen Augen in die Augen von Roſa's Vater ſtrahlte, mußte ungemein innig ſein; denn ich bemerkte, daß der mitleidige Herr davon tief betroffen wurde. Ich fühite mich ganz getröſtet und wieder muthig, und gedachte noch einmal durch Zeichen meine Er⸗ kenntlichteit zu bezeugen, aber Roſa hatte wieder meine Hände gefaßt und fragte mich, ob ich Figür chen für ſie geſchnitten hätte. Sehr raſch zählte ich an meinen Fingern und ſtreckte die Arme weit auseinander und drehte de Schlüſſel unter ihren Augen, um ihr dadurch be greiflich zu machen, daß ich ſehr viel, eigen ganze Haufen gemacht habe, und daß ſie allè zuſamme daheim in einer Lade eingeſchloſſen und aufbewahr liegen. Roſa wurde dadurch höchſt neugierig; ſie ba und flehte ungeduldig bei ihren Eltern, ſie möchte doch eilen, damit ſie die Figürchen deſto bälder z ſehen bekäme. Die Eltern thaten ihren Willen; einige Augen blicke ſpäter trat Herr Pavelyn mit ſeiner Gattin i unſere niedrige Wohnung. Ohne auf die Begrüßung und Höflichkeitsbe zeugungen meiner Eltern zu achten, ſprang ich nat der Schublade, holte das hölzerne Kiſtchen heraus welches meine Arbeit von ſechs Monaten enthiel und begann, auf unſerem großen Tiſche alle mein Figürchen aufzuſtellen. Ich ordnete ſie hintereinande proceſſionsweiſe, gleich einer Schaar marſchirende Thiere und Menſchen. Es waren ihrer ſo viel⸗ daß der Umzug zuletzt den ganzen Tiſch überdech undk Häuſ nehm mit faſſer dieß jubel mach glaul müſſe reicht L Gebe bezei ließ t heimt auf eigen geöff Blick auße ſtrön ſpräc Schn redet Aller Spie mir mir begr meinen trahlte, te, daß de. muthig, ine Et⸗ wieder Figür rn und hte den urch be ganzen ſammen bewahn ſie ba möchten älder z Augen ttin i hkeitsbe ich nat heraus enthiel le mein einanden chirende ſo viel berdeck 57 und beinahe kein Platz mehr blieb, um meine kleinen Häuſer und Kirchen aufzuſtellen. In den Augen des Fräuleins war eine zu⸗ nehmende Ueberraſchung bemerklich; aber als ſie ſo mit einem einzigen Blick den ganzen Reichthum um⸗ faſſen konnte und ich ihr ein Zeichen machte, daß dieß Alles ihr gehöre, da begann ſie voll Freude zu jubeln und in die Hände zu klatſchen. Ihr Entzücken machte mich über die Maßen glücklich und ließ mich glauben, daß ich wunderſchöne Dinge gefertigt haben müſſe, da ich ſo völlig den Zweck meiner Arbeit er⸗ reicht hatte. Lang ſtand es an, bis ich durch allerlei Mienen und Geberden Roſa auslegte, was jedes meiner Figürchen bezeichnete. Ich ſtieß die Kühe von dem Tiſche weg, ließ die Pferde laufen, die Schafe durch ihren Hirten heimtreiben; ja ich ſetzte die Vögel der Reihe nach auf meine Häuſer und Kirchen, als wären ſie aus eigener Luſt in die Höhe geflogen. Roſa ſchaute ſtill und ihre blauen Augen weit geöffnet, auf das Schauſpiel, das ich vor ihren Blicken aufführte. Sie ſchien vor kindlicher Freude außer ſich. Ein Gefühl unendlichen Glücks über⸗ ſtrömte mein Herz. Meine Eltern waren im Ge⸗ ſpräch mit Herrn und Frau Pavelyn, und meine Schweſtern und Brüder horchten auf das, was ge⸗ redet murde. Ich ſtand mit Roſa abgeſondert von Allen; auf meine Figürchen und auf mein artiges Spiel allein gab ich Acht.... Der Schweiß perlte mir auf der Stirne in Folge der Gewalt, die ich mir anthat, durch Geberden ihr klar und vollkommen begreiflich und fühlbar zu machen, was ich ausdrücken 58 wollte. Bereits hatte ich einen Jäger gezeigt, der einen Haſen niederſchoß, und den Hund, der ſich auf⸗ machte, das getroffene Thier zu ſuchen. Jetzt war ich damit beſchäftigt, zwei Soldaten in's Gefecht zu führen, indem ſie ihre großen Säbel gegen einander ſtießen. Ich mußte dieſes Schauſpiel recht lebhaft und verſtändlich für Roſa darſtellen, denn ſie ſchien bewegt und erſchrocken; aber als einer von meinen Soldaten durch ſeinen Gegner zu Boden geſtreckt wurde und er durch ſeinen Fall eine ganze Reihe von Kühen und Pferden und ſelbſt Häuſer und Bäume übereinander warf, da brachen wir beide in ein langes Freudengeſchrei aus und Roſa tanzte vor Vergnügen. Um ihre Freude noch höher zu ſteigern, ſchrie und lärmte ich und lief mit wilden Sprüngen um den Tiſch herum. Das Geräuſch, das wir machten, unterbrach end⸗ lich das Geſpräch von Roſa's Eltern mit meinem Vater. Sie betrachteten uns noch eine Weile mit Wohlbehagen und ſchienen beſonders vergnügt, daß ihr Töchterchen ſich ſo luſtig machte und die Freude deſſen Wangen röthete. Der Herr trat an den Tiſch, griff hier und da nach einer der ſonderbarſten oder vielleicht der beſten Figuren, betrachtete ſie eine Weile und nickte dann wohlwollend mit dem Kopfe, während er mir mit den Worten auf die Schultern klopfte: „Haſt Du Alles dieß allein gemacht? Bravo, mein kleiner Junge! Es iſt zwar nicht ſehr ſchön; aber es ſteckt doch Etwas darin, und es iſt ein ge⸗ wiſſer Geiſt in den beiden Gendarmen mit ihren langen Beinen, die dorthinten vorübermarſchiren. wie werd lehren, m bei ſeiner „Abe arme Kin Ich ſ weißen A und über ſchenk an an. Ich vor Fure und Fra ſo tieſes daß ſie i blieben meinen 7 hob ich k phirender Eine meinen( ich aus lautete d ſundheit thun wür heit mit ſprechen, zum Spie der Röthe 59 Und was willſt Du mit dieſem ganzen Heere von Thieren und Menſchen thun?“ Ich deutete mit dem Finger auf ſeine Tochter. „Es iſt Alles für mich, Vater!“ rief Roſa.„Ach, wie werde ich nun ſpielen können! Leo ſoll mich lehren, wie ſie hinter einander gehen müſſen, jedes bei ſeiner Abtheilung, wie ſie jetzt ſtehen.“ „Aber, Roſa,“ bemerkte ihr Vater,„warum dieſes arme Kind ſeines ganzen Spielzeugs berauben?“ Ich ſprang nach der Wand, ergriff dort einen weißen Weidenkorb, packte alle meine Figuren hinein und überreichte ihn Roſa. Sie zögerte, mein Ge⸗ ſchenk anzunehmen, und ſchaute fragend ihren Vater an. Ich ſah eine Weigerung voraus und zitterte vor Furcht, aber ich faltete die Hände vor Herrn und Frau Pavelyn ſo bittend zuſammen, und ein ſo tieſes Flehen ſprach aus meinen funkelnden Augen, daß ſie ihre Magd, welche an der Thüre ſtehen ge⸗ blieben war, herbeiriefen und ihr den Korb mit meinen Figürchen zur Hand ſtellten. Vor Freude hob ich die Arme in die Höhe und ſtieß einen trium⸗ phirenden Schrei aus. Eine Weile ſprach unſer Grundherr noch mit meinen Eltern über Roſa und auch über mich. Was ich aus ihren leiſen Worten vernehmen konnte, lautete dahin, daß ihr Töchterchen keiner feſten Ge⸗ ſundheit genieße, und die offene Landluft ihr gut thun würde. Sie ſchienen zugleich ihre Zufrieden⸗ heit mit Roſa's aufgeräumter Stimmung auszu⸗ ſprechen, während dieſelbe ſonſt nicht viel Neigung zum Spielen zeigte und ſich jetzt ſo herzlich und mit der Röthe des Vergnügens auf den Wangen beluſtigte. Nach dieſem Geſpräch faßte Herr Pavelyn meine Hand und ſprach in freundlichem Tone: „Wir müſſen jetzt gehen, Leo; aber komm mor⸗ gen um ein Uhr Nachmittags auf das Schloß; dann ſoll Roſa Dir auch ein Geſchenk zum Tauſche für alle Deine Figürchen geben. Es iſt Etwas, das wir für Dich aus der Stadt mitgebracht haben. Du ſollſt mit uns zu Mittage eſſen und kannſt mit Roſa in dem ſchönen Garten herumſpringen und ſpielen. Lebe wohl, mein guter, kleiner Junge.“ „Leo, Leo!“ rief das Mädchen im Hinausgehen, ſe⸗ morgen! H, wie vergnügt werden wir ein!“ Ich ſank zitternd auf einen Stuhl nieder.— Wie? ich ſollte auf dem Schloſſe eſſen? an demſel⸗ ben Tiſche mit Roſa? Ihre Eltern bezeigten mir ebenſo viel Mitleid und Freundſchaft wie ſie? Ich, der Stumme, ich war alſo vor meinen Brüdern und Schweſtern auserleſen und bevorzugt?— Mor⸗ gen, morgen! V. Wie unruhig war mein Schlaf dieſe Nacht! Ich träumte hundertmal von Neuem, daß ich Hand in Hand mit Roſa in einem großen Garten ſpielte, zum Mindeſten ſo ſchön wie der Himmel, den meine Mutter mir oft abgeſchildert hatte. Wir liefen, tanz⸗ ten, ſprangen und ergötzten uns in unausſprechlicher Freude und Lebensluſt. Roſa ſagte mir lauter ſüße freundliche Worte.. und ich Glücklicher, ich hatte ſchlo ihr Red Viſit und haft das gleic ware Räth ſchäft mir mach ſein? ſcheir ich a kuche Ding ganz ( um 2 Mor Bett Kaun ich n Sont hatte „ ſagt: nmeine m mor⸗ dann che für „ das n. Du aſt mit nund ge. sgehen, en wir — demſel⸗ n mir Ich, rüdern Mor⸗ t! Ich and in ſpielte, meine „tanz⸗ hlicher r ſüße hatte 61 ſchlafend das Vermögen der Sprache und drückte ihr meine Dankbarkeit in klarer und gefühlvoller Rede aus! Dann veränderte ſich wieder die bezaubernde Viſion: ich hatte meinen Platz an einer großen Tafel und genoß von Speiſen und Leckerbiſſen, ſo ſchmack⸗ haft und ſüß, daß unſere fetten Kirchweihwürſte und das beſte Zuckerwerk aus des Küſters Bude in Ver⸗ gleich mit einem ſolchen Mahle elende Bettelkoſt*) waren. Ein anderes Mal ſuchte meine Phantaſie das Räthſel zu löſen, das ſeit geſtern meinen Geiſt be⸗ ſchäftigte und meine Neugierde erregte. Roſa ſollte mir zum Tauſche für meine Figürchen ein Geſchenk machen. Was mochte doch das für ein Geſchenk ſein? Es war für mich unmöglich, mir eine wahr⸗ ſcheinliche Vorſtellung davon zu machen. Wohl dachte ich an ein hölzernes Pferd, an einen großen Leb⸗ kuchen, an ein ſchönes Halstuch und an viele andere Dinge, aber meine Vernunft ſagte mir, daß ich ganz gewiß fehlgriff. Getäuſcht durch meine Ungeduld ſtand ich ſchon um Mitternacht auf, in der Meinung, es müßte wohl Morgen ſein; aber meine Mutter trieb mich in das Bett zurück. Endlich brach der Tag wirklich an. Kaum hatten wir den Kaffee getrunken, ſo beſtürmte ich meine Mutter, mich zu waſchen und mir meine Sonntagskleider aus dem Kaſten zu holen. Sie hatte Muhe genug, mir begreiflich zu machen, daß Im Text: Erde, wie unſer gemeines Volk noch gröber ſagt: Dr—, waren. A. d. U. ich erſt Nachmittags in das Schloß gehen dürfte und alſo noch einen ganzen halben Tag warten müßte. Lange Zeit blieb ich in einer Ecke des Zim⸗ mers ſitzen, das Auge nach dem Uhrenzeiger gerichtet. Nachdem ich durch ungeduldiges Geſchrei zwei oder drei Mal meine Mutter hatte überzeugen wollen, daß die Uhr ſtehen geblieben war und wieder in Gang gebracht werden müßte, nahm ſie mich an der Schulter und ſetzte mich vor die Thüre, indem ſie mir verbot, noch einmal den Fuß in das Haus zu ſetzen, ehe auf dem Thurme die Mittagsſtunde ſchlüge. Ich ſchweifte durch Wald und Feld, kehrte nach dem Dorfe zurück, ging um die Kirche herum und ſah verdrießlich nach dem trägen Zeiger der Uhren⸗ tafel, ſo lang, bis endlich doch der erſte Schlag der Mittagsglocke durch die Luft ertönte und mir einen Freudenſchrei entlockte. Als ich nach Hauſe kam, ſaß man ſchon am Mittagsmahle. Ich nahm den gewohnten Platz neben meinem Vater ein, doch blieb mein Teller natürlich leer, da ich auf dem Schloſſe eſſen ſollte. Meine Eltern ſprachen lachend von den leckeren Speiſen, welche mir heute über die Lippen kommen ſollten; meine Brüder und Schweſtern verhielten ſich ſtill und ſchauten mich mit nicht ſehr freundlichen Blicken an. Der dicke Mehlbrei ſchien ihnen weni⸗ ger als ſonſt zu ſchmecken, und mehr als einmal ſießen ſie den Löffel mißmuthig auf den Teller zu⸗ rückfallen, wenn mein Vater im Scherze von gebra⸗ tenem Geflügel und von Marzipan⸗Schlöſſern ſprach. Was mich betrifft, ich gab beinahe gar nicht Acht auf verl als Ang meit mich Waſ ſie 1 gant obw mir zule. Mut und men verg Mat reibe ich ſ in d nicht man zu k ſonde ſprec drück ( Mut zitter 6 X dürfte varten richtet. i oder vollen, er in ch an indem Haus ſtunde e nach m und Uhren⸗ ag der einen n am Platz Teller ſollte. eckeren mmen hielten dlichen weni⸗ einmal er zu⸗ gebra⸗ ſprach. tAcht 63 auf das, was geſprochen wurde: mitten unter den verlockendſten Schilderungen ſah ich nichts Anderes als das Lächeln, welches von Roſa's freundlichem Angeſicht mir entgegenſtrahlte. Sobald das Mittagsmahl geendigt war, nahm meine Mutter mich auf ihren Schoos und begann mich auszukleiden. Sie wuſch mich mit warmem Waſſer und Seife und feuchtete meine Haare, damit ſie beſſer in Locken fielen. Es dauerte lang, ehe ich ganz aufgeputzt war, denn das Allerbeſte mußte her, obwohl mein Vater verſicherte, daß es unrecht wäre, mir meine Sonntagskleider blos zum Spielen an⸗ zulegen. Ehe ich unſere Wohnung verließ, ſtellte meine Mutter mich vor ſich hin und erklärte mir mit Ernſt und Strenge, wie ich mich auf dem Schloſſe beneh⸗ men und was ich thun und unterlaſſen ſollte. Sie vergaß Nichts: ich ſollte meine Füße ſauber auf den Matten, welche ich auf dem Boden liegen ſähe, ab⸗ reiben; ich ſollte meine Mütze abnehmen und grüßen; ich ſollte mir die Naſe mit dem Tuche, das ſie mir in die Hoſentaſche geſteckt hatte, putzen; ich ſolite nicht ſchreien und Geſtikulationen machen, und wenn man mir Etwas gäbe, nicht unterlaſſen, meine Hand zu küſſen, nicht allein, weil es ſo ſchicklich wäre, ſondern hauptſächlich um dadurch, da ich nicht ſprechen könnte, deutlich meine Dankbarkeit auszu⸗ drücken. Es ſchlug ein Uhr auf dem Thurme, als meine Mutter mir einen Kuß zum Abſchied gab und ich, zitternd vor Haſt, zur Thüre hinausſprang. Ich lief in einem Athem durch das Dorf und —— 64 in die Schloßallee; aber als ich mich dem offenen Gehäge näherte und Niemand in dem Garten be⸗ mertte, befiel mich eine geheime Furcht. Mit lang⸗ ſamen und ſchüchternen Schritten betrat ich jedoch den großen Garten, nach allen Seiten ausſchauend, ob ich Niemand gewahrte. Wie ſchön war die Aus⸗ ſicht, welche ſich vor meinem erſtaunten Blicke ent⸗ faltete! Eine breite Grasfläche dehnte ſich nach allen Seiten bis an den Fuß von hohen Gebüſchen aus; mitten durch den Raſen floß ein klares Waſſer, das ich wohl für denſelben Bach, welcher an unſeren Hauſe vorüberlief, gehalten haben würde; aber es war viel breiter und tiefer. Eine runde Brücke lag gleich einem rieſigen Bogen über dem Waſſer. Die Brücke war ſeltſam aus verſchlungenen Aeſten von geſchältem Eichenholz geformt, und es kam mir vor, als dürfte ich nie darüber gehen, aus Furcht, ſie möchte unter meinem Gewichte zuſammenbrechen. Rund um den Garten erhoben ſich hohe Bäume, dicht mit undurchdringlichem Laubwerk bewachſen; am Fuße dieſer großen Bäume wuchs die Gewürz⸗ nelte in ſolcher Menge, daß ihre purpurnen Blu⸗ men gleich einem unermeßlichen Teppich den ganzen Garten umſchloßen und die Luft mit dem lieblichſten Wohlgeruche erfüllten. Ueberall, wohin ich das Auge fallen ließ, längs der Wege und Gebüſche ſah ich Blumen und Gewächſe, die mir ganz unbekannt waren und mich durch ihre ſeltſamen Formen und ſchimmernden Farben überraſchten. Die völlige Einſamkeit und die ergreifende Stille, welche hier herrſchten, flößten mir eine gewiſſe Be⸗ ſtürzung ein. Nur Schritt für Schritt näherte ich mich im B weiter geöffn faßte iagie ſchön Mein S Worte 6 Spaſſ munte und ſ kannſt noch M bäude auf di an al und d 2 jetzt ei A ſtand nahm reſpekt Wort D von g Cor offenen en be⸗ t lang⸗ jedoch auend, ie Aus⸗ cke ent⸗ ch allen naus; er, das unſerem aber es ücke lag r. Die en on nir vor, cht, ſie chen. Bäume, wachſen; Gewürz⸗ en Blu⸗ ganzen blichſten as Auge ſah ich nbekannt nen und e SStille, viſſe Be⸗ herte ich 65 mich dem Schloſſe. Das Herz klopfte mir vor Angſt im Buſen, und vielleicht hätte ich nicht gewagt, weiter zu gehen; aber plötzlich wurde eine Thüre geöffnet und Roſa ſprang mir jubelnd entgegen. Sie faßte meine Hand, zog mich nach dem Gebäude und ſagte tadelnd: „Warum bleibſt Du ſo lange aus? Es iſt nicht ſchön von Dir, Leo. Wir ſitzen bereits am Eſſen. Mein Vater wird wohl böſe ſein..... Sie bemerkte in meinem Geſichte, daß dieſe Worte mich erſchreckten. „Komm, komm,“ rief ſie,„ich ſagte es nur zum Spaſſe. Du darfſt keine Angſt haben. Sei nur munter. Ach, was wollen wir hernach gleich laufen und ſpielen! Wie Schade, daß Du nicht ſprechen kannſt! Aber es iſt gleich, ich verſtehe Dich den⸗ noch gut.“ Meine liebe Beſchützerin führte mich in das Ge⸗ bäude und über einen langen Gang. Aufmerkſam auf die Lection meiner Mutter, rieb ich meine Füße an alten Matten, welche ich unterwegs traf, ab und dieß ſo ſehr, daß Roſa ſcherzend ausrief: „Aber Leo, was haſt Du an den Füßen? Höre jetzt einmal auf, es iſt genug.“ Am Ende des Ganges, vor einer großen Thüre, ſtand ein Mann mit Silber an ſeinen Kleidern; ich nahm meine Mütze vom Kopfe und grüßte ihn mit reſpektvoller Ehrerbietung, er aber öffnete, ohne ein Wort zu ſprechen, die große Thüre. Da ſah ich in einen großen Saal, deſſen Wände von goldenen Verzierungen erglänzten. An einem Conſeience, Das eiſerne Grab. 5 Tiſche ſaßen Roſa's Eltern. Ich blieb, mit meiner Mütze in der Hand, an der Thüre ſtehen und hörte beinahe die wohlwollenden Worte nicht, die Herr und Frau Pavelyn an mich richteten. Roſa führte mich zu einem Stuhl am Tiſche und nöthigte mich, darauf Platz zu nehmen. Mir wir belte es im Kopfe; verwirrt und beſchämt ſchlug ich den Blick zu Boden. Unterdeſſen band ein Diener mir ein breites, weißes Tuch vor die Bruſt, ſo daß ich beinahe die Arme nicht mehr bewegen konnte. Roſa's Eltern und ſelbſt den Diener ſchien meine Verlegenheit ſehr zu beluſtigen, und ſie lachten laut, Das mitleidige Mädchen allein ſuchte durch ſüße Worte mich zu ermuthigen. Noch herzlicher lachten Herr und Frau Pavelyn, als ich meine Hand küßte, um dem Diener, welcher ein Stück Brod neben meinen Teller legte, zu danken. Ich war in völliger Beſtürzung; der Schweiß perlte auf meiner Stirne, und mir wurde ſo eng um's Herz, daß ich beinahe nicht Athem holen konnte, Die Suppe dampfte vor mir auf dem Teller und Jedermann forderte mich auf, zu eſſen; aber ich ſchwin delte und blieb bewegungslos ſitzen, das Auge auf den Teller geheftet. Roſa hatte Mitleid mit meiner Verlegenheit und kam mir zu Hülfe. Sie ſchob ihren Stuhl ſo dicht als möglich an den meinigen, richtete mir die Ser viette beſſer am Halſe und gab mir den Löffel in die Hand. Ich gehorchte erſt mechaniſch ihren Be⸗ fehlen, aber fand endlich, unter dem Einfluſſe ihre freun gute ten für: ware Gabe den Händ müßt zu eſ lichen das mend ich he ich af befan die S in ein Alles Glanz derun zog, linken Maue was d ein M die Er wollen ſeinem Fuße; mende meiner id hörte ie Heerr ſche und tir wir⸗ hlug ich breites, rahe die en meine ten laut. rch ſüße Bavelyn welcher gte, zu Schweiß ſo eng konnte ler und ſchwin⸗ uge auf heit und ſo dicht i S†eer⸗ öffel in ren Be⸗ ſſe ihrer 67 freundlichen Worte, ein Bischen Muth. Als eine gute, kleine Mutter wachte ſie über ihren ungeſchick⸗ ten Schützling. Sie ließ den Diener die Speiſen für mich ſchneiden, ſagte mir, was es für Gerichte waren und welchen Geſchmack ſie hatten, wie ich meine Gabel halten, wie ich die abgenagten Beinchen auf den Rand meines Tellers legen und wie ich meine Hände und Lippen mit dem weißen Tuche abwiſchen müßte. Mit einem Worte, ſie lehrte mich anſtändig zu eſſen, mit einer Aufmerkſamkeit, mit einer zärt⸗ lichen Beſorgniß, daß mir von Dankbarkeit gegen ſie das Herz im Buſen ſchneller ſchlug. Es waren Torten und Zuckergebäck von ausneh⸗ mender Süßigkeit und verlockendem Dufte da; aber ich hatte beinahe keinen Geſchmack von dem, was ich aß. Der Reichthum des Saales, wo ich mich befand, das Gold, welches an den Wänden funkelte, die Spiegel, die Alles vervielfältigten und den Blick in eine endloſe Perſpective ſich verirren ließen, dieß Alles vernichtete mich durch ſeine Größe und ſeinen Glanz. Etwas, das insbeſondere meine Verwun⸗ derung erregte und meine Augen unwiderſtehlich an⸗ zog, war eine große weiße Figur, die an meiner linken Seite auf einem hohen Fußgeſtell an der Mauer ſtand. Ich konnte nicht klug daraus werden, was dieſe Geſtalt wohl bedeuten mochte. Es war ein Mann, halb nackt, der mit ſeinem Fuße kaum die Erde berührte und in die Luft ſich erheben zu wollen ſchien. Er hatte zwei kleine Flügelchen an ſeinem Haupte und eben ſolche Flügelchen an jedem Fuße; in ſeiner rechten Hand hielt er zwei ſich krüm⸗ mende Schlangen. 5* Roſa hatte, als ſie meine Verwunderung be⸗ merkte, mir bereits geſagt, daß dieſes Bild den Gott Merkurius vorſtelle; aber da meine Mutter, als ſie mich den Katechismus lehrte, mir noch nie⸗ mals von einem ſolchen Gott geſprochen hatte, blieb ich bei ihrer Erklärung ſo unwiſſend, wie zuvor. Es war jedoch nicht die Bedeutung dieſes Bildes allein, was meine Augen in dem Kunſtwerk ſuchten Ich war erſtaunt darüber, wie man auf ſolche Art in Stein oder in Holz die menſchliche Geſtalt ſo vollkommen nachzubilden vermochte, daß ſie zu leben ſchien;— denn in der That, mehr als einmal wa ich zuſammengefahren und hatte den Kopf geduck aus Beſorgniß, der unbekannte Gott möchte wirklich über mich hereinſpringen. Ich betrachtete auch neu gierig, wie das Bild gemacht war, und ſuchte mi die Form ſeiner Glieder in's Gedächtniß zu prägen als ob ich jemals mit meinem Meſſer ſo Etwas aus Weidenholz zu ſchnitzen im Stande geweſen wäre. Während des Mahles hatte man mir Wein it mein Glas geſchenkt und mich davon zu trinken auf gefordert; wie ſchmeckte die rothe Flüſſigkeit herb und bitter! Als nun das Deſſert aufgetragen wurde ſagte mir Roſa, es komme jetzt ſüßer Wein und de werde mir wohl munden. Während ſie noch ſprach trat der Diener mit einer Flaſche, die ganz verſi bert war, an den Tiſch. Ich beobachtete neugierig was er mit einer Art Zange, welche er in der Han hielt, anfangen würde. Da entlud ſich plötzlich ein Schuß, wie von einen Feuergewehr, und da Roſa, einen ängſtlichen Schr ausſt glau Scht rief ließ „Du mein Jeme 6 von1 Gewe ſie n Um ein G und 5 von! klarer ihrer hieß Name verge daß e einen 3 3 einer ein zi velyn ſeit il ung be⸗ ild den Mutter, och nie⸗ te, blieb zuvor. Bildes ſuchten. lche Art ſtalt ſo zu leben nal war geduck wirklich uch neu chte mi prägen Etwa geweſen Wein in iken auf eit hert nwurde, und der ch ſprach nz verſil eugierig der Han on einen n Schte 69 ausſtoßend, ihr Angeſicht mit den Händen bedeckte, glaubte ich, es ſei ihr ein Unglück widerfahren. Zitternd wie ein Schilfrohr ſprang ich auf; ein Schreckenslaut entſchlüpfte meiner Bruſt, und ich rief deutlich: „O, Roſa!“ „Ah, ah, der arme Leo hat wieder geſprochen!“ ließ ſich das Mädchen jetzt freudig vernehmen. „Du haſt es gehört, Vater, nicht wahr? Er hat meinen Namen genannt, ſo klar und deutlich, wie Jemand, der ſprechen kann!“ Sie machte mir lachend begreiflich, daß der Schuß von nichts Anderem, als dem Kortpfropfe, welcher mit Gewalt aus der Flaſche geſprungen ſei, herkäme, und ſie nur zum Scherze ſich erſchrocken geſtellt habe. Um meinen Schrecken zu beſchwichtigen, gab ſie mir ein Glas von dem ſchäumenden Weine in die Hand und nöthigte mich, es beinahe ganz auszuleeren. Ihre Eltern ſprachen inzwiſchen von mir und von der ſonderbaren Thatſache, daß ich wiederum mit klarer Stimme und ganz verſtändlich den Namen ihrer Tochter ausgeſprochen hatte. Herr Pavelyn hieß mich noch einmal Gewalt anwenden, um den Namen zu wiederholen; aber er mußte, nachdem ich vergeblich alle Kräfte angeſtrengt hatte, erkennen, daß es mir aufs Neue unmöglich geworden war, einen freiwilligen Laut hervorzubringen. „Es geſchieht unter dem Eindruck des Schreckens, einer gewaltigen Aufregung, daß der arme Junge ein zufälliges Wort ſpricht,“ ſagte er zu Frau Pa⸗ velyn.„Ich habe ſchon geleſen, daß Menſchen, die ſeit ihrer Kindheit ſtumm waren, plötzlich unter der Einwirkung dieſes oder jenes entſetzlichen Vorfalls zu ſprechen begannen. So etwas könnte dem Sohne von Frau Wolvenaers gleichfalls widerfahren, aber wer weiß, ob wohl jemals Etwas tief genug ihn erſchüttern und mit Schrecken ſchlagen wird, um ihm die Sprache ganz und entſchieden zu ſchenken?“ Ich begriff nicht recht, was er ſagen wollte; aber ſeine Worte verſenkten mich in ein tiefes Nach⸗ denken. Ich wurde erſt aus meinen Betrachtungen geweckt, als ich hörte, wie Herr Pavelyn zu Roſa ſagte, ſie ſolle nun ihr Geſchenk holen, um es mir zu geben. Das Mädchen verließ den Saal durch eine Seitenthüre und kehrte eilig zurück, indem ſie mir Etwas zeigte, was in ein Papier eingewickelt war. Näher tretend, enthüllte ſie den Gegenſtand und legte ihn in meine Hand. Es war wie ein ein⸗ geſchlagenes Meſſer; aber es glänzte wie Silber, und das Heft war von einer Art Muſchelſchale gemacht, woraus das Licht allerlei blaue, gelbe und roſenfarbige Tinten hervorlockte. Roſa nahm es mir wieder aus der Hand, und während ſie nach einander die verſchiedenen Stücke, welche ſich daran befanden, aufmachte, ſprach ſie: „Leo, das iſt mein Geſchenk für alle die Figür⸗ chen, die Du mir gemacht haſt. Sieh, das erſte iſt ein großes, ſtarkes Meſſer, womit Du beinahe einen kleinen Baumſtamm durchſchneiden kannſt; das iſt ein Federmeſſer, und hier ein kleineres, und da noch ein kleineres. Das iſt eine Feile. und eine Säge, und ein Bohrer und ein Meiſelchen... Alles ſtark und hübſch gemacht von feinem engliſchem Sto gür fort Me gro ein wür und ich küſſe blick mich einf der ich und Reie ſtätt Mo thät und erleſ forte Par tere Du Spi orfalls Sohne „aber ug ihn im ihm 2 wollte; s Nach⸗ ungen u Roſa es mir ch eine ſie mit lt war. d und ein ein⸗ Silber, helſchale lbe und d, und Stücke ſie: Figür⸗ as erſte beinahe kannſt; „und und en gliſchen 55 E 71 Stahle, wie mein Vater ſagt. Jetzt wirſt Du Fi⸗ gürchen ſchneiden können, nicht wahr?“ „Ich habe es ſelbſt ausgewählt, Leo,“ fuhr ſie fort, da ich überraſcht und verblüfft das ſchöne Meſſer betrachtete.„Meine Mutter wollte Dir einen großen Lebkuchen geben, aber ich wußte wohl, daß ein ſolches Meſſer Dir viel mehr Freude machen würde. Ich habe mich doch nicht getäuſcht?“ Die Thränen ſprangen mir über die Wangen, und ich begann unter einem dumpfen Aufſchrei, den ich nicht zurückhalten konnte, meine beiden Hände zu küſſen.— Meine Augen mußten in dieſem Augen⸗ blicke eine deutliche Sprache reden, denn Alle, die mich anſahen, auch der Diener, wurden durch dieſen einfachen Ausdruck meiner Dankbarkeit tief gerührt. Ich hielt nun das koſtbare Geſchenk Roſa's in der Hand; mit heißer Begierde öffnete und ſchloß ich die Meſſer, die Feile und das liebe Säglein und arbeitete bereits im Geiſte damit. Welcher Reichthum! Allerlei Geräthſchaften! Eine ganze Werk⸗ ſtätte! Wie konnte ich nun Figuren ſchnitzen, vom Morgen bis zum Abend, für ſie, meine milde Wohl⸗ thäterin und Beſchützerin! Und wie viel bequemer und beſſer konnte ich nun arbeiten, mit den aus⸗ erleſenen Werkzeugen, welche ſie mir geſchenkt hatte. So ſehr war ich von Freude und Bewunderung fortgeriſſen, daß ich nicht einmal hörte, was Herr Pavelyn mir ſagte. „Komm, mein Junge,“ wiederholte er mit lau⸗ terer Stimme,„laß Roſa das Meſſer aufheben, bis Du nach Hauſe gehſt. Sonſt könnteſt Du wohl das Spielen darüber vergeſſen. Geht nun zuſammen in den Garten und lauft und ſpringt, ſo viel ihr könnt. Es iſt mildes und geſundes Wetter. Wir wollen vor dem Hauſe, in freier Luft, den Kaffee trinken und von ferne zuſehen, wie ihr euch gehörig ver⸗ nügt.“ 86 ſchritt mit Roſa aus dem Saale; ſie ergrif unterwegs zwei Netze, welche neben der Treppe hingen, legte mir eines davon in die Hand und gab mir zu verſtehen, daß wir damit auf die Schmetter linge Jagd machen wollten. Sobald ich mich unter dem blauen Himmel ſah, in voller Freiheit und ganz allein mit Roſa, fiel der Stein der Verlegenheit mir von dem Herzen, und ich athmete in mächtigen Zügen. Roſa ſagte mir, ſie ſei dieſen Morgen wohl zwei Stunden hinter Schmetterlingen hergelaufen, ohne einen fangen zu können; ich aber wäre ſtark und flink und würde gewiß einige für ſie bekommen. Kaum hatte ſie dieſe Worte geſprochen, ſo ſahen wir zwei weiße Schmetterlinge von den Syringen büſchen her über die Grasfläche flattern. Ein Schrei entſchlüpfte meiner Bruſt, und wir ſchoſſen beide auf das erſte Ziel unſeres Strebens los. Tanzend, ſpringend, lachend jagten wir hinter den Schmetterlingen her; aber ſei es, daß ich noch nicht recht mit dem Fangnetz umgehen konnte, oder daß die erſchreckten Thierchen uns zu entwiſchen wußten, wir waren bereits eine gute Viertelſtunde gelaufen, ohne in unſern Bemühungen glücklich zu ſein. Der Schweiß der Ermüdung netzte unſere Stirne, unſere Wangen glühten vor Vergnügen und Begeiſterung. eine und dur Leb ling Gej nen wen Do und Roſ Mä aus dem ling bra bere Fret beko Flüe ſam ling war flog ihre rkönnt. wollen trinken ig ver⸗ ergrif Treppe ind gab hmetter⸗ nel ſah, ſa, fiel Herzen, ohl zwei ohne ark und nen. o ſahen ringen⸗ Schrei ide au r hinter ich noch e, oder twiſchen elſtunde cklich zu unſere en und 73 Herr und Frau Pavelyn, vor dem Schloſſe auf einer kleinen Anhöhe ſitzend, theilten unſere Freude und klatſchten zuweilen in die Hände, wenn Roſa durch einen kecken Sprung von ihrer Kraft und Lebensluſt Zeugniß gab. Endlich bekam ich einen der weißen Schmetter⸗ linge in mein Netz. Es war eine Freude und ein Gejubel, als hätten wir einen großen Schatz gewon⸗ nen. Roſa lief damit zu ihren Eltern, die nicht wenig über ihre Aufregung lachten. Es wurde eine Doſe geholt und der Schmetterling darin verwahrt. Herr Pavelyn erklärte, er wäre ſehr zufrieden und ich müßte noch oft zum Spielen kommen, wenn Roſa ſich fernerhin ſo herzlich beluſtige; aber das Mädchen hatte nicht ſo viel Geduld, ihren Vater ausreden zu laſſen. Sie zog mich wieder fort nach dem Grasplatze, indem ſie rief: „Sieh dort! Zwei Schmetterlinge, drei Schmetter⸗ linge! vier Schmetterlinge! Schnell! Schnell!“ Ich fing noch einige arme Thierchen. Jedesmal brachten wir ſie zu Herrn Pavelyn, der die Doſe bereit hielt und ſcheinbar an unſerer triumphirenden Freude Theil nahm. Endlich glückte es Roſa, einen Schmetterling zu bekommen, welcher an einem Baumſtamm ſeine Flügel im Sonnenlicht auseinanderſchlug und zu⸗ ſammenlegte. Es war ein dunkelrother Schmetter⸗ ling mit Augen von Silber und Azur! Zu ſagen, wie ſehr die gute Roſa nun entzückt war, iſt unmöglich. Wie eine Hindin fortſchießend, flog ſie über den Grasplatz und lief jauchzend auf ihre Eltern zu, ſo ſchnell, daß ich ihr beinahe nicht ſelbſt gefangen! Es ſchien ihr, als könnte jetzt kein einziger Schmetterling ihr mehr entgehen;— und einen Augenblick ſpäter war ſie wieder mit ebenſo viel Begeiſterung im Laufe begriffen. Wir ſetzten noch geraume Zeit unſere ergötzliche Jogd fort. Herr und Frau Pavelyn waren, nach⸗ dem ſie den Kaffee getrunken hatten, in das Haus zurückgekehrt. Nun geſchah es, daß, während ich mit meinem aufgehobenen Netze längs der Syringenbüſche hin⸗ ſprang, Roſa, einen andern Schmetterling verfolgend, weit ab von mir kam, da wir beide nach verſchie⸗ denen Seiten unſere Richtung verfolgten. Plötzlich höre ich ein heftiges Krachen. ich blicke nach der Stelle um, von wo das ſonderbare Geräuſch herkommt. Himmel, welch' entſetzlicher An⸗ blick! Ich ſehe Roſa, welche über das zerbrochene Brückengeländer fällt und mit einem erſtickten Hülfe⸗ ruf in das tiefe Waſſer ſtürzt!— Meine Zunge reißt; Blut ſpringt mir aus dem Munde; ich ſchreie mit ſo viel Kraft und ſo ſchneidend, als nur ein Stummer zu ſchreien vermag; aber es ſind Worte, die aus meiner Bruſt hervorbrechen, deutliche Worte. Ueber den Garten und gegen die Vorderſeite des Schloſſes erſchallt mein mächtiger Hülferuf: „Roſa! Roſa! Hulfe, Hülfe, Gott, Gott!“ Ich ſpringe voraus; ich habe Flügel; der Boden glüht unter meinen Füßen... Von der Brücke herab ſieht mein irrer Blick nichts mehr, als ein Stück von dem Kleide meiner Wohlthäterin.. Ohne zu überlegen, daß ich nicht ſchwimmen kann, folgen konnte.— Sie hatte das glänzende Thierchen ſprir mir Füßt Roſe Hän Kraf Schl Athe ſticke inn ich blick dank letzte erſt gedr und hatt woh hint Jede ſich weiſ Er wel Gra ierchen st kein — und ebenſo ötzliche nach⸗ Haus neinem e hin⸗ olgend, erſchie⸗ derbare her An⸗ rochene Hülfe⸗ e reißt; eie mit tummer die aus Uebet chloſſes Boden Brücke als ein n n kann, 75 ſpringe ich ihr nach in den Teich. Das Waſſer geht mir bis an die Lippen; aber ich fühle, daß meine Füße Grund unter ſich haben, und ich greife nach Roſa's Kleider und faſſe ihren Kopf mit beiden Händen und hebe ihn über das Waſſer.— Dieſe Kraftanſtrengung bewirkt aber, daß ich tiefer in den Schlamm einſinke; das Waſſer dringt mir mit dem Athem durch Naſe und Mund in die Bruſt; ich er⸗ ſtice und fühle meine Kräfte ſchwinden. Da ſteigt in mir die Ueberzeugung auf, doß ich ertrinke, daß ich ſterben werde; aber es iſt nicht die Furcht vor dem Tode, welche mir den verhängnißvollen Augen⸗ blick bitter macht; nein, es iſt der ſchmerzliche Ge⸗ danke, daß Roſa auch ſterben muß. Selbſt als der letzte Krampf in mir das Leben hemmte, regt ſich noch kein anderes Gefühl in meinem Innern, als Schrecken und Schmerz über Roſa's Unglück... Was weiter mit uns geſchah, habe ich natürlich erſt ſpäter vernommen. Mein ſchneidender Hülferuf war bis in das Schloß gedrungen. Herr und Frau Pavelyn, die Knechte und Mägde waren erſchrocken herausgekommen und hatten ſich rings umgeſehen, um zu erfahren, was wohl geſchehen ſein möchte. Während man uns hinter und vor dem Schloß zu ſuchen begann, und Jedermann, ſo laut er konnte, nach Roſa rief, näherte ſich einer von den Dienern der Brücke und ſah das weiße Kleid ſeiner jungen Herrin im Waſſer ſchwimmen. Er ſprang vom Rande in den Teich, holte Roſa, welche bewußtlos war, heraus und trug ſie auf den Grasplatz. Sobald Frau Pavelyn den gefühlloſen Körper ihrer Tochter, triefend von Waſſer, erblickt hatte, war ſie mit einem Schrei tödtlichen Schreckens ohn⸗ mächtig ihrem Gatten in die Arme gefallen, aber dieſer vertraute ſie der Sorge einer Magd an und lief faſt ſterbend vor Angſt auf ſeine Tochter zu. Roſa, die nicht lang unter dem Waſſer gelegen haben konnte und Athem geſchöpft hatte, ſo lang ich ihr den Kopf über daſſelbe zu halten vermochte, bewegte unmittelbar ihre Glieder und ſchlug die Augen auf. Das erſte Wort, welches Herr Pavelyn nach dem erſten Ausbruch ſeiner Freude über die Rettung ſeines Kindes ausſprach, war mein Name. Da erinnerte ſich der Diener, von welchem das Mädchen heraus⸗ geholt worden war, daß er noch Etwas unter dem Waſſer gefühlt und Roſa's Schürze von einem Gegen⸗ ſtande hatte losreißen müſſen, der ſie zurückzuhalten ſchien. Der Mann ſprang von Neuem in den Teich, fand mich ohne Mühe und legte mich auf das Gras, nicht weit von der Stelle, wo man Roſa zu beleben beſchäftigt war. Es war ein ſchreckliches Schauſpiel! Hier eine Mutter, welche unter der ſchauderhaften Ueberzeugung, daß ihre unſeligen Augen die Leiche ihres ertrunkenen Kindes geſehen hatten, in Ohnmacht geſunken war dort ein Vater, welcher durch ſeine Küſſe Leben und Bewußtſein in ſeiner kraftloſen Tochter zurückrief weiterhin der Leichnam eines armen Jungen, der auf das Gras hingeſtreckt dalag, als ob die Seele ihn für alle Zeit verlaſſen hätte. Herr Pavelyn hatte jedoch, trotz ſeiner Beſtürzung, das klare Bewußtſein ſeines Zuſtandes nicht ver loren. laufen Befehl im D Dann Gattir hörige Frau er bre und ſ Fi mich; zu wé es kat S ſeine kam war, edelm meine zum ganz wie i den nicht geber er fü Tode fand, könn weil hatte, 3 ohn⸗ aber n und zu. elegen lang nochte, ig die ch dem ſeines innerte es⸗ er dem Gegen uhalten Teich, Gras, beleben ier eine eugung, unkenen en war; ben und rückrief; en, de ie Seele ſtürzung, icht ver⸗ 77 loren. Er hatte einen der Gärtner, die herbeige⸗ laufen waren, nach dem Doctor geſandt, und ihm Befehl gegeben, den Garten zu ſchließen und Niemand im Dorſe Etwas von dem Geſchehenen zu ſagen. Dann ließ er ſeine Tochter zu ſeiner ohnmächtigen Gattin tragen, um beiden zu gleicher Zeit die ge⸗ hörige Pflege widmen zu können. Es glückte ihm, Frau Pavelyn aus ihrer Ohnmacht zu wecken und er brachte mit Hülfe von Knechten und Mägden ſie und ſein Kind ſogleich in das Haus hinein. Inzwiſchen waren andere Leute damit beſchäftigt, mich zu reiben und auf dem Boden hin und her zu wälzen; aber ſie mochten thun, was ſie wollten, es kam kein Schein von Leben in mich. Sobald Herr Pavelyn ſeine Frau beruhigt und ſeine Tochter in ein warmes Bett gebracht hatte, kam er zu der Stelle, wo man jetzt damit beſchäftigt war, mir Tabaksrauch in die Naſe zu blaſen. Der edelmüthige Mann kniete neben mir nieder, faßte meine Hände und gab ſich ſelbſt alle Mühe, mich zum Leben wieder zu erwecken. Roſa, die wieder ganz zu ſich ſelbſt gekommen war, hatte ihm geſagt, wie ich in den Teich geſprungen ſei, und wie ich ihr den Kopf über das Waſſer gehalten habe, um ſie nicht ertrinken zu laſſen. Ihr Vater hatte vorge⸗ geben, ich habe mich auch ſchon wieder erholt, denn er fürchtete mit Recht, daß die Kunde von meinem Tode in dem Zuſtande, worin ſich ſeine Tochter be⸗ fand, ihr einen verhängnißvollen Schlag beibringen könnte. Herr Pavelyn ließ mich in die Küche tragen, weil dieſe weit von Roſa's Schlafzimmer entfernt 78 war. Man brachte Bettzeug, entkleidete mich und deckte mich mit ſchweren wollenen Decken zu. End⸗ lich kam der Doctor, und dieſer begann nun noch weitere zweckmäßige Mittel anzuwenden, um zu er⸗ proben, ob Athem und Herzſchlag in mir noch zu wecken waren.— Es glückte ihm nach vielen und langen Bemühungen. Ich bewegte allmälig die Glie⸗ der und öffnete zuletzt auch die Augen, aber ich hörte und ſah Nichts; und welche Zeichen man mir auch machte und welche Worte man mir in's Ohr ſagte, ich gab auf keine Weiſe zu erkennen, daß ich das mindeſte Bewußtſein von dem, was vorging, hatte. Jetzt erſt ſchickte Herr Pavelyn eine Magd ab, um meinem Vater und meiner Mutter mit aller Vorſicht anzuzeigen, ich ſei beim Spiele in's Waſſer gefallen und nunmehr von der Kälte oder den Schrecken etwas angegriffen. Hernach ſollte ſie noch hinzuſetzen, daß ich krank ſchiene— und ſo allmälig dieſelben mit meinem wahren Zuſtande bekannt machen. Meine Eltern, das Aeußerſte befürchtend, kamen nach dem Schloſſe gelaufen. Als ſie mich noch am Leben ſahen, fanden ſie Stärke genug, ihre Angſt zu bezwingen, und wünſchten mich nach Hauſe ge⸗ bracht zu ſehen, um dort verpflegt zu werden. Mein Vater wickelte mich alſo in ein Leintuch und eine wollene Decke, trug mich in ſeinen Armen nach Haus und legte mich in mein Bett. Unter dem Einfluß der Heilmittel, welche mir von dem Doctor verordnet wurden, trat eine ge⸗ walti Fiebe lich l glühe jagen volle nacht verfi ſagte in A ſchlin 2 ten( die 2 ſüße und „arm dadu einen zwei Nach * deſſe mein ſie ſt ch und End⸗ n noch zu er⸗ noch zu en und e Glie⸗ ber ich an mit 8 Ohr daß ich orging, gd ab, it aller Waſſer edem ie noch lmälig bekannt kamen och am Angſt uſe ge⸗ n. Leintuch Armen he mir ine ge⸗ 79 waltige Reaction in mir ein, und ich verfiel in ein Fieber, welches mein Leben zum zweiten Mal ernſt⸗ lich bedrohte. Der Doctor beſorgte wenigſtens, die glühende Hitze möchte mir das Blut in's Gehirn jagen und ſo vielleicht meinen Leiden ein verhängniß⸗ volles Ziel ſetzen. In dieſem Zuſtande blieb ich bis nach Mitter⸗ nacht; dann verließ mich allmälig das Fieber und ich verfiel bald in einen ſchweren Schlaf. Der Doctor ſagte, die größte Gefahr wäre vorüber, und glaubte in Ausſicht ſtellen zu dürfen, daß der Vorfall keine ſchlimmen Folgen für mich haben würde. Meine Mutter und meine ältere Schweſter wach⸗ ten allein an meinem Bette. VI. Als ich Tags darauf bei vorgerücktem Morgen die Augen öffnete, ſchaute ich mit Beſtürzung in das ſüße Geſicht Roſa's, welche neben meinem Bette ſaß und meine Hand in der ihrigen hielt. Es war alſo wohl ihre Stimme, welche mir „armer kleiner Leo!“ in das Ohr geflüſtert und mich dadurch aus dem langen Schlafe erweckt hatte. Mit einem flüchtigen Blick ſah ich auch meine Eltern, zwei meiner Schweſtern, Roſa's Mädchen und eine Nachbarin. Ich erinnerte mich anfänglich nicht im Mindeſten deſſen, was geſchehen war, und betrachtete erſtaunt meine Beſchützerin, als wollte ich ſie fragen, warum ſie ſo an meinem Bette ſäße. „Sei nur ruhig, guter Leo,“ ſagte ſie,„jetzt wirſt Du bald geneſen ſein; aber ſo nahe bei dem Teiche wollen wir nie mehr ſpielen.“ Dann kehrte die Vorſtellung von dem Ereigniſſe mir plötzlich wieder zurück. Ein triumphirender Schrei hob ſich aus meiner Bruſt, und ich rief mit dem Lachen einer wirren Freude: „Roſa! Nicht todt? Du lebſt? Der Traum!“ „Er ſpricht! Er hat geſprochen!“ frohlockten meine Eltern, mit aufgehobenen Armen an das Bett eilend. Und ich, noch beſtürzter als ſie, da ich meine eigenen Worte hörte, zitterte und hielt den Mund geſchloſſen, aus Furcht, ein zweiter Verſuch möchte wieder vergeblich ausfallen und mich mit der ſchmerz⸗ lichſten Täuſchung ſchlagen. Mein Vater küßte mich gerührt und ſagte: „Leo, mein armer Sohn, o ſprich, ſprich noch einmal, daß ich den guten Gott mit völliger Ge⸗ wißheit für die unerwartete Wohlthat preiſen kann.“ Das Auge unabwendbar auf Roſa geheftet, mur⸗ melte ich noch ganz verwirrt: „Sprechen? Ja! Roſa? Das Waſſer? Nicht todt? Glücklich, Glücklich!“ Das Mädchen klatſchte vor Freude in die Hände; meine Eltern weinten und richteten jubelnd ihre Dank⸗ ſagungen zum Himmel. Unterdeſſen ſprach ich ſchnell und voll Begeiſterung allerlei Worte ohne Sinn, nur um den Laut meiner Stimme zu hören und mich zu vergewiſſern, daß dießmal die Gabe der Sprache mir entſchieden geſchenkt worden war. Sie, die mich umringten, ſchienen nicht minder, als ich, von dem verwirrten Geſtammel, welches von meinen Lippen floß ſtür Aug in d Teic wir wort guß Erkl niß C zu e ſie, Aufo Schu Vorf zuder Tage ſittlie lich: Stol⸗ 2 und Haup ſonen und S laſſen gekon zeugt brach Co iett ei dem eigniſſe Schrei it dem m!“ meine eilend. meine Mund möchte chmerz⸗ ch noch er Ge⸗ kann.“ t, mur⸗ ttt Hände; Dank⸗ ſchnell nn, nur mich zu Sprache ie mich on dem Lippen 81 floß, entzückt und Alle ſchauten mich mit froher Be⸗ ſtürzung an, als geſchehe ein Wunder vor ihren Augen. Endlich begann Roſa mir zu erzählen, wie wir in dem Schloßgarten geſpielt hatten, wie ich in den Teich geſprungen war, um ſie zu retten, und wie wir beide durch einen Diener aus dem Waſſer geholt worden. Meine Eltern fügten, nach dem erſten Er⸗ guß ihrer Freude, dem Berichte Roſa's noch einige Erklärungen bei, und ſo gelangte ich zu voller Kennt⸗ niß deſſen, was Tags zuvor geſchehen war. Ich hatte mein Leben gewagt, um Roſa's Leben zu erhalten. Sie ſah mich deßhalb ſehr gern, ſagte ſie, und ihre Eltern waren mir dankbar für meine Aufopferung und meinen Muth! Ich hatte mich des Schutzes von Herrn Pavelyn würdig gemacht, dieſer Vorfall hatte mich Roſa näher gebracht. und zudem hatte Gott, vielleicht zum Lohne, an dieſem Tage mir die Sprache geſchenkt und mir aus der ſittlichen Erniedrigung aufgeholfen! So zuverſicht⸗ lich und ſo froh war ich, daß meine Augen von Stolz funkelten. Das Sprechen koſtete mich noch einige Mühe, und oft war meine Rede undeutlich. Ich konnte die Hauptwörter und die Namen von Sachen und Per⸗ ſonen recht gut ſagen, aber das Zuſammenfügen und Ordnen der Ausdrücke fiel mir ſchwer. So wenig Folgen hatte meine Krankheit hinter⸗ laſſen, daß ich, ſobald einige Ruhe in mein Gemüth gekommen war, ein großes Verlangen zu eſſen be⸗ zeugte und ein Butterbrod begehrte. Meine Mutter brachte mir etwas Brod in Milch gebröckelt, und 6 Conſcience, Das eiſerne Grab. 82 ich bekam nichts Anderes, obwohl ich, däuchte mit, Hunger genug hatte, um einen ganzen Laib zu ver⸗ ſchlingen. Zu meinem großen Verdruſſe durfte ich auch nicht aufſtehen, da der Doctor es verboten hatte. Roſa ſprach noch lang mit mir und ſuchte durch allerlei ſüße Redensarten mir ihre Erkenntlichkeit zu beweiſen. Sobald ich ganz geneſen ſein würde, ſoll⸗ ten wir wieder in dem ſchönen Schloßgarten ſpielen; fürchten, ſofern die Gärtner bereits damit beſchäf⸗ tigt wären, den Teich mit einer dichten Verzäunung zu umſchließen, und man ein ganz neues und ſtarke Geländer für die Brücke zimmerte. Das edelmüthige Mädchen verließ mich nach eine guten halben Stunde, um ihren Eltern die frohe aber von dem Waſſer hätten wir nichts mehr zu Potſchaft meiner Geneſung zu überbringen. Sie kehrt Nachmittags noch einmal zurück und brachte mir zwe oder drei Gläſer mit verdicktem Safte von feinen Früchten, ſo erfriſchend und ſo gut, daß ich mich erinnerte, jemals etwas ſo Leckeres gekoſtet zu haben. Als ſie wieder heimgekehrt war, erſchien de Doctor, welcher erklärte, daß ich aufſtehen und auc allmälig wieder eſſen dürfte. Seiner Meinung nac war ich völlig geneſen. Den ganzen Abend mußte ich heute der Reih' nach auf dem Schooße meiner Mutter, oder auf den Knieen meines Vaters ſitzen und mußte ſprechen un immerfort ſprechen, um ſie durch den Laut meine Stimme zu erfreuen. Als meine Mutter mich mit einem Kreuze a der Stirne und einem letzten Kuß auf die Lippen in: ſanf Trä mir Brü von mir nerte leger ich n holet E 2 kam, träur Schlt 2 chene mir mir: wüßte ſpring Dich, wohin Mutte über „ murm M damit höre, te mir, zu ver⸗ fte ich hatte. e durch eit zu e, ſoll⸗ pielen; ehr zu beſchäf⸗ äunung ſtarkes ch einer e frohe ie kehrt nir zwe feinen ch mich oſtet zu ien der nd au ng nac er Reiht auf den chen und meine euze au Lippen 83 in mein Bett gelegt hatte, verſank ich ruhig in einen ſanften Schlummer, und die ſeligſten, die lieblichſten Träume beſchatteten meinen Schlaf. Den folgenden Morgen ſtand ich auf, als ob mir nichts geſchehen wäre, und frühſtückte mit meinen Brüdern und Schweſtern. In der Nacht hatte ich von dem ſchönen Meſſer geträumt, welches von Roſa mir zum Geſchenke gegeben worden war. Jetzt erin⸗ nerte ich mich, daß Herr Pavelyn es hatte bei Seite legen laſſen. Dieß ging mir im Kopfe herum, und ich wäre wohl in das Schloß gegangen, um es zu holen, wenn ich nur Muth dazu hätte faſſen können. Da Roſa trotz meines langen Wartens nicht kam, verließ ich das Haus und wandelte einſam und traumeriſch auf der Straße hin, welche nach dem Schloſſe führte. Bald erblickte ich Roſa, welche mit ihrem Mäd⸗ chen eben aus dem Schloßthore trat und ſchon von ferne mir Zeichen ungemeiner Freude machte. Als ſie bei mir war, faßte ſie meine Hand und ſagte jubelnd: „Leo, Leo, ich habe ſo gute Neuigkeiten! Ah, wüßteſt Du es, Du würdeſt vor Glück tanzen und ſpringen. Ich ſelbſt, ich bin ſo froh darüber für Dich, daß ich mein Herz klopfen fühle. Weißt Du, wohin wir gehen? Zu Deinem Vater und Deiner Mutter. Sie müſſen auf das Schloß kommen, um über Dich zu ſprechen.“ „Ueber mich? Mein Vater auf das Schloß?“ murmelte ich verwundert. Mit vielem Ernſte und ihre Stimme dämpfend, damit das Mädchen von ihrer Verkündigung nichts höre, ſprach ſie: 6* 84 „Leo, Du biſt nur ein Bauerkind, nicht wahr? So ſagt mein Vater. Wenn Du allezeit bleibſt, wie Du jetzt biſt, dann wirſt Du auch ein Bauer wer⸗ den, ein armer Menſch, der ſein Leben lang Holz⸗ ſchuhe machen, oder auf dem Felde arbeiten muß. Mein Vater hat geſagt, Du verdieneſt ein beſſeres Loos, da Du die Urſache ſeieſt, daß ich nicht er⸗ trunken wäre. Er will Dich unterrichten und Dir eine gute Erziehung geben laſſen. Das iſt es, was er ſelbſt Deinen Eltern ſagen will.“ Tief gerührt, doch das volle Gewicht dieſer Mit⸗ theilung noch nicht faſſend, ſchwieg ich nachdenk⸗ lich ſtill. „Biſt Du nicht erfreut?“ fragte ſie halb tadelnd. „Du mußt hören, was mein Vater ſagt! Das Wiſ⸗ ſen iſt auch ein Reichthum; durch das Wiſſen iſt“ manches Bauernkind ein hervorragender Mann in der Welt geworden.“ „Und ſiehſt Du wohl, Leo,“ fuhr ſie nach einer Pauſe fort;„ich ſpiele ſo gern mit Dir, ich bin ſo froh, wenn ich bei Dir ſein kann; aber es verdrießt mich doch, daß Du nur ein kleiner Bauer biſt. Mein Vater wird Dich unterrichten laſſen. Dann wirſt Du kein Bauer mehr ſein, und Du wirſt anſtändig gekleidet gehen. So kann ich dann überall, in det Stadt wie hier, mit Dir ſpazieren gehen und ſpie⸗ len! Wir werden zuſammen wie Brüder und Schwe⸗ ſtern ſein. Iſt dies nicht ſchön?“ Ich ſollte ihr Bruder werden! Dieſer Gedanke trieb Thränen auf meine Wangen, denn jetzt erſt öffnete ſich vor meinen Augen die verheißene Zu⸗ kunft mit all ihrem Glanze und all' ihrem Glücke. 3u gege eine zärt! gut Schi zeige zöſiſe dung von gut wenn Du ſchne mir Geſch wir: 3 Dank und erſchi ich, wäreſ würd Dich Recht ²5 a wie wer⸗ Holz⸗ muß. ſſeres bt er⸗ d Dir „was Mit⸗ hdent⸗ delnd. 3 Wiſ⸗ en iſt nn in einer bin ſo rdrießt Mein wirſt ſtändig in der id ſpie⸗ Schwe⸗ e etzt erſt ene Z Hlücke. 85⁵ „O, ſchön!“ rief ich,„Roſa, meine Schweſter? Zu viel, zu viel!“ Nachdem wir ſtillſchweigend einige Schritte weiter gegangen waren, ſagte ſie ruhiger und im Tone einer ſorgſamen Beſchützerin, oder vielmehr einer zärtlichen Mutter: „Du mußt jetzt immer recht brav ſein, Leo, und gut lernen. Ich werde Dir helfen. Wir werden Schule ſpielen, und ich werde Dir die Buchſtaben zeigen; denn ich kann gut leſen, flämiſch und fran⸗ zöſiſch. Ich habe viele Bücher mit ſchönen Abbil— dungen, von dem Däumchen, von der Eſelshaut und von dem Mann im Monde*). Und wenn Du nicht gut lernſt, werde ich Dich in die Ecke ſetzen; aber wenn Du recht Acht gibſt und brav biſt, ſo bekommſt Du Zucker und Leckerchen von mir. Du wirſt wohl ſchnell leſen lernen, und dann wird meine Mutter mir noch mehr Bücher mit ſchönen Erzählungen und Geſchichten kaufen. Ach, dann, dann erſt werden wir uns recht gut beluſtigen können.“ Zur einzigen Antwort ſtammelte ich Worte der Dankbarkeit. Das Leben, welches ſie mir ſchilderte, und worein mein Blick tiefer eindrang, als der ihrige, erſchien mir als das höchſte Glück. Auch zweifelte ich, ob es mir jemals beſtimmt ſein könnte. „Meine Mutter wollte Dich, wenn Du größer wäreſt, auf ein Bureau thun, damit Du Schreiber würdeſt,“ fuhr Roſa fort,„aber mein Vater, welcher Dich ſehr gern ſieht, Leo, ſagt, dieß wäre nicht das Rechte. Er will einen Bildhauer aus Dir machen. Im Texte: von Guliver im Monde. A. d. U. 86 Ein Bildhauer iſt ein Mann, welcher Geſtalten macht, wie der Gott Merkur, welcher in unſerem Speiſe⸗ ſaal ſteht. Er iſt ein Künſtler, und ein Künſtler, ſagt mein Vater, wird in der Welt ſo hoch geſchätzt, als der reichſte Mann.. „Ach, Bildhauer werden! Dein Bruder ſein rief ich mit aufgehobenen Händen. Wir waren jetzt vor unſerem Hauſe angekommen und traten ein. Roſa richtete ihre Botſchaft aus. Meine Eltern kleideten ſich eiligſt an und erklärten ſich bereit, dem Fräulein und der Zofe zu folgen. Seitdem Roſa geſagt hatte, ihr Vater wolle einen Bildhauer aus mir machen, fühlte ich ein brennendes Verlangen nach dem ſchönen Meſſer, um deſto bälder meine Kunſt erproben zu können. Ich redete darüber mit Roſa, und ſie verſprach beim Weggehen, es meiner Mutter zur Ablieferung an mich zu übergeben. 1 VIMI. Als meine Eltern aus dem Schloſſe zurückkehrten, leuchtete eine ungemeine Freude aus ihren Blicken. Meine Mutter küßte mich frohlockend auf beide Wangen; mein Vater legte mit Stolz mir die Hand auf das Haupt und weiſſagte mir das ſchönſte Loos. Herr Pavelyn hatte ſie um ihre Zuſtimmung dazu befragt, mich unter ſeinen Schutz zu nehmen; er wollte mich unterrichten laſſen und mir eine gute Erziehung geben und für nich ſorgen, bis ich als einem Gefühle von Man woll lohn ter d um und und zu w bar imme kind, Fürſt niem und Baue gegel wünſ Z Mutt koſun trübe E ſchule Schr H iun Erzie Schu wenn bring wiede hrten, licken. beide e von iſſagte nmung hmen; ne gute ich als 87 Mann allein in der Welt ſtehen könnte. Dadurch wollte er mich für eine That der Aufopferung be⸗ lohnen, welche ihm zufolge wahrſcheinlich ſeiner Toch⸗ ter das Leben gerettet hatte. Lange Zeit gaben ſich meine Eltern alle Mühe, um mir den Werth dieſer Gunſt begreiflich zu machen und mich vor der Hand gegen Pflichtvergeſſenheit und gegen die mögliche Verlockung des Hochmuths zu waffnen. Ich ſollte immerdar von Herzen dank⸗ bar gegen meine edelmüthigen Beſchützer bleiben, immerdar mich erinnern, daß ich ein armes Bauern⸗ kind, und ſie meine Wohlthäter ſeien; ihre milde Fürſorge durch unaufhörlichen Fleiß anerkennen; niemals hoffärtig werden, tugendſam bleiben... und vor Allem nie vergeſſen, daß die niedrigen Bauersleute, welche Gott mir zu Vater und Mutter gegeben, mich zärtlich lieben und Nichts feuriger wünſchen, als ihr Kind glücklich zu ſehen. Dieſe letzten Worte aus dem Munde meiner Mutter trafen mich tief, und durch ſanfte Lieb⸗ koſungen und wiederholte Küſſe ſuchte ich dieſe be⸗ trübende Furcht aus ihrem Herzen zu verbannen... Schon am nächſten Tage mußte ich in die Dorf⸗ ſchule gehen, um den erſten Unterricht im Leſen und Schreiben zu empfangen. Herr Pavelyn hatte den Lehrer auf das Schloß kommen laſſen, ihm ſeine Abſicht bezüglich meiner Erziehung erklärt und ihm außer dem gewöhnlichen Schulgeld noch eine anſehnliche Belohnung zugeſichert, wenn er durch beſondere Sorgfalt mich vorwärts bringe und es mir möglich mache, die verlorene Zeit wieder hereinzuholen. Der Lehrer war ein Mann voll Fleißes, der nichts Beſſeres wünſchte, als Gelegenheit zu finden, ſeine Kenntniſſe und ſeinen guten Willen an den Tag zu legen. Auch trug er von da an nicht ge⸗ ringere Sorge für meinen Unterricht, als wenn ich ſein eigener Sohn geweſen wäre. So oft Nachmittags die Schule zu Ende war, ging ich nach dem Schloſſe, um mit Roſa zu ſpielen. Eine oder zwei Stunden liefen wir dann, allerlei Kurzweil treibend, in dem ſchönen Garten herum, weil Herr Pavelyn, um Roſa's Geſundheit willen, uns dieſe Körperbewegung zur Pflicht gemacht hatte; aber hernach gingen wir in den Saal, um ein neues Spiel zu beginnen, woran Roſa mehr als an jedem anderen Vergnügen fand. Ich mußte mich an den Tiſch ſetzen und in einem Buche meine Lection von dem Tage wiederholen. Das gute Mädchen war meine Lehrerin. Sie lobte und tadelte mich mit einem Ernſte, der ihrer Mutter oſt ſo komiſch erſchien, daß ihr vor Lachen die Augen übergingen; aber es lag in allen ihren Worten ſo viel Freund— ſchaft und ſo viel ſüße Ermunterung, daß ich nie⸗ mols am Abend das Schloß verließ, ohne zu fühlen, wie die Lernbegierde noch heftiger in mir aufloderte. Mit ſolchem Antriebe und ſolchen Mitteln, unter⸗ ſtützt durch die angeborne Lebhaftigkeit des Geiſtes, machte ich in kurzer Zeit wunderbare Fortſchritte, und es dauerte nicht lange, ſo begann ich in meiner Mutterſprache ziemlich gut zu leſen. Herr Pavelyn, der beinahe täglich ſeiner Handels⸗ geſchäfte wegen in die Stadt gehen mußte, brachte uns allerlei ſchöne Bücher mit Abbildungen, und wir ten Leibe 9 Um von ſiſche kleine Gart verſté Edelr ich al ſen d mich mich zu ur ſiſch: Spre Sie ſich oder wußte mit f Das Thonr formt in Fe und i S der R Pavel der den, den ge⸗ ich war, elen.“ erlei rum, illen, nacht um r als mich ection idchen mich omiſch ngen; h nie⸗ ühlen, oderte. unter⸗ eiſtes, chritte, meiner andels⸗ brachte , und 89 wir ergötzten uns ſo ſehr daran, daß man nicht ſel⸗ ten uns aus dem Hauſe jagen mußte, um uns zu Leibesübungen zu zwingen. Roſa begann nun auch, mich Franzöſiſch zu lehren. Um jene Zeit ſtand unſer Land unter der Herrſchaft von Kaiſer Napoleon, und nur durch das Franzö⸗ ſiſche konnte man Eiwas in der Welt werden. Meine kleine Beſchützerin geberdete ſich, wenn wir in dem Garten herumliefen und ſpielten, manchmal, als verſtände ſie kein Flämiſch. Es lag Vorſorge und Edelmuth in dieſem kindlichen Scherze; denn ſo lernte ich allmälig Hunderte von Worten und ganze Phra⸗ ſen der franzöſiſchen Sprache, ehe der Schulmeiſter mich im Flämiſchen weit genug gebracht hatte, um mich in den Anfangsgründen einer fremden Sprache zu unterweiſen. Roſa lehrte mich nicht allein leſen und Franzö⸗ ſiſch verſtehen; ſie tadelte mich auch, ſo oft ich beim Sprechen eine Unart oder eine Grobheit beging. Sie ſagte mir, wie man in feiner Geſellſchaft ſich halten müſſe, und was der Anſtand zulaſſe oder verbiete; mit einem Wort, Alles, was ſie wußte, oder zu wiſſen glaubte, das prägte ſie mit freundlicher Gewalt meinem Gedächtniſſe ein. Das arme Bauernkind ſchien in ihren Händen eine Thonmaſſe zu ſein, welche ſie formte und wieder⸗ formte, um ein Weſen daraus zu machen, welches in Feinheit der Manieren, in Reinheit der Sprache und in ſittlicher Entwicklung ihr gleich wurde. So anhaltend und ſo ernſt unterzog ſich Rofa der Rolle einer Beſchützerin gegen mich, daß Frau Pavelyn ſie meine kleine Mutter nannte. Es 90 geſchah oft, daß ſie, wenn wir Abends auf dem Schloſſe mit unſern Büchern beſchäftigt waren und ich an Frau Pavelyn eine Frage zu richten wagte, ſcherzend mir zur Antwort gab: „Deine kleine Mutter wird es Dir ſagen; Deine kleine Mutter weiß es wohl.“ Dann richtete Roſa den Kopf in die Höhe, und ein ſonberbarer Stolz leuchtete aus ihren Augen. Sie war ſo glückich, den Namen einer Mutter zu tragen und ein Kind zu beſitzen, welches ihr das Licht des Verſtandes und wohrſcheinlich das Glück ſeines Lebens zu danken haben ſollte! Jetzt konnte ich ſehr gut und deutlich ſprechen; man rühmte ſogar die Klarheit meiner Stimme und das Sanfte in meiner Sprache. War ich in früherer Zeit, unter dem Einfluß der Stummheit, ein wüſter Schreier geweſen, ſo war ich jetzt ſtill und einge⸗ zogen von Charakter geworden. Wahrſcheinlich hatte das unaufhörliche Lernen viel dazu beigetragen, dieſen frühen Ernſt über mein kindliches Gemüth zu werfen; am meiſten aber hatten die täglichen Ermahnungen meiner Mutter dazu gethan. Jedes Mal, wenn ich von Hauſe nach dem Schloß zu gehen im Begriff war, wiederholte meine Mutter dieſelben Worte: „Leo, vergiß niemals, was Du biſt, und was Deine Wohlthäter ſind. Bleibe brav, demüthig und dankbar, mein Kind.“ So kam der Herbſt und das Ende des Jahres, wo Roſa mit ihren Eltern das Schloß verlaſſen mußte, um den Winter über in der Stadt zu wohnen. Vor der Abreiſe erneuerte ſie wohl zwanzigmal — ihren Befehl, daß ich nie vergeſſen ſollte, gut und fleißie erfüll und fahre aufſch Ernſt 6 daß mit 2 Du n hörſt D baren zuſchri welche weiſun mich r Bewei und d vor, m Sorgf St ich au oder z hielt Schwe De dem und gte, eine und gen.* r zu das Hlück chen; und herer vüſter einge⸗ hatte dieſen erfen; ungen nn ich gegrif was ig und zahres, rlaſſen onen. nzigmal ut und 91 fleißig zu lernen. Wenn ich dieſen Wunſch gehörig erfülle, ſo werde ſie mich ſehr gern wieder ſehen und mir viel Schönes zur Belohnung mitbringen. Als ſie bereits in der Kutſche ſaß, um abzu⸗ fahren, und ich mit Thränen in den Augen zu ihr aufſchaute, rief ſie mir noch einmal mit ſcherzendem Ernſte zu: „Lebe wohl, Leo; lerne mir fleißig, und mache, daß Deine kleine Mutter bei ihrer Rückkehr zufrieden mit Dir ſein kann. Der Winter dauert nicht lang, Du mußt Dich beeilen und gut franzöſiſch lernen, hörſt Du?“ VI. Der Schulmeiſter war ſtolz auf meine wunder⸗ baren Fortſchritte, wovon er ſich allein das Verdienſt zuſchrieb; und er konnte in der That auch nicht wiſſen, welchen beträchtlichen Antheil Roſa an meiner Unter⸗ weiſung genommen hatte. Der gute Mann rühmte mich meilenweit in der Runde als einen lebendigen Beweis für ſeine Thätigkeit und ſeine Kenntniſſe; und daraus folgte, daß er, jetzt noch mehr als zu⸗ vor, meine Erziehung mit wahrer Liebe und beſonderer Sorgfalt betrieb. So weit brachte ich es dieſen Winter über, daß ich auf den Wunſch meiner Eltern jeden Abend eine oder zwei Stunden in unſerem Hauſe ſelbſt Schule hielt und der eifrige Lehrer meiner Brüder und Schweſtern wurde. Der Frühling näherte ſich allmälig und die rün; jeden Tag, vor auf die Landſtraße, a noch nicht käme. Die Gewürznelke hatte die Kirſchen be⸗ und noch ſtand das Schloß am und ſtumm, Bäume entfalteten ihr erſtes G oder nach der Schul um auszuſchauen, ob Roſ Wie lang blieb ſie weg ausgeſchlagen und war chon zu blühen, chloſſenen Fenſterläden, einſ ſchönen Garten! m Monat Juni, chen den andern Kindern auf einer gegebene Lection aus⸗ avelyn unerwartet in mitten in dem Eines Tages i Lehrers Hauſe zwiſ Bank ſaß und die mir auf wendig lernte, als ich in des erſchien Herr P Ein Schrei entſchlüpfte mir, die Thüre gerichtet, in ch Jemand ſich zeigen; Erwartung betrogen. Aufregung nicht; m Schulmeiſter und fragte chritte gemacht hätte, denn alle meine Schreibbücher Flämiſch und Franzöſiſch ſchwere Multiplication f der Landkarte Städte ja Herr Pavelyn ſ hielt zitternd das Auge auf der Hoffnung, aber ich wurde in meiner Herr Pavelyn beach er ſprach leiſe mit de wahrſcheinlich, ob ich Fortſ ich mußte ſogleich darauf Man ließ mich leſen; man ließ mich man ließ mich au und Flüſſe nachweiſen; mich im Franzöſiſchen einige Regeln er mit lauter Stimme mir vorſagte. Nachdem ich alle dieſe Prüfung e durchgemacht hatte, klopf mich freundlich auf die es möchte no en auf befriedi⸗ te Roſo's Vater Schulter und ſ nt, mein Junge! Ich bin ſehr zu⸗ Du haſt die Zeit gut wahrgenommen frieden mit Dir. und dankb ſonder Schlo über ſeine Zweif War über N wieder laub f Ji began ſei die affecti nach 2 abgere zu ſuc Brude hatte. Tante kräftig milden Di verſtan glänzte Vater mich v des Je — vor ße, atte be⸗ lß mm, „ des iner aus⸗ t in d ich i gen; ücht; ragte denn ücher öſiſch ation tädte t ließ velche friedi⸗ Vatet ſehr hr zu mmen 93 und Dich dadurch für die Sorge Deines Lehrers dankbar gezeigt.... aber warum ſiehſt Du mich ſo ſonderbar an? Du fragſt mich, ob Roſa nach dem Schloſſe gekommen iſt? Sogleich werde ich mit Dir über ſie ſprechen.“ So ſprechend ging er mit dem Schulmeiſter in ſeine Wohnung und überließ mich einem ſchmerzlichen Zweifel. War Roſa auf dem Schloſſe oder nicht? War ſie vielleicht krank? Was wollte ihr Vater mir über ſie ſagen? Nach einer langen Weile kehrte Herr Pavelyn wieder in die Schule zurück und ſprach: „Komm', mein Junge, folge mir; Du haſt Ur⸗ laub für dieſen Morgen.“ Ich verließ hinter ihm die Schule. Unterwegs begann er mir auseinander zu ſetzen, Frau Pavelyn ſei dieſen Winter in Folge einer langwierigen Lungen⸗ affection ſehr unwohl geweſen. Sie ſei mit Roſa nach Marſeille, in das Land, wo die Oliven blühen, abgereist, um dort von ihrem Bruſtleiden Geneſung zu ſuchen. In Marſeille beſaß Frau Pavelyn einen Bruder, der daſelbſt ein Handelshaus gegründet hatte. Roſa würde bei ihrem Oheim und ihrer Tante ein paar Monate bleiben. Roſa wäre weder kräftig noch geſund, und der Aufenthalt in einer ſo milden Himmels gegend könnte ihr nur gut thun. Dieß war es, was ich aus Herrn Pavelyns Rede verſtand. Ich antwortete Nichts; aber meine Augen glänzten von unterdrückten Thränen. Als Roſa's Vater dieß ſah, ſuchte er mich zu tröſten, indem er mich verſicherte, ſeine Tochter würde vor dem Ende des Jahres zurück ſein und ich noch dieſen Sommer 94 im Schloßgarten mit ihr ſpielen können. Er ſagte mir viel Schönes, ermunterte mich zu fleißigem Lernen, damit ich bald meine Studien als Bildhauer begin⸗ nen könnte, und ſprach mir von der ſchönen Zukunſft, welche der Lohn meiner Thätigkeit ſein würde. Weiter gab er mir zu verſtehen, er werde dieſen Sommer ſehr ſelten und dann jedes Mal nur auf einige Stunden nach dem Schloſſe kommen. Ich könnte je doch nach der Schulzeit alle Tage mit meinen Eltern und meinen Brüdern und Schweſtern in dem ſchö⸗ nen Garten ſpazieren gehen und ſpielen, ſo viel uns beliebte. Jetzt hätte er keine Zeit, um meine Eltern zu beſuchen, aber ich möchte ihnen ſagen, er würde gewiß das erſte Mal, da er wieder nach Bodeghem käme, ſich bei ihnen einfinden. Nach dieſen wohlwollenden Worten legte Herr Pavelyn mir die Hand auf den Kopf und ſprach: „Geh', ſpiele jetzt frei bis zum Mittag, mein Bürſchchen, und bleibe ſo brav und fleißig; dann werde ich immerdar Dein Freund ſein und dafür Sorge tragen, daß Du es nicht zu ſchlecht auf der Welt bekommſt.“ Er ließ mich ſtehen und ſchlug einen Weg ein, welcher nach dem großen Pachthofe führte. Den Kopf zur Erde geſenkt und hie und da unter⸗ wegs ſtille Thränen vergießend, wankte ich nach Hauſe und erzählte mit Zeichen großer Betrübniß meinen Eltern, was Herr Pavelyn mir geſagt hatte. Sie ſuchten mich zu tröſten, indem ſie mir zu bedenken gaben, einige Monate wären ſchnell vorüber und ich würde dann Roſa gewiß wieder ſehen. Endlich unterwarf ich mich dieſem Mißgeſchick mit einer Art von Eife der Par meit gege zu 1 delte Bet Ziel eine ſtraß gerü zu lo ( war und ich k tadelt ſtreut 2 gen! mir t meine ſchöne ſagte Lernen, begin⸗ kunft, würde. dieſen feinige inte je⸗ Eltern m ſchö⸗ iel ns Eltern würde deghem e Hert rach: „ mein dann dafür auf der eg ein, a unter⸗ h Hauſe meinen e. Sie eenen und ich Endlich ner Art 95 von Gelaſſenheit und betrieb mit noch größerem Eifer als zuvor das Erlernen der Anfangsgründe der franzöſiſchen Sprache. Noch öfter während dieſes Sommers kam Herr Pavelyn auf das Schloß und auch in das Haus meiner Eltern. Er bezeigte ſich ſehr wohlwollend gegen mich und ließ mich ſogar zweimal mit ſich zu Mittage eſſen; aber wie gut er mich auch behan⸗ delte, ſeine edelmüthige Beſchützung konnte meiner Betrübniß über die Abweſenheit der ſüßen Roſa kein Ziel ſetzen. IX. An einem Sonntag Nachmittag irrte ich wohl eine halbe Stunde von unſerem Hauſe auf der Land⸗ ſtraße dahin. Der Herbſt war bereits weit vor⸗ gerückt und die Bäume begannen ihre Blätter fallen zu laſſen. Es war mir ſeit einem Monat im Herzen, als ob ich Roſa nie mehr ſehen würde. Mein Muth war gänzlich geſunken; ein Schleier von Kummer und Betrübniß war über meinen Geiſt ausgebreitet; ich konnte nicht mehr lernen und der Schulmeiſter tadelte mich täglich über meine unbegreifliche Zer⸗ ſtreutheit. An ſie allein dachte ich nur wieder, vom Mor⸗ gen bis zum Abend, und ſelbſt im Schlafe entfielen mir oft bittere Thränen. Bis jetzt hatte ich durch meine Mutter mich tröſten laſſen. So lang das ſchöne Wetter dauerte, hatte ich gehofft; aber nun 96 das Grün an den Bäumen welkte, nun die kühlen Morgen die Ankunft des Winters verkündigten, nun war allmälig der letzte Funke von Vertrauen in mir durch eine ſchmerzliche Gewißheit erſtickt worden. Sie ſollte dieſes Jahr nicht mehr nach Bodeghem kommen— und ſollte ich ſie überhaupt noch ein⸗ mal in meinem Leben ſehen? Solche Gedanken verfolgten mich unaufhörlich; und obwohl ich völlig überzeugt war, daß ſie in keinem Fall vor dem Beginn des Frühjahrs noch kommen würde, war es ein Etwas— eine geheime Hoffnung vielleicht— welche mich antrieb, auf der Landſtraße weit fortzuwandeln, als ob meine Seele ihr immerdar entgegen gehen wollte. Dieſen Tag ſaß ich am Rande der Straße, mit dem Rücken an eine junge Tanne gelehnt, und ent⸗ blätterte, in traurige Träumereien verſunken, die gelben Kelche der Johannisblume, als plötzlich das Geräuſch eines Fuhrwerks meine Aufmerkſamkeit er⸗ regte.— Ich ſprang mit einem Schrei froher Ueber⸗ raſchung auf. Es war wohl die Kutſche von Herrn Pavelyn, die dort in der Ferne angefahren kamz aber war Roſa darin? Warum gerade dießmal, da die Kutſche ſchon ſo oft ohne ſie nach Bodeghen gekommen war? Während ich bewegungslos daſtand und zwiſchen Hoffnung und Zweifel ſchwankte, fuhr die Kutſche an mir vorbei. Ich hatte Roſa nicht geſehen! aber da wurde plötzlich das Fenſter an der Kutſche herabgelaſſen.„Leo! Leo!“ erklang ihre ſüße Stimm und ich ſah ihr engelgleiches Angeſicht, das mir ju lächel mir; und rief, mir g Auger liegen in da ihre E kleine Hände W Auger bringe drücke über dieſer Tochte winne En wieber zwiſche Je „ nach 2 und T Con kühlen „nn n mir orden. eghem h ein⸗ örlich; ſie in noch eheime uf der Seele e, mit id ent⸗ n, die ich das keit er⸗ Ueber⸗ Hertn n kam; nal, da deghen zwiſchen Kutſche Kutſche Stimme, mir zu 97 lächelte, und ihre Hand, die mit Zeichen der Freude mir zuwinkte. Die Kutſche hielt ſtill; ich näherte mich langſam und unſichern Schrittes, obwohl der Diener mir zu— rief, ich ſollte eilen. Ich zitterte, das Herz klopfte mir gewaltig, und es wurde mir dunkel vor den Augen, als müßte ich unter meiner Erregung er⸗ liegen,— aber der Diener hob mich vom Boden in das Fuhrwerk und ſchloß die Thüre wieder zu. Jetzt blickte ich in Roſa's Augen, jetzt hörte ich ihre Stimme, die frohlockend ausrief:„Hier iſt Deine kleine Mutter wieder!“ dann fühlte ich, wie ihre Hände die meinigen drückten.. Wos Herr und Frau Pavelyn mir in den erſten Augenblicken ſagen mochten, um mich zur Ruhe zu bringen, ich konnte meine Bewegung nicht unter⸗ drücken. Sie wußten wohl, daß ich vor Freude über Roſa's Rückkehr ſo aufgeregt war; auch ſchien dieſer Beweis unendlicher Dankbarkeit gegen ihre Tochter ſie zu rühren und ihr Wohlgefallen zu ge⸗ winnen. Endlich brachten Roſa's freundliche Worte mich wieder zu mir ſelbſt; ein Lächeln des Glücks ſtrahlte zwiſchen den Thränen meinen gütigen Wohlthätern entgegen. „Aber, Leo, höre doch, was ich Dir ſage!“ tiß Poſa:„wir kommen nach Bodeghem, um Dich zu holen!“ Ich ſah ſie verwirrt an. „Ja, ja, um Dich zu holen: Du mußt mit uns nach Antwerpen. In der Stadt ſollſt Du wohnen, und Du ſollſt Bildhauer werden, Künſtler!“ Conſcience, Das eiſerne Grab. 1 98 Herr Pavelyn erklärte mir mit ruhigeren Worten, was ſeine Abſicht war. Nur bis zum nächſten Mor⸗ gen wollte er mit ſeiner Familie auf dem Schloſſe bleiben. Er wollte mit meinen Eltern über mich ſprechen und Alles in Ordnung bringen, daß ich mit ihm in die Stadt gehen könnte. Der Winter⸗ kurſus der Akademie wäre bereits eröffnet, und ich alt genug, um kein Jahr mehr zu verſäumen, ohns? meinen Kunſtunterricht zu beginnen. Was meinen Schulunterricht beträfe, ſo wollte er für die Mittel ſorgen, um dieſen gleichfalls fortzuſetzen. Ich ſollte Künſtler werden.. Bildhauer! So ſehr war ich von dieſer glücklichen Gewißheit ergriffen und gerührt, daß ich wie außer mir die Hand mei nes Wohlthäters faßte, ja ſie zu wiederholten Mo len tüßte und mit heißen Thränen der Dankbarkei und Liebe benetzte. Während er ſeine Hand mir entzog und beweg mich zu Fleiß und Aufmerkſamkeit ermahnte, hielt die Kutſche vor dem Schloßthore. Sobald wir uns in dem Saale befanden, begam Roſa mich auszufragen, um zu erfahren, wie wei ich jetzt im Lernen gekommen war. Ganz verwur dert ſtand ſie da, als ſie erkennen mußte, daß ih. in vielen Fächern ſie eingeholt hatte; aber es ſchmei chelte ihr doch, daß ſie im Franzöſiſchen mir nohh weit voraus war. Sie ließ mich leſen und ſchri ben, und lobte und tadelte mich, je nachdem ich mehr oder minder gut die auferlegte Probe beſtand Mit einem Wort, ſie war wieder die engelgleich Beſchützerin des armen Bauernjungen geworden— und ich, der mein Leben lang ihr Sclave hätte ſen vergeſ bei m den 2 mit 1 war b 3 Worten, n Mor Schloſſe er mich daß ich Winter⸗ und ich n, ohnet meinen Mittel r Se ergriffen nd mei en Me nkbarkei beweg e, hielt began wie wei verwun daß ich. s ſchmei nir noch d ſchrei dem ich beſtand gelgleiche den e ätte ſein 99 mögen, um ſie nur immer ſehen zu können,— ich unterwarf mich ihr mit ebenſo viel Demuth, wie ein Kind ſeiner Mutter. Roſa erzählte mir von dem ſchönen Lande, wo die Mandeln und die Oliven wachſen, von himmelhohen Bergen und von der blauen See zu Marſeille. Sie rühmte den heitern Himmel, die reiche Natur und die milde, geſunde Luft. Und in der That, ich bemerkte, daß ſie nicht mehr ſo bleich war, wie früher: eine lichtbraune Färbung, welche die ſüdliche Sonne über ihr An⸗ geſicht ausgebreitet hatte, gab ihr ein Ausſehen von mehr Kraft und Geſundheit. So ſchwatzend von wunderſchönen Dingen, meine Zukunft ausmalend, ſpielend und lachend, brachten wir einen Abend zu, der für mich wenigſtens ſo voll unausſprechlichen Glückes war, daß ich die ganze Welt vergeſſen hatte, um nur die milden auf mich gerichteten Augen zu ſehen und jedes Wort von ihr gleich den Tönen einer bezaubernden Muſik in mein Ohr aufzunehmen. Ich war höchſt verwundert, als ein Diener mich bei der Hand nahm und mir ſagte, er werde mich nach Hauſe führen, da es bereits neun Uhr auf dem Kirchthurme geſchlagen hätte und es Zeit zum Schlafen⸗ gehen wäre. Keine einzige Stunde lang hatte mir der halbe Tag gedauert.. Während ich auf dem Schloſſe in völliger Selbſt⸗ vergeſſenheit ſpielte, waren Herr und Frau Pavelyn bei mir zu Hauſe geweſen und hatten meinen Eltern den Wunſch ausgedrückt, mich des andern Tages mit nach Antwerpen zu nehmen. Meine Mutter war bei dem Gedanken erſchrocken, daß ihr theures 7* 100 Kind,— der liebe Junge, welchen Jedermann wegen ſeines ſchönen Geſichts und ſeiner großen ſchwarzen Augen bewunderte— ſich auf immer von ihr trennen ſollte; aber Roſa's Eltern hatten ihr begreiflich gemacht, daß ein ſolches Opfer von ihrer Seite für mein Wohlergehen nothwendig ſei. Außer⸗ dem war beſchloſſen worden, daß ich alle vierzehn Tage wenigſtens einmal ſowohl Sommers wie Win ters nach Bodeghem kommen ſollte. Herr Pavelyn wollte das Poſigeld für mich bezahlen, bis er wäh⸗ rend der ſchönen Jahreszeit Gelegenheit hätte, mich ſelbſt in ſeiner Kutſche mitzunehmen. Meine Eltern brauchten ſich auf keine Weiſe weder um die Koſten meines Unterhalts in der Stadt, noch um Kleide oder Taſchengeld für mich zu betümmern. Für dieſes Alles wollte Herr Pavelyn Sorge tragen; und blie ich brav und rechtſchaffen von Charakter und bemüht mich nur, fleißig zu lernen, ſo verſprach er, ſich meins anzunehmen und mich zu unterſtützen, bis ich unal⸗ hängig und ſelbſtſtändig in der Welt fortkommen könnte. Des andern Morgens, als meine Mutter mi meine beſten Kleider angezogen und die übrige ſammt meinem Weißzeug in einen Reiſebündel zu ſammengepackt hatte, begann ſie laut zu weinen un ſchloß mich mit zärtlicher Angſt an ihr klopfendes Her Meine Schweſtern und Brüder weinten gleichfalb, und ich, obwohl glücklich vor Allen, ich ſeufzte un ſchluchzte an der Bruſt meiner guten Mutter. So floßen Thränen der Betrübniß und des Kummers in unſerem Hauſe, als ob das Lebewohl, welches hie ausgeſprochen werden ſollte, unwiderruflich ein ewige wäre. und ſt vorgir eine b einem anſtat ſeiner Al niedrie volle meine mir ne Mutte daß D gegen Si erſtickte M nach, mein 2 Haupte gen ül Jet Wange bei mi ter hin der Sc ich ſtre meinen zu dürf — ermann großen ner von tten ihr on ihrer Außer⸗ vierzehn ie Win⸗ Pavelyn er wäh⸗ te, mich e Eltern Koſten Kleider ür dieſei nd blieb bemüht h meine ch unab tkommen tter mi übrigen ndel 3 inen un des Her eichfalls ifzte und ter. So mers in ches hier n ewige 101 wäre. Mein Vater allein unterdrückte ſeine Rührung und ſuchte uns zu einer beſſern Einſicht von dem, was vorging, zu bringen. Er erkannte darin Nichts als eine beſondere Gunſt des Himmels, das Glück von einem ſeiner Kinder; und ihm däuchte, wir ſollten, anſtatt zu weinen, eher froh ſein und Gott um ſeiner Güte willen danken. Als die Kutſche von Herrn Pavelyn vor unſerer niedrigen Wohnung ſtill hielt und der verhängniß⸗ volle Augenblick des Scheidens gekommen war, küßte meine Mutter mich gepreßten Herzens und flüſterte mir noch in's Ohr: „Leo, mein theurer Leo, behalte Deine arme Mutter doch allezeit lieb! Vergiß nie aus Hoffohrt, daß Du ein armes Bauernkind biſt; ſei ehrerbietig gegen Deine Wohlthäter, habe Gott vor Augen...“ Sie wollte noch mehr ſagen, aber die Stimme erſtickte ihr in dem beklemmten Buſen. Meine Brüder und Schweſtern kamen der Reihe nach, mir den Abſchiedskuß zu geben; endlich machte mein Vater das Zeichen des Kreuzes über meinem Haupte und ſprach mit feierlicher Einfalt ſeinen Se⸗ gen über mich aus. Jetzt liefen die Thränen mir ſtromweiſe über die Wangen, und es trat ein Augenblick des Zögerns bei mir ein. Ich war im Begriff, zu meiner Mut⸗ ter hinzulaufen, welche hinter der Hausthüre mit der Schürze vor dem Angeſicht im Stillen weinte; ich ſtreckte bereits die Arme nach ihr aus und auf meinen Lippen lag die Bitte, immer bei ihr bleiben zu dürfen; aber mein Vater und der Diener hoben 102 mich, um dieſes ſchmerzliche Schauſpiel abzukürzen,— in die Kutſche. Die Peitſche knallte.... die Pferde eilten mit dem leichten Fuhrwerk ſo raſch davon, daß in weni⸗ ger als einem Augenblick unſer Haus und ſelbſt mein Geburtsdorf mir aus dem Geſicht verſchwunden waren. X* Herr Pavelyn hatte einem ſeiner älteſten Diener, welcher ſchon bei ſeinem Vater Magazinsaufſeher geweſen war, zur Errichtung eines Specereiladens verholfen. Dieſer Mann wohnte mit ſeiner Frau in der Hochſtraße, nicht weit von dem großen Markte zu Antwerpen. Da ſie keine Kinder hatten, ſo war ihr Haus viel zu groß, und blieb mehr als ein Zin⸗ mer unbeſetzt.— Bei dieſen guten Leuten hatte Herr Pavelyn mich einquartirt. Ich hatte zwei Zimmer zu meinem Gebrauch, eines zum Schlafen und eines zum Schreiben und Zeichnen. Alles, was ich nöthig haben mochte: Kleider, Bücher, Papier, oder Geld, waren ſie angewieſen, mir auf meine erſte Bitte zu geben oder zu beſor⸗ gen, ſo lang keine andern Befehle von meinem Be⸗ ſchützer einliefen. Ich aß an ihrem Tiſche und ſaß Abends bei ihnen an dem gemeinſamen Herde. Meiſter Jan und ſeine Frau, Petronella, waren gut⸗ herzige Leute, die mir ein ſtilles Wohlwollen bezeug⸗ ten. Was ihnen für mich zu thun anbefohlen war, vollzogen ſie mit gewiſſenhafter Pünktlichkeit, aber eine beſondere Theilnahme bewieſen ſie mir nicht. S Antwe nach d vorbel Jt mit d beginn M M Atelier Pavelr geben, beſchäf es Zei hatte i gaben zu lerr von H Unterr pfange der L Spiele zuweile Bischet ſuchte dig wu Bruſt ſchön u eine gr ich aus wie die Roſa d ürzen,— mit weni⸗ mein aren. iener, ifſeher adens au in Narkte d war Zim⸗ e Hert ner zu eines leider, vieſen, beſor⸗ m Be* d ſaß n gut⸗ ezeug⸗ war, aber icht. 103 Schon am zweiten Tage meines Aufenthaltes in Antwerpen hatte ein Diener von Herrn Pavelyn mich nach der Akademie geführt, wo man mir einen Platz vorbehalten hatte. Ich war in der Ornamenten⸗Klaſſe und mußte mit dem Nachzeichnen von Blättern im Umriſſe beginnen. Meine Zeit wurde alſo vertheilt: Morgens nach dem Frühſtück ging ich in das Atelier eines jungen Bildhauers, welcher von Herrn Pavelyn beauftragt worden war, mir Unterricht zu geben, und ich blieb da mit Ornamentenzeichnen beſchäftigt, bis die Mittagsglocke mich mahnte, daß es Zeit war, zum Eſſen zu gehen. Nach demſelben hatte ich zwei Stunden, um meine ſchriftlichen Auf⸗ gaben zu machen, oder meine Lectionen auswendig zu lernen. Dann begab ich mich in die Wohnung von Herrn Pavelyn, um dort zugleich mit Roſa den Unterricht eines franzöſiſchen Sprachlehrers zu em⸗ pfangen. Den Reſt des Tages bis zu der Stunde der Lectionen in der Akademie brachten wir mit Spielen und Schwatzen zu, oder unterhielten uns zuweilen am Klavier. Roſa, welche bereits ein Bischen in der Muſik vorwärts gekommen war, ſuchte mich die Lieder zu lehren, weiche ſie auswen⸗ dig wußte. Sie ſang nicht gern; es ſtrengte ihre Bruſt an, und überdieß war ihre Stimme, obwohl ſchön und rein, nur ſehr ſchwach. Ich dagegen hatte eine gute Stimme und mächtige Lungen. Obgleich ich aus Unkunde oft falſch ſang und die Töne ſchleifte, wie die Bauern zu thun gewohnt ſind, machte es Roſa doch Freude, meine hellklingende Stimme zu 104 hören.... oder ließ ſie mich vielleicht nur ſo oſt ſingen in Folge eines Verlangens, ihren Schützling auch in der Muſik zu lehren, was ſie ſelbſt davon wußte?— Wie dem auch ſei, unſer Leben, ſo lang wir beiſammen ſein konnten, war ein wahres Para⸗ dies von Genuß und kindlichem Glücke. Alle zwei Wochen ging ich nach Bodeghem, um den Sonntag und einen Theil des Montags bei meinen Eltern zuzubringen. Meine Mutter, die wohl ſah, daß ich ſie immer gleich lieb hatte und gern bei ihr war, tröſtete ſich über meine Abweſenheit von Hauſe und lächelte meiner ſchönen Zukunſt entgegen. An dem andern Sonntag durfte ich im Hauſe meiner Beſchützer das Mittagsmahl einnehmen, neben Roſa am Tiſche ſitzen und mit ihr ſpielen bis ſpät! in den Abend hinein. Was meine Mutter mir unaufhörlich wiederholte, war tief in mein Herz geſchrieben. Ich ſollte mich allezeit erinnern, welcher Abſtand zwiſchen mir und meinen Wohlthätern war.— Niemals konnte ich es vergeſſen, denn das Bewußtſein dieſer Pflicht lebte in mir gleich einem religiöſen Gefühle. Meine ſichtbare Zurückhaltung, meine feurige Dankbarkeit, meine ſchüchterne Demuth gefielen Herrn Pavelyn in hohem Grade, und er pries mich oft in Gegenwart ſeiner Freunde als ein Kind, welches mit einem ſchönen und muſterhaften Gemüth begabt war. Oft ſtellte er mich ſeinen Bekannten oder fremden Beſuchern vor und ſagte dann, ich ſei der Sohn eines Holzſchuhmachers, er habe aber nichts deſto⸗ weniger beſchloſſen, einen hervorragenden Künſter aus er ſen wo das ver übe haf den öffr wei Fre ſchr Me an daß heb es zu Kin der vor wa wie Zei Wa Ga und ſo oft ützling davon lan Para⸗ n, um bei e wohl gern ſenheit zukunft Hauſe neben s ſpät. rholte, e mich ir und ich es tlebte feurige Herrn oft in es mit war. remden Sohn deſto⸗ Künſter 105 aus mir zu machen. Darin beſtand ſein edler Stolz: er hatte einen Bauernjungen— ein armes unwiſ⸗ ſendes Weſen— unter ſeinen Schutz genommen und wollte ihn zu einem Bildhauer heranziehen, der einſt das Vaterland durch ſeine ausgezeichneten Werke verherrlichen ſollte. Keine Gelegenheit ließ er vor⸗ übergehen, um dieſes Ziel ſeines Wohlthuns nam⸗ haft zu machen und vor der Hand mit der glänzen⸗ den Zukunft ſich zu rühmen, welche er mir zu er⸗ öffnen gedachte. Was Frau Pavelyn betrifft, ſo liebte ſie mich, weil ihr Kind in meiner Gegenwart Lebensluſt und Freude an den Tag legte. Dieſen Winter litt Roſa's Mutter viel von einer ſchmerzlichen Engbrüſtigkeit und hyuſtete anhaltend. Mehr als einmal redete ſie von dem ſchönen Lande an der blauen See und ſprach die Meinung aus, daß die Luft von Marſeille allein ihre Krankheit heben könnte; aber auf der andern Seite konnte ſie es nicht über ſich gewinnen, fern von ihrer Tochter zu leben oder Herrn Pavelyn der Gegenwart ſeines Kindes zu berauben. Mit dem Vorrücken des Winters und der Ankunft der naſſen Tage verſchlimmerte ſich die Unpäßlichkeit von Frau Pavelyn auf eine drohende Weiſe. Roſa war in Folge des eingeſchloſſenen Lebens zu Hauſe wieder bleich geworden und begann gleichfalls von Zeit zu Zeit zu huſten.... Da entſchloß ſich Herr Pavelyn zum Aeußerſten. Was man auch dagegen vorbringen mochte, ſeine Gattin ſollte mit ihrer Tochter nach Marſeille gehen und dort bei ihrem Bruder bleiben, bis der Einfluß 106 der milden Luft die Empfindlichkeit ihrer Lungen geheilt hätte. Roſa ſollte dort, meinte er, gleichfalls wieder kräftig und geſund werden. Und um ihre Erziehung nicht zu unterbrechen, ſollte man ſie in⸗ zwiſchen zu Marſeille einem renommirten Penſionat für junge Fräulein anvertrauen. Als dieſer Entſchluß ſich einmal in Herrn Pa⸗ velyns Geiſte feſtgeſtellt hatte, war er nicht mehr davon zurückzubringen. Roſa und ich, wir weinten wohl bei dem Gedanken an eine ſo lange Trennung; aber es handelte ſich um ihre Geſundheit und die Geſundheit ihrer Mutter. Ueberdieß kam ſie im September wieder; und war ſie geſund worden, ſo ſollte ſie nicht mehr nach Marſeille zurückkehren. Auf alle Fälle ſollte ſie den ganzen Monat dann in Antwerpen bleiben. Es war am 10. Februar 1808, Morgens 10 Uhr, daß meine thränenden Augen die Poſtkutſche abfahren ſahen, welche mir auf's Neue das Licht meines Lebens entführte. Die flehenden Hände zum Himmel erhoben, bat Gott inbrünſtig um Geſundheit und Stärke ür ſie. XI. Ich näherte mich meinem fünfzehnten Jahre. In Folge meiner beſondern Stellung in der Welt hatte ich viel gedacht und tiefen Empfindungen in mir Raum gegeben. Dadurch waren mein Geiſt und mein Gemüth mehr entwickelt worden, als mein ngen falls ihre in⸗ onat nehr inten ing; die im den, hren. dann tſche Licht bat tärke In hatte mir und 107 Alter mit ſich brachte. Nun Roſa nicht mehr da war, um mich einen Theil meiner Tage in glücklicher Selbſtvergeſſenheit hinbringen zu laſſen, verwendete ich alle Zeit, welche meine künſtleriſche Ausbildung mir frei ließ, auf die Lectüre von Büchern, welche Herr Pavelyn für mich kaufte oder welche ich von den Kameraden in der Akademie entlehnte. Aller⸗ dings hatte Roſa bei ihrer Abreiſe mir dringend an⸗ befohlen, die franzöſiſche Sprache gut zu lernen, damit ich ſpäter in guter Geſellſchaft meiner Un⸗ wiſſenheit mich nicht zu ſchämen hätte; aber dieß war die einzige Triebfeder nicht, welche mich veran⸗ laßte, mein Gedächtniß mit allen den Kenntniſſen, welche in meinem Bereiche waren, auszuſchmücken. Ich hatte das Vorgefühl, daß Roſa, nun in einem höheren Penſionate befindlich, mit einer großen Summe von Wiſſen in allen Lehrfächern zurückkehren würde. Sollte ſie auf mich als einen unwiſſenden Jungen herabſehen müſſen, welchen der edelmüthige Schutz ihres Vaters nicht einmal zu dem Stande eines wohlerzogenen Menſchen zu erheben vermocht hatte? Vielleicht lag in dem Herzen von dem Holzſchuh⸗ machersſohne ein verborgenes Verlangen, ihr zum Mindeſten in ſittlicher Beziehung gleich zu werden und ihrer Freundſchaft und Achtung ſelbſt dann noch vollkommen würdig zu bleiben, wenn mit den Mannes⸗ jahren die Verſchiedenheit der Geburt eine unüber⸗ ſteigliche Kluft zwiſchen ſie und mich geworfen hätte. Auf der Akademie machte ich gute Fortſchritte. In einem Jahre brachte ich es von der Ornamenten⸗ Klaſſe zu der Figuren⸗Klaſſe. Es reizte meine Un⸗ gedulb und betrübte mich, ſo lang in den Zeich⸗ 108 nungsklaſſen bleiben zu müſſen; aber wenn ich fort⸗ während mit Eifer mich auf die Arbeit legte, ſollte ich mit dem Beginn des bevorſtehenden Winterkurſes in die Modellirklaſſe übergehen. Alle vierzehn Tage nahm ich, wie zuvor, das Mittagsmahl im Hauſe von Herrn Pavelyn ein, und dann mußte ich meine ausgearbeiteten Zeichnungen mitbringen, um den Beweis meiner Fortſchritte zu liefern. Mein Beſchützer war zufrieden mit mir und ermunterte mich unaufhörlich durch Bezeugungen des Wohlwollens und Edelmuthes. So näherte ſich allmälig der September: Roſa ſollte zurückkehren! Alle Tage klingelte ich an der Wohnung von Herrn Pavelyn, um von der Haushälterin zu erfah⸗ ren, ob noch kein Brief angekommen wäre. Der erſte Brief mußte natürlich ihre Heimkehr ankündigen. Eines Nachmittags ſchickte Herr Pavelyn einen Diener in das Atelier des Bildhauers, meines Leh⸗ rers, und ließ mir melden, ich möchte in ſein Haus kommen. Als ich vor ſeinem Angeſichte erſchien, zeigte er mir mit Kummer und Verdruß einen Brief ſeiner Gattin und erklärte mir deſſen Inhalt. Frau Pa⸗ velyn ſchrieb, ſie fühle ſich noch nicht völlig von ihrem Bruſtleiden geneſen und fürchte ſich, gerade bei Anbruch des Winters nach Hauſe zurückzukehren. Ihre Krankheit würde ſich, meinte ſie, unfehlbar da⸗ durch verſchlimmern. Deßhalb bat ſie ihren Gatten, ihr noch zu erlauben, bis zum nächſten Frühjahre bei ihrem Bruder in Marſeille zu bleiben. Für Roſa würde es gleichfalls vortheilhafter ſein, da ſie 2 ort⸗ Ute ſes das und gen zu und des Koſa von fah⸗ Der gen. inen Leh⸗ as e er einer Pa⸗ von rade hren. da⸗ tten, jahre Für a ſie 2 109 ſehr gut lernte, ſehr zufrieden wäre und alle Tage geſunder und ſtärker würde. Wenn dieſe lange Ab⸗ weſenheit Herrn Pavelyn allzu viel Verdruß machen würde und er noch dieſes Jahr ſein Kind zu ſehen begehrte, ſo möchte er, bat ſie weiter, ſich zu einer Reiſe nach Marſeille entſchließen und auf Beſuch zu ihnen kommen. Dieß wäre für ſie beide ein Glück, wofür ſie ihm ihr Leben lang dankbar ſein würden. Herr Pavelyn war ſehr betrübt über den In⸗ halt dieſes Briefes; doch unterwarf er ſich zuletzt der Nothwendigkeit und beſchloß, ſeiner Gattin zu ſchreiben, ſeine Handelsgeſchäfte geſtatten ihm jetzt nicht, Antwerpen zu verlaſſen, aber zu Anfang des Monats Mai wolle er nach Marſeille reiſen, um Roſa und ihre Mutter abzuholen! Ich verließ die Wohnung meines Beſchützers mit einem Herzen voll Kummers. Alſo noch ſieben oder acht Monate ſollten vorübergehen, ehe es mir ver⸗ gönnt war, Roſa zu ſehen? Eine Ewigkeit von traurigem Verlangen und ſtillem Mißmuthe! Es war jedoch nichts zu machen, und ich mußte mich in mein Mißgeſchick fügen. Was einigermaßen dazu beitrug, meinen Geiſt zu erleichtern und auf andere Gedanken zu bringen, war der Umſtand, daß ich nunmehr in die Modellirklaſſe übergegangen war und daſelbſt aus Thon die menſchliche Geſtalt nach⸗ zubilden lernte. Ich war ſomit in die Laufbahn der Bildhauerkunſt eingetreten. Nicht allein fand ich großes Vergnügen daran, meine natürliche Neigung befriedigen zu können, ſondern ich arbeitete in dieſer Klaſſe auch unter Künſtlern jedes Alters, deren be⸗ ——— tertes Wort und frohe Lebensluſt mich nicht ſelten nde meines Herzens vergeſt ſ des Monats April r berechnete mi ſeiner Reiſe; im eille ankommen; eine einem Auge bei de die ihrem Vate eiste Herr Pave⸗ lyn nach Marſeille. Genauigkeit die Geiſte ſah ich Thräne entſchüpfte m von Roſa's Freude, flog; ich hörte ſie fragen„ Pavelyn war vollkommen gene d blühend geworden hr nach Marſei ihn zu Marſ ht es nun mit war ſtark un ollten alſo nicht me Wie ſchmerzlich wurd Pavelyn endlich zurückkehr Schwelle ſeiner Wohnung, da die Poſtkutſche vor d Herz klopfte mi uſcht, als Herr ſtand auf der. er Thüre ſtillhiett. Das ich war bleich vor Er⸗ uchten die Wände der nd Frau Pavelyn Niemand anders ſtarren Blicke ſ zu durchbohren. ſtiegen aus dem Fuhrwerk:— chützern in's Haus und orten willkommen zu Erregung und mit meinen Beſ ft nicht, ſie mit W Als Frau P Bläſſe gewahr wurde, Roſa wäre, um ihre geblieben. Der lsſtriche würde wahr verbeſſern und befeſtigen. das einzige Kind einmal in den avelyn meine begann ſie mir rziehung zu vollend Aufenthalt unter dieſem ſcheinlich ihre Geſ Ueberdieß wäre ſie, als ender Eltern, beſtimmt, n der Geſellſchaft zu höhern Kreiſe verl ſie Erz Roſ ſein einr nich ihre die ſeill Pa ſech zub dig der den zu Zim noc Tiſe trau mei dure tröſ Stu jedo Aus abe lten ave⸗ icher im eine blick Hals mit Roſa id ſie Herr f der blicke, Das or Er⸗ e der avelyn anders 1 und men zu ig und rklären, n Mar⸗ ſchönen ſundheit ſie, als eſtimmt, haft zu 111 verkehren. Nirgends könnte ſie beſſer, als da wo ſie ſich jetzt befände, ſich durch eine ausgezeichnete Erziehung auf ihren Eintritt in die Welt vorbereiten. Um mich zu tröſten, ſetzte Frau Pavelyn hinzu, Roſa würde ihr ſehr gern nach Antwerpen gefolgt ſein, und wäre es nur geweſen, um mich wieder einmal zu ſehen; aber man hätte dieſem Wunſche nicht beiſtimmen können, weil dann ihr Vater oder ihre Mutter genöthigt worden wären, noch einmal die lange Reiſe zu unternehmen, um ſie nach Mar⸗ ſeille zurückzubringen. Im September würde Herr Pavelyn dieſelbe abholen, und ſie ſollte dann die ſechs Wochen Schulvakanz in ihrer Geburtsſtadt zubringen. Dieſe Erklärungen wurden mir in aller Geſchwin⸗ digkeit gegeben, denn meine Beſchützer waren von der langen Fahrt ermüdet und ſtiegen ſogleich in den obern Stock hinauf, um ſich ihrer Reiſekleider zu entledigen. Ich eilte nach Hauſe und ſchloß mich in mein Zimmer ein. Der Abend überraſchte mich, da ich, noch in Schmerz verſunken, mit dem Kopf auf meinem Tiſche lag und über die Grauſamkeit des Geſchickes trauerte. Viele Tage lang blieb mein Herz gepreßt und mein Geiſt verdüſtert; aber allmälig ließ ich mich durch die freundlichen Worte von Herrn Pavelyn tröſten und wandte alle Kräfte wieder auf meine Studien. Ich war bereits in der Antiken⸗Klaſſe, jedoch nicht weit genug gekommen, um es mit der Ausführung eigner Schöpfungen verſuchen zu können; aber die warmen und wohlgemeinten Worte meiner 112 Genoſſen hatten mich mit Begeiſterung und Ver⸗ trauen in die Zukunft erfüllt. Jetzt begriff ich in vollem Maaße, daß für mich in der Kunſt das Mittel lag, Ehre und Anſehen in der Geſellſchaft zu ge⸗ winnen. Ich zitterte vor Erregung bei dem Ge⸗ danken, daß, wenn Gott und die Natur mich wirklich zum Bildhauer geſchaffen hätten, ich mich beinahe auf gleiche Höhe mit Roſa ſtellen könnte„. Solche Betrachtungen erfüllten mich mit unſäglicher Freude, aber zu gleicher Zeit fühlte ich, wie ich er⸗ bleichte und zitterte, aus Furcht, eine ſolche Hoffnung könnte die Eingebung eines verdammlichen Hoch⸗ muths ſein. Im Sommer dieſes Jahres herrſchte eine an⸗ ſteckende Krankheit einige Wochen zu Antwerpen. Die Pocken, damals beſonders bösartig, hatten viele Kinder und auch einige erwachſene Perſonen hinweg⸗ gerafft. Zu Ende Auguſts, als Herr Pavelyn ſich gerade anſchickte, ſeine Tochter von Marſeille abzuholen, wurde eine ſeiner Dienſtmägde von den Kinder⸗ blattern befallen. Man beeilte ſich, an Roſa zu ſchreiben, ſie ſollte dieſes Jahr nicht nach Hauſe kommen, denn es herrſche eine anſteckende Krankheit in der Stadt und ſei ſelbſt in ihres Vaters Haus gedrungen. Frau Pavelyn hatte in Folge eines Vor⸗ urtheils, welches damals noch häufig vorkam, ihre Einwilligung noch nicht gegeben, ihrer Tochter die Kinderpocken einimpfen zu laſſen. Deßhalb war Roſa mehr als Andere der Gefahr ausgeſetzt, von dieſem Uebel ergriffen zu werden. Gewiß ſchmerzte es mich unendlich, wiederum in Ver⸗ in ittel ge⸗ Ge⸗ klich nahe icher her⸗ ung och⸗ an⸗ pen. viele weg⸗ rade olen, nder⸗ a zu auſe ikheit Haus Vor⸗ ihre r die war von m in 113 meiner Hoffnung betrogen zu werden und diejenige nicht ſehen zu dürfen, deren liebliches Bild und freundliches Lächeln immerdar vor meinem Geiſte ſchwebten; aber ich ſelbſt war bei dem Gedanken ihrer Rückkehr in einem ſo gefährlichen Augenblick erſchrocken und der Entſchluß ihrer Eltern konnte mich deßhalb nur erfreuen. Außerdem hatte ich das ſechszehnte Jahr zurückgelegt und ſomit ein Alter er⸗ reicht, wo das Gemüth bereits Etwas von männlichem Ernſte erlangt. Der Verkehr mit Künſtlern, oft viel älter als ich, hatte gleichfalls viel dazu beigetragen, die kindliche Einfalt meiner Naturanlage durch ein p. Bewußtſein des menſchlichen Lebens zu er⸗ etzen. Durch meine Betrübniß über Roſa's lange Ab⸗ weſenheit fortwährend zur Prüfung meiner Lage in der Welt angeſpornt, erkannte ich endlich mit vollem Bewußtſein, daß ſie als Kind ihre Freundſchaft einem armen Bauernjungen hatte ſchenken können; daß ſie ſelbſt freundlich mit ihm hatte ſpielen und ihn als einen Bruder lieben können; aber daß ſo etwas in einem vorgerückteren Alter den Geſetzen der Welt und ihrer eigenen Würde völlig widerſtreiten müßte. Das Einzige, was ich noch hoffen konnte, war, daß ſie ſich an den Fortſchritten ihres Schützlings erfreuen, und vielleicht, daß ſie ſich noch mit einigem Ver⸗ gnügen der glücklichen Stunden erinnern würde, welche wir in unſerer ſchönen Kindheit mit einander verlebt hatten. Alſo ſprach meine Vernunft, obwohl mein Herz ſich weigerte, den glänzenden Traum, welcher das Conſcience, Das eiſerne Grab. 8 114 Licht meiner Seele war, entſchieden aufzugeben. Noch immer ſtand Roſa vor meinen Augen; nicht Roſa, ſo wie ſie jetzt geworden ſein mußte; nein, das kleine, liebe Fräulein, mit ihrem feinen, blaſſen Angeſichte, mit ihren blauen Augen, mit ihren ro⸗ then Lippchen, auf welchen das Lächeln der Freund⸗ ſchaft gegen mich ausgeprägt war. Dieſe Erinnerung wurde mir ſo theuer, daß ich endlich mit Bezug darauf in eine Art ſinnloſer Träu⸗ merei verfiel und zuweilen Roſa's Ruckkehr fürchtete. So wie ſie nunmehr war, konnte ſie dem Bauern⸗ jungen, deſſen Erziehung und Unterhalt von ihrem Vater bezahlt wurden, nicht mehr wie ehedem ihre Vertraulichkeit und ihre Freundſchaft ſchenken.. Und würde die wirkliche Roſa das ſüße Bild glück⸗ licherer Tage in meinem Gedächtniſſe nicht ertödten? Würde die Erinnerung, welche jetzt in jedem Schlage meines Herzens lebte, ihren Zauberklang nicht ver⸗ lieren?“ Gleichwohl erſchreckte und betrübte es mich noch über die Maßen, als ich, zu Ende des Sommers, bemerkte, daß Frau Pavelyn wieder ſehr engbrüſtig wurde und von Zeit zu Zeit viel huſtete. Meine Beſorgniß verwirklichte ſich. Frau Pavelyn ſollte nach Marſeille zu ihrem Bruder zurückkehren, um den Winter daſelbſt zuzubringen. Roſa ſollte dem⸗ nach auch nicht nach Hauſe kommen, aber den folgen⸗ den Herbſt könnte man ihre Erziehung für vollendet anſehen, und dann würde ſie ganz gewiß nach Ant⸗ werpen zurückkehren. War das Bruſtleiden von Frau Pavelyn nicht völlig gehoben, ſo würde das ein Beweis ſein, daß die ſüdliche Luft ihr keine we⸗ ſen per beſ der ode beg we der Leh St Fer ſpa wei und wer me wil läãß und ich ſaß gut ſog Sie zůg geben. nicht nein, laſſen en ro⸗ reund⸗ aß ich Träu⸗ chtete. auern⸗ ihrem m ihre ödten? Schlage ht ver⸗ ch noch mmers, brüſtig Meine ſollte n, um e dem⸗ folgen⸗ ollendet ich Ant⸗ n vn de das ine we⸗ 115 ſentliche Hülfe ſchaffen könnte, und man in Antwer⸗ pen ſelbſt andere Mittel verſuchen müßte. Wiederum tröſtete ich mich ſo viel möglich und beſtrebte mich, meine Trauer durch das Studium der Kunſt und die Lectüre guter Werke zu vergeſſen, oder mindeſtens zu mildern. In der Akademie modellirte ich mit viel Kunſt⸗ begeiſterung und Zuverſicht nach den ſchönen Bildern, welche das griechiſche Alterthum uns zur Bewun⸗ derung hinterlaſſen hat. In dem Atelier meines Lehrers übte ich mich in der Sculptur von Holz und Stein, und ich hatte mir in dieſem Fache beſondere Fertigkeit erworben. Von der Güte meiner Gönner machte ich keinen Mißbrauch; wiewohl ſie mich aufforderten, nicht allzu ſparſam zu ſein und mir mit meinen Kameraden zu⸗ weilen ein Vergnügen zu machen, wie ſolches das Künſtlerleben mit ſich bringt, blieb ich eingezogen und ſparte mit dem Zuſchuſſe meiner Gönner, wie wenn es Geld von meiner Mutter, welches dieſe zu meinem Unterhalt hergeben müßte, geweſen wäre. Herr Pavelyn hatte einen perſönlichen Wider⸗ willen gegen Künſtler, welche durch ihre vernach⸗ läßigte Kleidung Zeugniß von ihrer Sorgloſigkeit und ihrem Mangel an Weltkenntniß ablegten. Wenn ich an dem beſtimmten Sonntage bei ihm am Tiſche ſaß und er etwas in meinem Anzug bemerkte, was nicht gut war oder ſich abzutragen anfing, ſo ließ er es ſogleich durch einen neuen Artikel erſetzen. Fügen Sie dazu noch die Regelmäßigkeit meiner Geſichts⸗ züge, ſo werden Sie leicht begreifen, eher 116 dem Sohne reicher Leute, als einem Bauernjungen glich, welcher auf der Welt Nichts, als den Edel⸗ muth ſeiner Gönner beſaß. XII. Seit ſechs Monaten war ich von der Antiken⸗ Klaſſe in diejenige nach dem Leben übergegangen, und dieſe bildete die höchſte Stufe in dem Unterricht der Akademie zu Antwerpen. Noch ein Jahr, und meine Kunſtſtudien waren zu Ende. Allmälig erzeugte ſich in mir ein gebieteriſches Verlangen, in der Einſamkeit meines Zimmers es mit einer eigenen Schöpfung zu verſuchen. Wohl hatte ich bereits hundertmal die Eingebungen meiner Phantaſie in Thon ſtizzirt, aber dieß war nur eine flüchtige Arbeit ohne Ernſt und dazu beſtimmt, unmittelbar wieder zur Modellirung anderer Figuren umgeknetet zu werden. Dießmal wollte ich etwas mit Vollbedacht machen, langſam, mit Anſtrengung des Geiſtes, und der Vollkommenheit ſo nahe brin⸗ gen, als meine Kunſt es mir geſtatten würde. Roſa hatte wohl das formloſe Werk eines armen Kindes liebevoll aufgenommen und dadurch in ſeinem Herzen das Feuer der Kunſtbegeiſterung angefacht. Jetzt war das Kind ein Bildhauer geworden, und er hatte Vertrauen genug in ſeine eigene Kraft, um Hand an eine eigenthümliche Schöpſung legen zu dürfen. Für wen konnte dieſes Erſtlingswerk des Künſtlers anders beſtimmt ſein, als für diejenige, welche einzig die Quelle und Urſache ſeines ſitt⸗ lang lich glich ngen Edel⸗ tiken⸗ ngen, rricht und iſches 8 es Wohl einer eine immt, guren twas gung brin⸗ men einem facht. und „um n zu des nige, ſitt⸗ 117 lichen Weſens, ſeiner Begeiſterung und ſeiner Hoff⸗ nung war? Wie lächelte dieſer Gedanke mich an! Er ver⸗ blendete mich ſo ſehr, daß ich, obwohl meine Stu⸗ dien noch unvollendet waren, nicht daran zweifelte, ein Meiſterſtück hervorzubringen, und dieſes Meiſter⸗ ſtück, deſſen Formen nur undeutlich in meinem Ge⸗ birn ſich abzeichneten, bewunderte und liebte ich zum Voraus mit ungemeiner Begeiſterung und tiefem Glauben. Roſa ſollte binnen zwei Monaten heimkehren; in ſo kurzer Zeit konnte ich mit meinem Werke nicht fertig werden, aber ihr Geburtstag fiel auf das Ende Januars. Dieß war eine Gelegenheit, ihr die erſte Frucht meiner Kunſt zum Geſchenke zu bringen; und mir war ſomit Zeit genug vergönnt, um meine Arbeit mit der pünktlichſten Sorgfalt auszuführen. Ich wollte von dieſem Vorhaben für jetzt Niemand Etwas ſagen, nicht einmal Herrn Pavelyn. Die Freude meiner Wohlthäter würde um ſo größer ſein, wenn ich ſie unerwartet durch ein ſchönes und ver⸗ dienſtliches Kunſtwerk überraſchen konnte. Nach langem Nachdenken und Träumen, nachdem ich fünfzigerlei Gegenſtände in Betracht gezogen und faſt ebenſo viele in Thon ſkizzirt hatte, entſchied ich mich für die Ausführung einer Gruppe, welche die Schutzvollſtreckung darſtellen ſollte, und ich ge⸗ langte, durch beſonderes Studium der Formen, end⸗ lich zu einer beſtimmten Zuſammenſtellung. Auf einem Fußſtück, welches einer Raſenplatte glich, ſaß ein Kind— ein kleiner Knabe— knieend, das Haupt gebuckt und in der Haltung eines nie⸗ drigen und hülfeſuchenden Weſens. Sein Arm ruhte auf dem Rücken eines ſchlafenden Lammes und da⸗ In bei lag der Hirtenſtab. Neben dem kleinen Hirten wiſſ ſtand in ernſter Haltung ein anderes Kind— ein fern Mädchen— das die eine Hand ſegnend auf das ſchr Haupt des armen Knaben legte und mit der andern ver! in die Ferne deutete, als wollte ſie ſagen:„Habe in Muth, dort ſchimmert der Stern Deiner Zukunft!“ dem ch war von den Erinnerungen meiner Kindheit arm und von den Geſtalten beherrſcht, welche lebend vor Tieſ meinen Augen ſtanden. Dieß hinderte mich, ſo viele“ deaſſ Mühe ich mir auch gab, den Kunſtregeln der Schule Wu Folge zu leiſten. Meine Figuren waren nicht voll, der nicht rund genug; und es lag in der Harmonie der ſie Theile etwas Mageres, eine alltägliche Natur, welche die mich von der griechiſchen Schönheit abführte, aber bra den ſinnigen und ſittlichern Formen der alten chriſt⸗ Bilt lichen Kunſt, welche man mißbräuchlich gothiſch des nennt, näher brachte. in In dem Maaße, als meine Arbeit fortſchritt und hatt die Köpfe der Figuren, welche ich zuerſt ausarbeitete, änd ihren wahren Ausdruck zeigten, begann ich ſo viel ohn Liebe zu meinem Werke zu fühlen, daß ich zuweilen Bilt Stunden lang bewegungslos auf meinem einſamen wiel Stübchen ſitzen blieb, mit dem Modellireiſen in der milk Hond, in ferne Träumereien verloren und mein Auge dem in Selbſtvergeſſenheit auf das Angeſicht des ſchützen⸗ den Mädchens gerichtet. Es war mir in ſolchen Momenten, ols ob mein Bild lebte; es ſchien zu mir zu ſprechen; mir dünkte, eine Seele wohne darin, welche in Gemeinſchaft mit meiner Seele u r ſtände. ruhte d da⸗ irten — ein das ndern Habe ft!“ ndheit d vor viele Schule t voll, ie der welche aber chriſt⸗ hiſch itt und beitete, ſo viel uweilen nſamen in der in Auge ſchützen⸗ ſolchen chien zu wohne rSeele 119 Sie ſchütteln zu ſolcher Verirrung den Kopf? In der That, mein Herr, Sie müſſen aus Erfahrung wiſſen; der Geiſt des Künſtlers ſchweift zuweilen ſo ferne ab, daß er die Grenze der Weſenheit über⸗ ſchreitet und in die Finſterniſſe des Wahnſinns ſich verliert. Aber Sie werden leicht begreifen, was mich in meinem eigenen Werke ſo bezauberte. Es lag in dem Lächeln, welches von Roſa's Geſicht auf den armen Knaben ſtrahlte, etwas ſo geheimnißvoll Tiefes und ſo Rührendes, daß ich zitterte, ſo oft daſſelbe ſogar von dem Bilde aus mich traf. Kein Wunder, nicht wahr? Hier war derſelbe Ausdruck, der auf Roſa's edelm Angeſichte zu mir redete, als ſie das erſte Mal in dem niedrigen Bauernhauſe die Hand des ſtummen Kindes gedrückt hatte. Und brauche ich wohl beizufügen, daß die Züge meines Bildes nichts anderes waren als die Abſpiegelung des feinen und engelgleichen Antlitzes, welches ſich in jener Stunde auf ewig meiner Seele eingeprägt hatte? O, die Jahre hatten Roſa unzweifelhaft ver⸗ ändert; ich ſollte ſie niemals mehr ſo ſehen, wie ſie ohne Unterlaß meinem Geiſte vorſchwebte; aber mein Bild wenigſtens, meine geliebte Schöpfung ließ ſie wieder aufleben vor meinen Augen, einfach, fein, mild und verführeriſch, als die ſüße Freundin von dem armen kleinen Leo! XIII. Den 3. September 1811, ungefähr um zwei Uhr Nachmittags arbeitete ich mit ganzer Seele an 120 meinem Bilde, als an die Thüre meines Zimmers geklopft wurde. Ein Diener brachte mir die uner⸗ wartete Kunde, Fräulein Pavelyn ſei von Marſeille angekommen und habe den Wunſch ausgedrückt, mich ſogleich zu ſehen. Ich bezwang meine Erregung in Gegenwart des Dieners; aber ſobald er die Treppe hinabſtieg, ſprang ich mit aufgehobenen Händen in meinem Zimmer herum und begann vor Freude wie ein Kind zu ſin⸗ gen und zu tanzen. Roſa war alſo angekommen! Nach ſo langer Abweſenheit ſollte ich ſie endlich wieder ſehen! Noch einige Minuten, und ich ſollte vor ihr ſtehen! Dießmal war es keine eitle Hoff⸗ nung, keine Verblendung; es war die glückliche Wirk⸗ lichteit! In aller Eile begann ich meine beſten Kleider anzulegen und mich ſorgfältig aufzuputzen. Es wäre nicht ſchicklich geweſen, Roſa lang warten zu laſſen und dadurch Gleichgültigkeit an den Tag zu legen. Ich blieb jedoch ziemlich lang mit meinem Anzuge beſchäftigt: ich hegte den Wunſch, mich ſo ſchön als möglich zu machen. Zwar rechtfertigte ich dieſes Verlangen vor mir ſelbſt durch die Vorſtellung, daß es ein feſtlicher Tag wäre und daß Herr Pavelyn es übel aufnehmen würde, wenn ich in nachläßiger Kleidung mich vorſtellte; aber die beſondere Trieb⸗ feder meiner Eitelkeit war das lebhafte Verlangen, Roſa's Beifall zu gewinnen, durch welche Verdienſte es auch geſchehen möchte. Als ich nach einer guten Viertelſtunde in vollem Schmucke durch die Straßen der Stadt ging, um mich nach der Wohnung von Herrn Pavelyn zu mers uner⸗ rſeille mich t des prang mmer u ſin⸗ men! ndlich ſollte Hoff⸗ Wirk⸗ leider wäre laſſen legen. nzuge n als dieſes „daß velyn ßiger Trieb⸗ ngen, ienſte ollem „um nzu 121 begeben, war meine Ungeduld auf's Höchſte ge⸗ ſtiegen, und ich hatte gute Luſt, aus allen Kräften zu laufen, aber ich hielt mich ſelbſt zurück und ſchritt vielmehr ſehr langſam einher. Das Gefühl der Schicklichkeit war in mir wach geworden und warnte mich vor meiner eigenen Auf⸗ regung. Es ſagte mir, daß es nicht die kleine Roſa, ſondern Fräulein Pavelyn war, die Tochter meines Wohlthäters, welcher ich entgegen ging; es mahnte mich an Zurückhaltung, an Ehrerbietung und an das ſtrenge Bewußtſein meines niedrigen Standes. Ich erinnerte mich an den Rath meiner Mutter, be⸗ ſchloß, meine Freude zu bezwingen und Roſa mit ruhiger Höflichkeit zu grüßen und willkommen zu heißen, bis ſie ſelbſt durch ihren freundlichen Em⸗ pfang mir das Recht zu dem freien Erguß der un⸗ endlichen Freude, von welcher mein Herz bei dem glücklichen Wiederſehen überſtrömte, einräumen würde. Als ich mich dem Hauſe von Herrn Pavelyn näherte, klopfte mein Herz gewaltig und der Schweiß ſtand mir, vor Verlangen oder vor Angſt, auf der Stirne. Ein Diener war an der Thürſchwelle. Er führte mich in den großen Saal.. und da befand ich mich plötzlich vor Roſa, welche einen Schritt auf mich zutrat, vor Ueberraſchung ſtehen blieb und zum Gruße mir ſagte: „Herr Leo! was ſind Sie groß geworden! Ich erkenne Sie wahrhaftig nicht mehr!“ „Mein Fräulein,“ ſtammelte ich faſt unhörbar, „ich danke Gott von Grund meines Herzens, daß er „ Sie geſund und wohl in das Vaterland zurückge⸗ führt hat!“ Wir ſtanden beide da, einander anſchauend; ich as mit bleichen Wangen und ſtarren Blicken, ſie mit 8 ſichtbarer Freiheit des Gemüths und ohne ein an⸗ Eim⸗ deres Zeichen von Bewegung, als ein leichtes Lä⸗ Etwe 6 cheln, welches nur einiges Erſtaunen über die Ver⸗ S änderung ausdrückte, welche mit meiner Geſtalt und meinen Geſichtszügen vorgegangen war. War dieß nun Roſa, das engelgleiche Kind, deſ⸗ 31 ſen milde Freundſchaft einſt den Strahl des Glücks lebe und der Hoffnung in die Finſterniß meiner Stumm⸗ S heit geworfen hatte? deren ſanften Händedruck ich ni noch fühlte, deren ſilbernes Stimmchen mir noch in den Ohren klang, aus deren blauen Augen ich noch Sihe den Glanz freier Zuneigung mir entgegenleuchten 1 ſah?— Die Jungfrau, bereits ſo groß wie ihre 1 Mutter, prächlig gekleidet, ſo ernſt von Haltung ichc und ſo eindringlich ſchön, daß ich nach dem erſten dräück Blick ſie nicht mehr anzuſehen wagte? ſ In meine Erregung miſchte ſich auch ein Gefühl ich von Verdruß und Bitterkeit. In der That, ich hatte mich nicht getäuſcht: die Roſa, deren Bild bis jetzt z in meinen Träumen gelebt hatte, war nicht mehr; ſie 5 die ſüße Bezauberung war für meine Seele auf im⸗ mer dahin. 3 Herr und Frau Pavelyn, welche glaubten, ich pezzu wäre in ſolches Erſtaunen gerathen über Roſa's auf⸗ 4 geſchoſſene Geſtalt, ergötzten ſich an meiner Ver⸗ und ſprachen ſcherzend einige wohlwollende orte. „Aber, Herr Leo,“ rief Roſa,„ich kann meine ſchaft tumm⸗ ck ich och in noch uchten e ihre altung erſten Gefühl hatte is jetzt mehr; uf im⸗ n, ich s auf⸗ Ver⸗ ollende meine 123 Ueberraſchung kaum verbergen! Als ich Antwerpen das letzte Mal verließ, waren Sie noch ein kleiner Junge; jetzt ſind Sie ein Mann!.. Kommen Sie, wir wollen uns ſetzen. Erzählen Sie mir Etwas von Ihrem Leben ſeit meiner Abweſenheit. Sie ſind zufrieden, nicht wahr? Es geht Ihnen immer wohl?“ Ich nahm den Seſſel, welchen ſie mir anbot. Ihre Stimme war noch ebenſo ſüß, wie zuvor; aber es lag in ihrer Sprache ein Ton von Freiheit, von Ueberlegenheit und Protection, welcher gegenüber meiner tiefen Bewegung mir als ein Beweis von Gleichgültigkeit vorkam. Dieſe Kälte von ihrer Seite erweckte mich zum Bewußtſein meiner Lage. Ich antwortete auf ihre Frage mit Zurückhaltung und Ehrerbietung, zuweilen auch mit dem Gefühle eines nur ſchlecht unterdrückten Feuers, beſonders wenn ich Gelegenheit fand, ihr meine Dankbarkeit auszu⸗ drücken, und ſie erinnerte, daß ich ihr alles Glück meines Lebens zu verdanken hätte;— daß, wenn ich auf der Bahn der Kunſt jemals Lorbeeren pflücken, Ruhm erringen und meinem Vaterlande zur Zierde werden dürfte, ich niemals vergeſſen könnte, wie ſie es wäre, deren milde Güte über mein Loos in der Welt entſchieden hätte. Fräulein Pavelyn ſchien nicht allein meine Dankes⸗ bezeugungen, ſondern ſelbſt Alles, was ich ſagte, mit Wohlgefallen anzuhören. Ich mußte ihr erzäh⸗ len von meinen Studien in der Akademie, von den Büchern, die ich geleſen, und von den Wiſſen⸗ ſchaften, deren Elemente ich durch mich ſelbſt er⸗ lernt hatte. 124 Sie zeigte ſich aufrichtig erfreut über meine fort⸗ geſchrittene Erziehung und wünſchte mir Glück zu meiner correcten Sprache und meinem gewählten Ausdruck. Ihrer Meinung nach konnte ich mich nun in jeder guten Geſellſchaft zeigen, mit der Gewißheit, daß ich, was Verſtand und Lebensart beträfe, nicht der letzte ſein würde. Es lag noch immer in ihrer Stimme und in ihren Worten derſelbe Ton von Gönnerſchaft, welcher mich ſehr klar erkennen und fühlen ließ, welchen weiten Abſtand die Zeit zwiſchen ſie und mich gelegt hatte. Sie, die mit mir ſprach und mich ausfragte, war ja Fräulein Pavelyn, die Erbin von einem der reichſten Kaufleute in Antwerpen;— ich, der demü⸗ thig ihr antwortete, ich war ja der arme Bauern⸗ junge, welchem die Wohlthätigkeit ihres Vaters einige Bildung und die Ausſicht auf ſpäteres Glück geſchenkt hatte. Anders konnte es nicht ſein, und anders ſollte es nicht ſein, das wußte ich wohl; aber es war mir nichts deſto weniger ein glanzreicher Zauber entrückt worden, und dieſe gewaltige Ent⸗ täuſchung hatte meinem Herzen eine blutige Wunde geſchlagen. Auch lag über Allem, was ich ſagte, eine ſtille Traurigkeit, etwas Schmerzliches, welches mehr als einmal Fräulein Pavelyn Grund zu einer Bemerkung gab, aber dennoch allen ihren Aufmun⸗ terungen widerſtand. Endlich ſtellte ſie ihre Fragen ein und begann nun ihrerſeits mir von ihrem Aufenthalte in dem ſchönen Lande der Oliven zu erzählen. Sie ſchil⸗ derte die Gegend dort mit ſo viel Bewunderung dafür und ſprach mit ſolchem Gefühl von der Schön⸗ heit d ihr a— um ai wurde Güte, mich e terlin, hölzer von 1 verlor glückli blick, aus d zuläch Stimt Töne; Es b aufzuf Lag v Seele, in mir einer kehr v zu we Glückn Schrit und il die D auch: te fort⸗ ück zu ählten ch nun ißheit, „nicht nd in velcher elchen gelegt fragte, m der demü⸗ auern⸗ Paters Glück „ und wohl; reicher e Ent⸗ Wunde ſagte, elches einer ifmun⸗ enn dem ſchil⸗ derung Schön⸗ 125 heit der ſüdlichen Natur, daß ich, ſo zu ſagen, mit ihr an der Küſte der blauen See lebte. Darüber vergaß ich einigermaßen meinen Verdruß, um auf ihre entzückenden Worte zu horchen. Noch ſüßer wurde es mir um's Herz, als ſie, wahrſcheinlich aus Güte, an die Freude unſerer einfachen Kinderjahre mich erinnerte, und des ſchönen Gartens, der Schmet⸗ terlinge, der Brücke über den Weiher, ja ſogar der hölzernen Figürchen, die ſie mit ſo großer Freude von mir empfangen hatte, Erwähnung that. Ich verlor mich mit ſeliger Selbſtvergeſſenheit in jene glücklichen Zeiten, und es ſchien mir dieſen Augen⸗ blick, als ob das Engelsangeſicht der kleinen Roſa aus den ernſten Zügen von Fräulein Pavelyn mir zulächelte. Es war wirklich noch ganz die ſilberne Stimme, nur mit mehr Fülle und Reichthum der Töne; noch ebenſo mild und freundlich, dünkte mir. Es begann in meinem Buſen eine neue Hoffnung aufzuflammen. Hatte ich mich vielleicht betrogen? Lag vielleicht die kleine Roſa, jenes Traumbild meiner Seele, nur verborgen unter einer modificirten Form? Dieſer tröſtliche Gedanke wurde jedoch ſogleich in mir erſtickt durch die Ankunft zweier Damen— einer Mutter und ihrer Tochter— welche die Rück⸗ kehr von Fräulein Pavelyn erfahren und nicht länger zu warten vermocht hatten, um ihren herzlichſten Glückwunſch darzubringen. Ich war aufgeſtandeu und aus Achtung einen Schritt zurückgetreten. Nach dem erſten, mit Roſa und ihren Eltern gewechſelten Gruße wandten ſich die Damen mit beſonderer Freundlichkeit grüßend auch zu mir. Es lag ſo viel ſchmeichelnde Hoch⸗ 126 ſchätzung in ihrem Lächeln, daß ſie augenſcheinlich über meine Perſon und über meine Beziehung zu Herrn Pavelyn im Irrthum waren. Während Roſa von ihrem Aufenthalte in Marſeille erzählte, um die Neugierde der Damen zu befriedigen, betrachteten ſie mich mit ſichtbarem Intereſſe. Die älteſte insbe⸗ ſondere wandte beinahe ihre Augen nicht von mit ab und richtete von Zeit zu Zeit das Wort an mich, um meine Anſichten über das, was geſprochen wurde, zu erfahren. Sie ſchien eine große Zuneigung, ja ſelbſt Achtung für meine Perſon zu fühlen, denn der geringſte Laut, welcher von meinen Lippen fiel, ver⸗ anlaßte ſie, höchſt beifällig mit dem Kopfe zu nicken. — Endlich drückte ſie unbemäntelt ihr Verlangen aus, mich kennen zu lernen. „Herr Wolvenger iſt Bildhauer,“ ſagte Roſa. „Dilettant?“ fragte die Dame. „Nein, ein ächter Künſtler,“ war die Antwort, „welcher die Verherlichung des Vaterlandes ſich zum ernſtlichen Ziel ſeines Lebens geſetzt hat.“ Die alte Dame zuckte die Achſeln, während ſie mit ſpöttiſcher Verwunderung ſagte: „Ich habe mich getäuſcht: ich dachte, der Herr wäre ein Couſin von Ihnen.“ Ihre Tochter rief mit einem beinahe ſpöttiſchen Lächeln: „O, der Herr iſt Künſtler? Man ſollte das nicht ſagen! Was ſind gegenwärtig ſo viele Künſtler in Antwerpen! Erſt geſtern bei der Soirée des Herrn de Coninck waren deren fünf oder ſechs da!“ Fräulein Pavelyn bemerkte gewiß auf meinem Geſichte, daß die Worte der beiden Damen mit nicht gewi Liebe werp breite vered angel Pave täuſch Was Lobe diſtin würd aber D angen und k geiſter Menſ Talen ſeine er w mache ter, je D Stirn mich W genwe Vater einlich ng zu Roſa um die ten ſie insbe⸗ n mir nmich, wurde, ng, ja 3 der el, ver⸗ nicken. langen toſa. ntwort, ich zum rend ſie er Herr öttiſchen as nicht nſtler in Herrn E meinem nen mir 127 nicht angenehm waren, denn ſie entgegnete mit einem gewiſſen Nachdruck: „Das beweist, daß der gute Geſchmack und die Liebe zur Kunſt in den höhern Kreiſen der Ant⸗ werpener Kaufmannſchaft ſich mehr und mehr ver⸗ breiten. Es gibt Nichts, was den Hondel mehr veredelt, als der Schutz, welchen derſelbe der Kunſt angedeihen läßt.“ „Entſchuldigen Sie uns, mein liebes Fräulein Pavelyn,“ fiel die Dame ihr in das Wort,„Sie täuſchen ſich über die Abſicht unſerer Bemerkung. Was meine Tochter ſagen wollte, war ganz zum Lobe des Herrn. Wirklich, wären alle Künſtler ſo diſtinguirt und von guter Geburt, wie er, dann würde deren Gegenwart überall wünſchenswerth ſein; aber Sie wiſſen Dieſe letzten Worte ſchienen Herrn Pavelyn un⸗ angenehm zu berühren, denn er unterbrach die Dame und begann mit einer gewiſſen zurückgehaltenen Be⸗ geiſterung den Beweis zu führen, daß es für einen Menſchen höchſt ehrenvoll ſei, ſich durch eigenes Talent in der Geſellſchaft zu erheben, und ſchloß ſeine Rede, wie gewöhnlich, damit, daß er ſich rühmte, er wolle aus mir einen hervorragenden Künſtler machen, obwohl ich der Sohn von einem ſeiner Päch⸗ ter, ja ſogar von einem armen Holzſchuhmacher wäre. Die Röthe der Schaam trat plötzlich auf meine Stirne; krampfhaft biß ich auf die Zähne; ich fühlte mich gehöhnt und gedemüthigt. Wohl hundertmal hatte Herr Pavelyn in Ge⸗ genwart ſeiner Bekannten daran erinnert, daß mein Vater ein Holzſchuhmacher war. Er that es in wohl⸗ 128 wollender Abſicht und bezeugte bei jeder Gelegenheit, daß er ſeinen Stolz darein ſetze, aus einem Bauern⸗ kind einen wohlerzogenen Mann und einen guten Künſtler zu machen. Warum blutete mir jetzt das Herz, als ich meines Vaters Beruf erwähnen hörte? Es war das erſte Mal, daß ich eine ſolche Bewegung in mir gewahr wurde. Auch erſchrack ich heftig über die Entdeckung eines ſolchen Hochmuths in mir, und bezwang meinen Verdruß durch eine gewaltige Kraft⸗ anſtrengung. Die Worte von Herrn Pavelyn machten nicht den erwarteten Eindruck auf das Gemüth der Damen. Sobald Sie erfuhren, daß ich nur ſein Schützling war, zog über ihr Geſicht ein Lächeln von Gleich⸗ gültigkeit, oder von etwas noch Ungünſtigerem, und ſie brachten unmittelbar das Geſpräch auf einen andern Gegenſtand, indem ſie das Geſicht von mit abwandten und eine Haltung annahmen, als ob ich gar nicht mehr da wäre. Das Blut kochte mir in dem Kopfe und ich ver⸗ ging beinahe vor Demüthigung und Verdruß. Was hätte ich nicht gegeben, wenn ich in dieſem Augen⸗ blick hundert Stunden von Roſa entfernt geweſen wäre! Verzweifelnd kämpfte ich in meinem Innerſten gegen die gewaltſamen Regungen meines gekränkten Stolzes, der ſich gegen meinen Wohlthäter ſelbſt empören wollte; aber ich blieb meiner Bewegung Meiſter und verrieth nicht, was in mir vorging. Nach einer Weile erſchienen noch zwei Herren im Saale, und die Complimente begannen von Neuem⸗ Der Gedanke, daß dieſelbe Erniedrigung mich zun zweiten Male treffen könnte, brachte mich zum Zittern⸗ U in di vorge indem am Y ich we ſagte: da ſie müßte Je Begrü Fr die Tl hätte Höflich der G in die Herzen Eit ich ful ſein ut wollte kaum k aus m bald ic ſank ich Lar ſchmerz Ausſtri meinen Con enheit, auern⸗ guten tzt das hörte? vegung ig über ir, und Kraft⸗ n nicht Damen. hützling Gleich⸗ m, und f einen 0n mit ob ich ich ver⸗ 6e Augen⸗ geweſen nnerſten kränkten er ſelbſt wegung ging. rren im Neuem. Zittern 129 Unter dem Vorwande, daß ich meinen Gönnern in dieſem Augenblicke zur Laſt fallen möchte, und vorgebend, daß ich anderswo erwartet würde, bat ich Herrn Pavelyn um Erlaubniß, mich zu entfernen, indem ich verſprach, des andern Tages, ſchon früh am Morgen, meinen Beſuch zu wiederholen. Der Urlaub wurde mir bereitwillig ertheilt, denn ich war hier in der That zu viel; aber Roſa ſelbſt ſagte mir, ich möchte am nächſten Tage nicht kommen, da ſie den ganzen Tag mit ihrer Mutter ausgehen müßte, um Freunde und Bekannte zu beſuchen. Ich nahm meinen Hut und verließ nach einer Begrüßung den Saal. Fräulein Pavelyn allein begleitete mich bis an die Thüre. Für dieſe wohlwollende Aufmerkſamkeit hätte ich ihr ſicher dankbar ſein müſſen; aber Roſa's Höflichkeit hatte etwas ſo Ernſtes— und ſo kalt fiel der Gruß„auf Wiederſehen, Herr Wolvenger!“ mir in die Ohren, daß ich wirr im Kopf und gebrochenen Herzens zur Thüre hinauslief. Eine Gedankenfluth ſtürmte mir durch den Kopf; ich fühlte die dringende Nothwendigkeit, allein zu ſein und meine Sinne zu entwirren. Der Schmerz wollte mich ſelbſt auf der Straße überwältigen; kaum konnte ich die Thränen unterdrücken, welche aus meinem beklemmten Buſen aufwallten; aber ſo⸗ bald ich die Thüre meines Zimmers geſchloſſen hatte, ſank ich auf einen Stuhl und brach in Thränen aus“ Lang blieb ich bewegungslos und vernichtet unter ſchmerzlichen Betrachtungen. Endlich brachte das Ausſtrömen meines Verdruſſes einige Klarheit in meinen Geiſt. Ich begann, mich gegen meine uner⸗ Conſcience, Das eiſerne Grab. 9 130 klärliche Verwirrung zu erheben und mich ſelbſt des Wahnſinns zu beſchuldigen. Was hatte ich denn gehofft? was durfte ich be⸗ gehren? War Roſa nicht liebreich gegen mich geweſen? Welches Recht hatte ich, mehr zu verlangen oder zu wünſchen? Der Beruf meines Vaters hatte mich gleich einer Verhöhnung zum Erröthen gebracht! Mein Herz hatte ſich gegen meinen Wohlthäter em pört! Es war alſo mein anmaßlicher Sinn, welchem eine ſolche Täuſchung widerfahren? Ein verdamm licher Hochmuth hatte die Dankbarkeit in meinen Herzen verdrängt? Und die Warnungen meine Mutter waren alſo nicht ohne Grund geweſen? Dis heilſamen Rathſchläge hatte ich vergeſſen; ich ſchämt⸗ mich meiner niedrigen Abkunft und hatte zu träumen gewagt, daß Gleichheit und Vertraulichkeit zwiſcher der Tochter des reichen Gönners und dem armel Schützling fortbeſtehen könnte? Thor, der ich war Nun begriff ich es nur zu gut; zwiſchen ihr un mir lag nicht allein die Geburt, ſondern noch mehr di Wohlthat: eine ganze Welt von Abſtand! Unter dem Eindruck ſolcher Gedanken ſprang it von meinem Stuhle auf und lief im Zimmer au und ab; ich erſchrack vor mir ſelbſt und ſchlug mit erbittert vor die Stirne. Abſcheulich erſchien mit die ſtolze Anmaßung, die ich in mir entdeckt zu haben glaubte; und fielen auch noch Thränen aus meinen Augen, ſo entſprangen ſie einer Art blinder Raſers gegen mich ſelbſt. Auch dieſer Sturm beruhigte ſich endlich. Dam fragte ich, was ich benn wohl gethan habe, umſ ſtren tiefſt gege jemc ziger zu n Ueb die dank ( Ged geſti Urſa fühl Roſo beriſ ließ. Roſe Lebe Frau der mein weiſe weni dank trübe Inne Keim Ruhe die ſ unbe bſt des ich be⸗ n mich en oder tte mich ebracht! äter em⸗ welchem rdamm⸗ meinen meinet en Die ſchämt träumer zwiſchen ame ich war ihr un mehr di rang it mer au lug mit hien mi zu haber meinet r Raſere . Dam , m ſ ſtreng beurtheilt zu werden? Lag nicht in mir die tiefſte Ehrerbietung und die innigſte Dankbarkeit gegen meine Wohlthäter? Fühlte ich mich im Stande, jemals mit einem einzigen Worte, oder einem ein⸗ zigen Gedanken meiner Pflicht gegen ſie ungetreu zu werden? Und dann rief ich triumphirend mit voller Ueberzeugung aus:„Nein, nein, lieber ſterben, als die genoſſenen Wohlthaten durch Hochmuth oder Un⸗ dankbarkeit vergelten. Nie, nie!....“ Sie lächeln, mein Herrr? Ich verſtehe Ihre Gedanken. Es iſt in Ihnen die Vermuthung auf⸗ geſtiegen, daß meine Erregung wohl eine andere Urſache haben könnte; daß ein ſelbſtſüchtigeres Ge⸗ fühl, als die Dankbarkeit, mich ſo empfindlich in Roſa's Gegenwart gemacht habe und mich ſo fie⸗ beriſch nach ihrer Achtung und Freundſchaft verlangen ließ. Mit einem Wort, Sie ſetzen voraus, daß ich Roſa liebte, nicht allein, weil ſie die Urſache meines Lebensglücks, ſondern noch obendrein, weil ſie eine Frau und ſchön war? Sie irren ſich. Lag wirklich der Keim eines ſolchen Gefühls irgend in der Tiefe meines Herzens verborgen, wie ſpätere Vorfälle be⸗ weiſen, ſo war es damals noch ſchlafend— und ſo wenig Einfluß hatte ſein Daſein auf meine Ge⸗ danken, daß ich unter dem Beſtreben, bei meinen trüben Betrachtungen alle die Geheimniſſe meines Innern zu ergründen, das Beſtehen eines ſolchen Keimes weder vermuthet noch gefürchtet hatte. Zuletzt überſchaute ich meinen Zuſtand mit großer Ruhe und ſpottete über mich ſelbſt, als eine Seele, die ſich eine Welt aus Erinnerungen geſchaffen und unbewußt in der ſchönen Kindheit fortgelebt hatte, 9 132 ohne zu bemerken, daß die Zeit allmälig von allen Seiten die Wirklichkeit hatte erſtehen laſſen, um dieſen Traum auf einmal mit Gewalt zu vernichten. Es war ſo wohl natürlich, daß die plötzliche Ent⸗ zauberung mir Schmerz verurſachte; aber der Schlag konnte ſich nicht zweimal wiederholen: die Binde war von den Augen geriſſen, und ich mußte fortan die Dinge mit klarem, ernſtem Blick betrachten, wie Pflicht und Vernunft von Jemand forderten, welcher in das Mannesalter zu treten im Begriff war. Dieſer Ueberlegung zufolge beſchloß ich, mit ſicht⸗ barem Frieden des Gemüths mich gegen meine Be⸗ ſchützer zu betragen, als ob zwiſchen mir und ihnen kein anderes Band, als das der Wohlthat beſtände, ——— und mein Loos ſo anzunehmen, wie Gottes Güte und ihr Edelmuth es gemacht hatten. XIV. Roſa blieb von dieſem Tage an gleich wohlwol⸗ lend gegen mich, und ich hatte Grund, mit der Zuneigung, welche ſie mir bezeugte, zufrieden zu ſein; aber trotz meines gefaßten Beſchluſſes, alle Luſt zu eiteln Träumereien zu verbannen, fehlte Etwas an meinem Glücke. Es hing beſtändig ein Rebel ge⸗ heimer Betrübniß über meinem Geiſte. Ich konnte aus Pflichtgefühl dieſe Schwermuth wohl einiger⸗ maßen vor Roſa und ihren Eltern verbergen, aber ſie niemals wirklich unterdrücken. In Roſa's Freundlichkeit gegen? mich und bei unſern innigſten Geſprächen herrſchte ihrerſeits der — zuri tun ihre gan und Ha „wie . eche r. t ſicht⸗ e Be⸗ ihnen tände, Güte hlwol⸗ nit der u ſein; zuſt zu as an e ge⸗ konnte iniger⸗ , aber nd bei its der — 133 Ton des reinſten Wohlwollens, und noch niemals hatte ſie meinen Namen genannt, ohne das höfliche Wort Herr beizufügen. Ihre Sprache, wenn auch noch ſo liebreich, war umhüllt von den Formen des äußerſten Anſtandes: immerdar ſchützend und wohl⸗ geneigt, aber niemals zuthulich oder vertraulich. Was mich betrifft, ſo iſt es begreiflich, daß ich, da ich mir ſelbſt Vorſicht und Ehrerbietung zum Geſetz gemacht hatte, durch ihr Beiſpiel zu noch größerer Beſcheidenheit genöthigt wurde. Dieſe gegenſeitige Haltung hatte zur Folge, daß ich keinen beſondern Antrieb fühlte, öfters, als die Pflicht erheiſchte, in das Haus meiner Wohlthäter zu gehen. Im Gegentheil, ich verliebte mich immer mehr in mein Bild, welches mir die wahre, die ein⸗ fache, die milde Roſa darſtellte und mir meine Schweſter von ehemals, meine liebe kleine Mutter zurückgab. Meiſtens verfloſſen vierzehn Tage von einem Beſuche zum andern bei Herrn Pavelyn, denn ſo viel möglich zeigte ich mich nur an dem Sonn⸗ tag, wo ich ſeit Jahren, wie mir aufgegeben war, be meinen Gönnern das Mittagsmahl einnehmen ollte. Jetzt, nach drei Monaten dieſes eingezogenen Lebens, ging allmälig, auf eine faſt unmerkliche Weiſe, eine gründliche Veränderung in Roſa's Hal⸗ tung gegen mich vor. Es war mehr Gefühl in ihrem Worte, mehr Tiefe in ihrem Lächeln, ſie be⸗ gann, dünkte mir, meine Gegenwart zu verlangen und ſchien erfreut, ſo oft ſie mich in ihres Vaters Haus kommen ſah. Sie drang ſogar bei ihren 134 Eltern darauf, mir zum Mindeſten alle acht Tage einen Beſuch zur Pflicht zu machen. Jetzt bekam ſie eine auffallende Luſt, mit mir am Klavier zu ſingen, und ſie lehrte mich die ſchönſten Arien, welche damals bekannt waren. Meine Stimme, ſagte ſie, hatte etwas Inniges, etwas Gefühlvolles, etwas Harmoniſches, das ſie entzückte. Nicht ſelten entſchlüpfte ihr mein Name, ohne daß das Wort Herr ihm voranging; doch ſie verbeſſerte, gleich⸗ ſam überraſcht durch ihre eigene Vergeßlichkeit, jedes⸗ mal ihren Mißgriff und wiederholte unmittelbar meinen Namen in der Form der ſtrengſten Schick⸗ lichkeit. Es geſchah auch, daß ich unerwartet ihre Augen auf mich gerichtet ſah, mit einem ſeltſamen Blicke, deſſen Tiefe und Feſtigkeit mich erzittern machte, ohne daß ich begriff warum. Ich ſuchte jedoch einen ſolchen Eindruck dadurch zu erklären, daß dieſe Blicke mir dieſelben ſchienen, wie jene, welche aus Roſa's Augen ſo oft, als wir noch Kinder waren, mich be⸗ ſtrahlt hatten. Es war demgemäß nichts Anderes, als eine Erinnerung, welche mich ſo ſehr bewegte. War Roſa faſt immer heiter und aufgeräumt in meiner Gegenwart, ſo verfiel ſie wieder zeitweiſe in eine unerklärliche Traurigkeit und verlor ſich mitten unter unſerem Geſpräche in zerſtreute Träu⸗ mereien. Ihre Eltern beſchuldigten ſie lachend der Grillenhaftigkeit und erzählten, wie ſie zuweilen Stunden lang in ſtillem Nachſinnen daſitze, dann plötzlich zur äußerſten Fröhlichkeit übergehe, um ſo⸗ gleich wieder in ſprachloſe Schwermuth zu verſinken. Sie meinten, ihre Tochter ſehne ſich nach dem ſchönen Lande und der ſüdlichen Luft von Marſeille; aber Roſa verſicherte, ohne die Richtigkeit dieſer Ver⸗ muthung zu bezweifeln, daß ſie nicht die mindeſte Luſt empfinde, ihre Geburtsſtadt wieder zu verlaſſen. So näherte ſich endlich der Monat, in welchen Roſa's Geburtstag fiel. Mein Bild war ganz fertig, und ich hatte bereits die nöthigen Vorbereitungen getroffen, um es in Gyps abzugießen. Als ich mit der Arbeit ſo weit gekommen war, daß ich die jetzt unnütze Form meines Bildes abzu⸗ ſchlagen begann, wurden mein Zimmer und die Treppen des Hauſes, wo ich einquartirt war, ſo voll Gyps, daß Meiſter Jan darüber mit Herrn Pavelyn ſprach und ihm ſagte, daß ich Monate lang, beinahe ohne zu eſſen oder zu ſchlafen, an einem Doppelbilde gearbeitet habe und jetzt ſeine Wohnung ſo unſauber mache, als ob zehn Maurer darin be⸗ ſchäftigt wären. Was Meiſter Jan über die Ge⸗ ſtalt und die Bedeutung meiner Bilder erzählte, erregte die Neugierde von Herrn Pavelyn ſo ſehr, daß er mich rufen ließ, um von mir zu erfahren, woran ich ſo lang insgeheim gearbeitet hatte. Ich erklärte ihm, was an der Sache war, indem ich ſagte, es ſei mein Wunſch, Fräulein Roſa auf ihren Geburtstag mit meinem erſten Kunſtprobeſtück ein Geſchent zu machen, und ich habe dieſe Abſicht vor ihm verborgen gehalten, um ihn durch den Anblick der vollendeten Gruppe angenehm zu über⸗ raſchen, wenn mein Werk, wie ich hoffte, ſeinen wohlwollenden Beifall ſich erwerben ſollte. Es erfreute meinen Beſchützer, zu vernehmen, daß ich es hätte wagen dürfen, eine eigene Schö⸗ „ 136 pfung in völliger Einſamkeit, ohne Rath und Hülfe von einem Meiſter oder Freunde, zu Stande zu brin⸗ gen. Er zeigte ſich ſehr ungeduldig, mit eigenen Augen über das Gelingen meines erſten Verſuches urtheilen zu können, denn dieſes Produkt meiner Kunſt erregte bei ihm ebenſo viel Theilnahme und machte ihn ebenſo ſtolz, als ob er es mir entworfen und gleichfalls Hand daran gelegt hätte. Ich mußte ihm verſprechen, ihn, ohne Roſa oder ihrer Mutter etwas davon zu ſagen, in mein Arbeitszimmer zu führen, ſobald meine Bilder aus der Form genom⸗ men und ſauber ausgeputzt wären. Einige Tage ſpäter führte ich Herrn Pavelyn in mein Zimmer und zeigte ihm die vollendete Gruppe, welche auf einem hohen Fußgeſtell unter dem Lichte meines Fenſters ſtand. Sprachlos betrachtete er einige Minuten mein Werk. Schon wurde es mir etwas beklemmt um's Herz, bei dem Gedanken, dieſes Stillſchweigen möchte ein Zeichen des Mißfallens ſein, als Herr Pavelyn plötzlich meine Hand faßte, ſie kräftig drückte und im Tone wahren Gefühls zu mir ſagte: „Leo, Du haſt nicht nur ein ſchönes Kunſtwerk geſchaffen, ſondern, was beſſer iſt, Du biſt ein braver, guter Junge! Ah, ich täuſche mich nicht über die Bedeutung Deiner Gruppe! Der Schutz⸗ engel, der ſich ſo hoch auf dem Fußgeſtell erhebt, iſt meine Tochter, nicht wahr? Aus einem Gefühl zarter Rückſicht haſt Du ihre Geſichtszüge ſo gebildet, wie ſie waren, als wir das Schloß zu Bodeghem angekauft hatten? Sie iſt getroffen, ausnehmend ge⸗ troffen: es iſt, als ob jene ganze Zeit vor meinem Hülfe brin⸗ genen ſuches neiner und vorfen mußte Nutter er zu enom⸗ yn in ruppe, Lichte mein um's nöchte welyn und ſtwerk ſt ein nicht Schutz⸗ rhebt, efühl bildet, eghem d ge⸗ einem 137 Auge wieder auflebte, durch den bloßen Anblick Deines Bildes! Und dieſer zur Erde gebeugte Knabe, wer ſollte es ſein? Leo, Du biſt zu demüthig; aber es macht Dir dennoch große Ehre, daß Du Dein erſtes Werk zu einem Ausdruck der Dankbarkeit ge⸗ macht haſt. Ich bin zufrieden mit Dir!“ Dann begann er insbeſondere die Verdienſte an⸗ zudeuten, welche er an meiner Arbeit zu entdecken glaubte. Seine Neigung zu mir ließ ihn gewiß ſeine Lobeserhebungen übertreiben, denn ihm zufolge hatte ich ein Meiſterſtück hervorgebracht. Ich horchte mit klopfendem Herzen und mit Thrä⸗ nen des Glückes in den Augen. Er iſt ſo ſüß und ſo verlockend, der erſte Beifall, welcher einem Künſt⸗ ler als Verheißung ſpäteren Ruhmes zu Theil wird. Mein Wohlthäter bewunderte das Werk meiner Hände! Ich war ſomit wirklich ein Künſtler, wahrſcheinlich noch unerfahren und ſchwach, aber doch ein Künſtler! Herr Pavelyn verſicherte, meine Schöpfung ſei ver⸗ dienſtlich genug, um ſie öffentlich auszuſtellen, und bedauerte, daß ſich im Laufe dieſes Jahrs keine Gelegenheit hiezu finde. Mitten unter ſeinen Be⸗ trachtungen ſchlug er ſich plötzlich vor die Stirne und rief freudig aus: „Ha, ein glückicher Gedanke! Ich habe es ge⸗ funden! Höre. Ich habe die Abſicht, dieſen Winter eine prächtige Soirée zu geben, um Roſa's Rückkehr zu feiern, oder vielmehr, ſie mit einem Male in die Welt einzuführen. Warum ſollte ich dieſe Soirée nicht auf Roſas Geburtstag verlegen? Nachmittags wirſt Du Deihe Gruppe ihr zum Geſchenke geben. Ich laſſe im Hintergrunde unſeres großen Saales 138 durch Tapeziere eine Niſche herrichten, um Dein Ge⸗ ſchenk darin aufzuſtellen; des Abends wird es auf ſolche Art die ſchönſte Zierde des Feſtſaales ſein, und alle meine Freunde und Bekannte, die Elite des Antwerpener Handels, können Dein Werk ſehen und bewundern.“ Ich machte einige Einwendungen und ſuchte mei⸗ nem Beſchützer begreiflich zu machen, daß ich noch zu jung und unerfahren wäre, um mich bereits dem Urtheile des Publikums zu unterwerfen; aber die Sache war nun einmal in ſeinem Kopfe beſchloſſen, und ſein Gedanke gefiel ihm zu ſehr, als daß er noch eine Modification deſſelben geſtattet hätte. Ehe er mich verließ, traf er noch alle Vorkeh⸗ rungen für dieſe Schauſtellung meines Bildes, und als er ſchon die Treppe hinabſtieg, rief er mir noch die herzlichſten Worte des Lobes und der Aufmun⸗ terung zu. In mein Zimmer zurückkehrend, hob ich Hände und Augen zum Himmel, um Gott für den unver⸗ hofften Erfolg zu danken. Lange Zeit blieb ich be⸗ trachtend vor meinem Bilde ſtehen, ich rückte es mir näher, ich entfernte es wieder, ich drehte es rund um, ich flüſterte, ich lachte, ich jubelte. In meiner Entzückung glaubte ich wirklich an meinem Werke unendlich mehr Schönheiten zu entdecken, als ich früher vermuthet hatte, und es fehlte nicht viel, ſo empfand ich dieſelbe Bewunderung dafür, wie Herr Pavelyn. Endlich wurde mir mein Zimmer zu eng, um der Freude, welche mein Herz überſtrömte, Luft zu machen. Ich lief die Treppe hinab und ſprang auf die den ich ihm heit wei wer unt der mie ſchl ver mi zu mi niß und mei⸗ noch dem die oſſen, 6 orkeh⸗ und noch fmun⸗ ⸗ Hände unver⸗ ch be⸗ s mir rund meiner Werke ls ich ie, ſ e Herr m uft zu ng auf 139 die Straße. Das Herz ſchwoll mir, ich ſchritt mit gehobenem Haupte und dem Lichte des Stolzes in den Augen einher. Es ſchien mir, Jedermann, dem ich begegnete, müßte wiſſen, daß ein Künſtler an ihm vorüberging. In meiner kindiſchen Aufgeblaſen⸗ heit überraſchte es mich, daß Viele ihres Weges weiter zogen, ohne nur einen Blick auf mich zu werfen. Wie dem nun ſei, ich war unſäglich froh und glücklich, voll Entzückens und angeſpornt von der Freude, fortzumarſchiren, bis die Abendſtunde mich zwang, den Weg nach der Akademie einzu⸗ ſchlagen. Meine Kameraden fanden mich langweilig und verdrießlich, weil ich nicht Acht gab auf das, was um mich herum geſprochen wurde, und mit genauer Noth auf ihre Fragen eine Antwort hatte. Ich war zu tief in die ſeligſte Träumerei verſunken. Was mich erregte, war ein ſüßes, aber ſtrenges Geheim⸗ niß, welches ich nicht durch Mittheilung an irgend Jemand entheiligen wollte. XV. Der feurig herbeigewünſchte Tag war endlich gekommen; noch einige Stunden, und die prächtige Soirée ſollte beginnen. Meine Gruppe wurde in das Haus meines Gönners gebracht und ein paar Arbeitsleute waren damit beſchäftigt, ſie nach meiner Anweiſung auf einem ſchönen Fußgeſtell zurechtzuſetzen. Herr Pavelyn, der bei dieſer Arbeit gegenwärtig —— 140 war, rieb ſich die Hände vor Freude und legte die äußerſte Ungeduld an den Tag, ſeine Tochter und ſeine Gattin ſogleich herbeizurufen; aber ich hielt ihn noch eine Weile zurück, unter dem Vorwande, daß ich hie und da noch Etwas an meinem Bilde zu verbeſſern hätte. Es war mir ſonderbar zu Muthe: Alles ſchien in meinem Innern zu zittern; ich konnte kaum Athem holen, und obwohl die Aufregung mir die Wangen röthen mußte, fühlte ich doch, wie der kalte Schweiß mir auf der Stirne perlte. Feierlicher Augenblick! Sie, die mich zum Künſtler gemacht hatte, ſollte jetzt mein erſtes Werk zu Geſicht bekommen! Sie, die noch fortwährend die einzige Triebfeder von allen meinen Gedanken, die einzige Urſache meiner Hoff⸗ nung und meines Stolzes war, ſie ſollte jetzt ihr Urtheil über mich abgeben! War es an dem, daß ein Verdammungsſpruch von ihr den Glauben in meinem Buſen erſtickte, oder ihr Beifall mich mit Rieſenkraft und Rieſenmuth begeiſterte? Wie ſchön, wie eindrucksvoll war mein Bild, als es jetzt am Ende des Saales in einer prächtigen Niſche ſich erhob! Wie trat es aus der Umhüllung von dunkelrothem Sammt hervor, mit welchem die Woand hinter ihm ausgeſchlagen war! Wie beherrſchte es durch ſeine glänzende Weiße die Fülle goldener Verzierungen, welche von allen Seiten es einſchloßen! In Wahrheit, ſo halb in ein effectvolles Licht gerückt, von dem roſigen Wiederſchein des Sammtvorhangs ſchmeichelnd beſtrichen, ſchienen meine Geſtalten beſeelt; es war, als ob das Blut durch ihre Adern ſtrömte, und ein geheimnißvoller Duft, etwas Träumeriſches und ſcha über oder erſte ein Bür meir beit ſelbſ ſeine nen theil nicht an n mir Kun c bei walt Blä mit unte es, lyn und mach er d die und hielt nde, ilde hien them ngen weiß lick! ollte Sie, allen Hoff⸗ ihr daß n in mit Bild, tigen llung n die rſchte dener oßen! rückt, ans ſeelt; ömte, iſches 141 und Unfaßliches ſie umſchlöße. Das Auge des Be⸗ ſchauers mußte bei dem erſten Blick betroffen und überraſcht werden, ſelbſt ehe er über die Verdienſte oder Mängel meines Werkes zu urtheilen vermochte. Ich hatte ſo die gegründetſte Ausſicht, daß der erſte Eindruck meines Werkes auf Roſa's Gemüth ein günſtiger ſein würde. Welche Belohnung! Welche Bürgſchaft einer ruhmvollen Zukunft!— Während ich mich in der einfältigen Bewunderung meines Bildes vergaß, ließ Herr Pavelyn die Ar⸗ beiter aus dem Saale ſich entfernen und folgte ihnen ſelbſt, indem er mir zurief, daß er ſeine Frau und ſeine Tochter holen wolle. Ich begann gleich einem Verbrecher, welcher ſei⸗ nen Richter erwaärtet, zu zittern. Mußte das Ur⸗ theil, welches über mich ausgeſprochen werden ſollte, nicht über mein Leben entſcheiden? Konnte ich wohl an mich ſelbſt glauben, und hätte auch die ganze Welt mir zugejauchzt, wenn Roſa's Hochſchätzung meiner Kunſt fehlte? Ich befand mich in ſolcher Aufregung, daß ich bei ihrem Erſcheinen im Saale mein Blut mit Ge⸗ walt nach dem Herzen zurückſtrömen fühlte, und die Bläſſe der Angſt auf dem Geſichte, mußte ich mich mit der Hand an dem Fußgeſtell halten, um nicht unter meiner unbegreiflichen Bewegung zu erliegen. Roſa näherte ſich meinem Bilde und betrachtete es, ohne ein Wort zu ſprechen, während Herr Pave⸗ lyn ihr erklärte, es ſei ein Geſchenk von mir für ſie, und ſeine Frau und Tochter darauf aufmerkſam machte, daß die Geſichtszüge des Schutzengels, wie er die Geſtalt nannte, keine anderen ſeien, als die⸗ 142 jenigen des kleinen Mädchens, deſſen Mitleiden mit einem armen ſtummen Kinde dem Lande einen aus⸗ gezeichneten Künſtler gegeben habe. Roſa hörte ihres Vaters Worte wahrſcheinlich nicht. Ihre großen blauen Augen weit gesffnet, ſtarrte ſie mein Werk an. Ich ſah, wie ihre Bruſt ſich hob und ſenkte, ich ſah die Röthe der Be⸗ wegung auf ihrem Angeſicht aufſteigen „Nun, was hältſt Du von dieſem Meiſter⸗ werke?“ rief ihr Vater.„Maon möchte ſagen, Roſa, Du ſeieſt mit Stummheit geſchlagen. Es iſt ſehr ſchön, nicht wahr?“ Roſa warf einen langen Blick in meine Augen, einen Blick, ſo tief, daß mir das Blut im Herzen ſtockte. Sie ſchien mich durchdringen zu wollen; ſie fragte mich Etwas;— aber was? „Kannſt Du denn ganz und gar nicht ſprechen?“ ſcherzte ihr Vater.„ Komm, ſag' uns doch, was Du von Leo's erſtem Werke denkſt?“ „Ach, es iſt zu ſchön, viel zu ſchön!“ ſtam⸗ melte ſie. Eine lebhafte Röthe erhellte ihre Stirne, und wie beſchämt über ihre Bewegung, wandte ſie ſich, die Hände vor den Augen, von mir ab. Zu ſagen, was ich fühlte, wäre unmöglich. Ich wankte, es wurde mir ſchwindlich im Kopfe, mein Herz zerſchmolz vor Glückſeligkeit, und ich ſah vot meinen wirren Augen lauter Lorbeeren und Kränze mich anlächeln; ich ſah die Zukunft ſich entfalten: ich ſah die entzückte Menge mit aufgehobenen Hän⸗ den dem Künſtler zujauchzen, welchen der Beifa — S S m mit aus⸗ inlich ffnet, Bruſt Be⸗ eiſter⸗ Roſa, t ſehr lugen, Herzen en; ſie chen as Du ſtam⸗ e, und ſie ſich, h. Ich „ mein ſah vor Kränze ttfalten; en Hän⸗ Beifall 143 Roſa's, als einer Zauberin, zur Schöpfung von Wun⸗ dern befähigt hatte. Endlich legte ſich unſere Aufregung ein wenig unter dem Einfluß der heitern Bemerkungen von Herrn und Frau Pavelyn. Dann wurde mehr im Einzelnen über meine Gruppe geſprochen, und ich durfte zum Uebermaaße von Glück noch zwei oder drei Mal aus Roſa's Munde die Beſtätigung ihres Beifalls vernehmen. Sie ſprach jedoch nicht viel und ſchien weit abliegenden Gedanken ſich hinzugeben; aber ihre Augen ſtrahlten von einem fremden Glanze, und ſo oft ihr Blick auf mich fiel, wurde ich von einem unbegreiflichen Eindruck bis in die Seele ge⸗ troffen. Die Zeit verging für uns Alle blitzesſchnell; wir hatten ſogar nicht bemerkt, daß das Tageslicht ſich verminderte und der Abend einzubrechen begann. Herr Pavelyn, froh und ſtolz über mein Werk, ſprach faſt ganz allein und malte mit Selbſtzufrieden⸗ heit die Zukunft aus, welche durch ſeinen Schutz ſich vor mir aufthat. Er wollte mich nicht verlaſſen, ehe Ehre und Vermögen mir zu Theil würden; viele junge Künſtler ſahen auf ihrer Laufbahn durch die Rothwendigkeit, frühzeitig um Geld zu arbeiten, ſich aufgehalten; er aber wollte dieſes Hinderniß mir aus dem Wege räumen und die Mittel verſchaffen, um mich nur mit Werken der Kunſt zu beſchäf⸗ tigen. Die Ankunft von Arbeitern und Dienern, welche für die Beleuchtung bei dem Feſte Sorge tragen mußten, veranlaßte Herrn Pavelyn zu dem Ausrufe, es wäre hohe Zeit für die Damen, ihren Putz fertig 144 zu machen; und er rieth mir, unverweilt nach Hauſe zu gehen, um mich gleichfalls für das Erſcheinen bei der Soirée zu richten. XVI. Als ich im Hauſe meines Beſchützers wieder ein⸗ traf, waren bereits viele Eingeladene gegenwärtig. Bei meinem Eintritt wurde ich von dem Reichthum des Putzes der Damen betroffen: Alles, was ich ſah, war Seide, Spitzen, Gold und Edelſteine. Ich wurde durch all dieſen Glanz verwirrt und würde vielleicht gezögert haben, mich zwiſchen Perſonen zu begeben, die durch Vermögen ſo hoch über mir ſtanden; aber Herr Pavelyn faßte mich bei der Hand und führte mich, während er jubelnd mich der Geſellſchaft als den Urheber des ſchönen Bildes verkündigte, bis vor mein Werk, welches übrigens von einem Kreiſe von Beſchauern um⸗ ringt war. Jedermann ſagte mir einige ermunternde Worte; Einige ſprachen mit außerordentlicher Bewunderung von dieſem erſten Probeſtück; Alle wünſchten mir Glück und verhießen mir eine ſchöne Laufbahn. Eine geraume Zeit blieb ich der Gegenſtand der allgemeinen Aufmerkſamkeit. Roſa war gleichfalls zu meinem Bilde getreten. Sie ſchien mit größerem Intereſſe als ich ſelbſt die Lobesbezeugungen aufzunehmen, welche von den Lip⸗ pen der Beſchauer fielen, und ſo oft Jemand aus⸗ rief:„es iſt gar zu ſchön, es iſt unverbeſſerlich!“ auſe bei Porte; erung n mir Eine neinen treten. bſt die en Lip⸗ d aus⸗ rlich!“ 145 glänzte die Freude in ihren Augen, und ein ſüßes Lächeln erhellte ihr Angeſicht. Wie ſchön war Roſa an dieſem Tage! In der Krone ihrer blonden Locken prangten weiße Roſen, in deren Herzen Diamanten funkelten; an ihrem Halſe wiegten ſich mit ſanftem Farbenſpiele die koſt⸗ barſten Perlen des Morgenlandes. Ein Kleid von Silberatlas umſchloß ihre Glieder und floß hinter ihr in wallenden Falten zur Erde; durchſichtige Spitzen hüllten ſie gleichſam in ſchneeigen Duft ein; aber was an ihr am meiſten bezauberte und ergriff, waren ihre großen blauen Augen, das milde Lächeln auf ihren Lippen, der Adel ihrer feinen Geſichtszüge und der hohe Wuchs ihrer fürſtlichen Geſtalt. So oft ich ſie anſah, lief ein Schauder von Ehr⸗ erbietung und Bewunderung durch meine Adern. Sie machte auf meinen Geiſt denſelben Eindruck, als wäre ein übernatürliches Weſen, Ehrfurcht er⸗ weckend durch Schönheit und Majeſtät, vor meinen Augen erſchienen. Auch wagte ich kaum einen ſchüch⸗ ternen Blick auf ſie zu richten, ſelbſt während ſie mit ſolcher Freundlichkeit und ſo inniger Theilnahme an meinem Glücke mit den Umſtehenden über mein Bild ſprach. Die meiſten Perſonen der Geſellſchaft hatten mich ſchon im Hauſe von Herrn Pavelyn geſehen und wußten, daß ich ſein Schützling war. Es kränkte mich deßhalb nicht, daß er Jedermann, der es hören wollte, weit und breit auseinander ſetzte und wieder⸗ holte, wie er die Fähigkeit zur Ausübung der Kunſt in mir entdeckt hätte und, ſo zu ſagen, die einzige Urſache wäre, daß ein ausgezeichneter Bildhauer zum Conſeience, Das eiſerne Grab. 0 146 Ruhme des Landes aus mir werden ſollte. Neben meinem Werke erachtete ich mich groß genug, um kein Verlangen nach einer höhern Abkunft zu empfin⸗ den, und ſelbſt als Herr Pavelyn in dem Feuer ſeiner Erklärung hinzuſetzte, ich ſei der Sohn eines Holzſchuhmachers, ärgerte dieſe Mittheilung mich nicht. Auf Roſa machte ſie jedoch einen peinlichen Ein⸗ druck; denn ſie zitterte bei dem Anhören dieſes ver⸗ hängnißvollen Wortes, und die Röthe des Verdruſſes oder der Scham trat auf ihre Stirne. Nicht minder nachtheilig mußte der Eindruck auf die umſtehende Geſellſchaft ſein. Eine überraſchende Stille folgte auf das lebhafte Geſpräch, viele Lippen zogen ſich ungünſtig zuſammen, und ich hörte hinter mir die Stimme eines Fräuleins Jemand in's Ohr flüſtern: „Ein Holzſchuhmacher? Ein ſo geſchickter Junge? Es iſt wahrhaftig Schade!“ Allmälig begann die Aufmertſamkeit der Ein⸗ geladenen ſich von meinem Bilde abzuwenden, und die Geſellſchaft ſich in dem Saal auszubreiten; die Damen verließen zuerſt den Kreis der Neugierigen und nahmen auf den Seſſeln Platz, welche längs der Wände aufgeſtellt waren. Nur drei oder vier bejahrte Herren blieben da, um über mein Bild und über die Kunſt mit mir zu ſprechen. Einer dieſer Herren war ein Mann von feinem Gefühl und tiefer Kenntniß. Er machte es nicht gleich den beiden andern, welche lobten, ohne zu wiſſen warum, und mich durch eine übermüthige Gönnermiene heinahe zu verhöhnen ſchienen; im Gegentheil, er zergliederte mein Werk vor meinen Augen, errieth meine Abſichten — und zu de gegeb mich ſeine als e es m Zure hob, war, komn jedoc reiche von mit abge b mir niede C R ſchwe weite und ten, Wän jung lebs wie heit! Dam eben um pfin⸗ Feuer eines mich Ein⸗ ver⸗ ruſſes ninder ehende folgte n ſich nir die üſtern: zunge? r Ein⸗ , und n; die zierigen längs er viet ild und r dieſer d tiefer beiden m, und beinahe gliederte lbſichten 147 und durchdrang zu meiner Verwunderung die Gründe zu den beſondern Formen, welche ich meiner Gruppe gegeben hatte. Das Lob aus ſeinem Munde erfüllte mich mit Stolz, weil ich das Bewußtſein hatte, daß ſeine Gefühle auf wahrer Kenntniß beruhten. Selbſt als er einige Theile meines Werkes tadelte, that er es mit ſo viel Schonung und Rückſicht, daß ſeine Zurechtweiſung mich in meinen eigenen Augen er⸗ hob, als ein Beweis, daß ich ihm Künſtler genug war, um gegen den Wahn einer unmöglichen Voll⸗ kommenheit mich gewaffnet zu fühlen. Mein Geſpräch mit dem alten Herrn dauerte lang, jedoch nicht lang genug für mich, denn es war mir eine reiche Quelle von tiefer Kunſtbetrachtung und überdieß von Aufmunterung und Glauben. Auch ſah ich nur mit Verdruß die lehrreiche Unterhaltung dadurch völlig abgebrochen, daß drei oder vier Perſonen ſich näherten, den alten Herrn abholten und ihn weit weg von mir zu einer Dame geleiteten, neben welcher er ſich niederſetzte, ohne ſich weiter nach mir umzuſehen. Jetzt ließ ich, ganz allein neben einer Gruppe ſchwatzender Herren ſtehend, meine Augen durch den weiten Feſiſaal ſchweifen. Welche Fluth von Seide und Spitzen, welches Gefunkel von Gold und Diaman⸗ ten, dieſe dichte Reihe prächtiger Damen an den Wänden herab! Wie entzückend der Anblick dieſer jungen Frauen, wie friſche Blumen im Lenze des Lebens ſich entfaltend! Aber keine doch ſo ſchön wie Roſa Pavelyn! Noch Andere außer mir mußten von dieſer Wahr⸗ heit durchdrungen ſein, denn während bei den andern Damen hie und da ein paar junge Herren durch 10 148 ihre Complimente das Beſtreben zu gefallen an den Tag legten, war Roſa in dichtem Kreiſe von der Elite der Jugend umgeben, und Alle drängten ſich um ſie her, um deren Reizen ihre Huldigung darzu⸗ bringen. Unter Allen bemerkte ich einen jungen Herrn, ausgezeichnet durch Schönheit der Geſichtszüge und durch Eleganz der Kleidung un ſich mehr als die Andern Mühe gab, Roſo's Auf⸗ merkſamkeit zu feſſeln. Es lief mir ein kalter Schauer durch die Glieder: es war, als ob der Anblick dieſes ſchönen Jünglings mich erſchreckt hätte. Eine ſtille Betrübniß umne⸗ belte meinen Geiſt. Mein Herz wurde mit Gewaolt zu Roſa hingezogen; ich wünſchte mich unter die jungen Leute, welche ihr Lob ausſprachen, zu miſchen; es ſchien mir, daß ich wohl einiges Recht habe, um meinen Antheil an dem Glanze zu nehmen, der aus ihren Augen ſtrahlte, an dem frohen Lächeln, das auf ihren Lippen weilte, an den ſüßen Worten, wo⸗ mit ſie ihre entzückten Anbeter belohnte.... Aber alle dieſe jungen Herren waren Söhne aus den reichſten Häuſern von Antwerpen, und vielleicht keiner derſelben durfte ſich eines geringeren Beſitz thums als einer Million rühmen. Was war i dagegen? Ein armer Junge— ein Holzſchuhmachers⸗ ſohn, hatte Herr Pavelyn noch ſo eben geſagt— und ſtatt alles Vermögens beſaß ich Richts als eine gefühlvolle Seele, einen tiefen Glauben an die Kunſt und einige Hoffnung auf eine ruhmvolle Zukunſt! Ich erkannte mit voller Klarheit, daß ich in die⸗ ſer Welt materiellen Reichthums, welche mich als ihrer ihrer geri ſtren Auch von niß deſto mir mit heru ben durc Jede wo nem ging nicht thät wan war nen aber welc zuen ſich der unſe lich von n den n der n ſich darzu⸗ Herrn, e und welcher s Auf⸗ lieder: nglings umne⸗ Gewalt ter die niſchen; be, um der aus n, das ten, wo⸗ Aber us den vielleicht n Beſitz war ich machers⸗ eſagt— als eine die Kunſt ukunft! h in die⸗ mich als 149 ihren Schützling aus einer Art von Mitleiden in ihrer Mitte zugelaſſen hatte, ein niedrigeres und geringeres Weſen war, und daß die Pflicht mir ſtreng verbot, hier einigen Werth mir anzumaßen. Auch war ich feſt entſchloſſen, mich ſo viel möglich von Roſa entfernt zu halten, um Niemand Aerger⸗ niß zu geben, oder in den Weg zu laufen. Nichts deſto weniger war das Gefühl meiner Niedrigkeit mir ſchmerzlich, und ich knirſchte manchmal unwillig mit den Zähnen, wenn eine Bewegung um Roſa herum, oder die Geberden ihrer Anbeter mich glau⸗ ben ließen, daß ſie durch ihre geiſtvollen Reden oder durch den bezaubernden Reiz ihrer Unterhaltung Jedermann mit Bewunderung erfüllt hatte. Ich durfte nicht immer nach dem Platze hinſchauen, wo Roſa ſich befand; man hätte vielleicht auf mei⸗ nem entſtellten Geſichte bemerkt, was in mir vor⸗ ging; und wäre die Aufmerkſamkeit von meiner Perſon nicht gleich einem Hohn für die Tochter meiner Wohl⸗ thäter geweſen? Von dieſer Beſorgniß angetrieben, wandte ich mich nach einer ganz andern Seite und war entſchloſſen, auf ſolche Art geraume Zeit mei⸗ nen Augen eine entgegengeſetzte Richtung zu geben; aber bald erlag ich der mächtigen Anziehungskraft, welche ſie auf meine Seele ausübte, und ohne es zu wiſſen, ſah ich wieder nach der Stelle, wo ſie ſich niedergelaſſen hatte. Zufällig gab es eine Heffnung in dem Schwarm der jungen Leute rund um ſie her. Sie ſah mich: unſere Blicke begegneten einander. Ein unausſprech⸗ lich ſüßes Lächeln, ein Ausdruck milder Freude ſtrahlte von ihrem Angeſichte mir entgegen, und ſie machte 15⁰ mir ſogar mit der Hand ein Zeichen, ſo freundlich und ſo liebreich, daß einige der jungen Herren mich mit Verwunderung anſahen. Der Kreis ſchloß ſich wieder. Es ging eine auffallende Veränderung in mir vor. Ich hob den Kopf ſtolz in die Höhe; es ſchien mir, daß ich, ſelbſt körperlich, größer geworden war; ich athmete in langen Zügen, und während mein Herz von Glück überfloß, ließ ich meine Augen in voller Freiheit über die Geſellſchaft hingehen, als hätte dieſes einzige Lächeln Roſa's mich edler und reicher gemacht, denn ſie alle. Jetzt gewann ich auch die nöthige Macht über mich, das zu erfüllen, was ich für meine Pflicht er⸗ achtete:— ich mußte meine Augen von Roſa ab gewendet halten und ſie nicht mehr der Gefahr aus ſetzen, daß ſie durch Kundgebung ihrer Freundſchaft gegen mich die Aufmertſamkeit der Geſellſch aft, viek leicht in ungünſtiger Weiſe, erregte. Für mich war ih Lächeln genug, um keinen andern Anſpruch mehr zu erheben; alle meine Verlegenheit war hinweg und ich ſühlte mich ganz frei und leicht im Geiſte. Da bemerkte ich, daß ich meinen erſten Stand punkt im Saale noch nicht verlaſſen hatte und neben meinem Bilde bewegungslos wie eine Schildwacht geſtanden war. Ich that jetzt, wie viele der An weſenden; langſam wondeite ich durch den Soal ohne Stolz, doch auch ohne allzu große Demuth. In der Mitte des Saales, an der Wand, ſo zwiſchen andern Damen eine bejahrte Frau, welch das Wort an mich richtete und nach einigen Com plimenten mir einen Seſſel neben ſich anbot, um, wie ſie ſo über Grur Steh 3 viel die tiefge werke gelo' kennt beme die 1 Zuku neber überi die Dam als C lebhe gaß, unſer 2 was tung dreht ſich ſeher etwa erhe pen ndlich n mich ß ſich in mir ſchien nwar; mein gen in n, als e un übe licht er⸗ oſa ab ahr aus indſchaft ft, viel war ihr mehr z veg und te. Stand nd neben hildwache der An n Sal emuth. and, ſaß , welch gen Con⸗ um, wie 151 ſie ſagte, ein wenig mit mir über die Kunſt und über mein Bild zu ſchwatzen. Ich war erfreut, einen Grund zu finden, um mich niederzulaſſen, denn das Stehen begann mich zu ermüden. Die alte Dame war eine geiſtreiche Frau, die viel gereist war und viel geleſen hatte; ſie zeigte die größte Vorliebe für die Kunſt und ſprach mit tiefgefühlter Bewunderung von den prächtigen Meiſter⸗ werken Italiens, von den Schöpfungen Michel An⸗ gelo's und Canova's. Auch wußte ſie mit Sach⸗ kenntniß mir die ſchönſten Partieen meines Bildes bemerklich zu machen und ſprach offen gegen mich die Ueberzeugung aus, daß ich zu einer glänzenden Zukunft berufen ſei. Ein reizendes Fräulein, welches neben ihr ſaß, miſchte ſich in unſer Geſpräch und überraſchte mich durch die Poeſie ihrer Sprache und die anziehende Weichheit ihrer Stimme. Die alte Dame ſtellte ſie mir als ihre jüngſte Tochter und als eine außerordentliche Freundin der Muſik vor. Ich war glücklich in dem ungezwungenen und lebhaften Geſpräche mit den beiden Damen und ver⸗ gaß, wie ſie ohne Zweifel, welches der Unterſchied unſeres gegenſeitigen Standes in der Welt war. Wohl eine halbe Stunde hatte ich, ohne an et⸗ was Anderes zu denken, die angenehme Unterhal⸗ tung fortgeſetzt, als ich zufällig den Kopf nach Roſa drehte. Der Kreis der jungen Herren um ſie hatte ſich verkleinert, und ich konnte ohne Hinderniß ſie ſehen; aber es lag, dünkte mir, in ihrem Blicke etwas Trauriges und Schmerzliches. Kein Lächeln erhellte dießmal ihr Geſicht; im Gegentheil, ihre Lip⸗ pen zogen ſich zuſammen, als wollte ſie mir Etwas 152 klagen; doch wandte ſie unmittelbar ihr Geſicht von mir ab. Ich täuſchte mich wahrſcheinlich über den Aus⸗ druck, welchen ich auf Roſa's Antlitz entdeckt zu haben glaubte. Warum ſollte ſie bei dieſem hei⸗ tern Feſte betrübt ſein? Vielleicht befand ſie ſich unter dem Eindrucke eines jener Anfälle von Schwer⸗ muth, welchen ſie ausgeſetzt war. Wie dem nun ſei, ich hatte keine Zeit, länger darüber nachzuden⸗ ten, da ſich jetzt die Töne des Klaviers hören ließen, und kurz darauf die helle Stimme eines jungen Sängers durch den Saal ertönte und meine Auf⸗ merkſamkeit unwiderſtehlich feſſelte durch eine Fluth gefühlvoller Töne und eine hinreißende Harmonie. Ein junger Herr folgte auf den Sänger, und auch er erfreute die Geſellſchaft durch den Vortrag einer ſchönen Arie. Während ich noch mit den Damen über Muſik und Geſang ſprach, bemerkte ich, daß viele Perſonen und ſelbſt Herr Pavelyn in Roſa drangen, ſich an das Klavier zu ſetzen. Ihr Vater trat zu mir und nöthigte mich, meine Bemühungen mit den ſeinigen zu vereinigen, um ſeine Tochter zum Singen zu be⸗ wegen. Wenn ich einwilligte, das große Duett, welches wir gewöhnlich zuſammen ſangen, auszu⸗ führen, ſo würde ſie, meinte er, dem allgemeinen Verlangen nicht länger widerſtehen. Ich folgte meinem Gönner und machte Roſa den Vorſchlag, mit einander zum Klavier zu treten und ihr Liebiingsduett vorzutragen. Der ſchöne junge Herr, welcher ihre Seite noch keinen Augenblick ver⸗ n Aus⸗ ckt zu n hei⸗ ie ſich chwer⸗ nun zuden⸗ ließen, jungen . Wef Fluth onie. , und ortrag Muſik erſonen ſich an ir und einigen zu be⸗ Duett, auszu⸗ meinen oſa den ten und june lick ver⸗ 153 laſſen hatte, fügte ſeine Bitte zu der meinigen. Roſa ſagte, ſie fühle ſich unwohl; die Hitze des Saales verurſache ihr Unpäßlichkeit; ſie habe keine Luſt zu ſingen und würde der Geſellſchaft dankbar ſein, wenn man ſie verſchonte. Es war in ihrem Geſicht eine tiefe Traurigkeit ausgeprägt, etwas Bitteres, etwas Muthloſes, das mich an die Wahrheit ihrer Worte glauben ließ. Dennoch drang ich noch einmal in ſie, indem ich dachte, der Geſang würde vielleicht ihre Schwermuth vertreiben.— Da ſagte Roſa mit einem Ausdruck noch tieferen Verdruſſes zu mir: „Es iſt grauſam, mich ſo zu plagen, mein Herr! Fräulein Pauline Van den Berge iſt eine außeror⸗ dentliche Muſikfreundin; Sie wiſſen es doch wohl? Sie hat eine ſchönere Stimme als ich, und kann das Duett unendlich beſſer. Warum bitten Sie die⸗ ſelbe nicht, mit Ihnen zu ſingen?.... Aber aus Mitleid, laſſen Sie mich doch in Ruhe!“ Ich wurde von dem ſchmerzlichen Ton in Roſa's Worten ſchwer betroffen; doch Herr Pavelyn ließ mir keine Zeit, meine Theilnahme auszudrücken. Ein wenig gereizt durch die Weigerung ſeiner Tochter, führte er mich geraden Weges zu dem Fräulein, neben welchem ich ſo lang geſeſſen hatte, und brachte ſein Geſuch vor, das fragliche Duett mit mir zu ſingen. Ich ſuchte mich zu entſchuldigen und leiſtete einigen Widerſtand; denn da ich wirklich ſehr wenig Kenntniß von der Muſik hatte, lief ich Gefahr, durch meine Ungeſchicklichkeit mich lächerlich zu machen. Fräulein Van den Berge zeigte ſich jedoch ſo bereit⸗ willig und Herr Pavelyn forderte ſo unabweisbar, daß ich, beinahe ohne es zu wiſſen, neben der ſchönen Sängerin mit dem Notenheft in der Hand neben dem Klavier ſtand. 5 Zu meiner großen Verwunderung ging das Duett ziemlich gut, und nach den erſten Noten fühlte ich eine große Begeiſterung und viel Freiheit in der Stimme. Wie dem nun ſei, am Schluſſe des Stücks bezeugte uns die Geſellſchaft lauten Beifall, und Jedermann, ſelbſt Fräulein Van den Berge gratulirte mir zu meinem tiefen Gefühl und zu der Reinheit meiner Stimme. Nachdem ich meine Sängerin zu ihrem Seſſel zurückgeleitet hatte, trat ich auf Roſa zu. Sie äußerte gleichfalls, ich habe beſſer als je, ja wunderbar gut geſungen; die Stimme von Fräulein Von den Berge paſſe auch, meinte ſie, ſo gut zu der meinigen! Da noch immer derſelbe Trübſinn auf ihrem Ge⸗ ſichte ausgedrückt ſtand, ſuchte ich ihr Muth einzu⸗ ſprechen und ſie zu tröſten, indem ich ihr ſagte, ihre Unpäßlichkeit werde wohl vorübergehen; ich winkte einem Diener, ihr ein erſriſchendes Getränke zu reichen, ich rieth ihr, einige Augenblicke aus dem Saale zu gehen und friſche Luft zu ſchöpfen. Sie lehnte Alles mit duldender Niedergeſchlagenheit ab und verhehlte mir nicht, der größte Gefallen, welchen ich ihr thun könnte, beſtehe darin, ſie nicht zu be⸗ läſtigen, ſondern in Ruhe zu laſſen. Unterdeſſen hatte das Klavier einen Walzer an⸗ geſtimmt, und bereits wandelten einige Herren und Damen paarweiſe durch den Saal, was als An⸗ kündigung gelten ſollte, daß jetzt der Tanz beginne. Viele junge Leute eilten jetzt auf Roſa zu und wett⸗ eiferten mit einander, um die Ehre des erſten Walzers 5and o uett e ich der tücks und ulirte inheit Seſſel ußerte gut Berge m Ge⸗ einzu⸗ , ihre winkte ike zu dem S eit ab velchen zu be⸗ zer an⸗ en und ls An⸗ eginne. d wett⸗ Walzers von ihr zu erhalten. Ich wurde verdrängt und ſchritt langſam und nachdenklich nach dem Hinter⸗ grunde des Saales, um den Tänzern nicht im Wege zu ſtehen. Eine große Traurigkeit bemächtigte ſich allmälig meines Gemüths; es betrübte mich nicht allein, Roſa unwohl zu wiſſen, und auch zu ſehen, daß ſie dem Vergnügen, an dem Tanze Theil zu nehmen, ent⸗ ſagen müſſe; ſondern es war auch in dem Tone ihrer Worte zu mir Etwas gelegen, deſſen Bedeutung ich vergeblich zu ergründen mich bemühte. Lang blieb ich in Gedanken verloren und hatte beinahe die Geſellſchaft vergeſſen, die in buntem Wirbel durch den Saal wogte. Dem Walzer folgte eine Polonaiſe, und darauf kam wieder ein Walzer, und ſo fort, ohne daß ich bemerkte, wie viel mal dieſe Unterhaltung die Formen ihres Ausdrucks wechſelte. Die alte Frau Van den Beèrge kam mit ihrer Tochter auf mich zu. Sie begannen beide über meine düſtere Abgezogenheit zu ſcherzen und erklärten, ſie hätten es auf ſich genommen, mich zum Tanzen zu bringen. Die gutherzigen Leute waren der Meinung, ich habe bis jetzt aus Demuth noch keine von den anweſenden Damen zu einem Tanze auf⸗ zufordern gewagt; meine Einſamkeit inmitten der fröhlichen Geſellſchaft müßte mich verdrießlich und verlegen machen. Aus Edelmuth waren ſie jetzt zu mir gekommen, um mich aus dieſem Zuſtande zu erlöſen. Wie ſehr ich mich auch vertheidigte, die Damen waren von ihrem freundlichen Vorſatz nicht abzu⸗ 156 bringen. Ich ſollte das ſchöne Fräulein Van den Berge zum Tanze führen. Sie ſelbſt forderte mich auf, und es wäre eine Schmach geweſen, eine ſo ehrende Einladung länger von der Hand zu weiſen. Ueberdieß ſchienen einige junge Leute, die um mich herum ſtanden, ſich über das, was ſie meine Schüch⸗ ternheit nannten, luſtig zu machen. Ich führte alſo Fräulein Van den Berge zum Tanze. Von dem Orte, wo ich in der Reihe der Tänzer ſtand, konnte ich Roſa nicht ſehen, ohne ab⸗ ſichtlich den Kopf nach ihr umzuwenden. Mir war im Herzen bang, und weit entfernt, an dem freund⸗ lichen Geplauder meiner Tänzerin ein Vergnügen zu finden, langweilte ich mich unausſprechlich. Nichts deſto weniger verbarg ich aus Schicklichkeitsgefühl die ungünſtige Stimmung meines Gemühts und tanzte ſcheinbar ſo fröhlich als die Andern. Von einer unwiderſtehlichen Neugierde ange⸗ trieben, den jungen Herrn zu kennen, welcher un⸗ wiſſentlich mir eine tiefe Wunde im Herzen geſchlagen hatte, fragte ich meine Tänzerin, wer er ſei? Sie ſagte mir, er heiße Conrad van Somerghem und ſei der Sohn des reichen Bankiers in der Kaiſerſtraße. Dieſe Details vermehrten meine Unruhe und ließen mich ich weiß nicht welche Gefahr befürchten. Sobald die letzte Note des Klaviers mir meine Freiheit wieder geſchenkt und ich Fräulein Van den Berge für ihr freundliches Wohlwollen meinen Dank abgeſtattet hatte, machte ich einige Schritte durch den Saal, um in Roſa's Nähe zu kommen. Der Stuhl, worauf ſie geſeſſen, war leer, und als ich nac mic mit nich ein tha mei ihre ſtör des geh eine Un, lich ſo holt mir Str aus hin entf alle den mich ne ſo eiſen. mich chüch⸗ zum e der e ab⸗ war eund⸗ nügen Nichts gefühl tanzte ange⸗ er un⸗ hlagen Sie n und ſtraße. ließen meine mn den Dank durch Der als ich 157 nach vergeblichem Umherſtarren bei Herrn Pavelyn mich erkundigte, wo Roſa wäre, antwortete er mir mit einer leichten Unzufriedenheit: „Sie iſt auf ihr Zimmer gegangen. Ich weiß nicht, was ſie hat. Es iſt eben wieder eine Grille, ein Anflug von Trübſinn. Morgen wird es abge⸗ than ſein. Thue, als ob Du das Verſchwinden meiner Tochter nicht bemerkt hätteſt, ſonſt würde ihre Abweſenheit das Vergnügen der Geſellſchaft ſtören. Ich ſtrich noch eine Zeit lang von der einen Seite des Saales zu der andern, voll Betrübniß und mit geheimer Angſt in der Seele, als würde ich von einer unendlichen Beſorgniß vor einem drohenden Unglück verfolgt. Endlich wurde es mir unter allen dieſen fröh⸗ lichen Leuten ſo eng um's Herz, ſo unerträglich und ſo verdrießlich, daß ich Herrn Pavelyn zu wieder⸗ holten Malen bat, mich heimgehen zu laſſen, und er mir endlich den erbetenen Urlaub bewilligte. Als ich die Thürſchwelle erreichte und auf die Straße trat, erhob ſich ein langer, beklemmter Seufzer aus meiner Bruſt, und ich ſprang in die Dunkelheit hinaus, um ſo ſchnell als möglich dem Geräuſch zu entfliehen und mit meinen ſchmerzlichen Gedanken allein zu ſein. XVII. Als ich den andern Tag im Hauſe meiner Gönner erſchien, um nach Roſa's Befinden mich zu erkundigen, 158 begegnete mir Herr Pavelyn, im Begriff auszu⸗ gehen, auf der Thürſchwelle. Er ſagte, die Unpäßlichkeit ſeiner Tochter habe teine Folgen gehabt, wie er übrigens vorausgeſehen hätte. Roſa ſcheine ein Bischen ermüdet und traurig; aber daß ſie nicht wirklich krant wäre, davon tönne ich mich ſelbſt leicht überzeugen, da ich ſie vor ihrem Klavier finden würde. Während dieſer Worte trat er auf die Straße. Ich öffnete eine der Thüren und befand mich in einem Saale, welcher an das Zimmer ſtieß, wo Roſa und ihre Eltern ſich gewöhnlich aufhielten. Die Töne des Piano's trafen mein Ohr und mach⸗ ten einen ſo tiefen Eindruck auf mich, daß ich mei⸗ nen Gang unterbrach und bewegungslos lauſchte. Was Roſa gerade auf dem Klavier ſpielte, war jedoch nichts anderes, als die Melodie des großen Duetts, welches wir oft zuſammen geſungen hatten. Dieſe Melodie war leicht und heiter und ſtimmte das Herz zur Begeiſterung und Lebensluſt. Jetzt dagegen ſchien ſie die Wehllage einer betrübten Seele; das Zeitmaß war undeutlich und träge; die Noten, ohne Kraft angeſetzt, floßen langſam und matt über das Klavier hin, als ob ein trauernder Künſtler, in einen ſchmerzlichen Traum verſchlungen, achtlos und ohne Bewußtſein die Hand über das Piano hinlaufen ließe. Dieſes ſonderbare Spiel machte mich zittern. Welch unbekannter Kummer lag auf Roſa's Herzen, daß ein heiterer Geſang ſich unter ihren Fingern in eine rührende Klage verwandelte? gan men unm Geh hatt Ben wol Unn Frer Sie und und da Klir leiſe dare frag gan ich půß Ruh Roſ szu⸗ ae ehen rig; önne rm raße. h ein wo elten. mach⸗ mei⸗ te. war roßen atten. immte Jetzt Seele; Roten, t über inſtler, chtlos Piano zittern. Herzen, en in * 159 Ich öffnete die Thüre und trat ein. Roſa war ganz allein. Bei meinem Erſcheinen fuhr ſie ſichtbar zuſam⸗ men; ihre Stirne überzog ein lebhaftes Roth und unmittelbar darauf wurde ſie äußerſt bleich. Meine Ankunft hatte ſie erſchreckt. Es lag ein Geheimniß zwiſchen ihr und mir! Wahrſcheinlich hatte ich bei dieſem klagenden Geſang ſie in einer Bewegung überraſcht, welche ſie verborgen halten wollte. Mich mit Gewalt bezwingend, ſprach ich über ihr Unwohlſein vom vorigen Abend und bezeugte meine Freude darüber, ſie wieder ganz hergeſtellt zu ſehen. Sie ſchien ſehr verlegen und antwortete nur mit undeutlichen Redensarten; aber plötzlich ſtand ſie auf und zog, indem ſie bei mir um Entſchuldigung bat, da ſie der Magd etwas zu ſagen hätte, an der Klingelſchnur. Ich konnte nicht verſtehen, welchen Auftrag ſie leiſe dem Dienſtmädchen gab; aber einen Augenblick darauf trat Frau Pavelyn in das Zimmer und fragte mit ſichtbarer Bekümmerniß: „Du ließeſt mich rufen, Roſa? Biſt Du nicht ganz wohl?“ „Es iſt, ſiehſt Du, Mutter, ich weiß nicht... ich habe heſtige Kopſſchmerzen, ich fühle mich un⸗ päßlich,“ antwortete Roſa. „Geh' auf Dein Zimmer, mein Kind; durch die Ruhe wird Deine Unpäßlichkeſt vertrieben.“ „Nein, nein, Mutter, ſo arg iſt es nicht,“ ſagte Roſa;„aber ich bitte Dich, bleibe bei mir!“ Frau Pavelyn, halb traurig halb lächelnd, ſetzte — 160 ſich neben ſie und begann von dem Unwohlſein ihrer Tochter zu ſprechen, indem ſie ihr Muth einſprach und ſie durch die Verſicherung tröſtete, ſolche Anfälle ſeien etwas ganz Gewöhnliches und dürfen nicht an⸗ geſehen werden, als ob ſie der Geſundheit wirklich Gefahr brächten. Dann kam das Geſpräch auf die Soiree. Roſa hatte in Gegenwart ihrer Mutter wieder einige Freiheit des Geiſtes und eine ſicherere Haltung gewonnen; ſie ſprach dann und wann etliche Worte in einem Ton, wie ich ihn noch nie in ihrer Stimme bemerkt hatte. Sie legte beinahe eine völ⸗ lige Gleichgültigkeit an den Tag, als ihre Mutter von meinem Bilde ſprach— und wo ſie Gelegen⸗ heit fand, zeigte ſie ſich ſo höflich gegen mich, daß die Förmiichkeit ihrer Ausdrucksweiſe die Abſicht zu verrathen ſchien, mich fühlen zu laſſen, daß ſie auf mich erbittert wäre. Die ſeltſame Schärfe ihrer Stimme, ſo oft ſie mich Herr Wolvenaer nannte, hätte ſogar den Gedanken erregen können, daß ſie mich demüthigen oder beleidigen wollte. Was mich betrifft, ich litt wahre Schmerzen, und ich wäre wohl in Thränen ausgebrochen, wenn nicht ein tiefer Verdruß, ein unterdrückter Zorn viel⸗ leicht mich zurückgehalten hätte. Achtung und das klare Bewußtſein meiner Stellung gegenüber von meinen Wohlthätern liehen mir die Kraſt, dieſe pein⸗ liche Prüfung zu überſtehen, ohne ein Zeichen von Unwillen oder gekränktem Stolze.— Dennoch ſuchte ich nach einem Grunde, um gehen zu können, und kürzte meinen Beſuch ſo weit ab, als es der Anſtand nur erlaubte. Als ich endlich meinen Hut in der Hand hielt, erſter Cr ihrer rach fälle t an⸗ rklich f die utter erere tliche ihrer e völ⸗ tutter legen⸗ „daß cht zu ie auf ihrer annte, aß ſie nerzen, wenn n viel⸗ d das n e pein⸗ n von ſuchte nd lnſtand hielt, 161 um das Haus meiner Gönner zu verlaſſen, grüßte Roſa mich mit einer tiefen Verbeugung und warf mir, während das Höflichkeitswort ihren Lippen ent⸗ glitt, einen ſcharfen Blick, ſo verweiſend und ſo zornig zu, daß es ſchien, als wolle ſie mir einen ewigen Haß zuſchwören. Auf der Straße lief ich mit gebücktem Haupte dahin, deſſen, was um mich vorging, völlig unbe⸗ wußt, und im Kopf tobte und wirbelte es mir unter dem Druck einer Gedankenfluth, welche gewaltſam auf mich hereinwogte. Schon geraume Zeit befand ich mich in der Ein⸗ ſamkeit meines Zimmers, und noch immer war es dü⸗ ſter in meinem Geiſte. Vielleicht ſträubte ich mich gegen die Erkenntniß, welche von Zeit zu Zeit wie ein Blitzſtrahl durch meine Seele ſchoß. In der That gähnte ein Abgrund von Schuld und Unheil vor meinen Füßen, und ich erſchrack vor dem Lichte, welches die Tiefe davon zu ergründen mich befähigte. Vor meinen Augen ſtand das Bild des ſchönen Jünglings, welcher bei der Soirée immer in Roſas Geſellſchaft geblieben war; ich bemerkte auf ſeinem Angeſichte das lebhafte Verlangen zu gefallen, und auf ihren Lippen das Lächeln, und in ihren Augen den Funken, welche Zeugniß gaben, daß ſie mit un⸗ endlicher Glückſeligkeit ſeine Huldigung aufnahm.— Roſa liebte! Die unbegreifliche Launenhaftigkeit ihres Gemüths, ihre Traurigkeit, ihre Nervenzufälle waren nichts Anderes als die Regungen eines Herzens, das ſich vor einer überwältigenden Leidenſchaft geöffnet hatte und verzweifelt gegen die zwingende Macht des erſten Liebesgefühles ankämpft!.. Conſeience, Das eiſerne Grab. 11 162 Es war alſo richtig! Ein Mann hatte Roſas Herz getroffen, und die Neigung zu ihm hatte ſie ſo ganz erfüllt und in Anſpruch genommen, daß in ihrem Gemüthe kein Raum mehr war, um das ſtille Gefühl der Freundſchaft noch daſelbſt wohnen zu laſ⸗ ſen. Zwiſchen ihr und ihrem unglücklichen Schützling ſollte fortan als unüberſteigliche Scheidewand die Liebe zu einem andern Mann ſi während die Erinnerungen aus unſerem früheren Leben mir einiges Recht zu geben ſchienen, um ihre Neigung mit dem Erwählten ihres Herzens zu thei⸗ len, verweigerte ſie mir dieſen Antheil, um einem einzigen Manne die ganze Fülle ihrer Gedanken weihen zu können. Ja, ſie wollte, ſie mußte mich haſſen. ihren Augen eine düſtere Drohung, eine Erklärung ewiger Feindſchaft mir entgegengefunkelt? Wie iſt das Leben des Menſchen doch ſo voll von Wechſelfällen und beherrſcht von dem grauſam⸗ ſten Verhängniß. Dieſe Soirée, wo ich mein erſtes Kunſtwerk zur Schau geſtellt, wo ich in Roſo's Ge⸗ enwart die höchſten Lobſprüche geerntet hatte, wo der Ausgangspunkt von ſpäterem Ruhm und Glanze vor meinem Blicke ſich darſtellte— dieſe Soirée ſollte im Gegentheil die Urſache von dem Unglücke meines Lebens werden! Sie diente dazu, all meinen Glauben und all meinen Muth mir zu rauben, ſie diente dazu, Roſa's Haß als einen Fluch auf mich zu laden, ſie diente dazu, alle meine Erinnerungen zu erſticken und meine Vergangenheit mit Gewalt und auf immer von meiner Zukunft loszureißen. „ Rit ſolchen Betrachtungen ſuchte ich mich ſelbſt ch erheben! Und„ Sie haßte mich bereits. Hatte nicht aus oſa's e ſie aß in ſtille u laſ⸗ ttzling d die Und„ iheren n ihre thei⸗ einem danken e mich s klärung ſo voll tauſam⸗ nerſtes a's Ge⸗ tte, wo Glanze Soirée Unglücke meinen ben, ſie auf mich erungen Gewalt ißen. ich ſelbſt über den wahren Grund meiner übermäßigen Auf⸗ regung zu täuſchen. Ich glaubte nur betrübt und entmuthigt zu ſein, aber meine Augen waren trocken geblieben; ich fühlte die Kälte einer tödtlichen Bläſſe auf meiner Stirne; meine Zähne waren krampfhaft geſchloſſen, und ich ballte zuweilen vor Unwillen die Fäuſte ſo heftig, daß mir die Finger davon krachten. Konnte ich noch länger die Gewißheit abwehren, welche ſich allmälig meinem Geiſte aufdrang und endlich die Finſterniß meiner Gedanken erhellte! Aber nein, meine Vernunft riß mir als unerbittliche An⸗ klägerin die Binde von den Augen und zwang mich, einen Blick in mein eigenes Herz zu werfen.... Ein Schrei des Schauders und der Verzweiflung drang aus meiner Bruſt; ich legte mir die Hände vor die Augen und ein heißer Thränenſtrom rollte über meine Wangen.— Es war keine Täuſchung, kein Zweifel mehr möglich. Ich liebte die Tochter meines Wohlthäters! Ich liebte ſie ſeit langer Zeit, mit aller Kraft und mit allem Feuer einer grenzen⸗ loſen Liebe. Dieſes Gefühl, in der Kindheit gebo⸗ ren, hatte gelebt und war mit mir aufgewachſen. Es war der Grund meiner Kunſtbegeiſterung, meines Ehrgeizes, meines Glaubens an die Zukunft gewe⸗ ſen... Meine arme Mutter! Sie hatte es alſo vorausgeſehen, daß ihr Sohn durch ſeinen wahn⸗ ſinnigen Hochmuth ſich ſchuldig und unglücklich machen würde. Welche Undankbarkeit! Ein Bauernkind, der Sohn eines Holzſchuhmachers, wird durch den Edel⸗ muth reicher Leute aus dem Elende gerettet; ſie ge⸗ ben ihm die Mittel an die Hand, ſeinen Verſtand auszubilden und als Künſtler ſich in der Welt aus⸗ 1 „ und er, zum Lohne f eine Wohlthäter Güte, er verhöhnt ſ ſeine Augen zu er Weiſe: er wagt Tochter, zu ihrem einzigen Solche Gedanken brachten mich en Augen immer neue 2 Hände zum Himmel für meine ſtra ne Schwachheit. ande meine Pflicht? nach einer fernen fliehen? Aber wie meinen Eltern und vor in den Augen meiner einer niederträchtigen deren Fluch mit mir der Wettkampf um den Herr Pavelyn, elbſt zweifelten heben zu ihrer zum Zittern und entlockten mein ich ſtreckte die Gott um Vergebung und um Stärke gegen mei Was war in ſo Was mußte ich thun Stadt, nach einem an dieſes Verſchwind Herrn Pavelyn er Wohlthäter mit Undankbarkeit beladen un nehmen? Ueberdieß fbare Leidenſchaft 2 Sollte ich bald beginnen. meine Kamaraden ſ den erſten Preis davon tra ber meine Zukunft ent s meinem Lebenswege hin⸗ cht auf den höchſten Preis, konnte ich nich i hle, das tyranni artert, ſo lebten doch meine Eltern, nicht, daß ich Dieſer Sieg mußte ü und viele Hinderniſſe au verfolgt und gem Kunſt und das Verlangen, heben, mächtig ge Schreckniſſen endloſ die Liebe zur ſie in der Welt zu er um ſelbſt unter den ſchicks nicht zu unterliegen. Ich gelangte endlich zu eine r ruhigeren Betrach⸗ wer wec ſo wel kon: Ab mei Ged eine chtigen it mir m den avelyn, eifelten würde. ſcheiden n Preis, war ſch mi ten doch ch durq in mir, Nißge Betrach⸗ 165 tung meines Zuſtandes. So viel war gewiß, ich liebte Roſa, und ich erkannte, daß dieſe unbeſiegbare Neigung ſo lang als der Schlag meines Herzens dauern würde; aber ich konnte ſie in meinem Buſen als ein Geheimniß verſchließen, deſſen Beſtehen kein Zeichen, kein Wort von meiner Seite vermuthen laſſen ſollte. Dann konnte doch weder Undankbar⸗ keit noch Schimpf in meiner Liebe zu Roſa liegen, wenn Niemand auf Erden, als ich allein, wußte, welches Gefühl von meiner Seele Beſitz genommen hatte. Wohl zitterte ich bei dem Gedanken, ich möchte vielleicht in Roſa's Gegenwart meiner ſelbſt nicht Meiſter bleiben und einmal unwillkürlich meine Gemüthsbewegungen verrathen; aber dann erwog ich, daß Roſa mich haßte; und ich frohlockte, weil dieſe feindſelige Stimmung meiner Anſicht zufolge mir die nöthige Kraft verleihen würde, um mein Geheimniß mit gewiſſenhafteſter Sorgfalt zu bewah⸗ ren. Ich wollte mich mit der Bruſtwehr einer ſtrengen Ehrerbietung umgeben, höflich und vorſichtig ſein und ſo jeder Gelegenheit ausweichen, um in Roſa oder wer es ſonſt wäre, den geringſten Verdacht zu er⸗ wecken. Konnte ich dieſen Vorſatz getreulich ausführen, ſo war nicht ſo viel Schlimmes an dem Gefühl, welches ſich in mir geoffenbart hatte.... Ja ich konnte vielleicht, erhoben durch Willenskraft und ihren Abſcheu vor mir, die nöthige Stärke finden, um über meine thörichte Liebe zu triumphiren. Ich gab mich eine Weile halb getröſtet dieſen Gedanken hin; doch allmälig verſank ich in die Tiefe eines ſtillen aber unergründlichen Schmerzes. Der 166 Zauberſchleier, welcher von meiner Kindheit an über meinem Leben gehangen hatte, war in Fetzen zer⸗ riſſen. Roſa haßte mich! XVIII. Es vergingen zwölf Tage, ehe ich es wagen durfte, nach der Wohnung von Herrn Povelyn zu gehen. Ich hatte indeſſen mehr als einmal durch meinen Hausherrn erfahren, daß Roſa nicht krank war. Nun aber konnte ich meinen Beſuch nicht länger verſchieben, ohne mich der Gefahr auszuſetzen, eine Erklärung meines Wegbleibens geben zu müſſen, da der Sonntag gekommen war, Gönnern das Mittagsmahl einnehmen mußte. Abſichtlich erſchien ich im Hauſe von Herrn Po⸗ velyn erſt in der Stunde, da man gewöhnlich zur Taſel ging. Ich fand demzufolge die ganze Familie verſammelt. Roſa war ſehr niedergeſchlagen, doch bemerkte ich an ihr kein anderes Zeichen der Erbit⸗ terung mehr, als eine äußerſte Kälte und einen ge⸗ wiſſen Abſcheu vor einem directen Geſpräche mit mit. Sie vermied auf ſichtbare Weiſe jede Gelegenheit, das Wort an mich zu richten, und hielt den Blick faſt immer zu Boden geſenkt oder auf ihre Mutter ge⸗ richtet. Sonſt ſchien ſie keineswegs verlegen, und das Wenige, was ſie ſagte, ſprach ſie mit voller Freiheit des Geiſtes. Nur einmal nannte ſie meinen Namen, jedoch klang dießmal der Höflichkeitstitel Herr Wolvenaer nicht ſo ſcharf, wie das letzte Mal, da ich ihn aus ihrem Munde gehört hatte. wo ich bei meinen über nzer⸗ wagen yn zu durch krank länger , eine ſen, da meinen rn Pa⸗ lich jur Familie doch Erbit⸗ nen ge⸗ nit mir. genheit, lick faſt tte ge⸗ n, und it voller meinen keitstitel as letzte hatte. 167 Es verſteht ſich von ſelbſt, daß ich Nichts dazu beitragen konnte, die gedrückte Unterhaltung bei dem Mittageſſen zu heben, oder durch Lebhaftigkeit des Geiſtes zu erheitern. Wohl that ich mir große Ge⸗ walt an, um aufgeräumt zu erſcheinen, aber immer wieder ſchweiften meine Gedanken weit ab, und ich verfiel in eine unüberwindliche Schwermuth. Herr Pavelyn klagte über uns beide. Was Roſa betraf, ſo könnte er ſie entſchuldigen, da ſie ſich nicht ganz wohl befände, wie ihre ſichtbare Bläſſe bewieſe; aber ich, der keinen Grund hätte, um verdrießlich oder langweilig zu ſein, ich thäte ſeiner Meinung nach nicht wohl daran, auf ſolche Art durch Schweig⸗ ſamkeit die traurige Stimmung ſeiner Tochter noch zu vermehren, anſtatt ſie durch munteres Geſpräch zu erheitern. Sobald das Mittagsmahl zu Ende war, ſprach Herr Pavelyn den Wunſch aus, Roſa und ich ſollten am Klaviere ſingen, indem er verſicherte, Nichts habe auf das Gemüth eine ſo wohlthätige Wirkung, als der Geſang. Roſa weigerte ſich, an das Piano zu treten; ſie ſchien ſogar vor der Muſik zurückzuſchrecken; denn als ich, um Herrn Pavelyns Verlangen zu er⸗ füllen, ein Notenblatt in die Hand nahm und gegen meinen Willen zu ſingen gedachte, erklärte Roſa, daß ſie ſich allzu unwohl fühle, um den Laut meiner Stimme oder den Klang des Piano's ertragen zu können. Sie hätte Kopſſchmerz, ſagte ſie, und ihre Nerven wären auf das Empfindlichſte erregt. Nachdem er ſich viele Mühe gegeben, Roſa guter Laune zu machen, erkannte Herr Pavelyn, daß Alles vergeblich war. Mit ungeduldiger Stimme rief er 168 alſo nach der Magd und befahl ihr, das Schachbrett zu bringen, indem er mich aufforderte, eine Partie mit ihm zu machen, wie ich übrigens jeden Sonn⸗ tag, nur ſpäter am Abend, zu thun gewohnt war. Kaum hatten wir das Spiel begonnen, ſo kün⸗ digte Frau Pavelyn uns an, ſie wolle auf Roſa's Bitten mit ihr einen kleinen Spaziergang machen, um ſie friſche Luft ſchöpfen zu laſſen. Sie würden im Vorbeigehen vielleicht bei dem Bankier in der Kaiſerſtraße einen Beſuch machen, damit Roſa ihre Freundin Emilie begrüßen könnte; und ſo wäre es wohl möglich, daß man ſie daſelbſt aufhielte. Sollte es ſpät werden, ſo möchte Herr Pavelyn die Güte ſ die Kutſche einſpannen und ſie abholen zu aſſen. Während ich vor dem Schachbrett ſaß und ſchein⸗ bar den möglichen Verlauf des Spiels erwog, dachte ich nur an dieſes Weggehen Roſa's. Sie begab ſich in die Kaiſerſtraße, eben in das Haus, wo der junge Mann wohnte, der mir ihre Neigung für alle Zeit eh hatte. Sie wollte dort einen Theil des ages in Geſellſchaft mit Conrad van Somerghem zubringen! Aber noch tiefer quälte mich die Ueber⸗ zeugung, daß ſie durch ihre Entfernung ohne Rück⸗ halt und gefliſſentlich mich hatte demüthigen wollen. Sie machte einen Spaziergang bei kaltem, düſterem Wetter, weil ſie nicht da bleiben wollte, wo ich war! Solchen Abſcheu hatte ſie alſo vor mir gefaßt, daß ſie meine Gegenwart nicht mehr zu ertragen ver⸗ mochte. Deutlicher konnte man doch ſeinen Haß gegen Jemand nicht an den Tag legen.. So in Gedanken verloren, ſpielte ich wie ein 6 rett rtie nn⸗ kün⸗ ſa's hen, rden der ihre e es ollte Güte n zu hein⸗ achte ſich unge Zeit des ghem leber⸗ Rück⸗ ollen. ſterem war! „daß er⸗ Haß ie ein 6 169 unwiſſender Knabe. Zuerſt lachte Herr Pavelyn über meinen Mißgriff, aber bei dem zweiten groben Fehler wurde er ungeduldig und verwies mir meine Zer⸗ ſtreuung mit ſolcher Strenge, daß ich zum Bewußt⸗ ſein meiner Pflicht zurückgerufen wurde und von da an mir unendliche Gewalt anthat, um nothdürftig Acht auf das Spiel zu geben. Zum Glück gewann ich die erſte Partie, aber ich verlor die zweite und die dritte. Wir gaben das Spiel auf, denn bei der Kürze der Wintertage brach der Abend frühe an und es wurde bereits dunkel im Zimmer. Herr Pavelyn rückte alſo ſeinen Seſſel an das Feuer und begann mit mir über verſchiedene Dinge zu ſprechen. Er redete von dem bevorſtehenden Wettkampf in der Akademie und ſpornte mich an, alle meine Kräfte zur Erringung der goldenen Ehrenmedaille aufzu⸗ bieten. Ihm zufolge konnte der Lorbeerkranz mir kaum entgehen, aber nichts deſto weniger war er der Meinung, daß ich nicht blindlings meinem Glück ver⸗ trauen dürfe. Er beſchwor mich alſo, keinen Fleiß, keine Anſtrengung zu ſparen, um den rühmlichen Sieg davon zu tragen. Er bat, er flehte, ihm dieſe Genugthuung zu verſchaffen, als Zeichen meiner Dankbarkeit und als Lohn für Alles, was er zu meinen Gunſten ſeit meiner Kindheit gethan hätte. Ich war tief gerührt durch dieſe aufrichtigen Be⸗ weiſe der wohlwollenden Theilnahme meines Be⸗ ſchützers und gelobte ihm, den gehofften Lorbeerkranz an mich zu bringen, und müßte ich ſelbſt das Un⸗ mögliche deßhalb verſuchen. Wir ſprachen auch von Roſa. Er klagte über 170 die unbegreifliche Schwermuth, welche ſeit einiger Zeit ſich über ihrem Geiſte gelagert hatte und jetzt ſogar ihre Geſundheit zu untergraben drohte. Schon viermal in acht Tagen hatte ihre Mutter ſie in der Einſamkeit mit Augen voll Thränen überraſcht: ſie war ſtets übler Laune und, wiewohl ſanft und ſtill, doch langweilig und unangenehm für Jedermann. Man war in ſie gedrungen, um zu erfahren, ob ſie etwas wünſche oder verlange, aber ſie verſicherte, daß ſie kein einziges Begehren habe, und ſprach die Meinung aus, daß eine Nervenaffection die einzige Quelle ihrer Schmerzen und ihrer anhaltenden Schwer⸗ muth ſei. Herr Pavelyn war nicht ohne Beſorgniß; er wußte, daß ſeine Tochter früher von ſehr ſchwäch⸗ licher Geſundheit geweſen war und noch jetzt Nichts an Kraft zu verlieren hatte. Bei der erſten Gelegen⸗ heit gedachte er nach Brüſſel zu reiſen, um ſich dort bei einem berühmten Arzte über Roſa's Zuſtand Raths zu erholen, doch wollte er es ihr nicht ſagen, auch die Doctoren aus der Stadt nicht in ſein Haus bringen, aus Furcht, ſie und ihre Mutter dadurch in Schrecken zu ſetzen. Als das Geſpräch darüber zu Ende war, bat ich meinen Gönner um Erlaubniß, mich zu entfernen, da er mir ohnedieß ſchon vorher geſagt hatte, er gedenke, ſeiner Frau und Tochter Geſellſchaft zu leiſten, wenn ſie vor Einbruch der Dunkelheit nicht nach Hauſe gekommen wären. Er drücte mir die Hand und ſprach zum Gruße noch einige freundliche Worte, um mich für den bevorſtehenden Wettkampf der Akademie 6 zur Willenskraft und Anſtrengung aller meiner Fähig⸗ keiten zu ermuntern. ——— S S c— — S— — e— niger jetzt chn der ſie ſtill, ann. b ſie herte, h die inzige hwer⸗ gniß; wäch⸗ Nichts legen⸗ dort uſtand ſagen, Haus uch in at ich fernen, tte, et leiſten, Hauſe d und te, um ademie 6 Fähig 171 XIX. Von da veränderte ſich Roſa's Haltung gegen mich nicht mehr; ſie blieb gleich kalt und ergriff jede ſich darbietende Gelegenheit, ſich zu entfernen, wenn ich im Hauſe ihrer Eltern mich befand. Jedoch vergaß ſie niemals die Geſetze der ſtrengſten Schicklichkeit, ja ſie ſchien allmälig die Macht über ſich zu gewinnen, das Gefühl des Haſſes gegen mich ſo weit zu unter⸗ drücken und zu verbergen, daß ſie, wenn ſie gleich⸗ wohl das Wort an mich richten mußte, ſich beſonders freundlich geberdete, was jedoch nichts weiter als Höflichkeit war und mich über das ungünſtige Ge⸗ fühl, welches ſie gegen mich hegte, nicht täuſchen konnte. Roſa war jetzt gewöhnlich ſehr bleich und magerte ſichtbar ab. Ihre Eltern, welche ſie beſtändig unter den Augen hatten, bemerkten vielleicht nicht, daß deren Wangen von ihrer Rundung allmälig verloren; aber ich entdeckte, da ich jetzt nur alle vierzehn Tage einen Beſuch bei ihrem Vater abſtattete, wohl den Einfluß des Liebesgefühls, welches an jener verhäng⸗ nißvollen Soirée in ihrem Herzen entſtanden war und mein zukünftiges Leben vergiftet hatte. Nein, das Schickſal iſt nicht gerecht, und es gibt nicht, wie man zu ſagen pflegt, eine Vergeltung für all' das Leid, welches der Zuſtand der Menſchen zu⸗ weilen mit ſich bringt. Wie war er ſo glücklich und groß, deſſen Bild ſo ganz in Roſo's Seele herrſchte; wie ſelig mußte er ſein, der auserwählte Mann, der Gegenſtand ihrer reinen, doch unendlichen Liebe? 172 Um an ſeiner Stelle zu ſein, hätte ich, dünkt mir, was nur das Theuerſte auf Erden war, aufgeopfert und jeder andern Hoffnung, ja der Kunſt ſelbſt ent⸗ ſagt, Nicht allein, daß ich unter ihrem Haß ver⸗ nichtet war, nicht allein, daß ich ſie vor Liebe zu einem Andern verſchmachten ſah; ich geringes Weſen, ich durfte aus der Tiefe meiner Niedrigkeit nicht einmal zu ihr aufſchauen!— Der Neid, welcher mich ver⸗ zehrte, war eine ſtrafbare Leidenſchaft; und obwohl ich mein Leiden bis in's Grab verheimlichte, obwohl kein Menſch auf Erden wußte, welche ſchmerzliche Wunde in meinem Herzen blutete, obwohl ihr Haß mir die mindeſte Hoffnung verſagte, ſo blieb mir doch verboten, ſelbſt in der undurchdringlichſten Heim⸗ lichkeit ſie zu lieben! Die Pflicht, die Welt, die Dankbarkeit war da, um ohne Unterlaß mir in die Ohren zu rufen, daß ich die beſchimpfende Flamme, welche in meinem Buſen brannte, erſticken müſſe. Mein Leben war zu einem ſchrecklichen Kampfe geworden, zu einem heißen Ringen zwiſchen einander widerſtreitenden Gedanken. Ich verfiel bald in eine finſtere Verzweiflung; es ſchien mir, als verabſcheue ich mich ſelbſt, und nicht ſelten, wenn ich einſam da ſaß und über meine Unmacht und Feigheit nachdachte, ſchlug ich mich grauſam vor die Stirne, als wollte ich damit eine gerechtfertigte Rache ſtillen. Ach, ich war unglücklich, unglücklich in höherem Grade, als man nur begreifen konnte. Roſa war die Bedingung meines ganzen Lebens geweſen. Ihre Neigung zu miſſen, hieß für mich ſterben. Ich glaubte indeſſen damals noch, ich könnte über meine Schwachheit den Sieg davon tragen, oder die Zeit mir, fert ent⸗ ver⸗ nem ich mal ver⸗ vohl vohl liche Haß mir eim⸗ die die nme, mpfe nder eine cheue m da achte, ollte eem war Ihre Ich meine 173 werde die Wunde meines Herzens ſchließen. Der vergebliche Kampf erſchöpfte meine Kräfte; ich wurde mager und hatte das Vorgefühl einer nahenden Krankheit. Im Hauſe meiner Gönner erklärte ich meine Bläſſe für eine Wirkung unermüdeter Studien, um mich auf den Wettkampf der Akademie vorzubereiten, und theilweiſe ſprach ich die Wahrheit. Herr Pave⸗ lyn rieth mir die allzu große Leidenſchaft zu mäßigen, und ſogar Roſa, vielleicht aus einem Ueberreſt von Mitleid, ſuchte mir gleichfalls begreiflich zu machen, daß ich meine Geſundheit nicht gefährden dürfe. Endlich wurde der Wettſtreit in der Akademie eröffnet. Zuerſt handelte es ſich um die geringern Preiſe, wie für Gruppirung, Darſtellung, Perſpective und Anatomie, woran ich jedoch keinen Theil nehmen durfte, da ich ſchon das Jahr zuvor den erſten oder zweiten Platz in dieſen Fächern erhalten hatte. Die goldene Medaille, der erſte Lorbeerkranz für das Fach der Bildhauerkunſt war der Preis des Wett⸗ ſtreites im Modelliren nach dem Leben, und dieß ſollte der letzte ſein und dreimal ſechs Tage dauern. Die Annäherung dieſes entſcheidenden Kampfes, der Zweifel über den Erfolg meiner leidenſchaftlichen Beſtrebungen, der Kummer, welcher ohne Unterlaß als ein giftiger Wurm an meinem Herzen nagte, . Alles brach meine Kräfte und ließ mich unter⸗ iegen. Es war am Morgen vor dem Tage, der für den Anfang des Wettſtreites im Modelliren nach dem Leben feſtgeſetzt war. Dieſer Wettſtreit ſollte um ſechs Uhr des Abends eröffnet werden; die Mitbe⸗ 174 werber ſollten ſechs Abende zwei Stunden für die Ausführung eines jeden Probeſtücks verwenden: ſo kamen alſo achtzehn oder zwanzig Tage auf die vor⸗ geſchriebenen Probeſtücke. In meinem Eifer, Nichts zu verſäumen und alle Mittel für die Sicherheit des Erfolgs zu Hülfe zu rufen, ſaß ich ſehr früh Morgens auf meinem Zimmer und ſtudirte nach einem kleinen anatomiſchen Bilde die Muskeln des menſchlichen Körpers. Allmälig ver⸗ breitete ſich ein ſeltſames Gefühl von Kälte über meine Glieder; ich bekam Kopfſchmerz, und unauf⸗ hörliche Schauer begannen vom Kopf bis zu den Füßen meine Nerven zu erſchüttern. Ich wußte zuerſt nicht, was mich ankam, und erſchrack bei dem Gedanken, meine Furcht möchte ſich jetzt verwirklichen, und vielleicht eine lange und ent⸗ ſcheidende Krankheit mich auf das Lager werfen. Ich ſollte alſo keinen Theil an dem Wettkampf nehmen können; die goldene Medaille ſollte mir entſchlüpfen. Bald wandelte mich ein allgemeines Zittern an, meine Hände wurden ſchwach und meine Beine wankten ſo heftig, daß Alles, wornach ich griff, um mich darauf zu ſtützen, hin und her geſchüttelt wurde. Ich erkannte, daß ich am Fieber litt, einem Uebel, welches damals nicht ſelten zu Antwerpen auftrat. Es war nur das Fieber! Vielleicht hielt die Unpäßlichkeit mich nicht ab, um den höchſten Preis mich zu bewerben. Dieſer Gedanke mäßigte meine Angſt und ich legte mich zu Bette. Das Fieber hatte den gewöhnlichen Verlauf: nach einer guten Stunde eiskalter Schauer übte die Hitz und die An Au auft wol verz und Unp mir Eſſe und meir die ſo vor⸗ alle e zu nmer gilde ver⸗ über nauf⸗ den und e ſich ent⸗ rfen. ampf mir an, geine griff, üttelt inem erpen hielt chſten ßigte lauf: te die 175 Hitze ihre Rückwirkung und brachte mir das Blut und Gehirn zum Glühen, bis daß ich endlich in die Ruhe der Ermattung verſank und merkte, der Anfall ſei worüber. Die Frau meines Hausherrn kam in dieſem Augenblick, um mir zu ſagen, das Mittageſſen ſei aufgetragen. Ich erklärte ihr, ich fühle mich un⸗ wohl und habe keine Luſt zu eſſen; ſie würde mich verpflichten, wenn ſie mir etwas Thee heraufſchicke und ein wenig Speiſe für mich warm halte. Es gelang mir, ſie glauben zu machen, daß meine Unpäßlichkeit Nichts zu bedeuten habe. Sie brachte mir den Labetrank, verſicherte mich, ich würde mein Eſſen zu jeder Stunde des Nachmittags bereit finden, und ließ mich dann in Ruhe. So ermüdet ich auch war und ſo ſehr mich der Schlaf faſt übermannte, ſtand ich doch auf und kleidete mich an. Mit dem Vorrücken des Tages fühlte ich meine Kräfte ſich wiederherſtellen, und mit Anbruch des Abends begab ich mich nach der Akademie und begann meine Arbeit nach dem lebenden Modell mit vielem Muthe und beinahe mit Freude. Wohl kam es mir vor, mein Geſicht ſei nicht ganz klar, und das Fieber habe einigen Schwindel in meinem Gehirn zurückgelaſſen; aber ich überwand dieſes Hinderniß durch feſten Willen, und als die erſten zwei Stunden des Wettſtreites vorüber waren, kehrte ich nach Hauſe zurück, ganz zufrieden mit meinem Werke. Das Fieber ließ mir einen Tag Ruhe und kehrte dann beinahe immer zu derſelben Stunde wieder. Ich verbarg ſo viel wie möglich mein ernſtliches 176 Uebelbefinden vor Meiſter Jan und ſeiner Frau und bat ſie, Nichts davon meinen Gönnern zu ſagen, um ſie nicht unnütz zu beunruhigen. Ich hoffte immer noch, das Fieber werde nach einigen Anfällen ſich legen, und beſorgte überdieß, Herr Pavelyn möchte, wenn er erführe, daß ich krank wäre, mich zwingen, von dem Wettkampfe in der Akademie ab⸗ zuſtehen. Nachdem ich ſo vier oder fünf Anfälle durchge⸗ macht hatte und in Folge des Uebels und der An⸗ ſtrengung des Wettkampfes ſichtbar abgemagert war, erklärte mir Meiſter Jan, er könne meine Krankheit nicht länger vor Herrn Pavelyn verbergen. Ich ſtellte ihn durch das Verſprechen zufrieden, ich werde des andern Tages ſelbſt nach der Wohnung meiner Beſchützer gehen und ſie von meiner Unpäßlichkeit in Kenntniß ſetzen. Am folgenden Morgen fand ich mich wirklich im Hauſe von Herrn Pavelyn ein. Er ſtieß einen Schrei ängſtlicher Verwunderung aus, ſo bald er mein blaſſes Geſicht und meine eingefallenen Wangen bemerkte; Roſa betrachtete mich zuerſt mit einem ſonderbaren Blick, trüb und bitter und wie verwei⸗ ſend. Doch ließ ſie ſogleich den Kopf ſinken, und wäre ich nicht von ihrem Haſſe überzeugt geweſen, ich hätte denken können, die Spuren der Kronkheit auf meinem Auheſht haben eine tiefe Bewegung bei ihr hervorgebracht. Ich gab Erklärungen über die Urſache meiner Abmagerung und ſprach von dem Fieber als einem unbedeutenden Uebel, welches wohl von ſelbſt vor⸗ übergehen würde, ſobald ich mit dem Ende des Wet Her er viel er moc dert bew der auf wärt ſelbſ dieſe ich wurt ſprat der 2 konn Saa ſchlie 9 wozu Zeich Nicht doch Nerv litt. Ton gende hatte. Co u und ſagen, hoffte fällen avelyn „mich ie ab⸗ urchge⸗ er An⸗ t war, ankheit Ich werde meiner hkeit in wirklich einen a er Pangen einem verwei⸗ n, und eweſen, rankheit wegung meiner s einem bſt vor⸗ de des 177 Wettkampfes mir die nöthige Ruhe gönnen könnte. Herr Pavelyn beklagte mich mit wahrer Theilnahme; er lobte meinen großen Muth, hielt jedoch zu viel auf meinen wahrſcheinlichen Triumph, als daß er mich zum Aufgeben des Wettkampfes antreiben mochte. Roſa's Benehmen in dieſem Augenblick verwun⸗ derte mich. Sie verſicherte und ſuchte eifrig mir zu beweiſen, ich thäte ſehr Unrecht, meine Geſundheit der ungewiſſen Hoffnung eines Sieges aufzuopfern, auf welchen ich gemüthlich verzichten könnte. Ich wäre, meinte ſie, als Künſtler ſtark genug, um mir ſelbſt eine glänzende Laufbahn, auch ohne Hülfe dieſes Siegs, zu eröffnen. Und da ihr Vater und ich noch dazu ihre Gründe zu beſtreiten ſuchten, wurde ſie ſehr leidenſchaftlich und aus ihren Worten ſprach immer mehr Verdruß und Bitterkeit, bis ſie der Aufregung ihrer Nerven nicht länger widerſtehen konnte und, mit den Händen vor den Augen, zum Saale hinauslief, um ſich in ihrem Zimmer einzu⸗ ſchließen. Ihre Mutter folgte ihr ſtillſchweigend. Ich war ganz verblüfft und wußte nicht mehr, wozu ich mich entſchließen ſollte. Obwohl Roſa mir Zeichen von Entfremdung gegeben hatte und ſichtbar Nichts mehr von mir ertragen konnte, ſchnitt es mir doch tief in's Herz, erkennen zu müſſen, daß ihr Nervenſyſtem an einer krankhaften Empfindlichkeit litt. Es war in ihrer Stimme ein unbegreiflicher Ton ſchmerzlicher Ungeduld gelegen; etwas Kla⸗ ſe etwas Verzweifelndes, das mich erſchreckt hatte. Conſcienee, Das eiſerne Grab. 12 178 Herr Pavelyn ſuchte mich zu beruhigen, indem er mir ſagte, die Heftigkeit in Roſa's Benehmen dürfe mich nicht verwundern; es ſei nichts Anderes, als eine Folge ihrer Nervenerregung. Morgen werde ſie wie gewöhnlich um Entſchuldigung bitten und ihr Unrecht anerkennen. Seiner Meinung nach durfte ich den Wettkampf nicht aufgeben, als bis ich ſelbſt mein Unvermögen erkenne. Er ließ mir in dieſer Beziehung völlige Freiheit; aber da ich trotz des Fiebers ſchon zehn Tage in dem Kampfe ausgeharrt habe, ſo ſei Grund zu hoffen, daß ich meine Probeſtudien vollenden könne. Er werde mir einen ausgezeichneten Doctor zuſenden, und dieſer ſolle auf jeden Fall entſcheiden, ob die Theil⸗ nahme an dem Wettkampfe mir wirklich Schaden bringen könne. Ich kehrte nach Hauſe, den Kopf voll trauriger Gedanken, doch feſt entſchloſſen, meine Preisbewerbung fortzuſetzen, und ſollte ſelbſt der Arzt es mir ver⸗ bieten.— Mein Sieg ſollte für meinen Gönner ein Lohn ſeiner Wohlthaten ſein; und wenn mein Name in der ganzen Stadt als derjenige eines Künſt⸗ lers verkündigt würde, dem eine glänzende Zukunft beſchieden wäre, ſo durfte der Holzſchuhmachers⸗ ſohn ſich vielleicht einigermaßen aus der Ernie⸗ drigung emporgehoben dünken. Thörichte Gedanken, die in mir auſſtiegen; aber er war reich und groß in der Welt, der mir das Licht meines Lebens ge⸗ ſtohlen hatte! Zit ein un ſch we bri ſag Ta er Po kom ſei, wel wor die Sie mir dau ſo 1 wie gilti wur Sol ndem hmen eres, werde und nach bis mir ich ampfe aß ich werde und Theil⸗ chaden mriger erbung ir ver⸗ ner ein Name Künſt⸗ Zukunft achers⸗ Ernie⸗ danken, d groß ns ge⸗ XX. Ich war nicht über eine Stunde in meinem Zimmer, als der Doctor bereits erſchien. Nach einigen Erkundigungen bezüglich der Beſchaffenheit und Dauer meines Leidens verſicherte er, es herr⸗ ſchen gegenwärtig viele hartnäckige Fieber in Ant⸗ werpen, wiewohl die Jahrszeit es nicht mit ſich bringe. Nichts deſto weniger glaube er mir voraus⸗ ſagen zu können, daß mein Uebelbefinden nach zehn Tagen verſchwinden werde. Er verſchrieb mir eine Mirtur von Chinarinde und bittern Wurzeln, welche er als beinahe unfehlbar gegen das Antwerpner Polderfieber rühmte. Er werde Nachmittags wieder kommen, obſchon dieß ſeiner Anſicht nach unnütz ſei, aber ſo wolle es Herr Pavelyn haben, von welchem ihm meine Heilung zur Pflicht gemacht worden. Der nächſte Tag war mein Fiebertag. Schon am frühen Morgen ſtieg die Frau von Meiſter Jan die Treppe auf und ab, unter allerlei Vorwänden. Sie brachte eingemachte Früchte und Früchteſäfte mir an das Bett, erkundigte ſich mit zärtlichem Be⸗ dauern, ob ich mich wohl fühle, und bezeugte mir ſo viel Theilnahme, daß ich nicht begreifen konnte, wie dieſe alte Frau, nach ihrer Gewohnheit ſo gleich⸗ giltig, auf einmal für mein Leiden ſo gefühlvoll wurde, wie nur eine Mutter, welche ihren kranken Sohn pflegte. Vier Tage lang war meine Verwunderung im Zunehmen, denn es war in der That etwas Außer⸗ 12* 180 gewöhnliches, die Sorgfalt, womit Fran Petronella mich umgab. Nichts ſchien gut genug für mich; der Grund, auf den ich trat, war zu hart für meine Füße; die brave Frau hatte den Boden meines Arbeitszimmers ſelbſt gegen meinen Willen mit allen Teppichen, die für ſie aufzutreiben waren, belegt. Den ganzen Tag kam ſie herauf, um nachzuſehen, ob ich das Feuer in meinem Ofen auch ſorgfältig unterhielte, und wo ſie eine Spalte in Thüre oder Fenſter zu entdecken glaubte, ſtopfte ſie Alles dicht zu, um mich vor dem Zuge der äußern Luft zu bewahren. Ich war ſehr begierig, den Grund dieſer außer⸗ ordentlichen Sorgfalt zu erfahren, und es gelang mir endlich, Petronella durch allerlei Fragen zu er⸗ müden und zum Sprechen zu bringen. Roſa, Roſa hatte ſie mit Thränen in den Augen gebeten, für mich zu ſorgen und über mir, wie eine Mutter über ihr Kind, zu wachen! So war alſo doch trotz ihrer Liebe zu einem fremden Mann noch Platz in ihrem Herzen für das Mirleid mit den Schmerzen des Freundes ihrer Kindheit geblieben! Dieſer Gedanke erfüllte mich mit Freude und einen ganzen halben Tag lächelte ich darüber im Stillen; aber allmälig lehnte ich mich gegen die wahnſinnige Hoffnung auf, die ſich in mir regte, und ſuchte mich zu überzeugen, daß dieſe wonnige Träu⸗ merei, in welche meine Seele ſich verlor, Nichts als ein eitles Zauberbild wäre.— Daß Roſa Mitleid mit meiner Krankheit hatte, war dieß nicht ganz natürlich? Hatte ich jemals an der angebornen Güte und dem Edelmuth ihres Herzens gezweifelt? Ab ihre und ſtel ich wie aud der und that die an weiſ neſu wöh Stu dort wah heit Glü gen Stu holu zu 9 die ſelbſ Spie nicht über nella mich meine eines allen elegt. ſehen, fältig oder dicht uft zu außer⸗ gelang zu er⸗ Augen ie eine walſo n noch it den lieben! e n ber im en die te, und Träu⸗ hts als Mitleid t gan ebornen weifelt? 181 Aber durfte ich wohl hoffen, daß ſie mir jemals ihre Neigung wieder ſchenken werde, da zwiſchen ſie und mich ein Anderer, ein geliebter Mann ſich ge⸗ ſtellt hatte? Wie dem aber auch ſei und wie ſehr ich mir Mühe gab, mich dem Zauber zu entziehen, wie unaufhörlich der Name Conrad van Somerghem auch in meinen Ohren ertönte, es blieb mir von der Enthüllung der alten Frau ein ſüßer Zweifel und ein großer Troſt. Die Heilmittel, welche mir der Doctor verſchrieb, thaten dem Fieber nicht Einhalt. Im Gegentheil, die Krankheit ſchien unter dem Einfluß der Medicin an Heftigkeit zuzunehmen; aber nichts deſto weniger weiſſagte mir der Doctor meine bevorſtehende Ge⸗ neſung, da die letzten Fieberanfälle ſpäter als ge⸗ wöhnlich ſich eingeſtellt hatten und bereits ein paar Stunden verfloſſen waren. Ich ging täglich in die Akademie und arbeitete dort mit einer Hingebung und einem Eifer, welche wahrſcheinlich viel zur Verſchlimmerung meiner Krank⸗ heit und zum Verfall meiner Kräfte beitrugen. Ein Glück noch, daß bis jetzt die Anfälle immer früh genug am Tage begonnen hatten, um mir für die Stunden, wo ich in die Akademie gehen mußte, Er⸗ holung von meinen Leiden und Klarheit des Geiſtes zu gewähren. Endlich wurde meine Ermattung ſo groß und die Magerkeit meiner Wangen ſo auffallend, daß ich ſelbſt mit Schrecken zurückbebte, als ich mich in dem Spiegel betrachtete. Ich durfte mein Unwohlſein nicht länger vor meinen Eltern geheim halten, und überdieß regte ſich in mir ein lebhaftes Verlangen, 182 meine Mutter zu ſehen. Ich ſchrieb ihr in ſehr zu⸗ rückhaltendem Tone, ich leide an einem leichten Fieber und könne deßhalb am nächſten Sonntag nicht nach Bodeghem kommen, wie ich verſprochen habe, nicht ſowohl in Folge meiner Unpäßlichteit, als weil die Preisbewerbung in der Akademie mir ungemein viel zu ſchaffen mache. Ich beruhigte ſie, ſo viel ich konnte, doch fügte ich die Bitte hinzu, mich am Sonntag in der Stadt zu beſuchen, und verſicherte ſie, ich würde für dieſen Beweis ihrer Liebe ihr ſehr dankbar ſein. Ich ſchrieb dieſen Brief am Freitag; ſie mußte ihn Tags darauf am Nachmittag erhalten, alſo zei⸗ tig genug, um ſich zur Reiſe in die Stadt zu rüſten. Am Samſtag mußte das dritte Probeſtück für den Wettkampf vollendet werden. Bei dem Schwin⸗ den meiner Kräfte war ich einigermaßen zurückgeblie⸗ ben und hatte jetzt in dieſen zwei letzten Stunden genug zu arbeiten, um mit meiner dritten Probe⸗ arbeit nach Gebühr fertig zu werden. s war mein Fiebertag. Dieß machte mir Sorge, denn ich wußte aus Erfahrung, daß ich nach einem Anfall von dem Uebel nicht ſo friſch zur Auffaſſung, noch ſo klar im Geiſte war, wie ſonſt. Zu meiner großen Verwunderung fühlte ich den ganzen Tag kein Fieber, und während ich vor Anbruch des Abends mich fertig machte, um in die Akademie zu gehen, jubelte ich vor Freude und Muth, in der Ueberzeugung, daß ich den letzten Theil meiner Preis⸗ ſtudie mit der Vollkraft meiner Fähigkeiten zu Ende bringen könne... Aber ſobald ich meinen Arbeitsrock ausgezogen hatt fiel eiske verſt Fieb ich, ich 1 feuri in d errei Kam der zurü der ſo d wäre einer auf einer zitte mert man im 2 blick Mod ihnet mir, woll r zu⸗ ieber nach nicht il die viel el ich h am cherte r ſehr mußte ſo zei⸗ rüſten. ck für chwin⸗ geblie⸗ tunden Probe⸗ Sorge, einem ſſung, meiner n Tag ch des mie zu in der Preis⸗ 1 Ende gezogen 183 hatte, um mir Hände und Geſicht zu waſchen, über⸗ fiel mich ein Schauer, welcher gleich einem Strahle eiskalten Waſſers mir über den Rückgrat lief. Ich verſtand! Das Fieber war da! Dieſen Augenblick! Unterſtützt durch meinen Schrecken, entwickelte der Fieberanfall ſogleich ſeine ganze Kraft: ſchon fühlte ich, wie mir die Lippen zu beben anfingen.— Sollte ich mich von dem Uebel niederwerfen laſſen und dem feurig gewünſchten Triumphe entſagen? Unterliegen in dem Momente, wo meine Hand den Lorbeerkranz erreichen zu können ſchien? O, nein, nein: der Kampf mußte zu Ende geführt werden, und hätte der Tod ſelbſt ſich mir in den Weg geſtellt, um mich zurückzuhalten. Gleich einem Wahnſinnigen warf ich meine Klei⸗ der um und ſtürzte von der Treppe auf die Straße. Es war beinahe finſter. Zum Glück! Ich entſchlüpfte ſo der Aufmerkſamkeit der Vorübergehenden. Wie wären ſie erſtaunt geweſen, wenn ſie an hellem Tage einen Jüngling geſehen häkten, der mit Leichenbläſſe auf den Wangen, mit klappernden Zähnen, gleich einem Trunkenen auf den Beinen wankend, ſich mit zitternden Händen an Fenſtern und Gittern anklam⸗ mernd, ſich längs der Häuſer fortſchleppte, wie Je⸗ mand, der einer tödtlichen Ohnmacht zu unterliegen im Begriff iſt! Ich gelangte jedoch in die Akademie, im Augen⸗ blick, da meine Mitbewerber rund um das lebende Modell ihre Plätze einnahmen. Mein Zuſtand flößte ihnen tiefes Mitleid ein; alle umringten mich, riethen mir, flehten mich an, nach Hauſe zurückzukehren. Sie wollten ſogar, erklärten ſie, zuſammen eine Bittſchrift 184 unterzeichnen, um die Preisrichter zu beſtimmen, meine unvollendete Studie für ganz vollendet zu erklären. Ich war höchſt dankbar für dieſen Beweis wahrer Zuneigung und Edelmüthigkeit, aber wies jeden Rath ab, ſelbſt von Seiten der Herren Profeſſoren, und ſtellte mich an meinen Platz, um die Arbeit zu be⸗ ginnen, obwohl meine zitternde Hand das Modellir⸗ eiſen kaum zu halten vermochte. Des Menſchen Wille iſt eine grenzenloſe Macht! Ich gewann ſo viel Gewalt über mich ſelbſt, daß ich die Fieberſchauer bezwang und, obwohl ſchwin⸗ delnd und ganz bewußtlos, an meiner Studie ſor arbeitete und ſie in dem Augenblick fertig hatte, da die Uhr der Akademie die achte Stunde ſchlug und damit den Schluß des Wettkampfes verkündigte. aber jetzt erſchlafften meine Kräfte und das Fieber erfaßte mich mit unerhörter Wuth. Es wurde mir finſter vor den Augen; ich lehnte mich auf eine Bank und war im Begriff, vor Schwäche zu Boden zu fallen. Zwei meiner Kamaraden faßten mich unter den Armen und führten mich, gefolgt von fünf oder ſechs Andern und mit zärtlichem Mitleid mein Loos beklagend, in meine Wohnung und verließen mich nicht eher, als bis ich in meinem Bette lag. XXI. Frau Petronella wachte an meinem Bette, bis der Fieberanfall ganz vorüber war, und ich begehrte von ihr, nachdem ich ſie über meinen Zuſ tand be⸗ ruhigt begeb Wand bedur K einen durch Zuerſt tönen Töner die h weinte eine Haupt gewan Schre Lipper mit d deſto Bräut zu ihr für m einen phiren lung und i Stirn war u ich m der T ten, u men, t z ahrer Rath und u be⸗ dellir⸗ tacht! „daß chwin⸗ fort⸗ te, da und Fieber e mir Bant en ze unter f oder Loos n mich te, bis egehrte and be⸗ 185 ruhigt hatte, ſie ſolle ſich jetzt gleichfalls zur Ruhe begeben. Ihr Zimmer war nur durch eine dünne Wand von dem meinigen geſchieden; wenn ich etwas bedurfte, ſollte ich klopfen, um ſie es wiſſen zu laſſen. Kaum hatte ſie ſich entfernt, ſo verfiel ich in einen ſchweren Schlaf, welcher die ganze Nacht hin⸗ durch von allerlei bangen Träumen geſtört wurde. Zuerſt ſah ich mich in einem prächtigen Tempel, er⸗ tönend von den Geſängen der Prieſter und von den Tönen der ſüßeſten Muſik; Weihrauchwolken erfüllten die heilige Stätte. Ich erlitt bittere Qualen und weinte heiße Thränen, denn vor dem Altar kniete eine junge Frau, mit der Hochzeitskrone auf dem Haupte; und neben ihr kniete ein Jüngling im Feſt⸗ gewande des Bräutigams. Wie eiskalt wurde es mir vor Verzweiflung und Schrecken um's Herz, als das Jawort von Roſa's Lippen fiel und des Prieſters Segen ſie auf ewig mit dem Feinde meines Glücks vereinigte. Nichts deſto weniger ſchaute ich, als ſie an der Hand ihres Bräutigams den Altar verließ, mit klagenden Augen zu ihr auf: meine Seele flehte um einiges Mitleid für meinen tödtlichen Schmerz; aber Roſa warf mir einen Blick voll Haſſes, ihr Bräutigam voll trium⸗ phirender Verachtung zu. Ein Schrei der Verzweif⸗ lung erſcholl aus meiner Bruſt durch den Tempel... und ich erwachte mit dem Angſtſchweiß auf der Stirne.— Sobald ich wieder der Ermattung erlegen war und meine Augen ſich geſchloſſen hatten, befand ich mich im Hauſe von Herrn Pavelyn. Es war der Tag, wo die Preisrichter ſich verſammeln muß⸗ ten, und wir warteten vertrauensvoll ihren Ausſpruch ab. Plötzlich erſcheint der Akademiediener; ein freu⸗ diger Jubel begrüßt ihn, und die Verkündigung mei⸗ nes Sieges eilt ihm voraus; aber er gibt zu ver⸗ ſtehen, ein anderer Mitbewerber habe den Lorbeer⸗ kranz gewonnen und ich nur den zehnten Platz erhalten! Mein Wohlthäter beſchuldigt mich der Naochläßigkeit und Einbildung; er entzieht mir ſeinen Schutz. Roſa erklärt mir, daß keine Gemeinſchaft mehr zwiſchen ihr und einem Mann beſtehen könne, der weder Muth noch eigenes Talent genug beſitze, um ſich durch die Kunſt zu ihr zu erheben. Mit geſenktem Haupte, mit vernichteter Seele verlaſſe ich das Haus meiner bisherigen Wohlthäter. Sie jagen mich fort! Der Spruch:„Du biſt kein Künſtler!“ erſchallt gleich einem Fluche aus ihrem Munde hinter mir. Mehr als eine Stunde bedurfte ich, um die Angſt zu überwinden, welche dieſes Traumbild mir verur⸗ ſacht hatte. Endlich fiel ich doch wieder in Schlaf. Jetzt verſetzte die Phantaſie mich in mein Geburts⸗ dorf. Wie meine Eltern das Geheimniß meines Her⸗ zens errathen hatten, weiß ich nicht; aber ich ſah den Blick meines Vaters von Zorn entflammt und das Angeſicht meiner Mutter naß von Thränen. Beide verwieſen mir den thörichten Hochmuth, der mich zur gemeinſten Undankbarkeit hatte verſinken laſſen. Ich hatte es gewagt, meine Augen zu der Tochter meiner Gönner zu erheben! Ich hatte an die Pflege dieſes verwerflichen Gefühls die Kräfte meiner Seele verſchwendet und ſo das Ziel der ge⸗ noſſenen Wohlthat verfehlt. Gott hatte mich geſtraft und das Licht des Geiſtes und das Feuer der Kunſt mir entzogen. Meine Mutter klagte mit gramvollem Schm Vater mit ſ A und am h dem übern lange ſchwir Haup Q der C laufer mehr als i welch erwec jedoch von N durch meine einzuſ Thüre mit Zimm einem ſie m Küſſet freu⸗ g mei⸗ u ver⸗ rbeer⸗ aten ßigkeit Roſa enihe Muth rch die ate, meiner Der gleich Angſt verur⸗ Schlaf. eburts⸗ es Her⸗ ich ſah nt und hränen. h, der erſinken zu der atte an Kräfte der ge⸗ geſtraft er Kunſt mvollem 187 Schmerze, daß ich ſie unglücklich gemacht hätte; mein Vater, außer ſich vor grimmigem Zorne, belegte mich mit ſeinem Fluche! Ach, welche Nacht! So voll ſchrecklicher Viſionen und drohenden Mißgeſchicks, deſſen Möglichkeit ſelbſt am hellen Tage mich zittern machte! Ich fuhr aus dem Schlafe auf, der mich jedoch von Neuem überwältigen wollte, und gab mir alle mögliche Mühe, um die Augen offen zu halten; aber nach langem Kampfe fühlte ich meine Kräfte gänzlich ſchwinden; ich unterlag und ließ beſiegt das matte Haupt auf das Kiſſen niederfallen. Wahrſcheinlich hatte meine Phantaſie die Reihe der Geſpenſter, welche mich erſchrecken konnten, durch⸗ laufen, denn von jetzt an wurde mein Schlaf nicht mehr durch Träume geſtört oder unterbrochen, und als ich ſehr ſpät am Morgen durch ein Geräuſch, welches Frau Petronella in meinem Zimmer machte, erweckt wurde, fühlte ich mich nicht beſonders krank, jedoch war ich äußerſt ermattet und mein Geiſt blieb von einer großen Traurigkeit umwölkt. Nachdem ich ein paar Taſſen Thee getrunken und durch den Genuß von etwas Brod die Forderungen meines Magens befriedigt hatte, verſuchte ich wieder einzuſchlafen; aber in dieſem Augenblick wurde die Thüre geöffnet, und meine Mutter, welche ihr Dorf mit Tagesanbruch verlaſſen hatte, trat in das Zimmer. Die Thränen ſtürzten ihr aus den Augen; mit einem Schrei des Mitleides und der Angſt ſchloß ſie mich in ihre Arme, indem ſie mir zwiſchen ihren Küſſen Vorwürfe machte, daß ich nicht ſchon früher 188 ſie von meiner Krankheit benachrichtigt hatte. Die Magerkeit meiner Glieder und die Bläſſe meiner Wangen erſchreckten ſie und lockten noch reichlichere Thränen hervor, ſo oft ſie den Kopf erhob, um einen neuen Blick auf mein Geſicht zu werfen. Indem ich ſie mit inniger Dankbarkeit umarmte, ſuchte ich ihr begreiflich zu machen, daß ich nur das Fieber habe; daß dieſes Uebel, wenn auch der daran Leidende ſchnell abmagere, nicht gefährlich, ſondern leicht zu kuriren ſei; daß ich ſogar ſchon lange ge⸗ neſen ſein würde, wenn der Wettkampf in der Aka⸗ demie mich nicht allzu ſehr in Anſpruch genommen und ermüdet hätte. Um ihren Schrecken zu über⸗ winden und ſie zu tröſten, nahm ich eine frohe Miene an; ich lachte und ſcherzte und gab meinem Geſpräche eine leichte und lebhafte Form, um ihr den Glauben beizubringen, daß ſie ſich mit Unrecht über meinen Zuſtand bekümmerte. Anfänglich ſträubte ſich meine Mutter gegen meine Bemühungen, allmälig jedoch kam einige Ruhe in ihr Gemüth, und ihre Thränen hörten auf zu fließen. Wir begannen jetzt, beinahe in aufgeräum⸗ ter Stimmung, von allerlei Dingen zu ſchwatzen: von meiner Hoffnung auf den ſchönen Sieg, von meinem Vater, von meinen Schweſtern, von Herrn Pavelyn und von Roſa. Je mehr die Betrübniß meiner Mutter ſich verminderte, deſto mehr nahm meine Traurigkeit überhand. Ich fühlte jetzt kein Bedürfniß mehr, heiter zu ſcheinen; und überdieß befiel bei dem Geſpräche über Roſa, während es die Wunde des Herzens wieder aufriß, meinen Geiſt eine unüberwindliche Niedergeſchlagenheit. 2 Klag mein⸗ dürfe lichen nicht wahr ſchein daß) gegen ſie in ſichtli T zehrt ſchäm daß von und 2 feurig mit d hätte wäre Haß könne alſo ander gebro L und meine Trau Roſa, Die meiner ichere m . armte, ur das daran ondern ge ge⸗ r Aka⸗ ommen über⸗ Miene ſpräche lauben meinen gegen e Ruhe auf zu eräum⸗ watzen: g, von Herrn trübniß nahm tzt kein überdieß d es die eiſt eine 189 Meine Mutter glaubte aus meinen undeutlichen Klagen und aus der Zurückhaltung, die ich bei meinen Antworten bewies, den Schluß ziehen zu dürfen, daß ich ihr etwas Wichtiges zu verheim⸗ lichen ſuchte. Ich konnte ihrem zärtlichen Andringen nicht lang widerſtehen und offenbarte ihr endlich den wahren Grund meines Kummers und die wahr⸗ ſcheinliche Urſache meiner Krankheit. Ich ſagte ihr, daß Roſa ſeit einiger Zeit einen unverſöhnlichen Haß gegen mich hege und meine Gegenwart fliehe, daß ſie immerdar bitter gegen mich ſei und mich oft ab⸗ ſichtlich demüthige. Daß mein Herz von einer geheimen Liebe ver⸗ zehrt wurde, durfte ich ihr nicht geſtehen, denn ich ſchämte mich der ſtrafbaren Leidenſchaft, und wußte, daß der geringſte Verdacht einer ſolchen Verirrung von meiner Seite meine Mutter mit Verzweiflung und Abſcheu erfüllt hätte;— aber ich erinnerte mit feurigen Worten daran, wie Roſa meine Kindheit mit dem Zauberſchleier ihrer Freundſchaft beſchattet hätte, und wie ſie die einzige Urſache von Allem wäre, was in meinem Leben vorgefallen. Daß ihr Haß mich unglücklich machen müſſe, daran, meinte ich, könne meine Mutter nicht zweifeln, und es wäre alſo kein Wunder, daß Roſa's Erbitterung, neben andern Gründen zur Unruhe, mich zum Unterliegen gebracht und auf das Krankenbett geworfen hätte. Meine gute Mutter ſchöttelte ungläubig den Kopf und lächelte ſogar zu meiner Erklärung. Sie nannte meinen Schmerz einen beklagenswerthen grundloſen Traum. Es möchte wohl ſein, daß ich vielleicht Roſa, ohne es zu wiſſen, einigen Grund zu vorüber⸗ —— 190 gehendem Verdruß gegeben hätte; aber daß Fräu⸗ lein Pavelyn mir noch unvermindert dieſelbe Zu⸗ neigung wie früher ſchenkte, dafür verſicherte meine Mutter unwiderſprechliche Beweiſe zu haben. Es wären noch keine fünf Wochen vergangen, daß Roſa an einem ſchönen ſonnigen Tage mit ihrer Mutter nach Bodeghem gefahren. Ich wußte das wohl und es hatte mir Verdruß genug gemacht, daß ſie mir Nichts von dieſer Reiſe geſagt, und daß Frau Pa⸗ velyn allein mir den Gruß meiner Eltern gebracht hatte. Meine Mutter erzählte mir mit froher Be⸗ geiſterung, daß Roſa, ſtatt das ſchöne Wetter zu genießen, den ganzen Tag an ihrer Seite zugebracht und ihr mehr Liebe und Zuneigung als je bewieſen hätte; daß ſie wohl hundertmal immer wieder von mir geſprochen hätte, von dem Edelmuth meines Charakters, von der glänzenden Zukunft, die mich erwartete, und von ihrem Glück, denken zu dürfen, daß ſie etwas dazu beigetragen, um mir ein ſchönes Loos auf Erden zu ſichern. Ja, Roſa hätte be⸗ kannt, daß ſie jeden Abend innig zu Gott bete, es möchte ihm gefallen, mir bei dem feierlichen Wett⸗ kampfe der Akademie den Lorbeerkranz zu Theil wer⸗ den zu laſſen. Ich horchte voll Erſtaunens. Die Stimme mei⸗ ner Mutter klang mir wie eine ſüße, verlockende Muſik, und das Herz klopfte mir laut unter dem Einfluß ihrer entzückenden Worte; aber das war nur eine vorübergehende Bezauberung, denn als ſie zu ſprechen aufhörte, ſtieg das Bild eines ſchönen, ſtolzen Jünglings vor meinen Augen auf, und die grauſame Wirklichkeit grinste ſpottend mich an. 2 Zeit Jüng entſte ſchaft waru von geres tigt ich il jeder mich um wärt hober niß ſelbſt glauk grünt konnt licher gerin beina ſolge Verd mir gewo mir: zu de beſteh Fräu⸗ be Zu⸗ meine t. Es ß Roſa Mutter ohl und ſie mir au Pa⸗ ebracht e Be⸗ tter zu ebracht ewieſen e n meines ie mich dürfen, ſchönes itte be⸗ ete, es Wett⸗ eil wer⸗ ne mei⸗ lockende ter dem war als ſie ſchönen, ind die an. 191 Ich entdeckte meiner Mutter, daß ſeit geraumer Zeit in Roſa's Herzen eine feurige Neigung für einen Jüngling von hoher Geburt und großem Vermögen entſtanden ſei; daß durch die Liebe in ihr die Freund⸗ ſchaft erſtickt worden ſei, und daß ſie, ich wüßte nicht warum, mich zu haſſen, bitter zu haſſen begonnen, von dem Augenblick an, da ein anderes, mächti⸗ geres Gefühl ſich jeder Regung ihrer Seele bemäch⸗ tigt hätte. Um meine Klage zu beſtätigen, erzählte ich ihr, was ſeitdem geſchehen war, wie Roſa bei jeder Gelegenheit ſich verdrießlich gegen mich äußere, mich abſichtlich kränke und alles Mögliche thue, um ihre Wohnung zu verlaſſen, ſobald ich gegen⸗ wärtig ſei. Ich hatte dieſe Erklärungen in ſo traurigem Tone gegeben und ſo wirkſam die Einzelnheiten hervorge⸗ hoben, die von Roſa's Erbitterung gegen mich Zeug⸗ niß geben konnten, daß meine Mutter nunmehr ſelbſt in Zweifel gerieth und nicht wußte, was ſie glauben ſollte. Sie gab zu, daß meine Furcht ge⸗ gründet ſein möchte, und tröſtete mich, ſo gut ſie konnte, indem ſie mir Hoffnung zeigte, Roſa's kränk⸗ licher Zuſtand ſei vielleicht der einzige Grund ihrer geringen Freundlichkeit gegen mich: Etwas, das ihr beinahe gewiß erſchien, da meiner Mittheilung zu⸗ ſolge Herr und Frau Pavelyn gleichfalls über Roſa's Verdrießlichkeit ſich beklagten. Ueberdieß ſuchte ſie mir begreiflich zu machen, daß ich nun ein Mann geworden ſei und zwiſchen Fräulein Pavelyn und mir nicht mehr dieſelbe vertrauliche Freundſchaft, wie zu der Zeit, da wir beide einfältige Kinder waren, beſtehen könne. 192 Nachdem meine Mutter ein paar Stunden an meinem Bette zugebracht hatte, ſtand ſie auf und erklärte mir, ſie werde jetzt noch nicht nach Bodeg⸗ hem zurückkehren, ſondern wolle zuvor Herrn und Frau Pavelyn ihren ehrerbietigen Reſpect bezeugen. Sie könne wohl noch einen Theil des Morgens bei mir bleiben; aber ſie ſchmeichle ſich mit der Hoffnung, vielleicht, wenn ſie Roſa zu ſehen und zu ſprechen be⸗ komme, aus ihr herauszubringen, daß ich ganz oder theilweiſe um eines eingebildeten Uebels willen mich aufrege und betrübe. Geſchehe es ſo, dann werde ſie mit Freuden einen großen Troſt bringen, auf alle Fälle aber wiederkehren, um noch einige Zeit mit mir zu plaudern. Sobald meine Mutter weggegangen war, bemäch⸗ tigten ſich ſeltſame Gedanken meines Geiſtes. Roſa hatte alſo bei ihrem letzten Beſuch in Bodeghem meine Mutter mit Beweiſen von Zuneigung und beinahe kindlicher Liebe überhäuft? Sie hatte mei⸗ nen Charakter edel genannt, mit Begeiſterung von meiner Zukunft geſprochen und geſagt, daß ſie jeden Abend ihre Gebete zu Gott ſchicke, er möchte mir in dem feierlichen Wettkampfe zum Siege verhelfen? Ich erinnerte mich nicht mehr, um welche Zeit Roſa in Bodeghem geweſen war; ſo lang meine Mutter geblieben, hatte ich ihr zu beweiſen geſucht, daß ich wohl mit Recht an Roſa's Haß gegen mich glaubte; nun aber, da ich mich allein befand, ſuchte ich mei⸗ nem Gedächtniſſe Gewalt anzuthun und berechnete Vorfälle und Tage mit ſo viel Neugierde, daß ich endlich zu einer überraſchenden Gewißheit gelangte und mit einem Schrei froher Angſt in meinem Bette aufſp es m wider ter v hafte warer verflo in ih Freun wirklie Betra durfte gang als ei gegen Worte Erbitt Und d Güte betrüg Ir zwiſche auf ur meiner Si ſcheinli mert ſ von S Blicke, „N Spotte gleichfe Con en an f und Zodeg⸗ n und eugen. ns bei fnung, en be⸗ z oder nmich werde a e Zeit emäch⸗ Roſa eem g und e mei⸗ g von jeden e mir elfen t Roſa Mutter aß ich aubte; h mei⸗ echnete aß ich langte Bette 193 aufſprang. Hatte ich mich nicht betrogen? Konnte es möglich ſein? Wie der augenſcheinlichen Wahrheit widerſtehen? Zur Zeit, da Roſa bei meiner Mut⸗ ter von ihrer Neigung zu mir und von ihrer leb⸗ haften Theilnahme an meinem Looſe Zeugniß ablegte, waren neun Tage ſeit der verhängnißvollen Soirée verfloſſen! Was mußte ich denken? Hatte die Liebe in ihrem Herzen einen ſo geraumen Platz für die Freundſchaft übrig gelaſſen? War mein Kummer wirklich nur ein böſer Traum? Aber wie dann ihr Betragen gegen mich erklären? O, nein, nein, ich durfte der verführeriſchen Hoffnung nicht den Ein⸗ gang in mein Herz geſtatten! Hatte ich nicht mehr als einmal in Roſa's Augen den Funken des Haſſes gegen mich leuchten geſehen? Lag nicht in ihrem Worte, wenn es ſich an mich richtete, ein Ton von Erbitterung, Verdruß und vielleicht von Verachtung? Und dennoch, warum ſollte ſie, die Aufrichtigkeit und Güte ſelbſt, aus eigenem Antriebe meine Mutter betrügen wollen? In dieſem Zweifel, zwiſchen Freude und Angſt, zwiſchen Furcht und Hoffnung, wogte meine Seele auf und ab, bis ich auf der Treppe den Schritt meiner Mutter wieder erkannte. Sie öffnete die Thüre und trat leiſe ein, wahr⸗ ſcheinlich in dem Gebanken, ich könnte eingeſchlum⸗ mert ſein. Ueber ihrem Angeſichte hing ein Schleier von Schmerz, und ich ſah an ihrem ſchwermüthigen Blicke, daß ſie tief betrübt ſein müſſe. „Nicht wahr, Mutter,“ ſagte ich mit bitterem Spotte,„ich habe mich nicht betrogen? Du biſt gleichfalls überzeugt, daß Roſa mich Conſcienee, Das eiſerne Grab. 194 Sie ſchüttelte verneinend den Kopf und ſtieß einen tiefen Seufzer aus. Ich faßte ſie bei der Hand und ſuchte ihre Trau⸗ rigkeit zu zerſtreuen, indem ich ſie zur Geduld er⸗ mahnte; der Verluſt der Zuneigung von derjenigen, welche bis jetzt die Vorſehung meines Lebens ge⸗ weſen, könnte mich wohl auf einige Zeit mit Ver⸗ zweiflung ſchlagen; aber der Menſch gewöhne ſich endlich doch an ſein Loos, wie bitter es auch ſei, und ich würde mich allmälig in meinem Unglück tröſten. Perlen über die Wangen. „Es iſt noch ſchlimmer, als ich gedacht habe, nicht wahr?“ fuhr ich fort.„Vielleicht aber über⸗ treibt die Liebe zu Deinem Kinde das Uebel, welches Du entdeckt haſt; doch weine nicht, Mutter, ich werde Kraft zur Ueberwindung meines Kummers finden. Wir behalten mindeſtens den Troſt, daß ich nichts gethan habe, um den Haß von Fräulein Pavelyn zu verdienen.“ Meine Mutter legte mir die Hand auf den Mund und rief ängſtlich: „Schweige, ſchweige, Leo, Du läſterſt!“ Ich ſchaute ſie beſtürzt an und bat faſt unhörbar um Erklärung dieſer überraſchenden Worte. Sie ſchien vor der Enthüllung, um welche ich ſie an⸗ flehte, zurückzuſchrecken und ſchwieg noch eine Weile, während ſie mich indeſſen mit ſo klagenden Augen anſchaute, daß ich unter ihrem Blicke zu zittern begann. Ohne mir zu antworten, begann meine Mutter heftig zu weinen; die Thränen rollten ihr leiſe wie ihrer dam Vor Wie täuſ die esn Gefe Dein Ung § und verle neue und droh haſſe öffne ſie b Mat es n und einen Trau⸗ ld er⸗ nigen, is ge⸗ tVer⸗ e ſich h ſei, nglück Mutter ſe wie habe, über⸗ velches r, ich mmers „daß räulein Mund hörbar Sie ie an⸗ Weile, Augen zittern 195 Auf mein unwiderſtehliches Andringen, den Grund ihrer Thränen zu erfahren, ſagte ſie endlich: „Ach, Leo, gäbe Gott, daß Roſa Dich haßte, dann würde mein Mutterherz jetzt nicht von dem Vorgefühle eines ſchrecklichen Unglücks zerriſſen ſein! Wie iſt es möglich, daß Du Dich ſelbſt alſo haſt täuſchen können?.... Ich, Deine Mutter, muß Dir die Binde von den Augen nehmen? Wehe, ich wage es nicht, und doch iſt es meine Pflicht, Dich mit der Gefahr, wovon Du bedroht biſt, bekannt zu machen!“ „Was willſt Du ſagen? Welchen Sinn haben Deine Worte, Mutter?“ rief ich.„Sprich, ſprich, Du machſt mich zittern vor Angſt. Ein ſchrecliches Unglück?“ Meine Mutter ſtieß einige dumpfe Seufzer aus und kämpfte ſichtbar gegen den Wunſch, mir die verlangte Erklärung zu geben. Unter dem Ausbruch neuer Thränen legte ſie ihren Mund an mein Ohr und ſagte: „Leo, mein armer Sohn, ein großes Unheil be⸗ droht Dich. Du glaubſt denken zu müſſen, Roſa haſſe Dich, ſeitdem ihr Herz ſich der Liebe ge⸗ öffnet hat?“ Und ihre Stimme noch mehr dämpfend, flüſterte ſie beinahe unhörbar: „Wenn es wahr iſt, daß ſie Neigung zu einem Manne hegt, wenn ſie einen Mann liebt, dann iſt es wahrſcheinlich Niemand, Niemand als....“ „Als wer?“ rief ich, halb außer mir vor Schrecken und Hoffnung. „Niemand, als Du, mein unglückliches Kind!“ Es war, als ob dieſe Offenbarung ein⸗ Weile 13* 196 das Leben in mir hemmte; ich ſprach nicht, kein Seufzer entſchlüpfte meinem Buſen, und ich hielt die Augen geſchloſſen, um mich frei der ſtürmiſchen Gedankenfluth, welche bei dieſer Ankündigung durch mein Gehirn zu ſtrömen begann, hinzugeben. Als ich wieder aufſchaute, hielt meine Mutter noch das Geſicht mit den Händen bedeckt und weinte in der Stille. Ich ſammelte meine ganze Geiſteskraft und that mir die höchſte Gewalt an, meine Aufregung zu be⸗ zwingen. „Mutter, liebe Mutter,“ ſagte ich,„Du haſt Dich ganz gewiß betrogen. Was Du glaubſt, iſt unmöglich. Haſt Du Roſa geſehen?“ „Ich bin eine ganze halbe Stunde allein bei ihr geblieben,“ antwortete ſie. „Und hat ſie ſelbſt Dir ſolche Dinge geſagt?“ „Nein, Leo, wir haben von Nichts dergleichen geſprochen.“ „Siehſt Du nun, Mutter,“ erwiederte ich,„Du beunruhigſt Dich mit Unrecht? Roſa war ohne Zweifel ſehr liebreich gegen Dich und hat, um Dir Freude zu machen, gleichfalls mit Güte von mir geredet. Ich glaube aus Deinen Worten ſchließen zu dürfen, daß Roſa noch nicht ganz feindſelig gegen mich ge⸗ ſinnt iſt. Dieſe Hoffnung iſt mir ein ſüßer Troſt in meinem Kummer 4 Ein trübes Lächeln zog über die Lippen meiner Mutter, und ſie ſchien nicht geneigt, einen Zweifel in ihrem Gemüth aufkommen zu laſſen. Dennoch gab ſie, nachdem ich mich mehrfach bemüht hatte, ihre Ueberzeugung zum Wanken zu bringen, der Vorſtel⸗ dieſ hät kein hielt ſchen uch utter einte that be⸗ haſt 5 iſt i ihr t?“ eichen reiner weifel h gab ihre orſtel⸗ 197 lung Raum, daß ſie ſich über den Sinn der Worte von Fräulein Pavelyn habe irren können; und in der That hatte dieſe auch nichts Beſtimmtes geſagt. Meine Mutter begann mir vor Augen zu legen, welche Quelle von Verdruß und Demüthigung für Herrn und Frau Pavelyn daraus entſpringen müßte, wenn ſie ihren Verdacht gegründet fände. Sie er⸗ innerte mich nach einander an die ſämmtlichen Wohl⸗ thaten, die ſie mein Leben lang mir erwieſen hätten, und ſuchte mir fühlbar zu machen, daß es meine Pflicht wäre— vor Gott und vor meinen edel⸗ müthigen Beſchützern— alles Mögliche zu thun, um der Verirrung von Roſa's Herzen— wenn ihre Freundſchaft gegen mich wirklich zu einem andern Gefühl ſich geſtaltet hätte— jede Nahrung und jede Gelegenheit zu weiterer Entwicklung zu benehmen. Ihrer Meinung zufolge mußte ich meine Beſuche im Hauſe von Herrn Pavelyn ſo ſelten machen, als die ſtrengſte Schicklichkeit und die äußerſte Grenze der Pflicht es mir nur zuließen. Und wenn ich ſelbſt Gefahr liefe, Roſa gegen mich zu erbittern, müßte ich gegen ſie mich kalt und nicht ſehr geſprächig zeigen. Während meine Mutter mich auf ſolche Art mit rührender Zärtlichkeit gegen die mich bedrohende Ge⸗ fahr zu waffnen ſuchte, regte ſich in mir wiederholt die Neigung, ſie in meinem Herzen leſen zu laſſen und um Kraft gegen meine eigene Schwachheit zu bitten; aber jedesmal wich ich mit Schrecken vor dieſer Offenbarung zurück, welche meine Mutter ohne Zweifel vor Angſt und Betrübniß zu Boden gedrückt hätte. Ueberdieß mußte dann mein Vater von ihr 198 erfahren, wie ich mich zu einem Gefühl hatte ver⸗ leiten laſſen, welches in ſeinen Augen keine andere Quelle als thörichten Hochmuth und niederträchtige Undankbarkeit haben fonnte. In ſeiner Strenge und in der Würde eines ehrlichen Mannes hätte er viel⸗ leicht Gründe gefunden, Herrn Pavelyn unmittel⸗ bare Mittheilung davon zu machen und ſelbſt an⸗ zuzeigen, daß ich ſeiner Achtung und ſeines Schutzes unwerth geworden. Dieß wäre das höchſte Unglück, ſowohl für meine Wohlthäter, als für mich geweſen. Mein Geheimniß mußte in der Tiefe meines Herzens begraben bleiben; und konnte ich es bis auf mein Todtenbett bewahren, wer hätte dann davon gelitten, als ich allein? Ich ſagte alſo meiner Mutter Nichts, was bei ihr einigen Verdacht bezüglich meiner verborgenen Liebe zu Roſa erregen tonnte, und verſprach, in Allem ihren Rath zu befolgen, wie dieß ohnehin ſeit jener Soirce bereits geſchehen wäre. Meine Mutter verlangte, daß ich ihr noch vor Ende der Woche ſchreibe; und ließ mein Fieber nicht nach, jetzt, nachdem die Preisbewerbung zu Ende wäre, ſo wollte ſie mir den Vater ſenden, um mit mir zu berathſchlagen, ob ich nicht beſſer thäte, zu meiner völligen Geneſung nach Bodeghem mich zu begeben. Sie umarmte mich noch einmal, ſprach mir Ver⸗ trauen ein, welches ſie ſelbſt nicht beſaß, und ver⸗ ließ dann mit einem wiederholten Lebewohl mein Zimmer, um nach Hauſe zurückzukehren. Nach der Entfernung meiner Mutter vergaß ich die ganze Welt, um mich in die Betrachtung meines Glück es w van nein, E bis; lachte hätte aber Zuſte Geiſt Stim „Wir iſt e vena 2 Herz uner Krar mit ſpran wegr 2 mir daß Zau Beſt Tra vern ſelbſ ver⸗ ndere chtige e nd viel⸗ nittel⸗ ſt an⸗ chutzes nglück, weſen. erzens f mein elitten, as bei rgenen Allem t jener ch r r nicht u Ende im mit äte, zu nich zu ir Ver⸗ nd ver⸗ mein rgaß ich meines Glücks zu verſenken. Ich hatte mich alſo getäuſcht: es war der reiche Bankiersſohn nicht, es war Conrad van Somerghem nicht, welcher Roſa's Liebe beſaß; nein, nein, ich allein wurde geliebt!“ Sie war vielleicht ſtrafbar, die Freude, die mich bis zum Wahnſinn entzückte, vor der ich laut auf⸗ lachte und mein Herz ſo hörbar klopfen fühlte, als hätte ſich der Himmel, um mich aufzunehmen, geöffnet; aber ich war blind geworden und ſah in meinem Zuſtande Nichts als ihre Liebe, und hörte in meinem Geiſte keine andere Stimme zu mir reden, als die Stimme meiner Mutter, welche mir wiederholt ſagte: „Wird ein Mann auf Erden von Roſa geliebt, ſo iſt es Niemand als Du, mein Sohn, Leo Wol⸗ venaer!“ Mir ſchwoll die Bruſt vor Muth, mir hüpfte das Herz vor Lebensfreude: es war Etwas, das mir die unerſchütterliche Ueberzeugung gab, ganz von meiner Krankheit geneſen zu ſein. Jetzt ſtrömte das Blut mit unbekannter Kraft mir durch die Adern. Ich ſprang von meinem Bette, denn ich bedurfte der Be⸗ wegung in freier Luft. Wohl befiel mich jetzt die Ueberzeugung, daß ich mir wahrſcheinlich die bitterſte Enttäuſchung bereite; daß meine Mutter ſich geirrt habe, und daß der Zauber, unter dem ich mich befand, bei meinem erſten Beſuche im Hauſe von Herrn Pavelyn als eitler Traum verſchwinden würde,.. aber meine Freude verminderte ſich darum kaum, denn dieſer Zweifel ſelbſt war ſchon ein unſägliches Glück! 200 XXII. Des andern Tags war meine Freude bereits ſehr zuſammengeſchwunden. Anfangs hatte ich mich blind⸗ lings von dem unendlichen Glück hinreißen laſſen, welches in der Vorſtellung lag, daß Roſa mich je⸗ mals lieben könnte; aber allmälig war in mir eine gewaltige Reaction gegen meine eigene Aufregung eingetreten. Mein Geiſt begann, ſo ſehr er auch von der Hoffnung auf Roſa's Gegenliebe erwärmt worden war, nach einander die Gründe aufzuzählen, welche mir zum Beweiſe dienen konnten, daß meine Mutter ſich geirrt haben müſſe; und endlich gerieth ich in einen betrübenden Zweifel, der für mich manchmal ſchmerzlicher wurde, als ſogar die Gewiß⸗ heit von Roſa's Haſſe. Gemartert und gejagt durch die in meinem Innern wühlenden Gedanken, verließ ich meine Wohnung, ſobald die Sonne ſich über den Horizont erhoben hatte, und ſchweifte rings um die Stadt auf den einſamen Feldern herum, träumend, redend und Geberden machend, als hätte ich mich angeſtrengt, einem unſichtbaren Begleiter die Ueberzeugung von einer ſchmerzlichen Wahrheit beizubringen. So trieb ich mich drei oder vier Tage herum, an Nichts in der Welt denkend, als an das beängſti⸗ gende Räthſel, deſſen Löſung alle Kräfte meiner Seele in Anſpruch nahm.— Das Fieber hatte mich verlaſſen. Nach dem Rathe meiner Mutter wollte ich jetzt, ſelbſt auf die Gefahr hin, Herrn Pavelyns Mißfallen mir weic fühlt dem nicht Zuſt Pflie im„ leicht mich noch dann durck mein Neig ferti und den ich gebl mer mein Sie und hätte denn mich terur gen Glei s ſehr blind⸗ laſſen, ich je⸗ r eine egung auch wärmt ählen, meine erieth mich ewiß⸗ einem meine rizont Stadt edend rengt, g von erm, ingſti⸗ neiner mich jetzt, fallen 201 mir zuzuziehen, ſo viel möglich jeder Gelegenheit aus⸗ weichen, mit Roſa zuſammenzukommen. Dennoch fühlte ich einen unwiderſtehlichen Antrieb in mir, dem gegebenen Verſprechen untreu zu werden. Konnte nicht dadurch einiges Licht in meinen ſchrecklichen Zuſtand geworfen werden? Und wie ſollte ich meine Pflichten erkennen, wenn ich nicht durch einen Beſuch im Hauſe meines Gönners mich verſicherte, ob viel⸗ leicht in Wirklichkeit Roſa's Gemüthsſtimmung gegen mich ſich etwas geändert habe? Einmal wollte ich noch dem Drängen meines Herzens nachgeben, aber dann mich niemals mehr in Roſa's Nähe wagen, ohne durch das Geſetz der Dankbarkeit und Achtung gegen meine Wohlthäter dazu gezwungen zu werden. Ich kämpfte noch ein paar Tage gegen eine Neigung, welche nicht ganz in meinen Augen gerecht⸗ fertigt war, und begab mich dann, zitternd vor Furcht und Erregung, in das Haus von Herrn Pavelyn. Roſa legte noch größere Kälte gegen mich an den Tag; kaum würdigte ſie mich eines Grußes, und ich war erſt einige Minuten in ihrer Gegenwart geblieben, ſo fand ſie ſchon Gründe, aus dem Zim⸗ mer zu gehen, und weigerte ſich auf ſolche Art, an meinem Geſpräch mit ihren Eltern Theil zu nehmen. Sie hielt immer das Angeſicht von mir abgekehrt und benahm ſich ſo, als ob ſie gar nicht bemerkt hätte, daß ich da war. Ich fühlte mich tief gekränkt, denn ich konnte es nicht verkennen, ihr Haß gegen mich war noch augenſcheinlicher als zuvor. Erbit⸗ terung und üble Laune konnten vorübergehende Fol⸗ gen ihrer Nervenaffection ſein; aber die völlige Gleichgültigkeit, welche ſie nunmehr an den Tag 202 legte, war ſie nicht ein ſicheres Zeichen von Ver⸗ achtung und Abſcheu? Als ich nach dieſem Beſuche das Haus meines Gönners verließ, war ich äußerſt traurig; doch er⸗ ſchütterten keine heftigen Bewegungen mein Herz, vielmehr beugte ich geduldig das Haupt unter der Laſt der Entzauberung und nahm ohne Murren mein beklagenswerthes Loos an. Zuweilen, wenn ich einſam auf meinem Zimmer ſaß, entſchlüpfte noch eine Thräne meinen Augen, aber dann bezwang ich ſogleich dieſe Aufwallung meines Schmerzes als Zeichen einer hoffnungs⸗ und zweckloſen Betrübniß. Jetzt hatte ich Kraft genug erlangt, um den Rath meiner Mutter getreulich zu befolgen. Nicht allein zeigte ich mich volle vierzehn Tage nicht im Hauſe von Herrn Pavelyn, ſondern ich mied ſogar die Straßen, wo ich Gefahr lief, Jemand von ſeinen Domeſtiken zu begegnen, und beſchäftigte mich be⸗ reits mit der Auffindung einiger Scheingründe, um am folgenden Sonntag nicht das Mittagsmahl dort einnehmen zu müſſen. Zum Glück wurde mein Geiſt von dieſem er⸗ ſchöpfenden Hinbrüten über einem Gedanken durch Etwas abgelenkt, was mir eben jetzt am Herzen lag, obwohl es mir ſeit einigen Tagen beinahe in Ver⸗ geſſenheit gekommen war. Einer meiner Kamaraden von der Akademie hatte mich beſucht und einen Theil des Nachmittags bei mir zugebracht. Die Preis⸗ richter, ſagte er, verſammelten ſich ſeit einer Woche alle Morgen, und hätten bereits über die Studien viele Tag delli es h wür Bot Kan aus dem unte mal Jün bens mir kran auf' Beſ Hal höh hote Stc Ger mir Aug auc fehl den hert eine Ver⸗ neines och er⸗ Herz, e der mein immer Augen, allung s⸗ und m den Nicht cht im oga ſeinen ich be⸗ e,m hl dort em er⸗ durch en lag, n Ver⸗ araden n Theil Preis⸗ Woche Studien 203 vieler niedrigern Klaſſen ihr Urtheil gefällt. Jeden Tag könnten ſie über die Preisbewerbung im Mo⸗ delliren nach dem Leben ihren Ausſpruch abgeben; es hinge von dem Fortgange ihrer Arbeiten ab. Ich würde auf alle Fälle vor dem Ende der Woche die Botſchaft von meinem Siege empfangen, meinte mein Kamarade, denn er zweifelte nicht, daß ich als Sieger ausgerufen würde. Derſelbe gehörte wie ich der Modellirklaſſe nach dem Leben an und nahm noch an dem Zeichnungs⸗ unterricht Theil, um ſich auf das Fach der Hiſtorien⸗ malerei vorzubereiten. Er war ein frohmüthiger Jüngling, voll Liebe für die Kunſt und voll Glau⸗ bens an das Leben. Mit Begeiſterung ſchilderte er mir die Ehre, welche mir zufallen ſollte; der Lorbeer⸗ kranz würde mir unter dem Jubel von Tauſenden aufs Haupt geſetzt werden; der Obergeneral der Beſatzung würde mir die goldene Medaille an den Hals hängen; der Präfekt— ſo nannte man da⸗ mals den Gouverneur— würde die Preisträger der höhern Klaſſen in ſeinem Wagen nach dem Stadt⸗ hotel führen und ſie mit den erſten Behörden der Stadt an ſeiner Tafel vereinigen. Indem er ſich von dem natürlichen Feuer ſeines Gemüths hinreißen ließ, weiſſagte mein Kamarade mir die herrlichſte Laufbahn und malte vor meinen Augen nicht allein den Glanz des Ruhmes, ſondern auch des Beſitzes von Geld und Gut, welches un⸗ fehlbar die Frucht meiner beſondern Begabung wer⸗ den müßte. Er rief aus ſeiner Phantaſie Fürſten hervor, welche mich mit ihrer Gunſt überhäuften, einen Palaſt, den ich bewohnen würde, ein ganzes 204 Volk, das mich als eine Zierde des Vaterlandes lieven und ehren würde! Ich ließ mich durch ſeine Weiſſagungen nicht zu der Hoffnung auf ein ſo glänzendes Loos verleiten; aber ſeine warme Sprache und ſeine edle Begeiſte⸗ rung erhoben doch meinen Muth und veranlaßten mich, mit Vertrauen und Stolz in die Zukunft zu blicken. Nachdem mein Kamarade mich verlaſſen hatte, ſteigerte ſich durch weiteres Nachdenken meine Er⸗ regung dermaßen, daß ich mit einer kräftigen Ge⸗ berde ausrief: „Wohlan, da diejenige, für welche mir das Herz ſeit meiner Kindheit ſchlägt, Nichts als Haß für mich hat, vereinigen wir alle Kräfte unſerer Liebe auf das andere Götterbild unſerer Seele: auf die Kunſt!“ Für jetzt fühlte ich mich getroſt und ſtark; und obwohl noch von Zeit zu Zeit das kalte Geſicht Roſa's vor meine Augen zurückkehrte und dieſe Er⸗ ſcheinung mein Haupt vor Schmerz und Betrübniß niederdrückte, glaubte ich doch hoffen zu dürfen, in der unbegrenzten Liebe zur Kunſt das Mittel ent⸗ deckt zu haben, um allmälig ein anderes Gefühl zu erſticken, welches gleich einem grauſamen Wurme mir am Herzen nagte. So weit erhellte dieſe neue Stimmung meinen Geiſt, daß ich am andern Morgen, zum erſten Mal ſeit dem Beginn der Preisbewerbung, einen Klum⸗ pen Thon ergriff und allerlei Figuren, wie ſie meine Phantaſie mir eingab, daraus knetete. Endlich hatte ich meine Gedanken mehr im Ein⸗ zelnen auf die Modellirung einer kleinen Gruppe gerich bild: begeiſ Liebe und 1 umen A Grup ſprech meine Schrit unern Arme Glück verga arbeit hatter längſt nung glückli bald und k junger ſein G D ſo ſeh Rühri Pavel Auger Frohl heit,: hätte. rlandes icht zu rleiten; wegeiſte⸗ nlaßten unft zu hatte, ne Er⸗ en Ge⸗ as Herz ür mich be auf Kunſt!“ ; und Geſicht ieſe Er⸗ trübniß fen, in tel ent⸗ fühl zu rme mir meinen en Mal Klum⸗ e meine im Ein⸗ Gruppe 205 gerichtet, welche in ihrer Compoſition, als das Sinn⸗ bild meines eigenen Zuſtandes, mich anlächelte und begeiſterte. Es war ein Jüngling, welcher zwiſchen Liebe und Kunſt geſtellt und von beiden angezogen und verlockt, den Roſenkranz der Liebe von ſich wies, um nach dem Lorbeerkranz der Kunſt zu greifen. Als ich ſo in der Stille fortarbeitete, um dieſer Gruppe die dem Ausdruck meiner Gedanken ent⸗ ſprechenden Formen zu geben, wurde die Thüre meines Zimmers aufgeriſſen, und ehe ich ein Paar Schritte gethan hatte, um zu ſehen, wer mich ſo unerwartet ſtörte, ſchloß Herr Pavelyn mich in ſeine Arme, während er mir frohlockend zu meinem Siege Glück wünſchte. Es war kaum eine halbe Stunde vergangen, daß die Preisrichter für die Modellir⸗ arbeiten nach dem Leben ihren Ausſpruch abgegeben hatten. Mein edelmüthiger Beſchützer, von welchem längſt ſchon dem Akademie⸗Diener eine gute Beloh⸗ nung verſprochen worden war, wenn er die erſte glückliche Botſchaft ihm hinterbrächte, hatte auch als⸗ bald Bericht über die feierliche Entſcheidung erhalten und kam nun in einem Athem angelaufen, um den jungen Künſtler, welcher ihm ſeine Fähigkeit und ſein Glück verdankte, als Sieger zu begrüßen. Die Thränen ſprangen mir aus den Augen, nicht ſo ſehr vor Freude über meinen Triumph, als vor Rührung bei der liebevollen Theilnahme von Herrn Pavelyn. Er war vergnügter als ich; in ſeinen Augen ſchimmerte ein übermäßiger Stolz, und ſein Frohlocken zeugte von ſo inniger Selbſtzufrieden⸗ wie wenn er ſelbſt den Lorbeerkranz gewonnen hätte. 206 Nach dem erſten Erguß ſeiner Freude ſprach er ſich dahin aus, er habe ſchon lange beſchloſſen, mir ein Geſchenk zu machen, wenn ich den erſten Preis der Akademie erhielte. Dieſes Geſchenk überreichte er mir nunmehr: es war eine goldene Uhr mit goldener Kette und mit einem koſtbaren Stein am Schlüſſel. Zitternd vor Erregung beim Anblick dieſes präch⸗ tigen Geſchenks, tief ergriffen von der herzlichen Art und Weiſe, wie es mir gegeben wurde, hingeriſſen von einem blinden Gefühl der Dankbarkeit, warf ich mich meinem Wohlthäter an den Hols und küßte ihn unter Thränen mit derſelben Zärtlichkeit, wie wenn er mein Vater geweſen wäre. Es war das erſte Mal in meinem Leben, daß ich mich zu einer ſolchen Bewegung hatte verleiten laſſen. Kaum hatte ich demnach meinen Gönner an meine Bruſt gedrückt, ſo bebte ich zurück, aus Furcht, meine Kühnheit möchte Herrn Pavelyn ver⸗ letzt haben; aber er ſchaute mich mit feuchten Augen an und ſchien vor Rührung kaum ſprechen zu können. Nach einer augenblicklichen Stille faßte er meine Hand und ſagte: „Lev, Du haſt ein edles Gemüth. Ich gäbe die Hälfte meines Vermögens, wenn es Gott gefal⸗ len hätte, mir einen Sohn, mit einem Herzen, wie das Deinige, zu ſchenken. Nun, er hat mir wenig⸗ ſtens geſtattet, gleich einem Vater Dich zu ſchützen und Dein Glück in der Welt ſicher zu ſteilen. Ich achte mich hinlänglich belohnt durch Deine Dankbar⸗ keit und durch die Hoffnung, dem Vaterland einen ausgezeichneten Künſtler geſchenkt zu haben. Ich verlo thun an zu n wen ſein. einer mehr richt mach gute den ( und C mein Stir eines mit Geſi Gott welc heru verſe Aller Mac und nach lich zum einig rach er en, mir Preis rreichte hr mit ein am präch⸗ hen Art geriſſen varf ich d küßte it, wie n, daß ereiten Gönner c, aus yn ver⸗ Augen können. e Hand ch gäbe tt gefal⸗ en, wie wenig⸗ ſchützen n. Ich ankar⸗ d einen n. Ich 207 verlaſſe Dich jetzt, mein Sohn; ſolche Bewegungen thun mir nicht gut; und überdieß mußt Du ſogleich an Deine Eltern ſchreiben, um ihnen Deinen Sieg zu melden. Komm dieſen Nachmittag um drei Uhr, wenn die Börſe zu Ende iſt; dann werden wir ruhiger ſein. Ich habe Befehl gegeben, die Tafel wie zu einem Feſtmahle zu beſtellen. Roſa ſcheint nun⸗ mehr etwas muthiger und aufgeräumter; die Nach⸗ richt von Deinem Siege hat ihr viel Freude ge⸗ macht. Alſo auf den Rachmittag; wir wollen ein gutes Glas auf Dein Glück trinken und einige Stun⸗ den in fröhlichem Geplauder zubringen.“ Er ſchüttelte mir noch einmal kräftig die Hand und ſtieg die Treppe hinab. Ich blieb einen Augenblick unter der Thüre meines Zimmers ſtehen, mit den Händen vor der Stirne, mich fragend, ob ich nicht der Spielball eines Traumes wäre. Doch der Zweifel verſchwand mit Blitzesſchnelle. Ein ſeliges Lächeln erhellte mein Geſicht, und die Arme zum Himmel erhoben und Gott dankend, lief ich gleich einem Wahnſinnigen, welcher das Bewußtſein verloren hat, im Zimmer herum. Was mich in eine ſo ſinnverwirrende Freude verſetzte, war nicht die Kunde von meinem Siege. Allerdings hätte dieſes Glück genügt, mich über die Maaßen zu erfreuen; aber trotz meiner Vernunft und meines Willens war meine arme Seele ſo durſtig nach Allem, was eine Annäherung an Roſa mög⸗ lich machte, daß ſie zwiſchen ſo vielen Veranlaſſungen zum Glück, ſich allein an diejenigen hielt, welche einiges Licht in ihre trübe Verzweiflung zu werfen 208 vermochten. Hatte Herr Pavelyn nicht geſagt, er gäbe die Hälfte ſeines Vermögens, wenn ihm Gott einen Sohn, welcher mir gleiche, geſchenkt hätte? Sonderbare, beunruhigende Worte! Roſa war über meinen Sieg erfreut! Hatte Gott vielleicht in ſeiner unendlichen Güte beſchloſſen, mich an einem Tage mit mehr Glück, als ein Sterblicher ertragen kann, zu überhäufen? Aus dieſen Träumereien wurde ich durch das Erſcheinen von Meiſter Jan und ſeiner Frau, Petro⸗ nella, geriſſen, welche von Herrn Pavelyn vernommen hatten, daß mir der Preis zu Theil geworden war, und jetzt mit einer Flaſche weißen Weines und drei Kelchgläſern in mein Zimmer traten, um auf die Geſundheit des Primus zu trinken. Ehe die Flaſche geleert war, kam der Akademie⸗ diener, um mir die amtliche Botſchaft von der Ent⸗ ſcheidung der Preisrichter zu überbringen; unmittelbar hernach ſtürmten vier oder fünf meiner Studiengenoſſen die Treppe herauf; und da die Nachricht von meinem Siege ſich ſchnell durch die Stadt verbreitet hatte, ſtellten ſich meine Kamaraden und Bekannten nach einander ein, um mir ihren Glückwunſch auszu⸗ drücken. Mit genauer Noth fand ich zwiſchen all dieſem Kommen und Gehen von Beſuchern Zeit, um in aller Eile an meine Eltern zu ſchreiben; und als die Stunde anrückte, wo ich mich in das Haus von Herrn Pavelyn begeben mußte, ſah ich mich genöthigt, ſagen zu laſſen, ich wäre nicht zu Hauſe, um nur einige Minuten zum Ankleiden frei zu haben. Fröhlichen Herzens und leichten Geiſtes verließ ich n Reſpe Auge ſagt ſelbſt zwiſch der T beſteh und i gemin A meine erſten Roſa dießm oder hatte Roſa F Glück ter zu Mitta um u ſtände H ſeines um m düſter Feſtm veran nicht War Co tep Gott ätte über ſeiner Tage kann, das ßetro⸗ mmen war, d drei f die emie⸗ Ent⸗ telbar noſſen einem hatte, nach auszu⸗ dieſem um in d als s von öthigt, n nur verließ 209 ich mein Zimmer. Alle dieſe Glückwünſche und Reſpectsbezeugungen hatten mich in meinen eigenen Augen erhoben; was mir von Herrn Pavelyn ge⸗ ſagt worden war, hatte mich mit Achtung vor mir ſelbſt erfüllt, und mir däuchte, es wäre, obwohl zwiſchen dem Sohne eines niedrigen Bauern und der Tochter ſeines Wohlthäters niemals Gleichheit beſtehen konnte, dennoch der Abſtand zwiſchen ihr und ihm durch den Triumph des Künſtlers anſehnlich gemindert und verkürzt. Aber wie ſtürzte das ganze Traumgebäude meiner glücklichen Hoffnung in Trümmer, bei meinem erſten Schritt in die Wohnung meines Wohlthäters. Roſa war plötzlich krank geworden und lag zu Bette; dießmal war nicht an eine eingebildete Unpäßlichkeit, oder eine capriciöſe Laune zu denken, denn man hatte den Arzt rufen laſſen, und dieſer hatte erklärt, Roſa wäre von einem leichten Fieber befallen. Frau Pavelyn verließ uns, nachdem ſie mir Glück gewünſcht hatte, um an dem Bette ihrer Toch⸗ ter zu wachen. Sie nahm keinen Theil an dem Mittagsmahl und erſchien nur noch einmal im Saale, um uns zu ſagen, daß es mit Roſa nicht ſchlimmer ſtände und ſie ruhig zu ſchlafen ſchiene. Herr Pavelyn war bekümmert über den Zuſtand ſeines Kindes; was er ſagte, war nicht von der Art, um mich aus der Trauer, welche meinen Geiſt ver⸗ düſterte, aufzurichten. Deßhalb ging es bei dem Feſtmahle, welches mein Wohlthäter mir zu Ehren veranſtaltet hatte, nicht ſehr fröhlich her. Ich ſprach nicht viel und verlor mich in ängſtliche Gedanken. War Roſa in der That ernſtlich krank? Ach, bei 14 Conſcience, Das eiſerne Grab. —— —— 210 dieſer Beſorgniß fuhr ein Zittern mir durch die Glieder und meine Wangen erbleichten. Hatte ſie dieſe Unpäßlichkeit nur vorgegeben, um meiner Gegen⸗ wart auszuweichen und nicht gezwungen zu ſein, mir Glück zu wünſchen? Wie dem nun war und welche Richtung ich meinen Betrachtungen zu geben ſuchte, auf allen Seiten ſah ich Nichts als Gründe zu Angſt und Verdruß. Als ich meinen Gönner verließ, war mir banger um's Herz und ich fühlte mich unter peinlichen Ge⸗ danken tiefer niedergedrückt, als wenn mir der aka⸗ demiſche Preis entgangen wäre. XIII. Zwei Tage ſpäter erfuhr ich von meinem Haus⸗ herrn Jan, daß Roſo's Unpäßlichkeit keine weiteren Folgen gehabt haben mußte, da er ſie mit der Zofe von der Kirche hatte heimkehren ſehen. Es gab für mich demnach Gründe zu dem Verdacht, daß jene Krankheit nur Verſtellung geweſen, um dem Feſt⸗ mahle, welches man mir zu Ehren angerichtet hatte, nicht beiwohnen zu müſſen. Dieſer Gedanke kränkte mich tief und ich faßte Wochen mit mir ſelbſt gekämpft hatte, unterlag mein dem Hauſe den Beſchluß, lange Zeit keinen Schritt mehr zu thun, um Roſa zu ſehen; aber nachdem ich ein paor Ville wieder und ich begab mich nach meines Gönners. Roſa war mit ihrer Mutter nach Bodeghem gefahren; Herr Pavelyn wollte ſich über⸗ zuſam wetter ſtimm M degher Verla nach t zu Bo gen, Mutte Geſell Einlad Herrn Se auf de zu gel Roſa um be ſein; e um Ni ſeinen mit de Hoffnu von di So Eir nannte Ereign waren behäng morgen ihnen anſchließen, und vielleicht blieben ſie Adler, die te ſie egen⸗ „ mir welche ſuchte, Angſt aner n Ge⸗ raa⸗ eiteren er Zofe ab für ß jene m Feſt⸗ t hatte, h efaßte rehr zu in paar ag mein Hauſe ter nach ch über⸗ eben ſie 211 zuſammen auf dem Schloſſe, um das Frühlings⸗ wetter zu genießen, bis zu dem Tage, welcher für die feierliche Preisvertheilung der Akademie be⸗ ſtimmt war. Mein Gönner fragte mich, ob ich ihn nach Bo⸗ deghem begleiten wollte. Mein Herz klopfte vor Verlangen, aber ich erwog, daß Roſa wahrſcheinlich nach der Stadt zurückkehren würde, ſobald ich mich zu Bodeghem zeigte. So mochte ich ſie wohl zwin⸗ gen, das Schloß zu verlaſſen, und überdieß meine Mutter des ſüßen Vergnügens, welches ſie in Roſa's Geſellſchaft fand, berauben. Ich lehnte alſo die Einladung unter erdichtetem Vorwande ab und ließ Herrn Pavelyn allein nach Bodeghem reiſen. Sehr lang blieb die Familie meines Wohlthäters auf dem Schloſſe, ohne Nachricht von ihrer Rücktehr zu geben. Zuweilen beſchlich mich die Beſorgniß, Roſa würde vielleicht einen Grund ausfindig machen, um bei der Preisvertheilung nicht gegenwärtig zu ſein; aber dann bedachte ich, daß mein Wohlthäter um Nichts in der Welt dem Glücke entſagen würde, ſeinen Schützling im Angeſicht von tauſend Menſchen mit dem Lorbeer krönen zu ſehen; und ich hielt die Hoffnung feſt, er werde Roſa nicht geſtatten, ſich von dieſer Feſtlichkeit fern zu halten. So erſchien endlich der Tag der Preisvertheilung. Ein großer Saal, welchen man die Sodalität nannte, war mit vieler Pracht für dieſes feſtliche Ereigniß hergerichtet und ausgeſchmückt. Die Wände waren der ganzen Länge nach mit rothem Sammt behängt, der in gewiſſen Abſtänden durch kaiſerliche Adler, welche in der einen Kralle Lorbeerzweige aus⸗ 14* 212 ſtreckten, als wollten ſie im Namen des mächtigen Herrſchers die Sieger bekränzen, in Feſtons zuſam⸗ mengefaltet war. In jeder Ecke erhob ſich ein co⸗ loſſales Bild der Fama, mit der Poſaune an dem Munde, die Namen derer verkündigend, welche die Bahn der Kunſt unter den günſtigſten Vorzeichen vor ſich geöffnet ſahen. In der Tiefe des Saales ſaßen auf einer Eſtrade die Oberhäupter des Departements und der Stadt. Der Präfect und der Unterpräfect, der Maire, der Präſident des Gerichtshofes, eine Anzahl Generale und Civilbeamte, ſämmtlich bedeckt mit goldenen Stickereien und ſchimmernden Ehrenzeichen, ſo daß der Anblick dieſes Reichthums das Auge blendete und das Herz vor Bewunderung und Ehrfurcht klo⸗ pfen machte. Am Fuß der Eſtrade befand ſich eine zahlreiche Militärmuſik, welche bereits vor dem Beginn der Feierlichkeit die ermunternden Töne der Trompeten und den nervenerſchütternden Wirbel der Trommeln durch den Saal erſchallen ließ. Das ganze Gebäude war mit Zuſchauern aus allen Ständen erfüllt. Vorn ſaßen auf ſammtenen Bänken und Stühlen die Mitglieder der vornehmſten Familien Antwerpens; Edelleute, Handelsherrn und reiche Grundbeſitzer mit ihren Frauen und Töchtern weiter rückwärts die guten Bürger der Stadt, und noch mehr zurück Leute aus der arbeitenden Klaſſe, wie ſich aus den blauen Blouſen der Männer und den weißen Hauben der Weiber erkennen ließ. Auf den tauſend Geſichtern von Reichen und Armen glänzte fröhliche Erwartung und heitere Be⸗ . geiſt ſchat gelie woh Han Kun länd 6 und ihre empf Saa 2 nicht ſchah Ban! Publ der die S Saal das verth mein der 2 nicht daß Reihe leer A noch wohn zen d htigen uſam⸗ in co⸗ dem he die en vor ſtrade Stadt. , der nerale ldenen o daß lendete ht klo⸗ Nreiche nn der mpeten mmeln n aus mtenen hmſten; rn und chtern t, und Klaſſe, er und . n und re Be⸗ 213 geiſterung; man hätte glauben können, jeder der Zu⸗ ſchauer wäre gekommen, um dem Triumphe eines geliebten Sohnes zuzujauchzen, denn ſo iſt die Ein⸗ wohnerſchaft von Antwerpen: ſelbſt der geringſte Handwerker empfindet eine warme Liebe für die Kunſt und nimmt Antheil an dem Ruhme der vater⸗ ländiſchen Kunſtſchule. Die Zöglinge, welche die Preiſe gewonnen hatten und der Reihe nach aufgerufen werden mußten, um ihre Medaillen aus den Händen des Präfecten zu empfangen, ſaßen auf beſondern Bänken links im Saale. Von dem Platze, wo ich mich befand, konnte ich nicht gut ſehen, was am Eingang des Saales ge⸗ ſchah. Zehnmal in einer Minute ſtand ich von der Bank auf, um meine ungeduldigen Blicke auf das Publikum zu richten. So lang das Herbeiſtrömen der Zuſchauer ununterbrochen fortdauerte, hatte ich die Hoffnung gehegt, daß meine Wohlthäter bald im Saale erſcheinen würden. Aber jetzt, als bereits das Muſikſtück begonnen hatte, welches der Preis⸗ vertheilung unmittelbar vorangehen ſollte, zog ſich mein Herz zuſammen und ich fühlte, wie die Bläſſe der Angſt auf meine Wangen trat. Sie waren noch nicht gekommen! Mich aufrichtend, konnte ich ſehen, daß die Seſſel, welche man für ſie in der erſten Reihe der Zuſchauer aufbewahrt hatte, noch immer leer ſtanden! Alſo weder Herr Pavelyn, noch ſeine Gattin, noch ſeine Tochter wollten meinem Triumphe an⸗ wohnen! Welchen Werth konnte für mich das Zujauch— zen der ganzen Welt haben, wenn er, mein Wohl⸗ 214 thäter, wenn ſie, die mich zum Künſtler gemacht hatte, dieſes Zujauchzen nicht mit anhörten? Ach, Roſa hatte ſich geweigert, bei der Preisvertheilung ſich einzufinden. Meine Beſorgniß hatte ſich alſo verwirklicht! Der letzte Ton der Muſik erſtarb; ich ſtand noch einmal auf.... Ein langer Seußzer entſchlüpfte meiner Bruſt, als fiele eine zermalmende Laſt mir von dem Herzen. Da ſah ich Herrn und Frau Pa⸗ velyn.... und Roſa! Gott ſei Dank, mein Vor⸗ gefühl hatte mich betrogen! Ein ſüßes Lächeln erhellte mein Geſicht; ich zit⸗ terte vor Glück; der Feſtſaal erfüllte ſich für mich mit dem vollen Glanze, welcher von meiner frohen Seele über Alles, was mein Auge erreichen konnte, ausſtrahlte. Sobald Roſa jetzt zwiſchen ihren Eltern in der erſten Reihe Platz genommen hatte, ſah ich ihr An⸗ geſicht nicht mehr, aber ich konnte, mit den Augen durch die Zuſchauer dringend, meinen Blick auf ſie geheftet halten. Es kam mir bald vor, als ob ein unſichtbarer Duft von ihr aus ſich mir mittheilte, um uns in eine geheimnißvolle Gemeinſchaft mit; einander zu bringen; ich hörte, wie mir dünkte, ihr Herz klopfen und ſchlagen in Uebereinſtimmung mit dem meinigen... Aus dieſem ſeltſamen Traume wurde ich durch die Stimme des Herrn Präfecten geweckt, welcher über die edle und wohlthätige Wirkung der Künſte in der Geſellſchaft eine ergreifende Rede hielt und das Lob derjenigen ausſprach, welche voll Selbſt⸗ ——-— verl lant höre ſchöt die ten denn letzte Prei welc eine⸗ woll nehr Wer Siet mit akad gabe kunſt Mal geth mit weld mein Ake nach wün ihre gerie macht Ach, ilung alſo noch lüpfte t mir u Pa⸗ Vor⸗ ch zit⸗ — mich rohen onnte, n der r An⸗ Augen uf ſie b ein heilte, t mit e, ihr g mit durch echer Künſte t und Selbſt⸗ verleugnung ihr Leben der Verherrlichung des Vater⸗ landes und der Menſchheit weihten. Nachdem zwiſchen den Tönen der Muſik die Zu⸗ hörer durch lauten Jubel ihr Wohlgefallen an dieſer ſchönen Anſprache zu erkennen gegeben hatten, begann die Preisvertheilung. Wohl zwanzig Zöglinge ſoll⸗ ten der Reihe nach auf die Eſtrade gerufen werden; denn in jeder Klaſſe der Akademie, bis zu der aller⸗ letzten herab, hatte ein Wettkampf um den jährlichen Preis ſtattgefunden. Viele der Sieger waren Kinder, welche man durch Ertheilung eines Lorbeerkranzes und eines ſchönen Buches zu ſernerem Fleiße ermuntern wollte. Nur bei den höheren Klaſſen der drei vor⸗ nehmſten Fächer hatten die Preiſe einen ernſtlichen Werth, ſofern ſie zum Beweiſe dienten, daß die Sieger die Bahn der Kunſt betraten, ausgerüſtet mit all' der Kraft und all' dem Rechte, womit der akademiſche Unterricht den fleißigſten Zögling be⸗ gaben konnte. Zuerſt ſollten die Preiſe für das Fach der Bau⸗ kunſt, dann für das Fach des Zeichnens und der Malerei und endlich für das Fach der Sculptur aus⸗ getheilt werden. Demnach war, da man jedesmal mit den untern Claſſen anfing, die goldene Medaille, welche ich gewonnen hatte, der letzte Preis, und meine Bekränzung bildete den Schluß des feierlichen Aktes. Während die aufgerufenen Zöglinge der Reihe nach die Eſtrade erſtiegen und unter den lauten Glück⸗ wünſchen der Zuſchauer und dem Spiele der Muſik ihre Preiſe empfingen, hielt ich mein Auge auf Roſa gerichtet. Sie bezeigte jedem Sieger ihren Beifall; 216 ich ſah, daß ſie lebhaft in die Hände klatſchte, und als der erſte Preis der Architektur ertheilt wurde, glaubte ich unter dem tauſendfachen Rufe den Laut ihrer ſchönen Stimme zu unterſcheiden, welche mit Begeiſterung ihr:„Bravo! Bravo! Bravo!“ ver⸗ nehmen ließ. Anfänglich erfreute es mich in hohem Grade, zu. ſehen, daß Roſa an der allgemeinen Erregung ſo herzlichen Antheil nahm; denn ich konnte alſo hoffen, daß ſie mir ihren Beifall nicht verſagen werde. Von Roſa applaudirt zu werden, aus ihrem Munde den Gratulationsruf mir entgegenſchallen zu hören— welche Ehre, welcher Lobſpruch ließ ſich mit einer ſolchen Beifallserklärung vergleichen? Allmälig jedoch begann ein Gefühl von Verdruß mir in's Herz zu fallen. Wenn Roſa ſo fortfuhr, jeden bekränzten Zögling zu ermuntern und zu be⸗ jauchzen, mußten ihre Hände nicht müde werden und ihre Begeiſterung nachlaſſen, ehe der Augenblick kam, da ich die Eſtrade betrat und meinen Theil von ihren Glückwünſchen in Anſpruch nahm? Die Feierlichkeit dauerte ſo lang und der zu bekränzenden Sieger waren es ſo viele, daß ich jedes Händeklat⸗ ſchen Roſa's mit ängſtlichem Neide zu zählen begann, als glaubte ich, das kleinſte Zeichen ihrer Billigung wäre ein Raub, an mir begangen. Endlich wurde mein Name aufgerufen und mit klopfendem Herzen ſtieg ich die Stufen hinauf und trat vor den Herrn Präfekten, welcher aufrechtſtehend mich erwartete und eine kurze Anſprache an mich zu richten begann. Was er ſagte, hörte ich nicht; mein ſtarres Auge und urde, Laut mit ver⸗ e, zu g ſo ffen, Von den 11— einer rdruß tfuhr, 1be⸗ erden nblick Theil Die enden eklat⸗ gann, gung mit und ehend ch zu Auge 217 war an den Platz gefeſſelt, wo Roſa ſaß: ich wollte bemeſſen, welchen Eindruck mein Sieg auf ſie machte; aber während Herr und Frau Pavelyn mit dem Lächeln des Glückes und Stolzes auf ihrem Geſichte mich anſchauten, hielt Roſa den Kopf zur Erde gebückt, ſie hatte den Spitzen⸗Lichtſchirm von ihrem Hute herab⸗ fallen laſſen und ſo ihr Antlitz verborgen.... Selbſt in dieſem Augenblick verweigerte ſie mir den Beifall, welchen ſie ſo verſchwenderiſch den andern Preisbewerbern hatte zukommen laſſen. Ich wurde durch dieſe bittere Entzauberung ſo ſehr niedergeſchlagen, daß ich beinahe gefühllos für das blieb, was um mich her vorging. Der Maire der Stadt hing mir die goldene Medaille um den Hals und umarmte mich; der Herr Präfekt ſetzte mir den Lorbeerkranz auf das Haupt und gab das Zeichen zu der allgemeinen Acclamation. Die Muſik brach los, das freudige Beifallsgeſchrei ſtieg donnernd aus der Menge empor und das Händeklatſchen, zehn⸗ mal wiederholt, erfüllte den Feſtſaal... aber Roſa rührte ſich nicht! Mit beklemmtem Herzen und verdüſtertem An⸗ geſicht, weinend im Innern und wankend auf den Beinen, ſtieg ich von der Eſtrade herab und wollte ſtill auf meinen erſten Platz wieder zurückkehren; aber Herr Pavelyn ſprang vor, faßte meine Hand und zog mich mit fröhlicher Gewalt zu ſeiner Gattin. Hier ſchloß er mich mit Stolz, vor den Augen des ganzen Publikums, in ſeine Arme; Frau Pavelyn drückte mir die Hände, und beide überhäuften mich mit den innigſten Beweiſen von Theiknahme und Zuneigung. 218 „Komm', Roſa,“ ſagte jetzt mein Wohlthäter zu ſeiner Tochter, welche noch nicht zu mir aufgeſehen hatte,„bemeiſtere Deine Rührung, mein Kind. Leo möchte ſonſt denken, Du bleibeſt gefühllos bei ſeinem ſchönen Sieg. Gib ihm wenigſtens die Hand, zum Zeichen, daß Du von ganzem Herzen an ſeinem Glücke Theil nimmſt.“ Mit dieſen Worten ſchlug er den Spitzen⸗Licht⸗ ſchirm von Roſa's Angeſicht hinauf... Himmel! ſie weinte! Kaum wagte ich meinen Augen zu glauben. Sie hatte den andern Siegern frohen Beifall bezeugt; mein Triumph bewirkte, daß Thränen der Rührung ihr über die Wangen floßen. Langſam erhob ſie ſich und richtete einen einzigen langen Blick in meine Augen; einen Blick, worin ihre ganze Seele auszuſtrömen ſchien, eine Klage, eine Bitte um Mitleid, einen Strahl unendlicher Zu⸗ neigung, eine Offenbarung, welche das Blut in meinen Adern zum Stocken brachte und meine Wan⸗ gen mit Todesbläſſe bedeckte. Dem Verlangen ihres Vaters gehorchend, legte ſie, ohne ein Wort zu ſprechen, ihre Hand in die meinige: die Hand bebte, als würden ihre Ner⸗ ven vom Fieber geſchüttelt, verſengte mir, ſo eis⸗ kalt ſie war, die Finger und brachte mich zum Zittern, unter dem Eindruck eines geheimen Feuer⸗ ſtrahles, der von ihr auf mich übergegangen war. O mein Gott! ich hatte in ihrem Herzen wie in einem offenen Buche geleſen! Keine Möglichkeit mehr, um zu zweifeln; ihre Augen hatten ſo deut⸗ r zu ehen Leo nem zum nem icht⸗ mel! Sie ugt; tung igen orin tin Van⸗ legte die Ner⸗ eis⸗ zum euer⸗ ar. e in hkeit deut⸗ 219 lich geſprochen. Meine gute Mutter hatte ſich alſo nicht getäuſcht: ich wurde geliebt, geliebt von ihr, welche der Grund war von meinem Glauben und von meinem Leben! Bis jetzt hatten Herr und Frau Pavelyn meine Sprachloſigkeit und Roſa's Thränen als eine natür⸗ liche Folge der Erregung angeſehen, in welche mein feierlicher Triumph uns verſetzt hatte; aber wer weiß, ob wir nicht vor Jedermann verrathen haben wür⸗ den, was unſere Seelen ſich durch den unvergeß⸗ lichen Blick geſagt hatten, wären wir nicht von der göttlichen Vorſehung noch zu rechter Zeit vor dem ſchrecklichen Unheil bewahrt worden. Die Magiſtratsperſonen hatten ihre Sitze ver⸗ laſſen, die Muſik hatte zu ſpielen aufgehört und der Saal war beinahe ganz leer.— Zwei oder drei Profeſſoren kamen herbei, um mir zu melden, daß der Präfect bereits in ſeinem Wagen Platz genom⸗ men hätte, und es von meiner Seite unſchicklich wäre, das Oberhaupt des Departements alſo warten zu laſſen. Dieß ſagend faßten ſie mich an den Armen und führten mich, indem ſie mir kaum Zeit ließen, meine Wohlthäter um Entſchuldigung zu bitten, nach dem Ausgang des Saales. Noch einmal wandte ich un⸗ terwegs den Kopf um; mein Auge begegnete Roſa's Blicke. Ach, ich hatte mich nicht geirrt: ich war der glücklichſte Menſch auf Erden! Leichten Schrittes ſprang ich in die Kutſche; der Herr Präfect ertheilte mir lächelnd einen freundlichen Verweis, ließ mich neben ſich niederſitzen und gab das Zeichen zur Abfahrt. 220 Das Fuhrwerk war ein offener Gallawagen mit einem Geſpann von vier ſchönen Pferden; auf dem Bocke ſaßen zwei Lakaien in bunter Kleidung, und hintenauf ſtanden zwei Jäger mit grünen Federbüſchen auf dem Hute. In dem Wagen befanden ſich, außer dem Präfecten, die drei Sieger von den oberſten Klaſſen, der Architektur, der Malerei und Skulptur; aber da es dem Herrn Präfecten beliebt hatte, mir einen Platz neben ſich anzuweiſen, ſo ſchien ich hier noch einen höhern Rang als meine Genoſſen einzu⸗ nehmen. Wir hatten die Lorbeerkränze, wie es die Ge⸗ wohnheit mit ſich brachte, auf dem Kopfe behalten, 36 die goldene Ehrenmedaille ſchimmerte auf unſerer ruſt. Während der ganzen Fahrt blieb die Menge ſtehen, um uns zuzujauchzen; das Händeklatſchen und die begeiſterten Glückwünſche tönten uns ſelbſt aus der Ferne entgegen.— Ich trug den Kopf hoch und ließ meine Blicke mit einem unermeßlichen Stolze über die Menge hingleiten. Ich fühlte mich ſo wun⸗ derbar groß, doß ein König, welcher durch die Reihen ſeiner Unterthanen fährt, kein innigeres Gefühl von ſeiner höchſten Vortrefflichkeit haben konnte, als ſich dieſen Augenblick bei mir regte.— Wer mich ſah, mußte denken, der Triumph habe mich verblendet und mit Eigendünkel erfüllt— Aber wie be⸗ trogen ſie ſich! Es war nicht der Preisträger der Bildhauerkunſt, welcher mit geſchwelltem Buſen und mit Blicken, die von Stolz funkelten, die Menge durch ſeinen Hochmuth beherrſchen zu wollen ſchien. Nein, nein, der übermüthige Aufſchößling war mit dem und ſchen ußer rſten tur; mir hier inzu⸗ Ge⸗ ten, ſerer tenge und aus und tolze wun⸗ eihen n s ſich ſah, lendet ie be⸗ rder und Nenge ſchien. war 221 der Mann, welcher ſich von Roſa geliebt wußte! So mit dem Lorbeerkranze auf dem Haupte durch eine jubelnde Menge zu fahren, das genügte wohl, um einen Jüngling zu einem übertriebenen Gefühl ſeines Werthes zu verleiten, mein Haupt war aber geſchmückt mit der Roſenkrone der Liebe! Die Ju⸗ belrufe aller Menſchen, die auf Erden lebten, ver⸗ mochten nicht den einzigen Blick aufzuwiegen, der aus Roſa's Augen mir entgegengeſtrahlt hatte! Sobald wir im Hotel der Präfectur abgeſtiegen waren, nahmen wir Platz an der Feſttafel zwiſchen den angeſehenſten Perſonen des Departements. Einer von meinen Siegesgenoſſen ſaß neben dem Maire der Stadt, der Andere neben dem Obergeneral; aber ich befand mich an der rechten Seite des Prä⸗ fecten, der eine beſondere Zuneigung zu mir gefaßt zu haben ſchien und laut erklärte, daß er Wohlge⸗ fallen an mir fände, weil ich ein ſo frohmüthiger Jüngling wäre. Und in der That hatte er, während ich neben ihm in der Kutſche ſaß, hin und wieder einige Worte an mich gerichtet, um mich zum Vertrauen auf meine Zukunft zu ermuntern; ich hatte ihm mit ſo viel Be⸗ geiſterung, mit ſo viel Glauben und Lebensluſt geant⸗ wortet, daß der edelherzige Mann, welchem die Quelle meines Selbſtgefühls unbekannt war, mir als einem Künſtler von ausnehmend glücklichem Na⸗ turell ſeine Bewunderung ſchenkte. Ich begriff nicht, welche Macht der Blick Roſa's mir verliehen, und wie die Gewißheit, von ihr ge⸗ liebt zu ſein, ſo auf einmal alle Quellen meiner Phantaſie und meines Verſtandes geöffnet hatte; 222 aber kaum waren einige Gerichte über die Tafel ge⸗ gangen, ſo beſchäftigte ſich Jebermann mit mir, und ich führte, ſo zu ſagen das Wort an dem Tiſche. Alles, was aus meinem Munde kam, war ſo geiſt⸗ voll, ſo fremdartig von Form, ſo reich an Lebens⸗ luſt, ſo funkelnd von Begeiſterung und zugleich ſo mild und ſo ſüß, daß alle Eingeladenen um die Wette mich zum Sprechen antrieben. Ich war Ur⸗ ſache, daß dieſes Mahl, welches ſonſt feierlich und ernſt geweſen, ſich in ein fröhliches Feſt verwandelte, wobei Jedermann lachte und ſich der Luſt völlig hingab. Sicher hätte ich nicht wagen dürfen, mich alſo auszulaſſen, in Gegenwart ſo hochgeſtellter Perſonen; aber alle Anweſenden, und vornehmlich der Herr Präfect munterten mich auf und ſchienen mir dank⸗ bar für die Fröhlichkeit, welche ich gleich einem un⸗ aufhörlichen Strahlenſchimmer über die Geſellſchaft verbreitete. Beim Deſſert ſtand ich auf und brachte im Namen meiner Siegsgenoſſen einen Toaſt auf den Herrn Präfecten aus, den Vorſtand der Künſte im Depar⸗ tement der Schelde. Ich befand mich wahrſcheinlich in einem Zuſtande halber Sinnloſigkeit, aber dieſe Sinnloſigkeit erfüllte, anſtatt meinen Geiſt zu verdü⸗ ſtern, im Gegentheil mein Gehirn mit einem wunder⸗ baren Lichte. Während ich meinen Toaſt ausſprach, war ich ſo wortreich, ſo beredt und von einem hin⸗ reißenden Gefühl ſo hoch emporgetragen, daß ich allen Zuhörern Thränen aus den Augen lockte und Jeder⸗ mann gerührt herbeikam, mir die Hand zu drücken. Nachdem man gleichfalls auf die Geſundheit des — 223 Obergenerals und des Maire's getrunken hatte, ſagte einer der Eingeladenen, ich könnte ohne Zweifel auch ſingen. Ich ließ mich nicht lang drängen und ſang eine Arie, welche den Titel führte: Das Glück, geliebt zu ſein.— Es wäre nutzlos, verſichern zu wollen, daß ich Jedermann entzückte; denn meine ganze Seele lebte in dieſem Liede, und überdieß hatte ich noch nie zuvor eine ſo mächtige, ſo fließende Stimme gehabt. Ich ſang noch mehr als einmal; und als der Herr Präfect endlich ſich erhob, zum Zeichen, daß das Feſtmahl zu Ende ſei, umringten mich noch alle die hohen Gäſte, um mir ihren Beifall und ihr Wohlwollen zu bezeugen. Sei es, daß ich über dieſen allgemeinen Lobes⸗ erhebungen außer mir ſelbſt gerathen war, oder daß einige Gläſer Schaumweins mir zu Kopf geſtiegen waren, jetzt, da ich in die Kutſche ſtieg, welche mich nach Haus bringen ſollte, ſchien die ganze Stadt mir voll Lichtes, ſchwimmend in den ſchönſten Farben des Regenbogens; die Welt war für mich in einen glänzenden Himmel umgeſchaffen! Arme Seele! Du trankſt mit vollen Zügen aus dem Becher der Lebensfreude, ohne daran zu denken, daß noch viel Galle auf dem Boden für Dich übrig blieb aber doch, o Gott, welches Loos mir auch beſchieden war, ſei geprieſen für dieſen halben Tag Seligkeit! 224 Wie beſchränkt iſt doch die Genußfähigkeit des Menſchen, und wie unendlich ſeine Kraft zu leiden! Laßt ihn, wenn Etwas ihn betrübt, all ſeinen Ver⸗ ſtand und alk ſeinen Willen zu Hülfe rufen, der Kum⸗ mer wird ihn verfolgen und ſich ihm anhängen, Tage, Monate lang, und ſeine Wunde wird nicht aufhören zu bluten;— aber laßt ihn ſeine theuer⸗ ſten Wünſche erfüllt ſehen und den Gipfel des Glücks u erreichen wähnen, ſo vermindert ſich in dieſem Augenblick ſelbſt ſeine Kraft zu genießen, und ſeine Seele kehrt durch unſichere Wallungen zurück zu dem Gefühle des Schmerzes, welches deren natürliche Stimmung zu ſein ſcheint. Den Tag zuvor war ich in Seligkeit geſchwom⸗ men. Der glanzvollſte Sieg, der Jubel von tauſend Zuſchauern, das Lob, vie Bewunderung von Allen. die Offenbarung von Roſa's Liebe! Ach, war dieß Alles denn nicht genug für die Freude von einem ganzen Leben? Und dennoch ſaß ich bereits Stunden lang auf meinem Zimmer, die Arme auf der Bruſt gekreuzt und den Kopf unter kummervollen Gedanken ge⸗ beugt. Gleichwohl kämpfte ich noch gegen die Muth⸗ loſigkeit an, welche mich zu überwältigen drohte. Ich ſuchte die glänzenden Bilder von geſtern wieder in's Leben zu rufen; ich wollte meine Ohren zwingen, noch einmal den Eindruck des donnernden Frohlockens aufzunehmen; ich wollte die Thränen und den liebe⸗ vollen Blick Roſo's vor meine Augen zaubern: mit eine wele däch antl geſte moc ren T TLag meir Blic Unn Stin äng zu e über noch wiſſe Glüe auf( Was nung deckt zufri ſeine geſtr eine und Scha hatte des en ber⸗ um⸗ gen, nicht uer⸗ ücks eſem ſeine dem liche vom⸗ ſend dieß inem auf kreuzt ge⸗ Muth⸗ rohte. vieder ingen, ockens liebe⸗ mit —————— 225 einem Wort, ich war erſchrocken über die Traurigkeit, welche mich bedrohte, und gab mir Mühe, das Ge⸗ dächtniß meines Glückes als Schild gegen dieſelbe zu erheben.— Aber welche Gewalt ich mir auch anthat, um in der Erinnerung mich noch einmal wie geſtern ſelig, groß und muthig zu fühlen, ich ver⸗ mochte ſelbſt meinen Geiſt nicht mehr zu einem kla⸗ ren Bewußtſein der Wahrnehmungen vom vorigen Tage zu erheben. Ermattet von dem nutzloſen Kampfe ſank ich auf meinen Seſſel zurück und richtete mit Schrecken den Blick in mein Inneres, um das Räthſelwort meiner Unmacht zu ſuchen.— Dieſes Räthſelwort war die Stimme meines Gewiſſens, welche ich in meinem ängſtlichen Verlangen, glücklich zu bleiben, ſo lang zu erſticken geſucht hatte.... endlich aber ließ ich überwunden den Kopf ſinken und horchte, wiewohl noch ungern auf das, was mein unerbittliches Ge⸗ wiſſen mir vorhielt. Ach, meine Freude war Undankbarkeit, mein Glück ein Unrecht! Schreckliche Wahrheit! Was ich auf Erden ſein mochte, war ich durch Herrn Pavelyn. Was ich beſaß: Erziehung, Verſtand, Talent, Hoff⸗ nung auf Künſtlerruhm, ſelbſt die Kleider, die mich deckten, waren Wohlthaten von ihm! Und noch nicht zufrieden mit dieſen großmüthigen Geſchenken, welche ſeine Güte ſo verſchwenderiſch auf meinen Lebensweg geſtreut hatte, wagte ich, um den Preis ſeines Glückes, eine Neigung zu hegen, deren Enthüllung allein ihn und ſeine ganze Verwandtſchaft mit Schrecken und Schaam erfüllen mußte! Der Holzſchuhmachersſohn hatte ſich ſelig gefühlt, weil er ſich von Roſa ge⸗ 5 Conſeience, Das eiſerne Grab. 15 —— — — —— 226 liebt wußte!— Was konnte bei einer ſo thörichten M Verblendung wohl das geheime Trachten ſeines Her⸗ it zens ſein? Abſcheulich! Die Tochter ſeines Wohl⸗. i thäters zu einer ungleichen Verbindung zu verlocken(i und ihr und ihren Eltern ein Leben zu bereiten, welches auf immer durch die Trauer über einen ent⸗ †* 50 ehrenden Fehltritt verbittert bleiben ſollte? pe Dieſe Anklagen meines Gewiſſens drückten, ob⸗ i wohl ich noch gegen dieſelben mich zu erheben ſuchte, 1 in allmälig ſo ſchwer auf mein Gemüth, daß ich mich ſo bald unter der betrübenden, jedoch unverkennbaren i Wahrheit wie vernichtet fühite.— Ich blieb lange ſa Zeit bewegungslos ſitzen, mit beengtem Herzen und 9 bleichem Geſichte. An einer Niederträchtigkeit feſt 5 zu halten, dazu war ich unfähig, und vor der bloßen M Vorſtellung, undankbar werden zu können, ſchreckte ich. Tl zurück; aber es koſtete meine arme Seele doch zu viel ſchmerzliche Gewalt, um die immer ſich belebende de Hoffnung zum Erſticken zu bringen. Als ich endlich nach einander die Vorwürfe mei⸗ zu nes Gewiſſens angehört und meine Verirrung er⸗ ha kannt hatte, ſtieg das Bild der Pflicht vor meinen ab Augen auf, um mehr als eine paſſive Entſagung zu von mir zu erlangen. Sie ſagte mir, daß ich nicht Al blos ein ſtrafbares Gefühl bis auf die letzte Wurzel f⸗ Ei aus meinem Herzen reißen, ſondern daß ich ſelbſt th in Roſa's Buſen die verhängnißvolle Neigung er⸗ m tödten müſſe. Meinen Glauben, meine Hoffnung, ge mein ganzes Weſen ſollte ich mit eigenen Händen an vernichten; das ganze Licht meines Lebens ſollte ich ei auslöſchen und eine Zukunft mir bereiten, ſchrecklich und finſter gleich einem Abgrunde ein es hten Her⸗ ohl⸗ cken iten, ent⸗ ob⸗ ichte, mich aren ange und feſt loßen te ich ch ze bende e mei⸗ ig er⸗ teinen agung nicht Wurzel ſelbſt ng er⸗ fnung, änden llte ich wecklich Kein 227 Mittel, um dem Opfer auszuweichen! Gebieteriſch, mitleidslos ſtand die Pflicht vor mir; auf ihrer einen Seite die Danlbarkeit und das Ehrgefühl, auf der andern die Niederträchtigkeit und Schande! Endlich war es entſchieden. Ich mußte mich von meinen Wohlthätern entfernen, durch eine dauernde Abweſenheit Roſa's Neigung allen Nah⸗ rungsſtoff benehmen, den Gedanken erregen, daß ich nicht allein für ihre Liebe gefühllos ſei, ſondern ſogar, daß ihre Gegenwart mir unangenehm ge⸗ worden und ich abſichtlich ihr entfliehe.— Grau⸗ ſamer Entſchluß! Wenn Roſa ſo liebte, wie ich, welchen bittern Kelch mußte ich ſie dann bis auf den Boden leeren laſſen! Aber wenn auch das Mitleid mit ihrem wahrſcheinlichen Schmerz mir die Thänen aus den Augen lockte, es war nichts Ande⸗ res zu machen, und ich mußte mich gelaſſen unter der Ruthe des Schickſals beugen. Die Stadt oder das Land plötzlich und entſchieden zu verlaſſen, das durfte ich nicht wagen; aber ich hatte mir vorgenommen, ſogleich nach Bodeghem abzureiſen und lang, ſehr lang bei meinen Eltern zu bleiben, um meine Wohlthäter allmälig an meine Abweſenheit zu gewöhnen. Hatte ich dann in der Einſamkeit reiflich überlegen können, was ſich zu thun für mich ſchickte, und erachtete ich es für zweck⸗ mäßig, ſo wollte ich von Bodeghem nach Brüſſel gehen, um nachzuſehen, ob ich dort nicht bei einem andern Bildhauer Arbeit finden könnte, um für meine eigene Eriſtenz zu ſorgen. Was ich jetzt befürchtete, war der Umſtand, daß es mir vielleicht an Muth zur Vollziehung meiner 15 228 peinlichen Pflicht gebrechen könnte. In aller Eile füllte ich meinen Koffer mit Leinenzeug, mit Kleidern und Allem was mir angehörte, gleich Jemand, der zu einer langen Reiſe Vorkehrungen trifft. Ich wollte dieſen Koffer in einigen Tagen durch den Boten aus unſerem Dorfe holen laſſen und dann meine Abreiſe durch einen Brief bei Herrn Pavelyn entſchuldigen, indem ich erklärte, daß ich mich un⸗ päßlich und erſchöpft fühle und nach Bodeghem ge⸗ gangen ſei, um daſelbſt Ruhe und Wiederherſtellung meiner Kräfte zu ſuchen. Um das Stadtthor zu erreichen, mußte ich über den Meirplatz und an der Wohnung von Herrn Povelyn vorbei; aber ich wollte mich nicht der Gefahr ausſetzen, ihm oder Roſa zu begegnen, oder vor ihnen mich ſehen zu laſſen, denn ich miß⸗ traute meiner Schwäche und verkannte nicht, daß der geringſte Vorfall mich in meinem Beſchluſſe zum Wanken bringen könne. Deßhalb ſtand es bei mir feſt, am Ende der Rendierſtraße quer über den Grün⸗ kirchhof zu marſchiren und von da, die kurze Neu⸗ ſtraße paſſirend, aus der Stadt zu gelangen, ohne daß ich den Meirplatz zu berühren brauchte. Mit der Hand an der Thüre, im Begriff abzu⸗ gehen, warf ich noch einen langen Blick in dieſes Stübchen, welches mich zum Mann hatte heranreifen ſehen, welches der Vertraute meiner Hoffnung, meiner Freude und meines Schmerzes geweſen war. Eine Thräne trat in meine Augen, ein tiefer Seufzer ſtieg aus meiner Bruſt auf; und ich mußte mich mit Gewalt von meinem Zimmer losreißen, gleich einem Flüchtling, welcher ſich aus den Armen eines — Fre wir dur etw wol hin Vo in bra unt Ich lyn wäl dur Har gibt wag uner beſſe Mel brar zu 6 der Ma Her Eile ern der Ich den ann elyn un⸗ ge⸗ ung über errn der oder miß⸗ daß zum mir rün⸗ Neu⸗ ohne bzu⸗ ieſes eifen einer Eine ufzer mit inem 229 Freundes windet, welchen er nie mehr wiederſehen wird. Als ich mich in der freien Lüft befand und durch die Renvierſtraße vorwärts ging, mochte es etwa zehn Uhr Morgens ſein. Das traurige Lebe⸗ wohl drückte ſchwer auf mein Gemüth; ein Flor hing mir vor den Augen; ich achtete nicht auf die Vorübergehenden und ſetzte meinen Weg fort, völlig in ſchmerzliche Träumereien verloren. Plötzlich blieb ich ſtehen; meine Füße unter⸗ brachen von ſelbſt ihre Bewegung; überraſcht hebe ich den Kopf in die Höhe und taumle mit einem unterdrückten Schrei in die Straße zurück.. Ich befinde mich vor der Thüre von Herrn Pave⸗ lyn!— Wie war ich hieher gekommen? Ach! während ich trauerte und träumte, hatte Roſa's Seele durch eine geheimnißvolle Kraft meine Seele, wie der Magnet das Eiſen, angezogen.... Ich will mich entfernen; aber da ſehe ich die Hausmagd, welche hinter dem Fenſter mir ein Zeichen gibt, daß ſie mir die Thüre öffnen will. Zu fliehen wage ich nicht. Was würde man von einem ſo unerklärlichen Betragen denken? Vielleicht that ich beſſer daran, Herrn Pavelyn in wenigen Worten Meldung von meiner Abreiſe zu machen. Dazu brauchte ich nur in's Haus hinein und wieder heraus zu gehen Die Thüre wurde geöffnet und ich trat ein, mit der Abſicht, ein ſehr kurzes Lebewohl zu ſagen. Die Magd führte mich an die Thüre des Saales, wo Herr Pavelyn ſich befand. Wie es kommt, daß ich in dieſem Augenblick 230 mein Gefühl nicht verrathen habe, iſt mir ſelbſt jetzt noch unbegreiflich. Vielleicht daß eine völlige Muth⸗ loſigkeit die ungeſtümen Bewegungen meines Herzens gedämpft oder minder ſichtbar gemacht hatte. Ich ſah vor mir einen Tiſch, worauf ein köſtliches Mahl aufgetragen war. An bieſem Tiſche ſaß Roſa— und neben ihr, dicht neben ihr Conrad van Somerg⸗ hem!.... Zwiſchen Herrn und Frau Pavelyn befand ſich ein dicker Herr, der Conrad's Vater ſein mußte, denn die Züge ihres Geſichts waren dieſelben. Herr Pavelyn ließ mir kaum Zeit, das Schau⸗ ſpiel, welches ich vor mir hatte, mit einem flüchti⸗ gen Blick zu überſchauen. Bei meinem Erſcheinen ſtand er hoch erfreut auf, drückte mir die Hand und räumte mir einen Platz neben ſich ein. Dann be⸗ gann er mit viel Aufhebens von meinem Siege und meiner Zukunft als Künſtler zu ſprechen, während er mich ſeinen vornehmen Gäſten als einen guten, beſcheidenen und dankbaren Jüngling vorſtellte. Herr Pavelyn und auch der alte Herr van So⸗ merghem ſchienen ſehr aufgeräumten Geiſtes, und ich vermuthete, der ſpaniſche Wein, welchen ich auf dem Tiſche ſtehen ſah, habe ihnen ſolchen Frohſinn eingeflößt. Sie ſprachen anhaltend und laut und überhäuften mich mit ſo viel freundlichen Fragen, welche ſie meiſtens ſelbſt beantworteten, daß ich bei⸗ nahe keine Gelegenheit, ein Wort zu ſagen, fand.— Und das war ein Glück! Denn meine Aufmerkſamkeit und meine Gedanken richteten ſich anderswohin. An der andern Seite des Tiſches ſaß Conrad van Somerghem, gleichfalls mit dem Schimmer des t jetzt Muth⸗ rzens guten, rſtellte. n So⸗ „ und ich auf rohſinn tt und Fragen, ich bei⸗ ind.— ſamkeit in. Conrad ner des 231 Glücks auf ſeinem Angeſicht. Er hatte ſich mit dem Kopfe Roſa genähert und ſagte ihr lächelnd Worte in's Ohr, welche mir unverſtändlich waren, aber gleichwohl in meinem Herzen einen peinlichen Wie⸗ derhall fanden. Es lag in ſeiner Freude und in ſeinem Gebahren etwas Sicheres und Vertrauliches, das mich vor Entrüſtung beben machte und ein Ge⸗ fühl in mir erregte, als höhne er diejenige, welche ich mehr liebte als das Licht meiner Augen. Roſa hörte ihm mit paſſiver Höflichkeit zu und verſuchte ſogar zu lächeln. Einen einzigen Blick hatte ſie mir zugeworfen. Ich glaubte zu begreifen, daß ſie mir die Grauſam⸗ keit ihres Geſchicks klagen wollte und mich um Mit⸗ leid mit ihrem Schmerze anflehte. Was ging hier vor? Gott, konnte es wahr ſein? Aber warum gaben ſich dann beide Väter geheim⸗ nißvolle Zeichen der Zufriedenheit? Warum hatte Frau Pavelyn beſtändig ihr Antlitz auf Conrad van Somerghem, mit einer Thräne der Liebe in den Augen, gerichtet? Mich beſiel eine furchtbare Angſt; mein Herz bebte; ich fühlte den Augenblick nahen, wo ich mich nicht mehr bezwingen konnte und das ſchmerzliche Geheimniß mir entſchlüpfen mußte. Ich ſtand auf und erklärte ſtammelnd Herrn Pavelyn, daß ich, um mich von dem Fieber der Preisbewerbung und dem errungenen Siege zu erholen, den Entſchluß gefaßt habe, nach Bodeghem zu gehen und einige Zeit bei meinen Eltern zu bleiben. Ich habe nicht abreiſen wollen, ohne meinem Gönner von dieſem Vorſatz Kunde zu geben, und mich nur deßhalb hier einge⸗ —— 232 funden, um ihm und ſeiner Familie ein ehrerbietiges Lebewohl zu ſagen. Ich erſuche ihn alſo jetzt, mich von ihm beurlauben zu dürfen. Herr Pavelyn wollte mich zum Bleiben be⸗ wegen; endlich erklärte er auf mein Andringen, ich habe in der That Grund, nach ſo vieler Anſtrengung und ſo vielen Gemüthsbewegungen einige Ruhe zu ſuchen, und trieb mich nun ſelbſt an, meinen Aufent⸗ halt in Bodeghem zu verlängern, bis ich mich völlig von der Erſchöpfung hergeſtellt fühle. Noch einen ſchüchternen Blick in Roſa's Augen richtend, grüßte ich die Anweſenden und verließ den Sagl. Als ich in dem Vorzimmer, wo ich Hut und Stock niedergelegt hatte, mich bückte, um nach den⸗ ſelben zu greifen, wurde ich plötzlich durch eine Frauenſtimme überroſcht, welche ſehr leiſe mir in's Ohr ſprach. Ich richtete mich auf und erbleichte wahrſcheinlich, denn die Frau, welche mir einige unverſtändliche Worte zugeflüſtert hatte, rief lachend: „Ach, ach, Herr Leo, wie ſind Sie doch ſo ſchreckhaft! Sie ſtehen da, weiß vor Entſetzen, als hätten Sie geglaubt, ein Geſpenſt wäre hinter Ihrem Rücken aufgeſtiegen.“ Es war das Kammermädchen von Frau Pavelyn, eine Perſon, die viel Zuneigung für mich an den Tag legte. In dieſem Augenblick hatte jedoch ihr unerwartetes Erſcheinen mich ſchmerzlich betroffen, und ich ſchaute ſie mit einiger Bitterkeit an. „Nun, nun,“ fuhr ſie in loſem Tone fort, „ſeien Sie nicht böſe, daß ich Sie erſchreckt habe. Ich wollte Ihnen Etwas ſagen; aber Sie wiſſen es iges mich „ich zung e zu fent⸗ öllig ugen rließ und den⸗ eine in's eichte inige en: h ſo als hrem eyn, den ihr offen, fort, habe. n es 233 bereits, nicht wahr? Die große Neuigkeit? Nicht? Haben Sie drinnen den ſchönen jungen Herrn nicht geſehen? Er iſt millionenreich und edel von Ge⸗ htt „Wohl! Wohl!“ brummte ich, außer mir vor Furcht und Ungeduld. „Sie wiſſen es alſo noch nicht?“ flüſterte ſie mit gedämpfter Stimme.„Roſa wird ſich verheirathen: der junge Herr iſt ihr Bräutigam....“ So ſchmerzlich ſchnitt dieſe Ankündigung mir durch's Herz, und ſo viel Kraft mußte ich aufbieten, um meine Verzweiflung zu verbergen, daß ich mit einem wahnſinnigen Gelächter aus der Thüre ſtürzte, ohne zu wiſſen, wohin meine Schritte mich führten. Einige Minuten ſpäter befand ich mich wieder auf meinem Zimmer und fragte mich voll Verwirrung, was ich hier thun wollte. Warum mich entfernen, warum die Stadt und vielleicht das Land verlaſſen, da Roſa ſich jetzt vermählte und zwiſchen ihr und mir die unüberſteigliche Scheidewand einer Heirath ſich erheben ſollte? Nein, dieſer Gedanke war es nicht, der mich nach meinem Zimmer zurückgeführt hatte; es war nichts als die Gewohnheit. Dieſem Orte hatte ich alle Geheimniſſe meiner Seele, alle Schläge meines Herzens anvertraut. Noch einmal hatte das Bedürfniß nach einer einſamen Schmerzens⸗ ergießung mich hieher geführt, und noch einmal ſog der wurmſtichige Fußboden meine glühenden Thrä⸗ nen ein. Allmälig begann mein Blut zu kochen, und bald trocknete eine unerklärliche Raſerei meine Augen. Der Vorſatz ſtieg in mir auf, Conrad van Somerg⸗ 234 hem am hellen Tage auf offener Straße gegenüber zu treten, ihn einen Niederträchtigen zu nennen, ihm in's Angeſicht zu ſpucken, ihm zu erklären, einer von uns beiden müſſe ſterben, und ihn, wenn er kein elender Feigling wäre, zu zwingen, Piſtolen oder Degen zwiſchen uns entſcheiden zu laſſen.... Aber dann verzerrte ein höhniſches Lachen mein Geſicht, denn ich erkannte, daß ich zu niedrig geboren war, um hoffen zu dürfen, Herr van Somerghem werde meine Herausforderung anders als mit Verachtung aufnehmen; vielleicht würde man mich als einen Menſchen, der von gefährlichem Wahnſinn befallen war, in's Gefängniß werfen;— und mußte überdieß mein gewaltthätiger Anfall nicht das Geheimniß mei⸗ ner Liebe zu einer ſchmählichen Stadtneuigkeit machen? Und meine Wohlthäter, und meine Mutter? O, ich ſank vernichtet nieder und verbarg die brennende Stirne in den Händen, heulend und zähneknirſchend bei dem Gefühl meiner völligen Machtloſigkeit. Ich ſprang auf, denn ich hörte Schritte von Jemand, welcher eilig die Treppe herauf gegen mein Zimmer kam. Gleich darauf erſchien Frau Petro⸗ nella, welche mit aufgehobenen Armen auf mich zu⸗ gelaufen kam und voll Freude ausrief: „Herr Leo, große Neuigkeiten! große Neuigkei⸗ ten! Wiſſen Sie es ſchon? Roſa wird ſich verhei⸗ rathen!“ Ich ſchaute ſie mit wilden Blicken an. „Ja, ja, dieſe Neuigkeit überraſcht und bewegt Sie, ich begreife es,“ fuhr ſie fort.„Auf mich hat ſie gleichfalls einen lebhaften Eindruck gemacht, als mein Mann, der eben von ſeiner Arbeit heimkehrte, w vet zu hit „n fre re S hi rat über ihm von kein oder Aber ſicht, war, verde tung einen fallen rdieß mei⸗ chen? , ich nende chend von mein ßetro⸗ ch zu⸗ igkei⸗ erhei⸗ ewegt h hat als ehrte, 235 ſie mir überbrachte. Wäre ich an Ihrer Stelle, ich würde hineilen, um Herrn Pavelyn und Fräulein Roſa Glück zu wünſchen. Es wird ſie ſehr freuen, denn es iſt eine prächtige Heirath, und ſie ſind voll Vergnügen.“ Sie ſprach noch, als ich bereits, um ihr zu ent⸗ fliehen, die Treppe hinunterlief. Meiſter Jan ſtand unter der Thüre, um ſeine Pfeife zu rauchen. Er drehte ſich bei dem Geräuſche meiner Schritte um und ſagte lachend, während er mir Platz machte, um hinauszukommen: „So eilig? Sie wiſſen es ſchon? Roſa wird ſich verheirathen?“ Ich aber rannte ihn in blinder Aufregung faſt zu Boden und ſprang mit wilder Haſt auf die Straße hinaus. Alles, Menſchen und Häuſer, riefen mir zu: „weißt Du es ſchon? Roſa wird ſich verheirathen!“ Und als ich endlich das Thor erreicht hatte, und das freie Feld und die Straße, die mich nach Bodeghem füh⸗ ren mußte, vor mir ſah, war es mir, als ob die Stadt alle ihre Stimmen vereinigt hätte, um noch hinter mir herzurufen: „Weißt Du es ſchon? Roſa wird ſich verhei⸗ rathen!“ XXV. Ich war zu Bodeghem. Meine Eltern dachten gleich Herrn Pavelyn, ich ſei in das Dorf gekommen, um von meiner Krankheit und dem Wettſtreite der Akademie mich zu erholen. Meine ſichtbare Schwäche und die Magerkeit meines Geſichts verliehen dieſem Vorgeben einen Schein von Wahrheit. Gewiß, wäre ich in dem väterlichen Hauſe erſchienen, wahnſinnig und verzweifelnd, wie ich die Stadt verlaſſen hatte, ſo wäre es für Jedermann, und beſonders für meine Mutter leicht zu errathen geweſen, daß mir etwas Ungewöhnliches widerfahren ſein und daß ein ſchreck⸗ licher Kummer mein Herz zermalmt haben müſſe— aber ich hatte nach meiner Flucht aus Antwerpen Zeit genug gehabt, um mich allmälig zu beruhigen. Die friſche Luft, das freie, offene Feld, die Ermü⸗ dung eines langen Marſches zu Fuße hatten meine heftige Aufregung gemäßigt und das Licht der Ver⸗ nunft in meinen Geiſt fallen laſſen. Wohl zwei Stunden, ehe ich mein Geburtsdorf erreicht hatte, war ich zu dem klaren Bewußtſein meiner Pflicht zurückgekehrt. Ich hatte mir wieder vorgenommen, das Geheimniß meines Schmerzes in meiner Bruſt zu verſchließen und unbefleckt bis in's Grab zu be⸗ wahren. Da Roſa ſich vermählen ſollte, wäre die geringſte Offenbarung meiner Liebe, ſelbſt das ge⸗ ringſte Zeichen davon, eine Niederträchtigkeit, eine Miſſethat geweſen. Selbſt meiner Mutter wollte ich Nichts ſagen; ſonſt mußte mein Vater wahr⸗ ſcheinlich mit der Zeit Etwas davon erfahren, und er hätte nach ſeinen ſtrengen Begriffen von einem ehrlichen Mann mich mit Vorwürfen überhäuft, wo⸗ von meine Brüder und Schweſtern leicht auf den Grund gekommen wären. Ich hatte demgemäß Niemand von der wahren Urſache meiner unerwarteten Ankunft in meinem 6 ſehr Tre nur der Ant dur ſa's da zieh ben meh mich Krä muß ſelb Abe und deut meir mich nur mir zu 2 wed und Trat äche eſem wäre nnig atte, leine was reck⸗ e— rpen gen. rmü⸗ eine Ver⸗ zwei atte, flicht men, Zruſt be⸗ die ge⸗ eine ollte ahr⸗ und inem den hren inem 237 Geburtsorte Etwas merken laſſen; und da ich noch ſehr bleich und mager war, koſtete es mich wenig Mühe, Jedermann glauben zu machen, daß meine Traurigkeit und meine Neigung zum Stillſchweigen nur die Folge meiner todesähnlichen Schwäche wären. Wohl ſprach meine Mutter einmal mit mir von der Gefahr, worauf ſie bei ihrem letzten Beſuche in Antwerpen hingedeutet hatte; allein ich beruhigte ſie durch die Verſicherung, daß wir beide uns über Ro⸗ ſa's Gemüthsſtimmung gegen mich getäuſcht hätten, da mir ſpäter klar geworden wäre, daß ſie in Be⸗ ziehung auf meine Perſon ſich ſtets gleich geblie⸗ ben ſei. Von dieſem Augenblick an fragte ſie mich Nichts mehr und ließ mich völlig in Ruhe. Sie umgab mich wohl mit der zärtlichſten Sorgfalt, kochte mir Kräuter, welche ihrer Meinung nach mich ſtärken mußten, und nöthigte mir auserleſene Speiſen auf; ſelbſt daß ich ganze Tage vom Hauſe wegblieb und Abends vor Allen zu Bette ging, um allein zu ſein und nicht ſprechen zu müſſen, ſchien ſie nicht übel zu deuten; denn wenn mein Vater mich zuweilen wegen meines ſonderbaren Betragens tadelte, nahm ſie mich in Schutz und gab mir vollkommen Recht, da nur die friſche Luft, Bewegung und langer Schlaf mir die verlorenen Kräfte wieder erſetzen könnten. Seltſam und beinahe unerklärlich war mein Leben zu Bodeghem. Ich ſchweifte beſtändig umher, ent⸗ weder um das unbewohnte Schloß, oder in Wäldern und an einſamen Orten, eingehüllt in einen ewigen Traum, wie in eine Wolke, welche mich von der übrigen Welt abgeſchieden hieit. Rief ich auch manch⸗ — 238 mal alle meine Vernunft und meinen ganzen Willen zu Hülfe, um den Nebel meines Geiſtes aufzuhellen, es war vergeblich: ich ſah Nichts als Roſa und ihren klagenden Blick; ich fühlte Nichts als den Wurm des Kummers, der an meinem Herzen nagte; ich hörte Nichts, als die ſchrecklichen Worte:„weißt Du es ſchon? Roſa wird heirathen!“ die mich ver⸗ folgten und ſich mir anhingen, ohne nur einen Augen⸗ blick Ruhe zu vergönnen. Der Ungeſtüm der Leidenſchaft und die Bitterkeit der Verzweiflung waren gonz in mir vergangen. Kein Haß regte ſich in mir, keine Klage wurde laut gegen irgend einen Menſchen oder ein Ding auf Erden, ſelbſt nicht über mein grauſames Loos, ſelbſt nicht gegen den künftigen Bräutigam Roſa's, deſſen Bild, wenn es vor meinen Augen aufſtieg, mir kein Zeichen von Zorn oder Reid entlockte. Eine unend⸗ liche Betrübniß, eine träumeriſche Gelaſſenheit, eine Art krankhaften, fanatiſchen Spielens mit dem Schmerze war an die Stelle all der heftigen Gemüthsbewegungen in mir getreten. Bereits überzeugt, daß ich nicht geboren war, —,——— — um jemals einiges Glück in der Wirklichkeit zu fin⸗ den, raffte ich nach einander alle die Erinnerungen aus meinem früheren Leben zuſammen und erbaute mir daraus eine Traumwelt, worin meine Seele die einzige Quelle von Geduld und Troſt, die ſich noch vor ihr aufthun konnte, finden ſollte. In dem Schloßgarten herumſchweifend, blieb ich auf der Brücke ſtehen und ſchaute bebend in das Waſſer; dann heftete ich, zu meinen trüben Gedanken zurückkehrend, Stunden lang mein Auge auf den ang klein nebe Jun bei Mä Sto glüc wen Läch den fröh dem ihne auf und jetzt dige Kein Ich und imm die hirn zukel 2 und mein vertt ment vor, nen illen ellen, und den agte; weißt er⸗ ugen⸗ terkeit ngen. laut auf ſelbſt deſſen r kein mend⸗ eine hmerze unen war, zu fin⸗ rungen rbaute ele die h noch ieb ich in das danken uf den 239 angrenzenden Raſenplatz. Ich ſah im Geiſte ein kleines Mädchen, zart und ſchön wie ein Engel, und neben dieſem zauberhaften Weſen einen armen kleinen Jungen, der nicht ſprechen konnte, aber deſſen Augen bei jedem Worte, bei dem geringſten Lächeln des Mädchens, vor Bewunderung, vor Dankbarkeit und Stolz funkelten. Ich folgte weiter gehend dieſen glücklichen Kindern; ich zitterte vor ſeliger Bewegung, wenn ich auf dem Angeſichte des Mädchens ein Lächeln von Herzensgüte oder von Freundſchaft für den Jungen zu entdecken vermochte; ich ſchaute den fröhlichen Geſpielen zu, wenn ſie in dem Sande auf dem Fußpfade ein Blumenbeet anlegten; ich lief mit ihnen hinter den Schmetterlingen her; ich lauſchte auf ihre Worte; ich zählte die Schläge ihres Buſens und erkannte mit einem grauſamen Vergnügen, daß jetzt ſchon eine verhängnißvolle Macht dieſe unſchul⸗ digen Weſen beherrſchte und in ihren Herzen den Keim einer unendlichen Liebe niedergelegt hatte.— Ich befragte die Bäume, die Blumen, die Vögel, und zwang ſie, die Erinnerung des verlorenen Glücks immer von Neuem vor mir aufleben zu laſſen, bis die Abenddämmerung und die Ermüdung des Ge⸗ hirns mich endlich belehrten, daß es Zeit war, heim⸗ zukehren. An andern Tagen irrte ich in den Wäldern herum und ſuchte die Bäume wieder auf, welchen ich früher meinen Schmerz geklagt oder meine Hoffnung an⸗ vertraut hatte; ich erkannte jeden Platz, wo ich, träu⸗ mend wie eben jetzt, geſeſſen war, und es kam mir vor, als ſähe ich noch zwiſchen dem Graſe die Thrä⸗ nen blinken, welche ich acht Jahre früher daſelbſt 240 vergoſſen hatte.— Ich weinte damals zur Zeit des Glücks! Die Sonne der Hoffnung erfüllte noch mein Herz mit ihrem Lichte! Jetzt hatte ich keine Hoff⸗ nung mehr: mein Leben war von der finſtern Mauer der Unmöglichkeit abgeſchloſſen. Deßhalb hatte ich auch keine Thränen mehr: die Thränen ſind eine Klage, eine Bitte um Hülfe oder um Mitleid. Warum ſoll derienige klagen oder um Mitleid flehen, dem keine Macht auf Erden geben kann, was ſeine Seele begehrt? derjenige, deſſen Schmerzen, ihrer Natur ſelbſt nach, ewig ſein müſſen? Ein anderes Mal ſetzte ich mich nieder am Rande der Wieſe, wo das ſtumme Kind Wochen und Mo⸗ nate lang ſich damit beſchäftigt hatte, Figürchen zu ſchnitzen— jenen koſtbaren Schatz, womit er ein Lächeln erkaufen wolite! Ich ſah die Stelle, wo das Kind in den Zuckungen der Verzweiflung ſich auf der Erde gewälzt hatte, weil ſeine Zunge ihm ver⸗ ſtändliche Laute verweigerte; ich ſah den Apfelbaum, deſſen Rinde noch die geheimnißvollen Zeichen trug, womit das Kind damals Etwas hatte ausdrücken wollen, was es jetzt ſelbſt nicht mehr verſtand. Die graſenden Kühe auf der Weide, der Peitſchenſchlag der Hirten, der ſilberne Dunſt über dem Bach, der prächtige Schimmer der Abendſonne: Alles rief die Erinnerungen aus der Vergangenheit wieder wach, zauberte mich in die ſchöne Kindheit zurück und ließ mich meinen hoffnungsloſen Schmerz vergeſſen, wäh⸗ rend ich zugleich in den Genuß eines Glücks verſetzt wurde, das einſt geweſen war, doch für mich nim⸗ mermehr zurückkehren konnte Ich war bereits längere Zeit zu Bodeghem. t des mein Hoff⸗ Rauer te ich eine arum dem Seele Natur Rande Mo⸗ en ze r ein das h auf ver⸗ baum, trug, rücken Die iſchlag , der ief die wach, d ließ wäh⸗ verſetzt —, nim eghem. 241 Das ungehinderte Herumſchwärmen, die weite Ein⸗ ſamkeit ringsum, dieſes Leben zwiſchen tauſend Er⸗ innerungen behagten und ſchmeichelten meiner Seele ſo ſehr, daß ich nicht ein einziges Mal daran dachte, in Erwägung zu ziehen, wie ich es anſtellen ſollte, um in meiner Kunſt die Mittel zu einer unabhängigen Eriſtenz zu finden. Einige gelaſſene, doch ſtrenge Fr⸗ mahnungen meines Vaters riefen mich endlich zu dem Bewußtſein meines Zuſtandes zurück. Eines Morgens, da ich eben ausgehen wollte, um mein Traumwandeln, wie bisher jeden Tag, zu beginnen, rief mich mein Vater in ſeine Werkſtätte. Er erklärte mir, mein Betragen komme ihm unbe⸗ greiflich und tadelnswerth vor, um ſo mehr, da ich noch nicht ein Wort über meine Abſichten, Nutzen aus meiner Kunſt zu ziehen und meine Zukunft zu ſichern, geſprochen hätte. Er ſtellte mir vor, daß ich jetzt ein Mann geworden wäre und Stolz genug be⸗ ſitzen müſſe, um Herrn Pavelyn nicht länger zur Laſt zu fallen. Ich wäre noch nicht ganz von mei⸗ ner Krankheit hergeſtellt, und er begreife wohl, daß ich noch einige Zeit ausruhen müſſe; aber dieß hin⸗ dere mich ſeiner Meinung nach nicht, mittlerweile und ganz gemächlich an meine Zukunft zu denken. Ich erkannte die Weisheit ſeiner Ermahnungen und verſprach, ſeinen Rath zu befolgen. Wirklich begann ich, ſobald das Dorf mir im Fücken lag und ich die Felder erreicht hatte, in Erwägung zu ziehen, was mir zu thun oblag. Nach Antwerpen wollte ich nicht zurückkehren. Ich fühlte keinen An⸗ trieb mehr, mich Roſa zu nähern. Sie würde hei⸗ rathen, ſagte ich mir, und nich vergeſſen. Ich Conſcience, Das eiſerne Grab. 16 wünſchte aufrichtig, daß ſie auf Erden glücklich wer⸗ den möchte; aber ſehen wollte ich ſie nicht mehr. Wohl war ich überzeugt, daß meine Liebe zu ihr nur mit meinem Leben endigen konnte; aber war es mir verſagt, in ihrer Nähe zu leben, ſo wollte ich die Erinnerung an ſie, das Bild von ihr in meinem Herzen tragen, bis das Grab ſich über mei⸗ nem Geheimniß und über meinem Leiden ſchlöße. — In die Mauern von Antwerpen zurückzukehren, davon war alſo keine Rede. Ich konnte nichts Ande⸗ res thun, als nach Brüſſel reiſen, um bei dem einen oder andern Bildhauer Arbeit zu ſuchen. Aber was würde Herr Pavelyn zu einem ſolchen Ent⸗ ſchluß ſagen? Ihn davon in Kenntniß zu ſetzen, wäre unvorſichtig und nutzlos geweſen; denn er gab ſeine Zuſtimmung niemals dazu, daß ich mich bei einem andern Künſtler zum Taglöhner machte, oder nur, daß ich Ruf oder Wohlſtand in einer fernen Stadt ſuchte, wo er nicht ſein konnte, um an meinen Erfolgen Theil zu nehmen und mich durch ſeine freundliche Beihülfe zu ferneren Beſtrebungen aufzu⸗ muntern. Unter ſolchen Gedanken und Erwägungen, wie ich wohl mein Vorhaben ausführen könnte, ohne meinen Wohlthäter allzu tief zu verletzen, war ich ſehr weit in die Felder hinausgerathen und ſtand, um auszuruhen, an dem Geländer einer Brücke, den Blick auf das fließende Waſſer des Baches gerichtet. Ich ſah jedoch Nichts; die Kräfte meines Gehirns waren auf die Frage concentrirt, welche als ein unauflösliches Räthſel ſeit einer halben Stunde quä⸗ lend vor meinem Geiſte ſchwebte. Nat Sch mit lauf Sch raſo bei Ant ſehe Dich ſchic mir aus war, Wäh zurü ſchul Gem wohl und mich Gön einen und habe geher ſollte wer⸗ tehr. ihr war ollte in mei⸗ löße. hren, Ande⸗ einen Aber Ent⸗ ſetzen, in er mich achte, fernen neinen ſeine aufzu⸗ , wie ohne ar ich ſtand, ke, den richtet. ehirns ils ein de quä⸗ 243 In dieſem Augenblick hörte ich Jemand meinen Namen hinter mir rufen. Es war meine jüngſte Schweſter, die mich geſucht zu haben ſchien und jetzt, mit den Holzſchuhen in der Hand, auf mich zuge⸗ laufen kam. „Bruder!“ rief ſie,„ſchnell! Du mußt in das Schloß gehen. Herr Pavelyn iſt in Bodeghem.“ „Herr Pavelyn?“ fragte ich, zitternd vor Ueber⸗ raſchung.„Und iſt Frau.. und iſt das Fräulein bei ihm?“ „Er iſt allein, Bruder, ganz allein,“ lautete die Antwort.„Ich habe ihn aus der Kutſche ſteigen ſehen, und er befahl mir, Dir zu melden, daß er Dich ſprechen müſſe. Die Mutter hat mich ausge⸗ ſchickt, Dich zu ſuchen. Ein Glück, daß der Hufſchmid mir ſagen konnte, welche Richtung Du vom Dorfe aus eingeſchlagen hatteſt.“ Die Gewißheit, daß Roſa nicht bei ihrem Vater war, hatte mir meinen Schrecken gänzlich benommen. Während ich mit meiner Schweſter nach dem Dorfe zurückkehrte und nur dann und wann auf ihr un⸗ ſchuldiges Geplauder antwortete, hielt mein ängſtliches Gemüth mir die bekümmernde Frage vor, warum wohl Herr Pavelyn nach Bodeghem gekommen wäre und mich zu ſprechen begehrte; aber ich beruhigte mich bald wieder durch die Betrachtung, daß mein Gönner die Gewohnheit hatte, jede Woche wenigſtens einen halben Tag auf ſeinem Schloſſe zuzubringen, und meinte viel eher Grund zur Verwunderung zu haben, daß er ſchon drei Wochen hatte vorüber⸗ gehen laſſen, ohne daſelbſt zu erſcheinen. Und warum ſollte er auch, da er nun einmal in das Dorf ge⸗ 16* 244 kommen war, nach Antwerpen zurückkehren, ohne mich geſehen zu haben? Am Eingang des Schloſſes begegnete ich einem Diener, welcher mir ſagte, Herr Pavelyn gehe in dem Garten ſpazieren; und ich werde ihn wahr⸗ ſcheinlich in dem Luſtwäldchen am Ende der Buchen⸗ allee finden, da er ſich nach dieſer Seite gewendet hätte. Ich folgte dem angegebenen Wege und ſchritt eilig durch die lange Allee alter Buchen, um das Luſtwäldchen zu erreichen. Da bemerkte ich plötzlich meinen Gönner in der Ferne. Er ſaß auf einer Holzbank, am Fuße eines Baumes, den Kopf tief zur Erde gebeugt und die Arme über der Bruſt gekreuzt, gleich Jemand, der in ſchwere Gedanken verſunken iſt. Fürchtend, bei ſeinen Betrachtungen ihn unan⸗ genehm zu überraſchen, machte ich ein Geräuſch mit den Füßen und huſtete, um meine Annäherung be⸗ merklich zu machen, aber ich war bereits ſehr dicht bei ihm, ehe er den Kopf erhob und ſeinen Blick auf mich richtete. Ein ruhiges, freundliches Lächeln erſchien auf ſeinem Angeſichte. Ohne von der Bank aufzuſtehen, reichte er mir die Hand und! agte: 8, ig Du da, mein guter Leo? Es freut mich ſehr, Dich zu ſehen. Wie geht es jetzt? Du biſt noch ſehr mager; die Landluft hat Dich noch nicht ganz hergeſtellt; aber es wird ſich mit der Zeit ſchon machen.“ Ich kannte die Stimme meines Gönners ſehr gut; ich hatte aus Dankbarkeit und Reſpect mein Le Ac ſein niß mei Be dru Dic eini die aufg ich allei Haa war um ſichet mir ein Leber ein ſ von nur, ich T keit: glückl ſer le immer ohne einem ehe in wahr⸗ uchen⸗ vendet 5 ſchritt n das lötzlich einer pf tief Bruſt danken unan⸗ ſch mit n be⸗ r dicht n Blick Lächeln on der d und ut mich Du biſt ch nicht it ſchon rs ſehr ct mein; 245⁵ Leben lang auf jede Modulation derſelben genau Acht gegeben und konnte darum nicht zweifeln, daß ſein Herz in dieſem Augenblick mit tiefer Betrüb⸗ niß erfüllt ſein müſſe. Er errieth wahrſcheinlich meine Gedanken, denn er ließ mir keine Zeit, meine Bekümmerniß auszudrücken. „Du ſiehſt auf meinem Angeſicht, daß ich Ver⸗ druß habe, nicht wahr?“ ſprach er.„Du irrſt Dich nicht, Leo; ich fühle mich ſehr unglücklich; ſeit einigen Tagen ſcheint die Zukunft mir finſterer als die Nacht. Und doch iſt noch eine Hoffnung in mir aufgeſtiegen: ich habe gedacht, daß Du, über den ich wie ein zärtlicher Vater gewacht habe, vielleicht allein noch die Macht beſäßeſt, um meine grauen Haare vor ewigem Gram zu bewahren, und ich war der Meinun„Du werdeſt mir den Dienſt, um welchen ich Dich bitten wollte, nicht verweigern.“ Mit Thränen der Rührung in den Augen ver⸗ ſicherte ich, daß ich Gott preiſen würde, wenn er mir geſtattete, meinem edelmüthigen Beſchützer durch ein werkthätiges Opfer, ſelbſt auf Koſten meines ebens, meine Dankbarkeit zu bezeugen. „Um was ich Dich erſuchen will, das iſt wohl ein ſeltſames Ding,“ fuhr er fort,„aber ein Opfer von Deiner Seite erheiſcht es nicht. Ich wünſche nur, daß wenn Du den Auftrag übernimmſt, welchen ich Dir anvertrauen will, Du alle Deine Beredtſam⸗ keit und alle Wärme Deines Herzens zu deſſen glücklichem Vollzuge aufbieteſt, denn ſollte auch die⸗ ſer letzte Verſuch fruchtlos bleiben, dann iſt es auf immer um die Hoffnung und Ruhe meines Lebens Ton, worin d digt wurde, ſ neben Herrn Pavelyn, welcher alſo begann: 246 geſchehen. Setze Dich da an meiner Seite nieder, Leo, und höre auf das, was ich Dir ſagen will.“ Tief ergriffen von dem ernſten und ſchmerzlichen ieſe wichtige Enthüllung mir angekün⸗ etzte ich mich ſchweigend auf die Bank „Du weißt, Leo, daß Roſa niemals eine ſtarke Geſundheit gehabt hat. Ihre Mutter und ich, wir haben in ihrer Kindheit immerdar gefürchtet, wir möchten unſer einziges Kind verlieren; ach, wie ha⸗ ben wir bei ihrer Rückkehr von Marſeille Gott ge⸗ dankt, daß er Roſa ſo friſche Kräfte geſchenkt und ſie zu einem ſo edeln Frauenbilde hatte heranwachſen laſſen! Doch unſere Freude ſollte nur von kurzer Dauer ſein. Kaum war ſie einige Monate zu Hauſe, ſo wurde ſie kränklich und mager. Ein geheimer Kummer ohne ertennbare Urſache untergrub ihre Kräfte, und wiederum ſtieg bei uns die Beſorgniß auf, welche einen großen Theil unſeres Lebens ver⸗ giftet hatte. Ich wagte es gegen Niemand auszu⸗ ſprechen, aber mich verfolgte ein ſchrecklicher Gedanke; immerdar ſah ich jene unerbittliche Krankheit, welche man Auszehrung nennt, als ein Geſpenſt, wovon mein Kind bedroht war, vor meinen Augen.“ Ich erbleichte und ein unwillkürlicher Angſtſchrei entſchlüpfte meinem Buſen; aber Herr Pavelyn, dem dieſe Erregung ganz natürlich vorkam, fuhr ohne Unterbrechung fort: „Ich habe mich insgeheim nach Brüſſel begeben Dort habe ich bei einem berühmten Arzt, welcher einſt mein Studiengenoſſe geweſen, mich Raths er⸗ holt. Um beſſer über Roſo's Zuſtand urtheilen zu — — tt ge⸗ achſen kurzer Hauſe, heimer b ihre orgniß ver⸗ auszu⸗ danke; welche wovon A gſiſchrei n, dem ohne eeben welchet aths er⸗ eilen zu 247 können, kam der Doctor ſelbſt nach Antwerpen und blieb einen ganzen Nachmittag in Geſellſchaft von Roſa, als alter Freund, welcher bei Gelegenheit eines kurzen Beſuches zu Antwerpen mir noch ein⸗ mal die Hand drücken wollte. Ehe er mir Lebewohl ſagte, begab ich mich mit ihm in ein abgelegenes Zimmer, um zu erfahren, ob meine ſchreckliche Be⸗ ſorgniß gegründet wäre. Er erklärte mir, Roſa habe die Auszehrung nicht....“ Mit einem Freudenſchrei hob ich die Hände zum Himmel und rief in völliger Selbſtvergeſſenheit aus: „HD, Dank, Dank! Es wäre entſetzlich grauſam geweſen!“ „Du unterbrichſt mich zur Unzeit,“ ſprach Herr Pavelyn in traurigem Tone weiter.„Gäbe Gott, daß die Erklärung des Doctors damit zu Ende wäre! Aber nein, er gab mir zu verſtehen, daß Roſa, ob⸗ ſchon ſie noch nicht an der Lungenſucht leide, doch gefährlich krank ſei und wahrſcheinlich nach langem Siechthum ſterben werde, wenn ich nicht ſo ſchnell als möglich meine Zuflucht zu dem einzigen Mittel nehme, wodurch ſie noch gerettet werden könne. Und dieſes Mittel beſteht ihm zufolge darin, daß ich ſie verheirathe.“ Bis jetzt hatte ich meine Angſt bezwungen und faſt den Athem zurückgehalten; jetzt aber ſank mir das Herz, und ich ſtieß einen hohlen Seufzer aus. „Ich begreife,“ ſagte mein Gönner,„daß ſolche Dinge Dich ſchmerzlich berühren, Leo; aber laß mich fortfahren, und Du wirſt ſehen, daß ich Grund habe, mich doppelt unglücklich zu fühlen. Der Doctor hat mir bewieſen, daß eine Heirath, indem ſie meine — 250 den die Somerghems von einer ſo ſchimpflichen Ab⸗ weiſung ſagen? Ach, als Vater bin ich von ewigem Kummer und als Menſch von unerträglicher Schande bedroht!.... Du ollein, meinex guter Leo, Du kannſt vielleicht dieſes ſchreckliche Unglück noch von mir abwenden. Roſa hegt eine innige Freundſchaft für Dich; Du biſt jung wie ſie; Du biſt beredt; Dein gefühlvolles Wort wird den Weg zu ihrem„ Herzen finden. Mache ihr begreiflich und überzeuge ſie, daß ſie ſich in dieſe Heirath fügen muß. Es iſt ein unſchätzbarer Dienſt, um welchen ich Dich erſuche. O, möchte es Dir gelingen, und ich würde mich hundertfältig für Alles belohnt achten, was ich jemals zu Deinen Gunſten gethan habe. Nicht wahr, Leo, Du wirſt alle Deine Kräfte anſtrengen, um Roſa zur Einwilligung in dieſe Heirath zu ver⸗ mögen?“ Seit einigen Augenblicken hatte ich vorausge⸗ ſehen, um was mich Herr Pavelyn erſuchen wollte. Ich, ich ſelbſt, ich ſollte Roſa dahin bringen, daß ſie Conrad van Somerghem heirathete! Anfänglich bebte ich vor dieſem Gedanken zurück; plötzlich aber trat ein Umſchwung in meinen Betrachtungen ein. Dieſe Heirath war vielleicht wirklich das einzige Mittel, um Roſa von einem tödtlichen Siechthum zu retten; der Mann, deſſen Wohlthaten ich genoſſen hatte, flehte mich um dieſen Beweis meiner Dank⸗ barkeit an. O, es galt kein Zaudern! Wollte ich nicht in meinen eigenen Augen fortan für ein niederträch⸗ tiges, ſelbſtſüchtiges und verächtliches Weſen gelten, ſo mußte ich entſchloſſen und aufrichtig das Opfer vollbringen. Ich antwortete alſo, ich ſei bereit, nach —— — Ab⸗ igem e Du von ſchaft redt; hrem zeuge Es Dich vürde s ich wahr, „un ver⸗ usge⸗ vollte. „daß er n ein. einzige; hthum noſſen Dank⸗ h nicht rträch⸗ gelten, Dpfer t, nach 251 Antwerpen zu gehen, um Roſa die Heirath mit Herrn van Somerghem anzurathen. „Aber Du wirſt Dir Mühe, viel Mühe geben, nicht wahr? Und aus ihrer Freundſchaft zu Dir und aus unſerer Liebe für ſie alle möglichen Mittel ſchöpfen?“ fragte Herr Pavelyn. „Ich werde vor meiner Abreiſe zu Gott beten, daß er meinen Worten Kraft gebe,“ verſicherte ich. „Haben Sie Vertrauen zu meiner Dankbarkeit und zu meinem feurigen Verlangen, Alles zu thun, was Ihnen angenehm iſt.. Sie ſprechen davon, mein Herr, daß bieſe Heirath Roſa Geneſung bringen kann. Sollte ich alſo zögern?“ „Es iſt eine beſchwerliche Aufgabe, die ich Dir zumuthe,“ ſeufzte mein Gönner.„Du kennſt Roſa nicht wie wir. Sie iſt ein ſanftes und ſtilles Mäd⸗ chen und in gewöhnlichen Dingen nicht eigenſinnig; wenn ſie aber einmal etwas feſt beſchloſſen hat, ſo findet man, daß ſie mit einer wunderbaren Willens⸗ kraft begabt iſt. Ich habe mich oft insgeheim dar⸗ über gefreut, denn ich betrachtete es als ein Zeichen eines edeln und ſtarken Charakters. Jetzt aber müſſen wir unglücklicher Weiſe befürchten, daß wir und ſie ſelbſt dieſer Willensfeſtigkeit zum Opfer fallen können!“ Herr Pavelyn war aufgeſtanden und kehrte lang⸗ ſam in die Buchenallee zurück. In der Meinung, er wolle mich ſogleich mit nach Antwerpen nehmen, bat ich ihn um eine Viertelſtunde Zeit, um nach Hauſe zu gehen und mich ſchicklich anzukleiden; er ſagte mir jedoch, ich müſſe zum Mindeſten bis mor⸗ 252 gen noch in Bodeghem bleiben. Wenn er mich in ſeinem Fuhrwerke mitnähme, ſo könnte Roſa auf die Vermuthung kommen, er habe mir dieſe Botſchaft auferlegt, unb mein Rath würde dadurch viel von ſeinem Werthe und ſeiner Kraft verlieren. Ich müßte mit der Poſt kommen und mich ſtellen, als wüßte ich von Nichts. Er ſelbſt würde ſchon einen Grund finden, um das Geſpräch auf die Heirath zu leiten. Unter dem Gehen gab er ſich noch viele Mühe, um mir begreiflich zu machen, welchen hohen Preis er auf das Gelingen meines Verſuches ſetze, und beſchwor mich, doch Nichts zu ſparen, um mein Ziel zu erreichen. Sobald wir bei dem Schloſſe ange⸗ kommen waren, rief er den Diener und befahl ihm, ſogleich die Pferde anzuſpannen. Während man damit beſchäftigt war, ſprach Herr Pavelyn noch in heiterem Tone mit mir. Sein Ver⸗ druß war größtentheils gewichen; er ſchien getröſtet durch die Hoffnung, doß ich vielleicht noch das ge⸗ fürchtete Unheil von ihm und ſeinem Kinde abzuhal⸗ ten vermöchte. Meine Worte hatten ihm dieſe Hoff⸗ nung eingeflößt. Da ich dachte, Roſa ſich gegen die vorgeſchlagene Heirath, weil ſie mich liebte, ſo zweifelte ich nicht daran, ſie werde auf meinen ſich der erkannten N unterwerfen, o ſchmerzlich auch das Opfer ſein möchte. Dieſe ſ hatte ich zu wiederholten Malen aus⸗ geſprochen, und mein Wohlthäter war mir innig dankbar dafür.— Im Augenblick, da er in die Kutſche ſtieg, drückte er mir noch beide Hände und ſprach mit vertrauensvollem Blicke: „Bis morgen alſo, mein guter Leo. Gott wird ———— m ich eir in ra bre ich des abe dau gen pun viel ſolle ſie; bar woh geſu jetzt mein die opfe dun, daß Scht das in die haft von ißte ißte und ten. the, reis und Ziel ige⸗ hm, err der⸗ ſtet ge⸗ hal⸗ off⸗ ſich bte, nen fen, ieſe us⸗ mig die und ird ————— 253 Dir Kraft zur glücklichen Erfüllung Deines edlen Auftrags verleihen.“ Ich ſah dem Fuhrwerk nach, bis es gänzlich aus meinem Angeſichte verſchwunden war. Dann verließ ich das Schloß und ſchlug einen einſamen Fußpfad ein. Im Beiſein von Herrn Pavelyn war ich nicht im Stande geweſen, mit klarem Geiſte die neue Lage in Erwägung zu ziehen, worein mich ſeine über⸗ raſchende Mittheilung verſetzt hatte. Jetzt, da ich allein war und meine Erregung nicht mehr zu bezwingen brauchte, begann mein Herz ungeſtüm zu klopfen, und ich erbleichte und erbebte vor Angſt und Schrecken. Meine Seele wollte ſich noch gegen den Vollzug des Opfers ihrer unvertilgbaren Hoffnung empören; aber ihr Kampf gegen das ſiegende Gefühl der Pflicht dauerte nicht lang. Bald betrachtete ich die mir gewordene Aufgabe aus einem ganz andern Geſichts⸗ punkte. Ich liebte die Tochter meines Wohlthäters; vielleicht hatte ich nicht gethan, was ich hätte thun ſollen, um dieſer Neigung Widerſtand zu leiſten, oder ſie zu unterdrücken; vielleicht war ich wirklich ſtraf⸗ bar vor meinem Gönner und vor Gott. Ich hatte wohl in meinem eigenen Gemüthe allerlei Gründe geſucht, um meine Schwachheit zu beſchönigen; aber jetzt war der Augenblick da, um zu beweiſen, daß meine Liebe rein und ebel genug war, um ſich für die Wohlfahrt des geliebten Weſens ſelbſt aufzu⸗ opfern. Es war ohne Zweifel eine peinliche Sen⸗ dung, die ich übernommen hatte, und ich ſah voraus, daß mein Herz noch hundertmal vor Angſt und Schmerz ſich krampfhaft zuſammenziehen würde, ehe das Opfer vollbracht wäre; aber ich wollte Gott 254 mein Leiden als Buße für meine Verirrung darbie⸗ ten, und vielleicht daß er, war ich ſtrafbar, mir mit ſeiner Vergebung den verlorenen Seelenfrieden wie⸗ der ſchenkte. Unter ſolchen Ueberlegungen und feſt entſchloſſen, alle Gedanken zu verbannen, außer denen, welche mich zur aufrichtigen Erfüllung meines ſchrecklichen Auftrags ermuntern könnten, richtete ich meine Schritte nach dem Hauſe meiner Eltern. XXVI. Als ich des andern Tages unter dem Stadtthore aus dem Poſtwagen ſtieg und die Straße einſchlug, welche mich geradenwegs nach der Wohnung von Herrn Pavelyn führte, mußte ich alle Kräfte meiner Seele zuſammennehmen, um einigen Muth zur Voll⸗ bringung meiner Botſchaft zu behalten. Bis jetzt hatte ich mein Zaudern und meine Aengſtlichkeit glücklich genug bekämpft; aber jetzt, da jeder Schritt mich dem ernſten Augenblicke näher brachte, jetzt fühlte ich, wie meine Kraft mich verließ. Mein Herz klopfte heftig, und von Zeit zu Zeit lief ein eiskalter Schauer mir über die Glieder. Nicht daß ich in meinem Entſchluß wankte, oder einigermaßen —————— bedauerte, die ſchmerzliche Sendung übernommen zu haben; aber es lag in mir eine geheimnißvolle Kraſt, welche mit meinem Willen rang und deren ungeſtüme Beſtrebungen, mich zurückzuhalten, mein Herz immer mehr mit Schrecken und Beklemmung erfüllten. Nachdem ich unterwegs zwei oder drei Mal Halt ————„ ger gla unt nes Par mir Har wo am iſt ſicht verk bark ſie e bote ( Zeu⸗ muß nen mein bew⸗ ſie ei ſie z worte ſelbſt Ausd vermt vc arbie⸗ r mit wie⸗ oſſen, velche lichen hritte tthore chlug, von teiner Voll⸗ jetzt ichkeit chritt jetzt Mein ef ein t daß naßen en zu Kraft, ſtüme mmer — Halt 255 gemacht hatte, um meine Aufregung zu bezwingen, glaubte ich wieder einige Ruhe erkangt zu haben und klingelte mit feſter Hand an der Wohnung mei⸗ nes Wohlthäters. Da ich zur feſtgeſetzten Stunde eintraf, war Herr Pavelyn auf meine Ankunft vorbereitet. Er kam mir auf dem Gang entgegen, drückte mir freudig die Hand und führte mich ohne Verzug in das Zimmer, wo ſeine Tochter, mit einer Stickerei in der Hand, am Tiſche ſaß. „Sieh, Roſa,“ rief er in fröhlichem Tone,„hier iſt Leo, der uns einen Beſuch macht!“ Sie erhob den Kopf von ihrer Arbeit. Ihr Ge⸗ ſicht wurde von dem Glanze einer unſäglichen Freude verklärt; aus ihren Augen ſtrahlten Liebe und Dank⸗ barkeit mir entgegen. Meine Gegenwart allein machte ſie glücklich armes Schlachtopfer einer ver⸗ botenen Neigung! So tief war der Eindruck dieſes unverkennbaren Zeugniſſes auf mich, daß ich mir Gewalt anthun mußte, um die Thränen zurückzuhalten, die in mei⸗ nen Augen aufſtiegen; aber Roſa, welche ſich durch meine unerwartete Ankunft hatte überraſchen laſſen, bewältigte ſogleich ihre plötzliche Erregung. Nachdem ſie einen freundlichen Gruß geſtammelt hatte, war ſie zu ihrer völligen Ruhe zurückgekehrt. Sie ant⸗ wortete wohl noch auf das, was ihr Vater oder ich ſelbſt ſagte, aber es lag in ihrer Rede und in ihrem Ausdruck Nichts mehr, was eine tiefere Bewegung vermuthen laſſen konnte. Herr Pavelyn brachte, nachdem er einige Augen⸗ blicke über gleichgultige Dinge geſprochen hatte, die 256 Unterhaltung auf die Heirath. Er ſetzte dabei ſchein⸗ bar voraus, es ſei mir von Roſa's Weigerung Nichts bekannt, machte in der Kürze alle die Gründe g tend, wodurch ſeine Tochter zur Annahme einer ſo glänzenden Verbindung ermuntert werden ſollte, und fragte mich dann geradezu, was meine Anſicht von der Sache wäre. „Da kann von keinem Zweifel die Rede ſein,“ beſtätigte ich;„Fräulein Roſa muß ihre, Zuſtimmung geben, denn eine ſolche Heirath. Ein Blick von Roſa bewirkte, daß mir das Wort im Munde erſtarb. Sie ſchaute mich beſtürzt, vor⸗ wurfsvoll und erſchrocken an; über ihre Lippen ſchweifte ein ſchmerzliches Lächeln, beinahe unſichtbar, aber krampfhaft, wie bei einem Menſchen, welcher eine tödtliche Wunde empfangen hat, aber nicht kla⸗ gen will. Herr Pavelyn, welcher mein Zaudern bemerkte, kam mir zu Hülfe und ſetzte einige Worte hinzu, um mich zur Verfolgung meiner Aufgabe zu er⸗ muthigen. Ich begann jetzt, ſchüchtern aber entſchieden, ihr die Heirath anzurathen. Sie hatte den Kopf wieder gebückt und ſchien geduldig, wenn nicht gleichgiltig, mich anzuhören. Zuerſt hob ich mit prunkenden Worten das ungeheure Vermögen von Herrn Con⸗ rad van Somerghem, ſeinen hohen Adel und ſeine ungewöhnlichen Verdienſte als Menſch hervor. Von da ging ich zu den wichtigſten Gründen über und ſprach von ihrer Krankheit und von dem Kummer ihrer Eltern, bis Herr Pavelyn aus dem Zimmer verſchwand. wo mit Ge Liſt ſen kön eine Ruh ſanf 35g End in n bleic mich mein zeugt zu H / vor dieſel muß. ihre Sollt Co ſchein⸗ Nichts e gel⸗ ner ſo e, und ht on ſein,“ nmung Wort , vor⸗ Lippen chtbar, er eine ſt ekla⸗ merkte, hinzu, zu er⸗ en, ihr wieder bgiltig, kenden Con⸗ d ſeine Von er nd ummer immer 257 Roſa folgte ihrem Vater mit den ſah mich dann mit einem Blick a Augen und n, der mich zum Zittern brachte und mit Verſtummung ſchlug. Wie wunderbar deutlich iſt doch das Wort der Seele! Roſa hatte nicht geſprochen, und ich hatte dennoch, ort für Wort, verſtanden, was von ihr geſagt worden war! Ach, ſie klagte mich an, daß ich mi mit ihrem Vater verſchworen hätte, ihrem Gefühle Gewalt anzuthun; ſie verwies mir die grauſame Liſt und machte mir Vorwürfe, daß ich mit Wiſ⸗ ſen und Willen ihr Herz ſo mitleidslos zerreißen könne. Ich war aufs Höchſte bewegt und ſtammelte eine Bitte um Entſchuldigung; ſie aber ſprach mit einer tuhe, von welcher ich mich überwältigt fühlte, in ſanftem Tone: „Es iſt gut, Leo; fahre fort; vollbringe ohne Zögern Deinen Auftrag; ich werde Dich bis zum Ende anhören.“ Ich fühlte bereits die zurückgehaltenen Thränen in meinen Augen, mir wurde eng um's Herz; die bleiche Angſt entfärbte mein Geſicht. Jetzt trieb mich der Schrecken, mit gewaltiger Kraft mich gegen meine Rührung zu erheben; ich rief die Ueber⸗ zeugung von der Pflicht und meinen ganzen Muth zu Hülfe. Mit zitternder Stimme ſprach ich: „Roſa, Sie ſind krank; Ihre Eltern haben Furcht vor einem ſchrecklichen Unglück. Ach, erlöſen Sie dieſelben von der Angſt, welche ihre Tage verkürzen muß. Sie haben Ihnen das Leben geſchenkt; alle ihre Liebe, alle ihre Hof fnung beruht auf Ihnen. Sollte ein Siechthum ihr einziges Kind Conſeience, Das eiſerne Grab. denſelben 17 256 Unterhaltung auf die Heirath. Er ſetzte dabei ſchein⸗ bar voraus, es ſei mir von Roſa's Weigerung Nichts bekannt, machte in der Kürze alle die Gründe gel⸗ tend, wodurch ſeine Tochter zur Annahme einer ſo glänzenden Verbindung ermuntert werden ſollte, und fragte mich dann geradezu, was meine Anſicht von der Sache wäre. „Da kann von keinem Zweifel die Rede ſein,“ beſtätigte ich;„Fräulein Roſa muß ihre, Zuſtimmung geben, denn eine ſolche Heirath. Ein Blick von Roſa bewirkte, daß mir das Wort im Munde erſtarb. Sie ſchaute mich beſtürzt, vor⸗ wurfsvoll und erſchrocken an; über ihre Lippen ſchweifte ein ſchmerzliches Lächeln, beinahe unſichtbar, aber krampfhaft, wie bei einem Menſchen, welcher eine tödtliche Wunde empfangen hat, aber nicht kla⸗ gen will. Herr Pavelyn, welcher mein Zaudern bemerkte, kam mir zu Hülfe und ſetzte einige Worte hinzu, um mich zur Verfolgung meiner Aufgabe zu er⸗ muthigen. Ich begann jetzt, ſchüchtern aber entſchieden, ihr die Heirath anzurathen. Sie hatte den Kopf wieder gebückt und ſchien geduldig, wenn nicht gleichgiltig, mich anzuhören. Zuerſt hob ich mit prunkenden Worten das ungeheure Vermögen von Herrn Con⸗ rad van Somerghem, ſeinen hohen Adel und ſeine ungewöhnlichen Verdienſte als Menſch hervor. Von da ging ich zu den wichtigſten Gründen über und ſprach von ihrer Krankheit und von dem Kummer ihrer Eltern, bis Herr Pavelyn aus dem Zimmer verſchwand. eine Ruh ſanft Ende in n bleich mich meine zeugu zu H vor dieſell muß. ihre Sollt Cot ſchein⸗ Nichts e gel⸗ ner ſo n tn ſein,“ mung Wort „vor⸗ ippen htbar, reine t kla⸗ nerkte, hinzu, zu er⸗ n, ihr wieder giltig, kenden Con⸗ ſeine Von rund immer immer 257 Roſa folgte ihrem Vater mit den Augen und ſah mich dann mit einem Blick an, der mich zum Zittern brachte und mit Verſtummung ſchlug. Wie wunderbar deutlich iſt doch das Wort der Seele! Roſa hatte nicht geſprochen, und ich hatte dennoch, ort für Wort, verſtanden, was von ihr geſagt worden war! Lch, ſie klagte mich an, daß ich mich mit ihrem Vater verſchworen hätte, ihrem Gefühle Gewalt anzuthun; ſie verwies mir die grauſame Liſt und machte mir Vorwürfe, daß ich mit Wiſ⸗ ſen und Willen ihr Herz ſo mitleidslos zerreißen könne. Ich war aufs Höchſte bewegt und ſtammelte eine Bitte um Entſchuldigung; ſie aber ſprach mit einer Ruhe, von welcher ich mich überwältigt fühlte, in ſanftem Tone: „Es iſt gut, Leo; fahre fort; vollbringe ohne Zögern Deinen Auftrag; ich werde Dich bis zum Ende anhören.“ Ich fühlte bereits die zurückgehaltenen Thränen in meinen Augen, mir wurbe eng um's Herz; die bleiche Angſt entfärbte mein Geſicht. Jetzt trieb mich der Schrecken, mit gewaltiger Kraft mich gegen meine Rührung zu erheben; ich rief die Ueber⸗ zeugung von der Pflicht und meinen ganzen Muth zu Hülfe. Mit zitternder Stimme ſprach ich: „Roſa, Sie ſind krank; Ihre Elter vor einem ſchrecklichen Unglück. Ach, erlöſen Sie dieſelben von der Angſt, welche ihre Tage verkürzen muß. Sie haben Ihnen das Leben geſchenkt; alle ihre Liebe, alle ihre Hoffnung beruht auf Ihnen. Sollte ein Siechthum ihr einziges Kind denſelben Conſeience, Das eiſerne Grab. 17 258 rauben, ſie würden ſterben vor Verzweiflung. Es iſt ein Opfer, ſogar ein ſchmerzliches Opfer, welches man von Ihnen fordert, aber entſchließen Sie ſich dazu, aus Mitleid, aus Liebe zu Ihrem guten Vater, aus Liebe zu Ihrer zärtlichen Mutter!“ Ich glaubte, einigen Eindruck auf Roſa's Ge⸗ müth gemacht zu haben, und erwartend, meine Hoffnung erfüllt zu ſehen, hielt ich in meinem An⸗ rufe ein. „Unglücklicher Leo!“ ſeufzte ſie;„warum auf ſolche Weiſe mit dem Mordſtahle in Deinem und meinem Herzen wühlen? Von Siechthum ſprichſt Du? Aber um in dieſe Heirath mich zu fügen, muß ich Etwas in meinem Buſen tödten, was mir zum Leben ſelbſt geworden iſt. Ich ſterbe noch lieber am Siechthum! Dann werde ich ſie wenigſtens nicht entheiligen, die Neigung, welche meiner Seele ſich bemächtigt hat; dann werde ich ſie wenigſtens in das Grab mitnehmen können, ohne ſie durch ein meineidiges Gelübde befleckt zu haben!“ Dieſe rückhaltloſe Enthüllung des Geheimniſſes ihres Herzens machte einen ſo tiefen Eindruck auf mich; die ſchrecklichen Worte:„Siechthum, Tod, Grab“ flößten mir ſolchen Schauder, ſolches Mit⸗ leid ein, daß ſich eine Thränenfluth über meine Wangen ergoß. Ich wollte ſprechen: die Stimme erſtickte mir in der Kehle. „Weine doch nicht, Leo,“ fuhr Roſa fort.„Das grauſame Verhängniß, welches auf uns laſtet, iſt nicht durch Thränen abzuwenden. Gott hat uns auf Erden alles Glück verſagt; beugen wir geduldig und ohne Klagen das Haupt.... Ich werdt vie kein nich eches ie ſich guten s Ge⸗ meine n An⸗ n auf n und ſprichſt fügen, as mir lieber s nicht ele ſich ens in rch ein mniſſes uck auf „Tod, s Mit⸗ meine Stimme ſtet, iſt at uns eduldig werde 259 vielleicht ſterben; aber warum glauben, es bleibe keine Hoffnung mehr nach dem Tode? Gibt es denn nicht ein zweites Leben?“ Außer mir, wahnſinnig, beinahe erliegend dem unendlichen Schmerze und mit einer Stimme, welche von meinen Thränen unterbrochen war, rief ich aus: „Nein, nein, Du darfſt nicht ſterben! O, Roſa, höre mich an. Dieſe Heirath muß ein Herz zer⸗ malmen, in welchem jeder Schlag ein Seufzer der Liebe zu Dir war; ſie muß ein Leben vergiften, welches nur darin beſtand, Dich zu lieben; ſie muß eine Seele tödten, worin Du als ein Götterbild angebetet wirſt; aber ſie muß Dich von einer tödt⸗ lichen Schwindſucht retten; ſie muß Deine Eltern, meine Wohlthäter, vor der ſchrecklichſten Verzweif⸗ lung bewahren; ſie muß vor Gott unſere Verirrung entſchuldigen!... O, Roſa, bei den Erinnerun⸗ gen unſerer Kindheit, bei Allem, was ich gehofft und gelitten habe, bei meiner wahnſinnigen, unend⸗ lichen Liebe zu Dir, die mich auf die Bahn der Kunſt geführt hat, o, beſchwöre ich Dich, laß Dich erbitten! Vergönne mir dieſe einzige Möglichkeit, für die Wohlthaten Deines Vaters mich erkenntlich zu beweiſen, und entziehe mir die Hoffnung nicht, daß Du auf Erden bleiben wirſt, um ihm die Augen zu ſchließen. Ach, ſiehe, Roſa, ſiehe, ich flehe Dich auf den Knieen an, erhöre, erhöre meine Bitte!“ Unter einem Thränenſtrom ſank ich zu Boden und erhob flehend die Hände zu Roſa. Etwas Wunderbares, Etwas, das mich in Erſtaunen ver⸗ 17 260 ſetzte, war in ihr vorgegangen. Auf ihrem Ange⸗ ſichte erglänzte eine maßloſe Freude: Jemand, der den Himmel ſich vor ihm aufthun ſieht, könnte, dünkt mir, die ewige Glückſeligkeit nicht mit innigerem Entzücken begrüßen.— Während ich meine Bitte mit noch feurigern Worten wiederholte, reichte ſie mir die Hand und ſprach: es ganz zu glauben. Nun iſt der Zweifel weg von mir. Dank, Dank, Leo! Wenn Gott über mein Leben beſtimmt hat, jetzt kann ich ſterben!“ Plötzlich kam ein ſchreckliches Gefühl uber mich. Ich ſprang zitternd in die Höhe und beugte mit einem erſtickten Angſtſchrei das Haupt. Eine Thüre hatte ſich geöffnet; Herr Pavelyn hatte mich geſehen, da ich zu den Füßen ſeiner Tochter kniete! Dieß war es jedoch nicht, was mich ſo tief bewegte; denn ich hätte meine flehende Haltung gar leicht vor ihm rechtfertigen können; aber in dem Blicke, welchen er auf mich richtete, funkelte ſo viel Bitterkeit und ſo viel unterdrückter, doch finſterer Zorn, daß mir kein Zweifel blieb, er müſſe das ſchreckliche Geheimniß meiner Liebe zu ſeiner Tochter entdeckt haben. Ohne ein Wort zu ſprechen, zog Herr Pavelyn an einer Klingel und wartete die Ankunft eines Dienſtboten ab. Es war ein ängſtlicher Augenblick eine tödtliche Stille erfüllte den Saal; Roſa hielt die Augen niedergeſchlagen; ich war mehr todt als lebendig und mußte mich an dem Kamingeſimſe hal⸗ ten, daß meine wankenden Beine nicht einbrachen. Eine Magd erſchien. „Ah, ich war deſſen gewiß, und wagte doch nicht, Ange⸗ , der önnte, igerem rigern d und nicht, gon mein mich. e mit Thüre eſehen, Dieß denn r im hen er ind ſo ir kein eimniß avelyn eines nblick: hielt dt als ſe hal⸗ rachen. 261 „Geh!“ befahl Herr Pavelyn,„melde Deiner Gebieterin, daß Roſa ſie bitten läßt, ſogleich zu ihr zu kommen.“ Sobald die Magd verſchwunden war, ſagte mein erzürnter Gönner zu mir in einem Tone, deſſen hohles Zittern mir beinahe das Blut in den Adern zum Erſtarren brachte: ſei„Komm', folge mir: ich muß allein mit Dir eiü Da ich, ganz ſchwindelnd und bewußtlos, nicht ſchnell genug ihm gehorchte, faßte er mich bei der Hand und führte mich zum Saale hinaus. Unter der Thüre drehte ich mit einer unwillkürlichen Be⸗ wegung noch einmak den Kopf um: es war meine Seele, welche mit einem einzigen Blick einen letzten und ewigen Abſchied von der geliebten Seele neh⸗ men wollte. Ich ſah Roſa aufrechtſtehend, mit dem Finger in der Höhe, wie eine Prophetin; begeiſtert war ihr Antlitz und ihre Augen erglänzten von Glauben und Hoffnung. Sie deutete nach dem Himmel, und ich begriff, daß ſie mir Lebewohl ſagte, bis in den Schooß Gottes! Herr Pavelyn ſchien von der Haltung ſeiner Tochter ſchmerzlich ergriffen, denn er drückte mich heftig am Arme und brachte mich mit ſchnellen Schritten in ein abgelegenes Gemach, wo er die Thüre hinter ſich ſchloß. Vernichtet vor Scham und faſt gefühllos vor Angſt, blieb ich unbeweglich auf der Stelle ſtehen, wo die bebende Hand meines Wohlthäters von mir abgelaſſen hatte. Er faltete die Arme auf der Bruſt 262 und ſchaute mich ſchweigend an. Ich konnte ſeinen entſtellten Blick nicht aushalten und ließ mich auf einen Stuhl fallen, meine Augen und meine Thrä⸗ nen in den Händen verbergend. „Alſo das iſt mein Lohn!“ rief Herr Pavelyn mit beklemmter Stimme.„Das Kind, welches ich aus der Armuth emporgehoben, das ich als einen Sohn geliebt, das ich mit Wohlthaten überhäuft habe, das Kind war eine Schlange, die ſich in meine Familie einſchlich, um mein Leben zu vergif⸗ ten! Der Holzſchuhmachersſohn wagte nicht allein, ſeine Augen zu der Erbin meines Namens und mei⸗ nes Vermögens zu erheben, ſondern auch meine ein⸗ zige Tochter zur Theilnahme an ſeiner ſtrafbaren Liebe zu verlocken! Wahnſinniger! Hatte denn die Dank⸗ barkeit nicht Macht genug in Deinem Herzen, um die verbrecheriſche Reigung zu erſticken? Sahſt Du nicht voraus, daß Du eine Niederträchtigkeit und Miſſethat begingeſt? Was durfteſt Du zu denken wa⸗ gen? Was durfteſt Du zu hoffen wagen? O, es iſt ein Fluch von Gott!“. Ich war todesbleich, ich zitterte, ich krümmte mich vor Verzweiflung, ſtreckte die Arme gegen Herrn Pavelyn aus und ſtammelte undeutliche Worte der; Entſchuldigung. Meine äußerſte Erregung, meine ſchreckliche Angſt und meine tödtliche Verzweiflung weckten einiges Mitleiden in dem Herzen meines Wohlthäters, denn er fuhr mit minderem Zorne fort: „Nein, wiederhole das Bekenntniß Deiner ſtraf⸗ baren Verirrung nicht, ich habe Alles gehört. Wehe, möge der Himmel es Dir einmal vergeben! Während ich Dir mit Freundſchaft begegnete und Tag und Nac mei Leb Sch digt die hind chen Wor ihr gen gant Antt mag nunt kämz mich unte Vere wäre ſchwi ſeine ( Bod ich n will Kein Dein Das Jeme ſeinen ch auf avelyn es ich einen rhäuft ich in vergif⸗ allein, d mei⸗ te ein⸗ Liebe Dank⸗ „um ſt Du tund n wa⸗ es iſt immte Herrn e der meine iflung teines fort: ſtraf⸗ Wehe, hrend und 263 Nacht an Deine Zukunft dachte, ſprachſt Du mit meinem Kinde von einer Liebe, die uns Allen das Leben verkürzen und unſer Grab mit unauslöſchlicher Schande belaſten muß!“ Die blutige Wunde, welche durch dieſe Beſchul⸗ digung meinem Herzen geſchlagen wurde, gab mir die Sprache wieder. Zwiſchen meinem Schluchzen hindurch ſuchte ich Herrn Pavelyn begreiflich zu ma⸗ chen, daß ich niemals vor dieſem Tage Roſa durch Wort oder Zeichen meine unglückliche Neigung zu ihr verrathen hatte. Ich ſagte ihm, wie ich gerun⸗ gen und gelitten hatte; wie ich nach Bodeghem ge⸗ gangen war, mit dem Vorſatz, den Boden der Stadt Antwerpen nie mehr zu betreten; wie meine Ab⸗ magerung und das Fieber nur die Folgen des hoff⸗ nungsloſen Kampfes, den ich gegen mich ſelbſt ge⸗ kämpft hatte, geweſen waren.— Endlich warf ich mich vor meinem Wohlthäter zu Boden und flehte, unter Thränen zu ihm hinkriechend, um Mitleid und Vergebung. Ich rief aus, ich wolle fliehen, und wäre es bis an das Ende der Welt; aber ich be⸗ ſchwor ihn zugleich, mich doch nicht mit dem Gewicht ſeines Fluches zu belaſten. Er hob mich mit einer kurzen Bewegung vom Boden auf und ſprach: „Unglücklicher, ich habe Dich ſo ſehr geliebt, daß ich noch jetzt an Deine Unſchuld glauben kanni Ich will Dir keine nutzloſen Vorwürfe mehr machen. Kein Menſch auf Erden, ſagſt Du, weiß Etwas von Deiner Liebe zu Roſa und von ihrer Schwachheit. Das iſt noch ein großes Glück ja, ja, denn wenn Jemand dieſes ſchreckliche Geheimniß entdeckt hätte, 264 wo ſollte ich mich verbergen vor Scham? Wie ſollte meine arme Gattin den vernichtenden Druck dieſer Schmach ertragen, ohne zu ſterben! Und Conrad van Somerghem, wenn er erführe, daß er abge⸗ wieſen wird um eines... nein, ich unterdrücke meinen Verdruß, meine Entrüſtung, meine Angſt; es iſt mir noch ein Troſt im Unglück, daß Du, jetzt wenigſtens, fühlſt, was die unerbittliche Pflicht von Dir fordert. Dieſe gefährliche Beſprechung muß ein Ende haben; die Stille, die ewige Stille muß über dieſem Geheimniß niederſinken. Wohlan, Du wirſt begreifen, daß Du augenblicklich dieſes Haus ver⸗ laſſen mußt, ohne die Hoffnung, Jemand von uns in Deinem Leben wieder zu ſehen. Geh, fliehe weit, weit weg, damit Niemand von uns noch einmal von Dir höre, damit vor Allem mein Kind vergeſſe, daß Du auf Erden lebſt. Ich bitte Dich, ich flehe Dich an, Leo, unterwirf Dich, wenn Du für meine Wohl⸗ thaten dankbar biſt, gutwillig und gewiſſenhaft dieſer Nothwendigkeit.. Um zu reiſen, braucht man Geld; ich will nicht, daß Du Mangel leideſt.“ Dieſes ſagend, legte er ſeine Geldbörſe neben mich auf den Tiſch; ich aber ſprang, durch ſo viel Güte wie vernichtet, vor und faßte ſeine Hände. Dieſe mit meinen Thränen benetzend, rief ich aus: „O, Dank! Dank! Ich werde zu Gott beten, un⸗ aufhörlich und mit Inbrunſt beten, daß er Sie ſegne! Leben Sie wohl und haben Sie Mitleid mit dem Wahnſinnigen, deſſen letzter Seufzer ein Ruf der Dankbarkeit für Sie ſein wird. O mein Gott!.... Leben Sie wohl, edles Herz, großmüthiger Mann, leben Sie wohl!“ ich und mer was vor pen hatt eilte der Gen ner ſtün weit gebo nicht vier § ich i aber Tag nach groß war, mich ſollte dieſer onrad abge⸗ drücke Angſt; „jetzt t von ß ein über wirſt ver⸗ tuns weit, von , daß „Dich Wohl⸗ dieſer man neben o viel ände. aus: „ un⸗ egne! tdem f der tann, 265 Indem ich dieſe letzten Worte ausſprach, floh ich hinweg. Ich ſprang wie blind auf die Straße und lief, von Verzweiflung und Angſt verfolgt, im⸗ mer vorwärts, ohne ein Bewußtſein deſſen zu haben, was ich that. Durch das erſte Thor, welches ſich vor meinem irren Blicke darbot, verließ ich Antwer⸗ pen; und als ich das Ende der Vorſtadt erreicht hatte und die weite, offene Welt vor mir ſah, ſtieß ich einen Freudenſchrei aus; mit wahnſinniger Haſt eilte ich davon, als ob jeder Schritt, der mich von der Wohnung meines Wohlthäters entfernte, das Gewicht meiner Schmach und die Abſcheulichkeit mei⸗ ner Miſſethat vermindern müßte. XXVII. Am erſten Tage meiner Flucht ſank ich nach acht⸗ ſtündigem Marſche in der Nähe eines Dorfes nicht weit von Brüſſel vor Erſchöpfung nieder. Obwohl ich die von meinem Wohlthäter mir an⸗ gebotene Hülfe ausgeſchlagen hatte, war ich doch nicht ohne Geld. Ich beſaß drei Napoleonsd'or und vier oder fünf Franes in kleiner Münze. Nach einer Ruhe von wenigen Augenblicken ging ich in das Dorf hinein und ſuchte eine Herberge; aber ſchon mit der Morgendämmerung des folgenden Tages ſetzte ich meine eilige Reiſe in der Richtung nach Frankreich fort,— denn ich glaubte in dieſem großen Lunde, mit deſſen Sprache ich wohl bekannt war, beſſer als anderswo die Mittel zu finden, um mich zu verbergen und mein bitteres Loos zu tra⸗ 266 gen, ohne daß man jemals in Antwerpen Etwas von mir vernähme. Nachdem ich noch vier Tage unaufhaltſam weiter marſchirt war, befand ich mich endlich weit genug auf franzöſiſchem Boden, in einem kleinen Dorfe bei der Stadt Compiegne. Jetzt, da zwiſchen mir und Roſa ein Abſtand von fünfzig oder ſechzig Meilen lag, da ich mich von allen Hauptſtraßen entfernt wußte und nicht mehr zu fürchten brauchte, daß Jemand die Spur meiner Flucht entdecken könnte, fühlte ich nicht mehr die Nothwendigkeit, meine Reiſe zu verlängern. Die Leute, bei welchen ich mich ein⸗ quartirt hatte, beunruhigten mich weder durch un⸗ beſcheidene Fragen, noch äußerten ſie Verwunderung über meine ſonderbare Schweigſamkeit. Rings um das Dorf befanden ſich viele kleine Thäler, wo man ganz verborgen ſeinen Träumereien ſich hingeben konnte, und in geringer Entfernung lag der große kaiſerliche Forſt von Compiegne, wo ein Unglücklicher in der völligſten Einſamkeit mit ſeinen traurigen Gedanken ſich herumzutreiben ver⸗ mochte. Es war meiſt an den dunkelſten Stellen dieſes Waldes, daß ich meine Tage zubrachte, Stunden; lang bewegungslos, die Arme auf der Bruſt gekreuzt, zu Boden ſchaute, oder hin und her ging, lachte, ſeufzte, und meine Thränen in das Gras ausſäete, bis die Mittagsglocke oder die Abenddämmerung mich in das Dorf zurückrief. Ich dachte an meine Mutter, an Herrn Pavelyn und an meine verlorene Zukunft; ich fühlte das Nagen meines anklagenden Gewiſſens, ich ſah meine ihre Flu deſſ Un inn ten um eine Ste ſten Lãc auf mel und hor wah haft war Lieb flüſt und mich lacht eine ſeine dach ſie! geſa 267 Stwas Wohlthäter weinen bei dem Anblick des Siechthums ihres Kindes und hörte von ihrem Munde einen weiter Fluch ausgehen gegen den undankbaren Böſewicht, genn deſſen wahnſinniger Hochmuth die Urſache von dem 63 fe bei Unglück ihres Lebens war. Aber ſo ſchrecklich Er⸗ rund innerungen und Viſionen mir vor den Augen ſpuck⸗ 6 Reilen ten, fand meine kranke Seele doch noch Kraft genug, tfernt um ſie jedesmal zu verjagen und ein anderes Bild, daß eine glanzvolle, wunderbare Erſcheinung an deren önnte, Stelle zu zaubern. Dann ſtieg Roſa aus den Dün⸗ Reiſe ſten des Waldes vor meinen Augen auf, mit dem h ein⸗ Lächeln der Hoffnung und dem Lichte der Begeiſterung h un⸗ auf ihrem Angeſichte, und mit dem Finger zum Him⸗ erung mel weiſend, ſo wie ich ſie bei dem verhängnißvollen und ewigen Lebewohl geſehen hatte. Ein andermal kleine horchte ich auf eine ſüße klagende Stimme und ge⸗ ereien wahrte zwiſchen dem Laub der Bäume das nebel⸗ rnung hafte Phantom eines engelgleichen Mädchens: es „ wo war Roſa's Seele, welche mir das Bekenntniß ihrer mit Liebe wiederholte.„Lieber ſterben! Lieber ſterben!“ 3 ver⸗ flüſterte ſie feierlich und eindringlich mir in's Ohr... 3 und dann fühlte ich, verzückt und der Welt enthoben, dieſes mich über alle Menſchen glücklich und jubelte und tunden; lachte im Schooße des einſamen Waldes, gleich kreuzt,; einem armen Irrſinnigen, welcher das Bewußtſein lachte,; ſeiner ſelbſt verloren hat. sſäete, Trotz der krankhaften Zerſtreutheit meines Geiſtes ½ ierung dachte ich mit tiefer Bekümmerniß an meine Mutter. In der erſten Woche nach meiner Abreiſe war für 1 avelyn ſie kein Grund zur Unruhe vorhanden, da ich ihr 1 e das geſagt hatte, ich wüßte nicht, ob ich zu Antwerpen meine nicht einige Tage zu bleiben veranlaßt würde; aber 1 —— 268 endlich mußte ſie ſich doch nach mir erkundigen, und in welche ſchreckliche Beſtürzung gerieth ſie dann durch die Botſchaft, daß ich verſchwunden ſei, ohne eine Spur meines Daſeins zurückzulaſſen. Ich mußte und wollte ihr ſchreiben; aber was ſollte ich ihr in dem Briefe ſagen? Die Wahrheit durfte ich ihr nicht offenbaren: was ich meinem Wohlthäter ver⸗ ſprochen hatte, wollte ich mit gewiſſenhafter Treue erfüllen. Zwanzigmal beugte ich mich über das Pa⸗ pier, um den lügenhaften Brief zu beginnen, aber der falſche Bericht wollte mir nicht aus der Feder. Nach einem Kampf und Streit, welcher vier Tage lang mehrmals unterbrochen und wieder aufgenom⸗ men worden war, fügte ich mich dem Drange der Nothwendigkeit und ſchrieb an meine Mutter.— Zwiſchen Worten von Liebe und Bitten um Ver⸗ gebung ſuchte ich ihr glaublich zu machen, daß ich eine Reiſe durch Frankreich, Deutſchland und Italien zu unternehmen geſonnen ſei, um meine Kunſtſtudien ganz zu vollenden. Ich ſei ohne Lebewohl abgereist, aus Furcht, die Eltern oder Herr Pavelyn würden mich von der Ausführung eines Gedankens zurück⸗ gehalten haben, der mich ſchon ein ganzes Jahr ver⸗ folgt und faſt zu Tode gemartert hätte. Sie ſollte deßhalb nicht unruhig über mich ſein; ich würde ihr oft Kunde von mir geben, allezeit mit Liebe ihrer gedenken und ſobald als möglich heimkehren, um ihre alten Tage zu verſchönern und glücklich zu machen. Um meinen Eltern die Entdeckung meines Auf⸗ enthaltsortes und der Richtung meiner Flucht un⸗ möglich zu machen, nahm ich an demſelben Tage den Eilwagen, welcher in der Nachbarſchaft die 269 Hauptſtraße paſſirte, und ließ mich bis nach Rheims führen, wo ich meinen Brief in den Poſtſchalter ſteckte. Abends ſehr ſpät war ich wieder in dem Dorfe urück. Der Brief an meine Mutter hatte mich unſäg⸗ liche Mühe gekoſtet; jetzt aber, da er abgegangen war und ich hoffen durfte, daß meine Eltern min⸗ deſtens über mein Befinden beruhigt würden, fühlte ich mein Herz von einer drückenden Laſt erlöst, und meinen Geiſt ganz frei, um ſich mit Selbſtvergeſſen⸗ heit einer ununterbrochenen Träumerei hinzugeben. Ich hatte wirklich lange Zeit nicht daran gedacht, das einſame Dorf zu verlaſſen, denn ich liebte den ald von Compiegne und ſeine dichtbewachſenen Schlupfwege; aber ich bemerkte bald, daß meine Geldmittel beinahe erſchöpft waren. Außerdem be⸗ gann meine ſeltſame Handlungsweiſe einiges Auf⸗ ſehen in dem Dorfe zu machen, und nicht ſelten wurde ich durch neugierige Fragen beunruhigt. Ich mußte alſo einen Beſchluß faſſen und abreiſen.— Paris war der einzige Platz, wohin ich mich wenden konnte, in der doppelten Hoffnung, unter dem zahl⸗ loſen Menſchenſchwarm unbemerkt und verborgen leben und zu gleicher Zeit als Bildhauer Arbeit finden und dem drohenden Elende entgehen zu können. Zwei Tage ſpäter betrat ich mit dem Reiſeſtab in der Hand die Hauptſtadt Frankreichs. Eine ganze Woche blieb ich in einem kleinen hotel garni ein⸗ quartirt; jetzt aber ſuchte ich, beim Anblick meines letzten Fünffrankenſtücks zur Sparſamkeit aufgefor⸗ dert, mir eine minder koſtſpielige Wohnung. Ich nahm Beſitz von einem Kämme rchen unter dem Dache 270 eines hohen Hauſes in der Straße Montagne St.⸗ Genevidve, hinter dem Pantheon. Von hier aus konnte mein Auge das ganze Panorama der uner⸗ meßlichen Weltſtadt umſpannen und ſogar Stunden weit ſich in den nebelhaften Luftraum wie in die Unendlichkeit ſelbſt verſenken. Zu meinen Füßen donnerte das Geräuſch von tauſend Kutſchen und Wägen; über meinem Haupte ſchlug das Gebrauſe von einer Million Menſchen zuſammen; ich hörte ſogar in dem Hauſe, wo ich eine Zufluchtsſtätte ge⸗ funden hatte, den Geſang fröhlicher Leute, das Ge⸗ ſchrei von Kindern und das unaufhörliche Rufen von Männern, welche die Treppen auf⸗ und ab⸗ gingen; aber all' dieſer Lärm blieb mir fremd, und mitten in Paris und ſeiner zahlloſen Bevölkerung fühlte ich mich weiter aus der Welt und einſamer als in dem abgelegenen Dörfchen bei Compiegne. Von der erſten Stunde an, da ich in dieſem Kämmerchen verweilte, wurde es mir theuer. Welche andere Heimath taugte beſſer für meine betrübte Seele, als ſo ein enger Raum, verloren unter dem Dache eines Hauſes, welches ſelbſt eine kleine Welt war, aber mit einer grenzenloſen Ausſicht, worin meine Gedanken mit voller Freiheit ſich ergehen konnten? Hätte nicht die Noth meine Träume mit Gewalt unterbrochen, mich dünkt, ich hätte mein ganzes Leben damit zugebracht, den Kopf durch mein Fenſterchen hinauszuſtrecken; aber es war keine Möglichkeit, zu vergeſſen, daß die Armuth an meiner Seite ſtand. Ich riß mich alſo von der bezaubernden Stelle los und ſtieg auf die Straße hinab, um, wie ich bereits „— ein Bi me we ind unt Rei hät mir Eri heit trau mich jung ſchä in den kurze ſpra Jun kann ſchäf 2 einen ich d viern Alles tiſch, meine C e St.⸗ as uner⸗ tunden in die ———,— Füßen n und brauſe hörte tte ge⸗ Ge⸗ Rufen d ab⸗ d, und kerung namer gne. dieſem Welche trübte rdem Weelt worin rgehen Hewalt Leben terchen it, zu ſtand. le los bereits 271 einige Tage vergeblich gethan hatte, bei ausübenden Bildhauern mich nach Arbeit zu erkundigen. Dieſen Tag ſollte ich glücklich ſein. Ich bot meine Dienſte einem ſehr geſchätzten Bildhauer an, welcher ein Haus in der Rue de Seine bewohnte, indem ich ihm erklärte, ich ſei ein junger Künſtler und Primus der Akademie zu Antwerpen, der eine Reiſe nach der Hauptſtadt Frankreichs unternommen hätte, um ſeine Studien zu vollenden; aber da es mir an Geldmitteln fehle, ſei ich genöthigt, meiner Exiſtenz wegen, Arbeit zu ſuchen. Die Beſcheiden⸗ heit meiner Sprache flößte ihm ohne Zweifel Ver⸗ trauen ein; denn ohne weiter zu fragen, führte er mich ſogleich in eine große Werkſtätte, wo viele junge Leute, ja ſelbſt bejahrte Männer damit be⸗ ſchäftigt waren, allerlei Bilder und Ornamente in Holz und Stein zu hauen.— Hier rief er den Geſchäftsaufſeher herbei und beſprach ſich eine kurze Weile mit ihm. Dann ſich zu mir wendend, ſprach er: „Man wird Dich auf die Probe ſtellen, mein Junge. Dieſen Abend will ich ſehen, was Du kannſt. Bin ich zufrieden, dann werde ich Dir Be⸗ ſchäftigung geben. Muthig alſo an's Werk!“ Man brachte mir eine kleine Gypsfigur von einem Erzengel und einen Block Lindenholz, woraus ich den Kopf des Erzengels bis an den Hals, und viermal ſo groß als das Modell ſchnitzen ſollte. Alles Nöthige wurde mir ſogleich beſorgt: ein Arbeits⸗ tiſch, Geräthſchaften und ſelbſt ein grauer Kittel, um meine Kleider nicht zu beſchädigen. Gegen Abend hatte ich den Engelskopf beinahe —— 272 ganz fertig. Ich war mit mir ſelbſt zufrieden, denn ich hatte die Ueberzeugung, daß mein Probeſtück ausnehmend gelungen war. Auch arbeitete ich mit ſo großem Eifer, daß ich nicht bemerkte, wie der Bildhauer ſeit einigen Augenblicken hinter meinem Rücken ſtand und mein Thun beobachtete. Er klopfte mir auf die Schulter und ſagte freund⸗ lich lächelnd: „O, o, mein Burſche, Du wagſt das Modell zu verbeſſern! Es iſt recht, ich ſehe das gern, wenn Zuverſicht mit Wiſſen gepaart iſt. Ich bin zufrieden; Du ſollſt für mich arbeiten; um Dir zu zeigen, daß ich es mit jungen Künſtlern, wie Du biſt, gut meine, werde ich Dir den Lohn eines erſten Arbei⸗ ters geben.“ Von da an arbeitete ich in dem großen Atelier unter zahlreichen Gehülfen. Es mußte ein prächtiger Altar mit allen ſeinen Bildern und Ornamenten für eine Kirche der Stadt Bordeaux ausgeführt werden. Man war mit der Arbeit noch zurück, und darum Eile nothwendig. Dieſem Umſtande hatte ich meine unmittelbare Anſtellung zu danken. Schon am erſten Tage meines Eintritts in die Werkſtätte hatten meine Genoſſen ſich Mühe gegeben, zu erfahren, wer ich wäre. Anfänglich ſchonten ſie meine Zurückhaltung, bald aber erbitterte ſie mein ewiges Stillſchweigen, und ich wurde mehr und mehr der Gegenſtand ihres Spottes, wenn nicht ihres Haſſes.— Dieſe ungünſtige Stimmung meiner Kamaraden betrübte mich; ich bot Allem auf, mich einigermaßen geſprächig zu zeigen und ihre Unzu⸗ friedenheit über mein unerklärliches Betragen zu ver⸗ mind ſelbſt Trau gewiſ mir 1 Welt führte nach Glück flüſter W heit g Käfig Mont Stuhl Blick ihr, v ich da ner ar gehobe Schutz mich 9 lichen Sc noſſen arbeite Ein Privat⸗ Con „denn beſtück ich mit i der neinem freund⸗ dell zu wenn rieden; n, daß t, gut Arbei⸗ ichtiger menten geführt ck, und hatte in die egeben, iten ſie e mein d mehr tihres meiner mich Unzu⸗ zu ver⸗ 273 mindern; aber wie ich auch Acht gab, wie ich mir ſelbſt Gewalt anthat, ich hatte nicht die Macht, die Traumbilder zu verjagen, welche ſogar, wenn ich gewiſſenhaft arbeitete, hundertmal in einer Stunde mir vor Augem traten und meine Gedanken in die Welt der ſehnſüchtig betrauerten Vergangenheit ent⸗ hen Roſa, allezeit Roſa! welche mir nach dem Himmel als Vaterlande derer, die das Glück verſtoßen hatte, wies, oder mir in's Ohr flüſterte:„Lieber ſterben, lieber ſterben!“ Wenn das Ende der Arbeitsſtunde mir die Frei⸗ heit gab, nahm ich gleich einem Vogel, der einem Käfig entflohen iſt, meinen Flug nach der Straße Montagne St.⸗Genevidve und ſetzte mich auf einen Stuhl vor mein Fenſterchen und ſtarrte mit unſtetem Atelier Blick in die goldenen Abenddünſte und träumte von ihr, von ihrem Lächeln und ihrem Geſtändniß; oder ich dachte an ihre Krankheit, an die Betrübniß mei⸗ ner armen Mutter, und weinte und flehte mit auf⸗ gehobenen Händen zu dem barmherzigen Gott um Schutz für ſie und Vergebung für mich, bis ich mich genöthigt fühlte, einige Erholung in der nächt⸗ lichen Ruhe zu ſuchen. XXVIII. Schon zwei Monate hatte ich mit meinen Ge⸗ noſſen an der Ausführung des großen Altars ge⸗ arbeitet. Eines Tages ließ mich der Bildhauer in ſein Privat⸗Atelier rufen. Er zeigte mir ein Gypsmodell, Conſcience, Das eiſerne Grab. 18 worin nach dem ſinnbildlichen Anker ein Abbild dert Hoffnung zu erkennen war— und forderte mich auf, es genau zu betrachten, da er meine Anſicht darüber zu vernehmen wünſche. „Nun,“ fragte er nach einigen Augenblicken,„was halten Sie von dieſem Bilde?“ „So wie doſſelbe aufgefaßt iſt, finde ich es ausnehmend ſchön,“ war meine ſchüchterne Antwort⸗ „So wie es aufgefaßt iſt?“ wiederholte er.„Es iſt alſo mit Vorbehalt gemeint. Nun, ſprechen Sie offen, ich habe Sie nicht hieher gerufen, um mich von Ihnen loben zu hören. Es fehlt Etwas an dieſem Entwurf. Iſt er Ihnen bemerklich, ſo ſpre⸗ chen Sie es aus. Sie werden mir einen Dienſt erweiſen, denn dieſes Ding hier beginnt mich er⸗ ſchrecklich zu langweilen.“ „Mein Wiſſen iſt zu gering,“ ſtammelte ich,„um ein ſo ſchönes Werk bekriteln zu dürfen; doch be⸗ kenne ich, wenn ich es zu entwerfen aufgefordert worden wäre, hätte meine Phantaſie es mich gewiß minder gut, aber gleichwohl anders auffaſſen laſſen.“ „Aber wie würden Sie es aufgefaßt haben! Das iſt es, was ich durchaus wiſſen will!“ rie mein Meiſter ungeduldig. Ich ſetzte ihm nun auseinander, daß meine Anſicht nach die körperliche Schönheit, wornach di Griechen geſtrebt hätten, unbezweifelt ihren Sitt und ihrer Religion entſpräche; das Ehriſtenthu aber, indem es den Körper als Stoff anſehe, i der Kunſt mehr zum Zweck habe, die Empfindunge der unſterblichen Seele zum Ausdruck zu bringel Das Modell von dem Bilde der Hoffnung würz demn ſo ſel ſein, viel: Y Wort merku Bilde fühlen zu kal empo meine meine viel C bringe Duelle Liebe, wenn der H hätte, die O zu tra all ſeir De tief be Zweife zu ein inniger Er wie er weilig Bankie ild dert e mich Anſicht „„was ich es ntwort. en SSie m mich vas an ſo ſpre⸗ Dienſt mich er⸗ doch be⸗ geforder ch gewiß laſſen.“ haben! il“ rie meine rnach di n Sitte iſtenthu nſehe, i findunge bringen ng wür 275 demnach, wenn es mein Werk geweſen wäre, nicht ſo ſehr einer griechiſchen Gottheit ähnlich geworden ſein, und ich hätte es mehr menſchlich, ja wohl zu viel menſchlich gemacht. Mein Meiſter ſchien mit Wohlgefallen auf meine Worte zu hören. Er entlockte mir noch eine Be⸗ merkung über den Ausdruck der Geſichtszüge ſeines Bildes. Anfangs ſuchte ich mit Zurückhaltung ihn fühlen zu laſſen, daß ich dieſen Ausdruck zu ruhig, zu kalt, nicht genug zu dem Urquell aller Hoffnung emporſtrebend finde. Allmälig liéß ich mich von meinem Gefühle hinreißen: es wurde hier eine Soite meines Herzens angeſchlagen, wobei man nicht ſo viel Gewalt nöthig hatte, um einen Ton herauszu⸗ bringen. Ich pries die Hoffnung als die einzige Quelle alles Glaubens, aller Gottesfurcht, aller Liebe, alles Muthes und aller Freude;— denn wenn der Schöpfer nicht den unauslöſchlichen Funken der Hoffnung in das Herz des Menſchen niedergelegt hätte, wo ſollte dieſer Grund und Stärke finden, um die Opfer, den Schmerz und die Arbeit des Lebens zu tragen, ohne zu wiſſen, daß ein höchſtes Weſen all ſeinem Ringen und Leiden Rechnung tragen werde? Der Meiſter war von meiner begeiſterten Rede tief betroffen und drückte mir, obwohl er noch einigen Zweifel äußerte, ob ich mich nicht durch Eraltation zu einer Uebertreibung habe verleiten laſſen, mit inniger Zufriedenheit die Hand. . Er gab mir zu verſtehen, warum dieſes Modell ihm, wie er mir bereits geſagt hätte, gewiſſermaßen lang⸗ weilig und verdrießlich wäre. Ein ungemein reicher Bankier, Beſitzer eines prächtigen Kunſtkabinets, hatte 18* . — 276 meinem Meiſter die Ausführung des Bildes der Hoffnung in Marmor übertragen, und es ſollte in ſeiner Sammlung neben einigen auserleſenen Meiſter⸗ ſtücken der Skulptur aufgeſtellt werden. Dieſer Bankier war aus Deutſchland gebürtig und ein be⸗ ſonders gottesfürchtiger Mann. Er hatte von der Kunſt ganz andere Anſichten, als diejenigen, welche in Frankreich für die einzig richtigen angeſehen wurden. Schon zehnmal war er gekommen, um das entworfene Modell in Augenſchein zu nehmen, hatte ſich aber ſtets unzufrieden darüber geäußert, ob⸗ wohl es von meinem Meiſter ſchon ſo oft verbeſſert wor⸗ den war. Der Bankier hatte ſo ziemlich dieſelben Gedanken wie ich über die Erforderniſſe deſſen, was wir die chriſtliche Kunſt nennen, geäußert, und dieß ſetzte meinen Meiſter in nicht geringe Verwunderung. Wie dem nun ſei, es lag ihm viel daran, den reichen Liebhaber zufrieden zu ſtellen, und deßhalb erſuchte er mich jetzt, mehr im Einzelnen ihm zu ſagen, wie ich glaube, daß Haltung, Ausdruck und Form des Bildes ſein müſſen, um den Anforderungen des Bankiers zu entſprechen. Ich ſprach ſo lang und rieth ſo viele Verände⸗ rungen an dem Modelle an, daß zuletzt kein einziger Theil deſſelben meiner Rüge entging. Doch ver⸗ letzte, da ich mich mit vieler Achtung ausdrückte, meine Aufrichtigkeit den Bildhauer nicht.— Er ſchüttelte nachdenklich den Kopf und ſagte dann: „Ihr Leute aus dem Norden verſteht die Kunſt anders, als es bei uns jetzt in Frankreich geſchieht. Wer Recht oder Unrecht hat, das wollen wir un⸗ entſchieden laſſen. Auf alle Fälle beginne ich alt zu 1 Aug unm denr Etw ſchaf plötz nach Star über E dank men Ihre denn der! dacht licher ſtellu Tage Stock Ich r Kling komm Sie: ſich ſt ſtöre. Mode es der llte in Meiſter⸗ Dieſer ein be⸗ on der welche geſehen n, um ehmen, ert, ob⸗ ert wor⸗ ieſelben n, was nd dieß derung. ichſ erſuchte en, wie om des en des serände⸗ einziget och ver⸗ Sdrückte, — Er ann: ie Kunſt geſchieht. wir un ich alt zu werden, und in meinen Jahren ändert man ſeine Augen und ſeinen Geiſt nicht mehr. Es iſt mir unmöglich, dem Bankier Genüge zu leiſten, und dennoch würde es mich in hohem Grade betrüben, Etwas an ſeiner Achtung und ſeiner hohen Gönner⸗ ſchaft zu verlieren.“ Es erfolgte eine kurze Stille. „Aber, mein braver Junge,“ fragte mein Meiſter plötzlich,„wenn ich Sie einmal erſuchte, ein Modell nach Ihrer Art zu machen, würden Sie wohl im Stande ſein, demſelben den Stempel Ihres Gefühls über die chriſtliche Kunſt aufzudrücken?“ „Ich wage es zu hoffen, wenigſtens dem Ge⸗ danken nach,“ war meine Antwort.„Was die For⸗ men und die Harmonie der Theile betrifft, ſo wird Ihre Meiſterhand ändern und verbeſſern müſſen, denn hierin bin ich noch ſchwach und unerfahren.“ „Ah, ſo verſtand ich natürlich die Sache,“ rief der Bildhauer.„Nun, das iſt nicht ſchlecht ausge⸗ dacht. Morgen reiſe ich nach Bordeaux mit ſämmt⸗ lichen Stücken des fertigen Altars. Um die Auf⸗ ſtellung in der Kirche zu leiten, werde ich wohl acht Tage abweſend bleiben. Nun iſt oben im dritten Stock ein Zimmerchen, wo ich bisweilen arbeite. Ich werde den nöthigen Lehm dorthin bringen laſ⸗ ſen. Da werden Sie Ihr Modell machen. Eine Klingel iſt da; ein Lehrjunge wird auf Ihren Ruf kommen, um Ihre Befehle in Empfang zu nehmen. Sie werden den Schlüſſel zu dem Zimmerchen zu ſich ſtecken. Ich werde verbieten, daß Sie Jemand ſtöre. Sie werden Ihre Zeit wahrnehmen und Ihr Modell ausarbeiten, ſo weit es Ihnen möglich iſt. — Ich bin neugierig, zu erfahren, was Sie können... Alſo, es bleibt dabei, nicht wahr, morgen gehen Sie an die Arbeit? Und Sie machen mir eine Hoff⸗ nung, welche chriſtlicher Art iſt?“ Ich verſprach, mein Beſtes zu thun, um ſeinen Beifall zu verdienen. Des andern Tags griff ich mit ungemeinem Eifer den Lehm on; ich arbeitete ihn tüchtig durch, ich tnetete ihn zu großen Brocken und baute ihn zu an⸗ ſehnlicher Höhe auf, denn ich war ſo begeiſtert und ſo klar, ſo lebendig ſtand das gewünſchte Bild vor meinen Augen, daß ich es für überflüſſig erachtete, erſt eine kleine Skizze zur Richtſchnur für meine Ar⸗ beit zu entwerfen. Waos ſollte mein Bild werden? Wo ſollte ich meine Inſpiration herholen? Aber wer auf Erden hatte die Hoffnung in einem menſchlichen Weſen ver⸗ körpert geſehen, wie ich? Roſa! Roſa, mit dem zum Himmel deutenden Finger, mit der aufwallen⸗ den Seele in dem Blick, mit dem, gleich einem hei⸗ ligen Lichte von ihrem Antlitz zu Gott, dem Urquell und Ziel aller Hoffnung, ausſtrahlenden Glauben an ein beſſeres Leben!— O, ich war wieder Künſt⸗ ler! Alle Heiterkeit meines Geiſtes war mir zurück gegeben; ich dachte an nichts mehr als an mein Schöpfung, und fühlte mich ſo glücklich und ſo groß daß ich nicht ſelten meine Thränen des Entzückens und der Freude mit dem Lehm vermiſchte. Wie an ders auch? Was ich machte, war das Abbild mei nes Glaubens, meiner Liebe, meiner Hoff⸗ nung! Roſa ſtand vor mir da als der inſpirirend⸗ Engel des Künſtlers; und ich fühlte mich durch mein Werkt Seel wie f unter gehal könne 2 allers merte lich o mein ten zum ſonde meine lichkei Ange zu di L abzuh weiſe minde ſichtli O Eifer ſo ra ganz anzuſ ſern: N komm und gehen e Hoff⸗ ſeinen m Eifer ch, ich zu an⸗ ert und ild or achtete, ine Ar⸗ llte ich Erden ſen ver⸗ it dem fwallen⸗ em hei⸗ Urquell Hlauben r Künſt⸗ zurück tmein⸗ ſo groß tzückens Wie an ild mei Hoff⸗ pirirende rch mein Werk ihr näher, mehr in Gemeinſchaft mit ihrer Seele, als in meinen lebhafteſten Träumen. Und wie formte ſich der Lehm gleichſam durch Zauberei unter meinen Händen! Hätte ich zwanzig Arme gehabt, mich dünkt, ich hätte nicht ſchneller arbeiten können! Dennoch, als ich mein Bild in ſeiner wirklichen, allerdings noch rohen Form vollendet hatte, beküm⸗ merte mich ein mißlicher Umſtand, dem ich vergeb⸗ lich auszuweichen geſucht hatte. Nicht allein zeigte mein Bild die feierliche Haltung und den begeiſter⸗ ten Ausdruck von Roſa in dem Augenblick, da ſie zum Lebewohl mich auf den Himmel verwieſen hatte, ſondern es war auch ſo genau ihr Portrait, daß meine Hand unwillkürlich den Stempel der Kränk⸗ lichkeit und des Siechthums ihren Gliedern und ihrem Angeſicht aufgedrückt hatte. Mein Werk war alſo zu dünn von Formen und zu mager von Linien. Lange Zeit ſtrengte ich mich an, dieſem Mangel abzuhelfen; endlich gelang es mir wenigſtens theil⸗ weiſe, und mein Modell erhielt einige Rundung, mindeſtens ſo viel, um demſelben das ſcheinbar Ab⸗ ſichtliche des Siechthums zu benehmen. Jetzt begann ich mit noch mehr Vertrauen und Eifer mein Bild fertig zu machen und ich kam damit ſo raſch vorwärts, daß ich den achten Tag beinahe ganz damit zubrachte, voll Entzückens mein Werk anzuſchauen, da ich daran Richts mehr zu verbeſ⸗ ſern wußte. Nachmittags war mein Meiſter nach Hauſe ge— kommen. Ich erkannte ſeine Stimme auf der Treppe und wartete mit klopfendem Herzen, bis er die ſunken.— Dann eilte er auf mich zu, faßte mit 280 Thüre meines Zimmers öffnete.— Wie mochte ſein Urtheil ausfallen?— Er erſchien wirklich und rief ſobald er mich ſah: „Nun, mein Junge, iſt es gelungen? Hat man fleißig gearbeitet? Laß ſehen, wie Du die chriſtliche Hoffnung verſtehſt.“ Mit dieſen Worten näherte er ſich meinem Bilde; aber er fuhr betroffen zurück und blieb eine Weile, mit ſich ſelbſt ſprechend, in deſſen Betrachtung ver⸗ einem kräftigen Drucke meine Hand und ſprach mit gerührter Stimme: „Ja, Sie ſind ein Künſtler, Sie! ein rechter Künſtler! Das Bild iſt etwas mager; ich werde es verbeſſern; doch dieß thut Nichts zur Sache, Sie haben zu viel Inſpiration und zu viel Kenntniß, um nicht mit der Zeit einen großen Namen zu gewinnen. Armer Junge, Du verlierſt hier Deine Zeit mit Holz⸗ und Steinhauen, um ein Stück Brod zu er⸗ werben! Das iſt nicht recht. Jeder nach ſeinen Ver⸗ dienſten! Ich werde Dir die Mittel verſchaffen, um Dich bekannt zu machen... Und in Erwartung deſſen verdopple ich von heute an Deinen Lohn. So lang Du noch hier bleibſt, ſollſt Du nicht mein Arbeiter, ſondern mein Freund ſein; wir wollen über die Kunſt mit einander ſprechen; ich werde meine Erfahrung beibringen, und Du die Begei⸗ ſterung Deines jungen und warmen Herzens. So werden wir Beide dabei gewinnen.“. Ich dankte meinem edelmüthigen Meiſter mit Thränen in den Augen; aber er ließ mir keine Zeit, das was ich fühlte, auszudrücken. den wo 5. chte ſein nd rief, tman hriſtliche Bilde Weeile, n ver⸗ ßte mit ach mit rechter ee es e, Sie iß, um winnen. eit mit zu er⸗ en Ver⸗ en, um vartung Lohn. t mein wollen werde Begei⸗ er mit ne Zeit, 281 „Ich eile zu dem Bankier!“ rief er aus.„Er muß kommen, auf der Stelle kommen. Er müßte ſehr anſpruchsvoll ſein, wenn er dießmal wieder nicht zufrieden wäre. Iſt er zu Hauſe, ſo bringe ich ihn mit. Wirf die Lehmklumpen ein Bischen zur Seite und laß die Gardine etwas nieder: Dein Bild empfängt nicht Licht genug....“ Mit dieſen Worten eilte er die Treppe hinab und ließ mich in einer höchſt lebhaften Erregung von Freude und Stolz zurück. Nach einer halben Stunde Wartens hörte ich ein Geräuſch von Schritten, welches nach dem Stock⸗ werk, wo meine Werkſtätte ſich befand, empordrang. Ich ging in eine entfernte Ecke des Zimmers und ſetzte mich dort, um Niemand in dem Wege zu ſein, an einem Tiſche nieder, in der Haltung von Jemand, der mit Zeichnen beſchäftigt iſt. Ich hörte einen Ruf der Bewunderung aus dem Munde des Bankiers ertönen und ihn zu meinem Meiſter ſagen: „O, das iſt herrlich! Ich wünſche Ihnen Glück. Dießmal haben Sie beſſer als ich begriffen, was ich verlangte. Empfangen Sie meinen aufrichtigen Dank. O, das Bild lebt! Und welcher Ausdruck, und welche Erhebung zu Gott! Ja, ja, ſo muß die Hoffnung der Chriſten dargeſtellt werden....“ „Und wenn ich Ihnen ſagte, daß dieſes Bild nicht von meiner Hand herrührt?“ fiel mein Meiſter dem Bankier in die Rede. „Wie meinen Sie das?“ fragte dieſer überraſcht. „Ich werde wohl Etwas daran ändern,“ ant⸗ wortete der Bildhauer.„Es iſt zu mager, und hie 282 und da gibt es noch Kleinigkeiten, die verbeſſert werden müſſen; aber ich will mir die Verdienſte Anderer nicht anmaßen. Der Urheber des von Ihnen bewunderten Bildes, mein Herr, iſt der Jüng⸗ ling, den Sie dort an dem Zeichnentiſche ſitzen ehen.“ Und ſich gegen mich wendend, rief er mir zu: „Kommen Sie her, mein Freund, und empfan⸗ S ſelbſt das Lob, welches Ihnen rechtmäßig gebührt.“ Ich gehorchte. Der Bankier kam mir entgegen und begann mich ſehr hoch zu preiſen und mein Werk zu rühmen. Bewegt und verlegen ſchaute ich zu Boden; aber mein Meiſter klopfte mir kräftig auf die Schulter und rief: „Nun, Herr Leo, Sie ſtehen ja wie ein ſchüch⸗ ternes Mädchen da. Heben Sie den Kopf in die Höhe und ſchauen Sie frei vor ſich hin, wie ein Künſtler gleich Ihnen das Recht hat zu thun!“ Der Bankier griff an ſeine Stirne und murmelte: „Herr Leo? Es wäre doch ſonderbar! Wer weiß? In der That, Meiſter, ich kenne alle Ihre Lehrlinge, aber dieſen Jüngling habe ich hier noch nicht geſehen.“ „Sie heißen alſo Leo?“ fragte er, ſich zu mir wendend.„Vergeben Sie meine Unbeſcheidenheit, ich bitte Sie. Welches iſt Ihr Vaterland? In wel⸗ cher Stadt wohnen Ihre Eltern? Wie iſt Ihr Fa⸗ milienname?“ Ich beantwortete offen ſeine Fragen. „Wunderbar!“ ſagte er.„Ohne dieſes Bild hätte ich Sie vielleicht niemals gefunden; und doch ſuche ich ſeit vierzehn Tagen in allen Ateliers und — ſſert enſte von ſitzen zu: ofan⸗ äßig agen mein e ich auf die ein elte: inge, e mir heit, wel⸗ Bild doch und Muſeen von Paris nach Ihnen. Aber wer ſollte auch denken, daß ich Sie in einem Hauſe antreffen werde, wo ich Jedermann zu kennen glaubte? Ich habe einen Brief für Sie, einen ſehr dringenden Brief. Er kommt von einem reichen Kaufmann aus Antwerpen. Sie müſſen ihn kennen. Sein Name iſt Pavelyn. Ich weiß nicht, was er von Ihnen haben will; aber er beſchwört mich, wenn ich Sie entdecken könnte, keinen einzigen Augenblick zu ver⸗ lieren, um Ihnen den Brief zur Hand zu ſtellen. Ich habe ihm verſprochen, Nichts zu verſäumen, um ſeinen innigen Wunſch zu erfüllen. Jetzt will ich ſogleich meinen Diener, welcher unten auf mich wartet, nach Hauſe ſenden, um ſich den Brief von meinem erſten Buchhalter geben zu laſſen. Mit der Kutſche wird er gleich wieder da ſein.“ Der Bankier ging hinab, um ſeinen Vorſatz aus⸗ zuführen, und kehrte gleich darauf in das Arbeits⸗ zimmer zurück. Er betrachtete noch einmal mein Bild, rühmte jetzt im Einzelnen jedes beſondere Ver⸗ dienſt, welches er daran zu bemerken glaubte, ſprach lang mit mir über die heidniſche, die mittelalterliche und die moderne Kunſt und verſprach mir ſeinen mächtigen Schutz. Er wurde durch die Ankunft des Dieners unter⸗ brochen, welcher ihm einen verſchloſſenen Brief über⸗ reichte. Unverweilt legte er das Papier in meine Hand. Es war wirklich Herr Pavelyn, mein großmüthiger Wohlthäter, der meinen Namen auf den Umſchlag geſchrieben hatte. Zitternd und bleich vor ängſt⸗ licher Neugierde erbrach ich den Brief. Aber kaum 284 hatte ich die zwei erſten Zeilen davon geleſen, ſo legte ſich ein Flor über meine Augen; ich ſtieß einen ſchneidenden Schrei aus, meine Beine brachen unter nir zuſammen und ich ſank am Fuße meines Bildes nieder. Mein Meiſter nahm mich in ſeine Arme; der Diener, welcher den Brief gebracht hatte, griff nach einer Kanne Waſſer und wollte mir die Stirne be⸗ netzen; aber ich hatte das Bewußtſein nicht ganz verloren und machte ihm ein Zeichen, mich ein Bis⸗ chen zu Athem kommen zu laſſen. Ich konnte nicht glauben, was das Schreiben, welches noch offen zu meinen Füßen lag, mir geſagt hatte, und meine erſte Bewegung war, daſſelbe zu ergreifen und von Neuem unter meine Augen zu bringen. Ich las mit lauter Stimme die ſchrecklichen Worte, die mir vor Kummer und Schrecken faſt eine Ohnmacht zu⸗ gezogen hatten: „Komm, komm, eilig, Leo! Ach, ſie geht mit ſchnellen Schritten dem Tode entgegen. Eine ein⸗ zige Hoffnung bleibt uns noch übrig: Deine Gegen⸗ wart kann ihr vielleicht noch das Leben retten. Komm, meine arme Roſa ruft nach Dir Tag und Nacht!“ Ich las nicht weiter. Mit einem neuen Schrei riß ich den grauen Kittel vom Leibe und griff nach meinen Kleidern. „Aber was fehlt Ihnen? Was wollen Sie thun?“ rief mein Meiſter, erſchrocken über die Wildheit mei⸗ ner Bewegungen. „Abreiſen, ich muß abreiſen!“ rief ich.„Sie ſtirbt! Sie ruft mich! Leben Sie wohl!“ * Ku ſim ſpe nick rüc arm Toec por gem ihre ſie lieg Und Ach abre Thr nich Gel troff viell dor und n ſ einen unter ildes der nach e be⸗ ganz Bis⸗ nicht enzu neine von las mir t zu⸗ mit ein⸗ gen⸗ tten. und chrei nach n mei⸗ Sie 285 „Sie ſtirbt? Wer?“ fragte man. „Da! Sie! Die Hoffnung! Mein Bild! Meine Kunſt! Mein Leben!“ raste ich gleich einem Wahn⸗ ſinnigen. Mein Meiſter ſtellte ſich vor die Thüre und ver⸗ ſperrte mir den Ausgang. „Armer Junge!“ ſeufzte er;„ſo kann ich Sie nicht ziehen laſſen: Sie ſind im Kopfe verwirrt!“ „O, nein, nein, Sie irren ſich: ich bin nicht ver⸗ rückt. Urtheilen, urtheilen Sie ſelbſt! Ich war ein armes, ſtummes Kind. Ein anderes Kind, eine Tochter reicher Leute, hat mich aus dem Elende em⸗ porgehoben, mich unterwieſen, mich zum Künſtler gemacht. Zur Jungfrau herangewachſen, hat ſie ihren Schützling mit ſolcher Innigkeit geliebt, daß ſie die Beute dieſer unglücklichen Liebe wird. Jetzt liegt ſie vielleicht auf dem Todtenbette; ſie ruft mich, um ſie zu retten, um ihr die Augen zu ſchließen... Und ich ſollte auf ihren Nothſchrei nicht fliegen? Ach, ich bitte, ich beſchwöre Sie, laſſen Sie mich abreiſen!“ „Ich begreife,“ antwortete mein Meiſter mit Thränen in den Augen;„aber Sie wollen doch S2 zu Fuß nach Antwerpen gehen? Haben Sie Geld?“ „Geld?“ murmelte ich, von dieſer Frage be⸗ troffen.„Geld? In meinem Zimmer... zu wenig vielleicht!“ Der edelmüthige Mann nahm einige Napoleons⸗ d'or aus der Taſche, drückte ſie mir in die Hand und ſagte: „Da, Gott behüte Sie auf der Reiſe. Kehren 286 Sie ſo bald als möglich zurück, dann wollen wir rechnen.“ Kaum ſah ich die Thüre vor mir offen, ſo ſtieß ich einen Freudenſchrei aus, ſtieg die Treppe hinab und ſprang durch die Werkſtätte auf die Straße... Zwei Stunden ſpäter ſaß ich in dem Poſtwagen, der mich nach Belgien bringen ſollte. XXIX. Nach einer ſchnellen Reiſe— ſchrecklich langſam jedoch für meine brennende Ungeduld— kam ich Nachmittags in Antwerpen an. Ich ſprang aus dem Poſtwagen, ehe er völlig ſtill hielt, und eilte in einem Athem nach der Wohnung von Herrn Pave⸗ lyn; aber hier wurde mir von einem Dienſtboten geſagt, die ganze Familie habe ſich vor zehn Tagen nach dem Schloſſe zu Bodeghem begeben, in der Hoffnung, die friſche Landluft werde Roſa gut thun. Ohne einen Augenblick zu verlieren, lief ich zu einem Lohnkutſcher und forderte ihn auf, zwei gute Pferde vor ein leichtes Fuhrwerk zu ſpannen. Ich verſprach ihm doppelten Lohn und eine Viertel⸗ ſtunde ſpäter flogen wir mit Windesſchnelle auf der Hauptſtraße Bodeghem zu. Vor dem Schloßthore ließ ich das Fuhrwerk hal⸗ ten, drückte dem Kutſcher ein Goldſtück in die Hand und ſprang in den Garten. Unter der Hausthüre begrüßte mich ein Diener mit einem Schrei der Ueberraſchung. Er führte mich in aller Eile, und wir ſtieß inab gen, gſam ich dem te in zave⸗ oten agen der gut h zu gute Ich ertel⸗ der hal⸗ Hand hüre der und 287 ohne ein Wort zu ſprechen, über den Gang, öffnete die Thür eines Zimmers und rief: „Ah, hier iſt Herr Leo!“ Drei oder vier Stimmen antworteten mit einem Freudenſchrei auf dieſe Meldung. Ich ſah Roſa aus einem Lehnſtuhl, der ganz mit Kiſſen beladen war, aufſpringen; ich ſah meine Mutter, welche eine Hand der armen Kranken hielt; ich ſah Herrn und Frau Pavelyn mein Erſcheinen mit dem Lächeln des Willkomms auf dem bedrückten Angeſicht begrüßen Aber Roſa! Ach, wie hatte die Krankheit ſie verändert! Die hohlen Wangen, die glaſigen Augen, die blauen Lippen! Es war alſo richtig, der Tod hatte ſein Schlacht⸗ opfer gezeichnet; ich war nur gekommen, um ſie ſter⸗ ben zu ſehen! Durch dieſen ſchrecklichen Gedanken mit unend⸗ licher Verzweiflung geſchlagen, fühlte ich meine Kniee wanken; ich that mir Gewalt an, um zu ſprechen; aber, als wäre ich wieder ſtumm geworden, ich be⸗ wegte vergeblich meine Lippen: kein Laut wollte mir aus dem Munde Plötzlich brach eine Thränen⸗ fluth aus meinen Augen; ich ließ vernichtet und kraftlos mich auf einen Stuhl fallen und ſank mit dem Kopf, die Hände vor dem Geſicht, auf den Rand eines Tiſches. Ich hörte Roſa's ſüße, ſchwache Stimme Worte des Troſtes zu mir ſprechen; ich fühlte die Arme meiner Mutter, welche mir den Kopf aufrichten wollte, um mich zärtlich zu umarmen; Herr Pavelyn drückte mir die Hand und ſuchte durch Beweiſe einer unverminderten Zuneigung mich aus dem Ab⸗ 288 grund des Schmerzes, in welchen ich verſunken lag, aufzurichten: aber ich blieb für Alles gefühllos und antwortete nur durch Schluchzen, bis Roſa im Tone der innigſten Bitte mir in's Ohr flüſterte: „Leo, ich danke Dir für Deine Thränen; aber habe doch Mitleid mit meiner armen Mutter. Du zerreißeſt ihr ſo grauſam das Herz! Aus Liebe zu mir, zeige Muth und Vertrauen zu meinem Looſe!“ Dieſe Worte brachten mich einigermaßen zu mir ſelbſt; ich that mir Gewalt an, um meinen Schmerz zu bezwingen. Während die Thränen noch ſtill über meine Wangen floßen, ſuchte ich meine übermäßige Aufregung durch das unwiderſtehliche Gefühl von Glück zu erklären, das mir beim Wiederſehen meiner Wohlthäter und meiner Mutter die Seele erſchüttert hätte.... aber Roſa unterbrach meine trügeriſche Auslegung. Sie deutete auf einen Stuhl an ihrer Seite und ſprach: „Komm, Leo, ſetze Dich neben mich. Ich kann ſo weit weg nicht mit Dir ſprechen; es greift mir die Bruſt an.“ Als ich ihr Folge geleiſtet hatte, ſchaute ſie mich mit einem heitern Lächeln an und richtete einen ſelt⸗ ſamen tiefen Blick in meine Augen. Ihr Geſicht erglänzte in dem Lichte der Liebe und des Glückes; aber die Ruhe, die Freude in dieſen ausgemergelten Zügen flößte mir neue Angſt ein, und ich ließ ſeuf⸗ zend den Kopf auf die Bruſt ſinken. „Es macht Dir viel Schmerz, mich krank zu ſehen, nicht wahr, Leo?“ ſprach ſie mit leichter, fröh⸗ licher Stimme;„ach, wäreſt Du nicht gekommen, dann hätte ich vielleicht weder Kraft noch Muth gehe Her, fühl zeug wert mit wan chen wied und werd und ja, Dich Dich laſſer mich iſt w C mach Elter zeugt Geſic wiede geiſte den druck Jetzt und 289 lag gebabt, ein längeres Leben zu hoffen; aber nun biſt oit Du da! Ich fühle mich bereits viel beſſer; mein Herz ſchlägt freier; es iſt Etwas, ein geheimes Ge⸗ fühl wiederkehrender Stärke, welches mir die Ueber⸗ Du zeugung einflößt, daß ich dem Tode noch entgehen werde. Du wirſt es ſehen; ſchon morgen will ich ſeſ⸗ mit Dir und meiner guten Mutter im Garten luſt⸗ mir wandeln; wir werden von unſerer Kindheit ſpre⸗ chen; wir werden unſere ſüßeſten Erinnerungen wieder erwecken; das ſchöne Wetter wieder genießen und die Pracht der milden Natur bewundern. So ige werde ich meine Krankheit vergeſſen, Kräfte gewinnen h und allmälig wieder die Geſundheit bekommen. Ja, ja, Leo, ich bin deſſen gewiß; der liebe Gott hat iſch Dich beſtimmt, mir zweimal das Leben zu retten. P Dich zu ſehen, genügt allein, um mich geneſen zu hrer üſen Seib alſ⸗ gutes Muthes, ihr Alle, die ihr mich ſo zärtlich liebt; denn das Licht der Erlöſung Wt iſt wahrſcheinlich für mich aufgegangen!“ Ihre Worte, im Tone feſten Glaubens geſprochen, ich machten einen tiefen Eindruck auf mich und ihre ſelt öltern. Ich begann in meiner ſchrecklichen Ueber⸗ icht zeugung zu wanken; ein frohes Lächeln auf meinem c Geſichte verrieth die glückliche Hoffnung, welche ſich ſiei wieder in mein Herz geſenkt hatte. 4 1 . Roſa ſprach noch eine Weile mit demſelben be⸗ euf⸗ geiſterten Vertrauen, bis ſie keine Thränen mehr in den Augen ihrer Mutter blinken ſah und den Ein— druck meiner Verzweiflung vernichtet zu haben wähnte. 5 5 Jett begann ſie über meine Reiſe mich zu befragen ut und wollte bis in's Einzelnſte wiſſen, wie ich wäh⸗ uth rend meiner langen Abweſenheit gelebt hatte und Conſcience, Das eiſerne Grab. 19 6 290 was mir widerfahren war. Um mich zu einer aus⸗ führlichen Erzählung zu bewegen, verſicherte ſie, es gebe kein kräftigeres Mittel zur Heilung eines Kran⸗ ken, als daß man ihn ſeine Krankheit vergeſſen mache. So lange ich ſprach, unterbrach ſie mich durch heitere Bemerkungen und geiſtreiche Einfälle und zeigte ſich ſo aufgeräumt und ſo munter, daß ich endlich zu glauben anfing, ich habe mich unrechter Weiſe erſchreckt, und es ſeien Gründe vorhanden, um mit großem Ver⸗ trauen ihrer ſchleunigen Geneſung entgegenzuſehen. Herr und Frau Pavelyn hörten mit einem Strahle des Glücks in den Augen zu; und es war deutlich ſichtbar, daß ſie noch in größerem Maaße als ich zu den ſeligſten Hoffnungen ſich verleiten ließen. Mein Wohlthäter nahm an der Unterhaltung Theil. Er zeigte ſich äußerſt freundlich und ver⸗ ſicherte mir zu wiederholten Malen, daß er trotz ſei⸗ nes Verdruſſes niemals aufgehört habe, mich zu achten und zu lieben. Da ich ſehr ſpät am Nachmittag in Bodeghem angekommen war, ſo begann das Tageslicht im Zim⸗ mer bereits der Abenddämmerung zu weichen, als wir in einem ſüßen, troſtvollen Geſpräche unſere Be⸗ ſorgniß und unſern Schmerz beinahe vergeſſen hatten. Roſa erregte unſere Verwunderung durch ihren Lebens⸗ muth und ihre Aufgeräumtheit. Ihre Lippen hatten unter dem Andringen eines wärmeren Blutes ſich höher gefärbt; ihre Augen glänzten von Freude, und es lag in ihren Geberden und Worten ſo viel Leich⸗ tigkeit und Kraft, daß kein anderes Zeichen ihres Krankſeins übrig blieb, als die äußerſte Magerkeit ihrer Wangen und ihrer Glieder. 291 r aus⸗ In dieſem Augenblicke trat der Doctor ein, wel⸗ ie, es cher ſeinen gewöhnlichen Beſuch bei der Kranken Kran⸗ machte. Er ſchien gleichfalls von der günſtigen Ver⸗ mache. änderung, welche er auf Roſa's Angeſicht entdeckte, heitere überraſcht und nickte lächelnd mit dem Kopfe. Nach⸗ ſich ſo dem er mich als einen alten Bekannten freundlich lauben willkommen geheißen hatte, näherte er ſich der Kran⸗ t, und ken und fühlte ihr eine Weile den Puls. Dann nVer⸗ ſprach er mit einer gewiſſen Unruhe in der Stimme: ehen.„Welche Jagd in dem Blute! Wunderbar, dieſe trahle neuerwachte Kraft! Laſſet uns hoffen; vielleicht gibt eutlich ſich eine günſtige Reaction kund; aber die über⸗ ich zu mäßige Aufregung würde ihr, wenn man ſie nicht hemmt, ſo lange es noch Zeit iſt, unfehlbar verderb⸗ altung lich werden. Fräulein Roſa iſt ſehr ermattet, wenn d ver⸗ es auch anders ſcheint. Sie muß Ruhe haben. otz ſei⸗ Alſo, Herr Leo, da Sie mehr Macht über Ihr Ge⸗ tich zu müth haben, ſo gehen Sie jetzt fort; und Sie, mein Fräulein, unterbrechen ohne Betrübniß die Freude egem uͤber das glückliche Wiederſehen bis morgen. Dann Zim⸗ werden Sie wahrſcheinlich Stärke genug beſitzen, um as ohne ſonderliche Ermüdung das Geſpräch wieder auf⸗ re Be⸗ zunehmen, das ich zu ſtören aus Pflicht gezwungen bin.“ 4 atten. Wir hatten alleſammt die Ueberzeugung, daß der ebens⸗ Doctor uns einen klugen Rath gab, denn da nun⸗ hatten mehr unſere Aufmerkſamkeit erregt war, konnten wir s ſich nicht verkennen, daß Roſa in einem Zuſtande un⸗ , nd gewöhnlicher Eraltation ſich befand. Meine Mutter Leich⸗ nahm die Gelegenheit wahr, mir bemerklich zu machen, 6 ihres daß mein Vater, der nach einem nahegelegenen Dorfe, gerkeit um Holz einzukaufen, ſich begeben hätte, ohne Zweifel jetzt nach Hauſe gekommen wäre, und daß ich ihn 292 nicht länger über meine Heimkehr in Unwiſſenheit laſſen dürfte. Roſa flehte mich mit gefalteten Händen an, ſie morgen doch recht frühe zu beſuchen. Ein himm⸗ liſchſüßes Lächeln ſtrahlte von ihrem Geſichte mir zu; Herr Pavelyn drückte mir noch einmal die Hand.. ich ſchritt getroſt und beinahe glücklich an der Seite meiner Mutter unſerer Wohnung zu. Des andern Tages, nach einer Nacht voll wech⸗ ſelnder Träume von Angſt und Hoffnung, verließ ich mein Bett mit der erſten Morgendämmerung; aber wie ſehr auch die Begierde, bei Roſa zu ſein, mich beherrſchte, verharrte ich doch Stunden lang bei meinen Eltern im Geſpräche über meine Flucht und über meinen Zuſtand überhaupt. Ich fühlte, und meine Mutter hatte es mir leicht begreiflich gemacht, daß Roſa ſehr ermüdet geweſen war, und ich nicht wogen durfte, durch mein allzu frühes Erſcheinen ihr die zur Ruhe nöthige Zeit zu rauben. Es ſchlug neun Uhr auf dem Thurme der Dorf⸗ kirche, als ich endlich mich nach dem Schloſſe begab. Bei meinem Eintritt in den Garten ſah ich Roſa von ferne mit ihrer Mutter im Schatten einer dicht⸗ belaubten Linde ſitzen; dieſer Beweis, daß die Auf⸗ regung des vorigen Tages ihr nicht ſchädlich geweſen war, ſtimmte mich ſo heiter, daß mir ein Schrei des Frohlockens entſchlüpfte. 3 Während ich meiner Freude und meiner Hoff⸗ nun nebe dem und hole zu Dir mit dem der gede and Dich mir in's frag welc Mei ich ſehet melr vor dart zens von Hers gerit pfint enheit , ſie himm⸗ ir zu; Seite wech⸗ eß ich aber mich bei t und und nacht, nicht en ihr Dorf⸗ ea. Roſa dicht⸗ Auf⸗ weſen i des 293 nung Worte gab, machte Roſa mir ein Zeichen, mich neben ihr niederzuſetzen. Frau Pavelyn ſtand, nach⸗ dem ſie einige Worte mit uns gewechſelt hatte, auf und entfernte ſich, als wollte ſie Etwas im Hauſe holen. Sobald ſie verſchwunden war, ſagte Roſa zu mir: „Leo, ich habe meine Mutter gebeten, mich mit Dir allein zu laſſen. Geſtern konnte ich nicht frei mit Dir ſprechen; laß' uns jetzt ein Bischen aus dem Herzen plaudern. Sage mir, haſt Du während der traurigen Abweſenheit viel, recht viel an mich gedacht?“ „O Roſa,“ ſeufzte ich,„worin kann mein Leben anders beſtehen, als in dem Gedanken an Dich, an Dich allein, Tag und Nacht? Dein Zweifel macht mir Schmerz.. „Nein, nein, ſei ruhig, Leo,“ fiel ſie mir lächelnd in's Wort.„Ich habe Unrecht, darnach Dich zu fragen, denn ich weiß, was Du gelitten haſt, und welche Gedanken Deinen Geiſt beherrſcht haben. Meine Seele hat ſich Dir auf der Reiſe zugeſellt; ich habe Deine Thränen in der Einſamkeit fließen ſehen; ich habe Deine Lippen meinen Namen mur⸗ meln hören; ich habe Dich meinem Bilde, das Dir vor Augen ſchwebte, zulächeln ſehen. Wundere Dich darüber nicht, Leo. Um die Schläge Deines Her⸗ zens zu zählen, brauche ich nur, ſo weit Du auch von mir entfernt biſt, die Hand auf mein eigenes Herz zu legen, und ich bin ganz gewiß, daß dem geringſten Zittern in dem meinigen eine gleiche Em⸗ pfindung in Deinem antwortet.“ Bebend vor Rührung faltete ich die Hände und 294 ſtammelte Worte feuriger Dankbarkeit. Roſa's Stimme war ſo ſüß, auf ihrem bleichen Angeſicht ſtrahlte eine ſo heitere Gemüthsruhe, daß ihre Worte, eines nach dem andern, gleich eben ſo vielen Tropfen eines heil⸗ ſamen Balſams mir in den wogenden Buſen fielen. Es mußten durch Roſa's Geiſt Gedanken fluthen, welche ſie nicht ausſprach; denn ſtatt auf das, was ich ſagte, zu antworten, fragte ſie mich plötzlich: „Und wenn ich der Krankheit vor Deiner Rück⸗ kehr unterlegen wäre, Leo, würdeſt Du dennoch alle⸗ zeit an die arme Freundin Deiner Kindheit gedacht haben, nicht wahr? Und Du würdeſt mit Ungeduld den Ruf Gottes erwartet haben, um auf dem Kirch⸗ hofe neben ihr ruhen zu können, nicht wahr?“ „O, ſprich von ſolchen ſchrecklichen Dingen nicht!“ flehte ich.„Du befindeſt Dich heute bereits um ſo Vieles beſſer; Du wirſt geneſen, zweifle nicht daran; aber Du mußt Dir auch ein Bischen Mühe geben, Roſa, um die ungegründete Furcht aus Deinem Geiſte zu verbannen. Und thäteſt Du es auch nur aus Mitleiden mit mir!“ „Ich habe erſt kürzlich einen ſeltſamen Traum gehabt,“ fuhr ſie fort,„einen Traum, der nicht länger als eine halbe Nacht gedauert hat, aber mich dennoch zwanzig Jahre und weiter in die Zukunſt hineinleben ließ. Ich war geſtorben... Nein, beunruhige Dich nicht, Leo: es war nur eine Viſion im Schlafe.. ich hatte auch Thränen vergoſſen und vor dem Tode zurückgeſchaudert, weil ich wähnte, er würde mich auf ewig ſcheiden von Allem, was mir theuer auf Erden war. Wie hatte ich mich ge⸗ täuſcht! Von Gottes Schooße aus konnte meine Seel Welt gedel Him und her, Bode hielt ich J viel mein viele ſeine mur war Auc Aug Sch in r ſehe dan als ſpro eing nich Wo ten liche nen Sch mir timme e eine nach heil⸗ fielen. then, was F Rück⸗ ale⸗ dacht eduld Kirch⸗ icht!“ m ſo aran; eben, Heiſte aus raum nicht mich kunft Nein, piſion oſſen hnte, was ge⸗ neine 295 Seele mit ihrem unendlichen Blicke die Grenzen des Weltalls erreichen; und ſo mächtig, ſo fein, ſo aus⸗ gedehnt war ihr Weſen geworden, daß ſie, ohne den Himmel zu verlaſſen, zwiſchen den betrübten Eltern und Freunden fortzuleben vermochte. Es war hie⸗ her, auf dieſes Plätzchen der Welt, wo das liebe Bodeghem liegt, daß meine Seele den Blick gerichtet hielt. Hinter der Kirche war mein Grab. Da ſah ich Jemand, Jemand, den ich auf Erden vielleicht zu viel geliebt hatte, die Blumen der Erinnerung auf meine ruhenden Gebeine ſtreuen; und ſo ſah ich ihn viele Jahre lang, alle Tage. Sehr oft ſtand ich an ſeiner Seite; ich hörte nicht allein, was ſeine Lippen murmelten, ſelbſt die leiſeſte Regung ſeines Herzens war für mich ſo deutlich, wie ein geſprochenes Wort. Auch er war meiner Gegenwart bewußt, denn ſeine Augen folgten mir, während er meinem unſichtbaren Schattenbilde zulächelte, und wenn ich die Neigung in mir fühlte, durch das Vertrauen auf ein Wieder⸗ ſehen ohne Ende ihm Troſt und Muth zu gewähren, dann antwortete er auf eine geheime Eingebung, als hätten Lippen von Fleiſch ihm in's Ohr ge⸗ ſprochen. Der Tod hatte die bereits in den Himmel eingegangene Seele von der noch leidenden Seele nicht geſchieden!“ Ich war bleich und zitterte, indem ich auf Roſa's Worte horchte; Thränen ſtiegen aus meinem gepreß⸗ ten Herzen auf, aber ihre Stimme hatte ſo viel feier⸗ liche Ruhe und lautete ſo eindringlich, daß ich mei⸗ nen Schmerz bezwang und ihr mit Ehrfurcht und Schrecken in die glänzenden Augen ſchaute. Es war mir leicht erkennbar, daß ſie nicht ohne Abſicht von 296 ſolchen wunderbaren und betrübenden Dingen redete, und ich ſah mit Angſt einer ſchrecklichen Offenbarung entgegen. „Leo,“ fuhr ſie weiter fort,„geſtern biſt Du vor Schrecken faſt erlegen, bei Deinem erſten Blick auf mein abgemagertes Geſicht. Du ſahſt das Bild des Todes an meiner Seite, nicht wahr? Warum fürch⸗ teſt Du den Tod? Du glaubſt doch an ein beſſeres Leben? Laß den Leib des Menſchen zurückkehren in den Schooß der Erde, ſollen die Seelen, die Gott fürchteten, ſich nicht wiederſehen im ewigen Vater⸗ land?“ Sie ſchwieg und ſchien eine beſtätigende Antwort auf ihre Frage zu erwarten; aber ich fühlte nicht die Kraft in mir, zu ſprechen, und begann, den Kopf auf die Bruſt geſenkt, in der Stille zu weinen. „Vergib mir, Leo,“ nahm ſie wieder das Wort; „wenn ich Dein Herz mit Betrübniß erfülle, ſo ge⸗ ſchieht es nur, um Dir größere Schmerzen zu er⸗ ſparen, für den Augenblick, da ich nicht mehr leiblich auf Erden ſein werde, um Dich zu tröſten; denn, Leo, wenn Du ſagſt, ich werde geneſen, dann ſpricht doch nur Deine Hoffnung, und nicht Dein Glaube. Du hältſt mich für grauſam und unbarmherzig. Wäre es nicht aus Mitleiden mit Dir, ich würde doch ſo ſprechen aus Selbſtſucht. Ich nehme die ſchwache Hoffnung des Geneſens, welche Du der armen Kranken einzuflößen ſuchſt, an; aber ich will, wenn es Gott gefällt, mich von der Erde zu rufen, die Augen ſchließen, ohne in meinem Glauben zu wanken, jubelnd und triumphirend über den unmäch⸗ tigen Tod! Du weinſt aus Bedauern über das Loos daß mein über Roſa wahr daß chen Sag Ende daß eine wird, heiter wie nur ausge verzw mir b dieſe Seele Der baren Zitter R bejahe gen E Gefüh Beloh ihrem St redete, arung u vor ck auf d des fürch⸗ ſſeres en in Gott zater⸗ twort nicht Kopf ort; ge⸗ er⸗ blich enn, richt ube. rzig. ürde die der vill, fen, 297 Loos, welches mich bedroht, Leo? Ach, ſage mir, daß wenn Deine Furcht ſich verwirklichen ſollte, mein Traum zu einer Wahrheit werde: verſprich mir, über meinem Grabe zu wachen, die Erinnerung an Roſa bis zum Ende Deiner Tage lebendig zu be⸗ wahren! Laß meine Seele die Hoffnung münehmen, daß die grauſame Vergeſſenheit nie das Band bre⸗ chen wird, welches ſie an Deine Seele gekettet hat. Sage mir, daß mein Sterben, wenn es mit mir zu Ende geht, Dir keine Betrübniß verurſachen wird; daß das volle, das unerſchütterliche Vertrauen auf eine ewige, ſchöne Zukunft Dir den Muth gewähren wird, mir in jenem feierlichen Augenblick mit einem heitern Lächeln auf den Lippen Lebewohl zu ſagen, wie man von einem Freunde Abſchied nimmt, der nur auf einer glückichen und fröhlichen Reiſe vor⸗ ausgeht!“ Ich war zermalmt unter dem Schmerz und rang verzweiflungsvoll gegen den Gedanken, welchen Roſa mir beibringen wollte; und dennoch fühlte ich, daß dieſe Tobesſchwärmerei mir unwiderſtehlich in die Seele drang und ſich meines Geiſtes bemeiſterte. Der Schrecken, welchen das Andringen dieſer furcht⸗ baren Ueberzeugung mir einflößte, brachte mich zum Zittern: ich wagte nicht zu ſprechen. Roſa flehte mit ſüßem, klagendem Tone um eine bejahende Antwort und ſagte mir, für alle ihre lan⸗ gen Schmerzen, für den tödtlichen Kampf gegen ihr Gefühl, für ihr Hinſcheiden ſelbſt begehre ſie keine Belohnung als das Gelübde, daß ſie mir ſelbſt nach ihrem Tode noch theuer bleiben werde. So unwiderſtehlich aufgefordert, gab ich ihr das 298 gewünſchte Verſprechen und ſuchte voll leidenſchaft⸗ licher Beklemmung den Beweis zu führen, daß ich einzig in der Erinnerung an ſie leben könnte. Ich ſprach feurige Worte und goß in ihr Herz die Ueber⸗ zeugung, daß mein letzter Seufzer noch eine Er⸗ hebung zu ihr ſein werde. Sie faßte meine Hand und ſprach mit großer Freude: „Jetzt laß uns glauben, ich könne noch geneſen. Ich werde ruhig ſein und Stärke haben, um zu hoffen. Was Gott über mich beſchließe, ich kann ſterben: der Tod wird uns nicht von einander ſcheiden.“ Von dieſem Augenblicke an lieh Roſa mit wun⸗ derbarem Vertrauen ihr Ohr jedem Worte, das ich ſagte, um ihr Muth einzuflößen und den Gedanken an ein bevorſtehendes Ende aus ihrem Geiſte zu ver⸗ bannen. Wir brachten noch geraume Zeit in tröſtlichem Geſpräche zu und redeten von unſerer ſchönen Kind⸗ heit und von Allem, was uns auf nnſerem Lebens⸗ wege zugelächelt hatte.— Als Frau Pavelyn zu uns zurückkehrte, um uns darauf aufmerkſam zu machen, daß die Sonne ſchon hoch ſtand und die Hitze Roſa nachtheilig ſein könnte, war die Spur der Thränen von meinen Wangen verſchwunden und ich fühlte mich im Gemüthe heiter genug, um Roſa's Mutter durch Worte zu erfreuen, welche von einem tief empfundenen Vertrauen beſeelt waren. Wir kehrten in das Haus zurück. Ich blieb den ganzen Tag auf dem Schloſſe und ſprach mit Roſa und ihren Eltern von allerlei Dingen, welche einiges Inte mäßi Roſa begr imm wohl denn Roſa zur triun Ande dem Kraf als gelan gleic mir jagte nicht blicke Vorf untet erlös gewe verd Welt großer neſen. m zu kann rander wun⸗ as ich anmen ver⸗ lichem Kind⸗ ebens⸗ yn zu m zu id die Spur nund Roſa's einem eb den Roſa iniges 1 299 Intereſſe für ſie haben mochten, oder ihre Furcht mäßigen, wenn nicht vertreiben konnten. Noch zweimal fügte es der Zufall, daß ich mit Roſa allein war. Dabei war ſie bemüht, ihren un⸗ begrenzten Glauben an die Unmacht des Todes mir immer tiefer in's Herz zu pflanzen. Sie mußte wohl einen mächtigen Einfluß auf mich ausüben; denn wenn die Abendſtunde gekommen war, und Roſa, welche zuletzt ſich ſehr ermüdet gefühlt hatte, zur Ruhe ging, verließ ich das Schloß mit einem triumphirenden Lächeln auf den Lippen, das nichts Anderes als eine Herausforderung war, welche ich dem Tode zuſchleuderte. XXXI. Einige Tage lang ſchien Roſa allmälig mehr Kraft und Lebensfrende zu gewinnen, in dem Maaße, als es ihr durch immerdar wiederholte Bemühungen gelang, ihre ſeltſame Hinneigung zum Tode auf mich gleichfalls zu verpflanzen. Und in der That, obwohl mir noch die Hoffnung blieb, ſie geneſen zu ſehen, jagte mir doch der Gedanke, daß ſie ſterben könnte, nicht alle Zeit Schrecken ein. Es kamen ſogar Augen⸗ blicke, da ich gleich Roſa den Tod nur als einen Vorfall betrachtete, welcher, ohne das Leben zu unterbrechen, die Seele von ihren leiblichen Banden erlöst und ihr den freien Beſitz der unendlichen Macht gewährt, welche ſie ihrem göttlichen Urſprung zu verdanken hat. Roſa konnte alſo, wenn ſie auch die Welt verließ, mich dennoch ſehen, mich hören, die 300 Gedanken meines Herzens wiſſen, mir verbleiben und Geſellſchaft leiſten, bis ich gleichfalls das Haupt zum ewigen Schlaf des Leibes niederlegte. Was waren einige Jahre Wartens für mich, wenn dieſelben durch die Sonne der Erinnerung er⸗ hellt blieben! Wenn ich in dieſem kurz dauernden Erile durch die Ueberzeugung von ihrer Gegenwart geſtützt wurde! Und wie viel größer mußte unſere Freude dort oben im Himmel ſein bei dem Rückblick ohne Ende! Solche Gedanken tauchten unaufhörlich in meinem Geiſte auf. Sehr oft erregte mir die Furcht vor dem Tode noch ein Zittern, und wenn ich ganz allein war, ſprangen noch Thränen aus meinen Augen; doch war dieß das letzte Ringen meiner irdiſchen Natur gegen den angeborenen Schauder vor ihrer Vernichtung. Endlich brachte ich es unter dem Ein⸗ fluß von Roſa's begeiſternden Worten in der Be⸗ trachtungsweiſe des Todes und der Zukunft ſo weit, daß ich mit heiterer Gelaſſenheit, ja mit einer Art ſeliger Ruhe Stunden lang von Dingen ſprechen konnte, welche den Menſchen mit Entſetzen erfüllen und mich früher vor Angſt und Schmerz zum Er⸗ ſtarren brachten. Vielleicht lag auch jetzt noch etwas Uebertriebenes in dieſer Schwärmerei; vielleicht ſcheint es unerklär⸗ lich, daß ich in ſo kurzer Zeit mein Gemüth zu einem übernatürlichen Begriff von der Ewigkeit zu erheben vermochte; aber hätte auch Roſa ſich in einem Irr⸗ thum befunden, ihre Macht über mich zeigte ſich ſo grenzenlos, daß ſie mich ſelbſt zu dem blinden Glauben an unmögliche Dinge zu bewegen im Stande gewe liche aufw zu ſt Auge hörte tete gewi ich n nem E völli mehr in u Ueber Wirkl unſer Vate E zum glückt ſchwa von i war ſ den l zu mt Zuſta Das gab e Mutte ihren leiben Haupt mich, ng er⸗ nden nwart unſere ckblick einem tvor allein ugen; iſchen ihrer Ein⸗ rBe⸗ weit, rArt echen füllen Er⸗ benes rklär⸗ inem een Irr⸗ ch ſo inden ande 301 geweſen wäre. Und welche Kunſt, welches eindring⸗ liche Gefühl entwickelte ſie nicht, um jeden in mir aufwallenden Zweifel zu erſticken! Ich brauchte nicht zu ſprechen; ſie las meine Gedanken mir aus den Augen, ſie ſah meine Empfindungen vorher und hörte die Schläge meines Herzens, denn ſie antwor⸗ tete auf meine Bedenklichkeiten, bekämpfte meine Un⸗ gewißheit und drückte meinen Zweifel nieder, ehe ich nur gewahr wurde, welche Vorſtellungen in mei⸗ nem Geiſte aufzutauchen im Begriff waren. Seitdem auf ſolche Weiſe unſere Seelen zu einer völligen Harmonie gelangt waren, verdunkelte nie 8 8 mehr die mindeſte Trauer unſer Gemüth. Es lag in unſerem Geſpräche etwas Himmliſches, etwas Uebermenſchliches, das uns nicht ſelten ſo weit der Wirklichkeit entrückte, daß wir redeten, als wären unſere Seelen bereits unzertrennlich in dem ewigen Vaterlande vereinigt geweſen. Eines Tages jedoch ſchien Roſa träumeriſch und zum Stillſchweigen geneigt. Wenn es mir auch glückte, ein Lächeln auf ihre Lippen zu rufen, ver⸗ ſchwand dieſes günſtige Zeichen augenblicklich wieder von ihrem Angeſicht. Sie ſchien zerſtreut, und es war ſichtbar, daß es ihr nicht ſo gut ging, wie in den letzten Tagen. Ihre Eltern glaubten der Beſorgniß Raum geben zu müſſen, daß die Beſſerung, welche ſie in Roſa's Zuſtande entdeckt hatten, eine Unterbrechung erlitte. Das edle Mädchen that ſich große Gewalt an und gab Fröhlichkeit und Vertrauen vor, nur um die Mutter zu tröſten.— Ich las jedoch wenigſtens in ihren Augen, daß ein vorherrſchender Gedanke ſie 302 verfolgte, und ich ſuchte von ihr zu erfahren, was ſie ſo bekümmerte; aber ſie wich, nicht ohne Ver⸗ legenheit, der gewünſchten Erklärung aus und wider⸗ ſtand meinem Andringen zwei Tage lang, indem ſie vergeblich ſich beſtrebte, mich glauben zu machen, ihre Schwermüthigkeit wäre die Folge einer krank⸗ haften Erregung. Am Morgen des dritten Tages fand ich ſie in dem mit Kiſſen belegten Lehnſtuhl unter dem Schat⸗ ten der Linde ſitzend. Sie war allein. Ich fragte ſie, wie ſie ſich befinde und ob die nächtliche Ruhe ſie erquickt habe. So ſprachen wir einige Augen⸗ blicke über ihre Krankheit; aber ich entdeckte vald, daß ihre Gedanken auf etwas Anderes gerichtet wa⸗ ren und ſie nur zerſtreut auf meine Worte horchte. „Roſa,“ ſeufzte ich mit vorwurfsvoller Betrüb⸗ niß,„Du haſt ein Geheimniß vor mir? Es macht Dir Etwas Kummer, und Du weigerſt mir meinen Theil an Deinen Schmerzen!“ „Nein, Leo,“ antwortete ſie,„ich habe kein Ge⸗ heimniß vor Dir und wollte allein ſein, um Dir zu erklären, welche Bekümmerniß mir den Frieden des Herzens geraubt hat. Es iſt etwas Schreckliches um die Furcht, welche ſeit einigen Tagen mich befallen und zu einer unüberwindlichen Angſt ſich geſteigert hat. Ich habe eine Bitte an Dich zu richten, um ein großes Opfer Dich zu erſuchen. Du wirſt es gewähren, nicht wahr, Leo?“ Ich verſicherte ſie, es wäre mir Nichts zu ſchwer, um ihren geringſten Wunſch zu erfüllen, und ſah der angekündigten Offenbarung mit einer gewiſſen Aengſt⸗ lichkeit entgegen. Näch Spu ande ten; und So ſem ſten wenn uns ſchult ſchlie eine bald 3 a inden Liebe Glau fühl, ſtrafb ſtren, hätte men C nahm fuhr mir nach wenn Anſtr „ was e Ver⸗ wider⸗ em ſie nachen, krank⸗ ſie in Schat⸗ fragte Ruhe Augen⸗ bald, et wa⸗ orchte. getrüb⸗ macht meinen in Ge⸗ Dir zu en des e m efallen! ſteigert; n, um irſt es ſchwer, ah der lengſt⸗ 303 „Leo,“ ſprach ſie,„ſeit drei Tagen und drei Nächten ſchwebt ein ſchreckliches Bedenken gleich einem Spuck mir vor Augen. Unſere Reigung zu ein⸗ ander iſt in uns entſtanden, ohne daß wir es wuß⸗ ten; wir haben ſie bekämpft, wir haben gerungen und gelitten, ohne dieſelbe überwinden zu können. So denken wir wenigſtens. Aber haben wir in die⸗ ſem Kampfe wohl alle unſere Kräfte bis zum Aeußer⸗ ſten verſucht? Und wenn es wahr wäre, daß wir, wenn auch ringend, dennoch das Gefühl der Liebe in uns gehegt und gepflegt hätten? Wir würden alſo ſchuldig ſein? Das Band, das unſere Seelen um⸗ ſchließt, wäre dann Nichts als eine ſtrafbare Schwäche, eine unrechtmäßige Verirrung? O, Leo, ich werde bald vor Gott erſcheinen!“ Ich ſuchte ſie zu beruhigen und zufrieden zu ſtellen, indem ich ihr die Reinheit, die Keuſchheit unſerer Liebe vor Augen hielt. Ich drückte mit vollem Glauben die Ueberzeugung aus, daß ein ſolches Ge⸗ fühl, von aller irdiſchen Neigung geläutert, nicht ſtrafbar ſein könne; und wenn wir auch nicht mit ſtrenger Unerbittlichkeit gegen unſer Herz geſtritten hätten, würde der gute und gerechte Gott dem ar⸗ men Geſchöpfe dieſe Schwäche nicht anrechnen. Ohne auf meine Worte Etwas zu erwiedern, nahm ſie den Faden ihrer Gedanken wieder auf und fuhr fort: „Noch etwas Anderes bekümmert mich. Du haſt mir verſprochen, Leo, alle Zeit und unaufhörlich nach meinem Tode an mich zu denken;— aber wenn die materiellen Sorgen des Lebens Dich zur Anſtrengung und Arbeit zwingen? Wenn Du fern 304 von hier die Mittel zum Unterhalt ſuchen mußt, welche das geringe Bodeghem Dir nicht zu bieten vermag? Wie wirſt Du dann meinem Gedächtniß treu bleiben können? Wie wirſt Du dann über meinem Grabe wachen? Und wird meine Seele dann vom Himmel aus Dich nicht auf Erden herumirren ſehen, mit einem erkälteten Herzen, worin Lebensſorgen die Erinnerung verdüſtert haben?“ Es war mir leichter, feurige und überzeugende Worte zu finden, um dieſen Zweifek ſiegreich zu be⸗ kämpfen. Ich erneuerte mein Gelübde und verſicherte ſie, mein Herz könne nicht ein einziges Mal klopfen, ohne daß die Erinnerung an ſie und die Hoffnung, bald mit ihr vereinigt zu ſein, immer mit neuem Leben in mir aufſtiegen. Aber ſie fuhr plötzlich wie aus einem Traume auf und ſagte: „Leo, ehe ich ſterbe, will ich Deine Frau werden... Bei dieſen überraſchenden Worten wandelte mich ein Zittern an, und meine Wangen entfärbten ſich. War es Beſtürzung, Schrecken oder Freude? Gleich⸗ viel, ich war im höchſten Grade bewegt und rief mit aufgehobenen Händen: „Himmel! Roſa, was ſagſt Du? Meine Frau? Du?.. Auf Erden?“ „Siehſt Du, Leo,“ fuhr ſie mit feierlicher Ruhe fort, wenn das Geſetz uns verbunden und der Se⸗ gen des Prieſters unſere Liebe geheiligt hätte, dann wäre unſere Neigung nicht allein gerechtfertiat vor der Welt, ſondern ſelbſt vor Gott, in deſſen Namen wir unzertrennlich vereint würden. Dann kann ich ohne ich d lieber ann werd an d gegel Won meine vertil Heira Herze ren; fortle pfen Du r nehm währe Deine 3 barkei niß a überre Sie e darüb ter ſe wollte bemül großes Con welche rmag? bleiben Grabe immel „ mit en die gende zu be⸗ icherte opfen, fnung, neuem raume Frau mich ſich. leich⸗ rief rau? Ruhe S.e⸗ dann vor amen nich 305 ohne Furcht vor dem ewigen Richterſtuhl erſcheinen; ich darf in dem Heimathlande der Seelen Dich noch lieben, und Du, Du wirſt auf Erden die Erinnerung an mich mit frommer Treue bewahren; denn ich werde auf den Gatten niederſchauen, und Du wirſt an die Braut denken, welche der Himmel ſelbſt Dir gegeben hat.“ Das Herz ſchlug mir vor Bewunderung und Wonne! Wie verführeriſch waren Roſa's Worte! Sie meine Frau werden! Unſere Seelen ſollten den un⸗ vertilgbaren Stempel der Weſenseinheit empfangen! „Und überdieß,“ ſprach Roſa weiter,„wird die Heirath mir geſtatten, mein Gedächtniß in Deinem Herzen gegen alle Gefahr der Abſchwächung zu wah⸗ ren;— denn, Leo, ich will in Deinen Gedanken fortleben, ohne gegen irdiſche Sorgen in Dir käm⸗ pfen zu müſſen. Wenn ich Deine Frau werde, wirſt Du wohl aus meinen Händen den Brautſchatz an⸗ nehmen, nicht wahr, welcher Dir die Mittel ge⸗ währen ſoll, mir getreu zu bleiben, bis die Stunde Deiner Erlöſung ſchlägt?“ Ich ſtammelte einige zweifelnde Worte von Dank⸗ barkeit und Glück, drückte aber zugleich die Beſorg⸗ niß aus, ihre Eltern würden dieſes ſeltſame und überraſchende Verlangen nicht ſehr erfreut aufnehmen. Sie erwiederte, ſie habe bereits mit ihrer Mutter darüber geſprochen, und ſei überzeugt, daß ihr Va⸗ ter ſehr gerne ſeine Einwilligung geben würde. Sie wollte, meinte ſie, jedoch mich nicht zwingen, und bemühte ſich, mir begreiflich zu machen, daß es ein großes Opfer wäre, was ſie von mir fordere. Ich Conſeience, Das eiſerne Grab. 20 306 dürfe ihren Vorſchlag, mich auf ewig mit einer Frau verbinden zu laſſen, die wahrſcheinlich demnächſt auf dem Kirchhofe ruhen würde, nicht annehmen, wenn mein Geiſt ſich im Mindeſten vagegen ſträube, oder der leiſeſte Zweifel ſich in mir rege; ſei aber meine Anhänglichkeit innig und endlos genug, um mein Leben ſolchergeſtalt dem Gedächtniß einer Todten zu weihen, ſo flehe ſie um meine Zuſtimmung als den höchſten Beweis, welchen ich ihr von meiner Liebe geben könne. Bis zu Thränen gerührt, verſicherte ich ſie, daß ich niemals ſo viel Glück zu hoffen gewagt hätte und mit einem Gefühl unausſprechlicher Seligkeit den Segen des Prieſters über unſere Liebe ausſprechen hören würde. Sie ſchaute mir mit dem Glanze der Verklärung auf ihrem Antlitz in die Augen und ſprach: „Von nun an, Leo, wirſt Du vergeblich die Zeichen der Betrübniß auf meinem Angeſichte ſuchen. Ich werde mit froher Hoffnung den feierlichen Augen⸗ blick unſerer Heirath erwarten; und läßt Gott mich ihn erreichen, dann komme der machtloſe Tod! Er wird mich weder erſchrecken noch bekümmern; denn er wird Nichts brechen, Nichts ſchwächen und Nichts ſcheiden. Jetzt komm', Leo, wir wollen hinein⸗ gehen. Wenn Du fort biſt, dieſen Mittag, werde ich mit meinem Vater von der bevorſtehenden Ver⸗ bindung ſprechen. Gib mir den Arm iſt es gut. Himmel, welches Glück, welcher Stolz durchdringt mich! So zu gehen an dem Arme ſeines Verlobten! Mich geſtützt fühlen von demjenigen, der bald mein Gatte ſein wird!“ nu ihr we ar ve der wů ger hei ent ſch in Frau t auf wenn oder neine mein n zu den Liebe daß und den echen rung die chen. igen⸗ mich Tod! denn ichts nein⸗ ere Ver⸗ ſo tolz ines der — — 307 Wir traten ein. Herr und Frau Pavelyn ſahen mit freudiger Unruhe die Veränderung, welche mit Roſa vorgegangen war. Sie lächelte unaufhörlich, ſprach von heitern Dingen und war voll Frohlockens, als ob ihr plötzlich und ntſchieden die Geſundheit wieder geſchenkt worden wäre. Als ich um Mittag das Schloß verließ, um mich nach meinem elterlichen Hauſe zu begeben, warf Roſa mir noch einen Blick zu, der mich überzeugte, daß ihr Wunſch unfehlbar in Erfüllung gehen werde. XXXII. Roſa hatte noch an demſelben Tage mit ihren Eltern über ihren Wunſch geſprochen, durch das Band der Ehe mit mir vereinigt zu werden. Ihr Vater, welchem kein Opfer zu groß geweſen wäre, nur um ihr den mindeſten Kummer zu erſparen, hatte ihr Alles, was ſie begehrte, ohne den leiſeſten Ein⸗ wand zugeſtanden und ſelbſt mich gebeten, ſeinem armen, kranken Kinde dieſe Genugthuung nicht zu verſagen. Er hoffte, die Freude, auf ſolche Weiſe den höchſten Wunſch ihres Herzens erfüllt zu ſehen, würde ſeiner Tochter neuen Muth und neue Kraft gewähren, um ſiegreich gegen ihre grauſame Krank⸗ heit zu ringen. Sonderbar jedoch! Schon am folgenden Morgen entdeckten wir, daß es mit Roſa's Zuſtand merklich ſchlimmer geworden war. Ihre Augen hatten ihren Glanz verloren; ihre Lippen erſchienen entfärbt, und in ihrem glaſigen Blicke lag etwas Wäßſeriges, das 20 von einer weit vorgeſchrittenen Abſpannung der Lebenskräfte Zeugniß gab. Es beſtätigte ſich alſo, was Roſa mir mehr als einmal geſagt hatte! Die Beſſerung, welche wir ſeit meiner Rückkehr an ihr wahrzunehmen geglaubt hatten, war Nichts als ein trügeriſcher Schein ge⸗ weſen. Durch eine unbegreifliche Gewalt über ſich ſelbſt hatte ſie alle Stärke ihrer Seele aufgeboten, um mir den Gedanken an ihren unfehlbaren Tod vertraut und leicht zu machen; was von der letzten hinſterbenden Macht noch übrig blieb, hatte ſie ge⸗ ſammelt und concentrirt, um meine und ihrer Eltern Zuſtimmung zu ihrer Heirath zu erlangen. Nun dieſes höchſte Ziel erreicht war, unterlagen ihre Kräfte, und in einer einzigen Nacht hatte die Krank⸗ heit wieder ihre ganze Gewalt und ſchnelle Entwick⸗ lung gewonnen. Roſa jedoch lächelte und ſprach ſich in heitern Worten aus. Niemals bewölkte ein trauriger Ge⸗ danke ihr bleiches Angeſicht, und wenn auch ihr Körper immer mehr durch Leiden abgezehrt wurde, blieb ihr Geiſt ruhig, ſorglos und von wunderbarer Klarheit. Gewiß erſchreckte mich die Ueberzeugung, daß Roſa ſterben werde, nicht mehr, und ich konnte Tage lang voll Erhebung mit ihr von ihrem Hingang in die beſſere Heimath ſprechen; aber es geſchah doch wohl, daß der Anblick ihrer leichenähnlichen Magerkeit oder ihres ſchmerzhaften Huſtens mich unwillkürlich ſchaudern machte und ein Gefühl trau⸗ rigen Mitleids in mir erregte. Sie konnte bis auf den Grund meines Herzens ſehen. Wenn nur ein der als wir aubt ge⸗ ſich oten, Tod tzten e ge⸗ ltern Nun ihre rank⸗ twick⸗ itern Ge⸗ ihr urde, barer daß Tage gang ſchah ichen mich trau⸗ auf ein 309 unklarer Gedanke von Angſt oder Betrübniß in mir aufſtieg, ſchaute ſie mir halb flehend, halb verweiſend in's Auge und führte mich unwiderſtehlich zur Ver⸗ achtung des körperlichen Todes und zum unbe⸗ wölkten Glauben an das ewige Leben der Seele urück. Herr und Frau Pavelyn erkannten mit äußerſter Bedrückung, daß ſie ſich zu einer eiteln Hoffnung hatten verleiten laſſen. So oft ſie ihr Kind anſahen und, ſo zu ſagen, Stunde für Stunde den ſchnellen Fortſchritt der Krankheit beobachteten, drang ein Strom von Thränen aus ihren Augen. Aber all⸗ mälig beugten auch ſie ſich unter den mächtigen Einfluß von Roſa's unendlichem Vertrauen und von der unwiderſtehlichen Klarheit ihres Geiſtes. Sie ſchienen endlich mit einiger Gelaſſenheit das verhäng⸗ nißvolle Scheiden zu erwarten und weinten nicht mehr ſo unaufhörlich. Inzwiſchen wurde Alles mit großer Eile für unſere Heirath in Bereitſchaft geſetzt. Herr Pave⸗ lyn that alle nöthigen Schritte, um die Friſt, welche von Geſetz und Kirche vorgeſchrieben iſt, ſo viel als möglich abzukürzen; denn wiewohl Roſa uns die Verſicherung gab, daß ſie zum Mindeſten den feier⸗ lichen Tag noch erleben werde, begannen wir doch zu fürchten, der Tod möchte ſie unverſehens über⸗ raſchen, ehe ihr letzter Wunſch erfüllt wäre. Roſa wollte an dieſem Tage ſchön ausſehen, ſchön und fröhlich, wie es einer Braut geziemt. Mit welcher kindlichen Freude ſprach ſie mit uns von den Kleidern, die man jetzt für ſie in der Stadt machen ließ,— und von den Juwelen, welche ihre 310 Bruſt und ihre Arme ſchmücken würden, und von dem ſchneeweißen Blumenkranze, der auf ihrem Haupte prangen ſollte! Armes Mädchen, ſie war ein leben⸗ des Gerippe, ſie konnte ſich nicht mehr ohne Bei⸗ ſtand aus ihrem Stuhle erheben, ſie holte mit großer Mühe Athem, um etwas Weniges Luft in ihre verengten Lungen zu bringen; manchmal drohte der keuchende Huſten ſie zu erſticken; es war ſichtbar, daß ihr Körper grauſame Schmerzen litt.... und dennoch lächelte ſie und ſprach Worte von Muth und Glauben und redete mit einfältigem Entzücken von ihrem prächtigen Brautkleide und ihrer ſchönen Hochzeitskrone! Roſa's Uebel verſchlimmerte ſich während der letzten Tage, welche unſerer Verehelichung voran⸗ gingen, ſo ſchnell, daß ihre Eltern mit mir allmälig zu der traurigen Ueberzeugung gelangten, ſie werde den gewünſchten Augenblick nicht erreichen. Wirk⸗ lich hatte ſie ſeit einer halben Woche das Kranken⸗ bett nicht mehr verlaſſen können; ihr Körper wies alle Nahrung ab, ſie athmete ſchmerzvoll, als hätte der letzte Kampf gegen die Uebermacht des Todes bereits begonnen, und ihr Schlaf wurde unaufhör⸗ lich durch nächtlichen Schweiß geſtört, dieſes ſchreck⸗ liche Zeichen, daß die Seele in der Arbeit begriffen iſt, ſich von den Banden des Leibes loszureißen. Wie entſetzlich war für mich die Nacht, welche dem feierlichen Tage vorausging! Wenn Roſa ſtarb, ohne unſere Liebe gerechtfertigt und geheiligt zu wiſſen durch des Prieſters Segen? Wenn ſie die ewige Reiſe antreten ſollte, beladen mit Betrübniß und Furcht? O, wenn der Himmel es alſo be⸗ ſch der ſo Mi daſ art ihr me Br gle jeg Be mi bli 311 von ſchloſſen hatte, wie ſchrecklich mußte dann für ſie upte der letzte Todeskampf nicht ſein!— Denn was ihr ben⸗ ſo unzerſtörbare Ruhe und einen ſo wunderbaren Bei⸗ Muth eingeflößt hatte, war einzig die Hoffnung, oßer daß Gott der rechtmäßigen Braut die Schwäche des ihre armen jungen Mädchens vergeben werde. Sie holte der ihren letzten Athem, ihr Herz klopfte beinahe nicht tbar, mehr, die Hand des Todes lag verzehrend auf ihrer— § Büſt* Muth Düſtere Gedanken, Angſt, Verzweiflung ſtanden ücken gleich Geſpenſtern mir vor den Augen, während ich, önen jeglicher Luſt zum Schlafen beraubt, neben meinem Bette ſaß und den Fußboden meines Kämmerchens der mit meinen Thränen benetzte. Ach, jeden Augen⸗ oran⸗ blick glaubte ich die Schritte von dem Boten zu nälig vernehmen, der mir die Meldung brachte:„Sie iſt verde todt!“ Wirk⸗ Endlich, mit dem Anbruch der Morgendämmerung nken⸗ kam ein Bote. Ich ſah ihm zitternd die Worte wies vom Munde ab, denn ich zweifelte nicht, er kam hätte nur mit ſchwerem Herzen an die furchtbare Botſchaft; Lodes aber nein, er entlockte mir vielmehr einen Schrei fhör⸗ wahnſinniger Freude. Roſa lebte noch: ſie hreck⸗ befand ſich ſogar viel beſſer! Der gnädige Gott riffen hatte noch über ihr die Sonne aufgehen laſſen, n. welche unſere Heirath beſcheinen ſollte. welche Mit aller Haſt, mit neuem Muthe und geſtärktem ſtarb, Glauben, bereitete ich mich auf die feierliche Hand⸗ gt zu lung vor. Ich mußte gleichfalls mich ſchön machen e die und geſchmückt ſein gleich einem glücklichen Bräuti⸗ übniß gam— ſo hatte Roſa es gewollt— und ich mußte o be⸗ mich beeilen, denn da der vorgeſchriebene Tag ge⸗ 312 kommen war, gab es kein Hinderniß mehr, und man durfte keinen Augenblick verlieren. Nicht lang hernach trat ich mit meinen Eltern den Weg nach dem Schloſſe an und ſtieg zu dem Zimmer der Kranken hinauf, wo unſere Heirath ein⸗ geſegnet werden ſollte. Es waren bereits viele Perſonen gegenwärtig: der Bürgermeiſter mit ſeinem Schreiber, der Prieſter mit ſeinem Diener, Zeugen und Freunde. Roſa ſaß in einem mit Kiſſen belegten Lehnſtuhle. Bei meinem Erſcheinen lächeite ſie mir mit einem himmliſchen Ausdrucke unbegrenzten Seelenfriedens zu und war voll Jubels, daß ihr Gott vergönnt hatte, wenigſtens dieſen Tag noch über den Tod zu triumphiren;— ich aber, obwohl ſie Worte der Freude mir entlocken wollte, ich vermochte nicht zu ſprechen, ſondern hielt in ſtummer Bewunderung den Blick auf ſie geheftet. Ich weiß nicht, was in mir vorging. Dieſes fleckenloſe Brautkleid, das die Abweſenheit eines irdiſchen Leibes zu verrathen ſchien; die ſchneeweiße Brautkrone, welche vor meiner erregten Phantaſie Strahlen warf, gleich dem Lichtkranze einer Heiligen; die Augen ſo unſtet und ſo grundlos, daß ſie mich aus der Tiefe der Ewigkeit anzuſehen ſchienen; die nebelartige, übernatürliche Schönheit Roſa's in die⸗ ſem Augenblick verwirrten mir die Sinne. Es war nicht mehr die leibliche Roſa, die da vor mir in dem Lehnſtuhle ſaß: nein, nein, es war Nichts mehr von irdiſchem Weſen an ihr; es war ihre Seele, ihre himmliſche Seele, die aus Gottes Schooße ſich man tern dem* ein⸗ rtig: ieſter uhle. inem dens önnt dze der ht zu g den ieſes eines weiße ntaſie ligen; mich ; die n die⸗ s war ir in mehr Seele, e ſich 313 herniedergeſenkt hatte, um ein theures Gelübde er⸗ füllen zu können Wie mußten die anweſenden Perſonen über un⸗ ere ſeltſame Haltung verwundert ſein! Roſa durch⸗ drang den Zauber meiner Sinne und erfreute ſich über die Allgewalt meiner Hoffnung und meines Glaubens. Während Jedermann ſich Gewalt an⸗ that, um nicht zu weinen, und Einige ſich abwandten, um eine unaufhaltſame Thräne zu verbergen, ſtanden wir da, mit dem hellen Glanz des Glückes und der Verzückung auf dem Angeſichte, einander zulächelnd, hätte der Himmel vor unſern Augen ſich aufge⸗ n Die Stimme des Bürgermeiſters, welcher mit einer Schrift herzutrat und jetzt deren Inhalt nach dem Geſetz uns vorzuleſen begann, entriß mich mit Gewalt dem ſüßen Zauber. Roſa, welche unter dem Einfluß meiner ſo hoch geſteigerten Empfindung noch einmal die Macht gefunden hatte, ihre letzten Kräfte anzuſpannen, ſank jetzt auf die Kiſſen zurück und horchte mit keuchendem Buſen und brechenden Augen auf die Stimme des Bürgermeiſters. Endlich, als ſie gefragt wurde, ob ſie mich zum rechtmäßigen Ehegatten annehme, fiel das Jawort noch klar und deutlich von ihren Lippen. aber dann ſchloß ſie die Augen, und ihr Haupt ſank kraftlos auf die Lehne des Seſſels. Laute Ausrufe des Schmerzes und Mitleids er⸗ tönten durch das Zimmer, eine Thränenfluth brach aus allen Augen und Jedermann eilte der Sterben⸗ den zu Hülfe. Die Krankenwärterin nahm ſie in ihre beiden 314 Arme und legte ſie auf ihr Bett.... Ich wartete zitternd auf die Ankündigung ihres Todes. Ach, jetzt war wohl unſere Heirath vor der Welt gerechtfertigt; aber ſollte Gott unſerer Liebe ſeinen Segen verweigern? Mußte die arme Roſa in das Grab ſteigen ohne dieſe letzte und höchſte Genug⸗ thuung?... Mein Schrecken hatte mich betrogen: die ruhige Haltung, die ausgeſtreckte Lage des Körpers ließ das wenige lebenskräftige Blut, das noch vorhanden war, dem Herzen der Kranken zufließen. Sie öffnete bald die Augen und bedeutete den Prieſter durch einen Wink, daß ſie bereit ſei, auch in ſeine Hände den feierlichen Eid abzulegen. Ohne Zeitverluſt begann der Diener des Herrn die Gebete der Kirche über uns zu leſen. Er fügte unſere Hände zuſammen, ließ uns das Gelübde ewiger Treue ausſprechen und ſprach dann in ein⸗ dringlichem Tone, der wie der Laut einer Stimme aus dem Himmel in meinem Herzen wiederhallte: „Seid geſegnet: Gott hat euch unzertrennbar vereinigt!“ Ein triumphirender Schrei erhob ſich aus Roſa's Buſen; ſie zog mich an ſich, umſchloß mich mit ihren Armen und ſprach zu mir in der erſten und letzten Umhalſung: „Mein edler Freund, mein theurer Bräutigam, nun habe ich lange genug auf Erden gelebt. Ich gehe von hinnen; die Stimme Gottes ruft mich. Ich bin glücklich, ich bin ſelig. Lebe wohl, denke an mich, erfülle Dein Gelübde. Möge die Hoffnung das Licht Deines Lebens bleiben.... bis daß Braut und der faſſe dern der ſolt das es( Lipp bliel der das eine ſtral Wel zu( und erkle bete zu tige ſein Ich e. elt nen das ug⸗ ige ieß den ete och nde rrn gte bde in⸗ me bar a's ren ten m, Ich ich. 315 und Bräutigam mit einander trinken an dem Quell der ewigen Liebe. Leo, Leo, lebe wohl!“ Ein convulſiviſches Zittern ſchien ſie zu er⸗ faſſen; ich fuhr zurück, nicht vor Schrecken, ſon⸗ dern aus Ehrfurcht vor dem feierlichen Geheimniß der Seelenerlöſung, welche hier vor ſich gehen ſollte. Roſa machte noch eine Bewegung; ſie faßte das Crucifir, welches auf ihrem Herzen lag, brachte es an den Mund, drückte es mit Kraft an ihre Lippen, hob das brechende Auge zum Himmel und blieb ſo bewegungslos liegen.. Während der Prieſter die Gebete der Kirche über der Sterbenden murmelte, hielt ich in Verzückung das Auge auf ſie geheftet. Ach, wie war er ſo ſchön, der ſüße Engel, der eine Brautkrone ſtatt eines Lichtkranzes trug! Wie ſtrahlte die Seligkeit auf ihrem lächelnden Antlitz! Welche Hoffnung, welcher Glaube, welche Erhebung zu Gott in dem bewegungsloſen Blicke! Ich faltete die Hände und erbebte vor Ehrfurcht und Bewunderung; aber die Stimme des Prieſters erklang durch das ſtille Gemach. „Kinder,“ ſprach er in traurigem Tone,„Kinder, betet; ihre Seele iſt aufgefahren zum Himmel!“ Alle Kniee beugten ſich; ich fiel vor dem Bette zu Boden, hob die Arme empor, um dem allmäch⸗ tigen Lenker der menſchlichen Geſchicke zu danken für ſeine unermeßliche Güte... 2 Schluß. Ich war zwei Tage und zwei Nächte in der Wohnung des alten Bildhauers geblieben. Seine lange und traurige Erzählung hatte mir mehrmals Thränen in's Auge gelockt; und ehe ich ſeine Lebens⸗ geſchichte bis zu Ende gehört hatte, war in mir eine ſo tiefe Bewunderung entſtanden, daß ich ihn nicht anſehen konnte, ohne von einem Gefühle der Achtung und Ehrfurcht durchdrungen zu werden. Im Augenblick, da ich abreiſen wollte, um heim⸗ zukehren, drückte ich noch einmal mit fieberiſcher Wärme dem Greiſe die Hände, welcher für mich das lebendige Sinnbild der Hoffnung und Liebe war und mir die erſtaunliche Mocht der Erinnerung begreiflich gemacht hatte. Mein Weg führte mich über den Kirchhof; ich blieb bei dem eiſernen Grabe ſtehen und blickte lang in träumeriſcher Selbſtvergeſſenheit auf die Blumen, nach vierzig Jahren noch ſo lebendig und ſo friſ ch, wie die Erinnerung an ſie, deren Gebeine ſe be⸗ ſchatteten. der Seine mals bens⸗ eine nicht tung heim⸗ iſcher das und eiflich ich lang men, riſch, e be⸗ — Mein Haupt ſank allmälig tiefer auf die Bruſt, und ich ließ in der Stille hie und da eine Thräne auf das Grab der ſüßen Roſa, dieſes Opfers einer keuſchen, einer unendlichen Liebe, fallen.„ Und meinen Weg fortſetzend, dankte ich Gott, daß er die unauslöſchliche Hoffnung als Schutzengel ſeinem ſchwachen Geſchöpfe an die Seite geſtellt hat, und die immer ſich belebende Erinnerung als uner⸗ ſchöpfliche Quelle von Troſt und Kraft in dem Men⸗ ſchenherzen entſpringen läßt. Ende. ——— ——— In unſerem Verlage ſind erſchienen und durch alle Buchhandlungen zu beziehen: J. J. Smith, Licht⸗ und Schattenſeiten des Lebens. 5 Bände. Phlr. 2.— fl. 3. Das Erbe oder die Lehren des Lebens. 4 Bände. Thlr. 2. 4 Sgr.— fl. 3. 12 kr. Der junge Prätendent oder vor hundert Jahren. 3 Bände. Thlr. I. 2 Sgr.— fl. 1. 36 kr. Die Abtei Carrow. 4 Bände. Thlr. 1. 10 Sgr.— fl. 2. Der Glücksſoldat. 2 Bände. 28 Sgr.— fl. 1. 24 kr. Sein und Schein. 3 Bände. Thlr. 1. 14 Sgr.— fl. 2. 12 kr. Milly Moyne. 5 Bände. Thlr. 2.— fl. Z. J. F. Smith gehört zu den beliebteſten Novelliſten der Neuzeit. Seine Werke haben in England, Amerika, Frankreich und Spanien die glänzendſten Erfolge er⸗ rungen; ſeine Erzählungen geben eine meiſterhafte Be⸗ ſchreibung des häuslichen Lebens, ſkizziren auf das Genaueſte die verſchiedenen Phaſen des menſchlichen Charakters und offenbaren einen ſolchen Einblick in das menſchliche Herz, eine ſolche Kenntniß der menſchlichen Natur, wie dies ſelten einem Schriftſteller gelungen und wie es nur wahrhaft großen Autoren möglich iſt. Die Charaktere, welche Smith zeichnet, ſind Wirk⸗ lichkeiten, die Scenen, die er beſchreibt, ſind keine bloßen Phantaſiebilder, die Geſchichten, die er zu Tage bringt, haben eine innere Wahrheit. Der hohe moraliſche Ton ſeiner Compoſitionen iſt ein ſtark ausgeprägter, ſehr ehrenvoller Zug. Während er ſtets als unbeugſamer Vertheidiger der Armen, Unglücklichen und Unwiſſenden auftritt, ſcheut er ſich nie, das Laſter, ſei es in Lumpen oder Purpur gehüllt, laut zu verklagen. Wir glauben voll Zuverſicht, daß Smith auch ein entſchiedener Günſt⸗ 4 ling des deutſchen Publikums wird, wozu wir durch gediegene Ueberſetzung und äußerſt billigen Preis das Unſrige beitragen. Stuttgart. Franckh'ſche Verlagshandlung. irk⸗ oßen ngt, Ton ſehr mer den pen iben inſt⸗ urch das ng.