S—— deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur 3 von 6 Cduard Otkmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. Leih und geſebedingungen. 1. Oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe ver Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. 2. Lesepreis. Bei Rückgabe eines geliehenen Buches wird von jedem Tag 5 Pf bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ den angenommen. 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprechende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet wird. 4. Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und eträgt: für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: auf 1 Monat: 1 Mk.— Pf. 1 Mr 50 Pf. 2 Mi.— f. „3— „„ 6*„—„ 5. Auswäntige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendu der Bücher auf ihre eigenen Koſten und G ahr ſelbſt zu ſorgen. 6. Schadenersatz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlorene und defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern e.) muß der Ladenpreis erſetzt werden.— Iſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erſatz des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird beſonders darauf aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen der Bücher nicht ſiattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ ſelben von mir geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. ———— ———— Geſchichte des Graten hugo von Craenhove und ſeines Freundes Abulfaragus. von Hendrik Conſcienee. —— Aus dem Vlämiſchen * von E. Joller. 6 Zwei Bändchen. —— Stuttgart. Verlag der Franckh'ſchen Buchhandlung. 1846. I. Die zwei Hirten. Um das Jahr 1360 lag noch zwiſchen den Dörfern Wyneghem und Santhoven, drei Stunden von Antwerpen, ein wüſter und dunkler Wald. Die Eiche, der Gott der nordiſchen Wälder, ſchoß ihre ſtolze Krone gen Himmelz der treue Epheu klammerte ſich in Liebeskränzen üppig um ſeinen rauhen Stamm, während die duftigen Blumenkelche des Geisbluttes ſeinen breiten Fuß als mit goldenem Kleide ſchmückten. Kinder Einer Mutter grünten dort gleichfalls: die Buche mit ihren glänzenden Blättern, die Birke mit ſilbernem Stamme, die zitternde Pappel und die zartere Trauerweide, die wie eine trauernde Jungfrau ſich mit ihrem hängenden Laube über die Seen beugte. Am Ende des Waldes war Alles lieblich: da ſchoß der Brombeerſtrauch ſeine purpurnen Ranken von Stamm zu Stamm, und wob einen undurchdringlichen Schleier, an deſſen Fuß Schlüſſelblume und Maßliebchen wie verlorene Perlen glänzten. Aber tiefer in dieſer einſamen und wüſten Schöp fung änderte ſich Alles:— der Boden ſchien die Zeichen einer Naturumwälzung an ſich zu tragen. Da und dort erhoben ſich nackte Sanddünen; zerſtreute Moräſte und gährende Sümpfe zerſtörten halb verrottete Stämme entwurzelter Hugo von Craenhove. 1 Weiden und ſtatt des lieblichen Geisblattes ſah man hier nur fahles am Boden fortwucherndes Moos, das die umſtehenden Bäume zu einer Geſellſchaft ſterbender Greiſe machte, mit Pilzen und Schwämmen wie mit Eiter⸗ beulen überdeckt. Nie ſenkte die Sonne ihre heitern Strahlen auf dieſen feuchten Boden; unheimliche Dunkelheit und entſetzliche Stille herrſchte hier ununterbrochen; nur von Zeit zu Zeit ertönte das Aechzen einer Nachteule durch das Laub oder machte ein fliehender Fuchs die Blätter raſcheln, und un⸗ terbrach ſo die Todtenſtille, um ſie noch ſchrecklicher zu machen. Neben dieſem Walde lag eine unermeßliche Haide, und weiterhin, am Ende des Horizontes, wo der Himmel die Erde zu berühren ſcheint, hing ein undurchdringbarer Vor⸗ hang von Tannenbäumen. Beim Anbruche eines Lenzmorgens im Jahre 1366, ehe die Sonne die nächtlichen Nebel durchbrochen hatte, befanden ſich zwei Schafhirten auf der Haide. Der Eine war ein alter Mann, von mehr als ſechzig Jahren mit weißem Haare und gekrümmten Rücken. Der Andere beinahe noch ein Knabe: ſiebenzehn Jahre glänzten auf ſeinem angenehmen roſigen Geſichte, blaue Augen funkelten mit ſanfter Gluth unter ſeiner breiten Stirne hervor und feine Haare, deren Farbe einer Miſchung von Gold und Silber glich, fielen über ſeinen Hals. Beide waren in rauhe Stoffe gekleidet, und damit beſchäftigt, Hoſen aus ſchwerem Wolltuch zu nähen, während ihre Heerden in einiger Entfernung die ſpärlichen Haideblumen pflückten. Nach einiger Zeit legte der alte Hirte ſeine Arbeit nieder, zog ein Buch aus ſeiner Taſche und öffnete es. Der eit der in⸗ nd ie T S S 8 — 3 junge Hirte hatte kaum das Buch bemerkt, als die Nadeln ſeiner Hand entftelen; ſein Auge erglänzte von dem Feuer der Neugierde, und ſich ſeinem Kameraden nähernd, beugte er ſich über die offnen Blätter des Buchs und betrachtete mit aufmerkſamem Blicke die Buchſtaben. Dann ſprach er ſeufzend: „Du kannſt leſen, Albrecht? In dieſem Buche alſo haſt Du gelernt, wie man die Winde drehen muß, wie man gut Wetter und ſchlecht Wetter macht, wie man das Vieh bezaubert und entzaubert.... O ich gäbe zwanzig ſchöne Jahre meines Lebens, wenn ich die Zeichen verſtünde, wie Du!“ Der alte Hirte lächelte bei dieſer Betheurung und antwortete: „Nun, Bernhard, glaubſt Du auch an das Geſchwätze der alten Weiber von Santhoven? Weil ich leſen kann, macht man mich zu einem Zauberer und doch habe ich in meinem Leben kein ander Buch in Händen gehabt, als das, was Du jetzt ſiehſt. Weißt Du, was darin ſteht?“ „Nein, o ſage es mir!“ „Nun, es iſt das Leiden unſeres Herrn. Als ich noch jung war, wohnte ich bei einem alten Geiſtlichen, der hat das Buch für mich geſchrieben und mich mit vieler Mühe die Zeichen verſtehen gelehrt. Der gute Mann, Gott habe ſeine Seele, hat hinter dem Buche einige unbekannte Heil⸗ mittel für kranke Schafe hinzugefügt. Sieh, Bernhard, in der Kenntniß dieſer Heilmittel beſteht alle meine Zau⸗ berkunſt.“ . Dieſe Erklärung befriedigte den jungen Bernhard nicht. „O laß' mich das Buch mal in den Händen halten!“ rief er mit Ungeduld. Sobald der alte Hirte ihm daſſelbe gegeben, warf Bernhard ſich in das Haidegras, legte das Buch auf ſeine Kniee und begann mit fieberhafter Aufmerkſamkeit die Blätter eins nach dem andern umzuwenden.— Es war etwas Sonderbares in der Haltung des jungen Hirten und beſonders in der feſten Unbeweglichkeit ſeines Kopfes, an welchem die blonden Haare wallend niederfielen. Mit wohlwollendem Lächeln betrachtete der alte Albrecht ſeinen jungen Kameraden und fragte endlich: „Du haſt alſo großes Verlangen, zaubern zu lernen, Bernhard?“ Dieſer hob ſeinen glühenden Kopf empor und ant⸗ wortete: „Zauberei! O nein, nein! Aber ich gebe zwei Finger meiner rechten Hand dem, der mich leſen lehrte.“ „Ich würde es Dich wohl lehren, wenn wir unſre Heerde oft am ſelben Platze könnten weiden laſſen, doch das geſchieht keine zehn Mal im Jahre, darum glaube ich nicht, daß Du es je lernen würdeſt.“ Das letzte Wort betrübte den jungen Hirten ſehr: er gab mit innigem Verdruß das Buch zurück, nahm ſeine Nadeln wieder auf und ließ das Haupt in tiefſtem Miß⸗ muth ſfinken, während eine Thräne in ſeinem Auge glänzte. Eine Zeitlang herrſchte ein peinliches Stillſchweigen zwiſchen den zwei Hirten; bald aber ergriff den alten Al⸗ brecht Mitleiden und er ſprach zu ſeinen weinenden Ka⸗ meraden: „Bernhard, Dein Wunſch leſen zu lernen, iſt eine ſonderbare Krankheit. Ich ſehe nicht ein, wie Du Dich ſo betrüben kannſt; ein Zufall hat mich ſo gelehrt gemacht, aber dieß Glück wiederfährt nicht jedem;— und warum ſollteſt Du Dich nicht tröſten, da Ritter und Edelfrauen, Bürger und Bauern ebenſo unwiſſend ſind, als Du? Und wäreſt Du gelehrt, wo würdeſt Du ein Buch finden, da Du nicht reich genug biſt, eines zu kaufen 2“ Bernhard machte bei dieſen Worten eine Bewegung der Verzweiflung; ſeine Stirne umwölkte ſich. „Gewiß, Bernhard,“ fuhr der alte Albrecht fort, „Deine Wißbegierde iſt nicht natürlich; ſie hat zweifels⸗ —— n ine ß⸗ ge en l⸗ 6 ne t, m , 5 ohne ihre verborgenen Gründe. Du biſt ein wunderbares Kind! Niemand weiß, von wannen Du gekommen, Du kennſt weder Vater, noch Mutter, Du ſprichſt und thuſt nicht, wie wir. Noch ſo jung und ein ſo geheimnißvolles Leben! Ich habe Mitleiden mit Dir, denn ich ſehe wohl: Du leideſt und biſt unglücklich!“ Der rührende Ausdruck, mit welchem er die letzten Worte geſprochen, ergriff den jungen Hirten ſehr. Viel⸗ leicht war es ihm ein Bedürfniß, ſein Herz auszuſchütten. Er näherte ſich ſeinem Kameraden, drückte ſeine Hand und ſprach in traurigem Tone: „Albrecht, niemand kennt mich an dieſem Orte. Ge⸗ lobe mir ſtrenge Verſchwiegenheit und Du ſollſt mich kennen lernen; ich werde Dir ſagen, warum der Schmerz meine Bruſt erfüllt.— Ich bin von edlem Blute, Al⸗ brecht; Du wirſt es nicht glauben, aber Dein Kamerade, der Schafhirte Bernhard, kann ſich Burggraf von Reedale nennen.“ „Du biſt von edlem Blute! Burggraf von Reedale!“ rief der alte Hirte verwundert.„ Sprich, ich kann ſchweigen.“ Bernhard trocknete die Thräne, die in ſeinem Auge glänzte, und ſetzte ſich auf der Haide nieder und als ſein Kamerade das Gleiche gethan, begann er alſo:— „Ja ſetze Dich nieder, Albrecht, denn meine Geſchichte iſt lang und traurig; ich bin jung, doch habe ich ſchon viel gelitten. „Höre:— Noch iſt es keine zehn Jahre her, vaß ich mit meinem Vater und meiner Mutter ein adlig Schloß in der Nähe von Grimberghe in Brabant bewohnte. Da verbrachte ich meine Tage mit allen Uebungen, die einem Edelknaben geziemen; mein Vater, der ein berühmter Kriegsheld war, lehrte mich den Degen führen und ein wildes Roß bändigen. Ich war noch ſehr jung und doch verwunderten ſich erfahrene Ritter ſchon damals über meine Gewandtheit. Wir waren aber arm und unſre Tafel würde nicht oft unſeren adligen Stand verrathen haben, wenn wir nicht durch unaufhörliches Jagen die Wälder gezwungen hätten, ihr beſtes Wildpret zu liefern. Um ſeinem Fürſten, dem Herzog von Brabant, Jan dem Siegreichen, mit Ehren in den Krieg gegen die Vlamingen zu folgen, hatte mein Vater ſein Landgut bei Brüſſeler Wechslern verpfändet. Der Herzog machte ihm viele Verſprechungen, doch nichts wurde gehalten.— Du haſt vielleicht gehört, Albrecht, wie die Vlamingen unter ihrem Grafen Ludwig Van Male im Jahre 1356 Brüſſel eroberten und ganz Brabant in Beſitz nahmen. Mein Vater war einer von denen, die es mit Eberhard't Serclaes verſuchten, Brüſſel zu be⸗ freien. Bei Nacht gelangten ſie in die Stadt und vom Volke unterſtützt, vertrieben ſie die Vlamingen. Mein Vater war's, der das triumphirende Banner von Brabant auf die Wälle pflanzte; aber ein Pfeil traf ihn in die Seite und er ſtarb ſchon am andern Tage an ſeiner Wunde. „Inzwiſchen lebte ich mit meiner Mutter auf dem Schloß bei Grimberghe; wir hatten ſchon die Kunde der Befreiung Brüſſels empfangen und freuten uns über die wahrſcheinliche Erhaltung unſeres Vaters. Getroſten Muthes und froͤhlichen Herzens ſprach meine Mutter mit mir über ihre Hoffnung auf beſſere Zukunft: Herzog Wencelyn, dem nun Brabant gehörte, würde zweifelsohne die wenigen Ritter belohnen, denen er ſeinen Thron verdankte. Dieſe ſchönen Ausſichten in unſerer Phantaſie ausmalend, ſtiegen wir die Treppe hinauf, um uns ſchlafen zu legen; meine Mutter küßte mich zu wiederholten Malen, bekreuzte mich öfters und ich ſah in jedem ihrer Augen eine Thräne der Hoffnung und Liebe glänzen. So gläcklich und zufrieden über unſer Loos, ſchloßen wir unſere Augen und ſanken in ſüßen Schlaf. „Mitten in der Nacht höre ich plötzlich ein ſchreckliches Geſchrei; ich erwache.. aber, o Gott! ich ſehe nichts als Flammen, der Rauch erſtickt mich, ich höre die Stimme meiner Mutter, die um Hülfe ruft„ und außerhalb enn gen ſten, hren nein idet. chts echt, Van bant die be⸗ vom ater auf eite dem der die thes über dem igen Reſe egen eine mich der eden n in ches als nme halb 7 des Schloſſes Waffengeraſſel und Jauchzen vielen Volkes. Alles dreht ſich vor meinen Augen, ich fühle Leben und Athem ſchwinden. Da ſehe ich plotzlich ein ſchwarzes Menſchenbild die Flammen durchſchneiden und ſich meinem Bette nähern.— Ich fühle, daß ſeine beiden Arme mich umfaſſen, mit Gewalt aufheben und wie er mit mir durch das Feuer ſpringt... Jetzt verlor ich mein Bewußtſein und Gefühl. 4 Ergriffen von ſeinen trüben Erinnerungen, ſchwieg Bernhard nach dieſen Worten. Thränen floſſen über ſeine Wangen, doch kein Seufzer, kein ſchwerer Athem begleitete ſie. Sein alter Kamerade ſprach gleichfalls nicht, ſo daß eine ſeltſame Stille der Ausdruck ihrer gegenſeitigen Rühr⸗ ung ward. Endlich fragte Albrecht: „Nun Bernhard, und Deine Mutter?“ „Meine Mutter, nicht wahr? meine arme Mutter? Verbrannt, zu Aſche verbrannt! Man hat nichts von ihr gefunden, als das verkohlte Gebein!“ Der alte Hirte ſchrie laut auf, und aus ſeinen Augen begannen die Schmerzensthränen zu fließen; ſein junger Kamerade drückte ihm die Hand und fuhr, als er ſich wieder gefaßt hatte, alſo fort: „Die Anführer der Vlamingen, die aus Brüſſel ver⸗ trieben waren, hatten meinen Vater im Streite erkannt. Bei ihrem Rückzuge kamen ſie des Nachts an unſerer Wohnung vorüber und erinnerten ſich, daß mein Vater ihr Feind war; ſie legten Holzhaufen um das Schloß, und ſteckten es an, um uns zu tödten „Nun war ich eine arme Waiſe, von Allem entblößt und noch zu jung, um im Kriege meine Zukunft zu fin⸗ den. Das väterliche Schloß lag zerſtört— und doch, wäre es auch nicht beſchädigt geweſen, was hätte es ge⸗ holfen, da es gänzlich den Wechslern verpfändet war? Ich war ſo ohne alles Erbe, ohne Eltern, ohne Verwandt⸗ ſchaft. Ein einzig Mittel blieb mir übrig; ich konnte mich als Hofjunker bei dem einen oder dem andern Lan⸗ desherrn annehmen laſſen, und ſo in einen Stand treten, der meinen Jahren und meinem Adel ziemte. „In der Erwartung, daß es mir glücken werde, blieb ich in einer Bauernwohnung, bei dem edelmüthigen Laet, der mich mit Lebensgefahr aus den Flammen gerettet hatte. Am zehnten Tage kam ein Ritter, der eine Wall⸗ fahrt nach Unſrer Lieben Frau von Halle mitgemacht, an den noch rauchenden Trümmern des Schloſſes vorüber. Er beklagte unſer Unglück ſehr und ſagte, daß er früher ein Freund meines Vaters geweſen; und in der That, er ſchien ein Kriegsmann zu ſein, denn es zog ſich über ſeine Stirne eine tiefe und lange Narbe, wie von einem Schwerthiebe. Ich wurde ihm als einziges Ueberbleibſel vom Hauſe derer von Reedale vorgeſtellt. Meine rothge⸗ weinten Augen und mein trauriges Geſicht machte Ein⸗ druck auf ſein Gemüth; er nahm mich als Hoffjunker mit, den guten Leuten, die mich gerettet und beherbergt hatten, gelobend, daß er mich ſein Leben lang wie ein eignes Kind behandeln werde. „Das Benehmen des Ritters war mir unbegreiflich: am erſten Tage ſprach er zehn Stunden lang nichts, ließ den Zaum ſeines Pferdes gieichgültig hängen, und hatte den Kopf wie ein ſchläfriger Menſch vorwärts gebeugt. Seine Augen, die er ſelten auf mich richtete, waren halb unter ſeinen ſchweren Brauen eingeſunken, und ſchienen ohne Leben, wie angelaufenes Glas. Oft beſchlich mich Angſt und Furcht, ich träumte mehr als einmal von den ſchrecklichſten Dingen; aber die Stimme des Ritters, wenn ich ſie hörte, war ſo ſanft und traurig, daß ich zuletzt mehr Mitleid als Angſt fühlte. „Nach zwei Reiſetagen ritten wir die Stadt Antwer⸗ pen vorbei und ſtanden eine Stunde ſpäter vor der Brücke eines großen Schloſſes, das mit pier ſchweren Thürmen und hohen Feſtungsmauern umgeben war. Kaum hatte uns der Wächter über dem Thore bemerkt, als ſein Jagd⸗ an⸗ ten, lieb get, ttet all⸗ an ber. her hat, ber em ſel ge⸗ in⸗ nit, en, nes ieß tte at. lb ien ich en nn tzt er⸗ cke en tte d⸗ 9 horn ertönte; das Gatter ging in die Höhe, die Zugbrücke fiel nieder und die Pforte ächzte in ihren Angeln. „Eine Anzahl Diener, eben ſo ſchweigſam und vielleicht noch geheimnißvoller, als mein Wohlthäter, empfingen meinen Beſchützer mit tiefer Ehrfurcht, und ich begriff leicht an der gebietenden Sprache, daß dies jeine Woh⸗ nung war. „Ich hatte kaum etwas gegeſſen, als Graf Arnold von Craenhove, dieß war der Name meines Herrn, einem alten Diener befahl, zwei Pferde zu ſatteln und mit mir nach Antwerpen zu reiten, um mich in ſeine Farben klei⸗ den zu laſſen. Wir blieben fünf Tage in der Stadt, bis ich meine Dienſtkleidung erhielt.— O was war ich ſchön, Albrecht; ich wurde halbleibs gekleidet, die rechte Hälfte in himmelblaue, die linke in roſenfarbige Seide; auf meinem Kopfe wehte eine roſenfarbene Feder auf einem braunſammtnen Barette; um meinen Hals hing eine ſilberne Kette, und an dieſer auf meiner Bruſt ein kleines Jagdhorn vom ſelben Metall.— O, ich war ſo ſchön und ſo vergnügt, daß man mich mit Gewalt von meinem ſtählernen Spiegel entfernen, und mit der Wegnahme des Jagdhorns drohen mußte, um mich am unaufhörlichen Blaſen zu hindern. Am ſechsten Tage kehrten wir wieder zum Laternenhof zurück, deſſen Namen mir der alte Die⸗ ner mitgetheilt hatte. „Bei unſerer Ankunft wurde ich zu Graf Arnold von Craenhove gebracht. Er ſchien ſehr zufrieden mit meinem Anzuge und mit meiner ſtolzen Haltung; doch, was ich ſchon während unſrer Reiſe bemerkt hatte, machte mich auch jetzt wieder ſinnend. Seine Stimme war dumpf und traurig, ſein Lächeln erzwungen und peinlich; ja, als ich aus Dankbarkeit ſeine abgemagerte Hand küßte, ließ er mich machen und blieb gleichguͤltig gegen die Beweiſe meiner Liebe zu ihm. Nach einigen Augenblicken des Stillſchweigens ſtand er von ſeinem Stuhle auf, nahm mich, ohne etwas zu ſprechen, bei der Hand und brachte 10 mich durch zwei oder drei Säle, bis in ein ſchönes Ge⸗ mach, worin ein Mädchen von ungefähr ſieben Jahren, gerade meinem Alter, an dem Fenſter ſaß und verdrießlich hinausblickte. Sobald wir einander ſahen, erleuchtete daſſelbe Lächeln unſte Züge. Graf Arnold ſprach indeß mit dumpfer Stimme: „Aleidis, meine Schweſter, ich bringe Dir einen Ge⸗ ſellſchafter, einen Bruder. Run wirſt Du nicht mehr trauern, nicht wahr? Unterhaltet Euch gut „Und mit dieſem Befehle ließ er mich ſtehen, und ging weg. Verſchämt, und keinen Schritt vorwärts wagend, blieb ich ſtehen und ſchlug die Augen nie⸗ der. Aber das Mädchen eilte ungeduldig auf mich zu, ergriff meine Hände und zog mich an das Fenſter, in lebhaftem, aber freundlichem Tone fragend: „Wie iſt Dein Name? Von wannen kommſt Du? Bleibſt Du immer hier? Kannſt Du auf dem Horne blaſen?“ „Ich antwortete, ſo gut ich konnte, auf die Fragen meiner Spielgenoſſin, obwohl ſie mir kaum die Zeit dazu ließ, und ebenſo ſchnell mir einen Seſſel vor den ihrigen rückte und mir befehlend ſagte: „Setz' Dich da vor mich hin!“ „Und als ich niedergeſeſſen war, begann ſie mit ſonder⸗ barer Neugierde, meine Geſichtszüge und Kleider zu be⸗ trachten. Nachdem dieſe Prüfung einige Zeit gedauert hatte, ſprach ſie, während ſie eine Locke von meinem Haare um ihren Finger rollte: „Welch ſchöne blonde Haare haſt Du, Bernhard! ſie ſind wie Silberfäden.“ „Ich, der ich bewußtlos mit meinen Augen an ihr hing, antwortete: „Nicht ſo ſchoͤn, als Deine blonden Haare, Aleidis — ſie ſind ſo ſchon, wie das Gold, das in Dein Samger gewebt iſt.“ 11 Ge⸗„Sie lächelte, wie mit meinem Lobe zufrieden, und Fen⸗ ſprach: lich„Welch' ſchöne blaue Augen Du haſt, Bernhard— tete ſie ſind wie der Himmel.“ ndeß„Nicht ſo ſchön, als Deine klaren Augen, Aleidis— ſie ſind glänzender, als der blaue Atlas meines Ge⸗ Ge⸗ wandes. nehr„Welch' ſchöne Lippen und roſige Wangen Du haſt, Bernhard. Sie ſind wie die roſenfarbige Feder auf Dei⸗ und nem Barette.“ ärts„O nicht ſo ſchön, als die Deinen, Aleidis— ſie nie⸗ ſind wie die Korallen an Deinem Halſe. zu,„Aleidis ſchien an dieſem Geſpräche großen Gefallen in zu finden; doch ſprang ſie raſch auf, zog mich vom Stuhle auf und ſprach: 2„Bernhard, Du mußt immer bei mir bleiben, nicht orne wahr? Du darfſt nicht gehen, hörſt Du? Denn ſonſt bin ich wieder ſo traurig, verlaſſen, ſo allein! Du bleibſt igen immer, nicht wahr? Du ſollſt mein Bruder ſein, und azu wir werden immer mit einander ſpielen.“ igen„Wir begannen auch ſogleich herumzulaufen, zu hüpfen und zu tanzen, bis die Ermüdung uns auszuruhen zwang; dann blies ich auf meinem ſilbernen Jagdhorn, oder ich der⸗ erzählte das Unglück, das mein Haus betroffen; ich machte be⸗ das Mädchen bald lachen, bald weinen Mit einem uert Worte, ſie unterhielt ſich ſo gut, daß ſie Mittags zu are eſſen weigerte, bis man mir erlaubte, neben ihr zu ſitzen. Abends weinte ſie unaufhörlich, weil der Tag nicht lang ſie genug war, und ſie ſich von ihrem Spielgenoſſen trennen mußte, um ſchlafen zu gehen. ihr„Was ſoll ich Euch weiter ſagen, Albrecht? Aleidis 3 hatte die ganze Neigung ihres Herzens mir zugewandt; idis ich wurde ihr theurer, als der blaue Apfel ihrer Augen. aer Was mich betrifft, ich hatte nun eine Schweſter, ſo gut, ſo liebreich, als der Sonnenſchein,— ſo ſchön und lieb⸗ lich, als ein Maßliebchen! Damals konnte man nie eins 12 ohne das andere ſehen, als wären eins des Andern Schat⸗ ten geweſen; zwei Lämmer einer und derſelben Mutter folgten einander nicht treuer, als wir. „Ohne Nebengedanken überließ ich mich ganz meinem ſeligen Looſe und bemerkte Anfangs nicht, daß niein Glück nur allzufrüh Neider fand, obwohl ich ſeibſt die Mißgunſt verurſachte.— Du mußt wiſſen, daß mein Beſchützer, Graf Arnold von Eraenhove, nie zu ſehen war; die Ge⸗ mächer des Schloſſes, welche er bewohnte, blieben ſtets für uns und allen Dienern verſchloſſen, ausgenommen eine Perſon, welche ebenſo tiefſinnig und ſprachlos, wie er, ſein unbegränztes Vertrauen zu genießen ſchien.— Es war ein ſonderbarer Mann, deſſen Antlitz über mich eine unwiderſtehliche Gewalt ausübte; ſeine Gegenwart allein ſchon machte mich zittern, und oft erſchrak ich vor ihm, wie vor einem Teufel. Die Natur hatte ihm keine angeneh⸗ men Geſichtszüge geſchenkt. Meine Angſt vermehrte noch ſeine ernſte Unfreunblichkeit und gab ihm in meinen Augen die gräßlichſte Geſtalt. Haſt Du bemerkt, Albrecht, daß eine Eule gelbe und trübe Augen hat? So waren die ſeinen.— Du ſiehſt Deinen Hund mit ſeinen rauhen Haa⸗ ren, die emporſtehen, wie die Nadeln einer Tanne? So war ſein Haar. Dein Buch iſt gebunden zwiſchen zwei eichenen Brettchen, ſchmutzig und fahl? So war ſein Geſicht.— Haſt Du je einen Fuchs geſehen, der in einem Strick gefangen iſt, wie er den Jäger angrinzt und zu beißen droht? Dies war fein ſüßeſtes Lächeln. Falkner kommen manchmal hieher; Du haſt doch vielleicht einen Falken geſehen? Gleich den Klauen dieſes Raubvogels waren ſeine Hände— mit magern Fingern und gekrümm⸗ ten Nägeln.— Haſt Du je eine Gottesläſterung gehört, Albrecht? So war ſein Name; er hieß: Abulfaragus!“ „Dieſer Mann, der auf dem Schloſſe und in der Um⸗ gegend für einen Sterndeuter und Wahrſager galt, begeg⸗ nete mir nie, ohne einen mißtrauiſchen und forſchenden Blick auf mich zu werfen. Oſt, wenn ich mit meiner haf Ich die Ge ter: at⸗ tter em ück inſt zer, He⸗ ets ien wie Es ine ein wie eh⸗ och en aß die la⸗ So vei in nd er s n⸗ rt, 1. n⸗ g⸗ en e 13 Schweſter Aleidis unter den Bäumen ſpielte, ſah ich ſein gelbes und furchtbares Auge hinter dem Stamme eines Baumes blitzen. Mehr als einmal kroch er wie ein Jagdhund unter dem Geſträuche durch, um unſre Worte zu belauſchen. Obwohl ich mich damals nicht darum be⸗ kümmerte, glühte doch in meinem Innern ein tiefer Haß gegen dieſen feindlichen Spionen. Ich war es nicht allein, der ihn fürchtete: alle Bewohner des Schloſſes zitterten vor ſeiner Stimme, theils weil man wußte, daß der un⸗ ſichtbare Graf Arnold durch ſeinen Mund ſprach, theils weil man von ihm befürchtete, er könne durch überna⸗ türliche Mittel ſich wegen des geringſten Ungehorſams rächen. „Auf dem Laternenhof war ein kleines Wäldchen von Ulmen, unter deren ſchwarzen und undurchdringlichen Blättern ein Grabſtein mit eingemeiſelter Schrift ſtand. Dort hielt Abulfaragus ſich gewöhnlich auf, wenn er nicht um Graf Arnold von Craenhove ſein mußte. Nie⸗ mand wußte, was der Wahrſager in dem Ulmenhaine that, noch warum er ſo lange dort verweilte; ängſtlich vermied Jeder den Ort, wo ſich der Grabſtein befand und wir ſelbſt durften auf jener Seite nicht ſpielen. Alei⸗ dis wußte aber wohl, daß der Stein das Grab ihrer Aeltern bedeckte, war aber noch nie in dem Ulmenhaine geweſen. „Außer bei Sachen von großer Wichtigkeit hatten alle Diener vovn dem Wahrſager ſelbſt den Befehl erhal⸗ ten, Aleidis nie etwas zu verweigern, und ſie ſchien wirk⸗ lich trotz ihrer Jugend allein Herrin auf dem Schloſſe zu ſein. Denn wenn ſie etwas verlangte oder einen grillen⸗ haften Befehl geben wollte, war es immer ihr guter Bruder Bernhard, den ſie als Bote zu den Dienern ſandte. Ich gebot als Herr in ihrem Namen, und ohne daß ich die Urſache davon ahnen konnte, ſah ich oft bei ſolchen Gelegenheiten das Feuer der Betrübniß auf den Geſich⸗ tern der alten Diener des Hauſes von Craenhove. Ein leichtſinnig Kind, wie ich damals war, achtete ich nicht darauf und beantwortete mit ſpöttiſchem Lächeln ihren Verdruß, während ich, mein ſilbern Jagdhorn ergreifend, Freude daran fand, meine Neider mit einem Spottſtück⸗ chen zu begrüßen.— Welchen Eindruck konnte auch auf mich die Mißgunſt einer ganzen Welt machen, da ein einziger Sprung mich nach meinem Himmel zurückbrachte, wo meiner immer ein liebereich Engelchen wartete? „Du weißt, Albrecht, dem Unglücklichen ſchleicht die Zeit hinkend weiter; aber für den Glücklichen, der die Freude aus vollen Kelchen trinkt, fliegt die Zeit mit mäch⸗ tigeren Schwingen, als denen des Adlers. Auch ich war dreizehn Jahre geworden, ohne einen Tag gezählt zu ha⸗ ben, ſo rein war ſtets unſre Bruderliebe geblieben.— Während dieſer Zeit hatte ich von Aleidis und den Die⸗ nern genauere Auskunft über die ſonderbare Lebensweiſe und den unbegreiflichen Gemüthszuſtand meines Beſchützers bekommen. Vernimm, was ich erfuhr; „Zwei Jahre vor meiner Ankunft auf dem Laternen⸗ hofe bewohnte der gegenwärtige Herr Arnold von Craen⸗ hove daſſelbe mit ſeinem älteren Bruder Hugo; obwohl dieſer letztere allein Graf genannt wurde und von Geburt wegen der Herr von allen Gütern von Craenhove war, ſo lebte er doch ganz gleichgeſtellt mit ſeinem Bruderz ja ſo weit ging ihre gegenſeitige Zuneigung, daß ſie, um ſich nicht zu trenneu, und die Erziehung ihrer fünfjährigen Schweſter zu ſichern, einander gelobten, nie zu heirathen, noch die Bekanntſchaft irgend einer Frau zu machen. Während der vier erſten Jahre nach dem Tode ihrer Ael⸗ tern blieben ſie ihrem Verſprechen treu. Wie ich Dir ſo eben ſagte, ſie lebten glücklich bis zwei Jahre vor meiner Ankunft auf dem Schloſſe. Dann aber hoben ſie, mit ge⸗ gen gab gut Die wu ſich gla Wa zwö und and beid fan gun aus der Bri Die lant mar glei kann der etwe des gem einer niede Euc die Wäl theil ließe näm hove nen⸗ raen⸗ wohl eburt war, uder; „um rigen then, chen. Ael⸗ ir ſo einer t ge⸗ 15 genſeitiger Zuſtimmung, ihre Verbindlichkeit auf und be⸗ gaben ſich faſt täglich nach einem nahe gelegenen Land⸗ gute, das von einer wälſchen Edelfrau bewohnt war. Dieſe hieß ſich ſelbſt Gräfin von Merampré. Niemand wußte, weicher Mittel ſie ſich bediente, um alles, was ſich ihr nahte, von Sinnen zu bringen; viele Menſchen glaubten, ſie gebrauche ſchwarze Künſte und Liebestränke. Was auch daran ſein mag, man ſagt, daß mehr als zwölf Ritter um ihretwillen im Kampfe umgekommen und daß nie zwei Perſonen ihr nahen konnten, vhne ein⸗ ander nach dem Leben zu trachten. Es ſcheint, daß die beiden Brüder von Craenhove ſich durch ihre Liſt nicht fangen ließen, denn ſie blieben bei ihrer früheren Zunei⸗ gung.— Aber ein anderes Unglück traf ſie. „Eines Tages, gegen Abend ritt der jüngere Arnold aus dem Schloſſe und ſchlug den Weg nach dem Landgut der Gräfin de Merampré ein. Kurze Zeit darauf ritt ſein Bruder Hugv, begleitet von Abnlſaragus denſelben Weg. Dieſe Nacht blieben die Herren von Craenhove lang, ſehr lang weg; ſchon begann der Schlaf die Wachen zu über⸗ mannen, als plötzlich vor der Zugbrücke ein Ruf erſcholl, gleich dem Schrei eines Raubvogels. Die Wächter er⸗ kannten Abulfaragus Stimme. Man ließ die Brücke nie⸗ der und öffnete das Thor. Ohne jemanden anzuſehen oder etwas zu ſprechen, lief der alte Wahrſager nach dem Theile des Hofes, wo die Herren von Craenhove ihre Schlaf⸗ gemächer hatten. Er kam ebenſo ſchnell wieder zurück mit einem ſchwer beladenen Reiſeſack, ließ aufs neue die Brücke niederſenken und verſchwand im Dunkeln.— Ihr könnt Euch denken, wie ängſtlich und neugierig die Wächter auf die Löſung dieſer räthſelhaften Handlungsweiſe harrten. Während ſie einander ihre Vermuthungen und Gedanken mit⸗ theilten, hörten ſie nochmals den Schrei von Abulfaragus und ließen ihn ein. Dießmal ſprach der Wahrſager; er erzählte nämlich mit wenigen Worten, daß die Herren von Craen⸗ hove von Räubern angefallen worden und beide ihr Leben 16 verloren hätten; vaß ihre Leichen noch blutig auf dem Wege lägen und daß er nun komme, um Hülfe zu holen, damit man ſie nach dem Hofe bringe. Die verſtummten Diener gehorchten mit thränenden Augen: ſprachlos folg⸗ ten ſie dem kalten und gefühlloſen Abulfaragus. Nachdem ſie ungefähr eine Viertelſtunde gegangen waren, kamen ſie an einen Kreuzweg, und fanden dort den Ritter Arnold leblos in ſeinem Blute liegen. Aber wie ſehr ſie auch ſuchten, man fand die Leiche Hugo's ſo wenig, als die blutige Stelle, wo er gelegen haben ſollte. Arnolds Pferd graſte ruhig bei der Leiche ſeines Herrn, doch Hugos Pferd ſah man nimmer wieder. Was Abulfaragus mit dem Reiſeſack gethan, wagte ihn Niemand zu fragen. Arnolds Leiche wurde nach dem Hofe gebracht und auf ein Bett gelegt; unmittelbar darauf hieß der Wahr⸗ ſager jeden ſich zur Ruhe begeben und ſchloß ſich bei der Leiche ein. Des andern Tages ſagte er, der Ritter Ar⸗ nold ſei nicht todt, und würde vielleicht wieder geneſen. Nachdem er das Mittageſſen in Empfang genommen, ſchloß er die Thüre wieder zu. Dieß dauerte vierzehn Tage, bis er am fünfzehnten endlich mit Graf Arnold auf dem Vorhofe erſchien. Der Ritter war blaß, ſeine Wangen efügefallen, wie einer der von einer langen Krank⸗ heit aufſteht: auf ſeiner Stirne war eine tiefe Narbe, die er noch trägt. Dieß iſt Alles, was ich über das Haus van Craen⸗ hove erfahren konnte. Meine Schweſter Aleidis und ich erreichten endlich unſer vierzehntes Jahr. Wir waren nicht mehr ſo wild, noch ſo kindiſch, wie früher, doch unzertrennlich von ein⸗ ander. Nun erſchien Abulfaragus eines Morgens in unſerem Spielzimmer mit einem großen Buche unter dem Arme; er ſ Knit ſanf Jah Edel ren, beka Wa Ihr den vorl nen, hov ung faßt zu Bri fare gofſ der unv Die Dei den wie dur ich f dem holen, mmten folg⸗ chdem en ſie Arnold auch ls die Pferd Pferd dem t und Wahr⸗ ei der rAr⸗ eneſen. mmen, erzehn Arnold ſeine krank⸗ e, die Fraen⸗ endlich wild, nein⸗ nſerem Arme; 15 er ſetzte ſich auf einen Seſſel, ſchlug das Buch auf ſeinen Knieen auf und ſagte zu Aleidis in einem Tone, der viel ſanfter war, denn ſonſt: „Aleidis, edles Fräulein, Ihr habt nun das vierzehnte Jahr erreicht. Es iſt Zeit, daß Ihr lernt, was einer Edelfrau zu wiſſen ziemt. Bernhard kann Euch nichts leh⸗ ren, denn er iſt unwiſſend.“ „Zum erſtenmale in meinem Leben glühte ein mir un⸗ bekanntes Gefühl in mir auf. Wüthend beſah ich den Wahrſager; aber er lachte ſpottend und fuhr fort: „Es iſt der Wille Eures Bruders, Aleidis, daß Ihr Euer Gedächtniß zieret mit ſchönen Sprüchen und den Heldenthaten der Ritter. Die Zeit des Spielens iſt vorbei.— Ihr müßt einſt am Hofe der Herzogin erſchei⸗ nen, und was würde man ſagen, wenn Aleidis von Craen⸗ hove einer unwiſſenden Bäurin gliche?“ „Die Jungfrau bemerkte auf meinem Geſichte, welch' ungewohnter Schmerz mein Herz bedrücke; ſie ſtand auf, faßte meine Hand mit zärtlicher Theilnahme und ſprach zu Abulfaragus: „Ich will nichts lernen. Ihr wollt mich von meinem Bruder Bernhard trennen? das kann nicht ſein.“ „Euer Bruder, Euer Bruder!“ mukmelte Abul⸗ faragus,„wißt Ihr denn nicht, daß er Euer Diener iſt?“ „Bei dieſem blutigen Hohn, der über mich ausge⸗ goſſen wurde, ſtieß ich einen Schrei des Unwillens und der Entrüſtung aus: „Unedler!“ rief ich dem Wahrſager zu,„Du biſt unverſchämt genug, den Burggrafen von Reedale einen Diener zu nennen! Warum haſt Du kein adlig Blut in Deinen Adern? Dann wollt ich Dich lehren, wie man den Hohn beſtraft. Aber nein, ich will Dich behandeln, wie man Knechte behandelt!“ „Blind geworden in meiner Wuth und noch mehr gereizt durch das ſpöttiſche Lachen auf Abulfaragus Antlitze ergriff ich einen Weidenſtock und hob meinen Arm auf, um dem Hugo von Craenhove. 2 18 Wahrſager ins Angeſicht zu ſchlagen; aber in dieſem Au⸗ genblicke ſchoß ſein gelbes Auge einen unwiderſtehlichen Blick auf mich; ein kaltes Zittern machte meine Glieder erbeben und der Stock fiel mir aus der Hand, ohne daß ich begreifen konnte, welch' geheime Macht mich ſo plötzlich zu einem Feigling machtez ermattet ſank ich in einen Seſſel nieder; Abulfaragus lachte laut auf und Aleidis weinte ſeufzend. „Auf unſere ungünſtige Gemüthsſtimmung nicht ach⸗ tend, begann der Wahrſager in dem Buche zu leſen. An⸗ fangs wollten wir nicht darauf hören. Die Jungfrau ent⸗ fernte ſich von Abulfaragus und ſtellte ſich an das Fenſter; ich kehrte ihm den Rücken zu. Aber kaum hatte er etwas ge⸗ leſen, als wir uns mit unbegreiflicher Macht zu ihm hin⸗ gezogen fühlten; langſam und unwillig näherten wir uns und beide horchten wir mit Neugierde. O welch' ſchoͤne Dinge erzählte das Buch! Wie ergreifend und rührend war die Stimme des häßlichen Abulfaragus! Ich ſelbſt war gezwungen, Vergnügen an ſeinen Worten zu finden: Aleidis hing an ſeinen Lippen. „Nach einer Vorleſung von zwei Stuuden ſchlug der Wahrſager das Buch zu und verließ das Zimmer mit den Worten: „Morgen werden wir fortfahren.“ „Noch ganz dem Eindrucke hingegeben, den die ſchö⸗ nen Dinge, welche wir gehört, auf uns machten, blieben wir lange ſchweigend ſitzen; endlich ſprachen wir zuſam⸗ men darüber. Aleidis konnte nicht aufhören, von Ritter Walewein und von König Artur zu reden, deren Geſchichte Abulfaragus uns vorzuleſen begonnen. Den ganzen Tag hörte ich nichts, das unſeren früheren Geſprächen glich, und welche Mühe ich mir auch gab, die Aufmerkſamkeit von Aleidis auf etwas Anderes zu ziehen, es gelang mir nicht. Oft ſagte ſie zu mir: „Warum kannſt Du nicht leſen, Bernhard! Wie ſchön wäre es dann! Deine Stimme iſt ſo ſanft und hell nöth weh auf ſcha Abu mer ſelb ich Abr ſam ſetzt und ſuck Bu Wo Se faß und Jed ter auf von dra und ein wa unt den ber n Au⸗ hlichen lieder e daß lötzlich einen Aleidis t ach⸗ An⸗ ent⸗ nſter; as ge⸗ n hin⸗ runs ſchoͤne ihrend ſelbſt inden: g der it den lieben uſam⸗ Ritter hichte Tag glich, mkeit mir Wie und 19 hell! Dann würden wir den ſchrecklichen Abulfaragus nicht nöthig haben.“ „Ich unterdrückte gewaltſam meinen Schmerz, wie weh es mir auch that, zu ſehen, wie ſehr meine Aleidis auf ein Vergnügen erpicht war, das ich ihr nicht ver⸗ ſchaffen konnte. „Am andern Tage und an allen künftigen Tagen kam Abulfaragus zur beſtimmten Stunde um im Leſen fortzufahren. „Nie erſchien er früh genug für Aleidis und ging im⸗ mer zu früh. Obwohl mich die Jungfrau noch mit der⸗ ſelben Zuneigung umfaßte, ſo fühlte ich doch wohl, daß ich nicht mehr, wie früher Alles für Sie war und daß Abulfaragus mit ſeinen ſchönen Büchern alle ihre Aufmerk⸗ ſamkeit und Gefühle in Anſpruch nahm. „Die Wiß begierde, die Dich an mir in Erſtaunen ge⸗ ſetzt, begann mich wie ein Feuer zu verzehren: Nacht und Tag ſann ich auf Mittel, leſen zu lernen. Oft ver⸗ ſuchte ich, mich hinter Abulfaragus zu ſtellen und in das Buch zu ſehen, während er las. Doch dann ſchloß der boſe Wahrſager alsbald das Buch, bis ich wieder auf meinem Seſſel ſaß. Mehr als einmal hatte ich den Vorſatz ge⸗ faßt, mit Gewalt die Thüre eines Zimmers aufzubrechen und ein Buch wegzunehmen; aber es gelang mir nicht. Jedesmal, wenn ich es verſuchte, ſtund Abulfaragus hin⸗ ſermir „Eines Morgens erinnerte ich mich, daß Buchſtaben auf dem Grabſteine im Ulmenhaine eingehauen waren; von Neugierde getrieben, überwand ich meine Angſt und vrang zitternd ein. Verdorrte Blumen bedeckten rings den Boden und den Stein, auf deſſen Schrift ich bewußtlos und mit glühendem Antlitz ſtarrte. Plötzlich hörte ich ein Rauſchen der Blätter und den Kopf umkehrend, ge⸗ wahrte ich Abulfaragus, der zum Grabſteine kam. Voll Angſt und beinahe todt vor Schrecken, verbarg ich mich unter dem dichteſten Laube und meinen Athem zurückhaltend, beobachtete ich meinen Feind. Abulfaragus näherte ſich lang⸗ 20 ſam dem Grabe, zog ein Körbchen mit Blumen unter ſeinem Obergewande hervor und ſtreute ſie über den Stein; ihr Balſamgeruch war ſo kräftig, daß ein wohl⸗ riechender Duft mein Verſteck durchdrang. Ich hörte nun Abulfaragus Stimme, die ſchluchzend ſagte: „O Herr Jeſus durch Dein theures Blut gib der Seele meines Wohlthäters und meiner Schweſter den ewigen Frieden! Amen.“ „Und dann beugte er das Haupt zum Steine herab und vergoß Thränen, ſo daß ich ſelbſt aus Mitleiden zu weinen begann; ich konnte mich nicht länger ruhig ver⸗ halten, ich mußte mir eine Thräne trocknen. Durch dieſe Bewegung entdeckte mich Abulfaragus;— ich ſah ſeine zwei Augen ſo flammend auf den meinen ruhen, daß mir ein Angſtſchrei entflog. Der Wahrſager ergriff mich bei der Hand, zog mich unter dem Laube hervor und ſprach in fürchterlichem Tone: „Du haſt geſehen und gehört, Vermeſſener! Aber wenn Du zu ſprechen wagſt, wird Dir der Tod den Mund auf ewig ſchließen.“ „Während ich knieend um Vergebung bat, entfernte ſich Abulfaragus, mir von fern noch einen gewaltigen, dro⸗ henden Blick zuſendend. Nicht länger blieb ich da, denn nun war mir der Ulmenhain ſchrecklicher, denn je geworden; ich wanderte lange irrend umher, bis ich mich hergeſtellt fühlte und zu Aleidis zurückkehrte. Wie ſehr ich auch inner⸗ lich von dem Gedanken gefoltert ward, was Abulfaragus ge⸗ ſagt habe, und ob die Mutter meiner Aleidis die Schwe⸗ ſter des haſſenswerthen Abulfaragus ſei, ſo hätte ich doch um nichts in der Welt von dem Beſuch bei dem Grabſtein geſprochen; ich ſchwieg wie ein Stummer über dieſen Vorfall. Täglich kam Abulfaragus zum Leſen und ſchien nicht mehr zu wiſſen, daß ich ihn beobachtet habe. Ich wurde mager und verlor meine Farhe, ſo ſehr brannte in meinem Herzen die unbefriedigte Luſt zum Wiſſen und der Neid auf Abulfaragus Kunſt. wie ſein und gier dem ſage Aue wei ſo e Fre ſch mie mei fol Zir vor Leh ver geh Si unter rden wohl⸗ te nun b der r den herab en zu er⸗ dieſe zwei r ein i der ch in Aber den ernte dro⸗ nun rden; ſtellt nner⸗ 3 ge⸗ hwe⸗ m ſtein rfall. mehr urde inem Neid 21 „Eines Tages, ich werde es nie vergeſſen, ſaßen wir wieder bei dem Wahrſager; er hatte ein neues Buch auf ſeinen Knieen liegen, da wir am vergangenen Abend Flos und Blaneflos zu Ende geleſen. Aleidis ſah ihn be⸗ gierig an und ſchien vor Neugierde jedes Wort ihm aus dem Munde nehmen zn wollen. Plötzlich gab der Wahr⸗ ſager ſeinem Geſichte eine unbegreifliche Süßigkeit, ſeine Augen ſtrahlten mit mehr Feuer, ſeine Stimme wurde weich. Er wandte ſich an Aleidis und las folgende Worte:— ich lernte ſie beim erſten Vorleſen auswendig, ſo ergriffen ſie mich: Schoͤne Jungfrau hold und rein, Alle Tugenden ſind Dein; Edel und von feiner Art, Artig, keuſch und ſanft und zart, Wie ſoll ich die Worte finden, Deine Ehre zu verkünden, Deiner Schönheit Zauberkraft, Kluge Sprach' und Wiſſenſchaft— Niemand kann ſich mit Dir meſſen: Gott hat nichts an Dir vergeſſen. „Ich ſah während des Leſens dieſer Worte die innigſte Freude ſich auf Aleidis Antlitz ſpiegeln; aber je mehr dieſe ſchmeichelnden Worte ſie ergriffen, deſto mehr quälten mich Schmerz und Neid. Thränen floßen reichlich über meine Wangen, bis der Wahrſager aufſtand und ging. „Ohne Aleidis etwas von meinem Vorſatze zu ſagen, folgte ich ihm auf dem Fuße bis vor die Thüre ſeines Zimmers. Da warf ich mich weinend auf die Kniee vor ihm nieder und rief mit ſchmerzlich bewegter Stimme: „O Abulfaragus gieb mir ein Buch um Gottes willen. Lehre mich leſen, wenn Du mich nicht zu Deinen Füßen verſchmachten ſehen willſt. Ich will Dich verehren, Dir gehorchen, als Dein Knecht. O habe Mitleiden mit mir. Siehſt Du nicht, daß die Wißbegierde mich verzehrt?“ 22 „Dieß ſagend umſchlang ich ſeine Kniee und benetzte ſeine Hände mit meinen Thränen. Er ließ mich gewäh⸗ ren, ohne zu antworten, und ſchien ſich an meiner Be⸗ trübniß zu weiden. Ich wiederholte mit mehr Kraft und mit bittender Stimme meinen Wunſch; aber er, der böſe Peiniger, er ſteckte den Schlüſſel in die Thüre, öffnete dieſelbe und mich mitleidslos mit dem Fuße wegſtoßend, trat er in das Zimmer, ſchloß es zu und antwortete von drinnen mit einem ſpöttiſchen Ha, ha, ha! „Gebrochenen Herzens und niedergedrückt von Scham, kehrte ich langſamen Schrittes zu Aleidis zurück. Da warf ich mich wie unmächtig in einen Seſſel, begann zu weinen, zu ſeufzen und zu raſen, wie ein Wahnſinniger. Aleidis wollte mich tröſten, aber mun ſtieß ich auch ſie zurück, und weigerte mich, mit ihr zu ſprechen. Ihre Thränen machten endlich meiner Wuth ein Ende. Dann rief ich: „Aleidis, Du haſt mir geſagt, ich ſolle immer Dein Bruder ſein.— Dieß Verſprechen haſt Du gebrochen. Abulfaragus iſt mein Blutfeind, er wird mich noch umbrin⸗ gen. Eben ſtieß er mich noch von ſich wie man einen Hund wegſtößt. Eine Schweſter kann den nicht lieben, der ih⸗ ren Bruder ſo behandelt. Sie verlangt nicht nach ſeiner Gegenwart, ſie findet ſeine abſcheuliche Stimme nicht ſchoͤn! Ich bin adeligen Blutes, Aleidis, und ich werde es nicht länger ertragen, daß ein unedler Menſch mich verhöhne und verachte;— ſelbſt Deine Zuneigung läßt mich den Hohn nicht mehr vergeſſen.— Morgen verlaſſe ich den Laternenhof.— Ich werde gehen auf Gottes Gnade bauend und Du wirſt mich nimmer wiederſehen! Ich weiß wohl, daß mein Gehen Dich nicht ſehr ſchmer⸗ Zen wird. Du bleibſt ja bei Abulfaragus, er kann Dir peſſer ſagen, als ich: Schöne Jungfrau, hold und rein, Nichts hat Gott an Dir vergeſſen. enetzte ewäh⸗ r Be⸗ ft und r böſe ffnete ßend, e von cham, Da nn zu niger. ch ſie Ihre Dann Dein chen. brin⸗ Hund r ih⸗ t nicht verde mich läßt laſſe ottes hen! mer⸗ Dir 23 „O ich werde leſen lernen, ich werde es lernen. Aber dann ſollen Andere meiner Stimme lauſchen. „Während meiner böſen Worte ſenkte Aleidis das Haupt, wie unter einer großen Laſt; plötzlich ſprang ſie auf, wahrſcheinlich, um mir den Mund zu ſchließen; aber ihre Kräfte ſchwanden und ſie ſank unmächtig zu Boden. „Ich wollte um Hülfe rufen, aber bei Abulfaragus Erſcheinen ſtarb das Wort auf meinen Lippen; er betrach⸗ tete mich mit verächtlichem Lächeln, nahm Aleidis in ſeinen Arm und belebte ſie wieder durch den Blick ſeiner Augen und verließ das Zimmer. „Nun begann Aleidis unter bittern Thränen mir meine Graufamkeit zu verweiſen; ſie ſagte mir ſo viel zärtliche Worte und gab mir ſo vielfache Verſicherung ihrer Zu⸗ neigung, daß ich wenige Augenblicke ſpäter ſie auf meinen Knieen weinend um Vergebung bat. Wir wurden wieder gute Freunde und gelobten einander alles Geſchehene zu vergeſſen. „Des andern Tages kam Abulfaragus mit einem Buch in unſer Gemach und ſetzte ſich nieder, um ſeine Vorleſung zu beginnen. Ich ſah plötzlich die Stirne Aleidis ſich rö⸗ then; ſie näherte ſich Abulfaragus, ſchlug die Hand auf das Buch und riß einige Blätter heraus. Dieſelben in Stücke zerfetzt auf den Boden werfend, ſagte ſie mit ſanfter Stimme zu Abulfaragus: „So werde ich immer thun, wenn Du es wagſt, mit Büchern in meinem Zimmer zu erſcheinen.— Und nun geh hin, Ungläubiger!“ „Ein dumpfer Schrei war Abulfaragus Antwort; er warf ſich mit Händen und Füßen auf den Boden, und raffte ſo raſch er konnte, die Stücke der zerriſſenen Blät⸗ ter zuſammen. Ich ſah zwei Thränen aus ſeinen Augen fallen; zweifelsohne betrauerte er den Verluſt eines ſo koſtbaren Buches. Aufſtehend, floh er aus dem Gemache und rief in klagendem Tone;„Wehe, wehe!“ „Von dieſem Tage an ließ Abulfaragus uns in Frie⸗ 24 den, wir lebten glücklich und vergnügt; aber die einmal angefachte Wißbegierde verließ mich nie und ich blieb bei dem Vorſatz, leſen zu lernen, was es auch koſten möge. „Je älter ich wurde, deſto mehr entſchwand die Erinne⸗ rung an den Vorfall bei dem Grabſtein meinem Gedächt⸗ niß, aber aus Haß gegen Abulfaragus begann ich Alles zu verſuchen, um herauszubringen, was mein unſichtbarer Wohlthäter und der Wahrſager ſo ſorgfältig vor mir ver⸗ bargen. Daß der Letztere es ahnte, konnte ich an dem glühenden Haß bemerken, den er auf mich geworfen hatte. Einſt, als ich früher aufgeſtanden, denn meine gute Schwe⸗ ſter Aleidis, wandelte ich neugierig an den Thüren der Zimmer vorüber, die immer für mich verſchloſſen blieben. Eine derſelben hatte einen Spalt; auf meinen Fußſpitzen ſtehend, blickte ich mit klopfendem Herzen in das Gemach. Da ſah ich Graf Arnold, wie gelähmt, in einem Lehn⸗ ſeſſel ſitzend; ſein Auge war bewegungslos nach der Wand gerichtet, an der eine ſchwarze Tafel hing, die mit gol⸗ denen Zeichen bemalt war; neben ihm ſaß Abulfaragus, in einem Buche leſend. In dem Augenblick, als ich an der Thüre erſchien, hörte ich Graf Arnold ſprechen: „Du ſagſt, Abulfaragus, der junge Bernhard müſſe das Schloß verlaſſen? Aber Du denkſt nicht an die Ver⸗ zweiflung, die Aleidis trifft, wenn man ihr den Freund der Kinderjahre nimmt?“ „Es iſt eine Schlange, die Du aufziehſt 2“ ſprach der Wahrſager,„wenn er hier bleibt, entdeckt er noch das ſchreckliche Geheimniß und er wird das Haus Deiner Väter einer blutigen Schandthat beſchuldigen.“ „Nein, nein! ſprich mir nicht davon,“ rief Graf Arnold.„Es gibt in dieſem Schloſſe nur zwei Herzen, die die Freude kennen— und Du wollteſt mir dieſe Her⸗ zen brechen?“ „Es muß ſein!“ rief Abulfaragus in überredendem Tone.„Höre! Dieſe Nacht um zwölf Uhr war der Himmel mit Sternen beſät; leicht fand ich die Planeten von 1 Bern Müh fernte ſich il Stra ich d gen, der G Haus Schle ger E derkor So l herzi Leide duld, „wen würd und ben? Euc hov den men zuerſ Sche Blut feige Scht beinc mich Arnt inmal eb bei ge. rinne⸗ dächt⸗ es zu barer r ver⸗ dem hatte. chwe⸗ nder eben. vitzen nach. ehn⸗ Land gol⸗ s, in tder müſſe Ver⸗ eund rach das einer Graf rzen, Her⸗ dem der leten 25 von uns Allen. Dein Stern glänzte ſchwach neben dem Bernhards, und ſchien als halbgelöſchtes Lämpchen mit Mühe hie und da noch karg aufzuflammen. Plotzlich ent⸗ fernte ſich Bernhards Stern von dem Deinen; doch bald ſich ihm wieder nähernd, erleuchtete ſich derſelbe mit einem Strahlenkranze von Freude und Troſt.— Dann habe ich durch die Macht meiner Kunſt das Schickſal gezwun⸗ gen, ſich zu erklären, und nun höre, was die Stellung der Sterne mir geſagt:— Wenn Bernhard nicht Dein Haus verläßt, wird er der Ehre deſſelben zwei ſchreckliche Schläge beibringen, und den Namen Craenhove mit ewi⸗ ger Schande beladen. Wenn er geht, wird er einſt wie⸗ derkommen, und Dich mit Freude und Seligkeit überladen. So lautet das unerbittliche Urtheil des Schickſals!“ „O Abulfaragus, wie grauſam biſt Du! Wie unbarm⸗ herzig gegen meine Schweſter Aleidis. Nein, eher ſollen meine Leiden ſich verdoppeln, als daß ſie das Unglück kennen lerne!“ „Arnold, Arnold!“ rief der Wahrſager mit Unge⸗ duld, während er auf die goldnen Zeichen der Tafel wies, „wenn Du immer meine Weiſſagung geglaubt hätteſt, würdeſt Du jetzt nicht leiden, Du würdeſt nicht mit Reue und Schmerz zu Grabe gehen. Was ſteht hier geſchrie⸗ ben?—„Wenn das Weib einen Platz zwiſchen Euch beiden findet, ſo wird das Haus Craen⸗ hove mit ſeinem eignen Blute befleckt wer⸗ den?“— War es nicht alſo? Nun fehlt Deinem Na⸗ men nichts mehr als die offenbare Schande. Nun wirf zuerſt den Koth in Dein eigenes Antlitz, beſchimpfe den Schatten Deines Vaters, ſchreib auf ſein Grab, daß ſein Blut ein ſchändlich Blut! Habe den Muth zu dieſer feigen That. „Während dieſes Geſprächs hatte ich vor Angſt und Schrecken wie ein Eſpenblatt gezittert; nun mangelte mir beinahe alle Kraft, ſo daß ich zu meiner Unterſtützung mich an der Mauer halten mußte. Ich ſah, daß Graf Arnold das Haupt tief auf die Bruſt ſinken ließ, und 26 unter den grauſamen Worten Abulfaragus' ſeinen Nacken beugte. Nach langer Pauſe fragte dieſer mit feſter Stimme; „Nun, Graf Arnold, was befiehlſt Du?“ „Er ziehe!“ war die ſchreckliche Antwort. „Habe Dank;“ ſprach der Wahrſager,„aber das Schickſal will, daß er ziehe wie er gekommen, arm und verſtoßen.“ „Ein banger Seufzer löſte ſich aus Graf Arnolds Bruſt. Als ſich derſelbe zu Worten formte, klang mir dies ſchreckliche Urtheil in das Ohr: „Es ſei ſo, thue mit ihm nach Deinem Willen!“ „Nun fiel ich kraftlos zuſammen, und begann zu wei⸗ nen. Meine Seufzer drangen bis in das Zimmer. Abul⸗ faragus öffnete daſſelbe, ſtand vor mir und grinzte mich wie ein Teufel an, ſich an meinem Schmerze weidend. Lachend ſchritt er durch den Gang und ſtieß einen Schrei aus, der durch das ganze Schloß wiederhallte. Dann hörte ich viele Thüren öffnen und ſchließen, Diener laufen und ein Geräuſch, wie von Menſchen, die eine Arbeit raſch beſorgen wollen. Plötzlich ſagte mir eine innere Stimme, daß man damit umginge, mich auf immer von Aleidis zu trennen. Ich ſprang auf und lief eilig zu dem Gemache, wo meine Schweſter ſich noch kurz zuvor befunden hatte. Ach, Al⸗ brecht, die Thüre war geſchloſſen! Wie ſehr ich auch rief, obgleich ich mir die Hände am Schloſſe wund rüttelte, mir ward keine Antwort, als das Echo meiner eigenen Klagen. Verzweifelnd und den Tod in der Bruſt, lief ich wie ein Wahnſinniger durch das ganze Schloß; keinen Thurm ließ ich unbeſucht und keine Thüre lief ich vorüber, ohne nach meiner Aleidis zu fragen; aber Alles blieb verſchloſſen und ſtumm. O was war ich unglücklich, Albrecht. Bald erhob ich wieder meine Klagen vor Alei⸗ dis Zimmer, bald weinte ich unter den Bäumen, bald wandelte ich unter den gewölbten Gängen; doch nichts half mir, mein Urtheil war gefällt und vollzogen,— ich hatte meine Schweſter Aleidis verloren. 7 wo ic zogen Wie! mir e zum! Das ich ſa vergeſ ſtand fühlte meine Auger Schlo mit 2 ſinnt Ctm horch gebra einige verbri ehren — ich w Schr meine mich meine er G Stile hölliſ Nacken timme: er das m und lrnolds ng mir n! u wei⸗ Abul⸗ ich wie achend us, der rte ich nd ein eſorgen man rennen. meine h, Al⸗ h rief, üttelte, igenen keinen rüber, blieb ücklich, Alei⸗ „ bald nichts — ich „Gegen Abend ſaß ich auf dem Gras, an dem Platze, wo ich ſo oft mit ihr geſpielt und meine Erinnerungen zogen in lebendigen Bildern an meinem Geiſte vorüber. Wie litt ich dabei! Es war, als ob jede dieſer Freuden, mir ein ewig Lebewohl ſagen wollte, wie man einen Freund zum letztenmale umarmt, den man nimmer wiederſieht. Das Gras war durch meine heißen Thränen verwelkt: ich ſah die Maiblümchen ſich ſchließen und ſterben „Endlich verlor ich das Bewußtſein; ich hatte Alles vergeſſen, und ſchlief mit offenen Augen. In dieſem Zu⸗ ſtand muß ich lange zugebracht haben, denn erwachend, fühlte ich, daß meine Glieder erſtarrt waren und ſich meinem Dienſte nicht fügen wollten. Als ich meine Augen aufſchlug, ſah ich vor mir einen alten Diener des Schloſſes ſtehen. Es war ein ſechzigjähriger Waffenknecht, mit Namen Rogier, der mir am wenigſten feidlich ge⸗ ſinnt war und mich mitleidig anzuſehen ſchien. „Steh' auf, Bernhard,“ ſprach er,„ich muß Dir Etwas ſagen.“ „Als ich mich aufgerichtet, trat ich näher zu ihm und horchte ängſtlich auf folgende Worte: „Bernhard, es wird etwas Schreckliches gegen Dich gebraut. Es ſcheint, Du haſt ein Verbrechen begangen; einige behaupten, Du habeſt unter den Bauern ein Gerücht verbreitet, das unſer Fräulein beſchimpfen kann. Auf Deine ehrenruhrigen Worte wartet eine ſchreckliche Strafe.“ „Ich, meine Schweſter Aleidis geläſtert? O Albrecht, —ich wurde zerſchmettert von der falſchen Anklage. Ein Schrei der Verzweiflung und unmächtiger Wuth entflog meiner Bruſt; ich riß mir die Haare aus und geberdete mich wie ein Wahnſinniger. Der alte Kriegsmann ergriff meine Hand, um mich zu beruhigen, und fuhr fort: „Bernhard, kennſt Du Abulfaragus? Weißt Du, daß er Gift und Galle aus dem Honig kochen kann? Daß ein Stilet in ſeiner Hand ein Spielzeug iſt und daß ihm die hölliſchen Geiſter dienen? Warſt Du je in den unter⸗ 28 irdiſchen Gemächern des Schloſſes 2 Nun, dieß Alles droht Dir. Fliehe, ich habe ein geheimes Thor offen gelaſſen; Du kannſt leicht durch den Graben walen.— Gehe, Dein Verbrechen iſt groß, aber Du biſt noch zu jung, um eines bitteren„ „In dieſem Augenblicke funkelte Abulfaragus gelbes Auge hinter einem Baum hervor; die Worte erſtarrten auf dem Munde des Waffenknechtes und er entfernte ſich be⸗ bend von mir. „Ich begreife nicht, was mir dann geſchah; meine Augen begannen ſich zu drehen, Bäume und Thürme tanz⸗ ten in flüchtigen Kreiſen vor mir, und ich mußte mich wieder ins Gras niederſetzen, wenn ich nicht fallen wollte. Niedergedrückt von meinen Leiden, blieb ich einige Zeit faſt gefühllos in dieſem Sinnen, bis mir endlich das Be⸗ wußtſein zurückkehrte. Dann gedachte ich der Worte des alten Waffenknechtes; ich ſah in meinen Gebanken Kelche mit Gift für mich gefüllt, und Dolche auf meine Bruſt gezückt. O Albrecht, da fühlte ich erſt, was Todesfurcht iſt, ich wurde ängſtlich, und ergriff das Mittel, das mir der Waffenknecht als letzte Hoffnung gewieſen. „Begünſtigt von dem Halbdunkel ſchlich ich unter den Bäumen nach dem Theile der Feſtungsmauer, wo die Hülfspforte war— einige Schritte noch, und ich hatte dieſelbe erreicht! Dieſe Gewißheit gab mir wieder Muth und Kraft. Es war ein Troſt für all' mein Leiden, daß ich den häßlichen Abulfaragus nimmer ſehen ſollte. Aber anders hatte es der Himmel beſchloſſen.. Da ſaß Abulfa⸗ ragus bor der Hülfspforte!— Während ich, wie von einem unerwarteten Schlage getroffen, ſtehen blieb und das Haupt auf die Bruſt ſinken ließ, ſtand der Wahrſager auf und näherte ſich mir, ehe ich es bemerkt hatte. Ich fühlte ſeine beinerne Hand die meine ergreifen; dann ſprach er mit ungemein ſanfter Stimme, wie er mit Aleidis zu reden pflegte: „Bernhard, mein junger Freund, Du biſt unglücklich? Wen nicht* Recht. unden Gift, Er ſch E zu Gr „wie 2 theil g Wahrſ ich n lauſcht ich es noch r Wohlt mich düſtere den ur anſehe 7 böſen thue mich h zu Lei haben. iſt ede es droht elaſſen; e, Dein n eines gelbes ten auf ich be⸗ meine te tanz⸗ mich wollte. e Zeit 18 Be⸗ te des Kelche Bruſt sfurcht as mir ter den vo die hatte lbulfa⸗ einem d das zer auf fühlte ach er dis zu lich 29 Wen beſchuldigſt Du in Deinem Herzen? Abulfaragus, nicht wahr?“ „Ja, ja,“ rief ich aus,„ich beſchuldige Dich mit Recht. Du haſt mich ſtets wie ein böſer Geiſt verfolgt, und nun kocht vielleicht bereits auf Deinem Feuer das Gift, das mich tödten ſoll.“ „Ein bitteres Lächeln war des Wahrſagers Antwort. Er ſchwieg eine Zeitlang und fragte dann: „Bernhard, haſt Du gehört, was ich dieſen Morgen zu Graf Arnold ſagte?“ „Ich habe es gehört,“ antwortete ich unter Thränen, „wie Du mich geläſtert und wie Du um mein Todesur⸗ theil gebeten.“ „Haſt Du ſonſt nichts gehört, Bernhard?“ fragte der Wahrſager nochmals. „In der Abſicht, meinen Feind zu erſchrecken, heuchelte ich nun, etwas von ſeinen wichtigen Geheimniſſen er⸗ lauſcht zu haben, und antwortete beißend: „Ja ich habe noch mehr gehört;— doch nie würde ich es wagen, etwas von dem zu ſagen, was ich weiß und noch weniger, was ich vermuthe. Graf Arnold iſt mein Wohlthäter!“ „Die Stille, welche auf dieſe Worte eintrat, wunderte mich außerordentlich. Abulfaragus ſchien plotzlich noch düſterer zu werden, als ich: er ſchlug ſein Auge zu Bo⸗ den und ſeufzte ungemein ſchmerzlich. „Das Haupt wieder erhebend und mich beinahe bittend anſehend, ſprach er: „Bernhard, mein Kind, Du ſiehſt mich für einen böſen Menſchen an, nicht wahr? Wüßteſt Du, was ich thue und warum ich es thue? Wüßteſt Du, warum ich mich haſſe, da ich doch nie auf dieſer Welt Jemanden etwas zu Leide gethan, v du würdeſt Mitleiden mit Abulfaragus haben. Du würdeſt ihn gewiß lieben, denn Dein Herz iſt edel und rein.“ „Wie ſoll ich meine Verwunderung ausdrücken, Al⸗ 30 brecht? Der Mann, den ich für einen Teufel gehalten, ſtund bittend vor mir; ſeine Worte drangen zu meinem Herzen, ich fühlte in der That Mitleiden und meine Furcht verging. „Abulfaragus,“ ſeufzte ich,„Du machſt mich ſtaunen. Spricht Dein Mund die Wahrheit?“ „Folge mir,“ ſprach er, mich bei der Hand ergreifend, „folge mir, die Zeit iſt koſtbar.“ „Es mußte wirklich kein Gefühl Abulfaragus Stimme widerſtehen können, denn ſeine wenigen Worte hatten nicht allein meinen Haß und meine Angſt, ſondern auch all' mein Mißtrauen vertrieben. Ich folgte ihm deßhalb gutwillig bis vor die Thüre ſeines Gemaches. „Hier begann eine leichte Furcht ſich meiner wieder zu bemächtigen; ich trat in ein geheimnißvolles Zimmer, das acht Jahre lang meine Neugierde wach gehalten. Ich zitterte, als ich die Thüre aufgehen hörte und hineinſchritt. Was ich jedoch ſah, erſchreckte mich nicht und ich war ſehr erſtaunt, nichts Geiſterhaftes und Gefährliches zu ſehen. Das Zimmer war ſchmutzig und in Unordnung: eine eiſerne Lampe erleuchtete es nur ſpärlich; da und dort ſtanden Gerippe von kleinen Thieren, etwas getrocknete Kräuter, einige Bücher; ein großes Liebfrauenbild, von zwei ſchönen Blumenſtöcken umduftet.— Dieß war Alles. „Abulfaragns ließ mich in einen Stuhl ſitzen, ſtellte gleichfalls einen Seſſel neben mich, nahm mich bei der Hand und ſprach: „Bernhard, Du glaubſt, ich haſſe Dich und ſuche Dein Verderben? Du täuſcheſt Dich, mein Freund, außer denen von dem Blute derer von Craenhove,„liebe ich Niemanden als Dich. Ich habe Dir in der That Uurſache gegeben, mich zu fürchten und zu haſſen; aber dazu nöthigte mich das unerbittliche Schickſal. Ich ſah Dich auf den La⸗ ternenhof kommen; Deine Ankunft freute mich. Ich ließ Dich im Frieden, bis eine unwiderſtehliche Neugierde Dich zur Erforſchung von Dingen trieb, die Du nicht wiſſen ſollſt. währen des Ha geopfer verfolg den Ar Aleidis windlic denn ie Dich Schme Beweg Dir au Herren ſich ih feurig baren Bernhe Triebe empfin zehrent ſich üb ihrem wirſt 2 laſſen. nicht 1 entkleit Hund. es nich Bitte Du be willſt? . Wahrſ vermoe halten, neinem Furcht aunen. eifend, timme nnicht 'mein twillig wieder immer, . Ich ſchritt. ar ſehr ſehen. eiſerne ſtanden räuter, ſchönen ſtiellte ei der e Dein denen nanden egeben, e mich n La⸗ ch ließ Dich wiſſen 31 ſollſt. Da ergriff ich die Wagſchaale, legte Dich hinein, während in der andern Schaale das Glück und die Ehre des Hauſes Craenhove lag. Du wogſt weniger und mußteſt geopfert werden.— Du mufßt fortziehen! Ich habe Dich verfolgt und verurſachte Dir Leiden, in der Hoffnung, Dir den Aufenthalt auf dem Laternenhofe zu verleiden; aber Aleidis heilte alle Deine Schmerzen, Du warſt unüber⸗ windlich. Du haſt ein Recht, mich zu haſſen, Bernhard; denn ich überhäufte Dich oft mit Verdruß;— und um Dich zu erſchrecken, ſchien ich Vergnügen an Deinem Schmerz zu finden. Du biſt zu jung, mein Sohn, um die Beweggründe dieſes Betragens zu begreifen, wenn ich ſie Dir auch mittheilen wollte. Abulfaragus iſt an das Haus der Herren van Craenhove wie ein Sklave gebunden; er muß ſich ihrem Wohlergehen opfern, und während er Dich ſo feurig liebte, zwang ihn dieſe Sklaverei zu einer ſchein⸗ baren Feindſchaft gegen Dich. Später ſollſt Du erfahren, Bernhard, warum ich Dich von Aleidis trenne, es gibt Triebe des Herzens, welche Du glücklicherweiſe noch nicht empfindeſt, die aber den Geiſt durchglühn, wie ein ver⸗ zehrend Feuer. Dieſe Nacht hat Gott durch ſeine Sterne ſich über Deine Zukunft ausgeſprochen; nichts kann Dich ihrem Urtheile entziehen. Morgen vor Sonnenaufgang wirſt Du das Schloß freiwillig oder durch Gewalt ver⸗ laſſen. Höre, zu was ich gezwungen bin, wenn Du Dich nicht unterwirfſt:— Ich werde Waffenknechte rufen, Dich entkleiden und aus dem Schloſſe werfen laſſen, wie einen Hund.— Das wäre grauſam, nicht wahr? Ja, ich werde es nicht thun; denn Du unterwirfſt Dich, erhörſt meine Bitte und ergibſt Dich in Dein Geſchick. Sage mir, daß Du bereit ſeiſt, zu folgen. Sage mir, ob Du gehen willſt?“ „Gebeugten Hauptes horchte ich auf die Worte des Wahrſagers. Thränen floßen über meine Wangen, ich vermochte nicht zu antworten. „Du weinſt, mein Sohn,“ fuhr Abul fort,„ich ſehe 32 Deine Thränen bei dem Scheine der Lampe glänzen, Aleidis macht Dich weinen, nicht wahr? Es fällt Dir ſo ſchwer, Deine gute Schweſter Aleidis zu verlaſſen?“ „Auf immer, auf ewig!“ rief ich mit bewegter Stimme. „Mein Freund,“ fuhr der Wahrſager fort,„das Schickſal hat ausgeſprochen, Du müßteſt den Laternenhof verlaſſen, aber es hat hinzugefügt, daß Du zurückkommen werdeſt, um immer hier zu wohnen.“ „Dieſe Worte ſenkten ſüßen Troſt in mein Herz, und ich ſah Abulfaragus mit Dankbarkeit an; er ſchien mir nicht mehr ſo ſchrecklich, im Gegentheil, ſein Antlitz hatte etwas ſo ſanftes, wie das Antlitz eines Vaters, der mit ſeinem Kinde ſpricht. „Bernhard,“ fuhr er fort,„verſpreche mir, daß Du meinen Willen thun werdeſt und ich ſage Dir mit Einem Wort, welch' unſchätzbares Glück Deiner wartet.“ „Ich drückte ſeine Hand und ſagte, ich werde ihm in Allem folgen. „Nun,“ ſprach Abulfaragus mit eindringlichem Tone, „wenn Du das Schloß verlaſſen, werde ich verhindern, daß ein anderer Jüngling Aleidis nahe; ich werde für Dich thun, was ein Vater für ſeinen Sohn thut, ihm eine reine und liebreiche Braut bewahren. Das Schickſal hat ausgeſprochen, Du werdeſt einſt Aleidis zur Frau be⸗ kommen und über den Laternenhof, ja ſelbſt über Abul⸗ faragus gebieten! Iſt dieß genug für Deine Liebe und Deinen Stolz, Jüngling?“ „Einige Augenblicke verſtummte ich über dieſe ent⸗ zückende Prophezeiung. Bald aber ſprang ich vom Seſſel und ſiel auf meine beiden Kniee vor dem Wahrſager nieder; da weinte ich vor Freude und Glück. Endlich rief ich: „Dank, Dank, Abulfaragus! O möchteſt Du Dich nicht irren!“ „Irren, mein Kind? Ja ich habe mich bisweilen „ geirrt ich b füllen mand eine! daß was In 2 dieſe Dir More wirſt iſt m und 1 nie 2 ges ſollſt dem zurüc darf, gema derba welch verga ungli Loos zu ve Wille danke thäte zu h wie breite etwa Aleidis ſchwer, ewegter „„das rnenhof ommen rz, und ir nicht etwas ſeinem aß Du Einem ihm in Tone, hindern, rde für t, ihm Schickſal rau be⸗ rAbul⸗ Deinen ſe ent⸗ Seſſel hrſager Endlich u Dich isweilen 33 geirrt. Meine Kunſt iſt nicht untrüglich. Tröſte Dich aber, ich bleibe hier, um einen Theil meiner Weiſſagung zu er⸗ füllen? Wird Aleidis nicht die Deine, ſo ſoll ſie nie Je⸗ manden angehören. Uebrigens habe ich nie die Sterne eine deutlichere Sprache reden ſehen und ich bin überzeugt, daß das Schickſal mich nicht täuſcht. Hore nun, Bernhard, was Du thun mußt, um ſo viel Glück zu vervienen;— In Deinem Schlafgemache wirſt Du Bauernkleider finden; dieſe mußt Du anziehen, und darfſt nichts von Allem mit Dir nehmen, was Dir gehört. Schlafe, wenn Du kannſt, Morgen vor Tagesanbruch werde ich Dich wecken. Dann wirſt Du das Schloß verlaſſen und Dich entfernen. Es iſt mir verboten, Dir einen Rath zu geben, Du mußt gehen und bleiben, wohin Dich Dein Inneres führt. Verſuche nie Aleidis auf dem Laternenhofe zu ſehen. Ein wichti⸗ ges Ereigniß wird Dir ſagen, wenn Du zurückkehren ſollſt; dieß geſchehe nie ohne die Ueberzeugung, daß Du dem Grafen Arnold ſeine verlorene Ruhe damit wieder zurückgeben könneſt. Dieß iſt Alles, was ich Dir ſagen darf, das Uebrige werden die Ereigniſſe ſelbſt erklären.“ „Er ergriff die Lampe, brachte mich in mein Schlaf⸗ gemach und verließ mich mit tröſtenden Worten. „Es wäre unnütz, Albrecht, Dir zu ſagen, welch' ſon⸗ verbare Träume meinen Geiſt in dieſer Nacht umgaukelten; welch' verſchiedene Gemüthsbewegungen hatten mich am vergangenen Tage beſtürmt! Ich kann nicht ſagen, daß ich unglücklich war. Die Zukunft bewahrte mir ein ſo freundlich Loos! Ich war bereit, Alles zu erdulden, um mir Aleidis zu verdienen. Auch unterwarf ich mich nicht allein dem Willen des Abulfaragus, ſondern mich beglückte der Ge⸗ danke, daß ich berufen ſei, den Schmerz meines Wohl⸗ thäters, des Grafen Arnold zu erleichtern, vielleicht ganz zu heilen.— Ich nahm an dem Geheimniſſe Theil, das wie ein Zauberſchleier über dem Hauſe Craenhove ausge⸗ breitet lag. Dieß Alles ſchmeichelte mir und ließ mich etwas Großes und Erhabenes in meiner Verbannung Hugo von Craenhove. 3 34 erblicken. Als Abulfaragus meine Thüre öffnete und mit einer Lampe eintrat, ſtand ich ſchon bereit, in mein ſchlechtes Gewand gekleidet. Ich warf noch einen traurigen Blick auf mein ſilbernes Jagdhorn und folgte meinem Führer; die Pforte ging auf und die Brücke ſenkte ſich nieder. Ins Freie gekommen, gab mir Abulfaragus ein Stück Brod und einen gebratenen Vogel. Damn ſeine Hand drückend, ſprach ich betrübt: „Abulfaragus,“ ſagte ich,„Du weißt, Aleidis wird mein Fortgehen nicht ohne großen Schmerz vernehmen; viel⸗ leicht wird ſie trauern, um den Verluſt ihres Bruders.“ „Sei ohne Furcht, mein Sohn,“ antwortete er gütig, „ich werde Aleidis troſten und ſie verſichern, daß Du wiederkommſt— und dann, Bernhard, ich werde alle Tage mit ihr von Dir ſprechen— ich will, daß ſie Dich nie vergeſſe!“ „Thränen der Dankbarkeit entſtrömten meinen Augen, ich umarmte Abulfaragus und küßte mit Inbrunſt denſelben Mann, den ich fur den ſchrecklichſten aller Menſchen gehalten hatte. Er ſprach noch einige aufmunternde Worte mit mir und ſagte mir Lebwohl auf Wiederſehen. Ich lief eilig fort auf meinem Weg. Zu Santhoven angekommen, nahte ich mich einer Bauernwohnung und verlängte etwas Milch, um meinen Durſt zu löſchen. Nach kurzer Unterredung erfuhr ich von dem Pächter, daß ſein Schafhirte ihn ver⸗ laſſen habe, um als Waffenknecht bei einem Dienſtherrn einzutreten; ich bot mich ihm an und wurde aufgenommen. Seit zwei Jahren diene ich dieſen Leuten und bin zufrieden, weil ich weiß, daß ich Aleidis wiederſehen werde. Aber ich möchte nicht gerne nach dem Laternenhof zurückkehren, ohne leſen zu können; ich weiß, daß Aleidis die Geſchichten von Waffenthaten und Ritterkämpfen überaus gerne hört; ſie hat dieſen Genuß mir geopfert und ihre Worte bewie⸗ ſen mir während zweier Jahre, wie ſehr ſie dieſes Opfer ſchmerzte. Ueberdies brennt in meinem Herzen ein un⸗ wiverſtehlicher Drang nach Wiſſen; ich glaube ſogar, daß Aleid wund ſeinen und ſ ger 2 Verw nach farag auch weiß. ſich Scla dieſe bereu verfo nenli Graf verka fer b ten a aber lächel wie e it einer lechtes Blick ührer; r. Ins od und ſprach s wird 5 viel⸗ ers.“ gütig, Du Tage ich nie Augen, nſelben halten it mir g fort te ich Milch, edung n ver⸗ ſtherrn nmen. rieden, Aber ehren, ichten hört; bewie⸗ Opfer un⸗ „daß 35 Aleidis nicht die alleinige Urſache davon iſt; es iſt ein wunderbares Gefühl, das mich beherrſcht; ohne daß ich ſeinen Grund ganz begreifen kann.„ „Das iſt meine Geſchichte, Albrecht. Sie iſt traurig und ſeltſam, nicht wahr?“ Der alte Hirte hatte mit ſo viel Eifer und ſo inni⸗ ger Aufmerkſamkeit gelauſcht, daß er Anfangs ſchwieg. Verwundert ſah er ſeinen jungen Kameraden an und ſagte nach einigen Augenblicken: „Traurig? Ja, aber mehr noch ſeltſam. Der Abul⸗ faragus hat mich mehrmals zittern gemacht. Biſt Du auch gewiß, Bernhard, daß er ein Menſch iſt?“ „Was ſollte er anders ſein, Albrecht?“ „Du biſt jung, Bernhard, und weißt nicht, was ich weiß. Wenn ich Dir ſage, daß es Menſchen gibt, die ſich mit dem Teufel verbinden, und einen böſen Geiſt zum Sclaven und Diener erhalten? Wenn ich hinzufüge, daß dieſe Menſchen oft zu ſpät dieſe fluchwürdige Verbindung bereuen, und dann von Gewiſſensbiſſen und von Furcht verfolgt, ſich abſchließen von den Menſchen und das Son⸗ nenlicht fliehen?“ „Nun, Albrecht, was willſt Du damit ſagen?“ „Daß es wenigſtens nicht ſchwer zu begreifen, daß Graf Arnold von Craenhove ſeine Seele an den Teufel verkaufte und daß Abulfaragus ihm als Selave von Luci⸗ fer beigegeben iſt.“ Dieſe mit hohler Stimme geſprochenen Worte mach⸗ ten auf Bernhards Gemüth einen tiefen Eindruck;z plötzlich aber hob er das Haupt empor und ſagte, ungläubig lächelnd: „Du täuſcheſt Dich, Albrecht. Graf Arnold ging wie ein guter Chriſt zu Deurne in die Kirche, und was 36 Abulfaragus betrifft, hatte der nicht ein Marienbild in ſei⸗ nem Zimmer gehabt, und ſorgte er nicht dafür, daß friſche Blumen ſeine Gottesfurcht bezeugten? Rief er nicht un⸗ ſern Hern Jeſus an, während er vor dem Grabſtein knieete? Nein, das iſt nicht das unbekannte Geheimniß. Es liegt etwas Anderes verborgen in der Nacht der Begeg⸗ nung bei der Gräfin de Merampré. Wer wüßte, wo die Leiche des Grafen Hugo von Craenhove begraben liegt, der hätte die Löſung des Räthſels.“ „Hat man nie die Gräfin de Merampré gefragt, Bernhard „Wie ſollte man ſie gefragt haben, da ſie ſeit dieſer Nacht nicht mehr in Brabant geſehen wurde.“ „Ich verliere mich in Vermuthungen. Vielleicht hat die geheimnißvolle Nacht eine racheverlangende Miſſethat — einen ſchrecklichen Mord geſehen— aber wie dem auch ſei, wir dürfen unſern Nächſten nicht durch Vermuthungen beſchuldigen„. Es wird ſpät, Bernhard. Die Sonne ſinkt hinter dem Tannenwald; wir müſſen unſere Schafe heimwärts treiben.“ Bei dieſen Worten entfernten ſich die Hirten von ein⸗ ander, um jeder auf ſeiner Seite die Heerde ſeines Herrn nach Hauſe zu treiben. Während Bernhard hiemit be⸗ ſchäftigt war, kam der alte Hirte mit leiſen Schritten hin⸗ ter ihm her, und ſagte ihm mit dumpfer Stimme in's Ohr: „Bernhard, haſt Du je den Wehrwolf geſehen?“ Der Jüngling erſchrak und wandte ängſtlich den Kopf nach allen Seiten der Haide; dann antwortete er: „Nein, warum fragſt Du mich das?“ „Sieh' Dich ſtill um; längs dem Saume des Wal⸗ des wirſt Du ihn ſehen.“ Bernhard bemerkte wirklich einen ſchwarzen Menſchen⸗ ſchatten, der langſam und vorſichtig längs dem Walde hinzugleiten ſchien. „Ha!“ ſeufzte er,„das iſt der Wehrwolf, von wel⸗ chem Thier ii⸗ iſt eit Gott fes u fliehe möcht Denn wolfe Käſte müſſe ſchon Jahr koren Angſ Nach Kirch dann er iſt wie e Hauß want daß er bi die 7 Weh böſes gieri dieſe ten ein in ſei⸗ friſche ht un⸗ abſtein imniß. Begeg⸗ wo die liegt, efragt, dieſer ht hat iſſethat mauch hungen Sonne Schafe on ein⸗ Herrn nit be⸗ en hin⸗ e in's 2 nKopf Wal⸗ nſchen⸗ Walde n wel⸗ 37 chem man ſo viel ſpricht. Ich dachte, es ſei ein reißend Thier, und ſieh, es ſcheint von Ferne, daß es ein Mann iſt. Was iſt denn ein Wehrwolf?“ „Weißt Du das nicht, Bernhard? Ein Wehrwolf iſt ein Menſch, der um ſchrecklicher Sünden willen von Gott verurtheilt iſt, bei Nacht in der Geſtalt eines Wol⸗ fes umherzulaufen, ohm Aufhören, ruhelos. Solche Wölfe fliehen Dörfer und gebaute Hänſer aus Furcht, man möchte die Thüren und Fenſter ihrer Zimmer ſchließen. Denn wenn man dies thut und die Stunde des Wehr⸗ wolfes käme, ſo würde er ſich den Kopf an Wänden und Käſten einrennen und gewiß noch dieſelbe Nacht ſterben müſſen.“ „Haſt Du dieſen Menſchen in Geſtalt eines Wolfes ſchon geſehen, Albrecht?“ „Ja, manchmal. Es iſt nun ſchon mehr denn zehn Jahre her, daß er dieſen Wald zum Schlupfwinkel auser⸗ koren, ſeit dieſer Zeit betritt ihn niemand, theils aus Angſt, theils aus Ehrfurcht vor der Strafe Gottes. Des Nachts irrt der Wehrwolf umher, oder ſitzt auf dem Kirchhof zwiſchen den Gräbern, da ſeufzt und heult er vann fürchterlich. Niemand hat ihn je ſprechen hören; er iſt ſtumm. Uebrigens ſcheint der Wehrwolf ſo ſanft, wie ein Lamm; wenn er an uns vorüber geht, wird er das Haupt bücken und mit niedergeſchlagenen Augen, wie ein wandelnd Bild, ſich entfernen. Niemand erinnert ſich, daß er je Menſchen oder Thier ein Unrecht zugefügt. Ja, er bot ſogar mal einer armen Frau zwei Goldſtücke an; die Frau erſchrak, lief davon und nahm das Geld vom Wehrwolf nicht an. Aber dieß beweiſt doch, daß er kein boſes Herz hat.“ Während dieſer Erklärung hatte Bernhard ſein neu⸗ gierig Auge nicht von dem Wehrwolfe abgewandt, und da dieſer mit raſchem Schritte den Hirten näher kam, konn⸗ ten ſie bald ſeine Geſtalt genauer unterſcheiden. Er ſchien ein Mann von ungemeiner Größe, und war von Kopf bis 38 zu Füßen mit einem härenen Gewande bedeckt, das der Haut eines Thieres glich. In der rechten Hand hielt er einen Baumaſt und ſtützte ſich auf ihn, wie auf einen Gehſtock; den linken Arm drückte er an den Körper, als ob er etwas darunter trüge. Zweifelsohne hatte dieſer Gegenſtand Bernhards Aufmerkſamkeit auf ſich gezogen, denn er rief plötzlich; „Was hält er unter dem Arm? Iſt es nicht ein Buch?“ „Ich kann es nicht gut ſehen,“ bemerkte der alte Albrecht, fügte aber raſch hinzu: „In der That, es iſt ein Buch, viermal größer, denn das meine!“ Bernhard verſank in tiefes Nachdenken und ſeufzte in ſonderbarem Tone: „Der Wehrwolf kann leſen!“ Als er das Auge wieder aufſchlug, bemerkte er wie der Wehrwolf ſich an dem Rand des Waldes bückte, unter dem Geſträuche durchkroch und verſchwand. Schon zwei⸗ mal hatte ſein Kamerad ihn vergebens aufgemuntert, die Haide zu verlaſſen; ſchon war Albrecht weit weg mit ſeiner Heerde, und noch ſtand der junge Bernhard unver⸗ wandten Blickes nach dem Orte ſchauend, wo der Wehr⸗ wolf unter dem Gebüſche verſchwunden war. Endlich gob er ſeinem Hunde ein Zeichen zum Abzug, und verließ die Haide unruhigen Gemüthes, in Träumereien verſunken, während er von Zeit zu Zeit die Worte wieverholte: „Ha! der Wehrwolf kann leſen!“ falte und gen lich färb ſein So Nel der ſchi feh St der ielt er einen r, als dieſer zogen, cht ein er alte „denn fzte in er wie unter zei⸗ t, die eg mit unver⸗ Wehr⸗ ch gob ieß die ſunken, 39 II. Der Wehrwolf. Alles ſchläft auf der Haide„. Die fühlenden Pflanzen halten ihre Blätter noch ge⸗ faltet; die Blumen haben ihre Kelche noch nicht geöffnet und gleichen beſeelten Weſen, die mit geſchloſſenen Au⸗ gen in ſüße Träume verſunken ſind. Es iſt nicht mehr Nacht, es iſt noch nicht Tag. Schwarz iſt der weſtliche Horizont und undurchdring⸗ lich; der öſtliche, gleich einer durchſichtigen Waſſerfläche, färbt ſich mit zweifelhaftem Lichte. Von allen Sternen glänzt nur noch ein Einziger; ſein Name iſt Lucifer, er iſt der Vorbote der nahenden Sonne. dem Rande des Waldes hängt ein Vorhang von ebel. Aber er ſteigt in die Höhe, und hat ſchon die Wipfel der Bäume erreicht; bald wird er aufſteigen und ver⸗ ſchwinden im Himmelsraum Wie eine demüthige Magd, die auf die ſtillen Be⸗ fehle ihrer Herrin wartet, ſo umhüllt ſich die Erde mit Stille, bis ihr Herr kommt. Roth färbt ſich die Lichtpforte; der Morgenſtern er⸗ bleicht!. Da ſchüttelt ein Golbfinke die Waſſertropfen von ſei⸗ nem glänzenden Federkleide. Er verläßt ſeinen Ruheplatz, ſchwingt ſich in die Luft und ſetzt ſich auf den höchſten Baum des Waldes. Er ſiebt frendigen Blickes gen Oſten, und bald glänzt ein Theil der Sonnenſcheibe ihm ins Auge; ſeine 40 Kehle öffnet ſich, und er fingt mit ſeiner Silberſtimme dem Tageslicht entgegen. Glücklicher Vogel, der das Himmelslicht früher ſieht, als wir! Das Zeichen iſt gegeben. Tauſend beflügelte Tonkünſtler erwachen, und tauſend Lobgeſänge verherrlichen die Schöpfung. Siehe, die Lerchen ſteigen immer höher und höher; ſie wollen ihre Danklieder näher bei dem Throne ihres Gottes erſchallen lafſen. Ha! da erhebt ſich die lachende Sonne über dem Tannenwald. Ihre Strahlenbüſchel gleiten, wie eine unermeßliche Zauberruthe, über die Haide: Alles, was ſie berühren, empfängt Leben und Glanz. Höre, wie die Grillen und Heuſchrecken ihr Morgen⸗ gebet zum Himmel ſenden. Sieh, wie die Blumen ihr Auge erſchließen, ihre Kelche und Kronen öffnen, als ob ſie einen Strahl der Weltgeliebten auffangen wollten! Gegrüßt, gegrüßt ſeiſt du glänzendes Meiſterſtück des großen Schöpfers! Sprach Bernhards Mund vieſen Lobgeſang auch nicht, durch ſeine Seele wenigſtens erklang in noch reicheren Tönen das Lob des Schöpfers, da er, ſeit einer halben Stunde auf der Haide niedergekniet, mit betendem Ge⸗ müthe das Erwachen der Natur betrachtete, während ſeine Schafe die naſſen Kräuter zu freſſen begannen. Wie tief auch die Frömmigkeit in Bernhards Gebet war, ſo hatte er doch unaufhörlich den Blick nach der Stelle gerichtet, wo der Wehrwolf dem Tag zuvor ver⸗ ſchwunden war. Plotzlich zitterte er an allen Gliedern: er ſah den Wehrwolf auf Händen und Füßen unter dem Buſch des L dem 2 Vielle Büche Wehr nung Straf und im ſti ſeinen Stirn Anzie Sieh' noch ſteht Grun bücke zu be dem ſieber kämp Ende ſich! zur( Gebi übern junge fand. ſich! von umfa imme ſieht, uſend öher; ihres dem liche hren, egen⸗ ihre der rſtück auch eren lben Ge⸗ ſeine zebet der ver⸗ ern: dem 41¹ Buſche hervorkriechen, ſich aufrichten und längs dem Rande des Waldes verſchwinden; diesmal hielt er nichts unter dem Arme. Das Buch war ſomit im Walde zurückgeblieben. Vielleicht lagen in der Höhle des Wehrwolfs noch andere Bücher! Aber, v Gott, wer wagte es, dem Lager des Wehrwolfes zu nahen, und als Spion bis in ſeine Woh⸗ nung zu dringen? Wird nicht ein ſchrecklicher Tod ſeine Strafe ſein? Vielleicht wird der Wehrwolf ihn zerreißen, und als Speiſe der Raben ſeine zerſtümmelten Glieder im ſtummen Walde zerſtreuen. Armer Bernhard, da ſteht er auf der Haide, auf ſeinen Stab geſtützt, er blickt verwirrt zur Erde, ſeine Stirne brennt, ſeine Beine wanken, eine unbegreifliche Anziehungskraft zwingt ihn, ſich dem Walde zu nähern. Sieh' da, er thut noch einen Schritt;— noch einen— noch mehr! aber er zittert und iſt ängſtlich; denn nun ſteht er vor dem Gebüſche, der Grenze von Wehrwolfs Grundgebiet. Wird er vermeſſen genug ſein, um ſich zu bücken, wo der Wehrwolf ſich bückt, und ſo den Fußpfad zu betreten, der nach der ſchrecklichen Höhle führt? Eine Stunde vor Mittag ſtand Bernhard noch vor dem Gebüſche, gebeugten Hauptes, ſtarren Blickes, in fieberhafter Aufregung. Wißbegierde und Todesfurcht kämpften in ihm einen ſchweren Kampf. Bald nahte das Ende des Streites; denn der Leib Bernhards krümmte ſich langſam und plotzlich warf er ſich auf ſeine Hände zur Erde und kroch, wie ein vierfüßig Thier, durch das Gebüſch.— Wiſſensdurſt hatte die Furcht vor dem Tode überwunden! Das Gebüſch war nicht tief; bald konnte ſich der junge Bernhard aufrichten und umherſehen, wo er ſich be⸗ fand. Nichts Fremdartiges zeigte ſich ſeinem wild um ſich blickenden Auge, als eine düſtere und kahle Natur, von Todtenſtille verſchleiert, und von halber Dunkelheit umfangen. Wie ein Uebelthäter mit klopfendem Herzen 42 und immer wachſender Angſt ſchritt Bernhard umſichtig und langſam vorwärts. Von Zeit zu Zeit ſchreckte der Schrei eines Raubvogels ſein Ohr und ſein Gemüth, oder er blieb beſtürzt ſtehen vor einem verdorrten Baume, der wie ein Menſch ſeine entfleiſchten Arme ausſtreckte, um ihn zurückzuhalten. Aber der Wiſſensdurſt zog ihn un⸗ widerſtehlich nach der Höhle, dem Pfade, den Wehrwolfs Füße gebahnt. Endlich gelangte er zu einer Vertiefung, wo ſich in einiger Breite keine Bäume zeigten und die mit einer Ta⸗ pete von Gras und Blumen bedeckt war. Ein kleines, und beinahe unſichtbares Bächlein ſchlängelte ſich durch dieſe natürliche Waide, gleich der Schlange, die ſich fortwindet, um das Gebüſch zu erreichen, und den Strahlen der glü⸗ henden Sonne zu entfliehen. Hier war alles lebendig und erquickend; das Tages⸗ licht fiel gerade auf die ſchöne Waide, und breitete liebevoll tauſend glänzende Blumen aus; Vögel ſangen in Menge auf den nahen Bäumen; mit einem Worte: dieſer kleine Platz glich einem Luſthof, den die grillenhafte Natur mit⸗ ten in einer wüſten Schöpfung angelegt. Ein anderer Wanderer, als Bernhard, hätte ſich gewiß an dieſem angenehmen Orte ergötzt; er hätte ſeinen Durſt an dem Bache gelöſcht, ſein Auge mit Entzücken auf dem Blumenteppich ruhen, ſeinem Ohr vom Geſange der Vögel ſchmeicheln laſſen;— aber in Bernhards Geiſt drängte ſich nur die Frage auf; Wo liegen hier Bücher verborgen? Nachdem er eine Zeit lang ſich umgeſehen, bemerkte er in der Ferne, am andern Ende der Waide einen hohen Sand⸗ hügel und in demſelben, zwiſchen verwirrtem Geſtrüppe eine Oeffnung, die vielleicht der Eingang zu Wehrwolfs Höhle war. Er wandte ſeine Schritte nach dieſer Seite; doch je näher er zur Höhle kam, deſto langſamer wurde ſein Gang; ſeine Angſt wuchs über die Maßen und er blieb zitternd vor der ſeltſamen Wohnung des Wehrwolfes ſtehen. bot merk behü hatte des er m mit deckt Rege war licht des quer ſo n ihn zuri nich kehr ſtan pult das wil' nen Bu ſeli fun hob tert ſtal ſon nſichtig kte der , oder e, der e, um hn un⸗ wolfs ſich in er Ta⸗ s, und dieſe windet, r glü⸗ Tages⸗ iebevoll Menge kleine rmit⸗ tte ſich ſeinen tzücken eſange s Geiſt Bücher rkte er Sand⸗ pe eine Höhle doch de ſein r blieb ſtehen. 43 Doch dieſe Höhle, oder wie man es nennen mag, bot an und für ſich nichts Schreckliches dar; man be⸗ merkte auf den erſten Blick, daß ſie das Werk einer un⸗ behülflichen Menſchenhand war. Der, welcher ſie gemacht, hatte erſt eine tiefe Grube, wie eine Kammer, in die Tiefe des Sandhügels gegraben; über dieſes viereckige Loch hatte er mit ſchweren Baumſtücken ein Dach gemacht, und es mit einer dichten Lage von Ginſter und Farrenkraut be⸗ deckt. Die eine Seite dieſes Daches war dicht und für Regen und Wind undurchdringlich. Auf der andern Seite war ein großes Loch gelaſſen, um als Fenſter das Tages⸗ licht in die Höhle zu ſenden. Klein war die Wohnung des Wehrwolfes nicht; denn ein großer Mann konnte be⸗ quem ſich darin bewegen, ohne ſich zu bücken. Wie wenig Schreckliches denn auch die Höhle hatte, ſo wagte es Bernhard doch nicht, hineinzugehen; es mußte ihn eine ungemeine Angſt ergriffen haben, denn er trat zurück und blickte ängſtlich um ſich, ob der Wehrwolf nicht nahe. Vielleicht wäre er nach der Haide zurückge⸗ kehrt; als er aber wieder vor dem Eingang der Hütte ſtand, ſah er drinnen das große Buch auf einer Art Leſe⸗ pult liegen. Da wurde ihm alle Ueberlegung unmoglich; das Buch zog ihn fort wie ein Magnet, und er, wie ein wildes Thier auf ſeine Beute losſpringend, fiel mit ſei⸗ nen zwei platten Händen auf die geöffneten Blätter des Buches. 2 Wie glücklich war nun der arme Bernhard! Ein ſelig Lächeln erglänzte auf ſeinem Antlitz, ſeine Augen funkelten mit dem Feuer der Wißbegierde, ſeine Bruſt hob ſich, ſein Herz pochte gewaltig, und ſeine Hände zit⸗ terten vor ungeduldiger Begierde. O, nun beſaß er ein Buch, ſo groß und ſo ſchön! Wäre Bernhard nicht in die Betrachtung der Buch⸗ ſtaben ganz verſunken geweſen, ſo hätte er wohl noch mehr ſonderbare Gegenſtände bemerkt. Das Pult, auf welchem das Buch lag, war von 44 Zweigen zuſammengeflochten und im Boden befeſtigt; in einer Ecke der Hütte befand ſich ein Bette, auf dieſelbe Weiſe verfertigt, gefüllt mit Moos und halb bedeckt mit einer abgenutzten wollenen Decke; inmitten des Gemaches ſtand ein großes Kreuz; an dem einen Arm deſſelben hing ein Ritteranzug oder Koller, bedeckt mit ſchwarzbraunen Flecken, die vertrocknetem Blute ſehr ähnlich waren. Daneben hing ein Schwert, gleichfalls mit Rofiflecken bedeckt, wahrſcheinlich von einer Flüſſigkeit, die darauf ge⸗ ſprengt worden. An dem Fußende der Bettſtatt lag ein geöffneter Reiſeſack und daneben einige goldne Geldſtücke, die aus einem Sacke geſtürzt waren. Weiter an der Wand hingen einige getrocknete Wurzeln von aller Art und Form; eine Geißelruthe und ein Gürtel, der Innen mit einer Menge eiſerner Nägel verſehen. Dieſe Gegenſtände bemerkte Bernhard nicht; er, ganz verloren in die Betrachtung des Buchs, ſchlug von Zeit zu Zeit ein Blatt um, ohne zu wiſſen, was er that. Und hätte ſich ſeine Bruſt nicht bewegt, ſo hätte man ihn für ein leblos Bild halten können. O Himmel! was ſieht da plötzlich vor der Thüre der Hütte? Jit es ein Menſch? Ja, es iſt der Wehrwolf, mit ſeinem ſchweren Wanderſtabe und ſeinem braunen Kleid!— Sein tiefgeſunken Auge ſchießt Feuer⸗ ſtrahlen, ſeine hohlen Wangen werden bleicher, ſein Mund zuckt vor Aerger— doch er bleibt ruhig und ſchaut auf den jungen Hirten, deſſen Antlitz er nicht ganz ſehen kann. Unglücklicher Bernhard, der Du ſo freudig und ſo verblendet, Dich an der Betrachtung des Buches ergötzſt. Wüßte er, welch' blitzende Augen auf ihn gerichtet ſind. Lange blickte der Wehrwolf mit ärgerlichem und zornigem Ausdrucke in die Hütte; nach und nach milderte ſich ſein Zorn und er wurde ſogar ſanſt. Wahrſcheinlich hatte der alte Hirte die Wahrheit geſagt, als er behaup⸗ ete, der Wehrwolf könne nicht ſprechen; denn ſtatt eines Wort der n hatte ſpang ausge Auge flücht ohne aus. wie! t; in ieſelbe t mit aches hing aunen aren. flecken f ge⸗ g ein ſtücke, Wand orm; einer ganz Zeit Und n für r der ſt der einem euer⸗ Mund tauf ſehen nd ſo götzſt. nd. und lderte inlich haup⸗ eines 45 Wortes löſte ſich aus ſeiner Bruſt ein hohler Seufzer, der wie ein Donnerſchlag Bernhards Ohr traf. Kaum hatte der junge Hirte den Ton vernommen, als er auf⸗ ſpang, und zitternd nach dem Eingang blickte, wo er das ausgehöhlte Antlitz des Wehrwolfs und ſeine blitzenden Augen auf ſich gerichtet ſah. Mit einem lauten Schrei flüchtete er an das andere Ende der Hütte und ſtreckte, ohne zu ſprechen, ſeine Hände bittend nach dem Wehrwolf aus. Wie wankte der arme Bernhard auf ſeinen Füßen, wie bleich wurden ihm Stirne und Wangen! Der Wehrwolf trat einen Schritt näherz aber der ängſtliche Hirte, den Tod vor Augen ſehend, warf ſich auf den Boden, kroch auf beiden Knieen bis zu dem Wehr⸗ wolf, ergriff eine ſeiner Hände und rief, während er ſie mit Thränen feuchtete: „O, wer Du auch ſein magſt, habe Mitleid mit mir! Gnade, Gnade! Thu' mir nichts Boͤſes!“ Ein Lächeln voll Liebe und Wohlwollen erleuchtete das Antlitz des Wehrwolfes; er nahm die beiden Hände Bernhards, hob ihn vom Boden auf, legte die knöcherne Hand ſchmeichelnd auf die blonden Haare und ſprach, zur großen Verwunderung Bernhards, mit ſanfter Stimme: „Armes Kind, was fürchteſt Du von mir? O, ich bin unglücklich und muß auf grauſame Weiſe meine Sünden büßen; aber ich thue Niemanden etwas Boͤſes. Beruhige Dich, mein Sohn, und habe keine Furcht vor mir.“ Der verwunderte Bernhard ſah mit dankbarem Blicke in die Augen des Wehrwolfs und küßte im Entzücken ſeine Hände; er bemerkte plötzlich in ſeinem Innern ein Gefühl der Liebe für den unglücklichen Mann, der ihn ſo zärtlich behandelte, während er nur den Tod von ihm erwartet hatte. Mit bittendem Lächeln antwortete er: „Dank, Dank, Meiſter! Ich werde ewig Deiner Güte gedenken und ſchweigen, wie ein Grab, über meinen ver⸗ 46 meſſenen Beſuch bei Dir. Vergib mir, ich will eiligſt den Wald verlaſſen.“ Dies ſagend, warf er einen betrübten Blick auf das Buch, als ob er dieſem Vorwurf ſeines brennenden Ver⸗ langens Lebewohl ſagte. Dann ſich umwendend, bemerkte er, daß ſich der Wehrwolf auf die Ecke des Bettes nieder⸗ geſetzt hatte und ihn aufmerkſam betrachtete, während reichliche Thränen über ſeine Wangen liefen. Dieſer Anblick hielt Bernhard zurück; er ſah mit be⸗ wegtem Herzen auf den Unglücklichen und über ſeine ei⸗ genen Wangen rollte nun eine Thräne der Theilnahme. „Meiſter,“ ſprach er mit ſeiner ſüßen Stimme, Mei⸗ ſter, Dein Leiden durchſchneidet mein Herz. Du biſt ſo gut gegen mich geweſen, daß ich viel darum gäbe, wenn ich Dich tröſten könnte; aber was vermag ein Kind, wie ich 2 Doch kann ich Dir dienen, ſo verfüge über mich!“ Langſam ſtund der Wehrwolf auf, nahm Bernhards Hand, und ſagte, ihn aus der Hütte führend:„Komm', mein Sohn, laß' mich Dein Antlitz bei der Sonne ſehenz es wird mir eine Wohlthat und ein Troſt in meinen Schmerzen ſein.“ Er führte den Hirten bis zu dem Bächlein, ſetzte ſich auf das Gras nieder und ſprach, vor ſich auf den Boden zeigend:„Nun ſitze nieder vor mir, Jüngling, und wun⸗ dere Dich nicht über die Thränen, welche Dein Anblick meinen Augen entlockte. Es iſt zehn Jahre her, mein Kind, daß kein menſchlich Lächeln dem unglücklichen Wehrwolf entgegenſtrahlte, daß kein freundlich Wort in ſein Ohr tönte, und dann, ſoll ich es Dir ſagen? und dann lebt Jemand auf dieſer Welt, der mir theurer als mein Auge, der mich allein noch leben heißt. Dieſer Je⸗ mand hat blaue Augen, wie die Deinen, blonde Haare, wie die Deinen, rothe Wangen, wie Du, und eine ſo ſanfte Stimme, wie Deine Stimme.— Dieß iſt das Ge⸗ heimniß der Gewalt Deines Antlitzes auf mich. Vergib einem Leidenſ E wolfes ſen ur Schick ſitzen. es, in Sohn! Du he T berühr ſpreche licher Deine Bitte, auf m greiflit Diren ſie gel widerſt undn macht. „ ſtern rung, war g mehr; einer 1 tden das Ver⸗ terkte eder⸗ hrend t be⸗ e ei⸗ e. Mei⸗ o gut nich ich 2 hards mm', ehen; einen e ſich oden wun⸗ nblick mein lichen rt in und als r Je⸗ aare, ne ſo 3 Ge⸗ ergib 47 einem Elenden ſolch' ſonderbare und vielleicht lächerliche Leidenſchaft.“ Bernhard faßte eine der magern Hände des Wehr⸗ wolfes, ſtreichelte ſie, um ihm ſeine Zuneigung zu bewei⸗ ſen und wenn es möglich, vielleicht einigen Troſt über ſein Schickſal auszugießen. Einige Zeit blieben ſie ſprachlos ſitzen. Endlich fragte der Wehrwolf:„Wie wagteſt Du es, in dieſen überall gefürchteten Wald zu kommen, mein Sohn? Vielleicht hat Dich die Neugierde getrieben; und Du hatteſt Muth genug, ihr zu folgen!“ Die gefühlvollſte Seite von Bernhards Herz war berührt, er wollte von dem verzehrenden Wiſſensdurſt ſprechen, welcher ihn guälte. Er drückte noch leidenſchaft⸗ licher die Hand des Wehrwolfes und antwortete: „O Meiſter, ich darf es Dir kaum ſagen. Doch Deine Güte ermuthigt mich dazu. Verwirf meine vermeſſene Bitte, wenn Du ſie nicht erhören willſt, aber werde nicht böſe auf mich!— Es brennt in meinem Buſen eine unbe⸗ greifliche Begierde, leſen zu lernen; ich kann und darf Dir nicht ſagen, was der Grund dieſer Leidenſchaft; denn ſie geht ſo weit, daß der Anblick eines Buches eine un⸗ widerſtehliche Gewalt für mich hat, meine Stirne brennen und mein Herz pochen und mich wie eine Ruthe zittern macht.“ „Ich habe es geſehen,“ murmelte der Wehrwolf. „Nun denn, fuhr Bernhard fort,„ich ſah Dich ge⸗ ſtern im Wald hier gehen und bemerkte mil Verwunde⸗ rung, daß Du ein Buch unter dem Arme hieltſt. Dieß war genug. Von dieſem Augenblicke hatte ich keine Ruhe mehr; ich ſchlief dieſe Nacht nicht und fühlte mich von einer unwiderſtehlichen Gewalt zu Dir gezogen. Ich habe verzweifelt mit dieſer unbekannten Macht gerungen, denn ich hatte Angſt vor Dir. Aber es half nichts. Mein Schickſal war entſchieden, und ich würde das Buch ge⸗ ſucht haben, und hätte ich durch Feuersglut wandern 48 müſſen. Soll' ich Dir ſagen, Meiſter, welch' vermeſſene Hoffnung meinen Buſen durchdrang? Ich hoffte, der Wehrwolf werde mich leſen lehren!“ Es vergingen einige Augenblicke, während welcher Bernhard ängſtlich in die hohlen Augen des Wehrwolfs ſah. „Nun, mein Sohn,“ ſprach dieſer,„Deine Hoffnung ſoll nicht zu Schanden werden; der Wehrwolf wird Dich leſen lehren.“ Ein Freudenſchrei erſcholl über die Haide. Bernhard ſprang auf, ſtürzte vor dem Wehrwolf auf die Kniee, ſchlang die Arme um ſeinen Hals und begann vor Freude zu weinen, während ihm Worte des Dankes über die Lip⸗ pen rollten. Einen Augenblick ſpäter richtete er ſich auf, ſprang wie ein Wahnſinniger umher und rief fortwährend; „Ha, ha, ich lerne leſen! Dank! Dank! ich werde zu Gott für Dich beten, Deine Hände küſſen als die meines Wohlthäters. Ha, ha, leſen, wiſſen!— wie ſchoͤn!“ Der Wehrwolf ſtund auf und ſich Bernhard nähernd, ſagte er ihm mit ernſter Stimme: „Mein Sohn, ich muß unverbrüchliche Bedingungen an mein Verſprechen knüpfen. Höre auf das, was ich Dir ſagen will und merke es Dir wohl; denn wenn Du eine derſelben vergißt, will ich Dich niemals wieder ſehen.“ „O ſprich,“ rief Bernhard. Ich bin zu Allem be⸗ reit. Nie werde ich etwas thun, was Dir mißfallen könnte.“ „So merke auf:— Nie ſollſt Du einen Fuß in den Wald ſetzen, denn des Morgens, ehe die Sonne im Sü⸗ den ſich erhebt; nie ſollſt Du in die Hütte des Wehrwolfs treten, was auch dort geſchehen möge; nie ſollſt Du den Wehrwolf etwas über ſeine Lebensweiſe und Büßung fra⸗ gen; nie ſollſt Du ihm von Deinen Aeltern, von Deiner Schweſter oder Deinem Bruder ſprechen. Dieß letzte Wort komme überhaupt nie über Deinen Mund. Nimm Dich wohl in Acht, nie des Nachts in den Wald zu kommen! Du kennſt und g Wald Tod Und, meine wiede ahme gen u morg junge Schr vom gekon die d Som dem wie der rief nun widd ſeine bis: auf meſſene „ welcher fs ſah. ffnung d Dich rnhard Kniee, Freude ie Lip⸗ ch auf, hrend: erde zu iin ähernd, gen an ch Dir u eine em be⸗ ißfallen in den m Sü⸗ hrwolfs du den g fra⸗ Deiner e Wort n Dich n Du 49 kennſt die Plage, die mir Gott geſendet, ſie iſt ſchrecklich und gefährlich zu ſehen. Verſchweige die Geheimniſſe des Waldes: ein unvorſichtig Wort von Dir könnte mir den Tod bringen. Dieß iſt Alles, was ich zu ſagen habe. Und, nun, mein Sohn, die Sonne iſt beinahe im Süden: meine Stunde naht. Verlaſſe mich. Wenn Du morgen wieder kömmſt, ſtelle Dich dann unter jenen Eichbaum; ahme den Schrei der Eule nach, er wird bis zu mir drin⸗ gen und ich werde mit dem Buche zu Dir kommen. Bis morgen, alſo, mein Kind!“ Bei dieſen Worten drückte er nochmal die Hand des jungen Hirten, wandte ſich um und ging langſamen Schrittes nach der Hütte. Bernhard nahm ſeinen Stab vom Boden auf und kehrte auf dem Wege zurück, den er gekommen war. Wie ſchön, wie herrlich erſchien ihm nun die düſtere Natur des Waldes! wie glänzend das Licht der Sonne, die ihm auf das Haupt brannte, ſobald er unter dem Gebüſche hindurch auf die Heide kam! Wie reizend, wie ſüß der Geſang der Vögel und das eintönige Gezirpe der Grillen. Mit eilenden Schritten kam er zur Heerde, rief ſeinen treuen Hund und erzählte ihm lachend, daß er nun leſen lernen werde. Dann holte er ſeinen Lieblings⸗ widder unter den Schafen hervor und begann auf's Neue ſeine Geſchichte. Er ſang alle ſeine Lieder und tanzte, bis die Abendſonne ihn nach Hauſe rief. III. Pas Unwetter. Sobald Bernhard des andern Tages ſeine Schafe auf die Haide gebracht hatte, lief er nach dem Wald, Hugv von Ergenhove. 4 50 kroch unter dem Gebüſche durch und eilte nach der Waide zu der Hütte des Wehrwolfes. Hier ſtellte er ſich unter unb rief wie die Buſcheule:„Uhl! uhl! u 1. Auf dieſen Ruf kam der Wehrwolf aus der Hütte und näherte ſich dem jungen Hirten mit freundlichem Ge⸗ ſichte; er lies ihn unter dem Baume niederſitzen und das Buch aufſchlagend, begann er, ohne etwas Anderes zu ſprechen, ihm die Buchſtaben zu zeigen und ihre Namen zu ſagen. Nachdem ſie zwei Stunden an dieſer Arbeit ge⸗ feſſen, ſtund der Wehrwolf auf, zog ein kleineres Buch hervor und daſſelbe Bernhard gebend, ſprach ert „Mein Sohn, hier haſt Du ein kleines Buch, das ich Dir zum Geſchenke gebe, um Deine Lectionen zu wie⸗ derholen; leſen lernen iſt nicht leicht; Du mußt alle Deine Geiſteskräfte anſpannen, um wohl zu behalten, was ich Dir ſage, und wenn Du allein biſt, mußt Du die Zei⸗ chen ohne Lehrmeiſter wieder zu erkennen ſuchen. Ich habe Vertrauen genug zu Dir, daß Du das Buch Nie⸗ manden zeigen werdeſt, und wenn man es entdeckte, Du nicht von dem Wehrwolf zu ſprechen wageſt.“ Bernhard drückte das Buch mit Entzücken an ſeine Lippen und antwortete: „O fürchte nichts, Meiſter, ich werde einen Beutel von Schaffell machen und das Buch auf meiner bloßen Bruſt darein hängen. So wird man es gewiß nicht ent⸗ vecken. Ich werde es auch nie herausziehen, ohne ferne von allen Menſchen zu ſein!“ „Bis morgen denn, mein Sohn!“ ſprach der Wehr⸗ wolf weggehend. Bernhard verließ den Wald und ging zu ſeiner Heerde. Hier warf er ſich, das Herz voll ſeliger Freude, zu Boben, ſchlug das Buch auf ſeinen Knieen auf und be⸗ gann mit tiefſtem Selbſtvergeſſen ſeine Lection zu wieder⸗ holen. Oſt erheiterte ein helles Lächeln ſein Geſicht:— Dann hatte er einen Buchſtaben erkannt und lachte ihm entg über mit Get oder den wei den deſt ſein ma Sch ihre nah die hatt ten ſche nac in als ſchö Vo Bu eine die Fre aus Na Paide unter uhll Hütte Ge⸗ d das es zu amen it ge⸗ Buch „das wie⸗ Deine Wehr⸗ eerde. de, zu d be⸗ vieder⸗ te ihm 5¹ entgegen, wie einer theuren Freundin. Oft aber auch überzog eine finſtere Wolke ſein Antlitz und er ſchlug ſich mit der Hand vor die Stirne:— dann war ihm ſein Gedächtniß untreu und weigerte ſich, ihm den Namen eines oder des andern Buchſtaben zu ſagen. So brachte Bernhard den erſten Tag ſeiner Lehrzeit zu und ſo verliefen auch die Folgenden. Nicht immer konnte er die Heerde verlaſſen, um in ven Wald zu gehen, denn oft mußte er ſie ferne von da weiden. Nicht ſelten vergingen fünf bis ſechs Tage, ehe er den Wehrwolf beſuchen konnte; aber dann lernte er mit veſto mehr Eifer in den⸗ kleinen Buch, das er immer auf ſeiner bloßen Bruſt trug. Seit Bernhard die Bekanntſchaft des Wehrwolfs ge⸗ macht hatte, liebte ihn ver Pächter nicht mehr, deſſen Schafhirte er war. Dieſe Abnahme der Zuneigung hatte ihren Grund in Bernhards Nachläßigkeit. Statt die Schafe an die beſten Weideplätze zu führen, war er bei⸗ nahe immer in der Nähe des Waldes zu finden, ob für die Schafe etwas da zu freſſen war oder nicht, und oft hatten die Vorübergehenden ſich vergeblich nach dem Hir⸗ ten umgeſehen. Hierüber wurde Bernhard faſt täglich ge⸗ ſcholten; aber beſſerte er ſich auch, ſo geſchah es nur, um nach wenigen Tagen wieder auf die alte Weiſe zu leben. Man darf ſich darüber nicht wundern, daß Bernhard in kurzer Zeit große Fortſchritte machte und in weniger als einem Jahr ſein Buch ganz leſen konnte, ja ſelbſt die ſchönen Gebete, die darin ſtunden, auswendig gelernt hatte. Von Zeit zu Zeit ließ ihn der Wehrwolf in dem großen Buche leſen; dieß ergötzte Bernhard außerordentlich, da es eine Ueberſetzung von Plinius Naturgeſchichte war, welche die ſeltſamſten Thiere beſchrieb. Bis dahin hatte Bernhard nie an den Wehrwolf eine Frage gerichtet und auch dieſer hatte nie das Verlangen ausgedrückt, zu wiſſen, wer ſein Lehrling ſei, ſelbſt ſeinen Namen kannte er noch nicht. Deſſenungeachtet hatte ein 52 tiefes Gefühl von Liebe und Dankbarkeit im Herzen Bern⸗ hards Wurzel gefaßt. Schon vft hatte er Thränen bei dem Gedanken an des Wehrwolfs Leiden vergoſſen. Dieß dankbare Gefühl des Mitleidens nahm aber noch zu, als der Wehrwolf, nach dem erſten Jahre mehr und mehr abzumagern begann und dem Grabe zuzuwanken ſchien. Bernhard bemerkte endlich, daß der Wehrwolf nur mit Mühe noch aus der Hütte zu dem Baum kommen konnte, daß ſeine Augen ihren Glanz verloren und daß ſeine Stimme dumpf und beinahe unverſtändlich wurde. Einſt als der Wehrwolf ihm etwas in dem großen Buche erklären wollte, verſagte ihm mitten in der Rede die Stimme den Dienſt und endigte in einen Seufzer, der bewies, daß ſeine Bruſt keine Kraft mehr hatte, ſolch' langes Sprechen zu ertragen. Das Gefühl Bernhards war ſtärker als ſein Wille; er brach in Thränen aus und rief unter heftigem Schluchzen: „O Herr Du biſt krank, und thuſt nichts, um zu ge⸗ neſen. Du willſt ſterben!“ Statt aller Antwort nahm der Wehrwolf das Buch, wandte ſich langſam nach ſeiner Hütte und ſagte in trau⸗ rigem Tone: „Morgen, mein Sohn.“ Bernhard ſah ihn fortwanken. Nachdem er einige Zeit geweint, kehrte er voll Schmerz und Angſt nach der Heide zurück. Den ganzen Tag dachte er an die Krank⸗ heit ſeines Wohlthäters und weinte ſtille Thränen über ſein beklagenswerthes Loos. Am Abend trieb er ſeine Heerde heimwärts und zählte die Schafe in Gegenwart des Pächters, während ſie in den Stall liefen. Es fehlte ein Widder und vier Hämmel. Nun brach die lang verhaltene Wuth des Pächters los; er verwies Bernhard ſeine Nachläſſigkeit und überlud ihn mit Scheltworten. Dann ließ er ihn ſeine Sachen ern⸗ dem bare wolf gann erkte der ugen und oßen Rede „der nges ärker unter ge⸗ Buch, trau⸗ einige h der rank⸗ r ſein zählte ſie in chters berlud achen zuſammenpacken und jagte ihn als einen ungetreuen Diener vom Hofe. Am Abend, als ſich die Dunkelheit auf die Erde ſenkte, lag Bernhard weinend am Boden, nicht ferne v⸗⸗ dem Gebüſch. Der unglückliche Jüngling wußte alcht wo⸗ hin und hatte ſich da mit dem Kopfe auſ ſeinen Pack ge⸗ legt, um den Tag abzuwarten und dann dem Wehrwolf ſein Unglück zu Uagen. Trotz ſeines Schmerzes ſank er endlich in den Schlaf⸗ Kaum hatte er ein paar Stunden Ruhe genoſſen, als eine ſchwere, gewitterſchwangere Luft ſich wie eine bleierne Decke über ihm lagerte; er athmete mühſam, der Schweiß brach ihm am ganzen Körper aus und von Zeit zu Zeit legte er die Hand an die Bruſt, um ſein Kleid zu luften und ſich gleichſam die mangelnde Luft zu verſchaffen. Alles, ſelbſt die lebloſe Natur war erſchreckt und bange harrend; kein Lüftchen, kein Athem bewegte die Blätter und die Haide ſchien ein unermeßlich Grab. Nur in der Ferne hörte man das leiſe Quacken der Fröſche, die aus ihren Pfühlen dem kommenden Regen einen Grußgeſang entgegen⸗ ſandten. Bald zeigte ſich am fernen Horizonte ein ſchwarzer Vorhang, der ſich langſam hob, gleich einem von Gottes Hand über das angſtvolle Erdreich geſpannten Trauerflor; — von Zeit zu Zeit zuckte ein Lichtglanz am Ende des Horizontes hervor; die Luft wurde noch ſchwüler und die Stille der Nacht noch unheimlicher„bis das dro⸗ hende Feuergebirge der Wolken einen Boten vorausſandte, gleichſam als wollte es ſagen:„Ich komme!“ Ein Lüftchen ſpielte ſanft durch das Laub und beugte leiſe die Spitzen der Kräuter.— Aber eben ſo raſch ent⸗ wickelte ſich das Wetter: ein Feuerpfeil ſchoß durch die Ebene und ein rollender Donnerſchlag machte Bernhards Lager unter ihm zittern. Erwachend und von dem Schlage noch betäubt, ſprang der Hirte auf und ſchlug ſein Auge zum Himmel!— Zwanzig Blitze zuckten zugleich aus dem 54 Himmel, unmittelbar darauf brach ein wüthender Sturm über die Haide los, bog oder entwurzelte die Bäume und führte die Blätter in Wirbelwolken himmelwärts; der Himmel öffnete ſich und der Regen entlud ſich über die Erde,„ſs ſollte eine zweite Fluth die Menſchen über⸗ ſtrömen.„ Bange und ängſtlich ſank Bernhard auf die Kniee und begann zu heten; das Waſſer lief inzwiſchen in Strömen an ſeinem Leibe herab und kühlte ſeine beklemmte Bruft. Dann ſtund er auf und eilte vach einer großen Buche, um dort einen Schlupfwinkel zu ſuchen;— aber ehe er ſie erreichte, ſchlug ein ftammender Blitz in den Stamm des Baumes, riß ihn, wie einen Strohhalm entzwei und ſtürzte ſeine Krone mit ſchrecklichem Krachen zu Boden. Inmitten dieſes ſchrecklichen Naturaufruhrs, umringt von Feuer, betäubt von den Donnerſchlägen, erſtarrt vom Regen, wurde der arme Bernhard beinahe wahnſinnig,— und als ob er den Wehrwolf als einzige Hülfe anſah oder ſeinem Schickſale gehorchte, er kroch durch dieß Geſträuche und eilte bewußtlos zur Hütte des Wehrwolfes. Unter dem Eichbaume angekommen, rief er; „uhl, uhl, uhl!“ Doch er ſah nichts und je heller der Blitz auch die Haide erleuchtete, er ſah den Wehrwolf nicht kommen. In dieſem Augenblick erſt erinnerte er ſich, daß der Wehrwolf Nachts umherlaufen mußte, um die Strafe Gottes an ſich zu vollziehen und nun bald in Wolfsgeſtalt zurückkommen werde. Der Hütte durfte er nicht mehr nahen, aus Furcht por dem Bruch ſeines gegebenen Wortes. Durch den Blitz als Wegweiſer begleitet, kehrte er zurück und warf ſich weinend bei dem Geſträuche nieder. Das Gewitter zog nach Norden und eine entſetzliche Stille ſenkte ſich über die Erde. turm und der r die über⸗ und ömen ruſt. „um er ſie ndes türzte wingt vom 5 oder äuche dem h die In rwolf ſich nmen urcht Blitz f ſich tzliche IV. Pöſung. Glänzend ſtieg die Sonne am blauen Himmel auf; ſie goß ihre warmen Strahlen auf Bernhard und trocknete raſch ſeine durchnäßten Kleider. Dann nahm er ſeinen Pack, kroch unter dem Geſträuch durch, drang in den Wald und rief unter der Eiche: „uhl, Uhl, uhl!“ Sein Ruf blieb ebenſo unbeantwortet, wie in der ver⸗ gangenen Nacht; Niemand kam aus der Hütte. Bernhard wiederholte ſeinen Ruf mehr denn einmal, doch immer ver⸗ geblich. Nach und nach bemächtigte ſich ſeiner eine bange Ahnung, die ihn an den Tod des Wehrwolfs denken ließ; vielleicht war er nur krank— und wie konnte er ſich dann verſorgen, da ihm wohl ſelbſt das Gehen verſagt war? Dieſe Gedanken ließen Bernhard den Entſchluß faſſen, zur Hütte zu gehen und ſich ſelbſt ſeiner edelmüthigen Geſinnung aufzuopfern. Er näherte ſich der Hütte;— aber kaum hatte er einen Blick hineingeworfen, als er einen ſchmerzlichen Schrei ausſtieß und zitternd ſtehen blieb. Da vor dem Kreuze lag der Wehrwolf halbnackt ausgeſtreckt, wie eine Leiche; Blutstropfen rannen an ſeinem bloßen Rücken und ſeine ſchlaffe Hand hielt noch krampf⸗ haft die Geißel feſt, mit der er ſich ſelbſt ſo ſchrecklich geſchlagen. Nachdem er einige Augenblicke verſtummt auf dieß ſchreckliche Bild geſehen, ſprang Bernhard dem Wehrwolf entgegen, umarmte ihn herzlich und begann weinend zu rüfen: „Meiſter, Meiſter, erwache! Ich bin es, Dein Lehr⸗ ling! o ſtirb nicht!“ 56 Der Wehrwolf öffnete die matten Augen und betrachtete mit traurigem Lächeln den jungen Hirten, der ihn aufzu⸗ heben ſuchte. „Mein Sohn,“ ſprach er,„ich vergebe Dir Deinen Wortbruch. Du haſt eines der Geheimniſſe meines bittern Lebens entdeckt. Heute werde ich noch nicht ſterben, aber ich hoffe, Gott werde mir bald ein Grab zum Ruheplatz ſchenken.“ Bei dieſen Worten richtete er ſich mit Gewalt auf, zog ſein härenes Kleid an, und ſetzte ſich auf den Rand des Bettes; er war ungemein blaß, hatte blaue Lippen und glanzloſe Augen, Länger konnte Bernhard dieß Leiden nicht mit an⸗ ehen. „O Meiſter!“ rief er mit bewegter Stimme,„warum peinigſt Du Dich ſo? Das kann Gott nicht wollen! Haſt Du eine Sünde gethan, ſie kann nicht ſo groß ſein als die Strafe, die Du Dir auferlegſt!“ Ueber das Antlitz des Wehrwolfs zog ſich ein ſpöt⸗ tiſches Lächeln. „Nicht ſo groß!“ ſprach er.„Höre, Jüngling, da mein Tod mir nahe bevorſteht, und Du doch nicht im Stande biſt, Deinen Wohlthäter zu verrathen; ſo höre, ich werde Dir ſagen, worin mein Vergehen beſteht.— Du haſt in dem Buche, das ich Dir gab, geleſen, wie Kain ſeinen Bruder Abel ermordete und wie Gott ihn in ſeinen Nachkommen verfluchte? Nun, mein Sohn, der Wehrwolf hat auch ſeinen Bruder ermordet und Gott hat ihn auch verflucht bis in ſeinen Tod. Siehſt Du dort das Schwert? Damit zerſpaltete ich das Haupt meines Bruders; da auf dieſem Koller klebt ſein unſchuldig Blut! Die Flecken ſind das Blut meines Bruders!“ Eine lange Stille folgte dieſen Worten. Bald aber richtete der Wehrwolf ſeine Blicke wieder auf den verwun⸗ derten Bernhard und fuhr in unterbrochener Rede fort: Verg Unter Brut ſerer derer daru Frie besn Inbr war Die Gift 309 von zuri Lieb blin Sch ſchl Leic Pfe beg riß achtete aufzu⸗ Deinen bittern aber heplatz tauf, Rand Lippen it an⸗ arum ollen! ß ſein ſpöt⸗ g„ da cht im re, ich — Du Kain ſeinen hrwolf n auch wert? da auf n ſind d aber wun⸗ ort; „Mein Sohn, ich will Dir mit kurzen Worten mein Vergehen erzählen; dieſe Geſchichte iſt vielleicht die letzte Unterweiſung, die ich Dir geben kann.— Ich hatte einen Bruder, wir liebten einander feurig nach dem Gebote un⸗ ſerer verſtorbenen Eltern. Wir hatten auch eine Schweſter, deren Geſichtszüge wenig von den Deinen verſchieden waren, darum ergötzt mich Dein Anblick. Lange lebten wir in Frieden und in Freuden, aber eine Frau brachte einen Lie⸗ besneid zwiſchen uns. Ich liebte dieſe Frau mit feuriger Inbrunſt, mein Bruder liebte ſie nicht minderz aber er war ſchöner, als ich, und ſchien wieder geliebt zu werden. Die Eiferſucht verzehrte mein Innres wie ein ſchleichend Gift, doch ſie konnte die Bruderliebe nicht überwinden; ich zog mich zurück und litt im Stillen. Einsmals als ich von dieſer Frau mit meinem Bruder und einem alten Diener zurückkam, begann er mich zu verhöhnen über meine unglückliche Liebe. Ein wildes Feuer flammte in meiner Bruſt aufz — er höhnte mich noch mehr!— Die Wuth machte mich blind; meine Hand griff wider meinen Willen an das Schwert, das an dem Sattel meines Pferdes hing; ich ſchlug zu und ſpaltete das Haupt meines Bruders,— ſeine Leiche fiel zu Boden; dann ſprang ich jammernd vom Pferde, warf mich über den Leichnam meines Bruders und begann ihn zu rufenz Blut ſprizte auf mein Koller, ich riß mir die Haare aus, doch die Leiche blieb ſtumm.“ Hier holte der Wehrwolf etwas Athem. Bernhards Augen ſtarrten bewegungslos vor ſich hin; er zitterte ſichtlich und ſeine ganze Haltung verrieth eine ſonderbare Ungeduld, den weiteren Verlauf der Geſchichte zu hören. Gewiß, ſeine Rührung verbarg gleichfalls ein Geheimniß. Der Wehrwolf fuhr fort: „Lange durfte ich bei der Leiche meines Bruders das Vergehen nicht beweinen; eiligſt kam der alte Diener mit einem Reiſeſack herbeigelaufen und band dieſen auf mein Pferd. Dann zog er mich von der Leiche weg, zwang mich mit unwiderſtehlicher Gewalt, zu Pferd zu ſitzen, 58 und gab mir zu verſtehen, daß ich flüchten müſſe, wenn mein Haus nicht mit ewiger Schande befleckt werden ſolle. Blind und bewußtlos gab ich meinem Pferde die Sporen und ließ es die ganze Nacht laufen„ Zwei Jahre lang irrte ich in fremden Landen umher; nach dieſer Zeit beichtete ich einem Prieſter. Dieſer legte mir als Strafe auf, mein ganzes Leben in Einſamkeit und Bußübungen zu verbringen. Ich habe dazu dieſen Wald gewählt. Ein Wehrwolf bin ich nicht, mein Sohn; aber um mein Geheimniß ſicherer zu bewahren, habe ich dieſen Namen, den mir die Bauern gaben, angenommen und be⸗ halten! Nun kennſt Du Deinen Wohlthäter!“ Man ſah deutlich, daß Bernhard ſprechen wollte, doch ſo groß war ſein Erſtaunen, daß er keine Worte ſinden konnte; endlich wurde ſeine Bruſt frei und er rief wie wahnſinnig: „Abulfaragus! Aleidis! Arnold! o Meiſter, Du biſt kein Mörder, und Dein Name iſt Hugo von Craenhove!“ Unmöglich wäre es, den Ausdruck von Hugos Geſicht zu beſchreiben. Seine Augen flammten auf und ſein Haupt beugte ſich herab zu Bernhard, als ob er ihn um Aufklärung bitte. Der Jüngling rief auf's Neue: „Nein, Hugo, Du biſt kein Mörder; Dein Bruder lebt!“ Mit lautem Schrei und einem Strom von Thränen fiel Hugo von ſeinem Bette, kroch bis zu Bernhard hin, faßte ſeine Hand und ſeufzte: „Was ſagſt Du? ich habe meinen Bruder nicht ermordet? Ich bin kein Mörder? Er lebt? Du haſt ihn lebend geſehen nach jener ſchrecklichen Nacht? O Gott, vürft' ich es glauben! Aber Du irrſt; ich habe ihn ermor⸗ det— dort klebt ja noch ſein Blut? Sprich, ſprich um Gotteswillen!“ „Nein, nein, Meiſter,“ rief Bernhard, ich irre nicht. Arnold von Craenhove lebt, ſage ich Dir. Er ſelbſt gab mir di meines kenne! haſt i als ein erſt ve um D rückzut 2 von B nieder Gott. keit at Freud⸗ Bette⸗ gen ſt ( Hand ſunken und ſ unglü ſchlüſſ — N nach Brud der! nicht ich n derku umgr wenn werden de die Zwei nach te mir t und Wald aber dieſen ind be⸗ , doch ſinden ef wie u biſt hove!“ Heſicht d ſein hn um Bruder hränen d hin, nicht aſt ihn Gott, ermor⸗ ich um nicht. bſt gab 59 mir die ſüße Aleidis zur Schweſter! Ich habe acht Jahre meines Lebens auf dem Laternenhofe zugebracht, und ich kenne die Geſchichte jener ſchrecklichen Nacht. „Der Schlag, den Du Deinem Bruder beibrachteſt, haſt ihn nicht getödtet. Nichts hat er davon behalten, als eine tiefe Narbe, die er auf der Stirne trägt. Jetzt erſt verſtehe ich, warum Abulfaragus mich verbannte, nur um Dich zu Deinem Bruder Arnold, meinem Herrn, zu⸗ rückzubringen.“ Nun zweifelte Hugo nicht mehr an der Wahrheit von Bernhards Worten. Er warf ſich vor dem Kreuze nieder, und begann mit lauter Stimme ein Dankgebet zu Gott. Als er aufſtand, ſchwebte das Lächeln der Selig⸗ keit auf ſeinem Antlitze und er wiederholte mit unſagbarer Freude: „Ach! ich bin kein Mörder, kein Mörder!“ Dann ſetzte er ſich abgemattet auf den Rand des Bettes, während die Thränen des Glückes über ſeine Wan⸗ gen ſtrömten. Eine Zeitlang hatte Bernhard ſein Antlitz mit der Hand bedeckt, wie Jemand, der in tiefes Nachdenken ver⸗ ſunken iſt. Nach einigen Augenblicken näherte er ſich Hugo und ſprach: „Herr, der gnädige Gott hat mich für einige Zeit unglücklich gemacht, um mich als Werkzeug ſeiner Be⸗ ſchlüſſe zu benützen; meine Sache iſt beinahe vollbracht. — Run muß ich nach Abulfaragus' Prophezeiung eiligſt nach dem Laternenhofe zurück, um das Leiden Deines Bruders Arnold in Seligkeit zu wandeln.“ Ein trauriges Gefühl verdüſterte Hugos Geſicht. „Mein Bruder!“ ſagte er nachdenklich,„mein Bru⸗ der! ſollte ich vor ihm erſcheinen dürfen? Wird er mich nicht mit Vorwürfen überſchütten? Und doch, o Gott, ich muß ihn ſehen, ihn um Vergebung bitten, einen Bru⸗ derkuß auf meiner Wange fühlen, meine Schweſter Aleidis umarmen— und dann, dann ſterben, ſterben unter dem 60 Schatten der Thürme meines väterlichen Schloſſes o Seligkeit!“ „Dein Bruder,“ fiel ihm Bernhard in die Rede wird Dich wie einen Engel empfangen, der ihm die Ven gebung vom Herrn bringt. Er hat gelitten, wie Duz auch er iſt abgemagert, auch er beugt ſein Haupt unter det Reue. Wiſſen, daß Du lebſt, und daß er durch ſein Spöttereien Deinen Tod nicht verurſacht hat! o das wird ihm wieder Kraft geben; er wird mich ſegnen, wie ſeinen Erlöſer, glaub' es, Meiſter.“ Nochmals folgte auf dieſe Worte ein tiefes Still⸗ ſchweigen, nach welchem ſich Graf Hugo aufrichtete, und dann die Hand Bernhards ergreifend, bittend zu ihm ſagte: „Mein guter Sohn, Du wirſt Dich vielleicht über die Bitte wundern, die ich nun an Dich richten will; es iſt vielleicht der letzte Dienſt, den Du mir erweiſe kannſt.“ „Alles, alles!“ rief Bernhard.„Sprich, ich hach noch nichts gethan für den Wohlthäter, der mich leſ ſe lehrte!“ „Nun, Jüngling, ich will mit Dir nach dem Later⸗ nenhofe gehen. Wirſt Du den Muth und die Kraft ha⸗ meine matten Glieder dorthin zu führen?“ „Du biſt ſo ſchwach, Meiſter,“ ſeufzte Bernhard. „Es iſt zwei volle Stunden von hier entfernt! Werden Dir nicht die Kräfte ſchwinden?— Wenn Du hier bleibſt, werde ich noch dieſen Abend mit einem zurück⸗ kommen, um Dich zu holen.“ „Meine Ungeduld iſt zu groß,“ antwortete Hugo, „und dazu, mein Sohn, verſtehſt Du nicht, es würden Diener und Waffenknechte mit dem Wagen zurückkommen So will ich nicht wiederkehren!“ „Verfüge über mich,“ ſprach Bernhard,„ich bin bereit!“ Gr und ſagt „V nicht Nimm die Aeſt Leſepult Al und ſtel Be eine grr legte de die Hüt vetmitt Feuerfu begriff ßen Br den er tretend „ „ thue e 2 ſie zu Geſich Abſich Blaſer ihn zi ging: kehrte bald in ei einm . e Rede, ie Ve ie Du; nter der ch ſein as wird e ſeinen s Still⸗ te, und zu ihm ht über n will; erweiſen ch habe ch leſen 1Later⸗ raft ha⸗ ernhard. Werden bleibſt, zurück⸗ Hugo, würden kommen ich bin 61 Graf Hugo drückte dankbar die Hand des Jünglings und ſagte: „Mein Sohn, dieſe Wohnung des Wehrwolfs darf nicht als ein Zeuge ſeiner trüben Geſchichte ſtehen bleiben. Rimm ein Theil Moos und Blätter aus dem Bette, reiße die Aeſte aus dem Boden, lege ſie darauf und auch das Leſepult dazu.“ Als dies gethan war, faßte Hugo das blutige Koller und ſtellte daſſelbe auf den Haufen. Bernhard gehorchte, ohne zu ſprechen, obwohl ſich eine große Verwunderung auf ſeinem Geſichte malte. Er legte das Kreuz in einiger Entfernung nieder und ging in die Hütte zurück. Da fand er Hugo damit beſchäftigt, vermittelſt eines Kieſel, den er an ſein Schwert ſchlug, Feuerfunken auf etwas Wolle fallen zu machen. Da erſt begriff Bernhard ſeine Abſicht. Er lief eilig zu dem gro⸗ ßen Buche und nahm es unter den Arm, als einen Freund, den er aus dem Brande retten wollte. Zu dem Reiſeſack tretend, fragte er: „Meiſter, dies Geld?“ „Willſt Du davon nehmen 2. antwortete Hugo,„ſo thue es.“ Bernhard nahm zwei von den Goldſtücken und ſteckte ſie zu dem kleinen Buch in ſeinen Sack! Nach ſeinem Geſichte zu urtheilen, nahm er das Geld nicht ohne Abſicht. Plötzlich faßte die Wolle Feuer und flammte bei Hugos Blaſen wild auf. Dieſer nahm Bernhards Hand, führte ihn zur Hütte hinaus, hieß ihn das Kreuz nehmen und ging mit ihm bis unter den Eichbaum. Als ſie ſich um⸗ kehrten, ſahen ſie Rauchwolken über der Hütte aufſteigen; bald zerbrachen die Flammen das Dach und umringten in einem Augenblick des Wehrwolfs Aufenthalt. „Nun, mein Kind,“ ſagte Hugo,„beten wir noch einmal in dieſem Wald zu Gott.“ Dies ſagend, kniete er langſam nieder, und hob ſeine 62 Hände in die Höhe. Bernhard that ebenſo und, während das Feuer die Hütte verzehrte, ſandten beide in der Stille der Natur ein Gebet aus tiefem Herzen zu Gott, und ſagten ein feurig Lebewohl der Einfamkeit, die der Wehr⸗ wolf ſo lange mit Thränen befeuchtet hatte. Nachdem die Hütte eingeſtürzt war, ſtanden ſie auf, ſtellten das hölzerne Kreuz als Denkzeichen vor den Eichbaum und ſchlugen langſamen Schrittes den Fußpfad ein. Etwas ſpäter waren ſie auf der Haide. Graf Hugo hatte zu viel auf ſeine Kräfte gebaut; kaum hatte er den Wald verlaſſen, als ſeine Füße erſtarr⸗ ten und er eine große Abmattung in allen ſeinen Gliedern fühlte; er ſetzte ſich nieder und ließ traurig den Kopf ſinken. Bernhard brach indeß den Aſt einer Eiche ab, um ſich als Gehſtock deſſelben zu bedienen und kam dann zu Hugo zurück. „Habe Muth, Herr,“ ſprach er,„ich werde Dich unter⸗ ſtützen, Dich tragen, wenn ich kann. Wir werden langſam fortgehen; habe nur Muth!“ Indeſſen half er dem ſchwachen Hugo ſich aufrichten, er legte die Schulter unter ſeinen Arm, damit er darauf ruhen könnte. So gingen die zwei Reiſenden langſam und wankend über die Haide und unterbrachen ihre Wanderung durch wiederholtes Ausruhen. Lange Zeit herrſchte ein peinliches Schweigen zwiſchen beiden; doch begannen ſie nach und nach ein tröſtendes Geſpräch. Ohne Zweifel erzählte Bernhard die Geſchichte ſeines wechſelvollen Lebens; denn während der Rede er⸗ glänzten ſeine Augen oft von dem Feuer der Freude; Aleidis Name erklang unter den einſamen Bäumen, und gewiß hörten die ſtillen Felder das Bekenntniß ſeiner ge⸗ heimſten Gefühle. Wie ſehr auch Hugo gegen die Er⸗ müdung rang, ſo lächelte er doch bei dem Gedanken an die adlige Geburt ſeines jugendlichen Begleiters und ver⸗ muthete, vaß eine gegenſeitige Zuneigung Bernhard und Aleidis verband. Die Erzählung des Jünglings überzeugte ihn, 1 tödtlic troſtre kraft; und 9 Bernk Baum noch ſeine Sein nung, ielt 1 2 ängſtl Hugo ſich a eignen 5 Leben einer! „ 4 ſtand Du de E Bernh er Hu nach t Goldſt und 2 zu Hu und ſ trank, durch vährend r Stille t, und Wehr⸗ dem die hölzerne ſchlugen ſpäter ebaut; erſtarr⸗ liedern n Kopf che ab, n dann unter⸗ angſam richten, darauf um und derung wiſchen ſtendes ſchichte ede er⸗ reude; n ter ge⸗ ie Er⸗ ken an d ver⸗ d und zeugte 63 ihn, daß Arnold ſeine Spötterei bereue und ihn trotz der tödtlichen Wunde, die er ihm beigebracht, noch liebe. Dieſe troſtreiche Verſicherung ſchenkte ihm etwas mehr Lebens⸗ kraft; er kämpfte muthig gegen die Lahmheit ſeiner Füße und gelangte ſo, etwa um zwei Uhr Nachmittags, mit Bernhard in einen kleinen Wald bei Wyneghem. Hier verſagten ihm ſeine Kräfte; er ſank an einem Baume wie leblos nieder;— und doch hatte ſein Antlitz noch einen ſeligen Ausdruck: ſeine Augen waren lebendig, ſeine hohlen Wangen durch die Ermüdung gefärbt.— Sein Herz war mächtiger, als ſein Körper und die Hoff⸗ nung, nach kurzer Ruhe ſeine Reiſe fortſetzen zu können, hielt ihn aufrecht. Bernhard war tief bekümmert und beſorgt; er ſah ängſtlich umher, ob er nichts fände, das als Kiſſen für Hugo dienen konnte. Als er dieß nicht fand, ſtreckte er ſich auf der Erde aus und unterſtützte Hugo mit ſeinem eignen Körper. Kein Seufzer wurde gehört, keine Bewegung verrieth Leben in vieſen zwei ausgeſtreckt Daliegenden, bis nach einer halben Stunde Graf Hugo zu Bernhard ſagte: „Mein Sohn, ich habe Durſt.“ Der Jüngling legte das Haupt Hugos auf das Moos, ſtand auf und antwortete: „Ruhe, Herr, ich will nach Trinken gehen. Wirſt Du den Durſt ertragen, bis ich wiederkomme?“ „Ich werde noch ſo lange ruhen,“ ſeufzte Hugv. Bernhard, dieß hörend, ging durch die Bäume, aber ſobald er Hugo aus dem Geſichte war, lief er aus aller Macht nach dem Dorfe Wyneghem. Hier tauſchte er eines ſeiner Goldſtücke gegen einen Krug Bier, geſottenes Fleiſch, Brod und Butter aus. Beladen mit dieſem Vorrath, kehrte er zu Hugo zurück. Dieſer ſaß aufgerichtet an dem Baume und ſchien von ſeiner Ermüdung hergeſtellt. Er aß und trank, was ihm Bernhard anbot und erfreute ſeinen Freund durch den wieder gewonnenen Muth. 64 Raſch nahm Bernhard Buch und Stock auf; Hugo ſtützte ſich wieder auf ſeine Schulter und ſie verließen den Ruheplatz, um ihre Reiſe fortzuſetzen. Zwei Stunden, ehe die Sonne hinabſank, ſahen ſie endlich die Thürme des Laternenhofs. Beide waren vom ſelben Gefühle ergriffen und ihre Pulſe jagten wilder, ein leichtes Zittern machte ſie beben und ihre Augen ruhten auf der Ferne, ohne daß ein Wort ihre Gefühle aus⸗ drückte. Man ſollte glauben, ihre Schritte hätten ſich verdop⸗ pelt, und eine heftige Ungeduld ſie mit großerer Eile fortge⸗ trieben? Es geſchah das Gegentheil; ſie ſanken beide zur Erde und verblieben einige Zeit in dieſer Betrachtung des Laternenhofes, während die Thränen aus ihren Augen perlten. Hugo begann zu ſprechen: „O mein Sohn, könnteſt Du ſehen, was in mei⸗ nem Herzen vor ſich geht! Welche Freude mich durch⸗ bebt! Da find ſie, die Thürme des väterlichen Schloſſes! Nach dreizehn Jahren des Leidens, nachdem ich dreizehn Jahre als Mörder die Schlangen der Reue meinen Buſen durchwühlen fühlte, ſehe ich ſie wieder, ohne ein Mörder zu ſein! Das Laub der Bäume, die meine Kinderſpiele be⸗ ſchatteten, wird noch einmal den alten Hugo begrüßen. Ich gedenke der Erinnerungen meiner Voreltern, werde meinen Bruder Arnold und meine Aleidis, meinen getreu⸗ en Abulfaragus umarmen o der gnädige Gott ſchenke mir noch einige Tage Leben„„ und dann— dann werde ich dankbar und freudig. 4 Ein ſonderbarer Schrei Bernhards unterbrach ſeine Rede. „Sieh!“ Sieh!“ rief der Jüngling, während er in die Ferne deutete,„ſieh unter den Bäumen dort einen alten Mann, der Kräuter pflückt! Er iſt es, ja!“ Ehe Hugo ſehen konnte, was ihm Bernhard zeigte, war dieſer raſch aufgeſprungen und lief unter den Bäumen hin, bis zu erkenne armte ſie eili als ſie Abulfo in die Bewec wollte und v Hugo gefaßt Haltu ſeine das A 7 ſterbe daß Hugo Brud 7 haſſer gelitt wenie Brud Spöt auch zwei Dir in di habet matt 6 Hugo rließen hen ſie n vom er, ein ruhten e aus⸗ erd⸗ fortge⸗ ide zur g des Augen in mei⸗ durch⸗ loſſes! reizehn Buſen Mörder iele be⸗ grüßen. werde getreu⸗ e Gott ann— h ſeine id er in t einen te, war en hin, 65 bis zu einem alten Manne. Hugo, vhne ihn von der Ferne erkennen zu können, ſah, wie er Bernhard dreimal um⸗ armte und ihn feurig küßte. Nach dieſer Begrüßung kamen ſie eiligſt zu dem Platze gelaufen, wo Hugo war und jetzt, als ſie ſich ihm näherten, erkannte er erſt ſeinen treuen Abulfaragus. Er ſtund auf und fiel mit einem Freudenſchrei in die Arme des Wahrſagers. Dieſer konnte vor innerer Bewegung nicht ſprechen und was auch ſein Mund ſagen wollte, es war unverſtändlich. Er fiel nieder auf das Gras und vergoß einen Strom von Thränen. Indeß hatte ſich Hugo an ſeiner Seite niedergeſetzt und eine ſeiner Hände gefaßt, Bernhard ſaß auf der andern Seite in derſelben Haltung. Nach einigen Augenblicken trocknete Abulfaragus ſeine Thränen und betrachtete mit liebevollem Ausdruck das Antlitz Hugos und rief zum Himmel; e Dank, o Gott, daß ich ihn noch ſehe, ehe ich Und dann Hugo wieder betrachtend, ſagte er: „Du biſt krank und ſchwach, Herr, aber glaube nicht, daß Du dem Tode verfallen. Muth und Hoffnung, Graf Hugo, Glück und Friede erwartet uns Alle.“ „So iſt es denn wahr, Abulfaragus, daß Arnold, mein Bruder, mich nicht haßt?“ „Dich haſſen“antwortete Abulfaragus verwundert,„Dich haſſen, Graf Hugo. Dein Geſicht ſagt mir, wie ſehr Du gelitten; aber ich kann nicht glauben, daß Arnolds Leben weniger bitter war, als das Deine. Du glaubteſt Deinen Bruder ermordet zu haben; Arnold glaubte durch ſeine Spötterei nicht allein die Schuld des Verbrechens, ſondern auch eines Selbſtmords auf ſich geladen zu haben. Nach zwei Jahren vergeblichen Umherirrens ohne eine Spur von Dir zu entdecken, hat er ſich im Laternenhofe vergraben, in der Ueberzeugung, Du werdeſt Dich ſelbſt umgebracht haben. Bedenke, wie ſchmerzlich ihn dieß gequält! Du biſt matt und erſchöpft, er iſt es noch mehr;— wirſt Du Dich Hugo von Ergenhove. 5 65 freuen, ihn wiederzuſehen, er wird vielleicht, wenn er Dich zum erſtenmale ſieht, wahnſinnig werden.“ „Wohlan, gehen wir zu ihm!“ rief Hugo aufſte⸗ hend.„Laßt mich ihn ſehen und Vergebung von ihm er⸗ bitten!“ „Herr Graf!“ ſprach Abulfaragus raſch,„es darf noch nicht ſein. Es würde vielleicht Deinen Bruder tödten, wenn Du ſo plötzlich vor ihm erſchieneſt. Ueberdieß weißt Du: wir haben alle einen ſchönen Theil unſeres Lebens in Thränen und Schmerzen verlebt, um dieß ſchreckliche Ge⸗ heimniß zu bewahren. Es darf nicht entdeckt werden. Wenn Graf Hugo von Craenhove bei Tage in dieſem arm⸗ ſeligen Gewande in das Thor des Laternenhofes träte, mußten die Diener und Waffenknechte nicht auf die Lö⸗ ſung des Räthſels hingewieſen ſein und würden ſie dieſe nicht finden! Bleibe hier bis zum Abend; ich werde nach dem Schloſſe zurückgehen und Befehl geben, daß keine Seele es verlaſſe. Indeſſen werde ich Dir Aleidis ſenden und ſelbſt in einiger Zeit wieder kommen, Dich zu holen. Bis dahin Geduld; es ſind nur noch einige Augenblicke zu den dreizehn Jahren gefügt, das letzte Opfer für die Ehre Deines Hauſes!“ Dieß ſagend, drückte er die Hand des Grafen und ſchritt eilig dem Laternenhofe zu. Erfüllt von Freude und Hoffnung, begann Hugo mit Bernhard ein freundliches Geſpräch, das ihnen die Zeit verkürzte. Plötzlich ſahen ſie von Ferne eine Edeldame ſich ihnen nähern. Sie war groß von Geſtalt, in ſchwarzes Gewand gekleidet und ihr Kopf mit einem durchſichtigen Schleier bedeckt. Obwohl Bernhard dieſe Dame nicht erkannte, ſo folgte er doch der Eingebung ſeines Herzens, ſprang vom Graſe auf und lief ihr entgegen mit den Worten: „Schweſter, liebe Schweſter! Aleidis! Aleidis!“ Zu einer Umarmung bereit, näherte er ſich ihr; doch als er nur noch wenig von ihr entfernt war, blieb er, wie vom fallen verleg er ha nun Schöt Roth baſter er gr wirrt unter ſich i viellei in ſei ( ſchen Blick auf 1 liebes hard Dein Läche zweift freun ganze verge Aleid bei d ſchm der? rDich aufſte⸗ m er⸗ f noch „wenn t Du: ns in e Ge⸗ verden. arm⸗ träte, e dieſe e nach keine ſenden holen. icke zu e Ehre n und z mit e Zeit ihnen ewand chleier te, ſo m 0 doch r, wie 67 vom Schlage getroffen, plötzlich ſtehen; er ließ ſeine Arme fallen und begann zu weinen, während er verſchämt und verlegen ſeine Augen zu Boden ſenkte. Armer Bernhard, er hatte geglaubt, ſeine Schweſter Aleidis zu finden und nun fand er ein ſtattliches Fräulein, von bezaubernder Schönheit, die ihn ohne alle Theilnahme anblickte; das Roth der Scham hatte bei dem erſten Anblick ihre ala⸗ haſterne Stirne gefärbt. Dann fühlte Bernhard erſt, daß er grobe und beſchmutzte Kleider trug, daß ſein Haar ver⸗ wirrt und ſein Antlitz blaß war, da er die letzte Nacht unter bloßem Himmel zugebracht. Die Verzweiflung ſenkte ſich in ſeine Bruſt und in dieſem Augenblicke wurde er erſt vielleicht gewahr, daß ein anderes Gefühl, als Bruderliebe, in ſeinem Herzen gewurzelt hatte. Die Liebe muß bis ins Innerſte des Herzens deſſen ſehen, den man liebt; denn Aleidis begriff mit einem Blicke, was der Jüngling fühlte. Sie warf ihren Schleier auf die Schulter zurück, betrachtete Bernhard lang und liebevoll und ſtatt ihn mit dem brüderlichen Namen Bern⸗ hard anzureden, ſagte ſie mit ſilberklarer Stimme:; „Burggraf von Reedale, ſchmerzt Dich der Anblick Deiner Schweſter 2“ Der Jüngling erhob das Haupt und dankte durch ein Lächeln für die tröſtenden Worte; während er in Ver⸗ zweiflung ſein Auge auf ihr ruhen ließ, ſprach ſie mit noch freunvlicherer Stimme: „Bernhard, ich habe an Dich allein während der ganzen Trennung gedacht; und Du, haſt Du Aleidis nicht vergeſſen?“ „Vergeſſen, v mein Gott!“ rief er,„Dich vergeſſen, Aleidis? Sprich keine ſolchen Worte, während mein Herz bei dem Wiederſehen meiner Schweſter und Freundin zer⸗ ſchmilzt?“ Und er ergriff ihre Hand, und netzte ſie mit Thränen der Freude und Dankbarkeit. Hand in Hand und zitternd vor Rührung nahten ſich 68 Hugv. Nun begann ein ergreifend Schauſpiel der Ge⸗ ſchwiſterliebe, bis Aleidis endlich ſich ſprachlos neben Hugo geſetzt hatte, ihren Arm um ſeinen Hals geſchlungen, und ihr blaues ſchönes Auge auf ihn gerichtet. Bernhard und Aleidis warfen ſich Blicke der feurigſten Liebe zu.— In⸗ deß hatte ſich die Sonne am Horizonte hinabgeſenkt, und es begann zu dunkeln. Da kam Abulfaragus aus der Ferne wieder zu ihnen. Sobald Bernhard den alten Mann ſah, flog er ihm entgegen und umarmte ihn heftig und rief: „O habe Dank, habe Dank, edelmüthiger Abulfaragus! Du haſt für mich gethan, was ein Vater für ſeinen Sohn thut. Da haſt mir eine reine, liebevolle„Schweſter bewahrt. Der Himmel verlängere Deine Tage und gebe Dir eine ſelige Sterbeſtunde Lachend klopfte Abulfaragus auf Bernhards Schultern und antwortete mit heiterer Miene: „Siehſt Du, Junker, was Dir nun Freude macht, konnte früher das Unglück eines durchlauchtigen Hauſes und Dein Schaden werden. Abulfaragus hat Dich nicht ohne Grund verfolgt und verbannt. Nun iſt keine Gefahr mehr, mein überglücklicher Sohn; ich habe Dir nicht allein eine Schweſter bewahrt. Und leiſe fügte er hinzu: „Denn der Küſter von Deurne hat den Befehl be⸗ kommen, die Kirche zur feierlichen Hochzeit ſchön zu ver⸗ zieren. Kennſt Du den Bräutigam?“ Mit dieſen Worten ließ er den erſtaunten Bernhard in Gedanken ſtehen, und ging zu Hugo; er gab ihm Aus⸗ kunft über den Zuſtand ſeines Bruders und kündigte den Aufbruch an, ſobald er ſah, daß es dunkel genug war, um ihre Ankunft auf dem Schloſſe zu verbergen. Während des kurzen Ganges ſprach Niemand; alle in der Erwar⸗ tung der Dinge, die da kommen ſollten. Hugo bebte auf ſeinen ermatteten Füßenz ſein Athem wurde bürzer, ſein Herz Brud ( das E erhalt ſeine ſich 1 war ſ 5 1 die A und d zu Br P ſtehen gemat Schlr ( könne getha ten z treten Schl bäude hätte der L kleine Grab Ge⸗ Hugo „und d und In⸗ „und s der ihm agus! Sohn weſter gebe ltern acht, auſes nicht efahr nicht be⸗ ver⸗ chard Aus⸗ den war, hrend war⸗ auf „ſein 69 Herz pochte immer heſtiger.— Er wollte vor ſeinem Bruder erſcheinen, den er beinahe ermordet hatte. Endlich ſchritten ſie über die Brücke und kamen in vas Schloßz hier konnte ſich Hugo nicht mehr ſtehend erhalten,— er bat um Unterſtützung. Bernhard bot ihm ſeine rechte Schulter, Aleidis die linke, und ſo nahten ſie jich langſam der Thüre von Arnolds Zimmer. Kaum war ſie geöffnet, als zwei Stimmen riefen: „Arnold! Hugo! Vergebung! Vergebung!“ Und die beiden Brüder flogen weinend einander in vie Arme. Ein langer Kuß, einige unverſtändliche Worte, und dann— dann ſanken die Leichname der beiden Brüder zu Boden. Als ſie ſich ſo umſchloſſen hielten, glaubten die Um⸗ ſtehenden, das Uebermaß von Freude habe ſie ohnmächtig gemacht. Abulfaragus aber ſchrie laut auf, daß das ganze Schloß davon erdröhnte und warf ſich auf die Leichen. Dreizehn Jahre Leiden hatten ihr Leben nicht brechen können!— Ein einziger Augenblick der Freude hatte es gethan!— Sie waren todt„„ Und ihre Seelen hat⸗ ten zuſammen die Reiſe zu Gottes Richterſtuhl ange⸗ treten. Wenn Jemand zehn Jahre ſpäter in das einſame Schloß einen Blick warf, würde er nichts an den Ge⸗ bäuden des Laternenhofes verändert gefunden haben. Doch hätte er Abends unter den ſchattenreichen Bäumen einer ver Feſtungsmauern luſtwandeln können, ſo würde er ein kleines Gebüſch entdeckt haben, und in ſeiner Mitte einen Grabſtein, mit der einfachen Ueberſchrift: 70 B. 0 Walter von Craenhove und ſeine Gemahlin Maria und ihre Kinder Hugo und Arnold. Gott ſei ihren Seelen gnädig. Vor dieſem Grabſtein hätte er fünf Perſonen er⸗ blickt; Einen Greis, der ſchon hundert Jahre alt zu ſein ſchien; ein Mann mit blonden Haaren und blauen Augen; eine außerordentlich ſchöne Frau mit blonden Haaren und blauen Augen und zwei Kinder, ein Sohn und eine Tochter, beide mit Haar und Augen von derſelben Farbe, wie ihr Vater Bernhard und ihre Mutter, Aleidis. P * vornel Saal ( men zende kleine auf d war. befan Töch Burg Fenſt Wint als e ſchre mine tigen und en er ein lugen; en und ochter, ie ihr Geſchichte des Abulfaragus⸗ — I. An einem Winterabend des Jahres 1374 waren die vornehmſten Bewohner des Laternenhofes in dem großen Saale des Schloſſes. Der achtzigjährige Abulfaragus ſaß in einen beque⸗ men Lehnſtuhl am Feuer, und blickte ſprachlos in die tan⸗ zenden Flammen; neben ihm auf einem Bänkchen ſaß ein kleiner Junge von ungefähr fünf Jahren, der ſeinen Kopf auf die Kniee des alten Mannes gelegt, ſelig eingeſchlafen war. Etwas entfernter an einem ſchweren eichenen Tiſche befand ſich die ſchöne Aleidis von Craenhobe mit einem Töchterchen auf dem Schvoße, mit ihrem Gemahle, dem Burggrafen von Reedale ſprechend. Draußen mußte ein ſchrecklich Wetter ſein, denn die Fenſterſcheiben klirrten entſetzlich in ihrem Blei, und der Wind ſchlug ſo heſtig daran, daß die bange Aleidis mehr als einmal mit ängſtlichem Blicke ſich umwandte. Noch ſchrecklicher war das Wüthen des Sturmes in dem Ka⸗ mine, das Zurückſchlagen der Flammen von ſeinem gewal⸗ tigen Athem, ſein ächzendes Pfeifen um die Thurmſpitzen und das Kreiſchen der wirbelnden Wetterhähne⸗ Peinliche Phantafieen ſtiegen in den Herzen Bern⸗ hards und Abulfaragus auf; nicht weil ſie etwas fürchte⸗ ten oder zu fürchten hatten, ſondern das Unwetter übte ſeinen natürlichen Einfluß auf ſie aus. Aleidis hatte eine unerklärliche Angſt ergriffen: die donnernde Stimme des Orkans und die klagenden Töne des Windes erſchüt⸗ terte ihr feinfühliges Weſen und machte ſie auf ihrem Seſſel beben. Die Bläſſe ihres Geſichtes erſchreckte ihren Gatten, der große Mühe hatte, durch freundliche Worte ihre Aufmerkſamkeit auf ſich zu ziehen, aber es wollte ihm nicht gelingen. Er litt fühlbar bei der Angſt ſeiner Alei⸗ dis und auch auf ſeinem Antſitz malte ſich für einige Augenblicke die bange Sorge. Plötzlich lief ein Lächeln um ſeinen Mund, als ob ein glücklicher Gedanke über ihn gekommen wäre, und ſich an Abulfaragus wendend, ſagte er: „Abulfaragus, mein alter Freund, iſt es recht, wenn ein Menſch ſich Kummer macht, wenn er nicht unglück⸗ lich iſt?“ „Nein, Meiſter,“ antwortete der Greis ohne aufzu⸗ ſehen,„es gibt der Schmerzen ſchon zu viele im Men⸗ ſchenleben; aber der Menſch, ſo innig verwandt mit der Natur, wird leicht verdüſtert, wenn der Himmel mit Sturmwolken umnebelt iſt.“ Abulfaragus' hohle Stimme erſchreckte Bernhard ſehr, und vertrieb ihm den Gedanken, der ihn hatte lächeln machen. Er fragte: „Sagt Dir dieſe Stunde etwas Betrübendes, Abul⸗ faragus, daß Deine Worte den Ton des Schmerzes haben?“ Der Greis blickte Bernhard an und ſprach in noch düſtererem Tone: „Das Unwetter, Meiſter, hat eine unbegreifliche Macht über den Geiſt des Menſchen; es nöthigt uns, in unſer Inneres zurückzukehren; es friſcht die Erinnerung auf, entrol dem 2 war. mich blicke könnte ſal ſo mich ( Worte daß f taub Hand. nieder Vater hart Du h durch jetzt b Euch „esn währe ſal D und e meine Deine wünſe des n Bern⸗ ürchte⸗ rübte hatte timme rſchüt⸗ ihrem zatten, e ihre ihm einige als ob nd ſich wenn aufzu⸗ Men⸗ lit der l mit enhard ächeln ben?“ noch Macht unſer auſ, 73 entrollt die Bilder der fernſten Vergangenheit und zeigt dem Menſchen, was das Schrecklichſte in ſeinem Leben war. Deßhalb umnebelt es den Geiſt.“ „Wirklich,“ rief Bernhard,„es iſt ſo! Auch ich habe mich ſeit einer halben Stunde der ſchrecklichſten Augen⸗ blicke meines Lebens erinnert.— Geliebte Aleidis, wer könnte Dir ſagen, was ich gelitten, als mich das Schick⸗ ſal ſo plötzlich von Dir trennte! Das Unwetter ließ es mich ſo eben noch einmal fühlen.“ Sei es nun, daß die Edelfran die Liebe, die aus den Worten ihres Gatten blickte, belohnen wollte, oder ſei es, daß ſie durch das Geſpräch für das Wüthen des Sturmes taub geworden,— ſie lächelte und drückte Bernhards Hand. Dieſer fragte den Greis: „Aber Du, Abulfaragus, den ein ſchwerer Schmerz nieverzuvrücken ſcheint, woran denkſt Du?“ „Ich?“ ſeufzte der alte Mann,„ich denke an meinen Vater, meine Mutter und meine Schweſter.“ „An Deinen Vater und Deine Mutter!“ riefen Bern⸗ hart und Aleidis zugleich.„Du haſt uns immer geſagt, Du habeſt ſie nicht gekannt.“ „Ich hielt es nicht für rathſam, Dich zu betrüben durch die Erzählung ihres ſchrecklichen Unglücks und auch jetzt bitte ich Euch, mich nicht darum zu fragen; es würde Euch zu ſehr ſchmerzen und angreifen.“ „Und wäre dem auch ſo,“ antwortete Bernhard, „es wird uns dieſen Abend einen ernſten Zeitvertreib ge⸗ währen. Wir werden Thränen vergießen über das Schick⸗ ſal Deiner Aelternz aber Thränen des Mitleids ſind ſüß und erleichtern den Geiſt. Nicht wahr, Aleidis?“ „Gewiß, Abulfaragus,“ ſagte die Cpelfrau,„Du haſt meine Neugierde rege gemacht und wie ſchrecklich auch Deine Erzählung ſein mag, bitte ich doch darum. Ich wünſche zu wiſſen, was das Loos der Aeltern unſtes Freun⸗ des war.“ „Ihr Loos, Edelfrau?“ vief Abulfaragus mit bebender 3 74 Stimme,„das Loos meines Vaters: Zerriſſen von Wöl⸗ fen! Iſt das nicht ſchrecklich genug?“ „O Gott!“ ſeufzte Aleidis,„welch' ſchrecklich Ge⸗ heimniß haſt Du uns verſchwiegen!“ „Nicht wahr,“ erwiederte Abulfaragus,„ſolche Erin⸗ nerungen ſind zu bitter, um mitgetheilt zu werden? Es iſt beſſer, daß ich ſie noch in meiner Bruſt verſchloſſen halte.“ „O nein,“ fiel Aleidis ein,„erzähle uns Deine Ge⸗ ſchichte. Du haſt es uns ſchon ſo manchmal verſprochen, und jetzt gerade haben wir einen langen Abend, um Dir zuzuhören.“ Bernhard bat gleichfalls, bis ſich Abulfaragus entſchloß, ihnen die Geſchichte ſeines Lebens zu erzählen. Er be⸗ gann alſo: Noch im Jahre 1308 wohnte zu Damaskus ein jüdiſcher Arzt, mit Namen Abel Farach, der von den Arabern allerlei Wiſſenſchaft gelernt hatte, und um ſeiner außerordentlichen Kenntniſſe willen in ganz Syrien allge⸗ mein bekannt und geachtet war. Mam kam zu ihm aus Aleppo, Jeruſalem und Bagdad; ja ſelbſt die Einwohner von Skandervn und Baſſora unternahmen gefährliche Rei⸗ ſen, um ſich Rathes bei ihm zu erholen. Dieſer Abel Farach war mein Vater. Ich erinnere mich noch, daß wir ein prächtig Haus bewohnten, hinter welchem ein breiter Hof war, worin ich mit meiner guten Mutter, Abigail, und meiner jüngern Schweſter, Rebekka, täglich ſpielte. Wir hatten Sclaven und Diener in großer Anzahl und jedermann, er ſei Jude, Chriſt oder Sarazene, ehrte uns. Ungefähr um dieſe Zeit unternahmen die chriſtlichen Edelleute, welche man Ritter von St. Johann zu Jeru⸗ ſalem nannte, Kreuzzüge gegen die Sarazenen, und kamen mit einer Flotte vor die Inſel Rhodus, um ſie den Mo⸗ hamed weiß, razene bindun ihnen Alle 2 glaub der J man i dern, zuahm 9 und G ich w alt. meine athm aus Stert Hauſ und ſuchte wie 1 kaum und brach Vate und Spre ſagte aufge nen. hat 1 und Wöl⸗ Ge⸗ Erin⸗ Es iſt halte.“ e Ge⸗ tochen, n Dir ſchloß, Er be⸗ s ein on den ſeiner allge⸗ m as wohner he Rei⸗ Farach Haus rin ich jüngern Sclaven iJude, ſtlichen Jer⸗ kamen en Mo⸗ 75 hamedanern zu entreißen. Ohne daß ich die Gründe dabon weiß, verbreitete ſich plötzlich das Gerücht unter den Sa⸗ razenen, die Chriſten und Inden ſtehen in geheimer Ver⸗ bindung mit dem europäiſchen Lager, und ſeien bereit, ihnen durch Verrath die Städte von Syrien zu überliefern. Alle Bewohner von Jeruſalem, die nicht an Mohammet glaubten, wurden ermordet; zu Aleppo ſtrömte das Blut der Juden und Chriſten noch entſetzlicher und ſchon begann man in den Straßen von Damaskus einander aufzufor⸗ dern, das Vorbild der andern Städte von Syrien nach⸗ zuahmen. Am Abende dieſes Tages ſaß ich mit meiner Mutter und Schweſter auf dem platten Dache unſeres Hauſes; ich war ungefähr zehn und meine Schweſter ſieben Jahre alt. Deßhalb achteten wir noch nicht auf den Trübſinn meiner Mutter, deſſen Urſache wir nicht begriffen. Wir athmeten ſpielend die Balſamdüfte, die uns der Wind aus der Wüſte zuführte und zeigten einander die ſchönſten Sterne des Himmels; als wir plötzlich, unten an unſerem Hauſe, im Hofe einen Mann ſahen, der heimlich ein Pferd und einen Dromedar fortzog und dieſe Thiere zu verbergen ſuchte. Darauf wurde die Hausthüre unſerer Wohnung, wie mit Gewalt geöffnet und wieder geſchloſſen. Ein kaum merkbarer Schrei entfloh der Bruſt unſerer Mutter, und jetzt erſt bemerkten wir, wie ſehr ſie zitterte, Mit ängſtlicher Eile nahm ſie uns bei der Hand und brachte uns ſprachlos in den untern Saal, wo mein Vater eben eingetreten war. Sein Geſicht war bleich, und ſeine Augen ſtarr. Ohne meiner Mutter Zeit zum Sprechen zu laſſen, ſchloß er die Thüre vorſichtig zu und ſagte dann mit leiſer Stimme: „Abigail, wenn wir hier bleiben bis zum Sonnen⸗ aufgang, werden die erſten Strahlen unſre Leichen beſchei⸗ nen. Wir müſſen in größter Eile fort: Togrul⸗Almahadi hat mich verſichert, daß die Niedermetzelung der Juden und Chriſten morgen beginnen wird und daß wir, als die Reichſten, zuerſt unter dem Schwerte ffallen werden.— Verlange keine weitere Erklärung von mir; nimm die Kleider einer Sclavin, ziehe ſie an, damit man Dich für eine Türkin anſehe; verkleide die Kinder gleichfalls! Ich werde Gold und Perlen, was wir beſitzen, zuſammenpacken, ein Pferd und ein Dromedar ſtehen im Hofe bereit. Spute Dich und ſage den Selaven nichts davon, ſie würden uns verrathen.“ Um Mitternacht zogen wir fort. Unſre Mutter ſaß auf dem Dromedar und wir, jedes in einer Art von höl⸗ zernem Korbe, zu ihrer Seite; mein Vater, zu Pferde und wohl gewaffnet, ritt voraus, um uns den Weg zu zeigen. Die Angſt unſerer Aeltern mußte groß ſein, denn nicht ſelten begegneten wir Banden von ſarazeniſchen Krie⸗ gern; aber wir entkamen ihnen gewöhnlich, oder wußte mein Vater durch ſeine Worte allen Argwohn ihnen zu benehmen, und ſie glauben zu machen, wir ſeien Sara⸗ zenen, die nach Aleppo reiſten. Nachdem wir einige Tage und nur des Nachts, unſern Weg fortgeſetzt hatten, kamen wir nach Skanderum und von da nach Simta, nicht ferne von Rhodus. Hier glückte es meinem Vater des Nachts insgeheim auf die chriſtliche Flotte zu kommen; er bot ſeine Dienſte an und gab ſo außerordentliche Beweiſe ſeiner ärztlichen Kunſt daß die Ritter von St. Johann⸗zu⸗Je⸗ ruſalem ſein Anerbieten mit Freude annahmen. Die Nacht darauf kreuzte eine kleine Galeere unter der Seeküſte; wir hatten in einem Boote eine halbe Stunde auf ſie ge⸗ wartet, erreichten ſie in der Dunkelheit und gingen wohl behalten an Bord des größten Schiffes, wo uns eine be⸗ queme Kajüte als Aufenthaltsort angewieſen wurde. Die Belagerung von Rhodus dauerte länger als ein Jahr. Täglich fielen blutige Gefechte vor und eine große Anzahl Ritter wurden verwundet. Mein Vater rettete ihrer ſo viele von einem ſicheren Tode, daß die Chriſten ihm mit Dankbarkeit begegneten, und ihn als ihren Wohl⸗ thäter betrachteten. Wir hatten ein ziemlich angenehmes Leben, Treſſen gewöhr A Ritter, engeres ſeitige beinahe zubrach Die Li über; ganze zum K heitern 9 ſie für er ſich wies. ſten ale man he ſolgen des bre daß w waren, nach u ſten zu und w ſen Ri ſchenlie die wi das Le liebe u mit de biswei ſei nic Meſſic en nm die ich für h werde en, ein Spute en ns ter ſaß on höl⸗ Pferde Beg zu i, denn n Krie⸗ wußte nen zu Sara⸗ eTae kamen ht ferne Nachts er bot ſeiner zu⸗Je⸗ Nacht eküſte; ſie ge⸗ nwohl ine be⸗ als ein große rettete hriſten Wohl⸗ nehmes 77 Leben, da unſre Galeere als Krankenhaus benutzt, nie ins Treffen kam und wir die See und ihre Unruhe ſehr bald gewöhnt waren. Auf der Flotte vor Rhodus befand ſich ein brabantiſcher Ritter, der ſehr wißbegierig war und mit meinem Vater ein engeres Freundſchaftsband geſchloſſen hatte. Ihre gegen⸗ ſeitige Zuneigung wurde envlich ſo innig, daß ſie einander heinahe nie verließen und oft ganze Nächte bei einander zubrachten, um die Sterne und ihren Lauf zu beobachten. Die Liebe des brabantiſchen Ritters ging auch auf uns über; mit mir und meiner Schweſter Rebekka ſpielte er ganze Tage auf dem Schiffsverdecke, und machte ſich zum Kinde, um uns die Tage auf dem Schiffe zu er⸗ heitern. Meine Mutter liebte uns außerordentlich, auch fühlte ſie für den chriſtlichen Ritter eine große Dankbarkeit, da er ſich ſo edelmüthig gegen arme jüdiſche Flüchtlinge er⸗ wies. Von frühſter Jugend an hatte man uns die Chri⸗ ſten als haſſenswerthe und ſchreckiche Menſchen geſchildert, man hatte uns tauſendmal geſagt, wie ſie die Juden ver⸗ ſolgen und ihre ewigen Blutfeinde ſeien. Das Betragen des brabanter Ritters erregte unſre Dankbarkeit dermaßen, daß wir, wenn wir des Abends mit unſerem Vater allein waren, von Niemand als unſerem Wohlthäter ſprachenz nach und nach begannen wir auch die Religion der Chri⸗ ſten zu bewundern; wir ſagten uns, welche Tapferkeit und welchen Edelmuth der Glaube an Chriſtus allen die⸗ ſen Rittern einflöße und wie erhaben die chriſtliche Men⸗ ſchenliebe ſei, da ſie den brabanter Ritter antrieb, uns, die wir überall verſtoßen und ganz ohne Schutz waren, Meſſias geweſen. Ja, er gab ſich ſogar bald Mühe, uns das Leben in ein Paradies von Freundſchaft und Bruder⸗ liebe umzuſchaffen. Zweifelsohne mußte mein Vater oft mit dem chriſtlichen Freunde über Religion ſprechen, denn bisweilen, wenn er von ihm zurückkam, ſagte er uns, es ſei nicht unmöglich, daß der Gekreuzigte der erwartete 78 zu beweiſen, daß kein anderer Meſſias kommen werde, als der Gottmenſch der Chriſten. Dieſe Beweiſe waren aber bei uns unnöthig: meine Mutter, meine Schweſter und ich, wir waren längſt im Innern Chriſten; ſeit drei Monden beſaßen wir ein Chriſtusbild und beteten im Stillen vor ihm, der Gekreuzigte möge das Leben ſeines Dieners, des brabanter Ritters, erhalten. Eines Morgens, als wir in unſerer Kajüte gerade beim Frühſtücke waren, trat mein Vater ein und ſetzte ſich, ohne zu ſprechen, auf einen Seſſel. Sein Geſicht leuchtete von Freude und Glück, ſeine Augen ſtrahlten, ſein Mund lächelte: es war, als ob die Sonne, das Ver⸗ deck durchbrechend, ſeine Stirne erhellte. Nachdem er einen Augenblick geſchwiegen hatte, richtete er ſich auf und ſprach zu uns in feierlichem Tone: „Abigall, Du, die treue Gefährtin meines Lebens, und Ihr, meine Kinder, horchet auf das, was ich Euch ſagen werde; aber was mein Mund auch ſpricht, glaubt nicht, daß ich Euch verpflichten will, meinem Beiſpiele zu folgen. Komm hieher, Jonathan, mein Sohn, und Du meine Rebekka, daß ich Euch nochmal einen Kuß gebe, ehe ich meinen Entſchluß mittheile.“ So ſehr uns der freudige Ausdruck meines Vaters beruhigen mußte, ſo überkam uns doch eine gewiſſe Angſt. Beinahe zitternd empfingen wir den Kuß und mit Thränen in den Augen umarmte meine Mutter den Vater. Wir wußten nicht, was wir zu fürchten oder zu hoffen hatten. Plötzlich rief mein Vater leidenſchaftlich: „O meine Kinder, es gibt nur einen Meſſias,— dieſer Meſſias iſt Jeſus, und ich bin ſein Diener! Seine Stimme hat zu meinem Herzen geſprochen, ſeine Gnade hat mich erfüllt mit Licht und Freude!“ Bei dieſen Worten zog er ein ſilbernes Kreuz unter ſeinem Gewande hervor, hing es an die Wand auf und ſagte: * 2 die Gl angetr geben, einen G Dein Leben Der C 1U T meines ſchloß mit le bitte, uns A „ T fühlter Thrän gaben. unſere noch n das gr geword C neuen die Se hald in 79 e, als„Er iſt mein Seligmacher und mein Gott.“ aber Mein Vater erwartete von uns ein Jammern über er und die Glaubensänderung, denn dieſe Furcht allein hatte ihn t drei angetrieben, ſeine Erklärung zu bevorworten; aber er hatte Stillen ſich zu ſeiner Freude betrogen. Die Augen meiner Mutter ieners, erglänzten plötzlich von demſelben Feuer; ſie warf ſich wie eine Chriſtin knieend vor dem Kreuze nieder; meine gerade Schweſter und ich knieten daneben; ſie hob ihre Hand in ſetzte die Höhe und rief zum Gekreuzigten: Heſicht„Jeſus, Du Sohn Davids, Du biſt es, von dem ahlten Jeſaia geſagt:„Darum wird der Herr Euch ein Zeichen Ver⸗ geben, ſiehe, eine Jungfrau wird empfangen; ſie wird einen Sohn gebären, deß Name wird Immanuel ſein.“— hatte Dein Name, o Meſſias, ſei verherrlicht von Allem, was Leben hat. Du biſt der Sohn Gottes, Erlöſer der Welt! Der Gott meines Gatten und der meine.“ Euch Und wir antworteten freudig:„Amen! Amen!“ glaubt Thränen der Rührung und der Freude ſtrömten aus iele zu meines Vaters Augen; er kniete hinter uns nieder, um⸗ d Du ſchloß uns mit ſeinen Armen und betete einige Augenblicke gebe mit leiſer Stimme, als ob er den gekreuzigten Erloͤſer 5 bitte, die Bitte der Seinigen zu erhören. Dann hob er Vaters uns Alle auf, umarmte uns mehremale und rlef beſtändig: Angſt.„O, wir werden Chriſten ſein!“ hränen Dieſer Tag war der ſchönſte unſeres Lebens; wir Wir fühlten eine unbeſchreibliche Freude und zerſchmolzen in hoffen Thränen, die uns ein Vorgefühl jener Himmelsſeligkeit gaben. Gegen Mittag kam der brabantſche Ritter in unſere Kajüte und theilte unſre Freude; ja er fühlte ſich ech mehr gehoben, als wir, da er unſere Bekehrung für Seine das größte Glück hielt, das uns durch ſeine Freundſchaft Gnade geworden. Es brauchte nicht lange, uns die Geheimniſſe der neuen Lehre begreifen zu machen: unſre Herzen empfingen die Saat der Lehre Chriſti mit ſo viel Eifer, daß wir hald im Stande waren, die heilige Taufe zu empfangen. unter uf und 80 Der brabanter Ritter war mein Pathe; andere Lornehme Herren die Zeugen meiner Eltern und meiner Schweſter. Am beſtimmten Tage kam ein Biſchof mit großem Gefolge von Rittern auf unſer Schiff, und wir empfingen nach vielen Feierlichkeiten die heilige Taufe. Alle anwe⸗ ſenden Herren wünſchten uns Glück, aber beſonders erfreut war der brabanter Ritter; er küßte mich wohl hundert Mal und nannte mich ſeinen Sohn Walter. Dieß war der neue chriſtliche Name, den man mir gegeben; mein Vater hieß Joſeph, meine Mutter Suſannah und meine Schweſter Maria; Abel Farach wurde Abulfaragus. Während man uns nun von allen Seiten Glück wünſchte und der frohe Jubel der Ritter unſere Bekehrung feierte, ſahen wir plötzlich unter den Küſten von Rhodus eine große Anzahl türkiſcher Galeeren in die See ſtechen und unter lautem Kriegsgeſchrei auf uns losſteuern. Plötzlich lief der Ruf:„zu den Waffen! zu den Waffen!“ über die ganze chriſtliche Flotte, jeder Ritter begab ſich auf ſeine Galeere, alles wurde zu einer Seeſchlacht fertig gemacht und die chriſtlichen Schiffe fuhren ihren Feinden entgegen. Ich ſah das Gefecht nicht, denn man hieß uns ins Schiff gehen; da unſere Galeere nicht dazu beſtimmt war, im Kampfe mitzumachen, ſo hörten wir ſelbſt nicht das mindeſte Geräuſch. Nach einer Stunde kam jemand, uns zu ſagen, daß die Chriſten Sieger geblieben und vier türkiſche Galeeren verbrannt hätten. Wir freuten uns ſehr über dieſe gute Zeitung und dankten dem Herrn im Gebete; als wir plötz⸗ lich ein Geräuſch von Menſchentritten auf dem Verdecke unſeres Schiffes hörten; mit ängſtlichem Vorgefühl liefen wir die Treppe hinauf und ſahen, daß man einen verwun⸗ deten Ritter auf unſer Schiff brachte. An den Thränen meines Vaters merkten wir bald, wer es war, den man leblos und verblutet zurückbrachte. Wir ſchrieen alle laut auf; meine Schweſter ſiel weinend in die Arme ihrer Mutter. Ich warf mich auf die Kniee neben den br küßte mit m Wohlt empfa drunge 4 gelegt möcht bald: * wir il hole ſ 8 das S und k waſch dem« Vater ſich i endlick Thrät Tode S das Zeit und e Schw wird ihr H half wacht Bewe 5 nehme weſter. roßem fingen anwe⸗ erfreut undert ß war mein meine . Glück ehrung Rhodus ſtechen affen!“ b ſich fertig Feinden eß uns eſtimmt ſt nicht en, daß zaleeren ſe gute ir plöt⸗ Berdecke liefen verwun⸗ ld, wer e. Wir d in die ee neben 8¹ den brabantiſchen Ritter; ich rief ihn bei ſeinem Namen, küßte ſeine blauen Lippen und netzte ſeine bleiche Stirne mit meinen Thränen. Ach, mein Pathe, unſer edelmüthiger Wohlthäter hatte in der Schlacht eine todtliche Wunde empfangen, ein Pfeil war ihm quer durch den Hals ge⸗ drungen! Der Verwundete wurde in das Bett meiner Mutter gelegt; dann erſuchte mein Vater alle Anweſenden, ſie möchten ihn allein bei dem brabanter Ritter laſſen. So⸗ bald man ihm gehorcht, ſprach er zu uns: „Halten wir ein mit unſeren Thränen, damit retten wir ihn nicht. Frauen kniet nieder und betet. Du, Walter, hole ſchnell Waſſer!“ Meine Mutter und Schweſter warfen ſich knieend vor das Kreuz; ich eilte wie mit Flügeln die Treppe hinunter und kam augenblicklich mit einem gefüllten Krug zurück⸗ Ohne zu ſprechen, begann mein Vater die Wunden zu waſchen, und zu unterſuchen, ob ein großes Blutgefäß in dem Hals des Verwundeten verletzt ſei; die Stirne meines Vaters brannte bei dieſer Unterſuchung; ich ſah, wie er ſich in der Verzweiflung die Haare ausriß und wie er endlich entmuthigt niederfiel. Da brach ich in heftige Thränen aus, denn ich konnte nun nicht mehr an dem Tode meines Freundes zweifeln. Nech einigen Augenblicken erhob mein Vater wieder das Haupt und begann eine neue Unterſuchung. Kurze Zeit darauf leuchtete einige Hoffnung auf ſeinem Geſichte und er ſagte mit ruhiger Stimme zu meiner Mutter und Schweſter; „O betet, betet inbrünſtig, denn mit Gottes Hülfe wird er geneſen!“ Ein Freudenſchrei war ihre Antwort und ſie ſenkten ihr Haupt noch tiefer zum Gebet. Den ganzen Nachmittag half ich meinem Vater Salben und Tränke bereiten; wir wachten des Nachts bei dem Lebloſen, ängſtlich auf jede Bewegung, als ein Lebenszeichen wartend. Hugo von Ergenhove. 6 82⁰ Der dritte Tag war für uns ein Tag des Glücks und der Freude: man hörte ihn einen Ton von ſich geben und mein Vater hatte geſagt,„er wird leben!“ Von dieſem Augenblicke an verbeſſerte ſich der Zuſtand unſeres Wohlthäters; am zwölften Tage konnte er ſchon ſeine Augen feſt auf uns richten, und durch ſeine freund⸗ lichen Blicke uns für die Sorgfalt lohnen. Vierzig Nächte wachten meine Mutter und Schweſter abwechſelnd an ſeinem Bette. Während dieſer Zeit hatte ſich ſeine Wunde ge⸗ ſchloſſen und nach einem Monate bekam er endlich ſeine vorige Geſundheit wieder. Nun kannte ſeine Liebe zu uns keine Grenzen mehr. Mein Vater ward ihi ein Bruder und er nannte mich nie anders, als ſeinen Sohn Walter. Im Jahre 1310, am 16. Mai, eroberten die Chriſten die Inſel Rhodus und verjagten die Türken. Viele Ritter zogen nun heim und auch wir beſchloßen die Flotte zu ver⸗ laſſen, um in Europa eine Heimath zu ſuchen. Unſer Freund forderte uns auf, mit ihm nach Brabant zu ziehen. Wir beſaßen wenig in der Welt und bedurften eines Be⸗ ſchützers, überdieß wäre es uns beinahe unmöglich geweſen, von unſerem Wohlthäter zu ſcheiden. Wir nahmen alſo ſeinen Vorſchlag dankbar an und machten uns auf den Weg, unter dem Geleite Walters von Craenhove. „Himmel, mein Vater!“ rief Aleidis erſtaunt,„Abul⸗ faragus, warum haſt Du mir dieſen Namen ſo lange ver⸗ ſchwiegen 2“ „Edle Frau,“ antwortete der Greis halb lächelnd, „es war Dein Vater, mein Pathe und der Buſenfreund meiner Eltern. Du kannſt es nicht glauben, wie ich ihn geliebt, dieſen tapferſten aller chriſtlichen Ritter! O das Blut, das durch Deine Adern läuft, iſt vom edelſten Blute, vas die Sonne in allen drei Welttheilen je erwärmt! Und nannte ich Dir nicht früher ſchon ſeinen allzeit theuren Na⸗ men, ſo geſchah es nur, weil ich Dich durch die Beſchrei⸗ bung ſeiner tödtlichen Krankheit nicht betrüben wollte.“ Aleidis ſchwieg, aber ihre funkelnden Angen und ihr — halbg Abulf Lüttic ſeiner redete laſſen Graf Geld jüviſ ſitz. zogen währ ſenſch ſächli Vater er h anſehr gen 2 Vater mehr als S ihn d warer krank Vater Brief Ritter auf Boter in ih den 2 Strö Glücks geben zuſtand ſchon freund⸗ Pächte ſeinem wde ge⸗ h ſeine zu uns Bruder Walter. hriſten Ritter zu ver⸗ Unſer ziehen. es Be⸗ eweſen, en alſo uf den „Abul⸗ ge ver⸗ chelnd, freund ich ihn O das Blute, 1 Und en Na⸗ ſchrei⸗ e. 88 halbgeöffneter Mund zeigten veutlich ihre große Neugierde. Abulfaragus bemerkte dieß und fuhr alsbald fort: „Wir kamen nach einer langen Reiſe in der Stadt Lüttich an der Maas an; da fand mein Vater ſo viele ſeiner früheren Glaubensgenvſſen, die unſere Mutterſprache redeten, daß er ſich vornahm, ſich hier häuslich niederzu⸗ laſſen und als Arzt ſeine Dienſte anzubieten. Der gute Graf von Craenhove zwang uns eine bedeutende Summe Geldes auf. Wir kauften ein Haus in einer Straße, wo jüdiſche Wechsler wohnten und nahmen dort unſern Wohn⸗ ſiz. Walter von Craenhove mit unſerem Danke überhäuft, zog nach ſeinem Schloſſe, dem Laternenhofe. In Lüttich wohnten wir einige Jahre im Frieden, während welcher mich mein Vater in den arabiſchen Wiſ⸗ ſenſchaften, worunter Arzneikunde und Aſtrologie die haupt⸗ ſächlichſten, unterwies. Dieſelbe Berühmtheit, die mein Vater in Syrien genoſſen, wurde ihm auch hier zu Theil; er heilte viele Edelleute und Geiſtliche und ſammelte ſo anſehnliche Schätze. Man nannte ihn den reichen Aſtrolv⸗ gen Abulfaragus. Ohne Zweifel machte das Glück meines Vaters die Mißgunſt und den Neid Vieler rege; denn mehr als einmal hörten wir, daß man unter der Hand ihn als Zauberer zu verſchreien ſuche. Beſonders verläſterten ihn die Juden, weil ſie über ſeine Bekehrung ſehr erbittert waren; aber wir hatten zu mächtige Freunde und zu viel kranke Ritter und Prälaten brauchten die Hülfe meines Vaters, um uns nicht vor allem Ungemach zu beſchützen. um dieſe Zeit wurden in allen chriſtlichen Reichen Briefe von dem Papſte in Rom ausgetheilt, welche die Ritter und Bürger gegen die Türken in den Kampf riefen; auf allen Plätzen, Märkten und Straßen predigten die Boten des Papſtes einen allgemeinen Kreuzzug. Sie zeigten in ihrem Eifer, mit rührender Stimme und Thränen in den Augen, wie das Blut der Chriſten in Paläſtina in Strömen floß und wie die Sgrazenen täglich das Grab 84 des Erlöſers mit Hohn und Spott entheiligten. Nicht ſelten ſprachen ſie von den Leiden des Erlöſers und ſagten dann, wie er durch das böſe und verdammungswerthe Ge⸗ ſchlecht, ſo nannten ſie die Juden, gemartert und gekreuzigt worden. Es wird Euch nicht wundern, daß unſte Glau⸗ bensgenoſſen, wenn ſie ſolche Predigten hörten, offen da⸗ gegen murrten. Es entſtund von dieſer Zeit an ein tiefer Haß zwiſchen dem Volk von Lüttich und den zahlreichen Juden, die daſelbſt wohnten; nach und nach wurde dieſer Zuſtand ſogar gefährlich. Mehr als einmal behauptete man, daß die Juden ſich vieler Uebelthaten im Geheimen ſchuldig machen und wurde ein Mord begangen, ſo legte ihn das Volk den Beſchnittenen zur Laſt. Wie ungerecht es auch ſei, den Gerechten mit dem Schuldigen zu ver⸗ folgen, ſo muß ich doch bekennen, daß einige Juden in ihrer Verirrung Miſſethaten begingen, die den Haß wohl rechtfertigten. Bei dieſem Stande der Sachen und während man noch den Kreuzzug predigte, erſchien mit einem Male eine gefährliche Krankheit in Europa. Lüttich war keine der Städte, wo ſie am wenigſten Schlachtopfer forderte.— Dieſe Plage glich ſehr dem morgenländiſchen Ausſatz oder der Lazaruskrankheit, doch war ſie in Bösartigkeit noch größer. Man nannte ſie zu Lüttich die Leproſie. Wer von derſelben ergriffen wurde, fühlte plötzlich ein unge⸗ ſtümes Herzpochen, der kalte Schweiß brach am ganzen Körper aus; dann bekam ſein Geſicht und ſeine ganze Haut eine fahle und gelbe Farbe, die zwei Stunden ſpäter mit lauter blauen Flecken überſäet ſchien. Dieſe Flecken än⸗ derten ſich am anderen Tage in harte Geſchwulſte, aus welchen alsbald eben ſo viele offene und unheilbare Eiter⸗ beulen entſtanden. Die meiſten Menſchen, die mit dieſer ſchrecklichen Krankheit geſchlagen waren, ſtarben in wenigen Tagen; andere ertrugen es länger und lebten Monate lang zum Schrecken ihrer Mitbürger. Was das Schrecklichſte an dieſer ſo gr dieſe daran die S den ging, war bei d alle Seele hatte welch war bekan ü uſte zurü Kind hinu Stre der und dem Oen und mißt Höhl woll Und Hülf wort Nicht ſagten e Ge⸗ euzigt Glau⸗ en da⸗ tiefer reichen dieſer uptete heimen legte gerecht u ver⸗ den in wohl d man le eine ne der te.— z oder t noch Wer unge⸗ ganzen e Haut er mit en än⸗ „ aus Eiter⸗ klichen agen; g zum ſte an 85⁵ dieſer Krankheit war, iſt ihre Anſteckungskraft, welche man ſo groß glaubte, daß ſchon der Anblick einer Peſtbeule dieſe Krankheit in den Betrachter übertrage. Was auch daran ſei, es unterliegt keinem Zweifel, daß der, welcher die Hand eines angeſteckten Freundes drückte, von dieſem den Tod empfing; wer in eines Angeſteckten Wohnung ging, oder Kleider und Tücher eines Leproſen berührte, war am andern Tage mit blauen Geſchwüren überdeckt, — ja ſelbſt das Geld verbreitete die Krankheit. Unbeſchreiblich iſt der Schrecken, der ſich aller Herzen bei dem erſten Eindringen dieſer tödtlichen Peſt bemächtigte; alle Thüren und Fenſter waren geſchloſſen, keine lebende Seele war anfangs auf den Straßen zu bemerken. Lüttich hatte einige Tage lang das Ausſehen einer Stadt, in welcher weder Thier noch Menſch wohnte. Mein Vater war aber den ganzen Tag von uns entfernt; mit den ihm bekannten Kräutern beſtrichen, ſuchte er Hülfe und Troſt in die Häuſer der Juden und Chriſten zu tragen und es glückte ihm unter tauſend Kranken etwa zehn wieder her⸗ zuſtellen. Was er uns erzählte, wenn er tief in der Nacht zurückkam, um auszuruhen, war ſchrecklich;— er ſah die Kinder ihren kranken Vater mit langen Stöcken die Treppe hinunterſtoßen und wie einen verlaſſenen Hund auf die Straße treiben; er ſah die Mütter ihren Kindern aus der Entfernung mit Liſt einen Strick um den Hals werfen und ſie ſo zum Hauſe hinausſchleudern; die Brüder mit dem Beile ihre angeſteckte Schweſter von ſich treiben!— O man kann es kaum glauben, alle Bande des Blutes und der Verwandtſchaft waren zerriſſen, jeder haßte und mißtraute ſeinem Nebenmenſchen, Alle verkrochen ſich in Höhlen und Kellern, bereit, den zu tödten, der ihnen nahen wollte, wäre es auch ihr Vater und Gatte oder Sohn. Und kam ein Angeſteckter auf die Straße, gleichviel ob er Hülfe ſuchte, oder von ſeinen Hausgenoſſen hinausgeworfen worden war, er konnte nur wenige Schritte thun, ohne daß 86 aus dem einen oder anderen Fenſter ihm ein eiſerner Pfeil den Körper durchbohrte. Nachdem dieß ſchreckliche Grableben ſechs ober ſieben Tage gedauert, begann es plötzlich heftig zu frieren und der Winter ſchien außerordentlich ſtreng werden zu wollen. Die Veränderung der Witterung brachte auch eine Aen⸗ derung in die Krankheit: man bemerkte, daß nur wenige neue Anſteckungsfälle vorkamen und daß ſelbſt die Leproſen nicht mehr ſtarben und ihre Eiterbeulen, wie in Ruhe ver⸗ fallen waren. Die Obrigkeit und das biſchöfliche Kapitel begannen ſich zu verſammeln, es wurde da und dort gearbeitet und die Stadt erhielt wieder einen Anſchein von Leben. Als⸗ bald wurden ſtrenge, aber nothwendige Geſetze über die Leproſie angekündigt und noch andere Maßregeln gegen die Anſteckung getroffen. Alle Diejenigen, die mit Leproſie befallen waren, mußten überall eine weiße Ruthe in der Hand tragen; wer einen Leproſen, der keine Ruthe hatte, todtſchlug, bekam eine beſtimmte Belohnung von dem Mambour oder Bürgermeiſter; es war jedem verboten, einem Leproſen über einen Abſtand von zehn Schritten zu nahenz wer dieß Verbot übertrat, war dem Tode ver⸗ fallen. Die Angeſteckten durften weder in Kirchen, noch in Häuſer gehen und derjenige, welcher etwas auf die Straße warf, Auswurf oder Tücher, oder der einem Hunde und einer Katze einen Biſſen Brodes gab, wurde ſtehenden Fußes umgebracht. Mit einem Wort: die unglücklichen Leproſen durften ſich nicht blicken laſſen oder das Schwert der an⸗ geſtellten Todtſchläger machte ihrem bittern Leben ein blu⸗ tig Ende. Da die größte Zahl der Kranken aus Armen und Nothleidenden beſtand, ſtarben anfangs eine große Anzahl vor Hunger und Kälte; andere durch Mangel an Lebens⸗ mitteln gezwungen, brachen bei Nacht mit Gewalt in die Häuſer der Bäcker und Kornhändler und beſchmutzten ſo den Vorrath der Kaufleute. 4 tung! der E Bürge Gegen Geldo eine 3 Krank an d zugen Platz ſtärkt und 1 Biſch mit wurd Peſh gezwi Die ſchen zuwa ſchlo hauſe als u ihnen man Hänt jamt ſchen ſolch wohr einer Pfeil ſieben n und olen Aen⸗ venige roſen e ver⸗ annen t und Als⸗ er die en die proſie he in Ruthe n boten, en zu ver⸗ noch traße e und Fußes roſen r an⸗ blu⸗ und nzahl bens⸗ n die en ſo 57 Theils aus Mitleiden, theils um die größere Verbrei⸗ tung der Peſt zu verhindern, befahl der Biſchof außerhalb der Stadt Lazarethe und Peſthäuſer zu errichten. Die Bürger, hierin ein Mittel ſehend, ſich von der ſchrecklichen Gegenwart der Leproſen zu erlöſen, ſcheuten die großen Geldopfer nicht und in kurzer Zeit waren außerhalb Lüttich eine ziemliche Anzahl ſolcher Häuſer zum Empfang der Kranken bereit. Man hatte keine andere Veränderung an denſelben vorgenommen, als daß man die Fenſter zugemauert und hinter dem Haus einen viereckigen vffenen Platz, mit einer hohen Mauer umgeben, die Thüren ver⸗ ſtärkt und in dem Vordergiebel ein großes Loch angebracht und mit eiſernen Gittern verſehen hatte. Alle Leproſen, die man nach dem erſten Befehle des Biſchofs auf der Straße fand, und die nicht augenblicklich mit einem der Todtſchläger nach dem Lazarethe gingen, wurden erſchoſſen. In weniger als acht Tagen waren die Peſthäuſer vollgepfropft mit Elenden, welche vom Hunger gezwungen geweſen, ſich auf den Straßen ſehen zu laſſen. Die reichen Leproſen fanden noch mit vielem Gelde Men⸗ ſchen, welche Eſſen für ſie holten und es ihnen von ferne zuwarfen. Schrecklich, herzzerreißend war das Loos der einge⸗ ſchloſſenen Leproſen; hatte ſich einmal die Thüre des Peſt⸗ hauſes vor ihnen geöffnet, erſchloß ſie ſich nimmer wieder, als um neue Bewohner zu empfangen. Das Eſſen wurde ihnen auf der Spitze eines langen Stockes zugeſchoben; man ſah die Unglücklichen halb nackt und mit magern Händen ſich wie raſend auf die ſpärliche Nahrung werfen, jammern und weinen, daß das Herz eines geſunden Men⸗ ſchen vor Schmerz und Schrecken beinahe zerſchmolz. O ſolch' ein Peſthaus war ein ecklich Grab von Lebenden be⸗ wohnt! Was mußten ſie leiden, die Verurtheilten, wenn einer ihrer Schickſalsgenoſſen den Geiſt aufgab und ſie ver⸗ pflichtet waren, mit eigener Hand in dem viereckigen Hofe die — 88 Leiche zu begraben— ein Schickſal, das ihnen bald gleich⸗ falls zu Theil werden ſollte. Hier ſah Abulfaragus, daß ſeine Erzählung auf Alei⸗ dis Gemüth einen Eindruck machte, der ihr vielleicht ſchäd⸗ lich ſein konnte. Darum fragte er: „Edle Frau, wäre es nicht beſſer, die weitere Erzäh⸗ lung bis morgen zu verſchieben? Du weinſt und haſt das Schrecklichſte meiner Erzählung noch nicht gehört. Der Abend und die Dunkelheit machen Dich ſehr erregbarz am hellen Tage kann man Alles beſſer hören! „Ich habe das Schrecklichſte Deiner Geſchichte noch nicht gehört?“ ſeufzte die Edelfrau.„Was iſt ſchrecklicher, als dieß Lvos der Leproſen 2“ „Das Loos meines Vaters!“ rief Abulfaragus, wäh⸗ rend aus ſeinen eingefallenen Augen eine Thränenfluth her⸗ vorbrach, o dürfte ich das verſchweigen!“ Alle blieben einige Zeit ſprachlos und in peinliche Ge⸗ danken verſunken; endlich ſagte Bernhard: „Ja erzähle uns morgen, bei Tage, das Uebrige, Du biſt zu ſehr ergriffen und wir würden gleichfalls nicht ruhen können bei der Erinnerung an die ſchreckliche Er⸗ zählung.“ Kurze Zeit darauf verließen ſie den Saal und begaben ſich in ihre Schlafgemächer. II. Am folgenden Morgen ſtieg die Sonne herrlich und glanzvoll auf. Schon fehr frühe befanden ſich Bernhard und Aleidis in dem Saale, in der Hoffnung, Abulfaragus werde 3 ihnen Mitt bote fühle nach glaul Unpä Schu nene Dir weckt Erzä was ſager ſprac werd welck Der deßh gierd mitte geſch Leber liche ausſ geſch ſagte 89 gleich⸗ ihnen den Verfolg ſeiner Geſchichte erzählen; aber der Mittag nahte, ohne daß ihr Freund herabkam. Ein Dienſt⸗ bote erſchien und ſagte ihnen, daß Abulfaragus ſich unpaß Alei⸗ fühle und ſie erſuche, ſein Nichtkommen zu entſchuldigen. ſchäd⸗ Bernhard und ſeine Gattin begaben ſich in Unruhe nach ſeinem Zimmer und fanden ihn im Bette liegen. Sie Erzäh⸗ glaubten, Abulfaragus leide nur an einer vorübergehenden iſt das Unpäßlichkeit und ſprachen ihm Muth ein. Der„Abulfaragus,“ ſagte Aleidis endlich.„Ich muß mir die rz am Schuld Deiner Unpäßlichkeit zuſchreiben. Meine unbeſon⸗ nene Neugierde hat mich angetrieben, eine Erzählung von nch Dir zu verlangen, die ſchmerzliche Erinnerungen in Dir er⸗ licher, weckt hat.“ „In der That, edle Frau, antwortete Abulfaragus,„die wäh⸗ Erzählung hat mich krank gemacht, aber nicht durch das, h her⸗ was ich Dir geſagt habe, ſondern durch das, was mir zu ſagen übrig blieb. Als ich Euch meine Geſchichte ver⸗ e Ge⸗ ſprach, habe ich zu viel auf meine Kräfte vertraut; nie werde ich dieſelbe erzählen können. O Ihr wißt nicht, Du welch' ſchreckliche Dinge ich Euch mittheilen müßte!“ nicht„Alſo werden wir die Geſchichte nicht kennen lernen? e Er⸗— Meine Neugierde iſt nicht befriedigt, Abulfaragus. Der Name meines Vaters iſt in Deine Geſchichte vermiſcht; gaben deßhalb magſt Du mich entſchuldigen, wenn ich vor Be⸗ gierde brenne. Nicht, daß ich Dich auffordern wollte, un⸗ mittelbar fortzufahren; ich begreife wohl, daß dieß nicht geſchehen kann, aber Du ſollteſt uns doch Deinen ganzen Lebenslauf kennen lernen laſſen?“ „Mein Mund, edle Frau, wird Dir nie das ſchreck⸗ liche Loos meiner Eltern verkünden; ich könnte es nicht ausſprechen. Bei dieſen Worten zog er unter dem Hauptpfühle ein geſchriebenes Buch hervor und daſſelbe Aleidis überreichend, und ſagte er: d und„Sieh' hier, edle Frau, die ganze Geſchichte meines werde Lebens bis zum Tode meines Vaters, meines Pathen und 90 Wohlthäters. Herr von Reedale kann ſie Dir vorleſen. Das erſte Hauptſtück erzählte ich Euch geſtern und ich hoffe, daß ſie Euch nicht zu viele Thränen entlocken ſoll. Laßt Euch inzwiſchen an meiner Geſundheit nichts gelegen ſein, ich bin nicht krank und brauche nur etwas Ruhe, um ganz hergeſtellt zu ſein.“ Bernhard und Aleidis gingen mit der Handſchrift in den Saal und der Burggraf von Reevale begann folgender⸗ maßen zu leſen; Während des harten Froſtes blieb die ſchreckliche Krank⸗ heit der Leproſie gleichſam ſtehen, ohne einen merklichen Schritt zu thun und man begann bereits von den ſtrengen Maßregeln abzulaſſen; aber kaum hatte es in der Nacht gethaut, als die Plage ſich wieder wie ein Alles verſchlin⸗ gendes Feuer verbreitete. In wenigen Tagen zählte man ſchon einige Hundert von der Leproſie Ergriffene; man begann wieder vor einander zu fliehen, es wurden mehr Todtſchläger angeſtellt und wer auf den Wink dieſer ge⸗ richtlichen Moͤrder nicht nach dem Peſthauſe ging, dem ſchlug man den Kopf mit einem Beile ein oder man durch⸗ ſtach ihn mit einer langen Lanze. Die Bürger ſelbſt waren zu Todſchlägern geworden; wo ſie einen Leproſen fanden, glaubten ſie ein verdienſtliches Werk zu thun, wenn ſie ihn wie einen raſenden Hund verfolgten und tödteten. Mein Vater verſagte Niemanden ſeine Hülfe und war ganze Tage außerhalb ſeiner Wohnung, um die Kranken zu tröſten und glücklichenfalls hie und da einen zu heilen. Wie ſehr er auch ſeine Familie liebte, unſere Thränen konnten ihn nicht abhalten, in die Häuſer der Angeſteckten zu gehen; er hielt es für eine heilige Pflicht, ſeinen Be⸗ ruf als Arzt ganz zu erfüllen und aller Gefahr zu trotzen, um ſeinem leidenden Mitmenſchen zu helfen. Ueberdieß glaubte er nicht angeſteckt werden zu können, ſo lang er ſich n auch ſchon über. zittern gegnet um u 6C in ein ſehen, welche als ei Es ve ſchlug *. 1 Wang Schw chen, wache Mann ſchon meine gehein und ſ Aber die S Vater ( unſere rißen glaub Wort meine wolle von leſen. d ich ſoll. legen „um ift in nder⸗ rank⸗ lichen engen Nacht chlin⸗ man man mehr r ge⸗ dem urch⸗ varen nden, e ihn war anken eilen. ränen ckten Be⸗ otzen, rdieß g er 91 ſich mit denſelben Kräutern beſtrich. Deßhalb ſetzte er auch ſeine täglichen Beſuche fort. Eines Abends war ſchon lange die gewohnte Stunde ſeiner Zurückkunft vor⸗ über. Meine Mutter wartete mit pochendem Herzen und zitternd vor Angſt, es möchte ihm etwas Schlimmes be⸗ gegnet ſein. Aber trotz aller ihrer Furcht ſchwieg ſie, um uns nicht auch zu ängſtigen. Ich war damit beſchäftigt, meine Schweſter Maria in einem Buche leſen zu lehren und dieß hinderte uns, zu ſehen, wie blaß das Antlitz unſerer Mutter war und mit welcher Angſt ſie auf das leiſeſte Geräuſch der Straße, als einen Vorboten der Ankunft meines Vaters, horchte. Es verlief aber ſo viel Zeit, daß Maria das Buch zu⸗ ſchlug und verwundert umherſehend fragte: „Aber Mutter, wo iſt unſer Vater?“ Unſere Mutter antwortete nicht, aber von ihren Wangen floßen ſtille Thränen, ſie betrachtete meine Schweſter mit trübem Blick und zog ſie, ohne zu ſpre⸗ chen, an ihre Bruſt. Ich meinerſeits dachte, mein Vater wache vielleicht an dem Todtenlager eines vornehmen Mannes und begriff die Furcht meiner Mutter nicht, ob⸗ ſchon ihre Thränen auch die meinen fließen machten. All' meine Worte vermochten nichts über ihr Gemüth; ein geheimes Vorgefühl ließ ſie ein ſchrecklich Unglück ahnen und ſie weinte mit meiner Schweſter bis zum Morgen. Aber wie wurde ich ſelbſt von der Angſt gefoltert, als die Sonne am Himmel außfſtieg, ohne daß wir unſern Vater wieder geſehen hatten! Das Weinen meiner Mutter und Schweſter erfüllte unſere Wohnung; ſie rauften ſich die Haare aus und zer⸗ rißen ihre Kleider„und ich, der muthvoll zu ſein glaubte, ich ſtand rathlos weinend bei ihnen; kein tröſtend Wort fiel von meinen Lippen. Endlich erwachte ich aus meiner Bewußtloſigkeit und ſagte meiner Mutter, ich wolle ausgehen, um meinen Vater zu ſuchen oder etwas von ihm zu hören. Sie küßte mich mit unbegreiflicher Heftigkeit, als ob ſie fürchtete, auch ich würde nicht wie⸗ſ zu beg der zu ihr zurückkehren, und warf ſich mit meiner Schwe⸗ Schick ſter vor einem Kruzifir auf die Kniee. Um meiner kla⸗ ten, ſ genden Schweſter einige Hoffnung zu geben, täuſchte ich mich ſelbſt und verließ das Zimmer mit gebrochenem plötzlie Herzen. ſchrei Keiner unſerer Freunde wußte mir zu ſagen, wo meines mein Vater ſei: Niemand hatte ihn am Tage zuvor ge⸗ mich f ſehen! vergeblich rannte ich mit verborgenen Thränen und ſchlag gebeugtem Haupte durch die Stadt, Alles blieb ſtumm fiel v 3 auf meine Fragen. Nachmittags ſtand ich auf einer 4 Brücke und ſchaute verzweifelnd auf das vorüberfließende So Waſſer, nicht wiſſend, woran ich dachte, ſo ſehr hatte hochſt mich der Schmerz betäubt. Aus dieſem Traume weckten meine mich rauhe Männerſtimmen; mich umwendend ſah ich vor hinter mir einen Leproſen, der von den Todtſchlägern mit der ben e Spitze ihrer Lanzen fortgetrieben wurde. Die jammernden ſer a Klagen des Unglücklichen fanden einen tiefen Wiederhall warſt in meinem Herzen; ein mitleidig Gefühl ließ mich ihm noch einige Zeit nachfolgen, ohne daß ich wußte, wohin er ging oder was er that. So gelangte ich zum Thore jamm hinaus auf's freie Feld. Da ſah ich die Thüre des La⸗ſ aber zarethes öffnen und den Leproſen hineinſtoßen, worauf die drohu Thüre ſich wieder ſtille ſchloß. verwi Vom bitterſten Schmerze bezwungen, ſetzte ich mich ters vor dieſem weiten Grabe auf das Gras nieder und dachte aufge an das Loos der Leproſen im Lazarethe. Ich ſah die le⸗ Todt bendigen Leichen mit dem Tode umherwandeln, einander Pfeilt fliehen bei dem ſchrecklichen Anblicke ihrer Wunden, ver⸗ Fuß gehen vor Schmutz und Moder, verſchmachten vor Ge⸗ ſtank und einander in gegenſeitigem Haſſe verzehren! Oſ macht wie ſchrecklich, wie tödtlich folterte mich der Gedanke, Hänt daß innerhalb dieſer Mauern ſich Menſchen befanden, die ein 2 3 mit dem Ausdrucke der Raſerei ihre ſchon abgeſtorbenen verſtä Füße anblickten, während in ihrem Herzen noch Kraft duld genug übrig blieb, um alle die Schrecklichkeit ihres Looſes t wie⸗ Schwe⸗ er kla⸗ hte ich chenem t, wo or ge⸗ en und ſtumm einer eßende hatte veckten ich vor it der enden derhall h ihm hin er Thore es La⸗ uf die mich dachte die le⸗ nander „ver⸗ r Ge⸗ 1 O danke, , die rbenen Kraft Looſes 93 zu begreifen! Menſchen, die neben der kalten Leiche ihres Schickſalsgenoſſen ſchliefen, ohne es für nöthig zu erach⸗ ten, ſich von dem drohenden Tode zu entfernen! In ſolch' peinliche Gedanken lag ich verſunken, als plötzlich mein Name mir an's Ohr klang; ein Freuden⸗ ſchrei entflog meinem Munde, denn ich hatte die Stimme meines Vaters gehört. Ich ſtand auf und blickte um mich. Aber, o Himmel, was ſah ich! Ein Donner⸗ ſchlag rührte mich; ich lachte wie einer, der ſpottet, und fiel ohne Gefühl zur Erde. Kann ich ſagen, was ich in dieſem Augenblicke litt! So ſchrecklich war dieſer Anblick für mich, daß der höchſte Ausdruck unermeßlicher Pein, daß ein Lachen meine Klage geweſen war.— Ich hatte meinen Vater hinter dem Eiſengitter geſehen! Er, von dem ich das Le⸗ ben empfing, lag begraben— auf ewig begraben in die⸗ ſer alles verſchlingenden Peſthoͤhle!— O Gott, Du warſt mit mir in dieſem Augenblicke! Wie hätte ich ſonſt noch leben können nach dieſem fürchterlichen Schlage? Sobald ich zu mir ſelbſt gekommen war, ſprang ich jammernd auf, um zu dem eiſernen Gitter zu fliegen; aber fünf bis ſechs Todtſchläger hielten mich unter An⸗ drohung des Todes zurück; noch einmal warf ich mein verwildert Auge auf das ehrwürdige Haupt meines Va⸗ ters und lehnte mich an den Querbaum, den man da aufgeſtellt hatte. Näher mochte ich nicht treten; vier Todtſchläger ſtanden mit geſpannter Armbruſt bereit, ihre Pfeile mir durch den Leib zu jagen, wenn ich Hand oder Fuß inner den Querbaum ſtreckte. Nachdem ich meinem Herzen durch Thränen Luft ge⸗ macht, erhob ich das Haupt und blieb mit gefalteten Händen, wie verſteinert ſtehen, ohne mit meinem Vater ein Wort zu wechſeln. Seine geliebte Stimme klang mir verſtändlich in mein Ohr; er ſagte mit himmliſcher Ge⸗ duld: „Walter, habe Muth, mein Sohn! Der Herr hat 94 ſeinen Diener heimgeſucht, ich werde den Schlag mit Dankbarkeit ertragen, wie ſchwer er auch iſt. Weine nicht ſo heftig, Walter; erhalte die Kraft Deines Ge⸗ müthes, um Deine Mutter zu tröſten „O mein unglücklicher Vater,“ rief ich mit lauter Stimme,„kann ich Dich nicht retten. Sollte unſere Wiſſenſchaft kein Mittel gegen Dein Uebel kennen?“ „Mein Kind,“ antwortete er,„was würde ſes hel⸗ fen? Und genäſe man hier hundertmal in einer Stunde, man würde hundertmal auf's Neue angeſteckt. Dir, Wal⸗ ter, muß ich die ganze Wahrheit ſagen, damit Du Deine Mutter und Schweſter auf den ſchrecklichen Schlag, der ſie treſſen wird, tröſten könneſt. Aber ſei ſtark, mein Sohn; ich beſchwöre Dich bei Deiner innigen Liebe zu mir, daß Du Deiner Mutter mit vorſichtigen Worten mittheilſt, daß ich zu den Todten gehöre und bald. Er ſprach noch länger in dieſem herzzerreißenden Tone, doch ich war taub und blind geworden für ſeine Worte; ich verſtand ihn nicht mehr, Alles drehte ſich vor meinen Augen und meine Ohren waren von betän⸗ bendem Summen erfüllt. Von Zeit zu Zeit hörte ich noch die Stimme meines Vaters, der rief: „Walter, Walter, mein Sohn!“ Ich weiß nicht, wie lange ich ſo am Querbaume lehnte; als ich erwachte, ſtanden die Todtſchläger noch da, ihre Bogen auf mich gerichtet, und meines Vaters Antlitz lachte mir noch durch das eiſerne Gitter entgegen. Mit gezwungener Ruhe der Ermattung ſeufzte ich. „O mein Vater, welches Unglück brachte Dich in dieß abſcheuliche Gefängniß?“ Aus ſeinen kurzen Worten vernahm ich, daß er am Morgen des vergangenen Tages über die Maas in einem 8 gang 8 Kahn gefahren, um einige reiche Leproſen zu beſuchen. Er täuſchte ſich in dem Glauben an die Unfehlbarkeit der Kraft ſeiner Kräuter; denn am Nachmittage war ſein Geſicht plotzlich mit blauen Flecken bedeckt, In dieſem Zuſta alle§ — D würde ters( ſchien ſchreck meine trenne ( hatte Mutt wegur gitter bliebe zwung Weg blicke, kehrte . ſtatt weiner C — Trank zareth den S das C nicht 2 auf m ich ſol geben. 1 ich tr g mit Weine 6 Ge⸗ lauter unſere 0 s hel⸗ tunde, Wal⸗ Deine mein be zu Lorten 3 Aℳ enden ſeine e ſich betäu⸗ te ich aume noch zaters gegen. ich in m einem uchen. it der ſein ieſem 95 Zuſtande hatten ihn die Todtſchläger begegnet und ohne alle Rückſicht ihn mit Gewalt in das Peſthaus getrieben — Da ſaß er nun, bis der Tod ſeine Bande brechen würde Ich ſchreibe dieß alſo, weil ich ſelbſt von meines Va⸗ ters Erzählung nur abgebrochene Worte verſtund. Mir ſchien es gleichgültig, wie er in das Lazareth gekommen; ſchrecklich genug war mir der Anblick des Eiſengitters, das meinen Vater auf ewig von ſeiner Familie und der Welt trennen ſollte! Schon ſank die Sonne am Horizonte hinab, ſchon hatte mein Vater mich mehr als einmal gemahnt, meine Mutter und Schweſter zu tröſten; ich lag immer noch be⸗ wegungslos am Querbaum, die Augen feſt auf das Eiſen⸗ gitter gerichtet. Zweifelsohne wäre ich die Nacht da ge⸗ blieben, hätte mich nicht ein Todtſchläger mit Gewalt ge⸗ zwungen, den Platz zu verlaſſen. Indem er mich auf den Weg nach Lüttich trieb, ſprach dieſer in dem Augen⸗ blicke, als er mich ſtehen ließ und zum Lazarethe zurück⸗ kehrte: „Jüngling, ich will Dir ſagen, was Du thun mußt, ſtatt wie ein Weib über ein unabänderlich Unglück zu weinen.“ Ich ſah ihm hoffend in die Augen. Er ſagte: „Bringe Deinem Vater morgen etwas Speiſe und Trank, denn die großte Qual, welche die Leproſen im La⸗ zarethe ausſtehen, iſt Hunger und Durſt. Aber vergiß den Speiſeſtock von zehn Fuß nicht, ſonſt müßteſt Du ihm das Eſſen aus dieſer Entfernung zuwerfen und das geht nicht wohl. Guten Abend! Wie zerſchmetterten mich dieſe Worte! Ich fühlte ſie auf meinem Herzen, wie feurige Kohlen glühen.— O Gott, ich ſoll meinem Vater auf der Spitze eines Stabes Eſſen geben. Schrecklicher Gedanke! Unglücklich, wie es nur ein Menſch ſein kann, ging ich trägen Schrittes nach der Stadt. Da kam ein tröſt⸗ 96 licher Gedanke in meine Seele: ich hatte ein Mittel ge⸗ funden, zu meinem Vater zu kommen! In meinem Un⸗ glück lachte ich vor Freude und meine Füße trieben mich raſcher fort, bis zu einem Hauſe, wo ein Leproſe wohnte, der unſerer Familie befreundet war. Aber in dem Augen⸗ blick, als ich eintreten wollte, dachte ich an meinen Vater und meine Schweſter. Ich blieb ſtehen, begann zu weinen und entfernte mich eiligſt aus Furcht, der Gedanke habe ſich wieder meiner bemeiſtert.— Ich hatte einen Augen⸗ blick den Gedanken mit Freuden ergriffen, mich zu einem Leproſen zu begeben, ihn um die Wohlthat der Anſteckung zu bitten, und mich dann von den Todtſchlägern bei meinem Vater einſchließen zu laſſen. Glücklicherweiſe zogen die Bilder meiner Mutter und Schweſter mir durch den Sinn und ich eilte heim. Was ſollte ich nun der Mutter und Schweſter ſagen? Ich war ein Bote des Todes— ich ſollte ihre Herzen zer⸗ ſchmettern. Das war meine ſchreckliche Botſchaft. Der übermäßige Schmerz machte mich beinahe bewußtlos, ſonſt hätte ich kaum gewagt, meiner Wohnung mich zu nähern, aber meine Füßie trieben mich bis vor unſere Thüre. Da empfing mein Geiſt ein plötzlich Licht; ich begriff aufs Neue und mit einer folternden Klarheit das Schreckliche meines Unglücks und meiner Botſchaft. Ich zitterte ſo ſehr, daß meine Kniee brachen und ich auf der Treppe niederſank. Trotz dieſer Schwäche ſuchte ich meine Kräfte zu ſammeln, um nach dem Auftrage meines Vaters ſein Unglück meiner Mutter und Schweſter mitzutheilen. Dieſer Gedanke gab endlich meinem Gemüthe etwas mehr Kraft; ich öffnete die Thüre und ging, doch heftig zitternd und mit wankendem Schritte bis in das Zimmer, wo meiner ein ſchrecklich Schauſpiel wartete.— Dort in der Ecke des Zimmers ſaß meine Mutter, das Haupt in die Hände geſtützt; ihre Augen waren roth, wie wenn eine Blutader darin geſprungen wäre, ihr Mund ſtand offen, und zeigte die geſchloſſenen Zähne. Neben ihr ſaß meine Schw wegur Welch dern mich, ſtehen Mutte zu ki —— und 1 ſchneit Stim L gegebe Herzer 7 Abwe ſo än Vater geben = ich be Dun 6 ſter i . in der ihn a 4 Mutt 5 el ge⸗ n Un⸗ mich ohnte, lugen⸗ Vater veinen habe lugen⸗ einem eckung einem en die Sinn agen? n er⸗ Der „ſonſt ähern, D aufs ckliche erte ſo Treppe Kräfte s ſein etwas heftig mmer, ort in upt in m eine offen, meine 97 Schweſter in derſelben Haltung. Beide ſtarrten mich be⸗ wegungslos an, als ob ich ein Fremder für ſie wäre. Welche Verzweiflung hatte die beiden Frauen zu Steinbil⸗ dern gemacht? Ihre rothgeweinten Augen hatten ſolche Kraft über mich, daß ich eine Zeitlang mit derſelben Gefühlloſigkeit ſtehen blieb; bald aber warf ich mich knieend vor meiner Mutter nieder, umſchlang ihren Hals und begann ſie heftig zu küſſen;— ich hatte jede andere Sprache vergeſſen! Ich erhielt keine Antwort von meiner Mutter und meine Schweſter blieb gleich gefühllos, bis ich mit ſchneidender Stimme rief: „Mein Herz bricht! Mutter, Schweſter laßt mich Eure Stimme hören, denn ich fühle den Tod in mir!“ „O Walter!“ ſeufzte meine Mutter leiſe. „Guter Bruder!“ lispelte meine Schweſter. Wie wenn dieß Zeichen von Leben mir einige Kraft gegeben, fühlte ich die Raſerei der Verzweiflung in meinem Herzen erkalten und ich erinnerte mich meiner Sendung: „Welch' neues Unglück hat Euch während meiner Abweſenheit betroffen?“ fragte ich.„Seid doch nicht ſo ängſtlich und ſo tödtlich betrübt. Ich habe unſern Vater geſehen; er wird uns wahrſcheinlich bald wiederge⸗ geben ſein. „Du haſt ihn geſehen?“ rief meine Mutter heftig. „Ich habe ihn geſehen, ſei davon verſichert,“ antwortete ich bebend. „Dann hat Dein Engel Dich beſchützt, Walter, daß Du nicht mit Wahnſinn geſchlagen wurdeſt!“ Bei dieſen unverſtändlichen Worten brach meine Schwe⸗ ſter in Thränen aus. Sie weinte: „O Bruder, lüge nicht, lüge nicht! Der Vater ſitzt in dem Peſthauſe, wir wiſſen es! Der Jude Borech hat ihn auch geſehen.“ Ich warf mich aufs Neue auf meine Kniee zu meiner Mutter nieder und umſchloß mit ihr zugleich meine Schwe⸗ 7 Hugo von Crgenhove. 66 ſter; unſere Thränen begannen wie Brunnen zu fließen. Kein Seufzer, kein Athemzug ſtörte die Stille der Nacht, die uns umgab; es war wie in einer unterirdiſchen Höhle ohne Eingang. Klagen können die Dolmetſcher eines ge⸗ wöhnlichen Schmerzes ſein; aber unſre Trauer verſchmähte die menſchliche Sprache, als zu ſchwach für eine nie gefühlte Seelenfolter. Nutzlos wäre es, unſeren Zuſtand während dieſer Nacht zu beſchreiben, da er ſich nicht veränderte. Die aufgehende Sonne traf mich bei der Verfertigung eines ſchrecklichen Werkzeuges: ich arbeitete an einem Speiſenſtock, womit ich neinem Vater das Eſſen zuſchieben wollte! Es war ein eiſernes Gefäß, auf der Spitze eines langen und dünnen Stabes. Sobald ich denſelben fertig hatte, nahm ich ein gutes Stück gebratenes Fleiſch, eine Flaſche des beſten Zyperweins, Brod und Salz und einige Leintücher. Mit dem Allem beladen, wollte ich Abſchied nehmen von meiner Schweſter und Mutter; doch wie ſehr ich auch bat, ſie wollten mitgehen, um meinen Vater zu ſehen. Wohl ein⸗ ſehend, daß dieſer Anblick ihre Schmerzen nur erneuen und, wenn es möglich, noch vermehren würde, wandte ich Alles an, was meine Einbildung ausfindig machen konnte, um ſie zurückzuhalten; nichts half, ſie mußten mir folgen. Da ſchritten wir geſenkten Hauptes durch die Straßen, gleich Menſchen, die eine Leiche zur letzten Ruheſtätte be⸗ gleiten; unſere Trauer und mein ſchrecklich Werkzeug er⸗ weckte die Aufmerkſamkeit der Vorübergehenden nicht mehr, als um ſie vor uns fliehen zu machen. Ein ſolches Schau⸗ ſpiel war nicht neu und ließ die Zuſchauer nur daraus entnehmen, daß wir zu einer Familie gehörten, in welcher die Anſteckung ein Opfer gefunden. Vor das Stadtthor gekommen, wandte ich mich nach meiner Mutter um; ich ward ſehr erſtaunt, als mir aus Ihrem Geſicht ein Strahl von Freude und Troſt entgegenleuchtete. Sie aufmunternd, ſagte ich mit einer Art von Freude; Herz in e dem Stre empf Pflie um zerre getrö Woh bewe unſer uns doch Vate unſe Pflie einar beſtit Bog rufer ſtraf doch aber Nier Tod wün Sti ießen. Nacht, Höhle ge⸗ mähte fühlte Nacht ehende klichen it ich ar ein ünnen ch ein beſten Mit meiner t, ſie l ein⸗ und, Alles e, um n. raßen, te be⸗ ug er⸗ mehr, Schau⸗ daraus velcher wtthor nz ich Strahl tn 99 „O Mutter, ich ſehe es, es iſt mehr Ruhe in Deinem Herzen. Bleibe doch ſo!“ Sie hieß uns einen Augenblick ſtille halten, und ſprach in einem Tone, der etwas Heiliges hatte: „Kinder, ich habe unſerem Herrn Jeſus Chriſtus auf dem Wege ein feurig Gebet zugeſandt. Ich fühlte einen Strahl der Erleichterung ſich in mein Herz ſenken und empfing neue Kraft von Ihm zu Erfüllung unſerer trüben Pflicht.— Warum gehen wir zu Eurem Vater? Etwa um ihm das Herz durch den Anblick unſeres Leidens zu zerreißen?— Nein, nicht wahr? Die Unglücklichen müſſen getröſtet werden von Denen, die weniger unglücklich ſind. Wohlan, meine Kinder, haltet die Thränen in der ſchmerzlich bewegten Bruſt zurück. Zeigen wir unſerem Vater nicht unſeren Schmerz, ſondern unſere Liebe;— und überwindet uns das Gefuhl,— weinen wir auch Thränen, ſo leuchte doch ein ſüßes Lächeln hindurch, das unſern unglücklichen Vater tröſte.“. Dieſe Worte machten eine wunderbare Wirkung auf unſer Gemüth; wir gewannen Kraft zur Vollbringung einer Pflicht, die uns wie eine heilige Sendung erſchien.— So einander ermuthigend, nahten wir dem Peſthauſe; in einer beſtimmten Entfernung ſahen wir die Tobtſchläger ihre Bogen ſpannen und hörten ihre drohende Stimme uns zu⸗ rufen: „Vor den Querbaum! Vor den Querbaum, bei Todes⸗ ſtrafe!“ Obwohl wir uns ſehr geſtärkt fühlten, zitterten wir voch, als wir dem Querbaume uns nöherten, wir hatten aber Seit, uns wieder etwas zu erholen, denn wir ſahen Niemand hinter dem eiſernen Gitter. Es kam einer der Todtſchläger zu uns, um zu fragen, wen wir zu ſprechen wünſchten und auf unſere Antwort rief er mit kräſtiger Stimme: „Abulfaragus! Abulfaragus!“ 100 Da erſchien das Haupt meines Vaters vor dem Ei⸗ ſengitter:— er lächelte freundlich, der Unglückliche. Stille Thränen rollten aus ſeinen Augen; doch wie meine Mutter befohlen, ein Ausdruck ſüßer Liebe glänzte auf unſerem Antlitz und wir bemerkten, welchen Balſam dieß in die Wunde meines Vaters goß. Während ich mich bereit hielt, ihm auf der Spitze des Stockes Speiſe und Trank zu reichen, begann meine Mutter ihn zu tröſten mit Worten, die nur ihr Frauenherz kannte. Wunderbare Wirkung der Liebe! Wir waren alle zum Tode betrübt und doch fand in dieſem Augenblick ein Gefühl ſeliger Freude den Zugang zu unſeren Herzen! Wir unterwarſen uns gänzlich dem Willen des Herrn und dem Looſe, das er uns beſchieden. Vielleicht wäre die Saite der Pein in un⸗ ſeren Herzen gebrochen. Hätten wir nicht in der vergan⸗ genen Nacht den Leidenskelch bis zum Boden geleert.“ Als ich den Stab ausſtreckte, und meinen Vater das Fleiſch ergreifen ſah, überſiel mich ein eiskalter Schauer; meine Mutter und Schweſter erblaßten Zleichfalls, aber Stet meines Vaters gaben uns bald die Ruhe zurück. Was ſoll ich mehr von dieſer Begegnung ſagen? Wir blieben geraume Zeit vor dem Querbaume und ſpra⸗ chen von den Mitteln, die unſern Vater herſtellen ſollten. Es läßt ſich von ſelbſt begreifen, daß dieſe Unterſuchung ohne Erfolg blieb, da eine Wiederherſtellung unmöglich war, ſo lange mein Vater im Peſthauſe. Auf ſein An⸗ ſuchen und eingeſchüchtert von den Drohungen der Todt⸗ ſchläger, entfernten wir uns von dem Peſthauſe und kehr ten ſchweigend zu unſerer Wohnung zurück. An den drei folgenden Tagen machten wir dieſelbe Reiſe und blieben jedesmal lange vor dem Querbaume ſtehen. Inzwiſchen verbreitete das anhaltende Thauwetter die Peſt noch weiter; in den zwei letzten Tagen hatte ſie wied von Volt nen rin von um dem reich Mar und Von ihrer nun der hefti Verl daß man Näh wohr Fenſ dem früh Sch ſere ging zu der nahe Zwi Ei⸗ wie änzte lſam mich und öſten rbare und reude uns s er un⸗ gan⸗ das uer; aber Ruhe gen? ſpra⸗ llten. hung glich An⸗ Lodt⸗ kehr⸗ eſelbe aume r die e ſie 101 wieder all' ihre Anſteckungskraft erhalten und man hoͤrte von nichts als neuen Anfällen der Leproſen und Sterben. In dieſer ſchrecklichen Zeit begann das gemeine Volk auszuſprengen, die Leproſen vergiften die Brun⸗ nen und Waſſerbehälter, indem ſie ihre Wundentücher da⸗ rin auswaſchen; man ſetzte ſogar noch hinzu, daß ſie dazu von den Juden beſtochen ſeien, welche Geld hergeben, nur um die Chriſten zu ermorden, um ſie alſo zu hindern, an dem Zuge nach Jeruſalem Theil zu nehmen. In Frank⸗ reich ſah man bereits Banden von vier⸗ bis fünftauſend Mann, welche unter dem Namen Paſtoureaux alle Juden und Leproſen aufſuchten und ohne Mitleid ermordeten. Von da hatte gewiß die Beſchuldigung der Juden in Lüttich ihren Urſprung von dort genommen. Ob dieſe Ausſage nun gegründet war oder nicht, kurz, das iſt gewiß, daß der Haß, welcher zwiſchen Juden und Chriſten herrſchte, heftig genug war, um das unwiſſende Volk zu abſcheulichen Verbrechen zu treiben. Gegen Abend kam eine Nachbarsfrau, welche erzählte, daß zahlreiche Haufen die Stadt durchzögen, ohne daß man wußte, was ſie wollten; ſie fügte hinzu, in der Nähe der Stadtmauer habe man etwa zehn Juden⸗ wohnungen geplündert; ſie zeigte uns ſogar durch das Fenſter das Feuer, das man hineingeworfen, um ſie dem Boden gleich zu machen. Wir gedachten mit Angſt des Schreckens unſerer frühern Glaubensgenoſſen, und ſtanden bereit, in unſer Schlafgemach zu gehen, als plötzlich geheimnißvoll an un⸗ ſere Thüre gepocht wurde. Nach dem erſten Schrecken ging ich hinab, um über der Hausthüre durch das Fenſter zu ſehen. In der Dunkelheit bemerkte ich einen Mann, der ſich feſt an die Thüre gedrückt hatte und dadurch bei⸗ nahe unſichtbar war. Ich begann mit ihm folgendes Zwiegeſpräch: „Was verlangſt Du, Mann?“ „Wohnt hier der Arzt Abulfaragus?“ 102 „Ja.“ Ich muß Dir etwas ſagen, woran ſein und ſeiner Familie Leben hängt.“ „Sprich, Freund, was haſt Du uns Schreckliches zu verkünden?“ „Ich kann nicht ſo laut mit Dir ſprechen. Man möchte mich hören.“ „Du weißt aber wohl, daß man zu dieſer Stunde keinem Unbekannten mehr das Haus öffnet.“ „Das weiß ich wohl; deine Vorſicht muß ich prei⸗ ſen. Oeffne Deine Wohnung nicht, aber ſtehe unten an die Thüre, dann will ich mit Dir durch ein Schlüſſelloch ſprechen.“ „Ich ſchloß eiligſt das Fenſter, um zu thun, wie er begehrte, doch ehe ich hinabging, ſagte ich meiner Mutter, was der Unbekannte gewollt. Dann ſtellte ich mich hin⸗ ter die Thüre und ſagte dem Wartenden, daß ich bereit ſei, ihn zu hören. Mit kurzen Worten und gedämpfter Stimme ſagte er: „Aus Frankreich kam eine Bande Paſtoralen in die Stadt, alles gemeine Volk iſt Ihnen zugefallen; heute haben ſie ſchon einige Judenwohnungen geplündert, mor⸗ gen werden ſie alle Häuſer der Juden zerſtören und die Leproſen, welche in der Stadt ſind, ermorden. Ich komme von der Verſammlung, welche ſie noch auf dem Cornillons⸗ Berge halten. Abulfaragus hat mich von der Leproſie ge⸗ rettet. Ein Gefühl der Dankbarkeit heißt mich Euch Nachricht davon geben. Höre wohl, was ich Dir ſage: böſe Menſchen haben angegeben, Abulfaragus ſei Chriſt mit dem Munde und Jude mit dem Herzen; ſie haben ihn einen gottvergeſſenen Zauberer genannt, der unermeßliche Schätze aufgehäuft. Dies Letzte war genug zu ſeiner Verurthei⸗ lung; Morgen früh bei Sonnenaufgang wird man ſeine Wohnung ſtürmen und ihn mit ſeiner ganzen Familie er⸗ morden, wenn er nicht flieht„ Sage ihm dieß.— Lebe wohl.“ war Zeit zu kö ſal a und allein noch das! für k man deßh ohne und ich d kann dieß geah tief, gege was Mut felse ſein nah Wei mit und ſtun Sti verl ich einer 8 zu Man unde prei⸗ nan lloch ie er tter, hin⸗ ereit pfter die heute mor⸗ die mme ons⸗ ge⸗ Euch age: mit einen hätze ſeine e er⸗ . 103 Ich hörte den Unbekannten ſich entfernen. So ſehr war ich von ſeiner Mittheilung betroffen, daß ich lange Zeit im Gange ſtehen blieb, ohne einen Entſchluß faſſen zu können. Doch warf ich mich endlich gegen das Schick⸗ ſal auf;z ich verſtand, welch' große Aufgabe mir geworden und wie meine Mutter und Schweſter von meiner Macht allein ihre Rettung zu erwarten hätten. Freilich war ich noch nicht zwanzig Jahre alt, doch der letzte Schlag, den das Unglück meines Vaters mir verſetzte, hatte mein Herz für die Angriffe des Schickſals geſtählt; auch dachte ich, man könne mir jetzt nichts mehr nehmen und ich müſſe veßhalb die Befreiung meines Vaters bewerkſtelligen, ohne zu fürchten, daß man ſeine Flucht an Mutter und Schweſter räche. Voll von ſolchen Gedanken ſtieg ich die Treppe hinauf und erzählte Alles, was der Unbe⸗ kannte mir geſagt hatte. Meine Schweſter weinte bitter; meine Mutter ſchien dieß neue Kreuz mit Geduld tragen zu wollen. Wie ich geahnt, dieſe ſchreckliche Zeitung traf ſie beide nicht ſo tief, als die Anſteckung meines Vaters. Wir mußten jliehen vder einem blutigen Todte ent⸗ gegenſehen. Mit größter Eile raffte ich alles zuſammen, was ich rathſam hielt, auf die Flucht mitzunehmen. Meine Mutter und Schweſter gehorchten mir wie Kinder. Zwei⸗ felsohne begriffen ſie, daß ich ihr Führer und Beſchützer ſein werde. Auf meinen Befehl kleideten ſie ſich dreifach, nahmen Speiſe, ein Meſſer, ein Feuerzeug, eine Flaſche Wein, ein Kruzifix, viel Geld und andere tragbare Dinge mit ſich. Ich belud mich mit nichts, als einem Jagdmeſſer und einem ſcharfen Handbeile. Sobald wir alle bereit ſtunden, unſere Wohnung zu verlaſſen, ſchrieb ich auf ein Pergament mit arabiſchen Buchſtaben folgende Porte: „Verfolgt von den Paſtoralen, ſind wir geflohen und verbergen uns in Höhlen. Morgen um Mitternacht werde ich an der Nordſeite der Mauer mit einer Leiter ſtehen. Komm' 104 und rette Dich— ferne von Deinen Schickſalsgenoſſen wird Dir vielleicht unſere Wiſſenſchaft die Gefundheit wiederſchenken.“ Ich band ein Stück Blei an das gefaltete Briefchen, ſteckte es in meine Taſche und ſagte zu meiner Mutter, wir wollten gehen. Mit größter Vorſicht und von der un⸗ durchdringlichen Finſterniß begünſtigt, eilten wir fort, ohne ein Wort zu ſprechen. An dem Thore von Amercveur fanden wir Wachen, welche uns nicht aus der Stadt laſſen wollten; ich ſagte ihnen, daß wir ein Gelübde erfüllen und in der Kapelle von Unſererliebenfrauen auf dem Berge beten wollten; ſie glaubten uns nicht, bis ich ihnen eine Handvoll Geld anbot. Dann ließen ſie uns durch und wir betraten den Weg, der nach Deutſchland führt. Die umliegenden Berge waren mir ungemein gut bekannt, da ich Jahre lang beinahe wöchentlich auf denſelben allerlei Kräuter für meinen Vater geſammelt hatte. In der Entfernung einer Stunde von der Stadt, an einem einſamen Ort, wufßte ich eine Höhle mit ſchmalem Eingang, aber im Innern von der Natur gepflaſtert wie ein Zimmer und mit vielgeſtaltigen Tropfſteingebilden be⸗ wachſen. In dieſe Höhle brachte ich Mutter und Schweſter; wir mußten auf Händen und Füßen hineinkriechen, ſo eng war der Eingang. Nachdem ich ſie beruhigt, erklärte ich ihnen meine Abſicht, unſern unglücklichen Vater zu retten und machte ihnen begreiflich, daß ich nun nach dem Peſthauſe müſſe, um ihm meinen ſchriftlichen Bericht zukommen zu laſſen. Dieß konnte natürlich bei ihnen auf keine Wiederrede ſtoßen; im Gegentheil ſie baten mit gefalteten Händen, ſo ſehr als möglich zu eilen, um noch vor Sonnenaufgang zurück ſein zu können. Ich theilte die anſcheinende Ruhe der beiden Frauen nicht: dieſen Winter gerade hatten wäh⸗ rend der langen Kälte ganze Haufen Wölfe den Ardennen⸗ wald verlaſſen und ſich in der Umgegend von Lüttich umhergetrieben; mehr als eine Leiche eines in der Ein⸗ ſamke verſch ich m und Bei und ferne zwiſc nicht gelan chen game Peſih es m Schr Neug linget zurüc kelhei geret niede dem Schn und 9 Ich eine bemä lich ichz gerol brack nirge doch oſſen dheit chen, tter, run⸗ ohne veur aſſen üllen ere eine und Die 105 ſamkeit der Leproſie Erlegenen war von dieſen Thieren verſchlungen worden. Um meine Mutter und Schweſter zu ſichern, rollte ich mit ſchwerer Mühe zwei große Steine vor die Höhle und dann erſt nahm ich meinen Weg nach der Stadt. Bei der Vorſtadt angekommen, wandte ich mich rechts ab und ſetzte meinen Weg fort, bis ich glaubte, nicht mehr ferne vom Peſthauſe zu ſein. Dann begann ich vorſichtig zwiſchen den Bäumen und dem Geſträuch hinzukriechen, um nicht von den Todtſchlägern bemerkt zu werden. Endlich gelangte ich an den Fuß der Mauer und warf das Brief⸗ chen hinüber; in der Dunkelheit hatte ich das weiße Per⸗ gament glänzen ſehen und war verſichert, daß es in das Peſthaus gefallen ſei. Nun zweifelte ich nicht mehr, daß es mein Vater bekommen werde, da er allein die arabiſche Schrift leſen konnte und man ihm dieſelbe gewiß aus Neugierde zeigen würde. Vergnügt über das gute Ge⸗ lingen dieſes erſten Verſuches, kehrte ich eiligſt zur Höhle zurück, wo ich meine Mutter und Schweſter in der Dun⸗ kelheit weinend fand. Die Ausſicht aber, daß mein Vater gerettet werden könnte, tröſtete mich ſehr. Ehe die Sonne aufging, brach ich einige Zweige des niederſten Geſträuches ab und bildete aus demſelben auf dem Boden der Höhle ein Lager für meine Mutter und Schweſter; darüber breiteten ſie einen Theil ihrer Kleider und verſuchten, auf meine Bitte, ob ſie nicht ſchlafen könnten. Ich erklärte ihnen, daß ich die Höhle verlaſſen müßte, um eine Leiter zu ſuchen und wartete, bis der Schlaf ſich ihrer bemächtigt hätte. Um neun Uhr verfielen die Frauen end⸗ lich in tiefen Schlaf. Ich nahm Geld und ging, nachdem ich zuvor die Steine wieder vor den Eingang der Höhle gerollt hatte. Schon hatte ich einen Theil des Tages damit ver⸗ bracht, alle Pachthofe wie ein Spion zu umlauern, doch nirgend fand ich, was ich ſuchte. Wohl ſah ich Leitern, voch ſie waren alle mit Ketten und Schlöſſern an die Mauern der Pachthöfe nung übrig blieb. Den eine Leiter abzukaufen, 106 feſtgemacht, ſo daß mir keine Hoff⸗ Pächtern Geld anbieten, um ihnen konnte ich nicht; ſie würden mich wie einen Dieb mit ſchlimmen Abſichten verjagt haben. Als ich nun ſehr betrübt wieder nicht ferne vom Peſthauſe mich befand und nach der Höhle mich zurückbegeben wollte, ſah ich in der Ferne ei n Kamin rauchen; ich wandte mich durch das Geſträuch nach der Seite des Waldes und fand da einen einſamen offenſtehenden Bauernhof. Wie klopfte mein Herz vor Freude, ter, welche hinter dem auf der Erde lag. Ich entfernte mich bei dem Anblick einer langen Lei⸗ Hauſe und Jedermann zugänglich eiligſt wieder, wohl bewerkend, wo das Haus ſtund, und wie ich daſſelbe bei Nacht wiederfin⸗ den könnte. Dann eilt e ich mit dem frohen Lächeln der Hoffnung nach der Höhle zurück. Ich tröſtete meine Mut⸗ ter und Schweſter durch die freudige Ausſicht auf meines Vaters Befteiung. Der Schlaf hatte ihnen wohlgethan, eine ſelige Hoffnung erleuchtete ihre Herzen. Wir aßen etwas und warteten mi Gegen Abend über zen Wolken: es begann t Ungeduld die Nacht ab. zog ſich der Himmel mit ſchwar⸗ ſtark zu regnen und bald herrſchte die iefſte Dunkelheit auf den Feldern. Ich hielt es für ein gutes Vorzeichen, daß ſich das Wetter veränderte, denn es ſchien mir, der Himmel begünſtige offenbar meine ge⸗ fahrvolle Unternehmung Mitternachtsſtunde. M Endlich nahte die langerſehnte eine Mutter und Schweſter knieten vor dem kleinen Kruzifir; ich küßte ſie, ſchloß die Höhle und ging. 6 Ich war ſchon zi ſchritten und von der ich plötzlich hinter mir zwiſchen dem Geſträuch zwei Augen wie Lichter fun emlich auf meinem Wege forige⸗ tiefſten Dunkelheit begünſtigt, als keln ſah, die auf mich gerichtet waren. Dieſe Erſcheinung machte mich heftig zittern, da ich anfangs nicht wußte, ob es ein Menſch oder Thier, was mich beobachtete. Ich blieb jedoch nicht ſtehen, ſon⸗ dern ängſtl den g dürre das r mich, daß d denn, macht in die mein telſtu ließ; ahnte, 8 gleich dend, Mein durch merad faltete löſung dem e demſel zehnfa auf di 1 da gi minde trug i auf 8 endlich die Ti hauſe Hoff⸗ ihnen mich aben. hauſe ollte, mich fand opfte Lei⸗ glich „wo rfin⸗ der Rut⸗ ines han, aßen war⸗ ſchte für denn ge⸗ hute eten öhle tge⸗ als zwei htet da ier, ſon⸗ 107 dern ſchritt raſch weiter. Von Zeit zu Zeit ſah ich mich ängſtlich um, und jedesmal begegnete mein Blick den bei⸗ den glühenden Augen, in derſelben Entfernung von mir. Neben einem Eichenbuſch gehend, hörte ich auf den dürren und kniſternden Blättern die Tritte des Thieres, das mich verfolgte; ein kaum hörbares Knurren überzeugte mich, daß mein Reiſegeſell ein Wolf war. Ich wußte, daß dieſe Thiere ſehr ſelten einen Menſchen anfallen, es ſei denn, daß er ſtrauchle oder eine plötzliche Bewegung machte. Darum hatte ich auf meine Schritte ſtrenge Acht; in die eine Hand nahm ich mein Jagdmeſſer, in die andre mein Beil. Zitternd und ängſilich ſchritt ich ſo eine Vier⸗ telſtunde fort, ohne daß der Wolf meine Fußſtapfen ver⸗ ließ; ſchon war er mir etwas näher gekommen und ich ahnte, daß es vielleicht mein Leben gelten würde. Plötzlich erſcholl vom Walde her ein hohles Geheul, gleich dem Geſchrei der Wölfe, wenn ſie, ein Pferd fin⸗ dend, zu ſchwach ſind, es anzugreifen und um Hülfe rufen. Mein Verfolger wandte ſich um und ich hörte, wie er durch den Buſch wie ein Pfeil zu ſeinen heulenden Ka⸗ meraden flog. Dann blieb ich einen Augenblick ſtehen, faltete meine Hände und dankte Gott für meine Er⸗ löſung. Darauf betrat ich meinen Weg mit neuem Muthe. Zu dem einſamen Hauſe gekommen, fand ich die Leiter auf demſelben Platze. Ich legte eine Summe Geldes, den zehnfachen Werth des Werkzeuges auf die Erde, nahm es auf die Schulter und lief wie ein Dieb davon. Um Mitternacht kam ich in die Nähe des Peſthauſes; da ging ich etwas langſamer, um die Leiter ohne das mindeſte Geräuſch unter die Mauer zu bringen. Bald trug ich ſie auf meiner Schulter, bald kroch ich wieder auf Händen und Füßen und zog ſie nach mir fort, bis ich endlich die Steine der Mauer betaſtete. Gewiß ſchliefen die Todtſchläger; denn je näher ich auch ihrem Wacht⸗ hauſe kam, ich hörte nichts. Als die Leiter feſt ſtund, ſtieg ich 108 hinauf, und ſetzte mich rittlings auf die Mauer; ich zitterte wie ein Rohr und hatte ſolche Angſt, daß mein Herz bei⸗ nahe nicht mehr pochte. Mit ſcharfem Blicke ſchaute ich in den Hof hinab und glaubte in der Dunkelheit ſich einen Schatten bewegen zu ſehen. Ich frug mit gedämpf⸗ ter Stimme: „Biſt Du es, mein Vater?“ „Ich bin es, Walter,“ war die leiſe Antwort. „Warte,“ fuhr ich fort,„die Leiter werde ich hin⸗ überziehen und kommen, um Dir zu helfen.“ „Höre wohl, Walter,“ ſprach mein Vater,„wenn Du von der Mauer kommſt und bleibſt nicht immer zehn Schritte von mir entfernt, ſo kehre ich zu meinen Schick⸗ ſalsgenoſſen zurück und wäre ich auch ſchon eine Stunde von hier. Nimm dieſe Worte zu Herzen, wenn Du meine Befreiung wünſcheſt.“ Während er dies ſagte, zog ich die Leiter über die Mauer und ſetzte ihren Fuß in den Hof. Mein Vater ſtieg herauf, doch als er beinahe den Mauerrücken erreicht hatte, zwang er mich bis zu einem gewiſſen Abſtand von der Leiter wegzukriechen. Dann erſt ſetzte er ſich auf die Mauer, zog ſelbſt die Leiter auf die andere Seite, ſchritt hinab und ſtand auf freiem Boden. Ich folgte ihm ſchweigend auf dem Wege, den er wählte, um ſich von dem Peſthauſe zu entfernen. Bald waren wir ziemlich weit von dem Peſthauſe und da wir jetzt nichts mehr von den Todtſchlägern zu befürchten hatten, wäre ich gerne auf meinen Vater zugegangen; doch was ich auch ver⸗ ſuchte, er blieb unerbittlich von mir entfernt. Es iſt unmöglich zu beſchreiben, wie peinlich mir dieß warz ich litt ſchwer und tief, und war bereit, auch gegen ſeinen Willen mich meinem Vater zu nähern. Als er dies bemerkte, ſprach er mit mir in einem Tone, der mich ſchauern machte: es war meines Vaters ſchöne Stimme nicht mehr, ſondern ein ſchrilles und hohles Murmeln, das ihm durch die Krankheit als Sprache gegeben worden! — 2 Dein Deine weinen 0 nicht, — E men, Du d zen ur dann 4 er die E Leib ſ deckt haben. ſchreck Knieer C ſunken zu gel los ſt Ich b ſchon Peſt ſter a nung nur n aus d beweg quält milie tterte bei⸗ e ich ſich impf⸗ hin⸗ wenn zehn chick⸗ tunde meine er die Bater reicht n if die chritt ihm n mlich von gerne ver⸗ r dieß gegen dies mich imme meln, rden! 109 „Mein guter Walter,“ ſagte er,„ich weiß, wie es Dein liebevolles Herz foltern muß, daß Du mich nicht in Deine Arme drücken darfſt!“ „O ich trinke einen bittern Kelch!“ antwortete ich weinend. „Aber, mein Kind,“ fuhr er fort,„Du weißt alſo nicht, daß die leiſeſte Berührung Dich anſtecken würde: — Du müßteſt ſterben, mein armer Sohn.“ „O mein Vater,“ rief ich,„laß mich Dich umar⸗ men, um Gotteswillen! Sterben ſagſt Du? Aber glaubſt Du denn, es wäre mir nicht angenehm, dieſelben Schmer⸗ zen und denſelben Tod zu leiden, wie mein Vater. Und dann iſt es nicht gewiß, daß ich angeſteckt werde.“ Die Stimme meines Vaters wurde ſchmerzlicher, als er dieſe Worte ſprach: „Mein Kind, könnteſt Du mein Geſicht und meinen Leib ſehen, Du würdeſt ſelbſt davon fliehen. Ich bin über⸗ deckt mit offnen Wunden, die eine anſteckende Ausdünſtung haben. Vielleicht haſt Du mit Deinem Athem ſchon die ſchreckliche Peſt in Deine Bruſt geſogen. Auf meinen Knieen bitte ich Dich; bleib' ferne von mir!“ Ich ſah, wie mein Vater wirklich auf den Boden ge⸗ ſunken war, und mit ausgeſtreckten Armen mich bat, ihm zu gehorchen. Während ich zitternd und beinahe bewußt⸗ los ſtehen blieb, fuhr er ſort; „Walter, täuſche Dich nicht mit falſcher Hoffnung. Ich bin dem Tode verfallen, denn meine Gebeine find ſchon von der Peſt ergriffen. Wozu ſoll es dienen, der Peſt ein neues Opfer zu bringen und Mutter und Schwe⸗ ſter allein auf der Welt zurückzulaſſen? Nicht die Hoff⸗ nung auf die Geneſung läßt mich das Peſthaus verlaſſen: nur meine Liebe zu Euch und der Wunſch, noch einmal aus der Ferne meine Familie zu ſehen, konnten mich dazu bewegen. Soll ich nun beſtändig von dem Gedanken ge⸗ quält werden, daß ich Anſteckung und Tod in meine Fa⸗ milie bringe,— und dieß nur um meine Augen an meinen 110 Kindern zu weiden? O Walter, ich muß leiden und ſterben, ohne daß eine Hand die meine drücke, ohne daß Eure ſüße Umarmung mir zum Troſte werde, ohne daß Ihr die Augen Eures ſterbenden Vaters ſchließen dürft! So lautet das Urtheil, das der Herr über das Schick⸗ ſal ſeines Dieners ſprach.“ Während dieſer ſchmerzlichen Worte rollten bittre Thränen über meine Wangen. Schluchzen und Seufzen war anfangs meine Antwort. Plötzlich ging etwas Unbe⸗ greifliches in meinem Geiſte vor, ich fühlte das Blut wild durch meine Adern rollen, und in mein Herz ſich entladen,— und, während ich meine Fauſt wüthend zer⸗ biß, flogen düſtere Gedanken durch meinen Kopf. „Nicht wahr, Walter,“ fragte mein Vater bittend, „Du wirſt mir gehorchen und mich nicht berühren?“ Meine Verzweiflung verdoppelte ſich und ich fühlte ein flammendes Feuer in meinem Herzen. „Vater!“ rief ich,„ſo iſt mir das Leben eine Laſt, die ich nicht tragen kann. Was! ich ſollte Dich erlöst haben, um Dich dann hülflos ſterben zu ſehen; ich ſollte Dich fliehen, wie eine giftige Natter! Ich ſollte Dich nicht umarmen dürfen, und Dir nicht die Augen ſchlie⸗ ßen, wenn Dich der Herr zum Himmel ruft. Ha, ha, ſo weit wird Dein Sohn den Nacken nicht beugen unter dem Schickſal; er wird ſeinen Vater umarmen und küſſen, trotz der Peſt. Hier, gib mir einen Theil Deiner Krankheit— kein ander Leben, kein andrer Tod, als Du, mein Vater!“ Und ſchon lag ich an ſeiner Bruſt, mit meinen Lip⸗ pen auf ſeiner Wangel Einen Augenblick rang er mit mir; doch bald ſehend, daß ich ihn unüberwindlich in meine Arme geſchloſſen hielt, ließ er ſein Haupt machtlos auf meine Schulter ſinken. Ich fühlte heiße Thränen aus ſeinen Augen auf meine Hand rollen und ſich mit den meinen vermiſchen. Dann ſprach mein Vater mit bewegter Stimmet um lichſt zerſch durch läſtig reiße ſtark. rief Bäu ter, ro ſteht Dei noch trink Deir uns ſchlu ſpra Ung Dei Lebe ner wen Lieb liche zuri könn und e daß e daß dürft! Schick⸗ bittre eufzen Unbe⸗ Blut z ſich d zer⸗ ttend, fühlte Laſt, erlöst ſollte Dich ſchlie⸗ Ha, beugen n und Deiner 3 Du, n Lip⸗ ſehend, hielt, ſinken. meine Dann 111 „Kind, was haſt Du gethan. Ich klage Dich nicht um Deiner unermeßlichen Liebe an, ſie iſt mir der herr⸗ lichſte Troſt im Unglück; aber weißt Du, wie mein Herz zerſchmettert wird von der Ueberzeugung, daß der Tod ſchon durch Deine Adern rollt? Ich bin alt, Walter, einige läſtige Jahre ſind mir genommen; Du noch ſo jung, reißeſt einen großen Lebensfaden ab!“ Meine That hatte mich erhoben und ich fühle mich ſtark. „Ich werde nicht angeſteckt werden, nicht ſterben!“ rief ich.„Weißt Du, was der Wind, der durch die Bäume flüſtert, mir ſagt?— Ehre Vater und Mut⸗ ter, auf daß Du lange lebeſt auf Erden!“ „Gebe es der Allmächtige, daß Dich der Geiſt der Bropheten in dieſem Augenblicke beſeelt, mein Kind. Aber ſteht nicht auch geſchrieben: Du ſollſt den Herrn Deinen Gott nicht verſuchen.“ „Er thue mir nach ſeinem gebenedeiten Willen. Wenn noch Galle in dem Becher bleibt, hier bin ich, ich will ſie trinken! Meinen erſten Lohn ſchmecke ich ſchon, Dein Kuß hat mir Kraft und Muth gegeben, komm, laß uns eilen zu meiner Mutter.“ Mit dieſen Worten faßte ich ſeine Hand und wir ſchlugen den Weg nach der Höhle ein. Als wir ein ziemlich Stück Wegs gegangen waren, ſprach mein Vater in tiefer Niedergeſchlagenheit: „Walter, ich betraure meine Erlöſung als das größte Unglück unter allen, die uns betroffen. Ich bewundere Deine Liebe, Deinen Muth, obwohl dieſe Tugenden Deinen Lebensfaden abreißen müſſen. Aber was ſoll ich bei Dei⸗ ner Mutter, Deiner Schweſter thun? Lieben ſie mich weniger als Du, und werden ſie ſich nicht auch ihrer Liebe zum Opfer bringen? O ich bin in einem ſchreck⸗ lichen Zuſtand. Was ſoll ich beſchließen? in das Peſthaus zurückkehren, ich moͤchte es als ein Glück anſehen, dieß zu können, gber Du würdeſt es nicht geſtatten?“ —— 11² „Neln, das werde ich nicht,“ antwortete ich mit Kraft,„aber höre, Vater, was ich Dir ſagen will:— Ich habe der Eingebung meiner Liebe gefolgt und vielleicht mich ſelbſt aufgeopfert, denn ich ſehe wohl ein, daß wenn ich auch ſo weit über mein eigenes Leben Meiſter bin, es mir doch zur unverbrüchlichen Pflicht wird, Mutter und Schweſter zu hindern, meinem Beiſpiel zu folgen; vertraue auf mich, das Unglück hat mich in wenigen Tagen zum Manne reifen laſſen: weder Mutter noch Schweſter wer⸗ den Dich antaſten und müßte ich auch Gewalt gebrauchen, ihre Liebe wird ſich unter meinem Willen beugen!“ „Habe Dank, mein Kind,“ ſeufzte mein Vater,„aber wo führſt Du mich hin, und wie wirſt Du Deine Mutter von mir zurückhalten?“ „Ich denke ſchon lange daran und glaube das rechte Mittel gefunden zu haben. Etwa zehn Schritte von der Höhle iſt eine kleinere;— erinnerſt Du Dich nicht, wo wir einſt ein unbekanntes Kraut fanden?“ „Das Aconitum der Lateiner, mit einem blutrothen Blatte?“ „Ja,— dort in jener Höhle mußt Du bleibenz meine Mutter und Schweſter werde ich hindern, die ihrige zu verlaſſen, am Tage aber ihnen geſtatten, in einer kleinen Entfernung ſich Dir zu nahen, ſo könnt Ihr Euch ohne Gefahr ſehen und tröſten, und wir werden unſere Wiſſen⸗ ſchaft zu Rathe ziehen. Sei guten Muthes, Du wirſt geneſen.“ „O mein Sohn,“ rief mein Vater verwundert aus, „Deine Liebe zu mir hat Dir Weisheit geſchenkt! thue, wie Du ſagſt, ich verlaſſe mich auf Deine Vorſicht.“ So ſprechend, kamen wir zu der Berghöhle, die ich beſtimmt hatte, meinen Vater aufzunehmen. Mit dünnen Zweigen und Blättern bereitete ich ein Bett und hieß ihn auf daſſelbe niederliegen; dann ging ich vor den Eingang großen Höhle und rief zwiſchen die davorgerollten teine: mit l:— lleicht nn ich es und ttraue zum wer⸗ chen, „aber tutter rechte n der „ wo rothen eiben; ihrige leinen ohne iſſen⸗ wirſt t aus, thue, . ie ich ünnen eß ihn ngang rollten 113 „Mutter, Schweſter, ſeid Ihr da?“ „Ha, Walter!“ riefen zwei Stimmen. „Mein Verſuch iſt geglückt!“ erwiederte ich,„unſer Vater iſt erlöst; aber er kann nicht hieher kommen, ehe es Tag geworden. Ich gehe zurück zu ihm. Seid nur getroſt und ruhig, bis ich ihn hieher bringe.“ Einige Klänge ihrer Stimmen ſagten mir, wie ſie ſich über dieſe Nachricht freutenz meinen Befehl wieder⸗ holend, kehrte ich in die Höhle meines Vaters zurück. Während des übrigen Theils der Nacht beſprach ich mit ihm, was zu thun ſei, um ſeine Geneſung zu bewirken. Anfangs wollte er ſeine Gedanken nicht damit be⸗ freunden, ſo fremd war ihm alle Hoffnung; endlich aber konnte er meinen Bitten nicht mehr widerſtehen und ſagte zu mir mit großer Freude: „Walter, mein arabiſcher Lehrer gab mir, als ich ihn verließ, eine kleine ſilberne Büchſe zum Geſchenk und ſagte, in derſelben ſei ein wenig Salbe, die unfehlbar von der Peſt heile, ja ſelbſt den nahen Tod überwinde. Ein Menſch allein kann ſich derſelben bedienen, denn die Büchſe enthält nur, was für einmaligen Gebrauch hinreicht.“ „Wo iſt die koſtbare, die glückliche Büchſe?“ rief ich bebend vor Freude. „Haſt Du nicht bemerkt,“ erwiederte mein Vater, „daß in dem Keller unſrer Wohnung viele Kreuze in die Mauer gehauen ſind, und daß eines derſelben das andere an Größe übertrifft?“ „Ja, ich fragte Dich oft, was es bedeute, aber Du haſt es mir nie geſagt.“ „Nun denn, unter dem größten Kreuz iſt die Mauer hohl; mit einigen Hammerſchlägen kann man den Stein bewegen und es öffnet ſich ein Loch, in welchem ein Klum⸗ pen Judenpech liegt. In dieſen Klumpen iſt die ſilberne Büchſe geſchloſſen.“ „Ich eile dahin,“ rief ich heftig aus,„o ich werde zurückkommen, mit dem, was Dir Heilung bringt!“ Hugo von Craenhove. 8 114 Ich wollte die Berghöhle verlaſſen, aber mein Vater hielt mich zurück und bedeutete mir, meine Reiſe müſſe bis zur folgenden Nacht verſchoben werden, da ſich ſchon ein leichter Schimmer im Oſten zeige und ich unmöglich vor Sonnenaufgang nach Lüttich kommen könne. Ich ſah wohl ein, daß es jetzt weniger, denn je, gerathen ſei, mich der Gefahr auszuſetzen, angehalten oder getödet zu werden, da das Leben meines Vaters von meiner Erhaltung und meiner Freiheit abhänge. Mit Ungeduld unterwarf ich mich der Nothwendigkeit. Kurz vor Sonnenaufgang führte ich meinen Vater zu einer Vertiefung, wo der Regen einen kleinen See ge⸗ bildet hatte und wuſch ſeinen ganzen Körper mit der Lein⸗ wand, die ich von meinem Unterkleide abgeriſſen hatte. Trotz der heftigen Kälte minderte die Abwaſchung ſeinen Schmerz auf wunderbare Weiſe. Sowie die Sonne höher ſtieg, bekam ich meines Vaters Geſicht zu ſehen; es war ſchauerlich!— zerriſſen von freſſenden Wunden und ge⸗ färbt von abſcheulichen blauen und kupferigen Flecken. Seine Augen lagen tief in ihren Höhlen, ſeine Wangen waren hohl und ſein Mund krampfhaft verzogen. Dieſer Anblick machte mich weinen; mein Vater ſprach lang von Mutter und Schweſter, bis ich meine Ruhe wieder bekam. So oft ich nach ihm hinblickte, überlief mich ein eiskalter Schauer. Sobald ſich die Sonne über die Berge erhob, brachte ich meinen Vater bis auf einige Entfernung von der gro⸗ ßen Höhle und ließ ihn auf den Boden niederſitzen; dann rollte ich die Steine vor dem Eingang weg und ſprach zu den Frauen: „„Mutter und Du, Marie, meine Schweſter, hoͤret wohl auf das, was ich Euch ſage. Unſer Vater iſt nicht fern von hier; ich komme, Euch zu holen, daß Ihr ihn ſehet; aber rühret ihn nicht an, kommt ihm nicht näher als auf zehn Schritte, ſonſt kehrt er in das Peſthaus zurück und ich werde ihn ſelbſt dorthin führen, ohne daß Eure 115 Bitten, und weintet Ihr auch Blut, ihn oder mich erwei⸗ chen könnten. Dieſelbe Strafe bevroht Euch, wenn Ihr mich berühret, denn auch ich bin angeſteckt!“ Dieſe bittern, doch nöthigen Worte machten die Frauen an allen Gliedern zittern und ſtatt der Freude, die ſie erwarteten, preßte ich Thränen aus ihren Augen. „Ihn nicht berühren, nicht umarmen!“ rief meine Schweſter verzweifelnd. Ich gab meiner Stimme ſo viel Sanftes als nur möglich und ſagte: „Maria, ſage mir, wünſcheſt Du den Tod Deiner Mutter? Du bebſt bei dieſem Gedanken! nun denn, wenn Du Dich nicht wie ein Sklade meinem Willen unterwirſſt, wird Deine Mutter Deinem Vorbild folgen, angeſteckt werden und ſterben.— Und Du, Mutter, wünſcheſt Du den Tod Deines Kindes?“ „Ich verſtehe Dich, Walter,“ ſeufzte meine Mutter, „fürcht nichts mehr: wir werden wie Sklaven dem uner⸗ bittlichen Schickſal gehorchen.“ Beruhigt durch ihren Gehorſam brachte ich die bei⸗ den Frauen aus der Höhle zu meinem Vater. Ein Schrei entflog beider Bruſt und ſie ſanken auf die Erde nieder. Ich hatte dieß vorausgeſehen, aber wie hätte ich dieſe Scene vermeiden können? Da lagen nun Mutter und Schweſter wie bewegungsloſe Leichen und ich durfte ſie nicht anrühren, nicht helfen; mein Vater raufte ſich, ohne zu ſprechen, die Haare aus, und ich ſtand zwiſchen ihnen ſi ein Wahnſinniger, der ſich geduldig dem Schickſal eugt. Meine Schweſter kam zuerſt wieder zu ſich, richtete vas Haupt meiner Mutter vom Boden auf, rieb ihr die Stirne und drückte ihre Hände, bis ſie endlich beide unter einer Fluth von Thränen mit meinem Vater zu ſprechen begannen. Bald kehrte auch mir die Beſinnung wieder; ich ſah ein, welche Gefahr wir liefen, wenn uns Jemand entdeckte. ——————— Darum ließ ich die Frauen im Geſpräche mit dem Vater zurück und beſtieg eine Anhöhe, um als Schildwache um⸗ her zu ſchauen. Eine Stunde lang ſtand ich da, ohne etwas zu be⸗ merken; dann ſah ich plötzlich von ferne zwei Männer hinter einem Hügel hervorkommen und den Weg einſchlagen, der ſie unfehlbar zur großen Höhle bringen mußte. Ich bemerkte, daß es keine Feinde waren, denn ſie hatten keine Waffen und ſchienen mir ſehr ſchmutzig gekleidet zu ſein. Deſſen ungeachtet lief ich raſch die Anhöhe hinab und hieß meinen Vater und die Frauen Jedes in ſeine Höhle zu⸗ rückkehren, rollte dann die Steine vor den Eingang und mich nach einer andern Seite hin entfernend, ſtellte ich mich den herbeikommenden Männern in den Weg und bückte mich oft zur Erde als ob ich Kräuter oder Wur⸗ zeln ſuchte. Ich bemerkte, daß die beiden Männer große Eile hatten und ſich beſtändig umwandten, wie Leute, die verfolgt zu ſein glauben. Sobald ſie mich zu Geſicht bekamen, blieben ſie ſtehen und ſchienen ſich zu berathen, was ſie thun ſollten; auch ſie hatten Angſt vor mir. Als ſie bald näher auf mich zukamen, bemerkte ich, daß es zwei Leproſen waren. Nachdem ſie mich mit einigem Mißtrauen betrachtet hatten, fragte der Eine: „Jüngling, haſt Du keine Kriegsknechte oder Todt⸗ ſchläger auf dieſem Wege geſehen?“ „Nein!“ antwortete ich,„was ſollten die hier thun?“ „Kommſt Du denn heute nicht aus der Stadt?“ „Nein, ich wohne in dem nahe gelegenen Dorfe.“ „Sind auch Leproſen in Deinem Dorfe?“ Ja einige.“ „So gehe eilig ihnen zu ſagen, ſie ſollen aus dem Bisthum flüchten. Denn die Paſtoralen werden ſich noch heute über das ganze Land verbreiten und alle Leproſen ermorden.“ „Und wenn ſie ſich in Kellern oder Höhlen verbergen?“ „Das würde ſie wenig helfen. Sind nicht alle 5 ater m⸗ be⸗ mer en, eine ein. ieß zu⸗ und ich und ur⸗ roße die ſicht hen, Als wei muen odt⸗ n2“ . dem noch oſen n 117 Höhlen und Keller zu finden, und weiß man nicht, daß dieß die gewöhnlichen Schlupfwinkel find 2... Wenn Du einiges Geld haſt Jüngling, ſo wirſt Du ein Werk der Barmherzigkeit thun, wenn Du es zwei unglücklichen Leproſen gibſt. Ich wußte nicht, welch' neue Gefahr uns drohte; darum antwortete ich: „Ich habe zwei Goldſtücke und will ſie Euch ſchenken wenn Ihr mir genauer ſagt, was die Leproſen meines Dorfes zu fürchten haben und woraus dieſe Verfolgung entſtanden iſt.“ Der Andere, der bisher noch nicht geſprochen hatte, antwortete mir: „O, das iſt nicht ſchwer. Dieſe Nacht ſind die Leproſen aus dem großen Peſthaus geflohen und zu hun⸗ dert und achtzig auf die Flucht gegangen. Die Paſtoralen und Todtſchläger verfolgen ſie nach allen Seiten und wen ſie finden, den ermorden ſie ohne Barmherzigkeit. Das iſt Alles.“ Ich gab ihnen die zwei Golbſtücke; ſie traten in den Wald und verſchwanden. Dann kehrte ich zu meinem Vater zurück und theilte ihm mit, was ich vernommen. Da wir unter Tag unſern Schlupfwinkel nicht zu verlaſſen wagten, um eine weite Reiſe anzutreten, um ſo mehr, als wir alle den unver⸗ kennbaren Stempel jüdiſcher Abkunft im Geſichte trugen⸗ ſo verbarg ich meine Mutter und Schweſter in die eine Höhle und kroch mit meinem Vater in die andere. Wir verbrachten den ganzen Tag in größter Stille, jeden Augenblick die mordluſtigen Paſtoralen erwartend; wir ſahen aber und hörten keinen Menſchen. Nachmittags begann es in großen Flocken zu ſchneien; vielleicht hatte dieß ſchlecht Wetter die Paſtoralen abgehalten, an ſolch' einſamem Orte zwiſchen den Bergen nachzuſpüren. Als die Dunkelheit über die Felder hereingebrochen war; krochen wir aus der Höhle und ich ging, um meine Mutter und 118 Schweſter zu holen. Die armen Frauen! ſie waren ganz nie⸗ dergedrückt, ausgeweint, ermattet und lahm an Körper und Geiſt; mit Mühe konnte ich ein Wort aus ihnen herausbringen und ſelbſt dann war ihre Stimme ſo hoff⸗ nungslos und ſchmerzlich, daß es mir wie ein Meſſer durch die Seele ging. Wohin unſere Schritte nun richten? Die erſte Aufgabe war, uns ſo weit als möglich von Lüttich zu entfernen. In andern Städten des Bisthums waren die Geſetze gegen die Leproſie nicht ſo ſtreng, weil dort die Peſt noch nicht ſo heftig wüthete, und wenn wir tiefer von der Maas ab und unterhalb Maſtricht gelangen konnten, ſo waren wir gerettet, denn dort kannte man die Leproſie noch nicht, auch gab es daſelbſt noch keine Paſtoralen. Dieß ließ uns den Beſchluß faſſen, an Maſtricht vorüber zu ziehen und dieſe Nacht ſo weit zu gehen, als uns die Füße tragen wollten. Meine Mutter und Schweſter ſagten nichts, ſie folgten uns durch den Schnee wie Schatten ohne Sprache und Gefühl. So zogen wir unaufhaltſam weiter, ohne etwas Anderem, als Wölfen zu begegnen, die uns in ſo großer Anzahl ſehend wieder davon flohen. Nach einem Wege von zwei Stunden antwortete mein Vater beinahe nichts mehr auf meine Fragen und ich bemerkte, daß die Müdig⸗ keit ihn übermannen werde, denn er begann immer ſchwerer und wie erlahmt auf meinen Schultern zu ruhen. Obwohl ich überzeugt war, daß die übermäßige Be⸗ wegung ſeine Wunden entzündete und ihm ſchreckliche Schmerzen verurſachte, ſo durfte ich doch nicht von einer Unterbrechung der Reiſe ſprechen. Wir waren an einem Orte, der uns nur oberflächlich bekannt war und würden in der Dunkelheit unmöglich einen ſichern Schlupfwinkel gefunden haben, deßhalb unterſtützte ich meinen Vater, ſo daß ich mehr als die Hälfte ſeines Körpers trug und ermuthigte die ſchweigenden Frauen durch Worte der Hoffnung und Liebe. Wir ſchritten noch eine Zeit lang fort zwiſchen hohen nie⸗ per nen off⸗ ſſer abe en. gen icht ab wir ht, ieß hen gen ſie che hne ßer ege hts erer Be⸗ che ner em den kel ſo und der 1¹9 Hügeln durch einen wüſten und verwilderten Ort, als plotzlich die Glieder meines Vaters wie erlahmt, ſchlaff und ſchwer wie Blei an mir hingen, ich wollte weiter gehen, doch die Beine meines Vaters ſchleiften auf dem Schnee nach. Ich ſchrie laut auf und ließ den kraftloſen Körper meines Va⸗ ters auf den Schnee ſinken. Meine Mutter und Schweſter knieten in der beſtimm⸗ ten Entfernung nieder. Kaum vermochte ſich hie und da einen dumpfen Seufzer aus ihrer Bruſt zu loͤſen. Sie waren wie verſteinert. Mein Vater, nicht ganz der Sprache beraubt, da ich ihm die Stirne mit Schnee beſtrich, ſeufste mit kraftloſer Stimme: „Walter, meine Stunde iſt gekommen; Kind, eine Wunde hat den Weg zu meinem Rückenmärk gefunden; der Tod ſteht neben mir,— ich gehe zu Gott! höre wohl: hole die ſilberne Salbenbüchſe, ſobald Du dazu Gelegenheit ſindeſt. Wenn Du auch nicht angeſteckt wirſt, wirſt Du dieß koſtbare Heilmittel bewahren, denn es wird Dir dazu dienen, Dich zu retten. Du ſollſt mir die Augen ſchließen als liebevoller Sohn— und dann, wenn meine Seele ihre abſcheuliche Wohnung wird verlaſſen haben, ſollſt Du mir mit einem Beile ein Grab graben, nicht ah Dieſe ſchrecklichen Worte hatten Kraft genug, um in meinem Herzen noch Saiten zu finden, die nicht zerriſſen waren; ich athmete tief auf und ſchrie wie von Sinnen durch den Wald, ſchleifte meinen Vater über den Schnee bis zu einer Anhöhe und rief ihm und den Frauen zu: „Nein, der Tod ſoll ſich heute nicht zwiſchen uns ſtellen; ich gehe. die ſilberne Büchſe„ Lüt⸗ tich„Geduld ich komme betet betet!“ Und dieß ſagend flog ich wie der Pfeil aus dem Bogen in der Richtung nach Lüttich. Es war etwas ſpäter als Mitternacht, ich lief immer weiter und weiter, bis ich fühlte, daß mein Herz, durch 120 ungeſtümes Jagen ermattet, mir beinahe zerſprang. Da ver⸗ langſamte ich meine Schritte, ohne jedoch meinen gewohnten Gang zu gehen. An dem Thor von Lüttich angekommen, fand ich daſſelbe offen; eine große Anzahl bewaffneter Männer gingen aus und ein; an ihren Worten merkte ich, daß es Paſtoralen waren; doch gedachte ich meiner wichtigen Botſchaft und ſchritt muthig in die Stadt hinein. Vor unſere Wohnung gekommen, fand ich die Thüre derſelben auf der Straße liegen, die Fenſter zerbrochen und den Eingang durch zerſchmetterten Hausrath verſperrt. Die Nachricht des Unbekannten hatte ſich alſo bewahrheitet:— die Plünderung war geſchehen. In dem Keller ſchlug ich mit einem ſchweren Stein auf das große Kreuz und öffnete die Mauer. Mit freudiger Haſt ergriff ich den Klumpen Judenpech und mich wieder auf den Weg begebend, gelangte ich mit meinem koſtlichen Schatze auf das freie Feld. So ſchnell eilte ich fort, daß mir der Schweiß von der Stirne lief und die Kleider am Leibe klebten, aber die Freude, die ich in meinem Herzen fühlte, gab mir Muth und Kraft.— O, ich hielt in meiner Hand das Leben mei⸗ nes Vaters! Bald ſollte ich den Ort erreichen, wo ich ihn verlaſſen hatte; ich durfte ihm ſagen: Hier iſt die Geſundheit! lebe noch lange mit uns! die Krankheit ver⸗ ſchwindet;— und nun umarme auch meine Mutter und meine Schweſter! Zwiſchen dieſen ſeligen Gedanken brachte ich den Klumpen Judenpech an meinen Mund und küßte denſelben mit Entzücken. So nahte ich mich dem Orte, wo mein Vater lag, und ſchon wollte ich ihm die frohe Nachricht von ferne zurufen Da ſah ich vor mir auf dem Schnee in dem Wege drei Wölfe, die ihre Beute zerriſſen; ich konnte nicht vorbei ohne den Wölfen in den Rachen zu laufen, denn ich befand mich in einem Engpaß zwiſchen zwei Bergen. Zurückkehren und einen andern Weg einſchlagen, mochte ich eben ſo we⸗ —— er⸗ ten ind ner en zor ben den Die lug ind ech nit ell lief de, nd ei⸗ die r⸗ nd en en ein ht bei nd en 12¹ nig, es hätte mir eine halbe Stunde geraubt. Währeud ich ſtehen blieb, um einen Augenblick zu überlegen, ſah ich die Wölfe ganze Stücke Fleiſch von ihrer Beute reißen und ſie über den mit Blut beſpritzten Weg ſchleiſen. Ich erinnerte mich, daß die Wölfe bei dem Klange des Eiſens erſchrecken, zog mein Handbeil unter meinem Kleide hervor und begann auf daſſelbe mit einem Jagd⸗ meſſer zu ſchlagen und ſo ein Geräuſch zu machenz die Wölfe ſahen auf und ſtürzten davon. Erfreut über meinen raſchen Sieg, ſchritt ich weiter und wollte ohne Aufenthalt an der Wolfsbeute vorüber. Aber das Blut, das wie ein furchtbarer Flecken auf dem weißen Schnee hinlief, zwang mich einen Blick auf die Beute zu werfen. Es war eine Leiche und ich, o tövlicher Schreck, ich erkannte ſie und ſtürzte mit einem gräßlichen Schrei ohne Leben und Gefühl in das Blut meines Vaters Was ich weiter ſchreibe habe ich nicht ſelbſt geſehen; meine Schweſter hat es mir viele Jahre ſpäter erzählt. Während ich auf dem Wege nach Lüttich war, horten meine Mutter und meine Schweſter den letzten Seufzer meines Vaters. Sie näherten ſich ihm mit unausſprech⸗ licher Angſt und ſahen, daß ſeine Seele zum Himmel geſtiegen war. Dann in einiger Entfernung ſich nieder⸗ laſſend, beteten ſie für den Verſtorbenen und verſanken in einen ſchlafähnlichen Zuſtand. Nach langer Zeit hörten ſie plötzlich ein gräßliches Schreien von wilden Thieren und ſahen drei Wölfe die Leiche meines Vaters den Berg herab ſchleifen. Meine Mutter ſtieß ihren letzten Schrei aus; dieſer tödtliche Anblick hatte ihren Lebensfaden mit Gewalt zerriſſen,— der Schnee empfing ſie, und ſie ſtand nicht mehr von dieſem Sterbelager auf⸗ Meine Schweſter verlor ihr Bewußtſein und blieb auf der Erde liegen bis es Tag wurde und die helle Sonne den Schnee beſtrahlte; ihr verwittert Auge ſchaute wie verſteinert umher, ſie hob die eiskalte Hand unſerer Mutter 122 auf und ließ ſie mit Schauer wieder fallen.— Ein Schrei entflog ihr, als ſie mich unten an dem Berge zuſammen⸗ gekauert ſitzen ſah; ſie kam herbeigelaufen und umarmte mich, ich gab ihr den Kuß zurück und wollte ſie von mir entfernen, doch ſie hielt mich mit ihren Armen feſt um⸗ ſchlungen, gleich einem Ertrinkenden, der ſich an das Holz der Rettung klammert. Endlich ließ ſie mich los und ſprach: „Walter, laß uns jetzt unter Menſchen gehen, daß unſere Eltern in geweihter Erde liegen können! ich ſehe einen Kirchthurm, komm!“ Ich begann zu lachen und lief mit dem Ausdruck der äußerſten Freude hüpfend umher: „Ha, ha,“ rief ich,„mein Vater iſt geneſen! Ich habe ihm die Büchſe gebracht; er hat ſich beſtrichen.. Sieh, da liegt er.... Nicht wahr, er iſt geneſen?„ Wölfe Schwarzes Blut!.. Wie ſchön iſt die Sonne!. Und wie ein Kind ſpielte ich lachend mit dem Klum⸗ pen Judenpech. Meine gefolterte Schweſter ſchlang den Arm um mei⸗ nen Hals, zwang mich viederzuſitzen und ſich neben mich ſetzend, ſeufzte ſie: „Armer Walter, ſei ruhig ruhig;— denn Deine Nerven ſind angegriffen. Bete zu Gott, wenn Du kannſt, hier werden auch wir bald ſterben.. Der Himmel wird vier Märtyrer in ſeinem Schvoß ver⸗ einen.„ Ich murmelte einige unverſtändliche Worte und blieb ſchweigend ſitzen. Wir waren nur wenig von der Leiche unſeres Vaters entfernt und auf dem Hügel, an deſſen Fuß wir ſaßen, lag die Leiche unſerer Mutter. Der Weg nach Aachen zog nicht ferne von uns, meine Schweſter hatte ſelbſt ſchon einen Reiter in vollem Trabe an uns vorüberreiten ſehen. Das Maß unſerer Leiden war voll; am Morgen ſtar tra ſie wa von mit rei en⸗ mte mir m⸗ lz und daß ſehe der Ich „ iſt nei⸗ nich enn „ ver⸗ lieb ters ßen, chen chon hen. gen 123 ſtanden plötzlich zehn Ritter vor uns zu Pferde und be⸗ trachteten uns mit großem Mitleiden. Ohne Zweifel hatten ſie uns vom Wege aus auf dem Schnee ſitzen ſehen und waren von Neugierde getrieben, zu uns gekommen.. „Walter, mein Pathe, biſt Du es?“ fragte einer von ihnen, während er von ſeinem Pferde ſprang. Seine Stimme traf mich gewaltig; ich lief zu ihm mit den Klumpen Judenpech und rief ihm lachend entgegen: „Ha, ha, Vater! Hier iſt die ſilberne Büchſe.„ Da beſtreiche Deine Wunden.. raſch.. ehe die Wölfe kommen! Graf Walter von Craenhove, denn er war es, drückte mich mit Thränen in den Augen in ſeine Arme. Mein Wahnſinn und noch mehr das ſchreckliche Schauſpiel, auf das juſt ſein Blick ſiel, machten ihn ſchauern vor Angſt und Kummer. Während ich, meines Verſtandes beraubt, ihn für meinen Vater hielt und immer in ihn drang, das Juden⸗ pech anzunehmen, konnte er von mir eine Mittheilung über unſer Unglück nicht bekommen. Alle Ritter ſtiegen vom Pferde und bezeugten uns ihr Mitleid. Aber Graf Walter von Craenhove geſtattete ihnen nicht lange, uns ihr edel⸗ müthiges Mitgefüthl zu beweiſen. Er rief ſeinen Dienern, ließ jedes von uns ein Pferd beſteigen, das von einem Knechte am Zaum fortgeführt wurde und gab Befehl, zum erſten Dorf zu reiten. Nachdem er uns dort in eine Herberge gebracht, ließ er die Leichen unſerer Eltern gleich⸗ falls nach dem Dorfe führen und mit den gewöhnlichen Feierlichkeiten zur Erde beſtatten. Am andern Tage ſagte er ſeinen Reiſegenoſſen Lebewohl und ging nicht nach Lüt⸗ tich, wie er im Sinne gehabt; er blieb bei uns in dem Dorfe, bis beſſere Nahrung und ſeine freundlichen Worte meiner Schweſter ihre Kraft wieder gegeben hatten. Dann kaufte er einen bequemen Wagen und führte uns auf ſein Schloß den Laternenhof, welchen wir nicht mehr verließen. Dort wohnten wir in Fried und Ruhe. Meine Schwe⸗ 124 ſter folgte meinen Schritten mit ängſtlichem Kummer; ihr armer wahnſinniger Bruder war der Gegenſtand ihrer ſteten Sorge; ſie lebte nur für ihn, um ihn vor allem Unglück zu bewahren. Mein Wahnfinn war ſanft und gutwillig: ich lachte immer und obwohl ich meine Schweſter nicht mehr kannte, liebte ich ſie doch von ganzem Herzen. Meine Beſchäftigung beſtand in der Verfertigung von Wölfen;— was ich in meine Hand bekommen konnte, wenn es nur Lehm, Wachs oder Teig war, ebenſo ſchnell formte es ſich in Thiere mit vier Füßen um, welche eine rauhe Wolfs⸗ geſtalt hatten. Oft hatte ich mehr denn hundert vor mir und vann lachte ich mit übermäßiger Freude. Meine Schweſter hatte oft verſucht, mir dieſes Wölfemachen abzu⸗ gewöhnen. Doch ſobald ſie bemerkte, wie ſie mich dadurch betrübe, ließ ſie davon ab. Graf Walter von Craenhove war mir nicht minder gewogen; alles, was uns das Leben verſüßen konute, wurde gethan, und wenn ich ihm, in meiner Narrheit, den Namen Vater gab, ſo täuſchte ich mich nicht: er war uns Vater und Wohlthäter. Nach ſieben Monaten unſeres Aufenthaltes in dem Laternenhofe erſchien Graf Walter von Craenhove einſt im Zimmer, wo ich und meine Schweſter waren; ich hatte mich mit Blumen bekränzt, denn das war nun meine Liebhaberei, und vor mir auf dem Boden ſtand wieder eine große Reihe Wölfe von Lehm. Der Graf nahm einen Seſſel und ſich nicht ferne von meiner Schweſier nie⸗ derſetzend, ſagte er: „Maria, Dein edelmüthiges und liebevolles Betragen hat meine höchſte Bewunderung erregt; ich zweifle ſehr, ob Deine Tugenden in mir nicht ein anderes Gefühl rege gemacht haben. Denn bei dem Gedanken an Deine große Aufopferung will ich nicht von einer weltlichen Leidenſchaft mit Dir ſprechen.— So kannſt Du nicht fortleben, Maria,— ohne Familie, ohne Eltern, ganz abhängig von Deinem Freunde Walter! Oft, wenn der Schlaf von mei⸗ nem Bette flieht, denke ich an das Schickſal, das Dich rer ück ehr ine ur ich fs⸗ nir ine zu⸗ ove ben in dem inſt atte eine eine inen nie⸗ gen ehr, rege roße haft ben, von nei⸗ ich 125 treffen kann, wenn der Herr nach ſeinem unerforſchlichen Rathſchluſſe mich zu ſich riefe.— Dein Vater, Marie, hat mich vom gewiſſen Tode gerettet: ſeine Liebe war mir noch theurer als das Leben, das er mir gab,— ich fühle, daß Gott mich auserſehen, ſeine Kinder zu tröſten und zu beſchützen und ich wünſche, daß die Seele Deines Vaters ſich im Himmel noch freue über die Art, wie ich dieſer Sendung Genüge leiſte. Dazu habe ich noch nicht genug gethan; ich fühle, daß ich die Macht habe, Dich und Deinen unglücklichen Bruder vor neuem Schmetzen zu bewahren. Eine Eingebung von oben und die Sprache meines Innern haben mir geſagt, daß ich durch die Bande des Blutes mich mit Euch vereinen und Euch eine Fa⸗ milie und feſte Stellung geben ſoll.— Willſt Du meine Frau werden?“ Meine Schweſter hatte den Grafen mit Verwunder⸗ ung angehört. Statt jeder Antwort zeigte ſie auf mich und ſeufzte: „Und der arme Wahnſinnige, wer wird ihm Geſell⸗ ſchaft leiſten 2 „Du, Marie,“ ſagte der Graf.„Meine Liebe zu Dir iſt nicht eigennützig, Deine Liebe zu Deinem wahnfinnigen Bruder hat meine Liebe erweckt. Je mehr Du Dich ihm aufopferſt, deſto größer wird meine Zuneigung werden. Und dann, ſiehſt Du nicht, Marie, daß der Wunſch, Dei⸗ nem Bruder ein Recht auf gute Verſorgung zu verſchaffen, mich Deine Hand verlangen heißt. Spricht ein Ver⸗ liebter, wie ich?“ Wie offen auch Graf Walter ſprach, meine Schweſter zeigte ſich nicht geneigt, einen andern Namen anzunehmen, als den, der ſie an mich knüpfte. Dieſe Weigerung in edeln und anſpruchsloſen Worten vorgetragen, feuerte die Liebe des Grafen nur noch mehr an und da er von der Reinheit ſeiner Abſichten überzeugt war, ſo ſuchte er nur noch öfter bei meiner Schweſter um die Gewährung ſeiner Bitte an. Sie blieb aber unüberwindlich. Im folgenden Winter fiel häuſig Schnee, die Wölfe verließen wieder den Ardennenwald und verbreiteten ſich über das ganze Land. Eines Abends, als mich meine Schweſter allein gelaſſen, um ein Spielzeug zu ſuchen, lief ich zum Schloß hinaus auf's offne Feld. Was mich überkam, weiß ich nicht; ich hatte vielleicht einen oder mehre Wölfe geſehen. Die Männer, welche auf den Ruf meiner Schweſter, mich mit Fackeln zu ſuchen kamen, fanden mich bewußtlos auf dem Schnee ausgeſtreckt. Ich verfiel in eine tödtliche Krankheit; acht Tage lang lag ich in brennender Fieberglut, ohne daß der Arzt Hoffnung geben konnte oder Furcht. Ich wurde ſo mager, daß mein Gebein durch die Haut ſchien. Als ich ſo ab⸗ gemagert war, daß meine Glieder nicht dürrer werden konnten, erwachte in mir ein neues Leben; nach und nach bekam ich meine frühere Körperform wieder und mit ihr auch mein Geiſtesvermögen und die Erinnerungskraft. Drei Monden ſpäter war ich geſund und im vollen Genuß mei⸗ nes Verſtandes. Meine Schweſter wurde Gräfin von Craenhove; ſie beſchenkte ihren Gatten mit zwei Söhnen, Hugo und Arnold, und mit einer wunderſchönen Tochter, Aleidis. Einige Jahre darauf ſtarb ſie, wie eine Heilige freu⸗ dig und Gott dankend; der gute Graf Walter folgte ihr Faid ins Grab. „ Sie liegen beide begraben in dem Ulmenhaine neben ihren Söhnen Hugo und Arnold. Ich, Walter Abulfaragus, wurde der Erzieher der Kinder meines Wohlthäters und meiner Schweſter. Wenn Gott, dem aller Ruhm gebührt, mir vergönnt hat, dieſe Sendung zu erfüllen, werde ich mein Haupt mit Freude auf das Todtenbette legen und meine Seele wird muthig aufſteigen zu ſeinem Richterſtuhl.. „ Hier endigte die Handſchrift. gen, Jah und Tod Ehe reich ſpra Eue Erd Lebe fahr lfe ich ine en, ich der tuf en, age rzt er, ab⸗ den 127 Um die Geſchichte des Abulfaragus zu Ende zu brin⸗ gen, fügen wir noch einige Worte hinzu: Als Abulfaragus ein Alter von hundert und zwei Jahren erreicht hatte, gab er in den Armen Bernhards und Aleidis ſeinen Geiſt auf. Sterben konnte ſolch' ein Tod nicht heißen, kein Schmerz, keine Geiſtesſchwäche!— Ehe er die Augen ſchloß, ſegnete er noch einmal die zahl⸗ reichen Kinder Bernhards, die ſein Bette umringten und ſprach zu ihnen in ernſtem Tone: „Kinder, ehret Vater und Mutter, auf daß ihr, wie Euer Freund Abulfaragus, lange leben möget auf dieſer Erde!“ Und dann fügte er noch leiſe hinzu:„Lebet wohl! Lebet wohl!“ worauf ſich ſeine Augen langſam ſchloſſen . Seine ſchoöne Seele war auf zum Himmel ge⸗ fahren!—