Leihbibliothet 20 f deutſcher, engliſcher und franzöſiſcher Literatur. von Ednard Ottmann in Gießen, Schloßgaſſe Lit. A. Nr. 256. cLeih- und Geſebedingungen. 6 . 1 oflensein der Bibliothek. Die Bibliothek ſteht zur Em⸗ pfangnahme und Rückgabe der Bücher jeden Tag von Morgens 7 Uhr bis Abends 8 Uhr offen. Lesepreis. Rückgabe eines geliehenen Buches wird von l F iedem Tag 5 Pf. bezahlt. Die Zeit eines Tages iſt zu 24 Stun⸗ ſ den angenommen. ſ ſ 3. Caution. Unbekannte Perſonen müſſen, bei Entgegennahme eines Buches, eine dem Werthe deſſelben entſprchende Summe hinterlegen, welche bei deſſen Zurückgabe von mir zurückerſtattet ſ wird. 2 f 1 Abonnement. Daſſelbe muß voraus bezahlt werden und beträgt für wöchentlich 2 Bücher: 4 Bücher: 6 Bücher: ————— auf 1 Monat: M ö 50 Pf. 2 M. „3 2 3 4 „ u.„ 2„ Auswärtige Abonnenten haben für Hin⸗ und Zurückſendung Bücher auf ihre eigenen Koſten und Gefahr ſekbſt zu ſorgen. 6. Schadene Satz. Für beſchmutzte, zerriſſene, verlbrene und 3 defecte Bücher(namentlich bei ſolchen mit Kupfern ꝛc.) muß der* ſ Ladenpreis erſetzt werven.— Sſt das zerriſſene, beſchmutzte, ver⸗ . lorene oder defecte Buch ein Theil eines größeren Werkes, ſo iſt der Leſer zum Erfaß des Ganzen verpflichtet. 7. Ausleihezeit. beſonders darauf ſder Bücher nich ſelben von mir Dieſelbe iſt auf 14 Tage feſtgeſetzt und wird aufmerkſam gemacht, daß das Weiterverleihen t ſtattfinden darf, indem Diejenigen, welche die⸗ geliehen, auch dafür zu ſtehen haben. S. Der junge Dortor. Eine Erzählung aus unſerer Zeit 4* von — Hendrik Conſcience. — * Wu s d e n e e 4 von Dr. E. Büchele. S — 8 8 d 1 n Stuttgart. 3 Franckh'ſche Verlagshandlung. — 1860. 3 . 1 K. Hofbuchdruckerei Zu G uttenberg in Stuttgart mei dem Hin rück Str noch Win wor das emp ſich die liche von die f Gloc zeigte ſtill, L von ttgart I. Der 26. Juli des Jahres 1846 war ein unge⸗ mein heißer Tag. Gleich einer Scheibe von glühen⸗ dem Metall brannte die Sonne am dunkelblauen Himmel. Ihre von den Fagaden der Gebäude zu⸗ rückprallenden Strahlen verwandelten Markt und Straßen in flammende Hefen, worin weder Menſch noch Thier athmen konnte. Wäre nur von Zeit zu Zeit durch den leiſeſten Windhauch die bewegungsloſe Luftmaſſe abgekühlt worden! Aber vergeblich hätte man Stunden lang das Laub der Bäume, welche über die Gartenmauern emporragten, beobachten können: kein Blättchen regte ſich Unter dem Einfluß dieſer erſtickenden Hitze bot die gute und gelehrte Stadt Löwen einen wunder⸗ lichen Anblick. Wohl waren ihre Gebäude und Märkte von dem prächtigſten Licht übergoſſen, wohl erklangen die fröhlichen Töne des die Stunden ankündigenden Glockenſpiels durch die Luft; aber in den Straßen zeigte ſich nicht ein Menſch, und es war einſam und ſtill, wie mitten in der Nacht. Ohne Zweifel hatten die friedſamen Einwohner von Löwen nach dem Mittagsmahl einträchtig ihr 1 S — 3 — ———— Haupt unter der drückenden Laſt der Witterungsver⸗ hältniſſe gebeugt, mit dem feſten Vorſatz, ihren glück⸗ ſeligen Schlummer ſo weit zu verlängern, bis die größte Tageshitze vorüber wäre. In dieſem Augenblick erſchien jedoch ein Mann am Eingange der Thienſchen Straße. Schnellen Schrittes, ohne den Schatten zu ſuchen, und dem kürzeſten Wege folgend, um das Ziel ſeines haſtigen Strebens zu erreichen, marſchirte er quer über den Markt. Auf ſeinem glühenden Angeſicht ſtand der Schweiß tropfenweiſe, und die braunen Haare, die unter dem Strohhut ihm auf die Schultern fielen, ſchienen in Waſſer getaucht. Hätte er auch nicht zwei ſchwere Bücher unter ſeinem linken Arm getragen, es wäre doch aus ſeiner Kleidung und ſeinem ganzen Aus⸗ ſehen zu errathen geweſen, daß der junge Mann zu den Zöglingen der Hochſchule gehörte und einer von denjenigen war, welche von der Alma mater die letzten Waffen ſich zu verſchaffen ſuchen, um mit Hoffnung auf Sieg den gefürchteten Kampf eines entſcheidenden Examens beſtehen zu können. Er mochte wohl ſeine ſechsundzwanzig Jahre er⸗ reicht haben, es ſei denn daß vielleicht ſein abgema⸗ gertes Angeſicht und die leichten Falten auf ſeiner Stirne ihn frühzeitig gealtert erſcheinen ließen. Schaute er auch in Gedanken zu Boden und ging gebückt, ſo war er doch von hohem Wuchſe, und es lag ſelbſt in der Magerkeit ſeiner Glieder und in ſeiner ganzen Erſcheinung etwas Feines und Graziöſes, was leicht den Glauben an hohe Geburt des Jünglings erregen konnte, wenn nicht wieder das abgetragene Ausſehen ver⸗ lück⸗ die tann ellen dem igen den weiß dem nin were wäre Aus⸗ nzu von die mit eines e er⸗ ema⸗ einer haute kt, ſo ſelbſt anzen leicht regen ſehen * ſeiner Kleider und gewiſſe Zeichen pekuniärer Ein⸗ ſchränkung einen ſolchen Urſprung hätten bezweifeln laſſen. Nachdem er ſeinen Weg noch einige Zeit verfolgt hatte, hielt er am Ende der Nämſchen Straße an und trat ſofort in eine Schreiner⸗Werkſtätte ein. Der Meiſter, der ſchlafend mit dem Kopf auf ſeiner Hobel⸗ bank lag, wachte auf und ſagte gähnend zu dem Jüngling: „Uf! iſt das ein Wetter, nicht wahr, Herr Adolph? Noch drei ſolche Tage und die Löwener ſind gebraten. Und Sie laufen in ſolcher Hitze herum? Ich möchte meinen Hund nicht hinausjagen.“ „Ja, Meiſter Jan, es iſt ſchrecklich heiß,“ ant⸗ wortete der Student,„aber mir liegt die Ruthe auf dem Nacken: die Zeit iſt koſtbarer als Gold.“ Der Schreiner ſtreckte ſeine Hand aus und machte ſchnell mit Daumen und Zeigefinger die Bewegung des Zählens. „Ei, wie?“ fragte er,„iſt das Geld gekommen?“ „Noch nicht, Meiſter Jan,“ ſtotterte Adolph mit der Röthe der Verlegenheit auf dem Angeſicht;„aber haben Sie noch ein Bischen Geduld; ich erwarte es alle Tage.“ „Morgen läuft der dritte Monat ab. So kann es nicht länger fortdauern; das Leben iſt ſo ſchreck⸗ lich theuer.“ „Ach, lieber Meiſter, ſprechen Sie mir jetzt davon nicht,“ bat der Jüngling.„Sie ſollen befriedigt werden, zweifeln Sie nicht daran. Entſchuldigen Sie mich, ich habe ſo Eile!“ Halb mißmuthig, halb mitleidig ſchaute der —— Schreiner dem Studenten nach und murmelte in ſich hinein: „Daß der Menſch doch nie das goldene Mittel⸗ maß halten kann! Dieß iſt nun der zehnte Stu⸗ dent, der da oben gewohnt hat. Zwei waren Tag und Nacht auf dem Strich und tranken gleich Brau⸗ knechten; vier ſtanden Tage lang vor dem Spiegel, um an ihrem Schnurrbart zu zupfen; einer wußte von Nichts als von Rauchen, von Pauken und Schla⸗ gen zu ſchwatzen; und von den drei übrigen haben zwei durch allzu eifriges Studiren ihrer Geſundheit Schaden gethan!.... Obwohl er etwas läſſig im Bezahlen iſt, fühle ich doch Mitleid mit dem guten Jungen da oben. Ein Glück, daß er ſtark von Natur iſt: er huſtet noch nicht....“ Der junge Mann war indeſſen die Treppe hin⸗ aufgeſtiegen und in ſein Zimmer getreten. Er zog raſch ſeinen Ueberrock aus, trat dann zu dem Tiſch, öffnete eines der Bücher, das er mitge⸗ bracht hatte, und blätterte eine Weile darin, bis er das Kapitel, welches er ſuchte, gefunden hatte. Mit einer Art triumphirenden Lächelns zog er einen Stuhl heran, ſetzte ſich nieder, legte die beiden Hände an die Stirne und verſank völlig in die Lek⸗ türe des Buches. Das Zimmer, welches er im Hauſe des Schrei⸗ ners bewohnte, war klein und diente ihm gleichmäßig zum Schlafgemach, zum Speiſeſaal, zur Garderobe, zur Bibliothek und zum Studirkabinet. In einer Ecke befand ſich das Bett mit ſeinen weißen Gardinen; daneben der Waſchtiſch mit Waſ⸗ ſerkrug und Spiegel. geni die nich zwei Latt zige ſem ziert pran in d lius, Liebi 9 ſchlo Men Todt zu g del 4 Taſch zende hielt. 6 Med E Haltr Zeit ihm Aufm men, anreg e in ittel⸗ Stu⸗ Tag grau⸗ iegel, vußte chla⸗ aen dheit ig im guten Ratur hin⸗ nn zu mitge⸗ is er og er beiden e Let⸗ Schrei⸗ mäßig erobe, ſeinen Waſ⸗ Etwas weiterhin war ein Rechen an die Wand genagelt, woran einige wenige Kleidungsſtücke hingen, die genugſam bewieſen, daß der Eigenthümer davon nicht viel Geld auf ſein Aeußeres verwendete. Neben dem Kamin zur Linken hatte man zwiſchen zwei aufrecht ſtehenden Brettern querüber fünf ſtarke Latten befeſtigt. Dieß war die Bibliothek, der ein⸗ zige und wahrhafte Schatz des Bewohners von die⸗ ſem Zimmer, denn nicht weniger als achtzig Bücher zierten deren Fächer. Auf dem Rücken der Bände prangten die Namen von Männern, die berühmt ſind in der Wiſſenſchaft, wie von Nelaton, Velpeau, Che⸗ lius, Van Beneden, Andral, Van Heuvel, Trouſſeau, Liebig und mehren andern. Auf der rechten Seite vom Kamin ſtand eine ver⸗ ſchloſſene Commode, deren oberſter Theil mit allerlei Menſchengebeinen beladen war, zwiſchen welchen ein Todtenkopf mit hohlen Augen und blinkenden Zähnen zu grinſen und zu drohen ſchien. Neben dem Schä⸗ del und über den Knochen lag eine halbgeöffnete Taſche von grünem Leder, welche eine Menge glän⸗ Meſſer, Scheeren, Zangen und Pfriemen ent⸗ hielt. In dieſem Zimmer wohnte alſo ein Student der Medicin. Seit ſeiner Rückkehr hatte der junge Mann ſeine Haltung noch nicht weiter verändert, als um von Zeit zu Zeit ein Blatt in dem Buche, welches vor ihm lag, unzuſchlagen. Was er las, ſchien ſeine Aufmerkſamkeit ganz und gar in Anſpruch zu neh⸗ men, und wohl mußte der Inhalt ſein Nachſinnen anvegen, denn ſeine Geſichtszüge bewegten ſich un⸗ —— — 2 ¹ aufhörlich, als wäre er mittelſt der Sprache im Streite mit dem Schreiber des Buchs geweſen. Wer ihm ſo hätte zuſehen können, würde ſich ohne Zweifel über die verſtändige Schönheit ſeiner tief⸗ denkenden Miene verwundert haben. Unter ſeiner breiten Stirne funkelten zuweilen die braunen Augen, als ſchöſſen ihm Feuerſtrahlen aus dem Gehirn; ein anderes Mal lief ein heiteres Lächeln ihm über die Lippen, und dann ſchien er mit gieriger Luſt die neuen Kenntniſſe einzuſaugen, die ihm von dem Buche dargeboten wurden. Zuweilen rieb er ſich lebhaft die Stirne, um ſei⸗ nen ermatteten Geiſt oder ſeine ermüdeten Sehnerven zu neuer Kraftanſtrengung zu wecken. Der Schweiß lief ihm über das Angeſicht und er hatte Mühe ge⸗ nug, mit ſeinem Taſchentuch die Tropfen aufzufangen, welche ſonſt das Buch beſchädigt haben würden. Bereits waren Stunden verfloſſen, ſeitdem er ſo bewegungslos an dem Tiſche ſaß, und er hatte viel⸗ leicht die Hälfte des ſchweren Buches verſchlungen. Die Sonne war ſchon lange hinter den Häuſern hin⸗ abgeſtiegen; es war Bewegung und Geräuſch von Menſchen in die Straße gekommen. Der Student war ſogar der Meinung geweſen, eine bekannte Freun⸗ desſtimme habe von außen ſeinen Namen gerufen. Dieß ſtörte jedoch ſeine fieberiſche Aufmerkſamkeit nicht, und er blieb in dieſelbe Vergeſſenheit der Au⸗ ßenwelt verſunken, bis er plötzlich auf der Treppe den Schritt von zwei oder drei Perſonen und zugleich das ſchallende Gelächter jugendlicher Stimmen ver⸗ nahm. Es waren demnach Freunde, Angehörige der Hoch unter ( den dem das E einen nach und ſuchet ſich b Z Abſic hung nicht Er b entfer Zeit weckte die dr der G das 8 genug Kame renn T ſie ſp Tiſche 30 es iſt ander reite Hochſchule, die ihn ſo zur Unzeit in ſeinen Studien unterbrechen ſollten. ohne Er wandte mißmuthig und mit zornigem Blick tief⸗ den Kopf nach der Thüre, als drei junge Leute, mit einer dem Hut auf der Seite, die Cigarre im Munde und gen, das Stöckchen in der Hand, ſein Zimmer betraten. ein Sie forderten ihn alle zugleich auf, mit ihnen i einen Spaziergang in's Freie zu machen; ſie wollten die nach dem erſtickend heißen Tag friſche Luft ſchöpfen uche und dann ihre Unterhaltung in der Linde zu Trien ſuchen, wo um dieſe Stunde bereits viele Studenten ſich befinden mußten, da Abends dort Muſik ſein ſollte. e Der Jüngling dankte ihnen für ihre freundliche weiß Abſicht, aber erklärte zugleich, daß alle ihre Bemü⸗ hungen fruchtlos bleiben würden, da er dieſen Tag 6e nicht mehr auszugehen unabänderlich beſchloſſen hätte. 3 Er bat ſie ſogar unmittelbar darauf, ſich wieder zu entfernen, um ihn nicht vergeblich um die koſtbare er ſo Zeit zu bringen. Der ernſte Ton ſeiner Stimme er⸗ viel⸗ weckte ein allgemeines Gelächter, und— als hätten ngen. die drei Beſucher ſchon vorher ihren Beſchluß gefaßt— hin⸗ der Eine ſetzte ſich auf einen Stuhl, der Andere auf on das Bett und der Dritte auf die Tiſchecke, dadurch udent genugſam andeutend, daß ſie ihren lernbegierigen reun⸗ Kameraden mit Gewalt aus ſeinem Zimmer entfüh⸗ fen. ren wollten. amkeit Darüber verwundert und erzürnt, ſchaute jener rAu⸗ ſie ſprachlos an; aber derjenige, welcher auf der reppe Tiſchecke ſaß, ſchlug ihm auf die Schulter und ſagte: ugleich„Es mäg Dir nun behagen oder nicht, Adolph, n ver⸗ es iſt einmal ſo: wir haben ein Complott mit ein⸗ ge der ander gemacht. Es wurde ſogar eine Wette gegen den dicken Lievenaer eingegangen, daß wir Dich todt oder lebend in die Linde bringen wollen.“ „Aber, liebe Freunde, Ihr ſeid wahnſinnig,“ brummte Adolph verblüfft.„Meine Zeit iſt koſtbar, und ich würde Euch nicht dafür danken, wenn es Euch auch gelänge, mir heute einen Theil davon zu rauben.“ „Bah, Du biſt in Sorgen wegen Deines fünften Eramens,“ rief Derjenige, welcher auf dem Bette ſaß.„Du, der alle vorangehenden Eramina mit Aus⸗ zeichnung beſtanden hat! Und fällſt Du auch einmal durch, ſo ſind Arme und Beine darüber noch nicht gebrochen. Es iſt nur ein Jahr luſtiges Leben auf der Hochſchule damit gewonnen: das iſt Alles!“ „Du ſprichſt recht leichtſinnig darüber,“ bemerkte Adolph mit trauriger Stimme.„Dein Vater iſt Bankier und er wird bei Verlängerung Deiner Stu⸗ dien nicht zu leiden haben. Ich bin der Sohn einer Wittwe; und will ich meine gute Mutter nicht zu unnöthigen Opfern zwingen, ſo muß ich noch inner⸗ halb dieſes Semeſters meine beiden letzten Examina glücklich durchmachen. Wehe mir, wenn Mangel an rechtem Willen und an Fleiß mich um den Sieg brächten! Das Glück einer ganzen Familie und meine eigene Zukunft wären damit für immer ver⸗ loren!... Alſo ſeid edelmüthig gegen mich; laßt meine Weigerung Euch nicht verdrießen und geht fort, als gute Kameraden, die Ihr ſeid.“ Ein Lächeln zeigte ſich auf dem Angeſicht ſeiner Zu⸗ hörer, doch ſchien kein Einziger geneigt, das Zimmer zu verlaſſen. „Ich bitte Euch, Freunde, haltet mich nicht län⸗ ger eine dem inde Geſi Gla Du maßt zurüc zeln! gelbe Freut Sprie mache auf ſe Körpe 6 terlie ohne feſſor Du ki lichen telt be von D glaubſt wollen, die wir denken eine Bruderpflicht zu erfüllen, indem wir Dich zwingen, mit uns auszugehen. Du mußt dieſen dem Abend aufopfern und Deinem Geiſte eine nothwen⸗ und dige, eine unentbehrliche Erholung gönnen. Komm' alſo, Adolph!“ Du Der Jüngling ſtarrte unentſchloſſen in's Weite wun und ſchien ſich zu beſinnen. Als hätte der Andere 5 arbei auf ſeinem Angeſicht geleſen, welche Gedanken in ihn⸗ auf aufſtiegen, ſagte er, die Hand ſeines zweifelnden Bau 3 Freundes faſſend: engli „Deine Mutter, nicht wahr, Adolph? Aber wenn weiß Du Deiner Geſundheit den Boden einſchlägſt und fungs . zu Deiner Mutter zurückkehrſt, mit kranken Lungen thene . und zu einem kurzen und peinlichen Leben verur⸗ zu ho theilt,— wenn Du ihr dieſen Sohn raubſt, für wel⸗ iſt es 3 chen ſie, wie Du ſagſt, ſolche edelmüthigen Opfer Praxi bringt, wirſt Du wohl gegen ſie, gegen Dich ſelbſt Quac und gegen Gott der Pflicht nachtommen, welche Du Hung durch Erſchöpfung Deiner Kräfte zu erfüllen glaubſt?“ D Adolph ſtand auf und drückte mit tiefem Gefühl zu ve ſeinem beredten Freunde die Hand. nachdr „Alſo Du gehſt mit?“ fragte dieſer. „Auf eine Stunde, auf eine einzige Stunde,“ ſo gut antwortete der Jüngling. jeher „Das iſt zu wenig: zwei Stunden.“ und T „Nehmt Ihr die Bedingung an, aufrichtig und nomm ernſtlich, nach dem Verfluß der zwei Stunden keinen herzigl Verſuch zu machen, mich zurückzuhalten?“ ſo wer „Wir nehmen ſie an, auf Freundes⸗ und Stu⸗ all der De dentenwort,“ verſicherten die Andern. Adolph kleidete ſich an, ordnete die Haare und Jedem wuſch ſich eilig die Hände. ich ſen en⸗ nm' eite dere ihne den enn und igen rur⸗ wel⸗ pfer elbſt Du ſt?“ fühl ide,“ und inen Stu⸗ und 13 Unterdeſſen hatte ſich der Student, welcher auf dem Bette geſeſſen war, dem Büchergeſtell genähert und ſagte nun in ſcherzendem Ton: „Was für nutzloſe, überflüſſige Dinge! Wenn Du die Naſe in alle dieſe Bücher ſteckſt, Adolph, wundert es mich nicht, daß das Eramen eine Rieſen⸗ arbeit für Dich iſt. Was thun, um Gottes willen! auf dieſen Brettern Morgani, Sydenham, Boerhave, Baudelocque, Burns? Warum hier deutſche und engliſche Werke? Wenn man zu viel ergründen will, weiß man zuletzt nicht mehr, was man vor der Prü⸗ fungs⸗Commiſſion antworten ſoll. Es iſt viel gera⸗ thener, ſich einfach an die Lectionen der Profefforen zu halten. Iſt man einmal zum Doctor promovirt, iſt es doch nicht die Wiſſenſchaft, welche uns eine Praris bringt. Eine gute Doſis Argliſt und viel Quackſalberei, das ſind die Mittel, um nicht ſelbſt Hungers zu ſterben, während man die Andern kurirt.“ Dieſe Worte ſchienen Adolph in ſeinem Gefühl zu verletzen; er drehte ſich um und erwiderte mit nachdrücklicher Stimme: „Du ſagſt das nur Spottes halber und weißt ſo gut als ich, daß dieß nur Scheingründe ſind, von jeber ausgedacht zur Entſchuldigung der Unwiſſenheit und Trägheit. Der Beruf des Arztes iſt die über⸗ nommene Aufgabe der Menſchenliebe und der Barm⸗ herzigkeit; und ſchenkt mir Gott die nöthigen Kräfte, ſo werde ich ſie löſen mit all der Ueberzeugung und all dem Glauben einer heiligen Sendung Der junge Advokat ſprang zwiſchen beide, legte Jedem eine Hand auf den Mund und rief befehlend: „Still! kein Wort mehr vom Studiren, von Bü⸗ chern oder von Eramen. Wer noch einmal dieſe falſche Saite anſchlägt, bezahlt per Mann eine Kanne Bier! Alſo aufgepaßt, ſo iſt's Geſetz.. Sieh, Adolph, hier iſt eine Cigarre, die ich für Dich auf⸗ geſpart habe: echte Panatella aus dem eigenen Etui von Profeſſor Hubert. Stecke ſie an der meinigen an. und Marſch! wir ſind weg nach der Linde!“ Sobald Adolph ſeine Cigarre angezündet hatte, ſtreckte der junge Advokat die Arme aus und drängte alle ſeine Kameraden mit ſolcher Gewalt aus dem Zimmer, daß ſie beinahe über einander die Treppe hinunterfielen. Als ſie durch die Werkſtätte ſchritten, hielt der Meiſter Schreiner in ſeiner Arbeit an und nickte la⸗ chend mit dem Kopf, als wollte er ſeine Freude dar⸗ über bezeugen, daß ſie ſeinen jungen Miethsmann zum Spaziergang abgeholt hatten. Unterwegs ſuchten die Studenten, während man dem Naemſchen Thore zuging, das Gemüth ihres Freundes durch heiteres Geplauder aufzurichten; der junge Advokat namentlich wachte darüber, daß kein einziges ernſthaftes Wort das fröhliche Geſpräch ſtörte. So erreichten ſie nach einigen Augenblicken das renommirte Wirthshaus zur Linde und traten in den Garten, wo ſie mit genauer Noth noch einen Liſch und Stühle fanden, um Platz zu nehmen. Es war ſo viel Volk da, daß die Wirthin mit ihren Töchtern und ein paar gemietheten Kellnern große Mühe hatte, die zahlreichen Gäſte zu bedienen. Man rief, man klopfte, man ſchrie von allen Seiten; dazwiſchen hörte man drinnen im Hauſe Violine, Klarinet und Trommel eine einladende Polka ſpielen,⸗ ſo k Stu eine alle Ady der Citrt er, die 2 loſe behar ſie m und Freur eine: E beſtell Banki bereite allerle an G wieder den P At ſeiner und n ein; a von ſei Ferne, Obſcho erſchein dieſe anne Sieh, auf⸗ Etui nigen de!“ atte, ängte dem reppe t der te la⸗ dar⸗ mann man ihres der z kein ſtörte. ndas en in einen 1. n mit lnern ienen. eiten; ioline, ielen, „ 15 ſo daß bei der lärmenden Freude eines Haufens von Studenten der Ort nicht geringe Aehnlichkeit mit einer Bauernkirchweihe zeigte, wo die Kraft des Bieres alle Herzen geöffnet und alle Zungen gelöst hatte. Als endlich die Wirthin auf den Ruf des jungen Advokaten herbeigelaufen kam, beſtellte ſein Genoſſe, der Bankiersſohn, ein paar Flaſchen Wein, einige Citronen und viel Zucker. Er wollte davon, ſagte er, eine erfriſchende Limonade machen. Was auch die Andern, und namentlich Adolph, gegen dieſe nutz⸗ loſe Ausgabe einwenden mochten, der Bankiersſohn beharrte darauf, daß ſie das nichts anginge, da er ſie mit einer trefflich bereiteten Bowle regaliren wolle und der Wein das beſte Mittel wäre, um einen Freund zu erquicken, der nur anderthalb Stunden an eine nothwendige Erholung zu wenden hätte. Es dauerte ziemlich lange, bis die Wirthin die beſtellten Sachen brachte, und noch länger, bis der Bankiersſohn die Limonade in einer großen Schüſſel bereitet hatte. Die Zwiſchenzeit wurde jedoch mit allerlei heitern Scherzen ausgefüllt, die gewiß weder an Geiſt noch Lebhaftigkeit verloren, als man in wiederholten Zügen das rothe Naß aus den funkeln⸗ den Pokalen ſchlürfte. Adolph ſchien ſich der unbändigen Fröhlichkeit ſeiner Genoſſen hinzugeben; er lachte mit den Andern und warf auch dann und wann ein heiteres Wort ein; aber das Lachen verſchwand zuweilen plötzlich von ſeinem Angeſichte und ſein Blick ſchweifte in die Ferne, unter dem Einfluß überwältigender Gedanken. Obſchon er ſich Gewalt anthat, um aufgeräumt zu erſcheinen, war ſein Geiſt doch immerdar in dem — ——— S— Studirzimmer, leſend, überlegend und Waffen ſchmie⸗ dend, um das gefürchtete Examen ſiegreich beſtehen zu können. Sein Freund, der Advokat, der den Grund ſeiner Zerſtreutheit vermuthete, begann in der Stille ſelbſt mit ihm von dem Examen zu ſprechen und ſuchte ihn zu überzeugen, daß ſeine Beſorgniß unbegründet wäre, da kein anderer Student ſo viele Ausſicht wie er hätte, um mit Auszeichnung die letzte Probe zu beſtehen. Während Adolph und der Advokat ſolcher Art für ſich in eine ernſthafte Unterhaltung verſunken waren, fuhren ihre Freunde fort, zu ſcherzen, zu ſchwatzen und ſich nach ihrer Weiſe zu beluſtigen. In dieſem Augenblick erſchien am Eingang des Gartens ein alter Mann, der ohne Zweifel ein Fremd⸗ ling und auf der Reiſe begriffen war; denn ſeine Kleider waren mit Staub bedeckt und ſeine Hand ſtützte ſich auf einen ſchweren Stab von Mispelholz. Er trug einen Hut von altmodiſcher Form, einen braunen Tuchrock, der ihm faſt bis auf die Knöchel ging, und ſchwere Schuhe, deren Sohlen durch dicke Ragelköpfe noch erhöht waren. Ungeachtet dieſer ſeltſamen Kleidung flößte aber das Geſicht dieſes Mannes Achtung ein: ſilberweiße Haare fielen in Locken auf ſeine Schultern, und obſchon er vielleicht ſiebzig Jahre zählte, ging er noch aufrecht gleich einem Mann mit jungem Muthe und jungen Kräften. Er blieb eine kleine Weile am Eingang ſtehen und blickte umher, als ſuche er unter all dieſem Volke Jemand zu entdecken. Bei dieſer Rundſchau zeugte ſein Geſicht von tiefer Bekümmerniß. V hatten ihn m Stude Vorau dieſes würde der Fr alten 6 auf der aus nic ſpielt 1 gehalter Vater k baum v Der Gegenſte und des in den( mit einet ſetzte. Plötz und er h feſt an e Weins be Cigarren ders aber Rücken ih ſpräch m Was er ſ mit dem 2 Verdruſſes Conſoi ſchmie⸗ beſtehen d ſeiner le ſelbſt chte ihn gründet icht wie robe zu her Art erſunken zen, zu igen. ng des Fremd⸗ nn ſeine eHand pelholz. , einen Knöchel rch dicke t dieſer dieſes ielen in vielleicht gleich Kräften. g ſtehen ldieſem undſchau 17 Viele der anweſenden Bürger und Studenten hatten ſein Erſcheinen bemerkt und die meiſten ſahen ihn mit Ueberraſchung und Neugierde an. Einige Studenten lachten ſogar laut und ſpotteten zum Voraus über die Verlegenheit, in welche der Sohn dieſes Erzvaters bei der Erkennungsſcene gerathen würde; denn ſie zweifelten keineswegs daran, daß der Fremde ein einfältiger Bauer ſei, der ſeinen alten Sparhafen geleert habe, um ſeinen Jungen auf der Hochſchule ſtudiren zu laſſen. Es iſt durch⸗ aus nicht angenehm, wenn man zu Löwen den Herrn ſpielt und ſich gern für den Sohn eines Barons gehalten wiſſen möchte, ſehen zu müſſen, wie der Vater kommt und vor aller Welt den wahren Stamm⸗ baum verräth. Der Greis ſchien ich bemerken, daß er der Gegenſtand der unbeſchei NMugierde der Einen, und des groben Spottes der Andern war. Er trat in den Garten vor und verfolgte ſeine Unterſuchung mit einer Freiheit, die Jedermann in Verwunderung ſetzte. Plötzlich wandelte ihn eine heftige Bewegung an, und er hielt ſeine Schritte zurück. Sein Blick haftete eſt an einem Tiſche, der mit Bechern voll rothen Weins beladen war, und über dem der Rauch der Cigarren in kräuſelnden Wolken aufqualmte; beſon⸗ ers aber ſchien er Jemand anzuſtarren, der mit dem Rücken ihm zugekehrt dort ſaß und in eifrigem Ge⸗ ſpräch mit einem andern Jüngling begriffen war. as er ſah, mußte den Greis ſehr ergreifen, denn mit dem Ausbruck trauriger Ueberraſchung und tiefen Verdruſſes auf dem Angeſicht ließ er ſeine Augén Conſcience, der junge Doetor, 2 un dem ſchwelgeriſchen Tiſche auf den Jüngling allen. „Zum Teufel!“ ſagte der Bankiersſohn in Ver⸗ legenheit zu ſeinem Kameraden,„da kommt der alte Vetter vom Londe gerade auf uns zu. Iſt es etwa Dein Vater? Das wäre recht hübſch.“ „Mein Vater?“ lachte der Andere,„mein Vater iſt Oberſt der Lanciers. Man ſollte meinen, Du wiſſeſt das nicht.“ „Iſt es vielleicht Adolph's Vater?“ „Seine Mutter iſt Wittwe.“ „Wenn es nun der Vater des Advokaten wäre In dem Augenblick, da der Greis in ihrer Nähe war, ſagte der Bankiersſohn zu dem Advokaten: „Edmund! Edmund! Schau einmal auf! Iſt der Pilger da nicht ein verirrtes Glied Deiner Familie?“ Der Advokat und ſein Genoſſe drehten ſich um; aber kaum hatte Adolph den Blick auf den Fremden gerichtet, ſo ſprang er mit lautem Freudenſchrei auf und warf ſich, während das Wort„Großvater 14 ſeinen Lippen entſchlüpfte, frohlockend dem Greiſe an den Hals. Dieſer ſchien die Umarmung nicht freundlich auf⸗ zunehmen, denn er ſchob langſam die Arme des Jünglings von ſeinen Schultern weg und machte ſelbſt die Hand, welche die ſeinige drückte, los. Adolph, von dieſer Kälte ſchmerzlich betroffen, ſchaute ſeinen Großvater mit Beſtürzung an; aber der alte Mann hielt mit einem Ausdruck des Tadels den Blick auf das Angeſicht des Jünglings gerichtet und ſchüttelte den Kopf, während zwei Thränen in ſeinen Augen blinkten. meiner ſchrocke befinde gewiſſer „N ſo unbe ich nich von Wi allein, Der Pokal, i „Da Euch gu Aber Blick an den Tiſ flüſterte: 2 ſ aufgelegt Siſp will.“ Adol ten bei ſ Greiſe: oi iſt groß, kennen zu Ohne vorgefalle üngling in Ver⸗ der alte es etwa n Vater en, Du wäre!“ rer Nähe aten: Iſt der amilie?“ ſich um; Fremden ſchrei auf ßwater!“ Freiſe an dlich auf⸗ leme des d machte los. betroffen, an; aber es Tadels gerichtet hränen in 19 „Himmel! bringſt Du mir ſchlimme Botſchaft von meiner Mutter, meiner Schweſter?“ rief Adolph er⸗ ſchrocken. „Nein, nein, Deine Mutter und Deine Schweſter befinden ſich wohl,“ murmelte der Greis mit einer gewiſſen Bitterkeit. „Nun denn, Großvater, was verurſacht Dir eine ſo unbegreifliche Aufregung?“ „Komm, verlaß dieſen Ort mit mir. Hier kann ich nicht ſprechen. Was ich Dir zu ſagen habe, iſt von Wichtigkeit, von großer Wichtigkeit. Ich muß allein, ganz allein mit Dir ſein.“ Der Bankiersſohn bot dem alten Mann einen Pokal, indem er ſagte: „Da, Großvater, trinkt dieſes Glas, es wird Euch gut thun und Euch erquicken.“ Aber der Greis ſah ihn mit einem ſo ſonderbaren Blick an, daß der verblüffte Student den Pokal auf den Tiſch ſetzte und ſeinem Kameraden in's Ohr flüſterte: „Ah, ah, der Großvater iſt teufelmäßig ſchlecht aufgelegt. Sie wird etwas langweilig ſein, die wirſptebigt⸗ die er unſerem armen Freund halten will.“ Adolph entſchuldigte ſich mit einigen kurzen Wor⸗ ten bei ſeinen Kameraden und ſprach dann zu dem Greiſe: „Komm, Großvater, ich folge Dir; meine Angſt iſt groß, die Ungeduld, den Zweck Deiner Reiſe kennen zu lernen, quält mich über die Maßen.“ Ohne auf die Leute zu achten, welche ſeit der vorgefallenen Umarmung mit erhöhter Neugierde ſie 2* umringten, zog Adolph ſeinen Großvater nach dem Ausgang des Gartens und wondte ſich mit ihm nach der Stadt. Als er ſich fern von den Spaziergängern ſah, welche in Menge in der Linde ab und zugingen, begann er: „Jetzt, Großvater, ſind wir allein. Ich bitte Dich, ſage mir nun, welche wichtige Botſchaft Dich ſo weit her nach Löwen führt?“ „Nein, nicht unterwegs,“ antwortete der Alte. „Ich habe in dem Hauſe, wo Du wohnſt, nach Dir gefragt. Es iſt hier in der Nähe; laß uns dahin gehen.“ „Ein einziges Wort! Befreie mich von der Furcht, die ſich meiner bemächtigt hat. Iſt zu Hauſe Etwas vorgefallen?“ „Die Botſchaft, welche ich Dir bringe, betrifft Dich allein.“ „Warum biſt Du dann ſo betrübt? So ver⸗ drießlich?“ „Ich werde es Dir ſogleich ſagen. Meine Sen⸗ dung läßt ſich nicht in wenigen Worten und über⸗ dieß nicht auf der Straße erklären. Komm, ich ſehe dort die Schreinerwerkſtätte, wo Du wohnſt. Du ſollſt es ſogleich erfahren.“ Es lag in dem Tone des Greiſes etwas Stren⸗ ges, Bitteres, das dem Jüngling unbegreiflich war und ihn tief bekümmerte; aber er gab ſich keine wei⸗ tere Mühe mehr, eine Erklärung herbeizuführen, ſon⸗ dern beſchleunigte ſeine Schritte, um die Schreiner⸗ werkſtätte zu erreichen. Er brachte ſeinen Großvater auf ſein Zimmer, bot i nieder „ wiſſen M Greis 2 Dort mit No der die beſonn nen, w ich hät pokalen ſchen lie ſchrecklich Dich aus Mutter, eingebild „We mich geſc rüſtung e nehme ſie meiner 2 dem nach ern ſah, ugingen, ch bitte aft Dich der Alte. nach Dir ns dahin r Furcht, ſe Etwas betrifft So ver⸗ ine Sen⸗ ind über⸗ ich ſehe nſt. Du 8 Stren⸗ flich war keine wei⸗ ren, ſon⸗ Schreiner⸗ Zimmer, 21 bot ihm einen Stuhl an und ſetzte ſich vor ihm nieder. „Ich höre zu,“ murmelte er.„Laß mich nun wiſſen, Vater, welche Botſchaft Du für mich haſt.“ Mit ſchlecht unterdrücktem Zorn begann der Greis: „Auf ſolche Weiſe alſo erkennſt Du unſere Liebe? Dort eine Mutter, eine Schweſter, welche insgeheim mit Noth und Erniedrigung kämpfen, hier ein Sohn, der die Früchte der ſchmerzlichſten Aufopferungen un⸗ beſonnen verſchwendet! Hätte ich vorausſehen kön⸗ nen, welche bittere Enttäuſchung meiner hier wartet, ich hätte niemals die lange Reiſe unternommen. Solch ein Betragen iſt ein grauſamer Hohn. Möge Gott Dir vergeben!“ „Schweige, Großvater, ſprich nicht ſo: Du irrſt Dich über meine Perſon!“ ſtammelte der Jüngling, ſeine Hände zu dem Greiſe ausſtreckend. „Wehe, wehe! So muß ich Dich alſo wieder⸗ ſehen?“ fuhr dieſer fort;„an einem mit vollen Wein⸗ pokalen bedeckten Tiſche, die Cigarre im Munde, zwi⸗ ſchen liederlichen Geſellen, in einer Tanzkneipe? Die ſchrecklichen Verdächtigungen, die man im Dorfe gegen ich ausgeſtreut hatte, waren alſo gegründet? Arme Mutter, ihre Thränen floſſen alſo doch nicht über ein eingebildetes Uebel!“ „Wer hat mich verläſtert? Was hat man gegen mich geſagt?“ rief der aufgeregte Student mit Ent⸗ rüſtung aus.„O, ich bin nicht rachſüchtig, aber er nehme ſich in Acht, der böſe Feind, der das Herz meiner Mutter ſo niederträchtig durchbohrt hat! Falſch, falſch iſt Dein Verdacht!“ — 9— —— ₰. —2—— ———— = —— Sein Großvater deutete mit dem Finger nach dem Spiegel. „Betrachte Dein Geſicht,“ ſagte er,„und wider⸗ ſprich, wenn Du kannſt, der Anklage, die darauf ge⸗ ſchrieben ſteht.“ Bei dieſen Worten ſprang Adolph auf; und als hätte das Uebermaß des Hohns, womit das Schickſal ihn belaſtete, ſeine Sinne verwirrt, brach er in ein ſchallendes Gelächter aus. Der alte Mann ſah ihn beſtürzt an. Aber ebenſo ſchnell legte ſich des Jünglings ſelt⸗ ſame Bewegung. Er ſetzte ſich wieder auf den Stuhl, faßte die Hand des Greiſes und ſprach in ſtillem, gelaſſenem Ton: „Nun, Großvater, laß uns ruhig ſein. Höre mich an und glaube mir, daß ich mich ſelbſt verab⸗ ſcheuen würde, wenn ich im Stande wäre, Eure Liebe mit Falſchheit oder Heuchelei zu belohnen. Willſt Du wiſſen, wie hier zu Löwen mein tägliches Leben iſt? Sobald der erſte Schimmer des Tageslichtes durch mein Fenſter bricht, ſitze ich am Tiſch, mit dem Kopf in den Händen. Den ganzen Morgen und manchmal einen Theil des Nachmittags bringe ich im Collegienſaale und im Hoſpitale zu. Kaum bin ich von den praktiſchen Studien frei, ſo komme ich in einem Athem hieher gelaufen, ſetze mich nieder und ſtudire mit ſo viel Eifer und fieberhafter Auf⸗ merkſamkeit, daß ich das Blut mir unter der Stirne kochen fühle. Der Tag iſt lang in dieſer Jahreszeit, nicht wahr? Und dennoch für mich nicht lang genug. Das Lämpchen, das dort auf dem Kamin ſteht, könnte Dir ſagen, wie oft der arme Student an dieſem Tiſche daß er erſchöp Neue; welch! ich nun ſehr of vergeſſ armen Er nahm e kruſte 1 S heute f mein A Der ſchien i einigen „De noſſen, Freunde Beſorgn nahe m ein paa Aber ich den Sie Mit lichen H ſagte, d „De wirſt wo Es iſt e er nach dwider⸗ rauf ge⸗ und als Schickſal rin ein ngs ſelt⸗ n Stuhl, ſtillem, ſt verab⸗ ure Liebe Willſt e Leen geslichtes mit dem rgen und ringe ich Kaum bin omme ich ich nieder after Auf⸗ e Stirne Fahreszeit, nggenug. ht, könnte an dieſem 23 Tiſche aufbleibt, bis der Morgenſchimmer ihm zuruft, daß er doch eine Stunde ſchlafen muß, um dieſes erſchöpfende Leben von einem Tage zum andern aufs Neue zu beginnen. Verſchwenden? Schwelgen? Ach, welch bitterer Spott! Um Etwas zu erſparen, eſſe ich nur alle zwei Tage einmal zu Mittag und bleibe ſehr oft taub gegen die Stimme meines Rörpers und vergeſſe den Tag, welcher der Erquickung meines armen Magens beſtimmt iſt... Er öffnete eine Schublade des Schrankes und nahm einen Teller heraus, worauf eine trockene Brod⸗ kruſte und ein Stückchen holländiſcher Käſe lag. „Sieh!“ fuhr er mit traurigem Lächeln fort,„ſeit heute früh habe ich nichts mehr genoſſen: dieß muß mein Mittags⸗ und mein Abendeſſen ſein!“ Der Greis ſchüttelte ſchweigend den Kopf und ſchien im Zweifel, ob er dieſen Erklärungen wohl einigen Glauben ſchenken dürſe. „Das Wirthshaus, der Wein, die luſtigen Ge⸗ noſſen, nicht wahr?“ rief der Jüngling.„Es ſind Freunde, die aus Mitleid und angetrieben von der Beſorgniß für meine bedrohte Geſundheit, mich bei⸗ nahe mit Gewalt von hier wegführten, um mich zu ein paar Stunden Zerſtreuung zu zwingen. Aber ich habe Beweiſe, welche über alle Beine Zweifel den Sieg davontragen werden, Großvater.... Mit dieſen Worten ſuchte er unter dem unordent⸗ lichen Haufen Bücher, die auf dem Tiſch lagen, und ſagte, dem Greiſe ein kleines Blatt Papier zeigend: „Deine Augen ſind noch gut, Großvoter; Du wirſt wohl leſen können, was darauf geſchrieben ſteht. Es iſt ein Brief von einem der ehrenwertheſten Pro⸗ feſſoren unſerer Univerſität; der gute Mann hat eine große Vorliebe für mich, da er weiß, wie ſehr ich mich anſtrenge, um noch dieſes Jahr meine Studien zu einem glucklichen Ende zu bringen. Lies, Vater, Du wirſt ſehen, wie er mich beſchwört, nicht ſo un⸗ vernünftig viel zu arbeiten; Du wirſt erkennen, was meine hohlen Augen und meine abgemagerten Wan⸗ gen bedeuten... aber was er von dem Blutſpucken ſagt und von der Lungenſchwindſucht, das iſt eine ungegründete Beſorgniß. Der barmherzige Gott hat mich mit Kräften begabt, die ſo leicht nicht zu bre⸗ chen ſind.“ Lange Zeit hielt der Greis das Papier vor ſeine Augen. Es ſchien, je weiter er in demſelben las, deſto lebhafter wurde die Bewegung, welche ſich ſeiner bemächtigte; denn ſeine Hand begann ſo heftig zu zittern, daß er Mühe hatte, die Buchſtaben zu unter⸗ ſcheiden. Endlich, als er mit dem Brief zu Ende war und die Unterſchrift geleſen hatte, wurde ihm die Rührung zu ſtark und er zog mit beiden Armen den Jüngling an ſeine Bruſt. „Mein armer Adolph,“ ſeufzte er;„ach, vergib mir! Vergib Deiner guten Mutter ihren Argwohn. Der Himmel ſoll den Verleumder ſtrafen, der Dich anzuklagen wagte.“ Der Student, ganz getröſtet und froh, daß der Verdacht aus ſeines Großvaters Herzen gewichen war faßte ſeine Hand und ſagte, ſie liebevoll drückend: „Ich habe Dir Nichts zu vergeben, Großvater Es iſt eine gewöhnliche Widerwärtigkeit des Stu dentenlebens. Es gibt hier ſo Viele, die mehr a das Vergnügen, als an die Studien denken, daß man ſchwen Ich w als eir De Er hie von Y heimem zum Hi Jet wegen wirklich Löwen. Mitthei mehr a .„e einem t lich; ab ſich ſein mich zit Dein H in unſer Schatz.“ „Abe mehr al— chend.„ bei dem hat eine ſehr ich Studien „Vater, t ſo un⸗ en, was en Wan⸗ utſpucken iſt eine Hott hat zu bre⸗ or ſeine ben las, ich ſeiner heftig zu zu unter⸗ zu Ende de ihm n Armen , vergib lrgwohn. der Dich daß der che war ückend: roßvater e St mehr an en, daß 25 man uns alle zuſammen für Geld⸗ und Zeitver⸗ ſchwender anſieht. Komm, ſei nicht länger betrübt. Ich weiß wohl, daß Euer ängſtlicher Argwohn nichts als ein Beweis Eurer zärtlichen Liebe zu mir iſt.“ Der Alte ſchien in andere Gedanken verſunken. Er hielt die glänzenden Augen mit einem Ausdruck von Mitleid auf Adolph gerichtet und ſchien vor ge⸗ heimem Schrecken zu beben. Er hob ſelbſt die Hände zum Himmel, als ob er um deſſen Gnade flehen wolle. Jetzt erſt vermuthete der Student, der Verweis wegen ſeines unordentlichen Betragens ſei nicht der wirkliche Zweck von ſeines Großvaters Reiſe nach Löwen. „Wohlan, Vater,“ bat er,„ſage mir jetzt, welche Mittheilung Du mir zu machen haſt. Denke nicht mehr an die unbegründete Beſchuldigung.“ „Jetzt beſonders,“ antwortete der Greis mit einem tiefen Seußzer,„jetzt iſt meine Sendung pein⸗ lich; aber in Gottes Namen denn, der Menſch muß ſich ſeinem Schickſal unterwerfen. Ach, Adolph, was mich zittern macht, iſt die Ueberzeugung, daß ich Dein Herz mit Angſt und Schmerz erfüllen werde.“ „Was es auch ſei, Vater, ſprich ohne Furcht, da Du mir geſagt haſt, daß es mich allein betrifft.. „Du haſt an Deine Mutter um fünfhundert Francs geſchrieben, dringend geſchrieben. Für Leute in unſerer Lage iſt dies ein nicht aufzubrin 2e ge iſ ht aufz gender „Aber, Großvater, was mir die Mutter ſeit mehr als einem Jahr ſandte, war immer unzurei⸗ chend. Ich habe Schulden bei meinem Schneider, bei dem Koſtgeber, bei dem Buchhändler, bei mei⸗ — —— nem Hausherrn. Für die Koſten meiner beiden Eramina bedarf ich zum Allermindeſten zweihundert Francs. Und Du begreiſſt doch, daß, wenn meine Studien glücklich beendigt ſind, ich die Univerſität nicht verlaſſen kann, ohne hier zu bezahlen, was ich ſchuldig bin.“ „In der That,“ murmelte der Alte niederge⸗ ſchlagen,„Du biſt ſehr zu beklagen, Adolph; aber was kann der Menſch gegen die Unmöglichkeit?“ „Du bringſt mir alſo kein Geld? Die Mutter kann Nichts mehr für mich thun? Ihre Hülfe fehlt mir in dem entſcheidenden Augenblick?“ fragte der Jüngling mit ängſtlicher Beſtürzung. „Ich bringe Dir hundert Francs: das letzte Opfer. Wüßteſt Du, Adolph, was es uns koſtet!“ „Und das Geld für mein Eramen?“ rief der Jüngling. „Wir können nicht daran denken, Dir weiter Etwas zu ſchicken. Wir ſind in die tieſſte Noth ge⸗ rathen und, ich muß das grauſame Wort noch ausſprechen, Deine Mutter, Deine Schweſter leben im Mangel, beinahe im Elend Der Student ſchlug ſich die Hände vor die Stirne und murmelte nicht ohne einige Bitterkeit: „Ich wußte, daß die Koſten meiner Studien für die gute Mutter ſchwer und drückend geworden wa⸗ ren, aber ich hoffte doch, in dieſem äußerſten Augen⸗ blick würde die erprobte Liebe von Euch Allen zu dieſem letzten Hpfer Euch noch die Kraft verliehen haben. Wie? Alles, was Ihr für mich gethan habt, ſoll verloren ſein? Meine Zukunft ſoll zerſtört wer⸗ den dr dert Fi „D Mann. es iſt! 0 ſagſt, C „könnte ten, ich Int Kopf c beiden Der bittert vernicht augenſe Entrüſt ſchmerzl 9 7 Mutter gethan, thun w wenig laſſenſch durch Deſſen Sohn 1 und all Dich vo zu träu dige Au ſich die beiden hundert meine werſität was ich iederge⸗ er eit?“ Mutter lfe fehlt agte der letzte koſtet!“ rief der rweiter Noth ge⸗ Lort noch ter leben vor die tterkeit: udien für rden wa⸗ nAugen⸗ Allen zu verliehen han habt, ſtört wer⸗ 2 den durch den Mangel einer Summe von fünfhun⸗ dert Franes?“ „Die Summe thut nichts dabei,“ ſeufzte der alte Mann.„Zehntauſend Francs oder fünfhundert Francs, es iſt daſſelbe für uns; wir haben Nichts mehr.“ „O, es iſt unbegreiflich hart, was Du mir da ſagſt, Großvater,“ rief Adolph, vor Erregung zitternd; „könnte ich glauben, was Deine Worte mir andeu⸗ ten, ich würde wahnſinnig!“ Indem er dieſe Klage ausſtieß, ſank er mit dem Kopf auf den Tiſch und verbarg das Angeſicht mit beiden Händen. Der Greis ſchien gekränkt und einigermaßen er⸗ bittert durch die murrenden Worte, welche dem faſt vernichteten Studenten entſchlüpften. Indem er ſich augenſcheinlich Gewalt anthat, um ein Gefühl von Entrüſtung zu unterdrücken, ſagte er in ſtrengſtem, ſchmerzlichem Ton: „Adolph, Adolph, Du ſollteſt es wagen, Deine Mutter zu beſchuldigen? Haben wir nicht für Dich gethan, was wenige Eltern für das geliebteſte Kind tbun würden? Dein ſeliger Vater hat als Thierarzt wenig erworben; er ſtarb frühzeitig: ſeine Hinter⸗ laſſenſchaft war unbedeutend. Wir ſind ſeitdem durch Krankheit und Mißgeſchick geprüft worden. Deſſen ungeachtet wagken wir, da Du der einzige Sohn wareſt, da wir auf Dich alle unſere Liebe und alle unſere Hoffnung übergetragen hatten, für Dich von einer ehrenvollen, einer glänzenden Zukunft zu träumen. Wir wußten nicht, was eine vollſtän⸗ dige Ausbildung koſten mußte. Bis jetzt belaufen ſich die Opfer, die ſeit Deiner Kindheit für Dich gebracht worden ſind, auf mehr als fünfzehntauſend Francs. Und Du wagſt jetzt, uns Mangel an Liebe vorzuwerfen? Ach, ſäheſt Du Deine Mutter und Deine Schweſter ganze Täge und halbe Nächte hin⸗ durch an Putzarbeiten nähen und ſticken! Könnteſt Du unſerer guten Franciska folgen, wenn ſie nach der Stadt geht und insgeheim in den Magazinen und Läden herumläuft, um die fertige Arbeit zu verkaufen! Könnteſt Du ſehen, mit welcher Freude ſie die Liebespfennige in den Sparhafen legt, wel⸗ cher das Geld enthält, das ihrem Bruder geſchickt werden ſoll!.... „Erbarmen, habe Mitleid mit mir!“ flehte Adolph, die bittenden Hände ausgeſtreckt;„o lieber Vater, ſ mich, zerreiße mein betrübtes Herz nicht ſo ehr!“ Aber der Greis ſchien ſich in dem Abſchreckenden ſeiner Schilderung ſo recht zu gefallen. „Arme Franciska!“ fuhr er fort, als ſpräche er mit ſich ſelbſt,„es iſt erſt einige Tage her, da kam eine Freundin, ſie zu beſuchen. Dieſelbe ſchien ſehr vergnügt über einen prächtigen Kragen, den ihre Tante für ſie in der Stadt gekauft hatte, und lenkte wie in geheimer Abſicht die Aufmerkſamkeit Deiner Schweſter auf die ſchöne Stickerei. Denke Dir, was Deine beſchämte Schweſter litt: dieſen Kragen hatte ſie ſelbſt gemacht und in der Stadt verkauft. Die hundert Francs, welche ich Dir bringe, ſind der Er⸗ lös für dieſe nächtliche Arbeit.“ „Und wer war die Freundin?“ fragte der Jüng⸗ ling erbleichend.„Eine Tochter des Notars?“ „Nein, die Tochter von Doctor Heuvels.“ „A Schwe was he Erſ lings, ungegr der Kr Der als wo „A „Was erhaben Francis Er Weile Blick z licher C Großva Traum welche als Doe meinen Studien durch U mir nel auch Ve meiner prächtig für Dich e 2 tauſend n Liebe er und te hin⸗ önnteſt ie nach gazinen beit zu Freude t, wel⸗ geſchick Adolph, Vater, nicht ſo eckenden räche er da kam hien ſehr den ihre nd lenkte it Deiner Dir, was gen hatte uft. Die d der Er⸗ der Jüng⸗ rs2“ 6. H. 29 „Adelina!“ rief der Student verzweifelnd.„Meine Schweſter muß erröthen vor Adelina! O, mein Gott, was habe ich verbrochen?“ Erſchreckt durch die heftige Bewegung des Jüng⸗ lings, faßte der alte Maun ſeine Hand und ſprach: „Beruhige Dich, Adolph, Deine Beſorgniß iſt ungegründet. Adelina weiß nicht, aus welcher Hand der Kragen gekommen iſt.“ Der Student drückte die Hand vor die Stirne, als wollte er ſeine Aufregung bemeiſtern. „Ach! ich habe Unrecht!“ antwortete er muthlos. „Was wäre es auch, wenn Adelina wüßte, welcher erhabenen Geſchwiſterliebe das Herz meiner armen Franciska fähig iſt?“ Er ſank wiederum auf den Stuhl und ſtarrte eine Weile ſchweigend zu Boden; dann erhob er den Blick zu ſeinem Großvater und ſprach mit ſchmerz⸗ licher Gelaſſenheit: „Alſo iſt es ein unerbittlicher Spruch des Schick⸗ ſals? Ich kann mein Eramen nicht machen? O, Großvater, wüßteſt Du, was für ein glänzender Traum dadurch vernichtet, welcher Glaube erſtickt, welche Zukunft zerſtört wird! Siehſt Du? Ich hätte als Doctor in einer großen Stadt, in Antwerpen, meinen Wohnſitz genommen; durch unaufhörliche Studien, durch angeſtrengten Eifer, guten Willen, durch Ueberzeugung und Muth die Weit gezwungen, mir neben dem Fuf eines ausgezeichneten Arztes auch Vermögen, als Lohn meiner Wiſſenſchaft und meiner Wirkſamkeit, zuzuwenden. Ich hätte ein prächtiges Haus für die Mutter, für Franciska und für Dich erworben. Eure alten Tage wären benei⸗ denswerth geweſen; denn das Ziel meines Lebens war, Euch Alle glücklich zu machen. Ich würde un⸗ verheirathet geblieben ſein, ſo lange ich mich außer Standes ſah, vierfach Euch ſowohl an Erweiſen der Achtung und Liebe, als an zeitlichem Beſitzthum das zurückzugeben, was Ihr ſo edelmüthig, ſo uneigen⸗ nützig auf mich verwendet habt. Ach, und nach die⸗ ſem edeln Ziele ſtrebend, würde ich den ärztlichen Beruf mit dem unverrückten Glauben an die Heilig⸗ keit meiner Sendung erfüllt haben. Laben, tröſten, heilen: Apoſtel der göttlichen Barmherzigkeit, Wohl⸗ thäter der Menſchheit ſein! Und dieß Alles, dieſe Hoffnung, dieſes Glück, die glänzende Zukunft ver⸗ ſchwunden für immer! O, mein Gott, das iſt zu viel!“ Und indem er überwältigt das Haupt auf die Bruſt ſinken ließ, begann der arme Jüngling leiſe zu weinen; auch in den Augen des Greiſes blinkten Thränen, ſeitdem Adolph mit ſo tiefem Gefühl aus⸗ geſprochen hatte, was er zu thun Willens geweſen war, um für die Liebe von Mutter und Schweſter ſeine Erkenntlichkeit zu bezeugen. Es herrſchte längere Zeit eine feierliche Stille im Zimmer. Endlich ſchienen lebhaftere Gedanken im Geiſte des Greiſes aufzuſteigen, denn er wurde unruhig auf ſeinem Stuhle, ſchüttelte den Kopf, zuckte die Achſeln, als wäre er im Streite mit einem entſcheidenden Beſchluß geweſen. Plötzlich ſtand er auf, trat auf den Jüngling zu und ſagte, ihm die Hand auf die Schulter legend: „Adolph... Adolph! komm, ſei getroſt, mein braver Sohn, Du ſollſt ſie haben, die fünfhundert Francs.“ 2 ſeiner er ſei der C lang unſer mich: liche 2 werde Deine laſſenſ mich a ällein ner M eine ät Pflicht „A „ſollte ben, n unterwe Hals un Nach di Lebens rde un⸗ h außer iſen der um das meigen⸗ ach die⸗ rztlichen „Heilig⸗ tröſten, „Wohl⸗ , dieſe nft ver⸗ viel!“ auf die ing leiſe blinkten ihl aus⸗ geweſen chweſter e Stille zedanken r wurde it einem gling zu legend: ſt, mein fhundert 31 Der Student erhob langſam den Kopf und ſah ſeinem Großvater verwirrt in die Augen, als hätte er ſeine Worte nicht verſtanben. „Du fragſt mich, wie das möglich iſt?“ ſagte der Greis.„Deine Mutter und Franciska haben lang in mich gedrungen, ihnen zu geſtatten, auf unſer Haus etwas Geld aufzunehmen. Ich habe mich mit unerbittlicher Feſtigkeit gegen dieſes gefähr⸗ liche Vorhaben erklärt; und was auch geſchehe, ich werde niemals meine Zuſtimmung dazu geben, zu Deinen Gunſten dieſes letzte Ueberbleibſel der Hinter⸗ laſſenſchaft Deines Vaters aufzuopfern. Gott hat mich an Deines Vaters Stelle geſetzt; ich bin nicht ällein Dein Pfleger, ſondern auch der Pfleger Dei⸗ ner Mutter und Schweſter. Sie in Zukunft gegen eine äußerſte Armuth zu ſchützen, iſt mir eine heilige Pflicht...“ „Ach nein, Großvater,“ ſeufzte der Student, „ſollte ich zu einem ſolchen Opfer Veranlaſſung ge⸗ ben, nein, ich werde mich meinem traurigen Looſe unterwerfen.“ „Das iſt es nicht, was ich ſagen will,“ fiel der Greis ein.„Ich ſelbſt beſitze kein Eigenthum, als einen halben Morgen Landes; ich hielt feſt daran, weil es von meinen Eltern herkommt, weil es ein Stückchen Brod abwerfen, weil es eine Zuflucht in der Noth gewähren konnte. Ich will es verkaufen. Sei alſo ruhig, Adolph; binnen drei oder vier Tagen ſollſt Du die fünfhundert Francs empfangen.“ Der Student ſprang ſeinem Großvater an den Hals und küßte ihn mit überwallender Zärtlichkeit. Nach dieſer leidenſchaftlichen Umarmung faßte er — —— 2. ihn bei der Hand und ſagte mit Thränen in den Augen: „Ja, ja, Vater, ich nehme dieſes Erbieten an. Ich konnte fürchten, ich konnte an dem Ausgang mei⸗ nes Examens zweifeln; aber nun, und wäre dieſe doppelte Prüfung noch duzendmal ſchwerer, ich werde ſie ſiegreich erſtehen! Der gerechte, der barmhetzige Gott wird Rechnung halten über Eure Liebe und über meinen Entſchluß. Sei ruhig, Vater; und müßte mein ganzes Leben dieſem Ziele geweiht ſein, ich werde Eure Liebe, Eure Güte hundertfach beloh⸗ nen. Ach, ach, welches Glück! Mein Traum wird Wahrheit werden: ich ſoll Doctor ſein!“ 5 Nachdem der Jüngling noch einige Augenblicke in freudiger Erregung über ſeine Entwürfe und über die Zukunft ſich ausgelaſſen hatte, begann er ruhigeren Gemüths mehr im Einzelnen von Mutter⸗ und Schweſter zu ſprechen und ſich nach den Freunden in dem heimathlichen Dorfe zu erkundigen. Sein Großvater erzählte ihm, wie der Notar und ſeine Töchter noch oft mit Theilnahme nach ſei⸗ nem Befinden fragten; wie der alte Paſtor noch vorgeſtern gekommen ſei, um zu hören, ob es mit dem Studenten zu Löwen immer gut ſtehe, und wie Adelina, die Tochter von Doctor Heuvels, beinahe täglich komme, um mit Franciska von Adolph und ſeinem bevorſtehenden Examen zu plaudern. Als der Greis von der Familie des Notars und insbeſondere von Conſtantia, ſeiner Tochter, geſpro⸗ chen hatte, war ein heiteres Lächeln in dem Geſichte des Studenten aufgeſtiegen. Es erfreute ihn zu erfahren, daß die Freunde ſeiner Kindheit ihn noch nicht dem heimli entzün hätte im Br Ol für die um lät liche 2 aber d daß er auf ſeit Adr einmal glücklich ſehen. In von der deſſen H großen ihrer Fa Straße die Einfö hie und Wirthshe Aber liche Nat Conſe tin den iete an. n mei⸗ äre dieſe ich werde rmhetzige iebé und ter; und eiht ſein, ch beloh⸗ um wird genblics ürfe und egann er Mutter⸗ Freunden er Notar nach ſei⸗ tor noch b es mit und wie beinahe olph und tars und „geſpro⸗ Geſichte ihn zu ihn noch 33 nicht vergeſſen hatten;— aber als Adelina's Name dem Munde des Greiſes entſchlüpfte, ſchien ein heimlicher Lichtfunken in Adolphs Augen ſich zu entzünden; und ein minder bejahrter Beobachter hätte gewiß bemerkt, daß ihm das Herz faſt ſichtbar im Buſen klopfte. Ohne Zweifel würde der Jüngling wenigſtens für dieſen Augenblick ſeine Studien vergeſſen haben, um länger mit ſeinem Großvater über das heimath⸗ liche Dorf und die Freunde daſelbſt zu ſprechen; aber der Greis ſtand ondlich auf und verſicherte ihm, daß er nicht länger bleiben könne, ſondern eiligſt auf ſeine Heimkehr wieder Bedacht nehmen müſſe. Adolph geleitete ihn hinab, umarmte ihn noch einmal auf der Thürſchwelle und wünſchte ihm eine ſu Reiſe und ein baldiges, fröhliches Wieder⸗ ſehen. II. In dem nördlichen Theile der Kempen, nicht weit von der holländiſchen Grenze, liegt ein großes Dorf, deſſen Häuſer in zwei Reihen zu beiden Seiten einer großen Straße ſich hinziehen. Selbſt die Kirche mit ihrer Fagade und ihrer Thurmſpitze hat ſich an der Straße ihren Platz gefallen laſſen müſſen. So iſt die Einförmigkeit der geraden Linien durch Nichts als hie und da ein Paar Linden vor der Thüre eines Wirthshauſes unterbrochen. Aber außerhalb des Dorfes herrſchte die urſprüng⸗ liche Notur in ihrer vollen Pracht. Gegen Norden Conſeience, der junge Doctor, 3 und Weſten breitete ſich die Haide in unabſehbare Ferne aus, endlos und einſam wie die Wüſte. Gegen Süden erhoben ſich ungeheure Tannenwälder, deren dunkles Laub mit den Dünſten des Horizontes ver⸗ ſchmolz und den weiten Himmel gleich einer ewig drohenden Gewitterwolke begrenzte. An der Oſt⸗ ſeite iſt die Erde durch eine unbekannte Kraft um⸗ gewühlt. Hier erheben ſich ſeltſame Sandhügel, deren nackte Gipfel, glänzend im Sonnenlicht, ſich immer mehr vervielfältigen und endlich unzählbar ſcheinen gleich den ſchwellenden Wogen einer erreg⸗ ten See. Ueberall Unermeßlichkeit, feierliche Stille und eindrucksvolle Ruhe der Natur; keine andere Zeichen der Gegenwart der Menſchen, als Hunderte won Fußpfaden, ſeit uralten Zeiten vielleicht gebahnt, die ſich über die Haide hinſchlängelten, in den Schooß der Wälder eindrangen und zwiſchen den Fluthen des Sandmeers auf⸗ und abſtiegen. In dem Dorfe ſtehen einige Gebäude, welche ſich durch ein zweites Stockwerk zwiſchen den niedrigen Bauernhäuſern auszeichnen. Es ſind die Wohnun⸗ gen des Bürgermeiſters, des Notars und des Arztes. Die letztere namentlich übertraf die andern an Pracht und Höhe; es ſprang ſelbſt eine Art Balkon mit vergoldetem Geländer über der Thüre hervor. Doctor Heuvels iſt ein Mann, der in der Arznei⸗ kunde eine Quelle des Reichthums gefunden hat. Nicht daß er in ſeiner Jugend viel ſtudirt hätte, denn er iſt einer von denen, welche in den letzten Jahren der Napoleoniſchen Zeit als Chirurgiegehül⸗ fen dem Lager folgten und nach dem Fall des gro⸗ worden über V Die ihm ſo man m täglich in eine der Ta Buch ge doch ſy Heuvels oder vie ihn ein zu erſch wenn ſie ſie Mon gehalten zugeben, gelernt h Erfahrun Erfahrun Oberl auf der Bürgerha hatte. lich, friſch bſehbare e. Gegen er, deren ntes ver⸗ ner ewig der Oſt⸗ raft um⸗ indhügel, icht, ſich nzählbar er erreg⸗ ille und e Zeichen erte won ahnt, die Schooß then des elche ſich niedrigen Wohnun⸗ Arztes. n Pracht kon mit w. Arznei⸗ en hat. t hätte, n letzten ziegehül⸗ des gro⸗ 35 ßen Kaiſers ohne ernſtliches Eramen zur Ausübung der Heilkunde zugelaſſen wurden. Während ſeine Collegen in den umliegenden Dör⸗ fern, vielleicht aus Mißgunſt, ſeine geringe Wiſſen⸗ ſchaft gegen ihn geltend zu machen ſuchten, war er allmählig ein ſo heftiger Feind des Studiums ge⸗ worden, daß er ſeit Jahren kein Buch, keine Schrift über Mebicin mehr in die Hand genommen hatte. Die Kenntniß der menſchlichen Krankheiten ſchien ihm ſo einfach, daß er nicht begreifen konnte, wie man nutzlos ſo viel Papier verſudelt hatte und noch täglich verſudelte, unter dem Vorwand, einiges Licht in eine Sache zu bringen, die ſo klar ſchien, wie der Tag. Hatte er in ſeinem Leben jemals ein Buch geleſen, ſo mußte es von dem berühmten, je⸗ doch ſyſtematiſchen Brouſſais ſein; denn Herr Heuvels ſah in allen Krankheiten ein Mißverhältniß oder vielmehr ein Uebermaaß von Kraft, was für ihn ein Grund war, ſeine armen Patienten ſo ſehr zu erſchöpfen, daß ſie ihm nur entſchlüpften— wenn ſie das Glück hatten, zu geneſen— nachdem ſie Monate lang die Behandlung des Doctors aus⸗ gehalten und bezahlt hatten. Er wollte jedoch nicht zugeben, daß er dieſe Heilmethode aus einem Buch gelernt habe, ſondern berief ſich auf ſeine perſönliche Erfahrung, indem er zugleich verſicherte, daß die Erfahrung die einzige Leuchte des Arztes ſein könne. Oberhalb der Wohnung von Doctor Heuvels, auf der andern Seite der Straße, ſtand noch ein ürgerhaus, das gleichfalls einen zweiten Stock hatte. Prächtig war es nicht; aber es war freund⸗ lich, friſch und lachend mit ſeinen grün angeſtrichenen ** 36 Fenſterläden, ſeinen weißen Gardinen, durch eine Kammerz, deren Ranken ſeine Vorderſeite bedeckten, und durch die Blumen, welche die Geſimſe ſchmückten. An einem der letzten Tage des Auguſts 1846 ſaß eine ſchon bejahrte Frau in einem Zimmer dieſes grünen Hauſes. Sie hielt die Hände gefaltet und ſchaute bittend zum Himmel. Obwohl die Gluth ihres Blickes Zeugniß gab, daß ſie ganz in ihr ſtilles Gebet verſunken war, ſchien doch zuweilen eine gewiſſe Bekümmerniß ſie wieder davon abzu⸗ ziehen, denn ſie ſchaute plötzlich nach der Thüre, während ihr Angeſicht ein inniges Verlangen, oder eine lebhafte Furcht ausdrückte. Als ſie ſich aber in ihrer Erwartung betrogen ſah, ſchüttelte ſie miß⸗ muthig den Kopf und erhob von Neuem das bittende Auge zu Gott. Nach einer Weile hörte ſie eine Hinterthüre des Hauſes öffnen und ſchließen. Als ob dieſes Ge⸗ räuſch ihrer Ungeduld einige Befriedigung verſpräche, ſprang ſie auf, um nachzuſehen, wer hereingekommen wäre. Es erſchien ein junges Mädchen von etwa ſieb⸗ zehn Jahren, mit blonden Haaren und blauen Augen, deſſen ſanfte und duldſame Miene durch Traurigkeit und Angſt erregt war. „Nun, nun, Franciska,“ fragte die Frau,„ſiehſt du den Briefträger noch nicht?“ „Nichts, Mutter,“ antwortete das Mädchen,„nichts! Und jetzt ſind die Schaafe von Pächter Nelis auf die Straße gekommen; und dieſe machen einen ſol⸗ chen Staub in der Luft, daß es unmöglich iſt, aus der Ferne zu ſehen, ob Jemand kommt.“ und zi heimen Mutter „Je Frau. los; de würden Ach, Fr lich! Y tig, al wollte.“ Ohr blonde vor die Ihre Wir wol S d, leicht zu Auge zu gezittert. wo ein e Hoffnung urch eine bedeckten, hmückten. ſts 1846 ner dieſes altet und ie Gluth z in ihr zuweilen on abzu⸗ rThüre, en, oder ſich aber ſie miß⸗ bittende hüre des eſes Ge⸗ erſpräche, ekommen twa ſieb⸗ nAugen, raurigkeit u,„ſiehſt „„nichts! elis auf inen ſol⸗ iſt, aus 37 „Wo iſt der Großvater?“ „Er ſteht auf der Bank hinter der Hecke und ſchaut auf die Straße.“ „Was ſagt der Großvater, Franciska? Iſt er ruhigen Gemüths. „Er geht unaufhörlich hin und her; er ſpricht wohl von Muth und Vertrauen; aber er iſt bleich und zittert zuweilen unter dem Eindruck eines ge⸗ heimen Gedankens. Großvater macht mir bange, Mutter.“ „Ich begreife ſeine Bewegung wohl,“ ſeufzte die Frau.„Der letzte Brief von Adolph war ſo muth⸗ los; der arme Junge ſchien zu fürchten, ſeine Kräfte würden vor dem entſcheidenden Augenblick erliegen.... Ach, Franciska, wie iſt dieſes Warten doch ſo pein⸗ lich! Mir klopft das Herz von Zeit zu Zeit ſo hef⸗ tig, als ob es in dem gepreßten Buſen brechen wollte.“ Ohne auf dieſe Klage zu antworten, wandte das blonde Mädchen ſich zur Seite,— legte die Hand vor die Augen und begann zu weinen. Ihre andere Hand faſſend, ſagte die Mutter mit tröſtender Stimme: „Liebe Franciska, laß die Thränen, mein Kind; deine Betrübniß vergrößert meine Angſt noch mehr. Wir wollen auf Gottes Güte vertrauen. „Ja, Mutter,“ flüſterte das Mädchen.„Das iſt leicht zu ſagen. Ich habe die ganze Nacht kein Auge zugeſchloſſen; immerdar gebetet, gehofft und gezittert. Nun da der letzte Augenblick ſich nähert, wo ein einziger Brief uns glücklich machen oder der Hoffnung unſeres Lebens berauben kann, nun verläßt mich all mein Muth. Armer Bruder! Wenn wir vor Unruhe faſt vergehen, was muß er während dieſes ſchrecklichen Examens, das über ſeine ganze Zukunft und über das Loos Aller, die ihn lieben, entſcheidet, nicht gelitten haben!“ Mit neuen Thränen und in dem Ton der Ver⸗ zweiflung ſchluchzte ſie: „Mutter, ach, Mutter, wenn der Brief ein Un⸗ glücksbote wäre!“ Die erſchreckte Frau legte ſtillſchweigend den Arm um den Hals ihrer Tochter und zog ſie an ihre Bruſt, als wollte ſie durch dieſe traurige Liebkoſung ſie hindern, dergleichen Unheil verkündende Worte weiter auszuſprechen. In dieſem Moment trat der Großvater in das Zimmer. Er warf einen Blick der Unzufriedenheit auf die beiden weinenden Frauen, ſchüttelte den Kopf und ſprach in ſtrengem Ton: „Maria, Maria, das iſt nicht wohlgethan von Dir; und Du, Franciska, warum vergrößerſt Du die Angſt Deiner Mutter? Haben wir nicht allen Grund, um dem Ausgang von Adolphs Examen mit Gemüths⸗ ruhe entgegen zu ſehen? Bis jetzt hat er alle Prü⸗ fungen glücklich beſtanden; wir wiſſen, daß er, um für dieſen letzten Kampf ſich zu waffnen, ſeine Kräfte überſpannt hat. Es iſt ein Irrthum, glauben zu wollen, der Sieg werde ihm dießmal entgehen kön⸗ nen O, dieſer Zweifel iſt ärger, als die Gewißheit des Unglücks ſelbſt!“ Der Ton von des Greiſes Stimme war nicht ſo ermuthigend, als der Sinn ſeiner Worte. Man konnte wohl merken, daß er nicht minder bewegt als die Ar ſtimmr Frau „ unbezn Liebe ohne d Wir h recht p ſal üb gethan gewißh ein bis bald ke Sei denn ſi dem ſi ſtehen. Der ſelber ſ niß anz gethan, fordern lichſten daß wir uns zul mit Ver Anſtren, niedrige mühevol daß die Benn wir während ne ganze n lieben, der Ver⸗ ein Un⸗ e den an ihre iebkoſung e Worte r in das riedenheit den Kopf than von t Du die n Grund, Semüths⸗ alle Prü⸗ ß er, um ne Kräfte auben zu hen ön⸗ als die nicht ſo Man wegt als 39 die Andern war; und wie wenn er ſeine Gemüths⸗ ſtimmung rechtfertigen wollte, fügte er, die Hand der Frau faſſend, die auf ihn zugetreten war, noch bei: „In der That, Maria, mich drückt gleichfalls ein unbezwingliches Gefühl von Angſt. Es iſt unſere Liebe zu dem armen Adolph, die uns zittern macht, ohne daß wir den Grund unſerer Beſorgniß begreifen. Wir haben Unglück, glaube mir. Es iſt allerdings recht peinlich, zu wiſſen, daß ſeit geſtern das Schick⸗ ſal über die Zukunft von uns Allen ſeinen Spruch gethan hat und doch ſo lang in der tödtlichen Un⸗ gewißheit verharren zu müſſen... Aber habe noch ein bischen Geduld, Maria: Der Briefträger wird bald kommen.“ Seine Worte hatten die Frau nicht getröſtet; denn ſie ſchlug die Augen zu Boden und blieb, in⸗ dem ſie den Kopf ſchüttelte, ſchweigend vor ihm ſtehen. Der alte Mann murmelte, wie wenn er mit ſich ſelber ſpräche: „Niemand von uns hat ſich einer Pflichtverſäum⸗ niß anzuklagen, weder wir, noch Adolph; jeder hat gethan, was der ſtrengſte Richter menſchlicher Kräfte fordern kann. Soll das Schickſal uns den empfind⸗ lichſten Schlag beibringen, ſo wollen wir betrauern, daß wir mehr haben wollten, als die Vorſehung uns zuließ. Aber es iſt nicht ſo. Wir müſſen es mit Vertrauen abwarten. Mißlingt ihm die letzte Anſtrengung, ſo wird unſere Stellung in der Welt niedriger werden. Wir werden wahrſcheinlich ein mühevolles Leben bekommen; aber die Ueberzeugung, daß die Liebe zu unſerem einzigen Sohn die Quelle — unſerer Unvorſichtigkeit geweſen iſt, wird uns das Leid erleichtern, nicht wahr, Maria?“ „Aber er, mein guter Adolph? Die Zukunft ſeines ganzen Lebens zerſtört!“ ſeuſzte die Frau. Jetzt wurde die Aufmerkſamkeit des Greiſes nach dem Fenſter gezogen, wo das Mädchen damit be⸗ ſchäftigt war, ſeltſame Zeichen nach Außen zu machen. „Was ſiehſt Du, Franciska? Wer iſt es, den Du begrüßeſt?“ fragte er. „Es iſt Adelina,“ lautete die Antwort.„Sie ſcheint ebenſo unruhig als wir zu ſein, und ſchaut fortwährend aus dem Fenſter auf die Straße; aber ſie kann von dem Briefträger noch nichts wahr⸗ nehmen, denn ſie ſchüttelt unzufrieden mit dem Kopfe.“ Einen Augenblick hernach rief das Mädchen freu⸗ dig aus: „Da! Adelina kommt! Sie wird unſern Muth aufrichten und uns tröſten!“ „Die gute Adelina!“ ſagte die Mutter;„ſie könnte nicht mehr Theilnahme für Adolphs Glück haben, wenn ſie ſeine eigene Schweſter wäre.“ Die Tochter von Doctor Heuvels, welche jetzt in das Haus der Wittwe trat, war ein ſchönes, junges Mädchen von höchſtens achtzehn Jahren. Ihre Wangen blühten von Geſundheit, und ihr ganzes Angeſicht ſprach von Muth und Vertrauen auf das Leben, von Einfachheit und Herzensgüte; aber unter ihrer hohen Stirne, weiß und rein wie ein Lilienblatt, glänzten große braune Augen, voll Ausdruck und Feuer. Ihre ſchwarzen Locken, ihre hohe Geſtalt und ein gewiſſer Adel in ihrer Haltung machten aus dieſem Mädchen ein Frauenbild, wel⸗ ches d ſittliche werth 2 ſtehen Frauen ſchen. ſagte ſ glücklic ein? J geſchau mit der Sie. Sie ve: n meiſten ten, di ſollteſt „was he zweifelt, erliegt. Kräften. mit Ueb könnte, uns das Zukunft Frau. ſes nach amit be⸗ machen. es, den t.„Sie id ſchaut ße; aber wahr⸗ nKopfe.“ hen freu⸗ rn Muth elche jetzt ſchönes, Jahren. und ihr Vertrauen rzensgüte; rein wie gen, voll cken, ihre r Haltung bild, wel⸗ 41 ches durch körperliche Schönheit, und überdieß durch ſittliche Schönheit, worauf es ſchließen ließ, bemerkens⸗ werth war. In das Zimmer tretend, blieb ſie verwundert ſtehen und ſchien bei dem Greiſe und den beiden Frauen nach den Gründen ihrer Traurigkeit zu for⸗ ſchen. Mit einem ſanften Lächeln auf den Lippen, ſagte ſie:„Thränen in Ihren Augen? An dieſem glücklichen Tage? Es lief immer noch keine Nachricht ein? Ich habe auf der Straße ſo gut wie Sie um⸗ geſchaut. Ei, ei, Frau Valkiers, ei, Franciska, fort mit der Betrübniß! Tanzen, ſpringen, lachen müſſen Sie. Ehe eine halbe Stunde verfloſſen iſt, werden S vernommen haben, daß Adolph ruhmvoll geſiegt hat!“ „Adelina, wie kannſt Du das wiſſen?“ flüſterte Franciska bereits halb getröſtet. „Aber man möchte ſagen, Du kenneſt Adolph nicht!“ antwortete das Mädchen.„Wenn man die meiſten von den Studenten, ſelbſt die mindeſt begab⸗ ten, dieſes Examen glücklich überſtehen ſieht, dann ſollteſt Du zweifeln wollen, ob Adolph einer ſolchen Prüfung wohl gewachſen ſei?“ „Sein letzter Brief! Sein letzter Brief!“ ſeufzte die Mutter. „Nun, ſein letzter Brief,“ wiederholte Adelina, „was hat der zu bedeuten? Sie ſagten mir, daß er zweifelt, daß er unter der Laſt der Studien beinahe erliegt. Adolph iſt beſcheiden; er mißtraut ſeinen Kräſten. Dieß macht ihm Ehre; aber ich ſage Ihnen mit Ueberzeugung, daß, wenn es Adolph mißglücken könnte, ich mein Leben lang nicht mehr an die klarſte Wahrſcheinlichkeit glauben möchte. Wie? Ein junger Mann gleich ihm, begabt mit ausnehmendem Ver⸗ ſtand, angetrieben durch eine grenzenloſe Liebe zu ſeiner Mutter, und arbeitend wie ein Sclave, um Kräfte zu ſammeln, er ſollte unterliegen, wo der dicke Sohn unſeres Brauers vergangenes Jahr noch geſiegt hat? Ha, ha, und wäre die Prüfung tauſend⸗ mal ſchwerer; wenn je ein Mann ſie erſtehen kann, ſo wird auch Adolph nicht zu ſchwach hiezu ſein. Sieh, Franciska, ich wette die zwei neuen Fuchſien, die unſere Tante mir aus der Stadt geſchickt hat, gegen die Geranien, die dort an dem Fenſter ſtehen, daß Adolph nicht allein Sieger ſein wird, ſondern daß er ſein letztes Examen mit großer Auszeichnung be⸗ ſtanden haben wird. Nimmſt Du die Wette an?“ „Ach, liebe Adelina, Gott gebe, daß ich meine Geranien verliere!“ ſagte Franciska mit heiterem Lächeln auf dem Angeſicht. Auch die getröſtete Mutter lächelte und drückte dem frohmüthigen Mädchen dankbar die Hand. Auf dem Antlitz des Greiſes hatte ein Ausdruck ſüßen Vertrauens die Zeichen ängſtlicher Niedergeſchlagen⸗ heit verdrängt. Alle waren unter dem Einfluß von des Mädchens Worten in den Himmel des Glaubens und der Hoffnung erhoben worden. „Ich werde hier warten, bis die Poſt kommt,“ ſagte Adelina, einen Stuhl nehmend.„Mein Vate mußte ſchnell in dem Weiler hinter dem Haidenſump einen Kranken beſuchen. Er iſt nicht minder begie rig, als Sie, Nachricht über Adolph zu erhalten ich bin überzeugt, daß er bei ſeiner Rücktehr hieher kommt.“ Ob Verwa Gedank Ueber und är „W glücklic ſticken Bedenke wartet. nen; er und Wi Gefühl ben den noch, b Vortheil chen zu dem ed männlich 4 Das In eine ſie fort: „Unt Adelina ohne ein begriffen ich ſprech auch an, Der( vorüber. n junger em Ver⸗ Liebe zu ave, um wo der ahr noch tauſend⸗ kann, ſo ſ. Sieh, ſien, die at, gegen hen, daß dern daß hnung be⸗ tte an?“ ich meine heiterem nd drückte Hand. Auf ruck ſüßen geſchlagen⸗ influß von Glaubens ſt kommt,“ Mein Vate aidenſump inder begi⸗ u erhalten ktehr hiehe 43 Obwohl jetzt von ihrer Angſt erlöst, wurden die Verwandten Adolphs doch noch ſo ſehr von ihren Gedanken beherrſcht, daß Niemand ein Wort ſprach. Ueber dieſe Stille ſchien Adelina ſich zu verwundern und ärgerlich zu werden. „Aber ich begreife Sie nicht!“ rief ſie.„Der glücklichſte Tag Ihres Lebens bricht an, und ſie er⸗ ſticken die rechtmäßige Freude in Ihrem Herzen? Bedenken Sie, welches ſegensreiche Loos Ihrer Aller wartet. Adolph wird in einer großen Stadt woh⸗ nen; er wird in kurzer Zeit durch ſeine Wiſſenſchaft und Wirkſamkeit ſich Ruhm erwerben und neben dem Gefühl des Stolzes auf ſeinen ſchönen Namen, ne⸗ ben dem Genuß des ſtädtiſchen Lebens werden Sie noch, bis zum Ende Ihrer Tage, den unſchätzbaren Vortheil gewinnen, ihn allezeit zu ſehen, ihn ſpre⸗ chen zu hören, und geehrt und geliebt ſein von dem edelmüthigſten Herzen, das jemals in einem männlichen Buſen ſchlug....“ Das Mädchen ſchwieg und ſchien ſich zu beſinnen. In einem ſeltſamen Ton düſterer Träumerei fuhr ſie fort: „Und während Sie ſo Alle glücklich ſind, wird Adelina hier das einförmige Dorfleben hinſchleppen, ohne ein einziges Gemüth zu finden, von dem ſie begriffen werden könnte„ denn mit wem ſoll ich ſprechen, wenn Du weg biſt, Franciska? Ach, da will ich nun an mich ſelbſt denken! Ei, ei, ich fange auch an, traurig zu ſein.. 4 Der Schatten eines Mannes glitt an dem Fenſter vorüber. „Da iſt der Briefträger! Da iſt die Poſt!“ rief Franciska nach der Thüre ſpringend. Der alte Großvater wankte auf den Beinen; die Wittwe ſtieß einen halb erſtickten Schrei aus und ſank entkräftet auf einen Stuhl nieder; ſelbſt die muthige Adelina erbleichte. Noch größer wurde die Erregung von Allen, als Franciska mit einem Brief in der Hand in das Zimmer zurückkehrte und den⸗ ſelben ihrer Mutter reichte, während ſie mit beben⸗ der Stimme ſagte: „Von Brüſſel, von Adolph! ach, ich zittere wie Schilfrohr!“ Es war ein Augenblick ergreifender Stille, wel⸗ cher dem Heffnen des Briefs voranging; kein Athem⸗ zug ſtieg aus der Bruſt auf; ſelbſt der Schlag des Herzens ſchien in ihrem Buſen zu pauſiren. Die Wittwe erbrach den Brief, aber ſo langſam, daß die außerordentliche Spannung des Großvaters und der Mädchen nur noch geſteigert wurde. Endlich heftete die erſchütterte Mutter ihr Auge auf den Anfang des Briefs; aber ihre Hand war unſtät und ihr Blick verwirrte ſich. Endlich erhob ſie ſich nach einem augenblicklichen Zögern, mit Ge⸗ walt gegen ihre Bewegung ankämpfend, und las laut genug, um von denjenigen, deren Blick mit leb hafteſier Neugier auf ihre Lippen gerichtet war, ver ſtanden zu werden: „Gute, liebe Mutter, geliebter Großvater, theure Schweſter! o, preiſet Gott, Euer Adolp hat geſiegt!“ Erliegend vor ſeliger Rührung, ſank die Mutter an ihrem Stuhle auf die Kniee und hob die Hände in Dar Francis fen; der ſtilles,! Abe brachen Die Mu Nie beid frohlocke klatſchte Der Ruhe ur effie hatte ge wiſſen,: Der Wittwe! Lies wir müſ chreibt!“ Die drangen vorzuleſer Nun ſchaft all⸗ — Nehmt ei Freude n Soba Mann,: ſtl“ rief inen; die aus und ſelbſt die vurde die em Brief und den⸗ tit beben⸗ ittere wie tille, wel⸗ in Athem⸗ chlag des . langſam, roßvaters de. ihr Auge Hand war lich erhob n, mit Ge und las, ick mit leb⸗ twar, vet⸗ Großvater, uer Adolph die Mutter 4⁵ in Dankgebet zum Himmel empor; Adelina und Franciska hatten ſich einander in die Arme gewor⸗ fen; der Großvater allein bezwang ſeine Freude ein ſtilles, helles Lächeln erglänzte auf ſeinem Angeſicht. Aber ſobald dieſer erſte Augenblick vorüber war, brachen die Stimmen los, und ergoß ſich die Freude. Die Mutter umarmte der Reihe nach den Greis und Wie beiden Mädchen; das Zimmer erfüllte ſich von frohlockenden Rufen, Franciska tanzte, Adelina klatſchte in die Hände. Der Großvater gewann zuerſt wieder eine gewiſſe Ruhe und dachte daran, den Brief aufzuheben, der geöffnet und vergeſſen auf dem Boden lag.— Adolph hrttt geſiegt! Was brauchten die Frauen mehr zu wiſſen, um vor Freude beinahe zu vergehen? Der alte Mann reichte das Blatt Papier der Wittwe dar, indem er ſagte: „Lies doch weiter, Maria, der Brief iſt lang; wir müſſen doch wiſſen, was Adolph uns weiter ſchreibt!“ Die Mädchen gaben dem Großvater Recht und drangen in die Mutter, ihnen ſogleich den Brief vorzuleſen. Nun aber ſchien die Frau durch die frohe Bot⸗ ſchaft allzu erregt und angegriffen. „Da, Großvater, lies Du ſelbſt,“ ſprach ſie, ihm den Brief einhändigend.„Wir wollen ſtill zuhören. Nehmt einen Stuhl, Kinder, und bezwingt Eure Freude noch einen Augenblick.“ Sobald ſich Alle niedergeſetzt hatten, zog der alte Mann, um beſſer zu ſehen, eine Brille aus der Taſche und begann ſofort mit bewegter, aber deut⸗ licher Stimme zu leſen: „Gute, liebe Mutter, geliebter Großvater, theure Schweſter! o, preiſet Gott, Euer Adolph hat geſiegt! Er iſt zum Doctor in allen Fächern der Heilkunde promovirt mit der höchſten Aus⸗ zeichnung.... „Ah, ah, Franciska, ich habe die Geranien ge⸗ wonnen!“ jubelte Adelina. „Wos für ein Glück, ſeine Wette alſo zu verlie⸗ ren!“ lachte Adolphs Schweſter. „Kinder, ſchweigt doch, um Gottes willen, und haltet Euch ſtill,“ ſprach die Mutter tadelnd.„Wenn Ihr ſo den Großvater bei jedem Worte unterbrechet, wann ſoll er dann mit dem Leſen des Briefes fertig werden?— Mit der höchſten Auszeichnung! Das iſt doch recht ſchön, nicht wahr? Ich fühle mir das Herz vor Stolz in dem Buſen klopfen! Gute Ade⸗ lina, Dank Dir für Dein Vertrauen auf Adolphs Glück. Du allein haſt an ſeinen Kräften nicht ge⸗ zweifelt.... „Aber, wo ſoll das noch hinaus?“ murmelte der Greis.„Du tadelſt die Kinder wegen eines einzigen Ausrufs, Maria, und vergiſſeſt ganz, was wir thun ſollen.“ „Ach, das iſt wahr, Großvater; ich bin auch ſo froh! komm, lies weiter! Niemand ſoll mehr ein Wort ſprechen.“ Der Greis fuhr mit dem Brief fort: „Mit der höchſten Auszeichnung. Der Präſident der Prüfungs⸗Commiſſion überhäufte mich mit den größten Lobeserhebungen; der gute Pro⸗ feſſt mic ten Sie ner höre hinr ich Fra mein in's fühl meir Die vor die 2 halb erſti „Herz Adelina. Nach „Kam „Achte meine Th könnte mi Der G mein liche bin i meine von r deut⸗ vater, Adolph Fächern en Aus⸗ nien ge⸗ verlie⸗ en, und „Wenn vbrechet, es fertig Das iſt mir das ute Ade⸗ Adolphs nicht ge⸗ melte der einzigen wir thun n auch ſo mehr ein Präſident mich mit gute Pro⸗ 47 feſſor Baud, der auch Richter war, umarmte mich als ſeinen Sohn, meine Genoſſen wünſch⸗ ten mir mit lauter Stimme Glück zu meinem Siege.... aber ich, ich vermochte nach mei⸗ ner Promovirung zum PDoctor nichts mehr zu hören, noch zu unterſcheiden. Meine Seele war hinweg geeilt nach dem heimathlichen Dorfe; ich ſah Dich, liebe Mutter, ich ſah unſere theure Franciska, ich drückte Euch an mein Herz; mein Mund flüſterte die erfreuliche Kunde Euch in's Ohr, und faſt erliegend vor Glückſeligkeit, fühlte ich, wie Euer liebevoller Kuß mich für meinen Sieg belohnte....“ Die tief ergriffene Mutter legte ſich die Hände vor die Augen und begann laut zu ſchluchzen. „O, der gute Bruder!“ ſeufzte Franciska mit halb erſtickter Stimme. „Herz von Gold, Seele voll Liebe!“ murmelte Adelina. Nach einer ſtillen Pauſe fragte der Großvater: „Kann ich fortleſen, Maria?“ „Achte nicht auf mich,“ ſagte die Witwe.„Laß meine Thränen fließen. Das Uebermaaß der Freude könnte mir ſonſt das Herz ſprengen.“ Der Greis fuhr fort: „Ich bin Allem entlaufen; ich habe mich in mein Zimmer eingeſchloſſen, um Euch die glück⸗ liche Botſchaft mitzutheilen. Jetzt, Mutter, jetzt bin ich Doctor! Gott hat mir den Preis für meine beſchwerlichen Studien gewährt; aber von dieſem Augenblick beginnt für mich eine heilige Sendung; ich muß darnach trachten, Dich die gro⸗ „zu be⸗ ganzes Denn, Zukunft „daß ich ind Bru⸗ ihn en ſollte, er plötz⸗ e, welche ienen die begreifen. ſtrahlten, mich jetzt s Geiſtes llung vor⸗ nd in den nn weiter: , war es Laufbahn ren. Das vos zu be⸗ n für mich Ich muß re vielleicht ner großen ie füt mich ich derglei⸗ 49 chen hoffen darf, muß ich durch Sparſamkeit einige Mittel erwerben und in der Zwiſchenzeit mir die Hand ſtärken und Erfahrung in der Praxis gewinnen. Ich werde demnach meine Wohnung bei Euch nehmen, Mutter, und in unſerem Dorfe die erſten Schritte auf der mühe⸗ vollen Bahn, die ſich vor mir geöffnet hat, er⸗ proben.. „Ach, das iſt recht! Adolph läßt ſich hier nieder! Dafür ſei Gott gelobt!“ rief Adelina freudig aus. „Alſo wirſt Du es nicht allein ſein, die ihn ſehen und ſich ſeines Glückes freuen ſoll! Und ach, Fran⸗ ciska, Freundin, Du wirſt mich nicht verlaſſen!“ Während der Großvater zweifelnd die Achſeln zuckte, wußte die Wittwe nicht, ob ſie gleich den bei⸗ den Mädchen über dieſen neuen Entſchluß ihres Sohnes vergnügt ſein ſollte oder nicht. Sie mur⸗ melte nachdenklich bei ſich: „Es iſt auf alle Fälle nur auf ein paar Jahre.. und wenn es nun nicht anders geſchehen kann.. Ohne eine Bemerkung darüber zu machen, nahm der Greis den Brief wieder auf: „Doctor Heuvels wird ſich noch erinnern, daß mein ſeliger Vater ſein beſter Freund war; er hat mir von Kindesbeinen an viele Zuneigung bewieſen und an dem Gelingen meiner Studien Theilnahme gezeigt. Jetzt werde ich es ſchon wagen dürfen, ſeine Hülfe anzuſprechen, und ihn erſuchen, bei meinen erſten Schritten mit ſeiner Erfahrung freundlich mir vorzuleuchten...“ „Schau, das iſt brav von Adolph, daß er ſich meines Vaters erinnert und auf ſeine Beihülfe ver⸗ Conſeience, der junge Doctor. 4 ——— traut!“ fiel Adelina ein.„Mein Voter ſieht Adolph ſehr gern, und er wird ihn unterſtützen, von Herzen unterſtützen, davon dürfen Sie überzeugt ſein. Seine große Erfahrung.... Das erfreute Mädchen hätte noch länger über dieſen gewichtigen Punkt geſprochen, aber ſie mußte ihre Aufmerkſamkeit zuſammennehmen, denn der Groß⸗ vater las weiter: „Dieſen Nachmittag will ich meine Profeſ⸗ ſoren beſuchen, um ihnen meinen Dank abzu⸗ ſtatten, und von einigen Freunden Abſchied nehmen. Noch dieſen Abend reiſe ich mit dem letzten Bahnzug nach Antwerpen ab. Ich muß dort mein Diplom durch das Medicinal⸗Colle⸗ gium der Provinz unterzeichnen laſſen. Möchte ich doch morgen früh damit in's Reine kommen! O, Mutter, wäre ich bereits in Deinen Armen! Ich brenne vor Verlangen, an meiner Bruſt das zärtliche Herz ſchlagen zu fühlen, das mich ſo grenzenlos liebt. Wer weiß, ob ich nicht vor dieſem Briefe, den ich ſogleich an Euch abgehen laſſe, im Dorfe ankomme? Auf alle Fälle werde ich morgen Abend meine gute Mutter ſehen!— Nun zum Schluß, Mutter, laß mich eine Bitte an Dich richten. Wenn Du meinen Brief bis hieher geleſen haſt, ſo eile ohne Verzug zu Doctor Heuvels und bringe Adelina die gute Botſchaft. Es iſt der innige Wunſch meines Herzens, daß nach Dir, nach dem Großvater und Franciska Niemand eher von meinem Er⸗ folg Etwas höre, als Adelina. Sie hat meinen Muth verdoppelt, ſo oft ich nach Hauſe kam; m Die zur Seit der Bri ſogar zu gen blin „Die wehmüth „Konnte die Du Adeli es glänzt ein ſüßes geſicht. gehende 0 voll T überläuft, umtſein PWem ein Faller iwWir Vochtern ht Adolph on Herzen in. Seine nger über ſie mußte der Groß⸗ le Profeſ⸗ an aze⸗ Abſchied mit dem Ich muß inal⸗Colle⸗ Möchte e kommen! en Armen! iner Bruſt das mich nicht vot ch abgehen Fälle werde ehen! eine Bitte Brief bis Verzug zu die gute ſch meines Großvater neinem Er⸗ hat meinen ae m 51 ſie liebt meine gute Schweſter, ſie war die Trö⸗ ſterin meiner Mutter während dieſer traurigen Abweſenheit... So ſoll ihr edelmüthiges Herz ſich zuerſt meines Glücks erfreuen! Nach ſo vieler Angſt, nach ſo vielen Leiden iſt es mir recht ſüß, mit Dir ſprechen zu können, Mutter; — aber ich muß ſchließen. Bis morgen, bis morgen! Dein gehorſamer und ergebener Sohn.“ Die Tochter von Doctor Heuvels hatte den Kopf zur Seite gewandt und ſchien nicht zu bemerken, daß der Brief zu Ende geleſen war. Franciska glaubte ſogar zu bemerken, daß eine Thräne auf ihren Wan⸗ gen blinkte. „Die letzten Worte meines Bruders machen einen wehmüthigen Eindruck auf Dich, Adelina,“ ſagte ſie. „Konnte Adolph einen Augenblick Deiner vergeſſen, die Du ihm eine zweite Schweſter biſt?“ Adelina ſchüttelte den Kopf und drehte ſich um; es glänzten wohl noch Thränen in ihren Augen, aber ein ſüßes Lächeln erhellte zugleich ihr ſchönes An⸗ geſicht. „Es iſt Nichts,“ antwortete ſie;„eine vorüber⸗ gehende Rührung. Der arme Adolph! ſein Herz iſt ſo voll Dankbarkeit, daß es ſelbſt gegen Diejenigen überläuft, die Richts für ihn thun konnten, als Gott umzſein Glück zu bitten... Dem Großvater ſchien dieſen Augenblick Etwas ein Fallen. iwWir vergeſſen, daß wir dem Notar und ſeinen Vochtern verſprochen haben, ſie ſogleich wiſſen zu 4 laſſen, wie es Adolph zu Brüſſel im Examen ergan⸗ gen iſt; ebenſo dem Sohn des Brauers, und dem Paſtor und dem Schulmeiſter. Jetzt will ich ſchnell fort und den Freunden die erfreuliche Kunde bringen. Wäre ich an Eurer Stelle, ich würde jetzt ernſtlich daran denken, ſein Zimmer zu richten; und ich werde mir indeſſen überlegen, wie das Haus in Stand zu ſetzen iſt, um es zu einer ſchicklichen Wohnung für einen Doctor der Medicin zu machen. Er bedarf eines Sprechkabinets, eines Zimmers oder eines kleinen Salons zum Empfang der Leute. Beſinnt Euch ein⸗ mal, bis ich wiederkomme.“ Kaum hatte er das Zimmer verlaſſen, ſo ergriffen die Frauen mit Freuden die Gelegenheit, ſich mit der Sorge für Adolphs Einrichtung zu befaſſen. Die Mutter war der Meinung, man müſſe das Sprech⸗ tabinet lints an die Straße verlegen; Franciska wollte es rechts von der Hausthüre haben. Adelina gab der Mutter Recht, aus dem Grunde, weil Fran⸗ ciskas Flan zufolge das Sprechkabinet mit einer Thüre an den Saal ſtoßen würde und man von einem Gemach aus hören könnte, was in dem an⸗ dern zur Sprache käme. Sie wußte aus Erfahrung, daß dieß in der Wohnung eines Arztes nicht ſtatt finden dürfte. Darüber einig, begann man zu berathſchlagen welche Möbel man in das Sprechkabinet ſtellen ſollte, und wie es gefällig auszuſchmücken wäre. Dann trat man in das Gemach, welches zun Saal beſtimmt wurde, und rückte Schränke und Sch von einer Seite zur andern und ſetzte Leuchteen Blumenvaſen auf das Kamingeſims, um zu erpro wie ſie ſprach ſelbſt v welchen plötzlich hätte. Ade ters We Doctors der And Fragen Licht ihr das Her an die zu erfüll Als geordnet entſcheide ſein ſollt nicht übe behaupte ſonſt wü bei ſeine der die 2 Wand ne Ob Jema würde, d einem un durfte nic Man Zimmers, Wohin die nergan⸗ und dem ch ſchnell bringen. ernſtlich ich werde Stand zu nung für Er bedarf es kleinen Euch ein⸗ ergriffen ſich mit ſſen. Die 8 Sprech⸗ Franciska Adelina veil Fran⸗ mit einer man von dem an⸗ Frfahrung, nicht ſtatt⸗ thſchlagen, llen ſollte, Aches zun und Scht uchteinen erpro N 53 wie ſie ſich am beſten ausnehmen würden. Man ſprach von Gemälden, von neuen Vorhängen und ſelbſt von einer koſtbaren Tapete, als ob der Sieg, welchen Adolph in der Wiſſenſchaft davongetragen, plötzlich eine milde Quelle des Reichthums eröffnet hätte. Adelina, welche nach dem, was ſich in ihres Va⸗ ters Wohnung befand, am beſten wußte, wie eines Doctors Haus einzurichten ſei, war die Vorſehung der Andern. Sie erledigte nicht nur alle ſchwierigen Fragen durch ihren Rath, ſondern warf noch das Licht ihres fröhlichen und vertrauenden Gemüths in das Herz der beiden Frauen, ſo oft eine Erinnerung an die Beſchränktheit ihrer Mittel ſie mit Betrübniß zu erfüllen ſchien. Als unten alles Nöthige gehörig erwogen und geordnet war, ſtieg man die Treppe hinauf, um zu entſcheiden, wo Adolphs Studier⸗ und Schlafgemach ſein ſollte; denn man konnte im erſten Stockwerk nicht über mehr als ein Zimmer verfügen. Adelina behauptete, es müſſe auf den Garten hinausgehen, ſonſt würde das Geräuſch von der Straße Adolph bei ſeinen Studien hindern; aber davon wollten we⸗ der die Mutter noch Franciska Etwas wiſſen. Die Wand nach dem Garten hin war ein wenig feucht. Ob Jemand von ihnen ſich einer Erkältung ausſetzen würde, das hatte Richts zu ſagen; aber Adolph in einem ungeſunden Zimmer wohnen zu laſſen, das durfte nicht geſchehen! Man ſchritt nun zur Beſichtigung des andern Zimmers, das auf die Straße ging, und berieth, wohin die Bücher, deßgleichen die Käſten ſammt Fä⸗ chern zu ſtehen kommen ſollten, welche Adelina zu⸗ folge ein Doctor nöthig hatte, um Geräthſchaften, Flaſchen und Kräuter und viele ondere Dinge auf⸗ zubewahren. Während man eifrig mit dieſen Betrachtungen beſchäftigt war, wurde Adelina's Aufmerkſamkeit durch ein gewiſſes Geräuſch erregt. „Ich höre, dünkt mir, ein Fuhrwerk in der Ferne,“ ſagte ſie;„mein Vater kehrt zurück.“ Mit dieſen Worten trat ſie an ein Fenſter, öff⸗ nete daſſelbe und ſtreckte den Kopf hinaus, um auf die Straße zu ſchauen. „Iſt es wirklich Ihr Vater, der kommt?“ fragte die Wittwe. Das Mädchen gab keine Antwort, legte ſich aber ſo weit aus dem Fenſter hinaus, daß Fronciska ſie an den Kleidern faßte und erſchrocken ausrief: „Himmel, Adelina, Du wirſt auf die Straße fallen!“ Aber das Mädchen ſprang plötzlich vom Fenſter hinweg und jubelte, während ſie nach der Zimmer⸗ thüre lief: „Adolph! Adolph! Ich habe ihn zuerſt geſehen!“ Wo2 wo?“ rief die Mutter. „ Dort, vor dem Goldenen Löwen. Er ſteigt aus dem Poſtwagen.“ Die drei Frauen ſtiegen hinab und liefen aus dem Hauſe. Auf der Straße angekommen, erkannten ſie wirllich Adolph, der ihnen ſchon aus der Ferne Zeichen der Freude machte; dieß beſchleunigte nu noch mehr ihre Schritte. Wohl ſtanden die Wirthsleute vom Goldenen Löwen von eit waren ihre H weder ihrer h Es nahe u und wa das Her klopfend zärtliche bewußtl auf ſein ſten Be Ade trat jetz vor Adt die Aug Der gend, n Kindheit daß ihre Leute, 1 blieb ſteh ſeine Sti an, faß tief bewe „Ade mir entg D, Dani Das lina zu⸗ ſchaften, nge auf⸗ chtungen rkſamkeit Ferne,“ ſter, öff⸗ um auf 7“ fragte ſich aber mciska ſie rief: ie Straße m Fenſter rZimmer⸗ geſehen!“ Er ſteigt liefen aus „erkannten der Ferne unigte ni Goldenen 55 Löwen auf der Straße; wohl war der Poſtwagen von einem halben Dutzend Reiſender umringt; wohl waren einige neugierige Einwohner des Dorfs unter ihre Hausthüren getreten; aber dieß Alles konnte weder den Sohn noch die Mutter in dem Erguß ihrer herzlichen Freude zurückhalten. Es war ein langer Kuß, den Adolph ſeiner bei⸗ nahe umſinkenden Mutter auf die Lippen drückte; und wahrlich, er fühlte, wie er es gewünſcht hatte, das Herz, welches ihn ſo ſehr liebte, an ſeinem hoch⸗ klopfenden Buſen ſchlagen. Und nachdem er ein paar zärtliche Worte der Dankbarkeit und Liebe der faſt bewußtloſen Frau in's Ohr geflüſtert hatte, lief er auf ſeine Schweſter zu und ſchloß ſie unter den ſüße⸗ ſten Beinamen in ſeine Arme. Adelina, die ein wenig zur Seite geblieben war, trat jetzt herzu, blieb mit einem bittenden Lächeln vor Adolph ſtehen und ſchaute ihm ſchweigend in die Augen. Der Jüngling, einer plötzlichen Eingebung fol⸗ gend, war eben im Begriff, die Freundin ſeiner Kindheit ebenſo herzlich zu umarmen; aber ſei es, daß ihre Schönheit, oder die Gegenwart ſo vieler Leute, oder ein anderes Gefühl ihn zurückhielt, er blieb ſtehen und zögerte, während eine lebhafte Röthe ſeine Stirne färbte. Doch that er ſich ſelbſt Gewalt an, faßte die Hand des Mädchens und flüſterte in tief bewegtem Ton: „Adelina, gute Adelina, Sie auch, Sie kommen mir entgegen? Sie freuen ſich über mein Glück? D, Dank, Dank für Ihre edelmüthige Freundſchaft!“ Das Mädchen betrachtete mit einer Art Erſtau⸗ nens ſein Angeſicht, und er würde ihr ſicher geſagt haben, das lange Studiren und das viele Wachen ſeien an dieſer Abmagerung ſchuldig; aber ſeine Mutter und Franciska faßten ihn bei der Hand und zogen ihn nach ihrem Hauſe fort. An der Thüre begegneten ſie dem Großvater, der von ſeiner Botſchaft zurückkam. Adolph flog dem gerührten Greiſe an den Hals und führte den⸗ ſelben, während er ihn mit Beweiſen der Liebe und Dankbarkeit überhäufte, ins Haus hinein. Adelina allein war zurückhaltender als gewöhn⸗ lich, es glänzte wohl ein Ausdruck von Glück auf ihrem Geſichte; ſie ſprach auch wohl dann und wann ein fröhliches Wort, aber ihr Geiſt ſchien von einer heimlichen Bewegung ergriffen und beherrſcht. Als die vereinten Aeußerungen der allgemeinen Freude einige Zeit gedauert hatten, wurde Adolph von ſeiner Mutter genöthigt, ſich niederzuſetzen. Niemand ſollte ihn unterbrechen; er mußte von ſei⸗ nen Studien, von ſeinem Eramen zu Brüſſel, von deſſen glücklichem Ausgang erzählen; denn man wollte wiſſen, ſchnell und mit allen Einzelnheiten wiſſen, wie er die gefürchtete Prüfung erſtanden hatte. Der Jüngling erfüllte dieſes Verlangen jeiner guten Mutter und erzählte, wie viele bange Nächte und Tage er einſam in dem kleinen Stübchen des Studenten ſich abgehärmt, wie peinlich er Monate lang zwiſchen Furcht und Vertrauen, zwiſchen Hoff⸗ nung und Zweifel geſchwankt habe; wie bei der An⸗ näherung des entſcheidenden Augenblicks ſeine Kräfte ihn zu verlaſſen drohten, und endlich nun das unſägliche Glück , wie Gott iem gewährte, allen denen, welche il mühunge den ſeien In d und Dan vater unt Freude t daß die ein leiſes zurückgeh ſeiner Hä andern S Adelir men hatt Verwunde nach dem ſie höre d dern ihr Nachſinner es Adolp ganz und gekanntn Wangen, luſt in der weder dur kens entſt einen Mar ſtes bereit Wangen 1 thahlweiſe anſtatt in ſagt chen eine und ater, flog den⸗ und vöhn⸗ kauf und von rrſcht. leinen dolph ſetzen. n ſei⸗ „ von wollte wiſſen, ſeiner Nächte en des Monate n Hoff⸗ e An⸗ Kräſte ott iem denen, 57 welche ihn liebten, ſagen zu dürfen, daß ſeine Be⸗ mühungen mit dem ſchönſten Erfolg gekrönt wor⸗ den ſeien. In dieſe Erzählung verflocht er Worte der Liebe und Dankbarkeit gegen ſeine Mutter, ſeinen Groß⸗ vater und gegen Franciska; unter dem Antrieb der Freude tönte ſeine Stimme ſo eindringlich und ſüß, daß die ſchweigenden Frauen oft mehr als einmal ein leiſes Beben anwandelte und in Aller Augen eine zurückgehaltene Thräne erglänzte. Während er ſprach, drückte ſeine Mutter eine ſeiner Hände; Franciska ſtand neben ihm auf der andern Seite. Adelina, die in einiger Entfernung Platz genom⸗ men hatte, hielt fortwährend mit einer gewiſſen Verwunderung den Blick auf ihn geheftet; man hätte nach dem Ausdruck ihrer Miene glauben können, ſie höre die Stimme des Jünglings gar nicht, ſon⸗ dern ihr Geiſt ſei auf dem Strome träumeriſchen Nachſinnens weit entführt worben. Wirklich waren es Adolphs Geſichtszüge, die ihre Aufmerkſamteit ganz und gar in Anſpruch nahmen. Sie hatte ihn gekannt mit den Roſen der erſten Jugend auf den Wangen, mit der milden Einfalt der ſtillen Lebens⸗ luſt in den Augen, mit einer Stirne, deren Glätte weder durch Kummer noch den Ernſt des Nachden⸗ kens entſtellt worden war. Jetzt ſah ſie vor ſich einen Mann, auf deſſen Stirne die Arbeit des Gei⸗ ſtes bereits einige Furchen gegraben hatte; deſſen Wangen unter dem Gewicht inhaltreicher Gedanken thelweiſe eingeſunken waren, und deſſen Augen, anſtatt in dem milden Glanze des Seelenfriedens zu leuchten, bei jedem Wort von dem ganzen Feuer männlicher Geiſteskraft zu funkeln ſchienen. Für ein anderes Mädchen als Adelina hätte der Jüngling wahrſcheinlich bei einer ſo gründlichen Ver⸗ änderung nicht an Schönheit gewonnen, aber ihr kam es vor, als ſtänden ſittliche Kraft, Vernunft und Intelligenz als Merkmale göttlichen Stempels auf ſeinem Angeſicht ausgeprägt. Was in ihr ſich regte, während bewegungslos ihr Auge auf Adolph weilte, war ein Gefühl von Bewunderung und Ehrerbietung. Vielleicht war dieſe Empfindung in ihr nur vor⸗ übergehend; wirklich beſaß ſie Seelenſtärke genug, um nach dieſem erſten Eindruck wieder ihrem ge⸗ wohnten Frohſinn Raum zu geben. Aber hiezu wurde ihr jetzt keine Zeit gelaſſen; denn ehe Adolph noch mit ſeiner Erzählung ganz zu Ende war, hörte nen und vernahm zu man die Vorderthüre ſich öff i bekannten Stocks gleicher Zeit das Klirren eines auf der Schwelle. „Da kommt Herr Heuvels!“ ſagte der Greis. „Ha, mein Vater! Wie wird ihn die gute Bot⸗ ſchaft erfreuen!“ rief Adelina aufſtehend. Der Mann, welcher dieſen Augenblick über den Gang ſchritt, war ziemlich hoch von Geſtalt und ſehr wohl beleibt. Sein Geſicht war voll und blühend, wie bei Jemand, deſſen ſtarker Magen reichlichen Nahrungsſtoff aus altem Wein und kräftigen Spei⸗ ſen empfängt; und hätten die grauen Haare nicht ſein Alter verrathen, ſo wäre kaum zu vermuthen geweſen, daß er mit ſchnellen Schritten ſeinem ſech⸗ zigſten Jahre entgegenging. Er trug einen Hut mit beſonders breitem und flacher nem 2 ſchwar nur b Hand ſilbern bei je ſeine verſtec Ar diges Menſch wander In auf A traulich A vernon ficiat!“ „ hrube Ihnen niß zu Ich lar Examer ſchönſte hinzu. Der mit ein * W Feuer itte der en Ver⸗ ber ihr nft und els auf ch regte, weilte, bietung. ur vor⸗ genug, rem ge⸗ er hiezu e Adolph ar, hörte nahm zu n Stocks Greis. gute Bot⸗ über den t und ſehr blühend, reichlichen gen Spei⸗ aare nicht vermuthen einem ſech⸗ reitem und 59 flachem Rande, eine weiße Halsbinde und über ſei⸗ nem Anzug einen Oberrock oder Mantel von feinem ſchwarzen Tuch, mit einem runden Kragen, der ihm nur bis auf die Schulter reichte. In ſeiner linken Hand hielt er ein ſchwarzes ſpaniſches Rohr mit ſilbernem Knopf, deſſen eiſenbeſchlagene Spitze er bei jedem Schritt auf dem Hausflur erklingen ließ; ſeine andere Hand war tief in einer ſeiner Taſchen verſteckt. Auf dem Antlitz des Mannes ſpielte ein beſtän⸗ diges Lächeln, halb ſpottend, halb vergnügt, wie es Menſchen eigen iſt, die gemächlich durch das Leben wandern und mit ſich ſelbſt zufrieden ſind. In das Zimmer tretend, ging er unmittelbar auf Adolph zu, faßte ſeine Hand, ſchüttelte ſie ver⸗ traulich und ſprach: „Ah, ah, Herr Valkiers, ich habe unterwegs daß Sie Ihr Exramen gemacht. Pro- i „Ich danke Ihnen herzlich für Ihre Güte, Herr Heuvels,“ antwortete Adolph.„Ich wäre ſelbſt zu Ihnen gekommen, um Sie von dem Erfolg in Kennt⸗ niß zu ſetzen, allein ich hatte noch keine Zeit dazu. Ich langte eben erſt im Dorfe an. Geſtern iſt mein Eramen zu Ende gegangen....“ „Ja, Herr Heuvels, und noch dazu mit der Süſe Auszeichnung!“ ſetzte die Wittwe fröhlich hinzu. Der alte Doctor zuckte die Achſeln und erwiderte mit einem Lächeln der Geringſchätzung: Wohl bekomm es, oder ich wünſche Glück g, das Hat man azu, auf er fort: or? Sie ethan zu können, ſchlungen bald Sie unden zu de Ihnen iten Rath ſage, ſo ufe Glück Ihr Aus⸗ einflößen. Zeit wird Adolph im ſicht war, u nehmen hrem Rathe hen. Nun, Ihre Hülfe Ihnen meine ten“ erm nickte.„Es haben. A. d. U. 61 freut mich in der That, Adolph, daß Sie ein guter Junge geblieben ſind, und daß die Hochſchule Sie nicht übermüthig gemacht hat. Ah, hätte ich Sie aufgeblaſen gefunden, wie die Andern, die voll Eigendünkels von dort zurückkehren und mit Gering⸗ ſchätzung von Männern, die reich an Erfahrung ſind, ſprechen zu dürfen glauben... Aber nein, Sie haben ein beſſeres Herz und mehr Verſtand. Auch werde ich es möglich machen, Sie mit gutem Rathe auszurüſten, ehe Sie nach Antwerpen abreiſen... „Aber, lieber Vater,“ rief Adelina mit unver⸗ holener Freude,„Adolph geht nicht fort; er wird hier bei ſeiner Mutter bleiben!“ Der Doctor ſchaute beſtürzt um ſich, als wollte er der Reihe nach alle Anweſenden befragen. „Wie? Was meinſt Du?“ brummte er.„Adolph bleibt hier? Hier im Dorfe? Um als Arzt aufzutreten? Habe ich ſchlecht gehört, oder....“ „Es iſt wahrſcheinlich nur auf einige Zeit,“ fiel die Mutter ihm in's Wort.„Adolph will einige Er⸗ fahrung ſammeln, ehe er ſich in eine große Stadt wagt.“ „Was für ein unſinniges Vorhaben!“ rief Herr Heuvels mit bitterem Lachen.„Glauben Sie denn, junger Mann, ich ſei nicht mehr im Stande, die Kranken der Gemeinde nach Gebühr zu beſorgen?“ „Das ſei ferne von mir, ſo Etwas zu denken,“ antwortete Adolph, ſehr beunruhigt über den bittern Ton dieſer Frage.„Wenn ich ſo plötzlich den Plan bezüglich meiner Niederlaſſung geändert habé, ſo geſchah aus Noth, weil es mir unmöglich iſt, anderzl handeln! Meine Studien hatten den Mei⸗ 62 nigen ſo große Opfer auferlegt. Das Unmögliche kann ich von deren Güte nicht verlangen. An eine Niederlaſſung in Antwerpen darf ich nur dann den⸗ ken, wenn ich mir durch Sparſamkeit einige Mittel erworben habe.“ „So, ſo, Sie wollen alſo wirklich im Dorfe bleiben?“ „Ja, Herr Heuvels, bis auf beſſere Zeiten.“ „Aber glauben Sie denn wirklich, daß Sie hier Etwas zu thun bekommen?“ „Die Noth iſt eine unerbittliche Gebieterin; ſie zwingt mich, wenigſtens einen Verſuch zu machen.“ Der Doctor ſtieß ſeinen Stock zwei⸗ oder drei⸗ mal auf den Fußboden; er ſchien erzürnt, obwohl ein Lächeln auf ſeinen Lippen ſpielte, und er ſich Gewalt anthat, ſeinen Verdruß zu verbergen. „Was für ein unglücklicher Irrthum verleitete Sie zu dieſem Entſchluß?“ ſagte er.„Sie glauben, die Leute in unſerem Dorfe und in der Umge⸗ gend werden ſo plötzlich Vertrauen zu einem Jüng⸗ ling faſſen, den ſie noch vor einigen Jahren mit andern Kindern auf der Straße ſpielen ſahen? Ich beklage Sie, Adolph; Sie haben fehlgeworfen: hier iſt für Sie Nichts zu thun und zu hoffen. Un überdieß werden Sie doch nicht glauben, daß es hier Kranke genug gibt, um zwei Aerzten ihr Auskommen zu ſichern.“ „Mit Ihrer Erlaubniß, Herr Heuvels,“ ſagte Adolphs Mutter;„es haben ſonſt immer zwei Doe⸗ toren im Dorfe gewohnt, ehe Herr Brack nach Brüſſel zog, weil er ſich an die ſcharfe Haideluß nicht ge⸗ wöhnen konnte.“ gelehrſe unſeren gegen davon ſind ni einen 2 ich hätt armen Er ſchlimme aber Ni Betrübn ihm zuh Aus Blick er Vorwur Herr ſen war 1„Tär eit Allen. und es: genießen gegen il einflößen aller Erf lachen ül ich gebe Adol mögliche An eine mn den⸗ e Mittel m Dorfe ten Sie hier erin; ſie machen.“ oder drei⸗ obwohl d er ſich en. verleitete glauben, e Umge⸗ em Jüng⸗ ahren mit hen Ich orfen: hier fſen. Und daß es hier luskommen ls,“ ſagte zwei Doc⸗ rach Brüſſel K nicht ge⸗ 63 „Was Luft gewöhnen?“ rief der alte Doctor. „Aus Armuth hat er hier den Platz geändert. Herr Brack war gleichfalls der Meinung, es ſei die Bücher⸗ gelehrſamkeit, wodurch man ſich des Gelingens in unſerem Berufe verſichern könne; er wollte den Kampf gegen mich aufnehmen, mußte aber bald die Hand davon ablaſſen. Die Bauern, glauben Sie mir, ſind nicht ſo dumm, als ſie ausſehen; ſie wollen einen Mann von Erfahrung. In der That, Adolph, ich hätte Ihnen ein beſſeres Loos, als das von dem armen Herrn Brack gewünſcht!“ Er ſchwieg und erwartete eine Antwort, um ſeine ſchlimmen Weiſſagungen wiederholen zu können; aber Niemand ſprach. Jetzt erſt bemerkte er die Betrübniß, die Niedergeſchlagenheit von Allen, die ihm zuhörten. Aus Adelina's Auge ſtrahlte ihm ein ſonberbarer Blick entgegen: es lag darin eine Miſchung von Vorwurf, Bitte und Beſtürzung. Herr Heuvels begriff, daß er unvorſichtig gewe⸗ ſen war; in ruhigerem Tone ſetzte er darum hinzu: „Täuſchen Sie ſich nicht über meine Offenherzig⸗ keit. Ich ſpreche ſo aus Liebe zu Adolph und zu Allen. Was mich betrifft, ich werde allmälig akt, und es wäre mir nicht unangenehm, mehr Ruhe zu genießen; aber man kann den Leuten doch nicht gegen ihren Willen Vertrauen zu einem Jüngling einflößen, dem es ihrer Meinung zufolge noch an aller Erfahrung mangelt. Wie ich ſage, die Bauern lachen über die Wiſſenſchaft, und was mich betrifft, ich gebe ihnen nicht Unrecht.“ Adolph, der bis dahin aus Achtung vor Ade⸗ unter⸗ aten Stirne, ich mir en ent⸗ nd miß⸗ hedanke, eil, ich menſch⸗ ſſenſchaft rfahrung auf der Iſt nicht pokrates, le, Burns Geſchlech⸗ as würde igene Er⸗ Jahrſchein⸗ äften von meckſilber, Heilung ir würden ven, welche ſind; wir uskelſchnitt, Lichtträger, Belauſche dem Mitte h den Blit 65 in das Innerſte des Herzens und der Lungen ein⸗ zudringen. Mit einem Wort, wir befänden uns noch in derſelben Unwiſſenheit, wie der erſte Menſch, der hier auf Erden ſeinen Bruder leiden ſah. Ja, ja, Herr Heuvels, Sie haben wohl Recht, die Erfahrung zu preiſen, aber Sie müſſen doch auch fühlen, daß die Wiſſenſchaft, welche die Erfahrung der ganzen Menſchheit umfaßt, nicht minder unſerer Achtung würdig iſt.“ Der alte Doctor hatte die Achſeln gezuckt und die Lippen zuſammengezogen, während Adolph mit ſteigender Begeiſterung der Wiſſenſchaft eine Lobrede hielt. Bei ſolcher Fülle von Gelehrſamkeit ſchien es Herrn Heuvels unbehaglich zu werden; doch nickte er, als der Jüngling zu ſprechen aufhörte, beſtätigend mit dem Kopf und ſagte in ruhigem Ton: „Sie haben ein gutes Gedächtniß, Herr Valkiers. Man hört wohl, daß Sie erſt geſtern das Examen gemacht haben. Es liegt allerdings einige Wahrheit in Ihren Worten: aber das ſind Dinge, worüber ſich in Gegenwart von Perſonen, die nicht in die Kunſt eingeweiht ſind, unmöglich ſprechen läßt. Ich werde Sie ſpäter überzeugen, daß Sie ſich mit Ihren Ge⸗ danken zu weit verlaufen. Auf alle Fälle habe ich jetzt keine Zeit, um dieſes Geſpräch fortzuſetzen. Wir ſind auf das Schloß der Frau Baronin von Hoog⸗ boom zur Tafel geladen. „Komm, Adelina,“ gebot er.„Du biſt nicht an⸗ gekleidet. Wir kommen gewiß zu ſpät: man könnte es übel nehmen.“ „O, Vater, laß mich zu Hauſe!“ ſtammelte ſeine Tochter Conſeience, der junge Doetor. 5 Blick machten ihr be Sie verließ alſo na Aber eine neue Avfforderung und ein ſtrenger greiflich, doß ſie gehorchen mußte. ch einem freundlichen Gruß das immer mit ihrem Vater. Adolph begleitete ſie bis an die Thüre und chaute ihnen traurig nach. Die Thränen ſtanden ihm in den Augen und das Herz zitterte ihm in dem Buſen, als hätte die Zukunft ihm Nichts weiter als Kummer und Unheil geweiſſagt. Da ſah er plötzlich den Notar und ſeine drei Töchter, die mit Zeichen freudiger Begrüßung auf ihn zugelaufen kamen. Das Lächeln von Conſtantia, bevoll und ſüß, der älteſten der Mödchen, war ſo lie daß Adolph dem Eindruck davon ſich hingab und ſeine Traurigkeit einigermaßen vergaß, um mit dank⸗ barer Freundlichkeit die Beifallsbezeugungen ſeiner Freunde zu beantworten. Nachdem er einen herzlichen Händedruck mit dem jungen Doctor gewechſelt hatte, wollte der Notar auch Mutter Valtiers noch Glück wünſchen. Von ſeinen Töchtern und Adolph begleitet, trat er alſo ſchnell in das Haus. II. An einem Morgen des Novembers ſaßen drei oder vier Perſonen in dem Sprechzimmer von Herrn Heuvels. Es waren geringe Leute, die aus Armuth oder Sparſamkeit zu Hauſe bei dem Doctor ſich Raths erholen wollten, weil deſſen Beiſtand auf ſolche Art ſie weniger hoch zu ſtehen kam. De eine L niederg Ne Mädch Das 1 ſeine„ Stirne welche deutete garſtig ſein W von Al Die M Geſchöt ihm ſü richten Auf fernt v Zeichen hatte; von We er zun krampfh an Mu Es eine vö liebevol ſicht ihr nen auf horchen, erſcheine trenger mußte. uß das re und ſtanden in dem eiter als ine drei ung auf ontantia, und ſüß, gab und mit dank⸗ en ſeiner mit dem der Notar en. Von at er alſo n drei odet von Herrn aus Armuth Doctor ſich id auf ſolche 67 Der eine war ein Mann, deſſen gelbes Angeſicht eine Leberkrankheit zu verrathen ſchien; er ſah ſehr niedergedrückt und entmuthigt aus. Neben ihm ſaß eine arme Bäurin, mit einem Mädchen von ungefähr zehn Jahren auf dem Schooße. Das unglückliche Kind war ſchrecklich mager und ſeine Haut beinahe durchſichtig; es hatte auf der Stirne und an den Lippen häßliche Flechtgeſchwüre, welche den äußerſten Grad von Drüſenkrankheit an⸗ deuteten. Sein Geſicht war dadurch ſo entſtellt und garſtig, daß der leberkranke Mann, wenn zufällig ſein Auge auf das Kind fiel, mit einem Schauder von Abſcheu den Kopf wieder zur Seite wandte. Die Mutter jedoch ſtreichelte und küßte das arme Geſchöpf mit auffallender Zärtlichkeit und flüſterte ihm ſüße Worte in's Ohr, um ſeinen Muth aufzu⸗ richten und ihm Troſt zu geben. Auf der andern Seite des Zimmers, etwas ent⸗ fernt von der Frau, ſaß ein junger Bauer, der kein Zeichen von Krankheit oder Unpäßlichkeit an ſich hatte; denn er war ſtark von Gliedern und blühend von Wangen, und die Bewegung ſeiner Fauſt, wenn er zuweilen aus Ungeduld ſeinen ſchweren Stock krampfhaft anfaßte, bewies genugſam, daß es ihm an Muskelkraft nicht gebrach. Es herrſchte zwiſchen dieſen wartenden Perſonen eine völlige Stille. Die arme Mutter hielt mit liebevollem Mitleid den Blick auf das entſtellte Ge⸗ ſicht ihres Kindes gerichtet; die beiden andern ſchie⸗ nen auf jedes ferne Geräuſch von der Dorſſtraße zu horchen, um zu vernehmen, ob der Doctor noch nicht erſcheine. 5* „Da kommt ein Fuhrwerk!“ ſagte plötzlich der kranke Mann. Alle ſtanden auf und machten ſich fertig, um ihr Weh oder ihre Noth dem ankommenden Doctor zu klagen; aber der junge Bauer ließ ſich verdrießlich wieder auf den Stuhl zurückfallen, während er brummte: „Es iſt ein Mann zu Pferde, der wahrſcheinlich auch zu dem Doctor kommt.“ Man hörte unmittelbar an der Hausklingel ziehen und die Thüre öffnen; und zwiſchen den Stimmen der Magd und der Tochter von Herrn Heuvels ver⸗ nahm man eine andere, die mit großer Haſt meldete, Pachter Thomas von dem großen Hofgute ſei plötz⸗ lich erkrankt, und der Doctor ſolle ſogleich, ohne einen Augenblick zu verlieren, dorthin kommen. „Immer ſchlimmer und ſchlimmer!“ murrte der junge Landmann.„Jetzt wird er ſich nicht einmal Zeit nehmen, um uns nur anzuhören, und doch iſt es die feſtgeſetzte Stunde, wo er Rath ertheilen ſoll.“ „Ja, aber die gnädige Frau vom Schloſſe hat ihn dieſen Morgen rufen laſſen,“ bemerkte der Bauer; „und ihr begreift 2 „Ich begreife, daß mein Geld ſo gut iſt, als das von dem Herrn Baron. Die Magd ſagt, der Doe⸗ tor ſei ſchon drei Stunden fort. Uns gönnt er kaum einige Worte, und bei einer Frau, die ſich ſeit vier Jahren krank zu ſein einbildet, bleibt er drei Stunden lang!“ „Aber Leute wie Ihr, die bezahlenskönnen, wa⸗ rum geht Ihr nicht zu Herrn Valkiers hinüber?“ fragte der Kranke. „Viel zu jung!“ antwortete der Andere, mit einen will gefüh wenn würde wohl, ſeinen S „1 werde und ſe teſten wollt Aber„ und de „Ne Mutter. uns; al darum: ſonders arme Le zlich der um ihr octr ze drießlich rummte: ſcheinlich el ziehen Stimmen vels ver⸗ meldete, ſei plötz⸗ ch, ohne nen. urrte der teinmal doch iſt len ſoll.“ loſſe hat Bauer; „als das der Doe⸗ gönnt er ſich ſeit er drei inen, m6 inüber? dere, mit 69 einem Ausdruck von Geringſchätung.„Mein Vater will Nichts von ihm hören; man muß den Pflug geführt haben, um pflügen zu können.“ „Er bekommt doch allmählig viele Kunden; und wenn ich nicht aus dem Armenkaſten unterhalten würde, ginge ich ſelbſt ſogleich zu ihm; denn ich fühle wohl, daß Herr Heuvels mit ſeinen Aderläſſen und ſeinen Blutigeln mich in die Grube bringt.“ Sich zu der ſchweigenden Frau wendend, fragte er: „Und Ihr, Frauchen, glaubt Ihr, Doctor Heuvels werde Euer armes Kind kuriren? Mit ſeinem Faſten und ſeinen flauen Kühltränken? Er läßt den beleib⸗ teſten Mann zu einem Gerippe abmagern. Wie wollt Ihr dann, daß er den Schw Aber Ihr ſteht vielleicht auch auf der Armenliſte; und da müßt Ihr hieher, Ihr mö nicht.“ 6„Nein, ſo glücklich ſind wir nicht,“ ſ eufzte die utter.„Es iſt zwar Noth und Elend jungen Doctor hinüb iK kheiten be⸗ ſonders geſchickt zu ſein und iſt ſo dienſtfertig gegen arme Leute!“ „Man erzählt viel Gutes von ihm,“ antwortete die Frau achſelzuckend.„Und doch, was wiſſen wir davon? Herr Heuvels iſt ein alter Doctor, der ſeinen eruf verſtehen muß; denn er hat viel ge⸗ ſehen und erfahren im Leben und überdieß ſeht Ihr, Fräulein Adelina iſt mitleidig und hilft uns in unſerer Noth.“ —— Der junge Bauer hatte ſich, ungeduldig über das lange Warten, an das Fenſter geſtellt. Jetzt drehte er ſich um, marſchirte im Zimmer auf und ab, und ſetzte ſeinen Stock ſo laut auf, daß man es im Hauſe bemerkt zu haben ſchien; denn es wurde eine Thüre geöffnet und Jemand näherte ſich. Die Tochter von Herrn Heuvels trat in das Zimmer. „Ihr müßt lang warten, Freunde, nicht wahr?“ ſprach ſie.„Habt noch ein Bischen Geduld, mein Vater muß ſogleich zurücktehren.“ „Das hat uns die Magd ſchon ſeit einer Stunde geſagt,“ brummte der junge Bauer. „Ihr müßt die Schuld davon nicht auf meinen Vater ſchieben,“ bemerkte Adelina.„Er hat Laſt und Mühe genug, mein armer Vater. Die halbe Nacht iſt er draußen geweſen; und kaum hat er ſich dieſen Morgen ein wenig zur Ruhe begeben, ſo wurde er ſchnell auf das Schloß gerufen. Das dauert ſo den ganzen Tag. Er kann doch auch nicht das Unmögliche leiſten. Setzt Euch nieder, Freund, und wartet noch ein Bischen in Geduld.“ Jetzt erſt erkannte ſie die wartende Frau und trat auf ſie zu. Das Kind mitleidig betrachtend, ſagte ſie: „Arme Annemie, Ihr ſeid auch wieder da? Euer ii Kind iſt noch nicht geneſen, ich ſehe es wohl.“ „Ach, Fräulein Adelina, es geht ſo ſchlecht mit meinem unſchuldigen Lämmchen!“ ſeufzte die Frau, „ich glaube, es wird nicht mehr lang dauern. 43 „Ei, ei, Annemie,“ rief Adelina mit ermuthigen⸗ dem Kind ſchwe Unpi wiede aber ſind, Y entſte „ „mit Ich früher weilen Beruh zu ein Di halb barkeit guther, Mitleit „A Etwas Sie mit eir „S ſpielen davon e Das aus unt Tüte zu über das zt drehte ab, und m Hauſe ne Thüre twahr?“ ld, mein rStunde f meinen hat Laſt Die halbe hat er ſich geben, ſo en. Das , Freund, rau und da? Euer ich ſehe es it ſchlecht mi die Frau ern. ermuthigen⸗ 71 dem Lächeln,„ſo müßt Ihr nicht ſprechen. Die Kinder, ſeht Ihr, ſind dick oder mager, ſtark oder ſchwach, im Verlauf von einigen Tagen; die geringſte Unpäßlichkeit erſchöpft ſie; aber ſie ſind 3 ſchnell wieder hergeſtellt. Euer Trientchen iſt recht krank; aber wie viele Menſchen, die jetzt kräftig und geſund ſind, haben eine ſchwere Kindheit gehabt?“ Mit traurigem Blick deutete die Frau auf das entſtellte Geſicht ihres Kindes. „Ja, dies iſt das Wenigſte,“ bemerkte Adelina; „mit der Krankheit verſchwinden auch deren Zeichen. Ich erinnere mich noch, daß Euer Trientchen in früherer Zeit ein liebes Kind war, und ich habe zu⸗ weilen es ſonſt geſehen, wenn ich zur Kirche ging. Beruhigt Euch, Annemie, Ihr werdet ſie wohl noch zu einer ſchönen Tochter heranwachſen ſehen.“ Die Frau, durch dieſen ermuthigenden Zuſpruch halb getröſtet, murmelte einige leiſe Worte der Dank⸗ barkeit; und als hätte das Kind begriffen, was das gutherzige Fräulein geſagt hatte, Mitleid durch ein ſanftes Lächeln. „Wartet ein Bischen,“ ſagte Adelina,„ich habe twas für unſer armes Trientchen!“ Sie verließ das Zimmer, kehrte aber ſogleich mit einer großen Tüte voll köſtlichen Zuckerwerks, welche ſie der Mutter auf den Schooß legte, zurück. „Seht, das iſt für Trientchen; ſie kann damit ſpielen und von Zeit zu Zeit auch ein Stückchen davon eſſen.“ Das Kind ſtreckte die Hand mit lebhafter Freude aus und ſtrengte ſeine Kräfte an, um die geöffnete Tüte zu faſſen. Es funkelten auch ſo ſchöne Dinge darin, Bon⸗ bons, in Gold⸗ und Purpurpapier, ſeltſame zuckerige Sternchen, Vögelchen und Thierchen, in den ſchim⸗ merndſten Farben erglänzend. Während das kranke Mädchen beim Anblick die⸗ ſes Schatzes aus ſeiner Kraftloſigkeit ſich aufzuraffen ſchien, betrachtete die Mutter die Freude ihres Kin⸗ des mit einer Art ſeligen Selbſtvergeſſens, und zwei Thränen der Rührung floſſen über ihre Wangen. Trientchen hatte eine Weile in der Tüte herum⸗ geſucht und die unbekannten Leckereien bewundert; aber jetzt erhob es plötzlich den Blick zu Adelina und ſchaute ihr tief in die Augen, als wollte es das reiche Fräulein fragen, warum daſſelbe zu einem elenden Kinde ſolche Liebe habe und es mit ſo un⸗ ausſprechlich ſchönen Dingen erfreue. Des Kindes dankbarer Blick rührte Adelina. „Liebes Trientchen,“ flüſterte ſie, ſich niederbeugend, ihm in's Ohr,„ſei nur guten Muthes; ich gebe Dir noch mehr und viel Beſſeres, als Du da haſt, und wenn Du wieder geſund biſt, bekommſt Du eine große, ſchöne Puppe von mir.“ „Mutter, Mutter, eine große Puppe!“ ſtammelte das Kind voll Entzückens. „Ach, Fräulein Adelina,“ ſchluchzte die Frau mit halb erſtickter Stimme,„was Gott auch über mein armes Kind beſchließe, er ſegne Sie für dieſen Augen⸗ blick der Freude. Ihre Güte, Ihr freundliches Wort allein geben meinem Trientchen die Geſundheit zu⸗ rück. So habe ich ſie ſeit vierzehn Tagen noch nicht geſehen.“ ſtieg ein pfeife im „Bon⸗ uckerige lick die⸗ zuraffen es Kin⸗ id zwei igen. herum⸗ undert; Adelina olte es u einem ſo un⸗ Adelina. eugend, ich gebe Du eins tammelte rau mit ber mein n Augen⸗ e Wort dheit zu⸗ gen noch 73 „Vierzehn Tagen?“ wiederholte ſeid Ihr nicht hieher gekommen?“ „Die Armuth, Fräulein; wir Stunde ausbleibt? es ſollte ſich beſſern. Den Docten und auß⸗ und iſt ein koſtbares Ding für Leute, treiben können.“ Si „Euer Mann iſt geneſen, nicht wahr? rſuchte tet jetzt?“ „O nein! Seine Kräfte ſind noch nicht zurück⸗ gekehrt, und er wird nur immer ſchwächer und ſchwächer. Hätte er nur ein bischen kräftige Nah⸗ rung; aber...“ „Gott ſei gelobt, da höre ich endlich das Fuhr⸗ werk von Herrn Heuvels!“ rief der junge Bauer, der wieder an dem Fenſter ſtand. „Nun, laßt den Muth nicht ſinken, Annemie,“ ſprach Adelina.„Ich werde morgen einmal in Euer Haus kommen, um zu ſehen, ob ich Euch nicht ein Bischen helfen kann.“ „O, thut das, wenn es Euch beliebt, Jungfrau! Eure Gegenwart allein iſt ein Segen für unglück⸗ liche Leute, wie wir ſind.“ us dem Zimmer gehend ſagte Adelina: „Ich bitte Euch, Freunde, ſeid ſo gut und haltet meinen Vater nicht lang auf. Er hat beinahe die ganze Nacht nicht geſchlafen; er iſt ſeit Tagesanbruch auf en Beinen und muß augenblicklich wieder abgehen.“ Sie eilte nach der Thüre und öffnete dieſelbe im feſten Glauben, ihr Vater ſei zurückgekommen; aber aus der Chaiſe, welche vor der Thüre gehalten hatte, ſtieg ein Herr mit einer großen deutſchen Tabaks⸗ pfeife im Munde. Nachdem er erſt noch ein paar blick, Herr,“ war ſn 4 hatte, nahm er dieſelbe Schicllich⸗ Sternchen„Vrgechie wen merndſten Farben or zu Hauſe? Wo iſt er? Ich muß Während dach ſprechen!“ ſes Schatzes göter wird ſogleich zurückkommen, Herr ſchien, betſt,“ antwortete Adelina.„Beliebt es Ihnen, einzutreten und ein Bischen zu warten?“ e?“ rief der Andere, mit „Er iſt nicht zu Hauſ dem Fuße ſtampfend.„Die Doctoren ſind niemals zu Hauſe, als wenn man ſie nicht nöthig hat. Ich muß, ich will ihn dennoch ſprechen!“ Der Mann, der ſich ſolcher Art ausließ, ſchien ein Stadtbürger zu ſein, wohl etwas nachläſſig, aber doch gut genug gekleidet, um vermuthen zu laſſen, daß er den bemittelten Ständen angehörte. Krank war er: dieß konnte man deutlich auf ſeinem Ange⸗ ſicht bemerken, denn ſeine dürren Wongen waren blaß und fahl; unter ſeinen Augen hingen zwei aſchfarbige Wülſte; ſein Blick war unſtät und einiger⸗ maßen verglast; aber wiewohl ſein Ausſehen von einem weit vorgeſchrittenen Uebel zeugte, waren ſeine Züge doch voll Bewegung und ſein ganzes Gebahren leidenſchaftlich und überreizt, ſo daß man ſogleich zu dem Schluß gelangen mußte, der Mann ſei mit einer ſchweren Nervenkrankheit behaftet. Ohne auf Adelina's Erklärungen zu hören, mar⸗ ſchirte er unter der Thüre auf und ab, ſtampfte auf den Boden und that hin und wieder einen kurzen Zug aus ſeiner Pfeife, um ſie nicht ausgehen zu laſſen. „Nun, wie lang wir bleiben?“ fragte er auf einmal ergrimmt. d Ihr Herr Vater noch aus⸗ die 3 A Ich abſpa 5„ in der Thüre C /N Fremd find; eine ich Lu Sie ſi hinten fälligſt Ad bis zu lichkeit deutete. zurück, von An Als die Mag eintrat. er zohe Geberde klären, 1 gebracht gekomme hicklich⸗ ner ge⸗ h muß Herr Ihnen, ere, mit niemals at. Ich , ſchien ſig, aber u laſſen, Krank m Ange⸗ en waren gen zwei d einiger⸗ ehen von waren n ganzes daß man der Mann aftet. ren, mar⸗ mpfte auf nen kurzen zu laſſen⸗ noch aus 75 „Ich erwarte ihn jeden Augenblick, Herr,“ war die Antwort. „Und wenn er noch eine halbe Stunde ausbleibt? Ich kann ſo lang nicht hier bleiben und auf⸗ und abſpazieren.“ „Sie haben es überhört, daß ich Sie erſuchte, in den Saal zu treten,“ erwiderte Adelina, eine Thüre öffnend. „In den Saal? Nein, nein,“ brummte der Fremde.„Ich bin zu ungeduldig; meine Nerven ſind zu heftig erregt. Es iſt mir unmöglich, nur eine Minute ſitzen zu bleiben. Da drinnen bekäme ich Luſt, meine Pfeife fortzurauchen. Bekümmern Sie ſich nicht um mich, Fräulein; ich werde da hinten in den Garten gehen. Rufen Sie mich ge⸗ fälligſt, wenn Ihr Herr Vater mich empfangen kann.“ Adelina führte ihn in den Garten und geleitete ihn bis zu einem Pavillon, wo ſie ihm zu ſeiner Bequem⸗ lichkeit auf ein paar Stühle und einen Tiſch hin⸗ deutete. Dann kehrte ſie langſam nach dem Hauſe zurück, während ſie unterwegs mitleidig das Loos von Annemie und ihrem armen Kinde überdachte. Als ſie dießmal zur Thüre gelangte, ſah ſie, daß die Magd ſie geöffnet hatte, und daß ihr Vater eben eintrat. Herr Heuvels ließ ſich hinter der Thüre auf einer hölzernen Bank nieder und wehrte ſeine Tochter mit Geberden ab, als ſie im Begriffe war, ihm zu er⸗ klären, welche Botſchaften man in ſeiner Abweſenheit gebracht hatte, und welche Perſonen, ihn zu ſprechen, gekommen waren. „Laß' mich ein Bischen in Ruhe!“ ſagte er, nach Luft ſchnappend.„Uff! es iſt aus mit mir!“ Aber ſeine Müdigkeit ſchien ſich alsbald zu min⸗ dern, denn nach einer kurzen Raſt rief er halb zor⸗ nig aus: „Was für ein verwünſchter Beruf, Doctor zu ſein! Des Nachts in Thau und Kälte herumlaufen, wenn die Andern ruhig ſchlafen, von Tagesanbruch drei volle Stunden an dem Bett von Jemand ſitzen, der Mühe hat, die Welt zu verlaſſen; gezwungen werden, alle Seufzer deſſelben zu zählen, und dann noch hören müſſen, wie man ſelbſt der Unmacht be⸗ ſchuldigt wird, weil ein Doctor nicht zu Gunſten der Reichen das Naturgeſetz umzuändern vermag.“ „Von wem ſprichſt Du, Vater? Von der alten Baronin von Sloſſe? „Sie iſt todt. Der junge Baron war erzürnt über mich und wagte mir höhniſche Worte zuzuwerfen, weil ich ſeine Mutter nicht am Sterben hindern konnte. Glaubt der reiche Ignorant vielleicht, daß ich Gottes Beſchlüſſe umſtoßen kann? Aber er ſoll es mir bezahlen... in klingender Münze, wohl verſtanden.— Nun, ſprich, wer iſt wieder da ge⸗ weſen?“ „Man hat angeſagt, Vater, Pächter Thomas von dem großen Hofgute ſei plötzlich ſchwer erkrankt, und Du möchteſt ohne Verzug dorthin kommen.“ „Ohne Verzug! Sie denken gewiß, ich könne mich verviertheilen?... Und dann?“ „Dann iſt Herr Van Horſt gekommen. Du weißt doch, der dort hinter dem Kaninchenbuſch auf dem Landhauſe wohnt.“ tollen Ein( hätte kehr, „C Leute: „T Geh' i Nein, ſo ſchn ſchicken deſſen Saale bin ich wir da Er richtete ſich hier voll auf Ohn ſagte de r, nach zu min⸗ alb zor⸗ ctor zu nlaufen, anbruch d ſitzen, wungen id dann acht be⸗ ſten der et alten erzürnt uwerfen, hindern cht, daß ſoll e wohl a ge mas von erkrankt, imen.“ ichönne Du weißt auf dem Warnung ausſprach, hatte er dem 77 „Ob ich es weiß! Der Lärmſchläger mit ſeinen tollen Nerven und ſeinen albernen Einbildungen. Ein Glück, daß er reich iſt und gut bezahlt; ſonſt hätte ich ihm ſchon lange den Abſchied gegeben.“ „Er iſt im Garten und wartet auf Deine Rück⸗ kehr, Vater.“ „Und iſt dieß Alles?“ „Es ſitzen da im Sprechzimmer drei arme kranke Leute und warten ſeit beinahe zwei Stunden auf Dich.“ „Die werden wohl noch etwas warten müſſen. Geh' in den Garten und rufe Herrn Van Horſt Nein, nein, ich will lieber die Sachen da drinnen ſo ſchnell als möglich abmachen und die Leute weg⸗ ſchicken, dann bin ich davon erlöst. Geh' unter⸗ deſſen zu Herrn Van Horſt und erſuch e ihn, im Saale auf mich zu warten. In einigen Minuten bin ich bei ihm. Nun, laß ſehen, was haben wir da drinnen?“ Er öffnete die Thüre richtete einen forſchenden Blick ſich hier befanden und bei ſe voll aufgeſtanden waren. ne Jemand Zeit zum Sprechen zu laſſen, ſagte der Doctor: o, Freunde, ich habe nur einige Augenblicke, um Euch zu helfen. Alſo, ſo wenige Erklärungen als möglich, und nur auf das geantwortet, was ich Euch frage.“ Während er in kurzem befehlendem Ton dieſe jungen Bauern an den Puls gegriffen und ſchaute ihm in die Augen. „Zu viel Blut,“ murmelte er,„zu dickes Blut! um der Entzündung vor⸗ Wir wollen es verdünnen, 3 zubeugen. Bleibt hier ſitzen; ich will Euch ſogleich„Mei einen ſtarken Aderlaß geben.“ 5 1„Mir einen Aderlaß geben?“ rief der Bauer. eiben Spaß, Herr Heuvels?“ faulen „Ich glaube, Sie tr Wie ſo? Wo zu viel Kraft iſt, da iſt die Kraft wollt wovon das Blut ange⸗ Kamin 77 eine Krantheit, ein Feuer, ſteckt wird; und mit zwei oder drei Aderläſſen.. zu lar aber ich bin gar nicht krank, Gott ſei ge⸗ 3„Wus wollt Ihr dann hier?“ zu Ha 3„Sie haben ſich geirrt, Herr Heuvels; es iſt„6 mein Vater, der leidet.“ wollt G Der Doctor ſchaute den jungen Mann etwas um nu beſtürzt an und biß ſich verdrießlich auf die Lippen⸗ kommer „Nun, nun, ſo macht es nicht ſo lang!“ gebot„Al Blutſau 6 er.„Was fehlt Eurem Vater?“ „Ja, Sie wiſſen es wohl, Herr,“ antwortete der Die hä Andere.„Mein Vater hat den alten Mann, wie man theuer: zu ſagen pflegt. Er iſt ſchwach und mager; er kann Her Nichts mehr eſſen und vergeht ſichtbar. Ntzt hat Thüre! er plötzlich verlangt, daß Jemand von uns Sie deß⸗ Sic dem Bl halb befrage.“ „Gut,“ antwortete der Doctor,„ich werde Euch„We ein Fläſchchen für ihn mitgeben.“ 3 t, der in der Tieſe geſſen?“ Er öffnete einen hohen Schran inen Augenblick vor dem⸗„Ach des Zimmers ſtand, blieb e ſelben ſtehen, um einige Stoffe zu miſchen, und reichte„aber w dann dem jungen Mann ein kleines Fläſchchen. ſo ſchwe „Hier!“ ſprach er,„gebt Eurem Vater alle Wenn G Stunden einen Kaffeelöffel davon, bis ein tüchtiges wir an was wir Erbrechen erfolgt.“ ig vor⸗ ezteig Bauer. els?“ ie Kraft t ange⸗ ſei ge⸗ ;es iſt n etwas Lippen. gebt ortete der wie man e Jetzt ha Sie deß⸗ erde Euch der Zieſe vor dem⸗ und reichte hchen. Vater all n tüchtiges 79 „Erbrechen?“ rief der verwunderte Bauer. „Mein Vater hat Nichts im Leibe. Wenn er nur das Leben damit nicht ausbricht!“ „Thut, was ich Euch ſage: Euer Vater hat einen faulen Magen; der Beſen muß da hinein. Wie wollt Ihr denn, daß das Feuer brenne, wenn der Kamin voll Ruß ſitzt? Geht nun, Ihr habt mich viel zu lang aufgehalten. Gegen Abend will ich nach⸗ ſehen, wie es ſteht.“ „Nein, nein, Ihr dürft nicht kommen, man hat zu Hauſe geſagt, es ſei nicht nöthig.“ „Geizhälſe“ fuhr Herr Heuvels ihn an.„Ihr wollt Euren Vater ohne ärztliche Hülfe ſterben laſſen, um nur keinen Beſuch zahlen zu müſſen. Ich werde kommen, ſage ich Euch!“ „Aber auf alle Fälle keine Blutigel, Herr, keine Blutſauger. Man will bei uns Nichts davon hören. Die häßlichen Beſtien ſind gegenwärtig furchtbar theuer und helfen doch Nichts.“ Herr Heuvels ſchob den jungen Bauern zur Thüre hinaus. Sich zu der Frau wendend, ſagte er mit ſtrafen⸗ dem Blick: „Was wollt Ihr hier? Es iſt noch eine kleine Rechnung zu bezahlen. Ihr habt es vielleicht ver⸗ geſſen?“ „Ach nein, Herr,“ antwortete die Mutter flehend; „aber wir ſind ſo unglücklich! Mein Mann iſt noch ſo ſchwach, daß er beinahe nicht arbeiten kann. Wenn Gott ihm wieder einige Kräfte ſchenkt, wollen wir an der Rechnung nach und nach abbezahlen, was wir können. Ich hoffe, Sie werden dennoch — — — — ſo viel Menſchenfreundlichkeit haben, um mein armes Kind zu beſehen und ihm Etwas zur Erleichterung zu geben.“ Der Doctor warf einen Blick auf das Kind, das vor Angſt zu weinen begann; und die Achſeln zuckend, ſagte er: „Schlechte Natur; wenig Hoffnung; es kommt unter den Boden, Euer Kind. Sein gonzer Körper ſteckt voll Schleim und verdorbener Säfte. Was kann ich anders thun, als wieder den Beſen durchjagen?“ Während die erſchrockene Mutter bebend ihm nachſah, ging er nach dem Kaſten, holte Etwas aus einer Lade und füllte es in ein Päckchen. Dieß ihr zur Hand ſtellend, ſagte er: „Gebt dieß Eurem Kinde in einem Glaſe Butter⸗ milch. Es wird etwas Leibſchmerz bekommen, aber ſo müſſen wir ſeine Eingeweide ſäubern. Es darf ſechs Stunden vor und ſechs Stunden nach dem Ein⸗ und vor Allem Nichts nehmen durchaus Nichts eſſen trinken, als laues Waſſer. So lang noch Leben da iſt, darf man immer hoffen. Man kann nicht wiſſen. Geht alſo mit Vertrauen und vergeßt die Rechnung nicht.“ „Seyd Ihr ſchon wieder da?“ fuhr er den kran⸗ ken Mann an, ſobald die Frau ſich entfernt hatte. „Schon wieder?“ murmelte der Andere.„Es ſind über drei Wochen, daß Sie mich nicht mehr ge⸗ ſehen haben. Wenn Sie mich kurirten, müßte ich nicht mehr kommen.“ „Wie kann ich Euch kuriren, da Ihr meinen Rath nicht befolgt? Ihr eßt und trinkt, ſo viel Ihr nut auſtreiben könnet.“ Doctor 2 gen, G weide meinen igel au „Ac koſten 8 Sie m ſtärken! „Ne ſteht Jl ſendſte len. M ſterbe ich Conſe armes tern d, das zuckend, kommt Körper as kann jagen?“ nd ihm vas aus Butter⸗ en, aber Es darf dem Ein⸗ m Jichts ch Leben ann nicht rgeßt die den kran⸗ it hatte. „ 8 mehr ge⸗ te ich nicht inen Rath 1 Ihr nut 81 „Das kommt daher, Herr Heuvels, daß es mir viel ſchlimmer wird, wenn ich thue, was Sie ver⸗ langen. Mein Magen iſt nicht krank, und er kann nicht von Süßholzwaſſer und Buttermilch leben.“ „Warum kommt Ihr dann hieher, wenn Ihr glaubt, daß Euer Magen ein beſſerer Doctor iſt, als ich?“ „Ich komme, weil ich krank bin, weil ich vom Armenkaſten unterhalten werde und alſo anderswohin nicht gehen kann. Ich habe wieder ſchwere Schmer⸗ zen gehabt; es iſt da irgendwo an der Leber. Mich dünkt, daß ich es nicht lang mehr treiben werde, Doctor.“ „So iſts recht. Die Leber? Nein, Euer Ma⸗ gen, Eure Leber, Eure Galle, Euer ganzes Einge⸗ weide iſt angeſteckt. Ich will dieſen Nachmittag meinen Diener ſchicken, um Euch ein Dutzend Blut⸗ igel auf die Bruſt zu ſetzen.“ „Ach, Herr,“ flehte der Kranke,„die Blutigel koſten den Armenkaſten ſo viel Geld. Verſchreiben Sie mir lieber Etwas, um mich ein Bischen zu ſtärken!“ „Nein, ein Dutzend Blutigel, ſage ich. Was ver⸗ ſteht Ihr davon? Der geringſte Bauer, der unwiſ⸗ ſendſte Menſch will heutzutage gar den Doctor ſpie⸗ len. Marſch, packt Euch fort: meine Zeit iſt koſtbar.“ „Ja wohl,“ brummte der Kranke abgehend;„ich ſage, es ſoll kein Blutigel mir auf den Leib kommen. Zu viele dieſer Menſchenmörder haben mir ſchon die Kräfte ausgeſogen. Wenn ich doch hinunter muß, ſterbe ich lieber mit dem Bischen Blut in den Adern, 6 Conſcience, der junge Doctor. —— das Ihre verrätheriſchen Beſtien mir noch übrig ge⸗ laſſen haben.“ Herr Heuvels wurde zornig und bedrohte den halsſtarrigen Mann; dieſer aber lief nach der Thür und entfloh dem Zorn des verhöhnten Doctors. Unzufrieden und brummend begab ſich der Doctor nach dem Saal, wo der nervenkranke Herr auf⸗ und abgehend ihn erwartete. „Zum Teufel, Doetor,“ rief dieſer,„Sie machen ja, daß ich vor Ungeduld vergehe! Ich bin gekom⸗ men, mit Ihnen eine gründliche und entſcheidende Unterredung zu halten.“ „Es würde mir angenehm ſein, mich Ihnen ganz u Dienſten zu ſtellen, Herr Van Horſt,“ antwortete der Doctor;„aber man hat mich nach dem großen Hofgute gerufen, wo der Pächter von einer Krank⸗ heit befallen worden iſt. Sie ſehen alſo, ich habe keine Zeit.“ „Sie müſſen ſich Zeit nehmen! So krank Pächter Thomas auch ſein mag, er iſt nicht kränker als ich, ſeien Sie überzeugt! Dieſe ganze Nacht habe ich kein Auge ſchließen können; ich habe mich gewälzt, die Beine über einander geworfen, Sprünge gemacht, gleich einem Fiſche auf dem Roſte. Mein Herz hat gehämmert und gegen den Magen geklopft; meine Ohren haben geklingelt und geſaust; ich habe die ſchrecklichſten Dinge geträumt und geſehen; meine Nerven ziehen und zittern ſo heſtig über meinen ganzen Körper, daß ich einzeln fühlen kann, wie ſie arbeiten, gleich Schnüren, die in meinen Gliedern ausgeſpannt ſind. Zudem empfinde ich wieder den ſchmerzlichen Druck unter meinem Mogen. Es muß chen la dem ſin gen me ein G Sie Beſſe doch Sie1 Wiſſe aufric kenner wieder iſt da Entzün von K krankhe men, 1 F Syſtem ſo ung Sie m D „Yd, g habe mi tig ge⸗ te den rThür rs. Doctor uf⸗ und machen gekom⸗ eiene en ganz twortete großen rKrank⸗ ich habe Pächter habe ich gewälzt, gemaocht, Herz hat t; meine habe die a; meine r meinen n, wie ſie Gliedern ieder den Es muß 83 ein Ende nehmen! Es ſind jetzt ſechs Monate, daß Sie mich unter den Händen haben, und anſtatt der Beſſerung wird es mit mir immer nur ärger. Und doch haben Sie mich ſtets glauben gemacht, daß Sie mir in kurzer Zeit Heilung verſchaffen können. Wiſſen Sie keinen andern Rath, ſo ſagen Sie mir aufrichtig, daß Sie die Natur meines Uebels nicht kennen.“ „Daß ich die Natur Ihres Uebels nicht kenne?“ wiederholte der Doctor in ärgerlichem Tone.„Was iſt daran zu kennen? Alle Krankheiten kommen von Entzündung her: dieſe iſt Folge eines Uebermaaßes von Kraft in einigen Theilen des Körpers. Um das Gleichgewicht wieder herzuſtellen, muß man nur die krankhafte Kraft, das überflüſſige Feuer da wegneh⸗ men, wo es ſich angehäuft hat.“ „Sie ſprechen immer daſſelbe; aber wenn dieſes Syſtem wirklich auf Wahrheit beruht und mein Uebel 0 ungemein leicht zu erkennen iſt, warum heilen Sie mich dann nicht?“ „Die Nerven, ſehen Sie, Herr Van Horſt, brau⸗ chen lange Zeit zu ihrer Wiederherſtellung. Und zu⸗ dem ſind Sie ein eigenwilliger Kranker. Sie befol⸗ gen meinen Rath nicht.“ „Ich befolge Ihren Rath nicht?“ rief der Kranke. „Ja, gäbe Gott, ich hätte ihn niemals befolgt! Ich habe mich wie ein Sclave Ihrem Willen unterworfen. Wer weiß, ob dieß nicht mein Unglück iſt?“ „Sie eſſen zu viel!“ murrte der Doctor, der ſich tief verletzt fühlte und mit Mühe ſeinen Zorn be⸗ zwingen konnte. „Ha, ha, ich eſſe zu viel!“ ſpottete der Andere. 6* „Alle Tage Buttermilch oder dünne Suppe und ein Stückchen Huhn, das ein Kind in den Mund ſtecken könnte! Hätte ich meine Pfeife nicht, um meinen Magen zu betrügen, ich wäre längſt unterlegen. Ich ſterbe vor Hunger vom Morgen bis zum Abend.. und ich eſſe zu viel!“ „Und Sie halten ſich nicht ruhig, wie ich Ihnen befohlen habe. Wer hat Ihnen erlaubt, ſelbſt hieher zu kommen und ſich ſo geſährlicher Weiſe abzumühen und aufzuregen?“ „Es iſt wahr, Sie haben mir alle Bewegung verboten; aber ich kann es nicht mehr aushalten. Dieſe ganze ſchlafloſe Nacht habe ich über meinen ſchlimmen Zuſtand nachgedacht, und es ſteht bei mir nun feſt beſchloſſen, es mit einem ondern Heilmittel zu verſuchen; denn, glauben Sie mir, Ihr Syſtem der Erſchöpfung führt mich unfehlbar zum Grabe.“ In der Ueberzeugung, daß Herr Van Horſt einen Werth auf ſeine Behondlung ſetze, wohl geſtattet wäre, des läſtigen Kran⸗ o auf und ſprach ungemein hohen glaubte der Doctor, daß es ihm einige Strenge zu gebrauchen, um ken los zu werden. Er ſtand alſ mit trotziger Ungeduld: „Nehmen Sie mir nicht übel, Herr Van Horſt; aber ich habe jetzt keine Zeit, länger Ihre Klagen mit anzuhören. Wenn Sie es beſſer wiſſen, als ich, wie Ihrem Uebel abzuhelfen iſt, ſo haben Sie Nie⸗ mand nöthig und können ſich ſelbſt kuriren.“ „Aber, Herr Heuvels, warum wollen Sie nicht einmal es mit einer andern Heilmethode probiren? Ich bin doch Herr über mich ſelbſt, Wohlan, ich erſuche Sie, ich bitte Sie, laſſen Sie nicht wahr? uns ſetze dere gebe ſich ein 2 Ihne vollſt holzn wohl 3 Krant S 1 als J Schick Sie„ D erſchre Van ſo rei verbar Kranke „T venkra danken chen S wir we und ich ein üb und da nd ein ſtecken meinen n. Ich end Ihnen t hieher umühen wegung Shalten. meinen bei mir eilmittel Syſtem Grabe.“ rſt einen ing ſeßze, ttet n en Kran⸗ ſprach an Horſt; re Klagen n, als ich, Sie Nie⸗ U Sie nicht probiren? icht wahr laſſ en S ie 85 uns allen dieſen abſchwächenden Mitteln ein Ziel ſetzen; Sie haben nun ſechs Monate lang keine an⸗ dere als ſchlechte Wirkungen bei mir gehabt. Nun, geben Sie einmal nach; was rathen Sie mir?“ „So iſt es recht!“ rief der Doctor.„Jetzt wollen ſich die Kranken ſelbſt ihre Recepte ſchreiben! Aber ein Arzt fügt ſich nicht in ſolche Grillen. Was ich Ihnen rathe, fragen Sie? Einen guten Aderlaß, vollſtändige Ruhe, beinahe Nichts eſſen und Süß⸗ holzwaſſer einige Tage trinken; denn Sie begreifen wohl... „Genug, genug, Herr Heuvels!“ fiel ihm der Kranke in's Wort, indem er zornig aufſtand;„da Sie unerbittlich ſind, kann ich nichts Anderes thun, als Ihnen für Ihre bisherigen Bemühungen danken⸗ Schicken Sie mir gefälligſt Ihre Rechnung und ſtellen Sie Ihre ferneren Beſuche ein!“ Dieſer unerwartete Befehl ſchien den Doctor zu erſchrecken. Was für ein läſtiger Kranker auch Herr Van Horſt ihm war, er hätte doch nur ungern einen ſo reichen und freigebigen Patienten verloren. Er verbarg jedoch ſeine Unruhe, faßte die Hand des Kranken und fagte lachend: „Das iſt nicht Ihr Ernſt, Herr Van Horſt. Ner⸗ venkranke Leute haben doch recht unbegreifliche Ge⸗ danken! Setzen Sie ſich nieder, mein Freund; ma⸗ chen Sie ſich's bequem, ſtecken Sie Ihre Pfeife an; wir wollen einmal gründlich Ihr Uebel beſprechen, und ich werde Ihnen beweiſen, daß es Nichts als ein überflüſſiges Feuer in Ihren Eingeweiden iſt, und das muß erſtict werden — — — — — Der Andere zog ſeine Hand zurück und ſprach im Tone unabänderlichen Entſchluſſes: „Nein, nein, ich will Nichts mehr hören. Ich will Ihnen gern befreundet bleiben; aber jetzt muß ich ſchnell zu einem andern Doctor gehen. Sie wiſſen wahrſcheinlich, daß ein nervenkranker Menſch hart⸗ näckig auf ſeinem Vorhaben beharrt und bereit iſt, es auszuführen?“ „Setzen Sie ſich noch einen kleinen Augenblick nieder,“ wiederholte Herr Heuvels mit freundlichem Lächeln.„Alſo, Sie ſind auf den Gedanken gekom⸗ men, ſich einen andern Doctor zu u Sie Acht, Herr Van Horſt, und laſſen Sie ſich nicht durch den Schein verführen. Es laufen gegenwärtig viele junge Leute herum, die kaum der Univerſität entſchlüpft ſind, welche die einfältigen Leute durch ihre hochtrabenden Phraſen und all das Flittergold ihrer gelehrten Quackſalberei zu verblenden ſuchen; — aber ich frage Sie nur Eins: was können dieſe wiſſen? Sie haben nicht die mindeſte Erfahrung und geben den Kranken, links und rechts ohne Gründe, allerlei gefährliche und unbekannte Medicinen, ſelbſt giftige Metalle, die monchmal ſcheinbare Geneſung bringen, aber mittlerweile in den Körper einen Keim niederlegen, welcher ſpäterhin das Leben des Patien⸗ ten definitiv verkürzen muß. Ich bitte Sie als Freund, überlaſſen Sie ſich doch ſolchen ungeſchickten Händen nicht!“ „Sie ſprechen von dem jungen Doctor da drü⸗ ben?“ fragte der kranke Herr.„Man erzählt ſich doch viel Gutes von ihm. Ich kenne ihn nicht, aber dem zieml Doct Witt Kund Hie: kann fehlbe ſalbe daß mit d es fe welch Uebel Jüng ein ko man Wie, überze anneh 5 Heuve 4 — gebe betriff brauch fragen rühmt rector „ ſprach tmuß wiſſen hart⸗ eit iſt, genblick dlichem gekom⸗ Geben ich nicht nwärtig iverſität te durch ittergold ſuchen; nen dieſe ung und Gründe, en, ſelbſt Geneſung nen Keim s Potien⸗ Sie als P da drü⸗ rzählt ſich nicht, aber 87 dem umlaufenden Gerüchte zufolge wird er doch ziemlich zu thun bekommen.“ „Ich ſpreche im Allgemeinen von den jungen Doctoren ohne Erfahrung. Was den Sohn der Wittwe Valkiers betrifft, ſo hat er nicht ſo viele Kunden, als man die Leute glauben zu machen ſucht. Hie und da ein armer Menſch, der nicht bezahlen kann; einige aufgegebene Kranke, die zu einem un⸗ fehlbaren Tod verurtheilt ſind und von einem Quack⸗ ſalber zum andern laufen. Ich will nicht läugnen, daß der junge Valkiers gute Studien gemacht hat; mit der Zeit wird er ſeinen Beruf wohl lernen, denn es fehlt ihm gewiß nicht an gutem Willen; aber welcher vernünſtige Mann wird bei einem ernſtlichen Uebelbefinden ſeine Geſundheit und ſein Leben einem Jüngling ohne Erfahrung anvertrauen? Wenn man ein koſtbares Möbelſtück wiederherzuſtellen hat, zieht man dann den Lehrling oder Meiſter zu Rathe?— Wie, ſetzen Sie ſich nieder, Herr Van Horſt; ich bin überzeugt, Sie werden ſich beruhigen und Vernunft annehmen.“ „Nein, ich muß Sie verlaſſen.“ „Um zu Adolph Valkiers zu gehen?“ fragte Herr Heuvels mit ſpöttiſchem Lächeln. „Durchaus nicht,“ antwortete der Andere.„Ich gebe Ihnen Recht, was bie allzu jungen Doctoren betrifft; und da ich auf die Koſten nicht zu ſehen brauche, werde ich dieſes Mal Männer um Rath fragen, welche durch Erfahrung und Wiſſenſchaft be⸗ rühmt ſind. Kennen Sie Herrn Sommé, den Di⸗ rector des Hoſpitals von Antwerpen?“ „Herrn Somms? Herrn Sommé?“ ſcherzte Heu⸗ r Wundarzt, ein geachteter Chirurg, ür innerliche Krankheiten, wie die chte Mann nicht. Ich weiß zum n wird... Und ſehen vels;„ein gute allerdings; aber f Ihrige, iſt er der re Voraus, was er Ihnen rathe beweiſen, daß ich ſelbſt Sie, Herr Van Horſt, um zu meine Erfahrung Ihnen zu Gefallen verläugnen will, will ich eine andere Heilmethode mit Ihnen probiren. Nehmen Sie einen Stuhl und ſetzen Sie ſich her. Ich will eine töſtliche Flaſche alten Portweins her⸗ aufholen; zu Ihrer Pfeife wird er Ihnen ausneh⸗ mend gut ſchmecken.“ „Ich danke, Herr Heuvels,“ lautete die Antwort. „Freundſchaftlich geſprochen, Ihre Bemühungen ſind nutzlos. Mein Entſchluß iſt gefaßt: Nichts vermag ihn mehr zu ändern. Leben Sie wohl, ich bin Ihnen erkenntlich für Ihre Sorge.“ Er ſchritt auf die Thüre des Saales zu; der Doctor ſprang ihm nach, faßte ihn bei der Hand und beſtrebte ſich, ihn zurückzuhalten. „Ei, ei, ſo mich verlaſſen, Herr Van Horſt? Ihr Entſchluß kann nicht ernſtlich gemeint ſein,“ jagte er in bittendem Tone. „Sehr ernſtlich, unumſtößlich. Laſſen Sie mich gehen; ich habe Eile; die Nerven treiben mich fort;“ ſagte der Kranke, indem er halb mit Gewalt ſeine Hand aus den Händen des Doctors losmachte und den Saal verließ. Ihm bis unter die Hausthüre folgend, ſtammelte Heuvels noch: „Ich ſoll einen ſ Einen Mann, den ich a wahren Freund? Ach, das iſt nicht möglich!“ o guten Kranken verlieren? chte und liebe, wie einen rief“ welch ihn e § verni und: Saale über in ei Tilbut H ſchaute Lächel ſelbſt: erſchöp loren! jährlick iſt! M wie vo werde Jahres gut zu der Un beide§ Ab ben, m ſetze, ſp wahr, man er hirurg, vie die iß zum ſehen h ſelbſt en will, obiren. ch her. ns her⸗ ausneh⸗ ntwort. gen ſind vermag n Ihnen zu; der er Hand it ſein,“ Sie mich ichefort;“ alt ſeine chte und ſtammelte erlieren? wie einen 89 „Es iſt ſo! Leben Sie wohl! Leben Sie wohl!“ rief der Andere, indem er auf die Chaiſe zulief, welche einige Schritte von der Thüre bereit ſtand, ihn aufzunehmen. Herr Heuvels blieb noch einen Augenblick wie vernichtet und brummend unter der Thüre ſtehen— und wandte ſich dann wieder nach dem Eingang des Saales. Er ſah den Knecht mit einem Bündel Heu über den Hof laufen, befahl ihm in ärgerlichem Ton, in einer Viertelſtunde den Grauſchimmel an den Tilbury zu ſpannen, und trat wieder in den Saal. Hier legte er die Hand auf eine Tiſchecke und ſchaute gedankenvoll zu Boden. Während ein bitteres Lächeln über ſeine Lippen zog, murmelte er bei ſich ſelbſt: „Unglücklicher Tag! Keine Ruhe; abgemattet, erſchöpft und ſterbensmüde. Die alte Baronin ver⸗ loren! Eine Kranke, die Gold werth war, eine gute jährliche Rente! Herr Van Horſt, der mir entſchlüpft iſt! Meine zwei beſten Kunden. Es iſt ein Verluſt, wie von vierzig andern Kranken auf einmal. Ich werde es empfinden, übel empfinden am Ende des Jahres. Und kein Mittel, um den Schaden wieder gut zu machen: es gab nur zwei ſolche Kunden in der Umgegend!“ Er ſank auf einen Stuhl, legte den Kopf in beide Hände und fuhr in erregtem Tone fort: Aber haben die Leute einander das Wort gege⸗ ben, mir Verdruß anzuthun? Wohin ich den Fuß ſetze, ſpricht man mir von Adolph Valkiers! Es iſt wahr, man hat noch kein Vertrauen zu ihm und man erkennt, daß es ihm noch an Erfahrung fehlen muß; leid, ſeine Dienſtfertigkeit. nendes in Hut ſein, denn der junge Mann Aber es ſoll ihm e Wiſſenſchaft, ſein Mit⸗ Es liegt etwas Gewin⸗ ß auf meiner aber man rühmt ſein ſeinem Angeſicht. Ich mu könnte mir ein ernſtlicher Nebenbuhler werden. nicht ſo leicht gelingen. Doctor Heuvels wird ſich nicht ohne Kampf durch einen Neuling ſeine recht⸗ mäßig erworbene Praxis rauben laſſen! Ha, ha, laubt der Doctor von geſtern.. eihe Thür öffnen und Er ſchwieg, denn er hörte erkannte den leichten Schritt ſeiner Tochter. Adelina blickte eine Weile ihren Vater an und ſchüttelte mit zärtlichem Mitleid den Kopf. Dann rückte ſie einen Stuhl an ſeine Seite, legte ihm ſchmeichelnd ihren Arm an die Schulter und ſagte: „Armer Vater! Du biſt ſchrecklich abgemattet, nicht wahr? Dieſe Nacht nicht geſchlafen, den gan⸗ zen Morgen weg, und jetzt wieder auf das große Hofgut! Ach, Du biſt zu beklagen! Es ſchmerzt mich, Dich ſo angeſtrengt zu ſehen. Wenn der Menſch von Jugend auf gearbeitet und Sclavendienſte ge⸗ than hat, wie Du, dann verdient er wohl ein wenig Ruhe in ſeinen alten Tagen; aber Du, Vater, gönnſt Dir ſelbſt keinen Aygenblick Erholung.“ „Es iſt ein verwünſchtes Ding um dieſen ärzt⸗ lichen Beruf!“ brummte Herr Heuve s.„Will man ſeine Kunden behalten und Geld verdienen, dann muß man bis an ſein Lebensende in dem Karren bleiben.“ „Geld verdienen, Vater? Für wen? Für mich für Dein einziges Kind, nicht wahr? Du haſt bereits n Mit⸗ Gewin⸗ meiner nir ein oll ihm ird ſich ie recht⸗ Ha, ha, nen und an und Dann egte ihm gemattet, den gan⸗ as grße nerzt mich, Menſch dienſte ge⸗ ein wenig ter, gönnſt ieſen ärzt⸗ „Will mon nen, dann em Karren Für mich haſt bereit? 91 mehr verdient, als für mein Glück nöthig iſt. Wir ſind reich.“ „Reich? Wir haben wohl etwas. Das iſt aber kein Grund, ſeinen Wohlſtand nicht zu vergrößern, ſo lang es möglich iſt. Das Schlimmſte iſt, daß man ſich in unſerem Berufe ſo ſchrecklich abmühen muß... Wahrhaftig, Adelina, mir geht faſt der Athem aus, meine Kniee ſind ſchwer, mein Rückgrat will ſich nicht mehr biegen. Bereits bin ich acht Stunden auf den Beinen! Bei der Baronin mußte ich drei Stunden lang ſtehen bleiben!“ „Das iſt wahrlich zu viel!“ klagte das Mädchen. „Du wirſt deine Geſundheit ruiniren. Und was ſoll mir der Reichthum helfen, wenn ich weiß, daß er meinem Vater das Leben verkürzt hat?“ Herr Heuvels drückte, von den ſüßen Worten ſeiner Tochter gerührt, ihre Hand. „Du übertreibſt das Uebel, Adelina,“ ſagte er. „Ich wünſchte allerdings, daß man mir ein Bischen Ruhe ließe, aber da iſt nichts zu machen, mein Kind. Ein Doctor ſteht in den Dienſten des Publikums, und wenn man ihn ruft, muß er gehen.“ „Ich habe ſeit dieſem frühen Morgen an Dein ſchweres und mühevolles Loos gedacht,“ fuhr das Mädchen fort.„Mein Mitleid, die Beſorgniß, Du ſetzeſt Deine theure Geſundheit einer Gefahr aus, laſſen mich deutlich die Nothwendigkeit größerer Ruhe Dich erkennen. Es gibt ein Mittel, ein bequemes ittel „So, Du haſt ein Mittel gefunden? Ich zweifle daran. Laß hören dieſes Mittel!“ „Ich ſpreche im Ernſt, Vater, ſehr im Ernſt; lieben Gott wie für eine Wohl⸗ Dir eingibt, meinen Rath zu ehr ſo viele Kranke und ich werde dem that danken, wenn er befolgen. Hätteſt Du nicht m zu beſuchen und zu behandeln, ſo könnteſt Du aus⸗ ruhen, Vater; ich genöſſe öſters und länger Deiner ir dürften uns mit einander einen Gegenwort, und wir s in dem Garten an unſern Blumen Theil des Tage erfreuen; wir dürften auch einmal in den Wäldern ſpazieren gehen, oder unſern Freunden einen Beſuch machen. Nun kannſt Du nirgends einen Augenblick verweilen, ohne befürchten zu müſſen, daß man Dich abruft, oft um ſehr weit zu gehen und Stunden lang wegzubleiben.“ „Es iſt ſo, mein Kind; aber das Mittel, dieß anders zu machen? Ich glaubte, Du hätteſt es ge⸗ funden?“ Adelina ſtreichelte, als ſähe ſie voraus, wie ſchwer es halten würde, ihren Vorſchlag annehmbar zu machen, ihren Vater mit der Hand und ſagte dann mit dem ſüßeſten Ton ihrer Stimme: „Wenn Du das Amt des Armendoctors auf⸗ gäbeſt, Vater! Das macht Dir wohl am meiſten Mühe und die beſchwerlichſte Arbeit. Niemand kann Dich zwingen, länger dieſen Dienſt zu ver⸗ ſehen.“ Herr Heuvels ſah ſeine Tochter mit einem halben Lächeln an und ſchüttelte verneinend den Kopf. „Ich beſchwöre Dich, lieber Vater,“ flehte Ade⸗ lina,„um Deiner Geſundheit willen und aus Liebe zu mir, verwirf meinen Rath nicht. Du könnteſt über⸗ dieß alle gewöhnlichen und minder bedeutenden Krank⸗ heitsfälle einem Andern überlaſſen und für Dich ſelbſt die V eine einma Leben 6 fältige Herrn denn e auf ſei eines 1 antwor „H Nachdr tend m glücklich gewiß, wage e es herr Hauſe. Etwas Alles g als ihr dacht, be Aufopfer was der drei Mo tath zu Kranke as⸗ Deiner er einen Blumen Wäldern ugenbli 2 Dich Stunden ſt es ge⸗ us, wie mehmbar und ſagte tors auf⸗ meiſten Niemand zu ver⸗ em halben Kopf. lehte Ade⸗ s Liebe zu nteſt über⸗ den Krank⸗ Dich ſelbſt 93 die Vorkommniſſe behalten, die ernſtlicher Art ſind und eine große Erfahrung vorausſetzen. Bedenke doch einmal, wie viel ruhiger und zufriedener unſer beider Leben dann ſein würde?“ „Du machſt Dir da eine ſchöne Rechnung, ein⸗ fältiges Kind, das Du biſt!“ ſcherzte der Doctor. „Und wer ſoll dann die Kranken beſorgen?“ „Glaubſt Du nicht, Vater, Adolph Valkiers würde ſich gern dieſer Aufgabe unterziehen? Und was die Fähigkeit betrifft, daran fehlt es ihm ſicherlich nicht.“ Es ſchien, als ob dieſer Name in dem Ohre von Herrn Heuvels keinen günſtigen Eindruck hervorbringe; denn es zeigte ſich ein Lächeln der Geringſchätzung auf ſeinen Lippen, während er murmelte: „Ich ſollte meine armen Kranken den Händen eines unerfahrenen Jünglings überliefern? Die Ver⸗ antworlichkeit wäre zu groß. „Höre mich an, Vater,“ fuhr Adelina mit mehr Nachdruck fort,„ich werde einen andern Grund gel⸗ tend machen. Unſere Freunde da drüben ſind un⸗ glücklich. Sie leiden in der Stille; aber ich weiß gewiß, daß ihr Herz vor Kummer überläuft. Ich wage es beinahe nicht zu ſagen; aber mich dünkt, es herrſchen Geldverlegenheit und Noth in dieſem Hauſe. Franciska hat mir genug geſagt, um ſo Etwas vermuthen zu laſſen. Die guten Leute haben lles gethan, um Adolph ſtudiren zu laſſen, mehr, als ihr Vermögen ihnen geſtattete. Sie haben ge⸗ dacht, bei Adolphs Heimkehr werden ihre edelmüthigen ufopferungen ihnen vergolten;— und weißt Du, was der arme junge Mann verdient hat, ſeit den drei Monaten, da er hier wohnt?“ mußte das Gef von einer gefäh tors Gemüth verm Tone bemerkte er: ſeinen Rechnungen ſo genau be⸗ kannt, als ob D auf der Straße ver t Francs vielleicht?“ ig Francs.“ eringem Erfolg „Einige hunder „Nein, Vater, fünfundzwanzig. Die Erklärung von Adolphs gering ühl des Verdruſſes und der Beſorgniß rlichen Rebenbuhlerſchaft in des Doe⸗ indert haben, denn in leichterem „Du biſt mit u ſeine Bücher führteſt.“ „Franciska hat es mir geſagt, als ich ihre Mutter in Thränen überraſchte.“ ichtig. Wenn ſo Etwas ſt recht unvorſ lautete, würden Adolp dadurch ſich gewiß nicht verbeſſern.“ „Man hat Glauben an meine Freundſchaft, Vater.“ „Und Du kommſt jetzt, es mir zu erzählen!“ Sollte ich an dem Edelmuth „Franciska i S h3 Umſtände „Dir? Du ſpoſſeſt. meines Vaters zweifeln?“ „Nein, Du haſt Recht, mein Kind. Aber was willſt Du, daß ich dabei helfen ſoll? Mußte Frau Valkiers einen Arzt aus ihrem Sohne machen? Lau⸗ fen noch nicht Doctoren genug unter er Sonne herum? Warum hat ſie t ein Handwerk Adolph nich 5 lernen laſſen, oder ihn für die Kaufmannſchaft be⸗ ſtimmt? Sie wäre all dieſem Verdruß entgangen. Jetzt iſt es wahrſcheinlich zu ſpät.“ Adelina faltete die Hände und flehte mit einer der Stimme: gewiſſen Begeiſterung in der Wohlthäter dieſer unglücklicher „O, werde 9 Familie! Erinnere Dich, daß Adolphs Vater Deir d bis an das Ende ſeines Lebens war beſter Freun ſegnen! Dich he funkelter an; er junge Y beugt ur halb„w tung zwi Herr friedenhei egen Ak agen, n Erſolg ſorgniß 8 Doe⸗ chterem nau be⸗ Mutter o Etwas Umſtände „Vater.“ len Edelmuth Aber was ußte Frau hen? Lau⸗ er Sonne Handwerk mſchaft be⸗ entgangen. e mit einer mglückliche friedenheit zu kämpfen. Wenn er Vater Deit 95 Verſichere Dich der Ruhe Deiner alten Tage durch Ausübung eines Werkes der Barmherzigkeit!“ „Aber wie? Du willſt doch nicht, daß ich ihnen Geld gebe?“ „Geld, lieber Vater?“ rief das Mädchen. O nein, nein, Geld würde ſie erniedrigen. Tritt Adolph Deine Stelle als Armenarzt ab, überlaſſe ihm mit Vertrauen die Leute für alle gewöhnlichen Jälle. Lege ſo Deine überflüſſige Arbeit auf ſeine Schultern.“ „Aber er hat keine Erfahrung!“ rief Herr Heu⸗ vels, der wieder übler Laune wurde. „Allerdings; aber biſt Du nicht hier, Vater, um ihn durch Deinen Rath aufzuklären? Sieh' doch ein⸗ mal, du würdeſt eine ganze Familie glücklich machen! Der arme Adolph wird Dich als ſeinen Wohlthäter ſegnen! Er, der ſchon ſo viel Liebe und Achtung für Dich hat!“ „So?“ murmelte Heuvels,„es hat mir aber doch Jemand geſagt, er ſpreche übel von mir.“ „Adolph? Adolph übel von Dir ſprechen, Vater?“ rief das Mädchen mit Augen, die vor Entrüſtung funkelten.„Adolph erkennt Deine große Erfahrung an; er achtet und liebt Dich. Wenn der arme junge Mann den Kopf hängen läßt und ſichtbar ge⸗ beugt unter einem nagenden Kummer einher geht, ſo bin ich überzeugt, es geſchieht hauptſächlich deß⸗ halb, weil dieſer ärztliche Beruf eine gewiſſe Erkäl⸗ tung zwiſchen Dir und ihm erzeugt hat.“ Herr Heuvels ſchien gegen eine geheime Unzu⸗ die ſtrengen Worte egen Adolph, die ohne Zweifel auf ſeinen Lippen Lebens war lagen, nicht fogleich ausſprach, ſo geſchah es nur, — — weil er nach einer Form ſuchte, wodurch er der Be⸗ ſchuldigung von Mißgunſt oder Eiferſucht in den Augen ſeiner Tochter entgehen konnte. Adelina als ein Sein Stillſchweigen betrachtete tiefes Nachſinnen und hielt flehend die hoffnungs⸗ vollen Augen auf ihren Vater gerichtet. Herr, der Tilbury ſteht vor der Thüre bereit,“ rief ein Diener, indem er an das Fenſter des Saoles klopfte. Sich erhebend, ſagte Heuvel liche Abſicht zu ſeiner Tochter: „Adelina, Du biſt gewiß in meiner Abweſenheit bei den Valkiers geweſen?“ „Nein, Vater,“ war die Antwort.„Seitdem Du Dich darüber ausgeſprochen haſt, beſuche ich Fran⸗ ciska nie mehr, ohne Dich vorher um Erlaubniß zu fragen.“ „Und Adolph ha tretung eines Theile „Ich ſehe Adolph ſehr ſelten, Vater; er iſt immer entweder auswärts, oder ſtudirt in der Einſamkeit. Seine Augen allein ſcheinen, wenn er mich im Vor⸗ beigehen ſieht, zu klagen und nach Troſt zu ſuchen 8 meine Liebe Nichts hat mir den Rath eingegeben, al zu Dir und mein Mitleid mit unſern armen Freun den. Ich muß Dich daran erinnern, Vater, daß Du mir ſeit Sonntag Erlaubniß gegeben haſt, Frau ciska dieſen Nachmittag zu beſuchen. Sie weiß 6 und wartet gewiß mit frendiger Ungeduld auf di Stunde meiner Ankunft. Die guten Leute ſehen mi ſo gern, doß einige Worte vön mir genügen, s, nicht ohne merk⸗ t Dich angetrieben, mir zur Ab⸗ s meiner Kranken anzurathen?“ un Das geweſen, hatte, b Wolkenſch zu einen worin me zen Flecke durch tei Co nſe r Be⸗ n den als ein nungs⸗ bereit,“ Saales ne mert⸗ weſenheit tdem Du ich Fran⸗ ubniß zu rzur Ab⸗ urathen?“ iſt immer Einſamkeit. h im Vor⸗ u ſuchen meine Liebe nen Freun Vater, daß haſt, Frot Sie weiß 6 uld auf 5 te ſehen mit enügen, W 97 ihre Betrübniß in Freude zu verwandeln. Ich darf gehen, nicht wahr, Vater?“ „Es ſei ſo, da ich es Dir verſprochen habe,“ murmelte Heuvels, indem er halb unzufrieden die Achſel zuckte. Als ſie ſah, daß ihr Vater ſich nach der Saal⸗ thüre wandte, legte Adelina ihren Arm um ſeinen Hals, ſchaute ihm bittend in die Augen und flüſterte: „Lieber Vater, darf ich hoffen? Willſt Du unter⸗ wegs Dich darüber bedenken? Gott wird Dich ſegnen!“ „Nun lebe wohl, bis auf Weiteres,“ antwortete er, die Lippen zu einem nicht ſehr günſtigen Aus⸗ druck zuſammenziehend.„Ich will es mir bedenken, Kind; aber meine Kranken einem Neuling ohne Er⸗ fahrung abtreten? Das iſt eine ſchlimme Sache.„ Adelina ſah ihren Vater in den Tilbury ſteigen und das Fuhrwerk auf der Straße verſchwinden. Sie ließ den Kopf auf die Bruſt ſinken und ſeufzte mit Thränen in den Augen „Armer Adolph!“ IV. Das Wetter war ſeit eini geweſen, und wiewohl der Regen jetzt aufgehört hatte, blieb doch die Luft wie mit einem dunkeln Wolkenſchleier verhängt. Erde und Himmel ſchienen zu einem unendlichen Nebelklumpen verſchmolzen, worin man die fernen Waldungen nur gleich ſchwar⸗ zen Flecken unterſcheiden konnte. Eine gewiſſe Trauer gen Tagen ſehr ſchlecht laſtete über der Natur, eine trübe, feierliche Stille, durch kein anderes Ger Conſcience äuſch geſtört, als das ein⸗ der junge Doctor. 7 nvon Raben, die unſichtbar in dem ſame Krächze rauen Dunſtmeere herumtrieben. Um dieſe Stunde ſchritt Adolph Valkiers eiligen Schrittes auf einem Fußpfad über die Haide. Die Spuren der anſtrengenden Studien waren noch nicht ganz aus ſeinem Angeſicht verſchwunden: ſeine Wangen waren noch eingefallen, und ſeine Stirne von den Falten beharrlichen Denkens ge⸗ furcht; aber zu dieſen Zeichen von geiſtiger Arbeit hatten ſich die Zeichen geheimen Kummers und tiefer Sein Haupt hing vorn über; Muthloſigkeit geſellt. ächeln kam und verſchwand auf ſeinen ein trauriges Läche ſ Lippen, und ohne daß er es wußte, murmelte er zuweilen den Namen ſeiner Mutter im Tone zärt⸗ lichen Mitleids, oder ängſtlicher Betrübniß. Der träumende Jüngling dachte an die Hoffnung, welche er als Student gehegt hatte, und an die Entzauberung, der er ſeit ſeiner Rückkehr in das heimathliche Dorf unterworfen worden war. Während der letzten Jahre ſeiner Studien hatte ein doppeltes Ziel, das ihm gleich einer hellen Leuchte die Richtung ſeiner Lebensbahn vorzeichnete, ſeine ganze Kraft und ſeinen Muth in Anſpruch gue er men. Er mußte durch ſeine Arbeit und ſeinen dienſt als Arzt ſeiner Mutter und Franciska den Wohlſtand zurückgeben, den ſie aus Liebe zu ihn aufgeopfert hatten; er ſollte überdieß all ſein Den vermögen, all ſeine Zeit und ſeine Wiſſenſchaft de Pflege der Kranken in ſeinem Dorfe widmen un ſomit frommen Sinnes die edle Sendung erfülle welche er mit Ueberzeugung und Glauben übernon men hatte. A nach erkenn lich b Menſe kein ſeine der ni Bedür W behant laſſene neien Diejen den n wählen Vertrar der klei ein Kin dings nicht al auch no wären geweſen, er merk kluge Li wohl, k und mar zwungen ſeinen V ſtandes Ebenſo ſ in dem eiligen e. n waren wunden ind ſeine tens ge⸗ er Arbeit und tiefer orn über; auf ſeinen umelte et one zärt⸗ . offnung, 6 an die w. idien hatte llen Leuchte nete, u enom Ver meiskta den ebe zu ihn ſein Den ſenſchaft de vidmen un g erfülle en übernon 99 Wie bitter war ſeine Enttäuſchun g, als er jetzt nach drei oder vier Monaten fruchtloſen Wartens erkennen mußte, daß er ſich in ſeiner Hoffnung gänz⸗ lich betrogen hatte! Wozu dienten ihm Wiſſenſchaft, Menſchenliebe und guter Wille, während beinahe kein Kranker ſeine Hülfe anrief? Und wie ſollte er ſeine Verwandten für ihre Opfer entſchädigen, er, der nicht genug verdienen konnte, um ſeine eigenen Bedürfniſſe zu befriedigen? Wohl hatte er hie und da einen Patienten zu behandeln; aber es waren beinahe lauter arme, ver⸗ laſſene Leute, denen er meiſtentheils noch die Arz⸗ neien als ein Almoſen um Gotteswillen geben mußte. Diejenigen, welche wohlhabend waren und ſo in den nächſtliegenden Gemeinden ihren Arzt ſelbſt wählen konnten, weigerten ſich, dem jungen Doctor Vertrauen zu ſchenken. Für ſie war er immerdar der kleine Valkiers, den ſie noch nicht lange her als ein Kind auf der Straße hatten ſpielen ſehen. Aller⸗ dings durfte man eine Probe von vier Monaten nicht als entſcheidend anſehen, und Adolph hätte auch nach ſo kurzer Zeit den Muth nicht ſinken laſſen, wären ſeine Verwandten im Beſitz ber Geldmittet geweſen, um länger auf das Glück zu warten; aber er merkte, obwohl ſeine Mutter durch mancherlei kluge Liſt es vor ihm zu verbergen ſuchte, dennoch wohl, daß Mangel im Hauſe zu herrſchen begann und man zu einer demüthigenden Kargheit ſich ge⸗ zwungen ſah. Die Unmacht, worin er ſich befand, ſeinen Verwandten den Kummer eines ſolchen Zu⸗ ſtandes zu erſparen, war ihm ein bitteres Herzeleid. Ebenſo ſchmerzlich war ihm die heimliche eindſchaft 5 von Herrn Heuvels, der ſichtbar jede Gelegenheit vermied, mit Adolph zuſammenzutreffen, und ſelbſt, wenn er ihm zufällig begegnete, ſich ſtellte, als ſähe er ihn nicht. Ja Alles ließ vermuthen, daß der alte Doctor dem Mißgeſchick ſeines jungen Collegen nicht fremd war. Zu allen Zeiten hätte die Freundſchaft von Ade⸗ lina's Vater ihm zur Stütze und zum Troſt gereichen können, um ſein trauriges Loos mit Geduld und Vertrauen zu ertragen! Jetzt aber machte dieſe Ent⸗ fremdung ihn höchſt unglücklich, denn, obwohl Adolph es ſich ſelbſt nicht bekannte, ſein ſchönſter Traum, die noch undeutliche, aber ſüßeſte Hoffnung ſeines Le⸗ bens wurde dadurch vernichtet. Unter ſolchen traurigen Gedanken war es, daß der träumende Jüngling im Weitergehen den Kopf ſchüttelte und die Namen ſeiner Mutter und der Freundin ſeiner Kindheit mit Wehmuth flüſterte. Es kamen jedoch auch wieder Augenblicke, wo ein Lächeln über ſeine Lippen zu irren ſchien, und ſein Geſicht durch den Schimmer einer neuen Hoff⸗ nung erhellt wurde. Er hatte wirklich ſein Vertrauen auf die Zukunft nicht ganz verloren, und ſein Herz beſaß noch junge Kräfte genug, um ihn manchmal zum Widerſtand gegen die Muthloſigkeit anzuſpornen⸗ Dann ſagte er ſich ſelbſt, daß dennoch ſeit einem Monat einige Beſſerung in ſeinem Zuſtand eingetre⸗ ten ſei, daß nun auch von Zeit zu Zeit ein Bemit⸗ telter ihn rufen ließ, und daß man im Dorfe lobend einer glücklichen Kur erwähnte, welche er an einen verlaſſenen Kranken bewerkſtelligt hatte. Er wieder holte ſich die ermuthigenden Worte, welche Adelin bei ih er ſuc derten Hoffm von F werde Un tungen und ſe Na reichte eine A ein kle Landha Als er ſeine ſandiger Gegenſte ſeines verdräne ſtürmt ſicht ein Er f Glocke g Iſt ſprechen? „Der nimmt, Wagen dringende Dieſe egenheit als ſähe daß der Collegen von Ade⸗ gereichen u nd ieſe Ent⸗ Adolph Traum, ſeines Le⸗ es, daß den Kopf und der ſterte. licke, wo ien, und uen Hoff⸗ Vertrauen ſein Herz manchmal zuſpornen. ſeit einen d eingetre⸗ ein Bemit rfe lobend n einen Er wieder he Adelin dringenden Angelegenheit 101 bei ihrem letzten Beſuche zu ihm geſprochen hatte; er ſuchte Stärke in der Gewißheit ihrer unvermin⸗ derten Zuneigung zu ihm, und bemühte ſich ſelbſt die Hoffnung feſtzuhalten, die vorausgeſetzte Feindſchaft von Herrn Heuvels ſei ein grundloſer Verdacht und werde mit der Zeit ganz vergehen. Unter dem Einfluß ſolcher tröſtenden Betrach⸗ tungen richtete der Jüngling das Haupt wieder auf und ſetzte leichtern Schrittes ſeinen Weg fort. Nachdem er über eine halbe Stunde dem ge⸗ ſchlängelten Pfade über die Haide gefolgt war, er⸗ reichte er eine bewaldetere Strecke und trat bald in eine Allee von hohen Silberpappeln, an deren Ende ein kleines Schloß, oder vielmehr ein moderneres Landhaus ſeinen weißen Gipfel zeigte. Als er ſich dem eiſernen Gitter näherte, verkürzte er ſeinen Gang, ſchüttelte hie und da ein Fleckchen ſandigen Koths von ſeinen Kleidern, ſchob gewiſſe Gegenſtände, die er bei ſich trug, tiefer in die Taſche ſeines Oberrocks, richtete den Kopf in die Höhe, verdrängte die Gedanken, welche unterwegs ihn be⸗ ſtürmt hatten, und gab ſo viel möglich ſeinem Ge⸗ ſicht einen ruhigen Ausdruck von Zufriedenheit. Er fragte den Diener, welcher, nachdem er die Glocke gezogen hatte, die Gitterthüre öffnete: „Iſt Herr Van Horſt zu Hauſe? Kann ich ihn ſprechen?“ „Der Herr iſt zu Hauſe, aber ob er Sie an⸗ nimmt, weiß ich nicht. Ich bin eben daran, den agen einzuſpannen. Pir reiſen in einer ſehr nach Antwerpen. Dieſe Nachricht ſchien auf Adolph einen unan⸗ hmen Eindruck zu machen, und er ſchüttelte traurig den Kopf. „Sind Sie ni tor aus dem Dorfe?“ f kſam betrachtete. ie, Herr, ich wi Mein Gebieter Sie vielleicht gut auf.“ dem Diener in das H s wurde er in wo Herr Van Horſt e im Munde am cht Herr Valkiers, der ragte der Dien U auf alle Fälle Ihren hält viel auf Doe⸗ Beſuch melden. toren; er nimmt Adolph folgte Saal geführt, einen großen ßen Meerſ chaumpfeif mit einer gro ſaß. ehend ſagte er mit eine „Sie erlauben, mein daß ich meine Pfeife nur wenige Augenblicke en Wagen ein: ich lte Adolph: Sie mir nicht übel, d Setzen Sie ſi Mit einiger Ver „Herr Van Horſt, meine Kühnheit vergeben. Ihnen bekannt mit einer Bitte mich an S „Sie ſind Herr Valkiers, terbrach ihn der Andere. legenheit ſtamme Sie werden mir, Obwohl ich nicht die zu ſein, wage ich dennoch der neue Doctor?“ un⸗ Und Sie kommen, mir 2 Es thut mir leid; rn Doctor gewählt. chaft zu machen, bereits einen ande Ihre Bekanntſ ür Ihre gute Abſicht.“ antwortete Adolph,„ Man hat mir ge⸗ Dennoch freut es mich, und ich danke Ihnen f „Nein, mein Herr, nicht der Zweck meines Be ſagt, ſind. zuflehe Augen He Adolp Bitte A Di munter „YV ſteht e binder Der M er hat gewöhn ganzen Wunder magert arme F zu unte ſchwolle und ihr Sie nur Wohnun Leidensb und huſ langſam nur der Ihr Kör und was Welt, da chüttelte ue Doc⸗ ndem er wahr? e Ihren mf Doe⸗ 2 5 de er in an Horſt unde am ne Pfeife nemen ugenblick nein: ich olph: he ich nicht die ch dennoch tor?“ un⸗ men, mir leid; aber r gewählt. zu machen, „das i at mir ge 103 ſagt, daß Sie menſchenfreundlich und barmherzig ſind. Ich komme, Ihre Hülfe für Unglückliche an⸗ zuflehen. Haben Sie die Güte, ich bitte, mich einen Augenblick anzuhören.“ Herr Van Horſt ſchion durch die Sanftmuth von Adolphs Stimme und durch die Beſcheidenheit ſeiner Bitte betroffen. „Wohlan, ſprechen Sie offen,“ ſagte er. Durch den wohlwollenden Ton dieſer Worte er⸗ muntert, begann Adolph: „Mein Herr, dort hinter dem großen Walde ſteht eine Hütte, bewohnt von einem armen Beſen⸗ binder mit ſeinem Weibe und drei kleinen Kindern. Der Mann muß ſeit zwei Monaten das Bett hüten; er hat am Knie eine Gelenkentzündung, welche man gewöhnlich weiße Geſchwulſt nennt. Er hat ſich am ganzen Rücken aufgelegen und iſt voll ſchmerzhafter Wunden. Der Unglückliche iſt zum Gerippe abge⸗ magert und kann ſich kaum noch rühren. Seine arme Frau, von Noth und Kummer erſchöpft, ſcheint zu unterliegen; die drei Kinder ſind am Halſe ge⸗ ſchwollen; ſie ſind bleich, ihre Haut iſt durchſichtig und ihr Blut verwäſſert. D, mein Herr, könnten Sie nur einmal dieſe armen Leute in ihrer elenden ohnung ſehen! Den unglücklichen Vater auf dem Leidensbette ausgeſtreckt; die ſieche Mutter, keuchend und huſtend vor Erſchöpfung; die blaſſen Kinder, langſam und geduldig wie Schatten herumſchleichend, nur der Hunger aus dem matten Blicke funkelnd. Ihr Körper ruft nach einiger ſtärkenden Nahrung, und was ſie eſſen, die armen Auswürflinge der Welt, das würde eine Kuh mit Ekel von ſich weiſen. So verſchlimmert ſich ihre Natur von Tag zu Tage mehr; ſo ſinkt die Drüſenkrankheit tiefer in ihre vertrockneten Lungen, ſo wird ihr Blut dünn und wäſſerig gleich dem Blute der Inſecten. Sie ſind doch Menſchen und Geſchöpfe Gottes wie wir, nicht wahr, Herr?“ Beim Ausſprechen dieſer letzten Worte hatte Adolph ſich von einem Gefühl des Mitleids ffort⸗ reißen laſſen, und ſeine Stimme zitterte vor Bewe⸗ gung. Ohne Zweifel war Herr Van Horſt tief er⸗ griffen, nicht ſowohl durch das, was der Jüngling ſagte, als durch den eindringlichen Ton ſeiner rüh⸗ renden Erzählung, denn er betrachtete ihn mit einer Art Verwunderung und murmelte faſt unhörbar: „Gewiß, gewiß, ſie ſind Menſchen ſo gut als wir. Was verlangen Sie, daß ich thue?“ „Sehen Sie, mein Herr,“ fuhr Adolph fort,„die Krankheit dieſer Unglücklichen entſpringt einzig aus einem Uebermaß von Elend, aus Mangel an ſtär⸗ kender Nahrung. Derjenige, welcher ſie einige Zeit mit Fleiſch und gutem Brod verſehen wollte, würde für dieſe verlaſſene Familie Gottes Stelle einnehmen; er würde das langſame Abſterben, das Verkümmern, den Tod aus ihrer Hütte verjagen. Sie könnten es ſo leicht, mein Herr! Erlauben Sie mir, daß täglich eines der armen Kinder die Ueberbleibſel von Ihrem Tiſche holen darf, und fügen Sie ein Stückchen gu⸗ tes Fleiſch bei. Das iſt wenig für Sie, aber Sie retten damit fünf Menſchen das Leben und machen ſich ſelbſt jene unausſprechliche Freude, welche mit dem Erweiſe jeder Wohlthat verbunden iſt.“ Herr Van Horſt hatte, ohne es zu wiſſen, ſeine gen, Gehö Ihren Famil daß( vergel Geſchi He Jüngl Er faf 2 danke eine g daß di mehr Ihrer Sie au langen Jeman reſt vo derſelbe für Ih durch k zum Vit Und fre that; de ſondern u Tage in ihre nn und Sie ſind ir, nicht e hatte s fort⸗ Bewe⸗ tief er⸗ üngling ner rüh⸗ it einer rbar: gut als ort,„die zig aus an ſtär⸗ ige Zeit e, würde nehmen; ümmern, nnten es ß täglich Ihrem ichen gu⸗ aber Sie d machen elche mit en, ſeine 105 Pfeife auf den Tiſch fallen laſſen und rauchte nicht mehr; er ſchien in träumeriſchem Nachdenken auf des Jünglings Stimme zu lauſchen und verharrte, den Blick auf ſeine Lippen gerichtet, in Stillſchwei⸗ gen, ſelbſt als jener ſchon zu reden aufgehört hatte. „Geben Sie Ihrem menſchenfreundlichen Herzen Gehör!“ bat Adolph von Neuem.„Laſſen Sie Ihren Namen mit Segnungen von der unglücklichen Familie ausſprechen, und glauben Sie, mein Herr, daß Gott Ihnen an Lebensfreude und Geſundheit vergelten wird, was Sie ſeinen armen leidenden Geſchöpfen Gutes thun.“ Herr Van Horſt ſtand auf und ging auf den Jüngling zu, der ihn mit bittenden Augen anſah. Er faßte ſeine Hand und ſprach: „Doctor, ich glaube, Sie haben ein edles Herz. Ich danke Ihnen nicht nur, daß Sie mir Gelegenheit geben, eine gute That zu vollbringen, mit der Gewißheit, daß dieſelbe ſich wohl belohnen wird; ſondern noch mehr für die ſanfte Rührung, die mich beim Anhören Prer gefühlvollen Worte ergriffen hat. Rechnen Sie auf mich: ich werde mehr thun, als Sie zu ver⸗ langen wagen. Laſſen Sie täglich, gegen Mittag, Jemand für die armen Leute kommen. Den Ueber⸗ reſt von meinem Tiſche ſollen ſie nicht erhalten, denn derſelbe iſt mager beſtellt. Nein, ich will beſonders für Ihre Schützlinge kochen laſſen, und wenn dieſe durch kräftige Nahrung geneſen können, ſo ſeien Sie zum Voraus von deren Wiederherſtellung verſichert. Und freuen Sie ſich auch Ihrerſeits über die Wohl⸗ that; denn Sie pflegen nicht als Arzt Ihre Kranken, ſondern als wahrer Menſchenfreund Ihre unglückli⸗ chen Brüder. Es iſt recht ſo; ich fühle Achtung und Zuneigung für Sie, Doctor.“ Tief gerührt durch den günſtigen Erfolg ſeiner Bemühungen, ſtammelte der Jüngling Worte inniger Dantbarkeit. Er entſchuldigte ſich, daß er Herrn Van Horſt ſo lange aufgehalten hatte, und wandte ſich grüßend nach der Saalthüre. Der Andere ſah ihm gedankenvoll nach und rief plötzlich in ſonderbarem Ton: „Doctor, Doctor, ich bitte, kehren Sie um.“ Sobald Adolph wieder in ſeiner Nähe war, zog derſelbe einen Stuhl heran und ſagte: „Nun, Doctor, iſt es an Ihnen, gegen mich ge⸗ füllig zu ſein. Setzen Sie ſich und gönnen Sie mir einige Augenblicke.“ „Ganz zu Ihren Befehlen, mein Herr,“ murmelte Adolph;„könnte ich heute Ihnen mit Etwas dienen, es würde ein wahres Glück für mich ſein.“ Herr Van Horſt zündete ſeine Pfeife an, und während er einige gute Züge that, und der Rauch über ſeinem Kopfe ſich kräuſelte, fragte er: „Sagen Sie mir einmal, Doctor, haben Sie mich noch nicht beobachtet? Sie ſollten wohl bemerkt haben, gewiß, daß es mit mir nicht ſehr gut ſteht.“ „In der That, mein Herr,“ antwortete Adolph, „Sie ſcheinen ein Bischen krank.“ „Ein Bischen?“ wiederholte der Andere.„Sie ſprechen ſich leicht darüber aus.— Alſo, Doctor, Sie glauben, daß ich nur ein Bischen krank bin? Hier zeigen Sie ſo viel richtiges Gefühl nicht.„ „Nehmen Sie es mir nicht übel, mein Herr,“ fiel der Jüngling ein.„Sie haben Ihren Arzt; es ſteht ſeins c „Wen hat, d Sie b laſſen als E Rath noſſen iſt zwi zu vert Wollte unfehll „2 genblic Sie es „H an mic Arzt iſt rung, mich Ra ich nicht g und ſeiner inniger Herrn wandte nd rief n.“ ar, z0g nich ge⸗ Sie mir urmelte dienen, n, und rRauch en Sie bemerkt t ſteht.“ Adolph, Sie Doctor, ank bin? ch Herr,“ Arzt; es 107 ſteht ihm allein zu, über den Grund Ihres Unwohl⸗ ſeins zu urtheilen.“ „Das gehört nicht hieher,“ lachte der Andere. „Wenn man einmal einen Doctor um Rath gefragt hat, darf man ſich an keinen andern mehr wenden?“ „Das will ich nicht ſagen, mein Herr. Was Sie betrifft, ſo verfahren Sie hiebei ganz frei; aber laſſen Sie mich Ihnen bemerken, daß wir Aerzte es als Geſetz anſehen, niemals andern Kranken einen Rath zu ertheilen, als bis wir von unſern Amtsge⸗ noſſen ſelbſt dazu aufgefordert werden. Dieſe Regel iſt zwiſchen uns nothwendig, um der Luſt, einander zu verdrängen, und unehrlicher Rivalität vorzubeugen. Wollte man dieſelbe übertreten, ſo verlöre der Beruf unfehlbar an ſeiner Würde.“ „Alſo wenn ich Sie erſuche, mit mir einen Au⸗ genblick über meine Krankheit zu ſprechen, ſollten Sie es verweigern?“ „Haben Sie die Güte, ein ſolches Erſuchen nicht an mich zu ſtellen,“ ſagte Adolph verlegen.„Ihr Arzt iſt Herr Heuvels, ein Mann von großer Erfah⸗ rung, der Sie wohl ſchnell kuriren wird.“ „Laſſen Sie dieſe ſonderbare Zurückhaltung!“ rief Herr Van Horſt mit einem gewaltigen Zug aus ſeiner Pfeife.„Sie machen mich ungeduldig, Herr! Doc⸗ tor Heuvels hat mit meiner Krankheit Nichts mehr zu thun. Ich habe ihm dieſen Morgen für ſeine Behandlung gedankt und ſeine Rechnung gefordert. Man iſt eben daran, meinen Wagen einzuſpannen; ich reiſe nach Antwerpen, um bei Herrn Sommé mich Raths zu erholen. Ihre Erzählung, Etwas, das ich nicht begreife, aber das mich zum Vertrauen be⸗ wegt, flößte mir den Wunſch ein, mit Ihnen über meine Krankheit zu ſprechen; jetzt, da Sie lieber mit ſolcher Anfrage verſchont bleiben wollen...“ „Verzeihen Sie, mein Herr,“ fiel Adolph in of⸗ fenem Tone ein,„ſtehen die Dinge ſo, wie Sie ſa⸗ gen, und ich zweifle natürlich nicht daran, dann bin ich bereit, mein geringes Wiſſen ganz zu Ihrer Ver⸗ fügung zu ſtellen.“ „Wohlan, Doctor, betrachten Sie mich einmal genau und ſuchen Sie den Grund meines Uebels zu errathen. Was muß ich, Ihnen zufolge, für meine Geneſung thun?“ Der Ausdruck von Adolphs Geſicht veränderte ſich plötzlich. So ſanft und freundlich er vorher ge⸗ weſen war, ſo ernſt und achtunggebietend wurde er jetzt. Man konnte bemerken, daß die Ausübung ſeines wichtigen Berufs ihn in ſeinen eigenen Augen erhob und ihn plötzlich aus einem bittenden Jüng⸗ ling zu einem entſchloſſenen Meiſter gemacht hatte. Bereits als er in den Saal getreten war, hatte er faſt unwillkürlich auf dem Geſichte von Herrn Van Horſt den Zeichen ſeiner Krankheit nachgeſpürt; aber da er nunmehr aufgefordert wurde, ihn als Arzt zu unterſuchen, betrachtete er mit feſtem Blicke eine Weile das Antlitz des Kranken, während er ſtillſchwei⸗ gend ihm nach dem Puls fühlte. „Beliebt es Ihnen, Ihre Bruſt zu entblößen, mein Herr?“ ſagte er. „Warum?“ fragte der Andere verwundert. „Ich bitte, laſſen Sie mich machen,“ antwortete Adolph.„Haben Sie nicht manchmal Herzllopfen?“ entb c Herz Dan an d und über den doch lich dürfet gut ſ 3 gleichf Sie 1 verma Grunt auf m Sie„ wohnt Sie? 3 „U Ihren ain 3 T ten gei über rmit in of⸗ ie ſa⸗ in bin r Ver⸗ einmal es ze meine inderte her ge⸗ ude er übung Augen Jüng⸗ hatte. , hatte rn Van t; aber Arzt zu e eine lſchwei⸗ t. twortete pfen?“ 109 „Nicht wenig!“ ſeufzte Van Horſt, ſeine Bruſt entblößend. Der junge Doctor legte ihm die Hand auf das Herz und ſchien die Schläge deſſelben zu zählen. Damit noch nicht zufrieden, legte er auch das Ohr an die Bruſt des Kranken und horchte an der einen und andern Seite auf die leiſen Regungen im Innern. Herr Van Horſt verwunderte ſich nicht wenig über dieſe Handlungsweiſe; und als Adolph endlich den Kopf erhob, fragte er: „Aber, Doctor, was machen Sie? Sie können doch nicht hören, was da drinnen vorgeht?“ „Ja wohl, mein Herr; man kann es ſehr deut⸗ lich hören, und es freut mich, Ihnen erklären zu ie Herz und Lungen bei Ihnen ausnehmend ut ſind.“ „Ah, das iſt doch Etwas!— Sie denken alſo gleichfalls, daß mein Magen krank iſt?“ „Ich bin geneigt, es zu glauben; aber laſſen Sie mich meine Unterſuchung fortſetzen. Vielleicht vermag ich mit einiger Sicherheit über den wahren Grund Ihrer Krankheit zu urtheilen. Belieben Sie, auf meine Fragen zu antworten, mein Herr.— Ehe Sie Ihren Aufenthalt auf dem Landgute nahmen, wohnten Sie in der Stadt, nicht wahr? Wie lebten Sie? Hatten Sie nicht einen beſtimmten Beruf?“ „Ich war Kaufmann in Colonialwaaren.“ „Und Sie haben ſolcher Art viel gearbeitet und Ihren Geiſt dabei mehrfach angeſtrengt?“ „Viel gearbeitet, Doctor, von meiner Kindheit an; Tag und Nacht an meine Handelsangelegenhei⸗ ten gedacht. Ich habe mein Vermögen ſeibſt erwer⸗ 11⁰ ben müſſen; und an Beſchäftigung des Geiſtes hat es mir ſicherlich niemals gefehlt, bis zu dem Augen⸗ blick, da ich dem Hondel Lebewohl ſagte, in der Hoffnung, den Reſt meiner Tage in Frieden und Geſundheit verleben zu können. Ich habe mich ge⸗ täuſcht, Sie ſehen es wohl.“ Nach augenblicklicher Ueberlegung fragte Adolph weiter: „Sie rauchen viel, nicht wahr?“ „Ja, ſehr viel; den ganzen Tag, zuweilen ſelbſt in meinem Bette. Es iſt der einzige Troſt, der mir übrig bleibt.“ „Iſt es ſchon lange her, daß Sie ſo unaufhör⸗ lich rauchen?“ „Bereits ein Jahr oder zwei. In der Stadt rauchte ich nur einige Cigarren. Hier hatte ich Nichts zu thun; ich langweilte mich zuweilen. Durch das fortdauernde Rauchen wurden die Cigarren geſchmack⸗ los für mich; ich griff zu der Pfeife. Vom leichten Tabak gelangte ich endlich zum ſchweren, und ſeitdem bin ich niemals ohne Pfeife im Munde. Es iſt das Einzige, woran ich noch Vergnügen finde.“ „Und Sie eſſen nicht ſehr viel?“ „Nein; ich fühle wohl zuweilen Hunger, aber wenn ich die Speiſen ſehe, fehlt es mir an Eßluſt. Ein Kind von ſechs Jahren hätte an dem genug, was ich zu mir nehmen kann.“ „Empfinden Sie da unter dem Magen nicht ₰ weilen einen gewiſſen Druck?“ „Gewiß, einen ſchmerzhaften Druck.“ e „Sie ſchlafen ſchlecht und unruhig; Sie hab nied ſchre Doci Sie ten, Röth als r „ ſo ge 8 meine c gens. Speiſe geht 1 zufolg ordent gemeir Nerver winnt keiten Ihrer S fragte mit mi Zeit ſo nes En „D es hat Augen⸗ in der en und ich ge⸗ Adolph n ſelbſt der mir aufhör⸗ Stadt Nichts rch das ſchmack⸗ leichten ſeitdem iſt das r, aber Eßluſt. genug, icht 5 e hab 111 niederſchlagende Träume; eine Neigung zum Er⸗ ſchrecken; Klingeln in den Ohren?“ „Ja wohl; wie können Sie dieß Alles errathen, Doctor?“ „Es ſind die Kennzeichen Ihrer Krankheit. Wenn Sie Hunger zu haben glauben, wie Sie eben ſag⸗ ten, fühlen Sie dann nicht manchmal eine plötzliche Röthe, eine Gluth auf Ihrer Stirne, und Etwas, als müßten Sie einen Fieberanfall bekommen?“ „Oft, oft, Doctor. Das hat mir noch Niemand ſo genau ſagen können, wie Sie.“ „Und doch weiß es jeder Arzt, mein Herr.“ „Wohlan, Doctor, ſagen Sie mir, welches iſt meine Krankheit?“ „Ihre Krankheit iſt eine Ueberreizung des Ma⸗ gens. Dieſe hat zur Folge, daß die Verdauung der Speiſen nicht mehr auf natürliche Weiſe vor ſich geht und unzureichend iſt. Ihr Blut empfängt dem⸗ zufolge die nöthigen Stoffe nicht mehr, die zu ſeiner ordentlichen Zuſammenſetzung gehören. Durch die all⸗ gemeine Abſchwächung Ihres Körpers bleibt das Nervenſyſtem bei Ihnen ohne Gegengewicht und ge⸗ winnt völlig die Oberhand. Alle die Unregelmäßig⸗ keiten in Ihrem Gefühl und in der Wirkſamkeit Ihrer innern Organe kommen davon her.“ „Und was denken Sie von meinem Zuſtande?“ fragte Herr Van Horſt.„Nun, ſeien Sie aufrichtig mit mir. Ich weiß es wohl: es kann noch einige Zeit ſo dauern; aber ich bin doch am Anfang mei⸗ nes Endes, nicht wahr, Doctor?“ „Die Krankheit müßte als ſchlimm betrachtet „ werden,“ antwortete Adolph,„wenn wir die Urſache davon nicht zu finden vermöchten.“ „Ach, Sie kennen die Urſache meiner Krankheit? Und welche iſt es Ihrer Meinung nach?“ „Es iſt wahrſcheinlich eine doppelte. Bemerken Sie, daß ein Mann, der viel geht und denkt und ſorgt, in dieſen Bewegungen des Körpers und Gei⸗ ſtes einen nöthigen Antrieb zu einem geſunden und kräftigen Leben findet. Läßt nun ein ſolcher Mann plötzlich von ſeiner gewohnten Beſchäftigung ab und zieht ſich in die Einſamkeit zurück, dann ſehlt ihm der Antrieb; ſeine Organe werden träge und krank⸗ haft ſchläfrig. Es iſt vor Allem der Magen, der zuerſt von dem Einfluß dieſer allgemeinen Abſpan⸗ nung betroffen wird. Ich glaube, dieß iſt die erſte Urſache Ihrer Krankheit geweſen; aber ohne es zu wiſſen, haben Sie noch eine viel ſchlimmere hinzu⸗ gefügt, nämlich das übermäßige Rauchen.“ „Ei, ei, Doctor, da haben Sie gewiß fehlge⸗ ſchoſſen!“ rief Herr Van Horſt mit einer gewiſſen Unzufriedenheit.„Das Rauchen thut mir nur gut. Es iſt ein Anreiz für meinen unthätigen Magen!“ „Das meinen Sie nur,“ antwortete Adolph, den Kopf ſchüttelnd,„weil es Ihr Gehirn betäubt und die düſtern Gedanken vertreibt, welche Sie beunru⸗ higen; aber hier gebrauchen, Sie als Mittel der Er⸗ leichterung eben die Urſache Ihres Uebels. Der Magen, Herr Van Horſt„iſt ein ſehr gefühlvolles Organ. Ich will für den Augenblick mit Ihnen den Tabaksrauch ſo anſehen, als könne er im Beginn ein anregendes Mittel ſein, aber gerade darum muß er bei wiederholten Reizungen den Magen abſtumpfen merklic zu end aus de entſtan durch Grad e Her tiefe Ue ſprang Hand f alle Fi und ver gehen. leicht an Vertrau Monat ob Ihre „Ein melte Al „Bal ich ſvohl was rat! onſt 113 Urſache und ſeine Fibern bis auf einen gewiſſen Grad lähmen. Mit Ihrer Erlaubniß, ich habe bemerkt, daß Sie ankheit? ziemlich viel ausſpucken. Der Speichel iſt das koſt⸗ barſte Entbindungsmittel zur Verdauung der Spei⸗ emerken ſen; wo es an ihm fehlt, kann der Magen ſeine nkt und Aufgabe nicht erfüllen. Es iſt eine bekannte That⸗ nd Gei⸗ ſache, daß ein übermäßiger Raucher ſich eine ſchwere den und Magenkrankheit zuziehen kann, wenn er ſeine Ge⸗ rMann wohnheit nicht bezwingt, ſobald ſeine Eßluſt ſich ab und merklich verringert.. Ich komme alſo, um damit hlt ihm zu enden, auf den Schluß, daß Ihre Krank heit erſt d ekrank⸗ aus der plötzlichen Veränderung Ihrer Lebensweiſe en, der entſtanden ſein muß, und daß Sie dieſelbe allmälig Abſpan⸗ durch Ihr unaufhörliches Ra uchen auf einen hohen die erſte Grad geſteigert haben.“ e es zu Herr Van Horſt ſchaute zu Boden und ſchien in re hinzu⸗ tiefe Ueberlegung verſunken. Nach einer langen Weile ſprang er plötzlich auf und ſagte, indem er Adolphs ß fehlge⸗ Hand faßte: gewiſſen„Ich glaube, daß Sie Recht haben, Doctor! Auf nur gut. alle Fälle erſcheint mir Ihre Auslegung wunderklar tagen!“ und vernünftig. Nach der Stadt will ich jetzt nicht olh, den gehen. Sie ſind noch jung und es fehlt Ihnen viel⸗ wubt und leicht an Erfahrung; aber Sie flößen mir beſonderes ben⸗ Vertrauen ein. Sie ſollen mein Arzt ſein. Einen Uder Er⸗ Monat gebe ich Ihnen zu, um an mir zu probiren, ls. Der ob Ihre Meinung gegründet iſt, ode r nicht.“ fühlvolles„Ein Monat iſt zu wenig, mein Herr,“ mur⸗ hnen den nmelte Adolph. eginn ein„Bah, wenn ich einige Beſſerung fühle, werde nmuß er ich ſpohl länger Geduld haben. Laſſen Sie hören, bſtumpfen was rathen Sie mir?“ onſcience, der junge Doctor. 8 „Ich will es Ihnen ſagen, mein Herr; aber ſeien Sie wohl auf Ihrer Hut gegen ſich ſelbſt, be⸗ ſonders was das Rauchen betrifft; denn wenn Sie nicht genau ſich nach dem richten, was ich Ihnen vorſchreibe, wird Ihre und meine Mühe verloren ſein.“ „O, ich werde thun, was Sie wollen.“ „Wohlan denn, der Winter naht; es iſt hier auf der Haide für Stadtleute ſchrecklich langweilig in der ſtrengen Johreszeit. Sie dürfen ſich nicht langweilen. Darum ſollen Sie ſo bald als möglich Ihr Landhaus verlaſſen und auf einige Monate Ihre Wohnung in der Stadt nehmen.“ „Aber, Doctor,“ bemerkte Van Horſt lächelnd, „es ſind gute ſieben Stunden von hier! Wie können Sie mich dann beſuchen?“ „Es iſt nicht nöthig, mein Herr, daß ich Sie beſuche!“ „Und wenn Sie mich kuriren, was werden Sie dann an mir gewonnen haben? Das Honorar für einen einzigen Beſuch! Ho, ha, ſo werden Sie nie⸗ mals reich werden, Doctor!“ „Es iſt möglich, mein Herr,“ antwortete Adolph, „aber ich werde doch wiſſen, daß ſelbſt die Noth⸗ wendigkeit, Geld zu verdienen, mich die Würde mei⸗ nes Berufs nicht vergeſſen ließ.. Alſo, mein Herr, Sie werden den Winter in der Stadt zubringen? — Ich rechne auf Ihre Zuſtimmung. In der Stadt werden Sie Ihre alten Freunde und Bekannten aufſuchen; Sie werden darauf denken, Affairen, wo⸗ durch Sie früher in Anſpruch genommen wurden, neues Intereſſe abzugewinnen. Fühlen Sie einige Luſt zu reiſen, ſo machen Sie einmal einen Aus⸗ flug geben Geiſte und Ochſe gutes paar halten thun, Gliede 2 fiel V S rfahr leicht n gezoger flaue§ mir ge wer ha Ade überraſe der nac „Di hat, kön uns da Sache den feſte um in des Geiſ „Sie Van Hor ſpricht ni aber ſt, be⸗ m Sie Ihnen ſein.“ iſt hier gweilig h nicht möglich te Ihre ächelnd, können ich Sie en Sie rar für Sie nie⸗ ie Noth⸗ rde mei⸗ in Herr, bringen? er Stadt eannten ren, wo⸗ wurden, ie einige en Aus⸗ 115 flug nach Brüſſel oder nach Paris; mit einem Wort, geben Sie Ihrem Körper Bewegung und Ihrem Geiſte eine angenehme Spannung. Eſſen Sie oft und nicht zu viel auf einmal, beſonders ſaftiges Ochſenfleiſch und dann Gemüſe. Trinken Sie ein gutes Glas alten Bordeaux, und des Abends ein paar Gläſer Braunbier, das viel Hopfen hat. Aber halten Sie das mittlere Maß in Allem, was Sie thun, und treiben Sie es nicht zur Ermüdung Ihrer Glieder oder Ihres Geiſtes„ „Aber ſagen Sie einmal, mein guter Doctor,“ rfahrung. Sechs Monate lang hat er mir viel⸗ leicht mehr als zwei Kannen Blutes aus den Adern gezogen; ich durfte beinahe Nichts eſſen und nur flaue Kühltränke zu mir nehmen. Sie verordnen mir gerade das Gegentheil davon! Er oder Sie, wer hat Recht?“ Adolph ſchien durch dieſe Frage einigermaßen überraſcht, und er antwortete im Tone von Jemand, der nach Worten für ſich ſucht: „Die Mittel, welche Herr Heuvels angewandt at, können nur zu gut geweſen ſein. Niemand von uns darf ſich für unfehlbar halten. Es iſt eine Sache perſönlicher Ueberzeugung. Ich habe jedoch den feſten Glauben, daß es noch Zeit für Sie iſt, um in körperlicher Stärkung und in Zerſtreuung des Geiſtes Geneſung von Ihrem Uebel zu ſuchen.“ „Sie ſind ſehr beſcheiden, Doctor,“ murmelte Van Horſt, den Kopf ſchüttelnd.„Herr Heuvels ſpricht nicht mit ſo viel Zurückhaltung von Ihnen i 8 Aber Adolph, welcher das Geſpräch über dieſen Gegenſtand endigen wollte, wiederholte ſeine Rath⸗ ſchläge: „Was das Rauchen betrifft, ſo weiß ich, daß man dieſe Gewohnheit nicht plötzlich aufgeben kann. Rauchen Sie jeden Tag ein paar Pfeifen weniger; Sie werden ſo nach einigen Tagen zu der Mäßigung zurückkehren, ohne es zu fühlen; in der Stadt wird die Schicklichkeit Sie nöthigen, Ihre Zuflucht zu der geſelligen Cigarre zu nehmen. Suchen Sie in die⸗ ſem Wechſel ſelbſt ein Mittel, um Ihre ſchlimme Gewohnheit zu überwinden. Was ſoll ich Ihnen weiter darüber ſagen? Es iſt Etwas, was ganz von Ihnen ſelbſt abhängt; und wenn die Luſt zu rau⸗ chen die Herrſchaft über Sie behält, dann wird es nur ſein, weil es Ihnen am rechten Willen gefehlt hat.“ „Ich habe Willenskraft genug,“ antwortete Van Horſt.„Seien Sie ruhig, ich werde thun, was Sie ſagen. Fahren Sie fort, Doctor, was rathen Sie mir weiter?“ „Ich habe Ihnen keinen andern Rath zu geben, mein Herr.“ „Keine Arznei irgend welcher Art?“ rief der Kranke mit Verwunderung.„Nicht das kleinſte Fläſchchen, keine Pulver, keine Pillen? Sie ſind ein ſeltſamer Doctor, Herr Valkiers!“ „Ich gedenke Ihnen einige Pulver zu verſchrei⸗ ben,“ ſagte Adolph, indem er ein kleines Taſchen⸗ buch öffnete;„aber dieſe ſollen nur dazu dienen, die nervöſe Empfindlichkeit Ihres Magens zu be⸗ ſänftigen. Zu Ihrer Geneſung können ſie jedoch Richts beitragen.“ ( ſprac oder zwiſc Waſſ und: ſtarke „ lächel kung.“ U: nach h ab. nach ſache dieſen Rath⸗ „ daß kann. eniger; ßigung t wir zu der in die⸗ hlimme Ihnen anz von zu vau⸗ wird es lt hat. Van was Sie hen Sie u geben, rief der kleinſte ſind ein verſchrei⸗ Taſchen⸗ u s zu be⸗ ſie jedoch 117 Ein viereckiges Papierchen dem Kranken reichend, ſprach er: „Dieß laſſen Sie in der Stadt bei dem einen oder andern Apotheker bereiten und nehmen dann zwiſchen Ihren Mahlzeiten ein Pulver in Etwas Waſſer; jedoch nicht mehr als zweimal des Tages.“ Herr Van Horſt betrachtete das Stückchen Papier und murmelte fragend: „Belladonna? Wismuth? Aber, Doctor, das iſt ſtarkes Gift, glaube ich?“ „Seien Sie ohne Furcht,“ antwortete Adolph lächelnd,„das Zuviel allein macht die giftige Wir⸗ kung.“ nd aufſtehend ſetzte er hinzu: „Nun, Herr Van Horſt, meiner Ueberzeugung nach hängt Ihre Geneſung gänzlich von Ihnen ſelbſt ab. Unternehmen Sie vertrauensvoll Ihre Reiſe nach Antwerpen. Ach, wäre ich die zufällige Ur⸗ ſache Ihrer Geneſung, wie würde ich Gott danken!“ „Sie meſſen mir ſo großen Werth bei, Doctor!“ „Sind Sie nicht der Wohlthäter der armen Fa⸗ milie, die ich Ihrem Edelmuth zu empfehlen wagte? — denn, mein Herr, ich darf immer noch hoffen, daß der unglückliche Beſenbinder trotz Ihrer Abreiſe nach Antwerpen nicht ohne einige Hülfe bleiben wird?“ Der Andere ſchlug ſich nachdenklich an die Stirne. „So ſind die Kranken,“ rief er;„an ſich allein denken dieſelben! Aber Sie, Doctor, Sie zum Min⸗ deſten vergeſſen Ihre Schützlinge nicht. Während ich Sie nicht nach Wunſch für Ihre wiederholten Beſuche belohnen kann, habe ich große Luſt, es Ihnen auf eine andere Art zu vergelten. Hören Sie, Doctor; hier auf dem Londhauſe bleibt mein Gärtner mit Frau und Töchtern, er hat ſeine dienſt⸗ baren Leute. Ihnen werde ich meine Befehle zu wiſſen thun. Töglich mögen Sie dann Fleiſch oder irgend eine andere Speiſe richten laſſen und damit des armen Beſenbinders Familie und Ihren andern armen Kranken zur Geneſung verhelfen. Sie haben nur zu gebieten, ich gebe Ihnen gänzliche Vollmacht.“ „O, welche wunderbare Kraft ſtellen Sie in meine Hände!“ rief Adolph begeiſtert aus.„Sie machen mich, mein Herr, zu einem Sendboten des Himmels, der Leben, Geſundheit und Kraft auszuſtreuen geht, wo Krankheit, Verzweiflung und Verkommenheit herrſchen. Dank, Donk, es iſt das größte Glück, das mir widerfahren konnte!. mir nun, hinwegzugehen; ich habe Eile, die gute Botſchaft dem Beſenbinder zu überbringen. Ich höre bereits Ihren Namen mit tauſend Segnungen aus dem Munde dieſer Unglücklichen zum Himmel ſteigen.“ „Bleiben Sie noch einen Augenblick,“ ſagte Von orſt.„Es thut mir wohl, Sie zu hören. werde erſt morgen oder übermorgen abreiſen können.“ „Länger kann ich nicht bleiben, mein Herr; es thut mir leid, aber meine Kranken erwarten meinen Beſuch. Geſtern ſah ich zum erſten Mal den Beſen⸗ binder. Ich habe bei mir, was nöthig iſt, um den Verband auf ſeine Wunden zu legen und ſeine ſchrecklichen Schmerzen merklich zu erleichtern. Wel⸗ chen Troſt wird Ihre Wohlthat ihm gewähren! Wollen Sie mich alſo entſchuldigen?“ Erläuben Sie beſu Dan bis“ Gart in d ſeiner und die v blieb Du r Gott! dem E kelch worde winn trauen die T bekäm lichen fühle i wie ge ſeinen hütte e t mein dienſt⸗ ehle zu ch oder damit andern e haben macht.“ nmeine machen immels, en geht, menheit te Glück, ben Sie die gute n. Ich egnungen Himmel agte Van ren. önnen. Herr; es en meinen en Beſen⸗ t, um den und ſeine en. Wel⸗ ähren! 119 „Sollten Sie morgen früh mich noch einmal beſuchen können, Doctor?“ „Ich werde kommen, mein Herr, mit Freude, mit Dankbarkeit.“ „Wohlan denn, leben Sie wohl, Herr Valkiers; bis morgen.“ Adolph lief mit leichten Schritten durch den Garten und in die Allee. Jetzt hielt er den Kopf in die Höhe; Freude und Begeiſterung funkelte in ſeinen Augen. Sein Angeſicht glänzte von Stolz und Glück. Nachdem er eine Weile der Straße gefolgt war, die von der Allee durch einen dicken Hochwald führte, blieb er ſtehen und erhob die Augen gen Himmel. „Ja,“ rief er,„es iſt ein mühevoller Beruf, den Du mir anzuvertrauen für gut befunden haſt, o Gott! Wohl hat mir oſt das Herz geblutet unter dem Schlag der Enttäuſchung; und der bittere Lebens⸗ kelch iſt noch nie von meinen Lippen abgewendet worden; aber habe Dank, o Herr, ein ſolcher Ge⸗ winn gibt mir all meinen Glauben, all mein Ver⸗ trauen wieder. Tröſten, heilen, den Hunger ſtillen, die Thränen trocknen, Krankheit und Tod ſiegreich bekämpfen! Beſitzer ſein von einem Theile der gött⸗ lichen Macht! O, wie ſchwillt mir der Buſen! Wie fühle ich mich ſtark und groß!“ Und nach dieſem begeiſterten Ausrufe eilte er wie gejagt auf der Straße vorwärts und verfolgte ſeinen Weg mit beſchleunigten Schritten, bis er in der Tiefe neben dem Walde eine ſehr kleine Lehm⸗ hütte erreichte. Das Innere dieſer Wohnung war abſchreckend . Der enſter⸗ trübes os und hienen. den zu Dache erunter, fen von res Ge⸗ brochene und s einige e n n, zeigte ſo abge⸗ nen Leich⸗ Zeit eine te ausge⸗ niederge⸗ nzufachen; rührte in ntlich wie Rüben und den Holz⸗ nackt, un⸗ irrten ge⸗ tten ſich ſo 121 wenig, als hätten ſie das Bewußtſein des Lebens verloren. Alles trug hier die Kennzeichen von Muthloſig⸗ keit und Verlaſſenheit; Alles war unrein und klebrig von kalter Feuchtigkeit. Niemand ſprach; und hätte das Feuer durch ſein Praſſeln und der Leidende durch ſeine Klagen die tödtliche Stille nicht unterbrochen, man wäre auf den Gedanken gerathen, ſeelenloſe Geſpenſter zu ſehen, die ſich in der Tiefe eines Grabes niederge⸗ laſſen hatten. Als Adolph die Thüre öffnete und in dieſe dü⸗ ſtere Behauſung des Elendes trat, erhellte ein faſt unmerkliches Lächeln das bleiche Geſicht der Kinder. Nur eines davon— es war ein Mädchen von etwa ſieben Jahren— ſtand auf und näherte ſich mit trägem Schritte dem Doctor. Die Frau ſetzte ihren Topf vom Feuer und ſagte: „Gott ſei gelobt, Sie ſind da, Doctor! Seien Sie bedankt, daß Sie Ihr Verſprechen nicht ver⸗ geſſen haben. Ach, mein armer Mann hat dieſe Nacht ſo viel gelitten!“ „Nun, nun, faſſet Muth, Frau!“ rief Adolph freudig aus.„Es wird beſſer gehen; ich habe gute Botſchaft. Eurem Mann ſoll Nichts mehr abgehen; und die armen Schäſchen da werden alle Tage gute und ſtärkende Nahrung bekommen. Ich werde ſo⸗ gleich weiter davon ſprechen. Jetzt müſſen wir uns mit Eurem Mann beſchäftigen.“ Er zog ein Packet aus ſeinem Oberrock und reichte es der Frau. 122 „Hier iſt Stärkemehl,“ ſagte er.„Macht davon einen Brei und holt mir einen Krug reines Waſſer.“ Dann nahm er einige Stücke dicken Papiers oder Pappendeckels nebſt einigen aufgewickelten Binden und einer Handvoll Charpie aus der Taſche und legte dieß Alles auf einem der Bänke zurecht. Hierauf zog er, ſeiner ganzen Umgebung zu achten, ſeinen Oberrock aus, ſtreifte ſeine Hemdärmel auf und entblößte ſich die Arme bis zum Ellbogen. Die Kinder waren alle drei aufgeſtanden und ſchauten ihn mit leidender Verwunderung an. Adolph näherte ſich dem Bette und ſagte, wäh⸗ rend er ſanft ſeinen Arm unter den Hals des Kran⸗ ten brachte: „Nun, ein bischen Muth; helft mir ſelbſt ein wenig A nach. Sucht Euch umzudrehen. „Ach, mein Herr, der Rücken ſchmerzt ſo ſehr!“ klagte der Beſenbinder.„Die geringſte Bewegung macht, daß ich vor Qual aufſchreien muß.“ „Laßt ſehen; thut Euch nicht ſo viel Gewalt an; langſam. So! Es iſt gelungen! Haltet Euch nun ſtill; ich werde Eure Wunden reinigen. Seid guten Muthes. Ihr werdet ſehen, wie wunderbar dieß Eure Schmerzen erleichtert.“ Nachdem er den Krug mit Waſſer an ſich ge⸗ zogen hatte, begann der junge Doctor die Wunden des Unglücklichen, eine nach der andern, zu waſchen. Auffallend war die Mühe, welche er ſich gab, un bei dieſer Behandlung ſeinem armen Leidenden allen Schmerz zu erſparen und durch tröſtende Worte ihn Muth und Geduld einzuſprechen. Es lag ſo vie ohne auf die Unreinlichkeit von Freun Rede Ausſe Brude hatte keine St mehls ſchaute konnte Weißze Stund ohne( die ihr war v das lie rührt Al⸗ waren, Bette das St Rücken Gedanl Körper, plößlich „Fr Schmer wäre.. Ihre P t davon Waſſer.“ ers oder Binden ſche und t. eit n Oberrock ößte ſich den und m te, wäh⸗ des Kran⸗ ein wenig ſo ſehr!“ Bewegung wat n altet Euch enn Sdeid wunderbar an ſich ge⸗ ie Wunden zu waſchen. gab„ um enden allen Worte ihn lag ſo vie 123 Freundlichkeit, ſo viel zärtliche Beſorgniß in ſeiner Rede und in ſeinen Bewegungen, daß er ganz das Ausſehen von Jemand hatte, der ſeinen eigenen Bruder verpflegte. Dank dieſer liebevollen Vorſicht hatte der Krankte während der langen Arbeit faſt keine Klage ausgeſtoßen. Sobald die Frau mit dem Kochen des Stärke⸗ mehls fertig war, ſtellte ſie ſich an das Bett und ſchaute wie verwirrt den jungen Doctor an. Sie konnte nicht begreifen, wie der Herr mit dem feinen Weißzeug und den ſchönen Kleidern eine volle halbe Stunde über das elende Bett gebogen blieb und ohne Eckel und Beſorgniß eine Arbeit vollbrachte, die ihr ſelbſt Widerwillen eingeflößt hatte. Aber es war vor Allem die Sanftmuth ſeiner Stimme und das liebreiche Mitleid ſeiner Worte, wodurch ſie ge⸗ rührt wurde. Als die Wunden völlig gereinigt und verbunden waren, half Adolph dem Beſenbinder, ſich in ſeinem Bette umzudrehen, und brachte ihn dadurch, daß er das Stroh aufſchüttelte und die Decke ihm unter den Rücken ſchob, beinahe in eine ſitzende Haltung. „Nun, Freund,“ fragte er lächelnd,„wie befindet Ihr Euch?“ Der arme Mann antwortete nicht und ſchien in Gedanken verloren; er wand ſich und bewegte ſeinen Körper, als wollte er ſeine Schmerzen wecken; aber plötzlich entſchlüpfte ihm ein Schrei äußerſter Freude: „Frau, Frau,“ rief er ſchnell;„ich fühle keinen Schmerz mehr! Es iſt, als ob ich ſchon geneſen wäre Ach, mein Herr, Gott allein kann Sie für Ihre Barmherzigkeit belohnen!“ „Wie iſt das möglich!“ frohlockte die Frau. „Herr Heuvels hat Dich aufgegeben, indem er ſagte, Dein Uebel ſei unheilbar! Dieſer gute Herr ſieht Dich erſt zum zweiten Mal, und Du ſcheinſt bereits wieder ganz aufzuleben.“ „Beruhigt Euch, Ihr müßt gelaſſen bleiben,“ gebot Adolph, um dieſen Dankesbezeugungen aus⸗ zuweichen, und wahrſcheinlich auch, um keine weiteren Flagen gegen Herrn Heuvels anhören zu müſſen. Sich dann wieder zu dem Kranken wendend, ſagte er: „Kommtjetzt her; laßt mich Euer krankes Bein näher an den Rand des Bettes bringen. Hobt keine Furcht, Freund, ich werde Euch nicht viel Schmerz verur⸗ ſachen. Behauptet Euren Muth; das Hauptwerk bleibt uns noch zu vollbringen.“ Seinen bloßen Arm in das Bett ſteckend, zog er beinahe die Hälfte des feuchten Stroh's nach vorn und machte eine Art Kiſſen daraus, um das kranke Bein des Beſenbinders darauf ruhen zu laſſen. Dann begann er die Kniegeſchwulſt zu kneten und die offenen Wunden zu entleeren und zu reini⸗ gen. Er ſpritzte Chlorwaſſer ein, legte Charpie und Baumwollenwatt auf, ſchloß das Knie in eine dop⸗ pelte Schale von eingeweichtem Carton, umwand den ganzen Apparat mit langen, ſteifen Binden, ſchiente das Bein mit zwei Stücken trockenen Pappendeckels, brachte den armen Mann wieder in eine bequeme Lage und ſagte dann, während er ſeine Hände wuſch und ſeinen Rock anzog: „Schaut, Freund, nun iſt es gethan. Haltet Euer Bein ruhig, bis der Verband gut trocken iſt: aber he Euer„ häuſe ohne L an mü die Sot len ſetz es Euc trauen: Euer B der Ar Der Hand d küßte ſi währent 6„Fre ſeid get werde: nun, de habt!“ Die Doctor Dankba eine bef nicht oht welches nach der berührte Frau. ſagte, rr ſieht bereits leiben,“ en aus⸗ weiteren rüſſen. wendend, ein näher e Furcht, rz verur⸗ auptwerk d, zog er nach vorn s kranke ſſen. zu ineten zu reini⸗ arpie und eine dop⸗ nwand den en, ſchiente wendeckels, e bequemt ände wuſch m. Haltet trocken iſt 125⁵ aber hernach dürft Ihr keine Bewegung mehr fürchten. Euer Knie wird darin, wie in einem hölzernen Ge⸗ häuſe eingeſchloſſen ſein, und Ihr könnt das Bett ohne Auß⸗ und Schmerz verlaſſen. Von Morgen an müßt Ihr von Zeit zu Zeit aufſtehen und, wenn die Sonne ſcheint, Euch vor die Thüre in ihre Strah⸗ len ſetzen. An guter und kräftiger Nahrung wird es Euch nicht mehr fehlen. Habt Muth und Ver⸗ trauen: Ihr werdet geneſen. Wahrſcheinlich wird Euer Bein ſteif bleiben; aber es wird Euch nicht an der Arbeit hindern.“ Der Kranke ſtrengte ſeine Kräfte an— faßte die Hand des Doctors, der wieder zu ihm getreten war, küßte ſie wiederholt und benetzte ſie mit Thränen, während er ſagte: „Ach, Herr, Gott hat Sie geſandt! Ich werde mein Leben lang für Sie beten!“ Und die Hände des Doctors loslaſſend, wief er mit unſäglicher Freude: „Frau, gute Marian, meine armen Kinder! O, ſeid getroſt, ſeid glücklich! ich werde geneſen, ich werde noch für Euch arbeiten können! Da iſt er Engel, den Ihr in Euren Gebeten gerufen abt!“ Die Frau, in Thränen zerfließend, eilte auf den Doctor und gedachte in feurigen Worten ihm ihre Dankbarkeit zu bezeugen; aber er hielt ſie durch eine befehlende Geberde zurück und wehrte auch, doch nicht ohne tiefe Bewegung, bas kleine Mädchen ab, welches in der Stille ſeine Hand gefaßt hatte und nach dem Beiſpiele des Vaters ſie mit ſeinen Lippen berührte. 126 „Merkt auf, Mutter,“ ſprach Adolph,„Ihr kennt wohl dort hinter dem Kaninchenbuſch das Schloß mit der ſchönen Allee, wo Herr Van Horſt wohnt? Ich habe mit ihm über die Krankheit Eures Monnes und über Euren unglücklichen Zuſtand geſprochen. Der barmherzige Mann hat Eure Familie unter ſeinen Schutz genommen. Ihr dürft täglich dort gegen Mittag Suppe und Fieiſch und andere gute Nahrung holen, ſo viel als für Euch beide und für Eure Kin⸗ der nothwendig iſt. So dankt nun Gott für ſeine Güte; denn Geſundheit, neues Leben wird Euch ge⸗ ſchenkt.“ Ueber ſo viel unerwartetes Glück wie außer ſich, fiel die Frau mit einem Ausrufe der Dankbarkeit dem Doctor zu Füßen, hob die Arme zu ihm empor und ſtammelte undeutliche Worte, welche zu bezeugen ſchienen, daß ſie in der Perſon des menſchenfreund⸗ lichen Arztes die göttliche Barmherzigkeit ſelbſt an⸗ beten zu müſſen glaubte. Die Kinder hatten in ihrer Freude wieder einige Kraft gefunden; ihre Bewegungen waren lebhafter; ihre Augen erglänzten, und ſie ſchlugen die Hände zuſammen, indem ſie die Worte murmelten:„Vater, Mutter, Eſſen, Suppe, Fleiſch, Leckerbiſſen!“ Adolph hatte die Frau auf geboten; üief, wie beide ſich innig umarmend, vermiſchten, und wie die Kinder Freude herumtanzten, überwältigt, und er mußte den Finger an bringen, um einen Tropfen wegzuwiſchen, Blick verdunkelte. gehoben und ihr Ruhe aber als er ſah, wie ſie zu ihrem Manne ihre Thränen vor grenzenloſer da wurde er vom Mitgefühl die Augen der ſeinen Se wandte „K tet Euc mir Eu Mi darüber ſchönen langſan die erſt rend er trachtete Hals u— Bruſt. Nac blick in das Nic erfreut Lungen und der ſchwinde gen wer kleinen ſchmecken r kennt ß mit nt? Ich nes und n. Der rſeinen t gegen Rahrung ure Kin⸗ für ſeine Euch ge⸗ ußer ſich⸗ ankbarkeit m empor bezeugen enſreund⸗ ſelbſt an⸗ der einige lebhaftet; die Hände „Vater, d ihr Ruhe em Manne e Thränen renzenloſer Mitgefühl die Augen der ſeinen 127 Seine Bewegung jedoch mit Gewalt bezwingend, wandte er ſich zu den Kindern und ſagte: „Kommt her, meine kleinen Freunde. Ihr fürch⸗ tet Euch doch nicht vor mir, hoffe ich? Kommt, gebt mir Eure Hand.“ Mit einem ſchüchternen Lächeln und wie beſchämt darüber, ihre unſauberen Hände in die Hand des ſchönen Herrn zu legen, kamen die armen Wichte langſam heran; aber Adolph faßte ihre Hände, zog die erſtaunten Kinder zwiſchen ſeine Kniee, und wäh⸗ rend er allerlei freundliche Worte an ſie richtete, be⸗ trachtete und unterſuchte er ihr Geſicht und ihren Hals und legte ſogar unvermerkt das Ohr an ihre Bruſt. Nach dieſer Unterſuchung verfiel er einen Augen⸗ blick in Nachdenken; er nickte mit dem Kopf, als ob das Nichtvorhandenſein gefährlicher Symptome ihn erfreut hätte und murmelte bei ſich ſelbſtt „Leberthran, Jod, Eiſen, kräftige Nahrung, Rein⸗ lichkeit, Sonnenlicht. Ja, ja, wir wollen rötheres Blut in die Adern gießen; wir wollen den engen Lungen Raum machen. Das Geſpenſt des Elends und der Verkümmerung ſoll aus dieſem Hauſe ver⸗ ſchwinden!“ Er ſtand auf und ſagte im Abgehen: „Alſo, Frau, Ihr werdet morgen und alle Tage, bis Ihr ſämmtlich geneſen ſeid, nach dem Landgut des Herrn Van Horſt gehen und Speiſen holen, welche der Gärtner Euch zu geben Befehl hat. Mor⸗ gen werde ich wieder kommen und Etwas für meine kleinen Freunde mitbringen; ich werde es recht wohl⸗ ſchmeckend machen und viel Zucker dazu thun. Auch 128 wollen wir morgen davon ſprechen, wie hier das Eine und das Andere ſäuberlicher und bequemer ein⸗ zurichten iſt. Eure Wohnung iſt ungeſund: das muß geändert werden. Aber ſeid guten uthes; ich werde Euch helfen. Jetzt habe ich Eile! es ſind noch weitere Kranke da, die vielleicht ungeduldig auf mich warten. Bis morgen, gute Leute, bis morgen!“ Er hörte, wie die Segnungen von Mann und Frau ihm noch durch die Thüre hinaus folgten. Ein ſeliger Ausdruck ſüßer Selbſtzufriedenheit leuch⸗ tete in ſeinen Augen: er rieb ſich die Hände un eilte, frohe Worte für ſich murmelnd, auf einer Art von Fahrweg, welcher hier den dichten Hochwald durchſchnitt, dahin. Nachdem er eine Viertelſtunde gegangen war, ſah et auf dem Wege einen Monn, der mit Zeichen gro⸗ ßer Haſt ihm entgegenkam, und als er endlich in ſeiner Nähe war, ihm zurief: „Eilen Sie, Doctor, eilen Sie, ſonſt wird es zu ſpät!“ „Was wollt Ihr ſagen?“ fragte Adolph.„Ich tenne Euch nicht, Freund!“ ch bin der Nachbar von Pächter Storck,“ war die Antwort.„Es geht ſehr ſchlimm mit ihm: er it einer Stunde gefühllos da. Zuerſt dachte man, es ſei nur eine Schwäche, und hat gewartet, da Sie doch kommen mußten; aber jetzt iſt man in Beſorgniß und hat mich erſucht, nach dem Dorfe zu d Sie zu holen. Es iſt ſo ſonderbar, daß eine Wunde an dem Finger ſolche Folgen haben kann. Dieſe Nacht bekam er Schmerz in der Kehle. — Ich habe an ſeinem Bette gewacht.— Auf ein⸗ mal ko Hals ſ bewege beſtürzt „Wenn arme I iſt eine und Lu iſt höch laßt ur täuſcht Der denklich ſagte e ſter, n müſſen einer„ Schade dort hi miteina ſchnitter Gemein Storck Con iner Art ochwald war, ſah chen gro⸗ ndlich in wird es oh.„Ich orck,“ war ihm er erſt dachte gewartet, iſt man in Dorfe zu erbar, deß gen haben der Kehle. — Auf ein⸗ 129 mal konnte er nicht mehr ſchlucken; dann iſt ſein Hals ſo ſteif geworden, daß er ſich nicht mehr zu bewegen vermochte. „Tetanos*)!“ St Adolph in plötzlichem Schrecken. „Was ſagen Sie da, Herr?“ fragte der Andere beſtürzt.„Sie erbleichen?“ „Schlimm, ſehr ſchlimm,“ antwortete der Doctor. „Wenn es wahr iſt, was Ihr mir ſagt, dann iſt der arme Pächter Storck vom Tetanos befallen. Es iſt eine allgemeine Erſtarrung der Muskeln, die Herz und Lungen zur Unthätigkeit bringt. Dieſes Uebel iſt höchſt bedenklich, bringt den Tod ſelbſt. Kommt, laßt uns eilen; Ihr werdet Euch wahrſcheinlich ge⸗ täuſcht haben.“ Der Mann ſchwieg eine Weile und ſchritt nach⸗ denklich an der Seite des Doctors weiter. Dann ſagte er im Gehen: „Es iſt etwas, Herr, das man Ihnen verborgen hat. Wären Sie damit bekannt geweſen, hätten Sie vielleicht andere Mittel verordnet, als die Pfla⸗ ſter, welche man auf alle Geſchwulſten legt. Sie müſſen wiſſen, daß Storck eine Kuh hatte, die an einer Krankheit ſtarb. Um nun nicht allzu viel Schaden erleiden zu müſſen, ließ er den Schlächter dort hinter der Haidemühle kommen; da haben ſie miteinander das Thier in Stücke zerhauen und ver⸗ ſchnitten, um das Fleiſch, ich weiß nicht nach welcher Gemeinde zu verführen. Bei dieſer Arbeit bekam S einen Splitter unter den Nagel von ſeinem 5 epf A. d. U. Conſecience, der junge Doctor. 8 130 Finger. Damit iſt er einige Tage herumgelaufen, bis der unerträgliche Schmerz ihn zwang, Sie rufen zu laſſen. Man hat nicht gewagt, mit Ihnen von der kranken Kuh zu ſprechen; aber wenn Storck an dieſem Zufall ſterben muß, ſo iſt es gewiß, daß das Gift des kranken Thieres ſein Blut angeſteckt hat.“ Adolph machte ſtillſchweigend eine Geberde des Zweifels. „Sie glauben es nicht, Doctor?“ fuhr der Mann fort.„Wie kommt es, daß auch der Arm des Schlächters furchtbar aufgeſchwollen iſt? und er hat ſich doch nur leicht geritzt!“ „Sicher, Freund, eine Wunde unter ſolchen Um⸗ ſtänden kann den Tod zur Folge haben,“ antwortete Adolph,„aber der Starrkrampf iſt allein die Wir⸗ kung des heftigen Schmerzes auf ein empfindliches Nervengefüge. Kommt, ich ſehe das Haus von Pächter Storck; hoffen wir, daß Ihr Euch über die Zeichen ſeines Uebels betrogen habt.“ In die Wohnung ſeines Kranken tretend, fand Adolph die Frau, die Kinder und die Magd in Thränen zerfließend, und kaum wollte man auf ſeine Fragen Antwort geben. Man ſchien ärgerlich und erbittert gegen ihn. Es war ſein Begleiter, der ihm bas Bett zeigte, worauf Pächter Storck ausgeſtreckt ag. Durch eine ſorgfältige Unterſuchung verſicherte ſich der Doctor, daß der Kranke bereits ganz und gar aus der Welt abgeſchieden war, und er ſuchte die weinenden Leute über dieſen ſchmerzlichen Verluſt zu tröſten; aber ſie nahmen ſeine freundlichen Worte mit Unwillen auf und ſchienen überzeugt, daß er durch des P M man ft daß de eine V hütet h auf der fürchte, lung ei Ado begreifl chem de Zufall: Sie wo klärunge Von verließ ein, der bereits e Gedanket „Abe eine Uetenn Haidemül Und aus eine ſchlängelt Flügel m An d auf eine gelaufen, ie rufen nn n Storck an daß das ckt hat.“ erde des er Mann Arm des d er hat chen Um⸗ ntwortete die Wir⸗ findliches aus von über die d, fand Magd in auf ſeine rlich und der ihm geſtreckt erſicherte ganz und er ſuchte nVerluſt en Worte „daß er 131 durch eine verkehrte Behandlung ſchuld an dem Tode des Pächters ſei. Man ſprach dießmal von der kranken Kuh; aber man fügte als eine Anklage gegen den Doctor bei, daß der Schlächter dort hinter der Haidemühle auch eine Wunde erhalten, daß er ſich jedoch wohl ge⸗ hütet habe, einen Doctor zu rufen, und darum noch auf den Beinen ſei und keine ſchlimmen Folgen be⸗ fürchte, während der arme Pächter trotz der Behand⸗ lung eines Arztes elend geſtorben wäre. Adolph gab ſich noch einige Mühe, den Leuten begreiflich zu machen, daß das plötzliche Uebel, wel⸗ chem der Pächter unterlegen, ein ganz beſonderer Zufall war, den Niemand hatte vorausſehen können. Sie wollten ihn nicht verſtehen und wieſen ſeine Er⸗ klärungen mit Bitterkeit ab. Von einem Gefühl tiefer Traurigkeit betroffen, verließ Adolph das Haus. Er ſchlug einen Weg ein, der ihn nach dem Dorfe führen mußte, und war bereits einige Minuten gegangen, als er plötzlich in Gedanken ſtehen blieb. „Aber der Fleiſcher?“ murmelte er bei ſich ſelbſt. „Wer weiß, wie es mit ihm abläuft? Man muß ſeine Pflicht erfüllen, trotz Undank und Mißkennung. ohlan, gehen wir nach dem Weiler hinter der Haidemühle.“ Und wieder umkehrend, ſchlug er von der Straße aus einen Fußweg ein, der ſich über die Haide ſchlängelte und nach einer Mühle führte, deren rothe Flügel man über das junge Gehölz hervorragen ſah. An der Mühle vorübergehend, gelangte er bald auf eine Landſtraße. Hier ſtand zwiſchen verſchiede⸗ 9* . ————— —— —— nen andern Wohnungen ein Haus, an dem auf einem Aushängeſchild geſchrieben ſtand:„Zu dem Hack⸗ meſſer von Jan Dom, Fleiſcher. Man verkauft hier Bier und ſtarke Getränke.“ Auf der Straße, vor der Thüre dieſer Herberge, ſtanden drei oder vier beladene Wägen, und man erkannte wohl, daß die Fuhrleute hineingegangen waren, um ein Glas Bier oder einen Schluck Brannt⸗ wein zu ſich zu nehmen, denn von innen heraus er⸗ tönte der Laut ihrer Stimmen. Adolph trat in die Schenke ein. Zu ſeinem Er⸗ ſtaunen fand er hier ein Dutzend Menſchen und un⸗ ter ihnen den Gärtner von Herrn Heuvels. Es mußte auch Jemand aus der Nachbarſchaft von Pächter Storck hier ſein, denn man ſprach bereits von ſeinem Tode. In der Tiefe des Zimmers, an einem Tiſche, ſaßen die Fuhrleute um einen robuſten Mann herum, deſſen linker Arm dicht mit Decken umwunden war. Er ſchien jedoch wenig Ungemach zu empfinden, und mußte vom Getränke erhitzt ſein, denn er lachte laut und wüſte, während er ſeinen Arm den Fuhrleuten zeigte. Sobald er Adolph Volkiers bemerkte, der eben mit den Augen zu ſuchen ſchien, wer hier der Herr ſein mochte, rief er ſpottend aus: „Ha, ha, ſchaut, da iſt der Doctor von Pächter Storck! Packt Euch nur fort, Herr, es gibt für Euch hier Nichts zu thun. Ihr möchtet gern zwei Men⸗ ſchen in dasſelbe Grab legen, nicht wahr? Es kann nicht ſein! Werde ich einmal des Lebens müde, will ich Eu abziehe Ad wußte Fleiſche der ju ſich zu Un dem dr ſich an von hö ner vo lachte Ade halber „D kann g warnen könntet ling um Kübel davon: fort, a dem Ki Pächter tor; Ih Wäl einige A ſcher ein if einem m Hack⸗ uft hier erbere, nd man egangen Brannt⸗ raus er⸗ inem Er⸗ und un⸗ Pächter n ſeinem n herum, den war. den, und achte laut uhrleuten der eben der Herr n Pächter für Euch wei Men⸗ Es kann nüde, will 133 ich Euch rufen laſſen. Für jetzt könnt Ihr wieder abziehen; Ihr kommt viel zu frühe!“ Adolph Valkiers, über dieſen Ausfall beſtürzt, wußte nicht, was er ſagen ſollte. Die Worte des Fleiſchers waren auch ſo unerwartet und brutal, daß der junge Mann einiger Ueberlegung bedurfte, um ſich zu faſſen. Unterdeſſen betrachteten ihn die Anweſenden mit dem dummen und böſen Blick von Leuten, welche ſich an der Demüthigung von Jemand ergötzen, der von höherem Stande iſt, als ſie ſelbſt. Der Gärt⸗ ner von Herrn Heuvels ſchien beſonders erfreut und lachte den groben Worten beifällig zu. Adolph nöherte ſich dem Fleiſcher und ſagte mit halber Stimme ihm in's Ohr: „Die Wunde, die Ihr da an dem Arme tragt, kann gefährlich ſein, Freund. Ich kam, Euch zu wünen „Er kommt, mir ſeine Dienſte anzubieten!“ rief der Fleiſcher.„Ha, ha, ich bedarf Eurer Dienſte nicht. Ihr Doctoren geberdet Euch immer, als könntet Ihr Wunder thun. Ich gebe einen Fififfer⸗ ling um all die Quackſalberei. Mit einem halben Kübel Kuhmiſt werde ich meinen Arm kuriren, daß davon weder Schein noch Zeichen übrig bleibt. Fort, fort, aus meinem Hauſe. Ihr werdet mich nach dem Kirchhof bringen wollen, gleich dem armen Pächter Storck dort drüben? Fehl gegangen, Doe⸗ tor; Ihr müßt anderswo Euer Schlachtvieh ſuchen!“ Während Adolph wie vernichtet daſtand und noch einige Worte murmelte, um dem betrunkenen Flei⸗ ſcher einen beſſern Begriff von der möglichen Gefahr 134 ſeiner Wunde beizubringen, ſchrie plötzlich einer der Fuhrleute, der auch zu viel getrunken zu haben ſchien: „Ja, ja, Ihr ſeid es, der dem Pächter Storck ſo frühe in ſein Grab verholfen hat. Es wird Eu⸗ rem Rufe als Doctor Nutzen bringen. Wartet nur, wir wollen Euch dort im Dorfe und an der ganzen Straße hin ein Röckchen anziehen, das nicht von Stroh ſein ſoll. Es iſt die Pflicht eines Chriſten⸗ menſchen, zu verhindern, daß die armen Kranken ſich ſolchen Mörderhänden überliefern!“ Es gab kein Mittel, dieſen bethörten Leuten Ver⸗ nunft beizubringen. Zudem konnte Adolph nicht ge⸗ gen den Willen des betrunkenen Hausherrn bleiben, der ihm nun zuſchrie, er ſolle ſeine Wohnung als⸗ bald verlaſſen. Mit der Röthe der Schaam auf dem Angeſichte, mit Verzweiflung und Schrecken im Herzen verließ Adolph die Schenke und eilte über die Straße, um den Fußpfad zu erreichen, welchen er gekommen war. Nachdem er einige Schritte gethan hatte, ſchlug er ſich beide Hände vor die Stirne und murmelte klagend: „Wehe, was werden ſie mit meinem Rufe an⸗ fangen? Die Zukunft war bereits ſo drohend für mich. Dies iſt der Gnadenſtoß. Keine Hoffnung mehr! Ach, meine arme, meine unglückliche Mutter!“ Und fortſtürzend, als ob ein Peitſchenhieb ihn getroffen hätte, verſchwand er in dem dunklern Schooße des Hochwaldes. Fr Fenſtet vels l Hand einen Gardir ſtillen wodure Es we einen S ſtimmte ſchaute dem H ihre F früher Hir deres: eines C dieſelbe Aufmer — Es um na es wär in das nun mi Abe dem ſch währen um Ent iner der ſchien: Storck id Eu⸗ tet nur, ganzen cht von Thriſten⸗ nken ſich ten Ver⸗ nicht ge⸗ bleiben, ung als⸗ igeſichte, verließ ße, um nen war. „ſchlug nurmelte Rufe an⸗ hend für Hoffnung Mutter!“ hieb ihn dunklern F. Franciska, Adolphs Schweſter, ſaß hinter einem Fenſter, welches auf die Wohnung von Doctor Heu⸗ vels hinausging. Sie hielt eine Stickerei in der Hand und arbeitete fleißig; doch warf ſie öfters einen flüchtigen Blick durch die halb zurückgeſchlagene Gardine, und dann erſchien auf ihrem ſanften und ſtillen Angeſicht ein Ausdruck freudigen Verlangens, wodurch angedeutet wurde, daß ſie Jemand erwarte. Es war der Lag, da ihre Freundin Adelina ihr einen Beſuch verſprochen hatte; und obwohl die be⸗ ſtimmte Stunde noch lange nicht erſchienen war, ſchaute das arbeitende Mädchen ohne Unterlaß nach dem Hauſe von Herrn Heuvels, in der Hoffnung, ihre Freundin würde, ſo ungeduldig wie ſie ſelbſt, früher kommen, als ſie geſagt hatte. Hinter einer verſchloſſenen Thüre, die in ein an⸗ deres Zimmer führte, vernahm man einzelne Laute eines Geſprächs von zwei oder mehr Perſonen; aber dieſelben waren ſo undeutlich, daß ſie bis jetzt die Aufmerkſamkeit des Mädchens wenig erregt hatten. — Es kamen zuweilen an einem Tage ſo viele Leute, um nach Adolph zu fragen, daß ſie nicht zweifelte, es wäre wieder ein Kranker, der von ihrer Mutter in das Sprechzimmer geführt worden war und ſich nun mit ihr über ſein Uebel unterhielt. Aber plötzlich erhob ſich eine der Stimmen zu dem ſcharfen Ton der Ungeduld oder des Zornes, während eine andere Stimme flehend antwortete und um Entſchuldigung zu bitten ſchien. ——— ——— —— 136 Darüber erſchrocken ſtand Franciska von ihrem Stuhle auf; ein tiefer Seufzer entſchlüpfte ihrem Buſen, und ſie hielt ängſtlich den Blick auf die ver⸗ ſchloſſene Thüre geheftet. Einige Augenblicke wurde die unwillige Stimme lauter und lauter; aber Franciska konnte doch aus den ſcharfen Tönen nichts Anderes als das Wort Geld vernehmen, das zu wiederholten Malen aus⸗ geſprochen wurde. Dieſes Wort mußte einen gewaltigen Eindruck auf das Mädchen machen, denn ſie erbleichte und murmelte in einem Tone ſchmerzlichen Mitleides: „Arme Mutter! Welche Erniedrigung! Mit Schaamröthe auf den Wongen einen groben Men⸗ ſchen, der ſie vielleicht verhöhnt, um Nachſicht an⸗ flehen zu müſſen! Es iſt wieder Jakob, der Schrei⸗ ner; ich höre ſeine Stimme. Er verlangt die Be⸗ zahlung für Adolphs Bücherſchrank und die Käſten, worin die Arzneimittel ſtehen. Hundert fünfzehn Francs! Und meine unglückliche Mutter hat dieſe Woche den Bäcker nicht bezahlen können!.. Mittlerweile waren die Laute der Unterredung im Nebenzimmer ſchwächer geworden; ſie ſchienen ſich allmälig zu entfernen, bis ſie ganz verſtummten. Frau Valkiers trat in das Zimmer. Ihr Antlitz war roth, wie von der Farbe der Schaam überflo⸗ gen; in ihren Augen zitterte noch eine zurückgehal⸗ tene Thräne. Sie mußte ſich jedoch die äußerſte Gewalt anthun, um ihre Aufregung zu bezwingen, denn der Ausdruck ihrer Geſichtszüge zeugte weder von Angſt noch Schmerz; im Gegentheil, es ſpielte ein ſtilles Lächeln auf ihren Lippen. S willen Ich ſe niß zu ner, n und h biſt D 4 c „Jako gekauft zu bez Dießm ſelbſt hat ke ſtoßen. Fr Wahrh „E „Deine anſehe einiger wohl r dann u Kranket wirth, uns ſe Francs Na das M „M Schrein machen. ihrem ihrem die ver⸗ Stimme och aus Wort en aus⸗ Eindruck hte und ides: Mit n Men⸗ ſicht an⸗ Schrei⸗ die Be⸗ Käſten, fünfzehn hat dieſe erredung ſchienen tummten. r Antlitz überflo⸗ ückgehal⸗ äußerſte ezwingen, te weder es ſpielte 137 „Ach, liebe Mutter,“ rief Franciska;„um Gottes willen, lächle nicht. Du zerreißeſt mir das Herz. Ich ſehe recht wohl, daß Du Deine bittere Betrüb⸗ niß zu verbergen ſuchſt. Es war Jakob der Schrei⸗ ner, nicht wahr? Er wollte wieder ſein Geld haben, und hat Dich mit groben Worten überhäuft? Wie biſt Du zu beklagen, Mutter!“ „Du irrſt Dich, Franciska,“ antwortete die Wittwe. „Jakob iſt gekommen, mir zu ſagen, er habe Holz gekauft, und möchte gern ſein Geld haben, um es zu bezahlen. Du kennſt den Mann; er ſpricht laut. Dießmal ſuchte er mir begreiflich zu machen, daß er ſelbſt in mißlichen Umſtänden ſich befinde; aber er hat kein einziges hartes Wort gegen mich ausge⸗ ſtoßen.“ Franciska ſchüttelte den Kopf und ſchien an der Wahrheit dieſer beruhigenden Erklärung zu zweifeln. „Es iſt ſo, wie ich ſage,“ verſicherte die Mutter. „Deine Einbildung läßt Dich die Dinge zu ſchlimm anſehen. Laß uns Geduld haben, mein Kind. Seit einiger Zeit bekommt Adolph viele Kunden. Es ſind wohl meiſtens arme Leute, aber er beginnt doch auch dann und wann einen bemittelten Mann unter ſeinen Kranken zu zählen. Morgen kommt der Kronen⸗ wirth, den er von ſeinen Leiden ſo ſchnell kurirt hat, uns ſeine Rechnung zu bezahlen. Wieder zwanzig Francs verdient.“ Nach einem augenblicklichen Stillſchweigen ſprach das Mädchen: „Mutter, Du darfſt Adolph nicht ſagen, daß der Schreiner hier geweſen iſt. Es würde ihm Kummer machen.“ 138 „Ich werde mit ihm davon nicht ſprechen, Fran⸗ ciska.“ „Er iſt bereits ſo unglücklich! Siehſt Du nicht, Mutter, daß er von Tag zu Tag mehr abmagert?“ „Ach ja, ich bemerke es nur zu wohl!“ ſeufzte die Wittwe.„Seine Liebe zu mir iſt die Quelle ſeiner Betrübniß; er denkt gerade wie Du, ich ſei unglücklich. Wos ich rede oder thue, um ihn zu tröſten, es vermag Nichts über ſein trauerndes Ge⸗ müth. So komme ich gar oft auf den Gedanken, ein geheimer Schmerz, Etwas, das uns unbekannt iſt, nage an ſeinem Herzen.“ „Nein, daran iſt der Großvater allein ſchuldig rief Franciska mit einer gewiſſen Bitterkeit.„Er brummt alle Zeit, und anſtatt ſich heiter zu zeigen, iſt er verdrießlich und ſagt meinem Bruder unange⸗ nehme Worte.“ „Großvater wird alt; es geſchieht nur aus Be⸗ ſorgniß für uns, daß er ein Bischen klagt; man darf ihm dieſen Beweis von Liebe nicht übel aus⸗ legen, mein Kind!“ „Wozu dient das Klagen in meines Bruders Gegenwart!“ fuhr das Mädchen fort.„Thut Adolph nicht Alles, was man von einem Menſchen verlangen kann? Ich bin dem Großvater böſe. Er thut meinem armen Bruder wehe und hat Unrecht, ſehr Unrecht!“ „Kind, ſchweige, Du biſt unbillig,“ ſagte die Mut⸗ ter tadelnd.„Sprich vom Großvater nicht unehr⸗ erbietig, und vor Allem nicht ohne ein Gefühl von Bewunderung und Dankbarkeit. Geh' in den Garten; Du wirſt ſehen, wie ihm der Schweiß von den grauen Haaren träufelt. Er, der noch niemals zur Knechts⸗ 1. arbeit muth den 2 Gemü unden Greiſe Hat e darübe ein gu er imn nun a iſt, ſon ſehen, vaters daraus „G gen,“ mit de Dich, Die 6 uns erſ Mittag daß Ad lichen( „G das M und De um die Weile b Fran⸗ u nicht, agert?“ ſeufzte Quelle ich ſei ihn zu des Ge⸗ danken, bekannt uldig!“ t„Gr zeigen, unange⸗ aus Be⸗ t; man bel aus⸗ Bruders Adolph erlangen tmeinem inrecht!“ die Mut⸗ t nehr⸗ fühl von Garten; n grauen Knechts⸗ 139 arbeit ſich hergeben durfte, hat ſich jetzt aus Ebel⸗ muth zu einem fleißigen Taglöhner gemacht. Er gräbt den Boden um, bepflanzt den Garten mit allerlei Gemüſe, führt Dünger herbei, er trägt und ſchleppt und müht ſich ab, gleich einem jungen, ſtarken Mann und doch muß dieſe ermattende Arbeit einem Greiſe von ſiebzig Jahren ſehr ſchwer fallen!— Hat er jemals ein einziges Wort geſprochen, um ſich darüber zu beklagen?“ „Nein, Mutter, ich weiß wohl, daß Großvater ein gutes und edles Herz hat; aber warum murrt er immerdar ſo gegen Adolph?... Du darfſt ihm nun auch nicht ſagen, daß der Schreiner gekommen iſt, ſonſt wird er wieder den ganzen Tag ſauer aus⸗ ſehen, und mein Bruder kann genug auf des Groß⸗ vaters Angeſicht leſen, um neuen Grund zum Kummer daraus zu ſchövfen....“ „Geh', ſprechen wir nicht mehr von dieſen Din⸗ gen,“ fiel die Wittwe ein.„Laß' uns Muth faſſen; mit der Zeit und mit Gottes Hilfe werden wir die Mühſeligkeiten unſerer Lage wohl überwinden. Setze Dich, Franciska, und nimm Deine Arbeit wieder auf. Die Frau des Notars iſt ſo eben da geweſen und hat uns erſucht, mit ihr und ihrer Familie morgen das Mittagsmahl einzunehmen. Ich habe verſprochen, daß Adolph und der Großvater und Du dieſer freund⸗ lichen Einladung entſprechen werden.“ „Geh Du hin, Mutter, ich bitte Dich,“ ſagte das Mädchen;„es wird Dich ein Bischen zerſtreuen und Dein Gemüth aufheitern. Laß mich zu Hauſe, um die Beſtellungen auszuführen. Ich bekomme lange Weile bei einem Mittagsmahl, das ſo lange dauert.“ 140 „Conſtantia hat aber durch ihre Mutter darauf dringen laſſen, daß namentlich Du nicht fehlen ſolleſt.“ „Ach, immerdar die Conſtantia!“ brummte das Mädchen unzufrieden. „Was iſt das?“ fragte die Mutter verwundert. „Willſt Du jetzt die anſpruchsloſe Freundſchaft der guten Conſtantia abweiſen? Es hat gewiß zwiſchen Euch beiden einen kleinen Streit gegeben? Nun, nun, morgen wirſt Du nicht mehr daran denken.“ „Nein, das iſt es nicht,“ antwortete Franciska ärgerlich.„Conſtantia thut ſich gegenwärtig viel zu viel Gewalt an, uns ihre Geneigtheit zu beweiſen; ihre Zudringlichteit fällt mir läſtig; ich finde an der Unterhaltung mit ihr keinen Gefallen mehr. Sie will bei uns die Stelle von Adelina einnehmen; aber wir wären ſehr undankbar, wenn wir ſo ſchnell ver⸗ gäßen, welche Liebe die arme Adelina uns ſtets von Kindesbeinen an erzeigt hat. Dieſen Nachmittag wird ſie uns beſuchen!“ „Sei gerecht, Franciska,“ ſagte die Mutter.„Wir müſſen dem Notar für ſein Wohlwollen gegen uns vankbar ſein. Wenn er nicht überall Adolph in Schutz nähme und ihn dem Vertrauen der Leute empfähle, ſo würde es noch ſchlimmer mit uns gehen. Wir mögen für die Beweiſe von Theilnahme, welche uns durch die Familie des Notars gegeben werden, erkenntlich ſein, ohne daß wir darum andere Freunde zu vergeſſen brauchen. Seitdem Herr Heuvels auf uns erzürnt ſcheint, ſiehſt Du Adelina nicht einmal mehr in vierzehn Tagen. Du kannſt nicht immer allein bleiben, mein Kind; in Deinen Jahren hat man Jemand nöthig, mit dem man im Vertrauen ſprech Verſt doch A Ausd fremd Grün aber der G D Zufrie auf ei von d arbeit ten i rührt, wohl, kann. Syrin ich mi bleibt. ſo gä tiefem dem a äpfeln mit A heraus kein P darauf ſolleſt.“ te das ndert. aft der wiſchen n, nun, ranciska viel zu weiſen; an der r. Sie en; aber nell ver⸗ tets von chmittag r.„Wir gen uns oh in er Leute is gehen. e, welche werden, Freunde vels auf t einmal immee hren hat zertrauen 141 ſprechen kann. Conſtantia hat allerdings nicht ſo viel Verſtand und Seelenſtärke als Adelina, aber ſie iſt doch ein gutherziges und freundliches Mädchen.“ Auf Franciska's Angeſicht zeigte ſich ein bitterer Ausdruck, und ſie gedachte wahrſcheinlich ihrer Ent⸗ fremdung gegenüber von Conſtantia durch andere Gründe einen Schein von Rechtmäßigkeit zu geben; aber dieſen Augenblick wurde die Thüre geöffnet und der Großvater trat in das Zimmer. Die Miene des Greiſes verrieth eine gewiſſe ſtille Zufriedenheit, obwohl er äußerſt ermüdet ſchien. Sich auf einen Stuhl ſetzend, trocknete er den Schweiß von der Stirne und ſprach: „Ich habe geſtern und dieſen Morgen tüchtig ge⸗ arbeitet, Maria. Noch eine Woche, und unſer Gar⸗ ten iſt im Stande, ohne daß man ihn weiter an⸗ rührt, den Lenz abzuwarten. Ich weiß aber jetzt wohl, woran ich mir den Winter über warm machen kann. So oft ich am Ende unſeres Gartens die Syringenbüſche und anders Geſträuche anſehe, ſage ich mir ſelbſt, daß da viel guter Boden unbenutzt bleibt. Könnte ich die nutzlofen Gewächſe ausrotten, ſo gäbe das Arbeit für die Winterszeit; und bei tiefem Umgraben und vielem Bedüngen wäre auf dem ausgeruhten Boden ein guter Ertrag von Erd⸗ äpfeln zu gewinnen.... Ich werde noch einmal mit Adolph darüber ſprechen.“ „Ach, Großvater, Du findeſt doch alle Zeit Etwas aus, um meinen Bruder zu betrüben!“ ſagte Fran⸗ ciska.„Du haſt bereits alle Blumen und Gebüſche herausgeriſſen. In unſerm ganzen Garten gibt es kein Plätzchen mehr, wo man noch ein wenig Schat⸗ 142 ten haben könnte;— und jetzt willſt Du noch Erd⸗ äpfel dort anpflanzen! Wo ſoll dann Adolph in dem heißen Sommer ſtudiren?“ „Ja, Kind,“ antwortete der Greis,„ich weiß wohl, daß ein Bischen ſchattige Kühlung in einem Garten ſehr angenehm iſt; aber die Küche geht Allem voran. Auf dem Boden, wo jetzt die Gebüſche ſtehen, kann man wohl vier Säcke Kartoffeln bekommen. Es iſt ein Vorrath, den wir nicht zu kaufen brauchen. Man muß aus der Noth eine Tugend machen; wir haben unglücklicher Weiſe jetzt weniger Grund als jemals, an unſere Bequemlichkeit zu denken. Es ſieht vielmehr ſchlimmer mit uns aus. Ich werde mit Adolph davon ſprechen; er wird ſeine Zuſtimmung geben, und ich weiß, was mit meinen Armen den Winter über zu thun iſt.“ „Er wird allerdings zuſtimmen,“ antwortete das Mädchen in traurigem Ton;„man kann Alles mit ihm anfangen, was man will; aber es wird ihn dennoch ſchmerzen, ſeine lieben Geſträuche und ſeine Studierbant verſchwinden zu ſehen. Ich bitte Dich, Großvater, gib Dein Vorhaben auf! Habe doch einiges Mitleid mit meinem armen Bruder!.. Da kommt er! Sprich mit ihm noch nicht davon!“ Es war wirklich ihres Bruders Schritt, den ſie auf dem Gange vernommen hatte; denn die Thüre wurde geöffnet und Adolph trat ein. Es mußte etwas Ueberraſchendes in ſeiner Miene liegen, da Franciska bei ſeinem Erſcheinen aufſprang und einen halb erſtickten Schrei vor Schrecken und Verwunderung ausſtieß. Auch die Mutter ſah ihren Sohn mit banger genehm aufgere Bedeut Ich wü ich nick ohne 3 bringen Wäl den ſchm Worte dern än den Ko; ihrer pe zu lächel ihr Bru „Abe einiger 1 bekümme c Erd⸗ h in h weiß einem t Allem ſtehen, enn Es auchen. n; wir nd als Es ſieht rde mit mmung nen den tete das lles mit ird ihn nd ſeine te Dich, be doch Dä n!“ den ſie e Thüre Miene ufſprang cken und banger 143 Beſtürzung an und rief, ehe er ſeinen Gruß ausge⸗ ſprochen hatte: „Was iſt Dir geſchehen, Adolph? Was haſt Du?“ „Nichts, es iſt Nichts,“ ſtammelte der Jüngling, der ſich Gewalt anthat, um ruhig zu ſcheinen. „Du biſt bleich; Dein Geſicht iſt ganz entſtellt!“ ſagte die Wittwe. Adolph war ſichtbar verlegen und ſchien ärger⸗ lich, daß ſein Geſicht ein Geheimniß verrieth, wel⸗ ches er mindeſtens theilweiſe vor ſeiner Mutter hatte verbergen wollen. „Nein, nein, beunruhige Dich nicht, Mutter,“ ſprach er.„Es iſt mir allerdings etwas ſehr Unan⸗ genehmes geſchehen, und es mag mich wohl etwas aufgeregt haben; doch iſt die Sache nicht von ſolcher Bedeutung, daß ſie uns ernſtlich betrüben könnte. Ich würde ſogar mit Dir nicht davon ſprechen, wenn ich nicht befürchtete, andere Perſonen werden Dir, ohne Zweifel mit Uebertreibung, davon Botſchaft bringen.“ Während durch die Erregtheit ſeiner Miene und den ſchmerzlichen Ton ſeiner Stimme die beruhigenden Worte Lügen geſtraft wurden, ſchauten ihn die An⸗ dern ängſtlich an. Der Großvater ſchüttelte traurig den Kopf, als ſähe er noch eine Verſchlimmerung ihrer peinlichen Lage voraus; die Mutter bereitete ſich, ihrem Sohn Troſt zu geben, und zwang ſich, zu lächeln; Franciska zitterte und war bleicher als ihr Bruder. „Aber bleibt doch ruhig!“ ſagte Adolph mit einiger Ungeduld.„Es iſt kein Grund, um uns zu betümmern. Du weißt doch, Mutter, von Pächter 144 Storck, der einen Spreißel am Fingernagel gefangen hat und in Folge dieſer Wunde heftige Schmerzen bekam? Ein tödtliches Uebel, das man Tetanos nennt, hat ihn dieſe Nocht befallen. Er war bereits unterlegen, als ich auf dem Hof anlangte. Ich habe Leute getroffen, welche der Meinung ſind, ich trage die Schuld von des Pächters Tode. Sie wollen in unſerm Dorfe davon ſprechen, ſagten ſie; und viel⸗ leicht wird dieſe Anklage durch das laute Gerücht Dir zu Ohren kommen. Laß Dich jedoch durch dieſe Anſchuldigung nicht betrüben, Mutter; in einigen Tagen wird der Vorfall vergeſſen ſein; mein Ruf wird dadurch keineswegs, zum Mindeſten nicht ernſt⸗ lich leiden.“ Die ſichtbare Mühe, welche der Jüngling an⸗ wandte, ſeine Mutter zum Voraus gegen den Ein⸗ druck, welchen das Gerücht hervorbringen könnte, zu waffnen, hatte die entgegengeſetzte Wirkung. Bei⸗ nahe völlig überwältigt von Furcht, hatte die Mutter in ſchmerzlichem Nachdenken den Kopf auf die Bruſt ſinken laſſen und ſchaute zu Boden; in Franciskas Augen blinkten Thränen. „Wehe, wehe, Alles wendet ſich gegen uns ſeufzte der Großvater.„Die Zukunſt war noch nicht drohend genug; es muß uns noch ein Unglück wider⸗ fahren, das vielleicht mit Einem Schlag alle unſere Hoffnungen vernichtet! Es muß ein Ende nehmen; dieſes Doctorweſen ſtürzt uns in rettungsloſe Ar⸗ muth.“ Franciska ſtreckte die Hände aus und warf einen 3 bittenden Blick auf den Großvater, als ſuchte ſie 1 ihren beſchir zu übe bühr( Großr Vorfal vorübe Man: „A uns tä flößen erſchroe Eir er ſein bergen, ten Kr noch ei meine 1 ſchrecklic Dennoc ſchreckt, duld ge der Me kümmer gen des Bücher Conſ efangen hmerzen Letanos bereits ch habe h trage ollen in nd viel⸗ Gerücht rch dieſe einigen ein Ruf ht ernſt⸗ ing an⸗ den Ein⸗ nnte, zu g. Bei⸗ e Mutter die Bruſt anciskas en uns!“ roch nicht ick wider⸗ lle unſere nehmen; sloſe Ar⸗ warf einen ſuchte ſie 145 ihren Bruder gegen die entmuthigenden Klagen zu beſchirmen. „Was muß ich denn ſagen oder thun, um Euch zu überzeugen, daß Ihr mit Unrecht und über Ge⸗ bühr Euch erſchreckt?“ ſagte Adolph.„Glaube mir, Großvater, unangenehm, beklagenswerth iſt dieſer Vorfall ſicher, aber der Eindruck davon wird ſchnell vorübergehen. Es werden beſſere Zeiten kommen. Man muß eben Geduld haben.“ „Adolph, Adolph,“ warnte der Greis;„warum uns täuſchen? Du willſt uns Muth und Ruhe ein⸗ flößen? Ach, ich habe Mitleid mit Dir: Du biſt erſchrockener und niedergeſchlagener als wir.“ Ein nervöſes Zittern befiel den Jüngling, als er ſeine Unmacht erkannte, die Verzweiflung zu ver⸗ bergen, welche ſeine Bruſt erfüllte. Mit einer letz⸗ ten Kraftanſtrengung ſetzte er ſeiner Muthloſigkeit noch einigen Widerſtand entgegen und ſprach mit ſelt⸗ ſamem Ernſt in der Stimme: „Es iſt wahr, was Du ſagſt, Großvater, eine tiefe Angſt quält mich. Du irrſt Dich jedoch über die Urſache davon. Siehſt Du, ich glaube die Wunde nach den Regeln der Kunſt behandelt zu haben; ich meine überzeugt ſein zu dürfen, daß Nichts mich den ſchrecklichen Starrkrampf vorausſehen laſſen konnte. Dennoch bin ich nicht ruhig; mein Gewiſſen iſt er⸗ ſchreckt, und ich werde von einer brennenden Unge⸗ duld getrieben, meine Entſchuldigung in den Werken der Meiſter zu ſuchen. Es iſt der Zweifel, die Be⸗ kümmerniß, welche Du als eine Furcht vor den Fol⸗ gen des Geſchehenen anſiehſt. So lange ich meine Bücher nicht zu Rathe gezogen und mein Gewiſſen Conſeience, der junge Doctor. 10 146 beruhigt habe, werde ich ſchmerzlich erbeben bei dem bloßen Gedanken, daß ich etwas, eine einzige Beſonderheit vergeſſen haben könnte. Ach, wäre dem ſo, ich müßte mich zum Mindeſten einer Verſäumniß ſchuldig erachten! Dieſes peinliche Bedenken muß mir vom Herzen!“ Er faßte die Hand ſeiner bedrückten Mutter und ſagte: „Nun, ſei ruhig, betrübe Dich nicht. Großvater hat Unrecht, die Sache ſo ſchlimm anzuſehen. Ich werde es Dir bald und mit mehr Freiheit des Gei⸗ ſtes beweiſen. Laß mich jetzt auf mein Zimmer gehen, um meine Bücher zu Rathe zu ziehen, um mich von der Aufregung, die Euch erſchreckt, zu befreien. Ich erſuche, ich bitte Dich, Mutter, mich durch Niemand ſtören zu laſſen. Kommt ein Kranker, ſo möge er warten. Ich muß allein ſein, bis die Ueberzeugung von meiner Unſchuld mir Geiſt und Herz erleichtert hat. Dann werde ich Dich tröſten und Dir Muth geben, ſei deſſen verſichert. Recht bald, Mutter; ver⸗ banne alle beunruhigenden Gedanken... Mit dieſen Worten wandte ſich Adolph nach der Thüre des Zimmers, er ſchien auf ſeinen Beinen zu wanken, und ein dumpfer Seufzer entſchlüpfte ſeiner Bruſt. Die Andern ſchauten ihm ſtillſchweigend nach, bis ſie ſein Gemach ſchließen hörten. Dann warfen ſie ſich einen traurigen, bekümmerten Blick zu. Fran⸗ ciska begann heftig zu weinen; die Wittwe ſchien wie vernichtet. „Wir ſind recht unglücklich,“ ſagte der Greis; „es blieb uns noch ein Bischen Hoffnung übrig, mit Gottes Hülfe, ohne zu unterliegen, eine Verbeſſerung unſere auch t ſichert, uns ſe Ruf e ein ju ein In Wern Adolpl man i uns ei ten? Dinge trübent gegen unſer den, u Hier iſ wir ve Wie w der Ad den Sc durchbr Nein, r müſſen ſchlagen eher je ſeinem zu ziehe Vorfall tes, de Pfade t n bei einzige ire dem iumniß muß ter und oßvater e Gei⸗ r gehen, ich von en. Ich tiemand möge er zeugung rleichtert ir Muth ter; ver⸗ nach der einen ze te ſeiner end nach, n warfen u. Fran⸗ ſchien wie r Greis; ibrig, mit beſſerung 147 unſeres Zuſtandes abwarten zu können. Nun iſt auch dieſe Hoffnung gänzlich verloren; denn, ſei ver⸗ ſichert, Maria, die Sache iſt ſchlimmer, als Adolph uns ſagt. Es iſt nicht gar viel nöthig, um den Ruf eines Arztes zu zerſtören, beſonders wenn er ein junger Doctor iſt, und es Menſchen gibt, welche ein Intereſſe an ſeinem Mißgeſchick zu haben glauben. Wer weiß, wie man den Vorfall benützen wird, um Adolph das wenige Vertrauen zu entziehen, welches man ihm zu ſchenken begann! Warum noch länger uns eine verhängnißvolle Binde vor die Augen hal⸗ ten? Laßt uns lieber kaltblütig den Stand unſerer Dinge prüfen und erkennen wir die Wahrheit, ſo be⸗ trübend ſie auch ſein mag. In der Aufrichtigkeit gegen uns ſelbſt werden wir vielleicht den Muth, unſer Loos zu tragen, und Klarheit des Geiſtes fin⸗ den, um zu einem rettenden Entſchluß zu gelangen. Hier iſt für Adolph als Doctor kein Glück zu hoffen; wir verwickeln uns mehr und mehr in Schulden. Wie werden wir je den Apotheker befriedigen können, der Adolph ſeine Arzneimittel geliefert hat? Wie den Schreiner bezahlen? Wie werden wir den Winter durchbringen, ohne überall neue Schulden zu machen? Nein, nein, ſo kann es nicht länger fortgehen. Wir müſſen uns ernſtlich und mit gutem Willen berath⸗ ſchlagen, ob es nicht beſſer wäre, wenn Adolph je eher je lieber dieſem Doctorberufe entſagte und aus ſeinem vielen Wiſſen andern und gewiſſern Nutzen zu ziehen verſuchte. Kommt, tröſtet Euch beide. Der Vorfall iſt vielleicht eine wohlthätige Schickung Got⸗ tes, der uns die Augen öffnet und uns auf dem Pfade des Verderbens zurückhalten 148 Während der Greis dieſe traurigen Worte aus⸗ ſprach, war Franciska zu ihrer Mutter getreten und hatte den Kopf auf deren Schulter fallen laſſen. In dieſer Haltung fuhr das Mädchen mit Weinen fort. Die bedrückte Wittwe ſagte nichts und ſchaute in hoffnungsloſer Träumerei zu Boden. Es herrſchte eine Weile Stillſchweigen; ſelbſt der Großvater war in Gedanken verſunken und ſchüttelte ſtumm den Kopf. Plötzlich wurde die Thüre geöffnet und ein jun⸗ ges Mädchen trat in das Zimmer. Ein Lächeln ſtand auf ihrem Angeſicht; ſie ließ ihre Augen rings im Gemach herumlaufen, als ſuchte ſie Jemand; ſchaute dann der Reihe nach mit for⸗ ſchendem Zweifel den nachdenklichen Großvater und die trauernden Frauen an und ſprach dann in leich⸗ tem Tone: „Ich habe mich darauf gefaßt gemacht! Sie wiſſen alſo, was Adolph widerfahren iſt?“ Bei dem Klange dieſer Stimme ſprang Franciska auf, und mit offenen Armen dem eintretenden Mäd⸗ chen entgegenlaufend, rief ſie: „Adelina, Gott ſendet Dich! o, tröſte meine nie⸗ dergedrückte Mutter!“ „Das wird nicht ſehr mühevoll ſein,“ antwortete das Mädchen.„Ich kenne den ganzen Vorfall; un⸗ ſer Gärtner war zugegen, als einige betrunkene Leute Adolph verhöhnten und bedrohten. Ich vermuthete wohl, Sie würden allzumal ſehr niedergeſchlagen ſein; denn die grenzenloſe Liebe, die Sie zu einander he⸗ gen, macht Sie über die Maßen empfindlich und ängſtlich. Was hat nun dieſes Ereigniß zu bedeu⸗ ten? von geſchie Docto unerm recht ſeinem hauſe, Sloſſe kiers, müſſen denn gute J Sie ü lingen die Zr Sie f Valkie blicken Ihnen nichts ein ger De lina's Worte, Wittwe te as⸗ ten und laſſen. Weinen ſchaute bſt der chüttelte ein jun⸗ ſie ließ ls ſuchte mit for⸗ ter und in leich⸗ t! Sie ranciska e Mäd⸗ eine nie⸗ ntwortete fall; un⸗ ene Leute ermuthete igen ſein; ander he⸗ dlich und zu bedeu⸗ 149 ten? Iſt nicht Jedermann der Gefahr ausgeſetzt, von unſinnigen Leuten beleidigt zu werden? Und geſchieht es nicht beinahe immer, daß man es dem Doctor Schuld gibt, wenn ein Kranker durch einen unerwarteten Tod hinweggerafft wird? Solches Un⸗ recht wurde meinem Vater vielleicht hundertmal in ſeinem Leben angethan: heute noch, in dem Herren⸗ hauſe, an dem Lodtenbette der alten Baronin Van Sloſſe! Hat er davon gelitten? Ei, ei, Frau Val⸗ kiers, Sie müſſen nicht ſo kleinmüthig ſein. Gott müſſen Sie vielmehr danken und guten Muth haben; denn ſehen Sie einmal, wie ſeit einiger Zeit der gute Ruf Adolphs wächst und ſich vergrößert. Seien Sie überzeugt, es wird ihm auf ſeiner Laufbahn ge⸗ lingen; und haben Sie jetzt auch ein bischen Mühe, die Zukunft wird Sie ſtolz machen auf das, was Sie für Ihren Sohn gelitten haben. Nun, Frau Valkiers, richten Sie Ihr Haupt wieder empor und blicken Sie mit Zuverſicht in die Zukunft, welche Ihnen entgegenlächelt. Glauben Sie mir, es iſt nichts verloren. Was Adolph heute begegnete, iſt ein gewöhnlicher Zufall ohne Bedeutung.“ Der eindringliche und bezaubernde Ton von Ade⸗ lina's ſüßer Stimme, mehr noch als der Sinn ihrer überwand beinahe gänzlich die Beſorgniß der ittwe. Bewegt faßte dieſe die Hand des beredten Mäd⸗ chens und flüſterte, dieſelbe zärtlich drückend: „Adelina, Kind, ich weiß nicht, welche Macht Dein Wort über mich ausübt. Vielleicht täuſcheſt Du mich, doch gebe ich mich der Hoffnung hin, die 150 Du in meine bedrückte Bruſt gießeſt. Möchte es ſo ſein, wie Du ſagſt!“ Franciska flog ihrer Freundin an den Hals. „O, gute Adelina,“ rief ſie,„habe Dank!l Könnte mein armer Bruder hören, was Du geſagt haſt! Er iſt tödtlich angegriffen; ſein Ausſehen hat mich er⸗ ſchreckt. Es muß etwas ſein, was wir nicht wiſſen..“ „Wo, wo iſt Adolph?“ fragte Adelina.„Ich begreife ſeine Beſorgniß; er kennt noch nicht alle die Widerwärtigkeiten, denen ein Doctor ausgeſetzt iſt. Ich will mit ihm ſprechen. Iſt er zu Hauſe?“ „Ja, er iſt in ſeinem Zimmer gegen die Straße,“ antwortete Franciska,„aber er hat gebeten, daß Nie⸗ mand ihn ſtöre. Er will allein ſein, um ſich aus ſeinen Büchern zu überzeugen, daß er ſich nichts vor⸗ zuwerfen hat. Ich wage nicht, ihn zu rufen. Seine Bitte, ſein Befehl war zu beſtimmt.“ „In der That, mein Kind,“ ſetzte der Großvater hinzu,„ich gebe zu, daß Sie wohl die Macht hätten, ihm einigen Muth einzuſprechen. Wer kann Ihrem tröſtenden Worte widerſtehen? Aber Adolph möchte es uns vielleicht übel nehmen, wenn wir ſeine drin⸗ gende Bitte nicht achteten. Warten Sie lieber, bis er von ſelbſt aus ſeinem Zimmer kommt.“ „Nein, nein,“ erwiderte Adelina,„man darf trau⸗ rige Leute nicht allein laſſen. Zudem kann ich nicht länger als eine Stunde hier bleiben. Nun, Fran⸗ cista, führe mich zu Deinem Bruder; wir werden recht ſchnell den Sieg über ſeinen Mißmuth davon⸗ tragen.“ Mit ſichtbarer Freude ergriff Franciska die Hand ihrer Freundin und ſchritt mit ihr nach dem Kabinet. Sie den Ado eines Wid iſt, 1 durc gekr Zufc werd die u trübe loſig etwa lina von Sche glaui zu kö gekon ob ic ren 1 gute“ Sie müſſe kann e es ſo alß. Könnte aſt! Er mich er⸗ viſſen..“ .„Ich alle die eſetzt iſt. ſe?“ Straße,“ daß Nie⸗ ſich aus ichts vor⸗ n. Seine Hroßvater ht hätten, n Ihrem ph möchte eine drin⸗ ieber, bis darf trau⸗ nich nicht in, Fran⸗ ir werden ith davon⸗ die Hand n Kabinet. 151 Sie öffnete ſo leiſe die Thüre, daß ſie ihren Bruder, den Kopf in den Händen verborgen, überraſchte. „Ha, ha, wie niedergedrückt Sie ausſehen, Adolph!“ rief Adelina lächeind.„Bricht der Muth eines ſtarken Mannes, wie Sie, unter einer ſo kleinen Widerwärtigkeit? Ich weiß, was Ihnen geſchehen iſt, und vermuthete wohl, daß Ihr gefühlvolles Herz durch die Unverſchämtheit eines betrunkenen Fleiſchers gekränkt worden ſein mochte.. aber was hat dieſer Zufall zu bedeuten? Ehe die Woche zu Ende iſt, werden Sie mit einem Lächeln der Verachtung an die unmächtige Grobheit einfältiger Fuhrleute denken.“ Adolph ſchaute das Mädchen mit einem kalten, trüben Blick an. Sein Angeſicht war von Muth⸗ loſigkeit erſchlafft, und in ſeinen feuchten Augen blinkte etwas wie eine zurückgehaltene Thräne. Dieſe auffallende Niedergeſchlagenheit ſchien Ade⸗ lina zu überraſchen; doch bezwang ſie ihr Gefühl von Bekümmerniß und fuhr im Tone fröhlichen Scherzes fort: „So! Sie bieten mir einen Kampf an? Sie glauben, Ihre Traurigkeit gegen mich vertheidigen zu können? Verblendeter Adolph! Ich bin hieher gekommen, um Sie zu tröſten. Wir wollen ſehen, ob ich über Ihre ungegründete Beſorgniß triumphi⸗ ren werde, oder nicht!“ „Ich danke Ihnen für Ihre edelmüthige Abſicht, gute Adelina,“ antwortete der Jüngling.„Stellen Sie Ihre freundlichen Bemühungen ein. Dießmal müſſen dieſelben nutzlos bleiben: was geſchehen iſt, kann nicht mehr gut gemacht werden. „Ach, es iſt ganz und gar nichts, Bruder!“ rief 152 Franciska mit heiterer Stimme.„Höre nur, was Adelina Dir ſagen will; ſie wird Dir beweiſen, daß Du Unrecht daran thuſt, Dich um einer ſolchen Klei⸗ nigkeit willen zu bekümmern.“ „Um einer ſolchen Kleinigkeit willen?“ wiederholte Adolph.„Es iſt eine Kleinigkeit, nicht wahr, alle Hoffnung aufgeben zu müſſen und in der Zukunft nichts als Finſterniß zu ſehen? Die nicht glücklich machen zu können, die man liebt?“ An dem äußerſt muthloſen Tone von des Jüng⸗ lings Stimme erkannte Adelina, daß ſie mit leichten Worten dieſe tiefe Niedergeſchlagenheit nicht zu über⸗ winden vermöchte. Das Lächeln auf ihrem Angeſicht wich alſo einem Ausdrucke des Ernſtes, und näher zu dem Tiſche tretend, ſprach ſie mit ſanftem Nach⸗ drucke: „Es iſt die Ungerechtigkeit der Menſchen, die Sie betrübt, nicht wahr, Adolph? Sicher iſt es ſchmerz⸗ lich, ſich vorwerfen zu hören, daß man die Schuld an dem Tode eines Menſchen trägt, wenn alles Mög⸗ liche geſchehen iſt, ihm Geneſung zu bringen. Aber übertreiben Sie doch die Folgen dieſer Ungerechtig⸗ keit nicht. Sie werden derſelben auf Ihrer Laufbahn vielleicht hundertmal begegnen, und endlich deßhalb ganz gleichgültig werden. Es vergeht kein Monat, ohne daß meinem Vater daſſelbe geſchieht. Er achtet nicht darauf; dergleichen Vorfälle haben keinen Ein⸗ fluß auf ſeinen guten Ruf. Jedermann weiß doch wohl, daß ein Doctor nicht alle Menſchen am Leben erhalten kann. Sie haben alſo Unrecht, ſich ſo nie⸗ derſchlagen zu laſſen, und zwar durch ein ganz ge⸗ wöhn tung D den„ glaub Kumn c richti dem ſich n unſchu gehan Traur Wund wie V „6 ſinnige troffen Unger welche De auffall ner M gegen hatte 2 liches mächti nicht e weher, von A Irrthu r, was en, daß en Klei⸗ derholte hr, alle Zukunft glücklich s Jüng⸗ leichten zu über⸗ Angeſicht d näher m Nach⸗ die Sie ſchmerz⸗ e Schuld les Mög⸗ n. Aber gerechtig⸗ Laufbahn 1Monat, Er achtet inen Ein⸗ veiß doch am Leben ch ſo nie⸗ ganz ge⸗ 153 wöhnliches Ereigniß, das nicht die geringſte Bedeu⸗ tung hat.“ Der Jüngling lächelte geduldig und ſchüttelte den Kopf. Dieſe ablehnende Geberde ließ Adelina glauben, ſie habe ſich über den wahren Grund ſeines Kummers getäuſcht. „Denken Sie vielleicht den Pächter Storck un⸗ richtig behandelt zu haben?“ ſprach ſie.„Und wäre dem auch ſo! Wer iſt unfehlbar? Und darf man ſich nicht vor ſeinem Gewiſſen und vor Gott für unſchuldig erachten, wenn man in gutem Glauben gehandelt hat?“ „Nein, Adelina, das iſt nicht der Grund meiner Traurigkeit,“ antwortete er;„ich bin überzeugt, die Wunde von Pächter Storck ſo behandelt zu haben, wie Wiſſenſchaft und Erfahrung gebieten.“ „Sind es vielleicht die Beleidigungen der wahn⸗ ſinnigen Fuhrleute, die Sie in Ihrem Herzen ge⸗ troffen haben? Adolph, Sie müſſen ſich über ſolche Ungerechtigkeit erheben können. Es ſind eitle Worte, welche Nichts als Ihre Verachtung verdienen.“ Der junge Doctor ſchwieg noch immer. Seine auffallende Kälte und der bittere Hohn, der in ſei⸗ ner Miene lag, ſchienen anzudeuten, daß er ſein Herz gegen allen Troſt verſchloſſen hatte. Noch niemals hatte Adelina ihn ſo unempfindlich für ihr freund⸗ liches Wort geſehen. Die Beſorgniß, dießmal un⸗ mächtig gegen ſeinen Kummer zu bleiben, ſchlug ſie nicht allein mit Schmerz, ſondern that ihr um ſo weher, wenn ſie ſich vorſtellte, über den Umfang von Adolphs Zuneigung zu ihr bisher in einem Irrthum befangen geweſen zu ſein. 15⁵4 Mit peinlicher Niedergeſchlagenheit in der Stimme ſagte ſie: „Adolph, wie grauſam ſind Sie gegen mich! Wenn es Ihnen an Muth zu gebrechen ſcheint, ſich gegen die Widerwärtigkeiten des Lebens zu erheben, ſo fehlt er Ihnen doch nicht, um mir unerbittlich einen Theil Ihres Leidens vorzuenthalten. Ach, ich bitte Sie, ſagen Sie mir, was Ihnen ſo unbegreif⸗ lichen Kummer verurſacht!“ „Unmöglich, Adelina, ich darf Ihnen den wahren Grund meiner Verzweiflung nicht offenbaren.“ „Sie wollen die Wunden Ihres Herzens vor mir verſchließen?“ „Klagen Sie mich nicht an, Adelina,“ ſtammelte der Jüngling bewegt;„ich bin Ihnen dankbar für Ihre edelmüthige Theilnahme an meinem Leide; aber es gibt ſchmerzliche Geheimniſſe, die man in ſeiner eigenen Bruſt eingeſchloſſen halten muß. Ich bitte, fragen Sie mich nicht, was mich muthlos macht; denn könnten Sie mir das Geheimniß meiner Verzweiflung entreißen, wäre ich doppelt unglücklich“ Niedergedrückt unter dieſer unüberwindlichen Kälte, ließ das Mädchen mit einem tiefen Seufzer das Haupt auf die Bruſt fallen. Sie murmelte noch eine undeutliche Klage, legte ſich die Hände vor die Augen und begann leiſe zu weinen. Franciska faßte ſie beim Arm und ſuchte ihren Schmerz durch ſanfte Worte zu beſchwichtigen. „Nein, laß meine Thränen fließen,“ ſchluchzte Adelina.„Mir ſchwindet der ſüßeſte Zauber meines Lebens. Ich, die auf Adolphs Vertrauen baute, wie man auf das Vertrauen eines Bruders baut! — Und ich he A gedrü Schlu zu ih ſchütt untert Mitle E das il lich e mit ei „ ſo et Kumn men, der 2 wahnj Auger was ben. möger ergehe ſagen, auf m ſtudirt Unterl meine Pfenn zu ve zige S Stimme en mich! eint, ſich erheben, nerbittlich Ach, ich unbegreif⸗ nwahren n.“ vor mir ſtammelte mkbar für m Leide; man in muß. Ich muthlo niß meiner nglücklich.“ chen Kälte, ufzer das nelte noch de vor die uchte ihren igen. ſchluchzte ber meines uen baute, ders baut! Und jetzt liegt ein Geheimniß zwiſchen ihm und mir: ich habe das Recht verloren, ihn zu tröſten!“ Adolph hielt den ſtarren Blick auf ſeine nieder⸗ gedrückte Freundin geheftet. Ihre Thränen, ihr Schluchzen, und vor Allem ihre zärtliche Neigung zu ihm, die aus ihren Klagen ſich kund gab, er⸗ ſchütterten ihn gewaltig. Seine Schweſter ſah ihn unterdeſſen mit bittenden Augen an und ſchien um Mitleid für Adelina zu flehen. Einige Zeit kämpfte er noch gegen das Gefühl, das ihn überwältigte; aber es verbreitete ſich plötz⸗ lich eine auffallende Bläſſe über ſein Geſicht, und mit einer Stimme, die vor Erregung zitterte, ſprach er: „Sie wollen es, Adelina? Nun denn, Sie öffnen ſo edelmüthig Ihr Herz, um einen Theil meines Kummers zu empfangen, Sie ſollen es alſo verneh⸗ men, dieſes Geheimniß! Vielleicht werden Sie mich der Thorheit beſchuldigen; aber lieber noch eine wahnſinnige That begehen, als die Thränen in Ihren Augen ſehen zu müſſen.... Adelina, Sie wiſſen, was die Eltern und Franciska für mich gethan ha⸗ ben. Sie haben einen großen Theil ihres Ver⸗ mögens für mich aufgeopfert und ihr künftiges Wohl⸗ ergehen in Gefahr gebracht.— Ich will Ihnen Alles ſagen, Adelina, und müßte auch die Schaamröthe auf meiner Stirne glühen!— Während ich zu Löwen ſtudirte und großer Summen Geldes zu meinem Unterhalte bedurfte, arbeiteten meine Mutter und meine Schweſter insgeheim bei Nacht, um einige Pfennige für den vielgeliebten Sohn und Bruder zu verdienen. Mein Großvater verkaufte das ein⸗ zige Stückchen Land, das er als Eigenthum beſaß, 156 um die Koſten meines letzten Examens zu beſtreiten. Ohne Zögern habe ich die Liebesgaben angenommen, denn ich glaubte hoffen zu dürfen, Gott und die Wiſſenſchaft werden mir die Möglichkeit gewähren, um meinen Verwandten für ihre Aufopferung zu lohnen. Ach, mit welcher Freude, mit welchem hohen Muthe kehrte ich nach dem Dorfe zurück! Ich beſaß mein Diplom: die Zauberruthe, welche einen Quell von Wohlfahrt und ungeſtörter Freude vor meinen Verwandten eröffnen ſollte. Zwei Sterne ſchimmerten mir vor den Augen: der leidenden Menſchheit Hülfe zu bringen und diejenigen glücklich zu machen, welche meinen Lebenspfad mit den Zeugniſſen unendlicher Liebe beſtreut hatten. Wiſſen Sie, Adelina, wie meine Träume ſich verwirklicht haben? Ich wage es Ihnen beinahe nicht zu ſagen. Erwägen Sie, was ich leiden muß, wenn ich meinen ſiebzigjährigen Großvater, mit dem Schweiß auf dem Angeſichte, gleich einem Taglöhner arbeiten ſehe; erwägen Sie, wie mir das Herz im Buſen brechen muß, wenn ich unſere arme Franciska bei der Abendlampe ihre Augen ſich verderben ſehe, an einer Arbeit, die ſie insgeheim verkaufen wird, um einiges Geld in's Haus zu bringen! Und meine Mutter, o Gott, wel⸗ chen bittern Kelch leert ſie in der Stille! Schüttle den Kopf nicht, Franciska... ich weiß, der Schreiner iſt hier geweſen; ich weiß, er hat un⸗ ſere Mutter verhöhnt und beleidigt. Ich weiß noch mehr, denn es war heute ein verhängnißvoller Tag für mich. Alle, denen ich begegnete, ſeit dem, was mir mit dem Fleiſcher widerfahren iſt, hatten mir etwas Schreckliches, etwas Blutiges zu ſagen. Wel⸗ gift 3 leiblich und u thun k bewah haben! ſtrickt meiner heimni werden ſolche nicht 1 zu der ſtreiten. ommen, und die währen, rung zu m hohen ch beſaß n Quell meinen mmerten eit Hülfe , welche endlicher na, wie wage es ie, was gjährigen gen Sie, wenn ich mpe ihre t, die ſie eld ins ott, wel⸗ ich weiß, r hat un⸗ weiß noch oller Tag dem, was atte mir en Wel⸗ 157 ches Geheimniß offenbarte mir Nelis, der Bäcker! Ach, es iſt entſetzlich! Und, ſehen Sie, Adelina, es fiel vor dieſem Tag noch ein kleiner Strahl in meine zweifelnden Gedanken. Ich glaubte noch einige Hoff⸗ nung zu haben, um die drückenden Beſchwerden des Le⸗ bens zu überwinden. Was mir heute geſchah, hat mir die Binde abgeriſſen, mir die Zukunft, ſo wie ſie iſt, gezeigt und auf immer meinen Muth gebrochen. Das Laſter, die Bosheit wahnſinniger Leute ſind im Begriff, meinen aufkeimenden Ruf zu vernichten— zu verkleinern, wenn Sie wollen; aber, wie wenig auch, der kleinſte Verluſt iſt ein entſcheidender, eine Ohn⸗ macht, woraus ich nicht mehr aufkommen kann.. Nein, laſſen Sie mich ſprechen, Adelina, ich bin ſogleich zu Ende... Wiſſen, daß mein Großvater ſein Leben an einer Knechtsarbeit verkürzt; wiſſen, daß meine Mutter blutige Demüthigungen zu ertra⸗ gen hat; meine arme Schweſter Tag und Nacht an der Arbeit ſehen und befürchten, daß ihre Mit⸗ gift zuletzt noch dazu dienen muß, uns gegen leibliche Noth zu ſchützen..„ dieß Alles wiſſen, und unmächtig und rathlos wie ein Kind Nichts thun können, um ſie vor dem drohenden Elend zu bewahren, ſie, die Alles für mein Glück aufgeopfert haben! Dieß iſt die Schlange, die mein Herz um⸗ ſtrict hat, dieß iſt die unheilbare Wunde, die in meiner Bruſt blutet.— Nun kennen Sie das Ge⸗ heimniß meiner Verzweiflung, Adelina. Vielleicht werden Sie es recht thöricht finden, daß ich Ihnen ſolche Dinge offenbare; aber Sie werden mich doch nicht mehr beſchuldigen, daß es mir an Vertrauen zu der Freundin meiner Kindheit gebricht.“ 158 Die Erklärungen Adolps, und mehr noch der düſtere Ton ſeiner Stimme hatten Adelina mit Mit⸗ leid, und vielleicht mit Schrecken erfüllt. Obwohl er zu ſprechen aufgehört hatte, blieb ſie noch ganz unter dem Eindruck ſeiner Worte, und neue Thränen floßen aus ihren Augen. Franciska, ebenſo gedrückt wie ſie, hatte eine ihrer Hände gefaßt und ſchaute traurig zu Boden. Nach kurzem Stillſchweigen ſchien Adelina ſich wieder Gewalt anzuthun, um ihre Entmuthigung zu überwinden. Es gelang ihr jedoch nicht ganz nach Wunſch, und mit einer Riedergeſchlagenheit, welche den Sinn ihrer Worte Lügen ſtrafte, begann ſie: „Adolph, Ihr Zuſtand iſt peinlich, in der That. Ich fühle Ihren Schmerz vielleicht tiefer, als Sie ſelbſt;— ober Sie haben doch Unrecht, alſo das Haupt unter dem Schlage des Schickſals zu beugen, wenn Erfahrung und Vernunftgründe uns zurufen, daß beſſere Zeiten unſerer warten. Wiſſen Sie, wie mein Vater ſeine Laufbahn begonnen hat? Als er von dem Kriegsdienſt zurückkehrte und ſich hier als Doctor niederließ, hatte er Nichts; viel weniger als Sie. Er hat mit Widerwärtigkeiten gerungen, nicht Monate, ſondern Jahre lang. Er hatte gleich⸗ falls Unglück in ſeiner Kunſt gehabt, und es iſt zwanzigmal geſchehen, daß er beſchuldigt wurde, die Urſache von dem Tode eines Kranken zu ſein. Hat dieß ihn zu hindern vermocht, endlich über die Ver⸗ hältniſſe zu triumphiren und ein unabhängiges Ver⸗ mögen zu erwerben? Es wird Ihnen gehen, wie meinem Vater, glauben Sie mir, Adolph. Sie werden noch auf Mühſeligkeiten ſtoßen; oft wird Ihr Herz 1 Ihre 8 beſchir: verbeſſ zunehm ſo wirt lich die Ihrer Sie M zum B hoffen geſinnt daß ich und Il daran ſicht. L Sie be hoffen, ſeitigen einande wird 7 Schmer Ausſicht werfen? Ihnen Der Ein lei zu Zeit aber es gegen d Erſc ch der it Mit⸗ Obwohl ch ganz hränen gedrückt ſchaute ina ſich ung zu nach „welche nſie: rThat. als Sie alſo das beugen, zurufen, en Sie, at? Als ſich hier weniger erungen, te gleich⸗ d es iſt urde, die in. Hat die Ver⸗ iges Ver⸗ hen, wie ph. Sie wird Ihr 159 Herz noch bluten bei dem Gefühl Ihrer Unmacht, Ihre Verwandten gegen Noth und Erniedrigung zu beſchirmen. Gleichwohl wird Ihre Lage ſich allmälig verbeſſern; das öffentliche Vertrauen zu Ihnen wird zunehmen, die Zahl Ihrer Kunden ſich vermehren; ſo wird Ihnen das Glück zulächeln und Ihnen end⸗ lich die Mittel ſchenken, die Liebe Ihrer Eltern und Ihrer Schweſter zu belohnen. Nun, Adolph, faſſen Sie Muth, mein armer Freund. Alles wird ſich zum Beſten ſchicken, viel früher noch, als Sie zu hoffen wagen. Mein Vater wird nun auch beſſer geſinnt gegen Sie. Bemerken Sie bereits: er weiß, daß ich hieher kommen wollte, um Ihrer Mutter und Ihnen Troſt zuzuſprechen. Er hat mich nicht daran gehindert; im Gegentheil, er lobte meine Ab⸗ ſicht. Bald wird er erkennen, daß man mit Unrecht Sie bei ihm angeklagt hat. Ja, laſſen Sie uns hoffen, daß Gott in ſeiner Güte die Schranken he⸗ ſeitigen wird, welche unſere Eltern gegenwärtig von einander ſcheiden. Ach, möchte dieß geſchehen, dann wird Niemand von uns mehr an die erlittenen Schmerzen denken! Nun, Adolph, kann dieſe frohe Ausſicht keinen Lichtſtrahl in Ihre Verzweiflung werfen? Wer weiß, welches Glück die Zukunft Ihnen bewahrt?“ Der junge Doctor ſchaute noch immer zu Boden. Ein leichtes Schütteln des Kopfes lieferte von Zeit zu Zeit den Beweis, daß er aufmerkſam zuhörte; aber es bezeugte zugleich, daß er ſich noch immer gegen den Empfang von einigem Troſt ſträubte. Erſchrocken über die Machtloſigkeit ihrer Worte und über Adolphs Kälte ſchaute Adelina ihn eine 160 Weile mit zunehmender Angſt an und rief dann flehend aus: „Sprechen Sie, ich bitte, Adolph! Ihr düſteres Stillſchweigen durchbohrt mir das Herz!“ „Ich danke Ihnen, Adelina,“ ſeufzte er.„NRie werde ich Ihre edelmüthige Freundſchaft vergeſſen; und was mir auch widerfahre, welches Loos mir vorbehalten ſei, auf meinem Todtenbette noch werde ich mich Ihrer reinen Zuneigung erinnern und Ihren Namen ſegnen. Faſſen Sie Muth, rufen Sie mir zu; ach, ich möchte es wohl, aber ich fühle die Kraft nicht mehr in mir, zu hoffen. Zu viele Ent⸗ täuſchungen ſind mir heute vorgekommen; meine Seele weint über den Verluſt ihres Glaubens in dieſem Leben!“ Dieſe letzten Worte hatte er in einem ſo hohlen Tone von Verzweiflung geſprochen, daß Adelina ge⸗ waltig davon betroffen wurde, und ein halberſtickter Angſtſchrei ihr entſchlüpfte. Sie ſchaute den Jüngling eine Zeitlang mit klopfendem Herzen an und zitterte, als ob ſie gegen einen Gedanken, der ihr bange machte, angekämpft hätte. Mit bittendem Blick und im Tone äußerſter Bewegung ſprach ſie: „O, Adolph, Sie ſind ohne Mitleid für mich! Sie machen ſich krank; der Kummer untergräbt Ihre Kräfte und Ihr Leben. Und Sie laſſen ſich nieder⸗ ſchlagen und von der Verzweiflung hinreißen, als glaubten Sie, keine andern Lippen als die Ihrigen trinken aus dem Kelche der Schmerzen. Ich bin jetzt ganze Wochen allein; ich ſitze vom Morgen bis zum Abend da, um an Ihre Verwandten und an welche ſich d keinen ſchafts Cy f dann düſteres „Nie ergeſſen; oos mir h werde d Ihren Sie mir ühle die ele Ent⸗ ; meine bens in o hohlen elina ge⸗ berſtickter lang mit ſie gegen igekämpft äußerſter für mich! räbt Ihre ch nieder⸗ ßen, als e Ihrigen Ich bin orgen bis und an 161 Sie zu denken, und recht oft entſtürzen mir Thränen, die Niemand fließen ſieht. Adolph, Sie leidend und entmuthigt zu wiſſen, iſt mir ein Schwert im Herzen; die Hoffnung, Sie einmal glücklich zu ſehen, iſt der Stern, welcher meine traurige Einſamkeit erhellt. O, berauben Sie mich nicht dieſes einzigen Troſtes, dieſes Quells meiner Stärke! Und finden Sie keinen Muth mehr in Ihrem eigenen Herzen, ſchöpfen Sie dann einiges Vertrauen aus der Ueberzeugung, daß es Jemand gibt, der durch jeden Ihrer Seufzer leidet, daß es Jemand gibt, der Gott dankt, ſo oft ein Lächeln von Zufriedenheit und Hoffnung auf Ihren Lippen zu entdecken iſt!“ Adelina erzitterte, während ſie dieſe Worte aus⸗ ſprach, vor Aufregung. Sie erkannte wahrſcheinlich den wirklichen Grund des Gefühles nicht, das ihr ſolche mächtige Worte eingeflößt hatte; aber doch ſchien ſie zu begreifen, daß etwas Feierliches in dem lag, was ſie geſagt hatte; denn ihr Angeſicht er⸗ glänzte wie von Stolz und Begeiſterung. Franciska ſtieß einen Schrei aus, warf ſich ihrer Freundin an den Hals und flüſterte Worte von Dankbarkeit und Bewunderung; aber Adelina hielt ihre großen ſchwarzen Augen auf Adolph gerichtet. Ihr Blick war ſo ſüß, ſo flehend und ſo eindringlich, daß dem Jüngling unter deſſen unwiderſtehlichem Einfluß faſt die Sinne vergingen. Er wagte nicht an die Offenbarung zu glauben, welche dieſe Worte zu enthalten ſchienen, und ſuchte ſich die Ueberzeugung aufzunöthigen, Adelina habe keinen andern Zweck, als ihn durch ſo innige Freund⸗ ſchaftsbezeugungen aus der Verzweiflung emporzu⸗ Conſcience, der junge Doctor. 11 162 reißen; aber ſo ſehr er ſich auch Gewalt anthat, eine ſelige Rührung bemächtigte ſich ſeiner, und mit einem Lächeln der Dankbarkeit auf den Lippen erhob er die Hände zu dem Mädchen und rief: „O, welche milde Seele hat Ihnen der Himmel gegeben! Ihre Worte ſind gleich einem erquickenden Thau, der dem verzweiflungsvollſten Herzen ſeinen Glauben an das Glück zurückgeben muß „Ich darf alſo hoffen? Sie werden wieder Muth ſchöpfen?“ fragte ſie mit einem Ausdruck triumphi⸗ render Freude. Aber Frau Valkiers öffnete in dieſem Augenblick die Thüre des Kabinets und ſagte: „Adelina, Ihre Magd iſt gekommen, Sie zu rufen; Sie müſſen nach Hauſe gehen. Ihr Herr Vater erwartet Sie.“ „Ich muß Sie verlaſſen, Adolph,“ ſprach das Mädchen;„haben Sie mir Nichts zum Troſt zu ſagen?“ „Gute, edle Freundin,“ antwortete der Jüngling mit Thränen in den Augen, worin neues Vertrauen und neuer Muth funkelten;„gehen Sie, ſeien Sie ruhig; ich werde noch kämpfen mit dem Geſchicke, mein Haupt aufrecht halten, glauben und hoffen „Schau, ſchau,“ jubelte die Mutter verwundert. „Hat Adolph ſeine Betrübniß vergeſſen? Er lächelt! Vertrauen glänzt auf ſeinem Angeſicht! Adeling, Sie können Wunder thun. Ueber eine halbe Stunde herrſchte hier Nichts als Angſt und Verzweiflung. Sie ſind gekommen, und nun hat ſelbſt unſer alter Großvater wieder neuen Muth gefunden. Gott ſegne Sie, mein Kind!“ c hat n Leben was 6 allzum Un ſchloſſe Straß Es geſcheh ſtehen, der Kir betrübe Au waren Mädche Der W zapfen ſcharf u da eine oder ſic anzukäm war ſo hauſes fluß des Wen hauſes einige S anth at, nd mit erhob Himmel ckenden ſeinen rMuth iumphi⸗ genblick Sie zu hr Herr ach das roſt zu Füngling ertrauen eien Sie ſen wundert. lächelt! lina, Sie Stunde weiflung. ſer alter 1. Gott 163 „Ich muß gehen,“ ſagte Adelina;„mein Vater hat mich rufen laſſen; er könnte böſe werden Leben Sie wohl, Adolph, und vergeſſen Sie nicht, was Sie mir verſprochen haben. uf Wiederſehen allzumal!“ Und mit haſtigen Schritten verließ das ent⸗ ſchloſſene Mädchen das Zimmer und eilte über die Straße nach ihres Vaters Wohnung. VI. Es mußte etwas Außergewöhnliches im Dorfe geſchehen ſein, denn vor jeder Thüre ſah man Leute ſtehen, die mit ängſtlicher Neugier nach der Seite der Kirche ausſchauten, als müßte von dort her eine betrübende Kunde ihnen zugebracht werden. Auf der Straße des Dorfes, unweit der Kirche, waren viele Einwohner, beſonders Frauen und Mädchen, in verſchiedenen Gruppen verſammelt.— Der Winter war noch nicht zu Ende; es hingen Eis⸗ zapfen an den Dächern, und der Nordwind blies ſcharf und unangenehm.— Man ſah wohl hie und da eine der Frauen, welche mit den Füßen trippelte oder ſich die Hände rieb, um gegen die ſtrenge Kälte anzukämpfen; aber die Aufmerkſamkeit der meiſten war ſo unwandelbar nach der Thüre des Pfarr⸗ hauſes neben der Kirche gerichtet, daß ſie den Ein⸗ fluß des rauhen Januars nicht zu fühlen ſchienen. enn dann Jemand auf der Schwelle des Pfarr⸗ hauſes ſich zeigte, traten alle die erregten Dörfler einige Schritte näher, in der Hoffnung, 3 gün⸗ ——— 164 ſtigen Bericht zu erhalten. Sie ſahen ſich jedoch ſtets in ihrer Erwartung getäuſcht; denn die Perſon, welche ſie mit ihren Blicken befragten, hob die Arme zum Himmel, ſchüttelte Unglück weiſſagend den Kopf und verſchwand in einer andern Richtung mit Zeichen großer Eile. Dann entſtand unter den erſchrockenen Leuten ein trauriges Gejammer über das Loos des uten Pfarrers, der ſo unerwartet und in voller Geſundheit von einem tödtlichen Uebel befallen wor⸗ den war. Einige verſicherten, er habe ſich auf dem Kirchhof im Fallen verwundet; Andere ſagten, er habe es ſich durch ſtarkes Nießen zugezogen; aber was aus ihren Reden hervorging, war, daß Niemand die Urſache von des Pfarrers beklagenswerther Krankheit wußte. Unter dieſen ängſtlichen Geſprächen wiſchte man⸗ cher Dörfler ſich eine Thräne von den Wangen, und viele Frauen brachten zuweilen die Schürze an die Augen: der Pfarrer war um ſeiner Sanftmuth willen äußerſt beliebt, und man weinte jetzt über ſeinen wahrſcheinlichen Tod, wie über den Verluſt eines zärtlich geliebten Vaters. Es geſchah nicht ohne gegründete Urſache, doß dieſe Leute ſich betrübten und mit einem Herzen vo Angſt auf eine verhängnißvolle Botſchaft warteten, denn der Zuſtand ihres Seelenhirten war noch dro⸗ hender und bedenklicher, als ſie vermuthen konnten⸗ In einem Zimmer ſeiner Wohnung, neben dem Bette, lag der arme Pfarrer, beinahe ohne Gefühl und Bewußtſein, in einem Lehnſeſſel. Seine Mutter hielt mit rothgeweinten Augen, aber geſtärkt dur ihre ängſtliche Liebe, mit ihren beiden Händen ſeinen jedoch Perſon, ie Arme en Kopf Zeichen rockenen oos des n voller len wor⸗ auf dem ten, er n; aber Niemand swerther hte man⸗ gen, und an die anftmuth jetzt über n Verluſt che, daß erzen voll warteten, noch dro⸗ n konnten. neben dem e Gefühl ine Mutter tärkt durch nden ſeinen 165 Kopf vorwärts, um das Blut, das ſich ihm aus der Naſe drängte, in ein großes Becken fließen zu laſſen. Wohl drei Stunden waren bereits verfloſſen, ſeit das Bluten bei dem Pfarrer eingetreten war. Was der Doctor und die anweſenden Perſonen auch verſucht hatten, um dieſem gefährlichen Anfall Ein⸗ halt zu thun, Alles war fruchtlos geblieben. Im Gegentheil, das Uebel ſchien mehr und mehr ſich zu verſchlimmern, und endlich war der arme Dulder ſo ſchwach geworden, daß er mit geſchloſſenen Augen und ſchlaffen Gliedern in ſeinem Seſſel lag, als ob das Leben völlig zu erlöſchen im Begriff wäre. Die alte Magd ſaß am Kamin mit einem Tuche vor den Augen, und weinte ſo bitterlich, daß ihr Schluchzen laut im Zimmer hörbar war; der Pfarr⸗ vikar hielt ſtumm eine der Hände des Kranken; andere Perſonen, Freunde des Pfarrers oder Kirchen⸗ vorſtehers, ſtanden zur Seite und ſchauten ſchweigend und erſchrocken auf das, was vor ihnen geſchah. Herr Heuvels, der alle ihm bekannten Mittel verſucht und erſchöpft hatte, ſtand mit überſchlagenen Armen vor dem Kranken und ſchien verlegen und ärgerlich, daß das Bluten ohne Unterlaß anhielt. Er hoffte, der Pfarrer werde bald in eine völlige Ohnmacht fallen, und das widerſpenſtige Blut dann von ſelbſt zurücktreten, aber der Kranke blieb fort⸗ während in einem Zuſtand von halbem Bewußtſein. Bereits hatten die Anweſenden gefragt, ob man nicht wohl daran thäte, noch einen oder zwei Aerzte zu rufen; aber obgleich es Herrn Heuvels nicht ſehr wohl zu Muthe war, vielmehr eine große Auf⸗ 166 regung bei ihm bemerklich wurde, hatte er doch dieſe Frage mit den Worten abgewieſen, man könnte vor⸗ erſt noch warten, um zuzuſehen, ob das Bluten von ſelbſt aufhöre. In dieſem Augenblick öffnete Jemand das Zim⸗ mer. Es war der Notar, dem man den Vorfall nach dem nächſt liegenden Dorfe, wo er einen Holz⸗ verkauf vornahm, zu wiſſen gethan hatte. Als Mit⸗ glied des Kirchenraths und beſonderer Freund des Pfarrers, war er in aller Eile gekommen; denn man hatte ihm zu verſtehen gegeben, daß er nicht ſäumen dürfe, wenn er den Pfarrer noch am Leben treffen wollte. Bei ſeinem Eintritt richtete er einen erſchrockenen Blick auf den Kranken und rief mit Zittern aus: „Himmel, was iſt das? Was iſt hier geſchehen?“ Einer ſeiner Amtsgenoſſen von dem Kirchenrath nahm ihn am Arm und führte ihn bei Seite, um ihn zu beruhigen und ihm Stille zu empfehlen; denn die ſo lauten Klagen konnten nichts Anderes zur Folge haben, als den Schmerz, die Verzweiflung der niedergebeugten Mutter und der alten Magd noch zu vermehren. Man erzählte dem Notar mit gedämpfter Stimme, wie das Bluten plötzlich, ohne bekannte Urſache, ſich bei dem Pfarrer eingeſtellt habe und bereits ſeit drei langen Stunden fortdaure, trotz aller Bemühungen des Doctors. Zugleich wurde ihm angegeben, warum man einen nicht haite rufen laſſen. Dieſe Erklärung ſchien den Notar nicht zu be⸗ friedigen. Er warf Herrn Heuvels einen verdrieß⸗ lichen Blick zu, während er murmelte: zweiten Arzt ſchlief /n „Was nicht Epist „ Notar daß 6 Ihres ch dieſe nte vor⸗ ten von 8 Zim⸗ en Holz⸗ lls Mit⸗ ind des nn man ſäumen treffen rockenen aus: chehen?“ chenrath eite, um en; denn ere zer zweiflung n Magd otar mit ich, ohne ortdaure, ich wurde iten Arzt t ze be verdrieß⸗ 167 „So, er will mit keinem andern Doctor zu Rathe gehen? Ich kann mir den Grund dieſer Weigerung wohl denken; aber hier iſt ein theures Menſchen⸗ leben auf dem Spiele.“ Und ſich zu dem Doctor wendend, ſagte er: „Herr Heuvels, der Zuſtand des Pfarrers iſt limm genug, um den Beirath eines zweiten Arztes nöthig zu machen. Ich verlange, daß augenblicklich ein ſolcher gerufen werde! In Ihrem eigenen In⸗ tereſſe, denn ſehr groß wird die Verantwortlichkeit ſein, welche auf Ihnen laſtet, wenn hier ein Unglück geſchehen ſollte.“ „Ich will mich nicht widerſetzen,“ antwortete Heuvels;„ſenden Sie Jemand nach Van Dacel.“ „Van Dael?“ wiederholte der Notar.„Er wohnt mehr als eine Stunde von hier!“ „Ein berittener Mann braucht nicht viel Zeit, um dahin zu gelangen. Und auf alle Fälle habe ich gethan, was man nur thun kann; ein anderer Doctor wird gleich mir mit über einander geſchla⸗ genen Armen abwarten, bis der Blutverluſt ſelbſt dem Fließen Einhalt thut und der Ader ſich zu ſchließen geſtattet.“ „Und warum nicht Herrn Valkiers rufen?“ „Herrn Valkiers?“ fragte der Doctor achſelzuckend. „Was wollen Sie, daß er hier beginne? Wird es nicht das erſte Mal ſein, daß er eine ſo hartnäckige Epistaxis zu ſehen bekommt?“ „Es iſt möglich, Herr Heuvels,“ antwortete der Notar mit einem gewiſſen Aerger;„ich weiß wohl, duß Sie keinen großen Glauben an die Kenntniß Ihres jungen Amtsgenoſſen haben; aber er beweist 168 durch ſeine unerwarteten Kurerfolge, daß er noch Mittel weiß, wo Andere ſchon alle Hoffnung auf⸗ gegeben haben.“ Ein bitteres Lächeln zog über das Geſicht des Doctors. Er fühlte wohl, daß der Stich gegen ihn perſönlich gerichtet und damit eine Anſpielung auf Kranke verbunden war, welche, von ihm aufgegeben, noch durch Adolph Heilung erlangt hatten. So ſehr er auch in ſeiner Eigenliebe gekränkt war, wollte er ſich doch nicht, wie auf friſcher That, der Mißgunſt oder Eiferſucht gegen ſeinen jungen Collegen über⸗ führen laſſen. Er murmelte alſo mit verſtellter Gleichgültigkeit; „Haben Sie Vertrauen auf Herrn Valkiers Er⸗ fahrung, ſo laſſen Sie ihn rufen. Sie werden ſich dann überzeugen können, daß Sie zu viel von ihm erwarten. Mir gilt es gleich!“ „Nun, ich will ihn ſelbſt holen,“ ſagte der Notar, das Zimmer verlaſſend. Herr Heuvels ſchien unzufrieden; ſeine Lippen waren zu einem widerlichen Hohnlächeln zuſammen⸗ gezogen; er nickte zuweilen ſpöttiſch mit dem Kopfe, als ſähe er voraus, daß der Notar ſehr ſchnell die Nutzloſigkeit von Adolphs Berufung erkennen müßte. Die andern Perſonen ſchauten ihn ſtillſchweigend an; es leuchtete ein Funken von Hoffnung in ihren Augen; denn bei dem Zuſtand, worin der Pfarrer ſich befand, und Angeſichts der Unmacht von Herrn Heuvels konnte das Erſcheinen eines andern Arztes eine neue Möglichkeit von Rettung bieten. Es waren erſt einige Augenblicke vergangen, als Adolph bereits mit dem Notar in das Zimmer trat. Herr und leiſe der1 ihm er wi Anſir Thür 2 wir 2 weget S und Adoh Krank Sie anger alſo werde die C gegen gefun der n graut Herr! „ ſagen von d 169 r mnch Hier angekommen, näherte ſich der junge Mann ng auf⸗ Herrn Heuvels, verbeugte ſich ſehr tief vor ihm und flüſterte einen achtungsvollen Gruß, worauf er icht des leiſe mit ihm zu ſprechen begann. gen ihn Anfänglich machte der alte Doctor eine Geberde ing auf der Ungeduld, als wollte er ſagen, das, was Adolph egeben, ihm vorſtellte, wäre ganz nutzlos; endlich aber gab So ſehr er widerwillig ſeine Zuſtimmung zu dem vorgebrachten ote ee Anſinnen und brummte, während er ſich nach der ſißgunſt Thüre eines Nebenzimmers wandte: n übe⸗„Nun denn, weil es ſo Gewohnheit iſt, wollen erſtellter wir Berathung pflegen, wäre es auch nur der Form wegen iers Er⸗ gSolalt die beiden Doctoren ſich allein befanden rden ſich und die Thüre hinter ihnen geſchloſſen war, ſagte von ihm Adolph: „Herr Heuvels, der Notar hat mir geſagt, der rNotar, Kranke blute bereits drei Stunden aus der Naſe. Sie haben ohne Zweifel die zweckmäßigſten Mittel Lippen angewendet, um das Blut zu ſtillen. Ich fürchte ſammen⸗ alſo mit Recht, mein Erſcheinen an dieſem Orte n Koypfe, werde ganz nutzlos ſein. Haben Sie jedoch, ich bitte, hnell die die Güte, mich wiſſen zu laſſen, welche Mittel Sie n müßte. gegen das Uebel des Pfarrers zu erproben räthlich hweigend gefunden haben?“ in ihren„Erproben?“ ſpottete Heuvels.„Ein Mann, Pfarrer der wie ich unter der Ausübung der Heilkunde er⸗ on Herrn graut iſt, bedarf keines Erprobens mehr, mein n Arztes Herr!“ „Entſchuldigen Sie mich; dieß iſt nicht, was ich ngen, als ſagen wollte. Ich ſtellte nur das Anſuchen, mich mer trat. von den gebrauchten Mitteln in Kenntniß zu ſetzen.“ —— 170 Der alte Dockor war ſichtbar erzürnt. Nach einem augenblicklichen Schweigen antwortete er: „Nun, nun, mein Herr! es iſt Niemand da, der uns ſehen oder hören kann. Es iſt alſo nutzlos zwiſchen uns, einem Geſpräche ſolche Wichtigkeit bei⸗ legen zu wollen, welches doch an der Sache Nichts zu ändern vermag.“ „Man hat mich hieher gerufen, um mich mit Ihnen zu berathen,“ ſagte Adolph in traurigem Tone.„Sie werden mich nicht hindern, meinen Auftrag pflichtmäßig zu erfüllen. Nach meiner An⸗ ſicht befindet ſich der Pfarrer in Gefahr; es iſt keine Zeit mehr zu verlieren. Ich unterwerfe mich Ihrer großen Erfahrung; aber geben Sie mir wenigſtens die Ueberzeugung, daß alle Mittel, das Blut zu ſtillen, erſchöpft ſind.“ „Wozu das? Sie wiſſen ohne Zweifel, was man gewöhnlich gegen die Epistaxis anwendet. Ich habe dem Pfarrer Eis unter das Hinterhaupt gelegt; ich habe nach fruchtloſem Einblaſen von Alaun ihm die Naſenlöcher mit einem zuſammenziehenden Knopfe verſtopft, und endlich habe ich die Sonde von Bellocg gebraucht. Was können Sie mehr wiſſen? Man muß warten.“ „Mit Erlaubniß, Herr Heuvels, es gibt noch ein Mittel, ein beinahe unfehlbares Mittel,“ be⸗ merkte Adolph.„Es iſt neu, aber Sie werden es dennoch wiſſen: das überſalzſaure Eiſen, in der Medicin unter dem Namen Chloruretum ferricum bekannt.“ „Ich habe davon ſprechen hören, in der That,“ antwortete Heuvels,„aber ich lache über die quack zu ſinke es n talle die 2 genü faſt Hunt zuſan blute habe mit G Mitte bin l werde Ande iſt es ein S genug als o dieſes Auger C Adolp erprol Fälle ben a im B 171 Nach ſalberiſchen Erfindungen, welche der Reihe nach und zu Hunderten in den Pfuhl der Vergeſſenheit ver⸗ Ja der ſinken. Wollte man auf Sie und Ihresgleichen hören, nutzlos es wären bald keine andern Arzneien mehr als Me⸗ teit bei⸗ talle in der Apotheke zu finden; eine Schmiede oder Nichts die Werkſtätte eines Keſſelflickers wäre in einem Dorfe genügend, um alle Uebel zu kuriren.“ nich mit„Und dennoch rühmen die Gelehrten heutzutage aurigem faſt einſtimmig die Wirkungen des ſalzſauren Eiſens. meinen Hundertmal hat man gefunden, daß dieſes mächtige ner An⸗ zuſammenziehende Mittel das verzweifeltſte Naſen⸗ iſt keine bluten wie durch Zauberei aufgehalten hat; ich ſelbſt h Ihrer habe es mehr als einmal in dem Hoſpitale zu Löwen enigſtens mit Glück anwenden ſehen. Laſſen Sie uns zu dieſem Blut zu WMittel unſere Zuflucht nehmen, Herr Heuvels; ich bin beinahe überzeugt, daß wir den Paſtor retten vas man werden.“ Ich habe„Bah, thun Sie, was Ihnen beliebt,“ ſagte der gelegt; Andere.„Ich bemühe mich nicht damit. Für mich aun ihm iſt es eine Gewißheit, daß bei dem Pfarrer erſt dann n Knopfe ein Stillſtand eintritt, wenn die Blutentleerung weit de von genug vorgeſchritten iſt. Ich will mich nicht ſtellen, rwiſſen? als ob wir etwas Wichtiges ausgefunden hätten; alt dieſes nutzloſe, verlegene Gebahren macht uns in den ibt noch Augen der Leute nur lächerlich.“ ſel be⸗„Ich habe das Nöthige mitgebracht,“ ſprach verden es Adolph.„Beliebt es Ihnen, das ſalzſaure Eiſen zu iſen, in erproben? ich bitte Sie! Schaden kann es auf alle ſertiet Fälle nicht anrichten, und ich habe einen feſten Glau⸗ ben an ſeine beſondere Kraft, das Blut zu ſtillen.“ er That,“ BEr ſteckte die Hand in die Rocktaſche und war die quad⸗ im Begriff, Etwas herauszuholen, um es Herrn 172 Heuvels zu geben; aber dieſer hielt ſeine Bewegung durch eine Geberde zurück und ſagte mit ſichtbarem Aerger: „Was ich gethan habe, iſt Alles, was redlicher Weiſe geſchehen konnte. Pollen Sie wirklich Ihre neue Erfindung an dem Pfarrer erproben, ſo ſteht es Ihnen frei; aber ich werde mich wohl hüten, den Schein anzunehmen, als hätte ich nicht gewußt, was ich that. Bleiben Sie verantwortlich für Ihre eigenen Erfindungen, wie ich für die meinigen.“ „Wohlan,“ ſeufzte Adolph,„ich werde meine Pflicht thun.“ Sie traten in das Zimmer, wo der Kranke noch immer halb ohnmächtig in dem Lehnſtuhl lag. Jeder⸗ monn ſah ſie fragend und mit hoffendem Blicke an; des Pfarrers Mutter hob ihre Hände bittend zu dem jungen Doctor empor und ſchien die Rettung ihres Sohnes von demſelben zu erflehen. „Faſſen Sie Muth, Frau,“ ſagte Adolph in tröſtendem Ton.„Herr Heuvels und ich haben be⸗ ſchloſſen, ein mächtiges Mittel zu erproben, und wir haben Grund zu glauben, daß es glücken wird. Hel⸗ fen Sie mir nur ein Bischen und halten Sie den Kopf des Kranken etwas rückwärts.“ Während er dieß ſagte, z0g er ein Spritzchen aus der Taſche und goß den Inhalt eines Fläſchchens hinein. Herr Heuvels ſchaute mit einem Lächeln des Un⸗ glaubens oder der Geringſchätzung dem jungen Mann zu und ſchien zum PVoraus die Nutzloſigkeit dieſes Verſuchs zum Gegenſtand ſeines Spottes machen zu wollen. Sein Benehmen verſtimmte die Anweſenden vegung tbarem edlicher ch Ihre ſo ſteht en, den ßt, was eigenen meine nke noch Jeder⸗ licke an; zu dem ng ihres o in aben be⸗ und wir ird. Hel⸗ Sie den zchen aus läſchchens des Un⸗ en Mann keit dieſes machen zu nweſenden 173 mitten unter ihren Hoffnungen;— ſie empfanden eine Art von Groll gegen ihn. Beſonders der Notar ſchien lebhaft entrüſtet; ſeine Augen waren voll In⸗ grimms auf den alten Doctor geheftet, und er bebte faſt vor krankhafter Ungeduld. Ohne Zweifel würde er ſeiner Unzufriedenheit durch Worte Luft gemacht haben, denn er konnte ſich beinahe nicht mehr be⸗ zwingen;— aber eben hatte ſich Adolph über den Leidenden gebeugt und ſchickte ſich an, ihm das er⸗ wähnte Mittel in die Naſenlöcher zu ſpritzen. Dieſe Bewegung feſſelte die allgemeine Aufmerkſamkeit. Nach dem Einſpritzen nahm Adolph ein befeuch⸗ tetes Stück Leinwand und wiſchte und tupfte das Blut von des Pfarrers Lippen. „Gott ſei Dank, das Bluten hat aufgehört!“ ſagte er. Ein Ruf freudiger Ueberraſchung ertönte durch das Zimmer. Alle die Umſtehenden waren von Verwunderung betroffen; ſie murmelten unverſtänd⸗ liche Laute und erhoben wie beſtürzt die Arme, als wähnten ſie ein Wunder geſehen zu haben. Der alte Doctor biß ſich in die Lippen und ſuchte durch Achſelzucken anzudeuten, es ſei hier kein Grund vor⸗ handen, ſich ſo erſtaunt anzuſtellen. Ueber dies Benehmen erbittert, trat der Notar vor und ſagte in zornigem Ton: „Es iſt nicht mehr auszuhalten! Wenn Sie nicht im Stande geweſen ſind, unſerem armen Pfarrer zu helfen, ſo dulden Sie wenigſtens ohne Neid und ei daß Andere ſtatt Ihrer ſeine Rettung ver⸗ uchen.“ Die Augen von Herrn Heuvels funkelten vor 174 unterdrückter Wuth; aber Adolph wandte ſich zu dem Notar und ſprach, indem er ihm durch eine Geberde Stillſchweigen auferlegte: „Seien Sie nicht ungerecht, Herr Notar; das Mittel, das ich angewandt habe, iſt von Herrn Heu⸗ vels und von mir nach gemeinſamer Berathung er⸗ griffen worden. Wenn er mir die Ausführung un⸗ ſeres Beſchluſſes geſtattete, ſo iſt es eine Gefälligkeit von ſeiner Seite. Ich bitte Sie, mein Herr, bleiben Sie ruhig. Wer hilſt mir, den Kranken auf das Bett zu legen?“ Drei oder vier der Anweſenden traten vor, um die erbetene Hülfe zu leiſten. Der Pfarrer wurde auf das Bett getragen. Adolph zog die Kiſſen unter des Pfarrers Kopfe zurück, whiſceinlic in der Abſicht, das übrig ge⸗ bliebene Blut nach dem Herzen und Gehirn fließen zu laſſen. Dann nahm er einen Stuhl, ſetzte ſich ſtillſchweigend neben dem Kranken nieder und legte ihm die Hand auf die linke Seite der Bruſt. Es herrſchte eine ergreifende Stille in dem Ge⸗ mach. Alle waren in die Erwartung deſſen, was geſchehen ſollte, verſunken, und bereits ſchien ein Aus⸗ druck von Freude das Wiedererwachen der Kräfte des Pfarrers begrüßen zu wollen. Es waren nur zwei Perſonen gegenwärtig, deren Aufmerkſamkeit von dem Bette abgekehrt ſchien. Herr Heuvels, der mit der Röthe des Aergers oder der Schaam auf der Stirne noch immer das, was vor⸗ ging, zu beſpötteln ſchien, und der Notar, welcher, über dieſes Benehmen ungehalten, nur mit Mühe wieder Un bildete ſeinen wohl: von d Eit ſchallte Bettes Mutter und m überhä zurück einige Da laſſen ſeinem den Ar Bruſt dankbar hatte ei außer ſi Wol daß nick habe, u dem eberde r; das n Heu⸗ ung er⸗ ng un⸗ älligkeit n Herr, ten auf or, um wurde s Kopfe brig ge⸗ fließen tzte ſich nd legte t. em Ge⸗ n, was ein Aus⸗ rKräfte g, deren 4. 5e oder der vas vor⸗ welcher, it Mühe 175 das Verlangen bezwingen konnte, dem alten Doctor einen ſcharfen Verweis zu geben. Adolph kehrte ſich mit einem Ausdruck der Freube gegen die Umſtehenden und ſagte: „Das Herz beginnt zu ſchlagen: die Kräfte kehren wieder.“ Und, in der That, auf den Lippen des Pfarrers bildete ſich ein ſtilles Lächeln. Der erſte Laut, der ſeinen Lippen entſchlüpfte, war das Wort: Mutter, wohl mit ſchwachem Flüſtern, doch laut genug, um von den Anweſenden gehört zu werden. Ein gellender Freudenſchrei, ein Siegesruf er⸗ ſchallte wieder durch das Gemach. Die Mutter und die Magd eilten frohlockend an das Kopfende des Bettes; Thränen entſtrömten ihren Augen. Die Mutter war im Begriff, ihren Sohn zu umarmen und mit Glückwünſchen und Liebesbezeugungen zu überhäufen; aber Adolph hielt beide Frauen ſanft zurück und machte ihnen begreiflich, daß ſie noch einige Zeit ruhig bleiben müßten. Da ſie ihre Freude nicht gegen den Pfarrer aus⸗ laſſen konnten, kehrten beide Frauen ſich jetzt zu ſeinem Retter: die Mutter legte dem jungen Doctor den Arm um den Hals, ließ ihr Haupt an ſeine Bruſt fallen und ergoß, ihn ſegnend, eine Fluth dankbarer Thränen in ſeinen Buſen; die alte Magd hatte eine ſeiner Hände gefaßt und drückte ſie, wie außer ſich vor Entzücken. Wohl ſuchte Adolph die Frauen zu überzeugen, daß nicht er allein ein Recht auf ihre Erkenntlichkeit habe, und daß man Herrn Heuvels ebenſo dankbar 176 achteten nicht auf dieſe Zurecht⸗ ſein müſſe; aber ſie weiſung. Der alte Doctor fühlte ſich durch dieſes Alles tief gekränkt. Jeder Segensſpruch, jedes Dankeswort, das an Adolph gerichtet wurde, ſchien einen Tadel gegen ihn ſelbſt einzuſchließen. Was ihn noch mehr verwirrte und ärgerte, war das herausfordernde Auge des Notars;— aber als Adolph auf eine Frage von des Pfarrers Mutter erklärte, daß alle Gefahr verſchwunden ſei, da warfen auch viele von den an⸗ dern anweſenden Perſonen einen vielſagenden Blick auf Heuvels. Dieſer war beſchämt, verlegen und voll Wuth im Innern; er hatte bis jetzt verſucht, ſeine Auf⸗ regung unter einer erheuchelten Gleichgültigkeit zu verbergen; doch jetzt konnte er es nicht mehr aus⸗ halten, um ſo mehr, als er vorausſah, der Notar, welcher Adolph eine blinde Zuneigung bewies, würde ihm zuletzt doch noch viel Unangenehmes ſagen. Herr Heuvels wandte ſich nach der Thüre und ſprach in biſſigem Ton: „Da es hier Leute gibt, welche der Meinung ſind, in einem Fall, wovon ſie Nichts verſtehen, mich böswillig beurtheilen zu dürfen, ſo will ich mi zurückziehen. Man braucht mich nicht; die Alten haben keine Erfahrung mehr, die Jungen allein wiſſen Alles. Wartet nur; die Zukunft wird mich wegen ſolcher Mißkennung rächen. Wir werden es ſehen! wir werden es ſehen!“* Erſchreckt durch die Abſicht von Herrn Heuvels, eilte Adolph auf ihn zu und ſuchte ihn durch flehende Geberden zurückzuhalten. gen 2 ſtänd! A um K wehrt gierig wort: Ihr ſt haten D auf d herna der 1 auch! ſeiner danker im We mit de den B Geber ſchritt gen ge ſich ih ging. trat ei Co Zurecht⸗ 8 Alles keswort, n Tadel chmehr de Auge e Frage Gefahr den an⸗ en Blick o Wuth ine Auf⸗ igkeit zu tehr aus⸗ er Notar, , würde agen. hüre und Meinung hen, mich ich mich die Alten lein wiſſen ich wegen es ſehen! Heuvels, ch Heen 177 „Ich mag hier nicht ohne Sie bleiben,“ ſagte er. „Der Pfarrer iſt Ihr Kranker, nicht der meinige. Laſſen Sie mich abgehen....“ Aber Heuvels ließ ſich nicht herab, auf des jun⸗ gen Mannes Bitte zu antworten, und ſchritt, unver⸗ ſtändliche Vorwürfe murmelnd, zur Thüre hinaus. Auf der Straße liefen viele Leute auf ihn zu, um Kunde von dem Pfarrer zu erhalten; er aber wehrte, von ſeinem Grimm fortgeriſſen, die Neu⸗ gierigen ab und gab nur zuweilen die kurze Ant⸗ wort: „Laßt mich in Ruhe! Ich weiß nicht, warum Ihr ſo viel Aufhebens macht! Das Uebel des Pfarrers hat nichts zu bedeuten. Er iſt bereits geneſen.“ Dieſe Botſchaft verbreitete ſich mit Blitzesſchnelle auf der ganzen Straße, und man hörte unmittelbar hernach ein fröhliches Gejubel ſich aus der Mitte der verſammelten Dörfler erheben. Jetzt konnte auch der Doctor, minder aufgehalten, den Weg nach ſeiner Wohnung fortſetzen. Es mußten trübe Ge⸗ danken ſein, die ihm durch den Geiſt flogen; denn im Weitergehen ſprach er in ſich ſelbſt hinein, knirſchte mit den Zähnen, lachte bitter, ſtieß ſeinen Stock auf den Boden und machte hin und wieder eine heftige Geberde, als bedrohte er Jemand mit ſeinem Zorn. Er war nicht mehr weit von ſeinem Hauſe und ſchritt, das Haupt unter verdrießlichen Ueberlegun⸗ gen gebeugt, dahin, als ein Mann auf der Straße ſich ihm näherte, der hinkte und an einer Krücke ging. Sobald dieſer den Doctor gewahr wurde, trat ein ſonderbarer Ausdruck auf ſein Geſicht, und 12 Conſcience, der junge Doctor. ——————— 178 es war deutlich, daß er nicht ohne Abſicht ſich be⸗ eilte und auf ihn zulief. „Nun wie, Herr Heuvels,“ rief er, ſobald er in ſeiner Nähe war;„nun wie, was ſagen Sie dazu? Sie haben mich grauſam verlaſſen; Sie haben mich verurtheilt, elendiglich zu verkümmern. Sehen Sie, da bin ich nun! Noch einige Tage, und ich werfe meine Krücke weg; ich kann arbeiten; ich kann noch das Brod für meine Kinder verdienen. Das hat Herr Valtiers gethan! Schon eine ganze Woche gehe ich ſo täglich in die Kirche, um für ihn zu beten; und kann der arme Beſenbinder dieſes Liebeswerkt nicht bezahlen, ſo ſeien Sie überzeugt, Herr Heuvels, Gott wird es an meiner Stelle belohnen!“ Dieſe letzten Worte mußte er noch dem Doctor nachrufen; denn dieſer war vorübergeeilt, um dem neuen Hohne zu entfliehen. Als Herr Heuvels die Thüre ſeiner Wohnung erreichte, glühte ſein Angeſicht vor verhaltener Wuth, und er wantte auf ſeinen Beinen vor Aufregung. In das Zimmer tretend, ſtieß er mit ſeinem Stock auf den Fußboden und knurrte ſeiner Tochter, die auf einem Stuhl am Fenſter ſaß, zu: „Immer an dieſem Fenſter! Was ſiehſt Du da? Wen erwarteſt Du? Gewiß die boshaften Leute von da drüben!“ Ehe Adelina ſich ihm nähern konnte, hatte er ſich auf einen Seſſel geworfen und ſchlug, unver⸗ ſtändliche Worte murmelnd, mit der Fauſt auf den Tiſch. Adelina hatte nicht verſtanden, was ihr Vater bei ſeinem Eintritt geſagt hatte; aber der übet raſche Geſic erfüll licher „ „Man Zorn das( die B Ander mich, tröſter nen H Feind in die vorn Grund meinet Niema eigene De zog ſie äußerſt lichen 2 nicht: Undan Du irr mißfall „B terte H ld er in ie dazu? ben mich hen Sie, ich werfe ann noch Das hat oche gehe zu beten; iebeswerk Heuvels, m Doctor um dem Wohnung ner Wuth, regung. it ſeinem Tochter, t Du da? Leute von hatte er g, unver⸗ ſt auf den ihr Vater der über⸗ 179 raſchende Ton ſeiner Stimme und d Geſichte erkennbare Aufregung hatten erfüllt. Sie näherte ſich licher Beſtürzung: „Vater, lieber Vater, was iſt Dir geſchehen?“ „Entferne Dich, laß mich allein!“ fuhr er ſie an. „Man möchte ſterben vor Verdruß, vor Aerger und Zorn! So viele Jahre ſich abgemüht zu haben und das Ende ſeines Lebens vergiftet zu ſehen, durch die Bosheit der Einen und die Undankbarkeit der Andern! Ja, ja, durch die Undankbarkeit derer, die mich, aus Pflichtgefühl mindeſtens, vertheidigen und tröſten ſollten. Aber nein! Selbſt in meinem eige⸗ nen Hauſe kann ich Niemand mehr finden, der meine Feinde haßt! Ich kann keinen Schritt thun, ohne in die Schlingen zu fallen, welche argliſtige Leute vor meinen Füßen ausſpannen; mein Ruf geht zu Grunde; ich werde an meiner Ehre bedroht, in meinem Vermögen, an meiner Eriſteez Und Niemand iſt gerecht gegen mich, ſelbſt nicht mein eigenes Kind!“ Das Mädchen wollte ſeine Hand faſſen, er aber zog ſie heftig zurück. Da warf ihm Adelina einen äußerſt traurigen Blick zu und ſtieß einen ſchmerz⸗ lichen Seufzer aus: „Ach, Vater, ſage mir, daß ich Deine Worte nicht verſtanden habe. Du klagſt mich an? Der Undankbarkeit? Biſt Du gegen mich ſo erbittert? Du irrſt Dich: ich habe Nichts gethan, was Dir mißfallen kann.“ „Bah, bah, es iſt immen daſſelbe Lied!“ pol⸗ terte Heuvels,„aber es ſoll ein Ende nehmen. Ich 123 die auf ſeinem ſie mit Schrecken ihm und ſagte mit ängſt⸗ 180 will nicht immer mich verlachen laſſen. Während ich das Opfer ſchlechter, bösartiger Menſchen werde, ſitzeſt Du ganze Tage da vor dem Fenſter, den Ver⸗ folgern Deines Vaters Zeichen von Freundſchaft zu geben. Sieh' nicht ſo verſtört aus, Adelina: Frau Valkiers und Franciska wiſſen recht gut, was für Liſten und Lügen Adolph täglich ausſinnt, um mir das Vertrauen der Leute zu entziehen!“ „Adolph? Sollte Adolph wahrhaftig Etwas ge⸗ than haben mit der wirklichen Abſicht, Dich zu be⸗ nachtheiligen, Vater?“ ſragte das Mädchen, indem es zweifelnd den Kopf ſchüttelte.„Sind es nicht boshafte Zungen, die Dich mit Unrecht Solches vermuthen laſſen?“ „Boshafte Zungen?“ ſpottete Heuvels.„Ha, ha, hätteſt Du geſehen, welche grauſame Beleidigung mir ſo eben angethan worden iſt; hätteſt Du ge⸗ ſehen, welchen blutigen Hohn ich mit der Röthe der Schaam auf der Stirne verſchlucken mußte, Du würdeſt eine ewige, eine unverſöhnliche Feindſchaft denjenigen ſchwören, welche die Urſache all meines Verderbens ſind.... Aber es iſt geſchehen: gern oder ungern, Du ſollſt Dich von dieſen Leuten fern halten, ſonſt muß ich ſelbſt Dich wegſchicken und hier allein bleiben, um in der Einſamkeit den Ver⸗ luſt meines guten Namens zu betrauern.“ Mit Mühe unterdrückte Adelina die Thränen, die bereits in ihren Augen blinkten; aber ein Ge⸗ fühl von Mitleid mit ihres Vaters unbegreiflicher Aufregung verlieh ihr noch Stärke. Sie legte ihm den Arm um den Hals, beugte ihr Haupt über ſeine Wünſc Ak wendie Worte ſüße S Erbitte größer „A Herz, von F ſchuldie Gemüt ben? rüſtung weil 2 Deinen Bei unſere Verderk aber w Wahrhe ſeit dre Lährend werde, en Ver⸗ chaft zu Frau was für um mir was ge⸗ n be⸗ eindem es nicht Solches 6„Ho, eidigung Du ge⸗ öthe der zte, Du eindſchaft l meines n: gern ten fern cken und den Ver⸗ — Thränen, ein Ge⸗ greiflicher egte ihm iber ſeine 181 Schulter und flüſterte mit Liebe und Sanftmuth in der Stimme: „Sei nicht böſe über mich, Vater; ich werde Alles thun, was Du willſt, mich Deinen geringſten Wünſchen unterwerfen....“ Aber es ſchien, als ob Herr Heuvels die Noth⸗ wendigkeit empfände, ſeinen Verdruß durch heftige Worte auszulaſſen, denn er achtete nicht auf das ſüße Schmeicheln ſeiner Tochter; im Gegentheil, ſeine Erbitterung ſchien ſich dadurch nur noch zu ver⸗ größern. „Alles, was ich ſage, iſt ohne Einfluß auf Dein Herz, nicht wahr? Es iſt genug, daß es der Bruder von Franciska iſt, um in Deinen Augen ihn un⸗ ſchuldig zu machen? Vielleicht biſt Du zu einfältigen Gemüths, um an ſolche geheime Falſchheit zu glau⸗ ben? Höre nur; wenn Dir das Blut nicht vor Ent⸗ rüſtung in den Adern kocht, dann geſchieht es nur, weil Du Deine liſtige Freundin mehr liebſt, als Deinen armen Vater!“ Bei dieſem Vorwurf begann Adelina in der Stille zu weinen: ihre Thränen fielen blinkend auf ihres Vaters Kniee. „Ich weiß,“ fuhr er fort,„daß es nicht ange⸗ nehm iſt, erkennen zu müſſen, daß die Freunde Dei⸗ ner Kindheit, daß die Leute, die wir geliebt haben, als bildeten wir zuſammen eine einzige Familie, unſere heimlichen Feinde geworden ſind, und unſer Verderben zum Ziel ihres Lebens gemacht haben; aber was vermögen Thränen gegen die ſchmerzliche Wahrheit? Stelle Dir vor, der Pfarrer blutete ſeit drei Stunden aus der Naſe; ich hatte Alles 182 angewendet, was möglich iſt, um das Blut zu ſtillen; aber wie es meiſt in ſolchen Fällen geht, es ſollte von ſelbſt ein Stillſtand eintreten, wenn die Span⸗ nung der Adern oder das Klopfen des Herzens ſich vermindert hatte. Ganz ruhig ſtand ich da, mitten unter unwiſſenden Leuten, die bei dem Anblick des Blutes klagten und jammerten, als fürchteten ſie, der Pfarrer müſſe ſterben. Auf einmal erſcheint der Notar in dem Zimmer.— Du weißt, daß der No⸗ tar uns Feind geworden iſt, ſeitdem er, beinahe täg⸗ lich, mit dem Hauſe der Valkiers verkehrt.— Seine erſten Worte waren eine Anklage gegen mich; er geberdete ſich, als hielte er mich für einen Igno⸗ ranten, und begehrte, daß man Adolph rufe. Mein argliſtiger Nebenbuhler kommt in der That und er⸗ kennt, ſo gut als ich, daß das Bluten von ſelbſt aufhören müſſe. Was thut er jedoch, um die Un⸗ wiſſenheit der Anweſenden zu ſeinem Vortheil zu benützen und mich niederträchtiger Weiſe dem unge⸗ rechteſten Hohn auszuſetzen? Er macht viel Auf⸗ hebens, übertreibt die Gefahr des Pfarrers, tröſtet Jedermann in feierlichem Tone, als wäre er im Begriffe, ein Wunder zu thun, ſpritzt dem Kranken ein unnützes Mittel in die Naſe, und als nach eini⸗ ger Zeit das Bluten aufhört, da ruft der unver⸗ ſchämte Quackſalber, er habe den Paſtor gerettet! Natürlich bezeugt Jedermann dem Wunderthäter ſeinen Dank; Jedermann ſegnet ihn; und während er alle dieſe dummen Lobpreiſungen einathmet, ſtehe ich da, mit der Röthe der Entrüſtung auf den Wangen, um die Blicke derjenigen einſtecken zu müſſen, welche mir vorzuwerfen ſcheinen, ich ſei ein Dum über ſaß,! 6 * Thrär um e brach S Quack Der! Vielle danket beleidi Mißgr beſchu mater ſtand machet W regun⸗ wohl doch( als er hatte Dt hatte zogen nun e zurückz ſie., ſtillen; ſollte Span⸗ ns ſich mitten lick des ten ſie, int der e Ne⸗ che täg⸗ Seine ich; er Igno⸗ Mein und er⸗ n ſelbſt die Un⸗ heil zu nunge⸗ e Auf⸗ „tröſtet er im Kranken ich eini⸗ uner⸗ gerettet! erthäter vährend et, ſtehe uf den cken zu ſei ein 183 Dummkopf im Vergleich mit einem Milchbart, der über ſechs Monate auf den Bänken der Hochſchule ſaß, bis er nur das ABC der Kunſt gelernt hatte!“ „Armer Vater!“ ſeufzte Adelina unter ihren Thränen;„ach, ich begreife Deinen Verdruß....“ Herr Heuvels gönnte ſeiner Tochter keine Zeit, um einige tröſtende Worte zu ſtammeln; er unter⸗ brach ſie und fuhr fort: „Und ſiehe, wie ſchlau berechnet! Es gibt keinen Quackſalber ohne Gevatter, ohne geheimen Helfer. Der Notar ſpielt dieſe Rolle zu Gunſten Adolphs. Vielleicht wären die Anweſenden nicht auf den Ge⸗ danken gekommen, mich durch höhniſchen Verdacht zu beleidigen; aber der Notar wagte mich laut der Mißgunſt, des niedrigen Neides gegen Adolph zu beſchuldigen. Nicht genug, daß man mich in meiner materiellen Eriſtenz benachtheiligt; zu einem Gegen⸗ ſtand des Haſſes, des Abſcheu's muß man mich noch machen!“ Während dieſer Erklärungen hatte ſich die Auf⸗ regung des Herrn Heuvels ein wenig gelegt. Ob⸗ wohl er noch gleich zornig ſchien, hatte ſeine Stimme doch Etwas von dem ſcharfen Ton, in dem Maße, als er ſeinem Verdruſſe Luft machte, verloren. Auch hatte er aufgehört, ſeine Tochter zu beſchuldigen. Durch dieſe günſtige Veränderung ermuthigt, hatte Adelina in der Stille⸗ einen Stuhl herbeige⸗ zogen und ſich neben ihren Vater geſetzt. Sie faßte nun eine von ſeinen Händen, ohne daß er ſie wieder zurückzog. „Vater, vergiß dieſen traurigen Vorfall,“ begann ſie.„Es iſt allerdings unangenehm, es iſt ſchmerz⸗ 184 lich, ſich auf ſolche Art dem ungerechten Tadel ver⸗ blendeter Leute ausgeſetzt zu ſehen; aber Daſſelbe begegnet gewiß ſehr oft allen Doctoren! Sieh' ein⸗ mal den letzten Vorfall mit Herrn Valkiers! Jeder⸗ mann und wir ſelbſt dachten, die Sache mit dem Pächter Storck und dem Fleiſcher habe ihn für immer um alles Vertrauen gebracht. Man hat einige Tage davon geſprochen, und Alles iſt geblieben, als ob Nichts geſchehen wäre.. So wie er Adolphs Namen hörte, war Heuvels ein Zucken durch die Glieder gefahren. Adelina be⸗ griff die Urſache dieſer Bewegung nicht, und fuhr im ſüßeſten Ton ihrer Stimme fort: „Nun, lieber Voter, betrübe Dich nicht länger; und iſt Jemand ungerecht gegen Dich, ſo tröſte Dich mit dem Gedanken, daß Dein Gewiſſen Dir Nichts vorwirft. Laß den Notar böswillig gegen Dich ſein. Da Du ihm noch nie einigen Grund zu ſolcher Feindſchaft gegeben haſt, wirſt Du in Deinem Ge⸗ müthe die Kraft finden, um ſeine Angriffe zu ver⸗ geben oder zu verachten.— Du ſiehſt gewiß wohl, Vater, daß der Vorfall nicht von ſolcher Wichtigteit iſt, als Du wohl glaubſt!“ Das Mädchen ſchwieg und wartete auf eine Antwort aus ihres Vaters Munde; aber er ſchien noch länger zu horchen, und ſtampfte bald ungedul⸗ dig auf den Boden.„ „Sprich von unſern Feinden, von den Valkiers!“ rief er.„Laß hören, ob Du ſie noch entſchuldigen willſt, oder nicht?“ „Nein, Vater, laß mich ſchweigen über ſie,“ flehte das Mädchen.„Sobald Deine Aufregung vori halte erzür ſager zige, Argl leum glaul Du Quae anſeh 7 wiſſer el er⸗ aſſelbe h ein⸗ Jeder⸗ it dem immer e Tage als ob ees ina be⸗ d fuhr änger; te Dich Nichts ch ſein. ſolcher m Ge⸗ u ver⸗ wohl, htigeit f eine ſchien igedul⸗ kiers!“ ildigen ſie. egung 185 vorüber iſt, wollen wir mit Ruhe über unſer Ver⸗ halten ſprechen.“ „Immer daſſelbe!“ rief Heuvels, von Neuem erzürnt.„Ha, ich weiß wohl, was Du mir dann ſagen willſt. Dir zufolge ſind die Valkiers guther⸗ zige, einfache und ehrliche Leute, nicht wahr? Ihre Argliſt, ihre boshafte Verfolgung, ihre geheime Ver⸗ leumdung iſt nur eine Gaukelei meiner Sinne? Du glaubſt nicht, daß ſie abſichtlich mich benachtheiligen; Du glaubſt nicht, daß Adolph bei dem Pfarrer den Quackſalber ſpielte, um mich für einen Ignoranten anſehen zu laſſen und mit Schande zu beladen?“ Adelina beugte den Kopf und ſprach kein Wort. „Laß hören, was Du davon denkſt? Ich will es wiſſen!“ gebot der erbitterte Doctor. „Ich will Dich nicht täuſchen, Vater,“ ſtammelte das Mädchen. „Nun, ſo ſprich!“ „Daß Frau Valkiers, daß Franciska, daß Adolph übel von Dir reden, oder mit Wiſſen und Willen Dir Schaden thun, Vater?“ ſagte ſie, ſichtbar bebend. „Ich kann und mag das nicht glauben, Vater; denn ich weiß, daß es nicht wahr iſt„ Herr Heuvels, bis zur äußerſten Wuth fortge⸗ riſſen, ſtieß ſeine Tochter von ſich und ſprang auf; mit glühendem Blick ſie anſchauend, ſchlug er mit der Fauſt auf den Tiſch und polterte: „Es iſt unerhört! Sie haben Recht, ſie ſind rein von aller böſen Abſicht; ich weiß nicht, was ich ſage; und wenn es hier Jemand gibt, der Neid oder Mißgunſt im Herzen trägt, ſo bin ich es allein! Ich will kurzes Spiel mit dieſer traurigen Komödie 186 machen. Adelina, fortan wirſt Du nicht mehr an dieſem Fenſter ſitzen. Nie ſollſt Du mir noch ein Wort ſprechen, das mich an unſere Nachbarn von da drüben erinnern könnte. Ich verbiete es Dir, hörſt Du? Wiſſe, daß eine unverſöhnliche Feindſchaft zwiſchen Deinem Vater und dieſen falſchen Leuten beſteht. Gib Acht und laß mich nicht ſterben vor Verdruß, bei dem Gedanken, daß mein einziges Kind noch Freundſchaft in dem Herzen gegen Leute tragen kann, die mich läſtern und verfolgen, gegen Leute, die ich mit Recht und Grund haſſe!“ Er wollte das Zimmer verlaſſen, aber Adelina ſprang ihm mit Thränen in den Augen und einem gellenden Schrei nach, hielt ihn zurück, faltete bittend ihre Hände und rief: „Vater, lieber Vater, höre mich an! Um Dir Verdruß zu erſparen, um das Recht zu erhalten, Dich zu tröſten, will ich Alles thun, Alles opfern. Ich werde die Freunde meindr Kindheit verlaſſen, die Erinnerung an ſie in meinem Geiſte erſticken, nimmer mehr ihren Namen ausſprechen! O, beruhige Dich! Glaube mir, ich werde meinem Herzen Ge⸗ walt anthun; ich werde Kyäfte finden, um mein früheres Leben zu vergeſſen. Ach, zweifle nicht an der Unredlichkeit meiner Liebe zu Dir! Schenke mir Deine Vergebung, Du ſollſt mit mir zufrieden ſein!“ „Ja,“ ſpottete der erregte Doctor,„und Du wirſt ganze Tage lang da ſitzen, trauern und Thrä⸗ nen vergießen, nicht wahr? Was Dein Mund nicht ſagt, werde ich deutlich in Deinen Augen leſen können?“ „Nein, nein, Vater, ich werde nicht trauern, nicht wein einzie Mäd e kümm zeugt Fran Zorn Herze Wort bei d Bleib nicht ich m U den v pi A ing, d wo de heftet, „ V 7 A ken, hr an h ein n von Dir, dſchaft Leuten n vor Kind ragen Leute, delina einem ittend m Dir halten, pfern. laſſen, ſticken, ruhige n Ge⸗ mein icht an ke mir ſein!“ nd Du Thrã⸗ d nicht leſen , nicht 187 weinen. Ich werde fröhlich ſein und meine Freude einzig in Deiner zärtlichen Liebe ſuchen!“ rief das Mädchen mit aufgehobenen Händen. Sei es, daß Herr Heuvels Mitleid mit der Be⸗ kümmerniß ſeiner Tochter fühlte, oder daß er über⸗ zeugt ſein zu dürfen glaubte, ſie werde aufrichtig Franciska's Freundſchaft entſagen, er bezwang ſeinen Zorn und ſprach in etwas beruhigterem Tone: „Wohlan, Adelina, es ſei ſo, und ſprichſt Du von Herzen, dann ſei getroſt. Wir wollen ſehen, ob Du Wort hältſt... Aber bei der erſten Anſpielung, bei dem erſten Zeichen ſoll mein Zorn ſchrecklich ſein! Bleib' im Frieden hier; ich kann meine Aufregung nicht mehr ertragen; ich gehe auf mein Zimmer; ich muß allein ſein.“ Unter dieſen Worten ſchritt er, noch mit Geber⸗ den von Ungeduld und Aerger, aus dem Zimmer. Adelina trat vor ein Crucifix, das an der Wand hing, kniete auf einen Schemel nieder und beugte das Haupt in einem ſtillen und ſchmerzlichen Gebet. VII. „Nun, Großvater, haſt Du Dir die Sache über⸗ legt?“ fragte Frau Valkiers, in ein Zimmer tretend, wo der⸗Greis, die Augen auf einige Papiere ge⸗ heftet, an einem Tiſche ſaß. „Ich bin beinahe wirr im Kopfe von lauter Den⸗ ken, Maria; Dein Vorſchlag erſchreckt mich.“ „Aber, Großvater,“ bemerkte die Frau unruhig; 188 „wir müſſen einen Beſchluß faſſen, um uns aus die⸗ ſer Verlegenheit zu reißen.“ „Allerdings, aber das Mittel, um die fünfhundert Francs zu finden? Könnten wir nur Zeit gewinnen; vielleicht vermöchten wir noch der verhängnißvollen Entſcheidung auszuweichen.“ „Nein, es iſt keine Hoffnung auf weitere Friſt. Du erſiehſt aus dem Briefe, daß der Apotheker aufs äußerſte erzürnt iſt, da wir bereits zweimal unſer Verſprechen der Bezahlung nicht zu erfüllen im Stande geweſen ſind. Er ſchreibt, er werde am Montag ſelbſt kommen und ſein Geld holen. Wir müſſen um jeden Preis ihn zu befriedigen ſuchen. Sonſt wird er in dem Dorfe ſchimpflich von uns ſprechen. Ueberdieß will er keine weitere Medicin liefern, und Adolphs Vorrath davon iſt nicht mehr groß. Nun ſei ehrlich, es iſt das letzte Opfer.“ „Unſer Haus belaſten!“ ſeufzte der Greis.„Fran⸗ ciska's Mitgift in Gefahr bringen, und uns Alle vielleicht für die Zukunft einer völligen Armuth aus⸗ ſetzen? Wird mein Gewiſſen eine ſolche Unvorſichtig⸗ keit mir nicht zur Laſt legen?“ „Ich begreife, Großvater, daß Du zauderſt, zur Anwendung dieſes äußerſten Mittels zu ſchreiten; aber wir brauchen nicht mehr ſo beſorgt zu ſein. Adolphs Verhältniſſe ſtellen ſich auf einen günſtigen Fuß. Die wunderähnliche Geneſung des Pfarrers hat bewirkt, daß man mit Lob von ihm, ſelbſt in den umliegenden Gemeinden ſpricht. Dank der Für⸗ ſprache des Notars, bekommt er jetzt viele und gute Kunden. Nach Neujahr haben wir alle unſere kleinen Schulden zu bezahlen vermocht, und jetzt iſt auch der müſ und Mie unſe demg wahr ſorge theili ganze rechti ſtand thum Fami O V s die⸗ undert innen; vollen Friſt. auf's unſer n im e m Wir uchen. nuns edicin mehr Fran⸗ Alle aus⸗ ichtig⸗ ſt, zur eiten; ſein. iſtigen arrers bſt in rFür⸗ ute leinen ch der 189 Schreiner befriedigt. Kommt man ſo, mit ſtets zu⸗ nehmendem Glücke vorwärts, darf man ſchon alles Vertrauen auf die Zukunft ſetzen. Laß uns unbedenklich eine kleine Summe auf unſer Haus aufnehmen; mit dem Neujahr ſind wir vielleicht im Stande, ſie wie⸗ der zu tilgen.“ „Ja, Maria,“ ſagte der Greis,„ich würde doch vielleicht in Dein Verlangen willigen; aber es iſt ein beſonderer Grund, welcher mich zurückhält. Wir können nicht nach unſerem Gutdünken über unſer Eigenthum verfügen.“ „Wie meinſt Du das?“ „Wir haben nicht beachtet, daß Franciska noch minderjährig iſt. Um unſer Haus belaſten zu können, müſſen wir den Familienrath zuſammenberufen... und Herr Heuvels gehört auch dazu.“ Ein Seufzer entſchlüpfte Frau Valkiers. Ihre Miene zeugte von trauriger Ueberraſchung. „Herr Heuvels iſt in der That Mitglied von unſerem Familienrathe!“ ſagte ſie.„Wir müßten ihm demgemäß unſere Noth entdecken; und er würde uns wahrſcheinlich die Mittel verweigern, deßhalb Vor⸗ ſorge zu treffen. Er iſt unſer Feind und benach⸗ theiligt uns, wo er kann. Ich bedaure das von ganzem Herzen, und vergebe ihm gern ſeine Unge⸗ rechtigkeit; aber ich will nicht, daß er über den Zu⸗ ſtand meiner Kinder zu entſcheiden habe.“ „Und dennoch, Maria, dürfen wir unſer Eigen⸗ thum nicht verpfänden, außer durch Vermittlung des Familienraths; das Geſetz lautet hier ganz beſtimmt.“ Ohne ſcheinbar auf das zu hören, was der alte 190 Mann ſagte, fuhr Frau Valkiers in ihrer Betrach⸗ tung fort: „Herr Heuvels trägt allein die Schuld daran, daß hier Kummer und Betrübniß herrſchen, während wir Gründe haben, Gott für ſeine Güte gegen uns zu danken. Warum iſt Adolph noch immer ſo düſter geſtimmt? Warum kann ſelbſt der freudige Erfolg auf ſeiner Laufbahn ihn nicht von dem geheimen Schmerz, der ihn verfolgt, befreien? Weil es ihn peinigt, ſich als den Gegenſtand der Feindſchaft ſeines Amtsgenoſſen zu ſehen, eines Mannes, welcher einſt der Buſenfreund ſeines Vaters war. Der arme Adolph! Alles glückt ihm, die Zukunft lächelt ihm, und ſtatt ſich deſſen zu erfreuen, verzehrt ſich ſein Geiſt in einem einzigen Wunſche; in der Stadt ſich niederzulaſſen, Herrn Heuvels durch ſeinen Abzug von dem Geburtsort zur Verſöhnung zu bringen, und ſo der traurigen Feindſchaft zu entfliehen oder Stillſtand zu ſetzen!— Und ſieh' einmal, wie trau⸗ rig unſere gute Franciska iſt und ſich, ſo zu ſagen, abhärmt, ſeitdem ihre Freundſchaft mit Adelina zer⸗ ſtört iſt. Sie ſagt es nicht, wie ſehr ſie unter dieſer Entfremdung leidet; aber ich durchſchaue ihren Schmerz wohl. Nein, nein, da Herr Heuvels ſich ſo ungerecht gegen uns zeigt,— da Adelina ſelbſt die Augen ab⸗ wendet, wenn ſie Jemand von uns begegnet, und thut, als ob ſie uns gar nicht mehr kenne— kann ich nicht dazu ſtimmen, ihnen die Geheimniſſe meiner Familie preiszugeben. Wer weiß, ob Herr Heuvels in ſeiner Verblendung nicht die Kenntniß unſerer Noth dazu benützen würde, um Adolph zu beſchämen, oder ihm Schaden zu thun? Kann unſer Haus nicht oh pf ſue tet mi De ger rich uns ode ſie miß ang Zeit man Gro Dan rung was unbe mehr richti loſes ſeinet jetzt Betrach⸗ daran, vährend gen uns o düſter Erfolg eheimen es ihn ft ſeines her einſt rarme elt ihm, ſich ſein tadt ſich Abzug bringen, en oder ie t⸗ u ſagen, lina zer⸗ er dieſer Schmerz ngerecht ugen ab⸗ et, en — kann e meiner Heuvels unſerer ſchämen, us nicht ohne die Dazwiſchenkunft von Herrn Heuvels ver⸗ pfändet werden, dann muß man ein anderes Mittel ſuchen.“ „Es gibt wirklich ein anderes Mittel,“ antwor⸗ tete der Greis,„aber es wird Dir vielleicht nicht minder unangenehm und ebenſo gefährlich vorkommen. Der Notar und ſeine Familie beweiſen uns ſeit eini⸗ gen Monaten die herzlichſte und ohne Zweifel auf⸗ richtigſte Freundſchaft. Wenn wir ihn erſuchten, uns fünfhundert Francs zu leihen, auf ſechs Monate oder auf ein Jahr, glaubſt Du, Maria, er würde ſie uns verweigern?“ Nach einigem Bedenken ſtammelte Frau Valkiers mißmuthig: „Die einzigen Freunde, die wir haben, um Hülfe angehen!“ „Aber wenn man die Hülfe ſeiner Freunde in Zeiten der Noth nicht anrufen mag, zu wem kann man dann ſeine Zuflucht nehmen?“ „Geld zwiſchen Freunden iſt eine ſchlimme Sache, roßvater. Und wenn der Notar es verweigerte? Dann würde er gewiß ſich von uns zurüctziehen.“ „Ich glaube nicht, Maria, daß wir eine Weige⸗ rung zu befürchten haben. Der Notar iſt ſehr reich; was wir von ihm borgen wollen, iſt für ihn eine unbedeutende Summe. Er gibt ſich Mühe, uns mehr und mehr zu überzeugen, daß wir einen auf⸗ richtigen Freund an ihm haben; er ſetzt ein grenzen⸗ loſes Vertrauen in Adolphs Zukunft; er nimmt ſich ſeiner an und vertheidigt ihn, wo er kann. Und jetzt ſollte er uns etwas abſchlagen? Wohlan, Maria, 192 unangenehm iſt ein ſolcher Verſuch allerdings, aber in der Noth darf man nicht allzu zartfühlend ſein.“ Die Wittwe nickte, obwohl nicht ohne Beküm⸗ merniß über den nachtheiligen Eindruck, den eine ſolche Bitte auf das Gemüth des Notars hervor⸗ bringen könnte, bekräftigend mit dem Kopfe und war im Begriff, ihre Zuſtimmung zu des Greiſes Vor⸗ ſchlag zu geben; aber jetzt öffnete Franciska die Thüre des Zimmers und ſagte: „Mutter, der Herr Notar iſt da; er begehrt, Dich und den Großvater allein zu ſprechen; ich habe ihn in den Saal geführt.“ Die alten Leute wechſelten einen Blick freudiger Ueberraſchung mit einander, als wollten ſie ſagen, die Gelegenheit, von dem Anlehen zu ſprechen, biete ſich aufs Günſtigſte von ſelbſt dar. „Ich begreife nicht, was die Abſicht des Notars ſein kann,“ murmelte Franciska mit einer gewiſſen Unzufriedenheit;„er iſt ſchwarz gekleidet; er hat eine weiße Halsbinde und weiße Handſchuhe an. Man möchte ſagen, er habe eine feierliche Sendung zu erfüllen!“ „Es iſt nichts deſtoweniger ganz einfach,“ bemerkte die Wittwe lächelnd;„morgen iſt der Namenstag von Conſtantia's Mutter. Ich weiß, daß der Notar im Sinn hat, dieſen Abend einige ſeiner beſten Freunde zu einem fröhlichen Feſtmahl zu vereinigen, um den Namenstag ſeiner Frau zu feiern. Er hat uns ſchon vorgeſtern im Vorbeigehen davon geſagt; etzt kommt er, die förmliche Einkadung in herkömm⸗ licher Weiſe zu erneuern. Mit dieſen Worten hatte ſie bereits einige Schritte übet die ſich 6 ſchüt wo und ſuch Wich er ve aus, ſchaft ihm ſ „ Notar chen d — W machet gefühl Glückn Conſta ich we „N „nicht Was d ich Sie wart z tige S und ſol was ich vergebe Con , aber d ſein.“ Beküm⸗ en eine hervor⸗ ind war es Vor⸗ e Thüre begehrt, ch habe reudiger e ſagen, n, biete Notars gewiſſen er hat n. Man un ze bemerkte menstag r Notar beſten einigen, Er hat geſagt: erkömm⸗ Schritte 193 über den Gang gemacht; der Großvater legte bereits die Hand an die Saalthüre und gab ihr ein Zeichen, ſich zu beeilen. Franciska entfernte ſich mit zweifelndem Kopf⸗ ſchütteln; die zwei alten Leute traten in das Gemach, wo der Notar ſie erwartete. Der Grund, warum dieſer in feierlicher Kleidung und mit den feſtlichen weißen Handſchuhen einen Be⸗ ſuch im Hauſe der Valkiers abſtattete, mußte ſicher von Wichtigkeit ſein; denn gegen ſeine Gewohnheit ſchien er verlegen und dehnte ſeine Begrüßungen ſo lang aus, daß Adolph's Mutter die Erklärung ſeiner Bot⸗ ſchaft beſchleunigen zu müſſen glaubte, indem ſie zu ihm ſagte: „Sie machen ſich wahrlich zu viele Mühe, Herr Notar; zwiſchen Freunden darf man ſchon ein Bis⸗ chen die gewöhnlichen Förmlichkeiten bei Seite ſetzen. — Wir ſollten uns dieſen Abend ein Vergnügen machen, nicht wahr? Mich dünkt, ich ſehe ſchon Ihre gefühlvolle Gattin mit Thränen in den Augen die Glückwünſche ihrer lieben Kinder in Empfang nehmen. Conſtantia hat ein ſchönes Gedicht auswendig gelernt; ich weiß es wohl!“ „Nein, Frau Valkiers,“ antwortete der Notar; znicht darüber möchte ich mich mit Ihnen beſprechen. Was das Namensfeſt meiner Frau betrifft, ſo habe ich Sie ſchon vorgeſtern erſucht, es mit Ihrer Gegen⸗ wart zu beehren. Etwas Anderes, eine ſehr gewich⸗ tige Sache führt mich hieher. Setzen wir uns. und ſollte Ihnen mein Vorſchlag nicht gefallen— was ich jedoch nicht fürchten zu müſſen hoffe— ſo vergeben Sie mir meine Kühnheit„ Conſeienee, der junge Dyetor. 13 194 Der Ton dieſer Worte war ſo ernſt und ſo feier⸗ lich, daß die beiden alten Leute in ſprachloſer Ver⸗ wirrung einen Stuhl herbeizogen und den Notar mit geſpannter Neugierde anſahen. Sich gleichfalls niederſetzend, nahm der Notar eine Priſe aus ſeiner goldenen Doſe, und begann mit langſamer und abgemeſſener Stimme, während er das Auge auf ſeine Zuhörer gerichtet hielt, um dem Eindruck ſeiner Worte auf ihr Gemüth zu folgen: „Ich hoffe, Freunde, Sie zweifeln nicht an der aufrichtigen Zuneigung, die meine ganze Familie für Sie und Ihre Kinder hegt; ſo werden Sie alſo auch nicht ungern glauben, daß der Gedanke, wovon ich Ihnen Mittheilung machen will, uns allein durch das Intereſſe eingegeben iſt, das wir an dem Glück von Ihnen Allen nehmen. Laſſen Sie mich ganz offen mit Ihnen ſprechen. Sie haben mir genug geſagt, um mich erkennen zu laſſen, daß es Ihnen für den Augenblick an den Mitteln gebricht, um das Glück und die Zukunft Ihres Sohnes zu ſichern. Wir wiſſen, daß Adolph ſchwermüthig iſt und an einem fortdauernden Kummer leidet, weil er hier von Herrn Heuvels verfolgt, beneidet und verleumdet wird. Ein ſo einfältiges und liebevolles Herz, wie das ſeinige, muß in der That unter dieſer ewigen Feindſchaft ſich vertrocknet fühlen. Es iſt jedoch nicht dieſer Grund allein, warum Adolph in ſeiner Be⸗ trübniß nach dem Augenblick ſich ſehnt, wo er unſer Dorf verlaſſen kann. Ein Mann wie Adolph, in hohem Grade mit Wiſſenſchaft, mit Thätigkeitstrieb und mit dem Glauben an ſeinen Beruf begabt, muß einen welche zu en freund Frau Sohne De und fi B zu Har Mutter Dorfe — daſ Herrn. bar in würde. meiner zubieter allen V Platz ei die Mu ſegne S und una wird er hier nich Herz, di am End einen ju Sie bew ſo feier⸗ er Ver⸗ tar mit Notar begann vährend lt, um rüth zu an der nilie für ilſo auch ovon ich in durch m Glück (ch ganz geneg s Ihnen um das ſichern. und an hier von rleumdet erz, wie r ewigen och nicht iner Be⸗ er unſer olph in keitstrieb abt, muß 195 einen größern Schauplatz haben, um die Gaben, welche Gott in ſo reichem Maaße ihm verliehen hat, zu entwickeln und geltend zu machen.“ „Haben Sie Dank für Ihre wohlwollende und freundſchaftliche Geſinnung gegen Adolph!“ murmelte Frau Valkiers, erfreut über das Lob, welches ihrem Sohne geſpendet wurde. Der Notar achtete nicht auf dieſe Unterbrechung, und fuhr fort: „Bereits ſeit einiger Zeit beſprechen wir uns zu Hauſe darüber. Beſonders Conſtantia und ihre Mutter beklagen es faſt täglich, daß Adolph hier im Dorfe ſeine Zeit und ſein Leben daran ſetzen muß; — daß er hier, gebeugt unter der Feindſchaft von Herrn Heuvels umhergehen muß, während er unfehl⸗ bar in einer großen Stadt Glück und Vermögen finden würde. Sehen Sie, Freunde, auf das Andringen meiner Frau, komme ich, Ihnen die Geldmittel an⸗ zubieten, die dazu nöthig ſind, daß Adolph ohne allen Verzug in einer großen Stadt als Doctor den Platz einnehmen kann, zu welchem ſeine hohe Be⸗ gabung ihm ein Recht gewährt.“ „Ach, das iſt zu viel Güte, Herr Notar!“ rief die Mutter, beinahe außer ſich vor Freude.„Dafür ſegne Sie Gott, daß Sie meinen Adolph alſo lieben, und unaufgefordert uns zu Hülfe kommen. Wie glücklich wird er ſein! In der That, mein armer Sohn kann hier nicht länger bleiben: er hat ein zu gefühlvolles Herz, die Feindſchaft von Herrn Heuvels hätte ihn am Ende krank gemacht. Dieß iſt kein Leben für einen jungen Mann wie er. Dank, Herr Notar, ie beweiſen uns, daß es noch Freunde 1 196 gibt; die Hülfe, die Sie uns anbieten, iſt eine un⸗ ſchätzbare Wohlthat.“ „Sie ſollten bereitwillig ſein, uns die nöthigen Geldmittel vorzuſchießen?“ fragte der Großvater. „Das iſt in der That ein edelmüthiges Anerbieten, wofür wir Ihnen ſtets ſehr erkenntlich bleiben werden.“ Der Notar ſchien erfreut über den günſtigen Ein⸗ druck ſeiner Worte; mit viel mehr Vertrauen und einem hellen Lächeln auf ſeinen Lippen fuhr er fort: „Meine lieben Freunde, Sie irren ſich, wenig⸗ ſtens theilweiſe, über unſere Abſichten. Ich bitte Sie, laſſen Sie mich ausreden. Sagen Sie mir einmal, finden Sie nicht, daß meine Conſtantia ein guther⸗ ziges, fröhliches und liebenswürdiges Mädchen iſt?“ „Gewiß, gewiß, Conſtantia iſt ein braves und liebes Kind,“ antwortete die Wittwe.„Ich ſehe ſie ſehr gern und bin ihr dankbar, weil ſie eine ſo edel⸗ müthige Theilnahme an Adolphs Glück zeigt.— Und Du, Großvater, Du haſt ſie auch recht lieb, nicht wahr?“ Der alte Mann achtete nicht auf dieſe Frage; er hielt ſeine Augen auf den Notar geheftet und ſchien von einem ernſtlichen Gedanken ergriffen. „Wahrſcheinlich, Freunde,“ fuhr der Notar fort, „werden Sie bemerkt haben, daß ſeit einiger Zeit eine Art gegenſeitiger Vertraulichkeit zwiſchen Adolph und Conſtantia ſich erzeugt hat. Vielleicht denken Sie, dieß ſei nicht zu verwundern, da dieſelben von Kin⸗ desbeinen an alle Zeit gute Spielgenoſſen und Freunde geweſen ſind? Sie würden ſich jedoch irren, wenn Sie glaubten, es habe kein innigeres Gefühl die Stelle der Freundſchaft in ihrem Herzen einge⸗ nomn Kumn mit eine haben eine 1 gen? ſtanti ſinn z mal o entdec kann, liegt.“ D Ziele auf. ten ei währe ſind e ger Z 8 ſtand, anzub dete L Hülfe hohen Meine Ihnen Famil für in ne un⸗ öthigen ßvater. rbieten, erden.“ en Ein⸗ n un er fort: wenig⸗ tte Sie, einmal, guther⸗ n iſt?“ e nd ſehe ſie ſo edel⸗ — Und b, nicht age; er d ſchien tar fort, Zeit eine h end ken Sie, 0n Kin⸗ en und ch eirren, Gefühl n einge⸗ 197 nommen. So wiſſen Sie, daß Adolph all ſeinen Kummer, all ſein Leiden Conſtantia anvertraut und mit ihr faſt täglich von ſeinen Hoffnungen auf eine beſſere Zukunft ſpricht. Sie gleichfalls, Sie haben es bemerkt, nicht wahr, daß die jungen Leute eine mehr als gewöhnliche Neigung zu einander zei⸗ gen? Iſt Adolph etwas zurückhaltender als Con⸗ ſtantia, ſo muß man es ſeinem fortdauernden Trüb⸗ ſinn zuſchreiben; aber ich habe bereits mehr als ein⸗ mal auf ſeinem Angeſichte die geheimen Bewegungen entdeckt, woraus man unfehlbar auf das ſchließen kann, was auf dem Grunde des Herzens verborgen liegt.“ di⸗ Wittwe, welcher jetzt eine Ahnung von dem Ziele dieſes Geſprächs kam, ſtand vor Ueberraſchung auf. Sie war allzu erregt; in ihren Augen leuchte⸗ ten eine gewiſſe freudige Ueberraſchung und Hoffnung, während ſie beinahe unhörbar murmelte: „Allerdings, allerdings, Adolph und Conſtantia ſind einander innig zugethan; ich habe es ſeit lan⸗ ger Zeit bemerkt.“ Der Notar nahm wieder das Wort: „Ich ſprach mit meiner Frau über Adolphs Zu⸗ ſtand, und wir beſchloſſen, Ihnen das nöthige Geld anzubieten; aber ich wurde dabei durch die gegrün⸗ dete Beſorgniß zurückgehalten, eine ſolche materielle Hülfe möchte einer Freundſchaft, worauf wir einen hohen Werth legen, Eintrag thun oder ſie vermindern. Meine Frau, welche eine unbegrenzte Neigung zu Ihnen hegt, kam auf den Gedanken, unſere beiden Familien durch das unauflösliche Band des Blutes für immer zu vereinigen und uns ſo das Recht zu 198 verſchaffen, große Opfer für Adolphs Glück zu brin⸗ gen, ohne Ihnen gegen uns ein anderes Gefühl, als dasjenige gegenſeitiger Freundſchaft aufzulegen, die zwiſchen Gliedern derſelben Familie herrſchen muß.... Sie begreifen nun die Urſache meines Beſuches, nicht wahr?“ Während die beiden alten Leute ihn wie beſtürzt anſchauten und noch eine nähere Erklärung zu ver⸗ langen ſchienen, ſprach er weiter: „Conſtantia iſt mein älteſtes Kind. Aus Liebe zu ihr und zugleich, um Adolph es möglich zu ma⸗ chen, ſich anſtändig in der Stadt einzurichten, würde ich für den Anfang ihr einen Brautſchatz von dreißig⸗ tauſend Franes mitgeben. Nun, nun, ich will es Ihnen jetzt auf einmal erklären: wir machen Ihnen den Vorſchlag, Adolph mit Conſtantia zu verheirathen und auf ſolche Weiſe das Glück unſerer Kinder für immer zu ſichern. Was ſagen Sie dazu?“ Die Wittwe war ſo gerührt, daß ſie beinahe nicht zu ſprechen vermochte; zitternd ergriff ſie die Hand des Notars und ſtammelte einige Worte, woraus ge⸗ nugſam hervorging, nicht blos, daß ſie den Vorſchlag von ganzem Herzen annahm, ſondern mehr noch, daß derſelbe ſie mit Bewunderung für des Notars Edel⸗ muth erfüllte. „Alſo, Frau Valkiers, Sie geben Ihre Zuſtim⸗ mung zu der Heirath?“ fragte der Notar. „Ach, ich weiß nicht, wie ich Ihnen meine Er⸗ kenntlichkeit ausdrücken ſoll!“ rief ſie.„Ihr Wohl⸗ wollen gegen uns muß in der That unendlich ſein, da es Ihnen den Gedanken eingibt, meinen Sohn auf einmal mit Glück zu überhäufen. Es war Ihnen nicht bieten Sie ſ ihn u Ihre Herr 6 nen der 2 daran von„ Tochte vergeh meiner Sohn ein b Eltern zu ſei Die g ſichtba einiger Richtu wird 1 daran Aber gefällt 3 Erkenn jedoch u brin⸗ hl, als en, die üß eſuches, beſtürzt zu ver⸗ s Liebe zu ma⸗ würde dreißig⸗ ich will Ihnen irathen der für he nicht e Hand aus ge⸗ orſchlag ch, daß s Edel⸗ Zuſtim⸗ ine Er⸗ Wohl⸗ ich ſein, 1 Sohn Ihnen 199 nicht genug, ihm Ihren materiellen Beiſtand anzu⸗ bieten und ſeine Zukunft in der Welt zu ſichern; Sie ſchenken ihm ihr theuerſtes Kind zur Gattin, um ihn und uns Alle durch ein unzerſtörbares Band an Ihre Familie zu ketten. Möge Sie Gott belohnen, Herr Notar, für dieſen großmüthigen Vorſatz!“ „Und Sie ſind der Meinung, Adolph werde mei⸗ nen Vorſchlag annehmen?“ „Mit Freude, mit Entzücken, Herr Notar. Er, der Conſtantia ſo gern ſieht! Zweifeln Sie nicht daran Und weiß die gute Conſtantia etwas von Ihrer Botſchaft? Hat ſie eingewilligt, meine Tochter zu werden? Ach, es iſt um vor Freude zu vergehen!“ „Ich glaube nicht, daß Conſtantia Etwas von meiner Abſicht vermuthet. Bis jetzt meint ſie den Sohn von Notar Grips heirathen zu müſſen. Es iſt ein braver, einfacher Junge, der Sohn trefflicher Eltern, und ich habe ihm beinahe meine Zuſtimmung zu ſeiner Verbindung mit meiner Tochter gegeben. Die gegründeten Vorſtellungen meiner Frau und die ſichtbare Neigung Conſtantia's zu Adolph haben ſeit einiger Zeit meinen Anſichten darüber eine andere Richtung gegeben. Seien Sie überzeugt, Conſtantia wird nicht minder erfreut ſein, als Adolph. Wos iſt daran zu verwundern, wenn ſie einander lieb haben? Aber Sie, Großvater, Sie ſagen gar nichts? Wie gefällt Ihnen mein Vorſchlag? „Ihre Abſicht flößt mir zum Mindeſten eine tiefe Erkenntlichkeit ein,“ antwortete der Greis.„Es iſt jedoch Etwas, das mich bekümmert, und ehe ich mich 200 darüber zu freuen wage, wünſchte ich wohl, daß wir die Sache ernſtlich beſprechen!“ „Ei, ei, Großvater,“ rief die Wittwe im Tone des Tadels;„gehſt Du nun wieder darauf aus, un⸗ ſere Freude durch unzeitige Bedenken zu vermindern?“ „Jeder hat ſeine eigene Weiſe, eine Sache an⸗ zuſe hen,“ murmelte der Alte.„Was mich betrifft, ich erblicke in dieſer Hochzeit ein wahres Glück für uns Alle; aber was ich gern wiſſen möchte, iſt, ob dem Herrn Notar und ſeiner Gattin unſere wirkliche Lage bekannt iſt. Conſtantia ſoll dreißigtauſend Franes mitbekommen: was können wir Adolph geben?“ „Iſt es nichts Anderes?“ lachte der Notar. „Wir kennen Ihre Lage ſehr wohl. Das Heiraths⸗ gut Adolphs iſt ſeine Wiſſenſchaft, ſein edles Herz und ſeine glänzende Zukunft. Nichts weiter davon geſprochen! Sie geben alſo gleichfalls Ihre Zuſtim⸗ mung, Großvater?“ „Wie ſollten wir einen ſo edelmüthigen Vorſchlag nicht mit dankbarer Gefinnung annehmen?“ ant⸗ wortete der Greis, faſt zu Thränen gerührt.„Es iſt mehr, als unſer Einer jemals hätte hoffen dürfen.“ „Wohlan, Freunde,“ ſagte der Notar,„die Hände ſeiner beiden Zuhörer faſſend,„erfreuen wir uns vor der Hand an dem Glück unſerer Kinder und glauben wir, daß Gott nach ſeinem unerforſchlichen Rathſchluſſe ſie von Geburt an für einander beſtimmte. Bin ich auf der einen Seite verſichert, daß Adolph alle die Eigenſchaften beſitzt, um meiner Tochter das Leben ſüß und angenehm zu machen, ſo habe ich auch auf der andern die Ueberzeugung, daß Con⸗ ſtantia für Adolph eine liebevolle und anhängliche Haus wicht ſelbſt denn um k Anſic Anna muß als e den n nicht „ Wittn liche 2 „ lich d Dieſer Töchte ich we anrück in Th aufſpr darin, Welch licher? Kinder zu ver die Se Jeman nachric ein un daß wir m Tone u, un⸗ ndern?“ che an⸗ betrifft, ück für iſt, ob wirkliche tauſend zeben?“ Notar. eiraths⸗ es Herz davon Zuſtim⸗ orſchlag ant⸗ .„Es ürfen.“ Hände vir uns e nd ſchlichen timmte. Adolph ter das ae ich Con⸗ ängliche 201 Hausfrau ſein wird. Ueber das Beſondere dieſer wichtigen Angelegenheit wollen wir morgen ſprechen. — Jetzt müſſen wir noch die Zuſtimmung von Adolph ſelbſt haben. Er iſt nicht zu Hauſe, ich weiß es, denn ich habe gerade ſeine Entfernung abgewartet, um hieher zu kommen. Allererſt wollte ich Ihre Anſicht hierüber erfahren. Ich erachte mich ſeiner Annahme ebenſo gewiß, als Sie; aber auf alle Fälle muß er ſein Wort gegeben haben, ehe die Heirath als eine beſchloſſene Sache anzuſehen iſt. Sie wer⸗ den mit ihm bei ſeiner Heimkehr darüber ſprechen, nicht wahr?“ „Sogleich! Auf der Stelle!“ antwortete die Wittwe frohlockend.„Wie könnten wir eine ſo glück⸗ liche Botſchaft länger, als nöthig iſt, verſchweigen?“ „Vernehmen Sie, meine Freunde, daß ich bezüg⸗ lich deſſen noch meine beſondere Abſichten habe. Dieſen Abend iſt das Feſt bei uns; jede meiner Töchter wird ihrer Mutter ein Geſchenk überreichen; ich werde der letzte ſein, der mit ſeinem Angebinde anrückt. Sie werden ſehen, wie ſie vor Rührung in Thränen ausbricht; Conſtantia wird vor Freude aufſpringen; denn meine Gabe, ſehen Sie, beſteht darin, daß ich ihre Heirath mit Adolph verkündige. Welch ein entzückendes Schauſpiel, welch ein glück⸗ licher Augenblick wird es für uns Alle und für unſere Kinder ſein! Sie begreifen alſo, daß wir keine Zeit zu verlieren haben. Sprechen Sie mit Adolph über die Sache, ſobald er zurückkehrt, und dann mag Jemand von Ihnen mich von ſeiner Zuſtimmung be⸗ nachrichtigen. Ach, Freunde, es wird ein herrlicher, ein unvergeßlicher Abend ſein! Leben Sie wohl, bis 202 auf Weiteres; ich erwarte mit Ungeduld die frohe Botſchaft.“ Die alten Leute gaben ihm das Geleite; die Mutter bemühte ſich noch, ihm die Ueberzeugung beizubringen, daß an Adolphs Einwilligung nicht im Mindeſten zu zweifeln ſei; und dieß gelang ihr ſo gut, daß der Notar ſie mit völliger Gewißheit verließ, es werde kein Hinderniß irgend welcher Art die Erfüllung ſeines Wunſches aufhalten oder ver⸗ zögern. Kaum war die Thüre geſchloſſen, ſo warf ſich die Wittwe jubelnd dem Greiſe an den Hals. „O, Großvater,“ rief ſie aus,„wie unendlich iſt Gottes Güte gegen uns, nicht wahr? Wir dachten, noch Monate, noch Jahre vielleicht uns plagen zu müſſen— Adolph, der verkümmerte, weil er der Feindſchaft von Herrn Heuvels nicht ausweichen konnte. Alles Glück fällt ihm jetzt auf einmal vor die Füße; Vermögen, Frieden des Herzens, Sicher⸗ heit der Zukunft, eine gute, liebenswürdige Gattin und dreißigtauſend Francs zum Heirathgute! Ich weiß nicht, aber mir ſchwindelt davon; es iſt wie ein Traum: ich vermag kaum daran zu glauben.“ „In der That, Maria,“ murmelte der Greis, „es iſt eine glänzende Verbindung. Wir werden Adolph alſo doch noch glücklich ſehen, und dürfen uns für unſere Liebe zu ihm belohnt erachten. Dem Himmel ſei dafür gedankt!“ Als ſchieße ihr ein plötzlicher Gedanke durch den Kopf, wandte Frau Valkiers ſich um und eilte nach dem Zimmer, wo ihre Tochter auf einem Stuhl ſaß und: ihren die 4 2 Mutt S lich, Conſt A dieſer tern 1 Dich habe ſo Etr verſch Nun, Glück, De trübe 0 Botſch mit zu „E ſolche ſchrecke Art vr bald d uns üb „Ei e frohe te; die eugung g nicht ing ihr wißheit her Art er⸗ arf ſich lich iſt achten, gen zu er der weichen ral vor Sicher⸗ Gattin e! Ich iſt wie en Greis, werden fen uns Dem ech den te nach uhl ſaß 203 und unruhig darüber nachdachte, was der Notar wohl ihren Eltern zu ſagen haben möchte. „Franciska, Franciska, freue Dich, Kind!“ rief die Wittwe;„es gibt eine große Neuigkeit!“ Das Mädchen ſprang auf und ſchaute ſeine Mutter mit ängſtlicher Verwunderung an. „Ach, was ich Dir zu melden habe, iſt ſo erſtaun⸗ lich, ſo ſchön!.... Adolph wird ſich mit des Notars Conſtantia verheirathen!“ Aber anſtatt daß Franciska bei dem Vernehmen dieſer Botſchaft einige Freude bezeugte, lief ein Zit⸗ tern über ihre Glieder, und ihr Angeſicht erbleichte. „Ich begreife, daß eine ſo unerwartete Nachricht Dich außer Faſſung bringt,“ ſprach die Mutter.„Ich habe nicht gut daran gethan, Dir ohne Vorbereitung ſo Etwas zu ſagen, aber ich konnte es nicht länger verſchweigen; die Freude macht mich unvorſichtig. Nun, Franciska, ſei ruhig und freue Dich über das Glück, welches Deinem Bruder zu Theil wird.“ Das Mädchen ſenkte den Kopf und ſchien in trübe Gedanken verſunken. „Was iſt das? Man möchte ſagen, die gute Botſchaft mache Dir Verdruß?“ rief Frau Valkiers mit zuverſichtlichem Lächeln. „Es iſt natürlich,“ bemerkte der Großvater,„eine ſolche Zeitung muß anfänglich immer etwas Er⸗ ſchreckendes für ſie haben. Eine Heirath iſt eine Art von Scheidung zwiſchen Schweſter und Bruder — ſo ſcheint es wenigſtens— aber Franciska wird bald dergleichen Gedanken beſeitigen und ſich mit uns über eine ſo ehrenvolle Verbindung freuen.“ „Einfältiges Kind,“ ſcherzte die Mutter,„Du 204 glaubſt doch nicht, Adolph werde ſein Leben lang Junggeſelle bleiben? Auch an Dich wird einmal die Reihe kommen, und ich werde dann, wenn ich auch von meiner guten, lieben Franciska mich trennen muß, deßhalb nicht trauern; im Gegentheil, ich werde Gott danken, daß es ihm gefallen hat, wiederum die Zukunft von einem meiner Kinder zu ſichern.“ „Adolph wird mit des Notars Conſtantia ſich verheirathen!“ murmelte das Mädchen.„Und Du glaubſt, Mutter, dieſe Heirath werde ein Glück für ihn ſein?“ „Wie daran zweifeln? Er wird ſeinen Aufent⸗ halt in der Stadt nehmen, Franciska; er wird alles Anlaſſes zum Verdruß überhoben ſein; Ruhm, An⸗ ſehen und Vermögen warten ſeiner dort. Conſtan⸗ tia bringt ihm einen Brautſchatz von dreißigtauſend Francs mit! Das iſt recht ſchön, nicht wahr?“ Franciska that ſich augenſcheinlich Gewalt an, die Aufregung zu bekämpfen, von welcher ſie bei dem Empfang dieſer unerwarteten Nachricht befallen worden war. Sie erhob jetzt den Kopf und ſagte mit einem tiefen Seufzer: „Ja, ja, Mutter, es iſt ſchön aber biſt Du deſſen ganz gewiß, daß Adolph zu dieſer Heirath ſeine Einwilligung gibt?“ „Er wird Freudenthränen vergießen.“ „Und doch hat er uns wohl zwanzigmal ver⸗ ſichert, er werde ſich niemals verehlichen.“ „Um für uns ſorgen zu können, ja; aber da ſeine Heirath alle Bekümmerniſſe darüber zunichte macht, hat er keinen Grund mehr, um an dieſes Gelübde noch zu denken. Es wäre etwas ganz Unerhörtes, wirrur wendi ſehr g werde ruhe und Mutte Sinne gehen! — Mutte verſäut Franci n lang nal die h auch rennen werde ederum ern.“ ia ſich nd Du ück für Aufent⸗ d alles n, An⸗ onſtan⸗ auſend t an, ſie bei efallen d ſagte iſt Du Heirath U ver⸗ ber da unichte elübde hörtes, 205 wenn Adolph zögerte, ein Vermögen anzunehmen, da es ihm mit der Hand einer reizenden und gut⸗ herzigen Braut, welche er ſchon lange Zeit liebt, angeboten wird.“ Das Mädchen ſchüttelte ſchweigend den Kopf. „Aber was haſt Du denn? Ich begreife Dich nicht,“ ſprach die Mutter mit einer gewiſſen Unge⸗ duld.„Man möchte ſagen, Du bedauerſt dieſe Hei⸗ rath. Es ſtehen Dir die Thränen in den Augen! Franciska, ich zweifle nicht an Deiner aufrichtigen Zuneigung zu dem Bruder; aber dieß Gefühl darf Dich nicht ſelbſtſüchtig machen. Daß eine Gattin ſich zwiſchen uns und Adolph ſtellen werde, wenn dieß zum Glück für ihn ausſchlägt, darüber müſſen wir uns nur freuen.“ „Ach, das iſt es nicht, Mutter,“ ſtammelte das Mädchen verlegen;„ich weiß ſelbſt nicht, warum ich ſo erregt bin. Die unerwartete Botſchaft hat mich ſo ſehr überraſcht, daß alle meine Gedanken in Ver⸗ wirrung gekommen ſind... Ich fühle die Noth⸗ wendigkeit zu beten; die Glocke läutet: ich möchte ſehr gern in die Kirche gehen, Mutter. Wahrſcheinlich werde ich bei meiner Rückkehr mit mehr Gemüths⸗ ruhe dieſes wunderbare Ereigniß betrachten können, und mich mit Dir darüber freuen. Ich bitte Dich, Mutter, vergönne mir einige Friſt, meine erregten Sinne zu beſchwichtigen: laß mich in die Kirche gehen!“ „Du biſt ein ſonderbares Kind,“ ſagte die Mutter.„Wohlan denn, geh' in die Kirche, und verſäume nicht, Gott für ſeine Güte zu danken, Franciska; denn ſei es überzeugt, Du wirſt er⸗ 206 kennen, daß dieſe Heirath Deines Bruders eine Wohlthat des Himmels iſt.“ Das Mädchen warf ein Halstuch über die Schul⸗ tern und verließ ſchweigend das Zimmer. Es war deutlich, daß ſie ſich beeilte, aus dem Hauſe zu kommen. Vielleicht fürchtete ſie, bei längerem Ge⸗ ſpräche möchte ihr ein Geheimniß entſchlüpfen, das ſie gewiſſenhaft verborgen halten wollte, wenigſtens ſo lang, bis ihr Bruder über den Vorſchlag von Conſtantia's Vater ſich ausgeſprochen haben würde. Sobald die alten Leute wieder allein waren, äußerten ſie gegen einander ihre Verwunderung über den ſeltſamen Eindruck, den dieſe wichtige Neuig⸗ keit auf Franciska's Gemüth hervorgebracht hatte. Der Großvater beharrte bei ſeiner Anſicht, der Grund davon ſei in der innigen Zuneigung Fran⸗ eiska's zu ihrem Bruder zu ſuchen, und in der Be⸗ ſorgniß, dieſe Heirath möchte ſie von ihm trennen. In einer Familie, wie die ihrige, wo alle Glieder durch das Band einer grenzenloſen Liebe aneinander gekettet ſind, verurſacht eine Heirath meiſtens einige Betrübniß. Dieß war ſehr natürlich, und man durfte kein beſonderes Gewicht darauf legen. Was die Wittwe betraf, ſo meinte ſie, Franciska habe die frohe Nachricht ſo kalt aufgenommen, weil ſie nie⸗ mals eine große Freundſchaft für Conſtantia gehegt hatte. Dieſer Gedanke bekümmerte ſie für die Zu⸗ kunft. Sollte wirklich ein Gefühl der Entfremdung zwiſchen ihrer Tochter und ihrer Schwiegertochter eintreten, ſo konnte ihr Glück in der That nicht voll⸗ kommen ſein.— Aber der Großvater überzeugte ſie, daß ihre Beſorgniß ungegründet war, und die gute Frar gene wied 6 ſich: ſaher wohr und achtet Char weit ſchlöſ träun auf's 3 ſie die zu er D der V nicht einige große D Selbſt lerne ſelben Leuten „ Mutte geräun „A rs eine Schul⸗ Es war auſe zu em Ge⸗ n, das nigſtens lag von würde. waren, ng über Neuig⸗ hatte. t, der Fran⸗ e Be⸗ rennen. Glieder inander einige man Was abe die ſie nie⸗ gehegt ie Zu⸗ mdung tochter t voll⸗ gte ſie, e gute 207 Frau, zu Vertrauen und frohem Muth zum Voraus geneigt, fand bald ihre erſte freudige Stimmung wieder. Sie begannen nun über die ſchöne Zukunft, die ſich vor Adolph aufthat, mit einander zu reden; ſie ſahen ihn zu Antwerpen in einem großen Hauſe wohnen; ſie gaben ihm Ruhm und Anſehen, Kutſche und Pferde, und machten ihn bei Jedermann ge⸗ achtet und geliebt, ſeiner Wiſſenſchaft, ſeines edeln Charakters und ſeiner Dienſtfertigkeit wegen. So weit verſtiegen ſie ſich bei dem Bau ihrer Luft⸗ ſchlöſſer, daß ſie ſich von lieben Kinderchen umgeben träumten und ſich verjüngt fühlten, weil ſie wieder auf's Neue Vater und Mutter werden ſollten. In dieſem Gemüthszuſtand verblieben ſie, bis ſie die Hausthüre öffnen hörten und Adolphs Schritt zu erkennen glaubten. Der Greis ſagte eilig noch einige Worte, um der Wittwe begreiflich zu machen, daß ſie Adolph nicht plötzlich die Neuigkeit mittheiten dürfe, ſondern einige Vorſicht anwenden müſſe, um ihm eine allzu große Ueberraſchung zu erſparen. Der junge Doctor trat mit einem Lächeln der Selbſtzufriedenheit in das Zimmer, zog einige ſtäh⸗ lerne Inſtrumente aus ſeiner Rocktaſche, legte die⸗ ſelben auf den Tiſch und fragte, ſich zu den alten Leuten wendend: „Du ſcheinſt recht freudig geſtimmt zu ſein, Mutter! Was gibt es, Großvater, daß Du ſo auf⸗ geräumt ausſiehſt?“ „Ach, gute Neuigkeiten, eine fröhliche Botſchaft, 208 Adolph,“ rief die Wittwe, die ſich mit Mühe zurück⸗ halten konnte. „Und mir iſt auch etwas Angenehmes begegnet,“ ſprach der junge Mann, ſich die Hände reibend. „Du wirſt es nicht glauben, Mutter. Jedermann dachte, und ich ſelbſt glaubte, Peter der Schiefer⸗ decker müſſe ſterben; das ganze Dorf beklagte zum Voraus die arme Wittwe, die mit ihren ſieben Kin⸗ dern ohne Stütze ſich durch die Welt ſchleppen müßte. In der That, von dem Dache der Kirche herabgefallen, ſich einen Arm und mehrere Rippen zerbrechen und vielleicht innerlich Schaden gethan zu haben, das iſt ein ſchlimmes und meiſt tödtliches Mißgeſchick. Nun, Mutter, Peter, der Schieferdecker, wird nicht ſterben: er iſt gerettet! Dießmal wenig⸗ ſtens habe ich die feſte Ueberzeugung, daß ich es bin, der ihm das Leben erhalten hat. Ich habe einer Mutter und ſieben Kindern einen Gatten, einen Vater wieder geſchenkt! Solche Kuren mögen für gar viele Unannehmlichkeiten meines Berufes ſchad⸗ los halten. Ich bin mit mir ſelbſt zufrieden und ganz bewegt vor Freude.. „Ha, ha, Du wirſt Dich noch mehr freuen, wenn Du erſt hören wirſt, was ich Dir zu ſagen habe!“ frohlockte die Mutter.„Setze Dich da zu mir her, Adolph.... Nun, ſag' mir einmal, wie findeſt Du des Notar's Conſtantia? Ein braves und liebens⸗ würdiges Mädchen, nicht wahr?“ „Gewiß, gewiß,“ antwortete der junge Mann, „ein gutherziges Mädchen. Sie bezeugt mir ſo viel Theilnahme und wünſcht ſo innig mein Glück, daß ich n zuglei Conſte ſagen „ damit, dert „ gemeit 7 junge einer länger Gunſt Der 7 willigu geſucht bekomr kannſt führen, Ad aufgeſt los der als zw „D „Deine ſo gute Zukunf A Con zurück⸗ egnet,“ eibend. ermann chiefer⸗ te zum en Kin⸗ hleppen Kirche Rippen gethan dtliches rdecker, wenig⸗ es bin, e einer einen en für ſchad⸗ en und wenn habe!“ ir her, findeſt iebens⸗ Mann, ſo viel k, daß 209 ich nicht allein Achtung und Freundſchaft, ſondern zugleich Dankbarkeit für ſie empfinde.“ „Und wenn man Dich einmal fragte, ob Du Fosſtantin heirathen möchteſt, was würdeſt Du ſagen?“ „Heirathen, ich heirathen? Du treibſt Scherz damit, Mutter!“ vief Adolph, einigermaßen verwun dert über dieſe Frage, doch ohne ſichtbare Bewegung. „Ich ſcherze durchaus nicht damit; es iſt ernſtlich gemeint.“ „Wie verſtehſt Du das, Mutter?“ ſtammelte der junge Doctor.„Hat man mit Dir wirklich von einer ſolchen Heirath geſprochen?“ „Nun, nun, ich kann die frohe Botſchaft nicht länger verſchweigen. Höre, Adolph, welche beſondere Gunſt der liebe Gott uns zu Theil werden läßt. Der Notar iſt da geweſen, er hat um unſere Ein⸗ willigung zu Deiner Heirath mit Conſtantia nach⸗ geſucht. O, wie glücklich wirſt Du ſein! Conſtantia bekommt dreißig kauſend Francs zur Mitgift; Du kannſt Dich in der Stadt niederlaſſen und ein Leben führen, das in der That beneidenswerth iſt.“ Adolph war unter dem Eindruck dieſer Botſchaft aufgeſprungen; er ſchien zu zittern und hielt ſprach⸗ los den Blick auf die Augen ſeiner Mutter geheftet, als zweifle er an dem, was er gehört hatte. „Du biſt erſtaunt, Adolph?“ ſprach die Wittwe. „Deine Freude muß in der That unendlich ſein. Eine ſo gute, liebenswürdige Braut, und die herrlichſte Zukunft!“ „Aber ich habe keine Luſt, zu heirathen,“ mur⸗ Conſcience, der junge Doctor. 14 210 melte der junge Mann.„Ich will bei Dir und Güte meiner Schweſter bleiben. RNein, nein, ich will Euch Freud noch nicht verlaſſen.“ Wir! „Dazu iſt kein Grund vorhanden, Adolph; wir E verkaufen unſer Haus und unſern Garten und ziehen Mutte gleichfalls nach Antwerpen. Dieſe Heirath zwingt uns nicht, von einander zu ſcheiden.“ könne In ſchmerzlichen Gedanken verloren, und in anfleh äußerſter Beſtürzung fuhr ſich Adolph mit der Hand viellei über die Stirne. Ue „Wir haben bereits in Deinem Namen unſere daß ſe Zuſtimmung gegeben,“ fuhr die Mutter fort.„Nun, ſchreck mein Sohn, verbanne die Bekümmerniß, welche allein unwid Deine Liebe zu uns Dir einflößt. Sage mir, daß ten A Du Conſtantia's Liebe mit Freuden annimmſt, das D Uebrige wird ſich Alles zum Beſten wenden.“ denhei „Es thut mir leid, daß ich Dich betrüben muß,“ Lippen ſagte er,„aber ich bitte Dich, Mutter, zwinge mich oder„ nicht zu einer Heirath mit Conſtantia.“ S „Du liebſt ſie aber doch?“ rief die Wittwe, über ein ſo ſeinen Widerſtand verwundert. ſache, „Ich liebe ſie, wie man alle Menſchen liebt, die har. uns Freundſchaft und Theilnahme beweiſen; ich habe Gefühl viel Achtung für ſie und ſchätze ihre Gutherzigkeit Stand ſehr hoch; aber eine Heirath mit ihr einzugehen? Rückſich An die Möglichkeit von ſo Etwas habe ich mein lichkeit Leben lang nicht gedacht.“ kunft, „Ich glaube es wohl, Adolph; wer von uns ieben, hätte wagen dürfen, auf eine ſo ehrenvolle, ſo vor⸗ Dich d theilhafte Verbindung nur zu hoffen? Aber was kämpfer liegt daran, wenn ſich uns das Glück unerwartet kleines darbietet! Es iſt ein Grund mehr, Gott für ſeine zen; do i n ill Euch h wir d ziehen zwingt und in er Hand unſere „Nun, e allein ir, daß iſt, das muß,“ ge mich ve, über iebt, die ich habe erzigkeit ugehen? ch mein 0m uns ſo vor⸗ e was erwartet ür ſeine 211 Güte zu preiſen und ſeine Wohlthaten mit dankbarer Freude anzunehmen. Es iſt abgemacht, nicht wahr? Wir dürfen dem Notar Deine Zuſtimmung melden?“ Einen ſanften, tiefen Blick in die Augen ſeiner Mutter werfend, ſeufzte Adolph: „Gute Mutter, wenn ich Dir ſagte, dieſe Heirath könne mich nicht glücklich machen? Wenn ich Dich anflehte, von einer Verbindung abzuſtehen, die mich vielleicht zu ewiger Betrübniß verurtheilen würde?“ Ueberzeugt durch den Ton von Adolphs Stimme, daß ſeine Weigerung ernſtlich gemeint war, und er⸗ ſchreckt durch den Gedanken, ſein Beſchluß möchte unwiderruflich ſein, legte ſich die Wittwe, einen lau⸗ ten Angſtſchrei ausſtoßend, die Hände vor die Augen. Der Großvater, der bis jetzt mit tiefer Unzufrie⸗ denheit zugehört hatte, trat jetzt auf Adolph zu; ſeine Lippen bebten, und es war ſichtbar, daß Verdruß oder Zorn ſich heftig in ihm regte. „O, das geht zu weit!“ ſagte er.„Du wagſt, ein ſo glänzendes Anerbieten abzulehnen? Ohne Ur⸗ ſache, ohne Grund; denn dergleichen iſt nicht denk⸗ bar. Und wäre es auch, daß Du aus perſönlichem Gefühl lieber noch einige Jahre Deinen eheloſen Stand beibehalten möchteſt, ſo machen es andere Rückſichten Dir zur Pflicht, mit Freuden die Mög⸗ lichkeit zu ergreifen, nicht allein Deine eigene Zu⸗ kunft, ſondern zugleich das Glück aller derer, die Dich lieben, zu ſichern. Adolph, Adolph, wie kannſt Du Dich doch ſo ſchlecht berathen? Seit vielen Jahren kämpfen wir gegen Noth und Erniedrigung; unſer kleines Vermögen iſt beinahe ganz zuſammengeſchmol⸗ zen; das Erbtheil Deiner guten Schweſter Franciska, 14* 212 ihre Mitgift iſt in Gefahr; jelbſt heute wiſſen wir nicht, wie wir die Bezahlung des Apothekers, der Dir die nöthige Medicin lieferte, auftreiben können; Du verzehrſt Dich vor Kummer, weil Du Dein Leben durch die Feindſchaft von Herrn Heuvels vergiftet ſiehſt. Endlich wirft Gott einen gnadenvollen Blick auf uns; er flößt einem unſerer Freunde einen Ge⸗ danken ein, der die Verwirklichung aller Deiner Wünſche in ſich ſchließt, der den Bitterkeiten unſeres Lebens ein Ende machen muß und uns in Zukunft das ſchönſte Loos verſpricht, das ſelbſt eine Mutter für ihren Sohn nur zu träumen wagt. und neben allen dieſen Segnungen noch ein liebenswür⸗ diges, tugendſames und edelmüthiges Mädchen zur Braut! Und Du wollteſt Dich weigern? Unmöglich, Adolph, Du wirſt nicht ſo thöricht und unbeſonnen ſein. Sprich, ſage mir, daß Du zur Erkenntniß Deiner künftigen Wohlfahrt, und zu einem klarern Bewußtſein Deiner Pflicht zurückgekehrt biſt.“ „Mein Gott,“ murmelte der Jüngling beinahe unhörbar in ſich ſelbſt hinein;„welches Opfer for⸗ dert man von mir! Conſtantia heirathen! Sich in Bande einlaſſen, die unauflöslich ſind, die bis ans Ende des Lebens fortdauern, die ſelbſt den heim lichen Kummer unſerer Seele zu einem Verbrechen machen.... Und die Hände erhebend, flehte er im Tone der Verzweiflung: „O, verſchone mich, Mutter; zwinge mich nicht, Großvater!“ Der Greis, gewöhnlich ſo kalt, ſtampfte dießmal vor 1 bitter würde edelm unſere nahm Hand Glück zum digun ten a die g milie nerhir wager D bitter: ſchlüp wort ſchütte ſich er S Hände „ nimm daß d aber Zorn Freun licher ſich at ſen wir der Dir en; Du n Leben vergiftet en Blick nen Ge⸗ Deiner unſeres Zukunft Mutter und benswür⸗ chen zur nmöglich, heſonnen rkenntniß klarern . beinahe pfer for⸗ Sich in bis an's en heim⸗ erbrechen Tone der ich nicht, dießmal 213 vor Ungeduld auf den Boden. Er rief im Tone bittern Spottes: „Unſer Benehmen gegen den Notar wird recht würdevoll und lobenswerth ſein, in der That! Der edelmüthige Freund, angetrieben durch die Kenntniß unſerer trübſeligen Lage und durch eine innige Theil⸗ nahme an unſerem Looſe, kommt zu uns, mit der Hand ſeines theuren Kindes, Vermögen, Ehre und Glück uns darzubieten.... und wir fügen ihm, zum Lohn für ſeinen Edelmuth, eine blutige Belei⸗ digung zu. Wir ſchlagen nicht blos ſeine Wohltha⸗ ten aus, ſondern laden rückſichtslos und unbekümmert die gerechte Feindſchaft ſeiner ſchwer gehöhnten Fa⸗ milie auf uns. Geſetzt, daß uns das Schickſal fer⸗ nerhin verfolgte, wie dürften wir noch zu behaupten wagen, wir haben es nicht verdient?“ Der Jüngling hatte gebeugten Hauptes dieſen bittern Tadel angehört. Ein tiefer Seußzer ent⸗ ſchlüpfte ihm, und er gedachte, eine beſtimmte Ant⸗ wort zu geben; aber da er verneinend den Kopf ſchüttelte, war vorauszuſehen, daß ſeine Weigerung ſich erneuern würde. Seine Mutter ſprang auf, hob die gefalteten Hände zu ihm empor und rief: „Adolph, mein geliebter Sohn, ich flehe zu Dir, nimm die Hand von Conſtantia an! Es iſt möglich, daß der Verluſt Deiner Freiheit Dich zögern läßt; aber glaube Deiner Mutter Wor„es hieße Gottes Zorn durch Undank auf ſich laden, es hieße unſere Freunde grauſam beleidigen, wenn Du in unerklär⸗ licher Verblendung die Braut verſtoßen wollteſt, die ſich aus Edelmuth ſelbſt anbietet, die ergebene Ge⸗ 214 noſſin Deines Lebens zu werden. Kann die Gewiß⸗ heit Deines eigenen Glücks Dich nicht zu der Heirath beſtimmen, ſo gib nach aus Liebe zu Deinem Groß⸗ vater, aus Liebe zu Franciska und vor Allem aus Liebe zu mir, Deiner armen Mutter, der Du durch Deine Weigerung das Herz brechen würdeſt. Ach, Adolph, mein Kind, ich beſchwöre Dich, erſpare mir lebenslangen Kummer!“ Beim Schluſſe dieſes Anrufes waren der beweg⸗ ten Frau die Thränen über die Wangen gerollt; auch in des Jünglings Augen blinkten Thränen des Mitleids. Er war bleich und ſchien auf den Beinen zu wanken, und die Hand ſeiner Mutter ergreifend, ſprach er in ſanftem Tone: „Gute Mutter, Du würdeſt alſo recht unglücklich ſein, wenn ich Conſtantia's Hand ausſchlüge?.. Es iſt etwas furchtbar Feierliches, dieſes Jawort, das ſo unwiderruflich über mein ganzes zukünftiges Leben entſcheiden wird. Gönne mir Zeit, um mich an den Gedanken dieſer Verbindung zu gewöhnen. Um Dir zu gefallen, um Dir Verdruß zu erſparen, will ich meinem Gemüthe die äußerſte Gewalt an⸗ thun. Laß mich einige Stunden überlegen und ge⸗ tröſte Dich der Hoffnung, daß meine Liebe zu Dir mir die nöthige Kraft verleihen wird, um den Zwei⸗ fel zu überwinden, der mich noch zögern läßt.“ „Aber der Notar wartet mit Ungeduld; dieſen Abend will er ſeine Frau durch die Kunde von Dei⸗ ner Zuſtimmung erfreuen,“ murmelte die halb ge⸗ tröſtete Frau. „Eine halbe Stunde nur; die Zeit, um meine Sinne zu entwirren. Ich gehe in mein Kabinet. Bim Bew Entſ zu n „ich Antr geſſe Seu 2 das Kirch ihres Beut Zeit zum bega mit ſ hätte S Nota ſehen ſein dung Angſt e Gewiß⸗ Heirath m Groß⸗ llem aus du durch ſt. Ach, pare mir rbeweg⸗ gerollt; inen des Beinen greifend, nglücklich Jawort, künftiges um mich ewöhnen. erſparen, walt an⸗ und ge⸗ zu Dir en Zwei⸗ ßt.“ ;dieſen von Dei⸗ halb ge⸗ n meine Kabinet. 215 Binnen einer Viertelſtunde werde ich, mit klarem Bewußtſein von der Sache, Dir melden, welchen Entſchluß ich für Dich und für mein Glück feſthalten zu müſſen glaube.“ Mit dieſen Worten entfernte er ſich langſam. „Adolph, Adolph,“ rief ſeine Mutter ihm nach; „ich flehe Dich an, vergiß nicht, daß eine abſchlägige Antwort mich in Verzweiflung ſtürzen würde.“ „Faſſe Muth, ſei ruhig, ich werde es nicht ver⸗ geſſen,“ antwortete Adolph, mit einem ſchmerzlichen Seußzer, der aus der Tiefe ſeiner Bruſt aufſtieg. Wankend und mit geſenktem Haupte verließ er das Zimmer. VIII. Adelina war ſeit einer Viertelſtunde aus der Kirche zurückgekehrt. Jetzt ſchritt ſie in dem Salon ihres väterlichen Hauſes auf und ab und ſchien eine Beute der äußerſten Unruhe zu ſein. Von Zeit zu Zeit blieb ſie ſtehen, ſchaute mit klagendem Blick zum Himmel, ſtieß einen langen Seufzer aus und begann dann ihre Wanderung von Neuem, als ob ſie mit ſchmerzlicher Gewalt gegen Gedanken angekämpft hätte, von denen ſie unaufhörlich verfolgt wurde. Sie hatte bei der Heimkehr von der Kirche den Notar aus dem Hauſe von Frau Valkiers kommen ſehen. Der Schimmer triumphirender Freude, der ſein Angeſicht erhellte, aber noch mehr ſeine Feſtklei⸗ dung hatten ſie vor Verwunderung und geheimer Angſt erzittern laſſen. 216 Anfänglich hatte ſie nicht recht begriffen, warum eine ſo gewöhnliche Sache ihr Herz auf einmal zu ſo gewaltigem Klopfen brachte, und ſie in eine ſo unerklärliche Aufregung verſetzte. Selbſt jetzt noch ſträubte ſie ſich fortwährend gegen die Erkenntniß der Wahrheit; aber wie ſie auch die werdende Ueber⸗ zeugung beſtreiten mochte, es wurde ihr nicht mög⸗ lich, vor dem eindringenden Licht noch länger ihren Geiſt zu verſchließen. Erſchreckt durch das völlige Bewußtſein von dem Zuſtande ihres Herzens, legte ſie ſich endlich die Hände vor die Augen. Sie ſchien ſich Zwang anzuthun, um die Thränen zurückzuhalten, die aus ihrem bedrückten Herzen aufquollen; aber dennoch ſtahlen ſich dieſe Zeichen ſchmerzlicher Erre⸗ gung bald durch ihre Finger hindurch, und ein von Zeit zu Zeit wiederkehrender Seufzer— wahrſchein⸗ lich ein verhaltenes Schluchzen— ſchien qualvoll ihre Bruſt zu heben und zu ſenken. Nach einer Weile zog ſie die Hände von ihrem Angeſicht hinweg, ſchaute zitternd auf die Tropfen, die an denſelben hingen, und ſprach bei ſich ſelbſt: „Thränen? O, verbergen wir die Zeichen des Schmerzes! Ich will nicht trauern; ich muß fröhlich ſcheinen... lächeln mit einer tödtlichen Angſt in der Seele!“ Sie ſuchte wirklich ihr Geſicht zu dem Ausdruck von Heiterkeit zu zwingen; aber es gelang ihr nicht, auf ſolche Weiſe die Empfindungen ihres Innern Lügen zu ſtrafen. Einen Augenblick ſchweifte ein peinliches Lächeln über ihre Lippen; aber bald er⸗ ſchlafften ihre Züge und ſie verſank wieder in bittere Gedanken. C N Freun aus n an ihr weißt habe! überw borger das R Einſan nomm Unterl nen et Schlur Ich lie ihn a ſchuldi einen mir, le mächti Gefühl traueri einand meinen ſamkeit In Stolz dem K Schaa warum einmal in eine etzt noch enntniß Ueber⸗ ht mög⸗ rihren völlige „ legte ie ſchien halten, aer r Erre⸗ ein von rſchein⸗ ualvoll ihrem ropfen, ſelbſt: en des fröhlich ngſt in usdruck r nicht, Innern te ein ald er⸗ bittere 217 „Ich habe meinem Vater verſprochen, meine Freunde aufzugeben,“ murmelte ſie,„ihren Namen aus meiner Erinnerung zu verwiſchen, nimmermehr an ihn oder an ſie zu denken. O, mein Gott, Du weißt, daß ich dieſes Verſprechen aufrichtig gegeben habe! Ich wußte damals noch nicht, welch ein un⸗ überwindliches Gefühl in der Tiefe meiner Seele ver⸗ borgen lag;— der Verſuch, dasſelbe fern zu halten, das Ringen gegen meine Gedanken, der Schmerz der Einſamkeit haben mir die Binde von den Augen ge⸗ nommen„ Immer, immer ſehe ich ihn, ohne Unterlaß weilt ſein Bild vor meinen Augen; Thrä⸗ nen entfließen mir ſelbſt während des nächtlichen Schlummers, weil mir träumt, daß er unglücklich iſt. Ich liebe ihn alſo! Wehe, ja, ich liebe ihn, ich habe ihn alle Zeit geliebt;— da ich noch als ein un⸗ ſchuldiges Kind in ihm Richts zu ſehen glaubte, als einen Spielgenoſſen, als einen Freund, wuchs in mir, langſam aber unvertilgbar, Etwas heran, das mächtiger werden ſollte, als mein Wille und als das Gefühl meiner Pflicht!.... Und er, wird er wohl trauern wie ich, daß das grauſame Geſchick uns von einander ſcheidet? Werden manchmal ſeine Lippen meinen Namen flüſtern? Wird ſein Geiſt in der Ein⸗ ſamkeit mich rufen und mich ſehen?“ In ihren Augen erglänzte plötzlich ein Funke von Stolz und Zuverſicht, und ſie nickte beſtätigend mit dem Kopfe; aber zugleich legte ſich die Röthe der Schaam auf ihre Wangen, und indem ſie einen Schritt zurückwich, ſeufzte ſie erſchreckt: „Immer dieſelbe Verirrung meiner Sinne! Rin⸗ gen will ich mit ihm, mit der Erinnerung an ihn— 218 und mein armes Herz klopft vor Freude bei dem bloßen Gedanken, daß er ſelbſt gleich mir leide. Welche Marter! Verſchmachten, ſchweigen, meine Thränen im Dunkel der Nacht verbergen, und doch ſich fröhlich ſtellen und lächeln, damit mein Vater nicht errathe, welches Gefühl in mir ſich regt und mich unglückich macht... WMein Vater glaubt, Adolph verfolge und verläumde ihn; er haßt den⸗ ſelben, und ich, ſein Kind, ich liebe ſeinen Feind! Während mein Mund tröſtende Worte ſpricht, träumt Lie eirtzs Seele nur von Adolph, von Adolph allein!“ Sie blieb einige Augenblicke in ſtumme Betrach⸗ tung verſunken. Dann ſagte ſie ſich ſelbſt:„Was muß ich thun? Was iſt meine Pflicht? die ewige Verſtellung erfüllt mich mit Schrecken! O, ich möchte wohl meinem Vater Alles ſagen, ihn um Vergebung bitten und ihm verſprechen, den Kampf gegen meine Gedanken fortzuſetzen, bis ich einen entſcheidenden Sieg über meine Schwachheit errungen habe.. Aber die Kenntniß der Wahrheit würde ihn in unausſprechliche Betrübniß, ja Verzweiflung ſtürzen. Vielleicht würde meine Entdeckung ihm eine Krankheit zuziehen und ſein Leben verkürzen! Nein, nein, ich muß das Ge⸗ heimniß in meiner Bruſt begraben halten, und darf Niemand die Urſache meiner Traurigkeit ahnen laſſen. Ich will noch kämpfen, alle meine Kräfte anſtrengen, um meine Neigung zu ihm allmählig zu erſticken. Der barmherzige Gott wird Mitleid mit mir haben und mir Stärke verleihen, um endlich über die Verirrung meiner Sinne zu triumphiren. Mein Vater wird ſo von dem überſtandenen Streite Nichts wahrnehmen, und i Etwas giftet zeigt in mir Vater währe M dieſen die zut Angeſi murme 33 Blüthe aber n keit. Mager können ſchaft: er hein und m müſſen Si ſchaute eine Fr melte ſ die Va Famili müſſen um Ett bei dem ir leide. meine und doch in Vater regt und glaubt, ß den⸗ n Feind! t, träumt Adolph Betrach⸗ „Was ie ewige ch möchte ergebung en meine den Sieg Aber prechliche ht würde hen und das Ge⸗ und darf nlaſſen. ſtrengen, en. Der ben und erirrung wird ſo nehmen, 219 und ich werde ihm ſo wenigſtens die Kenntniß von Etwas erſparen, das ſein Leben ohne Zweifel ver⸗ giftet hätte! Siehe, das iſt meine Pflicht— und zeigt ſich die menſchliche Natur nicht ganz machtlos in mir, ſo wird die Liebe zu meinem armen, armen Vater mir wohl die Kraft zu deren Erfüllung ge⸗ währen.“ Mit aufgerichtetem Haupte und ermuthigt durch dieſen Beſchluß, trat ſie vor einen Spiegel und wiſchte die zurückgebliebenen Spuren der Thränen von ihrem Angeſichte. Eine Weile ſchaute ſie in das Glas und murmelte ſeufzend: „Ich werde mager, meine Wangen verlieren die Blüthe der Geſundheit! Mein Mund kann heucheln; aber mein Geſicht iſt unerbittlich in ſeiner Aufrichtig⸗ keit. Ohne dieſe Bläſſe, ohne die ſo verrätheriſche Magerkeit würde ſelbſt mein Vater nicht vermuthen können, daß ich ſeit der Auflöſung einer alten Freund⸗ ſchaft minder fröhlich bin— in einer Stunde wird er heimkehren; ich will jetzt in den Garten gehen und mir ein Bischen zu thun machen: meine Wangen müſſen röther werden...“ Sie ſetzte ſich getröſtet an den Tiſch nieder und ſchaute einige Zeit zu Boden. Als antworte ſie auf eine Frage, die ſich in ihrem Innern erhob, mur⸗ melte ſie: „In der That, es ſind eitle Vermuthungen. Daß die Valkiers jetzt beinahe täglich mit des Notars Familie verkehren, was hat das zu bebeuten? Sie müſſen doch irgendwohin gehen und Bekannte haben, um Etwas zu ſprechen. Die arme Franciska, ſo oft 220 ich ihr begegne, wirft ſie mir einen ſo traurigen Blick zu, daß ich Mitleid mit ihr habe. Sie wenigſtens bleibt der Erinnerung an unſere Freundſchaft getreu.... Aber welche Gründe hatte der Notar, um ſo außer⸗ gewöhnlich erfreut zu erſcheinen? Was mag doch ſein Feſtkleid bedeuten?“ Das Mädchen ſchüttelte, als wäre es mit dieſer Richtung ſeiner Gedanken unzufrieden, verdrießlich den Kopf und erhob ſich von ihrem Stuhle. „Ich bin recht unglücklich!“ klagte ſie.„Was vermag mein Wille gegen ein ſo zwingendes Gefühl? Kaum habe ich mir vorgenommen, mit neuer Kraft das Bild, das mich verfolgt, fern zu halten, ſo ſteigt es mit erhöhter Klarheit vor meinen Augen wieder auf! Werde ich denn niemals die Trauer überwinden können? Ach, hoffen wir gleichwohl....“ Das Getrappel eines Pferdes und das Rollen von Rädern ließen ſich auf der Straße vernehmen; die Scheiben des Saales zitterten in ihren Rahmen. Adelina ſtand überraſcht wieder auf und ſagte: „Was höre ich? ein Fuhrwerk? Himmel, viel⸗ leicht kommt mein Vater ſchon zurück!“ In aller Eile rieb ſie ſich mit einem Taſchentuche die Wangen und ſuchte einen Schein von Fröhlich⸗ keit anzunehmen. Nach einer Weile trat ihr Vater in das Zimmer. Er ging gerade auf das Feuer zu, welches in der Tiefe des Saales verglimmend noch ein wenig brannte, zog einen Stuhl heran und ſagte, während er ſich wärmte, ohne ſeine Tochter anzuſehen: „Adelina, es iſt recht kalt, Kind; der rauhe März iſt wohl der ſchlechteſte Monat des Jahrs für einen haten Kreuz Stun müſſe D einige es ſto gebeu haſt lieber ſelbſt, deuter . N Seufz llypo bedrol Art, 1 nothw wohl oder ei jetzt iſ Ich n ſtehen arm ot denken hier g Leuten denn Seite mich z igen Blick enigſtens etren ſo außer⸗ doch ſein nit dieſer rdrießlich „Was Gefühl? ner Kraft ſo ſteigt n wieder erwinden s Rollen rnehmen; Rahmen. ſagte: el, viel⸗ chentuche Fröhlich⸗ Zimmer. s in der brannte, d er ſich he März ür einen 221 Dorfarzt. Es wird heute ſchneien; die feuchte Kälte hat mich ganz durchdrungen. Die Wege nach dem Kreuzhof ſind unfahrbar; ich habe wohl eine halbe Stunde auf den ſchlammigen Fußwegen hinlaufen müſſen.“ Das Mädchen trat zu dem Kamin, warf eilig einige Stücke Steinkohlen in das Feuer und blies es ſtark an. „So, Vater,“ ſagte ſie, noch über die Flamme gebeugt,„jetzt wirſt Du bald warm bekommen. Warum haſt Du auch Deinen Beſuch auf dem Kreuzhofe nicht lieber bis morgen verſchoben? Du ſagteſt mir doch ſelbſt, des Pächters Krankheit habe Nichts zu be⸗ deuten.“ „Ja, Adelina,“ antwortete der Doctor mit einem Seufzer,„Du haſt wohl Recht: der Pächter hat die llypo und bildet ſich alle Augenblicke ein, ſein Leben ſei bedroht. Seine Unpäßlichkeit iſt ſicher nicht von der Art, um von meiner Seite täglich ſo weite Beſuche nothwendig zu machen. Früherer Zeit habe ich mich wohl nach dem Kreuzhof begeben, wenn das Wetter oder einige freie Stunden mir Luſt dazu einflößten; aber jetzt iſt das Leben für mich nicht mehr ſo gemächlich. Ich muß aufpaſſen, Kind, Jedermann zu Dienſten ſtehen und ſelbſt auf die Grillen meiner Kranken, ob arm oder reich, eingehen. Ach, es iſt recht traurig, daran denken zu müſſen, daß ich früher gleich einem König hier geachtet und geliebt wurde. Jetzt muß ich den Leuten ſchmeicheln, um meine Kunden zu behalten; denn bei der mindeſten Verſäumniß von meiner Seite hat Jedermann ſeiner Meinung nach das Recht, mich zu tadeln und reſpektswidrig gegen mich aufzu⸗ 222 ſtehen. Ach, Adelina, wer hätte vermuthen können, daß ich in meinen alten Tagen noch zu einem ſo be⸗ ſchwerlichen Leben verurtheilt werden ſollte? So lang mein Körper es noch ertragen kann, iſt es nicht ſo ſchlimm; aber ich fühle allmälig, daß meine Kräfte abnehmen. Mit dieſem Herumlaufen, Tag und Nacht bei Näſſe und Trockenheit, werde ich wohl noch eine Krankheit mir auf den Hals laden. Gott wolle mich vor ſolchem Unglück bewahren: es wäre ein entſcheidender Triumph für meine Feinde!... Ich werde alt; mein liſtiger Widerſacher iſt noch jung. Dieſer unglückſelige Kampf wird alſo bis zum Ende meines Lebens fortdauern!“ Des Doctors Stimme lautete bei dieſer letzten Klage ſo ſchmerzlich, daß Adelina tief gerührt ſeine Hand faßte und im Tone des liebevollſten Mitleids zu ihm ſagte: „Faſſe Muth, Vater; all unſer Verdruß wird bald zu Ende ſein; die Valkiers treffen Vorkehrungen, nach Antwerpen überzuſiedeln.“ „Jo, ja, ſie ſprechen alle Zeit davon; es iſt eine Liſt, Adelina. So bewirkt Adolph, daß man ſchon zum Voraus ſeinen Verluſt betrauert, und erregt die Theilnahme der einfältigen Leute. Er weiß, daß die Bauern bei ihrem mißtrauiſchen Gemüth ſehr ge⸗ neigt ſind, das zu verwerfen, was man ihnen anbietet, und hinter dem herzulaufen, was man ihnen ver⸗ weigert. Du glaubſt es ſelbſt nicht, Adelina, daß die Valkiers unſer Dorf ſo bald verlaſſen werden!“ „Barbara, unſere Magd, hat es bei dem Bäcker ſagen hören, Vater. Frau Valkiers ſelbſt hat erklärt, ſie we Es ſc werpe die tr in ſeit Ausfü werde zens 1 glückli michen De zweifel T h— Täuſch was 2 Ge Mädch „D Abreiſe Gebetet werde anſehen Der es war Frleicht betracht ſie ſo u auf ihr zu beme „Ad Deiner können, em ſo be⸗ te? So , iſt es aß meine fen, Tag ich wohl ott wolle wäre ein och jung. um Ende er letzten hrt ſeine Mitleids vird bald gen, nach iſt eine an ſchon d erregt eiß, aß ſehr ge⸗ anbietet, nen ver⸗ daß die n“ Bäcker terklärt, ſie werde nicht lange mehr in dem Dorfe bleiben. Es ſcheint, daß ihr Sohn um jeden Preis nach Ant⸗ werpen abziehen will.— Nun, Vater, verwerfen wir die tröſtende Botſchaft nicht.... o, möchte Gott, in ſeiner Güte, ihn antreiben, dieſen Vorſatz zur Ausführung zu bringen! Alles wird für uns wieder werden, wie zuvor; du wirſt den Frieden des Her⸗ zens wieder finden; du wirſt wieder vergnügt und glücklich ſein; der Anblick Deines Kummers wird mich nicht mehr betrüben!“ Der Doctor ſchüttelte den Kopf und fragte mit zweifelndem Lächeln: „Du ſcheinſt dieſe Abreiſe zu wünſchen, Adelina? Täuſcheſt Du mich nicht? Iſt es aufrichtig gemeint, was Du da ſagſt?“. Gekränkt durch dieſen Verdacht, antwortete das Mädchen mit einer Art plötzlicher Begeiſterung: „Du zweifelſt, Vater, ob ich wohl aufrichtig dieſe Abreiſe wünſche? Ich flehe darum in allen meinen Gebeten! O, glaube mir, denn es iſt wahr: ich werde dieſe Abreiſe als eine Wohlthat des Himmels anſehen!“ Der Ausdruck ihres Geſichts erſchien ſo ſeltſam; es war, als ob ihr Blick eine ſo außerordentliche Erleichterung verriethe, daß ihr Vater ſie überraſcht betrachtete, um zu errathen, welche geheime Urſache ſie ſo ungewöhnlich errege; aber jetzt glaubte er auf ihrem Antlitz die Spuren vergoſſener Thränen zu bemerken, und er murmelte verweiſend: „Adelina, warum fügſt Du noch den Anblick Deiner Betrübniß zu den tauſend Urſachen, die ich —— 224 habe, mich für unglücklich zu halten? Kind, Kind, Du haſt wieder geweint!“ Eine Schaamröthe flog über des Mädchens Wan⸗ gen;— aber ſie bezwang ihre Erregung und ant⸗ wortete ſtammelnd: „Ach, Vater, Dein Kummer lockt mir die Thränen aus den Augen.“ „Das iſt es nicht; Du haſt in meiner Abweſen⸗ heit geweint.“ „Vielleicht das flammende Feuer hier.. „Nein, nein, Du denkſt noch immer an die Leute da drüben, nicht wahr?“ „Ich geſtehe es, Vater,“ antwortete ſie mit trauriger NRiedergeſchlagenheit.„Der Menſch iſt ſeiner Gedanken nicht Herr. Wenn ich in der Ein⸗ ſamkeit hier ſo ganze Tage an der Stickerei ſitze, dann fluthen zuweilen die Erinnerungen meines Lebens gleich einem Strome mir durch den Geiſt; aber ſei verſichert, ich kämpfe mit Gewalt gegen die Erregungen meines Gemüths. Ich werde ſie endlich überwinden; ich würde ſie vielleicht ſchon ganz über⸗ wunden haben, wenn mir nicht hier Alles, wenn nicht Dein eigener Mund, Vater, unaufhörlich von unſern vorigen Freunden ſpräche. O, könnten ſie, oder wir von hier wegziehen! Dürfte ich nie mehr Etwas ſehen, was mir meine früheren Tage in's Gedächtniß zurückruft!“ Bewegt durch den ſchmerzlichen Ton ihrer Klage, faßte der Doctor ſchmeichelnd ihre Hand und ſagte: „Es iſt die fortwährende Einſamkeit, welche Dir Leiden verurſacht, mein Kind! Gedulde Dich noch ein paar Monate. Deine Coufine Philomena ver⸗ läßt it uns h ſchafter age Chaiſe kannſt Frühlit blühen wieder freudig ich glei Loos fi Da ihres W S mir! G mehr u wie es daß ich liebe!“ zu verge ſen ſind hat, zu In Kinb danken, Conſe Kind, ns Wan⸗ und ant⸗ Thränen Abweſen⸗ die Leute ſie mit nſch iſt der Ein⸗ rei ſitze, meines n Geiſt; egen die endlich nz über⸗ , wenn lich von ten ſie, ie mehr age in's Klage, ſagte: che Dir ch noch na ver⸗ 225⁵ läßt in der Oſterwoche bie Penſion; uns hier Wohnung nehmen und eine ſchafterin für Dich ſein. 6 Tage mit ihr plaudern. Ich werde eine leichte Chaiſe und ein kleines hübſches Pferd kaufen; dann kannſt Du mit Deiner Couſine ausfahren. Der Frühling kommt, die Haſelſtauden fangen bereits zu blühen an. Habe nur Muth, Adelina; wenn ich Dich wieder fröhlich ſehe und mir die Friſche der Lebens⸗ freudigkeit aus Deinen Augen entgegenleuchtet, werde ich gleichfalls mich gemächlicher in mein beſchwerliches Loos finden.“ Das Mädchen legte ihren Arm um den Hals ihres Vaters und flüſterte in zärtlichem Ton: „Sei geſegnet, Vater, für Deine große Liebe zu mir! Gott gebe mir nur die nöthige Kraft, um ſie mehr und mehr nach Gebühr anzuerkennen; aber wie es auch ſei, und was auch geſchehe, glaube mir, daß ich dankbar bin und Dich von ganzem Herzen liebe!“ „Ich weiß es, meine theure Adelina,“ ſagte der Vater.„Ich begreife, daß Du noch oft an Fran⸗ ciska denkſt: es iſt ſchwer, nicht wahr, eine Freundin zu vergeſſen, mit der wir, ſo zu ſagen, aufgewach⸗ ſen ſind?“ „Schwer, unmöglich vielleicht, Vater; aber was macht die Erinnerung, wenn man nicht den Wunſ hat, zu den verlorenen Freunden zurückzukehren?“ „In der That, Adelina, Du haſt Recht, mein Kind. Zuerſt habe ich mich geärgert bei dem Ge⸗ danken, daß Deine Neigung zu den Valliers ſich Conſeienee, der junge Doetor. 15 ſie wird bei gute Geſell⸗ Dann kannſt Du ganze 226 erhalten würde, trotz ihrer Feindſchaft gegen mich. Nun beklage ich Deinen Trübſinn; dennoch bin ich zufrieden mit Dir, da ich weiß, daß, wenn Du auch die Freundin Deiner Kindheit betrauerſt, Du gleich⸗ wohl keine Freundſchaft mehr für Menſchen bewah⸗ reſt, welche Deinen Vater mit Unrecht und Verdruß überhäufen.“ Das Mädchen ſchaute in das Feuer und ſenkte den Kopf zu Boden. Bei den letzten Worten ihres Vaters ſchien ein Zittern ihr durch die Glieder zu laufen. „Du zitterſt? Friert Dich, Adelina?“ fragte der Doctor, ſich umdrehend.„Unvorſichtiger, der ich bin: ich habe die Thüre halb offen ſtehen laſſen. Es iſt ein Zug hier, der Dich im Rücken faßt.“ Er war im Begriff, aufzuſtehen; aber Adelina, die Gelegenheit wahrnehmend, ihre Bewegung zu verbergen, lief eilig nach der Thüre und verſchloß ſie. Dann wandte ſie ſich wieder um und blieb ſchweigend neben ihrem Vater ſtehen. „Etwas, woran wir nicht denken,“ ſagte dieſer, „iſt, daß Deine Couſine ſehr gut Klavier ſpielt. Schon ſeit einigen Monaten, Adelina, berührſt Du das Inſtrument nicht mehr, außer wenn ich Dich darum bitte. Immer einſam, nicht wahr? Man bedarf doch Jemand, der mit uns den Genuß der Muſik theilt? Nun werdet Ihr zu Zweien ſein, Ihr werdet zuſammen ſingen und Muſik machen können. Es wird hier ein fröhliches. Er wurde plötzlich in ſeiner Rede durch den Laut einer Stimme unterbrochen, die vom Gang her nach dem Saale ertönte. Ueberraſcht ſtand er auf und wollte habe; einige Thüre porgeht „Ei ſich den gift vo Valkier— und Ue wie ſol noch ei zu ziehe Ade! vorgeſtr ein gem vor ſich tern all Leben de „Wa Doctoru Neuigkeit „Es ſagte die derbar! ſtantia!“ In Schrei di als käme von eine Der wankend gen mich. h bin ich Du auch u gleich⸗ bewah⸗ Verdruß nd ſenkte ten ihres lieder zu agte der der ich n laſſen. aßt.“ Adelina, gung zu verſchloß nd blieb te dieſer, er ſpielt. ührſt Du ich Dich r? Man enuß der ien ſein, machen den Laut her nach auf und 227 wollte nachſehen, was dieſes Geräuſch zu bedeuten habe; aber kaum hatte er, von Adelina gefolgt, ſich einige Schritte vom Feuer entfernt, ſo wurde die Thüre geöffnet, und die alte Magd erſchien mit em⸗ porgehobenen Händen im Zimmer. „Ei, ei,“ rief ſie,„wer hätte jemals ſo Etwas ſich denken können! Eine ſolche Heirath! Eine Mit⸗ gift von dreißig tauſend Francs! Jetzt werden die Valkiers ſich gewiß nicht mehr vor Aufgeblaſenheit und Uebermuth halten können. Du lieber Himmel, wie ſollte man auch nur daran glauben, wenn es noch einen ſcheinbaren Grund gäbe, es in Zweifel zu ziehen!“ Adelina ſtand mit weit geöffneten Augen und vorgeſtrecktem Halſe da; man hätte denken können, ein gemeißeltes Bild der ängſtlichſten Aufmerkſamkeit vor ſich zu ſehen, wäre nicht an dem heftigen Zit⸗ tern aller ihrer Glieder zu erkennen geweſen, daß Leben darin ſich regte. „Was ſoll all dieſer Lärm, Barbara?“ rief der Doctor ungeduldig.„Laß hören, welche überraſchende Neuigkeit haſt Du denn?“ „Es iſt wahr, Sie wiſſen noch Nichts davon,“ ſagte die Magd, ſich faſſend.„Es iſt auch ſo wun⸗ derbar! Adolph Valkiers heirathet des Notars Con⸗ ſtantia!“ In dieſem Augenblick ertönte ein furchtbarer Schrei durch den Saal, ein Schrei, ſo ſchneidend, als käme er aus der Bruſt eines Menſchen, der eben von einer tödtlichen Wunde getroffen wurde. Der Doctor wandte ſich um und ſah ſeine Tochter wankend und bebend zurückfahren, bleich wie eine 15 228 Leiche, und das Geſicht zum Ausdruck der tiefſten Verzweiflung verzerrt. Sein durchbohrender Blick und das Feuer des Zornes, der in ſeinen Augen glühte, entriß ihr einen neuen Schmerzensruf, und ſie ließ ſich wie vernichtet auf einen Stuhl fallen. Als glaubte ſie, ſo ihrer Beſchämung und der gerechten Entrüſtung ihres Vaters zu entgehen, ſenkte das beängſtigte Mädchen ſein Haupt auf die Bruſt und verbarg das Geſicht mit beiden Händen. Herr Heuvels wies die Magd durch eine Geberde, die weder Zögern noch Widerſtand duldete, zur Thüre hinaus. Dann trat er mit langſamem Schritt auf ſeine Tochter zu und blickte ſie eine Weile in peinlichem Stillſchweigen an. Auch er zitterte, und ſeine Wangen waren bleich. Zuerſt ſchoſſen Funken der Wuth aus ſeinen Augen und er ſchüttelte drohend die Fauſt; aber die Bitterkeit ſeiner Enttäuſchung, die Tiefe ſeiner Verzweiflung mäßigten ſeinen Zorn, und Thränen ſprangen ihm zuletzt über die Wangen. Dann ſprach er mit krampfhafter Stimme: „Unglückliche, das war alſo das Geheimniß, welches Du mit ſo großer Kunſt vor mir verborgen hielteſt! Während Dein Mund durch ſcheinheilige Worte mich tröſtete, brannte in Deiner Bruſt die Liebe zu meinem Feinde. Du liebteſt denjenigen, welcher Deines Vaters Leben verbittert und verkürzt! O, daß mich Gott jetzt ſterben ließe! Was bleibt mir auf der Welt noch übrig!“ Bisher hatte das erſchrockene Mädchen den Vor⸗ wurf ſeines Vaters bewegungslos angehört; aber ſeine letzten Worte trafen ſie ſo tief, daß ſie mit Gewal ihrer Thräne Buſen warf ſi den Hi „O Habe 2 heilig? im Hin Worte niger, Vater i mich ni Her und ent einen A daß er Kräfte ihm nac ſeinen V „Nei ſollſt m Pflicht! Deinem werden fordere: Nein, n Deines Lebens: Der einen fe er tiefſten Feuer des zeihr einen vernichtet ſo ihrer ing ihres Mädchen as Geſicht — Geberde, dete, zur em Schritt Weile in terte, und en Funken te drohend täuſchung, nen Zorn, Wangen. eheimniß, verborgen heinheilige Bruſt die enjenigen, erkürzt! zas bleibt den Vor⸗ rt; aber ß ſie mit 229 Gewalt aufſprang, als hätten plötzlich alle Muskeln ihrer Glieder ſich ausgeſpannt. Der Anblick der Thränen auf ihres Vaters Wangen erpreßte ihrem Buſen einen neuen Schrei der Verzweiflung; ſie warf ſich vor ihm auf die Kniee und rief, die zittern⸗ den Hände zu ihm erhebend: „D, Vergebung, Vater! Verdamme mich nicht! Habe Mitleiden mit Deiner armen Adelina. Schein⸗ heilig? Ich ſcheinheilig? Möchte doch meine Mutter im Himmel mich hören und die Wahrheit meiner Worte bezeugen: nächſt Gott liebe ich Niemand in⸗ niger, als Dich. Meine Liebe zu meinem guten Vater iſt aufrichtig und grenzenlos! Ach, verſtoße mich nicht; ich werde ſterben zu Deinen Füßen!“ Herr Heuvels, noch immer ergrimmt, wich zurück und entfernte ſich von ſeiner Tochter. Sie kroch ihm einen Augenblick unter Thränen nach, bis ſie ſah, daß er ſich nach der Thüre wenden wollte. Ihre Kräfte ſammelnd, ſprang ſie jetzt auf, lief jammernd ihm nach, ſchloß ihn in ihre Arme, küßte ihn wider ſeinen Willen und rief wie in einem Fieberanfall aus: „Nein, Vater, Du ſollſt nicht fortgehen; Du ſollſt mich anhören! Ich will es! Es iſt Deine Pflicht! Verdamme mich hernach, vernichte mich unter Deinem Zorn, unter Deinem Haß aber ich werde nicht dulden, daß Gott von Dir Rechenſchaft fordere wegen einer ſo grauſamen Ungerechtigkeit.— Nein, nein, ſuche mir nicht zu entſchlüpfen! Um Deines eigenen Glücks, um der Wohlfahrt Deines Lebens willen, ich beſchwöre Dich, höre mich an!“ Der Doctor wußte wohl, daß wenn Adelina einen feſten Entſchluß ſo entſchieden ausdrückte, es 230 ſchwer hielt, der Kraft ihrer Worte zu widerſtehen. Wenn er ſich auch mit Gewalt aus ihren Armen losreißen wollte, ſie würde ihm dennoch folgen und vielleicht das ganze Haus mit ihrer Wehklage er⸗ füllen. Ueberdieß lag Etwas in Adelina's Stimme, Etwas in ihren ſchwarzen funkelnden Augen, das ihren Vater bewältigte. Mit Unwillen im Herzen und einem bittern Hohnlächeln auf den Lippen ſagte der Doctor, nach dem Tiſch weiſend: „Wohlan denn, laß uns niederſitzen. Möge das Gewicht Deiner Schuld Dir dießmal Aufrichtig⸗ keit einflößen! Meinen Feind lieben! Liebe nähren für Adolph Valkiers!“ Schon waren ſie nach den Stühlen gegangen, und Adelina hatte Platz genommen, als der Doctor noch ſpottend fortfuhr: „Du willſt mich gewiß glauben machen, daß Du ihn niemals geliebt haſt?“ „Nein, Vater, ich werde Dir Alles ſagen,“ ant⸗ wortete ſie in betrübtem, jedoch feierlichem Ton; „aber ich bitte Dich, habe Mitleid mit mir. Vergiß nicht, daß ich nur ein Mädchen bin, und daß die Schwachheit des Herzens in mir Deine Großmuth verdient. Ja, ich habe Adolph geliebt, ſeit lange, ſeit meiner Kindheit vielleicht, doch ohne es zu wiſſen, — Werde nicht ungeduldig, Vater; laß mich Dir die ganze Wahrheit erklären.— Du haſt mir, nach Adolphs Rückkehr in unſer Dorf, das Verlangen ausgedrückt, daß ich das Haus der Valkiers nicht mehr, außer mit Deiner Erlaubniß, beſuchen ſollte. Ich habe mich ohne Klage unterworfen, nicht wahr? Als fahre Freu Spru nung erinn wurde horſa von k Wurz Stille biſt, vor habe geführ Bild: Auge Verirr 2 man Docto „C unterb einem unterg fühlte meiner wie tr in den Aber dem G ich jed viderſtehen. en Armen folgen und hklage er⸗ s Stimme, ugen, das m bittern octor, nach WMöge Aufrichtig⸗ be nähren —.————— gegangen, der Doctor , daß Du gen,“ ant⸗ hem Ton; r. Vergiß id daß die Großmuth ſeit lange, zu wiſſen. mich Dir mir, nach Verlangen kiers nicht hen ſollte. cht wahe 231 Als Du, nach dem, was Dir bei dem Paſtor wider⸗ fahren, mir eine ewige Scheidung von unſeren alten Freunden auferlegteſt, habe ich ohne Murren den Spruch angenommen, nicht wahr? Obwohl die Tren⸗ nung von Perſonen, mit welchen alle meine Lebens⸗ erinnerungen verwachſen waren, mich tief betrübte, wurde es mir auch jetzt noch minder ſchwer, Dir Ge⸗ horſam zu leiſten; denn ich hatte noch kein Bewußtſein von dem zwingenden Gefühl, das in meinem Herzen Wurzel geſchlagen. In der Einſamkeit, in der ewigen Stille, die mich hier umringt, wenn Du auswärts biſt, hat das Geheimniß meiner Seele ſich allmälig vor mir geoffenbart. Meinem Verſprechen treu, habe ich gegen mich ſelbſt einen unaufhörlichen Krieg geführt; tauſendmal an einem Tage habe ich das Bild verjagt, das mich verfolgte, und mein flehendes Auge zu Gott erhoben, ihn um Kraft gegen meine Verirrung anzurufen. „Man verbirgt ſich nicht vor ſeinem Vater, wenn man ſich nicht ſchuldig fühlt!“ unterbrach ſie der Doctor erbittert. „Es iſt nicht allein dieſer ſchmerzliche, dieſer un⸗ unterbrochene Kampf gegen mich ſelbſt, der gleich einem Fieber mich verzehrt und meine Geſundheit untergraben hat,“ fuhr Adelina fort.„Jeden Tag fühlte ich mich angetrieben, Dir das Geheimniß meiner Verirrung zu offenbaren. O, Gott, wie ſüß, wie tröſtend wäre es mir geweſen, meine Schmerzen in den Buſen meines geliebten Vaters auszugießen! Aber ich wagte es nicht, ich wollte es nicht. Bei dem Gedanken an einen ſolchen Vorſatz ſchauderte ich jedesmal mit Entſetzen zurück. Wie? ich hätte 232 Dir ſagen ſollen: Deine Adeline, Dein Kind liebt den Mann, den Du als Deinen Feind betrachteſt? Ich, ich hätte freiwillig Dir den Dolch in's Herz ſtoßen ſollen? Nimmermehr! Meine Pflicht konnte nur ſein, Dir ſolches Herzeleid zu erſparen, und wäre ich auch durch dieſes grauſame Geheimniß auf das Krankenbett geworfen worden. Mein Entſchluß war gefaßt und mein Schickſal beſiegelt: ich wollte, wenn es ſo ſein mußte, für die Lebensfreude meines Va⸗ ters mich aufopfern; das Geheimniß vor ihm und vor Jedermann in der Tiefe meines Herzens verborgen halten bis zum Grabe. So zum Mindeſten hätte ich Dich vor dem Schmerz bewahrt, welchen die Entdeckung meiner Schwachheit Dir unfehlbar ver⸗ urſachen mußte„ „Gäbe Gott, Du hätteſt mir niemals dieſes grauſame Geheimniß verrathen!“ ſeufzte Herr Heu⸗ vels, durch die Worte ſeiner Tochter getroffen. „Welche bittere Entzauberung wäre mir dadurch er⸗ ſpart worden!“ „Ich war außer mir; die plötzliche Nachricht Barbara's hat mich allzu tief erſchüttert. Gewiß, ich bitte Gott täglich, daß er uns oder Adolph von hier entferne; ich wünſchte, ich könnte bis an's Ende der Welt fliehen, um der Erinnerung an ihn zu ent⸗ rinnen, aber.. aber, hören müſſen, daß er eine Andere heirathen wird! meine Schmerzen durch Gleichgültigkeit alſo verſpottet zu ſehen! Nicht wahr, Vater, mein Herz mußte brechen bei dieſer uner⸗ warteten Botſchaft?“ Auf dem Angeſicht des Doctors erſchien wieder ein Lächeln bittern Verdruſſes. eine ein Bi das g nicht Schla, worde Heirat ich dar wand werde ſiegen. trauen meiner Dich einem zu mei In der Rü Die „N Jetzt geben. Erinnet ich der mit mi wieder: S. er Tochter Hals u halb er Kind liebt etrachteſt? in's Herz cht konnte und wäre ß auf das chluß war lite, wenn eines Va⸗ m und vor verborgen ſten hätte chen die lbar ver⸗ Us dieſes Herr Heu⸗ getroffen. adurch er⸗ Nachricht zewiß, ich olph von an's Ende n zu ent⸗ ß er eine en durch icht wahr, ſer uner⸗ n wieder 233 „Nein, Vater, erzürne Dich nicht. Es war nur eine vorbeigehende Ueberraſchung. Du mußt doch ein Bischen Mitleid haben mit Deinem armen Kinde, das gegen ſein eigenes Gefühl ankämpfen will, aber nicht Stärke genug beſitzt, um einem ſo grauſamen Schlage zu widerſtehen. Jetzt iſt es wieder klar ge⸗ worden in meinem Geiſte. Anſtatt mich über dieſe Heirath zu betrüben, bin ich froh, äußerſt froh: und ich danke Gott, daß es ihm gefallen hat, dieſe Scheide⸗ wand zwiſchen mir und Adolph aufzurichten. Nun werde ich die Macht finden, meine Trauer zu be⸗ ſiegen. Ich werde wiederum heiter werden, mit Ver⸗ trauen in die Zukunft blicken, Dich tröſten durch meinen Frohſinn. Fortan, fortan kann ich allein für Dich leben und alle die Kräfte meiner Scele in einem einzigen Gefühl zuſammenfaſſen, in der Liebe zu meinem guten, zu meinem zärtlichen Vater!“ In den Augen des Doctors glänzten Thränen der Rührung; doch ſtarrte er ſchweigend auf ſein Kind. Die Hände wie zum Gebet faltend, flehte Adelina: „Nun, lieber Vater, ſchenke mir Deine Verzeihung. Jetzt wird es kein Geheimniß mehr zwiſchen uns geben. Du wirſt mir in dem Kampfe gegen meine Erinnerungen beiſtehen; durch Dich geſtärkt, werde ich den Sieg davon tragen. O, habe Mitleiden mit mir, ſchenke mir Dein Vertrauen, Deine Liebe wieder: ich werde Dich ſegnen bis zu meinem letzten Seufzer!“ Herr Heuvels, durch die zärtliche Anſprache ſeiner Tochter ganz überwunden, legte ſeine Arme um ihren Hals und ſchloß ſie an ſeine Bruſt, während er mit halb erſtickter Stimme flüſterte: 234 „Ach, es war nicht genug, daß ſie Deinen Vater unglücklich machten; ſie mußten auch Dich in ihre Netze verlocken und zum Lohne Deinem Herzen eine blutige Wunde ſchlagen! Tröſte Dich, Adelina, ich vergebe Dir, mein armes Kind!“ Vater und Tochter, einander in den Armen lie⸗ gend, weinten ſtille Thränen der Liebe KK. Seit einer Viertelſtunde ſaß Adolph in ſeinem Kabinet, überlegend, welche Antwort er ſeiner Mutter bringen ſollte. Der Streit, den er ausgefochten hatte, mußte äußerſt ſchmerzlich geweſen ſein, denn ſein Angeſicht trug die Spuren heftigen Leidens und tiefer Riedergeſchlagenheit. Ueber ſeine Lippen ſchweifte jedoch ein ſtilles, trübes Lächeln, das von der voll⸗ ſtändigſten Unterwerfung zeugte. Kein Zweifel alſo, daß ſein Beſchluß gefaßt war: er wollte, aus Liebe zu ſeiner Mutter, ſich in eine Heirath fügen, die, weit entfernt, ihn glücklich zu machen, ſein künftiges Leben mit Betrübniß erfüllen ſollte. Allein öfters noch wandelte bei dem Gedanken einer ewigen Verbindung mit Conſtantia ſeinen Geiſt ein Schrecken an; dann entſchlüpfte ihm eine ſchmerz⸗ liche Geberde und er erhob die Augen zum Himmel, als ſuchte er bei Gott die Abwehr dieſes ſtrengen Spruches; aber bald erkannte er wieder die Nutz⸗ loſigkeit eines Widerſtandes gegen das Verhängniß, und einen Seufzer ausſtoßend, ließ er das Haupt auf die Bruſt fallen. nung denno zwiſcht D ſich ül Rathl verwi trauri Nothn ein r ſollte Schön Seele en Vater in ihre zen eine ina, ich men lie⸗ ſeinem Mutter efochten denn ens und ſchweifte er voll⸗ fel alſo, Liebe n, die, ünftiges edanken en Geiſt ſchmerz⸗ Himmel, ſtrengen ie Nutz⸗ ängniß, Haupt 235 Endlich ſtand er entſchloſſen von ſeinem Stuhle auf und ſprach: „Warum dieſen grauſamen Streit noch verlängern? Es iſt kein Entkommen mehr. Nehmen wir all un⸗ ſern Muth zuſammen, um das Opfer zu vollbrin⸗ en Er machte einen Schritt nach der Thüre, blieb aber plötzlich wieder ſtehen, als hätte eine unſicht⸗ bare Hand ihn zurückgehalten. „Alſo, ich ſoll Conſtantia's Bräutigam ſein?“ murmelte er.„Ihr Liebe heucheln müſſen, und an eine Andere denken, deren Bild ſeit meiner Kindheit mein ganzes Herz erfüllt? Conſtantia betrügen? Zum Lohn ihrer edelmüthigen Freundſchaft ihr Nichts ge⸗ ben können, als kalte Gleichgültigkeit? Wird dieſe Heirath mich nicht ſchuldig in Gottes Augen machen? — Wehe, und meine Mutter, meine arme Mutter! Kann man ſchuldig ſein, wenn man alle ſeine Hoff⸗ nung dem Vollzuge einer Pflicht opfert?. Und dennoch, wenn das Bild einer andern Frau ſtets zwiſchen Conſtantia und mich träte?“ Dieſe Ueberlegung machte ihn beben. Er fuhr ſich über die Stirne und murrte gegen ſeine eigene Rathloſigkeit.... Nach einer Weile brachte er ſeine verwirrten Sinne wieder zur Ruhe und ſprach mit trauriger Reſignation in der Stimme: „Nein, es iſt meine Einbildung, die mir dieſe Nothwendigkeit ſo ſchlimm vormalt. Conſtantia iſt ein reizendes und gutherziges Mädchen. Warum ſollte ich ſie nicht lieben können? Beſitzt ſie nicht Schönheit des Aeußern, mit allen Eigenſchaften der Seele, die eine Frau liebenswürdig machen?. 236 Adelina? Aber ich werde ſie vergeſſen. Hat ſie mir früher eine innige Zuneigung bezeigt, ſo war es die Freundſchaft, die man gegen den Genoſſen ſeiner Kindheit empfindet und mochte auch in ihrem Herzen ein ernſteres Gefühl entſtanden ſein, ſie iſt deſſelben nie bewußt geworden.— Seit drei Mo⸗ naten weicht ſie meinem Blicke aus und wendet den Kopf ab, um mich nicht zu ſehen; ſie iſt erbittert über mich, weil mein Verbleiben im Dorfe ihren Vater betrübt. Vielleicht theilt ſie ihres Vaters Haß gegen mich? Warum ſoll ich mich durch eine unſin⸗ nige Hoffnung zurückhalten laſſen? Nein, nein, der Würfel iſt gefallen! Kein Zögern mehr; ich gehe, den Wunſch meiner guten Mutter zu erfüllen. Con⸗ ſtantia werde meine theure Braut!“ Er machte noch einen Schritt nach der Thüre, blieb aber wieder ſtehen unter dem Eindruck eines Angſt erweckenden Gedankens. „O, wenn Adelina doch dasſelbe Gefühl wie ich im Buſen trüge!“ ſeufzte er.„Wenn es doch keine Sinnentäuſchung, ſondern Wahrheit geweſen wäre, was ich ſeit meiner Rückkehr in das Dorf in ihren Augen zu leſen glaubte? Wie würde ſie dann die Nachricht von meiner Heirath mit Verzweiflung ſchla⸗ gen! Würde ſie nicht mit Recht mir Schuld geben, daß ich unbarmherzig den Mordſtahl der Enttäu⸗ ſchung ihr in das Herz geſtoßen habe? Alſo die zärtliche Neigung derjenigen belohnen, die ſchon aus der Wiege mir zulächelte und mir eine ewige An⸗ hänglichkeit zu geloben ſchien!.. O, mein Gott, mögeſt Du in Deiner Güte zulaſſen, daß Adelina meine Heirath gleichgültig vernehme!“ M von k Stuhl Als g nieder W ſank, und r Zehen ſanfter unruhi Entſch ſchluß das v hinaus „ dumpf nehme „ „ wöhnl uns g fel me aber: zu fre verläß D hob d flehenl t ſie mir es die nſeiner in ihrem ſie iſt rei Mo⸗ det den erbittert e ihren ers Haß e unſin⸗ ein, der h gehe, . Con⸗ Thüre, ck eines wie ich ch keine wäre, n ihren ann die g ſchla⸗ geben, Enttäu⸗ lſo die on aus ge An⸗ n Gott, Adelina 237 Mit dieſen letzten Worten hatte er ſich langſam von der Thüre entfernt und war wieder zu dem Stuhle zurückgewichen, den er ſo eben verlaſſen. Als ginge ihm der Muth aus, ſank er an dem Tiſche nieder und legte den Kopf in die Hände. Während er abermals in ſtille Träumereien ver⸗ ſank, wurde die Thüre des Kabinets leiſe geöffnet und wieder verſchloſſen. Franciska trat auf den Zehen herein, näherte ſich dem Tiſche und ſagte mit ſanfter Stimme zu ihrem Bruder: „Adolph, Du bleibſt ſo lang allein. Ich wurde unruhig. Bedarfſt Du ſo vieler Zeit, um zu einem Entſchluſſe zu gelangen?“ „Nein, Schweſter,“ antwortete er;„mein Ent⸗ ſchluß iſt ſchon lang gefaßt; aber meine Seele ſucht das verhängnißvolle Jawort noch einige Augenblicke hinauszuſchieben.“ „Das Jawort!“ ſeufzte das Mädchen mit einem dumpfen Schrei.„Du willſt Conſtantia's Hand an⸗ nehmen? Unmöglich, Adelina?“ „Warum nicht, Schweſter?“ „Und Adelina?“ „Adelina wird meine Heirath als einen ſehr ge⸗ wöhnlichen Vorfall betrachten. Wäre Alles zwiſchen uns geblieben wie zuvor, dann würde ſie ohne Zwei⸗ fel meine Entfernung aus dem Dorfe bedauert haben: aber wie die Dinge jetzt ſtehen, hat ſie Gründe, ſich zu freuen, daß der Feind ihres Voaters das Dorf verläßt.“ Die Kälte dieſer Worte erſchreckte Franciska; ſie hob die Hände zu ihrem Bruder empor und ſagte flehend: 238 „D, Adolph, ſprich nicht ſo! Habe Mitleid mit Adelina. Sei überzeugt, die Nachricht von Deiner Heirath wird ihr Herz durchbohren. Wenn ein ſo grauſamer Schlag ſie träfe, in wenigen Monaten läge ſie auf dem Kirchhofe.— Sie liebt Dich, Adolph, ſie liebt Dich ſeit Jahren!“ „Freundſchaft, einfache Zuneigung zu einem Spiel⸗ genoſſen,“ murmelte Adolph verlegen. „Du ſprichſt mit mir, wie mit einem Kinde,“ er⸗ widerte Franciska.„Ach, Du weißt es recht wohl, daß ſie eine grenzenloſe Liebe zu Dir hegt. Warum es vor mir, und vielleicht vor Dir ſelbſt läugnen? Geſchieht es, um den nöthigen Muth zum Erweis einer Undankbarkeit zu finden, vor welcher Du zu⸗ rückſchaudern mußt?.... Sollte ich mich geirrt haben? Du könnteſt Adelina kaltblütig den Todes⸗ ſtoß verſetzen? Du haſt ſie alſo nie geliebt?“ „Mehr und inniger, als Du begreifen kannſt, Schweſter,“ antwortete der Jüngling in traurigem Ton.„Dieſes Gefühl allein macht mir die Auf⸗ opferung meiner Freiheit ſo ſchmerzlich; aber ich glaube, ich meine hoffen zu dürfen, daß die Neigung, welche Adelina ſonſt gegen mich hegte, ſich zur Wärme der Liebe nicht geſteigert hat.“ „Irrthum, Adolph, Du ſuchſt Dich ſelbſt zu täu⸗ ſchen. Sollte es möglich ſein, daß Du das Geheim⸗ niß ihres Herzens nicht errathen haſt? Adelina hat ſeit ihrer Kindheit nur für Dich gelebt. Ich wäre vielleicht, gleich Dir, zu denken geneigt geweſen, daß zwiſchen uns Allen kein anderes Band beſtehe, als das einer wohlthuenden Freundſchaft, hätte nicht Dein langes Verbleiben auf der Univerſität mich in Adelina noch ur ſie ſehet gen bi Lippen, ſpracher ſie vor Blicke z unnatür Quelle Deine und mi ſorgniß der Hoe unſeren deutend Löwen lina's 2 Dich lel mit De fortdaue ſtehliche wir zur ſelten blinken; gebetet des Hir herabge ſie erfre Für we in ihre Ado leid mit Deiner ein ſo Konaten Dich, Spiel⸗ de,“ er⸗ t wohl, Warum iugnen? Erweis Du zu⸗ geirrt Todes⸗ kannſt, urigem Au⸗ ber ich eigung, Wärme zu täu⸗ Heheim⸗ ina hat wäre en, daß e, a e nicht mich in 239 Adelina's Buſen Etwas leſen laſſen, das ihr ſelbſt noch unbewußt war. Ach, hätteſt Du aus der Ferne ſie ſehen und hören können! Ganze Tage, vom Mor⸗ gen bis zum Abend, lag Dein Name auf ihren Lippen, ſo oft wir von dem Erfolg Deiner Studien ſprachen, und von Deiner Zukunft träumten, zitterte ſie vor Hoffnung oder Beſorgniß und richtete ihre Blicke zum Himmel, mit einer Begeiſterung, die mir unnatürlich geſchienen haben würde, wenn ich die Quelle ihrer Erregung nicht gekannt hätte. Ihr fiel Deine Abweſenheit ſchmerzlicher, als Deiner Mutter und mir; mit mehr Ungeduld, mit ängſtlicherer Be⸗ ſorgniß wollte ſie all Dein Thun und Laſſen auf der Hochſchule erfahren. Die Bitten, welche wir in unſeren Briefen an Dich richteten, ſelbſt die unbe⸗ deutendſten Einzelheiten von Deinem Aufenthalt zu Löwen uns mitzutheilen, erfolgten immer auf Ade⸗ lina's Anſuchen. Sie wollte mit Dir und durch Dich leben, mit Deiner Arbeit, mit Deinem Schmerz, mit Deiner Hoffnung ſich identificiren. In ihrer fortdauernden Bekümmerniß fühlte ſie eine unwider⸗ ſtehliche Neigung, zu Gott zu beten; täglich gingen wir zur Kirche und blieben Stunden lang. Nicht ſelten ſah ich ſtille Thränen in Adelina's Augen blinken; und fragte ich ſie dann, für wen ſie ſo innig gebetet hätte, dann lautete die Antwort, ſie habe des Himmels Segen auf ihren Vater und auf Dich herabgefleht. Ihr Vater war glücklich und geſund, ſie erfreute ſich ſeiner Zärtlichkeit ohne alle Störung. Für wen ſollten alſo wohl die Thränen der Rührung in ihre Augen getreten ſein?“ Adolph hatte das Haupt noch tiefer gebeugt und 24⁰ ſchaute zu Boden; er ſchien ganz muthlos. Stam melnd und beinahe unhörbar ſagte er: „Schweſter, es ſind ſeitdem ſo viele Dinge ge⸗ ſcheben. Wenn auch das Gefühl, wovon Du ſprichſt, in Adelina's Herzen Wurzel ſchlagen wollte, ſo hat es gewiß die Feindſchaft ihres Vaters zum Erſticken gebracht.“ „Wie kannſt Du das glauben?“ fuhr das Mäd⸗ chen fort.„An dem Tage, da Du ganz verzweifelt von Pächter Storck und von dem Fleiſcher zurück⸗ kehrteſt, beſtand bereits die Feindſchaft von Herrn Heuvels gegen uns. Adelina hat vielleicht geſehen, daß er über Deinen Unfall ſich freute.... aber ſie, was hat ſie gethan, um Dich zu tröſten? Sie hat ihr liebreiches Herz vor Deinen Blicken geöffnet und das Geheimniß ihrer Seele Dir geoffenbart. Du haſt es erkannt, dies Geheimniß: läugne es nicht, Adolph. Es war nicht weniger nöthig, als dieſes mächtige Mittel, um Dich ſo unmittelbar mit neuem Muthe aus Deiner unendlichen Verzweiflung aufzurichten. Vielleicht glaubſt Du, Adelina's Zu⸗ neigung habe ſich vermindert, weil ſie uns ausweicht und die Augen niederſchlägt, wenn wir ihr begeg⸗ nen? O, klage die Unglückliche nicht an! Sie wird bleich und mager, ſie verkümmert ſichtbar. Unter ihres Vaters Willen muß ſie ſich beugen; es iſt ein unerbittliches Geſetz; aber, Adolph, ſei überzeugt, was die arme Adelina leidet, das vermag Niemand zu ſagen. Ach, es muß ſchrecklich ſein!. Und nun willſt Du, zum Lohne dafür, ihrem Herzen eine ſolche Wunde ſchlagen? Sie verurtheilen zu einem frühen, bittern Tod? Der Gedanke preßt mir Thrä⸗ nen au leiden Die einen t ſein Ar convulſ dann r ſprach W bitte D ein ſo geſtehe wohl. mir ſel Ja, ja, Ich ſch Ueberze brechen mir ein hätte k zu faſſer der Ern um die zu verſi ciska, Weigere immer i Conſ Stam ine ge⸗ ſprichſt, „ſo hat Erſticken erzweifelt r zurück⸗ n Herrn geſehen, aber n? Sie geöffnet ffenbart. ugne es hig, als lbar mit weiflung na's Zu⸗ usweicht rbege Sie wird Unter s iſt ein berzeugt, Riemand Und zen eine u einem ir Thrä⸗ 241 nen aus den Augen. Adolph, Adolph, habe Mit⸗ leiden mit ihr, zerſtöre ihr Leben nicht!“ Die Worte ſeiner Schweſter hatten ohne Zweifel einen tiefen Eindruck auf den Jüngling gemacht, denn ſein Angeſicht war bleich und ſeine Glieder zitterten convulſiviſch. Er ſchwieg noch einige Augenblicke, dann richtete er langſam das Haupt empor und ſprach in ſchmerzlichem Ton: „Weine nicht, liebe Schweſter! Raube mir, ich bitte Dich, nicht den Muth, den ich nöthig habe, um ein ſo bitteres Geſchick auf mich zu nehmen. Ich geſtehe es, Franciska, was Du mir ſagſt, wußte ich wohl. Gezwungen durch die Pflicht, ſuchte ich vor mir ſelbſt das Opfer minder grauſam zu machen. Ja, ja, ich habe Adelina geliebt, ich liebe ſie noch! Ich ſchrecke gleichfalls zurück und zittere, bei der Ueberzeugung, daß meine Heirath ihr das Herz brechen wird; aber was thun, Franciska? O, gib mir einen Rath, wenn Du kannſt!“ „Schlage Conſtantia's Hand aus!“ „Ich kann Conſtantia's Hand nicht ausſchlagen, Schweſter. O, wenn ſo Etwas möglich wäre, ich hätte keinen Augenblick gezögert, meinen Entſchluß zu faſſen. Dieſe Heirath muß unſere Mutter aus der Erniedrigung retten; mir die Mittel gewähren, um die alten Tage des Großvaters zu erfreuen und zu verſüßen und um Dir, meine gute, theure Fran⸗ ciska, ein günſtiges Loos auf der Welt zu ſichern. Weigere ich mich, dann verfallt Ihr wieder und für immer in die mühſelige Lage, welche unſerer Mutter Conſeience, der junge Doctor. 16 — 242 dem Großvater ſchon ſo vielen Kummer gemacht a „Aber was macht es Dir, Adolph, wenn es für uns ein Glück iſt, für Dich leiden zu dürfen?“ fiel das Mädchen ein. „Ich kenne die Unbegrenztheit Eurer Liebe zu mir,“ antwortete der Jüngling,„und ich zweifle nicht, daß die Mutter und der Großvater dem Glück, das ihnen zulächelt, entſagen würden, wenn ich es von ihnen forderte. Was war das Leben von Euch Allen anders, als ein langes Opfer für mich? Aber nun iſt die Reihe an mich gekommen. Was ich zu thun im Begriff bin, iſt das Verläugnen einer Hoff⸗ nung, die wie ein funkelnder Stern meine Zukunft erhellte; doch, wie peinlich es auch ſei, ich werde die Pflicht erfüllen, die mir auferlegt wird. Nun, Franciska, halte Deine Thränen zurück. Der Menſch muß mit Geduld ſich unter ein Geſchick beugen, dem nicht auszuweichen iſt. Bedenke, daß unſere Lage durch meine Weigerung unerträglich würde; daß Geldnoth, Verfolgung, Haß und Feindſchaft von allen Seiten das Leben unſerer guten Mutter ver⸗ kürzen würden. Könnte ber Notar, wenn ich ſein edelmüthiges Anerbieten ausſchlüge und ſeinem Kinde einen blutigen Schimpf anthäte, es mir jemals ver⸗ geben? Er würde mich haſſen, mit allem Feuer ſeiner väterlichen Entrüſtung. Was ſollte aus mir, aus uns Allen werden, ſo in die Mitte geſetzt zwiſchen der Feindſchaft von Herrn Heuvels und von dem Notar, den beiden vermöglichſten und einflußreichſten Einwohnern der Gemeinde? Habe ich wohl das Recht, unſere Mutter und den Großvater und Dich auf in Hoffnu völlige Fri Der C und C Thrän. „U Lamm, es nich Verehe hier fo jenigen liebt h leiten, ſie ges Die Schmer Angſtſe Glieder „D welche Trauer Was tl Die brochen Das Y gen; d Sie ſunken, nicht hi Erſt al rgemacht in es für en?“ fiel Liebe zu zweifle em Glück, nn ich es von Euch ch? Aber ich zu ner Hoff⸗ Zukunft ich werde d. Nun, Menſch gen, dem ere Lage de; daß haft von tter er⸗ ich ſein em Kinde als ver⸗ ter ſeiner rir, aus zwiſchen on dem ßreichſten o das ind Dich 243 auf immer unglücklich zu machen, damit ich eine Hoffnung feſthalten kann, deren Verwirklichung eine völlige Unmöglichkeit geworden iſt?“ Franciska ſchien überwunden und antwortete nicht. Der Gedanke einer Heirath zwiſchen ihrem Bruder und Conſtantia erfüllte ſie mit Verzweiflung. Neue Thränen entſtürzten ihren Augen. „Unglückliche Adelina!“ ſtöhnte ſie;„armes Lamm, das geopfert werden muß. O, Bruder, kann es nicht anders ſein, ſo beſchleunige wenigſtens Deine Verehelichung, ich bitte Dich. Ziehen wir ſchnell von hier fort. Ich will die Todtenglocke nicht über Der⸗ jenigen läuten hören, die uns ſo treu und innig ge⸗ liebt hat; ich will ihre Leiche nicht zum Grabe ge⸗ leiten, welches das Schickſal durch unſere Hand für ſie geöffnet haben wird.“ Dieſe Klage, mit dem Ausdruck des tiefſten Schmerzes hervorgeſtoßen, entriß dem Jüngling einen Angſtſchrei; ein convulſiviſches Zittern faßte ſeine Glieder, während er mit hohlem Tone murmelte: „Die Todtenglocke? Ihre Leiche? O, mein Gott, welche Prüfung! Und keine Wahl iſt mir gelaſſen: Trauer, Verzweiflung, Unglück nach allen Seiten! Was thun? Liebe Schweſter, was thun?“ Die Frage blieb ohne Antwort. Eine ununter⸗ brochene Stille herrſchte eine Weile in dem Zimmer. Das Mädchen weinte mit den Händen vor den Au⸗ gen; der Jüngling ſchaute vernichtet zu Boden. Sie waren ſo tief in ihre bittern Gedanken ver⸗ ſunken, daß ſie ſelbſt das Knarren eines Fuhrwerks nicht hörten, welches vor der Thüre Halt machte. Erſt als eine laute Stimme in dem Gang ertönte, 16* 244 eine bekannte Stimme, die den jungen Mann leb⸗ haft überraſchte, ſtand er auf und ſprach eilig zu ſeiner Schweſter: „Franciska, verbirg Deine Thränen. Mich dünkt, es iſt Herr Van Horſt, den ich höre! Du weißt wohl, der Beſitzer des Schloſſes, der immer rauchte. Er wird mich ſehen und ſprechen wollen.. Das Mädchen war im Begriff, das Kabinet zu verlaſſen; aber ſie bemerkte, daß die Thürklinke be⸗ reits gefaßt wurde, und zog ſich in die fernſte Ecke des Gemachs zurück, wo ſie ſich an das Fenſter ſtellte und ihr Angeſicht ſo viel möglich zu verbergen ſuchte. Die Thüre wurde unmittelbar darauf geöffnet und Herr Van Horſt trat halb frohlockend ein. Seine Wangen trugen die Blüthe der Geſundheit, ſeine Augen funkelten von Lebensluſt und Muth, ſeine Glieder waren ſtart. Wer ihn zuvor bleich und mager geſehen hatte, würde ihn mit Mühe erkannt haben. Trotz des aufgeregten Zuſtandes, worin ſich der Doctor befand, verwunderte er ſich doch nicht wenig bei dem Anblick einer ſo gründlichen Veränderung; aber Herr Van Horſt ließ ihm kaum Zeit, einen Gruß zu ſtammeln. Seine beiden Hände faſſend, ſprach er: „O, mein guter, mein lieber Doctor, das Herz klopft mir in der Bruſt vor Freude und Erkenntlich⸗ keit! Sie ſehen mich ganz verändert, nicht wahr? Die Geſundheit, welche mir wieder geſchenkt wurde, iſt Ihr Werk, Ihr Werk allein. Ihnen bin ich mein Leben ſchuldig, und wenn ich es je vergeſſen könnte, würde ein V Ihnen geſchri Geneſt ſie die Herr 2 als Ar 35 einen( zerſtreu noch m Rath z haben i „Hätte arme, mir nie und Lel was Ar herrſchte daß me Valkiers haben 1 der Hir Es ſteckt zur Hei nicht da Adol dieſer Lt ſich Gede Van Ho kann leb⸗ eilig zu ch dünkt, weißt rauchte. ibinet zu linke be⸗ nſte Ecke Fenſter erbergen geöffnet i. Seine t, ſeine h, ſeine eich und erkannt ſich der t wenig derung; , einen faſſend, as Herz enntlich⸗ wahr wurde, ich mein önnte, 24⁵5 würde ich eine ſolche Undankbarkeit mir ſelbſt als ein Verbrechen zum Vorwurf machen. Ich habe Ihnen während meiner langen Abweſenheit nicht geſchrieben; ich wollte Sie durch meine vollſtändige Geneſung überraſchen. Hier bin ich nun! Schauen ſie die vollen Wangen, die kräftigen Arme! O, Herr Valkiers, Sie ſind noch jung, aber Ihr Blick als Arzt iſt von einer wunderbaren Sicherheit!“ „Ich danke Gott, daß er mir geſtattete, Ihnen einen guten Rath zu ertheilen,“ antwortete Adolph zerſtreut.„Jedoch, Herr Van Horſt, ich danke ihm noch mehr, daß er Ihnen den Willen verlieh, dieſen Rath zu befolgen. Ihrem eigenen feſten Muthe haben Sie Ihre Geſundheit zu danken.“ „Immer gleich beſcheiden!“ ſcherzte Van Horſt. „Hätte mein Gärtner mir nicht erzählt, wie viele arme, verlaſſene Kranke Sie kurirt haben; hätte er mir nicht aus einander geſetzt, wie Sie Geſundheit und Lebenskraft hervorriefen in Hütten, wo nie et⸗ was Anderes, als Elend, Fäulniß und Siechthum herrſchten, dann könnten Sie mich glauben machen, daß meine Geneſung ein glücklicher Zufall iſt. Herr Valkiers, Sie müſfen mehr Vertrauen zu ſich ſelbſt haben und die Fähigkeiten nicht mißkennen, welche der Himmel in ſeiner Güte Ihnen verliehen hat. Es ſteckt da in Ihrem Haupte ein mächtiger Geiſt, zur Heilung menſchlicher Gebrechen, zweiflen Sie nicht daran!“ Adolph murmelte einige Worte zur Ablehnung dieſer Lobſprüche und ſchwieg dann ſtill. Er ſchien ſich Gedanken hinzugeben, welche mit dem, was Herr Van Horſt ihm ſagte, Nichts gemein hatten. 246 Dieſer klopfte ihm freundlich auf die Schulter und ſprach: „Aber, mein lieber Doctor, ſagen Sie mir ein⸗ mal, haben Sie noch nie gefühlt, daß ein Dorf ein viel zu enger Schauplatz für einen Mann, wie Sie, iſt? Iſt der Wunſch, in einer großen Stadt zu woh⸗ nen, noch niemals in Ihnen aufgeſtiegen? Vielleicht nicht? Sie ſind ſo demüthig! Aber die Wiſſenſchaft des Arztes gehört der Menſchheit. Fühlen Sie die Kraft in ſich, mehren Kranken Heilung zu bringen, dann dürfen Sie nicht an einem Orte bleiben, wo es deren nur wenige gibt. Mich dünkt, in einer großen Stadt müſſen Ihnen Ruhm und Vermögen unfehlbar zufallen. Ich geſtehe, mein guter Herr Valkiers, daß wohl ein Bischen Selbſtſucht in meinen Worten liegt. Mein Landhaus will ich nicht mehr bewohnen; ich werde nur von Zeit zu Zeit einige Tage daſelbſt zubringen; aber ich habe mir zu Ant⸗ werpen ein ſchönes und bequemes Haus eingerichtet. Da werde ich fortan bleiben. Ich möchte Ihr beſter Freund ſein, Sie täglich ſehen und des Geſprächs mit Ihnen mich erfreuen. Wenn Sie nur einwillig⸗ ten, in Antwerpen ſich niederzulaſſen; ich habe vielen Einfluß, und, ſeien Sie überzeugt, angetrieben wie ich bin durch eine innige Dankbarkeit, werde ich Ihnen daſelbſt bald gute und zahlreiche Kunden verſchaffen, um Sie die beſchränkte Dorfpraxis ver⸗ geſſen zu laſſen. Es iſt ein Gedanke, der mir ſeit Monaten im Kopfe herumgeht. Was ſagen Sie dazu, Doctor?“ Adolph ſchüttelte mißmuthig den Kopf. Durch die Worte von Herrn Van Horſt betroffen, war 2 in ihr bar w licher mit ih Zured 32 „Ihr nehme in ein gebore Fr „A verwur ſo hab Brude geſcheh heit; e jenige, ſoll.“ M armer Stadt De berde zurückz werthe nicht d „S iſt mei ihm da liches„ Schulter mir ein⸗ Dorf ein wie Sie, z woh⸗ Vielleicht iſſenſchaft Sie die bringen, iben, wo in einer Vermögen uter Herr in meinen icht mehr it einige r zu Ant⸗ ngerichtet. Ihr beſter Geſprächs einwillig⸗ be vielen ieben wie verde ich Kunden aris ver⸗ mir ſeit Sie dazu, betroffen, 247 war Franciska allmälig näher getreten. Obwohl in ihren Augen noch die Spuren der Thränen ſicht⸗ bar waren, erhellte doch ein ſeltſames Lächeln ängſt⸗ licher Freude allmälig ihr Angeſicht, und ſie ſchien mit ihrem Blicke Herrn Van Horſt anzuflehen, ſeine Zureden fortzuſetzen. „Nicht wahr, mein ſchönes Fräulein,“ ſagte er, „Ihr Bruder muß ſeinen Aufenthalt in Antwerpen nehmen? Es iſt zu traurig, ein ganzes Leben alſo in einem Dorfe hinſchleppen zu müſſen, wenn man geboren iſt, in einer großen Stadt zu glänzen?“ Franciska gab gleichfalls keine Antwort. „Aber, was fehlt Ihnen Beiden?“ rief Van Horſt verwundert.„Irre ich mich nicht, liebes Fräulein, ſo haben Sie wahrhaftig Thränen vergoſſen. Ihr Bruder horcht kaum auf meine Worte. Was iſt hier geſchehen? Vergeben Sie mir meine Unbeſcheiden⸗ heit; es ſchmerzt mich, denken zu müſſen, daß Der⸗ welcher mir das Leben gerettet hat, leiden 0 Mit leiſer Stimme murmelte Franciska:„Mein armer Bruder hat Kummer, weil er nicht in die Stadt überſiedeln kann.“ Der Jüngling zitterte und ſuchte durch eine Ge⸗ berde die Worté auf den Lippen ſeiner Schweſter zurückzuhalten; ſie aber, Nichts als das beklagens⸗ werthe Loos Adelina's vor Augen habend, achtete nicht darauf, ſondern fuhr fort: „Sehen Sie, mein Herr, der Doctor da drüben iſt meinem Bruder feind geworden. Das verbittert ihm das Leben und verurſacht uns Allen unaufhör⸗ liches Herzeleid. Wir ſind nicht glücklich.“ 248 Herr Van Horſt rieb ſich die Hände vor Freude in der Vorausſicht, daß der Erfüllung ſeines Wun⸗ ſches weniger Hinderniſſe im Wege ſtehen, als er ge⸗ dacht hatte. „Nun, meine lieben Freunde,“ rief er,„was iſt unter dieſen Umſtänden einfacher, als einem Orte Lebewohl zu ſagen, wo man nicht in Frieden leben kann? Ei, Herr Valkiers, faſſen Sie einen guten Entſchluß. Nehmen Sie Ihre Wohnung in der Stadt; ich bürge Ihnen für ein vollſtändiges Ge⸗ lingen.“ „Unmöglich; ich darf an ſo Etwas nicht denken,“ antwortete Adolph.„Ich bekenne, Herr Van Horſt, ich würde Gott dafür preiſen, wenn ich Ihren edel⸗ müthigen Wunſch erfüllen könnte: aber es gibt Hin⸗ derniſſe, die man nicht zu überwinden vermag. Ich danke Ihnen jedoch für Ihre Güte.“ „Darf ich wiſſen, welches die Hinderniſſe ſind?“ Der Jüngling ſchüttelte traurig den Kopf. „Sich in der Stadt niederlaſſen,“ antwortete Franciska,„das iſt Etwas, das für den Anfang große Ausgaben erfordert, mein Herr. Unſere El⸗ tern haben viele Opfer gebracht: es fehlen uns jetzt die Mittel dazu.“ „Ha, ha!“ lachte Van Horſt,„iſt es nichts An⸗ deres? Um ſo beſſer! Geld iſt es alſo, was Ihnen fehlt? Allerdings, um ein bequemes Haus dort ein⸗ zurichten und ſich auf einen Fuß zu ſtellen, der Ih⸗ rem Berufe entſpricht, bedarf es noch einer gewiſſen Summe. Bah, laſſen Sie ſich das nicht anfechten! Warum wollten Sie mir das nicht ſagen? Ich ſollte eigentlich darüber zürnen. Sie haben mir das Leben gerette Nun, es gu an Ge nach d rathen borgen keit in edelmü legte. es Ihr daß es ich dieſ mich hi mich ſo N von eir unfehlb einmal Geneſu hat mi ſchenkt, bekümm Ich we das iſt gen, da mir All pflichtun auf mei der Ste nicht lä or Freude es Wun⸗ ils er ge⸗ „was iſt nem Orte den leben ten guten in der iges Ge⸗ denken,“ an Horſt, ren edel⸗ gibt Hin⸗ ag. Ich ſe ſind?“ pf. ntwortete Anfang nſere El⸗ uns jetzt chts An⸗ s Ihnen dort ein⸗ der Ih⸗ gewiſſen nfechten! ch ſollte Leben 249 gerettet, und zweifeln an meiner Dienſtwilligkeit! Nun, ſeien Sie aufrichtig gegen mich; denn ich meine es gut mit Ihnen. Sagen Sie mir, iſt Mangel an Geld das einzige Hinderniß, was Sie abhält, nach der Stadt zu ziehen?“ „Meine Schweſter hat Ihnen ein Geheimniß ver⸗ rathen, das ich, vor Ihnen wenigſtens, gern ver⸗ borgen hätte,“ antwortete Adolph mit mehr Feſtig⸗ keit in der Stimme.„Ich vergebe es ihr, weil eine edelmüthige Abſicht ihr die Worte in den Mund legte. Nun Sie es wiſſen, Herr Van Horſt, will ich es Ihnen, ohne die Sache zu bemänteln, bekennen, daß es für mich ein unſägliches Glück wäre, wenn ich dieſen Ort verlaſſen könnte. Nichts Anderes hält mich hier zurück, als der Mangel an Mitteln, um mich ſonſt wo niederzulaſſen.“ „Nun, das iſt gut, Doctor. Sie haben mich von einem Leiden kurirt, das ohne Ihre Hülfe mich unfehlbar in's Grab gebracht hätte. Wir wollen einmal ſehen, ob ich nicht im Stande bin, Ihnen Geneſung von Ihrem Kummer zu verſchaffen. Gott hat mir eine große Quantität der Heilmittel ge⸗ ſchenkt, welche hiezu nöthig ſind. Es iſt abgemacht: bekümmern Sie ſich um dieſe Sache nicht mehr. Ich werde Ihnen Geld leihen, Ihnen Geld geben, das iſt mir ganz einerlei; ich werde ſchon dafuͤr ſor⸗ gen, daß Sie darüber nicht in Verlegenheit kommen, mir Alles zurückzuzahlen, wenn Sie lieber keine Ver⸗ pflichtung gegen mich übernehmen wollen.... Ich habe auf meinem Landhauſe drei oder vier Perſonen aus der Stadt, welche mich erwarten. Jetzt kann ich nicht länger bei Ihnen bleiben; ſie würden ſonſt un⸗ 25⁵⁰ geduldig. Morgen, um zehn Uhr, müſſen Sie bei mir das Mittagsmahl einnehmen, Doctor; wir wollen dann unſern ſchönen Plan beſprechen und Alles ge⸗ nau feſtſtellen. Nehmen Sie mir nicht übel, meine lieben Freunde, daß ich Sie jetzt verlaſſe, und ent⸗ ſchuldigen Sie meine Zudringlichkeit. So ſind ein⸗ mal meine Manieren; aber glauben Sie mir, daß die rauhe Aufrichtigkeit bei mir der Achtung, welche ich gegen Sie empfinde, keinen Eintrag thut.“ Er hatte bereits einige Schritte gemacht; da ſchlug er ſich vor die Stirne, gleich Jemand, der ſich plötzlich an Etwas, das ihm entfallen iſt, wieder er⸗ innert, ſteckte die Hand in die Taſche und ſagte, in das Zimmer zurücktretend: „Welche Zerſtreutheit, Doctor! Faſt hätte ich noch den beſondern Zweck meines Beſuchs vergeſſen. Doe⸗ tor, ich bin gekommen, Ihnen meine Rechnung zu bezahlen. Sie lachen? Sie wollen ſagen, die Rech⸗ nung für einen einzigen Beſuch könne ſich nicht hoch belaufen. Ich weiß es wohl. Auch bin ich nicht der Anſicht, daß ich Ihnen hiefür eine ungewöhnliche Summe ſchulde. Aber Ihre Beſcheidenheit kennend, habe ich mir die Rechnung ſelbſt gemacht; ich habe aufgezählt, was Sie an mir hätten verdienen können, wären Sie nicht uneigennützig genug geweſen, Ihren Kranken nach der Stadt zu ſchicken.“ Er nahm ein verſchloſſenes Blatt Papier aus ſeiner Brieftaſche, legte es mit haſtiger Bewegung auf einen nebenſtehenden Schrank und ſagte, das Zimmer verlaſſend: „Sie werden mir morgen die Quittung dafür geben. Sie m Ka ihrem! „A uns zu Glück! rathen De löſung gend u und eir leicht b lichkeit währen Schweſ Fra In den den Se Papier und ſa „H es enth doch eit tröſten Ado Blatt; gedruckt Er teten de einande n Sie bei vir wollen Alles ge⸗ el, meine und ent⸗ ſind ein⸗ mir, daß g, welche ut.“ tacht; da d, der ſich vieder er⸗ ſagte, in te ich noch ſen. Doe⸗ hnung zu die Rech⸗ nicht hoch ich nicht wöhnliche kennend, ich habe nkönnen, n, Ihren ier aus wen gte, das ig dafür 25¹ geben. Bleiben Sie, bleiben Sie, Freunde, folgen Sie mir nicht. Leben Sie wohl! Leben Sie wohl!“ Kaum war er verſchwunden, ſo ſprang Franciska ihrem Bruder um den Hals und rief begeiſtert aus: „Adolph, Adolph, es iſt ein Engel, den Gott uns zur Rettung von Adelina geſandt hat! Welches Glüc! Nun brauchſt Du Conſtantia nicht zu hei⸗ rathen!“ Der Jüngling war durch dieſe unerwartete Er⸗ löſung ſo ſehr gerührt, daß er ſeine Schweſter ſchwei⸗ gend umarmte. Thränen glänzten in ſeinen Augen, und ein mildes Lächeln erhellte ſein Angeſicht. Viel⸗ leicht blieb in ſeinem Gemüthe noch einige Bedenk⸗ lichkeit zurück, ſich ganz der Freude hinzugeben, denn während er ſeine Arme von den Schultern der Schweſter zurückzog, ſprach er leiſe bei ſich ſelbſt: „Was wird die Mutter ſagen?“ Franciska ſchien dieſe Frage nicht zu beachten. In dem Entzücken, das ſie empfand, war ſie auf den Schrank zugelaufen, und hatte das verſchloſſene Papier ergriffen. Sie reichte dasſelbe ihrem Bruder und ſagte mit Ungeduld: „Heffne es, Adolph, öffne es! Wer weiß, was es enthält! Das Herz klopft mir laut. Wenn es doch ein Mittel in ſich ſchlöſſe, um unſere Mutter zu tröſten und zu erfreuen?“ Adolph öffnete langſam das zuſammengefaltete Blatt; es ſtand Richts darin geſchrieben, aber zwei gedruckte Zettel fielen daraus zu Boden. Er wie ſie rafften einen davon auf und betrach⸗ teten denſelben einen Augenblick. Dann ſchauten ſie einander mit Beſtürzung an. 252 „Zweitauſend Francs!“ murmelte Adolph. Aber Franciska ſtieß, ſobald ſie recht begriffen hatte, daß es keine Verblendung ihrer Sinne war, plötzlich einen Freudenſchrei aus und rief, die Thüre öffnend, ſo laut ſie konnte: „Mutter, ſchnell, komm, komm, glückliche Neuig⸗ keiten, glückliche Neuigkeiten!“ Frau Valkiers, die ungeduldig in einem Neben⸗ zimmer auf den Entſchluß wartete, welchen ihr Sohn bezüglich ſeiner Heirath mit Conſtantia faſſen würde, erſchien unmittelbar im Kabinet und fragte lächelnd: „Ah, ah, glückliche Neuigkeiten? Ich darf alſo dem Notar Deine Zuſtimmung melden?“ Franciska ließ ihrem Bruder keine Zeit zur Ant⸗ wort. Sie nahm ihm die Bankzettel aus der Hand und rief, indem ſie die beiden kleinen Papierblättchen ihrer Mutter in die Hand legte, aus: „Sieh, Mutter, das iſt fur Dich, ganz für Dich! Adolph hat es ehrlich verdient. Es iſt die Rechnung von Herrn Van Horſt. Zweitauſend Francs! Jetzt wirſt Du nicht mehr in Verlegenheit ſein, um den Apotheker von Antwerpen zu bezahlen, nicht wahr?“ Die Wittwe betrachtete ſtumm die Papierblätt⸗ chen und ſchaute dann fragend ihrem Sohn in die Augen, als zweifelte ſie an der Wirklichkeit dieſer unerwarteten Hülfe. „Ich will Dir die Sache erklären, Mutter,“ ſagte der Jüngling.„Herr Van Horſt iſt geſund gewor⸗ den, und ſo ſtark und kräftig, daß es zum Verwun⸗ dern iſt. Er glaubt nun denken zu müſſen, daß mein Rath ihm das Leben erhalten hat. In ſeiner Dankbarkeit hat er mich für den vorausgeſetzten gu⸗ ten Die ſind der gehören nach G jubelte viele De denn zu Ausgab tauſend gehen; zugehen „Ab „an einé nimmt( Ein Wittwe, Sohn. „Du chen fort „daß Her in Antw ſo viel( er wird nen Schi wir vor morgen wird All ſoll jetzt Perſon h „Ado wahr ſeir pb. begriffen nne war, die Thüre e Neuig⸗ n Neben⸗ ihr Sohn n würde, lächelnd: darf alſo zur Ant⸗ e Hand blättchen ür Dich! technung s! Jetzt um den wahr?“ ierblätt⸗ n in die it dieſer „ ſagte gewor⸗ berwun⸗ n, daß n ſeiner zten gu⸗ 253 ten Dienſt belohnen wollen. Die zweitauſend Francs ſind der Betrag ſeiner Rechnung, wie er ſagt. Sie gehören Dir als volles Eigenthum, und Du magſt nach Gutdünken darüber verfügen.“ „Er ſei geſegnet für ſeine edelmüthige Güte!“ jubelte Frau Valkiers.„Zweitauſend Franes! Wie viele Demüthigungen wird uns dieſes Geld erſparen! denn zu einer Heirath, Adolph, gehören noch manche Ausgaben, die nicht zu vermeiden ſind. Die zwei⸗ tauſend Francs werden wohl größtentheils darauf gehen; jetzt brauchen wir doch Riemand darum an⸗ zugehen „Aber, Mutter,“ fiel Franciska ihr ins Wort, „an eine Heirath iſt nicht mehr zu denken. Adolph nimmt Conſtantia nicht zur Frau.“ Ein Ruf peinlicher Ueberraſchung entſchlüpfte der Wittwe, und ſie warf einen ſtrengen Blick auf ihren Sohn. „Du weißt noch nicht, Mutter,“ fuhr das Mäd⸗ chen fort, ohne Jemand zum Wort kommen zu laſſen, „daß Herr Van Horſt darauf beſteht, wir ſollen uns in Antwerpen niederlaſſen. Er wird Adolph hiezu ſo viel Geld geben oder leihen, wie dieſem beliebt; er wird ihm reiche Kunden beſorgen, ihn unter ſei⸗ nen Schutz nehmen und dazu behülflich ſein, daß wir vor aller Noth geborgen werden. Adolph muß morgen auf das Landhaus zum Eſſen gehen; da wird Alles, was dazu gehört, abgemacht. Warum ſoll jetzt mein Bruder noch gegen ſeinen Willen eine Perſon heirathen, die er nicht liebt?“ „Adolph, Adolph,“ ſeufzte die Wittwe,„ollte es wahr ſein, daß Du nicht davor zurückſcheuſt, Con⸗ 25⁵4 ſtantia's Hand auszuſchlagen? Könnteſt Du eine ſo empfindliche Beleidigung Leuten anthun, welche uns die Beweiſe des höchſten Edelmuths gegeben haben? Kind, Kind, Du weißt nicht, welcher Undankbarkeit Du Dich vor Gott und Menſchen ſchuldig machſt!“ Die Hand ſeiner Mutter faſſend und mit Zärt⸗ lichkeit drückend, ſprach der Jüngling: „Höre mich geneigt an, Mutter. Entſcheide dann ſelbſt über mein Loos. Vor Herrn Van Horſt's An⸗ kunft hatte ich beſchloſſen, Deinen Wunſch zu erfüllen und Conſtantia zu heirathen. Ich erkannte, daß von meiner Seite Etwas geſchehen müſſe, das Dich vor Erniedrigung bewahren und den Frieden Deiner alten Tage ſichern könnte. Ich hatte meine Pflicht be⸗ griffen und würde ihr auch Genüge gethan haben, wenn nicht mit freudigem Muthe, doch mit Unter⸗ werfung und Gelaſſenheit. Und dennoch, Mutter, der bloße Gedanke an dieſe Heirath machte mir das Herz bluten und jagte mir wahren Schrecken ein. Ich hegte die Ueberzeugung, daß ich, während mein Opfer Dich glücklich machte, ich allein zu einem bit⸗ tern Leben und zu ewigem Leiden verurtheilt wurde.“ „Aber warum das?“ fragte die Mutter beſtürzt. „Wie ſchwer fällt mir dieſe Offenbarung, ſelbſt gegenüber von Dir!“ fuhr der Jüngling tief bewegt fort.„Siehſt Du, Mutter, ich liebe Conſtantig nicht... Ich liebe Adelina. Ich weiß, es bleibt mir keine Hoffnung, dieſe Liebe belohnt zu ſehen; aber es iſt ein Gefühl, das in mir erſt mit dem Tode erlöſchen kann!“ „Du liebſt Adelina!“ murmelte die Mutter.„Die Tochter „Adelin zu, we zweiflun nommen geweſen, Adelina Und Du bohren, lieben? Adelina' haben. Grauſan Frau glänzte drückend, „Err ſtantia I ich imme trügen, chen, di begreiſſt ſolchen„ Dankbar heimen: glück mei „Wel ſeufzte di „Nun ling;„ka u eine ſo elche uns n haben? ankbarkeit machſt!“ mit Zärt⸗ eide dann orſt's An⸗ uerfüllen daß von Dich vor iner alten flicht be⸗ n haben, it Unter⸗ Mutter, mir das cken ein. end mein inem bit⸗ wurde.“ beſtürzt. g, ſelbſt f bewegt onſtantia es bleibt u ſehen; mit dem er.„Die 255 Tochter unſeres Feindes! Sie, welche Dich vielleicht haßt!“ „Wie kannſt Du ſo Etwas ſagen!“ rief Franciska. „Adelina verkümmert und wankt ſichtbar dem Grabe zu, weil ihre Liebe zu meinem Bruder ſie in Ver⸗ zweiflung ſtürzt. Hätte er Conſtantia's Hand ange⸗ nommen, ſo ſei überzeugt, es wäre alle Eile nöthig geweſen, von hier wegzukommen, damit wir die arme Adelina nicht müßten auf den Kirchhof tragen ſehen. Und Du verlangſt, Adolph ſoll das edle Herz durch⸗ bohren, welches nie aufgehört hat, uns Alle ſo innig zu lieben? Ach, liebe Mutter, mache ihn nicht zum Mörder Adelina's! Er würde keine Ruhe mehr auf der Welt haben. Gott würde uns in ſeinem Zorn für ſolche Grauſamkeit ſtrafen.“ Frau Valkiers war tief gerührt; eine Thräne glänzte in ihren Augen. Ihre Hand auf's Neue drückend, ſagte Adolph: „Erwäge, Mutter, welches mein Loos bei Con⸗ ſtantia ſein würde. An ihrer Seite ſitzend, würde ich immer an eine Andere denken; ich würde ſie be⸗ trügen, Liebe gegen ſie heucheln, falſche Worte ſpre⸗ chen, die mir nicht aus dem Herzen kämen. Und begreifſt Du nicht, Mutter, all das Schreckliche eines ſolchen Zuſtandes? Trotz meiner Achtung, meiner Dankbarkeit gegen Conſtantia, würde ich ſie im Ge⸗ heimen meiner Seele als die Urſache von dem Un⸗ glück meines Lebens anklagen!“ „Welche Entdeckung! Hätte ich das gewußt!“ ſeufzte die Wittwe. „Nun, Mutter, entſcheide ſelbſt,“ ſagte der Jüng⸗ ling;„kann ich Conſtantia's Hand annehmen?“ 256 „Nein, nein, an dieſe Heirath dürfen wir nicht mehr denken... Aber wie ſollen wir den Notar die Weigerung wiſſen laſſen? Es iſt eine ſchreckliche.. „Der Großvater ſoll zu ihm gehen“ fiel Franciska ein.„Verdrießlich und unangenehm iſt eine ſolche Botſchaft ſicherlich; aber was iſt dagegen zu machen? Die Nothwendigkeit gebietet es.“ „Der Großvater wird die Sendung nicht überneh⸗ men wollen, dieß würde ſich auch nicht ziemen,“ mur⸗ melte die Wittwe in tiefer Ueberlegung.„Es gibt hier Geheimniſſe, die nicht laut werden dürfen. Eine Mutter allein kann ſolche Dinge mit der nöthigen Vorſicht behandeln. Ich werde zu dem Notar gehen.“ Adolph ſprang ihr an den Hals und ſprach, ſie küſſend: „Donk, Dank, Mutter! Sei geſegnet für ſo viele Liebe!“ „Und nun, Kinder, folgt mir,“ ſprach die alte Frau in ſanftem Tone.„Großvater iſt oben. Ueber⸗ laß mir die Sorge, Adolph, ihm begreiflich zu machen, daß Deine Heirath mit Conſtantia ein Unglück für uns Alle wäre.“ „Ach, Gott im Himmel ſei gelobt!“ rief Fran⸗ ciska, vor Freude in die Hände klatſchend.„Die arme Adelina! könnte ſie nur wiſſen, was hier vor⸗ eht!“ Alle verließen das Kabinet, um den Greis auf⸗ zuſuchen, der mit Ungeduld auf Adolphs Einwilli⸗ gung wartete. In abgelaſſ Herr H Augen obwohl daß er zu käm Da Adelina lang n fand ke Seußzer Zu mit Ar Tücherr Platz 0 Geſicht zurück, ſtören. Di auf di war, h We ſeiner er, ſeh worden gab ih kränker Stund⸗ Con vir nicht Rotar die 5 Franciska ne ſolche machen? überneh⸗ n mur⸗ „Es gibt fen. Eine nöthigen wgehen.“ prach, ſie r ſo viele die alte n. Ueber⸗ u machen, ckfür uns rief Fran⸗ nd.„Die hier vor⸗ Greis auf⸗ Einwilli⸗ X. In einem Zimmer, deſſen Fenſtergardinen her⸗ abgelaſſen waren, um das Licht zu mäßigen, lag Herr Heuvels auf einem Bette ausgeſtreckt. Seine Augen waren geſchloſſen, und er ſchien zu ſchlafen, obwohl von Zeit zu Zeit leiſe Zuckungen bezeugten, daß er ſehr leidend war und mit einer innern Pein zu kämpfen hatte. Das Haupt tief auf die Bruſt gebeugt, ſaß Adelina neben dem Bette ihres Vaters. Viel und lang mußte ſie geweint haben; denn ihr Schmerz fand keinen äußerlichen Ausdruck mehr, als hohle Seufzer und dumpfes Stöhnen. Zu den Füßen des Bettes, an einem Tiſche, der mit Arzneiflaſchen, mit Kühlgetränken und leinenen Tüchern beladen war, hatte Barbara, die Magd, Platz genommen. Sie ſtarrte bedrückt auf das bleiche Geſicht ihres Herrn, und hielt ſelbſt den Athem zurück, um ſeinen ſcheinbaren Schlummer nicht zu ſtören. Die Beſorgniß von Herrn Heuvels in Bezug auf die Gefahr, wovon ſeine Geſundheit bedroht war, hatte ſich verwirklicht. Wenige Tage nachdem er die Entdeckung von ſeiner Tochter Liebe zu Adolph gemacht hatte, war er, ſehr ſpät am Abend, auf den Kreuzhof gerufen worden. Der Bote, den man ihm geſchickt hatte, gab ihm zu verſtehen, daß der Pächter plötzlich viel kränker geworden ſei, und man befürchte, ſeine letzte Stunde habe geſchlagen; außerdem ſetzte er hinzu, Conſcience, der junge Doctor. 17 258 ſeine Herrſchaft habe für gut gefunden, zwei Aerzte zu Rathe zu ziehen, und ihm zugleich befohlen, auch Herrn Valkiers zu rufen. Da Herr Heuvels ein Fuhrwerk und zwei gute Pferde zu ſeiner Verfügung hatte, brauchte er ſich nicht zu beeilen, um vor Adolph, der zu Fuß gehen mußte, auf dem Kreuzhofe anzukommen. Aber in des Doctors Gemüth hatte ſich beinahe fanatiſcher Weiſe der Gedanke feſtgeſetzt, Adolph habe keinen andern Vortheil über ihn, als ſeine Jugend, und er könne es ſeinem Nebenbuhler nicht beſſer gleich thun, als indem er ihm zeige, daß er an Thätigkeit und Leibeskraft nicht hinter ihm zurückſtehen müſſe. Herr Heuvels ließ alſo eilig ſein beſtes Pferd einſpannen, ſetzte ſich hinter dem Knecht in die offene Chaiſe und gab Befehl zur Abfahrt. Die Winde wehten aus Nordweſten und es war ſehr kalt und feucht, aber der Doctor wickelte ſich in ſeinen ſchwe⸗ ren Mantel und ſchützte ſo ſeine Glieder gegen den Einfluß der kalten Nachtluft. Auf eine ziemliche Entfernung von dem Kreuzhof waren die Wege unfahrbar, beſonders bei Nacht. Der alte Doctor ſah ſich alſo genöthigt, beinahe eine halbe Stunde weit in der Dunkelheit durch Schlamm und Waſſer zu laufen. Als er auf dem Hofe ankam, zeigte ſich, was er vorausgeſehen, nämlich daß der Pächter, welcher an der Hypo oder Milzſucht litt, ſich eingebildet hatte, er ſei vom Tode bedroht, obwohl in ſeinem Zuſtande wirklich keine Aenderung eingetreten war. Um des Mannes aufgeregte Nerven zu beruhigen, ließ er ihm einige Unzen Blut aus dem Arme ab;— dan entfernt Hofe u zu ſein wartete Jet mäßig Nichts watete nicht z träufelt Er weiter fahren, es ihm ſo dur men. aber ſe pfanger krankha Freude in reck und bo Mi er ſich begegn De Knechte als es der W Wä auf der ſeinem ei Aerzte len, auch zwei gute auchte er r zu Fuß en. Aber fanatiſcher be keinen d, und er leich thun, igkeit und üſſe. ſtes Pferd die offene ie Winde kalt und nen ſchwe⸗ gegen den n Kreuzhof bei Nacht. „ beinahe heit durch h, was et welcher an t hatte, et Zuſtande Um des , ließ er — dann 259 entfernte er ſich nach kurzem Verweilen von dem Hofe und eilte ebenſo ſchnell über den kothigen Weg zu ſeinem Fuhrwerke, das in der Ferne auf ihn wartete. Jetzt hatte er keinen Grund mehr, ſich ſo un⸗ mäßig abzumühen, da ſein Beſuch abgethan war. Nichts deſto weniger beſchleunigte er ſeinen Schritt, watete keuchend durch den Schlamm dahin und ſchien nicht zu achten, daß der Schweiß ihm von der Stirne träufelte. Er wünſchte an ſeinem jungen Nebenbuhler ſchon in weiter Entfernung von dem Kreuzhofe vorüber zu fahren, um ihm begreiflich zu machen, wie ſehr er es ihm nöthigen Falls vorausthun könne, und ihn ſo durch das Gefühl ſeines Unvermögens zu beſchä⸗ men. Ohne Zweifel war eine ſolche Rache kleinlich; aber ſeitdem er das Geſtändniß ſeiner Tochter em⸗ pfangen hatte, war ſein Haß gegen Adolph in eine krankhafte Wuth umgeſchlagen, und er hätte mit Freuden den Valkiers alles mögliche Leid angethan, in rechtmäßiger Selbſtvertheidigung gegen argliſtige und boshafte Feinde. Mit einem Gefühl triumphirender Freude näherte er ſich ſeinem Fuhrwerke; er war Adolph noch nicht begegnet, folglich mußte dieſer noch weit zurück ſein. Der Doctor ſtieg in die Chaiſe und gebot dem Knechte, das Pſerd ſo ſchnell auslaufen zu laſſen, als es die Finſterniß und die ſchlechte Beſchaffenheit der Wege nur geſtattete. Während er ſeine Sehkraft anſtrengte, um Adolph auf der Haide zu entdecken, ließ er den Wind unter ſeinem Mantel ſpielen und blieb einige Zeit, ohne 1 260 es zu bemerken, der nachtheiligen Einwirkung der feuchten Nachtluft ausgeſetzt. Bald fühlte er jedoch ein innerliches Erzittern und zuletzt auch einen plötz⸗ lichen Schauer, der ihm gleich einer eiskalten Fluth vom Kopf bis auf die Füße über die Glieder lief. Jetzt überkam ihn die Furcht, er habe ſich eine arge Erkältung auf den Hals geladen:— er wickelte ſich in ſeinen Mantel, zog ſich, ſo tief er konnte, in die Ecke ſeines Fuhrwerks zurück, ohne daß er es wagie, weiter nach Adolph auszuſehen. Zu Hauſe angekommen legte er ſich zu Bette und verfiel in Schlaf; aber lange vor Tagesanbruch erwachte er unter dem Eindruck ſchweren Athem⸗ holens und innerlicher Schmerzen. Ein trockener Huſten befiel ihn. So oft ſeine Lungen ſich mit Luft anfüllten, empfand er auf der rechten Seite der Bruſt einen peinlichen Stich, als würde ihm zu wiederholten Malen ein Meſſer in das Herz geſtoßen. Auf ſeiner Stirne ſtand kalter Schweiß, und Fieber⸗ ſchauer ſchüttelte ſeine Glieder. Für ihn war kein Zweifel mehr möglich: ein Bruſtfellentzündung hatte ihn befallen; viel⸗ leicht gar eine Lungenentzündung;— aber was ſeine Krankheit ſein mochte, ob pieurisis oder pneumonia, ſie betrübte und erſchreckte ihn aufs Aeußerſte, beſonders bei dem Gedanken, daß er lange Zeit das Bett hüten müſſe, und daß ſeine Kunden demzufolge gänzlich der Verlockung ſeines Nebenbuh⸗ lers ausgeſetzt bleiben. Auf der Stelle ſchickte er ſeinen Knecht zu Pferd nach einem der nächſtliegenden Dörfer, um in aller Eile eir waren, Noc dieſe b die An dung Her den gel im Geg einem Wiſſenſ auf die Wä der faſt flüſſige bedenkli Abſchwe müſſe dung e verſchw Ein bis der lauf de auf die Wä ſolche ſie zu1 deßhalb Adern Tro ſchienen Wohl! kung der er jedoch nen plötz⸗ lten Fluth ieder lief. eine arge ickelte ſich te, in die es wagte, zu Bette esanbruch n Athem⸗ trockener ſich mit Seite der e im ze z geſtoßen. nd Fieber⸗ lich: eine llen; viel⸗ — aber urisis oder ihn aufs ß er lange ne Kunden Nebenbuh⸗ t ze Pferd m in aller 261 Eile einen Doctor und Chirurgen, die ſeine Freunde waren, zu ſich zu entbieten. Noch war der Morgen nicht angebrochen, als dieſe bereits vor ſeinem Bette ſtanden und ſogleich die Anzeichen einer heftigen Bruſtfellentzün⸗ dung erkannten. Herr Heuvels hatte ſeine Freunde nicht unter den gelehrteſten Männern der Nachbarſchaft gewählt; im Gegentheil, ſeine Neigung zu ihnen war blos aus einem gemeinſamen Haß gegen die Neuerungen der Wiſſenſchaft und aus dem eiferſüchtigen Vertrauen auf die eigene ärztliche Einbildung entſtanden. Während die pleuris ein Uebel iſt, welches nach der faſt einſtimmigen Meinung der Meiſter das über⸗ flüſſige Blutlaſſen, beſonders von Anfang an, ſehr bedenklich macht, waren dieſe drei Verfechter des Abſchwächungsſyſtems einträchtig der Anſicht, es müſſe hier Blut abgezapft werden, bis die Entzün⸗ dung aus Mangel an Nährſtoff ganz von ſelbſt verſchwinden würde. Ein erſter Aderlaß wurde ſo weit verlängert, bis der kranke Doctor in Ohnmacht fiel. Im Ver⸗ lauf deſſelben Tages wurden ihm vierzig Blutigel auf die Bruſt geſetzt. Während der zwei folgenden Tage erneuerte man ſolche ſtarke Aderläſſe; und wenn man von da an ſie zu mäßigen begann, ſo geſchah es vielleicht einzig deßhalb, weil es ſchwer hielt, noch viel Blut aus Adern zu holen, die beinahe keines mehr enthielten. Trotz dieſer kräftigen Bekämpfung des Uebels ſchienen die Symptome der Krankheit fortzudauern. Wohl hatte ſich am vierten Tage der Huſten etwas — 262 gemildert und der Athem war freier; aber der Kranke klagte noch immer über heftige Schmerzen, beſonders in der Gegend des Magens, und erkannte, daß ſein Leiden ſich vergrößert hatte. Er fühlte auch nervöſe Schmerzen im Kopfe, unter den Bruſtrippen und ſelbſt im Geſicht. Einer ſeiner beiden Freunde— es war der Chirurg— äußerte zweifelnd die Frage, ob dieß nicht die Folge der Blutloſigkeit wäre, und ob man die Kräfte des Kranken nicht durch eine ſtärkende Nahrung zu heben verſuchen ſollte; aber Herr Heu⸗ vels, der ſein Herz kräftig klopfen fühlte, beſtritt dieſe Anſicht und verlangte, daß man, wenigſtens von Zeit zu Zeit, zu dem Anſetzen von Blutigeln ſeine Zu⸗ flucht nehmen ſollte, um der Entzündung Meiſter zu werden. Von Nahrung, welcher Art ſie ſei, dürfte hier nicht geſprochen werden. Von da an verſchlimmerte ſich Herrn Heuvels' Zuſtand auf eine beunruhigende Art. Seine Haut wurde durchſichtig und bekam den eigenthümlichen Ton von Weiß, das durch die Länge der Zeit in's Gelbe überſpielt. Die rothe Farbe ſeiner Lippen und ſeiner Augenlider war ganz verſchwunden, und ſein Geſicht hatte das geſpenſtige Ausſehen von Jemand, dem ſeine letzte Stunde jeden Augenblick ſchlagen kann. Er beſaß jedoch den vollen Gebrauch ſeiner Sinne, und obwohl das Sprechen ihm ſchwer fiel, bemühte er ſich oft, ſeine Tochter über ſeinen Zuſtand zu täuſchen und ſie zu tröſten. Hätte Heuvels jemals an der unbegrenzten Liebe ſeines Kindes zweifeln können, er wäre ſicherlich während dieſer wenigen Tage ſeiner Krankheit zu der vo Hingebr Schmer Tag un und, zit ſten W hatten Schlafe Nacht, einſchlu ihrer V er Etwe labende zärtlichſ Ohr. Arr weniger von de dem b zurückg Lippen magert auf det ihren 2 Es Schmet Sie gl Uebel aber d hatte, ſie beſe daß ſie v Kranke eſonders daß ſein neröſe ind ſelbſt war der ob dieß ob man ſtärkende er Heu⸗ tritt dieſe von Zeit eine Zu⸗ Keiſter zu i, dürfte Heuvels' ine Haut hümlichen Zeit in's r Lippen den, und hen von lugenblick Gebrauch m ſchwer er ſeinen ten Liebe ſicherlich nkheit zu 263 der vollen Gewißheit von ihrer zärtlichen, innigen Hingebung gelangt; denn unausſprechlich erſchien ihr Schmerz, und wunderbar ihre Selbſtverläugnung. Tag und Nacht hatte ſie an ſeinem Bette gewacht und, zitternd vor ängſtlicher Beſorgniß, ſeine leiſe⸗ ſten Wünſche erſpäht. Weder Bitten noch Befehle hatten ſie vermocht, ſich einige Ruhe in einem kurzen Schlafe zu gönnen. Wenn ſie in der langen ſtillen Nacht, von Ermüdung überwälligt, auf ihrem Stuhle einſchlummerte, ſo genügte ein Huſten, ein Seufzer ihrer Vaters, um ſie auffahren zu laſſen; und ehe er Etwas verlangen konnte, war die Schale mit dem labenden Trank an ſeinen Lippen und flüſterten die zärtlichſten Liebesworte ihm ſüße Tröſtungen in's r. Arme Adelina, ſie ſchien um zehn Jahre in dieſen wenigen Tagen älter geworden. Ihre Augen, matt von dem unaufhörlichen Wachen, und entzündet von dem beſtändigen Weinen, waren in ihre Höhlen zurückgeſunken; ihre Wangen waren aſchfarbig, ihre Lippen verbleicht und ihr ganzes Geſicht ſo abge⸗ magert und ſo auffallend zuſammengezogen, daß man auf den erſten Blick ſie nicht für minder krank als ihren Vater gehalten hätte. Es gab noch einen geheimen Grund, der ihren Schmerz vermehrte und ſie in Verzweiflung brachte. Sie glaubte verſichert ſein zu dürfen, ihres Vaters Uebel würde ſich noch mit Leichtigkeit heben laſſen, aber die beiden Doctoren, welche ihr Vater berufen hatte, beſäßen nicht die nöthigen Kenntniſſe dazu; ſie beſchuldigte vielmehr dieſelben in ihrem Geiſte, daß ſie es waren, welche ihn ſo dicht an des Grabes 264 Rond gebracht hatten. Für ſie gab es in der Um⸗ gegend nur einen Mann, der unfehlbar ihrem Vater die Geſundheit zurückgeben konnte, wenn Gott es ihm zuließe, den Kranken zu beſehen. Einmal hatte ſie, nach langer Zögerung und Bangigkeit, es gewagt, Adolphs Namen vor ihres Vaters Ohr zu ſtammeln; aber Herr Heuvels hatte bei dem Klang dieſes verhaßten Namens eine ſo heftige Entrüſtung gezeigt und ſo zornige Worte aus⸗ geſtoßen, daß Adelina, mit gebrochenem Herzen, die Erfolgloſigkeit ihrer Bemühungen erkannte, und alle Hoffnung gänzlich aufgab. Wenn der kranke Doctor jetzt mit geſchloſſenen Augen im Bette lag und ſich ſchlafend ſtellte, ſo geſchah es, weil der Schrecken vor dem bevorſtehen⸗ den Tod ihm ins Herz geſunken war, und er kein Wort wagen durfte, aus Furcht, ſeine Angſt zu ver⸗ rathen und ſeine Tochter mit endloſer Verzweiflung zu ſchlagen. Schon am Abend zuvor hatte er em⸗ pfunden, daß die Haut ſeiner Beine ſich anſpannte; im Laufe der Nacht hatte dieſes Gefühl ſich ver⸗ mehrt; und bei Anbruch des Morgens hatte er mit eiſigem Schauder erkannt, daß in ſeinen unterſten Gliedern ſich viel Waſſer anſetzte. Es blieb ihm darüber kein Zweifel, daß es ein Vorzeichen ſeines nahenden Endes war. Ohne ſich die Gründe davon zu erklären, hatte er den Knecht abgeſchickt, um ſeine Freunde, den Doctor und den Chirurgen, zu holen; und in Er⸗ wartung ihrer Ankunft verbarg er die Beſtürzung, worin er ſich befand, und hielt ſich ganz bewegungslos. Trotz dieſer Vorſicht hatte Adelina wohl bemerkt, in zärt daß ih: hatte; erweckt ſaß un Schaue Seufze aus ſe und vt denn rang d mit Je berden Pli eines dem F Alles tigen, Sie ſch Vorſtel Schrei zurückſ Vo Heuvel wollte Ad auf die währet lebhaft „C der Um⸗ m Vater Gott es ung und or ihres els hatte eine ſo orte aus⸗ rzen, die und alle hloſſenen tellte, ſo orſtehen⸗ d er kein t zu ver⸗ zweiflung te er em⸗ ſpannte; ſich ver⸗ e er mit unterſten lieb ihm en ſeines n, hatte nde, den d ein Er⸗ ſtürzung, ungslos. bemerkt, 265 daß ihres Vaters Uebel ſich bedeutend verſchlimmert hatte; und die unerwartete Abſendung des Dieners erweckte in ihrem Herzen eine furchtbare Ahnung. Während ſie regungslos an ihres Vaters Bette ſaß und in tiefen Schlummer verſunken ſchien, liefen Schauer der Angſt über ihre Glieder und erſtickte Seufzer wallten aus ihrem Buſen auf. Es mußte jedoch ſein, daß ihr Geiſt allmälig ſich aus ſeiner Niedergeſchlagenheit aufgerichtet hatte und von ganz beſondern Gedanken beſtürmt wurde, denn jetzt ſchüttelte ſie verzweiflungsvoll den Kopf, rang die Hände, bewegte die Lippen, als ſpräche ſie mit Jemand, und erſchreckte die Magd durch Ge⸗ berden, welche beinahe an Wahnſinn grenzten. Plötzlich ſprang Adelina unter der Erregung eines ſeltſamen Impulſes auf; ihr Geſicht ſchien von dem Feuer eines fieberhaften Muthes belebt, und Alles an ihr ließ vermuthen, daß ſie zu einem wich⸗ tigen, zu einem feierlichen Thun entſchloſſen war... Sie ſchaute eine Weile ihren Vater an; aber die Vorſtellung, daß er ſchlafe, entlockte ihr einen lauten Schrei, und ſie ließ ſich wieder auf ihren Stuhl zurückſinken. Von jenem plötzlichen Laut betroffen, ſtreckte Herr Heuvels ſeinen Arm unter der Decke hervor, als wollte er die Hand ſeiner Tochter ſuchen, und ſprach in zärtlichem Tone ihren Namen aus. Adelina richtete ſich wieder auf, küßte ihren Vater auf die Stirne und ſprach dann mit haſtiger Stimme, während ſie über ihn gebeugt blieb und ſeine Hand lebhaft drückte: „O, lieber Vater, Vergebung, Vergebung! Ich 266 muß Dir Etwas ſagen;— ich zögere, ich bebe, denn ich weiß, daß ich Dich betrübe, aber eine unwider⸗ ſtehliche Gewalt zwingt mich dazu. Es iſt eine ge⸗ heime Stimme, die aus dem Grunde meines Herzens mir zuruft, Du könnteſt, Du würdeſt geneſen. Dieſe Stimme offenbart mir das Mittel, Dich zu retten; ſie ſagt, die Doctoren, welche Dich behandeln, be⸗ ſitzen hiezu nicht die erforderliche Kenntniß; ſie weist mich auf einen Menſchen hin und ruft mir unauf⸗ hörlich zu: das iſt der Einzige, auf welchen Du hoffen mußt!.... Ach, ſchon jetzt erbittert Dich mein Wort: Dein ſtrenger Blick benimmt mir allen Muth. Ja, ja, ich verſtehe Dich; Du wirfſt mir vor, daß ich ſo früh mein Gelübde vergeſſe, daß ich dem beſten Vater ungehorſam zu ſein wage, während er auf dem ſchmerzlichen Krankenlager ausgeſtreckt iſt;— aber wie dieſem Vorwurf ausweichen? Der Preis, der mir für meinen Ungehorſam geboten wird, iſt Deine Geſundheit, iſt Dein Leben vielleicht! Glaube, daß Nichts mich antreibt, als meine Liebe zu Dir und die Ueberzeugung einer unerbittlichen Pflicht. Vater, o Vater, habe Mitleiden mit mir! Geſtatte Herrn Valkiers, Dich zu beſuchen. Ich werde mich Allem unterwerfen, was Dir zu beſchlie⸗ ßen gefällt, und wollteſt Du ſelbſt Deine arme Ade⸗ lina aus Deiner Nähe verweiſen, aber laß ihn nur kommen, einen einzigen Augenblick kommen!“ „Unbegreifliche Verblendung!“ murrte Heuvels. „Wo alle verſtändigen Männer unmächtig wären, da ſoll ein Jüngling ohne Erfahrung Wunder thun? Sihn macht Dich wahnſinnig, unglückliches ind!“ „W größere Wahnſi Macht, mein 2 geword würde Adolph Ach, i die höe erweiſe Zeichen Nein, leidslo Verzwe ſchmer; Feinde es iſt alſo, d ſcheidet Di ſie ſtie ihre P und e Du tä Es iſt allerdi Geldn Mutte Neben e, denn mwider⸗ eine ge⸗ Herzens Dieſe retten; eln, be⸗ ie weist runauf⸗ chen Du ert Dich ſir allen irfſt mir daß ich während sgeſtreckt n Der ten wird, ielleicht! ne Liebe bittlichen mit mir! en. Ich beſchlie⸗ rme Ade⸗ ihn nur Heuvels. ären, da erthun lückliches 267 „Wahnſinnig?“ wiederholte Adelina mit noch größerer Lebhaftigkeit.„Vielleicht iſt es wirklich ein Wahnſinn, mein Glaube an die Wiſſenſchaft, an die Macht, an das Glück Adolphs;— aber dieſer Glaube, mein Vater, iſt ſo feſt, ſo unerſchütterlich in mir geworden, daß ich Gott für Deine Geneſung preiſen würde in dem Augenblick, da die Einwilligung, Adolph kommen zu laſſen, über Deine Lippen geht. Ach, ich flehe Dich um dieſe Einwilligung, als um die höchſte Wohlthat, die Du jemals Deinem Kinde erweiſen könnteſt; ich bitte Dich, gib mir dieſes größte Zeichen Deiner Liebe!... Wehe, Du weigerſt Dich? Rein, nein, lieber Vater, zerreiße mir nicht ſo mit⸗ leidslos das Herz; ſchlage mich nicht mit tödtlicher Verzweiflung!“ „Welch bitterer Hohn!“ ſeufzte der Kranke mit ſchmerzlichem Unmuth.„Ich ſoll die Hülfe meines Feindes anrufen? Aber vergiſſeſt Du denn, daß er es iſt, der mein Leben vergiftet hat? Du zweifelſt alſo, daß er über meinen Tod, wie über einen ent⸗ ſcheidenden Sieg frohlocken würde?“ Dieſe Worte erregten Adelina ein Entſetzen und ſie ſtieß einen Schmerzensruf aus; aber ſie bezwang ihre Bewegung mit Gewalt und fuhr fort: „Mein armer Vater, ſei barmherzig gegen mich, und erzürne Dich nicht über meine kecken Worte. Du täuſcheſt Dich: Adolph iſt Dein Feind nicht! Es iſt Dir viel dadurch zu Leide gethan worden, allerdings; aber er war unſchuldig; die Noth, der Geldmangel, die drohende Armuth, wogegen er ſeine Mutter ſchützen wollte, haben ihn genöthigt, Dein Nebenbuhler zu werden. Noch nie hat er mit Wiſſen 268 und Willen Etwas gethan, um Dich zu benachtheiligen; und ich bin gewiß, daß er, trotz Deiner Erbitterung gegen ihn, niemals aufgehört hat, Dich zu achten und zu lieben.“ Ein ſtrenger Ausdruck des Unglaubens lief über des Doctors Geſicht. „Ah, ah,“ rief Adelina wie außer ſich;„wenn man Adolph ſagte: gib einige Jahre Deines Lebens, um das Leben von Adelina's Vater zu verlängern, glaubſt Du, er würde zögern? Nein, nein!“ „Es iſt ſeine geringſte Miſſethat nicht,“ grollte Heuvels,„ein unſchuldiges Mädchen zu ſolcher Ver⸗ blendung verleitet zu haben, daß ſie ihren Vater zu deſſen Gunſten anklagen zu dürfen glaubt. Und könnte ich auch alles andere Leid vergeſſen, welches er mir angethan hat, das iſt Etwas, das meine Seele ihm bis ins Grab nicht vergeben wird.“ Das Mädchen ließ mit einem verzweiflungsvollen Seufzer ihren Kopf auf die Kiſſen niederfallen und ſchwieg eine kurze Weile. Als würde ſie jedoch durch eine unwiderſtehliche Gewalt angetrieben, richtete ſie ſich bald wieder auf und ſagte, die Hände wie zum Gebet faltend, in dem ſüßeſten Ton ihrer Stimme: „Lieber Vater, Dein Herz iſt gut und edel; aber Du haſt Dich getäuſcht. Wo das Verhängniß zwi⸗ ſchen Dir und Adolph den Samen der Entfrem⸗ dung und des Mißtrauens ausſtreute, da haſt Du auf ihn allein die Schuld Deines Verdruſſes geladen. Und Du ſagſt, Du werdeſt ihm bis zum Grabe Deine Vergebung weigern? Dieſe grauſamen Worte machen mich vor Angſt zittern und erfüllen mich mit Schrecken. O, mein Gott, wenn Dein Arm ſih über u meines ungere Gedan leiden welche keit a durch ſchlage zweifel „Die ſeiner ſchlage ſoll ih anfleh Seine gen m unglü genüg geben. D als ſie ſtoßen beide G ſtand leiſer, Nein, Adelir Ich heiligen; bitterung achten lief über „wenn Lebens, längern, grollte cher Ver⸗ Vater zu tUn welches s meine rd.“ igsvollen llen und och durch chtete ſie wie zum Stimme: e er niß zwi⸗ Entfrem⸗ haſt Du geladen. n Grabe n Worte len mich Arm ſich 269 über uns ausſtrecken ſollte, dann wird die Seele meines Vaters vor Dir erſcheinen, beladen mit einem ungerechten Gefühl des Haſſes! Wehe, wehe, dieſer Gedanke iſt eine ſchreckliche Marter! Ach, habe Mit⸗ leiden mit Dir ſelbſt, Vater, nimm die Geſundheit an, welche Dir um den Preis einer kleinen Nachgiebig⸗ keit angeboten wird. Mache Dein Kind glücklich durch ein einziges gutes Wort! Gnade, Gnade, ſchlage mir meine innige Bitte nicht ab!“ „Wie könnteſt Du an ſeiner argliſtigen Bosheit zweifeln?“ erwiderte Heuvels mit Zorn und Verdruß. „Die Wunde, die er durch das falſche Gerücht von ſeiner Heirath mit Conſtantia Deinem Herzen ge⸗ ſchlagen hat, blutet noch.... und Du willſt, ich ſoll ihn rufen? Ich ſoll meinen Feind um Beiſtand anflehen? Vertrauen zu ſeiner Erfahrung heucheln? Seine Vorſchriften befolgen und ſeinen Verordnun⸗ gen mich unterwerfen?... Du begreifſt alſo nicht, unglückliches Kind, daß eine ſolche Erniedrigung genügend wäre, mir auf der Stelle den Tod zu eben.“ Das Mädchen taumelte vor Schrecken zurück, als ſie dieſe Worte vernahm. Einen Angſtſchrei aus⸗ ſtoßend, ſank ſie auf ihren Stuhl nieder und ſchlug beide Hände vor die Augen. Gerührt durch den unendlichen Schmerz Adelina's ſtand die Magd auf und trat zu dem Bette. Mit leiſer, gelaſſener Stimme ſprach ſie zu dem Doctor: „Herr, wie können Sie doch ſo grauſam ſein? Nein, bleiben Sie nicht unerbittlich; gewähren Sie Adelina, was ſie ſo innig von Ihrer Güte erfleht. Ich glaube auch, daß ſie Unrecht thut, auf die 270 Kenntniſſe von Herrn Valkiers ein ſo blindes Ver⸗ berathe trauen zu ſetzen; aber wenn ihr Glaube auch ein und ge Wahnſinn wäre, ſo ſollten Sie in Ihrem Vater⸗ Ihrer herzen doch Nachgiebigkeit genug finden, um ihre De Bitte zu erhören.“ an, gal „Auch Du, Barbara?“ ſeufzte Heuvels mit ſchmerz⸗ erweckt licher Ueberraſchung.„Vergiſſeſt Du denn, daß er lina's die Schuld davon trägt, wenn ich hier ſo elend auf Da dem Bette ausgeſtreckt liege?“ Bette Adelina haite den Kopf erhoben und ſchaute der und rie Magd mit dankbarer Rührung in die Augen.„V „Es iſt wahr, lieber Herr,“ fuhr Barbara fort, meine „Adolph Valkiers iſt die Urſache all Ihres Verdruſſes. Adolph Ob er jedoch mit Abſicht Sie benachtheiligt hat, das bringer kann Gott allein wiſſen; wenn er aber auch unbe⸗ mein 2 5 zweifelt ſchuldig gegen Sie wäre, ſollte dies wohl dem a 5 ein Grund ſein, jedes Gefühl der Theilnahme bei Namen dem Schmerz Ihrer Tochter in Ihrem Herzen zu was ic erſticken? Sie haben geſehen, wozu die Liebe zu willen, ihrem Vater ſie in Stand geſetzt hat. Seit ſechs Dich ſ Tagen und ſechs Nächten hat ſie ihr Bett nicht be⸗ Uebels rührt. Sie hat allen unſeren Bitten widerſtanden, daß G um bei Ihnen wachen zu können, um Sie zu laben,„N Sie zu tröſten. Hundert Andere würden unter dieſer; nähern übermäßigen Kraftanſtrengung unterlegen ſein; aber Adelin ſie, geſtärkt durch ihre wunderbare Liebe zu Ihnen, ein Zi trägt Alles, ohne zu brechen. Hat ſie nicht einiges Di Recht auf Ihre Nachgiebigkeit? Sie glaubt, Her des a Valkiers könne Sie kuriren; ſie fleht zu Ihnen mit und b gefalteten Händen, ihn auf einen Augenblick kommen ſich zu zu laſſen; und Sie, Herr, Sie verweigern unbarm⸗ Schme herzig die Bitte Ihres Kindes! Laſſen Sie ſich beſſer La 271 des Ver⸗ berathen; thun Sie ſich edelmüthig ſelbſt Zwang an auch ein und gewähren Sie Adelina die Gnade, die ſie von m Vater⸗ Ihrer Güte erfleht.“ um ihre Der Kranke ſah die Magd mit zornigem Blick an, gab jedoch keine Antwort. Dieſes Stiliſchweigen it ſchmerz⸗ erweckte plötzlich eine unerwartete Hoffnung in Ade⸗ „ daß er lina's Herzen. 8 elend auf Das bedrückte Mädchen ſiel plötzlich an dem Bette auf die Kniee, hob die Hände in die Höhe haute der und rief: en.„Vater, Vater, ach, erbarme Dich meiner! Sieh bara fort, meine Thränen fließen, höre mein Seufzen. Laß 3 erdruſſes. Adolph kommen; ich bin gewiß, er wird Dir Heilung hat, das bringen. Der Himmel ſei Zeuge, daß ich, während uch unbe⸗ mein Mund dieſe Bitte ausſpricht, rein bin von je⸗ ie woh dem andern Gefühl, als meiner Liebe zu Dir. Im 3 ahme bei Namen meiner ſeligen Mutter, um alles deſſen willen, erzen zu was ich gelitten habe, um Deines bedrohten Lebens Liebe zu willen, o, laß Dich erbitten! Willige ein, daß Adolph 3 Seit ſechs Dich ſehe und ſein Urtheil über den Grund Deines 3 nicht be⸗ Uebels ausſpreche. Mein Vater, mein lieber Vater, 5 erſtanden, daß Gott Dich ſegne für Deine unendliche Güte!“ zu laben,„Nie ſoll Adolph Valkiers meinem Bette ſich 3 nter dieſer nähern. Und hätte ich dasſelbe Vertrauen wie Du, ſein; aber Adelina, auch dann nicht! Setze Deinen Bemühungen. zu Ihnen, ein Ziel; Du ermüdeſt mich aufs Aeußerſte.... ht einiges Dies war der Spruch, welcher auf das Flehen bt, Her des armen Mädchens antwortete. Sie, vernichtet hnen mit und beinahe wahnſinnig vor Verzweiflung, ſchleppte ommen ſich zu ihrem Stuhle hin und verſank in ſtummen nbm Schmerz. ſich beſſer Lange Zeit herrſchte die völligſte Stille im Zim⸗ 272 mer. Die Magd hatte gleichfalls ihren erſten Platz wieder eingenommen; das einzige Gerräuſch, welches ſich vernehmen ließ, war der Athemzug des Kranken, und von Zeit zu Zeit ein ſchmerzliches Stöhnen, welches aus Adelina's Buſen aufſtieg. Barbara allein hörte in dieſem Augenblick, daß ein Fuhrwerk vor der Thüre hielt. Sie näherte ſich dem Bette und ſagte: „Herr, da ſind die Doctoren.“ Mit den Augen auf Adelina weiſend, murmelte der Kranke: „Thue, was ich geſagt habe, Barbara, und kehre dann zurück.“ „Kommen Sie, Adelina,“ ſprach die Magd, in⸗ dem ſie deren Arm faßte und ſie nöthigte, von ihrem Stuhle aufzuſtehen.„Kommen Sie, Ihr Vater will, wie Sie wiſſen, mit den Doctoren allein ſein.“ Ohne Widerſtand ließ Adelina ſich nach einem entfernten Zimmer bringen und ſetzte ſich dort muth⸗ los, erſchöpft und gebrochen auf ein Ruhebett nieder. „Laſſen Sie ſich nicht völlig niederſchlagen, armes Kind,“ ſagte Barbara mit tiefgefühltem Mitleid. „Wir täuſchen uns wahrſcheinlich in unſerer Beſorg⸗ niß; die Doctoren ſind jetzt da; ſie werden Gründe finden, uns zu beruhigen.“ „Die Doctoren?“ ſeufzte Adelina mit traurigem Spott in der Stimme.„Einer allein kann ihn ku⸗ iren „Nein, Sie haben Unrecht,“ entgegnete die Magd. „Das iſt eine krankhafte Zuverſicht, Adelina. Herr Valkiers kann ein verſtändiger und gelehrter Arzt ſein, aber daß er Wunder thun kann, wo Andere unmäch Glaube eine Ht Vaolkier⸗ ihm da Doctor⸗ Ich we ihr Urt Ad loſigkeit Magd dem gr ihres S ohne de Erſt Gang: ängſtlic erfahrer walt, f bar rul „Je ren üb Krankhe bemerke Gefahr, ſie ſind in der Con ten Platz welches Kranken, Stöhnen, lick, daß herte ſich murmelte und kehre tagd, in⸗ onim ater will, ein.“ icheinem ort muth⸗ tt nieder. n, armes Mitleid. Beſorg⸗ Gründe raurigem nihn ku⸗ ie Magd a Herr rter Arzt o Andere 273 unmächtig bleiben, das iſt doch auch kein feſter Glaube bei Ihnen, nicht wahr? Gibt es nur noch eine Hoffnung?— Wer weiß, ob Ihr Pater Herrn Valkiers nicht noch rufen läßt! Ich werde noch mit ihm davon ſprechen. Bleiben Sie nur hier, bis die Doctoren ihre Berathſchlagung geſchloſſen haben. Ich werde Sie benachrichtigen und Ihnen ſagen, wie ihr Urtheil ausgefallen iſt.“ Adelina ſchien in einem Zuſtande der Bewußt⸗ loſigkeit zu ſein; ſie bemerkte nicht einmal, daß die Magd ſie verlaſſen hatte. Ganz allein ſaß ſie in dem großen Zimmer da, erdrückt unter dem Gewichte ihres Schmerzes. Eine halbe Stunde verging wohl, ohne daß ſie ſich auch nur einmal merklich rührte. Erſt als ſie den Schritt von Jemand auf dem Gang vernahm, erhob ſie den Kopf und ſchaute mit ängſtlichem Verlangen nach der Thüre:— ſie ſollte erfahren, was die Doctoren über ihres Vaters Zu⸗ ſtand geurtheilt hatten! „Sind ſie fort? Kann ich zu meinem Vater gehen?“ „Nein, ſie ſind noch da,“ war die Antwort. „Du kennſt alſo ihren Ausſpruch nicht?“ Die Magd bezwang ihre eigene Angſt mit Ge⸗ walt, faßte die Hand Adelina's und ſagte in ſchein⸗ bar ruhigem Tone: „Ja, Fräulein, ich kenne die Anſicht der Docto⸗ ren über Ihres Vaters Zuſtand. Sie ſagen, die Krankheit habe ſich, wiewohl noch keine Beſſerung zu bemerken ſei, doch ſeit geſtern nicht verſchlimmert. Gefahr, unmittelbare Gefahr iſt nicht vorhanden, und ſie ſind der Meinung, es werde eine günſtige Kriſis in der Krankheit eintreten. Conſcience, der junge Doetor. 18 1 ſü 3 274 „Ach, mögen ſie ſich nicht täuſchen!“ rief Adelina mit dem Schimmer einer freudigen Hoffnung in den Augen. „Aber ich muß Ihnen noch Etwas ſagen,“ fuhr Barbara in trauriger Verlegenheit fort,„das Sie erſchrecken könnte, wenn Sie die Sache nicht im rech⸗ ten Lichte beſehen. Glauben Sie nicht, daß es ein Gebot der Doctoren iſt. Ihr Vater hat ſelbſt das Verlangen ausgedrückt; und obwohl die Aerzte ihm begreiflich machten, daß kein Schein der Nothwendig⸗ keit dazu vorhanden ſei, hat er darauf gedrungen, ſeinen Beichtvater kommen zu laſſen. „Wehe mir!“ ſchrie Adelina,„mein Vater ſoll die Sacramente erhalten! Er muß ſterben! Ach, daß ich ihn wenigſtens noch einmal in meine Arme drücken könnte!“ Sie wollte nach der Thüre laufen, aber die Magd verſperrte den Weg; und ſie aufs Neue bei der Hand faſſend, ſprach ſie: „Adelina, ich habe Ihnen die Wahrheit geſagt; Sie erſchrecken mit Unrecht. Hinge es von dem Willen der Doctoren ab, ſo kämen die Sterbſacra⸗ mente heute nicht hieher. Gehen Sie nicht zu Ihrem Vater; man iſt damit beſchäftigt, ihm noch einige Blutigel an die Bruſt zu ſetzen. „Die mordgierigen Ungeheuer! Blut, immer Blut!“ murrte Adelina mit einem Blick wahnſinnigen Abſcheus. „Sie wollen verſuchen, ob ſie die Entzündung, welche noch in der Bruſt Ihres Vaters ſteckt, nicht durch dieſes letzte Mittel überwinden können. Und zum Beweiſe, daß keine Gefahr beſteht, Adelina, ſoll ich erſ laſſen, erwart De ſie ſchi Gedan „Adol Tod g Kenntr ben h Schnel 0 thun?“ „N den Pf Haſſes banner lingen gehen, chen V O meines chen;, auf; es und m haus( Hut!“ Si dung 1 ein W Adelina gin den n,“ fuhr das Sie im rech⸗ ß es ein elbſt das erzte ihm hwendig⸗ drungen, zater ſoll Ach, daß ie drücken aber die Neue bei it geſagt; von dem terbſacra⸗ zu Ihrem och einige „ immer hnſinnigen tzündung, ckt, nicht' en. Und elina, ſoll 275 ich erſt binnen zwei Stunden den Pfarrer wiſſen laſſen, daß Ihr Vater ihn im Laufe dieſes Tages erwartet.“ Das Mädchen verfiel plötzlich in tiefes Sinnen; ſie ſchien alle Kräfte ihres Geiſtes auf einen einzigen Gedanken zu concentriren. „Der Pfarrer?“ rief ſie wie begeiſtert aus. „Adolph hat den Pfarrer beinahe von einem ſichern Tod gerettet; der gute Prieſter wird an Adolphs Kenntniſſe und die Macht ſeiner Wiſſenſchaft Glau⸗ ben haben! Gib mir meinen Mantel, Barbara. Schnell, ſchnell!“ „Was haben Sie im Sinne? Was wollen Sie thun?“ „Noch iſt nicht alle Hoffnung verloren; ich werde den Pfarrer benachrichtigen; er wird das Gefühl des Haſſes gegen Adolph aus meines Vaters Buſen ver⸗ bannen. O, möchte mir dieſer letzte Verſuch ge⸗ lingen!“ „Aber ſo können Sie nicht über die Straße gehen, Adelina,“ bemerkte die Magd;„mit den blei⸗ chen Wangen und den gerötheten Augen?“ „Ich werde mich wohl ſchämen, daß ich am Bette meines kranken Vaters geweint habe!“ rief das Mäd⸗ chen;„komm! komm! liebe Barbara, halte mich nicht auf; es iſt ein Beſchluß, der ausgeführt werden ſoll, und müßte ich mitten durch das Feuer in das Pfarr⸗ u gehen. Schnell, meinen Mantel und meinen ut!“ Sie folgte der Magd hinunter, ordnete ihre Klei⸗ fieberhafter Haſt und ſchritt, ohne weiter ein Wort zu ſprechen, zur Thüre hinaus. 18* XI. Adolph Valkiers ſaß in ſeinem Kabinet am Ar⸗ beitstiſche. Viele Bücher von aller Form und Größe lagen geöffnet vor ihm, und er ſchien mit tiefer Auf⸗ merkſamkeit den Inhalt von zwei oder drei zu ver⸗ gleichen. Wäre es möglich geweſen, einen Blick auf den Inhalt dieſer Werke zu werfen, man hätte gefunden, daß ſie alle an Kapiteln offen lagen, die von ver⸗ ſchiedenen Entzündungen der Athmungswerkzeuge, und beſonders von der pleuris handelten. Während er ſo in das Leſen vertieft war, trat ſeine Schweſter in das Kabinet und ſprach mit einem Ausdruck inniger Betrübniß auf dem Angeſicht: „Adolph, der Gärtner von Herrn Heuvels hat da eben zu dem Schmied geſagt, daß es ſehr ſchlimm mit ſeinem Gebieter ſteht. Du ſuchſt uns glauben zu machen, doß ſeine Krankheit keine Gefahr droht; aber ich weiß nicht, wie es kommt, mich verfolgt eine unbegreifliche Bekümmerniß.“ „Du haſt Unrecht, ich wiederhole es Dir, Fran⸗ ciska,“ antwortete der junge Doctor.„Noch vor⸗ geſtern begegnete ich Herrn Van Hoof, dem Chirur⸗ gen. Er hat mir den Fall erklärt. Es iſt eine ein⸗ ſache pleuris; eine Entzündung dieſer Art iſt, ſo zu ſagen, unfehlbar zu kuriren, wenn man ſie von An⸗ fang an kräftig bekämpft.“ „Arme Adelina!“ ſeufzte das Mädchen;„ſie ſteht mir immer vor Augen. Die ganze Nacht habe ich von ihr geträumt. Ich hörte ihre Stimme, die mich klager ſo all D ſei bl Seit kein 2 die U E Mam kämpf „ Kumn Adelit im B Aber lauf Geneſ Zeiche das 1 gegen haben Kräfte ner u Meint begrei der B ner v ſeiner „ Dun am Ar⸗ d Größe efer Auf⸗ zu ver⸗ auf den efunden, oon ver⸗ uge, und ar, trat nit einem ſicht: wels hat r ſchlimm glauben hr droht; verfolgt ir, Fran⸗ Noch vor⸗ n Chirur⸗ eine ein⸗ iſt, ſo zu von An⸗ „ſie ſeht habe ich 277 klagend beim Namen rief. Was muß ſie leiden.. ſo allein und ohne Troſt!“— Dieſe Worte trafen den Jüngling ſichtbar; er ſchüttelte nachdenklich den Kopf und ſchaute zu Boden. „Ach, Adolph, der Gärtner hat geſagt, Adelina ſei bleich und mager geworden wie ein Schatten. Seit ſechs Tagen und ſechs Nächten hat ſie noch kein Auge geſchloſſen; ſie thut Nichts als weinen, die Unglückliche!“ Ein Seufzer entſchlüpfte der Bruſt des jungen Mannes. Mit Gewalt gegen ſeine Bewegung an⸗ kämpfend, ſprach er: „Franciska, warum ſo leidenſchaftlich ſich dem Kummer hingeben? Glaubſt Du denn, Schweſter, Adelina ſtehe mir nicht vor den Augen? Das Herz im Buſen zittere mir nicht vor Wehe und Mitleid? Aber ich tröſte mich mit der Gewißheit, daß vor Ab⸗ lauf weniger Tage unſere arme Freundin ſich der Geneſung ihres Vaters zu erfreuen haben wird. Die Zeichen der pleurisis ſind allerdings beunruhigend; das überflüſſige Blutlaſſen, welches man gewöhnlich gegen dieſes Uebel anwendet, wird Adelina erſchreckt haben; denn ſie hängt an ihrem Vater mit allen Kräften ihres liebreichen Herzens. Wenn der Gärt⸗ ner und andere Leute, die Herrn Heuvels ſehen, der Meinung ſind, es ſtehe ſchlimmer mit ihm, ſo iſt das begreiflich; aber ich bin überzeugt, daß er bereits in der Beſſerung begriffen iſt und Jichts weiter zu ſei⸗ ner völligen Geneſung, als die Wiederherſtellung ſeiner Kräfte bedarf.“ „Hätte Herr Heuvels Dich rufen laſſen, Adolph, Du wäreſt vielleicht im Stande geweſen, ihm guten 278 Rath zu ertheilen. Welch ein Unglück für uns Alle, daß ein Gefühl von Feindſchaft von dem Schickſal zwiſchen Euch Beide geſetzt worden iſt.“ „Er kann mich nicht rufen laſſen, Franciska; es wäre unnatürlich; er hat kein Vertrauen zu mir. Und doch, was könnte ich thun, als was Herr Stol und Herr Van Hoof gethan haben? Die Wleuris iſt eine ſo bekannte Krankheit, daß es ſchwer hält, etwas Beſonderes darüber zu wiſſen.“„ „O, möchteſt Du Dich in Deiner“ tröſtenden Vorausſicht micht täuſchen!“ ſeufzte das Mädchen. „Auf alle Fälle wird unſere arme Freundin. Ein plötzliches Geräuſch unterbrach ihre Worte und ließ ſie vor Angſt zurückweichen. Auf der Straße ertönte der helle Ton eines Glöckchens. „Wie? Was iſt das?“ rief Franciska.„Die Sterbſakramente? Wer iſt ſo tödtlich krank? Hert Heuvels? Unmöglich, Unmöglich!“ Adolph verſtummte plötzlich, und die Bläſſe ängſt⸗ licher Ueberraſchung trat auf ſeine Wangen. An das Fenſier eilend, ſchob Franciska die Gardinen ein wenig zur Seite; aber ſie ließ ſie wie⸗ der fahren und rief voll Schreckens aus: „Der Paſtor, die Sterbſakramente, ſie kommen hieher! O, mein Gott, habe Erbarmen mit Adelina!“ Frau Valkiers und der Großvater traten zugleich in das Kabinet, und Adolph mit dem Ausdrud tiefer Beſtürzung in die Augen ſehend, fragten ſie: „Iſt es Herr Heuvels, b ſakramente reicht? Wehe, w Unglück! Komm, komm, Franciska!“ dem man die Sterb⸗ as für ein ſchreckliches Mi Greis Schwe ment ir würde. Ad mit ge wie ve Blickz Seele De Valkier in das weinen rend e „V Dich i es ſei Mann. Unmös allzu k über d „ manen demſell gekomr getrete fährlich „A iſt erzi 279 Mit dieſen Worten eilten die Frauen und der Greis nach der Hausthüre und knieten dort auf der Schwelle nieder, bis der Geiſtliche mit dem Sakra⸗ ment in der Wohnung des Kranken verſchwunden ſein würde. Adolph ſtand hinter dem Fenſter ſeines Kabinets mit geſenktem Haupte. Er blieb eine kleine Weile wie vernichtet; aber bald richtete er einen flehenden Blick zum Himmel und betete mit allem Feuer ſeiner Seele für Adelina und ihren Vater. Das Läuten des Glöckchens hörte auf. Frau Valkiers, der Großvater und Franciska traten wieder in das Kabinet. Mutter und Tochter begannen zu weinen; der Greis ſchüttelte traurig den Kopf, wäh⸗ rend er in ſich ſelbſt hineinſprach: „Welcher unerwartete Schlag! Adolph, Du haſt Dich in Deiner Vorausſicht getäuſcht: Du glaubteſt, es ſei nicht die mindeſte Geſahr zu beſorgen.“ „Ich begreife es nicht,“ ſtammelte der junge Mann.„Sollten die Doctoren fehlgegriffen haben? Unmöglich, die Zeichen der Bruftfellentzündung ſind allzu klar.“. „Mir dünkt wohl, Adolph, Du urtheileſt zu leicht über die Pleuris. Es ſterben viele Leute daran.“ „Ja, Großvater, es iſt ein ſchlimmes Uebel, wenn man nicht bei Zeiten dazu thut; aber hier hat man demſelben entgegengearbeitet, ſobald es zum Vorſchein gekommen iſt. Es muß ein unerwartetes Leiden dazu getreten ſein. Iſt dem ſo, ſo wird die Pleuris ge⸗ fährlich.“ „Armer Herr Heuvels!“ klagte die Wittwe.„Er iſt erzürnt über uns und hat uns viel Kummer an⸗ 280 e unwiſſentlich, aus Verblendung, in Folge von erläumdung;— aber nun fühle ich wohl, daß eine alte Freundſchaft nicht ſo leicht bricht. Die ſchreck⸗ liche Nachricht hat mir das Herz erſchüttert, als läge mein eigener Bruder im Todestampfe. O Gott, erhalte ihm das Leben!“ „Adelina, Adelina!“ ſchluchzte das Mädchen, „unglückliche Freundin, wie hat Dich Verzweiflun zu Boden geſchlagen! Ich ſehe Deine Thränen, i6 höre Dein Stöhnen. Sitzend am Todtenbett Deines Vaters! Ach, mir blutet das Herz bei dem Gedon⸗ ten Deines unendlichen Schmerzes!“ Adolph verſuchte zwar ſeine Mutter und ſeine Schweſter zu tröſten, indem er ihnen ſagte, noch ſei alle Hoffnung nicht verloren; aber er war ſelbſt ſo erſichtlich von der tiefſten Angſt ergriffen, und ſeine Worte klangen ſo zweifelnd, daß ſie ohne Eindruc auf das Gemüth der Frauen blieben. Es herrſchte eine lange Stille in dem Kabinet, bis die Wittwe ihre Tochter an der Hand faßte, während ſie in ſanftem Tone ſprach: „Komm, mein Kind, laß uns hinaufgehen. Wir wollen in der Einſamkeit zu Gott beten, daß er Adelina und ihrem Vater barmherzig ſei!“ Aber jetzt hielt ein Wagen vor dem Hauſe und unmittelbar darauf klopfte Jemand an die Thüre des Kabinets. Der Großvater öffnete und verbeugte ſich tief, denn es war Herr Van Horſt, der herein trat. „Sie haben Kummer, meine lieben Freunde?“ fragie er, indem er ſie nach einander mit Ueber⸗ raſchu it 3 eben! Thai, ſtehen Zimm Schri Van aber gehal geh ſchlech bring er in habe prach zu g Juw mit Wie Miet „ „Da trage olge von daß eine e ſchreck⸗ als läge O Gott, Mädchen, heiſtc änen, i tt Deines Gedan⸗ ind ſeine , noch ſei ſelbſt ſo und ſeine Eiindruc Kabinet, and faßte, hen. Wir , daß er . Hauſe und Thüre des verbeugte der herein Freunde?“ mit Ueber⸗ 281 raſchung betrachtete.„Thränen? Ich hoffe doch, es iſt Ihnen nichts Schlimmes begegnet?“ „Der unglückliche Herr Heuvels! Man reicht ihm eben die Sterbſakramente,“ ſeufzte der Greis. „Und darüber ſind Sie Alle ſo betrübt? In der That, ich habe Leute mit Kerzen vor ſeinem Hauſe ſtehen ſehen.“ Frau Volkiers wollte mit ihrer Tochter das Zimmer verlaſſen, und auch der Greis machte einen Schritt nach der Thüre, in der Meinung, Herr Van Horſt verlange mit Adolph allein zu ſprechen, aber ſie wurden freundlich durch die Worte zurück⸗ gehalten: „Ich bitte, bleiben Sie; was ich zu ſagen habe, geht ebenſo wohl Sie, als Herrn Adolph an. Laſſen Sie uns Platz nehmen. Ich habe meine Stunde ſchlecht gewählt, aber der Bericht, den ich Ihnen bringe, wird Ihren Geiſt erheitern.“ Und ſich zu dem jungen Manne wendend, ſprach er in frohem Ton: „Ich komme von der Stadt. Ach, Doctor, ich habe da Etwas für Sie gefunden, das herrlich und prachtvoll iſt: ein Haus in der Kaiſerſtraße, nicht zu groß, aber modern, hübſch und reizend, wie ein Juwel. Nur zweitauſend Francs Hausmiethe!“ „Zwei tauſend Francsſ“ murmelte der Greis mit großer Beſtürzung.„Das iſt ja erſchrecklich! Wie kann Adolph je ſo viel verdienen, um ſolche Miethe zu bezahlen?“ „Bah, das iſt meine Sache!“ ſcherzte Van Horſt. „Das erſte Jahr wird die Laſt etwas ſchwer zu tragen ſein, ich weiß es wohl; aber Sie ſollten froh 3 . 282 ſein, daß ich Herrn Valkiers ſchon von Anfang ent⸗ ſchloſſen auf die rechte Bahn geſtellt habe. Um das öffentliche Vertrauen zu gewinnen, muß man ſich geber⸗ den, als habe man dieſes Vertrauen gar nicht nöthig. In einer großen Stadt iſt es nicht ſo wie auf dem Dorfe. Alles iſt im Verhältniſſe größer: Ausgaben und Einnahmen. Auf alle Fälle bleibe ich für die Folgen verantwortlich.“ „Und haben Sie das Haus bereits gemiethet, mein Herr?“ fragte die Mutter, einigermaßen er⸗ ſchrocken. „Nein,“ war die Antwort,„ich will es nicht miethen, ehe Adolph es geſehen hat; und ich wollte ihn gerade abholen, um mit ihm nach Ant⸗ werpen zu fahren. Er kann das Haus einſehen und mit dem Eigenthümer ſich über die Sache verſtän⸗ digen. Morgen, Nachmittags oder gegen Abend kann er bereits wieder zurück ſein.... Doctor, Sie haben keine beſonderen Kranken, welche Sie daran hindern, auf vierundzwanzig Stunden abweſend zu bleiben, nicht wahr? Sonſt könnten Sie mit der Poſt kommen. Ich werde jedenfalls noch vor dem Ende der Woche Sie erwarten. Gibt es kein Hin⸗ derniß, mein Wagen ſteht vor der Thüre. In drei guten Stunden ſind wir zu Antwerpen.“ „Ich bitte um Entſchuldigung, Herr Van Horſt,“ ſagte Adolph.„Es iſt mir unmöglich, unter gegen⸗ wärtigen Umſtänden das Dorf zu verlaſſen, nicht allein, weil die Gemeinde dann ganz ohne Arzt bliebe, ſondern insbeſondere, weil es von meiner Seite tadelnswerth und unziemlich wäre, mich von hier zi genoſſe laſſen zurück Fräul Ton. Looſe Gutes „ Looſe niema Mädc Van ng ent⸗ Im das h geber⸗ nöthig. muf dem sgaben für die miethet, ßen er⸗ es nicht und ich ch Ant⸗ hen und verſtän⸗ Abend tor, Sie daran eſend zu mit der vor dem ein Hin⸗ In drei Horſt,“ r gegen⸗ n, nicht ne Arzt meiner nich von 283 hier zu entfernen, während mein unglücklicher Amts⸗ genoſſe in Todesgefahr ſchwebt.“ „So! Sie ſind alſo ſein Arzt? Hat er Sie rufen laſſen?“ „Nein. Das gilt jedoch gleich, ich kann für jetzt von Ihrem freundlichen Anerbieten keinen Gebrauch machen. Sie begreifen das wohl ſelbſt?“ „Es ſei ſo. Wir wollen einige Tage warten.“ Den Kopf ſchüttelnd, fuhr Herr Van Horſt fort: „Alſo Ihr Amtsgenoſſe da drüben hat Sie nicht rufen laſſen? Das iſt eine Schmach, die er Ihnen anthut....“ In dieſem Augenblick ertönte das Glöckchen wieder auf der Straße und verkündigte, daß man mit den Sterbeſakramenten das Haus des kranken Doctors zu verlaſſen im Begriff war. Wiederum eilten die Frauen und der Greis nach der Thüre. Adolph und Herr Van Horſt blieben ſtillſchweigend und mit gebücktem Haupte ſtehen. Als Franciska mit ihrer Mutter in das Kabinet zurücktehrte, weinte ſie heftig. „Was für ein gutes Herz Sie haben, mein liebes Fräulein,“ ſprach Van Horſt in theilnehmendem Ton.„Sie vergießen Thränen des Mitleids bei dem Looſe von Jemand, der Ihrem Bruder nicht viel Gutes angethan hat.“ „Ach, mein Herr, ich weine aus Mitleid mit dem Looſe der armen Adelina, die uns zu lieben noch niemals aufgehört hat!“ antwortete das bedrückte Mädchen. „Jetzt begreife ich Ihren Kummer,“ murmelte Van Horſt nachdenklich.„In der That, Adolph, 284 Sie haben mir gewiſſe Dinge erzählt... Ich be⸗ tlage die Tochter von Heuvels; ſie iſt ein gutes und gefühlvolles Kind: ihr Schmerz muß grenzenlos ſein.... Mein Gärtner hat mir geſagt, Heuvels ſei erſt ſeit ſechs Tagen krank. Woran leidet er?“ „Eine Pleuris, ſagen die Doctoren, die ihn be⸗ handeln.“ „Aber die Pleuris iſt nicht unheilbar.“ „Weit entfernt davon, mein Herr,“ ant⸗ wortete Adolph;„bei ſchneller Hülfe iſt ſie ſelten gefährlich. Es muß etwas Anderes ſein, oder eine hinzutretende Krankheit muß das Uebel aufs Aeußerſte verſchlimmert haben.“ „Sehen Sie doch, zu welcher Verblendung die Feindſchaft Jemand verleiten kann!“ rief Van Horſt. „Sie, Herr Valkiers, hätten ihm vielleicht noch das Leben retten können. Was wagt Heuvels damit, den Verſuch zu machen? Doch er bleibt verſtockt in Feindſchaft gegen Sie, ſelbſt auf dem Sterbe⸗ ette.“ Niemand antwortete auf dieſe Anklage und es erfolgte eine augenblickliche Stille. „Ei, Sie wiſſen noch nicht,“ begann Van Horſt wieder, auf einen andern Gedanken gebracht.„Ich bin dem Herrn Notar geſtern Morgen in der Stadt begegnet. Wir haben lang über Sie geſprochen. Er kann Ihre Weigerung nur mit Mühe verſchmer⸗ zen: es iſt begreiflich. Er iſt jedoch nicht ganz un⸗ recht. Als ich ihm zu verſtehen gab, Conſtantia würde mit Ihnen niemals glücklich geweſen ſein, und daß er Ihnen eher für Ihre Aufrichtigkeit zum Dank verpflichtet ſei, da beruhigte er ſich und er⸗ erfüllen kannte, auf ew ſeitiges Es ſche dauern. mehr Conſta und ſe des No Kurzen geſagt, Einneh beide g und oh Ma Gang; nets u ſich ſtel „Je ſagte d Se mann Beſuch ſakrame ſein Am von He aber w Adt gen He Sprech „Je Ich be⸗ n gutes enzenlos Heuvels det er?“ ihn be⸗ „ ant⸗ ie ſelten der eine Aeußerſte dun die m Horſt. noch das s damit, rſtockt in Sterbe⸗ und es an Horſt ſt.„Ich e Stat eſprochen. erſchmer⸗ ganz un⸗ onſtantia ſen ſein, gkeit zum und er⸗ 285⁵ kannte, daß es gefährlich wäre, zwei junge Leute auf ewig an einander zu ketten, wenn kein gegen⸗ ſeitiges Gefühl von Liebe dieſes Band rechtfertige. Es ſcheint, der Verdruß des Notars wird nicht lange dauern. Der Sohn von Herrn Grips hat bereits mehr als einmal das Verlangen ausgeſprochen, Conſtantia zur Frau zu nehmen. Er iſt noch jung und ſeine Eltern ſind ziemlich wohlhabend. Nach des Notars Worten ſcheint es, wir werden wohl in Kurzem von dieſer Heirath ſprechen hören. Ehrlich geſagt, ich glaube, Conſtantia wird mit dem Einnehmer glücklicher, als mit Ihnen. Sie ſind beide gut von Herzen, doch ohne Tiefe des Gefühls und ohns alle Poeſie der Geſinnung.... Man hörte die Schritte von Jemand auf dem Gang; Frau Valkiers öffnete die Thüre des Kabi⸗ nets und erſchrak beinahe, als ſie den Paſtor vor ſich ſtehen ſah. „Ich möchte gern Herrn Adolph allein ſprechen,“ ſagte der Prieſter. Seine Ankunft zu dieſer Stunde war für Jeder⸗ mann überraſchend. Niemand zweifelte, daß ſein Beſuch eine Folge von der Ertheilung der Sterb⸗ ſakramente ſei, da er kaum Zeit gehabt konnte, ſein Amtskleid abzulegen, und ſicher eine eilige Botſchaft von Herrn Heuvels oder von Adelina brachte... aber was mochte es ſein? Adolph entſchuldigte ſich mit einigen Worten ge⸗ gen Herrn Van Horſt und führte den Paſtor in das Sprechzimmer. „Ich habe bei Ihnen eine ſchwere Sendung zu erfüllen, mein Sohn,“ ſagte dieſer,„aber mein Ver⸗ 286 trauen auf Ihre Herzensgüte läßt mich hoffen, daß meine Botſchaft von einem glücklichen Erfolg beglei⸗ tet ſein wird. Herr Heuvels iſt tödtlich krank, wie Sie wiſſen. Seine Tochter hat ihn, ſeit dem Beginn ſeines Uebels, angefleht, Sie rufen zu laſſen. Sie hat einen außerordentlichen Glauben an Ihre Wiſſen⸗ ſchaft und meint, Sie können ihrem Vater noch zur Geneſung verhelfen. Dieſen Morgen bat ſie auf den Knieen um ſeine Einwilligung, Sie kommen zu laſſen. Ich darf es Ihnen nicht verbergen: Herr Heuvels, vielleicht durch die Krankheit ſelbſt noch mehr in ſei⸗ nem Irrthum beſtärkt, ſchlug es ihr mit Bitterkeit ab. Ich habe dem unglücklichen Kinde meinen Bei⸗ ſtand geliehen und endlich von Herrn Heuvels die Erlaubniß erhalten, Sie zu ihm zu führen. Er iſt in den letzten Zeiten nicht Ihr Freund geweſen, mein Sohn; nichts deſto weniger wage ich zu hoffen, daß Sie ihm Ihre Hülfe nicht verſagen werden.“ „Ich meine Hülfe verſagen?“ rief Adolph.„Ge⸗ wiß nicht, ich bin bereit; aber, Ehrwürden, man er⸗ wartet zu viel von mir! Wenn der Himmel ent⸗ ſchieden hat, was vermag da noch ein Arzt, und wäre er auch nicht ein Neuling, wie ich?“ „Allerdings; man kann jedoch nicht wiſſen. Sie ſind allzu beſcheiden, Herr Valkiers. Erinnern Sie ſich, wie Sie mich aus einem hoffnungsloſen Zuſtand beinahe augenblicklich gerettet haben? Wenn es Gott gefiele, auch dießmal Ihre Hand zu ſegnen?“ „Wohlan, Ehrwürden, es ſei wie es will, ich werde meine Pflicht erfüllen, wenn mir auch faſt keine Hoffnung übrig bleibt.“ „Noch ein Wort,“ ſprach der Paſtor, ihn zurück⸗ haltent anrufer freundl mißmu ſagen, es beke zugegel ſich dut zu laſſ Nebenn Mitleid mehr h ſtand!“ „Al hätte u wird H fragte innern.“ „Un Es iſt ſolche 2 nehmen. „Si finden, hat, um 287 n, daß haltend.„Ich muß Ihre ganze chriſtliche Bruderliebe beglei⸗ anrufen. Denken Sie nicht, daß Herr Heuvels Sie nk, wie freundlich empfangen wird. Er wird wahrſcheinlich Beginn mißmuthig gegen Sie ſein, vielleicht Dinge thun oder n. Sie ſagen, die Ihnen kränkend ſein könnten; denn ich muß Wiſſe⸗ es bekennen, nur mit Widerwillen hat er Ihren Beſuch noch zur zugegeben. Sollten Sie wohlwollend genug ſein, um auf den ſich durch dieſes unangenehme Gefühl nicht aufhalten u laſſen. zu laſſen? O, vergeben Sie Ihrem unglücklichen Heuvels, Nebenmenſchen ſeine Verblendung und haben Sie r in ſei⸗ Mitleid mit ſeinem armen Kinde, das auf Nichts itterkeit mehr hofft, als auf Gottes Güte und Ihren Bei⸗ en Bei⸗ ſtand!“ vels die„Aber wenn ich noch einige Ausſicht zur Rettung Er iſt hätte und die geeigneten Mittel anwenden wollte, en, mein wird Herr Heuvels mir geſtatten, es zu verſuchen?“ fen, daß fragte der junge Mann. „Ja, ich zweifle nicht daran. Er hat es mir we⸗ .„Ge⸗ nigſtens verſprochen. Außerdem werde ich dabei ſein. 3 man er⸗ Meine Gegenwart wird ihn an ſein Gelübde er⸗ nel ent⸗ innern.“ zt, und„Und ſind die Doctoren zugegen, Ehrwürden? ie Gs iſt eine ſchlimme, eine gefährliche Sache, auf 4 ⸗ Weiſe den Platz von Amtsgenoſſen einzu⸗ nehmen.“ „Sie werden Herrn Van Hoof, den Chirurgen * finden, der ſeine Bitten mit der meinigen vereinigt vill, ich hat, um Sie rufen zu laſſen.“ uch faſt„Ich folge Ihnen, Ehrwürden,“ ſprach Adolph, auf die Thüre zugehend.„Das Herz klopft mir vor nzurüc⸗ Angſt. Ach, ich gäbe viele Jahre meines Lebens 288 darum, wenn Gott mir die Macht verliehe, zu er⸗ füllen, was man von mir hofft!“ Unterwegs trat Adolph in das Kabinet und ſagte: „Mutter, Schweſter, der Herr Paſtor holt mich zu Herrn Heuvels. Betet während meiner Abweſen⸗ heit Herr Van Horſt, ich drücke Ihnen dank⸗ bar die Hand. Entſchuldigen Sie meine Eile: dieſer Tag iſt der feierlichſte meines Lebens!“ Mit dieſen Worten verließ er das Kabinet und folgte dem Pfarrer über die Straße nach der Woh⸗ nung des kranken Doctors. Es ſchien ihm, als ob die Fenſtergardine neben der Thüre ſich bewegt hätte. Wirklich wurde die Thüre geöffnet, ehe ſie dieſelbe noch erreicht hatten. Kaum war Adolph eingetreten, ſo ſprang Ade⸗ lina auf ihn zu, mit gefalteten Händen und einem Thränenſtrom auf den Wangen. „Adolph! Adolph!“ rief ſie,„geſegnet ſei dieſe Stunde! Ich lag in einem unermeßlichen Abgrund von Schmerz und Verzweiflung begraben. Jetzt iſt es mir, als ſcheine ein glänzendes Licht in meine Trübſal. Ach, Adolph, Sie werden meinen Vater retten, nicht wahr?“ „Arme Adelina,“ ſeufzte der junge Mann, vor erbleichend;„ich werde thun, was ich kan „O, ſeit vier Monaten iſt mein Leben eine bit⸗ tere Marter geweſen,“ rief ſie.„Gott allein weiß, was ich gelitten habe. Sie, Adolph, Sie müſſen die Quelle meiner Schmerzen kennen. Sehen Sie, ſehen Sie, auf meinen Knieen erflehe ich von Ihnen den Lohn für mein Leiden; das Leben meines Vaters! Sagen beſchwö Adr Adelino Glanz Ton ih ſchreckli unglückl ein. verzweif er ſie I wenige Schauſp erfüllen Klarheit Der und öff erſten E Hier lager a und dem Bette ſa Ado! ihm die Conſ zu er⸗ d ſagte: olt mich lbweſen⸗ n dank⸗ dieſer net und Woh⸗ als ob t hätte. dieſelbe ng Ade⸗ d einem ſei dieſe lbgrund etzt n meine n Vater nn, vor was ich eine bit⸗ in weiß, müſſen en Sie, Ihnen Vaters! 289 Sagen Sie mir, daß Sie ihn retten wollen; o, ich beſchwöre Sie, geben Sie mir Hoffnung!“ Adolph erbebte vor Schrecken. Der Anblick von Adelina's abgemagertem Geſichte, der ungemeine Glanz ihrer funkelnden Augen und der ſchneidende Ton ihrer Stimme raubten ihm die Sprache. Der ſchreckliche Gedanke fuhr ihm durch den Kopf, ſeine unglückliche Freundin möchte vom Wahnſinn befallen ſein. Aber der Paſtor ließ ihm keine Zeit, einige trö⸗ ſtende Worte zu ſtammeln, ſondern nöthigte das verzweifelnde Mädchen, ſich aufzurichten. Dann führte er ſie faſt mit Gewalt in ein Zimmer und kehrte wenige Augenblicke darauf zu Adolph zurück, der noch bewegungslos in derſelben Haltung daſtand. „Fürchten Sie nichts für ſie,“ ſagte der Prieſter, als er die übermäßige Bläſſe von Adolph bemerkte. „Sie iſt bereits ruhig und wird mit Geduld den Erfolg Ihres Beſuches abwarten. Suchen Sie dieſes Schauſpiel zu vergeſſen, mein Sohn. Kommen Sie, erfüllen Sie Ihre beſchwerliche Sendung mit voller Klarheit des Geiſtes.“ Der Pfarrer ſtieg vor Adolph die Treppe hinauf und öffnete ſodann die Thüre eines Zimmers im erſten Stock. Hier lag der kranke Doctor auf dem Schmerzens⸗ lager ausgeſtreckt, mit den geweihten Wachskerzen und dem Kreuz daneben. Auf einem Stuhl vor dem Bette ſaß der Chirurg. Adolph ging auf Herrn Van Hoof zu und drückte ihm die Hand. Es war ein Lächeln der Sympathie 19 Conſeience, der junge Doetor. 290 und Freundſchaft, das ſich bei dieſem Händedrucke auf des Chirurgen Angeſicht zeigte. Dann trat der junge Doctor ſchweigend an das Bett und betrachtete eine lange Weile die Züge des Kranken, deſſen Augen geſchloſſen waren. Er beugte den Kopf auf deſſen Bruſt und lauſchte auf das Geräuſch ſeiner Athemzüge. Nach dieſer oberflächlichen Unterſuchung nahm er einen Stuhl, ſetzte ſich neben den Chirurgen und begann faſt unhörbar über die Symptome und den Verlauf der Krankheit, wie über die angewendeten Mittel einige Erklärung von ihm einzuziehen. Bald erhoben ſich Beide und näherten ſich dem Kopfende des Bettes. Der Chirurg faßte den Kranken ſachte an der Schulter und ſprach: „Herr Heuvels, hier iſt unſer College Valkiers, der Sie beſucht.“ Der alte Doctor öffnete die Augen. Ein Schauer ſchien über ſeinen Körper zu laufen, und er richtete einen bittern Blick voll Verdruß und Geringſchätzung auf Adolph. „Herr Valkiers möchte Ihre Bruſt unterſuchen,“ fuhr der Chirurg fort. „Laßt mich in Ruhe,“ murrte Heuvels mit ſchwacher Stimme;„plagt mich nicht, mein Loos iſt entſchieden.“ „Kommen Sie, ſeien Sie nachgiebig. Um Ihrer eigenen Wohlfahrt willen, geſtatten Sie dieſe Unter⸗ ſuchung,“ ſprach der Chirurg wieder. Der Kranke bezeugte durch ein Grinſen, zu dem ſich ſeine Lippen verzerrten, daß er keine Luſt dazu hatte; aber jetzt trat der Pfarrer herzu und ſchien ihm du zu vern Ein Kranken murrte: „Th werfe n Der Adolph zur Gel wahrha der Fei von Ht hatten ſ Stärke von He ohne we Schulter Der Ch Das lauſchte dem Zu Zeugniß Kopf vt legte en auf die ſtark mit daß er der Bru Der günſtig indedrucke an das Züge des Er beugte auf das g nahm rgen und und den wendeten n. ſich dem ßte den Laltiers, Schauer r richtete ſchätzung rſuchen,“ els mit Loos iſt m Ihrer e Unter⸗ zu dem uſt dozu id ſchien 291 ihm durch einen Blick den Bruch ſeines Gelübdes zu verweiſen. Ein tiefer Seufzer entſchlüpfte der Bruſt des Kranken, und er gab ſich überwunden, indem er murrte: „Thun Sie mit mir nach Belieben; ich unter⸗ werfe mich dieſer nutzloſen Marter....“ Der Paſtor warf jetzt auch einen Blick auf Adolph, um ihn bei dieſen unangenehmen Worten zur Geduld zu mahnen; aber der Jüngling bedurfte wahrhaftig dieſer Ermuthigung nicht; das Gefühl der Feierlichkeit dieſer Lage und vielleicht ein Strahl von Hoffnung, der in ſeine Bruſt gefallen war, hatten ſeinen Geiſt erhoben und ihm eine ungemeine Stärke verliehen. Anſtatt ſich durch den Widerwillen von Herrn Heuvels aufhalten zu laſſen, ſteckte er, ohne weiter Etwas zu ſprechen, den Arm unter die Schultern und lüpfte den Oberleib ein wenig auf. Der Chirurg leiſtete ihm hiebei hülfreiche Hand. Das Ohr an die Bruſt des Kranken gehalten, lauſchte Adolph auf die leiſen Regungen, die von dem Zuſtande ſeiner Lungen oder ſeines Herzens Zeugniß geben konnten. Er drehte mehrmals den Kopf von der einen nach der andern Seite und legte endlich die zwei Vorderfinger der linken Hand auf die Rippen des Doctors und ſchlug ziemlich ſtark mit den Fingern der andern Hand darauf, ſo daß er einen hörbaren Ton hervorbrachte, der in der Bruſthöhle wiederhallte. Der Ausſchlag dieſer Unterſuchung mußte ihm günſtig erſcheinen, denn es leuchtete ein Funke von 19 292 Entzücken in ſeinen Augen auf und Etwas wie ein Lächeln ſchweifte über ſeine Lippen. Herr Heuvels dagegen ſchien durch einen ſcharfen Blick und eine höhniſche Geberde Adolph der Selbſt⸗ überſchätzung und Grauſamkeit anzuklagen. Von Zeit zu Zeit warf er dann wieder einen Blick auf den Prieſter, als wollte er ihn zum Zeugen anrufen, daß man ihn unbarmherzig marterte. Adolph gab dem Chirurgen ein Inſtrument in die Hand, das mit einer trichterförmigen Röhre Aehnlichkeit hatte, und wies ihm dann eine Stelle zur Seite an dem Kopf des Kranken an. „Beliebt es Ihnen, aufmerkſam zu lauſchen, Herr Van Hoof,“ ſagte er.„Da, an dem Lauf der Hals⸗ ſchlagader. Was hören Sie?“ „Es gleicht einem ſanften Gebläſe, das bei je⸗ dem Pulsſchlag durch die Adern fährt,“ war die Antwort. „Legen Sie, ich bitte Sie, nun auch Ihr Ohr an die Bruſt. Bemerken Sie nicht, daß alle die Bewegungen da innen natürlich und regelmäßig ſind? Daß namentlich der Athem einen Ton von gleicher Kraft vernehmen läßt?“ „Es iſt meine Sache nicht, über die Symptome innerer Krankheiten ein Urtheil zu fällen,“ murmelte der Chirurg;„aber ich meine gleichfalls, daß alle Schläge, die ich vernehmen kann, naturgemäß ſind, mit Ausnahme des ſeltſamen Gebläſes in der Hals⸗ arterie.“ Adolph ließ den Kopf des Kranken ſanft auf das Kiſſen nieder, während er ſagte: „Faſſen Sie Muth, Herr Heuvels; wenn ich mich nicht tär Geneſung Ein die Antn Adol Willen ſchmerzte in einem ſich am Pfarrer, licher Ne daß ich College, achtungs bedaure. Van He will ich es hier gehabt, entzündr Zögern Schlag und ſie ſchränkt. übrig g ganz ve nen hat leglich e welchen von ſick ſicht, d wie ein ſcharfen r Selbſt⸗ Von Zeit auf den anrufen, ument in n Röhre ie Stelle en, Herr der Hals⸗ s bei je⸗ war die Ihr Ohr alle die egelmäßig Ton von ymptome murmelte daß alle mäß ſind, der Hals⸗ ſanft auf n ich mich 293 nicht täuſche, iſt noch viel, ſehr viel Ausſicht zur Geneſung vorhanden.“ Ein Ausdruck des Unglaubens und Spottes war die Antwort des alten Doctors. Adolph ließ ſich keineswegs durch den böſen Willen des Kranken aufreizen, obwohl es ihn ſchmerzte, die tiefe Erbitterung von Adelina's Vater in einem ſolchen Augenblick zu erkennen. Er ſetzte ſich am Bette nieder, während der Chirurg und der Pfarrer, die nahe getreten waren, ihn mit ängſt⸗ licher Neugierde anſchauten. „Ich bin nicht übermüthig genug, zu denken, daß ich Etwas mehr oder beſſer weiß, als mein College, Herr Stol, deſſen große Erfahrung ich achtungsvoll anerkenne und deſſen Abweſenheit ich bedaure. Unter Vorbehalt Ihrer Anſicht, Herr Van Hoof, und Ihres Gutachtens, Herr Heuvels, will ich nun meine Meinung erklären. Man hat es hier in der That mit einer pleurisis zu thun gehabt, mit einer heftigen, aber einfachen Bruſtfell⸗ entzündung. Die kräftigen Mittel, welche man ohne Zögern anwondte, namentlich die Blutentziehung, Schlag auf Schlag, haben der Entzündung geſteuert und ſie auf eine kleine Oberfläche der Bruſt be⸗ ſchränkt. Jetzt iſt keine Spur der Entzündung mehr übrig geblieben, das Austreten des Bruſtfells iſt ganz verſchwunden und ein Anſatz falſcher Membra⸗ nen hat ſich nicht gebildet. Dieß folgt mir unwider⸗ leglich aus der Gleichheit und Klarheit des Klangs, welchen die Bruſthöhle unter dem Anſchlag der Hand von ſich gibt. Demzufolge iſt es zuerſt meine An⸗ ſicht, daß meine verehrten Collegen die rechten 294 Mittel zur Bekämpfung der pleurisis angewandt, und dieſelbe auch völlig überwunden haben.“ „Er wird mir noch beweiſen, daß ich gar nicht krank bin!“ brummte der alte Doctor, beinahe un⸗ hörbar, aber mit beißendem Spott. „Im Gegentheil, Herr Heuvels,“ antwortete Adolph,„ich werde zu beweiſen ſuchen, daß Sie ſehr krank ſind; aber zugleich, daß Ihre Geneſung wahr⸗ ſcheinlich iſt, wenn ich glücklich genug bin, Sie meine Anſicht theilen zu ſehen. Es ſchmerzt mich, Etwas ſagen zu müſſen, was als eine Mißbilligung der Hand⸗ lungsweiſe meiner Amtsgenoſſen angeſehen werden könnte. Dennoch darf ich nicht zögern, meine auf⸗ richtige Meinung zu erklären. Was ich bei dem erſten Anblick Ihres Geſichts vermuthete, iſt durch eine nähere Unterſuchung für mich unverkennbar beſtätigt worden. Man hat das übermäßige Blutlaſſen zu ſehr verlängert und zu weit getrieben. Jetzt iſt keine andere Krankeit mehr da, als eine Anemia, eine beinahe vollſtändige Blutloſigkeit. Der eigen⸗ thümliche Ton Ihres Ausſehens und die nervöſen Schmerzen in Magen und Angeſicht, die Sie em⸗ pfinden, ſind genügend, um das Urtheil zu fällen, daß an die Stelle der Pleurisis die Anemia getre⸗ ten iſt; der blaſende Pulsſchlag, welchen Ihre Hals⸗ arterie vernehmen läßt, iſt ein eigenthümliches Symp⸗ tom Ihres neuen Uebels.“ Der Kranke ſchüttelte verneinend den Kopf und gab dadurch zu erkennen, daß er ſich weigere, dieſer Erklärung Glauben zu ſchenken. „Ich bitte Sie, Herr Heuvels, ſagen Sie mir, daß ich dieſer Meinung gemäß Ihnen die Mittei verordn zweckmä ſtoßen, Da von Wi Adolph „Ho ich hab mühung Herr H men w ich verl Der Zimmer Bei „Fl kleine 6 kochen, verſtehſ „Je freudige die Tre gewandt gar nicht nahe un⸗ itwortete Sie ſehr wahr⸗ ie meine Etwas er Hand⸗ werden ine auf⸗ m erſten ch eine beſtätigt ſſen zu Jetzt iſt Anemia, r eigen⸗ nervöſen Sie em⸗ u fällen, a getre⸗ Hals Symp⸗ opf und e, dieſer Sie mir, e Mittel 295 verordnen darf, welche ich zu Ihrer Geneſung für zweckmäßig erachte. Wenn Sie meine Hülfe ver⸗ ſtoßen, werde ich unmächtig bleiben.“ Da der Kranke nur durch einen bittern Ausdruck von Widerwillen antwortete, ſprach der Pfarrer zu Adolph: „Handeln Sie nach Ihrem Gewiſſen, mein Sohn; ich habe die feſte Hoffnung, daß Gott Ihre Be⸗ mühungen ſegnen wird. Zweifeln Sie nicht, daß Herr Heuvels Ihren Vorſchriften getreulich nachkom⸗ men wird. Er hat es mir feierlich verſichert und ich verbürge mich für ſein Gelöbniß.“ Der junge Mann ſchritt nach einer Ecke des Zimmers und zog an einer Klingelſchnur. Beinahe in demſelben Augenblick öffnete die Magd die Thüre. „Barbara,“ fragte der junge Mann,„haſt Du keine Bouillon, Fleiſchbrühe?“ „Fleiſchbrühe?“ rief die Magd halb beſtürzt. „Fleiſchbrühe! Für den Herrn? Wird er eſſen?“ „Antworte mir, Barbara.“ „Es iſt Fleiſchbrühe von geſtern da, gute Fleiſch⸗ brühe, aber ſie iſt kalt.“ „Mache ſchnell einen Topf davon warm, etwas mehr als lau, und bringe ſie mir. Hernach ſchnei⸗ deſt Du ein großes Stück guten Ochſenfleiſches in kleine Stückchen und läſſeſt es in ein wenig Waſſer kochen, bis das Fleiſch ſich beinahe auflöst. Du verſtehſt mich, eine gute Bouillon.“ „Ja, ja, mein Herr,“ murmelte die Magd in freudiger Ueberraſchung, während ſie in aller Eile die Treppe hinunterſtieg. 296 Adolph kehrte in das Zimmer zurück und winkte dem Chirurgen an einen Tiſch. Hier zog er ein kleines Taſchenbuch heraus, berathſchlagte ſich einen Augenblick mit ſeinem Collegen, und ſagte, während er auf einem Blättchen Papier die Heilmittel auf⸗ ſchrieb, welche angewendet werden ſollten: „Das Eiſen iſt unſere vornehmſte Zuflucht; wir brauchen eine Miſchung von unterkohlenſaurem Eiſen und Gentiana; zugleich wollen wir die Hauptthätig⸗ keit durch Frottiren wieder anregen.“ „Ich will hinabgehen, um dieſe Medicinen in der Apotheke von Herrn Heuvels zu bereiten,“ ſprach der Chirurg, das Recept nehmend.„Ich weiß nicht, Collega, aber ich beginne wahrlich zu glauben, daß wir unſeren Kranken noch retten werden. Schon vorgeſtern habe ich die Frage aufgeworfen, ob wir das Blutlaſſen nicht einſtellen ſollten, aus Furcht vor einer ſchlimmen Anemia; aber die beiden Doc⸗ toren haben meine Bemerkung in den Wind geſchla⸗ gen. Ich huldige wohl ihrem Syſtem, aber ſie treiben i Mit dieſen Worten hatte er ſich der Thüre ge⸗ nähert und ſtieg gerade die Treppe hinunter, als Barhara mit der Fleiſchbrühe erſchien. Adolph nahm ihr das Kännchen aus der Hand. „O, Herr Valkiers, aus Mitleid mit der Angſt meines Fräuleins,“ flehte die Magd,„ſagen Sie mir ein gutes Wort. Werden Sie meinem Herrn das Leben retten?“ „Ich hoffe es feſt,“ antwortete er.„Tröſte Ade⸗ lina, ſprich ihr Muth ein— jedoch nicht zu viel; ſei vorſichtig, Barbara.“ „A aufgeht Ad das B ſich zu brachte Mund baren entſpra der Me nem Gr zurück! gießen? unterwe Nahrun Er ſicht ve verſucht die Ge Und brühe i zu laſſe —. d winkte er ein ich eeinen während tel auf⸗ ht; wir em Eiſen n in der ſprach iß nicht, en, daß Schon ob wir Furcht en Doe⸗ geſchla⸗ treiben üre ge⸗ er, als hnam r Angſt zen Sie Herrn ſte Ade⸗ u iel; 297 „Ach, Gott ſei geprieſen!“ rief die Magd, mit aufgehobenen Händen die Treppe hinabeilend. Adolph trat mit dem Kännchen Fleiſchbrühe an das Bett, verſuchte ſelbſt einen Löffel davon, um ſich zu überzeugen, daß ſie nicht zu warm war, und brachte dann das Kännchen und den Löffel an den Mund des Kranken. „Was iſt das?“ rief dieſer mit einer wunder⸗ baren Kraft, welche aus ſeinem innerlichen Grimme entſprang.„Fleiſchbrühe, mir? Unſinn! O, könnte der Meiſter aller Meiſter, könnte Brouſſais aus ſei⸗ nem Grabe auferſtehen, er hielte Ihre ſchuldige Hand zurück! Sie wollen alſo Feuer in meine Eingeweide gießen?“ „Und Ihr Gelöbniß, Herr Heuvels?“ murmelte der Paſtor mit einem durchdringenden Blick. „Es ſei!“ klagte der Kranke.„Ich will mich unterwerfen, und müßte ich, mit dieſer entzündenden Nahrung im Munde, den Geiſt aufgeben!“ Er drückte wirklich, wiewohl immer noch das Ge⸗ ſicht verzerrend, ein paar Löffel voll hinunter, und verſuchte, weitere abzuwehren, aber Adolph verlor die Geduld nicht und hielt ihm zugleich aufs Neue den Löffel an die Lippen, indem er eindringlich ſprach: „Noch mehr, mein Herr, noch mehr; es wird Sie erquicken.“ Und während er mit dem Einflößen der Fleiſch⸗ brühe innehielt, um den Kranken zu Athem kommen lu laſſen und nicht zu ermüden, fragte er in ſanftem on: vicht wahr, verehrter Collega, es thut Ihnen gut?“ 298 Das Wort Collega ärgerte Heuvels ſchwer; mit einem verdrießlichen Blick antwortete er: „Gut? Es verbrennt mir den Magen!“ Adolph ſchüttelte unmuthig den Kopf. Es kränkte ihn, daß Heuvels, nur um ihm wehe zu thun, ſelbſt die Wahrheit verbarg; denn der junge Mann war überzeugt, daß die genoſſene Fleiſchbrühe ihm ein Gefühl von Erquickung gegeben hatte. Trotz der Abwehr des Kranken gedachte Adolph noch einige Löffel Fleiſchbrühe ihm aufzunöthigen; aber jetzt wurde die Thüre geöffnet, und Adelina trat hinter dem Chirurgen in das Zimmer. Sie eilte mit einem Schrei der äußerſten Freude auf ihren Vater zu, beugte ſich über ſein Bett, küßte ihn zärtlich und rief wie außer ſich: „Vater, lieber Vater, Du wirſt geneſen! Ach nein, ſei nicht böſe gegen mich! Verzeihung! Die glückliche Kunde macht mich wahnſinnig; ich konnte nicht unten bleiben. Das Herz wollte, vor ſeliger Ungeduld, mir im Buſen brechen.— Habe ich es Dir nicht geſagt? O, meine Hoffnung hat mich nicht betrogen; es war eine göttliche Eingebung, die die mir zurief, Adolph werde Dein Retter ein!“ Herr Heuvels ſchien bei dieſen letzten Worten in einer Art fieberiſcher Raſerei aufzuflammen. Er ſtrengte ſeine Kräfte an, wies mit zitternder Hand nach der Thüre und ſprach im Tone furchtbarer Auf⸗ regung: „Fort, fort, Adelina, ich beſchwöre Dich, verlaß dieſes Zimmer. Du hier, in ſeiner Gegenwart? Schnel tödtet Ein Mädch hinaus No Adolpl e mich? Herr 2 laſſen. mich ſt Un Kiſſen wie da Ad Seite, währen „V helfen kann ſ Be Pulſe Bewuß inem ließen. den He nehmer Eir jungen A Güte k ver; mit s kränkte n, ſelbſt nn war ihm ein rotz der einige ber jetzt t hinter Freude tt, küßte n! Ach g! Die nte r ſeliger e ich es nich nicht ng, die n Retter orten in en. Er er Hand wer Auf⸗ „ verlaß enwart 299 Schnell, weiche mir aus den Augen, oder der Zorn tödſt mich Ein Schmerzenslaut riß ſich von der Bruſt des Mädchens los, und ſie floh erſchreckt zum Zimmer hinaus. Noch zitternd rief der Kranke dem Pfarrer und Adolph zu: „Sie ſind alſo ohne Herzen, ohne Mitleid für mich? Ich will Alles thun, Alles erdulden; aber Herr Valkiers ſoll hingehen und mein Haus ver⸗ laſſen. Sein Anblick martert mich. O, ich fühle Und wirklich ſank ſein Kopf kraftlos auf die Kiſſen nieder, und ſeine bleichen Züge erſchlafften, wie das Geſicht eines Leichnams. Adolph eilte zu dem Bett, rückte die Kiſſen zur Seite, um den Kopf des Kranken tiefer zu legen, während er jammernd ausrief: „Wehe, das war zu befürchten! Helfen Sie mir, helfen Sie mir, Herr Van Hoof! Eine Ohnmacht kann ſein Leben brechen!“ Beide rieben dem Kranken die Stirne und die Pulſe mit kaltem Waſſer und ſuchten ihn wieder zum Bewußtſein zu bringen, indem ſie ihn den Duft von inem Fläſchchen mit flüchtigem Salz einathmen ließen. Es dauerte eine Weile, bis Adolph wieder den Herzſchlag in der Bruſt des Kranken wahrzu⸗ nehmen begann. Ein tiefer Seufzer entſchlüpfte der Bruſt des jungen Mannes. „Ah, er erholt ſich,“ frohlockte er.„Gottes Güte hielt ihn am Rande des Grabes zurück!“ 300 Und ſich mit tiefem Ernſt auf dem Geſicht zu dem Pfarrer wendend, ſprach er: „Ehrwürden, ich begreife meine Pflicht. Meine Sendung iſt erfüllt. Es wäre unvorſichtig von meiner Seite, hier noch länger bleiben zu wollen, während meine Gegenwart den Kranken in eine ge⸗ fährliche Spannung des Geiſtes verſetzt. Ich werde der Fürſorge meines Collegen, Herrn Van Hoof, die pünktliche Anwendung der vorgeſchriebenen Mittel anvertrauen, und dann alsbald mich entfernen, um dem Kranken die nöthige Ruhe zu gönnen.“ Nachdem er eine Weile in der Stille mit dem Chirurgen geſprochen hatte, wandte er ſich zu dem Patienten, der die Augen nur halb geöffnet hatte, und ſprach: „Leben Sie wohl, Herr Heuvels, ich verlaſſe Sie; wenn es Ihnen jedoch beliebte, mich noch ein⸗ mal rufen zu laſſen, ſo werde ich mit Freude mich Ihnen zu Dienſten ſtellen.“ Der alte Doctor ſchaute ihn mit unſicherem Blicke an; doch gab er durch nichts Anderes zu erkennen, daß er ſeinen Gruß verſtanden hatte. Der Pfarrer verließ mit Adolph das Zimmer und ſtieg ſchweigend hinter ihm die Treppe hinab. Unter der Thüre wartete Adelina. Die Hände wie zum Gebet erhoben, rief ſie: „Adolph, Adolph, Sie gehen fort? O, ſagen Sie mir ein Wort, um meinen Muth zu ſtärken! Täu⸗ ſchen Sie mich nicht; iſt es wahr, darf ich hoffen?“ „Arme Adelina,“ ſeufzte der Jüngling;„ſuchen Sie ſich zu beruhigen. Sie dürfen hoffen. Ich be⸗ ſchwöre Sie, ſorgen Sie, daß Ihr Vater genau die Vorſch mich i und di mein ten w Barml Ei Augen hinreif geneſer danken en ur De regten 6 Di Horizo Valkier nahm. das G ſeit ein hielt: Großv „E ſeit ich den A mir vo ſung v ſicht zu Meine tig von wollen, eine ge⸗ h werde n Hoof, Mittel en, um nit dem zu dem t hatte, verlaſſe och ein⸗ de mich n Blicke rkennen, Zimmer hinab. Hände gen Sie offen?“ „ſuchen Ich be⸗ nau die 301 Vorſchriften von Herrn Van Hoof befolgt. Ich kann mich irren, Adelina; meine Erfahrung iſt ſchwach und die Wiſſenſchaft fehlbar.... aber mein Glaube, mein feſter Glaube iſt, daß Ihr Vater Ihnen erhal⸗ ten wird. Vertrauen Sie alſo auf des Himmels Barmherzigkeit....“ Ein ſeltſames Feuer funkelte in des Mädchens Augen, und ihr Geſicht wurde von dem Glanze eines hinreißenden Entzückens verklärt. „H, Adolph!“ rief ſie aus,„wenn mein Vater geneſen könnte! Wenn er das Leben Ihnen zu ver⸗ danken hätte!... Mein Gott, laß mich nicht erlie⸗ gen unter allzu vieler Hoffnung!“ Der Pfarrer öffnete die Thüre und zog den er⸗ regten Jüngling an der Hand auf die Straße. XII. Die Sonne hatte ſich noch nicht lang über den Horizont erhoben, als bereits die ganze Familie Volkiers um einen Tiſch ſaß und das Frühſtück ein⸗ nahm. Während ſie den Caffee tranken, drehte ſich das Geſpräch ſicherlich wieder um den Vorfall, der ſeit einer ganzen Woche ihre Aufmerkſamkeit gefeſſelt hielt: denn Adolph antwortete auf eine Frage ſeines Großvaters: „Es ſind allerdings erſt ſechs Tage verfloſſen, ſeit ich zu Herrn Heuvels gerufen wurde; aber nach den Aufklärungen, welche mein College Van Hoof mir vorgeſtern gab, zweifle ich nicht an der Gene⸗ ſung von Adelina's Vater.“ „Es iſt Schade, daß Du geſtern Abend nicht zu Hauſe geweſen biſt, um ſelbſt mit Herrn Van Hoof zu ſprechen,“ ſagte der Greis.„Er zeigte nicht ſo viel Vertrauen wie Du, und ſchien ſogar bekümmert.“ „Du haſt ihn wahrſcheinlich falſch verſtanden, Großvater, da er Dir erſt ſagte, daß es gut mit ihm geht.“ „Daß es ordentlich geht, ſagte er. Der Kranke klagt noch immer über heftige Schmerzen in den Eingeweiden.“ „Aber er ißt, und ſein Magen weist die Nah⸗ rung nicht zurück,“ bemerkte der Jüngling.„Das iſt ein gutes Zeichen. Auf alle Fälle, bekümmern wir uns nicht mit Unrecht: da Herr Van Hoof ver⸗ ſprochen hat, uns dieſen Morgen zu beſuchen, ſo werden wir es bald erfahren. Was mich betrifft, ich habe die feſte Hoffnung, daß Herr Heuvels ge⸗ neſen wird. Seine Beine ſind abgeſchwollen und die Farbe ſeines Angeſichtes wird natürlich. Es würde mich gar nicht verwundern, wenn er heute oder morgen bereits von ſeinem Bette auſſtände, um ein wenig im Zimmer auf⸗ und abzugehen.. „So ſchnell?“ fiel die Wittwe ihm in's Wort. „Es wäre faſt ein Wunder.“ „Doch nicht, Mutter; die Sache iſt ſehr einfach. Wenn die Werkzeuge des Lebens in unſerem Körper unbeſchädigt bleiben, dann ſtellt ſich Nichts ſo ſchnell her, als das Blut. Um ſich wieder ganz wohl zu fühlen, bedarf Herr Heuvels Nichts, als die Wieder⸗ herſtellung ſeiner Kräfte.“ „Aber die geheimen Schmerzen in den Einge⸗ weiden den K „C niemal „C Gewal rief Fr wiſſen, Adelin haben Zuthun würde rührent Da und lie zu ſehe halten „N dem Kr Beſorg: ie dem Ch nicht zu an Hoof nicht ſo mmert.“ ſtanden, gut mit Kranke in den i Nah⸗ „Das ümmern oof ver⸗ hen, ſo betrifft, vels ge⸗ len und h. Es rheute fſtände, 3 Wort. einfach. Körper o ſchnell wohl zu Wieder⸗ Einge⸗ 303 weiden?“ murmelte der Greis, indem er zweifelnd den Kopf ſchüttelte. „Gegen unerwartete Zwiſchenfälle iſt ein Doctor niemals verſichert,“ ſeufzte der Jüngling. „Großvater, Großvater, Du thuſt Dir immer Gewalt an, um die Sache recht ſchwarz anzuſehen,“ rief Franciska tadelnd.„Adolph muß es doch beſſer wiſſen, als wir. O, wie glücklich wird die gute Adelina ſein! Schon den Tod des Vaters beweint haben und ihn wieder geſund ſehen! Durch Dein Zuthun, Adolph! Ach, wenn ſie hieher käme, wie würde ſie uns ihre Dankbarkeit bezeugen, mit ſo rührenden Worten, wie nur ſie zu ſprechen weiß!...“ Das Mädchen unterbrach plötzlich ihre Worte und lief an das Fenſter, um nach einem Fuhrwerk zu ſehen, welches vor der Thüre von Heuvels ge⸗ halten hatte. „Es iſt Herr Van Hoof, der den Kranken be⸗ ſucht,“ ſagte ſie mit einer gewiſſen Aengſtlichkeit in der Miene.„So früh! Was mag dieß bedeuten?“ „Sollte Etwas vorgefallen ſein?“ murmelte die Wittwe. „Ah, Herr Van Hoof kommt herüber!“ rief Franciska;„Gott gebe, daß er ein Glücksbote ſei!“ Adolph hatte kaum Zeit gehabt, einige Schritte nach der Thüre zu thun, als der Chirurg bereits in das Zimmer trat und ihm herzlich die Hand reichte. „Nun, College, was bringen Sie Neues von dem Kranken?“ rief der junge Mann mit ſichtbarer Beſorgniß.„Hat er Sie ſo frühe rufen laſſen?“ Die Wittwe und ihre Tochter zogen beinahe dem Chirurgen die Worte aus dem Munde. „Aber wie kommt es, daß Sie Alle ſo unruhig ſind?“ bemerkte dieſer verwundert.„Es iſt in dem Zuſtande von Herrn Heuvels Nichts, was Ihre Be⸗ ſorgniß rechtfertigt, wenigſtens meiner Anſicht nach.“ „Siehſt Du wohl, Großvater, daß Du Unrecht haſt?“ frohlockte Franciska. „Sie werden unſer Frühſtück theilen, nicht wahr, Herr Van Hoof?“ ſprach Adolph, einen Stuhl an den Tiſch ziehend. „Ich danke Ihnen; ich habe bereits gefrühſtückt.“ „Setzen Sie ſich wenigſtens. Ihr frühzeitiger Beſuch hat alſo keinen Grund, der uns Beſorgniß erregen könnte?“ „Durchaus nicht. In einer Stunde muß ich in dem Weiler Nederhout ſein, um mich mit meinem Collegen Teerlinck über das Ausſchneiden eines bös⸗ artigen Geſchwürs zu berathen. Da ich geſtern nicht das Vergnügen hatte, Sie zu Hauſe zu ſinden, bin ich etwas früher abgefahren, um einige Augen⸗ blicke mit Ihnen ſprechen zu können. n Vorbei⸗ gehen wollte ich zugleich Herrn Heuvels beſuchen; aber die Magd ſagt, er ſchlafe. Es wäre unnütz, ihn zu wecken, da ich ihn bei der Rückkehr doch ſehen werde.“ „Unſer Großvater hat geſtern auf Ihrem Ange⸗ ſichte zu leſen geglaubt, daß Sie über den Zuſtand des Kranken nicht ganz ruhig wären; aber er hat ſich getäuſcht, nicht wahr? Es geht mit ihm ſo gut es möglich iſt?“ „Ich weiß nicht, was ich davon denken ſoll,“ antwortete Van Hoof, indem er zweifelnd die Ach⸗ ſeln zuckte. 3 ſtärke allmä Mage erträg röther denker wiede „ Was — Krank bereit er wi Es iſt Was Grünt mich! aufhö gewei Wege er no ſprach kümm Worte „ in Ge daß d C N chen. meint Co unruhig in dem Ihre Be⸗ t nach.“ Unrecht wahr, tuhl an ihſtückt.“ hzeitiger eſorgniß ß ich in meinem nes bös⸗ geſtern tfinden, Augen⸗ Vorbei⸗ eſuchen; unnütz, ch ehen n Ange⸗ Zuſtand rer hat ſo gut en ſoll,“ die Ach⸗ 305 „Ihren Anweiſungen zufolge habe ich ihm immer ſtärkere und ſtärkere Fleiſchbrühe geben laſſen, und allmälig auch etwas gebratenes Ochſenfleiſch. Sein Magen verdaut Alles mit wunderbarer Kraft und erträgt die Arzneien vollſtändig. Bereits erſcheint rötheres Blut unter ſeinen Wangen und ich möchte denken, daß die Geſundheit mit ſchnellen Schritten wiederkehrt.“ „Aber dieß ſind doch untrügliche Zeichen, Collega. Was beunruhigt Sie dann noch?“ „Ich bedaure, Herr Valkiers, daß Sie den Kranken nicht ſelbſt ſehen konnten. Ich habe ihm bereits mehrmals angerathen, Sie rufen zu laſſen; er will jedoch ſeine Zuſtimmung hiezu nicht geben. Es iſt ein ſonderbarer Mann, dieſer Herr Heuvels. Was hat er denn gegen Sie? Es müſſen geheime Gründe da ſein, die mir unbekannt ſind.— Was mich beunruhigt, fragen Sie? Der Kranke klagt un⸗ aufhörlich über heftige Schmerzen in Bruſt und Ein⸗ geweiden, und als ich ihm ſagte, er ſei auf dem Wege der Beſſerung, behauptet er, zu fühlen, daß er noch immer in Gefahr ſchwebe.“ „Nun, habe ich die Wahrheit nicht geſagt?“ ſprach der Greis zu den beiden Frauen, die mit be⸗ kümmerter Miene und ganz niedergeſchlagen auf die Worte des Chirurgen hörten. „Es iſt unbegreiflich,“ murmelte der junge Mann in Gedanken.„Was denken Sie, Herr Van Hoof, daß die Urſache ſeiner Schmerzen ſein kann?“ „Ich weiß mir keine Vorſtellung davon zu ma⸗ chen. Vielleicht haben wir uns geirrt, wenn Sie meinten, die Entzündung ſei ganz gehoben.“ Conſcience, der junge Doctor. 20 „Glauben Sie das nicht, es iſt unmöglich. Die Symptome der pleurisis ſind ſo deutlich erkennbar, daß man darüber nicht fehlgreifen kann, beſonders auf dem Punkt, wo die Krankheit angelangt war. Iſt kein neues Uebel vorhanden, ſo zweife ich ſtark, ob Herr Heuvels nicht mit Unrecht das Gefühl ſeiner Schmerzen übertreibt, wenn es nicht eine völlige Täuſchung ſeiner Sinne iſt.“ „Sie äußern da Etwas, Herr Valkiers, das viele Wahrſcheinlichkeit hat,“ ſprach Van Hoof mit einem halben Lächeln.„Ich habe in der That zu bemerken geglaubt, daß es Herrn Heuvels verdrieße, geſtehen zu müſſen, daß es mit ihm doch etwas beſſer geht. Anfangs wenigſtens ließ er mich glau⸗ ben, er wolle lieber ſehr krank bleiben, als geneſen. Es liegt etwas Kindiſches in ſeinem Aerger gegen Sie. Weil Sie es ſind, der ihn gerettet hat, läug⸗ net er ſeine Beſſerung ſo lang als möglich. Wer weiß, ob dieſes Gefühl ihn nicht antreibt, fortwäh⸗ rend über eingebildete Schmerzen zu klagen?“ „Wie kann die Ungerechtigkeit doch einen Men⸗ ſchen alſo verblenden!“ rief der Greis. Er ſollte gegen Dich alſo feindſelig geſinnt bleiben, ſelbſt wenn er Dir das Leben zu verdanken hat?“ „O, Großvater, Du mußt dem armen Herrn Heuvels es vergeben,“ ſagte Franciska.„Es iſt eine Folge ſeiner Krankheit. Sei überzeugt, es wird beſſer werden, wenn er ganz geneſen iſt.“ „Ich denke in der That, daß Fräulein Fran⸗ ciska Recht hat,“ beſtätigte der Chirurg.„Geſtern Abend glaubte ich bereits einige Veränderung in —,——— Die nnbar, onders t war. ark, ob ſeiner völlige „ das of mit hat zu drieße, etwas glau⸗ meſen. gegen läug⸗ Wer twäh⸗ Men⸗ ſollte ſelbſt Herrn Fs iſt wird Fran⸗ eſtern ig in —,——— dem Gemüthszuſtand von Herrn Heuvels wahrzu⸗ nehmen. Er erkannte ohne viel Widerſetzlichkeit, daß er ſich kräftiger fühle und vielleicht doch ſeine Ge⸗ ſundheit wieder erlangen könne. Er hat einige Zkit mit mir geſprochen und geſtritten, über Brouffais und über die Widerſacher ſeines Syſtems. Ihr⸗ Anſichten, Herr Valkiers, wurden von ihm und von mir mehr als einmal berührt. Es wunderte mich, ich muß es geſtehen, daß Heuvels Ihren Namen mit einer beinahe wohlwollenden Gleichgültigkeit ausſprach, während er den Tag zuvor bei dem An⸗ hören dieſes Namens noch ſichtbare Zeichen von Unwillen und Feindſchaft gab...“ „Ach, dieſe gute Botſchaft!“ jubelte Franciska. „Ich bitte, entſchuldigen Sie, Herr Van Hoof, was ſagt Adelina? Sie iſt äußerſt erfreut, nicht wahr? Ich bin überzeugt, ſie wenigſtens iſt meinem Bruder dankbar geblieben.“ „Ja, Fräulein, Sie haben Recht,“ antwortete der Chirurg.„Ihre Dankbarkeit iſt grenzenlos, und ebenſo grenzenlos muß ihre Freundſchaft für Sie ſein. Sobald ſie ein Wort mit mir allein ſprechen kann, geſchieht es, um mich mit gefalteten Händen zu bitten, ich möchte Herrn Adolph ihre Segnungen überbringen, und Sie und Ihre Frau Mutter und ſelbſt den Großvater von ihrer Seite einer ewigen Zuneigung verſichern. Dieſe Adelina iſt eine edle, ſchöne Seele, und ihre Sprache iſt ſo rührend, daß ſeit ein paar Tagen Herrn Heuvels immer Thränen in die Augen treten, ſo oft ſie, um ihn zu tröſten, ihre Hoffnung und ihre Liebe in ſeinen Buſen aus⸗ gießt.“ 20* „Herrn Heuvels treten Thränen in die Augen? Er weint?“ fragte Adolph mit freudiger Ueber⸗ raſchung.„Nicht aus Betrübniß?“ „Nein, aus Rührung, aus Empfindung. Seine Tochter hat auch eine übermenſchliche Aufopferung gezeigt, und dieß verkennt Heuvels nicht. Es ſcheint mir, daß er ſeit dieſer Krankheit ſeine Tochter bis zum Wahnſinn liebt.“ „Ein unfehlbares Zeichen, daß er in Geneſung begriffen iſt!“ rief Adolph. „Wie meinen Sie das?“ murmelte der Chirurg verwundert. „Sie wiſſen es wohl ſelbſt, Herr Van Hoof! Der Menſch iſt niemals gefühlvoller, als wenn er, nach ernſtlichem Krankſein, zur Geſundheit zurückkehrt. Wie verſtockt auch ſein Gemüth ſei, er wird dann weichherzig, und manchmal ſo ſehr, daß die geringſte Erregung der Liebe, der Freude oder des Mitleids ihm Thränen aus den Augen preßt.“ „Daran dachte ich nicht; Sie haben Recht, Herr Valkiers. Ich habe es in der That oft bemerkt . Um von etwas Anderem zu ſprechen, glauben Sie, daß wir mit den gleichen Heilmitteln noch immer fortfahren ſollen?“ „Es iſt kein Grund zur Aenderung, dünkt mir, vorhanden, Sie müßten denn darüber abweichender Anſicht ſein, Collega. Allein es würde gut ſein, den Kranken aus dem Bette aufſtehen zu laſſen und allmälig an Bewegung zu gewöhnen. Man muß auch ſeine Nahrung immerfort verſtärken, und ihm wenig auf einmal, aber ſehr oft zu eſſen geben.“ Der Chirurg ſtand von ſeinem Stuhl auf und ugen? Aeber⸗ Seine erung ſcheint er bis neſung hirurg Hoof! nn er, ckkehrt. dann ringſte titleids , Herr bemerkt lauben n noch kt mir, chender tt ſein, en und n muß nd ihm en.“ uf und 209 ſagte:„Das iſt auch meine Anſicht. Auf alle Fälle, Herr Valkiers, iſt das ganz Ihre Sache. Ich bin kein Doctor der Mediein, und Herr Stol, unſer College, hat nur einmal den Kranken beſucht. Der Paſtor hat ihm Ihre Dazwiſchenkunft auf freund⸗ ſchaftliche Weiſe kund gethan, und ſo iſt derſelbe wahrſcheinlich auf den Gedanken gekommen, daß ſeine Hülfe hier nicht mehr von Nöthen ſei. Bei meiner Rückkehr werde ich Herrn Heuvels ſehen: iſt etwas Ungewöhnliches vorgekommen, dann werde ich es Ihnen oder Frau Valkiers zu wiſſen thun. Leben Sie wohl bis zum Mittag.— Bleiben Sie, meine Freunde.“ Adolph begleitete ſeinen Amtsgenoſſen bis zur Chaiſe, die vor der Thüre wartete, und kehrte dann wieder in das Zimmer zurück. „Kommt, Kinder,“ rief die Mutter mit froher Stimme;„was auch geſchehen, iſt dieß doch kein Grund, das Frühſtück zu verſchmähen.“ „Ach, ich bin ſo bewegt, ſo erfreut, daß ich kei⸗ nen einzigen Biſſen mehr hinunterbringen kann!“ ſagte Franciska, von dem Tiſche weggehend. „Ja, Du, Franciska,“ brummte der Großvater, „Du begehrſt nichts Beſſeres, als alle Zeit fröhlich zu ſein. Ein bloßer Schein macht, daß Du in Jubel ausbrichſt.“ „Ein bloßer Schein, Großvater? Haſt Du denn nicht gehört, daß Herr Heuvels mit Wohlwollen von Adolph geſprochen hat? Sei überzeugt, wir werden Alle wieder gute Freunde zuſammen.“ „Das wird jedenfalls jetzt zu ſpät ſein,“ bemerkte der Greis.„Da wir unſern Aufenthalt in Antwer⸗ pen nehmen, iſt die Freundſchaft oder Feindſchaft von Herrn Heuvels von wenig Belang mehr für uns.“ „Wie ſo? Glaubſt Du denn, Großvater, daß wir nie mehr in unſern Geburtsort zurückkehren? Und wie angenehm wird es dann nicht ſein, zu wiſſen, daß da Menſchen wohnen, die uns ein freundliches Andenken aufbewahrt haben und mit offenen Armen bereit ſtehen, uns zu empfangen. Und dann, wenn Herr Heuvels mit Adelina nach der Stadt kommt, werden ſie eine andere Herberge ſuchen, als unſere Wohnung? Eine unerwartete Feindſchaft hat unſer Leben mit Bitterkeit erfüllt; und ich ſollte nicht jubeln, wenn die Sonne der Verſöhnung und der Freundſchaft vor meinen Augen aufſteigt?“ „Wenn Deine Hoffnung gegründet iſt, warum läßt Herr Heuvels dann Adolph nicht rufen? Es liegt etwas Undankbares, etwas Höhniſches in ſeinem Benehmen.“ Das Mädchen war im Begriff, zu antworten, ſprang aber plötzlich auf und ſtieß einen lauten Schrei aus, während ein ähnlicher Laut auf ihren Ausruf antwortete. Adelina, die Tochter von Heuvels, war unerwar⸗ tet in das Zimmer getreten. Sie hatle ſich ihrer Freundin an den Hals geworfen und lag weinend und ſchluchzend an ihrer Bruſt. „Ach, theure Franciska!— Ach, gute Adelina!“ waren die Laute, welche zwiſchen unverſtändlichen Freudenbezeugungen deutlich ſich vernehmen ließen. Der junge Doctor und ſeine Mutter zitterten vor Ueberraſchung und hefteten ſchweigend ihre Augen auf Zei mit Jü zu ſegt trie Arr Ser an mic Va Sie ſeg Laſ Me ein lich line bei ter rüc dig De fro ſch dſchaft hr für aß wir Und wiſſen, dliches Armen wenn kommt, unſere unſer nicht nd der warum 2 Es ſeinem vorten, lauten f ihren terwar⸗ ihrer veinend elina!“ dlichen eßen. ten vor Augen 311 auf die beiden Mädchen. Adelina ließ ihnen keine Zeit, ſich auszuſprechen. Den Kopf umwendend und mit einem Blick unausſprechlichen Entzückens dem Jüngling ins Auge ſehend, hob ſie die Hände bittend zu ihm empor und rief: „Adolph, Adolph, Retter meines Vaters, Gott ſegne Sie dafür!“ Und wie von einer unwiderſtehlichen Kraft ange⸗ trieben, trat ſie langſam auf ihn zu und ſchien die Arme um ſeinen Hals ſchlagen zu wollen; aber ein Seufzer entſchlüpfte ihr, und ſie warf ſich frohlockend an den Buſen der gerührten Wittwe. „O, liebe Mutter,“ flüſterte ſie;„ja, laſſen Sie mich noch Ihnen den Namen Mutter geben. Mein Vater hat mir erlaubt, Sie zu beſuchen. Er liebt Sie gleichfalls wie vordem; auch er hat Adolph ge⸗ ſegnet.... Ich vergehe vor Glück, vor Seligkeit! Laſſen Sie mich weinen, bis mein Herz entlaſtet iſt! Meine Sinne verwirren ſich.... Frau Valkiers leitete das aufgeregte Mädchen zu einem Stuhl und ſprach, ſie mit ausnehmender Zärt⸗ lichkeit ſtreichelnd: „Nun, ſuche Dich zu beruhigen, meine arme Ade⸗ lina! Es iſt für eine Seele, wie die Deinige, ein beinahe unerträgliches Glück, einen vielgeliebten Va⸗ ter nach drohender Todesgefahr zur Geſundheit zu⸗ rückkehren zu ſehen, nicht wahr? Denn Deine freu⸗ digen Worte laſſen uns denken, daß es heute mit Deinem Vater viel beſſer ſteht.“ „Kommt, tretet näher,“ ſprach das Mädchen mit froher Stimme;„ich will Euch erzählen, was ge⸗ ſchehen iſt; aber laßt es Euch nicht allzu ſehr angrei⸗ fen, es iſt ſo ſchön!— Dieſe Nacht habe ich nicht gewacht. Mein Vater hieß mich geſtern, gegen mei⸗ nen Willen, zu Bette gehen, indem er ſagte, daß er ſich beſſer fühle. Es war das erſte Mal, daß er dies ſo offenherzig anerkannte. Ich war darüber ſo erfreut, daß ich beinahe nicht ſchlafen konnte. Bei dem erſten Morgenſchimmer ging ich nach meines Vaters Zimmer, um die wachende Magd abzulöſen, und ſetzte mich in der Stille an ſeinem Bette nieder. Mit unſäglicher Freude bemerkte ich, daß ſeine Wangen ſich noch mehr als zuvor mit der Blüthe der zurück⸗ kehrenden Kraft gefärbt hatten.... aber welche glückliche Gemüthsbewegung ſtand mir bevor! Wäh⸗ rend ich auf ſeine Athemzüge lauſchte, begann ſein Mund undeutliche Worte zu murmeln. Er träumte; ich zitterte vor geheimer Angſt.... aber plötzlich ſchweifte ein Name ihm über die Lippen, und ich hörte, wie er im Traume ſagte: Adolph, mein Freund, vergeben Sie mir das Unrecht, das ich Ihnen an⸗ gethan habe! Dieſe Worte machten einen ſo heftigen Eindruck auf mich, daß ich mich an dem Bette ſeſt⸗ halten mußte, um nicht vor Glück zu erliegen.— Der Traum meines Vaters mußte zu Ende ſein; denn wie ich auch noch mit klopfendem Herzen lauſchte, ich hörte nichts mehr. Kurze Zeib darauf erwachte er von ſelbſt, und mit einem ſtillen Lächeln auf dem Munde. Ich wagte nicht, von ſeinem Traume mit ihm zu ſprechen; aber, als flutheten ihm noch die⸗ ſelben Gedanken durch den Geiſt, begann er mir zu erzählen, daß er ausnehmend gut geſchlafen habe und nicht mehr an ſeiner ſchnellen Geneſung zweifle; ein neues und kräftiges Blut fühle er jetzt durch liche Ado Sie aus ciske ihne Mei der Ade und meit dem wiei heft Ihr Ade mei aus des geh tete nich Ad daß Nel ma ſein mei mnicht nmei⸗ aß er aß er ber ſo Bei neines löſen, nieder. angen zurück⸗ welche n ſein iumte; lötzlich nd ich reund, en an⸗ eftigen te feſt⸗ en.— ſein; uſchte, wachte uf dem ne mit ch die⸗ mir zu habe weifle; durch —— 313 ſeine Adern fließen. Dann redete er, ſeinen glück⸗ lichen Traum fortſetzend, mit Dankbarkeit von Ihnen, Adolph, und erkannte an, daß er ungerecht gegen Sie geweſen ſei.— Ich, ganz außer mir, ich rief aus: Wie wird Mutter Valkiers, wie werden Fran⸗ ciska und Adolph ſich freuen! O, könnte ich nur es ihnen ſagen, daß Du in der Geneſung biſt!— Mein guter Vater murmelte halb ſchlummernd, denn der Schlaf ſchien ihn wieder zu überwältigen: Gehe, Adelina, gehe dieſen Morgen zu unſern Nachbarn und danke ihnen in meinem Namen. Mögen ſie meine Ungerechtigkeit edelmüthig vergeſſen!— In⸗ dem er dieſe letzten Worte murmelte, iſt mein Vater wieder ſanft eingeſchlummert; und ich bin, von der heftigſten Ungeduld getrieben, hieher gelaufen, um Ihnen ſeine Dankesbezeugungen zu überbringen. Adolph, Adolph, welche Boiſchaft! Ach, könnte in Ihrem Herzen noch ein Schein von Anklage gegen meinen Vater zurückbleiben, ſo vergeben Sie ihm aus Mitleid mit mir!“ So ſehr war der junge Mann von den Worten des Mädchens ergriffen, und noch mehr von dem geheimnißvollen Schimmer, der in ihren Augen leuch⸗ tete, ſobald ihr Blick auf ihn fiel, daß er beinahe nicht die Sprache fand, um ihr zu antworten. „Ich habe Ihrem Vater Nichts zu vergeben, Adelina,“ ſtammelte er.„Ich habe ſtets erkannt, daß es ihm unangenehm ſein mußte, in mir einen Nebenbuhler zu finden;— ſein Verdruß war einiger⸗ maßen begründet und gerecht. Glauben Sie mir, ſeine Geneſung freut mich ebenſo ſehr, wie wenn es mein eigener Vater wäre.— Welche Belohnung für mich, Adelina, hoffen zu dürfen, daß es Gott ge⸗ fallen hat, mich zum Werkzeug zu gebrauchen, um Sie vor tödtlicher Verzweiflung zu bewahren! Ich werde meinem Geburtsort Lebewohl ſagen dürfen, mit der Ueberzeugung, daß ich hier Nichts als Freunde zurücklaſſe. „Ach, ja!“ ſeufzte Adelina mit ſchmerzlicher Be⸗ ſtürzung;„es iſt wahr, Sie wollen ſich in Antwer⸗ pen niederlaſſen. Das Uebermaß des Glücks hat es mich vergeſſen laſſen.“ Sie ließ das Haupt auf die Bruſt ſinken und murmelte traurig: „Ach! ich war zu ſtolz in meiner Hoffnung; der Himmel ſtraft mich durch die bitterſte Enttäuſchung. Allein, allein werde ich bleiben!“ Franciska faßte ihre Hand und ſagte, während ſie dieſelbe durch zärtliche Schmeicheleien zu tröſten ſuchte: „Laß' unſere Abreiſe Dich nicht ſo tief betrüben, Adelina. Wir werden oft nach dem Dorfe kommen, um Dich zu beſuchen, und wenn Du Deinen Vater nach Antwerpen begleiteſt, wirſt Du niemals unter⸗ laſſen, bei uns abzuſteigen. Wir wollen zuſammen durch die Stadt wandeln, und ich werde Dir Alles zeigen, was daſelbſt zu ſehen iſt.“ Adelina hatte nicht auf dieſe Worte geachtet; ſie ſchien aus einem Abgrund von Gedanken ſich zu er⸗ heben und ſprach mit einer ſeltſamen Gelaſſenheit in der Stimme: „Der Menſch darf nicht zu viel Glück auf ein⸗ mal verlangen. Es ſei denn ſo! Adolph, Sie gehen einer glücklichen Zukunft entgegen: Sie erwar⸗ platz aber Wyre Sie mein mein nem Sie arm läng ſeine und er. meir oder hing in's der geſie nige eiler wac tt ge⸗ „um Ich ürfen, reunde er Be⸗ ntwer⸗ hat es n und der chung. ihrend tröſten rüben, mmen, Vater unter⸗ mmen Alles et; ſie zu er⸗ mei ein f ein⸗ „Sie erwar⸗ 315 tet Ruhm, Anſehen auf einem größeren Schau⸗ platze. Gott überhäufe Sie mit ſeiner Gunſt... aber, was auch geſchehe, und wie lang meine Augen Ihres Anblicks auch beraubt ſein mögen, zweiſeln Sie niemals an meiner Dankbarkeit gegen den Retter meines Vaters, und ſeien Sie überzeugt, ſelbſt auf meinem Sterbebette wird Ihr Name noch mit mei⸗ nem letzten Gebet zum Himmel ſteigen.... Und Sie, Adolph, werden Sie noch zuweilen an die arme Freundin Ihrer Kindheit denken?“ Der junge Doctor konnte ſeine Rührung nicht länger bemeiſtern. Ein dumpfer Schrei entſchlüpfte ſeiner beklemmten Bruſt; er faßte Adelina's Hand und drückte ſie feurig an ſeine bebenden Lippen. „Sie vergeſſen? Sie vergeſſen, Adelina?“ rief er.„O, könnten Sie in meinem Herzen leſen, was mein Mund nicht zu ſtammeln wagt!“ Alle waren ſo ſehr über dieſe Scene betroffen, oder von dieſem Erguß eines verborgenen Gefühls hingeriſſen, daß ſie nicht bemerkt hatten, wie Jemand in's Zimmer getreten war. Die Magd von Herrn Heuvels ſtand jedoch unter der Thüre, mit tiefer Ueberraſchung auf ihrem An⸗ geſicht, und murmelte faſt unhörbar: „So, ſo! Es iſt ziemlich weit gekommen, in we⸗ nigen Augenblicken!“ „Ah, da iſt Barbara!“ rief Adelina, auf ſie zu⸗ eilend.„Ich komme, ich komme, iſt der Vater er⸗ wacht?“ „Er iſt erwacht.“ „Und er ruft mich, nicht wahr?“ „Ja, er ruft Sie, und noch mehrere Andere,“ ant⸗ 316 wortete die Magd lächelnd.„Er hat mich abge⸗ ſandt, um Herrn Adolph achtungsvoll und freundlich zu erſuchen, gefälligſt zu ihm zu kommen, deßgleichen Frau Valkiers und den Großvater und Franciska. Er ſagt, es würde ihn glücklich machen, Ihnen Allen die Hand zu drücken.“ „Kommt! kommt!“ war der allgemeine Ruf. „Loßt uns gehen, auf der Stelle!“ „Adolph, Adolph, ſehen Sie nicht den glänzenden Stern, der vor unſerem Auge aufſteigt?“ jubelte Adelina, beinahe außer ſich vor froher Hoffnung. „Welcher Tag in meinem Leben!“ ſeufzte der junge Mann. Aber Alle liefen mit froher Eile zur Thüre hinaus, über die Straße, und traten einige Augenblicke ſpäter in das Zimmer von Herrn Heuvels, der in ſeinem Bette vor einem Haufen Kiſſen aufrecht ſaß und ſeine herbeiſtürzenden Freunde mit einem fröhlichen Lächeln begrüßte. Jedermann gab ihm die Hand und wünſchte ihm Glück zu ſeiner unfehlbaren Geneſung; Adelina, und Franciska nach ihr küßten den Kranken. Als dieſer Erguß der Freude ſich ein wenig ge⸗ mäßigt hatte, ſprach Herr Heuvels tief gerührt: „Liebe, edelmüthige Freunde, Thränen rollen Euch aus den Augen, Freudenthränen, weil es Gott zugelaſſen hat, daß ich durch Adolph gerettet wurde. Sie lieben mich alſo wohl recht innig? Ich habe es jedoch nicht verdient.“ Seine Hand ſeinem jungen Amtsgenoſſen reichend, fuhr er in ſehr freundlichem Tone fort: „Adolph, geben Sie mir die Hand zum Zeichen der V Sie von d Leidw nachſi tend mußte werde gehör ſeinen noch an, n Rettu den( Doch müthi iſt et geträ als h Es w die n gewo Adol man dankl ich alt; mein zur mein ande ſelbe abge⸗ undlich leichen neiska. Allen Ruf. zenden jubelte ng. te der inaus, ſpäter ſeinem ß und hlichen teeim a, und tig ge⸗ 1 rollen 8 Gott wurde. abe es ichend, Zeichen der Verſöhnung. Ich habe mich ſehr ſchuldig gegen Sie gemacht. Nun mir Ihr Edelmuth die Binde von den Augen genommen hat, nun bekenne ich mit Leidweſen meine Ungerechtigkeit. Ich kann, um Sie nachſichtig gegen meine Verirrung zu ſtimmen, gel⸗ tend machen, daß es mir höchſt ſchmerzlich fallen mußte, ſo unerwartet in meiner Praxis geſtört zu werden, die mir ſeit dreißig Jahren unbeſtritten zu⸗ gehört hatte. Ich war ein König, den man von ſeinem Thron zu ſtoßen drohte. Sie kennen das noch nicht; aber alte Leute klammern ſich feſt an das an, was ſie beſitzen, wie ein Ertrinkender an die letzte Rettungsplanke: ſie fürchten für die Zukunft, welche den Greis keinen neuen Erwerb mehr hoffen läßt. Doch wozu eine Entſchuldigung ſuchen, da Ihr groß⸗ müthiges Herz mir Alles verziehen hat? Dieſe Nacht iſt etwas Seltſames in mir vorgegangen. Ich habe geträumt, und dennoch iſt mir Alles ſo klar geblieben, als hätte ich mit offenen Augen geſehen und gehört. Es war in der That eine Oſſenbarung des Himmels, die mich erkennen ließ, was meine Pflicht gegen Sie geworden iſt. Hört, meine Freunde, hören Sie, Adolph! Das Leben kann man nicht bezahlen; aber man kann doch, ſo weit es in den Kräften ſteht, ſich dankbar für eine Wohlthat zeigen. Sehen Sie, was ich Ihnen anzubieten beſchloſſen habe. Ich werde alt; das viele Laufen, die tägliche Unruhe bringen meine Geſundheit in Gefahr; ich möchte mich gern zur Ruhe ſetzen. Wohlan, Adolph, ich will alle meine Kunden Ihnen übergeben, einen nach dem andern, allmälig und mit Vorſicht, daß keiner der⸗ ſelben Ihnen ſein Vertrauen weigere. Ich werde Sie rühmen und Ihre Kenntniſſe preiſen, wie Sie es verdienen. Indeſſen werden wir Alle zuſammen wie⸗ der in Freundſchaft leben, als bildeten wir nur eine einzige Familie. Alles ſoll ſein, wie zuvor. Von nun an ſind Sie mein Geſchäftsgenoſſe. Zweifeln Sie nicht daran, ich werde Ihr Glück ſichern, und ſpäter, wenn ich der Ausübung der Arzneikunde ganz entſage, wird es mir immerdar Vergnügen machen, wenn ich Ihnen mit meiner alten Erfahrung in Etwas dienen kann. Was ſagen Sie, Freund Adolph? Nehmen Sie mein Anerbieten als geringen Beweis meiner Dankbarkeit an?“ Niemand hatte, aus Achtung, ein Wort zwiſchen dieſer feierlichen Rede des Doctors zu äußern ge⸗ wagt. Was er ſprach, ſchien keinen ſeiner Zuhörer zu erfreuen, denn ſie ſchauten einander mit trauriger Stille an. „Glauben Sie mir, Herr Heuvels,“ antwortete Adolph in peinlicher Verlegenheit,„daß ich Ihnen für die Güte, die Sie mir erzeigen wollen, höchſt verpflichtet bin. Es ſchmerzt mich jedoch tief, Ihnen ſagen zu müſſen, daß ich keinen Gebrauch von Ihrem Edelmuth machen kann. Wir laſſen uns in Ant⸗ werpen nieder. Herr Van Horſt hat mir die nöthige Hulfe dazu geleiſtet, und die Sache iſt feſt bei uns abgemacht. Es wird mir jedoch ein ſüßer Troſt ſein, zu wiſſen, daß Sie mir wieder Ihre Freundſchaft ganz geſchenkt haben, und ich werde mein ganzes Leben die dankbare Erinnerung an Ihre Güte be⸗ wahren.“ Herr Heuvels ließ mißmuthig das Haupt auf die Bruſt gen. in T was alten der wird E Wort Wort A fel lichem A Ather holter 5 einen Tocht verlar es ſei doch Adolp meine Ei Franc ſeine 7 werde Sie es n wie⸗ r eine Von veifeln „ und e ganz achen, Etwas dolph? geweis viſchen rn ge⸗ uhörer wriger vortete Ihnen höchſt Ihnen Ihrem Ant⸗ öthige ei uns ſt ſein, dſchaft ganzes ite be⸗ auf die 319 Bruſt fallen und verharrte eine Weile in Stillſchwei⸗ gen. Dann murmelte er in ſich hinein: „Es iſt alſo wahr? Mein ſchönſter Traum ſtürzt in Trümmer?. Ein ſolches Opfer! HD Gott, was forderſt Du von mir? Und das Glück meiner alten Tage? Mein Leben iſt eine Wüſte, welche von S ihres Lächelns nicht mehr beſchienen wird!“ Ein Zittern befiel Herrn Heuvels bei dieſen Worten; es lag etwas Geheimnißvolles in ſeinen Worten, etwas Feierliches in ſeiner Stimmung. Alle ſchauten ihn erſtaunt an und bebten in Zwei⸗ fel, ob das Vorgefühl, das ihr Herz zu ſo ängſt⸗ lichem Klopfen brachte, in Erfüllung gehen würde. Adelina's Buſen hob und ſenkte ſich heftig; ihr Athem ging ſo ſchwer, daß er gleich einem wieder⸗ holten Seufzer tönte. Herr Heuvels erhob den Kopf wieder, richtete einen langen und tiefen Blick in die Augen ſeiner Tochter und ſagte: „O, ich leſe in Deiner Seele, Adelina. Auch Du verlangſt von mir den Preis meines Lebens! Wohlan, es ſei ein Wettkampf zwiſchen uns.... Liebe mich doch für eine ſolche Aufopferung.... Kommen Sie, Adolph, komm' Adelina, kommt an meine Bruſt, meine lieben Kinder!“ Ein doppelter Schrei, der bei der Wittwe und Franciska ſein Echo fand, erfüllte das Zimmer. Während Heuvels die beiden jungen Leute an ſeine Bruſt drückte, ſprach er: „Adolph, Sie konnten mein Geſchäftsgenoſſe nicht werden. Ach, und müßte ich auf ewig von meiner Adelina geſchieden bleiben, werden Sie mir ein theu⸗ rer, vielgeliebter Sohn!— Wie mich belohnen für dieſes unſchätzbare Geſchenk? Ehren Sie meine Ade⸗ lina, lieben Sie dieſelbe bis an's Ende Ihres Lebens: ſie verdient es mehr, als Sie denken können.... „Zum Preiſe für ſolche Wohlthat Sie von Ihrem Kinde ſcheiden?“ rief Adolph.„O nein, Sie wer⸗ den entweder mit uns in der Stadt wohnen, oder ich bleibe hier. Adelina allein genügt für mein Glück und für meinen Stolz!“ „Dank, Donk, Adolph,“ murmelte der alte Doctor. „Möge der gute Gott fortan auf uns Alle als auf eine einzige glückliche Familie niederſehen!“ Er drückte ſeine Kinder feſter an ſein Herz und küßte Adolph mit Entzücken. Adelina's Thränen träufelten in ſeinen Buſen als ein Thau der Dankbarkeit und Liebe. Franciska und ihre Mutter weinten in der Stille. Der Greis hob die Augen betend zum Himmel empor. Ende. —— the⸗ en für e Ade⸗ ebens: pi. 4 Ihrem e wer⸗ „oder mein Doctor. als auf erz und iſen als Stille. empor. ——— —